Eduard Ottmann in Gieſten, SSchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. in der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ eund Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Abends 8 Uhr offen. epreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ men. aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet nement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und trägt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: F. 2W 1 Mk.— Pf. 15„— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ücher uf ihre eigenen Kolten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersat, beſchitzte, zerriſſene, verlorene und feete Bücher naientlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der denpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder vefeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſtattfinden darf, indem Piejenigen, welche die⸗ eliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — Innocenzia. Roman aus dem modernen Leben von Mrs. Oliphant. Aus dem Engliſchen von Julie Dohmke. „ Drikter Rand. Teipzig, Ernſt Julius Günther. — Inhalt. Erſtes Kapitel. Seite Fe Eſtw 1 Zweites Kapitel. Ei Vwicu— Drittes Kapitel. Innocenzia's erſter Ausflug in die Welt 422836 Viertes Kapitel. Fünftes Kapitel. Sechſtes Kapitel. e i Siebentes Kapitel. Achtes Kapitel. wäiſter Gatte 6 XVI Neuntes Kapitel. Mrs. Eaſtwood's Nachforſchungen Zehntes Kapitel. Wirren Elftes Kapitel. Innocenzia's Geſtändniß.. Zwölftes Kapitel. Immer tiefer hinein Dreizehntes Kapitel. „ Eine Aufforderung Seite 135 149 167 180 195 Erſtes Kapitel. Mrs. Frederick Eaſtwood. Am Abend deſſelben Tages, an welchem das eben Erzählte geſchah, fand eine jener regelmäßig wieder⸗ kehrenden Geſellſchaften ſtatt, welche die Eaſtwood's immer ſo fürchteten und deshalb ſo lang als möglich hinaus⸗ ſchoben. Seit Frederick's Heirath hatte es ſich als noth⸗ wendig herausgeſtellt, ihn mit ſeiner Frau von Zeit zu Zeit formell einzuladen, um der Welt und der Familie der Mrs. Frederick dadurch zu zeigen, daß das junge Paar volle Ehre und Anſehen genieße. Nelly und ihre Mutter hatten ſich redlich bemüht, Amanda wenigſtens in ihrer Geſellſchaft heimiſch zu machen, nachdem jener beklagens⸗ werthe Schritt einmal geſchehen war, der ſie zu ihrer Tochter und Schweſter gemacht. Aber ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, wie vergeblich dieſer Verſuch war. So blieben denn dieſe formellen Miagz e zuletzt Hliphant, Innocenzia. IM. — die einzige Gelegenheit, bei welcher ſie mit einander in Berührung kamen. Die junge Frau war mit ſehr hoch⸗ fliegenden Ideen nach London gekommen. Sie hatte nichts Geringeres erwartet, als daß man ſie gleich in die vornehme Welt einführen und mit Lords und Ladies bekannt machen würde. Die Beſuche, welche ſie von den Damen aus Mrs. Eaſtwood's Kreiſe erhielt, ärgerten und enttäuſchten ſie. Wie? War ſie deshalb nach London gekommen, um von ein paar Damen aus der Vorſtadt, ganz einfachen Mrs. So und So, beſucht zu werden? Viſionen von prachtvollen Equipagen, ſtampfen⸗ den Roſſen, gepuderten Dienern und eleganten Herrn hatten Amanda's ſchönen Kopf gefüllt. Die Eaſtwvod's in Sterborne waren zwar die vornehmſten Leute in der ganzen Umgegend; aber die Schöne bedachte nicht, daß ein Baron vom Lande in London keine Rolle ſpielen könne, noch viel weniger aber des Barons Vetter. Dieſe Entdeckung war für ſie ſehr bitter, und ſie war nicht die Frau, um das in ſich zu verſchließen. All⸗ mählich hatte ſie jedoch eine Art von Kreis um ſich ver⸗ ſammelt, der ihrem Geſchmack vollkommen zuſagte. Er beſtand hauptſächlich aus jungen Adeligen, die mit ihrem Vater in Geſchäftsverbindung ſtanden oder doch geſtanden hatten. Nicht die feinſte Geſellſchaft, aber in jedem Falle mehr geeignet, Amanda zu amüſiren, — F——— 3 „ —————— ——— „ 3 als die ſteifen Diners bei den langweiligen Freunden ihrer Schwiegermutter. Nachdem ſie ſich bei ein oder zwei derartigen Feſt⸗ lichkeiten, die ihr zu Ehren gegeben worden waren, halb todt gegähnt hatte, erklärte ſie ihrem Gatten, daß ſie mit ſeiner„altmodiſchen“ Sippſchaft keinen weiteren Verkehr haben möchte. Solche geſittete Tafelfreuden waren nichts für Amanda; ein kleines Diner mit Lord Hunterſton und ſeinem Anhang in Richmond war weit mehr nach ihrem Geſchmack. Sie hatte eigentlich den⸗ ſelben Widerwillen gegen Frauen, wie die arme, kleine Innocenzia, obgleich bei dieſer die Abneigung nur gewiſſermaßen der Refler der Anſichten ihres Vaters war. Amanda aber glaubte, alle Frauen wären eifer⸗ ſüchtig auf ſie und kennten nichts als Rachſucht und Neid, und der Kreis ihrer männlichen Bewunderer ſtimmte darin mit ihr vollkommen überein. Aus dem Geſagten kann man ermeſſen, daß die junge Frau den Freuden des Abends nicht mit großem Entzücken ent⸗ gegen ſah. Aber ſie zog ihre ſchönſten Kleider an und ſchwatzte viel, um Alle zu blenden und dann Alles, was ſie geſehen und erlebt mit ihrer ſcharfen Zunge zu kritiſiren. „Ich muß heute bei meiner alten Schwiegermutter eſſen,“ ſagte ſie zu einer Gruppe junger Männer, die — ihr kleines Wohnzimmer am Nachmittage füllten.„Sie ladet immer eine Menge uraltes Volk dazu ein. Wes⸗ halb ſie darauf beſteht, daß ich dabei ſein ſoll, begreife ich nicht, denn natürlich haßt ſie mich. Aber die Pflicht über Alles, meine Herrn. Ich werde gehen müſſen.“ „Weshalb aber?“ ſagte Einer.„Und beim Jupiter, ich komme morgen um von Ihnen Alles zu hören!“ rief ein Anderer. Die warme Sympathie ihrer Freunde that der jungen Frau ſehr wohl. „O Sie ſollen einen ſchönen Bericht darüber hören,“ uhte ſie.„Es iſt gerade wie in der Arche Noah. Da giebts Grenlute von allen Sorten. Da iſt ein Paſtor da und ein paar alte Geſellen von Advokaten und ein gräßlicher Menſch, den ſie John Vane nennen——“ „O, Mrs. Eaſtwood, da irren Sie ſich. John Vane iſt ein prächtiger Kerl. Ich kenne ihn ſo gut als mich ſelbſt,“ ſagte einer ihrer Zuhörer. „Das mag ſein, aber er iſt wenigſtens dort kein „prächtiger Kerl.“ Er iſt mit dem verrückten Mädchen verwandt, ich habe Ihnen ſchon von ihr erzählt,— und dann hat er ſein Auge auf das zimperliche kleine Kätzchen, meine Schwägerin, geworfen, aber ſie iſt ſchon verlobt, und ach, wie die ſich thut mit ihrer Liebe! Und nun erſt die andern Frauenzimmer! Die ſollten Sie ſehen! Alle in alten Seiden⸗ und Sammetroben wie aus der Großmutter ihrem Handkörbchen, mit Tur⸗ bans auf dem Kopfe, und die ſehen mich Alle an, als wollten ſie mich auffreſſen.“ „Natürlich,“ ſagte einer von Amanda's Verehrern lachend. „Ja wirklich, ſo iſt's,“ kicherte die Schöne,„und dann ſoll man auch noch mit anhören, was ſich ſchickt und was nicht. O, es iſt rein zum Todtlachen. Und erſt die gnädige Schwiegermama! Aber es giebt Dinge, die zu fürchterlich ſind, als daß man von ihnen reden könnte. Dazu gehören die Schwiegermütter. Raſch, erzählen Sie mir was Luſtiges. Denn wenn ich immer an heute Abend denken muß, da ſterbe ich.“ Deß eine ſolche Stimmung, wie ſie die junge Frau den Ver⸗ wandten ihres Mannes entgegenbrachte, keine Harmonie hervorrufen konnte, iſt wohl begreiflich. Aber auch Nelly und ihre Mutter hatten vor Beginn der Geſellſchaft eine geheime Unterredung, deren Gegen⸗ ſtand Amanda war. „Vermeide jedes Geſpräch, das ſie reizen könnte,“ warnte die Mutter.„Sprich mit ihr von Brighton, Nelly, dort ſind ſie geweſen. Auch von der Schweiz. Sie kannte ſie bis jetzt noch nicht, deshalb ſpricht ſie gewiß gern davon. So kommen wir diesmal vielleicht ohne Unannehmlichkeiten davon. Der arme Frederick ſieht immer ſo unglücklich aus, wenn ſie ſich ſo gehen läßt. Er iſt recht verändert!“ Nelly ſagte nichts darauf. Ihr war der Bruder niemals in dem Roſenlichte erſchienen wie der Mutter, und ſo fand ſie auch wenig Unterſchied zwiſchen ſeinem jetzigen und ſeinem früheren Benehmen. Sie ſchwieg jedoch wohlweislich. „Wenn Du ihr jede Unannehmlichkeit fern halten willſt, ſo laß vor Allem Innocenzia ihr aus dem Wege gehen, Mama,“ ſagte Nelly, und der Vertrag war geſchloſſen. Mrs. Eaſtwood war durchaus nicht glücklich in der Wahl ihrer Gäſte. Hätte ſie Sir Aleris eingeladen, ſo würde ſein ſtattliches Weſen der ungezügelten Schwiegertochter imponirt und ihr Schweigen auferlegt haben. Was aber lag ihr an dem alten Sir Timotheus Doul, der früher Gouverneur von Barbados geweſen, was an dem alten Herrn Parchmin, einem der Rathgeber unſerer guten Mrs. Eaſtwood? Ernſt Molyneux hatte noch ganz ſpät abgeſagt. An ſeiner Stelle kam Mr. Vane, der immer bereit war, wenn man ihn brauchte, und der in letzter Zeit ſehr oft in dem gaſtlichen Hauſe geweſen war. Molyneux war es zuwider, mit der jungen Frau zuſammen zu ſein, Vane aber hatte durch⸗ aus nichts dagegen. Vielleicht lag die Verſchiedenheit 7 ihrer Anſichten darin, daß der Eine Alles erreicht hatte, was er gewollt, und ſich nun ſicher in Nelly's Gunſt wußte, während der Andere ſich gedrungen fühlte, immer am Platze zu ſein, im Falle ſich etwas zu ſeinen Gunſten ereignen ſollte. Ich fürchte, dies war der Hauptgrund für Mr. Vane, ſich möglichſt nützlich im Hauſe zu machen. Er war immer ſehr heiter, während oft ſehr verſtimmt war. Er war zufrieden mit Allem, was die Damen vorſchlugen, während Ernſt an Allem zu tadeln fand. Nelly hatte ſich daher ſchon oft, wenn auch nicht ohne leiſes Schuldbewußtſein, in vertraulichen Angelegenheiten lieber an ihren„Verwandten“ gewendet, als an ihren Verlobten. So ſtanden die Sachen eben jetzt ſehr gefährlich. Doch war ſich eigentlich Niemand recht bewußt, wie weit ſie ſchon gediehen waren. Mrs. Frederick war diesmal in einer prachtvollen roſenrothen Seidenrobe erſchienen, deren Schleppe über eine Elle lang war. Ihre ſchönen Schultern und Arme waren unverhüllt. Ihr Haar war nach der neuſten Mode hoch aufgethürmt friſirt; bis tief in die Stirne hinein hingen die goldnen Löckchen. Der wunderbare Farbenſchmelz, die köſtliche Rundung ihrer Formen, die ganze ſinnbethörende Schönheit, die Frederick ſo voll⸗ ſtändig gefangen hatte, ſie war noch immer vorhanden, und dennoch ſchritt der junge Gatte mit einem düſtern Geſicht wie ein Schatten hinter der üppigen Geſtalt einher. Wo das junge Paar hinkam, überall erregte Frederick's bleiches Ceſicht Theilnahme. Ja, der arme Menſch, er fühlte ſchon jetzt, welch entſetzlichen Miß⸗ griff er mit ſeiner Wahl gethan hatte. Er erſchrak jedesgal, wenn ſeine Amanda nur den Mund aufthat, und blickte ſie finſter an. Vollends im Hauſe ſeiner Mutter legte er ſich keinen Zwang an. Schon hatte er das Spielzeug ſatt, das er doch ſo theuer bezahlt hatte (die arme Mrs. Eaſtwood freilich noch theurer), und ſeine offen zur Schau getragene Mißſtimmung ſöhnte die gute Mutter wieder völlig mit dem Sohne aus. Nelly aber ſchloß ſich dieſer allgemeinen Stimmung der Damen für Frederick nicht an. „Er hat geheirathet, wie er wollte, und er ſollte nun auch ſein Schickſal männlich tragen, wie ſich's ge⸗ bührt. Es iſt feige von ihm, jetzt ein ſolches Geſicht zu zeigen, feige und herzlos,“ rief das Mädchen mit Heftigkeit. „Nelly, ſei doch nicht ſo hart in Deinem Urtheil!“ ſagte die Mutter betrübt. So wußte denn Frederick mit ſeinem bleichen Geſichte ſich die Theilnahme des ſchönen Geſchlechtes in hohem Maße zu ſichern, und als er eben jetzt hinter der Roſenwolke der Schleppe ſeiner Frau erſchien, flog ihm gleich das Intereſſe der Damen ——— 9 entgegen. Auch war es ihm trotz ſeiner ſehr abge⸗ kühlten Empfindung keineswegs gleichgültig, den Ein⸗ druck zu beobachten, den ſeine glänzende Gattin auf die beiden alten Leute machte, die an der Seite ſeiner Mutter ſaßen, auf Sir Timotheus und Lady Doul. „Ich befinde mich ganz wohl, danke,“ ſagte Amähda, die Begrüßung erwiedernd,„ſo wohl nämlich wie es möglich iſt, wenn man zu dieſer Jahreszeit in London zu bleiben gezwungen iſt. Alle Welt iſt fort, und nur fremdes Volk treibt ſich hier herum. Hier draußen in den Vorſtädten merkt man das nicht ſo. Sie haben ja ihren eigenen kleinen Kreis, der ſich nicht viel um die Saiſon kümmert. Ich wünſchte nur, mir ginge es eben ſo gut.“ „Lieber Himmel,“ ſagte die alte Lady in ihrer Un⸗ ſchuld, voll Staunen und Bewunderung,„ich denke mir London zu jeder Zeit aufregend. Ich könnte es dort nicht aushalten, und Sir Timotheus iſt ganz meiner Meinung. Wir wohnen in der Halbmondſtraße,“ fügte ſie mit einem gewiſſen Stolz hinzu,„und dort ſind wir im Mittelpunkte von Allem.“ Die gute, alte Dame! Ihre Haube ſtammte noch von Barbados, ebenſo ihr Kleid, und in die eigentliche Stadt London war ſie ſeit zwanzig Jahren nicht gekommen. Amanda ſtarrte ſie nur an. Sie war nie höflich gegen Frauen. „Nun, wenn Sie die Halbmondſtraße lebhaft nennen,“ ſagte ſie endlich,„da gefällt es Ihnen wohl auch in der Wüſte. Ja, hätte ich ein hübſches Land⸗ ha, geſtopft voll mit luſtigen Leuten, Frühſtück und Abendtafel, Ball und Muſik jeden Tag, das wäre ein Leben! So aber, wenn man einen armen Kaufmanns⸗ diener heirathet, da muß man ſich in manches fügen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu dem glten Herrn wandte, der darüber erſchrak und verlegen wurde. „O, ach, o— gewiß,“ ſtotterte der Alte,„ſehr gut, ſehr gut. Jedermann leidet unter einem ſtrengen Re⸗ gimente. Ich verſichere Sie, meine ſchöne, junge Dame, ich kenne viele junge feine Herren, die in der Welt herumlaufen mit einem Gehalt, der nicht der Rede werth iſt. Ich ſelbſt hatte einmal einen Sekretair, einen jungen Mann aus vorzüglicher Familie—“ „Sie ließen ihn doch hoffentlich nicht heirathen,“ unterbrach ihn Amanda.„Auf die armen Frauen fällt immer der ſchwerſte Theil. Wenn Sie die kleine Höhle ſehen könnten, mit der wir uns behelfen müſſen, und dazu mitten in der Stadt im Oktober! Ja ich möchte wiſſen, aus was für Stoff die Leute gemacht ſind, die das aushalten können. Die Männer haben doch 11 ihre Club's und Anderes. Die wiſſen doch noch was in der Welt vorgeht, aber wir armen Frauen——“ „Wie weit ſeit Ihr denn in der Schweiz gekommen, Amanda?“ rief jetzt Nelly.„Wie ſchön muß die Reiſe geweſen ſein! Wir waren nur einmal dort—“ Nelly ſprach in der Abſicht, dem Geſpräche mit Sir Timotheus eine andere Wendung zu geben. Der alte Herr ſah nach ihr hinz ſie erſchien ihm als ein gar dünnes, ſchattenhaftes Weſen neben der ſchönen Schwägerin. „Ach, ich gerathe niemals in Extaſe über Land⸗ ſchaften,“ ſagte Amanda.„Ich gebe nicht zwei Groſchen für die ganze Schweizerreiſe; ich haſſe Berge, und das Steigen iſt mir entſetzlich. Ich ginge lieber in's Ge⸗ fängniß, d. h. wenn ich nichts Beſſeres fünde. Frage mich nur nicht nach Orten, als wäre ich ein Reiſehand⸗ buch. Ich habe Menſchen gern und neue Geſichter, ich unterhalte mich gern und gehe gern in's Theater.“ „Sehr recht,“ ſagte Sir Timotheus,„das iſt ein recht guter Geſchmack, ich bin ganz Ihrer Anſicht, ſchöne Frau. Ich werde mir und meiner Gemahlin morgen Abend die Freude eines Theatergenuſſes geſtatten.“ „Morgen— in's Theater?“ ſchrie Amanda, ihre Hände voll Entſetzen erhebend.„In's Theater? Zu dieſer Jahreszeit? Sie müſſen 3½ recht bei Sinnen 12 In dieſem Augenblicke wurde das Eſſen gemeldet, und man begab ſich in den Speiſeſaal. „Sie haben uns nichts davon geſagt, daß wir in Mrs. Frederick eine ſolche Schönheit finden würden,“ flüſterte der alte Herr der Mrs. Eaſtwood zu,„und ſo ganz nach der Mode. Sie ſagten Mrs. Frederick, nicht wahr? Kein Titel? Ach, nun bin ich beruhigt. Ich fürchtete ſchon mich geirrt zu haben. Erlauben Sie mir, Ihnen zu der reizenden Glück zu wünſchen.“ „Ja, ſie iſt ſehr hübſch,“ ſagte die arme Mutter. „Hübſch? Eine Göttin, theuerſte Frau, eine wirk⸗ liche, wahrhaftige Göttin!“ ſchrie der alte Herr. Während der halben Eſſenszeit grübelte Mrs. Eaſtwood darüber nach, was wohl ihrem alten Be⸗ kannten widerfahren ſein könne. Hatte ihm die Hitze in Barbados das Gehirn eingetrocknet, oder machte er ſich nur über die junge Frau luſtig? Das war aller⸗ dings ſchwer zu entſcheiden, denn er fing ſogleich eine ſehr lebhafte, galante Unterhaltung mit der ſchönen Amanda an, die nicht weit von ihrer Schwiegermutter ſaß. Es fehlte nicht viel, ſo hätte dieſe völlig die Geduld verloren, als ſie das Geſchwätz des verliebten Alten mit anhören mußte. Wollte er nur Amanda aushorchen oder war er in jener oft ſo unbegreiflichen 13 Schwachheit der Männer von ihrer Schönheit ebenfalls geblendet? Dagegen ſtieg Mr. Vane, der zwiſchen Mrs. Eaſtwood und Amanda ſaß, bei den Damen des Hauſes dadurch in Gunſt, daß er durchaus nicht entzückt von Mrs. Frederick war. Er verhielt ſich übrigens während des kleinen Kreuzfeuers, welches die Andern unter⸗ hielten, ziemlich ſchweigſam. Auch Frederick, der zwiſchen Lady Doul und ſeiner Schweſter ſaß, war durchaus nicht geſprächig. Dagegen hatte die gute, alte Dame eine ſehr geläufige Zunge; ſie erzählte ihrem Nachbar, daß ſie ſich ſeiner ganz gut entſinne, als er noch ein kleines Kind geweſen, und gratulirte ihm zu ſeiner ſchönen Frau. „Mrs. Frederick ſcheint ſehr viel in Geſellſchaft geweſen zu ſein?“ ſagte die alte Dame mit einem ſcharfen Blick, der die Einfachheit der Frage Lügen ſtrafte. Und Frederick, der Nelly's Augen auf ſich ge⸗ richtet fühlte, wußte in der That nicht, was er ant⸗ worten ſollte. „O ja,“ ſagte er gedehnt. Dabei konnte er aber nicht umhin, ſich damit zu beſchäftigen, was wohl Nelly über ihn denke und weshalb der„Bär“, der Molyneux, wieder nicht hier ſei. Wäre dies Wegbleiben ſeines künftigen Schwagers nur die Folge eines Zwiſtes mit der Braut geweſen, ſo würde er ſich wenig darum 14 gekümmert haben. So aber war es ihm doch aufge⸗ fallen, daß Ernſt immer, wenn er mit Amanda hier ſpeiſen ſollte, ſich hatte entſchuldigen laſſen.„Unver⸗ ſchämter Kerl!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen. Innocenzia verhielt ſich ſchweigſam, und als die wenigen Damen ſich nach dem Eſſen in das Wohn⸗ zimmer zurückgezogen hatten, lehnte ſie ſich träumeriſch an den Stuhl, auf dem ihre Tante ſaß. In dieſer Stellung erregte ſie Amanda's Aufmerkſamkeit. „Wie groß das Mädchen geworden iſt, beinahe erwach⸗ ſen!“ ſagte ſie.„Was denken Sie mit ihr anzufangen?“ Bei dieſer Anſpielung auf ihre Perſon ſchien das junge Mädchen gleichſam aufzuwachen, obgleich ſie in ihrer läſſigen Ruhe verharrte. „Anzufangen?“ frug Mrs. Eaſtwood, als hätte ſie die Frage nicht recht verſtanden. „Ja wohl, ich meine, ob Sie ſie Gouvernante oder irgend etwas der Art werden laſſen wollen?“ ſagte Amanda, indem ſie eine Blume zerpflückte, die ſie aus dem von Nelly's Hand ſo ſchön gebundenen Bouquet, welches die Tafel zierte, herausgezogen hatte. „Sie iſt ja ſo groß,“ fuhr die Schöne fort,„und es iſt doch an der Zeit, daß ſie ſich nützlich machen lernt. Sie können ſie doch nicht immer ſo in ihrer Trägheit laſſen, zum Schaden für Ihre Kinder—“ . 15 „Man ſollte nie über Sachen ſprechen, die man nicht vollkommen verſteht,“ rief Mrs. Eaſtwood mit heißen Wangen.„Innocenzia, liebes Kind, geh und hole ein Fußkiſſen für Lady Doul. Und vielleicht erfreut uns Amanda mit ihrer Muſik, wenn Du etwas Neues hier haſt, Nelly.“ „O ich ſpiele nie eher, als bis die Herrn dabei ſind,“ ſagte Amanda.„Aber ich ſehe gar keinen Grund, weshalb Sie mich ſo kurz mit meiner Frage nach Innocenzia abfertigen. Sie haben ihr ja eine Erziehung gegeben, nun muß ſie doch etwas damit anzufangen verſuchen. Wenn es Ihnen recht iſt, werde ich bei meinen Bekannten für ſie eine Stelle als Geſellſchafterin ſuchen. Weshalb ſollte ſie denn davon nichts verſtehen? Ich dächte, das wäre leicht genug. Und alle Ihre Kinder ſollten ſich dagegen ſträuben. Warum dieſes große Mädchen, die nur Ihre Stiefnichte iſt, Ihren eigenen Kindern das Brod vom Munde wegeſſen ſoll, das begreife ich nicht. Fragen Sie, wen Sie wollen, ob ich nicht Recht habe. Jeder Pfennig, den ſie koſtet, wird Ihrer Familie entzogen.“ „Ich dächte, wir brauchten Lady Doul nicht mit unſern Familienangelegenheiten zu behelligen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, indem ſie ſich alle Mühe gab, ruhig zu bleiben. Darauf richtete ſie eine Frage an die alte 16 Dame, wurde aber von ihrer Schwiegertochter wieder unterbrochen. „Ich kann Ihnen verſichern, Frederick und ich ſprechen ſehr oft darüber; er iſt ganz meiner Meinung. Kann ſie nicht als Gouvernante gehen, ſo ſollte ſie es als Geſellſchafterin verſuchen. Das wäre ganz leicht; ich ſelbſt——“ „Sieh' Dir doch einmal dieſe neuen Bilder an, Amanda,“ rief Nelly, indem ſie der Mutter einen ängſt⸗ lichen Blick zuwarf. „Ach laß mich gehen, Nelly. Ich halte es für meine Pflicht zu ſprechen. Als die Frau des älteſten Sohnes habe ich doch wahrlich das Recht dazu. Ich ſage, die Eaſtwood's ſind durchaus nicht ſo vermögend, daß ſie ihr Bischen Geld an Fremde verſchleudern können.“ „Liebe Mrs. Frederick,“ ſagte die Mutter mit einem gezwungenen Lächeln, während die alte Lady Doul mit Nelly an das andere Ende des Zimmers ging,„ich bin gewohnt, meine Angelegenheiten ganz allein zu beſorgen, ohne den Rath meines Sohnes oder meiner Schwieger⸗ tochter in Anſpruch zu nehmen.“ „Um ſo ſchlimmer für Sie ſelbſt,“ rief Amanda mit glühendem Geſicht.„Was verſtehen Sie denn von 1 Geſchäften? Sie ſollten guten Rath annehmen und an Ihre eigenen Das iſt nun einmal keine Frauenſache. Kinder denken, ſtatt ſich mit armen Verwandten zu 3 befaſſen. Ja ich weiß ganz gut, was ich ſage, und . Ihre Blicke nützen gar nichts. Ich gehöre jetzt zur 3 Familie, und wenig genug habe ich davon. Was hätte ich mit meinem Aeußeren für eine glänzende Partie machen 3 können! Aber nun muß ich auch noch zu all dem Elend ſehen, wie ſo ein großes, faules Bettelmädchen uns das wegnimmt, was von Rechtswegen uns und unſern Kindern gehört! Das iſt wahrlich nicht zum Aushalten! Ich kann darüber nicht ſchweigen. Ich will ſprechen.“ 4„Was iſt denn geſchehen, Amanda?“ ſagte plötzlich die Stimme ihres Gatten hinter ihr. Er hatte das heftige Sprechen gehört und war in voller Angſt hereingeſtürzt. Er fand ſeine Mutter in höchſter Aufregung, ſie war von ihrem Stuhle aufgeſtanden, und Amanda ſtand vor ihr. Das Geſicht der jungen Frau war dunkelroth, ſie hatte den weißen Arm hoch erhoben und begleitete ihre Worte mit lebhaften Geſten, ihr Athem ging ſchnell, 8 ihre Augen ſprühten Feuer. Er legte ſeine Hand auf ihren Arm.„Beruhige Dich, Amanda, die Herren wer⸗ den gleich hereinkommen. Um des Himmels Willen, ſei ruhig! Willſt Du Dich wieder krank machen? Willſt Du hier ein Schauſpiel aufführen?“ Oliphant, Innocenzia. II. 18 „Mir iſt Alles gleich,“ rief Amanda,„ich will nur herausſagen, was mich drückt. Ich ſage: das große, faule Mädchen ſollte nicht länger hier geduldet werden. Sie kann auch in die Welt hinausgeſchickt werden, um ſich ihr Brod zu verdienen. Sind wir nicht die nächſten Erben und haben wir nicht ein Recht zu ſprechen? Was liegt mir daran, ob die Herrn kommen! Laß ſie nur herein! Es iſt nur Recht und Gerechtigkeit, was ich verkange, und da Du Deinen Mund nicht aufthuſt, ſo muß ich für dich ſprechen. Innocenzia heißt ſie, eine ſchöne Unſchuld iſt das aber, die uns Andern das Brod weg ißt. Es iſt ſo nicht viel zu holen, da die vielen Brüder noch darauf lauern und das ganze andere Pack. Nein, ich habe keine Geduld mehr— ich muß mich aus⸗ ſprechen.“ „Um Gotteswillen, Amanda——“ Sie machte noch einen verunglückten Verſuch, weiter zu ſprechen, aber der Athem blieb aus, und ſie mußte es ſich gefallen laſſen, auf das Sopha gelegt zu werden. Hier lag ſie keuchend in den Kiſſen, die weißen Schultern und die Stirne mit dunkelrothen Flecken bedeckt.„Es iſt leicht zu ſagen: rege Dich nicht auf,“ ächzte ſie. „Wie kann man das vermeiden, wenn die Leute ſo eigenſinnig und dumm ſind?“ Der unglückliche Gatte ſaß neben ihr und bemuhte ——— 19 ſich, ſie zu beſchwichtigen. Er ſprach leiſe und eindring⸗ lich zu ihr.„Denke an Deine Geſundheit!“ lautete ſeine wiederholte Warnung. Er fächelte ihr Kühlung zu, er hielt ihre Hand, er wiſchte ihre heiße Stirne mit ihrem duftigen Spitzentuche. Der arme Frederick! Er hatte nach ſeinem Willen gehandelt, jetzt trug er die Folgen. Nelly und Lady Doul waren, von gleichem Impuls ge⸗ trieben, den eintretenden Herren entgegengegangen und hatten ſie, zu deren Erſtaunen, gleich an der Thüre in ein Geſpräch über einige alte dorthängende Bilder ver⸗ wickelt. Mrs. Eaſtwood dagegen war zu ärgerlich, um den Schein aufrecht zu halten. Sie hatte ihren Stuhl ſo weit als möglich von dem Sopha geſchoben, auf dem ihre Schwiegertochter lag: dann aber nach einer kleinen Weile ſprang ſie auf, um nach Innocenzia zu ſehen, die mit weit offnen Augen auf Frederick und ſeine Frau ſtarrte. Auf ihrem träumeriſchen Geſichte lag keine Spur von Zorn, nur Erſtaunen, nur Verwunderung. Die Tante zog ſie liebevoll in ihre Arme.„Mein armes, liebes Kind,“ ſagte ſie,„kümmere Dich nicht um das, was ſie ſagt.“ „Iſt ſie krank?“ frug das Mädchen. „Ich möchte es faſt glauben,“ rief Mrs. Eaſtwood empört,„wenigſtens hätte ſie es verdient. Dieſe kleine, gemeine Perſon, die ſich in Alles miſcht, dieſes Geſchöpf, 2* 20 das nicht mit Dir und Nelly in einem Zimmer ſein dürfte!“ „Klein?“ ſagte Innocenzia und lachte.„Sie iſt doch nicht klein? Sie iſt ja die Größte von uns Allen. Biſt Du ſehr böſe auf ſie? Hat ſie mit Dir gezankt?“ „Ich bin ſehr böſe auf ſie, aber loß nur gut ſein, Kind. Denke nicht an das, was ſie geſagt hat. Sie iſt eine leidenſchaftliche, egviſtiſche Närrin. Achte nie auf das, was ſie ſagt!“ „Nein,“ ſagte die folgſame Kleine,„aber ich möchte wirklich gern mich nützlich machen, wie ſie ſagte. Das wäre hübſch,“ fügte ſie nach einer Pauſe hinzu.„Laß mich doch etwas arbeiten. Was iſt denn eine Geſell⸗ ſchafterin? Was hat die zu thun? Weshalb wurde denn aber Amanda ſo heiß und ſo athemlos? War das nur meinetwegen?“ „Weil ſie eine Närrin iſt,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, die jedoch ſelbſt heiß und aufgeregt war. „Und was iſt denn eine Geſellſchafterin?“ frug Innocenzia wieder. „Du biſt meine und Nelly's Geſellſchafterin,“ er⸗ wiederte die Tante.„So, mein Liebling, laß uns nicht mehr daran denken.“ „Und ſie gehört nun Frederick?“ fragte das junge 21 Mädchen, indem ſie mit verwunderten Augen immer noch auf die Gruppe am Sopha ſtarrte. Es lag nichts Feindſeliges in den großen ſtillen Augen, nur tiefes Erſtaunen.„Wird er niemals wieder ohne ſie da ſein? Wird ſie immer bei ihm bleiben?“ „So lange als ſie lebt,“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit einem tiefen Seufzer. Zweites Kapitel. Eine neue Perwicklung. Dieſer Abend war ein ereignißvoller in dem guten alten Hauſe. Nachdem Mrs. Frederick ſich hinreichend erholt und beruhigt hatte, wurde ſie von ihrem Gatten, nachdem ſie kurz und trocken von den Seinen Abſchied ge⸗ nommen, nach Hauſe gebracht. Auch der alte Sir Timo⸗ theus und ſeine Lady entfernten ſich ſo eilig, als es nur gute Sitte geſtatten wollte. Sie ſchüttelten ihre greiſen Häupter über die Scenen, denen ſie beigewohnt hatten, und ſtellten höchſt ſeltſame Vermuthungen über die eigent⸗ liche Herkunft Amanda's auf, die ihr ſogar Unrecht thaten. „Ich kann es nicht begreifen, was Mrs. Eaſtwood gedacht hat, daß ſie mich mit einer ſolchen Perſon zu⸗ ſammen einladen konnte!“ rief die alte Dame voller Entrüſtung. 23 „Still, ſtill, Liebe! Die arme Frau hat ſich redlich bemüht, die Sache zu bemänteln,“ ſagte Sir Timotheus, „und obgleich die junge Frau offenbar ein kleiner Teufel iſt, ſo muß man ihr doch ihre große, ſehr große Schön⸗ heit laſſen.“ „Ich kann Euch Männer nicht verſtehen,“ ſagte die Lady.„Schönheit? Was hat die damit zu thun? Meinſt Du: die Schönheit iſt wie die Tugend und deckt alle Sünden zu?“ „Aber doch viele, meine Liebe,“ ſagte der alte Herr, ſich kichernd die Hände reibend. Und ſo rollte das alte Pärchen ſeiner ſtillen Wohnung zu, halb ärgerlich, halb beſorgt um ihre Freunde, die Eaſtwoods, auf welche ſie ſo große Stücke gehalten hatten. Die Zurückgebliebenen aber waren in noch weit größerer Erregung. Das Erſte, was die gute Mutter des Hauſes that, nachdem die Gäſte ſich entfernt, war, Innocenzia zu Bett zu bringen. Sie geleitete ſie bis in ihr Zimmer, immer noch voll Beſorgniß, daß Amanda's wüthendes Gebahren einen tieferen Eindruck auf das junge Gemüth gemacht habe. Doch es bedurfte mehr, um die Gefühle dieſer ſchlummernden Seele zu wecken. Indeſſen hatten die ſcharfen Worte Amanda's doch aller⸗ hand unklare Ideen in ihr hervorgerufen, die ſie nun, nachdem ihre Tante ſie nach vielen Liebkoſungen der Obhut „ 24 Alicens überlaſſen hatte, der treuen Dienerin anvertraute. Gegen Alice ſprach ſich Innocenzia freier aus wie gegen irgend Jemand; vielleicht war die altmodiſche, einfache Art ihres Weſens der kindlich unentwickelten des ihrigen verwandt. Und die Alte wiederum ſorgte mit einer ſo rührenden Treue für das fremde Kind, daß die andern Dienſtboten darüber ſtaunten, denn das junge Mädchen gab nur wenig Wärme und geringen Dank dafür zu erkennen und verharrte gewöhnlich in ihrem träumeriſchen Schweigen. „Sie ſagte, ich ſollte als Geſellſchafterin gehen,“ ſagte Innocenzia.„Und Sir Alexis ſagte auch etwas dem Aehnliches. Ich bin Nelly's Geſellſchafterin und Tantens, ſo ſagt ſie mir. Aber Frederick's Frau meint etwas anderes. Alice, Du biſt alt, Du weißt ſo viel——“ „Ich weiß, daß Sie ein liebes, unſchuldiges Kind ſind,“ ſagte die alte Frau ſeufzend.„ „Sage mir nur, was eine Geſellſchafterin iſt. Amanda iſt Frederick's Geſellſchafterin, nicht wahr? Tante ſagt, ſie wird immer bei ihm bleibeu,— immer, ſo lange ſie lebt. Wie Schade, daß ſie nicht todt iſt! Sie zankt ſo— ſo— und wird ſo feuerroth wie die Frauen, die wir auf der Straße ſich zanken ſahen.“ „Und denen Sie ſagten, ſie möchten es nicht thun, —— N 25 — es wäre häßlich,“ ſagte Alice.„Ja weshalb zankt ſie denn?“ „Ich glaube, man zankt immer mit Kindern; Du thuſt es auch, Alice. Aber Frederick's Frau— o wenn er ſie doch fortſchickte! Ich wünſchte, ſie wäre todt— dann wäre Frederick frei!“ „Aber Kind, Kind, halte Deinen Mund!“ rief Alice. „Weißt Du nicht, daß es eine große, große Sünde iſt, Jemand den Tod zu wünſchen? Laß mich's nie wieder hören!“ Unwillkürlich ſprach ſie wie zu einem Kinde und redete ſie mit du an, um ihre Rede eindringlicher zu machen. „Aber es iſt wirklich mein voller Ernſt,“ ſagte Innocenzia.„Sie macht ſich ſelbſt krank, ſie leidet, und alle Anderen macht ſie unglücklich. Sie zankt und lärmt über Alles. Weshalb läßt man denn ſolche Leute leben, die nur Unglück anrichten?“ „Sie würden ihr doch gewiß nichts anthun wollen?“ ſagte die Alte, ſie ſcharf anblickend.„Und weshalb ſoll denn Mr. Frederick frei werden? Er hat ſeinen eignen Weg gewählt, und wie man ſich bettet, ſo liegt man. Warum ſoll ihm denn Alles ſo leicht gemacht werden?“ „Ich habe Frederick lieb,“ ſagte das junge Mädchen 26 träumeriſch.„Ob er gut iſt oder nicht, das weiß ich nicht, aber ich habe ihn lieb. Alice, weißt Du, ich verſtehe jetzt, was für Frauen es waren, die Papa haßte. Solche wie Frederick's Frau eine iſt.“ „Mein Lämmchen,“ ſagte die alte Dienerin ernſthaft, „denken Sie ſo wenig als möglich weder an den jungen Herrn noch an ſeine Frau. Solche Gedanken ſind für Sie nicht gut. Sagen Sie nun Ihr Gebet und denken Sie daran, daß wir allen Menſchen Gutes wünſchen ſollen. So ſagt auch die heilige Schrift.“ Für ſich ſprechend fügte ſie jedoch hinzu:„Wer weiß, ob ich im Stande wäre, meine Hand von der Perſon zu laſſen!“— Als Mrs. Eaſtwood das Zimmer mit ihrer Nichte verlaſſen wollte, hatte Mr. Vane ſich die Erlaubniß er⸗ beten, ihre Rückkehr erwarten zu dürfen.„Ich möchte Ihnen gern etwas ſagen,“ hatte er der Bitte hinzugefügt. Vielleicht war es nicht ganz weiſe gehandelt, die beiden jungen Leute allein beiſammen zu laſſen, denn Nelly, in ihrem aufgeregten Zuſtande, fühlte ſich mehr wie je dazu geneigt, dem immer willigen, immer bereiten Freunde ihr Vertrauen zu ſchenken. Sie ſtanden beide am Kamin, in dem das Feuer flackerte, obgleich der October ſehr mild war. Mit heißen Wangen, niedergeſchlagenen Augen und feſtgefalteten Händen ſtand Nelly neben dem jungen Manneè. Sie war im Innerſten verletzt und ſchämte ſich 27 über die Vorfälle dieſes Abends ganz entſetzlich. Sie hatte ſich ja bemüht, der häßlichen Scene ein Ende zu machen, aber es war vergebens geweſen. Sie hätte nun freilich ihre erregte Stimmung lieber in ihr eigenes kleines Zimmer tragen ſollen, aber die Entſagung war zu groß für das junge Menſchenherz, ſie mußte ſich gegen den Freund ausſprechen, da der Geliebte ſie ſo treulos im Stich gelaſſen hatte.„O Mr. Vane,“ rief ſie endlich, „was müſſen Sie von uns denken?“ „Was ich von Ihnen denke? Ich fürchte, gar Vieles, was ich nicht einmal ſagen darf,“ erwiederte er.„Aber was kann man anders denken, als daß Sie ſich einem häuslichen Mißgeſchick haben unterwerfen müſſen und daß Sie um ſo ſchmerzlicher darunter leiden, je liebens⸗ würdiger Sie es um der Welt willen ertragen. So werden Alle dieſe Scenen beurtheilen, und Jeder, der des Namens werth iſt, Ihr Freund zu ſein, Miß Eaſt⸗ wood, ſollte nur zu froh und ſtolz ſein, in ſolchen Prüfungen feſt zu Ihnen zu ſtehen.“ Ob John Vane damit mehr meinte als er ſagte, ich weiß es nicht. Nelly aber wurde feuerroth und warf einen raſchen, fragenden Blick auf ihn. Hätte er ausgeſehen, als meinte er etwas Beſtimmtes, ſo wäre ſie beleidigt geweſen; aber er war entweder unſchuldig oder klug ge⸗ nug, um die höchſte Unbefangenheit zu zeigen. — 28 „O was das betrifft,“ ſagte Nelly,„ſo wäre es wol thöricht, wenn wir ſagten, wir brauchten Jemand zu un⸗ ſerer Stütze. Mama und ich, wir ſtützen einander und Innocenzia. Sind wir nicht eine ſehr ſtarke Kraft? Wir brauchen Niemand.“ Dabei ſah ſie lächelnd zu ihm auf, aber eine helle Thräne fiel, von ihm wol bemerkt, plötzlich auf ihre kleine Hand.„Was iſt denn das?“ rief ſie mit leiſem Lachen und wiſchte heftig den Tropfen mit ihrem Taſchentuche fort.„Mir ſcheint, ich habe ge⸗ weint, ohne es ſzu wiſſen. Wie albern! Es iſt doch entſetzlich, daß wir Frauen gleich über Alles ſo thöricht weinen.“ „Ich wünſchte, wir wären alle thöricht in Ihrem Sinne,“ ſagte der junge Mann. „Wie, zu weinen? O nein. Das paßt nur für ein Mädchen, bei einem Manne iſt's ſchrecklich. Und eigent⸗ lich iſt's auch gar nicht einmal des Weinens werth,“ rief Nelly.„Es iſt auch nicht Mrs. Frederick, die mich ſo unglücklich macht, Mr. Vane; nein, ſondern daß die arme Mama ſo darunter leiden und ſo manche Behag⸗ lichkeit aufgeben muß. Wenn Papa lebte, ſo hätte das nie geſchehen können, aber die arme gute Mama wird zu Allem gebracht, ſie ſoll immer und immer nur geben. Weshalb ſoll ſie aber immer nur Opfer bringen? Erſt ihren Wagen, dann ihre bewährten Diener, jetzt ſpricht ſie ſogar davon, das liebe alte Haus zu verkaufen. Mr. Vane, vielleicht ſollte ich Ihnen dies nicht Alles erzählen,— aber halten Sie das für recht? Muß nicht ein Mann, wenn er heirathet, für ſich ſelbſt ſorgen können?“ „Wäre ich jemals ſo glücklich,“ ſagte Vane,„ich würde allerdings ſo handeln. Ich würde es gern ſehen, daß mein Weib fühlte, ich arbeitete um ſeinetwillen. Mein Weib! Ach, ſolch Glück blüht mir nicht!“ „Und warum nicht?“ ſagte Nelly ſanft. Aber ſie fühlte, ſie ſtand auf gefährlichem Boden, und deshalb beeilte ſie ſich, Frederick in den Vordergrund zu ſtellen, als ſei er die Hauptperſon in ihrer Unterhaltung. „Vielleicht bin ich zu hart gegen Frederick,“ ſagte ſie, „aber ich möchte nicht, daß Mama glaubte, wir dächten Alle ſo wie er. Alles haben wollen, immer mehr und mehr, ach,— ich wollte lieber ſterben als das thun!“ „Von Ihnen würde Ihre Mutter ſo etwas nie glauben. Das wäre unmöglich,“ ſagte Vane. „Ich weiß nicht,“ entgegnete Nelly, und wieder hingen die verrätheriſchen Tropfen an den langen Wimpern. „O wie wahr iſt's, was Mama ſagt,— daß die äußern Rückſichten uns Frauen weit mehr noch ſchädigen als das Geſetz! Wie oft ſind wir genöthigt, unſere innerſten Empfindungen zu verbergen, wie oft müſſen wir heucheln, 30 damit uns Andere glauben ſollen! Ihr Männer wißt nicht, wie viel Schweres ſo ein armes Mädchen durchzu⸗ machen hat!“ Dieſer ſeltſame und räthſelhafte Ausbruch erfüllte die Bruſt ihres Zuhörers mit Gefühlen, die ich nicht zu ſchildern verſuchen will. Er glaubte ſie zu ver⸗ ſtehen, und ſein ganzes Herz ſchmolz dem Mädchen gegen⸗ über, deſſen Lage er nur zu oft ſchon zum Gegenſtande ſeines eifrigſten Nachdenkens gemacht hatte. Er legte einen Augenblick ſeine Hand auf die ihrige wie zum ſtummen Zeichen ſeiner Sympathie. Aber als er es that, fiel wieder eine Thräne aus ihren Augen herab auf dieſe Freundeshand, und ehe er es wußte, ſtanden auch ſeine freundlichen Augen voll Waſſer. Nelly erſchrak und haſtig die Thränen mit ihrem Tuche trocknend rief ſie:„O ich bitte um Verzeihung!“ Dann ſchlug ſie die Hände vor die heißen Augen und das tief erglühende Geſicht. In eben dieſem Augenblicke trat Molyneux herein. Es iſt nicht zu verwundern, daß er erſtaunt ſtehen blieb, als er die Stellung der Beiden und ihr Alleinſein mit einem Blicke erfaßte. Nelly weinend und Mr. Vane dicht neben ihr, mit einem ſo erregten Geſichte, daß man klar darauf leſen konnte, was er gerne verborgen gehalten hätte. „Na nun? Was iſt denn hier los?“ rief Ernſt, auf 31 Nelly zugehend. Das Mädchen faßte ſich augenblicklich, und Vane trat zurück. Er fühlte, daß der Reiz des Augenblicks verflogen, der Zauber dahin war. „Was iſt denn geſchehen?“ ſagte Molyneux, weit mehr ärgerlich als liebevoll beſorgt.„Du weinſt? Weshalb denn? Iſt Winks krank geworden, oder iſt Dein Kanarienvogel geſtorben, oder was iſt paſſirt? Ich dächte, Du hätteſt Deine Thränen aufſparen können, bis ich da war.“ „Sie ſind nichts ſo Angenehmes, daß ich ſie für Jemand hätte aufſparen mögen,“ ſagte Nelly,„auch weine ich ja gar nicht. Mrs. Frederick hat uns nur etwas aus der Faſſung gebracht——“ „Ach, wenn's weiter nichts iſt! Mrs. Frederick! Dick erzählte mir, es hätte eine Reiberei ſtattgefunden. Schade, daß ich nicht dabei geweſen bin, da gab's gewiß was zu lachen,“ ſagte der junge Mann.„Sie ſind immer glücklicher als ich, Vane, denn Sie ſind immer bei der Hand.“ Eine Antwort ſchwebte ſchon auf John Vane's Lippen, aber er war klug und hielt ſie zurück. Nelly's Verlobter ſah von ſeiner Braut zu dem Freunde des Hauſes, der ihm ſo verhaßt war, hinüber, und allerdings lag in der ganzen Situation für ihn wohl ein gewiſſer Grund zum Mißtrauen.„Nun,“ rief er endlich,„jetzt da ich hier 32 bin, biſt Du durchaus nicht ſehr mittheilſam! Weshalb kam es denn zu dieſer Zankerei?“ „O der Grund thut nichts zur Sache,“ ſagte Nelly. „Sie griff Mama an. Laß uns nicht mehr davon ſprechen. Es macht mich ſo böſe, ſo tieftraurig. Die arme Mama, die immer die Güte ſelbſt war, ſollte ſie am Ende ſolchen Lohn dafür finden und dazu von ihren eignen Kindern!“ „Ich kann natürlich nicht darüber urtheilen, wenn Dir es nicht beliebt, mir Alles zu erzählen,“ ſagte Molyneux,„aber Deine Mama hat es, ſo ſcheint es mir, doch durchaus nicht ſchlechter als die meiſten Frauen ihres Alters. Wir ſind nun einmal nicht alle ſolche romantiſche kleine Gänschen wie Du, Nelly.“ „O laß mich!“ ſagte Nelly gereizt und beſchämt. Die Worte ihres Bräutigams verletzten ſie tief, der Ton, in dem ſie geſprochen, berührte ſie faſt widerlich. Sie wandte ſich ab und wagte nicht aufzuſehen, voll Angſt, dem Blicke des Andern zu begegnen. „Ich muß mit Ihrer Mutter wegen Innocenzia ſprechen,“ ſagte Vane, gleichſam wie entſchuldigend, da er wohl fühlte, daß er hier im Wege ſei. So ſtanden ſie Alle am Kamin in verlegenem Schweigen, bis Mrs. Eaſtwood mit bewölkter Stirne wieder zu ihnen kam. Sie nickte Ernſt nur einen flüchtigen Gruß zu— nicht 33 mehr. Es war ihr zwar lieb, daß er der häßlichen Scene nicht beigewohnt hatte, dennoch fand ſie es ab⸗ ſcheulich, daß er Nelly bei ſolchen Anläſſen immer allein ließ, wo doch ſein Platz an ihrer Seite war. Sie ſetzte ſich in ihren gewohnten Stuhl und kümmerte ſich um Niemand. Ihre Pulſe klopften noch, ihr Herz ſchlug heftig. Sie war eine gar ſtolze Frau, obſchon ſie keine Prätenſionen nach Außen hin machte, und ſie war in ihrem eigenen Hauſe beleidigt worden. „Ich möchte Sie bitten, mir zu erlauben, Innocenzia auf einige Wochen zu meiner Schweſter nehmen zu dürfen,“ ſagte Vane, ſich ihr leiſe nähernd.„Glauben Sie nicht, daß es an der Zeit wäre, ſie lernte auch ihre Verwandten väterlicher Seite kennen? Sie iſt jetzt groß geworden und hat ſich unter Ihrer gütigen Pflege ſo hübſch ent⸗ wickelt. Würden Sie mir wol auf einige Wochen das junge Mädchen anvertrauen?“ „O Mr. Vane,“ rief die Mutter haſtig, und die Thränen traten ihr in die Augen,„Sie thun das nur aus Güte, weil Sie gehört haben, wie grauſam und gehäſſig meine Schwiegertochter über meine arme Kleine geſprochen hat.“ „Was iſt denn nur los?“ ſagte Molyneux wieder zu Nelly.„Was in aller Welt hat ſie denn geſagt? Und was hat denn der Menſch damit zu Sn Und Oliphant, Innocenzia. III. 34 weshalb ſieht Deine Mutter ſo furchtbar aufgeregt aus? Wahrlich ein hübſcher Empfang für einen Mann, der ſich erholen will!“ „Sie hat über Innocenzia geſprochen,“ ſagte Nelly, ſich mit Mühe zuſammenraffend,„daß wir ſie nicht länger hier behalten, ſondern als Gouvernante in die Welt gehen laſſen ſollten. Ich weiß nicht, was ſie ſonſt noch in ihrer Hartherzigkeit für Unſinn geſagt hat. Ich begreife es nur nicht, daß ſie es wagte, Mama gegen⸗ über ſo aufzutreten.“ „Dies Weib wagt Alles,“ ſagte Molyneur.„Ueber Innocenzia alſo? Na, ich geſtehe, in dieſem Punkte hat ſie aber nicht ganz unrecht. Das Mädchen wird Euch noch eines ſchönen Tages eine große Laſt werden, wenn ſie ſich nicht verheirathet. Ich kann's auch nicht begreifen, weshalb Deine Mutter den Longueville wieder aus dem Garne gelaſſen hat. Und deshalb iſt der wohl hier? Ich haſſe den Menſchen, dieſen Vane, überall ſteckt er ſeine Naſe dahin, wo ſie nicht hingehört.“ „Ich glaube doch, daß Mama ihm ſehr dankbar war, daß er ſtatt Deiner zu uns gekommen iſt,“ ſagte Nelly.„Wir hätten ſonſt einen leeren Platz am Tiſche gehabt.“ „O deswegen biſt Du ſo brummig?“ lachte Ernſt. „Aber Nelly, Du kannſt doch wirklich nicht von mir er⸗ 35 warten, daß ich mich immer zu ſolchen Familienzirkeln einfinden ſoll. Mir ſind derartige Reunions im höchſten Grade zuwider.“ „Glücklicherweiſe im Intereſſe der guten Mama iſt Mr. Vane nicht derſelben Anſicht,“ ſagte Nelly. Es war das erſtemal, daß ſie ihm opponirte. Bisher hatte ſie ſchweigend geduldet. 3* Drittes Kapitel. Innorenzias erſter Ausflug in die Welt. In Folge der Unterredung zwiſchen Mrs. Eaſtwood und John Vane war es beſtimmt worden, doß Inno⸗ cenzia ihre Verwandten auf dem kleinen Gute bei Sterborne beſuchen ſollte. Die ältliche Dame Miß Vane hatte das Haus, welches der Bruder ihr zur Verfügung überlaſſen, ganz nach ihrer eigenthümlichen Art und Weiſe eingerichtet und verwendet.„Wir ſind nun einmal eine excentriſche Familie,“ hatte der Bruder lachend geſagt,„aber da ich leider zu Nichts zu brauchen bin, ſo iſt es gut, daß Lätitia mehr thut und wirkt. So wiegt der Schweſter Trefflichkeit den Bruder Tauge⸗ nichts auf——“ „Wie dürfen Sie ſich ſo nennen?“ rief Mrs. Eaſt⸗ wood vorwurfsvoll. Nelly's Augen hatten dieſelbe Frage in einem warmen flüchtigen Blick gethan, und es 37 lag ſo viel Herzlichkeit in dieſem kleinen Verſuch, ihn gegen ſeinen Angriff auf ſich ſelbſt zu vertheidigen, daß des Mannes Herz bis in's Innerſte erwärmt wurde. „Leider iſt es wahr,“ ſagte er.„Sie haben das ſchon von mir gewußt, ehe Sie mich kannten, geſtehen Sie es nur. Jetzt müſſen Sie es ſelbſt einſehen. Aber Lätitia iſt gut für uns Beide. Freilich iſt's oft eine ſeltſame Art von Güte, das iſt nicht zu leugnen. Sie iſt ſehr ſtreng religiös und hält ſich ſogar einen eigenen Paſtor mit langem Rock und Mäntelchen, den ſie jedoch, fürchte ich, wie zu ihrem Hausgeſinde gehörig betrachtet und behandelt; doch, wohlverſtanden, ſie iſt ſehr gut gegen ihr Geſinde. Wenn ich nun auch den kleinen Paſtor nicht als eine beſondere Errungenſchaft preiſen kann, ſo muß ich doch zugeben, daß wohl ſelten eine brave Frau, die gute wohlthätige Abſichten hegt, auch mit ſo viel Glück thätig iſt wie meine Schweſter Lätitia. Sie wird ſehr freundlich gegen Innocenzia ſein. Sie dürfen das Kind ohne Scheu in ihre Hände geben.“ „Es gefällt mir, wenn ein Mann etwas auf ſeine Schweſtern hält,“ ſagte die Mutter mit einem freund⸗ lichen Lächeln. Und Nelly ſah ihn an. Sie ſprach kein Wort, aber die Lippen bewegten ſich, als ob ſie der Mutter Worte nachſpräche. Ihr rundes Geſicht war viel ſchmäler geworden, ein Ausdruck von Sorge war ——————————————————— —— —————— 38 hinein gekommen, der ſonſt nicht da war, und in den lieben Augen lag es wie eine Frage: weshalb war wohl dieſer Eine ſo ganz und gar verſchieden von dem Manne, der ihr doch der nächſte und liebſte ſein mußte? Wes⸗ halb war Vane ſtets zu allen Freundſchaftsdienſten bereit, während Ernſt dieſe Pflichten ſo oft vernach⸗ läſſigte? Sie hätte ihm darüber faſt gram werden mögen, daß der Vergleich immer und immer wieder zu ſeinen Gunſten ausfiel, und dann machte ſie ſich wieder Vor⸗ würfe über ſolche Gedanken; weshalb ſollte er ſeine Güte büßen? Aber es war ein gefährlicher Gemüths⸗ zuſtand für eine Braut. Vielleicht hätte John Vane am richtigſten gehandelt, wenn er auf und davonge⸗ gangen wäre und Ernſt das Feld überlaſſen hätte, damit er ſich im beſten Lichte zeigen könne, denn durch ſeine beſtändige Gegenwart wurde dies gänzlich außer Frage geſtellt. Doch kehren wir zu der Unterredung zurück, von der im Anfang unſeres Kapitels die Rede war. Sie fand am Morgen nach jenem denkwürdigen Abende ſtatt, an welchem Amanda ſich ſo unliebenswürdig benommen, und bildete den Schluß der ſchon damals begonnenen Verhandlung. Es war dem jungen Mann nicht ganz leicht geworden, Mrs. Eaſtwood zu überzeugen, daß die harten Worte Amanda's durchaus nichts mit ſeinem * 39 Vorſchlage zu thun hätten, daß er vielmehr ſchon lange ſich mit dieſem Gedanken getragen habe. Nachdem ihm dies aber gelungen, ebnete ſich alles von ſelbſt. Natürlich mußte Innocenzia ihre Verwandten väterlicher Seite kennen lernen.„Sollte mir etwas Menſchliches begeg⸗ nen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit einer gewiſſen Feier⸗ lichkeit,„ſo wäre es mir ein Troſt, daß das Kind in liebevolle Hände kommt. Auf Frederick's Hülfe iſt gar nicht zu rechnen, und was Nelly betrifft, ſo weiß ich nicht, wie ihre Verhältniſſe ſich geſtalten werden,“ und dabei blickte ſie zärtlich, aber ſorgenvoll auf ihr Töch⸗ terchen. Wie Nelly in ſolchen Dingen dachte, das wußte ſie, aber daß Ernſt geneigt ſein ſollte, ein armes Mädchen in ſein Haus zu nehmen, das war wol ein Ding der Unmöglichkeit. „Allerdings iſt mein Vorſchlag nicht aus einer ſo düſtern Idee hervorgegangen,“ lachte John Vane. „Aber Innocenzia iſt bald achtzehn Jahre alt, und ihr erſter Ausflug könnte wol nicht leichter gedacht werden, als wenn er ſie in das Haus und in die Hände meiner Schweſter führte. Sie wird das Haus halb wie ein Kloſter, halb wie eine Schule finden. Ich wollte, Sie kämen gleich mit und überzeugten ſich ſelbſt von Lätitia's Thätigkeit. Aber wenn das nicht geht, ſo bringe ich meine kleine Couſine hin und überläſſe ſie dann meiner 40 Schweſter. Es kann für Innocenzia nützlich ſein, ſie muß einmal für ſich ſelbſt denken. Hier bei Ihnen iſt ſie immer behütet und bewacht worden—“ „Aber verwöhnt habe ich ſie doch nicht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, der es wohl that, daß ihre Güte gegen das fremde Kind, die ihr doch ſo ſelbſtverſtändlich vor⸗ gekommen war, von anderer Seite ſo freundlich aner⸗ kannt wurde. In eben dem Augenblicke trat Frederick herein mit einem verſtörten Geſicht. Er war ſoeben ohne ſeine Frau bei einem Freunde auf dem Lande zur Jagd geweſen, wie er ſagte, und kam nun wieder, bleich und elend ausſehend, wie auch früher nach jeder ſolchen zeitweiligen Abweſenheit. „Da iſt gewiß etwas geſchehen,“ ſagte die Mutter ſogleich, als Vane ſich beſcheiden entfernt hatte. „O nichts Beſonderes,“ ſagte er.„Ich wundre mich nur, Mutter, daß Du Dir, da Du alle Umſtände ſo genau kennſt, durchaus keine Mühe giebſt, Amanda nicht zu reizen. Natürlich iſt ſie krank geworden. Ich ſagte Dir doch, noch ehe ich mich verheirathete, wie die Sachen ſtanden. Vielleicht geſchieht ihr auch ganz recht, wenn ſie leiden muß, aber wie ich dazu komme, begreife ich nicht, denn das Schlimmſte fällt doch immer auf mich. Ich dächte, Ihr Beiden, Du und Nelly, könntet doch wahrhaftig um meinetwillen ſchon Frieden haltem“ 41 „Frederick, Du ſcheinſt durchaus nicht den Sachver⸗ halt zu kennen,“ rief Mrs. Eaſtwood heftig erregt. „Ich weiß nur, was geſchah,“ ſagte der Sohn, „und ich ſollte meinen, daß meine Mutter, wenn ſie mich nur ein wenig liebte, Alles thun müßte, um ſolche Scenen zu vermeiden. Amanda war die ganze Nacht krank, und nun hat ſie es ſich in den Kopf geſetzt, nach dem Neſte, nach Sterborne, zu gehen, dem letzten Orte, wo ich ſie hinwünſchen möchte. Wenn Du nur wüßteſt,“ fuhr er fort mit einem Ton tiefſter Entrüſtung,„wie verhaßt wir der Vater iſt, wie ich gekämpft habe, die Beiden auseinander zu halten! Und nun geht meine Frau, Deine Schwiegertochter— gerade dorthin, wo unſere adeligen Verwandten wohnen, mitten unter alle die Eaſtwoods, und in Batty's Haus. Beim Himmel, das bricht mir das Herz!“ Unfreundliche Worte drängten ſich auf Nelly's Lippen, aber ſie hielt ſie zurück. Gern hätte ſie geſagt: „Du hätteſt die Tochter nicht heirathen dürfen, deren Vater Du haßteſt;“ und:„mich würde Frederick nicht geſchont haben, wenn ich etwas der Art gethan hätte.“ Doch wie geſagt, ſie ſchwieg. Die Mutter dagegen äußerte regere Theilnahme. „Aber wenn Du ihr nun Alles recht ruhig vor⸗ ſtellteſt, lieber Frederick?“ ſagte ſie beſorgt. 42 „Vorſtellen? Amanda? Die würde ſich wohl etwas daraus machen!“ rief er.„Das zeigt nun wieder ein⸗ mal klar, wie wenig Du Amanda kennſt. Dieſes ver⸗ wünſchte Herzleiden, wenn es wirklich vorhanden iſt, das giebt ihr eben dieſe Meinung, ſie dürfe alle Welt un⸗ geſtraft beleidigen. Sie ſelbſt darf natürlich nicht an⸗ gerührt werden, aber wir Andern ſollen es uns gefallen laſſen. Ja, und doch werde ich mich beugen müſſen. Ich will ſie hinbringen, obgleich ich dieſe ganze Sipp⸗ ſchaft haſſe. Ich glaube aber kaum, daß es ein elenderes Geſchöpf auf der ganzen weiten Erde giebt als mich,“ rief Frederick, indem er ſich erſchöpft auf einen Stuhl warf. „Mein armer Junge!“ ſagte die Mutter, trat zu ihm hin und ſtrich mit ſanfter Hand über ſeine Stirn und das jetzt gar nicht mehr ſo ſorgfältig geordnete, lockige Haar. Obgleich der Sohn früher gar nichts auf die Liebkoſungen der Mutter gegeben hatte, ſo waren ſie ihm doch in letzter Zeit zum wahren Beſänftigungsmittel geworden. Amanda ſchmeichelte ſeiner Selbſtliebe durch⸗ aus nicht, ihr erſchien er keinesweges in dem Lichte großer Wichtigkeit, und ein Mann iſt doch gerade dafür ſehr empfänglich. Daher tröſtete es ihn, daß die Mutter⸗ augen wenigſtens ihn noch mit eben der Bewunderung anſchauten wie ſonſt. Und die Mutter that, was ſo . 43 manche ſchwache Mama thut, ſie war zärtlich gegen ihn und im Innerſten gar nicht böſe, eben weil er ſich nicht glücklich mit ſeiner Frau fühlte und bei ihr Troſt ſuchte. Und obgleich ſie ihm freundlich mahnend zuſprach, daß er den Verhältniſſen die Lichtſeite abge⸗ winnen müſſe, daß ſie Alle wünſchten, er möge glücklich mit ſeiner Frau werden, daß er nur fein geduldig ſein ſolle, und was nur Alles ſo ein zärtliches Mutterherz an Troſt und Beruhigung zu ſpenden vermag: im tiefſten Inneren war ſie ganz zufrieden mit ihrem Frederick, daß er ſich nicht an das Weſen der Frau ge⸗ wöhnen konnte, die ihr ſo durchaus unſympathiſch war. Nelly hingegen theilte der Mutter frohe Stimmung nicht. Sie war ſehr böſe auf ihren Bruder und nahe daran, ihn gründlich zu verachten, daß er ſo über Amanda ſprechen konnte. Sie verſetzte ſich an deren Stelle, ob⸗ ſchon ſie kein warmes Gefühl für ihre Schwägerin hatte, denn unwillkürlich trat ihr das eigene Bild vor die Seele, daß ſie, als Ernſt's Frau, vielleicht ebenſo von den Molyneux über die Achſel ange⸗ ſehen werden würde, wie das jetzt die Eaſtwoods mit der unliebſamen Schwiegertochter und ihrem ganzen An⸗ hang thaten. Wurde Ernſt ſie auch ſo grauſam dem Urtheile der Seinigen überantworten? Würde er auch ihnen zugeſtehen, daß er einen Fehlgriff gethan? Nelly's 44 Wangen glühten, ihre Augen brannten, und ſie war bereit, Frederick anzugreifen und für Amanda aufzutreten. „Es iſt doch ſeltſam,“ ſagte Mrs. Eaſtwood nach einer Pauſe,„daß wir ſo viel mit Sterborne zu ſchaffen haben ſollen, trotzdem wir in keinem Verkehr mit unſern dortlebenden Verwandten ſtehen. Vielleicht könnte Inno⸗ cenzia mit Euch reiſen, Frederick, wenn Du wirklich noch mit Deiner Frau hingehen mußt. Sie iſt dorthin ein⸗ geladen, um ihres Vaters Verwandte kennen zu lernen.“ „Wer lebt denn in Sterborne?“ „Bei Sterborne hat Mr. Vane eine kleine Beſitzung, welche ſeine Schweſter bewohnt. Sie ſind die Einzigen von allen Verwandten, die ſich um das arme Kind ge⸗ kümmert haben.“ „Was will denn der John Vane mit Innocenzia?“ rief Frederick ärgerlich. Er ſprang auf und ſchob die Mutter zur Seite, die noch neben ihm ſtand.„Will er die etwa auch heirathen?“ „Will denn Mr. Vane überhaupt Jemand hei⸗ rathen?—“ frug Nelly raſch, einem augenblicklichen Impulſe folgend, was ſie im nächſten Moment ſchon bereute. „Das ſollteſt Du doch am Beſten wiſſen,“ ſagte der Bruder, indem er ſich mit jener Miene überlegener 45 Tugend und Weisheit, die er ſo gut anzunehmen ver⸗ ſtand, zur Mutter wandte.„Ich habe Dir ſchon damals geſagt, als dieſer Mann zuerſt in unſer Haus kam, daß es ein zweifelhafter Charakter iſt. Er iſt immer ein ſonderbarer Kauz geweſen. Hätte ich aber gedacht, daß Ihr ihn ſo ganz in die Familie ziehen und ſo viel Weſens aus ihm machen würdet, ſo würde ich es nie zugegeben haben, daß er überhaupt hierher kam.“ „Aber, Frederick, ich habe niemals auch nur den geringſten Tadel an ihm gefunden,“ ſagte die gute Frau geängſtigt. „O, das glaube ich ſchon, Mutter. Ein Mann zeigt natürlich vor den Damen ſeine Schattenſeiten nicht. Aber ich habe Euch vorher gewarnt. Es werden man⸗ cherlei ſonderbare Geſchichten von ihm unter uns Männern erzählt. Fragt nur Molyneux— ich weiß, der iſt auch nicht in John Vane verliebt.“ „Iſt es ſo, Nelly?“ frug die Mutter. Nelly fühlte zu ihrem großen Verdruß, daß ein heißes Erröthen, halb Verlegenheit, halb Aerger, in ihre Wangen ſtieg. „Ich werde mich wohl hüten, Ernſt's Anſichten in einem ſolchen Falle noch einmal anzuführen,“ ſagte ſie mit vor Aufregung bebender Stimme.„Er hat mir früher auch erzählt, daß man ſich unter Männern ſchreck⸗ liche Geſchichten von Sir Aleris erzähle, daß es ein 46 Mann ſei, der in anſtändiger Geſellſchaft nicht geduldet werden dürfe——“ „Welche Unverſchämtheit, einen meiner älteſten Freunde ſo zu verläumden!“ ſagte die Mutter halblaut. „Und dann,“ fuhr das Mädchen fort,„als ich das der Mama ſagte, da lachte er mich aus, wendete es ſo, als hätte ich Vergnügen an ſolchen albernen Klatſchereien, und that, als hätte ich die Geſchichte erfunden. Das iſt eine Probe von Männerfreundſchaft. Vielleicht würde er gemeinſam mit Frederick daſſelbe Freundſchaftsſtück bei Mr. Vane wiederholen.“ „Molyneux würde ſich ſehr geſchmeichelt fühlen, wenn er Deine Anſicht über ihn hörte,“ ſagte Frederick lachend, und wer weiß, wie heftig der Streit noch geworden wäre, wenn nicht zum glücklichen Augenblick Dick und Plantagenet ihre Köpfe hereingeſteckt hätten. Das Geſpräch wurde ſofort abgebrochen, und bald darauf begab ſich Frederick nach ſeinem Geſchäft, wo er ja ſo„furchtbar“ arbeiten mußte. Er erſchien freilich immer erſt zwiſchen zwölf und eins, denn er mußte doch erſt, wie es einem braven Engländer ziemt, ſeine häus⸗ lichen Angelegenheiten ordnen, und auch dann ſaß er höch⸗ ſtens bis um drei Uhr unter Seufzen an ſeinem Pulte. Während der Jahresfriſt, die wir in unſern Blättern unerwähnt gelaſſen, hatte auch Dick, der viel⸗ 47 geplagte, fleißige, das wichtige Ereigniß glücklich über⸗ ſtanden: er hatte ſein Examen gemacht. Aber immer noch wanderte er mit Büchern in der Taſche einher, immer noch gab es„Nachhülfeſtunden“ und„Einpauker“, denn noch lagen mehrere Examen vor ihm, ehe er als Beamter nach Indien geſchickt werden konnte. Der examinirte Dick war aber durchaus dem unexaminirten gleich geblieben, er war noch eben ſo friſch, noch ebenſo harmlos, aber er ſtöhnte auch noch ebenſo über die viele Arbeit wie vorher. Eine weit merklichere Veränderung war mit Plantagenet vorgegangen. Er hatte Eton ver⸗ laſſen und die Univerſität bezogen und fühlte ſich ſchon ganz als erwachſener Mann. Sein Fleiß und ſeine Talente hatten ihm ein Stipendium verſchafft, ſo daß er ſeine Ausgaben ſchon ſelbſt beſtreiten konnte, was die Mutter immer mit höchſter Bewunderung für ihren Jüngſten anerkannte. Trotzdem brachte auch er ſeine ganze Friſche und köſtliche Heiterkeit immer unverändert mit nach Hauſe. Es war wunderbar, wie ſich die Stirnen der beiden Frauen erheiterten, wenn die Jungen (Verzeihung, Jünglinge!) in das Zimmer traten. Noch hatte ſich kein andres Bild in ihr Leben gedrängt. Plantagenet hatte ſeiner Mutter Portrait in ſeinem Studentenſtübchen über dem Sopha hängen und rühmte von ihr vor ſeinen Kameraden, daß ſie mehr Verſtand 48 hätte, als ſie Alle zuſammen, trotzdem ſie kein Griechiſch verſtände. Ich fürchte, dieſer köſtliche goldene Schlag von jungen Leuten wird in unſerer ſo raſtlos fortſchrei⸗ tenden, klugen Welt nicht lange mehr bleiben, aber das iſt ſicher, ſchon der bloße Anblick von Plantagenet's Ge⸗ ſicht(obgleich es nicht ſchön war) und von Dick's breiter Geſtalt, mit dem ewigen Buche in der Taſche, war genügend, um wunde Herzen und Augen zu tröſten. „Wir ſprachen eben von Mr. Vane,“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit jener Schlauheit, in der Frauen ſo be⸗ wandert ſind. Sie wollte die jungen Leute nicht gerade ausfragen, aber doch durch dieſe hingeworfene Aeußerung ihre Meinung über ihn erfahren.„Frederick hat ihn nicht ſehr gerne,“ fügte ſie hinzu. „Das will ich glauben. Frederick und er paſſen gar nicht zuſammen,“ ſagte Dick.„Er iſt nicht ein ſo eingebildetes Herrchen, ſondern liebenswürdig gegen Jedermann. Ich habe ihn ſehr lieb, er will Nichts vorſtellen, und wenn er ſich einmal geirrt hat, da giebt er's doch auch zu. Na, weißt Du, Plantagenet, noch neulich, als ich ihm von dem Schiffsbau erzählte——“ „Ich habe ihn auch ſehr lieb,“ ſagte der Andere, „aber ich kann eigentlich nicht über ihn urtheilen. Er beſuchte mich in Eton beim großen Schulfeſt, und da hat er mich tüchtig tractirt. So darf ich alſo nicht mit⸗ 49 ſprechen, denn ich bin ein beſtochener Richter, aber wenn ich irgend etwas wüßte, was er jemals wünſchte——“ „Alſo das iſt Eure Meinung von ihm?“ ſagte die Mutter erfreut.„Man ſagte mir,“ fügte ſie ernſt hin⸗ zu,„daß die Leute in den Clubs——“ „Ich gehöre zu keinem Club,“ ſagte Dick.„Eigent⸗ lich iſt das ſehr hart. Weshalb ſoll ich denn nicht eintreten? Blos weil ich einmal nach Indien gehen ſoll? Nun hoffentlich komme ich doch auch wieder zurück. Trevor will mich immer in ſeinem Club vor⸗ ſchlagen. Das wäre für mich ſehr angenehm; dort könnten mich meine Freunde aufſuchen. Ich hätte ſchon vor einem Jahre Mitglied werden können.“ „Liebſter Junge, Frederick nannte es unnöthige Verſchwendung, da Du— fortgingſt,“ ſagte die Mutter, und augenblicklich ſchimmerte eine Thräne in ihren Augen. Sie konnte nun einmal nie über Dick's Fort⸗ gehen ohne Wehmuth ſprechen hören. „Alſo das habe ich dem wieder zu danken!“ rief Dick in heller Entrüſtung.„Da kann ich Dir freilich auch nicht berichten, was man ſich in den Clubs erzählt.“ „Wovon iſt denn eigentlich die Rede?“ frug der praktiſche Plantagenet.„Iſt John Vane angeklagt worden und ſteht irgendwo vor Gericht?“ Und faſt ohne es zu wollen, blickte der junge Mann auf Nelly. Hliphant, Innocenzia. III. 4 50 Das Mädchen wandte ſich haſtig ab und ging durch das Gewächshaus hinaus in den Garten, in großer Aufregung und mit gar ſchmerzlichen Gedanken. „Innocenzia ſoll ſeiner Schweſter einen Beſuch machen,“ ſagte die Mutter,„ſie hat eine Villa bei Ster⸗ borne. Es iſt ſehr nöthig, daß ſie ihres Vaters Ver⸗ wandte kennen lernt, ich habe es auch ſehr gern er⸗ laubt. Aber Frederick meint——“ „Geht ſie jetzt oder zu Weihnachten?“ rief Planta⸗ genet.„Wenn ſie jetzt gehen will, ſo gebe ich meine Erlaubniß, da ich ſelbſt morgen wieder fort muß. Ich habe es nun einmal gern, wenn Innocenzia zu Hauſe iſt, wenn ich da bin. Ihr mögt darüber lachen, wenn Ihr wollt,“ fuhr der gute Junge eifrig fort.„Und ich hab's auch gern, wenn Nelly da iſt. Wozu ſind denn die Mädchen auf der Welt, als daß ſie das alte Haus hübſch und freundlich machen ſollen? Aber wie geſagt, jetzt darf ſie gehen, wenn Du es willſt, Mama. Aber was hat denn das mit John Vane zu thun?“ Bei dieſer Frage lachte Dick gar lange leiſe vor ſich hin.„John iſt nicht in Innocenzia verliebt,“ ſagte er kichernd.„Höre, Mutter, das wäre mir ein Paar, verſtehſt Du mich? Ich will ſie aber hinbringen, wenn Dir's recht iſt, und John's Schweſter beſuchen. Vielleicht ver⸗ liebt ſie ſich in mich.“ 51 „Dummer Junge, ſie iſt ſo alt wie ich,“ ſagte die Mutter lächelnd. Und ſo endeten denn die Ausein⸗ anderſetzungen am Morgen mit einem heitern, harmloſen Geſchwätz und tollen Späßen der jungen Leute. Das tröſtete die Mutter, die in den jungen Söhnen jetzt all ihr Licht und ihre Hoffnung ſah. Nur Nelly war nicht ſo leicht beruhigt. Tief und ernſt waren ihre inneren Kämpfe, und doch würde ihr Bruder Frederick, hätte ſie ſich ihm anvertraut, ihre Leiden mit ärgerlicher Gering⸗ ſchätzung von ſich gewieſen haben, da ſie ihm im Ver⸗ gleich mit den ſeinen, die ihm groß genug dünkten, Himmel und Erde zu verdunkeln, erbärmlich klein er⸗ ſchienen wären. 4* Viertes Kapitel. Die villa vanr. So war denn von allen Familiengliedern der Eaſt⸗ woods Innocenzia's erſte ſelbſtändige Reiſe überlegt und beſprochen worden,— nur ſie ſelbſt, die Hauptperſon, blieb ganz gleichgültig dabei. Sie hatte dem Plane ſich ge⸗ fügt— weiter nichts. Etwas mehr Bläſſe auf den Wangen, ein gewiſſer erſchrockener Blick in den großen Augen, das waren die einzigen Anzeichen, daß dieſe Ver⸗ änderung ſie überhaupt berühre. Sie hatte in ihrem kleinen Ideenkreiſe ihr Fortgehen mit Amanda's Vorſchlag, daß ſie ſich nützlich machen müſſe, in Einklang gebracht und war das wol zufrieden; denn ganz im Gegentheil zu der übrigen Familie hatte ſie den Plan, den Frederick's Frau ſo offen ausgeſprochen, gar nicht als Beleidigung aufgenommen. So lauſchte ſie denn auch jetzt eifrig den Schilderungen, die man ihr von der noch unbekannten 53 Verwandten und von der reizenden Gegend machte, in die ſie gehen ſollte, hörte geduldig zu, wie man die Reiſe für ſie als nützlich und angenehm erklärte, und bereitete ſich, obſchon ſie ſich durchaus nicht aus der Behaglichkeit ihres jetzigen Lebens herausſehnte, ohne Murren auf die Reiſe vor, wie etwa ein gläubiger, frommer Chriſt auf den Tod. Ein heimliches Gefühl von Angſt laſtete auf dem jungen Herzen, doch äußerte ſie ſich nicht darüber. Alle Welt ſprach von Innocenzia's Ausflug, nur ſie ſelber nicht. Sie beſaß nicht die Fähigkeit, ſich auszumalen, wie es dort ſein würde, etwas was Nelly ſo köſtlich ver⸗ ſtand: der Hauptmangel in ihrem ganzen Weſen war ja uberhaupt eine gänzliche Phantaſieloſigkeit. „Wie kannſt Du nur wiſſen, wie Alles iſt und ſein wird?“ ſagte ſie, als ſie vereint an ihrer Reiſeaus⸗ ſtattung nähten, zu Nelly, die ſich darin erging, Miß Vane's äußeres und inneres Weſen, wie es ſich in ihrem Köpfchen ſpiegelte, ihrer Couſine auszumalen. „Ich weiß es auch gar nicht,“ ſagte Nelly lachend, „ich denke es mir nur.“ „Denken?“ wiederholte Innocenzia. Das verſtand ſie nicht. Sie war eine Träumerin, während Nelly ganz Wirklichkeit und friſches Leben war; während dieſe von jugendlich lebhafter Phantaſie faſt überquoll, war ihr der Born der Einbildungskraft verſchloſſen. Ihr Denken 54 und Träumen blieb immer nur in den engen Gränzen des Geſehenen und Erlebten. Sie kannte nur ihr altes Wanderleben in Italien und nun hier die Heimath ihrer Tante. Alles andere war für ſie öde und leer. So vermochte ſie ſich auch durchaus keinen Begriff von dem zu machen, was ihrer dort wartete, und deshalb war in ihrer Seele, neben der Paſſivität, die willenlos mit ſich geſchehen läßt, was ſein ſoll, auch jenes unbeſtimmte Gefühl von Furcht, das Kennzeichen unwiſſender, phantaſie⸗ loſer Naturen, wenn ſie genöthigt werden, in die Zu⸗ kunft zu blicken. „Höre mal, Innocenzia,“ ſagte Plantagenet, der ſich ihrer immer angenommen hatte, am Vorabend ihrer Ab⸗ reiſe.„Biſt Du auch ganz gewiß, daß Du gern gehſt? Ich will weiter nichts wiſſen.“ „Gern gehen?“ ſagte das Mädchen, und die großen Augen weiteten ſich noch mehr.„O nein.“ „Weshalb gehſt Du denn da überhaupt? Man zwingt Dich doch nicht?“ frug der junge Mann, ſeine buſchigen Augenbrauen finſter zuſammenziehend. „Zwingen?“ wiederholte ſie abermals, etwas erſtaunt. „Ich gehe, weil meine Tante es will, weder weil man mich zwingt, noch weil ich es gern thue. Sie will es, ich nicht.“ „Aber ſo ſollte es nicht ſein,“ rief er.„Sprich doch mit der Mutter, ſie iſt ſo vernünftig. Sie zwingt keinen Menſchen zu irgend etwas, was er nicht will. Sag's ihr doch, daß Du lieber hier bleiben willſt. Nur offen und ehrlich mit der Sprache heraus. So habe ich's immer gemacht.“ „Aber Du biſt ein junger Mann,“ ſagte Innocenzia mit jenem Tone, der halb Achtung, halb Geringſchätzung dieſer Thatſache andeutete, und den ſie, wie ich fürchte, von Nelly gelernt hatte. „Was kann denn das in dieſem Falle für einen Unterſchied machen? Faſſe nur ein Bischen Muth und ſag's heraus. Ich glaube, Du weißt noch gar nicht,“ ſagte er mit gewichtigem Ernſt,„daß wir Alle hier nichts weiter wollen und wünſchen, als Dich glücklich zu ſehen. Du haſt die Mutter gewiß mißverſtanden. Du machſt Deine eigenen Ideen zu den ihrigen, Du erkennſt nicht den wahren Sachverhalt. Verſtehſt Du mich?“ „Nein,“ ſagte das Mädchen und blickte ihn mit großen ernſten Augen an. Der arme Plantagenet! Er ſteckte die Hände noch tiefer in die Taſchen, brummte etwas, was nicht für die Oeffentlichkeit beſtimmt war, und ſah ſie dann mit jenem hilflos forſchenden Blick an, mit dem wir ſolchen Menſchenräthſeln wol bisweilen gegenüber ſtehen. Sie lächelte ihm ſanft entgegen, und das träumeriſche Licht 56 dieſes Lächelns breitete ſich über ihr ganzes Geſicht und verklärte es zu rührender Schönheit. Der gute Junge fühlte den Zauber. Vergeblich waren ſeine Fragen, ſeine Forſchungen, ſeine Rathſchläge bei dem Mädchen geblieben, aber böſe konnte er ihr nicht ſein. Mit einer gewiſſen Ungeduld trieb er ſie an, in's Haus zu treten. „Es wird kalt, und Du haſt keinen Shawl um,“ ſagte er. Würde die arme Innocenzia denn niemals einer anderen Sorgfalt als der blos äußeren zugänglich werden? Am andern Tage reiſte ſie unter dem Schutze von John Vane ab. Sie weinte nicht, zeigte auch ſonſt keine Empfindung, aber in den großen Augen lag ein Ausdruck von Herzensangſt. Sie hatte auch bei dieſer Reiſe nicht jenes unmotivirte, inſtinctive Vertrauen auf Sicherheit unter dem Schutze ihres Begleiters, wie damals bei Frederick. John Vane war ſehr gütig gegen ſie, das hatte ſie ſtets erfahren, aber er war nun einmal nicht Frederick. Still wie ein Mäuschen ſaß ſie in der Ecke des Wagens und beſchränkte ihre Antworten auf ihr be⸗ liebtes Ja und Nein. Wieder flog ein Stückchen Welt an ihr vorüber in raſender Eile, und fremde Menſchen ſtiegen aus und ein. Als ſie ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, bemerkten ſie, daß Frederick 57 ſich mit ſeiner Frau auf demſelben Zuge befand. Er kam an ihren Waggon, als ſie bei einer Station an⸗ hielten, lehnte ſich zum Fenſter hinein und plauderte mit Innocenzia, die plötzlich wie belebt durch ſeinen Anblick erſchien. Sie ſtreckte ihm ihre Hand hin, als wollte ſie das einzige ihr bekannte Weſen damit feſtfaſſen und halten. John Vane begriff dieſe Art von Begeiſterung nicht, die des Mädchens bisher ſo theilnahmloſes Weſen plötzlich verwandelte, und auch ſie ſelbſt wäre ſchwerlich im Stande geweſen, ſich dies Gefühl zu erklären. Er urtheilte ſehr verſchieden von ihr über den Mann, der da lächelnd mit dem armen Kinde ſchwatzte. Seine Abneigung gegen Frederick machte ihn ungerecht, denn die brüderlich warme Zuneigung für Innocenzia war vielleicht eine der beſten Empfindungen in der Seele des jungen Caſtwwod. Vane aber dachte ingrimmig: er hat mit der Liebe dieſes Kindes geſpielt, wirft ſie dann hin und zertritt ſie wie eine Blume. Deshalb blickte der jetzige Protektor durchaus nicht gnädig auf dieſes Zuſammentreffen. Er veran⸗ laßte das arme Kind mit ihm den Platz zu wechſeln und unterhielt den jungen Mann, als er beim nächſten An⸗ halten wieder an ihren Wagen trat, mit einigen Phraſen über das Wetter. Es beſtand nun einmal keine Liebe zwiſchen den Beiden. „Ach, Innocenzia iſt da?“ ſagte Amanda, als ſie 58 Sterborne erreicht hatten.„Alſo Deine Mutter hat doch meinen Rath befolgt, Frederick. Sie geht vermuthlich in die Schule zu Miß Vane, um zur Gouvernante ge⸗ bildet zu werden. Na, das iſt recht, das iſt recht. Du kannſt mich einmal beſuchen, Innocenzia, wenn Du Luſt haſt, zur Abwechſelung. Es wird Dir bei Miß Vane wol zuerſt nicht gefallen, da wirſt Du nicht ſo verwöhnt werden wie bei der Tante, aber es iſt zu Deinem Beſten. Freddy, iſt kein Wagen für mich da? Haſt Du Papa noch nicht geſehen? Hilf mir doch heraus und laß mich nicht hier allein, als wäre ich ein Koffer. Alſo beſuche mich bald, Innocenzia. Du biſt doch Jemand, mit dem man ſprechen kann. Adieu.“ „Innocenzia,“ ſagte Mr. Vane, als er ſeinen Schütz⸗ ling in den leichten offnen Wagen geſetzt hatte, der ihnen von der„Villa Vane“ entgegengeſchickt worden war,„ich wünſche durchaus nicht, daß Du dieſe Frau beſuchſt, auch Deine Tante iſt ſehr dagegen. Du müßteſt denn ganz beſonderes Verlangen danach haben——“ „Gar nicht,“ rief das Mädchen mit einer Beſtimmt⸗ heit, die ihren Begleiter überraſchte. „Alſo haſt Du ſie nicht gern?“ frug er. „Sie hat uns den Frederick fortgenommen,“ ſagte ſie;„er würde ſonſt immer bei uns geblieben ſein. Sie iſt Schuld daran. Sie macht die Tante und Alle un⸗ 59 glücklich. Ihn auch— er ſieht ganz elend aus. Solche Menſchen, die Alle unglücklich machen,“ fuhr Innocenzia ernſthaft fort,„ſollten nicht am Leben bleiben dürfen.“ „Liebes Kind,“ rief Vane lachend,„das ſind ja ent⸗ ſetzliche Anſichten. Auf dieſe Art wäre Niemand ſicher.“ „Aber Sie machen doch keinen Menſchen elend,“ ſagte Innocenzia.„Wenige thun das überhaupt. Aber ſie thut es. Und Frederick——“ Ihr Vetter unterbrach ſie.„Ich will Dich durchaus nicht gegen Deinen Couſin Eaſtwood einnehmen,“ ſagte er ſehr ernſt,„aber ich muß Dich doch warnen, mein Kind, nicht allzu gut von ihm zu denken. Er iſt nicht ſo vollkommen als Du glaubſt. Bedenke, daß er aus ganz freier Wahl und Reigung dieſe Frau geheirathet hat; Du mußt alſo keinen Helden oder Märtyrer aus ihm machen. Je weniger Du von ihm ſiehſt, um ſo beſſer für Dich.“— Das junge Mädchen ſah ihn in ſchweigender Ver⸗ wunderung an, aber es blieb ihr keine Zeit, viel darüber zu grübeln oder zu antworten, denn ſchon war die kurze Fahrt beendet, und der Wagen hielt am Parkthore der Villa Vane. Es war ein langes, ſeltſam ausſehendes Gebäude, an welches ſich eine alte Kapelle anſchloß, die durch einen überdeckten Gang mit dem Wohnhauſe in Verbindung ſtand. Der Park und Garten waren wohlerhalten und gepflegt. Aus den kleinen Fenſtern des Hauſes ſchauten eine Menge Köpfe neugierig auf die Ankommenden nieder. Das Thor ſtand weit offen, umfloſſen von einer wahren Flut von Abendſonnengold. Die gefiederten Zweige der Clematis mit ihren wolligen Ueberreſten der früheren Blüthe ſchwankten hin und wieder über dem Eingang. Die Mauern waren mit Schlinggewächſen bedeckt, ſpäte Roſen rankten ſich an dem Hauſe empor, und die Blumen⸗ beete dicht davor prangten in den bunteſten Farben, von Aſtern und rothen Geranien und all der Pracht der Herbſtflora. Eben läutete die Abendglocke in der Kapelle, als ſie in das Thor einfuhren, und aus allen Ecken des ſeltſam winkligen Gebäudes kamen Gruppen von Frauen und Kindern heraus. Selbſt Innocenzia wurde zu einer gewiſſen Neugier bei dieſem unerwarteten Anblick ange⸗ regt. Es war ein hübſches Bild: die Abendbeleuchtung, der bunte Blumen⸗ und Blätterſchmuck im Garten und an den Mauern, die bunte Menge, unter denen auch einige Diakoniſſinen oder Schweſtern, wie man ſie dort nennt, ſich befanden und die dem Schwarm eine gewiſſe Würde verliehen. Die Kinder waren von verſchiedenem Alter und Kleidung und flatterten wie Schmetterlinge in den wohlgehegten Gartenwegen. John Vone lachte, 61 halb erfreut, halb gerührt, über die Scene vor ſeinen Augen. „Nun werden wir Schweſter Letty in all ihrer Glorie erblicken,“ ſagte er. Das ungewohnte Schauſpiel hatte für den Moment Innocenzia ſo ganz ſich ſelbſt und ihrer Aengſtlichkeit entrückt, daß ſie wie aus einem Traume erwachte, als ſie ſich aus dem Wagen gehoben und in Jemandes Arme geſchloſſen fühlte. Dieſe neue Erſcheinung war eine kleine Frau mit ſehr klugen, glänzenden Augen und lebhaftem Weſen. Sie küßte Innocenzia ganz geſchäfts⸗ mäßig, wandte ſich dann zu ihrem Bruder und reichte ihm, der wol dreimal ſo groß war wie ſie, die Wange zum Kuſſe dar. „So, da ſeid Ihr endlich!“ ſagte Miß Vane.„Fünf⸗ zehn Minuten ſpäter! Dieſer Zug verſpätet ſich immer. Schnell komm herein, mein Junge, der Thee ſteht im Wohnzimmer. Ich kann nur ein paar Wörtchen mit Euch ſprechen, denn ich muß in die Kapelle. Hierher, liebes Kind, folgen Sie mir; der Gang iſt etwas eng, und da ſind grade ein paar Stufen, wo ſie am wenigſten hin⸗ gehören, aber Sie werden ſich ſchon daran gewöhnen.“ So ſprechend geleitete ſie ihre Gäſte in ein großes, niedriges Zimmer mit mächtigen Balken an der Decke und einer Menge kleiner Fenſter, die wie neugierige Augen 62 aus den Mauern hervor lugten. Ein breiter, offner Kamin, in dem einige knorrige Holzſcheite brannten, und ein weißgedeckter Tiſch davor, mit allen Behaglichkeiten eines engliſchen Thees bedeckt, ein bequemer Stuhl und eine Anzahl von Büchern waren eigentlich die einzigen modernen Gegenſtände im Zimmer. Die Wände waren mit Eichenholz getäfelt, alſo ſehr dunkel, und Innocenzia bekam weder denſelben Eindruck, wie in den ſonnig hellen Räumlichkeiten in dem Hauſe der Tante Eaſtwood, noch erinnerte ſie dieſe neue Behauſung an die kahlen, öden italieniſchen Hallen mit ihrer verſtäubten Pracht. Einige wenige, aber gute Bilder zierten die Wände. Vane blickte mit augenſcheinlicher Befriedigung um ſich. „Gott ſei Dank, Letty,“ ſagte er.„Was Du auch aus dem andern Theil des Hauſes gemacht haben magſt, unſerer guten Mutter Zimmer haſt Du unverändert erhalten.“ „Ja,“ ſagte die Schweſter,„ich bin noch weit von der Vollkommenheit entfernt. Ich kann noch nicht Alles aufgeben und opfern, mein Junge, es iſt eigentlich nicht recht. Alſo das iſt Gilbert Vane's Tochter? Willkommen, herzlich willkommen, kleine Innocenzia. Ich habe Sie ſchon um des Namens willen lieb. Wir hatten eine kleine Schweſter, die ſo hieß. Eine liebe, liebe Unſchuld! Ich nenne Dich auch lieber gleich Du, wie alle meine Kinder hier im Hauſe. Mach' Dir's nun behaglich und ſei hier ———————— 63 vergnügt und glücklich, ſo lange Deine liebe Tante Dir erlaubt zu bleiben. Setze Dich und ſchenke Dir und ihm Thee ein, vergeßt auch das Eſſen nicht. Ich muß zum Gottesdienſt. Heute ſeid Ihr entſchuldigt, da der Zug ſo ſpät gekommen iſt. Sorge für das Kind, mein John, und ſieh', daß ſie etwas genießt. Ich freue mich, daß Ihr da ſeid. Au revoir in einer halben Stunde.“ So ſchwatzte ſie, bis ſie zur Thüre hinaus war, und noch als ſie den Gartenweg entlang ging, wendete ſie ſich um und winkte ihnen freundlich zu. Der Bruder folgte ihr mit liebevollen Blicken. „Liebe, alte Letty!“ ſagte er.„Ich ſagte es ja, wir würden ſie in all ihrer Glorie ſehen. Setze Dich, Inno⸗ eenzia, und wärme Deine kleinen Hände und trinke Deinen Thee.“ Mit dieſem kurzgefaßten guten Rathe verließ er ſie und ſchritt im Zimmer umher, ſah ſich die Bilder, die Bücher und jeden Gegenſtand genau an, wie einen lieben alten Freund.— Das junge Mädchen hatte ſich in den Lehnſtuhl geſetzt, wie man es ſie geheißen. Sie ſchenkte ſich und ihm Thee ein, und ein wunderſames Gefühl von Behaglichkeit beſchlich ſie. Süßer Reſedaduft ſtrömte durch das geöffnete Fenſter herein, ſilbern tönte das Glocken⸗ läuten, der Sonnenſchein vergoldete die vielen kleinen Fenſterſcheiben, und die ſanfte Wärme vom Kamin her vollendete ihr tief innerliches Behagen. Vor allem hatte der einfache Empfang ihr wohlgethan, die Art, wie man ihr gleich dies oder jenes zu thun angerathen. Man hatte von ihr weder Antwort noch Erregung verlangt; es war auch gar kein Grund zur Aufregung vorhanden; es wurde ihr geſagt: thue das, und ließ ſie dann in Frieden. In dieſen ſtillen Minuten flog jede Spur von Aengſtlichkeit aus ihrer Seele, ihr ganzes Weſen ſchien wie beſänftigt zu ſein. Hier, ja hier war ihr Platz; jetzt ſah, jetzt fühlte ſie es, und alle Schrecken vor einem Wechſel der früheren Verhältniſſe ſchwanden in Nichts. Sie hätte darüber beinahe vergeſſen, den duftenden Thee und die köſtlichen Semmelchen zu genießen, aber ſie erinnerte ſich noch zu rechter Zeit, daß man ihr das geſagt hatte, und folgſam wie ſie war, trank und aß ſie und fand Alles köſtlich und gut. Der Nachmittag war unendlich lieblich. Und dieſe Ruhe, dieſe Stille nach der Reiſe, die ſie doch ſo aufgeregt hatte, währte nicht blos, bis die Leute aus der Kapelle kamen und die Kinder an dem Fenſter vorüber zogen, nein, auch dann noch wurde ſie nicht geſtört. Miß Vane geſtattete ihr, ruhig ſitzen zu bleiben, während ſie mit ihrem Bruder allerlei Familienbeziehungen und Erinnerungen ernſter und heiterer Art durchſprach. Das Mädchen achtete auch nicht viel auf das Geſpräch, aber die freundlichen Geſichter, die Stimmen, ja ſelbſt die 65 Luft in dem lieben Hauſe thaten ihr wohl. Später zeigte ihr Miß Vane das kleine Gaſtzimmer, wo blaſſe Roſen zum Fenſter hereinnickten. Sie ſagte ihr, wo ſie ihre Sachen hinlegen und hinhängen ſollte, und wenn ſie auf⸗ ſtehen und fertig ſein müßte, und was in ihrem Hauſe von Jedem verlangt würde. Es war der Anfang eines neuen Lebens für Innocenzia. Keine weiche Nachgiebig⸗ keit, keine ewige Rückſichtnahme auf ihre Wünſche, auf ſie, die ja eigentlich ſo wunſchlos war,— ſondern ſanfte Leitung, feſte Regel, hausbackene, aber praktiſche Ein⸗ richtungen und einfaches herzliches Entgegenkommen ohne viel Zärtlichkeit, und dafür wurde von ihr nichts weiter verlangt als Gehorſam, und wie leicht wurde ihr das! Miß Vane war ihrerſeits nicht weniger von dem jungen Mädchen eingenommen als dieſe von ihr. Nach⸗ dem ihr Bruder einen Tag bei ihr verweilt hatte, was vielleicht unter den ſo bewandten Umſtänden für Beide ausreichend war, reiſte John Vane ab, um mehrere Be⸗ ſuche in der Nachbarſchaft abzuſtatten. Er verſprach, nach Verlauf von drei Wochen ſeinen Schützling wieder abzuholen, und ermahnte ſeine Schweſter, ſie ja fern von den„Frederick Eaſtwoods“ und den„Battys“ in Ster⸗ borne zu halten. Freudig verſprach ſie ihm das, denn ihr ſelbſt lag durchaus nichts an dieſer Bekanntſchaft. Trotz ihrer ſtrengen Richtung und dem faſt ſe Oliphant, Innocenzia. III. 66 S welches in ihrem Hauſe eingeführt war, blieb ſie ſich ihrer Anſprüche i in der Stellung zur Geſellſchaft voll⸗ ſtändig bewußt. So war es denn eine ausgemachte Sache, daß Innocenzia keine Einladung von Mrs. Frederick annehmen ſollte; es kam jedoch auch gar keine. Im Uebrigen vertrugen und verſtanden ſich die beiden im Alter ſo ungleichen Couſinen vortrefflich. Die Kleine war freilich nicht ſehr mittheilſam und zeigte auch durch⸗ aus kein lebhaftes Intereſſe für die„höhere Schule,“ die Miß Vane für ungefähr ſechs Töchter der vornehmen Stände eingerichtet hatte, auch nicht für die„Volksſchule,“ in der ärmere Kinder unterrichtet wurden, noch für das Waiſenhaus. Daß ſie freilich auch für das letztere keinen Sinn hatte, war der guten Dame ſehr überraſchend ge⸗ weſen, weil ſie grade bei einer Waiſe ein tieferes Ver⸗ ſtändniß vorausgeſetzt hatte. Aber ſie wandelte mit immer freundlichem Lächeln durch die Säle und Zimmer und machte ſich durch ihre ſtets gleichmäßige, ſtille Höflichkeit bei Allen beliebt. Sie war folgſam, ſanft und gelehrig und erholte ſich auch körperlich wunderbar ſchon in weni⸗ gen Wochen. Sie ſah kräftiger und blühender wie je aus; nur geſprächiger war ſie nicht geworden. Beſonders aber ſtieg ſie in der Achtung Aller durch ihre Vorliebe für die kleine Kapelle. Sie konnte ſtundenlang dort ſitzen, die Augen feſt auf das Bild des Gekreuzigten 67 gerichtet, ein altes italieniſches Gemälde, welches über dem Altar hing. Das Bethaus war klein und niedrig, aber gut erhalten, mit kleinen Fenſtern mit Milchglas⸗ ſcheiben, die wie Silber glänzten. Hier ſaß das junge, ſchöne Mädchen und achtete nicht auf die Zahl der Stunden, die ihr ſo verflogen; hier war ihr ſo heimathlich zu Muthe, wie in der Kirche della Spina; hier wiederholte ſie immer wieder ihr Vater Unſer mit einem Gefühl innerſter Befriedigung und eines Glückes, von dem ſie ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Die kleine Gemeinde der guten Miß Vane aber, den Paſtor an der Spitze, ſah in dem ſchönen Mädchen eine Art von Heilige, und Innocenzia errang damals ihren erſten großen Erfolg im Leben. Leider war es nur die Windſtille, die dem Sturme vorherzugehen pflegt. 5* Fünftes Kapitel. Der Dom. „Ich muß Dir doch den Dom zeigen, Innoeenzia,“ ſagte Miß Vane.„Du kannſt doch unmöglich ſo nahe dabei ſein, ohne dieſes prächtige Denkmal geſehen zu haben. Du wirſt ganz entzückt davon ſein, da Du Kirchen überhaupt ſo liebſt. Ich habe eine Anzahl von Beſuchen zu machen, da ich aber weiß, daß Du Dich im Dom, während ich weg bin, ſehr glücklich fühlen wirſt, ſo will ich Dich nach Sterborne mitnehmen. Thue Hut und Mantel um und halte Dich bereit mit zu fahren. Der Wagen wird bald kommen. Haſt Du ſchon eine gothiſche Kathedrale geſehen? Nein? Noch nicht? Nun da kann ich Dir nur ſagen, mein Kind, daß mit dieſem Tage eine neue Aera in Deinem Leben beginnen wird.“ O hätte Lätitia ahnen können, welche unbewußte — 69 Prophezeiung mit dieſen Worten über ihre Lippen glitt, die Innocenzia ſo lächelnd aufnahm! Das Mädchen war durchaus nicht aufgeregt durch die Ausſicht, den ſchönen Dom zu ſehen, aber ſie freute ſich dem Gebote gehorchen und mitgehen zu dürfen, und zwar mit ihrer gütigen, aber thatkräftigen Gebieterin, die ihr ganzes Daſein zu einer gewiſſen Harmonie ge⸗ bracht hatte. Sie ſetzte ihr zierliches Hütchen auf die glänzenden Flechten und blickte dabei lächelnd in den Spiegel, was ganz gegen ihre ſonſtige Gewohnheit war. Die blaſſen Wangen trugen friſche Roſenfarbe, die Augen leuchteten, die ganze Erſcheinung war lebens⸗ voller geworden. Es war ein friſcher Morgen im Oktober. In der Sonne war es noch warm, aber ein ſcharfer Herbſtwind pfiff hin und wieder um die Ecken und mahnte an einen kalten Abend. „Wir müſſen ja vermeiden, ſehr ſpät zurückzu⸗ fahren,“ ſagte Miß Vane, indem ſie noch eine warme Decke über Innocenzia's Schooß breitete, ehe ſie ſelbſt in den kleinen Wagen ſtieg und die Zügel ergriff. Miß Vane war trotz ihrer frommen Richtung noch Weltdame genug geblieben, um Gefallen an äußerer Eleganz zu finden, obgleich ſie oft darüber ſtöhnte, daß ſie der Eitelkeit der Welt ſo gar nicht zu entſagen ver⸗ möchte. So war ſie auch jetzt in reiche Seide gekleidet, und 70 ihre ſchönen, wohlgefütterten Ponies ebenſo wie der ele⸗ gante kleine Wagen zeigten den feinen Geſchmack vor⸗ nehmer Leute. Die beiden Damen hatten eine ſehr an⸗ genehme Fahrt nach Sterborne. Lätitia machte ihre junge Couſine auf alles Sehenswerthe aufmerkſam, an dem ſie vorüber eilten, und wenn dieſe auch nicht ſehr viel Inte⸗ reſſe daran nahm, ſo erfreute ſie ſich doch in ihrer ſtillen Weiſe an der friſchen Luft, dem Sonnenſchein und der raſchen Bewegung. Wie ruhig glitt doch jetzt Alles an ihr vorüber! Da war nichts mehr von jenem Ueber⸗ haſten und unklarem Jagen, was ſie bisher empfunden hatte. Sie konnte ſich die Veränderung, die mit ihr vorgegangen, nicht erklären, aber noch nie in ihrem ganzen Leben war ſie ſich ſo klar ihrer ſelbſt bewußt geweſen. Miß Vane ging erſt ſelbſt mit ihr flüchtig durch den Dom, um ihr die hauptſächlichſte Schönheit des Baues zu zeigen, dann aber ließ ſie das junge Mädchen allein dem Altar gegenüber ſitzen, damit ſie ſich, wie Alle in der Villa Vane glaubten, ihren tiefen religöſen Betrachtungen überlaſſen könne. „Hier wirſt Du glücklich ſein,“ ſagte die gütige Dame noch, küßte ſie ſanft und fühlte ſich mit ihrer Weltlichkeit in dieſem Momente tief, tief unter ihrer frommen jugendlichen Verwandten. Noch einmal blieb 71 ſie ſtehen, ehe ſie ihre Rundreiſe von Beſuchen antrat, um Innocenzia dem Hauptſchließer gewiſſermaßen an⸗ zuvertrauen.„Ich werde in anderthalb Stunden wie⸗ der zurück ſein,“ ſagte ſie. So blieb Innocenzia allein. Die feierliche Stille in den weiten Hallen, die leiſen Schritte, die von Zeit zu Zeit hinter ihr ertönten, die gedämpften Stimmen der Fremden, dies Alles brachte ſie mitten hinein in ihre alten Erinnerungen, in die Kirche della Spina. Ihr galt es gleich, ob die leuchtenden Kerzen am Altar fehlten, ob des Prieſters ſingende Stimme nicht ertönte; ſie ſagte ihr Gebet und kniete nieder auf die Steinplatten, ohne nur zu denken, daß ſie beobachtet werden könnte, grade wie damals in Piſa, grade wie die arme, kleine Innocenzia. Dann ſetzte ſie ſich wieder nieder in vollkommener Ruhe und Frieden.— Das arme Kind! Schon nahte ſich auf ſchwarzen Flügeln das Unheil, um dieſen goldenen Frieden grauſam zu zer⸗ ſtören. Der alte Schließer, erſtaunt über dies tiefe Schwei⸗ gen, welches er bei den gewöhnlichen Beſuchern der Kirche nicht gewohnt war, trat endlich auf die junge Dame zu, um ſie fragen, ob ſie vielleicht den Altarplatz oder einige Grabgewölbe ſehen wollte, und gehorſam wie ſie war, ſtand ſie ſofort auf und folgte ihm mit ihrem lieblichen Lächeln. Aber in demſelben Momente fielen ihre Augen auf eine Geſtalt, die ſie viel mehr intereſſirte als die ihres Führers. Es war Frederick, der ſie ſo eben auch erkannt hatte und mit ausgeſtreckten Händen auf ſie zukam.„Ach, Innocenzia, endlich!“ rief er. Und in ſeinem Geſichte leuchtete wahre Freude. „Miß Vane hat mir geſagt, ich ſoll hier auf ſie warten,“ ſagte ſie erklärend.„Ach, wie freue ich mich aber, Dich hier zu ſehen!“ Es war ihr, als wäre die alte Zeit wieder gekommen und er wieder ihr erſter Freund, Verwandter und Beſchützer. „Ich freue mich an Deiner Freude,“ ſagte der junge Mann.„Ich glaubte ſchon, Du hätteſt uns ganz und gar bei den Vanes vergeſſen. Wie konnteſt Du uns nur ſo vernachläſſigen? Man behandelt Dich wohl recht ſtreng dort? Wie eine arme abhängige Ver⸗ wandte? Bei uns haſt Du das nie empfunden.“ „Ich weiß nicht, was Du meinſt,“ ſagte Innocenzia, aber ſie legte ihre Hand auf ſeinen Arm, wie ſie es ſonſt ſo gern gethan, und ſah ihn mit einem glänzenden, glück⸗ lichen Lächeln an. Der Schließer fühlte wohl, daß er eigentlich ſich jetzt einmiſchen ſollte, aber er wagte es nicht. „Sie finden mich an der Pforte, Fräulein, wenn Sie mich brauchen,“ ſagte er. Wenn die ſchöne junge ———— 73 Dame ſich lieber einen ſchönen jungen Herrn ausſuchte, was ging es ihn an? Er konnte ſie doch nicht hüten. So ſchlürfte er davon und ließ die Beiden, die er für ein Liebespaar hielt, allein. Das waren ſie nun wohl nicht, aber das Mädchen hing ſich feſt an den Arm des Mannes, der zuerſt durch den Nebel ihrer Seele gedrungen und in ihr ein warmes Empfinden geweckt hatte. Und Frederick wieder blickte mit einem recht behaglichen Gefühl auf ſie herab, welches theilweiſe der Vorausſetzung entſprang, Innocenzia ſei in ihn verliebt, theils aber auch der wirklich reinen Theilnahme für ſeine hübſche Couſine, und dazu kam ſogar noch eine Art von Dankbarkeit; war ſie ihm doch eine Befreiung von der ewig drückenden Gegenwart Batty's, und die hatte er ja noch bis Montag zu er⸗ tragen. Heute war Sonnabend, und Amanda hatte ge⸗ bieteriſch ihren Gatten hierher befohlen, da ſie wieder krank geworden war. Ihm kam daher der Gedanke wie belebend, daß Innocenzia während ſeines Aufenthaltes in Sterborne bei ihnen zu Beſuch bleiben ſollte. Seine harte Pflicht würde ihm dann durch ihre ſanfte, reizende Gegenwart, durch ihre Zärtlichkeit erleichtert und verſüßt werden. Wieder alſo dachte er nur an ſich und an ſein Behagen. Er ſagte dem jungen Mädchen, daß Amanda zu krank ſei, um mit ihm ausgehen oder ihm Geſellſchaft 74 leiſten zu können.„Ich kann doch nicht die ganze Zeit bei ihr ſitzen,“ ſagte Frederick,„und ihr Vater iſt mir furchtbar zuwider. Du mußt mit kommen, Innocenzio, Du mußt Amanda beſuchen und bis Montag bei uns bleiben, wo ich auch fortgehen muß.“ „Wenn es Miß Vane erlaubt,“ ſagte ſie freudig. „Du kommſt alſo gern mit mir? Du warſt immer ein herziges Kind. Wenn ich Dich aber mit mir nach Hauſe nehme, liebe Innocenzia,“ ſagte der junge Mann ſehr düſter,„da wirſt Du etwas lernen, was ich leider zu ſpäter gelernt habe. Man ſollte ſich nie unter ſeinem Stand verheirathen, die Reue folgt unfehlbar. Ich ſpreche nicht etwa von meiner Frau, denn das iſt ja allein meine Sache; über dieſen Punkt ſchweige ich gegen alle Welt. Aber, liebes Kind, ein Mann von Ehre hat viel, gar viel zu ertragen, wovon Ihr Frauen keine Idee habt.“ Dieſe ſchönen Phraſen waren bei ſeiner Zuhörerin gänzlich verloren, ſie ſah ihn nur an, ohne ihn zu verſtehen. Er hatte aber immer die Art, zu hoch für ihr Verſtändniß zu ſprechen, wenn er ihr etwas klar machen wollte. Er verſuchte auch nicht, weiter in ſie zu dringen, ſondern ging mit ihr im Dome umher, zeigte ihr verſchiedene Sehenswürdigkeiten und ſah ihr liebliches Geſicht in ſtiller Freude leuchten, die jedoch weit mehr — der Begegnung mit ihm als dem prächtigen alten Gottes⸗ hauſe galt. Sie war gewiß ſehr glücklich in der Villa Vane geweſen, aber Frederick war und blieb einmal ihr erſter, immer gütiger Freund, und ſo fühlte ſie jetzt an ſeinem Arme, wie jede andere Erinnerung in den Hinter grund trat. Als Miß Vane eintrat und ſie wieder zur Wirklichkeit erwachte, da blickte ſie vielleicht mit einem wärmeren Geſichtsausdruck, als Lätitia je an ihr bemerkh zu ihrer zeitweiligen Beſchützerin auf und bat ſie, die Bitte zu gewähren, welche der junge Mann mit ſeiner ſtattlichſten Verbeugung vorbrachte. Sein vortheilhaftes Aeußere, die ſchönen, melancholiſchen Augen Karl Stuarts ließen Miß Vane ihres Bruders Warnung gänzlich ver⸗ geſſen. Sie wußte zwar recht wol, daß der junge Mann vor ihr eine unpaſſende Heirath gemacht hatte, aber er war ein Eaſtwood und von ſehr einnehmender Er⸗ ſcheinung, und ſo kam ſogar ein gewiſſes Reuegefühl über ihr gütiges Herz, daß ſie die Pflichten der Höflich⸗ keit ſo weit aus den Augen gelaſſen und die Schwieger⸗ tochter von Innocenzia's guter Tante nicht beſucht hatte. Eine Frau wird nach dem Stande ihres Gatten, nicht nach dem ihres Vaters betrachtet und behandelt, dachte ſie bei ſich, und wenn der arme Menſch, wie aus ſeinem Geſicht zu ſchließen, eingeſehen hat, daß er einen großen Fehlgriff gethan, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß 76 *— ſeine Verwandten ſo viel als möglich zu ihm halten. Nachdem die kleinen Schwierigkeiten hinſichtlich der Garderobe Innocenzia's beſeitigt worden, und ſie ver⸗ prochen hatte, ihren Gärtner mit der Taſche und den Sachen zu ſchicken, wurde noch ausgemacht, daß Miß Vane ihren Schützling am Montag Vormittag ſelbſt ieder abholen ſollte.„Ich werde dann Gelegenheit bei Ihrer Frau Gemahlin meine Karte abzu⸗ geben. Ich bedaure ſehr, daß ſie ſo unwohl iſt,“ ſagte ſie noch mit ihrem gnädigſten Lächeln. Innocenzia traute ihren Augen kaum, als ſie ihre energiſche Ver⸗ wandte fortfahren ſah und ſich wieder unter Frederick's Obhut fand.„Darf ich denn wirklich bleiben?“ ſagte ſie mit glänzendem Lächeln. Aber plötzlich verdüſterte ſich die heitere Stirn, und ſie fügte hinzu:„Aber nur bei Dir möchte ich bleiben, Frederick! Ich kann Deine Frau— nicht leiden—“ „Du bleibſt bei mir,“ ſagte der junge Mann,„aber Du mußt ſo etwas nicht laut ſagen. Das iſt unvor⸗ ſichtig und könnte anders ausgelegt werden. Ich weiß ganz gut, wie Du es meinſt, und ebenſo daß es ganz unmöglich iſt, daß Du freundlich gegen die arme Amanda geſinnt ſein kannſt; aber ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß ein Mädchen am Beſten thut, ſich mit Frauen gut zu ſtellen. Du kommſt jetzt, verſtehſt Du mich, als 77 * 2 Beſuch zu meiner Frau, die ſehr unwohl iſt, aber ich werde ſchon dafür ſorgen, daß Du ſo viel als möglich mit mir zuſammen biſt.“ Innocenzia's Freude wurde durch dieſe lange Rede etwas gedämpft, aber da ſie ja noch immer ang Frederick's Arme dahinſchritt, ſo verflog der Schuttenß ſchnell in dem freudigen Gefühl ſeiner Nähe. Er ging mit ihr durch das ganze Städtchen unh zeigte ihr dies und jenes, was ſehenswerth war, bis er endlich ſeine Schritte nach Batty's Villa lenkte, wo ihn Amanda ärgerlich, krank und gereizt ſchon längſt erwartete. Der junge Gatte machte ſich nicht viel Sorge darum, ob ihn ſeine einſt angebetete Schöne erſehnte. Er wußte, daß er ſie nur unterhalten ſollte, und ſeine junge Couſine in ihrer lieblichen Freude über ſeine bloße Gegenwart, in ihrer zarten, vornehmen Schönheit zog ihn weit mächtiger an. Schon aus dem Grunde, weil er ſie nicht mehr ſo oft ſah wie früher, war ihm Inno⸗ cenzia's Schönheit jetzt viel mehr aufgefallen, und da ſie ſo reizend und, wie er glaubte, ſo in ihn verliebt war, fühlte er ſich geſchmeichelt, wenn ſie ſich ſo liebevoll an ſeinen Arm hing und die Leute ihnen bewundernd nachſchauten. So wanderten ſie denn hin und her, bis der Rachmittagshimmel ſich zu bewölken anfing.„Nun mußt Du Amanda beſuchen,“ ſagte Frederick ſeufzend. 78 „ Das Mädchen ſeufzte auch. Ihr erſchien es ſehr hart, was doch unvermeidlich vor ihr lag. Frederick's Frau! Das war ja der Schatten, der fortan immer und immer mit dem Bilde ihres Freundes verknüpft ſein ſollte, der die Familie von ihm loslöſte, der ihn ärgerte nd quälte. Sie zögerte plötzlich an der Ecke der Straße. 8„Meinſt Du wirklich, daß ich hingehen ußß⸗ ſagte ſie.„Sie wird mich wieder auszanken. Sie iſt nicht ſo gut wie Du oder Couſine Lätitia. Sie kann mich auch nicht leiden. Soll ich nicht lieber umkehren? Ich habe Dich geſehen, Frederick, das genügt mir.“ „Das würde ſich nicht ſchicken. So viele Leute ſind uns begegnet und haben Dich mit mir zuſammen ge⸗ ſehen. Was würden ſie denken, wenn Du meine Frau nicht beſuchen wollteſt?“ „Aber was ſollen ſie denn denken?“ „Großer Gott,“ rief Frederick heftig,„man weiß wahrhaftig oft nicht, ob man über Dich lachen oder böſe werden ſoll. Wirſt Du denn niemals klug werden? Siehſt Du nicht ein, daß Du jetzt mit mir kommen mußt?“ „Aber ich will nicht. Sie wird mich ſchelten,“ ſagte Innocenzia feſt und mit einem finſtern Geſicht. Es war das erſte Mal, daß ſie ihm ſo offen bei einer * Gelegenheit widerſtrebte. Armes Kind! War es dein guter Engel, der deinen kleinen Fuß zaudern hieß? Das Weinen war ihr nahe, und das war etwas Unge⸗ wöhnliches bei ihr, und mit einer unerklärlichen An⸗ wandlung von Furcht weigerte ſie ſich hartnäckig weiter zu gehen. 5 Arme, arme Innocenzia! Sicherheit und Schutz, ein Leben in Ordnung und Frieden, das ſo wol zu ihren ſich erſt allmählich entwickelnden Geiſteskräften paßte, lagen ſonnig und ruhig auf der einen Seite, und auf der andern der ſchneidendſte Gegenſatz: wirres Dunkel und herzzerreißendes Elend, Schmach und Schande, und das Alles ſich aufthürmend in ſchweren Wolken, als ſollte das arme Kind erdrückt werden. Einen Augenblick noch ſchwankte die Schale in der Hand des Schickſals; jener furchtbare ernſte Moment, der uns ſo oft, uns ſelbſt unbewußt, noch einmal die Möglichkeit der Rettung zeigt, war gekommen, aber die Entſcheidung wurde nicht durch Innocenzia ſelbſt herbeigeführt. Frederick erfaßte ihre Hand und zog ſie ungeduldig mit ſich fort. „Das iſt Albernheit,“ rief er.„Wie? Du, meine liebe gute Couſine, Du willſt an mir zum Verräther werden? Nein, nein, komme Du nur mit. Jetzt iſt an ein Umkehren gar nicht mehr zu denken.“ 80 Im nächſten Augenblicke hatte er ſchon an die Hausthüre geklopft.. Die Villa ſah ziemlich ebenſo aus, als da Frederick ſie zum erſten Mal betrat. Die Sonne war zwar ſchon im Sinken, aber aus den Fenſtern ſchimmerte der Schein des Feuers wie damals, und die Blumen des Gartens dufteten noch ebenſo, obgleich der Herbſt ſchon weit vor⸗ gerückt war. Batty kam ihnen entgegen und ſtarrte das junge Mädchen an, das Frederick bei der Hand in den matt⸗ beleuchteten Hausgang zog.„Das iſt meine Couſine, Mr. Batty, Miß Innocenzia Vane,“ ſagte der junge Mann.„Ich habe ſie mitgebracht, damit ſie Amanda einmal beſucht. Sie iſt augenblicklich zum Beſuch in der Villa Vane, wie Sie wol ſchon gehört haben.“ „Wol habe ich's gehört,“ brummte Batty,„und ich dächte auch, daß es Zeit wäre, daß ſie ſich ſehen läßt. Sie iſt die Einzige von der ganzen Familie meines Herrn Schwiegerſohns, die meine Tochter auf⸗ ſucht. Sie ſind willkommen, Liebe, beſſer ſpät als nie, obgleich ich meine, Sie hätten ſchon längſt einmal her⸗ kommen können. Mrs. Frederick Eaſtwood hätte das wol verdient.“ Das junge Mädchen hörte und ſtaunte über die Anrede ſowol wie über das ganze Aeußere des 81 * Mannes, von dem ſie nur eine ganz dunkle Erinnerung hatte. Alles was ſie begriff war, daß er mit ihr un⸗ zufrieden war; weshalb aber, das konnte ſie nicht ſagen. Seine ganze Erſcheinung, die dicke Figur, das rohe Weſen, das laute Sprechen, die rothen Hände, Alles war ihr widerlich, und ſie mußte ſich ernſtlich zuſammen⸗ nehmen, um dies Gefühl zu verbergen. „Iſt Ihre Tochter wieder beſſer?“ frug ſie, nur um etwas zu ſagen. „Sie werden ſchon ſehen, was ſie Ihnen ſagen wird, Herr Sohn,“ ſagte Batty mit rohem Lachen,„und verdenken kann ich's dem armen Dinge auch nicht. Wenn Sie das„beſuchen“ nennen, wenn die Frau krank darniederliegt, ſo müſſen allerdings die Zeiten ſich ge⸗ ändert haben. Jetzt wird's gleich fünf Uhr ſein, und Sie ſind ſeit heute Mittag fort.“ „Ich bin mit meiner Couſine zuſammengeweſen und mit Miß Vane von der Villa, ſie wird Amanda am Montag beſuchen,“ ſagte Frederick.„So habe ich mir denn die Freiheit genommen, die Kleine für ein paar Tage hierher einzuladen. Es läßt ſich doch einrichten?“ „O einrichten, gut und gern,“ ſagte Batty grinſend. „Ich habe immer Platz für Freunde. Hier iſt Raum für Viele. Je mehr Sie mitbringen, um ſo beſſer, wenn's nur die rechte Sorte iſt. Sie ſind willkommen, Oliphant, Innocenzia. II. 6 82 „ Fräulein. Sollen wohl bei der alten Frömmlerin da draußen erzogen werden? Na, das ſoll ein Jux wer⸗ den, wenn die alte Frau„Abtiſſin“ in mein Haus kommt. Manda wird's ihr ſchon ſtecken, davor iſt mir nicht bange. Gehen Sie nur hinauf, Eaſtwood wird Ihnen den Weg ſchon zeigen. Er kann's ja gar nicht er⸗ warten, bis er ſeine warme Begrüßung hat, ha, ha, ha!“ Der rohe Mann hielt ſich die Seiten vor Lachen, während Frederick, mit Widerwillen und Verdruß in allen Zügen ſeines ſchönen Geſichtes, die Treppe hinaufſtieg. Innocenzia folgte ihm. Sie hatte ſo oft bei ihrer Tante die Familie darüber klagen hören, daß Frederick's Frau zu einer„anderen Klaſſe“ gehöre. Jetzt leuchtete ihr ein, was ſie damals nicht verſtand. Alles, alles, was den Mann umgab, das Haus ſelbſt, die engen Treppen, das bedienende Mädchen, die Redeweiſe, war ſo ganz anders, als Innocenzia es gewohnt war. Das war die „andere Klaſſe.“ Mit dieſer Aufklärung, aber auch be⸗ ſtürmt von ſeltſam beängſtigender Empfindung folgte ſie dem Couſin zu ſeiner kranken Frau. Sechſtes Kapitel. Der verhängnißvolle Augenblick. Der junge Mann führte ſeine Couſine an die Thüre des Schlafzimmers ſeiner Frau. Dort blieb er einen Augenblick ſtehen, ehe er ſie öffnete. „Wenn wir Amanda ſehr aufgeregt finden, ſo laß Dich das nicht erſchrecken,“ ſagte er.„Fürchte Dich nur nicht. Denke immer, daß ſie krank iſt. Es iſt nun einmal ihre Art ſo—“ Mit dieſer Warnung öffnete er die Thür. Es war ein hübſches Zimmer, in gewiſſer Weiſe ſogar luxuriös ausgeſtattet, etwas überladen allerdings, jedoch war Alles wenigſtens friſch und ſauber. Die roſaſeidenen Bett⸗ vorhänge mit den ſchweren Franſen waren in ſchönſter Ordnung. Amanda lag im Bett in einem lichtblauen Morgenkleide, und auf ihren kunſtvoll geordneten blonden Haaren prangte ein winziges Spitzenhäubchen. Nichts 6* ——Z 84 konnte auffälliger ſein als dieſe Farbenzuſammenſtellung: die roſigen Wangen, die die Krankheit nicht gebleicht hatte, das goldne Haar, das hellblaue Gewand, die blauen Bänder des Häubchens und darüber der roſenrothe Bett⸗ himmel. Irgend Jemand hatte ihr geſagt, das wäre wie ein Bild von Watteau, und obgleich ſie von dieſem durchaus nichts wußte, ſo nahm ſie doch an, daß damit etwas Schönes gemeint ſei, und gefiel ſich in dieſer Farbenfülle. Jetzt waren ihre Wangen von der Auf⸗ regung und Erwartung noch höher geröthet als gewöhn⸗ lich, und ſofort als Frederick nur die Thüre geöffnet hatte, brach auch ſchon der Sturm los. „Das alſo nennſt Du Deine arme, kranke Frau be⸗ ſuchen? Du biſt mir ein ſchöner Mann, Frederick! Drei volle Stunden haſt Du mich mutterſeelenallein gelaſſen, ohne irgend ein menſchliches Weſen, mit dem ich reden konnte, denn Tantchen rechne ich gar nicht. Wie darfſt Du mich ſo behandeln? Ich möchte eigent⸗ lich kein Wort mehr mit Dir reden——“ „Du würdeſt Dich damit weit mehr ſtrafen wie mich,“ entgegnete der Gatte in der herkömmlichen Weiſe ge⸗ kränkter Ehemänner. Sie gewahrte ſein ſpöttiſches Lächeln, und ihre Wuth ſteigerte ſich. „Ich hätte große Luſt Dir etwas an den Kopf zu werfen,“ ſchrie ſie.„Du kaltes, böſes, herzloſes Geſchöpf! 85 Darum alſo haſt Du mich geheirathet? Deshalb ſo ge⸗ than, als liebteſt Du mich, um mich ſo ſchnöde zu be⸗ handeln? Deshalb haſt Du mich von meinem Vater weggeriſſen, der immer ſo gut gegen mich war? Des⸗ halb———“ „Natürlich nur deshalb,“ unterbrach er ihren Wort⸗ ſchwall, indem er an das Bett trat.„Wir kennen das ſchon, Amanda. Gieb Dir einmal Mühe, Deine Heftig⸗ keit zu zügeln, das iſt nöthiger als dieſes nutzloſe Keifen. Hier iſt Innocenzia, ich traf ſie im Dom, ſie will Dich beſuchen. Auch Miß Vane, die ſie am Montag wieder abholen will, wird Dir ihren Beſuch machen, und wenn Du da nur einigermaßen vernünftig biſt, ſo———“ Die junge Frau unterbrach ihn mit einem ſchrillen Lachen. „Aha, alſo Innoeenzia iſt hier? Und die alte Kloſterſchweſter will ſich auch hierher bemühen? Was mache ich mir daraus? Denkt man mich ſo zu kirren? Komm einmal her, Innocenzia! Wie lange ſchon iſt er mit Dir ſpazieren gegangen? Hat er Dir was vorgeſchwin⸗ delt, Deine Hand gehalten und Dir den Kopf verdreht, kleines Närrchen? Glaube aber ja nicht, daß er ſich etwas aus Dir macht. Aus dir nichts und aus mir nichts. Ihm gilt nur ſein eignes Selbſt etwas einzig und 86 allein. Geh' fort, Frederick, oder ich werfe Dir wahrhaftig etwas an den Kopf! Geh' weg, oder———“ Schon hatte ſie die Hand ausgeſtreckt, um ein Glas, welches auf dem kleinen Tiſche am Bette ſtand, zu er⸗ faſſen, als hinter dem Vorhang eine ängſtliche Stimme dem jungen Gatten zurief: „Gehen Sie doch, um Gotteswillen, gehen Sie!“ Frederick hatte ſich raſch nach der Thüre gewendet, doch ehe er ſie geöffnet hatte, war ſchon ſeine launiſche Frau anderen Sinnes geworden. „Alſo Du heißt ihn gehen?“ rief ſie.„Nun gerade ſoll er bleiben. Komm zu mir, Innocenzia. Du ſollſt bei mir bleiben und mich pflegen; ich weiß, Du thuſt es gern, und, Freddy, Du wirfſt dieſes Weib gleich zur Thüre hinaus, vollſtändig zur Hausthüre hinaus. Sie iſt der Fluch meines Lebens geweſen, ſo lange ich denken kann. Ja, Du dachteſt mich nun ganz wieder in Deine Gewalt zu bekommen, Du böſe Hexe, aber ich habe nicht umſonſt einen Mann. Freddy, Du wirfſt ſie hinaus!“ Und der junge Mann zerrte das unglückliche Tant⸗ chen, den Sündenbock der ganzen Familie, hinter den Vorhängen hervor und verſchwand mit ihr zugleich. Amanda lehnte ſich in die Kiſſen die Hand Suß die Bruſt gedrückt. Wie heiß es iſt!“ ſagte ſie keuchend.„Oeffne das 87 Fenſter— nimm den Fächer und fächle mir! Kannſt Du Dich denn nicht nützlich machen? O, Du haſt einen ſchönen Namen: Innocenzia! Eine wirkliche, wahrhaftige Unſchuld! Wenn Du mir aber ehrlich ſagen willſt, was er Dir geſagt hat, ſo will ich Dir verzeihen. Sage mir Alles.“ „Er ſagte mir, daß ich Sie beſuchen ſollte, und ich möchte mich nicht fürchten,“ ſagte das Mädchen. Sie zitterte, aber die Angſt hatte ſie nicht verwirrt, wie ſonſt wohl bei geringeren Anläſſen. „Fürchteſt Du Dich denn?“ „Nein.“ Sie ſagte es zögernd, aber doch feſt. Sie bebte nicht vor der rothen Glut in Amanda's fieberheißen Augen zurück. Das aufgeregte Geſchöpf vor ihr konnte ihr keinen Schrecken einflößen. Sie befolgte mit ihrem gewohnten Gehorſam Alles, was Amanda ſie geheißen, und fächelte ruhig weiter, während dieſe ſprach. „Du biſt ein ſonderbares Mädchen,“ ſagte die Kranke, deren Heftigkeit ſich gelegt hatte.„Aber Du verſtehſt wenigſtens gut zu fächeln, nicht wie die Perſon, die Frederick hinausgejagt hat, die fährt immer wie eine Windmühle mit dem Fächer hin und her. Nimm doch Deinen Hut ab und ſetze Dich zu mir. Ich bin etwas heftig und ſage bisweilen Dinge, die ich nachher bereue, denn ich bin eigentlich gutmüthig. So, ſetz 88 Dich hin und erzähle mir etwas. Du warſt wol froh, aus dem alten Kloſter zu entkommen? Iſt Dir nicht die alte Katze, die Miß Vane, verhaßt mit ſamt ihrer Beterei und Heuchelei? Alſo beſuchen will ſie mich? Große Ehre, ich danke dafür! Ich dächte, die Eaſtwoods dürften ſich wol mit den Vanes meſſen. Was ſind ſie denn? Na, ich freue mich, daß Du hier biſt,“ fuhr ſie fort,„und daß Du ein paar Tage dableibſt. Wenn Du gut gegen mich biſt, ſo ſollſt Du auch an mir eine Freundin haben. Mit der kleinen eingebildeten Nelly habe ich mich niemals befreunden können. Was die ſich groß dünkt! Und auf was bildet ſie ſich nur etwas ein das möchte ich wiſſen! Der alberne Molyneux, von dem ſie ſo viel Weſens macht, iſt der Enkel eines ganz gewöhnlichen Goldarbeiters. Mein Vater kennt die ganze Familie. Und was iſt denn auch da weiter, wenn der Vater Oberrichter geworden iſt, das nützt doch höchſtens etwas, wenn Jemand zum Tode verurtheilt worden iſt, und man möchte ihn gern losgeſprochen haben——“ „Kann denn der Richter die Leute freiſprechen?“ frug Innocenzia. Der Himmel weiß, wie ſie zu der Frage kam. Es war wol mehr das Echo der letzten Worte Amanda's, als daß ihr eigener Wille ſie ihr ein⸗ gegeben hätte. Aber Frederick hörte dieſe Worte und ebenſo Tantchen, die zitternd vor der Thüre ſtand. —————————— 89 „Natürlich kann er das, Du kleiner Dummkopf. Dafür ſind ſie da,“ ſagte die Kranke ſehr gnädig.„O Du kannſt getroſt wieder herein kommen, Freddy. Ich bin ein ſo weiches, gutmüthiges Ding, ſobald meine Wuth vorüber iſt. Dann vergebe ich allen meinen Be⸗ leidigern. Ihr ſolltet mich aber auch nicht ärgern, und doch thut Ihr's immer wieder. Nun wenn ihr nicht Acht gebt, da ſterbe ich eines ſchönen Tages ganz ſchnell, grade Euch zur Strafe———“ Dabei lachte ſie und legte den ſchönen Kopf mit all ſeinen blauen Bändern in die Kiſſen zurück. Ihre Drohung amüſirte ſie höchlich, aber die ungezügelte Leiden⸗ ſchaft des unglücklichen Geſchöpfes hatte in dem ſchönen Körper bereits ſolche Verwüſtungen angerichtet, daß einem erfahrenen Auge die Möglichkeit einer raſchen Erfüllung jenes Wortes klar werden mußte. Ihr Athem ging ſchnell und gepreßt; die Bruſt hob ſich heftig; eine hek⸗ tiſche Röthe brannte auf den Wangen, und die weiche Rundung derſelben war in Folge der ewigen an ihr zehrenden Aufregungen ſchon merklich geſchwunden. Innocenzia ſtand unterdeſſen unermüdlich fächelnd neben ihr. Sie wurde zwar müde, aber ſie dachte nicht daran aufzuhören, bis man es ſie heißen wuͤrde. Ihre träume⸗ riſchen Augen, die gleichförmige, langſame Bewegung der Hände und Arme, die ganze zarte, ſchlanke Geſtalt, Alles 90 contraſtirte gar ſeltſam mit derKranken. Ruhig, gehorſam fächelte ſie weiter. Dieſe Dienſtbarkeit gefiel Amanda außerordentlich. Sie ließ es ruhig zu, ohne nur daran zu denken, daß das Mädchen müde werden könnte, bis dieſer endlich der Arm vor Erſchöpfung niederſank. Dann 8 war ſie großmüthig genug, Frederick zu geſtatten, ſich neben ihr Bett zu ſetzen und ihr„was Neues“ zu er⸗ zählen. Der Gatte hatte auch ihrem Wunſche gemäß einige ſaftige Anekdoten in Bereitſchaft, meiſt Scandaloſa aus der vornehmen Geſellſchaft, die ſo ganz nach Amanda's Geſchmack waren. Er genirte ſich zwar anfangs, in Innocenzia's Beiſein dieſe Geſchichten vorzubringen, aber die Kranke rief ungeduldig: „Innocenzia hört gar nicht drauf. Sie hört ja nie, was man ſagt, und überdies iſt man in unſerer Zeit über den altmodiſchen Kram hinaus, als dürften Mädchen nicht Alles hören. Erzähle nur weiter——“ 3 Und in dieſer erbaulichen Weiſe wurde die Zeit bis zum Eſſen zugebracht. Amanda erklärte, ſie fühle ſich beſſer denn je und werde ſicherlich morgen wieder aufſtehen können.„Dann 3 gehen wir zuſammen in den Dom, wenn nämlich gute Kirchenmuſik iſt,“ ſagte ſie,„und Du führſt mich, Freddy, und die Leute werden uns für ein ganz muſterhaftes Ehepaar halten.“ Dieſer letzte Ausbruch von Liebens⸗ würdigkeit war durch die Mittheilung einiger ganz be⸗ ſonders unterhaltender„Geſchichten“ hervorgerufen worden, für deren Wahrheit Frederick ſich verbürgt hatte. Inno⸗ cenzia achtete in der That, wie Amanda geſagt hatte, wenig oder gar nicht auf das Geſpräch. Sie ſah nur, daß Frederick vergnügt ſchien, und wunderte ſich, weshalb er ſich nur ſolche große Mühe gäbe, ſeine Frau zu unter⸗ halten. Ihr war es nicht gegeben, einen Vergleich an⸗ zuſtellen, wie der Sohn ſich im Hauſe der Mutter be⸗ nahm und wie er ſich hier am Bette der Frau zeigte. Dort, eine geringſchätzige Gleichgültigkeit gegen Alles, was man ihm ſagte, hier, eine faſt ſclaviſche Unterwürfig⸗ keit im Angeſichte der ſchönen Tyrannin. Nur hin und wieder ſtieg doch eine unklare Vermuthung in ihr auf, als ob nicht Alles recht und gut wäre, was der junge Mann thue. Gegen Mrs. Frederick aber hegte ſie einen ganz entſchiedenen Abſcheu. Sie wußte ſich den eigentlichen Grund auch nicht deutlich zu machen, aber was ſie jetzt ſah, diente nicht dazu, dies Gefühl abzuſchwächen. Zum Gehorchen geboren, hatte Innocenzia Alles gethan, was ihr Miß Vane geſagt, und zwar mit jener Bereitwillig⸗ keit, die ihr ganzes Weſen durchdrang; ſie that auch jetzt, was Amanda von ihr verlangte, aber mit was für ver⸗ ſchiedenen Empfindungen! Daß ſie ſich aber dieſes Unter⸗ 52 ſchiedes bewußt ward, darin lag der klarſte Beweis für die allmählige Entwickelung ihrer Geiſteskraft. Die Kranke gab ihre Zuſtimmung, daß ihr Gatte und Innocenzia ſie verlaſſen dürften, um zu eſſen, nur zögernd, aber ſie gab ſie doch. Noch ehe jedoch die Mahlzeit vorüber war, hörten ſie lautes, wiederholtes Klopfen auf dem Fußboden des über ihnen befindlichen Schlafzimmers. Es waren die Anzeichen von Amanda's wachſender Unge⸗ duld. Frederick war ungewöhnlich heiter, wol deshalb, weil ihm der langweilige Abend durch Innocenzia's Gegenwart ſo weſentlich erträglicher gemacht wurde, denn das junge Mädchen bildete mit ihrer Schweigſamkeit und Zurückhaltung für ihn eine Art von Schild gegen die rohen Ausfälle ſeines Schwiegervaters. Selbſt Amanda's Klopfen konnte ihn nicht aus ſeiner behaglichen Stimmung reißen. „Geh' einmal mit mir durch den Garten, während ich meine Cigarre rauche,“ ſagte er zu ſeiner Couſine, „dann kannſt Du wieder zu ihr hinauf gehen.“ Der Abend war weich und warm, ein großer voller Oktobermond warf ſeine bleichgoldenen Strahlen über 6 den dunklen Garten. Batty beobachtete das Paar, als ſie zuſammen hinausgingen, mit unzufriedener Miene. Seine niedrige Natur hatte für Innocenzia's Unterwürfig⸗ keit gegen ihren Vetter nur gemeine Auslegungen, und doch 3 93 hatte er auch wieder ein viel zu feſtes Vertrauen auf die Macht„ſeines Mädels,“ als daß er wirklich daran ge⸗ glaubt hätte, dies zarte, kleine Ding könne ſie verdrängen. Auch fühlte er ſich geſchmeichelt, daß Innocenzia in ſein Haus zum Beſuch gekommen war. Zwei große, nach ſeinem Ausdruck„hochnaſige“ Familien, die Vanes und die Eaſtwoods, ſchienen ihm in ihrer Perſon den Oelzweig zu reichen, und er ſah ſich ſelbſt ſchon im Geiſte zu allen jenen geſellſchaftlichen Würden emporgehoben, die er bis jetzt vergeblich erſtrebt hatte. Er ſaß bei ſeinem Glaſe Porter und grübelte eben darüber nach, ob es jetzt wol an der Zeit ſei, ein Glas Branntwein und Waſſer folgen zu laſſen, als ein erneutes heftiges Klopfen von oben ihn aufrüttelte. „Sie wird ſich noch ganz krank machen,“ ſagte er, und indem er an die Treppe trat, brüllte er mit ſeiner mächtigen Stimme hinauf:„Ruhig hier, ruhig, Manda! Sie kommt ſchon, ſie kommt ſchon.“ Dann ging er in den Garten, um die Beiden zu ſuchen. Das Gras war vom Thau ganz feucht, und Blätter und Blumen glänzten im Mondenſchein. Batty folgte dem leichten Schall der langſam ſchlendernden Fußtritte durch mehrere Garten⸗ gänge, dann ſah er das Paar. Frederick ſchritt allerdings nachläſſig genug einher, rauchte ſeine Cigarre und hatte die andere Hand in der 94 Taſche. An dieſem Arme hing Innocenzia. Sie glitt wie ein Nebelbild, ſo durchſichtig und hold, an ſeiner Seite, blickte mit halbem Lächeln zu ihm auf, und das Mondlicht verlieh ihrem Blicke eine weit leidenſchaft⸗ lichere Hingebung, als ihr wol ſelbſt bewußt war. Der junge Mann ſchien ihr ſo eben mit leiſer Stimme etwas zu erklären, wobei er die Cigarre aus dem Munde nahm und eindringlich mit ihr ſprach. Wahrſcheinlich war es wieder eine jener ſchalen Anſichten, die er ihr gegenüber zu entwickeln pflegte. Bei dem Anblicke dieſer Vertrau⸗ lichkeit fuhr ein Stich der Eiferſucht durch Batty's Herz. Das paßte ſich denn doch nicht ſeinem„Mädel“ gegen⸗ über. Wäre es Frederick's Schweſter geweſen, ſo hätte man nichts dagegen haben können, aber hier glaubte er doch einſchreiten zu müſſen. „Hallo!“ ſagte er.„Wiſſen Sie nicht, Herr Schwieger⸗ ſohn, daß Ihre Frau ganz allein iſt, während Ihr Beide hier ſcherwenzelt und Sie den Galanten ſpielen? Kommen Sie nur, Fräulein. Bei mir ſind Sie beſſer aufgehoben als bei dem Schwerenöther. Ich kenne ihn beſſer als Sie. Kommen Sie nur, raſch vorwärts, oder ſie wirft noch das ganze Haus um; und wundern würde es mich auch nicht, wenn ſie das geſehen hätte, was ich ſah,— aber ich will's nicht wieder erzählen,“ fügte er mit rohem Lachen hinzu. 95 Innocenzia ſtand wie vom Donner gerührt, denn in demſelben Momente, als Batty's Stimme hinter ihnen laut wurde, hatte Frederick faſt inſtinktiv ihren Arm von ſich abgeſchüttelt. Ihr, die ſich in ihrer Reinheit keines Böſen bewußt war, mußte dieſe Bewegung völlig unbe⸗ greiflich erſcheinen. Er zürnte ihr, das war klar, aber weshalb nur? Ihre erſtaunten Blicke wanderten von Batty nach dem Hauſe mit den erleuchteten Fenſtern, und ihre Züge, die der Mondſchein verklärte, drückten jetzt ängſtliche Spannung aus. Frederick warf wüthend das Ende ſeiner Cigarre weg und ſagte: „Wir wollten eben hineingehen. Innocenzia, vielleicht gehſt Du voran und ſagſt es mir, wenn mich Amanda braucht. Sage ihr nur, daß ich ſehr müde bin. Auch habe ich noch einige nothwendige Geſchäftsbriefe zu ſchreiben, die ich mit hergebracht habe, da ſie keinen Aufſchub leiden. Batty, Sie ſind vielleicht ſo gut, den Kaffee zu beſtellen, dann will ich gleich an die Arbeit gehen,“ fügte er hinzu, indem er gelaſſen dem Hauſe zuſchlenderte. Er überließ es ſeiner Coufine, ihm zu folgen oder bei Batty zu bleiben, wie es ihr beliebte. Er hatte ſich nun ſchon lange ge⸗ nug mit ihm gequält; er ſah keinen Grund ein, weshalb er ſich noch mehr anſtrengen ſollte. „Dieſe bodenloſe Unverſchämtheit!“ rief Batty. „Na, kommen Sie nur, Fräulein, kommen Sie nur. 96 Sie thun am beſten, ſo lange Sie hier ſind, bei Manda zu bleiben, wenn Sie auf meinen Rath hören wollen.“ „Wenn Sie es wünſchen, mein Herr, gewiß,“ ſagte das Mädchen ſeufzend. „Wenn ich's wünſche— aber lieber wären Sie wol mit ihm zuſammen, he? Hübſcher iſt's, gelt?“ ſagte Batty grinſend. „Ja,“ ſagte die kindiſche Innocenzia.„Ich kenne Frederick, und Sie kenne ich nicht.“ Ein unbewußtes Höflichkeitsgefühl hielt ſie davon ab, ihm zu erklären, daß ihr Amanda zuwider ſei, und ſo fügte ſie ernſthaft hinzu:„Wenn ich zu Mrs. Frederick gehen ſoll, ſo zeigen Sie mir wol den Weg.“ Der Alte that dies ohne weitere Worte. Ihre Er⸗ ſcheinung, die eigenthümlich rührende Einfachheit, die die ganze jugendliche Geſtalt umfloß, erfüllte doch auch dieſen rohen Menſchen mit einer ſeltſamen Empfindung von Scheu. Er führte ſie an das Zimmer ſeiner Tochter, ſah erſt einmal hinein, ehe er ſie eintreten ließ, und ſagte, er wußte ſelbſt nicht warum, warnend:„Manda, ſei nicht heftig!“ Aber Amanda hatte wenig Luſt, den väterlichen Rath zu befolgen. Sie beſtürmte das arme Mädchen mit einer Flut von Fragen: was ſie gethan hätte, wo ſie geweſen wäre u. ſ. w. 97 „Ich war mit Frederick im Garten,“ ſagte ſie mit jener wunderbaren Ruhe, die dem alten Batty ſo viel Eindruck gemacht hatte. „Im Garten mit Frederick? Und das ſagſt Du mir frech in's Geſicht? Was hatte er denn dort zu thun? Was hat er Dir geſagt? O ich kenne ihn und ſeine falſche Art!“ rief die aufgeregte junge Frau.„Da wird er Dir wieder allerlei in das dumme Köpfchen geſetzt haben— und dann ſchickt er Dich mit Deinem unſchul⸗ digen Geſichte herauf zu mir. Unſchuldig, ja wahrhaf⸗ tig! Ich habe Dich gar nicht gerufen, ich brauche Dich auch gar nicht. Schöne Unſchuld, ſchöne Innocenzia! Du biſt mir die rechte Art! Du paßt in die Schule zu Miß Vane, da lernſt Du betrügen— aber wozu ſollſt Du das erſt lernen? Das kannſt Du ſchon von ſelbſt. An mich haſt Du doch nicht gedacht, als Ihr im Garten luſtwandeltet, an mich, die krank und elend hier liegt, und Frederick vollends gar nicht. Wer bekümmert ſich überhaupt um mich? Allerdings, erſt war ich ſüß und hold, ehe ich ihn heirathete, aber nun iſt Alles vorbei. O wäre er jetzt hier, wie wollte ich's ihm eintränken, was er iſt und was ich von ihm denke! Rufe ihn, ich will es ihm ſagen, was Ihr Beide ſeid, ja das will ich!“ Innocenzia war einem ſolchen Angriff noch niemals allein begegnet. Sie war auch nicht darauf vorbereitet, Hliphant, Innocenzia III. 7 98 man hatte ſtets mit ängſtlicher Sorge ſie von derartigen Auftritten fern gehalten; aber es war gut für ſie, daß ſie das durchmachen mußte. Ein gewiſſer praktiſcher Zug hatte ſich doch ſchon während des geregelten Lebens in der Villa Vane in ihr entwickelt. Sie trat dicht an das Bett mit den ſeltſamen Seheraugen, die doch ſo wenig noch ſahen und ſo unberührt waren von jener Leiden⸗ ſchaft, die in den unruhigen Augen der Andern brannte. „Sie werden ſich krank machen, wenn Sie ſo heftig ſind,“ ſagte ſie ernſthaft und blickte dabei feſt in Amanda's erhitztes, krankhaft verzerrtes Geſicht.„Sie werden ſehr krank werden; es wäre viel beſſer, Sie wären ruhig. Wenn Sie mich ſchelten, ſo thut es mir wol leid; aber es macht mich nicht krank. Sie aber müſſen darunter leiden. Sie ſollten ſich bezwingen, wenn Sie fühlen, daß die Heftigkeit kommt; denn Sie werden ſterben müſſen, wenn Sie ſo zanken, und es iſt doch beſſer zu leben. Ich habe darüber nachgedacht, und das find meine Ge⸗ danken.“ Amanda ſtarrte ſie ſprachlos vor Erſtaunen an— es beſchwichtigte ſie und ſchüchterte ſie ein, als ob ein Wunder geſchehen wäre, ein Säugling plötzlich den Mund geöffnet und Worte der Weisheit geredet hätte. Dann athmete ſie lang und tiefz ſie war ſo ſeltſam ergriffen wie vielleicht noch niemals in ihrem Leben. Die Wirkung — 99 von Innvocenzia's eindringlicher Rede mit ihrer Kindes⸗ einfalt war ſo groß, daß ſie gar nicht wußte, was ſie daraus machen ſollte. Erſt verſuchte ſie zu lachen, aber es gelang ihr nicht; endlich ſagte ſie:„Was für ein ſeltſames Mädchen biſt Du doch!“ und legte ſich behag⸗ lich und faſt gegen ihren Willen beſänftigt in ihre Kiſſen— zurück.„Lies mir etwas vor,“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe, indem ſie ihr ein Buch zuſchob. Die Ruhe trat ebenſo plötzlich ein wie der Sturm. Im Augenblick, da man ihr etwas zu thun anbefahl, war Innocenzia wieder mit ihrem gewöhnlichen Gehor⸗ ſam zur Hand; die Erregung, in welche ſie ſelbſt durch ihre lange Rede verſetzt worden war, wurde ſofort wieder zum gewohnten Gleichmuth. Sie ſetzte ſich nieder zum Leſen, öffnete das Buch an der ihr bezeichneten Stelle und fuhr dort fort, ohne nur eine Frage nach dem Verlauf der albernen Geſchichte zu thun. Sie dachte gar nicht daran, ſich über die Perſonen zu unterrichten, von denen ſie las; ſie nahm das Buch ebenſo, wie ſie den Fächer genommen hatte, und war auch im Leſen unermüdlich. Und nun folgte eine wunderſame kurze Pauſe wirklicher Ruhe. Amanda hatte ſich, während des Eſſens, ſchon für die Nacht angekleidet; das himmelblaue Morgenkleid war verſchwunden, die blauen Bänder und das coquette 7* 100 Häubchen auch; ſie lag ſchneeweiß im Bette, vollkommen bereit, gleich einzuſchlafen, wenn der Moment gekommen. Das Zimmer war deshalb nur ſchwach beleuchtet. Hinter den Vorhängen, zu Häupten des Bettes ſtand eine Lampe, den Augen der Leidenden verborgen, alle andern Lichter hatte man entfernt, und tiefe Stille ſenkte ſich wohlthuend hernieder, nur unterbrochen von Innocenzia's ſanfter Stimme. Unermüdlich las ſie weiter und weiter mit einer gewiſſen ſüß einſchläfernden Monotonie der Stimme. Ich weiß nicht, wie lange ſie geleſen haben mag. Die Stille wuchs und wurde tiefer und tiefer; kein Schritt näherte ſich dem Zimmerz Amanda's Ruhe wurde von Niemand geſtört. Das junge Mädchen wurde endlich auch von dem Ton ihrer eigenen Stimme eingeſchläfert. Bisweilen blieben ihr ſchon die Worte aus, doch dann ſchreckte ſie immer ein ungeduldiges Murmeln Amanda's auf, die, im Einſchlafen begriffen, das Aufhören ihres Wiegenliedes unangenehm empfand, und ſie begann ihr Amt mit Eifer auf's Neue. Ein bis zweimal ſteckte das arme, verbannte Tantchen geräuſchlos den Kopf zur Thüre herein, zog ihn jedoch gleich wieder zurück, als ſie Alles ſtill und ruhig fand. Auch Batty kam einmal leiſe herangeſchlichen, und die Hausbewohner alle waren ſo froh über dieſe wohlthuende, ungewöhnliche Ruhe im Zimmer, daß ſie jedes Geräuſch ſorglich ver⸗ 1⁰1 mieden und nur an der Thüre bisweilen lauſchten. End⸗ lich verſtummte die weiche Mädchenſtimme ganz nach mancher Pauſe und manchem ſtotternden Wiederanfang, und Innocenzia ſchlief feſt ein. Ihr Kopf lehnte an der Rückwand des großen Stuhles, in dem ſie ſaß, das Buch lag zwiſchen ihren gefalteten Händen. Sie ſelbſt wie die Lampe und das Tiſchchen voller Medicamente war durch den Vorhang von Amanda getrennt, die, roſig be⸗ leuchtet, ſtill und friedlich ſchlafend im Bette lag. Dieſe Ruhe mochte wol ein bis zwei Stunden gedauert habenz die Kranke und ihre junge Pflegerin, die an ſolches Wachen ſo gar nicht gewöhnt war, ſchliefen beide. Da fing Amanda an unruhig zu werden. Das unglückliche Tantchen, die von ihr immer ſo grauſam behandelt wurde, hatte ſie darin verwöhnt, daß ſie bei der leiſeſten Bewe⸗ gung ihrer Nichte immer gleich herzuſprang, und als die Kranke nun erwachte und rief und Niemand ſah, flammte die heftigſte Wuth in ihr empor. Allmählich erinnerte ſie ſich, wer bei ihr geweſen war, und indem ſie den Vorhang zurückſchlug, ſah ſie die arme Innocenzia ruhig ſchlafend; das dunkle Haar fiel ihr wie ſonſt ſchlicht an den Wangen hernieder, die langen Augenwimpern lagen auf den blaſſen Wangen. Die rührende Stellung des ſchlafenden Mädchens beſänftigte jedoch Amanda's Wuth keineswegs. Kein Gedanke des Mitleids kam ihr, daß das arme Kind in ihrem Dienſt ſich ſo müde gemacht hatte. Wüthend fuhr ſie empor, und da auf ihr Rufen Innocenzia noch nicht erwachte, ſo ſtreckte ſie ſich aus dem Bette heraus und ſchüttelte ſie. Erſchrocken ſprang das Mädchen auf, ſie zitterte an allen Gliedern. Ebenſo bebte Amanda, die ſie mit von rothem Feuer glühenden Augen anſtarrte. „Wie darfſt Du es wagen einzuſchlafen?“ ſchrie ſie ihr zu.„Soll ich denn ganz allein bleiben? Soll kein Menſch mir helfen? O Ihr wollt mich nur los werden, Ihr wollt mich tödten! Gieb mir meine Tropfen, du böſes, ſchläfriges, grauſames, faules Mädchen! Du weißt nicht, wie Du es machen ſollſt? Ja, aber wie Du mit meinem Manne ſpazieren gehen ſollſt, das weißt Du ſehr gut, und mit ihm zu liebeln, das verſtehſt Du! Meine Tropfen! Hörſt Du denn nicht? Da ſind ſie ja, in der Flaſche. Kannſt Du denn nicht leſen? So dumm biſt Du doch nicht? Mich mit dem gräßlichen Mädchen allein zu laſſen! Keine Menſchenſeele, die ſich um mich kümmert! Meine Tropfen, hörſt Du? Ich will das ganze Haus allarmiren. Meine Tropfen! O Du blödſinniges Ding, kannſt Du nicht einmal ſo viel? Ich habe es ſtets ge⸗ ſagt, Du gehörteſt in's Tollhaus, und ſo ein Ding läuft mit dem Manne einer Andern im Garten auf und ab, quält ihn und hängt ſich an ihn, ſtatt ſich nützlich zu —— — 103 machen. Meine Tropfen! Thu' ſie in's Glas, Blöd⸗ ſinnige! Kannſt Du denn nicht begreifen, daß ich ſchlafen will?“ Das arme Kind, gewaltſam aus dem Schlaf ge⸗ rüttelt, zitternd, fröſtelnd, unwiſſend nahm das Fläſchchen, das ihr bezeichnet wurde, und gab ſich alle Mühe, die Medizin in einzelnen Tropfen in das Glas zu gießen. Die Hände zitterten ihr aber ſo heftig, daß es ihr zweimal mißlang. Sie knieete endlich neben dem Tiſche nieder und ſtützte ſich gegen den Stuhl, um es zum drittenmale zu verſuchen. Sie war kaum ihrer Sinne mächtig, nur inſtinktiv bemühte ſie ſich dem Befehle nachzukommen, der ihr in ſo furchtbar drohender Weiſe gegeben worden war. Aber da wo ſie knieete und ängſtlich die Tropfen des Opiats zählte, konnte Amanda's ausgeſtreckter Arm ſie leider erreichen, und ungeduldig über die Zögerung riß die Kranke den Vorhang mit wildem, heftigem Geſchrei wieder zurück. Sie ſchlug und ſtieß nach dem armen Mädchen und ſchmähte ſie in immer unverſtändlicheren Worten.„Gieb's her, Du Närrin, gieb es her!“ ſagte ſie, riß dem Mädchen das Glas aus der Hand und führte es an die Lippen. Durch die Furcht der Einen und die Heftigkeit der Andern war das halbe Fläſchchen in das Glas ausgeſchüttet worden. Amanda hielt es noch einen Augenblick in der Hand, ehe ſie trank, wie 104 um Athem zu gewinnen, und klammerte ſich mit der andern Hand an Innocenzia. Sie dachte nicht an die möglichen Folgen, ebenſo wie das junge Mädchen keinen Begriff von dem hatte, was unter ſeinen Augen geſchah. Endlich mit einer gewaltſamen Anſtrengung, um Athem zu holen, ſetzte Amanda das Glas an die Lippen und trank. Wieviel ſie getrunken, das hat Niemand erfahren. Das Glas entſank ihrer Hand, einige dunkle Tropfen des Inhalts färbten die weiße Decke, und Amanda fiel ſchwer in die Kiſſen zurück. Dann folgte eine Stille, ſo grauſenhaft und unheimlich, daß es ſchien, als ſchauerte das ganze Haus, als bebten die Wände im Todesgrauen. Innocenzia ſtand noch immer, die kleine Flaſche feſt in der einen Hand, auch als von ihrer andern ſich Amanda's Finger langſam löſten, ſie ſtand und ſtarrte auf die liegende Geſtalt, ſie lauſchte in die entſetzliche Stille hinaus. Großer Gott! Was war das? Slhe Siebentes Kapitel. Die Flucht. Die Hausbewohner waren alle ſchon ſehr an plötz⸗ lichen Lärm und plötzliche Stille, je nach Laune ihrer Herrin, in deren Zimmer gewöhnt und nahmen wol kaum mehr Notiz davon. So lange die Tante da war, hatte die Sorge für Amanda zu ihren Tagesgeſchäften gehört, und die übrigen Hausgenoſſen ließen ſie auch ungeſtört im Genuſſe dieſes Privilegiums. Aber eigenthümlich war es an dieſem Abend. Die Tante liebte, freilich auf ihre Art, das eigenſinnige Geſchöpf, das ſie von Jugend auf gehegt und gepflegt hatte, und konnte ſich gar nicht darin finden, daß ſie heute einen ſo unfreiwilligen Raſt⸗ tag bekommen hatte. Sie ging nicht zu Bette, ſondern ſchlich immer im Gange auf und nieder, horchte bisweilen an Amanda's. Thüre und war wachſamer, munterer als je. Auch die Dienſtmädchen, die ihre Kammern auf dem 106 Boden hatten, konnten nicht einſchlafen, ſondern unter⸗ hielten ſich über die junge Fremde, deren zarte Schön⸗ heit ſelbſt auf dieſe rohen Naturen einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Sie war ſo„ein feines Fräulein,“ ſo ganz anders als die gewöhnlichen Beſucherinnen des Hauſes. Es mochte ungefähr gegen Mitternacht ſein. Ich weiß nicht, wie es kam, aber die Stille im Hauſe fing anzgar unheimlich zu werden. Oft genug waren den Wuthausbrüchen Amanda's tiefe Ohnmachten gefolgt, und doch hatte Niemand viel davon gemerkt als die Pflegerin. Aber in dieſer Nacht ſchlich ein ſeltſames Grauſen durch alle Räume. Die Dienſtmädchen, von einem unerklärlichen Angſtgefühl getrieben, ſtanden end⸗ lich wieder auf und fanden das arme Tantchen zitternd vor der Thüre von Amanda's Schlafzimmer, ungewiß, ob ſie es wagen dürfe einzutreten, und dennoch durch die Todesſtille darin auf das Entſetzlichſte geängſtigt. Wie lang dünken uns die Augenblicke in ſolcher Lage! Ihr ſchien es, als ob dieſe Stille ſchon wenigſtens eine halbe Stunde gedauert habe, aber ich glaube, ſie irrte ſich in der Zeitrechnung. Endlich, durch das Erſcheinen des Hausmädchens, das ängſtlich frug, ob etwas geſchehen 2 ſei, ermuthigt, öffnete ſie leiſe die Thüre. Alles was ſie ſehen konnte, war Innocenzia, die vor dem Bette ſtand, in welchem allem Anſchein nach die Kranke ruhig 107 lag, beleuchtet vom Roſenlichte der Vorhänge. Das junge Mädchen aber ſtand ſteif wie eine Bildſäule, weiß, unbeweglich, ſtarr. Tantchen ſchlich ſich erſchrocken näher, ängſtlich bemüht, daß kein Laut die Schläferin erwecke. Sanft legte ſie die Hand auf Innocenzia's Schulter. „Schläft ſie?“ Das Mädchen erwachte wie aus einer Erſtarrung. „Was iſt das?“ ſagte ſie bebend und leiſe, im Tone des furchtbarſten Entſetzens.„Sehen Sie, ſehen Sie,— was iſt das?“ Im nächſten Moment tönte ein furchtbarer Schrei durch das ganze Haus. Fenſter wurden aufgeriſſen, Klingeln ertönten, halb wahnſinnig vor Angſt ſtürzten die Mägde herein: ja was war es? Eine fürchterliche Pauſe folgte, während Alle ſich um das Bett drängten, und das arme Tantchen, unter Seufzen, Weinen und Stöhnen, den lebloſen Körper aufzurichten und zu beleben verſuchte. Alles vergebens. Dann folgte jenes wilde, doch lautloſe Durcheinander: da wurde Jemand nach dem Arzte fortgeſchickt, da lief man nach Hülfsmitteln aller Art, da wurde Feuer in der Küche gemacht,— und in all dieſem Tumult ſtand die eine Geſtalt wie träumend. Man ſtieß ſie zur Seite, ſie lehnte ſich an die Wand wie ein Marmorbild. Die kalte Nachtluft ſtrömte zu den gesffneten Fenſtern herein, ſie ſollte die Lippen 108 wieder beleben, die doch längſt im Tode verſiegelt warenz die Lichter flackerten wild bei dem haſtigen Hin⸗ und Herlaufen— Innocenzia blieb unbeweglich und ſtarrte entſetzt auf das Bett. Was hatte ſie mit dieſem ent⸗ ſetzlichen Vorfall zu thun? Sie, noch vor Kurzem eine Hauptperſon in dieſem Trauerſpiel, jetzt ſtand ſie hülflos, unwiſſend da und fühlte nur einen nagenden Schmerz am Herzen, eine Angſt, die ſie zu überwältigen drohte. Der Kopf ſchwindelte ihr. Sie hatte dem Treiben der Frauen, ihrem Laufen, Rennen, Kommen und Gehen wie verwirrt zugeſehen, das leiſe Sprechen hinter den Vorhängen war nur dem Laute nach zu ihr gedrungen; erſt als die Dienſtboten für einen Augenblick fort waren, und nur die arme Tante zurück blieb, die ſich weinend über die lebloſe Geſtalt beugte, kam ſie zum Bewußtſein. 3 Sie trat einen Schritt näher und frug mit heiſerem Tone: unheimliche Macht zurück, die Geſtalt im Bette nicht zu ſehen. 11„Ach mein Liebling! Mein Herzblatt! Ich habe ſie von Kindheit auf gepflegt,— ſie war immer gut und lieb gegen mich. O mein Kind, o meine Manda! Willſt Du denn nie wieder mit mir ſprechen? O Manda, o mein Herzenskind! O mein lieber, ſchöner Engel!“ „Was iſt das?“ Ihr war es, als hielte ſie eine 109 So ſchrie und ſtöhnte das arme Tantchen unter Thränen. „Was iſt denn?“ rief Innocenzia veriwift mit gebietender Stimme. „Können Sie denn das nicht ſelbſt ſehen? Sie haben den armen Engel zu Tode geärgert. Sie iſt todt! O barmherziger Himmel, ſie iſt todt——“ Eine plötzliche Helle drang bei dieſen Worten in des Mädchens umnachtete Seele. Das Entſetzen, welches ſie unklar empfunden, jetzt nahm es Form und Geſtalt an. Gott ſtehe dem armen Kinde bei! Sie war die Mörderin! Einen leiſen, wilden Schrei ſtieß ſie aus und blickte verzweiflungsvoll um ſich. War Niemand da, der ſie beſchützen, Niemand, der ſie retten konnte? Einen Moment noch zögerte ſie, verwirrt und entſetzt, dann aber floh ſie aus dem Zimmer des Grauſens, wo ihr das Furchtbarſte geſchehen war. Was konnte ſie thun? Wohin ſollte ſie ſich wenden? Sie floh, wie ein gehetztes Reh in ſein Verſteck, nach ihrer Heimath, ohne zu denken, ohne erſt zu überlegen. Frederick würde unter andern Umſtänden ihr dieſe Heimath geweſen ſein; aber — ſie hatte ja Frederick's Frau getödtet! Dieſer Ge⸗ danke hatte ſich tief in ihr Herz gegraben und verfolgte ſie unabläſſig. Die Dienſtmädchen waren alle fort: die eine, um den unglücklichen Vater, die andere, um den 110 Gatten zu rufen, die dritte wartete auf den Doctor. Sie hatten die Hausthüre aufgeſchloſſen, ein ſchneidender Luftzug durchdrang das Haus. Die ſchmale Treppe hinab floh Innocenzia geräuſchlos wie ein Dieb. Auf dem Tiſch im Vorplatz lag noch ihr Hut und der warme Shawl, in welchen ſie Miß Vane noch vorſorglich beim Wegfahren eingehüllt hatte. Wie heiter hatte ſie ſich zu der Fahrt gerüſtet! War das wirklich erſt am vorigen Morgen geſchehen? Alle Erlebniſſe der letzten Zeit lagen ſo weit, ſo unermeßlich weit hinter ihr. Sie ſchlüpfte aus der Thüre, hüllte ſich dicht in den warmen Shawl und fühlte für den Moment ſogar ein gewiſſes Behagen den eiſigkalten Körper durchſtrömen. Eine Minute lang zauderte ſie auf der Schwelle, wohin ſie ſich wenden ſollte. Der Mond beſchien hell das todtenblaſſe Geſicht, ſo daß das Mädchen, welches hier auf den Doctor war⸗ tete, laut aufſchrie vor Schrecken, denn ſie glaubte, einen Geiſt zu ſehen. Eine Wolke verhüllte den Mond in dieſem Augenblicke, und unter dem Schutze dieſer Dunkel⸗ heit ſchlich ſich die arme Innocenzia, wie ein ſchuldbe⸗ wußtes Geſchöpf, davon. Sie wußte nicht wohin. Sie wanderte durch die dunklen, einſamen Gaſſen bis nach dem Dom, wol in der kindiſchen Idee, dort eine Zuflucht zu finden. Aber der Zufall begünſtigte das arme Kind, 111 oder ein guter Engel leitete ihre Schritte. Der Bahn⸗ hof lag dicht dabei, einige Lampen brannten noch auf dem Perron. Sie empfand inſtinktiv, daß hier die ein⸗ zige Möglichkeit für ſie war, nach Hauſe zu gelangen, und ſchlich ſich hinein in der Abſicht, ſich ſo lange zu verbergen, bis ein Zug abging. Glücklicherweiſe hatte ſich der Courierzug nach London, der bei Sterborne an⸗ hält, dieſe Nacht verſpätet und war eben angekommen, als ſie hereintrat. Die kleine Station war nur mangel⸗ haft erleuchtet, die wenigen Beamten ſchläfrig und un⸗ achtſam. Innocenzia kroch in ein leeres Coupee, faſt ohne zu wiſſen, was ſie that, und fünf Minuten ſpäter war ſie ſchon weit weg von dem Schauplatze der ent⸗ ſetzlichen Kataſtrophe ihres Lebens. Allmählich erſt kehrte langſam das Bewußtſein ihrer Lage ihr zurück. Noch hielt ſie in der Hand, krampf⸗ haft umſchloſſen, jenes kleine Fläſchchen, deſſen Inhalt ſo tödtlich gewirkt hatte. Sie löſte mühſam die Finger und ſah mit ſtarrem Blick darauf hin. Alſo das war die Urſache— dies kleine Ding hatte das bewirkt, ein Ding ſo klein, daß ihr zartes Händchen es ganz gut verbergen konnte? Was hatte ſie denn aber gethan? Wie hätte ſie es nur vermeiden können? Zum erſtenmal in ihrem ganzen Leben verfiel ſie in eine Art von Selbſt⸗ betrachtung. Sie bemühte ſich, über die Erlebniſſe der 112 vorigen Nacht und das was vorhergegangen, ſich klar zu werden. Wie Bilder zogen ſie einzeln an ihr vorüber. Erſt der Moment, als ſie,(Innocenzia vermochte ſie nicht mehr mit Namen zu nennen) nicht mehr zankte und Frederick neben ihr ſaß und plauderte, wo ſie ihr zu⸗ fächelte, ihr, die fortan den Mittelpunkt ihrer geängſteten Gedanken bilden mußte; dann kam jener Mondſchein⸗ ſpaziergang im Garten, der Duft von feuchter Erde, und ſie an Frederick's Arme; dann das Vorleſen, dann jenes entſetzliche Aufrütteln durch die fieberheißen Hände, ihre vergeblichen Verſuche, gewiſſenhaft zu thun, was ihr ge⸗ heißen worden, die dunklen Tropfen, die in das Glas fielen, ihr unterbrochenes Zählen; dann der erneuerte Griff der Hand, dann die plötzliche Stille, die dunklen Flecke auf der weißen Bettdecke, die großen, ſtarren, weitaufgeriſſenen Augen, die ſie förmlich feſt gebannt hielten. Gott ſei dem armen Kinde gnädig! Sie ſchrie laut auf, aber das Getöſe übertäubte den Schrei; ſie rang unter dem qualvollſten Druck des Jammers, der, wie eine Laſt auf ihrer armen jungen Seele lag. So manches Leid legt ſich auf ein junges Herz und bedrückt es ſchwer, aber die Zeit nimmt es hinweg; aber hier war ein ewig nagender Wurm, das hülfloſeſte, bitterſte Elend. Innocenzia hob ihre gerungenen Hände zum Himmel auf in ſtummem, rührendem Flehen, ach, aber vergebens. 113 Es war kaum Mitternacht vorüber, als der Zug in London ankam, und wieder begünſtigte der Zufall das arme Kind, daß es ungeſehen herausſchlüpfen konnte. Das arme Mädchen! Sie wollte Niemand betrügen, ſie dachte in ihrer Unſchuld gar nicht daran, daß ſie mög⸗ licherweiſe hätte angehalten und ausgefragt werden können. Sie kannte die Straßen nicht, aber glücklicherweiſe ſchlug ſie die rechte Richtung ein und endlich nach hundert Kreuz⸗ und Querzügen kam ſie in der Morgendämme⸗ rung in die ihr bekannte Gegend. Die Bewegung that ihr gut. Sie empfand ihr Elend weniger ſchmerzlich, als ſie ſo unermüdlich durch die endloſen Straßen wan⸗ derte. Den warmen Shawl hatte ſie dicht um ſich ge⸗ ſchlagen, die Glieder bebten vor Mattigkeit, aber dieſe Anſtrengung rettete ſie vielleicht vor dem Wahnſinn. Es herrſchte graue Dämmerung, jenes froſtige Zwielicht des Morgens, das ſo viel kälter und ungemüthlicher iſt als das des Abends, als Innocenzia endlich das alte Haus ihrer Verwandten erkannte. Ihre Kraft und ihr Muth waren faſt zu Ende, aber das arme Herz ſprang hoch vor Freude, als ſie die geliebte Heimath erblickte. Sie hatte ſich niemals ſehr warm geäußert, nie der Tante gezeigt, wie wol ihr deren Zärtlichkeit that, aber das Vertrauen zu den Ihrigen war mit jedem Tage wärmer und feſter in ihr geworden. Sie zweifelte auch nicht Hliphant, Innocenzia. II. 8 114 daran, daß man ſie liebevoll empfangen würde; ſie wußte, daß weiche Arme ſie umſchließen, zärtliche Augen ſie be⸗ mitleiden, gütige Stimmen ſie beruhigen würden— und noch niemals in ihrem Leben hatte ſie ſolches Troſtes ſo dringend bedurft. Das ganze Haus lag da wie im Schlafe mit geſchloſſenen Fenſterläden und zugezogenen Gardinen; Niemand rührte ſich. Das arme Kind ſetzte ſich auf die Stufen am Eingang und wartete. Sie klingelte nicht, um eingelaſſen zu werden. Sie ſaß und lehnte das Köpfchen an eine Säule des Portals mit dem Ausdruck rührendſter Geduld. Jetzt konnte ſie ruhig warten, ſie fühlte ſich ſicher im Hafen. Faſt wäre ſie ſo eingeſchlafen, als das Hausmädchen die Thüre öffnete und durch einen Schrei der Verwunderung den unerwarteten Gaſt aufſchreckte. „Miß Innocenzia!“ rief ſie, halb erſchrocken, halb verdrießlich, denn allerdings wurden die ſeltſamen Ma⸗ nieren des jungen Mädchens nicht ſo nachſichtig vom Dienſtperſonal beurtheilt als von der Herrſchaft und Alice. Das arme Kind öffnete die großen Augen wieder und riß ſich gewaltſam empor. „Ja, ich bin's,“ ſagte ſie ſanft.„Ich bin mit dem Nachtzug gekommen.“ „Mein Gott, wer läßt Sie denn aber ganz allein in der Nacht herumlaufen,“ rief die Magd,„und wo iſt 5 115 denn Ihr Gepäck? Kommen Sie in die Küche, Miß, da brennt das Feuer ſchon. Sie ſind ja kalt wie Eis und zittern an allen Gliedern. Kommen Sie herein, um Gotteswillen, ich mache Ihnen gleich eine Taſſe Thee.“ Innocenzia lächelte ihr Dank für dieſe Fürſorge in ihrer gewohnten, ſüßen, träumeriſchen Weiſe, aber ſie ſchüttelte den Kopf und ging geradenwegs die Treppe hinauf nach Mrs. Eaſtwood's Zimmer. Jetzt dachte ſie daran, wie ſie zuerſt hierhergekommen, ſie dachte an ihre Unzufriedenheit,— an ihre Gleichgültigkeit.— O, wäre ſie doch in dem kleinen Zimmer geblieben, in der Nähe von Nelly, an der Seite der Mutter! Hätte ihr da jemals ſolch Unglück geſchehen können? Dieſe Frage fluthete durch ihre bange, verwirrte Seele, doch ſie hielt nur einen Augenblick an der Thüre inne, dann trat ſie ein. Mrs. Eaſtwood ſchlief noch, wenigſtens glaubte es Innocenzia, aber ſchon der Anblick des lieben bekann⸗ ten Raumes that ihr unendlich wol. Hier fühlte ſie ſich unter ſicherem Schutze geborgen. Leiſe ſchlich ſie nach dem Bette, durch deſſen Vorhänge ſchon das graue Morgenlicht ſich ſtahl. Als das Mädchen ſich näherte, öffnete die Tante die Augen und richtete ſich auf mit jener Schnelligkeit, wie ſie Müttern eigen iſt, die gewohnt ſind, zu allen Zeiten der Nacht bereit zu ſein. Sie fuhr 8* 6 heftig zuſammen beim Anblick der fremden Geſtalt in Hut und Shawl, doch nur einen Moment lang, dann hatte ſie Innocenzia erkannt. „Mein Kind, um Gotteswillen, wo kommſt Du her? Was iſt geſchehen?“ rief ſie. Das Mädchen ſank vor dem Bette auf die Knie; die Erſchöpfung, die Kälte, das bittere äußere wie innere Weh brach in dieſem Augenblicke lavinenartig über ihr zuſammen. Sie umklammerte den Arm ihrer Tante und blickte, mit geiſterbleichem Geſichte und beſchwörenden Augen zu ihr auf;z die Lippen bewegten ſich, aber kein Wort war zu vernehmen. Jetzt war ſie am Ende ihrer Reiſe, am Ende ihrer Noth; aber nun ſchien auch die Kraft zu verſiechen. Sie konnte nicht mehr. „Mein Kind, mein armes Kind!“ ſagte die Mutter. „O Innocenzia, warum habe ich Dich von mir gelaſſen? Sprich, Theuerſte, ſage mir, was es giebt! Innocenzia, ſprich!“ „O ſei nicht böſe!“ ſagte das arme Kind und hob ihr Geſicht mit einem ſo unausſprechlich ergreifenden Kinderausdruck zu der erſchrockenen Frau empor, daß dieſe bis in's tiefſte Herz davon ergriffen wurde. Was war geſchehen? Wahrſcheinlich hatte ſich die arme Kleine in der Einſamkeit der Villa Vane unglücklich gefühlt 117 und war fortgelaufen. Wahrlich dieſe Sünde ſollte ihr nicht ſo hoch angerechnet werden. Was konnte es auch weiter ſein? Sie beugte ſich zärtlich zu der Knieenden nieder, küßte ſie und verſuchte ſie zu ſich empor zu ziehen. „Mein armes Kind, wie Du zitterſt! Ich bin gar nicht böſe, Innocenzia, weshalb ängſtigſt Du Dich noch? Setze Dich nur und ruhe aus! Laß mich nur erſt aufſtehen, dann kannſt Du mir ja Alles erzählen. Komm, Herzchen, komm! Es kann ja unmöglich etwas Schlimmes ſein,“ ſagte die gütige Frau lächelnd, indem ſie verſuchte, ſich von Innocenzia's Arm frei zu machen. Aber der ſtarre Blick, das verzweiflungsvolle An⸗ klammern, das bleiche, entſetzte Geſicht ließ ſie ver⸗ ſtummen. „Sei nicht böſe!“ ſagte ſie wieder mit ſonderbar wehklagendem Tone, und während die Mutter wartete und ſich darauf gefaßt machte, irgend ein einfaches Ge⸗ ſtändniß zu hören, das ſchließlich doch nur darauf hin⸗ auslief, daß das arme Kind unter Fremden nicht gut gethan hatte, da ſchlugen plötzlich Worte an ihr Ohr, die ſie gleichſam betäubten und ihr für den Moment den Athem raubten. Sie kamen langſam, in kleinen Pauſen über Innocenzia's bebende Lippen, während ſie mit Augen voll furchtbarem Weh zu ihrer Zuhörerin auf⸗ 118 blickte, deren Arm ſie noch immer krampfhaft an ihre Bruſt gepreßt hielt. „Ich— habe— Frederick's Frau getödtet.“ „Was fogt ſie? Sie iſt wahnſinnig!“ ſchrie Mrs. Eaſtwwod. Das Hausmädchen, das dem jungen Mädchen in übertriebenem Dienſteifer, mehr jedoch, um ihre Neu⸗ gier über den Grund dieſer ſeltſam plötzlichen Ankunft zu befriedigen, eine Taſſe Thee heraufgebracht hatte, erſchien eben, als dieſe fürchterlichen Worte geſprochen wurden, am Fuße des Bettes mit dem Präſentirteller in der Hand. „Nein,“ ſagte Innocenzia, die nichts ſah als das Geſicht ihrer Tante.„Nein, ich bin nicht wahnſinnig. Es war vorige Nacht. Ich bin irgendwie nach Hauſe gekommen, ich weiß es nicht wie,— es war aber vorige Nacht.“ „Und Innocenzia, Innocenzia— Du?“ „O, ſei nicht böſe!“ rief das arme Kind und ver⸗ barg ihr ſchreckenvolles Geſicht an dem Buſen der Tante. Der Jammer und das verwirrende Gefühl plötzlichen Unglücks ſchien jetzt von der Einen auf die Andere über⸗ gegangen zu ſein. Aber die Mutter faßte ſich raſch, ſie mußte an Alles denken. „Setze den Teller nur hin,“ ſagte ſie zu der lau⸗ ſchenden Magd,„rufe mir Alice, bringe Miß Inno⸗ 119 cenzia's Zimmer in Ordnung und ſchicke ſofort Jemand nach dem Doctor. Sie iſt krank, ſehr krank, lauf ſchnell und rufe Alice, es iſt kein Augenblick zu verlieren. Innocenzia,“ flüſterte ſie, als ſich die Magd entfernt hatte,„Innocenzia, um Gotteswillen, ſieh' mir in's Ge⸗ ſicht! Weißt Du, was Du ſagſt? Innocenzial Fre⸗ derick's Frau?“ Das Mädchen richtete ſich mit einem tiefen Seufzer auf. Ihre Geſichtszüge waren ſchon weniger geſpannt, ſie hatte ihre Laſt von der Seele gewälzt. „Es war vorige Nacht,“ wiederholte ſie,„wir waren allein. Ich wollte gar nicht hingehen, aber ſie zwangen mich. Sie war böſe— ſehr böſe— und dann— o! Sie machte ihre Augen auf— weit— weit und ſtarrte mich an und war ſtill, ſtill— bis ſie kamen und ich wußte nicht was es war.“ „Und es war——2 Um Gotteswillen, Inno⸗ cenzia, überlege erſt, was Du ſagſt! Starb ſie, wäh⸗ rend Du noch bei ihr warſt? Du träumſt doch nicht? Aber, Kind, liebes Kind, Du hatteſt doch nichts damit zu thun, armes, armes Herz?“ Noch einmal öffnete Innocenzia die Finger, die das Fläſchchen feſt umklammert hielten. Sie reichte es der Mutter hin. Noch einige dunkle Tropfen waren darin zurückgeblieben. 120 „Das war es,“ ſagte fie, indem ſie mit einem ſtarren Blicke darauf hinſah. Eine entſetzliche Ueberzeugung kam in dieſem Au⸗ genblicke in das Herz der armen Mutter. Aus der Tiefe ihrer geängſteten Seele rang ſich ein leiſer, aber furchtbarer Schrei. Vieles ſchon hatte ſie zu tragen ge⸗ habt in ihrem Leben, aber hier war es Schande und Verbrechen, was ihr entgegengrinſte. Der Schrei trieb Nelly empor aus ihrem friedlichen Schlummer, ſie eilte mit der alten Alice in der Mutter Gemach. Die Alte hatte mit ahnender Seele das Un⸗ heil prophezeit, das durch den armen kleinen Fremdling über die Familie kommen würde, aber an eine ſolche That des Schreckens hatte ſie wol kaum gedacht. Achtes Kapitel. Ein verwaiſter Gattr. Es wäre vergeblich, den Zuſtand zu beſchreiben, in welchen ſich die Bewohner des Batty'ſchen Hauſes, aus dem Innocenzia geflohen, urplötzlich verſetzt ſahen. Die Nacht war zum Tage geworden, alle Hausgenoſſen hatte man zu Hülfe gerufen, wo doch keine Hülfe mehr mög⸗ lich war, und in wahnſinniger Haſt waren die Männer, für die Amanda der Mittelpunkt des Lebens geweſen war, in das Zimmer geſtürzt, wo ſie dalag, ſchon längſt ihnen entriſſen. Batty, noch unter dem Einfluſſe ſeines über⸗ reichlich genoſſenen Schlaftrunkes, taumelte förmlich in das Zimmer, ganz unfähig, das Geſchehene zu faſſen, nur mit dem dumpfen Gefühl eines entſetzlichen Un⸗ glücks; Frederick, der über der Lectüre eines Romans eingenickt war, ſtatt, wie er vorgegeben hatte, Briefe zu ſchreiben, war von der Plötzlichkeit des Schlages ebenſo 122 betäubt wie ſein Schwiegervater. Erſt als der Doctor kam, wurde Allen die feſte Gewißheit und die volle Ueberzeugung des Todes, der hier, wie ein Dieb in der Nacht, ein blühendes Leben geraubt hatte. Nachdem der Arzt die Leiche unterſucht hatte, verſicherte er den Umſtehenden, daß er dieſes traurige Ereigniß längſt vor⸗ hergeſehen, längſt vorhergeſagt hätte.„Ich habe Sie ernſtlich darauf aufmerkſam gemacht, Mr. Batty,“ ſagte er,„daß Ihre Tochter vor jeder plötzlichen und heftigen Erregung ſtreng behütet werden müſſe, da eine jede augen⸗ blicklich den Tod zur Folge haben könne. Nun iſt es gekommen, wie ich es voraus geſagt.“ Er fand in dem ganzen Ereigniß durchaus nichts Befremdliches, nichts Unerwartetes. Die zügelloſe Heftigkeit der jungen Frau war ja auch Allen ſehr wohl bekannt, und ſo war das Ende gekommen, wie er längſt vorher geſehen. Kein Grund zum Zweifel oder zu irgend einem Verdachte war vorhanden. Alles war einfach und klar. Das Glas, welches der Hand der Todten entfallen war, hatte man entfernt; über die dunklen Flecke auf der Bett⸗ decke hatte Tantchen mit gewohnter Sauberkeit einen Shawl gebreitet. Der unglückliche Vater, der laut ſchluchzend mit heiſerer Stimme nach ſeinem Kinde rief, wurde wieder auf ſein Zimmer gebracht, und bald hatte ihn ein neuer, verſtärkter Trunk von Branntwein und 123 Waſſer in feſten Schlaf verſenkt, der ihn wenigſtens auf einige Stunden ſeinem Kummer entriß. Bei Frederick war die Wirkung des Schlags eine völlig andere. Er konnte weder ruhen und ſchlafen noch vergeſſen, welcher plötzliche Wechſel in ſein Leben getreten war. Er ſchritt hinaus in den Garten, wo noch das Mondlicht klar und unbeirrt wie vorher leuchtete, es hielt ihn nicht länger in dem qualvollen Durcheinander, in dem unruhigen Treiben, mit dem die unglückliche Tante nebſt dem Hausgeſinde die letzten Pflichten gegen die Todte zu erfüllen glaubte. Die Todte! War das ſeine Frau? Amanda? Sie, die er ſo heiß umworben, ſo abgöttiſch geliebt hatte; ſie, die ihm Entzücken, Schmerz, Abſcheu, dies Alles zuſammen eingeflößt hatte? Sie, die ihm erſt wie das größte Glück, dann als das ſchwerſte Unheil ſeines Lebens erſchienen war? Da lag ſie nun ſtill und kalt und ließ Alles mit ſich geſchehen ohne Wider⸗ rede. Der Gatte ſtand im mondbeglänzten Garten und ſchaute zu ihren Fenſtern hinauf mit Empfindungen, die ihm ſelbſt unerklärlich waren. Noch vor wenigen Stunden war er froh geweſen, durch ſeine kleine Couſine der Aufgabe enthoben zu ſein, ihren heftigen Ausfällen und Batty's widerlicher Geſellſchaft beiwohnen zu müſſen; es war ihm geweſen, als athme er die friſche Luft einer OHaſe in der Wüſte ſeines Lebens, in die ihn 124 ſeine eigene Thorheit gebannt hatte; und nun war dieſe Wüſte verſchwunden wie ein Traum, die Folgen ſeiner thörichten Handlungsweiſe waren vorbei, und ſein Leben wieder ſein eigen zu neuer, beſſerer Benutzung. Die Welt, der Garten, der Himmel mit dem leuchtenden Mond ſchienen ſich um ihn zu drehen, als er mit wirrem Kopfe und heißen Augen hinauf ſtarrte nach dem Hauſe und ſich bemühte, das Geſchehene zu begreifen.— Wol mag es ſeltſam erſcheinen, daß der junge Gatte, nachdem der erſte furchtbare Schrecken über⸗ wunden, ſolchen Gedanken nachhing. Doch Frederick war keine eigentlich edle Natur, ſondern nur ſtolz und empfindlich, beſonders wenn er in ſeiner Eigenliebe ver⸗ letzt wurde, und eben das hatte Amanda beſtändig ge⸗ than. Sie hatte ihn beleidigt in Wort und That ſchon zu der Zeit, als ſeine Leidenſchaft ihn immer wieder zu ihren Füßen brachte; als aber jene zu ſchwinden begann, und ihre rohen Ausfälle gegen ihn ſelbſt und ſeine Familie immer heftiger und verletzender wurden, da glaubte er das Leben an ihrer Seite nicht länger ertragen zu können. Und nun, in Einem Augenblicke war er frei geworden! Aber dennoch vermochte er das Ge⸗ fühl der Freiheit nicht mit Entzücken zu begrüßen. Der Schlag hatte ihn tief erſchüttert; Trauer und Vor⸗ würfe hatten in ſeinem Herzen gekämpft, als er ſie als 125 Leiche vor ſich ſah,— dieſes ſchöne, blühende Geſchöpf. Dahin auf immer! Entriſſen war ſie dem Lichte der Sonne, der ſchönen Erde, auf der ſie doch ſo gern weilte. Der ſchöne Körper, ſo weich und rund, ſo blendend an Glanz und Farbe, da lag er in der Mar⸗ morkälte des Todes. Die Stimme ſchmieg, die beſtricken und bethören, zum Haß entflammen und zur Liebe be⸗ geiſtern konnte. Und ihre Seele? Hatte Frederick wol je an ſie gedacht? Er hatte nie von ihrem innern Seelen⸗ leben einen Begriff gehabt, ſich auch nie darum gekümmert. Doch zwang er ſich gewiſſermaßen dazu, ſich ſeine Amanda in einer ſchöneren, beſſeren Welt zu denken; er ſtand vor jener dunklen Pforte mit bewegtem Herzen, ohne doch im Stande zu ſein, ſich ſeine Gedanken klar zu machen. Er war durchaus nicht gefühllos; er hätte nicht zu Bette gehen und ſchlafen können wie der Vater, der doch in der Tochter ſein Alles verloren hatte. Ein natürliches Grauſen und eine tiefe Wehmuth beſchlich ſeine Seele, als er das Blut ſo warm in ſeinen Adern fließen fühlte, während bei ihr die Pulſe ſtockten, und ſie todt und kalt war. Arme Amanda! Er fühlte viel heißeres Mitleid mit ihr als mit ſich ſelbſt. Der wahre Schmerz freilich iſt egoiſtiſcher; er klagt um den eigenen Verluſt, er bejammert die Leere, die ihn umgiebt, das Elend des einſamen Lebens. Frederick aber dachte in dieſem 126 Falle gar nicht an ſich. Ihm brach das Herz nicht bei dem Verluſte, er fühlte ſich jetzt frei von Vielem, was ihm die Zukunft ſchwer getrübt haben würde, er dachte nicht an ſich, er war nur betrübt um Amanda. Die arme junge Schönheit, die Alles hatte verlaſſen müſſen, was ſie doch ſo gern beſeſſen! War auch dieſes Gefühl kein eigentlich tiefes Schmerzempfinden, ſo war es doch wenigſtens echt. Vielleicht hatte er noch niemals ſeiner Frau in ſo warmer Sympathie gedacht als jetzt, wo es zu ſpät war. Herzliches, inniges Mitleid mit dem jungen, ſchönen Geſchöpfe füllte ſeine Bruſt, und die Thränen traten ihm in die Augen, wenn er an ihr dunkles, ein⸗ ſames Grab dachte. Er ſchaute zu ihrem Fenſter empor; die Lichter waren verlöſcht, das Geräuſch und das raſtloſe Hin⸗ und Herlaufen war zu Ende, keine Schatten jagten mehr an den weißen Rouleaur vorüber, die Fenſter ſtanden offen, das Zimmer war ſtill, nur eine Kerze brannte noch,— das Schweigen des Todes lag darüber. Und dies Alles in ſo wenigen Stunden! Es mochte jetzt ungefähr drei oder vier Uhr ſein; ſo lange war Frederick, von ſeinen Gedanken er⸗ füllt, im Garten auf und ab gewandert. Als er ſah, daß Alles ruhig geborden, ging er leiſe in das Haus zurück. Er konnte nirgends hingehen als wieder in das kleine Stübchen, in dem er geleſen hatte; hier warf 127 er ſich auf das Sopha, um wenigſtens ein paar Stunden zu ruhen. Da in dieſem Augenblicke durchfuhr ihn der Gedanke an Innocenzia. Wo war ſie? Hatte er ſie überſehen können inmitten der allgemeinen Auf⸗ regung? Frederick fröſtelte vor Erſchöpfung und hatte eine warme Decke um ſich geſchlagen. Wie hätte er ſich und das ganze Haus wegen ſeiner kleinen Couſine auf's Neue in Bewegung ſetzen können? Sie war gewiß ſchon vor dem Unglück zu Bett gegangen. Er hatte ſie nicht geſehen, auch hatte Niemand ſie erwähnt. Man hat ſie wahrſcheinlich ruhig ſchlafen laſſen, dachte er bei ſich. So beruhigte ſich der junge Mann und fiel in einen kurzen, unruhigen Schlummer. Was hätte auch der Kleinen geſchehen können? Sie ſchlief gewiß ruhig, und am Morgen wollte er ihr Alles mittheilen. Dieſe Ge⸗ danken beſchäftigten ihn noch zuletzt. Erſt ſpät am nächſten Morgen entdeckte er, wie die Sachen ſtanden. Sie war fort. Weder die Tante noch irgend Jemand hatte den leiſeſten Verdacht, als ſtehe Innocenzia zu Amanda's Tode in irgend einer Be⸗ ziehung. Sie war fort, und Niemand hatte Zeit gehabt, nur darüber nachzudenken, weshalb ſie entflohen. Das Dienſtmädchen, welches ihr Fortgehen bemerkt, hatte geglaubt, es ſei ein Geiſt geweſen oder auch ein Neu⸗ gieriger, der die Unruhe im Hauſe gehört und ſich ein⸗ 128 geſchlichen hatte. Der Sonntag, der entſetzlichſte Tag in ſolchem Hauſe des Todes, war angebrochen, und mit ihm kam den beiden Männern die volle Klarheit über die Größe ihres Verluſtes. Schweigend, in tiefem Ernſt ſaßen ſie bei einander, die nun das einzige Band ver⸗ loren hatten, das ſie aneinander gekettet hatte,— und jetzt war es, wo Frederick, von leiſer Sehnſucht nach Innocenzia's Theilnahme erfüllt, frug: „Iſt Miß Vane noch auf ihrem Zimmer? Iſt ſie krank?“ Das Mädchen, welche beim Frühſtück bediente, ent⸗ gegnete: „Miß Vane, mein Herr? Ach, die junge Dame? Die iſt geſtern Nacht fortgegangen, als— als es paſſirte.“ „Fortgegangen, bei Nacht? Wohin denn?“ rief Frederick entſetzt. „Das weiß Niemand. Sie ging gerade aus dem Hauſe, Mr. Eaſtwood, als es paſſirt war,“ ſagte die Magd.„Sie hat ſich gewiß gefürchtet, die arme, junge Dame. Sie ging nach dem Dom zu, die Straße hinauf. Ich habe ſie geſehen. Ich ſagte aber nichts bis heute Morgen, weil ich erſt dachte, es ſei ein Geiſt geweſen.“ „Ein Geiſt? Meine arme Innocenzia!“ rief — — 129 Frederick.„Sagte ſie nichts? Guter Gott! Wohin kann denn das arme Kind gegangen ſein?“ Er fuhr in ernſtlicher Beſorgniß in die Höhe und griff nach ſeinem Hute. „Bleiben Sie, wo Sie ſind,“ ſagte Batty.„Sie dürfen mir heute keinen Schritt aus dem Hauſe gehen, wo mein Mädel todt und kalt liegt. Mein Mädel! Meine ſchöne Manda! Keine unter Allen war werth, ihr nur die Schuhriemen zu löſen. O Herr, o Gott! So ein alter Nichtsnutz wie ich muß leben bleiben, und ſo ein ſchönes Mädchen muß ſterben! Sie gehen keinen Schritt aus meinem Hauſe, hören Sie, Eaſtwood, keinen Schritt! Die Leute ſollen es wenigſtens nicht ſehen, wie wenig Sie um mein armes Mädel trauern, und ſollte ich Sie ſelbſt mit dieſen beiden Händen feſthalten müſſen, Sie dürfen mir nicht fort!“ „Mir liegt es wahrlich am Herzen, meiner armen Amanda alle und jede Ehre und Achtung zu bezeigen,“ ſagte Frederick,„die Arme ſoll gewiß in keiner Weiſe von mir vernachläſſigt werden, aber ich muß nach meiner kleinen Coufine ſehen. Miß Vane hat ſie mir anver⸗ traut. Meine Mutter wird ſich ängſtigen—“ „Verwünſcht ſei Miß Vane!“ ſchrie der unglückliche Batty.„Verwünſcht ſei Jedermann, der mir jetzt in den Hliphant, Innocenzia. IM. 9 130 Weg kommt und das raubt, was einzig meinem Liebling, meinem armen ſchönen Kinde zukommt! O meine Manda, meine Manda! Wie ſoll ich noch leben können ohne Dich! Wiſſen Sie, Eaſtwood, ich kenne Sie und Ihre Schliche. Ich weiß auch Alles von der Couſine. Sie ſollen mir keinen Schritt nach ihr thun, jetzt wo kaum der Athem Ihrer armen, jungen Frau ſtille ſteht!“ „Aber ich will ja nur wiſſen, wohin Innocenzia gegangen iſt,“ rief der junge Mann, der, ſelbſt gerührt durch den Schmerzensausbruch des Vaters, zögerte, ihn zu verletzen.„Ich möchte wahrhaftig nicht gern ausgehen, aber das arme Kind———“ „Ich will mich ſchon nach ihr erkundigen laſſen,“ ſagte Batty, und wirklich ließ er ſeinen Schwiegerſohn nicht von der Stelle gehen bis gegen Abend, wo er ſich hinaus ſchleichen und bei dem Reitknecht Batty's, der aus⸗ geſandt worden war, ſich alle nähern Nachrichten geben laſſen durfte. Manche hatten das junge Mädchen auf ihrer Flucht geſehen, ja ſelbſt auf dem Bahnhofe hatte man ſie bemerkt, doch Niemand wußte, ob ſie eingeſtiegen ſei. Frederick fühlte ſich durch dieſe unvollkommenen Berichte mehr aus der Faſſung gebracht, als es ſich eigentlich für einen Mann ziemte, deſſen Frau erſt Tags zuvor geſtorben war. Durfte er auch nicht nach ihr ——— 131 ausgehen, ſo beſchäftigten ſich doch alle ſeine Gedanken mit ihr, und Amanda war ſchon faſt vergeſſen. Wo war ſie, ſein armes, einfültiges Kind? Er ſandte Boten nach der Villa Vane, um zu erfahren, ob ſie vielleicht dorthin zurückgekehrt ſei. Da Sonntags weder die Dampfwagenzüge noch die Telegraphen in Bewegung geſetzt werden dürfen, war ihm auch keine Gelegenheit geboten, ſich mit ſeiner Mutter zu berathen. Er mußte trotz aller brennenden Ungeduld warten bis zum nächſten Morgen. Arme Innocenzia! Sein Hers wurde ganz warm, wenn er an ſie dachte, an ihre Liebe, ihre Treue, die nichts zu erſchüttern vermochte, nicht einmal ſeine Heirath, die ihm doch alle die Andern entfremdet hatte. Sie hatte an ihn geglaubt. Frederick war feſt überzengt, daß ſie ihn liebe, und ſtatt dies Gefühl in dem Kinde zu bekämpfen, hatte er es eher ermuthigt und ſich ſelbſt mit dieſer kindiſchen Zuneigung getröſtet. Aber durch dieſen Egoismus und das Spiel ſeiner Eitelkeit hindurch zog ſich doch auch ein echtes, natür⸗ liches Gefühl für das liebe, ſanfte Geſchöpf. Jetzt war dieſe Empfindung ſehr ſtark in den Vordergrund getreten, und eine wirkliche Angſt, eine quälende Beſorgniß hatte ihn ergriffen. Wohin mochte ſie in ihrem leicht begreif⸗ lichen Entſetzen geflohen ſein? Weder die Tante noch die Mägde wußten ſich genau zu entſinnen, wie lange 132 Innocenzia im Zimmer geweſen, auch verwunderte ſich kein Menſch darüber, daß ſie fortgelaufen ſei. Galt ſie ja ſelbſt auf der Villa Vane, wo man ſie doch be⸗ wunderte und ihrer Frömmigkeit wegen verehrte, als „etwas ſchwach“, und ſo war ihre Flucht Niemandem überraſchend. Frederick lag die ganze Nacht mit quälenden Gedanken um ſie, ohne nur ein Auge zu ſchließen. Wie bald gewöhnt ſich doch der Menſch an einen Verluſt! Kaum vierundzwanzig Stunden vorher hatte ihm der Kopf geſchwindelt unter der Wucht des Schlages, daß Amanda todt ſei, und jetzt erſchien ihm dieſe Thatſache bereits als eine längſt feſtſtehende, und ihr lebensfriſches Bild trat ſchon traumartig in den Hintergrund ſeiner Ge⸗ danken. Schon erſchien ihm ſeine Anweſenheit in Batty's Hauſe unerträglich; er fühlte ſich als ein Fremder, der ſehnſüchtig danach verlangte, wieder forteilen zu dürfen. Seine ganze Seele war erfüllt von dem Schickſal ſeiner Couſine. Arme, kleine Innocenzia! Wie ſüß war ihm ihre Theilnahme ſtets geweſen! Vielleicht kamen wieder Tage des Glücks für ihn. Könnte er ſie denn nicht belohnen für ihre Liebe? Wüßte er ſie nur ſicher! Gleich am Montag Morgen ſtürzte er nach dem Telegraphenamt, um bei ſeiner Mutter nach Innocenzia zu fragen. Wie ſchrecklich war ihm die Feſſel, die ihn 133 abhielt, ſie ſofort ſelbſt zu ſuchen! Wer ihn frei⸗ lich gehen ſah in der tiefen äußeren Trauer, mit dem bleichen melancholiſchen Geſichte, der bemitleidete den armen verwaiſten Ehegatten; man wich ihm ehrerbietig aus und grüßte ihn mit aufrichtigem Mitgefühl. Die ganze kleine Stadt war voll von dem Ereigniß.„Der arme, junge Mann,“ ſagte man,„wie tief fühlt er ſeinen Verluſt!“ Und man ſprach liebevoller, anerkennender als je von Batty's ſchöner Tochter, wenn man den tief⸗ vekümmerten Gatten erblickte. Sie hatten ſich gewiß ſehr geliebt und nun mußte ſie ſo ſchnell hinſterben. Der arme, arme Mann! So flüſterten die argloſen Be⸗ wohner von Sterborne, während Frederick, brennende Ungeduld im Herzen, aus allem, was ihn hier umgab, herauszukommen, ſein Telegramm aufgab. Als er auf dem Rückwege noch einmal auf den Bahnhof ging, um dort zu forſchen, ob vielleicht Kunde von Innocenzia eingetroffen wäre, traf er zu ſeiner größten Ueberraſchung ſeine Mutter, die ſoeben mit dem Frühzuge angekommen war. Sie ſah bleich und ängſtlich aus, doch der junge Mann bemerkte das nicht. Er ſtürzte, wahrhaft gerührt von ſolcher Güte, auf ſie zu und rief:„Mutter, das iſt lieb von Dir!“ Dann aber fügte er ängſtlich fragend hinzu:„Innocenzia? Iſt ſie bei Dir? Weißt Du, wo ſie iſt?“ 134 „Sie iſt ſicher bei uns zu Hauſe,“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit einem tiefen Seufzer. „Gott ſei Dank!“ rief er inbrünſtig und bemerkte gar nicht, daß ſeine Mutter weder ſeine Freude theilte, noch daß auf ihrem freundlichen Geſichte Wolken lagerten, wie noch nie zuvor. Neuntes Kapitel. grs. Eaſtwood's Uachforſchungen. „Ich fühle tief mit Ihnen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood. „Es iſt ein ganz entſetzliches Unglück, ſehen zu müſſen, wie Ihr Kind, Ihr einziges Kind, ſo vor Ihnen weg⸗ genommen wird.“ „Sie war mein Augapfel,“ ſchluchste der arme Batty. „Ihresgleichen gab's gar nicht mehr, wenigſtens in meinen Augen. Sie mag ihre Fehler gehabt haben, aber ihrem alten Vater war ſie Alles, Alles. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Güte, daß Sie Amanda noch die Ehre anthun. Sie haben ſie im Leben nicht gern gehabt. Ich will nicht danach fragen. Aber Sie kannten ſie nicht, wie ich ſie kannte! O meine Manda, es würde ihr in's Herz gegangen ſein, wenn ſie ſähe, wie Sie ſie geehrt haben! O Madame, was für eine Schönheit beſaß das Mädchen! So was iſt 136 noch nicht dageweſen! Sie war ein Biſſel heftig, das iſt wahr, aber ſie war gleich wieder gut und vergab denen, die ſie gereizt hatten. Mein Leben iſt nun dahin, mein Herz iſt gebrochen. Ich mache mir nichts mehr aus Allem, was ich habe— nichts, gar nichts mehr, da ſie dahin iſt.“ „In der That, ich fühle tief mit Ihnen,“ wiederholte die Mutter,„und ſo jung zu ſterben, iſt doppelt ſchreck⸗ lich, ſo gänzlich unerwartet.“ Frederick konnte nicht recht begreifen, weshalb ſeine Mutter ſo bewegt und angegriffen ausſah, weshalb ſie ſo darauf drang, alle Details des Todes genau zu er⸗ fahren. Er konnte nicht umhin, zu ihr zu ſagen: „Ich glaubte, Du hätteſt ſchon gewußt, Mutter, daß Amanda ſeit Jahren an einem Herzfehler litt, und dieſer hat den raſchen Tod, der von den Aerzten längſt voraus geſehen ward, herbeigeführt—“ „Die Doctors können mir alle geſtohlen werden!“ rief Batty.„Verzeihen Sie, Madame, aber mir läuft die Galle über. Da ſchwatzten ſie und ſchwatzten und ſagten, ich ſollte ſie ruhig halten, und gaben ihr Medizin und ſchüttelten die Köpfe und ſo war es ſchon ſeit Jahren. Wie hätte ich alſo ihrer Ausſage glauben ſollen, da ſie mir ſchon vor Jahren ſagten, ſie könnte jeden Augenblick ſterben? Wir ſind heftige Leute, die Battys, wir fahren drein nein wie's Wetter. So war ſie auch. 137 Und da halte ſich nun Jemand ruhig mit ſolchem Tempera⸗ ment! Nun iſt's doch wahr geworden.“ „Und hat ſie es geahnet?“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit forſchend ängſtlichem Blicke.„O, Mr. Batty, beruhigen Sie ſich, faſſen Sie ſich! Wußte ſie von der Gefahr, in der ihr Leben ſchwebte?“ Batty wendete ſeine rothgeweinten Augen auf die Schwiegermutter mit einer Art von ſtumpfem Staunen, dann brach er wieder in das Lob ſeines verlorenen Kindes aus.„Sie war keins von Ihren ſogenannten ſtillen Waſſern. Sie war offen und ehrlich. Da, die Tante, die wird's Ihnen ſagen können. Raſch war ſie mit dem Wort, aber ſchnell wieder gut. Und ſchön war ſie. Seit ihrem fünfzehnten Jahre kam kein Mann in ihre Nähe, ohne ſich in ſie zu verlieben. Ihr Sohn hier, Madame, Freddy, wie ſie ihn nannte, das arme Mädel, der hat's Glück heimgeführt. Er gefiel ihr, weiß nicht weshalb, denn es gab doch Schönere, Reichere, betitelte und beſternte Herrn, die für ſie ſchwärmten. Aber ſie wollte ihn nun einmal haben, ſie hätte eine beſſere Partie machen können; nun aber iſt Alles aus, Heirathen und Alles. Freddy, gieb mir die Hand, ich will Dich immer wie meinen Sohn betrachten um ihret⸗ willen,— aber der Schlag iſt doch zu förchterlich für mich, Du fühlſt es nicht halb ſo wie der alte Vater.“ 138 Frederick war aufgeſprungen, als er ſich in ſolch familiärer Weiſe von dem Alten anreden hörte. Es ſchnitt ihm in's Herz. Scham, Entrüſtung und Wuth kämpften in ihm. Er ſtellte ſich an's Fenſter mit dem Rücken gegen den weinenden, ächzenden Schwiegervater und that, als bemerkte er die ausgeſtreckte Hand gar nicht. Wie gründ⸗ lich verhaßt ihm dieſer Mann war, ebenſo wie Alles, was ihn umgab, das fühlte er jetzt erſt mit doppelter Gewalt. Wollten denn die Stunden kein Ende nehmen? Wie ſehnte er ſich darnach, Alles verkaufen zu können, was ihn an das ſchrecklichſte Kapitel ſeines Lebens er⸗ innern mußte, und wieder nach Hauſe zu den Seinen zurückkehren zu dürfen! „Ich hätte ſo gern die, die— vortreffliche Perſon kennen gelernt, die Amanda gepflegt hat,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, immer noch mit dem ängſtlich geſpannten Blicke, obgleich die Stirne etwas heller geworden war.„Kann ich ſie vielleicht ſehen und ihr für die Sorge danken, die ſie meiner Schwiegertochter ſtets gewidmet hat?“ fügte ſie hinzu. Frederick wandte ſich ſtaunend nach der Mutter um. Woher kam dies plötzliche Intereſſe an Amanda? Als Batty, erfreut über dieſe Bitte, hinausging, um die Tante zu holen, wandte ſich der Sohn ähnlich wie früher mit ſeinem gebieteriſchen Ton zu der Mutter und ſagte: ——— ———————— 139 „Du ſchienſt doch ſonſt nicht beſonders zärtlich für Deine Schwiegertochter geſinnt zu ſein?“ „O Frederick,“ rief ſie mit einem Ton des tiefſten Schmerzes, der ihn noch mehr in Erſtaunen ſetzte,„ich habe ihr nie etwas Böſes gewünſcht. Gott verhüte, daß ich das je gethan hätte!“„ „Hat denn das Jemand geſagt?“ rief er ungeduldig. Die Mutter drückte das Taſchentuch an die Augen. „Gott weiß es, ich bin tief, tief betrübt um Amanda und um den armen alten Mann hier, der ſein einziges Kind verloren hat. Was ſie auch bei uns gefehlt hat, hier war ſie immer ſein Kind. Aber, mein Sohn, ich bin nicht ganz abſichtslos hierhergekommen, Gott ver⸗ zeihe es mir; ich habe ganz andere Beweggründe. Ich muß um Innocenzia's Willen Alles ausforſchen.“ „Biſt Du von Sinnen, Mutter? Wegen Inno⸗ cenzia, ſagſt Du?“ ₰ „O ſtill, ſtill, mein Lieber! Ich muß Alles erfahren, und wie viel von der Sache hier ſchon bekannt geworden iſt. O ſtill, Frederick ſie kommen! Sage kein Wort weiter!“ Er bemühte ſich, ſein Erſtaunen zu verbergen. Was meinte ſeine Mutter damit, daß ſie Innocenzia's Namen Innocenzia's Perſon mit dem Tode ſeiner Frau in Zuſammenhang bringen wollte? Die Tante trat herein, ganz ſchwarz gekleidet, das Taſchentuch verlegen in der — 140 Hand zuſammenballend. Als er nun ſeine Mutter in ihrer weichſten, mildeſten Weiſe zu dieſer Frau ſprechen, ſie um genaue Auskunft über alle und jede Einzelheit bit örte, da war es ihm, als hätten ihn ſeine Sinne ſen.„Sagen Sie mir Alles. Mich intereſſirt Alles auf dis Tiefſte, und es liegt ein trauriger Troſt darin, bis auf das Kleinſte hier Alles zu erfahren,“ ſagte die arme Mrs. Eaſtwood, die ſich der Kritik ihres Sohnes gegenüber nicht ſehr behaglich fühlte. Aber Batty war von ihrer Herablaſſung ganz entzückt und fühlte ſich ge⸗ ſchmeichelt, daß ſie über Alles in Kenntniß geſetzt werden wollte.„Ich ſelbſt bin's nicht im Stande,“ ſagte er,„aber die wird's Ihnen ſchon erzählen können.“ Dabei ſchob er Tantchen vor, ſetzte ſich in eine Ecke, lauſchte, ſchluchzte und weinte, wenn nur der Name ſeines Kindes genannt wurde. Mrs. Caſtwood konnte nicht ungerührt bei dem Schmerze des unglücklichen Vaters bleiben. Nicht ſo Frederick, der die Details ſo oft gehört hatte, daß er ſie nicht noch einmal anhören mochte. Er ging in den Garten, zündete ſich eine Cigarre an, ſteckte die Hände in die Taſchen und grübelte über ſeiner Mutter ſeltſames Betragen nach. Waren denn die Frauenzimmer alle ver⸗ rückt geworden? Was ſollte das heißen, daß ſie um Innocenzia's Willen ſich ſo genau von Allem unterrichten laſſen wollte? Innocenzia! Mit einer Art zärtlicher 141 Sehnſucht wandten ſich ſeine Gedanken ihr zu. Er dachte daran, wie reizend es ſein würde, ihr kleines, weißes Händchen auf ſeinem Arm zu fühlen und in ihr lieb⸗ liches Geſicht zu blicken. Was in aller Welt fiel nur der Mutter ein, das unſchuldige Kind in die düſteren Ereigniſſe der letzten Tage verwickeln zu wollen? Dieſe hatte unterdeſſen eine lange Zuſammenkunft mit Tantchen. Sie ließ ſich Alles von Amanda's Krankheit erzählen; wie dieſe ernſtlich krank geworden, wie Tantchen längſt ein ſolches Ende befürchtet habe, wie die Aufregungen, die Ausbrüche von Heftigkeit ärger und häufiger wieders gekehrt ſeien; auch wie ſie ein beſonderes Gefallen an der„jungen Dame“ gefunden und dieſelbe ſtatt ihrer ge⸗ wohnten Pflegerin am Bette behalten habe; wie Tantchen, durch die Stille im Zimmer anfänglich beruhigt, dann geäng⸗ ſtigt, ſich endlich hineingewagt und geſehen habe, was ge⸗ ſchehen war.„Die arme junge Dame lief mitten in der Nacht auf und davon,“ fügte ſie hinzu;„wir merkten es gar nicht in unſerem Jammer; und zu verwundern iſt's auch nicht, daß ſie den Kopf verlor, ſie hat den Tod wol noch nie ſo nahe geſehen, die arme liebe Kleine. Ich hoffe doch, daß der Schreck ihr nichts geſchadet hat?“ „O nein,“ ſagte Mrs. Euſtwood,„nur ihre Nerven ſind gewaltig erſchüttert. Sie kam gleich nach Hauſe. Das war auch das Beſte, was ſie thun konnte.“ — „Das Beſte, in der That,“ ſtimmte die Tante bei. „Und glauben Sie mir, Madame, in all dem Aufruhr habe ich wahrhaftig erſt heute an die arme junge Dame wieder gedacht. Gott Lob, daß ſie in Sicherheit iſt, denn es iſt genug Unheil ſchon in unſerm Hauſe. Möge das Niemand mehr widerfahren! Ach, die arme Kleine! So einen raſchen Tod mit anſehen zu müſſen, iſt etwas Schreckliches, ſo was vergißt man nicht wieder.“ „So iſt es auch,“ beſtätigte die Mutter.„Ich habe ſie krank verlaſſen, ihre Nerven ſind furchtbar zerrüttet. Aber was für eine entſetzliche Nacht mag das für Sie geweſen ſein!——“ „O, Madame, da haben Sie recht,“ rief die arme Tante ſchluchzend.„Ich habe meine Manda von kleiſk auf gepflegt, habe ſie geliebt wie Niemand, ihren Vater ausgenommen, der den Fußboden hätte küſſen mögen, den ſie betrat. Sie ſieht ſchön aus wie ein Engel,“ ſagte das treue Geſchöpf,„niemals in ihrem ganzen Leben hat ſie ſo ſchön ausgeſehen wie jetzt. O Madame, Sie ſind die Mutter des jungen Herrn, Sie haben ein weiches Herz, kommen Sie mit hinauf und ſehen Sie unſern Engel einmal an.“ Und die Mutter folgte ihr hinauf und weinte in tiefem Mitleiden aus Herzensgrund über der ſchönen Leiche, weinte auch im Gefühl der Erleichterung, denn 8 143 Innocenzia's thörichte Ideen zerfloſſen in Nichts vor den einfachen Thatſachen, die ihr mitgetheilt wurden. Und Batty und ſeine Schwägerin fühlten ſich hoch geehrt und über allen Ausdruck geſchmeichelt und getröſtet durch dieſe Kund⸗ gebung echten Gefühles bei der ſtolzen Schwiegermutte Amanda's. Das ſei doch eine wirkliche vornehme Dame, ſagten ſie zu einander, und als ſie mit verweinten Augen wieder herunter kam und die Stimme noch vor innerer Bewegung bebte, da waren ihr die Herzen aller Hausgenoſſen in dankbarer Verehrung unterthan. Als Mrs. aſtwvod wieder in das Wohnzimmer kam⸗ † fand ſie dort Miß Vane, die ihrem Verſprechen gemäß 5 Innocenzia hatte abholen und Mrs. Frederick eine Staats⸗ viſite machen wollen. Sie erfuhr ſofort, was geſchehen war, und äußerte ihre Verwunderung über Innocenzia's Fortlaufen in ſehr energiſcher Weiſe. „Mitten in der Nacht davonzulaufen,“ ſagte ſie, verzeihen Sie mir, wenn ich es gerade herausſage, das iſt mindeſtens höchſt ſonderbar!“ „Es iſt auch ein ſonderbares Kind,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Sie iſt über die Maßen erſchrocken und dachte nur daran, nach Hauſe zu kommen.“ „Das iſt nichts deſtoweniger ſonderbar. Sie hätte fich lieber nützlich machen ſollen. Ein junges Mädchen ſollte nicht mitten in der Nacht fortlaufen. Ich muß meinem 144 Bruder darüber ſchreiben, damit er erfährt, daß ſie nicht mehr bei mir iſt. Er wird ſehr erſtaunt ſein. Ich bin nur froh, daß ſie bei Ihnen in Sicherheit iſt,“ ſagte Miß Vane ſcharf,„denn es iſt gefährlich, ein Mädchen um gich zu haben, die ſo etwas zu thun im Stande iſt.“ „Sie verkennen unſre arme Innocenzia,“ ſagte die Mutter,„ſie iſt nicht wie andre Mädchen——“ „Das ſcheint mir auch ſo,“ entgegnete die Andere. „Ich hatte ſie eigentlich ganz gern. Manches an ihr gefiel mir recht gut, aber wenn ein Mädchen ſich ſo vom Augenblicke leiten läßt, das iſt doch bedenklich. Doch— ich ſollte Ihnen mein aufrichtiges Bedauern bezeigen, Mrs. Eaſtwood. Wie ſchmerzlich trifft dieſer Verluſt Ihren— Ihren Sohn!“„ „Es war ein harter Schlag,“ erwiederte ſie. Sie hätte laut weinen mögen, ſo angegriffen waren ihre Nerven. Miß Vane betrachtete Frederick's Mutter mit ſcharf kritiſirenden Blicken. Wol war es natürlich, einen ge⸗ wiſſen Grad von Wärme bei ſolcher Gelegenheit zu zeigen, aber that nicht dieſe Frau, als habe ſie in ihrer Schwieger⸗ tochter eine wahre Perle verloren, während doch alle Welt wußte, wie unglücklich ſie über die Wahl ihres Sohnes geweſen war? Sie machte im Stillen nicht ſehr vortheilhafte Bemerkungen über die verweinten Augen der 145 armen Mutter.„Ich habe Mrs. Frederick nie geſehen,“ ſagte ſie trocken.„Sie ſoll ſehr ſchön geweſen ſein, wie man ſagt.“ Es entſtand dann eine Pauſe; keine der Damen wußte, was ſie ſagen ſollte. Allerdings wurde ſich Mrs. Eaſtwood erſt jetzt klar, wie auffällig es erſcheinen mußte, daß ſie hier im Hauſe des ihr ſo unangenehmen Mannes gewiſſermaßen die Honneurs machte. Aber was konnte ſie zu ihrer Rechtfertigung ſagen? Sollte ſie Innocen⸗ zia's Verwandte, die ohnehin ſchon mißtrauiſch und un⸗ zufrieden über deren Flucht war, noch tiefer in ihre Be⸗ fürchtungen einweihen? Als die Pauſe endlich peinlich lang geworden war, ſagte ſie ſchnell:„Wenn die arme Kleine nicht durch den Schreck ſo ganz aus aller Faſſung gekommen wäre, ſo würde ſie mich gewiß beauftragt haben, Ihnen Alles zu erklären. Aber ſie iſt ſo jung, und der Tod trat ihr nie ſo nahe, ſie iſt ſo empfindſam, ſo phan⸗ taſtiſch——“ „Halten Sie ſie für phantaſtiſch? Sie ſieht ſo aus — aber ich fand ſie eigentlich mehr proſaiſch—“ ſagte Miß Vane, die ſich dagegen ſträubte, dieſem, wie es ihr ſchien, weichlich ſentimentalen Weſen nachzugeben. Mrs. Eaſtwood mußte einen anderen Weg einſchlagen. „Ich reiſe heute Nachmittag wieder zurück,“ ſagte ſie;„das arme Kind hatte mir einen ſo wirren Hliphant, Innocenzia. MI. 10 146 Bericht gegeben, daß ich um meinen Sohn in Sorge war.“ „Iſt der auch phantaſtiſch?“ frug Miß Vane. „Er iſt mein Sohn,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, und eine flüchtige Röthe des Verdruſſes färbte ihre blaſſen Wangen,„natürlich galten ihm meine erſten Gedanken. Nun kehre ich zu meinem andern armen Kinde zurück.“ „Allerdings eine ſehr anſtrengende Tour für Sie,“ ſagte die Fremde, und die Damen verabſchiedeten ſich von einander mit keineswegs freundlichen Geſichtern und Ge⸗ ſinnungen. Wäre doch der Bruder hier geweſen anſtatt der Schweſter! dachte Mrs. Eaſtwood. Wie oft hatte ſie ihn herbei gewünſcht in dieſen Tagen der Qual und Angſt! Er war der Einzige, dem ſie ihr ſchwerbedrücktes Herz hätte öffnen können. Nur er vermochte ihr klar und verſtändig zu rathen. Selbſt zu Frederick fehlte ihr das rechte Vertrauen, ſie wagte nicht, ihm Innoeenzia's wahnſinnige Einbildung, denn das konnte es doch nur ſein, mitzutheilen. Und doch wie furchtbar klar, wie entſetzlich lebhaft war dann die Täuſchung geweſen, die das un⸗ glückliche Mädchen noch immer gefangen hielt! Nelly und Alice waren die einzigen Mitwiſſenden, und auf deren Verſchwiegenheit konnte die Mutter bauen. Mit einer gewiſſen Zaghaftigkeit vermied ſie es, an jene Lauſcherin zu denken, deren niedriger Bildungsgrad einer — 147 Erklärung wie die, daß das Ganze nur auf Sinnes⸗ täuſchung beruhe, nicht zugänglich war. Die Erfahrung lehrt nur zu gewiß, daß Nichts verborgen bleiben kann, was ein Unbetheiligter mit angehört oder angeſehen hat; und wenn nun eine Frage, eine Unterſuchung gar daraus entſtände, was ſollte ſie anfangen? Niemand war da, dem ſie ſich anvertrauen konnte, weder Ernſt Molyneux noch ihr eigner Sohn. Nein, in der eigenen Bruſt mußte das Geheimniß verſchloſſen bleiben. Immer aber drängte ſich der Gedanke an John Vane wie ein Troſt in ihr gequältes Herz. Auf der ganzen Welt war er wol der Einzige, der ihr eine Stütze ſein konnte, wenn die Noth⸗ wendigkeit einer ſolchen ihr nahe treten ſollte. Miß Vone ihrerſeits entfernte ſich kopfſchüttelnd. „In dieſer Sache iſt etwas Unerklärliches,“ ſagte ſie zu ihrer Begleiterin, die ſie vor der Thüre im Wagen er⸗ wartete.„Innocenzia hat ihren Widerwillen gegen Mrs. Frederick ſtets ſo offen eingeſtanden, und ſo ſchweigſam ſie ſonſt war, hierbei konnte ſie ganz lebhaft werden. Mir gefällt dies Fortlaufen nicht.“ „Das arme Kind! Sie iſt ſo aufrichtig und ehrlich,“ ſagte„die Schweſter“ Emily, auf die des Mädchens frommer Sinn einen tiefen Eindruck gemacht hatte,„ſie ſagte ſtets, wie ſie es meinte.“ „Aufrichtig? Ehrlich? Nun ja, wie man es nimmt,“ 10* 148 ſagte Miß Vane,„aber nur wenige Menſchen mögen ſolche Aufrichtigkeit auch in Rückſicht auf ſich ſelbſt an⸗ wenden. Ich begreife nicht, weshalb Innocenzia den Tod der ihr verhaßten Frau ſich in ſolcher Weiſe zu Gemüthe gezogen hat, daß ſie faſt den Verſtand darüber verliert. Verlaſſen Sie ſich darauf, da ſteckt mehr da⸗ hinter, als wir jetzt ſehen können. Ich werde noch heute meinen Bruder von Allem in Kenntniß ſetzen.“ Zehntes Kapitel. Wirren. Das war ein entſetzlicher Tag für die arme Mutter und Nelly geweſen, als Innocenzia wieder heimgekehrt war. Dieſe hatte ſich wol durch die beſtändige Anweſen⸗ heit der Tante und Relly und unter der ſorglichen Pflege der alten Alice etwas beruhigt und erholt, aber ſie durften ſie auch keinen Augenblick allein laſſen. Man hatte ſie auf ihr dringendes Bitten wieder in das kleine Stübchen neben Nelly's Zimmer gebracht, und da lag ſie auf dem Bette ausgeſtreckt und hielt die Hände der Ihrigen immer krampfhaft feſt. Wenn dieſe bei ihr waren, war ſie ruhig, aber ſobald ſie nur einmal allein war, ſchrie ſie über die ſie verfolgenden Augen, über die ſie packende Todtenhand. Bisweilen ſchlummerte ſie zwar, aber immer während des leichten Schlafes ſprach und zählte ſie und auf einmal fuhr ſie mit einem 150 wilden Schrei empor und wußte nicht, wo ſie war. Mutter und Tochter hatten die Reiſe nach Sterborne als durchaus nothwendig verabredet, während Innocenzia ſchlief, und ſie Beide am Kamin ſaßen.„Wir müſſen durchaus klar ſehen in dieſer Sache und wiſſen, was unſer wartet,“ ſagten ſie. O vor welchem Abgrund von Jammer und Leid ſahen ſich die beiden Frauen jetzt ſtehen! Denn keine zweifelte an Innoeenzia's Schuld. Sie fühlten, daß nichts als die Wirklichkeit eine ſolche Erſchütterung in dem armen Kinde hervorgebracht haben könne, und wie wäre es denn auch möglich geweſen, überhaupt auf eine ſolche Idee zu kommen? Sie hatte keine lebhafte Phantaſie, ſie kannten ja dieſen Mangel an ihr. Die einzige Erklärung ihres Zuſtandes war und blieb immer die: es iſt wahr. So reiſte denn Mrs. Eaſtwood mit ſchwerem Herzen ab, ohne zu wiſſen, was unter der Zeit wieder geſchehen konnte, oder in welchen Aufruhr, in welche wilde Verwirrung ſie ſich hineinbe⸗ gab. Wir wiſſen, wie ſie dort Alles fand und wie vorſichtig ſie bemüht war, den Stand der Dinge klar zu durchſchauen. Sie war feſt entſchloſſen geweſen, ihr Kind bis zum letzten Blutstropfen zu vertheidigen, aber wenn ſie nun wirklich ſchuldig war, dies Sorgenkind, das ſie an ihr treues Herz genommen, was dann? Qualvoller noch wie der Mutter vergingen der * 151 armen Nelly die Stunden ihres Alleinſeins mit der Un⸗ glücklichen. Zum Gluͤck war Alice noch da, aber auch dieſe ſchien durch das furchtbare Ereigniß anfangs geängſtigt und verſtört zu ſein. Sie hielten ſich in dem Zimmer der armen Innocenzia wie verſchanzt; bald riegelten ſie die Thüre zu, bald wieder auf, um ja keinen Verdacht zu erwecken. Bei jedem Geräuſch fuhren ſie empor, immer mit der Todesangſt, die Gerichte könnten kommen und das arme Kind wegführen wollen. Wagen fuhren vor, Beſuche kamen und wurden abgewieſen, jedoch in vorſichtig geſtellten Worten, um jeden Ver⸗ dacht abzulenken, wenn er überhaupt exiſtirte. Am Morgen war Frederick's kurze Anzeige von dem Tode ſeiner Frau und das Telegramm mit der Frage nach Innocenzia angekommen; ſo fühlte ſich denn Nelly durch⸗ aus gerechtfertigt, wenn ſie die Vorhänge und Läden ſchloß und die Beſucher abwies. Wohl aber machte ſich das Dienſtmädchen, das Innocenzia's Bekenntniß mit angehört hatte, beſtändig etwas bei ihnen zu ſchaffen. Sie meldete jeden Beſuch an und hielt, wie es wenigſtens der armen Nelly vorkam, ihre miß⸗ trauiſchen Blicke immer auf die Kranke gerichtet. Sie ſprach kein Wort darüber, aber ihr ganzes Weſen zeigte eine dreiſte Neugier, die der geängſtigten Nelly das Blut in den Adern gerinnen ließ. Sie verſuchte durch freund⸗ 152 liche Reden dem mürriſchen Mädchen ein Lächeln abzu⸗ gewinnen, aber vergebens. Dieſe hatte nichts von dem vergeſſen, was ſie gehört, ſie glaubte auch nicht an Sinnestäuſchung und wie die Worte alle heißen mochten, die ihre Herrſchaft, um ſie„dumm“ zu machen, gebraucht hatte. Der rohen Natur liegt die grauſame Thatſache immer am nächſten. Innocenzia ſelbſt war elend und ruhelos, weniger verſtört wie geſtern, ſogar lebhaft wie noch nie. Sie ſchwatzte beſtändig, was doch ganz gegen ihre Ge⸗ wohnheit war. Nelly durfte ſie keinen Augenblick ver⸗ laſſen und wagte es auch nicht, denn immer kehrte das Geſpräch zu dem einen ſchrecklichen Punkte zurück. Und wenn Jemand dies wirre Geplauder gehört hätte! „Werde ich dieſe Augen mein Lebelang ſehen müſſen?“ ſchrie ſie und klammerte ſich angſtvoll an Nelly an.„Sie ſtarrte mich an und ließ die Augen nicht von mir ab. So, ſo— o die Augen waren fürchterlich! Sie ſah mich noch an und doch war ſie todt. O denke nur! Sie war todt— und ich habe ſie todt gemacht———“ „O ſtill, Innoeenzia,“ rief das gequälte Mädchen, die ihre Thränen kaum zurückhalten konnte,„ſage das nicht! Selbſt wenn es ſo wäre, ſo haſt Du's doch nicht 153 gewollt. Es war ein Zufall, ſie that es ſelbſt,— nicht Du.“ „Aber ich wünſchte ihren Tod,“ ſagte die Kleine, das bleiche Geſicht mit tiefem Ernſt zu ihrer Coufine erhebend, „ich habe es gewünſcht.“ „Aber nicht auf dieſe Weiſe, Innocenzig. Du kannſt ja Niemand weh thun, das weiß ich. Ich bin überzengt, daß Du nichts Böſes im Sinne hatteſt. O, Du mußt nicht ſo ſprechen,“ rief ſie laut weinend und lehnte ihren müden Kopf an das Bett. Wie fühlte ſie in dieſem Augenblicke ihre gänzliche Verlaſſenheit! Ihre Mutter war nicht da und ſie hatte Niemand, dem ſie ſo wie ihr vertrauen durfte. O, wäre Ernſt noch das, was ſie früher in ihm geſehen oder von ihm erwartet hatte, könnte ſie zu ihm ſchicken, um bei ihm Troſt, Rath und Hülfe zu finden wie ſonſt eine Braut bei ihrem Ver⸗ lobten! Sie mußte im Gegentheile beten, daß nur Ernſt jetzt nicht kommen, nur jetzt ſie nicht in dieſer Qual banger Zweifel ſehen oder das entſetzliche Ge⸗ heimniß des Hauſes ahnen möchte. Er hatte kein Hers für die Familie, obgleich er Nelly zu lieben vorgab. So durfte auch die Ehre und der gute Name des Hauſes nicht ſeinen Händen anvertraut werden. Und ſo ſchleppte ſich der ſchreckliche Tag hin. Nelly war vielleicht noch ſchlimmer dran als Innocenzia, denn 154 dieſe konnte ſich auf ihre Couſine ſtützen, während dieſer Niemand zur Seite war. Aber ſie hielt ſich tapfer auf⸗ recht, wenn auch nit einer Empfindung bitteren Weh's, die ſie bisher nie gekannt. Ungefähr um ſieben Uhr, zur gewohnten Eſſenszeit— und Nelly hatte nichts ver⸗ ſäumt, ſchon der Dienſtboten wegen, um das Mittags⸗ eſſen bereit zu halten, kraf Mrs. Eaſtwood wieder ein. Glücklicherweiſe waren die Frauen jetzt allein, da Plan⸗ tagenet wieder auf die Univerſität und Dick zu einem Freunde zu Beſuch gegangen war.„Gott Lob, daß die Jungen fort ſind!“ war auch einer der erſten Aus⸗ rufe der Mutter geweſen, als das Unglück geſchehen war, und wie oft ſchon hatte die Tochter ſeitdem dasſelbe geſagt und gedacht! Gott Lob, daß ſie nicht da waren! Athemlos, ſprachlos ſtürzte Nelly der An⸗ kommenden ſchon auf der Treppe entgegen, denn ihr war, als hinge auch für ſie ſelbſt Leben und Tod von dem erſten Blick in das Geſicht der Mutter ab. Lichter brannten auf dem Vorſaal und das Stubenmädchen ſtand ſchon mit dem Reiſeſacke ihrer Herrin da, lauſchend, mißtrauiſch mit jedem Blicke ihre Herrſchaft verfolgend. Mrs. Eaſtwood war todtenblaß, aber ruhig. Sie um⸗ armte ihr Kind. „O Nelly, Gott ſei ewig Dank!“ rief ſie. 3 155 „Alſo es war Täuſchung, bloße Einbildung— es iſt nicht wahr?“ Unfähig ſich länger aufrecht zu halten, ſank Nelly auf einen Stuhl. Sie war tapfer geweſen bis jetzt, nun aber ſchwand ihre Kraft, der Kopf ſchwindelte ihr, ſie konnte kaum der Mutter liebe Züge erkennen. Sie fühlte, die Beſtätigung ihrer Furcht wäre auch für ſie der Todesſtreich geworden. „Es iſt bloße Sinnestäuſchung, aufgeregte Phan⸗ taſie,“ verſicherte Mrs. Eaſtwood.„Es iſt nicht der ge⸗ ringſte Grund vorhanden, auf den ſich ihre wahnſinnige Idee ſtützen könnte, nur daß ſie allein mit der armen Amanda war, als der letzte Kampf eintrat. Nelly, mein Herzenskind, Du biſt ſo blaß! Du haſt Dich übernommen.“ „Du auch, Mama!“ „Ich bin müde, aber auch ſeelenfroh und dankbar. O Gott, mir ſcheint es faſt ſündhaft, daß wir uns freuen, und der arme Mann beweint ſein einziges Kind.“ „Mr. Batty?“ frug Nelly. Dieſer Name brachte ſie ſofort in die Alltagswelt zurück.„Iſt der wirklich ergriffen?“ „Sie war ſein einziges Kind,“ ſagte die Mutter „. mit leiſem Vorwurf. 156 „Und Du haſt Dich von Allem überzeugt?“ „Ich habe Alles gethan, mich bei Allen erkundigt. Selbſt die Dienſtboten ſtimmen darin überein, daß Angſt und Furcht ſie fortgetrieben habe.“ „Gott ſei Dank!“ So natürlich dieſe Unterredung auch war,— ſo bezweifle ich doch, daß ſie unter anderen Verhältniſſen auf dem Vorſaal und vor Jeanettens Ohren geführt worden wäre, hätte nicht Mrs. Eaſtwood dadurch zu⸗ gleich den Verdacht bei dem Mädchen auf der Stelle beſeitigen wollen. Aber das Abſichtliche dieſes Ver⸗ fahrens fiel ſelbſt dieſer auf, ſie meinte, die Herr⸗ ſchaft thue das nur, um ſie zu täuſchen.„Als ob ich mir ſo leicht was weiß machen ließe,“ murmelte ſie vor ſich hin,„als ob die mich blind machen könnten!“ Unterdeſſen ſtarrte Innocenzia mit brennenden Augen nach der Thür, durch welche ihre gütigen Pflege⸗ rinnen eintreten mußten. Die alte Alice ſaß an ihrem Bette, hielt ihr den fieberheißen Kopf, ſtrich ihr die wirren Locken aus der Stirne und ſagte nur bisweilen:„Armes, armes Lamm!“ Das Herz der alten Frau war vor Mitleid ganz weich geworden. Sie glaubte wol nicht vollſtändig an In⸗ nocenzia's Bericht, aber ſie traute auch der Rechtfertigung 4 157 nicht ganz, die Mrs. Eaſtwood brachte. Sie hielt die Hand des armen Kindes und ſah es mit weichen, zärt⸗ lichen Blicken an.„Du armes Lamm!“ wiederholte ſie. Ihr war dieſes Kind immer wie ein armes verirrtes Schäfchen vorgekommen, und ſo wunderte ſie ſich auch gar nicht, wie die anderen Alle, daß ihre unſicheren Schritte ſie in Tod und Verderben geſtürzt hatten.„Ich hoab's geahnet, daß noch etwas Schweres über ſie kommen würde,“ hatte Alice geſagt, und ihre Ruhe wirkte wohl⸗ thuend bei der allgemeinen Aufregung der Gemüther. Jetzt überließ ſie ihren Platz an Innocenzia's Seite ihrer Herrin, ohne ſich jedoch ſo aufgeregt zu zeigen, wie Nelly dies gethan hatte; ihre Augen aber hingen an dem einen Weſen, auf deſſen Wahrhaftigkeit ſie Alle bauen durften. Mrs. Eaſtwood warf ſich lachend und weinend neben das Bett der Leidenden auf die Knie. Sie küßte das blaſſe Geſicht immer und immer wieder voll Zärtlichkeit und ſchluchzte endlich:„Verſcheuche alle die böſen Gedanken, mein theures Kind, mein Lieb⸗ ling! Jage ſie weg aus Deinem Köpfchen! Du biſt ſo unſchuldig wie Dein Name, Innocenzia. Du haſt gar nichts, gar nichts mit dem Unglück dort zu thun gehabt. Verſtehſt Du mich, Kind? Du haſt Nichts damit zu ſchaffen. Alles was Du gethan haſt, war Güte und Liebe, kein Unheil haſt Du ihr gebracht.“ 158 „Alſo iſt ſie nicht todt?“ rief Innocenzia mit einem Freudenſchrei. „Sie iſt todt, aber nicht Dein iſt die Schuld. O, mein Kind, bemühe Dich, mich recht zu verſtehen, be⸗ mühe Dich, mir zu glauben, Du biſt ſchuldlos. Sie ſtarb an einem Herzfehler, an dem ſie ſeit ihrer Jugend gelitten, und nicht etwa durch das, was ſie eingenom⸗ men hat.“ „Ach, ich habe es ihr aber doch gegeben,“ ſagte das Mädchen, traurig in die Kiſſen zurückſinkend.„Ich war ja dabei, ich weiß es. Du und Ihr Andern könnt es ja nicht wiſſen. Ich gab es ihr und ich allein weiß es.“ „Aber, Innocenzia, höre mich doch. Ich habe Alle ge⸗ ſehen und geſprochen, auch den Arzt, der es doch am Beſten wiſſen muß. Er verſichert mir, daß er ſeit Jahren ſchon ihren Tod, ihren plötzlichen Tod voraus⸗ geſagt habe. Mr. Batty wußteßes auch. Innocenzia, Du hörſt nicht auf mich, Du biſt nicht aufmerkſam auf das, was ich Dir ſage.“ „Ich war dabei,“ ſagte ſie beharrlich.„d, ſei nicht böſe. Ich gab mir alle Mühe, richtig zu zählen. Zwei⸗ mal goß ich's fort, weil es zu viel war; das drittemal aber— o, wer kann das ſo gut wiſſen als ich? Niemand war dabei,— ſie lag im Bett und ich ſtand und ſah ſie an. Und dann wurde ſie auf 159 einmal ſtill, ſtill und machte die Augen weit auf und ſah mich an. Sie wußte, daß ich's gethan hatte. Außer uns Beiden kann es Niemand wiſſen. O, wenn Ihr barmherzig wäret, ſo machtet Ihr mich auch todt!“ „Innocenzia, Innocenzia! Mein Gott, ſie wird wahnſinnig,“ rief die Mutter weinend. Da ſtand ſie nun vor dem armen Kinde und fühlte ſich unfähig, deſſen feſt eingewurzelte Ueberzeugung zu erſchüttern. Nichts war im Stande, ſie davon abzubringen, obgleich Mrs. Eaſtwood feſt davon überzeugt war, daß der Be⸗ richt, den ſie bei Batty gehört, die Wahrheit und Inno⸗ cenzia's Einbildung nur Fieberwahn ſei. „Ueberlaſſen Sie ſie mir jetzt, Madame,“ ſagte die alte Alice.„Sie wird nun ruhiger werden und vielleicht einſchlafen. Sie glaubt es noch, aber ſchon iſt der erſte Schrecken überwunden. Holen Sie ihrer Mama ſchnell ein Glas Wein und etwas zu eſſen, Miß Nelly, und laſſen Sie ſie ausruhen. Ich will für das arme Lämmchen ſorgen, es wird ſchon ruhiger in ih „Aber, Alice, glaube mir, es iſt keine Idee davon, es iſt kein Wort davon wahr——“ „Ich möchte das doch nicht ſagen,“ antwortete die Alte ernſthaft;„etwas Wahrheit iſt allezeit im Kinder⸗ mund. Das arme Lamm! Es hat ihr ſchwer auf dem Herzen gelaſtet. Etwas muß daran ſein, und wäre es 160 auch nur ein böſer Gedanke, denn ſonſt klammerte ſich ihr Geiſt nicht ſo hartnäckig an die grauſe That. Mag ſein, die Hand hat gebebt— und der Gedanke war da. Das genügt, um ſ ei ein rmes wernichten.“ „Es iſt nichts al Tauſchung⸗— aber die alte Alice blieb oßſſchüttend bei ihrer Anſicht. Dieſer Verdacht der bewährten Dienerin legte ſich wie ein Alp auf die eben erleichterten Herzen der armen Frauen. Er ſtörte ihren Glauben, ihre Sicherheit. „Was Alice da ſagt, iſt Unſinn,“ ſagte die Mutter, als ſie in den Speiſeſaal gingen.„Es iſt doch ſo klar wie Tageslicht, daß das arme Kind aus Furcht halb wahnſinnig geworden iſt. Allein mit einer Leiche! Bei der ganzen Sache iſt gar nichts Auffallendes. Es iſt reine Sinnestäuſchung, nichts weiter. Du biſt doch auch meiner Anſicht, Nelly?“ „Gewiß, Mama,“ entgegnete die Tochter mit Wärme. „Ich wußte längſt, daß es ſich ſo aufklären würde.“ Aber doch war in den Stimmen der Beiden, die ſich ſo gegenſeitig aufzurichten ſtrebten, ein leiſes Beben bemerkbar, welches vorher nicht da geweſen, als ſie froh und glücklich über die guten Rachrichten in Irnei Stube getreten waren. Nachdem ſie zum erſtenmal ſeit jenem Schreckens⸗ * 161 tage ordentlich gegeſſen hatten, denn bis dahin war eine Taſſe Thee die einzige Erquickung für ſie geweſen, ſaßen Mutter und Tochter wol über eine Stunde noch bei⸗ ſammen. Kummer und Sorge erfüllte ihre Herzen, und ſelbſt der wiederholte ausführliche Bericht, den Mrs. Eaſt⸗ wood von ihrer Reiſe nach Sterborne abſtattete, vermochte nicht völligen Troſt oder nachhaltige Beruhigung zu bringen. Noch ehe jedoch die Erzählung ganz zu Ende war, ertönte Ernſt Molyneur' wohlbekanntes Klopfen an der Haus⸗ thüre. Die Mutter fuhr zuſammen und erhob ſich raſch. „Ich bin nicht im Stande, irgend Jemand heute Abend zu ſehen,“ ſagte ſie.„Du kannſt Ernſt ſagen, daß ich müde bin, liebes Kind, und, Nelly— ich hindre Dich nicht, glaubſt Du darin einen Troſt zu finden, ſo ſage es ihm, aber ja nicht mehr als eben nöthig!“— Die Mutter eilte hinweg und ließ Nelly allein, um ihren Verlobten zu erwarten. So kam alſo doch noch nach ſo viel Stürmen eine Empfindung der Freude in das Herz des armen Mädchens? Dürfen wir es glauben? Der junge Molyneur pflegte, wenn er von einem Schmauſe oder einer Clubgeſellſchaft kam, oft noch ſpät bei ſeiner Braut vorzufragen; ſo auch heute. Er hatte ein glänzendes Diner mitgemacht und erſchien in feinſter Toilette, noch ganz mit der Miene eines Geſellſchafts⸗ menſchen. Und hier fand er Nelly im einfachen Haus⸗ Oliphant, Innocenzia. III. 11 162 kleide, bleich, zitternd, kurz ein ganz anderes Weſen, als ſeine etwas aufgeregte Phantaſie erwartete. „Halloh, Nelly,“ rief er, indem er ſie mit unver⸗ ſtelltem Mißvergnügen betrachtete,„was ſoll denn das heißen? Nicht einmal zum Eſſen haſt Du Dich um⸗ gekleidet?“ Ihm war das fürchterlich. Mein Himmel, wenn ſie das jetzt ſchon that, wie ſollte das erſt in Zu⸗ kunft werden! Er dagegen ſo fein!— Und ſie ſah ihn nicht einmal bewundernd an! Dafür warf er ſich aber ſelbſt einen Blick in dem Spiegel zu. Wie ſchön hatte er ſich gemacht, mit den feinen Spitzenmanſchetten, der blüthenweißen Wäſche und der Blume im Knopfloch! Es war doch recht verdrießlich, daß ſie dafür gar kein Auge hatte. „Ich habe mich allerdings heute nicht umkleiden können,“ ſagte ſie haſtig,„Innocenzia iſt krank, und ich bin den ganzen Tag bei ihr geweſen. Du haſt wol noch nicht von unſerm Unglück gehört? Mama iſt heute Morgen in Sterborne geweſen——“ „In Sterborne? Ich denke, Innocenzia iſt dort, und Du ſagſt mir doch eben, Du ſeieſt den gen Tag bei ihr geweſen?——“ „Ernſt,“ unterbrach ihn Nelly,„Fredericts ge iſt ren——“ „Frederick's Frau?“ 163 „Ja, Sonnabend Nacht. Innocenzia war, ſo ſcheint es, zugegen. Ich glaube, ſie ſah ſie ſterben, und das hat, das— hat ihren Verſtand ganz verwirrt.“ „Nun, da gab's nicht viel zu verwirren,“ ſagte der junge Mann leichthin.„Aber was ſoll das Alles? Mrs. Frederick iſt todt? Du wrillſt mich doch nicht glauben machen, als hätte Dich dieſer Fall ſo an⸗ gegriffen, daß Du Dich ſo vernachläſſigen mußteſt? Du haſt Dir ja doch nie etwas aus ihr gemacht.“ „Nein,“ ſagte das Mädchen und blickte geſpannt in ſein Geſicht,„aber wenn Jemand ſo plötzlich ſtirbt, — ſo— iſt das doch immer ein harter Schlag.“ Sie brauchte dies Wort faſt mechaniſch, nur um ihre eigentlichen Empfindungen dahinter zu verbergen. O, hätte er nicht in den lieben, wehmüthigen Augen die Geſchichte ihrer Leiden leſen können, leſen müſſen? Aber ach, er hatte kein Augen dafür. „Was, ein harter Schlag?“ ſagte er verächtlich. „Natürlich würdet Ihr nie etwas dazu gethan haben, aber im Grunde iſt's doch ſehr ſchön von der Vor⸗ ſehung, Euch von der Laſt zu befreien. Du ſollteſt wahrlich dankbar ſein. Aber der Frederick iſt doch ein Glückspilz, das muß wahr ſein. Der erreicht Alles, er gelangt in den Beſitz ſeiner Schönen, und eben da ſie 11* 164 anfängt, ihm unbequem zu werden, da kommt irgend ein Schnupfen und holt ſie weg.“ „Das nennſt Du Glück?“ rief das junge Mäd⸗ chen empört.„Ich glaube doch, er hat ſie geliebt.“ „Na, das hat er wol ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr gethan, darauf kannſt Du Dich verlaſſen,“ ſagte Ernſt. „Nun aber Nelly, erhole Dich von Deinem— Schlag! Mrs. Frederick's Tod kann doch unmöglich einen ſo tiefen Eindruck auf Dich gemacht haben, daß Du aus⸗ ſiehſt, als könnteſt Du bei jedem Worte anfangen zu weinen.“ „Ich glaube kaum,“ ſagte ſie mit einem gezwungenen Lächeln. Die Thränen waren ihr nahe, aber nicht wegen der todten Schwägerin, nein, um anderer Dinge willen, die er nicht errieth. „Angenehm iſt es freilich nicht für einen Mann, der den weiten Weg hierher gemacht hat, wenn er in dieſer Weiſe empfangen wird!“ fuhr Molyneux fort. „Ich bin gewiß nicht Einer, der ewig tadelt, das weiß der Himmel, aber weil Du mir ſo werth und theuer biſt, ſo ſollte ich meinen, müßteſt Du auch etwas Rückſicht auf mich nehmen, wie, Nelly? Ein dunkles, altes Kleid, rothe Augen, die Lampe niedrig geſchraubtund— gar noch ein altes Präſentirbret auf dem Tiſche! Großer Gott, in was für einen Schlendrian Ihr Frauen doch — 165 verfallt, wenn Ihr Euch ſelbſt überlaſſen bleibt! Und nun weinſt Du noch gar? Nelly, auf mein Wort, ein ſolches Benehmen habe ich nicht verdient——“ „Ich habe Sorgen und bin betrübt, Ernſt,“ ſagte das arme Mädchen.„Du weißt das nicht und kannſt mich deshalb nicht verſtehen. Ich will Dich auch nicht mit Dingen langweilen, die Dich nicht intereſſiren. Wenn Du wiederkommſt, will ich ſchon heiterer ſein. Es iſt auch ſehr thöricht von mir zu weinen.“ Der junge Mann ſchritt ungeduldig auf und nieder. Jetzt war es an der Zeit, ſeiner künftigen Gattin eine ernſte Vorleſung zu halten, meinte er. „Ich wünſchte, Du dächteſt immer daran, liebes Kind, daß weder Dein noch mein Leben ſich zwiſchen dieſen vier Wänden abſpielen ſoll. Du ſollteſt doch wahrhaftig an etwas Anderes denken, als an das, was hier vorgeht. Und ich kann nun einmal in Mrs. Frederick's Tod keinen Grund zu Thränen finden—“ „Aber Innocenzia iſt dabei betheiligt,“ ſagte Nelly ſchüchtern, in dem richtigen Gefühl, daß er es doch ein⸗ mal erfahren müſſg„Innocenzia iſt— ſehr— krank, ja beinahe wahnſinnig.“ „Unſinn! Innocenzia? Wenn Du davon anfängſt, laufe ich gleich davon. Das muß ich Dir ſagen, Nelly, Ihr macht viel zu viel Weſens von dem Mädchen!“ 166 Und das war der ganze Erfolg von Nelly's ſchwachem Verſuche, den Verlobten in ihre Kümmerniſſe einzu⸗ weihen und bei ihm Troſt zu ſuchen. Er ging bald darauf fort, ärgerlich über die Albernheit der Frauen. Das arme Mädchen aber weinte ſich erſt noch recht aus, ehe ſie zu der Mutter hinaufging, um ſich mit ihr in die Nachtwache bei Innocenzia zu theilen. 6 Elftes Kapitel. Innorenzias Geſtändniß. Auf dieſe Zeit entſetzlichſter Aufregung folgte eine lange ängſtliche Stille. Innocenzia war gefährlich krank geworden. Sie lag viele Wochen an einer Krankheit darnieder, der ſelbſt die Aerzte keinen rechten Namen zu geben wußten.„Sie muß ohne Zweifel eine heftige Gemüthsbewegung gehabt haben,“ ſagte der Doctor, aber weiter reichte ſeine Kenntniß nicht. Nur allmählich erholte ſich das junge Leben wieder. Sie unren Alle ſo gut und liebevoll gegen ſie. Inzwiſchen war auch Frederick wieder nach Hauſe zurückgekehrt und hatte ſich hier von Neuem eingerichtet. Sein kleines Haus in London hatte er vermiethet, und alle Leute fanden es begreiflich, daß er nach dem Verluſte ſeiner jungen zu der Mutter zurückkehrte. Man bemitleidete n, beſonders fanden die Damen ſein melan⸗ K 168 choliſches Geſicht nun doppelt anziehend. Er ſelbſt fühlte im innerſten Herzen, daß er alle Urſache habe froh zu ſein, auf ſolche Weiſe ſeiner Jugendthor⸗ heit entronnen zu ſein; mit einem gewiſſen Pathos pflegte er von ſeiner„armen Frau“ zu erzählen und fand überall theilnehmende Zuhörer. Bisweilen wol überkam ihn ein Gefühl der Sehnſucht nach dem ſchönen Geſchöpfe, ihre Fehler verklärten ſich, ſeitdem ſie von ihm geſchieden, aber im Grunde war er doch für die Wendung ſeines Geſchickes recht dankbar. Auch war er im Ganzen genommen jetzt ein weit angeneh⸗ merer Hausgenoſſe als früher, ſelbſt Nelly mußte das zugeſtehen. Die Erfahrungen in ſeinem Eheleben hatten ihn milder und nachſichtiger geſtimmt, und Alles ging einen weit friedlicheren Gang als früher. Der alte Diener Brown, den die Mutter ſo ſchmerzlich entbehrt, ſo ungern aufgegeben hatte, kehrte zu ſeinen gewohnten Funktionen zurück und verlieh dem alten Hauſe wieder die gewohnte Würde, und bald erſchien Allen die Erinnerung an Amanda und ihre kurze Herrſchaft nur noch wie ein banger Fiebertraum. Als Innocenzia zum erſtenmal wieder in das Wohnzimmer herunter getragen wurde, bleich und mager, mit den glänzenden großen Augen in dem kleinen ſchmalen Geſichte, mit jener rührenden Hülfloſigkeit und Schwäche, 169 die jedes fühlende Herz ergreift, da war Frederick ſehr gut und lieb gegen ſie. Er wußte nicht, was er Alles für ihr Behagen erſinnen ſollte. Um ihretwegen blieb er willig zu Hauſe, er las ihr vor, er konnte ſtunden⸗ lang ſtill neben ihr ſitzen und die kleine wachsbleiche Hand halten und ſtreicheln. Ob ſie wol je wieder völlig geneſen, ganz wieder das liebe, zärtliche Geſchöpf werden würde wie früher, das nur an ſeinen Blicken hing? Denn das war augenſcheinlich, ſie war anders geworden. Ihre Blicke hingen nicht mehr an ihm wie ſonſt, ihre Hand ſuchte die ſeine nicht mehr. Ja, im Anfang war ſie ſogar vor ſeiner Nähe zurückgebebt, ſie hatte nicht geahnet, daß er da ſei, und ihr offenkundiges Erſchrecken hatte den eitlen jungen Mann ſehr unan⸗ genehm berührt. Als die Mutter darauf hinwies, daß dieſe Veränderung Innocenzia's mit dem Schrecken jener Nacht ganz natürlich zuſammenhänge, hatte Frederick entſchieden dagegen proteſtirt:„Ach, Unſinn, Mutter, wie ſoll denn das in ihrer Seele ſo lange haften? Habe ich's doch auch ertragen müſſen! Ich hätte nicht ge⸗ glaubt, daß Innocenzia ſo albern ſein könne.“ „Sie hat ihre ganz eigenthümlichen Ideen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, und ihre Stimme bebte.„Bisweilen ſcheint es mir doch, als habe ihr Verſtand gelitten. Wenn ſie alſo einmal ihre ſeltſamen Reden auch bei 170 Dir vorbringt, ſo wundre Dich nicht darüber. Lache ſie aber nicht aus, wir müſſen ſie ſchonen. Oft weiß ich ſelbſt nicht, was ich aus ihr machen ſoll. Sie iſt ein ſonderbares Kind.“ „Das war ſie ſtets,“ ſagte der Sohn, indem er ſeinen Zwickelbart wohlgefällig ſtrich. Ihm ſchien die ganze Sache klar zu ſein. Das Mädchen war verliebt, verliebt in ihn. Seine Heirath hatte eine natürliche Schranke zwiſchen ihnen aufgerichtet, die war jetzt ge⸗ fallen, er war Wittwer und im Stande zu lieben und zu heirathen, wen er wollte. Innocenzia, mit ihrem jetzt mehr entwickelten Bewußtſein, ſah dies gewiß auch ein und hatte deshalb dies ſcheue Benehmen gegen ihn an⸗ genommen, um ihr Gefühl für ihn nicht zu verrathen. Dieſe Erklärung beſchwichtigte jeden Zweifel, der ſich etwa in Frederick's Seele regen mochte. Sie gab ihm zu⸗ gleich die wohlthuende Empfindung ſeiner eigenen Macht, und er fühlte ſich doppelt zu dem kleinen reizenden Mädchen hingezogen, das einen ſo richtigen Blick für wahren männlichen Werth bekundete. Dieſes Gefühl öffnete ihm aber auch die Augen für Vieles, ganz be⸗ ſonders aber für ihre Schönheit, die ſich täglich wunder⸗ barer und eigenartiger entfaltete. Innocenzia war jetzt wirklich auffallend ſchön geworden. Sie beſaß allerdings nicht die holde Anmuth Nelly's, aber eine Art von vornehmer — 171 Schönheit und ſeltener Grazie, die Alle, nicht Frederick allein, entzücken mußte, und bald bewunderte er ſie mehr, als er je von ihr bewundert worden war. Er erkundigte ſich nach Allem, was ſie betraf, und erfuhr natürlich auch von Sir Alexis' Werbung. Er lachte laut auf über die Einbildung des alten„Narren,“ wie er ihn nannte.„Der hat wol gedacht, er brauchte nur zu fragen, um ſie zu bekommen?“ „Er iſt ſehr gut und liebenswürdig gegen ſie auch nachher geweſen,“ verſicherte die Mutter, mit der er die Sache beſprach,„und ich glaube, er liebt ſie wirklich. Es wäre eigentlich ein rechtes Glück für unſere Inno⸗ cenzia geweſen, wenn ſie einen Mann bekommen hätte, der ſie genau kennt und nicht zu viel von ihr erwartet. Ich glaube übrigens nicht, daß er ſchon alle Hoffnung aufgegeben hat.“ „Wirklich?“ rief Frederick mit höhniſchem Lachen. Immer und immer wieder kehrte er zu demſelben Gegen⸗ ſtande zurück und quälte die Mutter beinahe durch die ewige Wiederholung aller Details. Und allmählich, ſeit die Kranke wieder mehr in dem Wohnzimmer ſich auf⸗ halten durfte, wurde ſeine Aufmerkſamkeit, ſeine Sörg⸗ falt für ſie auffälliger. Sie nahm ſie gewöhnlich ſchweigend hin, nur bisweilen traf ihn ein Blick, als wollte ſie ihm etwas ſagen, und ein Seufzer hob die 172 Bruſt; dann wieder flüchtete ſie ſich ſcheu in die Ecke ihres Sopha's und vermied jede Unterhaltung mit ihm. „Arme, arme, kleine Innocenzia,“ dachte Frederick,„wie ſüß iſt dies Kämpfen gegen Dein Gefühl, wie will ich Dir es lohnen!“ Und ihm ſchien es, als halte er das ganze Geheimniß dieſes Mädchenherzens in ſeinen Händen. Ganz anders aber als er meinte waren die Ge⸗ danken des jungen Mädchens. Sie verlangte einzig und allein danach, ihm ſagen zu dürfen:„Ich habe Deine Frau getödtet.“ Dieſe Worte ſchwebten beſtändig auf ihren Lippen. Der Gedanke an ihre Schuld hatte ſie nie verlaſſen, aber ihre Seele hatte ſich gewiſſermaßen an die grauenvolle Idee gewöhnt, die ſie einmal erfaßt. Sie kam ſich vor wie ein unſchuldiges Opfer, das ab⸗ ſichtslos der Sünde verfallen war. Sie hatte es zwar nicht gewollt, aber dennoch war ſie ſchuldig. Ihr Geiſt vermochte ſich darüber nicht klar zu werden. Es quälte ſie, daß ſie der Mutter verſprochen hatte, Frederick nichts davon zu ſagen, denn ihre natürliche Aufrichtigkeit konnte den Zwang ihm gegenüber kaum noch ertragen. Noch hatte ſie immer die Angſt vor dem Zorn der Mutter zurückgehalten, aber das drückende Gefühl, Frederick's Güte und Aufmerkſamkeit annehmen zu müſſen und ihn dabei im Unklaren zu laſſen über das, was ſie gethan hatte, gewann endlich die Oberhand. 173 So kam denn zuletzt der Moment, in dem ihr Geſtändniß ſich über die Lippen drängen mußte. Mutter und Nelly waren zu Tiſche ausgebeten, und Frederick hatte ſich groß⸗ müthig bereit erklärt, Innocenzia Geſellſchaft zu leiſten. Die Mutter nahm freilich dieſes gnädige Anerbieten durchaus nicht mit der gebührenden Dankbarkeit auf; ja, ſie wäre am liebſten gleich zu Hauſe geblieben, wenn es ſich nur noch hätte thun laſſen. Innocenzia aber blieb voll⸗ ſtändig ruhig, ſie ſchlug nicht einmal die großen ſanften Augen zu ihm auf, wie ſonſt bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten, ſo daß er ſich nicht wenig verletzt fühlte. Nach⸗ dem Dick mit den Beiden geſpeiſt und ſich zu ſeinen nie endenden Studien zurückgezogen hatte, blieben Inno⸗ cenzia und Frederick allein. Der Geiſt Amanda's ſtehe zwiſchen ihnen, dachte das Mädchen jedesmal, wenn ſie allein waren. Das Zimmer war ſo behaglich und warm; draußen war es unterdeſſen Winter geworden, hier aber wehte Frühlingsluft und der würzige Duft ſchöner Treibhausblüthen. Das Feuer im Kamin praſſelte luſtig, und Frederick geleitete ſeine Couſine zu dem bequemſten Stuhle, ſchob ihre eine Fußbank hin, beſchattete die Lampe und beſchäftigte ſich mit rührender Güte um das zarte liebliche Kind. Eine wunderſam behagliche Stim⸗ mung überſchlich ihn. Wie reizend war es doch, für ein geliebtes Weſen ſorgen zu können, ſorgen zu müſſenl Wie ſchön, wie rührend ſchön war dieſes träumeriſche Geſicht! Wie läſſig ruhten die feinen Hände, die ſo wenig zu arbeiten verſtanden! Und was that das auch? Er wollte ſchon für ſie ſorgen, für ſie arbeiten. Gute Gefühle regten ſich in der Bruſt des jungen Mannes, aber ſie entſprangen einer irrthümlichen Vorſtellung, nämlich der, daß er von dem ſchweigenden Mädchen heiß und leidenſchaftlich geliebt werde. Das Buch, welches er zur Lectüre gewählt hatte, enthielt eine einfache Geſchichte, leicht genug, um von Kindern begriffen zu werden. Wie lächerlich wäre es ihm vorgekommen, hätte er ſolches „Zeug“ für ſich ſelbſt geleſen! Aber jetzt folgte er nur dem Wunſche, ihr Freude zu machen, und bereitete ſich damit ſelbſt die größte Genugthuung. Wie reizend iſt's doch, wenn Pflicht und Selbſtgefälligkeit einmal Hand in Hand gehen dürfen! „Gefällt es Dir auch, Innocenzia?“ frug er nach einiger Zeit, indem er das Buch weglegte und ſie anſah. „Ja,“ ſagte ſie ſanft, aber ohne zu ihm aufzublicken. „Du machſt Dir nicht⸗ viel aus Büchern, nicht wahr? Weißt Du noch, Innocenzia, wie hübſch es war, wenn wir im erſten Sommer, als Du hier warſt, immer zuſammen in dem Garten herumgingen? Du hatteſt mich damals lieber als jetzt.“ 175 „Ich, Frederick? Du warſt der Einzige, den ich kannte,“ ſagte ſie erſchrocken und wurde unruhig. „Und nun kennſt Du die Andern ebenſo gut als mich, und wir ſind Dir Alle gleich, Dick, Nelly, Mutter, Plantagenet und ich, Alle gleich? Höre, Deine frühere Art gefiel mir beſſer, Innocenzia!“ Sie antwortete nicht; die Hände krampften ſich un⸗ ruhig in einander; die blaſſen Wangen fürbten ſich zum ſanfteſten Roſenroth,— aber ſie ſchwieg. „Jo, früher war es beſſer, Du warſt anders gegen mich,“ fuhr er fort, eine ihrer Hände in die ſeinen nehmend. „Innocenzia, ich bin ſehr thöricht geweſen, ich habe zur Strafe dafür ein entſetzliches Jahr zu durchleben gehabt. Von der Urſache laß uns ſchweigen; aber ich bin oft tief, tief unglücklich geweſen, und da hat mich immer der Gedanke getröſtet, daß meine kleine Coufine ſich ſtets gleich bleiben würde. Ich hätte nie geglaubt, daß Du Dich ändern könnteſt.“ „Ich habe mich auch nicht geändert, Frederick.“ „O doch, Liebe, Du biſt anders geworden,“ fuhr er fort.„Sonſt war es Dir die größte Freude, wenn ich bei Dir ſaß oder Du mit mir gehen konnteſt, jetzt biſt Du unruhig und möchteſt lieber immer allein ſein. Auch Dein Händchen will immer fort, wenn ich es halte. Warum thuſt Du das? Kannſt Du Dir denken, welch 176 ein Troſt mir das war, wenn Deine kleine Hand ſich in meinen Arm legte? GlaubſtzDu, ich bedürfe des Troſtes jetzt weniger? Warum ziehſt Du Deine Hand wieder zurück, Innocenzia?“ „O nicht deshalb, nicht deshalb!“ rief ſie.„O Frederick, ich muß es Dir jetzt ſagen, wenn mir auch Deine Mutter böſe wird, ich kann nicht anders. Viel⸗ leicht wirſt Du mir auch böſe werden und nie, nie wie⸗ der mit mir ſprechen; aber ich muß es Dir jetzt ſagen.“ „Was iſt es denn, Liebe?“ ſagte er im weichſten Tone.„Glaube mir, ich werde nicht böſe werden, nichts in der Welt kann mich gegen Dich er⸗ zürnen.“ „O Frederick, Du weißt es nicht,— Du kannſt es Dir auch gar nicht denken, was ich Dir jetzt ſagen muß. Rühre mich nicht an! Ich bin zu ſchlecht, zu entſetzlich, ich— ich habe Deine Frau getödtet!“ Er ſtarrte ſie mit weit aufgeriſſenen Augen an, er wurde todtenbleich, nicht ſowohl wegen der ſeltſamen Eröffnung, als wegen der Fluth von Ideen, die ſich an dieſe Thatſache knüpften und die ihn ſo plötzlich in die Wirklichkeit zuruͤckverſetzten. Dann lächelte er; freilich war es ein etwas erzwungenes Lächeln. „Meine theure Innocenzia, was Du da ſagſt, iſt heller Wahnſinn,“ rief er.„Ich verſtehe Dich nur zum 177 Theil. Du meinſt, Deine unſchuldige Gegenwart habe Amanda zu dem letzten heftigen Ausbruch ihrer Wuth gebracht und Du hätteſt dadurch ihren Tod beſchleunigt? Laß dieſe Gedanken ſchwinden, mein armer Liebling, glaube mir, irgend etwas Anderes würde genau daſſelbe bewirkt haben——“ Innocenzia hielt die großen Augen feſt auf ihn gerichtet und errieth mehr aus dem Ausdrucke ſeines Geſichtes als aus ſeinen Worten, was er meinte. Sie ſah, daß er nicht böſe war, daß er ſie nicht verſtand— daß er ſich bemühte, ſie zu beruhigen, ihr einzureden, daß ſie ſich geirrt habe, gerade wie ihre Tante es ge⸗ than hatte. „Nein, nicht die Wuth war es,— ich gab ihr zu viel aus dem Fläſchchen,“ ſagte ſie mit immer leiſerer Stimme,—„von der Medizin, die ſie einnahm, um einzuſchlafen. Sie ſtieß mich,— ſie riß es mir aus der Hand;— daran iſt ſie geſtorben und—— und— ich habe es gethan!— Nun, nun verſtehſt Du mich! Nun wirſt Du nie, nie wieder mit mir ſprechen.“ „Großer Gott!“ ſchrie er und ſprang auf, wie ge⸗ blendet von der ſo plötzlich über ihn hereinbrechenden Helle. Wie wild ſtürmten die Gedanken auf ihn ein! Hatte nicht Amanda ſchon manchen ebenſo heftigen An⸗ fal gehabt? Wie kam es, daß nur dieſer eine tödtlich Oliphant, Innocenzia. IMI. 12 178 wirkte? Warum war Innocenzia entflohen? Wie von Furien gejagt hatte ſie das Haus verlaſſen! Er ſah Alles noch einmal vor ſich: das dunkle Haus, die un⸗ heimliche Stille, dann die entſetzliche Verwirrung und zuletzt das ewige Schweigen des Todes! Gott im Him⸗ mel! War das Kind wahnſinnig, oder konnte dieſes entſetzliche Geſtändniß wahr ſein? Das Mädchen ſaß, während dieſe Gedanken wild ſich in ihm jagten, ganz ſtill in ihrem Stuhle und ſah ihn an. Sie hatte die Laſt von ihrem Herzen ge⸗ wälzt: eine Art von Ruhe war über ſie gekommen. Ihre kleinen, blaſſen Hände lagen leicht gefaltet in ihrem Schooße. In ihrer ſchwarzen Trauerkleidung, die ſie noch um Amanda trug, ſah ſie aus wie ein ſchönes Wachsbild. Sie ſo zu ſehen und an die Möglichkeit eines abſichtlichen Verbrechens zu glauben war un⸗ denkbar. Ihr Anblick rührte den jungen Mann tiefer, als er je für möglich gehalten hatte; in ihrem ſtummen Blick lag etwas, was ihm die Thränen in die Augen trieb. Er ging wieder zu ihr hin, beugte ſich über ſie und legte ſeine Hand auf die ihrigen. „Innocenzia,“ rief er,„Du träumſt oder ſprichſt irre! Es iſt unmöglich, es kann nicht wahr ſein!“ Sie hob ihr Köpfchen auf und ſah ihn angſtvoll 179 forſchend an.„O ſei nicht böſe!“ ſagte ſie mit einem Ausdruck, wie ein Kind ſpricht, das unartig geweſen iſt. Es lag darin weit mehr als in vielen Worten; dieſer kindiſche Ausruf, dieſer tragiſche Blick der wunder⸗ baren Augen übte eine Macht, die Frederick bis in's Herz hinein erſchütterte. War dies Kind, dies ſchuldloſe Kind, in der That eine Mörderin, dann möge Gott Allen gnädig ſein, dann war es vorüber mit allem Glauben an die Menſchheit! Aber nein— es war nicht möglich! Er nahm ihr kleines Geſicht zwiſchen ſeine beiden Hände und küßte ihre Stirn immer und immer wieder. „Innocenzia, vergiß dieſen Wahnſinn!“ ſagte er. „Du machſt mich dadurch ebenſo elend als Dich ſelbſt, denn ich liebe Dich— ich liebe Dich mehr und tiefer als irgend etwas auf der Welt!“ „Ach!“ rief ſie und rang ſich von ihm los.„Aber ich kann es nicht vergeſſen, ich kann es nicht, denn ich habe es gethan. Ich wollte es nicht, aber ich that es doch. Sei nicht böſe auf mich, aber nie darfſt Du mir wieder ſagen, daß Du mich liebſt!“ Zwölftes Kapitel.. Immer tiefer hinein. Als Mrs. Eaſtwood nach Hauſe kam, hörte ſie, daß Innocenzia ſich wegen Kopfſchmerzen zeitig zu Bett gelegt habe, und fand Frederick mit heißem Geſichte ſchweigend und allein im Wohnzimmer ſitzen. Er hatte weder ein Buch noch eine Zeitung, um ſich damit zu beſchäftigen, ſeine Stirne war bewölkt, und der Ton, mit dem er die Zurückkehrenden begrüßte, nichts weniger als freundlich. Er ſprach wenig, ſo lange Nelly noch im Zimmer war, und drang nur in dieſe, doch nach Innocenzia zu ſehen.„Wenn Du Dir die Mühe nehmen willſt,“ ſagte er beinahe in derſelben unliebenswürdigen Weiſe wie in früheren Tagen. Die Mutter machte Nelly ein Zeichen zu gehen, ſie merkte ſogleich, was geſchehen war, und ſobald die Tochter ſich entfernt hatte, trat ſie dicht an ihren Sohn heran. „Was ſoll das heißen, Mutter?“ ſagte er, mit trockenen, fieberheißen Augen ſich zu ihr wendend.„Was ſoll das heißen? Innocenzia phantaſirt da Dinge, die ich nicht verſtehe. Sicherlich wäre es recht geweſen, wenn Ihr mich auf ihren Wahnſinn vorbereitet hättet. Aber ſage mir nur um Gotteswillen, was das be⸗ deuten ſoll!“ „Nichts als eine Täuſchung, ein leerer Wahn,“ ſagte die Mutter ruhig und legte ihre Hand beſchwichti⸗ gend auf ſeine Schulter. „Eine Täuſchung? Dazu klingt es zu entſetzlich, zu ernſt, zu klar. Sie iſt wahnſinnig. Der Schreck hat ihr den Verſtand geraubt.“ „Nein, glaube mir, es iſt eine Täuſchung,“ wieder⸗ holte ſie weinend.„Ich bin ja deshalb gleich nach Sterborne gekommen. Du glaubteſt, es geſchehe blos um Amanda's und ihres Vaters Willen; ach, ich hatte ganz andere Abſichten dabei. Ich überzeugte mich voll⸗ kommen von der Unhaltbarkeit der Reden unſerer armen Kleinen, aber wir können es ihr nicht mehr aus dem Kopfe bringen. Sie hatte mir verſprochen, Dir nichts davon zu ſagen, aber da es nun geſchehen iſt, ſo mußt Du mir bei ihr helfen. Sie muß überzeugt werden, daß ſie geträumt, daß ſie ſich getäuſcht hat.“ „Erzähle mir Alles,“ ſagte Frederick, und die Mutter 5 182 ſetzte ſich zu ihm und theilte ihm die ganze ſchreckliche Geſchichte mit, vermied jedoch aus einer ihr ſelbſt un⸗ erklärlichen Scheu ihm zu ſagen, daß die Magd jene Worte Innocenzia's gehört habe. Sie zeigte ihm auch das kleine Fläſchchen mit den Opiumtropfen. Noch war etwas darin, und der Zettel mit Mrs. Frederick Eaſt⸗ wood's Namen und dem Datum hing noch daran. Der Anblick dieſes ſtummen Zeugniſſes erſchütterte den jungen Mann gewaltig. Ihm war es, als könne Amanda ſelbſt damit wieder heraufbeſchworen werden. „Du thäteſt beſſer, es zu vernichten,“ ſagte er, in⸗ dem er es der Mutter aus der Hand nahm. Sie riß es ihm weg und verſchloß es wieder in ihr Pult. „Weshalb denn vernichten?“ „Derartige Beweiſe ſollte man nicht aufheben, daraus kann viel gemacht werden,“ ſagte er, und ein Schauder überlief ihn. „O Frederick, Du willſt doch damit nicht ſagen, daß Du—— daß Du daran glaubſt?“ „Ich weiß ſelbſt nicht, was ich denken ſoll,“ ent⸗ gegnete er düſter.„Mutter, ich bin ſehr unglücklich. Ich liebe Innocenzia weit mehr, als ich es je für mög⸗ lich gehalten hätte. Gott ſtehe uns bei,— aber es klingt doch Alles ſehr begreiflich! Wie wäre auch ein ſolcher Gedanke ſonſt in ihren Geiſt gekommen?“ 183 „Gott allein weiß es!“ ſagte die Mutter, und über⸗ wältigt von ihren Gefühlen, von Angſt und Zweifel ge⸗ foltert, weinte ſie lang und bitterlich. Dann ſaßen Mutter und Sohn noch lange im ernſten Geſpräch bei⸗ ſammen, und gar manche Erinnerung tauchte da auf, gar manches Wort Innoeenzia's, ihre entſchiedene Ab⸗ neigung gegen Amanda, ihre ſeltſame Frage an jenem ereignißvollen Abende: kann der Richter die Leute frei⸗ ſprechen?— eine Frage, die Frederick ja ſelbſt gehört hatte,— das Alles, Alles wurde auf's Neue beleuchtet, und Vieles erſchien jetzt in einem anderen Lichte. Noch nie in ſeinem Leben war Frederick ſo gewaltig ergriffen geweſen als eben jetzt, aber ſelbſt in dieſem Momente kam ein gewiſſes Gefühl befriedigter Eitelkeit über ihn, das freilich Innocenzia's That noch viel ſchwärzer er⸗ ſcheinen ließ.„Ihre allbekannte Liebe zu mir erklärt Alles ſofort,“ ſagte er; denn jetzt ſchien es ihm über allen Zweifel erhaben, daß das junge Mädchen nur aus wahnſinniger Liebe zu ihm ihre Rivalin ge⸗ tödtet hatte. Die Mutter vermochte nicht an die Mög⸗ lichkeit des Entſetzlichen zu glauben, ihr Sohn aber büßte in dem Momente ſeine Selbſtgefälligkeit ſchwer, er litt unſaglich dabei, denn— er glaubte feſt an Innocenzia's Schuld. „Was fangen wir nun mit ihr an?“ ſagte er⸗ 184 „O Frederick,— Du nimmſt die Sache für ganz gewiß an, und doch liegt kein einziger Beweis dafür vor. Weder Du noch irgend Jemand in Sterborne hat nur den leiſeſten Verdacht gehegt. Niemand als Innocenzia allein hat das Furchtbare ausgeſprochen. Du weißt ja ſelbſt, daß Amanda's Tod ganz anderen Urſachen zuzu⸗ ſchreiben iſt. Sogar der Doctor——“ „Gut daß Du mich an ihn erinnerſt,“ ſagte der Sohn.„Vielleicht wäre es gut, wenn ich ihn aufſuchte. Aber nein, das könnte Mißtrauen erwecken. Uebrigens entſinne ich mich, daß er verreiſen wollte. Er hatte irgendwo im Auslande eine Zuſammenkunft mit anderen Aerzten.“ „Aber ich habe ihn geſprochen,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood;„er äußerte ſich ganz klar und unumwunden gegen mich. Er ſagte, er habe es ſeit Jahren ſchon vorhergeſagt, Batty wußte es längſt, Du ſelbſt——“ „Ja, ja, das weiß ich Alles,“ ſagte Frederick, „das iſt ſchon ganz gut. Sie hatte einen Herzfehler, und es iſt ein wahres Glück für uns, daß das überall bekannt war. Aber, Mutter, das kannſt Du mir glauben, die arme Amanda iſt oft ſchon weit wüthender auf mich geweſen, als ſie gewiß je gegen die Couſine werden konnte, und iſt doch nicht daran geſtorben. Warum ſtarb ſie gerade da, als ſie allein bei ihr war? Woher 185 die Geſchichte mit den Opiumtropfen? Bitte, Mutter, wirf das Ding in's Feuer, damit es nicht einmal ein einfältiger Gerichtsbeamter in ſeine Finger bekommt. Das würde ihm ſicherlich weit mehr gelten wie ein per⸗ ſönliches Zeugniß, das wäre ein ſchlagender Beweis.“ „Großer Gott, Frederick,“ ſagte die Mutter und bebte vor Aufregung,„ſprich doch nicht ſo, als ob es dazu je kommen könnte!“ „Und weshalb denn nicht? Wenn Batty oder irgend Jemand aus ſeiner Familie nur die leiſeſte Andeutung von der Sache erhält, ſo ſchwöre ich darauf, daß er nicht ruht und raſtet, bis Alles aufgedeckt iſt. Er weiß, wie verhaßt er mir iſt, und er würde ſchon aus Rache gegen mich Alles glauben. Unglücklicherweiſe war Amanda auch mit Innocenzia's Gefühlen für mich völlig hekannt.“ „Frederick,“ ſagte die Mutter ernſt und feierlich, „ich verſichere Dich, daß Du Dich irrſt, wenn Du glaubſt, Innoeenzia habe Dich anders geliebt denn als ihren beſten Freund, ihren Beſchützer und Ver⸗ wandten.“ Aber die Stimme der Mutter bebte bei dieſen Worten und der Sohn glaubte nicht daran. Er war vom Gegentheil zu feſt überzeugt, als daß ihn ihre Worte davon hätten abbringen können. 6„ 186 „Früher dachteſt Du anders, Mutter,“ ſagte er. „Ich ſelbſt wünſchte von ganzem Herzen, daß es ſo wäre, denn ſiehſt Du, eben dieſe Liebe giebt der ganzen Sache erſt ihre Begründung und Wahrſcheinlichkeit. Ein Mädchen thut ſo etwas nicht für nichts und wieder nichts, aber ſobald der Grund aufgedeckt iſt——“ „Frederick, um des Himmels Willen, Du ſprichſt nicht blos, als ob ſie es gethan, ſondern als ob ſie es gewollt hätte!“ „Ich ſpreche ſo, wie Batty und wie jeder Advocat ſprechen würde, dem man die Sache vorlegte,“ ſagte der Sohn mit düſterer Miene.„Das Beſte würde ſein, Mutter, wenn wir ſie fortſchickten. Vielleicht nach Italien, das kennt ſie am beſten—“ „Ich kann des Kindes Schickſal um ſolcher Urſache willen nicht aus den Händen geben,“ rief die gutherzige Frau.„Sie fortſchicken, als wäre ſie ſchuldig— ſie aus dem Hauſe verbannen—— nimmermehr!—“ „Leichter wird es ſein, derartigen Fragen auszu⸗ weichen, als ſie zu beantworten,“ erwiederte der Sohn. „Wird ſie erſt einmal beſchuldigt, dann bringt ſie Un⸗ glück und Schonde über unſer ganzes Haus. Mich würde man möglicherweiſe auch mit hineinziehen. Und ſiehſt Du nicht ein, daß ſelbſt eine Freiſprechung für uns doch noch immer entſetzliche Folgen haben würde? 187 Denke an den Skandal und verlaß Dich darauf, alle Welt wird es glauben, wenn es auch nicht bewieſen werden kann.“— Auf dieſe Weiſe wurden die Verhandlungen unten im Wohnzimmer geführt, während Innocenzia, ſeltſam aufgeregt und bewegt, in ihrem ſchneeweißen Bette lag, den Blick auf Nelly gerichtet. Neue Gedanken, neue Sorgen erfüllten ihr Hers, aber ſie konnte ſie nicht ihrer Coufine anvertrauen. Sie ſagte nichts als:„Ich habe es Frederick geſagt,“ als Nelly ſich über ſie beugte, ſie küßte und nach ihrem Befinden fragte. „Du haſt es ihm geſagt? Innocenzia, Du haſt ihm von Deinem Wahnſinn, Deiner fixen Idee geſprochen?“ „Ich habe ihm geſagt, was geſchehen iſt,“ ent⸗ gegnete das Mädchen ſanft, aber feſt.„Er war auch ſehr gut und freundlich gegen mich und durchaus nicht böſe. Aber ſage mir, Nelly,— wird er nun immer hier wohnen bleiben?“ „ch glaube wohl,“ ſagte Nelly.„Aber denke nicht an Frederick, Herzchen, Du haſt uns verſprochen, an die ganze Geſchichte nicht mehr zu denken. Es war ein böſer Traum, eine Täuſchung, glaube das doch nur. Mama hat es Dir ja geſagt, und Du haſt uns ver⸗ ſprochen, es glauben zu wollen.“ Sie ſchüttelte den Kopf und lächelte leiſe.„Ich 188 kann nicht anders,“ ſagte ſie.„Aber iſt es wahr, bleibt Frederick nun immer hier, Nelly?“ „Ach, was hat denn Frederick damit zu thun?“ rief Nelly ungeduldig und ſie küßte das ſüße, blaſſe Geſicht auf's Neue und hieß ſie bald einſchlafen. An der Thüre wandte ſie ſich jedoch noch einmal um und beugte ſich zärtlich über die Arme. Thränen füllten Nelly's Augen.„Du armes Kind,“ rief ſie,„was haſt Du denn gethan, daß Du ſo gequält wirſt? O Inno⸗ cenzia, bete, bete und flehe zu Gott, daß er dieſen Schatten von Deiner Seele nimmt.“ „Ich will es verſuchen,“ ſagte Innocenzia leiſe ſeufzend. Nelly aber ging in ihr Zimmer und weinte ſich aus. Wie Vieles kämpfte auch in dem Herzen des lieben Mädchens, das doch jetzt ſo tapfer bemüht war, der Anderen den Kummer abzunehmen! Als die Mutter heraufkam, theilte ſie der Tochter den Inhalt ihres Ge⸗ ſpräches mit Frederick mit und ebenſo ſeine Anſicht, daß Innocenzia fortgeſchickt werden müſſe. Nelly fuhr heftig empor. „Wie? Sie geradezu aufgeben? Das arme Kind fortſchicken, das Gott uns anvertraut hat?“— „So fühle ich auch, liebes Kind,“ ſagte die Mutter, „aber Frederick ſagt——“ 189 „O, ich mag gar nicht wiſſen, was der denkt und ſagt! Alle Männer ſind mir zuwider— ſie ſind im Grunde Alle wie— Frederick!“ rief die arme Nelly. „Mama, laß uns alle drei mit einander fortgehen und uns vor den Augen dieſer elenden Welt verbergen!“— —„Nelly, Nelly,“ ſagte die Mutter lächelnd,„wer von uns Beiden würde das Einſiedlerleben wol am ſchnell⸗ ſten überdrüſſig werden? Dich feſſeln andere Bande, die Du in der Eile überſehen haſt— und ich habe meine Söhne.“ Als Nelly daran erinnert werden mußte, erröthete ſie heftig und ſchwieg. Ja wol feſſelten ſie andere Bande, und vielleicht war von den vier bekümmerten Herzen, die ſich an dem Tage in dem alten Hauſe zum Schlafe vorbereiteten, keines ſo ſorgenvoll und ſo un⸗ glücklich, als das ihrige. Dies warme, weiche, liebevolle Mädchenherz ſah ſich gehemmt allüberall, wohin es ſich wendete. Die Andern durften doch thun und laſſen, was ſie wollten, ſie aber war in Banden; ſelbſt ihr Geiſt lag in Feſſeln, und ſie wand ſich unter der Laſt der Ketten, die das Geſchick ihr angelegt hatte. „Ach Nelly,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, ehe ſie ſich zur Ruhe begab,„was mag nur aus John Vane geworden ſein? Er wäre der einzige Mann, an den ich mich in dieſer großen Noth wenden könnte.“ 190 Die Tochter antwortete nicht. Auch ihre Gedanken waren gar oft den Weg zu dem fernen Freunde ge⸗ wandert, freilich ſtets mit dem Gefühl einer gewiſſen Bitterkeit, daß eben er und nicht ein Anderer der er⸗ ſehnte Helfer ſein mußte. Innocenzia ſchlief wenig in dieſer Nacht. Auch in ihr kämpfte etwas Neues, bisher Ungekanntes. Alle im Hauſe, faſt ohne Ausnahme, hatten Inno⸗ cenzia's Anhänglichkeit an Frederick für Liebe ge⸗ halten, Frederick ſelbſt ju am meiſten, aber das Mädchen hatte nie daran gedacht. Erſt heute Abend war es ihr klar geworden. Aber nicht durch ſich ſelbſt hatte ſie dieſe Entdeckung gemacht.⸗ Sie war und blieb immer dieſelbe gegen ihn mit ihrer ſtillen, ruhigen Zärtlichkeit. Nein, Frederick's Blicke, ſeine Worte, ſeine Berührung, ſeine Küſſe hatten die bisher ungetrübte jungfräuliche Ruhe in ihr geſtört. Er hatte ihr geſagt, daß er ſie liebe. Vielleicht würde Innocenzia unter anderen Verhältniſſen dies Geſtändniß mit kindlicher Dankbarkeit aufgenommen und zu ſich ſelbſt geſagt haben, wie gut er doch ſei! Aber in dieſem Falle waren ſeine Worte doch viel zu tief in ihre ohnehin bedrängte Seele gedrungen und hatten ſie mit Furcht und Bangen erfüllt. Sie fühlte inſtinetiv, daß zwiſchen Frederick und ihr ein unüber⸗ ſchreitbarer Abgrund liege, daß ein Geſpenſt ſich zwiſchen . .— 191 ſie dränge, das ſie für immer auseinander halte.— Und der Mann der todten Amanda ſollte nun immer hier wohnen, ſie ſollte ihn täglich ſehen, nd liebte ſie? Daß dieſe Liebeserklärung freilich nur der Erguß eines Momentes geweſen, und daß derſelbe Mund bereits ihre Verbannung vorgeſchlagen hatte, das konnte das arme Kind nicht ahnen. Je mehr ſie daher darüber nachdachte, je ängſtlicher wurde ſie. Wie ſollte ſie ihm entgehen? Wie alle die alten liebgewordenen Gewohnheiten fortan laſſen, die ſo tief mit ihrem Leben verwachſen waren und die er, wie ſie meinte, als Bruder zu em⸗ pfangen berechtigt war? Seinen Arm nehmen, mit ihm plaudern— das Alles durfte, konnte jetzt nicht mehr ſtatt⸗ finden. Aber wie ſollte das werden? Eine wahre Furcht vor Frederick's Liebe befiel das arme Mädchen, und doch war dieſe Furcht ſehr unnütz, denn eben hatte der junge Mann nach reiflicher Ueberlegung gefunden, daß er jedes wärmere Gefühl für Innocenzia erſticken müſſe, und er traute ſich Feſtigkeit genug zu, um das thun zu können. Doch jedenfalls hatte ſeine allzu lebhafte Gefühlsäuße⸗ rung das junge Mädchen jetzt ſo gewaltig aufgeregt, daß es ſich zu einer entſcheidenden That aufraffte. Sie konnte nicht ſchlafen. Die lange, lange Winter⸗ nacht, die gar kein Ende nehmen wollte, hindurch ſann ſie auf eine Löſung ihrer bangen Zweifel, auf Rettung vor Frederick's Liebe und Frederick's Nähe. Da kam ihr plötzlich wie ein Lichtſtrahl jenes Verſprechen in das Gedächtniß, welches ſie einmal einem Manne gegeben hatte, der ihr ſtets ein Freund geweſen war. Sie ſollte ihn aufſuchen in Zeiten der Noth, und war dazu nicht eben jetzt der rechte Zeitpunkt gekommen? Und in⸗ dem ſie an ihn dachte, ſänftigte ſich allmählich ihre Auf⸗ regung, ſie hatte den Helfer gefunden, auf deſſen Schultern ſie ihre Bürde legen konnte, und endlich ſchlief ſie ein. Sie vertraute Niemandem ihren Plan, denn ſie fürchtete, und gewiß nicht mit Unrecht, daß man ſie zurückhalten würde. Nicht einmal Alice wurde in das Vertrauen ihrer jungen Herrin gezogen. Als aber Nelly und die Mutter am Nachmittage ausgegangen waren, um Beſorgungen zu machen, und Innocenzia ſicher geborgen im bequemen Lehnſtuhl am warmen Kamin glaubten, kleidete ſich das junge Mäd⸗ chen mit beſonderer Sorgfalt an, ſchritt leicht und ſicher aus dem Hauſe hinaus und ſchlug den ihr wohlbekannten Weg nach der Villa des Sir Alexis Longueville ein. Sie war ſo oft mit der Tante und Nelly dort geweſen, und ſtets hatte der freundliche Beſitzer etwas Schönes oder Neues ihnen zu zeigen gehabt, war es ein Bild, eine köſtliche Blume oder eine andere Seltenheit. Das ——— 193 Haus lag nicht fern von der Beſitzung der Eaſtwoods, von Gärten umſchloſſen: eine wahre ODaſe in dem Rauche der Rieſenſtadt London. Sir Alexis hielt ſich gern darin auf, er ſchmückte es aus wie eine Puppe und zeigte es mit Vorliebe ſeinen Freunden. Trotzdem ſtaunte der Diener, der Innocenzia die Thür öffnete, denn es war noch nie geſchehen, daß eine ſo junge, ſchöne Dame ollein nach ſeinem Herrn gefragt hätte. Nicht immer war Sir Aleris der unbeſcholtene ältliche Herr wie jetzt geweſen, und ſein alter Diener wie ſeine alten Freunde wußten dies nur zu wol. Der Bediente wollte daher das junge Mädchen erſt gar nicht vor⸗ laſſen und machte allerhand Ausflüchte, aber Innocenzia trat ſo beſtimmt und ſo gebieteriſch auf mit ihrem Ver⸗ langen, ſeinen Herrn zu ſprechen, daß er einſah, er dürfe ſie nicht abweiſen.„Sagen Sie ihm nur, ich be⸗ dürfe ſeiner,“ ſagte ſie in ihrer Kindeseinfalt. Keine Nebengedanken, keine Furcht kam in ihr Gemüth, nur als der Diener ſich ihren Namen ausbat, zögerte ſie einen Augenblick.„Sagen Sieihm, es ſei Innocenzia,“ antwortete ſie darauf mit ernſtem Geſicht, und das Lächeln auf ſeinen Lippen verſchwand, als die großen, ruhigen Augen ihntrafen. „Wie? Eine junge Dame?“ ſagte Sir Alexis, als ihm die Botſchaft gebracht wurde.„Und allein? Das muß wol ein Irrthum ſein.“ Hliphant, Innocenzia. II. 13 194 „Kein Irrthum, Sir Alexis,“ ſagte der Diener. „Als ich ſie um ihren Namen fragte, gab ſie mir einen ganz ſonderbaren, fremden an. Sie iſt vielleicht nicht ganz richtig hier. Sie ſagte, ich ſolle Sir Alexis melden,. Innocenzia wäre da—“ „Innocenzia?“ rief Longueville aufſpringend.“„Du Dummkopf, warum ſagſt Du das nicht gleich? Wo haſt Du ſie hingeführt?“ Und mit einer Haſt und in einer Aufregung, die dem alten Diener das anfängliche Lachen ganz vertrieb, ſtürzte Sir Alexis an ihm vorüber hinaus in den Saal, wo das junge Mädchen ſeiner wartete. Dreizehntes Kapitel. Eine Aufforderung. „Innocenzia? Sie hier und allein— wo ſind die Andern?“ rief Sir Alexis, indem er ihre beiden Hände faßte. „Ich komme— weil ich es verſprochen habe,“ ſagte das Mädchen,—„Niemand weiß davon. Sie ver⸗ ſprachen mir zu helfen, wenn ich Hülfe brauchte; des⸗ halb komme ich. Wenn ich je fortwollte,— nicht wahr, ſo ſagten Sie?— dann ſollte ich zu Ihnen kommen. Erinnern Sie ſich nicht?“ „Erinnern?— O gewiß erinnere ich mich,“ ſagte er in gewaltiger Aufregung und voll Staunen. Er führte ſie zu dem Sopha und ſetzte ſich ihr gegenüber mit einer Miene voll Angſt und Sorge, wozu das damals gegebene Verſprechen jetzt wol führen, welche Verantwortung er wol dabei zu übernehmen haben 13* 196 würde. Denn daß ſie hier allein in ſeinem Hauſe erſchien, war eine ſolche Verletzung der feinen Sitte, daß der alte Weltmann ſchier außer ſich gerieth. „Mein theures Kind, ſagen Sie mir nur um Gotteswillen, was es giebt! Ich will Sie gleich nach Hauſe bringen,“ fügte er in ſeiner Verwirrung hinzu. „Aber ich will ja gar nicht nach Hauſe,“ ſagte Innocenzia.„Ich komme zu Ihnen, daß Sie mir helfen ſollen. Ich habe Ihnen viel, viel zu erzählen, aber wenn meine Verwandten mich hier ſehen, da nehmen ſie mich wieder mit zurück, denn ſie verſtehen mich nicht. O laſſen Sie mich hier, helfen Sie mir, wie Sie es verſprochen haben!——“ „Innocenzia, Sie verſetzen mich in die größte Be⸗ ſtürzung. Was iſt denn geſchehen, was kann ich denn thun? Aber was ich auch thun kann, jedenfalls würde es leichter und beſſer geſchehen können, wenn Sie zu Hauſe wären.“ „Das glaube ich nicht,“ ſagte ſie,„ich habe mir Alles überlegt. Ich bin ſehr, ſehr unglücklich geweſen, ach, ich habe Ihnen viel zu erzählen. Hätte ich nicht an Sie gedacht, ſo wüßte ich nicht, was ich hätte thun können. Aber weil Sie es mir geſagt haben, deshalb bin ich gekommen—“ „Ja, ich ſagte ſo,“ murmelte er in ſeiner Ver⸗ 3 — 197 wirrung. Wie ruhig, wie gelaſſen war ſie dagegen! Nur die Augen begegneten den ſeinigen mit einem bittenden Blick; aber keine Scheu, keine Verlegenheit malte ſich auf dem ſchönen, blaſſen Geſichte. Das Männerherz ſchmolz bei dem Anblicke ſo holder, reiner Unſchuld.„Ja, mein Kind,“ ſagte er,„ich habe es geſagt— und dies Haus und Alles was darin iſt ſteht zu Ihrer Verfügung. Sie ſollen hier bleiben, wenn Sie es wünſchen,— Sie ſollen ganz nach Ihrem Belieben handeln. Ich bin tief betrübt, daß Sie unglücklich ſind, wie Sie ſagen. Haben Sie Vertrauen zu mir! Ich will Alles für Sie thun, Alles, wie— wie für mein eigenes Kind!“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie ſanft,„Sie waren immer ſo gütig gegen mich,“ und darauf verſank ſie eine Weile in ein träumeriſches Schweigen. Endlich hob ſie wieder anz „Ich habe Ihnen ſo viel zu erzählen, daß ich n weiß, wo ich anfangen ſoll——“ „So ſagen Sie mir nur zuerſt, weshalb Sie das Haus Ihrer Tante verlaſſen haben?“ frug er. Ein leiſes Roth flog über ihr Geſicht.„Das kommt zuletzt,“ ſagte ſie;„Sie würden das gar nicht verſtehen, wenn Sie das Andere nicht wüßten. Frederick wohnt wieder bei uns wie ſonſt, und geſtern Abend da— da 198 hat er mir geſagt, daß er mich liebe. Er darf mich aber nicht lieben, es iſt entſetzlich, nach Allem was ge⸗ ſchehen iſt. Und wie könnte ich nun dortbleiben und ihn immer ſehen und dabei wiſſen, wie er über mich denkt? Da dachte ich an Sie, und deshalb komme ich zu Ihnen, daß Sie mich retten. Nun ich möchte gern fortgehen, auf immer fort aus dem Hauſe meiner Tante,— und Sie haben geſagt. Sie wollten mir helfen. Bitte, nehmen Sie mich fort!“ „Innocenzia, wiſſen Sie, was Sie damit ſagen?“ frug er, indem er ſich abermals ihrer beiden Hände be⸗ mächtigte. Ihre Worte regten ihn gar ſeltſam auf. Eine heftige Leidenſchaft konnte ſich in dem feſtgewordenen Herzen des ältlichen Mannes wol kaum mehr ent⸗ wickeln, aber dies wunderbare Geſchöpf hatte ihn gänz⸗ lich bezaubert mit ſeiner Fremdartigkeit, ſeiner rührenden, ſeltenen Schönheit. Erſt hatte ſie ihn abgewieſen in einer Weiſe, wie wol nicht oft ein Bewerber abgewieſen wird, und nun kam ſie, um ſich ihm ſelbſt anzutragen! Obgleich er ein alter Knabe war, ſo durchzuckte ihn doch eine warme herzliche Freude darüber, und ſein Herz wurde weich, als er die kleinen feinen Finger zärtlich in ſeinen Händen gefangen hielt.„Innocenzia,“ wieder⸗ holte er,„wiſſen Sie auch, was Sie ſagen? Bedenken Sie es wol! Sie dürfen mich nicht ermuthigen und 199 dann täuſchen! Es giebt hier nur einen einzigen Weg, auf dem ich Sie Ihren Verwandten wegnehmen kann und darf. Geben Sie mir das Recht eines Gatten? Verſtehen Sie mich?“ Ein wenig, ein ganz klein wenig ſchrack ſie zu⸗ ſammen, doch ihre großen, ernſten Augen ſchauten ſo ehrlich und rein in die ſeinen und langſam ſagte ſie: „Jo, ich weiß es, ich verſtehe Sie.“ Er war ganz betäubt von dieſer Zuſage, die ihm jetzt ſo plötzlich, ſo ohne alle die hergebrachten Krüm⸗ mungen und Windungen gegeben wurde, daß er völlig verſtummte. Er ſtieß nur einige Ausrufe des ehrlichſten Erſtaunens aus. Die Ueberraſchung war zu groß und ſo freudig ſie war, doch auch wieder ſo wunderbar, daß er ſie nicht gleich faſſen konnte. Dann aber fiel es ihm mitten in ſeiner Verwirrung ein, was er der jungen Dame ſchuldig war, die ſo unvorſichtig und doch ſo ver⸗ trauensvoll ihren guten Ruf in ſeine Hände gelegt hatte, und er küßte die zarten Finger immer und immer wieder mit ehrerbietiger Zärtlichkeit. „Tauſend, tauſend Dank, holdes Kind,“ ſagte er, „für Ihr großmüthiges Vertrauen! Ich hoffe, Sie ſollen mich deſſen würdig finden. Es iſt alſo zwiſchen uns nun feſt und ſicher, Innocenzia? Sie wollen aus eigenem freien Willen meine Gattin werden?“ 200 „Ja,“ ſagte ſie wieder mit tiefem Ernſt, als be⸗ ſiegele ſie mit dieſen Worten ihr Schickſal. Er beugte ſich über ſie und küßte die weiße Stirn des jungen Mädchens, dann ſprang er haſtig auf und klingelte. „Geh' augenblicklich zu meiner Schweſter,“ ſagte er zu dem eintretenden Diener halblaut, obgleich Inno⸗ cenzia ohnehin nicht darauf geachtet haben würde,„und bitte ſie, ſogleich zu mir zu kommen. Sie würde mir einen großen Dienſt erweiſen, wenn ſie in einer Viertel⸗ ſtunde hier wäre.“ Dann kehrte er zu ſeiner jungen Braut zurück. „Innocenzia, mein Herzenskind, da wir das nun zwiſchen uns Beiden in Ordnung gebracht haben, ſo können Sie mit um ſo größerer Offenheit zu mir ſprechen. Was iſt denn geſchehen? Frederick hat ſich doch unmöglich unhöflich gegen Sie betragen? So glücklich ich auch darüber ſein muß, was auch geſchehen ſein mag, ſo bitte ich Dich doch: ſage mir,. vorgefallen iſt.“ Dabei zog er das liebliche Geſchöpf dichter zu ſich heran. Es war ihm ſelbſt kaum glaublich, daß es ſo ſein könne, daß ſie, die ſeine Werbung ſo ſcheu zurück⸗ gewieſen, ihm nun aus freier Wahl angehören wollte. Er fühlte ſich geſchmeichelt und gerührt und wußte kaum, was er denken noch was er ſagen ſollte. „Ja,“ ſagte Innocenzia ſeufzend.„Aber ich habe 4 201 noch ſehr viel zu erzählen, und vielleicht werden Sie aufhören, mich gern zu haben, ſobald ſie Alles gehört. Sie werden gewiß böſe auf mich ſein und mich fort wünſchen. Jetzt ſagen Sie„Nein“, aber ſie wiſſen noch nicht, was geſchehen iſt.“ „Nichts was Du ſagen kannſt, liebes, holdes Kind, kann mich erzürnen,“ ſagte er mit faſt väterlicher Zärt⸗ lichkeit und mit einem ungläubigen Lächeln. „Ach, Sie wiſſen es noch nicht!“ rief ſie, und ihre Stimme erhob ſich ſanft wie immer, aber klar und deutlich wie eine Glocke.„Man hatte mich nach Sterborne in die Villa Vane geſchickt—“ „Ach, betrifft es dieſe Verbannung, mein armes Kind?“ ſagte der neue Bräutigam, der allmählich in die rechte freudige Stimmung kam.„Laß uns darüber lieber ein andermal plaudern. Du biſt krank geweſen, mein Herzblatt. Deine Wangen ſind ſo blaß und Du ſiehſt ſchmal und angegriffen aus. Du ſollſt mit mir nach Italien gehen, nach Piſa, liebe Innocenzia—— „Ach!“ ſagte ſie mit einem Seufzer, der aus der Tiefe ihres Herzens zu kommen ſchien,„aber erſt müſſen Sie mich hören.“ „Nicht jetzt, mein Liebling,— nachher, wenn wir erſt wichtigere Sachen beſprochen haben. Zuerſt gehen wir nach Longueville und dann nach Italien. Du ſollſt mir Euer altes Haus zeigen, und wir wollen Deinen Niccolo ausfindig machen—“ „Ach!“ ſagte ſie wieder, und ein Schauder durch⸗ bebte die ganze Geſtalt,„aber Sie müſſen mich erſt an⸗ hören. Alles wird dann vielleicht ganz, ganz anders werden. Ich ging alſo nach der Villa Vane, aber dort geſchah mir nichts— da traf mich Frederick im Dom und nahm mich zum Beſuch zu ſeiner Frau mit.“ „Handelt es ſich um Frederick und ſeine Frau? Ach, liebſtes Kind, ich bin es wirklich müde, von ihnen zu ſprechen oder zu hören. Du zitterſt aber, Innocenzia. Laß doch die Geſchichte, wenn ſie Dich aufregt. Auf mich wird ſie keinen Eindruck machen können.“ „Zum Beſuch zu ſeiner Frau mit,“ fuhr das Mäd⸗ chen unbeirrt fort in einförmig erzählendem Tone. „Sie war krank. Sie hatte Wuthanfälle. Sie ſchrie und zankte mit Allen und über Alles. Frederick aber war gut gegen mich, er iſt es immer geweſen.“ „Genug, liebes Kind, von Frederick,“ ſagte Sir Alexis ungeduldig.„Innocenzia, Du kannſt doch un⸗ möglich glauben, daß Dein Couſin mir ſehr intereſ⸗ ſant iſt.“ „Werden Sie nicht böſe auf mich,“ ſagte ſie mit flehendem Blick.„Er nahm mich mit zu ihr. Ich blieb lange bei ihr. Ich mußte ihr vorleſen. Oft war ſie — 6 —— 5 203 böſe, oft auch freundlich. Ich las und las und endlich ſchlief ich ein——“ „O dieſer ſelbſtſüchtige Menſch!“ rief Sir Aleris. „Dir die Pflege des entſetzlichen Weibes zu überlaſſen!“ „Ich wachte auf von ihrem Schelten. O, ſie war ſo roth, und die Augen glühten! Sie ſchüttelte mich, ſchimpfte mich und wollte mich ſchlagen. Ich war noch halb im Schlafe, ich zitterte——“ „Armes, ſüßes Kind, Du zitterſt auch jetzt wieder. Mein Liebling, was ſoll mir das Alles? Ein andermal erzühle Du———“ „Ich ſollte die Tropfen zählen,“ ſagte das Mäd⸗ chen mit immer leiſer werdender Stimme,„nie hatte ich das bisher gethan. Endlich— o, jetzt wenden Sie ſich von mir,— riß ſie es mir aus der Hand und trank— und hören Sie— Sie trank— und ſtarb! Wiſſen Sie nun, was geſchehen iſt? Ich habe Frederick's Frau ge⸗ mordet!“ „Großer Gott, Innocenzia!“ „Ich wußte es, ich fürchtete es— Sie würden mir böſe werden,“ rief ſie kläglich. Sir Alexis zog den Arm, mit welchem er ſie um⸗ faßt gehalten, etwas raſch zurück. Er war eine Weile ſprachlos vor Entſetzen.„Großer Gott!“ ſagte er, als 204 ihm endlich die Sprache wiederkam.„Und was thaten Sie dann, Unglückliche?“ „Was ich that?“ frug ſie, ihn verwundert und fragend anblickend. „Ja doch. Sie haben doch alle Leute zuſammen⸗ gerufen? Sie haben doch ſofort erzählt, wie Alles kam? Es wurde doch Alles verſucht, um ſie wieder zum Leben zu bringen? Wie ſonderbar, daß ich von lalledem keine Silbe erfahren habe!“ ſagte er aufſpringend. Dem armen Mädchen ſank das Herz. Sie ſah mit Augen zu ihm auf, die in Thränen ſchwammen. Bisher war noch Niemand böſe auf ſie gewordeu, dem ſie ihr Unglück geklagt hatte. Alle hatten mit ihr geweint und ſie getröſtet. Nun aber wurde gerade derjenige, auf den ſie ihre größte Hoffnung geſetzt hatte, durch ihre Erzählung am heftigſten aufgeregt und, wie ſie es nannte,„böſe“ auf ſie. Sie fing an leiſe zu ſchluchzen und ſah ihn mit dem rührenden Blicke eines traurigen Kindes an. Sie hatte die Tropfen gegeben, das war die Wahrheit;— aber was nachher kam, was ſie hätte thun ſollen, darnach hatte bisher noch Niemand gefragt und Niemand hatte ſie darüber belehrt. Sie gab ihm keine Antwort, aber die hellen Thränen rollten über die blaſſen Wangen. Er war in einer ihm ſelbſt unbegreiflichen Aufregung aufgeſprungen, aber keineswegs in der 205 Abſicht, ſie zu verlaſſen. Nein, als ſeine Augen auf das arme Kind fielen, das ſich ihm mit ſolchem Vertrauen genähert hatte, als er ihren thränenvollen Blicken begegnete, da ſchmolz ihm das Herz. Er ſetzte ſich wieder zu ihr.„Arme Innocenzia, armes, armes Kind, was haſt Du gethan?“ „Ich ging nach Hauſe,“ ſagte ſie zuſammenſchauernd. „Als man mir ſagte, ſie ſei todt, da konnte ich nicht länger bleiben. Es war tiefdunkle Nacht— ſehr ſpät. Nie war ich allein aus. Ich kam nach Hauſe—— „Und Du haſt ihnen nie etwas davon geſagt, was Du gethan?“ „O Sie dürfen mir nicht böſe ſein!“ ſagte die arme Innocenzia und brach in herzzerreißendes Schluchzen aus. Er ſchloß ſie zärtlich in ſeine Arme und gab ſich alle Mühe, ſie zu tröſten. Das arme Kind! Der arme Mann, der ſich nun ſo plötzlich an ihr Schickſal ge⸗ bunden ſah! Er bezweifelte nicht einen Augenblick die Wahrheit deſſen, was ſie geſagt, und während er ihr freundlich zuſprach, zerſann er ſeinen Kopf, wie er das Netz zerreißen könne, in welches das arme Kind ſich verwickelt hatte. Er beklagte ſie ebenſo aufrichtig als es die Anderen gethan, aber er war ruhiger, überlegter als alle Anderen und auch bereit thatkräftig einzuſchreiten, wenn es nöthig ſein ſollte. Daß ſie wirklich Frederick's 206 Frau getödtet habe, wie ſie meinte, war natürlich nur reiner Wahnſinn, aber ihre Flucht, ihr Schweigen darüber waren gefährliche Gegenbeweiſe. Er ſpannte alle ſeine Geiſteskräfte an, um einen Ausweg zu finden. „Ich bin durchaus nicht böſe auf Dich, mein armes Kind,“ ſagte er. Wie wäre das auch möglich? Inno⸗ cenzia, faſſe Dich, beruhige Dich. Du mußt aufhören zu weinen, dann kann ich beſſer überlegen, was wir zu thun haben.“ „ In dieſem Momente wurde die Thüre haſtig ge⸗ öffnet, und Mrs. Barclay rauſchte, fröhlich wie immer, in ihrer prächtigen Seidenrobe und mit ihrem lächelnden Geſichte ins Zimmer. „Was ſoll denn das heißen, Alexis?“ ſagte ſie luſtig.„Wozu brauchſt Du mich denn ſo nothwendig? Was ſind denn das für Geſchichten? Hübſche junge Damen ſind bei Dir zum Beſuch? O meine ſüße Inno⸗ ecenzia! Ich habe immer unterwegs daran gedacht, Du müßteſt es ſein, liebes Kind.“ Sir Alexis ſprang auf, und das junge Mädchen hörte auf zu ſchluchzen; ſtaunend wandte ſie ſich zu der Eingetre⸗ tenen.„Meine theure Schweſter, Du haſt ganz richtig ge⸗ dacht,“ ſagte er.„Innocenzia hat ſich in einer Sache von Wichtigkeit an mich gewendet. Ich will deshalb jetzt zu —— 207 ihrer Tante gehen und mit ihr ſprechen. Du, mein Liebling, bleibſt unterdeſſen im Schutze meiner Schweſter. Lucilla, dies iſt die künftige Lady Longueville. Du biſt die Erſte, die es erführt, Du wirſt mein Herzblättchen recht hüten, nicht wahr? Sie iſt krank und angegriffen. Gieb ihr etwas Wein oder Thee oder ſonſt etwas und ſorge dafür, daß ſie ſich ausruht.“ „Das will ich,“ ſagte die gütige Frau.„Ich will es ſchon unter meine Flügel nehmen, das kleine, weiße Täubchen. Ich habe mir das ſchon immer gedacht, vom erſten Tage an, als ich ſie ſah. Alexis, ich hoffe, ſie wird ein eben ſo reizendes kleines Frauchen ſein, wie ſie ſchön iſt. Mehr kann ich nicht ſagen. Von ganzem Herzen wünſche ich Dir Glück, lieber Bruder.“ und ſie küßte ihn herzlich, lachte und weinte in einem Athem, küßte dann Innocenzia wieder und bildete ſo in ihrer ehrlichen Herzensfreude einen ſchlagenden Contraſt zu den ernſten Empfindungen des Paares, das vor ihr ſtand. Sie begleitete den Bruder bis zur Thüre und ſchüttelte ihm hier noch einmal die Hände voller Freude und Zufriedenheit über ſeinen Entſchuß. „Iſt denn irgend ein Streit mit den Eaſtwoods vorgekommen?“ frug ſie noch leiſe. „Nein, aber es iſt Etwas geſchehen, ich weiß noch nicht recht was. Laß ſie ſich ausruhen, Lucilla, und laß ſie 208 nicht mehr ſprechen. Du ſorgſt ſchon dafür, daß ich ſie wol finde, wenn ich zurückkomme, denn dann müſſen wir berathen, was zu thun iſt.“ „Verlaß Dich auf mich, ich ſorge ſchon für das herzige Kind,“ ſagte die heitere Frau, und im nächſten Augenblick ſah ſich Innocenzia allein mit der ihr faſt fremden Frau, in fremden Räumen, hörte liebevolle Worte von fremder Stimme. Aber trotzdem kam ein wohlthuendes Gefühl von Sicherheit über ſie. Sie hatte ihre Bürde mit vollem Vertrauen auf Sir Aleris' Schultern gelegt, und vielleicht gab ihr gerade die Ver⸗ ſchiedenheit ſeiner Auffaſſung des Geſchehenen von der der Andern eine größere Zuverſicht, daß durch ihn Alles gut werden müſſe. Das Wie? freilich war ihr nicht klar, denn traumgleich, wie ihr bisheriges Leben, lag auch das Kommende vor ihr. Auch Sir Alexis wandelte wie ein Träumender durch die Straßen. Sein ganzes Innere war auf das Heftigſte bewegt und erſchüttert. War es denn möglich, daß mit ſeiner reizenden Innocenzia, mit dieſem köſt⸗ lichen Kleinod, das zu beſitzen er ſo ernſtlich geſtrebt hatte, zugleich ein ſo tiefer Schatten in ſein Leben trat? Denn ſeine Anſicht war eine ganz andere als die der Eaſtwoods. Er bezweifelte durchaus nicht, daß Amanda's Tod von der zu großen Doſis Opium herrühre. In⸗ 209 deſſen wie oft ſchon war das vorgekommen und wer hatte je in ſolchen Fällen gleich an Mord, an Criminal⸗ unterſuchung gedacht? Jede Andere würde auch dem⸗ gemäß gehandelt, das ganze Haus zuſammengerufen, Alles erzählt und ſomit vielleicht Tadel und Vorwürfe erfahren, tiefe Reue empfunden, aber nicht ſo furchtbar gelitten haben wie ſie. So aber hatte das arme Kind in ſeiner Thorheit ja Alles gethan, was Verdacht er⸗ wecken und den Schein einer wirklichen Schuld hervor⸗ rufen konnte. Ueber das Benehmen der Familie da⸗ gegen war er ſich noch nicht klar. Wollten ſie es todt ſchweigen? Alle dieſe Gedanken durchflogen ihn, als er den Weg nach Mrs. Eaſtwood's Hauſe eiliger als ge⸗ wöhnlich zurücklegte. Eben erſt hatte man hier Innocenzia's Abweſenheit entdeckt. Nelly hatte den Garten durchſucht und kam eben athemlos hereingeſtürzt, als Sir Alexis angemeldet wurde. „Sie iſt nicht im Garten,“ hörte er noch Nelly mit ängſtlicher Stimme ſagen. Die Damen waren blaß und augenſcheinlich ſehr verlegen, doch wollten ſie ſich nichts merken laſſen. Sir Alexis befreite ſie jedoch von ihrer Angſt. „Sie ängſtigen ſich um Innocenzia?“ ſagte er.„Ich komme, um Sie darüber zu beruhigen. Sie iſt bei mir, d. h. bei meiner Schweſter, in vollkommener Sicherheit—“ Oliphant, Innocenzia. II. 14 210 „Bei Ihnen, Sir Alexis? Wo haben Sie ſie ge⸗ funden? Sie muß ausgegangen ſein—“ ſagte Mrs. Caſtwood, indem ſie ſich bemühte, weder ihr Erſtaunen. noch ihre Freude allzu lebhaft zu bekunden. „Wir ſind alte Freunde, nicht wahr?“ rief Sir Alexis, indem er Mrs. Eaſtwood's Hand ergriff.„Wir kennen uns ſeit vielen Jahren. Zürnen Sie mir des⸗ wegen auch nicht, daß ich Ihr Geheimniß weiß. Inno⸗ cenzia hat mir Alles geſagt, ſie hat ſich ſelbſt in meine Hand gegeben.“ „Innocenzia— in Ihre Hand? Träume ich denn, Nelly?“ rief die Mutter, indem ſie den ſcheinbar ſehr gefaßten Weltmann mit mißtrauiſchen Blicken betrachtete. „Wollen Sie mir damit andeuten, daß ſie uns ver⸗ laſſen hat, um— um zu Ihnen— Sir Aleris? Das kann das Kind nicht aus freien Stücken gethan haben. Das iſt unverzeihlich— ein Einmiſchen—“ „Hören Sie mich erſt an, liebe Freundin,“ ſagte er.„Es iſt ihr eigener, freier Entſchluß.“ Und darauf theilte er den erſtaunten Frauen Alles mit, was ſich zu⸗ getragen. Sie ſahen ſich lange ſchweigend an. „Und ſie hat eingewilligt, Ihre Gattin zu werden?“ rief Mrs. Eaſtwood entſetzt.„Sir Alexis, ich darf es nicht zugeben, ich, ihre nächſte Verwandte. Sie dürfen nicht für Ihre großmüthige Güte leiden. Als Sie da⸗ ———— ——— 211 mals mit ihr ſprachen, hing noch kein Schatten über dem armen Kinde. Jetzt darf ich es nicht zugeben, daß Sie dieſe doppelte Laſt auf Ihre Schultern legen.“ „Ich weigere mich nicht, ſie zu tragen,“ ſagte er ernſt.„Ich nehme ſie mit ihr ſogar willig hin. Ich frage auch nicht nach Ihrer Erlaubniß, denn die haben Sie mir bereits früher gern gegeben. Hier iſt nur die Frage: wie beenden wir dieſe ſchmerzliche Angelegenheit am Beſten, wie beweiſen wir, daß es ein bloßer Zufall geweſen iſt, wie er Jedem zuſtoßen kann?—“ „Glauben Sie mir, es iſt eine reine Sinnes⸗ täuſchung,“ ſagte die Mutter und darauf erzählte ſie ihm ihre Erlebniſſe in Sterborne, ihre Unterredung mit dem Arzte und ſchloß damit, daß kein Hauch von Ver⸗ dacht, keine Idee einer ſolchen That in irgend Jemandes Kopf gekommen ſei als in den des armen Kindes. Be⸗ ruhigt erhob ſich Sir Alexis und ſeine beiden Hände ausſtreckend küßte er die der ſchluchzenden Frau. „Iſt das wahr?“ rief er, und Thränen füllten auch ſeine Augen. Er fühlte erſt jetzt, welche Centnerlaſt auf ihm gelegen, jetzt, nachdem dieſer einfache Bericht ſie von ihm genommen hatte. „Vollſtändig wahr!“ ſagte ſie unter Thränen und 14* fühlte ſich in dieſer Ueberzeugung vollkommen feſt und 212 S ſicher. Was konnte wohl ſicherer ſein? In ihm herrſchte kein Zweifel mehr. S Er erhob ſich, um zu gehen. Doch vorher theilte er J D noch der Vormünderin und Tante Junocenzia's Pläne mit, die er mit ihr vorhatte. Sie ſollte ſo bald' wie möglich ſeine Frau werden, damit er ſie fort nach N Longueville und dann nach Italien nehmen könnte; da. würde ihr krankes Herz in dem Wechſel des Lebens wie 1. der geſunden. Und dies Geſpräch erheiterte die beiden— Frauen ſo, daß ſie fröhlich planderten und ſich in 16 Innocenzia's kommendem Glücke ſonnten. Nur Sir 1 Aleris kehrte mit demſelben ernſten Geſichte wieder heim mit dem er fortgegangen. Eine Wolke lagerte an dem«, Himmel ſeines Glücks, und er mußte ſich zwingen, S nicht mehr zu gedenken, als er das liebliche Mädchen— nochmals als ſeine Braut zärtlich begrüßte. 22 *. e5 Druck von Metzger& Wittig in Leipzig. mffſſſſſnſſſſ 2 8 9 10 11 12 13 14 1 * 3* 8