S— — 5 Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Mtmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 ceih und Geſebedingungen. 1. Oiensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends S offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Seent 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 50 Pf. 3— Pf. 3 S „„ 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſi Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S e Miſtreß Opie's n .* 3 h Darſtellungen aus dem w i ch e be von Miſtreß Opie. .—— In zwei Theilen. Zweiter Theil: Die geheimnißvolle Fremde. Lady Anne und Lady Johanne. Nach dem Engliſchen bearbeitet von Henriette Schubart. Leipzig und Altenburg: 8 5 1 Die geheimnißvolle Fremde. w. Die geheimnißvolle Fremde. Le vrai n'est pas toůjours le vraisemblable, iſt eine hekannte Redensart; und gewiß erſchei⸗ nen die Zufälle des wirklichen Lebens zuweilen unglaubhafter als alles, was wir in Erdichtungen leſen, und die meiſten von uns koͤnnen ſich wahr⸗ ſcheinlich einer Thatſache erinnern, die, andern in einer entferntern Zeit mitgetheilt, Zweifel er⸗ regen wuͤrde. „Von den Begebenheiten, die ich jetzt darzu⸗ ſtellen gedenke, ſagt der Erzaͤhler nachfolgender Geſchichte, war ich ſelbſt Augenzeuge, und ich A 2 4 war gegenwaͤrtig, als die Helbin meiner Erzäh⸗ lung die Vorfälle ihres Lebens, eh' ich ſie kennen lernte, bekannt machte. Dennoch werde ich wohl gewahr, daß meine Wahrhaftigkeit, die zwar bei denen, die miſh kennen, nicht bezweifelt wird noch werden kann, doch von Fremden keinen unbes ſchränkten Glauben zu fordern berechtigt ſeyn duͤrfte, weil die Geſchichte, die ich erzaͤhlen will⸗ obateich gewiß vahr, nicht wahrſchtintich iſt. 39 wat der Schulcamerad und Lieblings⸗ gefaͤhrtz Ftitdeich—, nachmals Lord D—. Dö ich diic mehrere Jahre älter als er war, hatten uns doch die Vithültniſſe e gegenſeitig ſo viel Neizung eingeſtößt, daß wir die Verſchie⸗ deneit des Alters vergaßen; und als ich die Schule ver ließ, um in Edinburg Mebicin zu ſtudiren, fühlten wir die Trennung ſchmerzlich. Ich hatte den danckbaren Knaben vom Ertrinken gerettet, und er vergaß die Verbindlichkeit nie, 5 waͤhrend ich auf meiner Seite durch das Bewußt⸗ ſeyn der Gutthat, die ich ihm erwieſen hatte, mich an ihn gezogen fuͤhlte; Jahch verdräͤngte weder Abweſenheit, noch Entfernung den einen aus des andern Gemüth. Wir unterhielten einen regel⸗ muͤſigen Briefwechſel, und als ich meine Stu⸗ dien zu beendigen aufing, um den Doctorgrad zu erhalten, ſahen wir uns zu unſrer großen Freude wieder, und ich blieb wenigſtens noch ein halbes Jahr mit ihm zuſammen. Zu Ende die⸗ ſer Zeit begab ich mich in eine Landſtadt, mei⸗ nen Beruf auszuuͤben, nachdem mich H— ver⸗ gebens zu bereden geſucht hatte, die Medicin mit der Theologie zu vertauſchen, woner mir eine an⸗ ſehnlichen Pfruͤnde, die ſein Vater zu vergeben hatte, verſprach. Ich hatte gegen funfzehn Jahr meinem Be⸗ ruf vorgeſtanden, as—, der ſich ſehr jung mit einer von ſeinem Vater gewaͤhlten Erbin ver⸗ 6 band, zu dem Titel Vicomte D— gelangte; aber bald nachher ward er einer der unglucklichſten Maͤnner durch den Tod ſeiner Gattin, die im achten Wochenbette ſtarb, ihm einen Sohn, ihr einzig am Leben gebliebenes Kind, hinterlaſſend⸗ Schoͤnheit war ſeine Leidenſchaft: allein ſein Vater hatte mehr ſeinen Vortheil als ſeinen Ge⸗ ſchmack bei der Wahl einer Gattin zu Rath gezogen, und Vicomteſſe D— beſaß gewiß je⸗ den Vorzug auſer Schoͤnheit. Dennoch hatten ihre Tugenden und ihre Talente das vortreff⸗ liche Herz ihres Gatten endlich ſo ſehr gewon⸗ nen, daß er laͤngſt den Mangel perſoͤnlicher Reize bei ihr vergeſſen hatte, als der Tod eine Vereis igung trennte, die beide gluͤcklich machte, und mein troſtloſer Freund bat mich ſchriftlich, in der doppelten Eigenſchaft, als Freund und Arzt, zu ihm zu eilen. Ich that es, und fand ihn nicht allein niedergedruͤckt durch den Schmerz, der ihn 7 bereits getroffen hatte, ſondern auch in Furcht vor dem, was nur zu gewiß uͤber ſeinem Haupte ſchwebte; denn er glaubte ſeinen Sohn in Gefahr, ſeiner geliebten Mutter zu folgen. Ich war nur zu ſehr derſelben Meinung, und drang ſogleich uf eine Reiſe in ein waͤrmeres Clima Mit wenig Worten? ich ward ver⸗ mocht, mich ganz meinem Freund und deſſen Sohn zu widmen, meinen Stand aufzugeben, und zur Kirche uͤberzugehn. Dieſem gemaͤs kehrte ich zum Collegium zuruͤck, und in gehoriger Zeit war ich geſchickt, eine ſehr gute Pfruͤnde in Lord D— s Beſitzungen anzunehmen; doch ward ſie einem Andern ſo lange ſtatt meiner uͤbergeben⸗ bis ich vom Auslande zuruͤckkehren wuͤrde. Ich uͤbernahm auch die Stelle eines Lehrers bei Lord D— s Sohn; als aber alles zu unſrer Reiſe zum feſten Land, um den Winter in einem mil⸗ dern Clima zuzubringen, vorbereitet war, ward 8 ber Gegeuſiund unſter vereinten Sorgfalt in we⸗ nig Tagen durch eine Lungenentzündung hinweg⸗ gerafft; mud mehrere Monathe hindurch uͤbert ließ ſich Lord D& den Gefühlen ſeines Schmer⸗ zes auf eine Art, die mich für ſeinen Verſtand. beſorgt machte. u Zu Ende dieſer Periode ward er indes ruhiger, und ſchlug⸗ mir vor, unſem Plan, England zu verlaſſen, wieder aufzuneh⸗ men, und ohne eine Zeit der Ruͤckkehr zu beſtim⸗ men, auf Reiſen zu gehn. In dem Zeitraum⸗ nachdem er dgs Collegium verließ, bis zu ſeiner⸗ Verheirathuns, hatte er das feſte Land beſucht, und ſo viel Geſchwock an fremden Sitten und fremder Artzu leben erhalten, deßer gern ſeine Gemahlin überredet hätte6 einige Jahre mit ihm im Auslande zuzubringen; alleis ſie konnte nie zu ihrre Einwiligung vermocht werden, und er liebte ſie zu ſehr, um etwas durchſetzen zu wol⸗ len, was, wie er ſah⸗ ihr mißfiel. Jetzt war in⸗ das kein Hinderniß der Ausfuͤhrung ſeines Vor⸗ ſatzes entgegen— und Wißbegierde machte mir die Reiſe ſo wünſchenswerth wie ihm die Vor⸗ liebe. n Da Lord D— Frankreich geſehen hat⸗ te, und mit Spanien und Portugoll unbekannt war, ſo beſchloß er, ſich in Falinouth für Liſſabon⸗ einzuſchiffen, und nach Frankreich uͤber die Pyres naͤen zu gehn. Wir reiſten daher nach Falmouth⸗ fanden aber den Wind unſter Einſchiffung ſo ent⸗ gegen, daß wir genöthigt wurden, uns vielleicht zu einem Aufeuthalt von mehrern Wochen in einem Virthshaus vorzubereiten. Dieſer Verzug war indes fuͤr mich von gebinget Wichtigkeit, denn ich war ſo in das Loſeb des Horaz vertieft, den ich zu uͤberſetzen gedachte, daß mir faſt jeder Ort derſelbe war: allein jene Ruheloſigkeit, welche immer die Folge eines neuerlich erlittenen Un⸗ glůcks iſt, machte Lord D— ſehr ungeduldig uͤber unſern unfreiwilligen Aufenthalt. — 10 Als ich eines Abends, da unſer vorgenom⸗ mener Spaziergang durch den drohenden Ans ſchein det Wolken verhindert ward, bei meinem Horaz ſaß, und er, wie er es nur zu oft zu thun pflegte, anſtatt ſein Gemuͤth durch Leſen oder Schreiben zu beſchaͤfftigen, im Zimmer auf und abging, bemerkte ich, daß er ſich plotzlich zum Fenſter kehrte, welches in einen großen Garten hinter dem Haus ging. Kurz darauf hoͤrt' ich ihn ausrufen:„Himmel! welch ein Engel!“ Dennoch fuhr ich fort zu leſen; denn da ich ſeine Leidenſchaft fur Kinder kannte, und ein ſehr lieb⸗ liches Kind im Hauſe geſehn hatte, machte ich den Schluß, dies ſüße e ſpiele— im Garten. bn Wie ſchoͤn! Wn nn und„ nach ihr!“ rief er von neuem. „Jetzt nicht, lieber Lord! denn ich habe ſie geſehn, und ſie iſt wirklich recht artig.“ ———,— — —,— 11 „Artig! ſie iſt ein Engel! und ich wundre mich, daß du ihrer nicht gegen mich erwaͤhnt haſt!“ Ich antworkete nicht, weil ich wieder mit meinem Buche beſchaͤfftigt war. Bald nach⸗ her riefer:„Sie wird naß werden! Gewiß wird ſie's! Und da erhebt ſich ein Sturm, und ſie iſt am Ende des Gartens. Was kann ich thun?“ „Thun!“ ſagte ich!„Kannſt du nicht, da du den weiten Ueberrock an haſt, heruntergehn, ſie hineinwickeln, unter den Arm— und hereinbringen?“ „Verdammt! Moreton, biſt du taſend 74 rief Lord D— unwillig; und ſogleich auſſtes hend, eilte ich zum Fenſter, wo ich, wie ich geſtehen muß, mit mehr Schmerz als Vergnu⸗ gen, nicht ein artiges Kind, ſondern die ſchoͤnſte weibliche Geſtalt erblickte, die ich je ſah! Sie war in Trauer gekleidet, die beinah der einer Witwe glich; allein ihr glaͤnzendes, braunes, 12 wallendes Hnar, la Madonna getheilt, die ausnehmende Weiſſe ihrer Stirne erhebend, verz huͤtete die gewoͤhnliche unannehmlichkeit der Wit⸗ wentracht. Ihre Wange war bleich, aber ihre Haut ſo zart, daß die geringſte Bewegung oder Erregung jeden Theil derſelben mit Röthe uͤberzog. Ihre Angen waren dunkel, groß und faſt wild im Ausdruck— die Züge ihres Geſichts voll⸗ kommen. Ihre Geſtalt, ſchlank und wohlge⸗ formt, obwohl bis zum Fehler ſchmächtig, war in jeder Ruckſicht ihres Geſichts wuͤrdig, und gab ihrer ganzen Erſcheinung eine Wuͤrde und eine Schoͤnheit, die ich weder vorher noch ſeit⸗ dem bei einer Frau geſehen habe. Gewiß be⸗ merfte ich nicht beim erſten Anblick alles, was ich hier beſchrieb, allein ich hatte ſie nicht ſo bald erblickt, als ich, eingedenk welch ein Bewun⸗ derer der Schoͤnheit Lord D— war, und wie das Herz nie ſo empfänglich als nach einem vor ——— urzem erlittnen Unglͤck iſt, eine unwillkuͤhrliche Furcht empfand, daß dieſe liebenswuͤrdige Unbe⸗ kannte ihn gefangen nehmen moͤchte; denn mit der Ueberzeugung ihrer Schoͤnheit erfüllte mich zugleich ein Mißfallen an dem Ausdruck ihres Geſichts, und die Befuͤrchtung, daß ſie wenig gecignet ſeyn duͤrfte, meinem geliebten Goͤnner den Verluſt ſeiner vortrefflichen Gattin zu er⸗ ſetzen. 180 Waͤhrend ich ſie ſo aufmerkſam, ob⸗ wohl nicht ſo entzuckt wie mein Freund betrach⸗ tete, verließ er das Zimmer, ergriff leinen Re⸗ genſchirm und eilte der Dame entgegen, die ſich auf den Arm einer kleinen, dicken, ſeltſam auss ſehenden Dienerin ſtuͤtzte. Er erreichte ſie, eben als die Wolken ſich zu ergießen anfingen, und hatte die Befriedigung, ſie ſicher aus dem Regen ins Hahs zu geleiten. Ich war ihnen bis zur Thuͤr des Vorhauſes entgegen gegangen, damit 14 ich einen nähern Anblick ihrer Schonheit haben moͤchte, und hielt meinen armen Lord für einen verlornen Mann, als ich die reizende Lieblich: keit und das vornehme Selbſtgefuͤhl erblickte, und den ſanften gewinnenden Ton ihrer Stimme horte, womit ſie ihm fuͤr ſeine Aufmerkſamkeit dankte. Sie nahm hierauf den Arm ihrer Die⸗ nerin und ging nach ihrem Zimmer, und Lord D— kehrte mit einem tiefen Seußzer in das unſrige zuruͤck.„Ach!— es iſt alles mit ihm vorbei, dem Armen!“ ſagte ich zu mir ſelbſt, und grollend, erregt und beunruhigt begann ich laut Stellen aus dem Horaz zu leſen, die ſich auf Frauen bezogen; und ob ich gleich, ſeitdem ich als Knabe auf der Schule den Caſtalio dargeſtellt hatte, weder dieſe Rolle geleſen, noch daran ge⸗ dacht hatte, wiederholte ich doch mehrmals des Abends ſeine beruͤhmte Rede, und verſaͤumte nicht, auf alles, was darinnen gegen die Weiber S ———— —,——— gerichtet iſt, beſondern Nachdruck zu legen. Al⸗ lein ich glaube wirklich, Lord D— hoͤrte we⸗ der meinen Horaz, noch meinen Olway; denn er ſaß in einer Art in ſich gekehrten Schweigens, das mich mehr wegen der Gefahr ſeines Herzens beunruhigte, als irgend eine laute Lobeserhe⸗ bung der ſchoͤnen Unbekannten gethan haben wuͤr⸗ de. Endlich ſagte er indes:„Wer kann dieſe Frau ſeyn, Moreton? Der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts und ihr Anſtand bezeichnen ſie als jemand von Stand; laß uns den Aufwärter wegen ihr fragen. Er ward dieſem gemäs herbeigerufen. Aber alles, was er von ihr wußte, war, daß ſie den Tag vor uns ankam, gleich wie wir auf ih⸗ rem Weg nach Liſſabon; daß ſie nie ausging, nie jemand ſah, und keine Briefe erhielt; daß man ihren Namen nicht wiſſe, und daß das walliſer Maͤdchen, welches ſie begleitete, kaum engliſch genug ſpreche, um ſich verſtändlich zu machen. 16 Er ſetzte noch hinzu, daß ſie ſehr ungluͤcklich zu ſeyn ſcheine, und man ſie oft in ihrem Zimmer die halbe Nacht aufs und abgehen hoͤre. 4 „Sehr geheimnißvoll, und ſehr ſonderbar hemerkte ich, nachdem der Menſch ſich entfernt hatte. in „Ganz und gar nicht“ antwortete Lord D—, mit Lebhaſtigkeit.„Sie iſt augen⸗ ſcheinlich eine Witwe, in ſchwaͤchlicher Geſund⸗ heit, und wahrſcheinlich beſchruͤnkten Verhältniſ⸗ ſen, wegen Wechſel des Climas nach Liſſabon gehend; und da ſie vor kurzem einen geliebten Gatten verlor, ſo iſt ſie natuͤrlich genug ungluͤck⸗ lich im Gemuͤth, und kann nicht ſchlafen. Ich bin oft die halbe Racht gewandelt, Moreton“ X Was mein Freund ſagte, war ſehr richtig. Ich fuͤhlte indes ein großes Verlangen, ihm zu widerſprechen; dennoch war ich beſchaͤmt und ſchwieg, und bald darauf trennten wir uns fůr die 1 17 Nacht! Als ich am naͤchſten Morgen aufſtanb, waren die erſten Gegenſtaͤnde, die ſich moinen Augen darſtellten, die Dame und ihr Mäb⸗ chen, und Lord D—, zuſanumen im Garten wandelnd; und da ſie zu ſehr im Geſpräch ver⸗ wickelt waren, um mich zu bemerkeu, ſo befliß ich mich, das Geſicht dieſer lieblichſten der Frauen zu unterſuchen. Ich fand mein Vorurtheil ge⸗ gen ſie mehr vesmehrt als vermindert. Meine ärztlichen Geſchäfte hatten mir einige jener phy⸗ ſiognomiſchen, oder vielmehr pathologiſchen Kennt⸗ niſſe ertheilt, welche Männer, der Heilkunde be⸗ fiiſſen ausheichnen. Kennzeichen von Wahn⸗ ſinn werden durch die Gewohnheit ſcharfer Be⸗ obachtung gewiß immer von ihnen bemerkt, wenn andre ſie nicht ſehen; und ob ich gleich keine Spuren von Zerrüttung bei dieſer unbe⸗ kannten Schonheit entdeckte, ſo erkannte ich doch an der ſchnellen Bewegung und dem verſtörten V. B 18 Ausdruck ihrer Augen, Anzeichen von Unruhe, Argwohn und Angſt, die mir ſagten, daß im Innern nicht alles im Frieden ſey, und ſie et⸗ was zu verbergen habe. Allein ich ſah, ihre Schönheit hatte Lord D— ſo vollkommen ge⸗ blendet, daß es ihm völlig undenklich war, ohne Zutraun und Vergnuͤgen auf threm Geſicht zu verweiien; und ich eilte die Treppe hinab, aus einem thoͤrigen Gefuͤhl, als könne ihm meine Gegenwart eine Art von Schutz gegen die ihm drohenden Gefahren gewohren⸗ ugon Si mhr Lebhaftigkeſt, i er in er tetztern Zrit g gezeigt hatte, ſagte er, eh ich ſeinen Mor⸗ gengruß erwiedern konnte:„Dieſes, Madam, iſt der guͤtige und geprůfte Freund, deſſen ich gegen Sie erwähnte, der verſprochen hat, mich nie zu verlaſſen, ſondern mein Geſchick, wie es ſey, mit mir zu theilen. 19 „Sie ſind glucklich einen ſolchen Freund zu beſitzen!“ erwiederte die Dame mit mattem Laͤs cheln.— Und im Fortgang dieſes Geſpraͤchs entſpann ſich jene Unterhaltung durch Blicke, welche ſie und ich, von dieſer Stunde an bis zur letzten unſrer Bekanntſchaft fortſetzten; und wenn ich der ausdrucksvollen Staͤrke ihres Blicks Gerechtigkeit wiederfahren laſſe, ſo ſchmeichle ich mir ſelbſt, daß meine Leſer dem meinigen aͤhn⸗ liche Gewalt zutrauen werden, obwohl ich viel⸗ leicht demohngeachtet ein ſehr garſtiger Geſelle ge⸗ nennt werden duͤrfte. Dieſe Zuſammenkuͤnfte im Garten fanden täglich ſtatt; und obgleich nichts anſtaͤndiger, oder zuruͤckhaltender gedacht werden konnte, als der Dame Betragen, ſo bemerkte ich doch, wie ſie mit jedem Tag mehr und mehr Vergnuͤgen ausdruckte, wenn Lord Delborough ſich ihr nahte. Dennoch ſchienen ihre Blicke die Folgen eines B 2 — 20 ruheloſen, ungluͤcklichen und unentſchloſſenen Gel muths, und da ich nicht unterlaſſen konnte, ſie ſehr genau zu beobachten, ſah ich, daß ſie die Bcharrlichkeit meiner Aufmerkſamkeit oft in Ver⸗ legenheit ſetzte. Der Umgang ward indes end⸗ lich nicht auf den Garten beſchränkt.— Lord Delborough erbot ſich, Buͤcher zu leihen; und da das Erbieten angenommen ward, uͤberbrachte er ſie ſelbſt. Doch immer blieb dann ihr Mädchen gegenwaͤrtig, und dieß geſchah auch in der Folge, wenn mein Freund ſie allein beſuchte, obwohl ſie entlaſſen ward, wenn ich ihn begleitete. Auf dieſe Weiſe vergingen ſechs Wochen, und meinem Freund vergingen ſie ſchnell, doch mir langſam, weil ich wuͤnſchte, einen Um⸗ gang, den ich fuͤr gefaͤhrlich zu halten fortfuhr, durch unſre Reiſe geendet zu ſehn. Indes hat⸗ ten wir während der Zeit einige noͤthige Nach richt erhalten; denn wir erfuhren, welchen Na 21 . men unſre Unbekannte ſowohl vor als nach ihrer Verheirathung gefuͤhrt hatte. Eines Tags ſagte Lord Delborough ſcherzend, doch ſſchtlich mit der Abſicht, ihr Gelegenheit ſich zu nennen zu — geben:„Ich habe immer vergeſſen ihnen meinen Freund gehoͤrig bekannt zu machen, und er iſt nie ſo guͤtig geweſen, mich vorzuſtellen. Atlein beſſer ſpaͤt als gar nicht. Dies, Madam, iſt Herr Morelon, vormals Doctor Morelon, ein gelehrter Arzt; doch auf Reiſen nur Herr Moret lon, zu ihren Dienſten.“—„Und erlauben ſie mir, Madam,“ ſagte ich,„ihnen den Vicomte D— von— Hall in Rutlandsſchine, und Portmann-ſquare in London vorzuſtellen.“ „Aber wer iſt da, mich ihnen vorzuſtellen, meine Herren?“ ſagte die Dame tief erröthend, und zwang ſich zum Laͤcheln, obwohl ein Aus⸗ druck großen Schmerzes auf ihrem Antlitze ſicht⸗ bar war; dann ſich ſo ſchnell erholend, wie moͤg⸗ 22* lich, denn ſie ſah, daß ſelbſt Lord D— eine gegenſeitige Bekanntmachung des Namens fuͤr nöthig hielt, nahm ſie einen wuͤrdevollen Anſtand an, und erwiederte:„Ich bin eine geborne St. Clair, und heirathete einen Macdonald,“ und waͤhrend ſie ſprach, überzog der Nationalſtolz ih⸗ rer Geburt ihr Geſicht mit tiefer Rothe.„Ja,⸗ fuhr ſie ſort,„mein Maͤdchen Name war Ro ſabelle St. Llairz“ und meine forſchenben Blicke bemerkend, die ſie wahrſcheinlich fur die des Arg⸗ wohns hielt, ſagte ſie, mit auf mich gerichteten Augen:„Denen, welche etwas vom Ge⸗ ſchlechtsregiſter meiner Familie wiſſen, muß be⸗ kannt ſehn, daß Roſabelle einer der Familien⸗ Namen St. Clair iſt; aber ich bin die letzte meiner Linie dieſes edeln Stammes. Ich war . immer einziges Kind und word bald zur Waiſe; und als Oberſt Macdonald mich zur Gattin waͤhlte, ſtand ich allein in der Schoͤpfung, ohne 23 ein nahee Verhaͤltniß irgend einer Art. Doch er, fuͤgte ſie hinzu, ſchmerzlich die Haͤnde fal⸗ tend,„erſetzte mir den Mangel jedes andern Bandes. Er war mein Alles, mein Stolz, und mehrere Jahre mein Segen!„Bis— ich verlor— hier, zu ſehr bewegt, um fortfahren zu tönnen, entfernte ſie ſich in ihr Kabinet⸗ und hinterließ meinen armen Freund, der nur zu tief mit ihrem Schmerz uͤbereinſtimmte, in ſo großer Bewegung, als ſie ſelbſt war, 5 Es verging einige Zeit, eh' ſie zu uns zus ruͤckkehrte, doch ſo bald ſie erſchien, ſagte ſie? „Es iſt zu ſchmerzlich fuͤr mich, das zuruͤckzuru⸗ fen, was ich war, und mit dem zu vergleichen, was ich bin, daß ich ſo viel von meinen Ver⸗ haͤltniſſen entdecken werde, als ihnen zu der Ueberzeugung noͤthig iſt, ihre Aufmerkſamkeit auf keine Unwuͤrdige gerichtet zu haben, und dann ganz von dieſem Gegenſtand zu ſchweigen. 24 Als das große Ungluͤck meines Lebens ſich zutrug, beſchloß ich, England fuͤr immer zu verlaſſen, und zu verſuchen, durch einen Wechſel des Schau⸗ platzes ans meinem Gemaͤth jene Bilder ver⸗ gangner Gluckſeligkeit zu verdraͤngen, die meinen Frieden zerſtörten. Ich beſaß kein väterliches Vermoͤgen, allein zur Zeit meines Elends ſah ich mich im Beſitz von fuͤnf tauſend Pfund, mit welcher Summe ich wußte, in einem fremden Land anſtaͤndig leben zu können; auch wußte ich, daß mein Gemäth, gewohnt auf ſich ſelbſt zu beruhen, und empfaͤnglich fuͤr die Einwirkung neuer Gegenſtaͤnde und Beziehungen, durch Entfernung von dem Ort ſeiner Leiden, nach und nach ſeinen Ton wieder bekommen, und das Leben neues Intereſſe fuͤr mich erhalten werde. Gegenwaͤrtig,“ ſetzte ſie in einem Ton tiefer Trauer und gänzlicher Niedergeſchlagenheit hinzu,„hat weder die Zeit, noch die völlige Veraͤnderung des Orts, etwas fuͤr mich gethan, da ich immer noch in England bin; aber ich hoffe, wenn ich irgend einen Theil des feſten Landes zum Wohn⸗ platz gewählt habe, ruhiger zu werden, oder der Tod, in irgend einer Geſtalt, waͤre faſt will⸗ kommen.“ Aufs äuſerſte bewegt durch dieſe traurige Darſtellung„konnte Lord D— nur abgebrocht ne Ausdruͤcke des Schmerzes, der Theilnahme, Zuneigung, Achtung und ſo fort, erwiedern; ich wollte voͤllig dazu ſchweigen, gäͤnzlich verlos ren in Erſtaunen uͤber die beinahe ſtarre Unab⸗ haͤngigkeit des Charakters, welche dieſe junge und ſchutzloſe Frau, die Troͤſtungen und den Beis ſtand ihrer Freunde zu verachten, und ſich, gleich einem weiblichen Abentheurer auf gut Gluͤck ause gehend, in die Welt eines fremden Landes zu ſtuͤrzen verleitete. Allein hatte ſie Freunde? Hatte ſie verdienſtvolle Freunde? Auch 26 konnnte ich nicht ohne ein Gefuhl der Bangig keit den gönzlichen Mangel an religiöſem Troſt oder Vertrauen, in dem was ſie ſagte, bemerken. Nicht einmal hatte ſie auf die Nothwendigkeit, ſich dem göttlichen Willen zu unterwerfen, und auf den Troſt, welchen der tiefſte Gram von die⸗ ſer Ergebung erhalt, hingedeutet; ſondern ſie zeigte ſich in allem als ein ſelbſtſtaͤndiges Weſen, nur mit menſchlicher Kraft gegen die Leiden kam⸗ pfend, welche das Schickſal auferlegte, und ſtolz entſchloſſen, im Streit den Sieg davon zu tragen. Mein bethorter Freund ſah indes in ihren Cha⸗ rakter nichts, was den Wirkungen ihrer Schoͤn⸗ heit hätte entgegen ſeyn koͤnnen, und ihr augen⸗ ſcheinlicher Kummer zog ſein wohlwollendes Herz nur inniger zu ihr hin, bis der ernſtlichſte Wunſch, ihr Troſter und Gatte zu ſeyn, jede andre Etwagung verdrängte, und ich bemerkte bald, daß nur ihr Trauerkleid das Anerbieten „ 6 27 ſeiner Hand und ſeines Herzens verzögere. Wie wuͤnſchte ich mir ſelbſt Gluͤck, nicht ſo empfaͤng“ lich füͤr die Macht der Schoͤnheit, noch ſelbſt fuͤr den bleibenden Reiz des Geiſtes und Betragens zu ſeyn! Ich wuͤrde ſonſt ebenfalls dieſe bezau⸗ bernde Frau geliebt, und die Qualen einer hoff⸗ nungsloſen Leidenſchaft erduldet haben.— Al⸗ lein ich war nie einen Augenblick in Gefahr⸗ Der beſondre Ausdruck ihres Geſichts machte mich ſtets mißtrauiſch, und der auffallende Stolz ihres Weſens ſtieß mich vom Anfang an zuruͤck. Auch beſaß ihr Geiſt, ſo ausgezeichnet er war, weder fuͤr meinen Geſchmack noch fuͤr mein Ur⸗ theil etwas Anziehendes; denn obwohl andern uͤberlegen, war er es doch nicht hinlaͤnglich, um einem von beiden genug zu thun. Gleich dem Reiſenden, der die Höhe eines Berges beſtieg, ſich in Wolken gehuͤllt, doch nicht hoch genug, ſie unter ſich ſchweben zu ſehn, ſo war Mes⸗ 28 Macbonalbs Verſtand hinlaͤnglich uͤber ihr Ge⸗ ſchlecht erhaben, ſich fuͤr berechtigt zu halten, jene Regeln des Wohlſtands, jene Meinungen der Welt, welche die Handlungen untergeordneter Weiber beſtimmen, verachten zu koͤnnen; doch ſie war nicht weiſe genug die Rothwendigkeit, Liebenswürdigkeit und wohlthätige Nätzlichteit des Fuͤgens unter dieſen Zwang einzuſehn. Sie fühlte in ihrer eingebildeten Kraft der Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit, daß ihre Unſchuld und Reinheit, durch Geiſtes⸗Stäͤrke unterſtuͤtzt, des ſchutzen⸗ den Beiſtands der gewöhnlichen Formen der Ge⸗ ſellſchaft nicht beduͤrfe. Allein ſie empfand nicht, daß eben dieſe Formen, da ſie zur Be⸗ wahrung jener Frauen dienen, die durch ihre Schwaͤche der Gefahr ausgeſetzt ſind, um ſo mehr von denen beobachtet werden muͤſſen, die am Geiſt ſich über andre erheben, damit ihre weniger begabten Schweſtern nicht durch das ²9 Verfähreriſche ihres Beiſpiels der Verſuchung ausgeſetzt werden. Kurz, ihre Tälente waren glaͤnzend genug, einen ungewiſſen und leuchten⸗ den Schimmer auf ihren Pfad zu verbreiten, der mehr irre zu fuͤhren, als zu leiten geeignet war; doch ihr Glanz war nicht ſtark genug, um mit ſteter, ungetruͤbter Klarheit zu ſcheinen, und ein ſichres und beſtimmtes Licht zu gewähren. Es duͤvfte befremdend und ſogar unmöglich ſcheinen, daß ich ſo bald die Mängel des Cha⸗ rakters dieſer Dame bemerkte, und ſo deutlich die Spuren eines geheimen Kummers, eines wahrſcheinlich ſtrafburen Geheimniſſes an ihr entdeckte, waͤhrend Lors D— fuͤr beides voll⸗ kommen ohne Sinn blieb. Allein er war ein Mann, der. durchaus keinen Argwohn, und nicht viel Scharfſinn beſaß. Er war im Ge⸗ gentheil blind gegen die Fehler derjenigen, die er liebte, und ſich ſelbſt keiner Schuld bewußt, 30 . faͤhlte er ſich nicht geneigt, ſie bei andern zu ver, muthen, Ueberdies liebte er, und die Liebe ver⸗ breitet ihre eigne, ſchoͤne Farbe uber alles, was ſie umfaßt. Wie die Wirkungen eines Claude Lorz rain Glaſes jeder Landſchaft und jeder Wolke ei, nen gleichen und reizenden Ton mittheilen, der Kaͤlte Wärme geben, und rauhe Gegenden mit Schoͤnheit uͤberkleiden; ſo verwandelte die Liebe bei dieſer veizenden Frau in den Augen ihres Liebhabers jede Eigenſchaft in einen Reiz und den Anſchein der Tugend; ſie ertheilte dem Un⸗ muth, ſich bewuhter Verſtellung, den Anſtrich zaͤrtlicher Trauer, und wuͤrdigte die ungleiche Heſtigkeit ihres Weſens mit dem Namen lebhaf⸗ ter Empfindung und eines angemeßnen Selböſt⸗ gofuͤhls. n au Nach Verlauf von ſechs Wochen oͤnderte ſich, zu unſrer aller Freude, der Wind. Als wir indes auf dem Punkt ſtanden, an Bord gerufen zu wer⸗ 31 den, ward Mrs. Mackdonald ſo krank, daß ſie ihr Zimmer nicht verlaſſen konnte, und unſre Reiſe ward ſogleich aufgegeben; denn Lord— erklaͤrte, durch mächtige Gruͤnde verbunden zu ſeyn, dieſe freundloſe Fremde nicht auf einem Krankenlager zuruͤckzulaſſen, und ich mußte, ob⸗ wohl gezwungen, der Gerechtigkeit dieſer Em⸗ pfindungen beiſtimmen, Dennoch fand ich bald, daß die Ehre ſelbſt meinem Freund, unter ſolchen Verhältniſſen, abzureiſen verbot, da er mir be⸗ kannte, vor kurzem der intereſſanten Witwe ſeine Hand angetragen zu haben, und der tiefen Be⸗ wegung, welche ſein Antrag ihr verurſachte, folgte ſo ſchnell ihre ernſtliche Unpaͤßlichkeit, daß er nicht allein als ein Mann von Ehre auf ihre Antwort warten mußte, ſondern auch, durch die Befuͤrchtung, ihre Krankheit veranlaßt zu ha⸗ ben, noch beunruhigter ward. Endlich befand ſie ſich beſſer, und wir durften ſie ſehen; allein 32 es vetgingen mehrere Tage, eh' ſie wohl genug war, um Lord D— von dem ſeinem Herzen am ichten tihenden Gegeuſtand ſprechen zu läſ ſen. Indes erklärte ſie ihen enblich, wie et mir ſagte, t mit vieler Beprgung obgleich fuͤrch⸗ tend, nie ſelbſt wieder gluͤcklich zu ſeyn, wolle ſie doch alles, Was in ihrer Macht ſtehe, zur Beforderg ſein?s Gluͤcks beitragen, indem ſie fähte, daß wenn ſie nach allem⸗ was ſi ſie erdul⸗ dete, noch einer Zuncigung fäͤhig ſh“ dieſe Zus neigung ihm uweiht ſehn würde.„Mylord,“ ſetzte ſie hinzu,„ich bin durch die vertrauende Anhänglichkeit, die ſie mir gezeigt haben, ſo friedigt, und mein Herz iſt ſo davon gerühtt, daß ich ihnen ſchwore, wenn ſie unter meitem Stand, und ein Bettler wären, ich wuͤrde ein⸗ willigen, die ihrige zu werden. So ſuͤß iſt es ſich geliebt zu ſehen, und beſonders fuͤr ein zet rißnes Herz, wolches einſt zärtlich liebend ver⸗ urtheilt ward das Ende ſeines Gluͤcks zu bewei⸗ nen.“ Als mein Freund mir dieſe Verſicherungen mittheilte, ſloͤhten ſie mir keinen ſo vollkommenen Glauben ein, wie ihm; aber ich bin nachher be⸗ wogen worden, blindes Vertrauen in ihre Wahr⸗ heit zu ſetzen, und alles, was ſie hier aͤuſerte, für ihr tieſſtes Gefüuhl zu halten. Am Morgen nach dieſer Unterredung lies fie uns beide in ihr Zimmer rufen, und mit ei⸗ nem Ausdruck des Geſichts, in welchem mein Freund nur die Verwirrung der Sittſamkeit und Bewegung erblickte, ich aber die unruhe eines ſchuldbewußten und niedergeſchlagnen Herzens las, ſagte ſie uns, obgleich ſie mit Vergnuͤgen Lord D— 6 Vertrauen in ſie ſo groß ſaͤhe, daß er mit dem, was ſi ſie ihm von threr Geſchichte mitgetheilt habe, zufrieden ſey, haͤtte ſie doch zur Befriedigung ſeiner Freunde(und hier warf ſie einen vielſagenden Blick auf mich) beſchloſſen, WW. C ———— ihm die Macht zu geben, mehr Rachricht in Bezug auf ſie zu erhulten. Sie bat daher Lord D—, auf einen Tiſch mit Schreibmateria⸗ lien zeigend, zu ſchreiben, was ſie dicktire, wel⸗ ches unter Einſchluß, an Meſſes. M—&. Comp⸗ Bankers Lömbard— Street, London, ſolgen⸗ der Brief an Mrs. M— war. Madam! et⸗ wetden ʒtic eine Peſon verbiuten, die ſehr b der Frage intereſſirt iſ⸗ wenn Sie mir in einein Brief, addreſſit an A. B. Poſt⸗ amt ßitwoich, mittheilen, was Sie von der Witwe des Oberſt Macdonaid wiſen, oder den⸗ ken, die, als Sie zuletzt von ihr hörten, wie ihnen bekannt ſeyn wird, auf dem Punkt ſtand, England zu verlaſſen. Gleicht ihr Charakter ihrer Erſcheinung? und verdient ſie jene Achtung, 35 die ihre Darſtellung und ihr Betragen ſo nachdruͤcklich zu fordern ſcheinen?— 0 669 S„Nichts in der Weit mcht eine Nachfrage dieſer Art nöthig, bemerkte der Lord,„und das Zeugniß dieſer Dume timn nur was ich berkits denke⸗ „Aiein Heir Moreton— enwiebett Wrs. Wncbonalb,„ſieht aus, a wen er dieſe An⸗ ſig⸗ billgte⸗* Ich vhtt es, antwortet ich ernſthaft, „wenn ſi ſie auf. gehörige Weiſe geſchähe; denn warum ſoll. erd d— nicht in ſeinem eignen Namen ſchreibenz „Weil, wenn ich nicht n was ſgeine Mrs. M. wahrſcheinlich offner und ungezwung⸗ C 2 . 5 36 ner an— B.—— als an Lord D—. u „0 gewiß, gewiß1“ n Let— ein, „nichts kann rähmlicher und feiner ſeyn, als ih⸗ re Gründe— und ich will keine Einwendungen hoͤren, ſondern den Brief ſogleich ſiegeln und fprtſchicken. 5 Ich ſah baher, wie t es ſeyn 4 d„ noch etwas uͤber dieſen Gegenſtand zu ſpre⸗ en⸗ ob ich mich gleich berzeugt fuͤhlte, daß ein⸗ Frau, die wircklich ein Zeigniß fuͤr ihre Perſonlichkeit zu haben wünſchte, und es auf befriedigende Weiſe erlangen zu koͤnnen glaubte, gunz anders Sehaubelt hoben wurde, und anſtatt eines Ausſptuches, mehrete aufgeforbert, und an niemand einen aubnymen& Bief dicktiet hätte. Meine Meinung war indes von keinem Gewicht, der Brief ward abgeſendet und mit zuruͤckkehrem⸗ der Poſt auf folgende Art beantwortet: 37 Sir! Obwohl von einem Unbekannten geſchrieben, hat mit ihr Brief Vergnuͤgen gemacht, indem er mir Grlegenheit giebt, von Mrs. Macdonald auf eine Art zu ſprechen, wie ſie verdient. Ihre Tugenden und ihre Talente ſind ihrer Schoͤnheit gleich; und wiewohl nicht glůͤcklich, war doch niemand des Gluͤcks wuͤrdiger, als ſie: allein ſie iſt nur zu ſehr dem Andencken eines boͤſen⸗ ungetreuen Gatten geweiht, deſſen ploͤtzlicher Tod fuͤr ſie ſo wohl, wie fuͤr ihre Freunde, ein Grund ſich zu freuen haͤtte ſeyn ſollen. A. M⸗ Lord D— s Vergnuͤgen bei Leſung die⸗ ſes Briefs, konnte nur durch Mrs. Macdonalds. Zitten übertroffen werden, indem ſie ihn em⸗ pfing, und als ſie, nach Durchleſung deſſelben, mit einem triumphirenden Blick ihn mir gegeben * 38 hatte, uͤberzog ihr Geſicht Tobtenblaͤſſt. Bei der Stlle; die des Oberſten pllichen Tod er⸗ wähnt, rirf ich unwillkührlich:„Plötzlicher Tod! ich wußte nicht, daß ſein Tod plötzlich war.—„Plötzlich 1« rief Mes, Macdo⸗ nald, meine Worte wiederholend—„Ploͤtz⸗ lich! O ja, es war plotzlich 1“ und ihre Hand an die Stirne haltend, ſie das —— 8 nn Leſer! ſo ſehr ich uͤberzeugt bin, wie un⸗ liebenswuͤrdig eine argwoͤhniſche Gemüthsart iſt, ſo muß ich doch aufrichtig bekennen, daß ſich in dieſem Augenblick ein Argwohn der ſchrecklichſten Art meiner bemichitgte, während mein edlerer Gönner ſo vortraubnd wie vorher blieb, und in Ms. Mardonalds heſtiger Bewrzung nichts als einen ſehr näturlichen Schmerz bei Erwähnung des plötzlichen Todes thres Gatten erblickte. Al⸗ lein er liebte, und ich nicht; und ein Mann, 39 der unter Verblendung der Leidenſchaft eine Frau waͤhlt, ſcheint mir nicht fähiger zu ſeyn, die Folgen ſeiner Handlungen zu beurtheilen, wie einer, der ſich im Rauſch zum Solbaten anwer⸗ ben laͤßt. Von dieſem ungluͤcklichen Au⸗ genblick an dachte ich mit Entſetzen an meines Gonners ſich naͤhernde Verbindung, und ich mußte ſchnell das Zimmer verlaſſen, als ich er⸗ fuhr, daß ſo bald die beiden Trauer Jahre vor⸗ uͤber waͤren, Mrs. Macdonald ſeine Gattin werden wollte. Da der Wind wieder guͤnſtig war, gingen wir bald darauf zu Schiff, und nach einer kur⸗ zen Reiſe ſahen wir uns in Portugall. Um kurz zu ſeyn: mein Freund ward ſehr bald nach unſter Ankunft in Liſſabon durch einen engli⸗ ſchen Geiſtlichen, Kaplan hei der dortigen Fak⸗ torei, mit Mrs. Macdonald verbunden. Ich war mit ſchwerem Herzen Zeuge der Ceremonie; 40 auch konnte ich nicht ohne den groͤßten Schmerz die auſerordentliche Bewegung, und die faſt an Abſchen gränzende Kaͤlte bemetken, die jeder ſprechende Blick der zitternden Braut zu erkennen gab. Dennoch, wenn irgend ein Mann geſchaf⸗ fen war Liebe einzuſtößen, und jede Eigenſchaft beſaß, ſich dieſelbe zu erhalten, ſo war es Lord D—. Sein Geſicht und ſeine Geſtalt gehoͤr⸗ ren zum erſten Rang maͤnnlicher Schoͤnheit, und was das Gemuͤth und Vorzuͤge mancherley Art — betraf, kannte ich nie ſeines Gleichen; demohn⸗ geachtet ſchien es mir, als wenn die Frau, der er ſeine Ehre und ſein Gluͤck vertraute, ihm ih⸗ re Hand faſt mit Abſchen und Entſetzen gab, 3 und ſich mehr als ein dargebrachtes Opfer, als eine gluckliche Braut, betrachtete. Allein der Bräutigam, gänzlich durch Leidenſchaft geblen⸗ det, ſah nur angemeſſene Sittſamkeit ihres Ge⸗ ſchlechts in dem Betragen dieſes unerklaͤrlichen 41 Weſens, und ſein Gluͤck war ſo groß, wie mei⸗ ne Angſt. Ich haſſe National⸗ Vorurtheile, und es iſt immer das Beſtreben meines Lebens geweſen, die meinigen zu uͤberwinden; aber jetzt kehrte, mir zum Trotz, meine alte Abneit gung geh die ſchortiſche Nation zurück, und ich dachte ſp lange an Katharine Nairn, die ſich des Mords ihres Gatten ſchuldig gemacht hatte, bis meine Vorurtheile gegen ſchottiſche Frauen eine furchtbare Macht uͤber mich erhielten.— Und die neue Lady D— war eine geborne St. Clair, und heurathete einen Macdonald! und ihr erſter Gemahl ſtarb ploͤtzlich! Er war auch ein boͤſer, ungetreuer Ehemann geweſen, und ſein Tod ſchien ihr eine Erleichterung zu ſeyn! Sie fuͤhlte ſich nicht allein elend wie ſie ſagte, ohne Hoffnung, je wieder glücklich wer⸗ den zu können, ſondern hatte auch ſichtlich eine Laſt auf ihrem Herzen, eine Laſt, welche 42 Kummer allein nicht bewircken konnte. Es laͤßt ſich nicht erwarten, daß dieſe herrſchenden Gedanken in meiner Seele, ſich nicht auch auf meinem Geſicht ſollten gezeigt haben; und ich bemerkte bald, daß Lady D— den Ausdruck meiner Blicke wahrnahm und verſtand, und mich ſo ſehr beobachtete, wie ich ſie. Endlich kam mir ein, mich zu erkundigen, ob die Frau des Wechslers, Mrs. M— Achtung verdiene, und ihr Zeugniß glaubwuͤrdig ſey. Ich ſchrieb demnach an einen Londner Freund, ohne meines Gonners Verbindung zu erwaͤhnen, weil ich, die Wahrheit zu geſtehn, mich ihrer ſchäͤmte, und erhielt eine Antwort, die mein Gemuͤth eini⸗ germaßen beruhigte: denn Mrs. M— ward als eine der beſten und erſten Frauen, und ſo ſtreng in ihren Meinungen dargeſtellt, daß nur eine Frau vom unbeſcholtenſten Charakter mit ihrer Freundſchaft und ihrem Schutz beehrt ſeyn 4 konnte. Dies ſprach gewiß ſehr zu Lady D—6 Vortheil; und einige Tage nach Empſnz dieſes Briefs fragte ich ſie, ob ſie nicht ihrer Freuntit, Mrs. M— geſchrieben habe, ihr Nachricht von Verbindung zu geben? Nein, mein Herr!“ antwortete ſie mit gebßer Geftigkeit und Entruͤſtung, doch auch zu⸗ Hleich mit vieler Verwirrung,„ich habe nicht geſchrieben, und werde nicht ſchreiben.“ „Richt? tiebe Rofabelle! unb warum nicht? fragte ihr Gemahl. „Weit ich keine freundſchaftliche Geſinnung gegen ſie empfinds. Sie ſprach immer ſo her⸗ abſetzend von meinem armen Mann, und ich E dich, ob du die Perſon freundſchaftlich etrachten und behändeln koͤnnteſt, die unehrer⸗ bietig und ungerecht von einer Gattin geſprochen haͤtte, die du betrauerſt?“ 44 —0 gewiß nicht,“ erwiederte Lord D— „ich gehe in das Gefuͤhl ein, und wundere mich e— uͤber dein Schweigen.“ ſegte nichts, aber ein gut Theil geblickt zu haben, denn Lady D—s Augen beobachteten mich mit beſonderer Wildheit. Doch, ob ich zwar nicht ſagte, was ich dachte, konnte ich dennoch nicht unterlaſſen zu fragen: Und haben ſie weder Freunden noch Verwandten von der Veraͤnderung ihrer Lage Nachricht gegeben?“ „Ich ſagte ihnen ſchon vormals,“ erwieder“ te ſie ſehr verdrießlich,„daß ich auſer entfern⸗ ten Zweigen der St. Clair, die vielleicht nie et⸗ was von mir hoͤrten, keine Verwandten habe; und was meine Freunde betrifft, ſo iſt jede Er⸗ innerung an mein Vaterland, und alle Verbin⸗ dung mit demſelben ſo ſchmerzlich fuͤr mich, daß ich wuͤnſche, von allen, die ich je kannte, 45 als todt angeſehn zu werden. Mit der hoͤchſten Wahrheit kann ich jetzt ſagen,(indem ſie mit ver⸗ fuhreriſcher Zaͤrtlichkeit ihren Gemahl anblickte) daß dieſes Zimmer die ganze Welt fuͤr mich ent⸗ haͤlt, und alle meine Wuͤnſche umfaßt.“ Die Frau, welche dies ſprach, war jung und uͤber allen Ausdruck ſchoͤn, und der Mann, zu dem ſie ſprach, war auch jung, ein Vergoͤtte⸗ rer der Schonheit, und beſaß die leidenſchaſtlichs ſten und zärtlichſten Gefuͤhle. Er mußte daher nothwendig alles, was ſeine Gattin ſprach, fur das weiſeſte, tugendhafteſte, zarteſte und beſte halten; und die Täuſchung, unter der er ſich bes fand, ſchien ihn ſo glucklich zu machen, daß ich ihn faſt beneidete, indem ich fuhlte, wie un⸗ moͤglich es fuͤr mich war, ſo verblendet zu ſeyn: allein er hatte keinen Argwohn, und es war nicht meine Pflicht, ihm nur einen Wink des meinigen zu geben⸗ 46 Nachbem wir einige Zeit gereiſt waren, ward beſchloſſen, unſern Aufenthatt für mehrere Monate in Lauſanne zu nehmen, und dann nach Marſeille zu gehen. 10 Waährend wir in Lauſanne waren„ieß ſich Lady D— bereden⸗ gelegentlich an der dortigen Geſellſchaft Theil zu nehmen; jedoch, wie ich bemerkte, nicht éher, als bis ſie genau die R men der Perſonen wußté) die ſie entweder trof⸗ fen oder empfangen ſollte. In dieſen Geſell⸗ ſchaften, die aus Eingebohrnen und einigen engli⸗ ſchen Familien, die lange in Lauſanne wohnten⸗ und Fremden aller Nationen beſtanden, bes muͤhre ſie ſich zu gofallen/ weiches ihr nach hoch⸗ ſtem Wunſch gelang nicht als ob ihr Betragen je an Leichtſinn gegraͤnzt, oder ſie jener ſie gewöhn⸗ lich auszeichnenden Wuͤrde vergeſſen hätte: al⸗ lein ſie ſprach viel, und insgemein, und uͤber ei „ ne Menge Gegenſtaͤnde; obwohl ich bemerkte, daß ſie unter Maͤnnern mittheilender war, als unter Frauen, da dieſe letztern, vörmoge der Selbſtliebe, die ſcharf zu unterſcheiden verſteht, tiotz ihrer Vekbindlichkeit bald die Entbeckung machten, daß ſie ſich uͤber dieſelben erhaben fuͤhl⸗ te, und nur mit dem andern Geſchlecht auf glei⸗ che Bedingungen ſich unterhalten koͤnne. Zuwei⸗ len ward ſie auch bewogen, Parthien auf dem See beizuwohnen, und dann folgten gewoͤhnlich mehrere Boote dem unſern, um einige jener zart ten und ruͤhrenden Toͤne aufzufangen, welche dieſe hochbegabte Frau, bei ruhigem See, her⸗ vorzuhauchen pflegte. Im Geſang der klagen⸗ den Lieder ihres Landes war ſie, nach meiner Meinung, ohne Gleichen; und der dazu geeig⸗ nete Ausdruck, den ſie beim Singen ihrem Ge⸗ ſicht zu geben wußte, trug viel zur ih⸗ rer Stimme bei. 43 Dieſen Waſſer/ Parthien ward indes plöblich ein Ende gemacht, und unſte Abreiſe von Lau ſanne durch folgenden Umſtand beſchleunigt. Eines Tages ruberten wir auf dem See, in Geſellſchaft von noch acht Perſonen, und Lady D—, die gewöhnlich einen Schleier trug, war dieſen Abend ohne denſelben, da ſie ihn, beim Einſteigen, ins Waſſer fallen ließ, und ihn da⸗ her durch eine Bedienung wieder zuruͤck geſchict hatte. Sie war dieſen Abend ungewohnlich be⸗ lebt, als ich ſie plötzlich die Farbe wechſeln, und eine Bewegung mit der Hand machen ſah, wie wenn ſie den Schleier herablaſſen wollte. Da ſie denſelben nicht fand, hieit ſie eilig ihr Luch vors Geſicht, und der Richtung ihrer Augen fol gend, ſah ich ſie auf ein Boot geheſtet, welches uns eben vorbeigefahren war, und in welchem eine junge Dame ſang. 45 „Wer iſt das?“ frazte Lord D— einen Schweizer Herrn.„Eine Familie aus Schott⸗ land, wie ich glaube,“ ſagte dieſer, zzdie eben angekommen iſt; 2 und bei ihr befindet ſich eine Vß Buzeeh, ti in dieſem zugenblichſi ſingt, und wie man mir ſagte, wie ein Enzel ſi ſw ſ— das wi, faſt ſo zut vi ku D—. ni rief Lord D— uchelnbt „Ich wünſchte ſi zu hoͤren. Es wuͤrde mich fturn, eine Dune beinah ſo gut wie Lady D— ſi ingen zu hören; und da ſie auf ihren Rudern verwetlen, tümen 2 Schiffer ſi e 3 ein⸗ hrlen⸗ 6 6i— mn die Veu!⸗ nrief Lady D— zich bitte, laſſen ſie uns ſogleich umkehren, und ſo ſchnell als moglich das Ufer erreichen, denn ich bin uͤberzeugt, dieſe dunkle Wolke uͤber un⸗ ſerm Haupt iſt voll Unheils.“ V. D 50 „ nein, voll weiter nichts, als ein v055 Sa win den wir vorberei⸗ 9 „Si nien p ventet Vyntt; nc 6 bin ganz andrer Meinng. 30 wue wir werden ein ungewiur haben, und ich fühle mich ſo unuhig und nervenſchwach, daß ich darauf „ ſogleich Si d 15 in— Shn ſo v unrie auf dem Geſicht ſeiner Gemahlin, daß er ſptich Beſehl zur Rucktehr gab; wihren die iezrt⸗ gen der Geſellſchaft, wovon mich ihre vug uͤberzeugten, nicht ſo ehrlich als er Lady D— s Wunſch nach Haus zurückzukehren, ih⸗ ver Nervenſchwäche, ſondern der Furcht beileg ten, ſich im Geſang erreichen, wenn nicht uͤber⸗ treffen zu hoͤren. Allein ich ſchrieb ihr Betra⸗ gen andern Gruͤnden zu, und als ſie einen aͤngſt⸗ 5 51 ſich forſchenden Blick uuf mich richtete, ſah ich⸗ baß ſie in meinen Augen den batgen Arzwohh tas, der tülch evfülltt. nn 6 26re Während wir umkehrten ward die finſtts Wolke immer dunkler und dunkler, und Lord D— drang in ſeine Gemahlin, ſich in einen Bootmantel einzuhuͤllen, bei welcher Gelegen⸗ heit ihr Tuch in den See fiel, ſogleich von einer Welle ergriffen, und ſi eben ſo ſchnell unwie verlohren war. E vti „Wu— ich thun? ich ßabe mein nLuch vltwteulie⸗ rief Lady D— in im Son der Be 35 i* ſtürzung.„Leih mir das deinige, Lieber! mein Geſcht banit zi bedecken, wenn 6 wieder Schwerzen butan empfinden Ri, wie es eben der Fall war.“ Lord D— ſihli ſozleich ach ſi xuch, erinnerte ſich aber, es am Ufer gelaſſen zu ha⸗ ben; als er ſeiner Gemahlin ins Boot half. D2 52 ergerlich 1 murmelte Lady D—; und als mein Auge dem ihrigen begegnete„ floh eine Roͤthe der Verwirrung uͤber ihre bleichen Wangen ſ5M In dieſem Augenblick waren wir gegen das Land gewendet, und ſahen zwei Damen und ei nen Herrn am Ufer ſtehn. „Sieh⸗ Rioſubele Die Farben deines eun⸗ des!« rief Lord „Iſt Lady D— eine Snten⸗ fragte der Schweier Herr.„Dann wird ſie ſich ſteuen, ihre Landsmänninnen kennen zu ler⸗ nen, denn bieſe Damen gehören zu ber ſchti⸗ ſchen Fmilie im Boot; und da wir in ihrer Nähe landen müſſen, werd' ich um Erlaubniß bitten, ſie ihnen vorzuſtellen.“ Bei dieſen Worten richtete ich meine Angen auf Lady D—, und ſah ſie bleich, wie der 33 Tod, auf die Schulter ihres Gemahls ſinken⸗ Ich ſchloß daher, daß ſie wiſſe, der Augenblick der Entdeckung ſey nun gekommen, und die Zu⸗ ſammenkunft mit dieſen Damen werde, wie es auch ſey) ihre Geſchichte enthuͤllen. Warum war ich denn nicht begierig, dieſen Augenblick zu beſchleunigen? Warum ſchanderte ich vor einem Auftritt zuruͤck, den ich ſo lang gewuͤnſcht hatte? Denn ich ſchauderte davor, und zitterte voll glei⸗ cher Befuͤrchtung, wie die ungluͤckliche Roſabelle. Ohne ʒweifel war mein herrſchendes Gefuͤhl die Beſorgniß, meines Goͤnners Gluͤckſeligkeit durch dieſe Entdeckung zerſtört zu ſehen; allein ich vermuthe, daß Mitleid, und eine Art unbe⸗ wußten Antheils, den ich an ihrem Schickſal nahm, mich ſo abgeneigt gegen das machte, was ich zuvor gewuͤnſcht hatte; und waͤhrend ſie bei⸗ nah ohnmaͤchtig auf Lord D—s Arm ruhte, ihr Geſicht an ſeiner Schulter verbergend, ſann 54 ich nach, wie ich ſie dem Aublick derer entziehen kounte) mit welchen ihr ſichtliches uebölbefinden beim Landen eike Bokanntmachung gänzlich un⸗ fuglich machte. Indeſſen naͤherte ſich das Boot mit reiſſender Schnelle dem Lande, und die Frem⸗ den erwartéten augenſcheinlich ſeine Ankunſft.“ NRichts, dacht' ich, kann ſie jetzt von einer of fentlichen Ausſetzung erretten, als ein Wunder, und ein unwillkuͤhrliches„Guͤtiger Himmel!“ ontſchluͤpfte meinen Lippen. Es erweckte Lady D— aus ihrer traurigen Erſtartung, und ihr Haupt empot richtend/ warf ſie auf wich, wie ich glaube, einen bittenden Blick, und einen Blick ſolchon Schmerzes, baß ich mich tief durch⸗ drungen fuͤhlte, und mich ihr naͤhernd, ſagte e—„ich ſie in ſo 4. ergoß ſich die dunkle Wolke in einem Regenſtrom, und die neugierigen 55 Fremden mußten ſchnell hinweg eilen und Schutz ſuchen, und fuͤr jetzt, fühlt' ich, war Lady D— von dem, was ſie fuͤrchtete/ bofreit. Ich wendete mich daher, wie ich glaube, mit ſehr ſteudigem Geſicht zu ihr; denn waͤhrend ich auf dem ihrigen gleichfalls Freude und Triumvh las/ bemerkte ich nuch einen Blick dankbaver Guͤte ge⸗ gen mich. Die Fremden waren nun gaͤnzlich verſchwunden: als wir daher das ufet erreichten⸗ fuͤhlte ſich Lady D— ſicher, und erklärte, 6. — voruͤbor ſey. an S nonn S 9 ſin Eur Sri ſo ſn ſan zhrun, ſoge ei der Herren,„ich glaubte, ſe ie ietithen ſeche with Scwch. heit geringern Pta. Miemand iſt immer gleich ſtark an Gemůth und Nerven,“ ſagte ſie tief erroͤthend, be⸗ ſchaͤmt, eine Schwäche zugeſtehn zu müſſen, die 56 ſie nicht empfand; denn ich wußte wohl, ſie kannte keine Art von Furcht; und wiederholte den tiefen Seufzer, den ſie wegem ihrer eignen Herabwuͤrdigung hervorhauchte. Allein ihre Ge⸗ fahr war naͤher als je; denn als wir in die Naͤz he einer Art Huͤtte an unſerm Wege kamen, ſahen wir die Fremden an der Thuͤr derſelben. ſtehen, indem der Schweizer ausrief:„Da ſind ſie, Lady D—, da ſind ihre Landsmaän⸗ ninnen 1e worauf ich ſogleich antwortete, daß die Lady noch zu unpäßlich ſey, um ſie ihr vor ſtellen zu können; während ſie, kaum wiſſend, was ſe what, weinen Arm ei. un,— wenn ſe Ahen öpfen vohte. t Rucn nach der Lhůr gelehri, ſihen tich. wenn ich nur ein Taſchentuch hatte,⸗ rief ſie aus,„es an mein Geſicht zu halten, 57 Leih' ihr das Deinige, Moreton,“ ſagte Lord D—. Es war unmoͤglich, denmes war ganz von— P n ungiüeih Doch welch ein ien⸗ cher unfall,“ ord—„daß ger wiß 13 der ganzen Geſellſchaft kein anſtaͤndie Lu iſt, einer Dan engeboten zu werden, da ie al⸗ Sonipſiobe nehmen.“ Er ichet⸗ 2¹6 6 mit ſeinem wihuchn usdru inneter ue er dies ſegte.. non ch&n—„er kann vuleicht bald lernen nie wieder zu lächelnz! denn ich ſah, daß, wenn wir nicht Lady D— s Geſicht verbergen konnten, ſich etwas Unangenehmes, wenn nicht Furchtbares zutragen mußte. Ich be⸗ fand mich in dieſem Augenblick hinter ihr, und die Schleppe ihres Kleides, das von Mouſſelin war, hatte ſich geloſt, und fiel zu Boden. Ein 38 glůͤcklicher Gedauke kam mir ein. Ich hob ſie auf uadurief, ſie ihr über das Haupt werfend? „Da, Mylaby, bies wird ihr Band unr dem Ret gen ſcten, und a 3 onſtatt eines Suh zur 5l ti bl e Zehiümn ihres Geſi cht dienenie 55 S56ce n Unjnlt 29c Unn m o n ns wird es in Shn! nt n614c uß nnn enn 12 509 Dank!“ erwiederte ſie mit ſinener Sinn, 3och nd n und ſnic ſi ch mtehrend,„ſ chert durch vchten Fulten des Muuſſelins nic erkannt ju werden, erklaͤrte ſie ſich fuͤr fähig, weiter zu ehr und giug furchtlos bei den Neuangekommenen vöruͤber, die offenbar von ihrer Schoͤnheit ge hoͤrt hatten und begirtig waren, beſonders die Herreh der Geſellſchaft, ihr durch ihren Schwei zer Bekannten vorgeſtellt zu ⸗werden. Alleiner hatte den Wink verſtanden, und unterließ, je⸗ mand voll ihnen zu einer ſo ungünſtigen Zeit bekannt zu machen. Ich faud; daß eine der 39 * Damen die ältere Schweſter der Miß Buchavan war, die im Boat ſang, und D—— won Nicen wir ſ Wohnn unit trn, begab ſie ſich ſogleich auf ihr Zimmer, uns ter dem Vorwand der Unpaͤßlichkeit; und ich glaubte einen freundlichen Druck der Hand zu empfinden, als ſie mir dieſelbe zur guten Nacht reichte) waͤhrend Thraͤnen in ihren ſchoͤnen Au⸗ gen ſtanden. Am naͤchſten Morgen indos nahm ſie ihr gewoͤhnliches entferntes Betragen wieder anz und ob ſie gleich wußte, daß ich entdeckt habe, ſie beſitze ein Geheimniß, und die Natur ihres Unfalls am vorhergehenden Tage verſtand, bot ſie mir doch wieder Trotz, und wollte kein Vertrauen in mich ſetzen. Mit dieſem Beneh⸗ men kehrte mein Wunſch, ihr Geheimniß zu entdecken, zuruͤck, und ich war daher ſehr unzu⸗ 60 ftieden, als ſte Lord D— vorgebend, daß ihr die Luft von Lauſanne nicht zuſage, den nächſten Tag nach Marſeille abzureiſen beſtimmte„ wodurch eine——— mit den 6 Damen — tiet iont In ꝙin der geſetzliche Erbe der Titel und Guͤter meines Goͤnners, im Fall er ohne Kinder ſtarb, zu uns. Im erſten Gefuͤhl des Schmerzes, nach dem Verluſt ſeiner Gattin und ſeines Sohnes, hatte Lord D— dieſem Juͤngling verſichert, ſich nie wieder zu verbinden, ſondern ihů als Kind zu betrachten. Es war da her wahrſcheinlich bey ſeiner Ankunft in Marſeil⸗ le otus niederſchlagend fůͤr ihn, ſeinen Vetter verheurathet zu finden. Da indes Lady D— noch keine Ausſicht Familie zu erhalten zu haben ſchien, und dieſem jungen Mann ſo viel Auf⸗ merkſamkeit erzeigte, und ſich ſo ihn zu gewin⸗ 6 nen bemuͤhte, war er, eh' er uns verließ, nicht allein ganz mit ſeiner getaͤuſchten Hoffnung aus⸗ geſohnt, ſondern beinah in die Veranlaſſung der⸗ ſelben verliebt. Allein ſogleich nach ſeiner Ab⸗ reiſe nöthigte Lord D—, mit unenblichem Ent⸗ zuͤcken, ſeiner Gemahlin ein zögerndes Geſtänd⸗ niß ab, daß er wahrſcheinlich Vater ſeyn werde; und ich muß geſtehn, daß ich bei dieſer Gelegen⸗ heit aufs herzlichſte an ſeinem Gluͤck Theil nahm. Dennoch, ſo ſeltſam es klingt, ſchien Laby D— weit entfernt unſre Freude zu theilen, durch die ueberzeugung Mutter zu werden, aufs tiefſte be⸗ kuͤmmert, und ihre Ungeduld bei zufäͤlligen Un⸗ päßlichkeiten ihrer Lage ließ ſich nicht hinrei⸗ chend auf die gewohnliche Verſtimmung der Krankheit rechnen, ſondern trug im Gegentheil die ſtaͤrkſten Kennzeichen des Ungluͤcks und bit⸗ tern Grams. 62 Wihrend der erſten Monate ihret Schwan⸗ gerſchaft verweigerte ſie gaͤnzlich auszugehn, und da ich darauf beſtand, daß Lord D— ſich Be⸗ wegung machte, weil ich ſie für ſeine Geſunbheit nothwendig hielt, leiſteke ich ſeiner Gemahlin nothwendig Geſellſchaſt, die, ſo gewiß ich wuß⸗ te, ihr nicht zu gefallen, ſelbſt meine Gegen⸗ wart dem Elend„ihren eignen Gedanken überlaſ⸗ ſen zu ſeyn, vorzog. Züweilen ging ſie denndch⸗ tiof verhůllt, mit uns ins Theater, ſaß aber i im: mer in einer Loge grillee; und in Paris, wie an andern großen Orten, entzog ſie ſich ſtets, ſo viel als moglich, den Blicken der Menge. Und wenn man erwägt, daß ihre Schönheit, wo ſie dieſelbe zeigte, ſalbſt laute Ausrufungen der Bö⸗ wundtun erregte, und la belle Angloise! er⸗ tönte, wo man ſie ſah, ſo muß man bekemnen, daß perſoͤnliche Eitelkeit nicht unter ihre Schiwaͤ⸗ chen gehöͤrte, oder wenn ſie deren beſaß, eine 63 mächtigere Leidenſchaft dieſelbe unterdrückte. Auch war es ein entſchiedener Beweis der reinen, aufrichtigen Liebe ihres Gemahls, daß er, zu⸗ frieden, ſie und ihre Zärtlichkeit zu beſitzen, nicht der Befriedigung ſe eines Stolzes bedurſte/ ſeinen Schatz der Weit zu zeigen. Doch jens Abende ausgenommen, die wir im Theater zubrachten, waren wir gewoͤhnlich allein zu Hauſe, und ich hatte/ wie ich zuvor ſagte, oft Gelegenheit, mich mit der Lady téte à tete zu unterhalten. Sie war geeignet, uͤber mannichfache Gegenſtände zu ſprechen, und bemhte ſich, durch bas Be⸗ ſtreben, uns beide in Beweisgruͤnde zu verwickeln, dus Gefuͤhl ihrer Leiden in den Aufregungen des Streites zu vergeſſen. Ueber einige Gegenſtan⸗ de ſtimmten wir indes uͤberein, welches noch da⸗ zu Gegenſtaͤnde waren, bey denen mich meine argwoͤhniſche Natur gelegentlich zu glauben ver⸗ leitet hatte, daß ſie nur ſchwach und mit ſichtli⸗ 64 cher Verwirrung mir beipflichten werde. Uüter andern erwaͤhnte ich eines Tages merkwuͤrdiger Kriminal Faͤlle, und hatte Staͤrke genug ſi zun fragen/ ob ſie je die Unterſuchung ihrer Lands⸗ mannin/ Katharine Nuirn, wegen des Mords ihres Mannes, geleſen haͤtte. Mit großer Leb⸗ haftigkeit und unbefangnem Laͤcheln erwiederte ſie:„Ich werde ſie dagegen fragen, ob ſie das gerichtliche Verhor ihrer Landsmannin Marie Blandy laſen, die auch wegen Mord, und ſogar wegen des Mords ihres Vaters angeklagt wardz denn Verbrechen ſind micht an Laͤnder gebunden, ſondern freie Buͤrger der Welt.“ 5 Zugegeben, antwortete ich;„unb nich verſichre, keine National⸗Beziehung gemeißt zu haben, indem ich Katharine Nairn als ihre Landsmännin erwahnte; allein ich halte die Schuld der einen* überwieſener als die der andern.“ 65 Ich ſimme mit Sßin iteec“ kiwieder⸗ te ſie ruhig,„denn ich habe uich nio lotizeuhen können, daß Miß Blandy das vhebee Puſvet fuͤr Gift hielt. Allein Katharinens Vergehn konnte nicht e werden; und wer kann ſich wundern, wenn ein Weib von! ſo entſchiede⸗ nob und ſchamloſer Untreue kein Bedenkett rig mch Mord hinzüzufügen? Ich hiße immer alle Laſter als bn Vetwandte betrachtet, und ſehr geſchickt, ſi ch in Geſchlechts„Parthien zu Seteſnnne tc Getiß,“ antworteke ich,„und von einer ſolchen Untreue ließ ſich erwarten, mit der ärg⸗ ſten Gattuig des Morde zu enden, dem lange vorher bedachten— und nicht durch die Folgen heſtiger Leidenſchaft und plotzlicher Auftegung bewirkten. Doch nach allem,“ führ ich fort, „ob der Mord vorher äberlegt; oder vlötzlich W. E 66 vollzogen wird, iſt es demohngeachtet Mord, und ein ſehr großes Vergehn, ſelbſt wenn die maͤchtigſte der Spn Siat⸗ dazu anreizt. 5 4 vey Woren—. meine aug feſt auf Lady⸗ D—, und ſah Todtenbläſſe ihre Wangen üherziehn, und eine Art krampfhafter Zuckung ihre Oberlippe bewegen. Einen Angen⸗ blick ſchwieg ſiez doch ſich faſſend⸗ ſagte ſie mit unterdrůckter Stimme:„Wenn irgend etwas das Vergehn des Mords entſchuldigen kann, ſo muß es Eiferſucht ſeyn, denn dies iſt von allen Geſuhttn das mächtigſte und unſeligſe; und mogen die, welche nie ihren Einfluß empfunden haben, ſich nicht anmaßen, jene unglücklichen Ge⸗ ſchoͤpfe zu tadeln, die in einem Augenblick wahn⸗ ſinniger Leidenſchaft ſich an. dem Leben des An dern vergreifen. Auch moge niemand ſich er⸗ 67 khnen gleich dem Phariſéer, in unverſuchter Unſchuld Sott zu danken, daß er nicht gkich dieſen irrenden Mitgeſchöpfen iſt Mit ernſem⸗ doch naurigem Geſicht ties ſprechend, warf ſe auf mich eipen Blick voll trotzbieteyden Stolzes, und verließ langſam das Zimmeß, mich verwirr⸗ ter und gewiß argwöhniſcher als je zuruck⸗ laſſend. Und dennoch, wenn dieſe augenſchein⸗ lich unglůͤckliche Frau den Tod ihres Gatten auf irgend eine Art und durch plötzlichen An⸗ trieb befoͤrdert zu haben, ſich ſchuldig gefuͤhlt häne, würde ihre Bewegung, indem ſie das Vorhergehende ſprach, weit großer geweſen ſeyn. Indeſſen ſah ich, daß dieſer Gegenſtand eines Mords dunch plötzlichen Antrieb ſie werwundete, und wußte nicht, was ich denken ſollte. n dieſer Zpit fühlte ich ſo viel Intereſſe fuͤt ſie, als Lord D—, obgleich von ganz vert 68 ſchüdenet Art; und die Schärfe ihrer Vevbach⸗ tung ließ ſie bald den Umfang des Antheils em⸗ bfinden,„den ich an ihr nahm. Sie wußte, wie ich bemerkte, immer die Gründe warum ich beſondre Gegunſtände vorbrachte, um,„wie Hamlet im Trauerſpiel ſagt, ihr Gewiſſen zu füngen. Zu manchen Zeiten glaubte ich, ſie ha⸗ be Diebſtahl oder Betrug begangon, und er⸗ wähnte dann der zuweilen durch Frauen ver⸗ ubten Beraubung ber Gewölber, und daß ich vvn Damen gehött habe, die ihr Vaterland haͤt⸗ ten vorlaſſen müſſen, weil ſis Roten von be⸗ růchtlichen Summen untergeſchoben hatten. „Seht moglich;“ erwiederte ſis met einem Blick ruhiger Verachtung,„man kann die mög⸗ liche Verirrung der menſchlichen Natur nicht t ueber den Gegenſtand weiblicher Keuſchheit zeigte ſie ſich gleichfalls unverlegen; allem, was 69 ſie in dieſem Bezug ſagte, konnte ich meine Zu⸗ ſtimmung und meinen Beifall nicht verſagen, und ich war vollkommen uͤberzeugt, daß keine Frau, die ſich nicht ſchuldlos fuͤhlte, ſo ruhig, ſo umfaſſend und mit ſo ſichtbarer Zufriedenheit uͤber dieſe Beziehungen ſprechen konnte. Allein wir ſtimmten nſcht immer ſo wohl üderein, noch war ſie ſtets ſo ſanft in der Art ihrer Behauptung. Als eines Abends das Ge⸗ ſpräch auf die Geſetze in Hinſicht der Frauen kam, erklaͤrte ſie, daß fuͤr die Rechte der⸗ ſelben in keinem Geſetbuch ein hinlänglicher Schutz ſey. „Unſte ſchottiſchen Geſetze indes,“ ſagte ſie, „ſind in einem Fall ſehr nachſichtig gegen uns, und nehmen gehoͤrig Ruͤckſicht auf unſce Rechte und die uns zugefuͤgten Beleidigungen; ich mei⸗ ne die Macht, welche eine ſchottiſche Frau, 0 oder ſolbſt jede Frau, die ſich in Schottland auf⸗ haͤlt, beſitzt, ſich von ihrem—— Un⸗ treue zu ſcheiden.“ 3 „Ich werbe nicht gewahr,“c ſugts ich,„baß dies ein weiſes und gutes Geſes is denn—“ „So, mein Herr!“ mich La⸗ dy D— mit flammendem Geſicht.„Ich glau⸗ be, Sie gehören zu denen, welche in dem ſchwä⸗ chern Geſchlecht, wie ſie uns zu nennen belieben, jene Beherrſchung der Leidenſchaften erwarten, die ſie ſelbſt, weder zu haben, noch vorzugeben, fur ein Verdienſt halten; und waͤhrend ſie ſich anmaßen, uns wegen einer Verirrung, obgleich durch ihr uͤbles Betragen entſchuldigt, zu verſto⸗ ßen, iſt es ihr haßlicher, ſelbſiſüchtiger Grunds ſatz⸗ daß Der Mann mit freiem, ungehemmtem Triebe Geſetzlos irren kann im Reich der Liebe.“ ₰ 1 7 „Madam,“ erwiederte ich, ein wenig durch ihre Heftigkeit in Verwirrung geſett,„ich bin kein Vertheidiger der Untrene, weder im Mann noch im Weib; allein ich kann verehrliche Auto⸗ ritaͤten zur unterſtuͤtzung meiner eignen Meinung anfuͤhren, daß, wenn ein Mann ſeine Frau nicht üͤbel behandelt, ſie zu tadeln ſeyn wuͤrde, eine gelegentliche Verirrung dieſer Art, bei ei⸗ nem uͤbrigens guten und zärtlichen Gatten, ſehr hoch aufnehmen zu wollen.“ „Mein Herr!““ entgegnete ſie, jede Fiber ih⸗ res Weſens von heſtiger Bewegung erzitternd,„ich zin ſo weit entfernt, mit Ihnen in dieſem Punkt uͤbereinzuſtimmen,“(und indem ſie dies ſprach, ſtand ſie von ihrem Sit auf, richtete ihren ſchoͤz nen Hals empor, und ihre flammenden Blicke ſchienen mich vernichten zu wollen)„daß ich Ih⸗ nen die feierliche Verſicherung gebe, mich nur 2 durch eine Untreue meines Gätten ſo gänzlich von ihm geſchieden zu betrachten, als wenn ein geſetzmaͤßiger Act der Trennung zwiſchen uns ſtatt gefunden haͤtte.“ „Theuerſte Liebe 1“ rief Lord D— lä⸗ chelnd, doch über ihre Bewegung erſchrocken und erſtaunt,„was bedarf es gegen mich einer ſo furchtbaren Drohung 7 Es iſt ſehr wenig Wahr⸗ ſcheinlichkeit da, je dieſe ſtrenge Strafe zu ver⸗ dienen; denn ich bin von einer beſtaͤndigen Nas tur, und bis ich jemand gefunden habe, der Dir an Schoͤnheit und jedem andern Reiz berlegen iſt, was ſich nicht vermuthen läͤßt, bin ich nicht in Gefahr, ein ungetreuer Chemann zu wer⸗ d Waͤhrend er dies ſprach, ſchienen Empfin⸗ dungen der heftigſten Art ihr ganzes Weſen zu erſchuͤttern, und ſie richtete ſodann auf ihn einen ——— — — ——— ———————— Blick der traurigſten, doch ruhrendſten Zärtlich⸗ keit, dann, die Hand nach ihm hinreichend, ſank ſie in ſeinen ausgebreiteten Armen in eine tiefe Ohnmacht. Es verging einige Zeit, eh' ſie völlig ihr Bewußtſeyn wieder erhielt, und nachher befand ſie ſich ſo krank, daß ich auf weitere aͤrzt⸗ liche Huͤlfe beſtand. Der Arzt, welcher herbei⸗ gerufen ward, verſicherte Lord D—, daß eine heftige Bewegung aller Wahrſcheinlichkeit nach eine zu fruͤhe Niederkunft bewirken wuͤrde, wenn nicht bereits ein ſolcher Zufall ſchon nahe ſey⸗ Lord D— hoͤrte dieſe drohende Vernichtung ſei⸗ ner Hoffnungen mit einem Schmerz an, der nur durch die Ruhe und augenſcheinliche Gleicht gultigkeit ſeiner Gemahlin bei dieſer Gelegenheit ubertroffen werden konnte, ja, in ihrem Geſicht ſchien mir eher Vergnuͤgen als Kummer aus⸗ gedrückt zu ſeyn. Doch unſte Befüuͤrchtungen zeigten ſich grundlos; und in gehöriger Zeit 96„ ward Lady D—, zur großen Freude ihres Get mahls, von einem Sohn entbunden. Was auch Lady D— 3 Gefühle vor ihrer Niederkunft ſeyn mochten, ſo iſt es doch gewiß, daß muͤtterliche Zärtlichkeit zuerſt ihr ausdrucks⸗ volles Geſicht überſtrahlte und ihre ſchoͤnen Au⸗ gen erhellte, als ſie ihren lieblichen Knaben an⸗ ſchaute, und an den mütterlichen Buſen nahm. Allein ich bemerkte, nachdem ſie einige Wochen Mutter geweſen, wie ihre Freude an ihrem Kind abzunehmen ſchien, und wie ſich, bei deſſen An⸗ blick, eine tiefe Trauer über ihr Geſicht verbrei⸗ tete, während ſie es zuweilen innig an die Bruſt druͤckte, als beruhe ihr Daſeyn auf ihm, und im nächſten Augenblick davor zuruckbebte, als ſey deſſen Geburt ihre Schande und ihr Fluch. Kurz, ich glaubte, nur Zerruͤttung koͤnne ihr Betragen gegen dieſes liebliche Kind erklaͤren. ———— ———————— 5 Dennoch zeigte ſie keinen andern Beweis von Zerruttung, und ich ward immer ungewiſſer in meinen Vermuthungen wegen ihr, als das arme Kind von Krämpfen befallen ward, und ich bald keine Hoffnung fuͤr ſein Leben mehr hatte. Bis zu dieſer Stunde kann ich mir nicht ohne die ſchmerzlichſte Empfindung den Streit mannich⸗ facher, widerſprechender und unerkläͤrlicher Gefuͤhle zuruͤckrufen, welche dieſe geheimnißvolle Frau in ihrem Betragen äuſerte. Ihre Schmer⸗ zen beim Anblick der Leiden ihres Kindes konnten das haͤrteſte Gemuͤth zur Ruͤhrung be⸗ wegen. Dennoch ſchien ihr Kummer mit ſeinen augenſcheinlichen Qualen abzunehmen, und die Vorſtellung, daß es endlich ſterben mußte, ſchien ſie wenig zu beangſtigen. Eben zuvor, ehe das Kind auf dem Schoos ſeiner Mutter, die es in all ſeinen Kaͤmpfen, trotz der ſichtlichſten Angſt, mit muſterhafter Standhaftigkeit gehalten hatte, 76 zum letztemmal athmete, nothigte ich Lord D—, deſſen Schmerz ſchrecklich anzuſehn war, aus dem Zimmer zu gehn, und kehrte unbemerkt von ſeiner Gomahlin zuruͤck, welche die Wärterin nach etwas hinaus geſendet hatte, als eben das Kind zu ſeyn aufhoͤrte. Nie werde ich den Aus⸗ druck vergeſſen, mit dem ſie es anſah; doch Zu⸗ friedenheit war augenſcheinlich endlich das herrs ſchende Gefuͤhl, und eh' ſie mich bemerkte, hoͤrt' ich ſie ſagen:„Ja, ſein Tod iſt ein Segen kein Fluch; und ich bin frohllch, denn darüber fröhlich zu ſeyn, iſt meine Pflcht.“ Sie er ſchrak, indem ſie mich bemerkte, und als ſie an meinen verwunderten und fragenden Blicken ſah, daß ich ihre Worte gehoͤrt hatte, war ſie ſichtlich beſtuͤrzt und in Unruhe; jedoch mit ungemeiner Gewandtheit ſprach ſie:„Ja, es iſt unſre Pflicht, jede Schickung der Vorſehung mit Fre⸗ de aufzunehmen, und zu glauben, daß das, 77 was ſie uns zu rauben fuͤr gut haͤlt, eher ein Fluch, als ein Segen geweſen ſeyn wuͤrde.“ ut Hätte ich ſie fuͤr eine gottesfuͤrchtige Frau gehalten, ſo wuͤrde ich dies als die wahre Auslegung ihrer Worte betrachtet haben; da ich aher immer vergebens bei ihr jenen feſten Glans ben, jene troͤſtende Froͤmmigkeit und jenen zu⸗ ruͤckgezogenen, religioͤſen Sinn geſucht hatte, der die Tugend, beſonders in Frauen, zugleich er⸗ weckt, unterſtuͤtzt und belohnt, mußte ich ihren Worten nur den Zweck beilegen, wich irre zu fuͤhren, und jene Gefuͤhle vor mir zu verbergen, die mir gewiß ganz unerklaͤrlich waren Sie bemerkte bald an meinen Blicken und Betragen, daß ſie ſich umſonſt durch dieſe falſche Aeuſerung erniedrigte, und ſo bald die Wärterin das tobte Kind von ihr genommen hatte, eilte ſie zu ihrem bekuͤmmerten Gatten, auf deſſen Lippen ſie einen 8 langen, langen Kuß druckte, und der Stuſzer, welcher ihn begleitete, obwohl vielleicht nicht durch ———4 Kummer uͤber ſeinen Verluſt veranlaßt, druͤckte wircklich graͤnzenloſes Elend aus. „ 6 31„ WVon dieſem Augenblick an, veraͤnderte ſich Lady D— s Betragen gegen mich, und ſie ward guͤtig und friedfertig; und nachdem ſich det Schmerz ihres Gemuhls uͤber den Veriuſt des Kindes, in welchen ſie einzuſtimmen ſchien, ei⸗ nigermaßen gemildert hatte, und er wie gewöhm lich auszugehn geneigt war, bemuͤhte ſie ſich durch den anſcheinonden Wunſch, ihre ſichtliche Abneigung gegen mich zu überwinden, mjenon wachſamen Argwohn zu verbannen, mit dem ich ſie boobachtete und anhortes Sie gah jetzt zu⸗ weilen mit einom tiefen Seufzer zu verſtehn, wie ſehr ſie einen treuen, milden und zuverläſſigen Freund wuͤnſchte, in deſſen Ehre ſie jenes Vertrauen 79 ſetzen könnte, welches ihr die Ruͤckſicht auf ſei⸗ ne Ruhe in ihren Gatten zu ſetzen, unterſagte; und geſchmeichelt durch die mir jetzt erzeigte Auß⸗ merkſamkeit, und ten Anſchein, als hielt ſie mich fuͤr einen ihres Zutrauens wurdigen Mann⸗ verlor ich meine gewoͤnliche aufmerkſame Wach⸗ ſamkeit und ſtrebte nur ſie zu uͤberzehgen, daß ſie in mir einen auftichtigen, trehen und kifri gen Freund beſitze. Obwohl ſie immer darauf beſtand, einen langen dichten Schleier zu tragen, war ſie doch nicht laͤnger abgeneigt, einige der beſten Spas ziergänge um Marſeille zu beſuchenz und zuweit len geruhte ſie mit mir allein zu gehn. Als ſie eines Tages an meinem Arm durch eine einſame Straße ging, bemerkte ich eine ſehr ſchoͤne Wir⸗ kung des Lichts auf den Segeln eines Schiffs in einiger Entfernung im Hafen, und als ſie am 30 Ende der Straße ihren Schleier aufſchlug, um es beſtimmter zu ſehen, kam plotzlich ein Fremder auf uns zu) den ich, ſeinem Anzug und ſeiner Erſcheinung nach, fuͤr einel Engländer erkantei Bei Lady D— s Anblick wich er mit einem Ausruf der Beſtuͤrzung und Ueberraſchung zurück⸗ — und als ſie ihn erblickte, zog ſie ihren Schleiet herab, und ſloh eilig um die erſte Kruͤmmung, welche zu ihrer Wohnung fuͤhrte, während er ihr eben ſo ſchnell folgte. Mit dem Gedanken, der * 5* Augenblick ſey nun gekommen, der alles Geheim⸗ nißvolle in Bezug dieſer außerordentlichen Frau enthullen wuͤrde, wollte ich dem Herrn fol⸗ gen: doch in der Eil einen Packt überſehend, welchen ein Mann auf den Schultern trug ſtieß ich ſo heftig mit dem Kopf dagegen, daß es mich bewußtlos zur Erde ſtreckte, und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in einem Laden, wo ein Mann und eine Frau meine Schlaͤfe rieben, 81 wähtend Lady und der Fremde verſhwun⸗ nen waren. Ehe ich mich noch gaͤnzlich wieder erholt hatte, begab. mich auf den Wes nach Haus, undhorte, daß die Lady einige Zeit vor⸗ her zurückgekehrt war.„Kam Myladi allein 3* fragte ich.„Ja,“ war die Antwort,„und ſie ſchien ſehr beunruhigt, weil ſieguf der Straße erſchreckt worden aſt.“ — b6 „Sot dies i die Weonng, di ſie der Silhe zu zebei iinz ſin i zu mir ſelöſt.„Gut, wi weten ſe, ni ſe 6 B ailgt. — W Se 2 D—, mit Gemahlin ins Zimmer tretend,„ich ſinde, Roſabelle ſetzt wenig Vertraun in Deine Stärke oder einen Muth, da ſie ſich lieber auf ihre Fuͤſſe, als Deinen Arm verließ, ſie vor einem Wahnſinnigen zn ſchuͤtzen.“ W. F 82 „Einem Wahnſinnigen! war der Frein⸗ de, bei deſſen Anblick die Lady ſo ſchnell davon eilte, ein Wahnſinniger? Ich ſah, daß ſie einander kannten, aber ich las ſeine ae. ht auf ſeinem Geſicht.“ „Rein, ſehr wahrſcheinlich nicht,“ erwie⸗ derte Lady D— eilfertig, und mit erzwung“ nem Lachen— vallein es war ein Herr, den ich viele Zo tonnt und der mich in ſeiner errattung immer mit ſeinen Antägen verfolgte; und die ueberraſchung, ihn in Marſeille zu ſehn, hatte, ſelbſt unter Ihrem Schutz, eine ſolche Wirkung auf mich, daß ich, wis gewöhnlich, aus Furcht die Flucht ergriff, und ich ſloh deſto ſchneller, weil ich ihn mir folgen ſah. Doch vis ich ihn auf einem Rebenweg, der hierher fuͤhrt, aus den Augen verlor, hoffte ich mit j. der Minute, Sie uns beiden nachfolgen zu hoͤren 7 83 oder zu ſehen, und wunderte nih uͤber Shren Mangel an Galanterie. 66 Ich erklaͤtte hierauf, warum ich nicht ſol⸗ gen konnte, und Zufriedenheit uͤberſtrahlte ihr Geſicht, als ihr meine Erzählung die Verſichrung gab, daß ich den Herrn weder geſehn, noch ge⸗ ſprochen hatte. Dennoch beſchloß ich am naͤch⸗ ſten Tag auszugehn, und nicht eher zu ruhen, bis ich dieſen Mann, toll, oder nicht toll, ge⸗ funden haben wuͤrde. Ich fuͤhlte mich daher auſerordentlich unzufrteden, als ich uns binnen⸗ einer Stunde auf dem Wege nach Nice ſah, da Lady D— s Furcht,(ich zweifelte nicht an der Wahrheit derſelben) den vorgeblichen Wahn⸗ ſinnigen wieder zu treffen, unſre Abreiſe be⸗ ſchleunigte. Mein Mißfallen konnte indes nichts helfenz auch wagte ich's nicht, es zu aͤuſern, damit man den Grund davon nicht arg⸗ 5 2 34 wohne. Und in einer Stunde verließen wir Marſeille. ch n hr Auf dieſe Art wurden mir die Mittel zur Befriedigung einer ſehr loblichen und natürlis chen Neugierde entriſſen, als eben der Zufall) ſie mir zugefuͤhrt hatte. Ich troſtete mich indes mit dem Gedanken, in welch eine unangenehme Lage mich eine Entdeckung, zum Nachtheil dieſer geheimnißvollen Frauh verſetzt haben wuͤrde; denn, wenn ich die Verhältniſſe vor meinem 6 edeln Freund verbarg, wuͤrde ich die Treue gegen ihn verlttzt, und bei Enthüllung derſelben, ſein Glück zerſtört haben. Dennoch blieb meine raſtloſe Neugierde unbefriedigt und wachſam; auch konnten mich Laby D— 6 fortdauernde Winke, mir vertrauen zu wollen, nicht laͤnger täuſchen oder zufrieden ſtellen; denn erſtens war ich uberzengt⸗ daß ſie etwas in ihrem Gemuͤth 85 hege, was ſie nicht zu entdecken wagte, und zunaͤchſt wuͤnſcht' ich auch nicht laͤnger eine Be⸗ kanntmachung, die ich ihrem Gemahl nicht mit⸗ cheilen konnte, noch ſelbſt durfte. Nicht lange nachdem wir unſern Aufenthalt in Nice genommen hatten, trafen wir eines Tags Lady D— in einem Zuſtande, der uns allen die hoͤchſte Unruhe einfloͤhte. Eine ihrer Frauen fand ſie beim Eintritt in's Zimmer am Boden in Ohnmacht, und mit Blut bedeckt. Ihr Geſchrey rief mich herbei, und als ich ſie empor hob, fand ich das Blut aus ihrem Mun⸗ de kommend, und offenbar durch ein zerſprengtes Blutgefaͤß veranlaßt, waͤhrend ihre verſtörten Züge die Spuren außerordentlicher Bewegung trugen. Neben ihr, auf dem Tiſch, lag ein altes engliſches Zeitungsblatt, in welchem einige kaͤrzlich aus England gekommene Sachen einge⸗ 86 wickelt geweſen waren; dies Papier ſchien Lady D— mit einer Art krampfhaften Erfaſſen zu⸗ ſammengedruͤckt zu haben; ob aber mit Vorſatz, oder nicht, konnte ich nicht entſcheiden. So bald 6 nach und nach ihr voͤlliges Bewußtſehn wieder erhielt, zeigte ſich der Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung auf ihrem Ge⸗ ſicht. Ich bemerkte ihr Auge ſich ſchnell und be⸗ ſorgt auf das Zeitungsblatt richten, welches ſie eilig ergriff, glatt machte, zuſammenlegte und verwahrte; und ich bereuete meine Thorheit, es mir nicht zugeeignet zu haben, da ich es bereits füͤr die wahrſcheinliche Veranlaſſung ihrer Krank⸗ heit gehalten hatte. Der Blutverluſt war ſo ſtark geweſen, und ich beſorgte, das Bluten koͤn⸗ ne ſo leicht wiederkommen, daß ich ſie erſuchte, ſich ganz ſchweigend zu verhalten, und ſich lang⸗ ſam und ſorgfältig auf meinen und ihrer Frauen Armen zu Bett bringen zu laſſen, wobei ich mir 87 wegen der Abweſenheit meines armen Freundes Gluͤck wuͤnſchte, der nicht eher zuruͤckkehren konn⸗ te, bis ſie im Bett, und das furchtbare Zeug⸗ niß ihrer Krankheit entfernt war. Nie ſah ſich eine Frau zaͤrtlicher von einem Mann geliebt, als ſie; und wenn man die gelegentliche Heftigkeit ihres Weſens, ihren Mangel an Weiblichkeit in meinen Augen, und das Geheimniß, welches ſie umhuͤllte, ausnimmt, konnte ich zu dieſer Zeit keine Frau fuͤr wuͤrdiger erklaͤren, geliebt zu wer⸗ den; denn ſie war edel, zaͤrtlich, veines Her⸗ zens, und wie ich immer glaubte, in jeder Hin⸗ ſicht untadelhafter Zuͤchtigkeit; und ich mußte nur denken, daß eine einzige Verirrung ſie in die Nothwendigkeit verſetzt hatte, ſich einer Folge Verſtellungen zu uͤberlaſſen, die ihre ſtolze Seele verachtete. Nachdem ſie ſich im Bett be⸗ fand, und ich mich, ſie ihren Frauen uͤberlaſ⸗ ſend, entfernen wollte, legte ſie ihre matte 88 Hand auft meinen Arm, und an meinem Betra⸗ gen bemer tend, daß ich ihren Zufall fuͤr bedeu⸗ tend hielt, flüſterte ſie, wobei ihre Augen ſo⸗ gar Vergnuͤgen ausdruͤckten:„Glauben daß ich ſterben werde, eti „Ich hoffe nicht, um meines armen Freun— des willen,“ erwiederte ich mit tiefbewegter Stimme. „Aber nicht um meinetwillen? Ich danke Ihnen— es iſt gutig,“ antwortete ſie⸗ „denn ich habe in der That lange genug gelebt.“ Sie machte mir hierauf ein Zeichen wit der Hand, mich zu entfernen, und befreite mich da⸗ durch von dem Schmerz, und der Schwierigkeit einer Antwort. Wie ich erwartet hatte, verließ Lord D— gaͤnzlich ſeine Standhaftigkeit, als er das Vorge⸗ fallne erfuhr, und ich hielt es fuͤr meine Pflicht, ————————— 89 ihn auf das ſchlimmſte vorzubereiten. Nicht als ob ich ſie in unmittelbarer Gefahr geglaubt haͤtte, allein mehrere Beobachtungen ihres We⸗ ſens ließen mich dießen Zufall von ſehr ernſter Nas tur fuͤr ſie halten, und bei ihrer Erregbarkeit war eine Wiederholung deſſelben ſehr zu fuͤrchten. Allein ſie erholte ſich von den Wirkungen dieſes Unfalls fruͤher und vollſtaͤndiger, als ich erwar: tete; denn ſie zeigte jetzt meinem beobachtenden Auge, ſtatt ihrer vormaligen Ruheloſigkeit, eine Art ſtiller Schmerzen, gefaßter Verzweiflung, die ihrem Zuſtand guͤnſtig war. Dennoch, ſo ſeltſam es ſcheint, bemerkte mein getaͤuſchter Freund nichts von dem allen, ſondern ſchrieb das ruͤhrende Schmachten ihrer Stimme, ihres Ge⸗ ſichts und Betragens, nur der Krankheit und jenem eingedenken Kummer zu, deſſen Sput ren und Erinnerungen ſie ſelbſt im Schyos des Wis beizubehalten verſicherte. 90 Einige Monate waren nun vergangen, und die meiſte Zeit auf einem Sopha ruhend, konnte Lady D—, wie gewoͤhnlich, uns zuhoͤren⸗ wenn wir laſen, oder ſich faſt ſo gut wie ſonſt unterhalten, als wir die Ankunft einer ſchottis ſchen Familie in Nice erfuhren, und Lord D— eingeladen ward, ſie im Hauſe eines Herrn ſei⸗ ner Bekanntſchaft zu treffen; und da er mich bei ſeiner Gewahlin wußte, trug er kein Bedenken, die Einladung anzunehmen. Ich ſah Lady D— bei der Nachricht, daß er auf dem Wege ſey, eine ſchottiſche Familie kennen zu lernen, die Farbe verandern; den⸗ noch ſchwieg ſie, und er entfernte ſich. Die uͤbrige Zeit des Tags war ſie oſt ſehr zerſtreut und unruhig, und als ſie meines Freundes Stimme auf den Treppen hoͤrte, gerieth ſie in Bewegung. Er trat herein, ſichtlich in guter 91 Laune, und mit ſeinem Beſuch zufrieden.„Liebe ſte Roſabelle,“ ſagte er, ihre kalte Hand kuͤſ⸗ ſend,„ich habe einen ſo angenehmen Tag vers lebt, als es mir in Deiner Abweſenheit moͤglich iſt, und kannſt du es glauben? mit—“ Hier unterbrach ſie ihn mit der Bitte, die Lichter an einen andern Ort zu ſetzen, weil der Schim⸗ mer ihren Augen ſchade: dann einen Schleier uͤber das Geſicht werfend, ließ ſie ihn den Faden des Geſpraͤchs wieder aufnehmen.„Ja, Roſa⸗ belle, kannſt du es glauben? ich war in der That in Geſellſchaft eines Macdonalds— eines Oberſt Macdonalds von Dunkeld— und viels leicht eines Deiner Verwandten von Seiten des Mannes. Ich ſagte ihm uͤber die Tafel, daß ich die Ehre gehabt haͤtte, mich mit einer Mac⸗ donald zu verbinden, und mit ihm verwandt zu ſeyn hoffe. Er verbeugte ſich, und ſagte, er hoffe es gleichfalls, allein Macdonald ſey ein ſo 92 gewöhnlicher Name, daß er ſich kaum damit ſchmeicheln konne. Hatte ich Rocht, Roſabelle? Waren die Macdonalds von Dunkeld Verwand⸗ ten deines Mannes?“ „Nein, nein,“ antwortete Lady D—, mit einem Ton, der mich fuͤrchten ließ, ſie auf dem Wege krank zu werden. „Deſſen fuhr mein Freund fort, „er ſey mit dir verwandt, oder nicht, iſt er ein ſehr angenehmer Mann, und um ſo intereſſanter fuͤr mich, da er eine Gattin verloren hat, eine ſehr ſchöne Frau, Lund wie ich glaube, unter ſtarker Vermuthung, ſich ſeibſt das Leben geraubt 8 in mben n n Wohl rief Lady D—, mit unge wohnlichem Ausdruck der Stimme, und ſich ſchnell von ihrer ruhenden Stellung emporrichs tend—„Wohl, und uſerte dieſer intereſſante ——— . 93 Witwer große Trauer uͤber ihren Verluſt, duß Dein gutiges Herz ſich ſo fuͤr ihn eingenommen „Ja. Es iſt ein Schlag, den er, wie ich finde, nie uͤberwunden hat. Dies ſagt ſeine Schweſter, eine ſehr anziehende Frau, die ſeit der Zeit ſeines Ungluͤcks mit ihm lebte, und de⸗ ren Geſelſchaft ſein Sniger Troſt iſt. eeil 06 6n ei Shſerz Jüſ ſ iß ſ 3 6 kann nicht uhipſ werden; denn„ ein Mann von Ehre, und hat ſe mir als ſih vorgeſtellt. 105 tiebſter genn Du haͤlſt et Mann faͤr ſo edel, wie du biſt. Und waͤhrend er ihr verbindlich und zaͤrtlich fuͤr dies Lob dankte, ſtand ſie von ihrem Sitz auf, und belebter und ſtaͤrker als ich ſie in der letzten Zeit ſah, ging ſie an ſeis pz bn nem Arm mit ihrem gewoͤhnlichen Anſtand dutch's Zimmer, indeſſen ihre Augen von einer Art un⸗ naturlichen Glanzes ſtrahlten, und ihre Wangen von ungewöhnlicher Rothe ergluhten. „Theure Lady!“ ſagte ich⸗„ich glaube, Sie thäten beſſer, ſich wieder niederzulaſſen, Und eh' ſie mir antworten konnte, veräͤnderte ſie die Fatbe, brach in einen heftigen Thränenſtrom aus, und ließ ſich gefallen, ſo ſchnell als mg⸗ lich zu Bett gebracht zu werden. Als Lord D— ſie nach einigen Tagen völlig wieder hergeſtelt ſih, geſtand er iht, daß er das Verſprechen ge⸗ geben habe, die Macdonalds im Hauſe ſeines Freundes wieder anzutieffen, indem Madam Douglas, Macdonalds Schweſter, in Abweſen⸗ heit ihres Bruders das Ganze dieſer trauvigen Geſchichte zu erzaͤhlen verſprach?„Eine Ge⸗ ſhichte,« fuͤgte Lord D— hinzu, Idie ich ——— ——————— ——— 95 ſehr begiorig zu horen bin; denn ſie iſt, wie man mir ſagt, ſehr romantiſch und ſeltſam, und ſehr ruͤhrend; und in der That eignet ſich Oberſt Macdonald, durch den ungewohnlichen Reiz ſei⸗ ner Perſon und ſeines Betragens, e zu dem Helden eines Romans.“ „Nicht mehr,“ erwiederte ſie unwillig,„wie Du; denn es ſcheint, Du ſetzeſt Empfinbdlei an die Stelle der Empfindung, und willſt lie⸗ ber einer weinerlichen und vielleicht erdichteten Erzählung romantiſchen Kummers zuhören, als am Krankenbett eines leidenden Vees vn weilen. Lord D— erſchien bey dieſen Worten wie einer, der ſeinen Sinnen nicht trauen kann⸗ waͤhrend ein:„Guͤtiger Himmel! welche ungerechtigkeit meinen Lippen entſchluͤpfte. Lady D— ſah nun, daß ſie zu weit gegangen 96 war; und mit Thraͤnen in den Augen bat ſie ih⸗ ren Gemahl, in deſſen Bruſt Zaͤrtlichkeit und gerechte Entruͤſtung kampſten, ihre undankbare Aeuſerung zu vergeben, und ſie der Erregbarkeit der Krankheit zuzuſchreiben„ die in dieſem Fall ein wenig durch die Eingebungen der Eiferſucht N 6öhe wotden ſh un e Eiferſucht!“ i wir beide; er mit ueberraſchung/ ich mit Mißtraun. idert⸗ ſie erröthend, und mit ie dergeſchiagne Angen, meinen ſitſhenden Bii⸗ cken auzuweichen—— Siferſuct — denn iſt da nicht eine Mrs. Douglas, eine ſehr anziehende Schweſter? und waͤh⸗ rend Lord D—, getänſcht und geſchmeichelt, durch dies Befenntniß, einer Empfindung, die⸗ ſie nicht haben konnte, mit Verſicherungen, daß fuͤr ihn nur oin Weib in der Welt ſeyn koͤnne, ſie in die Arme ſchloß, warf ich iht einen Blick des Unwillens zu, der ſie ͤberzeugen mußte, wie ich chre Liſt durchſchaue und verachte. Gewiß iſt es, daß ſie entweder ihren Gewahl nicht zu⸗ ruͤckhalten wollte, oder nicht zuruͤckzuhalten wagte, und er verließ uns zur beſtimm⸗ ten Zeit. Welche angſtvolle Stunden verlobte dieſe theure, unglůrkliche Frau, dieſes Kind und Opfer der Leidenſchaft, während ſeiner Abwrſenheit! Welch ein ernſtes, warnendes Beiſpiel fuͤr al le, die ſich dem Einfluß irgend einer Leibdenſchaft überlaſſen! Und wie ward jede Neigung, ſie zu tadeln, in der Theilnahmme an ihrem Schmetz vernichtet! Wiederholt fragte ſie mich, im Lauf des Abends, nach der Uhr—„Wie! iſt's nicht ſpäter?“ rief ſie dann. Und als ich ihr 6 33 nachher, zur Beantwortung ihrer Frage, eine ſpaͤtere Stunde nannte, erwieberte ſie heftig „Sagen Sie mir nicht, ſagen Sie mir nicht, daß die Stunde ſeiner Ankunft ſo nahe iſt 1 Und bb ſie gleich ſchwieg, bemerkte ich boch zuweilen an ihr die faſt athemloſe Beaͤngſtigunz der Ungewißheit, und den Seelen⸗Kampf einer gerecht gegruͤndeten Be⸗ furchtung. Augenſcheinlich that ſie ſich keinen grohen Zwang an, weil ſie wußte, daß ich ver⸗ muthe, es ſey nicht alles wie es ſolle; vielleicht hielt ſie auch den ugensli der Entdeckung fuͤr nahe, und war es müde, eine ihrem Herzen ſo fremde Rolle zu ſpielen. Enlich hoͤrten wir Lord d— Wagen. „Da iſt er! da iſt er!“ rief die hal⸗ wahnſinnige Roſabelle—„doch vielleicht wird er nicht hierher kommen— nicht kommen, mich zu ſehn!“ Und während dieſer Worte eilte ich 99 ihm entgegen. Ich fand ihn vicht ganz wohl und Willens ein warmes Vad zu nehmen, che er ins Zimmer ſeiner Gemahlin kam, damit ſein mattes Ausſehn ſie nicht beuntuhige. Indes fragte er auf's zaͤrtlichſte nach ihr, und trug mir auf, zu ſagen, daß er ſo bald als moglich zu ihr kommen werde; und mit dieſer Botſchaft kehrte ich zu ihr zuruck. „Alſo glauben Sie gewiß, er wollte kommen, und wird kommen?“ fragte ſie mit unruhi⸗ „Ganz gewiß— und er erkundigte ſich auf s zaͤrtlichſte nach Ihnen. „Dann iſt alles gut,“ murmelte ſie— „doch ich thue beſſer, ihn erſt morgen zu ſehn, da ich mich ſo erſchöpft fuͤhle, und zur Ruh zu gehn wuͤnſche.. Dieſem gemas klingelte ſie ihrer Be⸗ dienung, und weder ich noch Lord D— ſahen G2 100 ſie dieſe Nacht wieder. Am naͤchſten Morgen ließ ſie uns ſagen⸗ daß ſie ſich nicht wohl genug fuͤhle, jemand zu ſehn, und ſo lange als möglich zu ſchlafen verſuchen wolle, und wir wurden erſt am Abend in ihr Zimmer gerufen, wo unter⸗ dem Vorwand der Unpaͤßlichkeit alles Licht ent⸗ fernt war. „Wie befindeſt Du dich dieſen Abend?“ ſag te Lord D—, ſich an die Seite ihres Ruhe⸗ tets ſezend.. ⁰ „Beſſer, weit beſer, oder ich wuͤrde di nicht geſehn haben.“ „Aber hälſt Du Dich für wohl genug, jene ungewöhnliche Erzählung anzuhören, die ich mitzutheilen habe?“ „Ich hoffe gewiß,“ ſagte„denn V lord hat die Grauſamkeit gehabt, ſie mir vor⸗ zuenthalten, bis Sie dieſelbe mit anhoͤren, damit 10 er der Muͤhe, ſie zweimal zu„uͤberho⸗ ben ſeyn moͤchte.“ „Ja, mein Lieber 6 antwortete Lady D— mit ſeſtem Ton der Stimme, der mir aber die Standhaftigkeit eines verzweifelten Entſchluſſes bezeichnet.„Ja, ich bin fähtg und wiltig, al⸗ les zu hören, was Du mir zu fagen haſt, und Herr Moreton ſoll nicht in feiner Erwartung ge⸗ tuſcht werden“ Alein ich will mich ganz nieder⸗ legen, dämit, wenn die Geſchichte angrei fend ſehn ſollte, ich 1 zu eb 1 bin. uei0r 6 6n 1. 5% 12 we 2 Fit zuſeng vhn hoͤrte ich nicht; denn ich ward hin aus geruſen, mit meinem Bedienten zu ſprechen„als Wrs. Douglas von ihres Bruders Liebe zu einer Schönheit zu hlen nſpg ah ohne 102 hötn heſagter Schoͤnen folgten.“ WVelche einzelne Theile du iſ nicht 102 3 S dir Kſ⸗ 42 3122673 „Rein.„ Dn ſe ie ber unneſentſh waten, forſchte ich nicht darnach, weil ich zeitig genug zuruͤckkehrte, alles Nöthige zu hoͤren; denn Mrs. Douglas war nur bis zu Maedonalds Glück ge⸗ kommen, und wie er ſie im Triumph in ſein Haus nach Dunkeld brachte.„Ihre Talente,“ ſagte ſie,„waren ihrer Schoͤnheit undg ihrem Beres gleich; allein ihr Charakter ward tich etwas vbunteit⸗ naͤmlich buch⸗ eine gro⸗ ß Gerinsſchähung der vewöhuien Beſchraͤn⸗ kütgen ihres Geſchüchs, und d ingwöhni ce teibenſchofilihs Gemüthzatt, bie, inmal er⸗ tet, ſie aller Setbſtbeherrſchu! beruubte. Mehrere Jahre indes kannte dus Glück der Ver⸗ 103 bundenen keine Unterbrechung. Allein eines ih⸗ rer Dienſtwaͤdchen, das, wie nachher entdeckt ward, eine Leidenſchaft ſr ihren tugendhaſten Herrn gefaßt hatte, bemuͤhte ſich in einem Anfall doppelter Eiferſucht, nämlich gegen ihre Gebiete rin, und einen andern Gegenſtand in der Naͤhe, Mrs. Macdonalds erregbarem Gemuͤth das Giſft des Argwohns einzuflößen, und ſie mit Verhaͤlt⸗ niſſen bekannt zu machen, die wohl in jeder Frau Verdacht erregen konnten.“ bane * „Sie whlden mich verbinden, i Wr i fiel Lady D— ein,„wenn Sie mit jene Lroſen geben wolllen. 4 3 heict i nein ſihe ſt. Son 36 5 ndi nai Brtt ſagte Wrs.—— mit t ſer Stimme und xrroͤthender Wange,„muß ich mich ſelbſt auſtreten laſſen, undebekennen, dab mriner thorichten důrtlichkeit mein amer Bru⸗ 104 ter all ſein nachſolgendes Mißgeſchick und den Verluſt ſeiner geliebten Gattin zuzuſchreiben hat. Ich halte die Neiquüg des funheen Sohns Lord H— s gewonnen, und ihm zur Erwiederung die menige gegeben; da aber mern Geliebter an der Einwilligung ſeines Vaters zweifelte, be⸗ wog er mich, ſowohl ohne Vorwiſſen meiner Fa“ milie als der ſeinigen, mich insgeheim mit ihm zu verbinden. Indes fuͤrchtete er das Mißfal⸗ len ſeines Vaters ſo ſehr, daß er ſich von mit ein keierliches Verſprechen geben ließ, was es auch koſten dürſte, mich nie als ſeine Gattin darzu⸗ ſelen. Di Folgen dieſer ähereilten Zuſage wa ren, daß, nachdem mein zuſnz nicht Bnger vrr ver⸗ borgen bleiben konnte, und den Augen meines Bruders ſichtbar ward, dieſer mich, im erſten Ausbruch ſeinos Zorns, ſür eine Schande der Familie erklärte; jedoch im nächſten Augenblick verſprach er gutig, untet dem Vorwand einer 105 Reiſt wegen meiner Geſundheit mich an einen Ort zu bringen, wo ich gaͤnzlich unbekannt war, ud wo ich unentdeckt und unverdaͤchtig Mutter werden konnte. Er that es. Als er aber bei ſeiner Verbindung auf dem Familien⸗ Sit zu le⸗ ben beſchloß, wo wir beide perſoͤnlich unbekannt waren, veranlaßte er mich, mit meinem Kind ein Haus in ſeinem Eigenthum zu bewohnen. Un⸗ glucklicher Weiſe konnte er ſich indes nicht ent⸗ ſchließen, die vermeintliche Schwachhlit der Schweſter ſeiner ſtreng tugendhaften Gattin zu ontdecken. Auch wuͤnſchte ich's in Wahrheit nicht, daß er es moͤchte, und auf dieſe Weiſe tegte er, durch Verletzung einer der erſten Pflichs ten des ehelichen Lebens, nie Geheimniſſe vor oinander zu haben, den Grund zu ſeinem nachhe⸗ vigen Elend.“ Hier unterbrach ein tiefer Seuf⸗ zer der Lady die Erzählungz doch nach wenig Augenblicken bat ſie ihren Gemahl, fortzufahren, „ 106 „Jenes uugluͤckliche Maͤdchen, deſſen ich zu? vor erwahnte, hatte, wie es ſich in der Folge zeigte, ihren Herrn in meinem Hauſe beobach⸗ tet, und geſehn, wie er oft mein Kind liebko⸗ ſete, und große Bewegung in Geſicht und Bes tragen verrieth? denn er drang immer in mich⸗ den Vater dos Kindes zu nennen welches ich eben ſo ſtandhaft verweigerte. Dennoch zuletzt unfähig, noch länger den Vorwupf der Schuld⸗ bet dem Bewußtſeyn der Unſchuld, zu ertragen, ſchrieb ich an meinen Gemahl, und bat ihn⸗ unſte Verbindung meinem Bruder vertrauen zu dürfen; und da öſein Vater ſich am Rand des Grabes vofund geſtuttete er mit, unſer wahres Verhältniß meinem Bruder allein bekannt zu machen, und von ſeinem Herzen jene Laſt zu entfernen, die mein vorgebliches Vergehn ihm auferlegt hatte Während ich Antwort auf mei⸗ nen Brief erwartete, hatte das unſelige Mäd⸗ —————————— 107 chen durch irgend ein Mittel ſich Gehör bet einer hochbegabten Frau zu verſchaffen gewußt, von der niemand geglaubt haben wuͤrde, daß ſie auf die Etzählungen einer Magd achte, und ſie hatte ſich hetabgelaſſen, dem Beiſpiel derſelben zu folgen, und ihrem Gatten zu meiner Woh⸗ nung hachzuſpuͤren. Sie that dies, wie wir nun finden, mehr als einmal. Doch an jenem unglücklichen Morgen, einem Morgen, den ich auf andre Weiſe goſegnet haben wurde, da er imit vergsnnte, mich meinem geliebten Bruder zls ſeiner nicht unwurdig darzuſtellen, naͤherte ſich dis verleitete Gattin) nicht länger ihrer Lei⸗ denſchaft zu gebieten ſühig) dem Hauſe, und öffnete die Thur in oben dem Augenblick), wo ich, der Liebe meines Btüders nun zuruͤckgegeben, zum kſteilinul ſeit meitet vermeintlichen Abwei chung bn der Luzend wieder zartlich von ihm nin imurmt ward. Züm erſtenmal kßte er mich 108 mit ber lautern, bereuenden Herzlichkeit eines lang' entfremdeten Bruders, und als ſein un⸗ glckliches Weib erſchien, lagen wir eines in des andern Armen. Theure, irregefuͤhrte, ungluͤckz liche Frau! Wohl kann ich ihre Qualen in die⸗ ſem Augenblick fuͤhlen und verſtehn! Allein das Folgende iſt ſchrecklich.— Kaum hatte Mrs. Macdonald eine fuͤr die Empfindung eis nes anbetenden Weibes ſo furchtbare Scene ers blickt, als ſie ſich ſchnell unſerm Anblick entzog; und von dieſer Stunde an, bis jetzt, haben wir uie ihr Schickſal genau erfahren können. Es iſt wahr wir fanden ihren Mantel und einen ih⸗ wenSchuhe am Ufer eines reißenden Stromes⸗ und hielten es nur füͤr zu wahrſcheinlich, daß ſi ſich hinein ſtürzte. Doch obgleich der Fluß gänzlich und wiederholt durchſucht ward, ſjanden wir doch nie ihren Körper. Und da mein Bru⸗ der nicht von ihrem Selbſtmord aerzeugt wer 7 ——— 109 den konnte, ließ er, nachdem ſie gegen zwei Jahre verſchwunden war⸗ in alle oͤffentliche Blaͤtter eine Bekanntmachung einruͤcken, die, ſo bald ſie ihre Augen erblickten, von ihr verſtan⸗ den werden mußte; ſie enthielt: daß, wenn ſie zu ihrem bekuͤmmerten Gatten zurückkehren wol⸗ le, jeder Anſchein des Verdachts entfernt, und der jetzt ſtrafbar erſcheinende ſo ſchuldlos wie ſie ſelbſt erfunden werden wuͤrde. Da aber kei⸗ ne Notiz von dieſer Anzeige genommen ward, uͤberzeugte ſich endlich mein Bruder ſelbſt von ihrem Tod, und daß ſie ihr Leben wirklich im Fluß geendet habe. Seit dieſer Zeit wanderten wir uͤber die Oberflaͤche der Erde, zuweilen in Begleitung meines Mannes und meines Kins des; zuweilen, ſie wegen Erziehung des letztern an einem Ort zuruͤcklaſſend, reiſte ich mit mei⸗ nem armen Ronald allein, da mir mein Gefuͤhl alles fuͤr die Wiederherſtellung jenes Gluͤcks zu „ 110 thun gebletet, das durch mich zerſtört ward⸗ Ich habe nur noch hinzuzuſetzen, daß das Maͤd⸗ chen, uͤber das ploͤtzliche Verſchwinden ihrer Ge⸗ bieterin ſo entſetzt, auf ihren Knien ſich als die Veranlaſſung ihrer Eiferſucht und ihres Ver⸗ dachts bekannte, und dadurch ihre, in jenem W erklaͤrte.“ „Iſt dies nicht eine rhrene Geſchichte, tiebſte Roſabelle?“ ſagte Lord D—„ich ſah an der Bewegung Deiner Bruſt, daß ſie Ein⸗ druck auf Dich machte. Und— o Gott!“ rief er,„Moreton! Moreton! tomme her! komme! ſie iſt kalt, ſie iſt todt!“ Beinahe ſo erſchrocken als er ſelbſt, nahte ich mich, und fand Lady D— in Ohnmacht, und wie ich vermuthete, nicht ohne Grund. Ih⸗ re Unempfindlichkeit dauerte in der That ſo lan⸗ ge, daß ich zu furchten begann, ſie ſey auf im⸗ TITT mer entflohn. Endlich lebte ſie indes wieder auf, und kam auf einmal zum voͤlligen Bewußt⸗ ſeyn ihrer Lage. Nie ſah ich auf einem Geſicht ſolch einen Ausdruck der Niedergeſchlagenheit, wie jetzt anf dem ihrigen. Anfangs verſuchte ſie nicht zu ſprechen, allein ihr Blick druͤckte Baͤnde vol unausſprechlicher Angſt aus. Endlich er⸗ griff ſie die Hand ihres Gemahls, und druͤckte ſie wiederholt an ihr Herz und an ihre Lippen. Es war eine ſo ungewoͤhnliche Demuth in dieſem Thun, daß mir das tiefe Gefuͤhl eines ſchuldbe⸗ wußten Herzens daran erkennbar ward; und ob es mich gleich nicht uͤberraſchte, ſetzte es doch Lord D— gaͤnzlich in Verwirrung, und er ſuchte ſich einer Liebkoſung, die, obwohl ſie ihm ſchineichelte, ſie herabzuſetzen ſchien, zu ent ziehn, indem er ſie in die Arme nahm, und ei⸗ nen Kuß auf ihre bleichen Lippen druͤckte. Al⸗ lein dieſen Aeuſerungen der Zärtlichkeit entwand 112 ſie ſich heſtig, und ſaste mit großer Anſtren⸗ gung:„Ich bitte Dich, Lieher, mich hier mit Deinem guten Freund und Arzt allein zu laſt ſen— da ich ihn mit einigen Zufällen und Empfindungen, die ich mir bewußt bin, bekannt zu machen wuͤnſche.“ „Auf alle Weiſe,“ erwiederte Lord D— und ich ward mit der geheimnißvollen Frau al⸗ lein gelaſſen. „Ich halte es,“ ſagte ſie,„uͤr unnð: thig, einem Männ von Ihrem Scharfſinn zu ſagen, wer ich bin: wiſſen Sie es nicht ſchon bereits?“ 35 „Ich bekenne„ erwiederte ich,„daß ich meine Vermuthungen habe— Sie ſind die ver⸗ lorne Mrs. Macdonald.“ „Sie haben Recht. Ich bin dieſe raſche, falſchurtheilende, ſchuldige Frau. Doch ach! — ,—— 113 & ſuhen Si⸗ mir, ich beſchwoͤre Sie, auf welche Art ſoll ich meinem ſo ſchwer beleidigten, und nichts argwoͤhnenden Gatten dieſe ſchreckliche Wahr⸗ heit bekannt machen? Wollen Sis es unterneh⸗ men, ihn vorzubereiten, und es ihm vorlänfig zu meiner morgenden, ausfuͤhrlichen Erklärung dieſen Abend mittheilen?—„Gewiß will ich es.“—„Und nun haben Sie die Güte, mit alles zu wiederholen, was Mrs. Douglas, nach jenem Theil ihrer Eczaͤhlung, wo ich an der Thuͤr erſchien und ſie in einer Umarmung fand. bekannt machte; denn in dieſem Augenblick uͤber⸗ fiel mich eine töbtliche Schwäche, und ich hoffte nie wieder zum Bewußtſeyn aufzuleben.“ Ich erzaͤhlte, was ſie verlangte.„Ich danke Ihnen, mein Herr,“ erwiederte ſie, „und nun wunſch' ich allein gelaſſen zu werden. Sie ſcheinen ſich uͤber meine Ruhe zu wun⸗ 1. H 114 dern? doch ſeyn Sie verſichert, ſie entſteht nur aus meiner gewiſſen ueberzeugung, daß ich bald den Schlaf des Todes ſchlafen werde, ſonſt wuͤrs de ich nicht das Bewußtſeyndeſſen, was ich bin, ertragen können. vdzicn nh nem Was ich ihr antworten ſollte, war mir un⸗ bekannt; denn ich fuͤhlte, daß ich ihr Leben nicht wuͤnſchen konnte. Sie hatte, indem ſie ſich der Leidenſchaft eines Augenblicks uͤberließ, den Frieden von zwei liebenswürdigen Maͤnnern zerſtört, von welchen der eine mein Freund und Wohlthäter war, und ich hielt ihren Tod fuͤr die einzige Genugthuung, die ſie einem von beiden geben konnte. Allein im nächſten Augenblick er⸗ weichte ſie mein Herz durch die Worte:„Glau ben Sie mir, ſo oft ich mich auch durch Ihre ſcharfe Beobachtung gequält und verlegen fühlte, habe ich Ihnen doch immer Gerechtigkeit wieder⸗ 115 fahren laſſen, und nach Verdienſt die Anhäng⸗ lichkeit an Lord D— gewürdigt, die Sie ſo mißtrauiſch gegen mich, und ſo wachſam auf meine Blicke und Worte machte. Ach! oft bereute ich, mein tranriges Geheimniß Ihnen nicht vor meiner Verbindung mit ihm vertraut zu haben. Wenn ich es gethan haͤtte, wuͤrde ich, anſtatt daß ich jetzt die ungluͤcklichſte der Frauen bin, noch immer die gluͤcklichſte, und einem Gatten wiedergegeben ſeyn, den ich mit faſt vergoͤtternder Leidenſchaft liebte.“ Es bedurfte nichts weiter, als dieſer Appel⸗ lation an meine Seibſtliebe(ſo ſchwach war mei⸗ ne Natur, und ſo ſchwach iſt vielleicht die menſchliche Natur im allgemeinen) um mein Herz ſelbſt bis zu weiblicher Schwaͤche fuͤr dieſes bekuͤmmerte Weſen zu erweichen; und anſtatt zu antworten, brach ich in Thraͤnen aus. 45 2 116 „Guͤtiger, theilnehmender Freund!“ ſag⸗ te ſie,„obgleich dieſe Thraͤnen mir troͤſtend ſind, bitt' ich Sie doch, ihre Bewegung zu unter⸗ druͤcken. Gedenken Sie des ſchweren Ge⸗ ſchaͤfts, daß Sie zu vollziehn haben, und ma⸗ chen Sie ſich nicht unfaͤhig, es mit Feſtigkeit zu vollbringen. Sie thun beſſer, mich jetzt zu verlaſſen, und ſich auf Ihre harte Pflicht vor⸗ zubereiten.— Doch vorher geben Sie mir eit nen beruhigenden Trank, denn ich gedenke, wo moͤglich, dieſe Nacht zu ſchlafen. Ich that, wie ſie verlangte, un nochien ich ſie mit ſehr vollem Herzen ſich ſelbſt uben laſſen hatte, begab ich mich zu meinem Freund, der in großer Unruhe im Zimmer auf und ab ging. Bei ſeinem Anblick konnte ich nicht ſpre⸗ chen, und er ſchloß aus meiner Bewegung auf den gefaͤhrlichen Zuſtand ſeiner geliebten Roſabel 117 le, und bat mnich mit aͤuſerſter Hoftigkeit/ ihm zu ſagen, was er zu erwarten thabe. „Micht was Sie furchten, theuerſter Lord,“ erwiedert⸗ ich; 3 llein ich habe Ihien viel zu fagen— viel, ſ daß es all' ihre Sinhiſic, kit erfordern wid, 3 es zu niget.“— „Was meinen Sie ſagte er ſent. „emerkten Sie nie, fuhr ich fort⸗ 55 was Geheimnißvolles in der Geſchichte oder Er⸗ ſcheinung Ihrer angebeteten Roſabelle? Seigte ſie ſich Ihnen nie, als habe ſie eine Laſt auf dem Herzen?“—„Zuweilen—“.—„Be⸗ ſorgten Sie nie, ſie habe etwas zu verbergen, und einen wichtigen Grund, ſich dem Anblick andrer zu entziehn, und, wie ſie that, in beſtän⸗ diger Abſonderung zu leben?“ „Nie, nie! und zu was pu n ſeltſas me Einleitung fuͤhren?“ 118 Auf dieſe Art ſuchte ich ſein Gemuͤth auf das, was ich mitzutheilen hatte, vorzubereiten: allein fuͤr große Schmerzen giebt es keine Vorbereitung„ und ob ich gleich vnrmuis bei Er⸗ duldung ſwerer Leiden in Lord D— Nih⸗ geweſen war, ſo hatte ich ihn doch nie ſolche Qualen empfinden ſehn, als jet. Er fuͤhlte auf's tiefſte, daß das Weib ſeiner Anbetung gegen alle Vorſchriften der Religion und jede moraliſche Pflicht ſich vergangen hatte; und ſein tligibſes Gefuͤht, das ſonſt ihm zum Troſt ge⸗ w— nur K S Sumer. Als es wieder Morgen wat, vermochte ich ihn, um ſeinet noch immer ängebeteten Roſch belle willen, ſich einigetmaſen zu faſſen, da ſie mir geſagt hatte, ihm eine vollſtändige Erklä⸗ rung alles Vorhergegangnen gehen zu wollen. Der Tag war indes ſchon ſehr weit vorgeruckt, 119 ehe ſie fahig war ihn zu ſehn, obgleich ſie mir an die Seite ihres Lagers zu kommen verſtattete⸗ Gegen den Abend ward ſie jedoch gefaßter, und wir wurden beide in ihr Zirmmer gerufen. Ich will weder dieſes Wiederſehn, noch den Aus⸗ druck gequalter Zaͤrtlichkeit auf ſeiner Seite, und die nutzloſe Reue und Buße auf dertihrigen, zu beſchreiben verſuchen, ſondern zu ihrer Erzäh⸗ tung fortgehn, von der ich indes nur das anfuͤh⸗ ren werde, was zur Erläuterung manches uner⸗ klörlichen in ihrem Betragen dienen kann⸗ So fruͤh ich auch meine Eltern verlor,“ ſing ſie an,„lebten ſie doch langs genug, um mich durch falſche Nachſicht zu verwöhnen; und eine Verachtung alles Zwanges, eine gaͤnzliche Abneigung, meinem Weſeh durch irgend etwas Feſſeln anzulegen, war faſt gleichbedeutend mit meinem Daſeyn. Als ich heran wuchs, ward 120 meine Schoͤnheit der Gegenſtand allgemeinen Lo⸗ bes, wo man mich ſahz doch muß ich, um mir ſelbſt Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, beken⸗ nen, daß ich, im Bewußtſeyn auch Talente zu haben, klug genug war, mehr auf den Beſitz der letztern, als der einer vergänglichen, ſelbſt vollkommnen Liebenswuͤrdigkeit, ſtolz zu ſeyn. Da ich aber das Seltſame liebte, nahm mein Geiſt ungluͤcklicher Weiſe eine metaphyſiſche Richtung, und ich vertiefte mich in Buͤcher, die gewoͤhnlich Frauen unbekannt ſind. Die Folge davon war, daß der Stolz und die Unabhaͤngig⸗ keit des Geiſtos, die ich von Ratur beſaß, durch dieſe meinem Geſchlecht ungewoͤhnlichen, einge⸗ bildeten Kraͤfte vermehrt ward; und uͤberzeugt⸗ daß Frauen in keiner Hinſicht den Männern um tergeordnet waͤren, ſing ich an, die Sclaverei, in der wir, nach meiner Meinung, von dem andern Geſchlecht gehalten wuͤrden, zu verachten⸗ — 121 unſre Rechte fuͤr gleich, und unſte Pflichten und Tugenden fuͤr dieſelben zu halten. Von allen Ungerechtigkeiten und Tyranneien erſchien mir keine groͤßer, äls die, welche die Geſetze der Ehe, wie ſie jetzt ſind, auſerlegen; ob ich gleich; wie ich vormals ſagte, mein Vaterland wegen ſeiner Geſeße in Bezug auf Scheidung ehrte. Was ich Ihnen hier ſagte, war noͤthig, um die tiefe Ahndung zu erklaͤren, welche die vermeintliche Untreue eines zaͤrtlich geliebten Gatten in mir erregte, und den augenblicklichen, nach meiner Meinung gerechten Entſchluß bewirkte, für immer den Mann zu verlaſſen, der ſich, vermoͤge ſeines Geſchlechts, zu einer Handlung berechtigt glaubte, die er bei mir durch Trennung beſtraft haben wurde. Dennoch ward ich von den Empfindungen eines gekraͤnktei Stolzes und verwundeten Zartgefuͤhls abge⸗ halten, mich, wie ich thun zu können glaubte, 122 den Geſetzen nach von ihm ſchiben zu laſſenz und nachdem ich entflohn war, um nimmer zu⸗ rückzukehren, beſchloß ich, mit der bloßen Tren⸗ nung von ihm und dem Bewußtſeyn zufrieden zu ſeyn, daß der Gedanke, mir ſelbſt das Leben geraubt zu haben, mich hinlaͤnglich an ſeinem zärtlichen und gefuͤhlvollen Weſen fuͤr das mir angethane„Unrecht raͤchen werde. Freundin⸗ nen hatte ich nicht, denn ich liebte nicht den umgang mit Frauenʒ und bis ich liebte, behaup⸗ tete ich immer, daß jedermann für ſich ſelbſt be⸗ ſtehn koͤnne, und ein gehoͤrlg aufgeklärtes und geordnetes Gemuͤthkeiner Art von Stutze oder Zuflucht bei Freunden oder Verwandten betürfe. Als ich aber zu lieben lernte, empfand ich, daß⸗ die Abhängigkeit von einem Weſen weit ſuͤßer war, als alle meine gerüchmte Selbſtſtändigkeit. Im Verhältniß meiner Liebe und meines Gluͤcks war daher meine Entruͤſtung und mein Elend, 123 als ich mich in einem ſchwachen Augenblick herab⸗ ließ, einer treuloſen Dienerin Gehoͤr zu geben⸗ und den geliebten Gatten fuͤr untreu zu halten. Sie wiſſen bereits die Folgen jener Erſcheinung⸗ zu der mich Eiferſucht antrieb, und Sie werden bekennen, daß der Anblick meines Gemahls in den Armen einer jungen, ſchoͤnen Frau, ſeiner vorgeblichen Geliebten, hinreichend war, ſelbſt in einer ſonſt ruhigen Bruſt den Sturm der Lei⸗ denſchaft zu erregen. Doch Mrs. Douglas hat eine Handlung verſchwiegen, die bei mir auf inmer den Gedanken an Ruͤckkehr verdraͤngte, und mich fur todt zu halten wuͤnſchen ließ. Sie ſagte nicht alles: die Wahrheit iſt, daß ich im Wahnſinn uͤber das, was ich ſah, ein Meſſer ergriff, das ungluͤcklicher Weiſe im Fenſter lag, und es nach meiner Nebenbuhlerin warf; doch ich ſah es ohne Erfolg zu ihren Fuͤßen niederfal⸗ len. Sogleich beſchamt uͤber den Vorſat eines Mordes, und von Sinnen aus andern Gründen, eilte ich mit Blitzesſchnelle nuf Pfa den, die ich bis jetzt fur unzugaͤnglich gehalten hatte, ja boflaͤgelt und durch Verzweiflung an⸗ getrieben, ſprang ich uͤber einen tiefen, feuchten Graben, der den groͤßten Theil von Macdonalds Beſitzungen umſchloß; und eh' man deſſen Er⸗ reichung für möglich hielt, befand ich mich ſchon in einer kleinen Huͤtte, wo eine arme Frau leb⸗ te, der ich viel Gutes gethan hatte, und die ich, durch eine klägliche Geſchichte des mir zugefugten unrechts, mich zu verbergen bewog, bis alle Nachforſchung voruͤber war. Ich ließ ſie hier⸗ auf meinen Mantel und einen meiner Schuhe an das Ufer des Fluſſes, in der Nahe unſter Beſitzungen, tragen, und nachdem ich einige Tage bei ihr verborgen geweſen war, vermochte ich ſie, mit mir zu gehn. Ich wurde mich ſehr hald in großer Geld Verlegenheit hefunden ha⸗ r23 ben, hätte ich nicht an dem Tage, wo ſich dies Ungluͤck zutrug, aus den oͤffentlichen Blaͤttern erſehn, daß ein Loos in der Lotterie, woran ich einen Theil hatte, 20,000 Pfund gewann, und ich daher auf 5000 Anſpruch machen konnte⸗ Glucklicher Weiſe, wie ich damals dachte, hatte ich dies Loos in meiner Börſe, und noch Geld genug zu meiner Reiſe nach London, wo ich den Antheil an dem Loos erhielt, und mich hierauf nach Wales begab. Hier blieb ich, bis meine arme Janet ſtarb; doch alsdann ein Walz liſer Maͤdchen in meine Dienſte nehmend, be⸗ ſchloß ich ins Ausland zu gehn, nachdem ich ge⸗ gen zwei Jahr, als Witwe, faſt in gänzlicher Abgeſchiedenheit in Wales zugebracht hatte. Ich wollte verſuchen, ob eine Veraͤnderung des Schauplatzes ein Gemuͤth beruhigen koͤnne, welches ſich, trotz ſeiner gerühmten Unabhängig⸗ keit, nach einem verwandten Herzen ſehnte, 126 und obwohl zu ſpät empfand, daß die Bande der Freundſchaft und Verwandtſchaft unumgaͤng⸗ lich nothwendig zu unſerm Daſeyn ſind. In dieſem Augenblick war es, wo ich Sie in Fal⸗ mouth traf. Und Sie konnen ſich nun alles dens ken, was ich erdulden mußte; denn ob ich gleich, nach meiner Anſicht, durch die Untreue meines Mannes ſo gut als völlig von ihm geſchieden war, ſo wußte ich doch, daß ich eine geſetzwi⸗ drige Handlung beging, und daß meine Kinder, wenn ich welche erhalten ſollte, unrechtmaͤſig waͤs ren. Da ich aber in meiner Verbindung mit Macdonald keine Kinder gehabt hatte, hoffte ich auch jetzt keine zu bekommen. Die Gruͤnde, durch die ich mich uͤberzeugte, daß es recht ſey⸗ mich mit Ihnen zu verbinden, da ich zum Gluͤck eines andern nothwendig geworden war, ſind zu truͤglich, um ſie zu wiederholen. Genug, ich fand bald die Unmoͤglichkeit des Gluͤcks für eine —— 127 Frau, die ſich eines Geheimniſſes, dem meinigen gleich, bewußt iſt, deſſen Bekanntmächung das Ungluͤck eines der beſten Maͤnner veranlaſſen wür⸗ de. Doch ach! welchen Schmerz empfand ich bei dem Gedanken, Mutter zu werden, und den geſetzlichen Erben ſeines Erbtheils zu berauben! Wäre indes mein Kind leben geblieben, ſo hatte ich beſchloſſen, es nie erben zu laſſen, denn ich war Willens mein Bekenntniß ſichern Haͤnden anzuvertrauen, es im Fall meines Todes mel⸗ nem Gemahl zu geben, und wenn er ſterben ſoll⸗ te, eroͤffnen zu laſſen.“ „un,“ ſiet ich ein,„wie konnten Sie jenen Brief voller unwahrheiten von Mrs. M—— bewirken? „Durch durch vollſtaͤndige Vorfaͤl⸗ ſchung; denn ein unrechter Schritt verwickelt uns in ſo viele nothwendige Vergehungen, daß 128 ſch, bis jett mit der Falſchheit unbekanit, mich in einen Abgrund der Unwahrheit ſturzen mußte. Ich wußte, daß eine entfernte Verwandte von mir, Roſabelle St. Clair, die man fuͤr eine ſehr ſchone und liebenswuͤrdige Frau hielt, einen Oberſt Macdonald geheurathet hatte, und eine ſo muſterhafte Gattin, als er ein böſer Ehe⸗ mann geweſen war. Eben ſo wohl kannte ich die genaue Freundſchaft dieſer Dame mit Mrs. M—, und erfuhr von einer Freundin derſel⸗ ben, die ich zufallig in Wales ſah, daß Mrs. Macdonald von ihr Abſchied genommen habe, um zur Pflege eines kranken Bruders nach Altos na zu reiſen. Ich glaubte daher ohne Gefahr der Entdeckung ein ſcheinbares Seugniß meines Betragens erhalten zu konnen, welches zwat nicht zur Beſtaͤtigung der guten Meinung Lord D—s, wohl aber; wie ich ſah, zur Vermin⸗ derung ihres Verdachts erforderlich war. 29 „Doch warum veraͤnderten Sie nicht Ihren Namen?“ 6 voninen nno noe no ic rag tiihi b ſich S— en net untſheiug halten, und nhillin⸗ daß da ich einmal von der Wahrhelt azechen brſchoß, ich eine Unwahrheit mehr nicht zu ſeuen us⸗ thig gehabt hatte llein mein Gefüht ſrach ge⸗ gen dieſe Verfälſchung, und ich war immer ge⸗ wohnt, mich von dieſem leiten zu laſſen: uͤber⸗ dies war in dieſem Fall, wie ſie ſehen, dieſer kleine Beweis von Wahtheitt mir vortheilhaft, da e mich faͤhig machte, Zeugniſe fuͤr bie Tü⸗ — einer Mitota zu vüſüt⸗ g ein Wehrſun 6 „Rein; es war ein ngher— mei⸗ nes Gemahts. 69 ich fuͤhlte mich ſogleich uͤber⸗ W. 5 130 zeugt, daß bei meinem Vereilen ſeine erſten Worte Sie von dem Leben meines Mannes ůber⸗ zeugen whrdenz und ich ward nachher nie ruhig, denn ich wußtr er werde Macdonald von dem Zuſunmentefen mit mir Nachricht geben, und gewiß, nur meines armen Mannes immerwäh⸗ rende weintrung des Rufenthuitz kann einen Srif dieſes Zrhaus verhinbert haben.“ „Was war das fur eine Zeitung⸗ die Sie o in Set ſette? S4b „ein ae engliſches zngtbun, dos j ne Anzeige enthielt, die mich zur Ruͤckkehr auf⸗ forderte, und meines Mannes Unſchuld bezeug⸗ te. Von bieſem Augenblic an ich, wo möglich Beweiſe dieſer Serihmten Schulbloſt g5 keit zu erhalten, und wenn ich ſi ie erhielt, mich von Lord D— zu trennen, obwohl nie zu zhm zuruͤckzukehren. Dennoch wat es zu mei⸗ 131 ner Ruhe nöthwendig, bieſe Verſicherung blos als eine Lockung zur Ruͤckkehr anzüſehn, und end⸗ lich lernt' ich ſie auch dafuͤr halten. Das übri⸗ ge iſt Ihnen bereits bekannt; und ich will weder Sie, noch mich, durch die Schilderung meines Eiends guäen, als ich von mir ſo theuern Lip⸗ pen erfuhr, daß Macdonald in der Stadt ſey, und Lord D— ihn geſehn habe, als Wit⸗ wer, ein geliettes Weib beklagend: Dennoch ward ich den Gedanken getroͤſtet und auf⸗ gerichtet, daß Mrs. Douglas ohne Zweifel die Ge liebte ſey, fur die er mich auſgab, da 6 ihn nie von einer Schweſter ſprechen hoͤrte— ein Schweigen, daß nun erklärt iſt. Ich hab⸗ nichts weiter hinzuzuſetzen, als daß ich eifrigſt wuͤnſche, durch den Tod erloſt zu werden, da ich den Uebebreſt meines Lebens verurtheilt ſeyn muß, obgleich geliebt von zwei der beſten Maͤn⸗ ner, als ein einſames Weſen zu leben.“ S 6 132 Lord D—, der bis jetzt mit unruhigem, boch gänzlichem Schweigen zugehoͤrt hatte, ver⸗ huͤllte hier das Geſicht, erhob ſich plotzlich, und verließ heftig bewegt das Zimmer. Für mich,“ ſagte Roſabelle, ihm mit zärtlicher Trauer nichblicend,„fühte ich nichts; ich habe mein unglück verdient: allein für dieſe Theuern, deren Frieden ich zerſtörte, empfinde ich unausſprechliche Angſt und Lheilnahme.⸗ „Ja, und ich wuͤnſchte beinahe,“ erwie⸗ berte ich,„Sie hätten Ihr unglckliches Ge⸗ heimniß um meines armen Freundes willen 46 jett unenthůllt gelaſſen.“— „Das konnt' ich nicht; jenes Bewußtſeyn, das immer mein einziger Richter und Rath⸗ geber war, unterſagte mir, ſobald ich erfuhr, daß Macdonald nach meiner Meinung nie auf gehort hatte, mein Gatte zu ſeyn, mit bieſem — ů 133 edeln Weſen zu leben, dem ich nun, in meinen Augen, nur eine Buhlerin ſeyn konnte.— Ich weiß, Sie werden ſagen, ich ſey dies vorher auch blos geweſen. Allein ich dachte verſchie⸗ den; und es iſt nur unſer eigner Begriff von Recht und Unrecht, was uns ſtehn oder fal⸗ len laͤßt.“ „Sie handeln in dieſem Fall vollkommen recht und angemeſſen, und nur um meines ar⸗ men Freundes willen wuͤnſchte ich es anders; denn wie will er die Trennung ertragen?— Werden Sie ihr Daſeyn und Ihre Geſchichte Macdonald wiſſen laſſen?“ „Verſchonen Sie mich!“ rief ſie in heſtis ger Bewegung,„verſchonen Sie mich mit die⸗ ſem Gegenſtand! denn ich bin unfähig daruber zu ſprechen. Bedenken Sie, daß ich meinen Mann liebte, anbetete, daß mich der Ge⸗ danke ſeiner Untreue wahnſinnig machte, und daß ich jetzt, da ich nie wieder mit ihm vereint werden kann, ihn noch immer tren und zaͤrtlich, um mich trauernd und mit meinem Andenken vermaͤhlt finde!“ „Sie wollen ihn alſo ſehen?“—„Ich weiß es noch nicht; denn ach! Moreton, glau⸗ ben Sie, daß er einwilligen wird, mich zu ſehn?“ Hier ward ſie ſo beunruhigt, daß ein ge⸗ waltſamer Anfall von Huſten erfolgte, der das heſtigſte, erneuerte Bluten aus der Lunge verz⸗ urſachte, und als ich nach vielen Stunden fruchtloſer Bemuͤhung es zu ſtillen vermochte, befand ſie ſich ſo ſchwach, und ihre andern Zu⸗ faͤlle waren ſo gefaͤhrlich, daß ich ihr nahes En⸗ de voraus ſah, und ich dankte Gott dafuͤr! Der Tod war ihr ſelbſt wuͤnſchenswerther als das Le⸗ 435 ben. Sch bin unfähig, den Schmerz meines armen Freundes zu ſchildern; denn er mußte noch immer mit der hingebendſten Zaͤrtlichkeit ei⸗ ne Frau lieben„ die er nach ſeinem feinen Sinn moraliſcher Rechtlichkeit fuͤr unwuͤrdig zu halten genothigt war, und deren Charakter und Han⸗ delsweiſe, wie er nun ſah, gänzlich von jenen lautern Grundſätzen abwichen, die auf einen fe⸗ ſten und vernuͤnftig religioͤſen Sinn gegruͤndet, ihm als die einzigen Buͤrgen weiblicher Tugend erſchienen. Dennoch war der Gedanke, ſich von ihr zu trennen, unertraͤglich. Indes fuͤhlte er ſich, trotz ſeines Wohlwollens, ein wenig durch meinen Verſicherung getröſtet, daß wenn ſie leben bliebe, ſie nie zu Macdonald zuruͤck⸗ kehren werde. Unpaͤßlichkeit der ſchmerzlichſten Art be⸗ wächtigte ſich nun dieſer unglͤcklichen Frau und 5 136 verdraͤngte beinah die Leiden des Gemuͤths, und in wenig Tagen war ich uͤberzeugt, daß alles bald voruͤber ſeyn wuͤrde. Bis jetzt hatte ſie, augenſcheinlich aus dem edeln Wunſch, ſich chren Gefuhlen nicht auf Lord D—6 Koſten zu uͤberlaſſen, weder ihres Gemahls erwähnt, noch ein Verlangen nach ſeinem Anblick geaͤußert. As ſie aber von mir hoͤrte, daß ihre letzte Stun⸗ de nicht mehr ſehr entfernt ſeyn koͤnne, ward ihr Herz bei dem Gedanken an Macdonald, den Gatten ihrer erſten Liebe und das unſchuldige Opfer ihrer raſchen, ſinnloſen Entfernung, ſo mit Zaͤrtlichkeit erfuͤllt, daß ſie den lebhafte⸗ ſten Wunſch ausdruͤckte, ihn zu ſehmund ſeine Wergebung zu ethalten; auch bemühte ich mich umſonſt, den Eingebungen eines edeln Mitleids gegen ihn Gehoͤr bei ihr zu verſchaffen. „Erwägen Sie,“ ſagte ich,„daß wenn er von Ihrem Leben Nachricht erhaͤlt und Sie ſo 137 findet, alle ſeine Wunden von neuem bluten⸗ und andere der toͤdtlichſten Art hinzugefugt wer⸗ den. Nein: zeigen Sie die Groͤße des Ge⸗ muͤths, indem Sie ſich bemuͤhen, den Mann, den Sie bereits ungluͤcklich machten, mehr Lei⸗ den zu erſparen, und laſſen Sie Ihre Eigen⸗ liebe im Leben durch Ihre Selbſtuͤberwindung im Tode verſoͤhnt werden.“ Sie ſchwieg, ſie richtete ihre Augen wie im Gebet empor, und nach einem langen und ſchweren Kampf ſagte ſie:„Sie haben ge⸗ ſiegt; und möge Machonald nie nur die Ver⸗ muthung haben, daß ich lebte, und fur einen andern lebte!“. Dieſer tugendhafte Entſchluß uͤberwand mich gaͤnzlich. Ich weinte über ſie wie ein Kind, und beſchuldigte mich ſogar der Grauſamkeit, dieſes Opfer von ihr verlangt zu haben. Allein 138 meine Bemuͤhungen und ihre Willfaͤhrigkeit wurden durch das, was eine Treppe tiefer vor⸗ ging, unwirkſam gemacht. Oberſt Macdonald kam, um Lord D— s Beſuch zu erwiedern, und trat eben ins Vorhaus, als mein Freund aus einem Zimmer in's andre ging. Bei ſeinem Anblick bebte er mit einer Art krampfhafter anaſt zuc, und bei ihm voruͤbereilend, warf er ſich auf ein Sopha. Macdonald hatte von Lady D— Krankheit gehoͤrt, und nur zu wohl mit dem bekuͤmmerten Gatten uͤbereinzus ſtimmen fähis, folgte er ihm, mit Trahnen im Auge und bleicher Wange, in's Fimmtr. 3 Lord,“ ſagte er⸗»ich utui⸗ Sie— In der Einbildung, Macdonald habe das Geheimniß entdeckt, und komme, ſeine Gattin zuruͤckzufordern, ſprang Lord D— bei dieſen Worten auf und rief: 139 „Ich kenne Ihre Rechte, mein Herr! und will ſie nicht beſtreiten; aber der Tod wird ſie uns entreißen: Ihre Roſabelle und meine Roſabelle liegt auf dem Sterbebett, Macdo⸗ nalb nn „Ihre Roſabelle und meine!“ rief letz⸗ terer, ſeinen Arm ergreifend. „Ja! wiſſen Sie nicht, daß Ihre lang' verlorne Roſabelle jetzt Lady D—, mein ge⸗ liebtes Weib iſt?“ „Schurke!“ ſchrie Macdonald, vor Lei⸗ denſchafſt und Beſtuͤrzung kaum der Sprache miächtig— doch in dieſem Augenblick trat ich herein; denn einer der Bedienten, die Heftig⸗ keit hoͤrend, mit der ſein Herr ſprach, hatte mir Nachricht gegeben. Was die Folgen ohne mei⸗ ne Dazwiſchenkunft geweſen ſeyn wuͤrden, weiß ich nicht; aber ich nothigte Macdonald, mit mir 140 in ein andres Zimmer zu gehn, und enthuͤllte ihm nach und nach die ganze Geſchichte. Ach! hatte er Lord D— anklagen können, ihm ſeine Gemahlin entriſſen zu haben, es würde Selig⸗ keit gegen das geweſen ſeyn, was er jetzt em pfand, als er ſein Betragen fur untadelhaft erklaͤren, alle Schuld ſeiner Gattin beilegen, und ihre lange Entſremdung gegen ihn als ganz freiwillig anerkennen mußte! Ich ſagte ihm, wie Rückſicht auf ſeine Ruhe ſie zu dem Ent⸗ ſchluß vermocht habe, ihn unbekannt mit ihrem Daſeyn zu laſſen, und ſich dab ergndhen ſei nes Anblicks zu verſagen— als er mich heftig unterbrach—„Vergnuͤgen! wuͤnſcht ſie mich zu ſehn? liebt ſie mich denn noch immer? o führen Sie mich zu ihr! führen Sie mich ſogleich zu ihr!“— Ich muß bekennen, daß ich in dieſem Augenblick mehr an meines Freun⸗ des, als Macdonalds Gefuhle dachte, und ich 441 konnte es nicht ertragen, ihn ohne deſſen Zuſtim⸗ mung zu ihr zu fuͤhren. Doch ſeine ungrſtüme Zärtlichkeit ließ ſich nicht zuruͤckhalten. Die ſterbende, noch ſo ſchuldige Roſabelle, reuig und liebend nach ſeinem Anblick verlangend, war ein Gegenſtand, von dem man ihn umſonſt zu entfernen ſuchte.— Ueberdies war ſie ſeine Gattin, und er hatte ein Recht ſie zu ſehen; und waͤhrend ich, auch fur ſie wegen ſeiner plötz⸗ lichen Erſcheinung beſorgt, an der Treppe mit ihm ſtritt, erreichte ſein Ausruf:„Sie iſt mein Weib, und Sie ſollen ſie mir nicht vorenthal⸗ ten!“ Rſchelens Ohr. Auch der ſchwächſte Laut dieſer ſo zartlich geliebten Stimme tonte noch in ihrem Herzen wieder, das unter allen ſeinen Verirrungen treu geblieben war; und ſich ſchnell von ihrem Ruhebett erhebend, wuͤrde ſie die Thuͤre zu erreichen geſucht haben, hätte Mardonald nicht plötzich vor ihr geſtanden. 142 Nit weich einem Blick eitzůckter gůrllichteit tich⸗ tete ſie ihre Augen auf ihn! mit welchem Aus⸗ druck der Freude uber ſein Erſcheinen! Dann ſich in ſeine offnen Arme werfend, ſchloß er un⸗ bewußt an ſein Herz, bleich und als lebloſe Leiche, jene Roſabelle, die er zuletzt in aller Lieblichteit volltommner Schonheit geſehn hatte. zu beſchreiben ſuchen/ den ſowohl mein Freund, als Oberſt Macdonald, bei der Verſichrung em⸗ pfand, daß ſie auf immer geſchieden ſeyz doch muß ich einige Bemerkungen uͤber die Dauer ihres Kummers wagen, die gewiß mit deſſen Heftigkeit in keinem Verhaͤltniß ſtand; denn es iſt eine entſchiedene Thatſache, daß keine Frau, po ſchoͤn und geiſtreich ſie auch ſeyn mag, lange Phantaſie, bei Zuruͤckrufung ihrer Reize, nicht Ich werde nicht die Groͤße des Schmerzes ——————————— ————————— 143 zugleich mit Wohlgefallen auf W Zigenden verweilen kann. Lord D— mütßte ſich erinnern, daß ſeine angebetete Roſabelle ihn hinttrgangen und zu einer Verbindung mit der Gattin eines Andern vermocht hatte; und anſtatt vomn Oberſt Macho⸗ nald mit zaͤrtlicher Theilnähme als ein Opfer der Liebe zu ihm und als eine zwar raſche, aber intereſſante Selbſtmorderin aus liebendem Wahn⸗ ſinn betrachtet zu werden, gedachte er ihrer jetzt als eines Weſens von ſolch einein unregelmäßie gen Zuſtand des Gemuͤths und der Gofühle, daß ſie in bewußter Untreue mit einem andern Manne leben konnte. Ich bin auch ſo gluͤcklich zu berichten, daß er von ſeiner vormaligen Lle⸗ be zu ihrem Gedächtniß geheilt, in einet zweiten Verbindung Troſt ſuchte, und fand. Ueberdies hatte ich die Befriebigung, meinen geliebten 144 Freund ſo glͤcklich zu ſehen, als ſeine Tugens den verdienten. uno lioc Nachdem wir uns drei Jahr im Auslande aufgehalten hatten, kehrten wir nach England über Altona zuruͤck, wo ich zufaͤllig mit jener Mrs. Macdonald bekannt ward, welche die un⸗ glůckliche Roſabelle zum Mittel uns zu taͤuſchen gemacht hatte, und ich flößte ihr kein geringes Intereſſe an Lord D—s Schickſal ein, als ich ihr die Geſchichte ihrer irrenden Verwandten erzählte. Dennoch wußte ich wohl, daß ihr Name und gewiſſe Verbindungen damit Lord D— abgeneigt machen würden, ſie kennen zu lernen, pber ſie nur zu ſehen; und ich geſtehe meinen Wunſch, ihn mit dieſer m uſterhaß⸗ ten Frau und wohlgeſinnten Witwe be⸗ kannt zu machen, welche die Fehler ihres Gat⸗ ten bei ſeinem Leben mit Wuͤrde, ſchweigender Schonung und öaͤrtlicher Nachſicht ertragen . 145 hatte, und ſelbſt ſein Andenken mit verge⸗ bender Zuneigung vor Tadel zu ſchutzen ſuchte. Eines Tages begegneten wir ihr auf den Straßen von Altona, und Lord D—, von ihret Schonheit betroffen, fragte, wer ſie ſeh.„Es iſt Mis. Macdonald,“ drwiederte ich, und er eilte, wie ich erwartet hatte, ſchau⸗ dernd voruber, doch ſah er ſich in einiger Ent⸗ fernung nach ihr um. Am nächſten Tage be⸗ gegneten wir ihr wieber, und ich fand ihn uͤber die Fomilien /Aehnlichkeit mit ihrer Verwandten betroffen; denn ich hört' ihn im Wettergehn ſagen: wie ähulich!“ während i mit ſprechen, ſtehen blieb.„ „Ich wuͤnſchte, Sie ließen ſich ihr vorſtel⸗ len,“ wagie ich zu ſugen Doch er autwortete heſiig:„Auf keine Weiſe, es wutde zu ſchmetz⸗ lich füͤr mich ſeyn. Ich drang nicht weiter in ihn; denn ich wußte, daß Mrs. Mäcdontild in IV. 146 demſelben Schiff mit uns nach England ſtgein wurde. und daher eine Bekanntmachung, frü⸗ her oder ſpäter, ſtatt haben mußte. Meine Erwartungen beſtätigten ſich, und da Lord D—, ſabaid nir u eingeſchifft hatten, von einer be⸗ deutenden Krankheit ergriffen ward, machte ſich Mrs. Macponald, durch die Kenntniß jener kleinen Dienſte und Aufmerkſamkeiten, die dem Kranken ſo willkommen und wohlthuend ſind, zu einem hoͤchſt ſchaͤtzbaren Gewinn ſür uns; und ob ſie gleich Lord D— keine perſonlichen Auß⸗ merkſamkeiten erwies, verſäumte ich doch nicht, ihm wiſſen zu laſſen, daß die Erquickungen, die er genoß, von ihr bereitet und beſorgt waͤren. Auch hörte ich ihn, kurz nachdem er wieder wohl genug war, ihr in Perſon ſeinen Dank ausdrü⸗ cken zu können, mich fragen, ob ich nicht uber ih re Aehnlichkeit mit einer ihm ſehr theuern Per⸗ ſon erſtaunt wäre? uzn „Gewiß, erwiederte ich, h, und ich erinnre mich, daß ſie entfernte Verwandte waren.— 2 „Sie mißverſtehn mich,“ erwiederte er ſchnell und tief arröthend,„ich meinte, daß ſie meiner Gattin, meiner theuern Emilie⸗ gleicht!“ f wie freute ſich mein Herz, ats ſch des hörte! denn ich gukte, indem e mit dem Gegenſtand ſeiner erſten Verbindung ei ne Aehnlichkeit fand, oder zu finden glaubte, wolle er bei ſich den vielleicht kaum ſelbſt bewuß⸗ ten Wunſch entſchuldigen, dieſe vermeintliche Aehnlichkeit zur Nachfolgerin des Urbilds zu machen. Ohne, wie ich glaube, in Lord D— eine Aehnlichkeit mit ihrem Gatten zu finden, wil⸗ ligte Mrs. Macdonald in eine Verbinduug mit ihm, ſobald er darum bat, und ihre Vereini⸗ gung war glücklich. Ihr Name war Roſabelle Janet; doch mit erſterm ward ſie, aus leicht zu 2 148 vegreiſenden Gruͤnden, nachdem ſie ſich mit Lord D— verbunden hatte, nie genannt; und alle Crinnerungen an die unglůckliche Roſabelle, ihre Namensſchweſter, wurden, ſo viel als moglich⸗ verbannet⸗ ud n nnc Silm of Im Augenblick, wo ich dirſes ſchreibe„ſe⸗ hen Lord und Lad) D—, iit großer Frrude, der Vermählung ihrer einzigen Tochter, mit dem einzigen Sohn Lorb D— s, des im Anfang dir Geſchichte Stben ent⸗ „5 u nn 4 7 5 1 1 — „ 11 6 33 102b 7* 3 döon 5 401 112% 0 6 2 6bb „ 2. 7 7 0 5 6 ³— — Lady Anne und Lady Iohanne. ——————————————— — „Gut, Heinrich,“ ſagte Herr Percy zinſei⸗ nem Sohn,„welche meiner ſchonen und edeln Mundeln werde ich Tochter nennen? Du ſcheinſt lange gleich Mahomets Grab zwiſchen zwey Magneten geſchwebt zu haben.“ „Schlimm für Mahomets Grab, lieber Vater, wenn es nicht mehr im Gleichgewicht ge⸗ weſen iſt, als meine Neigungen.“ 132 „Lady Anne, Mortimer, ein ſchlankes, lieb: liches Weſen! welche glanzend ſchwarze Augen ſie hat!“ „za;— und welche bezaubernde Augen, von unbekannter Farbe, hat Lady Johanne Lange lei! Sicher, ich weiß nicht, ob ſie grau, vlai oder braun find— doch abwechſelnd halt ich ſte für alles dreies,— und gleich ſchillerndem Taffet, ſind ſie den Blicken angenehm, ohne ſagen zu konnen, welches die herrſchende Far⸗ be iſt.“ gleich ſchillerndem Taffet, Seintich! 1 Ei! ich hoffe, du erſtreckſt dies Gleichniß bis zu ri Gnaden Charakter?* „Bis zu ihrer Laune thu' ich's, und ſie ge⸗ fällt mir deswegen um ſo beſſer.— „Das kann eine Empfehlung fuͤr eine Ge⸗ liebte ſeyn, doch gewiß nicht fuͤt eine Gattin.— 153 Hellfarbige Seide, um Deine Metapher zum Theil zu entlehnen, iſt nicht gut fuͤr den ge⸗ wöhnlichen Gebrauch; eine weniger glaͤnzende und beſtaändigere Farbe wuͤrde beſſer ſeyn⸗ Lady Anne iſt das Weſen fuͤr eine Gattin; ſie iſt nicht ſo blendend wie ihre Couſine, aber ich halte ſie fuͤr ſchaͤtzbarer— ja, ich halte ſie auch fur ſchoͤner, denn ſie hat gewiß beſſere Zuͤge.“ „Beſſere Zuͤge!— ja, der Regelmaͤßigkeit nach: allein ein Etwas fehlt ihr, was Johanne beſitzt, und ohne welches die Schoͤnheit ſelbſt faſt unbedeutend, und mitwelchem ein unbedeu⸗ tendes Weib faſt ſchön iſt— und das iſt Reiz, oder was die Franzoſen agrément nens nen.— Es iſt das, was die Frauen an un⸗ ſerm Geſchlecht fuͤhlen, doch an dem ihrigen nicht verſtehen können; und wenn ſie uns eine Frau bewundern ſehen, an der ſie keine perſoͤn 154 lichen Vorzuͤge entdecken, ſo fangen ſie an, ihte Naſe und ihren Mund zu meſſen, und die Farbe ihrer Augen, ihrer Haare und Haut zu beur⸗ theilen, bis ſie dieſelbe endlich fuͤr unbedeutend erklaͤren, und es fuͤr einen Unſinn der Maͤnnet haiten, ſie zu bewundern.— Und mit die⸗ ſem Reiz verbindet Johanne wohlgefaͤllige, wenn nicht regelmůſige Zuͤge eine Geſtalt, eine Farbe“— „uf keine Weiſe ſchöͤner, als die ihrer Conſi ine,“ „Nun, vielleicht nicht; denn zuweilen it 1 beſnig und unuerinderich ſie blaß, zuweilen roth; und Annens Farbe i wenn die Bluͤthe ihrer Wangen jeden Augenblick durch das Errothen des Gefuͤhls und der Beſcheidenheit erhoͤht wird— whrend ihre ſchlanke, majeſtätiſche 155 Geſtalt ſowohl Achtung als Bewunderung einflößt.“ „Dann wieder, Vater„iſt es dieſe Groͤße, dieſe Majeſtät, was ich nicht bewundere.— Nicht als ob Johanne nicht auch majeſtaͤtiſch ſeyn koͤnnte— allein ſie will lieber gefallen, als Shrfurcht einfüöhen; lieber anziehen, als zurückſtoßen.“ „Lady Johanne majeſtätiſch! An der Seite ihrer Couſine iſt ſie eher klein zu nennen.“ „Geiß— eine Acacie neben einer italier niſchen Päppel! Wihren Irhanne ihre liebli⸗ che Geſtalt, gleich dein ſich windenden Gehbtt in tauſend neigenden Stellungen zeigt, ſitzt ihre Couſine in einer Richtung, wie eine Ceder vom Libanon. Johanne iſt ein ſchönes lebhaftes Accompagnement, waährend Anne vier halbe Schlaͤge im Tackt iſt. Ueberdies ſagt Anne oft 156 unangenehme Wahrheiten, und Johanne nur angenehme.“ n „Kurz, lieber Sohn, Du liebſt Johannen, und fuͤr einen Mann der liebt, giebt es nur eine — Frau in der Welt.“ „Hierinnen irren Sie ſich,— ich halte An⸗ ne füͤr ſehr ſchoͤn, und verehre ihre Lugenben; und wenn ſie ſich nur herablaſſen wollte, ange⸗ nehm zu ſeyn, ſo wuͤrde ſeyn.“ Gut, gut, ich ſehe, alle gegng iſt fuͤr ie voruͤber, und es thut mir eidz— deun ich fürchte, Du lirbſ Iohannen, und ih Con ſine liebt Dich,“ „Ich hoff nicht. Doch glauben Sie nicht, Vater, daß mir Johanne ein wenig gut iſt?“ „Ich kann es nicht ſagen— denn dieſer Reiz, wie Du es nennſt, zieht einen ſo glaͤnze⸗ 157 den Krels um ſie her, daß ich ihre Gefühle noch nicht deutlich genug habe unterſcheiden kön⸗ nen.— Da aber mein erſter Wunſch iſt, Dich giůckuich zu ſehen, und Du es nur durch das Weib Deines Berzens ſeyn kannſt, ſo will ſi e beobachten. 39 wuͤrde Anne votgejogen hten. Auſden hett bieſe ein große Vermö⸗ 3. und ſene, in Vergtchitg damit, ein gerin⸗ 6 nit den Gütern Deines venſtorhenen in Beſiz inbt vn meinigen in Soſ⸗ nung, haßt Du genug, und mehr als genüg⸗ daher kannſ Du nach Gefallen hanbein, hie ie Vorſchriſten weltli r Kusheit zu vtenz und ich hoffe es vüte zu ut, 86 zu e ihet vi ietii Percy zaͤrtlich, „Sie werden es erleben, mich und meine Kinder verheurathet zu ſehen, lieber Vater!— 158 Dann die beiden Couſinen im— erblickend⸗ eilte er ʒu ihnem. un t n 5 t— 97½ 8 s würde in der Shat ue zu per Vor⸗ w geweſen ſeyn, ſe 9, mit Annen zu viröinen, da er, nicht aus Luſter ſondern aus Lrichtſinn, zreits in ſeinem funf und werziſen Zehre t ſein einzig unsbhangiges Gut ſo beträchtliche Schulden gemacht hute deß be Vange 3 reurrithigen Geld eine große Sunme mit ein Frau ihn gllein ſtey machen konnte; und weil er wußte, doß ſein Vater tein Geld übrig tiit⸗ ſo verharg er ſorgfütig eine Vertegenheit vor ihm, die er, nicht ohne Kummer, auſer Sund vweſn ſeyn wuͤrde, zu uſenen Lady Johanne war die Tochter des giifii von R—) und Lady Anhe des Marquls von D—, ihre Mätter waren Schweſtern geweſen⸗ und beide von ihren Vätern unter Mr. Pereys 159 Vormundſchaft hinterlaſſen worden. Da Mrs. Percy lebte, als dieſe Herren ſtarben, wohnten die Muͤndel ihres Mannes bei ihr; und bis er im achtzehnten Jahr mit einem Lehrer auf Rei⸗ ſen ging, hatte Perch viele Gelegenheiten, mit den jungen und ſchoͤnen Cyuſinen zuſammen zu ſehn„ von denen die eine vier, die andre drei Jahr juͤnger als er war m ein und zwanzigſten Jahr kehrte er zů⸗ ruͤck, und fand Lady Johannen, die mit ihrer Couſine bei Hof vorgeſtellt worden war, als eine hettſcheude Schinheit der modiſchen Wit, und bezcubernder, als je: doch ob ihr, gleich von al⸗ en, die ſi e ſihen, ghudigt ward, ſchenen doch ihre augen, wie er glaubte, ſo tätilich wie immer uf ihm zu verweilen. Nich ſo mit Lady Aunen; ihre Blicke ſuchten nie die ſei⸗ nigen, im Gegentheil ſchienen ſie dieſelben zu vermeiden; und als er nach einer ſchweren 160 Krankheit, wo man an ſeinem Leben verzweiſel⸗ te, zuruͤckkam, verwundete die eine ſeine Selbſt⸗ liebe, waͤhrend die andre iht ſchmeichelte. Am ne ward durch die Veraͤndrung ſeiner Erſchei⸗ nung beim erſten Anblick ſo betroffen, daß ſie nicht ſprechen konnte; und als ſie es that, ge⸗ ſchah es mit zitternder Stimme und Thränen in den Augen.—„O1 Holurich, wie uͤbel Sie ausſehn! Ich bekenne; baß ich Sie knum —— wuͤrde! anb Sie ſehen ſo „chten Sie unh n s dieſer Rcbe ſu Heinrtch!“ rief Iohann,„ſie ſieht immer von allem die ſchlimmſte Seite; ich verſche, obwohl Sie ausſehn, als ob Sie krank 8 weſen wären, ſo glaub' ich Sie doch nie ſchong oder in n ihrem Leben butt zu haben. Heinrich hatte in dieſem Augenblick une Hände gefaht; und gewiß iſt's) daß er Johan⸗ 161 nens Hand zůͤrtlich drůͤckte, waͤhrend er die ihrer Couſine ſo kalt hielt, daß ſie dieſelbe weg⸗ zog.— Von dieſem Moment an gewann er⸗ ſtere bei Perey einen Grund, den ſie nie wieder verlor; denn ihre Bemerkung kam ihm guͤtig, die andre grauſam vor; und pb er gleich vor ſei⸗ ner Reiſe ſehr zu Annens Vortheil eingenommen war, ſo ſah, achtete, verſtand er doch nicht die unwillkuͤhrlichen Thränen, die jene Aeuſerung begleitete— eine Aeuſerung, welche die zärtli che Beſorgniß wahrer Zuneigung veranlaßte. Auch bemerkte er nicht, daß, ſo ſchmeichelnd ihre Worte, Johannens Gefuͤhle doch kalt waren. Er verbannt⸗ daher Lady Annen aus ſeinem Her⸗ zen, und empfing dafuͤr ihre Couſi ne— gleich manchen Andern, die das Weſen fuͤr den Schat ten aufgeben· 48 155 Anne ſah bald und ulagte zuggeheng wie ſehr Johannens Einfluß auf Percy dem ihrigen IV. 162 aberlegen war; denn ſie glauste, ſis liebe ihn beſſer als ihre Couſine, und wuͤnſchte um ſei netwillen ſich vorgezogen zu ſehen.— Allein ſie beſaß kein gewoͤhnliches Gemuth, keinen gewöhnlichen Charakter. Sie glaubte, daß uns die Leidenſchaften zu unſern Selaven, nicht zu unſern yranen gegeben wurben, und eine Liebe, die wahrſcheinlich keine Erwiederung fand„ hielt ſie fuͤr Pflicht, zuerſt zu verbergen, und endlich zu uͤberwinden, oder wenigſtens in gehörigen Schranken zu halten. Aber ihre Prüfugen waren hart; und währens ſie Per⸗ cys zunehmende Neigung für Johannen bemerk⸗ te, ſeufzte ſie bei dem Gedanken, wie gluͤcklich lolche Beweiſe der Liebe ſie gemacht haben wuͤr⸗ den; und ſie ſeufzte um ſo mehr, weil ſie ſich uͤberzeugt fuͤhlte, daß dieſes Opfer der Liebe an ein Weſen verſchwendet ward, das zu füͤchtis war, ſeinen Werth zu empfinden. Kein Wun⸗ 153 der daher, wenn die gewöhnliche Streüge und ehnh⸗ rkneuln nſ „e Wagen ſi ſcen ſ ſen zng, Stu vor der Shr Johanne, und Mrs. Corbet uiß ich huben ſchon zwanzig Minuten uf Dich gewartet,“ ſ eines Morgens eay Anne, und doch biſt Du noch nicht ferig.— hr ſem d Dun nie půnttlich biſ.. Noch Du gdulbig, Anne.“ „Was iſt worgeſelen“ ſagte Pry int⸗ end.„Lady Anne ſeht verſtört eu. biſi i z mich nut vſcolen, un ge⸗ Es iſt — „Sie ett „Wie ich berinuthe, werden ſie iemand fur ſo hartherzig halten, ſolch eine Gottheit ſchelten zu können!“ erwiederte Anne, mit einem La⸗ chen, das kein Lachen war. L 2 164 „Doch was hat Johanne gethan? „Sie iſt nicht fertig nach ihrer Gewohn⸗ heit— und gewiß, Heinrich, hab' ich Sie ſa⸗ 9en horen,. Pankticht eine Tugend iſt.“ — eh— ſ mw imn*n Laſterte 5 iinet de Su aus Schuez. von dem w den ſie ⸗ getadelt zu werden; und ich benne, ja— ich war— ¹0 bin zu ungebuldig „Aieenwirig ufnit⸗ rief Per: cy,„und ich muß dagegen geſtehen, daß ich Johannens Gewohnheit, nicht puͤnktlich zu ſeyn, fuͤr etwas hoͤchſt ſchwaͤhliches halte, und— „Was wollen Sie ſagen, junger Herr?“ fragte Johanne, indem ſie ſich vom Spiegel um“ kehrte, wo ſie mit ihrem Kopſputz beſchäftigt 165 war, und ihn mit einem ihrer verſchlagenſten Blicke und ſuͤßeſten Lächeln anſah. „Ich wollte die Wahrheit ſagen— daß S niht boitenmen ſ ſi nd; 3* jeo, r zärt⸗ ich und ſaer ren n 8 4 bhcno, ſprich er: Doch iſt h buc Irren 1* Dein Loos gefallen; Slic ich Pi ins Seſ cht, und weiß dann von auen „Dank Ihnen, junger Mann— ſehr hoͤflich und ſehr neu. Doch Anne hat auch ein Geſicht, und es iſt ein ſehr ſchoͤnes. „Doch nicht ein Geſicht, das man ſo anbli⸗ cken kann, wie u das 6n Anne faſt anzuͤglich 6 nsd 3 bu—— S ihre Wenng„ennc Sie iſt ſolch eine Sprode, daß ſie Ihre Blicke 166 und Ihr Betragen für zu freichlt, und gn niemand 6% ſo — n Ann zu ein⸗. Vinng dn ſe abe ſich benßt war, aus Neid und nicht aus Tade geſprochen zu haben, ſowie ſi e und Percy, ganz in Bewunderung ihrer Neben⸗ buhlerin verloren, ſich nicht um eine Antwort. ½ 6nt it ehnne izie Cuſt ine, ete ſe auf i und wenn ſie ſich allein mit ihr befand, ſchlummerte jedes andre Gefuͤhl, au⸗ ſer der Zärtlichkeit für ſieʒ doch in Geſellſchaſt von Andern bfuͤhlte ſie Annens tteberlegenheit ſo ſehr, und hatte eine ſo immerwährende Furcht, andre⸗ moͤchten ſie nuch bemerken, daß ſie nicht ruhen konnte, ohne ihr Spiel mit ihr zu treiben, und auf ihre unvortheilhafte Art ſich zu kleiden, und ihre gelegentliche Rauhheit in — —j—j———————— 167 Sabel. und Betragen zu deuten⸗ Es zwei Gattungen der Eiferſucht;— die eine ſtolzirt als ig mit Gilt⸗ Peche und blutigem Dolch— zie zndr⸗ iſt nut mit Radeln Suce beüfit, und bunz und zur keine F Allein ſie mht einen ſolchen 8. hrauch von ihren Waffen, daß ſie der häuslichen Glurkſuligttir und de Vottheile der Geſell ſchaft mehr Schaden zufügt, uls ihre erhabenere und ernſtede Schweſter.— Dieſe anti herviſche Eiferſucht erpfund Lady Johanne, und ward von ihe aligetrieben, ihre Stacheln zu brauchen! das heißt, ihrer Couſine kleine Wunden zu ver⸗ urſachen⸗ ausgenommen/ wenn ſie allein waren, wo dann——— dpnüt d c nn— e n pc Liebſte Anne,“ ſagte Johanne, als z. e im Wagen ſahen vich ſiechte Dich eben jett durch mein Geſchwätz bekummert zu haben.“ „Rein— Du mchteſt mich nur verdrüß⸗ lich, und das bin 6. w* gewohnt.“ „Wie teid ut mir! v ch wil nich beſer betragen iernen— wiric— denn gewiß lieb ich Dic, Anne! ich liebe Dich zärtlich.⸗. . wuͤrde glſam ſeyn, wenn Sn es nicht t Es würde ſeltſam ſeyn, wenn zwei Waiſen, wie wir, unter Sorgfalt deſſelben Vormunds gelaſſen, und ſo nahe Blutsverwand⸗ te ſich nicht lieben ſollten. Es wuͤrde unnatur⸗ lich, boͤslich ſeyn. „Ja, in der That! und es wär“ eine gott⸗ loſe Undankbarkeit von mir, Anne, wenn ich Dich nicht liebte— denn Du biſt ſo gůtig ge⸗ gen mich! Wie ſollte ich mich von ben Verle⸗ genheiten beſteien, in die mich meine Verſchwen dungen verwickeln, als durch Dich?“ 169 unſiun!“ erwiederte Aune.„Ich habe ſelbſt ſo wenig Bedürfniſſe, daß ich den Deini⸗ gen abhelfen kann— und ich mache mir ein Vergnugen daraus. c e Hier hielt der Wagen an einem Gewolbe in Bond ſtreet, und die Thuͤr deſſelben war ſos gleich von modiſchen Maͤnnern umringt. Hin⸗ weg ſiog der ſinnige, gefühlvolle Ausdruck, den Iohannens Geſicht gezeigt hatte, und ſie ſtrahlte den Stutzern mit all dem Glanz einer herrſchenden Schoͤnheit entgegen. Ich glaube Lady Anne in jener Ecke zu ſehen,“ ſagte Lord Lorimer.—„Ich hoffe, Euer Gnaben ſind wohl?““ ſie ſehr ehrfurchts⸗ voll begruͤßend, während er Johannen nur eine leichte Verbeugung gemacht hatte. Die letztere fühlte den Unterſchied, und war aufgeregt.„Nein,“ erwiederte ſie fur ihre 3 170 Couſiue; Anne it ſehr unwohl. Sehen Sie nicht wie ſie Wwerwmmthtiftun 7on ch befand nſhunie beſſer/ ſagte Anne, ſich vorwaͤrts beugend und mit ihrer abgebrochen⸗ ſten Artz„und was mein Vermummen betrifft, wie es Johanne nennt/ ſo geſchah es aus Wahl⸗ Sle hören) wie ſie init keins Eutſchuldi⸗ güng für ihre Vumi Ltic ju michn 9 ſtatten wil.— Iſt ſie wie S zu i Sonnenverbrannte?“ „Schoͤn iſt ſie immer,“ erwiederte der Lord. eDl ich weiß, warum Sie ſo denken: es iſt zur Erwiederung von Annens Geſtändnib⸗ Sie wären— doch ich dauf nicht wiederholen was ſie ſagte. anng hant gnugunn is „Sie beſchoͤmen mich,“ ſprach Lorimer 471 „es iſt waht— iſt es nicht, Anne? haſt Du nicht Lord Lorimer hoͤchlich geprieſen?“— ſette Johanne hinzu, wohl was die Antwort ſeyn wuͤrde. 6 „Ich ſprach nie gegen—— erwiederte Anne unfreundlich,— konnte ich es nicht thun. O was haſt Du wiab— S lord, Sie brauchen nicht ſo zornig auszuſehen; denn die Frauen, wie Sie wiſſen, ſind immer unhoͤflich gegen die, welche— am 86. pfãſlcht 4dt 606 6 881n t „Ja, ja,“ ſagte der Lub, eh ſ die menſchliche Natur.“ 8 c „Doch es iſt nicht die nb ich verſichre lé rief Anne entruͤſtet.—„Ich will weiter fahren, Johanne, denn 6 bin die⸗ ſes Unſinns muͤde⸗ Mit dieſen Worten gab ſie ihre Befehle, und der Wagen fuhr fort. 172 „Liebe Anne!“ ſagte Johanne,„ich habe Dich wieder beleidigt, wie ich ſehe.“ 10 „Ja;— ich bin jetzt unwillig.— Wos konnte Dich bewegen, dieſem Laffen meine Koſten zu ſchmeicheln?% „Ich weiß es nicht recht; aber ich— es geſchah aus Mitleiden, damit er ſich nicht in Dich verlieben ſollte. Denn Dein Ueber⸗ muth, Anne, iſt ein mächtiges Gegenmittel für die Wirkungen Deiner Reize/ wie der ſchůͤd⸗ liche Duft gewiſſer ſchönen, doch giftigen Bee⸗ ren: ihre Farbe teit⸗—— Geruch ſtoͤßt zurtki Snd 6 bi „Bin ich denn ſo ſehr n ſo zuruͤckſtoßend?““ „Mehr ſo, meine Liebe; und mei nen leinen Wink fuͤr die Selbſtliebe des armen Mannes, wuͤrdeſt Du Dir den Lord auf Lebens⸗ zeit Feinde gemacht haben.“ 173 „Es ware kein großer Nachtheil geweſen. Doch wie kann es Dir Freunde machen, ſolch Geſchwaͤtz mit dieſen muͤſſigen Gecken zu fuͤhren 7““ i c ntt „O! es iſt ein ſehr unſchuldiges Vergnü⸗ gen. Ich breite nur ein Paar ſchwache Netze fuͤr einige harmloſe Vogel, einige huͤpfende Sperlinge aus, und ſie find ſo leicht, daß ſie zu jeder Zeit hindurchbrechen können.“ „Aber erwaͤge, wenn indeſſen ein Vogel von wahrem Werth, uͤber Deinen Leichtſinn entruͤſtet, aus dem ſorgfaͤltiger gewebten Netz entfliehen ſollte?“ n wenn Du Perch meinſt! Glaube mir, Anne, ſein Herz iſt zu ſicher mein, um nicht faſt alles thun zu konnen, ohne die Feſſeln zu löſen.— RNein, ich fuͤrchte den Einfluß kei⸗ ner Nebenbuhlerin, ſelbſt nicht den Deinigen. Mes. Corbet war eben an einem Gewolbe aus; 174 gienn ſonſt wuͤrde dies ne— „Den meinigen!— es n lich, meiner ſo zu ſpotten,“ ſagte Anne:„Du kannſt wohl alle Furcht verachten, mich als 1 6 Nuobenbuhlerin zu ſehen.“ „Nichts dergleichen, Anne! Unier allen Frauen in der Welt wuͤrde ich Dich bei ihm und allen andern am meiſten fuͤrchten, wenn Du Dich, wie Perch ſihe,—— angenehm zu ſehn.“ „Sagt das Perch von mir?“* „Ja:— er hält es fur das einzige, was Dir fehlt, um Dich unwiderſtehlich zu machen.“ Ich wuͤnſchte, ich— dies——. 24 zuchts Nns no nt 5 „Wirklich, liebes Mäbchen,“ a ne fort,„Du biſt wie eine Perſon, die das große Loos gewonnen hat und ſich nicht die 175 Muͤhe giebt, es zu forbern. Hier iſt ein Hals, weiß und rund, wie ihn je Phidias ſormte, und dennoch verbirgſt Du ihn, als ob er häß⸗ lich waͤre! Hier iſt ein Haar, ſtark und glät zend, wie Rabenfedern, und Du verhuͤlſt es unter einem Aufſatz! Und hier iſt ein Fuß, ein Modell fuͤr Kuͤnſtler, von dem Du auch nicht die Spitze einer Zehe ſichtbar werden laͤſſeſt. Lie be Anne! wenn Du in all Deinen Reizen er⸗ ſcheinen wollteſt, wuͤrde — n6o9 n dies iſt blos Spielerei,“ erwie⸗ derte Anne;„warum ſolkt' ich zu gefallen ſu⸗ chen? Der einzige Mann, wie Du weißt, da Du ungluͤcklicher Weiſe mein Geheimniß er⸗ forſcht haſt, den ich je zu gefallen wuͤnſchte, iſt fuͤr mich auf immer verloren, und ich keine Hoffnung iehr nin dtn mn n dr 176 WDie tiefe Niedergeſchlagenheit des Tones, mit welchem dies geſprochen ward, erregte die ganze Zärtlichkeit von Johannens Natur, und ſie rief—„Sprich nicht ſo⸗ Anne! ich kann es nicht ertragen, und ich wollte lieber funfzig Percy's aufgeben, als Dich ma⸗ chen. „Aber es— nicht——. Ach! es giebt nur Einen.“ „Ja, in Deinen thoͤrigen Augen;— doch in den meinigen kann es viele geben.— Und gewiß, obwohl ich ihn mehr als ein wenig liebe, ſo ſprich nur ein Wort, geliebte Anne, und ich will nein ſagen, wenn er mich um mein Ja fragen ſollte.“ „Allein er liebt Dich— und ſein Gluͤck iſt mir mehr werth, als mein eignes:— daher wuͤn ſch' ich ſeine Verbindung mit Dir.— 2ber ſage mir, um mich mit der Schmach zu ——— 177 verſohnan, einen Mann zu lieben, der mich nie zur Liebe aufforderte, glaubſt Du nicht, daß ich, eh' er auf Reiſen ging, ſein Liebling war, und daß ſeine Auſmerkſamkeiten meine Parz Zeiie entſchulbigen!“ io pia e 71* „Ei— jü, ich giuuss ,. wieden te ihiſ if ßihen. 1 W bin u znne, Sb Sret⸗ 6 ihne 0 en Seu und but hnnen um eine Gabe—„ be vinel“ rief ſ ſie,„eih mir eine habe Krone ſir vieſen iziccen Wieb Amoſen geben an einem eſent Es ſieht ſo Phariſägtmößig aus. Was kommt darauf an, wie es aus⸗ ſieht?— Thu' mir den Gefallen; denn ich habe wie gewöhnlich kein Geld. n n w. M 178 i„Gut— da iſt, was Du begehrſt.— Aber ich wuͤnſche, liebe Johanne, als Deine wahre Freundin, daß Du erſt Deine Schulden zu bezahlen und gerecht zu ſeyn„beh Du Wnhi biſt.— Hijen Sthen die Damen ba⸗ ten, einzuſteigen. Der Wagen hielt hierauf bei 5—6, am Enbe der Sidney⸗Alee, und der Hand, zutuc, und r igie der Kauf mann mit einem großen Züntien, Küſchen. So bald ſie fortfuhren rief ſi ſe s. ich habe mich faſt zu Gruͤnde gerichtet— aber ſie waren ſo ſchoͤn, ich konnte nicht widetſtehen. Sehen Sie nur! Mit dieſen Worten öffnete ſie das Kaͤſichen und zeigte eine Reihe feiner Topaſen mit Schnuren großer Perlen vermiſcht, fuͤr Zohanne ſie. Nach wenig Winuten kehr te ſie, mit einer ſchr ſchönen emb Nobe in 179 Hals und Armband.— Und hier, Vor⸗ mund,“ ſagte Johanne, zziſt ein Geſchenk fuͤr Sie,“(indem ſie ihm die Nadel gab). „Ich hoffe, ſie waren nicht ſo thoͤrig,“ er⸗ wiederte er ernſt,„viel Geld fuͤr eine ſo unnöthige Ausgabe zu verſchwenden?— Ich bitte, was iſt der Preis, wenn ich fragen darf?“ „Ich glaube, Johanne weiß es ſelbſt nicht,“ bemerkte unwillkuͤhrlich Anne. „Wie taun iunn ſe nh n tenhl „Nein„das hab' ich auch nicht,“ erwie⸗ derte Johanne ſorglos.„Ich habe hier eine „Dann ſind dieſe ſchoͤnen Sachen nicht be⸗ zahlt, die Sie zu Ihrem un gemacht huen? M2 180 „Gewiß nicht, denn ich glaubte nicht, als ich ausfuhr, zu einer ſolchen Ausgabe verleitet „Und was N der Tände „ cuige venige Subetr⸗ n Einigt Hundert!“ Prr. Prty. die Farhe wechſelnd.—„Hier, nehinen Sie Ihr Geſchenk zuruͤck; denn ich will nichts zur Ver⸗ mehrung einer ſo muthwillig und unthi ge machten Schuld beittagen. s iſt nicht Ihr Ernſt, Vormund?“— „Gewiß! 3„Das iſt alles Deine Schuld, Anne ſagte Johanne mißmichig „Wenn es der Fall war, ſo ſo ſah ſie die Fol⸗ gen von dem, was ſie ſagte, nii votus er⸗ wiederte Mr. Percy. nn 181 Sie glauben wohl, Anne kann nicht unrecht handeln, ſagte Johanne mit grollen⸗ * „₰ch wünſcte baſſelbe von Shien lauben zu koͤnnen; denn ſo ſorglos und unnöchig Schutden zu machen, hat 6 ſür unrecht; und vteihen Sie ut, aber was ich bei meinet M ändel becünmert, wuͤrde uih bei der Gir tin mines Sohnes eend machen.. n 5 d Hier ſer Anne das Glas hernb uſn, Luft, weil ſie ſich ſchwach fuͤhlte. Ob wir gleich ein Unglück fuͤr unvermeidlich halten, ſo koͤnnen wir es doch Anfangs nicht mit Feſtigkeit ertragen. Dieſe Rede zeigte offenbar, daß er wußte, die Neigung ſeines Sohnes ſey bez ſtimmt, und der Antrag werde bald geſchehen, und ſie erbebte vor der ſo angekuͤndeten Gewiß⸗ heit. Ein befangenes Schweigen folgte auf dieſe — 182 Unterhaltung; und ſobald ſie an Mr. Percys Haus in Grosvenor? ſquare ausgeſtiegen waren⸗ trennten ſie ſich, und gingen alle, Mrs. Corbet ausgenommen, in keiner glcklichen Stimmung, ſ0 anzukleiden. 5 v WMr. Pereh int ucht au ſnn 6. dachtniß jene Bemerkung verbannen„ die 2n. nen entſchlüpfte, da ſi ſie augenſcheinlich aus einet fruͤhern Kenntniß des Charaktrs ihrer Gyuſine entſtand— ehen ſo wenig konnte er das Butra⸗ gen von dieſer bei dem Vovfall vergeſſen; denn ſo ſehr ihm die Schuld ſelbſt Unmuth und Be⸗ ſorgniß erregte, ſo bekuͤmmerte ihn doch ihr Bet nehmen noch mehr, da es zeigte, wie gewohnt ihr dergleichen Verhandlungen, unb wie ſie eben ſo ſorglos wegen ihrer Verſchwenbung, als un⸗ empfaͤnglich fuͤr ſeine Mißbilligung war. Ueber⸗ dies hatte er an ihr eine Liebe zu hohem Spiel bemerkt; auch harte er ſie oft weuen horen, bis —————————— 183 er ſich endlich bewogen fuhlte, ihr zu ſagen, daß er das Wetten an Frauen fuͤr unfein und un⸗ weiblich halte. Aber er wußte, ſeinen Sohn, der jetzt ernſtlich verliebt wat, nie beſtimmen zu können, ſie mit ſeinen Augen anzuſehen, und ſuchte daher ſich der Hoffnung zu überläſſen, ih⸗ re Fehler, wie Anne ſagte, durch ihr gutes Herz und ihren vortrefflichen Verſtand abgeän⸗ dert zu erblicken.— Ladh Johannens Gedun⸗ ken waren indeſſen eben ſo peinvoll beſchäftigt, wie die ihres Vormunds.— Sis mußte fuͤhlen, daß wenn ihn eine Schuld beunruhi⸗ ge, er die Verwicklung in viele äuſerſt mißbilli⸗ gen wurde, und ſie fuͤrchtete, Zufall oder Nach⸗ forſchung duͤrfte ihn mit ihren Geld„Verlegens cheiten bekannt machen; waäͤhrend auch Anne traurig in ihrem Zimmer auf und ab ging, über das eben Vorgefallne nachdenkend. Am lebhaf⸗ teſten beſchaͤfftigte ihr Gemuͤth Percys Bemer⸗ 484 kung, daß ſie unwiderſtehlich ſeyn wurde, wenn ſie angenehm ſeyn wollte; und Fohannens ſchmei⸗ chelhafte Verſichrung, ſie, bet Enthuͤllung ihrer Soönheit, als Nebenbuhlerinczu fürchten.— „„Und wärdeich, wenn ich kömnte, Joham nen in dem Herzen des Mannes) den ſie liebt, eine Nebenbuhlerin ſeyn? ſagte ſie zu ſich ſelbſt.—„Aber liebt ſie ihn auch? Nein — nicht wie er geliebt werden ſollte!— Den⸗ noch liebt ſie ihn vielleicht, wie ſie lieben kann — und das iſt nicht genug, um ihren unheil⸗ vollen Gewohnheiten zu entſagen, die den Vater entfremden, und den Sohn elend machen wer⸗ den— Hier konnte ſie die Fortſetzung ihrer eignen Gedanken nicht ertragen, und klingelte ihrem Maͤdchen.— vUndmein Anzug ſo⸗ wohl wie mein Betragen iſt unrecht, wie ich finde.— Wenigſtens muß ich bekennen, an⸗ ders wie andrer, und das iſt nicht recht,⸗ dachte à85 Anne.„Auszeichnung der Erſcheinung, ſagr ich von fremden Perſonen, iſt entweder ein Beweis der Geringſchätzung von andrer Meinung, oder einer uͤbermäſigen Einbildung— und dennoch ſchein' ich mich ſelbſt ausgezeichnet zu tragen! Doch ich will mich in dieſer Ruͤckſicht aͤnderm. — zu gefallen ſuchen“ Mrs Corbet war in der That, wie vorher ward, die einzige von der Seſeliſchaft, die eben ſo gluͤcklich und klug nach Haus kam⸗ als ſie ausging. Dieſe Dame war die Tochter eines Baronets, hatte was man eine vernuͤnf⸗ tige und reſpectable Porthie nennt; gemacht, und das Alter von acht und funfzig Bahren in untadethaftem Rufterreicht. Ihre Eigenſchaften waren negativ; und als ſie mit einem unabhaͤn⸗ gigen, obwohl nicht großen Vermoͤgen, Witwe ward, zog Mr. Percy, der vor kurzem eine ver⸗ ehrte Gattin verloren hatte, gern aus ſeiner 186 Verwanbtſchaft mit ihr den Vortheil, ſie einzu⸗ laden, in ſeinem Hauſe zu wohnen, und die Ge⸗ fährtin und Geſellſchafterin der beiden Couſinen zu ſeyn; denn er wußte wohl, wenn ſie ihnen auch nichts half, ſo werde ſie ihnen doch nicht ſchaden, und dies hielt er fuͤr hinlaͤnglich, da er ſich ſchmeichelte, daß eine vortreffliche Hofmei⸗ ſtetin, und der Umgang mit ſeiner liebenswuͤrdi⸗ gen Gattin, bereirs genugthuend die Erzithung vollendete, welche die Eltern ſeiner edeln Muͤn⸗ deln begonnen hatten. Und er hätte keine paſ⸗ ſendere Geſellſchafterin fuͤr die ſchoͤnen Couſinen wählen koͤnnen; denn Mrs. Corbets zufriedene Gemuͤthsart aͤuſerte ſelten eine entgegengeſetzte Meinung, und hatte es weit lieber, ſchweigend ihren eignen Gedanken uͤberlaſſen bleiben zu koͤn⸗ nen, als ſich in irgend ein Geſpraͤch zu miſchen⸗ Fuͤr ein Weſen dieſer Art mußten daher die Vor⸗ fälle dieſes Morgens ganz unbemerkt voruͤber ge⸗ St— 487 angen ſeyn, und die ſchmerzliche unrih⸗— — blieb ihr unbekannt. „Was fuͤr eine Mütze oder einen Turban, Wleby⸗ wollen Sie heute tragen!“ fragte Sues, Lady Annens Kammerfrau. amne zögerte, und erwiederte dann mit Li⸗ chelat„Keines von beiden, Barnes— Du ſollſt heut meine Haare ohne Aufſatz zurecht machen.“ „Wirklich, Mylady!“ rief Barnes mit vergnügten Blicken, vund ſoll ich Sie wie Lady Johanne ſchmuͤcken? Ja, wenn es Dir gefült, Voarnes. 6— Und zum erſtenmal, ſeit ſie in der Geſellſchaft erſchien, zeigte ſich die feine Form ihres Kopfes und ihr ſchönes Haur auf's vortheilhafteſte. und was fuͤr ein Kleid wollen Sie anzie⸗ hen? Es ſind viele Herren zum e wie ich höre,“ ſagte Barnes. 188 „Ich will heut nicht unten ſpeiſen— ich habe Kopfweh, und will mich fuͤr Mr. Percys Abendgeſeüſchaft ſparen. Daher kannſt Du gehn, Bunes, i werde meinen Anzug vollenden, wenn es 3et zu dieſer iſt.. und Purnez, ue ſorgt, 56 weder Mittag⸗ n bend⸗Gäſt ihre La ſ in äzittn icun, eufint üir Annens Kopf ſchmerzie, weil ihr Herz Schmetzen empfand, und ſie wunſchte, ünge⸗ ſtört ſich mit dieſem zu berathen. Bis zur Zeit⸗ wo die Dämen ſich eutferuten, war ſie ruhiger geworden, ihr Kopfweh war vorüber, und Iö⸗ hanne fand ſie leſend.„So! Du haſt meinen Wink verſtanden, wie ich ſehe, rief ſie erſtaunt und erroͤthend, als ſie die Haare ihrer Couſine erblickte.—„Doch noch nicht angezogen! es iſt zchn uhr, und um eilf werden die, wel⸗ „ 189 che ſechs Parthien in einem Abend Mr ſeyn.“ zhbtt br Glaubſt daß ich eine eun Anzug brauche?“ „Ja— wenn Du Dich Deinem Kopf ge mäß ankleiden willſt, der ſo elegant iſt, daß Dein uͤbriger Anzug wohl berechnet ſeyt muß, um damit uͤberein zu ſtimmen. ,Ich danke Dir wegen Deiner· Sor galt fuͤr meine Erſcheinung,“ erwiedette· Anne lã⸗ chelnd; zund weün Du zur Geſellſchaft zurück gehen willſt, werd' ich Dir, ſo balb das wich tige Geſchaͤft der Toilette vollendet idun doo Bune Inzin Barnes wiederholte die Frage wegen des Kleides, fuͤrchtend, der Anzug moͤchte weniger ſchoͤn, als der Kopfputz ſeyn. 6 ch will das weiße Atlas Kleid anziehen, wie Lady Johannens/ das ich noch nie getragen 190 habe.— Und voller Freude brachte nes das ſchoͤne Gewand. Endlich, und noch vor Verlauf der Stunde, war Anne bereit, und die Reihe der Zimmer war mit Geſellſchaft erfüllt, eh' ſie erſchien. Ein Schmerz der Eiferſucht durchzuckte Johan⸗ nens Bruſt, als fie dieſelbe erblickte, und wenn Anne anſtatt der kalten Miene, die ſie noch im⸗ mer zrigte, und der Majeſtät ihres Anſtandes, etwas von den Waffen ihrer Couſine entiehut haͤtte, ſo wuͤrde dieſe, aus Furcht vor einer ſo gefaͤhrlichen Rebenbuhlerin, viel von ihrer Macht zu gefallen verloren haben. Jedoch Annens Ausdruck, obwohl ruhig, war nach⸗ denkend, und ihr Betragen wie ahnhhh al⸗ les⸗ nur nicht einladend. 6 „Ich habe nichts zu fuͤrchten,“ dachte Jo⸗ hanne, beſonders da Percy an ihrer Seite war, Worte und Tone ihr zuhauchend, die ſie mit der 191 ſuͤßeſten Aufmerkſamkeit anhörte.— Gluͤckli⸗ cher Weiſe fuͤr Annens Ruhe bemerkte ſie dieſel⸗ ben nicht; ſondern weder rechts noch links blickend/ gieng ſie durch die Reihen der Geſell⸗ ſchaft in ein inneres Zimmer. Der Herzog von L—, ein fein ausſehender Mann von funfzig, ſprach hier mit Mr. Perey, Lord Lorimer und andern; doch als Anne erſchien, unterbrach er 86 das Geſpraͤch und nach ihrem Namen. „Es iſt eine meiner— ſahte m vej. dann in e6 vmuhic di Dimt, ü⸗ wie das Geruͤcht ſigt, ſie ie auch zu Socher uulen?“ 6910 „Nein, darin irren Euer Gnaden,“ er⸗ wiederte Mr. Perch mit einem Seußer,„es iſt Lady Johanne Langley, und nicht Lady Anne 192 Mortimer, auf die mein— nme w oichter horbn vuſ ndn ah ine „Dann muß Lady— ſehr viule Von⸗ zuge beſitzen, um dieſe ausgezeichnete Erſcheis zu abertreffen,“ ſuhte der Herzog. ncn „Deuoch übertrifft ſie dieſee„Hetzog,“ bemerkte Lord Lorimer: n tn ——— ie der zwei⸗ ſelndũ dun dac ns hnnnh n meiner h— Mr. Percy ſchneh m „Lady Anne Wie o die 2 des verſtorbenen Marquis von und wie ähmich ſe ihm iſ. Wech eine edie Ha 01 ung! Sie blict ihren R Fiang!“. i 543 — bemerkie nin „Ich liebe ſiolze Frauen/— ers wieberte det Herzog lebhaft. n ſi —— 193 „Dann wuͤrde Lady Anne Ihnen gefallen, und—“ hier mußte er abbrechen, denn Anne war ſo nah, um zu hoͤren, was er ſagte, und ſich hoͤchſt ehrfurchtsvoll gegen ſie verbeugend, hoffte er, Ihro Gnaden von dem Uebelbefinden des Morgens gaͤnzlich wieder hergeſtellt zu ſehen.“ „Ich ſagte Ihnen heut Morgen, My⸗ lord,“ erwiederte Anne hoͤchſt unfreundlich, „daß ich mich vollkommen wohl beſand; daher muß mich dieſe Frage am Abend ſehr wuns dern.“ In dieſem Augenblicke näherte ſich Joham ne mit allem Reiz ihres Betragens, ihr Ge⸗ ſicht durch den Ausduuck gluͤcklicher Liebe ver⸗ ſchoͤnert. „Wer iſt dieſe Hebe?“ flſterte der Her⸗ zog Mr. Percy zu. IV. N 194 „Meine andre Muͤndel— Lady Johanne Langley;“— und er ſtellte ſie ihm ſogleich vor.— Percy näherte ſich nun auch, und während ſie ihr Ange voll Freude und Zůrtlich keit auf ihn richtete, nahm er ihre Hand und fuhrte ſie zu ſeinem Vater, der mit ihnen in ein andres Zimmer ging, wo ſie ihm Percy mit ei⸗ nem Entzuͤcken, welches der Vater nicht theilte, als ſeine verſprochene Braut vorſtellte. Lord Lo⸗ rimer entfernte ſich, um ſeine Huldigungen be ſer anzubringen, und der Herzog ergriff dieſe Gelegenheit, mit Lady Annen ein Geſpraͤch an⸗ zuknuͤpfen. 3 „Ich hatte die Ehre Euer Gnaden Vater zu kennen,“ ſagte er. „Wirklich!“ erwieberte ſie mit Zärtlich keit ſtrahlendem Blick,„es war eine Ehre, ihn zu kennen;“ und der Herzog lächelte uber 195 Worte, ſo ſelten an einen Mann ſeines Ranges und ſeiner ausgezeichneten Vorzuͤge gerichtet. Doch er vergab ſie, weil kindliche Liebe die Ver⸗ anlaſſung war; und das dem Vater ertheilte Lob gab ihm bei Annen ſo viel Intereſſe⸗ daß ſie ihn bat, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen. Und als der Herzog, ſobald er die Geſellſchaft ſich entfernen ſah, zögernd Adſchied nahm, ſags te ſie auf's herzlichſte:„Die Art, wie Sie vovn meinem Vater ſprachen, und die ſichtliche und gerechte Anerkennung ſeines Werths beweiſt, daß Sie ſeiner Bekanntſchaft vollkommen wuͤrdig geweſen ſind; und da Sie verwandte Seelen wa⸗ ren, zweifte ich nicht, daß er auch Sie nach Verdienſt ſchaͤtzte.“ „Darf ich mir aber als ſein Freund an⸗ maßen, ſeiner Tochter meine Achtung zu be⸗ zeugen?“ N2 196 „Gewiß, Sir,« erwiederte ſie. Und der Herzog, mehr als halb verliebt, ſeuſste, mach⸗ eine Verbeugung und entfernte ſich. Einige indeſſen von der Geſellſchaft blieben zum Sypielʒ und eine Dame kam zu Lady Anne, die mit Mr. Percy ſprach, und forderte ſie zu einer Parthie Whiſt auf. MRein,“ antwortete Anne ſtreng,„ich ſpie⸗ le nie Karte; ich halt' es für eine ſchimpfliche Zeit„Verſchwendung.“ Und die Dame machte mißvergnuͤgt und verlegen eine kalte Verbeugung, und entfernte ſich, um eine verbindlichere Pers ſon aufzuſuchen. „Liebe Anne,“ ſagte Mr. Perch,„wart um machen Sie dieſe Frau zu Ihrer Feindin?“ „Hab'ich das gethan?“ „Ohne Zweifel:— Sie ſchienen nicht al⸗ lein ſtolz auf Ihre uͤberlegene Weisheit, die Karten 197 nicht zu kennen, ſondern zeigten auch, wie ge⸗ ring Sie dieſelbe als eine Karten⸗ Spieletin achteten. Ich geſtehe, Ihr Betragen und Ihte Worte machten mich betroffen.— Sie ſchie⸗ nen mir; um einen ihrer eignen Ausdruͤcke zu gebrauchen, ſo Phariſter ähulich.“ „In der That! daun nußten Sir davon werben.“ „Sie wiſen, wie ſehr e Piee das her werden Sie mir dieſe Sreihet vergeben: doch gewiß iſt dies ungefällige Betragen ein Feh⸗ ler, und, wie Perch ſagt, Ihr einziger Fehle 65 „Sagt das Perch von mir? „Jaz und was er und ich mißbilligen, die wir Sie ſchätzen und lieben, werden Sie gewiß erwaͤgen, eh' Sie darinnen verharren. Was das Kartenſpiel betrifft, ſo halt' ich ihre Einwen⸗ dungen fuͤr ungegruͤndet. Es ſind nur die We⸗ 198 nigen, nicht die Vielen, welche Talente zur Unterhaltung beſitzen, und die mit Geſchmack uͤber Moral, Politik oder Literatur ſprechen können, und wenn Perſonen nicht kraͤftige, rei⸗ che und edle Gemuͤther beſitzen, ſo fäͤllt unſtrei⸗ tig das Geſpruch, in allen Verſammlungen, auf Klätſchereien und Verleumdungen, und bei ſol⸗ chen Parthien hab ich mir immer Glück ge⸗ wuͤnſcht, ſielen zu toͤnnen, und dadurch ohne Jemand zu ſchaden, wenigſtens einen Grad vn Uebung des Geiſtes zu bewirken.“ „Aber ich will nicht mit Luuten unhn die ſi ſich nicht unterhalten tönnen.“ „Sie ſchineichein Sich ſilbſt: Sis müſſen die Menſchen nehmen, wie ſie ſind, und die Maͤngel andrer ertragen: was waͤre ſonſt Ihr Wohlwollen als ein Name? Aucheiſt das Spiel oſt ſehr nützlich in Krankheiten, die zum Schrei⸗ ben, Leſen oder Sprechen unfähig machen. In 199 dieſen Fällen ſah' ich oft die Karten einen großen Troſt gewaͤhren; und der Leidende vergaß ſchnell ſeiner Beſchwerden beim Eiptritt eineß Freundes, der ſeine Parthie voll machte. Denu⸗ ken Sie Sich mich in dieſem Zuſtand, und Sich und Johannen gleich zärtlichen Kindern bei mir.— Wuͤrden Sie Ihre Couſine nicht be⸗ neiden, meine Parthie vollſtändig zu machen, oder mit zz ſpielen zu koͤnnen? Und wurden Sie nicht die Fähigkeit, einen Kranken zu troͤſten, oder die erregten Augenblicke eines duldenden Freundes zu mildern, für etwas zu halten bewogen werden, was das ſtolzeſte Ge⸗ muͤth nicht zu erwerben verachten darf?““ „Lieber Vormund!“ ſagte Anne zaͤrtlich⸗ „ich will ſpielen lernen, damit ich, wenn es nö⸗ thig ſeyn ſollte, welches Gott verhuͤte! Ihre Parthie Whiſt voll machen kann.“ 200 Dieſt Ruchks folhte Iohane ihtee Couſns in ihr Zimmer, ufm ihr zu ſagen„daß Perch ſich erklärt, und ſie ihn angenbrmen habe; uns Anne war froh, als Johanne, zu glücklich und zu delicat, um ihre Bewezung zu bemerken, ſich entfernte und ſie ihren Gefühlen uͤberließz.— Doch als ſie am nächſten Tag, obwohl ihre Racht ſchlaflos war, auſſtand, erſchien ſie ru⸗ hig, ihe Ausbruck war gefaßt, und ſi wunſchte Peicy ohne ſichtliche Anſtrengung Glück. 3 Einige Tage darauf machte der Herzog von L—, der ſie mehreremal ſeit jener Abendparthie geſehen hatte, ihr foͤrmlich und perſoͤnlich ſeinen Antrag, ward aber ausgeſchlagen; und als er ſie bei Percys ſchnollem Eintritt die Farbe wech⸗ ſeln ſah, fͤhlte er ſich uͤberzeugt, daß ihr Herz nicht meht fuer war, und gab daher ſeine Bewer⸗ bung gaͤnzlich auf. 201 Prrch der Gegenſtand der Zättlichkeit die⸗ ſer jungen und ſchöſen Erbinten, war zu bieſer Zeit fünf und zwanßig Jahr alt; und wenn kor⸗ prrliche Schönheit eles Mannes ihre Bewu drüng kechtfertigen konnte, ſo war ſie vollkom⸗ en grrechtfertigt. Autft beide edle Couſinen verlangten Gemuͤth, ügenden und Bildung bei dem Weſen ihrer Wahl; und Perch beſaß an Herz, Charakter und geiſtigen Vorzügen alles, was ihr Ehrgeiz in einem Gelicbten oder Gatten verlangen konnte m Alter von zwei und zwanzig ward er durch den Tod ſeines Oheims ein reicher, unab⸗ hängiger Mann, und kam bald nach ſeiner Ruͤcktehr fuͤr das Dorf, welches der Oheim vers trat, in's Parlement. Die Natur hatte ihm große Talente verliehen, welche Erziehung vers vollkommnete; und jene Beredſamkeit, die fruͤh⸗ zeitig den Schuler auszeichnete, war durch Stu⸗ 202 dium und unausgeſeßte Uebung zur Kraft einer Redner Kunſt gertilt⸗ die dem Mann Ehre mach⸗ te. Seine erſte Rede im Parlament, aber ei⸗ nen Gegenſtand von allgemeinem Intereſſe, vat insgemein mit Beifall aufgenommen, und man begrüßte ihn von allen Seiten des Hauſes als die zu hoffende Zierde und Stütze der S die er zuletzt erwaͤhlen wuͤrde. 3 Allein es war nicht Percys der Auhige einer Aight Wänger zu werden; denn gleich den meiſten jungen Maͤnnern, die ſich großer Faͤhigkeiten bewußt ſind, wollte er keinen gebahnten Pfad betreten, ſeine Reinung durch nichts, als die eigne Ueberzengung der Wahrheit beſtimmen, und die Darſtellung der ſelben nur durch die Graͤnzen der ſrengſten Gewiſſenhaftigeit beſchraͤnken laſſen. Percy vet harrte bei ſeinem Entſchluß, das, was man ein unabhaͤngiges Glied neunt, zu bleiben, obwohl 203 von der einen Seite durch angebotene Stellen, von der andern durch die Ausſicht der Popula⸗ rität verſucht. Da er ſich daher nicht gebuns den hatte, alles, was auf der einen Seite des Hauſes geſchah, fuͤr recht, und alles auf der andern fuͤr unrecht zu erklären, ſo lieh er ge⸗ legentlich ſeine Beredſamkeit den Maßregeln der Miniſter, oder erwarb Lorbeern als willkomms ner Freiwilliger in den Reihen der Oppoſition⸗ während jede Gattung der Politiker mit be⸗ wundernder Aufmerkſamkeit ſeiner Beredſam⸗ keit zuhorte. Als die Liebe ter Percys enpfangliches Gemuth zu herrſchen aufing⸗ diente ſie nur, die Bahn des Redners zu befordern, anſtatt zu hemmen; denn der theure Ehrgeiz, in den Augen der Geliebten zu glaͤnzen, die Hoff⸗ nung, ihr Lob zu erhalten, wenn die Strei⸗ tigkeiten des vorhergehenden Abends heim Früh⸗ 204 ſuet vor ihre Augen kamen, beſeuerte ihn zu nenem Flug der Redekunſt; und indeſſen er ſich von beiden Seiten des Hauſes aufgemun⸗ tert ſah, ſchlug das Herz des Liebenden nur mit dem Vorgenuß des Lobes, das ihn von Johannens Lippen erwartete. Doch obwohl Johanne ſich ihres Driumphs über das Herz eines ſolchen ausgezeichneten Mannes erfreutez obwohl es ihre Eitelkeit befriedigte, den als ihren Geſangenen zu ſehen, deſſen glaͤnzende Talente die Bewunderung der Senate auf ſich zogen: ſo war ſie doch zu ſehr von ihren eignen Vorzugen erfullt, zu ſtolz auf ihre eigne Fi⸗ higket andere zu gewinnen, als daß ihr Per⸗ cys Darſtellungen und Beredſamkeit den Ge nuß haͤtten verſchaffen können, wie es ſonſt wohl geſchehen waͤre; und waͤhrend auf ihr Herz und auf ihre Bewunderung die Pfeile ſeiner Rednerkunſt gerichtet waren, erreichten 205 ſie eine andere Bruſt, und hur Anne fuͤhlte, was Perey wuͤnſchte, daß es Johanne eu⸗ pfinden moͤchte. Seit zwei Monaten war Anne muͤndig, doch Johanne erſt zwanzig. Dennoch ward be⸗ ſchloſſen, noch waͤhrend ihrer Minderjaͤhrigkeit die Verbindung der Liebenden zu vollziehen, ſo bald die nöthigen Vorbereitungen gemacht ſeyn würden. Wenig Tage, nachdem dies feſtgeſetzt war, kam Johanne, augenſcheinlich ſehr nie⸗ dergeſchlagen, in Annens Zimmer.. „Was iſt vorgeſallen?“ fragte dieſe beun⸗ ruhigt. „Ich bin beſchaͤmt, es Dir zu ſagen,“ er⸗ wiederte Johanne,„obgleich Du allein die Pers ſon biſt, die meinen Kummer entſernen kann.“ „Wenn ich Deinen Kummer entſernen kann,“ ſagte Anne zaͤrtlich,„ſo ſieh ihn bereits fur entfernt an.— Doch wie Du mit Dei⸗ vxr 206 nen Ausſichten Sorgen haben kannſt, iſt mit unbegreiflich,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu. „Wenn Du meine Ausſichten haͤtteſt, ſo würdeſt Du gewiß keine haben; denn Du haͤt⸗ teſt nichts zu fuͤrchten, kein guälendes Bewußt⸗ ſeyn, keine Verlegenheit.— Und, o! wie weit wuͤrdiger biſt Du einer ſolchen Ausſicht, als ich!““ „Ich fange an, die Natur Deines Kum⸗ mers zu errathen,“ antwortete Anne faſt kalt; „doch ich wuͤnſchte, Du kaͤmſt auf einmal zur Sache.“ „Ich will es.— Die Furcht, Mr. Perch moͤchte ein heftiges Vorurtheil gegen mich faſſen, und ſeinem Sohn unterſagen, ſich auf Gefahr ſeines hoͤchſten Unwillens mit mir zu verbinden, hält mich ab, meine Schulden bekannt zu machen; und was ich von Dir ge⸗ than wuͤnſche, iſt, mir ſo viel Geld zu leihen, 207 um einige bedeutende Rechnungen zu berichtigen⸗ die Dir mein Maͤdchen zuſtellen ſoll.“ „Dir Geld geben, meinſt Du; von leihen iſt nicht die Rede.“ „Gewiß iſt's; ich meine, Dir alles zuruͤck zu bezahlen.“ „Ja— kein Zweifel, Du meinſt es— Doch Du wirſt es nie können. Indeſſen wün⸗ ſche ich nicht einmal, wieder bezahlt zu ſeyn.— Es zu verhuͤten, daß Du gegen den Willen des Vaters Deines Geliebten ſeine Gattin wirſt, iſt eine Pflicht, die ich Dir ſchuldig bin, und— doch was betragen die Forderungen an Dich?“ „O! einige Hundert.“ „Nicht mehr?— Dann kann ich Dir ohne Schwierigkeit beiſtehn: doch hoff' ich da⸗ durch ein Recht zu erkaufen, Dich zu beſchwo⸗ ren, wenn Dir die Ruhe Deines Gatten und 208 Deine eigne Achtungswürdigkeit lieb iſt, nie, nie wieder Schulden zu machen!““ Erweichet, verpflchtet und jedes wuͤrdige Gefuͤhl triumphirend, was hätte Johanne in dieſem Augenblick nicht verſprochen? Weſſen haͤtte ſie ſich nicht ſelbſt fur fazig gehalten? Und Anne, vertrauend, weil ſie zu vertrauen woͤnſchte, verſprach die Rechnungen zu bes zahlen. Zwei Tage darauf, als Herr Perch⸗ ſein Sohn und die Couſinen eine Morgen: Spa⸗ zierfahrt machen wollten, ſahen ſie zwei anſtän⸗ dig gekteidete Leute mit fuͤnf Kindern im Vor⸗ haus, welche die Bedienten umſonſt zuruͤck zu halten ſuchten; und als Johanne erſchien,— die andern hatten auf ſie gewartet,— draͤngte ſich die ganze Gruppe hinzu und rief, ſie aufhaltend? „Gott ſegne Sie, Mylady! Gott ſegne Sie!“ — 209 Mit ſichtlicher Bewegung ſuchte Johanne die Leute von ſich zu entfernen; allein Percy, ihre Hand ergreifend, hielt ſie auf und beſtand auf einer Erklaͤrung der Scene, die er ſah. „Es iſt nichts— nichts,“ erwiederte ſie. „Ei!“— rief die Mutter,„gute Leute halten ſich nie ſelbſt für gut, aber ich will Euer Gnaden alles erzählen.“ Und obwohl es Johannen nicht mißfaͤllig war, ihre Großt muth vor denen bekannt werden zu laſſen, deren gute Meinung ſie am meiſten begehrte, ſo ſuchte ſie doch, allein vergebens, der Frau Stillſchweigen aufzulegen.— Sie erzaͤhlte, Johanne, allein im Wagen ſitzend, habe ſie eines Morgens weinend und krauk ausſehend getroffen. Sie fragte, was ihr fehle, und die Frau antwortete, daß ihr Mann durch das Gut⸗ ſagen fuͤr einen Freund um alles gekommen, und ins Gefaͤngniß geworfen worden ſey, und ſie W. O 210 nun für dieſe fuͤnf Kinder und eines in Hoffnuns ſorgen muͤſſe. Johanne erkundigte ſich nach ih⸗ rer Wohnung, und kam am nächſten Tag ſelbſt, wo ſie die Schuld des Mannes, die ſich auf hun⸗ dert Pfund belief, durch 3 bezahlen ließ, und ihn dadurch befreite. „Eine ſehr gnute xrn ſagte Mr. Perch, freundlich Johannen anblickend; waͤh⸗ vend ſein Sohn, ohne zu ſprechen⸗ Hand kuͤßte, und Anne ſchwieg. Doch das war noch nicht alles. j wollte wiſſen, wie viel die Leute wieder zu ih⸗ rem Anfang brauchten, und gab ihnen noch hum dert Pfund, auſer Kleidung fuͤr alle.—„Und als wir nach ihrem Namen fragten,“ fuhr die Frau fort,„um fur ſie beten zu konnen, ſagte ſie: Betet fuͤr mich als eure Freundin, und der⸗ welcher die Herzen kennt, wird es wohl wiſſen. Erſt geſteen arſuhten wir ihre Wohnung und 21 zmmen nun, uns in den neuen Kleibern zů zeß gen und ihr zu danken.“ Ich ehre Eure Dankbarkeit,“ ſagte Mr. Perch,„und will, um Lady Johannens willen, Euer Freund ſeyn.“ m „Und auch ich,“ ſagte Heinrich lebhaftz und ſo wird, wenn Ihr's beduͤrft, Lady Anne.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete ſie, während Johanne ſich ſchnell zu ihr kehrte und mit ſchar⸗ fem Ton ſagts:„War das Phariſaͤer ähnlich, Anne?« 4 „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte dieſe; „doch—“ einen ſehr bedeutenden Blick auf ihre Couſine werfend. Dieſer Blick war Mr. Perch nicht entgangen, und er ſah mit Be⸗ truͤbniß, ſein Sohn mit Unwillen, indem er chr ein Gefuhl des Reibes beilegte, daß ſie ſich kalt und untheilnehmend zeigte, und eine Hand⸗ O 2 lung zu loben unterließ, die gewiß preiswür⸗ dig erſchien. ns iz ön n Die Wahrheit war, daß ihr eben vorher Ellis, Johannens Kammerfrau, die Rechuun⸗ gen ihrer Lady gegeben hatte, die ſie mit ſchmerzlicher Ueberraſchung ſich nicht auf Hun⸗ derte, ſondern auf Tauſende belaufen ſah. Es ließ ſich daher nicht erwarten, daß Anne, die wahrhaft Großmüthige, weil ſie gerecht und ſelbſt verſagend war, ſo ſehr ihren Sinn fuͤr Recht verlaͤugnen konnte„um eine Freigebigkeit zu loben, die ihre geheime Kenntniß in ihren Augen ſtrafbar machte.— Perch war jett der einzige Glückliche in der Geſellſchaft, als ſie im Wagen ſaßen. Sein Vater war ernſt; denn Annens Betragen hatte ſeinen Argwohn erregt, beſonders da er auf Johannens Geſicht einen befangenen Ausdruck und ein immerwaͤhrend Bewachen ihrer Conſine kemerkte, welches ihn vertirrte und beutuhigte.— Doch Heln⸗ rich, in die Erinnerung an Iohannens Wöhl⸗ thärigkeit und Betrachtung ihrer Reize werkoren, hielt ſich fuͤn den glücklichften der Männer, bei dem Gedanken, hald mit ſo viel Schonheit und Jugend vereint zu werden. h1ilz Als ſie bei S— 3 Gewoͤlbe voruͤber kamen, errothete Johanne, und ihre Verpiſrunpr nahm zu, wie Mr. Perch ſeinem. Sohn die Antkdotz von der Hemd⸗ Nadel zhue, und ſene Grun⸗ de ſagte, warum e ſte nicht behielt. Pere ſah betümmert aus, weit et Johannen ſo erblickte, und erwiederte mi erzwungnem Lächeln, 16 er noßen ſi. zu5 5 pp ſchr er e zu mochen haßte, waͤren doch ſeine Grundſaͤtze nicht ſo ſtreng, als daß er ein ſo dargebotenes Geſchent ausſchlagen ſollte.„Und wirklich, lieber Va⸗ ter!“ ſetzte er hinzu,„ich hege keine Furcht, 214 mich von Sohannens Schulden ruinirt zu Anne bei dieſen Worten aus dem 8e ſter, doch ihr Blick blieb Mr. Percy nicht unbe⸗ merkt; während Johanne auf ihren argwohnlo⸗ ſen Geliebten Augen mit den Thraͤnen der Zärt⸗ lichkeit erfůllt richtete. 3h hofe, Lady Johanne, nate Mr. Peich,„Si werden vor Vrrändrung ihrer La⸗ ge alle hre kleinen Rechnungen einfurdern:— klein, ohne Zweifel, müſſen ſie ſeyn, b das, Was Sie erhielten,* zu betrüchtlic war, um große veranlaſſen zu können. End⸗ lich war ihre Fahrt geendet, un die Couſi inen ſich allein. „Ich ſche, Anne, gu Se Du uͤber die Scene dieſes Morgens mehr be⸗ troffen, als befriedigt warſt.“ 215 „So war es— denn ich hatte vorher Deine ungeheuern Rechnungen erhalten und durch⸗ geſehen lin e „Ungeheuer!“ „Ja— ſis ſteigen bis zu einer Summe, die Du Dir gewiß nicht träumſt; und ich dachte, ſolche Forderungen haͤtten bezahlt werden mäſſen, eh' zwei hundert Pfund an Perſonen verſchwendet wurden, die, nach allem, nicht die verdienſtvollſten ſeyn düͤrften.— Doch ſelbſt wenn ſie wuͤrdig ſind, giebt es vielleicht unter Deinen Schuldnern eben ſo arme, die der Bezah⸗ lung ihrer gerechten Forderung beduͤrfen— denn, kannſ Du es glauben?“— ihr die Summe des Ganzen angebend— uͤber welches Johanne einige ſchnelle Blicke warf, mit einem Ausruf des Erſtaunens die Hand vor das Geſicht hielt, und in Thränen ausbrach.— Wohl mochte ſie bekuͤmmert ſeyn, denn ſie wußte, daß —— 216 ſte nicht alle ihre Schulden bekaunt machte, und faſt noch eben ſo vile zurück blioben die ſie bet naͤchſter Gelegenheit ſelbſt tnwsh 2 Weine nicht, ſondern zuce — oblicke emporzur Beſſorung, und höte⸗ wns ich Dir ju ſagen habo.— Du wrift, daß ich auſer meinen Gütern mehrere tanſend Pfund Kapital beſitze, wovon ich einen Theil anwenden wolte, die Juwelen mreiner Mutter neu faſſen und vermehren zu laſſen, zu Ehren Deiner Vet⸗ i zitterte ihre Stinme— und wihrens ſe e anhielt, rief Zohamn⸗ tethaſt: ween wo iiel inb S Su es mhtr „Ich kann„h denn ich muß die Auß⸗ träge, die ich dem Juwelier gab, zuruͤcknehmen, um Deine Schulden zu bezahlen.“ 317 ein ch k es nicht etragen— es darf nicht ſehn Du mußt Deine V len haben, Dein erſurdert Sein Hiefuß etn e noch nehe un 9 darf, wil nich nicht, ſelbſt nicht drc di0, und Dir zu Ehren, verleiten iaſen gegen wpine Gunfize zu handein, und eine Schuld zu verantaſſen, die ich wahr⸗ ſcheinlich in einem Jahr nicht bezahlen tann.“ Mnd warum nicht? * Weil bie andern Tauſehde ſchon beſtimmt ſind.— Ich habe zwei entfernte und arme Verwandte, die ich gern unabhaͤngig zu machen wuͤnſchte: der uͤbrige Theil der Familie hat ſie vernachlſſigt, daher muß ich um ſo mehr meine Pflicht gegen ſie thun— und da ſie alt und⸗ gebrechlich ſind, können ſie auf keine andre Ge⸗ legenheit warten.“ 218 Sch will nicht Johannens Gefuͤhle zn be⸗ ſchreiben en„als die ihrer eignen dung, e eine oneb ihrer wan nCuſne tauft werden mußte! Bennoh wir der Fall zu deingeid, um Aufſchub zu geſtiten. niis Scmut ward rückgeſordett, und bas tafu zu virwendenbe Geld zur Suchun von Jhin⸗ nens Shuten ummt* E u Doch einmal erregter Verdacht laͤßt ſich nicht ſo leicht wieder einſchlaͤfern, und Mr⸗ Percys Argwohn war geſchafftig. Am naͤchſten Morgen traf er Johannens Kammerfrau uͤber der Durch⸗ ſicht einer langen Rechnung, und er konnte nicht widerſtehen, nach dem Inhalt derſelben zu fra⸗ gen.—„Iſt das H—6 Rechnung, die Lady Johanne, wie ſie mir ſagte, verlangt hat?“ an 219 „Ja, und noch ein andere,“ erwirberte Cu lis, welche glaubte, er als Vormund hab ße zu bezahlen.— „Gieb mir ſie!“ ſagte erz und voll Ers. ſtaunen und Unwillen ſah er zwei Rechnungen, die ſich auf mehrere hundert Pfund beliefen. Doch mit unterdrucktem Gefuhl ſie behaltend, verlangte er, ihrer Lady zu ſagen, daß ſie den Auftrag habe, ſogleich alle ausſtehende Rechnun⸗ gen einzufordern. Ellis gehorchte; und Johan⸗ ne fuͤhlte ſich der Ohnmacht nahe, als ſie nun die Entdeckung von allem vorans ſah. Was war unter dieſen Verhaͤltniſſen zu thun?„Wes nigſtens will ich aus der Noth eine Tnugend mas chen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„und da es nicht laͤnger verborgen ſeyn kann, ſo will ich Perch alles bekennen, und ich hoffe, meine Offenheit wird ihm meinen Fehler vergeſſen machen.“— So üͤberraſcht und erſchuͤttert ſich auch Perch — — 1 236 dabei fühlte⸗ uͤbetſah er boch,„gleich einem Lie benden) bei S Seelengroͤße des Bekenntniſſes, ihre Verirrungen, und verſi cherts, ſie ſey ihm theurer als je. m Dutch ſeine aufmunternde und vertrauenbs Zartlichteit unterſtützt, war ſie um ſo fähiger, die eruſte Stirn ſoines Vaters zu ertragen Hals ſie, nnchdem er alle ausſtehende Rechnungen, die ſich faſt auf ſihei tauſend Pfund bellefen, ers halten hatts, zu ihm gerufen ward. Bei Nen⸗ nung der Summe war Perch faſt eben ſo beküm⸗ mett, obohl nicht ſo zornig, wie ſein Vater; und er fühlte ſich um ſo MMge⸗ da er nicht die Mittel beſaß, ſie zu bezahlen. „Ich habe Sie jetzt zu fragen, Madam, ob dieſes alle Ihre Schulden ſind?“ ſagte Mr. Perch ſtreng. Und Johanne, auf einmal wiebet im Gefuhl all ihter eigenthümlichen Ehrlichkeit⸗ und Großmuth, erwiederte, daß ſie dieſe Frage 221 uur lin Annens Gegenwart beantwotten köunte, welche dieſem gemäß gerufen ward. Fetzt,“ ſagte ſieh ſobuld ihre Couſine ein⸗ trat, und indem ſie dieſelbe mit einem Ausdruck zaͤrtlichen Triumphs anblickte,„jetzt will ich Ihre Frage beantworten.— Ich bin weit mehr ſchuldig, als die Summe in ihren Händen. Sie müſſen noch das hinzufügen, was meine ed⸗ le Couſine bezahlen will, obwohl ſie deshalb ein gtoßes, zu gen watd. danc 6 „Es war Ofe, meine ebis, auf⸗ richtige Zohannet erwiederte Anne, zufries den und geröhrt uͤber dieſe unerwartete Tugend ihrr Couſine, die von der uſrengung erſchtoſt. ſ han Rucken virf und laut weinte. ſgh Puter1 ſagte als er ſau . ant ſah,„wollen Sie nicht in etwa — 222 anen Fehler entſchuldigen, der ſo ehrenvoll be⸗ Lennt und wieder gut gemacht iſt?“ „Ich ehre ſo ſehr, als Du, mein Sohn,“ erwiederte er,„das edle und offne Bekenntniß eines Fehlers, der ſonſt verborgen geblieben wa⸗ re: dennoch iſt mein Entſchluß unwiderruflich, — Ich beſitze kein Geld fuͤr unerwartete For⸗ derungen, und weiß auch, Du haſt keines; noch kann und will ich Lady Annen geſtatten, die verſprochene Summe zu bezahlen. Daher vefehl' ich Dir, unter Drohung meines ewi⸗ gen Mißvergnügens, alle Gedanken einer Ver⸗ bindung aufzugeben, bis die ganze Schuld be⸗ zahlt it;— denn nie ſoll, mit meiner Ein⸗ willigung, mein Sohn ſich mit der Gefahr⸗ in Schulden verwickelt zu werden, verhen⸗ rathen.— In einem Jahr wird Johanne muͤndig, und ein Theil ihres Eigenthums kann zur Lilgung der Schulden verkauft werden.— e3 Auch iſt wenigſtens ein Jahr nöthig fuͤr ſie, um zu verſuchen, ihre verderblichen Gewohnhei⸗ ten abzulegen; und in dieſer Zeit kann ſie oder kannſt Du Gelegenheit finden, ſich anders zu beſinnen, und eine Verbindung aufzuheben, von der ich nichts Gutes voraus ſehe.“ „Während dieſer Rede ruhte Johanne, in Ehränen gebadet, auf Annens Schulter, und Perey ging heftig bewegt im Zimmer auf und ab:„Vater, Vater!“ rief er,„das iſt raſch⸗ das iſt grauſam!“ 31 „Mag ſeyn; aber es iſt unabaͤnderlich,“ er⸗ wiederte ſein Vater. 1 50 „Theurer Sir! hoͤren Sie mich, laſſen Sie mich ſprechen,« bot Anne, voll tieſer Theilnahme fuͤr die beiden Liebenden. „Nein, liebſte und verehrteſte Anne,“ ſage te Mr. Perch, ihre Hand nehmend,„ich kann Sie nicht höͤren.— Obwohl nicht laͤnger Ihr ScS—.— 224 Vormund„iſt es doch meine Pflicht, uͤber Ihr Intereſſe zu wachen, und Ihnen nicht zu geſtats ten, ſich zum Opfer fuͤr andre hinzugeben, die dieſes Opfers nicht werth ſind.“„ u n „Sagen Sie das nicht!“ rief Anne;„Jo⸗ hanne iſt nicht unwuͤrdig, und ich ſcheute fuͤr ſie kein Opfer!“ Perch ergriff ſogleich Annens Hand und kuͤßte ſie voll dankbarer Erregung, während ſie erbleichend das Geſicht an ihrer Cou⸗ ſine Nacken verbarg; und Mr. Perch, der den Wechſel ihrer Farbe bemerkte, und ihre Gefuͤhle verſtand„mehr als je uͤber ſeines Sohnes blinde PVorliebe bekummert, warf auf ihn einen Blick des Unwillens und verließ das Zimmer. „Wir wuſſen dies Verbot zu vernichten ſu⸗ chen,“ ſagte Anne, nach einer voll all⸗ gemeiner Bewegung. „Thun Sie das, liebe, edle Anne! ich werde Sie fuͤr immer ſegnen!“ rief Perch. 225 „Ich will ſehen, was gethan werden kann, erwiederie ſie kalt, und ließ die Liebenden allein. Jedoch vergebens erbot ſie ſich von neuem, einen Theil der Schulden zu bezahlen⸗ vergebens bat ſie um Vollziehung der Verbindung.— Mr. Percy wor unerbittlich und wiederholte:„Mein Sohn kann heurathen, wenn es ihm gefallt, aber es wird mit meiner offentlichen Mißbilli gung ſeiner Wahl geſchehen— und ich bin uberzengt, er wird nie die Frau, die er liebt, einem polchen Schimpf ausſetzen.— Ueber⸗ dies— wer weiß, ob ſich nicht in dirſer Jahr langen F ihrer Beſtaͤndigkeit etwas zus trägt, was ihre Verbindung fuͤr immer aufs hebt?— und o! wie wuͤrde mich das fteuen!“ Anne fuͤrchtete, daß ſie erfreut ſeyn wurde;— doch zu gewiſſenhaft, um ſelöſt einem ihrem Gefuͤhl ſo ſchmeicheinden Zufall zu ww. P geſtatten, die Pflichten der Freundſchaft vergeſ⸗ ſen zu machen, fuhr ſie in ihren Bemuͤhungen fort, Mr. Percys Befehl abzuändern: allein immer erwiederte er, daß Johanne, ſo lange ſie Schulden habe, wenn er es hindern koͤnne, nie die Gattin ſeines Sohnes werden ſolle. Seit Percy und Ivhonne as erklaͤrte u bende erſchienen, hatte Anne, aus Stfühten und Gruͤnden, die ſich leicht errathen laſſen, viel von ihrer Zeit in ihrem Zimmer zugebtacht; und ſie bemerkte daher nicht ſo bald, daß etwas unangenehmes unter P vorgefalen war. Endlich konnte ihr indeſſe en nicht entgehen, daß Percy bleich und unglůcklich, und Johanne ver⸗ druͤßlich ausſah— und ſie zögerte nicht, letz⸗ tere zu fragen, die urſche davon ſep. 3 „o es iſt nur,“ ſagte ſie,„weil choͤrig und iſt.“ 227 ve„Nur das!“ antwortete Anne irvniſch: „Ich daͤchte, dies nur waͤr' etwas Großes, da et mie weder thoͤrig noch ungerecht vorher war.“ 420½ hhöhnn an m n „Das iſt, at wosez Dir ges ſprochen;— doch mein Vermnd wuͤrde Dir ſagen, er 6, beides geurſen, indem er mich Dir vorzog.“ 3„Wir wollen von dieſem Seentnn chen, wenn es Dir gefaͤllt,“ erwiederte Anne kalt.„Und nun erkläre wir, warum Percy in Deinen Augen thoͤrig und ungetecht iſt. Uns glchlich, ſeh' ich⸗ iſt er.“ „Ja— er iſt thoͤrig, weil er unglucklich iſt;— denn in Wahrheit, er iſt eiferſuͤch⸗ tig.— Er kann es nicht ertragen, mich mit dieſem eben aus Indien gekommenen Mann tän⸗ deln zu ſehen, der eine Million im Vermoͤ⸗ gen hat.“ i P2 228 Und warum tandelſt Du denn mit ihm „Aber ich thu' es nicht; der arme Mann ſagt mir nur artige Sachen, und Du weißt, ich kann ihm keine unhoͤflichen zurückgeben.“ „Sag ihm* daß Du verſprochen biſt.. „Er weiß das— und ich ſorge une meine Liebe zu Percy ihm ſehen zu laſſen.— Doch Percy befuͤrchtet, da er meinen Hang Geld auszugeben kennt, dieſer ngenehme Na bob, denn angenehm iſt er gewiß, dürfte mit Anträge machen, die mich verleiteten, ihm den Votzug zu geben;— beſonders da, um auf richtig zu ſeyn, mein Stolz nicht wenig durch die Art beleidigt iſt, mit der Mr. Percy gegen mich zu ſprechen ſich anmaßte— andeutend, als ob er es fuͤr eine Ehre fuͤr mich hielt, die Gattin ſeines Sohnes zu werden.“ 36 „Und ſo iſt es, Johanne!“ ſiel Anne g.„Es wuͤrde jede Frau ehren, ſo hoch 229 auch ihr Rang wäre, die Wahl eines ſo ausge⸗ zeichneten Mannes zu ſeyn!“ „Gewaltig ſchoͤn! ich moͤchte wiſſen, ob Euer Gnaden Vater, der Marguis von D—. auch dieſer Meinung geweſen ſeyn würde. ⸗ „Er wuͤrde es, und ſo wuͤrde Euer Cun den Vater.“ 5 „Allein die Sur des Lun meiner Gna⸗ den hat andere At ſichten.— Richt als ob ſie Ehre zu ertheilen glaubte!— O nein! weit davon entfernt— aber ſie kann nicht glau⸗ ben, welche zu erhalten. Und da iſt mein ſtei⸗ fer Vormund, der ſeine großen Augen ſo empor richtet, daß ich aus Furcht, er moͤchte einige ſeiner hoffärtigen Geſinnungen in Pereys Kopf ſetzen, Sorge trage, den Stolz des ehrli⸗ chen Mannes nieder zu halten, indem ich ihn ein wenig quäle, und ihn durch den Gedanken, mich zu verlieren, beunruhige.“ bon — — keine Geduld mit „Dit hatteſt Du nie, Aine en „un urde ſe inne wne wenn Suſiht, Si an der Sunine Her⸗ zens zu erfreuen, das Dich iebiz eines Her⸗ zens, n— Hier ward e Sunme, iotz hit Sethnz. i inetes Se ſiet. ech will Dir etwas vz erwiederte Jo⸗ hanne,„Alle machen mir jetzt Porwürfe, und ich bin meines Lebens faſt muͤde.— Ich ſe⸗ he, daß ich meines Vormunds guten Willen⸗ das Vertragen des Geliebten, und die Achtung meiner einzigen Freundin werloren habe;— und weun ſich meine Lage nicht im⸗ Haus am dert, ſo kann ich nicht dafur ſtehen, etwas beß res auswaͤrts zu ſuchen. i uz 231 Mit einem Ausdruck von Schmerz und Nie⸗ e der einem ſo beleblen Geſicht, wie dem ihrigen, ungewoͤhnlich war, eilte ſie nach dieſen Worfen aus dem Zimmer, und ließ ihre wohlwollende Couſine in einem Zuſtand er⸗ regter vesnb. 6 5i 335 7 Percy allein, und ſie vermied nicht laͤnger, ſon⸗ dern ſuchte ein Geſpräch mit ihm; auch machte b bald, aus freiem Autrieb. mit der Unruhe ſeines Gemuͤths bekannt.— Er fuͤhlte ſich durch die Art, wie Johanne die Aufmerkſamkei⸗ ten des angenehmen Nabobs aufnahm, eiferſüch⸗ tig und ungluͤcklich— und ſie hatte ihm geſagt, als er ſich daruber beſchwerte, daß ſeines Vaters Anſehn ihre Verbindung auf ein Jahr aufgelöſet habe, und daher jetzt nur Neigung das einzige Band unter ihnen ſey. — Am end 6 Anne im Siuhinn 232 „Ich kann nur ſagen, tiebe Freunbin,“ ſprach Perch,„daß wenn es ſo ſprt gehr, weser mein Gehirn, noch meine Geſunheit, dieſes immerwaͤhrende Elend, das ich erdulde, ertru gen kann; denn ich habe entdeckt, daß unter al⸗ len Qualen, denen ſich die Sterblichen unterwor⸗ fen ſehen, keine ſo ſchmerzlich und zerſtoͤrend ſind, als die Qualen der Eifevſucht.“ Anne haͤtte ihm dies ſchon laͤngſt ſagen koͤn⸗ nen;— allein ſie hatte ſie erduldet und bei ſiegt:„Heinrich,“ erwiederte ſie,„Sie leiden nicht allein— auch Johanne iſt ſehr ungluͤcklich. Ihres Vaters augenſcheinliche Mißbilligung hat allen Stolz, den angemeßnen Swolz; ihret Seele erregt; und ich muß zu ihrer Vertheidi⸗ gung ſae, daß es für jede Frau auſerſt birter und unongenehm ſeyn muß, die Gattin eines Mannes zu werden, deſſen Vater, wenn er koͤnnte, die Verbindung hindern wuͤrde.“ 233 „Waßt ſehr wahr.— Aein was iſt zu thun? Senn ſelbſt Ihnen gelang e nicht, meines Vaters Herz fur uns zu bewe⸗ Fen.“— Stutig utte Anns ihr Poupt, und da Geſellſchaft— wits dus Ge⸗ v untbrbrochen. um Mitternacht, als die Gäſte ſich entfernt hatten, Segi ch Anne hinweg⸗ aber vicht um zu ſchlafen.— Sie fühlte, daß ſie, faſt ohne es zu wiſſen, mit eben ſolchem Vergnügen dem Zufall entgegen Peſehen hau⸗ der im Lauf eines Jahres Statt finden durſte, als Mr. Prer⸗ cy;— doch ſeine Worte bewogen ſie, in ihr eigen Herz zu blicken, und ihre edle Natur em pörte ſich über das, was ſich dſteute.— In Kampf mit ihren ſelbſrüchtigen Culihten, und ihre Grbßmuth aufmimnternd zing ſie im Sinnt auf und ab, bis ihr euſhuß genom men, und ihr Plan beſtimmt war. i e34 s„Eyrſoll geretthz werden, wenn ich ihn ret⸗ ten kann; ver ſoll gluͤcklich ſeyn, wenn es von mir abhaͤngta rief ſie; und⸗mit erleichtertem erzen ſeatt ſie ſich hei T0ges Anbruch zur am nächſten Morgen beggbſch Anne zu ih ren Phngierz dg ſie einen Weg gefunden hat⸗ te%19hnen ihren gtmen Berwandten ihr kleins Pafgezaghen zu miſſin die ganze Summe vn Mets hulnanbezahlen, und in drei Tagen wat mit Ehis Hfe, die chrſteu⸗ dig; beiſtandn alles berichtigt; und Anne wußte, de dit S lthenn war, fohnte Mr. Perch nicht lingersyighen ſiyn mg einen Vorpand haben, dis⸗Prbindupgaufzuſchieben. nRochdzn ſis olle Scheine ethalten hatle⸗ hannens Fimmer. Si fand ſie allein, über ihr Mißgeſchick nachdenkend, und gab ihr das Packet mit dem Verlangen„czu ſehen, was es enthalte. — Durch die Aeußerungen des Entzückens bei Cröffnung deſſelben fählte ſich Anne faſt be⸗ zzahlt, während ihre Couſine in einem Gemiſch dankbarer Empfindung an ihrem Nacken hing, und ſie ihre und Percys Exretterin nannte. Annens Thränen floſſen ſo reichlich wie die ih⸗ doch ſprechen konnte ſe 3 * »Wo, wo iſt Percyh?“ nef Iphamne, vich muß ihn aufſuchen.“ 1 56 20 „Thu' e ſeg Anne mit blaſſer Wange. „Doch erſt mir, wie Du das Get zu Bezahlung dieſer häblichen Schulden ieueß. ohne Deine Verwandten ihres Venghenz⸗ wie Dich Deiner Suwelen, zu berauben.“ ut „Indem ich meinen Plan fuͤr die nächſten anderthalb Jahr änderte. Anſtatt mit Mrs. Tyravley ein Haus zu nehmen, und melüem Vermögen unb Rang gemäß zu leben, werde ich eine kleine Wohnung miethen und Mrs. Corbet bei mir behalten; denn, chrlich zw feyn, das für Dich bezahlte Geld iſt der Frößte hii meines Einkommens fuͤr das nach⸗ ſte Jahr, welches mir mein— geben re hat.“ 4 6 im Dei⸗ Güte drückt mich vo⸗ den. Und fůͤt uns Ziebſt Du alles auf, v andere Sue werth L4i eln, Ihrn, nicht ſo. Indem ich die giüceich mache, die ich liebe, ſichre ich mir in meinen Augen ein Etwas, welches mehr Werth hat, als eine glänzende Einrichtung. Auch wuͤrde ich Dir nicht alles ſo genau be⸗ kannt machen, wenn ich Dir nicht zu zeigen wuͤnſchte, daß nur Großmuth, auf Selbſtentſas gung gegruͤndet, die einzig wahre und ſchätzbare iſt, die Du nachahmen ſollteſt, indem ſie Deis nen Beifall erhalt. Auf dieſen wohlgemeinten Wink S — nur mit einer verneinenden Bewegung des Kopfes und einem tiefen Seufzer, und ging, Perch aufzuſuchen, den ſie in tiefem Kummer, uͤber ſeine vermeiszliche Gefahr bruͤtend, antraf. Doch im naͤchſten Augenblick ſah er ſich aus. der Tiefe der Verzweifiung zu der Hoͤhe des Gluͤcks und der Hoffnung erhoben. Dennoch truͤbte ſeine Freunde das Bewußtſeyn der Opfer, die Anne gebracht hatte, und er beklagte bitter, daß ſeine eigene frühere Verſchwendung es un⸗ moͤglich machte, dieſe Summe ſelbt bezahlen zu koͤnnen. Anne ward ihr Werk zu B dem Vater das Geſchehene mitzutheilen, und ihn zur baldigen Verbindung der Liebenden zu bewe⸗ gen; und da ſie wohl wußte, daß, wenn Anf ſttengungen zu machen ſind, ſie nicht lange er⸗ wogen werden muͤſſen, ſo ſuchte ſie ihn togleich in ſeiner Bibliothet auf. Ueberraſchung„ ge⸗ täuſchte Hoffnung, Unwille und Betrüuniß waren ſeine erſten Empfindungen, als er die Rachricht von ihr erhielt, wozu ſich noch die Bewundrung, edeln 41 po geſelte. „Aber dies iſt Raub, gerade zu Raub, Lady Anne,“ ſagte er endlich;„denn es můſſen Jahre vergehen, eh' ich oder es. wieder bezahlen kann. 6 „Und geſetzt, es wird mir nie wieder be⸗ zahlt!“ rief Anne,„ſo waͤre es kein großer Schade— denn gewiß, ich kann dus Geld entbehren““ Und befürchtend, er möchte er⸗ fahren, baß ſie bereits einige Opfer gemacht hatte, und noch groͤßere machen mußte, wech⸗ ſelte ſie das Geſpraͤch, und bat auf's ernſtlichſte⸗ — die Vorbereitungen zut Vermöhlung öhne Zöge⸗ tung Statt finden zw läſſen. Mr. Pekch blickte ſie mit Gefühlen der Achtung und⸗Bewundrung an, wagte abet nicht dieſe letztere auszuſprechen, bamit ſi nicht vermuthen möge, warum er ſie ſo ſehr bewundre, und wie das N. Herzens bekannt ſey. 0 Pady Anne,“ erwiederte er,„da es Ihr Wunſch, Ihr Verlangen iſt, ſo will ch alles da⸗ zu beitragen, dieſe in meinen Augen unheilvolle Verbindungzu beſchleunigen; deun Sie haben ein Recht erworben, allein befragt zu werden, und ich will um Ihretwillen thun, wozu mich ſonſt niemand beſtimmt haben wuͤrde. Aber ich geſtehe Ihnen aufrichtig, daß ich dieſe Verbindung nicht billige, und werde nie das Gegentheil ſa⸗ gen. Und Anne, es für kläglich haltend, mit dieſer ungutigen Einwilligung zuftieden zu ſeyn, da Widerſpruch ſie nur noch mehr ſo gemacht 20 1 haben vide, dankte ihm ſelbſt mit Waͤrme fuͤr ſeine Zuſage, und ging, die Nachricht mitzuthei⸗ len.— Obwohl Annens Freigebigkeit die Folge eines reinen, uneigennutz gen Wehlwol⸗ lens war, ſo eignete ſich doch, bei ſelbſtſuͤchtiger Erwagung, ihre Handelswe iſe l beſte, ſie bei dem Untergang aller ihrer Hoffnungen zu unt terſtuͤtzen; denn ſuͤß und troͤſtend war ihr das Bewußtſeyn ihres eignen Heldenmuths; und das Gefuͤhl hoffuungsloſer Liebe, welches, wenn es unthůtig geblieben wäre, an ihrer Seſuntheit genagt, und vielleicht die Energie ihres Geiſtes zerſtört haben wärde, diente nun, zur Handlung und Bemuͤhung fuͤr den Geliebten aufgefordert, zum Balſam der Wunden, die es verurſachte, und ſie konnte ſelbſt mit Faſſung der Ceremonie beiwohnen, die den Mann ihrer Zäͤrtlichkeit der beneideten Nebenbuhlerinn gab. 2 56. 2 „er iſt mein Geſchenk,“ ſagte ſte bei ſich ſelbſt:„ohne mich wurde ſie ihn nie den Ihri⸗ gen genannt haben; und wenn er gluͤcklich iſt, werde ich auch das Mittel ſeines Gluͤcks geweſen ſeyn.“ Dennoch war ihr der Veiſtand eines langen Schleiers, als ſie am Alter ſtand, ſehr willkoms men, um den Wechſel ihrer Farbe zu verbergen. Auch erhob ſie denſelben ſogar nicht beim Ab⸗ ſchiebskuß der Braut, die mit ihrem Neuver⸗ mahlten, von der Kirchtůr aus, ſich zu einer Reiſe von mehrern Wochen entfernte; doch ſchloß ſie Johannen auf das zärtlichſte in ihre Arme, und empfing ohne Erwiederung Percys Händedruck.— Es gelang ihr daher, ihre tiefe Bewegung vor jedem Auge zu verbergen, Mr. Percys ausgenommen, und ihm waren ihre Ges fühle heilig und unverletzlich. W. S 242 „Wollen wir nicht eine Spazierfahrt ma⸗ chen, Lady Ann⸗ 7 ſagte er, als er ihr und Mrs. Corbet in den Wagen geholfen hatte. „Wenn es Ihnen gefällt,“ erwiederte ſie, während die Todtenblaͤſſe ihrer durch den Schleier ſichtbar war. Da Mr. Percy die große Anſtrengung kannte, die Anne dieſen Morgen gemacht hatte, fuͤhlte er ſich uͤber die Art verzweifelter Ruhe und Stille ihres Betragens beunruhigt:— dennoch unterſagte ihm ſein feines Gefühl, deſ⸗ ſen zu erwaͤhnen, und Mrs. Corbet gehorte zu denen, die blicken ohne zu ſehen. Endlich ert griff er ein Mittel, ſie dieſem ſchmprzlichen Zu ſtand der Ruhe zu entreißen, indem er den edeln Unwillen ihrer Natur aufregte. „O, Lady Anne,“ ſagte er,„wie wohl mein Sohn, mein einziger Sohn, mit einer Frau von hohem Rang, ziemlichen Vermoͤgen, und großer Schonheit und Bildung verbunden iſt, ſo müß ich doch bekennen, daß ſich mein väterliches Herz bei dieſer Gelegenheit nicht ſo befriedigt fuͤhlt, als es hoffte. Ich kann, ver⸗ zeihen Sie mir, ich kann Ihre Couſine nicht geeig net glauben, ihn gluͤcklich zu machen.“ „Mr. Perch!« entgegnete Anne heftig, während unwille ihre Wangen rothete,„Sie vergeſſen gewiß, daß wir nicht allein ſind!“— obwohl es eben ſo gut war, denn Mrs. Corbet achtete auf nichts, als die artigen Laden und artigen Herren und Damen.—„Und ich muß hitten, wenn Sie etwas ſagen muͤſſen, das meinem Gefuͤhl ſo ſchmerzlich und zugleich ſo un⸗ gerecht iſt, es mir allein bekannt zu machen.“ „Ungerecht! Wohl denn, wenn unſere gute Freundin die Anklage gehoͤrt hat, ſo bitte ich Sie, ihr die Entſchuldigung hoͤren zu laſſen, und zu zuklären, in wie fern ich ungerecht bin.“ 2 ¹ „Von ganzem Herzen? ich bin uͤberzeugt, daß Johanne, durch vergangene Erfahrung und empfundene Angſt belehrt, in Zukunft ſehr vorſichtig bei ihren Verirrungen ſeyn wird. Ueberdies hat ſie lebhafte Empfindungen„ſie liebt ihren Gatten und wird ihre Kinder lies ben und die Pflichten gegen ſie erfuͤllen.“ „Nein, Lady Anne, nein; ſie kann ihre Kinder lieben, aber Sie werden ihre Mutter ſeyn.“ „O! mit der größten Freude!“ rief Anne; doch ſich beſinnend ſetzte ſie faſt unwillig hinzu:„ich muß Sie von neuem erinnern, daß es mir unangenehm iſt, Johannen auf dieſe Art zu erwähnen.“ „Wohl denn, verzeihen Sie, ſagte er, ihre Hand ergreifend, die nicht läͤnger die Todtenkälte hatte, die ihn beunruhigte.„Ver⸗ zeihen Sie, und laſſen Sie mich von meinen Planen ſprechen und mich mit Ihnen wegen der Ihrigen berathen. Da Sie nun ihre eigne Einrichtung haben werden, und Johanne ver⸗ heurathet iſt, ſo bin ich, wie Sie wiſſen, Wil⸗ lens, mein großes Haus wegzugeben, und ein kleines zu beziehen; denn das Einkommen mei⸗ ner Weſtindiſchen Beſitzungen iſt ſehr gefallen, und ich wuͤnſche meine Ausgaben zu verrins gern: uͤberdies werde ich nicht eher ruhig ſeyn⸗ tis Sie bezahlt ſind.“ „Nichts mehr ber dieſen Gegenſtand,“ ſagte Anne froſtig,„oder Sie werden mich wie⸗ der beleidigen.“ 7 „Gut— gut— ich werde indeſſen ſo viel daran denken wie mir gefällt. Der Herzog von L— hat mir eine große Summe fuͤr mein Haus geboten, und ich mein' es anzunehmen. Der arme Mann! er mochte gern eine Gebieterin * dazu haben, und glanbe, er wird bald ſeine Anträge erneuern.“ „Ich hoff er wird es nicht,“ erwiederte Anne;„denn ſo ſehr ich den Herzog hochſchaͤtze, iſt doch mein Entſchluß uͤber dieſen Punkt un⸗ veraͤnderlich.“ 7 3 „Verzeihen Sie— 6. will von Geſhiß ten fortfahren. Ich hoöͤrte von einem kleinen Haus in der Nähe meines Sohnes in Piccadil⸗ ly, und dort mein' ich zu wohnen. Und nun, Lady Anne, in welchem Theil der Stadt, und in welchem ſchönen Haus gedenken Sie Ihren Aufenthalt zu nehmen? Denn ich ſchmeichle mir mit dem Vergnuͤgen, die Tochter meines al⸗ ten Freundes, und ich kann ſagen die Freude meines Herzens, auf eine ihrem Rang und Ver⸗ mogen angemeßne Art leben zu ſehen. „Nach einiger Zeit hoff' ich es,“ erwiederte ſie tief erroͤthend;„doch jetzt nicht. „Jetzt nicht?— Wie meinen Sie das76 „Ich meine fuͤr ein oder zwei Jahr mit ei⸗ nem kleinen Hauſe und einer kleinen Einrichtung in meiner Couſine Nachbarſchaft zufrieden zu ſeyn, und Mrs. Cotbet hat verſprochen, bei mir zu leben« „Ich verſtehe es— ich verſtehe Sie, und ſehe deutlich, daß Ihre Freigebigkeit die Urſache davon iſt, und ich ſchaudere, mir die Große der Forderungen zu denken; denn bis jetzt glaubte ich nur, Ihr perſoͤnliches Eigenthum ward dafuͤr ausgegeben, und kein Theil Ihres Einkommens.“ „Da thun Sie Johannen Unrecht!“ rief Anne ſtolz:„mein Kapital, ein großer Theil das von mein' ich, ward auf eine noch befriedigen⸗ dere Art verwendet; und ich bitte ernſtlich, nicht einmal ihre Meinung uͤber meine Plane zu äu⸗ ſern, denn ſie ſind unwiderruflich.“ * „Doch noch ein Wort.— Gewiß hat Per⸗ cy und ſeine Braut ſie eingeladen, bei ihnen zu wohnen? „O ja! Sie haben es gethan— allein ein ſolcher Antrag ward von mir abgelehnt. Junge Eheleute muͤſſen ſich ſelbſt überlaſſen bleiben, und ihren Weg fuͤr die Sulnſt be⸗ ſtimmen.“ „Wahr, ſehr wahr— 2 wo iſt dies kleine Haus zu finden?“ 3 Sü Clarges ſtreet— und wenn es Ih nen geſaͤllt, ſo wollen wir eines anſehen, das mir empfohlen ward— denn ich wuͤnſche Ihre Genehmigung deſſelben zu haben.“ Dieſem gemaͤß fuhren ſie nach Clarges⸗ ſtreet; und obgleich Mr. Perch uͤber die Klein heit des Hauſes bekuͤmmert war, mußte er es doch fuͤr Annens gegenwartiges, beſchraͤnktes Einkommen groß genug halten, und mit erhoͤh⸗ N ter Achtung fuͤr ſie und Trauer über ſeines Sohnes Blindheit, trennte er ſich von ihr, um bei dem Herzog von L— zu ſpeiſen,— und Anne brachte den uͤbrigen Theil des Tages in ih⸗ rem Zimmer zu. Wie er vorher ſah, erneuerte der Herzog nun nach Pereys Verbindung ſeine Antraͤge, allein immer vergebens;— und nach kurzer Zeit nahm Anne und Mrs. Corbet von ihrem neuen Aufenthalt Beſitz. Nr. Perch bezog eine Wohnung, bis die ſeinige fertig war, und der Herzog uͤbernahm das Huas in Grosvenors ſquare. Alle dieſe Anordnungen wurden während der Abweſenheit der Neuvermaͤhlten gemacht, die endlich nach London in ein ſehr elegantes Haus in Piccadilly zurückkehrten. Perch ſchien, und war auch offenbar ſo glůcklich, daß ſein liebender Vater die Frau, durch die er es war, 250 nicht anders, als mit Wohlwollen betrachten konnte, und Lady Johanne hatte allen Grund, bei ihrer Ruckkehr mit ſeinem Empfang zufrie⸗ den zu ſeyn. Jedoch die Freude, die ſie em⸗ pfand, ward ſehr durch Annens Anblick getruͤbt, deren auſerordentliche Magerkeit und Blaͤſſe ale Beſorgniß ihres zärtlichen Herzens aufregte;— und als ſie allein mit ihr war, brach ſie in Thraͤnen aus, und fragte, ob ſie krank gewes ſen ſey? „Nein— nicht krank,“ erwiederte Anne gefaßt,„und meine Blaͤſſe iſt nur voruͤberge⸗ hend:— die Zeit wird, indem ſie gaͤnzlich den Grund entfernt, auch die Wirkungen auf⸗ heben, und ich gebe Dir die Verſichrung, daß mein Gemuth jetzt ganz ruhig iſt.“ „Ich verſtehe Dich,“ ſagte Johanne;„aber glaube mir, in der Mitte meines eignen Gluͤcks werd ich unruhig ſeyn, bis ich Deine ungewoͤhn 251 lich ſchöne Farbe wieder ſo glaͤnzend als je ſehe. und nun, Anne, laß uns nach Deluem Hauſe fahren. Sie thaten es, und Johanne konnte nicht ohne ngſtliches Bewußtſeyn die Wohnung ſehen, ſo demuͤthig in Vergleichung mit der, die ſie bewohnen ſollte, zu welcher ihre Verir⸗ rungen ihre Couſine verurtheilt hatten. „Gräme Dich nicht uͤber etwas, das mir keine Quelle des Kummers iſt,“ erwiederte An⸗ ne.—„Ach! ich habe ſchwerere Pruͤfungen zu dulden gehabt, und ich glaube, ſie gut ertras gen zu haben; noch iſt, hoffe ich, von mei⸗ ner vergangenen Schwachheit, wie ich ſie jetzt nennen kann, eine ſichtbare Spur geblieben.“ „Ich kann Dir verſichern,“ ſagte Johanne, „daß Perch nie etwas vermuthete— doch ſein Vater aͤuſerte gegen ihn ſeinen Verdacht.“ „Sein Vater! hatte er Argwohn?“ „Ja:— doch, wahrſcheinlich hat er ſich⸗ durch Dein neuerliches Betragen, wie ſein Sohn im Irrthum geglaubt.“ „Durch mein neuerliches „Ja:— Percy ſagte mir, wie ihm Dei⸗ ne Bemuͤhungen um unſte Verbindung nun ganz uͤberzeugt hätten, daß Du ihn nicht ſelbſt lieb⸗ teſt— denn in dieſem Fall wuͤrdeſt Du das, was Du thateſt, nicht haben thun köͤnnen.“ Lady Anne hörte zuerſt mit ſprachloſem Er⸗ ſtaunen dieſe Worte an.— So! dachte ſie, den größten Beweis von reiner uneigen⸗ nuͤtziger Liebe, den ich geben konnte, haͤlt er fuͤr einen Beweis des Gegentheils!— Gut, ich freue mich uber ſeine Blindheit, obwohl ich ſie bewundre!„Und was, Johanne,“ ſagte ſie,„haſt Du auf dieſe ſeltſame Rebe geantwortet?“ 253 „Ich ſagte, daß ich nicht ſo hätte handeln können, um ihn mit Dir zu verbinden— und da endete das Geſpräch.“ Wenn Lady Johanne Langley bewundert ward, ſo ward Lady Johanne Percy vergoͤt⸗ tert.— Jede neue und koſtbare Mode erhtelt ihren Namen, man ſetzte ihn vor die Zueignun⸗ gen zahlloſer neuer Werke.— Er ſigurirte auf der Liſte jeder oͤffentlichen Mildthätigkeit, er ſtand an der Spitze mancher geheimen, und ſchmuckte täglich die Seiten modiſcher Blaͤtter. Lady Perch, in Lebensgröße oder als Bruſtbild, zeigte ſich in der Sammlung eines jeden Kuͤnſts lers von Geſchmack, und ihr Bild hing in je⸗ dem Kupferſtich;Gewoͤlbe, waͤhrend ſich Perch dieſer Heffentlichkeit, als einer dem Abgott ſei⸗ nes Herzens gebuͤhrenden Holdigung, und eines Beweiſes ihrer ausgeſuchten Reize erfreute; denn nun, da ſie ſeine Gattin war, beſaß er eine zu X eble Natur und zu viel Vertrauen in ihre Grund⸗ ſätze, um Eiferſucht zu hegen, und ſah ihrer nahenden Entbindung als dem Einzigen entge gen, was der Vollſtändigkeit ſeines Gluͤcks noch fehle. 6 Damit Lady Johanne ſo wenig als mög⸗ lich verſucht ſeyn moͤchte, Schulden zu machen, hatte ihr Percy ſo viel ausgeſetzt, daß ſie es ſelbſt fuͤr äuſerſt grohmuͤthig erkannte: er hegte daher keinen Argwohn, ſie wieder in Geld Un⸗ annehmlichkeiten verwickelt zu ſehen; und ob er gleich wußte, daß alles, was ſie trug, ſogleich Ton, und ſie dadurch verleitet wurde, faſt jeden Morgen und Abend ihren Anzug zu verändern, ſo kam es ihm doch nie in Sinn, wie dies nicht ohne große Ausgaben geſchehen koͤnne. Und da er, unglücklicher Weiſe für ſeine Gattin, ſeiner Pſficht im Parlement⸗ Haus zu ergeben war, um ſie oft in gewiſſe Cirkel zu begleiten, 255 ſp blieb es ihm auch unbekannt, daß ſie ſich oͤf⸗ ters in hohes Spiel einließ, und daß das Geib, welches am Morgen ernſtlich zu Bezahlungen der Rechnungen, und ſelbſt zu wohlthaͤtigen Zwecken beſtimmt war, am Abend in den Be⸗ rauſchungen des Spieltiſches verloren ging. Lady Anne war waͤhrend der Zeit ſelten ihre Gefaͤhrtin.— Entſchloſſen, Peich ſo wenig als moglich zu ſehen, damit die Leidenſchaft, die ſie erſtickt glaubte, nicht in Gefahr waͤre, wieder aufzuleben, beſuchte ſie Johannen ſelten wenn er zu Haus war; und nachdem ſie dieſelbe an den Hof begleitet, und mit ihr die Viſiten gemacht hatte, zog ſie die Beſchaͤftigung mit ih⸗ ren Buͤchern, ihrer Muſik und ihrer Arbeit, in ihrer Wohnung, dem ſchwindelnden Kreis der Baͤlle und Geſellſchaften vor, in welchem, noch unermuͤdet, die bewunderte Johanne ſich beweg⸗ te. Allein ſie hatte noch eine andre Unterhal tung, die ihr zugleich vernuͤnftig und unſchuldig erſchien, und dies war, täglich die Debatten zu ſtudiren, wegen des Vergnügens, Percys Reden zu leſen; und während ſein gedankenloſes Weib kein anderes Intereſſe an ſeiner ausgezeichneten Beredſamkeit nahm, als ſie von denen erhoben zu hoͤren, deren Lob zut Ehre gereicht, kannte Anne jede Sentenz, die Bewundrung erregt hatte, und wußte von jedem neuen Vorſchlag, den er unterſtützte oder widerſprach. Ach! während ſie ihn ſo zum Gegenſtand ihrer einſamen Stun⸗ den machte, war der Perch, wie ihre Phantas ſie ihn darſtellte, ihrer vermeintlichen Freiheit wohl geſährlicher, als er in der Wirklichkeit ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde; denn man raube nur der ge⸗ liebten Perſon die Reize, welche unſre Einbil dungskraft ihr ertheilet, und die Liebe wird bald unſer Sclav, nie wieder unſer Tyrann ſeyn. „ Endlich ward Luty Johanne Mutter von Zwillingen, und die entzückte Anne ſchloß zwei Soͤhne Perche an ihr wohlwollendes Herz⸗ Doch nicht ohne tiefe Betruͤbniß, welche die Mutter theilte, horte ſie, daß ihrer Couſine wegen ihrer zaͤrtlichen Geſundheit verſagt ward, die Ernährerin ihrer Kinder zu ſeyn, und ſie mußte hnen von andrer als muͤtterlicher Sorgt falt Rahrung reichen ſehen. Sobald Lady Perch wieder ausging, kehrte Anne, die während der Zuruͤckgezogenheit ihrer Couſine mehr von Percy geſehen hatte, als ſie ſür rachſam hielt, wieder zu ihrer eignen Woh⸗ nung und ihren heilſamen Beſchaͤfftigungen zu⸗ ruͤck. Doch bald ſollte ihre Ruhe durch die Schmerzen aufrichtiger Sorgen und Bekuͤmmer⸗ niſſe geſtört werden— die ſie dann noch em⸗ pfand, als Johanne und ſelbſt Perch ſie zu empfinden auſgrhört hatten. Mr. Perch lebte, w. R 258 die Soͤhne ſeines Sohnes zu ſehen, und mit Thraͤnen der Freude die Wangen ihrer gluͤcklichen Mutter zu küſſen: allein er uͤberlebte die Geburt der Erben nur ſechs Wochen; und obwohl an⸗ ſcheinend in vollkommner Geſundheit, ſtarb er doch ploͤtzlich beim Abſteigen vom Pferd, wie es ſchien, das Opfer einer Krankheit des Herzens. Da Perch ſeinen Vater zugleich achtete und lieb⸗ te, fuͤhlte er ſich anfangs durch ſeinen Schmerz gewaltſam niedergedruͤckt, und ſeine Gattin, wiewohl mehr erleichtert als betroffen durch den Verluſt, verſchloß ſich in ihr Haus, um ihrem Mann, durch ihre Gegenwart und ſchmeichelnde Zärtlichkeit, in der Groͤße ſeines Schmerzes bei zuſtehn; und Anne war gezwungen, in die Wohnung der Trauer zu gehen, und Percys Kummer durch die ſichtiche Aufrichtigkeit, mit der ſie ihn theilte, zu lindern. Sie fuͤhlte, daß. Johanne dieſen Tod nicht ſo beklagen konnte, 259 ₰ wie ſie, unb ſie ehrte ihre Wahrheit, nicht et⸗ was vorzugeben, was ſie nicht empfand; doch bald lernte ſie Mr. Percys ploͤtzliches und vorzei⸗ tiges Ende ſowohl um Johannens, als um ihrer ſelbſt willen, beklagen, denn ſie ſah bald, daß er fuͤr ihre gedankenloſen Ausgaben ein Ruͤckhalt geweſen war. So bald der Anſtand ihre Ruͤckkehr in die froͤhliche Welt geſtattete, uͤberließ ſich Lady Jo⸗ hanne, auf die Vermehrung ihrer Einkuͤnfte durch Mr. Percys Tod rechnend, und nicht mehr durch die Furcht vor ſeinem Tadel zuruͤckgehalten, großern Verſchwendungen als je, und gab Ge⸗ ſellſchaften mit faſt morgenländiſcher Pracht.— Selbſt Percy ward beunruhigt, und ſo bald ſie 6 bemerkte, daß er die vorhabende Decoration ei⸗ ner Abendgeſellſchaft, wenn er davon Nachrchit erhielt, ernſtlich und beſtimmt verbat, ſo fing ſie an, ihre Befehle, ohne ihn zu befragen, zu 260 ertheilen; und auf ſeine Vorſtellungen etwie⸗ derte ſie immer, dieſe Verzierungen waͤren nur auf den Effeckt bzrechnet, und koſteten in der That ſehr wenig: eine Verſichrung, die ſie luͤr wahr hielt, da ſie nie die Rechnungen anſah, und die Groͤße ihrer Ausgaben gewahr ward. 1 Um ſeines Gluͤcks willen mußte Percy ihrem Vorgeben gauben, und er glaubte es; während Anne, zu aͤngſtlicher Beſorgniß erregt, ſich uͤber ſeines Vaters Tod durch die traurige Ueberzeu⸗ gung getroͤſtet fuͤhlte, duß bald eine Scene ent⸗ huͤllt werden muͤſſe, die ihn mit Kummer und Unwillen erfuͤlt haben wuͤrde. Zu ſprechen ſcheuend, doch kaum zu ſchweigen vermoͤgend, war ſie, da die Miethe ihres Hauſes nun faſt zu Ende gins, nicht dagegen, wenigſtens auf kurze Zeit bei 6 Couſine zu wohnen, um dadurch faͤhiger zu ſeyn, von dem was vorging urtheilen zu können; und ſie verſprach, wenn 16 261 2 die Zeit, für die ſie das Haus äberna hm, wirk⸗ lich voruͤber ſey, nach Pieccadilly zu kommen. Ja— Mr. Perey hatte in Wahrheit Lady Johannens Verſchwendungen Einhalt gethan— und ſie bewies es, indem ſie ihren nachſictigen Mann zu großen und unnöthigen A nderungen ₰ in dem Familien Sitz bewog, ſo bald dieſe ehr⸗ wůrdige Wohnung durch den Tod ſeines Vaters ſein Eigenthum geworden war.— Perch glaubte wirklich, daß das Haus, welches ſeiner edeln und ausgezeichneten Mutter genug gethan hatte, auch den Stolz und Geſchmack ſeiner Gattin befriedigen duͤrſtez allein die Nachgiebig— keit ſeines Weſens, unterſtützt durch die natuͤr⸗ liche Indolenz ſeiner Neigung und jener unaus⸗ geſprochnen, doch bewußten Geſinnung, die, wie ich glaube, viele Frauen verderbt hat: Alles für ein ruhiges Leben, ließ ihn geſtatten, was er nicht billigte. Und kurz Zeit nach ſeines 262* Vaters Tode war das Zau zu Percy Park mit Werkleuten erfullt, welche die Seite nach Suͤd Weſt, mit der Ausſicht auf eine ſchoͤne Ebene von einem ſchlaͤngelnden Strom durchwaͤſſert, gänzlich moderniſirten; doch die andre Seite, . gegen Felſen und Gebirge gerichtet, in der ern⸗ ſten Pracht ihrer Mauern, durfte ihre duͤſtre Alterthuͤmlichkeit behalten. „Ja, Anne,“ ſagte Lady Perch zu ihrer Conſine, die uͤber den Gedanken dieſer Veraͤn⸗ derungen, ſowohl aus Grundſatz als Geſchmack, beunruhigt war,„Du haſt nichts zu fuͤrchten; ich bin Willens das Große beizubehalten, doch das Angenehme hinzuzufugen.— Kurz, die eine Seite meines Hauſes ſoll Dir gleichen, die andre mir. Angenehm, in jeder Bedeu⸗ tung des Wortes, will ich die In⸗ und Außen⸗ ſeite meines Hauſes zu machen ſuchen: Buͤcher, Biloſaͤulen, Gemälde, Gemmen und Manzen, 263 ſollen in dem neuen Theile des Hauſes geſammelt werden.“— Sie fuͤhrte ſie in das Speiſe⸗ zimmer, wo bereits Gemälde der erſten Kuͤnſt⸗ ler hingen.—„Nun foige mir in die Biblion thek!“ rief ſie. „Gut! aber liebe Johanne,“ bemerkte An⸗ ne,„haͤtteſt Du nicht im Spkiſezimmer, von Deinen Freunden umringt, beim Mahl ſitzen kaͤn⸗ nen, wie es zuvor war, ohne dieſe koſtbaren Verandrungen? Hätteſt Du nicht im Studier⸗ Zimmer leſen können, wie es unſer theurer Vor⸗ mund verlaſſen hat?“ „Ei, gewiß! ich koͤnnte, wenn hungrig, in einem Zimmer eſſen, noch ſo garſtig; ich koͤnnte, wenn lernbegierig, in einer Bibliothek leſen, ſo geſchmacklos ſie auch verziert waͤre: doch keine Zimmer werden ſchlechter, wenn ſie' die Hand des Geſchmacks geordnet hat.“ * 264 „Nein; die Zimmer werden nicht ſchlechter, Johanne, aber bei ihren Beſitzern kann es der Fall ſeyn; denn dem Geſchmack folgt immer ſein boͤſer Genius: Ausgabe.“ „Sein höſer Genius? Mein, nicht ſo, wenn Reichthum und Macht dem Geſchmack ihre Begleitung gewähren.“ „Wahr, aber—“ „Nein, nein, keine aber, ſchoͤnſter Men⸗ 4 tor! Denn erinnre Dich, bei allem, was ich thue, hab' ich meines Mannes Zuſtimmung.“ Dies verhielt ſich in der That ſo, und Per⸗ cy war bezabert und befriedigt, als er die Wir⸗ kungen von Johannens erfinderiſchem Geſchmack erblickte; waͤhrend ſelbſt Anne mit lächelndem 3 Beifall, nachdem alle Verzierungen fertig wa ren, die Schönheiten, die er darſtellte, bewun derte. Doch weder ſie noch Perch fuhren zu 265 taͤcheln fort, als die Rechnungen einkamen, und ſelbſt Johanne war betroffen, die Ausgaben den Werth mehr als doppelt überſteigen zu ſehen Noch hoͤrten ſie nicht auf. Da Lady Johanne ein Muſik Zimmer hatte, ſo mußte ſie Conzer⸗ te haben, und waährend der vier Monate, die ſie in Perch Park zubrachten, mußten Lehrer der Muſie ihre Gäſte ſeyn. Da ſie ein Zimmer beſaß, das in ein Privat⸗ Theater verwandelt werden konnte, ſo war es noͤthig, Privat: Vor⸗ ſtellungen zu geben; und Perch fand ſich, in der Stadt und auf dem Lande, vom Morgen bis zum Abend, von ungeheuern Ausgaben bez gleitet, gleich dem durch die Furien verfolgten Hreſt. Dennoch war er nicht ſehr bekuͤmmert, da er ſein Einkommen zu ſeinem ſichtbaren Auf⸗ wand fur hinlaͤnglich hieit. Allein wäre ihm be⸗ kannt geweſen, daß die Ausgaben ſeiner Gat⸗ tin, die er nicht wußte, denen gleich kamen, 266 die ihm bekannt waren, ſo wurde er wirklich al⸗ le Ruhe des Gemüths verloren und ſich aufge⸗ fordert gefuͤhlt haben, ſein Anſehn 3 gebrau⸗ chen, welches ihre leichtſinnige Verſchwendung zuruͤckgehalten, obwohl wahrſcheinlich nicht ges heilt haben wuͤrde. Indeſſen liebte Percy, ob⸗ wohl er auf dem Land nicht die Zuruͤckgezogenheit fand, die er ſuchte, doch die Monate, die er in Perch Park zubrachte, weil er da die Geſell⸗ ſchaft ſeiner Gattin und Kinder mehr genießen konnte; denn ob auch Lady Johanne das theure Vergnügen nicht aufgeben konnte, als Gebiete⸗ rin der laͤndlichen Ergotzungen zu herrſchen, und ihren feinen Geſchmack in feſtlichen Decorationen zu zeigen, ſo beſaß ſie doch Gefuͤhl und dankba⸗ re Zaͤrtlichkeit genng, um jeden Morgen, was auch fuͤr Gaͤſte im Hauſe waren, ihrem Mann zu widmen, und die Zeit, bis ſie ſich zum Mit⸗ tagseſſen ankleidete, brachte ſie immer in ſeiner 26 Geſellſchaft mit Reiten, Gehen, Fahren oder Leſen zu. Die faſt muͤtterliche Zaͤrtlichkeit, welche Anne für die Kinder zu fuͤhlen anfing, und die Hoffnung, Icehannens Verirrungen einigen Einhalt thun zu koͤnnen, hatte ſie endlich bewo⸗ gen, wenigſtens auf einige Monate ihr Gaſt zu ſeyhn, und ſie ward uͤberredet, dieſen Aüfenthalt zu verlaͤngern. ZJedoch ſo angenehm auch die erſten Monate in ihrer Naͤhe geweſen waren, ſo fand ſie doch bald, daß die folgenden ihre ferne⸗ re Gegenwart nicht allein quälend, ſondern ſelbſt unſchicklich machen würden; auch war es augen ſcheinlich, daß Lady Johanne nicht allein nicht glůcklich war, ſondern daß ihr auch etwas ſchwer auf dem Herzen laſteke; und ſie konnte dies nur neuen Geld⸗ Verlegenheiten beilegen, von de⸗ nen ſie dieſelbe auf keine Weiſe zu befreien ge⸗ dachte. Ueberdies war Johanne, gleich allen 268 Perſonen, die unzufrieden mit ſich ſelbſt ſind, unverträglich und murriſch gegen a ndres und oft, wenn Anne nicht den entfernteſten G danken hatie, auf einen ſolchen Gegenſtand hin⸗ zudeuten, beſchuldigte ſie dieſelbe, ihr wegen der auferlegten Verbindlichkeiten Vorwuͤrfe ge⸗ macht zu haben. Allein es waten nicht ſowohl 3 die Unannehmlichkeiten, als die Vergnügungen des Aufenthalts bei ihrer Couſine, was die be⸗ wußtvolle Anne ſich zu entfernen bewog. Seit ſie Percys Gaſt war, hatte er ihre Unterhaltung ſo angenehm gefunden, und war ſo erfreut über den ſichtlichen Antheil, den ſie an ſeinem glückli⸗ chen Erfolg als Redner nahm, daß er mehr als einmal, anſtatt ſeine Gemahlin zu Mittags⸗ Geſellchaften zu begleiten, bei ihr(die ſelten auswärts ſpeiſte) und ſeinen heiden kleinen Söhnen zu Haus aß. Die Knaben waren jetzt drei Jahr alt, und es war ihnen erlaubt, mit chrer Mamma Aune an der Tafel ihr Mittags⸗ eſſen, oder vielmehr ihr Abendeſſen zu ge⸗ nießen; und Perch verließ immer ungern ſeine Wohnung, die ihm ſo auf eine häuslichere Art angenehm gemacht ward, als es neuerlich durch Johannen geſchehen war, ſelbſt um ſich in's Par: lament⸗ Haue zu begeben, und eine Lebensweis ſe zu verfolgen, die er ſo ſehr liebte. Auch ward Lady Johanne bald durch ſein unverkennbares Vergnügen am umgang mit ih⸗ rer Conſin beunruhigt; denn ihr guter Verſtand tehrte ſie, daß Schönheit, und ſelbſt jene bezau⸗ vernde Macht, die Percy Reiz nannte, uͤber jes den noch ſo liebenden Mann durch Gewohnheit den Einflaß verlieren müſſen, wenn nicht wahre und ausgezeichnete Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens die Herrſchaft behaupten. Sie war ſich bewußt, bei einer Vergleichung mit Anne in Percys Augen von ihrem Glans zu verlieren. 270 ueberdies glaubte ſie, und mit Recht dazu, daß wenn Lady Anne wiſſe, ſie gefalle, ſie auch mit der Zeit zu gefallen ſuchen wuͤrde— und ach! rief ſie, hab' ich nicht alle meine Reize in den Augen meines Mannes durch Verirrungen ver⸗ dunkelt, die ſelbſt die vurthrilichie Zärtlichkeit nicht entſchuldigen koͤnnen? Während dieſe traurigen Betrachtungen in ihrem Gemuth voruͤber gingen, forderte ſich auch Anne zu ſtrenger Rechenſchaft uͤber das Vergnůgen auf, welches ihre Gedanken ihr ges währten. Sie mußte fühlen 1 und mit freudi⸗ ger Ueberzeugung, daß Percy an hrr Geſell⸗ ſchaft groͤßer Vergngen, als an irgend einer andern fand, und dies hielt ſie fuͤr ein Unrecht gegen Johannen.— Gut denn, es ſoll, es muß aufgegeben werden, dachte ſie: doch da ſie fand, daß er ſie bei ihrem Aufenthalt in Lon⸗ don vielleicht am öfterſten ſehen wuͤrde, ſo be 27 ſchloß ſie, alle Gedanken, kuͤnftig daſelbſt zu woh⸗ nen, aufzugeben, und ertheilte insgeheim Bet fehl, ein altes, ſchoͤnes Schloß in Wales, das ſie von ihrer Mutter geerbt hatte, zu ihrem Empfang einzurichten. Allein ſie ſeufzte bei dem Gedanken, ſich von den lieblichen Kindern zu trennen: waͤr' es ihr verſtattet, den kleinen Heinrich mit ſich zu nehmen, ſo glaubte ſie zus frieden, nein, noch mehr, glucklich zu ſeyn! Dennoch hielt ſie ihren Plan verborgen, damit ſie nicht Bitten auegeſetzt werden duͤrfte, die, ohne etwas zu ändern, ihr peinlich ſeyn wuͤrden. Indeſſen ſetzte Johanne ihre unbeſonnene Laufbahn fort, und obwohl noch immer der Ge genſtand von Percys Liebe, verlor ſie doch mit jedem Tag in ſeiner Achtung. Als ſie einſt mit Annen in ihrem Zimmer ſaß, trat Perey, voll Unruhe in Anſehn und Betragen herein, und waͤhrend ſie mit dem ſich bewußten Recht einer 272 Frau, ihn nach der Urſache ſeiues ſichtlichen Mißmuths ſragen konnte, wagte Anne, obwohl beſorgt, nur die Aengſtlichkeit zu blicken, die ſie empfand „Fragſt Du mich, was mir fehtt, Jo⸗ hanne? ſagte Percy.„Dann will ich Dir es ſagen, ob ich mich gleich bereits fůe· einen horen wegen meiner Unruhe halte. Die Sa⸗ che iſt, daß ich plotzlich Dein Mädchen, Ellis, über dem Leſen eines langen Blattes antraf, das ich fur eine Rechnung hielt, und das ſie, als ſie mich erblickte, ſehr verlegen, zu verbergen ſuchs te. Hierüber betroffen, und durch vorige Er⸗ 4½ eigniſſe argwöhniſch gemacht, begehrte ich ſireng, von ihr zu wiſſen, was ſie ſo eifrig verberge? Worauf ſie erröthend und ſtammelnd erwiederte, daß es ein Brief von einem jungen Mann bei der Armee ſeyz und ich ließ ſie, ohne weiter zu fragen, ſich entfernen.— Doch ſe konn te, oder ſie konnte nicht die Wahrheit ſagen; dennoch war ich geneigt, das erſte zu hoffen.“ Hier machte er eine Pauſe, gehemmt durch die bleiche Wange und das niedergeſchlagene ſeiner bewußtvollen Gattin. „Ich weiß,“ ſagte die gleichfalls beunrus higte Anne,„daß Ellis einen Geliebten bei der Armee hat.“ n. „Hat ſie?“ entgegnete Percy lebhaft. „Dank Ihnen! Gott ſegne Sie fuͤr dieſe guti ge Verſichrung!“ „Ich ſehe, Du biſt jetzt ſehr argwoͤhniſch,“ „ ſagte Johanne nachlaͤſſig. „Dennoch, liebe Johanne, bin ich nicht deshalb zu entſchuldigen?— O! glaube mit, gänzlich auf Deine Klugheit mich verlaſſen zu können, iſt der cheuerſte Wunſch meines Her⸗ zens; und ich wiederhole oft bei mir ſelbſt:— Rein, ich will ihr nicht mißtrauen, z e kann S nicht ſo grauſam, nicht ſo falſch oder undankbar gegen ihre edelherzig⸗ Couſine ſeyn, um das Vergangne zu erneuern, ſie liebt mich und die⸗ ſelbe zu ſehr; noch kann ſie wagen, ſich der Ge⸗ fahr des Verluſtes auszuſetzen.— „Welches Verluſtes?“ fragte Johanne. „Des Verluſtes von mir und meiner Liebe auf immer; denn koͤnnteſt Du, das Liebſte mei⸗ nes Herzens, wie Du jetzt biſt, Dich, und folglich mich, von nétem in Geld⸗ Unannehm: lichkeiten werwickeln, ſo wuͤrde ich, obgleich mein Herz aus Theilnahme und Zaͤrtlichkeit blu⸗ tete, mit Dir zu leben aufhoren und mich auf immer von Dir trennen!“ Mit dieſen Worten verließ er, bleich und bewegt, wie Johanne ſelbſt, eilig das Zimmer. „Dann bin ich verloren!“ rief ſie, auf das Sopha zuruckſinkend und ängſtlich die Han— de faltend. 275 „Verloren! ſagſt Du?“ ſprach Anne mit mehr Unwillen als Theilnahme.„Kannſt Du wirklich dieſe traurige Strafe verdient haben, mit der Percy Dir drohet?“ „Es iſt in der That wahr, daß ich von neuem Schulden habe; und wenn Du mir nicht helfen kannſt oder willſt,“ ſetzte ſie, Annens Hand ergreiſend, unter Thräͤnen der Angſt hin⸗ zu,„ſo wirſt Du Percy nicht allein elend, ſon⸗ dern mich von ſeiner Zaͤrtlichkeit und aus ſeinem Haus verbannt ſehen.“ unwillig zog Anne ihre Hand zuruͤck, und ſah ihre ſtrafbare Couſine mit zorniger Gering⸗ ſchaͤtzung an. Johanne fuͤhlte den Blick in der Tiefe ihres Herzens; und nachdem ſie alles ge⸗ ſagt hatte, was Stolz und jener kleinliche Troß, die Folge bewußter Herabwürdigung, ihr einga⸗ ben, ward endlich die auf's hoͤchſte entruͤſtete An⸗ ne, durch die an Verzweiflung gränzende De S 2 276 muth ihrer Reue, in ihrem Entſchluß wankend gemacht. Sie fuͤhlte mit Schaudern, daß das Bild, welches Johanne von ihren und Percys kunftigen Verhaltniſſen entwarf, jetzt nur das Geſchoͤpf der Phantaſie, nur zu bald in Wirk⸗ lichkeit uͤbergehen konnte, und nachdem ſie ſchwei⸗ gend mit ſich ſelbſt zu Rath gegangen war, ſagte ſie:„Ich habe in dieſem Augenblick eine be⸗ traͤchtliche Summe in den Haͤnden meines Wechslers: ſie war zu andern Zwecken be⸗ ſtimmt; doch wenn dieſes Geld dienen kann, Deine Verlegenheiten zu entfernen, und Dich und Percy von den Leiden zu befreien, die Du geſchildert haſt, und die ich vorher ſehe, ſo iſt es zu Deinen Dienſten; allein—* Hier un⸗ terbrach ſie Johanne durch laute Aeuſerungen ih⸗ rer Dankbarkeit, und eine Umarmung, die An⸗ ne noch nicht zu erwiedern vermochte. „Unterbrich mich nicht,“ ſagte ſie?„ich wuͤnſche Dir zu ſagen, daß ich mehr— nicht thun kann noch wilt; und wenn Du dich je wieder in Unannehmlichkeiten befindeſt, ſo mußt Du die Folgen auf Dich nehmen, und wie uns gern es auch geſchehe, alles Deinem Mann ent⸗ decken. Meine vaͤterlichen Guͤter erben, wie Du weißt, alle auf die maͤnnliche Linie fort: doch hab' ich die von meiner Mutter im Lehn, und kann ſie nach Gefallen verkaufen: allein dies will ich nicht, wegen eines mir ſehr theuern Gegenſtandes. Der älteſte Deiner Zwillinge, Lionel, muß ein reicher Mann ſeyn, während der andere nur das Erbthdil eines juͤngern Bru⸗ ders bekommen kann.— Da ich mich aber beſtimmt nie verbinden werde, ſo mein' ich den kleinen Heinrich zu adoptiren, und fuͤr ihn meine Guͤter unverringert zu erhalten; ich meine, mit Deiner und ſeines Vaters Zuſtimmung.“ „Unſrer Zuſtimmung, Anne! und kannſt Du glauben, daß wir ſie Dir verweigern wer⸗ den, ſelbſt auf die Gefahr, Dich eines Tages die Geſinnung aͤndern und heurathen zu ſehen?“ „Nein— nie weid' ich es.— ZJetzt laß Dir meine Plane ſagen.— Anſtatt ein Haus in London zu machen, iſt mein Vorſatz, vielleicht das ganze Jahr hindurch in Wales zu wohnen, und ich erhielt heut' Rachricht von mei⸗ nem Anwald, das Alles fuͤr mich bereit ſey;— auch ſchrieb mir meine Verwandte, Mrs. Ty⸗ rawley, wie ſie einwillige, mit ihrer Tochter bei mir zu wohnen, und mich naͤchſte Woche in meinem neuen Aufenthalt treffen wolle⸗“ .„Naͤchſte Woche! und willſt Du uns wirk⸗ lich verlaſſen, und ſo bald?“ rief Johanne; waͤhrend das Bewußtſeyn, ſie kurzen zur Ver⸗ mittlerin zwiſchen ihr und ihres Gatten Sun aufzufordern, ihr ganzes Weſen burchbebte. 279 „Ich bin entſchloſſen,“ ſagte Anne:„„ein Leben in London paßt nicht fuͤr mich; mir er⸗ ſcheint es nur herzlos. Wenig ſind der gluckli⸗ chen Abende, in Geſellſchaft zugebracht, die zu⸗ gleich belehrend und ehrenvoll iſt, der unſchmack⸗ haften ſind viele: allein in meiner neuen Woh⸗ nung habe ich vernuͤnftige Beſchaͤftigungen, Zeit, ſie zu verfolgen, und thaͤtige Pflichten zu voll⸗ ziehen; ich habe zahlreiche Unterthanen gluͤcklich zu machen, und kann Zeuge des Glücks ſeyn, welches ich befoͤrdre.“ „D Doch indeſſen verlaͤßt Du Deinen ng⸗ nommenen Sohn!“ „Ja, das wird ein Schmerz ſeyn, doch—“ „Doch was? Wollteſt Du, daß wir ihn Dir uͤberließen?“ „O! ſpotte meiner nicht mit einem ſo begluͤ⸗ ckenden Gedanken!“ wenn Percy einwilligt, und Du Dich entfernen willſt, ſo ſoll der kleine Heinrich Dich beglei⸗ ten.“— uUnd durch dieſes Mittel gegen ih⸗ re Couſine beſänftigt, warf ſich Anne an ih⸗ ren Nacken und aͤuſerte ihren waͤrmſten Dank. Sie liebte den Kleinen auf's zärtlichſte, viel⸗ leicht weil er Heinrich hieß, und ſie Aehnlichkeit mit ſeinem Vater an ihm entdeckte; und der Ge⸗ danke, da ſie aus Grundſätzen den Umgang mit dem Vater aufgeben mußte, Erſatz in der Sorg⸗ falt fuͤr den Sohn zu finden, gewährte ihr ſo unendlichen Genuß, daß ſie Johannen nicht ge nug danken konnte, ihn ausgeſprochen zu und in Erfuͤllung bringen zu wollen. Nach wenig Tagen war alles zu Annens Abreiſe in Bereitſchaft, und Percy gab ſeine Ein⸗ willigung, den kleinen Heinrich als ihren adop⸗ „Rein, Anne, was es mich auch koſtet, tirten Sohn mit ſich zu nehmen. Allein der Schmerz, welchen er bei dem Gedanken, ſich von ihr und dem Kinde zu trennen, ausdruͤckte, war ſo groß, daß ſich Johanne, uneingedenk ihrer Verlegenheiten, uͤber Annens Abreiſe er⸗ freuen mußte. Endlich erſchien der Wagen, neu und ſchon, mit vier Pferden, und zwei Vorreitern in der tortimerſchen Livree, vor der Thuͤr, hinter ihm ein eleganter kleiner Phaeton mit vier Poſts pferden; und zum erſtenmal, ſeitdem ſie muͤn⸗ dig war, hatte die Lochter des Marquis von D— eine ihrem Rang im Leben angemeſſene Equipage. „Komm an das Fenſter,“ ſagte Percy⸗ „und ſieh Deiner Couſine neuen Wagen. Dies iſt wie es ſeyn ſoll, Lady Anne. Wie wuͤrde ſich mein armer Vater gefreut dieſen Tag zu ſchen!“ Dieſe Rede, obwohl nicht ſo gemeint, muß⸗ te Johanne fuͤr einen Vorwurf halten, da ihre Verſchwendung Annens Oeconomie veranlaßt hat te, und anſtait an das Fenſter zu gehen, brach ſie in Thraͤnen aus. Doch Percy, der ihre Brwegung dem Schmerz uͤber Annens Entfers nung beilegte, ſetzte ſich zu ihr, und verſicher⸗ te zaͤrtlich ſeine Uebereinſtimmung mit ihrem Kummer, wegen des Veriuſtes ihrer Couſine. In dieſem Augenblick ward der kleine Heinrich herein gefuhrt, und Percy, mit bebender Lippe, nahm ihn in ſeine Arme und kuͤßte ſein gluͤckli⸗ ches Angeſicht, ſtrahlend voll des gehofften Ver⸗. gnuͤgens, mit der lieben Mamma Anne in einem 3 Wagen hinweg zu fahren. „Nehmen Sie ihn, er gehoͤrt Ihnen, theu⸗ re Lady Anne,“ ſagte Percy, das Kind ihr in die Arme gebend;„und keinem weniger geliebten⸗ 285 weniger geachteten Gegenſtand wuͤrde ich ein ſo köſtliches Pfand anvertrauen.“ Perchs Betragen war feierlich, und Anne theilte ſeine Feierlichkeit; dann das Kind an ih⸗ ren Buſen druckend, richtete ſie ihre ſchoͤnen Au⸗ gen empor, als wolle ſie den Himmel zum Zeu⸗ gen ihrer Verpflichtung anrufen, alles fuͤr den ſo ihrer Sorgfalt Anvertrauten zu thun, und den Kopf nach ihm hinbeugend, ſuchte ſie die freudige Zuſtimmung anzudeuten, die ſie durch Worte nicht darzuſtellen wagte. 3„Ja, liebe Lady Anne, fuhr er fort,„der Knabe gehört Ihnenz und wenn Sie ihn nur einigermaßen Ihnen ähnlich machen, ſo wird er Alles, was des Vaters Herz wuͤnſchen kann.“ „Komm, laß uns gehn„* ſagte das Kind, das allgemeine Schweigen der Ruͤhrung unter⸗ brechend,„Heinrich mochte mit Mamma Anne ſhren.⸗— Lady Johanne ſcß ihn beſ weinend in die Arme. „Es iſt beſſer, dieſe ſchmerzliche Stcen „nicht zu verlaͤngern,“ ſagte Anne, ſelbſt in ſicht licher Bewegung; und nachdem ſie ihre Couſine in eine lange und zaͤrtliche Umarmung geſchloſſen hatte, gab ſie Perch die Hand, und erblickte 4 ſich bald darauf im Wagen; während Percy den Knaben vom Arm des Dieners nahm, ihn zum letztenmal kuͤßte und ſchweigend die Wagen for« fahren ſah. Lady Johannens Geiſt war durch den Verluſt ihrer Couſine und ihres Kindes die⸗ ſen Abend ſo niedergedruͤckt, daß ſie drei Ver ſprechungen aufgab und bei ihrem Mann blieb, in deſſen Augen ſie folglich liebenswuͤrdiger er ſchien, als im Verlauf mehrerer Monate.. Indeſſen befand ſich Anne auf dem Weg nach Caernarvonſhire, und weit gluͤcklicher, wie ſeit einiger Zeit. Perch hutte ſein Kind ihrer 283 Sorgfalt anverkraut, er wuͤnſchte es ihr aͤhnlich, und ſie mußte ſich aller der Freude uberlaſſen, die dieſer Gedanke in ihr erregte. Als ſie ſich Gruͤn Fels, der Name des Schloſſes, naherte, kas men alle ihre Lehnsmaͤnner, auf das beſte ges ſchmuͤckt, ihr entgegen, um ſie zu der Wohnung ihrer Vorfahren zu bewillkommnen.“Auch Mrs. Tyrawley und ihre Tochter waren zu ihreln Em⸗ pfang bereit: die Freude und Dankbarkeit, die ſie ausdruckten, üͤber die Einladung, unter ihrem Dach zu leben, das Vergnuͤgen des Kindes bei Erblicung der Pferde und ihrer Reiter, und die Harſuer, welche die Toͤne der Begtuͤſſung in der großen Halle des Eingangs erhoben; die Reize der Gegend und die Schoͤnheit des Wet⸗ ters, alles trug dazu bei, die angenehmſten Ein⸗ pfindungen in ehr zu erregen, und den leden Wanſch, hier zu leben und zu ſterben. 286 In kurzem war Anne mit cren Verwand⸗ ten in den jedem beſtimmten Zimmern eingerich⸗ tet, und ſe begann die Erziehung des kleinen Heinrichs. Während ihres Aufenthalts in Clarges ſtreet hatte ſie Unterricht im Lateini⸗ ſchen genommen, deſſen Anfangsgruͤnde ihr von ihrem Vater gelehrt worden waren, und es ge— lang ihr, genug von der Sprache zu ternen, um ihrem jungen Pfiegſohn von großem Nutzen zu ſeyn: da ſie aber fand, daß der Prediger des Orts gelehrt, tugendhaft und arm war, ſo ver⸗ pflichtete ſie ihn, fur den doppelten Gehalt, den er begehrte, ihr in der Erziehung deſſelben be zuſtehn; indeſſen Miß Tyrawley, die vormals als Hofmeiſterin in einer Familie im Ausland geweſen war, es unternahm, ihn einſtweilen ſo viel als nöthig im Franzoͤſiſchen und 3 ſchen zu unterrichten. 4 „ 287 Wihrend ſo dem kleinen Heinrich, der jetzt vier Jahr alt war, nuͤtzlich und regelmaͤßig ſich zu beſchaͤftigen gelehrt ward, befoͤrderte taͤgliche Bewegung ſeine und Annens Geſundheit; und jeden Morgen athmeten ſie die freie Luft der Ge⸗ birge, und kehrten zuruͤck zum Fruͤhſtuck ſo bläs hend, wie die Bewohner derſelben. Da Lady Anne nun einen Gegenſtand hatte, auf dem ih⸗ re Zaͤrtlichkeit angeineſſen ruhen, und der ihre wohlwollende Natur zur Wirkſamkeit auffordern konnte, war ſie in der That ein ganz verſchiede⸗ nes Weſen geworden, und ſtellte ein Bilb der Heiterkeit dar; und die Stunden, die bei ihre Couſine gelegentlich ſchwer auf ihr geruht hat⸗ ten, flogen jetzt mit unglaublicher Schnelle voruͤber. Nachdem ſie drei Monate in Gruͤn Fels ge⸗ weſen war, kam Percy auf einige Tage dahin, und war entzuͤckt, ſelbſt in dieſer kurzen Zeit jein 283 Kind ſowohl an Geiſt als Körper gewachſen und zugenommnen zu ſehen. Bei ſeiner Entfernung äuſerte er die Hoffnung, wenn die Londner Zeit voruͤber waͤre, mit ſeiner Gattin zu ihr zů kom⸗ men; und Annens Urtheil und Zartgefuͤhl war beſriediter mit der Ausſicht, ihn in ihrer G ſellſchaſt, als allein in Gruͤn Fels zu ſehen. Mit Kummer und Vergnügen hoͤrte Joham ne bei Perchs Zuruͤckkunft die Aeuſerungen ſeiner 3 Zufriedenheit uͤber ſeinen Beſuch und die bereits ſichtbaren Fortſchritte ſeines kleinen Sohns, und ſie nahm Gelegenheit zu bemerken, daß es zu bedauern ſeyn wurde, wenn eine ſo ſehr zur Er ziehung geeignete Fran nicht ſelbſt Gattin und Mutter werden ſollte. „Ich hoff' und glaube,“ rief Perch lebhaft, „ſie wird eines Tags beides ſeyn, denn ich cht nicht auf ihren Entſchluß des Gegentheils.“ 289 2 „Und wuͤnſcheſt Du wirklich Annen ver⸗ bunden zu ſehen?“ erwiederte eben ſo lebhaft ſeine Gattin. „Gewiß! Kannſt Du ſo klein von mir denken, um zu vermuthen, daß irgend eine Er⸗ waͤgung des Vortheils meines Kindes mich An⸗ nen nicht in einer Lage zu ſehen wuͤnſchen ließ. fuͤr die ihre Tugenden ſie ſo geſchickt machen?“ Lady Johanne hatte keine ſolche Mei⸗ nung; dennoch war ſie geneigt, Perey mit ih⸗ rer wahren Geſinnung unbekannt zu laſſen, und ihm verſichernd, ſie habe geſprochen, ohne viel dabei zu denken, verließ ſie ihn, um ſich zu ei⸗ ner Geſellſchaft anzukleiden, ſehr erleichtert durch ſeine Verſicherung, daß er Annen verbunden zu ſehen wuͤnſche. zi. Drei Monate nachher trat Percy eines Morgens mit ſehr vergnuͤgtem Ausdruck des Ge⸗ ſichts in ihr Zimmer, und ſagte ihr, daß ihm T 290 ſein Anwalt die Nachricht einer eingekommenen Schuld von mehrern tauſend Pfund ertheilt ha⸗ be, die ſein Vater für verſoren hielt.— Doch Johannens Vergnuͤgen hieruͤber ward gänzlich durch das folgende vernichtet:„daher,“ ſetzte Perch hinzu,„werde ich im Stande ſeyn koͤn⸗ nen, die Wünſche meiner verſtorbenen Mutter zu erfuͤllen— nehmlich, um eine Baronie ans zuhalten, die ſich in ihrer Familie befindet; ihre Familie, obwohl nicht ſo alt und edel als die meines Vaters, iſt ſehr ſchatzbar, und be⸗ ſitzt einen unbenutzten Titel.— Es wird eini⸗ ge Tauſend koſten, allein mein Recht iſt unbe⸗ ſtreitbar; und ſo ungern ich das unterhaus ver⸗ laſſen wuͤrde, bin ich doch Willens zu verſuchen, in das Oberhaus zu kommen.— Daher dient dies Geld, meinen faſt abgeſtumpften Vorſatz zu ſchrfen.— Doch was fehlt Dir, Joham ne? Du ſcheinſt ohnmächtig zu werden!“— 291 Und dies war der Fall, ſo ſehr hatte ſie Percys Vorhaben ergriffen. Doch Perch, ihr Uebel⸗ befinden ihrem Zuſtand, den ſie ihm eben be⸗ kannt gemacht hatte, beilegend, vermuthete keis ne geiſtige Veranlaſſung, und nachdem er ſie wieder etwas beſſer geſehen hatte, uͤberließ er ſie Ellis Sorgfalt. So bald er weg war, gab ſie ſich der hoch⸗ ſten Verzweiflung hin„ und ſich in ihr Zimmer verſchließend, ging ſie mit faſt wahnſinniger Hef⸗ tigkeit umher; denn da ſie es vor kurzem uͤber ſich gewonnen hatte, ihre Rechnungen zu durch⸗ ſehen, ſo wußte ſie, daß wenigſtens zwei Drit⸗ theile des Geldes, das ihr Mann wieder bekam, zur Bezahlung ihrer Schulden noͤthig ſeyn wuͤr⸗ den— obwohl die Summe, die Anne ihr gab, einige der lauteſten Schuloner befriedigt hatte.— Konnte ſie daher ſo verrätheriſch und boͤslich ſeyn, und Perey einen koſtſpieligen T2 5 292 Rechtzhanbel aufangen laſſen, wenn ſe wohl wußte, daß er um Geld fuͤr ſie bekuͤmmert ſeyn wuͤrde? Nein: ſie konnte verſchwenderiſch, ſelbſt bis zum Laſter ſeyn, allein ſie konnte das Zutrann eines edeln Gatten nicht ſo ſehr tãu⸗ ſchen; und ſie beſchloß daher, auf jede Gefahr, ihm ihr ganzes Unrecht zu bekennen und die Nothwendigkeit zu zeigen, ſeine Tauſende nicht zu Erlangung neuer Ehre fuͤr ſich ſelbſt, ſondern zur Erhaltung eines kleinen Rufs gwöhnlicher Ehrlichkeit fuͤr ſie anzuwenden. Doch wie konnte ſie ſeinem Schmerz und Zorn bei der e ſten Enthullung zu begegnen wagen? Sie ver mochte es nicht, und beſchloß daher, ihm zu ſchreiben, und ohne ſein Vorwiſſen zu ihrer Couſine zu reiſenz dort wollte ſie blelben, bis der erſte Sturm ſeiner Gefüͤhle nachgelaſſen, und dann ſeine letzte Entſcheidung wegen ihrer Zu⸗ kunft erwarten: denn ſeinen Aeuſerungen ge⸗ 293 mäs glaubte ſie nichts weniger, als ſich von ihm verbannt zu ſehen. Nach einer hochſt un⸗ gluͤcklichen Nacht ordnete ſie daher mit Ellis, ihrer unveraͤnderlichen Vertrauten, alles zů ihrer Abreiſe; und ſo bald ſich Percy zu ſeinem ge⸗ * wohnlichen Morgen⸗Gang entfernte, ward der bekenntnißvolle Brief auf den Tiſch in ſeiner Bibliothek gelegt. Ohne den Muth zu haben, den kleinen Lionel zu ſehen, ſtieg ſie hierauf mit Ellis in eine Poſtchaiſe, den Bedienten ſagend, daß ſie eine Fahrt in die Gegend machen wollte, und befahl dem Poſtillon in einer Wales gerade entgegen geſetzten Richtung zu fahren, allein in der naͤchſten Straße gab ſie andre Befehle, und in der bedaurungswuͤrdigſten Stimmung des Gemuͤths erreichte ſie das Ende der erſten Sta⸗ tion nach Gruͤn Fels. So krank ſie auch war, nahm ſie hier friſche Pferde, und fuhr weiter, doch zu Ende der zweiten Station fuͤhlte ſie 294 ſich zu erſchoͤpft, um die Reiſe fortzuſetzen, und eh' es Nacht ward, hatte ſie Fieber Anfälle. Während der Zeit war Percy bis zu einer ſpäten Stunde unvermeidlich vom Haus entfernt gehalten worden, und ſeine erſte Frage bei ſei⸗ 3 ner Ruͤcktehr war nach dem S ſeinet Gemahlin. „Mylady iſt ſehr wohl, glaub' ich,“ ſhi der Bediente,„denn ihre Gnaden und Ellis ſind in einer Poſtchaiſe ausgefahren.“ „In einer Poſtchaiſe! Warum nicht im Wagen?“ rief Percy. Doch ſich beſinnend, glaubte er, ſie ſey fur irgend einen wohlthaͤtigen Zweck ausgefahren, wo ſie nicht erkannt ſeyn wolle, und ohne alle Unruhe trat er in die Biblio⸗ chek. Noch dachte er, als er den von Johannens Hand an ihn gerichteten Brief erblickte, etwas nders, als eine Erklaͤrung ihrer Entfernung mit Ellis zu finden. Wie unausſprechlich war daher 295 ſein Erſtaunen und ſein Kummer; als er den Brief las, und fand, daß Johanne ſeinem Zorn ausgewichen war.„Doch ſie that weis⸗ lich!“ ſagte er,„und ich dank' es ihr; denn haͤtte ich ſie im erſten Ausbruch meiner gerechten Entruͤſtung geſehen, ſo moͤchte ich ſie vielleicht zu bitter getadelt haben. Dieſe Nacht brachte er in ſchlaſtoſem Elend zu; als aber der Morgen anbrach, war es ihm gelungen, mit mehr Ruhe zu denken; denn er hatte ſich bemuͤht, dem Vergehn, ſo große Schulden zu veranlaſſen, ihr edles Bekenntniß entgegen zu ſetzen, um ihn von einem Rechts⸗ handel abzuhalten, deſſen noͤthige Ausgaben er nicht beſtreiten konnte.„Und ſie machte es noch dazu,“ ſagte er,„auf die Gefahr, mich fuͤr im⸗ mer zu verlieren!— Hierinnen war Tugend, und vielleicht iſt ſie noch zu beſſern. Vielleicht werd' ich ſie durch Guͤte zu einer Aendrung 206 ſchämen; und ihre edle Natur, denn edel iſt ſie gewiß, wird aus Erkenntlichteit fͤr meine Nachſicht ſich in Zukunſt zu Vermeidung des un rechts aufgeregt fuͤhl en.“ Es war Percys eigne edle Natur, die ſprach; und nachdem er beſchloſſen, auf ſie zu hören, begab er ſich zur Ruh. Um acht Uhr erwachte er mit dem Vorſatz, ſeiner Gattin ten andre Befehle ertheilt hatte, ſo zweifelte er doch nicht, daß ſie zu ihrer Couſine gegangen ſey, und eine Stunde darauf befand er ſich, a⸗ lein in einer Poſtchaiſe, a der Straße nach Gruͤn⸗ Fels. Als er das Wirthshaus erreichte, wo Lady Johanne zu bleiben genoͤthigt ward, ſtieg er, waͤhrend die Pferde gewechſelt wurden, aus, und ſah eine Frau, die Ellis glich, mit einem Arznei⸗ Glus die Treppe hinauf gehen. So⸗ nachzureiſen; denn ob ſie gleich vor den Bedien gleich folgte er ihr, und erhielt die ſchmerzliche Nachricht, daß ſich ihre Lady in einem der Ges mächer aus Gemäths⸗ Unruhe ſehr bedenklich krank befinde. Verſchwunden waren im Augen⸗ blick alle ͤberdachte Vorwürfe, alle Gebanken eines kalten Ennpfungs„ und die ganze zornige Wuͤrde eines beleidigten Ehemanns, die er ge⸗ gen ſie annehmen wollte.— Johanne, ſeine angebetete Johanne, krank, vielleicht ſterbend, in einer ſchlechten Herberge am Weg, war das herrſchende Bild in ſeiner Seele, und er beſtand darauf, Ellis an das Lager der Kranken zu fol⸗ gen. Er folgte ihr; und kaum hatte ſie geſagt? „Mylady! Hier iſt mein Herr!“ ſo fuͤhlte ſich Johanne in den Armen ihres Gemahls, und ſeine Thraͤnen ſielen auf ihren Nacken herab. „Das iſt zu viel— zu viel Gte, zu viel Glc1“ rief ſie. Es war in der That mehr Gluͤck, als ſie verdlente, und mehr, als ſie 298 N vetzt genießen konnte.—„Ich will keine Verſprechungen der Beſſerung machen,“ ſagte ſie traurig,„ich wage es nicht, denn ich miß⸗ traue mir ſelbſt.“ „Ich halte das eben Geſagte,“ entgegnete Percy,„fur ein guͤnſtiger Zeichen der Beſſerung, als funfzig Verſprechungen geweſen ſeyn wuͤr⸗ den; und von dieſem Augenblick an, meine Geliebte, erinnre Dich des Vergangnen nur als einer Warnung gegen die Verſuchungen der Zukunſt!“ Lady Johanne ſegnete ihn fuͤr ſeine Guͤte, und ſuchte heiter zu ſeyn: dennoch litt ſie ſowohl geiſtig als körperlich, und der aͤrztliche Beiſtand, den die beſorgte Ellis herbei gerufen hatte, ver⸗ ſicherte, nicht fuͤr die Folgen ſtehen zu koͤnnen, wenn ſie ſogleich abreiſte. Nach drei Tagen war ſie indeſſen faͤhig, den Ort zu verlaſſen, und Perey ſchlug vor, nach Gruͤn⸗Fels weiter zu 1 299 — reiſen, und Lady Annen zu äberraſchen. Die⸗ ſem gemas ward Ellis in einem Wagen, der am Wirthshaus voruͤber tam, nach London ges ſandt, und Lady Johanne und Percy fuhren in einer Poſtchaiſe bis zur naͤchſten Station, wo ſie warten wollten, bis Ellis mit Lionel in ih⸗ rem eignen Reiſewagen zuruͤckkehren wuͤrde. In zwei Tagen erreichten ſie Gruͤn ⸗Fels, nicht oh⸗ ne große Beſchwerden fuͤr Lady Johanne, wegen der ſchlechten Wege. Allein der Empfang ihrer Couſine, und der Aublick ihres Kindes, ſo ge⸗ ſund und blähend, verbannte auf einige Zeit je⸗ des ſchmerzliche Gefuͤhl aus ihrer Bruſt; und waͤhrend ſie mit Entzuͤcken die Freude der Bruͤ⸗ der beim Wiederſehn erblickte, und Heinrichs Vergnügen ſah, indem er Lionel alle ſeine neuen Spielſachen, ſeine neuen Buͤcher, und ſeinen kleinen Garten zeigte, fuhlte ſie, daß Zer⸗ ſtreuung und alle ihre Ergotzlichkeiten nichts 800 gewähren eonnten, was dem reinen Vergnuͤgen dieſer Augenblicke gleich tm, und ſie hielt ſich fuͤr faͤhig, in Zukunft nur dem Genuß der Zaͤrt⸗ lichkeit leben zu koͤnnen. Doch bald wurden andre Gedanken, von weit weniger angenehmer Natur, in ihr erregt; und ob ſie gleich ſo neuer⸗ liche Beweiſe von Percys Zuneigung erhalten hatte, konnte ſie doch Annens jetzt glaͤnzende Schoͤnheit, die einen vollkommenen Kontraſt mit ihren eingeſunknen Wangen, ihren hohlen Augen, und ihrer kuͤnſtlichen Farbe machte, nicht ohne Gefuͤhle der Eiferſucht und Beſorgniß anſehen; beſonders da Anne bei allem, was ſi ſie 3 ſprach, Percys Aufmerkſamkeit feſſelte. but Ich habe mehr als einmal neidiſche und ei⸗ ferſuͤchtige Frauen die Eiferſucht, die ſie nich, verbergen konnten, auf eine Art darſtellen ſehen die dem leichten Beobachter dieſelbe unverdächtig machte; denn ſie ſchienen als Scherz ausjus 8 F — 301 ruͤcken, was ſie doch als traurige Wahrheit empfanden. Von ähnlichen Empfindungen ers fuͤllt, aͤußerte ſie Johanne auf dieſelbe Weiſe, und ihre ſeltſamen Lobeserhebungen und Anſpie⸗ lungen nöthigten oft den Wangen ihrer Couſine eine tiefere Roͤthe der Beſcheidenheit auf. Der nächſte Tag, und der darauf folgende, und der dieſem zunaͤchſt, waren Tage der Abs wechſelung, und folglich des Vergnuͤgens fuͤr Lady Percy. Als ſie aber alles gehoͤrt, was WMiß Tyrawley auswäͤrts, und deren Mutter zu Haus geſehen hatte; als ſie Zeuge der bewuns drungswuͤrdigen Fortſchritte des kleinen Heinrichs im Leſen, und bei allen Nachbarn geweſen warz nachdem ſie alle Gelegenheiten zum Fahren und Gehen kannte, ſehnte ſie ſich wieder nach Lon⸗ don, und freute ſich ſehr, Perch ſagen zu hoͤ⸗ ren, daß er zu ſeinen Parlaments⸗Pflichten . 302 zuruckkehren muͤſſe.— und der naͤchſte ſah ihre Zubereitungen zur Abreiſe. Obgleich Lady Johanne vollkommen geſund in der Stadt ankam, ſo hatten doch die heftigen Gemůths Erſchuͤtterungen, die ſie empfunden, und die Ungemächlichkeiten der ſchlechten Wege einen verderblichen Einfluß auf ihr Weſen, und eine zu fruͤhe Niederkunft war bald die Folge da⸗ von, wo Percys zaͤrtliche Aufmerkſamkeit ihr die Befriedigung gewährte, daß obwohl ſie den Verluſt ſeines Herzens verdiente, dies Herz ihr doch noch immer zartlich geweiht war. Es giebt, glaub' ich, Maͤnner, bei denen die Ge⸗ wohnheit der Beſtaͤndigkeit und unveränderlichen ·nhaͤnglichkeit ſo ſtark und unbeſiegbar iſt, wie bei tugendhaften Frauen; und weh dem Weibe, welches, des Gluͤcks der treuen Zärtlichkeit eines ergebenen Gatten ſich bewußt, die Gewalt zu mißbrauchen wagt, die es beſitzt, und das Herz 303 eines Mannes tyranniſirt, von dem es mit allen ſeinen Fehlern geliebt wird. Welche Veraͤnderung auch Zerſtreuungen, geheime Unruhe, und ſpätes Schlafengehn in Lady Johannens Erſcheinung bewirkt haben mochten, ſo war doch ihr Betragen daſſelbe, und zuweilen beſaß ſelbſt ihr Aeuſeres all' jene Fuͤlle des Reizes, die in ſöhen Zeiten Perch ſo bezaubert hatte; und dies wirkte vereint ſo mächtig auf Annens Verwandte, daß ſie in we⸗ nig Tagen mehr von ihrer Zuneigung gewann, wie Anne in Monaten.— Ja, ihre guͤnſtige Meinung von ihr war ſo groß, ſie zu vermoͤgen, alle Schuld eines mit ihrer Couſine vorgefallnen Streits ganz dem ſtolzen, unbiegſamen Geiſt dieſer letztern beizulegen, und es Percy gänzlich zu verdenken, ſeine Gattin zu Entſchuldigungen zu nöthigen, welches er, woran ſie nicht zwei felten, gethan haben wuͤrde. 30½ Allein Anne hatte noch nicht gelernt, wie ſchadlich fuͤr die Sache der Tugend ein zuruͤckſto⸗ ſendes Betragen iſt, und wie ſelbſt die Wahr⸗ heit eines wohlgefälligen Gewandes bedarf, um ſich willtommen zu machen.— Eines Abends kam der kleine Heinrich, der den Tag mit eini⸗ gen Knaben, eher aͤlter als er, in der Woh⸗ nung eines Herrn im Ort zugebracht hatte, wei⸗ nend und ſtart an den S nach Hauſe. Der nach ihm geſandte Bediente ezhit, daß er mit einem andern der jungen Herren ſich geſtritten habe, und von ihm niedergeworfen worden ſey, wo er ſich im Fallen den Kopf an et was blutig ſtieß, weshalb ſie ſich nicht beunrus higen ſollte. „Doch ich fuͤrchte, er i beſchäbigt, da er ſo bitterlich weint!“ rief Anne.„Komm mit mir, liebſter Junge! und laß mich alles wiſ⸗ Gentlemans von ſieben Jahren nicht ein Laͤcheln 305 ſen.“ Sie nahm ihn dennoch mit auf ihr Zim⸗ mer, und ſobalb er verſtändlich ſprechen konnte, ſagte er: Ich weine nicht, weil ich Schmerzen fuͤhle, ſondern weil der junge Aproece ſagte, ich ſey kein Gentleman, und er wolle nicht mehr mit mir ſpielen! Nun, bin ich nicht ein Gentleman, und muß er nicht wieder mit mir ſpielen?“ Anne konnte uͤber dieſe ernſte Anklage eines unterdruͤcken; dennoch antwortete ſie mit großer Ernſthaftigkeit, daß nicht die Geburt allein einen Gentleman mache, ſondern auch gutes Betragen nöthig ſey, und er moge ihr ſagen, was er ge— than hatte, eh' ſie entſcheiden koͤnne, ob Apreece recht habe oder nicht.* „Gewiß,“ ſagte der Knabe,„ich that nichts Boͤſes; denn ich ſprach nur, wie ich es oft von Ihnen gehoͤrt habe. u 306 „Wirklich! und was war das?“ „O! Apreece redete etwas, das ich nicht fuͤr wahr hielt, und ich ſagte, er ſpreche eine Unwahrheit, und ſo warf er mich nieder.“ „Ich wundre mich daruͤber nicht, mein Lie ber, da Du ihn einen Luͤgner nannteſt; doch wenn hoͤrteſt Du je mich ſo ſprechen?“ „O! ich hoͤrte Sie oft zu Andern ſagen— das iſt nicht wahr, und ich wundre mich, wie Sie dergleichen argerliche Geſchichten nachert zählen können.— Und wenn die Leute Apree⸗ ce geweſen waͤren, wuͤrden ſie es gemacht haben, wie er, obwohl ich, mit aller Mühe, die ich mir gab, nicht ſo ausgeſehen und geſprochen ha⸗ be, wie Sie.“* „Du gabſt Dir Muhe, auszuſehen und zu 8 ſprechen, wie ich? 3 „O ja! denn der Vater ſagte mir, je aͤhn⸗ licher ich Ihnen waͤre, je mehr wuͤrde er mich 307 lieben!“— Und Lady Anne konnte nicht wi⸗ derſtehen, ſeine armen verwundeten Schlaͤfe zu kuͤſſen.„Gut, Heinrich!“ ſagte ſie,„ich bekenne mich einer ſolchen Grobheit ſchuldig, denn dies war es, und ich muß mich um Dei⸗ netwillen zu beſſern ſuchen, da Du ein ſo ſchar⸗ fer Beobachter und genauer Nachahmer meiner Handlungen biſt.“ „Grobheit?“ fragte das Kind.„Ja, ſie glaubten, ich lerne ein ſolches Betragen von Ihnen, meinten ſie: Denn,“ ſagte Apree⸗ ce,„ſie achtet nicht was ſie ſpricht, und Jedet⸗ mann hält ſie fuͤr unangenehm.“ Und ich war ſo zornig uͤber dieſe Worte, daß ich ihn nieder⸗ zuſchlagen ſuchte: aber ſein Bruder hielt mich zuruͤck; dennoch gab ich ihm einen tuchtigen Tritt an die Beine.“ Lady Anne war zu gerecht, um ein Kind wegen eines Fehlers zu beſtrafen, den ſie ſelbſt U 303 veranlaßt hatke, und zu weiſe, als daß ſie nicht aus der eben erhaltenen ſtrengen Lehre haͤtte Nu⸗ tzen ziehen ſollen. Sie ſah auch ein, daß ſie ihn leichter durch Beiſpiel, als durch Vorſchrif ten beſſern konnte; und was Johanne mit all' ihrem Spott und Rath nicht bewirkte, brachten jetzt die kunſtloſen Worte ihres zärtlichen Soh⸗ nes hervor. Ja, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, ich will enblich, um dieſes theuern Kindes willen, wie Perch ſagt, mich herablaſſen, angenehm zu ſeyn. Allein ein ſchweres Geſchaͤft wird es in der That hig machen: dennoch iſt es nicht unmoͤglich, ſein Betragen zu aͤndern. Moraliſche Gewohn⸗ heiten, ſo irrig ſie auch ſind, laſſen ſich, wie ich glaube, in meinem Alter nicht abaͤndern; al⸗ lein Manieren können verbeſſert und gewechſelt . werden, und kein Grund weniger maͤchtig, als der meine, koͤnnte mich, es zu vollbringen, ſü⸗ 309 werden, obwohl gewiß nicht ſo leicht, wie ein Kleid. Und ich muß zugeſtehen, daß ein ge⸗ winnendes Betragen fuͤr die Tugend iſt, was eine zierliche Tracht fuͤr den Koͤrper: daher er⸗ fordert es die Pflicht aller derer, die den Ein⸗ fluß derſelben zu befoͤrdern wuͤnſchen, ſie ſo rei⸗ zend als moglich darzuſtellen. Bald empfanden ihre Verwandten, mit Ue⸗ berraſchung und Freude, die Wirkungen dieſes Vorſatzes, und ihr Beiſpiel in Bezwingung der Ungeduld und der Milde und Nachſicht ihres Betragens, ging an dem kleinen Heinrich nicht verloren; und ſie vermochte ſeinem Stolz und Ehrgeiz eine lbliche Richtung zu geben, indem ſie ihn bat, auch ihr mit gutem Exempel vorzuge⸗ hen.— O! welch eine Veraͤndrung in dem Urtheil uͤber ſie fan jetzt bei Jedermann ſtatt! Ihre Schoͤnheit war nie beſtritten worden; al⸗ lein nnn prieß man ihr gefaͤlliges Betragen, ih⸗ 310 ren Reiz, ihren Ausdruck eben ſo ſehr; und Mrs. Tyrawley fuhlte ſich durch die ungewoͤhn⸗ liche Anmuch ihrer Erſcheinung bewogen, ſie einmal theure Couſine zu nennen. Lady An⸗ ne empfaud mächtig die veranderten Geſin⸗ nungen gegen ſie, welche dieſer Ausdruck be⸗ zeichnete, und ſich mit einem von Johannens Laͤcheln nach ihr hinwendend, ſagte ſie:„Ich dank' Ihnen! Bis jetzt fuͤrchtete ich, nie als Verwandte von Ihnen anerkannt zu werden, da Sie mich nie mit dieſem Namen begunſtig⸗ ten.— „Lady Anne, oder, liebe Couſine!“ ant⸗ wortete dieſe, waͤhrend Thraͤnen der Beſchä⸗ mung, ihren Charakter ſo lange verkannt zu haben, in ihren Augen glänzten,„Sie gehoren zu den wenigen Perſonen, die ein Fenſter in„ rem Herzen haben ſollten. 311 „Ich verſtehe Sie,“ ſagte Anne lächelnd: „allein ich hoffe, es ſoll in Zukunft nicht noͤthig ſeyn, denn ich meine der Anſenſeite eine Ueber⸗ ſchrift zu geben— um zu zeigen, was darin⸗ nen iſt.“ Die naͤchſte Woche wurden ſie angenehm durch Percys und Lionels Beſuch uͤberraſcht; und da ſich Johanne ziemlich wohl Kefand, benutzte Percy die Weihnachtszeit, um auf einige Tage nach Gruͤn Fels zu reiſen. Mit dem ganzen Stolz eines Vaters erblickte er die Schoͤnheit und Geſundheit von Heinrichs Erſcheinung, und mit zaͤrtlicher Beſorgniß den Kontraſt zwiſchen ihm und ſeinem Bruder. Auch bemerkte er bald die eben ſo große Verſchiedenheit ihres Gemuͤths, als ihres Aeuſern; und er fand, daß Johanne, obwohl eine eben ſo gefuhlvolle und unterrichtete Frau, wie Lady Anne, durch den Mangel an regelmaͤſiger Belehrung, ihren Sohn verhindert 313 hatte, ſo viel er ſollte, von einem Privat? Leßrer zu gewinnen; und nur durch die Befuͤrchtung, das Gefühl der Mutter zu verletzen, ward er abgehalten, auch ihn annens Sorgfalt zu uͤber⸗ geben. Allein der kleine Lionel hatte länger Ge⸗ legenheit, an Heinrichs Erziehung Theil zu neh⸗ men, als ſein Vater erwartete; denn in einer Nacht fiel ein tiefer Schnee, und hielt ſo lange an, daß die Wege nicht mit Sicherheit zu paſſi⸗ ren waren; und die beunruhigte Johanne, in der Sorge um das Wohl ihres Gatten und ih⸗ res Kindes, alle Furcht vor Annens zunehmen⸗ dem Einfluß verlierend, erſuchte ihn ſchriftlich, unter keiner Veranlaſſung an die uckreiſe zu denken, bis die Wege voͤllig ſicher waͤren.. 8 Haͤtte es Anne fur recht halten koͤnnen, ſich uͤber dieſen Zufall zu freuen, ſo wuͤrde ſie ſich gefreut haben; doch gewohnt, jedes Gefuhl, 313 ds ihrem Sinn für Recht entgegen war; zu be⸗ kämpfen und zu beſiegen, ſuchte ſie die Noth⸗ wendigkeit, die Percy ſo lange zu einem Bet beſchloß, ihn ſo wenig als moͤglich zu ſehen⸗ Bald bemerkte er die Veraͤndrung, welche in Lady Annens Betragen, wie auch in dem ſei⸗ nes kleinen Sohnes vorgegangen war. Als er eines Tages mit Heinrich ſcherzte, vergaß ſich das Kind, indem es nicht verſtand, daß er iro⸗ niſch ſprach, ſo ſehr, um mit ſeiner vorigen rau⸗ hen Art auszurufen—„Das iſt nicht ſo— und Sie reden nicht wahr!“ „Heinrich!“ rief Lady Anne, und das ſich beſinnende Kind ſetzte unter Errothen hinzu: „Es thut mir leid Ihnen zu widerſprechen, al⸗ tein ich halt es nicht für richtig.“ Und während wohner ihres Hauſes machte, zu beklagen, und . Perch den Knaben an ſein Herz druͤckte, ſagte 314 er:„Vie iſt das, Lady Anne? D ſind groe Puinrungen und Verbeſſerungen.“ „Sollen wir erzaͤhlen, Heinrich,“ erwie⸗ derte Anne laͤchelnd,„was die Verbeßrung un⸗ ſers Betragens bewirkt hat?“— Freudig bat ſie der Kleine, es zu thun, und Percy hoͤrte mit der theilnehmendſten Aufmerkſamkeit zu. Als ſie aber geendet, fuͤhlte er einen Grad der Verlegenheit, den er nicht zu erklaͤren wußte, und es war ihm gaͤnzlich unmoglich, nur die Hälfte vön dem auszudruͤcken, was er bei dem vffnen Bekenntniß ihres Fehlers, und ihrem Entſchluß⸗ um ihres Pfleglings willen ihn abzu⸗ legen, empfand. Ueberdies erinnerte er ſich, wie er Annens zuruͤckſtoßendes Betragen fuͤr ihren einzigen Fehler erklaͤrt hatte; und er ſah ſie nun, ſchoͤn und ausgezeichnet, wie immer, oh⸗ ne dieſe einzige Scheidewand zwiſchen ihr und der Macht unwiderſtehlich zu ſeyn. — 313 „Sle ſind ein bewundrungswürdiges We⸗ ſen,“ ſprach er endlich;—„und ich werde den Tag ſegnen, an welchem Sie mein Kind zu dem Ihrigen machten.“ Dann verließ er mit einem tiefen Seufzer das Zimmer— während ſich Las dy Anne weder uͤber die Worte noch den Seufter nachzudenken erlaubte. Die vierzehn Tage aufgenoͤthigter Gefan⸗ genſchaft flogen fuͤr Percy und Lionel zu ſchnell voruͤber; und ſo auch fuͤr die Damen. Annens Verwandte verloren alles Vorurtheil gegen Perch, und bekamen ein mächtiges fuͤr ihn; — und während Mrs. Tyrawley ſpann, ihre Tochter Muſſelin naͤhte, und Lady Anne Land⸗ karten fuͤr Heinrich illuminirte, las Perch ih⸗ nen vor, und ſeit mehrern Jahren brachte er die Stunden, die er nicht im Haus der Gemeinen verlebte, jetzt untet Vergnügungen zu, mit täg⸗ licher Belehrung vereint. 316 „O! daß mein eigen Haus! wie bieſes waͤre!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Es hätte ſeyn können! und warum, o, warum iſt es nicht?“— Doch endlich erſchien die Stunde der Trennung; und Percy kehrte mit vollem Herzen, in Begleitung ſeines weinenden Kindes, nach jener Wohnung zuruͤck, ſo verſchieden von der, die er verließ. Ungefaͤhr ſechs Wochen nach ſeiner Entfer⸗ nung warb Lady Annens Ruhe durch einen Brief ₰ von ihrer Couſine unterbrochen, worin ſie dieſel⸗ be bat, wenn ſie irgend eine Ruͤckſicht fuͤr ihre Ruhe und Percys Ehre habe, und einen Wunſch hege, ſie von Anträgen zu retten, die mit dem Verluſt ihres Fufes enden duͤrften, an Lord Lo⸗ rimer mehrere tauſend Pfund zu bezahlen, die ſie im Spiel an ihn verlor! Er habe ſich erbo⸗ ten, die Schuld aufzugeben, wenn ſie ihm ge ſtatte, ſeine Bewerbung als Liebhaber bei ihr fortzuſetzen, und ob ſie gleich den Vorſchlag ver⸗ obſcheue, bewege ſie doch die Furcht, Percy ih⸗ ren Fehler zu entdecken, ihn auf einige Zeit anzunehmen. Nachdem ſie dieſen Brief geleſen hatte, ſaß Lady Anne mehrere Minuten lang in ſtummen, bewegungsloſen Entſetzen. Was auch Jvhanz nens Fehler ſeyn mochten, ſo hatte ſie doch im⸗ mer ihre Tugend fuͤr unverletzlich gehalten: al lein jetzt war ihr Vertrauen in dieſelbe zerſtoͤrt, da ſie bewieß, daß die Furcht, ihres Gatten Unz zufriedenheit zu erregen, ſtaͤrker auf ſie wirkte, als die Gefahr, ihn zu beſchimpfen. Doch Ans ne irrte ſich. Johanne wußte wohl, ſie könne, ohne etwas zu wagen, des Lords Aufmerkſams keiten annehmen, da ſie uͤberzeugt war, daß ih⸗ re Couſine, ſo bald ſie von dem Vorgefallnen Nachricht erhielt, ſogleich zu ihrem Beiſtand herbei eilen werde. Dennoch fuͤhlte ſich dieſe 3158 Anfangs auſerſt unruhig, da ſie nicht wußte, wie es unmittelbar zu bewirken ſey. Indeſſen erin⸗ nerte ſie ſich, daß man ihr vor kurzem fuͤr eines ihrer Guͤter Geld geboten hatte.„Ja, ich will es verkaufen!“ rief ſie:„denn beſſer wird es fuͤr das Kind ſeyn, ein Gut weniger zu be⸗ ſitzen, als ein theurer Eigenthum zu verlie⸗ ren, das Bewußtſeyn des untadelhaſten Rufs einer Mutter. Nach wenig Stunden war alles zur Abreiſe angeordnetz und ihren Freunden ſagend, daß nothwendige Geſchaͤffte ſie hinweg ruften, uͤbers gab ſie den weinenden Perch ihrer Sorgfalt, wäͤhrend ſie mit klopfendem Herzen— von ei⸗ nem alten Haushofmeiſter ihres Vaters beglei⸗ tet— die Reiſe antrat.— Bei ihrer An⸗ kunft in London fuhr ſie ſogleich zu ihrem Bans quier, und verlangte von ihm gegen die Schriß ten eines Gutes, fuͤr welches ihr 20,000 Pfund 319 geoten waren„ die unmittelbare Anleihe der Summe, die ſie brauchte; und nachdem ſie dies ſelbe erhalten, fuhr ſie zu Lord Lorimers Woh⸗ nung. Als ſie gehort, daß er zu Haus ſey⸗ mußte der Haushofmeiſter, Herr Moreton, mit ihr ausſteigen; denn ſie nahm zu angemeßne Ruͤckſicht auf Anſtand und die Meinung der 5 Welt, ſelbſt zu einem ſo ernſten Geſchaͤfft nicht allein zum Lord zu gehen.— Er befand ſich in ſeiner Morgen Kleidung und las, als ihm ſein Kammerdiener ſagte, daß eine Dame ihn zu ſprechen wuͤnſche. 5 „Eine Dame! welche Dame?— Iſt ſie jung und ſchön?!—„Jung und ſchön wie ein Engel, Mylord.“ „Bravo! fuͤhre ſie in das kleine Sprachzim⸗ mer!“—„ch habe ſie ſchon in das Beſuchz zimmer gefuͤhrt..—„Toͤlpel! glaubſt Du, daß ſie dorthin gehoͤrt?“—„Ja, Mylord! 320 ihrein Blick und Betragen nach könnte ich ſie fuͤt einen Pallaſt geſchickt— und fur eine Konigin halten.“—„Gut! ich will ſelbſt urthetlen.“ Nachdem er erſt in den Spiegel geblickt hatte, ob er die gehoͤrige Miene habe, ſchlenderte der Lord, ohne ſich umzukleiden, mit angenomnnem Weſen in's Beſuchzimmer, und ſein beſtuͤrzter Bu fet auf bie ſchlante, mafeſtütiſche Geſtat, und die ſtrengen, obwohl ſchönen Züge, der Lan dy Anne Mortimer. 5 „Dies iſt eine Ehre,“ ſagte er,„wirklich 3 ſo unerwartet,(ob er gleich vermuthete, warum ſie kam)„daß ig dieſem Anzug vor Euer Gnaden erſcheine. X„Verzeihen Sie, wenn ich ihn wechsle.“— und ſroh über einen Vorwand, ſich— zu können, um ſich zu ſammeln, ging er zrück, einen andern Rock hnzuziehen. * 321 e 2 „Du haſt recht, Dawliſch,“ ſagte er zu ſeinem Bedienten—„es giebt nur eine Lady Mortimer in der Welt, und ich ſollte ſie an Dei⸗ ner Beſchreibung erkannt haben, wenn ich mir hätte denken koͤnnen, daß ihre Hoheit einen Suͤnder, wie mich, mit ihrer Gegenwart beeh⸗ ren wuͤrde.— Als er hierauf ſein Halstuch von neuem gebunden, und ſeinen ſchoͤnen ſchwar⸗ zen Haarbuſch von neuem gebuͤrſtet, tehrt⸗ er zu Lady Anne zurück, die nichts von ihrer Wuͤrde verloren hatte, ſondern, die Arme in einen lan⸗ gen Sammt⸗Mantel verſchraͤnkt, und Kopf und Geſicht unverhüllt, groß und bewegungslos da ſtand, 6 Mr. Kempke in Coriolanus 6 dir Haide von Lullus Hoſtilius. „Ich bitte mir die Ehee zu erzeigen, ha zu nehmen.“ ℳ „Nein, ich will mich nicht ſetzen, My⸗ lord!“ erwiederte Anne, nicht mehr die ge⸗ IV, E 322 fällige, lächelnde Herrin von Grün Fels, ſon⸗ dern die kalte, ſtolze, zuruͤckſtoßende Lady Anne von vormals.—„Mein Geſchaͤft wird bald geendet ſeyn.— Erlauben Sie mir, mit Ih⸗ nen in's nachſte ginmer zu gehen, und Sie, lieber Herr Moreton, bleiben hier ſtehen, bis ich zuruͤcktomme.“ Sie ging hierauf in's andre Zimmer, wo ſie ſo leiſe, daß Moreton ſie nicht hoͤren, obwohl immer ſehen konnte, dem Lord die Veranlaſſung ihrer Erſcheinung bekannt machte, und ihm das Geld hinlegte, wobei ih⸗ re dunkeln Augen mit einem ſo ſtrengen Ausdruck auf ihn gerichtet waren, und ihre vollen rothen Lippen noch mehr verachtenden Unwillen aus⸗ druͤckten, daß ſelbſt Lord Lorimer betroffen und beſchaͤmt war. „Wohlan, Lady Anne,“ ſagte er ſich ſam⸗ melnd—„bis Lady Johanne nicht wirklich von 323 Ihnen die Bezahlung dieſes Geldes fordert, kann ich es nicht annehmen“ „Ich ſagte Ihnen ausdruͤcklich, daß ich auf Laoy Johantens Verlangen komme; und wenn ſie es nicht verlangt hoͤtte, ſo würde ich, da ich das ſchimpfliche Geheimniß weiß, wegen mit ſelbſt gekommen ſeyn.“ Und nachdem der 3 Lord, durch einige Hindeutungen auf ihre Couſine, ſie zu Frengen Antworten aufgeregt hatte, ſagte ſie:—„Doch ich verliere meine Zeit, My⸗ lord; hier iſt, wie ſchon geſagt, ihr Geld!— und mein Beſuch iſt zu Ende!“— Dann⸗ eine hoͤfliche, doch ftoſtige Verbeugung machend, winkte ſie Moreton, und ſchluͤpfte leicht die Treppen hinab, eh' ihr der Lord den Arm bieten konnte. Dennoch folgte er ihr zur Thär, und ſtand, ſich verbeugend, bis ſie fort fuhr. „Das iſt eine Frau, in der That!“ ſagte er zu Dawliſch, als er ſich ankleiden ließ. £ 2 „Solch eine Frau konnte einen Mann verſuchen, zu heurathen, denn ſie hat ein gehöriges Gefuͤhl ihres eignen Werths; und ob Luzifer ſeibſt, in Vergleichung mit ihr, demüthig war, ſo iſt es der Stolz bewußter Tugend und eines unbeſchols tenen Charakters!“ Von Lord Lorimer begab ſich eob Anne zu chrer Couſine, die Bewegung fürchtend, die bei einer Zuſammenkunft ſie beide empfinden wuͤr⸗ den, und in Verlegenheit, ihre plötzliche Ankunft in der Stabt bei Perch zu entſchuldigen. A⸗ lein Geſchäffte waren gewiß ein hinlaͤnglicher Vorwand, und nur ihr Bewuhtſeyn machte die Schwierigkeit.— Sie fand Lady Johannen genöthigt, den größten Theil des Tages im Bett bleiben zu müſſen, und war uͤber ihr mattes Ausſehn ſo betroffen, daß Theilnahme und Be⸗ ſorgniß jedes andre Gefühl verdraͤngte.— So gald Johanne ihren Namen hoͤrte, richtete ſie 325 ſich mit einem Ausruf der Freude empor; doch als ſie dieſelbe erblickte, ſank ſie wieder zuruck, und verhuͤllte ihr Geſicht. 7„Nein, Johanne, blick' auf! Ich tomme nicht, Dich zu tadeln;— ich komme als Freundin, nicht als Straferin.“ Und Johanne empfing ſie in ihre Arme.—„Gut, Anne, mein guter Engel! willſt Du, willſt Du— nich retten?“ „Nein;— denn Du biſt bereits gerets tet.— Ich habe dieſen Augenblick Lord Lori⸗ mer bezahlt.“ Lady Johanne konnte nicht ſprechen— und bald mußte ſie ſich erſchoͤpft wieder nieder legen. Allein ihr Geiſt hatte ſo viel Gewalt uͤber den Körper, daß nun, da Lord Lorimer bezahlt war, und Anne ihr keine Vorwuͤrfe machte, ihre Ges ſundheit zuruckkehrte, und ſie mit Percy und ih⸗ rer Couſine zu Mittag auf ihrem Zimmer ſpeiſen 326 konnte.— Percy war uͤber Annens Gegen⸗ wart entzuͤckt, doch bekuͤmmerte es ihn ſehr, daß ſie Heinrich nicht mitbrachte.—„Ich will Dir etwas ſagen,“ ſprach ſeine Gemahlin,„ob ich gleich nicht nach meiner Couſine geſendet hät te, um waͤhrend meines ſich naͤhernden Wochen⸗ betts bei mir zu ſeyn— ſo kann ich doch nun, da ſie hier iſt, mich nicht wieder von ihr tren⸗ nen, und gewiß, ſie kann es nicht wollen, nicht wagen, den Aufenthalt hei mir abzulehnen. Laß daher Barnes ſogleich mit Heinrich kommen, und unſre Verwandten koͤnnen indeſſen fuͤr Gruͤm Sels Sorge tragen.“ Lady Anne wagte in der That nicht, ſich zu weigern; denn ſie wußte, daß, wenn Lady Jo⸗ hannens Riederkunft ungluͤcklich ausfallen ſollte, ſie es ſich nie verzeihen wuͤrde, es ihr verſagt zu haben. Dieſem gemäß ward nach Barnes und 327 Heinrich geſendet, und drei Tage darauf kamen ſie an. Auf dieſe Weiſe ſah ſich Lady Anne, ob⸗ wohl ſehr ungern, von neuem zu einem Aufent⸗ halt in London genothigt. Dennoch mußte ſie ſich ſelbſt geſtehen⸗ daß die Geſellſchaft, welche ihre Couſine, wenigſtens zwei oder dreimal die Woche, fuͤr den Zweck der Unterredung in ih⸗ rem Hauſe verſammelte, reich an den vorzug⸗ lichſten Gegenſtänden geiſtiger Unterhaltung war⸗ Maͤnner von Talent, mit und ohne Rang, ziers ten dieſe Verſammlungen, und forderten ihre elegante und lebhafte Wirthin zu ſener geiſtrei⸗ chen Geſprächigkeit auf, die ſie beſonders aus⸗ zeichnete, inxeſſn Anne dieſen Ausfällen, fuͤr die ſie ſich nicht geſchickt glaubte, mit Vergnuͤgen zuhoͤrte; und waͤhrend ihre Couſine, leicht, glaͤnzend und veraͤnderlich, ſchimmernd wie der Kronleuchter uͤber ihrem Haupt, rund um ſich — her immer wechſelnde Strahlen verbreitete— glich ſie mehr einem ſchlanken, ſtattlichen Cande⸗ laber, in unveraͤnderter, obwohl reizender Stellung, ein ſtetes, wechſelloſes Licht ver⸗ breitend. 1 Allein die groͤßte Zierde, der großte Reiz dieſer geiſtreichen Abende, war Perch ſelbſt. Die Beweglichkelt ſeiner Phantaſie, die An muth ſeiner Darſtellung, und der milde, doch uͤberzeugende Ausdruck ſeiner Gruͤnde machten ihn zum Vergnuͤgen der Gaͤſte, und zum Stolz ſeiner Gattin und Lady Annens. Dennoch be⸗ kaͤmpfte letztere, als ſey es eine ſträfliche Nach⸗ ſicht, das Vergnügen, das ihr ſeine Unterhaltung gewaͤhrte, und bekaͤmpfte es um ſo mehr, da ſie vermuthete, Percy hege eine geheime Befriedigung, vor ihr zu glaͤnzenz— eine Veriuthung, die nur zu bald auch in Johannens Bruſt erregt ward. Dieſe war daher ſehr froh, da alle Spuren von ₰ * 329 Unpäßlichkeit verſchwunden, ſich wieder wie ges woͤhnlich mit der Welt vereinen zu können, und einen Grund für die Unterbrechung dieſer Zuſam⸗ menkunfte in ihrem Hauſe zu finden, die un⸗ fehlbar Percy mehr in Annens Gegenwart brach⸗ 5 ten, als ihre eiferſuͤchtigen Gefäͤhte mit Ruhe ertragen konnten. Es war nur zu gewiß, daß Percy in ſeinem Haus eine ganz neue Wohnung fand, ſeitdem Anne zu demſelben zuruckgekehrt war; und oft entſchluͤpfte es ihm, ſie, Anne, zu heißen, wie er als Knabe zu thun pflegte; doch ſich 6 verbeſſernd, ſagte er dann, Lady Unne.— Dennoch konnte er dieſe feierliche Benennung nicht ertragen, und nannte ſie das her, tiebe Couſine. Lady Johanne entdeckte pald den Grund zu dieſer veraͤnderten Benen⸗ nung in den neuen Empfindungen, die Perch vielleicht unbewußt gegen Annen unterhielt, und fühite ſich noch ungluͤcklicher, als vorher.— „ — Indeſſen empfand ſie immer, daß ſie ihr Ungluͤck verdient hatte; denn war es nicht der Kontraſt ihrer Verirrungen mit Lady Annens Tugend, der in Percys Gemuͤth die Gefuͤhle erregt hatte, die ſie bekuͤmmerten? Dieſe innre Unruhe mach te ſie indeſſen nachdenkender wie gewoͤhnlich, und in einer dieſer ſinnigen Stimmungen fant folgendes Geſpraͤch zwiſchen ihr und, Cout ſine ſtatt. „Es laͤßt ſich unmoͤglich, Anne,“ ſagle ſi e, „ein hinlänglicher Grund fuͤr die Verſchiedenheit angeben, die zwiſchen uns herrſcht, obwohl wir an Alter und Rang uns ſo aͤhnlich, und ſo nahe Verwandte ſind, und dieſe Verſchiedenheit zeigte ſich, wie ich weiß, von unſrer Kindheit an.“ „Es wundert mich nicht, erwiederte Anne, „denn die Verſchiedenheiten der Charaktere ſind ſo mannigfaltig, wie die der Geſichter. Kein Kopf oder Antlitz hat ſeines Gleichen, wie mit 33¹ einſt ein großer Kuͤnſtler ſagte, und ſo glaub' ich verhaͤlt es ſich auch mit dem Gemuͤth. „Doch dies zugegeben,“ ſagte Lady Johan⸗ ne,„und auch die geſtaltende Macht der Ver⸗ häluniſſe eingeſtanden, wie kommt es, daß an⸗ ſcheinend dieſelben Verhältniſſe ſo verſchieden auf Dich und mich wirkten?— Ich ward meinen Eltern, wie Du den Deinigen, geboren, als ſie eines Sohnes bedurften, der ihre Titel und Guͤter erben konnte, und ſie fuhlten ſich nas türlich genug in ihrer Hoffnung getaͤuſcht, da ſie keint andern Kinder hatten, und beſagte Titel und Guͤter an einen Vetter ſielen, den ſi ſie beide nicht achteten und kaum kannten.“ „Du mußt hinzu ſetzen, daß wir beide ſo zaͤrtlich geliebt wurden, als wenn wir zu dem Geſchlecht gehort hätten, das ihren Ehr⸗ geiz ſowohl wie ihre— befriedigt ha⸗ ben wuͤrde.“ „Wahr!— und dies gehoͤrt zu der Reie he einwirkender Umſtände, in denen wir uns gleichen. Doch um fortzufahren— Ich war indeſſen eine geborne Erbin, obgleich kein Erbe, und meines Vaters perſoͤnliches, wie meiner, Mutter erbliches Eigenthum, war mir be⸗ ſtimmt, waͤhrend Deiner Mutter unermeßliche Beſitzungen auf Dich forterbten, und Du daher immer als eine große Erbin betrachtet wur⸗ deſt. Dennoch gab es nie eine Zeit, wo ich nicht verſchwenderiſch, und Du nicht verſtaͤndig warſt, obwehl ich gleich wußte, nicht den ſech⸗ ſten Theil Deines Verwogens zu beſitzen, und Dich immer die reiche Con ſine nennen hoͤr⸗ 1e!— und ich bewundre, wie das ſeyn konm te— und—— Du laͤchelſt?“ „Ja. Ich laͤchle, daß Du Dich wunderſt, und vielleicht einen entfernten Grund fuͤr dieſe Verſchiedenheit unſrer taͤglichen Gewohnheiten. 4 333 ſuchſt, wo ein ganz naheliegender und augen⸗ ſcheinlicher es hinlaͤnglich erlaͤutern koͤnnte.“ „Gut, erklaͤre Dich.“ „Unſte Muͤtter und Väter, liebe Johanne, waren ſo verſchieden in ihren Gewohnheiten, wie ich und Du; und es hat immer mein herzliches Bedauern Deiner Verirrungen vermehrt, daß ich, wahrſcheinlich dem warnenden Beiſpiel Dei⸗. ner Mutter, jenen Erziehungsplan zu danken ha⸗ be, der mich vor den Klippen bewahrte, an des nen Du geſcheitert biſt; und meine eigne Sis chetheit ließ mich um ſo mehr Deine Gefahr empfinden.“ „War denn meine Mutter eine ſo anerkanns te Verſchwenderin?“ „Ihre Schweſter, meine geliebte Mutter⸗ hielt ſie dafuͤr; und obwohl ihr Vermoͤgen dem meiner Mutter nicht gleich kam, die immer als ein aͤltrer Sohn behandels worden war, ſe 38½ 6 übertraf ſie doch dieſelbe ſtets in Ausgaben, wie Du mich. ueberzeugt, daß die verſchiedene Art der Erziehung, die ſie erhalten, dieſe Ver⸗ ſchiedenheit der Charaktere bewirkte, indem die Marquiſe von D— bei einer verſtaͤndigen, wohlunterrichteten Tante, und die Graͤfin von 2— von einer ſchwachen Mutter mit ſehr 3 ſchlaffen Grundſätzen erzogen ward— bemuͤhte ſich meine Mutter, von der vorzuͤglichen Einſicht 3 und ſtrengen Rechtlichkeit ihres Gatten unterſtützt⸗ mich durch fruhe Gewohnheit des Rechten gegen die Verirrungen ihrer Schweſter zu ſchuͤtzen— Irrthuͤmer, die, wie ſie vorher ſah, das Erb⸗ cheil ihrer Nachkommen ſeyn wurden.“ „Gut. Aber wie konnten Deine Eltern Dich gegen die Gefahr ſchtzen, von Dienern und Gouvernanten Dir ſagen zu uſſen, daß Du reich ſey' ſt, und alles haben unu, was Du wuͤnſchteſt?“ 335 „FJuͤr's erſte hatte ich keine Gouvernante, und als das einzige Kind behielt mich meine Matter immer unter ihren Augen; daher war ich wes nig bei den Leuten; und der Begriff von den wahren Pflichten und Rechten einer Erbin war mir durch meine Eltern ſo tief eingepraͤgt, daß ich nie in Gefahr kam, durch falſche Anſichten verleitet zu werden, die mir Dienſtboten beizus bringen verſucht haͤtten.— Doch unſre Die⸗ nerſchaft that aus eigennuͤtzigen Abſichten und auch aus Achtung fuͤr ihre Herrſchaft das, was andre Untergebene in gleichen Verhältniſſen auch gethan haben wuͤrden, ſie ſtimmten in den Plan meiner Eltern ein; und ich erinnre mich nicht, daß mich je einer der Dienenden zu Handlungen haͤtte verleiten wollen, die Grundſäͤtze, oder meine Eltern mißbilligten. Ich brauche dies als gleichbedeutende Ausdruͤcke,“ ſetzte Lady Anne, mit dem Errsthen kindlis chen Stolzes und einer Thräne im Auge hinzu; „denn ich weiß, die Vorſchriften meiner Eltern waren nur die der Vernunft und Tu gend. „Ich möchte einige ihrer chemiſchen Proceſſt wiſſen, durch die ſie reines Gold hervorbrachten⸗ wahrend meine armen Eltern Gold mir vielem Zuſatz bewerkſtelligten; denn ich muß ſagen, Am ne, ich glaube etwas Gold in mir zu haben⸗ und bin, mein' ich, in Hinſicht was das Geld betrifft, ſo großmuͤthig wie Du.“ „In jeder Hinſicht,“ erwiederte Anne ⸗ ſcheiden,„Du wuͤrdeſt, zweifle nicht, mir gleich, wenn nicht dberlegen ſeyn, ſo bald Du meine Vortheile gehabt haͤtteſt.“ „Gut, ich danke Dir! Es iſt ſo ange⸗ nehm, ſeine Sunden⸗Laſt auf die Schulters eines andern legen zu können!“ „Wie! auf die der Eltern? O pfui!“ 337 „Doch! ſehr gewiß. Und ich will pfut da⸗ zu ſagen, ſiehſt Du nicht ſo—— Aber, liebe Anne, ich erinnre mich, wie meine Mutter lach⸗ te, als ſie von einem Beſuch bei der Deinigen auf dem Lande zuruͤck kam, und Dich ſo ernſt⸗ haft erblckt hatte, und ſo zufrieden mit einem abgetragnen Kleid und Hut; und als ſie fragte, warum man Dir ein ſo unwürdiges Gewand fur eine große Erbin tragen ließ, antwortete die Marquiſe, daß Du Dich freiwillig erboten ha⸗ beſt, ohne ein neues Kleid und einen neuen Hut zu gehen, damit das Geld dafuͤr eine arme Fa⸗ milie erhalten moͤchte, die Du in der Nachbar⸗ ſchaft entdeckt haͤtteſt.—„Welcher Unſinn! erwiederte meine Mutter,„da Anne dieſe Klei⸗ der, und auch das Geld fuͤr die armen Leute er⸗ 1 halten kann!“—„Ich wünſche,“ antwor⸗ tete die Marquiſe,„dem Gemuͤth meiner Toch⸗ ter feierlich einzuprägen, daß Selbſtverlaͤngnung 338 der Grund jeder Tugend, und auf perſsntiche Opfer das annehmlichſte Wahlnolen für andre errichtet iſt.“—„Und dann,“ ſetzt meine Mutter hinzu, als ſie dieſe Scene meinem Va⸗ ter erzählte,„ſah mich dies feierliche Kind, Las dy Anne, ſo zufrieden und ſelbſtgefaͤllig an, daß ich die kleine Dirne haͤtte ſchlagen mögen.“ „Und welche Wirkung hatte dieſe muͤtterliche Weisheit auf Dich?“ fragte Anne laͤchelnd. „Was ſie fuͤr eine gehabt hätte, weiß ich 3 nicht„ denn mein Vater erwiederke:„Du thuſt beſſer, zu Hauſe zu bleiben, und Deine eigne Dirne zu ſchlagen, Hortenſia, die es wohl mehr verdient, als dieſe gute kleine Anne; denn⸗ wenn ſie ſelbſtgefaͤllig ausſah, ſo war es die Selbſtgefälligkeit der Tugend.“.„Aber welches Recht hat ein Kind uͤberhaupt, ſelbſtge faͤllig auszuſehen?“—„Frag' Deine Toch⸗ ter, wenn ihr einen neuen Kopfputz aufſe⸗ 339 tzeſt, und babei ruft: Wie lieblich ſe ausſieht! Komm zu mir, mein ſchones Kind, und kuß mich!“ Meine Mutter biß ſich auf die Lippen, aber ſchwieg; und das Vergnügen, welches ich empfand, ſie uͤber Dich lachen zu hoͤren, auf die ich immer eiferſuͤchtig war, verſchwand gaͤnzs lich bei der Vertheidigung meines Vaters, und ich ward ſogar bewogen zu denken, daß ich eben⸗ falls das zu erwerben ſuchen ſollte, was mein Vater die Selbſtgefälligkeit der Tugend nannte.“ „Dein Vater ſcheint wenigſtens veruunf⸗ tige Meinungen uͤber die gehabt zu haben.“ Allein er war zu ſüchtig ſür langes Nachdenken, und zu indolent, um ſeinen klugen Vorſchriften gemüß zu handeln. Das Licht, das er auf meinen Pfad verbreitete, war wie das der Bltze, glaͤnzend und vorübergehend, und durch ſein ſchnelles Erſcheinen, und eben ſo Y 2 „ — 22 340 ſchnelles Verſchwinden, mehr geeignet mich irre zu fuͤhren, als zu leiten.“ 8. „Wie Schade! denn er hatte ont ge⸗ nug, um das Betragen wuͤrdigen zu koönnen⸗ das Deine Mutter lächerlich machte; und glanbe mir, Johanne, daß ich ähnlichen perſoͤnlichen Opfern jene Gleichgultigkeit fuͤr den Anzug, und ſolglich jenen Mangel an Verſuchung zur Ver⸗ 3 ſchwendung zu verdanken habe, die, wenn ich ſie auch zu weit getrieben haben mag, mich von vielen der Leiden beſreite, die Du erduldet haſt. Doch Lady L— ſah uut ein Beiſpiel jener Grundſätze, nach welchen meine Mutter mei ne Erziehung auf Unterdrückung der Eigenliebe gruͤndete.— Von Kindheit auf ward ich ge lehrt, Alles, was man mir gab, mit Andern zu theilen, und zuletzt au mich zu denken. Jes ne Gierigkeit, jene Begierde, zuerſt und am be⸗ ſten bedient zu werden, die uns täglich an Kin 341 dern Mißfallen erregt, ward nie in mir uͤber⸗ wunden, weil ſie nie Wurzel faſſen durfte— und in allem war ich gewohnt, auf die Bequem⸗ lichkeit Andrer Ruͤckſicht zu nehmen, vor mei⸗ ner eignen. Weniger ſcharfſichtige Beobachter wie meine Eltern, lachten uͤber dieſe Maßre⸗ geln, und hielten ſie fuͤr Poſſen und unnöthig; allein verlaß Dich drauf, daß die Moraliſten aller Zeiten nicht allein den Menſchen als einen Packt Gewohnheiten darſteliten, ſondern auch den menſchlichen Charakter aus einem Gemiſch vieler Theile zuſammengeſetzt, erklärten, von denen die Gewohnheiten die Haupt⸗ Ingredien⸗ ien ſind, gleich den Beſtandtheilen einer Mo⸗ ſait— und in der Feſtigkeit dieſer zuſammenges ſetzten Theile, ihrer Reinheit und ihrem Glanz, beſteht der Werth eines Charakters, oder die Schoͤnheit der Moſaik.“ 342 „Sehr wahr, Anne. Dennoch iſt noch immer die Frage nicht zu meiner Genugthuung brantwortet, warum ich von meiner fruͤhſten Jugend an ſo verſchieden von Dir war. Ver⸗ ſchwenderiſch war ich jederzeit, und wenn auch ſtets bereit, Andern zu geben, lirbte ich doch eben ſo ſehr, mich ſelbſt zu bedenken.— Ich hätte ſollen eine Koͤnigin ſeyn, denn wo Andre zehn Pfund gaben, gab ich immer funfzig.“ „Dann hoff' ich, wäreſt Du bald eine Koͤz nigin ohne Koͤnigreich geweſen, ſonſt hätte man Deine Unterthanen ſehr bedauern muͤſſen; denn wenn Oeconomie nicht die Grundlage ſelbſt der Tugenden und Wohlthaͤtigkeit eines Koͤnigs iſt, ſo wird er mit der Zeit ſo arm ſeyn, wie der . Geringſte ſeiner Unterthanen.“ „a— aber Oeconomie ſtand nie in mei⸗ nem Woͤrterbuch, noch in dem meiner Umgebun gen; und wenn ich von der Kleopatra las, wie 343 ſie eine der köſtlichſten Perlen auflöſet und trinkt, ſo bewunderte ich immer ihren Geiſt und wuͤnſchte daſſelbe thun zu können.“ „Das iſt Uebertreibung: dennoch hat immer ein ſchwaͤcher und unverbeſſertes Gefuhl dieſer Art Deinen Verirrungen zum Grunde gelegen. — Allein ich fuͤrchte, dieſe Folgen einer falſchen Erziehung laſſen ſich nun nicht mehr entfernen, und wir können uns blos bemuͤhen, die Neigun⸗ gen zu bezahmen, die ſich nicht ganz unter⸗ druͤcken taſſen. „Holla!“ rief Lady Johanne,„ich furch⸗ te, was Du ſagſt, iſt wahr. Aber meineſt Du nicht, es wäre am ſicherſten, mich in ein Haus zu bringen, nicht gerade fuͤr Wahnſinnige, ſon⸗ dern an einen Ort für die, welche halb und halb ſo2“ „Aber es giebt keinen ſolchen Ort.“ 344 .„Sehr wahr, und ich fuͤrchte, es kann nie einen geben; denn wenn einmal der Anfang dazu gemacht ware, wuͤrde das Bedürfniß dieſer Haͤuſer ſo groß ſeyn, daß es nicht Haͤnde gen nug gäbe, ſie zu bauen, noch Boden genug, darauf zu ſtehen.— Aber Friede mit Spott und Bemerkung, und ich will mich fuͤr die Oper ankleiden. Dennoch nein— ich habe ein Bekenntniß zu machen,“ ſetzte ſie hinzu, wobei plötzlich ihre ſchoͤnen Augen ſich mit Thränen fuͤllten,„welches mir lange auf dem Herzen liegt. Die Vergeſſenheit Deines Ichs, die man Dir in der Kindheit lehrte, hat Dich in jeder Lage des reifern Alters ausgezeichnet 3 und die Erwaͤgung des Ichs, die mir in der Kindheit gelehrt ward, zeigte ſich in manchen Vorfällen meines ſpätern Lebens.“ „Gut, Johanne— doch dies iſt kein neues Bekenntniß.“ „Nein:— abet habe Gebuld.— Ach! liebe, argwohnloſe Anne! kaum bemerkte ich den Vorzug, den Dir Percy vor mir gab, als meine Eiferſucht Feuer fing, und ob ich ihn gleich nicht liebte, ſo konnte ich es doch niche ertragen, Dich mehr von ihm geliebt zu ſehen, wie mich. Die Folge war, daß ich bei ſeiner Ruͤcktehr alles anwendete, ihn von meinem tie: fen Intereſſe fuͤr ihn zu uͤberzeugen; und da ich keine wahre Zärtlichkeit empfand, ſo ward es mir leicht, ſie in mein Betragen zu legenz waͤhrend Du, Deiner Gefuͤhle Dir zu bewußt, um ſie auszuſprechen zu wagen, in Kaͤlte und Zuruͤckhaltung Dich verhuͤllteſt, bis der arme Jingling, faſt ſich von Dir gehaßt wähnend, zuflucht in meinen lockenden Blicken und meiner ſichtlichen Partheilichkeit ſuchte.“ „Warum ſagſt Du mir das?“ rief Anne ſehr bewegt— nes kann mir nichts nuͤtzen! S * 346 „Nein— aber es erleichtert mein Ge⸗ muͤth— und o! mißgoͤnne mir nicht dieſe Er⸗ leichtrung, denn eine ſtrenge vergeltende Gerech⸗ tigkeit hat mich ergriffen, und Perch, den ich jetzt lebe, wie er geliebt ſeyn ſoll, iſt mir end⸗ lich durch meine Fehler entftemdet, und durch jene Tugenden zu Dir hingezogen worden, die ohne meine boͤsliche Selbſtliebe ihn gluͤcklich ge⸗ macht haben wurden.“— Mit dieſen Wor⸗ ten eilte ſie aus dem Zimmer, ihre Couſine mit dem Entſchluß zurücklaſſend, ſo bald ſie nur toͤn⸗ ne, nach Gruͤn⸗„Fels zu reiſen. Doch in kurzem verloren ſich Lady Nhe nens Qualen der Eiferſucht in andern, von ei⸗ ner furchtbarern, obwohl weniger bittern und 3 zerſtoͤhrenden Natur. Wer kann ſagen, wo die einer u⸗ rechten That aufhoͤren? Eine irrige oder ſtraf⸗ fällige Handlung iſt gleich dem Pfeil, wenn ihn der Blick verloren— niemand weiß, wohin er gegangen, oder wen er verwunden kann. Lord Loriwer komnte nicht unterlaſſen, ſich mit Lady Annens Beſuch zu ruͤhmen, fuͤr deren eifrigen Bewundrer er ſich nun erklaͤrte. „Einen Beſuch, und allein!“ „Ja, das heißt, nur von ihren Bedienten begleitet.“ „Ich kann es nicht glauben,“ ſagte der Ei⸗ ne.—„Dies iſt eine Deiner gewöhnlichen Prahlereien,“ ſagte ein Andrer.— Dennoch hielt es endlich einer der Herren, der Lorimer haßte, füͤr angemeſſen, Perch das Gehoͤrte mit⸗ zutheilen.„Es iſt eine Unwahrheit!“ rief dieſer—„Lady Anne Mortimer konnte ſich nicht ſo herabwuͤrdigen, noch den Anſtand ſo ſehr verletzen!“ 348 „Aber ich hoͤrte es Lorimer behaupten; und es mag nun wahr oder falſch ſeyn, ſo ſollte ſeis nei Geſchwätz doch Einhalt gethan werden.“ „Was kann ich thun?— Halt— ich will ihm ſchreiben und ihn fragen, ob er ſo und ſo ſagte.“— Percy erhielt folgende Antwort: Theurer Sir! Gewiß ſagte ich, daß ich die Ehre hatte, von Lady Anne Mortimer, ſogleich nach ihrer An⸗ kunft in der Stadt, beſucht zu werden, und nur von Dienern begleitet; denn mit dieſen Worten ſagte die Wahrheit Ihr e. Lorimer. „Zum Erſtaunen!“ rief Perch, mehr ver⸗ letzt und beunruhigt, als er zu ſcheinen wuͤnſch⸗ tez denn dies war keine Prahlerei: er fuͤrchtete, 349 ein Geſchaͤft faͤr Johannen, irgend ein Wunſch ihr zu dienen, habe ſie allein zu einer ſolchen Handlung bewegen können; und ſeinem Freund, Oberſt Rothrie ſagend, daß er bald zuruͤckkom⸗ men werde, ging er, um Lady Annen ſelbſt zu befragen. Glücklicher Weiſe fand er ſie allein, und nach einiger unbedeutenden, verlegenen Un⸗ terhaltung, ſagte er:„O! a propos— ich hoͤrte von einem Herrn, was ich nicht glauben kann, daß ſie dem Gecken Lorimer, nur von Bedienten begleitet, einen Beſuch gemacht haͤtten.“ „Und glaubte es der Herr?“ fragte Anne mit erzwungner Ruhe. „0 nein!— es iſt viel davon geſprochen worden, doch niemand glaubt es.“ „Das dacht ich,“ ſagte Anne ſtolz.„Ich wußte, die Welt iſt im Allgemeinen gerecht, und 350 nicht geneigt, etwas zu Lady Mortimers Nach⸗ theil zu glauben.“ „Dann iſt es falſch— und waren nicht hei Lord Lorimer?“ „Ich ſagte das nicht,“ erwiederte Anne eri bleichend. „O Himmel ee rief Percy, ebenfalls die Far⸗ be wechſelnd,„dann waren Sie bei ihm! und ich bin ͤberzeugt, nur die Nothwendigkeit, meiner ungluͤcklichen Frau einen großen Dieuſt zu erzeigen, konnte Sie zu einer ſo ſeltſamen S che verleiten.“ „Ich hatte Herr Moreton, einen ſehr ach tungswuͤrdigen Mann, die ganze Zeit bei mir, oder vielmohr vor Augen, und ob er gleich in gewiſſem Sinn mein Diener genennt werden könnte„ſo iſt er doch ein Gentleman, und Lord Lorimer redet unwahr, wenn er ſagt, daß ich nur Bedienten bei mir gehabt habe.“ 351¹ „Sie weichen der Antwort auf meine Frage aus— Warum gingen Sie zu Lord Lorimer?“ „Herr Percy)“ erwiederte ſie,„ich bin Ihnen keine Rechenſchaft von meinen Hand⸗ lungen zu geben verbunden, noch will ich etwas beantworten, wornach ich Ihnen das Recht ab⸗ ſpreche, zu fragen.“ „Gut— recht gut,“ ſagte Percy,„ich werde es zu ſeiner Zeit erfahren;“ und aus dem Zimmer eilend, begab er ſich wieder, auf die Straße zu Oberſt Rothrie. „Es iſt in der That war,“ ſprach er,„Lat dy Anne geſteht es zu.— Was ſollen wir nun chun?— Er iſt ein Schurke, daß er ihres Beſuchs erwähnt, und ich glaube mehr als einen Grund zu haben, ihn zur Rechenſchaft zu ziehen.“ „Du haſt alſo das andre Geruͤcht gehort?“ 8 352 „Rein.— Worin beſteht es?. „Daß Lady Johanne eine große Summe an ihn verloren hat„ und er nicht durch Gold— oder Anweiſungen bezahlt zu werden wuͤnſcht: — doch ich hott es nur fur ein Geſchwätz.“ Perey ſchlug ſich vor die Stirn, und ſich Feder, Dinte und Papier bringen laſſend, ſchrieb er ſogleich an Lorimer, um ihn zu ſra⸗ gen, aus welcher Abſicht Lady Anne bei ihm ge weſen ſey. Dies war die Antwort: — Sir! 5ch will und werde den Grund nicht ſuch zu beehren bewog. Ich kann es nicht als ein Mann von Ehre. Lorimer. . Dieſer Brief reizte Perch zu einer Antwort, worin er fragte, ob es wie ein Mann von der Lady Anne Mortimer mich mit einem Be⸗ K Eh re gehandelt ſeh, ſich eines Beſuchs von Lad) Mortimer zu ruͤhmen, nur von ihren Bedienten begleitet, da ſie doch in Geſell⸗ ſchaft eines Gentlemans war, der mit ihr aus⸗ ſtieg.— Wenn einmal ein zorniger Brief⸗ wechſel zwiſchen zwei Welt⸗Maͤnnern ſtatt findet, ſo ſind die gewohnlichen Folgen bekannt und un⸗ vermeidlich; und in tůrzem ward eine Ausforde⸗ rung ertheilt und angenommen, und Zeit und Ort ſich zu treffen beſtimmt. Dennoch war es nicht ohne manche reuwoll⸗ Mahnung des Gewiſ⸗ ſens, daß Perch ſeine Einwilligung zu dem gab, was er fuͤr die unſtreitigſten Befehle welt⸗ licher Ehre hielt, und ſich vorbereitete; das ſchaͤtzbare Leben eines Gatten und Vaters den Waffen eines gedankenloſen Wuͤſtlings auszuſe⸗ tzen.— uUeberdies konnte er ſich uicht verheh⸗ len, daß ſein Zorn gegen Lorimer mehr durch ein Gefuͤhl der Eiſerſucht wegen Labp Annen, w. 8 354 als ſeiner Gattin veranlaßt ward;— und daß ſeinen Durſt nach Rache nicht ſo wohl des Lords angeblicher Plan auf dieſe, als ſeine jetzt erklaͤrte Bewundrung ihrer ſchoͤnen Couſine er⸗ regte.„Ich will dieſen Abend nicht in meine Wohnung zuruckkehren, bis meine Kinder zu Bett ſind,“ ſagte Percy zu ſich ſelbſt, als er in traurigen Gedanken ſich auf die Tafel eines Kaffeehauſes ſtuͤtzte, von wo aus jener Brief⸗ wechſel zwiſchen ihm und Lord Lorimer ſtatt ge⸗ funden hatte;„denn wenn ich ſie mit dem Ge⸗ danken, ſie vielleicht zum letztenmal zu ſehen, erblickte, wuͤrde mich meine Bewegung gewiß verrathen.— Nein! auch will ich erſt zus ruͤck, wenn ich meine Frau und ihre Couſine fuͤr die Nacht entfernt glaube.“— Doch um⸗ 3 ſonſt war die Ausfuͤhrung dieſes Vorſatzes; denn 5 er fand Lady Annen leſend im Nebenzimmer, und bei ihrem Anblick erbebte er voll Verwirrung . 1 —— bewußter Schuld, waͤhrend ihn Lady Anne, ſein verſtoͤrtes Ausſehn bemerkend, mit forſchender Beſorgniß anſah. „Was macht Johanne, liebe Conſne!* ſagte er. „Sie iſt ſehr hl. Bett ge⸗ 3 gangen.“ „Wirklich!“ nile er.„Dann werd' ich dieſe Nacht wieder ſchlafen, wo ich es ſeit ihrer Unpaßlichkeit gethan habe, um ſie nicht zu ſtören.“ Und in ſo fern war ihre Krankheit gelegen. Bald nachher begegnete er Annens auf ihn gerichteten Augen, und unfaͤhig, ihren Ausdruck ertragen zu koͤnnen, eilte er aus dem Simmer, und verſchloß ſich in dem ſeinigen.— . Daher hatte Anne, deren Beſorgniſſe furchtbar erregt waren, keine Gelegenheit zu erfahren, ob ſie gegruͤndet oder nicht, und ſie begab ſi in großer Bewegung zu Bett. 3 2 6 Beunruhigende Gebanken raubten ihr die ganze Racht hindurch den Schlaf, und ſie hatte ihre Augen nicht geſchloſſen, als ſie, auf jedes Geraͤuſch zcheinb, um ſechs uhr Morgens Je⸗ mand leiſe die Treppen hinab, die Thuͤr offnen, und hinaus gehen hoͤrte. Sogleich eilte ſie an's Fenſter, und ſah Percy mit Oberſt Rothrie auf ₰ eine Miethkutſche zugehen, die in einiger Ent⸗ ſernung wartete, und hierauf mit ihnen ſchnell hinweg fuhr.„Dann ſind alle meine Befuͤrch⸗ tungen gegruͤndet, und er geht⸗ um Lord Lori⸗ mer zu treffen!“ rief ſi ſe, indem ſie mit faſt wahnſinniger Eile ſich umzukleiden begann, ob ſie gleich nicht wußte, als ſie fertig war, was zu thun, oder wie die Zuſammeni kunft zu verhindern ſey.—„Doch warum quäl' ich mich mit Beſorgniſſen, die vielleicht grundlos ſind?“ dachte ſie,„er kann nur als Secondant vom Oöerſt Rothrie ausgegangen 357 . X 3 ſeyn!“ Als ſie ſich aber ſeiner Fragen, wegen ihres Beſuchs bei Lorimer, und ſeiner ſichtlichen Niedergeſchlagenheit am vorhergehenden Abend erinnerte, hielt ſie ihre Unruhe nur fuͤr zu ge⸗ gründet, und warf ſich in hochſter Angſt auf das Sopha. Im nächſten Moment ſprang ſie em⸗ por, entſchloſſen, in den Park zu eilen, da ihr einſiel, daß es der gewoͤhnliche Ort fuͤr Duelle ſey. Dennoch gab ſie dieſen wilden Gedanken ſogleich wieder auf, indem ſie erwog, wie uns ſchicklich und nachtheilig fuͤr den Ruf eines Mannes die Dazwiſchenkunft einer Frau bei der⸗ gleichen Gelegenheiten iſt; und all' ihre Selbſt⸗ beherrſchung zuſammennehmend, beſchloß ſie, ganz ruhig und unthaͤtig zu bleiben. Welch ein ſchweres Unternehmen, wenn das Gemuͤth aͤngſt⸗ lich und bewegt iſt; doch im Allgemeinen die sfterſte und wohlanſtändige Pflicht der Frauen! Indeſſen als es ſieben ſchlug, fonnte 355 ſie nicht laͤnger unthätig, bietßen, ſonbern ihren Schleier uͤber den Kopf werfend, lief ſie die Treppen hinumer; und dem Thuͤrſteher ſas gend, daß ſie einen Gang in den Park ma⸗ chen wolle, eilte ſie in unbeſchreiblicher Ban⸗ gigkeit dahin, und ging den Weg, der zu dem Schinngenſtuß führt, hinab. Plötzüch ward ihr Schritt, und ſelbſt ihr Athem, durch den Laut eines Piſtols gehemmt, und mit einem Entſetzen, das ſie faſt ſinnlos machte, lehnte ſie ſich an ein Gatter, unfaͤhig weiter zu gehen, doch eben ſo unfähig zu bleiben, wo ſie war. Endlich machte ſie indeſſen einen lebhaften Ver⸗ ſuch, und lief ſchnell dem Orte zu, von wo der Schall herkam. Aber noch eh' ſie nah genug war, um vom Ufer aus bemerkt werden zu kö⸗ nen, ſah ſie einen Herrn ſich naͤhern, den ſie ſo⸗ gleich fuͤr Percy, und augenſcheinlich vollkom⸗ men wohl erkannte. Es war genug!„Gott ſey * —— 3⁵9 Dank! Er lebt! er iſt erhalten 1“ rief ſie.— ueber ihre Bewegung beſchaͤmt, und aus Furcht, geſehen oder erkannt zu werden, kehrte ſie um, und ſuchte den Park ſo ſchnell als ſie kam wieder zu verlaſſen. Allein dies war un⸗ moglich: Thranen, die gewaltſam ihren Augen entquollen, hemmten ihre Bewegung, und ſie mußte ſich jetzt von neuem, unter dem Kampf der Freude, an daſſelbe Gatter ſtutzen, wie ſi es vorher im Elend der Befuͤrchtung gethan hatte. Doch waͤhrend deſſen blickte ſie zuruͤck, um ſich nochmals von Percys Erhaltung zu uͤberzeugen, und erkannte da ganz deutlich Lord Lorimer, von zwei Herren unterſtutzt, dem anſchein nach ver⸗ wundet, ob er gleich gehen konnte, waͤhrend Perch und Oberſt Rothrie ihm zur Seite gingen. Sie hatte genug geſehen, um gaͤnzlich beruhige zu ſeyn; denn Percy war nicht allein ſelbſt un⸗ verſehrt, ſondern hatte auch ſichtbarlich nicht das Daſeyn eines Andern in Gefahr geſetzt; und durch dieſe Ueberzeugung geſtaͤrkt, begab ſie ſich auf das ſchnellſte nach ihrer Wohnung zuruͤck. Doch ach! bei ihrer Ankunft erwarteten ſie Nachrichten, die ſelbſt die Freude uͤber Percys Wohl aus ihrer Seele verbannten. Durch das unglucklichſte Zuſammentreffen war ein kleiner Lieblings: Hund Lady Johan⸗ nens dieſen Morgen Jemand auf die Straße nahgelaufen, und erwuͤrgt zuruͤckgebracht wor⸗ den, als eben eine der Hausmägde, die ihren Herrn hatte ausgehen und in eine Miethkut ſche ſteigen ſehen, mit Ellis, an der Thuͤr von Johannens Zimmer, uͤber dieſen Gegenſtand ſprach. Es traf ſich, daß dieſe Magd bei einer Herrſchaft gedient hatte, wo der Herr, wah⸗ rend ihrer Anweſenheit, in einem Zweikampf getoͤdtet nach Hauſe gebracht ward; und da 36 * 5 ſie Annens untuhiges und trauriges Aueſehu be merkte, als ſie ihr auf der Treppe bei'm Gang nach dem Park begegnete, ſo uͤberredete ſie ſich leicht, daß Percy zu einem Duell ausgegangln ſey und Lady Anne ſeinen Vorſatz muthmaße. Een theilte ſie Elis ihre Befuͤrchtungen mit, als ein Gerauſch im Vothaus ſie veranlaßte ab⸗ zubrechen, und nach der Treppe zuzugehen. Das Getoſe kam von den Bedienten, die um den Koörper des armen kleinen Thieres herum ſtanden, welchen gerade ein Nachbar gebracht hatte, und die Magd naͤherte ſich der Treppe, indem einer derſeiben ausrief:„Ja, er iſt todt! ganz todt! Was wird unſre arme Lady ſu gen?“— Dies war genug fuͤr das Mädchen, deſſn Beſorgniſſe um ihren Herrn bereits erregt waren; und zu Elis zurüͤcketlend, die auf das Küngeln ihrer Lady im Begriff war, in deren Zimmer zu gehen, rief ſie:„Ich hatte recht, 1 er iſt ermordet! mein armer lie 6 er⸗ mordet!“ Da die Thür geoffnet war, horte Lady 2* zhne dieſe Worte genau; und aus dem Bett ſpringend, ſah ſie an dem Geſicht ihrer Diene⸗ rinnen, daß ihr Ohr ſie nicht getaͤuſcht hatte⸗ Die ganze Wahrheit draͤngte ſich auf einmal in ihr Gehirn— Perch hatte wegen ihr Lord Lo⸗ rimer herausgefordert, und ſie war das Mittel zum Untergang thres Gatten!!! Sie zagte, ſchwankte, fiel; und nach wenigen Stunden, unter furchtbaren Kräͤmpfen und in einem Zu⸗ ſtand gänzlicher Bewußtloſigkeit, brachte ſie ein todtes Kind zur Welt, und man zweifelte an ih⸗ rem Leben. Ihre Gefahr und ihre Leiden riefen Percys ganze Zärtlichkeit zuruͤck, obwohl, wie er fuͤrch⸗ tete, ſeine Achtung fuͤr ſie unwiederbringlich verz ioren war; und wenn er ſich dachte, daß ihr 363 Leben aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Opfer ihrer Neigung fuͤr ihn, und ihres Schmerzes uͤber ſeinen Tod werden ſollte, ſo wußte er den Widerſpruch ſeiner Gefuͤhle kaum zu ertras gen— und er war nur ruhig, wenn er neben ihrem Lager ſaß, und trauernd an die unbewußte Dulderin zaͤrtliche Liebkoſungen verſchwendete. Von dieſen unruhigen Kuͤſſen, dieſer bewußtloſen Dulderin, entfernte ſich Anne nie. Die Urſa⸗ che ihrer Leiden, und ihre Gefahr, machten die⸗ ſelbe ihrem Herzen nur noch theurer.— Per⸗ cys Naͤhe, Perchs Einfluß wurden von ihr nicht läͤnger gefuhlt oder gefurchtet; all' ihre Ges danken und Blicke waren nur auf einen geliebten Gegenſtand gerichtet, deſſen auch noch ſo ernſte Verirrungen vergeſſen waren, während nur die Reize und Tugenden deſſelben in ihrer Erinns rung lebten; und Lady Anne, in jeder Lage ſie ſelbſt, glänzte jetzt in dem neuen Charakter ei⸗ ner zärllichen und unermüblichen Pflegerin. Endlich ward ihre Sorgfalt durch die Geneſung, die ſchnelle Geneſung des Gegenſtandes derſel⸗ ben belohnt: denn in einem Monat, nachdem man an ihrem Leben verzweifelte, konnte Lady ohanne, obwohl noch immer ſehr ſchwach, V. wieder in ihrem Nebenzimmer ſeyn. Als ſie ſo weit geneſen war, bat Perey ihre Couſine, ihr von dem Duell und deſſen Veranlaſſang Nach⸗ richt zu geben, in der Hoffung, daß die Kennt⸗ niß der Gefahr, in welche ihre Fehler ihren Gatten verſetzten, auf ihr kuͤnftiges Betragen einen guͤnſtigen Einfluß haben moͤchten. Dies war das erſtemal, wo des Zweikampfs erwaͤhnt ward, und Anne ergriff dieſe Gelegen⸗ heit, um Percy zu fragen, ob der Streit mit men ſey; und als dies Perch zugeſtand, erwies derte ſie:„Ich bedarf keines Ritters, Herr Lorimer nicht vornehmlich wegen ihr hergekom 365 . Perch. Ich bin ſelbſt der Beſchutzer meines Rufes! und in der Stärke eines untadelhaſten Lebens kann ich jeder Verlaͤumdung Trotz bies ten.— Gewiß, geſiß,“ ſetzte ſie dann, mit mehr Zaͤrtlichkeit in Stimm' und Betragen hinzu,„werden Ste es daher nicht fur nöthig halten, bei des Lords Geneſung, ein ſo ſchätzs bares Leben von neuem der Gefahr aus⸗ zuſetzen?“ en 3* Allein auf dieſe beſtimmte Frage gab Perch eine ausweichende Antwort, und Annens Be⸗ ſorgniſſe erwachten von neuem. Als Folge da⸗ von ſchrieb ſie, ohne Percys Vorwiſſen, an Lord Lorimer, wodurch er, ſehr zu ſeiner Ehre, bewogen ward, ihr ſolche Entſchudligungen, we⸗ gen des Ruͤhmens mit ihrem Beſuch, und gegen Perch ſolche Erklärungen zu machen, daß ſelbſt ein anerkannter Schlaͤger eine weitere Ausfor⸗ drung nicht fuͤr nöthig gehalten haben duͤrfte. 1 Percy ſowohl als Lady Anne hielten es, um alle unangenehmen Geruͤchte und Vermuthungen zu vermeiden, fuͤr angemeſſen, den Lord als gele⸗ gentlichen Gaſt wie vormals im 6 zu em⸗ vfangen Rachdem alles*5 dieſe Art friedlich iegt war, machte Anne die ganze Sache ihrer Couſine bekannt; doch ſie hatte den Kummer zu hemerken, daß, ſo ſchmerzlich ſich auch Lady Johanne durch die Erzählung ergriffen faͤhlte, dennoch keine Hoffnung oder Erwartung in ihr erweckt ſchien, ähnliche Verirrungen in Zukunft vermeiden zu können, denn zu wahr, um eine Hoffnung zu aͤußern, die ſie nicht empfand, ſag te ſie nicht einmal, daß ſie ſich aͤndern, oder aus ihren bittern Erfahrungen Nutzen ziehen wolle. Obgleich Lady Annens ſtrenge Grundſätze den Wunſch, ſich Percys Geſellſchaft zu entzie⸗ hen, in ihr erregten, ſo gab ſie doch alle Gei 6 367 danken, Johannen zu verlaſſen, auf, ſo lange ſich dieſe in ihrem gegenwaͤrtigen Gemüchszu⸗ ſtand befand, der oft aͤuſerſt gereizt und uns⸗ glͤcklich war. Sie hielt es für unrecht, ſie dem Einfluß ihrer zerſtoͤrenden Gedanken zu uͤberlaſſen; auch konnte ſie nicht alle Hoffnung aufgeben, dieſelbe, in einem Augenblick der Selbſterkenntniß, zu kraͤftigen und wirkſamen Bemuͤhungen der Aendrung aufzuregen: ſo ſchwer wird es der Neigung, die theure Erz wartung aufzugeben, den Gegenſtand derſelben gebeſſert zu ſehen— ſo geneigt iſt ſie, zu hoffen, bis es mit unwiderſtehlicher Ueberzeugung die Seele durchdringt, daß die vielleicht anfaͤnglich unwahrſcheinliche Veraͤndrung jetzt auch den befangenſten Augen der Liebe unmoglich erſcheint. 6 Jedoch, um die bald folgenden Ereigniſſe zu erklaͤren, muß zu einem Feſt zuruͤckgegangen —————— 368 werden, welches Lady Jvhanne einige Monate vor ihrer Krankheit gab. Es iſt ſchon geſagt worden, daß ihr Geſchmack ohne Gleichen, und ihr Aufwand, in Befriedigung deſſeiben, unbes gränzt war. Ein innres Zimmer, wo das Abendeſſen fuͤr die 8— aufgetragen werden ſollte, war ganz in eine Roſen⸗ Laube verwan⸗. delt— und Roſen, ſo natuͤrlich in ihrt Erſcheß 3 nung, und in einiger Entfernung ſogar in ihrem 3 Duft, um ſo mehr, da wirkliche darunter ge⸗ miſcht waren, daß das Auge, und ſelbſt der Gen ₰ ruch getäuſcht ward. Sie hatte dieſe ſchönen Blumen bei ihrem en gros Händler fuͤr ſolchs Gelegenheiten beſtellt, und dieſer hatte ſie von einem armen Mann erhalten„ der ihre Verfer⸗ 3 tigung von einem kunſtreichen Italiener erlernt hatte, welchet in ſeinem Hauſe wohnte, un 3 geſtorben war. Dieſer Mann, der Walters hieß, paßte unter Allen am wenigſten für einen 369 ſolchen Bezahler zu arbeiten, wie Laby Joham ne, weil er ſein Geld iinmer ſchuldig war, eh' er's verdient hatte; nicht ſowohl aus Verſchwen⸗ dung, als aus dem Wunſch, ſeiner Frau, die er heftig liebte, kleine Annehmlichkeiten zu verſchaf⸗ fen. Walters hatte beßre Tage gekannt, und ſein Stolz war nicht mit ſeinem Gluck geſunken⸗ Er hatte einen tugendhaften Abſcheu, wie ich es nennen moͤchte, gegen Arbeitshäuſer und Ge⸗ faͤngniſſe; allein es fehlte ihm zugleich jene tu⸗ gendhafte Feſtigkeit des Charakters, die es ver⸗ meidet, in Schulden zu gerathen, als dem ſichern Verwahrungsmittel vor beiden. So bald er daher ſein Geld fuͤr die Blumen verbient hatte, beſtuͤrmte er Mr.*— deshalb; und dieſer, welcher wußte, daß ihn Lady Johannne vielleicht Jahre lang nicht bezahlen würde, wei gerte ſich, ihm das Geringſte aus ſeinem Beutel vorzuſchießen, hieß ihm aber mit ſeiner Rech⸗ w. 370 nung ſelbſt zu ihr zu gehen und zu ſagen, er ſen⸗ de ihn. Lady Johanne bekam daher die Rechnung, von einem Zeugniß großer Armuth begleitet, und ſie beſaß bei dieſer Gelegenheit ſo viel Gefuͤhl und Gen rechtigkeit, mit dem Zettel, der ſich zu einer betracht⸗ lichen Summe belief, da er ſeit dem Feſt noch mehr Blumen fuͤr ſie gemacht hatte, zu Perch zu gehen. Sie erhielt ſogleich das Geld; doch dieſen Abend verlor ſie es alles am Spieltiſch, und Walters armes Weib ward am folgenden Tag anſtatt der Bezahlung, mit Ver⸗ ſprechungen entlaſſen. Sie kam, und kam wieder, bis Euis die Rechnung noch einmal ih⸗ 3 rer Lady gab, die ſie mit dem Gefuͤhl bewußter Schuld erblickte; auch konnte ſie nicht ruhig ſeyn, ehe ſie ihrer Couſine den Umſtand erzählt, und Geld zur Bezahlung erhalien hatte. Allein am nächſten Morgen ward ihr eine Ungluͤcks⸗ Geſchichte von ſehr ruͤhrender Art mitgetheilt, 371 und ſie gab der Wohlthätigkeit, was ſie der Ge⸗ rechtigkeit häͤtte geben ſollen, und Frau Walters ward wieder unbezahlt weggeſchickt.— Dies war gewiß ein ver chlimmerter Full; doch ſtreng ſollte die Vergeltung ſeyn. Von Schulden gedruͤckt, obwohl zwei Drit⸗ theile des ihm zahibaren Geldes ſie alle getilgt haben wuͤrden, fuhr der arme Walters fort, bald Mr.*—, bald Lady Johanne zu etinnerü; doch dieſe letztere hoͤrte nie von ſeinem wieder⸗ holten Anliegen, da es die Regel des Hauſes war, ihre Lady, bevor die Gläubiger ſehr laut wurden, nicht zu bemuͤhen, und Mr.— ver⸗ weigerte immerwährend die Bezahlung, weil er noch ſelbſt nicht bezahlt war. Dieſem feuchtloſen Mahnen folgte bald die unſelige Ab⸗ wechslung des Trinkens. Die Geduld von Walters Glaͤubigern war erſchoͤpft, und als ei⸗ nes Tages die voruͤbergehende Erfreuung des Aa 2 3 66 Schnapstrinkens der drauf folgenden Verſtim mung und Erſchlaffung gewichen war, traten zwei Gerichtsperſonen in ſein nun embloͤßtes Ge⸗ mach, und zeigten eine Schrift gegen ihn⸗ 6. Umſonſt weinte, kniete und bat ſein Weib; es konnte nicht geſtattet werden, und der arme Waltere muhte in's Gefaͤngniß gehen. Sie hatten eben ihr Mittagsmahl verzehrt— och! ihr letztes Mahl zuſammen— und der Tiſch war noch nicht abgerͤumt. „Du weißt, Fanny,“ ſagte Walters,„daß ich immer geſagt habe, nie in das gehen zu wollen— noch werd' ich es jetzt. 66 und in einem Augenblick durchſchnitt er ſich die 3 Kehle mit demſelben Meſſer, womit er gegeſſ hatte, und ſank blutend zu Boden. Sein Weib empfand vielleicht weniger Qual, ſelbſt durch die Heftigkeit derſelben, da ſie ſogleich den Gebrauch ihrer Sinne verlor, 373 7 und ihre Vernunft gaͤnzlich erlag: ſo daß ſie zehn Tage nach dem Selbſtmord ihres Mannes die Bewohnerin eines Irrenhauſes war! Im deſſen ward ſie von da, als geheilt, zu derſel⸗ ben Zeit entlaſſen, wo Lady Johanne wieder wie gewoͤhnlich Beſuche zu machen anfing. Lady Anne und Percy glaubten endlich, es ſey ihnen gelungen, Johannens Gemuͤth zu be⸗ ruhigen, und ſie zu uͤberzeugen, daß, wenn ſie nur ihre boͤſen Gewohnheiten ablegen wolle, ſie mit der Zeit auch gute erlangen wuͤrde, und daß, wie ſie hofften, die Tugenden ihres kunftigen Lebens— ſie war noch nicht dreißig— die * Fehler ihrer Jugend verſohnen wuͤrden. Allein es war Lady Johannen nicht ſo leicht, ihr Betragen zu aͤndern, wie es vielen andern Frauen in lhren Verhaͤltniſſen geweſen ſeys wur⸗ de, weil ſie jene beliebten Tugenden beſaß, die 1 374 uͤber die Fehler des Charakters einen euchunden Schleier verbreiten, und zugleich einen falſchen, ſchwer zu unterſcheidenden Glanz gewaͤhren. Sie wußte, daß dieſe Verirrungen⸗ welche der Ruhe und dem Vermoͤgen ihres Gatten zum Nachtheil gereichten, und ſie in ſeiner Achtung herabſetren, entweder der Welt unbekannt wa⸗ ren, oder bei ihren Handlungen der Mildthatig keit, ihrem thärigen Wohlwollen, und den Rei⸗— 3 zen ihrer Perſon, vergeſſen wurden. Und ob wohl ihr Herz durch das Erkennen ihrer Fehler verwundet ward, ſo erforderte es doch meht Stärke des Geiſtes, als ſie beſaß, um Ge wohnheiten aufzugeben, deren Beibehaltung nicht jene Popularität zerſtörte, die ihr Seb lings Idol war. PVielleicht ſind keine Charaktere in der Ge⸗ Fallſchaſt ſo geführlich, als die, welche große 3 375 Tugenden mit großen Fehlern verbinden, und durch die erſtern zur Nachahmung oder Dul⸗ dung der letztern verleiten; indem der unacht⸗ ſaine Nachahmer, der, ohne den Anreiz der Tugenden, vor Begehung der Fehler zuruͤckge⸗ ſchreckt ſeyn wuͤrde, unbewußt, durch die einen, ein Raub der andern wird— gleich denen, die aus Grundſaͤtzen den Genuß des Brandweins vermeiden, doch begierig, und ohne es zu wiſ⸗ ſen, den verderblichen Geiſt in ſich ziehen, wenn er unter der angenehmen Form eines Liqueurs verborgen iſt. „Gut, gieb mir nur Zeit, bis die Jahres⸗ zeit voruber iſt,“ ſagte eines Abends Lady Jo⸗ hanne,„und ich will dann Eremit werden, und in Gruͤn Fels leben. Allein ich habe mich jetzt ſo in meinem Ausſehn verbeſſert, daß ich wieder von neuem Geſchmack an der Geſellſchaft 376 ſinde. Sich, Anne, hälſt Du mich nicht füe ſehr gut ausſehend dieſen Abend? Doch ich bin noch nicht ganz angekleidet. Wenn ich Dir in all' meinem Glanz erſcheine, wirſt Du mich, wie ich mir ſchmeichle, bewundern.“ „Arme Seele! in all' ihrem Gla nz1 Iſt das der Glanz einer Frau?“ ſagte Aünt zu ſich ſelbſt; und ſie war froh, durch Percys und der Kinder Eintritt, in ihrem traurigen Nachdenken unterbrochen zu werden. „Ich glaubte, Sie gingen mit Jiani aus?“ ſoagte Percy.—„Nein— ich habe ein böſes Kopfweh, und wuͤnſche bald zu ſchlas fen,“ erwiederte ſie— als Lady Johanne, auf 3 das vortheilhafteſte in weißen Atlas gekteidet, und von Juwelen ſtrahlend, in's Zimmer trat. „Ich ſchmeichle mir, ihr guten Leute!“ rief ſie froͤhlich,„dieſen Abend ganz ſchoͤn zu ſeyn.— Ich habe Annens Wangen ſo ahn⸗ lich als moͤglich Roth aufgelegt, und mit gehö⸗ rigem Enthuͤllen und Verbergen halt' ich mich ganz fur dieſelbe.“ „Du ſiehſt aus wie eine junge Braut,“ ſog⸗ re Percy. „Wenn ich jung ausſehe, bin ich zufrie⸗ den, da ich nie wieder Braut zu ſeyn wuͤnſche.“ Ach! ſie war wie zum Opfer beſtimms gekleidet. „Wohl, meine Lieblinge,“ ſagte ſie zu ih⸗ ren Soͤhnen,„ich ſeh', Ihr ſeyd von meinen Juwelen geblendet. Doch, in Wahrheit, wis die weiſe Cordelia ſagt, Ihr ſeyd meine Ebel⸗ ſteine; und ich hoffe in kurzem durch meine Handlungen zu beweiſen, daß ich ſo denke.“ „Gott beeile dieſe Zeit!“ rief Perch.— „Amen!“ ſagte Lady Anne; waͤhrend ihre 378 Couſine, ſie zärtlich küſſend, mit bem ſüßeſten Lächeln ſprach:„Ja⸗ ſanfte, gute Anne, ich weiß, ich beſitze immer Deine guten Wuͤnſche, und wenn ich Deine guten Worte dazu ver⸗ diene, ſo wird es der ſtolzeſte Tag meines Le⸗ bens ſehn!“— Hier unterbrach ſie Percy, um ihr gute Nacht zu ſagen, da er, bereits ſpaͤter als er wuͤnſchte, nach dem Parlament⸗ Hans gehen mußte. Bald nach ſeiner Entfer⸗ nung ward ihr Wagen angeſagt, und ſie nahm von Lady Anne und den Kindern mit einem gro ßen Theil ihrer vormaligen Heiterkeit Abſchied; und ſich in der Thür umkehrend, warf ſie ihnen Kuͤſſe zu, wie in ihren glücklichſten Stunden lächelnd— beſtimmt, ach! in dieſer Welt nicht mehr zu lächeln.— An den Treppen, wo ihr Wagen immer einige Zeit hielt, hatte ſich, wie gewöhnlich, ein Gedraͤnge verſammelt, um ſie einſteigen zu ſechen. Sie erßchien jetzt 61 379 ſo glanzend und ſchoͤn als ſe⸗ und verweilte ei nen Moment auf der lehten Stufe, vielleicht wegen des Vergnuͤgens, ſich zu zeigen. In dieſem Augenblick draͤngte ſich eine Frau auf ſie zu, und verſenkte faſt ein Meſſer in ihren Koͤr⸗ per. Lady Johanne ſchrie und fiel, waͤhrend die entruͤſteten Zuſchauer die Moͤrderin ergriffen, und einer der Bedienten das Meſſer aus der Wunde zog. Gluͤcklicher Weiſe hatte Lady Anne die Kin⸗ der eben zu Bett gehen laſſen, die heute, als Ausnahme, bis um eilf aufbleiben durften;— denn der Schmerzenston erreichte ihr Ohr, und ſie flog hinab. Ach! welch ein Anblick ſtellte ſich ihr dar! Jenes geliebte Weſen, das ſie vor ſo kurzem in bewußter Lieblichkeit ſtrahlend, und voll erneuter Hoffnung kuͤnftigen Gluͤcks Lerlaſſen hatte, jetzt blutend und bewegungslos, 380 von den Armen der Diener getragen⸗ und wahr⸗ ſcheinlich mit dem Tode ringend! Ein tiefer Seufzer, der ihr entfloh, erweckte die Sinne der Leidenden; und die Angen oͤffnend, erkannte ſte das bleiche, kummervolle Geſicht, das in Thränen und ſprachloſem Schmerz ſich ber ſie henbeugte; und traurig das Haupt bewegend, deutete ſie an, daſſelbe an ihrem Buſen ruhen zu laſſen. Während deſſen hatte Jennings dem Kutſcher befohlen, ſo ſchnell als moͤglich nach ſeinem Herrn zu fahren, doch nur zu ſagen, daß ein Zufall ſeiner Gemahlin begegnet ſed. „Was ſoll mit der Morderin gemacht wer⸗ den, Milady?“ fragte einer der S La⸗ „dy Annen. 8 „Moͤrderin!“ rief ſie ſchaudernd. „Ja, Milady— da iſt ſiezee und unwill⸗ kahrüch der Richtung ſeiner Augen ſolgend, ſoh 381 Lady Johanne ein armes, wild und ungluͤcklich ausſehendes Weib, welches zwei Manner feſt⸗ hielten. „Bringt dieſe Frau hinweg! bringt ſie hin⸗ weg! ihr Anblick zerſtört mich!“ rief Anne, im Ton des Eutſetzens, und ſie ward in ein um tres Zimmer gefuͤhrt. „Wer iſt ſie, kennt ihr ſie?“ fragte leiſe Lady Johanne, die noch immer nicht die Trep⸗ pen hinauf gebracht ſeyn wollte. „Ich weiß nicht wer ſie iſt, Mylady, doch ſie ſagt, ihr Name ſey Walters.“ „Walters!“ flſterte Johanne,„Wal⸗ ters! ich ſollte ſie kennen—“ und ploͤtzlich ſich ihrer Schuld an den armen Blumen Mann erin⸗ nernd, verhuͤllte ſie ihr Geſicht an Annens Bu⸗ ſen, und ſeufzte ſchmerzlich. * „Liebſte Johanne, laß Dich hinauf brim gen, ſagte Anne. „Nein— damit ich mich nicht todt blute eh' Perch kommt.“ Auch geſtattete ſie dem herbei gekommenen Wundarzt nicht, vor der Ankunſt ihres Gemahls die Wunde zu um terſuchen. Perch hatte dieſen Abend Lady Johannen mit erneuter Zäͤrtlichkeit verlaſſen. Sie erſchien mehr wie ihr vormaliges Selbſt, als in der letzten Zeit. Sie hatte dazu gute Verſprechun⸗ gen gemacht, einer Mutter gleich geredet und ſich gezeigt; und immer geſchickt, die helle Sei⸗ te an allem aufzufaſſen, fühlte er ſich auf dem Weg zum Hauſe gluͤcklicher und zufriedener mit ſeiner Gattin und ſeinen Ausſichten, wit es ſe Jahren geſchehen war— als er, indem er ſich dem Hauſe naͤherte, einen Mann traf, der ihm — 383 ſagte, daß ſein Wagen auf ihn warte. Beun⸗ ruhigt, ohne zu wiſſen woruͤber, eilte er ſchnell weiter:„Was iſt vorgefallen, John?“ rief er. „Mylady, Sir,“ erwiederte der Menſch, kaum zu ſprechen faͤhig,„ein Zufall der My⸗ lady!“ Und Percy, nicht wagend mehrere Fras gen zu thun, fuhr unter der hoͤchſten Angſt nach ſeiner Wohnung. Bllein ſeine wildeſten Be⸗ fuͤrchtungen haͤtten keine furchtbarere Scene dar⸗ ſtellen können, als die war, die ihn beim Ein⸗ tritt in jene Wohnung erwartete, die er mit ſo froher Hoffnung erfuͤllt verlaſſen hatte; und ſeine Gefuͤhle wurden noch peinvoller durch das, was er von dem Volksgedräng⸗ an der Thuͤr hoͤrte. „Perch iſt gekommen!“ fluͤſterte Lady An⸗ ne, ihre Augen von dem ängſtlichen Ausdruck ſeiner Erſcheinung abwendend, während er mit einem Ausruf des Entſetzens hinzu eilte, das arme Schlachtopfer in ſeine Arme zu ſchließen⸗ „O! wer hat das gethan?“ rief er, fuͤrchtend zu erſahren, daß es durch die Hand der Ra⸗ che geſchah · „Eine wahnſinnige Frau,“ erwiederte Lady Anne,„die in Verwahrung iſt; doch mehr das von nachher. Sie wollte ſich nicht bewegen oder die Wunde unterſuchen laſſen, bis ſe anka men, und o! die Zeit iſt ſehr lang geweſen!“ ½ „Laßt Perch mich tragen,“ hauchte Laby Fohanne; und ſeine heißen Thränen ſielen auf ihren Buſen, als er ſie mit zitternden Armen in ihr Zimmer trug. Sie hatte recht; ſo get ring die Bewegung war, floß das Blut dadurch von neuem, und ſie ward ohnmächtig, eh man ſie auf das Bett legte. Während dieſer Zeit waren zwei der geſchickteſten Wundaͤrzte, nach denen Anne geſondet hatte, angekommen; und als ſie die Wunde unterſucht, fanden ſie dieſelbe tief, doch, wie ſie hofften, nicht toͤdtlich; den⸗ noch war große Gefahr zu befuͤrchten, Gefahr einer Entzuͤndung. Indeſſen hatte ſich Lady Johanne von ihrer Ohnmacht erholt, allein ihr Geſicht trug den beſtimmten Ausdruck der Ver⸗ zweiflung, und Percy, unfaͤhig, den dnblick laͤn⸗ ger zu ertragen, verließ auf einige Zeit das Zinener. Es fiel ihm da ein, daß es recht ſey, die Moͤrderin zu befragen, und obwohl ihn Jennings eiſrig davon abzuhalten ſuchte, war er doch entſoloſſen, und ging zu ihr.„Was konnte Dich, Unglückliche! zu einem ſichen, Verbrechen verleiten?“ fragte er. „Sie iſt wahnſinnig, Hleber Sir!“ ſogte Jennings beſorgt. Bb — „Ja— ich bin wahnſinnig,“ erwiederte ſie,„aber wer hat mich dazu gemacht? Mylat dy Percy!“ Percy bebte zuruͤck, doch nch er:„Re⸗ det— wer ſeyd ihr?“ „Ich bin jetzt nichts, und habe nichts; doch vormals war ich Walters des Blumen⸗ Mas chers gluͤckliches Weib;— denn er war der be⸗ ſte Ehemann.“ „Und wo iſt er?“ fragte Perch. „Im Himmel, hoff' ich⸗ obwohl er ſich lie⸗ ber tödtete, als in's Gefaͤngniß ging, weil ihn Lady Percy nicht bezahlen wollte, und er ſo in Schulden gerieth 16 Hier wurde Perch zu Boden geſunken ſeyn, wenn ihn Jennings nicht unterſtutzt hätte, und die Frau fuhr, da ſie nicht unterbrochen ward, fort.—„Wohlan— ich ſah ihn ſterben;— 387 und zwei Monate lang glaubte ich auch todt zu ſeyn— doch ich ward wieder lebendig, und ging heim— zu einer Heimath ohne Walters: dennoch, ſo bald ich da war, erſchien er mir; aber ich moͤchte nicht ſagen, was er iu mir ſprach, obwohl ich that, wie er verlangte— und in derſelben Nacht fand ich daſſelbe Meſſer, mit dem er ſich umbrachte. O! ſagte ich, das iſt es, was er meint;— ſo verbarg ich es in meinen Buſen, denn ich wußte einen Gebrauch davon— und ich that, wie mir Walters be⸗ fahl, und rächte ihn; denn ich habe Laty Perch getoͤdtet!“— Perey konnte es nicht laͤnger aushalten, und eilte aus dem Zimmer;— dennoch gebot er mit vieler Anſtrengung, ſie gut und menſchlich zu be⸗ handeln, da ſie wahuſinnig ſey.— Sie war es; allein er fuͤhlte nur zu bitter, daß Zuſam⸗ Bb 2 388 — menhang in ihrem Wahnſinn war, und erin⸗ zee ſich wohl, Lady Johannen Geld fuͤr Wal ters den Blumenmnacher gegeben zu haben. Das arme Weib hatte bei der Ruͤckkehr in ihre Wohnung zufällig das Meſſer gefunden, womit ihr Mann ſich das Leben nahm, und die⸗ ſer Anblick beraubte ſie von neuem der Vernunft, wo ſie Walters zu ſehen wähnte, der ihr Lady Percy mit demſelben Werkzeug zu toͤdten befahl. Ellis wußte das Ereigniß, hatte es aber ihrer Lady ſorgſam verſchwiegen. „Furchtbar!“ ſagte Percy zu ſich ſelbſt. „was fuͤr ein Schickſal iſt das meine! Denn ich muß aus Gerechtigkeit und Menſchlichkeit in Zu⸗ kunft fuͤr das Leben eines Weſens ſorgen, wel⸗ ches meine Gattin des ihrigen beraubte! Al⸗ lein ich muß es thun— muß, wo ich kann, N. 389 die Fehler der unglücklichen Johanne zu vergä⸗ ten ſuchen.“ 8 Perch kehrte nun in das Zimmer der Leiden⸗ den zuruͤck. Obwohl Lady Johanne dieſe Nacht nicht ſchlief, lag ſie doch ſtill und ruhig, ausge⸗ nommen, daß ſie dann und wann tief ſeufzte; und als da Lady Anne, die nicht von ihrem Las ger wich, zärtlich ſie fragte, ob der Schmerz ihrer Wunde dieſe Seufzer veranlaſſe, ſchuͤttelte ſie das Haupt, und hauchte leiſe—„Schmer⸗ zen der Seele!— Schmerzen der Seele!“ Perch begab ſich waͤhrend deſſen aus einem Zim⸗ mer in das andre, zu elend, um auf einer Stelle zu bleiben, und zu beſorgt wegen ſeiner unglücklichen Gattin, um an einen Verſuch zu ruhen zu denken. Fruͤh am Morgen kamen die Wundarzte wie⸗ der, und ſchienen nicht vortheilhaft vom An⸗ 390 ſchein der Wunde zu denken, während Lady Jo⸗ hannens Augen feſt auf ihr Geſicht gerichtet wa⸗ ren, als wolle ſie ſjeden ihrer Gedanken leſen. Nachdem ſie ihre Berathſchlagung geendet, folg⸗ te ihnen Lady Anne aus S um ihre wahre Meinung zu erforſchen, und Lady Jo⸗ hanne blieb daher mit dem ſie begleitenden Arzt allein.—„Ich kann nicht gewiß erfahren,“ ſagte ſie halb leiſe zu ihm,„wer mich verwuns det hat; wiſſen Sie es mein Herr?— Denn ich wurde mich viel ruhiger fuͤhlen, wenn ich Alles wuͤßte, da ich dann dieſer ruheloſen Muth⸗ maßungen überhoben ſeyn wuͤrde.“— Und der Arzt, ohne zu vermuthen, weſchen Zuſams⸗ menhang ſie mit Walters blutiger That hatte, und einſehend, wie verderblich Angſt und Un⸗ ruhe in ihrer Lage ſeyn mußten, ſagte ihr, daß eine wahnſinnige Frau, mit Namen Walters, ſie verwundete, deren Mann, um nicht wegen 391 Schulden in's Gefaͤngniß gehen zu muͤſſen, ſcch umtrachte woruͤber ſie den Verſtand verlor. Kaum hatte er dies geſagt, ſo verhuͤllte Lady Percy ihr Geſicht, und hauchte Schmerzenstoͤne, die ihn erſchuͤtterten, worauf Anne, ſie horend, ſchnell in's Zimmer kam, mit noch gramvollerm Ausdruck als vorher. So bald der Arzt ſich entfernt hatte, ſagte ihr Johanne langſam, und mit großer Anſtrengung, daß ihre Vermuthun⸗ gen gegruͤndet waͤren, und es Blut fuͤr Blut ſey— noch konnte Annens Verſichrung der Unwiſſenheit uͤber dieſen Gegenſtand, wel ches buchſtaͤblich wahr war, ihre furchtbare doch gerechte Ueberzeugung ſchwaͤchen—„laß mich mein Gewiſſen gegen Jemand erleichtern,“ ſag⸗ te ſie—„Soll ich nach Deinem Oheim, dem Kardinal ſenden?“ fragte Anne.—„Nein!“ erwiederte ſie,„ich will ihn ſehen, eh' ich ſter⸗ be, doch ich will ſeine Zärtlichkeit und ſeinen 392 Stolz nicht durch die Enthuͤllung der ganzen Straſwuͤrdigkeit ſeiner Nichte verwunden.“ Allein eh' ein Geiſtlicher erſcheinen konnte, bes i kum ſie heſtige Fieber: Phantaſien, und den Kindern, die ſie zu ſehen wuͤnſchte, ward der Eintritt verſagt. 1 5 5 Wie qualvoll war es fuͤr Percy und Lady Anne, die Bilder des ſich ſelbſt toͤdtenden Wal⸗ ters und ſeines wahnſinnigen Weibes in ihrer Seele am herrſchendſten zu finden.„Seht, da ſind ſie!“ rief ſie.„Nehmt ſie hinweg! nehmt ſie hinweg!“ wobei ſie ihren Mann und ihre Couſine feierlich bat, ſie vor dem Zorn ihrer ge⸗ rechten Vergeltung zu ſchutzen. Allein wenn ihnen Lady Johannens Fieber⸗ Phantaſten Qunlen verurſachten, ſo war es zehn⸗ fache Qual, an der Seite ihres Sterbebetts zu. 5 ſeyn, wie das Fieber nachließ, die Entzundung 393 wirklich ſtatt fand, wiederkehrendes Bewußt⸗ ſeyn und Entſernung des Schmerzes ihre nahe Aufloſung verkuͤndeten, und ſie auf ihr ernſtli⸗ ches Verlangen wußte, daß ihr Schickſal unvers meidlich war⸗ 2 „Und iſt es wirklich ſo? Und muß ich ſter⸗ ben?“ rief ſie heftig.—„Ich, ſo wenig vorbereitet zum Tod! Ich, die alles das Gus te, was zu ſchaͤtzen und zu erhalten iſt, in vere derblichen Vergnügungen und Verabſäumung beſtimmter Pflichten verſchwendete 146 „Johanne, Johanne! habe Mitleid mit mir!“ ſagte Percy, an die Seite ihres Lagers niederknieend, und ihre von der Angſt ihrer Seele zuſammengezogene Hand kuͤſſend.„Blick auf Deine arme Couſine! ſieh was ſie leidet— und qudle uns nicht auf dieſe Art. „ 9egen die Qualen, welche das Bewußtſeyn der Schuld in mir erregt! Vergißt Du,“ ſetzte 394 „eibet ſie leidet! Die großten Duldun⸗ gen einer Tugend, wie die ihre, ſind Freuden ſie wild hinzu,„daß Blut auf meinem Gewiſ⸗ ſen haftet?“ „Dies ſind die Eingebungen einer kranken Phantaſie, liebſte Johanne. Sey gegen Dich ſelbſt gerecht! Erinnre Dich Deiner Tugenden ſowohl, wie Deiner Fehler! Gedenke, daß Du eine zaͤrtliche, treue Gattin wareſt!“ „„Und mit einem ſolchen Mann war es ein großes Verdienſt, nicht?“ ſagte ſie mit ironi⸗ ſchem Laͤcheln.— Hier machte ſie eine Pauſe; denn eine ploͤtzliche Veraͤndrung zeigte ſich in ih⸗ rem Geſicht, und Lady Annens immer wachſa⸗ mes Auge las darin die Annäherung des Todes. 1 „Schnell, ſchnell!“ rief Laby Johanne, „ſendet nach meinem Oheim!— laßt mich— laßt mich— ſeine Gebete in meinen letzten Augenblicken haben!“— und Ellis eilte in ein untres Zimmer, wo er in traurigem Schweis gen hartte, um bei dem Sterbebett eines Wes ſens gegenwärtig zu ſeyn, das der Stolz uhnd oft der Reis ſeines o geweſen war. Als lein er kam zu ſpät. Lady Johanne beklagte von neuem ihr vergangnes Leben, die Ver⸗ ſchwendung der Zeit, ihre Verabſäumung den Erinnerungen und Beiſpiel ihrer Couſine zu fol⸗ gen, und den Kummer, den ſie ihr und ihrem Gatten verurſachte; als ſie ploötztich, Annens Hand ergreifend, ausrief:„Bete fuͤr mich! bete fuͤr mich, Anne, Ijch ſterbe! undo! mit⸗ welcher Furcht, welchem Widerſtreben! Doch taßt mich, eh' ich ſterbe, noch eine gerechte Handlung vollziehn!“— Dann die Hand 396 ihrer Couſine in die ihres Gemahls legend, ſuch⸗ te ſie ihre Wänſche und Meinung auszudruͤcken. Allein die Macht der Sprache war entflohenz und die vereinten Hände an ihre kalten Lippen druͤckend, ſchien ſie, mit zum Himmel empor ge⸗ richteten Augen, ein innres Gebet zu hauchen, und auf ihr Kiſſen zurück ſinkend, verſchied ſie ohne einen Seufzer. — ſſ m 7 8 6 17 18