erter und 1 ¹ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahine und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 9 jeden 8 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bicher: 6 Pücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 50 Pf. 2 Mk.— f. 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sejadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c) muß ver Ladenpreis erſeßt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſtit Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Innoecenziu. Roman aus dem modernen Leben von Mrs. Gliphant. Aus dem Engliſchen von Julie Dohmke. Fierter Rand.* Ceipzig, Ernſt Julius Günther. Inhalt. Erſtes Kapitel. Familienanſichten.. Zweites Kapitel. Die Hochzeit Drittes Kapitel. Nach der Hochzeit. Viertes Kapitel. Das Gewitter zieht ſich zuſammen Fünftes Kapitel. neſchl Sechstes Kapitel. Ei ig Siebentes Kapitel. Die Beweiſe für und wider Achtes Kapitel. Das Verhör Seite 14 4* 30 43 60 75 108 IV Neuntes Kapitel., Seite Zehntes Kapitel. Elftes Kapitel. Plantagenet's Betrachtungen.. 172 Zwölftes Kapitel. Das Kloſterleben.. 183 Dreizehntes Kapitel. Wis aus Lady Longueville wurde— Vierzehntes Kapitel⸗ Erſtes Kapitel. Familienanſichten. Man hielt es für das Beſte, daß Innocenzia am Abend wieder nach Hauſe gebracht würde, und Mrs. Barclay begleitete ſie ſelbſt dorthin. Die liebenswürdige Frau war glückſelig und überhäufte Eaſtwoods mit Herzlichkeit und Glückwünſchen. „Da er nun einmal die Eine nicht mehr bekommen konnte, ſo hatte er es ſich in den Kopf geſetzt, die Andere zu nehmen. Hätte er die auch nicht gekriegt, ſo bin ich feſt überzeugt, er würde niemaͤls geheirathet haben. Es ſollte nun einmal eine von Ihren Töchtern ſein, und als ſolche haben wir ja immer unſre ſchöne Innocenzia betrachtet. Ach, und wie werden ſich die andern Longuevilles ärgern, die das Erbe ſchon in iden Händen zu halten glaubten! Wahrlich, wenn ich meinen guten Alexis glücklich mit einer lieben, kleinen Frau Hliphant, Innocenzia IW. 1 ———— 2 und reizenden Kinderchen ſehen könnte, wollte ich mir in der Welt nichts weiter wünſchen!“ So plauderte die leichtherzige Frau und brachte die Mutter und Nelly ebenfalls in eine heitere Stimmung. Sir Aleris blieb mit ſeiner Schweſter zu Tiſche da, und wäre Frederick nicht ſo düſter und ſchweigſam geweſen, ſo hätte der Abend einer der frohſten ſein können, den die Familie ſeit lange verlebte. Aber Frederick war tief entrüſtet über dieſe Wendung der Dinge. Er be⸗ ſchuldigte ſeine Mutter, daß ſie von dem Kinde das Opfer erzwungen habe, denn unmöglich ſei ihr ſelbſt der Entſchluß gekommen.„Wie kann ſie einen Mann lieben, der ihr Großvater ſein könnte! Wenn Du das Liebe nennſt von ſeiner und von ihrer Seite, dann be⸗ greife ich Dich nicht,“ rief er empört. „Es iſt Innocenzia's freier Entſchluß,“ ſagte die Mutter.„Ich habe nichts damit zu thun gehabt,— ja in mancher Hinſicht fühle ich ſogar gleich mit Dir.“ „In mancher Hinſicht?“ rief er entrüſtet.„Und wo bleibt denn nun jene„Sinnestäuſchung,“ wie Du es nennſt? Soll der junge Bräutigam auch darüber getäuſcht werden?“ „Du wirſt vielleicht böſe werden, mein Sohn,“ ſagte die arme Mutter,„auch mich hat es ſehr erſchreckt. Sie hat ihm Alles geſtanden, und ich muß zugeben, 3 daß ein ſolches Vertrauen auch wol nothwendig war zwiſchen Verlobten, die in ſo kurzer Zeit einander für immer angehören ſollen.“ Der junge Mann ſchäumte vor Wuth. Er wollte durchaus nicht glauben, daß ſeine kleine Innocenzia aus eigenem Antriebe Herz und Hand einem Andern ge⸗ ſchenkt habe. Jedenfalls müſſe ſie Jemand erſt auf den Gedanken gebracht haben. Er war ungeduldig, un⸗ glücklich, reizbar, wüthend ſogar, und natürlich entlud ſich dieſer ungerechte Zorn am heftigſten auf Mutter, Schweſter und Sir Alexis. Jetzt, wo Innocenzia ſeinem Verlangen unwiderbringlich entzogen war, ſtieg ſeine „ Liche für ſie zu einer wahren, glühenden Leidenſchaft. Er beſchloß bei⸗ der nächſten Gelegenheit mit ihr zu ſprechen und von ihr ſelbſt zu hören, wer ſie zu dem ſchrecklichen Opfer, wie es ihm ſchien, getrieben habe. Aber erſt nach einigen Tagen gelang es ihm, Inno⸗ cenzia allein zu ſprechen; denn die Mutter und Nelly ſuchten ängſtlich eine derartige Zuſamnkenkunft zu ver⸗ hüten, und da Sir Alexis jeden Abend bei ſeiner Braut. war, verbot es ſich auch von ſelbſt. Endlich begünſtigte ihn der Zufall: er fand das Mädchen auf einige Augenblicke allein. „Innocenzia,“ ſagte er,„ich fürchte, Du biſt im Begriff einen ſehr thörichten Schritt zu thun. Wer hat 4 Dir dazu gerathen? Du darfſt Longueville nicht heirathen, der ſo viel älter iſt— wie kannſt Du den lieb haben?“ Sie bebte vor ihm zurück und drückte ſich in den äußerſten Winkel des Sopha's, auf dem ſie ſaß, ant⸗ wortete jedoch nicht. Er wurde noch heftiger. „Du biſt ſehr unbeſonnen,— weil Du Dich un⸗ glücklich fühlſt, willſt Du Dich mit Gewalt noch un⸗ glücklicher machen. Wenn Du ſo einen Mann heiratheſt, der älter ſogar als Dein Vater iſt, wie kannſt Du da Sympathie für Dich und Deine jugendlichen Gefühle erwarten? War denn Niemand da, der Dir helfen konnte, als er allein? Weshalb haſt Du Dich überhaupt an ihn gewendet?“ Sie ſeufzte und ſah ihn ſanft beſchwörend an. „Du mußt mir nicht zürnen,“ ſagte ſie leiſe.„Niemand hat mir Hülfe angeboten als er allein. Er iſt ſehr gut—“ „O, gut!“ rief der junge Mann.„Iſt irgend Je⸗ mand nicht gut gegen Dich? Wenn Du ſo ſprichſt, be⸗ ſchuldigſt Du uns Alle. Wahrhaftig, ich glaube doch, ich hätte Dir beſſer helfen können als Longueville.“ „Nein, Du nicht, Frederick,“ ſagte das Mädchen. Sie ſah ihn dabei feſt und klar an, nur eine flüchtige Röthe flog über ihr Geſicht. „Und warum nicht? Du denkſt wegen— wegen der Geſchichte mit— meiner Frau? Deshalb brauchteſt 5 Du Dich nicht von mir zu wenden. Innocenzia, beſinne Dich doch, jetzt wo es noch Zeit iſt, gieb das Verhält⸗ niß mit Longueville auf!“ Sie ſchüttelte den Kopf mit traurigem Lächeln. Sie hatte ja kein Verlangen, Sir Alexis zu heirathen, aber ſie hatte ihm ihre Laſt auferlegt, und er hatte ſich willig gefunden, ſie zu tragen. Seitdem war ihr Ver⸗ trauen zu ihm unerſchütterlich feſt geworden. Solche Hülfe hatte ihr noch Niemand angeboten in ihrem Jammer, und doch concentrirten ſich in ihm alle ihre Gedanken und Befürchtungen. So ſchwand die Zeit, die kurze Zeit zwiſchen Ver⸗ lobung und Hochzeit. Innocenzia's Ausſtattung wurde beſorgt wie bei andern Bräuten auch, und das alte Haus unter den Linden war in beſtändiger Aufregung. Mrs. Eaſtwood und Nelly wurden durch die ver⸗ ſchiedenen Beſorgungen aus ihren trüben Gedanken ge⸗ riſſen und gefielen ſich darin, für das ſchöne Mädchen, das bis jetzt ſo einfach in ſeinen Anſprüchen geweſen war, eine Garderobe zu beſtellen und Stofft zu wählen, wie ſie ſich für die künftige Lady Longueville ſchickten. Sie ſelbſt nahm keinen lebhaften Antheil an dem, was um ſie her vorging. Sie ließ geduldig mit ſich geſchehen, was die Andern wollten, probirte an, was man ihr vorlegte, und erfreute durch dieſe Geduld beſonders 6 Nelly, die unermüdlich war, bald dies bald jenes Kleid, bald dieſe bald jene Farbe, dem ſchönen Mädchen zur Wahl vorzuſchlagen. In dieſer echt weiblichen Geſchäftig⸗ keit, dieſem reizenden Selbſtvergeſſen zeigte ſich Nelly wieder in all ihrer lieblichen Urſprünglichkeit, und wie könnten wir ſie deshalb tadeln! Ihr ſchweres Herz wurde leichter in der Sorge um eine Andere, die ja wol noch mehr niedergebeugt worden war von der Hand des Geſchickes. Die Heirath ſelbſt war nicht von der Mutter noch von ihr begünſtigt worden, ſie war Innocenzia's eigener, freier Entſchluß, und Mrs. Eaſt⸗ wood fand ſogar viel Urſache in dieſem Ereigniß, recht froh und dankbar zu ſein. Sie äußerte ſich auch ſo ihren jüngern Söhnen gegenüber, die ſich höchſt unzu⸗ frieden mit Innocenzia's Wahl zeigten. „Er hat ſie zärtlich lieb, und ihr Glück wird ihm über Alles gehen,“ ſagte ſie.„Er iſt ein bewährter Freund unſeres Hauſes, und es iſt ein Troſt, daß er alle Verhältniſſe unſerer Familie kennt.“ Dieſer letzte Zuſatz galt beſonders Frederick, der ver⸗ droſſen am Fenſter ſaß und hinaus ſtarrte. „Was denn für Verhältniſſe?“ rief Plantagenet. „Giebt's denn etwas in unſerer Familie, was nicht die ganze Welt erfahren könnte?“ „Das mag ſein, wie es will, Mutter,“ rief Dick, — „* 7 „aber ich begreife doch nicht, wie Du's über's Herz bringen kannſt, Innocenzia ſo'nem alten Patron wie dem Longueville zu geben. Weiß Gott, der ſieht ja aus, wie hundertundfunfzig mindeſtens! Er hat alte Manieren, alte Ideen, kurzum es iſt ein uraltes Haus, und ſie iſt kaum achtzehn Jahre alt. So was lieſt man eigentlich nur in Büchern. So was paſſirt gar nicht im wirklichen Leben.“ „Mein lieber Junge—“ proteſtirte die Mutter. „Wenigſtens ſollte es nicht paſſiren,“ fuhr er fort, „und wenn Du ſagſt, es ſei Innocenzia's eigene Wahl geweſen, da frage ich Dich:— was weiß denn die da⸗ von? Ihr habt ſie überredet. Die ſchönen Kleider, die prächtigen Geſchenke, all der Glanz hat ihr den Kopf verdreht——“ Dick hatte nämlich faſt den ganzen Tag damit zu⸗ gebracht, die Damen in der Wahl eines Seidenſtoffes zu unterſtützen, und war nun, nachdem ſie vorüber, wüthend über die Vergeudung ſeiner koſtbaren Zeit. „Innocenzia macht ſich gar nichts aus ſolchen Sachen,“ ſagte der tieferblickende Plantagenet.„Iſt denn etwas geſchehen? Hat ſie Jemand gekränkt oder verletzt? Ich weiß nicht, was die Mutter mit den„Verhältniſſen“ meint. Ich glaubte ſtets, Innocenzia würde ihren An⸗ theil an unſerem Vermögen eben ſo gut bekommen als 8 wir Andern. Ich würde ihr gern den meinigen ab⸗ treten, wenn ſie nur den alten Longueville nicht hei⸗ rathete. Ich ſehe überhaupt gar keine Nothwendigkeit, weshalb ſie heirathen ſoll.“ „Wie ſoll ich das Euch erklären?“ ſagte die bedrängte WMutter.„Ein Mädchen hat ſein Geſchick nicht in der Hand wie ein junger Mann. Wenn ich nun ſtürbe, was ſollte aus dem armen Kinde werden? Wer ſollte ſich ſeiner annehmen? Du, Dick, etwa, der Du nach Indien gehſt? Oder Plantagenet, der ſich allein durch die Welt ſchlagen muß? Oder Nelly? Meine Nelly hat noch Andere zu berückſichtigen—“ „Mich ſcheinſt Du gänzlich außer Frage zu laſſen, ſagte Frederick,„obgleich es mir ſcheint, als hätte auch ich ein Recht mitzuſprechen—“ „Du? O, Frederick, Du weißt doch ſelbſt, wie un⸗ möglich das iſt. Aber genug— Innocenzia hat Sir Aleris aus freiem Willen gewählt, ſie vertraut ihm feſt, und wenn ich bedenke, wie viel Vortheile auch für ihr ganzes inneres Leben ihr ſein Reichthum gewähren kann, ſo———“ „Die Sache iſt ganz klar, alle Frauen ſind be⸗ rechnend,“ unterbrach ſie Frederick mit bitterem Lachen. „Sie können auch gar nicht anders. Geld iſt die Brücke zu jedem Glücke. So einfältig Innocenzia ſich in vielen 5 9 Dingen zeigt, ſo hat ſie ſich hier als echtes Weib glänzend bewährt.“ So getheilt waren die Anſichten der Familie, daß derartige Beſprechungen gewöhnlich mit allgemeiner Un⸗ zufriedenheit endeten. Selbſt Plantagenet, der ſonſt auf der Seite der Mutter zu ſtehen pflegte, als ihr getreuſter Ritter, konnte ihr diesmal nicht beiſtimmen. Dick war viel leichtherziger und quälte ſich nicht viel mit der An⸗ gelegenheit ab, aber Plantagenet ging diesmal recht melancholiſch nach Orford zurück und grübelte darüber nach, welche„Verhältniſſe“ es wol wünſchenswerth machen könnten, einen Sir Alexis in die Familie zu ziehen, denn die Mutter war jeder weiteren Erklärung ängſtlich ausgewichen. Was nun die Meinung der Welt betraf, ſo lautete auch dieſe ſehr verſchieden. In den Augen der Moly⸗ neur ſtieg Mrs. Eaſtwood bedeutend durch dieſe Ver⸗ bindung. Ja, ſie fingen an, alles Ernſtes daran zu denken, des Sohnes Hochzeit nun ebenfalls zu be⸗ ſchleunigen, da die Sachen in der Familie ſo gut ſtänden. Nelly war doch keine ſchlechte Partie, und die Ver⸗ wandtſchaft durchaus nicht zu verachten. Auch könne am Ende die Mutter, die ſo trefflich für ihre Nichte, die ſie, nebenbei geſagt, doch„ſchändlich“ verwahrloſt hatte auf⸗ wachſen laſſen, geſorgt hatte, höhere Pläne für die 10 eigene Tochter ſchmieden. Wer konnte das wiſſen? Ob nun Ernſt ſelbſt durch derartige Reden angetrieben wurde, oder ob ihm wirklich die Prüfungszeit zu lange währte, jedenfalls hielt er es jetzt für gerathen, ſich gegen Nelly darüber zu äußern. „Denkſt Du nun nicht, daß ich Zeit genug ver⸗ geudet und gewartet habe?“ ſagte er zu ſeiner Braut, als er ſie eines Morgens gänzlich unerwartet über⸗ raſchte und emſig mit Innocenzia's Ausſtattung be⸗ ſchäftigt fand. „Zeit vergeudet?“ ſagte Nelly mit unverſtelltem Er⸗ ſtaunen. „Natürlich,— Du denkſt doch nicht, daß es mein eigener Wille iſt, daß ich ſo lange um Dich werbe wie Jacob um Rahel? Wie, Nelly? Siiſt wahrhaftig eine Schmach— „Ich weiß allerdings auch nicht, daß Du Dir Mühe gegeben haſt, ſie zu kürzen,“ ſagte das Mädchen erröthend. „Ich bin nicht im Stande, die Verhältniſſe mir zu unterwerfen,“ ſagte Molyneuxz„wir ſind Alle mehr oder weniger die Opfer derſelben. Aber augenblicklich ſcheint es mir, als ſei für uns eine Ausſicht, meinſt Du nicht, Nelly? Frederick iſt gnädig von ſeiner Laſt erlöſt worden, und der kluge Fiſchfang, den Deine Mutter jetzt an dem alten Longueville für Innocenzia gemacht—“ 17 „Ernſt, ſolche Reden darf ich nicht erlauben.“ „Nun gut, wir wollen über Worte nicht ſtreiten, — eben jetzt, da Sir Alexis mit der Hand der ſchönen Dame beglückt werden ſoll. Beim Zeus, Nelly, Du magſt ſagen, was Du willſt, aber das iſt der klügſte Streich, den ich ſeit Langem auf dieſe Weiſe ausführen ſah. Die ganze Familie ſchwimmt dadurch im Glücke, und wenn Du jetzt Deine Karten gut ſpielſt, ſo giebt Mama ihre Einwilligung und die nöthigen Mittel——“ Das Mädchen unterbrach ihn. Verdruß und Bitter⸗ keit kämpften mächtig in ihr. Sie wurde bald blaß, bald roth, erſt zitterte ſie, dann aber nahm ſie ſich zu⸗ ſammen und ſagte mit einer erkünſtelten Kälte, die Mo⸗ lyneur halb lächerlich halb abſcheulich fand: „Wie ſoll ich denn meine Karten ſpielen und was ſoll ich von der Mutter verlangen?“ „Ne rief er mit halbem Lachen,„wozu dieſe Miene der Königin der Nacht? Wahrhaftig, ich dächte, wir müßten einander endlich verſtehen. Du weißt ganz gut, was ich will. Die Mutter ſoll ſich' endlich ent⸗ ſchließen, etwas herauszurücken, damit wir wiſſen, woran wir ſind.“ „Ich ſehe die Sache anders an,“ ſagte das Mäd⸗ chen, entſchloſſen, dieſe Frage auf immer zu beſeitigen. „Ernſt, wir müſſen einander endlich einmal verſtehen. 12 Ich will durchaus nicht von Mama irgend etwas an⸗ nehmen, wodurch ihre eigene Behaglichkeit geſchmälert werden könnte. Ich will nicht. Mir iſt es gleich, was Du auch ſagſt. Können wir mit dem, was wir haben und mit dem, was Dein Amt einbringt, nicht aus⸗ kommen, ſo iſt es beſſer, wir geben Alles auf. Ich wünſche und verlange durchaus nicht mehr, als was wir haben können,“ rief das liebe Mädchen in Thränen ausbrechend,„und ich will mich nicht von Mama er⸗ halten laſſen, wenn ich mich verheirathe!“ Molyneux ſtand wie vom Donner gerührt. „Aber Nelly,“ ſagte er in jenem halb verwunderten, halb zärtlichen Tone, der ſie ſchon ſo oft entwaffnet hatte,„Du biſt ein kleines Gänschen!“ Darauf verſuchte er, ſie in ſeine Arme zu ziehen, aber ſie ſträubte ſich heftig dagegen, entzog ſich ihm und ſah ihn 6 ½ vollen Augen, aber ernſt und feſt an. „Wir müſſen endlich einander klar verſtehen rief ſie.„Ich habe ſchon lange mit Dir darüber ſprechen wollen. Jetzt endlich habe ich den Muth dazu und ich nehme nichts von dem zurück, was ich geſagt habe. Ich will ſo ärmlich, ſo ſparſam leben, wie Du willſt— wenn Du das von mir verlangſt, aber ich werde nun und nimmermehr von meiner Mutter Geld erpreſſen. Doch das darf Dich nicht abhalten,“ fügte ſie mit leiſe 13 bebender Stimme hinzu,„anderer Meinung zu ſein. Nur, Ernſt— bleibt auch mir dann ein einziger Aus⸗ weg,— nämlich——“ „Mit Deiner Mutter zu ſprechen,“ ſagte er lachend. „Ich würde das auch ohne Deine lange Rede gethan haben, Nelly.“ „Nein— Dich frei zu geben,“ ſagte ſie und faltete die Hände feſt zuſammen, die er ſich bemühte zu er⸗ faſſen. Zweites Kapitel. Die Hochzeit. Innocenzia's Hochzeit wurde in den erſten Tagen des Februar gefeiert. Es war ein trüber regneriſcher Tag. Die Kälte drang Einem durch alle Glieder bis an's Herz hinan, und ſelbſt die koſtbaren Treibhaus⸗ blumen, die man bei dieſer Gelegenheit mi wahrhaft verſchwenderiſcher Pracht überall angebracht hatte, konnten keine Frühlingsempfindungen erwecken. Nur. cenzia in ihrem weißen Brautkleide und Schleier ſah wie ein Schneeglöckchen aus. Der feine Kopf war ein wenig geſenkt wie gebeugt von der Laſt der ſchönen Haare und der bräutlichen Krone, und die Wangen waren noch bläſſer als gewöhnlich. Sie war keine er⸗ röthende, keine lächelnde, auch keine weinende Braut. Ihre Augen blickten mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit umher, wenn der Gedanke an beußn ihrer Hei⸗ —— 15 math in ihr aufſtieg, aber im Uebrigen war ſie ruhig, ſanft und anmuthig und bewegte ſich in ihrer neuen Stellung mit derſelben Sicherheit wie in der früheren. Das was ihr Herz beängſtigt hatte, jenes dunkle Ge⸗ heimniß ihres Lebens, war ja von ihr genommen, wie ſie glaubte. Ihr Gatte hatte es ja über ſich genommen, Alles zu lerklären, zu ordnen, und ſie traute ſeinen Worten kwie ſeiner Macht unbedingt. Die zärtliche Ueberredungskunſt ihrer Tante, die ſie durchaus glauben machen wollte, das entſetzliche Erlebniß ſei nur eine Täuſchung geweſen, hatte nichts bei ihr bewirkt. Das einfache klare Verſprechen des Mannes, der ihre Er⸗ zählung als wahr hinnahm, ſagte ihrem praktiſchen Sinne weit mehr zu und beruhigte ſie, wie nichts anderes es vermocht hatte. Wenn ſie ihn danach gefragt hatte, war ſeine Antibort ein liebkoſendes, beſchwichtigendes Wort geweſen, und ſo ſchwand ihre Furcht, und die Bürde war von ihrer Seele gewälzt. Herzliche, innige Dank barkeit feſſelte ſie deshalb an ihren Gatten. Die Hochzeitsgeſellſchaft war nicht ſehr zahlreich; man hatte aus verſchiedenen Gründen vermieden, eine ſehr glänzende Feier zu veranſtalten. Der eine Grund war Innocenzia's zarte Geſundheit und dazu kam die Trauer um die Schwiegertochter des Hauſes. John Vane war zu der Feier herbeigekommen, ſum die Braut 16 dem Gatten zu übergeben, als ihr nächſter Verwandter, da Frederick in düſterſter Stimmung ſich weigerte, irgend etwas damit zu thun zu haben. Die Leute fanden es auch ſo begreiflich, daß der arme Menſch noch über den Tod der ſchönen, jungen Frau ſo tief traure, und bemitleideten ihn ſehr. Einige wenige von Mrs. Eaſt⸗ wood's Freunden und Rathgebern, ein oder zwei Freunde von Sir Alexis bildeten nebſt der Familie Molyneur die ganze Geſellſchaft. Ernſt hatte kein Wort von dem, was zwiſchen ihm und Nelly vorgefallen, den Seinigen mitgetheilt; dennoch fielen dieſe, obgleich ſie anfangs die vornehme Heirath mit Entzücken begrüßt hatten, mit ſchärfſter Kritik über alle Anweſende her und äußerten ſich in ſchonungsloſer Weiſe über die ganze Verbindung. „Wie konnte ſie es nur zugeben, daß das arme Kind den alten Mann heirathet?“ flüſterte Miß Moly⸗ neux ihrer Mutter zu. „Still, Kind!“ ſagte dieſe.„Was würden die Eaſt⸗ woods nicht Alles für Geld und um Geldes Willen thun!“ „Wie bleich ſie iſt! Glaubſt Du, daß man ſie dazu gezwungen hat?“ frug die junge Dame ihren Bruder. „Gezwungen? Wo ſoviel Reichthum und Glanz iſt? Damit zwingt man jede Frau,“ entgegnete Ernſt faſt laut. Nelly hörte die letzten Worte und errieth die erſten. ——— — 45 —— 17 Sie hatten ſich ſcheinbar wieder verſöhnt, aber das Mädchenherz blieb wund und weh. Auch über dieſe Heirath konnte ſie ſich nicht recht freuen. Wie würde Innocenzia die Trennung überwinden? War es nicht furchtbar egoiſtiſch von dem alten Manne, das arme Kind beim Worte zu nehmen, das in ſeiner Noth bei ihm eine Zuflucht geſucht hatte, und zur Heirath zu be⸗ wegen?„Aber alle Männer ſind egoiſtiſch,“ ſeufzte Nelly aus tiefſter Seele. Dieſe traurige Ueberzeugung war die bittere Frucht ihrer eigenen Erfahrungen. John Vane kam nicht eher zu ihr, als bis die Feierlichkeit vorüber, das neuvermählte Paar abgereiſt, und die übrigen Gäſte im Weggehen begriffen waren. Es hatte keine fröhliche Stimmung unter den Gäſten geherrſcht; die meiſten hatten ſich anfangs warm über die vortheilhafte Verbindung geäußert, jetzt aber waren ſie keineswegs ſehr verbindlich in ihren Reden gegen die Frau des Hauſes. „Ich fürchte, die arme Lady Longueville iſt ſehr, ſehr zart,“ ſagte die Eine kopfſchüttelnd. „Alles war ſehr reizend, liebe Mrs. Eaſtwood,“ ſagte eine Andere,„aber ich wünſchte nur, das arme Ding ſelbſt hätte nicht wie ein Opferlamm aus⸗ geſehen.“ „Weshalb ſoll denn eine Braut fröhlich aus⸗ 2 DOliphant, Innocenzia. W. ſehen?“ rief ein milderer Kritiker,„und vollends eine ſo junge— unerfahrene—“ „Nun dafür hat er deſto mehr Erfahrung,“ rief ein Vierter. „Ich gäbe viel darum, wenn ich das arme Ding erſt wieder lebendig von der Hochzeitsreiſe zurückkom⸗ men ſehen könnte,“ ſagte Mrs. Everard.„Sie ſah mir gar zu ſehr wie die Lucia von Lammermoor aus, meine Liebe. Nur das lang herabfallende Haar fehlte und die Vertraute in weißem Muſſelin. Ich hoffe doch, daß er ſehr gut gegen ſie ſein wird.“ „Daran iſt kein Zweifel,“ ſagte die Mutter ärger⸗ lich und des Redens müde.„Mit dem beſten Vertrauen habe ich unſer liebes Kind in ſeine Hände gegeben.“ „Nun, Sie haben wenigſtens jetzt keine Verant⸗ wortlichkeit mehr,“ ſagte die Freundin und ſchüttelte be⸗ denklich das weiſe Haupt. So wurde denn die Heirath von allen Seiten als ein Beweis ſchlauer Berechnung von Seiten der geizigen Mrs. Eaſtwood hart genug beurtheilt und die arme Innocenzia als Opfer bemitleidet und beklagt. Selbſt die Söhne des Hauſes dachten ähnlich über die Sache, und John Vane, auf deſſen Urtheil jene ſo viel gab, neigte ſich mit gleicher Entſchiedenheit der allgemeinen Anſicht zu. Wie konnte er auch anders urtheilen als nach dem 19 äußeren Schein? Und wie konnte man ihn aufklären? Die arme Frau fühlte, daß ſie ſich ſchweigend unterwerfen, ſchweigend Alles ertragen müſſe. John Vane war kalt und ernſt, ſelbſt gegen Nelly. Er ſchien anfangs ſogar die Abſicht gehabt zu haben, fortzugehen, ohne mehr als die gewöhnlichen Höflichkeitsphraſen mit der Familie gewechſelt zu haben; aber ein gewiſſes Etwas in Nelly's ſüßem, traurigem Geſichte ließ ihn noch an der Thüre umkehren, als er bereits Abſchied genommen hatte. Er ging zögernd, wie es ihr ſchien, auf ſie zu, und ſein Weſen hatte nicht mehr die frühere Herzlichkeit. Er ſagte ihr, wie leid es ihm gethan, nicht eher von den Vorgängen hier in Kenntniß geſetzt worden zu ſein; daß die Sache wol ſehr ſchnell in Ordnung gebracht worden ſei, obgleich er es gern geſehen hätte, wenn man ihn bei einem ſo wichtigen Schritt ſeiner armen kleinen Couſine mit zu Rathe gezogen hätte. „Auch wir hätten uns mehr Zeit zur Ueberlegung gewünſcht,“ ſagte Nelly mit verletztem Stolz,„aber Innocenzia hat hierin ganz ſelbſtändig gehandelt, und Sir Aleris beſtand auf der Beſchleunigung der Hochzeit.“ „Innocenzia und ſelbſtändig?“ „Gewiß, Mr. Vane, es mag ſonderbar klingen, aber es iſt doch ſo. Ich ſehe wol, daß auch Sie meine arme Mama beſchuldigen, als habe ſie die Sache be⸗ 25 ——————— günſtigt oder gar herbeigeführt; aber es war Inno⸗ cenzia's freier Wille, ihr eigener Entſchluß. Mir iſt's ſehr unangenehm,“ ſagte Nelly mit Wärme,„und wenn die arme Innocenzia erſt zur Beſinnung kommt, wird ſie es vielleicht bereuen. Aber gütig und ſorglich iſt er,“ fügte ſie hinzu,„und er wird ſie auf den Händen tragen, ſagt Mama.“ „Ich muß geſtehen, daß ich das Mädchen nicht be⸗ greife,“ ſagte Vane.„Man hat mir eine gar ſeltſame Geſchichte in Sterborne erzählt—“ „Eine Geſchichte— was denn?“ rief Nelly athem⸗ los vor Angſt und Schrecken. „Sie ſcheint auf eine ſehr ſonderbare Art durch Nacht und Nebel nach Hauſe gelaufen zu ſein,“ ſagte er zögernd.„Und doch glaube ich nicht, daß ſie blödſinnig iſt, nur geiſtig ſchwach und unentwickelt ſcheint ſie mir zu ſein. Mir thut es um meiner Schweſter willen leid, es hat ſie ſo ſehr beunruhigt. In der That, bisweilen wünſchte ich wol, ich hätte ſie gar nicht von hier fort⸗ genommen.“ „O, wollte Gott, Sie hätten es nie gethan!“ rief Nelly unwillkürlich. Dann hielt ſie plötzlich erſchrocken inne. Er bemerkte das wol. „Es ſteckt noch mehr dahinter, als ich weiß,“ ſagte er und ſah ſie ernſt an. 21 „O nein, nein, bitte, glauben Sie das nicht! Sie war nur krank und fieberhaft erregt, weiter nichts!“ rief Nelly ängſtlich. Wie ſehnte ſich das arme Mädchen, ihm ihr Leid anzuvertrauen, und doch wagte ſie es nicht. Wie gern hätte ſie ſich und die Mutter in ſeinen Augen gerechtfertigt, mochte die übrige Welt dann denken, was ſie wollte. Aber wie ſollte ſie das anfangen? Eine Weile noch ſtand Vane ſchweigend neben Nelly und grübelte, welches wol jenes angedeutete Geheimniß ſein könne. Nelly wenigſtens, ſo ſchloß er, war gänzlich ohne Schuld. Sie hatte jedenfalls nichts damit zu thun gehabt, vielleicht war ſie ja nur zu bald das zweite Opfer. Er hatte nicht ohne Intereſſe die Begrüßungen der beiden Fa⸗ milien beobachtet und keine Veränderung wahrgenommen; es war dieſelbe bitterſüße Freundlichkeit von der einen, dieſelbe gedrückte Stimmung von der andern Seite. Auch das war ihm klar: Nelly ſah nicht glücklich aus. Wes⸗ halb hatte ſich die geſchäftige Mutter nicht lieber um ſie bemüht? Hatte nicht lieber hier gelöſt, ſtatt die arme Innocenzia zu binden? Endlich verabſchiedete er ſich mit ſchwerem Herzen, voll Unruhe über ſeine Couſine, aber auch bekümmert um Nelly, deren Schmerz ihm ſo nahe ging und den er ſich doch nicht zu erklären wagte. Allen Zorn aber warf er auf die„berechnende,“„kalt⸗ 22 herzige“ Mrs. Eaſtwood. Die arme Mutter! Das war ihr Lohn für all ihre aufopfernde Sorge, für ihre mütterliche Liebe! Noch in den letzten Tagen war etwas geſchehen, was ſie ernſtlich beunruhigte, und ſie hatte ſich darüber auch gegen ihre Tochter ausgeſprochen. Jane, das Haus⸗ mädchen, deſſen Schweigen und ruhiges Benehmen in der letzten Zeit jedes Mißtrauen beſeitigt hatte, war plötzlich zu ihrer Herrin gekommen und hatte ſich um die Stelle der Kammerjungfer bei der künftigen Lady Longueville beworben. „Kammerjungfer, Du, Jane? Aber Du verſtehſt ja gar nicht das, was da verlangt wird,“ hatte Mrs. Eaſt⸗ wood verwundert geſagt. „O Madame, ich weiß viel mehr, als man glaubt,“ hatte das Mädchen mit beſonderer Betonung und einem Blicke geſagt, der Mrs. Eaſtwood das Blut in den Adern erſtarren machte. „Das kann ſein, vielleicht,“ entgegnete ſie lachend, um ihre Verlegenheit zu verbergen;„aber Du kannſt weder Kleider machen, noch friſiren, noch irgend etwas was eine Kammerjungfer verſtehen muß. Hausarbeit iſt etwas durchaus anderes.“ „Meine Verwandten haben mir geſagt, ich ſolle mich nur um die Stelle bewerben,“ ſagte Jane,„und die —— — S —— mich kennen meinen, ich ſei auch ganz geſchickt dazu. Sie ſagen auch, ich hätte das erſte Recht darauf. Ich weiß viel mehr, als man glaubt,“ wiederholte ſie noch einmal mürriſch ihre vorige Redensart wie eine eingelernte Lection. Raſch überflog Mrs. Eaſtwood in Gedanken die Conſequenzen der beiden Fälle. War Jane ungefährlicher unter ihren Augen, wo ſie Unheil verhüten und ſie über⸗ wachen konnte; oder war es nicht vielleicht beſſer, die gefährliche Perſon unter die feſte Hand des Sir Aleris zu bringen, der ſich ſtets zwiſchen ſie und Innocenzia ſtellen würde? Die Frage war im Momente ſchwer zu entſcheiden. Mrs. Eaſtwood ergriff den nächſt liegenden Ausweg; ſie nahm die Laſt auf ſich. „Ich möchte Dich nicht gern gehen laſſen,“ ſagte ſie diplomatiſch,„aber wenn Du Dich verbeſſern und ſpäter einmal eine andere Stelle ſuchen willſt, ſo will ich es jetzt ganz gern mit Dir einmal als Jungfer bei Miß Ellinor verſuchen. Was Lady Longueville betrifft, ſo würde ich für ſie eine erfahrenere Perſon vorziehen. Du kannſt mit meiner Tochter über meine Anſicht ſprechen, wenn Du willſt.“ „Aber Madame,“— begann Jane von Neuem. „Jetzt nichts mehr davon— ich habe zu thun, nach der Hochzeit werde ich mehr Zeit haben,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ 24 wood. Aber dieſes Geſpräch ſenkte eine neue Beſorgniß in ihr armes Herz. Alle dieſe Dinge hatten dazu beigetragen, den Hoch⸗ zeitstag zu einem recht unbehaglichen zu machen. Und da die Familie wegen der Trauer von einer größeren Geſellſchaft im eigenen Hanſe abſehen mußte, ſo ſchien ihnen die Zeit ſich endlos zu dehnen, nachdem die Hoch⸗ zeitsgäſte ſich entfernt hatten. Dick ſchlenderte trotz des ſchlechten Wetters im Garten umher, und Winks ließ ſich herab, ihm zu folgen, da die großen Brocken von dem Hochzeitskuchen, die der junge Herr hinter ſich her ſtreute, ihren Zweck durchaus nicht verfehlten. Er nahm ſie ſorgfältig vom feuchten Boden auf, obgleich auch er im Allgemeinen mit dieſer Heirath ſich nie hatte befreunden können. Winks hatte keine gute Meinung von Sir Alexis. Männer in geſetztem Alter, Kunſtlieb⸗ haber von peinlicher Ordnungsliebe haben gewöhnlich für vierfüßige Beſucher keinen Sinn, und ſo war auch Winks nie bei ihm eingeführt worden. Demgemäß zog er ſich auch ſtets, ſobald Sir Alexis kam, in den äußerſten Winkel zurück und nahm durchaus keine Notiz. von ihm.„Er iſt nicht nach meinem Geſchmack,“ ſchien ſeine kleine, ſchwarze, verächtlich gerümpfte Naſe deutlich zu ſagen, und ſo lange der ihm unliebſame Beſucher verweilte, zeigte Winks auch keine Theilnahme für die 25 Familienfreuden, die ihn doch ſonſt ſo lebhaft berührten. Auch der„Richter“ Molyneux,(denn er hatte endlich den erſehnten Rang erreicht,) hatte ihn tief beleidigt, da er dem die Gäſte controlirenden Hunde auf dem Vor⸗ ſaal einen Fußtritt verſetzt hatte, eine Beleidigung, die dieſer zwar würdevoll hinnahm, aber nicht vergab. Ebenſo hatte es Mrs. Everard bei ihm verſchüttet, da ſie ihn auf die ſeidenen Franſen ſeines Schwanzes getreten hatte. Und wie oft war er nicht durch die Gäſte aus ſeinem behaglichen Plätzchen im Lehnſtuhle aufgeſcheucht oder aufgequetſcht worden! Kurz, Winks war kein Schwärmer für die Geſelligkeit ſeiner Herr⸗ ſchaft. Beſonders dieſer unruhige Vormittag hatte ihn ſtark aus der Faſſung gebracht. Anfangs hatte er ge⸗ glaubt, die Menge los zu ſein, als ſie in die Kirche fuhren, aber daß ſie wiederkamen, frühſtückten und am hellen, lichten Tage ſich wieder verabſchiedeten, das war ihm in ſeiner Hundepraxis noch nicht vorgekommen. Beſonders entſetzt war er, als er ſeinen jungen Herrn in vollem Eifer kleine ſeidene Schuhe dem Wagen des Sir Alepis nachwerfen ſah. Solche Thorheit war ihm doch zu ſtark, er lief verdrießlich in den Garten, und ich wundre mich eigentlich, daß er ſich ſo ſchnell dazu bewegen ließ, die Kuchenbrocken zu verſpeiſen. Doch geſchah dies wahr⸗ ſcheinlich deshalb, weil ihm aus Dick's Taſche das ge⸗ liebte Buch wieder entgegenleuchtete, und er alſo Be⸗ ruhigung faſſen durfte, daß nun Alles wieder in das gewohnte Gleis zurückkehren würde. „Das war ein Kapitalſpaß, Winks, als der Schuh dem alten Longueville an die Naſe flog,“ ſagte Dick lachend, indem er ein ungewöhnlich großes Stückchen Kuchen emporhielt, und der Hund grinſte ihm wol⸗ gefällig Beifall zu. Dann trabte er, nachdem der Kuchen verſpeiſt war, noch einmal in dem Garten auf und nieder, um jedem Verdachte der Berechnung zu entgehen, und begab ſich endlich iu das Wohnzimmer, wo ſich die übrige Familie befand. Das Zimmer trug noch die Spuren des aufgeregten Vormittags an ſich, obſchon Tiſche und Stühle wieder in der gewohnten Ordnung ſtanden. Doch der Blumenduft und die etwas ſchwüle Atmoſphäre war noch nicht ganz nach Winks' Geſchmack. Er ging ſchnüffelnd nach dem Kamin, ſetzte ſich vor dem Feuer nieder und betrachtete ſeine Herrſchaft, als wollte er ſagen:„Na, was haltet ihr nun von der überſtandenen Arbeit dieſes Tages?“ Dabei zog er die Oberlippe in die Höhe und zeigte ſeine weißen Zähne; das Schwänzchen jedoch wackelte nicht, ein Zeichen, daß Winks offenbar nicht ganz zufrieden war. „Ach Winks, wie diaboliſch ſiehſt Du aus!“ ſagte Nelly lachend, obſchon ihr die Thränen näher waren. 27 „Du ſollſt nicht ſo teufliſch grinſen, du Unthier!“ rief Plantagenet. Der Hund warf auf die Sprecher einen unaus⸗ ſprechlich geringſchätzigen Blick und trabte von ihnen fort nach einem Stuhl am Fenſter. Wie langweilig waren doch die jungen Leute! Seine eigene Geſellſchaft war ſchließlich doch die beſte. Nach einer Weile folgte Plantagenet dem Bei⸗ ſpiele Winks' und ſtreckte ſich behaglich aus.„Wie furchtbar langweilig iſt doch eigentlich ſo eine Hochzeit am Vormittage! Man weiß gar nichts mit den übrigen Stunden anzufangen. Ich werde noch ein Bischen aus⸗ gehen vor dem Eſſen,“ ſagte er. „Bleib' doch lieber zu Hauſe bei dem Regen!“ bat die Mutter.„Du haſt einen ſo argen Schnupfen.“ „Ach was Schnupfen!“ ſagte der junge Mann. Der Regen und der Schnupfen ſchien ihnen Allen nicht be⸗ achtenswerth im Vergleich zu der unbehaglichen Stim⸗ mung, die durch Innocenzia's Fortgehen ſich über alle Gemüther gelagert hatte. Beſonders in Plantagenet war ein Gefühl von Weh und Schmerz wach ge⸗ worden, wie er es nie gekannt. Er hatte ja eigentlich Alles, was er wollte: Glück in ſeiner Laufbahn, behag⸗ liche Zimmer, gute Freunde, die Zukunft ſchien ihm zu lächeln, und dennoch fühlte er ſich heute herzlich un⸗ glücklich. Er war freilich noch zu jung, um ſich der Urſache klar bewußt zu ſein. Am Abend waren alle zum Ball bei Mrs. Barclay eingeladen. Das brachte doch eine Zerſtreuung zum Schluß des unbehaglichen Tages. Die gutmüthige Frau ſchwamm in Wonne über das Glück ihres Bruders, und das Ereigniß, welches für die Eaſtwoods die Urſache ſo manchen Aergers und ſtillen Kummers war, erſchien ihr als die Krone ihrer Wünſche. Sie hatte die ganze Familie Eaſtwood eingeladen und natürlich auch die Molyneux in Rückſicht auf die zu erwartende Verbindung. Auch John Vane, als neuer Verwandter, war da und mit ihm alle die Stammgäſte des alten Hauſes„die Linden.“ Bis zum Eſſen wanderte der arme Planta⸗ genet im Regen umher und ließ ſich förmlich einweichen. Die Mutter ließ ſich endlich überreden und legte ſich ein Stündchen niede ick war auf ſeinem Zimmer, wohin ſich Winks geneigt gefühlt hatte, ihm zu folgen, und ich glaube, dieſe Beiden waren noch am beſten dran. Frederick ſaß einſam in der Bibliothek mit einem Geſichte, ſo düſter wie eine Gewitterwolke. Nelly endlich war in Innocenzia's Stübchen gegangen, hatte dort Alles mit eigenen Händen in Ordnung gebracht und ſich dann weinend über das kleine weiße Bett geworfen, als wenn das geliebte Sorgenkind geſtorben wäre. Solche Tage, 29 von Außen trübe, naß und unheimlich, von Innen voll Herzeleid und Kummer, ſind wol keines Menſchen Freund,— aber wenn eine Hochzeit im Februar ge⸗ feiert wird, wie kann es da anders ſein? Bleibt doch in jedem Hauſe nach dem Weggang der Braut eine gewiſſe peinliche Leere, eine drückende Stimmung zurück, ſelbſt beim hellſten Sonnenſchein. Drittes Kapitel. Vach der Hochzeit. Der Ball bei Mrs. Barclay war glänzend, und natürlich waren die Eaſtwoods die gefeierten Gäſte. Nelly, wie ihre jüngeren Brüder,(denn Frederick war nicht mit dabei, amüſirten ſich auch ſo gut, daß der Zug von Melancholie gänzlich aus ihren jungen Herzen ſchwand. Dick beſonders war ſeelenvergnügt. Er hatte eine junge Dame gefunden, der er ſchon nach wenigen Tänzen gar zu gern die Offerte gemacht hätte, mit ihm nach Indien zu gehen, doch hielt ihn eine ge⸗ wiſſe Furcht vor dem Auslachen klüglich zurück. Er tanzte aber faſt beſtändig mit ihr, brachte ihr Eis und Limonade, ſaß mit ihr auf der blumengeſchmückten Treppe der Veranda und war überaus glücklich. Plantagenet war kein großer Tänzer— er ging in den Zimmern umher, ſprach hin und wieder mit Bekannten, langweilte 31 ſich mit Anſtand und fühlte ſich dennoch gewiſſermaßen gehoben, wie es wol jedem jungen Herzen unter zwanzig Jahren geht bei ſo viel Glanz, Muſik und Schönheit. Nelly hatte bei Weitem nicht ſo viel erwartet, als der Abend ihr brachte. Ernſt war viel aufmerkſamer als je und wich faſt nicht von ihrer Seite; wahrſchein⸗ lich hatte ihn ihr energiſches Auftreten etwas erſchreckt und ihm die Möglichkeit einer Zurückweiſung unan⸗ genehm vor die Augen gebracht. Auch John Vane ſah wieder mit heller Stirne auf Nelly und bat ſie ſogar um einen Tanz. Mrs. Eaſtwood ſchien er abſichtlich zu vermeiden, nur Nelly ſuchte er auf. „Wenn Sie einen ſo ſchlechten Tänzer haben wollen,“ ſagte er,„meine Tanzzeit iſt eigentlich ſchon längſt vorüber.“ „Und weshalb denn?“ fragte das Mädchen und blickte mit glänzenden Augen zu ihm auf. Es that ihr gut, ihn wieder in dem alten herzlichen Tone zu ihr ſprechen zu hören. „Verzeihen Sie,“ ſagte er lachend,„ich werde alt. Nächſtens errichte ich ein Mönchskloſter in der Nähe der Kloſterſchule meiner Schweſter. Ich bin nicht wie Longue⸗ ville; mir kann Nichts die verlorene Jugend wiederbringen.“ „Aber Sie ſind doch nicht ſo alt wie Sir Aleris,“ rief Nelly. 32 „Nicht ganz ſo alt, aber doch alt— ziemlich alt an Jahren,— viel, viel älter im Herzen.“ O wie Unrecht thun Sie ſich da ſelbſt!“ ſagte ſie. „Im Gegentheil, Sie ſind ſehr, ſehr jung. Ich kann das viel beſſer beurtheilen, weil ich nur Zuſchauerin bin. Sie ſind viel jünger und friſcher als Mancher, der nicht ſo alt iſt als Sie.“ Ihre ſchönen Augen wan⸗ derten im Saale umher, als ſie ſo ſprach, und es ſchien John Vane, als hätten ſie bei den letzten Worten auf Ernſt Molyneux geruht. „Ihre Worte ſind mir ein Troſt,“ ſagte er und ſchüttelte den Kopf;„in der That bin ich auch in vieler Hinſicht noch ſehr jung und neugierig wie ein Kind. So kann ich z. B. gar nicht genug darüber nachdenken, — und Miß Eaſtwood, Sie müſſen ehrlich ſein,— was wol die eigentliche Urſache der Heirath unſerer armen kleinen Couſine ſein mag, und was ſie zu ihrer ſelt⸗ ſamen Flucht aus Sterborne veranlaßt hat.“ Unwillkürlich erblaßte Nelly bei dieſen Worten und ein Zwieſpalt erhob ſich in ihrer Seele. Sollte ſie ihm eine ausweichende Antwort geben? Sollte ſie ihm aufrichtig antworten? Sie ſah ihm ernſt ins Geſicht, ihre natürliche Offenheit gewann die Oberhand und ſie ſagte haſtig: „Mr. Vane, wenn ich Ihnen verſichere, daß ich es 33 Ihnen nicht ſagen kann, wollen Sie damit zufrieden ſein? Es iſt dies allerdings eine ſeltſame Antwort, aber ich kann nicht anders. Vielleicht zu einer anderen Zeit, aber eben jetzt geht es nicht. Ich habe meine Gründe dafür,“ ſagte ſie heftig bewegt.„Aber bitte, machen Sie ſich es nicht zu Nutze, daß ich es Ihnen gern erzählen möchte. Fragen Sie mich lieber nicht!“ „Sie möchten mir es alſo gern ſagen?“ rief er, trotz aller ſeiner Vorurtheile gerührt. „Ja,“ entgegnete ſie,„und Mama auch. Hätten wir Sie nur ſprechen können, ehe Innocenzia zu Sir Alexis ging! Sie würden der Erſte geweſen ſein, dem wir Alles geſagt hätten, denn wir wiſſen, wie ſehr wir Ihnen vertrauen können. Ach, laſſen Sie mich nicht noch mehr ſagen!“ „Das will ich auch nicht,“ erwiederte er ſehr ernſt. Die rührende Bitte in dem lieblichen Geſicht ging dem jungen Mann recht warm ins Herz, und ſein erſter Gedanke war keineswegs Innocenzia.„Ver⸗ wünſcht ſei der Kerl!“ ſagte er wieder einmal heimlich zu ſich, aber damit meinte er nicht Sir Alexis. Sie ſchwiegen Beide nun, ſo lange der Tanz noch währte, aber Nelly fühlte, daß die Wolke, die ſich zwiſchen ihr und ihrem Freunde gelagert hatte, verſchwunden war. Ja, er war ihr ein wirklicher, treuer Freund, zuver⸗ Hliphant, Innocenzia IV. 3 34 läſſiger wie Andere, die doch in ihrem Leben eine wichtige Stelle einnehmen ſollten. Nelly hatte ſich aus⸗ geklügelt, daß man in allen ſolchen Familienangelegen⸗ heiten viel eher den Freund als den Geliebten zu Rathe ziehen dürfe. Der Geliebte, ſagte ſie bei ſich, will nur dich und nimmt keinen wirklichen Antheil an der Fa⸗ milie, er will dich in ſeine Intereſſen hineinziehen, aber ſich nicht einmiſchen in die deinigen; er hat dich lieber, deshalb iſt er ſtrenger im Urtheil. Er will eben nur dich. Dieſer Gedanke trieb ihr das Blut in die Wan⸗ gen und beruhigte ſie auf kurze Zeit, denn iſt es nicht immer ſchmeichelhaft zu wiſſen, daß man geliebt wird? Aber John Vane ſah klarer als Nelly. Er wußte, daß zwiſchen den Verlobten nicht Alles in Ordnung war, er ſah aber auch, daß noch ein anderer Kummer ſie drückte, und in ſeiner Eigenſchaft als Freund be⸗ mühte er ſich, den rechten Weg einzuſchlagen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. „Was haſt Du nur immer mit Vane zu reden?“ ſagte Ernſt, als er Nelly zum Tanze abholte. „Ueber Innocenzia,“ entgegnete ſie ruhig. „Ueber Innocenzia? Wahrhaftig ein höchſt intereſ⸗ ſanter Gegenſtand! Ihr ſaht Beide aus, als wäret Ihr mit ganzem Herzen dabei. Ein Uneingeweihter würde allerdings Euer Geſpräch vielmehr für ein rein perſön⸗ liches gehalten haben,“ ſagte Molyneux gereizt. „Innocenzia iſt mir eben ſehr intereſſant,“ entgeg⸗ nete Nelly lebhaft,„und ebenſo für Mr. Vane. Weil Du Dir nichts aus ihr machſt, Ernſt, ſo ſoll ich doch nicht auch gleichgültig gegen meine Couſine werden? Sie bedarf der Freunde, das arme Kind!“ „Armes Kind?“ ſagte Ernſt.„Das klingt aller⸗ liebſt. Sie hat eben eine der reichſten Partien ringsum gemacht und iſt ausgeſtattet worden wie wol nur wenige Mädchen. Ich ſehe nicht ein, weshalb ihr gutes Glück ſo eifrig zwiſchen Dir und Vane verhandelt wer⸗ den ſoll. Ich haſſe den Menſchen, überall ſteckt er ſeine Naſe hinein, und Niemand braucht ihn, Niemand ruft ihn.“ „Du irrſt Dich, Ernſt; Mama und ich, wir brau⸗ chen ihn Beide,“ rief Nelly muthig.„Er iſt der einzige Verwandte Innocenzia's. Es wäre traurig, wollte er ſich nicht um ihre Angelegenheiten bekümmern.“ „O dieſe verwünſchte Innocenzia!“ murmelte Mo⸗ lyneux wüthend vor ſich hin.„Weshalb Ihr Alle ſoviel Weſens von einem halb blödſinnigen Mädchen macht, habe ich nie begriffen, und vollends jetzt nicht, wo Deine Mutter keine Verantwortung mehr für ſie hat. Ich dächte, unſere eigenen Angelegenheiten müßten Dir näher liegen.“ 3* 36 Nelly ſchwieg, aber die Luſt zum Tanzen war ihr vergangen.„Ich möchte lieber zu Mama gehen,“ ſagte ſie. „Wir ſind Beide müde, und es wäre gut, wenn wir zeitig nach Hauſe könnten. So eine Hochzeit iſt eine höchſt angreifende Geſchichte.“ „Und langweilig dazu, wenn man immer und immer wieder davon zu hören bekommt,“ ſagte Ernſt verdrieß⸗ lich und verließ Nelly, nachdem er ſie an die Seite ihrer Mutter gebracht hatte. Das arme Mädchen hätte beinahe geweint, ſo kränkte ſie das Benehmen ihres Verlobten. Sie war reizend gekleidet, die Augen ſo ſchön und glänzend, daß Mrs. Barclay laut erklärte, ſie ſei, wenn nicht die Hübſcheſte, ſo doch wenigſtens eine der Hübſcheſten im ganzen Saale. Aber wie gern hätte ſie jetzt bitterlich geweint, ſtatt da ſitzen und lächeln zu müſſen, wenn Mrs. Barclay ihr wieder einen zierlichen Tänzer mit einer Blume im Knopfloch zuführte.„Sie dürfen noch nicht gehen. Ich darf mir meine Nelly noch nicht entführen laſſen, jetzt wird's erſt recht heiter,“ rief die liebenswürdige Wirthin;„wie können Sie nur ſo hartherzig ſein, Mrs. Eaſtwood?“ Und die Mutter mußte ebenfalls lächeln und nachgeben.— Auf dieſes große Ereigniß folgte für die Familie eine Zeit tiefer, faſt unerwarteter Ruhe. Planta⸗ 37 genet kehrte nach Oxford zurück; Dick, der in nächſter Zeit ſein letztes Examen zu machen hatte, wurde durch dasſelbe ſehr ans Haus und an die Mutter gefeſſelt, deren Herz immer ſchwerer wurde, wenn ſie an die bevor⸗ ſtehende Trennung von ihrem lieben, braven Jungen dachte. Er ſelbſt mochte durchaus nicht gern etwas über Indien wiſſen oder leſen.„Ich erfahre Alles ſchon zeitig genug, wenn ich dort bin,“ ſagte jer traurig, wenn Mrs. Everard ihn mit Reiſeſchilderungen über Indien verfolgte.„Weshalb ſoll denn ſo ein armer Menſch immer und ewig daran erinnert werden, daß er nach Indien gehen muß? Ich will doch lieber die Meinigen genießen, die habe ich doch ſo nicht lange mehr!“ Solche Reden brachten dann immer die hellen Thränen in Mrs. Eaſtwood's Augen, und ſelbſt Winks kam aus ſeinem Lieblingswinkel, ſetzte ſich vor Dick hin und wackelte theilnehmend mit dem Schwanze. Und wenn dann Dick fortfuhr:„Verwünſcht ſei das alte Indien! Ich wünſchte, es läge unter Waſſer,“ da richtete ſich der Hund auf und winkte mit den Vorderpfoten, ob zu⸗ ſtimmend oder abwehrend oder gar aus Spott, wer kann das wiſſen? Aber mochte es ſein, was es wollte, der gute Junge fühlte ſich regelmäßig beſänftigt und zum Lachen gereizt, wenn er das ſah.„Na, na, alter Burſche, ich will nicht mehr fluchen, wenn Dir's ſo nahe geht,“ ſagte er, und die Mutter mußte unter Thränen doch lachen. Auf dieſe Art hatte ſich Winks in die Herzen der Familie eingeſchlichen, da er bei allen häus⸗ lichen Scenen, bei jeder entſcheidenden Frage, ſeinen kleinen Einfluß immer zu allgemeiner Erheiterung geltend zu machen verſtand. Auch etwas Anderes ging jetzt ſeiner endlichen Ent⸗ ſcheidung entgegen. Die Freunde der Familien Molyneur und Eaſtwood konnten nicht begreifen, weshalb die Hochzeit von Ernſt und Nelly immer noch verſchoben wurde. Auf was warten die nur? frugen ſich alle. Die meiſten Leute hatten von Ernſt's geiſtigen Fähig⸗ keiten einen viel zu hohen Begriff. Seine Journal⸗ artikel bekundeten allerdings ein gewiſſes ſchriftſtelleriſches Talent, aber man überſchätzte dieſe Thätigkeit durchaus. Ferner hieß es: dem Sohne eines ſolchen Vaters, in einer ſolchen Stellung, dem wird es doch an Nichts mangeln? Der kann doch gewiß durch ihn eine vorzüg⸗ liche Stelle bekommen? Auf was warten die nur? Auch Mr. Parchemin, Mrs. Eaſtwood's Berather in Geld⸗ ſachen, wie wir wiſſen, nahm eines Tages Ge⸗ legenheit, ſeine verehrte Freundin darüber zu befragen. „So lange Verlobungen taugen zu NRichts, auch ſehe ich hier keinen Grund dazu. Verzeihen Sie mir, daß ich ſo offen ſpreche, aber ich habe für Nelly ſtets ein be⸗ — . 39 ſonderes Intereſſe gehabt. Auf was warten die jungen Leute nur?“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte die Mutter, der das Ge⸗ ſpräch im innerſten Herzen weh that,„bis Mr. Molyneur eine einträgliche Stelle bekommen hat.“ „Aber theuerſte Frau, ſolche Stellen werden uns nicht ins Haus gebracht, da muß man ſich ſelbſt danach um⸗ ſehen,“ rief der alte Herr.„Ich würde ſchon längſt meine ſchwachen Dienſte dem jungen Herrn angeboten haben— aber der Vater hat ja ſo viele Beziehungen, daß ich meine Einmiſchung für ganz zwecklos halten würde.“ „Ich fürchte, daß ich mich hier auch nicht einmiſchen kann,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Ich will mein Töchterchen nicht gern von mir laſſen.“ „Aber, beſte Freundin, Sie werden doch wünſchen, ſie gut und anſtändig verſorgt zu ſehen?“ ſagte Mr. Parchemin. So ſprachen in der That alle Freunde; Mrs. Eve⸗ rard ſogar noch deutlicher.„Ich würde einmal ganz offen mit dem jungen Manne reden und ihn fragen, was das heißen ſoll,“ ſagte ſie.„Mir ſollte man keinen ſolchen blauen Dunſt vormachen. Nelly's Glück muß Ihnen doch höher ſtehen als ſolche zarte Rück⸗ ſichten. Ich würde ihn gerade heraus fragen, was er eigentlich will.“ „Ich will aber mein Mädchen gar nicht gern her⸗ geben,“ rief die Mutter heftig.„Der beſte Mann der Welt würde mir noch nicht gut genug für meine Nelly ſein. Und er muß zu mir kommen und ihre Hand von mir erbitten, ich werde ſie ihm nicht aufdrängen.“ „Ich würde weniger ſcrupulös ſein,“ ſagte Mrs. Everard;„wo meines Kindes Glück auf dem Spiele ſtände, da müßte meine Mutterwürde zurückſtehen. Wenn Nelly ihn liebt, ſollte ſie ihn auch heirathen, oder ich müßte wenigſtens wiſſen, weshalb er zögert.“ „Man kann nun einmal nicht gegen ſeine Natur handeln,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, die derartige Aeuße⸗ rungen ſtets mit heftiger Erregung anhörte. Wie quälte ſie ſich mit dem Gedanken, ob ſie nicht doch lieber die geforderten Opfer hätte bringen ſollen, ob ſie nicht vielleicht Nelly's Glück zerſtört habe, indem ſie der Verbindung keinen Vorſchub leiſtete! Aber war denn bei der Ver⸗ bindung wirklich Glück für Nelly zu hoffen? Seit län⸗ gerer Zeit ſchon zweifelte die Mutter daran. Sie hatte ihr Kind ängſtlich beobachtet, und gar Manches war ihr aufgefallen. Wenn Ernſt kam, war Nelly nicht mehr freudig erregt, oft ruhig, dann wieder verlegen, bisweilen ängſtlich. War es die lange Brautſchaft oder etwas Anderes? So viel war gewiß, Nelly ſchien ihre Verlobung mit Molyneux täglich mehr wie eine ſchwer laſtende Feſſel zu empfinden. 41 Und zu eben dieſer Zeit hatte auch Jane, das Haus⸗ mädchen, ihnen wieder viel zu ſchaffen gemacht. Nelly hatte ſich dem Wunſche der Mutter, wenngleich nicht gern, gefügt und Jane als Jungfer für ihre ſpezielle Bedienung angenommen.„Ich höre, daß Du Dich für eine beſſere Stellung ausbilden willſt,“ ſagte ſie zu ihr, „da kannſt Du mir gleich beim Ankleiden behilflich ſein, und ich kann Mama dann über Deine Fähigkeiten be⸗ ruhigen.“ „Es liegt mir gar nichts an einer anderen Stelle, — ich wollte nur Jungfer bei der jungen gnädigen Frau werden.“ „Das glaube ich Dir gern, vortheilhafter würde das ſein,“ lachte Nelly;„aber verſuche Dein Heil erſt einmal hei mir, denn wenn Dir's da nicht glückt, ſo iſt das nicht von großem Belang.“ Sie ſagte das mit ihrer gewohnten Heiterkeit, denn ihr erſchienen die dunklen Reden Jane's, die die Mutter ſo erſchreckt hatten, weit weniger gefährlich, ebenſo wie die ganze Perſon. „So meine ich's aber nicht, Miß,“ ſagte die Magd mit feierlichem Tone;„für Sie weiß ich nicht genug, aber viel, ſehr viel für die gnädige Frau von Longue⸗ ville, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Mir ſcheint's, Du biſt unverſchämt, Jane,“ rief 3 3 1 8 Nelly erröthend.„Ich verſtehe Deine Reden nicht. Ich will Dich zur Probe nehmen, weil Mama es wünſcht, aber Lady Longueville wird Dich ganz gewiß nicht nehmen, wenn Du nicht beſſere Beweiſe von Deinen Kenntniſſen geben kannſt als bloße Worte.“ „Es liegt aber oft viel in Worten, Miß,“ ſagte Jane bedeutungsvoll. Nelly ging ſehr heftig erregt zur Mutter und ver⸗ klagte das Mädchen. Sie trug darauf an, daß dieſelbe ſofort entlaſſen würde. „Jane entlaſſen? Nelly, Du biſt wahnſinnig! Ich hätte ſie mit Innocenzia gehen laſſen können, denn Sir Alexis würde ſie ſchon gezähmt haben; aber da nun dies nicht der Fall iſt, ſo muß ich ſie hier unter den Augen behalten. Denke nur daran, was ſie gehört hat, Nelly! Sie hörte jedes Wort, das Innocenzia ſagte.“ „Sie iſt unverſchämt,“ ſagte die Tochter.„Und wenn Du ſie behältſt, wird ſie es immer noch mehr werden und Dir endlich den größten Schaden thun. Weshalb achteſt Du auch auf ihr Geſchwätz? Sie kann Dir nicht ſchaden. Entlaſſe ſie und warte ab, was ſie thut.“ „Nicht um die Welt!“ rief die Mutter. Und beinahe wäre es zu einem Zwiſte gekommen, aber Nelly wurde ſchließlich überſtimmt und Jane blieb. Viertes Kapitel. Das Grwitter zieht ſich zuſammen. Einige Zeit nach den erwähnten Ereigniſſen wurde das kleine Haus, welches Frederick in einer der Vor⸗ ſtädte London's beſeſſen und worin er mit Amanda nur ſo kurze Zeit gewohnt hatte, wieder frei. Frederick hatte es nämlich gleich wieder vermiethet und zwar mit allen Möbeln, weil es ihm in der erſten Zeit ganz unmöglich geweſen wäre, dieſe Zimmer wieder zu betreten oder die Schränke zu öffnen. So lag und ſtand denn noch Alles ſo, wie Amanda es zuletzt verlaſſen hatte, und als der Abmiether Ende Februar die Wohnung aufgab, die er überhaupt nicht behaglich gefunden hatte, ſo beſchloß der junge Mann ſie zwar gleich wieder zu vermiethen, doch erſt die Sachen, die Amanda gehört hatten, ihre Koffer, Kleider und verſchiedenen Zierlichkeiten ausſuchen und abholen zu laſſen. Er fand aber bei Mutter und 44 Nelly einen gleich großen Widerwillen dagegen, Amanda's Sachen in Ordnung zu bringen. Sie wollten von der traurigen Erbſchaft gar nichts wiſſen. An ihrer ſchönen Garderobe hatten beide weder Intereſſe noch Gefallen. So blieb denn Frederick nichts anderes übrig, als nach Sterborne zu ſchreiben und das„Tantchen“ kommen zu laſſen. Er hatte es ſich zwar zugeſchworen, niemals wieder etwas mit Batty's Familie zu thun zu haben, aber in dieſem Falle zögerte er nicht. Tantchen kam auch auf ſeinen Wunſch umgehends. Amanda's Hinter⸗ laſſenſchaft zu ordnen, für ſich ſelbſt auszuwählen, was ihr gefiel, und nach Belieben ſchalten und walten zu können, das war ein ihr ſehr zuſagendes Geſchäft. In Frederick's Hauſe zu leben, von zwei Dienſtboten wie eine„Dame“ bedient zu werden, dabei jene angenehme Beſchäftigung, das hatte für die arme Perſon einen großen Reiz und das darf uns nicht wundern. Auch Batty war erfreut, daß ſein Schwiegerſohn, den er in ſeinen Kreiſen ſo hochmüthig wie Lucifer ſelbſt geſchildert hatte, doch noch in gewiſſer Weiſe auf die Verwandt⸗ ſchaft mit ihm hielt und die Anſprüche von Seiten der Familie Amanda's anerkannte. Er ließ ihm deshalb auch durch die Tante einen ſehr freundlichen Gruß ſagen und melden, daß er ihm nächſtens ſelbſt einen Beſuch ab⸗ ſtatten würde. 45 Batty hatte ſich bereits von dem erſten Schrecken über den Verluſt ſeiner Tochter erholt. Ihre Heirath hatte ſie ihm ſchon einigermaßen entfremdet, und ſo ge⸗ wöhnte er ſich jetzt raſcher an den Gedanken ihres Todes. Fredericks„Aufmerkſamkeit“ ſchmeichelte und gefiel ihm, denn er prahlte gern mit ſeiner vornehmen Verwandt⸗ ſchaft. Auch Innocenzia's Vermählung mit dem reichen adlichen Herrn gab ihm Grund, mit der Familie ſeines Schwiegerſohnes zu prunken.„Siiſt die Coufine meines armen Mädels, die Lady Longueville,“ pflegte er zu ſagen. Die Eaſtwoods waren doch wirklich feine Leute, ſie hatten ſeiner Tochter alle Ehren und ihm alle Rück⸗ ſichten bewieſen, das geſtand er gern zu. Nur wenn er irgend einen Schein von Geringſchätzung gegen das An⸗ denken Amanda's irgendwo wahrzunehmen glaubte, dann brach ſein Vatergefühl in einem wahrem Wuthgebrüll los. So als man ihn einmal fragte, ob ſein Schwieger⸗ ſohn ſich nicht bald wieder zu verheirathen gedächte, fuhr er heftig in die Höhe:„Verdammt ſei er, wenn er mein Mädel ſo ſchnell vergißt!“ Aber, wie geſagt,— Frederick's Einladung für Tantchen hatte ihn gänzlich bezwungen.„Jo, er hat mein Mädel ſehr geliebt, der Frederick Eaſtwood,“ ſagte er. Bis dahin hatte ihn die Kälte und ſeine ſchlimmen Feinde, Gicht und Brannt⸗ wein, davon abgehalten, nach London zu kommen und 46 des Schwiegerſohnes Freundſchaft auf die Probe zu ſtellen. Aber jetzt zeigte ſich ihm die gewünſchte Ausſicht auf eine nähere Verbindung der beiden Familien, ſo dachte Batty, — freilich Frederick war ganz anderer Meinung. Wie enttäuſcht fühlten ſich daher Beide, Tantchen und Batty, als ſie fanden, daß ſie ohne ihren Wirth in dem leeren Hauſe wohnen ſollten! Der Tiſch wurde natürlich auf Frederick's Koſten beſorgt, und er war völlig unſchuldig daran, wenn nicht Alles ſo war, wie es ſein ſollte; aber Amanda's Verwandte waren ſehrempfindlich. Auch betrugen ſich die Dienſtboten oft ſehr unehrerbietig gegen Tantchen, ſie beurtheilten ſie begreiflicher Weiſe nach ihrer äußern Erſcheinung und waren nicht allzu gewiſſenhaft in der Erfüllung ihrer Pflichten. Die Tante hatte erwartet, für einige Zeit als Haushälterin bei Frederick ſelbſt leben, über Alles die Oberaufſicht führen und in dem kleinen Wagen ausfahren zu können, von dem Amanda ihr erzählt, auch wol die ſchwere Laſt der ihr zuertheilten Arbeit durch einige Vergnügungen ſich erleichtern zu dürfen. Batty, der nur kurze Zeit zu bleiben beab⸗ ſichtigte, erwartete doch, daß ihn Frederick als ſeinen Gaſt betrachten und mit in ſeinen Club nehmen würde, damit er ſich bei der Rückkehr nach Hauſe mit den„vornehmen Kameraden“ ſeines Schwiegerſohnes groß thun könne. Ihm war es bisher nie eingefallen, aiiil— 47 Frederick's Schwächen, die er während ſeines Pariſer Aufenthaltes genugſam kennen gelernt, aufzudecken; ja er hätte ihn gewiß entſchuldigt, wenn ihn Jemand darum getadelt hätte. Aber als er nun in dem öden Hauſe ankam, nur von Tantchen empfangen, die ihn gleich beim Eintritt mit Klagen überſchüttete, da erlitt ſeine friedliche Geſinnung einen Stoß. Dazu waren die Dienſtboten nachläſſig, das Eſſen ſchlecht gekocht, das Schlafzimmer nicht in Ordnung, kurz man ſah, die Gäſte wurden nicht reſpektirt.„Beim Himmel,“ rief Batty, „was ſoll denn das heißen? Sind wir etwa für Frederick Eaſtwood's Geſellſchaft zu ſchlecht?“„Ja wol,“ rief Tantchen, die in hohem Grade beleidigt und gallig war,„der junge Herr läßt ſich gar nicht ſehen, wir ſind ihm nicht gut genug.“„Na, na,“ ſagte er gutmüthig,„er mag andere Sachen zu denken haben, ich will das ſchon in Ordnung bringen.“ Er begriff leicht, daß Frederick der Gedanke, mit dem ihm ſelbſt nicht ſehr ſympathiſchen„Tantchen“ allein hier zu hauſen, fatal war, aber es verſtand ſich von ſelbſt, daß ſeine Ankunft die Sache ändern würde. Er ließ ſich deshalb den erſten Abend Alles ruhig ge⸗ fallen. Er betrachtete wehmüthig die Kleider ſeiner Tochter, die man in dem großen Schlafzimmer aufge⸗ hängt hatte, und ſein Herz wurde ganz weich.„Ich ———— 48 glaube gern, daß mein Mädel hier glücklich war,“ ſagte er, als er die Behaglichkeit der Zimmer, die ihm ſchon wie Luxus erſchien, betrachtete. Darauf begab er ſich melancholiſch und weinerlich geſtimmt in ſein Zim⸗ mer, aber nach dem Genuß von Branntwein und heißem Waſſer fühlte er ſich wieder gekräftigt und er war feſt überzeugt, daß Frederick morgen kommen und ihm Alles zu Gefallen thun werde. Am andern Tage jedoch war noch nicht Alles ſo, wie er gehofft hatte. Er ſuchte ſeinen Schwiegerſohn im Geſchäft auf, derſelbe war jedoch ausgegangen. Der junge Mann fürchtete ihn nicht mehr und machte ſich deshalb auch nichts daraus, ihn zu beleidigen. Vor ſeiner Heirath hätte er nicht gewagt, ſo zu handeln; jetzt aber, wo es allbekannt war, was für eine mésalliance der „arme Eaſtwood“ gemacht und wie gnädig er von ihr befreit worden war, ſcheute er ſich nicht, den Zorn des ihm verhaßten Mannes auf ſich zu laden. Batty war wüthend und fuhr gleich nach dem Hauſe der Mrs. Eaſtwwood, um den Damen ſeine Aufwartung zu machen. Er ſah ſie oder glaubte ſie wenigſtens am Fenſter zu ſehen, als er vorfuhr, und wollte eben mit ſeiner gewohnten derben Manier als Verwandter ſich anmelden laſſen, als Brown ihn mit einem feierlichen: „Herrſchaft iſt nicht zu Hauſe, mein Herr,“ zurückſchreckte. 49 „Nicht zu Hauſe?“ ſchrie Batty.„Ich habe ſie ja eben noch am Fenſter geſehen. Hier iſt meine Karte, Burſche. Ich bin kein Fremder. Ihre Madame wird mich ſchon ſehen wollen.“ „Meine Herrin iſt ausgegangen,“ ſagte Brown wieder mit höchſtem Ernſt— und was er ſagte, war Wahrheit, da Mrs. Eaſtwood und Nelly bei Batty's Anblick ſich in den Garten geflüchtet hatten, wo ſie ſich tief in dem Schatten der Baumallee verborgen hielten. Batty, feuerroth vor Wuth, brüllte den Diener förmlich an.„Für dieſe Unverſchämtheit ſoll Er mir büßen! Laß Er mich hinein!“ Brown blieb jedoch unbeweglich und wiederholte nur ſein lakoniſches:„Herrſchaft iſt nicht zu Hauſe. Soll ich vielleicht etwas ausrichten? Mrs. Eaſtwood wird zum Eſſen wieder da ſein.“ Batty warf den Wagenſchlag mit einer Heftigkeit zu, daß es weithin hörbar war. Wüthend fuhr er davon. Er kehrte wieder nach Frederick's Hauſe zurück, feſt davon überzeugt, daß dieſer ſich nun eingefunden haben würde, aber auch hierin hatte er ſich getäuſcht. Er fand Tant⸗ chen allein und in Thränen gebadet über die Unver⸗ ſchämtheit der Dienſtboten, das Eſſen war wieder ſchlecht, und die Bedienung ſo nachläſſig als nur li„Und Hliphant, Innocenzia. IV. 50 das ſoll ich mir gefallen laſſen?“ rief er mit einem Fluche, ſobald er das Mittagsmahl hinuntergewürgt hatte, und ſofort machte er ſich auf den Weg, um ſeinen Schwiegerſohn im Club aufzuſuchen, wo er ihm ſchon „ſeine Meinung“ ſagen wollte. Das weinende, tief ge⸗ kränkte Tantchen blieb allein zurück. Sie war feſt da⸗ von überzeugt, daß„dieſe Eaſtwoods“ den Dienſtleuten es geradezu befohlen hätten, ſich recht unverſchämt gegen ſie zu benehmen. So ſchmiedete ſich die unglückliche Familie, ohne es zu ahnen, in voller Harmloſigkeit ſelbſt die Waffen, durch die ihre ganze ſociale Stellung vernichtet werden ſollte. Frederick hatte allerdings kein Verlangen, mit der Familie ſeiner Frau wieder in engere Beziehungen zu treten, aber ſeine Abſicht war durchaus nicht ſo lieblos, ſo gehäſſig wie Batty glaubte; und Nelly war zwar mit der Mutter raſch fortgelaufen beim Anblick des fatalen Beſuchers, aber nur weil ſie dem Impuls des Augen⸗ blicks nachgegeben hatten, ohne irgend welche Ueber⸗ legung. Ja, als es geſchehen, bereuten es Beide ſogar, und Mrs. Eaſtwood entſchuldigte ſich bei ihrem Sohne deswegen bei Tiſche. „Wäre es Dir lieb, wenn ich einen Beſuch bei— Miß Johnſon machte, Frederick?“ ſagte ſie.„Mir thut es jetzt leid, daß Nelly und—ich ſo kindiſch die Flucht ergriffen haben. Wie oft bin ich gezwungen geweſen, 51 Leute zu empfangen, die mir ebenſo wenig ſympathiſch waren als dieſer arme Mr. Batty! Wahrhaftig, es thut mir ſo leid. Soll ich der Miß Johnſon einen Be⸗ ſuch machen?“ „Wer um des Himmelswillen iſt denn Miß Johnſon? Meinſt Du etwa die Tante damit?“ rief Frederick.„Und weshalb ſollſt Du denn der einen Be⸗ ſuch machen? Die macht keine Anſprüche daran, das arme Geſchöpf, und das iſt noch das Beſte an ihr.“ „So meinſt Du alſo, ich brauchte ſie nicht zu be⸗ ſuchen?“ ſagte die Mutter und athmete erleichtert auf. „Ich muß geſtehen, es iſt mir auch lieber, daß ich es nicht thun muß.—„Brown,“ ſagte ſie nach einiger Zeit,„in der Bibliothek werdet Ihr ein Paquet finden mit der Adreſſe der Miß Johnſon, bei Mr. Frederick Eaſtwood abzugeben. Ich wünſche, daß es noch heut' Abend oder doch morgen Vormittag dort abgegeben wird. Meine beſten Empfehlungen dazu, und ich hoffte die Dame noch zu ſehen, ehe ſie die Stadt verließe. Vielleicht iſt das gut,“ ſagte ſie, zu den Ihrigen ge⸗ wendet,„man darf ſolche Leute nicht beleidigen.“ Dabei kam ihr jedoch kein Gedanke, welche Gefahr dieſer Mangel an Höflichkeit gegen Batty's Familie ihr und ihrem ganzen Hauſe bringen könnte. Das Paguet, von dem ſie geſprochen und welches 4* Brown zur Beſorgung übergeben worden war, enthielt einige Bücher, Muſikalien, einen Fächer und ein Taſchen⸗ tuch, die Amanda zu verſchiedenen Zeiten hier hatte liegen laſſen. Brown brummte ein wenig über den ihm nicht ſehr angenehmen Auftrag. „Wenn man ewig herumlaufen ſoll, wie ſoll denn da die Arbeit fertig werden?“ ſagte er, während er die Treppe hinunterging. Jane, die Hausmagd, die ſonſt durchaus nicht allzu gefällig war, hörte das und erbot ſich ſogleich, den Weg für ihn zu machen. „Es iſt ſo'n ſchöner Abend,“ ſagte ſie,„und ich würde recht gern einen Spaziergang machen. Ich will's für Sie beſorgen, Brown, und Alles gut ausrichten. Ich habe meine Arbeit fertig, und das ewige Nähen kriegt man auch ſatt. Sagen Sie aber Nichts davon. Mir liegt etwas am Spazierengehen.“ „Na, da wartet gewiß Einer ſchon unter der Laterne,“ lachte Brown, und Jane mußte ſich noch einige kräftige Witzworte gefallen laſſen, wie ſie in dieſen untern Re⸗ gionen Mode ſind. Sie nahm ſie ruhig hin, ohne viel Einwendungen zu machen. „Meinetwegen mag ein halbes Dutzend unter der Laterne ſtehn,“ ſagte ſie nur. So wurde denn die Angelegenheit auf das Ein⸗ 53 fachſte geordnet. Niemand im Hauſe hatte wol eine Ahnung, welch ein Unglücksbote in der Perſon Jane's jetzt ausgeſandt worden war. Mrs. Eaſtwood wußte von der Sache gar nichts, und der ehrliche Brown wäre gewiß lieber bis ans Ende der Welt gelaufen, hätte er geahnet, was daraus entſtehen würde. Aber Niemand konnte das ahnen. Die weiche Frühlingsluft küßte Nelly's roſige Wange, als ſie zum Fenſter hinausſchaute, ob wol Jemand(wer, wagte ſie ſich kaum zu geſtehen) kommen würde, und ſie Jane's dunkle Geſtalt aus dem Thore gehen ſah, und ebenſo weich ſtrich dieſe Luft über Jane's heißes Geſicht, die mit dem Gedanken ausging, Unheil und Verwirrung zu ſäen. Aber das Mädchen am Fenſter fürchtete nichts, und das andere ſchritt dahin mit dem Gefühl großer Wichtigkeit. Eigentlich war ſie auch gar nicht ſo böſe als es ſchien. Sie brannte nur darauf, das zu erzählen, was ihr faſt das Herz ab⸗ drückte und was ihr, wie ſie dunkel ahnte, Vortheil und Geldgewinn bringen könnte; ob Andere darunter leiden müßten, daran dachte ſie gar nicht, ihr eigener Profit lag ihr viel näher. Auch war ſie gar nicht im Stande ſich auszumalen, was etwa daraus entſtehen könnte, gänzlich phantaſielos wie ſie war. Doch eben dieſe phantaſieloſen Menſchen können im Kleinen und Großen das meiſte Unglück anrichten, wie ich wenigſtens glaube. In derſelben Stunde hatte Batty endlich Frederick aufgefunden und ſchüttete wüthend die Geſchichte ſeiner Leiden vor ihm aus. „Und Sie laden mich zu ſich ein, Sie ſchöner Herr, wenn Sie ſelbſt nicht zu Hauſe ſind?“ ſchrie er.„Weiß Gott, ich würde keinen Hund einladen, wenn er nicht mit mir in meiner Hundehütte wohnen könnte. So ein elendes, ödes Ding von einem Hauſe, mit ein paar un⸗ verſchämten Dienſtmädchen,— das nennen Sie Gaſt⸗ freundſchaft, wie? Sie laden einen Herrn zu ſich ein——“ „Verzeihen Sie, Herr Batty,“ ſagte Frederick,„ich weiß aber nicht, daß ich mir jemals die Freiheit genom⸗ men habe Sie einzuladen.“ „Verwünſcht ſei Ihre Höflichkeit und Ihre Unverſchämt⸗ heit!“ ſchrie der Andere und wurde dabei ſo laut und roh in ſeinen Ausbrüchen, daß Frederick den Club ver⸗ ließ und ſich mit ſeinem polternden Gefährten auf die Straße begab, wo dieſen die Luft wieder etwas zur Be⸗ ſinnung brachte. Er erzählte nun dem Schwiegerſohne von der ſchändlichen Beleidigung, die ihm bei Mrs. Eaſtwood geworden, daß er die Damen am Fenſter ge⸗ ſehen und man ihm doch die Thüre vor der Naſe zuge⸗ ſchlagen habe, und verlangte, daß man ihn einladen ſolle, damit er ſähe, daß man keine Beleidigung beab⸗ 55 ſichtigt habe.„Aus dem lumpigen Bischen Eſſen mache ich mir gar nichts,“ ſagte er.„Gott ſei Dank, ich kann mich und wer zu mir gehört ſelbſt ernähren, aber beim Kuckuk, ich will mir Eure hochnaſigen Manieren nicht gefallen laſſen! Wollen Sie Streit mit mir, ſo ſagen Sie's nur gerade heraus; nun da mein armes Mädel todt iſt, mache ich mir aus Euch Allen nichts, Ihr hoch⸗ müthiges Volk! Aber meine Ehre bleibt meine Ehre, und wenn die alte Dame wirklich keine Beleidigung be⸗ abſichtigt hat, wie Sie ſagen, nun gut, da ſoll ſie mir eine Einladung ſchicken, und ich will's zu vergeſſen ſuchen. Mehr kann ich nicht thun.“ „Was Sie da verlangen, iſt rein unmöglich,“ ent⸗ gegnete Frederick.„Wir wollen morgen irgendwo zu⸗ ſammen eſſen oder auch meinetwegen in meinem eigenen Hauſe. Ich verſpreche Ihnen ein vorzügliches Mittags⸗ eſſen, viel beſſer, als es meine Mutter geben könnte, aber ich darf mich nicht in die Einrichtungen meiner Mutter miſchen. Ich wohne dort, weil es mir ſo be⸗ hagt und Platz da iſt; aber um ihre Gäſte, wen ſie einladen will oder nicht, darum bekümmere ich mich durchaus nicht. Meine Mutter hat ihren freien Willen. Sie läßt mir völlige Freiheit, und ich bin ihr auch nir⸗ gends hinderlich.“ Von dieſer Anſicht war Frederick nicht abzubringen. 56 Batty war wüthend über dieſe Weigerung, wüthend, daß er ſelbſt das verlangt hatte, was ihm nun abgeſchlagen wurde, und ſo trennten ſich die Beiden nicht eben in freundſchaftlicher Stimmung. Batty war Feuer und Flamme und ſchwur, ſich rächen zu wollen an dem undank⸗ baren„Gelbſchnabel,“ der gewiß ſeine Amanda ſchändlich behandelt habe. Vorläufig tröſtete er ſich durch allerhand Pläne, die er auf der Rückfahrt nach Frederick's kleinem Hauſe ſchmiedete, um die Eaſtwoods recht zu ärgern. Er ſchwur, daß er keine Nacht mehr unter dem ver⸗ wünſchten Dache zubringen wollte, er wäre ein Mann, der im beſten Hotel wohnen könnte, er wollte nur ſeine Sachen dort abholen, die alte Katze könnte dortbleiben, wenn ſie wollte, aber er hätte nun genug von der Un⸗ verſchämtheit. Aber in das Geſchäft wollte er morgen gehen und den verwünſchten Burſchen vor aller Welt blamiren, So fluchte und wetterte Batty noch, als ſeine Droſchke ſchon an der Thüre des kleinen Hauſes hielt. Er ſtürzte hinein und ſtieg die Treppe hinauf in das öde Wohn⸗ zimmer, wo Lichter brannten.„Hole mir ſchnell meine Sachen zuſammen, alte Priſe,“ rief er,„ſchnell, ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Die ganze Sipp⸗ ſchaft iſt nichts werth. Ich will den Frederick Eaſtwood eher im Pfefferlande ſehen, als daß ich noch eine Nacht in dieſem verwünſchten Hauſe bleibe!“ — 57 Tantchen ſchwamm in Thränen; ſie hatte eine far⸗ bige Photographie in einem überladenen Rahmen in der Hand, es war ein Bild von Amanda als Braut, auf dem, außer dem blauen Kleide, nichts getroffen war. Sie war aber nicht allein; eine andere Perſon, die Batty nicht kannte, ſtand in der Ecke und grüßte ihn, als er hereintrat, mit einem Knix. Die Tante hielt ihm das Bild entgegen, während die Thränen über ihre Wangen ſtrömten. „Sieh, was ich da in der Schublade unter lauter altem Kram gefunden habe!“ rief ſie.„Das Bild, auf das wir Alle ſo ſtolz waren! O das liebliche, reizende Geſchöpf! Und von der ganzen Familie denkt Niemand mehr an ſie? Und, Batty, was habe ich hören müſſen? Davon wiſſen wir Beide ja gar Nichts. Seht nur das ſchöne Bild einmal an, unſer liebes, ſchönes Herzblätt⸗ chen! Sie iſt von uns geriſſen worden, ſie haben ſie gemordet!— Und wir haben es nicht gewußt! Setzt Euch hin, Mann, hört zu, was das Mädchen hier zu ſagen hat. Setzt Euch, Batty, wenn Ihr Euer Kind wirklich geliebt habt! Still, hört zu, was ſie ſagt, denkt jetzt nicht an Euch, hört zu.“ Sie ſprach mit einem Feuer, einer Aufregung, die ihn, der ohnehin ſchon vor Wuth und von Branntwein glühte, völlig in raſende Leidenſchaft verſetzte. In ſolcher Stimmung lauſchte er der Erzählung der Magd, und ſchon bei den erſten Worten ſchmolz ſeine Wuth in bitterſten Gram und jammervollen Kummer. Mit leiſe gemurmelten Flüchen, die ſich in ſeine Seufzer miſchten, betrachtete er Amanda's Bild, das Bild ſeiner todten, ſeiner gemordeten Tochter, die er mehr geliebt als irgend etwas auf der Welt, und die er nun auch furcht⸗ bar an den Leuten rächen wollte, die er ſo grimmig haßte. Er ſaß da ſchluchzend, fluchend, lauſchend. Kein Verdacht war ihm bis jetzt gekommen, jetzt aber ſtand vor ihm die Gewißheit. Das Mädchen hatte es ge⸗ than, das Mädchen war in Frederick verliebt geweſen, ſeine Amanda war durch ihre Hand geſtorben, und furchtbar ſollte die Rache ſein, die die Schuldige und die ganze Familie treffen würde. Sie Alle hatten ſein Kind über die Achſel angeblickt. Es iſt unmöglich, zu beſchreiben, welcher Wirrwarr von Gefühlen in dem un⸗ glücklichen Vater tobte. Aufrichtiger Kummer, furchtbare Aufregung, gekränkte Selbſtliebe und wüthende Rach⸗ ſucht, Alles kämpfte in ihm wilder und wilder. Es war entſetzlich anzuſehen. Jane, die über ihre eigene That und über die Art, wie Batty den Bericht aufgenommen, ſelbſt erſchrocken war, durfte keinen Schritt fortgehen, ſie mußte im Hauſe bleiben als das Werkzeug ſeiner Rache, als die Zeugin bei ſeiner vernichtenden Anklage. 59 Das unglückliche Geſchöpf ſah ſich plötzlich als Ge⸗ fangene behandelt, während ſie in ihrer Dummheit ſich goldenen Lohn verſprochen und für ihre Herrſchaft durch⸗ aus nicht ein ſolches Unheil vermuthet hatte. Das drohende Schwert, das ſchon lange an einem Haare über der Familie Eaſtwood gehangen, jetzt war es gefallen, und ein Sturm war entfeſſelt, den niemand mehr zu hemmen im Stande war als Gott allein. ——— ————— — Fünftes Kapitel. Der Donnerſchlag. Longueville Hall, der Hauptſitz des Baron Alexis Lon⸗ gueville, iſt eine der reizendſten Beſitzungen im Süden Eng⸗ lands. Nicht großartig, aber durchaus vornehm. Die Familie hatte ſtets im Reichthum gelebt, nichts war verfallen, Alles im beſten Zuſtande. Die Longuevilles durften auf eine lange Reihe von Ahnen zurückblicken und waren eigentlich als ſehr ſtolz bekannt. Sir Alexis aber, der als ein armer Neffe den Reichthum der Familie erſt in reiferen Jahren überkommen, hatte in ſeinem früheren Leben gelernt, ſeinen angeborenen Stolz zu zügeln. Das kam ihm nun jetzt ſehr zu Statten. Die adlichen Nach⸗ barn fanden in ihm einen feinen Weltmann und einen Kunſtkenner, der ſie jedoch nie durch ſeine Ueberlegenheit verletzte. Seine Einrichtungen waren ebenſo praktiſch wie koſtbar und wurden gern von Anderen nachgeahmt. 61 „Sie müſſen ſehen, wie es Longueville hat,“ das war die ſtehende Redensart der Gutsherrn ringsum geworden. Dieſes lebhafte Intereſſe aber, welches man immer ſchon an Sir Alexis genommen, mußte ſich begreiflicher Weiſe auf's Höchſte ſteigern, als man erfuhr, daß er, um die Eleganz ſeines Hauſes zu krönen, eine junge, bildſchöne Frau einführen werde. Die ganze ländliche Bewohnerſchaft war in Aufregung. In Schloß, Park und Hütte, in der ganzen Gegend ſah man dem Ein⸗ treffen der neuen Lady Longueville mit wahrem Entzücken entgegen. Die guten Leute waren wirklich froh darüber, daß der alte Stamm nicht ausſterben ſollte. Alle möglichen Vorbereitungen zum Empfang waren getroffen worden, und durch Triumphbogen, unter dem Geläute der Glocken, von Muſikanten und reichgeſchmückten Bauern zu Pferde eingeholt, unter nicht endenwollendem Zuruf der jubelnden Menge, zog Innocenzia in ihre neue Heimath ein. Wenn ſie auch nicht die volle Be⸗ deutung dieſes Jubels verſtand, ſo berührte es ſie doch freudig, und das bunte Bild, das ſich vor ihren träu⸗ meriſchen Augen aufrollte, entlockte ihr manches heitere Wort und freundliche Lächeln. Sie hatte an ihrem Gatten einen feſten, ſicheren Halt gefunden und ſich ſelbſt an ihm aufgerichtet. Er war im höchſten Grade gut und aufmerkſam gegen ſie, nahm ihr Alles ab, ſagte 62 ihr ſtets, was ſie zu thun und zu laſſen habe, ſorgte in rührendſter Weiſe für ſie und ſchalt ſie niemals; alle dieſe Bedingungen für ihr Glück erfüllte er ſo, wie es noch Keiner bisher verſtanden. Es war das Elyſium ihrer Träume, die Art, wie ſie jetzt lebte. Sir Alexis hatte gluͤcklicherweiſe gleich vom Anfang an den rechten Ton mit ihr gefunden. Er hatte, nach reiflichem Ueberlegen, die Stellung eingenommen, von der Frederick, eigentlich ohne es ſelbſt zu wiſſen, gleich Anfangs Beſitz ergriffen, und die ihm Innocenzia's Anhänglichkeit ſo dauernd ge⸗ ſichert hatte: er war als Freund und Schützer ihr zur Seite getreten. Mit weiſem Bedacht hatte er gehandelt, und dem Anſchein nach war ihm ſein Verſuch glänzend gelungen. Nachdem die erſte Aufregung über ein ſo gänz⸗ lich neues, verändertes Leben in der jungen Frau ſich gelegt hatte, fand ſie ſich bald mit holder Folgſamkeit in alle ſeine Wünſche, ſowie in Alles, was ihre neue Stellung von ihr forderte. Die ſie umgebende Pracht behagte ihr. Sie war ihr innerlich verwandt. Die großen, hohen Säle und weiten Hallen befriedigten in ihr jene Sehnſucht nach Luft und Raum, die ihr bei den Eaſtwoods den Aufenthalt zuerſt ſo ſehr erſchwert hatte. Der Glanz von Longueville Hall hatte zwar durchaus keine Aehnlichkeit mit dem kahlen Palazzo Scaramucci, aber ſie fühlte ſich hier doch ſchneller daheim als bei ——,— — 63 ihrer Tante. Sie hatte hier Raum zum Athmen, wie ſie ſagte. Sir Aleris war überraſcht, daß ſie für ſich ſelbſt nicht ein kleineres Gemach wählte; doch klug und weiſe wie er war, ließ er ihr darin freie Hand. „Das wird ſich Alles mit der Zeit ſchon machen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Er frug auch gar nicht viel da⸗ nach, was ſie gern oder nicht gern hätte, ſonderu beob⸗ achtete nur klüglich, wohin ſich ihre Neigungen faſt un⸗ bewußt lenkten. Wenige Männer würden ſolche Geduld gehabt haben, aber auch wenige Männer ſind in der Lage, in dieſer Weiſe eine junge Seele lenken und allen ihren Wünſchen zuvorkommen zu können.„Sir Alexis vermochte Beides. Wir können der Entwicklung dieſer ſeltſamen Idylle nicht eingehender folgen. Unmöglich wird man glauben, daß ein fünfzigjähriger Mann die Rolle eines Verliebten der jungen Frau gegenüber ſpielen könne, ohne ſich lächerlich zu machen. Sir Alexis verſuchte das auch gar nicht. In⸗ dem er Innocenzia heirathete, war er ſich klar bewußt, was für eine Verantwortlichkeit er dieſem einfachen Kinde gegenüber auf ſich nahm. Er zeigte ihr ſeine Liebe mehr in der ruhigen Weiſe eines Vaters als mit der Leiden⸗ ſchaft eines jungen Gatten. Ihre ſeltene Schönheit ent⸗ zückte ihn und er war ſtolz darauf, ein ſolches Kleinod ſich gewonnen zu haben; ihre kindliche Einfalt, ihre ——— ———————————————— ————————————————— —————— 64 Schweigſamkeit, ihr ſinnendes Weſen hatten für ihn einen wunderbaren Reiz; der Weltmann war des Geräuſches müde; an der ſtillen Anmuth dieſer holden, weißen Lotosblume ruhte er wahrhaft aus. Sie war ihm eine liebliche Gefährtin, die Alles ohne Widerrede annahm und befolgte, die ſich bei jeder Gelegenheit zu ihm wandte wie die Blume zur Sonne. Es wäre jedoch Thorheit, wollte man glauben, daß Innocenzia ihren Gatten liebte wie andere Frauen die ihrigen; ſie war eines ſtarken Gefühls überhaupt nicht fähig, aber ſie hegte für ihn eine ſanfte Zärtlichkeit, die aus inniger Dankbarkeit hervorging und gewiſſermaßen der Widerſchein ſeiner eigenen Güte war. Sie lernte bald und ohne viel Worte die köſtlichſte Wahrheit verſtehen, daß ihm Alles, was ſie betraf, ihr Behagen, ihr Glück, über Alles theuer war, daß er keinen ihrer Wünſche unbeachtet und un⸗ berückſichtigt ließ. Er nahm ſich ihrer in jeder Weiſe an. Er fuhr, ritt und ging mit ihr ſpazieren und füllte ihre Zeit mit anmuthiger Thätigkeit aus. Sie mußte bisweilen nach ſeinem Diktate ſchreiben, ihm dann wieder etwas vorſpielen, und weil es ihm Freude machte, ſo erſtarkte auch ihr eigenes Selbſtvertrauen, und das gab ihr eine gewiſſe Sicherheit in Allem, was ſie that. Glücklicherweiſe war Sir Alexis mit einem Leben dieſer Art vollkommen zufrieden. Er hatte, wie ſo viele 65 Männer, davon geträumt, ſich ſeine Frau ganz nach dem eigenen Bilde zu modeln, und wenige hatten ſolche Gelegenheit dazu, wie er. Inno⸗ cenzia's Geiſt und Herz war wie ein unbeſchriebenes Blatt, auf das er ſeinen Namen ſchreiben, ein weiches Wachs, das er nach ſeinem Gefallen formen konnte. Er erzog ſie nicht geradezu, aber er leitete ihren Sinn auf die Gegenſtände, die ihm gefielen. Er lobte ihr muſikaliſches Talent, vielleicht die einzige wirklich bedeutende Anlage in ihr, und gab ihr durch dieſes Lob einen Sporn zu eifrigen Studien. Er las ihr vor, frug nicht viel nach ihren eigenen Anſichten, freute ſich jedoch über ihr reges Intereſſe, welches ſich mehr und mehr kund gab. Er erzählte ihr von Völkern und Ländern, wo er geweſen, er erklärte ihr die Bilder, die ſie liebte, und die Bücher, die ſie ſtets mit einer Art von Scheu betrachtete. Seine Abſicht war nicht allein, ſeine reizende Innocenzia, die er ſo liebte, heran zu bilden, ſondern auch aus ihr eine Lady Longueville zu machen, die die Mutter ſeiner Kinder und die Herrin ſeines Hauſes ſein würde, wenn ſein Werk voll⸗ bracht wäre. So blieben ſie denn einige Wochen zuſammen in ſchönſter Harmonie, frei und unberührt von allen Sorgen. Der Februar mit ſeinen winterlichen Erinnerungen war DOliphant, Innocenzia. MV. 5 66 geſchwunden und der März gekommen. Die Flitter⸗ wochen waren jedoch kaum vorüber, als ein Schatten, ein unbeſchreibliches Etwas in dieſes reizende Stillleben trat. Nicht auf Innocenzia ſank dieſer Schatten, ſondern auf Sir Alexis, deſſen Geſicht in Folge deſſen ſich ſo verfinſterte, daß die arme junge Frau zum erſten⸗ male ſeit ihrer Hochzeit fürchtete, er ſei„böſe“ mit ihr. Eines Morgens nämlich, als ihr Gatte die Zeitungen geleſen hatte, war er plötzlich bleich und verſtört auf⸗ geſtanden, hatte das Blatt ſorglich weggeſchloſſen und ſofort an ſeinen Sachwalter in der Stadt telegraphirt. Sein Ausſehen war ſo verändert, daß ſeine junge Frau, die eben in das Zimmer trat, ihn gleich mit ängſtlicher Frage beſtürmte. Aber er ſchloß ſie mit leidenſchaftlicher Innigkeit, inniger, wärmer als je zuvor, an ſein Herz und rief:„Böſe, mein Liebling? Wie könnte ich Dir je böſe ſein?“ Seine Heftigkeit erſchreckte ſie faſt. Am nächſten Tage kam Mr. Pennefather, der Advocat, und die Herren ſaßen lange in ernſter Conferenz beiſammen. Als jener aber wieder abreiſte, ſchien die Wolke ver⸗ ſchwunden zu ſein, und Alles war wieder gut und ſtill wie zuvor. Die Waldungen um Longueville fingen an, den erſten Frühlingsſchmuck zu entfalten, und die grünen Wieſen des Parkes ſchimmerten friſch und ſaftig in ihrer 67 jungen Herrlichkeit. Auch der Beſitzer dieſes köſtlichen Grundſtückes ſchien ein neues Leben voll Freuden und Hoffnungen begonnen zu haben. Wie beglückt ſah er dieſem Frühjahr entgegen, an der Seite ſeiner holden Lenzesblüthe! Auf der Terraſſe vor dem Hauſe, nach welcher ſich die Thüren des Wohnzimmers öffneten, ſtanden ſchon die großen Blumenkörbe, und der Gärtner war erfinderiſch, ſie ſtets neu und originell zu füllen. Sir Alexis liebte es, den Weg der jungen Frau in Wahrheit mit Blumen zu beſtreuen. Der goldene Streif der Krokus leuchtete aus dem Garten herauf, und in dieſem allgemeinen Werden und Keimen ſchien Inno⸗ cenzia ſelbſt wie eine Blume ſich wunderbar zu entfalten. Seit jener kurzen Angſtperiode war Sir Alexis noch zärtlicher, noch liebevoller, noch aufmerkſamer gegen ſeine junge Frau als vorher. Sie wandelten plaudernd die Terraſſe auf und nieder, das heißt, Sir Aleris ſprach und Innocenzia hörte zu und ſah mit freundlichen, dank⸗ baren Augen zu ihm auf. Oft auch las er ihr vor, und ihr Intereſſe war dabei ſtets rege, handelte es ſich um Proſa oder Poeſie. So waren ſie auch an einem milden Frühlingsnachmittag im März beſchäftigt. Die Sonne lag auf der Terraſſe, die Blumen in den Vaſen und Körben dufteten, die Hyazinthen und Azaleen leuchteten in friſcheſten Farben, und der Gatte las der lauſchenden 5* 68 jungen Frau ein Gedicht von Tennyſon vor„Die Müllerstochter.“ Die Sonne ſpielte auf den kurzen Locken ſeines ſchon leicht ergrauenden Haares. Er legte bisweilen die eine Hand auf Innocenzia's Schulter, während er las, wie um ihre Aufmerkſamkeit noch mehr zu erwecken, und ſie blickte mit einem ſüßen Lächeln zu ihm empor, einem Lächeln, in dem bereits ein weit klareres Verſtändniß für ſeine ſorgende Güte lag als ſonſt. Sie hatte ein weißes Kaſchmirkleid an, welches, obſchon es nach der herrſchenden Mode gemacht war, doch, Dank dem köſtlichen Stoffe, in weichen Falten ſie umfloß. Ein kleiner hellblauer Sammtmantel war um ihre Schultern geſchlagen, in Schnitt und Farbe dem alten, von Frederick einſt ſo verachteten ähnlich, denn Sir Alexis' Künſtlerauge hatte ſchnell das Maleriſche dieſes Kleidungsſtückes erkannt, und weil dasſelbe für Inno⸗ cenzia ſo liebe Erinnerungen barg, hatte er ein ähn⸗ liches für ſie anfertigen laſſen. Ihr köſtliches Haar fiel frei in ſehr leichten Locken auf ihre Schultern herab, denn außer bei großen Gelegenheiten, wo Sir Alexis gediegener Pracht und der herrſchenden Mode huldigte, gefiel es ihm, ſeine junge Frau ſo kindlich und jugend⸗ lich zu ſehen, wie ſie war. So ſaß ſie denn auch jetzt an ſeiner Seite, ein Kind an Jahren und doch mit dem wunderbar tiefen Blick des reifenden Geiſtes in den 69 Augen— ein junges, einfaches Kind, in deſſen zarte Hände dennoch ſchon das Wohl und Wehe zahlreicher Unterthanen gelegt war. Schon ſank der Abend her⸗ nieder; die letzten Sonnenſtrahlen glühten in den hohen Fenſterſcheiben des prächtigen Schloſſes, die Bienen um⸗ kreiſten die duftigen Hyazinthen mit einem Abſchieds⸗ ſummen, und ein weicher, feuchter Hauch ſtieg aus dem Graſe empor. Kein Wölkchen war am Himmel, außer denen, die ſich ſchon zur ſcheidenden Sonne im Weſten geſellt hatten. Wie friedlich war das ganze Bild! Stille Glückſeligkeit allüberall. Jeder Baum, jede Blume, jeder Halm ſchien zu dem köſtlichen Gefühl des tiefen, ſeligen Friedens beizutragen. „Die Müllerstochter!“ Der große Dichter war damals ein noch ſehr jugendlicher Poet, als er dies ſchrieb, und deshalb konnte auch Innocenzia der lieb⸗ lichen Dichtung folgen. Sie lauſchte mit leicht bewegtem Herzen, mit einer Empfindung wahrhaft himmliſchen Friedens, ſerfüllt von der ernſten, ſtillen Liebe, die ſie überall umgab, deren Walten ſie dankbar und herzlich empfand und die ſie zu verſtehen begann, gehoben durch das Bewußtſein der Sicherheit und der Freiheit von dem Drucke der Schuld, die auf ihr gelaſtet,— und ſie lächelte, lächelte dankbar zu ihrem Gatten empor, wenn ſeine Hand ſich auf ihre Schulter legte. Wol hat es bewegtere Scenen gegeben, voll glühender Farben und Bilder, aber keine, die ſo friedevoll und ſo göttlich ſtill war, wie dieſe Nachmittagsſcene in Longueville. Ein ſcharfer, knirſchender Laut wie von Rädern, die in Eile über den Kiesſand der zum Schloſſe führenden Allee jagten, unterbrach auf einmal die Ruhe in recht ſtörender Weiſe Sir Alexis ward verdrießlich; gewiß war das wieder ſo ein Neugieriger, der ſein Schloß an⸗ ſchen wollte, und ungeduldig runzelte er die Stirne und hörte auf zu leſen. Ein Schatten flog über ſein Geſicht, der Innocenzia erſchreckte, eine plötzliche Bläſſe, eine faſt ſichtbare Angſt. „Es wird gewiß wieder irgend eine Geſellſchaft ſein, die ſich Longueville anſehen will,“ ſagte er, aber die Stimme klang rauh.„Gott Lob, diesmal täuſchen ſie ſich.“ Das Geräuſch war verſtummt, doch konnte er ſeine Lectüre nicht ſofort wieder beginnen. „Das ſind die Schattenſeiten eines ſchönen Hauſes,“ ſagte er,„daß jeder Narr im Lande glaubt, ein Recht zu haben, es anſehen zu dürfen. Ich bin überzeugt, daß dieſe unverſchämten Störenfriede höchſt enttäuſcht abziehen werden, wenn ſie ſehen, daß wir unſer Haus für uns ſelbſt behalten wollen. Aber wer kommt denn da?“ Zwei Männer näherten ſich. Ihnen voran ſchritt der Hausmeiſter, der ſonſt faſt wie ein Biſchof 1 ausſah, ſo feierlich war ſeine Miene, jetzt aber ſah er blaß und verſtört aus. Die Männer hinter ihm er⸗ ſchienen zuerſt als ganz gewöhnliche Leute, als ſie jedoch näher kamen, erkannte Sir Alexis gewiß ebenſo ſchnell als ſein Diener ihre Bedeutung. Die Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichtes verwandelte ſich in Aſchgrau. „Du ſollteſt lieber hineingeheu, Innocenzia,“ ſagte er heiſer und legte ſeine Hand wieder auf ihre Schulter; aber die Stimme klang ganz anders, als ſonſt; ſie ge⸗ horchte auch nicht, ſondern blieb dicht bei ihrem Gatten ſtehen. Mit völliger Gleichgültigkeit ſah ſie auf die beiden Männer hinab. Sie blieb nur, weil ihr Gatte blieb, und um zu ſehen, was die Leute wollten. Es war eine Unterbrechung— leider, dachte ſie, aber— „die Müllerstochter“ und der ſchöne Abend würden ihnen ja bleiben. 2„Zwei— Herrn, Sir Alexis— wünſchen mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte der Diener, ängſtlich zur Seite tretend. Er ging auch nicht fort, nachdem er ſie angemeldet hatte, ſondern blieb wie angewurzelt ſtehen, vielleicht ohne ſelbſt zu wiſſen, was er that. Die Männer fühlten ſich offenbar nicht ſehr behag⸗ lich. Sie hielten ſich dicht bei einander, räusperten ſich, wiſchten ſich den Schweiß von der Stirne und zeigten große Verlegenheit. 72 „Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen, meine Herren?“ ſagte Sir Alexis mit einer ſo ſeltſam vor Auf⸗ regung bebenden Stimme, daß Innocenzia verwundert zu ihm aufſchaute, ſo fremd berührte ſie der Klang. „Ich möchte Ihnen nicht gern unbequem fallen oder Verdrießlichkeiten machen, wenn's zu vermeiden wäre,“ ſagte der Eine.„Siſt eine ſchreckliche Angelegen⸗ heit, aber helfen Sie ſich, ſo gut Sie können, Sir Alexis. Sie kann in Ihrer eigenen Equipage fahren und Sie können mit kommen, wenn Sie wollen. Aber ich darf es Ihnen nicht verbergen, daß die gnädige Frau mit uns kommen muß. Ich weiß nicht, wie viel Sie bereits von der Sache wiſſen— und ich zweifle auch gar nicht daran, daß ſie bald wieder frei werden wird—“ „Was ſoll denn das bedeuten?“ ſagte Longueville. O Gott, er wußte nur zu wol, was das zu bedeuten hatte! Er trat inſtinctiv noch einen Schritt vor, wie um ſein junges Weib zu ſchützen, zu vertheidigen; dann aber überkam ihn das Gefühl ſeiner Ohnmacht, er ſah ein, daß hier nichts weiter zu thun ſei, als ſich ruhig zu ergeben. „Ich bitte um Vergebung, Herr Baron,“ ſagte der Mann, indem er ſeinen Hut vor Verlegenheit zuſammen⸗ drückte.„Ich fühle von ganzem Herzen mit Ihnen. Den Verhaftsbefehl habe ich hier, und Sie werden ihn 73 ganz in Ordnung finden. Sie ſollen in keiner Weiſe getäuſcht werden, und was wir thun können, um die Sache weniger auffallend zu machen, das ſoll gewiß geſchehen. Aber ich habe meiner Pflicht zu ge⸗ nügen——“ „Ganz gewiß müſſen Sie Ihre Pflicht thun,“ ſagte Sir Alexis bleich, doch jetzt auf das Schlimmſte gefaßt und äußerlich ruhig.„Aber, lieber Mann, hier liegt jedenfalls ein Irrthum vor. Was—“ er hielt inne, denn ſeine Lippen verſagten den Dienſt,—„was — meinen Sie? wen— wen ſuchen Sie hier?“ „Wenn ich es denn einmal mit klaren Worten ſagen muß,“ ſagte der Polizeibeamte,„wir kommen hier⸗ her, um Lady Longueville zu verhaften. Hier iſt der Befehl. Sie können ihn ſelbſt leſen.— Frau Innocenzia, Gemahlin des Sir Alexis Longueville, Baronet—“ „Und weshalb? Großer Gott!“ Wie thöricht war's darnach zu fragen!— Als ob er nicht ſofort, als er dieſe Männer geſehen, die Gewißheit gehabt hätte von ſeinem Elende, ſeiner Schmach, von allen entſetzlichen Folgen, die jetzt eintreten konnten! „Wegen Mordes der Amanda in Ster⸗ borne, am 21. Oktober—“ Zum erſtenmal kam jetzt Innocenzia zu voller Be⸗ ſinnung. Sie ſtieß einen leiſen, aber durchdringenden Schrei aus und wandte ſich mit einem wilden Blicke des Entſetzens, der Todesangſt zu ihrem Gatten. „Du haſt mir ja geſagt, es wäre Alles gut, Alles vorbei!“ rief ſie und rang ihre Hände, wie verzweifelnd an Himmel und Erde. —— Sechstes Kapitel. Ein Abtrünniger. Am Morgen nach dieſem Ereigniß fuhr eine Droſchke in raſender Eile vor die Thüre von Mrs. Caſtwood's Hauſe; Ernſt Molyneux, mit einer Zeitung in der Hand, ſprang heraus und ſtürzte hinein. Die Hausthüre ſtand offen, gewiſſe Zeichen von Unruhe und Aufregung waren ſichtbar, Koffer ſtanden umher, die noch für die Reiſe ge⸗ ſchnürt und bezeichnet werden ſollten. Der junge Mann befahl dem Diener, der ihn empfing, ſofort Miß Eaſt⸗ wood zu ihm zu ſchicken, und begab ſich in das Wohn⸗ zimmer, welches leer war. Leer, und dennoch in zier⸗ lichſter Ordnung, voll von Blumen und Sonnenſchein; auf dem Tiſche ſtand das Arbeitskörbchen, lagen die neueſten Novellen, Alles ſah ſo ſchön und friedlich aus wie in den beſten Tagen. Aber ſo iſt es in einem eng⸗ liſchen Hauſe; ob Tod und Leben mit einander kämpfen, ob das ſchwerſte Geſchick die Familie bedroht, das Dienſt⸗ mädchen hat unerbittlich ihre Pflicht zu thun, als wenn Nichts geſchehen wäre. Selbſt Ernſt wurde für den Augenblick durch die Behaglichkeit dieſes häuslichen Heiligthums zu dem Glauben verleitet, ſein Eifer habe ihn zu weit getrieben, er habe dem Berichte in der Zeitung zu viel Gewicht beigelegt. Er wurde ruhiger. Er frug ſich ſelbſt, was er wol Nelly ſagen ſollte, nach⸗ dem er ſie in ſolcher auffallender Haſt zu ſich habe ent⸗ bieten laſſen. Etwas Scham, einige Verlegenheit kam doch über ihn. Er mußte einige Zeit warten, ehe Nelly erſchien, und die Stille des Hauſes, das wohlthuende Sonnenlicht bewirkte in ihm eine eigenthümliche Um⸗ ſtimmung. Er ſchämte ſich mehr und mehr über ſich ſelbſt, und ich weiß nicht, was noch am Ende das Re⸗ ſultat geworden wäre, wenn das junge Mädchen noch länger gezögert oder wenn die Art ihres Auftretens beſſer zu ſeinen Gedanken gepaßt hätte. Aber Nelly trat mit rothen Augen und blaſſen Wangen, im Reiſe⸗ anzug, zu ihm herein, mit einer Miene der Aufregung, die mehr als Alles verrieth, daß etwas geſchehen war. Sie kam haſtig auf ihn zu, die Augen voll Thränen und den bittenden Blick auf ihn gerichtet, und ſtreckte ihm beide Hände entgegen. Indeſſen brachte der Anblick ihrer Erregung auf Molyneur eine Wirkung hervor, die ent⸗ 7 ſchieden mit den Empfindungen contraſtirte, die durch die behagliche Stille des Hauſes in ihm wach geworden waren. Er wurde ſofort wieder kritiſch und nahm die gewohnte Miene der Ueberlegenheit an. Er ergriff zwar ihre Hände, er küßte auch ihre zarte Wange, aber mit jener Gleichgültigkeit, welche aus der Gewohnheit erwächſt, und ohne ein Zeichen der Theilnahme zu äußern. Er ſagte nur haſtig: „Nelly, ich komme zu Dir, um von Dir die Wahr⸗ heit zu hören. Haſt Du geleſen, was in der Zeitung ſteht? Sicherlich— das kann doch nicht wahr ſein?“ Wie kaltes Waſſer wirkten dieſe Worte auf das . warme Gefühl, welches Nelly ihrem Verlobten entgegen⸗ gebracht hatte. Sie entzog ihm ihre Hände, ſie kämpfte die Thränen zurück, ihe Stolz ward in ihr lebendig, ſie trat etwas von ihm weg. In dieſem Augenblicke ver⸗ ſchloß Nelly für immer das Thor ihres Herzens für Ernſt Molyneux. Allerdings, wie der Leſer erfahren wird, öffnete ſie es noch einmal, aber nur noch einmal, als ihr Reue noch möglich zu ſein ſchien; aber wenn . ſie es auch ſelbſt nicht wußte, thatſächlich ſchloß ſich in dieſem Momente das Thor mit einem heftigen Schlage zu, der noch lange nachher in ihren Ohren fortklang und dröhnte. Sie glaubte allerdings im Augenblicke, es ſei nur die Erſchöpfung, die ſie überwältige, und ſetzte — 78 ſich eine Weile in den Stuhl ihrer Mutter, um nicht ohnmächtig zu werden. „Wenn Du glauben kannſt, daß Innocenzia, unſre arme Innocenzia, gethan hat, was man behauptet,“ ſagte ſie leiſe und zitternd,„dann iſt es wahr, was in den Blättern ſteht. Man hat ſie ins— O Gott— wie kann ich's ſagen! Jene ſchändlichen Menſchen, an die Frederick ſich zu unſerem Unheil gebunden hat, haben dieſe entſetzliche Kataſtrophe herbeigeführt!“ . „Aber,“ ſagte Molyneux in voller Beſtürzung, daß man ihm nicht einmal darin widerſprach, daß er etwas ſo Entſetzliches für wahr halten konnte,„aber jene ſchändlichen Menſchen, wie Du ſie nennſt, konnten doch unmöglich ohne Grund eine ſo fürchterliche Beſchuldi⸗ gung vorbringen? Um Gotteswillen, ſage mir, wie durften ſie das wagen? Iſt denn ein Grund dazu da?“ „Mama hat ſich nach Allem und bei Allen erkun⸗ digt am ſelben Tage noch,“ ſagte Nelly wie abweſend und wiederholte die uns bekannte Geſchichte.„Es liegt kein Grund vor,“ ſchloß ſie.„Alle wußten, daß es ein Herzleiden war, an dem Mrs. Frederick geſtorben iſt. Niemand, außer Innocenzia allein, hat je an ſo etwas nur gedacht. Ach, Ernſt, nicht wahr, ſolch ein Zeugniß wie das von Jane kann ihr doch nicht ſchaden? Iſt das möglich? Es war ihre eigene fixe Idee, ſonſt nichts.“ —,. 79 „Ich ſtehe ganz beſtürzt vor dieſer ganzen Sache,“ ſagte Molyneux.„Du weißt dies ſchon ſeit Mrs. Fre⸗ derick's Tode und ließeſt mich im Dunkel— ſagteſt mir nicht eine Silbe davon?“ „Wie hätte ich das thun können, thun dürfen!“ rief das Mädchen.„Wie konnte ich das in Worte faſſen, was nur ein toller Wahn des fieberkranken Kin⸗ des war? Auch hatteſt Du ſie nicht ſo lieb, wie wir ſie Alle haben. Auf meinen Lippen hat es hundert⸗ mal geſchwebt. Aber, Ernſt, eben weil Du ſie nicht gern hatteſt—“ „Nein, Gott ſei Dank!“ ſagte er auf und abgehend. Er war ſehr ärgerlich und that, als ob er eigentlich das Recht hätte, ſehr böſe zu ſein.„Ich hoffe doch, daß Longueville wenigſtens es erfahren hat,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu;„er, der Innocenzia liebte, hatte doch wol ein Recht dazu in Deinen Augen.“ „Ernſt,“ ſagte Nelly flehend, und noch einmal flackerte die erlöſchende Liebe in ihr auf,„gewiß fühlſt Du mit uns in unſrer großen Bedrängniß. Eben weil Sir Alexis Alles wußte, Alles durch Innocenzia ſelbſt erfahren hatte, deshalb hat er ſie geheirathet. Er war ſehr edel und gut gegen uns Alle.“ „Allem Anſchein nach iſt jeder Andere eher in das Vertrauen gezogen worden als ich,“ ſagte der junge Mann; aber die Sache erſchien ihm ſchon in beſſerem Lichte, da er von der Kenntniß des Sir Alexis hörte. Der würde doch unmöglich mit offenen Augen ein Mäd⸗ chen geheirathet haben, auf der ein ſo entſetzlicher Ver⸗ dacht gelaſtet hätte.„Es iſt wirklich ſehr gut, daß Ihr den Longueville habt,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Na⸗ türlich iſt es ja nun auch ſeine eigene Angelegenheit geworden, und er wird gewiß den beſten Rath, die beſten—“ „Ernſt!“ unterbrach ihn Nelly und ſtand auf. Sie faltete ihre Hände und ging auf ihn zu.„Ernſt! Wir haben oft davon geſprochen, wie herrlich es wäre, wenn ſich eine Vertheidigung nicht gewöhnlicher Art böte, in welcher Du Deine Talente, Dein Herz und Deinen Verſtand bewähren könnteſt. Und, Ernſt, giebt es wol etwas Höheres und Schöneres, als ein junges ſchuld⸗ loſes Geſchöpf zu retten? Du kennſt ſie faſt ſo gut wie wir ſelbſt,“ rief das Mädchen, während ihr die hellen Thränen über die blaſſen Wangen rollten.„Du haſt ſie mit uns aufblühen ſehen. Du weißt, wie harmlos, wie un⸗ ſchuldig ſie iſt, die Verkörperung ihres eigenen Namens. Vielleicht hat ſie anfangs unſere Liebe nicht verſtanden, und möglich iſt's, daß wir auch nicht den rechten Weg zu ihrem Herzen getroffen haben. Du aber weißt Alles, haſt Alles geſehen, Ernſt, und kennſt dies Kind. Und 81 Deine Beredſamkeit, Ernſt, dieſe herrliche Gabe, die würde Jeden retten, für den Du auftreten wollteſt. O welcher Segen, wenn man ſo der Unſchuld Retter werden kann, Ernſt! Ich bitte nicht um meinetwillen——“ O wie beredt war ſie mit ihren Thränen, mit ihren lieben einfachen Worten, wie viel, viel mehr, als er mit all ſeiner Klugheit! Die kleine, weiße Hand lag mit ſanfter Bitte auf ſeinem Arm, die andere hob ſie feier⸗ lich empor. Ihre ſchönen Augen ruhten wie in inbrünſti⸗ gem Gebete auf ihm, ihre ganze Seele lag darin. Es war für Innocenzia's Rettung, daß ſie flehte, für Ernſt, um ihn für ſich ſelbſt zu retten, und auch für ſich ſelbſt, für die arme Nelly, um ihr Leid in Freude und Hoffnung zu verkehren. Nie war wol in einem jungen Geſichte eine tiefere innere Bewegung ſichtbar als in den rührenden, thränenvollen Zügen des lieblichen Mädchens; Alles an ihr ſprach zu ihm mit heißem Flehen. Aber ihrem be⸗ ſchwörenden Geſichte gegenüber ſah das ſeine aus wie eine Gewitterwolke, ſo ſchwarz und drohend. Ernſt ver⸗ ſchloß ſein Herz der rührenden Bitte der Geliebten. Er ſtand ſtarr und unbewegt, mit finſtrer Stirne und be⸗ antwortete ſo die bittenden Blicke, die flehenden Worte. Nelly ſah ſchon, ehe ſie aufgehört hatte zu ſprechen, daß Alles vergebens war; aber noch ſcheuchte ſie die bange Gewißheit zurück und fuhr fort mit Lippen und Hliphant, Innorenzia. IV. 6 82 Augen zu bitten und zu beſchwören, ſelbſt als ſie fühlte, daß jede Hoffnung verloren ſei. Endlich befreite er ſich von ihrer Hand, die leicht auf ſeinem Arme lag, indem er ſich verdrießlich weg⸗ wendete. „Nelly,“ ſagte er,„biſt Du toll? Was willſt Du denn? Longueville, Du kannſt Dich d'rauf verlaſſen, hat längſt ſeinen Advocaten; ich bin feſt überzeugt, daß er das Alles vorhergeſehen und bedacht hat. Mich hingegen hat die Geſchichte völlig überraſcht. Und wenn er mich aguch ge⸗ wählt hätte, ſo wäre ich doch weit davon entfernt, mir ein derartiges Debüt in meiner Carriere zu wünſchen, blos weil Familienrückſichten es mir gebieten. Ich habe oft gehört, wie weit die Frauen darin gehen, aber daß Du dies Mädchen mit ſeiner Albernheit den Intereſſen Deines künftigen Gatten vorziehen kannſt, daß Du mich lieber compromittirt ſehen willſt als ſie,— das iſt doch zu ſtark. Biſt Du denn wirklich wahnſinnig, Nelly? Mein Intereſſe, mein Ruf muß Dir wie Dein eigener ſein. Du ſollteſt mich lieber bitten, der ganzen Sache fern zu bleiben, und ſollteſt um meinetwillen daſſelbe thun. Was iſt uns dieſe Innocenzia? Ein albernes, halb blöd⸗ ſinniges Ding, das ſich immer undankbar gezeigt hat, nur an Frederick hing und, wer weiß, nun auch um ſeinetwillen den kühnen Streich ausgeführt hat, deſſen ——— 83 ſie ſich ja ſelbſt beſchuldigt. Sieh' mich nur nicht ſo an, als wollteſt Du mich vor Zorn verſchlingen! Ich ſage ja damit nicht, daß ſie es gethan hat. Ich weiß von der ganzen Sache ja nur, was Du mir geſagt haſt.“ Nelly war von ihm zurückgewichen. Eine brennende Röthe bedeckte ihr ganzes Geſicht; die Thränen waren wie unter der Glut verſiegt. Aber ihr Auge blitzte und leuchtete; ihr ganzes Ausſehen war ein anderes; ſie ſah größer, majeſtätiſcher aus. „So will ich nur noch das Letzte von Ihnen er⸗ bitten,“ ſagte ſie,„und das iſt: zu vergeſſen, was ich Ihnen geſagt. Es war Thorheit; Frauen fallen ſo leicht in ſolche Schwäche, wie Sie wiſſen. Von Ihrer Ehre aber erwarte ich, daß Sie vergeſſen, was Sie hier erfahren haben. Wollen Sie es Niemand erzählen? Ich werde Ihnen dankbar dafür ſein.“ „Aber Nelly!“ rief er.„Ich werde doch Niemand wieder ſagen, was Du mir geſagt haſt! Du hältſt mich doch hoffentlich nicht für einen Schurken, weil ich mich nicht in alle Deine Launen fügen will——“ Sie lächelte leicht und neigte das Haupt, als nehme ſie ſeine Verſicherung an. Dann aber entſtand zwiſchen den Beiden, die ſich geliebt hatten, die verlobt und an einander gebunden waren, eine drückende Pauſe. Sie ſprach kein Wort, ſah ihn auch nicht an, und er⸗ fühlte, 6* als er ſie anblickte, daß mehr geſchehen war, als es den Anſchein hatte, und überdachte hin und her, was er ſagen könne, ohne doch das rechte Wort zu finden. „Nelly,“ ſagte er endlich, nachdem er erſt gehuſtet hatte,„ich ſehe, Du biſt wieder böſe auf mich, und ob⸗ gleich ich weiß, daß Du darin ſehr Unrecht haſt, thut es mir doch leid, Dich geärgert zu haben. Ich würde Alles für das Mädchen thun, das ich liebe, aber es dürfen nur nicht gerade ſo abnorme Verwickelungen ſein wie die ſind, die Du mir zu entwirren zumutheſt. Ich bin überzeugt, wenn Du ruhiger darüber nachdenkſt, wirſt Du einſehen, wie Recht ich habe.“ Aber Nelly antwortete noch immer nicht, Sie konnte nicht wagen zu ſprechen, ihr klopfte das Herz zum Zer⸗ ſpringen, der Athem flog. Ihm aber erſchien ihr Schweigen als Starrſinn, und das reizte ihn. „Wenn Du es durchaus ſo aufnehmen willſt, kann ich es auch nicht ändern,“ ſagte er,„aber Du biſt un⸗ gerecht und unvernünftig. Eine Braut darf ihre Macht auch nicht zu weit ausdehnen wollen. Ich würde ſehr gern bereit ſein, ſehr Vieles für Dich zu thun, aber es muß ſich mit meinen Anſichten vereinigen laſſen——“ „Nein,“ ſagte Nelly,„um meinetwillen habe ich Nichts verlangt, die abſchlägige Antwort wäre dann nicht von Belang geweſen. Sie thun recht daran, Ihren ——— —— 85 Anſichten zu folgen. Aber Sie werden mich auch ent⸗ ſchuldigen müſſen,“ fügte ſie nach kurzer Pauſe hinzu, „wenn ich Ihnen jetzt Lebewohl ſage. Wir fahren ſo⸗ eben nach— Sterrington, und ich habe noch einige Sachen einzupacken.“ „Nach Sterrington? Um Euch in dieſer faulen Sache mit Innocenzia vor Aller Welt zu zeigen und Eure Verwandtſchaft austrompeten zu laſſen?“ „Um im Unglück treu neben meiner Schweſter zu ſtehen,“ ſagte Relly mit unter Thränen blitzenden Augen und mit einem Lächeln, welches ihn noch mehr aus der Faſſung brachte als ihre Worte.„Ich fürchte, Sie werden auch das noch nicht verſtehen, Mr. Molyneur. Mama's Platz iſt bei Innocenzia und der meinige neben Mama.“ „Das iſt Thorheit, Nelly,“ rief er,„ausgeſprochene Thorheit. Sie hat ihren Mann, der kann nach dem Rechten ſehen. Habe ich denn gar keine Anſprüche? Schon um meinetwillen ſollteſt Du nicht gehen.“ Sie ſtand auf, hielt ihm ihre Hand hin, und immer noch lag jenes bleiche Lächeln auf dem lieben Geſichte. „Laſſen Sie uns als Freunde ſcheiden,“ ſagte ſie.„Jetzt iſt keine Zeit, um irgend Jemandes Anſprüche zu be⸗ ſprechen. Was Sie für mich nicht thun können, will ich auch nicht für Sie thun. Leben Sie wol.“ 86 „Und ſoll dies das letzte Wort ſein?“ rief er wüthend. N „Es iſt am beſten ſo,“ ſagte Nelly ſanft. Aber ſie wußte nicht, wann er fortgeſtürmt war. So lange er da war, hielt ſie ſich aufrecht und erſchien ruhig und entſchloſſen: aber ein Nebel lag vor ihren Augen und vor den Ohren klang und ſang es. Das Zimmer drehte ſich vor ihr, ſie ſah noch in ſein heißes Geſicht, dann war auch das vorbei, und Alles war dunkel, als wären die Lichter ausgelöſcht worden. Erſt allmählich kehrte ihr das Bewußtſein zurück. Sie blieb ſtill ſitzen, wo er ſie verlaſſen, ganz ſtill; ſie vergaß, daß der Zug bald fortgehen würde und ſie noch zu thun hatte; ihr war wie einem Menſchen, der vor den Kopf geſchlagen wor⸗ den; ſie war betäubt, aber nicht betrübt; ſie wunderte ſich über das, was ſie gethan, aber ſie bereute es nicht. Ich weiß nicht, wie lange ſie ſo geſeſſen, ihr ſchienen es Stunden zu ſein. Endlich wurde ſie aufgeſchreckt durch den Eintritt eines Mannes, der ebenſo ängſtlich, ebenſo begierig, ebenſo aufgeregt wie Ernſt Molyneur war. Er kam, um vor allen Dingen ſeine Dienſte an⸗ zubieten, um zu fragen, ob er gleich mitgehen dürfe, um ſich Sir Aleyis zur Verfügung zu ſtellen, und dann erſt frug er, was das Schreckliche eigentlich zu bedeuten habe. Nelly ſaß ſtill und hörte ſeine Anerbietungen, ſeine Fragen, dann brach ſie plötzlich in einen Strom von Thränen aus. Aber ſie gab ihm keinen Grund da⸗ für an, waren doch Urſachen genug vorhanden, ſolch einen Ausbruch des Gefühls zu rechtfertigen. John Vane fragte auch gar nicht. Er hatte zwar Ernſt fort⸗ ſtürzen ſehen und erkannte jetzt in Relly's blaſſem, auf⸗ geregtem Geſichte den Ausdruck eines perſönlichen Kum⸗ mers, aber er ſchwieg ihr gegenüber, wie er auch an ſich ſelbſt deshalb keine Frage zu ſtellen wagte. Als die Mutter bald darauf ins Zimmer trat, in völlig fertigem Reiſekoſtüm mit Hut und Mantel, ſchritt Vane auf ſie zu und reichte ihr die Hand. „Vergeben Sie mir,“ ſagte er demüthig,„ich habe Ihnen in meinem Herzen ſchweres Unrecht gethan und komme es Ihnen abzubitten.“ „Wie ſo, Mr. Vane?“ ſagte ſie mit mattem Lächeln, dem erſten, welches ſeit jener Schreckenskunde auf ihrem bleichen Geſichte ſichtbar war. „Ich verſtehe jetzt Innocenzia's Heirath vollkommen,“ ſagte er.„Gott möge es mir vergeben, daß ich an ihrer beſten Freundin gezweifelt habe! Ich hielt Sie für eine Frau wie die anderen Alle, die nur auf eine gute Partie bedacht ſind.“ „Und glauben Sie wirklich, daß alle Frauen ſo denken?“ erwiederte ſie lächelnd, dann aber, als ob ſie 88 ſich Vorwürfe machte, Innocenzia auch nur einen Augen⸗ blick geraubt zu haben, ſagte ſie traurig:„Was ſollen wir aber thun? Was können wir für mein armes Kind thun?“ „Ich fahre mit Ihnen,“ ſagte Vane, in deſſen Augen, ſo wenig er ſonſt zum Weinen geneigt war, es feucht ſchimmerte. Mrs. Eaſtwood ſchickte Nelly hinaus, um ihren Hut aufzuſetzen und ſich zur Reiſe zu rüſten, und erzählte dann dem aufmerkſamen Zuhörer noch einmal alle Details des ſchrecklichen Ereigniſſes. Mr. Vane erhob keine Vorwürfe, wie das Molyneux gethan, daß man ihn nicht eher in das Vertrauen gezogen habe; er begriff, ohne viele Auseinanderſetzungen, wie unmöglich es ihnen erſchienen ſein müſſe, über dieſen Wahn ſelbſt zu den beſten Freunden zu ſprechen. Er hörte genau zu und fand ſchon darin, daß nach Amanda's Tode keine Seele in Sterborne auch nur einen Schatten von Ver⸗ dacht gehegt hatte, einen Entlaſtungsgrund von größter Wichtigkeit. Er ſprach Alles mit der Mutter durch und ſchenkte ihr, wie ſie glaubte, ſeine ungetheilte Aufmerk⸗ ſamkeit, und dennoch— und können wir ihn deshalb tadeln?— mit einem Theile ſeines Herzens folgte er Nelly. Er wunderte ſich, daß ſie ſo lange blieb, um ihren Hut aufzuſetzen, und fragte ſich, ob das arme Kind weine über einen zerſtörten Lieblingsplan und 89 eine getäuſchte Hoffnung, oder über ihre arme Couſine. Er freute ſich im Stillen, daß er allein im Beſitz ihres Geheimniſſes war, daß ſelbſt die Mutter nichts von Ernſt's Hierſein und Nelly's getäuſchter Hoffnung wußte. Denn getäuſcht hatte er ſie in ihren Erwartungen: der Gedanke ſtand klar vor ihm, denn ſonſt wäre er nicht fortgegangen. Keiner, der wahr und treu liebte, hätte ſeine Braut in ſolchem Momente allein gelaſſen. War ſie wol ſcharfſichtig genug geweſen, dies jetzt ſchon zu ſehen, oder war ſie wenigſtens klug genug, ihn ſpäter zu durchſchauen und dann demgemäß zu handeln? Solche Gedanken ſchwirrten durch das Herz des jungen Mannes, während er mit dem tiefſten, ſchmerzlichſten Intereſſe Innocenzia's mögliches Schickſal ins Auge faßte. Die Mutter erwähnte Molyneux' gar nicht, und nur als Nelly wieder heruntergekommen war und die Droſchke vor der Thüre ſtand, die ſie zur Station brin⸗ gen ſollte, gab ſie Brown unter vielen andern Aufträgen auch den, Mr. Molyneur von ihrer Abreiſe in Kennt⸗ niß zu ſetzen.„Eigentlich wäre es ſchicklich geweſen, Nelly,“ ſagte ſie,„Du hätteſt es ſelbſt Ernſt wiſſen laſſen.“ „Das habe ich auch gethan,“ ſagte das Mädchen ſanft und warf Vane einen halb bittenden, halb weh⸗ müthigen Blick zu— einen Blick, der ihn faſt glücklich machte, ſo traurig er auch war. Ja, und traurig waren ſie Alle. Es giebt aber gewiſſe Dinge, die unſere Herzen erquicken und aufrichten inmitten alles Jammers. „Daß iſt recht, Nelly,“ ſagte die Mutter ſeufzend, „alſo das wäre erledigt. Und ſeht mir recht gewiſſen⸗ haft nach den jungen Herrn, Brown. Fragt Mr. Fre⸗ derick, ob er vielleicht die Eſſensſtunde anders gelegt haben will, ſo lange wir abweſend ſein müſſen. Achtet darauf, daß der junge Herr Richard früh geweckt wird und Punkt ſieben ſeinen Kaffe bekommt. Mein armer Junge muß arbeiten, es mag geſchehen, was da will,“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſeufzend in den Wagen ſetzte. Und ſo ſammelten ſich Innocenzia's Freunde, Alle, die ſie liebten, um ſie in ihrer höchſten Noth. Nur einen Abtrünnigen gab es, und der war nie ihr Freund geweſen. —— Siebentes Kapitel. Die Veweiſe für und wider. „Aber es iſt doch wahr— ich habe Frederick's Frau getödtet,“ ſagte Innocenzia. Ihre Stimme war ruhig wie immer, aber ihre Augen waren weit aufgeriſſen und hatten einen unaus⸗ ſprechlich ſchmerzlichen Ausdruck. Wie ſeltſam hatte ſich Alles um ſie verändert! Statt der ſonnigen Terraſſe von Longueville, ſtatt des ſonnigen Gartens bei ihrer Tante Eaſtwood umgaben ſie jetzt die vier grauen Wände ihrer Ge⸗ fängnißzelle. Ich muß geſtehen, lieber Leſer, daß ich nie in einem Gefängniß geweſen bin, alſo auch nicht genau weiß, wie es darin ausſieht; aber ich habe auch nicht gehört, daß die arme Innocenzia in beſonders ſtrenger Haft gehalten worden ſei, ſondern daß ihr im Gegentheil wol Vieles geſtattet wurde, was gegen die gewöhnliche Ordnung des Gefängnißlebens war. Sie 92 ſaß auf ihrem kleinen Bette, Mrs. Eaſtwood war bei ihr. Eben war auch ihr Gatte mit ſeinem Sachwalter Mr. Pennefather und dem berühmten Advocaten ge⸗ kommen, dem jener die Vertheidigung ſeiner Gemahlin übergeben hatte. Die beiden hochgelehrten Herrn hatten ſoeben das arme Kind einem Privatexamen unterworfen und bemühten ſich auf alle Weiſe der Wahrheit auf den Grund zu kommen. „Aber, Innocenzia,“ rief die Tante,„wie oft ſchon habe ich es Dir geſagt, liebes Kind, daß Du Dich irrſt! Du giebſt dieſen Herrn dadurch einen ganz falſchen Be⸗ griff von der Sache. Es war eine Täuſchung Deines fieberkranken Hirns, ein bloßer Wahn——“ „Laſſen Sie die junge Dame allein reden,“ ſagte der Advocat Dr. Ryder ungeduldig. Jede Unterbrechung war ihm fatal, und dieſe ewig in Thränen zerfließende Dame, die immer wieder eine Schuld abläugnen wollte, die die Gefangene ſelbſt eingeſtanden, war ihm ſehr im Wege.„Laſſen Sie ſie nur allein erzählen,“ wieder⸗ holte er;„es iſt von größter Wichtigkeit, daß ich die volle Wahrheit erfahre.“ Er hatte die ganze Geſchichte ſchon gehört und ſo ſchien ihm die Sache klar und einfach genug zu ſein. Aber damit begnügt ſich ein kluger Juriſt nicht; die klarſte Auseinanderſetzung iſt ihm noch nicht durch⸗ 93 ſichtig genug.„Eine fixe Idee“ konnte allerdings einen Narren dazu bringen, ſich ſelbſt anzuklagen, aber wie war es möglich, dadurch eine Criminalunterſuchung mit ihrer ganzen feierlichen Bedeutſamkeit zu veranlaſſen? Die Empfindungen des Gatten und der Tante zu ſchildern, die dabei ſtehen und zuhören mußten, wie Innocenzia ſich immer wieder zu der Schreckensthat be⸗ kannte, iſt unmöglich. Sir Alexis ſagte kein Wort und legte die Hand warnend auf Mrs. Eaſtwood's Arm, wenn ſie ſprechen wollte. So durfte denn Innocenzia ungehindert erzählen und that das auch mit rührender Einfachheit. Sie gab alle Details an mit überraſchen⸗ der Genauigkeit und mit der ihr eigenthümlichen prakti⸗ ſchen Anſchauung, die ſo ſeltſam zu dem träumeriſchen Blick der Augen paßte. Sie vergaß Nichts, ſie⸗ ließ keinen Umſtand unerwähnt; aber erſt als ſie zum zweitenmal Alles wiederholte, fügte ſie ſchüchtern die Verſicherung ihrer Unſchuld hinzu.„Ich wollte es nicht thun,“ ſagte ſie mitten in ihrem vollen Schuldbe⸗ kenntniß. „Sie wollten es alſo nicht thun?“ „O,“ rief jetzt Mrs. Eaſtwood, unfähig länger zu ſchweigen,„wie können Sie nur ſo fragen? Sie es ge⸗ wollt, ſie es beabſichtigt? Großer Gott, ſie hat es auch 94 nicht gethan, obſchon ſie es glaubt,— aber nun vollends mit Abſicht! Sir Alexis, das iſt zu viel!“ „Man muß mir erlauben, meinen eigenen Weg ein⸗ zuſchlagen,“ ſagte der Advocat.„Ich bitte um Ver⸗ gebung, aber ich darf nicht unterbrochen werden. Was wollten Sie nicht thun? Die Kranke nicht kränker machen? Oder nicht mehr als zwanzig Tropfen in das Glas gießen? Sehen Sie, das ſind zwei ganz ver⸗ ſchiedene Dinge. Bitte, laſſen Sie mich ungeſtört fragen. Wenn ich Lady Longueville allein ſprechen könnte, wäre es überhaupt viel beſſer. Ihre Gefühle ſind, darüber iſt ja kein Zweifel, vollſtändig erklärlich, aber ich muß wirklich wünſchen mit der jungen Dame allein——“ Innocenzia aber ſtreckte ihre Hand aus und hielt das Kleid der Tante feſt. „O geh' nicht fort,“ rief ſie, aus ihrer gewohnten Ruhe aufgeſchreckt.„Macht mich lieber todt, als daß Ihr mich hier allein laßt! O, es iſt ſo fürchterlich, hier allein zu ſein! Alle die fremden Geſichter— Alles anders wie zu Hauſe,— und gar kein Fenſter wie in Piſa, wo ich doch auf die Straße ſehen konnte,— und Niccolo kam auch Abends immer herein. O Niccolo, Niccolo!“ rief die Aermſte, und der Schrei aus tiefſter Bruſt drang mächtig in Aller Herzen. Aber ſchon im 95 nächſten Augenblick war ſie wieder beruhigt und ſah mit mattem Lächeln von Einem zum Andern, von dem Gatten zur Tante.„Wenn es Tag iſt und Ihr ſeid bei mir, da iſt Alles gut; aber in der Nacht iſt alles Nebel und Finſterniß, und ich kann niemanden erkennen als Nic⸗ colo, und der iſt ja nicht da.“ „O Innocenzia, mein Liebling,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood,„wenn man mir nur erlauben wollte, auch die Nacht über bei Dir zu bleiben—“ „Niccolo blieb auch nicht über Nacht,“ ſagte die junge Frau, wie träumend ihren Erinnerungen folgend. „Wenn er den Salat gebracht hatte und„elicissima notte“ geſagt, dann ging er immer fort. Ich konnte ſeine Schritte noch die ganze Treppe hinunter hören, aber ich fürchtete mich nicht. Ach, wenn er nur kommen wollte und„Gute Nacht“ ſagen, ich würde glücklicher ſein! Denn manchmal denke ich, ich bin in Piſa, nur iſt das Zimmer ſo klein und das Fenſter ſo hoch,“ ſagte ſie hinaufblickend. Es war für ſie unmöglich, es zu er⸗ reichen. Während ſie den Kopf gewendet hatte, warfen ſich die beiden Advocaten bedeutungsvolle Blicke zu. Dann ſah Dr. Ryder Sir Alexis an, zog ſeine Augenbrauen etwas in die Höhe und machte ſein Notizbuch mit einer Bewegung der Ungeduld zu. 96 „Ich glaube nicht, daß ich Lady Longueville heute noch einmal zu beläſtigen brauche,“ ſagte er. „O bitte, fragen Sie ihn, was er von der Sache hält,“ flüſterte Mrs. Eaſtwood ängſtlich Sir Alexis zu. Aber dieſer ſchüttelte den Kopf; er ſah klar genug, was der kluge Advocat dachte, und es verlangte ihn nicht darnach, dieſe Gedanken in Worte gekleidet zu hören. Er ſelbſt konnte es ſich ja nicht verhehlen, daß In 1o⸗ cenzia's geiſtige Entwickelung einen furchtbaren Rück⸗ ſchritt gemacht hatte, ſeit ſie von der duftigen Terraſſe in Longueville hinweg aus ihrer friedlichen Idylle heraus⸗ geriſſen worden war. Eine eiſige Furcht beſchlich ihn, eine entſetzliche Angſt, daß dieſer fürchterliche Schlag das alles auf immer zerſtört hätte, was zu ſo ſchönen Hoffnungen in der Entwickelung des holden Weſens be⸗ rechtigt hatte, daß fortan ihr Geiſt umnachtet bleiben würde. Bei ſolchen ſelbſtquäleriſchen Gedanken iſt es leicht begreiflich, daß er ſie nicht auch von Andern aus⸗ ſprechen und beſtätigen hören mochte. Er ſchüttelte den Kopf und warf ſich verzweifelnd auf den hölzernen Stuhl, von dem ſich der Advocat erhoben hatte. Das war vielleicht der bitterſte Moment ſeines Lebens. Sie, von der er ſo viel gehofft, ſein Schmuck, ſein Stolz, dieſe einzig ſeltene Menſchenblume, dies ſollte ihr Ende ſein? Sollte ſie freigeſprochen werden— als unzurech⸗ 97 nungsfähig? Und war dies nicht vielleicht doch noch die mildeſte Löſung der Frage? Mrs. Eaſtwood gab ſich glücklicher Weiſe nicht ſolchen Gedanken hin. Ihre Aufgabe beſtand jetzt ledig⸗ lich darin, Innocenzia aufzuheitern, ſie zu veranlaſſen, nicht über das Kommende zu grübeln. Sie ſetzte ſich neben ſie auf das Bett und erzählte ihr von Allem, was ihr nur Vergnügen machen konnte. Sie ſchilderte ihre Wohnung, die ihrem Fenſter gerade gegenüber ſei. Sie war ſogar heiter und ſagte:„Wenn Du uns auch nicht ſehen kannſt, mein Liebling, Relly und ich wir ſehen doch immer nach Deinem Fenſter und denken immer an Dich. Eins von uns iſt immer bei Dir, Innocenzia. Iſt Dir das ein kleiner Troſt? Wir ſagen Dir alle Abend in unſerm Herzen„Gute Nacht,“ wenn Du's auch nicht hören kannſt. Nelly hat neulich die halbe Nacht aufgeſeſſen und hat nach Deinem Fenſter geſchaut. Wie Schade, daß es ſo hoch iſt! Wenn Du auf die Straße hinüber zu uns ſehen könnteſt, wäre es beſſer, Du fühlteſt Dich dann wie zu Hauſe. Aber wenn Du beteſt, Innocenzia, dann, glaube mir, dann ſind wir ganz nahe bei Dir, denn beſtändig beten wir zu Gott, mein Liebling, daß Er uns helfen möge.“ Hier brach der guten Frau die Stimme in Thränen. „Ja,“ ſagte Innocenzia, vergnügt wie ein Kind. Hliphant, Innocenzia. IV Le 98 „Das will ich thun. Beten iſt etwas ſehr Gutes, aber ich wollte, ich könnte hinüber gehen in die Spina wie ſonſt. Die Kapelle bei Miß Vane gefällt mir auch, aber der Dom iſt zu groß. Wie ſonderbar,“ fuhr ſie lächelnd fort,„ich kann es gar nicht aus dem Kopfe bringen, als fließe der Arno hier vorbei und die Kirche della Spina wäre dicht daneben. Wahrſcheinlich kommt das daher, weil ich hier nicht aus dem Fenſter ſehen kann.“ „Gewiß, Liebchen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, indem ſie ſie küßte,„aber natürlich weißt Du, daß Deine ita⸗ lieniſche Kirche nicht hier iſt.“ „O ja, und manchmal denke ich, es müſſe Longue⸗ ville ſein, wo die hohen Bäume den breiten Schatten werfen— es iſt ſo eigen, wenn man nicht ſehen kannz aber ich denke nie: ich bin zu Hauſe. Ich fühle mich nicht ſo, als ob ich zu Hauſe wäre.“ „Hören Sie,“ flüſterte die Tante Sir Alexis ins Ohr.„Sie iſt ſo vernünftig, wie nur irgend Jemand es ſein kann, nur aufgeregt iſt unſer armer Liebling, wie das auch ganz natürlich iſt. Sie hat den Niccolo ſo gern gehabt, das arme Ding. Und es muß ſonderbar ſein, wenn man nicht aus dem Fenſter ſehen kann. Sie iſt aber ganz bei Sinnen.“ Longueville ſchüttelte zwar den Kopf, aber es war ihm doch tröſtlich, das zu hören. Ich glaube, im All⸗ gemeinen war es für die arme Gefangene beſſer, wenn er fort ging; denn wenn er auch ſein ängſtliches Ueber⸗ wachen aller ihrer Worte und Bewegungen zu verbergen ſtrebte, ſo fühlte ſie doch inſtinctiv, daß das frühere un⸗ bedingte Vertrauen durch ein ihr unbegreifliches Etwas geſtört war. Sie fühlte ſeine Zweifel— ohne ſich darüber ſelbſt klar zu ſein. Nur wenn ſie ſich im vollen Beſitz der Theilnahme ihrer Umgebung wußte, eine Ge⸗ wißheit, die ſie auch nur aus äußeren Dingen ſchöpfte, nicht aus innerer Ueberzeugung gewann, verlor ihr Blick jenen Schmerzensausdruck. Sie konnte ſogar lächeln mit dem ſüßen, kindlichen Lächeln beſſerer Tage, wenn ſie mit der Tante allein war und plauderte,— ach, und oft von ſo ganz anderen Dingen, als ſie gewöhn⸗ lich die Gefängnißwände hören, von allerhand Scherzen und Kleinigkeiten, wie ſie nur ein kindliches Herz er⸗ freuen können. Die beiden Advocaten blieben noch in Sterrington Es war das die nächſte Stadt bei Sterborne, wo der Gerichtshof ſich befand) und hielten eine lange, ſehr ernſte Berathung mit Innoeenzia's Freunden in deren kleinem Wohnzimmer gegenüber dem Gefängniß. Es galt eine wichtige Frage zu entſcheiden: ob man nämlich, da die Aſſiſen ſchon in drei Wochen eröffnet wurden, 7* — 100 Innocenzia's Sache verſchieben ſolle, um mehr Zeit und mehr Zeugen in ihrem Intereſſe zu gewinnen, beſonders auch Gelegenheit zu haben, den Arzt zurückzurufen, der nach Amanda's Tod Sterborne verlaſſen und der doch ein ſo wichtiges Zeugniß für ſie in den Händen hatte, oder ob man die Sache gleich vor die Aſſiſen bringen ſolle, auf die ſich die kleine Stadt Sterrington ſchon in jeder Weiſe vorbereitete, da es galt, einem ſo intereſ⸗ ſanten Verhör beizuwohnen, einem Roman aus dem wirklichen Leben, der die Augen der ganzen Welt auf ſich zog, wie die guten Leute meinten. Die Advocaten waren beide mehr dafür, die Sache zu verſchieben, aber die Familie drang auf raſche Entſcheidung, einestheils weil ſie gar nicht an die Möglichkeit eines ſchlimmen Ausgangs glaubte, ſobald die Sache einmal zur Sprache gekommen wäre, anderntheils aus Beſorgniß für Inno⸗ cenzia, die dem Druck der Einſamkeit und der Ungewiß⸗ heit ſonſt ſicher erliegen müſſe.„Das Kind ſtirbt,“ ſagte Mrs. Eaſtwood. Sir Alexis erklärte ſeine eigenen Befürchtungen nicht näher, aber ſie waren noch viel troſtloſer. Mochte ſie am Leben bleiben oder ſterben, er war feſt davon überzeugt, daß, noch ehe die drei Wochen vorüber, ſie dem Wahnſinn anheimgefallen ſein werde, und wenn nun vollends aus drei Wochen Haft drei Monate werden ſollten, dann blieb keine Hoffnung mehr 101 für ſie und ihn.„Das Verhör muß ſo bald als möglich vorgenommen werden,“ ſagte er mit einem Eigenſinn und einer Beharrlichkeit, die ſein Sachwalter, der ihn durch⸗ aus zu kennen meinte, nicht begreifen konnte. Im Ganzen waren die beiden Rechtsgelehrten durchaus nicht ſehr er⸗ baut von den unglücklichen„Verwandten.“ In der That ſind die Verwandten entweder zu vertrauensſelig oder zu furchtſam, oder ſie beharren, wie in dieſem Falle, ziemlich unlogiſch auf der Schuldloſigkeit der Angeklagten. Aber vor Allem verdroß die beiden Männer des Rechts der Eigenſinn, mit welchem Alle darauf beſtanden, den kür⸗ zeſten Zeitpunkt zur Erledigung der ſchrecklichen Ange⸗ legenheit zu wählen. „Man ſollte dieſe Anordnung eigentlich ganz allein unſern Händen überlaſſen,“ ſagte Pr. Ryder, der, wie allgemein bekannt, ein heftiges Temperament hatte.„Der Arzt von Sterborne iſt der einzige Zeuge, der für uns von höchſter Wichtigkeit werden kann, und wie iſt es möglich, dieſen in ſo kurzer Zeit hierher zu ſchaffen?“ „Aber wenn ich Ihnen ſage,“ rief Mrs. Eaſtwood, „daß ich dort geweſen bin,— daß kein Menſch an irgend ſo etwas nur dachte,— daß ich ihn ſelbſt geſprochen habe, daß es eine Täuſchung war——“ „Was war eine Täuſchung?“ frug der Advocat ſcharf.„Hat Lady Longueville die Tropfen eingegeben oder nicht? Täuſcht ſie ſich mit dem Opium, oder darüber daß ſie Mrs. Frederick getödtet hat? Wenn es That⸗ ſache iſt, daß ſie die Tropfen gegeben hat, ſo würde der Ausſpruch des Arztes von höchſter Bedeutung ſein. Wir müſſen dieſe beiden Punkte im Auge behalten. Liegt außer ihrem Bekenntniß irgend ein Beweis vor, daß ſie die Tropfen wirklich gegeben hat?“ Mrs. Eaſtwood blickte raſch und ſchwerathmend auf. Sie ſah um ſich, aber aus den Geſichtern der ſie um⸗ gebenden Männer ſchöpfte ſie kein Vertrauen, und die Furcht verſiegelte ihre Lippen. „Es exiſtirt kein Beweis, ſo viel mir bekannt iſt ſtammelte ſie und hielt den forſchenden Blick des Advo⸗ caten muthig aus. Sir Alexis war zu ſehr in düſteres Sinnen verloren, als daß er dieſem kleinen Zwiſchenfall viel Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte. Vane aber hatte von dem Fläſchchen nie etwas gehört. Die Mutter zog ſich bald darauf zuruͤck, ſie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen und ging in das Zimmer, wo Nelly mit zärtlichem Aberglauben nach Innocenzia's Fenſter blickte und in⸗ brünſtig ihrer dachte. Sie ſank auf die Schulter ihrer Tochter und weinte und ſchluchzte bitterlich. O weshalb hatte ſie geduldet, daß Frederick die kleine Flaſche zerſtört hatte! Wie ſollte ſie das nun erklären? Ihn durfte ſie durchaus nicht mit hinein bringen, denn ſein Zeugniß 103 für Innocenzia würde dieſelbe ſogar noch ſchwerer be⸗ laſten, da man ihn ja ohnehin für die Urſache der That hielt. Sagte ſie nun aus, daß er den einzigen greif⸗ baren Beweis, der über das Geſchehene Licht verbreiten konnte, zerſtört hatte, mußte man ihn dann nicht als 1 Mitwiſſer verdammen? Aber mit jenem thörichten Ver⸗ trauen auf Wahrſcheinlichkeit, welches Frauen ſo oft haben, tröſtete ſie ſich damit, daß von dem Fläſchchen nicht mehr die Rede ſein werde, wenn ſie ſelbſt es nicht mehr er⸗ wähne. Daher vermied ſie auch ſeitdem ängſtlich mit den Advocaten allein zu ſein. Sie ſollte ja, die gute Seele, eine der Hauptzeuginnen für Innocenzia werden, und in manchem heißen, brünſtigen Gebete flehte die arme Frau zu Gott, daß er ihr den rechten Weg zeige, ihr Kind zu retten, und die Frager von dem einen Punkte fern halte, über den ſie um des andern Kindes willen ſchweigen wollte, ſchweigen mußte. Ihr ſchien es leichter, an ein Wunder der Erlöſung zu glauben, als die Wahr⸗ heit einzugeſtehen. Es würde unmöglich ſein, den Wechſel von Furcht und Hoffnung zu ſchildern, der in der nun folgenden Zeit in den Seelen der unglücklichen Familie vorging. Sie bewohnten nach wie vor ihre kleinen Zimmer, dem Gefängniß gegenüber. Am Tage durften ſie mit der armen Innocenzia zuſammen ſein, und dann heuchelten 104 die Mutter und Nelly einen Frohſinn, der ihnen ganz ferne lag. Aber die langen Abende, wenn ſie fern von der armen Gefangenen ſein mußten, waren quälend und aufregend wie ein immer wiederkehrendes Fieber. Bisweilen ſchien es ihnen rein unmöglich, daß ein Menſch an ſolchen Wahnſinn glauben könne, daß Innocenzia ſchuldig ſei, dann aber wieder häuften ſich die Beweiſe, und ihre Seelen wurden zaghaft und muthlos. Die Liebe des armen Kindes zu ihrem Vetter, eine Liebe, an die ſie ſelbſt geglaubt hatten, von deren wahrem Charakter aber ſie ſich ſeither genugſam überzeugt hatten; ihre offen bekannte Abneigung gegen Amanda; die ſelt⸗ ſame Nachtwache bei der Kranken, die zwar ganz zufällig herbeigeführt worden war, aber doch ſo leicht den Anſchein eines wohlüberlegten Planes gewinnen konnte; ihre plötz⸗ liche und unerklärliche Flucht; ihr Geſtändniß— dies Alles bildete eine Kette von Beweiſen, die ſich ſchwer laſtend auf ihre Herzen legte und die armen Frauen faſt zur Verzweiflung brachte. Und alle dieſe Für und Wider, alle dieſe entſetzlichen Einzelheiten füllten die Zeitungen und wurden von aller Welt beſprochen. Man hatte die nöthigen Vorbereitungen, auf die ich nicht näher eingehen will, vorgenommen; die Unterſuchung von Amanda's Leiche hatte ſtattgefunden, noch ehe Innocenzia verhaftet worden war. Die letzte 105 Ruhe der armen Ruheloſen war geſtört worden, obgleich mit wenig oder gar keinem Erfolg, denn von Gift hatte ſich keine Spurmehr vorgefunden. Aber die Anklage war in ſo energiſcher Weiſe erfolgt, daß das Gericht augenblicklich die Verhaftung der Beſchuldigten hatte bewirken laſſen. Alles was das Publikum zu Gunſten der Angeklagten wußte, beſtand theils in Vermuthungen, theils in unbe⸗ gründeten Reden, während die Thatſachen auf der andern Seite ſehr klar und deutlich vorlagen. Etwas ſehr ent⸗ ſchieden Mißliches enthielt der Umſtand, der auch Alle erſchreckte, die davon hörten, daß nämlich, während Inno⸗ cenzia's Freunde nur erzählen konnten, was nach der That geſchehen, ein widriges Geſchick die Kenntniß von dem, wie es gekommen, alſo die einzigen Entlaſtungs⸗ beweiſe, in die Hände ihrer Feinde gelegt hatte. Einen einzigen Zeugen gab es, der nicht ihr Feind war, aber leider kam ſein Zeugniß gar nicht in Betracht. Frederick wurde von dem großen Publikum ſehr mißliebig ange⸗ ſehen, und ſein Zeugniß würde von vorn herein ver⸗ worfen worden ſein, da man hierin nur den Verſuch geſehen hätte, das unglückliche Geſchöpf zu retten, das um ſeinetwillen das Leben verwirkt hatte. Es macht ſtets einen widerlichen Eindruck, einen Mann zu ſehen, um den zwei Frauen kämpfen. Die Männer verachten, die Frauen haſſen ihn. Daher war die Stimmung 106 mächtig gegen Frederick, ſodaß von ſeiner Zeugenausſage gar nicht die Rede ſein durfte. In den fürchterlichen Händen Batty's, der Tante, der Dienſtboten lag ſomit Innocenzia's Leben und Tod, und der Gedanke mußte das muthigſte Herz erbeben machen. Plantagenet Eaſtwood, der brave Menſch, war augenblicklich abgereiſt, um den Arzt herbeizuſchaffen, deſſen Zeugniß, wie man glaubte, von ſo großer Wichtig⸗ keit war. Unglücklicherweiſe war dieſer aber nicht blos, wie Frederick vermuthet hatte, zu einer Verſammlung von Aerzten ins Ausland gereiſt, ſondern er hatte ſich einer wiſſenſchaftlichen Expedition angeſchloſſen, die nach irgend einem entfernten Winkel Europas ausgeſandt worden war. Man hoffte indeſſen, es würde dem muthigen Jungen glücken, ihn noch zu rechter Zeit an Ort und Stelle zu bringen. Und ſo gingen die Tage hin, die ſchrecklichen, angſtvollen Tage, und zwar ſchnell genug in den Be⸗ mühungen, Sorgen und Aengſten um die arme, junge Gefangene. Die Familie lebte faſt im Gefängniſſe ſelbſt, ſo oft gingen und kamen ſie, und ihre Zärtlichkeit und rührende Anhänglichkeit für die Angeklagte erweckte in vielen Herzen das innigſte Mitgefühl mit ihr und ihnen. Die Zeitungen ergingen ſich ſogar in aller Breite über dies ergreifende Beiſpiel von der Treue der Familie und ihren herzzerreißenden Leiden. Was dieſe aber ge⸗ 4 107 radezu unerträglich machte, war, daß Batty, der mit wüthender Rachgier und wahrhaft teufliſcher Freude ſeinen Plan verfolgte, Innocenzia's Freunde, wie ich ſchon er⸗ wähnt habe, geradezu zwang, die thörichte Liebe Inno⸗ cenzia's zu Frederick, die wilden Ausbrüche ihrer Abnei⸗ gung gegen Amanda, ihre wahnſinnige Selbſtanklage zu beſtätigen. Und um den Kelch noch bis an den Rand mit Bitterkeit zu füllen, wurde der jüngſtgewählte Richter, der berühmte Mr. Molyneux, auserkoren, die Gerichts⸗ verhandlungen zu leiten. Achtes Kapitel. Das verhör. Das Verhör der Lady Longueville wegen vorſätzlichen Mordes, begangen an Amanda Eaſtwood, wurde am zweiten April eröffnet. War die Sache ſchon an ſich intereſſant und aufregend, ſo war das hier um ſo mehr der Fall, als einmal die Eaſtwoods einen in der Gegend ſehr bekannten Namen trugen, und andrerſeits Miß Vane zu den Sonderbarkeiten von Sterborne gehörte. Die Meinungen über dieſe Dame waren in Sterborne ſehr getheilt. Die ſtreng kirchliche Richtung, die ſie ihrer Schule aufgeprägt, und ihr bekannter Stolz hatten Viele gegen ſie eingenommen. Andere wieder rühmten ihren Wohlthätigkeitsſinn und die Opferfreudig⸗ keit, die ſie bei allen ihren Unternehmungen gezeigt hatte. Aber es gab auch wieder Neider, die es der Herrin der „Villa Vane“ von Herzen gönnten, daß ihre Nichte oder — 109 Couſine im Gefängniß ſitzen mußte. Viele kamen wegen der Eaſtwoods hin, Andere wegen der Vanes, und da Sterrington nicht weit von Sterborne entfernt iſt, ſo war die ganze Gegend in Alarm gekommen und Alles war herbeigeſtrömt, was nur kommen konnte. Auch war Batty's Tochter ebenſo wol wegen ihrer Schönheit und Launenhaftigkeit als wegen ihrer Heirath eine zu bekannte und vielbeſprochene Perſönlichkeit geweſen, als daß nicht auch um ihretwillen Viele gekommen wären. So hatte ſich denn zu der gewöhnlichen Anziehungskraft, die ein öffentliches Verhör auf die Gemüther ausübt, noch der Reiz des Romantiſchen geſellt. Dunkle Geſchichten circulirten von Liebe und Eiferſucht, die jetzt alle, wie die Menge hoffte, enthüllt werden würden. Der Gerichtsſaal war überfüllt. Es hatte ſich eine ſo hochanſehnliche Ver⸗ ſammlung eingefunden, als ob die Tietjens oder die Patti ſingen oder die Königin ſelbſt zum Beſuch in Sterrington eintreffen ſollte, und der Eifer, einen guten Platz zu erlangen, war faſt größer als bei ähnlichen Anläſſen, da es hier galt, einer wirklichen Tragödie bei⸗ zuwohnen, die ſchon im Voraus in den guten Leuten die lebhafteſten Empfindungen der Theilnahme, des Grauſens und der Furcht erweckte. So überfüllt war der Rathhausſaal ſeit dem frühen Morgen, daß der Richter ſelbſt ſich nur mühſam ſeinen Weg durch dieſes Chaos von Menſchen bahnen konnte. Während der letzten Woche hatte es geheißen, daß an Stelle des alten Molyneux Mr. Waterhouſe, ſein College im Richteramte, die Verhandlungen leiten würde, aber Sir Waterhonſe wurde ein paar Tage vorher krank, und ſo war kein Ausweg mehr für den Andern, deſſen ſonſt ſo joviales Geſicht jetzt finſter und unbehaglich drein blickte. Als Innocenzia, der Hauptgegenſtand des Intereſſes, erſchien, entſtand eine ſolche Bewegung in dem überfüll⸗ ten Saale, daß es wie Meeresrauſchen klang und auch wie dieſes ſich nur langſam wieder legte. Sie trat ſehr ruhig ein; in den großen Augen lag Staunen und Trauer, aber keine Angſt. Sie trat den Blicken ſo Vieler nicht furchtſam gegenüber. Weshalb ſollte ſie auch zurückbeben? Nur ein leiſes Roth färbte für einen Augenblick ihre blaſſen Wangen, und ein ängſtlicher Ausdruck zeigte ſich in ihren Augen, die eben noch ſo ruhig geblickt hatten. Die ganze Scene befremdete ſie, da ſie nicht wußte, was mit ihr geſchehen ſollte; aber die Leute ſelbſt und ihre auf ſie gerichteten Blicke beunruhigten ſie nicht, denn Innocenzia war nicht ſchüchtern. Sie trug daſſelbe Kleid von weißem Kaſchmir, welches ſie an dem Tage getragen hatte, da ſie verhaftet worden war, der blaue Sammt⸗ mantel umhüllte ihre Schultern. Ein ganz helles, duf⸗ 111 tiges Hütchen, das faſt wie ein Brautſchleier um den ſchönen Kopf gewunden war,— die Erfindung einer phantaſievollen Putzmacherin, um die ſeltene Schönheit der jungen Frau noch mehr zu heben,— bedeckte ihr ſchönes Haar. Ueber dieſen Anzug hatte man in der Familie vielfach hin und her geſtritten. Mrs. Eaſtwood hatte gewünſcht, Innocenzia ſolle ſich in Schwarz kleiden, um weniger aufzufallen, aber die junge Frau hatte faſt eigen⸗ ſinnig darauf beſtanden, in dieſen bräutlichen Gewändern zu erſcheinen. Nelly ſaß ſo dicht bei ihr, als es nur geſtattet war; Innocenzia hätte ſie mit der Hand erreichen können und fühlte die Nähe einer Freundin als einen gewiſſen Troſt. Sir Alexis war auf ihrer andern Seite. So war das arme Kind dicht umgeben von denen, die ſie liebten, und doch ſtand vielleicht noch nie ein junges Weſen vor dieſen Schranken, das von der eigentlichen, entſetzlichen Wichtigkeit und Gefahr ihrer Lage ſo wenig berührt worden wäre. Sie glaubte ſich ſchuldig, aber ihr Gemüth wurde durch das Bewußtſein der Schuld nicht niedergedrückt. Sie hegte wol eine unklare Vor⸗ ſtellung, als ob etwas Schreckliches mit ihr hier geſchehen könnte; aber ſie hatte es nie verſtanden, über die Zukunft nachzudenken, und deshalb war unter allen Betheiligten Innocenzia ſelbſt vielleicht die am wenigſten Aufgeregte. Sie konnte ja auch gar nichts thun, ſie war in den 112 Händen der Menſchen, die ſie wogengleich umringten, unter Geſichtern, die ſie nicht kannte, die ſie alle anblick⸗ ten, manche mitleidig, andere ſogar mit Thränen, nur wenige finſter. Als die Geſchworenen hereintraten, von denen, wie man ihr geſagt hatte, ihr Geſchick abhing, da ſchien ihr keiner„böſe“ zu ſein, wie ſie meinte, und auf dem Präſidentenſtuhle ſaß ja Einer, deſſen Ge⸗ ſicht ihr bekannt vorkam und der nicht furchtbar, ja nicht einmal ſtreng auf ſie niederblickte. Und ihr Gatte und Nelly waren ja ſo dicht bei ihr, was ſollte ſie da fürchten? Nelly empfand die Schande dieſer öffentlichen Schauſtellung viel peinlicher, ebenſo Miß Vane, die ſich zwar alle Mühe gab, in dieſer Prüfung einen Läuterungsproceß für ihre Seele zu erblicken, aber doch immer und immer wieder vor ſich hin ſtöhnte:„Eine Vane, eine aus unſerer hoch⸗ achtbaren Familie!“ Die Demüthigung war faſt zu groß für dies ſtolze Herz. Innocenzia dagegen empfand ſie nicht. Allmählich gewöhnte ſie ſich auch an die vielen Geſichter ringsum und ließ ihre Augen voll und groß mit einem rührenden Flehen über ſie hingleiten. Wann endlich würden doch alle dieſe fremden Menſchen ſich dazu entſchließen, ihr zu ſagen, was ſie ihr thun wollten, und wann würde ſie endlich wieder nach Hauſe zurückgehen dürfen? Ehe ich aber dieſen Abſchnitt meiner Erzählung be⸗ 113 ginne, muß ich dem Leſer bekennen, daß ich in Criminal⸗ proceſſen nicht bewandert bin, und Jedermann weiß, wie verwirrt die Berichte ſind, die die dabei Betheiligten dem Geſchichtsſchreiber geben. Unter ſolchen mißlichen Ver⸗ hältniſſen muß ich an die Schilderung dieſer Scene gehen, welche doch die wichtigſte in der Geſchichte der armen Innocenzia iſt, und hoffe, der freundliche Leſer wird et⸗ waige Mängel entſchuldigen. Es war zuerſt eine ernſtliche Anſtrengung aller Freunde Innocenzia's erforderlich geweſen, ſie zu bewegen, das„Nichtſchuldig“ öffentlich auszuſprechen. Man hatte ihr Sträuben vorhergeſehen und deshalb ihr in Voraus verſichert, daß ſie dieſen Ausſpruch nur der Form wegen zu thun habe, daß er vollkommen die Wahrheit enthalte und daß ſie hierin ihnen unbedingt gehorchen müſſe. Ein erleichternder Athemzug hob die Bruſt der Freunde, als dieſe erſte Gefahr glücklich beſeitigt war, und als ſie mit ihrer klaren Kinderſtimme auf die Frage:„Wie heißen Sie?“ mit rührender Einfachheit erwiederte: „Ich bin Innocenzia,“ da lief ein Murmeln tiefer Theilnahme durch die Menge. Sie hatte einen jener oft unerklärlichen, aber mächtigen Momente hervorgerufen, in denen die öffentliche Meinung jedes gegneriſche Argu⸗ ment niederwirft. Es mußte eine Pauſe eintreten, damit ſich erſt die ſtürmiſchen Wogen des Gefühls der Ver⸗ Oliphant, Innocenzia. IW. — 114 ſammlung legen und man zum Zeugenverhör ſchreiten konnte. Ach, Nelly's Herz hob ſich ſchon in thörichtem Hoffen, und ihre ängſtlichen Augen blickten für den Moment muthiger auf die vielen fremden Geſichter. Die Mutter durfte nicht bei ihr ſein, da ſie als Zeugin auf⸗ treten ſollte, nur die alte Alice ſaß dicht bei ihrer jungen Herrin, das Herz voll Sorge um das ihr ſo theuer ge⸗ wordene fremde Kind. Die erſte Zeugin, die vorgerufen wurde, war das „Tantchen“. Sie erſchien in dem Saale in tiefe Trauer gekleidet und mit dem Ausdrucke eines nur mühſam ver⸗ hehlten Triumphes in ihren Zügen; man ſah es ihr faſt an, daß ſie ſich freute, das Leben eines Menſchen in ihrer Gewalt zu haben. Im Grunde war ſie ein gutherziges Weſen, und unter andern Umſtänden würde ſie über Innocenzia's Geſchick bittere Thränen vergoſſen haben; aber jetzt konnte ſie ſich kaum enthalten, das Hochgefühl zu verrathen, das ſie erfüllte. Sie hielt ja, ſo zu ſagen, das Wohl und Wehe jener„hochnaſigen“ Eaſtwoods in ihren Händen, ſie konnte das Glück der Familie, die ihrer Amanda ſo unfreundlich, ihr ſelbſt ſo rückſichtslos begegnet war, mit einem Schlage ver⸗ nichten. Sie hatte ſich zu ihrem Feldzuge gegen den Feind mit einem gewaltigen weißen Taſchentuche und einer großen rothen Riechflaſche aus Amanpa's Nachlaß 115 bewaffnet und gab auf Verlangen einen Bericht über den Tod ihrer Nichte mit ziemlicher Klarheit in allen Einzel⸗ heiten. Sie erzählte von Innocenzia's unvermutheter Ankunft, von Amanda's plötzlichem Entſchluſſe, die Cou⸗ ſine in ihrer Nähe behalten zu wollen; von der Scene, die vor Tiſche geſpielt hatte. Sie hatte vielleicht nicht die Abſicht, etwas Unwahres zu ſagen, aber unwillkürlich gab ſie der ganzen Sache eine Färbung, die Innocenzia's Betragen in dem Krankenzimmer als ein feindſeliges und böswilliges erſcheinen ließ. „War Mrs. Eaſtwood ſo ganz außer aller Gefahr hinſichtlich ihrer Geſundheit, daß Sie ſie der Aufſicht eines ſo jungen Mädchens überlaſſen durften?“ frug der Ankläger. „Lieber Himmel, ſie war ja in gar keiner Gefahr,“ ſagte Tantchen.„Sie war grade ſo, wie ſie ſchon oft ge⸗ weſen.“ „Und die junge Dame kam, weil ſie von ihrer Krankheit gehört hatte, um ſie zu pflegen?“ „Mrs. Frederick faßte es nicht ſo auf; ſie brauchte auch keine Wärterin; ſie ließ die junge Dame nur des⸗ halb bei ſich bleiben, um ſie von Mr. Eaſtwood fern zu halten, der immer gern den hübſchen Damen nachging. Das iſt die Wahrheit und ſollte ich dafür ſterben müſſen! Die Harme Frau und viele Andere wußten 8* 116 recht gut, daß die Angeklagte Mr. Frederick viel lieber hatte, als es bei Verwandten gewöhnlich iſt—“ „Ich muß den Gerichtshof daran erinnern,“ ſagte Dr. Ryder,„daß hier ein durchaus neues Element ein⸗ geführt wird, welches von durchaus keinem Belang ſein kann.“ „Wenn mein gelehrter Herr College einen Augenblick warten will, wird er bald anderer Meinung ſein,“ entgegnete der Andere.„Man muß mir geſtatten, meine Zeugen auf meine Art zu examiniren. Ich bin überzeugt, daß Sie ihnen im Kreuzverhör noch unbehagliche Minuten genug be⸗ reiten werden.— Alſo die Verſtorbene hatte einen trif⸗ tigen Grund dafür, die Angeklagte bei ſich zu be⸗ halten?“ „So triftig wie nur einer ſein kann. Sie wußte, daß ihr Mann dem Mädchen den Hof machte. Ich habe es ſelbſt geſehen. Sie klopfte und pochte immer, damit ſie vom Eſſen zu ihr hinaufkommen ſollten. Aber die Beiden gingen in den Garten. Da wurde meine arme Manda böſe. Und wer hätte das nicht werden ſollen! Da liegt ſie krank, kann ſich nicht rühren und weiß, daß ihr Mann mit einem verliebten jungen Mädchen herumgeht.“ „Man muß zugeben, daß die Lage der jungen Frau eine ſehr unangenehme war. Als die Angeklagte 117 endlich zurückgerufen wurde, zeigte ſie da ihren Verdruß deutlich? Weigerte ſie ſich zu kommen?“ „Man konnte nie recht aus ihr klug werden,“ ſagte die Zeugin.„Sie hat aber jedenfalls etwas gethan oder geſagt, wodurch die arme Manda beſchwichtigt wurde. Ich wurde fortgeſchickt, mein Herr, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, und die junge Dame nahm das Buch, in dem ich geleſen, und las meiner Manda vor, bis ſie einſchlief.“ Dann folgte eine Schilderung der nächſten zwei Stunden, der die Verſammlung mit geſpannteſtem Inte⸗ reſſe folgte. Die Tante war nicht beredt, aber ſie hatte eine einfache, fließende Erzählungsweiſe, und hier trug ihr Bericht das Gepräge der Wahrheit eines Augen⸗ zeugen. Sie ſchilderte das Schweigen, welches ſich all⸗ mählich über das Gemach gelagert habe,— wie die Kranke eingeſchlafen ſei, nicht gleich, ſondern nach wiederholtem Erwachen, wenn das Vorleſen aufhörte, wie endlich Alles ſtill geworden ſei, wie ſie ſelbſt, die auf dem Vorſaal gelauſcht und hineingeblickt habe, die Kranke ſchlafend, die Angeklagte aber an dem Bette in wirklichem oder vorgeblichem Schlafe, den Kopf auf der Bruſt, das Buch in dem Schooß, geſehen und darauf die Thüre leiſe wieder geſchloſſen habe. Das Schweigen habe, ſo weit ſie darüber urtheilen könne, über ein ——— und eine halbe Stunde gewährt, da hätten laute Stim⸗ men aus dem Krankenzimmer ſie ſelbſt aus einem kurzen Schlummer aufgeſchreckt.„Ich befürchtete Nichts,“ ſagte die Tante,„denn ſie wachte oft ſo aufgeregt auf, die arme Frau. Ich hörte auch die Stimme der jungen Dame, ſodaß ich wußte, daß ſie wach und zur Hand war, und Mrs. Frederick weinte und ſchrie immer fort nach Etwas. Ich war aber gar nicht ängſtlich, auch jetzt noch nicht; das war ſo ihre Art; wenn man ihr nicht gleich gab, was ſie wollte, konnte ſie wüthend werden. Es war ihr auch nie etwas in den Weg ge⸗ legt worden. Im Hauſe war Alles ſtill. Alles war zu Bett; die Glocke am Dom ſchlug Elf; da hörte ich Manda nach ihren Tropfen rufen. Ich konnte nichts weiter verſtehen. Ich hörte ein Raſcheln, ein Bewegen, und dann plötzlich war Alles ſtill. Auch jetzt hatte ich noch keine Furcht, denn das war ſchon manchmal ge⸗ ſchehen. Ich wartete und wartete, lauſchte und lauſchte; zuerſt glaubte ich, ſie wäre wieder eingeſchlafen, und war froh darüber und dachte: nun wird ſie gut ſchlafen und der ſchlimmſte Theil der Nacht iſt überſtanden.“ „Was geſchah, um in Ihnen den Verdacht zu er⸗ wecken, daß etwas paſſirt ſei?“ frug der Anwalt, als die Zeugin eine Pauſe machte. „O mein Herr, Nichts was ich mit Worten ſagen 119 könnte,“ rief ſie.„Es überſchlich mich nur mit einem Male ſo eiſig kalt, ich wußte nicht, was es war. Ich fühlte es, aber ich wagte nichts zu ſagen, bis Mary, unſre Köchin, die Treppe herunter voller Angſt zu mir kam und fragte, es wäre wol etwas geſchehen. Da fiel mir plötzlich die Stille im Krankenzimmer ſchwer auf's Herz, unſre arme Manda hatte öfters Ohnmachts⸗ anfülle, und der Doctor hatte uns davor gewarnt. Ich ſtürzte hinein, und da lag mein armer, ſchöner Liebling mit offnem Mund und Augen, und— o Gott— in meinem Leben werde ich dieſe Nacht nicht vergeſſen!“ Die Zeugin verbarg ihr Geſicht in das Taſchentuch. Der Ausbruch ihres Gefühls war vollkommen natürlich und rührte deshalb die Verſammlung auf das Leb⸗ hafteſte. „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte der Advocat milde. „Nehmen Sie ſich Zeit, faſſen Sie ſich, man will nicht, daß Sie ſich übereilen. Wie verhielt ſich die Angeklagte während dieſes traurigen Ereigniſſes?“ „Ich hatte keine Zeit an ſie zu denken,“ ſchluchzte Tantchen.„Sie ſtand herum, das iſt Alles was ich weiß, während Mary die andern Dienſtboten zu Hülfe rief, und wir Alles verſuchten, um unſere Manda wieder zum Leben zu bringen. Ich kann Ihnen auch nicht ſagen, wie lange es währte, bis ich mich überzeugte, daß 120 alle Mühe vergebens war. Mir ſchienen es Stunden zu ſein. Die Angeklagte ſtand immer im Wege und bot ihre Hülfe gar nicht an. Ich dächte, ſie hätte mich ge⸗ fragt, was denn geſchehen wäre, aber ich kann's nicht beſchwören. Das Einzige, was ich beſchwören kann, iſt, daß ich ſie heimlich aus dem Zimmer ſchleichen ſah, als Niemand ſie beobachtete. Ich dachte, ſie wollte Jemand rufen. An ein Fortlaufen dachte ich nicht.“ „Und das war das Letzte, was Sie von ihr geſehen haben? Sie wartete nicht, bis Mr. Eaſtwood kam? Sie gab keine Erklärung, bot ihre Hülfe nicht an?“ „Nicht die Idee, mein Herr, ſo wahr ich hier ſtehe. Sie verſchwand wie ein Geiſt. Mary, die Köchin, ſah ſie an der Thüre ſtehen im Mondſcheine und ſagte“— „Darf ich fragen, ob Mary, die Köchin, auch als Zeugin erſcheinen wird?“ frug Dr. Ryder. „Ganz gewiß, und ſogar als höchſt wichtige Zeugin. Wir wollen deshalb von Mary ſelbſt hören, was ſie ſah. Unterdeſſen ſahen Sie doch, wie ich vermuthe,— daß man ihr Opium gegeben hatte?“ „Erſt lange nachher ſah ich das,“ ſagte die Tante etwas verlegen.„Ein Glas lag auf dem Bette, das ihr aus der armen, lieben Hand gefallen war, und ein oder zwei Tropfen dunkles Zeug fanden ſich auf der Decke.“ 121 5 „Waren die Tropfen gewöhnlich ſo dunkel?“ „Nicht wenn man ſie gab, wie es ſein ſollte. Das Waſſer durfte nur leicht gefärbt werden—“ „Sie haben dieſen Umſtänden damals nur geringes Gewicht beigelegt, wie kam das? Die Verſtorbene war, wie Sie uns vorhin ſagten, nicht gefährlich krank?“ „Sie litt an Ohnmachtsanfällen. Von Jugend auf war das der Fall, und die Doctors ſagten oft, ſie könnte mal ganz wegbleiven, wenn wir nicht vorſichtig wären. Wir durften ſie daher nicht ärgern. Das ging auch ganz gut, ſo lange ſie bei uns zu Hauſe war, aber ſo⸗ bald eine junge Dame heirathet, da wird's anders. Ich hatte mich ſchon ſo oft über die Ohnmachten geängſtigt, — daß ich am Ende an nichts anders mehr denken konnte, — das iſt's, weshalb ich nicht gleich Verdacht ſchöpfte. Hätte ich mein Bischen Verſtand bei mir gehabt, ſo würde ich's in der Minute geſehen haben; aber ſehen Sie, ſo dachte ich nur an das, was mir die Doctors immer geſagt hatten, und daß ſie vorher ſo aufgeregt und böſe geweſen war,— und das Andere kam mir * nicht in den Sinn; obgleich, wenn ich meinen Verſtand zu⸗ ſammen gehabt hätte, es geſchehen ſein würde,“ ſchloß ſie, indem ſie mit einer gewiſſen trotzigen Sicherheit die eifrigen Zuhörer anſah. Der ſchlaue Rechtsgelehrte merkte, daß der Boden 122 nicht ganz ſicher war, auf dem ſie ſich bewegte, und ent⸗ ließ ſie deshalb mit einigen beruhigenden Worten. „Sie haben Ihr Zeugniß mit großer Klarheit ab⸗ gegeben; das genügt, Miß Johnſon. Für den Augen⸗ blick will ich Sie nicht weiter bemühen.“ Advocat Dr. Ryder war zwar heftig und gebieteriſch im gewöhnlichen Leben, aber er konnte den Zeugen gegen⸗ über ſehr weich und holdſelig ſein. Er begann ſein Kreuzverhör mit denſelben Komplimenten. „Sie haben Ihr Zeugniß mit ſo viel Klarheit ab⸗ gegeben,“ ſagte er,„und ſich Ihrer traurigen Pflicht ſo gut entledigt, daß ich überzeugt bin, es bedarf nur noch einiger Kleinigkeiten, über die Sie uns Aufſchluß geben wollen. Darf ich fragen, wodurch Ihr Verdacht zuerſt auf die Angeklagte gelenkt worden iſt?“ Das war eine kitzliche Frage, auf welche die Zeugin kaum vorbereitet ſein konnte; aber ihr Mutterwitz half ihr durch. Sie erzählte, nicht ohne einen gewiſſen Ein⸗ druck zu machen, wie Jane's Mittheilung ſie über ſo Manches aufgeklärt habe, was ihr bei Amanda's Tode dunkel geblieben, wie es plötzlich wie eine Flut von Licht in ihr Inneres gedrungen ſei, und wie ſie, ſeit das Unglück geſchehen, es immer mit ſich herumgetragen habe, daß da etwas Unerklärliches dahinter ſtecken müſſe. „Ich ſah's ja klar wie Tageslicht,“ ſagte ſie, und 123 auch jetzt gelang es ihr wieder, das Publikum zu ihren Gunſten zu ſtimmen, wie jedes geübte Auge ſehen konnte. „Dennoch fühlten Sie damals durchaus nicht das Bedürfniß nach einer anderen Erklärung? Sie ließen es bei der Ohnmacht bewenden? Wie lange litt ſie ſchon an derartigen Zufällen?“ „Von Kindheit auf,“ ſagte die Tante.„Als ſie noch ein ganz kleines Ding war, und ſie bekam nicht gleich Alles, ſo ſchrie ſie ſich in Krämpfe. Das arme, liebe Geſchöpf, ſie konnte nichts dafür,— ſie war gar nicht Schuld daran. Ihr Herz war ſo leicht angegriffen. Sie konnte ſich nicht ſo leicht über Alles wegſetzen wie Andere. Sie hatte ſo'n feines Gefühl, meine arme Amando,“ fügte ſie hinzu, und abermals verbarg ſie ihr Geſicht in das große Taſchentuch. Diesmal jedoch ver⸗ fehlte die Bewegung ihre Wirkung; man ſah die Abſicht zu klar und— das Publikum blieb ungerührt. „Ja, es iſt bisweilen höchſt unbequem, ein ſo feines Gefühl zu haben,“ ſagte der Adyocat.„Sie haben ge⸗ ſagt, daß ſie von der Freundſchaft zwiſchen ihrem Gatten und der jungen Dame, ſeiner Couſine, nicht viel habe wiſſen wollen. War das die Haupturſache ſolcher Ohn⸗ machtsanfälle?“ „O lieber Himmel, nein doch,“ rief die Zeugin un⸗ 124 vorſichtig,„Alles konnte ſie ſo aufregen. Sie hat mich ebenſo angeſehen, wenn ich nur die Thüre aufmachte, oder wenn ich was hinlegte, oder wenn mein Kragen ſchief ſaß. Das war ganz gleich!“ Jetzt ſah Tantchen ihren Fehler ein und fügte ſtotternd hinzu:„Ich meine, ſeit ſie verheirathet war. Wenn junge Damen heirathen, da werden ſie viel mehr geärgert und gereizt, als wenn ſie ruhig bei ihrem Vater zu Hauſe ſind—“ „Woher kommt das aber?— Sagen Sie mir das, — ich möchte gern über dieſen Gegenſtand belehrt werden,“ ſagte Pr. Ryder.„Kommt das daher, weil eine verheirathete Frau mehr oder weniger freien Willen hat?“ „O du lieber Gott, was für'ne Frage! Weniger — natürlich. Bei uns wurde ſie niemals geärgert, ſie durfte thun, was ſie wollte; aber wenn eine junge Frau in die große Welt kommt und hat ihre liebe Noth mit Dienſtboten und Rechnungen und dergleichen,— und nun noch dazu mit einem Manne, der eine Heilige in Wuth hätte bringen können—“(Derartige Epiſoden dienen dazu, Richter und Publikum anzufriſchen und zu er⸗ heitern, obgleich ſie für die Betheiligten bitter genug zu überwinden ſind. Innocenzia's Freunde blickten deshalb auch mit ſtarren, unbewegten Blicken auf die lächelnde Menge hin.) — 125 „Sollen wir Sie dahin verſtehen, daß die Kranke von ihrem Gatten nicht liebevoll behandelt wurde?“ „Ich weiß nicht, was Sie ſo nennen. Verklagen hätte ſie ihn freilich nicht können, aber dazwiſchen liegt doch noch ein anderer Weg,“ ſagte die Zeugin, die ſich jetzt wieder ſicher fühlte.„Alles, was ich gegen ihn ſagen kann, iſt, daß er Einen in Harniſch bringen konnte — wie die meiſten Herrns.“ Hier fing die Verſammlung an zu lachen, unge⸗ achtet des blaſſen, traurigen Geſichtes der armen Ange⸗ klagten, ungeachtet der entſetzten Geſichter ihrer Freunde, und ſelbſt die Richter und Geſchworenen erleichterten ihre Herzen durch ein kurzes Gelächter. Auch Mr. WMolyneux geſtattete ſeinen Geſichtszügen ein freundliches Grinſen; inmitten einer Tragödie thut es gar wol, ein Scherzwort zu erhaſchen.— Das Kreuzverhör nahm ſeinen Fortgang, und Pr. Ryder erbeutete manche wich⸗ tige Einzelheit aus dem Leben Frederick's und Amanda's, welche klar bekundete, daß nicht erſt eine ſchöne Roſa⸗ munde nöthig geweſen war, um die Eiferſucht der jungen Frau zu erwecken und derartige Wuthanfälle herbeizu⸗ führen, die zu den ſo gefährlichen Ohnmachten Veran⸗ laſſung gegeben hatten. Ein großer Theil der Verſamm⸗ lung war wohlbekannt mit Amanda Batty's heftiger 126 Gemüthsart und fand jetzt nur die Beſtätigung eigener Vermuthungen und ſah ſeine Neugier, wie es wol in jener Ehe zugegangen ſein mochte, vollſtändig befriedigt. So geht's immer bei derartigen öffentlichen Verhand⸗ lungen; mit Gier ſtürzt ſich das Publikum auf die Details aus dem Leben derer, die Unglück oder Ver⸗ brechen aus der Stille des Privatlebens herausgeführt und den Blicken der Welt bloßgeſtellt hat. Aber ob⸗ ſchon dieſe Enthüllungen an ſich intereſſant genug waren, ſo gereichten ſie doch der Sache der armen Angeklagten durchaus nicht zum Vortheil, denn ihr Betragen in jenem geheimnißvollen Augenblick an Amanda's Kranken⸗ bette blieb dadurch immer noch ebenſo unerklärlich wie bisher. Weniger intereſſant für die große Menge waren Dr. Ryders Verſuche, der Zeugin die genaue Angabe der Zeit zu entlocken, welche zwiſchen Amanda's letztem lauten Sprechen und dem Augenblicke gelegen habe, wo ſie ſelbſt, von Angſt gefoltert, in das Zimmer geſtürzt ſei.„Mir war's, als ob es Stunden geweſen wären,“ ſagte ſie und glaubte, wollte es jedoch nicht beſchwören, daß die Stunde, die ſie habe ſchlagen hören, als Amanda noch ſprach, elf Uhr geweſen ſei, oder auch halb elf. Dieſe Verhandlung ermüdete das Publikum, das ſchon an pikantere Unterhaltung gewöhnt worden war. Nachdem das Verhör mit Miß Johnſon geſchloſſen, 127 wurden die Dienſtmädchen vernommen. Ihre Ausſagen ſtimmten im Weſentlichen mit denen der Tante überein. Mary, die Köchin, gab eine ziemlich maleriſche Schilde⸗ rung der plötzlichen Erſcheinung Innocenzia's an der offnen Thüre, vom Mondlichte hell beſtrahlt. Sie ſelbſt habe im Schatten, auf der andern Seite, geſtanden und auf den Doctor gewartet. Sie geſtand, daß ſie ſich ge⸗ fürchtet habe, und erzählte, daß die helle Geſtalt plötzlich im Dunkel verſchwunden ſei, und ſie voll Angſt, ſie hätte einen Geiſt geſehen, ins Haus zurückgelaufen ſei. Erſt als man am nächſten Morgen das fremde Fräulein ver⸗ mißt, habe ſie daran gedacht, daß ſie es geweſen ſei. Beide Mädchen ſtimmten darin überein, daß ſie es höchſt ſonderbar gefunden hätten, daß ſich das Fräulein ſo heim⸗ lich bei Nacht und Nebel entfernt habe, ader damals hätten ſie gar nicht viel darüber nachgedacht. Auch dieſe Zeugen waren ſich über die Zeit nicht klar. Die eine war derſelben Meinung wie die Tante, daß es elf Uhr geſchlagen hätte, während die andere behauptete, es ſei ſpäter geweſen. Dies waren die einzigen Zeugen für das Ereigniß ſelbſt; denn weder Batty noch Frederick wurden vorgefordert. Batty hatte ſich zwar bis zuletzt bereit gehalten, aber ſeine Wuth und ſeine rachſüchtigen Motive waren ſo augenfällig geweſen, daß der Advocat, der ſeine Sache führte, ſchon entſchloſſen war, ſie ganz 128 aufzugeben, und wenigſtens darauf drang, daß er in keinem Falle als Zeuge erſcheinen dürfe. Mrs. Eaſtwood wurde vorgerufen. Die arme Frau befand ſich in einer wahrhaft troſt⸗ loſen Verfaſſung, ſeitdem ſie wußte, daß ihr Zeugniß Innocenzia eigentlich nur ſchaden konnte.„Was ſoll ich ſagen?“ hatte ſie mit gefalteten Händen und unter ſtrömen⸗ den Thränen zu Pr. Ryder geſagt, von dem ſie zuerſt über die Wichtigkeit ihrer Ausſage belehrt worden war. „Die Wahrheit, Madame,“ hatte dieſer ſehr ſcharf geſagt, denn er war gegen die Tante eingenommen, da ſie, wie er glaubte, Innocenzia beſtändig davon abhielt, ſich frei auszuſprechen, und da ſie ohne Zweifel das arme Geſchöpf zu der Heirath gezwungen, die demſelben das Bischen Verſtand noch vollends geraubt hatte. Die arme Mrs. Eaſtwood gab ſich alle Mühe, ihre Thränen zu trocknen und ihre Empfindlichkeit zu unterdrücken. Jetzt aber war der ſchreckliche Moment gekommen, wo ſie die Wahrheit, die nackte Wahrheit ſagen ſollte, ohne jene Erklärungen, die ihr doch ein ſo ganz anderes Gepräge gaben. Ihr Erſcheinen war, für das verſammelte Publi⸗ kum wenigſtens, der aufregendſte Moment des Tages. „Sie erinnern ſich an den Morgen des einundzwan⸗ zigſten Oktober?“ frug ſie Batty's Advocat. „Ach gewiß, nur zu gut,“ ſagte die arme Mutter, 129 indem ihr die Thränen in die Augen traten. Die Un⸗ klugheit dieſer warmen Verſicherung wurde ihr ſofort durch ein trocknes Hüſteln des Dr. Ryder kund gethan. Dabei ſah er ſie jedoch nicht an, aber Sir Alexis that es und Nelly, die ihre Hände faltete und beſchwörende Blicke der Mutter zuwarf. Aber dieſe Warnungen verfehlten vollſtändig ihren Zweck, ſie verwirrten die unglückliche Zeugin über alle Beſchreibung. „Alſo geſchah etwas höchſt Bemerkenswerthes an jenem Morgen? Die Angeklagte wär damals von Ihrem Hauſe fern, wie es ſcheint?“ „Sie befand ſich auf Beſuch bei ihrer Coufine in der Nähe von Sterborne,“ ſagte Mrs. Eaſtwood,„wenig⸗ ſtens glaubte ich das.“ „Ich erſehe aus den Acten der Vorunterſuchung,“ fuhr der Anwalt fort,„daß die Angeklagte am Morgen des Einundzwanzigſten plötzlich in Ihrem Hauſe erſchien. Wollen Sie die Güte haben, den Gerichtshof über die Umſtände aufzuklären, die ihre Rückkehr nach Hauſe be⸗ gleiteten?“ Mrs. Eaſtwood zögerte; ſie warf einen ängſtlichen Blick umher, auf ihre Tochter, auf Sir Alexis, endlich auf das ihr bekannte Geſicht des Richters, der ſie mit jenem ſarkaſtiſchen Blicke zu betrachten ſchien, der ſie immer ſo außer Faſſung gebracht hatte. Endlich ſah ſie 9 Oliphant, Innocenzia. IV. 130 auch, aus einer fernen Ecke, Frederick's Augen finſter und drohend auf ſich gerichtet; er hob die eine Hand wie warnend gegen ſie auf. Wovor denn warnend? Sie ſchöpfte vor Angſt tief Athem und zögerte noch immer. „Ich glaube, ich brauche einer Dame von Ihrer Bildung wol kaum auseinanderzuſetzen, daß jede Verzöge⸗ rung Ihrer Ausſage der unglücklichen Gefangenen nur ſchaden muß,“ ſagte der Advocat Batty's.„Beſchönigungen nützen hier durchaus Nichts. Jedermann hier wird Ihre mißliche Lage verſtehen, aber Sie haben ſich vereidet, daran muß ich Sie erinnern, Nichts zu verſchweigen, ſondern dem Gerichtshof die volle Wahrheit zu ſagen. Die junge Dame kam alſo ganz plötzlich am Sonntag Morgen, am einundzwanzigſten October, an. Sie er⸗ warteten ſie nicht, Sie glaubten ſie im ſichern Schutze ihrer Verwandten?“ „Ich erwartete ſie nicht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood ſtockend;„ſie ſollte einige Wochen fort bleiben; doch da ſie immer etwas ſeltfum in ihren Handlungen, an unſer Haus ſehr gewöhnt und gegen Fremde nicht zugänglich war, ſo würde es mich zu jeder andern Zeit nicht er⸗ ſchreckt haben——“ „Aber an dieſem beſonderen Morgen hat es Sie er⸗ ſchreckt? Antworten Sie mir, Madame, der Gerichtshof wartet darauf. Ich höre, daß Sie noch nicht aufgeſtanden ꝛ 1 131 waren, als die Angeklagte plötzlich in Ihr Zimmer ſtürzte?“ „Sie ſtürzte durchaus nicht herein,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood.„Als ich, durch das Geräuſch der ſich öffnenden Thüre geweckt, meine Augen aufſchlug, ſah ich ſie neben meinem Bette ſitzen.“ „Es war alſo eine ſehr frühe Stunde, ehe noch die andern Hausgenoſſen auf waren?“ „Es war ungefähr ſieben Uhr. Das Hausmädchen hat mein armes Kind gleich hereingelaſſen, als ſie die Thüre aufſchloß. Sie kam natürlich ſogleich zu mir—“ „Und als Sie unter dieſen ungewöhnlichen Umſtänden erwachten und ſie an Ihrem Bette ſitzen ſahen, was ſagte die Gefangene?“ Abermals hielt die arme Mutter inne. Sie warf noch einmal einen angſtvoll flehenden Blick rings um ſich her. Dann raffte ſie ſich zuſammen und wendete ſich würdevoll an den Oberrichter ſelbſt. „Mein Herr,“ ſagte ſie feſt,„ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Die Worte, die ich zu wiederholen habe, werden Jeden, der ſie hört, erſchrecken, ſie werden einen falſchen Begriff, ein Vorurtheil erzeugen——“ „Der Zeuge hat kein Recht der Wahl in der Sache,“ erwiederte Mr. Molyneux.„Es muß dem Gerichtshof überlaſſen bleiben, darüber zu entſcheiden, was wahr und 9* 132 was falſch iſt. Von Ihnen müſſen wir die Thatſachen hören.“ Mrs. Eaſtwood wurde bleich, ſo bleich, daß alle die anweſenden Frauen glaubten, ſie würde ſofort in Ohn⸗ macht ſinken, und der größte Theil derſelben wurde ganz unruhig für die arme Frau. „Wenn,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, die jedoch deutlich vernommen wurde, ſo tiefe Stille herrſchte im Saale,„wenn ich es denn ſagen muß: ſie ſagte: ich habe Fredericks Frau getödtet!“— Ein tiefer Athemzug, faſt wie ein Schluchzen, tönte aus der Menge. Die Zeugin ſtand für einen Augenblick wie betäubt da, die Geſichter rings⸗ um verſchwammen ihr wie im Nebel, ihre Sinne waren verwirrt. Ach, ſie bedachte nicht, daß eben ihr Zögern, ihre Bläſſe, ihr Jammer ihr Zeugniß gegen das arme Kind mächtig unterſtützten. Welch mächtigeres Zeugniß hätte auch auftreten können als dieſes, das gleichſam erſt aus dem Herzen der armen, gequälten Frau herausge⸗ riſſen werden mußte? Einige Minuten vergingen, ehe ſie wußte, was ſie weiter ſprach. Sie antwortete nur mechaniſch auf alle Fragen und fand das eigentliche Bewußtſein erſt wieder, als ſie ihre Reiſe nach Sterborne vom nächſten Tage er⸗ zählte. Sie erholte ſich allmählich, und als ſie erſt im Stande war, aus dem ſie umgebenden Chaos von Ge⸗ 1 133 ſichtern diejenigen ihrer Lieben zu unterſcheiden, da er⸗ wachte ſie wieder zur vollen Klarheit über die Wichtig⸗ keit ihrer Aufgabe. Sie erzählte Alles, ſie erinnerte ſich genau aller Einzelheiten, und ihre Verwirrung und Un⸗ ruhe ſchwand, je länger ſie ſprach. Es iſt ſo viel leichter, ſich zu erinnern, zu erklären, zu erzählen, wenn es gilt, zu Gunſten eines Andern zu ſprechen! Ihr Bericht von Allem, was ſie bei Batty ſah und hörte, war ſo klar, daß er viel dazu beitrug, den furchtbaren Effekt ihrer früheren Worte abzuſchwächen. Aber was konnte wol jenes entſetzliche Bekenntniß:„ich habe Frederick's Frau getödtet?“ verwiſchen? Wie ſollte ein Mädchen auf ſolche Ideen kommen, frug man ſich auf allen Seiten, wenn es nicht wahr wäre? Jane, das Hausmädchen, die Urheberin der ganzen Criminalunterſuchung, die Verrätherin an ihrer Herrſchaft, wurde zunächſt vorgefordert, um Mrs. Eaſtwood's Zeug⸗ niß zu beſtätigen. Sie that dies aber in dutchaus an⸗ derer Abſicht als dieſe, ſodaß ihr augenſcheinliches Be⸗ ſtreben, die Sache noch zu übertreiben und ihrer Aus⸗ ſage höheres Gewicht beizulegen, ſogar eine kleine Wen⸗ dung zu Gunſten Innocenzia's hervorrief. Die Advo⸗ caten hatten ſie eine Weile in ihren Händen, und Dr. Ryder wußte kluger Weiſe manchen Zug an's Tages⸗ licht zu bringen, der gegen Jane's Privatcharakter ſprach, 134 wenn auch dadurch an der Sache ſelbſt nichts geändert werden konnte, denn die blieb klar genug. „Ich habe Frederick's Frau getödtet!“ Dieſe Worte waren einfach genug, um ſich in Jeder⸗ manns Gedächtniß zu graben, und entſetzlich genug, um keinerlei Uebertreibung zu bedürfen. „Sie kniete dabei am Bette,“ erzählte Jane weiter, „als ſie das ſagte, und hielt ihre Tante am Arme feſt. Keine von Beiden ſah mich. Sie hatte etwas in ihrer Hand—“ „Etwas in der Hand? Was war das?“ frug der Advocat Batty's eifrig. „Ich weiß es nicht, was es war. Ich habe es auch vorher nicht erwähnt; ich wußte nicht, daß es von Wichtig⸗ keit war. Ich ſah nur, daß ſie ihre Hand feſt zuſammen⸗ geballt hatte, als ich ſie hereinließ; aber was es war, das konnte ich nicht ſehen——“ Mrs. Eaſtwood wurde nochmals vorgerufen und er⸗ ſucht, darüber Aufſchluß zu geben. Sie erſchien, ſehr blaß ausſehend, denn ſie wußte faſt inſtinctiv, was nun kommen würde. Und langſam, aber ſicher wurde die Wahrheit nach und nach aus ihr herausgezogen. Stockend und zögernd beſchrieb ſie die kleine Arzneiflaſche, die Innocenzia ihr gegeben hatte, um ihre wahnſinnigen Worte zu bekräftigen; ſie ſagte, daß ſie dieſelbe wegge⸗ 135 legt habe, ohne zu denken, daß dieſem Gegenſtande irgend⸗ wie ein Gewicht beizumeſſen ſei. Später habe Jemand beim„Aufräumen“ das Fläſchchen zufällig weggeworfen. Es ſei gegen ihren Willen geſchehen, aber es ſei nur Zufall geweſen. Und daran hielt ſie auch feſt trotz aller Kreuz⸗ und Querfragen, und als ſie endlich entlaſſen ward und fortwankte, da wußte ſie wenigſtens, daß Frederick nicht durch ſie in die Sache mit hineingezogen worden war. Aber ganz unmöglich würde es ſein, den fatalen Eindruck zu ſchildern, den dieſer verwirrte, unſicher geſtotterte Be⸗ richt in der ganzen Verſammlung hinterließ. Zum erſten⸗ male kam den Richtern wie den Geſchworenen die mo⸗ raliſche Ueberzeugung von Innocenzia's Schuld, und die große Menge dachte ebenſo. Eine unwillkürliche Pauſe entſtand in den Verhand⸗ lungen, nachdem dieſes letzte Zeugniß abgegeben worden war. Dann wurden die Aerzte vorgerufen, die Amanda's Ueberreſte zur Unterſuchung bekommen hatten. In die entſetzlichen Details ſolcher Berichte wollen wir nicht ein⸗ gehen. Es genüge zu wiſſen, daß auch durch ſie die dunkle Sache durchaus nicht aufgeklärt wurde, da die Zeit jede Spur von Gift vertilgt hatte, wenn ein ſolches überhaupt vorhanden geweſen war. Der einzige Zeuge von Wichtig⸗ keit war ein junger Arzt, Dr. Sweteſon aus Sterborne, der zu jener Zeit als Aſſiſtent bei dem Arzte fungirte, 136 den eben jetzt Plantagenet Eaſtwood mit allem Feuereifer ſeines redlichen Herzens aufſuchte,— und der als ſolcher ein⸗ oder zweimal die junge Frau beſucht hatte. Er wußte, daß ſie an einem Herzleiden gelitten, welches ſeinem Collegen Anlaß zu ſehr ernſtlichen Befürchtungen gegeben hatte. Was ihn ſelbſt betreffe, ſagte der junge Mann mit großem Selbſtbewußtſein, ſo habe er dieſe Sorge nicht theilen können. Er glaube, daß Mrs. Frederick Eaſtwood's Leiden hauptſächlich auf Einbildung beruht habe, daß es die Launen einer heftigen, eigenſin⸗ nigen Frau geweſen ſeien, die wol für den häuslichen Frieden, jedoch durchaus nicht für ihr Leben hätten gefährlich werden können, es müßte denn ſein, daß bei einem ihrer Wuthanfälle ein Blutgefäß geſprungen ſei, fügte er verächtlich lächelnd hinzu, oder daß ſie ſelbſt Hand an ſich gelegt habe. Der junge Arzt hatte durchaus nichts gegen Innocenzia, deren Sache er durch ſein Zeugniß ſo ſchlimm beeinträchtigte, im Gegentheil er be⸗ mitleidete ſie ſehr; aber er gehörte nun einmal zu der Gegenpartei, und wie es gewöhnlich der Fall iſt, giebt ſich Jeder, obgleich die ſtrenge Wahrheit bei ſeinen Aus⸗ ſagen gefordert wird, doch Mühe, ſeiner eigenen Partei gerecht zu werden. Die Ankläger malen die Umſtände, vielleicht ſogar ohne es zu wollen, ſchwärzer als ſie ſind, während die Vertheidiger ſie in das hellſte Licht zu ſtellen 137 ſtreben. So auch hier; der Zeuge folgte lediglich ſeinem natürlichen Antriebe und dem Wunſche, ſich ſelbſt bemerk⸗ var zu machen. Advocat Ryder nahm ihn dafür ſehr ernſtlich ins Kreuzverhör und ſuchte hauptſächlich von ihm mit Beſtimmtheit zu erfahren, in welcher Zeit eine zu ſtarke Doſis Opium den Tod herbeiführen könne. Die Verſammlung ſelbſt ſchien dieſer Verhandlung nicht mit gleichem Antheil zu folgen. Es war ein ſehr warmer Tag, der Gerichtsſaal überfüllt, und das Intereſſe des Publikums erlahmte, als der ſchwüle Nachmittag ſich dem Abend zuneigte, und es augenſcheinlich ward, daß man heute zu keiner Entſcheidung kommen würde. Das Kreuz⸗ verhör des Arztes verzögerte den Fortgang der Verhand⸗ lungen auf eine für die Zuhörer ſehr langweilige Art; auch die Geſchworenen und der Richter ſelbſt begriffen den Grund nicht, der den ausgezeichneten Rechtsgelehrten zu einer ſolchen Zeitverſchwendung, wie ſie meinten, ver⸗ anlaßte. Das Gefühl der Erſchlaffung hatte ſich allmäh⸗ lich aller Anweſenden bemächtigt und bekundete ſich hin⸗ länglich durch jene raſtloſe Bewegung, jenes Huſten, Kommen und Gehen, das jedem öffentlichen Redner als untrügliches Zeichen des ſchwindenden Intereſſes nur zu gut bekannt iſt. Auch Innocenzia, obgleich ſie dem Für und Wider nicht mit beſonderer Aufmerkſamkeit ge⸗ folgt war, fand ſich durch die lange Unterredung des 138 Advocaten mit dem Arzte in ihrem eigenen Gedankengange gehemmt. Sie war erſt zu einem gewiſſen Leben erwacht, als Tantchen und die Dienſtmädchen ihren Bericht ab⸗ gegeben und über ſie geſprochen hatten. Da auf ein⸗ mal, urplötzlich, während noch das Kreuzverhör mit dem jungen Arzte ſtattfand, wurden alle Anweſenden wie von einem elektriſchen Schlage berührt; ſie geriethen in die lebhafteſte Aufregung und wurden zu einer faſt mit Wildheit ſich äußernden Theilnahme erweckt. Die Men⸗ ſchen auf den hinteren Bänken ſtanden auf, die Vorderen drängten noch weiter vorwärts, die Gerichtsperſonen rafften ſich zu erhöhter Würde zuſammen, die Polizei⸗ beamten eilten herbei, die Advocaten ſprangen auf, und Richter Molyneux telegraphirte mit Augen, Händen und Lippen nach allen Seiten hin— aber umſonſt. Und die Urſache dieſer tumultuariſchen Bewegung war, daß Innocenzia auf einmal angefangen hatte laut zu ſprechen. Von allen Seiten rief man ihr zu zu ſchweigen, als ob die ſanfte, weiche Frauenſtimme den Staat ſelbſt in Ge⸗ fahr zu bringen vermöchte.„Still!“„Die Angeklagte darf nicht ſprechen!“„Sie müſſen ſchweigen, Lady Longue⸗ ville!“„Innocenzia, ſtill, ſtill! Du darfſt nicht ſprechen!“ Alle dieſe Reden, laut und leiſe, ſtreng, überredend und zärtlich drangen auf ſie ein, ſie nahm jedoch keine Notiz davon. Sie ſprach weiter, und die klare, jugendliche 139 Stimme klang wie Vogelgeſang durch all das Getöſe hindurch. Sie achtete ebenſowenig auf die Blicke, die mit Spannung auf ſie gerichtet waren, als auf die Worte, die man ihr zurief. Kindiſch wie ſie war, ſporn⸗ ten ſie, wie ich glaube, die Aufregung um ſie her, die vielen Blicke, ſelbſt die Hinderniſſe, die man ihr in den Weg legen wollte, nur immer mehr an und ermuthigten ſie. Sie ſtieß mit der Hand die Gefängnißwärterin leicht zurück, die ſie begleitete und die in ihrem Eifer, Inno⸗ cenzia's Redefluß zu hemmen, faſt zu weit ging. Trotz aller Rufe zu ſchweigen, trotz aller Vorſtellungen ſagte ſie, was ſie ſagen wollte. Und wer ſo beharrlich fort⸗ ſpricht, darf ſicher ſein, am Ende gehört zu werden. „Sie haben die Leute nach Sachen gefragt, die ſie nicht wiſſen,“ ſagte ſie;„warum fragen Sie nicht mich? Ich weiß mehr. Ich war bei ihr. Ich will es Ihnen ſagen, wenn Sie mir zuhören wollen. O bitte, ſagen Sie den Leuten, daß ſie ſtill ſind, bitte, denn ich will Ihnen Mühe erſparen. Nein— gehen Sie fort! Ich will erſt wieder gehen, wenn ich Alles geſagt habe. (Dies galt der Wärterin, die ſie wieder angepackt hatte und ſich vergeblich bemühte, ſie zu beſchwichtigen.) „Es iſt alles wahr, nur habe ich nie zu ihr gehen und ebenſowenig in ihrem Zimmer bleiben wollen. Als ich ohne Frederick zu ihr hinauf kam, da zankte ſie erſt ſehr und war böſe. Ich ſagte zu ihr:„Sie müſſen nicht böſe ſein, das ſchadet Ihnen am meiſten; die Leute ſagen, Sie könnten daran ſterben, und wenn Sie nicht aufhören, ſo thun Sie ſich allein Schaden, Niemand ſonſt.“ Darauf wurde ſie ruhig, und ich las ihr vor; und dann ſchlief ſie ein, und ich auch, wie ich glaube. Mr. Moly⸗ neux, wollen Sie wol den Leuten ſagen, daß ſie ſtille ſind, bitte! Ich wachte erſt auf, als ſie mich am Arme ſchüttelte. Ich wollte die Tropfen für ſie in's Glas zählen, wie ſie es verlangte. Ich verſuchte es zweimal und goß ſie zweimal weg, denn ich zitterte ſo, ich konnte nicht zählen. Dann ging ich nahe an's Bett und ver⸗ ſuchte es wieder. Sie packte aufs Neue meinen Arm. Sie ſchüttelte mich. Faſt die ganze Flaſche entleerte ſich in's Glas. Sie riß es mir aus der Hand und trank es. So war es. Ja, jetzt will ich ſtille ſein, wenn Sie es wünſchen. Ich will fortgehen, wenn ich ſoll. Aber ſo iſt es geweſen.“ Der Lärm wandelte ſich in tiefes Schweigen, als die zarte Stimme nicht mehr hörbar war. Ihre ungeſetz⸗ liche Einmiſchung hatte den Sturm erregt, und er legte ſich, als ſie aufhörte zu ſprechen. Es war nicht möglich, daß die ganze Verſammlung ihre Worte gehört hatte, aber diejenigen, die ſie vernommen, befanden ſich in wildeſter Aufregung, während die weniger Glücklichen 141 ſich vordrängten, um ſich erzählen zu laſſen, was ſie ge⸗ ſagt hätte. Eine unbeſchreibliche Scene der Verwirrung folgte. Ein Gewitter war unterdeſſen heraufgezogen, und mächtige Blitze erhellten auf Momente den Saal. Innocenzia ſtand noch hoch aufgerichtet, bleich und zitternd vor Erregung, und neben ihr Nelly, die ſich wie ſchützend dicht an ſie herangedrängt hatte. In dieſem Augenblicke trat in dem magiſch erhellten Raume die Aehnlichkeit der Couſinen, die ſonſt nicht auffallend war, wunderbar hervor. Nach einer kurzen drückenden Pauſe, ähnlich der, die in der Natur dem Ausbruch eines Ge⸗ witters vorausgeht, ertönten erneute Aufforderungen zur Ruhe und der Ruf:„Hebt den Gerichtshof auf!“ „Führt die Angeklagte in das Gefängniß zurück,— der Gerichtshof wird auf morgen vertagt,“ ſagte jetzt die kräftige Stimme des Richter Molyneux. Die Zei⸗ tungen fügten noch hinzu, daß er ſich über dieſe geſetz⸗ wridrige Störung und über die Saumſeligkeit der Be⸗ amten, die Ordnung wieder herzuſtellen, ſehr heftig be⸗ ſchwert habe. Wenn er aber wirklich ſolche Bemerkungen machte, ſo hörte doch Niemand darauf. Der Ge⸗ richtshof brach auf. Der alte Molyneux ging mit finſterem Geſicht in ſeine ebenſo finſtere Wohnung, wünſchte Innocenzia zu allen Teufeln und ſtöhnte über das boshafte Geſchick, welches grade ihn erwählen mußte, 142 dieſe Verhandlung zu leiten. Unterdeſſen waren die Straßen mit Maſſen von Menſchen bedeckt, die ſich aus⸗ ſprechen und— eſſen wollten. Aber Ströme von Regen, die aus den ſchwarzen Wolken niederſtürzten, trieben die Gruppen bald auseinander. Die Wagen ſuchten Schutz vor dem Sturm oder zögerten in den Höfen der Hotels, bis das Gewitter ſich gelegt hatte. Aber wer da ging oder fuhr, wer da wartete oder kam, Jeder ſprach, Jeder dachte nur an Innocenzia. War ſie unſchuldig? War ſie ſchuldig? War es Zufall, Irrthum, Ungeſchick eines geängſtigten Kindes,— oder war es das wohlüberlegte Verbrechen eines Weibes voll glühender Leidenſchaft, das ſich den Mann ſeiner Liebe gewinnen wollte? In ganz Sterrington war von nichts anderem die Rede als von dem Verhör. Die ganze Bevölkerung nahm daran Theil und wartete mit einer Aufregung, die nicht zu beſchreiben iſt, auf die Entſcheidung des nächſten Tages. Wie die Eaſtwoods und Vanes und der arme Sir Aleris dieſen Morgen erwarteten, wer kann das ſchil⸗ dern? Sie ſaßen Alle beiſammen in dem kleinen Wohn⸗ zimmer, eine der Frauen gewiß immer am Fenſter, den thränenvollen Blick zu Innocenzia's einſamem Fenſter hingewendet; Boten von und zu den Adoocaten kamen und gingen,— man ſandte zu der Eiſenbahn⸗ und Telegraphen⸗ ſtation, um zu erfahren, ob vielleicht Plantagenet mit ————— ———————— 143 dem wichtigſten Zeugen eingetroffen ſei; es war ein Zu⸗ ſtand wahrhaft herzzerreißenden Elends für die Bethei⸗ ligten. Und Innocenzia, ſie, die Hauptperſon dieſes Trauerſpiels? Sie ſchlief, ſo ſüß wie nur die Geſegneten des Herrn ſchlafen können, und erwachte am Morgen mit einem Lächeln auf den Lippen, weil ſie geträumt hatte, ſie ſei in der Kirche della Spina, und leiſe flüſterte ſie noch mit geſchloſſenen Augen: „Vater unſer, der Du biſt im Himmel!“ Neuntes Kapitel. Der zweite Tag. Am nächſten Tage war der Gerichtsſaal zum Er⸗ drücken voll. Faſt die ganze Stadt, möchte ich ſagen, hatte unruhig und wenig geſchlafen. Die Bevölkerung theilte ſich in zwei Parteien, und wenn auch die Longueville'ſche die ſtärkere war, ſo war die Batty'ſche dafür die lärmen⸗ dere Partei. Jene ſtützten ſich auf Innocenzia's Jugend, Schönheit, ſeltſame Schickſale, auf ihre rührenden Blicke, die, wie ſie ſagten, ein Herz von Stein erweichen müßten. Die Anderen dagegen ſchrieen heftig, daß, wenn dies ein armes Mädchen gethan hätte und keine Lady Longueville, ſicher Niemand Mitleid mit ihr gehabt und ſich um ihr Schickſal gekümmert haben würde. Die Erſteren waren bereit, dem ſchönen Geſchöpfe ſeine Liebe zu Frederick zu 145 vergeben, die natürlich von Allen angenommen wurde, und in der That waren viele von den Anhängern Inno⸗ cenzia's im innerſten Herzen geneigt, ihr auch das Aergſte zu verzeihen, nur um ihres ſüßen Geſichtes willen. So ſtürzte denn ſchon bei Tagesanbruch Alles nach dem Rathhauſe, und es gab Leute, die bereits Stunden lang da⸗ ſaßen, ehe die Geſchworenen erſchienen, nur um einen guten Platz zu bekommen. Miß Vane hatte ſich ſelbſt überwunden und ſaß diesmal nicht wie am Tage zuvor im äußerſten Winkel, ſondern neben Nelly in der näch⸗ ſten Nähe der Angeklagten, um damit öffentlich zu be⸗ weiſen, daß ſie auf der Seite ihrer Couſine ſtehe. Wie blaß und hohläugig war aber die liebliche Nelly geworden, und wie forſchten dieſe großen Augen, wenn ſie ſich ein⸗ mal von Innocenzia abwendeten, im Saale nach dem Einen, der einſt von unverbrüchlicher Liebe zu ihr ge⸗ ſprochen hatte! Wie froh war ſie, daß Miß Vane an ihrer Seite ſaß, aber war es denn wirklich möglich, daß. Ernſt nicht da war? Sie liebte ihn zwar nicht mehr, aber ihr Stolz litt unter der herben Täuſchung. Inno⸗ cenzia ſtand da wie eine Statue der ſchweigenden Geduld, an das Gitter gelehnt, welches ſie vom Publikum trennte. Den Sitz, der ihr angeboten wurde, hatte ſie verweigert. Die Morgenſonne beleuchtete das jugendliche blaſſe Ge⸗ ſicht mit wunderbarem, faſt verklärendem Glanze. Ach, Oliphant, Innocenzia. IW. 10 146 wie müde war das arme Kind dieſes ganzen Treibens! Heute ſah ſie weder nach Richtern noch Geſchworenen, ſondern nur nach dem Fleckchen blauen Himmel, den ſie aus dem einen Fenſter erblicken konnte; dorthin ſtarrte ſie unverwandt, unbekümmert um das, was um ſie herum vorging. Sie ſehnte ſich fort, hinaus, weg von der läſtigen Menge, vor allem aber fort aus der drückenden Einſamkeit der vier kahlen Wände ihres Gefängniſſes. „Wann wird es endlich vorüber ſein? Wann wird man mich gehen laſſen?“ ſagte ſie mit einer Stimme, die kindlicher und klagender als jemals klang, zu der Wär⸗ terin, die wieder neben ihr ſtand. „Still, gnädige Frau! Sie dürfen heute ja nicht ſprechen, oder wir haben Alle dafür zu büßen,“ entgeg⸗ nete die Frau. Aber Innocenzia wiederholte die Frage noch mehrmals, während die Stunden langſam dahinſchlichen. Wie ſtrahlte es, dies Fleckchen Himmelsblau! Wie herrlich mußte es jetzt draußen im Sonnenſcheine ſein, unter den Blumen in Longueville, oder noch ſchöner in der Allee in dem Garten der Tante, wo die Himmels⸗ ſchlüſſelchen die Wieſen in Gold getaucht hatten! Und ſie mußte hier ſtehen, und es handelte ſich um Tod und Leben für die arme, arme Innocenzia! Die Gründe für Aufrechthaltung der Anklage waren noch nicht erſchöpft. Sie wurden im Gegentheile 147 mächtig unterſtützt durch einzelne Ausſagen, die theils Innocenzia's Liebe zu Frederick, theils ihre entſchiedene Abneigung gegen Amanda beſtätigten. Das arme Kind war in beiden Fällen ſo offen geweſen, daß es nicht ſchwer fiel, Beweiſe zu ſammeln. Eine der Schweſtern aus Miß Vane's Schule hatte zwar zögernd, aber ſchließlich doch mit demſelben vernichtenden Effekt, wie am Tage vorher Mrs. Eaſtwood, ihr Zeugniß dahin abgegeben, daß Innocenzia ihr einmal geſagt habe, Leute wie Amanda dürften eigentlich nicht leben. Als ſie mit ihrer Ausſage fertig war, erhob ſich der Anwalt für den Kläger und ſprach. Er ſchilderte mit rührenden Worten den Zuſtand des armen, betrogenen jungen Weibes, die der treuloſe Gatte in ihrer Krankheit allein gelaſſen habe. Er malte aus, wie ſie ſeinen Schritten lauſcht und hören muß, daß er mit einer Andern fröhlich ſcherzt, mit einer Andern ſpazieren geht, während ſie einſam daliegt und leidet; wie ſie aber dann mit rührendem Vertrauen die Rivalin im Krankenzimmer empfängt. Dann führte er aus, wie ſich in dem Gemüthe des Mädchens, das nicht ganz ſchlecht, aber von leidenſchaftlicher Liebe erfüllt und von Sinnen gebracht war, die ſchwarze That vorbereitet habe. Wie leicht war es! Hatte ſie nicht die Mittel dazu in der Hand, die Frau, die ihr im Wege war, für immer zu beſeitigen? Er ſchilderte ihren Gemüthszuſtand 10* 148 und erzählte, wie ſie, gereizt durch die gerechten Vorwürfe der Kranken, endlich die verhängnißvolle Flaſche ergreift und die Kataſtrophe herbeiführt. Dann verweilte er eingehend bei ihrer wilden Flucht, ihrem Geſtändniß, ihren Gewiſſensbiſſen, die ſie augenſcheinlich foltern, bei dem Entſetzen, das ihre Freunde ergriffen hat. Er hob hervor, welch trauriges Licht die Vernichtung jenes Schuldbeweiſes, der kleinen Flaſche, auf die ganze Sache geworfen, wie die Verheimlichung dieſer Thatſache ebenſo wie dieſe ſelbſt das ganze Publikum geſtern erſchut⸗ tert habe. Als er geendet, hatten die Herzen faſt Aller im Saale gegen Innocenzia entſchieden,— die Geſchworenen ſahen bleich aus, faſt betäubt von dem Gedanken, eine Lady Longueville, ein ſchönes, junges Weſen, als ſchul⸗ dig verurtheilen zu müſſen, und ſuchten ſich für dieſen ſchrecklichen Fall zu ſtählen. Die meiſten Frauen unter den Anweſenden, und es gab deren viele, weinten laut. Großer Gott, war es denn möglich? War dieſes Kind eine Mörderin? Die Hoffnungen ihrer Freunde ſanken. Nelly lehnte ſich in den Stuhl zurück und bedeckte ihr Geſicht mit zitternden Händen. Sir Alexis blieb auf⸗ recht ſtehen, die Arme feſt über der Bruſt gefaltet und mit einem Geſichte, bleich wie gelbes Wachs oder altes Elfenbein, ſo geiſterhaft, ſo krank ſah es aus. Jede ————— 149 Spur von Jugend war urplötzlich von ihm gewichen. Er verſuchte ſich gegen das Furchtbare, das jetzt auf ihn eindringen ſollte, zu wappnen. Die Beweisführung der Vertheidigung erſchien auf den erſten Blick ziemlich unbedeutend. Sie war faſt nur auf einen Punkt gerichtet. Die erſten Zeugen, die auf⸗ gerufen wurden, waren zwei Eiſenbahnbeamte, die klar bewieſen, daß der Zug jede Nacht um 12 Uhr 42 Min. Sterborne paſſire, aber nur kurze Zeit und überhaupt ſelten anhalte, da es ein Eilzug ſei; in der Nacht des 20. Oktober habe er genau um 12 Uhr 50 Minuten Sterborne verlaſſen. Der nächſte Zeuge von Wichtig⸗ keit war ein hochberühmter Arzt aus London, der den un⸗ umſtößlichen Beweis führte, daß kein Opiat, ſelbſt wenn es in großer Doſis verabreicht werde, in der kurzen, von den Zeugen angegebenen Zeit, den Tod herbeiführen könne. Der Schlaf, der dem Tode vorausgehe, werde damals jedenfalls ſchon eingetreten ſein, aber der ſei deutlich von Ohnmacht oder zeitweiliger Bewußtloſigkeit zu unterſcheiden. Der größte Laie in der mediciniſchen Wiſſenſchaft müſſe ſoviel wiſſen, fügte er mit einem ver⸗ ächtlichen Blick auf den jungen Landarzt hinzu, der ent⸗ gegengeſetzter Meinung geweſen war. Das war Alles, was zur Unterſtützung der Sache Innocenzia's geſchehen war. Die Rede des Dr. Ryder war kurz und bündig. 150 Er wies auf die Unklarheit der Zeugenausſagen in Be⸗ treff der Zeit, in welcher die That geſchehen ſein ſollte, hin, ſowie auf den Umſtand, daß nach der längſten Zeit⸗ angabe es nur zwei Stunden geweſen ſein könnten, in denen ſich eine ſolche Reihenfolge von Ereigniſſen, wie ſie der Ankläger geſchildert, vollzogen haben ſollte.„Nie⸗ mals iſt wol ein Drama ſo ſchnell abgeſpielt worden,“ rief er und zeigte nun, wie natürliche Furcht und Schrecken vor dem Tode ganz naturgemäß ein jedes der Symptome hervorgerufen haben könne, welche ſein ge⸗ lehrter College als Beweiſe für die Schuld hingeſtellt habe. Was ſei wol natürlicher geweſen, als daß ſie, die vor ihren Augen die ihr Anvertraute ſterben ſah, in ihrem kindlichen, etwas ſchwachen(wie der Gerichtshof zu bemerken Gelegenheit gehabt habe), unentwickelten Geiſtesleben die Idee gefaßt, ſie habe ſelbſt dazu beige⸗ tragen, ſie ſei gewiſſermaßen ein Werkzeug des Todes der Kranken geweſen? Er deutete darauf hin, daß alle Ausſagen der Zeugen in dem Punkte des augenblick⸗ lichen Todes übereingeſtimmt hätten, und daß durch Dr. Frankfort jetzt bewieſen worden ſei, daß keine Ver⸗ giftung durch Opium ſofort tödtlich werden könne, ſondern daß dieſes eine gewiſſe Zeit bedürfe, um zu wirken, eine Zeit, für die der kurze Zeitraum zwiſchen der elften Stunde, welche die Zeugin Johnſon habe ſchlagen hören, 151 als die Kranke noch laut und heftig geſprochen habe, und 12 Uhr 50 Min., wo die unglückliche Gefangene Sterborne mit dem Eilzug verlaſſen habe, nicht ausreichend geweſen ſein dürfte.„Die Zuſammenſtellung dieſer Daten,“ fügte er hinzu,„ſtellen die ganze Sache außerhalb des Bereiches der Möglichkeit.“ Und nach dieſer kurzen, ohne alle Effekthaſcherei geſprochenen Rede ſetzte er ſich wieder nieder. Dies alles währte kaum eine Stunde, während welcher das Publikum in athemloſem Schweigen ver⸗ harrte. Alle ſtarrten ſich bei dem Schluß der Rede an, wie Leute, die von einer Höhe herabgefallen ſind. War es denn möglich, daß ſie ihre Thränen, ihr Intereſſe alſo für nichts und wieder nichts verſchwendet hatten? Für eine ſo unhaltbare, ſo rein unmögliche Sache hatten ſie ſich ſolche Mühe gegeben? Wie beſchämt ſtanden ſie vor der einfachen, glaubwürdigen Löſung des Räthſels! Die Geſichter der Geſchworenen klärten ſich auf. Gott Lob, nun brauchten ſie doch hoffentlich das junge Geſchöpf, das man„gnädige Frau“ nannte, nicht zu verurtheilen. Sie würden ſie natürlich der Gnade der Königin empfohlen und alles Mögliche gethan haben, um das Urtheil zu mildern, wenn es anders ausgefallen wäre, aber die Erleichterung ihrer Herzen konnte man auf ihren Geſichtern leſen. Nur einer oder zwei unter ihnen blieben bei ihrem düſtern Stirnrunzeln. Alle Uebrigen bereiteten ſich mit heiterem Vertrauen, denn ſie ſahen ſich ſchon aller Verantwortung enthoben, auf die Rede des Richters vor, der das Für und Wider noch einmal abwägen und dann in ihre Hände legen ſollte. Der große Mr. Molyneux war dafür bekannt, in derartigen Reden Meiſterhaftes zu leiſten. Es war ein geiſtiger Hochgenuß, ihn in ſolch einem Falle reden zu hören. Aber heute fühlte er ſich nicht ganz an ſeinem Platze. Mit außerordentlichem Geſchick, mit Fein⸗ heit und Geiſt ſtellte er die Zeugenausſagen nochmals neben einander; er entſchied ſich nicht, weder für die eine noch für die andere Seite, aber nichtsdeſtoweniger blickte ſeine eigene feſte Ueberzengung von Innocenzia's Schuldloſigkeit überall hindurch. Er unterließ Nichts, um die Verſammlung an dieſen oder jenen ergreifenden Moment zu erinnern, welcher zu Gunſten der Ange⸗ klagten ſprach, aber er erwähnte auch pflichtgemäß die ſtark gravirende Thatſache, daß jenes Fläſchchen ver⸗ nichtet worden ſei. Die Ausſage des Arztes falle zwar gewichtig in die Wagſchale, doch auch hier gab er es den Herrn Geſchworenen anheim, zu entſcheiden, ob dieſer Ausſpruch als unfehlbar gelten könne. Sei das Letztere der Fall, ſo ſei es gradezu eine Unmöglichkeit, daß die Angeklagte den Tod der Mrs. Eaſtwood verſchuldet habe. 153 Als der Richter geendet, verſuchte man ſogar zu applaudiren, aber das Geräuſch wurde ſofort durch die heute doppelt wachſamen Beamten unterdrückt. Die Geſchworenen zogen ſich zurück. Dann wurde es todtenſtill, und Einer ſah den Andern an. Die Aufregung wuchs ſichtlich. Das nächſte Wort, das man hörte, mußte ent⸗ weder„Schuldig“ oder„Richt ſchuldig“ ſein, Leben oder Tod. Ich verſuche es nicht, die Empfindungen derer zu beſchreiben, die Innocenzia nahe ſtanden. Ich glaube, es war eine Art von Stumpfheit des Gefühls über ſie gekommen; ſie warteten und warteten und wagten nicht aufzuſehen. Die am wenigſten Beunruhigten waren Innocenzia ſelbſt und ihr Rechtsbeiſtand; ſie, weil der blaue Himmel draußen ſie immer wieder beſchäftigte; er, weil er über den Urtheilsſpruch mit ſich ganz im Klaren war. Und ſo warteten ſie Alle ſchweigend in qualvoller Ungewißheit; Niemand wagte ſich zu rühren, kaum daß man die Athemzüge der Menge hörte. Alles ſchwieg, Alles wartete auf die Entſcheidung über Leben und Tod. Was für Bilder kamen und gingen in dieſem Augen⸗ blicke an Einzelnen vorüber! Nelly's fieberhaft glühende Augen ſahen, oder glaubten doch zu ſehen, wie Ernſt's Geſicht im Hintergrunde aus der Menge auftauchte, um ſofort wieder zu verſchwinden. Sir Aleris ſah kein Schaffot, das war ja unmöglich, aber eine düſtere Reihe von Gefängniſſen erhob ſich vor ſeinen Blicken, die ſich immer weiter, endlos ausdehnte. Der Tod im Leben— ewiges Gefängniß!— Würde da der Tod ſelbſt nicht Barmherzigkeit ſein? Zehntes Kapitel. Frei. Die Geſchworenen waren nicht einig. Obgleich der Fall klar genug vor ihnen lag, ſo gab es doch einige enragirte Battyaner, die durchaus auf ihrer Anſchauung beharrten, und ſo mußte denn die Verhandlung abermals geſchloſſen werden, und die Qualen der Ungewißheit be⸗ gannen auf's Neue die Herzen der Angehörigen zu fol⸗ tern. Wieder war die Stadt erfüllt von Maſſen neu⸗ gieriger und ängſtlicher Menſchen, die ſich bereit hielten, auf den erſten Ruf wieder auf das Rathhaus zu eilen. Die unglücklichen zwölf Geſchworenen ſaßen unterdeſſen eingeſchloſſen, fern von allem häuslichen Behagen, be⸗ ſchäftigt mit eifriger, heißer Berathung. Der Richter Molyneur ging mit verdrießlichem Geſichte zu ſeinem ein⸗ ſamen Mahle und erging ſich dabei in nicht ſehr ſchmeichel⸗ haften Aeußerungen über die Weisheit der zwölf Ver⸗ trauensmänner. Aber ein recht trauriges Häuflein hatte ſich zum Eſſen in der kleinen Wohnung dem Gefängniß gegenüber eingefunden. Sie waren Alle um ſo unglück⸗ licher, als keiner zu dem armen Kinde gelaſſen wurde, das ſo einſam ſein Schickſal erwartete. Man verſuchte wol etwas Speiſe zu ſich zu nehmen, aber Niemand hatte Luſt dazu, und Sir Alexis ſprang bald auf, um unter den Fenſtern ſeiner armen, gequälten Frau auf und ab zu gehen. Das unglückliche Geſchöpf lag ja ſo ganz allein dort oben, keine liebevolle Stimme konnte ſie er⸗ reichen! Auch Nelly zog ſich weinend zurück. War es wirklich Ernſt geweſen, deſſen Geſicht ſie geſehen? War er gekommen, um ihr das Herz von Neuem zu zerreißen oder um ſie zu tröſten? Wartete er nur, um die Ent⸗ ſcheidung zu hören? Sie war böſe auf ſich ſelbſt, daß ſie jetzt überhaupt an ihre perſönlichen Intereſſen denken konnte, und doch wie wäre es möglich geweſen, dieſe Gedanken zu bannen? Der alte Mr. Molyneux hatte ſeine eigenen Sorgen an dieſem ſchweren Tage. Ihm war es ſehr fatal, mit einer Angelegenheit zu thun zu haben, in welche mehr oder weniger ſein Gefühl, ſeine Privatempfindungen mit hinein⸗ ſpielten. Er zürnte den Eaſtwoods, weil ſie möglicher⸗ weiſe mit ihm verwandt werden würden, und andrerſeits Innocenzia, weil ſie der Anlaß zu der ganzen Sache war. 157 Er grollte aber auch ſeinem Sohne, daß er eine ſolche hingeſchleppte Verlobung noch ertragen könne. Er meinte, dieſer hätte es ſchon vor einem Jahre zu einer Entſchei⸗ dung bringen müſſen, und hoffte nun, daß Ernſt ſeine Thorheit einſehen würde. Und doch, in ſeinem innerſten Herzen, ſchämte ſich der Mann,— denn das war er, mochte er ſein wie er wollte, ein tüchtiger Mann im rechten Wortesſinn,— und vercchtete er ſeinen feigen Sohn, der das Mädchen, das er zu lieben vorgegeben, in ſolcher Zeit verlaſſen konnte. Das blaſſe, aber muthige Geſicht des jungen Mädchens, das er ja ſelbſt mit einem väter⸗ lichen Kuß in ſeine Familie aufgenommen hatte, war ihm beſtändig ein ſtummer Vorwurf geweſen, und ſoſehr er froh war, daß ſein Sohn an dieſem fatalen Schauſpiel ſich nicht betheiligt hatte, ſo ärgerte es ihn andrerſeits als Mann. Ich bin überzeugt, der Vater hätte den Sohn als unverbeſſerlichen Narren bezeichnet, wenn er ihn als beſtändigen Begleiter der ſchwergeprüften Familie erblickt hätte, aber er würde ihn geachtet haben trotz dieſer Thorheit. Jetzt war er auf der einen Seite froh, aber er fand doch ſeinen Jungen ganz erbärmlich, und der Gedanke trieb ihm das Blut in die Wangen, ihm, dem kühlen, abgehärteten Mann des Geſetzes. Er war höchſt ärgerlich darüber, daß dieſe dumme Geſchichte wahrſchein⸗ lich noch um einen Tag hinausgeſchoben werden ſollte, 158 denn es fragte ſich, ob dieſe—(er bezeichnete ſie anders) Herren ſich einigen würden; nun mußte er die einſame Nelly mit ihren großen traurigen Augen und dem blaſſen Geſichte noch einmal vor ſich ſehen. Die Eaſtwoods waren ihm nachgehends ganz zuwider geworden. Er ſchämte ſich vor ihnen und legte das ihnen ſelbſt zur Laſt, und nun vollends dieſe ganze Angelegenheit, dieſer dumme Proceß war ihm ein Gräuel. Das arme, kleine, blöd⸗ ſinnige Ding! Verrückt aus Liebe zu Frederick Eaſtwood! Großer Gott, was für Thoren ſind doch die Weiber! Dieſe Gedanken ſtörten ihn jedoch keineswegs in dem Genuſſe ſeines Mittagseſſens, denn der vortreffliche Richter war tüchtig ausgehungert, und es war ein wahres Glück, daß die Botſchaft, die ihm ſo eilig überbracht wurde, ihn erſt beim Schluß der Mahlzeit traf. Die Geſchworenen hatten ſich geeinigt! Was war nun zu thun? Sollten die Unglücklichen noch eine Nacht in Zweifel gelaſſen werden, nachdem endlich das Reſultat gewonnen worden war? Sollte insbeſondere das arme Ding noch länger in dieſer Ungewißheit bleiben? Abher noch dringender und gewichtiger erſchien dem Richter der Umſtand, daß er in dieſem Falle die unangenehme Geſchichte am nächſten Morgen noch einmal vornehmen und andere und wichti⸗ gere Dinge, wie er meinte, darum vertagen müſſe. So entſchloß er ſich denn ſchnell, wenn auch mit leiſem Seufzen. ——————— — 3 159 Er berief ſeine Getreuen zu ſich, ſandte Boten aus an die Advocaten der beiden Parteien und an alle Bethei⸗ ligte, hüllte ſich in ſeine Gewänder und begab ſich eilig nach dem Rathhauſe. Sein Erſcheinen verſetzte die leb- haft plaudernden Gruppen auf den Straßen in die größte Aufregung. Alles ſtürzte nach dem Gerichtsſaal, der eilig erleuchtet worden war; Thüren flogen auf und zuz die aufgeregte Menge, Reich und Arm, Vornehm und Gering, füllte das Gemach, und Alles ſaß und ſtand fried⸗ lich beiſammen ohne Wahl, Wer ſich zuerſt glücklich vorgedrängt hatte, der blieb hartnäckig ſitzen, mochte der beſte Freund ſtehen oder der vornehmſte Mann ſich ver⸗ gebens nach einem Platze umſehen; hier in der düſtern weiten Halle, wo die grimmigen Geſichter uralter Raths⸗ herren ſteif und kalt herniederblickten, galt kein Anſehen der Perſon. Innocenzia ſaß unterdeſſen auf dem Bette, müde und matt, troſtlos und einſam. Sie dachte nicht mehr an den blauen Himmel, nicht mehr an das Leben draußen oder an die Hoffnung, nach Hauſe gehen zu können. Es mag in manchen Fällen gut ſein, keine lebhafte Phantaſie zu haben, aber ſehr oft iſt's ein Unglück. Für die arme Innocenzia wenigſtens war es eins in dieſer Jammerzeit. Sie vermochte ſich nicht einmal das Morgen auszumalen mit der Möglichkeit endlicher Befreiung, die es bringen 160 konnte. Sie war nicht im Stande, ſich ſoweit aufzuraffen, um über die troſtlos einſame Nacht hinaus zu denken. Die furchtbare Einſamkeit legte ſich wie ein ehernes Band auf ihr armes Herz, auf ihren ſchwachen Geiſt. Es hielt ſie wie in Ketten zurück, ſie konnte weder denken, noch fühlen. Unfähig ſich klar zu machen, was man von ihr wollte, erhob ſie ſich, als der Schlüſſel knarrte und durch die geöffnete Thüre Geſtalten hereinhuſchten in das Zimmer, die das ſpärliche Licht nur undeutlich erkennen ließ. Sie ſetzte ihr Hütchen auf, faſt mechaniſch, weil man es ihr ſagte, und folgte den Vorangehenden wie betäubt und in einem Zuſtande von Stumpfheit, in dem ſie das Fürchterlichſte mit Gleichgültigkeit ertragen haben würde. Sie hielt ſich krampfhaft an der Frau feſt, die während der zwei Schreckenstage ihr zur Seite hatte bleiben müſſen, aber ſie fragte nicht, ſie überlegte nicht, weshalb man ſie aus der entſetzlichen Stille wieder herausgeriſſen habe. Wie ein Traum wirbelte es um das arme Kind: die Lichter, die Menſchen, die vielen Augen,— ſie ſtarrte vor ſich hin mit angſtvollen Augen, die doch eigentlich Nichts ſahen. Sie klammerte ſich an die Gefängnißwärterin als an das einzige wirkliche Weſen, denn alles Andere ringsum war ſo traumhaft, ſo verſchwommen; ſie ſah und hörte Nichts, trotz allem Licht, trotz allem Geräuſch, das ſie umgab. Ein unklares Empfinden, als ob ihr etwas ge⸗ 161 ſchehen ſolle, dämmerte allmählich auf in ihrer umdüſterten Seele. Sie wußte nicht wie es kam— aber plötzlich war ihr zu Muthe wie damals in der Methodiſtenkirche, ſie ſah Geſtalten auf ſich zueilen, die, wie ſie glaubte, ihr den Tod drohten, und wandte ſich in wilder Verzweif⸗ lung um, ob kein Ausweg, keine Flucht möglich ſei. Ach, jetzt gab es kein Entrinnen. Innocenzia war umringt, eingeſchloſſen von allen Seiten. Da war es ihr, als töne ihr Name aus der Mitte jenes geiſterhaften Kreiſes hervor. Was ſollte jetzt geſchehen? Kam es endlich— das Letzte? WMit einem Schrei, der im ganzen Gebäude wiederhallte, der ſelbſt hinausdrang zu der lauſchenden Menge auf der Straße, der tagelang noch fortgellte in Aller Ohren und Herzen, barg ſie ſich ſchaudernd in die Ecke, in der ſie ſtand, und ſchlug die Hände vor das Geſicht. Was nun weiter geſchah? Ich glaube nicht, daß Innocenzia etwas davon wußte. Sie war der Mittel⸗ punkt eines Kreiſes von Menſchen geworden, voll Ver⸗ wirrung und Unruhe, aus dem ihr endlich das von Freude und Rührung bebende Geſicht des Sir Alexis kenntlich wurde. Dann hörte ſie auch ſeine Stimme, wie er ſagte:„Es iſt Alles vorüber, mein Liebling, komm, wir gehen nach Hauſe——,“ dann vernahm ſie leiſes Weinen und Schluchzen, Töne, in die ſie nicht Kraft genug hatte einzuſtimmen, und endlich kam ein Hauch von Hliphant, Innocenzia. W. 11 Luft— von friſcher, köſtlicher Frühlingsluft, der über ihre Stirne wehte, als ob ſie nie im engen Gefängniß gehalten worden wäre,— dann verlor ſich ihr Bewußt⸗ ſein „Das Mädchen iſt verrückt geworden,“ ſagte der Richter Molyneux, als er ſeine Robe abwarf;„ich hätte große Luſt, die Herrn Geſchworenen alleſammt als Mörder zu verklagen.“ Sie war freigeſprochen worden,— das war das Ende,— ob aber zu ſpät für ihren ſchwachen Verſtand, wer konnte das wiſſen? Selbſt Batty und ſeine eifrigſten Anhänger waren von dem Schrei bis in's innerſte Mark erſchüttert worden.„Sie iſt frei, aber Gott hat ſie ge⸗ richtet!“ ſchrie einer der Wüthenden, aber die Menge rief ihm entrüſtet Schweigen zu, und die rachſüchtigen Stimmen verſtummten unter der allgemeinen Theilnahme. Man hatte die arme Innocenzia durch eine Seitenthür hinübergetragen in die Zimmer, wo die arme Mutter, glücklicherweiſe ohne die Kataſtrophe zu ahnen, eben ein wenig zu ruhen verſuchte. Und in demſelben Augenblick ſtürmte Jemand in den Gerichtsſaal und ſchrie mit lauter Stimme einigen Advocaten zu, die noch die Sache be⸗ ſprachen:„Ich habe den Doctor gebracht! Hier iſt der Doctor!“ John Vane ergriff den Arm des jungen 163 Mannes.„Es iſt vorbei,“ ſagte er,„Gott ſei Lob und Dank! Sie iſt gerettet, Alles iſt vorbei!“ Plantagenet Eaſtwood, denn er war es, prallte er⸗ ſchrocken zurück. Da hatte er nun den Doctor mitgebracht, der jetzt von ſeinen Freunden jubelnd umringt wurde, nachdem er ihm nachgejagt war, Gott weiß wie weit, und alle ſeine Mühe war umſonſt! Wäre er zwei Jahre jünger geweſen, ſo hätte er ſeinen Kummer gewiß ausge⸗ weint, aber jetzt war das unmöglich. Alſo umſonſt? Innocenzia war ohne ihn gerettet worden, hatte ihn nicht gebraucht? Er ſuchte ſeine bittere Täuſchung ſo gut es ging zu bekämpfen und ſah John Vane, der ihn liebevoll betrachtete, wieder muthig in's Geſicht.„Thut Nichts. Es war jedenfalls gut, daß ich's that,“ ſagte er, aber der Schlag war ihm doch durch und durch gegangen, und er vermochte für den Moment gar nichts anderes zu denken. „Sehr gut iſt's geweſen,“ ſagte Vane,„wenn auch, wie bei ſo vielen edlen Beſtrebungen, der Lohn ausbleibt. Komm mit mir, Plantagenet, komm nach Hauſe. Sie ſind Alle da. Ich glaube kaum, daß wir es noch eine Nacht hätten ertragen können.“ „Wer ſind denn die„Wir?“ frug der junge Mann vorſichtig. „Wir Alle,“ ſagte Vane mit feuchten Augen.„Unſre 11* Familie!“ Beinahe hätte er auch geweint, wenn auch aus anderen Gründen als der Jüngling. Er hatte bis zu dieſem Augenblicke nicht an ſich ſelbſt, nicht an Nelly gedacht. Aber treu und unermüdlich war er bei ihr ge⸗ blieben, wenn ſelbſt die Mutter ſie hatte verlaſſen müſſen, er war ihr Bruder, ihre Stütze, ihr Beiſtand geweſen, er— und nicht jener Andere; und ſollte nun dieſer An⸗ dere kommen und ernten, wo er nicht geſäet, die Freude theilen, wo er das Leid geflohen? Ein ſchmerzlich bitteres Gefühl kämpfte in John's ehrlicher Seele mit tauſend an⸗ deren Empfindungen. Bis jetzt hatten ſie Alle nur das eine Gefühl gekannt: die Angſt und Sorge um Inno⸗ cenzia. Sie war gerettet, aber ſtatt daß nun allgemeine Freude alle Herzen erfüllt hätte, war ſofort wieder ein Jedes echt menſchlich zurückgekehrt in das Labyrinth der eigenen Noth und Sorge. Und gewiß das meiſte Recht dazu hatte der arme Plantagenet. Seine ganze Arbeit war vergeblich geweſen; er hatte Kraft und Zeit angewendet, und Andere, die nicht halb ſo viel gethan hatten, trugen nun den Preis davon. So waren ſeine Gefühle denen von John Vane ſehr nahe verwandt. Beide bezwangen ſich jedoch und ſprachen nur von dem Verhör und wie dasſelbe zu dem glücklichen Ende gelangt ſei. Aber Mann und Jüngling fühlten gemeinſam eine troſtloſe Oede in der Tiefe ihres Herzens. 165 Lieber Leſer, ich will nicht verſuchen, die furchtbare Aufregung zu ſchildern, die in dem kleinen Wohnzimmer der Eaſtwoods herrſchte. Als man Innocenzia in den ihr fremden Raum gebracht hatte, ſchien ſie anfangs wieder in jene eiſige Kälte und Gleichgültigkeit zurückzufallen, die ſie vor Jahren gezeigt, als ſie zuerſt das Haus ihrer Tante betreten hatte. Sie duldete ſchweigend, daß Nelly ſich um ſie bemühte, ſie auf einen Stuhl ſetzte, ihr Kiſſen in den Rücken ſchob, ihr ein Fußbänkchen brachte, ihr das Hütchen abnahm; ſie ließ Alles geſchehen mit dem⸗ ſelben ſtarren, theilnahmloſen Blick wie damals. Ich glaube, wenn Frederick jetzt hereingetreten wäre, ihre Augen hätten ſich ihm zugewandt wie zu jener Zeit, da ſie in ihm ihren einzigen Freund erblickte. Aber glück⸗ licherweiſe war Frederick gar nicht da. Ein Haufe müßiger Menſchen hatte den Unglücklichen auf ſeinem Wege zum Hauſe ſeiner Mutter entdeckt, und wie ſolche Leute, hier noch dazu von einigen wüthenden Battyanern angeſpornt, ſich nicht leicht ein Opfer entgehen laſſen, hatten ſie ihn ſo verhöhnt, beſchimpft und verſpottet, daß er ſich in die Bahnhofsſtation hatte retten müſſen. Wir wiſſen bereits, daß Frederick, ſo viele Verſtöße er ſich im Stillen gegen die Ehre ſeines Namens erlaubte, doch ungeheuer empfind⸗ lich gegen Alles war, was ihn öffentlich blamiren konnte, und daher brachte ihn dieſer rohe Angriff ganz außer ſich. 166 Die Schimpfreden, mit denen man ihn, Frederick Eaſt⸗ wood, belegte, ihn, der ſich ſo unendlich vornehm und erhaben dünkte, wirkten ſo deprimirend auf ihn, daß er ſchon aus Angſt, daß einige der Schurken ihm auflauern und jene Quälerei von Neuem beginnen könnten, den nächſten Zug nach London benutzte und von dort aus an Sir Alexis ſeine freudige Theilnahme und ſeine Glück⸗ wünſche telegraphirte. Er hatte aber in dieſem ganzen Prozeß wider ſeine Couſine, als Mörderin ſeiner Frau, eine ſo wenig beneidenswerthe Rolle geſpielt, daß es ihm mehr als erwünſcht kam, daß ihm auf ſein Anſuchen ſofort eine Stelle in einem der zahlreichen Zweiggeſchäfte ſeines Hauſes in den Kolonien zugeſagt wurde. Er nahm ſie ſofort an und reiſte bereits am nächſten Tage ab. Es war das Beſte, was ihm unter den ſo bewandten Umſtänden zu thun übrig blieb, und, ſeine Mutter aus⸗ genommen, bezweifle ich ſehr, daß irgend Jemand ſeine Entfernung ſehr beklagte; aber Mütter denken nun einmal immer gut von ihren Kindern, und dieſes Vor⸗ urtheil iſt vielleicht nicht klug,— aber gewiß gut für die Welt. Innocenzia wachte erſt ein wenig aus ihrer Betäu⸗ bung auf, als man ſie in das Zimmer führte, in dem ihre Tante etwas zu ruhen verſucht hatte. Aber der Lärm im Hauſe, die vielen Fußtritte und Stimmen, die 167 von der Straße herauf ſchollen, hatten ſie wieder unruhig gemacht; ſie konnte nicht ſchlafen, wie ſie es doch ver⸗ ſprochen hatte. Da führte Nelly Innocenzia herein, damit der Mutter Augen beim Erwachen zuerſt auf das geret⸗ tete Kind fallen ſollten, und mit einem lauten Schrei des Entzückens ſprang ſie vom Sopha auf und riß die Wieder⸗ gewonnene in ihre Arme. „Als ob ich ſchlafen könnte, wenn ich eins von Euch in Lebensgefahr weiß!“ rief ſie unter Thränen. Inno⸗ cenzia durfte ſie die ganze Nacht nicht verlaſſen, und all⸗ mählich, ganz allmählich thaute das arme erſtarrte Herz wieder auf, wie auch in die Glieder eines Erfrorenen oder Ertrunkenen Leben und Wärme nur langſam zurück⸗ kehren. Als ſie einſchlief, was endlich doch geſchah, da kehrte im Traum das Lächeln auf ihre Lippen zurück, und ein leiſes Roth färbte die zarten, blaſſen Wangen; und als ſie am Morgen erwachte, da war ſie wieder was ſie geweſen— die Innocenzia von Longueville, das knospende, halb erſchloſſene Weſen, das angefangen hatte, die Arbeit derer zu lohnen, die ſo ſorglich das⸗ ſelbe gehegt. Mit Verwunderung und Freude beobach⸗ teten ſie die Ihrigen:— nichts von Wahnſinn, von Stumpfheit— von Betäubung— nein, wie eine zu Boden getretene Blume das Köpfchen wieder emporhebt, ſo auch ſie. Während die Andern noch ſtaunend ſich leiſe darüber beriethen, ob es wol gerathen ſei, die Ereig⸗ niſſe der letzten Tage mit ihr zu beſprechen, war ſie an das Fenſter getreten und blickte hinüber nach den düſteren Gefängnißmauern. Sie folgten ihren Blicken und warteten ſchweigend, was geſchehen würde. Endlich wen⸗ dete ſie ſich zu ihnen und ſagte mit dem alten ſüßen Lächeln: „Welches war mein Fenſter?“ Alle eilten auf ſie zu, als wollten ſie ihr zeigen, wie ſicher ſie jetzt ſei, wie ganz erlöſt aus dem Dunkel der vergangenen Tage, und zeigten ihr das Verlangte lächelnd unter Thränen. „Das war es?“ ſagte Innocenzia immer noch mit derſelben holden Freundlichkeit.„Ich wollte, ich hätte gewußt, daß ich Euch ſo nahe war. So eine kleine Strecke nur? Und Ihr habt hier geſeſſen und mich be⸗ obachtet? Es muß ja beinahe geweſen ſein, als wäre ich zu Hauſe bei Euch?“ Warum küßten ſie nur jetzt Alle mit ſo vielen Thränen? Sie nahm die Küſſe hin und trocknete mit ihrem Taſchentuch, halb ſpielend wie ein Kind, die Thränen auf den Wangen ihrer Lieben. „Ja, beinahe, als wäre ich bei Euch geweſen,“ wiederholte ſie, indem ſie das Wort„beinahe“ ſeltſam betonte. Lange ſtand ſie noch ſinnend am Fenſter, lächelte, aber ſagte kein Wort mehr. So mag die 169 Seele lächeln, die erlöſt vom Erdenleid ſich ſelbſt wieder⸗ findet im Himmel und ſtaunend erkennt, wie kurz die Strecke geweſen, die ſie von ihm getrennt hat. Und nach und nach wurde ſie wieder ganz klar ſich ihrer bewußt und ruhig. Sie bereitete ſich auf ihre Heim⸗ reiſe vor, dem Anſcheine nach ohne eine beſonders tiefe Em⸗ pfindung, daß etwas Entſetzliches an ihr vorübergegangen war. Sir Alexis, der um zehn Jahre gealtert ſchien, ſo furchtbar hatte ihn dieſe Zeit der Qual erſchüttert, be⸗ eilte ſich, dieſe Ruhe zu benutzen und Innocenzia nach Longueville zurück zu bringen. „Sie muß krank werden— es iſt unmöglich, daß ſie es ſo überwindet,— dieſe Ruhe kann nicht dauern!“ ſagte er. Aber er ſelbſt war viel näher daran krank zu werden als die junge Frau. Sie hatte in ihrer kind⸗ lichen Einfalt die ganzen Vorgänge nicht halb ſo tief empfunden wie ihr Gatte. Sie hatte kein Gefühl da⸗ für, verſtand es überhaupt gar nicht, was ihm ſo ent⸗ ſetzlich war: dieſes Heraustreten an die Oeffentlichkeit, ſein Privatleben, ſeine Heirath beſprechen zu hören, den Namen ſeiner Frau in Aller Mund zu wiſſen. Für Innocenzia exiſtirten ſolche Empfindungen nicht; ſie hatte nichts gefühlt als die Pein der Einſamkeit und die un⸗ klare Angſt vor einem perſönlichen Schmerz, der ihr angethan werden ſollte. Das war Alles, und ſobald ſie 170 ſich daher frei und wieder von ihren Freunden umgeben ſah, nicht länger mehr geängſtigt und verlaſſen war, war auch die Laſt von ihr genommen. Sie dachte nicht an die Schande, ſie verſtand ſie ja nicht. Sir Alexis dagegen war ſich alles deſſen wol bewußt. Er wußte, daß Jahre vergehen würden, ehe man aufhören würde, mit Fingern auf ſeine junge Frau zu zeigen als „die Frau, die wegen Mordes vor den Aſſiſen geſtanden.“ Er wußte, daß man in der Geſellſchaft von ihrer„Schuld“ ſprechen, daß Viele ſogar noch jetzt daran glauben würden, endlich daß Jedermann ihre thörichte Liebe zu Frederick Eaſtwood kannte, und das war es hauptſächlich, was dem Gatten Alles verbitterte. Innocenzia war ge⸗ rettet, aber— ſeine Ehre nicht, und die Folgen dieſes Prozeſſes ſollten ſein ganzes Leben fortan verdüſtern. Hatten doch die Zeitungen ſogleich nach dem Schluß der Verhandlung ſich des höchſt intereſſanten Falles bemächtigt und ihn ausgebeutet und ihn geradezu als lächerlich und entehrend für die Advocaten dargeſtellt, da kein rechtlicher Mann die Sache hätte annehmen, kein Ge⸗ richtshof dafür hätte einberufen werden dürfen.„Jeder⸗ mann weiß, wie häufig es unter gewiſſen phyſiſchen Umſtänden vorkommt, daß ſich Jemand ſelbſt anklagt,“ ſchrieb der eine Berichterſtatter,„und Mord iſt das Lieblingsverbrechen, welches ſolche Leute, die unglücklichen 171 Opfer ihrer Manie, ſich erwählen.“ Alle ſolche Dis⸗ cuſſionen waren zu Innocenzia's Gunſten, aber ach, wie fürchterlich iſt die Gunſt von Zeitungsblättern für eine Frau von achtzehn Jahren! Lieber ein kurzes, hartes Urtheil, und dann Schweigen, als dieſe endloſen Aus⸗ einanderſetzungen! So kehrte denn Sir Aleyis mit ſeiner jungen Frau ſchleunigſt nach Longueville zurück, indem er ihr die zärtliche Verſicherung gab, daß fortan kein Unfall ſie mehr betrüben ſolle und daß ſie das ſüße Stillleben der früheren Tage wieder beginnen würden. Aber ach, dies ſchöne Leben war dahin wie Winterſchnee! Denn der Mann, der nicht mehr jung war, durfte nicht hoffen, ſo lange zu leben, bis er ſelbſt oder die Welt das ver⸗ geſſen hatte, was fortan ſein Glück wie mit einem düſtern Schleier überdeckte. Das alte ſchöne Leben, die kurze, ſonnige Idylle ſeines ſpäten Frühlingstraumes, ſie war dahin— auf Nimmerwiederkehr.— Elftes Kapitel. plantagenets Betrachtungen. „Nelly, wo iſt denn Molyneux?“ frug der Bruder plötzlich. Er war eben von der Station zurückgekehrt, wohin er Sir Alexis begleitet hatte. Er war nicht ſehr heiter, der gute Junge, weshalb, weiß ich eigentlich ſelbſt nicht. Aber klug und ſcharfſichtig wie er war, hatte es ihm nicht ſchwer fallen können, deutlich zu er⸗ kennen, daß die Ausſichten für Innocenzia's Glück ſich weſentlich verringert hatten; und da ihn dieſe Beobach⸗ tung übellaunig machte, ſo hatte er auch durchaus nichts dagegen, Andere in eine ähnliche Stimmung zu verſetzen. Auch ſchien es ihm, als habe ſeine Schweſter„etwas auf dem Herzen“, und er fühlte ſich dazu berufen, ihr zu helfen. Mrs. Eaſtwood und Nelly waren im Begriff, einen Beſuch auf Villa Vane abzuſtatten, um von da aus ſich nach Longueville zu begeben. Es lag ihnen 173 daran, jetzt auf eine Weile den vielen theilnehmenden Beſuchern zu entgehen, die ſie mit tauſend Fragen be⸗ ſtürmen würden, und vom Hauſe fortzubleiben, bis Inno⸗ cenzia's Prozeß in dem Gedächtniß der Menſchen etwas verblaßt ſein würde. Auch hatte Mrs. Eaſtwood's Ge⸗ ſundheit unter den vielen Sorgen und Nachtwachen be⸗ deutend gelitten; und Nelly's bleiches Geſicht ſowie die dunklen Schatten unter ihren Augen zu ſehen mit jenem träumeriſchen Blick, der ſie Innocenzia ſo ähnlich machte, das war genug, um Plantagenet in ſeiner Meinung zu beſtärken, daß ſie„etwas auf dem Herzen“ habe. Sie fuhr heftig zuſammen, als der Bruder die erwähnte Frage an ſie richtete. Sie hatte Ernſt's Namen, ſeit ſie nach Sterrington gekommen, nicht wieder erwähnt, und in der Sorge um Innocenzia hatte ſelbſt die Mutter nicht ein einziges Mal mit ihr über ihn geſprochen. Und die ganze Sachlage den Ihrigen zu erklären, die eingetretene Veränderung in ihren äußeren wie in ihren Herzensangelegenheiten auseinanderzuſetzen, das fiel Nelly ſehr ſchwer, und deshalb waren ihre Wangen ſo bleich. Das Kapitel ihrer erſten Liebe mußte geſchloſſen werden, und ſie ſollte das öffentlich bekennen. Aber die Angſt vor dieſem Geſtändniß, die Laſt des Geheimniſſes, die ſie trug, drückte ſie ſo nieder, daß ſie faſt krank wurde. „Ernſt?“ ſagte ſie mit heißem Erröthen— und 174 fügte dann ruhiger hinzu:„er iſt zu Hat, ſoviel ich weiß——“ „Weshalb war er nicht hier bei Dir?“ frug Plan⸗ tagenet, beharrlich ſein Examen fortſetzend.„Ihn hielt doch wahrlich nichts zurück; er konnte ja auch herkommen, um zu ſehen, wie die Sache ſtand——“ „Ach, ich habe alſo doch Recht gehabt!“ rief Nelly, „Es iſt ſein Geſicht geweſen, welches ich ſah. Sage mir, weshalb er kam, lieber Junge! Sage mir's, Du weißt es gewiß. Wie haſt Du überhaupt erfahren, daß er hier war? Und warum, warum kam er denn nicht einmal zu mir?“ „Liebſt Du Molyneux noch, Nelly?“ „O, frage mich nicht!“ rief ſie in ſchmerzlichem Tone.„Sage mir, was Du weißt!“ „Nun ſo höre!“ ſagte der Bruder.„Man ſagt den Frauen eigentlich viel Böſes nach; ich aber bin ſtets auf der Seite der Frauen geweſen. Eine Frau,— und was für eine!— hat mich geboren und erzogen, und ich bin der Bruder von Dir, Nelly— alſo muß ich ſchon die Mädchen gern haben. Aber ſieh,— ich würde wirklich gezwungen ſein, Alles das von euch zu glauben, was die Leute ſagen, daß ihr albern, ſtarrſinnig, unvernünftig, ſelbſt⸗ ſüchtig ſeid,— wenn Du, Nelly Eaſtwood, ein Mäd⸗ chen von Charakter, Dir das Herz brechen ließeſt durch 175 einen Eſel wie Molyneux, da Du den beſten Kerl in der ganzen Welt haben kannſt, John Vane—“ „Plantagenet, wie darfſt Du ſo mit mir ſprechen?“ „O, dürfen?— Das will ich ſchon verantworten,“ entgegnete er gelaſſen,„ich weiß recht wol, was ich ſage. Was? Ein Menſch, der Dich im Stich laſſen kann, wo Du ihn am meiſten brauchteſt, der Dir nicht mit Rath und That zur Seite geſtanden iſt in der Stunde der höchſten Noth! Beim Zeus!“ rief der junge Mann empört,—„ein ſolcher Gelbſchnabel, der nicht neben John Vane geſtellt werden darf, ebenſo wenig wie— wie ich ſelbſt! Wenn Du ſo eine Thörin ſein kannſt, Nelly, dem Menſchen noch einen trüben Gedanken nachzuſchicken, dann hört mein Glaube an edle Weiblich⸗ keit auf, das ſage ich Dir!“ Der Bruder ging ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, um ſich nach dieſer gewaltigen Rede etwas abzukühlen. Aber bei Nelly war alle Widerſtandskraft zu Ende. Sie konnte weder lachen, noch böſe ſein. Ihr that das Herz weh, ſie wußte ſelbſt nicht, was es für Schmerzen waren. Das Geheimniß, welches ſie ſchon ſeit längerer Zeit vor ſich ſelbſt verborgen gehalten, war jetzt von dem Bruder mit klaren Worten aufge⸗ deckt worden. Ihre Stellung zwiſchen den beiden Männern, zwiſchen Ernſt Molyneur und John Vane, 176 hatte ihr ſchon ſeit Langem ernſte Bedenken gegeben. Die klare Erkenntniß der Verſchiedenheit der beiden Naturen, die ſich ihr immer ſtärker aufdrängende Ge⸗ wißheit, daß der Eine alles das beſaß und erfüllte, was der Andere nicht hatte und nicht that, und das Bewußtſein, daß dieſer Andere eben doch ihr Verlobter war,— das waren die Qualen, die ihr armes Herz oft zerriſſen hatten. Wie hatte ſie gekämpft und ge⸗ rungen! Wie hatte ſie ſich immer wieder Ernſt's gute Eigenſchaften vor die Seele gerufen und alle möglichen Entſchuldigungen zu ſeinen Gunſten hervorgeſucht! Aber allmählich, faſt ohne daß ſie es ſelbſt wußte, hatte die Bewunderung der Vortrefflichkeit John Vane's ſie jene Vergleichung einſtellen laſſen, und endlich hatte Ernſt's letztes Benehmen, ſein Wegbleiben, die Zuſtimmung, die er ihrem letzten Lebewohl durch ſein hartnäckiges Schwei⸗ gen zu geben ſchien, ihren Mädchenſtolz auf das Tiefſte verwundet. Dennoch beſaß ſie nicht den Muth, den Bruch ihres Verlöbniſſes offen einzugeſtehen, in Folge jenes ſchwer verſtändlichen Begriffs von Ehre, den ſo viele junge, phantaſtiſche Mädchen haben, die ſich dadurch, daß der Verlobte ihre jungfräulichen Lippen zuerſt geküßt, für Zeit und Ewigkeit an ihn gebunden wähnen. So ſtand es mit Nelly, und in dieſem pein⸗ lichen Zuſtande, in dieſem Kampfe mit dem, was ſie für 7 ihre„Ehre“ hielt, war ſie nahe daran, zu Grunde zu gehen, hätten nicht die Worte des Bruders, die, wenn auch rauh, doch gut gemeint waren, den Knoten plötzlich gelöſt und kühn das zu Tage gebracht, was ſie ſelbſt bisher nur zagend im tiefſten Herzen geflüſtert hatte. Und doch mußte es zur Sprache kommen. Ernſt hatte ihr nicht ein⸗ mal geſchrieben; er hatte alſo ſchweigend die Entlaſſung hingenommen, die ſie ihm damals haſtig gegeben,— und nun mußte die Thatſache bekannt gemacht werden. Sie antwortete dem Bruder nicht gleich, und als ſie es endlich that, geſchah es in einem ſo troſtloſen, traurigen Tone, daß Plantagenet ſofort gerührt wurde. „Ach, lieber Junge, ſage mir Alles, was Du weißt! Ich habe keinen Wunſch weiter als den, zu wiſſen, warum er hierher gekommen iſt und nicht zu uns. Was ſagte er? Ich will Dir dann auch Alles ſagen, wenn Du mir erſt erzählſt was Du weißt!——“ „Nelly, hoffentlich biſt Du nicht ſo thöricht, wie Du ausſiehſt,“ ſagte der Bruder ſtreng.„Ich traf ihn unterwegs auf einer Station. Er kam von hier, als ich eben hierher eilte. Er theilte mir mit, daß er beim Verhör zugegen geweſen wäre, daß ich gut thäte, meinen Arzt ſchnell hinzubringen, daß die Aerzte im Allgemeinen aber nicht viel zu bedeuten hätten, da Einer immer auf den Andern loshacke, und daß wir ſo gheitt ſein Oliphant, Innocenzia. IV. 2 178 ſollten, Innocenzia aufzupacken und nach Auſtralien oder ſonſt irgend wohin zu ſchicken; denn wenn ſie auch zwanzig⸗ mal freigeſprochen würde, ſo läge doch die Blamage auf ihr und uns für's ganze Leben. Darauf nickte er mir zu, und der Zug fuhr ab. Das war ein reizendes Begegnen,“ rief Pantagenet,„und wahrlich, hätte ich meinen Doctor nicht bei mir gehabt, und den Kopf voll Innocenzia, und auch einige Gedanken über Dich, Nelly, ob Du wirklich ſolch'nen Kerl lieben kannſt— beim Zeus! ich hätte ihn aus dem Waggon heraus und auf die Schienen ſchleudern können, und ſicherlich, er hätte es verdient.“ „Plantagenet, mein lieber Junge,“ ſagte jetzt die Mutter, die eben hereingetreten war,„hat der armen Innocenzia hartes Geſchick Dich nicht weicher gemacht? Ich weiß zwar nicht, von wem Du ſprichſt, aber ich bin überzeugt, daß Du das nicht ſo meinſt, was Du ſagſt. Du mußt nicht ſo reden, lieber Junge. Du würdeſt Niemand etwas anthun—“ „Und ob ich es wollte!“ rief der Sohn empört. „Darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Mutter, giebt mir je der Himmel die Gelegenheit, er ſoll ſeine Tracht Prügel—— „O Plantagenet, hör' auf!“ flehte Nelly. Die Mutter blickte von dem Sohne zu der Tochter. 179 Sie frug nicht. Ich glaube, ſie hatte ſchon längſt das Ge⸗ heimniß dieſes Mädchenherzens durchſchaut. „Wir haben genug von Deinem Geſchwätz, mein Junge,“ ſagte ſie dann.„Nelly, Du weißt, daß uns Miß Vane um drei Uhr abholen will, und Dein Zug, lieber Plantagenet, geht ſogar ſchon früher ab. Ich ſehne mich danach, aus dieſem Orte heraus zu kommen, der uns nur Unglück gebracht hat——“ „Nun, die Vanes halte ich gerade für kein Unglück,“ unterbrach ſie der Sohn. „Ach, die Vanes!“ erwiederte die Mutter, und ein helles Lächeln überflog ihr Geſicht.„Komm, Nelly,“ ſagte ſie darauf freundlich.„Ich hoffe, das Kloſterleben wird uns die Grillen ſchon vertreiben.“ Plantagenet dachte ein Weilchen über dieſe Worte nach, als er jetzt die Beiden mit einander allein ließ und fortging, um zu packen. Gewiß ſprach ſich nun Nelly offner gegen die geliebte Mutter aus als gegen ihn, den Bruder. Aber der kluge Junge hatte das Schweſterchen bereits durchſchaut und er war feſt überzeugt, ſie würde Molyneuy nicht wieder zu Gnaden aufnehmen und— ja, was würde wol weiter geſchehen? In dieſem Augen⸗ blicke begegnete er John Vane, denſelben, den er in Ge⸗ danken hatte und den er mit dem ganzen Enthuſiasmus eines edlen Herzens aufrichtig verehrte. Plaudernde 12* 180 Gruppen ſtanden vor dem Rathhauſe, in dem die Aſſiſen ihren Fortgang nahmen, gerade ſo wie damals, als die arme Innocenzia vor Gericht ſtand. Die beiden jungen Männer athmeten tief auf; es waren ihnen, als lägen die Schreckenstage ſchon Jahre lang hinter ihnen. „Ich möchte wol wiſſen,“ ſagte Plantagenet, als ſie eine Weile zuſammen geplaudert hatten, indem er unwill⸗ kürlich das Thema anſchlug, welches ſeinem Herzen am nächſten lag,„ich möchte wol wiſſen, ob Molyneur Recht hat, wenn er ſagt, ſie werde es nie überwinden können, ſo lange ſie lebe.“* „Wer? Was?— Wer wird es nie überwinden?“ frug Vane. „Innocenzia. So ſagte er wenigſtens, und ich glaube, er kennt die Geſellſchaft und beurtheilt den Fall danach; — er verſicherte, und wenn ſie zwanzigmal freigeſprochen würde, es bliebe an ihr haften ihr Lebelang.“ „Sehr paſſend für Molyneup, ſich in ſolchen Reden zu ergehen,“ ſagte Vane entrüſtet,„für ihn, der nie das Geringſte dazu gethan hat, Innocenzia oder— oder Deine Familie, der er doch ſo eng— verbunden—“ „Na, was das betrifft,“ ſagte der junge Mann an⸗ ſcheinend gleichgültig,„ſo ſcheint kein gutes Wetter mehr zwiſchen den Beiden zu ſein. Ich glaube, dieſe letzte trübe Zeit hat Nelly die Augen geöffnet, daß dieſer Menſch, dieſer Molyneux—“ 181 „Du meinſt doch nicht?“— rief Vane und ſtockte ſofort wieder. Plantagenet, der an ſeinem Arme hing, fühlte, wie er ſpäter erzählte, daß der Andre hoch empor fuhr, und wußte nun, daß ſein Schuß ins Blaue hinein das Ziel nicht verfehlt hatte. „Ja, ich glaube, ſie hat ihn aufgegeben,“ ſagte er dann gelaſſen.„Ich habe ſie nicht über Alles ausfragen können, aber ſoviel weiß ich, es iſt Alles aus zwiſchen den Beiden. Gott Lob! Nelly müßte dumm ſein,— und das iſt ſie nicht, ich weiß, was ſie für ein Prachtmädchen iſt,— wenn ſie nur noch einen Gedanken an den ſchen Hier flog John Vane wahrhaftig wieder hoch in die Höhe. So'n großer, ſtarker Mann, mit ſo einem Barte! dachte Plantagenet und ſah ſeinen Gefährten von der Seite an, ſah, wie das ſchöne, offne Geſicht ſtrahlte, und hatte ſeine rechte Herzensfreude darüber. Ob und wie Vane darauf antwortete, ob gut oder ſchlecht, ich weiß es nicht; er ließ den Bruder ſprechen; er ſelbſt er⸗ ging ſich nicht in Worten, und erſt als Plantagenet ſich daran erinnerte, daß er nun abreiſen müſſe, brach John's Redeſtrom mächtig hervor. „Höre, alter Junge,“ ſagte er,„kann ich irgend was für Dich thun? Wenn Du was brauchſt, Bücher oder 4 ——ůũũůũůũůůũů—— *„ 6 3 t 182 was Du ſonſt willſt, ſage es mir! Oder ein Bischen überflüſſiges Moos, wovon Mama gar nichts zu wiſſen braucht? Mache mich zu Deinem Banquier, hörſt Du, alter Junge!“ Nelly's Bruder zog ſeinen Arm aus dem des Freundes. Er war ebenſo groß und, abgeſehen von dem Barte, auch ebenſo ſtattlich. Der Jüngling ſtand auf freund⸗ ſchaftlichſtem Fuße mit dem älteren Manne. Lange blickte er dieſem ernſthaft, faſt ängſtlich in das Geſicht— und ſagte dann langſam:— „John, glaubſt Du, daß ſie Dich nimmt?“ Zwölftes Kapitel. Das Bloſterleben. Die Eaſtwoods brachten mehrere Wochen auf der Villa Vane zu. Sie ſahen ſie im ſchönſten Schmuck des Lenzes, und da auch die Menſchenkinder, Groß und Klein, ihre Oſtergewänder angethan hatten, ſo ſah Alles friſch und fröhlich aus. Aber Mrs. Eaſtwood mit ihrem klaren⸗ geſunden Verſtande konnte ſich nicht ſo leicht in die Seltſam⸗ keiten der excentriſchen Dame Lätitia und in ihre klöſter⸗ lichen Schuleinrichtungen finden. Ihr mißfiel vor Allem der kleine Paſtor, dem Alle eine Ehrerbietung bezeugten, die an Furcht gränzte. Ihr kühlerer Proteſtantismus konnte ſich mit der ſtark katholiſchen Färbung, die ihre Wirthin zeigte, nicht befreunden, und hierbei fand ſie in John Vane, der natürlich auch zum Beſuch da war, einen köſtlichen Bundesgenoſſen. Die Schweſter konnte gegen die Beiden nicht aufkommen und gab ſich denn auch bald 184 — und mit aller Herzlichkeit gefangen.„Man kann meinem Bruder nicht böſe ſein, er iſt ſtets aller Leute Liebling geweſen,“ erklärte Miß Lätitia. „Ja, Mr. Vane iſt überall beliebt,“ antwortete Nelly, an die das Wort gerichtet war.„Liebes Kind, hier im Hauſe ſollteſt Du meinen Bruder„John“ nennen,“ er⸗ wiederte die Schweſter mit ſchelmiſchem Lächeln. Und was ſollte nun unſre Nelly bei ſo unvorhergeſehenen Angriffen thun? Sie gab ſich alle mögliche Mühe, ſich einzureden, wie leicht jetzt ihr Herz ſei, ſeitdem ſie nicht mehr zwiſchen Pflicht und Gewiſſen zu ſchwanken brauche, und wenn ihr des Bruders kühne Andeutung in den Sinn kam, da verſuchte ſie ſich einzubilden, daß ihr das völlig gleichgültig ſei. Und in Wahrheit, Nelly bebte vor dem Gedanken zurück, wie natürlich jedes edle und hochherzige Mädchen, Hand und Herz ſofort an einen Andern zu übertragen; dieſer Tauſch erſchien ihr ſchreck⸗ lich, obgleich ſie, ohne es zu wiſſen, ihn ſchon längſt im eigenen Herzen vollzogen hatte. Nach Verlauf von vier⸗ zehn Tagen verſchwand denn auch John Vane ganz plötz⸗ lich, indem er es der Zeit überließ, zu ſeinen Gunſten zu wirken. Er begriff mit ſeinem feinen Takte vollkommen, warum Nelly zögere, ſeinem offen und frei entgegenge⸗ brachten Werben Gehör zu ſchenken. Die Schweſter hin⸗ gegen konnte das nicht ſo leicht begreifen.„Weshalb in 185 aller Welt ſoll denn das nicht gleich abgemacht werden?“ rief ſie;„ich habe nie viel Zeit unnütz verſchwendet. Die Leutchen werden viel glücklicher ſein, wenn ſie end⸗ lich in's Reine gekommen ſind.“ Und vielleicht hatte ſie darin nicht ſo ganz Unrecht. Aber wo das Gefühl in Frage kommt, da wird nicht immer darnach gefragt, ob es auch das Richtige empfiehlt. Als John Vane fort war, athmete NRelly leichter auf. Sie war frei von den Banden, in die ihre jungen, thö⸗ richten Hände ſich hatten ſchlagen laſſen, nun wollte ſie die neue Freiheit genießen. Sie lief umher in der Villa Vane wie ſonſt zu Hauſe. Der Schall ihrer ſchnellen Füßchen tönte wieder wie das Murmeln des Baches; ihr leiſes, liebliches Lachen, ihre immer ſanften Bewegungen, das reizende Kommen und Gehen ihrer anmuthigen Per⸗ ſönlichkeit wirkte wieder auf Alle wie Vogelgeſang und Lenzesfreude. In dieſem ſtark bevölkerten Hauſe waren leichte Fußtritte und junge heitere Geſichter nichts Unge⸗ wöhnliches, aber dennoch behauptete Nelly ihre Eigenthüm⸗ lichkeit und dieſe machte ſie unter Allen ſofort erkennbar. Ich glaube nicht, daß Ernſt Molyneur ſich ſehr„ſchlau“ befand, ſeit er ſich von Nelly getrennt hatte, und ich würde darin auch nur eine poetiſche Gerechtigkeit erkennen, da er das arme Mädchen ſo oft gequält und gekränkt hatte. Er iſt ſeither ſehr bitter gegen die Frauen zu 186 Felde gezogen und hat in ſcharfen Artikeln ſeinem Herzen Luft gemacht. Wir wollen hoffen, daß ihm dadurch das Herz auch wirklich leichter geworden iſt und daß er ſich ebenſo getröſtet hat wie Nelly. Dieſe heilte ihre Herzens⸗ wunde an den Blüthen des Frühlings und in der Um⸗ gebung der ſie vergötternden jungen Schülerinnen in der Ville Vane. Wie ſie ſie alle bewunderten! Sie war durchaus nicht ſo„heilig“, auch nicht ſo ernſt und ſtill wie die arme Innocenzia, die zur Märtyrerin beſtimmt geweſen war, wie die frommen Schweſtern verſicherten; aber Nelly war ſo reizend, ſo klug, ſo geſchickt. Und — flüſterte man ſich nicht in der kleinen Gemeinde zu, daß ſie einen Liebhaber zurückgewieſen habe, weil er nicht ihrem Ideal entſprochen, und hatten ſie nicht Alle geſehen, daß Mr. Vane, der in der Villa in Aller Augen der Typus echteſter, ſchönſter Männlichkeit war, ihr hul⸗ digend zu Füßen gelegen? Die jungen Mädchen meinten, ſie hätten noch niemals etwas ſo Reizendes geſehen als Nelly und ahmten ihre Stimme, ihre Bewegungen, ſelbſt ihre Sprechweiſe nach; und Nelly erholte ſich von ihren langen bangen Kämpfen in dieſem geregelten Leben, unter den Blumen und jungen, lieblichen Mädchengeſichtern. Dreizehntes Kapitel. Was aus Lady Longueville wurde. Schon bei Beginn des Sommers nahm Sir Aleyis ſeine junge Frau mit ſich nach dem Continent. Seine frühere Abſicht, die Saiſon in London zuzubringen und ſein ſchönes Eigenthum aller Welt zum Neide dort zu präſentiren, hatte er natürlich aufgegeben. Sie fort zu nehmen, ſie möglichſt verborgen zu halten vor den Blicken Anderer, das war jetzt ſein eifrigſtes Beſtreben, und der Schmerz, mit dem er ſich dieſer Nothwendigkeit beugte, war um ſo bitterer, als er viel zu ſtolz war, ſich gegen irgend Jemand darüber auszuſprechen. Selbſt gegen Innocenzia's Verwandte äußerte er ſich nicht über die erlittene Demüthigung und die Täuſchung, die an Stelle ſeiner frohen Hoffnungen getreten war. Als die Eaſtwoods ihren Beſuch in Longueville machten, war er wol ſehr liebenswürdig gegen ſie geweſen, aber ſie 3 188 hatten ein vereinſamtes Haus gefunden, wo keine rechte Freude mehr herrſchte. Wol war die ſchöne Beſitzung jetzt mehr als je von läſtigen Beſuchern belagert, aber bei den Meiſten bildete wol die Neugier den unlautern Beweggrund. Der ſtolze Klang des Namens Longue⸗ ville ſchien an Bedeutſamkeit ſchon viel verloren zu haben. Es kamen durchaus keine Gäſte mehr dorthin. Die Freunde des Sir Alexis ſchickten ihm zwar Karten, um ihre Theilnahme zu beweiſen, aber ſie waren faſt alle in der Stadt oder verreiſt oder wollten ſeine Ein⸗ ſamkeit nicht ſtören; kurz, das ſchöne Haus lag öde und verlaſſen da, wie eine Inſel mitten im Meere. „Ich glaube nicht, daß wir uns ſchon dieſes Jahr in die Geſelligkeit ſtürzen werden,“ ſagte Sir Alexis mit gezwungenem Lächeln. Er war ein Edelmann im beſten Wortesſinn und ließ weder Innocenzia noch ihre Verwandten die ſchwere Laſt ahnen, die ſeine Seele be⸗ drückte. Bei ſeiner jungen Frau und Nelly mochte ihm dies wol auch glücken, nicht ſo bei Mrs. Eaſtwood. Die welterfahrene Frau las den Schmerz des ſtolzen Mannes über ſeine Niederlage in jedem Worte, in jedem Blicke. Und ihm fehlte der Halt einer großen und wahren Liebe, an der er ſich hätte wieder aufrichten können. Was er empfand, das war nichts als eine Art von ſchwankender Zärtlichkeit für das arme, kleine 189 Weſen, das jetzt nicht mehr die Krone ſeiner reichen Schätze war wie früher, wo ſie ihm zarter erſchienen war als ſein köſtlichſtes Porzellan, lieblicher als ſein beſtes Bild, ein Lionardo da Vinci, deſſen Aehnlichkeit mit ihr er ſo gern von aller Welt hatte beſtätigen hören. Statt daß ſie in den Regionen des höchſten Kunſtenthuſiasmus, in welche ſie ſeine eigene Begeiſterung zu erheben verſucht hatte, hätte verweilen dürfen, war die arme Innocenzia urplötzlich auf die Erde hinabgeſunken und ſelbſt der Gegenſtand für die Bewunderung Anderer, aber für eine ſehr niedrige und gemeine, geworden: die Heldin einer cause céldbre. Der arme Sir Alexis! Wol trug er äußerlich mit ſtoiſchem Gleichmuth, was nicht zu ändern war, aber ſo ſehr vermochte er ſich doch nicht zu beherr⸗ ſchen, daß erfahrene Augen ihm den nagenden Kummer nicht angemerkt hätten. Er wurde— nicht grade launiſch — das iſt vielleicht zu hart— aber in einer peinlichen Weiſe nachſichtig und verſöhnlich gegen ſeine arme, kleine Frau. Er fand immer, daß er ihr etwas zu verzeihen hatte. Er ſuchte ſich in ihre Art und Weiſe, ſo gut es gehen wollte, zu ſchicken, und doch ärgerte er ſich im Stillen über ihre Einfalt und Unkenntniß der Welt, über ebendaſſelbe, was ihm früher als einer ihrer Hauptreize erſchienen war. Er hatte ſie von dem Piede⸗ ſtal herabgenommen, auf welches ſie ſein Enthuſiasmus ₰ 190 erſt ſelbſt geſtellt, und die arme Innocenzia konnte ſich doch ſo ſchwer in die Rolle einer Frau finden, wie er ſie verlangte. Sie war ein holdes, bezaubernd ſchönes Kind, ſo lange er ſie mit den Augen des Kunſtkenners betrachtete, aber durchaus nicht vollkommen, ſobald der Gemahl eine Lady Longueville in ihr ſehen wollte. Ach, das arme Mädchen war nicht zur vornehmen Dame er⸗ zogen worden, wenigſtens nicht zur Herrin über einen großen Haushalt und zur Gefährtin eines ältlichen Welt⸗ 3 manns. Sie war eben nur Innocenzia— die holde Unſchuld— weiter Nichts.— Er nahm ſie mit nach Italien, nach Piſa, wo das 1 arme Kind gar wenig mit ihren unklaren Erinnerungen 1 anzufangen wußte; und ſelbſt als Niecolo,— den Sir Aleris, treu Allem, was er verſprochen und was Ehre und Güte von ihm erheiſchte, nicht verfehlt hatte, auf⸗ ſuchen zu laſſen,— wie aus einem Nebel heraus ihr 1 gegenüber trat, war es für ſie nicht mehr der alte, bekannte Niccolo, wenn auch das Geſicht daſſelbe geblieben und ſeine Freude beim Wiederſehn eine ſo 1 reine und herzliche war. Denn Innocenzia hatte zu jener Zeit zu unbewußt gelebt und ſah jetzt mit Staunen, wie wenig ihre Erinnerungen zu der Wirklichkeit paßten. Daher ſehnte ſie ſich jetzt im innerſten Herzen nach Hauſe. Das war aber nicht, wie man hätte glauben 131 ſollen, Longueville mit ſeiner ſtattlichen Pracht, noch das reizende Haus ihres Gatten in London mit all ſeinen reichen Kunſtſchätzen, ſondern das liebe alte Haus der Tante Eaſtwood. Sie ging wie ſonſt in die Kirche Santa Maria della Spina und ſagte ihr Gebet, obſchon nicht ſo ungeſtört wie früher, denn ihr Gatte begleitete ſie und konnte ihr langes ſtummes Daſitzen nicht be⸗ greifen. Die vielen engliſchen Touriſten, die nie ver⸗ fehlten, auch das zierliche Kirchlein zu beſuchen, ſtörten den mißtrauiſchen Sir Aleris. In jedem leiſe geflüſter⸗ ten Worte glaubte er Andeutungen auf das Geſchehene zu hören, in jedem Blicke auf Innocenzia das Geſtänd⸗ niß zu leſen, daß ſie erkannt ſei.„Das iſt die berühmte Lady Longueville, deren Prozeß alle Blätter füllte,“ meinte er beſtändig zu hören. Die offne Bewunderung, welche der Italiener der Schönheit zollt, wurde ihm förmlich zur Qual, und wenn Jemand im Hötel das Fremdenbuch verlangte, ſo zitterte er bei dem Gedanken, Lady Longue⸗ ville's Name könne ihm als einer, der in allen Zei⸗ tungen genannt wurde, auffallen. So quälte er ſich von Tag zu Tag immer auf's Neue. Ich glaube kaum, daß Innocenzia dieſe Veränderung in dem Weſen ihres Gatten in ihrem vollen Umfange verſtand, aber inſtinctiv fühlte ſie doch, daß etwas anders geworden war. Sie vermißte jene natürliche, warme Zärtlichkeit, der ſich ihre ſ . 192 junge Seele faſt unwillkürlich in der erſten Zeit ihrer Verheirathung erſchloſſen hatte, und ſie empfand, daß an deren Stelle etwas Neues, Störendes, Schmerzliches getreten war, über das ſie ſich jedoch noch nicht klar ge⸗ worden war. Die beſtändige Aufſicht, die nimmer ruhende Kritik, die Sir Alexis über ihr Thun und Laſſen übte, fing an ſie zu beunruhigen. Dem armen Kinde dämmerte die Nothwendigkeit auf, Worte und Handlungen wol zu überlegen und darüber nachzudenken, wodurch ſie ihm gefallen könne. Aber auch dies geſchah von ihrer Seite faſt wie unbewußt, eben ſo wenig als ihr Gatte ſich klar darüber war, daß der gereizte Zuſtand ſeines Gemüthes ſich ſo bemerklich mache, daß er ſelbſt ihrem ſchwachen Verſtändniß ſich aufdrängen müſſe. Keines von Beiden wußte eigentlich, was ſo anders geworden war, aber ihr Leben hatte eine durchaus neue Wendung genommen, und die ſchöne Zeit der Unbefangenheit war dahin. Die Longuevilles waren ungefähr ein Jahr lang abweſend, und dennoch war Sir Alexis nach ſeiner An⸗ kunft in London noch eben ſo ängſtlich im Vermeiden aller Geſelligkeit und fürchtete ſich noch ebenſo ſeine junge Frau in die Oeffentlichkeit zu bringen als früher. Sie ſahen außer Mrs. Barelay nur einige wenige Freunde bei ſich. Die gutmüthige Frau, die durch die 193 Ereigniſſe, die ihres Bruders Heirath begleitet hatten, auf das Bitterſte in ihren frohen Hoffnungen getäuſcht„ worden war, that ihr Möglichſtes, um ihre Verſtimmung hinter gütigen, heiteren Reden zu verbergen. Auch war ſeit einiger Zeit eine frohe Hoffnung aufgetaucht, welche die gute Seele für gar Manches entſchädigte.„Na, Gott ſei Dank,“ pflegte ſie zu ihrem engſten Freundeskreiſe zu ſagen,„der alte Stamm der Longuevilles ſoll nicht ausſterben.“ Und in dieſer neuen Hoffnung und in der zarten, liebevollen Sorge um die junge Frau vergaß die treff⸗ liche Schweſter Alles, die Verbannung ihres Bruders und das Schwinden der früheren Glorie ſeines Namens. „Ach, man hat die alte Geſchichte ſchon längſt vergeſſen,“ tröſtete ſie ihn,„Du kannſt es mir glauben, kein Menſch denkt mehr daran. Laß jetzt irgend einen Miniſterwechſel, oder die japaneſiſche Geſandtſchaft, oder irgend einen kleinen Skandal auftauchen, und Innocenzia's Fall wird nie mehr erwähnt. Ich ſage Dir, man bewundert ſie mehr als je, ſie iſt bildſchön geworden.“ „Und doch iſt es entſetzlich für einen Mann, bei der Bewunderung, die man ſeiner Frau zollt, ſtets an etwas anderes denken zu müſſen,“ ſagte Sir Alexis ſeufzend, denn er fühlte ſich körperlich und geiſtig furchtbar ge⸗ reizt und elend. Der arme Mann! Heimlich quälte ih Hliphant, Innvcenzia MW. 13 194 die Gicht, und ſein Gemüth wurde ihm noch außerdem von allerhand peinlichen Gedanken zerriſſen. „Nun, nun, Alexis— es iſt wirklich nicht ſo ſchlimm wie Du glaubſt, es iſt Alles doch noch ganz gut abgelaufen,“ ſagte Mrs. Barelay tröſtend;„und in der nächſten Saiſon, da iſt Alles vergeſſen, und Lady Twyford hat mir ſchon geſagt, daß ſie Innocenzia dann bei Hofe vorſtellen will. Ach, und neben unſerer Hoff⸗ nung auf einen Stammhalter, liebſter Bruder, da muß doch alles Andere in den Schatten treten! Sir Alexis war beſänftigt, aber dennoch ſeufzte er noch leiſe vor ſich hin. Er hatte in der letzten Zeit viel von ſeinen feinen, rückſichtsvollen Manieren eingebüßt; er war nicht mehr der heitere, gewandte Weltmann, der vielgeprieſene Kunſtkenner und Sammler, und ſeine Freunde erklärten dies als natürliche Folge ſeiner Hei⸗ rath. Wenn ein Mann einmal verheirathet iſt, hält er es nicht mehr für nöthig, ſich der großen Menge gegen⸗ über liebenswürdig zu zeigen, da er Jemand hat, die für ihn liebenswürdig ſein muß, und das iſt bei einem alten Junggeſellen noch viel mehr der Fall als bei einem jungen Manne. Aber noch etwas anderes ſprach aus dem gereizten, eigenſinnigen Zuge, der das ſonſt ſo milde, wohlwollende Geſicht des armen Sir Aleris entſtellte. Es war der Zwang, den er ſich gewiſſenhaft auferlegte, 195 immer freundlich und mild gegen ſeine Umgebung zu bleiben, und ſodann ſeine ſehr erſchütterte Geſundheit, die ſich nie wieder von dem Schlage erholt hatte, den er durch die Aufregung, das Entſetzen und die Angſt während des Criminalprozeſſes erhalten hatte, in den ſeine eigene Frau verwickelt geweſen war. Er war nicht mehr jung und elaſtiſch genug, um das zu verwinden, während Innocenzia, die eigentliche Urſache aller dieſer Kümmerniſſe, die nach Aller Berechnung auch am Meiſten hätte da⸗ runter leiden müſſen, frei ausging und ſogar nicht ein⸗ mal krank geworden war, was ihr Gatte im Stillen (denn er äußerte nie etwas der Art) als einen vollſtändigen Beweis für ihre Gefühlloſigkeit bezeichnete. Sie blieb geſund, während er den Todesſtoß empfangen hatte, und dies war ein Grund mehr zu ſeinen unausgeſprochenen Klagen über ſeine Frau. Aber trotzdem war er immer gütig und nachſichtig gegen ſie, er änderte nichts in ſeiner Art, wie er Innocenzia behandelte, nur ein ge⸗ wiſſes Etwas war anders, und ſie empfand das wie etwa einen Luftwechſel, der ihr nicht wol that. Aber auch ſie war in dieſem Jahre anders geworden. Sie hatte gelernt, ſich beſſer und leichter auszudrücken und vor Allem,— was ſie bis dahin nie gekonnt,— ihre Gedanken und Worte zurückzuhalten, wenn ſie ſich über ihre Lippen drängen wollten,— ſie hatte unbewußt ge⸗ 13* 196 lernt, ſich dem Willen und den Wünſchen ihres Gatten anzupaſſen. Sie that jetzt viel mehr für ihn als anfangs. Sie las ihm vor, ſtatt daß er es that. Längſt war das ſüße Idyll von der„Müllerstochter“ bei Seite gelegt worden, jetzt las ſie ihm die Zeitungen und Werke über Kunſtgeſchichte vor und gab ſich redlich Mühe, der Lectüre Geſchmack abzugewinnen. Aber oftmals klang es nur von den Lippen, ihre ſchwache Geiſteskraft verlor den Faden und ſie folgte rein mechaniſch. Das Alles that ſie mit dem Wunſche, ihrem Gatten zu gefallen, — da ſich ihr die tiefe, wenngleich unausgeſprochene Ueberzeugung aufgedrängt hatte, daß ſie aufgehört habe, ihm zu gefallen. Sie war eine ſehr gute Pflegerin, wenigſtens eine unermüdliche. Sie konnte ſo gut ſtill ſitzen, ſie las ihm vor, wenn er nur wollte, und that Alles mit unbegrenzter Folgſamkeit. Bald nach ſeiner Rückkehr nach England hatte Sir Aleris Gelegenheit, dieſe Eigenſchaft Innocenzia's auf die Probe zu ſtellen. Er wurde ſehr krank und lag über vierzehn Tage zu Bett, Tag und Nacht mit rührender Sorgfalt von ſeiner Frau gepflegt, deren Zuſtand doch weit größere Schonung erforderte, als ſie denen zugeſtand, die ſie darauf auf⸗ merkſam machten.„Ich? Ich bin ganz wol; ich bin die ganze Zeit über nie krank geweſen,“ ſagte ſie lächelnd zu den ängſtlichen Frauen, zu ihrer Tante und Mrs. 197 Barclay, die beſorgt ihrem Treiben zuſahen. Selbſt die ſüßen Hoffnungen, die alle Longuevilles ſo aufregten, bewirkten bei Innocenzia nichts dergleichen. Ihre Phantaſie war noch nicht thätig genug, um ſich ſolche Bilder der Zukunft auszumalen. Sie kannte nur die Gegenwart, in ihr lebte ſie, in ihr ging ſie völlig auf. Sir Alexis wurde wieder beſſer und war auch auf ſeine Art dankbar für die treue Pflege ſeiner Frau. Aber auch dieſe Anerkennung blieb nicht frei von Tadel. „Es iſt wahrhaftig ſehr gut und ſchön von Dir, mich ſo zu pflegen, aber wenn Du Deinen Zuſtand be⸗ denkſt, Innocenzia, ſo wäre es doch viel beſſer, Du ſchonteſt Dich,“ ſagte er mit jenem Tone, den man an⸗ ſchlägt, wenn man ſich gezwungen ſieht zu danken, wo man lieber tadeln möchte. Und ſanft wie der Tadel auch war— es war doch einer. Er geſtattete ihr fortan nur am Tage in ſeinem Krankenzimmer zu ſitzen, und im nächſten Zimmer mußte ſich ein Diener beſtändig zu ihrer und ſeiner Verfügung bereit halten, damit ſie ſich nichts zuzumuthen brauchte. Aber ſelbſt in dieſer Rück⸗ ſicht auf ſie lag ein ſchweigender Vorwurf, ein Vorwurf, den Innocenzia inſtinetiv herausfühlte als einen Beweis, daß es ihr nicht gelungen ſei, ihn zu befriedigen. Er war nicht böſe, er ſchalt ſie nicht, aber er nahm ihre Dienſte nicht mehr mit jener freien, vollkommenen Ge⸗ 198 nugthuung hin, wie es ſie einſt ſo glücklich gemacht hatte. Eines Tages war der alte Diener, der gewöhn⸗ lich in der Nebenſtube ſaß, auf kurze Zeit durch einen anderen erſetzt worden, der dem Patienten nicht ſo ange⸗ nehm war. Innocenzia übernahm daher mit wahrem Entzücken ihre alten Pflichten wieder. Sie gab ihrem Gatten ſeine Arzenei wieder mit einer Gewiſſenhaftigkeit ein, die wahrhaft rührend war. Am Nachmittag wurde der Kranke etwas verdrießlich. Irgend etwas hatte ihn geärgert— was weiß ich— ein Fältchen im Kopf⸗ kiſſen oder eine Fliege an der Wand, vielleicht auch etwas in der Zeitung, die ihm Innocenzia eben vorgeleſen hatte. Er verfiel in eine jener unglücklichen Stimmungen, die man ſo oft bei langſam Geneſenden findet, er ſann über alle nur möglichen Unannehmlichkeiten nach und fühlte ſich veranlaßt, über Alles eine verdrießliche Be⸗ merkung zu machen. Der leiſeſte Widerſpruch reizte ihn. Er gab ſich wol Mühe, ſeine üble Laune zu bemeiſtern, aber es gelang ihm nicht vollſtändig. Um nun wenig⸗ ſtens an irgend Jemand ſein Müthchen zu kühlen, rief er den Diener herein und nachdem er denſelben um einer Geringfügigkeit willen heftig angefahren hatte, ſchien er ſich wirklich beruhigt zu haben. Aber ganz waren die böſen Dämonen noch nicht entflohen. Einige Zeit nach dieſem Ausbruch erhob ſich Innocenzia ſanft 199 und ging an den Tiſch, auf dem die Medicamente ſtanden. „Warum bleibſt Du nicht ſtill ſitzen?“ ſagte er ärgerlich.„Du weißt doch, daß mir dieſes ewige Ge⸗ räuſch zuwider iſt, und daß Du Dich auch nicht ſo viel bewegen ſollſt. Was giebt es denn ſchon wieder? Du ſtörſt mich mehr, als ich ſagen kann——“ „Es iſt aber Zeit, Deine Tropfen einzunehmen,“ ſagte ſie. Sie wandte ihm bei dieſen Worten ihr Ge⸗ ſicht zu mit jenem Lächeln, welches ihm einſt ſo über allen Außdruck ſchön erſchienen war. In der einen Hand, der ſchönen, blendend weißen Hand, hielt ſie ein milch⸗ weißes venetianiſches Glas von edler Form, mit der andern griff ſie nach der kleinen Flaſche auf dem Tiſche. „Du biſt darin nicht um ein Haar verſtändiger als ich,“ ſagte ſie ſcherzend;„weil es bitter iſt, magſt Du es nicht gern nehmen und möchteſt lieber die Zeit verſchlafen; aber Du darfſt nicht vergeſſen——“ Er lag und blickte ſie ſeltſam an, während ſie ſprach. Sie ſtand vor ihm wie ein ſchönes Bild. Er achtete kaum darauf, als ſie ſich ihm mit dem Glaſe näherte, er folgte ſeinem unſeligen Gedankengange. Welcher böſe Dämon legte ihm die Worte auf die Zunge? Er ſah ſie ſtarr an, rührte ſich auch nicht, als ſie ihm das Glas hinreichte, um es ihr abzunehmen. 200 „Die Gewohnheit iſt ein mächtiger Trieb,“ ſagte er wie zu ſich ſelbſt.„Setze das Glas hin, Innocenzia; ich will meine Arzenei nicht von Dir haben. Die Ge⸗ wohnheit iſt mächtig,— ich möchte wol wiſſen, ob— ſie es noch einmal thun würde!“ Er winkte ihr mit der Hand, damit ſie das Glas niederſetzen ſollte. Ich weiß nicht, durch welchen Zauber Innocenzia klar und deutlich ſah und verſtand, was ihr Gatte mit dieſen Worten meinte. Wäre er nicht ſo vollkommen überzeugt geweſen, daß ſie ſeine Andeutung durchaus nicht verſtehen würde, nie hätte er ſich ſo ge⸗ äußert. Aber diesmal, ihm zur Strafe und zur Er⸗ füllung ſeines Geſchicks, wußte ſie im Augenblick, was ſeine Worte bedeuteten. Sie ſchrie leiſe auf und warf ihm einen ſo unausſprechlich traurigen Blick zu, wie er ihn noch nie in Menſchenaugen geſehen. Bei ſtummen, hülfloſen Geſchöpfen trifft uns bisweilen jener geheim⸗ nißvolle Blick des Vorwurfs, der uns ſo tief ergreift. Ihre Hand bebte, das kleine milchweiße Glas fiel herab und zerbrach in tauſend Stücke, und ohne ein Wort zu ſagen, wandte ſie ſich ab. Als ob ein Bann lihn feſſelte, ſo lag Sir Alexis bewegungslos und ſah ſie ſanft und leiſe aus dem Zimmer gehen. Aber ehe noch die weichen Falten ihres Kleides aus der Thüre ge⸗ ſchwunden waren, raffte er ſich empor und rief ihren 201 Namen; ſie kam nicht zurück. Was hatte er gethan? Einige Minuten noch blieb er liegen, ſtarrte nach der Thüre und konnte ſich nicht in die Möglichkeit finden, daß Innocenzia wirklich verſtanden haben ſollte, was er jetzt ſo ſchmerzlich bereute geſagt zu haben. Sie hatte doch niemals ſo tiefes Verſtändniß und Gefühl gezeigt. Dann rief er laut nach dem Diener im nächſten Zimmer. „Ich laſſe Lady Longueville erſuchen, ſofort zu mir zu kommen,“ ſagte er. Eine ſeltſame Unruhe überfiel ihn. „Unſinn, Unſinn!“ tröſtete er ſich ſelbſt.„Was kann denn daraus entſtehen? Sie hat mich unmöglich verſtanden— und ſelbſt wenn das wäre? Als ob ich mich vor Inno⸗ cenzia fürchtete!“ Er lachte leiſe vor ſich hin bei dieſen Worten, aber das Lachen klang ſo ſeltſam durch die Stille. Der kranke Mann fuhr ungeduldig auf.„Inno⸗ cenzia! Innocenzia!“ rief er laut mit einem Angſtgefühl, welches ihn plötzlich ergriff und wofür er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte. Der Diener war noch immer nicht wiedergekommen. Ihm ſchien es eine Ewigkeit zu dauern, während er vergeblich auf einen Laut, auf nahende Schritte lauſchte.„Innocenzia!“ ſchrie er wieder, ſprang aus dem Bett, hullte ſich in ſeinen Schlaf⸗ rock und lief zur Thüre. Hier begegnete ihm der Diener. „Lady Longueville! Wo iſt Lady Longueville?“ ſagte er. 202 „Ich bitte um Vergebung, Sir Aleris, aber die gnädige Frau iſt ausgegangen. Ich hätte ſie noch an⸗ getroffen, wenn ich zuerſt an die Thüre gegangen wäre, aber ich ging die Treppe hinauf, um Mrs. Morton, die Kammerfrau, zu rufen. Die gnädige Frau war nicht auf ihrem Zimmer, Sir Alexis, und John ſagte mir, ſie ſei ausgegangen.“ „Ausgegangen?“ ſchrie der Kranke entſetzt.„Aus⸗ gegangen? Allein? Wohin iſt ſie gegangen? Geht und fragt, ob ſie irgend etwas geſagt hat. Großer Gott, könnt Ihr Euch nicht ſputen? Ich meine— natürlich Lady Longueville muß Luft ſchöpfen— aber weshalb ließt Ihr oder John ſie allein gehen, Ihr beiden Dumm⸗ köpfe! Seit wann geht meine Frau allein aus, wenn Ihr Beiden da ſeid, um ſie zu begleiten?“ „Ich bin hier im Zimmer geweſen, Sir Alexis,“ ſagte der gekränkte Diener,„auch hat die gnädige Frau——“ „Gut, gut, gut,“ rief Longueville mit ſteigender Aufregung.„John ſoll ihr augenblicklich nachgehen, da er geſehen, welchen Weg ſie eingeſchlagen hat, und ſoll ſie erſuchen, ſich gleich zu mir zu verfügen. Ich hätte ihr etwas Wichtiges mitzutheilen.— Geht, geht, geht!“ ſchrie er faſt wild.„Verliert keinen Augenblick, und Jemand ſoll ſofort zu Mrs. Barelay geſchickt werden 203 mit derſelben Bitte!“ Sein Kopf ſchwindelte, die Pulſe flogen, die Glieder wankten unter ihm. Er konnte nur die Diener ausſenden, er konnte ſie nicht ſelbſt zurück⸗ holen, er mußte ſich erſchöpft auf's Bett werfen, wo er ſich und ſein Geſchick verwünſchte. Welcher entſetzlichen Verſuchung war er erlegen? Welcher Dämon hatte ihn verlockt? Er ſuchte ſich damit zu beruhigen, daß ſeine ſüße, kindliche Innocenzia bald kommen und ihm ver⸗ geben würde. Wie hätte er denn auch im Ernſte ſolche Worte ſagen können, ſagen wollen? Gott helfe ihm! Als er erſchöpft auf ſein Schmerzenslager zurückſank, laſtete auf ſeiner Bruſt das Gefühl eines entſetzlichen unglücks, welches er ſelbſt heraufbeſchworen hatte. Innocenzia aber ging fort aus dem Hauſe ihres Gatten, das arme Kind, ſie wußte ſelbſt nicht wie,— es war ihr, als kehre Alles wieder, was ſie erlebt, was ihren armen, ſchwachen Geiſt ſchon einmal umnachtet hatte. Was er zu ihr geſagt, war keine Beleidigung geweſen, wenn man ſo ſagen will, es hatte ſie nur völlig ahnungslos getroffen, plötzlich zu Boden geworfen und ohne Gnade ihr das Hers zerſchnitten. Daß ſie noch leben könnte, nachdem ſie ſolche Worte hatte hören müſſen, ſchien ihr unmöglich zu ſein. Alles Herzeleid, aller Jammer der Vergangenheit wurde noch einmal wieder wach in ihr. Daſſelbe fürchterliche Gefühl des 204 Bewußtſeins einer Schuld, von der ſie doch ſelbſt nichts wußte, übermannte ſie jetzt ebenſo wie damals, als ſie aus dem Hauſe in Sterborne floh, wo die todte Amanda lag. Hatte ſie denn wirklich wieder daſſelbe gethan? Ihr Kopf ſchwindelte. Das Glas war zerbrochen, aber Sir Aleris lebte. Er war nicht geſtorben. Aber was hatte ihm jene entſetzlichen Worte in den Mund gelegt? Krank an Körper und Geiſt, matt bis zum Niederſinken, todeswund— gepeinigt von Körperſchmerzen, deren Be⸗ deutung ſie nicht verſtand,— aber weit kränker, weit elender noch im tiefſten Herzen, ſo ſchwankte ſie dahin, nur ſehnſüchtig nach einem Winkel verlangend, um dort zu ſterben. Als ſie damals von Sterborne floh, da wußte ſie doch, wohin ſie ſich zu wenden hatte, aber jetzt? Nicht um die Welt hätte ſie dieſe neue Sorge wieder zu den Ihrigen bringen mögen. Nein, nein, nur einen Winkel, wo ſie ſich niederlegen und ſterben könnte! So wanderte die Unglückliche durch die engen Straßen, ohne darauf zu achten, wohin ſie ging. Jeden Augenblick wurde es ihr ſchwerer, ſich aufrecht zu halten, jeden Moment fürchtete ſie hinzuſtürzen. Und gewiß wäre es auch geſchehen, und die arme Innocenzia hätte in irgend einer kleinen Straße einer der Vorſtädte Londons, von Niemandem gekannt, ihr Leben ausgehaucht, wenn nicht 205 gerade zur rechten Zeit, als ſie vorüberſchwankte, die alte Alice aus einem kleinen Hauſe getreten wäre, in dem eine Nähterin wohnte, zu der ſie Arbeit für ihre Herr⸗ ſchaft getragen hatte. Die Alte ahnte ſofort, daß etwas Schreckliches geſchehen ſei, ſtürzte auf die junge Frau zu und hielt ſie feſt.„Innocenzia, um Gotteswillen, liebſte Lady Longueville, wo wollen Sie hin, was fehlt Ihnen, großer Gott, was haben Sie?“ „Nimm mich irgend wohin,“ ächzte das arme Kind und ſchlang ihre Arme mit einem Schmerzensſchrei um den Hals der alten Freundin, die ihr wie ein vom Himmel geſendeter Engel erſchien,—„nimm mich irgend wohin oder ich ſterbe——“ Die arme Nähterin ſtand ſtaunend vor ihrer Thüre, und in ihr ärmliches kleines Stübchen wurde Lady Longueville gebracht, halb unbewußt deſſen, was mit ihr geſchah. Wie ein fürchterlicher, banger Traum, wie ein entſetzlicher Alpdruck lag es auf ihrer armen Seele. Welcher Contraſt zu dem Frieden noch von heute Mor⸗ gen! Schmerzen in Körper und Geiſt, Schmerzes, die ihr lautes Stöhnen erpreßten, die in ihr jeden Wunſch, jedes Hoffen erſtickten! Es war weder Zeit zu fragen, noch Zeit nach Denen auszuſchicken, die ihr in ihren Leiden hätten beiſtehen können. Alice war jetzt der ein⸗ zige Halt auf Erden und im Himmel für die Arme, an ſie klammerte ſie ſich feſt an und wollte ſie nicht los⸗ laſſen.„Ich will Niemand haben— Niemand als Alice,“ ſagte ſie, als ſie ihr von ihrem Gatten, von ihrer Tante ſprachen. Und in dieſem kleinen Hauſe unter Thränen, Seufzern und Schmerzen wurde die ſtolze Hoff⸗ nung der Longuevilles, jene Hoffnung, die der armen Innocenzia neue Bedeutung in der Familie und in der Welt geben ſollte, zu nichte. Während dies geſchah, liefen die Diener des Sir Aleris hin und her, um ihre junge Herrin zu ſuchen. Sie waren natürlich zuerſt zu Mrs. Eaſtwood gegangen und hatten das friedliche Haus auf's Neue in Angſt und Aufregung verſetzt. „Diesmal aber hat die gnädige Frau ganz und gar ihren Kopf verloren,“ hatte der Bediente zu den aufhorchenden Dienſtboten geſagt. Sie ſchüttelten alle die Köpfe und verſicherten ihm, während er ſein Bier trank, daß ſie das längſt hätten kommen ſehen. Es iſt unmöglich, die Unruhe, das Hin⸗ und Herlaufen zu beſchreiben, das nun folgte. Erſt ſpät Abends fiel es der Mutter auf, daß die alte Alice noch nicht nach Hauſe gekommen war, und ſie ſchöpften aus dieſem geheimniß⸗ vollen Wegbleiben ſogar ein wenig Troſt für ihre arme Innocenzia. Nelly machte ſich ſofort mit ihrer Mutter nach der Wohnung der Nähterin auf, um dort vielleicht 207 etwas zu hören, und fanden hier ganz unerwartet den Gegenſtand ihrer Angſt und Sorge, todtenbleich, ſprach⸗ los, geiſterhaft, mit ſtarren Augen, die nicht einmal mehr bei ihrem Anblicke aufleuchteten, auf dem ärm⸗ lichen Bette ausgeſtreckt liegen. Dieſe fürchterliche Kataſtrophe fiel wie ein Donner⸗ ſchlag aus heiterem Himmel auf Alle. Sir Alexis, der zu Hauſe in einem kaum zu beſchreibenden Zuſtande von Schmerz und Seelenqual lag, nahm natürlich jeden Tadel auf ſich und beſchuldigte ſich der Grauſamkeit und der Barbarei in Ausdrücken, die zum Lachen geweſen wären, hätte nicht ſeine ganze Umgebung in zu großer Beſorg⸗ niß für ſein Leben geſchwebt. Denn die Krankheit kehrte mit verdoppelter Wuth zurück. Er ſeufzte und ſtöhnte nach ſeiner armen Innocenzia und klagte ſich in wahr⸗ haft rührender Weiſe inmitten ſeiner Fieberparoxysmen als ihren Mörder an. „Bringt mir ſie nur wieder und ich will beſſer gegen ſie ſein als je zuvor! Bringt ſie zurück und Alles ſoll wieder gut ſein, wenn— wenn ich leben bleibe!“ ſagte er mit einem Tone, der bald voll Hoffnung, bald voll bitterer Verzweiflung war. Das ſollte jedoch nicht ſein. Sobald es möglich war, die arme Innocenzia nach Hauſe zu bringen, kam ſie an ſein Lager, aber nur eben noch zur rechten Zeit, um ſeine letzten hellen Augenblicke wahrzunehmen, ſeinen Segen und ſein Lebewohl zu empfangen. „Du biſt ſtets ein gutes, liebes Kind geweſen, meine Innocenzia. Gott ſegne Dich!“ ſagte der Sterbende, indem er ſeine Hand auf ihr dunkles Köpfchen legte. Dann aber frug er ängſtlich mit matter Stimme:„Du haſt mir doch das vergeben, was ich ſagte?“ „Ich that es nicht, o glaube mir!“ ſagte ſie und blickte ihm mit ihren großen Augen ernſthaft in das Geſicht.„Glaube mir, ich that es nicht!“ Kein Zorn war in ihren Augen, aber eine faſt wilde Beſchwörung lag darin, daß er ihr auch wirklich glauben ſollte. Und er glaubte ihr. „Ich weiß es, mein Liebling,“ rief er.„O Inno⸗ cenzia, mein Kind, küſſe mich und vergieb mir! Du biſt gut wie ein Engel gegen mich geweſen. Ich, ich trage allein alle, alle Schuld, nur ich—— Sie beugte ſich zu ihm hinab. In heiligem Mit⸗ leid ſchmolz das bleiche, ſchöne Geſicht, und ſie küßte ihn,— dann, wie einer Eingebung folgend, kniete ſie neben dem Bette nieder und betete ernſt und feierlich mit der füßen, ſanften Stimme eines Kindes oder eines Engels langſam das„Vater unſer“.„Und vergieb uns unſre Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldigern!“ — ——— 209 Und als die rührende Stimme verhallte, da war kein Auge mehr trocken.— Dann erhob ſie ſich, küßte ihn wieder und hielt ſeine Hand feſt in der ihrigen, bis er ſtarb. Er war ſanft hinübergeſchlummert durch die Nacht zur Erkenntniß des ewigen Lichtes. Oliphant, Innocenzia. IV. Vierzehntes Kapitel. Schluß. Einige Zeit nach dieſem Trauerfall hatte ſich an einem hellen Oktobermorgen eine große Geſellſchaft in den Räumen des alten Hauſes bei Mrs. Eaſtwood ver⸗ ſammelt. Alles prangte in einer Fülle von Blumen, und lebhafte Bewegung herrſchte allüberall. Viele Wagen hatten den zierlichen Kiesweg vor dem Hauſe aus der gewohnten Ordnung aufgeſtört, das Thor hatte den ganzen Morgen aufgeſtanden, und heiter plaudernde Gruppen ſtanden umher. Die Dienſtmädchen mit flat⸗ ternden, weißen Haubenbändern liefen geſchäftig hin und wieder und trugen nagelneue Koffer mit glänzenden Ueberzügen auf den Vorplatz herunter. Die Thüre zum Speiſeſaal ſtand offen. Auch hier wieder reicher Blumen⸗ ſchmuck und eine lange Tafel, bedeckt mit den Ueber⸗ reſten eines Feſtmahles; Stühle ſtanden umher und Ser⸗ 211 vietten lagen ausgebreitet da, alles deutliche Zeichen, daß eben eine Geſellſchaft ſich von hier weg nach dem Wohn⸗ zimmer begeben hatte, wo ſie, in feſtlich geſchmückte, heiter plaudernde Gruppen vertheilt, die junge Neuvermählte erwartete, die ſich eben zur Abreiſe rüſtete. Der Bräu⸗ tigam ſtand ſchon auf dem Vorſaal und ſah nach der Uhr; er hörte ein Geflüſter von„Hut aufſetzen“ und gab ſelbſt den Befehl zum„Gepäck aufladen“, Klänge, die ihn die nächſte Zeit hindurch begleiten ſollten. Und wie leuchteten ſeine freundlichen, braunen Augen, wie ſtrahlte das ganze Geſicht von einem tief innerlichen Glücke, ſodaß er mindeſtens um zehn Jahre jünger er⸗ ſchien! Wer dachte wol daran, daß das dunkle Haar an den Schläfen ſchon etwas dünner wurde, wenn man in dieſes frohbewegte, ſchöne Männerantlitz hineinblickte? Und wenn auch dieſes Glück ihm ſpäter als gewöhnlich aufgeblüht war, zu ſpät war es trotzdem keineswegs. Er war noch ein ganz junger Mann, ſo flüſterten wenigſtens die Brautjungfern einander zu, und ſeine alte Schweſter und ſeine beiden jugendlichen Schwäger, die John Vane eben auf dem Vorſaale umringten, waren bereit, für ihn in jedem Augenblicke durch's Feuer zu gehen, ſo liebten ſie ihn. Es iſt ein ſchönes Zeugniß für einen Mann, wenn ihm ſo die Liebe und das Vertrauen von beiden Seiten entgegen gebracht wird. 14* 212 Das Summen von vielen Stimmen tönte aus dem Wohnzimmer heraus. Dort verhandelten die Freunde der Familie die Angelegenheiten derſelben, wie es ge⸗ wöhnlich unſere Freunde zu thun pflegen, ſobald wir den Rücken gewendet haben. Auch war niemand da, der ihnen irgend einen Zwang auferlegt hätte. Mrs. Eaſt⸗ wood war oben bei der jungen Frau, und die Uebrigen umringten, wie ſchon geſagt, den jungen Ehemann, um ihn zu tröſten, daß Nelly ihn ſo lange warten laſſe.— Mrs. Everard, die bekannte Freundin des Hauſes, war auch diesmal wieder die Leiterin der Unterhaltung im Wohnzimmer. Vielleicht möchten meine Leſer ein Weil⸗ chen dem Geſpräche lauſchen, bis Nelly aus den duftigen, weißen, bräutlichen Gewändern heraus in das zierliche graue Promenadenkoſtüm geſchlüpft iſt, bis ſie herunter kommt, die lieben Augen leicht geröthet, die feinen Lippen leiſe bebend,— denn ſie hat eben Abſchied genommen von dem treuſten, zärtlichſten Mutterherzen, das aber mit voller Ruhe das geliebte Töchterchen dem neuen Sohne übergeben hat. „Ich habe niemals an den Beſtand der erſten Ge⸗ ſchichte geglaubt,“ ſagte Mrs. Everard, indem ſie die Stimme ſenkte;„natürlich darf man jetzt gar nicht mehr darauf anſpielen, aber ich weiß die Zeit noch ſehr gut, wo Nelly ganz andere Pläne hatte. Mir gefiel die 213 Sache von allem Anfang nicht, aber die arme gute Mutter, die wirklich zu gut für dieſe Welt iſt, ließ Alles zu, ohne auch nur irgend welche Vorſichtsmaßregeln zu treffen.“ „Aber großer Gott,“ ſagte die Paſtorin,„wir hörten doch von einer förmlichen Verlobung, zu der beide Familien ihre Zuſtimmung gegeben. Mein Mann war ja hier mit zu Tiſche, als die Verlobung declarirt wurde.“ „Ja wol, das mag ſchon ſein,“ ſagte Mrs. Everard,„aber ſo ein langes Verlöbniß taugt nichts, und man hat geſehen, wohin es endlich führte.“ „Nun, ich weiß nicht anders, als daß die Eaſt⸗ 3 woods es ſelbſt auflöſten, weil ſich der junge Mann ſo ſchändlich betragen hatte, während die arme Innocenzia im Unglück war,“ ſagte die Paſtorin. „Sprecht Ihr von dem jungen Molyneur?“ ſagte der Paſtor, indem er ſich in das Geſpräch miſchte. „Liebes Kind, je weniger man darüber ſpricht, um ſo beſſer. Kein Mann hört es gern, daß ſeine Braut erſt einen Andern habe heirathen ſollen——“ „Du nimmſt ſtets die Partei des Mannes,“ rief ſeine Frau,„aber ich weiß, daß Nelly das Verhältniß aufgelöſt hat, und ſie that wol daran, und ich wünſchte nur, alle Mädchen hätten ſo viel Muth und ließen ſich nicht Alles von den Männern gefallen.“ „Ich glaube gar nicht, daß Molyneur alles Ernſtes an eine Heirath gedacht hat,“ ſagte Mrs. Everard wieder; „Nelly's Muth hat damit nicht ſo viel zu thun, wie Sie glauben.“ „Dann iſt er in meinen Augen um ſo verächtlicher,“ rief die lebhafte Frau, die für die Rechte des weiblichen Geſchlechtes ſtets energiſch aufſtand. „Die armen Eaſtwoods haben ſich ſehr täuſchen laſſen,“ ſagte Mrs. Everard und ſchüttelte den Kopf über ihre leichtgläubigen Freunde. Das Geſpräch wurde jetzt von dieſem Thema abgelenkt, denn eben frug jemand mit leiſer, theilnehmender Stimme nach der armen Lady Longueville, und ſofort wurde ein anderer Ton an⸗ geſchlagen. „Man ſollte an ſolchem Freudentage eigentlich ſolche dunkle Bilder nicht heraufbeſchwören,“ ſagte die rück⸗ ſichtsvolle Fragerin,„aber ich möchte doch gern wiſſen, was aus dem armen Geſchöpfe geworden iſt.“ „Ihr geht es ſehr gut,“ entgegnete die Paſtorin. „Sie befindet ſich bei ihrer Couſine, Miß Vane, in jener Schule oder dem Kloſter, wie Sie es nennen wollen—“ „Ich verabſcheue derartige katholiſirende Einrich⸗ 215 1* tungen,“ rief eine Andere.„Kloſter! Wahrhaftig, ich ſchickte die ganze Bande nach Rom—“ S „Nun,„Bande“ dürfte doch hier keine paſſende Be⸗ zeichnung für Frauen ſein, die ſich der Erziehung An⸗„ derer mit rührendem Eifer widmen,“ ſagte die Paſtorin- gelaſſen;„übrigens kann ich Ihnen verſichern, daß ſich Innocenzia unter dieſer„Bande“ ſehr glücklich fühlt.“ „Glücklich, nach Allem was geſchehen iſt?“ rief wieder die theilnehmende Fragerin, die Hände zum Himmel hebend, wie in ſtummem Entſetzen. „Nun ja, nach jenem großen Unglücke, welches das arme unſchuldige Kind betroffen und aus dem ſie ja glücklicher Weiſe ganz unverſehrt hervorgegangen iſt. Allerdings hat ſie jetzt ihren Gatten verloren, das arme, liebe Ding——“ „Das war abermals ein Fehler, ein ganz gewaltiger Mißgriff der guten Eaſtwood,“ ſagte wieder Mrs. Cverard mit gewichtigem Kopfſchütteln.„Die arme Innocenzia befindet ſich ſo wol, wie man es eben er⸗ warten kann, liebe Lady Dobſon. Sie iſt ſehr kindiſch und wird auch wol nicht viel anders werden, wie ich fürchte. Man hätte ſie niemals heirathen laſſen ſollen. Sie hat den armen Sir Aleris nie zu würdigen ver⸗ ſtanden und ſo fühlt ſie auch ſeinen Tod nicht ſo tief. Es war ein Unrecht, daß die gute Eaſtwood ſeine Werbung um die Kleine ſo auffällig begünſtigte, aber freilich, die Vortheile waren zu klar. Ich habe es aber immer geſagt, daß es ein Mißgriff von ihr geweſen iſt.“ „Was für eine traurige, romantiſche Geſchichte über⸗ haupt, und nun im Kloſter!“— „Im Kloſter! Nun wahrhaftig! In unſerm prote⸗ ſtantiſchen Lande! Wohin ſind wir gerathen, lieber Himmel!“ „Aber die Eaſtwoods waren immer höchſt eigen⸗ ſinnige Köpfe,— ſie wollten nie guten Rath annehmen, — zehn Pferde hätten ſie nicht bewegen können, wenn ſie ſich einmal etwas vorgenommen hatten.— Ach, da kommt ja unſre Nelly ſchon! Laſſen Sie uns ihr ent⸗ gegengehen, meine Damen,“ ſagte Mrs. Everard, die ſich plötzlich zu erinnern ſchien, daß ſie als intimſte Freundin der Familie während der Abweſenheit der Frau vom Hauſe die Honneurs zu machen habe. Nelly ſtand auf der Schwelle in ihrem grauen Reiſe⸗ kleide; die Mutter hielt ſie bei der einen Hand, der junge Gatte bei der andern. Sie ſchaute zurück und ſah wie durch eine Wolke auf eine Menge lächelnder, glückwün⸗ ſchender Geſichter— und vor ihr bäumten die muthigen Roſſe die ſtolzen Köpfe, die Thore ſtanden offen, der Sonnenſchein ſtrömte durch die herbſtlich gefärbten Blätter: die Welt lag vor ihr. 6 217 „Lebt wol, Ihr Alle,“ ſagte ſie,„und Du, Mütterchen, nur auf kurze Zeit!“ Und das war das Letzte, was man von unſerer Nelly ſah und hörte. Aber es hat wol nie eine Nelly gegeben, die— entführt von feurigen Roſſen und einem feurigen Bräutigam unter einem wahren Regen von kleinen weißen Schuhen, und von heißen Wünſchen be⸗ gleitet— zärtlicher und treuer fortan behütet worden wäre von dem beſten Gatten, als die Nelly, die ſich von dieſem Tage an mit ſeligem, ſelbſtbewußtem Stolze unter⸗ zeichnete als„Ellinor Vane.“ „Ihr ſeid nun Alles, was mir geblieben iſt, meine lieben Jungen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, als die Drei am Abend desſelben Tages zuſammen am Kamin ſaßen, wo das erſte Feuer, ihnen gewiſſermaßen zum Troſt, luſtig flackerte.„Nelly wird zwar wiederkommen, aber dann iſt ſie doch nicht mehr ganz meine Nelly, ein Anderer hat ein näheres Recht an ſie, und ich muß mir das ge⸗ fallen laſſen. Ihr ſeid allein noch mein——“ „Und Innocenzia.“ „Ja, Innocenzia, das arme Kind——“ „Höre mal, Mutter,“ ſagte Plantagenet mit etwas gepreßter Stimme,—„niemand von uns kann wiſſen, was noch aus Innocenzia wird. Sie hat einen ſchweren Anfang gehabt, ſchwerer als wir Alle. Denn ſelbſt Dick's und meine Arbeiten, unſere Studien, wie leicht ſind ſie doch im Vergleich zu dem, was ſie durchgemacht hat, ſie, die den Mängeln ihrer Erziehung noch bis auf den heu⸗ tigen Tag Rechnung tragen muß! Aber Du wirſt ſehen, ſie wird ſich noch herrlich entwickeln. Aus all der Trüb⸗ ſal muß für das arme Kind noch etwas Gutes kommen⸗ meinſt Du nicht auch?“ rief er faſt heftig, als ob ihm Jemand opponirt hätte.„Wenn wir an eine Vorſehung glauben, iſt es da möglich anzunehmen, daß alle dieſe Prüfungen umſonſt geweſen ſein ſollten? Ich wenigſtens glaube es nicht.“ „Gott ſegne unſer armes Kind!“ ſagte die Mutter. „Du haſt immer ihre Partei genommen, Plantagenet.“ „Und das thue ich jetzt mehr als jemals,“ ſagte der junge Mann, während eine heiße Röthe in ſeine Wangen ſtieg. Wol um dieſe zu verbergen, trat er an's Fenſter und ſah in das Dunkel hinaus. Er war jetzt zwanzig Jahre alt und von einer ſeltenen Feſtigkeit des Charakters, die ihn oftmals wie von ſelbſt zum vorgeſteckten Ziele führte.„Es iſt eine ſchöne Racht,“ fügte er dann hinzu, indem er wieder zu den Andern zurückkam, als ob er ſich einzig und allein mit dem Wetter beſchäftigt hätte. „Wie Schade, daß kein Fluß nach Sterborne führt! Aber weißt Du was, Dick, das Beſte iſt, wir fahren die Mutter 219 hin,— wir holen uns morgen einen Wagen und kutſchiren höchſt eigenhändig unſere Mama nach Villa Vane—“ „Was, den ganzen langen Weg wollt Ihr ſelbſt fahren?“ rief die Mutter halb erſchrocken, halb erfreut bei dem Gedanken, daß ihr Junge ſo an ihr Vergnügen dachte. „Wir können mit tüchtigen Pferden in zwei kleinen Tagereiſen die Sache vortrefflich machen,“ ſagte der Sohn. „Weshalb denn nicht? Wir bringen Dich ſo bequem zu Innocenzia, ſtatt daß Du auf der ſtaubigen Eiſenbahn fahren mußt,— und natürlich, bringſt Du ſie mit hierher zurück. Dick und ich, wir bringen die Sache mit dem Wagen ſchon in Ordnung, und, Mama, wir erwarten, daß Du beſtimmt Punkt zwölf Uhr fir und fertig biſt.“ „Bravo, alter Burſche!“ ſagte Dick entzückt,„und Winks, mein alter Freund,“ fügte er hinzu, als der Hund vom Stuhle ſprang und ſich ſtreckte, wie gleichſam fragend, weshalb man ihn aus ſeinem Schläfchen aufgeſchreckt habe,„ja, alter Geſelle, du gehſt auch mit!“ „Aber, meine lieben Kinder,—“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood bedenklich. „Das wird Dir ungeheuer geſund ſein, Mama,“ ſagte Dick,„und ein Gaudium für uns. Da haben wir Dich doch einmal ganz für uns allein.“ Welche ſterbliche Mama hätte dagegen noch ein Wörtchen ſagen können? Ich glaube, ſie würde unter ſolchen Umſtänden ſelbſt eine Spritzfahrt nach dem Nord⸗ pol in vortheilhafteſtem Lichte angeſehen haben. Und auch Winks, obgleich er gewaltig gähnte, während er zuhörte, dachte doch im Ganzen günſtig von der Fahrt. Er fuhr eigentlich ſehr gern und hatte die Equipage ſehr ver⸗ mißt, die um Frederick's willen ehemals abgeſchafft worden war. Und am nächſten Tage, da machte ſich die kleine Geſellſchaft auf den Weg, und ſie fuhren durch eine Landſchaft, die noch ſchön genug im Schmuck der braunen Herbſtblätter prangte, um Auge und Herz zu erfreuen. Es war ein luſtiges Völkchen, das da in und auf dem Wagen ſaß, trotzdem daß über dem armen Dick das letzte Examen und das Scheiden von der Heimath ſchwebte. Winks, nachdem er es zwei oder drei Stunden geduldig ertragen hatte, wurde der leichten Unterhaltung endlich überdrüſſig und benahm ſich ſo wenig reſpectvoll, daß er aus dem Wagen geſetzt wurde, um in einem tüchtigen Laufe ſeine gute Laune wiederherzuſtellen. Da rannte er denn auch ungefähr eine Meile weit ſeelenvergnügt mit den Pferden um die Wette, in eine wahre Wolke von Staub gehüllt. Als er aber endlich ſeinen Wunſch ſehr deutlich zu erkennen gab, man möge ihn nun wieder 221 hineinnehmen, da lachten die hartherzigen Jungen ihm höhniſch in's Geſicht. „Lauf' du nur, mein alter Patron,“ ſagte Dick mit grauſamer Freude,„das iſt gut für deine Geſundheit.“ Bald darauf aber mußte dem unglücklichen Winks etwas Entſetzliches zugeſtoßen ſein, wovon Niemand eine Ahnung hatte. Er ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und erſchien gleich darauf in Haſt an dem Wagen, indem er mit kläglicher Geberde das eine ſeidene Pfötchen in die Höhe hob. Erſchrocken hielten ſie augenblicklich den Wagen an, und das hinkende, winſelnde Thierchen wurde hereingehoben. Aber kaum lag die kleine heuchleriſche Staubwolke wol geborgen auf dem weichen Wagenkiſſen, und man fing an, das kranke Pfötchen ängſtlich und ſorg⸗ fältig zu unterſuchen,— da hättet ihr nur das ſardo⸗ niſche Lächeln ſehen ſollen, mit welchem Winks ſeine milchweißen Zähnchen alle enthüllte! Lieber Leſer, das Pfötchen war ganz heil und geſund, und der kleine Schlingel grinſte behaglich über ſeine leichtgläubige Herrſchaft. Es gab wol kaum eine ſo anmuthige kleine Reiſe wie die, welche hier die Mutter mit ihren beiden Söhnen durch die ſonnige Herbſtlandſchaft machte. Bald fuhr der Eine, bald der Andere, bis endlich die Villa Vane, im Schmuck der Federbüſchel der abgeblühten Clematis und der Spätroſen, im Abendſchimmer vor ihnen lag. Innocenzia ſtürzte heraus, blaß und ſchmal in ihrer Trauerkleidung, aber die Augen voll von Entzücken und das holde Geſicht wie verklärt. „Ihr kommt, um mich zu holen? Nach Hauſe? Ich darf nun Eure Relly ſein?“ rief ſie und ſchlang ihre Arme mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit um die gemeinſame Mutter. Plantagenet, den ſie noch nicht begrüßt hatte, lehnte am Wagen und ſah mit Augen zu ihr hin, die unter den dunklen Brauen feucht ſchimmerten. Er hatte immer treu zu ihr geſtanden und hielt feſt an ſeiner Ueberzeugung.„Wir wiſſen Alle noch nicht, was aus Innocenzia werden wird,“ flüſterte er vor ſich hin. Mit ſtrahlendem Lächeln wandte ſie ſich jetzt auch zu ihm und legte ihre kleine Hand in die ſeine. Innocenzia hat ihre Heimath gefunden. Ende des vierten und letzten Bandes. Druck von Metzger& Wittig in Leipzig. — 5— —*— — 8* S * ————— S— i 7 8 9 7 18 19