wn engliſcher franzſiſcher iteratn iiu Olimann in Gießen, Schloßgaſe Lit. A. Nr. 256. geiß und Feſebedingungen. 2 ollensein der Bibliothek. Die Bioliothek ſteht Emn⸗ ninnn und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Legepreist Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von edem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ nangenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme s Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei he Sae von mir zurückerſtattet werden und 6 Bücher: — Pf. 3 n Lin⸗ und Zurieſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Jusleihezeit. Dieſelbe if 3 Fue ſehaſeht un wird beſonder darauf aufmerkſam gemacht, daß d rl ücher nicht ſtattfinden daf, en von mir geliehen, auch da em zu — — Beate. Aus einer alten Chronik ohne Titelblatt, von Alexander Bronikowski. Ja, der Hölle falber Schein Leuchtet in die Nacht hinein, Daß die Wege ſichtbar werden, Die der Teufel geht auf Erden. (Muͤllner, die Schuld.) Brſter Band. Leipzig, 1 8 3 2. Brüggemann'ſche Verlagserpedition. —— —— *— Beate, aus einer alten Chronik ohne Titelblatt, von Alexander Bronikowsti. Ja, der Hoͤlle falber Schein Leuchtet in die Nacht hinein, Daß die Wege ſichtbar werden, Die der Teufel geht auf Erden. (Muͤllner, die Schuld.) —— — Der, welcher folgende Darſtellung einem guͤn⸗ ſtigen Leſer vorlegt, iſt ein großer Freund der Geſchichte, und als ſolcher auch beſonders be⸗ gierig auf alte hiſtoriſche und uͤberhaupt auf alte Buͤcher, wenn auch verſchiedenen Inhaltes, denn ein jedes, handle es wovon es wolle, mag ein Scherflein zu dem Schatze der Ver⸗ gangenheit beitragen, den er in Ermangelung anderer erworben und bewahrt, ein jedes, be⸗ trachte man es nur aus dem gebuͤhrenden Ge⸗ ſichtspunkte, beleuchtet irgend eine Stelle, welche die vorübergegangenen Jahre allmaͤhlig verdun⸗ kelt hatten. Er nimmt davon keineswegs ſolche Erzeug⸗ niſſe laͤngſt vermoderter Federn aus, welche ganz außerhalb des Hiſtoriſchen gelegene Gegenſtände bearbeitet haben, ſogar mediziniſche nicht. In einem Briefwechſel aus der erſten Haͤlfte des 3* 4 17ten Jahrhunderts, zwiſchen einem Deutſchen und Hollaͤnder gefuͤhrt(Ppistolae Joachimi wicqueforti, Geheimſchreiber des Herzogs Bern⸗ hard von Sachſen Weimar, dann heſſiſcher Re⸗ ſident im Haag, ad Gasparum Barlaeum, Dr. der Medizin, Amſterdam 1646.), welcher trotz dem, daß Beide nicht unbekannte Gelehrte und ſtaatskundige Leute waren, ſehr ausfuͤhrlich und vergnuͤglich von haͤuslichem Schlachtfeſt und Bereitung der Schinken und Wuͤrſte ſpricht, hat er gar ſeltſame und wichtige Aufſchluſſe gefun⸗ den, und mit abſonderlichem Vergnuͤgen und Dankbarkeit erkennt er die mannichfache Beleh⸗ rung an, die ihm durch einen Pack etwa hun⸗ dertjaͤhriger Kuͤchenzettel eines Sgroßen Hofes geworden. Wie von der ruͤſtigen Mmaongn auf dem Felde der Wiſſenſchaft, von der nicht gluͤcklichen aber unverdroſſenen Ueberſetzerin Homers, von Madame Dacier, pedantiſchen Andenkens, kann man von ihm ſagen, daß der Geruch alter ver⸗ ſtockter Buͤcher, Todeur de bouquin, fuͤr ihn ein ganz eigenes Arom beſitzt, Allem vorzuziehen, was pariſer Wohlgeruchkunſtler erzeugen. Dieſe ſelt⸗ ſame Vorliebe, welche man ſogar Leidenſchaft 5 nennen konnte, zieht ihn gewaltſam zu den Buͤcherauktionen, und nicht ſelten iſt die Erwar⸗ tung, die ihn dahinfuͤhrte, weit uͤbertroffen wor⸗ den. Dies geſchah aber nicht ſowohl durch die Folianten beruͤhmter Schriftſteller, bei welchen man im Voraus weiß, was ſie gewaͤhren, ſon⸗ dern hauptſaͤchlich durch die Buͤndel mangel⸗ hafter Buͤchererzeugniſſe unbekannter oder ver⸗ geſſener Maͤnner, zu den viris obscuris Ulrichs von Hutten gehoͤrend, denn nicht ſelten fand ſich in ſolchen ſchmaͤhlich vernachlaͤſſigten, unor⸗ dentlich zuſammengehaͤuften Fruͤchten ſaurer Ar⸗ beit manch Koͤrnlein beſſerer Gattung, welches, geſaͤubert vom umgebenden Wuſt, ſich gar koͤſtlich erzeigte, den unſcheinbaren Muͤnzen fruͤherer Jahrhunderte gleich, welche, befreit vom Roſt der Zeit, in den Sammlungen der Kenner eine recht wuͤrdige Stelle einnehmen. In einem ſolchen Buͤndel, angekuͤndigt unter dem Namen„ein Pack defecter Buͤcher“, ward denn auch eines Tages dem Erzaͤhler fuͤr wenige Pfennige das Stuͤck einer Chronik zu Theil, aus welchem dieſe Darſtellung geſchoͤpft iſt. Wie das Titelblatt dem Leſer anzeigt, man⸗ gelte es ihr an einem ſolchen, es ſteht demnach —— 6 nicht in unſerer Macht, den Ort zu nennen, wo ſie gedruckt worden, und wo ſich zugetragen, was ſie berichtet; eben ſo wenig koͤnnen wir die Zeit beſtimmen, von welcher die Rede iſt, denn das von ſeinen Vorgaͤngern getrennte erſte Blatt dieſes Heftes beginnt mit den Worten:„Auch begab es ſich in dieſem Jahr“ u. ſ. w⸗ Aber allem Anſcheine nach mußte„dieſes Jahr“ nebſt einer guten Anzahl ſeiner aͤltern abgeſchiedenen Bruͤder einen wunderlichen Zeit⸗ raum gebildet haben, ſo wunderlich, daß man glauben moͤchte, unſer Denkbuch ſey eher das Erzeugniß einer kranken Einbildungskraft, als eine treue Darſtellung der Wirklichkeit, denn was der Berichterſtatter, wahrſcheinlich ein gro⸗ ßer Freund der Bilderſprache, in ſolcher zu ver⸗ ſtehen giebt, kann kaum wahrſcheinlich beduͤn⸗ ken, am wenigſten aber den Genoſſen des wei⸗ ſen, frommen, aufgeklaͤrten, heldenmuͤthigen und friedliebenden neunzehnten Jahrhunderts. Er vergleicht naͤmlich den geſellſchaftlichen Zuſtand damaliger Zeit auf etwas ſeltſame und geſchmackloſe Weiſe mit einem großen Gemein⸗ gebraͤude, aus welchem ein Jeglicher ſeinen Haus⸗ trunk zu ſchoͤpfen nicht nur berechtigt, ſondern —— auch genoͤthigt geweſen ſey, welches aber zum Ungluͤck ein wenig ſchaal geworden. Das brachte nun große Unzufriedenheit zu⸗ wege bei Hohen und Niedern, und ein Jeder wollte es verbeſſert wiſſen, und ein Jeder hielt ſich berechtigt, ein Mittel dazu anzugeben, weil ja ein Jeder davon trinken muͤſſe, vergeſſend, daß trinken und ein Getraͤnk kundig zu bereiten und zu erhalten, zwei ganz verſchiedene Dinge ſind. Mehrere glaubten, der Fehler liege in der Art, wie das Faß aufgeſtellt ſey, doch in ganz entgegengeſetztem Sinne, denn die Einen fanden das Gewölbe zu dumpfig und duͤſter, und woll⸗ ten, daß man die Thuͤr erweitere und Oeffnun⸗ gen mache in dem Gemaͤuer, weil nur durch freie Luft und Sonnenſtrahl das Getraͤnk klar werden koͤnne und kraͤftig, Andere aber fanden, das Behaͤltniß ſey bereits viel zu hell und luf⸗ tig, und drangen auf gaͤnzliche Vermauerung, ein Pfoͤrtlein ausgenommen, zu welchem nur gewiſſe Leute eingehen duͤrften, fur ſich ſelbſt zu ſchoͤpfen und den Andern auszutheilen nach Be⸗ lieben, denn der Zudrang vieler Menſchen ſey ſchaͤdlich, und Kuͤhle und Dunkel die beſten 8 Eigenſchaften jeglichen Kellers. Es fehlte auch an Solchen nicht, welche meinten, der Schade entſtehe aus fehlerhafter Behandlung des Ge⸗ braͤudes und behaupteten, es muͤſſe wieder auf⸗ geſotten werden bei gewaltigem Feuer, die Ge⸗ genpart aber hielt dafuͤr, durch ſolch Verfahren wuͤrde es erſt gaͤnzlich abſchmeckend gemacht, es ſey zu ſtark und das beſte Mittel, es mit Waſſer zu verduͤnnen aus einem nahen Felſenbrunnen, vor mehr als tauſend Jahren gegraben. Dem pflichteten ſehr anſehnliche Leute bei, eingeſtehend, es ſey zu ſtark, doch nicht darum weil es zu alt ſey, denn das Alte ſey allein gut, und ſie ſchlugen als Abklaͤrungsmittel ge⸗ ſtampfte Holzkohlen vor, mit einem Theil Schwe⸗ fels und einem andern Salpeters; ſolches verge⸗ ſellſchaftet mit Kluͤmplein Bleies und Eiſens von verſchiedener Groͤße, ſey ein probates Mit⸗ tel, und habe in ſolchen Umſtaͤnden mehr denn einmal geholfen. Dagegen wandten Andere ein, und ihre Zahl war ſehr groß, das Alter ſey der hauptſoͤchlichſte Fehler des Gebraͤudes, das Alte tauge gar nichts, man muͤſſe es kurz und gut ausgießen und ein neues bereiten. Dabei ging es denn ziemlich unruhig zu und in dem Strei⸗ „ 9 ten und Draͤngen ſtieß und ruͤckte man immer⸗ dar an dem Gefaͤß, daß Mal fuͤr Mal der Bodenſatz aufſtieg und das Getraͤnk ſchaal blieb und truͤbe. Nicht ſich mit dieſem Gleichniſſe begnuͤgend, geht unſer Chroniker zu einem andern noch befremdlichern uͤber. Er vergleicht die Welt wie ſie zu ſeiner Zeit war, mit einem großen Jahrmarkte, und ſpricht allerlei Seltſames von dem, was man allda geſehen, von Kaͤufern und Verkaͤufern, auch von einigen Marktmeiſtern ſo⸗ gar, welchen es obgelegen, den Tumult zu ſtil⸗ len und den Zank und die Verwirrung. Es iſt aber jetzunder, faͤhrt er in ſeiner Weiſe fort, als ſey es Abend geworden in der Welt, und die berauſchten und gegen einander entruͤſteten Jahrmarktgaͤſte in der Schenke verſammelt, wo denn die eine Partei fuͤr gut gefunden, das Licht auszublaſen, die andere aber ihr dafuͤr den Leuchter an den Kopf wirft, und man ſich nun im Dunkeln wacker herumſchlaͤgt. Dabei geht es denn natuͤrlich nicht mit großer Ordnung her, manch Mitglied einer Zunft verſetzt im Vor⸗. beigehen, unbedacht oder abſichtlich, dem Andern einen Stoß oder Hieb; ja ſelbſt auf der Seite —.——— eeentenenne 10 der Vorſteher laͤßt man es ſich ganz vergnuͤg⸗ lich gefallen, wenn hie und da ein Genoſſe von der Bank geworfen wird, ſo es nur nicht den Gevattersmann betrifft oder Sodalis; nur in Einem iſt man eins auf beiden Seiten, naͤm⸗ lich die Gegenuͤberſtehenden zu erdruͤcken, und die Meiſten halten ſich zu dem, der den tuch⸗ tigſten Pruͤgel handhabt, welche auch ſeine Stelle ſey unter den Andern, oder ſein Verfahren, oder ſeine Berechtigung, dreinzuſchlagen. Der grundguͤtige Gott, ſetzt er ploͤtzlich fromm wer⸗ dend mit einem Stoßſeufzer hinzu; der grund⸗ guͤtige Gott mag allein wiſſen, was man Al⸗ les zu ſehen bekaͤme, falls der Morgen wieder hereinbräche. Wahrlich, wenn der Mann die Wahrheit ſpricht, ſo muͤſſen es ſonderbare und recht un⸗ ergotzliche Zeiten geweſen ſeyn, von welchen er berichtet, und wir duͤrfen uns gluͤcklich preiſen, in ſolchen zu leben, auf welche kein Zug dieſes widrigen Gemaͤldes anwendbar iſt. Ein drittes Gleichniß aber, welches ſeine wunderliche Ein⸗ bildungskraft uns aufſtellt, iſt ſchlechterdings ſo unmoͤglich in der Wirklichkeit aufzufinden, daß wir zu unſerm eigenen Nachtheil und Verdruß 11 gezwungen ſind, gleich vom Anfang herein un⸗ ſern Gewaͤhrsmann, den ſogenannten Chroniker, fuͤr einen Maͤhrchenſchmidt zu erklaͤren. Die Gewaͤſſer, ſagt er in beinahe dichteri⸗ ſcher Weiſe: die Gewaͤſſer ſind angeſchwollen durch Regenguͤſſe, durch Wolkenbruch und Erd⸗ beben. Wohl, faͤhrt er fort, ſind Die nicht zu loben, und eine ſchwere Verantwortlichkeit laſtet auf ihnen, welche alle Schleuſen zu zerreißen, alle Daͤmme zu durchbrechen ſtrebten, in dem irrigen Wahne, die Ueberſchwemmung muͤſſe die ganze Oberflaͤche bedecken, damit ſie eine voͤllig üeue Geſtalt gewinne. Einen irrigen Wahn nennt er das, denn er meint, wenn nun die Waſſer zurucktraͤten, wurde die Flur mit Schlamm bedeckt, mit manchem ſchlimmen Keim auch mancher gute ausgerottet ſeyn, und viel Zeit werde voruͤbergehen, ehe ſie wieder fruchtbar werde. Aber auch nur Wenige, behauptet er, denen ſolches oblaͤge, verſtaͤnden die entzugelte Fluth in Baͤche abzuleiten, welche Feld und Wieſe allmaͤhlig erquicken und naͤhren, und ſie in Kanaͤle zu faſſen, welche die Frucht des Ge⸗ werbfleißes tragen, der am gemachſam austrock⸗ nenden Ufer wiederum aufbluͤht; Andere miß⸗ 12 billigen ſolches Beſtreben als kleinlich und die gemeinſame Wuͤrde herabſetzend. Mehrern Bei⸗ falles, ſagt er, durfe Der ſich erfreuen, welcher die eigenen Gewaͤſſer und auch ſolche, die ihm nicht zuſtaͤndig ſind, einzwaͤngt in enge Schran⸗ ken, grob gezimmert und zackig nach dem Mo⸗ dell irgend eines mogoliſchen Waſſerbaukuͤnſt⸗ lers; Einige verſuchen ſein Werk nachzuahmen, freilich nur in altem wurmſtichigen Holze; Ei⸗ nige wiederum, ſich damit begnuͤgend, ſich eige⸗ nen Unrechtes zu enthalten, laſſen ihn gewaͤh⸗ ren, nicht ahnend, die wiederum uͤbertretende Fluth koͤnne auch die nachbarlichen Felder uͤber⸗ ſchwemmen, nicht gewahrend, daß ſie ſich faͤrbe von vergoſſenem Blute, allgemach zum rothen Meere werdend. In der That, waͤre dies Stuͤcklein Buch nicht in deutſcher Sprache abgefaßt, und nach Erfindung der Buchdruckerkunſt, ſo muͤßte man glauben, der Autor ſpreche etwa von den Zei⸗ ten des Pharao, ſeit welchen ſich Aehnliches ge⸗ wißlich niemals zugetragen; ſo aber hoffen wir, er habe blos getraͤumt, und wir wuͤrden uns hinwegwenden von dieſen verwortenen Bildern aus ſchwarzer Galle erzeugt und dickem Blute, 13 folgten ihnen nicht andere, welche, obgleich eben⸗ falls abenteuerlich genug, dennoch anziehender ſeyn moͤgen. Dem Vorgeben unſers Gewaͤhrsmannes zu⸗ folge, mangelte es waͤhrend jener Ueberſchwem⸗ mung und dem ſie begleitenden Wirrwarr nicht an kleinen Fleckchen Erde, welche man genug⸗ ſam verbollwerkt hatte, um ſie dem allgemeinen Schickſale zu entziehen, aber gleichfalls genug⸗ ſam, um jede auch erſprießliche Umgeſtaltung fern zu halten, wo man nach wie vor des Alten ſorglich pflegte, des alten Unkrautes ſogar. Zu dieſen Fleckchen ſcheint die namenloſe Stadt ge⸗ hoͤrt zu haben, deren Denkwuͤrdigkeiten unſer Autor berichtet, wenigſtens verſichert er, daß, als man einſt den Haͤuptern derſelben die Noth⸗ wendigkeit zeitgemaͤßer Veraͤnderungen vorge⸗ ſtellt, ſie im Verlaufe mehrer Jahre dazu keine Muße gefunden. Haben ſie aber auch ſo un⸗ weiſe daran gethan? Iſt es dem ſo ſehr zu ver⸗ argen, der ein leidliches Gewiſſe mit Ungewiſ⸗ ſem zu vertauſchen zoͤgert? Vielleicht waren die Beiſpiele ploͤtzlicher Umwandlung nicht geeignet, zur Nachahmung zu reizen. Friede ſey mit der gu⸗ ten Stadt; Friede ernaͤhrt, Unfriede aber verzehrt. Dem etwas unſichern Leidfaden folgend, der uns geboten iſt, gehen wir mit ihm zu dem eigentlichen Gegenſtande uͤber, dem dieſe Blaͤt⸗ ter gewidmet ſind. Es begab ſich auch in dieſem Jahr— be⸗ ginnt er alſo— wie——. Doch eben gewahren wir, daß wir, die lakoniſche Erzaͤhlungsweiſe einer Chronik beibehaltend, ſchwerlich die Bo⸗ genzahl anfullen wuͤrden, welche unſere Abſicht und des Verlegers Nutzen erfordert, und hof⸗ fentlich auch des geneigten Leſers Wunſch und Muße, wir wollen daher Ruͤckſicht nehmen auf verſchiedene Randnoten, welche eines merkwuͤr⸗ digen Rechtshandels erwaͤhnen, und mehrer Zeitungnachrichten, beiderlei hierher gehoͤrig, und verſuchen, aus dem Allen ein Ganzes zu bilden, zu Nutzen und Erbauung des Leſers, denn Ergoͤtung duͤrfen wir einiger Urſachen wegen nicht ſagen. An einem Tage denn eines nicht genannten Jahres nach Chriſti Geburt, ſtroͤmte eine große Menſchenmenge aus der Hauptkirche jener un⸗ bekannten Stadt, denn die Vormittagspredigt war eben beendet, ein Umſtand, welcher darthut, daß wir uns unter Proteſtanten befinden. Der 15 Prediger, ein weit und breit, naͤmlich im gan⸗ zen Weichbilde der Stadt, beruͤhmter Kanzelred⸗ ner und beſonders eifriger Diener des Friedens, hatte ſeine geiſtlichen Blitze gegen die Sucht nach Neuem geſchleudert, welche damaliger Zeit wirklich graſſirt zu haben ſcheint, und von wel⸗ cher er auch unter ſeiner Heerde einige bedenk⸗ liche Spuren wahrgenommen haben wollte. Einige Bruchſtuͤcke dieſer Rede, welche ſich vor⸗ finden, laſſen vermuthen, er habe ſich nicht mit genugſamer Deutlichkeit ausgedruͤckt uͤber das zu bewahrende Alte und das nicht aufzuneh⸗ mende Neue; denn alſo verworren ſollen die Begriffe in jenen Tagen geweſen ſeyn, daß man in großer Ungewißheit ſchwebte uͤber Bei⸗ des, ſelbſt die Erſten in den Voͤlkern, ſelbſt die, welche ſich fur die Weiſeſten halten unter ihnen, ſelbſt ihre Lehrer; es iſt daher nicht zu verwun⸗ dern, wenn die Zuhoͤrer nicht recht verſtanden, was der Redner nicht hegriff. Das focht ihn aber wenig an, druͤckten doch die Frauen, zu⸗ mal die bejahrteren, in leiſem Wort und ver⸗ ſtohlener Geberde ihre Bewunderung aus, ward ihm doch mancher huldreiche Blick, manches beifallige Kopfnicken aus der gegenuͤberſtehenden 16 Emporkirche zu Theil, in welcher die Väter der Stadt dem Gottesdienſte beiwohnten, denn waͤhrend er, wie geſagt, Neues und Altes ein wenig vermengend, zwar gegen den demagogi⸗ ſchen Geiſt der Zeit eiferte, und doch nur ſehr lau von bedenklichen Merkmalen ſprach, die ringsumher die Gewalt der Gewaltigen bedroh⸗ ten und die Ariſtokratie benachbarter Staaten, ſo lautete es doch aus ſeinem Munde als ein unumſtoͤßlicher Satz— das groͤßte und unver⸗ zeihliche Vergehen ſey Widerſetzlichkeit gegen den hochweiſen Senat der namenloſen Stadt. Unter den herausgehenden Frauen befand ſich Eine, welcher die Menge mit gewiſſer Ehr⸗ erbietung auswich, ob ſie gleich nicht aus jener patriziſchen Emporkirche kam. Auch war ihr Aeußeres keineswegs gewoͤhnlich zu nennen. Das Alter iſt bei einer Perſon des ſchoͤnen Geſchlech⸗ tes das Letzte, wonach man fragt, wenigſtens ſie ſelbſt; hier aber wuͤrde es ſchwer geworden ſeyn, dieſe Frage zu beantworten, dem Kuͤſter ausgenommen, falls er das Kirchenbuch gerade bei der Hand gehabt haͤtte, oder einer Andern, welche der guten Freundin gern erlaubt, in Al⸗ lem hinter ihr zuruͤckzubleiben, nur nicht in den 17 Jahren. Ihrem hohen und feinen Wuchſe nach konnte man ſie, vornehmlich von der Ruͤckſeite aus betrachtet, fuͤr achtzehnjaͤhrig halten; ſchaute man ihr Angeſicht, ſo war man freilich genoͤthigt, etwas zuzugeben, aber ungern, denn nur eine ſchaͤrfere Ausbildung der Zuͤge deutete auf ein hoͤheres Alter, keineswegs aber Geſichtsfarbe und Haut, welche weiß und roth in aller Friſche der Jugend glaͤnzte; nicht ihr Auge, deſſen Blick es nicht an Feuer gebrach, manche Augenblicke nur ausgenommen, da ſie es langſam und ſin⸗ nig zu Boden wandte, oder gedankenvoll in eine unbeſtimmte Ferne; auch nicht das kaſta⸗ nienfarbene Haar, welches in reichen Locken uͤber ihre Schultern herabfiel. Ihre Kleidung, ob⸗ ſchon zuſammengeſetzt aus dunkelfarbigen vor⸗ zuͤglichen Stoffen, geformt nach der Mode des Tages, und was noch beſſer iſt, geſchmackvoll und mit ihrer Perſoͤnlichkeit ubereinſtimmend ge⸗ waͤhlt, war dennoch hoͤchſt ſittſam, ja es war ſogar in Anordnung derſelben etwas von jener genauen Beruͤckſichtigung zu gewahren, deren die Damen ſich befleißigen, welche man in Pa⸗ ris Pruͤden nennt, ſolche naͤmlich, die der Ei⸗ telkeit der Welt entſagt haben, obſchon nicht ganz. 2 18 In der Vorhalle der Kirche begegnete der eben Beſchriebenen eine andere Frau ſtattlichen Anſehens und wie es ſchien, ziemlich hoffärthi⸗ gen Weſens, als ſie aber Jener gewahr worden, ward ihr Weſen gar freundſelig und ſie ſprach: „Ei guten Abend, wertheſte Frau Gevatterin, auch beim lieben Gottesdienſt? Doch billig ſollte ich ſo nicht fragen, iſt es doch bekannt genug, daß Ihr ſelten eine Gelegenheit verſaͤumet, das Wort des Herrn zu vernehmen, gemeiner Stadt mit loͤblichem Exempel vorangehend und den jungen Wittwen zumal.“ „Die Welt liegt im Argen“— ſeufzte Jene— „und mehr denn je liegt uns die Pflicht des Ge⸗ betes ob, abſonderlich denen, welchen demuͤthiger Sinn, der dem Schwachen geziemt, und ſtille Beſchraͤnktheit nicht geſtatten, ein Anderes dem wachſenden Uebel entgegen zu ſtellen. Doch was huͤlfe es auch, daß der Menſch ſich abmuͤhe, ſo der Herr nicht dazu thut, der allein helfen mag.“— „Sehr ſchoͤn und gut, wie Alles, was Ihr ſagt“— pflichtete die Andere bei.„Doch muß auch der Menſch dazu thun, denn es heißt, wer ſich ſelber hilft, det wird geholfen.— Das iſt 19 es, was ich Tag fuͤr Tag meinem Gemahl ſage, dem regierenden Herrn Buͤrgermeiſter, und ſo denk' ich, wird das Unheil unſerer Stadt nicht zu nahe kommen, die draußen aber moͤgen machen was ihnen gefaͤllt. Es muß doch wahr ſeyn, unſer Herr Oberprediger iſt ein ganzer Mann und hat heute goldene Worte geſprochen von Ehrfurcht und Gehorſam gegen den wohlweiſen Magiſtrat; auch habe ich meinem Herrn Ge⸗ mahl dem regierenden Buͤrgermeiſter angelegen, daß er ihn zur Tafel lade, es ſind Thunfiſche angelangt aus Bayonne und Auſtern von Rochelle und der wuͤrdige Gottesmann iſt ein Liebhaber von beiden, und es ſteht geſchrieben, du ſollſt dem——“ Es iſt ungewiß, welchen Spruch die Dame im Sinne fuͤhrte, denn ſie unterbrach ſich ſelbſt, im ganz veraͤndertem Tone fragend:„Beſucht die werthe Frau Gevatterin nicht vielleicht dieſen Abend das Theater? Sie geben eine Tragoͤdie, eine recht graͤßliche Schick⸗ ſalstragoͤdie, ich weiß den Namen nicht, aber die Worte kommen darin vor: Ja, der Hölle falber Schein leuchtet in die Nacht hinein, daß die Wege ſichtbar werden, die der Teufel geht auf Erden— — 20 nem Geſchmack.“— gefuͤhrter Chronik taͤuſcht. — Das klingt ſo recht grauſig und ganz nach mei⸗ Mit einer Verwunderung, welche der Leſer vielleicht theilt, fanden wir hier dieſe Worte unſeres Motto, welche demnach nicht uns allein . eines Raubes bezuͤchtigen, ſondern auch den Verfaſſer der„Schuld“, ſofern unſere Kenntniß ſolcher Dinge uns nicht uͤber das Alter oft an⸗ Aber ſie ſchienen nicht nach dem Geſchmacke der Dunkelgekleide⸗ ten zu ſeyn, an die ſie gerichtet waren; ſie wandte ſich ein wenig ab und entgegnete mit leiſer Stimme:„Ich bin keine Freundin ſolch graͤßlicher Schilderungen und uͤberhaupt keine Kennerin der Poeſie, die nur Reize haben kann fuͤr eine ſo hochgebildete Dame, als meine ver⸗ ehrliche Frau regierende Buͤrgermeiſterin. fach und ſchlicht wie mein Thun iſt Kuch mein Wiſſen, das Leſen eines nuͤtzlichen und erbau⸗ lichen Buches genugt mir, und in die Kirche eher als in das Schauſpiel gebuͤhrt es der be⸗ truͤbten Wittwe zu gehen, welche keinen andern Wunſch mehr hat, als ihre Tage ruhig in der Einſamkeit zu beſchließen, und unter dem mil⸗ den Regiment einer weiſen Obrigkeit“— Das — Geſicht der ſchoͤngeiſtigen Dame zog ſich ein wenig in Falten, beim Beginn dieſer Ant⸗ wort, welche einen Tadel einer Neigung zu er⸗ kennen gab, die Frauen von gutem Ton, oder die es ſeyn wollten, in jener Zeit vorzuͤglich gern zur Schau getragen haben ſollen; das Koͤrnlein Weihrauch aber, welches der Beſchluß dem Herrn Gemahl ſpendete, beſaͤnftigte ſie ſtracks und ſie entgegnete mit großer Leut⸗ ſeligkeit: „Allerdings mag ſich gluͤcklich preiſen, wer unſere gute Stadt bewohnt, wo Alles ſo fein ruhig bleibt, waͤhrend es nah und fern bunt uͤber Eck geht; aber ich ſollte meinen, eben eine junge Wittwe ſollte ſich dennoch nach einem be⸗ ſonderen Schutz umſehen. Mir daͤucht,“ fuhr ſie laͤchelnd fort:„mir daͤucht, ich habe ſo ein Voͤgelchen pfeifen hoͤren. Wie iſt es denn, wer⸗ den wir bald das Vergnuͤgen haben, die Frau Gevatterin in der Emporkirche des wohlweiſen Senates zu ſehen?“— Die Befragte ſchlug ſittig die Augen nieder und fluſterte:„Wer koͤnnte mir auch meinen Seligen erſetzen? Denn alſo nehme ich der hoch⸗ achtbaren Frau Buͤrgermeiſterin ſcherzhafte Frage.“ 22 „Gewißlich“— lautete die Antwort—„war Euer ſeliger Ehegemahl ein wackerer Mann und ehrenwerther Buͤrger unſerer Stadt, doch meine ich, giebt ihm der Herr Senator Werzelius nichts nach; eine reſpektable Perſon, wohl an zwei Tonnen ſchwer, moraliſch heißt das, denn phyſiſch iſt er leicht genug und war zu ſei⸗ ner Zeit ein flinker Taͤnzer. Auch iſt er noch in den beſten Jahren und wer weiß, was ihm bevorſteht, denn: „Wer es bis zum Senator gebracht, Der ſteht auf der Leiter zur hoͤchſten Macht.“ wie ich weiß nicht welcher Dichter ſagt.“— „Ich habe all mein Ding Gott anheim ge⸗ ſtellt“— verſicherte die fromme Wittwe—„wie Er es fuͤgt, nehme ich es dankbarlich auf, auch wenn ſo großes Gluͤck und Ehre mir nicht zu Theil werden moͤchte, wohl wiſſend, daß ich deß nicht wuͤrdig bin.“— „Allzu beſcheiden“— betheuerte die Regie⸗ rende.—„Nur unverzagt, denn man ſpricht, wer beharrlich eines goldenen Rockes begehrt, dem wird wenigſtens ein Ermel deſſelben zu Theil.“— Dieſe Andeutung mochte der Andern nicht gefallen, da ſie etwas ſpitz erwiederte:„Und 23 wer ſagt Euch denn, meine Frau Buͤrgermei⸗ ſterin, daß ich eines ſolchen Rockes begehre?“— Die Gemahlin des Conſuls nahm dieſe an⸗ ſcheinende Geringſchaͤtzung ſenatoriſchen Ranges nicht allzu wohl auf und verſetzte empfindlich: „Die ganze Stadt ſagt es, Frau Beate Bilſen. Wenn Ihr aber ſelbſt es laͤugnet, ſo kann wohl ſeyn, daß ſie irre. Freilich kann ein Mitglied des hochpreislichen Rathes Anſpruch machen auf jegliche Parthie, auch iſt es nicht ganz gebraͤuch⸗ lich, daß ein ſolches ſich eine Gemahlin ſuche in den zweiten und dritten Geſchlechtern, indeß ein Jeder hat ſeinen Geſchmack. Dem Einen behagt anſehnliche Herkunft und Geld und Gut, dem Andern ein feines Aeußere. Ich will da⸗ mit nicht ſagen— fuhr ſie etwas einlenkend fort— daß Euer Vater ſeliger, der Gildemei⸗ ſter, nicht ein recht achtbarer Mann geweſen in ſeiner Art, auch hat, wie man ſpricht, Euer Ehegatte Euch ein ziemlich Vermoͤgen hinter⸗ laſſen, und was das Aeußere anbelangt, nun wahrhaftigen Gott, die Frau Gevatterin ſtellt, obſchon nicht ſo ganz jung mehr, noch eine recht angenehme Perſon vor, weiß und roth von Ant⸗ litz wie Milch und Blut.— Ihr brauchet dar⸗ 24 um Euch nicht ſo zu ereifern, wenn von gewiſſen 1 Dingen die Rede iſt, die Leute moͤchten ſonſt denken, die Trauben waͤren ſauer.— Ei“— ſetzte ſie ſchnell hinzu—„das iſt ja ein gar ſchoͤnes Kleid, das Ihr anhabt, obſchon nicht ganz nach dem Modejournal. Lyoner Sammet, ſo wahr ich lebe. Wie hoch kommt, daß ich fragen darf, der franzoͤſiſche Stab?“— „Ich kann Euch nicht berichten,“ antwortete Beate trocken der halbſpoͤttiſchen Rede.„Ich . fand in meines Seligen hinterlaſſenem Waaren⸗ lager den Stoff, welchen zu kaufen fuͤr mich eine Verſchwendung zu nennen waͤre. Doch eignete er ſich zum Wittwenkleide, mit welchem ich mich begnuͤge, meine Frau Buͤrgermeiſterin, ohne“— hier richtete ſie den Blick auf den An⸗ zug der Genannten—„ohne in modiſchem Schnitt und lebhaften Farben Andern nachahmen zu wollen, die mir ſo weit voranſtehen im Rang, als— in Jahren.“— Die erſte Dame der ungenannten Stadt war im Begriff, eine Antwort zu ertheilen, deren Inhalt wir unſere Leſerinnen zu errathen bit⸗ ten, denn ſie wurde durch eine ſanfte kindiſche Stimme unterbrochen:„Hochachtbare und ge⸗ 25 ſtrenge Frauen“— klang es aus dem Munde eines ärmlich gekleideten, etwa dreizehnjaͤhrigen Maͤd⸗ chens ſtockend und furchtſam—„wollet mir um Gottes Willen ein geringes Almoſen nicht verſagen!“— Die Mutter der Stadt, noch et⸗ was geaͤrgert durch das vorhergehende Geſpraͤch, herrſchte der Kleinen in unmuthigem Tone zu: „Es iſt doch wahrlich allzuarg, daß man im Gotteshauſe ſelbſt nicht ſicher iſt vor dem An⸗ lauf der Bettler, gerade als ob man da nichts Anderes zu thun haͤtte, als die Haͤnde in den Taſchen oder dem Arbeitſack“— verbeſſerte ſie ſich—„zu haben. Schaͤmſt Du Dich nicht, kleine Herumſtreicherin, biſt Du nicht groß ge⸗ nug und ſtark, um zu arbeiten?“— „Ach geſtrenge Frau“— antwortete eingeſchuͤch⸗ tert das Maͤdchen—„ich bin wohl keine Her⸗ umſtreicherin, und arbeitete auch lieber, als um Almoſen zu bitten, aber die Mutter liegt mir ſterbenskrank daheim, und hat keine Wartung und Pflege als von mir, denn von den ſieben Geſchwiſtern ſind die vier aͤlteſten auch krank, die drei andern aber noch klein. Da kann ich es denn ſeit einigen Tagen nicht mehr allein zuwege bringen, obſchon ich die Groͤßte bin, 26 und muß reiche und barmherzige Leute um Huͤlfe anſprechen.“— „So ſagen ſie Alle“— fiel mit Haͤrte die Dame ein—„wenn aber der Bettelvoigt kommt und ſie einſteckt, weiſtt es ſich anders aus. Deine Mutter und Geſchwiſter moͤgen wohl ſo krank ſeyn wie Du mit Deinen Backen gleich Stettiner Aepfeln. Geh nur, geh, und mach, daß Du fortkommſt; mein Herr Gemahl, der re⸗ gierende Buͤrgermeiſter, duldet dergleichen Unfug nicht. Hat er auch nicht genug gethan an ge⸗ meiner Stadt Armuth durch Knochenſuppen und allwoͤchentliche Austheilung von geſchrote⸗ nem Brod? Das ſcheint Dir bisher ganz gut bekommen zu ſeyn, mein Toͤchterlein, auch haſt Du ja tuͤchtige Zaͤhne, um es zu beißen.— Peter“— ſetzte ſie hinzu, ſich zu einem Lakayen wendend, der beſchwert mit einem umfangrei⸗ chen ſilberbeſchlagenen Geſangbuche hinter ihr ſtand—„daß Er nicht vergißt, zu dem Italie⸗ ner zu gehen, und die Auſtern abzuholen und die Straßburger Paſtete.“— Die kleine Bettlerin wollte ſich mit einem leiſen Seufzer zuruͤckziehen, die in dunkelm Sam⸗ met gekleidete Frau aber hielt ſie auf.„Mein 27 Kind“— ſprach ſie in ſanftem Tone, und das Auge recht theilnehmend auf das liebliche Ge⸗ ſicht des Maͤdchens richtend, in welchem die beiden von der Buͤrgermeiſterin erwaͤhnten Theile deſſelben ſich wirklich beſonders auszeich⸗ neten, zumal jetzt, da die erneute Hoffnung auf Beiſtand den Purpur der Wangen erhoͤhte und der laͤchelnde Mund eine Reihe glaͤnzender Perlen zeigte:„Mein Kind, ſieben Geſchwiſter alſo haſt Du, und eine kranke Mutter?“— „Das iſt gewißlich wahr“— verſetzte das Kind treuherzig—„und die geſtrenge Frau darf ſich nur erkundigen laſſen.“— „Auch gedenke ich das zu thun“— ſagte die Wittwe—„Du aber biſt, wie ich ſehe, geſund und wohl auf.“— Die Kleine antwortete:„Das bin ich, Gott ſey Dank, und hoffe es zu bleiben mit ſeiner Huͤlfe, denn ſonſt haͤtte die Mutter gar Nie⸗ mand und die Bruͤder und Schweſtern.“— „Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut“— ſprach die fromme Frau, indem ſie ein nicht ganz kleines Silberſtuͤck in die Hand des Kin⸗ des gleiten ließ.„Nimm das fuͤr jetzt; damit aber iſt wohl noch wenig geholfen; drum komme 28 zu mir in einer Stunde etwa. Du kennſt mich aber wohl nicht und meine Wohnung?“— „O gewiß kenne ich Euch“— rief die Er⸗ freute—„Ihr ſeyd Frau Beate Bilſen, die reiche Kaufmannswittwe am Blaſiusſteig, die vielen armen Leuten geholfen hat mit Nahrung und Arzenei.“— „Nun denn“— ward ihr die Aufforderung— „ſo vergiß nicht, Dich einzuſtellen, mein Toͤchter⸗ lein; ich werde ſehen, was ich fuͤr Dich thun kann und fuͤr die Deinigen.“— Die Kleine huͤpfte froh von dannen, um eilig den Darbenden daheim die gegenwaͤrtige Huͤlfe zu bringen und die Hoffnung auf die Zukunft, ihre Wohlthaͤterin aber, nachdem ſie der andern Dame eine foͤrmliche, ziemlich kalt erwiederte Verbeugung gemacht, ſchritt zur Kirchthuͤr hinaus und geſenkten Blickes durch die Reihen der Armen, die trotz der Knochen⸗ ſuppen und des Brodes von Magiſtrats wegen, ſich haͤufig hier verſammelten, und auf jede Bitte erfolgte eine kleine Gabe, anſpruchlos und beinahe verſtohlen ertheilt. Die Gemahlin des Regenten aber ſah der Hinweggehenden kopfſchuͤttelnd nach und die 29 Lippen aufwerfend:„Sieh doch“— ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„wie die Frau nicht groß thut und die Wohlthaͤtige ſpielt, die— Phariſaͤerin. Ein großes Silberſtuͤc giebt ſie der Range, gleich als geſchaͤhe es mir zum Trotz. Und doch koͤnnte ich zehnmal mehr geben, wenn ich nur wollte und es ſich ziemte, daß die Ehegattin des Staatsoberhauptes dem Bettelunfug Vor⸗ ſchub thaͤte, denn mit ihres Mannes Vermoͤgen ſoll es nur ſo ſo ſtehen, wie man munkelt, und er wuͤrde ſich im Grabe umdrehen, wenn er da⸗ von hoͤrte, wie ſie wirthſchaften ſoll, trotz ihres ſtillen und heuchleriſchen Weſens, und er wuͤrde ſich noch im Tode uͤber ſie aͤrgern, wie, dem Vernehmen nach, ſie ihn zu Tode geaͤrgert hat. Helle Farben? Ei das waͤre mir was. Wozu waͤren denn die Farben, wenn man ſie nicht tragen ſollte? Freilich braucht nicht Jeder ſich zu verſtecken, und wem es zukommt, mag glaͤnzen vor den Leuten nach Standesgebuͤhr. Und eitel iſt ſie auch, ſo ſittſam als ſie thut, und ſchnuͤrt ſich gewaltig, obſchon man glauben ſoll, ſie habe der Welt abgeſagt und ihrem Schmuck, und juͤngferlich und zimperlich gehabt ſie ſich auch und hat doch ſchon ihre fuͤnfundvierzig Jahre, wo mir recht iſt. Damit muß ich ins Klare kommen, und es waͤre ſchon der Muͤhe werth, das Kirchenbuch nachzuſchlagen, um zu ſehen, ob ich der Perſon wirklich ſo weit voran bin in Jahren.— Peter“— rief ſie ihrem Diener zu, als wolle ſie ihm einen Befehl er⸗ theilen, aber es war, als ſey ſie andern Sin⸗ nes geworden, denn ſie fuhr in ihrem Selbſt⸗ geſpraͤch dergeſtalt fort:„Doch nein, damit hat es noch Zeit, und geſchieht ſolches am beſten, wenn der Herr Senator Werzelius einmal zu⸗ faͤllig anweſend iſt, da laͤßt ſich das am beſten anbringen und das Uebrige auch. Iſt es nicht, als glaubte ſie dem Mitgliede des Senates eine große Ehre anzuthun mit der Hand der Gilde⸗ meiſterstochter, als ob noch Beſinnens dabei waͤre? Ich weiß nicht, wo der die Augen ge⸗ habt hat, der gute Mann. Die weiß und rothen Backen? Als ob man nicht wuͤßte, wo die zu haben ſind. Wahrhaftigen Gott, der reiche Junggeſell haͤtte gern und gut eine Braut fin⸗ den koͤnnen in der erſten Sippſchaft unſerer Stadt, meine Nichte zum Exempel, ob er gleich ein wenig hektiſch ausſieht, zumal ſeit einiger geit. Sie begehrt nicht, Frau Senatorin zu 31 werden, nun gut, wir wollen dafuͤr ſorgen, daß es nicht geſchieht. Solche Geringſchaͤtzung vor⸗ nehmer Wuͤrden iſt ein boͤſes Zeichen und ſchmeckt ganz nach den aufwiegleriſchen Umtrie⸗ ben, von denen, Gott ſey Dank! unſer Weich⸗ bild noch unangeſteckt geblieben iſt. Es iſt“— ſprach ſie mit Beſtimmtheit—„es iſt eine ge⸗ faͤhrliche Perſon, ſage ich, und ich werde mei⸗ nen Gemahl, den regierenden Buͤrgermeiſter, gebuͤhrend anzuhalten wiſſen, daß er ihr auf⸗ lauern laſſe ſolcher Grundſaͤtze wegen, und auch ihres Wandels, uͤber welchen die ganze Stadt ſich den Kopf zerbricht.“— Die Dame hatte, ſo ſprechend, ſich ihrem Wagen genaͤhrt, und ſtand vor dem offenen Schlage, doch ehe ſie einſtieg, kam ihr noch ein Gedanke.„Auch die Dichtkunſt verachtet ſie, das iſt das Merkmal eines boͤſen und verſteck⸗ ten Sinnes.— Rang und Poeſie“— fügte ſie mit Pathos hinzu:—„ſind das Erhabenſte im Leben, und jedes edle Gemuͤth haͤlt ſie hoch, wie auch das meinige zum Beiſpiel. Wie iſt das nicht geſagt: „Es ſoll der Dichter mit dem Conſul gehen, Denn Beide wohnen auf der Menſchheit Höhen!“ 32 Das Rollen des abfahrenden Wagens ver⸗ ſchlang die letzten Worte der ſinnreichen Pa⸗ rodie. Als beſcheidene Fußgaͤngerin hatte Frau Beate Bilſen den weiten Weg zuruͤckgelegt nach ihrem Hauſe am entfernten Blaſiusſteig; fort und fort vertheilte ſie Scheidemuͤnze unter die ihr von allen Seiten zuſtroͤmenden Duͤrftigen, die ihr begegnenden Frauen gruͤßte ſie freund⸗ lich und ſtand den bekannten wohl auf einige Augenblicke Rede, den Maͤnnern aber, welche der wohlgebildeten, beguͤterten und ehrbaren Wittwe ihre Aufmerkſamkeit zu bezeigen nicht ermangelten, dankte ſie nur fluͤchtig und ver⸗ doppelte ihren Schritt ſogar, mit geſenktem Haupt und die ſchwarze Florkappe tiefer uͤber die blendend weiße Stirn ziehend. Als aber auf ihr mit dem blanken metallenen Klopfer gegebenes Zeichen ihre Thuͤr ſich aufthat und ſie eintrat in ihre Behauſung, richtete ſie ſich empor mit einem langen Athemzuge, als fuͤhle 1 ſie ſich von laͤſtigem Zwange befreit, und trat dann raſch in das wohnliche, einfach, doch mit Geſchmack geſchmuͤckte Zimmer. Hier ließ ſie ſich in einem bequemen Lehnſtuhle nieder, und 33 verweilte ſo eine Zeit lang, den Kopf auf den Arm geſtutzt, wie im Sinnen verloren. Dann erhob ſie ſich wieder und ging zu einem Wand⸗ ſchrank, aus welchem ſie ein Flaͤſchlein von Cryſtall nahm und einen Teller mit Confect, drauf goß ſie den goldgelben Inhalt des zuvor genau unterſuchten Erſten in ein Becherlein von vergoldetem Silber, und bewirthete ſich mit ei⸗ nem zweiten Fruͤhſtuͤck, mit aller Behaglichkeit einer frommen Sproͤden. Dieſe Beſchaͤftigung waͤhrte wohl eine halbe Stunde ungeſtört, denn die verſchloſſene Thuͤr verſtattete Niemand den Eingang, obſchon das mehrmals erſchallende Klopfen an der Haus⸗ pforte und Tritte auf dem Flur, welche ſich nahten und wieder entfernten, auf Zuſpruch deutete, welcher indeſſen abgewieſen worden. Endlich aber war der Reſt des alten Malaga⸗ weines verzehrt und der ſuͤße Zubiß, Frau Beate beſeitigte ſorgfaͤltig alle Spuren der kleinen Mahlzeit, dann ging ſie zu oͤffnen und rief hin⸗ aus:„Johanna!“— Alsbald erſchien ein junges wohlgebautss Maͤdchen, mit jugendlichem, aber etwas ab⸗ gemagertem Geſicht, das bleicher noch erſchien, 3 34 umgeben von einer ſeltenen Fuͤlle dunkelbraunen, langlockigen, ſeidenweichen Haares; ſie trug eine weibliche Putzarbeit in der Hand, als wolle ſie ſelbige der gebietenden Frau zur Pruͤfung vor⸗ legen. Eine ſolche fand auch ſogleich Statt und fiel beftiedigend aus, denn die fleißige und ge⸗ ſchickte Arbeiterin wurde gelobt und ihre farb⸗ loſe Wange liebkoſend geſtreichelt.„War Je⸗ mand da?“— fragte Frau Beate drauf, mit einem Tone, als lege ſie mehr Wichtigkeit auf die Antwort, als man nach der Weiſe voraus⸗ ſetzen konnte, in welcher ſie den etwanigen Be⸗ ſucher entfernt gehalten hatte. „Wohl iſt mehr denn Einer gekommen“, verſetzte das Maͤdchen mit wohllautender, aber etwas ſchwacher Stimme:„Zuerſt der Herr Se⸗ nator Werzelius.“—„Und was ſagte er, als er mich nicht daheim traf?“ fragte die Wittwe abermals. „Als ich ihm nach Eurem Willen bedeutete“, war die Antwort,„die geſtrenge Frau ſey aus⸗ waͤrts, ob Ihr gleich ſchon zuruͤckgekommen, und wis ich glaubte, Ihr ſeyet, wie Ihr pflegt, nach dem Gottesdienſte noch gegangen, irgend ein chriſtlich Liebeswerk zu verrichten, da lobte er 35 zwar ſehr der geſtrengen Frau Froͤmmigkeit und freigebige Milde, meinte aber, man koͤnne des Guten auch zu viel thun, und Ihr moͤchtet Be⸗ dacht nehmen auf Eure Geſundheit, bei dem jetzigen rauhen Wetter, dem man ſich nicht zu ſehr ausſetzen moͤge ohne Nachtheil, wie er aus eigener Erfahrung wiſſe.— Weil nun der arme Herr wirklich uͤbel geplagt war von einem boͤſen Huſten, hab' ich ihm ein Paar von den hamburger Boltje's mitgetheilt, welche Eure Guͤte mir gegeben gegen ein aͤhnlich Uebel, und er hat ſie auch ſogleich aufgegeſſen.“— Es zeigte ſich eine leichte Falte auf Beatens marmorglatter Stirn, als ſie darauf entgegnete: „Daran haſt Du nicht wohl gethan, Johanna, manche Unpaͤßlichkeit mag ſich aͤhnlich ſeyn in ihren Anzeichen, ohne daß ſie darum dieſelbe waͤre, und wer von Arzneimitteln nichts verſteht, thut wohl, ſich mit ſelben nicht zu befaſſen.— Ich hoͤrte den Klopfer aber dreimal, iſt nicht noch Jemand Anderes gekommen?“— Nach einigem Zoͤgern berichtete die Dienerin: „Nun ja, der Goldenbaum war auch da, der Getaufte.“— Das Antlitz der Wittwe verfinſterte ſich noch 3* 36 mehr, und ſie fragte mit einiger Haſtigkeit: „Was wollte er? Iſt er fort? Was ſprach er, als Du meine Gegenwart verlaͤugneteſt?“— „Er hat mir ſein Begehr nicht geſagt, auch hab ich mich nicht erkundigt nach demſelben, weil ich weiß, daß die geſtrenge Frau es nicht gern hat; wie ich Euch aber entſchuldigte, auf dieſelbe Art wie bei dem Herrn Senator, hat er Euch gar nicht gelobt, vielmehr—“—„Sprich nur“— ſiel Frau Bilſen ein, indem ſie einige haſtige Schritte auf und nieder that;„ſprich frei, ich lobe zwar, daß Du beſcheiden genug biſt, Dich nicht in das zu mengen, was Dich nicht angeht, gegen mich aber gebuͤhrt es Dir, aufrichtig zu ſeyn und ohne Ruͤckhalt. Wie ließ ſich der getaufte Israelit vernehmen, der wackere Eſaias Goldenbaum?“— „Je nun“, verſetzte die Befragte wiederum ſtockend:„er meinte eben, er ſey, obſchon ein neuer Chriſt, doch ein Chriſt ſo gut als man⸗ cher Andere; Beten und Kirchengehen waͤre zwar fein und loͤblich, doch ſey es damit noch nicht gethan, und ehe man das Geld unter die Ar⸗ muth vertheile, gebuͤhre es ſich vorerſt—“— „Nun?“ herrſchte die Frau ihr zu.—„— ſeine 37 Schulden zu bezahlen,“— fluͤſterte verlegen die Andere. Ein Blitzſtrahl fiel bei dieſen Worten aus Beatens Auge auf die ſchuldloſe Ueberbringerin ſo unerfreulichen Grußes, doch ſchien ihr als⸗ bald einzuleuchten, wie ungerecht es ſey, die Dienerin eine geforderte Pflichterfuͤllung buͤßen zu laſſen, denn ſie faßte ſich ſchnell und ſprach ſehr ſanft:„Der Mann hat nicht Unrecht, nach ſeiner Art wenigſtens. Es iſt wahr, meine Linke hat niemals gewußt, was die Rechte gab, und ſo hat dieſe wohl manchmal zuviel gegeben. Doch der Herr Gott iſt mit dem Wohlthaͤtigen, und ſein Beiſtand und die Verlaſſenſchaft mei⸗ nes lieben Seligen reicht wohl zehnfach aus und hundertfaͤltig, um den Wucherer zu befriedi⸗ gen, der noch am juͤdiſchen Sauerteig haͤngt, ohne daß die Armuth darunter leide und ich dem beſten Vergnuͤgen entſagen muß, meinem einzigen, dem Mitmenſchen zu helfen in der Noth.“— „Das iſt wahr“, ſagte Johanna eifrig, „das ſagt die ganze Stadt, und wer weiß denn beſſer als ich, daß es wahr iſt? Kein Duͤrfti⸗ ger geht traurig von Eurer Thuͤr, und Manche 38 recht mit frohem Herzen, wie der junge Schrei⸗ ber zum Beiſpiel, welcher zweimal woͤchentlich kommt, um die frommen Betrachtungen zu holen, deren Abſchrift Ihr ihm aufgetragen, und ſo reichlich bezahlt zur Unterſtuͤtzung des erblin⸗ deten Vaters.“— „War er auch da?“ erkundigte Frau Bilſen ſich nachlaͤſſig.„Er pflegt doch ſonſt am Sonn⸗ tagmorgen zu kommen.“— „Freilich“, verſicherte das Maͤdchen,„o der iſt gar puͤnktlich— freilich war er da, und hat ſich einſtweilen in mein Stuͤblein geſetzt, denn wie er ſagt, hat er nothwendig zu ſprechen mit der geſtrengen Frau, etlicher Worte wegen, die undeutlich geſchrieben.“—„In Deiner Stube?“ fragte die Gebieterin,„Du ſcheinſt ja recht viel Theil zu nehmen an dem jungen Burſchen? Ich will hoffen, daß kein Arg dabei ſey; mein Haus iſt kein Ort fuͤr Liebeshaͤndel, und ſo ich dergleichen verſpuͤrte, wuͤrde er es zum letzten Male betreten haben.“— Halb empfindlich, halb betreten und mit ei⸗ ner feinen Roͤthe auf den blaſſen Wangen, ant⸗ wortete Johanna:„Wie mag die geſtrenge Frau auch ſo ſchlimm denken von mir? Bin ich doch 39 auferzogen in Zuͤchten und Ehren und nach ihrer Lehre und Exempel, und weiß gar wohl, daß Liebeshaͤndel gefaͤhrlich ſind. An Anderes aber iſt nicht zu denken; der arme Menſch hat ja kein gewiſſes Brod und ich gar nichts, als was ich Eurer Guͤtigkeit verdanke.“— „Die ſich verſagen wuͤrde zu thoͤrichtem Be⸗ ginnen“, fiel Frau Beate mit einiger Schaͤrfe ihr ins Wort, dann fragte ſie:„Und hat der Eſaias ſich bedeuten laſſen?“— „Ich habe ihm die Wahrheit recht ordent⸗ lich geſagt,“ betheuerte Johanna,„er aber ſchuͤttel⸗ te den Kopf und ſprach:„Ereifre ſich die Jung⸗ fer nur nicht, das moͤchte ihr nicht gut bekom⸗ men, denn wie ich ſehe, iſt ſie nicht wohl auf, und die Luft bekommt ihr nicht in unſerer Stadt oder in dieſem Hauſe. Ich will jetzt gehen, ſage Sie aber der Frau, ich komme wieder noch vor Mittag, und unſer Geſchaͤftchen muͤßte ab⸗ gemacht ſeyn noch heute, als ich lebe.“— Wiederum ging die Wittwe auf und nieder, mit mehrer Haſtigkeit als zuvor und erkundigte ſich dann, ob der Senator nichts von Wieder⸗ kommen geſagt? „Gewiß hat er das,“ ward ihr der Beſcheid, 40 „der gute Herr kann gar nicht leben ohne die geſtrenge Frau. Punkt zwoͤlf Uhr, hat er ge⸗ ſagt, wird er hier ſeyn, und um ſo gewiſſer, da er Antwort bringe auf das Brieflein, wel⸗ ches Ihr ihm geſtern geſchrieben.“ „Der Herr Senator wird mir willkommen ſeyn,“ verſicherte Frau Bilſen mit ſichtlicher Zu⸗ friedenheit;„ſollte ſich jedoch Jemand bei mir befinden, wenn er erſcheint, ſo bitte ihn einſt⸗ weilen in das gruͤne Zimmer. Ich habe man⸗ ches Geſchaͤft heut, ob es ſchon Sonntag iſt, denn,“ ſetzte ſie mit einem kleinen Laͤcheln hin⸗ zu,„der wackere Goldenbaum ſagt mit Recht, nicht allein mit dem Beten iſt es gethan.“ „Soll ich den Schreiber ſogleich heruͤber⸗ ſchicken?“ fragte Johanna. Ihre Gebieterin ſchaute ihr abermals in das Geſicht, und er⸗ wiederte drauf gleichguͤltig:„Gewiß ſollſt Du das.— Ich meine, Euer Beiſammenſeyn taugt weder dem Einen noch dem Andern. Noch Eins, es wird eine kleine Dirne kommen, welche ich unter meine Koſtgaͤnger aufgenommen mit ihrer Mutter und ſieben Geſchwiſtern. Wohl iſt das viel, allzu viel vielleicht in dieſer ſchweren Zeit, aber mit wenigen Broden ſpeiſte der Heiland fuͤnftauſend Mann, und noch heut zu Tage fullt, was auch der getaufte Jude ſage, der Segen des Herrn die Hand, die ſich aufthut in chriſtlicher Milde. Laß die Kleine indeß erſt dann ein, wenn ich allein bin, denn ich gleiche nicht den Phariſaͤern, und wahre Wohlthaͤtig⸗ keit meidet die Zeugen.“— Johanna hatte nun ihren Beſcheid, und nichts hielt nach der Meinung der Gebieterin ſie ab, hinauszugehen zu Erfullung der empfan⸗ genen Aufträge, aber ſie blieb, mit geſenkten Augen an ihrem Schuͤrzenbande zupfend, gleich Einer, die noch etwas vorzutragen haͤtte, der aber der Muth dazu fehlt. Da runzelte Frau Bilſen die Stirn und ſah finſter drein und ſprach, nicht ohne Haͤrte:„Nun was ſtehſt Du noch muͤßig, ſtatt zu thun wie ich Dir geheißen? Haſt Du etwa ein Anbringen an mich?“— Als das Maͤdchen drauf in wachſender Ver⸗ legenheit ſchwieg und Thraͤnen in ihre Augen traten, rief Beate mit verſtaͤrkter Hitze:„Wahr⸗ haftig, es kommt mir vor, als haͤtte ich recht geſehen; die Naͤrrin hat ſich in den Gelbſchna⸗ bel vergafft, und er hat ihr den Kopf verruͤckt mit ſuͤßen Worten und ſie denkt, ich werde ſo 42 thoͤricht ſeyn wie ſie, kindiſch Begehren zu ver⸗ zeihen, oder gar zu unterſtuͤtzen. Daraus wird nichts in Ewigkeit, und ich werde vielmehr Sorge tragen, daß die Jungfer kuͤnftig keine Galane in ihrer Stube herberge.“— Da fing Johanna heftiger zu weinen an und rief:„Wie mag denn die geſtrenge Frau ſich ſo erzuͤrnt gegen mich ſtellen? Das iſt ja ſonſt nicht Eure Art, und ich habe es auch keinesweges ver⸗ dient. Ach an Anderes denke ich, als an Verlie⸗ ben und Heirathen, und mein Anliegen iſt gar verſchieden von dem, was Ihr glaubt.“— „Nun denn?“ fiel Frau Bilſen ungeduldig ein. „Glaubt es mir nur,“ antwortete treuherzig ihre Dienerin,„ich erkenne recht wohl alles Liebe und Gute, was Ihr an mir gethan, und ich bin Euch ſehr erkenntlich dafuͤr, aber— mir iſt ſo unwohl und bange ſeit einiger Zeit, und ich denke wirklich, die Stadtluft bekommt mik nicht; auch ſagt das der alte Goldenbaum nicht allein, ſondern noch mehrere andere Leute. Geſtattet denn, daß ich auf eine kurze Zeit hin⸗ ausgehe auf das Dorf zu den Meinigen, ob mich die friſche Landluft wieder herſtelle und das erquickliche Fruͤhlingswetter.“— 43 Die einfache Bitte fand ein unguͤnſtigeres Gehoͤr bei der, deren Herz und Hand, wie wir gehoͤrt haben, immer den Klagenden offen ſtan⸗ den, und ſie rief beinahe zornig:„Erkenntlich nennſt Du Dich? Das biſt Du nicht, ſondern eine Undankbare vielmehr, die, uneingedenk aller Wohlthat, welche ich ihr erwieſen, mich verlaſſen will, obſchon ſie weiß, daß ſie mir unentbehr⸗ lich iſt.“— „Ich Euch verlaſſen? Da ſey Gott fuͤr!“ betheuerte das Maͤdchen;„ich weiß recht wohl, daß keine Andere es Euch in manchen Sachen ſo zu Danke machen kann, als ich, die ich Be⸗ ſcheid weiß— und gewiß vergeſſe ich nicht, wie Ihr immer die arme Waiſe milde behan⸗ delt und ihr gute Lehren gegeben habt, nach Eurer ſtadtbekannten Klugheit und Erfahrung und nach Eurem reifen Alter.“— Die Wittwe wiederholte, nicht im aller⸗ freundlichſten Tone:„Reifem Alter?“ dann ſetzte ſie gebieteriſch hinzu:„So hoͤre denn auch diesmal auf den Rath meiner Erfahrung und Klugheit, oder auf meinen Befehl vielmehr: Du bleibſt hier!“— Aber noch einmal hob die Andere ſchuͤchtern an:„So muß ich Euch denn geſtehen, geſtrenge Frau, daß Ihr Recht gehabt, wenigſtens zum Theil, in dem was Ihr fruͤher geſagt, denn der junge Geſell, der draußen ſitzt, redet mir wirk⸗ lich allerlei vor; da aber nichts daraus werden kann und Ihr es nicht erlauben wollet, ſo meine ich, es waͤre beſſer, wir kaͤmen von einander auf eine kurze Zeit.“——„Wahrhaftig?“ ſprach Frau Beate in gezogenem Tone, darauf fuͤgte ſie nach einer Pauſe hinzu:„Das laß Dich nicht bekuͤmmern, denn, wie ſchon geſagt, ich werde Sorge tragen, daß der junge Menſch Dich ruhig laſſe, und ich verſpreche Dir ſolches von heut an.“— „Ach! wenn die geſtrenge Frau doch meiner Bitte willfahren wollte,“ flehete Johanne,„ich bin nicht allein uͤbel auf, ſondern es iſt mir auch ſo bang ums Herz, als ſollte mir irgend ein Unheil widerfahren hier am Ort.“— „und welches Unheil kannſt Du bei mir fuͤrchten, thoͤrichte Dirne?“ ſchalt die Wittwe zwar, aber gleich darauf war es, als haͤtten die letzten Worte der Bittenden einigen Ein⸗ druck auf ſie gemacht, denn ſie ſann eine Weile nach und ſprach dann ſanfter:„Du nenneſt 45 Dich ſelbſt eine arme Weiſe, der ich Gutes ge⸗ than, und das biſt Du, und Deine Verwand⸗ ten ſind duͤrftig wie Du und haben Dich ver⸗ abſaͤumt von Kindheit auf, ſo daß mich Dein jammerte und ich Dich aufnahm in mein Haus, wo es Dir an guter Pflege und Behandlung nimmer gemangelt. Auch bin ich zufrieden mit Dir, denn Du biſt ein anſtellig Maͤdchen und fleißig und geſchickt und treu und verſchwiegen dazu.“— „Und was haͤtte ich denn auch ſprechen koͤn⸗ nen,“ fiel das Maͤdchen mit herzlichem Tone ein,„hab ich doch niemals bei der geſtrengen Frau etwas Schlimmes geſehen, denn das, was Ihr wohl meinet und wobei ich Euch zur Hand gehe, iſt ja nichts Boͤſes; jede Herrſchaft hat ihre Art, wohl manche andere hier in der Stadt macht es wohl eben ſo, und geht doch nicht ſo ſchmuck einher als Ihr, und wer weiß,“ ſetzte ſie laͤchelnd hinzu,„was ich thaͤte, waͤre ich eine reiche Frau wie Ihr und in Euren Jah⸗ ren.“— Abermals zeigte ſich ein Schatten auf Ftau Bilſens Angeſicht, er glitt aber bald hinweg, und ſie ſagte freundlich wie zuvor:„Gewiß iſt's 46 nichts Boͤſes, wovon Du redeſt, doch darf nicht Alles in der Leute Mund kommen, denn ſie merken lieber auf den Splitter im Auge des Nachbarn, als auf den Balken im eigenen. Drum lobe ich Deine Verſchwiegenheit, denn es iſt eine große Untugend an einem Dienſtbo⸗ ten, wenn er aus der Schule ſchwatzet; auch lobe ich Dich, daß Du mit mir aufrichtig ge⸗ redet von den Albernheiten des jungen Burſchen, welcher lieber etwas lernen ſollte in der Welt, als Unfug im Hauſe ſeiner Wohlthäterin be⸗ ginnen; daran haſt Du gethan, wie es ei⸗ nem ehrbaren Maͤdchen geziemt, und ich miſſe Dich ungern um ſolcher guten Eigenſchaften willen.“— Johanne verſetzte mit einem kleinen Seuf⸗ zer, aber ſich beſcheidend:„Nun, wenn es nicht ſeyn kann, ſo will ich bleiben, ehe daß Ihr un⸗ gehalten auf mich werdet, geſtrenge Frau.“— „Mit nichten, mein Kind,“ antwortete dieſe gar nicht geſtreng, ſondern ſehr guͤtig;„ich will nicht, daß man mir aus Zwang diene, und ſo magſt Du denn gehen auf einige Zeit, wenn Du meineſt, es werde Dir nuͤtzen. Doch mußt Du vorher eine Stellvertreterin ſuchen in Deinem Dienſt bei meiner Perſon, damit ich Dich nicht allzuſehr vermiſſe fuͤr die Zeit Dei⸗ nes Urlaubs.“—„Die iſt ſchon gefunden,“ rief das Maͤdchen freudig;„da iſt die Jungfer, welche bei der fremden Baronin geweſen, die auf der Durchreiſe im Gaſthofe hier ſtarb. Sie iſt lange im Dienſte geweſen in der nahen Re⸗ ſidenzſtadt und weiß umzugehen mit dem An⸗ kleiden vornehmer Frauen, aber freilich—“ ſetzte ſie nach einer Pauſe kleinlaut hinzu und brach ab. „Und was iſt mit ihr?“ erkundigte Frau Beate ſich in ernſtem und wuͤrdevollem Tone;z „ich hoffe nicht, daß ſie mit den Geſchicklichkei⸗ ten eines hauptſtaͤdtiſchen Kammermaͤdchens auch die Sitten verbindet, die man ſolchen Schuld giebt. Dann wuͤrde es nichts damit ſeyn, denn ich will keinen Unfug ſolcher Art in meinem ehrbaren Wittwenhauſe.“— „O, damit hat es wohl gute Wege bei ihr,“ verſetzte das Maͤdchen halb lachend,„ſie iſt von Pocken zerriſſen und ſchielt auf beiden Augen, ich meine denn, ſie iſt gar zu haͤßlich, denn ſie hat noch einen Hoͤcker dazu.“ „Das iſt ſehr gut!“ fiel Frau Bilſen raſch 48 ein, dann aber ſetzte ſie, gleichſam ſich ver⸗ beſſernd, hinzu:„Das will ſo viel nicht ſagen, und ſie mag immer kommen. Nur warne ſie, daß ſie nicht plaudere, denn ich will nicht in das Gerede kommen, am wenigſten auf die ſpitige Zunge der Frau Buͤrgermeiſterin, welche ſich gern uͤber andere Leute aufhaͤlt, ob ſie gleich, funfzehn Jahr aͤlter als ich, einherſpaziert in Feuerfarb und Roſa, gleich der Fahne gemeiner Stadt.“— Nach dieſen, etwas ſpoͤttiſch geſprochenen Worten aber fuhr die fromme Wittib mit theilnehmender Milde fort:„Du biſt alſo wirk⸗ lich nicht wohl auf, armes Kind? Und wirklich ſcheineſt Du mir etwas bleich und hagerer denn ſonſt. Fahre drum nur fleißig fort, die Heil⸗ mittel zu gebrauchen aus meiner kleinen Haus⸗ apotheke; doch verlangſt Du ſelbige von nun an aus meiner Hand, zur beſtimmten Zeit, damit Du nicht etwa das Maaß uͤberſchreiteſt, auch nicht Andern davon gebeſt, denen ſie nicht nuͤtzen oder wohl gar ſchaden. Gehe nun, mein Toͤchterchen, und rufe mir den Schreiberburſchen, damit ich ihm ſeine Ungebuͤhr vorhalte und ihn heimſchicke zum Cornelius Nepos und zum 49 Woͤrterbuch und Luthers Katechismus, die eher fuͤr ihn taugen als Liebesnarrheiten.“— Auch erſchien der Beklagte alsbald, als er aber eben eintreten wollte, klang die Schelle des Vorhauſes, und der Senator Werzelius trat ein. Die ſchoͤne Wittwe begruͤßte ihn hold⸗ ſelig, dem Schreiber aber befahl ſie kurz und trocken, daß er ſich in einer Stunde wieder ein⸗ ſtelle mit ſeiner Arbeit; und als er drauf den Ruͤckzug nach Johannens Zimmer einſchlagen wollte, ward dieſer ein Wink, dem zufolge das gehorſame Maͤdchen ſeine Thuͤr hart vor dem Nachtreter in das Schloß warf. Der genannte Senator war ein Mann in den beſten Jahren, wie man zu ſagen pflegt, es ſchien indeſſen, als ſeyen fuͤr ihn bereits die voruͤbergegangen, welche eigentlicher ſo geheißen werden duͤrften, denn ſein Anzug, obgleich der Vorſchrift damaliger Mode voͤllig genugthuend, und ausgeſtattet mit all dem Prunke, welchen ſie dem Reichthum zur Schau zu legen erlaubt, taͤuſchte den Blick dennoch nicht gänzlich uͤber das Geburtjahr des zierlich Gekleideten, auch nicht uͤber Leiden und Freuden, die er erlebte, von jenem Zeitpunkte an, bis zu dieſem Jahr 4 50 unſerer Chronik. Die feine, wohlgeſteifte, eng anſchließende Halsbinde zwang nur auf beiden Seiten einen dunkelrothen Fleck auf das Antlitz, deſſen Grundfarbe die Befurchtung der Frau Buͤrgermeiſterin zu beſtaͤtigen ſchien; der Bril⸗ lant, der an derſelben glanzte, machte die Matt⸗ heit ſeiner Augen nur noch bemerklicher, und die Hand, welche aus dem weiten Ermel her⸗ vortauchte, ſo viel Ringe auch an ihr ſchimmer⸗ ten, war nichts deſto weniger etwas welk und knoͤchern. Doch machte das ganze Anſehn des Mannes und ſein Weſen keinen unangenehmen Eindruck; ſeine Geberde und ſeine Rede zeugten von Weltkenntniß und Ausbildung durch weite Reiſen und gute Geſellſchaft, und wiewohl ſeine Lippen ein wenig duͤrr waren und farblos, ſo deutete doch ihr Laͤcheln auf Wohlwollen und Gutmuͤthigkeit, welche ſich uͤberhaupt in ſeinen Zuͤgen ausdruͤckten. Er erwiederte Frau Beatens Willkommen nicht mit Anſtand allein, auch mit Waͤrme und Hingebung, doch war es, als wuͤrden dieſe durch eine Art Befangenheit gehemmt bis zu einem gewiſſen Grade; denn als er den Platz einnahm, den die Wittwe ihm bot, ſchwieg er 5¹ eine Weile, die Locken ſeines kuͤnſtlich nachlaͤſſi⸗ gen Haarbaues uͤber die eingefallenen Schlaͤfe ziehend, denen ſie fremd waren, und mit ſeinen Ringen ſpielend und ſeiner Uhrkette, als wolle er Haltung gewinnen fuͤr das folgende Geſpraͤch. Endlich begann er es mit dieſen Worten: „Ihr habt, verehrte Frau, mich zu Euch beſchei⸗ den laſſen durch einen Zettel, welchen ich geſtern erhielt und ſo komme ich denn zum zweiten Male bereits, Euern Wunſch und Begehr zu verneh⸗ men.“— „Es iſt ſehr guͤtig von Euch, Herr Senator,“ antwortete die Wittwe eben ſo verbindlich,„daß Ihr meine Bitte ſtattfinden ließet. Entſchul⸗ diget mich darum, daß Ihr mich nicht daheim gefunden; jeder Tag hat ſeine Beſchaͤftigung, die wichtigſte und unerlaͤßlichſte aber der Tag des Herrn. Ihr ſeyd wohl anderer Meinung, als ein vielgereiſeter, hochgebildeter Mann, Ihr werdet es aber der einfachen Frau zu Gute hal⸗ ten, wenn ſie an dem haͤlt, was ihr von Jugend auf troͤſtlich und befriedigend erſchienen.“— „Gewiß halte ich's der zu Gut,“ verſicherte er;„denn was auch meine Meinung ſey von dergleichen Dingen, ſo haſſ ich doch die Frei⸗ 52 geiſterei an Euerm Geſchlecht, weil ſie bei dem⸗ ſelben in Schlimmeres auszuarten pflegt, als bei uns, und es iſt damit wie mit dem Genuß geiſtiger Getränke, auf einer Seite oder der an⸗ dern. Wer moͤchte aber tadeln, wo, wie bei Euch, zur Kenntniß ſich die Ausuͤbung geſellt, zur Andacht die Menſchenliebe.“ „Ich weiß, Ihr ſeid mein Freund, Herr Senator,“ ſprach Frau Bilſen, ihm die weiße, weiche Hand reichend. Er fuͤhrte ſie an ſeine Lippen und ſprach darauf im Tone des Vor⸗ wurfes:„Wer aber ſo die Obliegenheit erfuͤllt, die fromme Gewohnheit ihm auferlegt gegen Gott und den Naͤchſten im Allgemeinen, ſollte er nicht ein Gleiches thun gegen den, der ein Naͤchſter iſt in noch engerer Beziehung?“— „Und haͤtte ich das jemals unterlaſſen?“ fiel ſie raſch ein und wie erſchreckt.„Sprechet, mein Herr, oder meinet Ihr gar, ich haͤtte ſol⸗ ches gegen Euch ſelbſt verſchuldet?“— Er antwortete nach einer Pauſe:„Wohl meine ich das. Ihr kennet die Empfindung, welche ich fuͤr Euch hege, Ihr kennet meine Abſicht, nichts als Eure Entſcheidung ſtehet dem im Wege, was Ihr und ich und viele Andere ſtatthaft und den Verhaͤltniſſen angemeſſen er⸗ achten, und doch zoͤgert Ihr mit derſelben, und ich muß heute hoͤren, was mich be⸗ fuͤrchten laͤßt, ſie werde verneinend ausfallen. Sprechet, ſollte ich das erwarten, nach dem, was Ihr mehr als einmal meiner Bitte zuge⸗ ſagt?“— Beate ſah einige Augenblicke wie betreten vor ſich hin, dann fragte ſie mit Nachdruck: „Ihr ſeyd mit der Frau Buͤrgermeiſterin zuſam⸗ mengetroffen in der Zwiſchenzeit, Herr Senator?“ — Dann fuhr ſie, ſein Schweigen fuͤr Be⸗ jahung nehmend, nicht ohne einige Schaͤrfe fort: „Was ich ihr auch geſagt haben mag, ſeyd ver⸗ ſichert, daß es nicht unverſtellt Euch zu Ohren gekommen. Die Frau iſt eine Poetin, und da meinet ſie denn, es ſolle Alles in der Welt her⸗ gehen, wie in ihren Idyllen und Romanen, wo man uͤber Berge und Thaͤler hinwegfliegt auf den Schwingen der Phantaſie. Ich aber meine, die Poeſie tauge fuͤr unſer Geſchlecht ſo wenig, als, wie Ihr ſagt, die Freigeiſterei und das Trinken. Bedaͤchtig muß eine Frau einhergehen, denn ſie iſt nicht ſtark, wie der Mann, umzu⸗ ſtoßen, was ſie etwa hinderte; um ſich muß ſie 54 ſchauen und auf ihren Weg, daß ſie nicht ſtrauchle; der gefallene Mann richtet ſich bald wieder empor, die ſtrauchelnde Ritterin aber wird zum Gelaͤchter der Welt. Dafuͤr“— fuhr ſie fort, ſich in ihrer Gedankenreihe gefallend—„da⸗ fuͤr hat denn die Poetin keinen Sinn; nothwen⸗ dige Umſicht und Bedenklichkeit, einer Frau ge⸗ ziemend in ſolchen Dingen, heißen ihr Be⸗ ſchraͤnktheit des Verſtandes, oder Eigenſinn, oder Abneigung; wie die verwuͤnſchten Prinzeſſinnen in ihren Balladen, ſoll man Decken hoch ſpringen und flugs und dreimal Ja ſagen, wenn Einer kommt und nach ihr ausſchaut; das war aber nicht die Sitte unſerer Muͤtter, die mir beſſer gefaͤllt. Aber die heutigen Frauen tadeln das und nennen es altfraͤnkiſch und laͤcherlich, vor⸗ nehmlich die Frau Buͤrgermeiſterin, welche in der Rathsſtube und dem Parnaß und den Leſe⸗ cirkeln einheimiſcher iſt, als zu Hauſe, und was ihr Euch, Herr Senator, von mir vorzubringen beliebte, das hat ſie, glaubt es mir, nicht ohne Abſicht gethan.“— „Wenn,“ rief der Erfreute und faßte aber⸗ mals ihre Hand:„wenn, was mir berichtet worden, von keiner andern Urſache erzeugt ward, 6 — 55 ſo bin ich getroͤſtet, ob ich ſchon ſolche Bedenk⸗ lichkeit uͤbertrieben nennen muß. Genuͤgt es nicht an einem Worte von Euch, jeglich Hin⸗ derniß zu beſeitigen, ſteht es nicht bei Euch, daß mein Wunſch und ſeine Erfuͤllung laut werde vor aller Welt, und kein Zweifel mehr zu befuͤrchten ſteht, noch uͤble Nachrede? Spre⸗ chet dies Wort aus und ich meine, Niemand in unſerer Stadt wird es an der Achtung man⸗ geln laſſen, welche meiner Gemahlin geziemet, weder Frau noch Mann, wes Namens und Titels ſie auch ſeyn moͤgen.“— Sie aber verſagte ihm ihre Rechte und ſprach aufgeregt weiter:„Und hat Eure Rathgeberin nicht hinzugefuͤgt, was ſie mir zu verſtehen ge⸗ geben, nicht ſo ſtatthaft ſey eine Verbindung zwiſchen uns, als Ihr es guͤtig vorausſetzet? Und ſie hat Recht, die Frau Buͤrgermeiſterin. Ihr ſeyd aus patriziſchem Geſchlecht, ich nur eines ſchlichten Buͤrgers Tochter und Mittelkaufmannes Wittwe; ein reicher Handelsherr ſeyd Ihr, mich macht die Verlaſſenſchaft meines Mannes hoͤch⸗ ſtens wohlhabend; Euch ward eine hohe Bil⸗ dung, bewandert ſeyd Ihr in der Welt, wie in Kunſt und Wiſſenſchaft, ich bin einfach erzogen und ſchlicht, ich habe meine jungen Jahre in dem Weichbilde dieſer Stadt verlebt und es niemalen verlaſſen, und mein Wiſſen beſchraͤnkt ſich auf das, was das Buch der Buͤcher mich gelehrt, und auf das, was einer ehrbaren Hausfrau zu⸗ kommt. Auch bin ich keine Dichterin, mein Herr, keine Verſe liefre ich fuͤr den Muſenal⸗ manach, wie der Frau Buͤrgermeiſterin Nichte, und ſo mag ſie denn mit Recht glauben, dieſe eigne ſich beſſer fuͤr einen Herrn wie Ihr, als die unbedeutende Frau Bilſen.“— Der Senator antwortete bekuͤmmert:„Wel⸗ cher duͤſtere Geiſt verſtoͤrt doch heut Morgen Euer ſonſt ſo klares Gemuͤth und fuͤhrt Euch ſo trugliche Bilder vor? Ich ſollte Euch zuͤrnen, daß Ihr mich einer Kleinlichkeit faͤhig glaubt, welcher man ſich abgethan in unſerer Zeit, und die beſonders dem uͤbel anſtehen wuͤrde, der un⸗ ſer weſtlich Nachbarland geſehn hat und die bri⸗ tiſchen Inſeln. Sind wir nicht eines Standes und mag Anderes als verjaͤhrtes Vorurtheil ei⸗ nen Unterſchied geltend machen, ſo unbedeutend hier, wo nicht die Rede iſt von Stiftspraͤbenden und Kammerherrnſchluͤſſeln? Ich bin reich, nun wohl, darum gerade braucht es meine Gattin 57 nicht zu ſeyn, und was Eurem Habe zum Reichthum mangelt, erſetzt eine beſſere Mitgift, die Wirthlichkeit, die man an Euch ruͤhmet, und deren Beiſtand ich, der verwoͤhnte Junggeſell, vor Allem bedarf. Ihr ſeyd keine Dichterin— nun Gott ſey Dank, daß Ihr es nicht ſeyd.— Eben ſo wenig als Ihr, mag ich die Poeſie ver⸗ tragen an einer Frau, zumal an der meinen. Zweierlei nur iſt anzunehmen, das Mittelmaͤßige iſt das Eine, und wer moͤchte wohl das NMittel⸗ maͤßige lieben, zumal es unaufhoͤrlich vor Augen habend und im Ohre, und vergeſellſchaftet mit den Anſpruͤchen der Eitelkeit? Die aber, welche ſie uͤberſtiegen, uͤberſteigt auch gemeinhin die Schranken ihres Geſchlechtes, verachtend blickt ſie auf die geringfuͤgige Pflicht, unbekuͤmmert, ob ihre Vernachlaͤſſigung dem nicht laͤſtig falle, der eine Genoſſin begehrte, nicht eine Goͤttin, welche lieber Weihrauch einathmet, als der Kuͤche trivialen Geruch.“— Nach dieſer Diatribe, bei welcher wir den Herrn Senator einiger Ueber⸗ treibung und Einſeitigkeit bezuͤchtigen muͤſſen, ſetzte er heiter und verbindlich hinzu:„Glaubet indeſſen nicht, theure Frau, daß das Dichten ſelbſt den poetiſchen Sinn bedinge, und umge⸗ 58 kehrt, Eines beſtehet gar oft ohne das Andere, und ſtaͤnde ſtatt mir die Frau Buͤrgermeiſterin Euch gegenuͤber, ſie wuͤrde, wenn ſie nur wollte, ſagen in ihrer beliebten Art: Was der Verſtand der Verſtänd'gen nicht ſieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemuͤth.— Laſſet denn dies Gemuͤth nimmer wieder, wie heut, von Wahnbildern verdunkeln.“— Nicht ganz hatte indeß dieſe gewinnende Rede die beabſichtigte Wirkung hervorgebracht, denn Frau Beate verſetzte kopfſchuͤttelnd:„Ihr ſehet mich mit allzupartheiiſchem Auge, mein Herr. Wird aber auch der Wahn von Dauer ſeyn, der Euch, fuͤrchte ich, eher umfaͤngt, als mich? Allzuſehr fuhle ich den Abſtand zwiſchen uns, um Euch ſpaͤte Reue zu bereiten und mir.“— Da ſtand der Senator auf von ſeinem Seſ⸗ ſel und ſagte bewegt:„Ich verſtehe Euch, Ma⸗ dame. Nicht Beſcheidenheit, die, ich geſtehe es, hier unſtreitig zu weit getrieben waͤre, etwas Anderes iſt es, das Euch meinen Wuͤnſchen ab⸗ geneigt macht. Ich konnte wohl ſagen, nicht alle Frauen dieſer Stadt wuͤrden meinen An⸗ trag verſchmaͤhen— doch was ich bieten kann, 59 hat in Euren Augen minderen Werth als in den ihrigen, und ich mag Euch darum nicht tadeln. Mit Gleichguͤltigkeit ſieht Euer beſchei⸗ dener Sinn auf die Stelle, welche Ihr in der Geſellſchaft einnehmen wuͤrdet an meiner Hand, zufrieden mit einer beſchraͤnktern Lage in lobens⸗ werther Maͤßigung, achtet Ihr des Reichthums nicht, den ich mit Euch theilen wuͤrde, und ſo ſehet Ihr nur den alternden Junggeſellen in mir, kein wuͤnſchenswerther Gegenſtand fuͤr die jugendliche Frau. Ihr ſcheuet Euch, Euer fri⸗ ſches Leben an das Lager des Kraͤnkelnden zu feſſeln: vielleicht iſt dieſe Furcht ungegruͤndet, denn ich wuͤrde geneſen in der Pflege einer treuen Genoſſin, welche keine Schaͤtze dem Einzelnen gewaͤhren, die Unſtaͤtigkeit, welche uͤber die Ju⸗ gendjahre hinaus mich begleitend, nachtheilig auf den Leib wirkt, wie auf den Geiſt, wuͤrde beſchwichtigt werden im haͤuslichen Frieden, deß ſchoͤnes Bild zum erſten Male recht lebendig vor mich trat, als ich Euch ſah. Doch ich verarge es Euch nicht, nur das, das muß ich beklagen, daß Ihr Hoffnungen erregtet, daß Ihr ſie un⸗ terhieltet, da Ihr doch geſonnet waret, ſie zu taͤuſchen.“— 60 Es war, als ob dieſe in ſeltenem Grade aufrichtigen, bei aller Empfindlichkeit gemaͤßigten und ſogar lobpreiſenden Worte das Herz der Wittwe trafen, oder wenigſtens die Strenge milderten, welche zu zeigen ſie fuͤr gut fand, denn ein Laͤcheln der Zufriedenheit erheiterte ihr Antlitz uud ſie antwortete im Tone ernſtli⸗ cher Betheurung:„Da ſeyd Ihr in einem gro⸗ ßen Irrthume, Herr Senator. Eine Andere moͤchte vielleicht Ruͤckſicht darauf nehmen, was Ihr von dem Zuſtande Eurer Geſundheit ſagt, doch ich gehoͤre nicht zu Solchen, waͤre es auch der Fall, wie ich nicht hoffe, und Ihr Euch wohl nur einbildet in manchen Stunden truͤber Laune. Iſt nicht gegenſeitige Sorgfalt das ſchoͤnſte Band zwiſchen Zweien, die vereint ſeyn ſollen fuͤr Freude und Leid, fuͤr Gluͤck und Ungluͤck, iſt ſie nicht beſonders des Weibes erſte Oblie⸗ genheit? Und wenn Ihr der meinen gar nicht beduͤrftet und in keiner Hinſicht, Ihr, der Ihr ſonſt ſo weit mir voranſtehet in jeglicher Weiſe, wie“— hier neigte ſich ihr Blick abwaͤrts und ihre Stimme ward weich und ſchwankend— „wie haͤtte ich dann Gedanken faſſen koͤnnen, denen, ich will es geſtehen, ich nur zu oft nachge⸗ 61 hangen in einſamen Stunden, wie haͤtte ich mir Empfindungen geſtatten duͤrfen, welche zu ſchwach ſie zu unterdruͤcken, ich dem, welcher die Herzen pruͤfet und regieret, oftmals dargelegt habe im Gebet?“— Sie hielt hier inne, er aber umfaßte kuͤhn in ſeiner Entzuͤckung den ſchlanken Leib und rief:„So iſt es denn wahr, woran ich bisher zweifeln mußte, was ich vor einem Augenblick erſt fuͤr Taͤuſchung hielt? O ſo ſaͤumet nicht, mein Gluͤck zu beſtaͤtigen, jetzt unter uns allein und bald, unvorzuglich vor der Welt. Nehmet mich auf mit meinen Fehlern und dem wenigen Guten, das ich Euren Tugenden entgegenſetzen kann.“— Noch immer mit geſenktem Auge fluͤſterte ſie:„Ihr ſeyd allzudringend, mein theurer Herr. Erſt zehn Monate iſt es, daß ich den Wittwen⸗ ſchleier trage, und es geziemt ſich nicht, ihn ſo zeitig zu luͤpfen, am wenigſtens der beinahe drei⸗ ßigjaͤhrigen Frau, welcher dann ſchwerlich ver⸗ ziehen wuͤrde, was hoͤchſtens die Jugend zu ent⸗ ſchuldigen vermag.“— „Theure, allzubedenkliche Frau!“— entgeg⸗ nete der Senator halb erfreut, halb klagend, 62 „ich kann nicht anders als ein Zartgefuhl billi⸗ gen, das ein neuer Buͤrge meines kuͤnftigen Gluckes iſt, doch meine ich, Ihr gebet demſelben allzuviel Ausdehnung. Zehn Monate Wittwen⸗ ſtandes, laſſet Euch ſagen, gegnuͤgen in den Augen der Welt, wie in denen des Ge⸗ ſetzes.“— „Unſern Vormuttern genuͤgten ſie nicht,“— erwiederte mit Feſtigkeit Frau Bilſen,—„und ich bin keine Freundin neuer Sitte, oder Un⸗ ſitte vielmehr. Es ſtehet nicht wohl an, daß der Menſch Alles thue, was er allenfalls thun könnte, am wenigſten aber einer Frau.“— „So laſſet uns denn wenigſtens thun, was kein Gebrauch hindert, weder alter noch neuer Zeit,“— bat er—„geſtattet, daß ich unſere Verlobung bekannt mache, daß unſere Freunde, auch wohl unſere Feinde erfahren, mir werde die lieblichſte und ſittigſte Frau der Stadt zu Theil. Ich ſehe mich gern ein wenig beneidet,“— fuhr er ſcherzend und verbindlich fort—„und dem werde ich nicht entgehen von Seiten ſo Man⸗ ches, welcher, wie ich gar wohl weiß, gern an meiner Stelle waͤre, und was Euch betrifft, mag man Euch wohl meine Perſon nicht miß⸗ 63 goͤnnen, vielleicht aber doch die eitle Zuthat, das große Haus, die Villa vor dem Thore, das voll⸗ ſtaͤndige Waarenlager, die Kapitalbriefe, und vor allen Dingen den Sitz in der Emporkirche des wohlweiſen Senats. Ihr ſehet, ich kann auch ruhmredig ſeyn,“— ſprach er weiter in der Freude ſeines Herzens—„und bitte Euch, mir zu Ge⸗ fallen auch nur ein klein wenig eitel zu ſeyn und zu eilen, daß ich Euch in unſern Kirchenſitz ein⸗ fuͤhren kann, damit die Frau Buͤrgermeiſterin Euch gar hoͤflich bewillkomme und mir Gluͤck wuͤnſche, freilich insgeheim ſich meiner Wahl verwundernd, die mich von der Poeſie ihrer Nichte zu einer liebenswuͤrdigern Proſa gefuͤhrt.“— Die Wittwe gab durch ein zufriedenes Laͤ⸗ cheln zu erkennen, auch ihr behage dieſe Vor⸗ ſtellung, dann aber ſagte ſie, plotzlich ernſt wer⸗ dend:„Und ſind wir denn auch wirklich ver⸗ lobt?“—— „Wie ſo?“ fragte der Senator beunruhigt. „Wir waͤren es nicht? Schon laͤngſt bekannte ich Euch meine Wuͤnſche und Abſicht; heut iſt Euch endlich das begluͤckende Wort der Gewaͤh⸗ rung entſchlupft: ſind beide Verheißungen nicht bindend fuͤr uns? Unabhaͤngig von Jeglichem 64 iſt unſer Thun, und unſer Wollen iſt frei, ſind wir nicht darum uns ſelbſt verantwortlich fuͤr Beide? Doch wohlan, laſſet uns gemeinſchaft⸗ lich durch die feierlichſten Schwuͤre——“ „Gemach, mein werther Herr, gemach!“ unterbrach ihn Frau Beate wiederum laͤchelnd. „Solche Schwuͤre ſtehen ſchon ſeit der Heiden⸗ zeit in argem Verruf. Laſſet uns aber uͤber ſo Wichtiges ein ernſtes Wort wechſeln,“— fuͤgte ſie bei, eine dazu geeignete Sprache und Hal⸗ tung annehmend.„Nicht gleich iſt in ſolchem Verhaͤltniſſe die Stellung des Mannes und der Frau. Leicht vergiebt die Welt Eurem Ge⸗ ſchlechte den Treubruch, ja ich habe ſogar ver⸗ nommen, daß man in der hoͤhern Welt ihn nicht nur gar gelinde tadle, ſondern ihn wohl gar belobe oder wenigſtens belache als die Heldenthat eines Mannes von gutem Ton, der Thoͤrin aber, die das Opfer derſelben geworden, fault das entwuͤrdigende Mitleid Eures Geſchlech⸗ tes und der Frauen Verachtung und Hohn⸗ Wehe dann ihr, wenn ſie nicht eine eherne Stirn hat und ein umpanzertes Herz, denn wenn druͤ⸗ ben gelacht wird, iſt das Weinen ihr Theil, wenn druͤben eine fluͤchtige Reue bald unter⸗ 65 geht im Geraͤuſch des Vergnuͤgens und der Ge⸗ ſchaͤfte, bleibt der Einſamen lebenslaͤnglicher Gram. Mein Herz iſt nicht umpanzert, Herr Senator, ich wuͤrde meine Stirn nicht erheben koͤnnen unter der Laſt ſolcher Schmach; Ihr aber, verzeihet mir, Ihr ſeyd bewandert in dem Treiben der großen Welt, unfehlbar habt Ihr auf Euren Reiſen oftmals geſehen, wovon ich ſpreche, Ihr habt es leichthin beurtheilen ge⸗ hoͤrt, vielleicht habt Ihr es Euch ſelbſt zu Schul⸗ den kommen laſſen hier und da, denn Euer eigner Mund zieh Euch der Unſtaͤtigkeit vor wenig Minuten.“— „Ihr beurtheilt mich ſehr ſtrenge, grauſam ſogar,“ klagte der Geſcholtene.—„Wenn mich auch einſt der Rauſch der Jugend irre gefuͤhrt hatte, verſtärkt durch fruͤhe Unabhaͤngigkeit und ererbten Wohlſtand, ſo iſt doch dieſe Zeit vor⸗ uͤber, wenn ich auch mitunter eine fluͤchtige Lei⸗ denſchaft, die ich fuͤr Liebe gehalten, aufgegeben habe, meinen Irrthum erkennend, ſo waren, glaubt mir, die Gegenſtaͤnde derſelben meiſt ei⸗ ner beſſern Empfindung unwerth, und beim Auseinanderſcheiden mindeſtens ſo leicht getrö⸗ ſtet, als ich ſelbſt. Koͤnntet Ihr aber glauben, 5 66 ich ſtellte Euch in eine Reihe mit dieſen, ich konnte thoͤricht ein Gluͤck verſcherzen, das ich, obwohl vielleicht es nicht verdienend, doch in ſeinem ganzen Werthe erkannt? Mißtrauet Ihr mir wirklich in ſolchem Grade?“— Die Wittwe erwiederte ſanft aber feſt:„Ich mißttaue Euch nicht, deß ſey das Geſtaͤndniß Zeuge, welches Ihr vernommen habt, doch moͤget Ihr mir auch Vorſicht, ja ein wenig Aengſtlich⸗ keit nicht verargen, bei dem, was das ganze Leben unſers Geſchlechtes umfaßt, waͤhrend es dem Euren hoͤchſtens als eine ſeiner ernſtern Er⸗ ſcheinungen gilt. Im Umgange mit Solchen, deren Ihr erwaͤhntet, habt Ihr den Sinn der Frauen nicht kennen gelernt, am mindeſten derer unter ihnen, welche die Pflicht im Auge hatten, das Gebot Gottes und ihre eigene Wuͤrde, Sol⸗ cher, zu denen ich zu gehoͤren glaube durch den Beiſtand des Himmels. Glaubet nicht, daß ein Herz, welches jene als Richtſchnur erkennet, darum weniger ein menſchlicher fuͤhlendes Herz ſey. Je enger die Schranken ſind, die jene Empfindungen umſchließen, je mehr gewinnen ſie an Kraft in ſich ſelbſt, je maͤchtiger werden ſie aufgeregt durch das, was dieſe Schranken 67 auf erlaubtem Wege uͤberſtieg. Vor einigen Stunden,“ fuhr ſie mit einem ausdruckvollen Blicke fort,„vor wenigen Stunden hätte ich meiner Hoffnung, meinen Wuͤnſchen, ſo lieb ſie mir auch geworden, zwar trauernd entſagt, aber doch hätte ich ſie aufgegeben, jetzt nicht mehr, jetzt, ich fuͤhle es, kann ich ſie nicht mehr aus meinem Hetzen reißen, ohne daß es ver⸗ blute.“— Geruͤhrt durch die Andeutung ſo zarten und doch lebhaften Gefuhls, geſchmeichelt durch ſeinen Bezug auf ihn ſelbſt, rief der Senator: „Ihr habt Recht, wie immer, und jedes Eurer Worte ſchmuͤckt meine Zukunft mit einer neuen Hoffnung. Ihr ſehet mich bereit, Euch zu will⸗ fahren, jetzt wie immerdar.— Sprechet nur, gebietet.— Wie vermag ich es, Eure Zweifel zu loͤſen und Euer Vertrauen zu gewinnen?“— „Und iſt es an mir, Euch das zu ſagen?“ gegenfragte die Wittwe mit gedaͤmpfter Stimme. Sch aber, ich weiß es,“ antwortete der Entzuͤckte.„Ich eile, zu verfuͤgen, was nothwen⸗ dig iſt zu dergleichen Vorhaben, und in wenig Tagen beſtaͤtigt die rechtskraͤftige Schrift eines Ehrenmannes ſein aus ganzem Herzen geſpro⸗ 5* 68 chenes Wort, daß Ihr Herrin ſeyd uͤber Alles, was er ſein nennt, uͤber ſein Habe, uͤber ihn ſelbſt!“—— „Vertrauen um Vertrauen,“— entgegnete ſie,—„nicht einſeitig darf ſolche Großmuth ſeyn, auch mich binde ein gleiches Verſprechen. — So geſchehe es denn und mit dem Ablaufe des Trauerjahres bin ich die Eure.“— „Braͤutigam und Braut!“ rief der Erſte, und:„Braͤutigam und Braut 1 wiederholte die Letztere leiſe in ſeinen Armen⸗ Da fuͤhrte er ſie zu dem Bildniſſe des verſtorbenen Bilſen und ſprach:„Hier vor dem Abgeſchiedenen laſſet uns das Buͤndniß ſchließen fuͤr Leben und Tod, iſt es doch, als freue er ſich, daß das, was ihm das Liebſte war auf der Welt, in die Hand desjenigen uͤbergehe, der Euch ein treuer und zärtlicher Freund ſeyn wird, wie er ſelbſt es ge⸗ weſen.“— Beate aber wandte ſich ſcheu ab⸗ waͤrts von dem Gemaͤlde, und fluͤſterte mit ſtok⸗ kender Stimme:„Laßt das, mein Freund, ich bitte Euch, mir iſt es vielmehr, als zuͤrne er auf mich, daß ich ſo fruͤh ſchon die Zuſage ge⸗ brochen, die ich ihm gab, ſein Andenken zu be⸗ wahren, daß ich die Pflicht der Hausfrau, die 69 ich gegen ihn geuͤbt in treuer Sorgfalt, nun gegen einen Andern uͤbernommen.“ Sie ſchwieg hier eine Weile, dann fuhr ſie aber gefaßt und heiter fort:„Doch dem iſt nun einmal ſo.— Wie kann auch der Menſch im⸗ mer dem Herzen gebieten? Da ich nun aber Jenem die Pflicht aufkuͤndigen muß, ſo laſſet mich ihre Erfuͤllung bei Euch antreten, und das ſogleich, denn jeder Augenblick, in dem ich ſolche verſäume, gilt mir fuͤr verloren. Laſſet mich Eure Pflegerin ſeyn, fur leibliche und gei⸗ ſtige Wohlfahrt;“ ſetzte ſie halb ſcherzend, halb gefuͤhlvoll hinzu—„ich meine, Ihr beduͤrftet ein wenig einer Solchen in Beidem.“ „Verfuͤget uͤber mich, wie Ihr wollet,“— antwortete der Senator,—„gedeihlich muß ſeyn, was aus Eurer Hand kommt und aus Eurem Munde.“— Sich allmaͤhlig den Kuͤſſen ent⸗ ziehend, mit denen er beide bedeckte, ermahnte ſie ihn:„Thut auch nur fein nach meiner Ver⸗ ordnung und ſeyd verſichert, Ihr werdet bald die Wirkung davon verſpuͤren, und in Kurzem werde ich Euch ſehen, wie ich wuͤnſche, wie es mir dazu beizutragen obliegt, nach dem, was heute geſchehen.“— 70 Als nun der freudige Verlobte auf Fluͤgeln der Liebe davon geeilt war, das Paradies ſeiner Zukunft um einen Preis zu erkaufen, welcher ihm ſehr gering daͤuchte, ſchien es, die Schließe⸗ rin ſo vortheilhaften Handels ſey nicht voͤllig mit ſich eins, ob ſie ſich deſſelben erfreuen ſollte oder nicht. In der That war ihre Freude nicht ſo groß, als man es nach der Erwerbung eines geiſtreichen, geachteten und rechtlichen Ehegatten haͤtte glauben koͤnnen, ſeiner Senatorenwuͤrde nicht zu gedenken und ſeiner viermalhunderttau⸗ ſend Thaler, wenigſtens ging ſie einige Minuten auf und nieder in tiefen Gedanken, und daß nicht alle derſelben ergoͤtzlich ſeyn konnten, be⸗ zeugte die oft ſich verfinſternde Stirn und das beinahe muͤrriſche„Wer da?“ welches ſie, ein leiſes Klopfen an der Thuͤr vernehmend, er⸗ gehn ließ. Als jedoch darauf das blondlockige Koͤpfchen jener Kleinen hereinſchaute, die wir eine oder zwei Stunden fruher in der Kirche geſehen, ward Frau Bilſens Angeſicht freundlicher; ſie rief der Schuͤchternen zu, daß ſie naͤher komme und ſtreichelte die friſchen Wangen des Kindes ſo liebevoll, daß ihre Scheu bald verſchwand, und 71 an die Stelle der aͤngſtlichen Miene bald ein heiteres Laͤcheln trat, und ein unbefangeneres Weſen. Sie fragte nach dem Befinden der Mutter und Geſchwiſter mit vieler Theilnahme, und da ſie aus den Antworten vernahm, die Krankheit der Erſten ſey wohl unheilbar, aͤußerte ſie ihr Bedauern auf eine Weiſe, welche genugſam zu erkennen gab, es ſey ein wahrhaft gefuͤhltes; wie ſie jedoch auf eben die Weiſe erfuhr, die Jugend⸗ kraft der Kinder kaͤmpfe noch wirkſam gegen ein Uebel, deſſen Urſach wohl nur Duͤrftigkeit war und die ſie begleitende Entbehrung, da ward ihr Blick heller und ſie verſprach der Kleinen, ihrer Geſchwiſter Pflegerin zu ſeyn, und wenn ſie, was wohl bald geſchehen muͤßte, Waiſen wuͤrden, Mutterſtelle bei ihnen zu vertreten. Auch ließ ſie es nicht beim bloßen Worte be⸗ wenden; ſie trat zu einem Schranke, dem gegen⸗ uͤberſtehend, aus welchem ſie fruͤher ihren Mor⸗ genimbiß genommen, wählte ſorgfaͤltig prufend einige Traͤnklein und Pulver aus der in ſelbi⸗ gem aufbewahrten Hausapotheke, und gab ſie dem Maͤdchen mit einer genauen Weiſung, wie die Kranken ſich derſelben bedienen ſollten, bis 72 „ ſie ſelbſt kaͤme und das Weitere verordne. Dann haͤndigte ſie der Dankbaren ein Paͤcklein mit Schei⸗ demuͤnze ein, bedauernd, daß ſie fuͤr jetzt nicht mehr thun koͤnne, und verſprechend, es werde dabei ſein Bewenden nicht haben. „O ſchon zu viel, viel zu viel!“ rief die Beſchenkte, ihre kleinen Schaͤtze eilig aber ſorg⸗ faltig zuſammenpackend— die guͤtige Frau aber erwiederte:„Nein, mein Kind, das iſt noch nicht genug, noch lange nicht, und ich muß noch weit mehr thun an Dir und Deinen Schwe⸗ ſtern und Bruͤdern. Schade nur, daß es, wie ich meine, bei der Mutter zu ſpaͤt iſt.“— „Es iſt doch ſchoͤn, reich zu ſeyn,“— ſagte die Kleine, durch die Freude und der Geberin Herablaſſung wortreich gemacht,„zumal wenn man wohlthaͤtig iſt, und nicht, wie die andern Reichen und Vornehmen, die Duͤrftigen verach⸗ tet. Solchen wird aber auch der Segen der Armuth zu Theil und ihr Gebet.— Ja, ge⸗ ſtrenge Frau, wir haben Alle ſchon fuͤr Euch gebetet, auch die Mutter, und das wird Euch zu Gute kommen, und der liebe Gott wird Euch wieder beſcheren, was Euer Herz erfreut und er wird Euch vergelten, denn die Mutter, wenn 73 ſie nun wohl bald zu ihm geht, wird bezeugen, was Ihr an uns armen Waiſen thut, und ſie wird Euch ſegnen noch von druͤben her, daß Ihr der Engel ſeyn wollet derer, die ſie zuruͤck⸗ laſſen muß in der Welt.“— Da ward das Antlitz der frommen Vitwe dunkler, als verletze ſolch Lob ihre Beſcheiden⸗ heit und ſie ſprach:„Laß das gut ſeyn, meine Tochter; es iſt zwar fein von Dir, daß Du dankbar biſt, aber ſolch Ruͤhmen verdient nicht, was ja die Pflicht gebeut und die Menſchen⸗ liebe. Auch mußt Du mich nicht einen Engel nennen, ſolcher Name iſt ſuͤndlich der gegeben, die eine mangelhafte Kreatur iſt, wie wir Alle. Doch ſieh', beinahe haͤtte ich Deiner ſelbſt vergeſſen; Du biſt nicht krank, und brauchſt keine Arznei, aber hungrig biſt Du wohl und bedarfſt der Nahrung?“ Eine bejahende Antwort auf dieſe milde Frage ſchwebte auf der Zunge des Maädchens, ſeine Wohlthaͤterin ließ es aber nicht zu derſelben kommen, ſie nahm aus dem noch offenſtehenden Behaͤltniß ein wohlausgebackenes Weizenbrodlein, belegte es reichlich mit friſcher, goldgelber But⸗ ter, und reichte es der Beduͤrftigen dar. Dieſe 74 verſchlang nun wohl mit den Augen den lang entbehrten Leckerbiſſen, auch griff ihre Hand raſch danach, doch nur, um es den uͤbrigen Gaben zuzugeſellen, und ihn, wie ſie ſagte, nach Hauſe zu bringen, vornehmlich dem aͤlteſten Bruder, der bereits ziemlich beſſer war, der an keinem andern uebel mehr leide, als am Hunger. Das aber verbot Frau Beate kurz und ent⸗ ſchieden, dergleichen, ſprach ſie, ſey keine Speiſe fuͤr einen Geneſenden, und was ſie heut Mor⸗ gen und jetzt empfangen, hinreichend, ihm eine paſſendere Erquickung zu bereiten. Da fand denn das Kind ſich in die angenehme Nothwen⸗ digkeit und die Geberin ſah mit zufriedenem Laͤcheln der eifrigen Arbeit zu, welche ſeine Perlenzaͤhne begannen, und als dieſe beendigt war, ward es entlaſſen mit Liebkoſung und freund⸗ lichem Worte und der Verheißung eines baldi⸗ gen Beſuches in der Huͤtte der Dürftigkeit. Es war, als erfreute das kleine Gluͤck, wel⸗ ches dieſer durch ſie geworden, die wohlthaͤtige Frau mehr, als das ungleich groͤßere, das ihr ſelbſt vor wenig Augenblicken zugefallen war, denn als ſie abermals vor ihre Hausapotheke trat, um ſie zu verſchließen, glaͤnzte Heiterkeit — 75 in ihren Augen und auf der faltenloſen Stirn, und ſie lächelte recht behaglich und ſelbſt zufrie⸗ den vor ſich hin. Abermals klopfte es darauf an der Thuͤr, ſie warf ſchnell die des Schran⸗ kes in das Schloß und ging zu oͤffnen. Es war der junge Schreibergeſell, welcher hier erſchien, um die Geſetzpredigt in Empfang zu nehmen, die ſeiner wartete. Es lag jedoch in ſeinem Benehmen nichts von der Scheu ei⸗ nes Schuldbewußten, nichts von der Demuth eines abhaͤngigen Gegenſtandes frommer Milde, aber auch in der Weiſe, wie die Wittwe ihn empfing, war wenig von der Strenge der be⸗ leidigten Wohlthaͤterin zu ſpuͤren und von ſit⸗ tenrichterlichem Ernſte. Er trat ziemlich zwang⸗ los ein und mit aller Sicherheit in Miene und Geberde, die man nur von einem Lohnſchreiber erwarten kann, bot der Bewohnerin des Ge⸗ machs, in beinah ſchmollendem Tone, einen gu⸗ ten Morgen, verfuͤgte ſich dann vor den Spie⸗ gel, bewunderte eine Zeit lang ſeine gedrungene Geſtalt und ſein bartloſes, jugendlich bluhendes Antlitz, ordnete den gewaltigen Haarſtrauß mit Huͤlfe der fuͤnf Finger, und warf ſich endlich geraͤuſchvoll gaͤhnend in einen Stuhl. 76 Dieſe kavaliermaͤßige Weiſe mochte Frau Bilſen wenig gefallen, ſie nahm einen wuͤrde⸗ vollen Anſtand an, und trat zu dem jungen Menſchen, ihm allerlei Vorwuͤrfe nicht ohne Heftigkeit machend. Er aber hielt nicht fuͤr gut, ſich bei ihrer Annaͤherung von ſeinem Platze zu erheben, erwiederte ihre Rede in aͤhnlicher, nur etwas ungehobelter Weiſe, fuͤhrte manche Klage uͤber die ſchlechte Zeit, uͤber den Auf⸗ wand, den ein lebensluſtiger Schreibergeſell natuͤrlich machen muͤſſe, und uͤber die Gering⸗ fuͤgigkeit der ihm dazu gewordenen Nittel, im⸗ mer bei dieſen Gegenſtaͤnden verharrend, ohne ſonderlich Acht auf die Vermahnungen zu ha⸗ ben, welche ſeine Wohlthaͤterin uͤber ſeine Le⸗ bensweiſe an ihn ergehen ließ, und vorzuͤglich in Beziehung auf Johannen. Ja, ſogar als ſie nicht ſogleich ein Ende finden konnte mit ihrer Sittenpredigt, lachte er etwas ſpoͤttiſch auf, ergriff ſeine Muͤtze und ſchickte ſich zum Weggehen an, mit der Verſicherung, er werde fortan nicht mehr beſchwerlich fallen. Da zeigte ſich Frau Beatens chriſtliche Nach⸗ ſicht in glaͤnzendem Lichte, denn ſie hat ihn zu bleiben, und als er trotzig und ungeſtuͤm be⸗ n harrte, hielt ſie ihn mit eigener Hand zuruck, entzog dem Widerſtrebenden die Muͤtze und ſprach einige Worte zu ihm, die den ergrimm⸗ ten jungen Leuen urploͤtzlich in ein ſanftes Lamm verwandelten, welches ihr gehorſam und ohne Widerſtand in ein Nebenzimmer folgte. Frau Bilſen mußte an der Abſchrift ihrer frommen Herzensergießungen nicht wenig aus⸗ zuſetzen gefunden haben, denn es waͤhrte ziem⸗ lich eine Stunde, bis der junge Geſell wieder herauskam. Er hielt ein Paͤcklein in der Hand, wog es einige Male mit derſelben, ſteckte es dann nachlaͤſſig in die Buſentaſche ſeines Klei⸗ des, und ging drauf, ohne ſonderlichen Abſchieds⸗ gruß, pfeifend von dannen. Die freigebige Wittwe mußte nicht beſon⸗ dere Freude haben an der Unterſtutzung, die ihre Guͤte wahrſcheinlich dem erblindeten Vater des Davongehenden zukommen laſſen, denn ſie ſchaute dieſem kopfſchuͤttelnd und mit zuſammen⸗ gezogenen Augenbrauen nach, ſtampfte drauf ein wenig mit dem Fuße und erhob die Hand mit drohender Geberde. Auch verſchwand ihre uͤble Laune nicht ſobald, denn ſie aͤußerte ſich noch in einigen ſpitzen und herriſchen Worten 78 an Johannen gerichtet, welche mit der Meldung herein kam, Herr Goldenbaum, der Geſchaͤfts⸗ makler, ſey draußen⸗ Herr Eſaias Goldenbaum hatte erſt in ſei⸗ nem 5öſten Jahre das Bad der heiligen Taufe erhalten, es war alſo nicht befremdlich, wenn daſſelbe alte, waͤhrend ſo langer Zeit tief ein⸗ gewurzelte Neigungen und Gewohnheiten nicht mit einem Male gaͤnzlich hinweggeſchwemmt hatte. Er war, wie viele ſeines Gleichen, weder Chriſt noch Iſtaelit, von beiden Theilen gehaßt und im Ruͤcken verunglimpft, aber von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht oftmals belobt und geſchmei⸗ chelt, denn er war reich. Ob er nun ſchon das Erſte recht wohl wußte, troſtete er ſich daruber gar leicht mit dem Zweiten, auch hatte er es gar nicht Hehl, wie er nicht durch ploͤtzliche Er⸗ kenntniß oder irgend eine hoͤhere Offenbarung aus einem Saulus ein Paulus geworden, ſon⸗ dern lediglich in der Abſicht, gewiſſer burgerlicher Vorrechte theilhaftig zu werden, welche die Ver⸗ faſſung jener Stadt den Genoſſen ſeines fruhe⸗ ren Glaubens verſagte. Um dieſe nun zu ge⸗ nießen, hielt er fur unnoͤthig, ſich der Sprache und der Kleidung abzuthun, die ihm ſo lange ———— 79 eigenthuͤmlich geweſen; der Sinn ſeiner Worte und ihre Ausſprache waren noch ziemlich alt⸗ teſtamentariſch, nur daß er, wo er es fuͤr zweck⸗ maͤßig hielt, mit Betheurungen aus dem neuen Bunde verbraͤmte, und von der Prunkliebe und Zierlichkeit mancher Neophyten war an dem ab⸗ geſchabten Roͤcklein und der vergelbten Peruͤcke nicht das Mindeſte zu gewahren. Liebenswuͤrdig war Herr Goldenbaum ſchwer⸗ lich zu nennen, aber doch nicht ſelten gern ge⸗ ſehen, zumal unter gewiſſen Umſtaͤnden; denn wie geſagt, man wußte, er ſey reich, ohne recht beſtimmen zu koͤnnen, wie er es in den fuͤnf Jahren, ſeit ſeinem Eintritt in die chriſtlich⸗ proteſtantiſche Kirche, geworden. Sein eigent⸗ liches Geſchaͤft war das eines unvereidigten Maklers, doch meinte man, dieſes nehme ſeine Zeit nicht allein hinweg. Man fand bei ihm im Stillen mancherlei Koſtbarkeiten zu Kauf, ob er gleich kein Gewoͤlbe aufgethan, verſorgten mehre Frauen ſich durch ihn mit auslaͤndiſchen, zollftei gebliebenen Stoffen, auch wohl mit Spitzen, Perlen, Gdelſteinen und anderem Schmuckwerke; es ging ſogar die Rede, er ſey fuͤr Geld und gute Worte dem ſchoͤnen Ge— 8⁰ ſchlecht auch fuͤr andern Bedarf beiraͤthig, den jungen Herren der Stadt aber mit allerlei Ge⸗ fälligkeiten gegen Pfand oder hohe Zinſen. Eine Eigenſchaft, welche er in hohem Grade beſaß, empfahl ihn ſeinen Kunden und vermehrte die Anzahl derſelben; es war die Verſchwiegenheit und nur ſelten wich er von derſelben ab, nur dann, wenn nach vielfaͤltigen theuern Prolon⸗ gationen ein Schuldner ſich unfaͤhig befand, das zwei Mal ſchon entrichtete Kapital nebſt Zinſen noch zum dritten Male zu zahlen, wo denn ein ſolcher freilich vor Gericht, zu einiger Schaͤdigung an ſeiner Ehre, Vermögen und Freiheit von dem unverzeihlichen Unrecht uber⸗ zeugt werden mußte, das er einem bereitwilli⸗ gen Helfer und uneigennuͤtzigen Manne ſchnoͤ⸗ der Weiſe zugefuͤgt. Eben aber, wie er es ver⸗ ſtand, ſein Thun und Treiben der Aufmerkſam⸗ keit zu entziehen, eben ſo ſchwer entging der⸗ ſelben das Geheimniß Anderer, wenn es aus⸗ zuſpuͤren ihm forderlich ſchien. So war der Mann, der eben mit einem halb nachlaͤſſigen, halb unbeholfenen Buͤckling bei Frau Beaten eintrat. „Was ſteht dem werthen Herrn Goldenbaum 81 zu Dienſt?“ fragte ihn dieſe mit der lieb⸗ reichſten Miene, welche ihr zu Gebote ſtand. „Wie ich hoͤre, habt Ihr ſchon einmal vorge⸗ ſprochen heut fruͤh zur Zeit des Gottes⸗ dienſtes.“— Er aber legte bedaͤchtig das kahle, dreige⸗ eckte Huͤtlein auf eine Ecke des Tiſches, welche er vorher durch Blaſen ſorgfaͤltig geſaͤubert hat⸗ te, dann raͤusperte er ſich und verſetzte:„Wohl bin ich heute dageweſen und geſtern und vor⸗ geſtern, und vor acht Tagen, und ich bin jetzt wieder hier zum allerletzten Mal. Was ich will? Ich will, was ich gewollt habe ſchon lange Zeit und nimmermehr gekriegt, mein Geld will „Wie thut es mir doch leid, Euch heut nicht befriedigen zu koͤnnen,“— hob die Wittwe be⸗ dauernd anz er aber fiel ein:„Leid? So ich leben ſoll, es thaͤte mir leid noch weit mehr. Als ich aber will, daß es mir ſoll nicht leiden thun, bleibe ich hier ſitzen, bis ich kriege mein Geld.“— und mit dieſen Worten ließ er ſich nieder auf dem Stuhl, eben ſo ohne Umſtaͤnde, als der junge Geſell, der ihn kurz zuvor inne gehabt.„. 6 82 Frau Beate ging verlegen auf und nieder und augenſcheinlich einem Mittel nachſinnend, ſich des unwillkommenen Gaſtes zu entledigen, dann, als habe ſie es gefunden, ſtand ſie ſtill und ſprach:„Bedenket Ihr denn nicht, Herr Goldenbaum, daß heut Sonntag iſt? Das weltliche Geſetz verbietet an ſolchem, ſeinem Ge⸗ ſchaͤft nachzugehen, das Gebot der Religion aber ſpricht, du ſollſt den Feiertag heiligen.“— „Geſtern war nicht Sonntag,“ lautete der Beſcheid,„und kein Feiertag war vorgeſtern, und doch habe ich nicht mein Geld gekriegt; ſo will wohl die geſtrenge Frau am Wochentage nicht bezahlen und den Sonntag gar nicht? Das Geſetz? Was thue ich mit dem Geſetz Will ich ſie doch nicht verklagen am Sonntag und auch nicht auspfaͤnden, am Montag aber thue ich es, ſo ſie mir heute nicht giebt mein Geld. Das Gebot verwehrt mir nicht, daß ich meinen Eſel ziehe aus dem Brunnen am Sab⸗ bath, ſo ek hineingefallen, und fuͤr das, was ich will von der geſtrengen Frau, kann ich, als ich lebe, wohl kaufen hundert Eſel. Und die Juſtiz und die Religion kann mir nicht ver⸗ wehren, daß ich rede alle Tage um mein Geld. — * 83 Wie wird es denn alſo? Heut iſt Sonntag ge⸗ wißlich und gewißlich iſt morgen Montag, und da kommt die hochlobliche Juſtiz, und ſo ſie nicht kommt, ſo thue mir der Gott Abrahams, wollt' ich ſagen, der Herr Chriſtus thue mir dies und das.“— „Ich ſehe, Ihr haͤngt noch ſehr am juͤdi⸗ ſchen— verſetzte Frau Beate in ſtrafendem Tone—„und ſolches muß mich zwiefach betruͤben, da ich Euch, wie Ihr wiſſet, durch gottſelige Ermahnung zuerſt und vor allen Andern auf den Weg des Heiles ge⸗ fuͤhrt.“— „Mein,“ antwortete der Neophyt:„der Weg iſt ſo übel nicht, und wir Beide haben gar gut gethan, Ihr, daß Ihr ihn mir gewieſen, ich, daß ich gegangen bin, denn die geſtrenge Frau hat davon gar große Ehre gehabt und ich manch Profitchen. Als ich lebe,* iſt gut fur uns Beide, fuͤr ſie, daß ſie iſt eine gute Giſtin, fuͤr mich, daß ich bin ein guter Chriſt.“— „Ich furchte, das Erſte iſt nicht der Fall;“ — antwortete Beate mit verfinſterter Stirn— „waͤret Ihr ein wahrer Bekenner des Chriſten⸗ thumes, ſo wuͤrdet Ihr auch die Pflicht der „ 6 „* 84 Dankbarkeit gegen Die beobachten, die Euch zum Eintritt in daſſelbe bewogen.“— „Bewogen?“ fragte er wiederholend.„Weiß ich doch, was mich hat bewogen, weiß ich doch, was manch Andern bewegen thut, daß er fromm thut und gottſelig. Undankbar ſoll ich ſeyn; iſt der Goldenbaum geweſen undankbar, iſt er nicht immer geweſen zu Hauſe, wenn die Flau Bil⸗ ſen hat noͤthig gehabt a Stuͤckle Atlas oder Sammet, wovon der ſelige Herr nichts wiſſen ſollte, oder e Perlenſchnur oder gar e Dutzend Ligedor zu'nem Liebeswerk? Mein, denk' ich doch, es iſt nun Zeit, daß die Frau auch ein⸗ mal iſt nicht undankbar.“— Frau Bilſen nahm wiederum den Lehrt an, erwiedernd:„Welcher Unterſchied 2 zwiſchen ſo kleinen Gefälligkeiten, die Ihr mir erzeigt habt, Herr Goldenbaum, und dem Dienſt, welchen ich Eurer unſterblichen Seele geleiſtet! Zwar iſt Euer Sinn nicht genugſam gelaͤutert, ihn zu wuͤrdigen, doch geſteht Ihr ja ſelbſt die zeitlichen Vortheile ein, welche Euch erwachſen ſind durch Eure Aufnahme in den Chriſtenbund, deſſen Zeugin ich war als Eure Pathe. Wiſſet Ihr auch, was ſolche geiſtliche * 8⁵ Verwandtſchaft auf ſich hat, daß ich Buͤrgin bin fuͤr Euer chriſtlich Denken und Handeln, und gewiſſermaßen verantwortlich dafuͤr, gleich einer Mutter? Und gegen mich,“— fuhr ſie mit eindringendem Tone fort—„gegen mich gerade wolltet Ihr den halsſtarrigen und ver⸗ derbten Sinn Eurer ehemaligen Glaubensge⸗ noſſen bewähren 20— „Mutter?“— gegenfragte Eſaias abermals nach ſeiner angeerbten Weiſe:—„War ich doch ſchon ein huͤbſch Kind zu der Zeit von ein funf⸗ zig Jahren und druͤber, und brauchte fur mich zu antworten gar Niemand, und war ich, als ich vom Taufbecken hinwegging, doch ein ſo Chriſt, wie ich heut bin und wie noch ndere mehr. Und hab' ich damals ſchon ge⸗ wußt, daß geſchrieben ſtehet: was du willſt, daß dir die Leute thun ſollen, das thue ihnen wieder; das heißt: wenn dich die Leute bezah⸗ len ſollen, ſo ſollſt du auch bezahlen die Leute. Meine Pathe iſt die geſtrenge Frau; ſo muß ſie mir fein ein gut Exempel geben mit der That, damit ich mich danach richten thue. Nu, zum Exempel, werd' ich kriegen mein Geld?“— „Ich habe es Euch ſchon geſagt,“— ent⸗ * 86 gegnete die Gepeinigte,—„Ihr habt Eure Zeit ubel gewaͤhlt, denn ich bin jetzt nicht im Stande zu zahlen.“—„Und wenn kommt denn die gute Zeit, und wenn iſt die geſtrenge Frau im Stande? Auf den Nimmermehrstag wohl gar? Hab' ich doch geſtudirt den lutherſchen Kalender, wie den iſraelitſchen dazu“— fuhr er fort, im fortlaufenden Redeſtrom immer haͤufiget in die angeborne Ausſprache zuruͤckfallend:—„und auch den katholiſchen hab' ich geſtudirt, und habe nicht gefunden den heiligen Sankt Nimmer⸗ mehrstag in gar keinem. Ne, ne,'s iſt die rechte Zeit heute; hat die geſtrenge Frau doch geſtern gekriegt die Pacht von dem Garten, und ſe kann mer geben e Wartegeld, und wenn ech das Geld von de Pacht, will ech noch warten— drei Tage.“— „Wie koͤnnt Ihr auch ſo dringend ſeyn,“— unterbrach ihn Frau Bilſen mit Stolz und Un⸗ willen,—„da Ihr doch wiſſet, daß ich noch Grundſtucke beſitze, und uͤberhaupt mein ver⸗ ſtorbener Herr mich in guten Umſtänden hinter⸗ laſſen?“— „Ich weiß, ich weiß,“— antwortete der Hartnaͤckige,—„der verſtorbene Herr hat gehabt „ 87 eine feine buͤrgerliche Nahrung, und iſt zufrie⸗ den geweſen mit dem, was em der Himmel beſchert. Die Frau iſt aber nich zufrieden ge⸗ weſen,“ ſetzte er ſpoͤttiſch hinzu;„nicht mit dem Manne und mit der Nahrung gar nicht. Hat ſe nicht Schulden gehabt ſchon bei ſeinem Lebs⸗ tagen? Iſt ſe mer nich ſchuldig geweſen vier⸗ tauſend Gulden, und dem Moſes nicht viel weni⸗ ger und der alten Sabine, die nun todt iſt, Gott ſey gedankt! die alte Wucherin, die ehr⸗ lichen Leuten das Brod wegnahm vor dem Maule? Und hat ſe den Moſes lnich bezahlt und de Sabine, und hat ſe mich nich ooch bezahlt von de Erbſchaft?“— „Wenn ich es damals gethan,“— bemerkte die Wittwe,—„ſo koͤnnet Ihr mit deſto mehr Zuverſichtlichkeit glauben, es wird wieder ge⸗ ſchehen.“— „Soll ich leben, die Frau hat Recht;“— rief der neue Chriſt—„wer einmal bezahlt hat, ſoll auch bezahlen ein andermal. Aber was iſt geworden bezahlt, iſt nich mehr do, und ich will mein Geld haben von dem, was noch do is, und nich was ſe ſchon weggege⸗ ben an de Andern un an mich. Die Frau hat doch geſtern geſchickt gekriegt de Pacht von dem Garten; iſt die auch weg? So wahr ich bin ein ehrlicher Mann, es darf nich gehen in der Stadt a Groſchen von ener Straße in de an⸗ dere, as ich nich weeß, wo er herkommt und wo er thut hingehn. Daß mer bleiben bei unſrer Rede, wo is geblieben dos Geld von de Pacht?“— Die Wittwe verſetzte, im Tone tief empfun⸗ dener Demuͤthigung:„Ich brauchte Euch dar⸗ uͤber keine Rechenſchaft abzulegen, Herr Golden⸗ baum; da Ihr jedoch ſo ſehr auf die kleinen Verbindlichkeiten trotzet, die ich gegen Euch habe, ſo will ich Euch ſagen, daß ein Theil dieſer Einnahme fuͤr nothwendigen Bedarf aufgegan⸗ gen iſt, das Andere aber fur Liebeswerke, an der Armuth verrichtet, fuͤr die Ihr freilich keinen Sinn habt, obſchon Ihr Euch einen Chriſten nennet.“— „Nothwendig?“ entgegnete Herr Eſaias mit haͤmiſchem Laͤcheln:„Mein, der Eine hat das nothwendig, der Andere Jenes. Liebeswerke an der Armuth? Nu is mer jetzt an der Haus⸗ thuͤr begegnet de Armuth, und de Armuth hat gepfiffen e Schemperlied und ſah gar verwegen 89 und luſtig drein, und ſie hat gehobt die Muͤtze auf'm Ohr und e großen maͤchtigen Buſenſtreif, und zwiſchen'm Buſenſtreif hat ſe gehobt ene Tuͤte mit Geld, und de Tuͤte hot, ſoll ich leben, ausgeſehen grode as dos Geld von de Pacht.“— Frau Bilſen wandte den finſtern Blick ab⸗ waͤrts, und haͤtte ſich nur die mindeſte Veraͤn⸗ derung ihrer Geſichtsfarbe gezeigt, ſo haͤtte man glauben muͤſſen, ſie ſey betreten und verwirrt, denn erſt nach einer Pauſe ſprach ſie mit ſchwan⸗ kender Stimme:—„Nicht doch; wenn Ihr den Burſchen meinet, der eben von mir herauskam, ſo habe ich ihm freilich das geringe Almoſen eingehaͤndigt, das ich von Zeit zu Zeit ſeinem blinden Vater ertheile.“— Und abermals wiederholte der ehrliche Ge⸗ ſchaͤftsmann:„Gering? Siis, ſo wohr mer Gott helfe, gor a feines Almoſen, de gonze vierteljährige Pacht von e Garten, der groß iſt drei Morgen, do fuͤnfhundert Baͤume ſteihn un ſechsundſiebzig dazu un e Gewaͤchshaus. Der Vater is blind! Nu, wer weiß denn nich, daß er is blind geworden von dem Grog und Ge⸗ never, den er hat hintergeſchluckt ene Nacht und 90 alle, wenn er hot de Metrauſen ufgeſpielt uf der Fidel. Der Sohn is ober gor nicht blind, der hot klare Auͤglein, die brennen wie's pure Feuerz der Vater hot ein ganz Kupferbergwerk im Geſicht und kenen Kreuzer im Sack, der Sohn hat a Antlitz, wie Roſenfarb uf Milch⸗ weiß, do kommt em denn das Silber in de Taſche, er weiß ſelber nich wie. Un fliegt auch wieder raus, wie es iſt gekommen gegan⸗ gen, und ſie werden ſchon fertig werden mit dem Almoſen, der Alte im Branntweinhauſe, der Junge im Weinkeller und auf dem Tanz⸗ ſaal und bei den Maͤdchen, denn mer muß ſogen,'s is a feiner Burſch, der den Weibs⸗ leuten wohl kann gefallen. Nu, was geiht es mich on? Hab' ich doch geſogt, dem Enen is dos nothwendig und dem Andern wieder wos Andres.“— 7 Es war an der Haltung der ſchoͤnen Wittwe zu bemerken, daß dieſe letzte Mittheilung Eſaias Goldenbaums ihr nicht ergotzlicher daͤuchte, als die vorhergehenden, und ſie erwiederte mit dem Ausdruck gekraͤnkten Wohlwollens:„Auch mir iſt Mehres zu Ohren gekommen von der uͤbeln Anwendung meiner Gutthaten, dieſen Leuten er⸗ 3 9¹ zeigt, und da Ihr mir es beſtätigt, bin ich ge⸗ neigt, meine Hand abzuziehen von ihnen. O,“ fuhr ſie klagend fort,„o wie ſo arg iſt doch die Welt, und man ſollte ſein Herz verſchließen vor den Klagen der Duͤrftigen, wenn nicht, was man dem Geringſten thut, nach dem Worte der Schrift, dem Herrn gethan waͤre, deſſen Vergeltung nicht ausbleibt, wie der Dank der Menſchen.“— Dieſe gottſelige Anmerkung glitt ab von dem verhaͤrteten Ueberlaͤufer der moſaiſchen Re⸗ ligion, denn er antwortete in der vorigen Weiſe: „As ech bin en ehrlicher Mann, ſo hot de ge⸗ ſtrenge Frau immer Ungluͤck gehobt un Verdruß mit de Armuth. Do is geweſen der, der is gekommen zu geihn vor dem, welcher jetzt kommt un geiht, der is nich mehr gekommen, wie er hot gekriegt genung Almauſen, er hot ſich ge⸗ nommen'ne Schickſel und hot ſich gekauft a Haͤuschen und'ne Bleichſtelle dazu, er is e gemachter Mann, und frogt nach der Frau Bilſen gar nichts. Un der, der hat gekriegt das Almauſen, wie der Herr Gemahl noch war uf en Beenen, der iſt gelaufen unter die Kum⸗ medjente un is, wie mers heißt, Derekter von ene Bande, un will wiſſen gor niſcht von de Frau Bilſen. Und da is der, der is geweſen zwiſchen de zwee Beede, der haͤtts auch wohl gemacht nich anders, waͤr er nicht geworden capores, un wie e Schotten vergongen un ge⸗ ſtorben uf e Mol. As ich lebe,'s is e ſchain Ding um de chriſtliche Liebe.“— Frau Beate richtete das große glaͤnzende Auge ſtarr auf den Sprechenden; als ſie in ſei⸗ nen uͤbelgeformten Geſichtszuͤgen immer den fruͤheren haͤmiſchen Ausdruck wahrnahm, biß ſie auf die roſige Lippe und ſprach bewegt, aber mit Nachdruck und einiger Feierlichkeit:„Ja wohl iſt es um die chriſtliche Liebe etwas Schoͤ⸗ nes, und ich will nicht von ihr laſſen, ſo mich auch Undankbarkeit trifft und uͤble Nachrede ſo⸗ gar. Denn Gottes Gebot geht uͤber Menſchen⸗ urtheil, und da mir der Himmel eigene Kinder bis jetzt verſagte, will ich ſeyn und bleiben was ich war, die Mutter der Waiſen, und ich denke, Gott wird mir helfen.“— Da ſtarrte ſeinerſeit Herr Eſaias ſie an mit alberner Verwunderung, die ſich ſeltſam aus⸗ nahm in dem liſtigen Geſicht, ja mit einer Art von Erſchrecken, als ſey, was er vernommen, 93 ganz unerhoͤrt, oder die vor ihm Stehende eine ſeltene befremdliche Erſcheinung, und es dauerte eine Weile, ehe er, dem Spott in ſeinem Tone einige Ungeſchliffenheit beimiſchend, verſetzte: „Nu, wenn der liebe Gott helfen will, ſo mag er es bald thun, denn ech denke,'s is grode Zeit. Und wenn er will helfen zu Kindern, ſo mag er es, thut es mer doch gor niſcht, un's konn wohl ſo kommen, wer weiß?— De Mutter von de Waiſen is de geſtrenge Frau Bilſen? Nu, ech bin ach ene Waiſe, is mein Voter doch taudt zweeundvierzig Jahr. Was ober die andere Waiſen von er kriegen thun, das will ech gor niſcht, ech will niſcht als mei Geld, und ech wer' es kriegen, denn is dos Geld nim⸗ mer do von de Pacht, ſo is doch das Geräth noch do, wos ſe mer verſchrieben ſchwarz uf weiß uf e Peppier. Wos thu' ech ober mit e Peppier, ech will kee Peppier niſcht, ech will de Moͤbel morgendes Tags.“— Und drauf be⸗ gann er dieſe vorlaͤufig zu muſtern, und wie er in der letzten Rede vollig zurückgefallen war in den Sprachgebranch des Volkes, dem er ent⸗ ſproſſen, ſo zeigte er waͤhrend dieſer Beſchaͤfti⸗ gung, daß ihm ſeine Geſchaͤftsweiſe eben ſo 94 wenig fremd geworden, denn er murmelte vor ſich hin:„E Kenepee, wohl ſtark gebraucht un eingedruckt uf ener Seite, doch mag es immer noch werth ſeyn— zehn Guͤlden.“— Und ſo fuhr er, ohne auf die ſich allgemach entruͤſtete Frau zu achten, in der ſonderbaren Abſchaͤtzung fort, bis er an das Bild des verſtorbenen Gat⸗ ten kam. Da legte er ſeine Larve in gar ſelt⸗ ſame Falten und ſprach:„E Pertret. Der Rohm iſt gor fein un verguͤldet, ſo will ech en denn nehmen zu vier Guͤlden, den Gemohlten aber, nich wohr, gebt Ihr mer wohl umſonſt in'n Kaaf?“— Da rief die Wittwe zornig und bitter: „Gehabt Ihr Euch doch, als waͤre das Alles Euer Eigenthum; ich aber ſage, nicht mit einem Finger werdet Ihr beruͤhren am wenigſten dies Bild, ein Denkmal der Erinnerung an meinen ſeligen Herrn.“— Herr Goldenbaum greiflachte und ſprach: „Niſcht mit e Finger? Na mer werden ſehn, mer werden ſehn gar allerlei. Dos Bild ober, ſchaut es doch eppes on das Bild, is er doch gor freundſelig obgemohlt un liebreich, der taudte Herr Bilſen. Wor er doch gor 95 niſcht ſo freundlich, wie er is lebendig geweſen, zumol wie ich kam gegangen zu'm un wollte hoben de Rechnung bezohlt von de Frau, und wie ich nich wollte geben den Sommet der Frau, bis ich nich haͤtte mei Geld, un er niſcht wollte bezohlen den Sommet un gar niſcht. Mein, ſieht er doch aus wie a Appel ſo rauth, er is aber auch geweſen ſo rauth wohl ein Tog oder zehn, ehe es aus war mit nem, un doch hot er muͤſſen druf geihn. Nu ſau gſchiehts uf de Welt, heute rauth morgen taudt. Nuͤ wos, ſchaut de geſtrenge Frau den Seligen doch gor niſcht on, doß mer moͤcht denken, ſe macht ſie aus nem niſcht ſe viel as ſe will, doß mer ſoll globe. Geb ſen immer her, ich meyn, er mocht ſich aach gor niſcht draus, doß r hier haͤngt.“— Wirklich hatte ſich nach einigen Verſuchen, dieſem verworrenen Geſchwaͤtz Einhalt zu thun, Frau Bilſen abgewendet von dem Sprechenden, jetzt aber unterbrach ſie ihn mit den ſtolz und verächtlich geſprochenen Worten:„Genug, Mei⸗ ſter Eſaias Goldenbaum, genug habt Ihr Eu⸗ rer Frechheit Raum gegeben, doch wenn Ihr meint, Euch ſolches mit einer verlaſſenen Wittwe 96 erlauben zu koͤnnen, werdet Ihr auch wagen, der Braut des Senators Werzelius auf dieſe Art zu begegnen?“— Der Goldklang dieſes Namens fiel gewich⸗ tig in des Mammonknechtes Ohr; er horchte hoch auf und rief mit Erſtaunen:„Wos ſoll mer dos? Der wauhlweiſe, der reiche Herr Se⸗ nater Werzelius? De Braut? Gotts Wunder!“ — Dann aber ſetzte er kopfſchuͤttelnd hinzu:— „Ech glob's ober niſcht, mer hot wauhl davon gemunkelt allerlei, ober ich glob's doch niſcht.“— Noch beleidigter entgegnete Frau Bilſen: „Auch kommt wenig darauf an, guter Freund, ob Ihr es glaubt oder nicht, genug iſt es, daß wir uns vor einer Stunde verlobt haben auf dieſer naͤmlichen Stelle.“— Die Zuverſicht und erhoͤhete Wuͤrde, mit welcher die Wittwe zu ihm ſprach, erſchuͤtterte den Zweifelmuth des mißtrauiſchen Wucherers, doch vermochte er ſeiner Empfindung nicht die Worte zu verſagen, mit denen er ſprach:„Ver⸗ laubt? Soll ech leben, Uef de naͤmliche Stelle, vur em Pertret des ſeligen Herrn? Mein—* geiht doch wuͤnderlich her uͤf de Welt!“—— „So iſt es“— lautete die Antwort— —— — —— — „und ich ſehe dabei nichts Befremdliches. Auch konnte ich Euch wohl mittheilen, was in wenig Tagen die ganze Stadt wiſſen wird.“— „De gonze Stodt“— ſprach der widerſtre⸗ bend zuruͤckweichende Unglaube aus dem Munde Eſaias Goldenbaums—„de gonze Stodt waaß aach kee Wort niſcht, un ech waaß aach noch niſcht. Hot er geſogt a Wort, hot er nich ge⸗ geben kee Peppier niſcht. Wos thu ech mit e Wort, de Peppier ober vun de Herrn Senater ſeyn guͤt.— As ich niſcht ſehe kee Peppier, glob ich niſcht un will hoben de Mebel.“— Mit immer vornehmerem Anſtande verſetzte Frau Beate:„Dergleichen bedarf es zwar nicht zwiſchen meinem Braͤutigam und mir, doch wenn Ihr es verlangt, ſollet Ihr in dieſer Woche noch die Schrift ſehen, welche er mir aufgezwungen, die mich zur Theilnehmerin ſei⸗ ner Habe ſchon im Voraus erklaͤrt, ob ich gleich erſt nach Verlauf des Trauerjahres meine Hand in die ſeinige lege. Zweifelt Ihr noch immer, mein wackerer Herr Goldenbaum? Wollet Ihr Euch vielleicht ſelbſt erkundigen? Auch das ſteht Euch frei, ſo Ihr es mit der Umſicht thun wollet, welche ſolch Verhaͤltniß und Euer eige⸗ 7 98 ner Vortheil erheiſcht. Mein Verlobter wird nicht verlaͤugnen, was ſo lange der Wunſch ſeines liebenden Herzens geweſen und was ich ſo lange ſeinen dringenden Bitten verwei⸗ gerte.— Da ſanken die Arme des Herrn Eſaias ſchlaff herab an ſeinem Leibe, er ſchaute um ſich wie verzuͤckt und rief:„Er will geben e Ceſſion, und ich konn'n frogen ſelber'n Herrn Sena⸗ ter? Un er hat ſe gezwuͤnge? Gotts Wuͤnder! Un er hot gewullt ſe nemme ſchaun long, un ſe hot ſech gewaigert? Gotts Wuͤnder uͤber Wuͤn⸗ der!“ Drauf fiel ihm ploͤtzlich ein, wie es ſich doch nicht zieme, ſo unverſchaͤmt ſitzen zu blei⸗ ben vor der ſtehenden Braut des reichen Sena⸗ tors, er ſtand auf und ſprach mit vielem Nach⸗ druck und einiger Ehrerbietung:„Vier— mol huͤndert— tauſend Tholer! Nuͤ mer muß ſogen, de Frau Bilſen is doch, ſo wohr ech bin e ehrlicher Mann, a wockere Frau un'ne kluͤge Frau, un weil ech konn frogen en Herrn Senater ſelber, will ech doch gor niſcht frogen thun, un ech will worte uͤf dos Peppier— ocht Toge, un wenn es Peppier do is, will ech worte vier Woche mit de Geld un mit de 99 Mebel. Un dormit de geſtrenge Frau ſieht, doß ech bin Ihr Fraind, will ech ſe gebe aͤ Rothſchlog, zwa Rothſchlog, drei Rothſchlog. Waigre ſe ſich nimmer, graif ſe zu, moch ſe geſchwinde. Mer ſogt, de Verliebte ſain blind, monchmol ober wird en geſtochen der Stoor, un mer kriegt zu ſaihn, wos en niſcht frait. Thuͤ ſe denn derzuͤ, eh em wird geſtoche der Stoor. Un es Zwaite, as ſe wird ene raiche Frau, un'ne Frau Senatern, gedenk ſe, daß der Goldenbaum is Ihr Fraind. Schau ſe, ech hob ein gor faines Ohr, wos de haͤrt picken de Holzwurm in de Wand, zumol in de Wand von e Schuldner, un e Ooge, das ſieht de Maus lvofe ins klainſte Loch. Nu ſau hob ech denn aach Monches gſchaut un gehoͤrt bei de ge⸗ ſtrenge Frau, un's waͤr niſcht gut, haͤtts e Andrer geſeihn un gehoͤrt. So zum Exempel vun de weiß un rauthe Backen, vun de ſchai⸗ nen Hoore; dos is ober gor niſcht. Nuͤ, ols⸗ denn hob ech allerlei wohrgenuͤmmen vun de Waiſen, wie ech er zuͤ verſteihn geben; dos iſt aach gor niſcht. Ober ech hob ghoͤrt e Voͤgelche pfeife vun dies und dos, un dos is gor viel, denn es pfeifet nit ſchain. Nuͤ, 7 100 wos thut mer dos, bin ech doch er Fraind. Oberſt muͤß mer doch bezohle uͤf de Welt de Hand un en Fuͤß muͤß mer bezohle, ſo muß mer denn aach bezohle's Hoge un's Ohr. Un ſo de geſtrenge Frau niſcht gedenkt, daß ech bin er Fraind, wer ech hoben ene Zuͤnge, wie ech hobe e Ohr un en Ooge, un de Zuͤnge werd ſpreche vun de Hoore und vun de Backe und vun de orme Waiſe werd ſe ſpreche, von ocht⸗ zehn Johr un zwanzig, un ſe werd ſinge vun de andre Hiſtorie, vun's Pertret do, vun de Almauſen un de Eptheke, un ſe werd ſinge lauter wie de Glocke vun de grauße Kerche. un dos Dritte is, moch de geſtrenge Frau, dos ſe kriegt es Peppier, denn as ſe niſcht kriegt es Peppier, ſau nehm ich de Mebel und thuͤe ſonſt wie ich geſogt, doß ech were thuͤn, und ſoll ech verſchwarzen— will ech ſogen, der Herr Chriſtus ſoll den Dalles uͤber mich ſchicken, wenn echs niſcht thuͤe zeihn Johr!— Nuͤ,“ ſetzte er mit einer Abſchied nehmenden Geberde hinzu:„de verehrliche Braut vun de Herrn Se⸗ nater ſull leben un geſuͤnd ſeyn.“— Mehr an dem Mienenſpiele Frau Beatens, als an irgend einer Veraͤnderung ihrer bluͤhen⸗ 10¹ den Geſichtsfarbe waren die Empfindungen wahrzunehmen, welche waͤhrend dieſer ſeltſamen Freundſchaftsverſicherungen in ihrem Innern wechſelten; Verdruß, beleidigte Eitelkeit, gekraͤnk⸗ ter Stolz, auch wohl ein an Schreck grenzen⸗ des Erſtaunen uͤber die Frechheit des Wucherers oder uͤber ſonſt Etwas, folgten ſich in nicht un⸗ terbrochener Reihe, gleich den Wogen eines ſturmbewegten Gewaͤſſers, aber in dem Augen⸗ blicke ſelbſt, als ſie, gleich dieſem, jeden Damm zu uͤberſpringen drohten, ebnete ſich die Fluth plotzlich, Ruhe und Sonnenſchein kehrten zuruͤck und ſie ſprach mit Leutſeligkeit und anmuthigem Laͤcheln:„Ich danke fuͤr Eure Anwuͤnſchung langen Lebens und guter Geſundheit. Wollet Ihr, wie es der Gebrauch bei ſo erfreulichem Begebniß, als dies fuͤr mich iſt und gewiſſer⸗ maßen auch fuͤr Euch, mir auf ſolchen Wunſch nicht Beſcheid thun mit einem Glaſe alten Un⸗ garweines zu einem Imbiß? Ich habe grade ſolchen im Hauſe, nicht zum eigenen Gebrauch, ſondern zur Staͤrkung Schwacher und Kranker, und ich meine, ein Trunk ſollte Euch behagen, denn Ihr habt Euch ziemlich erſchoͤpft mit 102 uberfluſſigen und mir ganz unverſtändlichen Reden.“— Herr Eſaias aber lehnte das Gebotene ab mit den nicht beſonders hoͤflichen Worten:„As ech aach will leben un geſuͤnd ſeyn, will ech niſcht eſſen un trinken gor niſcht. Ech werde komme Freitog— nee do werde ech nit kom⸗ me, denn Freitag is her drei Johr, doß ech bin geworden getauft, un ech hob en klain Gaſt⸗ gebot ausgericht vor maine Kuͤnden un Ge⸗ ſchaͤftsfraind, un Schabbes— ne'n Schabbes konn ech aach niſcht kuͤmme, ober heint uͤber ocht Tog bin ech do und do vergeſſe de geſtren⸗ ge Frau nit, wos ich hobe geſogt, denn as ech bin e ehrlicher Mann, ech thue, wie ech hobe geſogt.“— Als er drauf hinausging, blickte die Wittwe ihm laͤchelnd nach, als ſey ſie, was ihr auch wohl nicht zu verargen iſt, herzlich froh uͤber die Entfernung des nicht ſehr liebenswuͤrdigen Beſuchers. Aber mit demſelben war auch aller Groll gegen ihn verſchwunden, denn erinnert an das Jahresfeſt der geiſtlichen Wiedergeburt ihres Pathen, beſchloß ſie, ihm eine heimliche Freude zu machen. Wie ſie immer ihre Wohl⸗ 103 thaten gern im Stillen uͤbte, phariſaͤiſches Schaugepraͤnge vermeidend, ließ ſie alsbald durch eine dritte Perſon, welcher ſelbſt der Name der Beſtellerin fremd blieb, bei dem Conditor eine koͤſtliche Torte bereiten, die, wie ſie wußte, bei Gelegenheit eines ungern aus⸗ gerichteten Feſtmahls, dem Geiz, wie der Lecker⸗ haftigkeit Herrn Eſaias Goldenbaums willkom⸗ men ſeyn wuͤrde, gelangte ſie auch an ihn durch unbekannte Hand. Wiederum war der Sonntag herangekom⸗ men, deſſen Zahl nach Trinitatis in unſerer Chronik durch einen Moderfleck unleſerlich ge⸗ worden iſt, und wiederum war die fromme Beate, beſcheiden aber anſtaͤndig wie immer angethan, nach der Hauptkirche der Stadt ge⸗ wandelt; wie acht Tage fruͤher, erbaute ſie die Predigt uͤber ein anderes Evangelium, von einem andern geiſtlichen Redner gehalten, und eben ſo begegnete die Gemahlin des regierenden Buͤrgermeiſters der Wittwe des Schnittwaaren⸗ haͤndlers Bilſen. Noch freundſeliger war die Dame, ſie bezeigte Beaten ihren Beifall an einem gewiſſen Entſchluß, wuͤnſchte ihr Gluͤck zu einem gewiſſen, in Kurzem hoffentlich eintre⸗ 104 tenden Verhaͤltniß und ſich zur kuͤnſtigen Nach⸗ barſchaft in gemeinſamer Emporkirche. Sanft⸗ muͤthiger war denn auch und anſpruchsloſer noch der Wittwe Ton und Geberde, als ſie ſolche Andeutungen der Frau Buͤrgermeiſterin halb ablehnend, halb zugeſtehend erwiederte und auf einige Fragen, welche die Wißbegier uͤber ihren kuͤnftigen Hausſtand und allerlei Neben⸗ dinge an ſie richtete, zur Antwort gab: Was auch der Himmel uͤber ſie verfuͤgt haben koͤnne, ſo ſey doch ihr Vorſatz und Begehr kein an⸗ derer, als wie bisher ihm und den Nebenmen⸗ ſchen, ſtill und in Demuth, aber nach Kraͤften zu dienen, worauf ſie denn, ſich ihrer guͤtigen Gönnerin zu fernerm Wohlwollen empfehlend, der Kirchthuͤr zuging, an welcher, wie vor acht Tagen, eine Schaar lauernder Armen ſie um⸗ ringte, von welchen jeglicher eine kleine Gabe empfing. Die dreizehnjaͤhrige Tochter der kran⸗ ken Mutter aber war nicht unter den Armen, weder in der Vorhalle des Gotteshauſes, noch draußen. Wie ſie indeß nun den Ruͤcken gewendet hatte, war das Kopfſchuͤtteln, mit welchem die Regierende ihr nachſah, noch bemerklicher, ihr 105 Blick noch ſcheeler als bei der erwaͤhnten Tren⸗ nung und ſie ſprach zu der ſie heute begleiten⸗ den Nichte mit heiſerer Stimme und declama⸗ toriſchem Pathos die Worte eines uns ganz unbekannten Dichters jener Zeit: „und alſo achtet Gott der ird'ſchen Guͤter, Daß er unwuͤrdigem ſie oftmals ſpendet, Durch ſolche Wahl den Wuͤrdigen ermahnend, Nach ihnen nicht, nach Hoͤherem zu ſtreben.“ Eine Wahrheit, welche die Nichte einraͤumte, doch mit einem Seufzer, als haͤtte ſie, unſtrei⸗ tig zu den Letztern gehoͤrend, dennoch nicht un⸗ gern fuͤr ſich genommen, was, dem allgemeinen Geruͤchte nach, der zu Theil werden ſollte, wel⸗ cher die Dame ihren Platz unter den minder Wuͤrdigen anwies. Wie gewohnt, ging Beate mit halb herabge⸗ laſſenem Schleier und geſenktem Haupte durch die Straßen, die weit foͤrmlichern Verbeugun⸗ gen der ihr begegnenden Frauen mit leutſeliger Anmuth erwiedernd, und unbefangener die ein wenig minder auszeichnenden und deutungsvol⸗ len Begruͤßungen juͤngerer und aͤlterer heiraths⸗ faͤhiger Maͤnner. Doch ſchritt ſie nicht unmit⸗ telbar dem Sankt Blaſiusſteig zu, denn heute hatte ſie in der That vor, was vor acht Tagen 106 nur ihrer Liebe zur Einſamkeit zum Vorwande diente, einen Beſuch in der Huͤtte der Armuth. Schon waren drei Tage voruͤbergegangen, ſeitdem ihr neuer Schuͤtzling nicht mehr gekom⸗ men war, Almoſen zu holen und Nahrung fuͤr ſich und den Bruder, und Arzenei fuͤr Mutter und Geſchwiſter, und ſo trieb denn fromme Sorgfalt die Wohlthaͤterin auf den bereits einige Male zuruͤckgelegten Weg nach der aͤrmlichen Wohnung, um nachzuſehen, wie es ihren Pfleg⸗ lingen ergehe. Doch es wartete ihrer daſelbſt ein trauriges Schauſpiel. Bereits an der Thuͤr kam ihr der aͤlteſte etwa funfzehnjaͤhrige Knabe weinend entgegen und mit der Klage, drinnen laͤge das Schweſterlein, das doch ſo geſund geblieben bisher, doch ſeit Kurzem angefangen habe zu kraͤnkeln, todt auf dem Strohe, und auch die Mutter werde es nicht lange mehr machen, denn ihr Herz ſey gebrochen durch den Tod ihres Lieblings, ihrer und der andern Geſchwiſter Pflegerin in den Tagen der Krankheit. Wohl mußte Frau Bilſen das ploͤtzliche Hinſcheiden des bluͤhenden Kindes tief erſchut⸗ tern, aber gewohnt, ſich den Rathſchluſſen der Vorſehung zu fuͤgen, bemeiſterte ſie ihre Empfin⸗ dung, ſtrich huldreich die Wange des zwar blaſ⸗ ſen, aber doch wohlgebildeten Knabenjuͤnglings und trat in die duͤſtere Behauſung, in welche Elend und Tod ſich eintraͤchtig theilten. Beide traten in ihrer fuͤrchterlichſten Geſtalt vor das Auge der Beſucherin. Links vom Ein⸗ gange draͤngten ſich, in Lumpen gehuͤllt, noth⸗ duͤrftig nur ihre Bloͤße bedeckend, die aͤlteren Geſchwiſter, muͤhſam von dem Strohſack auf⸗ geſtanden, an den die eigene Krankheit ſie feſ⸗ ſelte, klagend um das harte Lager, auf dem die todte Schweſter lag, ſie zuruͤckrufend ins Leben, oder durch das Ungluͤck fruͤhzeitig dem⸗ ſelben gram geworden, ſich in das Grab mit ihr wuͤnſchend. Sie mußte wenige Augenblicke vorher verſchieden ſeyn, denn noch lag die Spur des Todeskampfs auf dem entſtellten, blaͤulich und gelb gefaͤrbten Geſicht, und es war nicht das Laͤcheln der Dankbarkeit, der kindlichen, un⸗ befangenen Freude, es war eine krampfhafte Verzerrung, welche die Oberlippe aufwaͤrts zog, ſo daß die beiden Reihen milchweißer Zaͤhne zu ſehen waren, unbedeckt und feſt auf einander gebiſſen. 3 108 Auf der andern Seite umringten die Klei⸗ nen das aͤrmliche Bett der Mutter, nach Brod ſchreiend, aber die Mutter hoͤrte ſie nicht, an ihrem Ohre verhallten die herzzerreißenden Toͤne, der Todesengel erſparte mitleidig der Armen den letzten Mutterſchmerz, denn das eingefallene Auge, die fleckige Roͤthe des verwelkten Geſich⸗ tes, das roͤchelnde Athmen der arbeitenden Bruſt deutete an, er habe den ſiegreichen Kampf mit dem unterliegenden Leben begonnen. Da rief der aͤlteſte Sohn mit einem zwi⸗ ſchen Schmerz und Freude kaͤmpfenden Tone: „Sieh auf, Mutter, unſere Wohlthäterin iſt da! die gute Frau Bilſen hat unſter nicht vergeſſen, ſie iſt gekommen und nun wird es beſſer wer⸗ den mit Euch. Schade nur, daß die Schweſter ſchon todt iſt, ſie waͤre nun gewiß nicht geſtor⸗ ben, wenn ſie die Guͤtige geſehen haͤtte, deren Namen ſie immer wiederholte in ihrer Todes⸗ pein.“— Langſamen Schrittes ging Beate durch das Zimmer, unfaͤhig wohl, den erſchutternden An⸗ blick zu ertragen, denn ſie druͤckte das mit Eſſig der vier Diebe benetzte Taſchentuch feſt ——— ——————————— 109 vor Mund und Augen, und ſo trat ſie zur La⸗ gerſtatt der Sterbenden. Es war, als habe dieſe den Ausruf ihres Sohnes vernommen, als riefe der Anblick der Wohlthaͤterin ſie noch einmal von der Pforte des Grabes zuruͤck, denn ſie wandte, den Kopf muͤhſam drehend, den verdunkelten Blick auf dieſe, und ein mattes Laͤcheln flog, wie der letzte Schein des Abendroths uͤber die Wuͤſte, uͤber ihr Antlitz, das bereits die Schatten des Todes bedeckten. Und es weilte auf ihm, ſo lange die fromme Wittwe, in Ermangelung des Predi⸗ gers, welcher zu einem reichen Kranken berufen, keine Zeit hatte fuͤr die Duͤrftige, zu ihr mit ſanfter und nachdruͤcklicher Stimme Worte des Troſtes und der Erhebung ſprach. Als aber darauf Frau Bilſen ſich zu ihr niederbeugte, ihr einige Worte zuraunend, da horchte ſie auf, das Laͤcheln verſchwand und heftig mit dem Kopfe ſchuͤttelnd, wendete ſie ſich auf die andere Seite. Mit einem Male aber geſchah es, als ob eine plötzliche geheimnißvolle Kraft den ſtockenden Pendelſchlag des Lebens wieder in Gang bringe, ſie richtete ſich raſch empor, mit den hohlen Augen ſtarr umherſehend, als ſuche 110 ſie etwas, das nicht vorhanden, dann fiel es auf die Troͤſtende und mit einer gewaltſamen Anſtrengung hob ſie die duͤrre Fauſt geballt empor; ſie verſuchte zu ſprechen, doch nur ein Laut entglitt ihren Lippen, das Mittel haltend zwiſchen einem tiefen Seufzer und einem Schrei der Angſt, dann fiel ſie zuruͤck und war todt. Da ertoͤnte mit neuer Staͤrke die Klage der Verwaiſ'ten, und den kindlichen Schmerz zu ſehr ehrend, um ihn zu ſtoͤren, zog ſich Beate zuruͤck an ein Fenſter und oͤffnete es und ſah hinaus, daß die friſche Himmelsluft ihre ge⸗ preßte Bruſt erleichtere. Als aber das Weh der Kinder nach und nach verſtummend ſich aufloͤſte in Thränen, trat ſie wieder unter ſie mit freundlicher Geberde und ermunternder Rede, wie ſie ihnen Pflegerin ſeyn wolle und Mutter an der Stelle der Ver⸗ blichenen, und alsbald die That zum Worte fuͤgend, legte ſie einen kleinen Beutel mit Sil⸗ berſtuͤcken gefuͤllt, in die Haͤnde des aͤlteſten Knaben. Als auf den Verſtaͤndigſten unter Allen, richtete ſich ihre Aufmerkſamkeit vorzugs⸗ weiſe auf ihn; ihr ſcharfer und geuͤbter Blick wollte in ihm ein werdendes Talent entdeckt 111 haben, ſie hielt fuͤr Pflicht, es zu pflegen, die Ungerechtigkeit des Schickſals verguͤtend; ſie ver⸗ ſprach, ihn zur Schule zu ſchicken und auch weiterhin fuͤr ſeine Ausbildung Sorge zu tra⸗ gen, daß ein tuͤchtiger Mann aus ihm werde, und forderte den Dankenden, ihm abermals die Wange klopfend, auf, ſie von Zeit zu Zeit zu beſuchen, daß ſie durch den Augenſchein ſich von dem Fortſchreiten ſeiner Entwickelung uͤber⸗ zeuge. Da oͤffnete ſich die Thuͤr und die ſchnell ſich Umwendende erkannte in dem Eingetretenen den Senator Werzelius. „Ich muß,“ ſprach dieſer zur Wittwe, die vor ihm in der Betroffenheit ſtand, welche der in Ausuͤbung frommer Pflicht uͤberraſchte Wohlthaͤ⸗ ter oftmals empfindet;„ich muß, wahrlich nicht zu meinem Ruhme, geſtehen, daß nur Euer Anblick am Fenſter dieſer elenden Huͤtte mich bewog, einen Ort zu betreten, an welchem ich mich eher zeigen ſollte und aus anderm Grun⸗ de. Doch muß ich mir Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen; wenn ich die Pflicht des Reichern gegen ſeine beduͤrftigen Mitbruͤder nicht ſo oft erfulle, als ich ſoll, ſo klaget die Hartherzigkeit 112 nicht an, theure Frau, dieſe wohnt mir wahr⸗ haftig nicht bei, ſondern die Nachlaͤſſigkeit, die, hervorgebracht durch uͤble Gewohnheit und er⸗ halten durch das Geraͤuſch der Welt und der Geſchaͤfte, mich leider nicht genug darauf achten laͤßt, wo dieſe Pflichterfulluug nothwendig und wohl angebracht ſey. Hier iſt dies der Fall, das zeigt der Augenſchein. Hier muß geholfen werden. Wie aber zu helfen ſteht, daruͤber be⸗ lehrt Ihr mich, der fromme Uebung eine Er⸗ fahrung verliehen, welche mir, ſchlimm genug, abgeht. Iſt es aber auch ſo, wie ich beim Hereintreten von den Hausleuten erfahren? Iſt es moͤglich, daß in einer Stadt, die ſo viele reiche Buͤrger zaͤhlt, das Elend auf einmal eine ſo zahlreiche Familie erfaßt, ohne daß es be⸗ merkt werde oder abhuͤlfliche Maaße getroffen? Koͤnnen die Vaͤter der Stadt, zu denen, ich ſage es mit Scham, auch ich gehoͤre, es uͤber⸗ ſehen oder gleichguͤltig dabei bleiben, wenn ſo viele ihrer Kinder dem Mangel unterliegen, dem, bei zweckmaͤßiger Anordnung ſo vieler Anſtalten, ſo leicht geſteuert werden koͤnnte? Iſt es moͤg⸗ lich, daß der, welcher ſich einen Diener Gottes nennt und die Menſchenliebe allwoͤchentlich von 113 der Kanzel herab predigt, eher zu dem Reichen eilt, der, in der Liebe zu ſeinem theuern Leben, in einer Unverdaulichkeit ſchon den Boten des Todes ſieht, dem wenig an dem Zwecke ſolchen Beſuches, mehr aber daran liegt, daß man ſage, der Paſtor Primarius ſey an ſeinem Kran⸗ kenbette geweſen, daß dieſer Diener des barmherzi⸗ gen Gottes dem Duͤrftigen die Gabe vorent⸗ haͤlt, welche ſeinem einfachen Sinn als ein wirk⸗ liches, als das letzte Labſal erſcheint?— Wahr⸗ lich! iſt es doch, als ob in unſerer Zeit uͤberall der Sinn im Wortklange unterginge, die Wirk⸗ lichkeit im Schein, nicht allein in den großen, den allgemeinen Verhaͤltniſſen des Lebens, nicht allein bei den Maſſen, die ſie bildet, und bei denen, welchen ſie zu ordnen und zu erhalten obliegt, ſondern auch in einzelnen Abtheilungen, auch bei denen, welchen irgend eine beſondere Pflicht zu erfuͤllen geziemt!“— Als nun Frau Beate die Wahrheit der er⸗ waͤhnten Umſtaͤnde bekraͤftigte, nebenbei andeu⸗ tend, der Frau Buͤrgermeiſterin wenigſtens ſey die Lage dieſer Familie keinesweges unbekannt geweſen, fuhr der Senator fort:„Nicht genug iſt es aber, zu tadeln, was Andere unterlaſſen, 8 114 es gebuͤhrt ſich, ſelbſt zu thun, was man kann. Mein ſey die Sorge, dieſer Armen die Ruhe⸗ ſtaͤtte zu bereiten und die geknickte Blume dort dem Schooß der Erde wiederzugeben. Dann wollen wir auch Sorge tragen fuͤr die Leben⸗ den.“— Er ging hierauf raſch zum Bett der Mutter und beugte ſich uͤber ſie hin, ernſthaft in das verblichene Antlitz ſchauend; waͤhrend er aber ſo that, glitt ein Paͤcklein gewichtigen In⸗ haltes unter die Decke der Todten. Darauf richtete er ſich wieder auf, hob das juͤngſte und unreinlichſte der Kinder empor in ſeine Arme, kuͤßte es und ſprach:„Nicht weinen, lieber Kleiner, eine Waiſe biſt Du wohl, aber nicht ganz. Der Vater im Himmel lebet noch, und es ſind auch noch Menſchen auf der Welt, die thun, wie man ſagt, daß er will, ob ſie gleich keine ſchwarzen Rocke anhaben und nicht predigen von dem, was ſie ſelbſt nicht auszu⸗ uͤben fuͤr noͤthig erachten. Du aber, mein Sohn,“ wendete er ſich zu dem Aelteſten,„uͤber⸗ nimm, bis ich Jemand ſchicke, die Sorge fuͤr die Bruͤder und Schweſtern, Du findeſt wohl, wenn Du nachſuchſt, was noͤthig ſeyn wird fur die erſten Tage. Auch brauchſt Du davon nichts herzugeben zum Begraͤbniß, das iſt ſchon abgethan. Und wenn Du Dich gut auffuhrſt und fleißig ſeyn willſt, ſo brauchſt Du nicht bange zu ſeyn fuͤr die Zukunft. Waͤhle Dir ein Handwerk aus, ein jedes naͤhrt ſeinen Mann; Du biſt alt genug, in die Lehre zu treten, fuͤr den Lehrherrn werde ich ſorgen.“— Nicht ſonderlich gefiel dies Anerbieten dem Jungen, denn ſeine Eitelkeit, durch der Frau Frau Bilſen Verheißung aus dem Schlummer geweckt, ließ ihn ſich bereits im Mantel der Currentſchuͤler ſehen, ein ſtattlich Ehrenkleid in ſeinen Augen; er dankte indeß dem geſtrengen Senator, nicht unterlaſſend, die Guͤte zu ruh⸗ men, mit welcher Jene ſchon dem Beduͤrfniſſe des Augenblicks abgeholfen habe. Da naͤherte ſich Herr Werzelius Beaten, auf welche, waͤhrend der Rede des Knaben, ſein Blick fort und fort wohlgefaͤllig gerichtet gewe⸗ ſen, und er ſprach bewegt:„Ihr ſeyd mir zu⸗ vorgekommen auf dem Wege, den ich freilich allein haͤtte finden ſollen, den Ihr aber beſſer kennet als ich; ſeyd fortan meine Fuͤhrerin auf den Wegen der Wohlthaͤtigkeit.“— Sie aber erwiederte, die Augen ſittig zu 8— 116 Boden ſchlagend:„Ihr beſchaͤmet mich, werther Herr,— das geringe Scherflein der Wittwe—“ —„Das iſt es eben,“ unterbrach er ſie eifrig und gefuͤhlvoll:„ich fuͤhre wohl nur wenig Spruͤche der Bibel im Munde, und bin nicht ſonderlich bewandert in derſelben, aber das Scherflein der Wittwe iſt mir immer als ein ſchoͤnes erfreuliches Bild anſpruchsloſer Tugend erſchienen. Ihr ſtellet es jetzt in der Wirklich⸗ keit vor meine Augen, und es entzuckt mich zwie⸗ fach darum, daß ich eine ganze heitere Zukunft hindurch ſolches Anſchauens gewuͤrdigt werden ſoll. Erlaubt denn, daß ich mein Scherflein zu dem Eurigen fuͤge fuͤr immerdar. Ich hatte beſchloſſen, Euch heut ſelbſt zu uͤberbringen, was Ihr guͤtig annehmen wolltet; empfanget es denn jetzt. Wo koͤnnte ich Euch auch fuͤglicher die Mittel einhaͤndigen, der Menſchenfreundlich⸗ keit Eures Herzens genug zu thun, als an dem Orte, wo Ihr ſie ſo ſchoͤn bewaͤhrtet; wo koͤnnte ich Euch beſſer zur Herrin all meines Eigen⸗ thums ernennen, als unter Dieſen, die Zeuge ſind von dem loͤblichen Gebrauch, den Ihr von Geringerem machtet, deren Dank Segen herab⸗ 117 ruft auf Eure kommenden Tage und auf Den, dem das Gluͤck zu Theil wird, Euch durch die⸗ ſelben zu geleiten?“— Er reichte ihr hierauf die Urkunde dar, welche die verlobte Braut zur Gebieterin uͤber vier Tonnen Goldes machte, und es iſt wohl nicht verwunderlich, wenn ſie, bemeiſtert von ihrer Empfindung und unfaͤhig, ſie in Worten aus⸗ zudruͤcken, ſich begnuͤgte, ſchweigend und abge⸗ wandten Hauptes das gewichtige Zeugniß der Liebe und Hochachtung ihres Braͤutigams an⸗ zunehmen und es eilfertig unter dem Buſen⸗ ſchleier zu verwahren. Der Senator bemerkte, wie die ſchnell wech⸗ ſelnden Eindruͤcke des erwaͤhnten Auftrittes zu heftig auf die fuͤhlende Beate wirkten, er ge⸗ leitete ſie alſo vor die Thuͤr der Huͤtte. Hier aber ſprach er:„Ihr ſeyd ſehr bewegt, theure Braut. Empfindungen, wie die Eurigen, be⸗ duͤrfen der Einſamkeit, und ſelbſt das Erfreu⸗ lichſte wurde, in allzu ſchnellem Wechſel eintre⸗ tend, ſie nur ſtoͤren. Daran will ich nicht Schuld ſeyn, darum komme ich erſt, wenn Euer Gefuͤhl, jetzt den Leiden der Menſchheit zuge⸗ 118 wandt, einem andern Raum giebt fuͤr die Freuden, die Ihr dem Einzelnen gewaͤhrt.“— Wortlos dankte ihm Frau Bilſen fuͤr dieſe zarte Ruͤckſicht, und als fuͤrchte ſie, die Vor⸗ uͤbergehenden zu Zeugen ihrer Ruͤhrung zu machen, ging ſie raſchern Schrittes als gewoͤhn⸗ lich von dannen. Wie mannichfach auch die Gegenſtaͤnde des Nachdenkens ſeyn mochten, welches Frau Bilſen auf dem Wege nach ihrer Wohnung beſchaͤftigte, ſo konnte ſie doch denſelben, dort angelangt, nicht in der gewünſchten Abgeſchiedenheit nach⸗ haͤngen, denn als ſie in den Hausflur trat, fand ſie daſelbſt Herrn Eſaias Goldenbaum, welcher, ſie erwartend, auf⸗ und niederging. Sie bedeutete den ſich tiefer als gemeiniglich und nach ſeiner Art ordentlich ehrfurchtsvoll Ver⸗ neigenden, ihr zu folgen, und Beide gelangten zu dem Gemach, deſſen Inhalt der Beſucher damals als ein bereits ihm verfallenes Eigen⸗ thum betrachtet hatte. Jetzt indeß war das Betragen deſſelben ganz verſchieden; als ihm die Wittwe das ihr eben gewordene Dokument, nachdem ſie es erſt fluͤchtig durchlaufen, mit glaͤnzenden Augen, hoch aufgerichtetem Haupte 11¹9 und allen andern Merkmalen eines ſtillen Triumphes darreichte, trat er ablehnend zuruͤck. „Iſt nicht vonnoͤthen,“ ſprach er mit fußem Tone und gleichſam ſeiner Taufzeugin zu Ehren die Ausſprache moͤglichſt vermeidend, die ſeine Abſtammung beurkundete:„Iſt gar nicht von⸗ noͤthen. Die ganze Stadt weiß ſchon drum, was fuͤr ein Gluͤck der verehrlichen Frau Patro⸗ nin zugefallen iſt, und ich bin nur gekommen, ihr zu gratuliren als ihr ergebenſter Fraind un ganz gehorſamſter Diener.“— „Und warum hat man Euch im Hauſe warten laſſen, werther Herr Goldenbaum?“ fragte mit herablaſſender Leutſeligkeit die ſchoͤne Wittwe Herrn Bilſens, welche nun bald dieſen Namen mit einem in ihrer Vaterſtadt viel an⸗ geſehenern vertauſchen ſollte. „Als ich kam zu gehn, hab' ich geklingelt der Hanne,“ verſetzte er,„aber ſie hat mir nicht aufgethan, ſondern de neue Jungfer iſt gekom⸗ men, und de neue Jungfer hat mer geſagt, de Hanne waͤre uͤbel auf. Da bin ich denn rein⸗ gegangen zu ihr auf'nen Augenblick, aber ich bin nicht lange geblieben, denn's iſt aus mit ihr. Was kann mer thun?“ fuhr er mit einem 120 Lächeln fort, das vielleicht ſinnig ſeyn ſollte, aber nur unangenehm war,„alles Flaiſch is wie Heu und de Jungen muͤſſen dran, wie de Alten. Un do bin ich rausgekommen zu gehn, denn die neue Jungfer weeß noch kainen Be⸗ ſcheid nich, un ſe hat mich nich wollen rein laſſen, weil ſe nich weeß, daß ech der geſtren⸗ gen Frau Fraind bin un gar gehaurſomſter Diener.“— „Ich weiß ſchon um der armen Johanne Uebelbefinden und Todesgefahr,“ erwiederte Frau Beate mit einem Seufzer,„und ich war in der Kirche, um fuͤr ſie zu beten, denn wo Men⸗ ſchenhuͤlfe vergeblich iſt, kann der Beiſtand Gottes doch noch Alles thun. Es iſt heute,“ fuhr ſie abermals tief aufathmend fort,„heut ein recht gluͤcklicher Tag fuͤr mich, und doch wieder ein recht ungluͤcklicher.“— „A glicklicher is es,“ fiel er ein,„e gor glicklicher. Mit de Hanne is es nu wohl vor⸗ bei, ganz vorbei, und de Menſchen haben ihr nicht geholfen und Gott wird ihr auch nicht helfen mehr uf de Welt. Taudt,“ fuhr er fort, im Eifer des Demonſtrirens allmaͤhlig wieder in die kleinſte ſeiner Suͤnden, in die Suͤnde 121 gegen die Grammatik, verfallend:„taudt is taudt, un lebendig is lebendig; ſo bete ſe un ſorge ſe nit vor de Taudte, denn de kennen's niſcht braache, un vor de Lebendige bete ſe aach nit, denn's konn en doch helfe gor niſcht; de Wauhl⸗ thot ober is guͤt, ſo thuͤe ſe denn wauhl an de Lebendige un zu ollererſt an die Fraind von de geſtrenge Frau, as ech aner bin zum Exempel.“— „Ich bin davon uͤberzeugt,“ verſicherte Frau Bilſen,—„und ich werde meines Verſprechens eingedenk ſeyn.“— „Sey ſe aingedenk, bin ech doch aach ainge⸗ denk, as ech lebe.“ Darauf aber fuhr er einlen⸗ kend fort:—„Doch bin ich niſcht geweſen ain⸗ gedenk, denn de geſtrenge Frau is ene brove Frau, un werd nu aach ſeyn'ne raiche Frau; ſo bin ech niſcht gekumme zu gaihn vorgeſtern und geſtern aach niſcht, un de Woche is doch ſchaun geweſen rumme.“ 6 Die Wittwe antwortete laͤchelnd:„Ihr ſeyd im Irrthume, Herr Goldenbaum, die Woche zaͤhlt ſieben Tage und heut erſt iſt ſie abgelau⸗ fen in der Stunde, da Ihr Euch mit gewohn⸗ ter Puͤnktlichkeit einſtelltet. Auch war ja geſtern 122 Sabbath, an dem Ihr, wie ich glaube, keine Geſchaͤfte abzuthun pflegt.“— Da verſetzte Meiſter Eſaias mit Waͤrme: „Schabbes? Wos thu ech mit em Schabbes? Bin ech nich e guter Chriſt un de Taafpothe vun de geſtrenge Frau? Hob ech nicht obgeleigt de Sauertaig von de Juͤde, hot ſe nich ſelber vor mer guͤt geſogt bei de Prieſter? Nu hob ech doch aach gut geſogt vor ſe wieder aͤ mol, zwai mol, drai mol. Ich niſcht Geſchaͤfte mo⸗ che ne Schabbes? Wie geſchieht mer? A6 ech bin'n ährlicher Monn, ech moche Geſchaͤft ne Schabbes un ne Sunntag un olle Tog, wu ech konn eppes verdiene.“— Aber gleich darauf milderte er den Ton, ſchaute nachdenklich vor ſich hin und ſprach mit einem Seufzer.„Nuͤ, vurgeſtern is geweſen de Johrestog vun de Beſch—— von de Taaf wullt ich ſogen, vun de gaiſtliche Wieburt, un ſe hot mer gekoſtet a grauſamliches Moos.“— „Wie ich hoͤre,“ entgegnete die Wittwe,„habt Ihr ein ſtattlich Gaſtgebot ausgerichtet.“— „A graußes Gaſtgebaut,“ verſicherte der Andere;„un ech hobe gegebe e graußes Geld. S ſeynd er gweſe vier, un ſe hoben geſſe un 123 gtrunke hoben ſe, as ſe haͤtte gehobt de lange Nacht, drai Tog uͤf enonder. Un's hett koſten gethon noch meihr, wenn ech niſcht hett guͤte Fraind.“— „So hat man Euch wohl, wie es heißt, ein beſcheiden Eſſen zugeſendet?“ fragte Frau Bil⸗ ſen mit weiblicher Neugier.„Wie leid thut es mir, daß ich nicht daran gedacht, zu dem Feſte beizutragen, wie es doch meine beſondere Schul⸗ digkeit geweſen waͤre.“— Der wackere Mann aber begegnete ihrem Selbſtvorwurf mit den troͤſtenden und verbind⸗ lichen Worten:„Wos thu ech mit em Aeſſe? As mer ens ſchuͤldig is aͤ Schuldigkait, ſull er mer ſe gebe, un kee Aeſſe gor niſcht.“— „Es iſt nur fuͤr ein andermal,“ antwortete Frau Bilſen.—„Aber, Ihr wiſſet ja, wir Frauen hoͤren gern dergleichen; was hat Euch denn die Freigebigkeit Eurer Freunde mitge⸗ theilt?“— „S is nich geweſe grauß de Fragaͤbigkait,“ — meinte der ſchwer Zuftiedengeſtellte.„Do is der frenzeſche Garkoch, den ſe naͤnne en Reſtau⸗ reter, der is mer ſchuldig zwaihuͤndert Guͤlde un fuͤfzig Procent, der hot mer gſchickt à ite⸗ 124 lienſche Loktſches(Nudeln), Mekkerone haißt mer's; doch ſeyn da geweſe mit Schinken, un ech lieb nich'n Schinken; weg dermit, nich ongeruͤhrt de Loktſches gor niſcht— de Annern ober hobe ſe gefreſſe reen uf. Un denn is der Fiſcher, der is mer ſchuldig dreihuͤndert Guͤlde, un ech hob gekriegt e Ool. Nu e Ool is e grauſam garſtig Beeſt, un hat keene Schuͤppen niſcht, weg dermit; de Annern, nuͤ, de hoben geloſſe aach niſcht e Schwonz. Un a Kuͤchen is aach kum⸗ me, ech maan, vun de wuhlwaiſe Burgemaiſtern; is ſe mer doch ſchuldig— Nee, ſ' is mer ſchul⸗ dig gor niſcht.“—— „Nun, und der Kuchen?“ fragte abermals die Wittwe. „Wos thuͤn ſe mit em Kuͤche!“— rief un⸗ willig Herr Eſaias.„Main, ſulle ſe ſech aach vullproppe bis an Hols mit de Deliketeſſe? Ae Kuͤche hob ech beholte vor mich, un ech eſſe e klain Stuͤckche olle Tog.“—— Waͤhrend dieſes Berichtes uͤber die gaſtlichen Freuden der goldenbaumiſchen Tafel laͤchelte Frau Beate vor ſich hin, vielleicht uͤber die Seltſam⸗ keit deſſelben, vielleicht aus Zufriedenheit, daß ihre heimliche Gabe dem Pathen gefallen, wie ſie ſich 125 es zu ihm verſehen, der Frau Buͤrgermeiſterin nicht einmal die Ehre mißgoͤnnend, fuͤr die Ge⸗ berin angeſehen zu werden. Als aber der bis jetzt Befragte anfing, auch ſeinerſeits ſich zu er⸗ kundigen, und zwar nach dem Tage ihrer Hoch⸗ zeit, legte ſie die Hand an die Stirn und ſagte zoͤgernd:„Wohl moͤchte ich ſo Wichtiges nicht beeilen, aber die Ungeduld meines Verlobten laͤßt mir nur Zeit bis zum Ablauf des Trauer⸗ jahres.“—„Und wie lange hot es noch zuͤ laafe's Trauerjohr?“ fragte der ſorgliche Freund. „Zwei Monate nur noch,“ ſprach wie vor⸗ her Beate,—„bleiben mir, meinen Seligen zu beweinen.“— Der Geſchaͤftsmann begann vor ſich hin zu murmeln:„Ans, zwai, drai.— Jau—'s ſeyn zaihn Maunet, doß ech de Raͤchnuͤng vun de drai⸗ tauſend Guͤlde—— Schaut de geſtrenge Frau— ech hob's er ſchaun gſogt, ſay ſe niſcht geduͤl⸗ dig, ſay ſe uͤngeduͤldig, mach ſe geſchwinde. Waine ſe niſcht; was thuͤt der ſelige Herr mit e Waine? Lach ſe. Wos is mer dos mit a Trauerjohr? Loß ſe kuͤmme aͤ Fraidjohr.— Und wenn ſe wull waine woruͤm— oberſt dos 126 geiht mer on gor niſcht. Mach ſe furt, ſog ech er, mach ſe geſchwinde.“— „Ich danke Euch, Herr Goldenbanm, fuͤr Eure Theilnahme,“ entgegnete die Braut; —„aber jetzt ruft mich die Pflicht zu der Kranken.“— „Ja wauhl nemm ech Thail,“— lautete Eſaias Verſicherung,—„un ech will Thail nemme noch mehr. Loß ſe ſayn de Kronke, loß ſe ſayn de Taudte, denk' ſe an en Herrn Senater un an ihre Fraind, die ſayn niſcht taudt und niſcht krank, ſe ſayn lebendig un ge⸗ ſuͤnd, und ſuͤllen's ſayn noch zaihn Johr un huͤndert.“— Frau Beate laͤchelte wiederum, doch etwas ſauerſuͤß und ſprach:„So lebet denn wohl und laſſet Euch die Torte der Frau Buͤrgermeiſterin bekommen; ſie reicht wohl aus, bis ich Euch von meinem Hochzeitkuchen ſende?“— „Ech will niſcht keen Kuͤchen, un keene Torte will ech aach niſcht,“— verbat Jener,—„8 Trauerjohr is uͤmme uf e fuͤfzehnten, uf en ſechzaihnten kuͤmm ech gegange mit e graußen Sock, as ech bin à ährlicher Monn, ech bin à ormer Monn und braach Moos, grauſam viel 127 Moos. Wenn's niſcht will furt mit de Kopp un mit de Fuͤß un mit de Hond, muͤß mer in Conto brenge's Ooge un's Ohr. Verſtonde? Nuͤ, ech will mech hobe ſchainſtens empfohle.“— Frau Beate wartete mit geſpanntem Ohre, bis die Thuͤr des Flurs in das Schloß fiel, dann lachte ſie laut auf, und ging, allmaͤhlig ihrem Antlitz einen ernſtern Ausdruck gebend, in das Hinterſtuͤbchen der kranken Johanna. Doch war die Bewohnerin bereits hinweggezo⸗ gen, ihre ſterbliche Huͤlle hinterlaſſend. Die Gebieterin trat zu derſelben, und auf⸗ gerichtet vor dem Bette ſtehend, betrachtete ſie ſie mit ernſtem aber unumwoͤlktem Blick, dann druͤckte ſie mit einer raſchen Bewegung die Au⸗ gen zu, welche ſtarr auf ſie gerichtet ſchienen, dann neigte ſie ſich ein wenig und ließ die langen reichen Haare der Todten durch ihre Hand gleiten, das Einzige an der jugendlichen Geſtalt, was eine ſchnell fortſchreitende, verhee⸗ rende Krankheit unveraͤndert gelaſſen. Noch war ſie begriffen in dieſer Beſchaͤfti⸗ gung, gleichſam dem unwillkuͤhrlichen Treiben eines Koͤrpers, deſſen Geiſt in tiefen Gedanken befangen, als ihre neue Dienerin eintrat, jene Jungfer aus der Reſidenz, deren Anſtelligkeit die Verſtorbene eben ſo gelobt hatte, als ſie ihre Geſtalt getadelt. In Beidem hatte ſie ihr Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, denn ausnehmend huͤßlich war Jungfer Urſula allerdings, von ihrer Gefuͤgigkeit aber und dem groͤßten Talent einer Kammerzofe, ſich durch ſuͤße Reden der Gebieterin angenehm zu machen, legte ſie augenblicklich einen Be⸗ weis ab. „Ach mein Gottchen!“— rief ſie im Tone und mit der Geberde ihrer Zunft.—„Was macht denn die geſtrenge Frau bei der Leiche und noch dazu ganz allein? Ich waͤre nicht im Stande, hier auszudauern, ſo grauet es mich, denn ſie ſieht doch gar zu garſtig aus, ſo viel ſie ſich auch ihr Lebstage auf ihr Laͤrochen ein⸗ gebildet hat. Ach Jemine, was muß doch das fur eine gute Herrſchaft ſeyn, die ſich auch noch um die todten Domeſtiken bekuͤmmert!“— „Es war ein treues Maͤdchen,“ verſetzte Frau Bilſen mit anſtändiger Ruͤhrung,—„und wenn Sie eben ſo treu iſt, wird Sie ſehen, daß Sie an mir eine wohlwollende Frau hat, wie dieſe ſie an mir gehabt.“— 129 „Nun,“— ſagte darauf Jene,„ſie hat es auch immer geruͤhmt, das muß ich ihr nachſa⸗ gen unter der Erde. Aber, geſtrenge Frau, waͤre es nicht gut, ſie kaͤme dahin, je eher, je lieber? Mir iſt ſo bange, wenn ein Todter im Hauſe iſt.“— „Mir nicht,“— ſprach die Wittwe ruhig.— „Doch ſehe Sie einmal das ſchoͤne lange Haar; meinet Sie nicht, es gleiche dem meinigen voͤllig?“ „Wie ein Tropfen Waſſer dem andern, ſo wahr ich lebe!“— bekraͤftigte Urſula, welche hinlaͤnglich in manches Toilettengeheimniß ein⸗ geweiht war.„Wie waͤr' es, geſtrenge Frau, das braucht ſie wohl nicht mitzunehmen? Den Wuͤrmern gefaͤllt ſie auch ohnedem, und im Sarge verdeckt der Kranz den Defect.“—— Mit den Worten:„Mache Sie, was Sie will,“— ertheilte Frau Bilſen ihre Genehmi⸗ gung, und Urſula griff zur Scheere, und„ſchoͤ⸗ ner gruͤner Jungfernkranz, veilchenblaue Seide“ ſummend, aus irgend einem alten unbekannten Sangſtuͤck, ging ſie daran, die fruͤher um ihren jugendlichen Liebreiz bitter Beneidete der letzten Zierde zu berauben. 9 130 Sechs Wochen waren beinahe verfloſſen und zwei derſelben und etwas druͤber fehlten noch bis zu Ablauf der Friſt, welche die gewiſſen⸗ hafte Wittwe dem Andenken des verſtorbenen Gemahls weihen zu muͤſſen glaubte, und ſie vergingen in Behaglichkeit und Luſt, den Vor⸗ boten einer noch behaglicheren Zukunft. Der Himmel ſchien, die Froͤmmigkeit und Milde Frau Beatens belohnend, die Verheißungen an ihr zu bethaͤtigen, welche guten Chriſten auch fuͤr dieſe Zeitlichkeit werden. Alles ging ihr nach Wunſch. Sie genoß der bluͤhendſten Geſundheit; ihre Schoͤnheit, welche uͤberhaupt den Einfluͤſſen der Zeit nur wenig unterworfen geweſen, mehrere Jahre hindurch ſelbſt nicht der Wirkung des Grames um den hingeſchiedenen Gatten, entfal⸗ tete ſich mehr denn je im neuen Brautſtande und trat in ein helleres Licht, je mehr Frau Beate, freilich nur allgemach, nachließ in der Strenge ihrer Wittwentrauer. Ihr Haar, fruͤher gefangen unter Schleier und Kappe, wallte jetzt freier in bewundernswuͤrdig reichen dunkeln Lok⸗ ken um Hals und Schultern, deren Alabaſter⸗ weiße bis jetzt die eng anſchließende Krauſe ver⸗ borgen hatte; immer lieblicher und weniger ſelten 131 wurde das Lächeln ihres Mundes, und deſto öfter erfreute der reine Perlenglanz der Zaͤhne, in dunkel roſenfarbener Einfaſſung, das Auge des Beſchauers; das ihrige aber, feurig und mild wie immer, ſchaute jetzt freier und freund⸗ licher umher zwiſchen der Marmorſtirn und den ſanftgeroͤtheten Wangen, und die weiche, wohl⸗ geformte, freigebige Hand war in jeder Ruͤck⸗ ſicht des Solitairs werth, der den Verlobungs⸗ ring zierte. In ihrem Hauſe herrſchte gleichfalls behaglicher Friede; Jungfer Urſula hatte ihre Vorgaͤngerin voͤllig erſetzt und das ganze Ver⸗ trauen ihrer Gebieterin gewonnen; auch hatte ſie in derſelben eine guͤtige Herrſchaft, wie ſie es ruͤhmte auf Schritt und Tritt und gegen Jeg⸗ lichen, der Luſt hatte, es zu hoͤren. Die Glaͤu⸗ biger— denn wir muͤſſen geſtehen, Frau Bilſen hatte in Folge ihrer allzugroßen Mildthaͤtigkeit deren noch einige außer Herrn Eſaias Golden⸗ baum— zeigten ſich ſelten und huteten ſich ſehr, einer der reichſten Frauen der Stadt durch un⸗ zeitige Zudringlichkeit zu mißfallen, ja auch der Genannte ſtattete ſeltener ſeinen Beſuch ab, und wenn er erſchien, war er unerſchöpflich in Höf⸗ lichkeit, nach ſeiner Weiſe, und in Verſicherungen g 132 der Freundſchaft und Ergebenheit. Da aber, wie der Leſer bemerkt haben wird, dieſe Weiſe eben nicht die anmuthigſte war, ſo mochte es der ſchoͤnen Wittwe wohl nicht ganz unange⸗ nehm ſeyn, daß ſeine Beſuche endlich ganz auf⸗ hoͤrten, denn ſeit einiger Zeit feſſelte eine Un⸗ paͤßlichkeit den Ehrenmann an ſein Bett, oder an ſeinen Geldkaſten, oder vielmehr an beide zugleich, denn das Eine ſtand neben dem An⸗ dern. Das Gluck hatte, wie es wohl hin und wieder pflegt, das Herz Frau Beatens nicht verhaͤrtet; wie ihre Hand, ſtand es dem Mitleid gegen Duͤrftige fort und fort offen; der Schrei⸗ bergeſell kam nach wie vor, und ging nie von dannen ohne eine Erquickung fuͤr den blinden Vater; auch muß man ſagen, daß er ſich ſolcher Wohlthat jetzt wuͤrdiger bezeigte; er lag den ihm zugetheilten Beſchaftigungen mit muſterhaf⸗ tem Fleiße ob, auch gab er ſeiner Verſorgerin nicht mehr andern Anlaß zur Unzufriedenheit, die Ruhe und ſtrenge Sitte ihres Hauſes ſtoͤ⸗ rend, und die haͤßliche Urſula beklagte ſich nicht uber Anfechtungen, welche einſt der huͤbſchen Jo⸗ hanne geworden. Eben ſo wenig war Frau Bilſen des Verſprechens uneingedenk, das ſie j⸗ 133 „——— ner ſterbenden Mutter gegeben; zwar hatte der Braͤutigam ſie der Sorge fuͤr die juͤngern Kin⸗ der uͤberhoben, jedoch, treu ihrem Vorſatze, die Erziehung des Aelteſten zu der ihren zu machen, hatte ſie damit unverzuͤglich den Anfang gemacht. Bereits angethan mit dem ſchwarzen Current⸗ ſchuͤlerkleide, kam der ſchnell aufſchießende und ſchon recht geſund ausſehende Quartaner von Zeit zu Zeit zu ſeiner Pflegmutter, immer guͤtig empfangen, immer mit frommen Vermahnun⸗ gen, auch mitunter beſchenkt entlaſſen. Jeder Tag vermehrte die Liebe, ja die Verehrung des Braͤutigams gegen die Verlobte, alle Zeit brachte er bei derſelben zu, welche ihm ſeine Geſchaͤfte uͤbrig ließen, oder in welcher Frau Beatens ſtrenge Sittlichkeit ihm den Zutritt verſtattete. Er ſprach dann mit Waͤrme von der Zukunft, von ſeinem eiftigen Beſtreben, Die, welche ihn gluͤcklich mache, auch ſeinerſeits zu begluͤcken, ſo weit es in ſeinen Kraͤften ſtehe, und man muß geſtehen, daß er es im Letzten nicht beim Wort allein bewenden ließ, denn bei jeder ſich haͤufig genug darbietenden Gelegenheit uͤberſchuttete er die Widerſtrebende mit den Gaben des Fuͤll⸗ horns, deſſen reichen Inhalt ſie bald mit ihm 134 theilen ſollte. In ſeinem Hauſe ging es nicht ſo ruhig her, als in dem ihrigen; das vaterliche Geraͤth, welches der Nachlaͤſſigkeit und Bequem⸗ lichkeitsliebe des Junggeſellen biöher gut genug daͤuchte, wich einer prachtvollen Ausſchmuͤckung nach dem neueſten Geſchmack; Maler, Tapezie⸗ rer, Vergolder und andere Handlanger des Lurus und des Reichthumes beeiferten ſich um die Wette, das weitläͤuftige Gebäude zum Empfange der neuen Herrin wuͤrdig auszuſchmuͤcken. Alles verjuͤngte und verſchoͤnte ſich, nur der Beſitzer nicht. Die Anſtrengung des Geiſtes, der ſich der Liebende unwillkuͤrlich dahin gab, die des Koͤrpers, die er, langer Gewohnheit zuwider, willkuͤrlich uͤbernommen, ſchienen ſeiner Geſund⸗ heit nicht zutraͤglich zu ſeyn, ſie war im Abneh⸗ men, ſo merklich im Abnehmen, daß dieſe Wahr⸗ nehmung ſeine Hoffnung truͤbte, und oft, wenn er noch im Morgenrocke, ehe Diener und Haar⸗ kraͤusler ihr Wert verrichtet hatten, an den ho⸗ hen, erſt kuͤrzlich angebrachten Wandſpiegeln vor⸗ uͤberging, ſeufzte er bei dem Gedanken an den Unterſchied zwiſchen der Geſtalt, die ſie ihm zeig⸗ ten, und der friſchen, bluhenden Schoͤnheit der Braut. 135 Eines Tages— denn wir ſind zu oem Zeitpunkt dieſer Darſtellung gekommen, von welchem aus wir, nach Vorausſendung des bis⸗ her Geſagten, aus einzelnen Andeutungen zu⸗ ſammengeſetzt, dem eigentlichen Bericht unſerer Chronik folgen können, in welchem aber auch leider die Umſtaͤnde eintreten, die, obſchon bisher Alles fein ordentlich und natuͤrlich zugegangen, unſerer fruͤheren Aeußerung nach in Zweifel uͤber die Wahrheitsliebe des Verfaſſers gerathen laſſen. Eines Tages alſo, wahrſcheinlich im Herbſt, ſtand eine oder zwei Stunden nach der Mahl⸗ zeit Frau Beate Bilſen am Fenſter ihrer Woh⸗ nung am Sankt Blaſiusſteig. Der Herr Sena⸗ tor Werzelius, ihr verlobter Braͤutigam, war ihr Gaſt geweſen, und, wie der Autor verſichert, gar geſpraͤchig und guter Dinge. Einige Zeit aber, nachdem das Tafeltuch abgenommen, iſt er einſylbiger worden und ſeine Froͤhlichkeit hat ſich in Unbehagen verkehrt, ſo daß er unruhig im Zimmer auf- und niedergegangen, auch den Schweiß zu verſchiedenen Malen mit dem Ta⸗ ſchentuche von Stirn und Wangen getrocknet. Als nun die Braut ſolches bemerkt, und wie er 136 bleich ausſahe, und ſie ihn gar liebreich befragt, was ihm denn zugeſtoßen, hat er geantwortet, ein vergeſſenes, nothwendiges Geſchaͤft ſey ihm in Sinn gekommen, auch ſich alsbald entfernt, ohngeachtet ihres Bittens, und daß er ſich vor⸗ genommen, denſelben Abend bei ihr zuzubringen, doch muthmaßlich nicht des vorgegebenen Ge⸗ ſchaͤftes, ſondern eines zugeſtoßenen Unwohl⸗ ſeyns wegen, welches er indeß verheimlicht, weil ein Verlobter nicht gern dergleichen Klage vorbringt im Beiſeyn der kuͤnftigen Ehegattin. Wie dieſelbe nun ſolchergeſtalt allein geblie⸗ ben, hat ſie ſich ein wenig an dem Wetter er⸗ goͤtzen wollen, welches ſelbigen Tag gar ſchoͤn geweſen, alſo daß die vornehme, reiche und muͤ⸗ ßige Welt ſich beluſtigt mit Spatzierenfahren und Reiten und Gehen. Da aber die verwitt⸗ wete Frau Bilſen, einer eingezogenen Lebensweiſe befliſſen, keinen ſonderlichen Geſchmack an der⸗ gleichen Vergnuͤgungen gefunden, auch ſich ſel⸗ ten auf der Straße gezeigt, außer zum Kirch⸗ gang oder um irgend ein Liebeswerk zu verrich⸗ ten, oder hoͤchſtens einen nothwendigen Beſuch abzuſtatten, hat ſie ſich mit dem Schauen aus dem Fenſter begnuͤgt. Vielleicht erwartete ſie auch einen Zuſpruch, den ihres Schreibergehuͤl⸗ fen, daß ſie mit ihm ihre frommen Betrachtun⸗ gen durchgehe, und ſie ſah nach, ob er kaͤme. Obwohl in der Stadt alle Straßen und Maͤrkte, und rings umher die Baumgaͤnge mit Menſchen angefuͤllt waren, war es doch ziemlich einſam am Blaſiusſteige, als in einer abgelegenen Ge⸗ gend, wo ſelten ein Luſtwandler ſich ſehen ließ und noch ſeltener ein Wagen. Dem ohngeach⸗ tet ließ gerade in dieſem Augenblicke ſich das Raſſeln eines ſolchen vernehmen und kam die Straße hinauf immer naͤher. Wie nun die Frau Bilſen neugierig das Haupt dahin wandte, wurde ſie eine beſtaubte Reiſekaleſche gewahr, mit drei Poſtgaͤulen beſpannt, und wiewohl bei ſolcher Erſcheinung nichts Abſonderliches gewe⸗ ſen, iſt ihr doch urplotzich ſeltſam zu Muthe worden, als ſtuͤnde ihr Wichtiges bevor. Die Perſon, welche ſich im Wagen befand, konnte ſie nicht wohl erkennen, denn dieſelbe war, des warmen Tages ungeachtet, dicht verpackt in Rei⸗ ſepelz und Mantel; auf dem Kutſchbocke, neben dem Poſtillon, ſaß ein Mohr, ſchwarz wie Eben⸗ holz und auf engliſche Art gekleidet in gelben Nanquin, welches denn wunderlich abſtach gegen 138 die Farbe ſeines Geſichts, und der Mohr ſchaute hinauf, wie ihr duͤnkte, nach dem Fenſter, wo ſie ſtand, mit glaͤnzendem Auge, und laͤchelte oder lachte begruͤßend, daß der Elfenbein der Zaͤhne recht grell hervorleuchtete zwiſchen dem Kienruß der Backen. Und bei dem Gruße ward ihr noch wunderlicher zu Muthe, ſie wußte ſelbſt nicht warum, er hatte ihr aber gegolten, denn die Kaleſche kam gerade auf das Haus zu und hielt ſtile vor demſelben. Als nun der Poſtillon in das Horn geſtoßen und der abgeſprungene Mohr an der Klingel gezogen hatte, kam die Haus⸗ jungfer Urſula herbei, um zu oͤffnen, jedoch den Letzten erblickend, ſchrie ſie auf und lief zuruͤck, die Thuͤr aufſtehen laſſend, ſo daß ſie herein⸗ traten Beide, der Herr und der Diener. Als der Letzte darauf mit ſchallender Stim⸗ me und in fremdlaͤndiſcher, gebrochener Mund⸗ art nach der verwittweten Frau Bilſen fragte, blieb dieſer kein Zweifel, daß der unerwartete fremde Zuſpruch ihr beſtimmt ſey und ſie trat, nur wenig uͤber denſelben erfreut, in die Thuͤre ihres Gemachs, um den Reiſenden zu empfan⸗ gen. Auch fuͤhrte ſich dieſer ohne ſonderliche Ceremonie ein, waͤhrend der Afrikaner die be⸗ ſturzte Urſula mit aͤhnlicher Unbefangenheit auf⸗ forderte, ihn in eine Stube zu fuͤhren, in er das Gepaͤck abladen und ſich ausruhen koͤnne von der Reiſe. Das Mißbehagen der braͤutlichen Wittwe verminderte ſich nicht, nachdem die Geſtalt des ungebetenen Gaſtes allmaͤhlig ſichtbar geworden war. Als er ſich, zu ihrem billigen Erſtaunen, ohne einige Entſchuldigung ſeines Mantels, Pelzes und noch verſchiedener anderer Huͤllen entledigt hatte, ſtand ein kleines, unanſehnliches Maͤnnchen vor ihr, von uͤblem Koͤrperbau und noch uͤblerm, ſichelfoͤrmig gebogenem Fußwerk. Seine Geſichtsfarbe, wahrſcheinlich von tropiſchem Sonnenſtrahle gebraͤunt, war nur um Weniges heller als die ſeines Dieners; zwiſchen den ſchma⸗ len eingefallenen Backen unter der eckigen kns⸗ chernen Stirn ragte eine gewaltige Naſe hervor, deren Spitze die ſchielenden Augaͤpfel, wie auf einander eiferſuchtig, zu bewachen ſchienen; unter dem weitgeſchlitzten, duͤnnlippigen Munde aber ein ſpitziges Kinn. Seine Kleidung war weder modiſch, noch zierlich, noch neu, noch fein zu nennen, ſondern von Allem das Gegentheil, und eine zu kleine ſchwarze Atzel kroͤnte kuͤmmerlich 14⁰ das mißrathene Produkt der Natur. Kurz, der Eingetretene, oder Eingedrungene vielmehr, er⸗ ſchien Beaten gleich dem Gegenbilde ihres Freun⸗ des Eſaias Goldenbaum, nur dunkler und ver⸗ zerrter noch, als das gleichfalls nicht reizende Original. Schwerlich duͤrfen wir ihr daher das Miß⸗ behagen verargen, welches dieſe Erſcheinung in ihr erregte; es ſollte ſich indeß noch vermehren, als dieſe endlich zu ſprechen fuͤr gut fand. „Hat“— hob er an mit kurzen, raſch her⸗ vorgeſtoßenen Worten, aber haͤufig unterbrochen durch das Keuchen der Engbruͤſtigkeit—„hat die werthe Frau Bilſen, Johann Gottfried Bil⸗ ſens Wittwe, jemals den Namen Nathanael Schwarz nennen gehoͤrt und erinnert ſich deſſel⸗ ben? Er iſt der meine.“—— Frau Beate blieb die Antwort ſchuldig, ihr war jetzt die Betroffenheit ſehr erklaͤrlich, welche ſie beim Herankommen jenes Wagens gleichſam mahnend empfunden, denn nur allzuwohl war ihr der ausgeſprochene Name bekannt; ſie erin⸗ nerte ſich ſeiner nur allzugut, und wayrlich nicht in erfreulicher Beziehung. „Der Nathanael Schwarz bin ich denn,“ 141 fuhr der ſich ſelbſt Ankuͤndigende mit einem ſtechenden Blick auf die wortarme Bewohnerin des Hauſes fort;„und ich komme geradesweges von Batavia, wo mir die Luft nicht zuſagt, weshalb ich denn mein Geſchaͤft dort aufgegeben habe und zuruͤckgekehrt bin nach Europa.“— Mit Muͤhe preßte die Verlegene die Worte hervor:„Willkommen denn, Herr Schwarz, im heimathlichen Welttheil und in dieſer Stadt.“— „Willkommen? Ich hoffe es,“— verſetzte der Andere wie vorher.„Nicht Alle kommen von dort, wie man in den Romanen liſ't, reich zuruͤck und als große Herren; meine Spe⸗ culationen auf Java ſind meinem Wohlſtande ſo wenig guͤnſtig geweſen, als das Klima da⸗ ſelbſt meinem Koͤrper.“— „Ich bedaure von Herzen, wenn Ihr Euch unwohl befindet,“— verſicherte ſie in einem Tone, der einigen Zweifel in die Auftichtigkeit ihrer Theilnahme verſtattete. Auch ſchien der Fremde ſolchen zu hegen, denn er ſagte ſcharf genug:„Nicht von noͤthen; was meine Krankheit betrifft, ſo hoffe ich Huͤlfe von den hieſigen Aerzten, das andre Uebel, aber * ** 142 das groͤßere, werdet Ihr ohne Zweifel gefäͤlligſt heilen, wenigſtens zum großen Theil.“— „Wie koͤnnte ich?“ ſagte Frau Bilſen ſtok⸗ kend.—„Ich wuͤßte nicht, wie ich im Stande waͤre, noch wie mir oblaͤge— Kurz, ich verſtehe Euch nicht, mein Herr, und muß Euch um Er⸗ klaͤrung bitten, was Ihr begehret, und der Ur⸗ ſach uͤberhaupt, welcher ich ſo unverhofften Be⸗ ſuch zu danken habe; ich will nicht ſagen Ein⸗ quartierung.“— „Wie Ihr konntet?“ wiederholte barſch der Ankoͤmmling jenſeits des Meeres.—„Ihr wuͤßtet nicht, und verſtändet mich nicht? Nun, ſo bin ich genoͤthigt, Eurem Gedaͤchtniß zu Huͤlfe zu kommen, uberzeugt, wie ich ſeyn muß, daß der Wittwe und Erbin weiland Johann Gott⸗ frieds Bilſen et Compagnie nicht unbekannt ſeyn kann, was etwa den Nathanael Schwarz nach dieſer Stadt fuͤhren kann, und gerade in ſein Haus, wo er recht willkommen war zu einer andern Zeit.“— 6 „Ich zweifle nicht,“— erwiederte Frau Beate, nach wieder gewonnener Faſſung einen hoͤhern Ton annehmend;„ich zweifle nicht, weil Ihr es ſaget, mein Herr, daß Ihr in dieſem Hauſe ———————— recht willkommen geweſen ſeyn moͤget und bei meinem verſtorbenen Eheherrn, doch der Ge⸗ nannte iſt leider Gottes todt, und dies Haus gehoͤret jetzt mir, ſeiner betruͤbten Wittwe, der er es hinterlaſſen als einziges Erbe, und welcher Eure Perſon ſo fremd iſt als Euer Begehr.“— „Meine Perſon bleibt hier aus dem Spiele,“ erwiederte der Andere,—„daß aber mein Name Euch eben ſo fremd waͤre, daß dies Haus Euer einzig Erbe geweſen, widerſpricht eben ſo ſehr dem guten Rufe als Kaufmann, deſſen der Ver⸗ ſtorbene genoß, als dem bekannten Zuſtand ſei⸗ ner Geſchaͤfte.“— „Beide waren wohl beruͤchtigt, darin habt Ihr voͤllig Recht,“— unterbrach ihn die Witt⸗ we ſpitz:„doch bitt' ich Euch, endlich zu ſagen, wie ſich der Umſtand nennt, der Euch bewegt, ſie gleichſam in Schutz zu nehmen gegen ſeine hinterlaſſene Ehefrau, welche, meine ich, mehr Befugniß dazu haͤtte, als— als ein voͤllig Un⸗ bekannter.“— Der voͤllig Unbekannte ſprach kalt:„Der Umſtand hat gar einen huͤbſchen Namen, er heißt: Zehntauſend Gulden. Ja, werthe Frau, zehntauſend Gulden nebſt Zinſen zu ſechs vom 144 Hundert ſeit zehn Jahren, vor welchen ich be⸗ ſagte Summe dem ſeligen Herrn in ſein Ge⸗ ſchaͤft dargeliehen, ehe ich nach Batavia ging, und welche er als ein ordentlicher Kaufmann ohne Zweifel in ſeinen Buͤchern vermerkt hat, des Schuldſcheines nicht zu gedenken, der ſich in meinen Haͤnden befindet.“—— „Ich erinnere mich des Umſtandes nicht,“ verſetzte die Wittwe mit Beſtimmtheit;—„zur Zeit, die Ihr nennet, war ich noch nicht meines ſeligen Herrn Ehefrau.“—— „Ich weiß, ich weiß,“— fiel er ſeinerſeits ziemlich unhoͤflich ein;„Ihr waret damals noch ſeine Braut, als welcher ich, wie Ihr gleichfalls vergeſſen haben werdet, Euch meine gebuͤhrende Reverenz gemacht habe— hier iſt jedoch nicht die Rede von Eurem werthen Hochzeittage, ſon⸗ dern von meiner Forderung und des Herrn Jo⸗ hann Gottfried Bilſen nachgelaſſenen Buͤchern, welche ſolche beſtaͤtigen muͤſſen.“— „Nichts dergleichen habe ich in denſelben ge⸗ funden,“— verſicherte Beate. „Schlimm genug,“— lautete die Antwort —„ſchlimm genug waͤre das, haͤtte ich nicht den Schuldſchein zum Glůͤck in Gegenwart zweier Zeugen aufgeſetzt, welche beide ſich noch am Leben befinden. Unter ſolchen Umſtaͤnden iſt es nun freilich nicht die werthe Frau, an welche ich mich wenden muß wegen Capital und Intereſſen, ſondern die loͤbliche Juſtiz hieſiger Stadt. Will daher um Vergebung gebeten haben wegen mei⸗ ner Dreiſtigkeit, und meine Perſon und Effecten in irgend einem Gaſthofe beherbergen, wo ich beſſer aufgenommen ſeyn werde, als im Hauſe meines ehemaligen Geſchaͤftsfreundes.“— „Solches,“— meinte die derzeitige Beſitze⸗ rin,—„ſolches, werther Herr Schwarz, haͤtte Euch einleuchten koͤnnen, bevor Ihr uneingeladen und ſtoͤrend Euch in die ſtille Wohnung einer einſamen Wittwe eindraͤngtet.“— „Blondin!“— rief der Andere mit heiſerer Stimme, und:„Hier, Herr!“— antwortete vor der Thuͤr des Negers volltoͤnendes Organ.— „Sachen packen!“ ſprach der Gebieter,— und: „Wohl, Herr!“— der Diener, gleich umkeh⸗ rend in der Thuͤr. Darauf ſprach der Erſtere, allmaͤhlig ſeine Huͤllen zuſammenraffend:„Eine Frage iſt mir hoffentlich noch an Euch vergoͤnnt, werthe Frau Bilſen?“——„Da es,“— entgegnete ſchnoͤde 10 146 die Genannte,„da es dem Herrn nun einmal beliebt hat, ſich an mich zu wenden, ſo frage derſelbe in Gottes Namen.“— „Der Name iſt dabei nicht nothwendig,“— ſprach der Andere mit ſeltſamem Laͤcheln— „denn es betrifft nur eine Kleinigkeit, die Woh⸗ nung Herrn Ludwig Balthaſar Werzelius, Vor⸗ ſtehers eines namhaften Handelshauſes hieſiger Stadt.“— Frau Bilſen gegenfragte, aufmerkſam wer⸗ dend:„Und was habt Ihr, wenn man ſich er⸗ kundigen darf, mit dem Herrn Senator dieſes Namens?“——„Ey! das iſt ja eben Einer der Zeugen,“— lautete der Beſcheid.—„Wer⸗ zelius Sohn, und wie ich vernommen, ſoll der⸗ ſelbe gegenwaͤrtig Senator ſeyn, gleich dem Vater, der mein alter Geſchaͤftsfreund war und Special.“— Die Macht der Liebe iſt groß, und in dem Herzen, wo ſie wohnet, mag keine andere Em⸗ pfindung, zumal eine gehaͤſſige, beſtehen, min⸗ deſtens nicht auf die Dauer. Der Name des Braͤutigams uͤbte uͤber Beatens Gemuͤth die⸗ ſelbe Gewalt aus, mit welcher das Quos ego! des Poſeidon die empoͤrten Wogen des Ozeans 147 beſchwichtigte; ihre Entruͤſtung legte ſich urplotz⸗ lich; ſie ſtand eine Weile ſinnend, dann ſprach ſie, wie mit einem Male umgewandelt und im allerfreundlichſten Tone:„Warum ſo eilig, verehrter Herr Nathanael Schwarz? Ihr werdet mir doch nicht zuͤrnen? Man muß den Frauen etwas zu Gut halten, zumal in Geſchaͤftsſachen, wo wir, gerade unſerer Unwiſſenheit wegen, uns manchmal ſtorriſcher geberden, als die erfahre⸗ nern Maͤnner. Es kann ſeyn, ich habe mich geirrt; wird es ſich doch ausweiſen. Muß man denn gerade ſich feind werden, auch wenn es das Mein und Dein betrifft, obſchon es von allzugroßer Wichtigkeit iſt in dieſer argen Welt und Wittwen und Waiſen in derſelben wohl auf ihrer Hut ſeyn muͤſſen, daß man ſie nicht bedruͤcke? Aber das werdet Ihr doch nicht thun? Ihr waret ja ein Freund meines ſeligen Ehe⸗ herrn, wie ich mich jetzt recht gut erinnere und auch, wie er Euch vielfach geruͤhmt als einen rechtlichen und billigen Mann. Nun, ein Freund des Verſtorbenen wird mir die Schmach doch nicht erweiſen, daß er in einem Gaſthofe wohne? Was wuͤrde man davon ſprechen? Bleibet, ich bitte Euch, und ſehet mein Haus an als das 10* 148 Eure. Wir beſprechen dann die Sache bei Ge⸗ legenheit ganz geruhig und freundſchaftlich mit einander, und ſollte es ſich auch ergeben, daß das Recht auf Eurer Seite ſey, ſo werdet Ihr doch nicht allzuhart mit einer Wittwe verfahren, welche, obſchon nicht ganz arm, dennoch kaum nothduͤrftig wohlhabend iſt, zumal mit der Wittwe eines Freundes.“— „Ich kann Euch ſolche Schonung nicht ver⸗ ſprechen,“ verſetzte der ſtörriſche Oſtindienfahrer; „auch wenn ich reich waͤre, wuͤrde ich auf mein Eigenthum beſtehen, denn wer in der Welt bliebe wohl reich, der es weggaͤbe? Aber ich ſage Euch, ich bin es nicht, und was ich von Euch begehre und erwarte ohne Einſchränkung, Zögerung noch Abzug, iſt mir ein nothwendig Pflaſter auf manch erlittenen großen Verluſt.“— Frau Beate bewegte die Lippen, wie leiſe Worte in ſich hineinſprechend; die vernehmlichen aber, die ihnen, mit anmuthigem Laͤcheln beglei⸗ tet, folgten, lauteten ſo:„Sprechet, werther Herr Schwarz, von unſern etwanigen Geſchaͤf⸗ ten mit Leuten, welche mehr davon verſtehen, als ich. Eilet es denn ſo ſehr? Morgen iſt auch ein Tag, und fuͤr heute beduͤrfet Ihr gewiß 149 am meiſten der Erquickung und Ruhe. Neh⸗ met beide guͤtig an, wie ich ſie Euch zu bieten vermag.“— „Ihr wollet es ſo.— Es ſey darum; ich bleibe,“— war die raſch herausgepolterte Ant⸗ wort des Fremden, dann wandte er ſich gegen die Thuͤr und rief wiederum:„Blondin!“— und„Herr!“ erſchallte es wiederum draußen. „Pack aus, wir bleiben!“ war der kurze Be⸗ ſcheid.„Ganz gut, Herr!“ die eben ſo kurze Antwort.— Darauf wendete ſich Herr Nathanael gegen die Wittwe, und ſagte in etwas weniger ſchrof⸗ fer Art:„Wenn Ihr mich denn beherbergen wollet fuͤr einen Tag oder zwei, binnen welchen unſere Sache abgethan ſeyn muß, ſo laſſet mir gefaͤllig ein Zimmer anweiſen; allerdings bedarf ich Ruhe und ſehne mich nach ihr vor Allem.— Darauf ging er keuchend und huͤſtelnd von dan⸗ nen, unter der Leitung der herbeigerufenen Urſula und gefuͤhrt von dem Neger, denn ſeine Ermattung ſchien groß. Eine halbe Stunde lang verweilte Frau Bilſen allein, dann berief ſie die Dienerin: „Urſula,“ ſagte ſie zu dieſer,„wir haben heut Gaͤſte bekommen. Ich bin zwar nicht gewohnt, Herberge zu halten fur Solche, ſo weit ſie auch hergekommen ſeyn moͤgen, doch bewegen mich einige Urſachen, ſie heut und morgen zu behal⸗ ten; richte Dich demnach darauf ein, aber Alles ſchlecht und recht; iſt doch der Fremde, wie ich meine und aus ſeinem Begehren an mich ge⸗ urtheilt, nicht viel mehr oder weniger als ein Bettler.“—— Jungfer Urſula hatte die erſten Worte mit beifaͤlligem Kopfnicken angehoͤrt, bei den letzten aber brach ſie, beide Arme in die Seite ſtem⸗ mend, in ein kreiſchendes Lachen aus, rufend: „Ein Bettler waͤre der? Wollte Gott, in un⸗ ſerer Stadt, ja in der Reſidenz ſelber, wo ich lange Jahre conditionirt habe, waren lauter ſolche Bettler, dann moͤchte ich dort eine Reiche ſeyn. Der Mohr, denke ſich die geſtrenge Frau, der Mohr— im Vorbeigehen geſagt, iſt er, ob ich mich gleich Anfangs vor ihm gefurchtet, doch im Ganzen eine recht huͤbſche Mannsperſon, das ſchwarze Geſicht ausgenommen— ja der Mohr, wollt ich ſagen, hat eine ſchwere Geld⸗ katze um den Leib, und er hat ſie mir gezeigt, denn er iſt auch ein recht artiger Menſch fuͤr * 151 'nen Mohren, und es war nichts darin als lauter Goldſtuͤcke, ſo groß, wie die Unterſchale von der geſtrengen Frau Mundtaſſe, ja wahr⸗ haftigen Gott, ſo waren ſie, portegieſche Qua⸗ drupel that er ſie nennen. Wenn nun der Be⸗ diente ſo viel hat, wie viel muß der Herr nicht erſt haben! Nun, Gott lobe mir ſolche Bettler, mir ſind ihrer mein Lebtage nicht viele vorge⸗ kommen.“— „Wirklich?“ fragte Frau Beate, aufmerk⸗ ſam gemacht durch dieſen Bericht und ver⸗ wundert. „So wahr ich lebe,“ verſetzte das Maͤdchen: * iſt juſtement ſo, wie ich ſagen gethan, und wohl ein paar hundert waren darin, und er hat mir auch des Herrn ſein Reiſekaͤſtchen gezeigt, Neceſſaire, wie man es nennt, und was meint die geſtrenge Frau, wovon das Zeug drin war? Nicht von Elfenbein, auch nicht von Sil⸗ ber, wie meiner ſeligen Frau Baronin ihres, nein, von purem Golde, und mit Diamanten und Rubinen beſetzt, wie die welſchen Nuͤſſe.“— „Scheint es doch,“ erwiederte die Wittwe unglaͤubig laͤchelnd,„als ſey uns ein Gegen⸗ ſtuck zum Brautigam von Merico gekommen.“— „Ach was Mexico!“ war Urſula's eifrige Gegenrede,„Batavia iſt gar ein anderes Land. Da ſpielen, ſo hat mir der Mohr geſagt, der, im Grunde genommen, ein recht ſcharmanter, redſeliger Musjeh iſt, da ſpielen die Gaſſenjun⸗ gen Anwerfens mit Dukaten, die dort ſo viel gelten, wie hier zu Lande die Kreuzer, und die Herren zuͤnden die Tabackspfeife an mit Bank⸗ noten von hundert Gulden, und wenn man der Hausjungfer ein Trinkgeld giebt, ſo nimmt ſie es gar nicht, wenn es nicht zwanzig ſolche große Goldſtucke ſind, oder wenigſtens fuͤnfhun⸗ dert Gulden hieſiger Waͤhrung.“— „Nun, das geht wahrlich noch uͤber den Braͤutigam von Mexico!“ rief die Wittwe Bilſen zwiſchen Ernſt und Spott,„wenigſtens beweiſt es, meine Liebe, daß Ihr Herr Blondin wirk⸗ lich ein recht redſeliger Monſieur ſeyn mag, wie Sie ſagt.“— „Was denkt die geſtrenge Frau?“ fragte die Zofe beleidigt.„Meint ſie etwa, daß ich flun⸗ kere? Nein, ſo wahr ich eine unbeſcholtene Jung⸗ fer bin, ich rede die reinſte Wahrheit, und das iſt noch nicht genug. Wie der Herr noch drin⸗ nen war bei der Frau, hat mich der Musjeh 153 Blondin Kiſtchen und Kaͤſtchen ſehn laſſen, und die waren voll von Juwelen und Perlen, wie in gemeine Baumwolle eingepackt in vſtindiſche Shawls, in aͤchte Shawls, ſage ich der Frau, wie ſie die Fuͤrſtin in unſerer Reſidenz nicht hat, viel weniger die Frau Buͤrgermeiſterin hier, die nur franzoͤſiſche Waare traͤgt und ſie noch ſo lange waſchen und faͤrben laͤßt, als ein Fa⸗ den daran iſt. Und der eine Mantelſack iſt voll von Golde und ſo ſchwer, daß der Mohr und der Poſtillon dran ſchleppen muͤſſen uͤber Macht die Treppe hinauf; das iſt aber nur das kleine Geld zur Reiſe, ſagt Herr Blondin, in dem Taſchenbuche aber ſtecken Banknoten und Wech⸗ ſel fuͤr viele hunderttauſend Millionen.“— „Glaube die geſtrenge Frau was ſie will,“ unterbrach ſie das Gelaͤchter, zu dem die un⸗ willkuͤhrlich immer aufmerkſamer und ernſter werdende Gebieterin ſich zwang;„es iſt doch ſo, wie ich ſage, und ich will das Leben nicht haben, wenn es nicht an dem iſt. Aber, ſo grauſam reich der Herr auch ſeyn mag, ein Braͤutigam iſt er doch nicht, wenigſtens wurde ich mich ſehr beſinnen, wenn er mich wollte. Erſtlich ſoll er ganz erſchrecklich geizig ſeyn, ſagt 154 Herr Blondin, und wenn er mit einem Pfen⸗ nig einem Chriſtenmenſchen das Leben retten koͤnnte, ſo thaͤt' er es nicht, und iſt ihm Je⸗ mand hundert Gulden ſchuldig geweſen, gleich⸗ viel, ob er die Banknoten zum Fidibus gemacht hat, aber haben mußte er ſie zu Heller und . Pfennig, und ſollte der Schuldner druͤber an den Bettelſtab kommen mit Weib und Kind⸗ Und dann, ſo viel Geld und Juwelen er hat, ſo viel Krankheiten hat er auch. Engbraͤſtig iſt er und ſchwindſuͤchtig, und hat die Gicht und das Podagra und Ohnmachten alle Tage, und die Starrſucht und die fallende Sucht und An⸗ faͤlle vom Schlage.“— Wie ſich aus tiefem Nachdenken ermunternd, warf Frau Bilſen fluchtig die Worte hin:„Der arme Mann! Ja wohl arm, trotz ſeines Reich⸗ thums, der doch wohl bedeutend ſeyn mag, hat auch Herr Blondin ein wenig uͤbertrieben. Al⸗ ſo der Starrſucht iſt er unterworfen und An⸗ faͤllen vom Schlage?“—— „Allem Beiden,“ verſicherte Urſula,„und noch Mehrerm, was ich vergeſſen habe, und ſo ſtark, daß auf dem Wege vom Hafen hieher der Mohr wohl ſechsmal geglaubt hat, es waͤre rein 155 vorbei. Und ſo geht es alle Tage, aber doch rafft er ſich immer wieder auf und ißt dann ſo abſcheulich viel, daß er gar nicht zu erſaͤttigen ſeyn ſoll und man glauben moͤchte, er ſey der geſundeſte Menſch. Nun, das muß ich ſagen, der Herr Blondin hat auch einen geſunden Appetit, in der Kuͤche und Speiſekammer fin⸗ det keine Maus mehr einen Mundbiſſen, ſo hat er drin aufgeraͤumt; aber ich habe es ihm gern gegeben, denn er iſt, wie ſchon geſagt, doch eine recht angenehme und zuthuliche Manns⸗ perſon.“—— „Daran hat Sie wohlgethan, mein Kind!“ belobte die Wittwe ihre Dienerin;„doch muß Sie Sorge tragen, daß der Mangel erſetzt werde, welchen die Eßluſt des Afrikaners verurſacht hat. Es ſcheint nach dem, was Sie mir von Beiden geſagt, als wuͤrde dieſer Gaſt von jen⸗ ſeit des Meeres ſich nicht mit Kartoffeln in der Schale begnuͤgen. Alſo iſt der Herr Na⸗ thanael Schwarz ſo ſehr reich und ſo ſehr gei⸗ zig dazu und kraͤnklich? Sie muß in der Eile fuͤr eine gute Abendmahlzeit ſorgen, ſehr gut und reichlich und auserleſen; hoͤrt Sie? doch 156 leichte Speiſen, wie ſie ſich fuͤr einen Kranken geziemen.“— „Ich laufe,“ erwiederte die bereitwillige urſula,„bei dem Franzoſen iſt Alles zu finden, was man begehrt, und zu jeder Stunde des Tages. Aber,“ ſetzte ſie ein wenig zoͤgernd hin⸗ zu,„darf ich auch ein paar derbere Schuͤſſeln beſtellen fuͤr den Mohren? Der arme Herr Blondin iſt noch gar nicht ſatt, und ſchauet in alle Ecken, ob er etwas finde; es iſt aber, wahr⸗ haftigen Gott! nichts mehr da.“— „Thue Sie, wie Sie will,“ geſtattete die Freigebige,„oder ich wuͤnſche vielmehr, daß Sie Herrn Blondin zufrieden ſtelle, wenn es moͤg⸗ lich iſt. Uebernehme Sie die Sorge fuͤr den Diener, fuͤr den Herrn werde ich ſorgen. Alſo“ fragte ſie abermals,„alſo an der Starrſucht lei⸗ det der arme Herr Schwarz? Suche Sie uͤber die Art ſeiner Krankheit und ihre Symptome etwas von dem Neger zu erfahren; es iſt gut, daß man darauf vorbereitet ſey, und nicht allein auf Nahrung, ſondern auch auf Pflege ſeiner Geſundheit, ſo weit ſie in meinen Kräften ſteht, hat der Freund meines verſtorbenen Mannes guͤltigen Anſpruch.“— 157 „Ach, was iſt die geſtrenge Frau doch fuͤr eine gute, mildthaͤtige Herrſchaft!“ ruͤhmte die gefuͤgige Liebedienerin,„gleich gut gegen Jeder⸗ mann, gegen arm und reich. Na, was an mir liegt, werde ich thun, und wie der ſchwarze Herr Kammerdiener alle meine Töpfe und Tie⸗ gel die Muſterung paſſiren und nichts, was drin war, ſich entgehen laſſen, ſo ſoll mir auch nichts entgehen, was ihn betrifft und ſei⸗ nen Herrn, denn ich bin lange in der Reſidenz geweſen, und weiß mit gereiſten Leuten zu reden. Jetzt aber fertige die geſtrenge Frau mich ab, denn es iſt hohe Zeit, und ich habe doch noch allerlei zu thun.— Als ſie darauf von Frau Bilſen erhielt, was ſich nach einem tiefen aber zoͤgernden Griff in den Geldbeutel in der Hand derſelben befand, rief ſie, erſtaunt uͤber die ungewohnte Verſchwen⸗ dung:„Je du mein Gottchen, das ſoll ein Souper werden, wie es meine ſelige Frau Ba⸗ ronin niemals gehabt; aber freilich, die Frau Baronin war die Wittwe eines Kavaliers, die geſtrenge Frau aber iſt die Braut eines reichen Herrn Senators.“— Hier wandte ſie ſich, um zu gehen, in der Thuͤr aber kehrte ſie noch um 158 — mit der Frage:„Und wie wird es mit dem Wein? Die Herren, die von der See kommen, ſollen einen erſchrecklichen Durſt haben.“— „Ich bin damit verſorgt,“ war der kurze Beſcheid, und endlich fuͤhrte die Zofe ſich ab, um ihren Auftrag auszurichten, Frau Beate aber ſchritt zu einigen kleinen Vorbereitungen, welche eine ſorgſame Hausfrau nicht gern den Dienſtboten uͤberlaͤßt. Kaum war ſie mit denſelben fertig worden, als die flinke Urſula wieder erſchien, in Beglei⸗ tung einer andern Dienenden, die in dem eingeſchraͤnkten Wittwenhaushalt an gewoͤhnli⸗ chen Tagen die Kuͤche beſorgte, außerdem aber mit der Wuͤrde eines Laufmaͤdchens bekleidet war, in welcher Eigenſchaft ſie denn jetzt einen großen Korb trug, Alles enthaltend, was zu einer trefflichen Mahlzeit erforderlich war. Frau Beate belobte die Auswahl, welche ihre oberſte Hausofficiantin getroffen, befahl der Dienerin, fein gemachſam und ſorglich zu waͤr⸗ men, was deſſen beduͤrfe, und darauf berei⸗ tete ſie mit Jungfer Urſula's Huͤlfe die klei⸗ ne, aber zierliche Tafel. Blendend weißer Damaſt bedeckte dieſelbe und ſilbernes Geraͤth, 159 noch aus Herrn Bilſens Verlaſſenſchaft ſtam⸗ mend und wenig gebraucht nach ſeinem Tode, denn erſt vor Kurzem hatte es Herr Eſaias Gol⸗ denbaum, welcher es eine Zeit lang in Verwah⸗ rung gehabt, aus Freundſchaft, wie er ſagte, fuͤr viele gute Worte und etwas klingend Cou⸗ rant zuruͤckgeſtellt; das franzoͤſiſche Porzellain im neueſten Geſchmack, das ſchimmernde Kryſtall gehoͤrte bereits zu den Geſchenken, welche der Senator Werzelius ſinnig und die Liebhabereien der Frauen kennend, der Verlobten gemacht. Aber nicht die Auszierung der Tafel allein, auch die eigentlichern Beſtandtheile derſelben rechtfertigten Urſula's Vermuthung, manch großes Gaſtgebot der regierenden Frau Buͤrgermeiſterin werde wohl kaum ſo niedlich und appetitlich angeordnet ſeyn, als dieſer Imbiß von ohngefaͤhr, denn waͤhrend dieſe geſchaͤftig hin⸗ und wiederlief zwiſchen dem Zimmer und der Kuͤche, welcher die wurzigen Geruͤche franzoͤſiſcher Kochkunſt zu entſtroͤmen begannen, bepflanzte ihre Frau das kleine Rund mit Flaſchen edlen Weines, unter welchen Ma⸗ deira und Oporto nicht fehlten, der Seefahrer Lieblingsgetraͤnke, und einladende Gallerte und anderes Eingemachte, von ihren eigenen kunſtfer⸗ 160 tigen Haͤnden bereitet, nahmen auf glaͤnzenden Schalen in ſymmetriſcher Ordnung die Raͤume ein, welche die aufgetragenen Schuͤſſeln uͤbrig laſſen ſollten. Kurz, die Zofe ſchlug ein Mal nach dem andern die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen uͤber die Geſchicklichkeit und den Ge⸗ ſchmack ihrer geſtrengen Frau und verſicherte, wie es auch in Batavia ſeyn moͤge, ſo wuͤrde doch Herr Schwarz und ſein Herr Kammer⸗ diener geſtehen muͤſſen, hinter dem Berge wohn⸗ ten auch Leute; Frau Bilſen aber aͤußerte in ihrer Beſcheidenheit die Hoffnung, der Erſte werde wohl mit der Bewirthung zufrieden ſeyn und ſo ſtark er auch eſſen ſollte, ein Mehreres nicht begehren.. „Nun iſt es aber auch Zeit,“ meinte aber⸗ mals zuruͤckkehrend Jungfer Urſula;„der Herr ſind aufgewacht und Herr Blondin ſagt, grade wenn er geſchlafen, ſtelle ſich der rechte Wolfs⸗ hunger bei ihm ein. Ach, was der fremde Herr ſtoͤhnen und kraͤchzen, das ganze Haus ſchallt da⸗ von wieder, und Schnuͤffler, der Pudel, hat ſich aus Angſt verkrochen. Der iſt uͤberhaupt heute gar nicht wie ſonſt, und er, der doch zu⸗ dringlich genug iſt, will gar nicht heran an den 161 Herrn Kammerdiener und laͤuft heulend davon, wenn er ihn ſieht, als fuͤrchtete er ſich vor ihm, wie ich mich vor ihm gefuͤrchtet, und es iſt doch ein recht manierlicher Musjeh, was freilich ſo ein dummes Thier nicht beurtheilen kann.“— „Nun,“ antwortete Frau Beate, noch einen ſelbſtzufriedenen Blick auf die Tafel werfend, „der Herr Schwarz findet uns bereit.— Aber was Sie von dem Hunde meint, die Hunde, ſagt man, ſollen es merken, wenn Jemand ſie nicht leiden kann, und ſo mag das viel⸗ leicht ſeyn mit unſerm Gaſt, welcher mir uͤberhaupt etwas wunderlich ſcheint. Schließe Sie darum den Schnuͤffler an die Kette, hoͤrt Sie, und daß er nicht heraufkommt, ſo lange die Fremden zugegen. Noch Eins,“ unterbrach die Wirthliche darauf die Bejahung der Andern: „Sie hat doch hinlänglich geſorgt fur ſich und den Mohren? Ich werde den Abhub unſeres Tiſches verſchließen; Eins und das Andere koͤnnte doch noch zu brauchen ſeyn, im Fall daß der fremde Herr eine zweite Mahlzeit hier einnaͤhme.“— „Was denkt die geſtrenge Frau von mir?“ verſetzte Urſula.„Glaubt ſie, daß ich eine ge⸗ 11 . 162 naͤſchige Perſon bin, oder nicht weiß, wie es in reputirlichen Haͤuſern hergeht? Wo ich conditio⸗ nirt habe, war immer ein Kammertiſch, wenn Beſuch kam mit Dienſtboten, und ich habe im⸗ mer dabei die Wirthin gemacht. Sorget nicht, ich und der Herr Kammerdiener wollen ſchon an uns denken und in unſerm Gott vergnuͤgt ſeyn. Wuͤnſche gleichfalls guten Appetit und viel Plaiſir.“— Die Wittwe antwortete mit einem halben Laͤcheln und winkte gleich darauf der Zofe ihre Entlaſſung zu, denn ein Scharren ſchwer ſich bewegender Fuͤße, pfeifende Athemzuͤge und ein trocknes Huſten verkuͤndeten den Eintritt des Herrn Nathanael Schwarz. Vergeblich forſchte Frau Beatens Blick eine Zeit lang in der Bedeckung ſeiner mißlungenen Form nach irgend einer Spur des geprieſenen Reichthums, der gehollaͤnderte Deutſche hatte keine Umkleidung fuͤr noͤthig gefunden nach der kurzen Ruhe, dieſelbe Atzel ſaß auf dem ſpitzen Kopf, derſelbe abgeſchabte Rock ſchlotterte um das duͤrre Gebein. Endlich jedoch gelang es dem ſcharfen Frauenauge, etwas Glaͤnzendes an dem uͤbelgefalteten und ganz gegen die Gewohn⸗ heit der Adoptiv⸗Landsleute Herrn Nathanaels nicht einmal beſonders reinlichen Buſenſtreif zu entdecken, und die Bewegung, welche ſein Keuch⸗ huſten demſelben mittheilte, ließ ſie in dieſem einen Stein von ſo bedeutender Groͤße erkennen, daß ſein Werth allein den Beſitzer zum wohlhabenden Manne machte, falls er nicht etwa unaͤcht war, welcher Vorausſetzung indeß ſein ungewoͤhnlicher Glanz widerſprach. Viele unter dem ſchoͤnen Geſchlecht finden Gefallen an ſolchen Kleinig⸗ keiten, und es iſt daher nicht verwunderlich, wenn die Frage der Wirthin nach dem Befin⸗ den des verehrlichen Gaſtes noch um— ſo freundſelig erklang. Auch war die Antwort befriedigend, obgleich nicht in ſehr hoͤflichem Tone hervorgebracht: „Wohl geruht,“ verſicherte er;„auch das Lager war gut genug fuͤr Einen, der ſiebzig und einige Naͤchte in der Hangmatte zugebracht.“— Frau Beate bezeugte ihre Freude an der Zufriedenheit des Herrn Schwarz und fuͤgte hinzu:„In Batavia freilich mag der aſiatiſche Luxus ſich bequemerer Lagerſtaͤtten bedienen, als ich Euch zu bieten vermag, doch habt Ihr auch hier zu Lande nichts von den Moskiten zu be⸗ 11* 164 ſorgen und anderm geflugelten Ungeziefer, welche dort, wie man ſpricht, die Ruhe des Schlafen⸗ den ſtoͤren.“— „Solche Inſekten,“ verſicherte er unangenehm laͤchelnd,„ſolche Inſekten haben mich immer wenig angefochten, vielleicht weil mein Blut zu ſcharf iſt fuͤr ihren Geſchmack, vielleicht auch aus anderer Urſach. Auch, werthe Frau Bilſen, bin ich kein Freund vom Blutſaugen, zumal wenn ich den leidenden Theil vorſtellen ſoll.“— Er lachte hierauf uͤber ſeine Worte, entweder weil er ſie fuͤr ungemein witzig hielt, oder aus Freude uͤber die vortheilhafte Weiſe, in welcher er ſich ſelbſt dargeſtellt in denſelben, und lachte ſo lange, bis ein eintretender Huſten ihn zu er⸗ ſticken drohte. Als dieſer Anfall voruͤber war, wendete er ſich wieder zu Frau Bilſen, die ſeiner Scherz⸗ rede nur mit einem leiſen Laͤcheln Beifall ge⸗ zollt hatte, und ſprach:„Geſchlafen haͤtte ich denn wohl, nun moͤcht' ich auch ſehen, wie man daheim, wo Alles ſich veraͤndert und verbeſſert haben ſoll, in der letzten Zeit auch in der edlen Kochkunſt fortgeſchritten iſt, die ich immer vor Allem hochgehalten. Ich fuͤhle mich aufgelegt, 165 zu ſpeiſen, hab' ich doch heut noch nichts ge⸗ noſſen, als einen ruſſiſchen Sterlet, direct gekom⸗ men vom finniſchen Meerbuſen, dann eine Schale Schildkroͤtenſuppe, aͤchte, nicht etwa Muggturtle, wie Ihr ſie hier bereitet aus verfaultem Kalbs⸗ kopf, einen kleinen Reſt Schinken, von Bayonne mitgebracht, und einen kleinen boͤhmiſchen Faſan, gewuͤrzt mit Vogelneſtern, die ich auf Java noch direct von Canton bezogen.“— Trotz der Beſchreibung, welche der Mohr von den gaſtriſchen Faͤhigkeiten ſeines Gebieters gemacht hatte, konnte Frau Bilſen ſich einigen Erſtaunens nicht enthalten und eines muſtern⸗ den Blicks, auf die Ungewißheit deutend, wie ein ſo kleines gebrechliches Behaͤltniß eine ſolche Maſſe, wie die genannte, beherbergen koͤnne. Auch begann ihr bange zu werden, ſelbſt die Kunſt des franzoͤſiſchen Speiſekuͤnſtlers koͤnne einen eben ſo verwoͤhnten als ungenuͤgſamen Eſſer nicht befriedigen; doch beſchwichtigte eine anderweitige, fruͤher ſchon in ihr erwachte Ge⸗ dankenfolge dieſe Furcht zum Theil, zum an⸗ dern Theil aber bemuͤhte ſich gleichfalls Herr Schwarz, ſie derſelben zu uͤberheben. „Keine Umſtaͤnde gemacht,“ ſagte er mit — unlieblicher Zutraulichkeit;„Hausmannskoſt, da⸗ mit bin ich zufrieden, aber nur bald. Sechs oder acht Gerichte Gerngeſehn, denn gern geſehen bin ich doch hier, wenigſtens ſagt es die ver⸗ ehrliche Frau Bilſen.“— Die verehrliche Frau that der Ungeduld des angenehmen Gaſtes Genuͤge durch einen Zug an der Klingelſchnur. Urſula erſchien, und auf den Befehl der Gebieterin ward die ganze Abend⸗ mahlzeit zugleich herbeigebracht in verdeckten Schuͤſſeln, einige derſelben auf zierlichen Waͤrm⸗ pfannen. Drauf verabſchiedete die Gebieterin die Zofe mit der Weiſung, ſich nicht um den Dienſt bei Tiſche, wohl aber ſorgfaͤltig um genuͤgende Bewirthung Herrn Blondins zu bekuͤmmern. „So iſt es recht!“ aͤußerte ſich beifaͤllig der Herr des ſchwarzen Herrnz„eine gute Mahl⸗ zeit und ohne Bedienung, welche Einem auf den Mund ſieht und auf die Finger; die mag ich dabei nicht leiden, zumal wenn man von Ge⸗ ſchaͤften zu reden hat, die ich am liebſten ab⸗ thue bei Tiſch, zwiſchen Teller und Flaſche.“— Trotz dieſer Vorbereitung auf ein hoͤchſt un⸗ erfreuliches Tafelgeſpraͤch, fuͤhrte die Wittwe mit freundlichem Laͤcheln und verbindlichem An⸗ ſtande den Fremden zu ſeinem Platze. „Consommé à la Cardinale,“ ſprach der Kenner, nachdem er den erſten Loͤffel Suppe pruͤfend geſchluͤrft, die folgenden aber mit uner⸗ hoͤrter Schnelligkeit hinabgeſchluckt hatte.„Nicht uͤbel fuͤr ein franzoͤſiſches Gebraͤu, ob ich ſchon die hollaͤndiſche Kuͤche vorziehe. Um aber auf unſere Angelegenheiten zu kommen; gedenkt wohl die werthe Frau Wittwe Bilſen morgen mit denſelben in's Reine zu kommen?“— „Gefaͤllt es Euch nicht, ein Glas Wein zu trinken?“ fragte dieſe ſtatt der Antwort;„das Sprichwort ſagt, ein ſolches nach der Suppe, bringe den Arzt um ſeine Speſen.“— „Portwein;“ entſchied dieſer ohne Cerimonie. „Nicht auch gefaͤllig?“ Als die Maͤßige aber ablehnend ihr Glas mit leichtem Moſeler fuͤllte, dieſen noch mit Waſſer verduͤnnend, lag er ihr nicht weiter an und Zug auf Zug war der Inhalt der Flaſche verſchwunden. Das letzte Glas in die Hoͤhe und gegen das Licht haltend, gab er folgendergeſtalt ſeinen Beifall zu erken⸗ nen.„Ein kraͤftiger Trank. Ich habe gern, was aus Portugal kommt, den blutrothen Wein und 168 die gelben glaͤnzenden Dublonen; überhaupt mag ich das ganze Land wohl leiden, zumal ſeit einigen Jahren; auch mach' ich jetzt viele Geſchaͤfte dort.“ „Er hat zwar ein wenig Bodenſatz,“ fuhr er fort, von dem Lande auf ſein Erzeugniß uͤber⸗ ſpringend,„das ſchadet aber nichts, ich liebe den Bodenſatz vor Allem, pflegt er doch mit⸗ unter das Kraͤftigſte zu ſeyn am Getraͤnk.“— Frau Bilſen ſenkte die Augen auf den Tel⸗ ler, als ſey ſie, der Entſchuldigung ihres Gaſtes ungeachtet, betreten uͤber den kleinen Uebelſtand; Jener aber hob wieder an:„Morgen mit dem Fruͤheſten, wenn es Euch gefaͤllig iſt. Ich habe es in der Gewohnheit, bei guter Zeit aufzuſte⸗ hen, und ehe ich meinen Thee nehme, muͤſſen die Geſchaͤfte abgemacht ſeyn, zumal ein ſo ge— ringfuͤgiges.“— Wiederum lud die gaſtfreie Wirthin ihn ein, daß er von der zweiten Schuͤſſel koſte; er will⸗ fahrte ihr nicht nur, ſondern leerte ſie im Hand⸗ umwenden, denn ſonderbar genug ſchien es, als feire der ſonſt ſo anhaltende Keichhuſten, ſo lange die gaſtriſche Beſchaͤftigung dauerte. Wäh⸗ rend derſelben, wahrſcheinlich um den unerfreu⸗ 169 lichen Worten auszuweichen, welche ſie in jedem Zwiſchenacte zu hoͤren bekam, begann Frau Beate den koͤſtlichen Edelſtein am Halſe des Gaſtes zu loben, meinend, er ſey werth, in der Krone eines indiſchen Koͤnigs zu glaͤnzen und ſtamme vielleicht von einer ſolchen her.— „Moͤglich;“ verſetzte gleichguͤltig Herr Na⸗ thanael Schwarz,„wechſeln doch heut zu Tage uͤberall die Kronen ihre Beſitzer, warum nicht auch in Indien? Manchmal werden ſie auch in Stuͤcke geſchlagen, und ein Jeder ſieht zu, daß er eines bekomme, und thut wohl daran. Doch hab' ich dieſen Stein auf andere Weiſe erlangt,“ ſetzte er ſelbſtgefaͤllig hinzu.„Als ich nach Ba⸗ tavia kam vor ungefaͤhr neun Jahren, bracht' ich Empfehlungsbriefe mit an einen Lands⸗ mann, der dort ſchoͤne Plantagen beſaß und einen eintraͤchtlichen Handel fuͤhrte mit Gewuͤrz und Edelſteinen. Er nahm mich wohl auf und ich ward bald Theilnehmer an ſeinem Ge⸗ ſchaͤft, dem ſolideſten der ganzen Colonie. Aber ich weiß nicht, wie es zuging, die Umſtaͤnde des Mannes verſchlimmerten ſich von der Zeit an von Tage zu Tage, ſo daß er bald ganz herunterkam, waͤhrend ich bei Fleiß, Muͤhe 170 und beſondern Speculationen mein bischen Ar⸗ muth zuſammenhielt und auch wohl vergroͤßerte. Da ſagte ich ihm denn natuͤrlich die Compag⸗ nie auf, und er nahm ſich das ſo zu Herzen, daß er ſtarb. Nun kam es erſt recht an den Tag, wie er ſich verrechnet hatte, denn bei der Unterſuchung zeigte es ſich, Alles, was noch da war, ſey mein und der Wittwe breibe nichts als dieſer Stein. Um nun ihr kuͤnftiges Un⸗ terkommen zu ſichern, beſchloß ſie den Verkauf des Juwels und bot mir es an, als einem Freunde des Verſtorbenen. Auch war ich nicht abgeneigt, den Handel zu ſchließen, und nahm den Stein zu mir. Mittlerweile aber hatte ſich noch eine Verſchreibung des Mannes, an mich gerichtet, aufgefunden, die vergeſſen worden war in dem Wirrwarr nach ſeinem Tode, und als die Wittwe kam, das Geld zu holen, gab ich ihr ſtatt deſſen die Verſchreibung zuruͤck und wuͤnſchte ihr Gluͤck, daß ſie nun ganz ſchuldenfrei und mir, daß ich bezahlt ſey⸗ Es hieß des andern Tages, ſie ſey geſtorben, ich erinnere mich nicht, auf welche Art; die Jun⸗ gen aber ſind Matroſen geworden und Seeſol⸗ daten, die Toͤchter Maͤgde oder etwas Anderes. ———— 171 Wer mag ſich um Alles bekuͤmmern? Iſt der Stein doch 15,000 Gulden werth. Wenn man nur ſeinen Vortheil wahrnimmt, das Uebrige iſt Kleinigkeit.— Nicht ſo, ich habe Recht, verehrliche Frau Bilſen?“— Auf dieſe Frage folgte ein kurzes Schwei⸗ gen, auf der Seite des Gaſtes hervorgebracht durch einen neuen Anfall des Huſtens, von der andern aber durch nicht ergoͤtzliche Gedanken. Das, was Herr Nathanael Schwarz, ſeinem eige⸗ nen Bericht nach, an der einen Wittwe gethan, ließ ſchwerlich hoffen, er werde milder mit der andern verfahren, und da er nicht ſehr empfaͤng⸗ lich ſchien fur dergleichen alltaͤgliche Empfindun⸗ gen, als Nachſicht und Mitleid, ſo galt es frei⸗ lich, ein anderes Mittel aufzuſuchen, das dieſen ſo gold⸗ als ſpeiſehungrigen Wolf beſchwichtigen koͤnne. Dieſe Nothwendigkeit ward noch einleuchten⸗ der, als er in ſeiner anmuthigen Weiſe fortfuhr: „Weil wir doch gerade von 15,000 Gulden ſprechen— zehntauſend Gulden Capital und zehnjaͤhrige Zinſen zu fuͤnf vom Hundert thun gleichermaßen 15,000 Gulden. Ey wie das ſo ergoͤtzlich zuſammentrifft!“— 172 Es iſt ſchwer zu glauben, daß dies Zufam⸗ mentreffen auch fuͤr Frau Bilſen ſo ergoͤtzlich war, ſie ſprach jedoch mit heiterer Miene und unbefangenem Tone:„Wollet Ihr, werther Herr Schwarz, nicht meiner Bitte gemaͤß, fuͤr den Augenblick dieſe unbedeutende Sache ruhen laſſen, welche, wenn Ihr es denn ſo wollet, mor⸗ gen in der Fruͤhe bereits abgethan ſeyn wird ohne Muͤhe und Zeitverluſt. Beliebet von die⸗ ſem Vol au vent à la financiöre zu koſten, und von dieſer Flaſche Portwein, da Euch doch der Bodenſatz nicht zuwider iſt.“— „A la financière,“ afterwitzelte der Oſtindier, „alſo eine ſehr geſcheute Frau, welche dieſe Speiſe erfunden hat oder mindeſtens ihre Wuͤrze. Ihr ſeyd, wie ich ſehe, auch eine geſcheute Frau und in Finanzgeſchaͤften wohl erfahren. Nun, ſorget Euch nicht, wir werden ſchon fertig mit einander. Ich haͤtte wohl noch Zinſen von Zinſen zu berechnen und Reiſekoſten hierher und dergleichen, damit aber laſſe ich mich billig fin⸗ den, und nehme dafuͤr, ſollte es Euch an baa⸗ rem Gelde fehlen, auch Effecten, ſo ſie nur preiswuͤrdig ſind und die Sache morgen vor dem Thee berichtigt iſt. Zum Beiſpiel dieſen . 173 Ring da, er mag wohl 1000 Gulden werth ſeyn fuͤr den Liebhaber.“— Und wirklich taſtete er mit der von Gicht⸗ knoten bedeckten Fauſt unbeholfen nach dem Juwel, das Beatens Hand zierte. Frau Bilſen entwand ihm indeß die bereits umklammerte Rechte und ſprach empfindlich: „Gemach, mein Herr Schwarz, gemach, wir ſind nicht zu Batavia, und hier zu Lande ſind eigenmaͤchtige Executionen nicht gebraͤuchlich. Es iſt noch nicht dahin, am wenigſten aber mag der Werth dieſes Ringes Euch angehen, der nur darum ſolchen fuͤr mich hat, als er von einem ehrenwerthen Manne ſtammt und ein Pfand ſeiner ſchaͤtzbaren Geſinnung fuͤr mich iſt und meines zukuͤnftigen Gluͤckes.— „Ah ſo, ein Liebespfaͤndlein?“ ſchmunzelte der Oſtindier;„nach demſelben zu urtheilen, iſt die Liebe allerdings groß, denn ich bleibe dabei, er iſt 1000 Gulden werth unter Bruͤdern. Ich verſtehe mich auf dergleichen und habe manch Geſchaͤft damit gemacht, mit Andern noch, als der Wittwe des Kaufmanns auf Java.“— „Ich bedaure,“ verſetzte Beate trocken,„ich 174 bedaure, daß Euch hier die Gelegenheit zu einem ſolchen entgeht.“— Herr Nathanael Schwarz aber ſchaute vor ſich hin, wie einem Gegenſtande nachſinnend und murmelte dann:„Wie iſt mir denn? Hab' ich nicht etwas vernommen von Sponſalien und baldiger Verehelichung der werthen Frau? Ja, ja, dem iſt ſo, und ich merke, mein Gedaͤchtniß wird ſchwach. So mir recht iſt, hat man gar den Herrn Senator Werzelius genannt, meinen langjaͤhrigen Geſchaͤftsfreund, denſelben, deß Zeugniß meine kleine Forderung beglaubigt. Was iſt auch da zu verwundern; iſt er doch ein Mann von Geſchmack, wiewohl er ein wenig abgelebt ſeyn ſoll, und die werthe Frau Bilſen iſt eine ſchoͤne Frau, weiß und roth wie Baumwolle und Cochenille, vor Allem aber muß man ihre Zaͤhne und Haare bewundern; wahrhaftig, der Koͤnig von Siam hat keinen Elephanten mit ſolchen Zaͤhnen, und meines Blondins Krauskopf iſt kaum ſo ſchwarz als Eure Locken.“— 5 Sie antwortete unzufrieden und ſtolz:„Ich habe keinen Grund, zu laͤugnen, worauf Ihr deutet, und Ihr moͤget daraus gewahr werden, daß es uͤberfluͤſſig iſt, wegen ſolcher geringfuͤgi⸗ gen Sache, als die Euch hierher gebracht, die Verlobte und kuͤnftige Gemahlin des Herrn Senators Werzelius unnoͤthig zu drimemn oder gar Zweifel in ſie zu ſetzen.“— „Zweifel?“ wiederholte der Andere,„die hab' ich nun gar nicht mehr, und obſchon 15,000 Gulden nebſt Zinſen von Zinſen kaum eine Kleinigkeit genannt werden moͤgen, ſo hab' ich doch nicht den mindeſten Zweifel. Wie ſollte ich auch? Denn wenn es der verehrten Frau auch nicht ſo leicht werden ſollte, beſagte Klei⸗ nigkeit abzuthun, iſt da der Senator nicht da, der reſpectable Verlobte und Zeuge zugleich? Nun zu dem verfuge ich mich ſtehenden Fußes morgen nach dem Thee, ſobald ich vor demſel⸗ ben nicht mein Capital erhalten mit Zinſen, und er wird zweifelsohne ſeine Unterſchrift an⸗ erkennen und als ein wackerer Verlobter die Braut aus der Verlegenheit retten, falls ſolche etwa ſtattfaͤnde. Dann aber muͤßte ich ihm freilich auch berichten, wie die werthe Frau Bilſen mich nicht gleich allzu wohl empfangen, ſon⸗ dern ſogar die Schuld des ſeligen Mannes und Erblaſſers abzulaͤugnen verſucht, obgleich, wie aus dem Folgenden erhellet, ihr ſelbige ganz wohl bekannt war. Ich bin ein aufrichtiger Mann, zumal in Geſchaͤften, und es iſt uber⸗ haupt gut, daß Jemand, der in ein Ehebuͤnd⸗ niß tritt, wiſſe, wie er daran ſey mit der Braut und ihrem Vermoͤgen. Es koͤnnte vielleicht ein Irrthum obwalten uͤber das letztere, ſonderlich wenn es der Braut gefallen haben ſollte, in ihrem Bilan erwaͤhnte Kleinigkeit hinwegzu⸗ laſſen als bereits entrichtet. Das wuͤrde wohl,“ ſetzte er huſtend hinzu und lachend, als ſage er die allerangenehmſten Dinge,„das wuͤrde denn wohl dem ehrſamen Herrn ein wenig beftemd⸗ lich ſeyn, auch wohl ſein Vertrauen zur kuͤnfti⸗ gen Frau Gemahlin in derlei Dingen erſchuͤt⸗ tern, und in andern.“ Er ſchaute bei dieſen Worten ſo feſt und lauernd in das Antlitz der ſchoͤnen Wittwe, als ſey er im Voraus uberzeugt, daß eine ſolche kleine Vergeßlichkeit wirklich ſtattgefunden, und vielleicht hätte Mancher, der Frau Beaten in dieſem Augenblicke beobachtete, ſolche Vermu⸗ thung getheilt; eine finſtere Wolke des Unmuths lagerte ſich auf ihre Stirn, und den verzoge⸗ nen Mund ſchien die Betroffenheit zu ſchließen⸗ 171 Endlich nach langem Sinnen, ſprach ſie ge⸗ zwungen laͤchelnd:„Wenn ich, wie ich es Euch geſtehe, mit meinem Braͤutigam nicht uͤber dieſe Angelegenheit geredet, war es darum, weil ſein großmuͤthiger Sinn die Braut liebt und nicht ihre Mitgabe, auch mich nimmer um die letz⸗ tere befragt, und dann, weil, wenn ich nicht irre, ein Geruͤcht von Eurem Tode geſprochen. Jedoch nun ſeyd Ihr ja da, Herr Schwarz, lebendig zu meiner großen Zufriedenheit; der Todte nur hat ſein Recht verloren, und ſo ſoll Euch denn morgen fruͤh werden, was Euch ge⸗ buͤhrt.“—— „Ein Geruͤcht von meinem Tode?“ gegen⸗ fragte Jener mit haͤßlichem Lachen.„Wohl ſchwatzen die Leute wunderlich, aber nimmer haͤtt' ich geglaubt, man koͤnne je von meinem Tode ſprechen. Ich bin zwar nicht jung mehr, ſchoͤne Frau, aber ein unverwuͤſtlicher Geſell, und, meine ich, mit dem Tode allzu vertraut und befreundet, als daß er mir etwas anhaben wollte.“— Ein Zug leiſer Ironie ſchwebte um Frau Beatens Lippen, bei dem Blicke, welchen ſie auf den Sprechenden warf, vielleicht hervorge⸗ 12 —— bracht durch den ſeltſamen Abſtand zwiſchen dieſer Jammergeſtalt und der Verhoͤhnung deſſen, dem ſie bereits verfallen ſchien; er aber fuhr fort:„Aber nicht vom Tode wollen wir reden, obſchon Ihr Euch zweifelsohne gleichfalls ſattſam mit ihm bekannt gemacht, ſondern von Leben und Freude, wie es ſich einer Braut gegenuͤber ziemt, und ſo geſtattet mir, einen guten Trunk auf Euren gluͤcklichen Eheſtand zu thun und vorhergehende Zahlung.“— Wiederum mit gezwungenem Lächeln aber in beteitwilliger Eil ſtand Beate auf und brachte Heinen Pokal herbei, ein volles Maaß haltend, wie er ſich zum Ehrentrunk eignet. Auch war dem Seefahrer der vaterlaͤndiſche Gebrauch kei⸗ nesweges fremd geworden, er fullte den gewal⸗ tigen Kelch mit dem Rebenſaft aus Portugal, ſtieß damit an das mit gewaͤſſertem Moſelwein verſehene Becherlein der Gaſtgeberin, und leerte ihn in einem Zuge; dann ſprach er, auf den Grund des Gefaͤßes hinabſchauend und mit der Zunge ſchnalzend in ſuͤßer Behaglichkeit eines Schmeckers: „Koſtlich! Zwar hat der Wein mehr Bodenſatz noch als der andere, dafuͤr iſt er aber noch kraͤftiger, denn jener.“— — Frau Bilſen hatte mit verwunderter aber nicht ungefaͤlliger Aufmerkſamkeit das unge⸗ meine Trinkvermoͤgen ihres Gaſtes beobachtet; darin weder noch in der Eßluſt gleichen Schritt mit ihm haltend, war ihre Mahlzeit laͤngſt be⸗ endigt, und ſie begnuͤgte ſich, mit Meſſer und Gabel ſpielend, der Emſigkeit zuzuſchauen, mit welcher der Andere den Inhalt der Schuͤſſeln und Flaſchen verſchwinden ließ, ſo daß beinahe zu fuͤrchten ſtand, die reichliche Lieferung des franzoͤſiſchen Kochs werde ſolch gaſtronomiſchem Helden nicht genuͤgen. Allmaͤhlig aber verdun⸗ kelte ſich ihr Antlitz und ihr Blick wandte ſich unſtaͤt und verlegen hin und her, wahrſcheinlich in der Furcht, ihre Gabe werde dem Ungenuͤg⸗ ſamen ſchaden, und in der Scheu, als Wirthin ſolche Beſorgniß kund zu thun. Nach und nach fand jedoch ihr Auge einen Ruhepunkt, es war das Antlitz des Eſſenden, nicht beſonders ver⸗ lieblicht durch die Gier, die aus demſelben ſprach, und die niemals anmuthigen Bewegungen, her⸗ vorgebracht durch das Geſchaͤft des Kauens. Sie ließ nicht mehr ab vom Anſchauen und ſprach endlich mit ſchwankender, aͤngſtlicher Stimme: „Ihr wechſelt die Farbe ſo haͤufig, ſehr werther 12 180 Herr Schwarz, befindet Ihr Euch etwa nicht wohl?“— Herr Nathanael aber, als haͤtten die allzu⸗ haͤufigen Libationen endlich ihre Wirkung ge⸗ than, antwortete kreiſchend und lallend:„Nicht wohl, ſehr werthe Frau Bilſen? Ich ſage Euch, ſelten habe ich mich wohler befunden, als jetzt. Wie kann das auch anders ſeyn, heut ein ſo treffliches Mahl und morgen mein Geld. Mor⸗ gen vor dem Thee, ſage ich Euch, um ſieben Uhr pflege ich ihn zu trinken, nicht eine Mi⸗ nute ſpaͤter.“ Und mit geraͤuſchvoller Eile ver⸗ ſchlang er, ſo ſprechend, ein Fruchtgallert roͤthli⸗ cher Farbe. „Es freut mich,“ verſicherte beinahe unver⸗ ſtaͤndlich die Wittwe,„es freut mich, daß Ihr Nachſicht habt mit meiner geringen Bewirthung.“ ——„Und doch fehlt derſelben noch Etwas,“ tadelte der ungezwungene Gaſt.„Habt Ihr ver⸗ geſſen, daß ich ſo lange unter Hollaͤndern ge⸗ lebt und ihre Lebensweiſe die meinige gewor⸗ den? Nun, fuͤr einen Hollaͤnder muß friſche Butter und Kaͤſe die Mahlzeit beſchließen, ſonſt iſt ihm, als haͤtte er keine gehalten.“ „Sogleich,“ verſetzte Beate wie zuvor und ging zu jenem Schrank und brachte das Be⸗ gehrte.— Eifrig, ſein Hollaͤnderthum zu bewaͤhren, ſtrich Herr Nathanael die goldgelbe Maſſe auf und belegte ſie mit dem Erzeugniß aus Edam, und der Vorrath beider verſchwand mit dem letzten Brocken des Franzbrodes. Nicht mehr ſo ſorgſam ſchaute Beate auf die neuen Thaten des Unerſaͤttlichen, ihre Augen flogen irr umher und ihre Bruſt arbeitete heftig, wie in gewal⸗ tiger Erregung. Wenig darauf Acht habend, ließ der Oſtindier ſich im Tone der Zufrieden⸗ heit vernehmen:„Gut geſpeiſt und trefflich ge⸗ trunken, damit aber das Ende dem Ganzen entſpreche, ſo ſeyd von der Guͤte, ein Glaͤslein Genever herzugeben oder andern gebrannten Waſſers, das Kraft hat und Feuer und ins Mark geht, oder, wie man zu ſagen pflegt, die Seele erfaßt im Leibe.“ Und darauf lachte er und huſtete wieder, als ſey die ſeinige im Abſcheiden begriffen. Frau Bilſen laͤchelte vor ſich hin, als faͤnde ſie Behagen an dem unge⸗ hobelten Spaße des alten Geſellen, dann ſagte ſie:„Auch dergleichen ſteht Euch zu Dienſt, Herr Schwarz, und gar gern.“ Einen Augen⸗ 182 blick darauf war ſein Glas angefuͤllt mit einer farbloſen waſſerhellen Fluͤſſigkeit. Pruͤfend er⸗ hob er es zum Munde, koſtete, leerte es dann aus mit einem Male, und ſprechend:„Recht gut, nur nicht ſtark genug fuͤr mich,“ reichte er es hin, daß ſie den Inhalt erneue. Aber bereits war die Flaſche Beatens Hand entfallen, und ſie ſank zuruͤck an die Lehne ihres Stuhles, die Augen verhuͤllend, und gleich darauf ergriffen ſie krampfige Zuckungen und ſie brach in thraͤ⸗ nenloſes Weinen aus, zuweilen unterbrochen durch gellendes Gelaͤchter. „Was iſt Euch, ſchoͤne Frau?“ fragte greif⸗ lachend Herr Nathanael Schwarz.„Thut es Euch leid um all die guten Dinge, die Eure Gaſtlichkeit mir geſpendet? Das iſt nicht recht, denn ich ſollte meinen, ich haͤtte Eurer Bewir⸗ thung Ehre gemacht, ob ſie ſchon hinreichend geweſen waͤre fuͤr eine mäßige Schiffsmann⸗ ſchaft zur Stillung des Hungers und Durſtes fuͤr immerdar. Nun, nehmet meinen Dank, denn niemals hab' ich ſo trefflich geſpeiſt. Ein Anderer ſagte das vielleicht nicht, indeß der Geſchmack iſt verſchieden. Habt Ihr nie von Mithridat etwas gehoͤrt, dem Koͤnige in Pontus? Was er vertragen konnte genieße ich aus Wahl; die liebſte Wuͤrze des Weines iſt mir aͤtzendes Sublimat, recht erquicklich dauchte mir das ſuͤße Gallert der Belladonna, denn obſchon ich ziem⸗ lich allen Lorbeeren geneigt bin, halte ich doch den Kirſchlorbeer hoͤher als die andern; die Ratten⸗ oder Maͤuſebutter Eures Nachtiſches mag ihrem Gebieter nichts anhaben, und die aller⸗ beſte Herzſtaͤrkung fur unſer Einen iſt die Blau⸗ ſaͤure, das Erzeugniß der neueſten geſegneten Zeit. Habt Dank nochmals fuͤr Euer Mahl; man kann es in mehr als einer Weiſe ein fuͤrſtliches nennen.“— Und fort und fort lachte und weinte Beate in den Toͤnen des nahenden Wahnſinns. Er aber fuhr fort:„Ich bin nicht Mithridat, ſon⸗ dern Euer langjaͤhriger Freund, nicht ſonderlich wohl der Eures verſtorbenen Herrn, doch deſto mehr der Eure. Freunde aber muͤſſen einander ſich zeigen, wie ſie ſind; ſo Ihr es begehret, ſol⸗ let Ihr mich erkennen, jetzt aber gehet mit gu⸗ tem Beiſpiel voran. Hinweg,“ rief er ploͤtzlich gebietend:„hinweg mit den Huͤllen der Suͤnde, eben ſo wenig als ihr Heuchelſchein taͤuſchen ſie mich.“— Jach, wie von Berzweifung emporgeriſſen, ſprang Beate vom Stuhl auf ihre ſtampfenden Fuͤße; es war aber nicht die ſchmucke, reichgelockte, roſenwangige Frau, in beſcheiden zierlichen Ge⸗ waͤndern, die vor dem Fremden ſtand; es war ein Scheuſal, den Harpyen der Fabel aͤhnlich, oder den drei Schweſtern der Unterwelt. Die taͤuſchende Fuͤlle war hinabgeglitten mit der Schnuͤrbruſt und den plaſtiſchen Formen, hervor⸗ gezaubert durch die Hand des Schneiders; das ſchnoͤde Geripp umſchlotterte eine welke Haut, wenige braungelbe Haare ſtarrten auf dem kah⸗ len Scheitel, die von den blaͤulichen Wangen gefallene Schminke verbarg die Spuren nicht mehr, welche ihnen nicht die Jahre ſowohl, welche wilde Luſt, zuͤgelloſe Leidenſchaften und das nagende Bewußtſeyn ihnen eingegraben;z nichts war mehr uͤbrig geblieben von der ſchoͤnen Wittwe Bilſen, als das große Au⸗ ge, das jetzt in der Flamme der Raſerei er⸗ gluͤhte, und die Haͤnde, welche ſie, entſtellt von aufgeſchwollenem Geaͤder, in ohnmaͤchtiger Wuth ballte, denn auch zahnlos war der Mund, aus dem das Ungethuͤm heulte:„Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“— 185 „Wir Beide loben ihn nicht,“ verſetzte der Andere mit hohler Stimme, dann fuhr er ſpott⸗ laͤchelnd fort:„So ſehe ich meine Freunde am liebſten; Schade nur, daß der werthe Braͤutigam den Anblick entbehren muß, der ihm die Witt⸗ we darſtellt, freilich nicht, wie ſie ſeyn ſoll, aber doch wie ſie iſt. Dann wuͤrde er unfehlbar be⸗ greifen, warum die holde Braut ſo lang gezoͤ⸗ gert hat, ihn zu begluͤcken durch ihren Beſitz, warum, ehe das alte Trauerjahr um war, ein neues beginnen ſollte fuͤr ſie mit ſeinem Hin⸗ ſcheiden, ehe er noch die Erſehnte ſein genannt. Ich meine nicht, er wuͤrde große Freude haben an den leiblichen Reizen, welche hier wie hinge⸗ worfenes Gepaͤck am Boden liegen, wie an den Reizen der Seele, deren ſie gleichſam abgethan wie in lobenswerther Aufrichtigkeit, als aͤcht wie jene, und die einen zu den andern ge⸗ hoͤrig. Ich aber habe Gefallen daran, koͤſtlich ſcheint mir dieſer Sammet, deſſen Verſagen dem verſtorbenen Herrn Gemahl einen Imbiß berei⸗ tet, dem aͤhnlich, mit welchem ſeiner Wittwe Freigebigkeit heute mich bedacht, dem er freilich beſſer bekommt, als ihm; ein herrlicher Schmuck ſind dieſe Locken, dem Leichnam der frommen 186 Dienerin geraubt, welcher ein qualvoller Tod zum Lohne fuͤr lange Anhänglichkeit wurde. Dieſe Perlenzaͤhne, mit denen das Kind die ver⸗ gifteten Biſſen zermalmte, ihr dargereicht von der Wohlthätigkeit, wo faͤnden ſie auch eine beſſere Stelle, als in der Kinnlade der Moͤrderin? Billig ruͤhmte er Eure Gottesfurcht und Men⸗ ſchenliebe, auch ich habe Freude an der Gottes⸗ furcht der geiſtlichen Mutter, welche dem Pathen guͤtig den Tod ſchenkt am Jahrestage des Tauf⸗ feſtes. Seyd getroſt, ich ſage es Euch im Vor⸗ beigehn, er iſt hinuͤber der fromme Chriſt, den Euch die Kirche verdankt; eben als ich an⸗ langte, bin ich ihm begegnet auf dem Wege, den ich kam und den er geht. Wie gern ver⸗ liere ich mich im Beſchauen der Menſchenliebe, welche die Waiſen an ihrem Herzen traͤgt und ſie hegt und pflegt, die Gehorſamen und Dank⸗ baren mit Gaben und Speiſe und Trank, und ſolche nur dann erſt wechſelt, wenn fuͤr den Laͤ⸗ ſtiggewordenen ein Erſatz ſich zeigt, welche mit weiſen Scharfblick ſolch kuͤnftigen Erſatz ſchon gefunden im knabenhaften Bruder der gemordeten Schweſter; der Menſchenliebe, wel⸗ che nicht genug zu thun glaubt, ſo ſie nur 187 die Leiber vergiftet, und nicht auch mitunter die Seelen.“— Beatens ganze Geſtalt ſchuttelte ſich in wil⸗ den Zuckungen, weit that ſich ihr Mund auf, aber der Redeſtrom ſtockte innerhalb der leeren wankenden Kiefern, denn Jener fuhr, ihr Schwei⸗ gen zuwinkend, fort:„Beinah haͤtt' ich Luſt, dieſe Huͤllen Eures Leibes mit mir zu nehmen in die Vorrathskammer, in die ſie gehoͤren, wie auch die Huͤllen Eurer Seele ihr dahin folgen werden, wenn es an der Zeit iſt. Welche Ue⸗ berraſchung waͤre es fuͤr den Braͤutigam, ſo er kaͤme und die Braut erblickte in ihrer ganzen Anmuth! Wahrlich, er wuͤrde ihr Dank wiſſen, daß ſie geſonnen war, es kurz mit ihm zu ma⸗ chen, daß Ihr, ihm die langſamen Züge aus dem Wermuthkelche erſparend, der ſeinem Vorgaͤnger zu Theil worden, ihm alsbald den Trank des Todes reichtet, welchen zwar auch Jener em⸗ pfangen von der freundlichen Gattin, doch erſt nachdem ſie ihm den Becher des Lebens verbit⸗ tert, ſo viel ſie vermochte. Ja, auch ihre Unei⸗ gennuͤtzigkeit wurde er erkennen, die ſich begnuͤgte mit Hab und Gut des Verlobten, ſein werthes Ich den Wuͤrmern großmuͤthig goͤnnend zur ma⸗ gern Speiſe.“— Da brach der Ingrimm die Feſſel, in welche das Entſetzen Beatens Zunge geſchlagen hatte, und ſie ſchrie außer ſich:„Wer biſt Du, der ſo mit mir zu ſprechen wagt? denn Du fuͤhreſt nicht den Namen, den Du Dir gegeben. Je⸗ ner, der ihn trug, ich weiß es jetzt gewiß, iſt nicht mehr; ſo biſt Du denn ein Betruͤger, der ausgeht, fremdes Beſitzthum zu erhaſchen, oder ein ſchnoͤdes Geſpenſt, vielleicht ein Trugbild der Einbildungskraft, abgeſendet vom Vater der Luͤ⸗ gen, daß es die Sinne einer frommen Chriſtin verwirre!“— „Du haſt Recht,“ verſetzte er in gar guter Laune,„und ergoͤtzlich iſt es, daß man gerade Recht haben kann, wenn man am allertollſten ſchwatzt. Ein Betruͤger bin ich wohl, ich will es geſtehen, denn warum ein Gewerb verlaͤug⸗ nen, das ich getrieben habe tauſend und aber⸗ mal tauſende von Jahren? Auch eine Art von Geſpenſt mag ich ſeyn, denn es iſt wahr, ſeit geraumer Zeit liegt der ehrliche Nathanael Schwarz dort, wohin Du gern alle Deine Glaͤubiger be⸗ foͤrderteſt, alle Deine Freunde, Gatten, Verlobten, 189 Alles was Dir wohl gewollt und gethan, und uͤberfluͤſſig war bei ihm Deine Muͤhe. Auch bin ich geſendet von Dem, den Du genannt, aber nicht als ein Hirngeſpinnſt oder nichtiges Wahnbild, wirklich bin ich, wie er und Du, ſo ſeltſam es auch ſeyn mag, daß wir Drei wirklich vorhanden. Beſinne Dich doch, Wertheſte; ſoll⸗ teſt Du mich denn nicht erkennen? Spricht denn nicht die Stimme der Wahlverwandtſchaft in Dir? Willſt Du mich ſchauen ohne Huͤlle, wie ich Dich? Gleich will ich Dein Begehr erfuͤllen, denn was unter uns dem Einen geweſen, iſt billig dem Andern.“— Und es begann wunderlich zu ſpielen und zu zucken im haͤßlichen Antlitz des Fremden, ſeine Zuͤge ſchienen ſich veraͤndern zu wollen, ſeine Geſtalt begann ſich auszudehnen, aber Beate ſtreckte beide Haͤnde vor ſich hin und kreiſchte im Tone des hoͤchſten Grauens ein dreimalig„Nein!“— Da unterließ der gefaͤl⸗ lige Gaſt die vorgehabte Umgeſtaltung, das Zuk⸗ ken ließ nach in ſeinem Angeſicht, ſeine Geſtalt ſchrumpfte wiedernm ein in die fruͤhere Form; unveraͤndert ſtand der Oſtindier vor ihr, und ſprach grinſend:„Ich mag es Dir nicht verar⸗ 190 gen, wir Beide gewinnen nicht viel dabei, daß man uns in unſerer Eigenthuͤmlichkeit ſchaue. Doch weil ich gern moͤchte, daß Dir kein Zwei⸗ fel bliebe uͤber den alten Freund und neuen Bekannten, ſo muß ich mich denn ſelbſt ein⸗ fuͤhren, gleich dem Prologus des alt⸗engliſchen Schauſpiels, oder als mein eigener Ceremonien⸗ meiſter. Der Bruder bin ich aller der Suͤnden, die Dich Schweſter nennen, ſo ſind wir alſo nahe befreundet, ein ſtarker Aſt bin ich des Boa Upas, des großen Giftbaumes, von dem Du ein uͤppig fruchttragendes Zweiglein, drum ſind wir von einem Stamme; eine tuͤchtige Arbeiterin biſt Du in dem Geſchaͤft, deſſen Oberaufſicht mir obliegt, ſo folgen wir einem Beruf, einem Gebieter dienen wir, doch bin ich ein Großer an ſeinem Hofe, Du aber wuͤh⸗ leſt im Schlamm vor ſeinen Pforten, drum bin ich der Herr, Du aber die Magd!“— „Ich Deine Magd, Abſcheulicher?“ ſchrie ſie mit dem Trotz der Verzweiflung.„Wann habe ich mich je Dir verdungen?“— „Das braucht es nicht zwiſchen uns,“— antwortete gleichguͤltig der Andere;„That iſt beſſer denn Schrift, und was Du gethan, hat — 191 mehr Werth fuͤr mich, als tauſend Verſchreibun⸗ gen. Mit fremdem Blute haſt Du den Bund beſiegelt mit mir, wenn auch mit dem eigenen nicht!“—— Und immer trotziger entgegnete ſie:„Nim⸗ mer hab' ich Blut vergoſſen, und ein Luͤgner iſt, der ſagt, ich habe es gethan!“— Da lachte Jener in ſich hinein und ſprach: „Auch der Teufel ſelbſt, wenn er irret in ſeiner Rede, muß ſich gefallen laſſen, daß ein Weib ihn meiſtere, denn flink ſind ſie und genau in Worten, wenn es darauf ankommt, daß ſie Recht behalten im Streit.— So bitte ich denn gebuͤhrend um Verzeihung.— Nein, Du haſt kein Blut vergoſſen, ſanftmuͤthige Taube, mit eben der Wahrheit kannſt Du das von Dir ruͤhmen, als einſt das ſpaniſche Glaubensgericht; die andern Kleinigkeiten jedoch—“ „So iſt es wahr,“— unterbrach ihn ſtoͤh⸗ nend Beate, von Schauern ergriffen—„ſo iſt es doch wahr, woran ich nimmer geglaubt, ſeit ich aufhoͤrte, Kind zu ſeyn, was ich fuͤr Wahn der Thoren hielt, und nur eben gut genug fuͤr den Klugen, Jene am Narrenſeil fuͤhrend, ſei⸗ nen Weg in der Welt zu machen?“—— — Der Andere rieb vergnuͤgt die mißgeſtalteten Faͤuſte und ſprach:„Ein herrliches Glaubens⸗ bekenntniß im Munde einer Frommen, und gar lieblich lautet es meinem Ohr. Aber leider, treffliche Frau, vermag ich nicht die Urſach Eu⸗ res gerechten Bedauerns hinwegzuthun; Eure Zunge war wahrhaftiger, als Ihr meintet, wahr⸗ haftiger, als Euer preiswuͤrdig Herz. Es iſt wirklich vorhanden, was Ihr oͤffentlich bekann⸗ tet, es verneinend im Innern, was ich aus Be⸗ rufspflicht oftmals verneine, es innerlich mit Schaudern bekennend; das, werthe Freundin, ſtellt, im Voruͤbergehen ſey es geſagt, zugleich den Unterſchied dar zwiſchen uns Beiden. Zweifelt nicht daran, es beſtehen in der That zwei Mächte, der einen Alles unterthan, was ſich nicht ſelbſtwillig losſagt von ihr, wie ich und Ihr es gethan; eine andere, die ſolche Ue⸗ berlaͤufer willig aufnimmt in ihren Dienſt, und ich bin ein Abgeſandter der zweiten. Seyd da⸗ her getroſt, es iſt bekannt bei uns, wie das Menſchengeſchlecht ſeine Waare hochſchaͤtzt, ſo ver⸗ legen ſie auch ſey, abſonderlich aber die werthe Perſon, ſey ſie auch beſchaffen, wie die Eure; 193 ich bin bevollmaͤchtigt, Euch ein Handgeld zu gewaͤhren.“— Frau Bilſen fand den Vorſchlag einiger Ueberlegung werth, und nach derſelben ſagte ſie zoͤgernd:„Alſo waͤre jene andere Macht wirklich vorhanden, und ich haͤtte mich abgethan von ihr auf immerdar? Es iſt moͤglich, und wenn es der Fall waͤre, was bietet dann Ihr?“—— „Ihr wißt,“ lautete der Beſcheid,„ich bin ein Kaufmann, und ein ſolcher, wenn er klug iſt, uͤberlaͤßt dem Kaͤufer das erſte Gebot.“— „Nun denn, vor allen Dingen Schoͤnheit!“ erſcholl es aus dem Munde der Mißgeſtalt. „Recht gern,“— erwiederte ſpottend der An⸗ dere und zeigte auf die abgeſtreiften Huͤllen. „Hier liegt ſie auf der Diele umher, Eure Schoͤnheit, ſucht ſie Euch zuſammen, ich will ſie Euch aus Freundſchaft noch leihen auf ei⸗ nige Zeit.“—— Da ſpruͤhte Beatens Auge Funken, ihre Faͤuſte ballten ſich und ſie kreiſchte:„Seyd Ihr gekommen, mich zu aͤffen? Ha des Erbaͤrm⸗ lichen, der ein Teufel ſeyn will, und nichts zu geben vermag, als was man eben ſo gut 13 vom Schneider, Dentiſt und Haarkraͤusler be⸗ kommt!“— „Leider will ich nicht nur Teufel ſeyn, ſon⸗ dern ich bin es,“ antwortete dieſer,„und dem⸗ nach hoͤherm Geſetze untergethan. Bei uns iſt auch Treu und Glauben zu finden, mehr viel⸗ leicht als bei Euch, zumal im Handel und Wandel, und leere Verſprechungen ſind uns un⸗ terſagt, was man auch vom Gegentheil ſchwatze. Eben ſo wenig kann ich Eurem Leibe die ver⸗ geudete Wohlgeſtalt zuruͤckgeben, als Eurem Geiſte ſeine urſpruͤngliche Reinheit. Aber andere recht annehmliche Dinge liegen in meiner Hand; fordert nur dreiſt, was ich gewaͤhren kann, ſoll ſich Euch nicht entſtehen.“— Mit der Verdroſſenheit getaͤuſchter Erwar⸗ tung fragte Beate:„Und welches ſind dieſe an⸗ nehmlichen Dinge?“— „Das Erſte“— entgegnete Jener mit der Zuruͤckhaltung des umſichtigen Handelsmannes, „das Erſte zum Beiſpiel und unſtreitig das Angenehmſte fur Euch iſt das Vermoͤgen und die Gelegenheit, Boſes zu thun nach Eures Her⸗ zens Geluͤſt. Das Zweite, zu dem Erſten gehoͤ⸗ rig und gleichfalls wohl in Anſchlag zu brin⸗ 195 gen, iſt die gehoͤrige Friſt zu Treibung ſolchen Geſchaͤftes, eine laͤngere Friſt, als Euch ohnedem vermuthlich beſchieden. Als das Dritte, fuͤr uns zwar eine Kleinigkeit zu nennen, doch Euch ge⸗ wiß nicht verwerflich duͤnkend, nenne ich ein Le⸗ ben, hingebracht in ſorgloſer Behaglichkeit, in Luſt und allen den Freuden, die Ihr bisher oft nicht ohne Gefahr und Muͤhe erkauftet.“— Beate laͤchelte veraͤchtlich, als ſie antwortete: „So iſt denn auch die Hoͤlle karg geworden? Vielleicht iſt ihr als ſo reich geprieſener Schatz bereits erſchoͤpft. Da ich denn nun durchaus mich an die Maͤhrchen meiner Kindermuhme erinnern ſoll, ſo faͤllt mir ein, daß Ihr ehe⸗ mals nicht ſelten weit beſſere Bedingungen ge⸗ macht. „Kann ſeyn,“ ſagte der Andere;„doch wenn auch Eure Kindermuhme wahr geſprochen, ſo wollet die Verſchiedenheit der Faͤlle erwaͤgen. Man ſetzet wohl Etwas daran, wo es die Er⸗ werbung des Hochgehaltenen oder gar Beſtrit⸗ tenen gilt, nur wenig aber gibt man heraus auf eine ſchon verpfaͤndete Waare.“— „Wirklich,“ rief die Entruͤſtete,„wirklich gebt Ihr ſehr wenig heraus, oder gar nichts 13* vielmehr! Hab' ich nicht Boͤſes gethan lange Zeit ohne Euren Beiſtand, ſo viel mir behagte? Die Friſt, die Ihr mir freigebig zugeſteht, ge⸗ waͤhrt mir mein Leben, deſſen Haͤlfte ich noch nicht erreicht, und jene Behaglichkeit und ge⸗ fahrloſe Luſt wird, ohne Eure Bemuͤhung, ſich Die zu verſchaffen wiſſen, die in Kurzem die reichſte Frau oder Wittwe heißen wird in dieſer Stadt.“— Der Fremde lachte, und wie es ſchien, recht aus Herzensgrunde, dann ſprach er:„Koͤſtliche Einbildungskraft, die alſo wacker das Vielleicht in Gewißheit verkehrt! Bedenket Euch wohl,“ ſetzte er nachdruͤcklicher hinzu:„Es iſt nur ein Vielleicht, auf das Ihr fußet, ich aber biete Euch das Sichere.“— „Ihr ſagt,“ antwortete ſchnoͤde Frau Bilſen, „Ihr ſeyet ein Kaufmannz nun wohl, ich war eines Kaufmannes Frau, und ſo viel habe ich gelernt, das Sicherſte ſey, was bereits mein iſt, ſicherer wenigſtens, als was mir verſprochen wird, ſey es auch von einem ſo zuverlaͤſſigen Kunden, wie das Geruͤcht Eures Gleichen eben nicht nennt. Ihr ſagt, ich ſey Euch verpfaͤndet? Nun, ich bin Euch auch vielleicht nur ver⸗ 197 pfaͤndet. Wie waͤre es, wenn ich Euch das Pfand entruͤckte, deſſen Ihr ſo gewiß zu ſeyn glaubt? Und ich will es thun. Eurem Geize zum Trotz will ich von dieſem Augenblicke an zu meinem Gott zuruͤckkehren, wenn er nun einmal da ſeyn ſoll.“—— „Schweig, Weib!“ fiel ihr Jener mit don⸗ nernder Stimme in das Wort, dann ſetzte er aber ploͤtzlich ſehr milde und beinahe ſchmeichelnd hinzu:„Schweigt, ich bitte Euch, verehrliche Frau, und vergebt meiner Heftigkeit, die ich be⸗ reue; es giebt aber auch Dinge, welche ſogar Unſereinen aus der Faſſung zu bringen ver⸗ moͤgen. Nochmals, mir thut meine Hitze leid, um ſo mehr als ſich jetzt wahrhaftige Hochach⸗ tung zu der Freundſchaft geſellt, die ich lange zu Euch getragen.“— „Sparet Eure Schmeichelworte,“ wies ihn die Wittwe zuruͤck.„Eine andere Geſtalt haͤttet Ihr annehmen muͤſſen, ſollte ich auf ſie achten. So wohlfeil kaufet Ihr hier keinesweges. Es bleibt bei dem, was ich geſagt.— Schoͤn will ich ſeyn; und vermoͤget Ihr das nicht, ſo treibet an⸗ derwaͤrts Eure Geſchaͤfte.“— „Und ſo ſoll ich denn abziehn, ohne dieſes 198 vollendet zu haben?“ fragte der Andere klein⸗ laut und mißmuͤthig. „Das ſollet Ihr,“— herrſchte ſie ihm zu, „und zwar je ſchneller, je beſſer. Unangenehm waret Ihr mir unter dem geborgten Namen; ver⸗ aͤchtlich ſeyd Ihr mir als der, welcher Ihr jetzt ſeyn wollet; ſo habt Ihr denn in beiderlei Weiſe hier nichts mehr zu ſchaffen.“— „Veraͤchtlich?“ fuhr der Fremde empor und einen Moment lang flammte in ſeinem Auge die Glut der Heimath, darauf aber fuhr er fort wie fruͤher:„Ich will gehen, und wie Ihr ſagt, je eher, je lieber, denn Menſch und Teufel befin⸗ den ſich bei Euch nicht zum Beſten. Wird es mir aber nicht vergoͤnnt ſeyn, Euch mein Bei⸗ leid zu bezeugen zum zweiten hoffentlich baldigen Wittwenſtande?“— Jener Blick hatte zwar das Innere Bea⸗ tens mit der Kraft des Blitzſtrahls getroffen, als aber der unheimliche Gaſt ſich ſo nachgie⸗ big aͤußerte, kehrte ihr Trotz wieder und ſie ant⸗ wortete hoͤhniſch:„Bemuͤhet Euch nicht. Ich will nicht Wittwe werden, mein Braͤutigam ſoll leben, gerade darum, damit Euch kein Ge⸗ fallen geſchieht. Was iſt es denn auch? Ein⸗ 199 mal vermaͤhlt, was ſchadet es mir, wie er mich findet? Ja, er ſoll leben Euch zum Trotz, und wenn—“ „Und wenn er ſelbſt auch bereute, nicht ge⸗ ſtorben zu ſeyn,“— ergaͤnzte Jener.„So recht, und ich wuͤnſche ihm denn Gluͤck zum ſanften Ehebande und Euch zu einem langen behaglichen und erbaulichen Leben.“— Als er dieſes in etwas ſpottendem Tone geſagt hatte, ging er hinweg, und draußen hoͤrte man noch einige Zeit den Keichhuſten und den ſcharrenden Tritt des Herrn Nathanael Schwarz⸗ Da die vielerwaͤhnte Chronik der ungenann⸗ ten Stadt nichts von der Weiſe und den Em⸗ pfindungen berichtet, in welchen Frau Beate Bilſen die Nacht verging, die einem ſo ſeltſa⸗ men Auftritte folgte, ſo ſchweigen wir gleich⸗ falls von denſelben, uns billig Muthmaßungen erſparend, welche um ſo ſchwankender ſeyn duͤrf⸗ ten, als wir und jeder unſerer Leſer ſich wohl ſchwerlich jemals in aͤhnlichem Falle befunden haben; wir gehen mit unſerm Gewaͤhrsmanne ſogleich zum naͤchſten Morgen uͤber, und zwar zur neunten Stunde deſſelben. Man giebt den frommen Frauen Schuld, 200 gern lange zu ſchlafen; war es nun dieſe Ge⸗ wohnheit, oder hatte das Vorgegangene ihrer Ruhe doch etwas Eintrag gethan, genug es war um die angegebene Zeit, als unſere Witt⸗ we ihrem Lager entſtieg. Gemeiniglich pflegte ſie ihren Tag mit dem Liede: Mein erſt Gefuͤhl ſey Preis und Dank u. ſ. w. zu beginnen, mit moͤglichſt lauter Stimme, und wenn es thunlich war, bei offenen Fenſtern angeſtimmt, heute aber verſagte ſich ihre ſonſt ſo ſangfertige Kehle, ob⸗ gleich ſie etwas dem aͤhnlich, was jene Worte ausdruͤcken, empfand. Ihr erſter Gedanke war naͤmlich der erfreulichen Ueberzeugung zugewendet, daß ihr uͤberſeeiſcher Glaͤubiger wirklich nicht mehr unter den Lebendigen ſey, und er verdraͤngte ſogar den Gedanken an ſeinen Stellvertreter und deſſen bisher bezweifeltes Daſeyn; waren ihm doch mit des Verſtorbenen Geſtalt nicht auch deſſelben Rechte uͤberkommen, gehoͤrte er doch unſtreitig nicht zu den Perſonen, welche Glau⸗ ben finden vor einem chriſtlichen Gerichtshofe. Was anderweitige Anſpruͤche betraf, die er an ſie gemacht, ſo war es noch immer Zeit, ihnen zu begegnen, vor der Hand aber zweifelte ſie nicht, der Pſeudo⸗Nathanael Schwarz habe, bei 201 ſchlechtem Erfolg ſeines Geſchaͤfts, ſich ohne Ge⸗ raͤuſch davon gemacht, wiewohl, nach Art ſol⸗ cher Reiſenden, vielleicht nicht ohne uͤblen Ge⸗ ruch. Alle dieſe Ueberlegungen beruhigten ſie denn genugſam, ſo daß ſie, des empfangenen Rathes eingedenk, die Beſtandtheile ihrer Schoͤn⸗ heit einzeln und ſorgfaͤltig vom Fußboden auflas und ihnen mit kunſtgeuͤbter Hand eben ſo ſorg⸗ faͤltig ihre verſchiedenen, auf kurze Zeit veroͤde⸗ ten Stellen anwies. Sie that ſolches mit al⸗ ler Gemaͤchlichkeit und keine Stoͤrung befuͤrch⸗ tend, denn ihre Thuͤr war verriegelt, auch, wie man nachher geſehen haben will, durch drei Kreuze verbollwerkt, welche der Glaube, der ihr ploͤtzlich uber Nacht gekommen war, nicht fuͤr uͤber⸗ fluͤſſig gehalten; kein neugieriger Nachbar ſchaute in ihre Fenſter, denn nicht umſonſt hatte Frau Bilſen ihre Wohnung in einſamer Straße gewaͤhlt. Das ihr vor Allem wichtige, auch ziemlich ſchwierige Geſchaͤft war beendet, die Wittwe wieder zur ſchoͤnen Frau geworden, da geſtattete ſie ſich erſt, nach dem auszuſchauen, was draußen vorgegangen ſeyn moͤchte. Sie zog die Klingel, aber da Niemand erſchien, trat ſie hin⸗ aus auf den Flur und horchte auf. Mit Zu⸗ friedenheit uberzeugte ſie ſich, wie kein Laut ſich im Gemache des Fremden vernehmen ließ und die Kammer des Mohren offen ſtand und leer. Nun gaͤnzlich uͤberzeugt von der Abreiſe Bei⸗ der, durch Pforte oder Schornſtein, rief ſie der Dienerin; der Schall ihrer Worte wurde aber nur durch ein dumpfes Winſeln erwiedert und durch ein Klopfen an der Zimmerthuͤr des Maͤdchens. Das Schloß that ſich dem Hauptſchluſſel auf und der eintretenden Gebieterin ſtuͤrzte Jung⸗ fer Urſula entgegen, blaß, mit geſtraͤubtem Haar, mit verweinten Augen und bebenden Lippen.— „Weiß es die geſtrenge Frau ſchon?“ ſchrie ſie ihr zu, und als dieſe nicht ohne Beſtuͤrzung verneinte, fuhr ſie mit gewaltſamen Geberden fort:„Todt liegt er drinne, mauſetodt, der fremde Herr! Die Augen ſtehen ihm zum Kopfe her⸗ aus, tellergroß, und den Mund hat er offen, daß er gar graulich anzuſehen iſt.“—— „Todt? Der waͤre todt?“ fragte Beate in einem Tone, in welchem ſich Unglauben und Schrecken miſchten bis zu einer gewiſſen Ver⸗ 203 worrenheit der Begriffe, leicht erklaͤrlich aus dem, was am vergangenen Abend geſchehen.„Du traͤumeſt oder ſpaßeſt wohl? Der,“ ſetzte ſie mit einer Art von Seufzer hinzu—„Der ſtirbt nicht.“— „Mein Jeſus!“ kreiſchte Urſula:„das waͤre mir mein Spaß. Getraͤumt haͤtte ich es? So wahr ich eine ehrliche Jungfer bin, ich habe ihn ſo liegen ſehen mit meinen wachen zwei Au⸗ gen, als ich hinein kam, um ihm den Thee zu bringen. Er ſah, ſage ich Euch, gar garſtig aus, und wie Einer, der kein gutes Ende ge⸗ nommen, und ſo liegt er noch, meiner Treu!“— „In ſeinem Zimmer?“ fuhr Beate auf;— „ich will ihn ſehen! Doch“— ſagte ſie gleich darauf mit zitternden Gliedern und wankender Stimme,„laß es nur ſeyn.“— „Gehe die geſtrenge Frau ja nicht hin,“— ermahnte ſie die Zofe—„ſie koͤnnte den Tod haben vor Schreck. Waͤre es mir doch auch beinahe ſo gegangen, wenn der Mohr nicht da⸗ zu gekommen waͤre, denn allein mag ich keinen Augenblick ſeyn bei einem Leichnam. Der aber, der Mohr— mein Gott, wie habe ich ihn doch eine angenehme, reputirliche Mannsperſon nen⸗ 204 nen koͤnnen?— der iſt ein abſcheulicher Heide und Erzgrobian. Er wußte, glaub' ich, ſchon darum, that er doch, als waͤre es gar nichts, und da ich ihn fragte, ob das die Starrſucht ſey oder das boͤſe Weſen, mit dem, wie er geſagt, ſein Herr behaftet geweſen, ſo meinte er, nein, diesmal ſey es Ernſt, und hob die haͤßliche Leiche auf bei einem Arme, und ließ ſie, ſteif wie ſie war, niederfallen, daß es krachte. Nun, ich bin wohl meiner Herrſchaft immer zugethan als ein treuer Dienſtbote, doch kam es mir nicht verwunderlich vor, daß man auf ſo einen alten, garſtigen, geizigen Brodherrn nicht viel giebt, und ich dachte denn ſo in meinen Gedanken, vielleicht hat er doch dem Kammerdiener was vermacht, und ich fragte ihn beſcheidentlich danach, und ſprach denn ſo Dies und Jenes von einem chriſtlichen Ehe⸗ bunde und von den hinterlaſſenen Sachen des Herrn, und war in meinem Gott vergnuͤgt, daß der Alte weg war, und ich ihm, mit Verlaub der geſtrengen Frau, nun das Jawort geben koͤnnte, das er geſtern mir abſchmeicheln wollte mit ſeinen zuthulichen Manieren, an denen aber gar nichts iſt, ſo wie an ihm grade ſo viel als an ſeinem Herrn. Ich meinte, man muͤſſe dem 205 Himmel fuͤr Alles danken, und wenn er auch nur kleine Mulatten beſcheert. Da lachte er aber wiederum und recht graͤßlich, und blitzte mich an mit den großen gluͤhenden Augen, daß mir die Haut ſchauderte, und ſagte: wohl haͤtte ſein Herr ein Vermaͤchtniß hinterlaſſen, und ich wuͤrde es bald gewahr werden, und dabei zeigte er auf ein Papier, das auf dem Tiſche neben dem Leichnam gelegen, und er wuͤrde ſchon kom⸗ men und mich abholen, ich muͤßte aber warten, bis es Zeit ſey. Warten, je du mein Gott, auf den werde ich nicht warten. Und wie ich ihm ſeine Treuloſigkeit vorhielt und ſeine Grob⸗ heit, wollte er mich einſperren bei dem Todten, wie ich ihn aber um die Wunden Chriſti bat, er möge das nicht thun, denn es waͤre mein Letztes, da ſtand er ab davon, nahm mich dar⸗ auf beim Schopf und warf mich in meine Kammer und ſchloß ſie hinter mir ab, und wie ich ihm nachſchrie, ich wuͤrde es der geſtrengen Frau klagen, da lachte er zum dritten Male noch abſcheulicher und impertinenter, und ſtieß Redensarten aus, die zu wiederholen, mich mein Heiland bewahren ſoll. Gleich drauf lief er zum Hauſe hinaus, mit dem Papier in der Hand, und ich glaube gar, er iſt gegangen, die Ge⸗ richte zu holen.“— Wort⸗ und regungslos und mit dem ab⸗ ſpannenden Ausdrucke dumpfen, betaͤubenden Erſtaunens im Antlitz, horchte Frau Bilſen dem ſeltſamen Bericht, oder ſie horchte ihm nicht vielmehr, ihr war gleich einem Fieberkranken, es daͤuchte ihr, ſie befinde ſich auf einem ſchwan⸗ kenden Meere und Daͤmmerung liege rings umher, zu truͤbe, ihr eine Ausſicht in die Ferne zu geſtatten, doch nicht dicht genug, ihr wun⸗ derliche Geſtalten zu verbergen, die ſie umgaben, Geſtalten der Phantaſie und der Wirklichkeit in ſeltſamer Verſchleierung. Sie hatte die Annaͤhe⸗ rung Jener am geſtrigen Abend nach dem Au⸗ genblick des erſten Entſetzens mit leidlicher Faſ⸗ ſung ertragen, das dunkle Werk, das ſie lange getrieben in Einſamkeit und Nacht, hatte mehr⸗ mals ihren Sinn den finſtern Maͤchten zugewen⸗ det, ſie lebten in ihrem Innern, wiewohl ihr Unglaube ſie verwarf, und als ſie ſich ihn beſie⸗ gend kundgaben, waren ſie ihr bereits nicht fremd. Doch ihr Buͤndniß mit dem Gewoͤhn⸗ lichen verwirrte ſie, fuͤrchterlicher als Jene war dies dem befleckten Bewußtſeyn, dem irdiſchen Sinn, welcher immerdar an der Gegenwart hing, welche die truͤgeriſche Lippe verſchmaͤhte, immer abgewandt war von einer Zukunft, die, obgleich oft der Gegenſtand ihrer heuchelnden Rede, ſeit Kurzem zum erſten Male in ihr inneres Leben getreten. Sie fuͤhlte, ihr nahe irgend eine Ge⸗ fahr, doch mochte ſie in der abenteuerlichen Zuſammenſtellung ihre Umriſſe nicht erkennen, nothgedrungen gab ſie ſich der Gewalt der Um⸗ ſtaͤnde hin, verſuchend, die Beſonnenheit feſt zu halten, die ihr Beiſtand war in mancher kaum minder bedenklichen Lage. „Die Gerichte?“ ſprach ſie mit moͤglichſter Ruhe.—„Unſtreitig iſt dem ſo, und das iſt ganz in der Ordnung beim ploͤtzlichen Tode ei⸗ nes Fremden. Alſo mit dem Starrkrampf und der fallenden Sucht war der Fremde behaftet, ſagte der Mohr, und unmaͤßig im Genuß der Speiſen und des Getraͤnkes, und mehr denn einmal habe er ſelbſt ihn todt geglaubt? Nun, es iſt nicht zu verwundern, wenn unter ſolchen Umſtaͤnden aus dem Schein einmal Ernſt wird, nur iſt es unangenehm, daß ihn ſolches in mei⸗ nem Hauſe betroffen, den Gaſt, den Freund— meines lieben ſeligen Ehegatten. Solche Vor⸗ — faͤlle pflegen manche verdrießliche Weitlaͤuftigkei⸗ ten nach ſich zu ziehen, Urſula, und ich furchte, wir werden denſelben nicht voͤllig entgehen. Man muß daher Sorge tragen, ſie nicht unnoͤthig zu vermehren. Der Neger hat von großen Koſt⸗ barkeiten ſeines Herrn geſprochen, Sie ſelbſt will dergleichen geſehen haben; ſolche Dinge ſind es, welche die loͤbliche Juſtiz vor Allem im Auge haͤlt, und befinden ſich ſolche in Ordnung und in ihrem Gewahrſam, ſo wird ſie bald fertig mit dem Andern.“— „So, nun moͤgen die Gerichte kommen, wenn es ihnen beliebt;“ fuhr ſie fort, indem ſie die Thuͤr des Zimmers, wo der Todte lag, ohne es zu betreten, mit einem tuͤchtigen Vorlegeſchloſſe verwahrte, zum heimlichen Verdruſſe Urſula's, welche bei dem Ableben ihrer Baronin einigen Begriff von einer Erbnehmung ab intestato er⸗ halten hatte.—„Was ſie nun finden oder nicht finden, iſt nicht unſere Sache, und ſollte,“ ſetzte ſie mit frevelndem Scherze hinzu:„der ſelige Mann Luſt bekommen, abzuziehn mit ſeinen Habſeligkeiten, ſo mag er ſeinen Weg durch den Rauchfang nehmen, was ich ihm freilich nicht wehren kann, aber nicht durch die Thur.“— 209 Darauf ging ſie eilfertig nach ihrem Zim⸗ mer, wo mancherlei Geſchaͤfte ihrer warteten, durchaus nothwendig geworden ſeit den Vor⸗ gaͤngen des heutigen Morgens. Schon hatte Frau Bilſen dieſelben laͤngſt geendet, ſie ging in ihrem Gemache auf und nieder mit unruhigem Schritte und ſorgenvoller Miene, hin und wieder gleichſam zur Beruhi⸗ gung einen Seitenblick auf den voͤllig geleerten Wandſchrank werfend, und wie man oſft eine Beſchleunigung eines mißlichen Augenblicks her⸗ beiwuͤnſcht, begann ſie ungeduldig uber die Lang⸗ ſamkeit der öffentlichen Sicherheitsbehoͤrde zu werden; da verkuͤndete der meſſingene Thuͤr⸗ klopfer, und gleich darauf erſchallende zahlreiche Fußtritte die Ankunft der Beamten. Der Erſte unter ihnen, als er, um den Zweck ſeines Erſcheineus entſchuldigend anzuzeigen, bei der Beſitzerin des Hauſes eintrat, fand dieſelbe vertieft in ein damals in großem Rufe ſtehen⸗ des, zierlich eingebundenes Andachtsbuch, welches ſie indeß ſofort bei Seite legte, und ſittig und unbefangen die Begruͤßung der Magiſtratsperſon erwiederte. Sie beklagte mit ihm den Unfall, der ſich in ihrem Hauſe zugetragen, welcher um 14 ſo betruͤbender fuͤr ſie ſey, da der ploͤtzlich Ver⸗ ſtorbene, obſchon ihr gaͤnzlich unbekannt, ſich einen Freund ihres unvergeßlichen Gatten ge⸗ nannt habe, und um ſo peinlicher, da ſie als eine Frau und verlaſſene Wittwe nicht wiſſe, was ihr obliege in dergleichen Umſtaͤnden, wes⸗ halb ſie denn im Falle, daß ſie etwas verab⸗ ſaͤumt, um Vergebung, fuͤr das Weitere aber um geneigte Unterweiſung bitte. Wie drauf der Beamte, ein Freund des Senator Werzelius, der Braut deſſelben hoͤflich und achtungsvoll eroͤffnete, wie ſeine Pflicht es erheiſche, das Beſitzthum des Todten aufzuneh⸗ men, nach einem Verzeichniß deſſelben, welches ſein Diener angeblich bei demſelben gefunden habe, um es in gerichtliche Verwahrung zu nehmen bis zur Ausmittelung etwaniger Er⸗ ben, andern Theils aber, mit Zuziehung herbei⸗ gerufener Aerzte, die Todesart zu unterſuchen, welche ihren Gaſt ſo ſchnell dahingerafft, ſo fand ſie das ganz in der Regel und haͤndigte dem Fordernden den wohlverwahrten Schluͤſſel des Sterbezimmers ein. Hierauf belobte das Mit⸗ glied der Obrigkeit ihre Vorſicht, verſicherte, ſie habe damit ihren bisherigen Obliegenheiten vol⸗ lig Genuͤge geleiſtet, was aber das jetzt noch Nothwendige betraͤfe, werde das Gericht ſich be⸗ fleißigen, einer ſo achtungswerthen Frau ſo viel moͤglich alle Belaͤſtigung zu erſparen, und nur der Ordnung wegen ſey es, daß man ſie er⸗ ſuche, waͤhrend des kurzen vorzunehmenden Actus ſich in ihrem Zimmer zu halten, da man ihr die Ueberwindung nicht zumuthen wolle, dabei gegenwaͤrtig zu ſeyn. Voͤllig einverſtanden damit, dankte ſie dem Gefaͤlligen fuͤr die Schonung ihrer weiblichen Schwaͤche, entließ mit anmuthigem halben La⸗ cheln, wie es auch die Betruͤbniß kleidet, und mit verbindlichem Wort den ſich Entfernenden, und kehrte zuruͤck zu ihrer frommen Beſchaͤf⸗ tigung. Kaum aber ſah ſie ſich allein, ſo warf ſie das Gebetbuch mit Ungeſtuͤm von ſich, ſchlich auf den Zehen der Thuͤre zu und legte mit verhaltenem Athem ihr Ohr an dieſelbe. Es war wohl nicht die Neugier allein, die ſie auf dieſen Lauſcherpoſten trieb; nach dem, was der Leſer weiß, mußte Frau Beate in einer ganz beſondern Ungewißheit ſchweben uͤber das, was man dort antreffen konnte, und wovon ſich ſelbſt 14* durch den Augenſchein zu uͤberzeugen, ſie nicht fuͤr gut gehalten. Sie war darauf gefaßt, das Getuͤmmel des Entſetzens zu vernehmen, oder wenigſtens das Geſchrei der Verwunderung; aber Alles blieb ſtill und die Stille dauerte lange. Die zwiefache Handlung war begonnen, ſie fuͤhrte indeß ſehr ſchnell zu Wahrnehmungen ſeltſamer und unerwarteter Gattung. Man fand den Todten noch ſo, wie ihn, ihrem Berichte nach, Urſula verlaſſen, doch bereits in einen Zu⸗ ſtand der Aufloͤſung uͤbergegangen, wie ihn nur Gift hervorbringen konnte, und zwar in ſo kur⸗ zer Zeit nur Gift der allerzerſtoͤrendſten Art und in unerhoͤrter Menge genoſſen; ſo deuteten die verlegenen Blicke und das Gefluͤſter der Aerzte an, und auf der Gerichtsperſon ernſtlich Befra⸗ gen, ihr unumwundener Ausſpruch. Bei der alsbald vorgenommenen Unterſuchung ergriff die Herren der Facultaͤt und mit ihnen die Umſte⸗ henden die mehr als genuͤgende Ueberzeugung von der Wahrheit jenes Argwohns, aber auch zugleich ein Abſcheu, welcher Beide, die Han⸗ delnden und die Zuſchauer, zuruͤckweichen ließ von dem Leichnam, denn urplotzlich unter dem Meſſer 213 des Wundarztes ſelbſt hatte er ſich verwandelt und glich nach wenig Augenblicken Einem, der ſchon geraume Zeit im Grabe gelegen, ein Raub der Verweſung, eine Speiſe der Gaͤſte, die an ihrer Tafel ſich naͤhren. Erſchreckt und betreten ſchau⸗ ten die Anweſenden einander an, Falten der Bekuͤmmerniß verfinſterten das Angeſicht der erſten Magiſtratsperſon, ſchlecht unter amtlicher Wichtigkeit verhehlte Schadenfreude ſprach aus den Zuͤgen der zweiten, alberne Verwunderung aus dem halbgeoͤffneten Munde und den aufge⸗ riſſenen Augen der Zeugen, und mit zitternder Hand entwarf der Stadtphyſikus das beiſpiel⸗ loſe Visum repertum. Bereits waͤhrend dies geſchah, hatte man mit der Durchſicht der Hinterlaſſenſchaft ange⸗ fangen, aber ihr Ergebniß war eben ſo wenig erfreulich. Trotz des Verzeichniſſes, welches man aus den Haͤnden des Mohren empfangen, trotz der Verſicherungen des anweſenden Blondin, fand ſich nichts, auch nicht ein Stein von den angegebenen Koſtbarkeiten, ſogar der Juwel an der Hemdkrauſe des Todten war verſchwunden, und jener ſchwere Reiſekoffer, den nach Urſula's Ausſage nur zwei Mann mit Muͤhe handhaben 21 konnten, war eingeſchrumpft zu einem duͤrftigen Felleiſen, in welchem ſtatt aller Reichthuͤmer ſich in geringer Anzahl abgetragene, fremdartige und altmodiſche Kleidungsſtucke befanden, uͤbereinſtim⸗ mend mit dem geſtrigen Anzuge des Todten. In einer Taſche des letztern entdeckte man zwar den Geburtsſchein und einen Reiſepaß, vor Jah⸗ ren dem Herrn Nathanael Schwarz ausgeſtellt, aber zwei oder drei kleine Silbermuͤnzen mit dem Stempel der Muͤnze zu Batavia bildeten das ſaͤmmtliche baare Vermoͤgen. Noch finſterer ward die Stirn des vornehm⸗ ſten Beamten, er ſtand ſinnend und unſchluſſig; es that dem Menſchenfreundlichen weh, die all⸗ gemein geachtete Mitbuͤrgerin, die Verlobte ſei⸗ nes Freundes durch ſo entſetzlichen Argwohn be⸗ fleckt zu ſehn, der aus dem Wahrgenommenen hervorging; aber bald erinnerte ihn ein Wink ſeines Gehuͤlfen, der einige Zeit mit dem Moh⸗ ren in leiſem Geſpraͤch verkehrt hatte, an ſeine Pflicht. Vielleicht ſchien ihm die ſonderbare Zu⸗ ſammenhaͤufung ſo ungewoͤhnlicher Umſtaͤnde abentheuerlich und raͤthſelhaft, vielleicht daͤuchte es ihm unmoͤglich, daß eine Frau, deren Beſon⸗ nenheit man ruͤhmte, ſich zu ſo ſchreiender Un⸗ that hinreißen laſſen, und zumal in ſo unvor⸗ ſichtig plumper Weiſe, genug, er ertheilte mit geſetztem und wuͤrdevollem Weſen ein Gebot, zufolge deſſen zween won den Dienern der Ge⸗ rechtigkeit ſich geraͤuſchlos vor Beatens Zimmer⸗ thuͤr aufſtellten, andere aber in allen Zugaͤngen des Hauſes. Nachdem die Aufnahme und die Verſiege⸗ lung der kuͤmmerlichen Verlaſſenſchaft beendigt, und die weinende und keifende Urſula unter dringender Ermahnung zum Stillſchweigen in vorlaͤufigen Gewahrſam genommen war, for⸗ derte der Vorſteher ſeine Gehuͤlfen auf, ihm in Begleitung des Mohren zu Frau Beaten zu folgen. Die Schritte der Nahenden waren nicht ſo unhoͤrbar geblieben, daß ſie die fromme Wittwe nicht wieder in ihrer erbaulichen Beſchaͤftigung angetroffen haͤtten; beſcheiden und heiter begruͤ⸗ ßend erhob ſie ſich beim Eintritte des Richters, aber ihr Angeſicht truͤbte ſich, als ſie ſein Ge⸗ folge wahrnahm. Ein ſo zahlreicher Beſuch war unter ſolchen Umſtaͤnden von uͤbler Be⸗ deutung, auch fand ſie wenig Gefallen an zweien Perſonen unter denen, welche ihr denſelben ab⸗ 215 ſtatteten. Dem Erſcheinen des Einen, jener zweiten Magiſtratsperſon, dem Vetter der regie⸗ renden Frau Buͤrgermeiſterin im fuͤnften Grade und ihrem treuergebenen Berehrer und Klienten, haͤtte ſie ſchwerlich die Abſicht untergelegt, ihr eine Artigkeit zu erweiſen, haͤtte auch ſeine finſtre Amtsmiene und gezwungene Haltung nicht auf eine andere gedeutet. Blondin, der Mohr, aber erregte durch ſeinen Anblick ganz andere Empfin⸗ dungen noch in ihr; wer konnte wohl der Die⸗ ner eines ſolchen Herrn ſeyn? Warum befand er ſich, da Jener von der Buͤhne abgetreten, noch auf derſelben? Schwerlich war etwas Gutes zu erwarten von dem Orte, dem er wahrſcheinlich entſtammte und von dem Auftrage, den der Scheidende ſeinem Diener zweifelsohne hinter⸗ laſſen; ſie ahnete, der zweite Act des Schau⸗ ſpiels ſey gekommen, das begonnen hatte mit hoͤlliſchem Spuk, und es werde folgerechter durch⸗ gefuͤhrt werden, als manch dramatiſches Erzeug⸗ niß, das damals die Haare der Zuhoͤrer ſich ſtraͤuben ließ und die Zuſchauerinnen mit Ohn⸗ macht und Krampf erfreute. Sie wagte es, einen Seitenblick auf den Raͤthſelhaften zu wer⸗ fen, deſſen Eigenthuͤmlichkeit wohl ſo wenig mit der Geſtalt ubereinſtimmte, die ihm anzuneh⸗ men beliebt hatte, als die Oberflaͤche derſelben mit ſeinem Namen. Hauptſaͤchlich richtete ſie ihre Aufmerkſamkeit auf Mge und Mund des ſoge⸗ nannten Blondin; ſie erinnerte ſich von geſtern her, wie dieſe ſelbſt der Mißgeſtalt des Oſtin⸗ diers das Gepraͤge ſeiner wahren Abſtammung aufdruͤckten, und Hohn und Menſchenhaß waren ihr nicht fremd genug, daß ſie nicht hoffen ſoll⸗ te, ihre Spur ſelbſt auf dem dunkeln Grunde dieſes Antlitzes zu erkennen; doch ſuchte ſie ver⸗ geblich in dieſen rohen Zuͤgen nach jenen Kenn⸗ zeichen echter teufliſcher Natur. Auf der dicken Lippe lag wohl maulender Trotz, es war aber der Trotz eines Knechtes; ſein Laͤcheln war wohl grinſend und boshaft, aber nicht, wie bei dem Andern, erzeugt aus ſchmerzlicher Bitterkeit und Freude an voruͤbergehendem Triumph; un⸗ ter den langen buſchigen Augenbrauen blickte das Auge wohl wild und finſter umher, aber keine Jronie, ſelbſt nicht einmal Verſtand ſprach aus ihm, und dem Ganzen ertheilte die ſtum⸗ pfe eingedruͤckte Naſe den Stempel der Ge⸗ meinheit. Nein, das war kein Weſen, hoͤherer Gat⸗ — 218 tung entſproſſen; dieſe Ueberzeugung gewaͤhrte der troſtbeduͤrftigen Wittwe eine Art von Be⸗ ruhigung, aber lange ſollte ſie ſich derſelben nicht uͤberlaſſen und auch nicht ihrem phyſio⸗ gnomiſchen Forſchen. Ohne Haͤrte zwar, doch mit minder gefaͤlli⸗ gem Tone als fruͤher und in kurzen Worten theilte ihr der vornehmſte Beamte das Ergebniß der gerichtlichen Handlung mit und ſchwieg dann, ihre Antwort erwartend. Frau Bilſen zögerte einige Zeit mit derſelben, es begann in ihrer Seele zu daͤmmern, ſie gewahrte den Fa⸗ den, welchen der Feind argliſtig aus Trug und Wahrheit gewoben, und ſtrebte ihn bis zum muthmaßlichen Ziele zu verfolgen, in tiefes Nachdenken ſinkend, das jedoch die obrigkeitliche Perſon alsbald unterbrach, mit einer ernſten Auf⸗ forderung, zu antworten.— Da rief ſie klagend: „Und was kann ich antworten? Was anders, als daß es ein bejammernswerthes Ungluͤck iſt, das mich betroffen und mein einſames ehrbares Wittwenhaus. Niemals iſt das Uebel uber ſeine Schwelle gekommen, ehe jener Elende ſie be⸗ trat, der dieſen Wohnplatz ſtillen Friedens, meine Gaſtfreundſchaft mißbrauchend, erwaͤhlte, um — 2¹9 einem Leben ein Ende zu machen, das zerruͤt⸗ tende Krankheit, oder vielleicht begangene Un⸗ that ihm laͤſtig gemacht. Wahrlich, meine Herren,“ fuhr ſie fort, ſich mit Pathos an die Gegenwaͤrtigen wendend:„wahrlich, ſolche Vor⸗ faͤlle ſind geeignet, von der Ausuͤbung der Tu⸗ genden abzuſchrecken, welche unſere Religion ge⸗ beut mit den Worten: Liebe deinen Naͤchſten wie dich ſelbſt; und: Was du dem Geringſten unter ihnen gethan haſt, das haſt du mir ge⸗ than. Aber keine Pruͤfung darf einer frommen Chriſtin zu ſchwer ſeyn, und ich nehme die ge⸗ genwaͤrtige dahin aus der Hand des Herrn, der ſie uͤber mich verhaͤngt hat in ſeiner uner⸗ forſchlichen Weisheit, oder dem Geiſte der Fin⸗ ſterniß Macht gegeben, ſeine Magd zu verſuchen, wie es wohl hin und wieder den Kindern des Lichts geſchieht durch goͤttliche Zulaſſung.“— Die Augen verlegen zum Boden heftend, hatte der erſte Beamte, mit herbem Laͤcheln und Achſelzucken der zweite, die fromme Ergießung angehoͤrt; Beides entging Beaten nicht, und dieſe Wahrnehmung befeuerte ihre Rede, als ſie aber bei Schluß derſelben unwillkuͤhrlich den Mohren anſah, ſtockte ihre Stimme, und was 220 ſie noch hinzuſetzen wollte, erſtarb in leiſem Ge⸗ murmel. Auch er laͤchelte, aber diesmal war es doch, als ſpiele um Mund und Auge ein Strahl jener duͤſtern Flamme; da verwirrten ſich ihre Sinne, es war, als beginnen die Ge⸗ genſtände um ſie her und in ihrem Innern zu ſchwanken, und immer heftiger, bis ſie in toller Verworrenheit ſie mit reißender Schnelle um⸗ tanzten; halb ohnmaͤchtig und das Geſicht ver⸗ huͤllend, lehnte ſie ſich ruͤckwaͤrts an die nahe Wand. Schonend, aber mit Nachdruck, welche ſeiner Verrichtung gebuͤhrte, ſprach der Beamte zu ihr:„Faſſet Euch, Frau Bilſen, es iſt wohl zu begreifen, daß ſolcher Vorgang Euch heftig erſchuͤttert, zwiefach heftig, da, wie ich Euch nicht bergen kann, er, was Euch ſelbſt betrifft, von bedenklicher Art iſt. Suchet Euch darum zu ſammeln, denn es iſt noͤthig, damit Ihr Euch ſo voͤllig, als ich, und wie ich hoffe, wir Alle es wuͤnſchen, von dem Verdachte reinigen moͤget, mit welchem wir Euren bisher untadeli⸗ chen Wandel befleckt ſehen.“— Da richtete die Wittwe ſich empor und ſchaute um ſich mit dreiſter Stirn:„Verdacht?“ — * 221 fragte ſie ſtolz.—„Wayrlich, ich meinte mich nur uͤber den ungluͤcklichen Zufall beklagen zu muͤſſen, der mein friedlich ſchuldloſes Leben ver⸗ ſtoͤrte; daß der Verdacht es beſchmizzen koͤnne, haͤtte ich nimmer geglaubt. Das hoͤren zu muͤſſen, Herr Senator, und aus Eurem Munde, iſt eine harte Pruͤfung; ich beuge mich jedoch unter dieſelbe, des feſten Vertrauens, ich werde ſie beſtehen mit Gottes Huͤlfe und ſiegreich und rein daraus hervorgehen.“— „Auch wir hoffen es,“ entgegnete der Rich⸗ ter;„erwaͤget indeß die Umſtaͤnde. Ein frem⸗ der, jedoch Mehreren in dieſer Stadt nicht ganz unbekannter Mann, der, wie man ſich erinnert, mit Eurem verſtorbenen Gemahl in Geſchaͤfts⸗ verbindung geſtanden, wird von Euch beher⸗ bergt auf eine Nacht, den Morgen darauf aber findet man ihn todt, ermordet nach dem Augen⸗ ſchein und der Sachverſtaͤndigen Zeugniß durch Gift. Der Angabe nach hat er bedeutende Summen mit ſich gefuͤhrt und Juwelen von großem Werth; ſein Diener behauptet es, die Ausſage Eurer eigenen Dienerin beſtatigt dieſe Behauptung, und nichts von Allem findet ſich vor. Die Menſchlichkeit mag ſich dem Glau⸗ ben weigern an eine ſolche Unthat, begangen von einer geſchaͤtzten Mitbuͤrgerin, der Verſtand ſelbſt verwirft die Zuſammenſtellung eines ſol⸗ chen Mangels an Vorſicht mit ſolchem Frevel, die Gerechtigkeit aber darf ſich nicht hemmen laſſen durch ihre Stimmen, ſie macht es zur Pflicht, unter ſolchen Umſtaͤnden das Moͤgliche fuͤr moͤglich zu halten. Es wird eine Nach⸗ ſuchung in Eurem Hauſe Statt finden, Frau Bilſen, ſie hat bereits begonnen und Ihr muͤſſet Euch derſelben unterziehen in Euren eignen Gemaͤchern.“— „Meinet,“ ſchaltete die andere Magiſtrats⸗ perſon ein,„meinet der Herr Collega nicht, es ſey rathſam, beſagte Dienerin anhero zu citi⸗ ren zur Confrontation mit dem Negerburſchen, und mit wem es ſonſt noch zweckdienlich ſeyn wuͤrde?“—— „Allerdings,“ antwortete Jener, den Blick immer auf die jetzt kuͤhn und frei daſtehende Beate gerichtet. Dann ſagte er, zu dieſer ge⸗ kehrt:„Ich bedaure, daß ich genoͤthigt bin, Euch auch dieſe Unannehmlichkeit zu verurſachen.“— „Ihr ſeyd zu guͤtig,“ lautete die mißmu⸗ thige Antwort;„die Herren ſind, wie ich ſehe, jetzt mehr Gebieter in meinem Hauſe, als ich, und mir ſtehet es zu, mich ihrem Willen zu fuͤgen. Wenn ich es dulden muß, daß meine Zimmer durchſucht werden, ſo kann ich auch nicht hindern, daß man in denſelben meine Magd mir entgegenſtelle, denn ſo iſt, wenn ich nicht irre, die Meinung des Herrn Senators. Aber Beides wird den Ungrund eines ſeltſamen Arg⸗ wohns darthun und mich in den Stand ſetzen, Genugthuung fuͤr ſo unerhoͤrte Beleidigung zu fordern.“— Urſula erſchien nach Standes⸗ und Ge⸗ ſchlechtsgebuͤhr weinend und ſchluchzend, als man ſie aber aufforderte zur Wiederholung deſ⸗ ſen, was ſie geſtern zu einigen Nachbarinnen von den Reichthuͤmern des Fremden geſprochen, ſtockten ihre Thraͤnen und ihr Mund that ſich auf zu wortreicher Rede:„Juwelen?“ rief ſie in gellendem Tone:„Juwelen, haͤtte ich geſagt? Je, du mein Gott, von wem hab' ich es denn, als von dem ſchwarzen Musjeh? Der aber iſt eine falſche Mannsperſon, das kann ich beſſer bezeugen als jede Andere, hochverehrliches Gericht, und es iſt ihm kein Wort zu glauben. Schoͤne Juwelen moͤgen das geweſen ſeyn, Glasperlen 15 — und boͤhmiſche Steine, und in dem Reiſekoffer war wohl auch nichts wie Steine und alte Topfſcherben, und die portegieſchen Kardupel, Rechenpfennige ſind es geweſen, ſage ich par- toutement, mit denen der heidniſche Mohren⸗ koͤnig einer rechtſchaffenen Jungfer die Augen verblendet hat, wie er ſie beſchwatzen wollte mit ſeinen zuthunlichen Manieren und ſeinem Kauderwelſch; aber daraus wird nichts, daß Er es nur weiß, Herr Kammerdiener von einem alten Herumſtreicher. Mein Sirx, der ſah mir danach aus, als wenn er Juwelen haͤtte; hatte er doch nicht einmal ordentliche Waͤſche, und ein Loch im Rock unter der Achſel.“— Der erſte Beamte wendete ſich an Beaten mit der Frage, ob ſie von den erwaͤhnten Koſt⸗ barkeiten nichts geſehen, und als dieſe kurz und trocken verneinte, ſagte er zu dem zweiten:„Es iſt nicht unmoͤglich, daß wirklich nur Flitter⸗ werk und Geruͤll geweſen, was der Diener des Verſtorbenen gegen dieſe Unkundige fuͤr Dinge von Werth ausgegeben. Es iſt wahrſcheinlich ſogar, denn die vorgefundenen Habſeligkeiten paſſen wenig zu den Reichthuͤmern, welche in jenem ſogenannten Verzeichniß aufgefuͤhrt ſind, 225 fuͤr deſſen Aechtheit uͤberdem keine andere Ge⸗ waͤhrleiſtung ſtattfindet, als die unzulaͤſſige und verdaͤchtige des Negers.“— „Zugegeben, Herr Collega,“ verſetzte der Andere,„doch iſt darum nicht minder wahr, daß die Qualitaͤt ſothaner Effecten weder ihr Gewicht veraͤndert noch ihr Volumen, und ſey es, wie das Maͤdchen jetzt contradictorie an⸗ giebt, nur Geruͤll geweſen, ſo bleibt doch die Frage ſtehen, wo es denn hingekommen?— Ich trage daher wiederholt auf Hausſuchung an.“— „Die unſtreitig in jedem Fall ſtattfinden muß,“ beſtaͤtigte Jener,„wie auch dieſe Perſon der Haft nicht entlaſſen werden kann, bis ſolche geſchehen.“— Da hob Urſula auf's Neue an zu jammern und zu klagen, als ſie aber den Mohren in's Auge faßte, der ihr gegenuͤber ſtand mit dem Laͤcheln rohen Spottes, da gewann der In⸗ grimm die Oberhand und ſie ſchrie:„Und der Musjeh lacht noch, daß er mich reputirliche Perſon in Schimpf und Schande gebracht hat mit ſei⸗ nen Aufſchneidereien, und vor ein hochverehrli⸗ ches Gericht, was mir in meinem Leben noch 15* 226 nicht paſſirt iſt. Ein Vermaͤchtniß, ſagt er? Ein herrliches Vermaͤchtniß, eine Hand voll Lumpen, die wohl die ganze Herrlichkeit gewe⸗ ſen ſind von dem ſaubern alten Patron; denn Einer mag wohl ſo viel werth ſeyn, als der Andere, er und ſein Herr. Das waͤre mir mein Liebhaber! Hat jemals ein Chriſtenmenſch geſehen, daß eine ordentliche lutheriſche Jungfer ſich von einem ſolchen heidniſchen Kienrußgeſicht ließe liebhaben? Blondin heißt er? Ich frage die hochpreisliche Juſtiz, ob er auch nur ein Haͤrchen an ſich hat von einem Blondin? »S iſt lauter Blendwerk und Schelmerei mit ihm und mit dem garſtigen Alten. Schickt ſich das wohl, zwei fromme und chriſtliche Perſonen in Verdruß und Ungelegenheit zu bringen, wie mich und meine geſtrenge Frau? Eine ſchoͤne Lebensart muͤſſen die Leute haben, wo er her iſt. Aus dem Lande, wo der Pfeffer waͤchſt, ſagt er; nun ich wollte, Ihr waͤret da geblieben alle Beide, mein Seel ſo wollt' ich!“— Einige der Umſtehenden fanden Gefallen an dieſem poſſenhaften Zwiſchenſpiel eines ernſten und unangenehmen Auftritts, der erſte Beamte aber machte ihm mit gebietendem Wort ein 227 Ende und die Hausſuchung begann. Es waͤhrte nicht lange, als trotz der eifrigen Forſchung der zweiten Magiſtratsperſon es ſich ergab, es ſey unmoͤglich, daß Dinge von ſo bedeutendem Um⸗ fang hier verborgen ſeyn koͤnnten. Nachdem man denn der Amtspflicht mehr als Genuͤge geleiſtet, und im Schlafgemach der Wittwe, das bis zuletzt aufgeſpart worden, vergeblich alle Behaͤltniſſe durchſpuͤrt hatte, fand der vornehmſte Beamte, erfreut uͤber dies Ergebniß, fuͤr ſtatt⸗ haft, die Unterſuchung zu beendigen, der Vetter der Frau Buͤrgermeiſterin aber, nicht ſo erfreut, wandte ein, beſagte Sachen ſeyen doch einmal vorhanden geweſen, ſie muͤßten ſich irgendwo finden, und erſt durch ihre Entdeckung koͤnne man jeden Zweifel loͤſen, auch ſey der Punkt wegen des Giftes noch nicht eroͤrtert, und ſo muͤſſe er denn, ſo leid es ihm thue, darauf antragen, daß die werthe Frau Bilſen vor der Hand im Gewahrſam verbleibe. „So fordert es freilich der Gang des Rech⸗ tes,“ verſetzte Jener,„und,“ hier wandte er ſich troͤſtend und ermuthigend zu der Wittwe, „ich zweifle nicht, unſere werthe Freundin wird ſich einer nothwendigen Maaßregel unterziehen, welche ihre Rechtfertigung vollſtaͤndig machen wird. Ich zweifle nicht mehr an derſelben, ja ich glaube ſogar den wahren Thaͤter zu erken⸗ nen. Worin auch das Gepaͤck des Verſtorbenen beſtanden habe, ſo lauten doch die Ausſagen dahin, daß es von großem Umfang und Schwere geweſen. Duͤnkt es Euch glaublich, meine Herren, daß, was zween Maͤnner mit Muͤhe bewegen konn⸗ ten, in ſo kurzer Zeit hinweggeſchafft werden konnte von einer Frau, oder auch zweien? Ich meine, dazu taugen eher die nervigen Arme, der breite Ruͤcken dieſes ſchwarzen Burſchen, fuͤr deſſen Unſchuld ſeine Anklage kein Beweis genannt werden mag. Und wenn die Rede von Gift⸗ mord iſt, ſoll man in zweifelhaftem Falle nicht eher einen afrikaniſchen Sklaven deſſelben be⸗ zuͤchtigen, als eine unbeſcholtene Bewohnerin unſerer Stadt?“— Das Geſicht der zweiten Magiſtratsperſon verlaͤngerte ſich, ein ſchadenfrohes Gelaͤchter un⸗ terbrach Urſula's Schluchzen, der Mohr aber ſchrie wie außer ſich:„Iſt das die Gerechtig⸗ keit hier zu Lande? Nicht genug, daß ich mei⸗ nen Herrn beraubt ſehe und ermordet, auch noch ſolcher frevelhaften Unthat ſoll ich bezuͤchtigt 229 werden, der ihm lange Jahre treu gedient? Nun, wenn es denn ſeyn muß, ſo nehmet mich nur hin. Aber das ſage ich Euch, die Schuld muß hervor an das Tageslicht, und ehe nicht Alles klar iſt, weiche ich nicht von dieſer Stelle!“— und wie er das letzte Wort her⸗ vorſchrie, ſtampfte er wuͤthend mit dem Fuß auf den Boden. Der Vorſteher der Gerichtsperſonen war im Begriff, ihm ſein unziemlich Benehmen zu ver⸗ weiſen, da vernahm man ein kleines klappern⸗ des Geraͤuſch, wie das eines fallenden Bret⸗ leins. Aller Augen richteten ſich auf die Stelle und Alle ſahen am Boden eine Leiſte des Wand⸗ getaͤfels liegen, wahrſcheinlich losgegangen von der Erſchuͤtterung, die das Auftreten des Negers verurſacht; der ſcharfſichtige zweite Beamte aber entdeckte an der entkleideten Stelle eine Spalte, gleich der Fuge eines Thuͤrchens, und eine Oeff⸗ nung, einem Schluͤſſelloch gleich.„Wie es ſchei⸗ nen will, Herr Collega,“ ſprach er mit ſchnei⸗ dender Stimme,„ſo iſt unſerer Aufmerkſamkeit doch ein Behaͤltniß entgangen, in welchem die werthe Frau Gevatterin vielleicht ſeltene Dinge aufbewahrt. Ich halte demnach unmaßgeblich fuͤr rathſam, dieſelben ein in Augen⸗ ſchein zu nehmen.“— Der ſchnelle Blick, den der Erſte auf Beaten warf, zeigte ſie ihm zitternd und kaͤmpfend mit einer Ohnmacht; beinahe ſo erſchuͤttert als ſie, gab er den Dienern der Gerechtigkeit einen Wink, ihre Pflicht zu thun. Was man fand, war nicht die Hinterlaſſen⸗ ſchaft des Pſeudo⸗Nathanael Schwarz, nicht Juwelen und Gold, keine Gaben aus dem Fuͤllhorne des Plutus; andere Schaͤtze waren es, ſtammend aus Pluto's finſterm Reich. Nicht nur der Inhalt jenes Wandſchranks ward hier entdeckt, ſondern auch das Magazin, aus wel⸗ chem die fromme Wittwe ihn nur allzuhaͤufig ergaͤnzte, und unter Buͤchſen, Schachteln und Glaͤſern ein Heft von Blaͤttern, beſchrieben von Beatens eigener Hand. Das leiſe Geraͤuſch der fallenden Leiſte toͤnte in Beatens Ohr gleich dem Krachen des Don⸗ ners; jetzt ward es hell um ſie her, nur allzu hell im Widerſcheine der Hoͤlle, jetzt erkannte ſie das Ziel des Fadens, an dem der Feind der Seelen ſie gaͤngelte, jetzt fuͤhlte ſie ſchau⸗ dernd, daß er wahr ſprach, als er ſich ruͤhmte, 231 ſie ſey ihm verpfaͤndet. So furchtbar auch dieſe Ueberzeugung ſeyn mochte, ſo wich ſie doch Er⸗ waͤgungen anderer Art. Der Schimpf, in ihrer wahren Geſtalt dazuſtehen vor ſo vielen Zeugen, vor den Augen einer ſo lange getaͤuſchten Stadt, duͤnkte der Heuchlerin das naͤhere, dringendere Ungemach, ſie wollte um jeden Preis es von ſich zuruͤckſtoßen, um jeden Preis ihre Larve feſthalten, trotz dem Beſtreben der Menſchen und Daͤmonen, ſie ihr zu entreißen. „Was auch,“ ſprach ſie, nachdem die Aerzte ihr Urtheil uͤber das Gefundene gefaͤllt hatten, mit anſcheinender Faſſung,„was auch der In⸗ halt dieſes Behaͤltniſſes ſeyn mag, er iſt mir unbekannt, wie ſeine Thuͤr, vielleicht ſeit Jahr⸗ hunderten verſchloſſen, es mir war, bis der toͤl⸗ pelhafte Uebermuth dieſes Sklaven entdeckte, was freilich auf die Spur einer Miſſethat leiten mag, doch nicht der meinen. Man hat indeß nicht gefunden, was man ſuchte, die getraͤumten Schaͤtze jenes— Abentheurers. Wenn denn,“ fuhr ſie ſpoͤttiſch fort,„wenn die erleuchtete Ju⸗ ſtiz guͤtig genug iſt, einer Frau nicht die Kraͤfte eines Markthelfers zuzutrauen, ſo meine ich, aller Beſchuldigung los und ledig zu ſeyn. Ich 16 232 zweifle, ob dieſe Reichthuͤmer noch auf dieſer Welt ſeyen, wenn ſie es irgend jemals geweſen; waͤre dies aber der Fall, ſo ſind ſie nirgend an⸗ ders zu finden, als in den Haͤnden des treuen und wuͤrdigen Dieners ſeines Herrn, dieſes nichts⸗ wuͤrdigen Mohren. Eure Weisheit, Herr Se⸗ nator, hat die Wahrheit bereits von ſelbſt ent⸗ deckt, und ich hoffe von Eurer Gerechtigkeit, daß dem Unſchuldigen wie dem Schuldigen werde, was ihm gebuͤhrt.“— „Zweifelt nicht daran, ungluͤckliche Frau,“ antwortete der Beamte mit erſtickter Stimme und bleichen Wangen, indem ſeine Hand her⸗ abſank mit den Blaͤttern, die ſie hielt. Denn dieſe Blätter hatte er ſowohl als ſein Gehuͤlfe, der ihm uͤber die Schulter ſah, froh uber die Ausſicht, der Muhme und Goͤnnerin vielleicht doch einen angenehmen Bericht abſtatten zu koͤnnen, Beide hatten dieſe Blaͤtter, trotz vieler Abkuͤrzungen und geheimnißvoller Zeichen, als das erkannt, was ſie waren, als ein Tagebuch ſeltſamer, furchtbarer Gattung⸗ „Euer Begehren iſt billig,“ ſetzte er mit eintoͤnigem Nachdruck hinzu;„dieſer Mohr iſt ein Gefangener, unſer Geſchaͤft aber iſt voll⸗ —— — bracht.“— Darauf ſchritt er eilig hinaus, ihm folgten die Gerichtsperſonen und Aerzte, und einige Haͤſcher, den Afrikaner mit ſich fuͤhrend; Mehre aber blieben zuruͤck und noch deſſelbigen Tages, ſagt unſere Chronik, vertauſchte Frau Bilſen ihre einſame freundliche Wohnung mit einer andern, einſamer noch, aber weniger freundlich. ſſſſiſſſſ 11 14 15 16 1 18 8 9 10 6 6