c— Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 2 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonn⸗ment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Me. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3 3 „„*—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorge 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene u vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß d Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vej lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſein Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indein Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.* — —— 5 — Miſtreß Opie's B a„ ſt Erſter Theil. ——— — ——— ——————— Darſtellungen aus dem W von Miſtreß Opie. Fn Erſter Theil: 1. Der Schein iſt gegen ſie. 2. Auguſtin und ſein Weib. Nach dem Engliſchen bearbeitet von Henriette Schubart. Leipzig und Altenburg: 6 „ Der Schein iſt gegen ſie. „Was ſollen wir thun?“ ſagte ein reicher Wechsler in der Stadt W—,(ein ſehr ge⸗ ſchaͤftiger und eifriger Politiker) zu einem in der Naͤhe wohnenden Herrn von bedeutender Wichtigkeit;„das Parlament iſt aufgehoben, die Schriſt wird mit jedem Tag erwartet, und wir habenſ noch Niemand zum Gegner unſers unpopulaͤren Mitglieds gefunden.“ „Warum ſtellen ſie ſich nicht ſelbſt?“ er⸗ wiederte Sir James. A 2 „Warum befolgen ſie nicht den Pa wel⸗ chen ſie geben?“ „Ich wuͤrde es, wenn es meine Geſund⸗ heit erlaubte. Aber laſſen ſie uns dieſe koſt⸗ baren Augenblicke nicht verſchwenden; laſſen ſie uns Muͤhe anwenden jemand zu ſinden, der füͤr unſern Zweck paßt. Ha! gluͤcklich! ich ſehe dort eine ſehr ſchickliche Perſon.“ „Wen meinen ſie, Sir James? dieſen jungen Officier?“ „Ja— Oberſt Vang.“ „Iſt das der Oberſt Vane, der ſich, nur noch im Jüͤnglingsalter, durch ſeine perſoͤn⸗ liche Tapferkeit, auf dem feſten Lande ſo ſehr auszeichnete? und ſich hernach durch die Milde ſeiner Gerechtigkeit ſelbſt die Verehrung der Aufrührer, gegen die er handelte, erwarb!“ „Derſelbe.— Er iſt hierher gekommen um Hanptmann Clinton zu beſuchen, der hier. — 3 auf Werbung ſteht; und da er ein Mann von unabhaͤngigem Vermögen, und uͤberdieß ein wohlbekannter und beliebter Charakter, ſo denk' ich, wenn er ſich zeigte, daß es ihm ge⸗ ungen duͤrfte.“ „Wie waͤre es denn, Sir James, da ſie ihn kennen, wenn ſie ihm vorſchluͤgen, ſich ſelbſt anzubieten?“— „Iſt's moͤglich meine Herren,“ ſagte Oberſt Vane, als ſie ihm ihre Wunſche bekannt ge⸗ macht hatten,„daß ſie es mit dieſem Antrag ernſtlich meinen?“ „Ganz ernſtlich Herr!“ erwiederte Lin⸗ wood.„Die Wahrheit iſt, daß es uns ſehr an einer paſſenden Perſon fehlt, die wir ei⸗ nem unſrer gehenwärtigen Mitglieder, das wir gern ausſchließen entgegen ſtel⸗ len koͤnnen.“ A „Mud halten ſie mich fuͤr eine paſſende Perſen?“ „Gewiß— ein tapfrer offtier, ein vbt bekannter und beliebter Charakter, und ein Mann von unabhaͤngigem Vermogen.“ „Herr Alton, unſer gegenwattiges Mit⸗ glied die unſrer Stadt ſehr übel, und— „Verzeihn ſie, mein Herr, daß ich ſie un⸗ terbreche— aber es würde gewiß beſſer ſeyn die Geſchaͤfte ihrer Stadt uͤbel als gar nicht vollzogen zu ſehn; und ein Mann meines Standes kann in die Fremde geſendet, und unfähig gamacht werden, irgend eines ſeiner Warlaments⸗Geſchaͤſte zu thun.“ „Sehr wahr, entgegnete Linwoosd, allein wir wuͤnſchten Herrn Alton auf jeden Fall zu entfernen; ſeine politiſchen Meinungen ſind uns zuwider, und—“ —.— 5 „So iſt es alſo nicht ſeine Vernachlaͤſſi⸗ gung der Geſchaͤfte, ſondern es ſind ſeine politiſchen Meinungen die ſie zu ſeinem Feind machten: ſie verließen ihren erſten Grund, mein Herr— und ich bitte, was wiſſen ſie von meinen politiſchen Meinungen? Ich kann ihnen die Verſicherung geben, daß felbſt die Gewißheit, denen die mich beauftragt zu mißfallen, mich nie bewegen wuͤrde eine Stim⸗ me zu geben, oder eine Geſinnung auszuſpre⸗ chen, die meinem Gewiſſen entgegen waͤre.“ „Kein Zweifel, kein Zweifel— ein voll⸗ kommner ehrlicher Mann, und wir beduͤrfen nichts weiter.“ „Allein es ſcheint, daß ihr gegenwaͤrtiges Mitglied, Herr Alton, gleichfalls ein ehrli⸗ cher Mann iſt, da er es gewagt hat, ihrer Meinung entgegen zu handeln.“ Linwood, der, wie die meiſten heftigen . 6 Politiker, eben ſo ſehr durch ſein perſoͤnliches Pißfallen, als durch ſeine politiſchen Meinun⸗ gen, bey dergleichen Gelegenheiten, angeregt ward, hatte nicht gleich eine Antwort auf dieſe Bemerkung bereit, als zwey Kraͤmer, neben deren Thuͤren ſiejſtanden, heraus kamen, und Linwood befragten, ob eine Gegenpar⸗ they zu erwarten wäre. „Gewiß, gewiß,“ erwiederte Linwood, „wird eine Gegenparthey ſeyn, und wir hof⸗ fen dieſen Herrn zu bewegen, ſich zu ſtellen. Aber laſſen ſie uns nicht hier ſtehen— laſſen ſie uns in Herrn Dodds Laden gehen, wo ich eben einige Stimmengeber ſitzen ſehe.“ Oberſt Vane hatte die Gefaͤlligkeit ihnen zu folgen. Linwood begann ſogleich eine lange Lobrede uͤber deſſen Tugenden, wobey ihn Sir James unterſtutzte, und als er geendet, bat er ihn einige Worte fur ſich ſelbſt zu ſagen. — ———— —— 7 eie haben deren ſo viele gefagt,“ etwie⸗ derte dieſer,„und von einer ſolchen Art, daß meine Beſcheidenheit mich zum Schweigen ihist da ſie aber einen Beweis meiner Bewerbungs⸗Fahigkeiten wuͤüſchen werden: ſo ſage ich dieſen Herren, daß ich hoffe, wenn ich mich zum Candidaten für dieſe alte uls ehrwuͤrdige Stadt ſtelle, ihre Stnmen zu erhalten.“ Die Perſonen zu denen er ſprach, ver⸗ ſicherten ihn alle, ihre Stimmen dem zeitheri⸗ gen Mitglied, im Fall eines Gegners, ver⸗ ſprochen zu haben; und Oberſt Vane machte eine Verbeugung und wollte ſich entfernen: allein Linwood, ſeinen Arm ergreifend, hielt ihn zuruͤck, und ermahnte ihn, die Sache beſ⸗ ſer zu uͤberlegen.—„Höoͤrten ſie nicht dieſe Herren ſagen, daß ſie ihre Stmmen bereits verſprochen hätten?“ rief Oberſt Vane mehr unwillig⸗ 5 „Ja, Herr, ja! allein Verſprechungen und Paſteten⸗ Deckel ſind, wie man zu ſagen pflegt, gemacht um gebrochen zu werden, und ich denke ihre Beredtſamkeit, wuͤrde ſie bewe— gen die ihrigen zu brechen.— Verſuchen ſie ⁵ „Nie mein Herr, niet Was! Andern einen Antrag thun, den ich ſelbſt als perſoͤn⸗ liche Beleibigung aufnehmen wuͤrde, wenn man ihn mir thaͤt?“ Linwood ſah aͤrgertich und verlegen aus— und Sir James ſagend:„30 ſehe ſie ſind nicht umgaͤnglich und werden einen ſchlechten Bewerber machen,“ entfernte ſich; waͤhrend einer der Stimmengeber, ſich an den Oberſt wendend, ihn für einen durchaus edeln Mann erklärte, und bedauerte nicht fuͤr ihn ſtimmen zu können. 8 . Oberſt Vane erwiederte durch eine ſehr 9 zierliche Verbeugung, und ging mit Linwood Sir James nach. „Ich hoffe,“ ſagte er laͤchelnd,„ſie ſind nun überzeugt daß ich wahrſcheinlich ihre Wuͤn⸗ ſche mehr hindere als fördere?“ worguf Lin⸗ wood, kalt erwiedernd: er muüſſe gewiß an⸗ derswo einen Candidaten ſuchen, ſich buͤckte und Abſcied nahm, nicht laͤnger eingenom⸗ men ſuͤr dieſen beliebten und wohlbekannten Charakter.— Aber verſchieden war der Eindruckwelchen dieß Geſpraͤch auf einen ſehr aufmerkſamen, obgleich ungeſehenen, Zuhoͤrer gemacht hatte. Die Frau des Hauſes in welches der Oberſt und ſeine Begleiter gingen, ſtand vormals bey einer jungen, ſchoͤnen, verwaiſeten Erbin in Dienſten, die nahe bey der Stadt wohnte; und dieſe Dame, wegen dem kranken Kind ihrer geweſenen Dienerin einſprechend, hatte r0 ſich im Zimmer hinter dem Laden niederge⸗ . ſetzt und war freundlich bemuͤht, in der zu⸗ fälligen Abweſenheit der Mutter, das Kind auf ihrem Schoos einzuſchlaͤſern. Die Thuͤr ſtand offen, und ſie ſaß hinter derſelben; al⸗ lein obgleich ſelbſt ungtſehn, war ihr Oberſt Vane doch vollkommen ſichtbar, den ſie, dem Ruf nach, ſehr wohl kannte, und ſie horte nicht allein ſeinen Namen nennen, ſondern auch jedes Wort das er ausſprach— Worte die durch einen Ausdruck des Geſichts, ſchoͤner in Hin Augen als ſie je geſehn hatte, neue dacht erhielten:„Und dieſes,“ dachte Miß MWordaunt,„iſt der2 Mann, den ich ſo lange zu ſehen wuͤnſchte! dieſes der tapfre Krieger, der menſchliche Befehlshaber, der fromme Sohn, der großmuͤthige Bruder, ſo oft von Perſonen geprieſen, deren Lob zur Ehre ge⸗ reicht!“— Noch ſaß ſie in Gedanken, ver⸗ . —,—— TI loren, nachdem der Gegenſtand derſelben aus ihren Augen verſchwunden, als die Frau des Hauſes ins Zimmer trat, und das ſchlafende Kind von ihr nehmend, ihr die Freiheit ſich zu entfernen ließ. Indem ſie Abſchied nehmen wollte, ſah ſie Oberſt Vane und Sir James, langſam, bey der Thuͤr vorübergehn, die an der modiſchen Parade der Herren lag, und ſie wußte daß, wenn ſie wieder umkehrten, ſie denſelben auf dem Weg zu einem Haus be⸗ gegnen mußte, wo ſie eine Dame, die als Geſellſchafterin be ihr lebte, gelaſſen hatte. Sogleich ſuͤhlte ſich die ſonſt gewoͤhnlich unbe⸗ fangene Ella von Unruhe und Blödigkeit durch⸗ drungen, und es fuͤr unſchicklich haltend, ſich auf einer Art von öffentlichem Spaziergang, wenn auch nur auf Angenblicke, allein zu zei⸗ gen, beſchloß ſie beynah die Gelegenheit ah⸗ zuwarten und ans dem Hauſe zu ſchiuͤpfen, 12 wenn jene wieder voruͤber wären. Allein an⸗ dre Gefuhle verhinderten dieß, und ihren Schleier in dichten Falten um das Geſicht ziehend, eilte ſie, mit ſchuͤchternen Blicken um⸗ her, fort. Die beſagten Herren waren in kleiner Ent⸗ fernung ſtehen geblieben, und ſprachen mit Linwood, der wieder zu ihnen gekommen war⸗ und als Ella ſich näherte, bemerkte ſie, daß Oberſt Vane ſie aufmerkſom beoba„ete, und konnte nicht zweifeln daß das Flüſtern mit Sir James eine Frage war: wer ſie ſeyo. Im Nu war ihre gewöhnlich bluͤhende Farbe um einige Schattirungen tiefer, ihre Bewegung erſchien verlegen, und ſie gruͤßte den Baron im Vorbeygehn, ohne jene ruhige Grazie, die ſie ſonſt auszeichnete. un an Ein unglücklicher Zufall war es für Eb⸗ daß Sir James und Linwood in dieſem Au⸗ 13 genblick die Gefährten des Oberſt waren, in⸗ dem Linwood gegen ſie eingenommen, weil ſie die Annaͤherungen ſeines vorwitzigen zu⸗ dringlichen Sohnes immer zuruͤckgewieſen hotte, und Sir James einer ihrer ausge⸗ ſchlagenen Verehrer war. Es ließ ſich daher nicht erwarten, viel zu ihrem Lobe von ihnen zu hoͤren; und die unbefangene Frohlichkeit und Bedachtloſigkeit unſrer Waiſe war ſo groß, daß vieles gegen ſie geſagt werden konnte, wenn nicht Nachſicht und e das Urtheil milderte⸗ „Wer iſt dieſes ſchoͤne junge Frauenzim⸗ mer?“ Fläͤſterte Oberſt Vane dem Baron zu, als ſie vorbeyging und ihn gruͤßte. „Sie kennen niemand beſſer Baron, nicht⸗ wahr?“ ſagte Linwood im vertraulichen Ton, dem Oberſt zuwinkend. „Gewiß,“ erwiederte Sir„James, nicht ſehr erfrept uͤber den Wink, es iſt Miß Mor⸗ paunt von Bower Wood.“ 2nt „Dieß! Iſt dieß Miß Mordaunt? ich habe viel von ihr gehort,“ bemerkte der Obert lebhaft. „und wenn ſie die Wahrheit gehört haben: ſo haben ſie nicht viel Gutes von ihr gehoͤrt,“ ſagte Linwood. „Was meinen ſie, mein Herr? es iſt un⸗ möglich daß ihr Ruf anders als unbeſcholten ſeyn koͤnnte.“ „Nein: gewiß,“ ſagte Sir James,„les was man gegen ſie ſaͤgen kann beſteht darin, daß ſie die groͤßte Coquette in der Chriſten⸗ heit iſt.“. „Und ſollte dieß wirklich der Fall ſeyn?“ „Gewiß iſt er's,“ erwiederte Linwood,“ wie dieſer gute Herr, und hundert andre be⸗ zeugen koͤnnen. ueberdieß iſt ſie ein furcht⸗ 75 barer Spötter, zeichnet Charikaturen und ſchreibt ſatiriſche Verſe.— Schoͤn iſt ſie, ſowohl an Geſicht ols Geſtalt; doch was ihre Farbe betrifft die—. ſie verſtehn mich.—“ „Nimmt ſie bereits die Kunſt zu Huͤlfe? In welchem verſchiedenen Licht iſt ſte mir dar⸗ geſtellt worden!“— In dieſem Augenblick erſchien der Gegenſtand dieſes Tadels von neuem, und jetzt, am Arm einer Gefaͤhrtin, hatte ſie viel von jener Verlegenheit verloren, die ſie vorher zeigte, und wandelte mit ihrer gewoͤhnlichen Wuͤrde und Ruhe. „Es iſt ein ſehr ſchöner Tag, meine Da⸗ men!“ ſagte Sir James, ſich kalt verbeu⸗ gend. „Ungewoͤhnlich ſo fuͤr dieſe Zeit im Jahr erwiederte Ella, tief erroͤthend als ſie des Oberſt forſchenden Blick auf ſich gerichtet fah. Ihr mit weiblicher Sittſamkeit abgewendetes 16 Auge, die Wange von ſchneller Roͤthe uͤber⸗ zogen, und der Stimme Ton,„uͤß wie des Schafers Flote auf den Betgen,“ that ihre volle Wirkung auf ihn, und ließen ihn beynah an der Wahrheit deſſen zweifeln, was er gehoͤrt hatte. In dieſem Augenblick wehte der Wind Cllas Schleier zuruͤck, und enthuͤllte ihm ihr Geſicht in all ſeiner gluhenden Schönheit. „Es iſt etwas ungewoͤhnlich bezauberndes in ihrer Erfcheinung,“ ſagte er, als Sir Ja⸗ mes wieder zu ihm kam. 1 „So iſt's, in der That! daher ſorgen ſe fut ihr Herz, Vane! und laſſen ſie ſich mein Schickſal zur Warnung dienen; denn ich fuͤhlte mich bezaubert, wie viele andre, und Aufmunterungen vertrauend, die Niemand mißverſtehn konnte, ich mich an, und ward ausgeſchlagen.“ „Ich will bezeugen„rief Linwood,„daß 1 17 ſie ihnen ſolche Aufmerkſamkeiten erwieß, Sir James, wie kein Mann überſehn kann.“ „Entſetzlich! ſo jung, ſo ſchoͤn, und ſo wenig Grundſätze!“ ſagte Oberſt Vane. „Dennoch,“ bemerkte Sir James,„will ich eine Wette eingehen, ſo groß iſt die Macht ihrer Reize, daß ſie, wenn ſie dieſelbe kennen lernen, ſelbſt ihr Gefangner werden, und uns fuͤr böſe Verlaͤumder halten.“ „Unmöglich!“ erwiederte der Oberſt ernſt, „denn ich will Miß Mordaunt nicht kennen lernen; ich will mich nicht der Gefahr und dem Ungluͤck ausſetzen, meine Sinne von ei⸗ nem Weſen bezaubert zu ſehn, welches mein moraliſches Gefuͤhl und mein Urtheil, verach⸗ ten muͤſſen.“ Nach dieſen Worten nahmen die beiden Zrr Abſchied, ihre politiſchet Geſchäfte zu verfolgen, waͤhrend Ella und Oberſt Vane, jedes mit des andern Bild erfuͤllt, B . Vater; denn ſie vergoͤtterte ihren Mann, und ihres Herzens erfuͤllt, und faſt jeder andre obwohl ſehr verſchiedenen Gefuͤhls, in Wohnungen gingen. Oberſt Vane war ſehr jung von ſeinem Oheim, 1 General Vane, adoptirt worden; und da ſeine Eltern noch eine Tochter, nur ein Jahr jun⸗ ger als er, hatten, ſo ſoͤhnten ſie ſich bald mit einer Trennung aus, die ſo ſichtlich zum Wohl ihres Kindes beyzutragen verſprach; 4 denn ſie beſaßen ſelbſt kein Vermögen, und das des Generals war beträchtlich. Mrs. Vane fuͤhlte wirklich den Verluſt, der Geſell⸗ ſchaft ihres Sohnes, weit weniger als ſein liebte ihn mit ſo ausſchließender und frommer Zärtlichkeit, daß in ſeiner Nähe jeder Wunſch Gegenſtand des Lebens aus ihren Gedanken verſchwunden war. Als Edmund Vane das funfzehnte Jahr erreicht hatte, fand ſein Vater, der den kranken General beſuchte, ſeinen Tod in den Wellen, indem er das Leben ſeines Sohnes rettete. Dieſer war in der Mitte ei⸗ nes reißenden Strom's in die Fluthen geſturzt, wo ihn eine Quantitaͤt Schrot, das er bey ſich hatte, niederzog, als er zu ſchwimmen ver⸗ ſuchte. Der ungluͤckliche Vater hielt ſeinen Sohn uͤber dem Waſſer, bis deſſen Sicher⸗ heit durch vom Ufer zugeworfene Seile be⸗ wirkt war, allein erſchoͤpft ſank er ſelbſt, eh⸗ er ähnliche Huͤlfe erhalten konnte, um nie wieder empor zu kommen. So heſtig und dauernd auch Edmunds Schmerz uͤber den Tod ſeines Vaters, und deſſen Veranlaſſung, ſeyn mochte, ſo war er doch gering in Vergleichung der tiefen Verzweiflung welche die ungluckliche Wittwe empfand, die im Anfall ihres Schmer⸗ zes kaum von dem Geluͤbde abgehalten wer⸗ den konnte ihren Sohn, als die, obwohl un⸗ B 2 20 ſchuldige urſache vom Tod ſeines Vaters, nie wieder zu ſehn. Auch wurden dieſe Gefuͤhle 3 nicht durch die gewoͤhnliche Macht elterlicher Zuneigung bekäͤmpft; denn da er nie bey ihr lebte, war ihre muͤtterliche Zärtlichkeit gegen ihn nie gehorig geweckt worden. Er hatte da⸗ her ſein erwartetes, und bald zu erbendes Vermögen, durch den Verluſt von etwas er⸗ tauft, das er ſelbſt fuͤr ſchätzbarer hielt— durch den Verluſt der Liebe einer Mutter. Ge⸗ neral Vane üͤberlebte ſeinen Bruder nicht lan⸗ ge, und hinterließ ſeinen Neffen ein ſehr an⸗ ſehnliches Eigenthum, welches er, nach deſ⸗ ſem Teſtament, im achtzehnten Jahre in Be⸗ ſitz nehmen ſollte, vorausgeſetzt, daß er ſo⸗ gleich zur Armee gehe, und den Stand eines Soldaten erwäͤhle. Edmunds erſte Hand⸗ lung, nachdem er mändig ward, war, ſeine Einkäͤnfte mit ſeiner Mutter zu theilen, und 2 . ſeiner Schweſter ein unabhängiges Einkom⸗ men zuzuſichern. Aber ſelbſt dieſe Handlung, kindlicher Frommigkeit, konnte der Mutter Herz nicht ſo ſehr gegen ihn erweichen um ihr ſeinen Anblick erträglich zu machen.„Ich ehre, ich bewundre, ich ſegne ihn, und bethe fuͤr ihn,“ ſagte ſie,„aber ich kann ihn nicht ſehen, nicht mit ihm leben.“ Er ſah indeß ge⸗ legentlich ſeine Schweſter, und in kurzer Zeit begleitete er ſie zu Grabe, plotzlich in der Bluͤ⸗ the von ſiebenzehn Jahren, durch eine Lun⸗ genentzuͤndung, hinweggerafft. Seine Mut⸗ ter ertrug dieß neue Leiden weit beſſer als er. Immer mit einem herrſchenden Gram erfuͤllt, war ihr Herz fuͤr keinen zweiten empfaͤnglich— noch konnte der Verluſt ihrer Tochter ſie mit dem Gedanken, ihren Sohn zu ſehen, ver⸗ ſöhnen. um dieſe Zeit ſtarb einer ihrer eig⸗ nen Verwandten, und hinterließ ihr ein gro⸗ — e⸗ 1 25 ßes perſönliches Eigenthum; und vielleicht war 18 ihr angenehm, nicht laͤnger unterſtuzunz von einem Sohn annehmen zu muͤſſen, deſſen kindliche Liebe ſie nicht gehoͤrig erwiedern konnte. eie waid indeß endlich vermocht ihn zu ſehn, und eh er ins Ausland ging, um in den Schlachten ſeines Vaterlands zu kämpfen, hatte 3 er die Befriedigung den Stgen ſeiner Mutter 3 zu erhalten, und, obwohl ungern, in Arme geſchloſſen zu werden. As Oberſt Vane vom Ausland zuruͤckkam, ward ihm wieder geſtattet ſie zu ſehen, allein ſeine Gr genwart fuhr fort, ſie ſo gewaltſam an ihr, unſchuldig durch ihn veranlaßtes, M ik⸗ geſchick zu erinnern, daß er fühtt, ſie ettru⸗ meht ſeine Naͤhe, als daß ihr dieſelbe an⸗ genehm ſey, und kindliche pficht ließ ihn da⸗ her endlich aufgeben, was kindliche Liebe aehrte. Dieſe aetäuſchte Hoffnung, und eine 23 andre ſchmerzlicherer Natur, hatten über ſei⸗ nen Charakter einen nachtheiligen Schatten verbreitet, wodurch ſeine eigne Faͤhigkeit zu dauernder Gluͤckſeligkeit litt, und ſeine Macht, zum Wohl andrer beyzutragen⸗ geſchwaͤcht, wenn nicht zerſtört ward. Als ſein Oheim, ſein Vater, und ſeine Schweßer ſtarben, und ſeine Mutter ihn bey ſich aufzunehmen ver⸗ ſagte, befand ſich Edmund Vane in der qua⸗ lendſten aller Lagen fur ein gefuͤhlvolles Herz: denn er hatte keinen Gegonſtand den er lieben, fuͤr den er leben konnte— und er ſehnte ſich in der Bluͤthe des Daſeyns nach einem Weſen, zu dem er ſich mit dem Verlangen des An⸗ theils und der Zäͤrtlichkeit wenden konnte. In dieſem Zeitpunkt, und waͤhrend ſein Herz traurig und voll Kraͤnkung, daß ihm, und nur ihm muͤtterliche Zaͤrtlichkeit ein bloßer Name war, machte er durch Zufall mit einer ſehr verſchlagenen und ſchönen Frau Bekanntſchaft, die mehrere Jahre älter als er war. Dieſe erfahrene Coquette ſah ſogleich in ihm einen Gegenſtand an dem ſie ihre Macht uben konnte, und begann ihre Bemuͤhungen mit ſo viel Leb⸗ haftigkeit, obwohl geringerer Sorgſamkeit, als gewoͤhnlich; denn es bedurfte wenig Kunſt einen unerfahrnen Juͤngling zu bezaubern, wel⸗ chen der Ausdruck zaͤrtlicher Achtſamkeit, von ſanfter weiblicher Stimme, unwiderſtehlich war, weil er den Reiz der Neuheit fuͤr ihn be⸗ ſaß; und während ihre Schoͤnheit ſeine Sin⸗ ne verblendete, und ihre Aufmerkſamkeit ſei⸗ ner Eitelkeit ſchmeichelte, that die liebkoſende Vertraulichkeit ihres Betragens ſeinen Gefühlen wohl, und erregte ſeine dankbare Zuneigung. Er nannte ſeine Empfindungen Liebe:— al— lein et irrte ſich.— Die Lady ſelbſt hielt ſie dafuͤr.— Nachdem ſie indeß den Preis 23 empſangen, und das Geſtaͤndniß ſeiner Nei⸗ gung gehoͤrt hatte, gab ſie dieſelbe, als et⸗ was des Erhaltens nicht werth, auf, da ihr Chrgeiz nach einer viel hoͤhern Verbindung ßrebte; und waͤhrend der ungluͤckliche Ed⸗ mund alle Qualen getaͤuſchter Leidenſchaft er⸗ düldete, nahm ſie die Hand eines alten und wverlebten Edelmanns an, und die leichtſinni⸗ ge Coquette ward natuͤrlich genug eine unge⸗ troue Gattin. Es ließ ſich nicht vermuthen, daß eine Er⸗ fahrung dieſer Art, und das Nachdenken uͤber einen Charakter wie Lady L—s, zur Vermin⸗ derung des Einfluſſes beytragen konnten, wel⸗ ſchen Eiferſucht, Argwohn, und Mißtrauen, in Edmunds verwundetem Gemuͤth zu erhalten anfingen, und ſein Vergnuͤgen an weiblichem Umgang vergifteten. So ſtreng er aber auch ſein Herz gegen die Reize des Geſchlechts ver⸗ ſchloß, ſo verlangte er dennoch zugleich dieß Herz zu uͤbergeben, wenn Vorſicht und Ur⸗ theil die Wuͤnſche ſeiner Neigung heiligten.— Dieß war der Zuſtand ſeines Gemuͤths als er zuerſt nach W— kam, und Ella Mor⸗ daunt erblickte, von der er eine ſo vortheil⸗ hafte Schilderung erhalten hatte, daß er bey⸗ nah glaubte in ihr das Weſen zu finden, wel⸗ ches er ſo lange ſuchte. Allein er erwog, daß er ihr Lob vornehmlich von einer Frau gehoͤrt hatte, deren Betragen, wenn ſie ſeine Gat⸗ tin waͤre, ihn bis zum Wahnſinn eiferſuͤch⸗ tig machen wuͤrde, und von einem Mann, der ſich, voll freudiger Gewißheit vertrauender Zaͤrtlichkeit, mit dieſer Frau zu verbinden ge⸗ dacht ne n „Nein, nein!“ Edmund Vane zu ſich ſelbſt,„Clintons Meinung uͤber die Frauen, und bie meinige, iſt ſich zu entgegengeſetzt, 27 als daß ich ihm blinden Glauben beylegen ſollte;“ und kaum war er zu dieſem nehmli⸗ chen Clinton zum Beſuch gekommen, als die Schilderung, welche Sir James und Lin⸗ ood von Ella machten, hinlaͤnglich das Ge⸗ gruͤndete ſeines Mißtrauens bewieß. ella Mordaunt war in der That, wie ſie ſich eben darſtellte, von allen Frauen ain we⸗ nigſten geeignet, die erwäͤhlte Geliebte, und Gattin, eines eiferſuͤchtigen und zwöhi⸗ ſchen Mannes zu ſeyn. Sie hatte ihre Et⸗ tern ſehr fruͤh verloren; allein diefer Verluſt watd ihr durch die wachſame Sorgfalt und verſtändige Zärtlichkeit einer Tante erſetzt, die, zu Folge einer ungluͤcklichen Liebe, den Ent⸗ ſchiuß gefaßt hatte, ſich nie zu verbinden, Hund ſich ganz der Erziehung ihrer jungen in⸗ tereſſanten Pflegetochter zu widmen. Demu⸗ chig aus Froͤmmigkeit, und wohlwellend von 1 28 Ratur, bemuͤhte ſich Ellas Lehrerin ſo unaus⸗ geſett ſie vor jenem Stolz und jener Selbſt⸗ wichtigkeit, die gewoͤhnlich Erbinnen einge⸗ floßt werden, zu bewahren, daß ſie dieſelbe zu dem entgegengeſetzten Extrem verleitete. Zartſinnig und wohlwollend, wie ihre Erzie⸗ herin ſelbſt, ward die Erbin von Bower Wood nur zu leutſelig und herablaſſend, und der Wunſch zu gefallen, und alle Perſonen mit ſich zufrieden zu machen, war in ihr ſo all⸗ gemein und geſchaͤftig, daß ihr Betragen zu wenig unterſchied, um den Stolz des bewub⸗ ten Verdienſtes zu befriedigen, und mehr je⸗ ner eigennuͤtzigen allgemeinen Hoͤflichkeit, ei⸗ nes um eine Stelle ſich bewerbenden, als der ungezwungnen Verbindlichkeit eines unabhaͤn⸗ gigen Fraͤuleins glich. Dieß Betragen war es, deſſen Annehmlichkeiten gegen Perſonen jedes Standes und Alters gerichtet, und von 29 allen gefuͤhlt wurden, welches Ella, als ſie heran wuchs, und in die Welt eingefuͤhrt ward, nicht allein in den Ruf einer entſchiedenen Co⸗ quette brachte, ſondern auch ſogar in ihr, da ſie den allgemeinen Einfluß den es gewaͤhrte empfand, jenen Geiſt der Coquetterie erweckte, der ihr zuerſt unbekannt war— waͤhrend ihre Erzieherin dadurch in gleichem Grad beſtuͤrzt und beunruhiget ward. Doch die Sorgen und Befriedigungen der Zuneigung ſollten fuͤr dieſe vortreffliche Frau bald voruͤber ſeyn. Fruͤher ünd geheimer Kummer untergruben langſam, doch ſicher, ihr Daſeyn; und Ella von neuem, und ſich deſſen bewußter, als vor⸗ her, eine Waiſe, war beſtimmt ihre theure Verwandte, die ihr mehr als Mutter gewe⸗ ſen, zu einem vorzeitigen Grabe zu begleiten. Der Platz in ihrer Femille ward wohl bald mit einer andern Verwandten ausgefuͤllt, doch 30 nicht ſo der Platz in ihrem Herzen,— dieſer Platz, auf deſſen Beſitz ſich ihre verſtorbene Crzieherin, durch beſtimmte ausgezeichnete Vorzuͤge, ein ausſchließendes Recht erworben hatte. Ihre Nachſolgerin hotte keine be⸗ ſtimmten Eigenſchaften. Sie war nicht boͤs⸗ artig, nicht, unangenehm, nicht ungebildet, und wenn keine annehmliche, doch von nie⸗ mand als nicht achtungswuͤrdig anerkannte Ge ſellſchafterin der Gebieterin von Bower Wood. Den Tag, nachdem Ella Oberſt Vane ge⸗ ſehn hatte, war in W— eine öffentliche Tanzvarthie, und wenig mit dem wahren Cha⸗ rakter des Mannes bekannt, den ſie zu kennen, und zu gefallen wuͤnſchte, begann ſie das Ge⸗ ſchaͤſt ihrer Toilette mit weit mehr Intereſſe, ale gewoͤhnlich, weil ſie vor dem Weſen zu glänzen hoffte, deſſen Anerkennung, wie ſie wußte, in ihrer eignen Meinung ſie erheben wuͤrde. Bis jetzt hatte ſie nur einen unbeſtimm 6 31 tin Wunſch, allgemein zu gefallen, empfun⸗ den— auch hatte weder Sir James, noch irgend Jemand, Aufmunterungen von ihr er⸗ halten, die man haͤtte als Vergehn anrech⸗ nen koͤnnen. Doch er, gleich andern, ward von ſeiner eignen Eitelkeit hintergangen„unb Groll verleitete ihn, ihr Zuvorkommen und ihre anſcheinende Genehmigung, zu uͤbertrei⸗ ben, um einige der Wunden zu heilen die ſei⸗ ne Selbſtliebe erhalten hatte. „Ich denke Clinton wird mir ihn vorſtel⸗ len,“ ſagte Ella zu ſich ſelbſt,„und vielleicht fordert er mich zum Tanz auf— und doch wuͤnſchte ich, er tanzte lieber nicht, ſelbſt nicht mit mir; ich wuͤnſchte mehr, er unterhielt ſich. Es wuͤrde mir nicht gefallen einen ſol— chen Mann tanzen zu ſehn.“ Oberſt Vane bereitete ſich indeß zum Ball, doch ohne einen der Vorſaͤtze, die Ella ihm zuſchrieb. Er hatte nicht allein beſchloſſen, 32 nicht mit ihr zu tanzen, ſondern ſich ihr auch nicht vorſtellen zu laſſen, und waͤhrend er ſich mit Bewunderung die Schoͤnheit ihres Ge⸗ ſichts, und ihrer Geſtalt, und den ruͤhren⸗ den Ton ihrer Stimme zuruͤckrief, fuͤhlte er ſich ganz entruͤſtet gegen ſie, daß ihr Gemuͤth⸗ nicht mit dem Reiz ihrer aͤußern Form uͤber⸗ einſtimme.—„Aber was kuͤmmert das mich? ſagte er zu ſich ſelbſt. Was iſt mir ihr Cha⸗ rakter, oder ihr Betragen? Mir muͤſſen ſie ganz gleichguͤltig ſeyn;“— während dieſe an⸗ gebliche Gleichguttigkeit das Gegentheil ver⸗ rieth, und ein Beweis war, daß Clintons und ſeiner Anna, wiederholtes Lob ihrer Freundin, nicht ohne Wirkung geblieben war⸗ Endlich erſchien die Stunde auf den Ball zu gehen, und Oberſt Vane ſah Ella, ge⸗ gen ſeine Erwartung, ſittſam und einfach ge⸗ ſchmuͤckt, am Arm ihrer Vetwandtin ins Zim 3³ mer treten. Obgleich Ella nicht beſtimmt nach ihm blickte; bemerkte ſie doch deſſen Nahe, und zuͤrnte mit ſich ſelbſt, als ihr dieſes Wiſſen Unruhe vernrſachte.„Denn wus iſt er mir?“ dachte ſie bey ſich, und ihre Selbſt⸗ beherrſchung zuſammen nehmend, naͤherte ſie ſich aufs freundlichſts einem Herrn ihrer Be⸗ kanntſchaft, ihm beide Hände mit herablaſſen⸗ der Hoflichkeit darreichend, und empfing ſei⸗ ne und ſu Aen mit. tem Vergnuͤgen. in „Da!“— dachte doeſt„ſie co⸗ quettirt bereits: welcher Mann fuͤhlte ſi 5 nicht geſchmeichelt und angezogen durch ſolche Auf⸗ munterungen? Nein: ich ſehe Linwood hat Recht, und Clinton iſt ein blinder S Verehrer.“ Hätte er länger an dem Orte verweilt, dann wuͤrde er geſehn haben, wie Ella ihre C 34 weibliche Bekanntſchaft eben ſo herzlich em⸗ pfing, und ſogar mit eben ſo freundlichen Blicken, und tiefen Verbeugungen, die Mu⸗ ſikanten die ſie kannte begruͤßte; ſo ſehr war ihre Freundlichkeit mehr Folge der Gewohn⸗ heit, und eines wohlwollenden Wunſches zu gefallen, als das vorſaͤtzliche Beſtreben irgend Zemand zu beſondrer Aufmerkſamkeit außzu⸗ fordern. Allein voll Mißfallen ging Oberſt Vane zum andern Ende des Zimmers, den Beſitz von Schoͤnheit beklagend, der ſo viel Unheil verurſachen konnte. Ella, deren Au⸗ gen, obwohl es nicht ſo ſchien, ſeinen Bewegun⸗ gen folgten, bemerkte ſeine Entfernung, und ihre Lebhaftigkeit verließ ſie. Bald darauf ſah ſie Clinton zu ſeinem Freunde gehn, und ihm zufluͤſtern, und mit klopfendem Herzen erwartete ſie, daß er ihn zu ihr bringen wuͤr⸗ de. Allein vergebens: ſie ſah, daß Clinton 33 ihm augenſcheinlich Vorſtellungen machte, und ſich endlich, wie unwillig, entfernte.„Wenn er ſich mir nicht wollte vorſtellen laſſen!“ dach⸗ te Ella,„wenn ich ihm nicht gefiele!“— und faſt mit Thraͤnen in den Augen nahm ſie die Hand eines jungen Herrn zum Tanz an. Aber der Unmuth, der auf ihrer Stirn ruhtt, fing an ſich zu zerſtreuen, als Oberſt Vane, ſobald ſie am Anfang der Colonne ſtand, den Taͤnzern ſich nahte, augenſcheinlich mit der Abſicht ſie zu beobachten, waͤhrend das Be⸗ wußtſeyn, daß ſeine Blicke auf ihr ruhten, ihrer Erſcheinung einen Grad von Schuͤch⸗ ternheit ertheilte, der, obwohl ihr unbekannt, mehr geeignet war ihrem entzückten Beobach⸗ ter zu gefallen, als ſelbſt die groͤßte Vollkom⸗ menheit ihres Tanzes. Oberſt Vane folgte ihr faſt unwillkuͤhrlich mit den Augen, bis zum Ende der Colonne, und die Gedanken, die in Ca * 36 ſeiner Seele voruͤber gingen, gaben ſeinem Geſicht einen Ausdruck des Wohlgefallens, welches Ella, als ſie ſchuͤchtern ihr Auge auf ihn richtete, nicht unbemerkt laſſen konnte, und alle ihre vorige Lebhaftigkeit wiedererhal⸗ tend, und jene erregte Laune, die ſie oft bis zur Ausgelaſſenheit verleitete, fing ſie an zu ſprechen, zu lachen, und zu ſcherzen, wie ge⸗ wroͤhnlich. Sogleich kehrten alle Vorurtheile in Oberſt Vane zuruͤck, er wendete ſich von neuem unwillig und mißbilligend hinweg, und ſie tanzte den zweyten Tanz, ohne von ihm bemerkt zu werden, oder wenn es geſchah, ohne auf ſeinem Geſicht jenes Lächeln unwill⸗ kuͤhrlichen Beyfalls zu erblicken. Sobald der Tanz geendet war, ging Ella ihre Verwandte Mrs. Anne Mordaunt auf⸗ zuſuchen, die in einem Nebenzimmer am Spiel⸗ tiſch ſaß, und ließ ſich deren Menagere ge⸗ 37 ben, in der ſich Schere, Zwirn, u. dgl. be⸗ fanden, um die Baͤnder an ihren Schuhen zu befeſtigen, die im Tanz losgegangen wa⸗ ren. Zu dieſem Zweck begab ſie ſich hinter einen Schirm, der zwiſchen der Thuͤr und den Spieltiſchen ſtand, und als ſie damit be⸗ ſchaͤftigt, oͤffnete ſich die Thuͤr des Zimmers und ſie hoͤrte Hauptmann Clinton ſagen: „Halt, Vane, halt!— noch ein Wort. Sey nicht hartnackig— laß Miß Mor⸗ daunt vorſtellen.“ „Nie!“ erwiederte der Oberſt,„nie— ſie iſt eine ausgemachte Coquette, und was ich geſehn habe beſtaͤtigt den den ich von ihr hoͤrte.“* „Dieß iſt alles Vorurtheil,“ erwiederte Clinton mit leiſer Stimme,„und wenn du ſie kennteſt wuͤrdeſt du ſie verehren.“ „Ihre Schoͤnheit wohl; aber glaube mir, mein Urtheil wuͤrde das Weib verachten.“ 38 *„„Sie iſt verläumdet worden.“ „Nein:— hab' ich nicht Augen?“ „Dennoch ſind dieſe getaͤuſcht, wenn ſie den Eingebungen des Vorurtheils gemaß ſchauen. Komm, laß mich dich vorſtellen, und nimm ihre Hand fuͤr zwey Tänze.“ „Wie, ich! ich dieſe Hand nehmen, die eine ausgemachte Sache, faſt von jedem Mann im Zimmer gedruͤckt ward?“ „Gut!— und ſollte eine ſchuldloſe Frau dieſe ſo gewohnliche Freiheit fuͤr etwas Wich⸗ tiges halten?“ 5 „Gewaltig fein!— So iſt alſo vermuth⸗ lich dein Motto: dem Reinen iſt alles rein!— Cela pourroit mener hien loin, mon ami.— Nein! ich will dieſer ausgezeichneten, doch in meinen Augen unwuͤrdigen Schoͤnheit nicht vorgeſtellt werden; ſondern nachdem —— 89 ich kurze Zeit bey den Spieliſchen verweilt habe, werde ich nach Hauſe gehn““ Mit dieſen Worten naͤherte er ſich der Vorderſeite des Schirms, waͤhrend Ella unbemerkt um denſelben herum ſchluͤpfte, und die Thuͤr, welche Clinton mit einem Ausruf uͤber des Oberſt Hartnäckigkeit geſchloſſen hatte, leiſe oͤffnete. Kaum ſich aufrecht zu erhalten faͤhig, lehnte ſie ſich gegen die Wand des Ganges der vom Spiel⸗ zum Tanz/Zimmer fuͤhrte. Sie hatte hier einige Minuten verweilt, und verſucht, ſich zu faſſen, und aus ihrem Ge⸗ dächtniß die grauſam ſtrengen Ausdruͤcke zu verbannen, die ſie eben uͤberhoͤrte, als Clin⸗ ton, der ſie ſuchte, zuruͤckkehrte, um Mrs. Anne nach ihr zu Ktagen. Sobald er ſie erblickte machte die Bläſſe ihrer Wangen, und ihr verſtoͤrtes Ausſehn, ihn beſorgt, und er fragte eifrig, was porgefallen ſey, Anſtatt 40 ihm zu antworten, brach ſie in Thränen aus, und er wollte ſie eben, da eine Ahnung der Wahrheit ihm in den Sinn kam, ſoweit es die Delikateſſe verſtattete, befragen„als einer der Diener herbeyeilte, und ihn zu einem an ihn gekommenen Expreſſen abrief, wot⸗ auf er ſich mit der Voſſcherung ſoeich wieder da zu ſeyn; entfernte. Waͤhrend der Zeit blieb Ella, voll Beſorg⸗ niß, die Dame mit welcher Clintön it Ver⸗ bindung ſtand, ihre vertraute Freundin, hubs nach ihm geſendet, wo ſie war um ſeine Rute⸗ kehr zu erwarten; doch trotz ihrer Bemuͤ⸗ hung, und den Befuͤrchtungen der Fround⸗ ſchaft, behielt ihre eigne verwundete Delika⸗ teſſe, und ihr beleidigtes Selbſtgefuͤhl, die Oberſtelle inihren Gedanken, und Thränen entquollen ihren Augen,als die Thuͤr des Kat⸗ an die ſie ſich ohne es zu wiſſen 47 angelehnt hatte, gesffnet ward, und ſie bey⸗ nah zu Boden ſank— während die Perſon, deren Arme ſie vor dem Fall ſchuͤtzten, Oberſt Vane ſelbſt war! Sobald ſie bemerkte, wem ſie auf dieſe Weiſe verpflichtet, entwand ſie ſich ihm mit unwillkuͤhrlicher Entrüſtung. „O Himmet! hoffentlich hab' ich ſie doch nicht beſchädigt? Ich wußte durchaus nicht, daß ſich jemand an der Thuͤr befand. Aber ſie ſehen blaß, ſie ſcheinen matt— laſſen ſie mich ſie unterſtuͤtzen!“ rief er— waͤhrend Ella ſich bemuͤhte die Thuͤr des Ballzimmers zu erreichen: doch von einer Menge Empfin⸗ dungen durchdrungen, fuͤhlte ſie Schwindel und ergriff des Oberſt Arm, bis einer der Diener ihr einen Stuhl und etwas Waſſer bruchte. Das uebelbefinden war indeß nur augenblicklich. Ellas Faſſung kehrte züruͤck, und ſo entruſtet ſis auch gegen ihn war, mil⸗ — 42 derte ſich doch ihr Zorn ein wenig, als ſie die ſorgliche Theilnahme bemerkte, mit der er ſich zu ihr herab beugte und ihre wiederkeh⸗ rende Farbe beobachtete. Dieſe Farbe, wel⸗ che, wie er nun ſah, mit ſo vielem Unrecht der Kunſt beygelegt ward, und die Verwir⸗ rung, Unwillen und heftige Bewegung, in wogender Roͤthe, auf ihre Kngen zuruͤck⸗ brachten. Ella wollte aufſtehn, hnd s ch allein noch immer zitternd, mußte ſie ihren Sitz wieder einnehmen, und Oberſt Vane, nicht ohne Vergnuͤgen bemerkend, wie ſie das unſchickliche ihrer Lage fuͤhlte, erbot ſich ih⸗ rer Begleiterin von ihrer Unpaͤßlichkeit Nach⸗ richt zu geben. Ohne ihre Erlaubniß zu er⸗ warten ging er Mrs. Mordaunt aufzuſuchen, die ihre Karten einem Beyſtehenden gab, und ihm beſorgt folgte; worauf er, die Damen 5 43 ſich ungeſtört ſelblt uͤberlaſſend, in einiger Ent⸗ fernung, auf und ab ging, wo er ſie ſehn, obwohl nicht hören konnte. Endlich hatts ſich Ella hinlaͤnglich erholt, um Mrs. Anne ihre Beſorgniſſe wegen Clintons Abweſenheit mit⸗ theilen zu können, und als dieſe umher blickte, als ob ſie jemands beduͤrfe, nahte ſich Oberſt Vane und bot ſeine Dienſte an. Selbſt et⸗ was beunruhigt, uͤber die Entfernung ſeines Freundes, ging er ſogleich Erkundigungen deß⸗ halb einzuziehn. Das Reſultat derſelben war, daß fobald Hauptmann Clinton gefunden, der Expreſſe komme von ſeinem Vater, den er ſehr liebte, und den man fuͤr todtlich krank hielt, er den Hut des Dieners ergriffen, ſich auf deſſen Roß geſchwungen und ſo ſchnell als moͤglich, alles andre vergeſſend, entfernt hatte. „Wohl. Es iſt ſeltſamer wie bey irgend jemand,“ ſagte Mrs. Anne,„ſie ſo ſchwach und kraͤnklich zu ſehen, wie eine feine Dame!— Sie waren nie ſo vorher.“ „Nein— und ich hoffe auch nie wieder⸗ ſo zu ſeyn, liebe Couſine!“ erwiederte Ella, in⸗ dem ſie ſich froͤhlich zu ſeyn bémuͤhte, wäh⸗ rend ſie Oberſt Vane mit forſchender Beſorg⸗ niß anſah.„Soll ich nach ihren Wagen gehn, meine Damen?“ ſagte er. Doch Ella, ſich vielleicht gefallend, wo ſie ſich, trotz der Vorurtheile dieſes ſtrengen Tadlers, als Ge⸗ genſtand des Antheils fuͤhlte, verbat es, und erklärend, ſie ſey wieder vollkommen wohl, ging ſie auf Mrs. Anne geſtützt ins Ballzim⸗ mer. Des Oberſt dargebotenen Arm lehnte ſie, eben nicht im ſchmeichelhafteſten Ton, mit der Verſicherung ab, ſeines Beyſtands weiter nicht zu beduͤrfen. „So, ſo!“ dachte er,„ſie iſt, wie ich 45 ſehe, nicht geneigt mich zu verderben, wie ſie auch durch ihre Huld auf andre wirken Bey ihrer Ruͤckkehr ins Zimmer ſchlug Ella jede Auffodrung zum Tanz aus, und ſaß bald mit einigen Freunden, beiderley Ge⸗ ſchlechts, die einen Cirkel um ſie ſchloſſen, am Ende des Zimmers. Einer der Herrn, der den Oberſt kannte, fragte ihn, ob er nicht an der Geſellſchaft Theil nehmen wolle? Mit Erröthen uͤber ſeinen Wankelmuth bat dieſer, ihn zuerſt den beiden Damen, ſich ge⸗ gen Ella und ihre Verwandte beugend, vor⸗ zuſtellen, die er ſchon ohne damit beehrt zu ſeyn zu ſprechen gewagt habe. So uͤberraſcht und erfreut ſich auch Ella fuͤhlte, empfing und erwiederte ſie doch ſeine Verbeugung mit ei⸗ nem Grad von Förmlichkeit, der Mrs. Anne in Erſtaunen ſetzte, die bereits in dieſen be⸗ 46 ruͤhmten und liebenswuͤrdigen Mann ver⸗ liebt war. 87 6 Rus Im Lauf des Geſpraͤchs ward Ella ge⸗ fragt, ob ſie vor Kurzem des Herrn—= Ka⸗ rikaturen geſchn habe:„Nein— ich habe ſie nicht geſehn,“ antwortete ſie;„ich hege ei⸗ nen ſo großen Mißfallen an Karikaturen(ich meine die von perſoͤnlicher Art), daß ich mir's zur Gewiſſensſache mache ein ſo veraͤchtliches Verfahren, durch die Frage nach dergleichen Darſtellungen, nicht aufzumuntern.“ „Aber ſie zeichnen ſelbſt, Miß Mordaunt?“ fragte Oberſt Vane lebhaſt. „In Wahrheit ſehr wenig; ich entwerfe Baume und Blumen nach der Natur, und Gegenden, wenn ich reiſe; doch des Men⸗ ſchen gottliches Angeſicht 6 uͤber meine ahmung.“ „Ich ſtimme mit ihnen im Haß der Kadi⸗ . 4 katuren uͤberein,“ erwiederte der Oberſt. „Ich halte ſie fur einen ſehr niedern Grad der Laune, und einen ſehr hohen der Boß⸗ heit. Mir mißfallen die Satiren der Feder eben ſo ſehr wie die des Pinſels, ob ſie gleich verſchieden ſind; da erſtere ſich vornehmlich gegen geiſtige, und daher vielleicht zu ver⸗ beſſernde Fehler richten, waͤhrend die letztern immer auf körperliche Gebrechen zielen, die gewiß mehr ein Gegenſtand des Mitleids als des Spottes ſind.“ „Dennoch“ ſagte Ella,„obgleich das Spott⸗ gedicht an Boßheit geringer iſt, beſitzt es doch dieſelbe Eigenſchaft wie die Karikatur, und der, welcher das eine ſchreibt, wuͤrde wahr⸗ ſcheinlich, wenn er koͤnnte, die andre zeichnen. Was mich betrifft, ſo haſſe ich beide, und ſuche ſie zu unterdruͤcken, und eben ſo die Art der Boßheit, und Kurzweil, die keines 4⁸ von beiden iſt, aber die boßhafte Natur bei⸗ der theilt— ich meine das Spiel mit Per⸗ ſonen um ſie lächerlich zu machen Cuiaring). Wirklich“ fuhr ſie fort,„bin ich der Meinung, daß Witz und gutes Herz näher verbunden ſind, als die meiſten Menſchen gewahr wer⸗ den- in Uing ng „Was fuͤr ein Luͤgner dieſer Linwood iſt,“ dachte der Oberſt, und Ella konnte den Blick des Beyfalls nicht mißverſtehn, mit welchem er ſie betrachtete, als ſie zu ſprechen aufhoͤrte und ihre Augen zu den ſeinigen zu erheben wagte. Indem er antworten wollte, kam ei⸗ ne Dame durch das Zimmer und fluͤſterte ihr ewas ins Ohr, worauf Ella ſogleich ihren Arm nahm, und nach der entgegengeſetzten Seite ging, wo ſie ſich zu einem kleinen, ver⸗ unſtalteten, uͤberputzten jungen Frauenzim⸗ mer ſetzte, das ein beſondrer Gegenſtand der 640 4 Auſmerkſamkeit fuͤr mehrere junge Männer und Frauen ſchien, die umher ſtanden. Bald nachher gab Ella dieſer Dame ihren Arm, und ging mit ihr im Zimmer auf und ab, wobey ſie mit einer ſolchen verbindlichen Aufmerk⸗ ſomkeit ihr zuzuhören ſchien, daß Oberſt Vane dieſes ſeltſam ausſehende Weſen entweder fuͤr eine durch Rang und Einfluß, oder durch un⸗ gewoͤhnlich geiſtige Vorzuͤge, ausgezeichnete Perſon hielt. Endlich fragte er nach ihren Namen. 9es iſt Miß Rawlins,“ erwiederte ei⸗ ne der Damen. jſi „Und wer iſt Miß Rawlins? nach der Auß⸗ merkſamkeit die ſie erregt, und Miß Mordgunts Betragen gegen ſie, halt' ich ſie fuͤr eine Per⸗ ſon von einiger Wichtigkeit.“ 65 n „Nein,“ war die Antwort:„weil ſie jetzt, das arme Geſchoͤpf! eine Perſon von keiner 1 S Wichtigkeit iſt, beweißt ihr Miß Morbaunt ſo viele Aufmerkſamkeit.“ „Sie legen einen Nachdruck auf jetzt; war ſie denn je von Wichtigkeit?“ „O ja!— eine reiche Erbin, wie Miß Mordaunt ſelbſt, und da war ſogar ihre un⸗ glůͤckliche Geſtalt vergeſſen und ihr Anzug entging dem Spott, und ſie hatte ſo viel Con⸗ ſorten wie irgend jemand: allein durch die Schuld ihres Agenten verlor ſie ihr ganzes Vermoͤgen, und mit demſelben die Achtung die ihr vormals erzeigt ward. Nur erſt ſeit Kurzem hat ſie ſich hinlaͤnglich wieder erholt, um ihre Verwandte, von der ſie jetzt gaͤnzlich abhaͤngt, wie gewoͤhnlich zu unſern Bällen zu begleiten. Doch da ſie, in Betrachtung ihrer Perſon, einen thoͤrigen Wohlgefallen an Putz und Tanz findet, ſo nehmen die Boshaften, die ihr Reichthum in Reſpekt hielt, ſich her⸗ 31 aus, ſie in ihrer Armuth zu verſpotten, und ein junger Mann(nebenbey derſelbe welcher Karikaturen zeichnet) fordert ſie zum Tanz auf, um ſie laͤcherlich zu machen. Ich hoͤrte die junge Dame Miß Mordaunt zufluͤſtern, daß er es eben im Begriff zu thun ſey, und mit ihrem gewoͤhnlichen Wohlwollen ging ſie dieß boshafte Vergnuͤgen zu verhindern, indem ſie das armo kleine Geſchoͤpf in Schutz nahm— und ſie ſehn es iſt ihr gelungen, und ſie bringt dieſelbe hierher.“ In dieſem Augenblick kehrte Ella, auf ih⸗ ren Geſicht befriedigte Milde ſtrahlend, zur Geſellſchaft zuruͤck, und machte ihre Begleite⸗ rin mit Oberſt Vane bekannt, der, ihre Ge⸗ ſinnung nachahmend, ſie mit ausgezeichneter Aufmerkſamkeit behandelte. „Sagen ſie, liebes Kind!“ rief ploͤtzlich Mrs. Anne, ein angenehmes Geſpraͤch unter⸗ D2 5 12 örechend,„wö ſie meine Menagere gelaſſen haben? 7 Sie gaben ſie mir nicht wieder. Benntuhigt uber die wahrſcheinlichen Ftzen dieſer Frage, wenn ihr genau nachgeforſcht wuͤrde, konnte Ella kaum die Antwort hetrdr⸗ bringen; daß ſie glaube ſi ſi e im epeinner gelaſſen zu haben. mſi 2 „Soll ich ſie holen?“ rief der Oberſt 7 an welchem Ort blieb dieſelbe?“ „O! ich kann's ſagen, meine Liebe! ſie ließen ſie hinter dem Schirm,“ erwiederte Mrs. Anne,„ich ſah ſie dahin gehen um die Bänder an ihren Schuhen zu befeſtigen, und da ſie dort nicht wohl wurden, und wegen fri⸗ ſcher Luft hinaus gingen, vergaßen ſie natuͤr⸗ lich genug, was ich ihnen geliehen hatte.“ „Den Schirm! welchen Schirm?“ rief Oberſt Vane, dem ſogleich eine Ahnung der urſache von Ellas Unfall den Sinn durchkreuzte, und als er ſie anblickte, beſtätigten ihre blei⸗ chen Wangen und augenſcheinliche Bewegung, alles was er vermuthete. In gleichem Grad beſtuͤrzt und befangen, obwohl in weit große⸗ rer Unruhe als ſie, verließ er das Zimmer, um das Vermißte aufzuſuchen. „Ich glaube ſie werden wieder krank,“ ſagte die beſorgte Mrs. Anne doch durch veſe Bemerkung auſgeregt, ſuchte Cua, im Gefühl tugendhaften Stolzes, und, wenigſtens dem Vorſatz nach, bewußter unſchuſ, ſich zu ſam⸗ meln, und bereitete ſich vor, den Oberſtlbey ſeiner Ruckkehr wit einer Ruhe zu empfangen, die ihm ſagen ſollte, daß es ihm zukomme, in ihrer Gegenwart wegen der Strenge ſeiner urtheile beſchaͤmt zu ſeyn urtheile, die eine ſehr kurze Bekanntſchaft mit ihr, ſchon ſichtlich um pieles gemildert hnte. S ti Es verging einige Zeit eh uen Vane 54 urictthrte. Sobald er ins Spielzimmer trut uns den Schiem erblickte, begriff er vie Eu. ganzlich vor ihm verborgen geweſen ſeyn, und dennoch ſeine ganze Unterredung gehört haben konnte, und als er hinter dem⸗ ſelben die Menagere, offenbar in Eil hinge⸗ worfen erblickte, da alles was ſie enthielt um⸗ her geſireut lag, dachte er ſich mit einem der. ieue ähnlichen, ſchmerzlichen Gefuͤhl, welche Verwirrung und Beängſeigung ſie empfunden haben iußtt, als ſie von der andern Seite hervorgeſchlüpft und in den Gang geeilt war. Aber warum ſolte Ella ſo wegt ſeyn? Be⸗ ſaß eine Coquette denn ſo viel wahre Enpfin⸗ dung und ſolche Zartheit in Hinſicht des Rufs? war es ihre verwundete Eitelkeit allein, oder ein beſſer Gefuͤhl, was die Farbe ihrer Wan⸗ gen erbleichen und ihr Auge in Thränen ſchwimmen ließ? War ſeine gute Meinung * 55 ihr mehr werth als die der andern? Warum aber dieſe Empfindlichkeit gegen Tadel nicht dem natuͤrlichen Entſetzen eines jungen un⸗ ſchuldigen Gemuͤths beylegen, das vielleicht zum erſtenmal erfährt, wie unbefangene Froͤh⸗ lichkeit und kunſtloſe Wärme des Betragens, zu Beſchuldigungen Veranlaſſung geben kon⸗ nen, welche die Seele emporen? Und ſah er dieſen Abend nicht von ihr Beweiſe eines rich⸗ tigen Gefuͤhls und einer wohlwollenden Ge⸗ ſinnung, welche mit dieſer Auslegung ihres Betragens uͤbereinſtimmten? Ueberdieß ward dadurch die kalte feierliche Höflichkeit ihrer nachherigen Erſcheinung erklaͤrt, und er mußte ſich ſelbſt geſtehn, daß die Kränkung eines zartfuͤhlenden Herzens, und das Bewußtſeyn ungerecht angeklagter Unſchuld, ſich genau ſo wie Ella dargeſtellt haben wuͤrden. Mit ſchwer zu beſchreibenden Gefuͤhlen, kehrte er ins Ball⸗ ziumet zutuͤck. Schweigend reichte er das Gefundene der Eigenthuͤmerin ohne einen Blick auf Ella zu wagen, die ebenfalls ſchwieg, doch bald, mit anſcheinender Ruhe, ein Ge⸗ ſpraͤch mit dem neben ihr ſitzenden Herrn an⸗ knuͤpfte. Es war fuͤr die Geſellſchaft die Stun⸗ de ſich an den Theetiſchen zu verſammeln; al⸗ lein Mrs! Anne hielt es beſſer fuͤr Ella, ſich zu entfernen, da ſie uͤber Kopfweh klagte, und einer der Herren ging nach dem Wagen, der ſogleich bereit wat. Er bot hierauf Mrs. Anne, und Oberſt Vane Ella den Arm, doch dieſe, den eines neben ihr ſtehenden Herrn er⸗ greifend, ſagte lächelndt„Verzeihen ſie Herr Oberſt, wenn ich die Unterſtuͤtzung eines alten Freundes der eines Fremden vorziehe;“ und die Art mit der ſie das Letztere ausſprach, ſchien dem Oberſt Feind damit andeuten zu wollen.— Trautig, und voll innerer Vor⸗ wuͤrfe, ſeufzte er tief und folgte — bis zum Wagen. Nach zwey Tagen kehrte Hauptmann Clin⸗ — hatte ſeinen Vater außer Ge⸗ fahr verlaſſen. Mit großem Criumpf horte er, daß ſich Oberſt Vane Miß Mordaunt vor⸗ ſtellen ließ, und die meiſten ſeiner Vorurtheile gegen ſie uͤberwunden hatte. Er kannte indeß das menſchliche Herz zu gut, um alles was er fuͤhlte oder vorher ſah, zu erkennen zu geben; doch konnte er nicht umhin ſeine Vermuthung zu Ahr Ella ihr t überhoͤrt „3c bin gewiß ſprach Vane. G „Aus was fuͤr Gründen 2“ fragte Clintom „Ich wuͤnſchte einer Erklaͤrung daruͤber überhoben zu ſeyn,“ ſagte der Oberſt, zu fein fuͤhlend um ſelbſt gegen Ellas Freund ihrer 55 Bewegung, von der er Zeuge war, zu geden⸗ Verbindung zwiſchen beiden wuͤnſchte, und wußte, daß dieſe Entdeckung, der Wirkung auf ſein Gemuͤth allein uͤberlaſſen, ihr wahr⸗ ſcheinlich vortheilhaft bey ihm ſeyn werde, ſetzte das Geſprach nicht weiter ſort, ſondern ging⸗ Ella ſelbſt einen Beſuch zu machen. Er fand ſie mittheilender als ſeinen Freund, denn ſie ſagte ihm was ſie uͤberhoͤrt hatte— ſie be⸗ zugetragen, und aͤußerte, wee ſie uͤberzeugt ſey, der Oberſt wiſſe, daß ſie das Geſpräch unter ihnen mit angehoͤrt habe. „Allein ich hoffe,“ rief Clinton,„ſie glau⸗ ben, daß er ſeine Meinung von ihnen geaͤn⸗ dert hat?“ nicht begehrt haben, mir vorgeſtellt zu werden: ken; und Clinton der nichts eifriger als eine ſchrieb alles, was ſich nach ſeiner Entfernung „Ich vermuthe es, denn ſonſt wuͤrde er — 505 allein, wenn ſeine Ideen von Schicklichkeit ſo ſehr ſtreng ſind; werde ich ſeine gute Mei⸗ nung bald wieder verlieren, ob ich gleich faſt mit Beſchaͤmung geſtehen muß, daß ich, trotz meiner beſſern Einſicht, mich durch ſeine Ge⸗ genwart zu einer Veraͤnderung meines Betra⸗ gens bewogen fuͤhlte.“ Ei, in der That, wie ſo?“ „Als mein ſonſtiger Spielkammerad, der junge Danvers, der mehrere Monate abwe⸗ ſend war, mit mir zu ſprechen ſich nahte, z03 ich wirklich meine Haͤnde zuruͤck, weil ihr muͤrriſcher Freund die Bereitwilligkeit tadelte, mit der ich mir die Hand druͤcken ließ. Je⸗ doch beſchaͤmt, uͤber meine Nachgiebigkeit gegen die Launen dieſes ſeltſamen Mannes, reichte ich ihm dieſelbe als er zum Tanz ging, ent⸗ ſchloſſen dem Oberſt auf meine eignen Bedin⸗ — gungen zu gefallen, oder zu mißfallen, wie es 60* ihin beliebe; denn da ich ir nichts Nachthei⸗⸗ liges bewußt war, wenn ich die Hand meinem Freunde teichte) ſo lag nichts Böſes darin.“un Nein— nicht in ihren Augen, noch inn den ihrer Freundeß lleint großes Unrecht inn den Augen eines iſovſuchtigen Mannes und. Liebhabers.“ üf nspabtb ag „Aber Oberſt Vane iſt nicht mein Lieb⸗ ch glaube nichts gewiſſer als dieß,“ er⸗ wiederte er, und Ella erhob ſich von ihrem Sitz mit einem Ausruf, der gewiß eben ſo viel Freude als Ueberraſchung zu erkennen gab⸗ „Wenigſtens will ich mich zu ſagen erküͤh⸗ nen, daß er ſehr wahrſcheinlich ihr Liebhaber werden wird, und daher haben ſie zu über⸗ iegen, ob er ein ſo würdiger Preis iſt, fuͤr ſeinen Beſitz es der Muͤhe werth zu achten, ihr Betrahen zů verbeſſern.“ tuthut 51 Mein Betragen derbeſſernz und ujßver⸗ ſtehen und verurtheilen Pi emich nuch!“„ ,O nein!—ich bin nurnihr Freund, auch wuͤrde mich; da eich wederniferſuͤchtig nnoch mißtrauiſch bin, ihr Betragen nicht be⸗ unruhigen, ſelbſt wenn ich ihr Liebhaber wäre. Ich halte es fur das einnehmendſte und wohl⸗ gefaͤlligſte; allein es iſt hoͤchſt gefährlich und irte fuͤhrend. hr Benehmen gegen mich, zum Beyſpiet, würde mich, wenn ich frey waͤvdy zu der Vermuthung leiten, daßich ein ſehr großer Liebling vowſihnen ſey und ſie meine· Vewerbungen gůnſtig aufnehmen wůr⸗ Wie thoͤrigt it erwiederte Ella, da ich ihnen durch mein Betragen zeige, wie fehr ſie mir gefallen, wrilnſie nicht frey ſimd, und daher nicht vermuthen koͤnnen, ich meine et⸗ was anders ails das Wohlwollen der Freund⸗ kAnd k ſchaft. Aus dieſem Grund iſt mir die Auf⸗ merkſamkeit und Geſellſchaft verheyratheter Maͤnner ſo angenehm; denn es iſt verhaßt, wenn andre unſre Beweggrunde ſo mißdeuten und glauben, ſobald man hoflich gegen einen Mann iſt, es geſchehe, um Antraͤge zu angeln.“ 5,Sc und daher machen ſie faſt alle Frauen ihrer Bekanntſchaft eiferſuͤchtig, und ruͤſten ihre Zungen mit tauſend Verleumdun⸗ gen gegen ihren Ruf und ihre Schuldloſigkeit.“ „Gut, Hauptmann Clinton,“ erwiederte Ella mehr empfindlich uͤber ſeine Aufrichtigkeit, „ich kann nur ſagenn daß wenn meine Sitten und Gewohnheiten noch ſo unrecht ſind, ſo ſind es meine Sitten und Gebraͤuche— ſie ſind ein Zheil von mir, und ich kann nicht Heuchler genug ſeyn, um ſie zu ändern oder zu verhůllen.“ un n „Nicht ohne einen Grund dazu zu haben.“ „und was fuͤr einer ſollte dieß ſeyn?“ „Der Wunſch ein Herz zu gewinnen, wel⸗ ches ihrer wuͤrdig iſt. Ich weiß, ſie achten Oberſt Vane, und ich glaube, ſie konnen ihn lieben.“ 6 aaii „Mag ſehn; allein muß ich deßhalb alle ſeine Grillen annehmen, und vielmehr eine Rolle ſpielen um ihn zu erobern?“ „Ich glaube, ſie muͤſſen entweder den Gedanken an ihn aufgeben, oder ſeiner Mei⸗ nung gemäß handeln. Er iſt ein Mann von eiſerſuͤchtiger und mißtrauiſcher Natur; aber dieß iſt ſein einziger Fehler. Wenn ſie mit einer nervenſchwachen Perſon lebten, der das ſtarke Zumachen einer Thuͤr Krämpfe ver⸗ urſachte; wuͤrden ſie entweder ſich von ihr trennen, oder die Thuͤr leiſe zuzumachen Sor⸗ ge tragen: auf gleiche Weiſe muͤſſen ſie, wenn ſie einen Eiferſuͤchtigen lieben, entweder das aufgeben was ſeinen Argwohn erregt, oder ihre Reigung beſiegen. 44 „Ich wuͤrde meine Neigung deſegen⸗ rief Ella unwilig;;„allein ich S noch kei⸗ ne Neigung zu uͤberwinden, und will es auch nicht haben; denn ich koͤnnte nie mit ei⸗ nem M dann gluͤcklich ſeyn, der faͤhig waͤre un⸗ ſchuldige Frohlichkeit für beßimmten Leichtſn⸗ und die Unbefangenheit eines wohlwollenden Herzens fuͤr den Vorwitz eines verdorbenen zu halten.“ „Wohl! die Zeit vitd lehren, ob ſie i⸗ ſen Eutſchluß halten können, und während deſſen muß mein Freund ſeinen eignen Weg mit ihnen gehn.“ „Ich gebe ihnen die Verſicherung,“ ſagte Eua ernſthaft,„er ſoll nie als ein von mir eingeladener Gaſt hierher kommen,— er ſoll keine Gelegenheit zu vermuthen haben, daß die 65 offenbare g uette einen Plan auf ſein Hetz machte— Da i9 ſeine untethritung liebe, en Chargkter ſchatze, werd' ich ihn nicht vermeiden, wenn wir uns treffen; doch nie, nie ſoll er ſugen können, daß Ella Mordaunt ſich herabließ, um die Bekannt⸗ ſchaft und Aufmerkſamkeit eines Mannes ſich zu bewerben, dem ſie ein Gegenſtand des 2. dels und des Argwohn war.“ „ch lobe ihren Vorſatz, und wenn ſich der Otberſ wundern ſollte, warum er nicht Zutritt in ihrem Haus erhielt, werd i6 n den Grund davon ſagen.“ „Auf alle Weiſe,“ erwiederte El. Er⸗ ſſeut üter ihren Sunctuß nahm Cunton Ab⸗ ie m ihn ſenric ſeinen Freund mitzu⸗ cheilen, da er noht wußte, es werde ſie in ſeiner Wennng erheben, und einen Mann ſeints Nntures nur begieriger nach Erlan⸗ E 66 un einer Gunſt machen, die der teuiigte etot einer Frau ihm vyruenthatten uühe war. Er hau⸗ ſich in ſeinen vermuthungen nicht geirrt.— Obgleich traurig und nieder⸗ geſchlagen⸗ lobte Oberſt Vane doch Clas Vor⸗ ſatz, mit deſſen Sinn ubereinſt immend, und raͤchte ihn nicht durch ſein Betragen.— Im Gegentheil bezeugte er ihr die aufmertſamſte Achtung wo er ſie traf, und Ella entdeckte end⸗ lich, daß ihr Vorſat, keinen eiferſuͤchtigen und mißtrauiſchen Mann zu lieben, nicht 6 zu halten ſey. Allein was ward aus der Wahl?— Die zeitherigen Wuglieder waren zurdckgekehrt, ſehr zum Verdruß des geſchfigen Linwood⸗ dem es nicht gelingen konnte, eine Gegenpar⸗ they zu bewirken, und der ſich an Oberſt Va⸗ ne, weil er nicht Stand gehalten hatte, da⸗ 67 durch raͤchte, daß er jedermann ſagte, derſel⸗ be ſey in die Erbin verliebt, die ihn eben ſo taͤuſchen wuͤrde, wie alle andre.— Kurz zu ſeyn: Oberſt Vanes Urlaub war beynah zu Ende, und er ſtand im Begriff W— zu ver⸗ laſſen, als Ella einen kleinen auserwählten Ball, Mrs. Anne zu Ehren, geben wollte. „Gewiß,“ ſagte Hauptmann Clinton,„da Vane auf dem Punkt ſteht, abzureiſen, wer⸗ den ſie ihren Vorſatz brechen, und ihn ein⸗ laden.“ „Nein— ſeine nahe Abreiſe iſt ein Grund, warum ich ihn nicht einladen wuͤrde— denn laſſen ſie mich nur noch ein wenig Muͤhe anwenden, und meine Pruͤfung wird voruͤber ſeyn.“ „O! dann geſtehn ſie doch, es ihnen Muͤhe koſtet? „Ja— und recht viel dazu— doch ich will 2 E 2 — 68 bis zum Ende F und Hauptmann Clinton war entſchloſſen, ohne ihr das Ver⸗ dienſt der Standhaftigkeit zu rauben, den⸗ noch ſeinen Freund an dem Ball Theil neh⸗ men zu laſſen; denn er wuͤnſchte, daß er ſie am vortheilhafteſten ſehn möge, nehmlich in ihrem Hauſe. Auch wuͤnſchte er ihm die Ein⸗ fachheit, und dennoch praͤchtige Verzierung der nach ihrem ausgezeichneten Geſchmack ein⸗ gerichteten Zimmer zu zeigen.— Kurz, er hatte ſich's in den Kopf geſetzt, Oberſt Vane ſollte, wenigſtens einmal, Ellas Gaſt ſeyn, und nachdem er die ganze Sache mit Mrs. Anne, als der Koͤnigin des Feſtes, allein be⸗ ſprochen hatte, gab ihm dieſe die Erlaubniß den Oberſt einzuladen, und verſprach alle Ver⸗ antwortung auf ſich zu nehmen. Clinton wußte die Sache auf gehoͤrige Art vorzubrin⸗ gen, und ſein Freund nahm, mehr erfreut als 69 er ſich ſelbſt geſtehn wollte, die Einladung an. „Dennoch,“ fuͤgte er nach einer Pauſe, hin⸗ zu,„hätte ſie mich nicht einladen ſollen. Wenn ſie im erſten Fall recht hatte, ſo fehlte ſie im lettern— und ich wuͤrde ſie mehr geachtet haben, wenn ſie ihren Siſti treu geblie⸗ ben waͤre. „Du biſt das undantberſte, romanhaf⸗ teſte, laͤcherlichſte Weſen, das 66 je kannte, erwiederte der insgeheim erfreute Clinton, der wußte, daß Ella nach des Oberſt Wuͤnſchen gehandelt hatte. Du wirſt immer dein eigen Gluͤck hinweg kügein, und das deiner Gattin Sn zerſtören, wenn du je eine haſt.“ „Die Geſi innung meiner Gattin,“ erwie⸗ derte er,„muß ſo geläutert wie meine eig⸗ ne ſeyn, oder ſie wuͤrde nie meine Gattin ſ e yn.“— 3 An veſen Tage bt Vane, und 70 kehrte nicht eh' zuruͤck, als his es Zeit wat ſich fuͤr den Ball in Bower Wood anzuklei⸗ den; daher hatte er keine Gelegenheit Ella zu ſehn, und den gegen ihn gemachten Be⸗ trug zu entdecken.* Während der Zeit ordnete Ella die Vorbe⸗ reitungen zu ihrem Feſt, und als alles voll⸗ ſündig war, und die befriedigte Mrs. Anne alle die neuen Verzierungen der Zimmer, und die geſchmackvolle Anordnung der ſchon vorhandenen in Augenſchein genommen hatte, erklarte ſie, daß Ella ſich ſelbſt übertrofſen habe. Aber die Gebieterin der zierlichen * Wohnung⸗ die Schoͤpferin des glänzenden Feſtes, wandelte traurig, beſorgt, und zerſtreut durch die ſtrahlenden Gemächer— denn die Augen, denen ſie am meiſten zu gefallen wuͤnſchte, ſollten die Reize nicht erblicken, die ſie umher zu verbreiten ſich bemuͤhte, die Lip pen, deren Lob ſi ge am meiſten begehrte, ſoll⸗ ten nicht die Toͤne der Bewunderung in ihr Ohr hauchen. Erfuͤllt nit dieſen zortüchen Gedanken, denn zrtlich waren ſie gewiß, 3*9 ſe ſi⸗ von der eben ankommenden Menge, in ein inneres Zimmer zurück, und war beſchüſuge die Bluthe einer ſeltnen und kurzlich gekauften Pfun⸗ wieder an den ſie ſtuͤtzenden Stab zu vefeſtigen⸗ als ſi ie, ſich umkehrend, den Ge⸗ genſtand ihres Nachdenkens an ihrer Sete erblickte. Faſt mit einem Ausruf der Beſtur⸗ 6 zung erwiederte ſi 6 e auf ſeine Verbengung und froh Miene„Otert Vane! iſt nizůc. daß ich ſie hier ſher⸗ * Auf ſeiner Seite nun eten ſe ſo tetoſſen ſag⸗ er; 5 ucberracht⸗ Hauptmann Clinton nicht mine Antwort, daß ich die Sn haben wuͤr⸗ de uſtumarten? 2 n— witktich nicht!“ ſprach Ella, 3 mit winuem Lächeln, freit ihn, ohne ihre Wurde zu verletzen, als ihren Gaſt zu ſhen; und ſi ſchrieb nun deſſen Erſchei⸗ — ung dein vorelligen, obgleich wohlgemeinten Leg hre Couſine und Buptmun Cün⸗ 5 wenig mit dem jetigen Ausdruck ihres Ge 4 6 zuftieden, ais mit dem vorhergehenden. 6 ah agenſcheinſich, daß ſie ihn nicht er⸗ arte, oder ſi ßiete eine Rolle. Die Fra⸗ n war, ob ſie 6 eingelaben hatte, oder ni—„Doch ich will nichti lnger in ieſer uneniheit tli⸗ ſt er zu ſich ſelbſt,„und ihr ſger, wenn ſe w Siier ring wnſe, ſrleich wieder weg zu gehn.“ 4 4 A er eben dieſen Euiſchuß gefaßt hatte, ſagte Eua, deren Höfichkeit ihr verbot, den Oberſt wiſſen zu laſſen, er ſeh Si Einla⸗ ion. Dennoch fühte ſich Oberſt Vane 3 * ———— 73 ung hier:„Da ich zum erſtenmal die Ehre habe, ſie in melnem Hauſe zu ſehen, hoff⸗ ich ſie werden mir erlauben ihnen zu zeigen, was es von Werth enthaͤlt;— in dieſem Zim⸗ mer ſind einige ſehr gute Gemaͤlde.“ „Inbem ich ſie ſehe, Miß Mordaunt,“ er⸗ wiederte er,„ſeh' ich hier e und ücſtee nee ne „Wirklich?“ ſprach 6 e ticheind,„län⸗ zend vielleicht, aber gewiß in ihrer Mei⸗ nicht ſchätzbar. tn „Verſchonen ſie mich mit der Demuͤthigung, diin Augenblick zuruͤckzurufen, der nun lange voruber, und immer bereut worden iſt, wo ich ungerecht war, und ſie verleum⸗ det waren.“ WElla verbeugte ſich, und wen⸗ dete ſich hinweg, denn ſie fuͤhlte ihr Auge mit 9 Thränen erfüllt, aber es waren Thraͤnen der Freude und Zaͤrtlichkeit.„Erlauben ſie mir,“ 74 „fuhr der Oberſt fort,“ hinzuzufuͤgen, daß ich hier nichts mit Zufriedenheit anblicken kann, ſelbſt ſie nicht, bis ich weiß, ob ich ein will⸗ kommener und eingeladener Gaſt bin.“ „Ich wuͤrde,“ erwiederte ſie,„ihnen eine vielleicht unangenehme Wahrheit verſchwiegen haben, da ich aber ſo befragt werde, kann ich ihnen keine Luͤgen ſagen. Sie ſind ein will⸗ kommner, obwohl kein gebetener Gaſt.— Sch habe ſie nicht in mein Haus eingeladen, wollte, konnte es nicht, ſie wilſen ich tonntr es nicht, bis einige Erklärungen von ih⸗ rer Seite, daß ſie zu voreilig und falſch mich beurtheilten, meine beleidigte Delikateſſe ver⸗ ſoͤhnt hatten. Doch jetzt haben ſie alles ge⸗ ſagt was noͤthig iſt— ſie haben ihre Unge⸗ rechtigkeit bekannt— und ich will mich des Vergangenen nur wegen jener Winke fuͤr mein Betragen erinnern, die in einigen Faͤl⸗ — 75 ten zur Beſtimmung des S dienen toͤnnen.“ tiß Mordannt— ſie beſchaͤmen mich zi ihre Guͤte!“— und ſo wunderlich ſind die Einbildungen eines eiferſuͤchtigen Man⸗ nes, daß er fuͤrchtete, glaubte, ſie habe ihm zu viel Aufmunterung gegeben.—„Al⸗ lein ſie muͤſſen mir zu fragen erlauben, wer ſich anmaßte, uns beide zu hintergehn.“ „O ich weiß nicht mehr von der Sache wie ſie— doch vermuthe ich, es war eine Da⸗ me und die Königin des Abends, Mrs. Anne, die mir aufrichtig geſtand, ſie werde ihr Feſt nicht fuͤr vollſtändig halten, wenn ſie es nicht mit ihrer Gegenwart ſchmuͤckten.“ „Allein Clinton brachte mir die Einla⸗ dung.“ „Sehr wahrſcheinlich ward er ſelbſt von meiner Couſine getaͤuſcht:— oder wenn er in 76 ber Verſchworung waͤre, wuͤrden ſie ihm doch nicht zuͤrnen?“ „Jedermann ſollte,“ erwiederte Oberſt Va⸗ ne ernſt,„vorſichtig ſeyn, wie er ſich mit an⸗ dern zu ſcherzen erlaubt“ „Oberſt Vane!“ rief Ella vor unruhe er⸗ bleichend, waͤhrend ſie ihre Hand unwillkühr⸗ lich auf ſeinen Arm legte, und ihr Auge auf. ihn richtete.— Er verſtand und fuͤhlte die Gewalt dieſer Vorſprache, und ſanft ihre Hand druͤckend, erklärte er, Clintons Unwahr⸗ heit, wenn er ſich deren ſchuldig gemacht ha⸗ be, wiewohl er ſie mißbillige, nicht zu ahn⸗ den.— Und als, bald darauf, Mrs. Anne faſt die ganze Schuld auf ſich nahm, dankte er ihm und ihr fuͤr den Verrath in einen ſo rei⸗ zenden Abend, und Ella ging gluͤcklicher zur Ruh als ſeit vielen Tagen; denn Oberſt Va⸗ ne war in allem als Liebhaber erſchienen, nur nicht dem Namen nach, und ſie ſchmeichelte ſich noch vor ſeiner Abreiſe eine foͤrmliche Er⸗ klärung von ihm zu erhalten.— Was war nun aus ihrem Entſchluß, fich mit keinem ei⸗ ferſuͤchtigen und mißtrauiſchen Mann zu ver⸗ binden, geworden?— Ach! er war vergeſ⸗ ſen; oder dieſer eine Fehler verlor ſich in ei⸗ ner Menge wirklicher, oder eingebildeter Tu⸗ genden. Doch ſie kannte noch nicht ſeinen Charakter, und die Vorſiht, welche jede Handlung und jede Entſchließung eines Man⸗ nes von ſeiner Gemuͤthsart bezeichnet. Oberſt Vane liebte Ella, liebte ſie mit Leidenſchaft— dennoch hey den feſteſten Glau⸗ ben an ihre Schuldloſigkeit, und ihre Grund⸗ ſitze, war ihr Betragen doch nicht ſo, wie er es für ſeine Gattin wuͤnſchte. Die Art wie ſie ſich darſtellte ſorderte die Aufmerkſamkeit, und ſogar Zuneigung Aller auf, und ob Wohl⸗ 78 wollen oder Coquetterie die bewegende Urſache war, ſo ſetzte es eine Frau doch der Gefahr, ſich um ſie zu bewerben, aus— eine Gefahr wel⸗ che die Tugend ſelbſt vermeiden ſollte— denn begehrende ünd hefriedigte Eitelkeit hat in ei⸗ nem Jahr mehr Frauen verleitet, als wirkliche ſtrafbare Neigungen in zehnmal ſo langer Zeit. Und wenn er im Dienſt des Vaterlands ſich ent⸗ fernen mußte, welches wahrſcheinlich der Fall war, wie konnte er dann, ohne Beſorgniß, eine Gattin allein und ohne Schutz zuruͤck aſ⸗ ſen, deren Schoͤnheit Bewunderer an ſich ziehn mußte, und deren Betragen dieſen Liebhabern Aufmunterung zu geben geeignet war? So dachte, und ſo fuͤhlte Oberſt Vane, ob er ſie gleich mit Heftigkeit liebte— oder viel⸗ mehr weil er ſie mit Heftigkeit liebte. Er beſchloß, 2 W— ohne ein en ſeiner ——————————— ———— . 7. Liebe zu verlaſſen, um zu verſuchen, welche Wirkung einige Zeit der Entfernung auf ſeine Reigung, und den Vorzug welchem Ella ihm gab, haben wurde, weislich erwägend, daß, wenn ihre gegenſeitige Zuneigung dieſe Probe nicht beſtehe, er ſie nicht genug liebe um ihre Fehler, und ſie ihn nicht genug, um ſeinen Sinn dafuͤr, ertragen zu können. Da er jetzt unter die aufgenommenen Beſuche in Bower Wood gehörte, ging er hin, um Abſchied zu nehmen. Er hatte äberdacht, was er bey ſeiner Entfernung ſagen wollte; ein Etwas, zärtlich genug um zu zeigen, wie ſehr er ſie bewundere, und doch nicht deutlich genug, um ſich zu binden; waͤhrend Ella auf ihrer Seite, wenn Oberſt Vane keine Erklärung mache, ſich die Art ihres Abſchieds von ihm feſtge⸗ ſett hatte. Was ſie ſagte, ſollte ſo ruhig vor⸗ gebracht werden, daß es ihm keine Vermu⸗ 80 thung geſtatte, wie ſehr ſie ſich getäuſcht füh⸗ le, und wie tief ſie ſeine Abreiſe empfinde. Er kam dieſem gemaͤß, den Tag eh' er weg gehn wollte, nach Bower Wood; und Ella, ſo ſehr auf ihrer Hut als en empfing ihn mit Ruhe, obgleich ſie ſich allein bofand. Als er aber bey ihr war, die Blicke mit immer zu⸗ nehmender Bewunderung auf dieſe Zuge ge⸗ richtet, die er nun bald nicht mehr ſehn ſol⸗ te, erweichte ihn der Gedanke, ſich von ihr zu trennen, ſo ſehr, daß er fuͤhlte, wenn er laͤnger in ihrer Gegenwart weile, ihr ſein gan⸗ zes Herz zu verrathen. Er ſtand daher pö⸗ lich auf und nahm ihre Hand, in der Mei⸗ nung ihr das zu ſagen, was er ſich vorgenom⸗ men hatte, allein von Bewegung durchdrun⸗ gen ſprach weder er, noch Ella, ein Wort— ſondern er beugte ſich ſchweigend auf ihre Hand, und eilte dann, ohne ſie ſogar anzu⸗ blicken, aus dem zimmer. 87 Ella blieb einige Zoit, nachdiin er ſie ver⸗ laſſen hatte, in Gedanken verloren, die zu⸗ gleich ſchmerzlich und angenehm waren. Es iſt wahr, er hatte die lang erwuͤnſchte Erklaͤ⸗ rung nicht gemacht, doch er verließ ſie mit ſo ſichtlicher Bewegung, und einem ſo ausdrucks⸗ vollen Schweigen, als nur Liebe allein bewir⸗ ken konnte, und ſie mußte hoffen, er werde die Gefuͤhle und Wuͤnſche, die er nicht ͤußerte, ſchriftlich darſtellen. Dennoch erfullte ſie der Gedanke, daß Tage, Wochen, Monate viel⸗ leicht vorbeyſtreichen wuͤrden, ohne daß ſie ihn ſehen, ſeine Stimme hoͤren, oder ihr Geiſt ſuͤße Gemeinſchaft mit ihm halten konnte, faſt mit unertraͤglicher Qual, und an dem Ort zu bleiben, wo ſie ihn ſah, und ſprach, und nun nicht mehr ſehn und ſprechen konnte, ſchien ihren Schmerz ſo zu vermehren, daß ſie gern einen Vorwand nach Devonſhire zu gehn er⸗ griff, obgleich die Vetlein dazu ihr viel Kummer machte.— Es wartkeine andre als die Krankheit ihrer Couſine, welcher, wegen ei⸗ ner zu beſorgenden Lungen⸗Entzůndung, das mil⸗ de Clima von Sidmouth verordnet war. Dort⸗ hin brachte ſie daher ihre entkraͤftete Kranke— zedoch vergebens.— Weder die Kraft der Arzneymittel, noch die heilſame Luft und un⸗ ausgeſetzte Aufmerkſamkeit, konnten dieſes harmloſe, niemand beleidigende Weſen, der drohenden Krankheit entziehn, und eh ſi e ſechs Wochen in Weſten zugebracht hatte, war es Ellas Geſchick, eine zweyte angenomme⸗ ne Mutter, zu hen letzten begleiten. Die Beſchaͤftigungen am Krankenbett, ſo ſchmerzlich ſie auch waren, dienten Ellas Ge⸗ muͤth von den Qualen einer täglich ſich ver⸗ mehrenden, und vielleicht hoffnungsloſen Lein 88 denſchaft, abzulenken;— und wie dieſe Auf⸗ merkſamkeiten nicht mehr noͤthig waren, fuͤhlte ſie ſich von neuem, als ſchutzloſe Waiſe, in die Welt geworfen, und zugleich allen ſchmerz⸗ lichen Gedanken wieder gegeben, die zeither verdrängt geweſen.— Sie mußte wieder nach einer Geſellſchafterin umher blicken, und empfand mit Kummei, wie wenig ſie jetzt Aus⸗ ſicht hatte, das zu erhalten, was ihr in ihrem verwaiſeten Zuſtand ſo beſonders wuͤnſchens⸗ werth war, den Schutz eines Gatten. Waäh⸗ rend ihre Plane nnentſchieden bliehen, erhielt ſie eine Einladung in das Haus einer ihrer verheuratheten Freundinnen in London. Sie reiſte ſogleich dahin ab, froh uͤber jeden Wech⸗ ſel, jeden Schauplatz, wodurch ſie ſich ſelbſt entriſſen, und die Macht gewiſſer Bilder und — Erinnerungen in ihrem Gemuͤth geſchwächt werden konnte. 5 2 Während der Zeit ſorgte Oberſt Vane, da er durch die Entfernung von W— ſeine Nei⸗ ung uch verringert fand, alle nur mögliche Nachticht von Ella und ihren Bewegungen zu erhalten, und ſtand deßhalb mit Clinton im regelmäßigen Briefwechſel. Er wußte daher Mrs. Annes Tod, und Ellas Beſuch in Lon⸗ don.„Sie iſt alſo wieder,“ dachte t. llet und nnbeſchutzt. O daß ich mich auf einmat entſchlishen könnte, ihr den Schutz eines Gat⸗ ten anzitieten!— Da dieſes indeß andre Männer nir zu bald thun duͤrften, will ich ſo ſchnell es meine Pflicht erlaubt, nach Lon⸗ don reiſen, und ſehn wie ihre Lage iſt.“— Uund ſo ſehr angeregt von Eiferſucht als von Liebe, begab ſich Oberſt Wi W der Seui ſtudt. Etta hatte nun zwey Monate in London 3 zugebracht; und obwohl einer tief empfund⸗ 85 nen Neigung ſich bewußt, faͤhlte ſie ſich doch nicht ungluͤcklich. Die Vortrefflichkeit ihres Weſens leitete ſie, durch die Bemuͤhungen an⸗ drer fuͤr ihr Vergnuͤgen, erfreut zu ſeyn und zu ſcheinen, und die Aufmerkſamkeit der Her⸗ ren, die das Haus ihrer Freunde beſuchten, unter denen ſich Maͤnner befanden, deren La⸗ ge nach ihrer Hand zu ſtreben berechtigte, mußten ihr genug thun. Allein jenes auf⸗ munternde Lächeln, jene herablaſſende Ver⸗ traulichkeit, welche ihr Betragen, eh ſie aus⸗ ſchließend für einen Mann empfand, gegen alle auszeichnete, ward nun gaͤnzlich zurüͤckge⸗ halten; und obzleich das Auge des Geliebten ſie nicht ſah, erſchien ſie doch auf eine Weiſe, die ſelbſt ſeine eiferfuͤchtigen Gefuͤhle, und ſei⸗ ne ſrengen. Brgtiſe von Schicklichkeit— wenn ein Weſen unter dem Einjuß der Ei⸗ ferſuch je fähig ſeyn kaun, die Dinge zu ſehn, „ 86 wie ſie wirklich ſind— zufrieden geſtellt ha⸗ ben wuͤrde. Außer dem neuern Verluſt einer guten und zärtlichen Verwandten, unterdruckte das Gefuͤhl ihrer einſamen und iſolirten Lage, und die ueberzengung, daß Reichthum und Unabhängigkeit leere Guter ſind, wenn ſie nicht von den Banden der Familienliebe, und den Freuden des haͤuslichen umgangs bitet⸗ tet werden, jene Froͤhlichkeit, die ſie bis jum Uebermaß von Lebhaftigkeit zu verleiten pfleg⸗ te, und warf einen ernſten Schuttin uͤber ihre Zuge, der vhne Verringerung der Schön⸗ heit ihr Intereſſe erhöhte. Den erſten Abend, nachdem Oberſt Vane in London angekommen war, ging er ins Thea⸗ ter, mit dem Vorſatz, ſich am folgenden Tag bey Ellas Freunden zu zeigen, wili ihn ein Brief von Clinton bevolmächtigte. Es traf ſich, daß Ella und ihre Freunde, nebſt einigen 37 Herren, die mit ihnen geſpeiſt hatten, daſſelbe Theater beſuchten, und in einer Loge, dem Oberſt gegen über, Plaß nahmen.— Welch eine willkommne Gelegenheit fuͤr einen Mann ſeiner Gemuͤthsart!— Er konnte unbemerkt das Betragen der Geliebten, von andern Maͤn⸗ nern umringt, und ohne etwas von ſeiner Ge⸗ genwart zu wiſſen, beobachten! Er beobächte⸗ te ſie, und bemerkte, daß ihre Wange an Far⸗ be, ihre Geſtalt an Fuͤlle verloren hatte, wel⸗ ches er der Sorge fuͤr ihre Verwandte, und auch(doch dieß geſtand er ſich kaum ſelbſt) der einer zärtlicherern Art zuſchrieb.— Ueber⸗ dieß erſchien ſie nicht in ihrer gewoͤhnlichen Laune.— Furz, er ſah ſie wirklich ſo, wie wir ſie ſchilderten; und ſo geneigt er ſich füͤhl⸗ te, ihre Art und Weiſe zu dem was er miß⸗ villigte zu drehn und zu wenden, mußte er doch am Ende ſeinen Herzen geſtatten, ſich durch die Uebetzeugung zu erfreun, daß ihr Betragen dieſen Abend genau ſo war wie er das ſeiner Gattin wunſchte; und er wuͤnſchre jetzt vom Grund ſeines Herzens, daß dieſe Gattin Ella Mordaunt ſeyn mochte. Erfuͤllt mit dieſen Wünſchen und gerech⸗ ten Entſchließungen, wollte er— obwohl nicht ohne Zittern, und indem alle Hoffnung der Gegenliebe in ihm verſchwand, nach der Loge gehn und Ella begrußen, als ein Officier ei⸗ lig zu ihm kam, und ihm erſuchte, ſogleich mit zu gehn, wenn er den Zweykampf zwiſchen zwey brausköpfigen jungen Mingern ſeiner Bekanntſchaft verhuͤten wollte. Er verließ dem zu Folge das Schauſpielhaus, und ward zu ſeinem Verdruß ſo lange aufgehalten, bis es zu ſpaͤt war dahin zurückzukehren. Den naͤchſten Tag war er indeß entſchloſſen, ſich ſchadlos zu halten, und Ella zu ſehn; und 89 wenn er ſie allein, und ſich auf eine Art auf⸗ genommen fände, die ſeine Hoffnung„insge⸗ heim von ihr geliebt zu werden, aufmun⸗ terte, ſo glaubte er, ja er war gewiß, ſeine Leidenſchaft zu erklären.— Die⸗ ſem gemaͤß begab er ſich in ihre Woh⸗ nung;— doch hier erhielt er die unange⸗ nehme Nachricht, daß Miß Mordaunt, nur allein in Begleitung ihrer Dienerſchaft, nach Wales gereiſet ſey, wozu ſie durch die Krank⸗ heit einer Freundin veranlaßt ward.„Wie ungluͤcklich!“ dachte Oberſt Vane,„aber ich kann fragen, welchen Weg ſie genommen hat, und ihr folgen.— Doch nein— ich wuͤr⸗ de dadurch mich ſelbſt verrathen— denn wel⸗ ches Recht koͤnnte ich haben, ihr zu folgen, wenn ich nicht Willens wäre ihr Anträge zu machen?“— Und traurig und getauſchter Hoffnung, doch immer zu porſichtig und zu 95 unſcuftn⸗ um ſein Beſorgniſſe auf ein⸗ mal zu enden, kehrte er in ſeine Wohnung 2 zuruͤck, und ſetzte fort. 6 Die zwey foigenden Monate waren Mo⸗ nate großer Bekuͤmmerniß fuͤr ihn, donn Ella ſchrieb ſogar nicht an ihre Freundin, Haupt⸗ mann Clintons Braut. Alles was man von ihr wußte, war, daß ſie ſich in Wales be⸗ fand, doch ihre Diener nach Bower Wood zuruͤckkehrten— und dieſe konnten weiter nichts von ihrer Gebieterin ſagen, als daß ihre Ruͤckkehr unbeſtimmt ſey.— Dennoch wie eben Oberſt Vanes Regiment nach W— verlegt worden, und einmarſchirt war, kehrte Ella allein nach Bower Wood zurück, erhielt aber faſt ſogleich Beſuch von londner Freunden. Der Oberſt zögerte nicht, ſeine Gluckwuͤn⸗ ſche zu Ellas Ankunft darzubringen; und wenn 91 Verlegenheit des Betragens, und nicht zu un⸗ terdruͤckende Bewegung, erfoderlich waren ihm die Furcht, ausgeſchlagen zu werden, zu be⸗ nehmen: ſo war ihre Erſcheinung, bey ſei⸗ nem erſten Anblick, hinreichend, jede zäͤrtli⸗ che Beſorgniß zu beruhigen, und ihn aufzu⸗ muntern, alles zu hoffen, was er wuͤnſchte.— Jedoch dieſe Befangenheit und Ruͤhrung ſchie⸗ nen nicht allein aus den Gefuͤhlen eines em⸗ pfaͤnglichen und gewonnenen Herzens zu ent⸗ ſpringen. Die Farbe ihrer Wange wechſelte röth mit blaß, blaß mit roth, und ihr Beneh⸗ men, Freunblichkeit mit Kalte, Offenheit mit ploͤtzlicher Zuruͤckhaltung, ſo lang' er in Bo⸗ wer Wood blieb.— Als er aber Abſchied nahm, bat ſie ihn herzlich, ſich als willkomm⸗ nen Gäſt in ihrem Hauſe zu betrachten, und beſtimmte einen Tag fuͤr ihn daſelbſt zu ſpei⸗ ſen.—„Sonderbares, veraͤnderliches, doch 92 bezanberndes Weſen!“ Dachte er, als er das Haus verließ.„Wie unerklärlich war ihr Be⸗ tragen!— Ein ſchmerzliches, nicht erfreu⸗ liches Bewuhtſeyn, ſchien ſie waͤhrend mei⸗ nes Befuchs zu druͤcken, und es war als ob etwas ſchwer auf ihrem Herzen ruhte.— Warum iſt ſie ſo lange in Wales geweſen? Von den zunaͤchſt darauf ſolgenden Wo⸗ chen laͤßt ſich nur ſagen, daß jeder Tag des Oberſt Zweifel an Eſas Fähigkeit, ihn als Gattin zu begluͤcken, verringerte, und ſeine Bewundrung ihrer Reize und Tugenden ver⸗ mehrte. Dennoch hatte er ſich uͤber den Zu⸗ ſtund ſeines Herzens noch nicht erklärt, als Ellas Freunde eine Reiſe an. dem Wye hinab. vorſchlugen, und er aufgefordert ward, dara Theil zu nehmen.; Einen Vorſchlag Ides ſich ſo eignete, immer mehr mit Ellas Charakter bekannt zu werden, nahm er mit Freuden 93 an; und da kon anßrer unverheuratheter Mann von der Parthie war, blieb Ella, oh⸗ ne einen Plan von ſeiner oder ihrer Seite, ihm zur Begleitung uͤberlaſſen. Sonder Be⸗ denken kounte ſie an ſeinem Arm und mit ihm allein, an den ſchoͤnen ufern des Striin und längſt ſeiner⸗waldigen Felſen wandeln, obſchon eine ſolche Vertraulichkeit und Aus⸗ zeichnung in den Straßen von W kluͤglich fuͤr unſchicklich gehalten worden wäre.— Und waͤhrend ſein Herz immer ſanfter, im⸗ mer mehr durch die Reize der traulichen Naͤ⸗ he, und die Schoͤnheit der umgebenden Ge⸗ genſtäͤnde gefeſſelt ward, vergaß er, daß er je unentſchloſſen geweſen, und ward nur durch die Schuͤchternheit und Bewegung eines Lie⸗ benden, von dem Bekenntniß ſeiner Leiden⸗ ſchaft abgehalten, als ein Zufall ihn ſeiner Vorſicht entriß, und eine unmittelbare Erklä⸗ 4 rung zu einer Sache der Ehre und Pflicht machte. Ella und Oberſt Vane waren vom Anſchaun der Ruinen von Goodwich Schloß vor der uͤbrigen Geſellſchaft ans Boot zuruͤck⸗ gekommen, und erſtere meynte, da ſie viel⸗ leicht von ihren Freunden geſucht wuͤrden, wä⸗ re es beſſer, ſie bleibe im Boot, waͤhrend er nach ihnen gehe. Ohne auf Beyſtand zu war⸗ ten, wollte ſie einſteigen; allein anſtatt ihren Fuß ins Boot zu ſetzen, kam ſie mit ihm da⸗ gegen, und da es ſich ploͤblich entfernte, ſtuͤrz⸗ te ſie in den Fluß, und dem Fahrzeuge ſo nahe, daß ohne augenblickliche Hülfe ſie in großer Gefahr geweſen wäre. Doch Oberſt Vane ſprang ihr nach, und in einem Augenblick war ſie glucklich amtſer, und ſühlte ſich weit wen⸗ ger beunruhigt als er.— Wieklich glich die Heftigkeit ſeiner Bewegung dem Wahnſinn— er druͤckte ſie faſt krampfhaſt an ſeine Bruſt, 95 indem er ausrief:„Schrecklich! die Fluthen alles verſchlngen zu ſehn, was ich auf Erden am meiſten liebe!“ Dann in Thraͤnen ausbre⸗ chend, verbarg er ſein Geſicht mit den Haͤn⸗ den, unbekuͤmmert wer Zeuge des Ausdruͤcks ſeiner Zäͤrtlichkeit und ſeiner Ruͤhrung war; waͤhrend die traurige Scene vom Tod ſeines Vaters in ſeiner Erinnerung wieder auflebte. Indeß kamen die uͤbrigen der Geſellſchaft an, voll Beſtuͤrzung als ſie ihre Freundin und ih⸗ ren Begleiter, in ſo unbehaglichem Zuſtand erblickten, und nicht wenig uͤber die Veran⸗ laſſung deſſelben beunruhigt.— Allein an dem Ort, wo ſie ſich befanden, andre Kleider zu bekommen, ſchien ſchwer, wenn nicht un⸗ moͤglich, und da Ella erklaͤrte, ſie fuͤhle keine Beſorgniß krank zu werden, ſtiegen ſie alle ins Boot, und befahlen den Schiffern, ſo ſchnell als moͤglich nach Monmouth zu rudern. Je⸗ 96 doch fuͤr des Oberſt äͤngſtliche Zaͤrtlichkeit konn⸗ ten ſie nicht ſchnell genug rudern. Die Befuͤrch⸗ tung, ſo langes Verweilen in den naſſen Klei⸗ dern, wuͤrde fuͤr Shn nachtheilige Folge ha⸗ ben, erfullte ſein Gemuͤth ſo gänzlich, daß ſeine gewöhnliche Selbſtbeherrſchung ihn ver⸗ ließ. Kaum konnte er ſeigen Unwillen zuruͤck⸗ halten, wenn ſeine Gefährten ihre Aufmerk⸗ ſamkeit von ihr ab, und auf die immer zu nehmende Schoͤnheit der Felſen, an beiden ufern, wendeten; ja, er mußte faſt gegen ſie ſelbſt zuͤrnen, als ſie, obwohl vergebens, die andern zu bewegen ſuchte, anzuhalten, und, der Gewohnheit gemaͤß, einen hohen waldi⸗ gen Fels zu beſteigen, Symon's Yatt ge⸗ nannt.— Er ſtellte ihr vor, wie durch Zö⸗ gerung vielleicht ihr Untergang herbey ge⸗ fuͤhrt werden konnte.— Allein Ella em⸗ pfand keine Furcht, oder irgend ein ſchmerzli⸗ *. * 97 ches Gefuͤhl, und vielleicht ſchuͤtzte ſie der gluͤckliche, obſchon erregte Zuſtand ihres Ge⸗ muͤths, gegen die Krankheit mit welcher der Oberſt ihr drohte; denn ſie ſah jetzt die Liebe ber jedes andre Gefuͤhl eines Mannes trium⸗ phiren, den ſie allen andern vorzog, und nach dem Vorgefallenen mußte ſie eine be⸗ ſimmte Enthüllung ſeiner Wuͤnſche und Ab⸗ ſichten fuͤr nothwendig halten.— Ihre Freun⸗ de und Gefaͤhrten fuͤhlten dieſelbe Nothwen⸗ digkeit, und uͤberzeugt, daß nur eine gůn⸗ ſtige Gelegenheit dazu fehle, ließen ſie die Liebenden, nachdem dieſelben zu Monmouth gaͤnzlich ihre Kleidung gewechſelt hatten, un⸗ ter verſchiedenem Vorwand, allein, und Oberſt Vane verſchob nicht laͤnger die lange bedachte und lange gewuͤnſchte Erklärung. Dennoch enthielt Ellas Antwort nicht ganz, was ſein Herz begehrte, obgleich ſein G . * verſtand es billigte. Sie bekannte ihm ſrey wie entſchieden auch ihr Gefuͤhl für ihn ſpreche, ſey es mit ihrem urtheil doch an⸗ ders, weil ſie wiſſe, daß ſein Urtheil ein⸗ mal auf das Beſtimmteſte ihr Betragen ge⸗ mißbilligt habe, und ſie fuͤrchte die Zeit könne erſcheinen, wo er eine Ruͤckkehr ſeiner vergangenen Vorurtheile empfinden, und nicht ſo raſch eine Verbindung geſchloſſen zu ha⸗ ben wuͤnſchen durfte. Sie verlangte daher, daß ſie beide, während der folgenden ſechs Mo⸗ nate, durch kein Verſprechen gebunden ſeyn ſollten damit wenn ein Theil in dieſer Zeit — urſache haten ſolte, den Ungang außzuge⸗ geben, es mit vollkommner Ehre und Schick⸗ lichkeit geſchehn koͤnne, welche Bedingung Oberſt Vane, obwohl ungern⸗ einging.— Waͤhrend der Zeit ſollte Ella ſeine Beſuche als eines genehmigten, wenn auch nicht gaͤnz⸗ „ 99 tich angenommenen Liebhabers, empfangen; und mit befriedigtem Verſtand, doch mehr er⸗ leichtertem, als zufriednem Herzen⸗ gingen bei⸗ de ihre Freunde aufzuſuchen, die auf Ellas Geſicht einen Ausdruck der Heiterkeit erblick⸗ ten, der ihm lange freind geweſen war, und den ſie leicht zu deuten wußten.— Die Zeit flog nun mit ſchnellen Schwingen den Lieben⸗ den voruͤber; doch in der Mitte ihrer gluͤckli⸗ chen Ausſichten, und als ſuͤßes Vertrauen den Argwohn in Vanes Bruſt verdrangt hatte, wur⸗ den Verſuchungen zu einem Ruͤckfall ihm in den Weg geworfen, die zwar ſeine Vernunft verachtete, denen aber ſein Gefuͤhl nicht wi⸗ derſtehen konnte. Eines Tages erhielt er folgenden anony⸗ men Brief: „Erwache aus deinem Traum des Ver⸗ trauens und Gluͤcks! Erwache, Oberſt Vane! 3 G2 100 vey der Stimme eines aufrichtigen Freundes, und erwäge folgende Dinge. „Miß M— reiſte ploͤtzlich nach Wales, unter dem Vorwand eine ſterbende Freundin, eine Verwandte, zu beſuchen. Als ſie in die Hauptſtadt kam, entließ ſie ihre Dienerſchaft — und kehrte, nach zwey Monaten, bleich, ma⸗ ger, und niedergeſchlagen zuruͤck.— Seit dieſer Zeit, und bis zum heutigen Tag, iſt ſie gewohnt vor ſechs Uhr aufzuſtehn, und nach siner Haͤtte in einiger Entfernung von Bower Wood zu gehn, wo ſie ein ſchoͤnes Kind, mit großen blauen Augen und langen dun⸗ kein Augenwimpern, pflegt, und zuweilen uͤber demſelben weint.— Sie, und ich, fahen ſol⸗ che Augen vorher.— Iſt ſolch ein Weib wuͤrdig ihre Gattin zu werden? Nein, Oberſt Vane! Verachte nicht dieſe Warnung.— Er⸗ wache, unterſuche, und handle darnach! Ein Freund des Tapfern.“ „ 101 „Elende Schreiberey! Schaͤndliche Ver⸗ läumdung!“ rief Oberſt Vane, im erſten Au⸗ genblich als er es las— und weiſer in dieſen Momenten, als in den folgenden;— denn trotz jenes verachtenden Unwillens, welches jedes gerechte und ehrliebende Weſen gegen na⸗ menloſe Verläumdung und Anklage empfinden ſollte— bezweifelte er doch, ſo oft er den Brief las, und er durchlas ihn ſehr oft, immer mehr und mehr die Moͤglichkeit, daß Jemand ganz ohne Grund ſolche Beſchuldigungen wagen ſollte; und ſeine Erwägung endete mit dem 6 feſten Entſchluß, zu erfahren zu ſuchen, ob ſie ihre Diener wirklich entlaſſen habe, und ob ſie ſo fruͤh ausgehe. Wenn er auch, wie er glaubte, nicht auf die entfernteſte Weiſe die Andeutung des Briefs füͤr wahr hielt— war es dennoch nicht herabwuͤrdigend, einer Nachricht gemäß zu handeln, die nur Folge — 102 der Bosheit ſeyn konnte? War es nicht Pflicht, gegen die Geliebte, den Brief zu verbrennen, und ſeinen unwuͤrdigen Inhalt zu vergeſſen? So rieth Vernunft, Gerechtigkeit und Kennt⸗ niß der Welt; allein des Oberſt Gemuͤthsart machte ihn unfäͤhig auf dieſe Eingebungen zu hoͤren, und er beſchloß dieſem gemaͤß zu han⸗ deln.— Als er aber Ella wieder ſah, den milden unbefangnen Ausdruck des Vergnuͤgens erblickte, der aus ihren Augen ſtrahlte und ihre Wangen uͤberflog, als er ſie dieſen Abend in Bower Wood begruͤßte, vergaß ſelbſt er allen ſeinen Argwohn, und uͤberließ ſich von neuem der Freude zu lieben und geliebt zu werden.— Am nächſten Tag indeß, wie er die Ausſicht an der Thuͤr von Ellas Wohnung bewunderte, nachdem er vom Pferd geſtlegen, nahte ſich ihr alter Kellermeiſter:„Eine ſchoͤne Ausſicht, Heir Oberſt,“ ſagte er—„Ja,“ erwiederte — 16 dieſet,„das iſt ſie, gllein,“ ſetzte er hinzu (denn die Gelegenheit war unwiderſtehlich) „ſie ſahen weit ſchoͤnere in Wales, Jeemyn, als ſie ihre Herrſchaft dahin begleiteten.“ „Nein, in der That nicht,“ erwiederte Jermyn:„denn wir gingen nicht weit mit ihr— ſie ſendete uns nc Hauſe und reiſete gllein⸗ Dieſe Beſtaͤtigung der Vhthei eines Thei⸗ es des anonymen Briefs, ſetzte den Oberſt durchaus in Beſtürzung, unb er betrat das Haus mit eiuiger Unruhe des Gemüths. Ella bemerkte bald, daß ihn etwas ſtöͤre. Da ſie aber die Urſache davon nicht vermuthen konn⸗ te, hielt ſie es nur fuͤr eine Wolke, die bald voruͤber gehen werde. Nach andern Gegen⸗ ſtänden fuͤhrte er das Geſpraͤch auf Wales und deſſen Schoͤnheiten, und einen Blick auf Ella werfend, bemerkte er, wie ſie die Farbe wech⸗ . 104 ſelte, und ſich in 6— befand. glaube,“ ſagte er,„ſie waren Monate in Wales?“ „Ja.“—„In welchem Theil ntnn „0! ganz den Bergen—— an ei⸗ hem ſehr abgelegenen Drt.“ „Allein ſie gingen und ritten wohl aus, uin die Gegend zu ſehn, wie ich vermuthe?“ „Nein, ſehr wenig— denn ich war ſächlich an ein Krankenbett gebunden; und—“ hier zitterte Ellas Stimme, und mit Thraͤnen im Auge verließ ſie das Zimmer. „Was konnte dieſe augenſcheinliche Bewe⸗ gung erregen?“ dachte Oberſt Vane.„Wa⸗ rum dieſes Wechſeln der Farbe?“— und als er heut von ihr Abſchied nahm, war er ſich einer Kälte in ſeinem Betragen bewußt, die chm leid that, die er aber nicht zu aͤndern vermochte. 105 Aber was argwohnte er?— Immer ſich überredend, daß er nichts Nachtheiliges fuͤr Ella vermuthe, wollte er, ſeinem Vorſatz ge⸗ maͤß, nur wiſſen; ob ſie des Morgens allein ausgehe. Er ward indeß dieſer Nachſor⸗ ſchung durch einen Herrn uͤberhoben, der in ſeiner Gegenwart zu ihr ſagte, daß er ſie zweymal dieſe Woche, fruͤh um ſechs, allein auf der Straße nach D— habe gehen ſehn. Bleich und bewegt geſtand ſie es mitubgebroch⸗ nen Worten zu, ſichtlich des Oberſt forſchenden Blick vermeidend. „Ich erkannte an ihrer Form und ihrem Anſtand,“ fuhr der Herr fort,„daß ſie es ſeyn mußten, und ob ich gleich Phaſane ſchie⸗ ßen wollte, wuͤrde ich ihnen doch mein Com⸗ pliment gemacht haben, wenn ſie nicht beide⸗ mal ploͤtzlich verſchwunden wären; und ich glaubte ſie in ein kleines Haus im Feld gehen zu ſehn.“ . 106 „Ich ging in das kleine Haus,“ etwie⸗ derte ſie ernſt, und mit faſt vor Unruh erſtick⸗ ter Stimme; dann, ſich an die Perſon ihr zu⸗ nächſt wendend, ſprach ſie von etwas andernz und Oberſt Vane ließ ſich kurz darauf, unter dem Vorwand, wegen ſeiner Geſundheit aus⸗ zureiten, ſein Pferd bringen, und ritt im vol⸗ len Gallop hinweg, als hoffe er durch dieſe Eile der Nothwendigkeit und Qual ſeiner Ge⸗ danken entſliehn zu koͤnnen. Doch endlich mußte er langſamer reiten, endlich mußte er ſich ſeinen Gedanken üͤberlaſſen.— Was war das Geheimniß der Huͤtte? und ſollte El⸗ la in ihren. gegenwärtigen Verhaͤltniſſen et⸗ was vor ihm verborgen halten? Er glaubte, und glaubte mit Recht, nein— denn es war ihm unmoͤglich ſich etwas zu denken, wodurch ein ſeiner Ruhe, und ihrem Rufe, ſo nachthei⸗ liges Betragen, hinlaͤnglich erklart werden 1 167 zonnte. Er kehrte iudeß zum Mittagseſſen nach Bower Wood zuruͤck; und als Ella mit den Blicken und Tonen argwohnloſer Liebe, zärtlich die Hoffnung äußerte, daß es ihm nun beſſer ſeyn, und Bewegung und Luft ihn vol⸗ lig hergeſtellt haben werde, verſuchte er, und fur einige Zeit mit Erfolg, alle unangenehmen Gedanken zu verbannen, und ſie nicht allein frey von Schuld, ſondern auch in dieſem Fall frey von Irrthum zu glauben. Dieſe begluͤ⸗ ckende Stimmung ſollte indeß nicht von lan⸗ ger Dauer ſeyn. Er fand auf ſeinem Tiſch einen zweyten Brief, von derſelben Handſchrift wie der erſte; er oͤffnete ihn mit zitternder Hand und las folgendes: „Blinder, kleingläubiger Mann! Ich ſe⸗ he, daß du immer noch anſtehſt meiner freund⸗ ſchaftlichen Nachricht zu glauben. Geh dann um ſechs Uhr zur Huͤtte, und laß dich deine 103 eignen Augen von der Wahrheit uͤber⸗ zeugen. Warum ſollte ein ſchuldloſes Weib ohne Vorwiſſen ihres Geliebten, und ſelbſt ih⸗ ren eignen Dienern unbekannt, fuͤr ein Kind Sorge tragen? Denk' an das!“ „Ja, ich will gehn,“ ſagte Oberſt Vane, ich will ſehen, und ſelbſt urtheilen.“— Doch ein zweyter, ein dritter Morgen erſchien, und noch immer ging er nicht; denn wenn er ge⸗ täuſcht ward, ſo war die Täuſchung ſo ſuͤß, daß er ſie faſt immer wünſchen mußte. Allein ein dritter Brief kam an, um ſei⸗ nen ſehr geſchwächten Vorſatz zu ſchaͤrfen— geſchwaͤcht in der letzten Zeit durch die Erwaͤ⸗ gung:— Wenn ſie ein Geheimniß hat, wel⸗ ches Rocht habe ich, gegen ihren Willen, daſ⸗ ſelbe zu erforſchen? Als er indeß dieſen drit⸗ ten Brief erhielt, ſchloß er ſo:— Welches Recht hat ſie, in unſern gegenwaͤrtigen Ver⸗ 109 haͤltniſſen, ein Geheimniß von ſo verdäͤchtiger Art vor mir zu verbergen?— Der Inhalt des Briefs war folgender: „Ich gebe ſie auf— ſie ſind) ein Betroge⸗ ner, und verdienen es zu ſeyn, und niemand wird ſie beklagen; denn vorgewarnt, halbbe⸗ waffnet, wie das Spruͤchwort ſagt— doch ſie verachten die Warnnng, und ich muß ſie ih⸗ rem Schickſal uͤberlaſſen.“ Am naͤchſten Morgen, nachdem er dies empfangen hatte, ſtand Oberſt Vane vor ſechs auf, und bald nach dieſer Stunde befand er ſich auf der Straße nach D—, wo er in einiger Entfernung eine Dame erblickte, die er beſtimmt fuͤr Ella erkannte. Bald darauf ſah er ſie mit ſchnellen Schritten, und zuruͤck⸗ blickend, als ob ſie fuͤrchte geſehn zu werden, in ein kleines Haus gehn. So weit ſtimmte alles mit der Ausſage des Briefs uͤberein. Die 110 naͤchſt zu beſtimmende Sache war, was die Hutte enthalte; und die Entdeckung fuͤrch⸗ tend, doch entſchloſſen, die Wahrheit zu erfah⸗ ren, ging er ſchnell weiter, obwohl die Unru⸗ he ſeines Gemuͤths ihm faſt ſeiner gewohnli⸗ chen, Kraͤfte beraubte, und ihn nothigte, ſtehn zu bleiben um Athem zu ſchoͤpfen, bis er end⸗ lich den Ort erreichte, der das Gluck oder Elend ſeines kuͤnftigen Lebens enthielt. Die Thuͤr ſtand offen; und ein ſchneller Blick, den er hinein warf, zeigte ihm Ella, die, mit dem Ruͤcken der Thuͤr zugekehrt, ein Kind auf ih⸗ rem Schooß hielt, uͤber welchem ſie, unter Lieb⸗ koſungen, zu weinen ſchien; und während er mit athemloſer Beängſtigung hinſchaute, hoͤrte er ſie ſagen:„Armes, nichts ſich bewußtes Kind! arme Ella! du haſt deiner Mutter viel gekoſtet, in der That!“— Ein tiefer Seufzer und der Ausruf:„Gütiger Himmel!“ der un⸗ 111 willkuͤhrlich ſeinem Mund entſchluͤpfte, ver⸗ urſachte, daß ſie ſich umſah; und von ihrem Sitz aufſpringend, waͤhrend ſie das Kind an ihren Buſen druͤckte, ſchaute ſie mit ſprachlo⸗ ſem Erſtaunen nach ihm hin. Endlich ge⸗ wann ſie, mit Lippen bleich und zitternd wie die ſeinigen, ſo viel Faſſung ihn zu fragen, was ihn in dieſer fruͤhen Stunde hieher ge⸗ bracht habe? wobey der Gedanke, daß er wahrſcheinlich als ein Beobachter ihrer Hand⸗ ungen komme, mit ihren Worten einen Aus⸗ druck trotzbietenden Stolzes verband. „Dies brachte mich hierher!“ erwiederte Oberſt Vane, aufgeregt durch ihr Betragen und ihren Ausdruck; und ihr den anonymen Brief in die zitternde Hand gebend, warf er auf ſie einen Blick forſchender Gering⸗ ſchaͤtzung. Nachdem Ella ſchnell die verlaͤumderiſchen 5 112 geilen durchleſen hatte, gab ſie dieſelben mit anſcheinender Ruhe zuruͤck, obgleich ihr ganzes Weſen vor Entruͤſtung bebte, und thre Mie⸗ ne ſtolze Verachtung ausdruͤckte:„So, mein Herr,“ antwortete ſie,„ſie kommen hieher. auf die Nachricht eines Unbekannten!“ —„Ja, Madam, allein eines Wohlunter⸗ richteten, wie es ſcheint; denn ich habe den Inhalt aller dieſer Briefe wahr gefun⸗ den.“ PVirklich“ rief ſie mit beynah wilder Er⸗ regung, denn ſie gedachte der Andeutungen im Bezug auf das Kind. Oberſt Vane ant⸗ wortete mehr auf den Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts, als ihren Ausruf;„Ja, Madam, ja, und ich begehre von ihnen zu wiſſen, wem das Kind iſt, das ſie an ihren Buſen druͤcken? Sagen ſie, ich beſchwöre ſie!“ „NRie, nie, mein Herr!“ erwiederte ſie, . 113. mit einem Blick unausſprechlicher Verachtung ihn anſehend.„Allein ſie verg eſſen,“ fuͤg⸗ te ſie ſpottend hinzu,„daß ihr unbekannter Freund ihnen geſazt hat, wem das Kind an⸗ gehoͤrt.“ „ESlla, liebſte Ella! denn ich liebe ſie, wer⸗ de ſie immer lieben, trotz des—.“ Hier mach⸗ te er eine Pauſe. Doch Ellas Darſtellung verlor nichts von ihrem Stolz in Haltung und Au sdruck, und er fuhr fort:„Quälen ſie mich nicht, ich beſchwore ſie, mit dieſem kalten verachtenden Schweigen; ſagen ſie nur, daß ſie unſchuldig, daß dieſe Zeilen boͤsliche Erdichtungen ſind.“ „Vie: nachdem ſie dieſelben ſetzſt r wahr anerkannt haben? Ich ſollte mich her⸗ ablaſſen, den arimen Leichtglaͤubigen zu verſi⸗ chern, daß ich beleidigt und unſchuldig bin? Nimmer! Es ſteht ihnen frey zu glauben, „ . * „ „ 114 was ihnen gefüllt, und von dieſem Augen⸗ genblick an verlange ich, daß wir uns gegen⸗ genſeitig als Fremde betrachten: die Bebin⸗ gungen unſers Verhälniſſes machen eine Aufloͤ⸗ ſung deſſelben leicht.“ 3 „Dann ſey es ſo— moͤgen wir uns nie wiederſehn,“ erwiederte Oberſt Vane, ebenfalls entrüͤſtet und beleidigt;„wir wollen uns nicht wiederſehn, und der arme Leichtgläu, bige ſagt ihnen ein ewiges Lebewohl 1 Mit dieſen Worten eilte er aus der Huͤtte, und war in einem Augenblick verſchwunden, Ella bewegungslos, ihr Auge auf die Thuͤr durch die er ging gerichtet, zuruͤcklaſſend. Doch als ſie ſich erholte, kamen Thraͤnen, freundliche Thraͤnen, ihr zu Huͤlfe, und nach⸗ dem ſie denſelben ſich eine Zeitlang uͤberlaſſen hatte, war es ihr möglich, langſam und mit wankenden Schritten, nach ihrer Wohnung —— 115 zu gehn. Demohngeachtet glaubte ſie waͤh⸗ rend des Wegs, mit jedem Augenblick, der Oberſt werde ſich nahen, und noch einmal um Gehoͤr bitten; denn konnte er ſie wirklich zum letztenmal geſthen und ihr auf immer Lebe⸗ wohl geſagt haben? Nein— es ſchien un⸗ moͤglich. Dennoch erreichte ſie das Haus oh⸗ ne ihm begegnet zu ſeyn, oder ihn nur in der Entfernung heſehn zu haben; und ſobald ſie ankam, begab ſie ſich auf ihr Zimmer, klei⸗ dete ſich aus, und ging zu Bett. Dann ih⸗ rem Maͤdchen klingelnd, ſagte ſie ihr, ſie be⸗ faͤnde ſich nicht wohl, und wolle nicht geſtort ſeyn, bis ſie wieder klingele. Aber es war nicht Schlaf was ſie ſuchte, denn ſie wußte, daß dieſer ihren Augen fremd ſeyn wuͤrde. Sie bedurſte nur der ſtillen Einſamkeit ihres La⸗ gers, der freundlichen Verborgenheit ſeiner dicht geſchloßnen Vorhänge, um ihre von Thraͤ⸗ H 2 116 nen ſchweren Augen zu verhullen. Sie woll⸗ te, ungeſtört durch die Blicke des Mitſeids, oder der Neugierde, die ſchmerzlichen Vorfaͤl⸗ le der ketzten Stunden in ihrer Erinnerung zuruͤckrufen„ und ſich bemuͤhen„wo moͤglich, nach den Eiugebungen unbefangener Ueberle⸗ gung zu handeln. Aber was war das herr⸗ ſchende Bild in ihrer Seele? Ein Geliebter, der durch Verläumdung eines Unbekannten an ihr zu zweifeln bewogen, und durch das Zeugniß ſeiner Augen von der Wahrheit der Anklage überzeugt ward. Und war ein Mann, der ſo argwohnen, und ſo glauben konnte, ihrer Liebe werth, und fähig ſie gluͤcklich zu machen? Nein— gewiß nicht, und ihr ent⸗ ruͤſteter Geiſt empoͤrte ſich gegen ſeinen Ein⸗ fluß, und beſchloß ihn auf immer zu entfer⸗ nen. Allein war er nicht zu entſchuldigen? Hatte er nicht immer ihr Betragen gemißbil⸗. 1 — — ligt, und nach ſeinen ſtrengen Grundſätzen ſtets beſorgt, zu was es fuͤhren duͤrfte?— Fand er nicht alles, wie es die Briefe herich⸗ tet hatten, wahr?— Wuͤrde nicht jeder Mann, bey einer ſolchen uebereinſimmung, geſtutzt haben? und war es daher einem Mann von ſeiner Gemuͤthsart, und ſeinen vorgefaßten Meinungen, nicht zu verzeihn, wenn er ſie im erſten Augenblick der Meberra⸗ ſchung fur ſchuldig hielt, und, vornehmlich bey ihrem Benehmen gegen ihn, nach dem An⸗ trieb des erſten Eindrucks und den Reſultaten der erſten Erſcheinung handelte? Gewiß epiſtirt kein Weſen von zärtlicher edler Natur, beiderley Geſchlechts, das nicht lieber ſich ſelbſt tadeln wollte, als den Gegen⸗ ſtand ſeiner Achtung und Zuneigung; und ben ſo gewiß iſt nichts quaalvoller, als das Bewußtſeyn, das was wir zärtlich — 118 in“ zu 2 6 1di 5 Ellas Natur war zärtlich, war ebelmü⸗ thig; und ſobald es ihr gelang, den Gelieb⸗ ten zu entſchuldigen, und ſich ſelbſt anzukla⸗ gen, ward ihre Beaͤnsſtigung ſehr verrin⸗ gert, und ihr beleidigter Stolz, ihr Gefuhl gekrankter Unſchuld„ verlor viel von der Wacht ſie zu betrͤben.—„Ich zeigte zu viel Se viel Unwillen,“ ſogte ſie zu ſich ſelsſt.—„Ich hätte die Gimuthsart des Mannes erwaͤgen, und beßhalb Nachſicht haben ſollen.— Aber er wird zuruͤckkeh⸗ ten, wenigſtens hoffe ich es, und dann, ſo ſchmerzlich und ſchwer auch, nach meinen An⸗ ſichten und meiner Ueberzeugung, das Ge⸗ ſchaͤft ſehn wird, will ich das ganze Geheim⸗ niß ihm enthuͤllen, und ſelbſt die wildeſte ſei⸗ ner eiferſüͤchtigen Befuͤrchtungen beruhigen!“ * ———— ———— 119 Dieſe Gedanken, dieſe ſchmeichelnden Gedan⸗ ken, obgleich anfangs nur voruͤbergehend, wurden endlich bleibend und herrſchend in ih⸗ rem Gemuͤth, und um fuͤnf Uhr ſtand ſie auf, kleidete ſich fuͤr das Mittagseſſen, und erſchien an der Tafel. Allein ihre geſchwollnen Au⸗ gen, ihre öleichen Wangen, und ihr nieder⸗ geſchlagnes Weſen, wurden hinreichend gewe⸗ ſen ſeyn, die beſorgten Freunde zu uͤberzeu⸗ gen, daß ihre Krankheit nicht koͤrperlich ſon⸗ dern geiſtig ſey, hätten ſie nicht von einem Officier, der im Hauſe einen Beſuch machte, gehoͤrt, daß Oberſt Vane, ſehr krank und be⸗ unruhigt ausſehend, um drey Uhr in der Poſt⸗ kutſche nach London gefahren waͤre, und ihm geſagt habe, er wiſſe nicht wenn er zu⸗ ruͤckkehren werde.— Mit dieſer plötzlichen und unerwarteten Abteiſe fuͤrchteten Elas Söſte deren Aufenthalt in ihrem Zimmer 120 zuſammenhaͤngend, und ſobald ſie dieſelbe ſa⸗ hen, fanden ſie ihre Befuͤrchtungen be⸗ ſtätigt. Ella erwaͤhnte indeß den Oberſt nicht, und behauptete ihre Faſſung durch die Hoffnung, ihn vor Abend entweder zů ſehn, oder von ihm zu hoͤren; als aber neun herankam, ohne das er erſchien, oder Botſchaft ſendete, verließ ſie ihre Standhaftigkeit, und mit Mühe konnte ſie die an ſie gerichteten Fragen anhoͤren, oder darauf antworten.— Herr Belmont, einer ihrer Göſte, als er ihre Zerſtreuung bemerk⸗ te, glaubte vielleicht ihr Gemuth zu erleich⸗ i Sri ſie eine von Dieſem gemäß ſagte er:„So, dun Vane zů uns heute verlaſſen!“ „Er hat es wirklich, fuͤrcht ich,“ erwieder⸗ te Ella erröthend,“ ich glaube er wird nun nicht kommen.“ — „Nun kommen!“ rief Belmont.„Nein gewiß nicht— ohné Zweifel wiſſen ſie, daß er nach London gegangen iſt?“ „Nach London!“ wiederholte Ella mit ſchwacher Stimme, in ihren Stuhl zuruͤckſin⸗ kend, und die Augen ſtarr auf Belmont ge⸗ richtet, der ihr ſo kurz als moͤglich die erhal⸗ tene Nachricht mittheilte.— Ohne zu ſpre⸗ cken, nahm Ella ſogleich ein Licht, eilte auf ihr Zimmer, und ſich darin verſchließend uber⸗ ließ ſie ſich der Angſt ihres Herzens.—„Ge⸗ gangen! gegangen wirklich! vielleicht um nie zuruͤckzukehren 1“ Dieſer Gedanke war un⸗ ertraͤglich, und ſie brachte die Nacht ſo un⸗ gluͤcklich zu, wie ſich leichter denken, als be⸗ ſchreiben laͤßt.— ZJedoch am naͤchſten Mor⸗ gen fuͤhrte ein kurzer aber erquickender Schlum⸗ mer, nach Tages Anbruch, beruhigendere Ge⸗ fͤhle, und mildere Gedanken herbey.— Wenn 122 Oberſt Vane ſie je geliebt hatte, und der gute ehrliebende Mann war, fuͤr den ſie ihn hielt, wurde er ihr in einigen Tagen ſchreiben, oder zuruͤckkehren; und die Sanftmuth ihres We⸗ ſens, durch,gewohnte Froͤmmigkeit und Erge⸗ benheit unterſtuͤtzt, leitete ſie zu Grundſaͤtzen, die lieber bey der hellen, als der truͤben Seite ihrer Ausſichten verweilten, und ſie ſtand mit dem Entſchluß auf, ihre Gefaͤhrten nicht durch die Nachſicht gegen einen Schmerz zu bekuͤmmern, deſſen Anblick Sorge erregen, und zugleich den fruchtloſen und qua⸗ lenden Wunſch/ ihn zu nii mußte. Während der Zeit war Oberſt Lene in London angekommen, nach einer Reiſe, wel⸗ che, da er ſie den großten Theil derſelben be⸗ reute, eine der ſchmerzlichſten und unange⸗ nehmſten war.— und warum ging er nach 123 London? Was hatte er durch ſeine Abreiſe von W— gewonnen? und was hatte er bewirkt? Er hatte dadurch ſeinen Bruch mit Ella ſo⸗ gleich kund gemacht der, wenn er nicht wirk⸗ lich fuͤr immer ſeyn ſollte, beſſer gar nicht be⸗ kannt haͤtte werden ſollen. Allein war es, oder war es nicht, eine Trennung fuͤr immer? Konnte ſie nicht alles zu ſeiner Zufriedenheit erklären, und ſeinen Argwohn vergeben?— Nein— ſie hatte ihn ſelbſt entlaſſen, mit Verachtung entlaſſen, ſie wollte ihn nicht wie⸗ derſehn, und lehnte jede Erklärung ab. Und wuͤrde ein ſchuldloſes Weſen, ſtolz und entrü⸗ ſtet durch das Gefuͤhl des Unrechts, nicht ſo gehandelt haben? Doch dann, wie konnte die Schuld anders handeln? Er wußte nicht, was et glauben ſollte; und ſo verloren war er in ſein Nachdenken, daß die Poſtkutſche London erreichte und ſein Bedienter wiederholt fragte, — 424 wohin er einen Miethwagen haben wollte, eh' er ſich beſinnen konnte, wo er war, und ſich fähig faͤhlte, Beſehle zu ertheilen. Endlich fand er ſich beym Fruͤhſtuͤck in einem Kaffee, haus, und hatte zunaͤchſt ſeine kuͤnftige Be⸗ ſtimmung zu uͤberlegen. Allein Ella und Bo⸗ wer Wood, die gluckliche Zukunft die er erwar⸗ tet hatte, und die Gegenwart, die er noch vor ſo Kurzem genoß, waren immer und immer in ſeiner Phantaſie gegenwärtig, und er fand, daß er nichts thun und beſchließen koͤnne, be⸗ vor er an Ella geſchrieben habe.— Sobald er dieſen Entſchluß gefaßt, fuhlte er ſein Herz erleichtert, und ſein Brief war ſo, daß, wenn er den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht hätte, er jede nur erwuͤnſchte Wirkung gehabt haben wuͤrde. Oberſt Vane ſchrieb alles, was Liebe und Wahrheit ihm eingeben konnten, und be⸗ ſchwor ſie, wenn ſie ihn noch liebe, oder je ——————— — 125 geliebt habe, oder nur gewoͤhnliches Wohl⸗ wollen gegen ihn empfinde, ihm ſogleich zu ſchreiben, und alles zu erklaren, wenn ſie tönne— woran er nicht zweifle.— Dann wolle er alsbald nach W— zuruͤckkehren, und ſie wollten ſich gemeinſchaftlich bemuͤhen, den unheilvollen, aber in mancher Ruͤckſicht nur zu gut unterrichteten Verfaſſer jener Briefe zu entdecken.“ Nachdem er dieſen Brief geſchrieben, auf welchen, trot ſeiner Bemuͤhungen, einige Thraͤ⸗ nen fielen, gab er ihn unglücklicher Weiſe ſei⸗ nem Bedienten, ihn nach dem Poſthaus zu tragen.— Dieſer Menſch traf auf dem Weg dahin einen ſeiner vorigen Cameraden, den er längere Zeit nicht geſehn hatte, und ward be⸗ redet mit ihm in ein Wirthshaus zu gehn. Die Folge davon wär, daß er, die ganze Nacht auf dem Gipfel einer Kutſche zuge⸗ 126 bracht habend, ſehr bald berauſcht, und der Brief vergeſſen ward; und nachdem er ſeinem Gefaͤhrten zu mehrern Bierhaͤuſern gefolgt, und in halb bewußter Trunkenheit in den Straßen umher gelaufen war, erreichte er das Kaffeehaus, wo ſein Herr ſeine Wohnung ge⸗ nommen hatte, erſt Nachmittags um vier, und gerade Zeit genug, ſeinen Rauſch auszu⸗ ſchlafen, ehe dieſer Abends elf Uhr, nach Hauſe kam. Oberſt Vane war fortgegangen, kaum ohne zu wiſſen wohin, bis er ſich am Großvenor Thor befand, und durch die Schon⸗ heit des Morgens, ein heller kalter Januar Morgen, veranlaßt ward, laͤngſt des jetzt noch unbeſuchten Luſtpfads, an der Seite des Parks zu wandeln. Gleichſoͤrmigkeit der Be⸗ wegung iſi gewiß in Uebereinſtimmung mir dem gleichen Inhalt unausgeſetzter Unruhe uͤber einen Gegenſtand, und Oberſt Vane 1W ging wenigſtens drey Stunden an demſelben Ort, mit gleicher Eile, auf und ab, ohne die ihn umgebenden Gegenſtaͤnde, oder den Verlauf der Zeit zu bemerken. Endlich ward indeß ſeine Aufmerkſamkeit durch einen Herrn erregt, der mit uͤber die Augen gezognem Hut, auf dem entgegengeſetzten Weg, mehr lief als ging, und gleich wie er, da er immer auf derſelben Stelle auf und ab eilte, zu ſehr in ſeine Gefuͤhle verloren ſchien, um etwas außer ſich zu beachten. Der Anſchein von Heiterkeit wuͤrde in dieſem Augenblick die Auf⸗ merkſamkeit des Oberſt nicht gefeſſelt haben; allein es war etwas, faſt bis an Wahnſinn graͤnzendes, in dem ruheloſen Gang dieſes Mannes, das unwiederſtehlich ſeine Augen auf ihn zog;— und beynah unwillkaͤhrlich verließ er ſeinen Weg und durchkreuzte den ſeinigen. Er durchkreuzte denſelben ihm ſo . 128 nahe, daß der Fremde ſtill ſtehn mußte, und als er es that, begegneten ſich ihre Augen. Das Erkennen war augenblicklich und gegenſeitig, und Oberſt Vane fand in der Perſon die ihn ſo intereſſirt hatte, Oberſt Rivers, von dem — Regiment, der ſein Schulcamerad gewe⸗ ſen, und den er immer ſchaͤtzte, obgleich Ver⸗ haͤltniſſe ihren Lebens⸗Weg verſchieden geſtai⸗ teten. Er freute ſich ihn wieder zu ſehn: al⸗ lein dies Vergnuͤgen ward bald unterdruͤckt; denn Oberſt Rivers rang in ſprachloſer 4a6 die Hände, und brach in Thraͤnen aus. „Guter Himmel!“ rief ſein Freund, „mein theurer Rivers, was bedeutet dies? Biſt du auch unglücklich?“— Erſt nach ei⸗ nigen Angenblicken konnte ſich dieſer hinläng⸗ lich faſſen, um ihn zu fagen, daß ſeine Gat⸗ tin, die er mit der hoͤchſten Zaͤrtlichkeit liebte. ſeit ihrem letzen Wochenbett Anzeichen von —.——— —4— 129 einer Verzehrung gehabt habe, daß ſie, ob⸗ wohl wahrſcheinlich nie wieder hergeſtellt, doch nochmehrere Mongte hinſchmachten duͤrfte, und ſein Regiment den Befehl nach Ln zu ſegeln erwarte. Die Ungluͤchlichen hulten— hren eignen Kummer fuͤr den druͤckendſten, und ſind eiferſuͤchtig auf ihrenleberlegenheit im Dulden. Doch Oberſt Vane fühlte den Unterſchied ei⸗ nes Schmerzes ohne Hoffnung, mit einem der Woffnung geſtattet⸗ er glaubte auch, daß wenn mehrere Jahre, die Gattin theurer als die Braut erwieſen, der Schmerz einer ewigen Trennung jeden andern Kummer uͤberſteigen, und Oberſt Rivers Abſchied von ſeiner ſterben⸗ den Gattin die hoͤchſte ſterblicher Pruͤfungen „Was kann ich dir S1 lieber Ri⸗ vers?“ erwiederte er, herzlich ſeine Hand 8 130 druͤckend. Ich könnte dir vorbringen, daß je⸗ der ſeine Leiden hat, und alle zum Seufzen verurtheilt ſind; allein ich finde deine Pruͤ⸗ fung groͤßer als die der meiſten Menſchen— und bedaure dich von Herzen.“— Es war gewiß nichts Troͤſtendes jn dieſen Worten, in göwiſſem Sinn genommen; dennoch thaten ſie Fivers wohl, und noch mehr der Ton, und die Art, wie ſie geſprochen worden.— Hier erſchien jemand der die Groͤße ſeines Elends anerkannte, der in ſeine Gefuͤhle einging, der ſie verſtand. „Lieber Pane! welcher Troſt iſt es fuͤr nich dich getroffen zu haben! Wenn du mir die Eigenliebe vergeben kannſt, die dich in eine Wohnung der Krankheit und des Kummers einzuladen wagt, wirſt du vielleicht einen Tag mit mir zubringen? 2 „Sehr gern,“ erwiederte Oberſt Vane, —————— 137 waͤhrend ſein Freund nicht vermuthete, daß in dieſem Augenblick das Haus der Trauer mehr Reize fuͤr ihn hatte, als die Wohnung der Freude. 1„Meind arme Sophie wird ſich freuen dich . zu ſehen, Vane, ſie iſt des Abends beſſer— wirklich ganz ſie ſelbſt— aber ihre Näͤchte ſind ſchrecklich. Ich hatte mich vergangene Nacht nicht ausgekleidet, und das Aufſitzen machte mich ſo froſtig und unbehaglich, daß ich einen Lauf in den Park that, um mich zu erwaͤrmen und aufzurichten, und auch ſchmerz⸗ liche Gefuͤhle zu bekaͤmpfen. Du erinnerſt dich doch Sophien? Es war bald nach unſrer Ver⸗ bindung als wir dich in der Stadt ſahen.“ „Mich ihrer erinnern! Gewiß— ſie gehoͤrt nicht unter die Frauen die vergeſſen werden, Rivers; ich hielt ſie fuͤr ein Muſter C ₰ 2 132 weiblicher Liebenswuͤrdigkeit, beſchei⸗ den, zart— 6 3 „Und denke, daß ih ſie verlieren muß, Vane!“ 5 „Aber iſt keine Hoffnung?“— Und ſogleich uͤberzeugte R Rivers ſeinen Freund, ob⸗ wohl er alle Hoffnung aufgegeben zu haben bekannte— durch die guͤnſtigen Kennzeichen, die er angab, doß er ſich zuweilen ſchmeichelte, wenigſtens wenn er bey ihr bleiben koͤnnte, ſie ſich durchkaͤmpfen zu ſchen. Allein der Ge⸗ danke ſeiner Entfernung, um ſich, wenn er die Reiſe uͤberſtand, in einen gefahrvollen Dienſt zu begeben, war mehr als ihre gegen⸗ waͤrtige Schwaͤche ertragen konnte, und die Stunde ſeines Abſchieds gab wahrſcheinlich das Zeichen zu ihrer Aufioͤſung. „Entſetzlich!“ rief Oberſt Vane mit deſer Fuhrung.„Verſchone mich lieber Rivers! —— ———— 133— ich kann es nicht ertragen!“ Und ſchweigens gingen ſie nach deſſen Wohnung. Rivers fand ſeine Gattin in einem ruhigen Schlummer, den erſten ſeit vielen Tagen, und das Gefahl der Hoffnung, welches er erregte, gab ihm etwas von ſeiner gewoͤhnlichen Heiterkeit wie⸗ der; und er genoß die Stunden, welche, nicht laͤnger von zaͤrtlicher Sorgfalt in Anſpruch ge⸗ nommen, dem Vergnuͤgen freundſchaftlichev Unterhaltung gewidmet waren. Bald aber ſah er, daß ſein Freund das Geſpraͤch mehr duldete als theilte, und ſein Blick der des Nachdenkens war; und da er von deſ⸗ ſen Neigung und Verbindung gehoͤrt haite, fuͤrchtete er, wiewohl ihm ſeine Delikateſſe des Gegenſtands nicht zu erwaͤhnen geſtattete, daß ſein Kummer von dieſer Seite herkommen duͤrfte. Obgleich Oberſt Rivers von Gegenſtaͤnden 134 ſrach, die ſeinem eignen Mißgeſchick ganz fremd waren, kam er doch oft auf daſſelbe zuruͤck, und erwaͤhnte mit großer Betruͤbniß, wie er nicht im Stande ſey, einen Tauſch zu bewirken, wozu er Hoffnung gehabt habe. Bey dieſen Wo tenſ ſah er faſt mit Beſtür⸗ zung eine Art von Wildheit ſichi uͤber Vanes Geſicht verbreiten, wobey er aufſprang, und mit ſchnellen Schritten durch das Gemach ging. Zur Theezeit wurden ſie in das Zimmer der Kranken gerufen, die, als man ihr ſagte, wer bei ihrem Gemahlh ſey, ſehr dieſen Freund zu ſehn wuͤnſchte, ſich ankleiden ließ, und in ihrem Armſtuhl ſeinen Beſuch erwartete. Oberſt Vane konnte nicht einem aͤngſtlichen Klopfen des Herzens gebieten, bey dem Ge⸗ 4 danken, die Frau zu ſehn, die er zuletzt in al⸗ lem Glanz der Jugend, Schoͤnheit und Gluͤck⸗ ſeligkeit erblickte, jetzt mit einer toͤdtlichen 135 Krankheit kampfend und das Herz mit Qua⸗ len erfuͤllt, das damals nur Hoffnung und Vergnuͤgen athmete. Allein er fand wenig Veraͤndrung in ihrer Erſcheinung, die dichte Krankenkleidung verhuͤllte die Verwuͤſtungen des Uebels— nur ihre Hand, mager und faſt durchſichtig, verrieth ihren wahren Zuſtand, und widerſprach der Klarheit ihrer Farbe, und dem Glanz ihrer Augen.— Das Fieber er⸗ hoͤhte nicht allein ihre Zuͤge, ſondern belebte auch ihre Unterhaltung; und ſie ſchien, indem ſie augenſcheinlich dem Rand des Grabes ſich naͤherte, einem Vogel gleich, mit ſchoͤnen Fe⸗ dern, der uͤber einen dunkeln und tiefen Ab⸗ grund ſchwebt. Waͤhrend ſie ſich auf dieſe Weiſe mit Sprechen vergnügte, und ihren Ge⸗ mahl, und deſſen Freund, die ihr mit fuͤrch⸗ tender Freude zuhoͤrten, zugleich beunruhigte und unterhielt, ward Oberſt Rivers, wegen 136 eines Geſchäfts, aus dem Zimmer gerufen, und jener blieb bey der Kranken allein. „Kommen ſie naͤher zu mir,“ ſagte ſie „ich wuͤnſche ernſthaft mit ihnen zu ſprechen. Dies iſt ein trauriges Geſchaͤft— ich meine meines armen Mannes vergebliche Bemuͤhung einen Tauſch zu bewirken;— denn es wird mein Tod ſeyn, ich weiß es, ob ich es gleich ihm nicht ſage, weil es ihn bekuͤmmert. Ich wuͤrde geſund werden, wenn er nur bey mir bleiben kounte mich zu pflegen— davon bin ich uͤberzeugt; denn ſeit er Urlaub erhielt, und zu mir kam, bin ich bey weitem beſſer. Es iſt etwas ſo ganz anders, wie ſie wiſſen, von Augen der Liebe bewacht, und von der Hand der Zaͤrtlichteit gepflegt zu werden! Ich bekenne, daß die Arzney, die ich von meinem armen Wilhelm erhalten habe, mehr Wir⸗ kung gethan hat, als jede andere, eh' er kam, 137 und die Speiſe, die er mir reicht, iſt nahrhaf⸗ ter fuͤr mich geweſen.— Sie laͤcheln, Oberſt Vane(er läͤchelte aber mit einer Thräne im Auge) allein ich verſichere, alles dies iſt wahr— und dann ſchlafe ich beſſer, wenn ich weiß, er iſt in der Nähe, um meinen Schlummer zu bewachen, und meine Augen werden ſich an den ſeinigen offnen.“ Die Schwaͤche der Kranken und Sterben⸗ den, von ſich ſelbſt zu ſprechen, iſt im Ver⸗ haͤltniß ſo anziehend, als die andrer Perſonen, ermuͤdend und unangenehm iſt; und Oberſt Vane hoͤrte, mit ehrerbietiger und theilneh⸗ mender Aufmerkſamkeit, der unausgeſetzten Ge⸗ ſchwätzigkelt dieſer liebenswuͤrdigen Dulderin zu, waͤhrend jedes Wort, im Bezug auf den Tauſch, und ihre Behauptung, ihr Tod wer⸗ de die gewiſſe Folge der Entfernung ihres Mannes ſeyn, ſich tief in ſein Gedaͤchtniß ein⸗ 133 prägte, und Stoff zu kuͤnftiger Ueberlegung darbot. „O! Oberſt Vane,“ fuhr ſie fort,„Rwers iſt mir Lebens⸗Hauch von meinen fruͤhſten Tagen an geweſen.— Wir liebten uns von Kindheit auf, und ich erinnere mich nicht, je mit Wohlgefallen auf dem Geſicht eines Mannes, außer dem ſeinigen, verweilt, oder ein Vergnuͤgen bey der Aufmerkſamkeit eines andern ſeines Geſchlechts empfunden zu ha⸗ ben.*) Nicht ein Band kaufte ich mir ohne ihn zu befragen.— Wenn er bey mir war, ſ8h ich niemand außer Wilhelm: war er ent⸗ fernt ſchien ſein e dem der *) Qu'il eſt— dene sort de la femme qui peut avoir ainsi conlervé la plus par- Laite unite dans sa destinée et n'emporte au tombeau qu'un sourenir! o'est assez pour une vie. Corinne, vol. I. p. 228. 139 Gottheit, immer auf mich; und ich ſprach, blickte, oder handelte nie, als wie ich glaubte, daß er es beſtimmen, oder billigen wuͤrde.“ „Engliſche Frau! rief Oberſt Vane, mit einer Art Chrerbietung ihre abgezehrte, bren⸗ nende Hand kuͤſſend, ich wuͤnſchte, daß ich auch ſo geliebt worden waͤre 120 „Zweifeln ſie nicht ſo geliebt zu werden“, erwiederte ſie laͤchelnd,„wenn ſie eine richtige Wahl getroffen haben— denn ſo lieben alle tugendhafte Frauen.“ In dieſem Augenblick kam ihr Gemahl auf einige Minuten zuruͤck; und als Oberſt Vane den Blick zutrauungsvoller, ja ausſchlie⸗ ßender Zaͤrtlichkeit bemerkte, mit dem ſie ihn anfah, ſtieg ſeine Theilnahme bis zur Be⸗ ängſtigung bey dem Gedanken, daß ſein Freund dieſen Blick bald nicht mehr ſehn ſollte, und er mußte ſich gegen dar Fenſter wenben, im ſeine Roͤhrung zu verbergen.— Als er ſich wieder mit ihr allein befand, denn ihr Gemahl mußte ſie noch auf kurze Zeit ver⸗ laſſen, ſah er, daß die Erregung des Fiebers voruͤber war, und deſſen Ermattung und Her⸗ abſtimmung folgte.—„O! Oberſt Vane,“ ſagte die Kranke,„gedenken ſie, wenn eine Llebe, wie die unſere, ihre Freuden hat, ſo hat ſie auch ihre Qualen, und glauben ſie, daß im Verhältniß des Glůͤcks unſrer Vereinigung, auch der Schmerz unſrer Trennung ſeyn wird? — O dieſe Trennung! und ſie zu erdulden wenn ich gewiß bin, Wilhelm wuͤrde mein Leben retten, ſo bald er nur bey mir blei⸗ ben koͤnnte!“— Indem ſie dies ſagte, trat dieſer unbemerkt herein, und der Schmerz welchen ihm dieſe Worte verurſach⸗ ten war ſo heftig, und bewirkte eine ſo zaͤrt⸗ liche und ruͤhrende Scone, daß ſich Oberſt 141 Vane gelobte; wenn Ellas Antwort auf ſei⸗ men Brief nicht befriedigend waͤre, und nicht außer allen Zweifel ſetzte, daß ihr Gluͤck von einer Verbindung mit ihm abhaͤnge, er ſich ſeinen Freund zum Tauſch anbieten, und den vereinten Geſahren der Schlachten und des Climas Trotz bieten wolle.— Allein er erwog, wie billig, daß er kein Recht habe, mit Ellas Gluͤck zu ſcherzen, und nur als freyer ungt⸗ bundener Monn Rivers Stelle vertreten koͤnne, um alles ſuͤr die Erhaltung einer Vereini⸗ gung zu thun, die zugl ich der Gegenſtand ſei⸗ nes Reides und ſeiner Bewundrung war. Mit dieſen Empfindungen, dieſen Ue⸗ berzeugungen, und Entſchluͤſſen, kehrte er in ſeine Wohnung zuruck. Sein Pedienter war eben nur aufgeſtanden, und angekleidet, als er ankam.„Du haſt den Brief auf die Poſt getragen, hoff' ich, Jakob?“ fragte er ihn. 1½ 2 14 „Den Brief, Herr Oberſt! O! ja, ge⸗ wiß!“ doch da, und nur da, gedachte Jatob des Briefs— und er griff erſt in die kn Rocktaſche, dann in die Andre— doch es fand ſich kein Brief, noch in der Weſtentaſche, noch im Bett, noch neben den Bett:— kurz, der Brief war verloren, er wußte nicht wie, oder ob er ihn, eh' er betrunken war, oder wäh⸗ rend deſſen, auf die Poſt getragen hatte. Sollte dies nicht der Fall ſeyn, und er ihn wirklich auf der Straße haben ſallen laſſen, ſo hoffte er, es werde ihn irgend ſemand aufheben und beſtellen.— Allein er ſchmeichelte ſich verge⸗ bens:— der Brief blieb, wo er verloren ward, und da Jakob nicht ehrlich genug war, ſeine Sorgloſigkeit ſeinen Herrn zu bekennen, wunderte ſich derſelbe mit jedem Tag, warum Ella ſeinen Brief nicht beantworte, waͤhrend dieſelbe gleiche Verwundrung hegte, daß er⸗ 143 nicht ſchrieb.— Ja Ella wartete Tag vor Tag, wartete umſonſt, auf die Ankunft der Poſt, und ob ſie gleich, vermoͤge jenes Man⸗ gels an Selbſtliebe, der ſie auszeichnete, ihre Unruhe vor ihren Gaͤſten zu verbergen ſuchte, bemerkte man doch leicht, daß ihr Lachen ohne Froͤhlichkeit, und ihr Lächeln ohne Heiter⸗ keit war.. Waͤhrend Ella auf dieſe Weiſe ein Raub vergeblichen Kummers ward, erhielt ſie von ihrem Rechtsgelehrten eine Auffordrung nach London zu kommen, da ſie jetzt muͤndig, und ihre Gegenwart zur Unterzeichnung einiger Papiere noͤthig war. Dieſe Einladung zu Ge⸗ ſchaͤften, und ein Wechſel des Schauplatzes, hätten ſich zu keinem guͤnſtigern Augenblick zutragen können; und da Ellas Freunde auf dem Punkt ſtanden nach der Hauptſtadt zu⸗ ruͤckzukehren, ward ihre Reiſe durch deren 144 Geſellſchaft ſo angenehm gemacht, als es in ihrem bekömmerten Gemuͤths⸗Zuſtand moͤg⸗ lich war; und in London konnte ſie hoffen et⸗ was von Oberſt Vane zu erfahren. Erfuͤllt mit aͤngſtlichen Erwartungen, reiſte ſie demnach ab, ſtrenge Befehle hinterlaſſend, alle an ſie kommende Briefe in die Wohnung ihres An⸗ walds zu ſenden.— Zedoch von der erſten Stunde ihrer Reiſe an, bis zur letzten, blickte ſie, ſo lang es hell genug war um dir Gegen⸗ ſtaͤnde unterſcheiden zu koͤunen, begierig aus den Fenſtern des Wagens, wähnend in jedem Reiter, oder in jeder Poſtkutſche, den Geliebten zu erblicken. Dieſelbe Tauſchung begleitete ſie durch die Straßen der Hauptſtabt: ihre Phan⸗ taſie zeigte ihr allenthalben die Geſtalt welche ihre Augen zu ſehen verlangten, bis der Wa⸗ gen ſtill hielt, und ſie ſich von ihrem Anwald und deſſen Familie begruͤßt ſah. 3 145 Indeß wartete Oberſt Vane eben ſo aͤngſt⸗ lich auf die Erſcheinung des gewöhnlichen Brief⸗ träͤgers in ſeiner Straße: allein vierzehn Tage waren nun vergangen, und er hatte ſich bei⸗ nah uͤberzeugt, Ella ſchweige weil ſie die Wahr⸗ heit nicht bekennen konnte, nicht durfte. Kurz, er legte ihr Schweigen als einen Beweis ihrer Schuld aus, und war entſchloſſen, da ſein Le⸗ ben nun fuͤr niemand Werth hatte, ſich an Rivers Stelle anzubieten, und auf jede Ge⸗ fahr ſeines eignen Daſeyns ſich zu bemuͤhen, vielleicht das des einzigen achtungswuͤrdi⸗ gen Weibes das er kannte(ſeine Mutter aus⸗ genommen), zu erhalten.— Aber ich wlll mich nicht uͤbereilen; ich will noch einige Tage warten; ſie kann krank ſeyn! und bey dieſem Gedanken überſtroͤmte ein Mrer von Zättlich⸗ keit ſein Herz, und er fuͤhlte, daß Englaud und Ella vielleicht auf immer zu verlaſſen, ein K 146 ſeine Kraͤfte uͤberſteigendes Unternehmen ſey. — Oberſt Rivers hatte nun nach dem Rath des Arztes ſeine kranke Gattin in die milde Luft von Devonſhire gebracht; und ihrer bey⸗ der Geſellſchaft beraubt, die ihn der Unruhe ſeines Gemuͤths zu entziehn vermochte, war Oberſt Vane jetzt gewohnt ins Theater zu gehn, um ſich zu vergeſſen— als ſiehe! wie es ſich ſchon einmal vorher zutrug, er das Weſen er⸗ blickte, deſſen Bild immer ſeinen Gedanken gegenwärtig war. In einer Loge, ihm gegen⸗ uͤber, ſah er Ella, die er ſich, voll zaͤrtlicher Beſorgniß, ſowohl geiſtig als koͤrperlich we⸗ gen ſeiner plotzlichen Entfernung krank ge⸗ dacht hatte, behaglich einen Platz einnehmen, und von lächelnden Frauen, und aufmerkſa⸗ men Maͤnnern umringt! Es iſt wahr ſie ſoh blaß, krank, und beynah niedergeſchlagen aus; allein ihr Anzug war gewählt und zier⸗ „ N 4. 147 lich, und die Vorſtelungen auf dem Theater ſchienen, wenn ihre Gefaͤhrten ihr auf dieſel⸗ ben zu achten geſtatteten, ihre Aufmerkſam⸗ keit zu erregen, und ihr ein Löcheln abzund⸗ thigen.— Konnte er aufmerkſam ſeyn? konnte er laͤcheln? Nein, nein!— er fuͤhlte zu tief um ſich ſo leicht zerſtreuen zu laſſen!— Aber ſie empfand nichts, und eilte zur Hauptſtadt ſich zu vergnuͤgen! So ungerecht urtheilte er von Ella, dem Schein nach, der eben ſp ſehr gegen ihn ſelbſt war; denn haͤtte ſie ihn im Schauſpielhaus bemerkt, konnte ſie dann nicht mit eben ſo viel Grund ſeine Reiſe nach London, und die Gegenwart im Theater, dem Verlangen nach Unterhaltung, und der Liebe zum Vergnuͤgen beylegen? Waͤhrend er ſich mit dieſen Gedanken be⸗ ſchaftigte, und Ella die ganze Zeit mehr mit K 2 148 Blicken des Schmerzes als des Zorns an⸗ ſchaute, zogleich einen ſehr artigen Juͤngling, der immer mit ihr ſprach, beneidend und haſ⸗ ſend— fing ein junger Mann, den er kaum kannte, ein Geſpraͤch mit ihm an. Eitel auf ſeine Bekanntſchaft mit vornehmen Leuten, zeigte er ihm dienſtfertig die Loge dieſes Lords, und jener Lady, hinzufuͤgend: Ihre Herrlichkeit iſt ein vortrefflicher Mann, ich habe die Ehre ihn ſehr gut zu kennen;— oder: Ihre Gnaden ſind die angenehmſte Frau, und ein Muſter ihres Geſchlechts.— Doch hier, in dieſer Loge, iſt eine Dame von ſehr verſchiedener Art, wobey er auf die Privat⸗ Loge, in der ſich Ella befand, zeigte.— Dies iſt eine ſehr hubſche Frau, obgleich ſowohl in Hinſicht auf Geſicht als Ruf etwas paſſirt— Lady Henriette Bentham. „Lady Henriette Bentham!“ rief Oberſt 149 Vane, ſich vergeſſend. Und Ella war mit ei⸗ ner Lady Bentham im Theater. „Ja mein Herr,“ wiederholte der junge Mann,„da iſt Lady Henriette, und mit ihr diß Mordaunt, die reiche Erbin, wie ge⸗ woͤhnlich.“ „Wie gewoͤhnlich? Was wollen ſi damit ſagen?“ „Gerade was die Worte erſt — daß Miß Mordaunt ſich ſehr oft bey Lady Bentham befindet, deren Gemahls Neffe, je⸗ ner artige junge Mann, heftig in ſie verliebt iſt, und man hat lange eine Verbindung zwi⸗ ſchen beyden vermuthet.“ Ein Dolchſtoß hätte Oberſt Vane weniger Schmerz verurſachen koͤnnen als dieſe Worte. Allein gewiß, es konnte nicht wahr ſeyn; wenn Ella, Lady Henriette kannte, mußte er es von ihr gehoͤrt haben:— vodee vielleicht ſich bewußt, daß er eine ſolche Bekanntſchaft mißbilligen wuͤrde, verbarg ſie dieſelbe vor ihm; denn ſie hatte bewie ſen, daß ſie Ge⸗ heimniſſe vor dem Mann verbergen koͤnne, den ſie zu lieben vorgab, und zu heurathen gedachte! Ach! wenn das Vertrauen einmal zwiſchen Liebenden oder Gatten zerſtört wird, iſt es unglaublich welche unmögliche Dinge ſie von einander glauben koͤnnen, und nie, nie, wird ein einmal geſchwaͤchtes Zutrauen wieder in ſeiner erſten Staͤrke hergeſtellt. „Aber wiſſen ſie gewiß, daß Miß Mor⸗ daunt viel mit W Hen iſt, oder gewe⸗ ſen iſt?“ „Ey, in der Lhat, mein Herr!“ erwie⸗ derte der junge Mann vorwitzig, und aufge⸗ regt, ſeine Kenntniß auf gewiſſe Art bezwoi⸗ felt zu ſehn.„Ich denk, ich muß es wiſſen, da ich die Ehre gehabt habe, hoch in ihrer —— 167 Gnaden Gunſt zu ſtehen; und in Malvern und Cheltenham hab' ich Miß Mordaunt ge⸗ wiß, wenn ich mein Gedaͤchtniß nicht verlo⸗ ren habe, unter Lady Henriettens Schutz geſehn⸗“ Bey dieſen Worten ſprang Oberſt Vane auf, faſt des Athems beraubt.—„Wie!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und ich habe auf dem Punkt geſtanden, mich mit der Gefahrtin, der wahrſcheinlichen Schuͤlerin einer Bentham zu verbinden?— Jetzt kann ich alles glau⸗ ben, und ſie mit Vergnuͤgen jenem lächelnden Thoren überlaſſen; ich wollte eher untergehn, als eine Vertraute dieſer Frau zu meiner Gat⸗ tin waͤhlen.— Rein, nein; und ihr Anblick iſt mir verhaßt worden.— Noch ein Blick, und dann reizendes, aber zerſtorendes, un⸗ heilvolles Weib, leb' wohl, fuͤr immer!—“ Er blickte ſie noch einmal an; und mit An⸗ 152 ſtrengung ſich abwendend, eilte er dann aus der Loge, und kehrte in ſeine Wohnung zuruͤck. Wer kann die verderblichen Folgen eitler Prahlerey berechnen, die Unverſchaͤmtheit aus⸗ ſpricht, und Falſchheit unterſtuͤtzt? Wer kann ſagen wie weit die Nachſicht gegen Eitelkeit zu eigner Herabwuͤrdigung, oder zu andrer Verderben, zu fuͤhren vermag? Es kann im erſten Fall nur Schwaͤche ſeyn; im zweyten iſt es Laſter.— Dieſer Mathias begann nur mit dem armſeligen Wunſch, ſich in des Oberſt Meynung hoͤher zu ſtellen, indem er zeigte, daß er mit dem Vornehmen und Modiſchen bekannt ſey; allein er endete mit entſchiede⸗ ner Unwahrheit, ſo bald er glaubte, die Be⸗ kanntſchaft in Zweifel gezogen zu ſehn;— denn er hatte Miß Mordaunt nie mit Lady Henriette, an einem der genannten Orte er blickt, obwohl er ſie da mit Mrs. Anne ſah⸗ 153 Die Wahrheit der Sache war, daß Ella die Lady an dieſem Abend zum erſtenmal erblickte. Allein wer war dieſe Frau mit welcher ein Mann wie Oberſt Vane, genau und ſtreng in ſeinen Anſichten von Schicklichkeit, nie ſeiner Gattin eine Art von Umgang geſtatten wollte? — Sie war eines Grafen Tochter, jedoch die Gemahlin eines Privat⸗ Edelmannsz und keine Frau handelte vielleicht je gewiſſenhaf⸗ ter nach der chriſtlichen Regel: Was du willſt das dir die Leute thun, thue ihnen auch. Herr Bentham war reich, daher waͤhlte ſie ihn, er war ſchwach und furchtſam, daher hatte er Nachſicht mit ihr, er beſaß ſeine Feh⸗ ler, und folglich verzieh er, nach einen Grund⸗ ſatz der Gerechtigkeit, die ihrigen.— Und da er wohl wußte, daß wenn er mit ihr zu uben fortfuhr, ſeloſ tugendhafte Frauen von unbeſcholtenem Ruf, wegen ihres Ranges daſ⸗ 154 ſelbe thun wuͤrden, ſo faßte er verbindlich den Entſchluß ihr Betragen zum Beſten aufzuneh⸗ men: denn das Anſehn eines Mannes iſt fuͤr eine Frau gleich dem Couvert eines Staatsſe⸗ kretairs, und befoͤrdert durch die Poſtamter der Geſellſchaft alles Schlechte was ſeines S ſtandes bedarf. Lady Henriette handelte nach der vorher erwaͤhnten frommen Regel, indem ſie gegen die zärtlichen Schwachheiten andrer Frauen jene Nachſicht zeigte, die ſie fuͤr ihre eigene begehrte. Daher ſtund ihr Haus, das eine Menge Zimmer enthielt, jederzeit ihren Freun⸗ den zu Dienſten, ſowohl zu dem einzelnen réte-Atéte, als dem Abendeſſen aus mehrern téte-A tétes beſtehend, oder fuͤr die geſchaͤf⸗ tige Menge, ſo guͤnſtig der bewußten Liebe, oder zum Mittagseſſen, bewundernde Fremde mit einander bekannt zu machen, und die Mit⸗ 55 tel zu vertrautern und oͤftern Zuſammenkuͤnf⸗ ten zu erleichtern. Liebenswuͤrdiges Wohlwollen! großmuͤthige Ruckſicht für die Weichherzigen beyderley Geſchlechts. Allein Oberſt Vane war nicht in der Stimmung dieſe Tugenden der Lady mit etwas der Pilffaͤhrig⸗ keit aͤhnlichen anzuſehn, und während er ihre nachſichtige Freundſchaft, und ihr noch nach⸗ ſichtigeres Betragen erwog, konnte man ihn nicht tadeln, wenn er abgeneigt war, ſich mit einem Schuͤtzling dieſer Lady zu verbinden, und die Warnungen der anonymen Briefe wirklich als die Warnungen eines Freundes betrach⸗ tete.— Er begab ſich nach ſeiner Wohnung, von Qualen durchdrungen die faſt ſeine Be⸗ wegung hemmten; waͤhrend jener verächtliche Jaͤngling, der die Veranlaſſung dazu war,ige⸗ gen einige ſeiner Bekannten, die in die Loge kamen, ſein Bedauern aͤußerte, daß ſie nicht 156 fruͤher gekommen waͤren, damit er ſie ſeinem Freund, dem beruͤhmten Oberſt Vane, haͤtte vorſtellen koͤnnen. Nach einer Nacht voll ſchmerzlicher Ge⸗ fuͤhle, aber feſter und wohlbegruͤndeter Ent⸗ ſchließung, ſtand Oberſt Vane ſpaͤt am Tag mit dem Vorſatz auf, noch einmal an Ella zu ſchrei⸗ ben, und indem er ihr ein letztes Lebewohl ſagte, ſie zu beſchwoͤren, wenn ſie nur die Ueberreſte ihres Rufs zu erhalten wuͤnſche, die Bekanntſchaft mit Lady Bentham aufzugeben. Indem er ſein Vorhaben ausfuͤhren wollte er⸗ hielt er einen Brief von Oberſt Rivers, der faſt in einem Zuſtand von Zerruͤttung geſchrie⸗ Len war; denn er benachrichtigte ihn, daß ſein Schiff bereit ſey, und er auf dem Punkt ſtehe ſein angebetetes Weib, durch den Ab⸗ ſchied von ihr, zu toͤdten!—„Nicht ſo! nicht ſo! rief Oberſt Vane, tief erſchuͤttert; Ich . 157 will gehen— ja ich will mich in dieſem Augen⸗ buic um K Kriegsamt begeben.“— Indem er die⸗ ſen Vorſatz ausfuͤhrte, fuhr Lady Benthams Wogen bey ihm vorüber, und in ihm ſah er die Lady, Ella, und den Neffen der erſtern. Ella hoͤrte mit erroͤthenden Wangen, nieder⸗ geſchlagenen Augen, und wie er waͤhnte ver⸗ gnugtem Ausdruck des Geſichts, auf die Wort ſeines vermeintlichen Nebenbuhlers.„Es iſt genug, es iſt genug,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Nein nein, ich habe keinen Kummer nun, X und willkommen Indien, willkommen Jahre der Verbannung!“ Nachdem er ſein Geſchaͤft beym Kriegs⸗ Amt geendet hatte, wo man ihn bereitwillig an Oberſt Rivers Stelle annahm, ſetzte er ſich in einen Wagen mit vier Pferden, und kam, die ganze Racht durch reiſend, ſpaͤt am fol⸗ genden Tag in Sidmouth an.— Doch ſo „ 158 ſpaͤt es auch war, wollte er nicht, als ein Ue⸗ berbringer ſo guter Nachrichten, bis zum nächſten Morgen, den Beſuch bey Rivers auſſchieben, und begab ſich hieich nach deß⸗ ſen Wohnung. Als er den umhuͤllten Klo⸗ pfer an der Thur bemerkte, fühlte er ſich hef⸗ tig bewegt; indeß ſchloß er daraus, daß Mrs. Rivers noch lebe, und er kam vielleicht ihr Leben zu retten, oder es wenigſtens zu ver⸗ laͤngern; und mit kaum vernehmbarer Stim⸗ me fragte er, ob Oberſt Rivers zu Haus ſey. „Ja, mein Herr!“ erwiederte der Be⸗ diente mit Thraͤnen im Auge,„aber er kann niemand ſehen, denn er geht morgen nach Portsmouth, und wir fuͤrchten meine arme Ge⸗ bieterin, wtrd kaum ſeine Abreiſe überleben.“ „Ich muß ihn dennoch ſehen, und ich bin uͤberzengt er wird mich ſehen, erwiederte der Oberſt mit tief bewegtem Ton.— Sagen ſie ihm ſein Freund Vane ſey da.“ Der Menſch erwiederte durch einen zwei⸗ felnden Blick, ging aber ſogleich zu ſeinem Herrn. So bald Oberſt Rivers horte, wer da ſey, kam er herab ihn zu bewillkommen:„Lieber Vane,“ ſagte er,„das iſt guͤtig von dir, ich weiß du kommſt meiner armen Sterbenden in ihrer großen Pruͤfung beyzuſtehn.“— Er konnte nichts weiter hinzuſetzen, während Oberſt Vane längere Zeit mit ſeiner Ruͤhrung kämpfen mußte, eh' er ein Wort ausſprechen konnte, obgleich dieſes Wort ſeinen Freund von Verzweiflung zu Hoffnung, von gewiſſem Elend zu verhaͤltnißmaͤßigem Glaͤck erheben ſollte. Enblich ſagte er indeß:„Nein, Ri⸗ vers, ich komme nicht mit dem Vorſatz deſſen du gedenkſt— deine Gattin hat keine ſolche Pruͤfung zu beſtehn. Ich komme dir zu ſa⸗ gen, daß ich einen Tauſch für dich bewirkt 160 habe, und dein Stellvertreter reiſt morgen ſtatt deiner nach Portsmouth! 2 Oberſt Rivers war im erſten Augenblick zu äberraſcht, zu ſehr von Freude wie vorher von Schmerz durchdrungen, um ſprechen zu können; als er aber Sprache erhielt, konnte er kaum Worte finden die ſtark genug wren⸗ Oberſt Vane ſeinen Dank auszudruͤcken, da er wußte, wie viel Muͤhe ihm die Erweiſung die⸗ ſes großen und ſchwierigen Dienſtes gekoſtet haben muſſe.„Und nun,“ fügte er hinzu⸗ mußt du noch etwas fuͤr mich thun.— Du mußt die frohe Nachricht Sophien bekannt machen; denn ich bin zu ſehr bewegt um es zu können, und wuͤrde ſie beunruhigen.“ Er ging hierauf voran; während ſein Freund gern dieſe Genugthuung annahm, der Zeuge eines Gluͤcks zu ſeyn, deſſen Zuſichrung er ſo cheuer erkauft hatte. Sophie,“ ſagte Rivers,„hier iſt unſer Freund Vane, unſer beſter Freund, unſer Freund in Wahrheit!“ Mrs. Rivers erhob ihr Haupt, und ihre umhuͤllten Augen auf ihren Gemahl richtend, ſagte ſie:„Warum entfernteſt du dich von mir? ich kann dich nicht zut einen Augenblic von den wenigen miſſen, die mir noch uͤbrig ſind, ſogar wegen deines Freundes. „Du hoͤrſt ſie!“ rief er, und eilte hinaus. „Da, nun iſt er wieder weg!“ ſprach ſie:„es iſt ſehr grauſam von ihm; denn ſie wiſſen daß wir uns morgen fuͤr immer trennen!“ 6 „Ich glaube nicht, ich bin deſſen gewiß,“ derwiederte Oberſt Vane, ihre feuchte Hand muehmend, ich hoffe ſie werden noch viele glͤckliche Jahre zuſummen verleben“ Mrs. MRivers richtete/ waͤhrend er ſprach, ihre gro⸗ —— 1 162 ten ausdrucksvollen Augen auf ihn, als woll⸗ te ſie ihm Verſpottung ihrer Lage vorwerfen⸗ Er konnte dieſen Blick nicht ertragen, und ſein Haupt an die Seite ihres Stuhls lehnend, ſagte er:„Verzeihn ſie, aber Bewegung, ei⸗ ne Bewegung der angenehmſten Art bezwinst mich.— Sie haben bis jetzt gegen das Un⸗ gluͤck gekämpft, glauben Sie auch die Empfin⸗ dungen der Freude ertragen zu koͤnnen?“ „Freude!“ antwortete ſie, indem ſie ſeinen Arm ergriff, und als wollte ſie in ſeiner See⸗ le leſen ihn anblickte.„Freude! kann es jetzt noch eine Freude fur mich geben?— Sagt ich ihnen nicht, daß er mich morgen verlaͤßt?“ „Allein denken ſie ſich, er verließ ſie erſt nach Tagen, oder Wochen, oder vielleicht Monaten?“ 4 „Und iſt es ſo?“ rief ſie im Ton des Ent⸗ zuͤckens. 2 „Ja— ein Tauſch iſt bewirkt worden, und i6 9eh ſat ſeiner nach Indien“ Es war fuͤr eine ſo geſchwachte Natur wie die ihrige unmoglich, die plötzliche und bezwingende Freude zu ertragen; und als Oberſt Rivers, auf ſeines Freundes Rufen wie⸗ der ins Zimmer trat, fand er ſie ohnmächtig in deſſen Armen. Allein das Leben war nicht lange eutfernt— ſie lebte wieder auf um den ebevol auf ſie gerichteten Augen zu begeg⸗ nemn die ſie gefuͤrchtet, bald nicht mehr zu ſe⸗ hen;— und im Entzuͤcken heiliger Freude und Danktarkeit, ſchlang dieſe Frau, deren Blicke nie auf einem Mann außer ihrem Gat⸗ ten verweitt, oder irgend Jemand anders als ihn in der Schopfuna geſehn hatten, ihre Arme um des Oberſt Nicken, und brcte ihre ihränenvoen Wangen an die ſei⸗ Rivers,“ fagte ſe, wie können wir ihm danken?“ 31 „Nicht beſſer, als wenn wir ihn seue des Giue ſeyn uſen, er vithi hat.“ „Doch ach! der Gebanke, daß er uns ſo bald verlaſſen muß, um zu 3„ er „Was will dies Alles ſegen?“ erwiederte Oöerſt Fivers:„Gewiß vurſt du in⸗ beh uns verweilen?“ „Wie kunn ich? Dos Schiff liegt beteit. und ich muß mit Tages Anbruch abreiſen;. denn ich bin es, der Deiner behi, Fi⸗ vers 1. Es wuͤrde uͤberfluͤſſi ig ſeyn, das vis die⸗ ſer ſuhlte, und ſagte, darſtellen z voi len; auch konnte ihn das ungteetich Schick⸗ ſal der Liebe ſeines Freundes, welches ihli ¹ 165 wie e auſtichtig bekannte, ale Stenen gleich machtz, nicht mit dem Gedanken verſoͤhnen, daß er ſich um ſeinetwillen ſo mannichfachen Geſahren ausſetzte, und ſein Gluͤck um ſo theu⸗ ren Preis erkaufte. Allein die Abreiſe deſſel⸗ ben rettete wahrſcheinlich ſeine geliebte Gattin, und ſie war gewiß theurer als ſein Wohl⸗ thaͤter. Oberſt Pone mle ein verzethmß von Dingen, die er nachgeſendet haben wollte, und konnte mehreres von Rivers Vorbereitun⸗ gen benutzen. Mit Tages Anbruch trat er ſeine Reiſe an, erheitert und aufgerichtet durch das Bewußtſeyn des Guen, was er wahr ſcheinlich zweyen der uehenswürdigſten Veſen erzeigt hatte; waͤhrend der Blick des Troſtes und der Ruhe, der ſubſ durch die Lhrinen des Mrs. Rivers Autn entſtrahl 166 wie der Sonnenſtrahl den Wandrer auf un wegſamen Pfad, zu pegleiten ſchien.—8 unglucklich fuͤr die Ruhe, zu ruhelos um ei⸗ nen Augenblick vetziehn zu konnen, hielt er nicht cher an, als bis er Portsmouth erreicht hatte. Er begab ſich ſogleich an Bord, und ſuchte in der Neuheit der ihn umgebenden Ge⸗ genſtande das Mißgeſchick zu vergeſſen, wel⸗ ches ihn hier zu ſeyn veranlaßte.. Doch kehren wir zu Ella zuruͤck, und er⸗ klären, wie ſie im Theater zu Lady Venthuns Geſelſchaft kam, Mrs. Rufhbrook, die Frau des Anwalds, eines ſehr achtungswürdigen Rechtsgelehrten, war in ihrer Art eben ſo achtungswirdig als ihr Mann— mit der en, igen Ausnahme ihres Strebens nach Din⸗ gen die ſie nicht erreichen konnte, naͤmlich einen allgemeinen und frehen umgang mit det vötnehmen und mobiſchen Weit. Zudeß ——— 167 gelang es ihr zuweilen einige herumſtreifende Lords und Lady's, in den bunten Scenen ei⸗ ner gedraͤngten Verſammlung aufzufinden, die nichts dagegen hatten, eine Tafel mit ausge⸗ ſuchten Speiſen und trefflichen Weinen zu ſchmuͤcken, es zufrieden waren auf ihrer Be⸗ ſachliſte zu ſtehen, und ſie dagegen einmal im Jahr zu ſich einladen ließen. Einige dieſer betitelten Gaͤſte ſtanden obwohl hoch im Rang, doch nicht hoch in der Faſon, und waren duͤnn ir Mrs. Ruſhbrookes Geſellſchaften geſtreut. Allein ſie ſahen gut aus, und was noch beſſer wer, ihre Titel klangen gut; und Mrs. Ruſh⸗ örzok wollte weiter nichts. Dennoch wůrde es immer zu bewundern geweſen ſeyn, daß Lady Bentham unter ihre Gaͤſte gehoͤrt, und ſie mit ſich in eine Privat⸗Loge genommen hät⸗ te, da ſie nicht allein eine Dame von hohem Range, ſondern auch nach der erſten Mode 168 war, wenn es nicht allgemein bekannt gewe⸗ ſen waͤre, daß erſtens die Lady arm, und Mrs. Ruſhbrooks Börſe reichlich von ihrem Mann grfuͤllt war;— und zweytens, daß lebtere einen Neffen hatte, der ſich hervorzu⸗ thun anfing, und durch Talente, Perſon und Betragen zu einem Liebling der großen Velt eignete, Allein der junge Ruſhbrooke beſaß Stolz; und Lady Henriette bemerkte bald, daß ein Weg, ſich ſeiner Neigung zu verſichern, der ſeyn wuͤrde, wenn man ſeinen Verwandten Wichtigkeit in ſeinen Augen er⸗ theilte, indem man ihnen den Zutritt in de vornehme und modiſche Welt' verſtattete; Mrs. Ruſhbroke, zu glucktich von einer ſol⸗ chen Dame aufgefordert und beſucht, und mit an oͤffentliche Orte genommen zu wer⸗ den, um es genau mit dem Charakter ihrer Goͤnnerin zu nehmen, ergriff begierig die dar 6 * 1 169 gebotene Aufmerkſamkeit.— Auch muthmaß⸗ te ſie uͤberhaupt nicht der Lady Beweggrund ihres Zuvorkommens; denn dies verbot ihre Eigenliebe; und da ſie nichts Strafbares in ihrem Betragen fand, ſo uͤberredete ſie ſich bald, daß die Welt dieſelbe mit Unrecht tadelte, und trug daher kein Bedenken die junge Er⸗ bin ihrer vornehmen Freundin vorzuſtellen, und ſie zu bitten, ſie mit ſich ins Theater zu nehmen; ein Vorſchlag, welcher der Lady au⸗ ßerordentlich angenehm war, da ſie wußte, der Neffe ihres Gemahls bewundre Ella, und dieſer wuͤnſchte deſſen Bewerbungen um ſie⸗ Ella kannte weder Lady Henriette, noch ihren Charakter. Jede Art von Schmahſucht naͤ⸗ herte ſich immer langſam ihrer Thuͤre; weil ſie ſchwer Eingang daſelbſt fand. Von einer alten Familie abſtammend, und im Beſitz ei⸗ nes groben Vermogens, war ſie ſich ihres Ge⸗ —— wichts in der Schaale der Geſellſchaft zu ſehr bewußt, als daß ſie durch den Anſchein einer Bekanntſchaft mit vornehmen Leuten, und das Wiſſen modiſcher Schwachheiten, auch wenn ihr daſſelbe nicht zuwider geweſen wäre, Wich⸗ tigkeit hutte erlangen wollen. Es ließ ſich da⸗ her von einer Perſon dieſes Charakters nicht erwarten, genau mit den Verirrungen einer Lady Bentham bekannt zu ſeyn. Dennoch iſt es ſehr gewiß, daß wenn ſie von denſelben un⸗ terrichtet geweſen wäre, ſie die Ehre ihres Schutzes aus der ſehr gothiſchen Meinung * 6, abgelehnt haben wuͤrde, weil ſie ihn uͤberhaupt fuͤr keine Ehre hielt, und als ein Appendit des betitelten Laſters zu erſcheinen, welchen Rang ihm auch die Mode ertheile, der Wuͤrde eines tugendhaften Weſens entgegen zu ſeyn glaubte.— Indeß mußte Ellas Erſcheinung im Theater mit einer Frau von verdaͤchtigem 171 Charakter, wenigſtens in Oberſt Vanes Au an⸗ den Schein gegen ſich haben. Zwey Tage nach ihrem Beſuch im Schau⸗ ſpiel kehrte Ella nach Bower Wood zurüͤck, da Geſchäfte ihre Anweſenheit nicht laͤnger nothig machten. Es zeigte ſich keine Wahrſcheinlich⸗ keit Oberſt Vane in onban zu ſehn; und wenn ſie je ſo gluͤcklich war, einen Brief von ihm zu erhalten, wuͤnſchte ſie an einem Ort zu feyn, wo ſie ſich ihren Beſorgniſſen und Erwartungen, unbelauſcht von dem Auge Ver Neugierde oder Theilnahme, uͤberlaſſen konnte, und nur in ihrem eignen Haus, das ſie auf kurze Zeit zu einem einſamen machen. wollte, war es ihr moͤglich ſich ungeſtoͤrt ih⸗ ren Gefuͤhlen zu uͤberlaſſen.— Lebhaft wuͤnſchte ſie alſo dahin zuruͤckzukehren; denn da ungluͤcklicher Weiſe fuͤr ſie, Hauptmann Clinton und ihre Freundin, die nun deſſen 172 Gattin geworden war, ſich in Guernſey auf⸗ hielten, war ſie einer Geſellſchaft beraubt, die ihrem Gemuth zu großem Troſt gereicht ha⸗ ben wuͤrde, und wollte daher dieſelbe lieber ganz entbehren. Sobald ſie ihre Wohnung erreicht hatte, war ihre erſte Frage, ob Brie⸗ fe angekommen waͤren, die man ihr durch Irrthum oder Vernachlaͤſſigung nicht zugeſen⸗ det haͤtte;— und als ſie horte, daß kein Brief Boower Wood erreicht habe, fuͤhlte ſie eine Trauer und Niedergeſchlagenheit des Herzens die Worte nicht auszudruͤcken vermo⸗ gen. Allein ſie konnte gegen die Macht dieſes Gefuͤhls käͤmpfen, und ſie kämpfte mit Er⸗ folg. Jeden Tag zwang ſie ſich auszufahren, und wie gewöhnlich in den Straßen von W 5 zuzeigen, damit man ſie nicht eine arme, lie⸗ heskranke, verlaſſene Jungfrau nenne, da die vloͤtzliche Abreiſe und Abweſenheit des Oberſi, S wie ſie wohl wußts, die neugierigen und ge⸗ ſchwätzigen Geiſter einer Stndt wie dieſe, aufgeregt haben mußte. Indeß wägte Ella nicht vor Ueberbringung der Btief⸗ auszugehn, und bis ihr Bedienter von der Poſt zuruck war, pflegte ſie in einem Ziminer,“ vo mah die hintere Thur ſehn konnte, auf und ab zu gehn, um ſein Rahen ſo bald als mög⸗ lich zu bemerken, und keinen Auzenblick zi verlieren, das Reſultat ſeiner Rachfragen zu erfahren. Dieſe Nachfragen blieben indeß iminer vetgebens:— doch zudtich thn ehn S 6 S r Vanes breiſe nich oſündien erſtaunt: al⸗ lein ſie haben whiſcheinlch tige ſeinen Vetſet zeuuß.— 36 ſehe aus den st. ſentiichen Blaͤttern, daß er ſeit“ einigen a⸗ gen abgeſegelt iſt.“ 2 Seine ploͤtzliche Entfernung, und ſein grauſam fortgeſetztes Schweigen, waren Din⸗ ge gegen die ſie ſich mit all ihrem Muth bewaffnen nothig hatte, auch wenn eine leiſe Hoffnung, ihn wieder zu ſehn, ihr ſchmei⸗ elte: auein jetzt, als ſie uberdachte, wie wohl. Jahr nach Jahr vergehn wuͤrde, ohne jenen Augen zu begegnen, jene S eumme zu hoͤren, deren Entbehrung nur auf wenig Stunden, vor ſo kurzer, ſo ſehr kurzer Zeit, eine Quelle zärtlichen Kummers, und die quälendſte Einſamkeit fuͤr ſie geweſen war, da hoßte ſie das Licht des Tages, weil g nicht mehr durch ſeine Gegenwart echruert ward, und die Nacht war ihr zleichfals un⸗ willkommen, weil ſie nicht mehr dem Wor⸗ gen voranging, der ihn ihren Puchen z ruͤckbrachte. Wit dieſen Qunen eines ebew den Herzens vereinze ſich bin Stuſ 1 175 gefuͤhl, und das Bewußtſeyn unverdienter und empfindungsloſer Vernachläſſigung.— Ja ſein Betragen, ſeit ſeiner Entfernung, beſonders eh' er zu Schiffe ging, nicht ge⸗ ſchrieben und ihr ſeinen Vorſaß bekannt ge⸗ macht zu haben, war ſo, ſelbſt in ih⸗ ren partheyiſchen Augen der Liebenswuͤrdig⸗ keit ſeines Charakters ſehr zum chtheil ge⸗ reichte, und ſie ſich ſelbſt geſtehn mußte, mit einem Manne dieſer Art wenig Hoffnung zum Gluͤck gehabt zu haben.— Dennoch liebte ſie ihn noch immer, liebte ihn mit Leidenſchaft; und wenn ſie der Gefahren ge⸗ dachte, denen er wahrſcheinlich entgegen ging, brach ihr das Herz, und kaum konnte ſie dem Hange widerſtehn, ſich unthätiger Verzweiflung hinzugeben, und ihr zu geſtatten alle Hoffnung der Jugend zu vernichten, und alle Kraft ihrer Seele zu hemmen. Ein 176 Brief von Mrs. Belmont indeß erhob ſie ein wenig aus dem Zuſtand, in den ſie geſunken war. Dieſe Dame hatte Oberſt Rivers ge⸗ ſehn, und genaue Nachricht von ſeinem Freund erhalten, wie er ihn im Park getroffen, und aus* fuͤr ihn und ſeine Gattin, vereint mit den Wirkungen ſeiner eignen zer⸗ ſtorten veranlaßt ward, ſeinen Platz einzunehmen, und ſein Vaterland zu verlaſſen, da er, wie er ſeinem Freund zu verſtehn gab, von einer Dame, mit der er in Vrrbindung geſtanden habe, aufgegeben wor⸗ den ſey. Rivers ſetzte hinzu, daß deſſen Gü⸗ t nicht ohne Wirkung geblicben waͤre,— ſei⸗ ne geliebte Gattin habe ſich, da ihre Ruhe des Gemuͤths, durch die Gewißheit ſeine Geſoll⸗ ſchaſt nicht zu verlieren, wieder hergeſtellt worden, mit jedem Tag göbeſſert, und ihre Krankheit hätte ſich endlich nicht als eine 177 Verzehrung, ſondern als ein innres Geſchwuͤr gezeigt; und nachdem dies aufgegangen ſey, beſitze ſie ſo viel Kraͤfte, um die Folgen uͤber⸗ ſtehn, und ihn bald, in kleinen Tagreiſen, nach W— begleiten zu koͤnnen, wohin er ſich an Oberſt Vanes Stelle zu begeben geden⸗ ke.—„Da ich aus dieſer Nachricht erſah,“ fuͤgte Mrs. Bellmont hinzu,„daß ſie Oberſt Vane entließen, ein umſtand, den ich vorher nicht wußte; ſo hielt ich es fuͤr möglich, ſie koͤnnten mit obigen Verhaͤlt⸗ niſſen unbekannt ſeyn, weßhaib ich ſie ihnen — mittheilte.“ „Seltſamer, unerklaͤrbarer, ſich widerſpre⸗ chender Mann! ſo viel fuͤr andre zu empfin⸗ den, und ſo wenig fuͤr mich!“ dachte Ella, als ſie den Brief geleſen hatte.„Glaubt er denn, daß ich meine Gefuͤhle nicht ſo gut habe, als Mrs. Rivers? und daß ich nichts bey der ſo 8 M 3 178 gefahrvollen Reiſe des Weſens dulden werde, mit dem ich nur noch vor kurzem mein Leben zuzubringen hoffte? Wohl! wenn er mich ſo bald und ſo leicht aufgeben konnte, ohne Ruͤckſicht auf die Leiden zu nehmen die es mir verurſachte, ſo iſt es gerecht nicht auf die Eingebungen der Zärtlichkeit, ſondern des Stolzes, zu hoͤren, und nicht in duͤſtrer Träg⸗ heit, ungluͤcklicher Leidenſchaft, jene Kraͤfte zu vermindern, die ich zum Nutzen und Dienſt meiner Freunde und Nebenmenſchen erhielt. Indeß dank' ich ihm fur ſeine Feinheit, nur einfach anzugeben, ich habe ihn entlaſſen, und nicht der Veranlaſſung zu erwaͤhnen; obgleich nur ein Mann, der aufgegeben ſeyn will, ſich einem Ausſpruch unterworfen haben wuͤrde, der ſo augenſcheinlich die Folge der Leiden⸗ ſchaft und Enträſtung war.“ 1 6 Ella erwartete die Ankunft Oberſt Rivers, 179 und feiner intereſſanten Gattin, mit eben ſö viel Schmerz ab Vergnuͤgen. Dieſen Em⸗ pfindungen ward indeß bald ein Ziel geſetzt, denn Mrs. Rivers atte einen Ruͤckfall be⸗ kommen, der, obwohl nicht dedeutend, ihren Gemahl ſo beunruhigte, daß er tängern Ur⸗ laub nahm, und bis zu den Sommer Mona⸗ ten in Devonſhire zu bleiben beſchloß. Doch die Zeit erſchien nun welche Oberſt Vane in Ellas unverminderter Achtung und Zärtlichkeit wieder herſtellen ſollte, und wo die Eingebungen des beleidigten Stolzes, und die Klagen eines gekraͤnkten Gefuͤhls, der Sehnſucht zärtlichen Grams, und den Bjl⸗ dern der Hoffnung wichen! Der vrief, den er ihr am Tage ſeiner Ankunft in London geſchrieben hatte, und der durch ſeinen Be⸗ dienten verloren ging, war aus deſſen Man⸗ tel auf ein weraltetes Sopha gefallen, als er M 2 130 ſich im Kaffeehaus befand, und hatte ſich in einen Riß des Ueberzugs geſchoben, wo er gaͤnzlich unſichtbar ward. Hier blenabis man den Ueberzug abzog, und ihn bei unss Gelegenheit unbeſchädigt, wohl ſähr ve⸗ ſchmutzt, entdeckte. Gluͤckliches Weiſe erinnerte ſich auch der Diener der ihn fand, daß Oberſt Vanes Bedienter einen Brief geſucht hatte, worauf der Herr des Hauſes den wiederge⸗ fundenen Schatz, mit einem Umſchlag ver⸗ ſehn, wo alles was er in Bezug auf ihn wußte angegeben war, der Ueberſchrift gemäß befoͤr⸗ derte. So bald die bewegte, doch erfreute Ella, den Brief erhielt, und las, klaͤrte ſich alles Geheimnißvolle im Betragen des Gelieb⸗ ten auf, und alle ſeine Grauſamkeit war ver⸗ 3 ſchwunden. Sie verſtand und entſchuldigte, warum er nicht zum zweytenmal geſchrieben hatte, als dieſer erſte Brief unbeantwortet blieb, und konnte ſeicht einſehn, wie ein Nann ſeines Charakters, durch Zorn und vereiut mit einem beſſern Antrieb, ² id ennung zwey liebenswuͤrdigen Mitge⸗ ſchopſe zu dieren, den Schritt zu thun be⸗ ſtimmt wand, er ihr ſovielen Kummer ver⸗ urſachte. Während ſie im Triumph ihrer Freude, den Oberſt frey von der beygelegten Schuld zu finden, im Herzen beſchloß ihm zu ſchreißen, um ihre anſcheinende Verabſäumung zu entſchulbihen, und dann die Zeit ſeiner Ab⸗ wfſenheit, ſo lange ſie auch dauern möchte, in gaͤnzlicher Einſamkeit zuzubringen, erhielt ſie einen zweyten Brief, von St. Helene datirt, der, obwohl Erſtaunen und Unwillen erre⸗ gend, ihr als ein Beweis willkommen war, wie zaͤrtlich er ſie noch immer üebe, und wie liebend er ſie beklage, wenn er gleich ver⸗ ſicherte, daß er ſich nie mit der Freundin 182 und Gefaͤhrtin einer Lady Henriette Bentham wuͤrde verbunden haben.— Dieſer Brief war lang, und enthielt eine Darſtellung all ſeiner Gefuͤhle waͤhrend ihrer Trennung⸗ Er ſagte ihr wie ſchmerzlich ſeine wiederkeh⸗ rende Zaͤrtlichkeit, durch ihren Anblick im Schauſpiel mit Lady Bentham, und die Nach⸗ richt, daß ſie nicht allein oft mit ihr an oͤffent⸗ lichen Orten erſcheine, ſondern auch ihre Freun⸗ din insbeſondre waͤre, zuruͤckgedraͤngt worden ſey— und er, auf dieſe Weiſe der Hoffnung, und ſogar der Wuͤnſche, ſeine Verbindung mit ihr zu erneuern beraubt, beſchloſſen habe, England zu verlaſſen, um Gefahren, und wahrſcheinlich dem Tod entgegen zu gehn!— Aber er koͤnne nicht ruhen, ohne ſie mit ſei⸗ nem letzten Hauch beſchworen zn haben, die Geſellſchaft der Bentham aufzugeben; da er überzeugt ſey, daß kein Mann, ihres Anneh⸗ —— ,—————— 183 mens werth, ſich je mit der Freundin und Geſellin einer ſo verdorbenen Frau berbindea 4 1 werde! Ich will nicht den Kampf mannichfacher Empfindungen zu beſchreiben ſuchen, der Ellas Gemuͤth erfullte, als ſie dieſen Brief, unge⸗ gruͤndeter Beſchuldigungen, las, und erfuhr, wie die bereitwilligen Unwahrheiten eines Fremden, und Mrs. Ruſhbrooks Unbedacht⸗ ſamkeit, in wenig kurzen Augenblicken ihren Geliebten einer freywilligen Verbannung, und ſie vielleicht fuͤr Jahre, wenn nicht fuͤr im⸗ mer, allen Qualen der Sehnſucht beſorgter und verlaßner Zärtlichkeit uͤbergeben hatten⸗ Doch maͤchtiger als jedes andre Gefuͤhl, war das theure Bewußtſeyn, daß ſie noch immer geliebt werde, und daß Oberſt Vane keiner der Fehler ſchuldig war, die ſie ihm beyge⸗ legt hatte.—„Und wenn ich ihm, wie ich thun will,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„eine voll⸗ ſtändige Entfchuldigung meiner Handlungen in jeder Hinſicht, geſchrieben habe— ja⸗ dann werd' ich, trotz Entfernung und Abwe⸗ ſenheit, vollkommen gluͤcktich ſeyn!“ Wäh⸗ rend der Zeit beſchloß ſie einen Plan fuͤr ihr kaͤnftiges Leben feſtzuſetzen, und eine paſſende Geſellſchafterin fuͤr ſich auszufinden. Sie faßte auch den Vorſatz Bower Wood zu ver⸗ luſſen, da W— und die Geſellſchaft daſelbſt ihr unangenehm geworden war, und hatte be⸗ ſtimmt, die kleine Ella, deren Daſeyn und Aufenthalt in ihrer Naͤhe nicht verborgen blieb, auf einmal in ihr Haus, und unter ihren Schutz zu nehmen, und mit den Augen einer Mutter über ihre Erziehung zu wachen. Die Naͤhe und Geſellſchaft von W— wa⸗ ren ihr in der That mißfällig geworden, da ſie wußte, daſelbſt einen geheimen Feind zu S ——————— 93 haben, und ſie blickte, wie es immer die un⸗ ſelige Folge anonymer Briefe iſt, mit Miß⸗ trauen und Argwohn umher, und hielt viel⸗ leicht oft eine unſchuldige Perſon fuͤr die Ver⸗ anlaſſung jener bösartigen Zeilen, die ihre Hoffnung auf Gluͤck zerſtört, und ihren Ge⸗ liebten aus ſeinem Vaterland, zum Schau⸗ platz der Gefahr, und vielleicht des Unter⸗ gangs getrieben hatten. Außerdem fuͤhlte ſie auch wohl, daß der Umſtand, ein Kind bey ſich zu haben, deſſen Eltern unbekannt waren, und das ihr in den dunkelblauen Au⸗ gen, und langen dunkeln Augenwimpern ſo ähnlich ſah, ſo wie ihre Reiſe nach Wales ohne ihre Dienerſchaft, eine Menge ihr nach⸗ theiliger Vermuthungen erregen mußten. Al⸗ lein es ſtand nicht in ihrer Macht das Ge⸗ heimniß zu enthuͤllen: daher fuͤhlte ſie ſich un⸗ behaglich bey dem Gedanken, unter Menſchen . 186 zu leben, die, ob ſie gleich zu ihr eamen, da ſie in einem ſchoͤnen Hauſe wohnte, und glaͤn⸗ zende Feſte gab, ſehr wahrſcheinlich die Be— kanntſchaft abgebrochen haben wuͤrden, wenn ſie weniger von Gluͤck und Geburt beguͤnſtigt geweſen waͤre— und ihre Entfernung von Bower Wood ward endlich ſeſtgeſetzt. 4 Die Wohnung zu Bower Wood war neu; die zu Briardale war ein altes gothiſches Ge⸗ baͤude, und beſaß einen Grad melancholiſcher Pracht der beſſer mit der gegenwaͤrtigen trau⸗ rigen Richtung ihres Gemuͤths uͤbereinſtimmte. Außerdem erinnerte ſie an ihrem gegenwaͤrti⸗ gen Aufenthalt alles ſchmerzlich an Oberſt Vane; und da ſie dieſen Ort, unter ſehr vor⸗ theilhaften Bedingungen, auf gewiſſe Jahre andern uͤberlaſſen hatte, eilte ſie von ihrer neuen Wohnung Beſitz zu nehmen, und der Geſellſchaft einer Dame wieder gegeben zu 187 ſeyn, welche den Prediger des Orts geheura⸗ thet, und im Anfang ihres Lebens ihrer Tante bey ihrer Erziehung beygeſtanden hatte. Al⸗ lein zu Briardale erwartete ſie eine Ueber⸗ raſchung von der ſie kaum wußte ob ſie die⸗ ſelbe ſchmerzlich, oder erfreulich, nennen ſollte, obwohl ſie endlich für das Letztere ſtimmte. Sie erfuhr, daß Oberſt Vanes Mutter, im Mayerhof, der nicht eine Stunde entfernt von ihr lag, eingemiethet hatte, und ange⸗ kommen war; und auf dieſe Art fand er, wenn er je zuruckkehrte, ihr Betragen waͤh⸗ rend ſeiner Abwefenheit, immer den Augen ſeiner Mutter ausgeſetzt, deren Tadel ſie we⸗ nigſtens nie zu verdienen glaubte, ob ſie gleich fuͤrchtete, als die urſache der Entfernung ih⸗ res Sohnes, nie ihren Beyfall und ihre Zu⸗ neigung gewinnen zu koöͤnnen. Sie fragte in⸗ deß ihre Freundin, Mrs. Eimsley, deßhalb 188 un ihre Meynung, und ſetzte hinzu:„Denn ob Mrs. Vane ihren Sohn gleich nie mit der gewöhnlichen Zaͤrtlichkeit einer Mutter behan⸗ delt, und ſeine Geſellſchaft mehr vermieden als geſucht hat, ſo kann ſie immer ſehr geneigt ſeyn das Betragen eines andern gegen ihn zu mißbilligen, wenn ſie es fuͤr ungerecht hält.“ „Wahr,“ erwiederte Mrs. Elmsley,„denn ſo iſt leider die menſchliche Natur; allein ſo ſeltſam es ihnen ſcheinen mag, glaub' ich doch nicht, daß irgend ein Vorurtheil gegen ſie von ihr zu befurchten iſt; denn ich bin uͤberzeugt ſie war, bis zu ihrer Ankunft, völlig unbekannt mit ihrem Namen.“ „Unmoͤglich! denn ich weiß Oberſt Vane ſchweb ihr, von ſeiner wahrſcheinlichen Ver⸗ vindung Nachricht zu geben.“ „Kein Zweifel; allein entweder erwaͤhnte er den Namen der Dame nicht, oder ſie hat 6 139 ihn vergeſſen; denn ſie war in unſerm Hauſe wie ſie in ihrem Wagen mit Vieren, und zwey Vorreitern, voruͤber fuhren, und als ſie nach ihren Namen fragte, und ob dies die Dame ſey, die in dem großen leeren Haus im Park zu wohnen erwartet werde, zeigte ſie ſich we⸗ der beſtuͤrzt, noch ernſt, oder nachforſchend, als ich ſie nannte; und ich bin gewiß, ſie ver⸗ band mit ihrem Namen keine mißfaͤllige Ne⸗ benidee als die, welche ihr, da ich ſie fuͤr ſehr ſtolz und prachtliebend halte, ein Gefuͤhl der Eiferſucht uͤber die Art ihrer Erſcheinung er⸗ regt haben mag.“ „Ich wuͤnſche ſie moͤgen Recht haben; doch glauben ſie, daß ſie mich beſuchen wird?“ „Ich fuͤrchte, ſie wird es nicht, da ſie keine Geſellſchaft unterhaͤlt, und uur auf der Pfarre Beſuche giebt: indeß will ich ſie ein⸗ laden, mit ihr hier zuſammenzukommen, und 190 ſie werden durch ihre gewoͤhnliche Macht zu bezaubern ſie zu ihrer Freundin machen.“ Der naͤchſte Tag war Sonntag, und da Mrs. Vane regelmaͤßig in die Kirche ging, ſtand Ella faſt mit der Gewißheit auf, dieſe ihr ſo furchtbare Frau zu ſehen, und wiſſend, wie verlegen ſie ſich fuͤhlen wuͤrde, wenn ſie er⸗ fuͤllt mit dem Gedanken, von dieſer furchtba⸗ ren Richterin beobachtet zu werden, durch die Kirche gehe, fuhr ſie vor der gewoͤhnlichen Zeit, und eh' jemand von der Gemeinde ver⸗ ſammelt war. Sie empfand beynah Beſchä⸗ mung uͤber dieſe Schwäche; allein wem konnte es wundern, daß die Mutter ihres Geliebten ihr ein Gegenſtand des Intereſſes und der Un⸗ tuhe war! „Sie kommt ſehr ſpät!“ dachte Ella— als ſiehe! ein Bedienter in einer reichen alt⸗ modiſchen Livree, an der Kirchthuͤr, einer 8 191 ſchlanken majeſtätiſchen Frau, von gewiſſem Alter, Platz machte, die in Schwarz gekleidet, auf den Arm eines andern Dieners geſtuͤtzt, erſchien, worauf der Erſtere, ihr nachfolgend zum Chor hinauf ein großes Gebetbuch trug. „Dies iſt denn,“ dachte Ella, indem ſie ſich bemuͤhte uͤber die Seite des Kirchenſtuhls zu blicken,„die Frau die ich ſo lange zu ſehen fuͤrchtete!“ Aber man denke ſich ihre Beſtur⸗ zung, als der Bediente die Thuͤr oͤffnete, und Mrs. Vane zu ihr herein trat!— Die Sache verhielt ſich ſo: der Regen war durchs Dach in den Ella gehörigen Stand einge⸗ drungen, und man hatte fuͤr recht geachtet, bis der Schade wieder verbeſſert ſey, ihr als einer neu angekommenen und eben ſo vorneh⸗ men Dame wie Mrs. Vane, deren Kirchen⸗ ſtuhl anzuweiſen. 3 Ella erhob ſich unwillkaͤhrlich bey ihrem * Eintritt, konnte ſich aber kaum aufrecht erhalten, als Mre. Vane, mit einem Blick faſt uͤbermuͤthigen Erſtaunens, die unerwartete Fremde anſchaute, und ſie in dem noch immer ſchoͤnen Geſicht der Mut⸗ ter die dunkeln durchdringenden Augen des Sohns erblickte. Beſchaͤmt, und ſchnell die Farbe wechſelnd, wie ſie oft that, wollte ſie, ſo bald Mrs. Vane ihr Gebet geendet hatte, Entſchuldigungen machen, daß ſie, wit ſie jetzt vermuthete, ſich eingedraͤngt habe. Allein dieſe Dame, gleich Ludwig dem Vierzehnten, der ſich⸗ wie man ſagt, durch die Unruhe und Verwirrung, welche die Macht ſeiner Augen und die Wuͤrde ſeiner Erſcheinung veranlaßte, geſchmeichelt faͤhlte, ſchien durch eine verbind⸗ liche Bewegung mit der Hand, und Beugung des Kopfs, Ella zu verſichern, daß ſie will⸗ kommen ſey, und keine Entſchuldigungen be⸗ —————— . duͤrfe: in dieſem Augenblick begann der Got⸗ tesdienſt, und Andacht und Anſtand hoben alles Geſpräch unter ihnen auf. Doch noch nie fuhlte ſich Ella, in der Gegenwart ihres Schoͤpfers, fo ſchmerzlich durch die Naͤhe ei⸗ nes Mitgeſchoͤpfes bewegt, und zum Erſten⸗ mal in ihrem Leben entfernten ſich ihre Gedan⸗ ten von ihrem gewoͤhnlichen Ort der Ruhe, und Thraͤnen erfuͤllten dieſe Augen, die der Beobachtung der Menſchen entzogen, gewoͤhn⸗ lich zu ſtillem Gebet erhoben waren. Indeß zog ſie ihren Schleier uͤbers Geſicht, und ihre Vewegung war nur ihr allein bekannt. Nach geendetem Gottesdienſt hatte das ſchuͤchterne, beſchaͤmte Weſen, mit welchem Ella die tiefe, ſtattliche Verbeugung Mrs. Vanes erwiederte, einen unerwarteten Reiz fuͤr dieſe, welche, in der reichen bewunderten Erbin, ein hochfahren⸗ des, zuverſichtliches, junges Frauenzimmer zu N 194 ſehn erwartet hatte; und als ſie mit einer Stimme deren Wohllaut wir ſchon erwahn⸗ ten, hervor fluͤſterte, wie ſie hoffe ſich nicht aufgedrungen zu haben, und den Sitz für den ihrigen gehalten hätte, erwiederte Mrs. Vane mit ſo verbindlichen Worten, und einem ihrdni Sohn ſo ähnlichen Lächeln und Ausdruck, daß Ella koum ihre Gefuͤhle zuruͤckhalten konnte und ſehr froh war, als Mrs. Eimsley zu ihnen kam, und deren Auſwertſamteit a ſich zog. 16 Dieſe ſah bald an Mrs. Vanes vutegi taß ſie mit ihrer jungen Freundin zufrieden ſey und benutzte ſogleich dieſen guͤnſtigen Augenblick, ſie ihr vorzuſtellen, wobey ſich keine Spur zeite, daß ihr Name mit irgend einer ſchmerzlichen Crinnerung M in Ve vc ſirhe. 140 So weit war alles gut; und Ella tehrte ———— 3 —————— 155 in ihre Wohnung zuruͤck, ſich bewußt, daß ihr nächſter Zweck, und ihr liebſter Wunſch, nun die Erlangung von Mrs. Vanes Bekannt⸗ ſchaft und Zuneigung ſey. Am folgenden Tag kam ſie in die Pfarte zum Thee, um Mrs. Vane anzutreffenz und zu Ende des Beſuchs, der fuͤr beydeGäſte bofeiedigend ſchien, war ſie ſo gluͤcklich ihr eine Gefaͤlligkeit erzeigen zu können. Da der Wagen dieſer Dame, als er ſie abzuholen kam, umgeworfen und fuͤr den Gebrauch zu ſehr beſchaͤdigt ward, nahm ſie; lahm und krank als ſie war, gern Ellas Anerbieten an, ſie in dem ihrigen i zu ihrer Wohnung zu begleiten. Beym Abſchied äußerte Eha, mit ſo viel Reſpekt als ſpreche ſie mit einer Köntgin, die Hoffnung ihre Aufwartung im Mayerhof machen zu duͤrfen. h 9 „Es iſt meine Schuldigkeit ſie zu be⸗ ſuchen/“ etwiederte Mrs. Vane lebhaft;„al⸗ N2 196 tein ich bin ein uͤbler Beſuchmacher, und ſelten aus dem Hauſe.“ „Ohne auf dieſe Ceremonie zu wartem wuͤrde ich nur zu ſtolz ſeyn, ihnen meine Ach⸗ tung bezeugen zu duͤrfen,“ ſagte Ella, und am nächſten Tag ließ ſie eine Karte an der Lhur. Auf dieſe Art ſchmeichelte ſie ſich den Grund zu einer Bekanntſchaft gelegt zu haben, veſonders als ſie von ihrer Freundin erfuhr, Mrs. Vane ſey ganz von ihrer Perſon und ihrem Betragen entzuckt geweſen; und nur zu hald trug ſich eine Begebenheit zu, bey der ſich Ella froh fuͤhlte, die Etiquette aufgegeben und ſo offen die Bekanntſchaft dieſer ſchwe⸗ müthigen, doch achtungswerthen Frau, 9. ſucht zu haben.— Es iſt vorhin rwahnt worden, vaß das Verinögen, welches Mrs. Vane von einem Verwandten erbte, perſoͤnliches Eigenthum 1 197 war, und dies Geld hatte ſie ganz der Sorg⸗ falt eines bedeutenden Wechslers, und ge⸗ nauen Freundes, der mit einem wohlangeſe⸗ henen Haus in Verbindung ſtand, überlaſſen. Allein unvorhergeſehene Zufälle in der Han⸗ delswelt erſchuͤtterten den Credit dieſes Hau⸗ ſes in ſeiner Grundfeſte, und um ein beun⸗ ruhigendes Geruͤcht in der Bank zu ſtillen, wagte dieſer Freund, in der Hoffnung das Geld in wenig Tagen wieder zuruͤckzunehmen, den Gebrauch ihres Vermoͤgens. Doch der Ruin war zu vollſtaͤndig, um ihn ausweichen zu koͤnnen, und in kurzem zeigte ſich der gaͤnz⸗ liche Untergang des beſagten Handelshauſes, und der ſaͤmtliche Verluſt von Mrs. Vanes Einkommen; denn ihr blieb nichts als eine kleine Summe, die ihr Gemahl ihr ausgeſetzt, und ſie ihm zugebracht hatte! Was ſie auch bey einem ſo ungluͤcklichen Ereigniß empfinden 193 mochte, Ellas Gefuͤhle waten von eben ſo ſchmerzlicher Art, denn ſie empfand zum E ſtenmal die Qualen der Selbſtverdammung. „Ohne mich,“ rief ſie voll Schmerz,„würde ihr Sohn hier geweſen ſehn, und ſogleich ih⸗ ren Mangel abgeholfen haben: dennoch, ſo bald ihn dieſe Nachricht erreicht, wird er gewiß ſogar noch meht 6 ais erfordert!“ 2 6nun Der Stolze iſt ſo geeignet, durch unglück noch ſtolzer zu werden, daß Ella vorherſah, eine nähere Bekanntſchaft mit Mrs. Vane wuͤrde jetzt ſchwerer als je ſehn. Es iſt wohr da ſie den großten aller unglücksfaͤlle, den, eines angebeteten Gattei erfahren hatte, 5 ihr, wie ſie Mrs. Elmsteh vetſicherte⸗ Entzichung des Vermogens nicht ſehr ſchmerp⸗ haft ſeyn; autein ſie wat lihm, in ſchwacht⸗ chet Geſuüdheit, und bebubfte vieler Bedie — ———————— —— 199 nung, außer jenen kleinen Bequemlichkeiten und Schwelgereyen welche die Krankheit er⸗ fordert, und der Reichthum allein gewaͤhren tann; und dieſer ſah ſie ſich, wenigſtens auf längere Zeit, beraubt, da Monate vergehn mußten, eh' Oberſt Vane ihre Lage erfahren konnte. Ueberdies war ſie die große Dame im Ort geweſen, und nunmußte ſie den May⸗ erhof verlaſſen, und ein kleines Haus mie⸗ then, das eben fuͤr ſie und eine Magd Raum genug beſaß. Nun mußte ſie zur Kirche, hin und zuruͤck zu Fuß gehn, oder ſich im Wagen eines Andern mitnehmen laſſen 1— Ella kannte das menſchliche Herz genug, um zu fuͤhlen, wie ſie bey dieſer ſchwierigen Gele⸗ genheit beſondere Sorgfalt anwenden muͤſſe, Mrs. Vanes Stolz und Zartgefuͤhl, nicht durch zu auffallende Aufmerkſamkeit und Dienſt⸗ leiſtungen zu verwunden, und ſie zu entfrem⸗ 200 den, anſtatt zu verbinden; da ſie im Gegen⸗ theit, wenn ſie ihr nuͤtzlich ſeyn könne, ohne. den anſcheinenden Vorfatz dazu, dieſelbe wahrſcheinlich zu allem beſtimmen wuͤrde, ſie wuͤnſchte. Drey Sonntage vergingen, nachdem Mrs, Vane den Verluſt ihres Vermoͤgens erfahren hatte, ohne daß ſie die Kirche beſuchte. Am Vierten erſchien ſie, mehr auf den Arm eines Bedionten geſtützt, und einen andern hinter ſich, ſondern von einer weiblichen Be⸗ dienung begleitet; und das Gebetbuch ſelbſt tragend. Ella beſaß nicht Standhaftigkeit ge⸗ nug dieſen Wechſel ohne Ruͤhrung anſehn zu können, obgleich Mrs! Vane ihn mit Feſtig⸗ keit ertrug; und als ſie dieſelbe beym Ein⸗ tritt mit all' der Achtung die ſie gegen ſie em⸗ pfand begruͤßte, mußte ſi ſie ſich. und ihr Geſicht verhuͤllen. 201 — hatte an dieſem Tage die feine Ruck⸗ ſicht gehabt, ohne ihren Wagen zur Kirche zu kommen, damit Mrs. Vane nicht an ihre ver⸗ änderte Lage erinnert werde, indem ſie die⸗ ſelbe in einer glaͤnzenden Equipage wegfahren ſah, waͤhrend ſie zu Fuß kommen und gehn mußte. Vielleicht fuͤrchtete ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, den Anblick dieſer Verſchiedenheit; denn ſie warf an der Kirchthur, in der That, eine Art furchtſamen Blicks umher, als ob ſie etwas ſuche; allein Ella ging ſichtlich fort, ohne einen Wagen zu erwarten, und Mrs. Vane ſchien ſich durch diefen Umſtand erleich⸗ tert zu fuͤhlen. Da ſie ſich im Gehn auf ihre Dienerin ſtuͤtzte, blieb Ella, die vor ihr war, ſtehen, und bot ihr den Arm, welchen ſie an⸗ nahm. Ella ſprach hierauf von der Schoͤn⸗ heit des Wetters, und lobte die Annehmlich⸗ keit zu Fuß zur Kirche zu gehn.„Ihnen 1 — 202 kann es angenehm ſeyn,“ erwiederte rs. Vane mit Nachdruck und Empfindung,„denn ſie ſind jung und geſund, und das Gehn iſt eine Handlung ihrer Wahl, nicht der Noth⸗ wendigkeit; aber ich bin lahm, alt, und kraft⸗ los, und muß gehn: uͤberdies bin ich das Gehen nicht gewohnt. Indeß der Himmel mäßigt den Wind fuͤr das geſchorne Lamm, und mit der Zeit werd' ich mit meinem Schickſal zufrieden ſeyn, wie ich ſeyn ſoll.“— Eine Perſon von weniger Feinheit und wahrem Wohlwollen, als Ella, wuͤrde ſogleich ihren Wagen angeboten, und mit der Verſichrung geprangt haben, daß er ihr immer zu Dienſten ſuhe. Allein Ela fühlte nicht nur, wie ein ſol⸗ ches Anerbieten in dieſem Augenblick ausſehn könne, als glaube ſie Mrs. Vane habe darauf gerechnet, ſondern ſie wußte auch, daß es aufs ſtärkſte die Ueberlegenheit ihrer Lage bezeichnen ——— 203 würde. Sie⸗ ſchwieg daher, wagte es aber ſanft den in den ihrigen gelegten Arm zu drä⸗ cken, waͤhrend eine Thräne ihre Wange be⸗ netzte, und dem Gegenſtand ihrer Theilnahme bewieß, daß ihr Schweigen nicht von Fuͤhllo⸗ ſigkeit herruͤhre. Wie wenig ahnte Mrs. Va ne den Plan, welchen Ella mit ihr hatte, ei⸗ nen Plan, deſſen Ausfuͤhrung zu wagen noch zu gefaͤhrlich ſchien.. Eines Sonntags hielt ein betugr Regen die beiden Damen in der Kirchenhalle zuruͤck, und Ella war genoͤthigt nach ihrem Wagen zu ſenden, in wechem Mrs. Vane einen Platz anzunehmen bewogen ward. Da ſich indeß das Wetter aufklaͤrte, eh' ſie den Mayerhof erreichten, ſchlug Elln vor, noch weiter zu fah⸗ ren, und bat endlich ihre Begleiterin an ihrer eigenen Wohnung auszu ſteigen, um einige Verbeſſerungen zu ſehn, welche ſie da machen 204 tieß.„Es wuͤrde ſo gefällig von ihnen ſeyn, wenn ſie ausſteigen wollten!“ ſagte Ella. „Allein ich bin keine gefällige Perſon,“ erwiederte ſie mit traurigem Lächeln:„den⸗ noch weiß ich nicht wie es iſt, man kann ih⸗ nen nicht widerſtehn.“ Mit dieſen Worten folgte ſie der erfreuten Ella ins Vorhaus, die ſie in eine ſchoͤne geraͤumige Bibliothek fuͤhrte, und mit den Ausdruͤcken der dankbarſten Herzlichkeit willkommen hieß. Doch beide konnten nicht die Folgen dieſes Beſuchs vorher ſehn! Indem Mrs. Vane enige Stufen, die aus einem Zimmer ins andre fuhrten, hinab ging, gleitete ſie aus, und fiel mit einer Heftigkeit, die ihren Fuß ſo ſehr beſchä⸗ digte, daß es ihr unmoglich war⸗ aufzutreten oder fich zu bewegen. Ella ſandte ſogleich nach dem nächſten Beyſtand, innerlich voll Danks, daß der Zufall, wenn er einmal ſich — ————— . 205 zuteagen ſollte, unter ihrem Dach geſchehe „Dieß iſt eine boͤſe Sache, Miß Mor⸗ daunt, ſowohl fuͤr ſie als fuͤr mich,“ ſagte Mrs. Vane,„denn ich glaube ſie werden einige Zeit mit mir geplagt ſeyn.“ „Geplagt!“ erwiederte Ella,„geplagt! ſagen ſie lieber geſegnet!— O wenn ſie wuͤßten, wenn ſie nur ahnen koͤnnten, wie ſehr gern ich bey Ihnen bin!“ Hier brach ſie, zum Erſtaunen ihrer zufriednen, obwohl leidenden Zuhörerin, in Thraͤnen aus. „Junge Dame!“ ſagte Mrs. Vane, nach einer Pauſe,„ſie beſitzen lebhafte Empfin⸗ dungen, und leicht zu erregende Gefuͤhle, denn ſie haben bis jetzt noch keinen tiefen und tiefliegenden Kummer gekannt.“ „Keinen Kummer? Wie, ich nicht?“ er⸗ wiederte Ella lebhaft. g06 Wenigſtens keinen Kummer dem meini⸗ gen gleich, Miß Mordaunt; und ich ſchreibe dieſe heftige Bewegung der Theilnahme an meinen Unglucksfällen und dem großmuͤthigen Wunſch zu, mich zur Schonung meines Stolzes glauben zu laſſen, daß ich durch die in Wahrheit *„et werden mich verbinden, wenn ſie mir erlauben ihnen nätzlich zu ſeyn; allein meind Bewezung hat eine Urſache die ſie nicht vermuthen:— dennoch mit der Zeit ſollen ſie dieſelbe erfahren.“„ Mit wenig Worten:— Schmerz, Be⸗ ſchränkung auf eine Stellung, und vorherge gangene Unruhe des Gemuͤths, zeigten vinen verderblichen Einfluß auf Mes. Vanes Ge⸗ ſundheir, und Ells hatte die traurige Befri⸗ digung, die Mutter des Mannes den vir — 207 ſiebte, in einer langen und gefihrlichen Krankheit zu verbftegen. Allein ſir genas, und genas um Ella durch die Verſichtung zu erfreun, daß ſie iht Leben ihrer unausgeſetten Sorafult, und ſelbſt Aufnatfin keit zu danken habe. Oberſt Vane war nun beynah zwölf Me⸗ nte ausgeſtgelt. Seine gluͤckliche Ankunft wußte man durch einen Brief, den er an Mivers ſchrieb, weichem er indeß beyfügte, daß er im Begriff ſtehe, ſich zur Armee unter General Harris zu begeben, und in Kurzem im Feuer des Kriehs zu ſeyn hoffe.— Welch eine qualvolle Nachricht für Ela! Aber ſe wußte, der Brief, der ihre Rechtfertigung enthlelt, mußte ungekommen ſchn, und ſie hoffte, wenn ör ihn erhielt, werde er, um ihretwillen, fö viel äts udguch für dit Ethal⸗ tung ſeines Leteis in⸗, nicht, 3% 1 510 3 208 wie ein VerzDeifelter, unbeſorgt um Leben und Sicherheit, in die Gefahr ſturzen. Allein ihre Hoffnungen auf das Gluͤck eines wieder⸗ hergeſtellten Vertrauens, und auf ſeine Ruͤck⸗ kehr zum Vaterland, ſo wie die ſeiner Mut⸗ ter, ſich durch ſein kindliches Pflichtgefuͤhl in 1 guͤnſtigere Verhaͤltniſſe verſetzt zu ſehn, wur⸗ den bald niedergeichlagen, wo nicht fuͤr im⸗ mer vernichtet. Man echielt hie Nachricht der gunahe von Seringapatam, wo zugleich gemeldet ward, daß die Freude des Siegs, durch den Verluſt und die Gefahr Fbreter braver Officiere, ge⸗ truͤbt werde; daß Oberſt Vane, nachdem er ſeine Tapferkeit gezeigt, eine kleine Truppen⸗ abtheilung zu weit von der Hauptarmee ge⸗ fuͤhrt habe und umringt worden ſey; daß man ihn fallen ſah, doch bis jest ſeinen Koͤrper noch nicht gefunden hatte, weßhalb er nur vermißt angegeben ward. 209 Dieſe ruhmvolle offentliche, doch ſchmerz⸗ hafte Privatneuigkeir ward Mrs. Vane durch einen Londner Anwald, und Ella durch ihre Freundin Mrs. Elmsley mitge⸗ theilt, die von Mrs. Belmont den Auftrag erhalten hatte, ein Geſchaͤft in Perſon zu uͤbernehmen, das ſie ſelbſt nur durch Briefe vollziehn konnte. Ella empfand daher die erſten Qualen, welche dieſe Nachricht erreg⸗ te, ohne von der ungluͤcklichen Mutter ge⸗ ſehen zu werden, die ſich eingeſchloſſen hatte, um im Stillen zu trauern— nicht uͤber den Verluſt von ihres Sohnes Geſell⸗ ſchaft, denn wie konnte ſie etwas vermiſſen oder beklagen, deſſen Genuß ſie ſich nie verſtattet hatte?— ſie trauerte uͤber die fantaſtiſche Nachſicht gegen eine kranke Em⸗ pfindſamkeit, die ſie verleitet hatte, die per⸗ ſoͤnlichen Aufmerkſamkeiten eines Sohnes zu verſchmaͤhen, den ſie nun nie wiederſehen D 210 ſollte. Und als ſie den Schmerz erwog, welchen ihr Betragen ſeinem zaͤrtlichen Her⸗ zen verurſacht hatte, fuͤhlte ſie die Qua⸗ len der Reue, und empfand gewiſſermaßen die Beaͤngſtigungen eines ſtrafenden Gewiſ⸗ ſens. Es iſt vielleicht nichts, was die Selbſtliebe ſo vollkommen ihrer Laͤuſchungen entkleidet, als die Hand des Mißgeſchicks. Bis jetzt hielt Mrs. Vane die romanhafte Liebe fuͤr ihren Gatten, welche ſie den An⸗ blick ihres einzigen Kindes zu meiden be⸗ wog, weil dieß Kind die Veranlaſſung zu deſſen Tod war, für einen Beweis von Ge⸗ fuhl, welches ihrer Eitelkeit ſchmeichelte, in⸗ dem es ihr ein Bewußtſeyn des Ueberge⸗ wichts über leichtet zu troͤſtende Dulder er⸗ theilte. Allein jetzt ward ihr Gewiſſen durch die Bitterkeit der Reue erweckt, die ihr nur zu nachdrucklich zeigte, daß der einzige ſichere und tugendhafte Beweis für ihre 211 zaͤrtliche Anhaͤnglichkeit an das BGedaͤchtniß ihres Gatten verdoppelte Neigung fuͤr den Sohn geweſen ſeyn wuͤrde, den dieſer Gatte liebte, und zu deſſen Rettung er ſein Leben in Gefahr ſetzte. Auch Ella hatte allein zu ſeyn gewuͤnſcht, und bemuͤhte ſich, ſo viel Faſſung zu erhal⸗ ten, um Mrs. Vane's Aufforderung, ſie zu ſehen, gehorchen zu koͤnnen. Endlich fühlte dieſe, daß Ella's Gegenwart ihr wohl thun wuͤrde, und ſandte deshalb zu ihr, wenig ahnend, daß ihre guͤtige aufmerkſame pfie⸗ gerin, ihre zärtliche Gefährtin, durch die⸗ ſelbe niederſchlagende Nachricht noch mehr als ſie ſelbſt litt, ausgenommen, daß Hoff⸗ nung, wunderbar doch gluͤcklich, ihre Ver⸗ zweiflung unterbrach, freundlich ihr zufluͤ⸗ ſternd, obwohl verwundet und gefangen, könne er ſich noch immer unter den Leben⸗ 212 den befinden, da keine ſihere uenn ſeines Todes vorhanden ſey. Als Ella ins Zimmer trat, war Mrs. Vane zu ſehr mit ihren eignen Gefuͤhlen nen; und während ſie an ihrer Schulter Thraͤnen vergoß, entging ihr, daß die Wange, welche die ihrige beruͤhrte, kalt und bleich wie der Tod war. „O Ella!“ rief ſie,„jetzt, da er fuͤr mich auf immer verloren iſt, ſchmerzt ees mich, ihn ſo entfernt von mir gehalten zzu haben! es ſchmerzt mich, daß ich dieſe Gefühle nicht unterdrückte, die mir nun ſtrefber erſcheinen, die mich antrieben, durch meine Kaͤlte von mir zu weiſen und— hier ward ſie aufs ſchmerzlichſte— denn Ella, zu genau mit den Vorwuͤrfen, die ſie ſich ſelbſt machte, üͤbereinſtimmend, und erſchuͤttert durch die Worte: fuͤr mich beſchäftigt, um die ihrigen bemerken zu kön⸗ 213 auf immer verloren, war empfindungslos auf ihre Schulter geſunken, und es vergin⸗ gen mehrere Stunden, ehe ſie die Gegen⸗ wart der beſtuͤrzten und beunruhigten Frau ertragen konnte. Jedoch Ella, fuͤr die alle Verheimichung quaͤlend war, beſchloß von dieſem Augen⸗ blick an, obwohl auf die Gefahr, die liebſte Hoffnung ihres Herzens vereitelt zu ſehen, jedes ſeiner Geheimniſſe Mrs. Vane zu entdecken, und am Abend bat ſie dieſelbe an die Seite ihres Ruhebettes zu kommen; und waͤhrend die beſorgte Frau ihr veraͤndertes Ausſehen beobachtete, ſprach ſie:—„Es war lange, und iſt jetzt der theuerſte Wunſch meines Herzens, mich nie wieder von ih⸗ nen zu trennen. Ich ſuche eine angemeſſene Geſellſchafterin, mit einer Waiſe gleich mir zu leben, einem Weſen ohne nahe Ver⸗ haͤltniſſe irgend einer Art; und haͤtte ich 214 eine ſolche Gefaͤhrtin aus der ganzen ver⸗ ſammelten Welt zu wählen, ſo würde meine Wahl auf ſie gefallen ſeyn.“ Mrs. Vane, voll innerer ng wie wenig eine Frau zerknirſchten Herzens, wofaͤr ſie ſich hielt, zu uebernehmung des Geſchaͤfts geeignet ſey, ſprach nicht, ſchut⸗ telte aber ihr Haupt zum Zeichen der billigung. „Wie! ſie mißbilligen, ehe ſie wiſſen, wer ich bin?— wenn ſie es erfahren wer⸗ den, ſoll es mich nicht wundern, mich wirk⸗ lich von ihnen verworfen und e zu ſehen.“—— „Erfahren, wer ſie ſind? Was meinen ſe 7 rief Mrs. Vane, voll vun S rede im Fieber. „Ich bin ein ſchuldloſes, doch hoͤchſt un⸗ gluͤckliches Weſen. Sie muͤſſen ſich errin⸗ nern,— daß eine vorgeſetzte Verbindung 215 mit einer Erbin ihnen mitgetheilt ward von—“ „Ich verſtehe ſie:— ja— eine Ver⸗ bindung, die ich nicht anders als biligen nmußte, denn die Dame, mit der ſie ge⸗ ſchloſſen werden ſollte, beſaß, wie man mir ſagte, großes Vermoͤgen, Schoͤnheit und Tugend. „Ich war es!“ rief Ella mit Anſtren⸗ gung.“ „Sie!“ ſprach Mrs. Vane mit ſchwa⸗ cher Stimme,„arme Dulderin!“ und in dieſem Augenblick nur ein leidendes Weſen, wie ſie ſelbſt war, in ihr erblickend, ſchloß ſie dieſelbe mit der Zärtlichkeit einer Mut⸗ ter, und dem Mitgefuͤhl einer Wittwe, in ihre Arme. Es vergingen meh⸗ rere Minuten, ehe ſie das Geſpraͤch erneuern konnten; endlich ſagte Mrs. Vane:„Al⸗ lein warum ſollte ich ſie von mir weiſen, 216 wenn ich hoͤrte, daß ſie die Geliebte meines Sohnes waͤren?“ „Weil er, ohne einen Streit mit mir, England nicht verlaſſen haben wuͤrde.“ „Ha! jetzt faͤllt mir ein, wie er mir andeutete, ſeine getauſchte Hoffnung in der Liebe habe ihn bewogen zu gehn, und Lor⸗ beeren zu ſuchen in—“ hier nothigte Be⸗ wegung ſie zu ſchweigen, und machte ihre Gefaͤhrtin unfähig, mehr zu hören. Es iſt zu vermuthen, daß viele ſolche Unterbrechungen des Geſpraͤchs zwiſchen zwey Perſonen Statt fanden, die ſo ſehr bey dem traurigen Ereigniß intereſſirt waren, das ſich eben zugetragen hatte. Endlich ſetzte Ella die Unterhaltung alſo fort:—„Ich bin wirklich zu Folge meines uͤbereilten Zorns, wegen einer Beſchuldigung, die Grund zu haben ſchien, die urſpruͤngliche Veranlaſſung ſeiner Entfernung von W.. das uͤbrige 217 war Wirkung des Zufalls und falſcher Nach⸗ richten. Doch ob ich gleich wußte, daß ich meinen Fehler nicht zu geſtehen brauchte, da ſie ihn nie wuͤrden erfahren haben, war es doch gegen mein Gefuͤhl der Wahr⸗ heit, ihnen zu geſtatten, unbewußt das Weſen unter ihren Schutz zu nehmen, wel⸗ ches das Mittel war, ſie eines ſolchen Schat⸗ zes zu berauben. „Eines Schatzes! ach! für mich, was dem Geizigen ſein Gold iſt!“ rief Mrs. Vane. „Hier,“ fuhr Ella fort, die ſich durch ihre Bewegung gequaͤlt fuͤhlte und ſie zu unterbrechen wuͤnſchte,„hier iſt eine Dar⸗ ſtellung meiner traurigen und ereignißrei⸗ chen, obwohl kurzen Geſchichte, nebſt der Enthuͤllung eines Geheimniſſes, welches bis jetzt nur ihnen allein vertraut iſt, der Ver⸗ hältniſſe des Kindes, das unter die Be⸗ 218 wohner dieſes Hauſes gehoͤrt.— Leſen ſie, und richten ſie mich; und wenn ſie koͤn⸗ nuen, ſo erfuͤllen ſie meine eifrigſte Bitte, und laſſen meine kuͤnftigen Tage zum Wohl⸗ befinden der Mutter beyzutragen angewen⸗ det werden, da es mir verſagt iſt, ſie fuͤr das Glůck des Sohnes zu verleben.“— Ella wuͤnſchte hierauf zu verſuchen, ob ſie ſchlafen koͤnne, und Mrs. Vane entfernte ſich, die Schrift zu leſen. Sie begann mit des Oberſt erſtem An⸗ blick und einer genauen Darſtellung alles deſſen, was unter ihnen vorgefallen war, begleitet von den Briefen, die Ella von ihm erhielt und denen, die ſie zuletzt an ihn ge⸗ ſchrieben hatte.— Hierauf folgte eine voll⸗ ſtaͤndige Erklaͤrung des Geheimnißvollen ih⸗ rer Reiſe nach Wales, und des unter ih⸗ rem Schutz ſtehenden Kindes. Ella ſchrieb hieruͤber folgendes: 219 Wäͤhrend ich mich in London befand, er⸗ hielt ich einen Brief von meiner naͤchſten Verwandten, der einzigen Tochter meines verſtorbenen Oheims, den ich zaͤrtlich liebte, worin ſie mich beſchwor, wenn ich ſie noch lebend zu ſehn wuͤnſchte, ſogleich nach einem gewiſſen Dorf, in einer gewiſſen Landſchaft in Wales abzureiſen, jedoch mit der Bitte, gegen niemand den Ort ihres Aufenthalts zu erwaͤhnen. Auch bat ſie mich, meine Die⸗ nerſchaft bei Ankunft in der Hauptſtadt zu⸗ ruͤckzulaſſen, und eine Station allein weiter zu reiſen— wo ich am Ende derſelben je⸗ mand antreffen ſollte, der mich zu ihrem Wohnort begleiten wuͤrde.— Dieſer Brief erfullte mich mit großer Beſtuͤrzung und Un⸗ ruhe.— Da ich immer Verbergung und Ge⸗ heimniß als Beweiſe von Schuld angeſehn hatte, konnte ich es kaum uber mich gewinnen, einer ſo geheimnißvollen und verdaͤchtigen 220 Aufforderung zu folgen. Allein ich hatte meinen Oheim geliebt und liebte ſeine Toch⸗ ter, und da ihr Betragen in meiner Mei⸗ nung ohne Fehler, und ihr Charakter tadel⸗ los war, glaubte ich, ihr Gemahl, ein Poſt⸗ hauptmann und ſehr tapfrer Officier, ſey in irgend eine Unannehmlichkeit gerathen, und genothigt, ſich zu verbergen, wo ſie ver⸗ muthlich die Gefaͤhrtin ſeiner Einſamkeit waͤre.— Ach! ſo wenig war ich auf den Schlag vorbereitet, der mich erwartete. Be⸗ ſorgt fuͤr das Leben meiner Couſine und uͤber ihre Gefahr beunruhigt, machte ich mich ſo⸗ gleich auf, und Tag und Racht reiſend, befand ich mich bald an dem Ort, wo ich meine Die⸗ nerſchaft entlaſſen ſollte. Ich that es, und zu Ende der erſten Station traf ich eine Art Pachtersknecht, mit einer einſpaͤnnigen Chaiſe, der mir in kaum zu verſtehendem Engliſch ſagte, daß er gekommen ſey mich zu 22I Mrs.—, den angenommnen Namen meiner Couſine nennend, zu bringen, wobei er mir eine kurze Note von ihr gab. Nachdem ich ungefaͤhr eine Stunde uͤber Abgruͤnde„ und durch Kroͤmmungen von Thaͤlern, welche die furchtbarſten Felſen, die ich je ſah, ein⸗ ſchloſſen, gereiſ't war, erreichten wir eine Art Huͤtte in der Naͤhe eines Pachterhauſes, an deren Thuͤr ich nicht, wie ich hoffte, Hauptmann Montgomerie, aͤngſtlich meine Ankunft erwartend, ſondern eine Frau er⸗ blickte, die ehmals Hofmeiſterin meiner Ver⸗ wandten geweſen, und, wie ich glaubte, in Jerſey verheirathet und wohnhaft war. Ich hatte keine Zeit zu Fragen, bevor ich mich am Lager der faſt ſterbenden Lucie befand, die mich mit Thraͤnen und Segnungen uͤber die Gewaͤhrung ihres Verlangens, und zu⸗ gleich mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Unruhe empfing, den ich unmoͤglich zu „ 222 erklaren vermochte. Daß ihr etwas ſchwer auf dem Herzen lag, bemerkte ich bald, und als ich erfuhr, Hauptmann Montgomerie ſey zur See, obwohl man ihn in kurzem erwarte, und Lucien ſagen horte, ſie hoffte, vor ſeiner Ankunft geſtorben zu ſeyn— da erfuͤllten ſelt⸗ ſame ungluͤckliche Vermuthungen mein Ge⸗ muͤth, und ich wuͤnſchte und fuͤrchtete zu⸗ gleich eine Erklaͤrung. Sie fand nur zu bald Statt. Nachdem ſie das Walliſer Maͤd⸗ chen, das ihr diente, weggeſchickt, und ihre Freundin Benmelt erſucht hatte, uns allein zu laſſen, bat ſie, mich an die Seite ihres Lagers zu ſetzen, und wo moglich mit Ge⸗ duld ihre Geſchichte anzuhoͤren—„Aber wie kann ich dieß erwarten?“ fuhr ſie fort,„wie kann ich erwarten, daß eine Reinheit, wie deine, die Darſtellung einer Schuld, der mei⸗ nen gleich, ertragen kann?“—„Schuld!“ rief ich ſchaudernd— Ja, Ella, Schuld.— 223 Wie wirſt du zugleich erſtaunt und betruͤbt ſeyn, wenn du hoͤrſt, daß die, welche dir immer als ein Muſter verheiratheter Frauen, und ſo glucklich als tugendhaft erſchien, ein ehrvergeßnes Weib und eine ungetreue Gat⸗ tin war!“— Bey dieſen ſchrecklichen Worten ſprang ich mit Entſetzen von meinem Sitz empor, und es dauerte lange, ehe die Qualen der ſterbenden und reuigen Sünderin, und meine eigne Erwaͤgung, daß ſie eine Leidende und vielleicht Büßende ſey, den Kampf mei⸗ ner Gefuͤhle ſtillen, und mich damit verſoͤh⸗ nen konnten, in dieſer Periode meines Lebens der ſchutzloſe Zeuge eines ſolchen Sterbebettes, und unter allen Nachtheilen des Geheimniſſes und der Einſamkeit hinzugefuͤhrt zu ſeyn. ueberdieß fuͤhlte ich, daß es keine gewöhnliche Verirrung war, denn ihr Gemahl zeigte ſich immer zaͤrtlich und nachſichtig. Endlich ſagte ſie folgendes:„Obgleich mein Mann 1 224 die größte Zůrtlichteit für mich enpfand, und da er meinen Unwerth nicht kennt, noch em⸗ pfindet/ liebte ich ihn doch eigentlich nie, wie jene kleinen Zwiſtigkeiten, die zuweilen ſelbſt in den übereinſtimmendſten Ehen Statt finden, hinlaͤnglich beweiſen, wo das Nach⸗ geben immer auf der Seite meines Gatten, nie auf der meinigen war. Dieß bemerkte bald ein Hausfreund, dieſe größte al⸗ ler Gefahren füͤr die Ruhe eines verheira⸗ theten Paars— wenn er nicht Rechtlichkeit und die Frau nicht feſte Grundſätze beſitzt— det er, welcher zu allen Zeiten kommen kann, und zu jeder Stunde willkommen iſt, muß zuweilen erſcheinen, wenn einige vor⸗ uͤbergehende Wolken ſich auf der Stirn des Mannes oder der Frau zuſammengezogen haben, und die letztere vergleicht die ſau⸗ ern Blicke ihres Gatten mit dem unge⸗ truͤbten Auge, dem gefäͤlligen Lächeln, und * 5. 225 der unausgeſetzten Aufmerkſamkeit des beſu⸗ chenden Freundes. Bleibt ſie nun mit die⸗ ſem allein, wie leicht kann da ein verſchlag⸗ ner Mann von einem ſchwachen Weib eine Zergliederung der Veranlaſſung zur uͤbeln Laune ihres Mannes, und Klagen uͤber deſ⸗ ſen Unfreundlichkeit erhalten, waͤhrend er dagegen ſeine Verwunderung äußert, wie jemand das Herz haben kann, ſolche Vortrefflichkeit zu betruben. Ach! auf dieſe Art ward ich ver⸗ leitet; und ich erklaͤre mit ſterbender Stimme⸗ daß ich jede Frau, die ihrer Pfücht ſo weit vergißt, um ſich uͤber ihren Gatten und da⸗ zu gegen einen Mann zu beklagen, fuͤr verloren halte, wenn dieſer Mann nicht Grund⸗ fätze und Ehre beſitzt.“(Luciens Bekennt⸗ niß ward, wie ſich denken laͤßt, nicht ſo im Zuſammenhang vorgetragen, ſondern oft durch meine Fragen, und die unwillkuͤhrlichen Aeuße⸗ rungen meines Erſtaunens uͤber ihr Vergehn 226 herbeigefuͤhrt.)„Unſer Verſtändniß blieb nicht allein unentdeckt, ſondern entging auch allem Argwohn,— denn mein Betragen, wie du weißt, war ſehr berechnet; und ob⸗ wohl ich gleichſam zweyerlei Betragen hatte, ließ uns doch die Furcht vor der Entdeckung hinlaͤnglich auf unſrer Hut ſeyn, und wenn mein Mann zur See war, ſah man uns nie zuſammen. Doch lange ehe unſer Umgang aufhoͤrte, fand ich, daß mein Liebhaber alle Neigung zu mir verloren hatte, und mich, zu einem gänzlichen Bruch mit ihm, gegen ſich aufzubringen wuͤnſchte, waͤhrend ich zu gleicher Zeit die ungluͤckliche Entdeckung machte, wahrſcheinlich Mutter zu werden, und Schande zeigte ſich mir in all' ihren Schreck⸗ niſſen. Da indeß mein Mann nach mehrern Monaten erſt zuruͤckkehrte, obwohl er ſchon ſechs abweſend war, hoffte ich meine Lage verbergen und einer Entdeckung ausweichen zu 227 koͤnnen. Als ich daher eine längere Ver⸗ heimlichung unmoͤglich fand, ſchrieb ich an meine Freundin Benwell, ſie mit meinem Ungluͤck bekannt zu machen, und ſie kam ſo⸗ gleich zu mir heruͤber. Bald nachher reiſ'ten wir unter dem Vorwand, ihre Geſundheit bevürfe des Gebrauchs von Ziegen⸗Molken, nach Wales; und als meine Zeit herankam, begaben wir uns an dieſen abgelegnen Ort, wo ich, nur von einer Frau bedient, Mutter einer Tochter ward, die dein Ebenbild iſt, Ella, beſonders in den Augen, und du weißt, wie ähulich du mir ſeyn ſollſt.— Wär' ich dir auch ſo aͤhnlich an Geſinnung geweſen! Dennoch wenn ich dich bewege, meine arme Waiſe, meine kleine Ella(denn ich habe ſie nach dir genannt) in Schutz zu nehmen, kann ſie dir dann an Tugend gleichen, obwohl ihre arme Mutter es nicht that— und die Verhältniſſe beſtimmen mich, ſie dir zu ver⸗ P2 228 machen. Du biſt reich, und kannſt für ſie ſorgen; du biſt wohlwollend, und wirſt ſie beſchuͤtzen.“— Hier fuͤhlte ſich Mrs. Mont⸗ gomerie zu erſchoͤpft, um fortfahren zu koͤn⸗ nen, und ließ mir Muße, uͤber die unerwartete Verlegenheit und gefaͤhrliche Sorge, der ſie mich ausgeſett hatte, nachzudenken. Ach! in welches Ungemach verwickelt nicht ein ſchwaches Weib alle die welche mit ihr ver⸗ bunden ſind! Ein geſunkener Mann kann von der Familie, welcher er zur Schande gereicht, aufgegeben werden; allein ein ge⸗ ſunkenes Weib, ſchwach und abhängig durch Natur und Geſchlecht, muß ſich immer an die Bande halten, denen ſie nicht mehr anzu⸗ gehoͤren wuͤrdig iſt.— Ich ward ſohleich die uͤbeln Folgen gewahr, die eine Zumuthung dieſer Art faͤr mich haben wuͤrde, wenn mir nicht verſtattet waͤre, die Namen der Eltern des Kindes zu nennen, und empfand Unwillen 229 und Verdruß uͤber den kalten Eigennutz die⸗ ſer ungluͤcklichen Frau, der ſie antrieb, ohne anſcheinende Ruͤckſicht auf mich zu nehmen, nir eine Laſt aufzubuͤrden, die wahrſcheinlich meinem Ruf und meinen Ausſichten fuͤr's Leben ſo nachtheilig war.— Schon hatte ich beynahe voll Entruͤſtung beſchloſſen, ihr Verlangen abzuweiſen, als der Anblick des Todes auf ihrem Geſicht jedes andere Ge⸗ fuͤhl in herzliche Theilnahme verwandelte, und ihre Hand mit mehr Zartlichkeit, als ich je wieder fuͤr ſie empfinden zu können glaubte, ergreifend, fragte ich ſie, was ſie in ihren gegenwäͤrtigen Zuſtand gebracht habe.— „Du weißt,“ erwiederte ſie ſanft,„die Anzeichen von Auszehrung, welche meine letzte Niederkunft begleiteten; und, gleich einer Art vergeltender Gerechtigkeit ſich jetzt wieder einfindend, zeigten ſie ſich zu ſtark fuͤr ein Weſen, welches bereits die 230 Qualen eines nagenden Gewiſſens zerſtoͤr⸗ ten.“ „ Eines nagenden Gewiſſens!1““ rief i, „und warſt du denn, meine arme Lucie, eine ſo ſtrenge Dulderin, und ſo— Buͤßende?“ „Ich bin eine Buͤßende; e 6 tin unfaͤhig, den ſtärkſten Beweis meiner Reue zu geben; ich kann, ich will mein Vergehn meinem getaͤuſchten und daher gluͤcklichen Gatten nicht bekennen. Ich kann es nicht ertragen, ihm die Qual des Bewußtſeyns zu erurſachen, daß das Weib, das er anbetete, ihn betrog und beſchimpfte.“. „Allein,“ entgegnete ich,„wenn ihm deine Schuld bekannt iſt, wird er dich nicht be⸗ trauern, wie er ſonſt thut; daher koͤnnte ihm dein Bekenntniß vielen Schmerz erſparen“ „Es iſt nicht ſo,“ erwiederte ſie mit großer Lebhaftigkeit und Erregung.„Eines 231 der groͤßten Leiden iſt die Ueberzeugung von der Unwuͤrdigkeit des Gegenſtandes, den wir liebten, und dieſes iſt eine Qual, die ich meinem armen vertrauenden und betrognen 3 Gatten, zum Dank fuͤr ſeine lang gepruͤfte Zärtlichkeit, zu erſparen wuͤnſchte.“ „ Vielleicht hatte ſie im Bezug auf die Ruhe eines andern recht— obwohl unrecht, da ſie als Suͤnderin ihren eignen Vortheil ſuchte; allein alles, was ich uͤber dieſen Punkt ſagte, war, leider! vergebens..“ „Wie gut ich auch die Gefahren und Schwierigkeiten kannte, in die es mich ver⸗ wickeln wuͤrde, erhielt ſie doch endlich ein feyerliches Verſprechen von mir, die Sorge fuͤr ihr Kind zu uͤbernehmen. Auch verſprach ich, ihr Vergehen zu verbergen, nie den Namen der Mutter des Kindes zu nennen, ausge⸗ nommen zu einem ganz beſondern Zweck, und jede nur moͤgliche Vorſicht anzuwenden, 23* bey Hauptmann Montgomeris die kleinſte Vermuthung dieſer Begebenheit zu ver⸗ hüten.“ „Beruhigten Gemuͤths durch mein Ver⸗ ſprechen, die Mutter der kleinen Ella zu ſeyn, und mit jedem Gefühl der Buße und Ergebung athmete ſie dieſe Nacht in mei⸗ nen Armen zum letzten Mal.“ „Ich muß bekennen, daß ihr Tod mei⸗ nem Herzen eine große Erleichterung ge⸗ waͤhrte, da er eine Verwandte hinwegnahm, deren Daſeyn mir ſchimpflich ſeyn mußte— und daß einige Tage wergingen, ehe ich das Kind mit genugſamer Neigung anblicken konnte, um mich mit dem uͤbernommnen Geſchůft auszuſöhnen. Alein Zeit und Ueber⸗ legung flößten mir mildere Gefuͤhle füͤr daſ⸗ ſelbe ein, und ich empfand ſogar Freude über die Fähigkeit, ein Weſen auf den pfa⸗ 233 den der Tugend zu erziehen, das ſonſt denen des Laſters ausgeſetzt geweſen wäre.“ „Sobald das Begraͤbniß voruͤber war, beſchloß ich nach Bower Wood zuruͤckzukehren, und eine Waͤrterin nebſt Aufenthaltsort fur das Kind, welches drey Monate alt war, auszumachen, zu welchem Ort es Mrs. Benwell bringen ſollte, da ſie ſelbſt, aͤngſtlich ihren Mann zuräckerwartend, es auch nicht auf kurze Zeit zu ſich nehmen konnte, um nicht bey Fragen deshalb gezwungen zu ſeyn, alles zu entdecken. Doch da ich es in eini⸗ ger Entfernung von meinem eignen Haus wohnen ließ, hoffte ich aller Bemerkung zu entgehen; und wär' ich, um daſſelbe zu be⸗ ſuchen, in der Mitte des Tages, und in meinem Wagen erſchienen, wuͤrde alles gut geweſen ſeyn: allein ich ſchlich mich zu un⸗ gewöhnlicher Stunde und ohne Begleitung iur Haͤtte, und daher entſtand der Anſchein 234 von Schuld, der ſo viel Elend veran⸗ laßt hat.“ 9½ „Sobald alles angeordnet, und ich auf der Ruͤckreiſe ungeſtort meinen Gedanken uͤberlaſſen war, ſah ich mit unausſprechlicher Angſt alle die Prüfungen vorher, welchen mich dieſe geheimnißvolle Begebenheit aus⸗ ſetzen wurde, ſobald Oberſt Vane mein er⸗ klaͤrter Liebhaber werden ſollte.— Es iſt wahr, es ſtand mir frey, ihm das Geheim⸗ niß zu entdecken, welches ich mir unter be⸗ ſondern Umſtaͤnden vorbehalten hatte. Allein ich kannte ſeine argwoͤhniſche Gemuths⸗ ſtimmung, die Strenge ſeiner Meinungen in Bezug auf Frauen, ſeine Eiferſucht auf ihren vertrauten Umgang, und ſeine Ueber⸗ zeugung von dem Einfluß des Beyſpiels, beſonders unter nahen Verwandten, und ich fählte daß es lange, ſehr lange dauern wůrde, ehe ich, ſelbſt bey ſich anbietenden Gelegen⸗ 235 heiten, den Muth hätte, ihm zu ſagen, daß meine naͤchſte Verwandte, die Geſpielin meiner Kindheit, und die oftmalige Gefaͤhr⸗ tin meiner Jugend, ein geſunknes Weib, und eine ungetreue Gattin war— untreu noch dazu gegen einen der beſten Maͤn⸗ ner.— Ich wußte ſehr gut, wie eiferſaͤch⸗ tig und argwoͤhniſch er auf ſolch eine Ver⸗ traulichkeit und ſolch ein Beyſpiel ſeyn wer⸗ de, und welche Maͤhe es mir koſten duͤrfte, ihn zu uͤberzeugen, daß weder Luciens Sit⸗ ten, noch Unterhaltungen, gegen mich wenigſtens, anders als in der vollkom⸗ menſten Reinheit und Rechtlichkeit erſchienen. So mußte ich fuͤrchten, indem ich eine Handlung des Mitleids und der Menſchlich⸗ keit vollzog, hoͤchſt wahrſcheinlich in den Augen des einzigen Mannes, deſſen unge⸗ theilten Beyfall ich zu gewinnen ſtrebte, meinen eignen guten Ruf befleckt zu ſehen. 236 Dennoch, ſo richtig auch Oberſt Vane von mir beurtheilt ward, geſteh' ich doch mit Beſchämung und Reue, daß wenn ich ge⸗ gen ihn ſo offen geweſen, wie ich es, ſo⸗ bald er ſich als mein Geliebter erklaͤrte hůtte ſeyn ſollen, viel, wenn nicht alles Mißge⸗ ſchick, das wir beyde erduldeten, vermieden worden waͤre; und ich berene es bis zur letzten Stunde meines Lebens, mich durch eine ſchwache unwuͤrdige Furcht vor den Fol⸗ gen und durch jenes Entſetzen, einen nach⸗ theiligen Argwohn gegen meinen Charakter in ihm zu erregen„zu einer Verheimlichung beſtimmen zu laſſen, die zwar zuerſt Folge der Tugend, doch deren Fortſetzung gegen einen Verlobten ſtrafbar war; und ich halte den Kummer, den mir ſein Argwohn ver⸗ urſachte, fuͤr eine Art vergeltender Gerech⸗ tigkeit.“ „Allein ſollte er je zuruͤckkehren(und ein 237 Etwas flͤſtert mir, daß er es wird) und ich kann ihm in meinem Hanſe, und als den Gegenſtand meiner zärtlichſten Sorgfalt die Mutter darſtellen, die er, wie ich weiß, immer innig liebte; dann werde ich auf eine edle Weiſe an allen Zweifeln, die mich und ihn herabſetzten, geraͤcht werden, und wie ich hoffe, uͤber jedes zuruͤckgebliebene Vorur⸗ theil triumphiren.— O, theuerſte Frau! zerſtoren ſie nicht dieſe ſchmeichelnden Hofſ⸗ nungen, ſondern laſſen ſie mich ihnen in allem, außer dem Namen, eine Lochter ſeyn!“ „Ella Mordaunt.“ „Vorhergehende Zeilen waren, wie ſie demerken werden, geſchrieben, ehe die furcht⸗ bare Nachricht uns erreichte.— Allein ich erwog, es iſt immer noch eine Hoffnung, oder ich wuͤrde dieſe wenigen Worte nicht haben ſchreiben. — Die Mittheilung dieſer Geſchichte erregte in Mrs. Vane gegen die junge anziehende Heldin derſelben ein Gefuͤhl des Mitleids und einer Achtung, die an ſchwaͤrmeriſche Verehrung graͤnzte; ſo verdienſtvoll und ſo verkannt, ſo geſchaffen fuͤr das Gluͤck, aber ploͤtzlich in ein, ihren Gedanken nach, un⸗ heilbares Elend geſtürzts denn konnte ſich Ella je von dem Schlag erholen? Nie; denn ſie lieh derſelben ihre eignen Gefuͤhle— und konnte ihre Achtung nicht ſtaͤrker bewei⸗ ſen.—„Edelherziges Maͤdchen!“ rief ſie, „auf ſich ſelbſt die Schuld zu nehmen, mich meines Sohnes beraubt zu haben, ob es ſie gleich der Gefahr ausſetzte, mich von ſich zu treiben!— Dich verlaſſen, du theu⸗ res, edles, uͤbelbehandeltes Weſen! Nie, nie! Dein Ruf hat gewiſſermaßen durch die Schuld des Sohnes gelitten, ſey es nun der Mutter Sorge und Stolz, ihn durch ihr 239 Anſehn in ſeinem urſpruͤnglichen Glanz wie⸗ der herzuſtellen! Denn wer kann es wagen zu ſagen, daß Oberſt Vane's Mutter und die treue Witwe ſeines Vaters einen andern als der Reinheit und Tugend zur Gefaͤhrtin dienen wollte?“ 4 Ihre Zuſammenkunft mit Ella am naͤch⸗ ſten Tag war hoͤchſt ruͤhrend„heilte aber gewiſſermaßen beyder Kummer. Ella war zufrieden, Mrs. Vane auf ihre eigenen Be⸗ dingungen als Geſellſchafterin zu empfan⸗ gen— das heißt, ſie bezahlte Koſtgeld fuͤr ſich und ihre Bedienung. Bald ward unſte Waiſe zu einer Praͤ⸗ fung anderer Art aufgefordert, und, wie ſie lächelnd zu Mrs. Vane ſagte, um mit ihr in Groͤße des Leidens zu wetteifern— ein Leiden, welches ſie mehr wegen ihr, als wegen ſich ſelbſt beklagte. Ella's Vater erhielt die Gaͤter, die er 240 beſaß, durch den Tod eines nächſten Ver⸗ wandten, Names Mordaunt, er ſelbſt hieß Aubrey; und als er ſie erhielt, mußte er, wie ſein Vetter vor ihm, das Mordaunt⸗ ſche Wappen annehmen, und dieſen Namen fuͤhren. Mordaunt hatte einen einigen Sohn gehabt, einen höchſt ausſchweifenden jungen Mann, deſſen Ehren⸗ und andere Schulden er ſo lange bezahlte, bis er es nicht mehr konnte:— worauf der bethörte Jüngling ſeines Vaters Schreibpult erbrach, und nachdem er Handſchriften von betrãchtlichem Werth herausgenommen hatte, heirathete er ein Weib aus der Stadt und ſchiffte nach Oſtindien. Sobald er hier ankam, begab er ſich tiefer ins Land, und entſchloſ⸗ ſen, nie mit ſeinem Vater in Verbindung der Verweigerung der Bezahlung ſeiner zu ſtehen, und begierig, ſich an ihm nezen 241 Schulden zu rächen, verbreitete er ein Ge⸗ ruͤcht ſeines Todes, da er wußte, daß ſeines Vaters erſter Wunſch ſey, einen Erben zu haben. Zugleich hoffte er, im Fal dieſer zum zweytenmal heirathen und Kinder bekommen ſollte, irgend einmal zuruͤckzukehren, und die Ausſichten des vermeintlichen Erben durch ſeine Erſcheinung zu vernichten. Sein Plan gelang nur zum Theil; denn ſein Va⸗ ter ſchloß keine neue Verbindung, obwohl er ihn fuͤr todt hielt, und das Vermögen kam an Ella. Waͤhrend der Zeit verband ſich der Erbe, nach dem Tode ſeiner erſten Gattin, mit einer Schwarzen, die ihm ein unermeßliches Vermoͤgen zubrachte; und die⸗ ſer Frau war er ſo ergeben, daß er, da ſie Indien nie verlaſſen wollte, den Vorſatz, ſein Geburtsrecht zu behaupten, aufgab, und beym Tode ſeines Vaters das Vermoͤgen an den geſetzlichen Erben fallen ließ. Als 242 indeß ſeine zweyte Frau ſtarb, und er den Schmerz, welchen er über ihren Verluſt em⸗ pfand, in einer Erneuerung ſeines Hanges zum Spiel zu vergeſſen ſuchte, verlor er das ganze Vermogen, das ſie ihm zugebrachtz und da ſein einziger Sohn ſich ber ſeine nun gaͤnzlich dadurch zerſtoͤrten Lebensausſich⸗ ten beklagte, hielt er es fuͤr eine Handlung der Pflicht und Gerechtigkeit gegen ihn, ſeine Rechte an Mordaunts Vermoͤgen gel⸗ tend zu machen, und außer allen Zweifel zu ſetzen, daß R Richard Aubrey, der einzige Sohn und rechtmaͤßige Erbe Mordaunts von Bower Wood, am Leben ſey, und einen Sohn ihn zu beerben habe. Dieſem gemaͤß ſchifften beyde nach England, und nachdem ſie einige Rechtsgelehrte um Rath gefragt hatten, erhielt Ella's Anwald die noͤ⸗ thige Mittheilung. Aubrey's Perſönlichkeit konnte keinem Streit unterworfen ſeyn, da 243 viele Perſonen, ſobald ſie ihn ſahen, ihn wieder erkannten. Unter dieſen befand ſich auch Ella ſelbſt, die ſich erinnerte, als Kind große Furcht vor ihm gehabt zu haben, weil er ſie bey einem Beſuch, den er ihren Eltern machte, auf den Schooß genommen, und ihre Wangen mit ſeinem Bart gerieben hatte. Die Sache war daher zu klar, um einen Zweifel zu geſtatten, und Ella gab ruhig alle Anſprüche auf Mordaunts Beſttzungen auf, und nahm den Namen Aubrey an. Auch ſchlug ſie jedes Geſchenk von einem tann aus, den ſie nicht achten konnte, vor⸗ ziehend, von einer kleinen Summe zu leben, die ihr Mrs. Anna vermacht hatte. Der junge Erbe von Bower Wood, der ſich, trotz ihrer ſichtlichen Niedergeſchlagenheit, von ihrer Schoͤnheit bezaubert fühlte, wuͤrde ſe mit ſeines Vaters Bewiſligung dazu zu ſeiner Gattin erwaͤhlt haben; allein dieß Q2 Anerbieten lehnte ſie entſchieden ab, und Vater und Sohn waren beyde zu enträſtet, um ſie mit ihren fernern aufnertſnteiten zu belaͤſtigen. Mrs. Vane und Ella, ſich nun z in Pruͤfungen, mehr Schweſtern im Unglück als vorher, waren jetzt genothigt, einen neuen Aufenthalt zu ſuchen. Mit großer Einſchrän⸗ kung konnte letztere von dem„was ſie beſaß, leben, allein ſelbſt mit dem Einkommen ihrer Gefäͤhrtin vereint, war es nicht genug, die⸗ 4 ſer nun beſtaͤndig Kranken alle Bequemlich⸗ keiten und Erleichterungen zu verſchaffen⸗ deren ſie bedurfte. Ella beſchloß daher, ihre Einkänfte zu vermehren, indem ſie eine Er⸗ ziehungsanſtalt errichtete, und da die unwill⸗ kommne und niederſchlagende Nachricht ein⸗ getroffen war, daß Oberſt Vane's Körper, obwohl entkleidet und verſtuͤmmelt, mun ge⸗ funden, erkannt, und mit gehörigen Ehren⸗ 245 bezeigungen begraben worden ſey, war alle Hoffnung fuͤr immer verſchwunden, die faſt . unbewußt Ella's Geiſt aufrecht erhalten hatte, 3 und ſi ſie fuͤhlte, daß ſie ohne immerwaͤhrende und anſtrengende Beſchaͤftigung vielleicht unnter der Laſt ihres Kummers erliegen wuͤrde. ueberdieß glaubte ſie, die ihr an⸗ vertraute Waiſe beſſer mit andern, als al⸗ lein, erziehen zu können; und nachdem ſie Mrs. Vane's Genehmigung ihres Planes erhalten hatte, welches geſchah, ſobald der Tod ihres Sohnes fuͤr gewiß erklaͤrt war, und der geſetzliche Erbe von ſeinem Eigenthum Beſitz genommen hatte, ſie zur Aus⸗ fuͤhrung deſſelben. Ella beſchloß, des Einkommens wegen, ſechs Zoͤglinge von dreyzehn bis ſechzehn Jah⸗ ren füͤr ein ſeht betrachtliches Jahrgeld aufzu⸗ nehmen, und der Nuͤtzlichkeit wegen wuͤnſch⸗ te ſie, dieſen zwoͤlf Kinder von vier Jah⸗ 6 ren niſgen— weil ſi ſe wußte⸗ wenn ſie auch auf das Betragen der Maͤdchen von erſterm Alter zu wirken vermoͤge, ſie doch wenig fuͤr ihre Moralitãt thun koͤnne, da nach ihrer Meinung der Grund des Charakters in der Kindheit gelegt wird, und nie weſentlich verändert werden kann. Mrs. Vane billigte hoͤchlich dieſen Plan,— allein ſie wuͤrde wahrſcheinlich jedem ihrer Entwuͤrfe Beyfall ertheilt haben, da das Vortreffliche ſie mit Verehrung erfuͤllte, und alles, was Ella that, ihr als das aus gezeich⸗ netſte erſchien.— Denn gleich den meiſten Perſonen, die langſam und ſelten lieben, nebte ſie, wenn ſie es that, bis zur Schwär⸗ merey. Während der Zeit wirkte ihr Anſehn und ihr Schutz dem nachtheiligen Einfluß der Geruͤchte in Bezug auf Ella ſo mäch⸗ tig entgegen„daß ſie in kurzem die Zahl der verlangten Zoͤglinge beyſammen hatte, und 1 * 247 die geweſene Erbin von Bower Wood ward in der Stadt T.„ bey der ſie jetzt wohn⸗ te, ſo bekannt wegen ihres guten Erfolgs in Unterrichtung der Jugend, als ſie es vor⸗ her wegen ihrer Schoͤnheit und Grazie, ihres Geſchmacks und Glanzes in der Naͤhe von W. geweſen war. Drey Jahre waren beynahe vergangen, ſeit die Nachricht der Einnahme von Serin⸗ gapatam nach England kam, und Ella hatte zwey Jahr einer Schulanſtalt vorgeſtanden, als ein Mann von gutem Vermoͤgen und herrlichen Faͤhigkeiten, der hoch beym Ge⸗ richt ſtand, der muſterhaften Lehrerin der Jugend eine Leidenſchaft zu bekennen wagte, die er gegen die Erbin von Bower Wood nie zu aͤußern ſich erkuͤhnt haben wuͤrde. Mit Tugend und Talent vereinte er große perſoͤnliche Empfehlungen und hoͤchſt gefaͤl⸗ lige Sitten— und ſeine Achtung ſuͤr Ella's 248 Sefuͤhle war ſo groß, daß er Mrs. Vane zuerſt mit ſeinen Wuͤnſchen bekannt machte. Anfangs erſchreckte und bekuͤmmerte ſie der Gedanke eines ſolchen Antrags; allein ihr richtiger Verſtand und das Edle ihrer Na⸗ tur lehrten ſie bald, ſogar den Wunſch, der Schließung einer ſo vortheilhaften Verbin⸗ dung im Wege zu ſtehen, zu verbannen, und ihre Anhaͤnglichkeit an das Andenken ihres Sohnes zu bekaͤmpfen„damit ſie nicht Ella dieſen Antrag auszuſchlagen verleiten moͤchte. Durch Blicke und Betragen über⸗ zeugte ſie Allington von der Wahrheit ihrer Verſicherung, daß ſie ihm eifrigſt glucklichen Erfolg wuͤnſche, und ſeine Bewerbung, ſo viel es ihr moͤglich ſey, unterſtuͤtzen werde. „Erlauben ſie mir zu ſagen,“ ſprach er, „daß wenn ich ſo gluͤcklich bin, meine Wuͤnſche erfuͤllt zu ſehn, mein erſtes Ver⸗ langen ſeyn muß, daß ſie bey uns wohnen. 249 Unter keiner andern Bedingung wuͤrde ich Miß Mordaunts Hand annehmen, da einer ihrer Reize in meinen Augen ihre innige Neigung zu ihnen iſt.“ Mrs. Vane fuͤhlte ſich zufrieden, erwiederte aber nur ihren Dank dagegen:— indeß gedachte ſie mit Vergnuͤgen, wie dieſer Zug wahrſcheinlich bey Ella Allingtons Bewerbung empfehlen wuͤrde. Obwohl durch die Liebe eines ſolchen Mannes geſchmeichelt, und ſie dankbar em⸗ pfindend, lehnte Ella zwar ſanft, aber be⸗ ſtimmt ſeine Antraͤge ab; und als ſie, durch ſeine und Mrs. Vane's Vorſtellungen uͤber⸗ wunden, eine Woche zur Ueberlegung ſeines Anerbietens und zu Erforſchung ihres Her⸗ zens zu nehmen verſprochen hatte, blieb ihre Entſcheidung nach Verlauf dieſer Zeit dieſelbe. „Der eigentliche Grund,“ ſagte ſie nach andern,„warum ich nicht verſuchen will, ihr 3 250 Bild an die Stelle des ſeinigen zu ſetzen, und ihrer Liebe Erwiederung zu gewaͤhren, ſo ſelt⸗ ſam, lächerlich und romanhaft es auch erſchei⸗ nen mag, und ob der geſetzliche Erbe gleich ſchon längſt von ſeinen Gutern Beſitz genommen hat, iſt, daß es Zeiten giebt, wo ich noch im⸗ mer an ſeinem Tod zweifle, und mich den ergoͤtzlichen Traͤumen von ſeiner Ruͤckkehr berlaſſe.— Doch wenn ich mich verbinde, muß ich dieß Vergnügen aufgeben, oder die⸗ ſer Gedanke wuͤrde vielmehr aufhoͤren, mir Vergnugen zu machen; und, glauben ſie mir, ich wollte lieber die Freude dieſes eingebil⸗ deten Gluͤcks beſitzen, lieber die Macht haben, dieſe ſchmeichelnden Traͤume zu unterhalten, als ſie fuͤr iegend etwas hingeben, ws der übrigen Welt ein weſentliches Gut zu ſeyn dünkt. Ich kann nichts mehr hinzuſetzen,“ fuhr ſie fort,„als die Bitte, zu erwaͤgen, daß fein lebender Gegenſtaud, einen 251 allein ausgenommen, ihr Nebenbuhler ſeyn, oder erlangen koͤnnte, was ihnen verſagt ward.“ Geruͤhrt, zufrieden geſtellt, doch bekäm⸗ merten Herzens, drückte Allington ſchweigend ihre Hand und entfernte ſich. „Mein Kind! Kind meiner Liebe und meiner Wahl!“ rief Mrs. Vane, als er fortgegangen war,„ich kann dich nicht tadeln, denn ich hätte eben ſo gehandelt.“— Als aber dieſer Ausbruch ihrer Gefuͤhle voruͤber war, gedachte ſie, wie unrecht es fey, durch ihren Beyfall dieſe Nachſicht gegen eine hoffnungsloſe Zaͤrtlichkeit zu beguͤnſtigen, die, wie ſie jetzt wohl einſah, bey ihr ſelbſt fehlerhaft geweſen war, und mit zitternder Stimme, jedoch feſten und beſtimmten Ge⸗ muͤths, ſprach ſie ernſtlich mit Ella, und ſuchte ſie zu uͤberzeugen, daß ihr Entſchluß, ſich nie zu verheirathen, und die Gründe, 252 auf denen er beruhte, eine Abweichung von der Pfücht ſey, in ſo fern ſie durch dieſelbe abgehalten werde, jene Verhaͤltniſſe im Le⸗ ben auszufuͤllen, zu denen ſie ſo wohlthaͤtig fur andere, und ſo ehrenvol fuͤr ſich geeig⸗ net ſey. „Ich wuͤrde mit ihrer Meinung uber⸗ einſtimmen,“ erwiederte Ella,„ und dieſem gemaͤß handeln, wenn meine Gefuͤhle treuer Zaͤrtlichkeit ſo kraͤnklich waͤren, mich zu einem abgeſchiedenen, nutzloſen und elenden Leben zu verleiten. Allein ſo iſt es nicht: ob ich gleich keine eignen Kinder habe, noch je haben werde, wird doch mein Leben zum Vortheil fuͤr die Kinder anderer angewendet. Obwohl ich keinen Gatten beſitze, der mich zu den Pflchten der Zärtlichkeit auffordert, habe ich doch eine leidende ſchwaͤchliche Mut⸗ ter, fuͤr die ich mit Freude und Stolz jene kleinen Dienſtleiſtungen vollziehe, die ihre N — . 253 Lage erfordert; und wenn dieſe Mutter anerkennt, daß ich zu ihrem Gluͤck denttuge wer kann mir dann die Nachſicht gegen meine hoffnungsloſe Liebe als Verabſäumung meiner Pflichten und deſſen, was ich meinen Nebengeſchopfen ſchuldig bin, zur Laſt legen? Mißgoͤnnen ſie mir daher nicht, liebe Mut⸗ ter, wie ich ſie immer nennen muß, dieſe Traͤume, die mich in Augenblicken der Muße fuͤr das entſchaͤdigen, was ich entbehre. Es iſt wahr, es ſind nur Traͤume— den⸗ noch ſind ſie mir willkommen und wohl⸗ thuend, wie dem Landmann der Strahl des Lichts aus ſeiner Huͤtte, wenn er nach des Tages Arbeit zur Heimath kehrt.“ „Genug, mein Kind,“ erwiederte Mrs. Vane,„und ich will uͤber dieſen Gegenſtand nicht weiter in dich dringen.“ Ungefaͤhr einen Monat nach der Unter⸗ redung mit Allington ging Ella in ein Buch⸗ 254 pandler · Gewölbe der Stadt T., das ſie zu beſuchen pflegte; und da ſie die Zeitungen auf dem Tiſch liegen ſah, wollte ſie dieſelben eben aufnehmen, als die Beſitzerin des Ge⸗ woͤlbes ſie ihr eilig entriß, indem ſie ſagte, daß ſie ſchon verſprochen waͤren. Im erſten Augenblick glaubte Ella, ihr Mißgeſchick habe das Betragen dieſer Frau gegen ſie geaͤn⸗ dert, da ſie von ihr in ihrem Gluͤck gekannt, und mit gehoͤriger Achtung behandelt wor⸗ den war. Sie wollte daher ihre Befremdung ausdrücken, als dieſelbe ſie mit zitternden Lippen und mit Thranen im Auge anblickte. Sogleich urchdrang eine ungewiſſe Vermuthung ihr Herz:— ſie wußte, kein neues Ungluͤck erfahren zu koͤnnen;— vielleicht enthielt das Blatt freudige Nachrichten;— und faſt ohne Athem vor innrer Bewegung ſagte ſie:„Ich weiß, ſie hatten einen Grund, mir dieß Papier auf ſo unfeine Weiſe zu ent⸗ 255 reißen.— Aber geben ſie es mir; ich kann jetzt keine boͤſe Nachricht mehr erfahren— und wenn ſie geſehen haben, wie ich das Ungluͤck ertrug, glauben ſie, daß ich das Slück⸗ wenn es wirklich fuͤr mich da feyn ſolte, weniger ertragen koͤnnte?“ „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll,“ erwiederte die gute Frau.„ Ich bemerkte, wie ſie hereinkamen, daß ſie noch nichts wußten, und ich fuͤrchtete, ſie alles auf ein⸗ mal erfahren zu laſſen.“ „Geben ſie mir das Blatt,“ ſagte Eta mit ſchwacher Stimme, und ging in das Zimmer hinter dem Gewölbe. Die Fran gehorchte, und ſie las folgendes:— Wir ſind ſo gluͤcklich, unſte Leſer benachrichtigen zu können, daß ein ſo eben aus Indien gekommner Herr den tapfern Oberſt Vane, den man ſo lange fuͤr todt hielt, an der Kuͤſte von Malabar geſehen und geſprochen hat. 256 „Ich fühle mich ſehr ſchwach,“ ſagte Ela, und lehnte einige Minuten lang ihr Haupt an die Schulter der guten Fran. „Jetzt iſt mir's beſſer,“ ſagte ſie,„aber ich will nach Hauſe gehen— ich brauche nichts mehr zu leſen— ich weiß, er lebt, und das iſt genug.“ In dieſem Augenblick erleichterte ein Thränenſtrom, der ihren Augen entſturzte, die geſpannte Stimmung, in der ſie ſich be⸗ fand. Sie nahm das Blatt von neuem, und las, daß Oberſt Vane im Gefängniß ge⸗ weſen war, ach! im Gefaͤngniß der Inquiſ⸗ tion zu Goa— daß er viel von ſeinen Wunden gelitten hatte, und kaum noch zu erkennen ſey.„Doch er iſt am Leben!“ rief ſie; dann weiter leſend, fand ſie ihn wohl genug nach England zu ſegeln, und vee 4 lich bereits eingeſchifft. 6 3 „Bereits eingeſchifft! und er komnt! und wir werden ihn viederſehn!⸗ rief enn ₰ 257 Lhranen kamen hier von neuem zu ihrer Er⸗ leichtrung, und nach einer Stunde fuͤhlte ſie ſich hinlaͤnglich gefaßt, um nach Hauſe gehn und die frohe Nachricht mietheilen zu koͤnnen. Doch wie dieß zu thun ſey, war die Schwierig⸗ keit— und waͤhrend ſie daruͤber nachdachte, befand ſie ſich in Mrs. Vane's Gegenwart, die, ihr Nahen und ihr bewegtes Ausſehen bemerkend, ihr entgegenkam.„Was fehlt dir, mein Kind?“ rief ſie,„du ſiehſt, ich weiß niche wie „Thu ich?“ erwiederte Ella mit einer Art von nichtsſagendem Lächelnz dann ihr ins Angeſicht blickend, und ſich in ihre Arme werfend, brach ſie in ein heftiges krampf⸗ haftes Lachen aus. „Guͤtiger Himmel!“ ſprach Mrs. Vane. „O! laß mich nicht fur den Verſtand dieſes geliebten Weſens zu fuͤrchten haben!— Ella, 3 R 258 Ella! habe Mitleid mit mir und mache mir nicht die Qual, dich ſo zu ſehn!“ In welchem gereizten Nervenzuſtand ſich auch Ella befand, ſo konnte ſie ſich doch be⸗ ſinnen, und mit großer Anſtrengung flͤſterte ſie: „Er lebt! er iſt wohl! er kommt nach England!“ „Doch iſt es wahr? kann es ſeyn? wer ſagt es? Steht es in den Zeitungen und öffentlichen Blaͤttern?“ „Es iſt ſo— ich las es ſelbſt vor einem Augenblick.“ Und Mrs. Vane ſank auf die Knie, und die Hände zum Gebet faltend, ſprach ſi ſie leiſe:„ Vater der Barm⸗ herzigkeit! ich danke dir; aber nicht um mei⸗ netwillen freu ich mich; ich habe Segen nicht verdient.“ Eine Chaiſe mit vier Pferden kam jetzt vor die Thuͤr gefahren, und ſetzte ſie in Beſtͤrzung und Unruhe. Sie wußten, es konnte der Gegenſtand ihrer Wuͤnſche nicht ⸗ 259 ſeyn— und ſiehe! zwey Fremde, ein Herr und eine Dame, ſtiegen aus, und der herein⸗ kommende Bediente bat fuͤr Oberſt Pivers und ſeine Gemahlin um die Erlaubniß, Mrs. Vane zu ſehn. Ihre Botſchaft, wer konnte ſie bezweifeln? Ihre Gruͤnde, wer konnte ſie mißverſtehn? Sie wurden angenommen; und ſobald ſie an der Ruͤhrung, die ſich auf dem Angeſicht der beyden Damen zeigte, ſahen, daß die gute Nachricht bekannt war, ergriff ſie gleiche Bewegung, und der Mann und Krieger ſchaͤmte ſich nicht, ſeine Thraͤ⸗ nen mit den ihrigen zu vereinigen. „Ich wagte es nicht, Mrs. Vane,“ ſagte Oberſt Pivers,„zu ihnen oder zu dieſer Dame zu kommen, ſo lange ich glaubte, Vane ſey wegen ſeiner Guͤte fuͤr mich um⸗ gekommen, und meine arme Sophie hier konnte kaum ein Leben ſchaͤtzen, das ſie um ſo theuern Preis erkauft hatte. Doch jetzt, R 2 260 da wir beyde uͤber die Nachricht, daß er noch lebt, und auf dem Wege nach England iſt, die hoͤchſte Freude empfinden, mußten wir uns ihnen zeigen, und obwohl Fremde, hoffen wir doch, bald als Freunde betrachtet zu werden.“ „Ich muß meinen vinia einen Feier⸗ tag geben,“ ſagte Ella, und empfand eine unaus ſprechliche Bewegung, als ſie dieſe frohe Botſchaft durch den lispelnden Mund der kleinen Ella uͤberſendete. Pivers blieben bis der Mond aufging, und entfernten ſich dann mit dem Verſprechen ⸗ vey Oberſt Vane's Ankunft wiederzukommen. Vey Oberſt Vane's Ankunft! welche Worte! welche unerwartete Worte! und Ella wieder⸗ holte ſie ſo lange, bis ſie zur Ruhe ging, um uͤber die ſelige Hoffnung nachzudenken: „ Den Laut zu Fören, der auf ewig ſchien. klungen!“ 261 Am nächſten Tag haͤtte ſie gern wieder einen Feiertag gegeben; allein Mrs. Vane bemerkte weislich, daß Beſchaͤftigung ein ſo heilſames Mittel gegen die Freude, als ge⸗ gen den Schmerz ſey, und unſer Gemuͤth in gehoͤrigen Schranken zu halten diene. Ella ſtand daher wie gewöhnlich ihrer Schule vor, und um ihr jede unnoͤthige Erregung zu erſparen, ſandte Mrs. Vane die kleine Ella fuͤr einige Tage in das Haus einer Freundin, weil deren Anblick angenſcheinlich ihr Unruhe verurſachte. Gleißnerey und Aberglaube haben ſo viele Leben zerſtoͤrt, und werden, wie ich fuͤrchte, noch ſo viele zerſtoͤren, daß man erfreut iſt, eines von ihnen erhalten zu fin⸗ den— und ein ſo ſchaͤtbares, als Pberſt Vane's. Die Eltern deſſelben waren beyde Ka⸗ tholiken, hatten aber vor ihrer Verbindung 262 dieſe Kirche verlaſſen. Ihrer Lochter indeß, ins geheim von einer Aufſeherin in dieſer Gemeinſchaft erzogen, ward von ihnen ver⸗ ſiuttet, nach ihrer Ueberzeugung zu handeln. Auf ihrem Sterbebette band ſie mit eignen Händen um den Nacken ihres Bruders ein kleines goldnes Kreuz, ihn beſchwoͤrend, um ihretwillen es immer zu behalten und zu tragen. Da er ſie zartlich liebte, erfuͤllte er ihren Scheidewunſch, und trug immer⸗ waͤhrend, was ſie fuͤr heilig hielt, und von dem ſie vielleicht hoffte, es werde mit der Zeit Einfluß auf deſſen Beſitzer haben; denn das Haupt des Erloſers ließ ſich oͤffnen, und enthielt eine heilige Reliquie.— Als Oberſt Vane vor Seringapatam zu Bo⸗ den geſunken war, bemuͤhte er ſich, trotz der furchtbaren Saͤbelwunde am Kopfe fort⸗ zugehen; allein umſonſt, und er ſiel uͤber eine Erderhoͤhung in die Vertiefung daneben⸗ 263 Hier blieb er, waͤhrend das Schlachtfeld durchſucht ward, unbemerkt; doch in der Stille der Nacht kam ein portugieſiſcher Miſ⸗ ſionair, einer der ſchwaͤrmeriſchſten ſeines Standes, mit der frommen Hoffnung, einem Sterbenden, der noch fuͤr den heiligen Ge⸗ brauch Empfindung haben möchte, geiſtige Huͤlfe zu leiſten, und es traf ſich, daß ſein Fuß uͤber die Erderhöhung ſtrauchelte, und er auf Oberſt Vane fiel. Er glaubte ſo⸗ gleich, auf einen Todten gefallen zu ſeyn, doch ein Aechzen hoͤrend, fand er, daß er ſich geirret hatte, und als er den Verwundeten unterſuchte, den er an ſeiner Kleidung fuͤr einen engliſchen Officier von Rang erkannte, ſah er auf ſeiner Bruſt das heilige Kreuz glaͤnzen, welches ihm, wie er glaubte, einen geheimen Verehrer ſeiner eignen Re⸗ ligion zu erkennen gab, daher ward die Er⸗ haltung des Lebens eines Gläubigen, und 264 eines Gläubigen, der in Verhaͤltniſſen war, Proſelyten zu machen, eine Handlung der beſtimmteſten Pflicht. Dem zu Folge ſuchte er die Wunde am Kopfe zu verbinden, und als es ihm einigermaßen gelungen war, be⸗ muͤhte er ſich, den empfindungsloſen Dulder nach einer Huͤtte zu bringen, wo er ſelbſt die Nacht zugebracht hatte. Am nachſten Tage wollte er nach Goa ſegeln, und ließ ſeinen Kranken in geiſtlicher Tracht an die Fuͤſte tragen, wo er ihn als einen Neben⸗ prieſter, der bey einer plotzlichen Schlacht unter den Mauern der Stadt verwundet worden ſey, mit ſich an Bord nahm. Waͤh⸗ rend der Zeit konnte Oberſt Vane, noch im⸗ mer empfindungslos und der Erinnerung beraubt, ſeinem Vorgeben nicht widerſprechen. Endlich erreichten ſie Goa, und der Prieſter brachte den Verwundeten in ſein Haus, wo er durch verſtaͤndige Behandlung endlich den 268 Gebrauch ſeiner Sinne wieder erhielt und ſich zu ſeinem hoͤchſten Erſtaunen an einem Ort und bey einem Mann erblickte, ihm gaͤnzlich unbekannt. Sobald der Prie⸗ ſter ſeine Bewegung bemerkte, und ihn ſpre⸗ chen hoͤrte, kreuzigte er ſich, und hielt ihm das Cruciſir vor; doch Oberſt Vane, nicht an dieſe Gebraͤuche gewoͤhnt, bat in engliſcher Sprache, ihm zu ſagen, wo er waͤre, und was mit ihm vorgegangen ſey. Der Miſ⸗ ſionair antwortete auf portugieſiſch, welches Oberſt Vane genugſam verſtand, um zu er⸗ fahren, daß er in Goa, und durch den Prieſter, deſſen Sorgfalt ſein Leben gerettet, dahin gebracht worden war. „„Allein warum brachten ſie mich hierher?“ fragte Oberſt Vane. „Damit ſie in einer geweihten Stadt wohnen moͤchten, wo der wahre Glaube er⸗ richtet iſt, und wo ſie, die Ketzer fur einige 36 Zeit verlaſſend, mit ihren wahren Bridern Gott verehren können.“ 65 Beſtuͤrzung verhinderte inige Zeit des Oberſten Antwort, endlich ſagte er:„Sicher wiſſen ſie nicht, daß ſie mit einem engliſchen Officier reden?“ „Wohl iſt mir's bekannt— doch ſie können mir trauen, ich werde ſie nicht ver⸗ rathen— ich weiß ihr Geheimniß— ich weiß, ſie ſind im Herzen ein guter Katholik, wie dieß heilige Kreuz ,welches dieſe heilige Reliquie enthaͤlt, zunaͤchſt ihrem Herzen getragen, hinlaͤnglich beweiſ't, und deßhalb bemuͤhte ich mich, ihr Leben zu erhalten, da⸗ mit ſie leben mochten zur ette derer.“ So krank ſich Oterſt ſihtre, konnte er doch kaum ein Lächeln uͤber dieſen Irrthum unterdruͤcken, ob er ihm gleich das Leben zu verdanken hattez dennoch war er 267 zu ehrlich, was er auch dabey fuͤr ſich ſelbſt zu wagen haben duͤrfte, ſeinen Retter dieſer Taͤuſchung laͤnger zu uͤberlaſſen. Er verſi⸗ cherte ihn daher, wenn er gleich kein Katholik waͤre, ſo ſey er doch ein Chriſt, und er koͤnne niemanden erhalten haben, der wiliger ſeine Dantbarkeit anerkennen und be⸗ weiſen werde. „Kein Katholik! warum tragen ſie denn dies heilige Symbol?“ „Ich hatte eine Katholikin zur Schweſter, die es mir auf ihrem Sterbebette um den Nacken band, und ich habe es um ihretwil⸗ len getragen und geliebt.“ Der Prieſter wandte alles an, Pberſt Vane, den er von ſo vielem Nutzen fuͤr ſeine Religion hielt, dafuͤr zu gewinnen; Drohun⸗ gen, Liebkoſungen, harte Behandlung und Guͤte— und er verſagte ihm die Mittel, an den Oberbefehlshaber zu ſchreiben, der ihn⸗ — 268 wie er wußte, für todt halten, und dieſe Rachricht nach England berichten werde. Endlich als er das Kreuz zu behalten begehrte, welches ihm Oberſt Vane nicht uͤberlaſſen, obwohl deſſen Werth bey Erreichung Eng⸗ lands oder einer engliſchen Beſizung hun⸗ dertfach verguͤten wollte, verklagte ihn der Schwaͤrmer bey der Inquiſition, gegen die und ihre verhaßte Gerichtsbarkeit er ſich etwas heftig geaͤußert hatte, und ob er ſich gleich kaum bewegen konnte, brachte man ihn in die Gefaͤngniſſe diefer furchtbaren Macht in Gos. Hier fiel er bald in ein heftiges Fieber, nachdem er acht Monate, ehe er in ihre verhaßten Mauern kam, durch Krankheit, Schwaͤche und Unruhe gelitten hatte. FJuͤr längere Zeit war er zuweilen ſeiner Vernunft beraubt, die er zuletzt wie⸗ der erhielt, um ſich in dieſem traurigen, einſamen Gefangniß zu finden, und zu glau⸗ 269 ben, daß ein Lungenuͤbel in kurzem ſeinem Daſeyn ein Ende machen werde. In die⸗ ſem bedauernswuͤrdigen Zuſtand bewegte er den Kerkermeiſter, ihm Feder, Dinte und Papier zu verſchaffen, und einen Brief an den Groß⸗Inquiſitor zu tragen, dem er ſich bekannt gemacht und gebeten hatte, ein Schreiben von ihm an General Harris abzu⸗ ſenden. Auf dieſen Brief erhielt er in meh⸗ reren Wochen keine Antwort. Endlich ſagte man ihm, General Harris habe zuruͤckge⸗ ſchrieben, daß die Perſon, die ſich fuͤr Oberſt Vane ausgebe, ein Betruͤger ſeyn muͤſſe, da der Koͤrper dieſes bedauerten Officiers gefunden, und mit militaͤriſchen Ehrenbe⸗ zeigungen begraben worden ſey. Dieſe nie⸗ derſchlagende Nachricht war zu viel fuͤr die noch ſchwachen Verſtandeskraͤfte des Leiden⸗ den; denn da er keinen Weg ſah, irgend jemand von ſeinem Leben zu uͤberzengen, 270 wußte er nicht, wie er ſich aus dem Gefaͤng⸗ niß befreyen ſollte. Ueberdieß ward er be⸗ droht, vor das furchtbare Gericht gebracht zu werden; und es war daher kein Wunder, daß er von neuem in Fieber und Geiſtesab⸗ weſenheit verfiel. Als er wieder genas, war der Kerker⸗ meiſter ſo durch ſeine Leiden gerührt/ daß er bewogen ward, ihm die Mittel zu ver⸗ ſchaffen, ſelbſt einen Brief zur Armee in des Generals eigne Haͤnde zu ſenden. Dem zu Folge machte ſich ein ſchnelfußiger Indier auf den Weg. Der Brief hatte glůͤcklichen Erfolg; des Oberſten Handſchrift ward erkannt, umd ein Soldat abgeſendet, um ſeine Perſon in Augenſchein zu nehmen, und in gehoͤriger Zeit forderte ihn der engliſche Reſident in Goa zuruͤck. Dennoch fuͤhlte er ſich ſo ſchwach, und hielt ſeinen Tod fuͤr ſo nahe, daß er bat, weder General Harris, noch 4 X 1 271 der Reſident, in deſſen Haus er ſich nun befand, möchten eine Nachricht ſeines Lebens nach England kommen laſſen, weil er fuͤhlte, es ſey fur die, welche ihn liebten, beſſer, ihn auf ſeinem Poſten geblieben zu glauben, als ſich ihn in einer ſchmerzlichen Krankheit ſchmachtend, einem langſamen Tod entgegen⸗ gehend, denken zu muͤſſen. Und es war lange, und das dritte Jahr ſeiner Abweſenheit von England hatte begonnen, ehe er ſich des Le⸗ bens ſicher genug glaubte, um ſeine Erhal⸗ tung in England bekannt werden zu laſſen; und nachdem er ſich das noͤthige Geld zur Reiſe verſchafft hatte, ſegelte er mit dem erſten Schiff ab, welches ſich nach jenem, worin ſich der Herr, der ihn geſehen und geſprochen hatte, befand, auf den Weg machte. Endlich kam Pberſt Vane in Eng⸗ land an, von wo er, ſeitdem er es 7 272 verließ/ keine Briefe eee hatte. Das Schiff ging verloren, welches Ella's Brief enthielt, und auch die Nachrichten von den veranderten Verhaͤltniſſen ſeiner Mutter er⸗ reichten ihn nicht. Er fuhr ſogleich nach dem Haus des Wechslers, den er fuͤr den ſeinigen hielt; allein Fremde bewohnten es, und er konnte nur von einem der neuen Beſitzer erfahren, daß die Herren— fallirt und nicht eine halbe Krone bezahlt haͤtten. Auch nannte er ihm Mrs. Vane's Aufent⸗ baltzort/ und ſagte, daß ſie mit einer Miß Aubrey eine Schulanſtalt habe. Oberſt Vane ließ hierauf den Poſtillion ſogleich nach dem Wirthshauſe fahren, wo er eine Chaiſe mit vier Pferden beſtellte, um ſo ſchnell als möglich ſeine Mutter zu ſehen.„Sie ſoll mir nicht zwey 2age laͤnger Schule halten,“ ſagte er,„und Miß Aubrey ſoll ſie ganz alein haben.“ Während er ſich aufhielt, 1 273 den Stalltnecht zu bezahlen, und die pferde bereit fortzugehen waren, erſchien Haupt⸗ mann Clinton, von Guernſey kommend, an der Wagenthuͤr, da er erſt in dieſem Augen⸗ blick die Nachricht von Oberſt Vane's Auf⸗ erſtehung aus dem Grabe gehoͤrt hatte. Allein er fand ihn ſo veraͤndert, daß er ihn nicht ſogleich erkannte.„Ich reiſe jetzt nach T—,“ ſagte Oberſt Vane; dann ſetzte er mit einiger—— hinzu:„Ich bitte, Miß Mordaunt—“ „Iſt nicht— Miß unterbrach ihn Clinton,„wie du wahr⸗ ſcheinlich ſchon gehoͤrt haben wirſt.— Wohl, du biſt ein glůcklicher Menſch, Vane. Doch gehz laß mich dich nicht aufhalten; ich will vald zu dir kommen.“— Und der Poſtil⸗ lion fuhr fort, waͤhrend er ſich elend, un⸗ ruhig, voll Argwohn und beſturzt fuͤhlte.— Miß Mordaunt war nicht mehr Miß Mor⸗ 27 daunt; alſo war ſie verheirathet, und den⸗ noch nannte er ihn gluͤcklich! Kein Zweifel daher, ſie hatte ſich zu ihrem Nachtheil ge⸗ zeigt, und ſeine Vermuthungen gerechtfertigt. Konnte dieß Erſtaunen erregen, da ſie eine Freundin der Lady Bentham war? Und dieſe Erwaͤgungen truͤbten ſehr die Frende, welche ihm der Gedanke, ſeine Mutter zu ſehen und ſie aus ihrer gegenwaͤrtigen Lage zu befreyen, eingefloͤßt hatte. Er gebrauchte die Vorſicht, nicht vor das Haus zu fahren, damit er ſie durch ſeine plotzliche Erſcheinung nicht zu ſehr uͤberraſche, ſondern ging zu Fuße hin, und pochte leiſe an:— er gab hierauf der Magd eine kleine Note fuͤr ſie, welche an⸗ deutete, daß er ſich ſehr nahe befinde. Seine Mutter war allein; denn Ella hielt Schule. Sie las das Blatt, und erkannte ſogleich die Handſchrifgt.„Wo iſt der Herr?“ rief ſie, und im nachſten Augen⸗ blick befand ſie ſich in 5. en ihres Sohnes. „Mein armer Epmund!/ rief ſie faſt krampfhaft,„wie biſt du veraͤndert! ich haͤtte dich nicht gekannt, mein Kind! Doch ich habe mich auch veraͤndert, und du wirſt finden, daß ich eine Sis ſeyn kann!“ Dieſe Aeußerungen von Zaͤrtlichkeit, wo er ſie ſo wenig erwartete, waren in der That ein Balſam fuͤr ſeinen niedergeſchlagnen Geiſt, und nach einiger Zeit fragte er: „Allein wer iſt dieſe Miß Aubrey„die mit ihnen lebt? „Ein. Engel,“ erwiederte ſie;„ſie hat mich gepflegt, bedient, und an ihrem Ver⸗ moͤgen Theil nehmen laſſen, ſo lange ſie deſſen beſeß; und als ſie gleich mir, außer der Unſchuld und dem Himmel, jeder Stätze beraubt ward, vereinte ſie ihre Armuth mit S2 276 der meinigen, und bemuͤhte ſich mir Troſt zu gewähren. „Edles Weib! wie werd' ich ſie bewun⸗ dern!“ „ Nein„noch mehr;— du„i ſie lie⸗ ben, Vaneß ſie iſt jung, ſchoͤn und gebildet⸗ und die einzige ihres Seſchlechts, die ich je die Gattin meines Sohnes zu ſeyn fuͤr wuͤrdig hielt. Vane, du mußt dich mit ihr verbinden.“ „Niez alles andere ſonſt, liebſte Mut⸗ ter! denn ich habe in der That kein Herz zu vergeben. Gleich ihnen, kann ihr Sohn 3 nicht zum zweyten Mal lieben, und— doch erlauben ſie mir, das Geſpräch ier S. Gegenſtand abzubrechen.“ „Fuͤr jetzt will ich es,“ ſagte Mrs. 3 Vane,„doch es muß erneuert werden:— und nun laß mich dich Miß Aubrey vor⸗ ßiellen.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte ſie ihn 277 nach der Schulſtube. Die Thuͤr ſtand offen, und Ella ſaß mit dem Ruͤcken gegen die⸗ ſelbe, eifrig beſchaͤftigt, einem kleinen Mäd⸗ chen ihre Lepion zu lehren. Mrs. Vane gab den Kindern einen Wink, keine Ruͤck⸗ ſicht auf ſie zu nehmen, und ihr Sohn hoͤrte Ella's Stimme, indem ſie Fragen an das Kind that, und deſſen Fehler verbeſ⸗ ſerte:„Es gab nur eine Stimme, wie dieſe,“ dachte er, und ſein Herz ſchlug gewaltſam; aber konnte es ſeyn?— war es moͤglich? Doch die Geſtalt dazu— das dunkle glaͤnzende Haar, der Nacken! In dieſem Augenblick wendete Ella ihr Haupt, und mit einem Ausruf der Freude und ue⸗ berraſchung flog ſie in des Geliebten aus⸗ gebreitete Arme, der ſie in ein angraͤnzen⸗ des Zimmer fuͤhrte„oder vielmehr trug. „ Wie konnten ſie mich ſo uͤberraſchen?“ ſagte Slla zu Mrs. Vane, indem ſie ſich 278 zitternd und errothend des Oberſt Armen entwand. „Ich hatte meine Gruͤnde,“ ſprach dieſe. „Aber wie erkannten ſie mich ſogleich?“ fragte Oberſt Vane,„denn ich bin ſo ver⸗ aͤndert, daß ſelbſt Clinton mit mir zu ſprechen anſtand.“ „Ich wuͤrde ſie uͤberall erkannt ha⸗ ben,“ erwiederte Ella zärtlich und eifrig, doch nachher über ihre Heftigkeit erroͤthend. Wenn je ein Mann gläcklich war, ſo war es Oberſt Vane in dieſem Augenblick. Ella hatte ſich noch nicht gerechtfertigt; al⸗ tein ſein Gefühl hielt ſe dafür.— Er fand in ihr die Pflegerin und Freundin, die Un⸗ terſtutzerin ſeiner Mutter, und ſo wenig Eitelkeit er beſaß, mußte er ſich doch ſchmei⸗ 1 cheln, daß ſie ein wenig um des Sohnes willen ſo viel für die Mutter that.— Wäh⸗ rend zwey Tagen uͤberzeugte jeder Blick 279 jedes Wort, ſeine Mutter und Ella, daß er im Begriff ſtehe, eine Erneuerung jener Verbindung zu verlangen, welche ſie in ei⸗ nem Augenblick des Unmuths aufgeloͤſ't hatte. Am Morgen des dritten Tags, ſich mit Ella allein befindend, wollte er ihr eben ſein Herz enthuͤllen, als die kleine Ella, von ihrem Beſuch zuruͤckkehrend, ins Zimmer gelaufen kam, auf ihren Schooß hüpfte, und ſie ihre liebe, liebe Mutter nannte.— Der Anblick eines Geiſtes wurde ihn nicht ſo erſchreckt haben, waͤhrend Ella der Kleinen gebot, nach dem Befinden des Herrn zu fragen. „Wie geht es ihnen, mein Herr?“ rief das gehorſame Kind, ihn mit Ella's eignen blauen Augen und langen Wim⸗ pern anblickend. Das Kind wiederholte ſeine Frage, da der Oberſt nicht antwortete; welches er endlich mit Verwirrung thatz und 280 S Ella, ſeine faſt komiſche Verlegenheit be⸗ 3 merkend, ſandte die Kleine zur Groß⸗ mutter. Mutter! und Großmutter! und Ella's Augen und Wimpern! Ach! dachte er, ich waͤhnte allen Argwohn verſchwunden, alle meine Befuͤrchtungen entfernt! Aber ein⸗ mal erregter Verdacht gleicht den Koͤpfen 4 der Hydra, und haut man ſie noch ſo oft ab, ſo wachſen ſie doch immer wieder em⸗ por.— Indeß fuͤhlte er, daß der Moment da ſey, wo er Ella wegen des Kindes be⸗ fragen konnte und ſollte; ſobald es ſich daher entfernt hatte, ſetzte er ſich zu ihr, und bat ſie, das unerklärliche Geheimniß, dieſes Kind und deſſen Verhaͤltyiſſe betreffend, zu enthuͤllen. Es war ihr unmoͤglich, die Erklaͤrung ſelbſt zu machen, und ſie erwie⸗ derte ſehr bewegt.„Ja, Obevſt Vane, es iſt nun in der That Zeit/ jedes Geheimniß 281 aufzuklaͤren; doch ich kann das Geſchaͤft nicht uͤbernehmen, ihre Mutter wird es. Gehn ſie daher zu ihr,“ ſprach ſie, in Thraͤnen ausbrechend,„und ich beſchwöre ſie, ernſtlich und feyerlich, dieß Kind mit Guͤte anzuſehn, und deſſen unglückliche Mut⸗ ter nicht zu verabſcheuen!“ Sie eilte hier⸗ auf aus dem Zimmer, ohne den Doppel⸗ ſinn ihrer Worte gewahr zu werden, und ließ den Oberſt ungewiſſer, ungluͤcklicher und argwoͤhniſcher als zuvor. Er begab ſich zu ſeiner Mutter, und wie er ins Zimmer trat, ſah er Ella, mit ihrem Tuch vor den Augen, zur entgegengeſetzten Thuͤr hinaus⸗ gehn.„Woher kann dieſe heftige Bewe⸗ gung entſpringen,“ dachte er,„als aus ungluͤcklichen Urſachen?“ und mit einem mehr als je belaſteten Herzen nahm er einen Stuhl, und bat ſeine Mutter, ihm das Geheimniß zu entdecken. 283 „Hier, Edmund, iſt die Nachricht, die du begehrſt,“ antwortete ſie, indem ſie ihm die von Ella erhaltene Schrift übergab; „du kannſt ſie in meiner Gegenwart leſen. Da dir der Inhalt des erſten Theils bekannt iſt, ſo fange bey den Worten an: als ich in London war, erhielt ich einen Brief.“— Mit einem Triumph der angenehmſten Art, las ſie auf dem ausdrucksvollen Ge⸗ ſicht ihres Sohnes das ſtufenweiſe Wie⸗ deraufleben ſeiner Hoffnungen und ſeines Vertrauens, je weiter er in der Geſchichte fortruͤckte; waͤhrend er, ihre Gegenwart ver⸗ geſſend, ſeine Gefuͤhle in ploͤtzlichen Ausru⸗ fungen aͤußerte. Als er bis zu Mrs. Mont⸗ gomerie's ſterbenden Wuͤnſchen, und ihren Bitten an Ella gekommen war, und ſich der Scene in der Hütte erinnerte, ſprang er auf, und eilte nach der Thuͤr; doch ſeine 283 Mutter hielt ihn mit der Frage wo er hin wolle? „Sie will ich ſuchen— Ela— mich vor ihr demuͤthigen— zu ihren W. ſinken.“ „Du wuͤrdeſt ſie nicht finden.— Deine Gefuͤhle vorherſehend, ging ſie aus; daher ſetze nur das Leſen fort!“ Doch nicht laͤnger einen Zeugen ſeiner mannichfachen Gefuͤhle zu ertragen faͤhig, entfernte er ſich, und endigte die Schrift auf ſeinem Zimmer. Ich werde nicht verſuchen, die Zuſam⸗ menkunft zwiſchen ihm und Ella, als ſie von ihrem Spaziergang zuruͤckkehrte, zu be⸗ ſchreiben. Ihr Gluͤck ward bald durch einen Beſuch Oberſt Pivers und ſeiner lie⸗ benswuͤrdigen Gattin erhöht; und waͤhrend letztere mit thraͤnenvollen Augen die Ver⸗ heerungen beklagte, welche harte Behand⸗ lung und Krankheit in Oberſt Vane's Er⸗ 264 ſcheinung bewirkt hatten„konnte er ſie nicht anders als mit ſehr verſchiedenen Gefuͤhlen betrachten. Ihre wiedergekehrte Farbe und die Fuͤlle und Geſundheit ihrer Geſtalt er⸗ blickend, rief er mit Lebhaftigkeit:„Sie überhaupt, doch gewiß ſo wiederzuſehn, iſt eine reiche Belohnung aller meiner Dul⸗ dungen.“ „Dennoch verdienen ſie inmer eine groͤßere,“ erwiederte ſie,„und o! daß ich, welche die Urſache ihrer ſo langen Trennung war, das Gluͤck haben moͤchte, Zeuge ihrer Verbindung auf Lebenszeit zu ſeyn! Pivers und ich kamen mit dieſem Vorſatz; und wir wollen uns nicht entfernen, bis wir eine Vermählung gehabt haben!“ Ihre Wünſche wurden erfuͤllt; der Ent⸗ wurf eines Ehevertrags ward aufgeſetzt, um künftig vollendet zu werden, und ehe Oberſt Pivers abreiß'te, hatten ſie die Befriedigung⸗ 695 ihre Freunde verbunden zu ſehn. Bald nach⸗ her ſtarb der Mann, der Ella ihrer Beſitzun⸗ gen beraubte, und ſein Sohn ward ein Opfer ſeiner Unmaͤßigkeit. Dem zu Folge da er ohne Kinder ſtarb, ſah ſie ſich von neuem als Beſitzerin von Bower Wood und Briardaln. Und da es gewiß allen, die Ver⸗ làumdung und ſchmähſuͤchtige Anklage er⸗ duldeten, lieber iſt, ihren Ruf von jedem Verdacht in dieſer Welt befreyt zu ſehn, als bis zu jener ernſten Stunde zu warten, wo die Geheimniſſe aller Herzen enthuͤllt werden: ſo mußten die Verbundenen einige Genug⸗ thuung bey der gaͤnzlichen Entfernung jedes Schattens ihres Charakters empfinden, die ſich kurz nachher zutrug. Als ſich Hauptmann Montgomerie in Jerſey aufhielt, wo die Freundin ſeiner Gattin, Mrs. Benwell, wohnte, hatte er dieſe oft beſucht, und ward durch die Verwirrung 286 und Verlegenheit betroffen, welche ſie zeigte, ſo oft er ſie im Bezug auf die letzte Krank⸗ heit ſeiner Frau befragte.— Indeß, obwohl er fuͤrchtete, er wußte nicht, was, unterließ er fernere Nachforſchungen, als wenn er⸗ dadurch etwas erfahren moͤchte, was ihn vekuͤmmern duͤrfte. Nicht lange nach einer dieſer Unterhaltungen ward Mrs. Benwell tödlich krank; und auf ihrem Todbett erklaͤrte ſie, daß ſie nicht ſterben könne, ohne ihr Semuͤth von der Laſt eines Betrugs gegen Hauptmann Montgomerie zu befreyn. Dem zu Folge ward nach ihm geſendet, und ſie machte den faſt Wahnſinnigen mit einer Schuld be⸗ kannt, von der er nicht den entfernteſten Gedanken hegte. Er erfuhr, daß ſeine Frau, ehe er ſich mit ihr verband, eine geheime Intrigue hatte, von der ihre Hofmeiſterin die Vertraute war; und hoͤrte dann alles im Bezug auf das Kind, welches Ella ſo 287 eifrig vor ſeinem Anblick zu verbergen ſoch⸗ te.— Anfaͤnglich erlag er beynahe dem Schlag, und fuhlte, daß die Schmerzen üͤber den Verluſt ſeiner Gattin nichts gegen das waren, was er jetzt erduldete.—„ Dennoch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„will ich die Befrie⸗ digung der Rache haben!“— Und ſo bald er konnte, ſegelte er nach England, um ſei⸗ nen verraͤtheriſchen Freund, den Verfuhrer ſeines Weibes, aufzuſuchen.— Er fand ihn endlich in Cheltenham, und ſandte ihm eine Ausforderungz aber anſtatt ſie anzunehmen, ertheilrs ihm Baddeley die Antwort, daß er ſich nicht mit ihm ſchlagen wolle, und verließ den Ort. Hauptmann Montgomerie verfolgte ihn indeß bis nach W—. Den Teg nach ſeiner Ankunft ladete er, ent⸗ ſchloſſen, ihn zum Kampf zu zwingen, ſeine Piſtolen, und fand ihn, von Herren um⸗ ringt, in einem Kaffeehaus. Waͤre er we⸗ 288 niger zornig geweſen, ſo hätte er nicht ehne Entſetzen und Mitleiden die Verwuͤſtungen bemerken koͤnnen, welche Laſter und Un⸗ maͤßigkeit in dem einſt ſo ſchoͤnen, bewun⸗ derten Baddeley angerichtet hatten, dem Mann, welchen die Frau, die er anbetete⸗ ihm vorzog! Einige Minuten lang ſah ihn Montgomerie, ohne daß er es wußte, mit einem ſo ſchmerzlichen Blick an, daß eine Bewegung der Beſtuͤrzung in den um ihn ſtehenden perſonen veranlaßt ward, die Baddeley bewog ſich umzuſehn, wo ſein Auge auf dem Hauptmann ruhte.— Er fuhr zuſammen, wankte zu einem Stuhl, und verhuͤllte ſein Geſccht. „Herr Baddeley„ ſagte Montgomerie mit einer vor Erregung kaum vernehmbaren Stimme,„ ich wuͤnſche, ſie allein zu ſprechen.“ „Ich verweigre es, mein Herr!“ „Ich werde ſi ie dazu zwingen.“ „ MNach einer Pauſe ſprang envlich Bad⸗ deley empor, und rief:„Wohl! wenn es ſeyn muß, ſo muß es ſeyn; allein ehe ich ſterbe, will ich eine Handlung der Gerechtigkeit thun; ich will den Ruf der unſchuldigſten und beleidigtſten Frau freyſprechen!“— worauf er alle Anweſende zu Zeugen ſeiner Worte aufforderte, und ſeine Verhaͤltniſſe im Bezug des Kindes und deſſen Mutter bekannt machte. „Schurke! und du ruͤhmſt dich noch deiner Boßheit?“ rief Montgomerie, indem er ſich ihm nahen wolte/ doch Fn ten ward. „Nein!— ich ſage dieß nur, um gerecht gegen eine muſterhafte Frau zu ſeyn, was dieſer Herr, um den Ruf ſeiner Gattin zu ſchonen, nie geweſen waͤre.— Und nun, Hauptmann Montgomerie, bin zu ihren Dienſten.“ T 290— Alein was Baddeley hoffte, indem er dieß ſprach, geſchah, und ſogleich. hatten ſich einige hinansgeſchlichen, um der Obrigkeit Rachricht von einem wahrſcheinli⸗ chen Zweykampf zu geben; und als beyde Herren die Stadt verlaſſen wollten, wurden ſie mit Arreſt belegt; wo Montgomerie, durch die letzte Bekanntmachung heftiger als je nach Rache duͤrſtend, von Oberſt Vane, der zufaͤllig durch die Stadt kam, mit nach 3 Bower Wood genommen ward.— Doch des Vergehns, mit eigner Hand Gerechtig⸗ keit zu vollziehn, ſah er ſich uͤberhoben; denn der elende Baddeley zog ſich in einigen Lagen durch Trunkenheit einen Schlagfluß zu, von dem er ſich nicht wieder erholte; und die weiſen und frommen Zuredungen Ella's und ihres Gemahls gaben endlich Montgomerie ſeiner gehoͤrigen Weiſe zu fuͤhlen und zu handeln zuruͤck. Er konnte indeß nie den Anblick der kleinen Ella ertra⸗ gen, und glucklich fur ſie, die Verhaͤltniſſe ihrer Geburt betrachtet, ward ihr Leben, durch eine ſchnelle Verzehrung nach einem Fieber, in wenig Tagen geendet; auch mußte 6t, ſo zärtlich ſie dieſelbe liebte, ihren Tod in ihrer Lage fuͤr einen Segen halten. Bey ihrer Verbindung war beſtimmt, daß Ella und Oberſt Vane, welchen ſeine wan⸗ kende Geſundheit die Armee zu verlaſſen noͤthigte, abwechſelnd auf beyder Beſitzungen ſich aufhielten, und Mrs. Vane ein Haus in Oberſt Vane's Park bewohnte; da ſie, vielleicht weislich, ihre eifrigſten Bitten, ſich bey ihnen aufzuhalten, ablehnte. Bald nachdem ſie verbunden waren, 291 ——— machte Ella ihrem Gemahl den Entſchluß bekannt, nie in London zu wohnen, oder ſtehende Geſellſchaft in ihrem Hauſe zu un⸗ terhalten, es waͤren denn Maͤnner mit ihren T 2 292 Frauen, aus Jurcht vor Rückfoͤllen. Denn ich bin vollkommen ͤberzeugt,“ ſagte ſie⸗ „daß Eiferſucht und Argwohn, zwar durch Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, ſie nicht zu naͤhren, unterdruͤckt, aber nie ganz vertilgt werden können, und bey den kleinſten und unerwartetſten Veranlaſſungen hervorzu⸗ brechen drohen.“. „Dieß iſt ſehr ſtreng, und ſogar ungroß⸗ müthig, Ella,“ ſagte Oberſt Vane. Ganz und gar nicht:— und wie kannſt du, der noch vor ſo kurzem, und unter ſolchen Verhältniſſen„ Argwohn hegte“ dich nicht für fäͤhig halten, Grund zur Eiferſucht pey irgend einer mit Wärme geaͤußerten Güte gegen einen angenehinen Gaſt zu finden?“ „Ich weiß, du wuͤrdeſt nichts damit an⸗ deuten wollen, und mir deßhalb keinen Ver⸗ dacht einfößen— äberdieß hat ſich dein Betragen veraͤndert.“ 293 „Ja, das hat es, und ich hoffe, es wird ſo bleiben; dennoch, wer einmal irrte, wie kann der gewiß ſeyn, nicht wieder zu irren? und die einzige Sicherheit iſt, die Verſuchung zu meiden.— Fuͤr dich, und nur fuͤr dich allein, bin ich zufrieden zu leben; dir allein wuͤnſchte ich zu gefallen.— Du kannſt gelegentlich in die froͤhliche Welt treten, denn ich bin nicht eiſerſüchtig; allein ich will in der Zuruͤckgezogenheit bleiben, welche die Gewohnheit, mich zu beſchaͤftigen, mir immer angenehm machen wird; und den Kummer, welchen mir dieſe Trennungen von dir erregen, will ich als eine gerechte Strafe fuͤr die Anmaßung anſehn, im Be⸗ wußtſeyn meiner Unſchuld, den Schein, und die Beſchraͤnkungen des Anſtaudes, bei Seite zu ſetzen. Nach den Reſultaten meiner eignen ſchmerzlichen Erfahrungen werd' ich immer allen, die meiner Sorgfalt N anvertraut ſind, einzupraͤgen ſuchen, daß eine Frau ſowohl die Pflichten gegen ſich ſelbſt⸗ als gegen die Geſellſchaft verletzt, welche Veranlaſſung zu ſagen, oder nur anzu⸗ deuten giebt: der Schein iſt gegen ſie⸗ 3 — — — — — — — — — — — — — — — — — — —2 8 Dieſer Schmutztitel iſt vor S. 2 59 einzuſch alten. 295 5 Auguſtin und ſein Weib Es giebt vielleicht wenig Wahrheiten, an die wir oͤfter durch auffallende und ſchreckende Beyſpiele erinnert zu werden beduͤrfen, als die, mit denen wir am meiſten bekannt ſind. Wir tanſchen ſo gern uns ſelbſt, um uns einbilden zu können, das, was wir lange wußten und in der Theorie annahmen, auch in der Prapis nie zu verſaumen. Da⸗ her hoͤrt man gemeiniglich den groͤßten Ab⸗ ſcheu gegen die Falſchheit von denen aͤu⸗ ßern, welche gewoͤhnlich die Wahrheit am „ meiſten verletzen, bis eine traurige Folge ihrer verderblichen Neigung, oder ein war⸗ nendes Beyſpiel, ſie in ſich ſelbſt zu blicken lehrt und, obgleich gewoͤhnlich zu ſpaͤt, ihnen zeigt, daß die Regeln des Handelns bewundern, und recht handeln, etwas ſehr verſchiedenes iſt. Wahrſcheinlich werden alle Eltern hoͤchlich die goldnen Regeln ge⸗ nehmigen, die uns Aeſops Fabeln darbieten 5 keine Mutter wird ohne Ueberzeugung und Entſetzen die Geſchichte des Diebes leſen⸗ der, ehe er das Schaffot beſtieg, ſeiner Mutter das Ohr abbiß; und die ganze Welt giebt zu, wie der Zweig ſich beugt⸗ wird der Baum wachſen: dennoch, wie viele von denen, die ſo bewundern und ſo zugeben, geſtatten ihren Kindern die Gewohnheiten der Läge, des Betrugs und manches Un⸗ rechts, ohne durch gerechten Tadel und„ angemeßne Zuͤchtigung auf Verbeßrung des — 297 Fehlers zu wirken, bis, gleich dem Dieb⸗ in der Fabel, furchtbare Gerechtigkeit an den ſchwachen oder nachlaͤſſigen Eltern geuͤbt wird. „Es iſt feltſam,“ ſagte Beograve, ein unterrichteter, doch wumderlich geſinnter Kaufmann, der Stadt L—, zu Auguſtin, einem Krämer deſſelben Orts,—„es iſt ſeltſam, daß ſie und ich, die ſo gut bey allen andern Gelegenheiten uͤbereinſtimmen, ſo verſchieden in Hinſicht auf Erziehung ſind.„* „In den Mitteln ſind wir gewiß ver⸗ ſchieden,“ erwiederte Auguſtin;„doch unſer Zweck iſt derſelbe, und wir bemuͤhen uns beyde, unſere Soͤhne zu achtbaren Witglie⸗ dern der Geſellſchaft zu machen.“ „Wahr,“ entgegnete Veograve,„und da ich die Furcht fuͤr eine der mächtigſten Empfindungen halte, ſo glaub' ich, daß Kinder nur in die guten Gewohnheiten hinein geſchreckt werden koͤnnen, indeſſen bey ihnen Nachſicht alles fuͤr alles gilt.“ „Nichts dergleichen— ich halte das Extrem der Nachſt cht ſur ſo iicheſt, wie das der Strenge.“ „Warum verziehen ſie dann Edwin?“ „Ich laugne, daß ich ihn verziehe.“ „Aber ſie geſtatten ihrer Frau, es zu thun, und das iſt beynahe daſſelbe; denn es iſt gewiß, er hat boͤſe Gewohnheiten, ob ſie es wiſſen, oder nicht— und ſolche, die mein Sohn Hugo nicht haben darf.— Hugo darf nicht fehlen, weil er weiß, daß wenn er es chaͤt, er von mir Schlaͤge bekommen wuͤrde.“ „Wenigſtens, ſagte Auguſtin,„wuͤrde er, bey der Furcht vor ſolcher Strenge, beſondre Sorgfalt anwenden, ſeine Fehler zu verbergen, und ich betrachte dergleichen ———— 299 rohe Strenge als einen ſichern Weg, dem Kind Luͤgen und Verſtellung zu lehren.“ „Unſinn! denn mein Sohn darf nicht lägen, darf nichts verheelen, weil er weiß⸗ daß ich faͤhig waͤre, ihm dann lebendig die Haut abzuziehn.“ „Es iſt alſo fuͤr ihr armes Kin noth⸗ wendig, vollkommen geboren zu ſeyn, und keine der Schwaͤchen ſeiner Mitgeſchoͤpfe zu beſitzen; da, wenn es fehlt und be⸗ kennt, ſie es hart ſchlagen, und wenn es ſeinen Fehler durch Luͤgen verbirgt, ſie ihm lebendig die Haut abziehn wuͤrden.“ „Nein, das iſt nicht richtig— doch die Sache herumkehrend, laſſen ſie mich fragen, nach welchen Grundſaͤtzen ſie Edwin naßh⸗ ſehen?“ 3„Ich laͤugne, daß ich es thue;— und to oft mein Sohn fehlt, ſage ich es ihm, und ſuche ihn davon zu ͤberzengen, und 300 ner Richtung verderblicher Fehler„ ſo ſtrafe ich ihn das erſte Mal, um deſſen Wieder⸗ holung zu verhindern.“. „Was, mit einer guten eitſche?“ „O nein— durch Verſagung eines ver⸗ ſprochnen Vergnügens, während ich ihn durch die Ausſicht des Lohns zu guten Hand⸗ lungen anrege; denn korperliche Strafe kann nur dann noͤthig ſeyn, wenn das Kind ſo tief eingewurzelte boͤſe Gewohnheiten hat, daß es nicht viel beſſer als ein Thier gewor⸗ den iſt.“ „Wohl— ich baue mehr auf die Wir⸗ kung beſtimmter Schlaͤge, als auf die Strafe durch irgend eine Verſagung; doch wir wer⸗ den ſehn, wenn unſte Soͤhne groß werden, welche Art der Erziehung die beſte iſt. Ob wenn er es das zweyte Mal begeht, beſtrafe ich ihn. Iſt es ein bedeutender, und in ſei⸗ ſie ſehlen, oder nicht, kann ich nicht ſagen— 30 es iſt nur gewiß, wie ich zuvor erwahnte, daß Edwin ein boͤſer Bube iſt, und ſeine Mutter geſtattet ihm ſeine Fehler, wenn ſie es nicht thun.“ „Dieß iſt eine harte Beſchuldigung ge⸗ gen mein Weib, und ich glaube, eine unge⸗ rechte— doch ſie haben mich aufmerkſam gemocht, und ich will in Zukunft ſehr wachſam ſeyn.“ Mit dieſen Worten wuͤnſchte er Beograve gute Nacht, und ging gedan⸗ kenvoll nach Hauſe. 2 Daß Auguſtin gewoͤhnlich wie er ſprach, war ſehr richtig; dennoch, ſo wenig er es argwohnte, wirkte ſein Weib, eine thoͤrichte zaͤrtliche Mutter, ſeinen ver⸗ nünftigen Anſichten der Erziehung en tgegenz und da eine Mutter ſo viel öfter als der Vater das Kind ſieht, iſt ſie vielleicht allein nur faͤhig, ihm boͤſe oder gute Gewohnheiten beyzubringen. Indeß war Auguſtin unbe⸗ 30 2 kannt mit ſeines Weibes Schwäche, da der Schein gewoͤhnlich genz zu S Vor⸗ theil war. Beograve ward deſſen ungeachtet noch aͤrger getäuſcht als Auguſtin; ſeine Strenge hatte die gewöhnliche Folge der Strenge— ſie lehrte Verſtellung— und während ſein Sohn nur zitternde Unterwerfung und tugendhafte Neigungen in ſeiner Gegenwart zeigte, erſchien er außer derſelben ganz an⸗ ders; da aber Bedgrave's Ge⸗ müthsart kannte,/ ward der arme Knabe ſo allgemein bedauert, daß niemand über ihn klagte, damit die Strafe ſeines Vaters das Vergehn nicht weit uͤbertreffen moͤge. Den⸗ noch war dieß eine unnöthige Schonung; denn Beograve war ſo hartnaͤckig, und ſei⸗ nem Erziehungsplan ſo ergeben, daß nur das Zeugniß ſeiner eignen Augen und Phren ihn überredet haben wurde, daß ſein Sohn ₰ 303 zu fehlen wage. Auguſtin ſollten indeß bald nach jenem Geſpraͤch uͤber einige der uͤbeln Neigungen ſeines Sohnes die Augen gef⸗ net werden. „Wie geht es ihnen?“ ſagte eines Abends Veograve zu Auguſtin und S Frau„als ſie Shee tranken. „Ich bitte, herein zu kommen,“ erwie⸗ derte Mrs. Auguſtin freundlich,„und viel⸗ leicht trinken ſie eine Taſſe Thee mit uns.“ „„Wohl, das kann ich ja thun,“ ſprach Beograve, waͤhrend Auguſtin„ ſcharfblicken⸗ der als ſein Weib, ihn nicht wilkommen hieß, obwohl er ihm einen Stuhl bot; denn er las auf ſeinem Geſicht einen Ausdruck boßhafter Freude, die ihm nur zu gewoͤhn⸗ lich war, und er wußte gewiß, daß er aus keiner guten Abſicht zu ihnen komme. Es wahrte nicht lange, ſo ſah er ſeinen Ver⸗ dacht denn ohne W Mrs. Au⸗ 304 guſtins aufrichtiges Wohlwollen beſaͤnftigt zu werden, mit dem ſie friſchen Thee, und das von der beſten Sorte, machte, ein fri⸗ ſches Brodt dazu aufſchnitt, und aus ihrem Verſchluß etwas Hochzeitkuchen nahm, den man ihr zugeſendet hatte, begann der rauh⸗ ſinnige Beograve: „So, Auguſtin! ich ſehe Edwin ncht bey ihnen, wo iſt er dieſen Abend?“ „Ich vermuthe, er blieb nach der Schule, wie er oft thut, um mit ſeinen Schulcame⸗ raden zu ſpielen.“ „Sehr wahrſcheinlich wird er ſo zu nen ſagen, wenn er nach Hauſe kommt.“ „So zu mir ſagen! und wenn er es thut, werde ich ihm glauben, denn mein Kind iſt kein Lügner.“ 5 „Glauben ſie das nicht zu gewiß, denn der Grund, warum Edwin noch nicht hier iſt, beſteht darin, daß ihn ſein Lehrer, wegen — 7 305 einer vöslichen Unwahrheit, erſt derb geſtraft und hernach eingeſchloſſen hat, um eine ge⸗ wiſſe Anzahl engliſcher Verſe zu lernen.“ „Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben!“ rief der bekuͤmmerte Vater, während Mrs. Auguſtin zwar unwillig, doch nicht zweifelnd ausſah, und dem dienſt⸗ fertigen Beograve mißmuthig zu verſtehn gab, daß es nicht ſeine Sache und ſehr un⸗ recht von ihm ſey, hierher zu kommen, und Eltern gegen ihre Kinder einnehmen zu wollen. 6 „Aber ich ſehe an ihrem Blick, ſie glau⸗ ben mir, obgleich ihr Mann es nicht thut; denn ſie kennen Edwin beſſer, als er.“ „Iſt das wahr, Frau?“ ſagte dieſer, mit ernſtem Blick. „ Sah man je einen ſo unheilvollen Mann!“ rief Mrs. Auguſtin, der Frage ausweichend.„Nun brauchen ſie nur noch 306 meinen Mann uibtrauiſc 86 n machen.“ „Ich wunſchte, es zu koͤnnen,“ eni⸗ derte Beograve,„da es von Nutzen ſeyn durfte; denn jedermann ſagt/ daß ſie Edwin verziehn, ihm bey ſeinen Fehlern durch die Finger ſehn, und ſie vor dem Va⸗ ter verbergen— der ſie ihm vielleicht abge⸗* woͤhnen koͤnnte— bis, wer weiß, der Knabe mit der Zeit gehangen werden wird.“ Bey dieſen rohen Worten brach in Thraͤnen aus. 6 „Das iſt zu viel, um es ertragen zu koͤnnen!“ rief Auguſtin;„kommen ſi ſie nur hierher„um mein Weib zu beleidigen, und meinen Sohn zu verläumden?“ „Erwaͤgen ſie, daß ſie mich zuerſt bejei⸗ digte, als ſie an der Wahrheit deſſen zwei⸗ felte, was ich von ihrem Sohne ſagte; allein es iſt wahr, denn ich weiß es von X — 307 einem Unterlehrer ſelbſt, und auch von einem der Knaben.“ „„Sie ſollten beyde werden, aus der Schule geſchwatzt zu haben,“ ſeufzte Mrs. Auguſtin. „ So mein' ich auch,“ ſagte ihr Mann; „ doch wenn Edwin log, und ich fuͤrchte, er that es, dann wuͤnſchte ich, ſo ſehr ich die koͤr⸗ verlichen Strafen mißbillige, daß ihn der Lehrer zwey Mal, ſtart ein Mal gezuchtigt hatte, und ich hoffe, er wird ihn den ganzen Abend bey ſeiner Lection laſſen.“ „Wohl, wohl— ich habe ihnen geſagt, was fuͤr ein boſer Knabe ihr junger Hoff⸗ nungsvoll iſt, weil ich es fuͤr meine Pfücht hielt, damit ſie ihn beſtrafen moͤchten, denn die Maͤtter, weiß ich, ſind ſo einfiltiglic und taubenherzig— doch ich ſehe„ſie wer⸗ den boͤs, und blicken mich unwillig an, und ſo gute Nacht! ich kann nur ſagen, meinen U2 308 Sohn ſehr verſchieden erzogen zu haben, und ſie werden ſehen, wie er ausfaͤllt.“ „Ich wollte dich nicht in Gegenwart vieſes Mannes fragen, oder tadeln,“ ſagte Auguſtin, als Beograve ſich entfernt hattes „doch jetzt begehr' ich zu wiſſen, ob das, was er dir Schuld giebt, wahr oder falſch iſt. Sagt Edwin Lägen? und biſt du ſo ſraſbar und unheilvoll ſchwach, ſeine Feh⸗ ler vor mir zu verbergen⸗ damit ich ſie nicht beſtrafe?“ „Ich meinte es gewiß nicht oöſe“ erwiederte Mrs. Auguſtin weinend und erſchreckt, als ſie die gewohnlich heitre Stirn ihres Gatten in Falten gezogen ſah. „Gewiß iſt Edwin, gleich andern Kindern zuweilen leichtſinnig, und da ich ihn ſelbſt unter Augen habe, hielt ich es nicht für noͤthig, dir durch die Nachricht davon Ver⸗ druß zu machen.“ 309 3„„Aber ſagt er je Luͤgen?“ „Dann und wann.“ Worauf der arme Vater aufſtand, und heftig bewegt in ſei⸗ nem kleinen Zimmer auf⸗ und abging. „Hoͤr' mich an,“ ſagte er,„und merk' auf meine Worte. Du haſt deine Pflicht als Weib und Mutter verletzt; als Weib, indem du mir etwas verbargſt, und als Mutter, indem du mich abhielteſt, unſerm Kind jenen ernſtlichen Rath, und jene heil⸗ ſame Zuͤchtigung zu ertheilen, die zu Unter⸗ druͤckung boͤſer, und zu Erhaltung guter Ge⸗ wohnheiten nöthig ſind.— Weib! erinnere dich der Fabel des Dieb's und ſeiner Mutter.. „Ich wollte, dieſer toßhafte und unheilſtiftende Menſch waͤre nie hierher gekommen,“ ſagte Mrs. Auguſtin unter Seufzen.„Du ſprachſt noch nie ſo hart mit mir, und er iſt an allem Schuld./ 31 „Weib,“ ſagte Auguſtin,„obſchon ich weiß, daß ſeine Abſichten boͤs, und nicht gut waren, danke ich ihm dennoch, weil ich hoffe, von dem, was er ſagte, Nutzen zu ziehn— da es weiſe iſt, ſelbſt von en Feinde Rath anzunehmen.“ „Ich denke, du machſt einen großen Lärm um nichts, Mann.— Wenn Edwin ein großer Junge wäre, dann wuͤrden ſeine Luͤ⸗ gen in der That eine ſchlimme Sache ſeyn; aber fuͤr einen kleinen Buben, noch nicht ganz ſechs Jahr alt! der kaum weiß, was Recht oder Unrecht iſt!“ „Glaube das nichtz ein Kind von vier Jahren unterſcheidet ſo gut Recht von Un⸗ recht, als eine Perſon von vierzig, und der Knabe, der im vierten Jahre lugt, wird luͤgen, wenn er ein großer Knabe iſt, und um dieß zu vermeiden, muß ihm dieſer Fehler als Kind abgewoöhnt werden.— * Sieh dieſes Stuͤck Eiſen an, meine Liebe, welches ich zu einem meiner Verſuche ge⸗ kauft habe.“ xsjIch ſeh es— und es ein u Stuͤck. „Hoͤr mir zu: wenn ich es im Feuer heiß mache, und ihm, waͤhrend es die Waͤrme biegſam gemacht hat, eine beſondre Form zu geben ſuche, wird es mir leicht gelingen; wenn ich aber damit warte, bis es hart geworden, kann ich es weder en noch ändern., „Allein. mein Lieber, warum ſonteſt du warten„bis es hart geworden iſt?“ fragte Mrs. Auguſiin mit großer Einfalt. „Des iſts, was ich dich frage,“ er⸗ wiederte er tichelnd.„Warum wollteſt du die Zeit, deines Kindes Fehler zu verbeſ⸗ ſern, und ihm gehoͤrige Neigungen beyzubrin⸗ gen, aufſchieben, bis es heraufgewachſen 5 iſt, und ſeine Gewohnheiten zu ſtark gewor⸗ den ſind, um ſie aͤndern jzu koͤnnen? Denn das Gemͤth iſt gleich der Materie, und muß geformt werden, eh' es feſt wird.— Dieſes Eiſen kann ich im Feuer wieder biegſam machen; doch nichts aͤhnliches tann auf den menſchlichen Geiſt angewendet werden, und hier hat die Materie etwas vor dem Ge⸗ muͤth voraus; doch Geiſt und— ben philvſophen.—“ „Aber, mein ieber,„ich bin kein pyi loſoph, ſagte Mrs. Auguſtin ernſthaft. Und ihr Mann erwiederte, ich fuͤrchte mit einem Blick bewußter Ueberlegenheit:„ Sehr wahr, meine Liebe,“ und brach das Geſprich ab, bis ſie es alſo erneuerte: „Doch, lieber Mann, Edwin wird na⸗ tuͤrlich es beßſer wenn er lter wird.“ ———— 313 Auguſin hoͤrte dieß mit Betroffenheit⸗ denn er fuͤhlte, daß er daſſelbe noch einmal zu ſagen hatte. „Natuͤrlich!“ erwiederte er;„was ver⸗ ſtehſt du unter Natur, moͤcht' ich wiſſen?“/“ „Was ſollt' ich darunter verſtehn? Na⸗ tur iſt Natur.“ „Allein Gewohnheit iſt eine Na⸗ tur, Frau.— Bedenke, Sara, er iſt unſer Liebling und unſer Einziger, und wenn er nicht gut ausfaͤllt, haben wir kein andres Kind.— Doch hier kommt er!“ Der Knabe trat mit zuverſichtlichem We⸗ ſen, doch ſchuldbewußtem Auge ins Hausz denn er meinte, wegen ſeines langen Außen⸗ bleibens eine Luͤge zu ſagen, und wußte, daß ſein Vater ihm nicht mißtrauen, ſeine Mutter ihn nicht verrathen würde. „So,“ ſagte ſein Vater,„warum kommſt du ſo ſpaͤt?“ 813 Ol! nur weil—“ Hier unterbrach ihn ſeine Mutter, in der Ueberzeugung, er werde eine falſche Entſchuldigung machen:„leicht⸗ ſinniger Knabe! wir wiſſen alles, daher brauchſt du es uns nicht zu ſagen; denn Herr Beograve erzaͤhlte—“ „Schweig!“ fiel hier unwillig ihr gic nuf ſeiner Seite ein.„Du weißt, du unterdruͤckſt die vorgeſetzte Luͤge auf ſeinen Lippen.— Komm mit mir auf dein Zim⸗ mer— denn ich habe mit dir allein zu ſpre⸗ chen und dir viel zu ſagen.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte er das erſchrockne, doch noch immer trotzige Kind hinweg, und die Mut⸗ rer wagte es nicht zu folgen. Nach wenig Augenblicken horte ſie das Kind heftig wei⸗ nen, und eilte ſogleich die Treppe hinauf. „Er reizte mich, ihn mit Strenge zu be⸗ pandeln!“ rief Auguſtin bleich von Bewe⸗ gung;„denn obwohl du ihn gewarnt har⸗ 315 teſt jetzt konnt' ich nur erſt, ein volles Be⸗ kenntniß von ihm erhalten.— O! wie dieſe Fabel mir in dem Sinn liegt!— ich er⸗ warte wirklich, bald von dem Kleinen zu hoͤren, daß er ein Abcbuch geſtohlen hat.“ „Ein Abebuch!“ rief der Knabe vor⸗ witzig.„Nein, gewiß nicht, wenn ich ſtehle, wird es etwas Beßres ſeyn!“ „Wenn du ſtiehlſt!“ rief Auguſtin, er⸗ ſchuͤttert durch dieſe nichts Gutes verheißen- den Worte. „Ich ſagte dir, lieber Mann,“ ſrich die Mutter,„daß er zu jung ſey, um Recht von Unrecht zu unterſcheiden.“ „Still, Frau! er weiß ſehr gut, wenn du ihm verbieteſt, in deiner Abweſenheit deinen Kuchen oder Zucker zu nehmen„und er es thut, daß er einen Diebſtahl begehtz und wenn er dergleichen thut, und du mur ſagſt: du leichtſinniger Junge, ſo erziehſt 316 du dein Kind zum Verbrecher.— Jetzt geh zu Bett, Knabe! dein Lehrer hat heute ſeine Pflicht gethan, und ich will ſehn, wie ich morgen aufs Beſte die meinige thue.“ „Ich will aber nicht ohne mein Abend⸗ brot zu Bert gehn,“ ſtohute Edwin, „das will ich nicht.“ Sii „Sage dieß Wort noch einmal, und du ſollſt eine Woche lang von Waſſer und Bror leben,“ erwiederte ſein Vater; und der Knabe zeigte ſich ſo heftig und leiden⸗ ſchaftlich, daß ſeine Mutter in Uaruhe ge⸗ rieth— allein ſein Vater nahm ſie beym Arm und fuͤhrte ſie hinab, und ſchloß Ed⸗ win allein in ſein Zimmer.—%0 Weib!“ ſagte er mit Thraͤnen im Auge,„dieß iſt die erſte ungluͤckliche Nacht, die ich kenne, ſeitdem ich mit dir verbunden bin! meine Angen ſind endlich geoͤffnet, und Gott zeic⸗ daß es nicht zu pt iſt.“ 317 Mehr unwillig als bennruhigt, mehr verdrießlich als uͤberzeugt, horte Mrs. Auguſtin den uͤbrigen Theil des Abends nicht auf zu weinen; und als ihr Mann geſehn hatte, wie Edwin ſich felbſt auskleidete und ins Bett begab, war ſie ſo ſchwach, ſich auf ſein Zimmer zu ſchleichen, und ihm zu ſchmei⸗ cheln und zu liebkoſen, bis er einſchlief; und ob ſie ihm gleich kein Abendbrot zu geben wagte, ſteckte ſie ihm doch heimlich etwas von dem vorhin erwaͤhnten Hochzeitkuchen in den Mund. Dennoch meinte ſie es gut, und hielt ſich fur die beſte der Muͤtter; der Fehler lag im Kopf, nicht im Herzen und gleich allen ſchwachen Leuten wollte ſie ſich von keinem andern beſtimmen laſſen. Daher ſo ſehr ſie ihren Gatten verehrte, glaubte ſie doch, da ihre Gefuͤhle als Mutter na⸗ tuͤrliche Gefuͤhle waren, nicht irre gefuͤhrt werden zu können, und wiewohl ſie ihm in 3¹8 Hinſicht auf Edwin nicht offenbar entgegen⸗ handelte„that ſie es doch ins geheim, und gab dieſem dadurch ein Beyſpiel der Ver⸗ S6 Am nächſten Morgen ſagte Augufin zu — daß er nun eine gehoͤrige Strafe fuͤr ſeine geſtrige boͤsliche Falſchheit feſtge⸗ ſetzt habe, und es ihm nicht verſtattet ſeyn ſollte, kommende Woche auf den Jahrmarkt zu gehn. „Allein alle andre Jungen werden gehn, und ich habe zwey halbe Kronen dazu erhalten,“ rief der Knabe. „Das freut mich; denn ſo wirſt du um ſo mehr beſtraft, und nicht ſo leicht wieder dergleichen Fehler begehen.. „O! gewiß, ich will es nie wieder, mur dießmal pruͤfen ſie mich! und ich will gewiß in Zukunft ein guter Junge ſeyn!“ Allein er bat und flehte vergebens, und ſeine Mut⸗ 319 ter dazu— der mit Recht beunruhigte Va⸗ ter that ſeinem Gefuͤhl Zwang an, und zeigte ſich ſtandhaft. Tag fuͤr Tag ward er auf dieſe Weiſe angegriffen, allein er blieb ſeinem Entſchluß treu. Die andern Knaben hatten einen Feyertag, und gingen auf den Markt, doch Edwin blieb zu Hauſe. Den⸗ noch ließ ihn ſeine Mutter, die ſeinen Thrä⸗ nen und Bitten nicht widerſtehn konnte, als der Vater ihn im Bett glaubte, von ihrer Magd und deren Bruder begleitet, ͤber den Markt gehn, und er kehrte mit pfeffer⸗ kuchen und einem Wagen zuruͤck, den er fuͤr ſeine halben Kronen gekauft hatte. „Thoͤrichtes Kind!“ ſagte die Mutter, als ſie den Wagen ſah,„ was haſt du ge⸗ macht? Der Wagen wird deinen Vater ver⸗ muthen laſſen, daß du auf dem warſt. Ach nein! nen. nf v— „. 320 ann dem Herrn ſagen, ich haͤtte ihn fuͤr Edwin zum Geſchenk gekauft:“ und als die ſchwache Mutter ihr dieß ſagen zu koͤnnen zugab/ erhielt das arme Kind einen neuen Unterricht in jener Verſtellungskunſt, in der es bereits nur zu geſchickt war. Mrs. Auguſtin war ihres Gatten erſte Liebe geweſen, und er die ihrige; doch da ſie ein unabhaͤngiges Vermoͤgen von einigen hundert Pfund und er nichts beſaß, verbo⸗ ren ihre Eltern eine Verbindung nit ihm, und ſie gehorchte— obwohl mit Schmerz und Widerſtreben. Ihr Geliebter indeß, gekraͤnkt uber ihren tugendhaften Gehorſam, und erfullt mit dem Gedanken, wenn ihre Liebe der ſeinigen gleich geweſen wäre, durch Beharrlichkeit endlich ihren Zweck er⸗ reicht zu haben, verließ die Stadt, wo ſie rebte, und begab ſch nach einem andern Theil des Koͤnigreichs. Aufgebracht uͤber 321 die, i ſeiner Meinung kaltherzige Sara, er⸗ griff er die Gelegenheit zu einer vortheilhaften Heirath, und erhielt ein Weib und einen ein⸗ traͤglichen Handel zu gleicher Zeit. Allein Au⸗ guſtin liebte wie Maͤnner lieben; die aufgege⸗ gene Sara liebte wie Frauen lieben; und als ſie von ſeiner Verbindung hoͤrte, faßte ſie in ihrem Herzen den feyerlichen Entſchluß, um ſeinetwillen nie zu heirathen; und ſo oft ſie daher von ihren Eltern bey einigen ihr gemachten vortheilhaften Antraͤgen ernſtlich aufgefordert ward, widerſtand ſie zwar ſanft, doch beſtimmt, ihrem Verlangen, und fügte einmal hinzu:„Die Pflicht für ſie gebot mir, den Mann aufzugeben, den ich liebte; ich hoffe, ſie werden mir deßhalb das Recht geſtatten, unverheirathet zu bleiben, mir ſelbſt zu gefallen.“ oft kamen Nachrichten von Auguſtin und ſeiner Gattin in die Stadt, wo Sara 4 * wohnte, und mun wuͤnſchte ihr zuweilen Gluͤck, ſich nicht mit ihm verbunden zu haben, da er im Ruf eines verſchwenderiſchen Ehe⸗ manns ſtand. „Bedenken ſie,“ pflegte ſie zu erwie⸗ dern,„daß er in ſeiner erſten Liebe ge⸗ taͤuſcht ward— er würde, darf ich ſagen, mit mir ein guter Ehemann geweſen ſeyn.— Und wer weiß,“ ſetzte ſie gewoͤhnlich hinzu, „ob dieſes Geruͤcht nicht falſch, und er den⸗ noch ein guter Gatte des Weibes iſt, das er waͤhlte?“ Nach zehn Jahren ſtarb— Gut⸗ tin, keine Kinder hinterlaſſend, und ſeine erſte Frage war, ob Sara noch unverheira⸗ thet ſeyo. Man antwortete ihm hierauf be⸗ jahend, und daß ihre beyden Eltern geſtor⸗ ben waͤren,“ und wenig Wochen darauf reiſ'te er nach ſeinem Geburtsort zum Be⸗ ſuch. Sara hoͤrte indeß, mit nicht geringer „ 323 Verwirrung, daß man ihn erwarte, denn jetzt ſtand kein Hinderniß mehr ihrer Ver⸗ bindung entgegen, wenn ſeine Liebe wieder auflebte; doch dieß wuͤrde wohl nicht der Fall ſeyn.—„Als wir uns trennten, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„war ich zehn Jahr juͤnger; uͤberdieß habe ich mich ins geheim gegraͤmt, und jene bluͤhende Farbe verloren, die mich ſonſt auszeichnete!— Dennoch,“ dachte Sara, und ſeufzte bey dem Gedan⸗ ken,„wenn Auguſtin wuͤßte, daß ich um ſeinetwillen meine Farbe verloren haͤtte, ſo wuͤrde er mich, wenn ich ihm auch nicht mehr ſo hübſch erſchien, gewiß deſto mehr lieben.“ „ „Waͤhrend der Zeit kam Auguſtin fruͤher als man ihn erwartete, und ſein erſter Weg ar vor Sara's Haus voruͤber. Er blickte im Vorbeygehn, ſo gut er konnte, in das tleine Fenſter ihres Zimmers; doch ſie war £ 2 324 nicht darinz— indeß bemerkte und ertannt⸗ er mit einiger Bewegung eine kleine Zeich⸗ nung von ſich, die ſchlechte Copie eines ſchlechten Kupferſtichs, welche eines ſeiner Geſchenke an Sara geweſen war; denn ſie hielt ſie für artig„ dieſelbe mit den Augen der Liebe, nicht des Geſchmacks betrachtend⸗ und machte ſie zu einer Zierde ihres Putz⸗ zimmers. Dieſer kleine Umſtand nebſt der Nachricht, daß ſie mehrere gute Antraͤge ausgeſchlagen/ und nie zu heirathen erklaͤrt habe, gaben große Aufmunterung. „Wie ßeht ſie aus?“ ſagte er zu einem gemeinſchaftlichen Freund. „O! ſehr uͤbel— ſo mager und bleich gegen das, wie ſie dieſelbe ſonſt kannten.— Sie hat ſich in der That ſehr veraͤndert.⸗ „Ich habe mich in zehn Jahren auc veraͤndert,“ erwiederte Auguſtin. — — 325 „Aber ſie ſieht aus, als wenn ſie Kum⸗ mer gehabt haͤtte.“ „Und ſo hab' ich gehabt, und recht viel dazu!“ rief Auguſtin ſeufzend;„doch es iſt nun voruͤber— und wer weiß, ob nicht Sara und ich noch gluͤcklich ſeyn koͤnnen?“ Bald nachher bat dieſer Freund, auf ſein Verlangen, um Erlaubniß, ſie als ein alter Bekannter beſuchen zu duͤrfen; und ſie willigte ein, ihn am naͤchſten Morgen zu empfangen.— Als die zur Zuſammenkunft beſtimmte Zeit herankam, fuͤhlte ſich Augu⸗ ſiin wegen der zehn Jahre, die er aͤlter ge⸗ worden war, ſo beunruhigt, als Sara we⸗ gen der ihrigen.—„Denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn ſie mich nicht zartlich genug liebte, als ich jung und gut ausſe⸗ hend war, wie kann ich vermuthen, ſie werde mich lieben, da ich nicht mehr jung 326 und zu meinem Nachtheil veraͤndert bin.“— Und waͤhrend der Zeit befand er ſich an Sara's Thuͤr. Er ward in das kleine Putz⸗ zimmer gewieſen, wo das Zumachen einer entgegengeſetzten Thuͤr ihn uͤberzeugte, daß ſie es eben verlaſſen habe; und dieß hielt er fuͤr ein gutes Zeichen, da vielleicht Be⸗ wegung ihre Entfernung veranlaßte. Auch bemerkte er, daß ſeine Zeichnung wegge⸗ nommen war, und dieß ſchien ihm noch ein beſſeres Omen. Endlich, nach mancherf rucht⸗ loſen Bemuͤhung, faßte Sara den Muth, die Thür zu offnen, deren Griff eine halbe Mi⸗ nute in ihrer Hand gezittert hatte. „Wie geht es ihnen, Herr Auguſtin?“ ſagte ſie, die Hand ihm darreichend⸗ und halb zurückziehend. „ Was machen ſie, Miß Nalow? er⸗ wiederte er, ihre kalte Hand ergreifend und ſie wieder loslaſſend— dann nahm er Platz, ohne gebeten zu werden, indeß ſich Sara ebenfalls ſetzte. Nie gab es wohl eine kaͤltere, unin⸗ tereſſantere Unterhaltung— denn beyde wa⸗ ren zu befangen, als daß ſie haͤtten von vergangnen Zeiten ſprechen koͤnnen; und ob⸗ gleich Auguſtin viel Liebe blickte, und Sara vor Bewegung ſo bluͤhend und ſchoͤn als je erſchien, konnte er doch keine aus⸗ zuſprechen wagen, da er ſo kurze Zeit erſt Wittwer war— waͤhrend Sara, den Ausdruck ſeiner Blicke bemerkend, emſiger war, ihre Augen darauf zu richten, als an⸗ genehme Gegenſtände fuͤr die Unterhaltung aufzufuchen. Envlich ſtand Auguſtin, obwohl ungern, auf, ſich zu entfernen.„Ich werde ſie hoffentlich vor ihrer Abreiſe wiederſehn, Herr Auguſtin?“ ſagte Sara. „Nein— wahrſcheinlich nicht— ich muß morgen wieder zu meinen Geſchaͤften 328 zuruͤckkehren— ich kam nur, alte Freunde zu ſehen— aber ich werde wiederkommen, und laͤnger bleiben.“ Dann, die ſchuͤchtern dargereichte Hand zu druͤcken wagend, ent⸗ fernte er ſich gluͤcklicher als er kam. „Wie konnten ſie mir ſagen, ſie habe ſich veraͤndert?“ ſagte er zu ſeinem Freund. „Ey, das hat ſie— und ſieht aus wie ein Geiſt!“ „Wie ein Geiſt! ich ſah ſie ſo blühend wie immer.“ „Bluͤhend!— in dieſem Fall nibte es eine hectiſche Farbe ſeyn, und das arme Maͤdchen iſt in einer Verzehrung.“ „Gott verhuͤte!“ rief Auguſtin erblei⸗ chend,„und gewiß, ſie iſt ſehr mager!“— Und aller Muth verließ ihn.. Sara's Vergnugen, ihn wiedergeſehn zu haben, ward indeß durch nichts geſtoͤrt, be⸗ 4 ſonders da ſie ſich noch immer von ihm ge⸗ 329 ſiebt ſah, ob er gleich ſo treulos geweſen, und ſich mit einer Andern verbunden hatte. Kurz zu ſeyn: als Auguſtin wieder kam, ent⸗ buͤlte er Sara ſein ganzes Herz, und ihm ward verſtattet, die reinen unbefleckten Zei⸗ chen weiblicher Treue in dem ihrigen zu leſen.— Sie verbanden ſich, und waren glucklich; und nach vier Jahren ward ſie, nach mehrern getaͤuſchten Hoffnungen, Mut⸗ ter eines lebendigen Kindes. Nie ward ein Kind zaͤrtlicher begruͤßt, und nie wurden die Gefuͤhle elterlichen Stolzes in dieſer fruͤhen Periode des Daſeyns vollkommner befriedigt; denn Edwins Schoͤnheit erregte allgemeine Bewundrung„und man hielt ihn r eines der groͤßten Kinder, die man je ſah. Die Schönheit beſitt etwas ſo anzie⸗ hendes, von ihrem fruhſten Anbruch bis zum Mittagsglanz, daß es nicht zu verwundern iſt, wenn die Eltern eines ſchönen Kindes * 335 verſucht werden, daſſelbe durch zu große Nachſicht zu verwöhnen. Allein Vernunft, wenn es vernünftige Weſen ſind, muß ſie überzeugen, daß unweiſe Rachſicht ihre eigne Abſicht zerſtört, wenn dieſe das Gluͤck ihres Kindes iſt— da Erfahrung und Beobach⸗ rung täglich Beweiſe darbieten, daß die glücklichſten Kinder die ſind, welche am be⸗ ſten regiert werden. Auguſtin war davon überzeugt, denn er dochte ſowohl als er fuhlte, und wollte ſeiner Ueberzeugung ge⸗ můß handeln; allein ſein Weib fuͤhlte bloß, oder wenn ſie zu raiſonniren vorgab, beruhte es auf faiſchen Grundſätzen. Sie meinte, wenn die Kinder groß wuͤrden, un in die Welt kämen, muͤßten ſie Widerſpr und Ungemach genug erdulden, daher man ihnen aus Ritleiden in ihrer Jugend nicht ſtreng und entgegen ſeyn vurfe;— doch ſie vergaß, daß die, welche gewohnt ſind, ihre 331 Wuͤnſche erfullt zu ſehen, um ſo haͤrter bey Verſagungen dulden müſſen; und daß ein durch mißverſtandne Guͤte verzognes Kind, nackt und unbewaffnet, einem Heer bewaff⸗ neter und furchtbarer Feinde entgegenge⸗ fuͤhrt wird. Dennoch konnte Mrs. Auguſtin von ihrem Irrthum nicht uͤberzeugt werden, und ihres Mannes uͤberlegene Einſicht ver⸗ mochte daher nicht, den Folgen ihrer Thor⸗ heit entgegenzuwirken.— Nicht als ob Auguſtin ſelbſt faͤhig geweſen wäre, alles auszufuͤhren, was er vorgab, nein, er un⸗ terlag nur zu oft dem Einfluß der Gemůths⸗ ſtimmung, dieſem allgemeinen Vermittler der menſchlichen Handlungen, ſo unbemerkt und Wertteidet es auch ſeyn mag. Selten, wenn es je der Fall iſt, koͤnnen Eltern einen Vi⸗ derſpruch bey Erziehung ihrer Kinder ertra⸗ gen; und Auguſtins beſaßen jedes elterliche Gefuͤhl, gut oder bös, in ſeiner vollen 332 Stärke. Wenn daher Beograve, wie es oft geſchah, eine Erzaͤhlung von des armen Edwins Leichtfinn in der Schule vorbrachte, und einige jener heilſamen Zurechtweiſungen anrieth, die er immer bey ſeinem Sohn an⸗ wendete, fühlte ſich Auguſtin faſt jedesmal geneigt, nicht zu thun, was ſein Nachbar verlangte— weil er wußte, daß Edwins Beſtrafung ihm Vergnuͤgen machen wuͤrde.— So oft demnach der Knabe, ſich nichts gu⸗ tes bewußt, aus der Schule kam, freute ſich ſein kleines Herz, ſobald er Beograve erblickte, da er bereits klug genug war, zu bemerken, daß die Feindſchaft deſſelben ſei⸗ nen Vater zu ſeinem Freund machte; und oft ward ihm verſtattet, ſich Kopfweh und verdorbenen Magen zuzuziehn, weil ſich Veo⸗ grave wunderte, wie die Auguſtins ihr Kind ſo thoricht vollſtopfen könnten.— Die Maͤßigkeit, zu welcher er ſeinen Sohn 333 zwang, als ein loͤbliches Beyſpiel dar⸗ ſtellend. „Ich haſſe beynahe dieſen Mann!“ pflegte Mrs. Auguſtin zu ſagen.„Als ich keine Kinder hatte, war er fo roh, mir meine Kinderloſigkeit vorzuwerfen; und nun, da ich ein Kind habe, und einen ſo lieblichen ver⸗ ſprechenden Knaben, als je die Sonne be⸗ ſchien, macht er mir wieder den Vorwurf, ihn nicht behandeln zu koͤnnen.“ Es iſt wahr, Beograve war ein Mann von rohem Betragen, die Folge einer boͤſen Ge⸗ muͤthsart; und bitter quaͤlende, niederſchla⸗ gende Dinge zu ſagen, gehoͤrte unter ſeine größten Vergnuͤgungen. Man koͤnnte fragen, warum Auguſtins ſeine Beſuche verſtatteten? Ein Grund dazu war, daß er in einigen Ge⸗ ſchaͤftsverhaͤltniſſen mit Auguſtin ſtand; ein andrer, daß er dieſelben politiſchen Mei⸗ nungen hegte, und in der That ſein Freund 334 war, ſo ſehr er es von irgend jemand ſeyn konnte. Ueberdieß hatte Beograve ſeine Gattin verloren, und ſein einziger Sohn be⸗ fand ſich in dieſer Periode in einer Koſt⸗ ſchule, daher er ein einzelner Mann warz und Auguſtins guͤtige wohlwollende Geſin⸗ nung leiteten ſie, auch Beſuche zu ertragen, die ihnen nicht gefallen konnten. Mit all ſeinem Beſtreben, ſich von Ed⸗ wins Fehlern Kenntniß zu verſchaffen, ent⸗ gingen doch einige, man tönnte ſagen, un⸗ gluͤcklicher Weiſe, Beograve's Aufmerkſam⸗ keit.— Denn obwohl Auguſtin oft manches, was er fuͤr verzeihliche Vergehn hielt, unge⸗ ſtraft ließ, ſo verſaͤumte er doch nie, etwas dem Laſter ſich naͤherndes ohne Züchtigung zu laſſen; und hatte das Kind nicht fruͤh⸗ zeitig ſelbſt ein ſo großer Luͤgner zu ſeyn gelernt, daß es in die Wahrheit andrer kein Vertrauen ſetzte, ſo wuͤrde es wahrſchein⸗ 335 lich von dem Laſter des Lügens geheilt worden ſeyn, ſobald es der Vater kannte, da er ihm völige Verzeihung jedes Fehlers verſprach, wenn es ihn ehrlich und offen ge⸗ ſtand, und nicht durch Unwahrheit die Ent⸗ deckung zu verhuͤten ſuchte. Allein Edwin traute den Worten ſeines Vaters nicht, weil er wußte, wie wenig die ſeinigen Zu⸗ trauen verdienten, und fuhr, unter der grau⸗ ſam guͤrigen Mitgenoſſenſchaft ſeiner Mutter, fort zu luͤgen, und unentdeckt zu lügen. Als er eines Tages in dem kleinen Garten ſeiner Eltern ſpazieren ging, bemerkte Mrs. Auguſtin etwas gloͤnzendes in ſeiner Hand, das er mit ſichtlichem Vergnuͤgen anſchaute; und da ſie ſich ihm unbemerkt nahte, ſah ſie, daß es eine artige Boͤrſe mit ſtählernen Quaſten war.—„Woher haſt du dieſe Boͤrſe?“ fragte ſie, bleich vor Unruhe. „Ich fand ſie,“ erwiederte der Knabe. 336 „Du fandeſt ſie! haſt du ſie gewiß ge⸗ funden— und wo?“ „Ey, ich ſagte, ich fand und das iſt genug!“ rief Edwin trotzig. „NRein, es iſt nicht genug— ich muß wiſſen, wo du ſie gefunden haſt.“ „Ich werde es nicht ſagen.“ „Wohlz dann ſoll dich dein Vater da⸗ zu zwingen.“* „Drohen ſie mir?“ neß der kleine Ty⸗ rann, und ſchlug ſie mit der Fauſt ins Ge⸗ ſicht, daß ihr das Blut aus der Naſe Kleid und Tuch uͤberſtroͤmte. „Und dein Vater ſoll mich ſo dazu ſehen,“ ſtammelte ſie, waͤhrend ihr Herz, mehr als ihr Geſicht durch die Grauſam⸗ keit und Undankbarkeit eines Kindes litt, das ſie anbetete. Doch Edwin, der ſeine Nutter wirklich liebte, obwohl er fein ge⸗ nug war, ihre Schwachheit zu ſehen, und 33* ſie deßhalb nicht achtete, ſiel zu ihren Fuͤ⸗ ßen, umſchlang ſie mit ſeinen Armen, und beſchwor ſie, unter den lebhafteſten Betheue⸗ rungen, Thraͤnen und Kuͤſſen, an ſeine Reue zu glauben, ihm ſeinen Fehler zu ver⸗ geben, und ihn vor ſeinem Vater zu ver⸗ bergen, welches ſie in der Schwachheit ihres Herzens zugeſtand. Indeß hatte ſie Verſtand genug hinzuzuſetzen:„Ich will es deinem Vater dennoch ſagen, wenn du nicht bekenneſt, wie du dieſe Börſe erhalten haſt?“ „Ich fand ſie auf einem Weg, der von unſerm Spielplatz hierher fuͤhrt.“ „Und haſt du nicht gefragt, ob e jemand verloren hat?““ „Das war nicht meine Sache, erwie⸗ derte er von neuem trotzg. „ Darin irrſt du,“ entgegnete Mrs. Auguſtin;„gewoͤhnlicher Ehrlichkeit gemäß, 338 warſt du verbunden, zu zeigen, was du fan⸗ deſt, und dich nach dem e zu er⸗ kundigen.“ „Das iſt alles Unſinn!“ rief Edwin, „ich fand es, und ſo iſt es nun mein.“ „So wenig, daß ich darauf beſtehe, es in die Schule zuruckzutragen, und be⸗ kannt zu machen, daß du es haſt.“— „Ich werd' es nicht thun!“—„ Dann muß dich dein Vater dazu zwingen,“ antwortete kalt ſeine fuͤr dießmal beſtimmte Mutter. Und der Knabe, welcher ſah, ſie meine es ernſtlich, fing an, ihr mit Liebkoſungen zu ſchmeicheln, als einer der Unterlehrer an die Thuͤr klopfte; und da ihm Auguſtin, den er auf der Straße begegnete„geſagt hatte, daß ſeine Frau und ſein Sohn im Garten waͤren, kam er unangeſagt zu ihnen. „Mein Geſchaͤft iſt mit dir, Edwin,“ ſagte er mit anſcheinender Nachläſſigteit— 339 „ich habe geſtern„irgendwo auf dem Weg vom Spielplatz hierher, meine Boͤrſe ver⸗ loren; und da dein Weg nach Haus durch dieſen Pfad fuͤhrt, ſo kannſt du ſie viel⸗ leicht gefunden haben!“ „Iſt es eine blaue Boͤrſe mit glaͤnzen⸗ den Quaſten?“ fragte der Knabe errothend, waͤhrend ſeine Mutter vor Beunruhigung ſprechen konnte. „Ja, ſo iſt ſie.“—„O! dann freu ich mich ſehr!“ rief das verſchlagne Kind; „denn ich habe ſie gefunden, und wollte eben, wie ihnen meine Mutter ſagen wird, kommen, ſie in der Schule vorzuzeigen, um den Eigenthuͤmer anszufinden.“ „Ich wundte mich, daß du das nicht gleich gethan haſt,“ erwiederte der Lehrer mit argwoͤhniſchem Blick;„doch wo iſt ſie? es waren nur zehn Schillinge und ein Sie⸗ Y2 340 benſchiling⸗Stöck darin;“— und Zählen fand er nur neun Schilinge. „O! ich habe vergeſſen,“ rief Edwin, einen Schilling daraus genommen zu haben⸗ und hier iſt er!“ waͤhrend der Lehrer, nach einem Kampf mit ſich ſelbſt, da die arme Mutter gegenwaͤrtig war, ihm demſelben zu behalten hieß, doch mit einem Blick, der ausdruckte, daß es mehr ſey als er verdiene. Indem er ſich hierauf zu Mrs. Auguſtin wendete, erſchrak er uͤber ihre blutige Er⸗ ſcheinung, und fragte nach der Veranlaſung dazu. Beſchaͤmt und zuo ſeich eſteht⸗ die Wahr⸗ heit zu ſagen(denn ſie wufte, der Lehrer werde ihren Sohn auf„nd eine Art be⸗ ſtrafen), wich ſie ſchwacher Weiſe der Frage aus, indem ſie ſagte, ſie habe ſich geſto⸗ ßen— und ergriff dann gern zu ihrer Ent⸗ fernung den Vorwand, die Kleider zu wech⸗ i ſeln. Was der Lehrer zu Edwin ſagte, als er allein mit ihm war, weiß niemand; denn Edwin wollte es nicht ſagen, und der Leh⸗ rer, zufrieden, ſeine Pflicht gethan zu haben, war zu edel, ſelbſt davon zu ſprechen. Allein ſeine Verweiſe blieben Edwins einzige Be⸗ ſtrafung fuͤr eine Handlung, die gewiß zu⸗ naͤchſt an Entwendung graͤnzte. Mrs. Au⸗ guſtin war zu ſchwach und zu vorſaͤtzlich blind gegen die wahrſcheinlichen Folgen ihrer ſtrafbaren Verheimlichung, um ihrem Gatten die nothige Nachricht davon zu ge⸗ ben; auch hatte ſie ſogar nicht das geringe Verdienſt, ihrem fehlernen Sohn durch ihr Betragen zu ztigen, wie tief ſie ſeine uͤble Auffuͤhrung empfinek, und verdientermaßen mißbillige: im Gegentheil behandelte ſie ihn, als wenn er nicht gefehlt haͤtte— und in venig Tagen war, bey dieſer gedankenloſen Mutter, die Sache gänzlich vergeſſen; denn 3½ Edwin erhielt in der Schule einen Preis für ſeine Fertigkeit im Lernen, und kam eines Abends mit einem blauen Auge nach Hauſe, deſſen Veranlaſſung ſowohl ihre Ei⸗ telkeit gls Zaͤrtlichteit befriedigte. „Wohl, ihr guten Leute!“ ſagte dieſen Abend Beograve,„wie geht es euch?“ dann ſich die Haͤnde reibend, ſetzte er hinzu:„Da kommt Edwin mit einem blauen Auge! ich moͤchte wiſſen, welche Haͤndel der junge Un⸗ gethuͤm gehabt hat!“ „Ein blaues Auge! ach! i6 hoffe rief die Mutter aͤngſtlich. „Ey!— vermuthlich hoffen ſie,“ fiel Beograve ein,„daß es ſeine Schonheit nicht verderbt hat! Doch es waͤre vielleicht um ſo beſſer für ihn, wenn dieß der Fall ſeyn ſollte— denn mit ſeinem ſchönen Ge⸗ ſicht ſteht er in Gefahr, von den Weibern ſo verdorben zu werden, wie von Papa und 343 Mamma. Doch da kommt er! ſieh, Mam⸗ ma's Liebling!“— Edwin erſchien in ver That mit einem furchtbar entſtellten, obwohl nicht beſchädigten Auge; jedoch ſeine Mut⸗ ter, genau mit dem Ausdruck ſeines Geſichts bekannt, bemerkte nichts, was das Bewußt⸗ ſeyn der Schuld anzeigte, und ſah daher keine Beſtrafung fuͤr ihn, und keinen Tri⸗ umph für Beograve voraus. „Du unglücklicher Knabe! was haſt du nun gemacht?“ rief ſein Vater. „Ey— nichts gutes— ich will dafuͤr ſtehn,“ ſagte Beograve. „Ich habe gekaͤmpft,“ erwiederte der Knabe beſtimmt, einen grimmigen Blick auf Beograve werfend,„und mit einem groͤßeren Knaben, als ich ſelbſt bin.“ „Darin liegt nichts uͤbles,“ ſagte ſein Vater. 344 „Nein, wenn es wahr iſt,“ bemerkte Beograve. „ Die ganze Su⸗ war S„A ant⸗ wortete Edwin ſtolz—„da geht einer der unterlehrer, fragen ſie ihn, wenn ſie wollen.“ Beograve lief ihm ſogleich nach, und kehrte, hinter ihm, mit niedergeſchlagnem Blick zuruͤck. „Ich wuͤnſche ihnen Gluͤck, Meden,. ſagte der gutmuͤthige Lehrer,„zu ihrem jungen eifrigen Ritter; ob ich gleich wirk⸗ lich in einem ſolchen Fall faſt ſelbſt ein blaues Auge gewagt haben wuͤrde.“ „Kaͤmpfte er wegen ſeiner Mutter?“ fragte der Vater lebhaft. „Ja,“ erwiederte Edwin in Thraͤnen ausbrechend;„ja— der große rohe Soa⸗ mes nannte meine Mutter eine alte haͤß⸗ liche Frau, und eine ſchlechte Mutter; und 345 ſo ſchlug ich ihn, und ſo kaͤmpften wir, bis ich nicht mehr ſehen konnte.“ „Bravo! das war ein guter Junge!“ rief Beograve, indem er ſich bemuͤhte, ſeine getaͤuſchte Erwartung unter einem Lachen zu verbergen; waͤhrend die entzuckte Mutter ihr Kind an den Buſen druͤckte, die Thraͤnen hinwegkuͤßte, und ſorgſam die Wirkungen des Schlags unterſuchte, dieſes koͤſtliche Zei⸗ chen der eifrigen Liebe ihres Sohns. „ Gieb uns deine Hand, mein Sohn!“ ſagte ſein Vater, im Ton tief erregten Ge⸗ fuͤhls;„du ſollſt es nicht bereuen, ich ver⸗ ſpreche es dir, deinen Arm zu Vertheidi⸗ gung deiner Mutter erhoben zu haben.“ Dieſe That, welche gewiß von Gefuͤhl und Muth zeigte, erhob Edwin in ſeines Vaters Meinung, und machte ihn, wo moͤglich, ſeiner Mutter noch lieber; auch verfehlte ſie nicht, in den Augen ſeiner 346 Schulkameraden ſeinem Charakter zum Lobe zu gereichen; und als er funfzehn Jahr alt war, und ſein Vater es fur Zeit hielt, ihn eine Handlung lernen zu laſſen, ward er wegen der Schönheit ſeines Aeußern, ſeines gefaͤligen Betragens, und der Gewandheit ſeiner Fähigkeiten von allen fuͤr einen viel ver⸗ ſprechenden Juͤngling erklaͤrt— Beograve ausgenommen, der die Eiferſucht eines Va⸗ ters empfand, und bey Edwins Lob zu ſa⸗ gen pflegte:„Ey ja— es iſt alles gut; doch die Probe des Puddings iſt das Eſſen, und es iſt nicht alles Gold, was glaͤnzt; und wir werden ſehn, ob er ſo gut ausfaͤllt wie mein Hugo, und ſo weit im Leben kommt.“ u dieſe Zeit fiel Mrs. Auguſtin in eine gefaͤhrliche Krankheit, und Edwins Aufmerkſamkeit fuͤr ſeine leidende Mutter ward von jedermann bewundert. Bey ihrer Geneſung wuͤnſchten ihr daher alle ihre 347 Freunde zu der unermüdeten Sorgſamkeit und Zaͤrtlichkeit, die ihr Sohn ihr bezizt hatte, Gluͤck. „Ja,“ erwiederte die befriedigte Mut⸗ ter,“ ich wußte immer, daß er mich liebte; — allein er wuͤrde nicht ſo zärtlich gegen mich ſeyn, wenn ich nicht ſo gut gegen ihn geweſen waͤre, und, wie manche Leute denken, ihn verwoͤhnt haͤtte;— eure ſtrengen Müt⸗ ter, die ihre Kinder zuͤchtigen, werden nie von ihnen geliebt.“ Arme Frau! ſie uͤberlegte nicht, daß Liebe ohne Achtung wenig Werth hat. Auch war ihre Behauptung nicht richtig; denn es iſt die Beobachtung jeder vorurtheilsloſen Perſon, daß die Eltern, welche ihre Kin⸗ der, in jeder Periode ihres Daſeyns, nach unverletzten Grundſatzen, und mit heilſamer, durch elterliche Nachſicht gemilderten Strenge 348 behandeln, am meiſten von ihnen geliebt und geachtet werden. Endlich kam die Stunde, wo Auguſtins ſich von ihrem Sohn trennen mußten, da⸗ mit er ein Geſchaͤft lernen, und ſeinen eig⸗ nen Unterhalt erwerben moͤchte. Als Au⸗ guſtin ſich mit ſeiner zweyten Gattin verband, gab er, ihr zu gefallen, ſein Geſchaͤft in der Stadt*— auf, und kam nach ſeinem Geburtsort zuruͤck, wo er einen kleinen La⸗ den eroͤffnete, nur eben groß genug, einen Theil ſeines Geldes anzulegen, und ihm etwas zu thun zu geben. Er hatte beſchloſ⸗ ſen, Edwin ſollte, wenn ihm nach einem Probejahr das Geſchaͤft, welches er aufgab, nehmlich das eines Chymiſten und Materia⸗ liſten, gefalle, ein Gehuͤlfe des Mannes werden, dem er ſeine Handlung uͤberließ, mit der Abſicht, wenn er ſeine Zeit geſtanden, Theil an derſelben zu nehmen; und die 349 Eltern wollten dann, ſobald er ſelbſt Ge⸗ ſchaͤfte treibe, nachziehn, und in ſeiner Nähe wohnen. Auguſtin liebte die Lectuͤre, und beſaß auch einen kleinen Anſtrich von Wiſſenſchaft. Erſtere unterhielt er bey ſeinem Aufenthalt in*—, wo er oft eine oͤffentliche Biblio⸗ thek beſuchte, und letztere durch chymiſche Eyperimente, die, obwohl die Kenntniſſe andrer nicht vermehrend, wenigſtens zu ſei⸗ ner eignen Unterhaltung dienten; und er hoffte, Edwin werde denſelben Geſchmack erhalten, da er wußte, daß dadurch ſein Geſchaͤft mehr Intereſſe fuͤr ihn bekommen wuͤrde. Es war ein trauriger Tag fur die arme Mutter, als Edwin Abſchied nahm! doch ſie ſuchte ſich durch den Gedanken zu troͤſten, daß es zu ſeinem Beſten ſey, ſo wie durch das Verſprechen, immer zur Weihnachtszeit 350 auf einige Tage ſie zu beſuchenz und in der Mitte des Sommers verſprach ihr Mann, 6 mit ihr zu ihm zu reiſen. Auguſtin beglei⸗ tete ſeinen Sohn zu dem Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung, und als er ihm Lebewohl ſagte, konnte er nur durch die Vorſtellung ſich be⸗ ruhigen, zu einer Gattin zurückzukehren, die er zartlich liebte, und die durch die innigſte Lheilnahme ſeinen Kummer mildern werde. Auch war Edwin nicht ohne ſeine Gefuͤhle und Bekuͤmmerniſſe— und ſeine woͤchentli⸗ chen Briefe fuhren fort, jede Empfindung auszudruͤcken, welche ſeine nachſichtigen Eltern verdienten. Als aber das Probe⸗ jahr beynahe zu Ende war, und Weihnachten herbey kam, wo Edwin den Beſuch, wel⸗ chen ihm ſeine Eltern im Sommer gemacht hatten, erwiedern ſollte, fanden ſie ſeine Briefe kuͤrzer, und ſparſamer, und fingen an zu fuͤrchten, Abweſenheit und Entfernung 357 möchten ſeine Neigung zu ihnen vermindert haben. Dennoch erwaͤhnte er immer mit ſichtlichen Vergnuͤgen der Ausſicht, ſie bald zu ſehen, und ſein Weihnachtsmahl mit ihnen zu eſſen; und da Eltern ſich immer ſelbſt zu ſchmeicheln geneigt ſind, ſchrieberm die guten Auguſtins die Kuͤrze und Selten⸗ heit der Briefe ihres Sohnes dem Drang der Geſchaͤfte zu, die er mit jedem Tag nehr lieb zu gewinnen verſicherte. Waͤhrend der Zeit war ſeine Mutter emſig und gluͤck⸗ lich mit Vorbereitungen zum Weihnachtsfeſt beſchaͤftigt;— denn bereitete ſie ſich nicht, den Stolz ihrer Zaͤrtlichkeit, und den Reich⸗ thum ihres Herzens zu empfangen?— Wenige, ſehr wenige Freunde, die Ed⸗ win am liebſten waren, wurden zu ſeinem Empfang eingeladen; und ehe die Zeit ſeiner erwarteten Ankunft herankam, ging der ſorgſame Vater nach dem Poſthaus, um ihn 352 ſogleich zu begruͤßen. Während der Zeit war die Mutter beſchaͤftigt, Kuchen und Gelce fuͤr Edwins uͤppigen Geſchmack zu bereiten, ſonſt wurde ſie auch dahin gegan⸗ gen ſeyn; allein ſie unterbrach ihre Arbeit bey jedem Gerauſch, meinend, er komme, und mehrere Mal lief ſie zum Fenſter, weil ſie glaubte, ihn durch die Vorhaͤnge zu erblicken. Wie betruͤbt und getäuſcht mußte ſie ſich daher fuͤhlen, als ihr Mann mit der Nach⸗ richt zurckkehrte, beyde Poſten waͤ rendurch, und Edwin war in keiner. Kaum konnte die getaͤuſchte Mutter es uͤber ſich gewinnen, ein Geſchaͤft zu beendigen, das ihr nun nicht laͤnger angenehm war; und ob ſie gleich die Gaͤſte mit Lippen und Worten willkommen hieß, waren doch Herz und Gedanken bey ihrem abweſenden Kind.— Auguſtin ſelbſt konnte auch ſeine ge⸗ taͤuſchte Hoffnung nicht verſchmerzen, obwohl ihn eigenthoͤmliche Hoflichteit und Gaſt⸗ 353 freundlichkeit antrieb, einer hoͤchſt vortreffli⸗ chen Tafel, mit ſeiner gewoͤhnlichen freund⸗ ſchaftlichen Weiſe vorzuſtehn, und er zwang ſich zu eſſen, damit andre daſſelbe thun moͤchten:— allein ſein armes Weib beſaß nicht ſo viel Selbſtbeherrſchung, und ſo be⸗ reitwillig ſie ihre Freunde verſorgte, konnte ſie doch ſelbſt nichts genießen, noch Theil an ihren Scherzen nehmen, oder auf ihr Weihnachtslied hoͤren; denn der Mutter Lieb⸗ ling war entfernt und der Mutter Herz freu⸗ denlos. Endlich kam der Poſtbote, und ſtatt Ed⸗ win ein Brief von ihm, welcher meldete, daß er ſich, als er abreiſen wollte, eine hef⸗ tige Erkältung zugezogen bobe, die ihn noͤ⸗ thigte, zu bleiben, wo er war; doch hoffe eer, durch einige Nächte Ruhe wieder her⸗ geſtellt zu ſeyn, wobey er bat, ihm nicht zu ſchreiben, da er wahrſcheinlich auf dem 354 Weg nach Hauſe waͤre, eb er den Brief erhalten koͤnne. „Ich dachte es wohl,“ pen Auguſtin,“ „daß ein ſehr ſtarker und weſentlicher Grund da ſeyn muͤſſe, warum der Knabe meine und ſeiner Mutter Erwartungen nicht erfuͤllte. Doch was giebt's, Weib? Komm thoͤrichte Frau! trink ein Glas Wein auf Edwins Geneſung, und weine nicht!— er wird bald hier ſeyn!— eine Erkaͤltung iſt kein Fieber.“ „Kann aber mit einem enden!“ erwie⸗ derte ſie. Und obwohl erfreut, daß er eine ſo gute Entſchuldigung fuͤr ſein Außenblei⸗ ben hatte, fuͤhlte ſich ihr muͤtterliches Herz doch bekoͤmmert, weil dieſe Entſchuldigung Krankheit war. Dieſe Nacht gingen ſie gluͤcklich im Segen der Unwiſſenheit zur Rube. Am naͤchſten Tag n weder Edwin, noch ein 355 Brief. Der dritte Tag brachte ihnen einen Brief, doch nicht von ihrem Sohn. Er kam von ſeinem Herrn, und enthielt in Wahrheit niederſchlagende Nachrichten. Die Frau des Specereyhaͤndlers, bey dem er lebte, hatte eine Schweſter, die an einen reichen Kaufmann in London verheirathet war, und gleich andern modiſchen Leuten hielt ſie es fuͤr beſſer, die Weihnachtszeit außer London zuzubringen; weßhalb ſie ſich bey ihrer Schweſter zum Beſuch anſagte.— Dieſe Frau war jung, ausgezeichnet ſchoͤn, ſehr verſchwenderiſch und im gleichen Grad verdorben— und ihr Mann, der nicht jung und ſehr häßlich war, füͤhlte ſich nicht ohne Grund eiferſuͤchtig.— Ungluͤcklicher Weiſe fuͤr Edwin zog die ungewoͤhnliche Schoͤnheit ſeines Geſichts und ſeiner Geſtalt fogleich ihre Aufmerkſamkeit auf ſich, und erregte ihre Bewundrung— und ein Juͤngling, 3 2 336 von eben erſt ſiebzehn Jahren, der nicht an die kleinſte Verſagung gewöhnt, ſondern mit Erfuͤllung jedes Wunſches geſtraft war, konnte wohl ſchwerlich den gefahrlichen Annaͤhe⸗ rungen eines ſo einnehmenden Weſens die Schranken der Pflicht und Grundſaͤtze ent⸗ gegenſtellen. S Zwei Tage vor dem Weihnachtstag, gab ſie vor, eine Einladung nach London zu einer kranken Freundin erhalten zu ha⸗ ben, und reiſote in einer Poſtchaiſe abz allein ſie fuhr nur bis zur naͤchſten Station, wo Edwin zu ihr kam, der, nachdem er jenen Brief falſcher Entſchuldigungen auf die Poſt gegeben hatte, von ſeinem Herrn Abſchied nahm, um, wie er ſagte, nach L— zu reiſen. Waͤhrend daher ſeine beſorgten Eltern ihn durch eine unwillkommene Krank⸗ heit ihren verlangenden Blicken entzogen glaubten, befand er ſich in einem Wirths⸗ 357 haus am Weg, im verbornen Umgang mit einer pflichtvergeßnen Frau, die ihn fuͤr ihres Mannes Sohn erſter Ehe ausgab!— Jedoch die Entdeckung folgte dem Vergehn bald nach:— eine Perſon, die beyde kannte, ſah ſie am Fenſter des Wirthshauſes, und gab Herrn Maule Nachricht davon— der ſo⸗ gleich ein Pferd beſtieg und zu beſagtem Ort ritt. Die Thraͤnen und Bitten ſeiner Gattin, und Ruͤckſicht auf Mrs. Verney's Ruf, als deren Schweſter, vermochten ihn, dem beleidigte nGatten ihr Betragen zu ver⸗ ſchweigen, und er ließ ſich nur ein feyerli⸗ ches Verſprechen von ihr geben, allen Um⸗ gang mit Edwin abzubrechen. Nachdem er ihr ſodann einen Platz in der Poſtkutſche verſchafft hatte, beſtand er auf ihrer augen⸗ blicklichen Ruͤckkehr nach London zu ihrem Mann. Als Entſchuldigung dieſer Eilfertig⸗ keit geſtattete er ihr, zu ſagen, daß ſie 358 ſich mit ihm entzweyt, und die Rauhheit ſeines Betragens ihr den laͤngern Aufent⸗ halt in ſeinem Hauſe unmoͤglich gemacht habe.— Was er mit Edwin anfangen ſollte, war eine ſchwierige Sache; indeß beſchloß er, ihn mit zuruͤckzunehmen, und ſeinem Vater von allem Nachricht zu geben.— Eine Entdeckung konnte er nicht vermeiden; denn ſeine Frau hatte feyerlichſt erklaͤrt, ſie wolle und koͤnne nicht mit einem Juͤngling zuſammenleben, der ihre Schweſter verlei⸗ tet, und ſie wahrſcheinlich in Schande ge⸗ bracht habe; er ſchrieb daher jenen Brief an die Eltern, der allen Troſt aus ihren Herzen verbaunte. Als Auguſtin ſprechen konnte, denn an⸗ fanglich war ihm die Sprache gaͤnzlich ver⸗ ſagt, rief er— waͤhrend ſein Weib, halb der Sinne beraubt, in bleichem, ſen Schmerz den Brief las— 359 „So, ſo, im Alter von ſiebenzehn iſt er bereits ein vollſtändiger Luͤgner, und im verbotnen Umgang! O Weib! ich glaube, daß du das erſtere zu verantworten haſt! Dieſer Brief, dieſer unſelige Brief! der Beweis eines, weil es tiefer einge⸗ wurzelt iſt, noch groͤßern Laſters, als das, was er zu verbergen ſucht! Nein,“ fuhr er, durch das Zimmer gehend, fort,„waͤren ihm die Luͤgen nicht ſo gelaͤufig geweſen, ſo wuͤrde er ſich des zweyten Fehlers nicht ha⸗ ben ſchuldig machen koͤnnen; denn er wuͤrde geſagt haben, ich kann nicht mit ihnen gehn, weil ich meine Eltern nicht betrügen tkann. Ich belog ſie noch nie, und ich kann, ich will es jetzt nicht thun. Da ihm aber Unwahrheit, wie ich nun glaube, nichts ko⸗ ſtet, ſo iſt er zu jedem andern Laſter reif! O Weib! verleitete ungluͤckliche Frau! das kommt von deinem Verheelen— Hier hielt 360 er ein;— denn ſein armes Weib, unfühig, ihr eigen Elend und ſeine Vorwuͤrfe zu er⸗ tragen, war in einem Anfall von Kraͤmpfen niedergeſunken, und fuͤr mehrere Stunden ver⸗ Vor ſich ſelbſt die Erinnerung au ſeines Sohnes Schuld in der Furcht, ſie zu verlieren. Als ſie gaͤnzlich wieder hergeſtellt war, bat ihr zaͤrtlicher Gatte, ihm zu vergeben, was er in der erſten Aufregung des Schmer⸗ zes zur Vermehrung ihres Kummers ge⸗ ſprochen habe; und hoͤrte dann ſo lange mit Geduld und einigem Vergnuͤgen auf ihre heftigen und reichhaltigen Schmähungen der boͤſen Frau, die ohne Zweifel ihr unſchuldi⸗ ges Kind verderbt habe, bis er, geneigt, ſei⸗ nes Sohnes Vergehn ſo viel als moͤglich zu verringern, ſich die Ueberzengung geſtat⸗ tete, daß, obwohl Edwin, indem er jenen Brief ſchrieb„ſo ſehr als Mrs. Verney ge⸗ fehlt habe, die Verfuͤhrung doch außer 367 Zweifel ganz von ihrer Seite her⸗ komme. „Aein was ſollen wir mit dieſem ſchul⸗ digen Kinde machen?“ ſagte Auguſtin.— „Du ſiehſt, dieß hat alle unſere Plane fuͤr ſein kuͤnftiges Leben verändert.— Was kann er thun? Wohin kann er gehen?“ „Gehen!“ rief ſeine Mutter,„gehen! Ey, dieß iſt ſeine Heimath, Jakob Augu⸗ ſtin, und ich hoffe, ſie wird jetzt und im⸗ mer ihm offen ſtehn!“ „Wohl geſagt, meine Liebe!“ erwie⸗ derte der Mann.„Was auch die Fehler eines Kindes ſeyn moͤgen, der Eltern Herz darf ſich nie vor ihm verſchließen, und ihre Arme muͤſſen es wo moͤglich vor dem Zuͤr⸗ nen der Welt ſchützen.— Und Scham und Weh komm auf das Haupt der Etteri die bey einem Fehltritt das Kind vergeſſen kön⸗ nen, das ſie vielleicht in fruͤher Jugend 36 durch Mangel an Sorgfalt und Vernach⸗ laͤſſigung dem Hange zum Boͤſen überlie⸗ ßen! Wie konnteſt du glauben, meine Liebſte, daß ich meinem armen Kind das Haus verbieten wuͤrde?“ Seine Gattin antwortete nur mit einer Umarmung, und weinte an ſeiner Bruſt;— von wo ſie indeß plotzlich auffuhr, und aus⸗ rief:„Wie wird dieſer boßhafte Beograve triumphiren, und uns die Reinheit ſeines häͤßlichen Sohnes vorruͤcken. Wohl, es iſt dennoch immer ein Vortheil, haͤßlich zu ſeyn, und des jungen Beograve's Schoͤnheit wird ihn nie der Verſuchung ausſetzen.“ Am nächſten Tag ſandte Auguſtin einige Zeilen ab, die ſeinen Sohn nach Hauſe rie⸗ ſen, und Edwin gehorchte dem Ruf; allein kein ſorglicher Vater ging, ihn zu empfan⸗ gen, keiner Mutter Herz ſchlug voll ſtuͤrmi⸗ ſcher Freude bey ſeiner erwarteten Ankunft. 363 Der verlorne Sohn kam in der That, doch das fette Kalb verkundete nicht ſeine Be⸗ willkommung. Es fehlte Edwin nicht an Zuverſicht, dennoch mußte er's fuͤr einen ernſten Augenblick halten, als er die wohl⸗ bekannte Thur oͤffnete, und mit uͤberfuͤhrter Schuld vor ſeinen Eltern ſtand. Trotz der Vermahnungen ihres Gatten und ihres eignen Gefuͤhls fuͤr's Schickliche konnte ſich Mrs. Auguſtin doch kaum zurückhalten, ihn in ihre Arme zu ſchließen, als ſie ihn ſah, und mußte ſich heimlich geſtehn, er ſey ſo ſchoͤn, daß es ſie nicht wundere, wie dieſes böſe Weib ſich in ihn verliebt habe. „Setz dich nieder,“ ſagte Auguſtin mit zitternder Stimme, während ſeine Mutter unwillkuͤhrlich Platz fuͤr ihn am Feuer machte. „Ach!“ dachte Edwin,„ich bin Stunden lang in einem kalten Wagen geweſen, und dennoch bietet mir meine Mutter keine — 364 warmen Struͤmpfe oder warm Bier an, noch ſcheint ſie nur daran zu denken, daß mir kalt ſeyn werde! O, ſie muͤſſen beyde ſehr zornig ſeyn!“ „So kommſt du endlich?“ ſagte der Vater ernſt.—„Ach, ungluͤcklicher Knabe! mit welchen verſchiedenen Gefuͤhlen erwarte⸗ ten wir dich in vergangner Woche! und welch einen verſchiedenen Empfang wuͤrdeſt du da gehabt haben! Wir hatten da alles gethan, was unſer kleines Vermögen ge⸗ ſtattete, um unſre Freude über deine An⸗ kunft zu zeigen, und unſre Herzen waren fröhlich, denn wir erwarteten ein gehorſa⸗ mes, zaͤrtliches und ſchuldloſes Kind!— Allein jetzt erwartet dich kein Feſt, kein Willkommen, kein freudiges Herz!— Du kommſt in eine ſtille duͤſtre Wohnung, die dein Vergehn dazu machte, und zu den un⸗ 365 gluͤcklichen Eltern, deren Herz du beynahe gebrochen haſt.“ „Vater! ſchonen ſie mich!“ rief Edwin, zu ſeinen Fuͤßen ſinkend, und faſt ſo ſehr vor Angſt als vor Kaͤlte zitternd; und o! um der Barmherzigkeit willen, bedauern ſie mich, und vergeben ſie mir!“ „Steh' auf, Knabe! ſteh' auf! kein Spiel vor mir; ich muß erſt Reue ſehen, eh' ich Vergebung ausſpreche.“ Ich werde es meinen Leſern uͤberlaſſen, ſich alles zu denken, was tugendhafte Eltern unter ſolchen Verhaͤltniſſen zu einem irrenden, aber geliebten Kind ſagen konnten: genug, daß ſeine Mutter tapfer die Schuld Mrs. Verney beylegte, und ſein Vater wollte ſie gleichfalls anklagen, als Edwin, mit mehr Muth und Maͤnnlichkeit, als ſeine Jahre erwarten ließen, ſie ſchnell unterbrach:„Sie koͤnnen mich ſo ſtreng . 366 tadeln wie ſie wollen,“ ſagte erz„denn ſie ſind dann nur gerecht— doch ich kann, ich will nicht geſtatten, ſie auf dieſe Weiſe beſchuldigen zu horen, ich will nicht auf ihre Koſten gerechtfertigt ſeyn; und ſo unrecht ſie auch gethan haben mag, war doch mein Vergehn dem ihrigen wenigſtens gleich.“ „Das zeigt von Gefuͤhl und Ehre!“ rief Auguſtin, und ſchloß Edwins Hand freundlich in die ſeinige. „Lieber Mann!“ rief Mrs. Auguſtin lebhaft, von ihrem Sitz aufſtehend, kahn ich ihn nun käßſenſt— Laß mich's! Du ſiehſt, er iſt doch noch in einigem gut!“ Und da Auguſtin durch Thraͤnen laͤchelte, warf ſie ſich an Edwins Bruſt, und ſie weinten zu⸗ ſammen. Wenn einmal der Ruͤckhalt der Zaͤrtlichkeit aufgehoben iſt, ſtroͤmt ſie gleich der Fluth eines aufgezogenen Schutzes, ales in ihrem Lauf mit ſich fortreißend. 367 In wenig Stunden war Edwin als ein willkommmner Gaſt und geliebtes Kind wieder aufgenommen— und die zärtliche Mutter rieb ſeine kalten Füße mit ihren eignen warmen Haͤnden, um den Umlauf des Bluts wieder herzuſtellen. Doch die Nachtreiſe in kaltem Winterfroſt und gro⸗ ßer Gemüthsbewegung hatte nachtheiligen Einfluß auf die Geſundheit des ungluͤcklichen Edwins, und ehe zwey Tage vergingen, be⸗ fand er ſich in den Raſereien eines Fiebers. Wie gaͤnzlich vergeſſen waren in dieſen Augenblicken ängſtlicher Sorge die Fehler des bewußtloſen Leidenden:„Laß ihn nur leben, laß ihn uns nur erhalten werden, Gott der Barmherzigkeit! und thue mit ihm, was auch dir gut duͤnkt,“ entwandt ſich jetzt den zitternden Lippen der Eltern; und nach langem Kampf trug Edwins vortreff⸗ liche Leibesbeſchaffenheit den Sieg davon. 368 Es war jetzt noͤthig, neue Entwuͤrfe fuͤr ihn zu machen, da die erſten ſo unglucklich zerſtͤrt worden waren; und als eben Augu⸗ ſtin dieſen Gegenſtand zu uͤberlegen begann, erhielt er fuͤr ſeinen Sohn ein Anerbieten aus London, deſſen augenblickliche Annahme nur die Furcht, vor einer erneuerten Be⸗ kanntſchaft mit Mrs. Verney verhindern konnte. Ein Verwandter ſeiner Frau, der ſehr große Geſchaͤfte machte, wuͤnſchte, ſich in einigen Jahren von den Beſchwerlichkei⸗ ten der Handlung zu entfernen, und da ſeine Hoffnung, dieſelbe ſeinem Sohn zu uͤberlaſſen, fehlſchlug, indem dieſer lieber zur See gehen als Handel treiben wollte, glaubte er nicht beſſer thun zu koͤnnen, als Edwin in Mitgenoſſenſchaft zu nehmen, und machte daher ſeinen guͤnſtigen Vorſatz in einem ſehr geneigten Schreiben bekannt. Auguſtins hochſte Wünſche für ſeines 369 Sohnes Fortkommen hatten nie die Aus⸗ ſicht einer Lage wie dieſe ubertroffen.— Allein wenn die Annahme derſelben Edwins Moralitaͤt den Gefahren ausſetzte, die er mit Recht fuͤr ihn fuͤrchtete, ſo gebot es ihm jedes Gefühl der Pflicht, ſie abzulehnen. In dieſer Ungewißheit ſchrieb er an Herrn Maule, machte ihn mit dem PVorſchlag be⸗ 7 kannt, und bat ihn um ſeine Meinung, in wie fern er Edwin durch dieſe Lage in Ge⸗ fahr glaubte, von neuem in jene Verhält⸗ niſſe zu gerathen, denen er eben entronnen war. Die Antwort ſchien Auguſtin ſehr be⸗ friedigend. Herr Maule meldete, daß Mrs. Verney, eine andere Verbindung ſchließend, ihren Mann verlaſſen habe, und wahrſchein⸗ lich in dem zügeloſen Leben, das ſie be⸗ ginne, Edwin ganzlich vergeſſen, oder we⸗ nigſtens teine Partheilichkeit für ihn behal⸗ ten werde.— Und da Auguſtins Herz 6 Aa 370 dieſe Nachricht beruhigt war, nahm er freu⸗ dig das gtige Anerbieten ſeines Vetters William an, und Edwin erfuhr, Le⸗ bensweiſe ihn erwartete. Als Edwin hoͤrte, daß er nicht allein Jahre lang, ſondern wahrſcheinlich auf Le⸗ benszeit in London wohnen ſollte, ſchlug ſein Herz voll der lebhafteſten Freude— denn Mrs. Verney hatte ihm die gluͤhendſte Schilderung von den Vergnugungen der Hauptſtadt gemacht, und er konnte die Hoff⸗ nung nicht unterdruͤcken, ſie werde ihn in einige der bezaubernden Scenen, die ſie ſo kraͤftig zu ſchildern wußte, einfuͤhren. Den⸗ noch bemuͤhte er ſich, einen Theil ſeiner Freude zu verbergen, und verweilte nur hauptſaͤchlich bey dem Vergnuͤgen, welches er empfinden wuͤrde, ein Geſchaͤft ins Große zu treiben, das unter allen Verhaͤltniſſen viel Intereſſe fuͤr ihn gehabt habe— waͤhrend er 371 ſich, um ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, aufrichtig uͤber die Verſichrung ſeiner Eltern freute, wenn er ſich einmal in Lon⸗ don eingerichtet habe, in ſeiner Naͤhe zu wohnen. Endlich erſchien die Stunde ſeiner Ab⸗ reiſe, eine Stunde, die ſchmerzlich jene ihrer letzten Trennung zuruͤckrief, und weit mehr als jene mit aͤngſtlicher Unruhe und fuͤrch⸗ tender Erwartung erfuͤllt war. Die Ver⸗ ſuchung hatte ihn in den engen Graͤnzen einer Provinzialſtadt gefunden, und gefeſſelt, wie konnte er ihren Einfluß auf den weiten Schauplatz einer Hauptſtadt zu entgehen hoffen? 5 „Du wirſt uns einmal im Jahr beſu⸗ chen,“ wiederholte ſeine Mutter immer von neuem,„und mein guter Mann hat mir verſprochen, dann und wann mit mir nach London zu reiſen!“ Sie ſagte dieß mit der Aa 2 372 vergeblichen Hoffnung, in dem Gedanken der verſprochnen Zukunft den Schmerz der Gegenwart zu verlieren. 2 Auguſtin, gefaßter, obwohl nicht weniger ungluͤcklich, verlangte von ſeinem Sohn ein feyerliches Verſprechen, Mrs. Verney nicht wieder zu ſehen; und fruͤh an Verſtellung 3 und Unwahrheit gewöhnt, ſtand dieſer nicht an, es zu geben, weil er ſich nicht gebunden 3 fuͤhlte, es zu halten. Er reiſ'te nach London, und während der erſten Zeit verdraͤngte die Menge der Ge⸗ genſtaͤnde, die ſeine Neugierde erregten und befriedigten„nebſt einer immerwahrenden Beſchäftigung, jeden Gedanken an Mrs. Verney aus ſeinem Gemüth. Doch als er eines Tags durch die Straße ging, wo er wußte, daß ihr Mann wohnte, ſah er deſ⸗ ſen Namen uͤber einem Leinwandgewolbe; 3 und eine Magd bemerkend, welche die Stu⸗ 373 fen vor der Thuͤr reinigte, blieb er ſtehn, und fragte, ob Mrs. Verney in ſey, und was ſie mache. „Mrs. Verney!“ eriederte die Ge⸗ fragte den Kopf—„Es giebt jetzt keine dergleichen.“ „Wie, iſt ſie todt, oder verreiſ't?“ „ Todt!— ihr Mann iſt nicht ſo gluck⸗ lich, der Arme! Rein— ſie iſt mit einem Andern davon gegangen— und die, denen ſie gefüllt, können ihr nach folgen!“ Mit dieſen Worten ſchloß das Maͤdchen die Thuͤr, und ließ Edwin ſo zornig uͤber Mrs. Ver⸗ ney als es ſelbſt war; denn als ſie mit ihm von ewiger giebe und Treue ſprach, hatte ihr der arme leichtglaͤubige Juͤngling ge⸗ traut, und nun, nach wenig kurzen Wochen, war ſie mit einem andern davon gegangen. —„Doch ich ſehe, ſie iſt des Grůͤmens nicht werth,“ ſagte Edwin zu ſich ſelbſt, 374 und beſchloß weislich, ſi ſe ſo bald als moglich zu vergeſſen. Als er einige Monate darauf nach dem Strand ging, ſah er einen Wagen halten, und eine Dame im Schleier ihrem Bedien⸗ ten einen Auftrag geben, worauf dieſer zu ihm kam, und ihm den Wunſch der Dame, ihn zu ſehn, bekannt machte. Edwin folgte der Aufforderung, und erkannte in der ver⸗ ſchleierten Dame ſeine reizende, obwohl treu⸗ loſe, Mrs. Verney, die jetzt von einem reichen Liebhaber unterhalten ward, aber nicht anſtand, im Fall einer Abnahme ihrer Gunſt guflucht in der ergebnen Anhäng⸗ lichkeit eines Juͤnglings zu finden, deſſen Mangel an Weltkenntniß es leicht 4 zu hintergehn machte. Von dieſem Tag an erhielt ſie 6 ihre Herrſchaft uͤber den bethoͤrten Edwin. Alles Geld, was er ſparen konnte, ward zu ——————— 375 Geſchenken fuͤr ſie verwendet⸗ und alle Zeit, die er ſeinen Geſchäften entziehn konnte, widmete er heimlichen Beſuchen in ihren Simmern. Zu Ende eines Jahrs reiſ'te er nach 2—, ſeine Eltern zu ſehen; und die beyden erſten Tage waren ihre leicht getaͤuſch⸗ ten Herzen befriedigt, ſowohl mit dem Aus⸗ druck unverringerter Zaͤrtlichkeit, als mit dem Grad des Vergnuͤgens, welches ihr Sohn in ihrer Geſellſchaft zu empfinden ſchien; waͤhrend ſeine Mutter wegen der ausge⸗ zeichneten Vervollkommnung ſeiner Perſon ſtolzer als je auf ihn war, denn aus dem ſchlanken/ ungeſchickten, obwohl bluͤhenden Knaben war jetzt ein feiner, wohlgeform⸗ ter, gutgekleideter Mann geworden. „ Gut, mein Lieber,“ ſagte Mrs. Auguſtin, als ſie am Abend nach ſeiner Ankunft zur Ruhe gingen—„„ſelbſt Beograve muß geſtehn, daß unſer Sohn ganz wie ein vornehmer Herr ausſieht. „ Nur zu ſehr, denk' ich, Weib,“ er⸗ wiederte Auguſtin ſeufzend:„Woher hat der Junge die Ländeleyen bekommen, die er trägt? Er ſollte ſie nicht kaufen, und es geßele mir noch weniger, wenn man ihm geſchenkt häͤtte.“ Dieſes hielt Mrs. Auguſtin fuͤr unnoͤ⸗ thige Bedenklichkeiten; und weit zufrieden geſtellter als ihr Mann, ſchlief ſie mit Dank gegen Gott ein, daß ihr Sohn, und ein ſolcher Sohn ſich wieder unter ſeinem elterlichen Dache befinde. Jedoch in einigen Tagen theilte ſi ſie ihres Mannes Beſorgniß; denn Edwin war öerſtreut, unruhig, und ſichtlich ſeines Beſuchs äberdrußigz waͤhrend, als die Zeit ſeiner Ruͤckkehr zur Hauptſtadt herannahte, ſeine Augen ſich erhellten und ſeine Farbe lebhafter ward. 377 „Ob er wohl dieſe Frau wiedergeſehn hat!“ ſagte ſein Vater zu ſich ſelbſt:„aber ich darf ihn nicht fragen, ich darf ihn niche der Verſuchung ausſetzen„eine Lüge zu fa⸗ gen!“ Dem zu Folge zntſerni⸗ ſich Edwin, ohne befragt zu werden. „Wohl, iſt ihr feiner Herr abgereiſt!“ fragte Beograve haſtig eintretend. „Unſer Sohn iſt. Auguſtin mild. „Und ihr feiner Herr dozu, denn ge⸗ wiß, er iſt fein genug mit ſeinen ſchoͤnen Sachen, und ſeinem Ring am kleinen Finger. — Sicher mein armer Sohn kann keine ſolchen Dinge kaufen, ob er gleich weit beſſer ſteht.“ „Da— nun iſt der Mord heraus!“ rief Mrs. Auguſtin.“ Es iſt alles nur Ei⸗ ferſucht, was ſie ſo feindſelig gegen unſern armen Edwin macht!“ „Feindſelig! war ich feindſelig? Nein, F 378 das war ich nicht, denn ich meinte, ſie nicht durch die Nachricht deſſen, was ich hoͤrte, zu bekuͤmmern; doch nun, da ſie mich dazu reizen, will ich es.“— „„Frau, du haſt dieß dir ſelbſt zugezo⸗ gen. Allein da ich es nicht that, und nicht unbehaglich gemacht ſeyn will, ſo bitte ich ſie, auf mich Ruͤckſicht zu nehmen, wenn ſie meine Frau nicht ſchonen wollen, und ihre ſchlimmen Neuigkeiten fur ſich zu behalten.“ „Das iſt ſehr feig, mein Lieber! Laß ihn ſein Schlimmſtes ich biete ihm Trotz.“ n„Dann will ich hrechen erwiederte Beograve, in großer Erregung; 3„und ich ſage ihnen, daß ihr Sohn die ſchoͤnen Sa⸗ chen von einer Geliebten, einer Mrs. Ver⸗ ney, erhalten haben ſoll— und ich hoͤre, ſein Vetter und er ſind keine beſondern Freunde.“ 7 379 Da ich weiß, daß der letzte Theil ihrer Nachricht falſch iſt, Herr Beograve,“ ſagte Auguſtin, mit unterdruͤckter Bewe⸗ gung,“ ſo will ich auch das erſte dafuͤr hal⸗ ten; und wenn es ihnen gefaͤllt, wollen wir von etwas anderm reden.— Frau, haſt du nichts fuͤr unſern Freund zum Abend⸗ eſſen?“— Und Mrs. Anguſtin, welche die Beſtürzung, bey dem Namen Verney, in zitterndem Schweigen erhielt, war froh, ſelbſt auf Koſten des Beſten in ihrer Spei⸗ ſekammer Beograven den Mund zu ſtopfen. So gut indeß dem beſorgten Vater dieß be⸗ unruhigende Geſpraͤch zu unterbrechen ge⸗ lang, ſenkte es ſich doch tief in ſein Herz, und er durchwachte die Nacht, vergebliche Plane entwerfend, zu Folge deſſelben zu handeln. Endlich beruhigten ſich ihre Ge⸗ muͤther durch den Gedanken an die Natur der Gerüchte, beſonders in Landſtädten, und 380 ſie nahmen ſich vor, die gegenwärtigen Nachrichten, im Bezug auf Mrs. Verney ₰ nicht zu glauben„und ſie nur fuͤr die vo⸗ rige Geſchichte mit einem neuern Vorfall vermiſcht zu halten. „Und wenn alles nicht waͤre, wie es ſeyn ſollte,“ ſagte der gute Mann,“ ſo reiſen wir im Junius nach London, und dann werde ich der Sache abhelfen koͤnnen.“ 3. Wenn auch Auguſtin gewuͤnſcht haͤtte, (eine Rache, die ſeine edle Natur verachtete) Beograven zur Erwiederung Geſchichten von ſeinem Sohn zu erzählen, ſo wuͤrde er doch keine Gelegenheit dazu gehabt haben. Er hoͤrte kaum etwas von Hugo, da ſein Vater, aus Furcht, Edwin moͤchte ihn verderben, allen Umgang mit dieſem verzogſen Kind, wie er ihn nannte, während der Feyertage verboten hatte; und da er außerdem in 381 einer entfernten Koſtſchule war, blieben ſich die Knaben beynahe fremd. Dem zu Folge konnte Edwin die Ohren ſeiner Mutter durch keine ausfuͤhrlichen Erzaͤhlungen der Bosheiten des jungen Beograve erfreun. Junius kam, und ſie reiſ'ten nach Lon⸗ don; und Edwin ſchien ſo aufmerkſam auf ſein Geſchaͤft, und ſein Vetter ſo mit ihm zufrieden, daß der Vater ſeine Befurchtun⸗ gen unterdruͤckte— und die Mutter ſich ganz den neuen und angenehmen Eindruͤcken uͤberließ, welche ihr der Anblick von London, in Geſellſchaft ihres Sohnes, verurſachte. Jedoch vor ſeiner Abreiſe glaubte Auguſtin zweyerlei Betragen an ſeinem Vetter gegen Edwin zu entdecken— ein herzliches, wenn er gegenwärtig war, und ihn bemerkte, und ein kaltes, zuruͤckhaltendes, wenn er des Vaters Auge nicht auf ſich gerichtet glaubte. Als er aber ſeines Verdachts gegen ſeine Frau 382 erwaͤhnte, lachte ſie ihm denſelben aus dem Sinn, ihn der uͤbertriebeneh Wachſamkeit eines ſorglichen Vaters beylegend; und Au⸗ guſtin, vielleicht uͤber eine Entſchuldigung erfreut, nicht genauer nachzuforſchen, ſagte, daß ſie vermuthlich Recht habe, und ent⸗ fernte ſich, zufrieden mit ſeinem Beſuch, ſei⸗ nem Verwandten und ſeinem Sohn. Ein zweytes und ein drittes Jaht ver⸗ gingen ohne weſentliche Zufaͤlle oder Veraͤn⸗ derungen, und Edwins Ausſichten ſchienen die gewoͤhnlichen, trotz Beograve's Winken, daß in London nicht alles gehe, wie es ſolle, und ſeiner darauf folgenden, vorgeblich wohlgegruͤndeten Verſichrung, Edwin ſtehe im Verdacht, aus der Kaſſe genommen zu haben, und Lavendel und andre wohlrie⸗ chende Waſſer verſchwanden gewoͤhnlich ſehr ſchnell, wie man vermuthe, zu Ge⸗ ſchenken fuͤr eine gewiſſe Dame. Dieſe Be⸗ 383 ſchuldigung gegen die Ehrlichkeit ſeines Sohnes, die Auguſtin fuͤr unverdient hielt, hoͤrte er mit Verachtung und Unwillen an. Je⸗ doch ſein armes Weib, ſich des Vorfalls mit der Boͤrſe erinnernd, widerſprach dieſer Nachricht nicht mit demſelben Eifer als er— und ihre Nacht nach dieſem Geſpraͤch war weit unruhiger und ſchlafloſer als die ſeinige. Wenig Tage darauf kam ein Brief von Williams, den einer von Edwin begleitete, wodurch ſich dem argwöhnenden Vater die Wahrheit von Beograve's Angabe nur zu ſehr zu beſtätigen ſchien. Williams ſchrieb einfach, doch mit Vorſicht, da er finde, daß ſeinem Vetter Edwin nach einer Probe von drey Jahren das Geſchaͤft nicht gefalle, wodurch einiger Streit unter ihnen veran⸗ laßt worden ſey, habe er ſich erboten, ihm den noch uͤbrigen Theil ſeiner Zeit zu er⸗ laſſen, welches Erbieten er, mit Zuſtim⸗ 384 mung ſeiner Ettern, bereitwillig ungenn· 3 hatte. 2 Edwins Brief enthielt beynahe veſel — mit dem Zuſatz, daß nach naͤherer Kenntniß der mißtrauiſchen und verſchloßnen Gemüthsart ſeines Vetters er lieber in ein Rechnungshaus zu gehn wuͤnſchte, und da er von einer ſolchen Stelle gehort habe, erwarte er nur ſeines Vaters Siligese um ſie anzunehmen. Es verging laͤngere Zeit, eh' ſ ich die be⸗ ſorgten und in ihrer Hoffnung betrognen Eltern zu einer Antwort entſchließen konn⸗ ten. Endlich rief der arme Auguſtin:„We⸗ nigſtens ſoll er nicht ſagen koͤnnen, daß ich ſeinen Neigungen hinderlich geweſen bin, und ihn zu etwas gezwungen habe, was ihm nicht gefaͤllt.“ Dieſem gemaͤß ertheilte er Edwin, obwohl mit Kummer, ſeine Einwil⸗ ligung zu dem Wechſel des Geſchaͤfts, und N 385 dat um den Namen des gätigen Freundes, der ihm einen Platz in einem Rechnungs⸗ haus verſchaffe wolle. Die Sache verhielt ſich, wie Bogrnn ſie angab.— Edwin hatte nur zu oft Geld aus der Kaſſe genommen, immer, wie er ſagte, mit dem Vorſatz, ſobald er könne, es zurückzugeben. Und vielleicht that er es auch anfaͤnglichz doch nur zu oft im fraͤ⸗ hern Leben ſeine Fehler unbeſtraft ſindend, ſetzte er ſeine Entwendungen an Geld und wohlriechenden Waſſern fort, die alle Mrs. Verney erhielt, und zwar in ſolcher Menge, daß Williams Larm machte, und ihm eben vor Ankunft ſeiner argwohnloſen Eltern die Veruntreuung Schuld gab. 6 Dennoch zeigte Edwin, als ihm ſein Febler vorgehalten ward, eine ſolche un⸗ erſchrockene Beharrlichteit im Laͤugnen, war ſo bereit mit einer glaubhaften Entſchulvi⸗ S* gung des bemerkten Mangels, daß ſein Vetter, der großes Vertrauen in ihn ſetzte, ſich zu überreden ſuchte, er habe ihn mit Unrecht angeklagt, obwohl er ihn kuͤnftig genau zu beobachten beſchloß; und da Au⸗ guſtins mit jedem Tag erwartet wurden, wünſchte er wenigſtens, irgend eine Unter⸗ ſuchung bis nach ihrer Abreiſe zu verſchie⸗ ben. Einige Zeit lang unterließ Edwin, auf ſeiner Hut, das ihm auferlegte Ver⸗ gehn; als aber Mrs. Verney Geld noͤthig hatte, betrog er, auf das Verſprechen baldiger Wiedererſtattung, ſeinen nachſichtigen Herrn von neuem. Williams, der ihn jetzt auf das genauſte entdeckt hatte, wollte ihn nicht länger im Hauſe behalten„ doch als Ver⸗ wandter ihn nicht ausſetzen, noch ſeine vor⸗ 3₰ nefflichen Eltern durch die Nachricht ſeines WVergehns betruͤben. Er ſchrieb daher jenen Brief; und da einer von Mrs. Verney's 387 kiebhabern auf ihr Verwenden ihm einen Platz in ſeines Oheims Rechnungshaus ver⸗ ſchafft hatte, ſo konnte er den vorgebli⸗ chen Wunſch, ſeinen Vetter zu verlaſſen, der Ausſicht zu einer annehmlichern Lage beylegen. Mit naͤchſter Poſt beantwortete Edwin ſeines Vaters Fragen, und nannte ihm den Herrn, der ſein Freund geweſen war, und den, der ihn beſchaͤftigte. Es ge⸗ prte ſo ſehr zu Anguſtins Glück, getäuſcht zu ſeyn, daß er es war; und er uͤberredete nicht allein ſich und ſein Weib, Beogra⸗ ve's Nachricht als bloße Verläumdung an⸗ zuſehen, ſondern auch Vetter Williams Brief fuͤr Wahrheit, und fuͤr die gaͤnz⸗ liche Wahrheit zu halten. Während der Zeit trat Edwin ſein neues Geſchaͤft an, uͤber welches er in allen Briefen große Zu⸗ friedenheit ausdrückte; und wohl hatte er dazu Urſachez denn ſeine Erſcheinung war Bb3 388 po gefälig, daß er ſch bald die Achtung und das Zutraun ſeiner Obern erwarb; und nech war er nicht uͤber ein Jahr im Hauſe, als er ſeinem Vater die willkommene Nach⸗ richt mittheilte, man habe ihm zu hoffen er⸗ laubt, wenn er ſo bliebe, wie er jetzt ſey, vielleicht in Zukunft als Mitgenoſſe auf⸗ genommen zu werden.— Wie erfreulich war dieſe Nachricht dem vaͤterlichen Herzen! wie befriedigend fuͤr den Stolz ſeiner Mutter! nicht allein weil ſie nun Grund zu glauben hatten⸗ ihr Sohn werde ſein Gluͤck machen, ſondern weil es ein Zeugniß ſeines Fleißes und guten Betragens warz und als ihm kurz darauf verſtattet ward, ihnen einen Beſuch zu machen, den zweyten in dieſem Jahr, da ſie ſich beyde nicht wohl genug befanden, um eine Reiſe nach London zu wagen, empfingen ſie ihn mit groͤßrer Zaͤrt⸗ üchteit als je, und nie ſchien er eines ſol⸗ 380 chen Empfangs wuͤrdiger. Umſonſt verſicherte Beograve, nachdem er ſich wieder entfernt hatte, daß er auf dem Weg eine Dame in einer poſtchaiſe getroffen habe, und mit ihr fortgefahren ſey, und nicht den Weg nach London. Sie legten der Nachricht keinen Glauben bey, ob es gleich ſehr gewiß war, daß Mrs. Verney, die auf Speculation einem Ofſicier zu ſeinem Landaufenthalte folgte, der nicht weit von*— war, von Edwin das Verſprechen erhalten hatte, ſei⸗ nen Eltern einige Tage zu entziehn, um ſie mit ihr zuzubringen. Das naͤchſte Jahr kam Edwin wieder⸗ und ob er durch das Bewußtſeyn, wie un⸗ glucklich ſeine Eltern ſich fuͤhlen wuͤrden, wenn ſie ſeine wahre Lebensweiſe wuͤßten⸗ von theilnehmender Zaͤrtlichkeit angeregt ward, ihnen alle nur moͤgliche Aufmerkſam⸗ keit zu zeigen; oder ob ihn eine Art Ahnung, 390 daß er fruͤhzeitig ſterben, und ſie nie wie⸗ ber ſehn wuͤrde, erfuͤllte— gewiß hatte er ſich durch kindliche Zaͤrtlichkeit, und alle jene zarten Ruͤckſichten, die ein von achtung und pflicht tief erfuͤlltes Gemůth bezeichnen, noch nie ſo liebenswuͤrdig dargeſtellt als bey die⸗ ſem letzten Beſuch in L—; und haͤtte ihn der alte Mann nicht, wie er glaubte, bey einigen augenſcheinlichen Ausfluͤchten, einigen beunruhigenden Falſchheiten gefangen, alle Beſorgniſſe wuͤrden ſich in väterlichem Stolz und einer wohlbegrůndeten Hoffnung ren haben. Einige Monate nach dieſem letzten Be⸗ ſuch bemerkte Auguſtin in Edwins Briefen nicht die gewoͤhnliche Deutlichkeit des Aus⸗ vrucks, und ſeine Handſchrift zeigte offen⸗ bare Spuren von Bewegung. In dieſer Zeit ſchrieb ihm Herr Maule, daß die Schweſter ſeiner Gattin, von Liebhaber zu 391 Liebhaber gegangen und nun zum niedrigſien Schauplatz der Ausſchweifung herabgeſunken ſey, und bald, wie er erwarte, zu Armuth⸗ Elend, und c Tod srch ſeyn wuͤrde“ „Wenn,“ unnn⸗ voUhe n die Haͤnde ringend,„wenn dieſes Weibes elender Zuſtand irgend einen Bezug auf. meines Sohnes veraͤnderten Styl und zit⸗ ternde Hand haben ſollte!“— und er konnte dieſen Gedanken nicht wieder aus ſei⸗ nem Gemuͤth verbannen. Auch mußte er gegen Edwin, da das unzuſammenhůngende ſeiner Briefe zunahm, die Vermuthung aͤu⸗ ßern, daß etwas auf ſeinem Herzen laſte— wobey er ihn beſchwor, wenn ſein Verdacht gegruͤndet ſey„ den Muth zu haben, ſeinen beſten, ſeinen einzig wahren Freunden zu vertrauen, den Eltern, die in ihm und fuͤr ihn lebten, unbegraͤnzte Verzeihung, und —— —— 392 auch Beyſtand verſprechend, ſo viel es in ihrer Macht ſtehe, wenn ſie ihn nur pienes und retten koͤnnten. 64 5 Auf dieſen Brief, ente n mit den Thraͤ⸗ nen elterlicher Zaͤrtlichkeit, und von dem waͤrmſten Gefuͤhl engehehen⸗* ₰ reine Antwort. 4. Am nachſten Tag kam Beograve Rachmittags, und Auguſtin erſchrak bey ſei⸗ nem Anblick, aus Furcht, er werde keine angenehme Nachricht bringen. Doch ob er gleich vielmeinend ausſah, und ſie mit der größten Aufmerkſamkeit beobachtete, ſprach er dennoch von gleichguͤltigen Dingen„und erwaͤhnte Edwins mit keiner Sylbe. Indeß ſchien dann und wann etwas auf ſeinen Lippen zu ſeyn, was er haſtig, und faſt mit Thranen im Auge unterdruͤckte; waͤhrend ſein Betragen ſo ungewoͤhnlich ſanft und ſo⸗ gar liebreich erſchien, daß Auguſtins Be⸗ 393 fürchtungen beynahe unertraͤglich wurden, denn dieſe ungewohnte Goͤte beunruhigte ihn mehr als ſeine gewoͤhnliche Rauhheit. Wirklich waren die Nachtichten, die er ge⸗ hoͤrt hatte, und die, wie er aus ihrem Be⸗ tragen ſah, ihre Ohren und Herzen noch nicht erreichten, von ſo erſchuͤtternder Art, daß ſelbſt er es nicht ertragen konnte, der erſte Ueberhringer dapon zu ſeyn.— Doch unfaͤhig, das Schweigen länger fortſetzen zu koͤnnen, und noch unfaͤhiger, es zu brechen, vruͤckte er theilnehmend Auguſtins Hand, wuͤnſchte ihm mit zitternder Stimme gute Nacht, und eilte aus dem Hauſe.— „Was kann dieß bedeuten?“ ſagte Au⸗ guſtin, ſich die Stirn trocknend, welche die Angſt feucht gemacht hatte. „Ich ſah Beograve noch nie ſo bewegt und niedergeſchlagen,“ bemerkte Nrs. Auguſtin. * „Und iſt dieß ales, was du an un — was var da ſonſt zu e „O Weib! Weib! theures argwohnloſes Weſen!“ rief Auguſtin,„es wird ein Jahrhundert bis zur morgenden Poſt ſeyn!“ Und ſeine Frau, als ſie die Auslegung von Beograve's Betragen erfuhr, ſpottete ſeiner Beſorgniß als der eines Mannes. inn Die aͤngſtlich erwartete poſt kam nur n bald fuͤr die unglücklichen Eltern;— denn ſie brachte folgenden Brief von Williams: „Traurig bin ich in der That, meine ſehr verehrten Verwandten! ihnen ſo furcht⸗ vare Nachrichten von ihrem unglücklichen bethoͤrten Sohn mitheilen zu muͤſſen. Er iſt davon gegangen, um ſein Leben zu ret⸗ ten.—(„Er lebt alſo!“ ſchrie ſeine Mutter,„und das iſt etwas;“ während 395 ſein Vater, das Leben mit dem Verluſt der Ehre kaum des Erhaltens werth achtend, traurig das Haupt ſchüttelte, und im Brief fortfuhr, welchen ſein Weib äber ſeine Schultern las.) Die Sache iſt, daß er, bis zum Wahnſinn einer laſterhaften Frau, einer Mrs. Verney, ergeben, Gebrauch von einigen ihm anvertrauten Geldern machte, um ſie vom Gefaͤngniß zu befreyen; und nachdem er indiſche Handſchriften zu betraͤcht⸗ lichem Werth verkauft hatte, iſt er im Ver⸗ dacht, daß er habe Feuer anlegen wollen, um durch Zerſtoͤrung der uͤbrigen Schriften und Papiere ſeine Entwendung zu verber⸗ gen. Die brennbare Materie ward indeß noch zeitig genug entdeckt, und ihr Sohn und das elende Weib entflohen zuſammen. — Dennoch iſt eine ſolche Belohnung aus⸗ seſezt für den, der ſeiner als eines Mordbren⸗ ners habhaft wird, und eine ſo genaue Be⸗ * 396 ſchreibung ſeiner Perſon und ſeines Anzugs oͤffentlich hier angeſchlagen, und in jede groͤßre Stadt des Koͤnigreichs gelendet, daß ich' s nicht wage, ſie zur Hoffnung ſei⸗ nes Entkommens aufzumuntern.“ Lange, ehe er dieſen furchtbaren Brief geendet hatte, hoͤrte der unglückliche Vater auf zu ſehen, erſtarrt, und faſt der Sinne beraubt durch dieſen nieverſchmetternden 3* Schlag, und ſein noch unglucklicher, ſich felbſt beſchuldigendes Weib, war, von ihm unbemerkt„empfindungslos zu Boden geſun⸗ ken.— Endlich erweckte ihn indeß ein tie⸗ fes Stöhnen aus ſeiner Erſtarrung, und als er um ſich blickte, fiel ſein Auge auf die hingeſunkene Geſtalt und todtenbleiche Wange ſeiner geliebten Gefaͤhrtin, und gab ihn ſich ſelbſt zurück. .„Gott ſey Dank!“ rief er aus,„mir iſt doch noch ein Weſen gehlieben, das ich 2 — lieben, fuͤr das ich leben kann, ja und unt deſſentwillen ich ruhig und geduldig zu ſeyn lernen muß“ Daun ſte aufrichtend, legte er ſie ſanft auf ein Ruhebett, und als ſi⸗ ſich erholte, fand ſie ihr Haupt an der Bruſt Gatten ruhend. Ich bin dir noch immer geblieben,“ an er,„und du bliebſt mir; daher ſind wir nicht verlaſſen, und muͤſſen eines um des andern willen unſer hartes Geſchick mit Standhaftigkeit und Ergebung ertragen.“ „Du kannſt es,“ antwortete ſie,„du haſt vir nichts vorzuwerfen:— ich hab' es. — und hier laſtet es wie ein Berg,“ rief ſie, wild die Hand auf's Herz legend. „Was laſtet da, meine Liebe?— Ge⸗ wiß, nichts darf es, und dieß ſind in eines zu zarten Gewiſſens. Seine Frau verſuchte zu ſprechen, fuͤhlte ſich aber zu ſehr bewegt; und es vergingen 398 Stunden ehe, die arme Seele ihr Gemuͤth erleichtern konnte, und ihren Gatten mit dem Umſtand der Börſe, und Edwins frü⸗ vern Beweiſen eines Hanges zur Unred⸗ lichkeit, die ſie ihm aus Furcht, er moͤge ihn ſtrafen, verborgen hatte, bekannt machte. Ein tiefer Seufzer war Anfangs Auguſtins einzige Antwortz doch endlich bat er ſie durch das getroͤſtet zu ſeyn, was ihn troͤſtete, daß ſie es nehmlich gut gemeint habe, und das. andre ruhe in der Hand des weiſen und guͤtigen Weſens, das die Veweg⸗ gründe ſowohl als die Erfolge der Handlungen richte. W Welch eine Nacht des Elends ward„n dieſen ungluͤcklichen Eltern verlebt! Gegen Morgen ſanken ſie in einen unruhigen Schlummer/ von dem ſie nach und nach zum Bewußtſeyn erwachten. Als ihnen aber das Ganze dieſes Bewußtſeyns zuruͤckkehrte, als 399 ſie ſich ihren Sohn, den ſie als izren Stolz und ihre Stuͤtze zu betrachten gewohnt waren, jezt ihnen nur Schimpf und Schande bereitend denken mußten, und kaum fur ihn zu beten wagten— da ward ihnen das Licht der Sonne zuwider, und ſie wuͤnſchten, ihr Schöpfer möge ſie zu ſich und ſeiner Barmherzigkeit aufnehmen. 6 jn 5 Die Poſt brachte ihnen dieſen vuchni. tag einen Brief von Edwin, deſſen Auf⸗ ſchrift von verſtellter Hand, das Poſtzeichen London war. Er enthielt folgendes:„ Wie ſoll ich mich an ſie zu wenden wagen, hoͤchſt beleidigte Eltern!— Widerſprechend und unzuſammenhaͤngend nennen ſie meine Briefe? Wohl moͤgen ſie es ſeyn! doch ſie werden nur zu bald erfahren, warum! Erwarten ſie nie, mich wieder zu ſehn! ich muͤßte denn gefangen werden; und dann hoff⸗ ich, daß ſie, ehe ich dem Ausſpruch des Geſetzes ge⸗ torchen muß, mich zu ſehen woͤrdigen, und meine Vergebung ausſprechen.— Doch wan wird mich nicht fangen, glaub' ich— und umn ihretwillen hoff' ich, ihr Sohn, reine und tugendhafte Weſen, wird ihnen nicht die Schande machen, auf dem Schaffot zu ſterben, ob es mich wohl, um meinetwil⸗ len, nicht kuͤmmerte. O theure nachſichtige zirtliche Mutter! Wie fühl ich ihre Schmer⸗ zen! Ich war ſo ſehr ihr Stolz!— Wobl! wohl— es iſt nun alles vorůber— id Loos iſt geworfen— leben ſie wohl!— 3 und wo moͤglich vergeſſen ſie micht Doch noch ein Wort: machen ſie ſich, ich titte ſie, keine Vorwüͤrfe, daß ſie mich nach London gehn ließen. Wenn ſie mir ihre 3 Einwilligung verſagt haͤtten, wär' ich den⸗ 1 noch gegangen; denn ich war entſchloſſen zu 4 gehn und auch ſie wiederzuſehn!— Da⸗ 3 her machen ſie ſch keine Vorwuͤrfe!— o 401 Gott! zu denken, daß ich ſie nie wiederſehn darf!— Leben ſie wohl! „Noch einmal beginn ich.— Wie ſagten ſie, daß ſie meine einzigen, meine einzig wahren Freunde wären, und in mir, und fuͤr mich lebten! Aber leben ſie, ich beſchwoͤre ſie! Fluchen ſie mir nicht durch ihren Tod!— Doch was woll't ich ſagen? — O! daß ſie in der That meine einzigen Freunde waͤren!— denn ſelbſt ſie— doch was liegt daran— O ich bin ein verzwei⸗ felnder Mann!— ein W⸗ ohne Namen—“ Welch ein Brief fuͤr Eltern von einem Sohn, ihnen theurer als das Leben! Dennoch zeigte er ein nicht gaͤnzlich verſtock⸗ ees Herz, und nicht ganz verdorbene Ge⸗ ſuͤhle. „Wenn er nur nach America entfliehn kann!“ rief Auguſtin,„ſo kann alles noch Ce — ——— —— — — 40² gut gehn:— und wenn er ſich da nieder⸗ läßt, und gut beträͤgt, wer weiß, ob wir nicht hinreiſen, und unſte alten 89 bey ihm zubringen.“ Wie die dunkelſten Wolken den zelſten Schnner hervorbringen, ſo iſt es eine 3 weiſe Vorſorge in unſrer Natur, daß das tiefſte Elend oft den hellſten Strahl der Hoffnung bewirkt— ſonſt muͤßte das Leben oft unter der Laſt unerwarteten Ungluͤcks erliegen: allein die Hoffnung, gleich einem ſchůtenden Genius, ſchwebt herab, und lin⸗ dert wenigſtens das Ungemach, wenn es nicht entfernen kann. In den erſten Tagen ihres Suneze ſahen die Bekuͤmmerten niemand, ſondern ſchloſſen ihren Laden und alle Fenſter nach der Straße.„Wann ich wieder wagen werde auszugehn, weiß ich nicht!“ ſagte Auguſtinz denn er fuͤrchtete die Bekanntms⸗ — chung wegen ſeines Sohnes angeſchlagen zu finden:„aber wir wollen unſre Freunde ſehen— denn du weißt, meine Liebe, nur wahre Freunde werden jetzt zu uns kommen. — Da aber die Kirche uns ſo nah' iſt, und wir hin gehn koͤnnen, ohne zu wagen, daß — ich meine, ohne daß wir durch die Stra⸗ „ ßen zu gehen brauchen, ſo thaͤten wir beſſer, uns am naͤchſten Sonntag da zu zeigen, und dann werden die, denen es gefaͤllt, zu kommen.“ „In die Kirche! ach! win nen ich kann nicht in die Kirche gehen, Jakob! ich kann es in der That nicht!— Daß die Leute uns anſtarren, und uns vielleicht ver⸗ aͤchtlich anblicken, wegen unſers verlornen Sohnes; ja, ſelbſt die, welche ſonſt ſo hoͤf⸗ lich zu ſeyn pflegten!“ „Weib!“ erwiederte ihr Gatte,„ wen vuc du zu bemerken, wen zu fuͤrchten, Cc 2 40 4½ wenn du im Tempel und in der Gegenwart unſers Schoͤpfers biſt!— des Gottes, der die lieben ſoll, die er zuchtigt, vor deſſen Augen alles auf Erden gleich iſt, und gegen den die Beſten unter uns fehlerhaft, die Weiſeſten thoricht ſind!“ Und nach einigem Kampf mit ſich ſelbſt willigte Mrs. Augu⸗ ſtin ein, kuͤnftigen Sonntag in die Kirche zu gehen. Wie heftiger und prloͤtzlicher Gram alles aͤndert, nur die Jvgend nicht! Auguſtins Haar war durch einige Tage des z Kummers ganz weiß geworden, ob es gleich vorher nur zum Theil grau geweſen; und er und ſeine Gattin, die kaum noch alt ge⸗ nannt werden konnten ſchienen ſeit ihrem Schmerz wenigſtens um Jahr aͤlter zu ſeyn. 5 Als der Sonntag erſchien, verließ Mrs. Auguſtin ihr Muth— und ſie fuͤrchtete den) Blicken des und der geringſůtn —— 405 zu begegnen.—„Und wen wůrde es her⸗ abſetzen?“ ſagte Auguſtin,„die Höhnen⸗ den eder die Verhoͤhnten?— Du ſiehſt, ſelbſt Beograve hatte Achtung für unſern großen Schmerz.“ 52 „Wahr, ſehr wahr,“ erwiederte ſie, und fuͤhlte ſich durch die Erinnerung aufge⸗ muntert. Gleich allen furchtſamen nervenſchwachen Perſonen, trug die arme Fran zur Vermeh⸗ rung ihrer Beſchwerlichkeiten bey, indem ſie ſich ihnen zu begegnen ſcheute— und ſie zoͤgerte ſo lange, eh' ſie in die Kirche gehn konnte, daß die Gemeinde verſammelt war und der Prediger die Karzel beſtieg, als das zitternde Paar, wie Sterne fagt, die ehrwuͤrdige Gegenwart des Ungluͤcks dar⸗ ſtellend, langſam zum Chor hinauf ging, und in ſeinen Kirchenſtuhl wankte, froh, das be⸗ ſchaͤmte Geſicht zu einem vorhergehenden 406 Gebet verhoͤllen zu können. Irriges Weib! Hohn und Geringſchaͤtzung zu erwarten! Unſer Unglück, ja ſelbſt unſrte Schande wird uns bald vergeben; unſer Glüͤck iſt's, was ſchwer zu vergeben iſt. Es war kaum ein Auge, welches ſich nicht mit aufmuntern⸗ der Freundlichkeit gegen dieſe Dulder unver⸗ dienten Elends wandte, und bloße Bekannte ſtrebten ſie als Freunde zu begruͤßen. Eine der Vorleſungen dieſes Tags war das fuͤnf und vierzigſte Kapitel des erſten Buchs Moſis, und man hoͤrte die Stimme des Leſers mehrere Mal ſtocken, als er die letzten Verſe las; denn ein unterdruͤckter Seufzer der aufmerkſamen Mutter erreichte zuweilen ſein Ohr. Und als er las: Und Iſeael fagte, es iſt genug— Joſeph, mein 3 Sohr, iſt noch am Leben— ich wil gehen und ihn ſehen, eh' ich ſterbe! da ward der 407 Seufzer ſo vernehmlich, daß er froh war, das Leſen beendet zu haben. Jakob! Jakob!“ flͤſterte Mrs. Angu⸗ ſtin,„erinnre dich, was du wegen Amerika ſagteſt! Ich dachte daran.“ Nach geendig⸗ tem Gottesdienſt machte der Prediger, der die Porſchriften des Evangeliums, das er lehrte, ſtreng vollzog, als er hinabging, den beyden Gatten eine ſo freundliche und ehrerbietige Verbeugung⸗ daß andre, wenn ſie nicht ſchon fruͤher dazu geneigt geweſen waͤren, daſſelbe gethan ha⸗ ben wuͤrden, um ſeinem Beyſpiel zu folgen — denn er war ſowohl ein Mann von gro⸗ ßem Einfluß und Vermögen, als ein Geiſt⸗ licher, Sobald Herr Heberden ſeinen Or⸗ nat abgelegt hatte, kam er wieder hinauf⸗ um Auguſtins zu begleiten, indem er da⸗ durch eine Menge Perſonen abzuhalten hoffte⸗ die durch wohlgemeinte Höſüchkeit die ſicht⸗ 408 lich ſchwachen Lebensgeiſter der bekuͤmmerten Mutter niederdruͤcken moͤchten, und er hatte die Zufriedenheit, ſeine wohlwollende Abſicht erreicht zu ſehen. Ueberdieß fuhlte ſich Mrs. Auguſtin durch ſeine Naͤhe erho⸗ ben; und als er ſich an der Kirchthuͤr bey ihnen auf dieſen Nachmittag zum Thee an⸗ ſagte, konnte ſie ihm mit ziemlicher Faſſung antworten, daß es ſie freuen wuͤrde, ihn zu ſehen. Er kam; und wie ſich von einem ſolchen Gaſt erwarten laͤßt, ſprach er Troſt ihren bekuͤmmernten Seelen, wie Hel auf die ſtürmiſchen Wellen geworfen ſie zur Ruhe bewegt. Er las ihres Sohnes Brief— 3 verweilte hauptſaͤchlich auf dem guten Theil deſſelben, und den Zeichen heftiger Zerknir⸗ ſchung; und da er fand, wie lieb ihnen die Hoffnung war, daß er nach America entkom⸗ men, und ſich endlich mit ihnen da vereinen tönnte, ſagte er, ſo viel die Wahrheit ge⸗ ſtattete, zur vefunguz derſelben. Und 469 gewiß iſt's, daß die Ruhe und Standhaf⸗ tigkeit, welche von dieſem Tage an immer ſichtbarer bey den Leidenden ward, der Froͤmmigkeit und Freundlichkeit dieſes vor⸗ trefflichen Mannes zugeſchrieben werden konnte. So iſt die Pflicht, und ſo die be⸗ ruhigende Macht eines wahren Lehrets ver Worte des Friedens. Auguſtin zwang ſich nun wieir, in ſei⸗ nen Laden zu gehen, wie gewoͤhnlich und ertrug ſelbſt, wie ſonſt, Beograve's Be⸗ ſuche, der, ſo ſehr er es auch nach ſei⸗ nen Kraͤften zu vermeiden ſuchte, dennoch, dann und wann, von verzognen Kindern ſprechen mußte, und wie ſie nie gut gerie⸗ then— ſich ſelbſt zu der vortrefflichen Me⸗ thode, nach der er ſeinen Sohn rogen hatte, Gluck wuͤnſchend. Mißgeſchic hatte Mrs. ſo ge 1 —— — 410 „ vemthigt und niedergedrückt, daß ſie dieſe eiteln Prahlereyen, ohne ein Wort zu erwie⸗ dern, anhoͤren konnte; und Auguſtin fuͤhlte ſie zu ahnden unter ſeiner Wuͤrde. Er hatte indeß nur zu bald die Mittel zur Rache in einer Gewalt, und er machte Gebrauch da⸗ von— doch es war die Rache eines Man⸗ nes und eines Chriſten. Beograve's Sohn hatte immer in Gegenwart ſeines Vaters gezittert, und deſſen finſtrer Blick war ihm faſt ſo ſchrecklich als der Tod ſelbſt. Es war auch gewiß, daß Beograve, aus Furcht, ihn durch zu reichlichen Unterhalt ausſchwei⸗ Ertrem verfiel, und ihm wirklich nicht genug gabe um Standes gemaͤß erſcheinen zu kön⸗ nen. Die Folge davon war, daß Hugo, ſo lange er Credit hatte, Schulden machte; als er ſich nicht mehr herauszureißen ver⸗ ochte, und es nicht wagte, ſich an ſeinen fend zu machen, in das entgegengeſetzte 411 Vater wegen Unterſtutzung zu wenden, nahm er in einer ungluͤcklichen Stunde Zuflucht zum Betrug; und nachdem er, im Namen ſeines Herrn, auf eine gewiſſe Bank be⸗ traͤchtliche Summen bezogen hatte, tilgte er viele ſeiner Schulden, eh' der Betrug ent⸗ deckt ward, und als dieß geſchah⸗ erhielt er noch zeitig genug Rachricht davon, um mit dem ueberreſt des Geldes nach America ſegeln zu koͤnnen. „So!“ rief Mrs. Auguſtin, als ſie es hoͤrte,„dieß iſt alſo das Ende aller ſeiner Prahlereyen! Wohl— ich ſehe eure weiſen Eltern ſind ſo arg daran wie eure thorich⸗ ten. Doch er iſt jetzt bekuͤmmert, der arme Mann! und ich bedaure ihn von Herzen, denn ich kann nur zu wohl ſeinen Schmerz empfinden— und wenn ich nicht fuͤrchtete⸗ er nähme meinen Beſuch fuͤr Beleidigung auf, ſo wuͤrd' ich zu ihm gehn.“ 4rz Das iſt eine gute Frau,“ erwiederte Auguſtin herzlich,„und deine letzten Worte machen deine erſten wieder gut:— du haſt Recht, er wrde glauben„du kaͤmeſt, ſeiner zu ſpotten, und da ſich eine Frau der Rau⸗ heit eines ſolchen Mannes nicht ausſetzen ſoll, will ich zu ihm gehn; denn er ſoll lie⸗ ber ſagen, ich komme, um uͤber ihn in ſei⸗ nem Unglůͤck zu triumphiren, als daß er ſagen könnte, wie er gewiß wuͤrde, wenn ich nicht käme, daß ich ihn zu ſehr ver⸗ achte, um ihn zu ſehn.— Gegen Perſonen von dieſer Gemüthsart muß man nur recht handeln, ohne an die Folgen zu denken.“ Dieſem gemäß ging Auguſtin zu Beo⸗ grave. Er ſah ihn kommen, und als er nahe war, ſchloß er die Thure vor ihm zu, ausrufend:„Ich wußte, daß ſie kommen wuͤr⸗ den, mich zu verhoͤhnen, und über mich zu 412 triumphiren: aber ſie ſollen nicht herein⸗ kommen.“ „Laſſen ſie mit ſich ſprechen,“ ſagte Au⸗ guſtin durchs Fenſter,„antworten ſie mir ehrlich: wenn ich nicht gekommen wäre, wuͤrden ſie nicht geſagt haben⸗ ich wußte, er — werde nicht kommen, er verachtet mich zu ſehr? 2 „Sehr niglch konnt' ich's geſagt ha⸗ ben,“ antwortete Beograre muͤrriſch. „Da ich aber gekommen bin, wie waͤr's, wenn ſie meinen Beſuch nähmen wie gemeint iſt, und mich wie einen empfin⸗ gen, der auf's innigſte und aufrichtigſte an ihrem Kummer Theil nehmen, und ihren Gefuͤhlen den Troſt eines Gefährten geben kann?— Laſſen ſie uns unglůcksbrůder und gegenſeitige Stuͤtze ſeyn!“ Beograve war nicht enpſb gegen 20 414 dieſe Worte, und ſeine Thur, und ſelbſt ſein Herz waren ihm ſogleich geoffnet. „Wohl— nun ſind ſie da,“ ſagte Beograve, vielleicht koͤnnen ſie eine Frage entſcheiden, die mir zu ſchaffen macht— nehmlich, wer von unſern beyden Soͤhnen der groͤßte Schelm iſt?“ „Das muß,“ erwiederte Auguſtin nach einer Pauſe, und indem er den Schmerz, welchen ihm dieſe plötzliche und rauhe Frage verurſachte, zu unterdrucken ſuchte„das muß vom Grad der Verſuchung, und vom Grad ihrer Reue abhaͤngen.. „Reue! Ja— mein Sohn hat einen ſchönen Begriff von Reue.— Der ihrige iſt wenigſtens ein hoͤflicher Schelm— doch was denken ſie von dem meinigen?— Da iſt ein Brief fuͤr ſie!“— Es war in der That ein furchtbarer Brief; denn Hugo machte darin ſeinem Vater Vorwuͤrfe we⸗ rannei die Unmoglichkeit, ſich an ihn als 415 gen ſeines Geizes und der Furcht, die er ihm eingeflößt habe— ſeiner geringen Un⸗ terſtützung legte er die Verſuchung, Schul⸗ den zu machen, und ſeiner vaͤterlichen Ty⸗ an einen Freund und Vater wenden zu kön⸗ nen, bey, und ſchloß mit der Verſichrung, daß er ihn als die Urſache ſeiner Verge⸗ hungen anſehe, und ihn daher verantwort⸗ lich dafur halte. „Wenigſtens ſchrieb mir mein Sohn keinen ſolchen Brief,“ ſagte Anguſtin „Und daher bin ich bereit,“ ſprach Bes⸗ grave,„ihn fuͤr den kleinſten Schelm unter beyden zu halten⸗ Man wird ſich nicht wundern, daß dieſe Aehnlichkeit im Leiden Auguſtins die ſonſt ſo unangenehme Geſelſchaft des rauhen Beograve lieber machte, und ſie ſich bey „ 416 ihm am wohlſten befanden. Auch atte das Mißgeſchick eine heilſame Wirkung auf ihn, und bis er auf ſo unglůcliche Art die Ge⸗ ſellchaft ſeines Sohnes verlor, waren die Gefuͤhle eines Vaters nie ganz in ſeinem Herzen erweckt worden.— Jetzt ſehnte er ſich nach dieſem Kind, das ſeine eigne kärg⸗ liche Tyrannei entfremdet hatte; und ob er gleich, durch ſeines Sohnes Schulden, die er mit ſtrenger Ehrlichkeit gänzlich bezchlt hatte, ſehr beſchraͤnkt war, ſo verlangte doch nach ſeinem Anblick, um ihm zu ver⸗ zeihn— und wuͤrde ihm nach America ge⸗ folgt ſeyn, wenn er die Mittel zu ſeinem Unterhalt haͤtte mitnehmen koͤnnen. Auch konnte ihm Auguſtin nicht veyſtehn, denn er hatte darauf gedrungen, die Summen zu wiſſen, die Edwin bey Williams und auch bey ſeinem letzten Herrn) veruntreut harte; und nachdem er dieſen mit großer Unbe⸗ 417 uemlichkeit für ſich ſelbſt, bezahlt hatte, mußte er den andern nur Gutſegen 4 ein Jedoch ein Gegenſtand des Neids fuͤr Auguſtins; denn er wußte, daß ſein Sohn ſicher in America gelandet war, da man einen Brief von ihm erhalten hatte. Allein wenn Edwin ſich auch dahin einge⸗ ſchifft haben ſollte, war er doch gewiß nicht angekommen— weil er ſeinen Eltern ſo⸗ gleich geſchrieben haben wuͤrde. Daher mußten ſich ihn die Ungluͤcklichen als einen Elenden denken, der ſich irgend wo verbatg/ auf deſſen Leben eine Belohnung geſetzt, und eſen einzige Ausſicht ein ſchimpficher Tod war: denn obgleich das Geld, welches er entwendete, zuruckbezahlt ward, ſo woltte oder konnte der Klaͤger, von ſeinem Ver⸗ gehn e den Vorſatz nicht aufgeben, D — wegen des Feueranlegens ein Beyſpiel in ihm aufzuſtellen x Es ereignete ſich jetzt ein umſtand„ wo⸗ durch Auguſtins Gefühle vielleicht ſchmerz⸗ licher als je erregt wurden, obgleich die Sache ſelbſt von der angenehmſten Art war. Sie wurden eines Tags durch den Beſuch eines Fremden überraſcht, der ſich ihnen als einen Anwald bekannt machte, und den In⸗ halt eines Teſtaments mitzutheilen hatte. Dieſer Mann beſaß ein wohlwollendes Herz, und da er in beyder Angeſicht einen Aus⸗ druck tiefliegenden Kummers und den jetzt durftigen Zuſtand des Hanſes erblickte denn ſie hatten ales nicht unmittelbar nothwendige verkauft) glaubte er in Geldverlegenheiten— den Grund ihrer ſichtlichen Niedergeſchlagen⸗ heit zu finden, und fuͤhlte ſich daher voll theilnehmender Ruͤhrung, als er ihnen den Inhalt des Pergaments bekannt machen 415 wollte. Doch endlich bezwang er ſeine Ge⸗ fuͤhle, und las mit feſter Stimme— jeden Augenblick erwartend, durch Ausrufungen froher Beſturzung unterbrochen zu werden — daß:„Joſua Snelling u. ſ. w. an Jakob Auguſtin, den Sohn ſeines naͤchſten Verwand⸗ ten, die Summe von zwanzig tauſend Pfund, und Haus und Garten in Kent, nebſt Ge⸗ ſchirr und Meubles vermacht und hinterlaſſen habe.— Ueberraſchung erblickte err wirklich, doch keine Freude, und als er geendet hatte, ſah er den Erben in krampfhafter Angſt die Haͤnde zuſammen⸗ ſchlagen, waͤhrend ſein bewegtes Weib mit herzbrechenden Seufzern ihr Geſicht an deſ⸗ ſen Schultern verbarg. „ Was bedeutet dieß?“ rief envlich der Anwald„nach einer Pauſe des Mitleids und Erſtaunens.„Ich hoffte, ihnen Freude zu geben— und es ſcheint, die guten Neuig Dd nien⸗ die ich mittheilte, vienten iur, ihnen Kummer zu machen!“ „Es ſollte nicht ſeyn, mein Frri allein im erſten Augenblick iſt es der Fall; denun ich fürchte, unſre Herzen koͤnnen ſich nie mehr freuen,“ erwiederte Auguſtin mit zit⸗ rernder Stimme.„Aber ich weiß, vieß iſt ein unrechtes und undankbares Gefuͤhl ge⸗ gen das Weſen, das uns ſo mit Gutem uberhaͤuft, beſonders v 5 es uns dadurch große Anſpruͤche giebt, zum Wohl Andret beyzutragen, wenn wir auch ſelbſt nicht glücklich ſnd. Komm, liebes Weib! erheitre dich, und ſieh unſerm Gluͤck freundlich ins Geſicht!— Worauf Mrs. Auguſtin pon lich ausrief:„Wenn er gluͤcklich in die 5 Hanbe F und bat den Herrn,„ Fremde entkommen iſt, Mann! können wir ihm folgen⸗ und zuſanmen reich ſeyn!“ S trocknete dann ihre Augen/ ruͤckte ihre N „ 3 421 Glas Wein mit ihnen zu trinken, und es ſich während ſeines Aufenthalts ſo bequem als moͤglich zu machen. In wenig Minuten hatte Auguſtin genug von ſeiner traurigen Geſchichte zu verſtehn gegeben, um das Intereſſe ſeines Zuhorers zu erregen, der es, nachdem er ſeine Addreſſe gegeben, und alles noͤthige beendet hatte, fur billig hielt, ſie ungeſtoͤrt ihren Gefuͤhlen zu ͤberlaſſen; voch bat er beym Abſchied, ſich ohne Be⸗ denken an ihn zu wenden, wenn ſie ihn in irgend etwas ihrem nätzlich ſeyn zu koͤnnen glaubten. Anfangs die Lertoniß, daß vieſes Gluͤck nicht einige Jahre früher und zeitig genug kam, um Edwin andre Aus⸗ ſichten im Leben geben zu koͤnnen, das Ge⸗ Juͤhl des Danks fur deſſen endliche Erſchei⸗ nung; allein es folgten angemeſſenere Em⸗ vfindungen, und der Abend ward durch die röſtende Stimme der Hoffnung und die Aeußerungen frommer Dankbarkeit erheitert. Am naͤchſten Morgen beſchloß Auguſtin, ſein Vermogen zum Nutzen des armen Beograve anzuwenden, fuͤr ſeine Reiſe nach America zu ſorgen, und ihm Geld zu allen ſeinen Swecken zu leihen. Auch reiſte dieſer kurz darauf, der jetzt ſogar liebreich geworden war, ₰ dahin ab, um es gegen ſojnen Sohn mit Gůte zu verſuchen, da es mit Strenge nicht gelungen war, welches er e ver⸗ ſprochen hatte. 8 5 Waͤre Edwin ſo gluͤcklich geeren nach Amnerika zu entkommen! Waͤre ein zaͤrtlicher Vater zu ihm geeilt! Alein er mußte ſch vor dem ſcharfen Auge der Gerechtigkeit ver⸗ bergen, und es nicht wagend, ſch an Bord irgend eines Schiffes zu begeben, durchſtrich er Irland, Schottland und England, in Gemein⸗ ſchaft der Bſen und Muͤßiggaͤnger/ und ſank 4²3 daher mit jedem Tag tiefer in der Schale der Schöpfung, während er das Gefühl ſei⸗ nes Elends in Trunkenheit zu vergeſſen ſuchte— eines Elends, das durch die Ent⸗ fernung und boͤsliche Auffuͤhrung des Weibes noch vermehrt ward, das ihn zum Verdes⸗ ben verleitete. Indeß, ob auch Hugo virich America glucklich erreicht hatte, war er doch in der neuen Welt gerade ſo wie in der alten, und da er ſich zu einer Anzahl ſehr beruͤch⸗ tigter Maͤnner geſellte, war er eben vorher in trunkner Ausgelaſſenheit verwun⸗ det worden, wie ſein ungluͤcklicher Vater landete, und als dieſer unvermuthet an ſeinem Lager erſchien, fand er ihn dem Tode nahe. Umſonſt zeigte der bekuͤmmerte alte Mann die zärtlichſte Beſorgniß. Der rachgierige Hugo uͤberhaͤufte ihn mit Vor⸗ wuͤrfen, legte ſeine Vergehungen und ſei⸗ * 424 nen frůßzeitigen Tod deſſen väterlicher Strenge und ſchaͤvlichem Erziehungsſyſtem bey, und ſtarb mit denſelben Ausdruͤcken unveraͤnderten Zorns auf den Lippen. Arm, kinderlos und faſt gebrochnen Herzens kehrte der zu ſpaͤt Reue empfindende S Se zuruck. Obwohl Auguſtins das ge⸗ welches ihr Sohn fuͤhren mußte, ver⸗ mutheten, ſo waren ſie deſſen doch nicht gewiß, und es war ihnen noͤthig zu hof⸗ fen, um zu leben.—„Was meinſt du, Frau?“ ſagte Auguſiin„nachdem die Erb⸗ ſchaftstaxe bezahlt war, und er die erſten Einkuͤnfte ſeines Eigenthums erhalten hattez „Was meinſt du, wenn wir unſer Haus in Kent beſuchten? Und da eine Veraͤndrung des Aufenthalts und neue Beſchäftigungen den Bekuͤmmerten heilſam ſeyn ſollen, wie wär's, wenn wir ganz dort wohnten?— 325 Wir brauchen nun keinen Laden mehr zu halten, da wir Vermögen genug haben, und unſers Nachbars Sohn, Ralph, wuͤrde ihn ſehr gern uͤbernehmen, weil der Burſche ein Geſchaͤft braucht und eine in Augen hat.“ S Mrs. Auguſtin war ganz mit dieſem Vorſchlag zufrieden, da ſie ihren Freunden ſeit dem Vergehn ihres Kindes nicht ſo ins Geſicht habe ſehen koͤnnen, wie ſonſt. ueberdieß, ſetzte ſie hinzu,„wenn wir hier unſre Art zu leben aͤnderten, wuͤrden die Leute ſagen, wir waͤren ſtolz geworden.“ „Ja,“ bemerkte Auguſtin,„und wenn wir's nicht thaͤten, wuͤrden ſie uns fůr ge⸗ mein erklaͤren— daher thun wir beſſer, ganz wegzugehn,“ worein Frau mit Freuden&ingmt. Auguſtin ordnete ſogleich gn⸗ S genheiten in L—, und bedauert von ſeinen 426 Freunden, geſesnet von den Armen„reiſ'te er nach Kent, wo er ſich in wenig Wochen, in einem ſehr artigen, von einem großen Garten umgebenen Hauſe eingerichtet hatte. Er beſchloß, alles nöthige zum Wohlbeſinden⸗ und nichts fuͤr den Schein zu haben. Ihr Haushalt beſtand daher nur aus zwey weib⸗ lichen Bedienungen und einem Gärtner, der nicht im Hauſe, ſondern in einer kleinen angränzenden Wohnung ſchlief; und er hielt ſich einen leichten Wagen mit einem Pferd, worin er ſeine Gattin ſicher in der ſchoͤ⸗ nen Gegend umherfahren konnte. Für den Sommer wollt' er noch ein Reitpferd hal⸗ ten fuͤr ſich— wenn es mit ſeiner Abſicht jährlich eine gewiſſe Summe zu wohlthaͤti⸗ gen Zwecken anzuwenden, übereinſtimmte. Gewiß hatte ſich Mrs. Auguſtin ſeit ihrem Mißgeſchick noch nicht ſo gluͤcklich gefühlt als jetzt; denn ſie fand eine beſtändige und 422 angenehme Beſchaͤftigung in der Einrichtung ihres neuen Hauſes; und haͤtte ſie nur hof⸗ fen koͤnnen, die Gegenwart ihres Sohnes darin zu erleben, ſo wuͤrde ſie nichts zu wuͤnſchen uͤbrig gehabt haben!— Anch hatte ihr Mann ſeine Vergnuͤgungen: er liebte den Garten, und beſaß nun einen ſehr ſchö⸗ nen;— auch war er ein Freund von altem Porcelain, und ſeine Credenztiſche waren voll davon;— altes Silberzeug hatte er gleichfalls im Ueberfluß, und ſo viel mehr als ſie brauchten, daß er einen Theil davon zu verkaufen wuͤnſchte: allein ſeine Frau hatte es noch nicht genug geſehn und be⸗ wundert, und da es noch nicht voͤllig Win⸗ ter war, ſo konnten die Befuͤrchtungen we⸗ gen Raͤubereyen ſie nicht hinreichend be⸗ ſtimmen, die Kiſte ihrem Banquier in Lon⸗ don zu beßrer Verwahrung anvertrauen zu laſſen. 4*8 Wer je in einer Poſtkutſche irgend einer Art gereiſ't iſt, muß das außerordentliche und unuͤberwinvliche i der einen Reiſenden, und die unaufhaltſame Ge⸗ ſchwätzigkeit und Mittheilbarkeit der andern bemerkt haben, und die Frage: wem gehort dieß Haus, mein Herr? ward oft mit einem Strom unnöthiger und langweiliger Nach⸗ richten von den Bewohnern deſſelben be⸗ antwortet.— Als ſich eines Tags Auguſtin an ſeiner Thär befand, indem eine Poſt⸗ kutſche vorbeyfuhr„lobte ein Frauenzimmer in derſelben das Haus, und ſeine, einſme, doch angenehme Lage. Je Madam⸗“ ſagte ein redſeliger Reiſender,„es iſt huͤbſch und der alte Mann, den ſie an der Thür ſehen, iſt deſſen Beſizer. Ich beſuchte ihn vor kur⸗ zem wegen eines kleinen Geſchaäfts, und wenn ſeine Frau nicht gegenwaͤrtig geweſen ₰ waͤre, wuͤßte ich nicht die Häͤlfte von dem, was er durch ſeines Verwandten Vermaͤcht⸗ niß bekommen hat. Allein ſie zeigte mir eine große Kiſte voll ſchönes altes Silberzeug, und ſolch' feines altes Porcelain! Doch ſie wollen bald von dem Silberzeug mehreres verkaufen, und ich rieth ihnen wirklich dazu, alles wegzuſchaffen, denn es iſt gewiß nicht ſicher, an einem ſolchen Ort ſo viel Sachen von Werth im Hauſe zu haben.“ 2 „Sehr wahr, mein Herr,“ antwortete die Dame, und begann eine lange Geſchichte von Diebſtaͤhlen, und der Gefahr eines ihrer Freunde, welche Erzählung der Herr auf aͤhnliche Weiſe erwiederte, waͤhrend deſſen ein Mann mittlern Alters, in einen großen Mautel gehuͤllt, und ohne auf das Geſpraͤch zu achten, in einem Winkel ſaß, und augen⸗ ſcheinlich halb, wenn nicht ganz, zu ſchlum“ mern ſchien. Als ſie auf die Mitte der 430 Haide kamen, verlangte dieſer Mann auszu⸗ ſteigen, und, indem er den Mitreiſenden im rauhen Ton guten Abend ſagte, warf er aus ſeinen dunkeln Augen einen Blick auf die Dame, der gewiß nicht bewundern⸗ der Natur war. 1 Die vorhergehende Voche hatte auguſiin ſeine Frau nach London gefahren, wo ſie viele Einkäuſe machte; und ſeit dieſer Zeit ſah er ſie ſehr mit ihrer Nadel beſchaftigt, waͤhrend er ſie zuweilen bey ihrer Arbeit in Zhränen äberraſchte. Es war eine Zeit im 4 Jahr, wo er ſie ſchon vorher ſo geſehn 1 hatte, und ſeine eignen Gefuͤhle dienten ihm zum Aufſchluß der ihrigen; dennoch ſagte er nichts, und ſchien„—— zu bemerken. Den Tag, nachdem das Geſprich in der Poſtkutſche vorfiel, brachten beyde Eltern in ſichtlicher Niedergeſchlagenheit und ſchwei⸗ 437 gendem Nachdenken zu, außer wenn ſich eines, zur Verbergung feiner Unruhe, zu ſprechen, oder das andre zu unterhalten be⸗ muͤhte. Das Mittagseſſen war wie gewoͤhn⸗ lich, nur mit einer von Edwins Lieb⸗ lingsſpeiſen vermehrt; allein das Mahl ward kaum beruͤhrt und 3 8. noſſen. 6. Am Abend zog auguſin Kunin ſeinen Stuhl naͤher an den ſeiner Frau, und hielt ihre Hand in der ſeinigen.—„Liebes Weib!“ ſagte er,„wir ſind recht thoͤrichte Leute, und vermehren, glaub' ich, unnoͤthig unſer eigen Ungluͤck, indem wir etwas in unſrer Bruſt verſchließen, das mitgetheilt weniger ſchmerzhaft ſeyn wuͤrde. Ich bin mir bewußt, den ganzen Tag eine Erinne⸗ rung im Gemuͤth gehegt zu haben„ deren Erwaͤhnung gegen dich es erleichtert haben wuͤrde.“ 5 „Und ich bin mir vaſſelbe bewußt,““ erwiederte Mrs. Auguſtin, in Thraͤnen aus⸗ brechend;„ aber ich glaubte, dich zu beträ⸗ ben, wenn ich vich erinnerte, daß heute unſers armen Sohnes Geburtstag iſt.“ „und ich dich,“ ſagte Augufin nit be wegter Stinme;„doch ich hatte es nicht vergeſſen„ noch vergaß 1 es je⸗ S e. „Auch ich nicht, Menn; n nuſ vielleicht uͤber mich lachen, allein ich muß es dir fagen.— Du weißt, daß ich immer etwas fuͤr ihn zu machen oder ihm zu kaufen pflegte, als ein Geburtstagsgeſchenk; und ich habe daſſelbe gethan, ſeitdem wir ihn verlo⸗ ren. Voriges Jahr machte ich ihm neue Hemden. Dieſes Jahr machte ich ihm einige Halstücher, aber feiner als je— die fei⸗ ſten, die ich bekommen konnte, unſerm Reich⸗ thum zu Ehren Sieh hier, Jakob! wie 435* ſehen.— Vergebens gedachte er mit ſchmerz⸗ licher Anhaͤnglichkeit der einfachen Wohnung ſeiner geliebten Eltern, und nur noch einmal unter dem vaͤterlichen D Dach ruhen zu kön⸗ . 4½ die Sfüns ch vieſ aterlihe Lächeln der Mutter, dieſe väterliche Liebe, die ihm, wie er wohl wußte, ſelbſt ſein Vergehn nicht geraubt hatte, ſchimmerten durch die dicke Nacht des ihn umgebenden Elends, wie das ferne Licht in hochgelegner Wohnung dem ſich ſchließenden Auge eines umnachteten und ſinkenden Wanderers— ihm das tůuſchende Verſprechen einer Si⸗ cherheit und eines Troſtes darbietend, welche ihm ſeine erſchöpfte Kraft nie zu erreichen geſtattete. Wie wenig ahnte er ſeiner El⸗ tern verbeſſerte Gluͤcksumſtaͤnde; wie wenig dachte er. ſich, mit welchen neuen und ge⸗ Ee2 436 miſchten Empfinvungen ſie/ in ihrer jezt Wohnung, ſich eun etinnerten! 6 Auguſtin und ſein ſets ßoffendes wei, verloren in der Erwägung kuͤnftigen Gluͤcks, ſaßen bey den vergluͤhenden Kohlen ihres Feuers, bis die Uhr elfe ſchlug, die Mägde zu Bett waren, der Gäͤrtner ſich in ſeine Wohnung begeben hatte, und alles außer ihnen zu ruhen ſchien.„Und ſind wir nicht hier,. rief Mrs. Auguſtin, bey offnem Fenſter ſitzend,„als wenn wir in unſrer eig⸗ nen Stadt waͤren!“—„Dennoch iſt niemand da, der uns ſieht,“ erwiederte ihr Mannz „allein ich will ſehen, ob der andre Theil des Hauſes verſchloſſen iſt, dann dieſen La⸗ den zumachen und die Uhr aufheben.“ Mrs. Auguſtin ſetzte indeß die Lichter auf den Kamin, und mit dem Ruͤcken nach dem Fenſter gekehrt, legte ſie am Ziſch die her⸗ 437 Als ſie auf dieſe Weiſe beſchäftigt war, poͤrte ſie im Nebenzimmer ein heftiges Ge⸗ räuſch, als wenn jemand gewaltſam einbräche, und beym Heffnen der Thuͤr ſab ſie ihren Gatten gegen zwey Maͤnner kämpfen. Mit heſtigem Schreyen wollte ſie ihm zu Hulſe eilen, fuͤhlte ſich aber gewaltſam von Je⸗ mand zuruͤckgehalten, der ohne Zweifel⸗ durch den Glanz der Uhr gereizt, zum Fenſter hereingeſtiegen war, und da ſie ihr Geſchrey verdoppelte, empfing ſie unter furchtbaren Fluͤchen, ſie zum Schweigen zu bringen, einen Stich mit einem Meſſer, worauf ſie blutend, ſterbend, obwohl nicht ohne Bewußtſeyn, zu Boden ſank. Der Rauber wollte das Werk des Todes im naͤchſten Zimmer vollziehn helfen, als der Schein des Lichts vom Kamin auf ihr Ge⸗ ſicht ſiel, indem ſie jetzt ihre ſich ſchließen⸗ ausgenommenen Palstůcher fauber zuſammen. 8 438 den Augen auf ihn richtete; und während Entſetzen und Beſtuͤrzung ihn bewegungslos machten, ſah' er, erkannte er in ſeinem Schlachtopfer ſeine Mutter. Trotz der Verkleidung was kann ein Kind vor den ſcharfſehenden Augen ei⸗ ner Mutter verbergen?) ward er von ihr erkannt, und da ſie, den wilden Ausdruck des Grauſens und Erſtaunens auf jeinem Geſicht erblicend, ihm zum Zeichen der Vergebung die Hand reichte, holte er einen tiefen Seufzer„und ſank ſchmerzerſüllt zu ihr nie⸗ der. Er war es wirklich, der ungluͤckliche ſchuldige Sohn, der ſich endlich zu einer Anzahl Räuber geſellt hatte, von denen jener Mann im Poſtwagen einer war, am jetzt bey ſeiner Ruͤckkehr von einem entfern⸗ tern Schauplatz der Gewaltthätigkeit auf⸗ gefordert ward, ſeinen Gefaͤhrten beym An⸗ gZgriff eines Hauſes voller Silberzeug bey⸗ 439 zuſtehn.— Mitterlihe aritee herrſchende Reigung, noch im Tode 4 belebte Mrs. Auguſtin auf einige Augen⸗ klicke, und ſich mit großer anſrenzuns auf⸗ richtend, ſchaute ſie Edwin mit forſchender Aengſtlichteit an, als ſie e ihren Mann faſt von den Räubern bezwungen ſehend⸗ einen Laut des Scredens ausſtieß, und den Arm des neben ihr liegenden Sohnes beruͤhrte. — Dieß, und der bittende bekmmerte Ton ſeines Vaters erweckten ihn aus ſeiner au⸗ genblicklichen guͤhloſigkeit, und das noch von Mutterblut rauchende Meſſer ergreifend, ſürzte er ſich zwiſchen ſeinen Vater und die 3 Räuber, die zu ihrem Erſtaunen den Ge⸗ fährten in einen Feind verwandelt ſahen. Was auch der Grund ſeyn mochte, ſie fanden, daß er es ernſtlich meine; dennoch hatten ſie ihm eine Wunde beygebracht, die ihn bald wehrlos gemacht haben wůrde⸗ 440 wenn nicht der Gärtner und ein Freund von ihm, der gluͤcklicher Weiſe in ſeinem Hauſe ſchlief, den Lärm horend, mit Keu⸗ len bewaffnet herbeygerilt wären, ſo daß die Boͤſewichter froh waren, ſich durch einen Sprung aus dem Fenſter entſernen zu knn n n Die bekuͤmmerte Gattin und aͤngſtliche ſri Mucter ſchien bis zu dieſem frohen Augen⸗ blick mit dem Tod gerungen zu haben.— Sie ſah ihren ungluͤcklichen Sohn zur Ret⸗ tung ſeines Vaters eilen, und er hatte ſei⸗ nen Zweck erreicht! Es war genug— und als ſich Edwin wieder zu ihr niederwarf, ausrufend:„Mutter! Mutter! fluchen ſie mir nicht, ich habe ihn errettet!“— und ihr Gatte, von Anſtrengung erſchöpft, und faſt vor Entſetzen gelaͤhmt, zu ihr hinwankte, und ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhen ließ— da bewegte ſie die Lippen, als wollte ſie Edwins Vergebung ausſprechen; ſie verſuchte, ſeine blutige Hand an ihren Mund zu druͤcken, dann an die Bruſt ihres Mannes zuruͤckſinkend, verſchied ſie ohne Kampf oder In dieſem Augenblick brach das Blut gewaltfam aus Edwins Wunde hervor, und er ſank todt auf die Leiche ſeiner Mutter. Als der Gaͤrtner und ſein Freund von einer vergeblichen Verfolgung der Ränber 441 zuruͤckkehrten, empfanden ſie Grauen und Erſtaunen uͤber das, was ſi ſi ihnen darſtellte, denn ſie e erblickten den alten Mann, der gleich einem der Sinne beraubten, ſein tod⸗ tes Weib und ſein blutendes Kind an⸗ ſchaute. Endlich richtete er ſich wild empor und rief:„Merkt darauf! er iſt mein Sohn— er rettete mein Leben; und dieſe Wunde erhielt er in meiner Vertheidi⸗ gung!— Warum geht ihr nicht nach Hülfe? — Unmenſchen! wollt ihr ihn zu Tode blu⸗ ten laſſen?“— Nach dieſen Worten ſank er in eine Ermatung, die mehrere Stun⸗ den dauerte.— Allein umſonſt war jeder Edwin dargereichte Beyſtand; und ſelbſt die Liebe ſeines Vaters, als er vollig wieder zum Bewußtſeyn gekommen war, konnte nicht bedauern, v er ſeine Wunde nicht uͤberlebte. Auguſtin hatte nun die traurige Befrie⸗ digung, ſeinen Sohn an der Seite ſeiner Mutter beerdigt zu ſehen, ſein Verbrechen war verborgen„und nur die Erhaltung ſei⸗ nes Vaters bekannt:— denn da der Tod die Lippen des Schuldigen und ſeines Opfers geſchloſſen hatte, wer konnte den Mutter⸗ mord bekannt machen? Edwins Gefaͤhrten waren entflohn, und ſelbſt Auguſtin hatte keine gewiſſe Kenntniß der That, obwohl er ſie gur zu ſtark vermuthete. In manchen e Augenblicken glaubte er, ſein Weib durch Edwins Hand getoͤdtet, zu andern Zeiten legte er ihm nur die Schuld, ſich zu Räu⸗ bern geſellt zu haben, bey. Als er aber amn Morgen des Begraͤbnißtages zum letzten Mal ſeine Augen auf die Leiche ſeiner Sat⸗ in und auf das Geſicht richtete, das et in allen Veraͤnderungen geliebt hatte, da wendete er ſich ploͤtzlich nach vem andern Sarg, und warf einen ſcheuen, erſchrocknen 1 und zweifelnden Blick auf die Züge deſſen, der ihm einſt auch ſo theuer und der, wie er fuͤrchtete, ihr das Leben raubte.— Dann mit furchtbarer Bedeutung und ängſt⸗ lichem Ausdruck auf ſeinen todten Sohn zeigend, richtete er in frommer Dankbarkeit die Augen gen Himmel und rief:„Vater ich danke dir! denn dieß war in der That Barmherzigkeit. Ja— armer be⸗ chorter, doch zärtlicher Jüngling!— was auch deine Vergehüngen ſeyn mochten, dein Wunſch ward erfuͤllt, und ich bin des Elends überhoben geweſen, dich auf dem Schaffot ſterben zu ſehn!“ ——— ————— 2 n Mlu 10 14 18 16 6 8 9