weuſchet, eiglſcher und frawöſiſher Lerau on 2 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ b pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat 1 M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 6f. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurſckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vex⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo ift ver Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleibezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiteryerleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Roman aus dem modernen Leben von Mrs. Gliphant. Aus dem Engliſchen von Julie Dohmke. Zweiter Rand. Ceipzig, Ernſt Julius Günther. Inhalt. Erſtes Kapitel. Eine wichtige Zuſammenkunft Zweites Kapitel. Ein Sonntag daheim Drittes Kapitel. Innocenzia's erſtes Abenteuer. Viertes Kapitel. Frederick als Retter Fünftes Kapitel. Mädchenphiloſophie... Sechſtes Kapitel. Die Blume von Sterborne Siebentes Kapitel. iſ i Achtes Kapitel. Ein Familiendiner Seite 17 32 45 62 TX Neuntes Kaptitel. Seite Von einer andern Heirath.. 0 Zehntes Kapitel. , Elftes Kapitel. Was die Familie darüber dachte.. Zwölftes Kapitel. ee e Dreizehntes Kapitel. 186 Erſtes Kapitel. Eine wichtige Inſammenkunft. Leider ſollte Nelly's Strom der Liebe nicht ſo ganz ungetrübt und ungeſtört dahin fließen, wie man es wohl zuerſt annehmen durfte. Ihre eigene Familie hatte das Ereigniß freudig begrüßt, weil Nelly darin ihr Glück fand, und die wichtigen Punkte, Geld und Gut, waren nur ſo nebenhin berührt worden. Vielleicht lag das darin, daß Relly keinen Vater mehr hatte, der dieſe wichtige Frage in Betracht gezogen hätte, wenn auch Mrs. Eaſtwood, ihrer Meinung nach, ſehr geſchäfts⸗ mäßig zu Werke gegangen war. Aber eine Frau, be⸗ ſonders eine Mutter, denkt doch zuerſt mehr an die Liebe und an das Herzensglück des Kindes, als an die aller⸗ dings ſehr nöthigen äußeren Mittel zum Leben. Da⸗ gegen beſchäftigte ſich die Familie des Bräutigams, die ſich weder für ſein, noch für Nelly's Liebesglück ſehr 1 Hliphant, Innocenzia. II. intereſſirte, ſehr ernſtlich mit dem für ſie wichtigſten Punkte und fand, daß die Summe von fünftauſend Pfund ein ſehr geringes Aequivalent für die hohe Ehre ſei, die Schwiegertochter des hochberühmten Mr. Moly⸗ neur zu werden, und daß Ernſt eine viel beſſere Wahl hätte treffen können. Und obgleich Ellinor Eaſtwood aus einer weit angeſeheneren Familie ſtammte und vor⸗ nehmere Verwandte beſaß, als die Molyneux, auch wirk⸗ lich etwas Vermögen hatte, während ihr Verlobter ja gar nichts in die Wagſchale legen konnte, ſo eilten doch ſeine Freunde auszuſprengen, Mrs. Eaſtwood habe Alles daran geſetzt, den jungen Mann zu„fangen“, und wie jene ſchmeichelhaften Ausdrücke alle heißen, mit denen ein ſolches Ereigniß von gehäſſigen Zungen begrüßt zu werden pflegt. Natürlich hieß es auch von Nelly, daß ſie ſchon längſt nach ihm„geangelt“ habe. In demſelben Lichte wurde das Verhältniß von Seiten der Familie Molyneur betrachtet. Obgleich ſie im Grunde gar nichts gegen das junge Mädchen einzuwenden hatte, man ihr überhaupt nichts Unvortheilhaftes nachſagen konnte, ſo blieb jene doch bei ihrer einmal gefaßten Meinung, die Eaſtwood's hätten den Ernſt„mit Haaren herbeigezogen“. So geht's in der Welt. Eine ganze Woche war ſchon verſtrichen, und von der Familie des Bräutigams heatte ſich noch Niemand S0 blicken laſſen. Endlich kündigte dieſer den Beſuch ſeines Vaters an, welcher eines Tages, ehe er in die Ge⸗ richtsverhandlung ging, im Hauſe vorſprechen wollte. Mrs. Eaſtwood hatte ſich durch dies Benehmen in ihrer Würde ſehr verletzt gefühlt, und obgleich ſie dem jungen Manne nach wie vor geſtattet hatte, täglich zum Eſſen zu kommen, ſo wurde ſie doch immer kühler gegen ihn. Das machte nun wieder Nelly unglücklich, und ſie ſchmeichelte an der Mama herum, hing das Köpfchen und ſah mit flehenden Augen zu ihr auf. „Aber Du haſt doch Ernſt noch lieb? Iſt's auch ganz gewiß, daß Du ihn lieb haſt?“ ſo frug ſie wohl zehnmal des Tages. „Gegen Ernſt ſelbſt habe ich durchaus nichts ein⸗ zuwenden. Ich bin nur empört über die Familie, die ſich allerdings nicht benimmt, wie ich es erwarten durfte,“ entgegnete die Mutter. So empfing ſie denn auch die endliche Ankündigung des Beſuches von Mr. Molyneur mit großer Würde. Sie wollte es Niemand merken laſſen, daß ſie doch aufgeregt war. Nur wurde das Frühſtück etwas früher genoſſen und ſchnell beſeitigt, damit auch Alles in Ordnung wäre, wenn der geſtrenge Herr käme. Mrs. Eaſtwood pflegte alle Sachen von Wichtigkeit im Speiſeſaale zu verhandeln. Er ſah ſo feie aus mit den hochlehnigen geſchnitzten Stühlen 1* 4 und den Tafeln aus Eichenholz. Hier empfing ſie auch den heimlich gefürchteten Beſuch des berühmten Advocaten. Als er eintrat, fand er die Dame des Hauſes an dem Tiſche mit ihren Wirthſchaftsbüchern beſchäftigt und fühlte ſogleich heraus, daß dieſe anſcheinend ruhige Haltung nur eine angenommene war. Da er die Frau, mit der er zu thun hatte, durchaus nicht kannte, ſo zog er daraus ſofort einen ganz falſchen Schluß, indem er für Berechnung hielt, was nichts weiter als Verlegenheit war. Mr. Molyneur war jedoch kein feinfühlender Mann und deshalb auch kein richtiger Beurtheiler des weiblichen Geſchlechts. Er war ein berühmter Redner, ein glänzender Vertheidiger, aber trotz alledem eine inner⸗ lich rohe Natur. Er war groß und breit gebaut, kleidete ſich nachläſſig und zeigte eine gewiſſe Beweglichkeit der Züge, die ſich beſonders in dem Spiele des ſchmalen Mundes offenbarte. Aber ein Schönredner war er nicht. Er beſaß eine ungewöhnliche Rednergabe und die hatte ihn populär gemacht. Sprach er jedoch über irgend einen Gegenſtand mit Pathos, ſo bewirkte er ſtatt der beabſichtigten Rührung häufig nur helles Gelächter. Der oberſte Gerichtshof ſah aber in ihm eine ſeiner größten Stützen, und trat ſein bloßer Name mit einer ſchon verloren gegebenen Sache in Verbindung, ſo war das ſo gut wie eine Freiſprechung. 5 4 5 Als nun dieſer Mann durch den alten Diener mit gebührender Feierlichkeit in das Zimmer geführt wurde, ſank der guten Mrs. Eaſtwood einen Augenblick aller Muth. Sie kannte ihn bisher nur flüchtig und hatte vor ihm jene heilige Scheu, die man bei Frauen be⸗ rühmten Perſönlichkeiten gegenüber häufig findet. Auch gab er ſich durchaus keine Mühe, ihre Aufregung zu be⸗ ſchwichtigen, ſondern ſah ſie nur mit ſeinen kalten, grauen Augen und mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln um den brei⸗ ten Mund forſchend an. Mrs. Eaſtwood kam ſich in dieſem Momente vor wie eine unglückliche Verbrecherin, mit der eben ein Kreuzverhör vorgenommen werden ſoll, und fühlte ſich ſehr unbehaglich. „Alſo unſere Kinder, Madame, haben einen tollen Streich gemacht,“ ſagte er mit einem ſchelmiſchen Augen⸗ blinzeln, nachdem die erſten Begrüßungen und die üblichen Fragen nach Geſundheit und Wetter vorüber waren. Dieſe Worte und mehr noch das darauf folgende Lachen brachten die Mutter ganz aus der Faſſung. Sie wußte kaum, was ſie darauf antworten ſollte. „Sie haben einen Schritt gethan,“ ſagte ſie, wie nach Athem ringend,„der allerdings noch ſehr ernſtlicher Erwägung bedarf, ſoll er zu ihrem Glücke—“ „So iſt es,“ unterbrach ſie Mr. Molyneux,„und wir Beide müſſen nun ſehen, was ſich in dieſer Sache thun läßt. Ernſt iſt kein übler Junge, Madame, aber leider Gottes, ſehr unvernünftig. Er rennt in ſein Schickſal hinein, wie eben jetzt, ohne die! Folgen zu vedenken. Ich vermuthe, daß er Sie über ſeine Verhält⸗ niſſe nicht im Unklaren gelaſſen hat?“ Mrs. Eaſtwood antwortete nur durch eine etwas ſteife Neigung des Kopfes. „Das ſieht ihm ähnlich,“ ſagte der Vater lachend. „Ohne einen Heller eignes Vermögen, ohne Ausſicht auf Verdienſt zu haben, läuft er hin und hält um ein hüb⸗ ſches Mädchen an, wahrſcheinlich mit dem Gedanken an ſchleunigſte Heirath,— der Himmel weiß, wovon er zu leben gedenkt.“ „So hat er allerdings nicht zu mir geſprochen,“ ſagte die Mutter.„Zwar hat er mir geſtanden, daß er kein Vermögen habe, außer dem Zuſchuß, welcher ihm von Ihnen gewährt wird, aber ich meinte, ſeiner Ver⸗ ſicherung Glauben ſchenken zu dürfen, daß bei größerem Fleiße in ſeinem Berufe—— Hier wurde Mrs. Eaſtwood abermals durch ein kräftiges„Ha, ha!“ ihres Beſuchers unterbrochen. Ihr war das höchſt unangenehm. Die ganze ſpöttiſch gering⸗ ſchätzende Art, wie die ihr ſo wichtige Angelegenheit von dem Vater des jungen Mannes behandelt wurde, er⸗ kältete ſie gegen dieſen, und ſie wurde im Laufe des 7 Geſprächs mit dem großen Rechtsgelehrten immer ſteifer und vornehmer. „Ho, ha, ha! Daran erkenne ich meinen Jungen,“ lachte Mr. Molyneux.„Verzeihen Sie, aber Ernſt iſt zu unwiderſtehlich komiſch. Größerer Fleiß in ſeinem Berufe! Für dieſe Phraſe allein verdiente er Pairsrang. Wiſſen Sie nicht, meine liebe Madame, daß mein Junge nie und niemals in ſeinem ganzen Leben, weder in ſeinem Berufe noch bei irgend einer andern Gelegen⸗ heit fleißig geweſen iſt?“ „Wollen Sie mir damit zu verſtehen geben, daß Sie die Verlobung Ihres Sohnes mit meiner Tochter aufzulöſen wünſchen?“ frug Mrs. Eaſtwood mit vor Aufregung und Verdruß bebenden Lippen. „Durchaus nicht, Madame, durchaus nicht,“ ſagte Mr. Molyneur heiter.„Ich habe gar nichts gegen Ihre Tochter, und wenn er ſich nicht mit ihr verlobt hätte, würde er es nächſtens mit einer Andern thun. Aber in unſerem beiderſeitigen Intereſſe liegt es, ſie vor thörich⸗ ten Schritten zu bewahren. Die Abſicht der jungen Leute iſt doch, daß wir die Sache bezahlen——“ „Ich muß Sie bitten,“ rief Mrs. Eaſtwood lebhaft, „daß Sie hier nur in Ihrem und Ihres Sohnes Namen ſprechen, meine Tochter iſt fern von ſolcher Berechnung. Sie hat das nie verſtanden.“ „Bitte um Vergebung bei Mutter und Tochter,“ ſagte der große Mann mit ſchalkhaftem Lächeln.„Ich habe gar nicht auf Miß Nelly anſpielen wollen. Aber das Rechnen wird und muß auch bei ihr kommen, fürchte ich, ſobald ſie Ernſt heirathet. Sie müſſen ein Haus haben und alle Tage ihr Eſſen. Ich bezweifle durchaus nicht, daß Miß Nelly ein Engel iſt, aber ſelbſt ein Engel muß, wenn die wöchentlichen Rechnungen ein⸗ laufen, und er nicht weiß, wovon er ſie bezahlen ſoll, endlich berechnend werden.“ „Das würde mir als ein Ding der Unmöglichkeit erſcheinen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit mühſam unter⸗ drücktem Zorn und fuͤgte nach einer Pauſe etwas ge⸗ faßter hinzu:„Ich möchte Ihnen überhaupt ſogleich ſagen, Mr. Molyneux, daß, wenn Ihnen die ganze An⸗ gelegenheit in einem ſolchen Lichte erſcheint, ich am liebſten dieſe Unterredung beendet ſähe. Meiner Tochter Glück liegt mir ſehr am Herzen, aber ihre Ehre ſowie die meinige ſollte uns doch noch theurer ſein—“ „Theuerſte Frau,“ rief Mr. Molyneur,„ſagen Sie mir in aller Welt, was hat denn Ihre oder Ihres Töchterchens Ehre damit zu ſchaffen, oder weshalb ſind Sie böſe? Meine Anſicht iſt einfach die, daß die jungen Leutchen hoffen, ſo viel als möglich für ſich von uns heraus zu kriegen—“ 9 „Vielleicht thut das Ihr Sohn,“ fiel Mrs. Eaſt⸗ wood heftig ein.„Sie kennen ihn ja am beſten.“ „Natürlich kenne ich ihn am beſten, und daß er ſoviel als möglich aus mir herausquetſchen will, darüber bin ich vollkommen klar,“ ſagte Molyneux.„Da Sie es aber nicht wünſchen, laſſe ich den andern Theil ganz außer Frage. Seit 28 Jahren kenne ich nun meinen Herrn Sohn und weiß, aus welchem Stoff er gemacht iſt. Da aber zwei Parteien zu dieſem Handel gehören, ſo möchte ich genau wiſſen, was wir Beide thun wollen und thun können. Ich habe nicht gewünſcht, daß ſich Ernſt jetzt ſchon verloben ſoll und wenn er es that, hätte er höher greifen ſollen. Damit will ich durchaus nichts Unliebenswürdiges ſagen, aber ich hätte gewünſcht, daß er mehr auf's Geld geſehen hätte. Er hat mir ſehr viel gekoſtet und hätte mir nun etwas einbringen ſollen. Wahrſcheinlich haben Sie ähnliche Anſichten. Iſt dies aber der Fall, ſo ſollten wir, ſtatt uns zu zanken, uns verſtändigen. Miß Nelly hätte eine beſſere Partie machen können—“ „Eine viel beſſere Partie,“ ſagte die Mutter mit feſter Stimme. „Ganz gewiß. Im Grunde meinen wir Beide das⸗ ſelbe, wenn ich es auch vielleicht etwas zu rauh benenne. Unſere jungen Leutchen ſind wie zwei Narren Hals über 10 Kopf in ein Netz gerathen, und wir ſollen ihnen wieder heraushelfen. Unter uns geſagt, ich bin ein warmer Verehrer Ihrer Tochter,“ ſagte der ſchlaue Advocat, und ſein Ton wurde weich wie Oel,„und obſchon ich das nicht ſagen ſollte, Ernſt iſt auch ein hübſcher, junger Kerl. Es wird ein ſchönes Paar werden, gerade ſo wie es in Romanen und Gedichten heißt, wo ſie auch glück⸗ lich leben, man weiß nicht wovon. Aber in unſerer proſaiſchen Welt läßt ſich das nicht ſo leicht bewerk⸗ ſtelligen. Die Kinder haben kein Geld, alſo müſſen wir Eltern das überlegen.“ „Nelly hat 5000 Pfund und er hat— ſeinen Be⸗ ruf,“ ſagte Mrs. Eaſtwood mit leicht bebender Stimme. „Gut, gut,“ ſagte der kluge Mann.„Wenn wir noch in dem goldenen Zeitalter lebten, ſo wären 5000 Pfund ſchon der Rede werth, und wenn nur die Welt noch mehr prozeſſiren wollte, ſo fände ſich auch vielleicht für meinen Sohn eine beſſere Ausſicht. Da er aber zu vor⸗ nehm iſt, um ſich wie ſein armer Vater mit Criminal⸗ geſchichten zu befaſſen, ſo iſt ihm nicht viel zu helfen. Und Sie meinen doch nicht, Madame, daß die Beiden von den paar Groſchen Zinſen von Miß Nelly's Ver⸗ mögen in London leben ſollen?“ „So thöricht bin ich nicht,“ rief die Mutter,„auch iſt es ganz gegen meine Grundſätze. Der Mann muß 5 11 arbeiten und verdienen, ehe er heirathet. Wenigſteus muß er Ausſicht auf ein hinreichendes Einkommen haben, ehe ich meine Einwilligung zu dieſer Verbindung gebe.“ „Ein hinreichendes Einkommen, das Ernſt ſich ver⸗ dienen ſoll?“ ſagte Mr. Molyneux abermals mit jenem fatalen Lachen.„Verzeihen Sie, verehrte Frau, aber wenn ich ſehe, wie der Junge Sie beſchwindelt hat, da muß ich lachen. Glauben Sie mir, ich weiß es beſſer, wenn die Beiden ſich heirathen ſollen, ſo müſſen wir die Sache machen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Mr. Molyneux—“ „Das glaube ich,“ ſagte er wieder in ſeinen erſten Ton, der an Verachtung ſtreifte, zurückfallend.„Damen verſtehen ſolche Angelegenheiten überhaupt ſehr ſchwer. Wenn Sie mir den Namen Ihres Sachwalters ſagen wollen, ſo iſt es vielleicht einfacher, daß ich die Sache mit ihm in Ordnung bringe.“ „In ſolchen wichtigen Angelegenheiten,“ ſagte Mrs. Eaſtwood,„pflege ich für mich ſelbſt zu handeln.“ Dieſe entſchloſſene Rede bewirkte mehr, als ſie er⸗ wartet hatte. Der Advocat ſah ein, daß er gelindere Säaiten aufziehen und auch klarer ſich ausdrücken müſſe. „So wollen wir denn alle Schleichwege vermeiden,“ ſagte er,„und gerade auf das Ziel losſteuern. Ich will 12 meinem Sohne eine gewiſſe Summe geben. Wieviel geben Sie Ihrer Tochter?“ „Ich?— Aber die 5000 Pfund ſind Nelly's Erb⸗ theil von großväterlicher Seite. Ich kann gar nichts thun!“ rief die geängſtigte Frau. Der große Advocat war innerlich ſehr gelangweilt über dieſe nutzloſe Unterredung, aber er verſuchte mög⸗ lichſt milde der Mutter den Standpunkt klar zu machen. Sollten die Kinder ſich heirathen, ſo mußten die Eltern ein Opfer bringen. Aber wie ſollte Mrs. Eaſtwood dies thun, ohne ihre Söhne zu ſchädigen? „Ich hätte geglaubt, daß Ihr Sohn durch Ihren großen Einfluß—“ „In meinem Beruf, Madame, gilt eigenes Verdienſt, nicht Einfluß von Vaters Seite,“ unterbrach er ſie faſt rauh. Was blieb der armen Mutter nun noch übrig? Sie ſah, ſie würde ungerecht gegen ihre anderen Kinder ſein, wenn ſie etwas thäte. Aber ſollte ſie andererſeits Nelly opfern? Nelly war ſo glücklich in ihrer Liebe; ſollte ſie ſie zwingen, Ernſt zu entſagen? Ach, das Herz würde dem Mädchen brechen. Nelly war gerade eine Natur, die ſchweigend im Liebeskummer vergehen konnte. So dachte die zärtliche Mutter. Und das alles nur um das elende Geld? So gewann die Beredſamkeit des großen Advocaten doch endlich den Sieg. Noch während 13 er ſprach, hatte die gute Frau das Opfer gebracht. Sie willigte ein, daß Mr. Molyneur mit ihrem Advokaten ſich beſprechen ſollte, und bat nur, daß in der ganzen Sache nichts überhaſtet würde. Der große Mann ſah Nelly noch, ehe er ſich ent⸗ fernte, und war ſehr liebenswürdig gegen ſie. Ja er küßte ſie ſogar väterlich auf die ſchöne Stirne, was ihm Mrs. Eaſtwood im Herzen mißgönnte, denn jetzt ſollte ihr ſüßes Kind noch ihr ausſchließliches Eigenthum blei⸗ ben. Den Verlobten wollte ſie allenfalls dulden, aber der Vater war ihr im innerſten Herzen zuwider. Und die Prüfung war um ſo ſchwerer zu tragen, als ſie ein freundliches Geſicht machen mußte, um den fragenden Blicken der Tochter zu begegnen. Sie mußte ſogar ſagen, daß ſie ſich mit dem alten Mr. Molyneux aller⸗ dings über einige Punkte noch nicht ganz hätte einigen können, daß jedoch Alles gut werden würde. Nelly war bis dahin die Vertraute der Mutter in jeder Lage ge⸗ weſen; wie unendlich ſchwer ward es dieſer jetzt, Alles in ſich verbergen zu müſſen! Und der Grund des Verdruſſes, den ſie ſo in ſich verſchließen mußte, war ihr ſo widerlich. Sie, die ihrer Nelly nichts verſagt hatte, ſo lange ſie lebte, ſie ſollte nun geizig und knauſerig erſcheinen? Noch andere Ge⸗ fühle des Unbehagens miſchten ſich hinein. Bisher hatte 14 Mrs. Eaſtwood mit Recht der Ueberzeugung gelebt, daß man ſie und die Ihrigen ſehr hoch ſtellte, und nun trat ihr eine Familie entgegen, die offen zeigte, daß ihr an einer engeren Verbindung mit ihnen durchaus nicht viel gelegen war. O, ſeit dem Kummer über Frederick und den Verluſt der Equipage hatte etwas ſo Schmerzliches nicht in der Bruſt der guten Frau gekämpft. Wenn die Liebe in ein Haus eindringt, in welchem bis dahin nur die Zärtlichkeit von Eltern und Ge⸗ ſchwiſtern gewaltet hat, ſo führt ſie zuerſt faſt immer einen Riß, eine zeitweilige Trennung herbei. Das Brautpaar iſolirt ſich, die Eigenliebe tritt ſtärker hervor, die Hände, die ſonſt feſt verſchlungen waren, löſen ſich aus dem warmen Schutze elterlicher Fürſorge, und nur gar zu leicht entſtehen da Mißverſtändniſſe, wo ſonſt Alles klar und durchſichtig war. So auch hier. Nelly meinte, ihre Mutter ſei unfreundlich gegen ihren Ernſt, und dieſer wieder dachte bei ſich, daß ſeine Schwiegermama ſchon allerhand Eigenſchaften entfalte, die zu dem übelberüch⸗ tigten ſchwiegermütterlichen Charakter paßten, und ſah in ihr ſeine natürliche Feindin. Er ſcheute ſich auch nicht, hin und wieder einen Wink darüber gegen ſeine Verlobte fallen zu laſſen, was nun wieder Nelly ſehr unglücklich machte. Dann fand die Mutter ſie in Thränen, und auf ängſtliches Befragen wurde ihr in klagendem 15 Tone die Antwort zu Theil:„Liebe Mama, weshalb biſt Du ſo böſe auf Ernſt? Du hatteſt ihn doch ſonſt ſo gern. Iſt es, weil ich ihn ſo lieb habe, daß Du hart gegen ihn biſt?“ Und dies unvernünftige, kindiſche Geſtöhn zerriß der guten Mutter jedesmal das Herz. Dies Alles diente nicht dazu, die Behaglichkeit des Familienlebens zu erhöhen, und die arme Mrs. Eaſt⸗ wood konnte ganz reizbar und ungeduldig werden, wenn zu dem, was ſie ſo ausſchließlich beſchäftigte, auch noch etwas anderes hinzukam. An dem Tage, an dem jene denkwürdige Zuſammen⸗ kunft ſtattfand, ging ſie gegen Abend über den Vorſaal, um die Treppe hinauf zu ſteigen. Hier ſollte ſie wieder etwas ſehen, was ſie ärgerte. Nahe am Haupteingange befand ſich ein kleines Fenſter, und auf dem Fenſter⸗ brett ſaß, in der Dunkelheit kaum zu erkennen, eine Geſtalt und ſchaute hinaus. Mrs. Eaſtwood blieb ſtehen und beobachtete die unbewegliche Figur eine Zeit lang, dann ſchritt ſie mit einem unbehaglichen Gefühl vorwärts und ſagte: „Biſt Du das, Innocenzia?“ „Was thuſt Du hier? Es iſt zu kalt auf dem Vorſaal; auch ſchickt es ſich nicht, hier zu ſitzen. Geh' 16 in's Wohnzimmer, liebes Kind, oder komm mit mir hinauf. Was machſt Du denn hier?“ „Ich warte,“ ſagte das Mädchen.“ „Auf was denn oder auf wen?“ frug die beſtürzte Mutter. „Auf Frederick,“ ſagte Innocenzia und holte dabei ſo tief Athem, daß es wie ein Seufzer klang. — —— Zweites Kapitel. Ein Sonntag daheim. Wie leicht zu ermeſſen, war Innocenzia's Perſön⸗ lichkeit in Folge der letzten großen Ereigniſſe in Nelly's Leben, ſehr in den Schatten getreten, und dennoch trug ihr Daſein nicht unweſentlich zu dem Unbehagen bei, welches ſich in dem ſonſt ſo heitern alten Hauſe bemerk⸗ bar zu machen begann. Vom erſten Tage ihrer Ankunft an hatte ſie ſich ſeltſam genug benommen. Bei der Mahlzeit ſaß ſie ſchweigend da und aß wenig, bis zu⸗ letzt der Appetit der Jugend über das Vorurtheil gegen die fremden Speiſen ſiegte. War das Eſſen vorbei, ſo huſchte ſie ſofort wieder auf ihr Zimmer, zum großen Verdruß der Jungemagd, die niemals unbeachtet die Stube der Fremden reinigen konnte und deshalb ſchon manche bittere Klage eingereicht hatte. Ebenſo beklagte ſich die Köchin, daß ihre Speiſen ſo geringſchätzig be⸗ Hliphant, Innocenzia. I. 2 handelt würden, und der alte Brown, daß ſie ſeinen wiederholten Aufforderungen, zu Tiſche zu kommen, ſo zögernd Folge leiſte. So ſtand ſie bei allen Dienſt⸗ boten ſchlecht angeſchrieben. Eine Ausnahme machte nur die alte Alice, die ſchweigend, aber treu zu ihr hielt, ohne jedoch ein wärmeres Wort des Lobes für ihren Schützling zu haben als das eine:„Es iſt nichts Un⸗ rechtes an dem Mädchen!“ Für ihre Verwandten war und blieb Innocenzia ein Räthſel. Wenn man ſie zwang, in dem Kreiſe der Ihrigen zu bleiben, ſo ſaß ſie ſtumm und theilnahmlos in einer Ecke, antwortete nur mit Ja oder Nein und zeigte bei allen freundlichen Verſuchen, ſie zu unterhalten, daſſelbe unbewegte Geſicht. Inmitten der lebensvollen Familiengruppe glich ſie einer Steinfigur. Wenn ihr etwas gradezu befohlen wurde, ſo gehorchte ſie, aber ohne auch nur den leiſeſten Schein von Gefällig⸗ keit zu zeigen; rein mechaniſch that ſie, was ihr geſagt worden. Es ſchien ihr nicht in den Sinn zu kommen, daß ſie ſich ihren Verwandten anzupaſſen habez in der troſtloſen Vereinſamung ihres ganzen Weſens von Ju⸗ gend auf hatte ſie das nie gelernt. Vielleicht wäre die Eisrinde, die das junge Herz zu umgeben ſchien, aufge⸗ thaut, wenn wirkliche herzliche Liebe, wie Mrs. Eaſtwood richtig geſagt, ihr entgegengebracht worden wäre, eine Liebe, die auf jeden Gegendienſt verzichtet. Aber in ———— 19 dieſer durch gegenſeitige Liebe verwöhnten Familie mußte ganz natürlich das Intereſſe an einem Gegenſtande er⸗ lahmen, der bei allen ihren Bemühungen theilnahmlos und undankbar blieb. Die Frauen des Hauſes ärgerten ſich täglich über das Mädchen, während Dick ſich über ſie amüſirte. Er behauptete, ſie ſei eingebildet und man müſſe ſie tüchtig auslachen. Der jüngſte Sohn dagegen betrachtete die fremde Couſine mehr vom philoſophiſchen Standpunkte, wie wir ſchon erwähnten. Aber Niemand wollte es gelingen, dies ſeltſame weibliche Räthſel zu löſen oder der Sache einen freundlichen Anſtrich zu geben. Verſäumt hatten ſie nichts. Die Mutter und Nelly waren mit ihr ausgefahren, hatten ihr Alles gezeigt, was ſie zerſtreuen und amüſiren konnte, hatten ihr die größte Theilnahme bewieſen und durch tauſend Fragen endlich auch einzelne kleine Details aus ihrem früheren Leben erfahren, aber es war ihnen durchaus nicht ge⸗ lungen, mehr aus ihr herauszuholen, als einige ſcheue Antworten. Kein Wort mehr und auch kein Augenblick länger als nöthig wurde ihnen gegönnt. So war die äußere Lage der Dinge, wie ſie Inno⸗ cenzia's Umgebung erſcheinen mußte, die durch die ſelt⸗ ſame Paſſivität des jungen Mädchens ganz entmuthigt worden war. Anders aber ſpiegelte ſich dieſe neue Welt in Innocenzia's Innern. Sie war in tiefſter Einſam⸗ 2* ———— keit aufgewachſen. Ihr Vater beachtete ſie kaum, Niccolo, auf dem die ganze Laſt der Haushaltung lag, hatte wenig für ſie thun können, und doch waren dieſe beiden Ge⸗ ſtalten die einzigen ihr bekannten. Was ſonſt an ihr vorübergegangen war, hatte ſie nie tiefer berührt. Ihre Geiſteskräfte waren ſchwach oder doch ſo wenig entwickelt, daß ſie nie über das, was geſchehen war oder geſchah, nachdachte. Wie durch ein Fenſter hatte ſie auf Welt und Menſchen zeitlebens herabgeſchaut mit einer Art von unklarem Staunen. Weshalb nur dies ewige Kommen und Gehen? Und als endlich der Wirbelwind der Ereigniſſe ſie ſelbſt gepackt und mit fortgeriſſen hatte, Land⸗ und Seebilder in raſchem Fluge an der beſtürzten Seele vorübergeeilt waren, als ſie ſich plötzlich inmitten eines ihr völlig fremden, lachenden, ſchwatzenden Fami⸗ lienkreiſes wiederfand, da kam über ſie ein ſeltſames Ge⸗ fühl. Sie war wie ein Olivenblatt unter engliſchen Buchen und Linden. Sie konnte ſich nicht in die neuen Verwandten finden. Sie hatte weder Intereſſe für däs, was ſie ſagten und thaten, noch auch den Wunſch, es kennen zu lernen. Ja, es verdroß ſie ſogar, daß man ſo oft darnach ſtrebte, ſie ihrer gleichgültigen Ruhe zu entreißen. Wenn man ſie doch zufrieden laſſen wollte! Nicht etwa daß ſie, wie Nelly bisweilen meinte, ſich durch das Bewußtſein, eine arme abhängige Nichte des 21 Hauſes zu ſein, niedergedrückt gefühlt hätte, wie das wol bisweilen geſchehen und dann Verdrießlichkeiten genug hervorrufen mag, nein, Innocenzia hätte eine ſo complieirte Idee gar nicht zu faſſen vermocht. Sie hatte weder eine falſche, noch überhaupt wol eine Vorſtellung »von dem, was Verwandtſchaft heißt. Sie nahm Alles hin, was ihr in dem Hauſe ihrer Tante entgegengebracht wurde, ohne zu fragen, wie ſie dazu käme. Dankbarkeit war eine ihr noch gänzlich fremde Empfindung. Sie hatte ja nie danach verlangt, hierher gebracht zu werden. Ja ſie dachte bisweilen in ihrer Unwiſſenheit, daß ſie doch viel lieber in Piſa geblieben wäre. Aber niemals fiel es ihr ein, danach zu fragen, weshalb dieſe Ver⸗ änderung ſtattgefunden, weshalb man Niecolo entfernt habe. Da ſie nie mehr als ein paar Franken in den Händen gehabt hatte, ſo hatte ſie auch keine Idee von Geld und Geldeswerth. Dieſe gänzliche Unfähigkeit des Denkens und Fühlens, dieſe Unklarheit des Geiſtes und Herzens ließ ſie auch den Reiz nicht empfinden, der in allem Neuen liegt und der doch ſonſt ſo belebend auf die Jugend wirkt. Sie frug nie, um ſich belehren zu laſſen, ſie ließ Alles an ſich vorüber gehen, und blieb gänzlich unberührt. Die Heiterkeit, die bei den Eaſtwoods herrſchte, ihr luſtiges Treiben regte ſie in keiner Weiſe an. So ſtand ſie denn mitten unter ihnen wie ein Weſen aus einer anderen Welt, ohne Thätigkeit, ohne Freude und, wie es ſchien, ohne allen Zweck auf dieſer Erde. Eine Ausnahme von der Regel gab es aber doch. Innocenzia hing an Frederick etwa ſo, wie eine Wilde an dem weißen Manne hängt, der ſie aus den ewigen Wäldern heraus in die fremde ſchöne Welt des civili⸗ ſirten Lebens geführt hat. Ihn allein kannte ſie, die Anderen nicht. Frederick war ihr wie ein Erlöſer er⸗ ſchienen, der einzige Lichtſtrahl in ihrer Dunkelheit, der einzige Menſch, den ſie verſtehen konnte unter all den neuen Geſichtern, welche ſie umgaben. Aber nicht etwa, daß ſie ſich deſſen bewußt geweſen wäre, was ſie eigentlich zu ihm hinzog, oder was ſie ſo von ihm ab⸗ hängig gemacht. Als Mrs. Eaſtwood ſie an jenem Abend auf dem Vorſaal ſeiner wartend gefunden, hatte ſich vor den Augen der entſetzten Mutter gleich eine völlige Liebesgeſchichte entwickelt; ſolche Ideen kamen Innocenzia gar nicht in den Sinn. Sie war ſo unſchuldig wie ein Kind: Liebe und Leidenſchaft waren ihr fremde Begriffe. Dennoch war ihr Gefühl für Frederick das einzige, das ſie aus ſich herauszubringen vermochte. War er da, ſo hatte ſie nur Augen für ihn; ſprach er, ſo hörte ſie zu, auch wenn ſie es nicht verſtand; ſchon der Ton ſeiner Stimme wirkte belebend auf ſie. Wenn er ſie auf etwas aufmerkſam machte oder ihr etwas erklärte, ſo gab ſie 23 ſich wirklich Mühe, es zu faſſen. Sie hatte das unklare Gefühl, als ob er allein unter Allen ſie verſtände, daß er allein nicht zu viel von ihr verlange, indem er nicht mit Fragen in ſie drang, und das gab ihr jenes unbe⸗ gränzte Vertrauen zu ihm. Hätte ſie immer bei Frederick allein ſein können, ſo wäre ſie glücklich geweſen, oder hätte er ihr nur geſtattet, daß ſie immer dicht neben ihm ſitzen und ſeine Hand halten dürfte, während die Andern plauderten und lachten, ſo würde ihr Alles erträglicher geworden ſein. Aber dagegen hatte Frederick entſchieden proteſtirt und ihr, als ſie einmal allein waren, mit großer Heftigkeit geſagt:„Wenn Niemand dabei iſt, habe ich gar nichts dagegen, aber wenn die Andern da ſind, ſo iſt das geradezu lächerlich, Innocenzia; man lacht Dich und mich aus, und das iſt mir ſehr fatal.“ „Weshalb ſollten ſie denn aber lachen?“ frug das Mädchen.“ „Weil es albern iſt,“ ſagte er heftig.„Ich darf es nicht zugeben, daß man mich zur Zielſcheibe des Witzes macht. Natürlich, wie ſchon geſagt, wenn wir allein ſind, ſchadet es Nichts.“ Und er ſtreichelte ihr dabei freundlich das Haar und fühlte wirklich ein gewiſſes herzliches Wohlwollen für ſie, vielleicht die beſte Regung, die er in ſeinem Herzen ſeit langer Zeit empfunden hatte. Allerdings hatte ſie ihn oft in Verlegenheit gebracht, und „ — er hatte ſich oft gefragt:„Großer Gott, wohin ſoll das noch führen?“ Denn er war, ebenſo wie ſeine Mutter, der Meinung, Innocenzia liebe ihn. Dennoch blieb er gut und freundlich gegen ſie. In ihm waren böſe Neigungen genug, und es hätte nicht viel bedurft, um das Mädchen ganz zu ſeiner Sklavin zu machen, aber es lag etwas in ihrer Hülfloſigkeit, was ihn rührte. Er behandelte ſie daher ſtets wie ſeine kleine Schweſter und ließ ſich ihre etwas aufdringliche Liebe gefallen, rieth ihr auch oft„zu ihrem eigenen Beſten“, ſich mit Mutter und Schweſter gut zu ſtellen. „Du mußt Dich nicht ſo von Mutter und Relly zurückziehen,“ ſagte er.„Sie ſind ſo gut gegen Dich. Es wäre viel beſſer, wenn Du Dich an ſie anſchlöſſeſt, ſtatt an einen ſo unnützen Geſellen wie ich bin—“ „Ich kann aber die Frauen nicht leiden,“ antwortete das Mädchen.„Mein Vater dachte ebenſo. Ich kann es nicht ändern, daß ich ſelbſt eine bin, aber ich haſſe ſie. Dir aber gleicht Niemand.“ „Das iſt wol ſehr ſchmeichelhaft für mich,“ entgeg⸗ nete der junge Mann,„aber Du mußt dieſe Ideen über die Frauen nicht einwurzeln laſſen. Dein Vater hat vielleicht ſo über ſie urtheilen dürfen, aber Dir hätte er eine beſſere Meinung beibringen ſollen. Glaube mir, 25 Du wirſt nicht eher glücklich ſein, als bis Du gelernt haſt, Dich mit Deinem eigenen Geſchlechte auf guten Fuß zu ſtellen. Für Männer mag dies wol bisweilen gefährlich ſein,“ fuhr der Moraliſt fort,„aber für Dich, Innocenzia, gibt es keine beſſere Politik als die, Dir die Frauen zu gewinnen.“ „Was iſt denn Politik?“ frug ſie und ſchob ihr Händchen in die ſeinige, ungefähr ſo wie ein kleiner Hund ſeine Naſe in die Hand ſeines Herrn ſteckt. „Unſinn!“ ſagte Frederick, denn eben war die Mutter eingetreten und hatte jene Pantomime bemerkt.„Man ſollte Dich noch in eine Schule ſchicken, damit Du ordentlich Engliſch lernteſt,“ fügte er faſt rauh hinzu. „Ich glaube, ſie verſteht nur zur Hälfte, was wir ſagen.“ „Das wäre mir faſt lieb, wenn ich es mir ſo zu erklären hätte,“ ſagte Mrs. Eaſtwood nicht ohne Strenge. Aber dieſer Ton verfehlte gänzlich ſeine Wirkung auf Innocenzia. Sie verſtand wie immer, wenn Frederick zu ihr ſprach, daß ſie ſich jetzt von ihm zurückziehen und gleichgültig erſcheinen müſſe. Es war ein Sonntag Nachmittag, noch dazu ein regneriſcher,— und ein ſolcher iſt in England, wo jede Beſchäftigung ſtreng verpönt iſt, doppelt traurig. Ich ſtimme nicht ganz in alle Klagen über die Langeweile eines engliſchen Sonntags ein, aber ich muß doch ge⸗ ——— ——— 26 ſtehen, daß ſolch ein trüber Nachmittag, an dem alle die guten Leute zu Hauſe bleiben müſſen, die Kinder nicht ſpielen dürfen, die Handarbeiten ſorgfältig bei Seite ge⸗ legt worden ſind, als ob eine unſchuldige Stickerei der Seele Schaden bringen könne, zu den entſetzlichſten Plagen des Lebens gehört. Wenn man glücklicher Weiſe muſi⸗ kaliſch genug iſt, um ſich zu der Höhe von Händel em⸗ porſchwingen zu können, ſo iſt dies ein großer Vorzug; ſonſt aber bleibt einer ſtrenggläubigen engliſchen Familie unter ſo bewandten Umſtänden nichts übrig zur Belebung der Stimmung als ein kleiner Zank. Um fünf Uhr unge⸗ fähr, wenn der Regen nur ſo niederſtrömt, daß die Blumenbeete vor euren Augen zu Teichen werden, wenn die Bäume dreinſchauen wie mitleidige Geiſter, wenn ihr da nicht den Elementen getrotzt habt und in die Kirche gegangen ſeid, dann,— lieber Leſer, mußt du dich entweder mit Jemand zanken oder— du ſtirbſt! Dieſe Nothwendigkeit drängte ſich auch Mrs. Eaſt⸗ wood auf. Sie rief ihren Sohn dicht an ihre Seite und ſprach leiſe und eindringlich zu ihm. Das junge Mädchen hatte ſich an das Fenſter geſetzt. Sie ſtarrte hinaus in den Regen, auf die zitternden Bäume uud auf die armen Krokus, die mit ihren vom Regen nieder⸗ geworfenen Köpfchen in dem Schmutze lagen. Ihr ſchönes Profil trat in dem bleichen Lichte klar hervor. Es war allerdings ein wunderſchönes Profil, weit ſchöner noch als das volle Geſicht, da man hier den Ausdruck ver⸗ mißte. Die Hände lagen müßig in dem Schooße, und wie ſie mit ihrer zarten, ſchlanken Geſtalt ſich ſo läſſig zurücklehnte, ſchien ſie mit der Trauer in der Ratur voll⸗ ſtändig zu ſympathiſiren. Mrs. Eaſtwood ſah mit einer Miſchung von Mitleid und Verdruß auf dieſes ſeltſame, unbewegliche Weſen, das ſo gänzlich der Welt entrückt und doch wieder ſo kindiſch und hülfsbedürftig erſchien. Sie zog Frederick näher zu ſich heran und legte bittend ihre Hand auf ſeinen Arm. „Frederick, ſieh,“ ſagte ſie leiſe,„wenn Du nicht im Zimmer wärſt, ſo würde Innocenzia augenblicklich hinauf in ihre Stube laufen. Sie bleibt nur um Deinetwillen da. Ich ſah Dich eben mit ihr beſchäftigt, als ich herein⸗ trat. Um Gotteswillen, ſei vorſichtig, Du verdrehſt ſonſt dem armen Kinde den Kopf.“* „Ach was, das iſt dummes Zeug!“ ſagte Frederick mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln. „Es iſt kein dummes Zeug. Ich habe Alles beob⸗ achtet. Sie hat weder Augen noch Ohren für irgend Jemand als für Dich.“ „Kann ich etwas dafür?“ ſagte der Sohn, indem er eine Bewegung machte, als wollte er davon laufen. „Das ſage ich nicht. Bleib' und höre, was ich Dir 28 zu ſagen habe. Es war jedenfalls ſehr freundlich von Dir, Dich des armen Kindes auf der Reiſe ſo warm anzunehmen, um ihr Vertrauen zu gewinnen—“ „Deine Worte klingen ganz ſchön, Mutter, aber Dein Ton ſagt deutlich, daß es durchaus nicht gut von mir war, und daß Du meinſt, ich hätte mir ihr Ver⸗ trauen in ſchlechter Abſicht erſchlichen——“ unterbrach ſie heftig ihr Sohn. „Frederick! Wie darfſt Du mir ſolche Gedanken unterlegen? Wenn ich Dir antworten wollte, wie es . ſich auf ſolche Rede gebührte, ſo würde ich ſagen, daß nur ein ſchuldbewußtes Gemüth ſich ſo äußern könnte,“ rief Mrs. Eaſtwood, die auf dem Punkte ſtand, ihre Gelaſſenheit zu verlieren. Die Hitze auf beiden Sei⸗ ten mußte dem Sonntag⸗Nachmittag zugeſchrieben wer⸗ den. Doch die Mutter hielt inne, als ſie die Gefahr merkte. „Sonntag iſt kein Tag zum Streiten,“ ſagte ſie, „und der Himmel weiß, wie fern mir das liegt, noch dazu mit meinem lieben Jungen. Aber, Frederick, laß Dich warnen! Du kennſt die Welt nicht ſo wie ich,“ (o die arme, unſchuldige Seele!)„noch weißt Du, wie hart oft die Menſchen urtheilen, und wie leicht die ge⸗ ringſte Freundlichkeit von Deiner Seite die Phantaſie —— 29 eines Mädchens aufregen kann. Sie iſt ja noch ein Kind——“ „Allerdings ein ganzes Kind und eine Gans oben⸗ drein,“ ſagte der junge Mann wüthend, indem er den weiblichen Gegenſtand, um deſſentwillen ihm Verdruß bereitet wurde, nach echter Männerart über Bord ſchleuderte. „Das will ich nicht ſagen,“ erwiederte die Mutter. „Sie iſt jedenfalls ein höchſt eigenthümliches Mädchen, aber eine Gans möchte ich ſie doch nicht nennen. Ein Kind iſt ſie allerdings, jedoch ein Kind von ſechzehn Jahren hört bald auf, ein ſolches zu ſein, und ohne es zu wollen, lieber Sohn, könnteſt Du hier viel Un⸗ heil anſtiften. Mit ſolchen grübelnden Naturen iſt es ſehr ſchwer umzugehen. Wenn ſie offen wäre und mit⸗ theilſam wie meine Nelly——“ „Nelly! Nun ja, das muß ich ihr laſſen, anders als Nelly iſt ſie,“ ſagte Frederick mit jener ihm eigenen Geringſchätzung gegen die Schweſter, welche durch ſeine üble Laune nur noch erhöht wurde. „Ja, es iſt ſehr ſchade, daß ſie ihr nicht gleicht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, die glücklicherweiſe den belei⸗ digenden Sinn in den Worten nicht gemerkt hatte.„Sie iſt ſo merkwürdig verſchloſſen, daß es ganz unmöglich iſt, zu wiſſen, was in ihr vorgeht. Ich bin feſt davon 30 überzeugt, lieber Frederick, daß Du Dir dabei durch⸗ aus nichts denkſt, aber ich wünſchte doch, Du wärſt nicht ganz ſo freundlich gegen die Kleine. Mir gefällt es nicht, daß ſie auf dem Vorſaal auf Dich wartet und dergleichen mehr. An ſich iſt ja nicht viel daran, und doch könnte es zu etwas führen. So einem Kinde darf nichts in den Kopf geſetzt werden.“ „Deine Reden ſind mir zu geheimnißvoll,“ verſetzte der junge Mann.„Was ſoll ihr denn nicht in den Kopf geſetzt werden? Du mußt Dich wirklich deutlicher erklären.“ Die Mutter erröthete bei dieſer halb verächtlich hin⸗ geworfenen Rede. „Frederick, Du weißt recht wohl, was ich meine,“ ſagte ſie ſchnell,„und ich hoffe auch, daß Du es mich nicht berenen laſſen wirſt, überhaupt mit Dir von der Sache geſprochen zu haben. Du ſuchſt Innocenzia's Zuneigung zu Dir zu beſtärken, und das kann nur Un⸗ heil bringen. Ich tadle Dich nicht, ich warne Dich nur. Sie ſelbſt kann ich nicht warnen, denn ſie iſt zu ver⸗ ſchloſſen. Sie iſt mir ein Räthſel,“ ſchloß Mrs. Eaſt⸗ wood kopfſchüttelnd ihre Rede. „Verſuche es doch einmal mit Körperſtrafe,“ ſagte Frederick mit ſpöttiſchem Lachen und ging hinaus in das Bibliothekzimmer, wo Dick wieder, ſtatt zu leſen, 31 den armen Winks unterrichtete. Das gute Thier hatte eine traurige Viertelſtunde zugebracht, und nur ſeine hohe Achtung vor der Familie hatte ihn davon zurückgehalten, ſeinen Peiniger anzubellen und nach ihm zu ſchnappen. Als Frederick die Thür öffnete, entfloh er blitzſchnell nach dem Wohnzimmer, wo er zu den Füßen ſeiner Herrin ſeine unangetaſtete Freiſtätte fand. Er kam und ſetzte ſich vor ſie hin und hob wie beſchwörend die Vorder⸗ pfoten zu ihr auf. Sie verſtand ihn, und das tröſtete ihn. Die Thränen, welche Frederick's unfreundliche Art und Weiſe der guten Frau in die Augen getrieben hatte, verloren an Bitterkeit, als ſie mit herzlicher Freude den kleinen Ankläger betrachtete.„Ja, ja, Winks, wir haben ein paar böſe Jungen,“ ſagte ſie halb lachend, halb wei⸗ nend. Dick ſagte ſpäter, er wolle darauf ſchwören, daß Winks„geklatſcht“ habe, und ich glaube auch, dieſer fühlte ſich nicht ganz ſchuldlos. Der Mutter aber that es gut, ihre Gedanken nun auf ihren Dick richten zu können, der vielleicht nicht allzu klug, auch nicht allzu fleißig, aber der ehrlichſte, beſte Kerl war!— Und die⸗ ſer Gedanke erheiterte ihr Herz und heilte die eben em⸗ pfangene Wunde. Drittes Kapitel. „ Innocenzias erſtes Abentener. Innocenzia hatte ſich während der Unterredung von Mutter und Sohn ganz ſchweigſam am Fenſter verhal⸗ ten. Die ungewohnte Sprache, die oft nur halb voll⸗ endeten Sätze, die halben Worte, die das Ohr des Fremden oft ſo verwirren, machten es ihr auch unmög⸗ lich, dem Geſpräche zu folgen, ſelbſt wenn ſie gewollt hätte. Sie ſaß, das feine Profil dem Fenſter zugewen⸗ det, und ſtarrte, wie ſchon geſagt, in den Regen hinaus, bis Frederick fortging. Dann wurde auch ſie unruhig. Endlich ſtand ſie auf, ſchlich ſich wie ein Geiſt die Treppe hinauf, huſchte eilig durch Nelly's Stube, ohne auf deren freundlichen Zuruf zu hören, und lief in ihr Zimmer. Dort ſetzte ſie ſich an den Kamin, wo ein luſtiges Feuer brannte. Aber die äußere Wärme behagte ihr nicht, im Gegentheil es war ihr, als müſſe ſie erſticken inmitten 33 all dieſer Kiſſen und Vorhänge und in ſo unmittelbarer Nähe von ihrer Tante und Couſine. Sie ſehnte ſich mit unbeſtimmtem Verlangen nach Piſa zurück, nach dem öden Palaſte Scaramuzzi, der ſo weit und leer geweſen, wo man Raum zum Athmen hatte. Dort hatte Nie⸗ mand mit ihr geſprochen, Niemand ihr geſagt, ſie ſolle dies oder jenes thun, Niemand außer Niccolo. Hier aber konnte ſie keinen Schritt thun, ohne daß Jemand da war, der ſagte:„Ach Du biſt da?“ Weshalb ver⸗ folgten ſie ſie nur ſo? Eben jetzt dauerte es kaum ein paur Minuten, da klopfte ſchon Nelly wieder an die Thüre. Das junge Mädchen hatte ſeit Innocenzia's Ankunft im Verkehr mit ihr bereits ſehr verſchiedene Stadien durchgemacht. Bald war ſie zärtlich und liebe⸗ voll, bald ärgerlich und heftig, bald traurig und betrübt geweſen, und dann hatte Alles wieder von vorne ange⸗ fangen. Nun hatte Relly der Mutter den einzig rich⸗ tigen Weg mit großer Wärme empfohlen, ſchahnu, daß ſie ſelbſt ihn nicht einſchlug.* „Ueberlaß ſie ganz ſich ſelbſt, Mama,“ hatte das weiſe Töchterchen geſagt.„Laß uns Geduld haben. Nach und nach wird ſie ſchon einſehen lernen, wie gut wir es mit ihr meinen.“ Das war gewiß ein ganz vernünftiger Vorſchlag, wenn nur Nelly ſelbſt danach gehandelt hätte. Aber ſie Oliphant, Innocenzia. II. 8 konnte es nicht: ihr weiches Herz verleitete ſie immer wieder dazu, Zärtlichkeit an Innocenzia zu verſchwenden. Auch jetzt wieder, als die blaſſe, zarte Geſtalt durch ihr Zimmer ſchlüpfte, konnte ſie es nicht über ſich gewinnen, ſie allein zu laſſen.„Die arme Kleine, ſie muß ſich ſo einſam fühlen!“ ſagte ſie zu ſich, und ſo ſtand ſie auf und klopfte leiſe an die Thüre.„Darf ich hereinkommen?“ ſagte ſie herzlich. Es würde ſchwer geweſen ſein, die zögernd gegebene Antwort zu verſtehen, aber Nelly hielt ſie für eine Zuſtimmung. Sie trat ein, ſetzte ſich an's Feuer und plauderte nach Herzensluſt dem jungen Mäd⸗ chen etwas vor, aber ganz ohne Erfolg. Trotzdem ging ſie in ihrer Gumüthigkeit noch weiter.„Du haſt das Haus noch niemals ganz geſehen. Willſt Du mit mir kommen? Das iſt auch nicht am Sonntag verboten. In den Bodenkammern ſollſt Du wundervolle Sachen ſehen. Liebſt Du Porzellan oder Bilder? Sage mir nur, was Du am liebſten haſt.“ ſagte Innocenzia. „O, weil Du noch gar nichts kennſt,“ rief Nelly. „Ich ſchwärme für chineſiſches Porzellan, und wenn ich dürfte, ich ſchleppte Alles in das Wohnzimmer. Aber das erlaubt Mama nicht, die will Alles zierlich haben, aber iſt keine Kennerin von Koſtbarkeiten. Komm, wir wollen im Hauſe herumſtreifen.“ 35 Nur um nicht reden zn müſſen, ſtand das Mädchen auf und folgte der voranlaufenden Nelly. Dieſe zeigte ihr denn auch allerhand Herrlichkeiten, die jedes andere Menſchenkind in Entzücken verſetzt haben würden, aber die blaſſe Fremde mit den großen Augen ſah Alles an und blieb völlig gleichgültig. Auch auf die lebhafteſten Fragen ihrer Begleiterin hatte ſie nur ihr ewiges Ja und Nein, und ſie ſehnte ſich recht danach, wieder allein ſein zu können. Nur einmal erſchien ſie erregt, als ſie nämlich von Relly in das ehemalige Schulzimmer ge⸗ führt wurde. Es war ein kahles Gemach mit ſchräger Decke und zwei Fenſtern, die weit hinaus ſchauten auf die Straße, die nach London führte, auf der man, wenn auch in weiter Ferne, deutlich Wagen und Menſchen unterſcheiden konnte. Hier gab es weder Vorhänge noch Teppiche, das Ganze ſah kalt und unfreundlich aus, und dennoch entlockte dieſer Anblick dem jungen Mädchen den erſten Ausruf der Freude, ſeitdem ſie das Haus betreten hatte.„Das Zimmer gefällt mir,“ ſagte ſie, und dieſe Bemerkung war die erſte, die ſie ſelbſtändig machte. „Darf ich nicht hier wohnen?“ „Hier? So weit weg von uns Allen?“ rief Nelly. „Ohne Möbel, ohne Bilder, ohne jede Behaglichkeit? Das wäre ja ſo, als wenn wir Dich in ein Gefängniß ſtecken wollten. Hier kann es Dir doch unmöglich gefallen?“ 36 „Ja,“ ſagte Innocenzia,„hier kann ich athmen. Ich kann aus dem Fenſter ſehen und ſtöre Niemand. Mir gefällt es hier am beſten.“ „Aber liebſtes Herz, Du mußt nicht ſo ſprechen, als ob Du Jemand ſtörteſt. Wir haben ja nur die eine Sorge und den einen Wunſch, Dich glücklich zu ſehen.“ „Hier könnte ich es ſein,“ ſagte das Mädchen träumeriſch, indem ſie ſich auf das niedrige Fenſterbret ſetzte und nach der fernen Fahrſtraße hinüberblickte. „Ach Innocenzia,“ rief Nelly beinahe weinend, „wüßteſt Du nur, wie ſehr ich gewünſcht habe, daß Dir Dein Stübchen recht gefallen möge! Wir dachten auch, Du würdeſt gern in unſerer Nähe ſein und uns lieb haben! Nun willſt Du ſo weit von uns fort in das öde Zimmer!“ Auf dieſe Rede gab das Mädchen keine Antwort. Sie ſah nur immer hinaus, beobachtete die Omnibus, die wie Fliegen dahin krochen, und ſchaute auf das Ge⸗ wühl der Menſchen von ferne: dieſer weite Blick ſchien eine zauberhafte Anziehungskraft auf ſie auszuüben. Endlich ſagte ſie langſam:„Hier iſt's am ſchönſten!“ „O, Du kaltes, garſtiges Ding!“ rief jetzt Nelly leidenſchaftlich aus.„Welche Mühe haben wir uns mit Dir gegeben, und ſo lohnſt Du uns? Ja, Du ver⸗ 37 dienteſt, daß man Dich ganz allein ließe, daß man Dich thun und laſſen ließe, was Du wollteſt, daß man ſich gar nicht mehr um Dich bekümmerte!“ Erſtaunt wandte ſich Innocenzia um; für die ſanf⸗ ten Töne weicher Empfindung hatte ſie kein Verſtändniß, aber was„auszanken“ hieß, das wußte ſie. Ihr Vater und Niccolo hatten es häufig genug gethan. Und vielleicht würde dieſe neue Erfahrung ſie etwas aus ihrer trägen Ruhe aufgerüttelt haben, hätte nicht Nelly gleich wieder Alles dadurch verdorben, daß ſie ſofort in Reue zerſchmolz und in ihrer liebevollen Weiſe jedes ihrer Worte wieder zurücknahm. „Ach, es iſt ſchlecht von mir, daß ich Dich tadle, Du armes, einſames Kind! Verzeih' mir, liebſte Inno⸗ cenzia, o bitte, vergieb mir!“ rief ſie und ergriff zärtlich die Hand ihrer Couſine. Ganz verwundert ſah das Mädchen darein, ſie verſtand den ganzen Auftritt nicht. Nelly war ihr überhaupt ein Gegenſtand beſtändigen Staunens; ſie, die immer entweder lachte oder weinte, die voller Fragen und in ewiger, raſtloſer Bewegung war, konnte ihr, der immer Ruhigen, durchaus nicht ſympathiſch ſein. Auch jetzt begriff ſie weder den Grund ihrer Heftigkeit von vorhin, noch jetzt ihre Liebkoſungen. „Ach, laß mich doch,“ ſagte ſie, als ihre Couſine ſie in die Arme ſchloß und ſie um Verzeihung bat. —————— 38 Die arme Relly fühlte ſich wieder kalt zurückgewie⸗ ſen und mußte ſich große Mühe geben, nicht in ihren vorigen Zorn wieder zurückzufallen.„Du biſt ein ſon⸗ derbares Mädchen,“ ſagte ſie beleidigt und kühl.„Wenn Du uns aber durchaus ſo fern wie möglich von Dir halten willſt, nun gut, ſo ſollſt Du dieſes Zimmer haben. Ich werde Mama darum bitten, ſie wird es gewiß erlauben.“ „Ich könnte ja hier ſchlafen,“ ſagte Innocenzia, in⸗ dem ſie auf ein hartes kleines Sopha wies. „O Du brauchſt gar nicht in Sorge zu ſein. Wir werden Dein Bett heraufbringen laſſen,“ ſagte Nelly empört und ſchritt würdevoll der Thüre zu, um die Sache ihrer Mutter vorzutragen.„Du wirſt Dich doch in Dein Zimmer allein herunter finden können?“ ſagte ſie noch, indem ſie einen Augenblick an der Thüre ſtehen blieb.„Wir können heute nicht umräumen laſſen, weil es Sonntag iſt.“ Innocenzia hörte ſie, ſah ſie an, aber erwiederte nichts. Sie wußte zwar nicht, womit ſie ihre Couſine gekränkt hatte, aber es dämmerte doch eine Ahnung in ihr auf, als ſei Nelly ärgerlich von ihr ge⸗ gangen. Aber weshalb nur? Sie grübelte darüber nach, aber ſie fand keinen greifbaren Grund dafür. Ja, hätte ſie eine ſchöne Taſſe oder etwas dergleichen zer⸗ brochen, dann würde ſie verdient haben, geſcholten zu 39 werden, aber für die feineren Empfindungen der Seele war das arme unwiſſende Kind nun einmal nicht empfäng⸗ lich, und ſo begriff ſie nicht, weshalb die ſonſt immer lachende Couſine auf einmal ſo finſter geblickt hatte. Still ſaß ſie in dem ſelbſtgewählten Aſyl, bis ſie durch und durch erfroren war. Aber von dem Fenſter aus hatte ſie einen Gegenſtand entdeckt, der ſie magiſch anlockte. Es war eine kleine Kapelle an jener Straße, die ſie aus der Ferne ſehen konnte, und ihre unklare Phantaſie brachte dieſelbe ſofort mit der Kirche della Spina in Verbindung. Nun gab es allerdings gar keine Aehnlichkeit zwiſchen dieſen beiden Bethäuſern, von denen das eine den Methodiſten gehörte, das andere der Jung⸗ frau Maria geweiht war, aber die zierliche Architektonik des engliſchen Kirchleins hatte doch eine Stelle in der Erinnerung der ſehnſüchtigen Kleinen getroffen, ſo daß ſie die Augen gar nicht mehr davon abwenden konnte. Man hatte ſie an demſelben Morgen in die Kirche mit⸗ genommen, aber dieſes große, weite Gotteshaus mit ſeinen überfüllten Gallerieen und Kapellen hatte ihr nicht die mindeſte Erinnerung an ihre geliebte Maria della Spina gebracht. Jetzt aber überfiel ſie eine unwider⸗ ſtehliche Sehnſucht nach dem geliebten Orte. Könnte ſie nur dorthin gelangen, dann würde ſich, ſo glaubte ſie, ein Stück jenes alten Lebens, welches ihr immer ſo lieb — 40 geweſen, wieder erneuern. Denn ſoviel war ihr doch ſelbſt zum Bewußtſein gekommen, daß ihr jetziges Leben ſie nicht befriedigte. Daher berührte ſie der Anblick der kleinen Kirche ſo wunderbar wie ein Gruß aus der alten Zeit, der, wenn ſie ihn auch nur unklar verſtand, doch ſo mächtig auf ſie einwirkte, daß ſie Muͤhe hatte, ihrem innern Drange nicht ſofort zu folgen und hin zu laufen. Ein dunkles Gefühl, daß man ihr zürneu werde, wenn ſie das thäte, hielt ſie zurück, den Andern etwas davon zu ſagen. Da rief die Glocke zum Eſſen und unterbrach ihre Träumereien. Frederick aß nicht zu Hauſe, und ſo hielt ſie nichts mehr im Zimmer, als man vom Tiſche aufſtand. Sie huſchte, ſobald ſie konnte, hinauf, holte den alten Sammetmantel aus ihrem Koffer, ſetzte einen ſchwarzen Hut auf, den ſie in Piſa getragen hatte, und ſchlich leiſe die Treppe hinunter und hinaus in die Dunkelheit, ohne daß Jemand ihr Weggehen be⸗ merkte. Ein ſeltſam betäubendes Gefühl des Freiſeins, gemiſcht mit einer gewiſſen ängſtlichen Empfindung, ſich ſo allein in Regen und Nacht zu finden, überkam ſie. Aber Furcht kannte ſie nicht. Wie oft war ſie nicht über die dunklen Treppen und Gänge im Palazzo Scara⸗ muzzi noch ſpät Abends gegangen! Ihre Phantaſie war viel zu wenig energiſch, um ſie zu quälen. Und jetzt war es auch nur das Fremde und Neue, die Ungewiß⸗ 41 heit, wie das Wagſtück ausfallen würde, was ſie erregte. Das Glück ſchien ihr thörichtes Beginnen zu begünſtigen. Aus einer ganzen Menge ſchmutziger Wege wählte ſie zufällig den richtigen, der ſie nach der Kapelle führte. Heller Geſang ſchallte ihr daraus entgegen. Der Lärm erſchreckte die arme, kleine Pilgerin, aber trotzdem ſchlich ſie hinein. Blendendes Gaslicht ſtrömte ihr entgegen und alle Plätze fand ſie beſetzt. Dieſer Glanz machte die Kleine noch beſtürzter. Sie hatte an ihre ſtille italieniſche Kirche gedacht, mit der ſchweigenden Gemeinde auf ihren Knieen, an den Prieſter mit ſeinen ge⸗ heimnißvollen Verrichtungen vor dem Altar, an die blei⸗ chen Kerzen, an den Weihrauchduft— und hier war Alles ſo anders, ſo geräuſchvoll, ſo hell. Die Leute ſchauten alle von ihren Gebetbüchern auf, als Innocenzia eintrat. Schüchtern ſchlüpfte ſie in einen dunklen Winkel, wo ſie noch auf einer Bank Platz fand. Eine alte, grimmig blickende Frau, wahrſcheinlich die Schließerin, geſellte ſich zu ihr. Das junge Mädchen verrichtete ihre Andacht in gewohnter Weiſe. Sie betete das Vater Unſer und wandte dann ihr Geſicht nach der Kanzel. Von der Predigt ſelbſt vermochte ſie wohl kaum etwas zu ver⸗ ſtehen, aber ihre Aufmerkſamkeit wurde auch dadurch von ihr abgelenkt, daß ſie plötzlich ein furchtbares Stöhnen hörte, das von der alten Frau neben ihr ausging. 12 ————————— 42 Aengſtlich rückte das Mädchen von ihr fort, doch kaum war das geſchehen, als der vor ihr ſitzende Mann in ein eben ſo lautes Stöhnen ausbrach. Der Geiſtliche, der eben predigte, war bei der Gemeinde ſehr beliebt, er verſtand es vortrefflich, mit allen Mitteln der Beredſam⸗ keit, die Herzen zu erſchüttern, und ſo wurde das Ge⸗ ſtöhne ringsum immer lauter und lauter. Das arme Kind, das ſich das gar nicht erklären konnte, gerieth vor Angſt faſt außer ſich. Entſetzliche Geſchichten von Mord und Todtſchlag dämmerten in ihr auf, ſeltſame Ammenmärchen dazwiſchen. Das alte Weib an ihrer Seite war bleich und mager, hatte lange Zähne und ein ſpitziges Kinn: das richtige Bild einer Hexe. Sie ſtöhnte in ganz regelmäßigen Zwiſchenräumen, und jedes⸗ mal fuhr Innocenzia erſchrocken zuſammen. Endlich wurde wieder eine Hymne geſungen, und ein Theil der Gemeinde entfernte ſich. Auch das arme Kind verſuchte zu gehen, aber die Alte ſtand wie eine Mauer neben ihr und ließ ſie nicht durch. Mit Todesangſt ſah Innocenzia, wie man ſchon wieder Anſtalten traf, von Neuem mit dem Stöhnen anzufangen.„Laſſen Sie mich fort! Laßt mich gehen!“ ſchrie ſie voll Entſetzen. Aber die alte Frau faßte ſie mit ihren langen dürren Fingern bei der Schulter und flüſterte ihr mit heiſerer Stimme etwas zu, was ſie gar nicht verſtand. Die Furcht machte ſie 43 faſt wahnſinnig. Sie wußte nicht, was nun geſchehen würde. Sie glaubte, die Leute wollten alle mit Meſſern auf ſie eindringen. Da ſprang ſie mit einem wilden Schrei über die vordere Bank und ſtürzte aus der Kapelle. Sie achtete es nicht, daß ſie Jemand umgerannt hatte, ſie wähnte, man verfolge ſie noch bis hinaus auf die matt erleuchtete Straße. In ihrer Verwirrung ſchlug ſie den Weg nach der Stadt ein, und als ſie einmal inne hielt, um Athem zu ſchöpfen, fand ſie ſich bei einer jener großen, lebhaften Paſſagen, deren es dort ſo viele giebt. Niemand war ihr nachgekommen, obgleich ſie immer geglaubt hatte, Schritte hinter ſich zu hören. Athemlos lehnte ſie ſich gegen eine Mauer, blickte ver⸗ zweiflungsvoll nach dem dunklen Himmel und dann auf die ſchmutzige Straße, auf die lange endloſe Reihe von Lichtern und Gasflammen und auf die vielen fremden Menſchen, die ihr doch alle nicht helfen konnten. Als dies Gefühl gänzlicher Hülfloſigkeit und Ver⸗ laſſenheit ſie plötzlich übermannte, kauerte ſie auf dem Trottoir zuſammen und brach in Thränen aus.„Niccolo, Niccolo!“ ſchrie ſie in einem Ausbruch kindiſcher Ver⸗ zweiflung. Ein andres Mädchen in ähnlicher Lage würde den lieben Gott oder ihre Mutter angerufen haben, aber Innocenzia wußte nichts von ihrer Mutter und ſehr wenig vom lieben Gott. Das einzige Weſen, welches ſtets zur Hülfe für ſie bereit geweſen, war eben Niccolo. So rief ſie jetzt zu ihm aus der Tiefe ihres geängſtigten Herzens. Niccolo in Piſa— wie hätte er zu ihr kommen können? Aber ein anderer Helfer, freilich weniger liebe⸗ voll und auch weniger zuverläſſig als jener, nahte ſich ihr auf der volksbelebten Straße. Viertes Kapitel. Frederick als Retter. „Was iſt denn hier los?“ ſagte der eine von zwei jungen Männern, welche eben die Straße entlang ge⸗ geſchritten kamen. „Ach was, das geht uns nichts an,“ ſagte ſein Be⸗ gleiter. Es war niemand anders als Frederick Eaſtwood. Er hatte auswärts geſpeiſt, war dann auf eine halbe Stunde in ſeinen Klub gegangen und ſchlenderte nun mit einem in der Nähe wohnenden Freunde gemüthlich nach Hanſe. Weshalb ſollten auch die beiden feinen Herren bei der Gruppe ſtehen bleiben, die ſich hier auf dem ſchmutzigen Trottoir in der Ecke verſammelt hatte? Aber des Freundes Neugier war ſtärker als Fredericks Gleichgültigkeit. Ungefähr ein Dutzend Menſchen ſtanden 46 um eine am Boden kauernde Geſtalt, unter ihnen ein Polizeidiener. „Fragt ſie doch nach dem Namen! Selbſt wenn's ne Fremde iſt, das wird ſie ſchon verſtehen,“ ſagte einer der Umſtehenden. „Es ſcheint eine betrunkene Frauensperſon zu ſein,“ ſagte Frederick, aber im nächſten Augenblicke wechſelte er die Farbe und trat mitten unter die Leute. „Rufe mir eine Droſchke!“ rief er dem erſtaunten Freunde zu und griff, gewiß nicht ſehr ſanft, nach dem alten Mantel, den er zuerſt erkannt hatte.„Himmel und Erde, was bringt Dich hierher?“ ſagte er mit mühſam unterdrückter Wuth. Das Mädchen ſtieß einen Schrei aus, flog empor und ſtürzte zu ihm hin, indem ſie ſeinen Arm faßte. „Sie hat ihren Schatz gefunden,“ ſagte Einer aus der Menge, und ſelbſt der Polizeidiener grinſte, als er beim Scheine ſeiner Laterne ſah, wie ſich die bleiche, zitternde Innocenzia an Frederick anklammerte. „O Frederick, ich hatte mich verirrt. Nimm mich mit nach Hauſe, nach Hauſe!“ rief ſie kläglich. „Weshalb verläßt Du denn das Haus, Du albernes Ding?“ frug er, indem er ſie faſt rauh in den Wagen ſtieß, der ſo eben vorgefahren war. Er warf dem Poli⸗ ziſten eine Geldmünze zu, winkte dem Freunde eine Gute 47 Nacht und fuhr mit ihr davon. Es ſchien ihm beſſer, den Freund über den Vorfall nicht aufzuklären. Aber wüthend war er auf das Mädchen, das ihn in ſolche Verlegenheit gebracht hatte, und unfreundlich ſchob er die Hände zurück, die ihn immer und immer wieder ſuchten. „Du mußt wirklich verrückt ſein,“ rief er.„Wo werde ich Dich nun wohl nächſtens wieder aufleſen müſſen? Weißt Du, daß Du Dich ganz ſchamlos be⸗ tragen haſt? Biſt Du mir nachgelaufen, oder was haſt Du hier zu ſchaffen? Beim Himmel, es muß einem angſt und bange werden, wenn man ſieht, wie toll ſich ein Mädchen betragen kann!“ Die arme Innocenzia hatte dieſem Strom von Schelt⸗ worten gegenüber nur Thränen und Schluchzen. Ihr war es, da ſie von Frederick ausgeſcholten wurde, als hätten Himmel und Erde ſich wider ſie empört. Sie hatte ja nichts Böſes gethan. Aber was für einen ſchrecklichen Abend hatte ſie durchlebt! Ihre Glieder bebten und ebenſo ihr Herz. Da wie ein Bote des Himmels war ihr Frederick erſchienen, und der Freuden⸗ ſchrei, den ſie ausſtieß, als ſie ihn ſah, war ſo recht aus der tiefſten Bruſt hervorgekommen. Aber nun zankte der„Bote des Himmels“ ſo recht menſchlich hart und unfreundlich mit ihr, und das arme Kind, ſchmutzig und 48 traurig wie es war, zog ſich in ſeine Wagenecke zurück. Zum erſtenmal kam ihr das Bewußtſein ihrer eigenen Thorheit. Wie hätte er auch, ſo fein und zierlich wie er war, ſie nur anſehen oder gar anrühren können, ſie mit dem beſchmutzten Kleide, dem alten, vom Regen durchnäßten Mantel, und den lang herabhängenden feuch⸗ ten Haaren! Jo, ſie verdiente es ausgezankt zu werden, ſie ſah das ein, zum erſtenmal in ihrem Leben. „Wenn Du mit Weinen fertig biſt,“ ſagte Frederick, noch immer zornig,„dann wirſt Du vielleicht ſo gütig ſein, mir die Urſache anzugeben, die Dich hierher und in dieſen Zuſtand gebracht hat. Wollteſt Du ganz da⸗ von laufen? Was mangelte Dir denn, Du dummes Ding? Sie ſind nur Alle viel zu gut gegen Dich bei mir zu Hauſe. Nirgends würdeſt Du es wieder ſo finden. Verſuche es nur einmal wo anders!“ „Ich wollte ja gar nicht fortlaufen,“ ſagte Jur cenzia leiſe weinend. „Du würdeſt auch nicht wieder ſolche dummgut⸗ müthige Menſchen finden,“ ſagte der junge Mann wüthend. „Was wollteſt Du denn? Woran dachteſt Du denn? Großer Gott! Biſt Du wirklich ein Mädchen, und nicht etwa ein böſer Kobold? Stelle Dir nur mein Entſetzen vor, als ich Dich, Dich, die ich in ſicherer Obhut bei Mutter und Schweſter glaubte, dort auf der Straße 49 unter fremden Menſchen finden mußte und hören, wie ein Polizeidiener nach Deinem Namen fragte! Wenn Du dazu im Stande biſt, ſo denke Dir nur, wie das fürch⸗ terlich und beſchämend für mich ſein muß, von Dir gar nicht zu reden!“ „Ach Frederick,“ ſchluchzte das Mädchen, von der Laſt der Vorwürfe gänzlich niedergeſchmettert und 6 lich zu einer Art von Selbſterkenntniß aufgeſchreckt,„ich habe ja nichts Unrechtes thun wollen. Sei mir nicht mehr böſe, ich konnte nichts dafür—“ „Nichts dafür?“ ſchrie er in hellem Zorn.„Guter Gott! Wahrlich, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Du würdeſt uns noch größere Schande machen, ſo hätte ich Dich Deinem Schickſale überlaſſen. Der Gedanke kam mir wenigſtens. Wenn die Leute das erfahren, ſo wird kein Menſch wieder mit Dir ſprechen. Keiner wird Deinen Entſchuldigungen glauben. Richts dafür? Wes⸗ halb biſt Du denn überhaupt fortgelaufen?“ „O, ſei nicht mehr böſe!“ rief ſie kläglich und ſtreichelte mit der zitternden kleinen Hand den Aermel ſeines Rockes, als ob dieſes Zeichen demüthiger Unter⸗ würfigkeit ihn beſänftigen ſollte. Aber wenn ſich ſeine Wuth mittlerweile auch etwas abgekühlt hatte, er gab ihr trotzdem kein freundliches Wort. Als die Droſchke endlich vor dem Thore des Hauſes hielt, ſ alle Hliphant Innocenzia. M. 50 Dienſtboten mit Laternen heraus, um nach den Ankömm⸗ lingen zu ſehen. Sie hatten bereits in dem Garten Alles nach der Vermißten durchſucht. Da iſt ſie ja mit Mr. Frederick! Ich wußte's ja, daß ſie mit dem jungen Herrn kommen würde,“ ſagte eine der Mägde ganz vernehmlich. Mrs. Eaſtwood empfing ſie an der Thüre, ſie ſah bleich und verſtört aus. „Gott ſei Dank, da iſt ſie endlich!“ rief ſie Nelly zu, die hinter ihr ſtand. Innocenzia klammerte ſich feſt an den Arm ihres Retters, durch den hellen Glanz der Lichter und die vielen Stimmen in voller Verwirrung. Er hatte ſie zwar hart genug behandelt, dennoch wollte ſie lieber mit ihm zu thun haben, als mit den Frauen, die ſie doch mit Güte überhäuften. Und trotz ſeines Zornes empfand er das Schmeichelhafte, das in ſolcher Anhänglichkeit lag, gar wohl. „Jo, da habe ich das kleine Närrchen wieder heim⸗ gebracht,“ rief er laut, damit es Alle hören ſollten. „Wo glaubt Ihr wohl, daß ich ſie gefunden habe? In der Mitte von Brompton Road, umringt von Menſchen, weinend und unfähig zu ſagen, wo ſie hingehörte. Was haſt Du aber nur gedacht, Mutter, ſolch ein Kind allein ausgehen zu laſſen!“ „Ich? Sie allein ausgehen laſſen?“ rief die Mutter empört.„Biſt Du toll, Frederick? Ich bin namenlos 51 unglücklich darüber geweſen. Der Gärtner und alle Leute ſind nach ihr ausgeſandt worden, als wir entdeck⸗ ten, daß ſie fortgegangen war. Aber bringe ſie nur herein! Komm, komm! Gott ſei Dank, wir haben ſie wieder!“ Halb willenlos von Frederick fortgezogen, betrat Innocenzia das Wohnzimmer, noch immer wie geblendet und betäubt. Er warf ſie faſt rauh in einen Stuhl und riß ſeinen Arm aus ihren umklammernden Händen. „Und nun laß ſehen, ob Du uns irgend etwas über Deine nächtliche Wanderung zu ſagen haſt,“ ſagte er finſter. Der Ton ſeiner Stimme, ſeine finſtere Miene fielen wie ein Centnergewicht auf das wunde Herz des armen Mädchens. Ihr Jammer war grenzenlos. Sie ſaß und ſtarrte mit thränenden Augen auf ihre Verwandten, zog den ſchmutzigen Mantel dichter um ſich und zeigte auf die Schmutzflecken auf ihrem Kleide. Das Haar fiel ſchlicht und feucht auf ihren Hals; der kleine Hut hing ihr im Nacken. Aber die Aufregung und der Kummer vepliehen ihrer Schönheit einen ganz beſonderen Zauber: es war das ergreifendſte Bild eines verirrten Kindes. Mrs. Eaſtwood war weit milder und theilnehmen⸗ der als ihr Sohn. „Was iſt denn geſchehen, Innocenzia?“ frug ſie. 52 „Ich bin feſt überzeugt, Du haſt nichts Unrechtes dabei gedacht. Sag' mir nur, wo Du hin gehen wollteſt? Wo biſt Du denn geweſen?“ Das Mädchen ſaß noch immer ſchweigend da wie unter einem Zauberbann und kämpfte, aber wie es ſchien vergebens, ihn zu brechen. Endlich, endlich ſtürzten die hellen Thränen aus den großen Augen und ſie rief leidenſchaſtlich:„Ich wollte ja nicht fort. Ich ſah nur eine Kirche von ferne— und dachte, es wäre die Spina. Ach, es war gar keine Kirche, es war ein gräßlicher Ort. Sie wollten mich todt machen, und da lief ich fort, fort, und ich wußte den Weg nicht—— „Was iſt denn die Spina?“ ſagte die Tante ver⸗ wundert.„Du ängſtigſt das Kind, Frederick, wenn Du ſolche Geſichter ſchneideſt. Innocenzia, es geſchieht Dir nichts. Sage mir nur ganz einfach: was war denn das für ein Ort? Und weshalb liefſt Du überhaupt von hier weg?“ Das Mädchen ſah rund um ſich in die Geſichter, die alle erwartungsvoll lauſchten. Weshalb ſie fortge⸗ laufen? Ja, wußte ſie es denn ſelbſt? Und wie einer augenblicklichen Eingebung folgend, ſagte ſie plotzlich: „Ich war ſo einſam!“ Mrs. Eaſtwood ſchrie ſchmerzlich auf. In heftiger Bewegung ſchritt ſie auf und nieder. Dann trat ſie 1 1 53 wieder zu Innocenzia hin, ſchlang zärtlich den Arm um ſie und rief mit feuchten Augen:„Nelly, daran ſind wir ſchuld!“ Nun hätte man durchaus nicht behaupten können, die Tochter ſei weniger gefühlvoll geweſen als die Mutter, aber in dieſem Falle blieb ſie völlig unge⸗ rührt und war weit mehr geärgert als mitleidig. Auch blieb ſie ziemlich theilnahmlos, als man ſich aus Inno⸗ cenzia's abgeriſſenen Worten nach und nach eine unge⸗ fähre Vorſtellung von dem Abenteuer machen konnte. Als die kleine Sünderin mit ihrer mangelhaften Beichte fertig war, gingen ihre Augen wie fragend von Einem zum Andern, als wollte ſie aus ihren Blicken errathen, was für eine Strafe ihrer warte, denn es mußte doch ein Verbrechen geweſen ſein, das ſie begangen, weshalb hätte ſie ſonſt Frederick ſo hart geſcholten? Die Ge⸗ ſpräche, die um ihretwillen geführt wurden, verſtand ſie nicht, obgleich ihre Augen gleichſam an den Lippen der Sprecher hingen.. „Ich war ſo einſam!“ wiederholte ſie kläglich und mit einer gewiſſen kindiſchen Schlauheit, da ſie wohl ge⸗ merkt hatte, welchen Eindruck dieſe Worte vorhin ge⸗ macht hatten. Der Erfolg dieſer wiederholten Klage war denn auch der, daß man ſie zärtlich in ihr Zimmer geleitete und der Sorgfalt der alten Alice übergab. Dieſe brachte 54 1 ſie zu Bette und ließ ſich dann die Geſchichte noch ein⸗ * mal erzählen, wobei ſie ihre eigenen Gedanken über die ganze Affaire hatte. Innocenzia weinte ſich in den Schlaf, fuhr aber bisweilen wieder erſchrocken auf, da die Erinnerung an das Stöhnen der Alten in der Me⸗ thodiſtenkirche, an die Schwärze und Einſamkeit der langen Straßen ihre Seele immer wieder von Neuem aus dem Lande der Träume empor jagte. Aber der 11 größte Kummer des armen jungen Herzens war doch, daß Frederick ſie geſcholten. Er hatte ſie verlaſſen: dieſer Gedanke quälte ſie bis zur fieberhaften Erhitzung, und in der ſo ſeltſam unentwickelten Natur brachte dieſer Abend mehr Empfindungen zur Reife als bisher ganze Jahre. Unten im Wohnzimmer waren die Familienglieder ſehr verſchiedener Meinung über den ganzen Vorfall. Die Kinder begriffen die Mama gar nicht. Sie hatte 1 geweint und noch jetzt lehnte ſie ihr Haupt ſchwermüthig 1 in ihre Hände. Nelly fand die ganze Sache fatal und unangenehm, aber durchaus nicht tragiſch, während Fre⸗ derick nur darauf ausging, überall Gelegenheit zum Tadeln zu finden. Es erleichterte ſein Herz, einmal den Fehler in Andern ſuchen zu dürfen. „Weshalb laßt Ihr ſie auch ſo herumſtreichen? Warum muß ſie nicht bei Euch im Zimmer bleiben? „——— ——— 55 Warum hat ſie nichts zu thun? Leute genug ſind doch wahrlich hier im Hauſe, die auf ſo ein Kind Achtung, geben könnten, damit ſie nicht thun und laſſen kann, was ihr beliebt.“ Es verdroß ihn, daß er ſo hart gegen ſie geweſen, und deshalb war er doppelt froh, daß er etwas zu tadeln gefunden hatte. Seine Fragen nahmen kein Ende. Alle, die mit Innocenzia zu thun hatten, waren ſeiner Meinung nach nicht im Stande, ſie zu be⸗ aufſichtigen. Wenn er dageweſen wäre, hätte ſo etwas nicht geſchehen können. Aber er könne doch nicht wie eine Wartefrau hinter einem ſechszehnjährigen Mädchen her laufen. Aber ſo ſei es immer, das ſei der Frauen Art in allen Dingen. So raiſonnirte der junge Herr. Daß Nelly ſolche Angriffe heftig und energiſch zurück⸗ wies, war natürlich. Mrs. Eaſtwood dagegen achtete gar nicht darauf. Nur als das Wortgefecht etwas zu hitzig wurde, miſchte ſie ſich hinein. „Kinder,“ ſagte ſie, ernſter als gewöhnlich,„zankt Euch nicht! Dir ziemt es nicht, Frederick, in ſolcher Weiſe über uns abzuurtheilen, und von Dir, Nelly, iſt es recht kindiſch, die Sache ſo ernſthaft zu nehmen. Wenn Fre⸗ derick uns Beide durchaus für ein paar thörichte Narren halten will, was willſt Du dagegen ſtreiten? Laß ihn doch.“ „Das meinte ich auch gar nicht, Mutter,“ ſagte der Sohn beſchämt. „Aber Deine Reden waren deutlich genug, mein Lieber,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Doch wie geſagt, mag Jeder ſeine Anſicht behalten. Hier gilt es etwas Anderes zu überlegen. Was ſollen wir mit Innocenzia anfangen? Ihre Mutter hat. mir ſehr viele ſchwere, unglückliche Stunden bereitet. Sie war ebenſo lieblos und liebeleer wie dieſes Kind. Verſteckt in allem was ſie that, hat ſie ſich nie Jemandem anvertraut. Als ſie mit Mr. Vane auf und davon ging und ihn heirathete, da hatten wir keine Ahnung davon. Ich fürchte, ihre Tochter wird uns ähnliche Streiche ſpielen.“ „Davonlaufen und heirathen?“ frug Frederick, und ein höchſt ſelbſtgefälliges Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. „Ich glaube, vor der Gefahr biſt Du ſicher, Mama. Zum Davonlaufen oder vielmehr zum Heirathen gehören zwei——“ Mutter und Tochter wechſelten Blicke des Einver⸗ ſtändniſſes, und Erſtere entgegnete mit möglichſter Ruhe: „Es giebt noch mehr Irrwege als thörichte Hei⸗ rathen. Das iſt ſehr ſchlimm, Gott weiß es. Denn wieviel hängt davon ab! Das Glück einer ganzen Familie ſteht dabei oft auf dem Spiele, während der junge Mann nur einer augenblicklichen Laune folgt.“ „Soll mir das vielleicht gelten, Mutter?“ ſagte Frederick heftig.„Dann kannſt Du Dich völlig beruhigen. —— — 57 Ich ſehe in Innocenzia nur ein Kind. Ich würde es ſogar für eine Beleidigung halten, wenn man mir zu⸗ traute——“ „Mit Innocenzia davonzulaufen?“ unterbrach ihn die Mutter, ihm ruhig in das Eeſicht blickend.„Sei ruhig, Frederick, ich glaube nie, daß Du Dich ſo compromittiren könnteſt. Die Gefahr, vor der ich Dich warnte, war ganz anderer Art. Aber wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen. Niemand kann ſagen, Du wärſt heute Abend allzu freundlich gegen die arme Kleine geweſen.“ „Ich bin kein ſentimentaler Schwärmer,“ rief Fre⸗ derick ärgerlich und ſprang auf, um ſich jeder weiteren Discuſſion zu entziehen. Er pfiff eine Arie, um ſeine völlige Gleichgültigkeit kund zu thun, und man hörte ihn bald darauf das Feuer in dem Bibliothekzimmer tüchtig ſchüren und die Stühle heftig rücken, um ſich, wie es ſchien, ein behagliches Plätzchen zurecht zu machen. Das war kein friedlicher Sonntagabend. Gleich darauf kam Dick mit ſchmutzigen Stiefeln und durchnäßtem Rocke, mit friſchen Wangen und heiterm Lächeln wieder nach Hauſe. Auch er war nach der Verlorenen ausge⸗ ſchickt worden. „So iſt ſie alſo wieder da?“ ſagte er.„Na, das iſt ein Glück. Ich bin weit gerannt, ohne doch eine Spur von ihr zu erblicken. Was ich ſagen wollte,— 58 als ich an der kleinen Kapelle da an der Straße vorüber⸗ ging,— was die da drinnen für n'en Lärm machten, es war nicht zum Anhören! Sie ächzten und ſtöhnten, als ob ihnen die Köpfe abgeriſſen werden ſollten. Iſt denn Innocenzia wirklich Frederick nachgerannt, wie die Köchin ſagt? Oder wo iſt ſie denn geweſen?“* Es amüſirte den Jungen königlich, als man ihm die Sache erzählte, ihm kam ſie höchſt lächerlich vor. „Na, das iſt ein kapitaler Spaß!“ rief er. Sie hat gedacht, ſie wollten ſie todt machen? Ha, ha, ha! Wie dumm, daß ich nicht hineingegangen bin! Das arme, kleine Ding! Hoffentlich haſt Du ſie nicht ſehr ausgezankt, wenigſtens nicht mehr als nöthig, Mama. Ich glaube, verdient hat ſie's in gewiſſem Sinne, aber ſie iſt noch ſo fremd und ſcheu.“ „Und Du biſt mein lieber prächtiger Junge,“ rief die Mutter und gab ihm einen Kuß, der dem braven Burſchen unerklärlich war. „Na, freut mich, daß ich's bin,“ ſagte er mit heller Freude,„obgleich ich nicht weiß, weshalb Du das ſo vergnügt ſagſt. Bin ich nicht ſchmutzig? Aber auch ſo en Wetter! Immer nieſelt es und nieſelt, und die Wol⸗ ken hängen ſo tief, als könnte man hineingreifen. Na, ich bin froh, daß ſie ſicher und feſt in ihrem Bette liegt. Du haſt ſie doch nicht etwa gewichſt, Mama?— Wenn 59 ich aber morgen wieder um ſieben Uhr bei der geliebten Mathematik ſitzen muß,“ fügte Dick mit einer Grimaſſe hinzu,—„da thue ich wohl am Beſten, mich auch zu Bett zu verfügen.“ „Und vergiß nicht, gleich aufzuſtehen, wenn Du ge⸗ rufen wirſt, Herzensjunge!“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Und ſei recht fleißig und brav! Ich bin feſt überzeugt, es fehlt Dir durchaus nicht an Talent, wenn Du Dir nur Mühe giebſt.“ Der gute Junge zuckte die Achſeln und ging, nach dem langen Spaziergange im Regen, fröhlich ſeines Weges zu Bett. Ich will zwar nicht behaupten, daß ſeine geiſtigen Fähigkeiten die glänzendſten waren, aber ſo viel iſt gewiß, daß es Einem im innerſten Herzen wol that, nach dem zierlichen, feinen Frederick den guten, friſchen Jungen zu ſehen. Wie ſehr er auch augenblick⸗ lich unter der Laſt ſeiner Examenarbeiten ſeufzen mochte, ſein Kommen brachte doch dem Mutterherzen alle Zeit Troſt und Erquickung. Mutter und Tochter hatten noch eine Unterredung miteinander, ehe ſie das Wohnzimmer verließen. Dann mußte der Gärtner noch Bier bekommen, denn er hatte einen ebenſo erfolgloſen langen Weg gemacht und kehrte viel erſchöpfter wieder heim als Dick. Seine Anſicht von der Sache war deshalb auch eine ſehr düſtere. 60 „Herrn's mögen's nicht, wenn die Frauenzimmer ihnen nachlaufen. Weiber ſollten ruhig am Platze blei⸗ ben, zu Hauſe, in der Stube.“ Das hatte er ſchon zu dem Stubenmädchen geſagt, aber da er ein alter Diener war, ſo öffnete er ſein Herz in weiſer Rede auch gegen ſeine Herrin. „Ich würde der jungen Dame ſchon ein Wörtchen ſagen, Madame,“ ſagte er ſtreng, denn Innocenzia hatte ihm ſeine freie Stunde geraubt.„Sagen würde ich ihr, daß ſie ihr ausländ'ſches Gethue laſſen muß, hier zu Lande geht das nicht. Aber nur ein Wort, Madame, fein ſanfte, nicht gar zu ſehre, das nützt nichts bei der Art.“ „Seid überzeugt, ich ſpreche mit ihr darüber,“ ſagte Mrs. Eaſtwood halb lachend, obgleich ſie ſich im Stillen über die Anſchauung der Leute ärgerte.„Meine Nichte wollte in die Kirche und kam in die kleine Kapelle da drüben, da iſt ſie erſchrocken und hat ſich verirrt. Das iſt Alles.“ „Ach, Madamchen, Sie ſind ſo'ne gute gläubige Seele,“ ſagte der Mann, ſeinen grauen Kopf ſchüttelnd. Auch die weiblichen Dienſtboten theilten ſeine An⸗ ſicht über Mrs. Eaſtwoods„gute gläubige Seele“. Sie glaubten durchaus nicht an die Fabel von der Kirche und lachten nur über dieſe Erfindung. Dennoch ſtieg 61 Innocenzia etwas in ihrer Achtung, da ſie ſich ſo ſchlau herauszureden verſtanden hatte. Aber über den eigent⸗ lichen Sachverhalt war man in der Küche ganz klar. Sie war Frederick nachgelaufen bis zu dem Hauſe, wo er geſpeiſt hatte, dann war ſie ihm wieder nach dem Klub gefolgt, und das Hausmädchen berichtete dies Alles mit einer Ausführlichkeit, als wäre ſie ſelbſt dabei ge⸗ weſen. „Und ich hoffe, der junge Herr wird ſie heirathen, da ſie ſo an ihm hängt,“ ſagte Jane, das Küchenmäd⸗ chen, die eine etwas romantiſche Richtung hatte. „Ach, Du biſt nicht klug!“ rief die Köchin.„Glaubſt Du, die Herrn machten ſich was aus ſo'nem Gänschen?“ „Und aus einer, die ihnen nachläuft?“ fügte Su⸗ ſanne, die ältere Schweſter Jane's, mit großer Würde hinzu. Fünftes Kapitel. Mädchenphiloſophir. Frederick fühlte ſich durchaus nicht recht behaglich nach den Erlebniſſen dieſes Tages. War Innocenzia wirklich, wie die Dienſtboten verſicherten, um ſeinetwil⸗ len fortgelaufen, ſo lag in dieſer Anhänglichkeit zwar viel Schmeichelhaftes für ihn, allein es machte ihn wie⸗ derum verlegen und unſicher, ſodaß er nicht wußte, wie er ſich dem Mädchen gegenüber zu verhalten habe. Denn darin war er durchaus derſelben Meinung mit dem Gärtner, daß erſtens ſich dergleichen nicht für eine junge Dame ſchicke, zweitens aber auch daß ſeine Mutter viel zu weich und nachſichtig ſei, um ein ſo leidenſchaftliches Ding zu zügeln. Er nahm ſich deshalb vor, dem jungen Mädchen ſelbſt den Standpunkt klar zu machen. Das Glück ſchien ſeine tugendhafte Abſicht zu begünſtigen, denn er fand Innocenzia allein im Zimmer, als er am 63 nächſten Morgen ſpät zum Frühſtück herunter kam. Er war immer ein Langſchläfer, und das eben brachte Dick oft geradezu zur Verzweiflung, daß er, der unglückliche Junge, ſchon früh um ſieben Uhr aus den Federn ge⸗ jagt wurde, während der älteſte Sohn des Hauſes bis⸗ weilen erſt um zehn Uhr erſchien und auch dann noch mit einem milden Verweiſe davon kam. Für Frederick wurde Alles aufgehoben; für ihn wurde friſcher Kaffee gemacht, für ihn friſche Brodchen hereingeholt und die geröſteten Semmelſchnitte warm gehalten, und Niemand außer Dick ſchien darin etwas Beſonderes zu finden. An dieſem Montag Morgen nun kam er noch ſpäter als gewöhn⸗ lich herunter und fand Innocenzia ganz allein im Eß⸗ zimmer. Vielleicht war es nicht ganz vorſichtig von Mrs. Eaſtwood, die Kleine hier allein zu laſſen, aber ſie war noch zu wenig daran gewöhnt, mißtrauiſch zu ſein, und am erſten Wochentage giebt es gewöhnlich in jeder Haus⸗ haltung viel zu thun. So hatte ſie denn den Kopf mit andern Dingen voll. Auch war Innocenzia ſonſt um dieſe Zeit ſchon längſt wieder auf ihrem Zimmer, und wohl nur in der Abſicht, Frederick zu ſehen, hatte ſie diesmal gezögert. Die nachſichtige Güte ihrer Tante am geſtrigen Abend hatte ihr Herz wohl etwas gerührt, aber noch weit mehr war es durch das Schelten des Couſins erſchüttert worden. Um ſich der Tante und 64 Nelly gefällig zu zeigen, hatte ſie ſich heute zum erſten⸗ male angeboten, etwas zu helfen. Es handelte ſich um eine ſehr leichte Arbeit, Moos um die Blumentöpfe zu arrangiren. Damit hoffte ſie auch Frederick's Zorn zu beſänftigen, wenn er ſehen würde, daß ſie etwas für ſeine Mutter und Schweſter thue. Denn ſeltſamerweiſe war ihr Gefühl für ihn durch ſeine Heftigkeit und Härte eher noch erhöht worden, ſtatt daß es ſich abge⸗ kühlt hätte. Als Frederick in das Zimmer trat, beachtete er ſie anfangs gar nicht. Er ging an das Kamin und ſchürte das Feuer, dann überblickte er den Frühſtückstiſch und klingelte nach ſeinem Kaffee. Erſt jetzt ſagte er ſehr kühl zu ihr:„Guten Morgen, Innocenzia,“ ohne ihr je⸗ doch die Hand zu geben. Sonſt hatte er ihr bisweilen das Haar geſtreichelt oder die Wange geklopft, diesmal gab er kein Zeichen von freundlicher Geſinnung.„Was machſt Du denn da?“ war ſeine nächſte Frage, denn es ar ihm allerdings überraſchend, ſie beſchäftigt zu ſehen. Sie beeilte ſich ihm zu antworten und ließ vor Auf⸗ regung eine Menge Moos auf die Erde fallen, ſo zit⸗ terten ihre Finger vor Angſt, er möchte ſie wieder auszanken. „Ich thue das— für Nelly.“ „So iſt's recht,“ ſagte er freundlicher.„Wenn es 67 auf den Pfad der Tugend zu leiten bemüht war. Ob es ihr oder den Andern gefiel, danach fragte er nicht. Seine Zufriedenheit mit ſich ſelbſt veranlaßte ihn ſogar zu einem weit zärtlicheren Abſchiede, als er eigentlich ge⸗ wollt hatte. Er legte die Hand freundlich auf ihre Schulter und küßte das hübſche Geſicht, das ihm ſo nahe war, zum erſtenmale mit einer gewiſſen Wärme. Sie erröthete tief bei dieſer Begrüßung. Böſe war ſie dar⸗ über nicht, aber auch nicht froh, ſie wußte ſelbſt nicht, was ſie davon denken ſollte. Lachend und doch innerlich etwas verlegen ging Frederick von dannen.„Das Mädchen wird hübſch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich muß mich in Acht nehmen.“ Vielleicht war er doch mit dieſem Kuß ſchon etwas zu weit gegangen. Eine große Ver⸗ antworklichktit lag auf ihm. Er durfte in ſeiner Cou⸗ ſine nicht Hoffnungen erwecken, die er ja niemals reali⸗ ſiren konnte. Mit ſolchen Empfindungen ging er in das Geſchäft, im Innern nicht ganz ohne Sorge, daß die Kunde von ſeinem geſtrigen Straßenabenteuer ſchon dorthin gedrun⸗ gen ſein könnte. Aber Niemand rührte ſich, und ſo konnte ſich Frederick ſeine ſchon bereit gehaltene heftige Entgegnung erſparen. Nichtsdeſtoweniger blickte der junge Mann immer unbehaglich auf, wenn Jemand her⸗ eintrat. Aber der Vormittag verging, ohne daß er durch 5* 68 irgend eine Anſpielung an„die geheimnißvolle Dame“ er⸗ innert worden wäre. Doa, gegen drei Uhr brachte der Por⸗ tier ihm eine Karte. Er nahm ſie in der Ueberzeugung, ſie komme von ſeinem Freunde Egerton, demſelben, den er geſtern Abend ſo ſchnell und ohne Erklärung ver⸗ laſſen hatte; aber wie erſchrak er, als er las: Mr. R. R. R. Batty Villa Sterborne. Mit Bleiſtift war noch der Name eines Hotels zweiten Ranges darauf geſchrieben. Frederick ſtarrte auf ½ das Blatt wie verſteinert, denn allerdings hatte er den gutmüthigen Helfer aus der Noth ſeither gänzlich aus ſeinem Gedächtniß verbannt. Wohl hatte die gütige Mama ihm die vielen Ausgaben für die böſe Krankheit reichlich vergütet, aber da Batty ſich nicht gerührt hatte, ſo hatte er ihm auch das Geld nicht zurückgezahlt, ſon⸗ dern es auf eine für ihn weit angenehmere Art ver⸗ ausgabt. „Soll ich den Herrn hierher führen?“ frug der Portier, während der junge Herr noch auf die Karte ſtierte. „Führen Sie ihn in Mr. Jones' Zimmer,“ ſagte —— 69 Frederick mühſam. Zum Glück ſtand dies Zimmer leer, da Mr. Jones verreiſt war, und ſo brauchten die übrigen Herren auf dem Comptoir den Beſucher nicht zu ſehen. Dann bereitete er ſich zur Begegnung vor. Er knöpfte den Rock zu und nahm Hut und Stock zur Hand, als ſei er eben im Begriff das Geſchäft zu verlaſſen und habe nur wenig Zeit zu einer Unterhaltung. In der Eile überlegte er, was er ihm wegen ſeiner Schuld ſagen wollte, und ebenſo durch welche neue Lüge er die arg⸗ loſe Mutter zur Auszahlung einer größeren Summe be⸗ wegen könnte. Wer hätte es dem feinen jungen Herrn angeſehen? Langſam begab er ſich nach dem bezeichne⸗ ten Zimmer. An alledem war wieder die alberne In⸗ nocenzia ſchuld, ſie hatte ihn in dieſes Mannes Hände gebracht, denn um ihretwillen hatte er die Reiſe machen müſſen. Zögernd öffnete er die Thüre und ſtand dem Verhaßten gegenüber. Batty trat ihm mit größter Freundlichkeit entgegen, reichte ihm die große, rothe, ſchmutzige Hand und lachte im ganzen Geſichte. „Bin hoch erfreut, Sie ſo wohl und munter anzu⸗ treffen, geſchätzter Herr,“ ſagte er.„Ganz wieder auf dem Zeuge nach Ihrer kleinen Spritzfahrt? Freut mich ſehr. Ihr jungen Leute kennt nun einmal kein Maß. Wir Alten wiſſen ſchon, wie weit wir gehen können. ——— 70 Ihr aber ſeit immer voran, Ihr jungen Herrchen. Ich bin ſeit Sonnabend hier, Mr. Eaſtwood, um mich ein Bischen in der Welt umzuſehen, und habe keine Zeit verloren, um Sie aufzuſuchen.“ „Sehr gütig,“ ächzte der arme Frederick,„ich hätte Ihnen eigentlich ſchon wegen des Geldes ſchreiben ſollen.“ Dabei trat er zum Kamin und zerſchlug wüthend die Kohlen.„Wie kalt iſt es noch in dieſer Jahreszeit!“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Mr. Batty.„Aber Mr. Frederick,— Sie erlauben mir wohl, daß ich Sie ſo nenne, ich bin ja unter den Eaſtwoods aufgewachſen,— ich komme nicht etwa wegen des lumpigen Geldes, nein, ſo bin ich nicht. Wenn ich einem richtigen feinen Mann dienen kann, da bin ich ſtolz darauf, und ſo lange man mich anſtändig und freundſchaftlich behandelt, bin ich auch gut. Wegen des Geldes bin ich nicht hergekom⸗ men, beſter Herr.“ „Es iſt wirklich ſehr freundlich von Ihnen,“ ſagte Frederick zurückhaltend,„daß Sie ſo machſichtig über die Sache urtheilen. Ich hätte Ihnen aber doch ſchreiben ſollen, denn es iſt eine Ehrenſchuld——“ „Still, ſtill!“ rief Batty.„Ich bin kein Wucherer, das verſichere ich Ihnen. Ich habe mir nur die Freiheit genommen, unſer Hotel, wo wir abgeſtiegen ſind, auf der Karte anzugeben, und wenn Sie, Mr. Eaſtwood, 71 uns beehren wollten zu einem einfachen Mittagseſſen um ſieben Uhr, ſo würden Sie uns ſehr willkommen ſein. Ja, auf Ehre, wir würden ſtolz darauf ſein. Ich habe nämlich meine Tochter bei mir. Wir kommen nicht oft hierher, und ich wollte ihr einmal ein Biſſel von der großen Welt zeigen. Wenn Sie Ihren Couſin, Baron Eaſtwood, geſprochen hätten, Mr. Frederick, ſo würden Sie ſchon etwas von meinem Mädel erfahren haben. Sie heißt überall die Blume von Sterborne. Ich zweifle gar nicht, daß Sie in London viele ſchöne Weibsbilder haben, aber trotzdem bin ich ſtolz auf meine Manda. Es iſt gar nicht meine Art, meine Bekannten einzu⸗ laden, wenn ſie mit mir in der Stadt iſt, aber ein Eaſtwood iſt etwas Beſonderes, da machen wir eine Ausnahme.“ „Sie ſind außerordentlich gütig,“ ſagte Frederick wieder, noch zurückhaltender als vorher. Die Gedanken hatten ſich in ſeinem Kopfe gejagt, während der Mann ſprach. Sollte er die Einladung ausſchlagen, oder ſollte er das gefährliche Ungeheuer dadurch zahm erhalten, daß er ihm Geſellſchaft leiſtete? War's überhaupt nöthig, Rückſichten gegen dieſen Mann zu nehmen? Aber die Bekanntſchaft mit ſeinen adlichen Vettern, deren ſich Batty rühmte, mochte ſie auch noch ſo oberflächlich ſein, konnte doch einmal zu Erörterungen über ihn ſelbſt führen, und N ———— 2——— —— Frederick hatte gerechte Urſache, ſich davor zu fürchten. So beſchloß er denn, die Einladung anzunehmen, und Mr. Batty entfernte ſich unter lauten Aeußerungen der Freude. Da aber der etwas auffällige Fremde im Comptoir doch bemerkt worden war, hielt es der junge Mann für gerathen, ehe er fortging, ein Wort über ihn gegen ſeine Collegen fallen zu laſſen. „Ich ſoll mit dem närriſchen Kerl da zu Mittag eſſen. Ich traf ihn ganz zufällig in Paris. Er ver⸗ ſtand kein Wörtchen franzöſiſch, und ich mußte für ihn den Dollmetſcher machen. Ein Art von ländlichem Verehrer meines Vetters, des Baron Eaſtwood, wie es mir ſcheint. Deshalb giebt er mir wohl das Diner. Ich werde dort wohl was zu lachen haben.“ „Was mag nur der Eaſtwood vorhaben, daß er eine ſo weitläufige Erklärung für nöthig hält?“ ſagte der eine ſeiner Zuhörer zu dem Andern.„Gewöhnlich ſteckt etwas dahinter, wenn er redſelig wird. Ich glaube gar nicht an den Vetter Baron.“ „Ach doch, er wird aber nicht viel von ihm haben können. Es ſoll ein armer Teufel ſein, der in den Hän⸗ den von Juden iſt,“ ſagte der Andere. Aber vielleicht ſprach aus ihnen auch nur der Neid, weil ſie ſelbſt keinen adlichen Vetter in ihrer Familie hatten.— Innocenzia war wieder an ihrem gewöhnlichen Platze — ——üTüüz————————— 73 an dem kleinen Fenſter an der Hausthür, als Frederick nach Hauſe kam. Als er ſie erblickte, verdroß es ihn, daß ſeine weiſen Lehren ſo geringe Früchte getragen. Das mußte ein Ende nehmen, ſo durfte es nicht fort⸗ gehen. Er winkte ihr, zu ihm herunter zu kommen, und trat in den Garten. Es war ein unfreundlicher Lenz dieſes Jahr; auch der März trug kein beſſeres Geſicht als der Februar, nur daß die Tage ſchon länger und auch jetzt noch helles Tageslicht war, als Frederick nach Hauſe kam. „Ich wollte Dir nur ſagen, Innocenzia, daß Du dieſe Manier, mir aufzulauern, wenn ich heim komme, endlich aufgeben mußt,“ ſagte er.„Du meinſt es gewiß ganz gut, und als Du Dich noch ſo fremd unter uns fühlteſt, da konnte ich es auch begreifen. Damals war es auch noch ſo dunkel am Abend, daß es nicht alle Welt ſehen konnte. Aber jetzt iſt es noch ganz hell, und Dein Betragen muß Jedem auffallen, denn Du biſt ja chon ein großes Mädchen. Die Leute werden darüber ſprechen, und das thäte mir keid um Dich. Sie werden zum Beiſpiel ſagen, Du hätteſt mich lieb.“ „Ich habe Dich auch lieb,“ ſagte ſie mit Thränen in den Augen. „Das iſt wohl recht ſchön,“ erwiederte der junge Mann,„aber es darf nicht zu weit gehen. Laß mich 74 Dich nie wieder an jenem Fenſterchen erblicken. Ich 1 ſollte eigentlich nicht nöthig haben, Dich erſt darauf auf⸗ merkſam zu machen. So etwas fühlt ein Mädchen ganz von ſelbſt. Ich wollte Dir das ſchon heute ſagen, aber ich hatte es vergeſſen. Aber anders muß es werden, Innocenzia, und Du biſt ſelbſt Schuld daran, daß ich ſo deutlich ſprechen muß,“ ſagte Frederick, der eben das Geſicht ſeiner Mutter an dem Fenſter erblickt hatte und wußte, welche Auslegung dieſes Stelldichein mit dem jungen Mädchen bei ihr finden würde. Er war feſt 3 entſchloſſen, dieſer Albernheit ein Ende zu machen, und der Verdruß, der ihm ſchon ſo oft daraus erwachſen, verlieh ihm auch die nöthige Energie. 2 Innocenzia ſchritt ſchweigend neben ihm her, nieder⸗ gebeugt durch dieſen ſo ganz unerwarteten Angriff. Wie hatte ſich das arme Kind gefreut, als er ihr zugewinkt hatte! Wie eilig war ſie dem Winke gefolgt, und nun war Alles ſo ganz anders, als ſie erwartet hatte! Sie kämpfte mühſam ihre Thränen zurück, denn ihr Stolz war endlich wach gerufen worden, aber trotz aller Mühe fielen doch die ſchweren Tropfen über ihre Wangen, als ſie ſo neben ihm herſchritt. Sie wendete ihr Köpfchen weg, damit er es nicht ſehen ſollte. War denn das der⸗ ſelbe Frederick, der ſie beim Fortgehen geküßt hatte? War er nicht bis zum vorigen Abend immer gut gegen 75 ſie geweſen? Ach, ſie konnte nichts zu ihrer Verthei⸗ digung ſagen, ſie war zu tief, zu grauſam getäuſcht wor⸗ den, um Worte finden zu können. „Du ſcheinſt Dein Unrecht nicht einzuſehen,“ ſagte Frederick wieder.„Du biſt gerade wie alle Frauen. Sie wollen niemals zugeben, daß ſie Unrecht haben. Aber bedenke nur, wenn ich müde und erſchöpft von der heißen Arbeit des Tages nach Hauſe komme, um ein wenig Ruhe zu finden, da biſt Du gleich da und ärgerſt mich vom erſten Augenblick an, da Du mich ſiehſt. Sieh' das iſt zu viel,“ fügte er mit edler Re⸗ ſignation hinzu,„wenn ein Mann ſich ſo redlich be⸗ müht, ſeine Pflichten gegen Haus und Familie zu er⸗ füllen wie ich und findet dort nicht einmal die erſehnte Ruhe——“ Hier ſchloß er plötzlich, denn Innocenzia's Blicke zeigten ihm, wie völlig unverſtändlich ihr ſeine hoch⸗ trabenden Reden waren. Er hatte, wie es die Männer ſo oft thun, ganz von Oben herab zu dem jungen Mädchen geſprochen und dabei vergeſſen, daß ſie ihn gar nicht verſtehen konnte. Und ſo wandte er ſich mit einem ungeduldigen:„Ach Du verſtehſt ja doch nichts!“ kurz von ihr ab. Nach einer Weile ſagte er plötzlich:„Ich meine alſo, Du mußt all den Unſinn von nun an laſſen. 76 Verſuche es, glücklich zu werden. Sei wie andere Mädchen. Sitze nicht müßig in einer Ecke und ſtarre mich nicht an, noch weniger warte auf mich dort am 115 Fenſter. Wenn Du das thuſt, ſo machſt Du mich furchtbar böſe. So— nun iſt's genug— jetzt lauf⸗ 3 in's Haus und ſei nicht mehr traurig. Ich bin ja 3 gar nicht böſe auf Dich, aber Du mußt immer beden⸗ ken, Innocenzia,“ ſchloß er mit großer Wichtigkeit,„Du mußt immer bedenken, daß Du mir, nicht Dir zu Ge⸗ fallen leben ſollſt.“ Innocenzia nahm dieſe erſte Lection über weibliche Selbſtverläugnung ſchweigend auf; ihre Augen waren 13 ebenſo ſehr dabei betheiligt wie ihre Ohren. Sie ſah 1 ihren Lehrmeiſter immer an, als müſſe den letzten Wor⸗ ten noch etwas folgen. Dann ſagte ſie leiſe:„Ja,“ und ſie traten zuſammen in das Haus. Er ging in das Wohnzimmer, um dort den Fragen der Mutter zu begegnen; ſie ſchlüpfte hinauf in das kleine Schul⸗ zimmer unter dem Dache, welches ſie ſich zur Frei⸗ ſtatt für ihr ſtilles Träumen ſelbſt gewählt hatte.„Du 1 mußt immer bedenken, daß Du mir, nicht Dir zu Gefallen leben ſollſt!“ Sie lernte ihre Lection aus⸗ wendig Wort für Wort und hatte endlich auch ihren Sinn begriffen. Auf dem Fenſterſims ſitzend wieder⸗ 77 holte ſie den Satz leiſe für ſich:„Nur mir, nicht Dir!“ Das war der Kern, der jetzt in ihr Herz ge⸗ ſenkt wurde, um dort fortan luſtig zu keimen und em⸗ por zu wachſen. So lernte Innocenzia ihre erſte Auf⸗ gabe auswendig. Sechſtes Kapitel. Die Blume von Sterborne. Ich weiß nicht, ob Frederick's Seele an dieſem Abende von einer Ahnung des Geſchickes erfüllt wurde, welches ihm bevorſtand. Er hatte einen kleinen Wort⸗ wechſel mit der Mama gehabt, die ſich über ſeinen Gar⸗ tenſpaziergang mit Innocenzia etwas gereizt zeigte, da ſie ihm ja noch am Abend vorher ihre Beſorgniſſe ſo offen dargelegt hatte, und die in ſeinem Benehmen eine Nichtbeachtung ihres guten Rathes zu erblicken glaubte. Etwas verdrießlich ging er deshalb auf ſein Zimmer, um ſich zum Eſſen anzukleiden.„Frage ſie doch ſelbſt danach, was ich ihr geſagt habe!“ hatte er noch ärger⸗ 6 lich der Mutter zugerufen, ehe er ſich zurückzog. Und darum, grade weil er wußte, wie ſchrecklich unangenehm Mr. Batty ſeiner Mutter und Schweſter ſein würde, empfand er im Stillen eine Art von boshafter Freude 79 darüber, daß er heute Abend mit ihmſ zuſammen ſein und ſich gewiß ſehr gut bei ihm amüſiren würde. An die dritte Perſon bei dem Diner dachte er gar nicht; denn ſelbſt wenn Mr. Batty's Tochter die größte Schön⸗ heit der Welt ſein ſollte, für einen Eaſtwood war ſie, ſchon um des ordinären Vaters willen, eine gänzliche Null. Den Kopf voll von den verſchiedenſten Gedan⸗ ken, erreichte der junge Mann endlich das Hotel. An die Tochter— die Blume von Sterborne— hatte er, wie geſagt, gar nicht mehr gedacht, ihn beſchäftigte blos ſein roher alter Geſchäftsfreund, deſſen Einladung ihm jetzt eigentlich etwas unverſchämt vorkam. Das Hotel war keins von jenen vornehm ruhigen Häuſern, wo Prinzen und Millionäre reſidiren, ſondern ein äußerlich ſehr glänzender Gaſthof, der zwar nicht allzu koſtſpielig war, aber doch immer theuer genug, um einer ſpar⸗ ſamen Natur einen gelinden Schrecken einzujagen. Fre⸗ derick wurde in ein kleines Zimmer geleitet, wo ein Tiſch für drei Perſonen gedeckt ſtand. Er bemerkte dies mit einiger Genugthuung, ſetzte ſich dann behaglich an's Feuer und vertiefte ſich ſofort in die Zeitung, welche auf dem Tiſche lag. Er hörte es kaum, daß ſich die Thüre geöffnet hatte, denn er wußte ja, daß Batty in ſehr geräuſchvoller Weiſe einzutreten pflegte. Er las daher ruhig weiter, ohne ſich umzuſehen, bis er plötzlich 80 ein leiſes Rauſchen, eine verhaltene Bewegung hinter ſich vernahm und ſah, wie ein leichter Hauch das Blatt in ſeiner Hand bewegte, als ob Jemand hinter ihm vor⸗ überhuſche. Erſchrocken und auch etwas beſchämt über ſeine Unhöflichkeit ſprang er auf und wandte ſich um. In ſeinem ganzen Leben vergaß er nie wieder, was er jetzt erblickte. Hinter ſeinem Stuhle ſtand(ſeiner Mei⸗ nung nach) das ſchönſte Weib der Erde. Ein Ausdruck von ſchelmiſcher Freude, daß ſie ihn ſo belauſcht hatte, lag noch auf dem reizenden Geſichte. Sie war groß, faſt ſo groß wie er ſelbſt, ſehr voll und üppig, eine Schön⸗ heit von der Art, wie ſie die niederländiſche Schule dar⸗ zuſtellen pflegt. Sie beſaß jene peauté de diable, die augenblicklich in der Mode iſt, obſchon ich nicht weiß, weshalb. Ihr Haar war goldig blond, ihre Geſichts⸗ farbe blendend weiß. Ja ſie war faſt zu glänzend mit die⸗ ſem Reichthum an Farben, dem Schneeweiß und Roſen⸗ roth der Haut und der leuchtenden Pracht der Haare. Für ein Traumbild war ſie viel zu farbenfriſch und präch⸗ tig: ſie lockte Thränen hervor aus kühnen Männer⸗ augen, die zu lange in dieſen Glanz blickten. Wenn man ihre Geſichtszüge zergliederte, ſo waren ſie vielleicht nicht ganz vollkommen, aber wer mochte danach fragen, wenn er auf dieſe Farben, dieſe Weichheit der Formen, dieſe Fülle friſchen Lebens ſchaute? Keiner unter Hunder⸗ ———,— 1 . 81 ten hätte einen Fehler herausgefunden. Ihre Augen waren lichtbraun. Eigentlich hätten es blaue Augen ſein müſſen nach der gewöhnlichen Schönheitsregel; aber der Eigenſinn ihres Charakters ſchien ſich ſchon in den Augen kund zu thun, die nicht waren, was ſie ſein ſoll⸗ ten. Es giebt verſchiedene Arten von braunen Augen; ſie ſind die mannigfaltigſten in Ausdruck und in Farbe. Bisweilen ſehen ſie wie Gold aus, wie die Sonne ſelbſt; dann wieder giebt es welche, die in ein ſanftes Grau übergehen. Aber die lichtbraunen Augen, in die jetzt Frederick wie verzückt ſtarrte, waren groß und glänzend; nur lauerte in ihnen ein gewiſſes Warnungszeichen für die Männerwelt. Solche Augen zeigen einen tiefliegen⸗ den Schimmer von Roth, der aus dem feuchten Braun hervorbricht, einen Schimmer, der von leicht erregbarem Blute, von Leidenſchaft und eigenſinnigem Weſen zeugt. Amanda Batty hatte ſolche Augen. Sie waren wunder⸗ ſchön, und für den Bewunderer ihrer Schönheit war grade der feurige Blitz in ihnen von beſonderem Reiz. Und eben jetzt leuchtete ihr ganzes Geſicht von unter⸗ drückter Heiterkeit. Sie hatte den Finger auf die Lip⸗ pen gelegt,— die reizendſte Statue des Schweigens— und doch wie beredt war Alles an ihr! Alles ſo weich, warm, Leben athmend und Liebe! Als Frederick ſich ſo plötzlich zu ihr umwandte, konnte ſie ſich nicht Hliphant, Innocenzia. II. 6 mehr halten, und ihr helles Gelächter erſcholl im Zim⸗ mer, allerdings etwas weniger fein, als man es von einer„wirklichen Dame“, wie die Leute ſagen, erwartet hätte. Sie warf ſich in einen Stuhl und lachte, bis die Thränen an ihren langen Augenwimpern hingen, und ſie ſich die Seite halten mußte, eine Bewegung, die ihr reizend ſtand und zum Mitlachen aufforderte. „O,“ rief ſie,„ich ſterbe vor Lachen! Komm, Papa, komm, damit ich aufhöre.“ Frederick fiel wie aus einem Himmel ſehr unſanft auf die Erde, als er den alten Batty mit lautem Ge⸗ lächter in's Zimmer treten ſah. Korte dies wunder⸗ volle Geſchöpf wirklich ſeine Tochter ſein? Er war wie betäubt. Die ganze Situation brachte ihn in große Ver⸗ legenheit; das laute Lachen, die eigene alberne Rolle, die er dem ſchönen Mäschen gegenüber ſpielte, vor allem aber ihre wunderſame Schönheit hatten ihn dermaßen überwältigt, daß er ſtumm und regungslos vor ihr ſtand. Niemals in ſeinem Leben war Frederick einem ſolchen Eindrucke begegnet. Er war nicht mehr er ſelbſt, ſon⸗ dern nur der Spiegel, in dem ſich ihr Liebreiz reflec⸗ tirte: fortan war ſie ein Theil ſeines eigenſten Weſens. Das mag übertrieben klingen, aber es war ſo. Das was wir„Liebe auf den erſten Blick“ nennen, hatte den jungen Mann ergriffen. 83 „Na was ſagen Sie dazu, Mr. Eaſtwood, daß mein tolles Mädel uns auslacht?“ ſagte Batty.„Noch dazu ohne zu warten, bis ich Sie ihr vorgeſtellt habe. Manda, das iſt Mr. Eaſtwood, na, Du wirſt's wohl ſchon ge⸗ merkt haben.“ „Sag' doch nicht Mr. Eaſtwood, Papa.“ „Nein, haſt Recht. Mr. Frederick, ſo klingt's beſ⸗ ſer, und ein hübſcher und ein feiner Herr iſt's,“ ſagte der Vater.„Sie ſehen, Mr. Frederick, Manda kennt alle die Eaſtwoods, den Baron, der immer in den Hof zu reiten pflegte——“ „Du meinſt doch nicht, Papa, daß Deine Erzählung irgend Jemand außer uns Beiden intereſſiren kann? Verzeihen Sie mir,“ ſagte Amanda und heftete ihre leuchtenden Augen auf den jungen Mann,„daß ich über Sie gelacht habe, aber Sie laſen die Zeitung mit ſolcher Behaglichkeit, daß ich mich nicht länger halten konnte. Was kann Euch Herren nur in den Blättern ſo ge⸗ waltig intereſſiren? Morgens, Abends, Mittags immer leſt Ihr die Zeitung. Sie hatten ſie gewiß ſchon heute früh geleſen, Mr. Frederick, und hier iſt's auch wieder das Erſte, was Sie thun.“ „Ich ahnte nicht, daß ich beobachtet wurde,“ ſagte Frederick, der demüthig und verwirrt vor ihr ſtand. Er, der ſeine Mutter und Schweſter ſo hochmüthig behandelte, 66 84 lag jetzt ſchon wie ein demüthiger Sclave zu Amanda's Füßen und zollte jedem ihrer Worte die ungetheilteſte Aufmerkſamkeit. Als er bei Tiſche neben ihr ſitzen, ſie anſehen und ihrem Geplauder zuhören durfte, hielt er ſich für den Glücklichſten aller Sterblichen. Das ſeich⸗ teſte Geſchwätz von ihren Lippen fand er entzückend. Miß Batty war in Geſellſchaftstoilette. Die Mode der Zeit erfordert für dieſen Fall bloßen Hals und Arme, und Manda hatte einen wundervollen Hals und runde, weiße Arme. Sie trug ein himmelblaues Kleid mit langer Schleppe, die ihr aber offenbar ſehr im Wege war. Ueberhaupt war es ein Mangel an ihr, doß ſie ſich nicht ruhig und würdevoll bewegte, wie es zu der ſtolzen Natur ihrer Schönheit gepaßt haben würde, ſon⸗ dern ohne Grazie hin und her fuhr, mehr wie eine gute bürgerliche Hausfrau als wie eine feine Dame. Wäre ſie nicht ſo brillant gekleidet geweſen, würde dies nicht ſo in die Augen gefallen ſein, ſo aber fühlte ſich Fre⸗ derick unangenehm berührt, als ſie einmal plötzlich in die Höhe fuhr, um ſich ſelbſt etwas zu holen.„Ach was, ich kann nicht ſtille ſitzen und warten, bis der Diener kommt, wenn ich ein Bischen Brod haben will,“ rief ſie. Weder die Worte noch der Ton, in welchem ſie geſprochen wurden, gefielen dem jungen Manne, den⸗ noch ſah ſie lieblicher als je aus, als ſie ſo ſprach. 85 Nicht etwa als ob er ſofort ſeinen Verſtand verloren hätte oder Alles göttlich gefunden, was von ihren Lip⸗ pen kam, aber allerdings wurde die Verzückung oder Ver⸗ zauberung, in welche ſie ihn verſetzt hatte, bald völlig Meiſter ſeines Urtheils und ſeines Verſtandes. Was ſie ſagte, war ſeicht und albern, aber durch die Art, wie ſie es vorbrachte, war es himmliſch. Er konnte die Augen nicht von ihr abwenden und aß und trank faſt gar nichts. Miß Amanda ſah ihren Sieg und hätte ihn bald mißachtet, er war doch gar zu leicht errungen; der Vater ſah es auch und freute ſich darüber. „Nun nehmt mich in das Theater mit,“ ſagte ſie, als das Eſſen vorbei war.„Ich bin nicht oft in der Stadt und da will ich auch Alles ſehen, ſoviel ich kann. Kann ſein, daß wir zu ſpät kommen, aber das thut nichts. Wenn wir auch nur zum Nachſpiel kommen, ich habe doch Luſt hinzugehen.“ „Haben Sie ſchon ſo ein gebieteriſches Ding von einem Mädel geſehen?“ rief ihr Vater.„Du ſollteſt doch auf Mr. Eaſtwood Rückſicht nehmen. Du kannſt doch den Herrn nicht gleich fortſchicken, nachdem er eben erſt mit uns gegeſſen hat.“ „Er kann ja mit uns gehen,“ ſagte Amanda.„Ich habe viel lieber zwei Herren bei mir. Es giebt immer genug für zwei zu thun. Wollen Sie mitkommen, Mr. Frederick Eaſtwood? Ich muß durchaus in's Theater,“ fuhr ſie, zum Vater gewendet, fort, der ſie mit eben ſolchen bewundernden Augen anſah wie Frederick. Wäre ſie nicht ſo entzückend ſchön geweſen, ſo würde dieſer ſich wohl gehütet haben, ſich mit Batty öffentlich zu zeigen; noch geſtern würde ihn die bloße Möglichkeit einer ſolchen Idee ganz außer ſich gebracht haben. Aber jetzt waren ihm alle Gedanken außer dem einen an Amanda vergangen, und wenn er noch mit der Antwort zögerte, ſo geſchah das nur, um zu überlegen, wo das beſte Stück geſpielt wurde. Aber ſie wies alle ſeine Vorſchläge zurück, denn ſie hatte ſchon ihren Plan ge⸗ macht. Es wurde damals ein Stück gegeben, welches ſehr viel Senſation machte, da ein ganzer Eiſenbahnzug auf die Bühne kam und Held oder Heldin nahe daran waren, überfahren zu werden. Dieſes wunderbare Mach⸗ werk zu ſehen, hatte ſich das ſchöne Mädchen nun ein⸗ mal vorgenommen, und ſo wurde denn eilig eine Droſchke geholt und die Drei fuhren in das Theater. Er ſaß neben ihr und athmete verzückt in der Atmoſphäre von Eßbouquet, welche ſie umgab. Hin und wieder durch⸗ zuckte ihn wohl der Gedanke, es könnte ihm ein Be⸗ kannter begegnen, aber im Allgemeinen war er für der⸗ artige Rückſichten heute durchaus nicht zugänglich. Den⸗ noch befand er ſich anfangs nicht ganz behaglich in der 87 Loge, welche, wie es ſchien, ſchon vorher für Miß Amanda beſtellt worden war.„Ich ſitze lieber in einer Loge,“ ſagte ſie zu Frederick,„da iſt man viel ungenirter, und der Papa kann, wenn er will, einſchlafen, ohne bemerkt zu werden. Wie man da unten im Parquet ſitzen kann, begreife ich nicht,“ fügte ſie hinzu, mit der Hand auf die Reihen unten deutend. Frederick dankte im Stillen dem Himmel, der ihren Geſchmack ſo geleitet, denn aller⸗ dings ſaßen dort mehrere ſeiner Bekannten, und da Miß Amanda ſich in ihrer Loge keineswegs zu verſtecken be⸗ abſichtigte, ſo war er feſt überzeugt, daß auch er bald in ſeiner luftigen Höhe entdeckt werden würde. Amanda ließ ihren leichten Shawl von den blendenden Schultern gleiten und rief Frederick an ihre Seite, um ihn bald auf dies bald auf jenes aufmerkſam zu machen, ſo daß er oft genug genöthigt war, ſeinen Hals weit vorzu⸗ ſtrecken. Natürlich blieb auch ihre große Schönheit, ihr Anzug und ihre offenkundige Gefallſucht nicht unbemerkt, und viele bewundernde Augen richteten ſich nach ihrer Loge. Das war dem jungen Manne freilich nicht ganz angenehm, beſonders da jeder dieſer neugierigen Blicke auch ihn ſtreifte. Er hatte ſchon manches Abenteuer be⸗ ſtanden, aber doch keines, das ſich mit dem heutigen vergleichen ließe. Bis jetzt war es ihm immer geglückt, die Augen der Welt zu täuſchen, und wenn das, was er heute that, auch an und für ſich kein Unrecht war, ſo war doch die Geſellſchaft, in der er ſich befand, nicht eine, die ihm Ehre machen konnte. Er fühlte das auch wohl, trotz ſeiner immer zunehmenden Verliebtheit, und verbarg ſich deshalb, ſo viel er konnte, entweder hinter den Vorhängen der Loge oder hinter ihr ſelbſt. Sie ließ es ſich auch gern gefallen, ſo in der Mitte, von Allen ge⸗ ſehen und bewundert, zu ſitzen, dennoch wandte ſie ſich bisweilen nach ihm um und ſagte:„Mr. Eaſtwood, ich wollte, Sie blieben nicht immer ſo weit hinten. Die Leute denken ſonſt, ich habe Niemand bei mir. Papa iſt natürlich ſchon eingeſchlafen,“ fuhr ſie fort und warf ihm einen Blick zu, der ihn völlig zu ihrem Selaven machte und ihn Alles vergeſſen ließ, nur nicht ihre be⸗ zaubernde Gegenwart. Sie ſchwatzte beſtändig auch während der Aufführung und er hörte ihr zu wie ver⸗ zückt. Er war ſich zwar klar bewußt, daß Batty's Toch⸗ ter in Allem das echte Kind ihres Vaters ſei, daß ſie keine„Dame“ im edelſten Wortesſinn genannt werden könne, trotz ihrer Schönheit und eleganten Toilette, aber er war verliebt oder verrückt, denn trotz alledem ſah er in ihr das Neal ſeiner Träume. Und dies Gefühl ſpornte ihn auch an, ſich ſeiner Schönen ſo angenehm als nur möglich zu machen. Er ſelbſt ſprach nicht viel, während ſie fortwährend plauderte, aber mit dem 89 ſchmeichelhafteſten Intereſſe lauſchte er auf Alles, was ſie ſagte. „Ich hoffe, daß Sie noch längere Zeit in der Stadt bleiben werden,“ ſagte er, während ſie eine kurze Pauſe in ihrem Geplauder machte. „Nicht gar ſo lang,“ ſagte Miß Amanda,„Papa lebt gern ſehr gut und das koſtet viel Geld. Sie können gar nicht denken, wie viel uns hier jeder Tag koſtet. Aber Papa will Alles vom Beſten haben und ich auch.“ „Und für Sie ſollte auch immer nur das Schönſte da ſein,“ ſagte Frederick begeiſtert.„Verzeihen Sie mir, wenn ich zu viel geſagt habe.“ „Sie zu viel?“ ſagte Amanda.„O nein, Mr. Eaſt⸗ wood, ich ſpreche ja immer ganz allein. Aber wenn wir auch nicht lange in der Stadt bleiben, ſo werden Sie uns doch bald in Sterborne beſuchen, nicht wahr? Papa hat Sie ſo in's Herz geſchloſſen. Seit er von Paris ge⸗ kommen iſt, ſpricht er von Niemand als von Ihnen. Was haben Sie nur gethan, daß er Sie ſo lieb hat? Die andern Eaſtwoods haben ſich, unter uns geſagt, nie ſehr liebenswürdig gegen uns betragen, deſto mehr rühmt Papa Ihre guten Eigenſchaften. Sie müſſen ihn be⸗ zaubert haben, vermuthe ich.“ „Er iſt ſehr gütig,“ ſagte Frederick, faſt ohne es zu wollen, mit einer gewiſſen Kühle. 90 „O ich weiß wohl,“ ſagte Amanda, ihr hübſches Köpfchen ſchüttelnd,„wir ſind allerdings keine ſo vor⸗ nehmen Leute wie die Ihrigen, aber wir haben eine ganze Menge Bekannte, die weit reicher ſind als Ihre adlichen Verwandten in Sterborne und auch von höhe⸗ rem Range, deshalb brauchen Sie ſich gar nicht zu geniren, uns zu beſuchen. Papa geht mit guten Leuten um. Und über die Achſel laſſen wir uns nicht anſehen,“ fuhr das ſchöne Mädchen fort, und das rothe Licht in den dunklen Augen wurde warnend ſichtbar,„und wenn die Menſchen ſo hochnaſig ſind wie Ihr Herr Couſin, das empört den Papa. Aber Sie müſſen uns beſuchen, Mr. Eaſtwood, denn Sie hat der Papa lieb gewonnen.“ „Ich habe erſt einen längeren Urlaub gehabt und bezweifle, daß ich ſobald wieder einen bekommen kann,“ erwiederte Frederick, der wohl fühlte, daß er die Ein⸗ ladung von Batty in jedem Falle ablehnen müſſe, wenn auch die verführeriſchen Lippen der Sirene ſie verlockend genug erſcheinen ließen. „Wie abſcheulich muß das ſein, wenn man nicht ſein eigner Herr iſt und erſt um Erlaubniß fragen muß, ob man„ausgehen“ darf oder nicht, grade wie ein Be⸗ dienter!“ rief Amanda mit lautem Lachen. Dieſe Rede und das Gelächter ernüchterten den jungen Mann ſo 91 vollſtändig, daß er ſich hinter die Vorhänge zurückzog und ſich mit allem Stolze der Eaſtwoods bewaffnete. „Ja wohl iſt's eine klägliche Stellung,“ ſagte er ärgerlich lachend,„aber ich kann mich damit tröſten, daß ſehr Viele mein Loos theilen. Indeſſen ich fürchte, daß ich Sie jetzt verlaſſen muß. Die Vorſtellung iſt endlos und etwas langweilig.“ „Nun das muß ich geſtehen,“ rief Miß Batty,„Sie ſind ein offenherziger Mann, Mr. Frederick. Sie ſagen einer Dame ins Geſicht, daß es„langweilig“ iſt, während ſie ſich alle Mühe giebt, Sie zu unterhalten?“ „Verzeihung, ich ſprach von der Vorſtellung.“ „Ach, was liegt mir daran!“ ſagte Amanda mit einem glänzenden Lächeln.„Mir gefällt ſchon der Lich⸗ terglanz, die Muſik, die vielen Menſchen und der Ge⸗ danke, in der großen Welt zu ſein. Aber Sie werden mich doch nicht jetzt verlaſſen— wo der Papa ſchläft und ich Niemand habe, mit dem ich plaudern kann?“ „Ich habe allerdings verſprochen, in den Klub zu kommen—“ „Nun, wenn Sie durchaus fortwollen, Mr. Eaſt⸗ wood——“ Und damit wandte ſich die Schöne ſchmol⸗ lend ab, zuckte mit den ſchönen Schultern und warf das reizende Köpfchen zurück. Frederick war theils aus Ver⸗ druß über die perſönliche Beleidigung, die er vorhin aus ihren Worten herausgehört zu haben glaubte, theils in einer Regung von Vorſicht aufgeſtanden, um ſich der gefährlichen Nähe zu entziehen. Aber als er das ab⸗ gewendete Geſicht und die offenbare Verſtimmung des ſchönen Mädchens ſah, da mangelte ihm der Muth zum Fortgehen. Batty ſchnarchte indeſſen gemüthlich in ſeiner Logenecke und kümmerte ſich um Nichts, was um ihn vorging. Unentſchloſſen ſtand Frederick noch eine Weile da. Sollte er bleiben oder fliehen? Dies reizende Ge⸗ ſchöpf, das ſchönſte Weib der Welt, ſollte er allein der Langenweile überantworten, den Platz neben ihr aufgeben, um welchen ihn Hunderte beneidet haben würden? Was ſollte es ihm denn ſchaden, wenn er blieb? Es war doch gar zu ſchön, ein oder zwei Stunden in den Feſ⸗ ſeln einer ſolchen Zauberin zu ſchmachten. Mag dar⸗ aus werden was da will— ich bleibe. So entſchied er. Während er noch zögerte, wendete Amanda ihr Köpfchen um und frug mit einem ſchelmiſchen Blick: „Wie, Sie ſind noch hier?“ Dem jungen Mann war zu Muth, als ſollte er ihr zu Füßen ſinken. „Muß ich denn gehen? Bin ich denn gänzlich unwürdig geworden, dies Glück länger genießen zu dürfen?“ rief er, indem er ſeinen Platz hinter ihr mit einem demüthig bittenden Blicke wieder einnahm. Miß 93 Batty hatte ſeine Entfernung durchaus nicht gewünſcht und geſtand dies auch ganz offen ein. „Ich würde dann ganz allein Papa's Schnarchen anzuhören haben, was ich zu Hauſe auch thun kann,“ ſagte ſie.„Ich habe immer gern Jemand bei mir, mit dem ich ſchwatzen kann. Ich glaube indeſſen, daß ich nicht lange allein bleiben würde, denn da unten ſitzt Lord Hunterſton und giebt ſich alle Mühe, meine Augen zu erhaſchen. Nein, ich will ihn nicht ſehen. So lange als Sie hier bleiben, ſoll er nicht kommen.“ „Dann bleibe ich für immer,“ ſagte Frederick, durch Eiferſucht geſtächelt. Lord Hunterſton fand aber dennoch ſeinen Weg zur Loge, ob mit oder ohne Er⸗ laubniß der ſchönen Amanda, weiß ich nicht, und Fre⸗ derick wurde nun ſehr ſteif und zurückhaltend, während der andere thörichte Jüngling ihr ſeine Huldigungen darbrachte. Die Furcht vor einem Rivalen zerſtörte alle ſeine guten Vorſätze und nahm ihm alle Klarheit. Und Amanda verſtand es trefflich, ihre beiden Verehrer zu behandeln. Obgleich ſie Frederick mit einer gewiſſen In⸗ ſolenz an den verweigerten Urlaub zu erinnern wagte, ſo wurde doch dieſer diesmal nicht böſe, ſondern em⸗ pfand es nur ſchmerzlich, daß ſie ſich aus ſeiner Anbe⸗ tung gar nichts mache, und er begriff, daß er ſich mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Kräften des Geiſtes und 94 Herzens bemühen müſſe, ihre Gunſt zu erringen, nach der nicht allein Lord Hunterſton, ſondern die ganze Welt zu trachten ſchien. Wie wäre es denn auch möglich, daß dieſe Sirene, die ihn mit dem erſten Blick in Banden geſchlagen, nicht Andere ebenſo feſſeln ſollte? Angſt, Eiferſucht und Stolz ſchürten das Feuer der Leidenſchaft, die ſich ſeiner vollſtändig bemächtigt hatte: die Angſt, ſie zu verlieren, die Eiferſucht auf Jeden, der ſie nur an⸗ blickte, und der Stolz, als alleiniger Beſitzer dieſer ſel⸗ tenen Schönheit ſiegreich aus dem Kampfe hervorzugehen. Frederick war auf das Heftigſte erregt. Als das Stück beendet war, verſicherte er ſich eilig ihres Armes, ehe noch ſein junger glühender Rival es gewagt hatte, und geleitete ſie die Treppe hinunter bis zum Wagen. Hier wurde er entlaſſen, und mit klopfendem Herzen und hef⸗ tig wallendem Blute ging er den weiten Weg nach Hauſe. Erſt aber folgte er der Droſchke nach und blieb noch eine Zeitlang unter den Fenſtern des Hotels ſtehen, wo ſie wohnte; kurz er that Alles, was ein verliebter, junger Mann nur thun kann. Sein Kopf brannte, und kein anderer Gedanke erfüllte ihn, als die Sehnſucht nach dem nächſten Morgen, wo er ſie wiederſehen konnte. Siebentes Kapitel. Was iſt Liebe? Eine ſo raſch entflammte Leidenſchaft, wie ſie bei Frederick Eaſtwood auftrat, iſt durchaus keine ſeltene und ungewöhnliche Erſcheinung. Die Liebe iſt und bleibt für alle Welt der intereſſanteſte Gegenſtand, und wenn auch nichts Neues mehr darüber geſagt werden kann, ſo wird doch der Leſer nie müde, die alte, alte Geſchichte immer wieder von Neuem zu leſen. Bisweilen wird die Liebe zum Wendepunkte unſeres ganzen Lebens, häu⸗ fig aber bildet ſie nur ein ſo flüchtiges Moment in dem Daſein eines Menſchen, daß wir uns verſucht fühlen, über die Dichter zu ſpötteln, die ſie zum Mittelpunkte aller ihrer Schöpfungen machen. Der Anblick einer reinen, echten Liebe jedoch übt ſeine Anziehungskraft in gewiſſer Weiſe auf Jeden aus. Er ruft uns die ent⸗ zückendſten Augenblicke des Lebens in das Gedächtniß 96 zurück, jene leuchtenden Jugendträume, wo Himmel und Erde voll ſind von Hoffnung und Glück, oder zau⸗ bert uns, noch ſüßer und traumhafter, Viſionen vor von künftiger eigener Seligkeit. Aber ebenſo weckt gewiß auch jene rein ſinnliche Liebe, deren berauſchenden Ein⸗ fluß ich eben jetzt leider zu ſchildern verſuchen muß, in gleichgeſtimmten Naturen aufregende Erinnerungen an Scenen betäubender Leidenſchaft. Frederick Caſtwood ſchloß die ganze Nacht faſt kein Auge, und als er end⸗ lich in einen fieberiſchen Halbſchlummer verſank, da war es das Bild der verführeriſchen Amanda, welches ſich in alle ſeine Träume miſchte. Das goldene Haar wogte auf den üppigen blendend weißen Schultern, die roſige Hand ſtützte die roſige Wange. Jener Glanz und jene Glut der Schönheit, die von ihr, wie man ſagen kann, förmlich ausſtrahlte, hatten ſeine Augen vollſtändig ge⸗ blendet, er ſah nur ſie. Edlere Naturen umgaukeln dann wol liebliche Träume von ſtiller Glückſeligkeit, Frederick aber, in ſeiner wild erwachten Leidenſchaft für Batty's Toch⸗ ter, für dieſelbe, die er noch den Tag vorher als tief unter ſich ſtehend betrachtet haben würde, ſah in ihr eben nur das blendend ſchöne Geſchöpf, für deſſen Beſitz er jedes Opfer zu bringen bereit war. So ſpottet die Liebe aller Vorurtheile und aller Standesunterſchiede. Nicht etwa als ob irgend eine großmüthige Regung 97 Frederick Eaſtwood veranlaßt hätte, ſeine eigene Stellung und ſeine Bildung ihr gegenüber zu vergeſſen, nein, die Alles beſiegende Leidenſchaft der Liebe hatte auch hier wieder ihren allmächtigen Einfluß ausgeübt. Sein erſter Gedanke am nächen Morgen war— Amanda. Er ſtand früher als gewöhnlich auf, obgleich er geſtern erſt ſo ſpät zu Bett gegangen war. Er konnte nicht mehr ſchla⸗ fen, es gefiel ihm beſſer, träumeriſch im Garten auf und abzuwandeln und an ſie zu denken. Staunend ſahen die Seinen dem Spaziergänger aus dem Fenſter zu, und als er ſich nachher bei dem Frühſtück liebenswürdig und heiter zeigte, konnten Relly und Dick ihre Verwunderung kaum länger verbergen. Nur Mrs. Eaſtwood erſchien die Veränderung nicht ſo auffallend, da ſie ihres Sohnes Art und Weiſe ja ſtets liebenswürdig fand, außer wenn er gereizt worden war. Dieſen Morgen nun war er offenbar nicht gereizt worden und ſo konnte er ſich in ſeiner urſprünglichen Liebenswürdigkeit zeigen. Er war ſehr geſprächig und mittheilſam und erzählte, daß er mit einigen Bekannten in das Theater gegangen, daß aber das Stück ſehr dumm ſei, wie viele derartige Sen⸗ ſationsſtücke. „Ja, das kannſt Du wohl ſagen,“ rief Dick,„aber ich möchte doch lieber einmal ſelbſt urtheilen. Am Ende Hliphant, Innocenzia. I. 7 98 erſcheinen einem alle Stück albern, wenn man ſie ſo oft ſehen kann wie Du. Ich bin leider nicht ſo glücklich.“ „Du hätteſt ſehr gern von mir ein Billet bekommen können, alter Junge,“ entgegnete der Bruder mit ſtau⸗ nenswerther Liebenswürdigkeit.„Um die Wahrheit zu geſtehen, ich habe ſehr wenig auf das Stück Acht ge⸗ geben. Es war ein ſo reizendes Mädchen in der Loge, eine Miß Batty. Ihr Vater iſt, glaube ich, Arzt,— Arzt auf dem Lande. Aber ſie iſt wahrlich ein ſchönes Geſchöpf!“ Was ihn zu dieſer Vertrauensſeligkeit trieb, weiß ich nicht, wahrſcheinlich war es nur das Verlangen, von ihr ſprechen zu können. Und nun beſchrieb er ihre Schön⸗ heit, fand jedoch bei ſeinen Zuhörern ſehr getheilte An⸗ ſchauungen. „Mir ſind„goldene Haare“ gradezu unausſtehlich,“ ſagte Dick, den ein Widerſpruchsgeiſt erfaßt zu haben ſchien.„Man findet ſie in allen Novellen bei großen, faulen, katzenartigen Geſchöpfen—“ „Oft ſogar höchſt unmoraliſchen,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood, nur um an der lebhaften Unterhaltung theil zu nehmen.„In meiner Jugend nannte man dieſe„gol⸗ denen“ Haare bei ihrem rechten Namen„roth“. Damals 99 hatten alle Romanheldinnen rabenſchwarzes Gelock, wie Ebenholz ſo glänzend——“ „Von Pomade duftend und ſo ſteif, daß man ſie nicht anrühren durfte, nicht wahr, Mama?“ lachte Nelly, ihre braunen Locken ſchüttelnd.„Ich theile Deinen Ge⸗ ſchmack, Frederick, ich finde nun einmal blondes Haar ganz reizend. Bleibt denn Deine Schönheit noch län⸗ gere Zeit hier? Kennt ſie Jemand von unſern Be⸗ kannten?“ „Sie ſind in einem Hotel abgeſtiegen,“ erwiederte Frederick,„und bleiben wohl nicht lange. Ich traf mit dem Vater ganz zufällig in Paris zuſammen, als ich wieder aufſtehen durfte. So lernten wir uns kennen. Sie ſind freilich nicht ganz nach Eurem Geſchmack, wie ich vermuthe, aber die Tochter iſt unſtreitig das ſchönſte, blendendſte Geſchöpf——“ „Ganz roth und weiß und grün und blau,“ rief der unempfängliche Dick,„und die Haare hängen ihr bis tief in die Augen,— ach ich weiß ſchon, wie ſie aus⸗ ſieht! Und dazu ſieben Fuß lang und zwölf Centner ſchwer!“ „Auch das iſt ein ſeltſamer Geſchmack unſerer Zeit,“ ſagte die Mutter,„daß man ſolche koloſſale Geſtalten ſchön findet. Zu meiner Zeit bewunderte man eine leichte, elaſtiſche Figur——“ 7* 100 „Die ſtarben aber alle an der Schwindſucht,“ ver⸗ ſicherte Nelly. Eigentlich war ſie ganz derſelben Mei⸗ nung wie ihre Mama, aber aus Laune nahm ſie dies⸗ mal die andere Partei. Daher dämmerte in Frederick's Seele ſogar ſchon die Ahnung auf, als könnte er Nelly's Beiſtand einmal brauchen, aber er verſcheuchte den Ge⸗ danken ſchnell, den er mit all ſeinen vielen wichtigen Folgen noch nicht auszudenken wagte. Ehe er aber in das Geſchäft ging, ſchnitt er ſich in dem Gewächshauſe eine reizende weiße Camelie ab, die freilich von Nelly für ein ganz anderes Knopfloch beſtimmt worden war. Aber vielleicht trug grade die ganze Atmoſphäre des Hauſes,— denn es war eben erſt Nelly's Verlobung bekannt geworden— dazu bei, Frederick noch liebe⸗ durſtiger zu machen, wenn auch ſeine raſch erglühte Lei⸗ denſchaft in gar keinem Vergleiche zu den Empfindungen des anderen Paares ſtand. Er ging nun zuerſt nach dem Comptoir, ehe er ſich in Amanda's holde Nähe wagte. Zum Glück gab es nicht ſo viel zu thun, ſo daß er ſich nach ein paar Stunden zerſtreuten, fieberi⸗ ſchen Brütens an ſeinem Schreibtiſch ohne großes Auf⸗ ſehen wieder entfernen konnte. Im Hotel angekom⸗ men, fand er wohl Batty, aber nicht ſeine Tochter. Auf ſein ängſtliches Befragen erwiederte der treffliche Vater: 101 „Manda? O die iſt ganz wohl, aber das faulſte Mädchen in der Chriſtenheit. Hübſche Frauenzimmer ſind immer träge. Ich habe ſie heute noch gar nicht zu Geſichte bekommen und erwarte ſie auch kaum vor einer Stunde. Nehmen Sie ein Glas Wein, Eaſtwood, um die Zeit zu vertreiben?“ Frederick war im Stillen empört über die Art des. Empfangs und beeilte ſich, eine Verabredung vorzu⸗ ſchützen. Er verſprach, um drei Uhr Nachmittag ſeinen Beſuch zu wiederholen. Da fand er ſie denn auch zu Hauſe, aber in lebhafter Unterhaltung mit Lord Hun⸗ terſton und einem anderen Herrn. Auch Batty ſchien ſehr angeregt und ſprach von Pferden und Jagdaben⸗ teuern, was ſein Lieblingsthema war. Frederick ſah ſich zu ſeinem unausſprechlichen Verdruß ganz in den Hin⸗ tergrund gedrängt. Er mußte ſogar hören, wie der eine der Beſucher leichthin für denſelben Abend zum Eſſen eingeladen wurde mit der entzückenden Ausſicht auf das Theater nachher. So ſchien es denn, als wäre der Glücks⸗ ſtern von dem unglücklichen Frederick gewichen. Sie be⸗ kümmerte ſich gar nicht um ihn. Das einzige Broſäm⸗ lein von Troſt war ihm der Name des Theaters, wo er ſie zu finden hoffen durfte. Er ſtürzte eilig nach dem Blumenmarkt, kaufte das koſtbarſte Bouquet, welches er finden konnte, der arme Menſch, und ſchickte es ihr zu. 102 Dann aß er einſam und mißvergnügt im Klub, ſprach mit keiner Seele und verfügte ſich endlich nach jenem Schauſpielhauſe, wo ſie ihre Schönheit der Welt zu zeigen beabſichtigte. Er ſah ſie auch, ſobald ſie herein⸗ trat, und bemerkte wol, wie bequem es ſich der junge Lord in dem Eckchen hinter der Schönen machte, jener beneideten Ecke, die er geſtern ſelbſt eingenommen hatte. Batty ſchlief bald wieder ſanft auf ſeinem Stuhle ein. Mit dem qualvollen Gefühl der brennendſten Eiferſucht beobachtete der junge Mann das Paar und dachte dar⸗ über nach, ob ſie auch den jungen Lord wohl darnach fragen würde, ob er ſich erſt„Urlaub“ erbitten müſſe, denn auch dieſer Vielbeneidete bedurfte eines ſolchen in ſeiner Stellung als Offizier. Hatte ſie ihn ebenfalls nach Sterborne eingeladen? Sobald als möglich begab er ſich in die Loge, um ſie zu begrüßen, aber er gewann nicht viel dadurch, denn unglücklicherweiſe war Batty aufgewacht und unterhielt ihn nun mit luſtigen Anſpie⸗ lungen auf ihr Pariſer“ Leben und mit Andeutungen eines Geheimniſſes zwiſchen ihnen, daß Frederick vor Scham und Wuth vergehen zu müſſen glaubte. Nächt⸗ licher Weile kehrte er in das friedlich ſchlummernde Haus der Seinen zurück. Alles ſchlief, nur die arme kleine Innocenzia hörte ſeine Schritte und wäre nur gar zu gern aufgeſtanden, um ihm Gute Nacht zu ſagen, ſo 103 ſehr er ſie auch ausgezankt hatte. Jetzt duldete Fre⸗ derick weit größere Qualen als ſie. Amanda Batty hatte ihren ſchnell entflammten Verehrer durchaus nicht geſchont, ihn zuerſt geringſchätzig behandelt, dann geneckt und mit ſeinem„ernſten Geſichte“, mit ſeiner„Theater⸗ paſſion“ und der großen„Güte“, ſie in der Loge auf⸗ zuſuchen, wahrhaft grauſam aufgezogen, was ihm um ſo entſetzlicher geweſen war, als es in Gegenwart des begünſtigten Rivalen geſchah. Hätte irgend Jemand aus ſeinen Bekanntenkreiſen nur eine ähnliche Aeußerung ge⸗ wagt, wie empört würde Frederick geweſen ſein! Aber wenn ein Mann verliebt iſt, ſo trägt und erträgt er Alles.„Laſſen Sie's nur gut ſein,“ hatte Batty lachend zu ihm geſagt, als er die düſtere Stirn des jungen Mannes bemerkte und über den Grund ganz im Klaren war,„das iſt nun einmal ſo Manda's Art. Je ab⸗ ſcheulicher ſie Sie heute Abend behandelt, deſto liebens⸗ würdiger iſt ſie morgen. Machen Sie ſich nur gar nichts daraus. Heute der, morgen Sie. Nur nicht ſo ängſtlich, Eaſtwood, hören Sie auf mich.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Mr. Batty,“ hatte der arme Frederick geantwortet, während ſein Stolz ſich vergebens aufbäumte. Der Alte lachte laut auſ und fügte mit noch unverſchämterer Vertraulichkeit hinzu:„Wie Sie 104 wollen, lieber Eaſtwood, Sie ſehen mir grade danach aus, als ob Sie mich mehr brauchten als ich Sie.“ Frederick hatte darauf keine Erwiederung gehabt, ſein ganzes Innere war wie zerriſſen. Hätte er ſich nur loszureißen vermocht aus dieſen Ketten, in welche ihn ein einziger Tag geſchmiedet hatte! Aber vergebens. Der ſtolze, eigenwillige Mann beugte ſich in den Staub vor einer blonden Schönheit, die ihm ſeine Beſinnung ge⸗ raubt hatte, und duldete um ihretwillen die ihm verhaßte Zutraulichkeit eines rohen Menſchen. So hatte er ſich denn immer wieder von Neuem vom Vater weg der Tochter zugewendet, und da die ſchöne Amanda eine voll⸗ endete Coquette war, und vielleicht auch der Ausdruck des Kummers in dem Geſichte ihres Verehrers ihr wirk⸗ lich leid that, ſo wurde ſie endlich wieder freundlich und redſelig gegen ihn, und ſeine thörichte Seele ſchwamm in neuer Seligkeit. Che ſie diesmal von einander ſchie⸗ den, hatte er eine zweite Einladung zum Eſſen erhalten und war ganz glalich. Batty wollte überhaupt nur noch zwei Tage in London bleiben.„Alſo ich verlaſſe mich darauf, daß Sie das hübſcheſte Stück in London ausfindig machen, das wollen wir dann ſehen,“ ſagte ſie, ſich zu ihm wendend, obſchon der junge Lord ſie führte. Der Reiz, der in dieſer Bewegung lag, der leuch⸗ tende Blick, der ihre Worte begleitete, der Wink mit der 105 roſigen Hand vom Wagen aus beruhigte und entſchä⸗ digte ihn für alle ſeine Leiden. In dieſer glücklichen Stimmung kam er nach Hauſe, und ſie allein ermög⸗ lichte es ihm, die Zwiſchenzeit bis zu dem beſtimmten Abend geduldig zu verbringen. Aber gleich am nächſten Tage machte er ihr wieder einen Beſuch und erhaſchte zwar einige ſüße, aber auch eine Menge bitterer Worte von der Tochter und unfeine Späße von dem Vater dazu. Wie weit war es ſchon mit Frederick gekommen, daß er ſeinen Stolz ſo gänzlich vergeſſen konnte! Amanda ver⸗ ſtand es meiſterhaft, den jungen Mann zu quälenz er litt in dieſen Tagen mehr Liebespein als andere in Jahren. Das hellſte Entzücken wechſelte mit tiefſter Ver⸗ zweiflung. Bald ſchmeichelte ſie ihm, bald ſpottete ſie ſeiner, um ihn dann wieder durch einen Blick zu tröſten und auf's Neue zu guälen. Es iſt erſtaunlich, was ſich Männer gefallen laſſen, wenn die Leidenſchaft der Liebe von ihnen ſo völlig Beſitz genommen hat wie bei Fre⸗ derick. Der junge Mann entſchuldigte ſogar ihre Grau⸗ ſamkeiten, ihre Launen mit ihrer wunderbaren Schön⸗ heit. Alle ſchönen Frauen ſind launiſch und unberechen⸗ bar, ſagte er, man muß ſie blind vergöttern und nicht Vernunft von ihnen erwarten. Vernunft, was hat die zu thun bei ſolchen Schultern, ſolchen Wangen, ſolchen Angen? Der heißerſehnte Abend kam endlich heran, der X „„. 4 4 3 106 letzte Abend voll Wonne und Elend, den er an ihrer Seite zubringen ſollte, zugleich der letzte Abend ihrer Anweſenheit in London. Er berechnete, wie viele Stun⸗ den er wohl da bleiben dürfe, um möglichſt viel von der himmliſchen Gegenwart Amanda's zu genießen, und gab ſich ganz der Freude der Erwartung hin. Mit einer Sorgfalt, welche ſeine Mutter überraſchte, die jene lebendige Schilderung der fremden Schönheit nicht ohne Beſorgniß im Gedächtniß bewahrt hatte, vollendete er ſeine Toilette. Diesmal genügte ihm keine Blume aus dem Gewächshauſe der Mutter. Die theuerſte Roſen⸗ knoſpe, zart in Watte verpackt, hatte er von dem Co⸗ ventgartenmarkt mitgebracht, um ſie in ſein Knopfloch zu ſtecken. Mrs. Eaſtwood ſah ihm nach, als er in den Wagen ſtieg. Sie ſeufzte, die gute Seele, denn ihr Sohn hatte ihr nicht geſagt, für wen er dieſe ausgeſuchte Toi⸗ lette gemacht habe.„Natürlich, hätte ich ihn darum be⸗ fragt, ſo würde er es mir geſagt haben,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Aber in Wahrheit hütete ſie ſich wohl, ihn über irgend etwas zu fragen, da er ihr nur zu oft un⸗ freundliche Antworten gegeben hatte. Er war der Ein⸗ zige im Hauſe, deſſen Thun und Laſſen, Kommen und Gehen nicht klar von Allen geſehen und beurtheilt wer⸗ den konnte. Frederick's Herz ſchlug lauter und heftiger, je näher 107 er dem Hotel kam, wo ſeines Lebens Sonne leuchtete. Aber als man ihn in das Zimmer führte, wo der ge⸗ deckte Tiſch ſtand, zeigte ſich ihm ein Bild, auf welches er nicht vorbereitet war. Dicht am Feuer ſaß Amanda, in einen großen Shawl gehüllt. Ihre glänzende Abend⸗ toilette hatte ſie gegen ein weißes Morgenkleid ver⸗ tauſcht, das reich mit Falbeln und Bandſchleifen beſetzt war. Unter ihren großen braunen Augen glänzten ein paar brennend rothe Flecken auf den Wangen, die übri⸗ gens bleich waren, wie auch das ganze Geſicht etwas krankhaft Verzogenes hatte. Das erſte, was Frederick hörte, war ihre Stimme, die eigenſinnig und ungeduldig klang. Neben ihr ſaß eine ältliche Frau mit einer hohen Bänderhaube. Auf dem Kaminſims ſtand eine Medizin⸗ flaſche. Frederick ſtürzte auf Miß Amanda zu und rief voll Trauer und Beſtürzung:„Miß Batty— großer Gott, Sie ſind krank——!“ „Das ſehen Sie doch wohl, ohne erſt lange fragen zu müſſen,“ ſagte Amanda;z„wenn man geſund iſt, zeigt man ſich doch hoffentlich nicht ſo. Und noch dazu der letzte Abend. Wie lange werde ich nun wieder warten müſſen, ehe ich mich einmal amüſiren kann! Ach, es iſt zu ſchauderhaft! Wenn mir das zu Hauſe paſſirt wäre, wo man nichts zu verſäumen hat, da wäre es mir gleich; da unterhält es mich ſogar, krank zu ſein. Ach bitte, 108 gehen Sie wieder fort. Eſſen Sie irgendwo anders mit Papa; er wartet draußen auf Sie. Kümmern Sie ſich nicht um mich. Aber Tantchen, kannſt Du nur gar nicht ſtill ſitzen? Immer raſchelſt Du und kniſterſt, das macht mich ganz nervös.“— Eine dunkle Wolke ſchien ſich auf Frederick's Seele zu lagern. Mit dem fatalen Manne allein eſſen? Guter Gott, ſollte das das Ende ſeiner frohen Hoffnungen ſein? Er blieb unbeweglich vor ihr ſtehen in ſeiner entſetzlichen Beſtürzung und dem Ge⸗ fühle bittrer Täuſchung. Die Hitze im Zimmer und dieſer plötzliche Wechſel von Freud zu Leid wirkten wie ein Krankheitsanfall auf ihn. Amanda, die ſeinen tadel⸗ loſen Anzug und die köſtliche Roſenknoſpe im Knopf⸗ loch heimlich betrachtet hatte, entdeckte jetzt auch die Bläſſe ſeines Geſichtes, und das riß ſie etwas aus ihren ſelbſtſüchtigen Betrachtungen heraus. Er ſah doch ſo vornehm aus. Sie wurde weich, als ſie wieder nach ihm hinſah, und er noch immer wie vom Donner ge⸗ rührt vor ihr ſtand. „Man hat hier gedeckt,“ ſagte ſie,„wie Sie ſehen — aber ich fürchte, ich kann es nicht aushalten,— und dann, wenn man nicht ordentlich angezogen iſt, das würde ſich Ihnen gegenüber nicht ſchicken——“ „Für mich ſind Sie immer reizend,“ rief Frederick, wie zum Leben erwacht,—„reizender als irgend etwas 2 — 109 in der Welt. Sie kleiden ſich ſtets geſchmackvoll. O laſſen Sie mich hier bleiben! Was liegt mir am Eſſen oder an irgend etwas Anderem? Laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben! Darf ich Ihnen nicht vor⸗ leſen? Schicken Sie mich nicht in die Dunkelheit hin⸗ aus—“ „O, Mr. Eaſtwood, wie können Sie ſo ſprechen!“ ſagte Amanda lächelnd.„Nein, eſſen müſſen Sie. Wir müſſen alle eſſen. Nein, gehen Sie lieber fort, ich darf das nicht dulden. Papa ſoll geholt werden, und Sie gehen dann mit ihm aus——“ ſie hielt inne, wie um ſich an dem Ausdrucke der bitterſten Verzweiflung in Frederick's Geſichte zu weiden, dann fügte ſie ſchnell hinzu:„Doch bei näherer Ueberlegung glaube ich, es wird mir gut thun, wenn ich mich unterhalte. Tantchen, klingle mal. Wenn Sie ſich wirklich nichts daraus machen, daß ich im Morgenkleide bin, daß das Zim⸗ mer ſo warm und Tantchen, die Medizinflaſche und das große Feuer da iſt,“ ſagte ſie mit einem kurzen Lachen, als würde ihr das Athmen ſchwer,„dann vielleicht— laſſe ich Sie hierbleiben.“ Wenn die Königin ihn zum Grafen Eaſtwood er⸗ nannt hätte, mit einer reichen Jahresrente dazu, Fre⸗ derick hätte keine ſolche Wonne empfunden, wie eben jetzt. Er zog eine Fußbank dicht vor ſie hin, ſetzte ſich 110 oder kniete mehr darauf nieder und erkundigte ſich nun nach Allem. Was fehlte ihr? Welcher Art waren ihre Leiden? War ein Arzt gerufen worden? Sonſt wollte er gleich fortlaufen, um den beſten in ganz London zu holen. Amanda theilte ihm mit einer ge⸗ wiſſen Wichtigkeit mit, daß ſie an einem Herzfehler leide. Darüber erſchrack der junge Mann natürlich furchtbar und konnte einen Ausruf der Angſt nicht zu⸗ rückhalten. Sie aber fuhr fort, ihm zu erzählen, wie bei ſolchen Anfällen Tantchen(hier ſtellte ſie ihm die ältliche Dame mit einer nachläſſigen Handbewegung vor) immer wüßte, was zu thun ſei. So würde es auch diesmal ſchnell vorübergehen.„Aber iſt's nicht fürchterlich zu wiſſen, daß man jeden Augenblick ſterben kann?“ ſagte ſie mit einem reizenden Lächeln. „Guter Gott,“ ſagte Frederick mit ungeheucheltem Entſetzen,„das iſt nicht möglich, das kann nicht wahr ſein!“ und dann blieb er ſtumm vor ihr ſitzen und blickte ſie mit thränenvollen Augen an. In dem Au⸗ genblicke trat Mr. Batty herein, und ſelbſt dieſer rohe Menſch wurde gerührt, als er die tiefe Bewegung des jungen Mannes ſah. Sein Vatergefühl war ja auch die weichſte Stelle in ſeinem ganzen Weſen. Er drückte Frederick warm die Hand und flüſterte ihm zu: „So ſchlimm iſt's nicht, wie es ausſieht. Wir 111 dürfen ſie nur nicht ärgern. Wenn ſie den Mond ver⸗ langte, ſo müßte ich ſagen, ich würde ihn ihr zu ver⸗ ſchaffen ſuchen. Seit Jahren ſchon hat ſie dieſe Anfälle und ſie darf niemals heftig werden, ſonſt wird es ge⸗ fährlich. Sie hat leider ein lebhaftes Temperament, das iſt ſchlimm, aber lebensgefährlich ſind die Anfälle nicht.“ Dieſen Abend verlebte Frederick in einer ſtillen Glückſeligkeit, wie er ſie bis jetzt noch nie kennen ge⸗ lernt hatte. Er ſaß zu Amanda's Füßen, las ihr vor, ſprach mit ihr und hörte auf ihr Geplauder, welches heute lieblich und gedämpft klang, denn ſie war matt nach ihrem Krampfanfall. Mr. Batty und das ſoge⸗ nannte„Tantchen“ ſaßen in beſtändiger Bewunderung da und lauſchten auf jeden Wunſch der Patientin. Lei⸗ der blieb deshalb dem jungen Manne keine einzige Minute, in welcher er ihr ſeine heiße Liebe hätte geſtehen und ſie anflehen können, die Seine zu wer⸗ den. Das Herz zerſprang ihm faſt vor Sehnſucht, ihr das zu ſagen; doch ſagte ihr jeder Blick von ihm wohl hundertmal an dieſem Abend, was er für ſie fühlte. Und in einem wahren Rauſche von Empfin⸗ dungen, ſeiner ſelbſt nicht mehr klar bewußt, ging der junge Mann endlich nach Hauſe. Er war wahnſin⸗ nig verliebt, aber zugleich hatte die ſtille häusliche 112 Scene dieſes Abends ihm ein Gefühl von wahrem Glücke in der ſtürmiſch bewegten Seele wach gerufen. Sie reiſte ab— das war der einzige Schatten an dem Götterbilde ſeiner Liebe; aber auch das erhöhte nur noch ſeine Leidenſchaft, da es galt, die Blume gleichſam vom Abgrunde der Verzweiflung weg zu pflücken. Achtes Kapitel. Ein Familiendiner. Zu derſelben Zeit, wo in Frederick das wildeſte Liebesfieber tobte, ſpielte ſich auch Nelly's kleine, uns ſchon bekannte Liebesgeſchichte ab. Der geſtrenge Mr. Molyneux hatte ſeine denkwürdige Unterredung mit der Mutter der Braut gehabt, und an Aufregung hatte es auch hier nicht gefehlt. Mrs. Eaſtwood ahnte auch wol, was in ihrem Sohne vorging. Sie wußte zwar nicht, was Frederick ſo ſehr aus ſeiner gewohnten Ruhe gebracht hatte, weshalb er allabendlich ausging und wohin, was ihn eine ganze Woche hindurch den Seinen ſo ganz entfremdet hatte, er hatte auch Miß Batty nie wieder erwähnt, aber ſie combinirte ganz rich⸗ tig, als ſie ſeine täglichen Einladungen, ſein ſpätes Nach⸗ hauſekommen mit dem ſchönen Mädchen in Verbindung brachte. Außer beim Frühſtück hatte die E den Oliphant, Innocenzia. II. 114 Sohn dieſe ganze Zeit hindurch nicht geſehen, und da war ihr ſein zerſtreutes, aufgeregtes Weſen ſehr aufge⸗ fallen. Doch da er ihr kein Vertrauen entgegenbrachte, ſo ſuchte ſie es auch nicht zu erzwingen, und ihrem Rath war er ſchon längſt entwachſen. Dieſe Ungewißheit machte jedoch die gute Frau ſehr unglücklich. Und dazu kam nun die fatale Auseinanderſetzung mit dem Vater von Nelly's Bräutigam und ihre gerechte Befürchtung, zu etwas gezwungen zu werden, wogegen ſich ihr Ge⸗ rechtigkeitsgefühl ſträubte. So hatte ſich denn, wie ſchon geſagt, ein Schatten des Mißbehagens über das alte, ſonſt ſo fröhliche Haus gelagert. Ernſt Molyneux fühlte ſich verſtimmt und Nelly war unglücklich darüber. Das arme liebe Kind hatte bis jetzt noch nie erfahren, was die Launen des Schickſals ſind. Bis dahin war ihr Weg immer glatt und durch Blumen hindurch gegangen. Eine liebe weiche Hand hatte ſie ſorglich geleitet, ein Wille„dem ſie ſich naturgemäß unterordnete, hatte den ihrigen regiert, und allmählich waren Mutter und Tochter ein Herz und eine Seele geworden im Wollen wie im Thun und im Denken. Jetzt ſollte das auf einmal anders werden? Der Verlobte nahm plötzlich alle ſeine Rechte in An⸗ ſpruch und ſtellte ſich ſogar der geliebten Mutter feind⸗ lich entgegen. Dieſer plötzliche Umſchlag machte das 115 Mädchen ganz ſchwindlig; er verwirrte ihre klaren Ge⸗ danken, er untergrub Alles, was ihr bis dahin als un⸗ erſchütterlich gegolten, und gab ihr dafür eine Unſicher⸗ heit im Denken und Handeln, die ihr ſelbſt qual⸗ voll war. „Deine Mutter kann mich nicht leiden,“ ſagte Ernſt eines Tages zu ihr, als Mrs. Eaſtwood, durch eine Botſchaft des alten Molyneur aufgebracht, kühler als gewöhnlich gegen ihn war.„So iſt's aber immer. Sie war ganz freundlich, ſo lange ich nur im Hauſe ab und zu Beſuche machte; aber ſobald wir uns verlobt hatten, Nelly, da war's aus. Es iſt ganz klar, Deine Mutter kann mich nicht leiden—“ „Ernſt, wie kannſt Du ſo etwas ſagen!“ rief Nelly. „Wie wäre das denn möglich—“ „Sehr möglich ſogar,“ ſagte er, den Kopf ſchüttelnd. „Du kennſt die Welt nicht, mein Herzblättchen, und das will ich auch gar nicht; aber wenn Leute ein Opfer bringen ſollen, um das Glück ihrer Kinder begründen zu helfen, da hört die Gemüthlichkeit auf. Niemand bringt gern ein Opfer. Ich dachte freilich, bei Deiner Mutter würde das anders ſein, eben weil ſie Deine Mutter iſt; aber die menſchliche Natur verläugnet ſich auch hier nicht, obgleich Du, Nelly, Gott Lob, die Welt nicht kennſt—“ 8* 116 „Verſtehſt Du etwa die Mama unter der Welt?“ ſagte das Mädchen, indem ſie faſt unwillkürlich ihren Arm aus dem des Bräutigams zog. „Sei nicht böſe, Liebſte. Mütter ſind grade wie andre Leute auch. Wenn unſere Intereſſen mit den ihri⸗ gen in Conflict gerathen—“ „Aber wie wäre das möglich bei Mama und uns?“ ſagte Nelly mit weit geöffneten Augen. „Nun wol, ich meine, unſere Eltern müſſen uns eine jährliche Rente auswerfen. Auf der einen und der andern Seite müſſen ſie ſo und ſo viel herausrücken, und das behagt ihnen nicht. Wenn wir einmal in den Fall kommen, wird's uns auch nicht gefallen. Siehſt Du, ſo gehts aber überall her in der Welt, obgleich Deine guten, unſchuldigen Augen es nicht ſehen; wir bemühen uns, ſo viel als möglich von den Eltern zu bekommen, ſie hingegen ſuchen uns ſo knapp als mög⸗ lich zu halten und, glaub' nur, deshalb ſieht mich Deine Mutter ſo ſehr finſter an.“ „Wir bemühen uns, ſo viel als möglich zu be⸗ kommen, ſie ſuchen uns ſo knapp als möglich zu hal⸗ zen?“ wiederholte das Mädchen, wie im halben Traume. Sie hatte ſich faſt unbewußt noch weiter von ihm entfernt. Er folgte ihr und zog ſie näher an ſich.„Es iſt 117 nun einmal nicht zu ändern,“ ſagte er,„und wenn die Sachen einmal geordnet ſind, dann wird Alles gut wer⸗ den. Du verſtehſt ja nichts von Geſchäftsſachen, und das iſt mir ſogar recht lieb—“ „Ich kenne Mama's Geſchäftsangelegenheiten ganz genau,“ ſagte Nelly, ſich mit einer leiſen Ungeduld ſeiner Umarmung entziehend. Sie fand bald einen Vorwand, um ſich eine Weile entfernen zu können. Dieſe Mit⸗ theilung hatte ſie ſehr erſchreckt. Es lag für ſie etwas Verletzendes in der Art und Weiſe, wie Ernſt gegen ihre Mutter geſprochen hatte. Sie ſagte ſich die Worte noch einmal vor, als ſie in ihrem Stübchen allein ſaß, und ihr Kopf wurde wüſt vom Nachſinnen: der feſte Boden ſchien ihr unter den Füßen weggeriſſen zu werden. Ungefähr um eben dieſe Zeit hatte ſich ein neuer Verwandter der Familie vorgeſtellt, für den die Eaſt⸗ woods nie ein Intereſſe gezeigt, gegen den ſie vielmehr ſtets ein Vorurtheil gehabt hatten. Es war dies ein Mr. John Vane, ein weitläufiger Vetter von Innocen⸗ zia's Vater, der im nördlichen England einen ziemlich großen, aber nicht ſehr reichen Edelſitz beſaß, der nach einem vieljährigen Wanderleben endlich heimgekehrt war und unter ſeinen Bekannten als„excentriſch“ verſchrieen war. Es war ein Mann von drei⸗ oder vierunddreißig Jahren, von dunkler, von Wind und Wetter gebräunter Geſichtsfarbe und mit einem ſchönen goldbraunen Barte, der jedem Fremden wohl zuerſt in die Augen fiel. Sein Haar war an den Schläfen und überhaupt etwas dünn; es ſchien, als ob der Wald am Kinn die Locken herun⸗ ter gezogen hätte. Die Stirn war offen und frei und von auffallender Weiße, in ſtarkem Gegenſatz zu dem übrigen Geſichte. Seine Verwandtſchaft mit Innocenzia war durchaus keine nahe, aber er hatte doch keine Zeit verloren, ſich nach ihr zu erkundigen, als er den Tod ihres Vaters erfahren. Er war gerade an dem Tage in das Eaſtwood'ſche Haus gekommen, als der erſte leiſe Hauch von Unwillen über ihren Verlobten in Nelly's Herz ſich eingeſchlichen hatte, und ſo zeigte ſich dem Frem⸗ den durchaus nicht jene ſonnige Heiterkeit, die ſonſt einem Jeden von der liebenswürdigen Familie entgegen ge⸗ bracht wurde. Seine Abſicht war nur, bei Innocenzia's Tante anzufragen, ob es ihr erwünſcht ſei, wenn er das junge Mädchen zu ſich nähme. Er machte dieſes Aner⸗ bieten mit ſolcher Herzlichkeit und gewinnender Anmuth, daß alle Vorurtheile, die Mrs. Eaſtwood gegen jeden, der den Namen Vane trug, Innocenzia allein ausge⸗ nommen, hegte, ſofort ſchwinden mußte. Sein offnes männliches Geſicht und die freundlichen Augen gewannen ihm das volle Vertrauen der Mutter und Tochter. Ja, ſo angenehm war der Eindruck, daß Mrs. Eaſtwood eee ———————— mmům———— 119 gar nicht zögerte, ihn zu der an demſelben Tage ſtatt⸗ findenden ſolennen Mittagstafel einzuladen, bei welcher die Molyneur zum erſten Male erſcheinen ſollten. Durch Major Railtons Abſage war ohnehin eine Stelle frei geworden.„Mr. Vane iſt ja eine Art Verwandter,“ entſchuldigte ſich Mrs. Eaſtwood gegen ihren Sohn, und Frederick hatte den Kopf viel zu voll von eigenen An⸗ gelegenheiten, um etwas dagegen zu haben. Mr. Vane aber war ebenſo eingenommen von ſeinen neuen Bekann⸗ ten und hatte deshalb die Einladung ſehr gern acceptirt. Dieſes Diner war ein höchſt wichtiges Ereigniß, denn die Hauptgäſte waren Mr. und Mrs. Molyneur nebſt Fräulein Tochter. Obgleich ſie aber gegen die Partie waren, wie wir wiſſen, und gegen alle ihre Bekannten ſich dahin geäußert hatten, daß Mrs. Eaſtwood und Nelly Ernſt„geangelt“ hätten, ſo zeigten ſie ſich doch bei dieſer Gelegenheit ſehr herablaſſend und gütig. Außer ihnen waren nur noch die uns bekannten Freunde und Rathgeber der Familie geladen(denn die Zahl durfte die ſechszehn nicht überſchreiten), darunter auch Sir Alexis Longueville und ſeine Schweſter. Nelly hatte zwar einige Einwendungen dagegen gemacht und ſich auf das frühere Urtheil ihres Verlobten bezogen, dieſer aber hatte ein ſchallendes Gelächter erhoben und erklärt, Longueville ſei der beſte Kerl auf der Welt. Auch die Mätter hatte Nelly's Zweifel verwundert zurückgewieſen und ärgerlich geſagt, daß ſie Sir Alexis nun ſchon ſeit zwanzig Jah⸗ ren kenne und nicht geneigt wäre, alte aufgewärmte Ge⸗ ſchichten auf ihre Freundſchaft einwirken zu laſſen. So kam die arme Relly, die in allen dieſen Dingen ſo un⸗ bekannt und unſchuldig wie ein Kind war, in ganz falſchen Verdacht. Tief erſchüttert und ärgerlich auf Ernſt, der doch allein daran Schuld war, zog ſie ſich zurück, und die eindringliche Mahnung ihres Verlob⸗ ten, doch nicht gar zu ſtreng zu ſein, verwundete ihr Herz. Das Eſſen ging vorüber wie alle dergleichen ſteife Geſchichten. Die Tafel ſtrotzte von Silber, und man ſaß wohl zwei und eine halbe Stunde bei Tiſche, bei den feinſten Speiſen und köſtlichſten Weinen. Mrs. Eaſtwood ſaß oben an. Ihr zur Seite der alte Mr. Molyneux und Sir Alexis. Sie gab ſich alle Mühe gegen den alten Advokaten freundlich zu ſein und den Schein zu erwecken, als ob unter ihnen nur die holdeſte Eintracht, das innigſte Verſtändniß walte. Frederick am andern Ende des Tiſches hatte die Aufgabe, die glän⸗ zende Mrs. Barclay und die würdevolle Mrs. Moly⸗ neur zu unterhalten. Sein Kopf war zwar voll von Amanda Batty, aber ſein hübſches Geſicht und ſein feines Benehmen gewannen ihm doch die gute Meinung 121 der Damen Molyneux. Sie erklärte der Familie, während die Mutter ihnen als lich geſinnte, ränkeſüchtige Frau erſchien. Am behaglich fühlte ſich die arme kleine Nelly, ſteifen, formellen Begrüßung der Eltern ihres V le ten eine ganze Welt von Sorge und Angſt erblickte und . ſtatt Sicherheit zu gewinnen, ſich plötzlich in völlige Un⸗ ſicherheit verſetzt ſah. Bis jetzt war ihr noch kein Zwei⸗ fel gekommen, daß Ernſt Molyneur ſie liebe oder daß ſie ſelbſt nicht vollkommen glücklich ſei. Seitdem ſie im Garten jenen Bund geſchloſſen, war ihr die Erde ſo himm⸗ liſch ſchön erſchienen. Sie hatte ohne Ueberlegung das Herz angenommen und gegen das ihrige eingetauſcht, das ihr ſo warm entgegen gebracht worden war, ohne lange zu fragen, ob Ernſt wohl eine beſſere Partie hätte machen können. Sie war eins von jenen kindlichen Ge⸗ müthern, die da gläubig und vertrauensvoll in die Augen des Geliebten blicken, die jedoch wie eine Blume die Blätter ſinken laſſen, wenn die rauhe Wirklichkeit über die Poeſie ihrer jungen Liebe ſtreift. Sie konnte es . nicht ertragen, daß ſelbſt Ernſt, ihr Ernſt, die Sache jetzt ſo grauſam geſchäftsmäßig behandelte; es war der erſte Reif, der erkältend auf die friſche Blüte ihrer Liebe fiel. Ihr feines Gefühl für das, was recht und art und edel, war im Innerſten verwundet worden. 122 was es eigentlich war, was ihr ſo ſie hatte das ſchöne Vertrauen verloren, erſchien ihr zum erſtenmal nicht mehr ſo verth. So ſah es an dieſem Abend in Nelly's kümmertem Herzen aus. An ihrer einen Seite ſaß Ernſt, an der andern Mr. Vane. Aber Mrs. Everard, die ſehr geſprächig war, hatte den jungen Verlobten faſt ganz in Beſchlag genommen, und wenn Nelly auch ſelbſt nur wenig mit ihrem anderen Nachbar ſprach, ſo that ihr doch ſein freundlich theilnehmendes Weſen gut, während er ſeiner⸗ ſeits wieder großes Wohlgefallen an dem hübſchen, ſanf⸗ ten Mädchen fand. „Miß Eaſtwood,“ ſagte er,„darf ich mir eine Frage erlauben? Ich bin zwar ein Fremder, aber Ihnen ver⸗ wandt. Sie wiſſen, Ihre Frau Mama hat meine An⸗ ſprüche anerkannt. Iſt dieſe feierliche Familienzuſammen⸗ kunft nicht um Ihretwillen veranſtaltet worden? Gilt es nicht Ihr Glück? Habe ich recht gerathen? Und wer⸗ den Sie mir vergeben, wenn ich meine innigen Glück⸗ wünſche denen der übrigen Freunde Ihres Hauſes an⸗ ſchließe?“ Nelly blickte erröthend zu ihm auf. Die Thränen„ waren ihr nahe.„O Mr. Vane, mir iſt es unerträg⸗ lich,“ ſagte ſie. — 8 — 123 „Was? Doch nicht das Glück? Ich könnte eine große Portion davon ertragen, wenn es ſich nur zu mir wenden wollte.“ „Und iſt das noch nie geſchehen?“ frug Nelly, voll Theilnahme in das freundliche Geſicht blickend.„Uebri⸗ gens meinte ich das nicht ſo. Glücklich bin ich bis jetzt immer geweſen, Mr. Vane. Aber die fremden Menſchen und die Steifheit und das viele Reden darüber und die Glückwünſche, ach, Sie können es vielleicht nicht begrei⸗ fen, wie das verletzt, wie das——“ „Den Blütenſtaub abſtreift?“ „So iſt's,“ ſagte Nelly mit einem leiſen Seufzer. Vane, der viel mehr Erfahrung und Menſchenkennt⸗ niß beſaß, als ſie wohl glauben mochte, ſah von Nelly hin nach ihrem Bräutigam und ſchloß ſofort, daß er ihrer durchaus nicht würdig ſei. Unterdeſſen waren die Damen der Familie Molyneux ebenfalls ganz einig in ihrem Ur⸗ theil geworden, daß Nelly durchaus nicht gut genug für Ernſt und daß Frederick wiederum viel zu gut für die ganze übrige Familie ſei. Was für Gründe bei dieſem Urtheil beſtimmend wirkten, weiß ich nicht. Mr. Vane aber erkannte ſofort, daß die jungen Leute nicht zuſam⸗ menpaßten aus dem Tone von Nelly's Stimme und, wie er zu ſich ſagte, aus der Form von Ernſt Moly⸗ neuy's Naſe. ——— 124 „Und iſt es nicht gar zu unbeſcheiden, wenn der verwandte Fremde oder fremde Verwandte ſich erkundigt, ob Alles ſchon abgemacht und der glückliche Tag ſchon beſtimmt iſt?“ „Nichts, gar nichts iſt abgemacht oder beſtimmt,“ erwiederte Nelly hocherröthend; und nach einer Weile wandte ſie ſich mit einer Art von verzweifelter Offen⸗ heit, die er damals nicht recht begriff, zu ihm hin.„Mr. Vane,“ ſagte ſie,„ich möchte Sie gern um etwas be⸗ fragen. Sie ſehen aus, als dürfte man ſich auf Ihr Wort verlaſſen. Glauben Sie wohl, daß unſere nächſten, liebſten Freunde,— mehr als Freunde, ich meine Vater oder Mutter,— daß dieſe in ihren Empfindungen gegen uns ſich ändern können, wenn unſere Intereſſen den ihrigen entgegengeſetzte Wege gehen?“ „Der eigene Vater oder Mutter?“ ſagte Vane, der ſich bemühte in ihren Ideengang einzudringen.„O das geſchieht doch nur in ſehr ſeltenen Fällen, Miß Eaſtwood.“ „Alſo das glauben Sie auch?“ ſagte Nelly erfreut. „Das iſt auch meine Meinung, aber Alle ſagen, ich kennte 6 die Welt nicht. Ich bin ſo froh, daß Sie mit mir über⸗ einſtimmen.“ „Aber warten Sie,“ ſagte Vane,„vielleicht waren wir zu ſchnell. Laſſen Sie uns ein Beiſpiel anführen. 125 König Lear's Töchter ſahen, daß ihre Intereſſen denen des Vaters zuwider liefen, und das brachte eine große Veränderung in ihnen hervor. Ebenſo würde es ſein, wollten wir von unſern nächſten Verwandten mehr ver⸗ langen, als recht und billig wäre, dadurch könnte ſelbſt die Liebe geſchädigt werden. Es hat zwar Fälle gege⸗ ben, wo die größten Opfer gebracht worden ſind, ohne daß es die geringſte Veränderung in den Gefühlen der Liebe und Freundſchaft hervorgebracht hätte, aber ebenſo kenne ich andere, wo bei weit geringfügigeren Anläſſen durch eine ſolche Forderung ſich Freunde auf immer ver⸗ feindeten. Der Unterſchied liegt eben nur in den Ver⸗ hältniſſen.“ Nelly ſah ihn fragend an, ſie war noch nicht ganz befriedigt.„So ſagen Sie mir noch,“ ſagte ſie ganz leiſe, ſo daß er ſich tieſ zu ihr hinunter neigen mußte, „iſt es wohl natürlich, daß wir Kinder danach ſtreben müſſen, ſo viel als möglich von den Eltern zu bekom⸗ men, während ſie ſuchen, uns ſo wenig als möglich zu geben?“ „Wer Ihnen das geſagt hat,“ rief Vane empört, „muß ſehr niedrige Geſinnungen haben, er muß——“ hier hielt er inne, denn ein erſchrockener Blick aus Nelly's Augen warnte ihn noch zu rechter Zeit, ſich nicht weiter darüber auszulaſſen.„Ich meine eben nur,“ fügte er 126 mit gezwungenem Lachen hinzu,„das ſo allerdings die große Welt ſpricht, indeſſen klingt das oft ſchlimmer als es iſt. Es iſt das jene echt engliſche Manier, ſich ſchlech⸗ ter zu zeigen als man iſt. Aber wie ſchulmeiſterlich ſtreng haben Sie mich gemacht, Miß Eaſtwood, und auf welche ernſthaften Wege ſind wir gerathen! Ich fuͤrchte, Sie werden nie mehr neben mir ſitzen wollen.“ „Doch, und zwar von Herzen gern,“ ſagte die auf⸗ richtige Nelly und lächelte ihn an mit ihren ſeelenvollen Augen. Es war ihr, als habe ſie jetzt eine Art von großen Bruder gefunden, einen, der liebevoller als Fre⸗ derick und klüger als Dick, ihr jetzt gerade zum Beiſtand hergeſandt worden ſei. Sie wendete ſich zwar gleich wieder zu Ernſt, um ihm reuevoll ein paar Liebesworte zuzuflüſtern, denn ihr Herz machte ihr Vorwürfe, daß ſie über ihn, wenn auch nur indirekt, geklagt hatte; aber Mr. Vane hegte durchaus keine freundliche Geſinnung gegen Nelly's Verlobten. Er that einen raſchen, hef⸗ tigen Athemzug, der faſt wie ein Seufzer klang, und ſah über Nelly's hübſches Köpfchen hinweg zu Molyneur hin, indem er zwiſchen den Zähnen murmelte:„Ver⸗ wünſchter Kerl!“ Ich habe jedoch in Erfahrung ge⸗ bracht, daß Männer in Ernſt's Lage häufig von an⸗ dern, weniger glücklichen Männern mißliebig angeſehen werden. ——————— ———— 127 Innocenzia ſaß an der andern Seite ihres Ver⸗ wandten. Mrs. Eaſtwood hatte anfangs gezögert, ob ſie das Mädchen überhaupt mit an den Tiſch nehmen ſollte, aber die Ankunft von Mr. Vane entſchied dar⸗ über. Freilich war es für die arme Kleine ein ſehr zweifelhaftes Vergnügen. Sie hatte zwar eine ſehr rei⸗ zende Toilette gemacht, ſie trug ein ſchwarzes Tüllkleid, wie ſie früher nie ein ähnliches beſeſſen, aber ſie fühlte ſich darin fremd und unbehaglich. Nelly hatte ſich auch alle Mühe gegeben, ihr Haar nach Art der jungen Da⸗ men zu ordnen, aber dagegen hatte Mrs. Eaſtwood pro⸗ teſtirt. Innocenzia ſollte ihr lang herunterhängendes Haar behalten, damit Jeder gleich wiſſen ſollte, daß ſie der Schule noch nicht entwachſen ſei. Das arme Kind, das nie in einer Schule geweſen! Auf alle die freund⸗ lichen Fragen ihres neuen Vetters hatte ſie blos ein Ja oder Nein, und gar zu gern wäre ſie gleich nach Tiſche entſchlüpft, wenn nicht die ſtolze Mrs. Molyneux ſie ihrer beſonderen Beachtung werth befunden und ſie mit Fragen aller Art beſtürmt hätte.„Ich zweifle nicht daran, daß ſie das arme Kind ſchändlich vernachläſſigen,“ ſagte ſie zu ihrer Tochter, nachdem ſie ſich vergewiſſert hatte, daß Innocenzia weder zeichnete, noch ſpielte und ſang, daß ſie nie in einer Schule geweſen, noch eine 128 Gouvernante gehabt hatte, und Alles in Allem ſo gut wie gar nichts wiſſe. Weshalb dieſe Entdeckung der hohen Frau Freude machte, weiß ich allerdings nicht, aber es war ſo, und ſpäter wurde dieſer Umſtand weidlich benutzt und ausge⸗ beutet. Aber noch andere Menſchen intereſſirten ſich für die junge Italienerin. Als Sir Alexis in das Wohn⸗ zimmer eingetreten war, erbat er ſich von Mrs. Eaſt⸗ wood die Ehre, Innocenzia vorgeſtellt zu werden.„Ich glaube, ich kannte Ihren Vater,“ ſagte er und bemühte ſich ſichtlich, etwas aus ihr herauszulocken.„Da er die Eine nicht haben kann, verſucht er's mit der Andern,“ flüſterte Mrs. Barclay der Tante in das Ohr. Aber Innocenzia's Art und Weiſe war wenig geeignet, die Unterhaltung zu beleben, und ſo gab Sir Alexyis ſeine Verſuche bald auf.„Erinnern Sie ſich noch Ihres Va⸗ ters?“ fragte er, um ſie etwas zu erwärmen. „O ja,“ ſagte das Mädchen, nahm aber weiter kein Intereſſe an dem, was er ihr über ihn erzählte. Viel⸗ leicht, wenn es Niccolo geweſen wäre, von dem er er⸗ zählt hätte, würde es ſie mehr intereſſirt haben. „Sie iſt doch nicht blödſinnig?“ frug er Nelly zögernd. „Ach nein, durchaus nicht. Aber man hat ſie nie etwas gelehrt. Sie iſt auch noch nicht über das Gefühl 129 des Fremdſeins weggekommen, das giebt ihr etwas ſo Steifes. Auch liebt ſie uns Alle nicht, außer vielleicht —— hier ſtockte Nelly, und der Name wollte ihr nicht über die Lippen. Der junge Molyneur aber lachte und ſagte: „Außer Dich vielleicht, meinſt Du? Du haſt einmal ein köſtliches Bild von Deiner Coufine entworfen, ehe ſie da war, wie ſie Euch Alle überſtrahlen würde an Schönheit und Geiſt, wie Ihr ſie behandeln, in's Schul⸗ zimmer ſtecken—“ „Das letztere iſt wahr geworden,“ ſagte Nelly lächelnd, „aber das auch allein. Eine Aurora Leigh iſt ſie nicht.“ „Sie hat ein wunderſchönes Geſicht,“ ſagte Sir Alexis, der als feiner Kenner bekannt war. Auf dieſe Rede hin wandten ſich alle Blicke auf Innocenzia, denn ihre große Schönheit fiel nicht Jedem ſogleich auf. Sie ſaß gauz allein, die Hände in dem Schooß gelegt, und folgte unabläſſig mit halbgewendetem Köpfchen den Be⸗ wegungen Frederick's. Sie wußte nicht, daß man ſie be⸗ trachtete; ſie hatte nur Augen für ihn. Hliphant, Innocenzia II. 9 Neuntes Kapitel. von einer andern Heirath. Frederick befand ſich in einem ſo ſeltſamen Gemüths⸗ zuſtande, daß die Ereigniſſe dieſer bewegten Tage an ihm wie im Traume vorübergingen. Er ſchien gar nicht zu wiſſen, was er wollte, denn alles was er that, geſchah rein mechaniſch. Er ſchlug alle Einladungen aus, ging nicht in ſeinen Klub, kam zeitig nach Hauſe, zog ſich jedoch dann entweder in ſein Zimmer oder in die Bibliothek zurück, rauchte mehr Eigarren als je in ſeinem Leben und dachte dabei an„Sie.“ In tauſend Bildern malte ihm ſeine Phantaſie die Geliebte vor, und da in unſerer modernen Zeit der Tabak als die Speiſe des Liebenden bezeichnet wird, ſo zündete Frederick eine Cigarre nach der andern an und grübelte über ſeine Schöne. Bis⸗ weilen bemühte er ſich auch wohl durch die Vorführung der Schattenſeiten Amanda's, ſich von dem gefährlichen 131 Zauber zu befreien. Er machte ſich den Mangel ihrer Unterhaltung klar, die ſo oberflächlich und ſeicht war; auch ihr Geſchmack an Vergnügungen war dem ſeinigen durchaus entgegengeſetzt. Ihre Ausdrucksweiſe war oft nichts weniger als fein. Seine Stellung im Leben war ſo verſchieden von der ihrigen. Wie hatte er davor ge⸗ zittert, daß Batty ihn aufſuchen würde, wie hatte er ſich geſchämt, daß ihn einer ſeiner Bekannten mit dem ge⸗ meinen Menſchen zuſammen ſehen könnte, und eben der⸗ ſelbe Mann ſollte nun ſein Schwiegervater werden? Großer Gott! Auch mußte er ſich zugeſtehen, daß Amanda vor dem ſtrengen Richterſpruch der Frauen nicht wohl beſtehen würde. Von den Männern freilich würde ſie immer angebetet werden, aber doch empörte ſich Fredericks beſſeres Selbſt dagegen, daß ihr eigenes Geſchlecht ſie über die Achſeln anſehen durfte. Dazu machten ihm ſeine pecuniären Verhältniſſe ernſte Beſorgniß. Er befand ſich zwar in einer ſehr guten Stellung, hatte auch, wie Nelly, fünftauſend Pfund eigenes Vermögen, aber was will das heißen, wenn ein junger, verwöhnter Mann ſeinen eigenen Heerd davon gründen ſoll? Er hätte, wie ſein Vater, eine Frau heirathen müſſen, die ihm mindeſtens ebenſo viel mitgebracht hätte. Das Alles wußte Frederick und er fühlte ganz gut, daß er gerade aller Vernunft zu⸗ wider handelte, wenn er ſich von ſeiner Leidenſchaft für 9* 132 Amanda zum Aeußerſten treiben ließ. Aber inmitten ſolcher Reflexionen tauchte doch immer wieder das lebende Bild der Schönen vor ihm auf, und wegſchwanden alle Gegengründe vor dem allgewaltigen Zauber ihrer Reize. Von Amanda's Charakter, von ihrem eigenſten innern Weſen wußte der junge Mann ſo gut wie nichts, und er hütete ſich auch, darüber nachzuſinnen. Nur ihre blen⸗ dende Schönheit hatte ihn mit einem glühenden Verlangen nach ihrem Beſitz erfüllt, mit einer Art von Heißhunger, der über alle leiſen und lauten Stimmen der Vernunft den Sieg behielt. Dann ſah er nur die in Roſenhauch gefärbten Schultern, die goldnen Locken, das berückende Lächeln, und alle Schatten ſchwanden vor ſo viel Licht. Oftmals überlegte er, in welcher Weiſe er den Vater beiſeite ſchieben könne, um Amanda allein für ſich zu ge⸗ winnen. Unter ſeinem Einfluſſe, meinte er, würde ſich das ſchöne Geſchöpf zu allem formen laſſen, was er und die Welt von ihr verlangte. Seiner Eitelkeit ſchmeichelte dieſer Gedanke, aber im Allgemeinen machte er ſich doch weit mehr mit den Hinderniſſen, die ſich ſeiner Wahl entgegenſtellen würden, vertraut und beſchloß, tapfer gegen ſie anzukämpfen. Die Sache kam in kurzer Zeit zur Entſcheidung. Er wußte ſelbſt nicht, wie lange er den Kampf in ſich herumgetragen. Nach wie vor ging er an ſeine Geſchäfte, * ———— arbeitete, aß, trank, antwortete, wenn man ihn fragte, aber er that dies Alles rein mechaniſch, faſt ohne Bewußt⸗ ſein. Während dieſer Zeit war Innocenzia vielleicht ſein einziger Troſt. Der April hatte den Frühling wie mit einem Schlage hergezaubert, und wenn er gegen Abend, nach Tiſche, in den Garten ſchlenderte, ſo that es ihm ſo wohl, aus dem ewigen Grübeln durch die ſanfte, lieb⸗ liche Gegenwart ſeiner Couſine herausgeriſſen zu werden. Sie ſtahl ſich leiſe zu ihm hin, legte ihr kleines Händchen in ſeinen Arm und ging unermüdlich mit ihm auf und nieder, bis vielleicht der Mutter ſcharfe Stimme Beide erſchreckte und das Mädchen ganz gegen ſeinen Willen hereinrief. Das arme Kind! Sie hatte ihn ſo lieb, und es war ſo wohlthuend, ſie neben ſich zu haben! „Weshalb laſſen ſie ſie nicht in Ruhe, wenn ſie doch ſo glücklich iſt?“ ſagte er wohl bei einer ſolchen Gelegenheit.„Die Weiber ſind alle neidiſch.“ Wenn aber Mrs. Eaſtwood nicht Zeit oder Luſt hatte, ewig aufzupaſſen, da blieb Innocenzia ſo lange bei ihm im Garten, als er wollte. Sie ſprach nicht viel, ſie war nur froh, bei ihm ſein zu können, mehr verlangte ſiegar nicht. Bisweilen ſchmiegte ſie die weiche Wange an ſeinen Arm oder drückte ihn ſanft mit beiden Händen: ein ſtummes, rührendes Zeugniß ihrer Ergebenheit. „Ich fürchte, man iſt nicht immer freundlich gegen 134 Dich,“ ſagte er dann wohl, indem er ſich über ſie beugte, wenn er ſich auf Augenblicke ſeinen eigenen quälenden Gedanken zu entreißen vermochte. Aber Innocenzia klagte Niemand an, ſie ſagte nur: „Ich habe Dich am liebſten,“ und ſchmiegte ſich zärtlich an ihn. Ihr ganzes Weſen war„Unſchuld,“ wie ihr Name es ſagte. Sie dachte ſich gar nichts Beſſeres und Schöneres, als ſo mit Frederick auf und abgehen zu dürfen. Unter ſeiner Führung fühlte ſie ſich ſo ſicher. Er war der Erſte geweſen, der einen Lichtſtrahl in dieſes gänzlich verwahrloſte, umnachtete Daſein geworfen hatte, und bis jetzt war es noch Keinem gelungen, mächtiger auf ſie einzuwirken, deshalb hing ſie mit eiſerner Treue an ihm. Natürlich hatte Mrs. Eaſtwood an dieſen Spazier⸗ gängen viel auszuſetzen, aber bei Frederick fruchtete keine Ermahnung. Eines Abends jedoch, als in ihm die Leiden⸗ ſchaft für Amanda auf das Höchſte geſtiegen war, kam die Mutter zu ihm heraus in den Garten und ſagte, lachend ſeinen Arm ergreifend: „Da Du nun einmal eine Begleiterin haben mußt, ſo nimm mich mit. Ich bin die ſicherſte Gefährtin. Mir kannſt Du den Kopf nicht verdrehen, ebenſowenig wie ich Dir den Deinigen. Ich möchte Dich aber bitten, meinen Worten ein wenig Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ 135 „Mutter,“ entgegnete er athemlos, da er ſich jetzt plötzlich zum Sprechen gezwungen ſah,„für den Augen⸗ blick mußt Du mich zuerſt hören.“ Die Heftigkeit des Tones erſchreckte ſie, aber ſie verlor die Faſſung nicht und ſagte deshalb ſehr gelaſſen: „Du findeſt mich allzeit bereit, lieber Junge, zu hören, was Du mir zu ſagen haſt.“ „Wohl habe ich Dir etwas zu ſagen und auch wieder nichts, wenigſtens nichts Beſonders,“ rief er.„Die Sache iſt die, daß gewiſſe Umſtände— mich auf den Gedanken gebracht haben— auf die Möglichkeit— zu heirathen——“ Die letzten Worte ſtieß er förmlich heraus. „Heirathen! Du, Frederick?“ „Ja, ich. Weshalb denn nicht? Ich ſehe keinen Grund, weshalb ich das nicht ſollte? Ebenſo gut wie Nelly und Molyneux, ſollte ich meinen. Sie haben mir das Beiſpiel gegeben. Nelly iſt viel jünger als ich, und er hat Nichts. Ich weiß in der That nicht, was mich ab⸗ halten ſollte——“ „Nichts ſoll Dich abhalten,“ unterbrach ihn Mrs. Eaſtwood ſanft;„aber ehe eine ſolche Idee ſich in einem Männerkopfe feſtſetzt, muß doch wohl etwas vorherge⸗ gangen ſein. Du wünſcheſt doch eine beſtimmte Perſon 136 zu heirathen und nicht die Erſte, die Dir in den Weg kommt?“ „Du meinſt, daß ich erſt der Perſon ſicher ſein müſſe, ehe ich von Heirathen ſprechen dürfe?“ ſagte Frederick.„So iſt's wohl in der Regel, aber ich ſetze den Fall, daß darüber kein Zweifel waltet, ſo bleibt mir doch noch immer viel zu thun und zu fragen.“ „Und das iſt Alles, was Du mir über den Gegen⸗ ſtand ſagen kannſt, Frederick?“ rief die Mutter entſetzt. „Nun vielleicht nicht Alles. Ich habe allerdings kein Recht, mit Dir darüber zu ſprechen, bis ich den entſcheidenden Schritt gewagt habe. Du mußt nämlich wiſſen, Mutter, daß ich, ehe ich das kann, von Dir genau hören muß, was Du für mich zu thun gedenkſt. Ich kann unmöglich mit meiner Frau von dem leben, was ich verdiene. Du ſelbſt würdeſt es nicht gern ſehen, wenn Dein Sohn ſich nur ärmlich einrichten könnte, wenn er nur in einer gemietheten Etage wohnen und ſeine Frau Magddienſte verrichten müßte.“ „Frederick, Du haſt mir bis heute auch nicht die leiſeſte Andeutung gemacht, daß ein ſolches Ereigniß eintreten könnte, Du haſt mich völlig überraſcht. Un⸗ möglich kann ich mit Dir ohne Vorbereitung, ohne ruhige Ueberlegung über derartige Verhältniſſe ſprechen. Aber, —— 137 Frederick,“ rief hier Mrs. Eaſtwood, plötzlich von einem jähen Schreckeu erfaßt,„um Himmelswillen, wer iſt die Dame? Sage mir nur das, laß mich nicht länger in dieſer Ungewißheit! Du kannſt doch unmög⸗ lich——“ Sie wollte ſagen: Innocenzia, aber mit natürlichem Tacte ſchwieg ſie und blickte ihn nur angſtvoll an. „Ich meine Niemand, den Du je geſehen haſt,“ er⸗ wiederte er ungeduldig.„Weshalb ſoll ich in Einzeln⸗ heiten mich einlaſſen? Was nützte Dir der Name, auch wenn ich ihn Dir hundertmal nennen wollte? Du würdeſt doch nicht klüger ſein.“ „Ich bin ſchon jetzt klüger, denn ich bin von einer Angſt befreit worden,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Aber, Frederick, wenn die Sachen ſo ſtehen, ſo ſollteſt Du doch wahrhaftig vorſichtiger mit dem armen Kinde umgehen. Wer bürgt Dir denn dafür, daß durch Dein übertrieben liebevolles Weſen gegen ſie ihr nicht der Kopf verdreht worden iſt? Du haſt mich oft ſehr ängſtlich beſorgt um Dich und ſie gemacht.“ „Ach was, Mutter, ich wünſchte, Du ließeſt dieſes Weibergewäſch bei Seite und verſetzteſt Dich in die Seele eines Mannes, der etwas höchſt Wichtiges zu bedenken hat. Laß doch all den Unſinn mit dem kleinen Dinge, ——— 138 der Innocenzia! Will ſie durchaus ein Närrchen ſein, iſt's denn meine Schuld?“ „Und ſogar ſehr, Frederick,“ ſagte die Mutter ernſt⸗ haft.„An Deiner Stelle würde ich die Sache nicht ſo leicht nehmen.“ „Großer Gott! So behandelſt Du den Mann, der etwas Ernſtes mit Dir zu beſprechen hat? Willſt Du mir denn nicht einen Augenblick Deine ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit ſchenken, ohne immer jemand anders mit hinein zu ziehen?“ „Ich habe Dir ſchon zu viel Aufmerkſamkeit geſchenkt,“ ſagte Mrs. Eaſtwood,„und wenn Du nicht mit dem ge⸗ hörigen Reſpect zu Deiner Mutter ſprechen kannſt, Fre⸗ derick, ſo———“ „Lieber Himmel, daran ſoll's ja nicht fehlen,“ rief er.„Du wirſt aber doch nicht erwarten, daß ich auf die Kniee fallen und„verehrte Frau“ ſagen und Deinen Segen erflehen ſoll?“ Der ungezogenen Rede folgte eine Pauſe. Beide fühlten, daß ſie ſich beruhigen müßten. Einen Streit wollte ſowohl der Sohn als die Mutter vermeiden, er⸗ ſterer natürlich nur aus egoiſtiſchen Gründen. „Wir brauchen uns darüber nicht zu ereifern,“ be⸗ gann Frederick wieder in gemäßigtem Tone. „Es iſt doch ein ganz natürlicher Wunſch. Ich ——— 139 werde bald ſiebenundzwanzig Jahre alt, und da iſt man doch kein Kind mehr. Bis jetzt bin ich ganz gut aus⸗ gekommen, da ich hier wohnen konnte, aber zurücklegen konnte ich auch keinen Groſchen, und einige Schulden hier und da habe ich auch; aber das würde ja ganz anders werden, wenn ich mich verheirathete. Auf meinen ge⸗ ringen Gehalt und die wenigen Zinſen hier einen eigenen Hausſtand zu gründen, wäre gradezu lächerlich. Hier wohnen und bei Dir leben, würde auch nicht thunlich ſein, und ſo bleibt denn nur übrig, daß Du uns einen anſtändigen jährlichen Zuſchuß bewilligſt, denn ohne einen ſolchen kann ich nicht daran denken zu heirathen.“ „Einen anſtändigen jährlichen Zuſchuß! Frederick, eben daſſelbe verlangt jetzt Mr. Molyneur für ſeinen Sohn und Nelly von mir.“ „Lieber ſchickte ich ihn in's Pfefferland,“ rief Frederick, „als daß ich das thäte. Der alte Geizkragen hat Geld genug, um ein Dutzend Söhne auszuſtatten. Weshalb kommt er denn zu Dir? Hoffentlich brauche ich Dir aber nicht erſt klar zu machen, Mutter, was für ein großer Unterſchied zwiſchen Nelly, die nur Deine Tochter iſt, und mir, dem älteſten Sohn des Hauſes, beſteht.“ „Hat die Dame Vermögen?“ frug Mrs. Eaſtwood, klug ablenkend.„Ich hoffe, daß ſie liebenswürdig und ſehr gut iſt, um Deinetwillen ſowohl wie um meinet⸗ 140 willen, und obgleich ich durchaus keine Geldheirathen liebe, ſo wünſchte ich doch, ſie hätte wenigſtens etwas. Iſt es ſo? Natürlich iſt ſie aus guter Familie und ſonſt auch tadellos.“ „Ihre pecuniären Verhältniſſe ſind mir gänzlich un⸗ bekannt,“ entgegnete Frederick würdevoll.„Das iſt die letzte Frage, die ich thun würde. Sie kann reicher als ich ſein, obgleich das nicht viel ſagen will, oder auch arm wie eine Kirchenmaus. Ich weiß es nicht. Dorüber habe ich nicht nachgedacht.“ „Darin haſt Du Recht, mein Sohn,“ ſagte die Mutter, einlenkend. Sie hatte ſo oft gegen berechnende Heirathen geſprochen, daß es ſie nun nicht Wunder nehmen konnte, wenn ihre Söhne der mütterlichen Lehre folgten.„Werde ich denn aber nichts weiter von ihr erfahren, Frederick? Wo habt Ihr Euch denn kennen ge⸗ lernt? Alſo das war der Grund Deines veränderten Weſens? Ich habe es wohl bemerkt, aber konnte mir es nicht erklären. Iſt ſie hübſch? Vor allem iſt ſie liebens⸗ würdig? Kenne ich ſie? Du mußt mir von ihr erzählen, lieber Junge.“ „Darüber darf ich noch nicht ſprechen, denn ich weiß ja ſelbſt noch nicht, ob ich angenommen werde. Aber Du haſt es in der Hand, Mutter,“ ſagte Frederick ein⸗ 141 dringlich,„und eben das möchte ich von Dir wiſſen, auf was ich zu rechnen habe. Denn nicht um Dir ſenti⸗ mentale Liebesgeſtändniſſe zuzuflüſtern, bin ich hier, ſondern um mich mit Dir über meine Zukunft zu be⸗ rathen. Denn natürlich,“ fügte er hinzu und vor Un⸗ geduld ſchwollen ihm die Stirnadern,„darf ich nicht eher bei ihr anfragen, als bis ich darüber im Klaren bin.“ Mrs. Eaſtwood ſchwieg. Sie war wie gelähmt. So hatte Mr. Molyneux denn doch Recht? War es der alte Kampf zwiſchen Eltern und Kindern um das Bischen Hab und Gut, der ſich hier wieder erneuerte? Hatte ſie nicht willig jedes gerechte Opfer ihren Kindern gebracht? War nicht der Sohn ihr am Meiſten ver⸗ pflichtet? Hatte er denn Alles vergeſſen? Sie war nicht im Stande, ihren Weg klar vor ſich zu ſehen. Lieber Gott, was war aus ihrem friedlichen Leben ge⸗ worden? „Du antworteſt nicht, Mutter,“ ſagte der Sohn. „Ich kann es nicht auf der Stelle,“ ſagte ſie, um nur Zeit zu gewinnen.„Du daß ich ganz un⸗ vorbereitet war.“ „Aber ein ſolches Ereigniß konnteſt Du doch immer erwarten,“ entgegnete er. „Ich hätte daran denken können,“ ſagte ſie ſtockend, „aber ich geſtehe, ich habe es nicht gethan.“ Sie hatte 142 ſich die Heirathen ihrer Kinder und ihren eigenen An⸗ theil daran ſo ganz, ganz anders gedacht. „Ich muß Dich nochmals bitten, Mutter,“ ſagte Frederick,„mich nicht mit Nelly in eine Linie zu ſtellen. Nelly hat ihr Vermögen. Jede weitere Forderung an Dich wäre geradezu lächerlich. Ganz anders iſt es mit mir. Meine Stellung erfordert es, da ich nach Deinem Tode das Haupt der Familie vorzuſtellen habe.“ Nach Deinem Tode! Giebt es wohl ein Menſchen⸗ herz, in welchem ſolche Worte nicht eine mehr als ge⸗ wöhnliche Bewegung hervorrufen? Mrs. Eaſtwood nickte nur zuſtimmend, aber der Pfeil war ihr tief in's Herz gedrungen. Natürlich hatte er ganz recht. „Ich werde mir die Sache reiflich überlegen,“ ſagte ſie in kühlem Tone, faſt gegen ihren Willen kühl,„und werde auch Andere um Rath fragen. Traurig genug, daß es deſſen zwiſchen meinen Kindern und mir bedarf, aber Du ſelbſt, Frederick, haſt mir oft geſagt, ich ver⸗ ſtände nichts von Geſchäftsſachen. Ich muß deshalb ſehr vorſichtig zu Werke gehen, und dann erſt, wenn ich Alles und Alle in Betracht gezogen habe, kann ich Dir eine Antwort geben. Ich darf auch Deine beiden Brüder nicht beeinträchtigen.“ Sie hatte das leiſe geſagt wie zu ſich ſelbſt, aber Frederick hörte es. 143 „Die Jungen!“ ſagte er geringſchätzig.„Wenn Dick nach Indien geht und Plantagenet Geiſtlicher wird, da ſind ja Beide verſorgt. Wegen der beiden Jungen brauchſt Du Dich doch nicht zu ſorgen.“— „Wenn Du bei Deinem Studium geblieben wärſt, ſo könnteſt Du auch jetzt gut verſorgt ſein,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Wer weiß, mit wie viel Schwierigkeiten die armen Knaben noch zu kämpfen haben werden.“ „Nun daraus würde ich mir wenig machen,“ ſagte Frederick. Ihm waren die Ausſichten der Brüder ſehr gleichgültig, und in dieſem Sinne ſchwatzte er noch eine Weile, bis es Mrs. Eaſtwood zu kalt fand und betrübt und herzlich unglücklich in das Haus ging. Sie ſtand abermals vor einem jener Räthſel des Lebens, zu dem ſie die Löſung nicht zu finden vermochte. Zehntes Kapitel. Amanda. Frederick's Liebesfieber hatte den Höhepunkt erreicht. Der nächſte Tag war ein Sonnabend, und ohne auf die Antwort ſeiner Mutter zu warten, fuhr er am Nach⸗ mittag nach Sterborne. Er konnte nicht länger warten, er wäre vor Sehnſucht umgekommen. Sterborne iſt eine kleine Stadt mit einer großen, alten Kirche. Von dieſem Dom abgeſehen, der dem ganzen Ort eine Art von Wichtigkeit verlieh, hätte man ſie für ein Dorf halten können. Die Bewohner ſelbſt waren ſehr ſtolz auf den alten Bau, und jeder Fremde wurde dahin ge⸗ führt, natürlich nicht, ohne daß er einige Schillinge zahlen mußte. Auch Frederick's Ankunft in dem Gaſt⸗ hof wurde ſofort mit der Schönheit des Domes in Ver⸗ bindung gebracht, und deshalb ſammelten ſich ſofort eine Menge zerlumpter Burſchen vor der Thür, um ihn, 145 ſobald er heraustrat, zu überfallen und nach dem Dom zu führen. Einer mußte doch der Glückliche ſein. So hörte ſich denn Frederick, nachdem er ſeine Mahlzeit ver⸗ zehrt und ſich zum Ausgehen gerüſtet hatte, an der Thüre von einer Menge Stimmen zugleich angerufen. „In den Dom, Herr? Hierher, Herr!“ ſagte eine ſcharfe Stimme, die eines kleinen Verwachſenen.„Ich bin der richtige Führer,“ rief ein Anderer.„Die Kerle wiſſen Alle nichts— ich kenne die ganze Kirche in⸗ und auswendig!“ ſchrie ein Dritter.„Hier ſind die Photographien vom Dom und den ſchönſten Anſichten, Herr.“„Wie? Keine kaufen und ſie ſind doch ſo pracht⸗ voll?“ bedrängte ihn wieder einer. Frederick war völlig umringt und hätte am liebſten die ganze Bande nieder⸗ gehauen, die ihm ſo den Weg verſperrte; aber da ſich das nicht thun ließ, ſo brach er ſich Bahn mit den Worten:„Ich will ja gar nicht in den Dom,“ eine Ver⸗ ſicherung, welche die edle Bevölkerung von Sterborne in helle Verwunderung verſetzte. Nicht in den Dom? Weshalb kam er da nach Sterborne? Alle wichen vor ihm zurück, wie vor einem Ungläubigen oder Revolu⸗ tionär. Frederick rief einem der Burſchen zu: „Wo wohnt Mr. Batty?“ „Der alte Batty?“ rief der Junge und ſchlug ein Rad.„Gleich, Herr, gleich.“ Hliphant, Innocenzia. I. 10 146 „Der geht zum alten Batty!“ ſchrie einer von den Umſtehenden, und alle lachten und brachen in ein wahres Gebrüll aus. Frederick wurde wüthend, da ihm die Urſache völlig unbegreiflich war. „Weshalb lachten denn die Kerle?“ frug er ſeinen Führer, als ſie durch die Hohe Straße ſchritten. „Wir Alle lachen über'n alten Batty,“ war die Antwort. „Weshalb denn?“ frug Frederick barſch. Aber ſeiu Begleiter lachte nur noch ausgelaſſener.„Um die Wahrheit zu ſagen, ein eigentlicher Grund liegt gar nicht vor, aber die Straßenbuben haben es nun einmal aufgebracht und lachen ſeitdem immer über ihn, ohne zu wiſſen weshalb.“ Frederick fühlte ſich in ſeinem Innern ſehr abgekühlt durch dieſen Empfang. Seine eigentliche ſtolze Natur bäumte ſich auf. Sollte ein Mann, den die Gaſſen⸗ buben ſelbſt auslachten, ſein Schwiegervater werden? Aber die mächtigere Stimme der Leidenſchaft übertönte auch dieſe Regung. Eine Rückkehr war unmöglich, einen Ausweg gab es nicht mehr; ſo ſagte er ſich wenigſtens vor, obgleich ihn noch Niemand von der Familie ſeiner Angebeteten erblickt hatte. So ſtürmte er denn vorwärts ſeinem Schickſale entgegen. Batty's Haus lag am Ende der kleinen Stadt. 147 Es war ein altmodiſches Gebäude, niedrig und lang geſtreckt, dicht an der Chauſſee. Eine große Thüre öffnete ſich auf einen langen Gang, an deſſen Ende man in einen weiten, grünen, ſonnigen Garten blickte. Das Mädchen, das ihm geöffnet hatte, ſagte, daß Mr. Batty nicht zu Hauſe, daß ſie aber nachſehen wolle, ob Miß Batty ſichtbar ſei. Er möge ſich einſtweilen in das Wohnzimmer oder in den Garten verfügen. In ſeiner aufgeregten Stimmung wählte Frederick lieber den Gang in den Garten. Von der Straße aus hatte das Haus klein und zierlich ausgeſehen, vom Garten aus machte es einen ganz verſchiedenen Eindruck. Mehrere große Zimmer waren dort hinausgebaut mit mächtigen bis zum Boden reichenden Erkerfenſtern, die alle nach dem Garten zu ſich öffneten. Eins derſelben, in welches Frederick im Vorübergehen blickte, ſchien das Wohnzimmer zu ſein. Schöne und koſtbare Möbeln, feine Vorhänge und Luxus⸗ gegenſtände prangten darin, doch war Alles ohne Ge⸗ ſchmack geordnet. Der Garten dagegen war ſehr ſchön gehalten und ſchien mit Vorliebe gepflegt zu werden. Dieſe Entdeckung beruhigte Frederick einigermaßen, denn Blumenpflege iſt eine ariſtokratiſche Paſſion. Wahr⸗ ſcheinlich war es Amanda, die ſo viel Sinn dafür hatte, denn dem alten Batty traute er das nicht zu. Alles 10* 148 in der Anlage des Gartens zeigte Wohlſtand und Ge⸗ ſchmack, und der junge Mann wanderte beglückt zwiſchen den Blumenbeeten und Blütenbäumen einher, in jedem Augenblicke erwartend, daß ſie kommen werde. Wie ſo ganz anders war ſein Empfinden, ſein Erwarten hier in ihrer Heimat, als in dem Hotel zu London! Süße Hoffnung, daß Alles gut werden würde, gut werden müſſe, kam über ihn, zugleich mit dem heißen Sehnſuchtsgefühl nach ihr. Während er ſo träumte, hoffte und ſehnte, tönte der Schall von Stimmen aus einem der offenen Fenſter zu ihm herüber. Es war ein köſtlich warmer Nach⸗ mittag, faſt wie im Sommer. Trotzdem ſchimmerte aus zweien von den Zimmern das Licht des Kaminfeuers. Frederick wollte kein Horcher ſein, aber unwillkürlich lauſchte er nach der über Alles geliebten Stimme. Erſt konnte er nichts verſtehen, und nur allmählich drangen einzelne Worte zu ihm. Er hörte von„ſeit zwanzig Jahren“ ſprechen, doch konnte er die weinerliche Stimme der offenbar im Zimmer auf und abgehenden Perſon nicht erkennen. Bisweilen klang ſie laut und heftig, dann wieder klagend und ſchluchzend. Erſt als eine andere Stimme begann und zwar in viel lauterem Tone, wurde ihm die Situation klar. Dieſe zweite Stimme drang ihm in's Herz. Es war ein runder, voller Ton, 149 nicht ohne Süßigkeit, aber etwas Fremdes, Scharfes miſchte ſich hinein, je lauter ſie ſprach. „Du kannſt zu jeder Zeit fortgehen, wenn Du willſt,“ rief Amanda.„Ich halte dieſe Quälereien nicht länger aus. Du weißt, was die Aerzte alle geſagt haben, und es iſt um ſo ſchlechter von Dir, mich ſo aufzuregen. Niemand weiß das beſſer als Du. Du biſt aber ſchändlich rückſichtlos, Du biſt ohne Gefühl und herzlos. Nur weil Du Dich mit Papa gezankt haſt, willſt Du mich zu Tode ärgern. Weshalb gehſt Du nicht? Dann iſt ja Alles gut. Du drohſt immer mit dem Fortgehen und doch——“ „Fortgehen?“ ſagte die Andere.„O Manda, Du ſprichſt von Gefühlloſigkeit? Seit zwanzig Jahren hege und pflege ich Dich und habe keinen anderen Gedanken, als für Dich zu ſorgen. Aber Du biſt kalt und hart wie Stein, obgleich Du ſo hübſch biſt. O wenn die Menſchen nur wüßten, wie Du eigentlich biſt, wie herz⸗ los und unbarmherzig! Wenn ſie hörten, was Du Deiner Tante, der einzigen Schweſter Deiner verſtorbenen Mutter, für Dinge ſagſt, mir, die ich Dich ſeit zwanzig Jahren behütet habe!“ „Behütet, Du, mich?“ ſchrie Amanda.„Das hätte ein Dienſtmädchen ebenſo gut gethan. Du biſt mir ſtets ein Dorn im Auge geweſen, ſo lange ich vernünftig 150 denken kann, denn Du erinnerſt uns immer daran, daß Mama keine feine Dame war, und Du zogſt uns immer herunter. Was biſt Du denn geweſen? Nichts als eine Kammerjungfer. Hier haben wir uns alle er⸗ denkliche Mühe gegeben, eine feine Dame aus Dir zu machen, Du haſt ſchöne Kleider bekommen und was Alles noch. Freilich geſchah es um unſertwillen. Wir wollten uns Deiner nicht ſchämen. Für Dich hätten wir's gewiß nicht gethan. Denn Du biſt alt, häßlich, gemein und unausſtehlich. Du biſt gerade gut genug, um die Stube zu fegen. Weshalb bleibſt Du denn hier, wo Dich Niemand braucht? Wahrſcheinlich haſt Du gedacht, daß der Papa Dich heirathen würde, als Mama ſtarb, obgleich das gar nicht erlaubt iſt. Aber Du wollteſt die Herrin ſpielen und Papa und mich unter den Pantoffel kriegen, nicht wahr, Tante? Aber verſuch's nur. Mich bekommſt Du nicht unter. So eine alte, häßliche, böſe, neidiſche Perſon, ohne—“ „Manda, Manda,“ rief die Tante,„o ſei doch nicht ſo grauſam!“ „Ich will aber grauſam ſein, wie Du es nennſt. Weshalb hat Dich der Papa behalten? Weil er ein ſanfter, gutherziger Mann iſt. Tantchen! Fürwahr, ich hätte Dich nie ſo nennen ſollen. Geh' jetzt oder ich werde wüthend!“* — —— — —— 151 „Manda, wagſt Du ſo mit Deiner eigenen Ver⸗ wandten zu ſprechen?“ „Ich wage noch viel mehr,“ ſchrie die Gereizte,„ich werfe Dich mit ſamt Deinem Bündel Lumpen zum Hauſe hinaus. Du alte, böſe Hexe, Du garſtiges Weib! Geh mir aus den Augen, oder ich werfe Dir etwas an den Kopf! Geh' fort ſchnell oder——“ Eiin Schlag als ob etwas hinfiele bekundete, daß die ſanfte Taube Wort gehalten hatte. Dann hörte man einen halbunterdrückten Schrei, ein Ringen, dann einen Hülferuf, dem ein heftiges Klingeln folgte. „O ich bin an Allem ſchuld,“ ſtöhnte die andere Stimme wieder.„Bring mir gleich die Flaſche mit der Medizin! Raſch das eau de cologne! Sie iſt ohn⸗ mächtig. Schnell, ſchnell! Manda, das wollte ich nicht. Herzenskind! Manda! Großer Gott, eben ſahſt Du noch feuerroth aus, jetzt ſo todtenbleich!“ Hatte Frederick's Schutzengel ihn zur rechten Stunde hierher geleitet, damit er aus dieſer entſetzlichen Scene eine ernſte Mahnung mit hinwegnehmen ſollte? Dieſe leiden⸗ ſchaftliche, heftige Stimme, dieſe gemeine Ausdrucksweiſe, mußten ſie ihn nicht empören und ihm den Gegenſtand ſeiner Neigung auf immer verleiden? Er ſchritt wie vom Donner gerührt auf und nieder. Sollte er fliehen? Sein erſter Gedanke war das wohl, aber gleich darauf 152 kam der böſe Zauber wieder über ihn und flüſterte ihm zu: Sieh' ſie nur wenigſtens noch einmal wieder, dann löſe dich auf immer von ihr und ihrem ſchreck⸗ lichen Vater! Wie konnte er auch fortgehen, da er ſich ſchon hatte anmelden laſſen? Aber widerlich war ſie ihm doch geworden, und er gönnte ihr das Krankſein, wie er zu ſich ſelbſt ſagte, um im nächſten Momente wieder ihrer Schönheit mit heißer Sehnſucht zu gedenken. Endlich entſchloß er ſich, ſie wenigſtens noch einmal zu ſehen, wäre es auch nur in der Weiſe, wie man ein ſchönes Bild betrachtet. Dann ſollte Alles aus ſein zwiſchen ihnen. So kämpfte in dem jungen Manne die tolle Leiden⸗ ſchaft gegen den richtigen Inſtinkt, der ihn zur Flucht trieb, und blieb bald gänzlich Sieger. Er ſagte ſich, daß es feige wäre, wenn er jetzt ſofort auf und davon gehen würde. Noch ſtand er grübelnd an einem Beete und ſtampfte den Boden, da kam das Mädchen, das ihm die Thüre geöffnet hatte, auf ihn zu und bat ihn, zu entſchuldigen, daß man ihn ſo lange habe warten laſſen; Miß Manda hätte wieder einmal einen ihrer böſen Anfälle gehabt, es ſei aber ſchon wieder beſſer. Sie fragte, ob er ſich nicht in's Wohnzimmer begeben wolle. ——— ——. —— 153 „Iſt das Fräulein denn wohl genug?“ entgegnete Frederick und ſein Herz klopfte heſtig. „O ganz wohl. Die Anfälle dauern nie lange. Sie werden ſie nur ein Biſſel angegriffen finden, mein Herr, und ſie darf nicht aufgeregt werden,“ ſagte das Dienſtmädchen. So ſprachen ſie von der Furie? Frederick dachte mit einer Art von wonnigem Grauſen daran, ſie jetzt wieder zu ſehen. Amanda lag auf dem Sopha dicht am Fenſter. Sie ſah bleich und angegriffen aus, gerade ſo als an jenem denkwürdigen letzten Abend in dem Hotel in der Stadt. Ueber dieſe blaßrothen Lippen konnten doch nur ſüße Worte kommen. Das ſogenannte„Tantchen,“ das von ihre jene verſchiedenen Ehrentitel bekommen hatte, ſaß neben ihr und hielt die ſchneeweiße Hand, die in der ihrigen ausſah, als wäre ſie aus Marmor ge⸗ meißelt. War das dieſelbe Hand? Eine Wange der armen Frau war feuerroth, als ob ſie geſchlagen worden wäre, und die Augen waren noch vom Weinen ge⸗ ſchwollen. Aber jetzt beſchäftigte ſie ſich voll Sorgfalt mit ihrer Nichte, legte ihr die Kiſſen zurecht und flüſterte ihr beruhigende Worte zu. Frederick war zu Muthe, als habe er geträumt. Amanda ſtreckte ihm die andere Hand mit holdem Lächeln entgegen und ſagte ſchmachtend: „Iſt's möglich? Sie ſind es wirklich, Mr. Frederick? Wir grübelten lange über Ihrer Karte. Ich konnte mir nicht denken, was Sie hierher gebracht hätte. Sind Sie vielleicht zum Beſuch bei Baron Eaſtwood? Aber Sir Gottfried iſt nicht zu Hauſe—“ „Nein, ich hatte Geſchäfte in dieſer Gegend, und da ich mich an die Einladung Ihres Herrn Vaters erinnerte, benutzte ich die freie Stunde, um hierher zu kommen. Ich muß ſchon heute Abend wieder nach Hauſe zurück,“ erwiederte er, ſtolz auf ſeine Feſtigkeit, während doch ſchon vor ihrem bloßen Anblick alle ſeine guten Vorſätze zu ſchwinden begannen. „Das iſt freilich ein gar kurzer Beſuch. Doch ich hoffe, Papa wird Sie zu längerem Hierbleiben über⸗ reden können,“ ſagte die Schöne.„Sie nehmen es mir doch nicht übel, daß ich auf dem Sopha liege? Ich bin aber krank geweſen. Ach, bedauern Sie mich nur nicht,“ fügte ſie lachend hinzu,„ich bin ganz allein daran Schuld, ganz allein. Ich bin heftig geworden. Ich glaube, Sie können das gar nicht ſein, Mr. Eaſtwood. Iſt es nicht ſchrecklich, ſo heftig zu werden, und noch dazu gegen das arme Tantchen hier? Eigentlich ver⸗ diente ich tüchtige Schläge, wie ein unartiges Kind, und in gewiſſem Sinne ſtraft ſich mein Unrecht immer ſelbſt. Aber ich verdiene noch eine viel härtere Strafe. Man 155 hat mir geſagt, Sie wären im Garten geweſen, da haben Sie nun gehört, was für ein unartiges, böſes Mädchen ich bin. O, ich ſchäme mich ſo.“ „Ich hörte— allerdings etwas,“ ſagte Frederick, der ſeine ganze Rüſtung von Muth und Entſchloſſenheit Stück für Stück von ſich abfallen ſah. Dies ſchöne Weſen, bleich vor Erſchöpfung, das ſo ſüß und mild ihm aus ihren Kiſſen zulächelte, das ſanft und zärtlich die Hände ihrer armen Verwandten ſtreichelte, das ihren Fehler in ſo liebenswürdiger Weiſe eingeſtand, dies reizende Geſchöpf ſollte eine Furie ſein? Unmöglich! Lieber leugnete er Alles, was ſeine Ohren gehört hatten, als daß er den Glauben an ſie aufgegeben hätte. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen noch in's Geſicht ſehen ſoll,“ ſagte Amanda, mit der freien Hand ihr reizendes Geſicht bedeckend.„O ich weiß, wie un⸗ artig ich geweſen bin. Bitte, verzeihen Sie mir. Es macht mich immer nachher ſo krank. Ich entgehe ja niemals meiner gerechten Strafe—“ „Sprechen Sie nicht von Strafe,“ ſagte Frederick. Er war bereit, einen heiligen Eid darauf abzulegen, daß von ihren Lippen nur liebe, gute Worte kommen könnten. Miß Manda ſeufzte leiſe und ſchüttelte den Kopf. „Ich bin ſehr heftig. Von Kindheit auf bin ich's geweſen, und gerathe ich dann in Wuth, ſo ſchadet es meiner Geſundheit. Ich werde daran ſterben müſſen, Mr. Eaſtwood, und es iſt ſchrecklich, wenn man glauben muß, daß das in jedem Augenblicke geſchehen kann.“ Und wieder ſeufzte ſie leiſe. Sie lag in die Kiſſen zurückgelehnt; die Farbe kehrte zwar allmählich in ihre Wangen zurück, aber ein lieblicher Ernſt ruhte auf ihren Zügen. Wie war es denkbar, daß dieſe zarte Hand das Tintenfaß nach Tantchen geſchleudert hatte? Wohl war auf dem Teppich ein großer ſchwarzer Fleck, an dem das Dienſtmädchen eben noch eifrig beſchäftigt war, auch auf Tantchens Kleid ſah man etwas Aehnliches, aber nein— das war nur Zufall. So dachte wenigſtens Frederick. Er redete ſich ein, er habe ſich getäuſcht. Wie leicht auch fällt ein Tintenfaß von ſelbſt um! Er zog ſeinen Stuhl dichter an das Sopha und frug, was er thun könne, um ſie etwas zu unterhalten. Sollte er ihr viel⸗ leicht vorleſen? „O nein, wenn Sie nur ſo kurze Zeit bleiben können, ſo plaudern Sie lieber mit mir,“ ſagte Amanda.„Er⸗ zählen Sie mir etwas von der Stadt. Ich haſſe dies kleine abſcheuliche Neſt, wo nie etwas Beſonderes geſchieht. Wenn einmal Jemand ſtirbt, ſo gilt das noch für eine Unterhaltung. Ja, kommen Sie, Mr. Eaſtwood, ſetzen Sie ſich hier zu mir. Es iſt zu hübſch, ein wenig mit ————— ————— —— 157 Ihnen über das Leben in London ſprechen zu können. Erzählen Sie mir Alles, was Sie wiſſen.“ Um die Wahrheit zu geſtehen, Frederick war nicht ſehr bewandert in Stadtgeſchichten. Was man auf ſeinem Club erzählte, war nicht für Damenohren geeignet, und doch theilte er ihr auf ihr Drängen einige Anecdoten mit, die er dort gehört hatte. Ihr lebhaftes Intereſſe be⸗ lohnte ihn, er fühlte ſich geſchmeichelt, und ihre Schön⸗ heit übte wieder den vollen Zauber auf den verblendeten jungen Mann aus. Alle Vernunft ſchwand ihm an der Seite Amanda's. Er dachte nur daran, wie er ſich ihrer verſichern, wie bald er ſie heirathen und dies himmliſche Geſchöpf auf ewig an ſich feſſeln könnte. Wenn es nur thunlich geweſen, Frederick hätte ſie am liebſten gleich geraubt und mit ſich genommen. So aber brachte er wenigſtens ſeine Werbung in der erſten freien Minute in Ausdrücken der glühendſten Leidenſchaft vor. Er könne nicht ohne ſie leben, ſagte er, ſich von ihr zu trennen, wäre ihm undenkbar. Wolle ſie denn kein Erbarmen mit ihm haben?— So ſtürzte ſich der unglückliche junge Mann, trotz der mancherlei Warnungen ſeines Schutz⸗ engels, unrettbar hinein in ſein Verderben. Elftes Kapitel. Was die Familie darüber dachte. Amanda war nicht ſo ungeſtüm wie ihr Liebhaber. Sie zeigte ſich zurückhaltend gegen ihn. Obgleich ſie herzlich froh war, einen Verehrer wie Frederick Eaſtwood zu ihren Füßen zu ſehen, ſo verrieth ſie doch durchaus keine übertriebene Eile, ſich ihre Eroberung auf immer zu ſichern. Was ſie aber nicht that, das vollbrachte der Vater, dem dieſe Verbindung vor Allem am Herzen zu liegen ſchien. Amanda war ſich auch viel zu ſehr der Macht ihrer Reize bewußt, um ſich eine außergewöhnliche Freude über den Antrag eines vornehmen jungen Mannes merken zu laſſen. Ihr Zögern, ehe ſie ihre Einwilligung endlich gab, brachte Frederick faſt zur Verzweiflung. Ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, daß er bis Montag bei ihr blieb, daß er den Vater und Alles, was Amanda umgab, mehr als je verwünſchte und daß ſeine Leidenſchaft für 159 ſie an Feuer und Stärke noch zunahm, trotz ihres koketten Spiels und ihrer Unentſchloſſenheit, ob ſie ſeinen Antrag annehmen ſollte. „Ich kenne Sie ja erſt ſeit ſo kurzer Zeit,“ hatte ſie geſagt. „Und ich kenne Sie auch nicht länger,“ rief Frederick. „Aber das iſt etwas ganz Anderes,“ ſagte ſie, de⸗ müthig die Augen niederſchlagend;„das Glück einer Frau hängt noch viel mehr davon ab, als das Glück eines Mannes.“ Dieſe Rede paßte recht hübſch zu dem ganzen Spiel, das ſie mit ihm trieb. Freilich wenn man bedenkt, daß dieſelbe Frau erſt Tags vorher in vollſter Wuth ein Tintenfaß nach Jemand geſchleudert hat, ſo ſteigen doch leiſe Zweifel in uns auf. Leider wurde aber der un⸗ glückliche junge Mann durch ſolche Reden nur immer verliebter. Je zurückhaltender ſie war, umſo eifriger drängte und betrieb er ſeine Werbung. Denn noch an⸗ dere Gründe als die Liebe allein beſtimmten ihn zu dieſer Eile. Er war ein ſtolzer Mann, der die vielen Demüthi⸗ gungen, die er ſich jetzt von Batty gefallen laſſen mußte, nur um ihretwillen hinnahm. Er haßte und verachtete den Mann, der ihn in ſeiner Schwäche erkannt und ge⸗ ſehen und ſich in ſein Vertrauen geſchlichen hatte. Jeden 160 Menſchen würde er um des Willen gehaßt haben, aber Batty's Character war ihm auch ſonſt in jeder Hinſicht zuwider. Seine Herzlichkeit, die Vertraulichkeit, die er dem künftigen Schwiegerſohne gegenüber zeigte, die hohe Befriedigung, die er äußerte, die guten Wünſche, die er unumwunden gegen ihn ausſprach, das Alles war ihm gleichmäßig von Grund aus verhaßt. Bisweilen konnte er ſeinen Abſcheu kaum in Amanda's Gegenwart ver⸗ bergen und deshalb war er auch, als die Zuſtimmung des Mädchens ihm ſicher, ſo ungeduldig, ſie ſobald als irgend thunlich zu heirathen, ſie mit ſich fortzunehmen, ſoweit als möglich weg von dem gemeinen Menſchen, der doch ihr Vater war. Und blind wie er war, glaubte er auch, ſobald nur Amanda die Seine wäre, alles nach ſeinem Willen modeln zu dürfen. Er war feſt überzeugt, dann alle Bande des Blutes mit Leichtigkeit löſen, ihre Heftigkeit zügeln und alles Uebrige ſich unterordnen zu können. War nur erſt Amanda mit ihm verheirathet, dann mußte ſich ja Alles ebenen. Nun endlich war er denn in aller Form als Bräutigam angenommen worden, freilich nicht eher, als bis er noch verſchiedene Male die Reiſe nach Sterborne am Sonnabend und Sonntag ge⸗ macht hatte; erſt dann wurde ihm die beſeligende Gewiß⸗ heit. Unterdeſſen war ſeine Familie in völliger Unge⸗ wißheit über ſein Thun und Treiben geblieben, obgleich —— 161 ſie Alle ahneten, daß etwas im Werke war, und nur gar zu gern ſein Geheimniß errathen hätten. Dick und Ernſt Molyneux, dem natürlich Nelly ihre Beſorgniſſe mitgetheilt hatte, kümmerten ſich ernſtlich um die Ange⸗ legenheit, und da Ernſt Frederick einmal an der Station getroffen, Dick wiederum durch einen Schulfreund viel über Sterborne und Batty gehört hatte, ſo combinirten die Damen, denen dieſer Name noch lebhaft im Gedächt⸗ niß geblieben war, ganz richtig. Die große Schönheit der Tochter des Landarztes— da war ja das Räthſel gelöſt. „Ich will Dir was ſagen, Mama,“ ſagte Dick; „mein Freund Trevor, der in Sterborne wohnt, hat mich ſchon ſo oft gebeten, einmal Sonnabend mit ihm nach Hauſe zu fahren. Ich will's thun, will ſie ſehen, und dann erzähle ich euch Alles.“ Alle fanden den Vorſchlag vortrefflich, und die Ge⸗ müther waren in keiner geringen Aufregung bis Dick wieder zurück kam. Mrs. Eaſtwood quälte ſich mit den verſchiedenſten Vermuthungen ab, was für ein Mann jener„Landarzt“ wohl ſein könnte. Ernſt Molyneur behauptete, man müſſe ganz ernſthaft mit Frederick ſprechen und ihn von einer ſolchen Verbindung abzuhalten ver⸗ ſuchen. „Denn nicht allein, daß Frederick's eigner Ruf da⸗ Oliphant, Innocenzia. II. 162 runter leidet, auch wir, alle ſeine Verwandten, werden mit hineingezogen,“ ſagte der junge Mann ſehr ſcharf, um der Mutter ihre Pflicht,„ſtreng“ mit dem Sohne zu reden, klar zu machen. Aber Mrs. Eaſtwood nahm ihm den eindringlichen Ton ſehr übel und äußerte ſich darüber ſpäter gegen Nelly: „Ernſt ſcheint zu befürchten, daß ſeine Verbindung mit uns ihm hinderlich werden könnte.“ „O Mama, weshalb beurtheilſt Du Ernſt immer ſo hart?“ rief das arme Mädchen. Sie fühlte aber trotz⸗ dem ſelbſt deutlich genug, wie ſehr ihr Verlobter über Frederick's, einſtweilen nur geahneten, Schritt böſe war, und ſein Aerger drückte auch wieder auf ihre eigene Stimmung. Nelly war oft herzlich unglücklich. Endlich kam Dick zurück, mit einem tüchtigen Schnupfen und allgemein menſchenfeindlichen Geſinnungen, und ſein Bericht diente nicht dazu, die Herzen der Seinen freudiger zu ſtimmen. „Na, geſtern traf ich den Frederick in Sterborne,“ ſagte er.„Der fuhr mich an! Ich wäre wohl als Spion ausgeſchickt worden? Ich frug ihn, woher ich es denn erfahren ſollte, wo er ſich im Geheimen amüſirte? Ich wohnte bei den Trevors, die mich ſchon oft einge⸗ laden hätten. Er gab mir einen brüderlichen Gruß, d. h. es klang wie:„Verwünſchter Kerl,“ ſagte aber nichts 163 weiter, ſondern ging wüthend davon. Ich fühlte mich auch nicht ſehr ſchlau, denn eigentlich war ich doch ſo eine Art von Spion.“ „In dieſem Lichte habe ich Deine kleine Reiſe nie betrachtet,“ ſagte die Mutter.„Du ſollteſt nur etwas über Miß Batty und ihre Familie zu ſuchen, nicht Frederick's Wege ausſpähen.“ „Ach ja, Miß Batty!“ ſchrie Dick und wurde faſt athemlos bei der Erinnerung.„Sie iſt ein dickes, großes Stück Fleiſch mit rothen Backen und lockigen Haaren, die ihr bis in die Augen herunterhängen,“ erzählte der Junge. „Von der Stirne ſieht man faſt gar nichts mehr, Grübchen hat ſie in den dicken Backen, und ihre Figur iſt wie ein Federbett— in der Mitte iſt etwas darum gebunden, damit nur eine Taille daraus wird. Schön? Ja, wenn ihr das ſchön nennt!“ Dick hatte nun einmal nur Geſchmack für das Zarte, Aetheriſche. Amanda's brillante Geſtalt, die vollen Schultern waren in ſeinen Augen nur eine Maſſe roth und weißes Fleiſch. Mutter und Schweſter geriethen außer ſich bei der Beſchreibung. Mrs. Eaſtwood ſchrie faſt laut, als er vom„Federbett“ ſprach, und Nelly for⸗ derte den Bruder ernſtlich auf, die Wahrheit zu reden, denn gewiß wäre ſie ſehr ſchön. 164 „Wie Du willſt,“ ſagte Dick,„mir kann's gleich ſein.“ „Sie iſt doch wenigſtens fein in ihrer Erſchei⸗ nung?“ „Nun ja, wenn das möglich iſt. Sie wiegt min⸗ deſtens zwölf Centner, nicht ein Loth weniger.“ „Wenn das Alles iſt, was Du gegen ſie vorbringen kannſt,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, die ſelbſt ziemlich viel wog,„ſo ſchwatze keinen Unſinn mehr, lieber Junge. Die Leute haben nun einmal verſchiedene Begriffe von Schönheit. Was iſt aber der Vater, der Doctor, für ein Mann? Sage mir das, davon hängt ſo viel ab.“ „Ihr Vater, der Doctor?“ ſagte Dick mit geſteigerter Verachtung und hielt eine Weile inne; dann aber fuhr er fort:„Ein Wucherer iſt er und Pferdehändler, ein ganz characterloſer Kerl, das Geſpött des ganzen Ortes!“ Die Mutter ſchrie laut auf; Nelly wurde kreideweiß. Wenn Ernſt dies erfuhr, wie würde er ſich durch eine ſolche Verbindung gedemüthigt fühlen! O dieſer Gedanke war unerträglich bitter für die arme Nelly. „Iſt das auch wirklich wahr, Dick?“ frug ſie mit bebender Stimme.„Irrſt Du Dich auch nicht?“ „Ich will an die alte Miß Eaſtwood ſchreiben,“ ſagte die Mutter. Es lag für ſie ſchon eine Art von Troſt darin, gleich etwas in der Sache thun zu können, wäre es auch nur, um ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen. „Was ſoll denn das nützen?“ rief Dick, den es ver⸗ letzte, daß man ſeinen Bericht offenbar in Zweifel zog; und allerdings würde der Brief an die alte Dame nichts oder ſehr wenig bewirkt haben, dennoch folgte die arme Mutter dem augenblicklichen Gefühle und ſchrieb. Doch ehe noch der Brief fertig war, erſchien Mr. Vane, um einen Beſuch zu machen Als dieſer hörte, wo Dick ge⸗ weſen und wo er ſich den furchtbaren Huſten und Schnupfen geholt hatte, erging er ſich in heiterer, leichter Weiſe über Sterborne, ohne auch nur zu ahnen, wie wichtig dieſer Ort ſpeben ſeinen Zuhörern geworden war. „Ja, ich kenne die Gegend ſehr genau,“ ſagte er, „ich war befreundet mit Ihren Verwandten, den Eaſt⸗ woods dort und beſitze ſogar ſelbſt ein kleines Gütchen dicht bei Sterborne, wo meine Schweſter ſich ſehr gern aufhält. Der Dom iſt ſehenswerth.“ „Kennen Sie vielleicht dort Jemand, der Batty heißt?“ rief Nelly haſtig. Sie hatte ſo ein unbegränztes Vertrauen zu dem Manne gefaßt, der ſie immer mit ſo gütigen und mitleidigen Blicken anſah, was ihr, ſie wußte ſelbſt nicht warum, ebenſo ſchmeichelte als es ſie be⸗ ruhigte. 166 „Ellinor!“ rief die Mutter entſetzt; aber es war zu ſpät. „Batty? O ja, ich kenne den Batty. Die männ⸗ liche Jugend ringsum kennt ihn ſehr wohl,“ ſagte Mr. Vane,„aber ich ſtaune, daß Sie nach ihm fragen. Doch, warten Sie, jetzt weiß ich es, er hat eine ſchöne Tochter.“ „Alſo ſchön iſt ſie doch?“ rief Nelly. „Roth und weiß, Fleiſch und Blut, eine dicke Hol⸗ länderin!“ ſchrie Dick, der ſich zu ſeiner Selbſtverthei⸗ digung mit in's Geſpräch miſchte. „Wir ſind wohl alle von Fleiſch und Blut,“ lachte Mr. Vane,„aber im Grunde ſtimme ich Dick's Anſicht bei. Trotzdem bleibt ſie immer ein ſchönes Geſchöpf. Aber ſeelenlos ſcheint ſie zu ſein. Es ging einmal die Rede, ſie ſei mit einem Ihrer Vettern, einem Baron Eaſt⸗ wood verlobt, wahrſcheinlich einem jüngeren Bruder. Wie ſich die Sache wieder gelöſt hat, weiß ich nicht.“ „Davon habe ich auch gehört,“ ſagte Dick beleidigt, „aber natürlich auf meinen Bericht legt Niemand Werth. Ihnen glauben ſie Alles.“ „In der That,“ fuhr Mr. Vane fort,„ich kann Ihnen darüber nichts Genaues ſagen. Aber derartige Geſchichten ſind immer etwas unangenehm, wenn nicht ehrenrührig für einen oder den andern Theil. Jedenfalls 167 iſt es gut, daß Ihr Vetter ſich mit heiler Haut aus der Affaire gezogen hat.“ Aus der tiefen Stille, die dieſen Worten folgte, aus dem Blicke, den die Mutter mit Nelly wechſelte, er⸗ kannte der ſcharfſinnige junge Mann ſofort, daß hier noch mehr vorlag. Er brachte daher das Geſpräch mit großer Gewandtheit auf eine andere Bahn, und nach einer Weile zog ſich Mrs. Eaſtwood mit dem armen Dick zurück, deſſen Schnupfen ihn zu allzu ſtörenden Kundgebungen zwang. Nelly und er blieben eine Weile ſchweigend beieinander. Mr. Vane hatte es gern, daß ihm das junge Mädchen mit dem Vertrauen einer Ver⸗ wandten entgegen kam. Er fühlte ein warmes Intereſſe für Relly und konnte nur nicht begreifen, was ſie eigent⸗ lich an Ernſt Molyneux Beſonderes gefunden hatte, den er für durchaus unbedeutend hielt. Endlich ſagte Nelly haſtig: „Was dieſen Mr. Batty betrifft, Mr. Vane, bitte, verzeihen Sie, wenn ich Sie mit meinen Fragen beläſtige, aber ſagen Sie mir, halten Sie es wol, nach dem wie Sie ſich über die Löſung des Verhältniſſes zwiſchen meinem Vetter und Miß Batty geäußert haben, für eine Schande, mit den Battys überhaupt bekannt zu ſein?“ „Schande iſt ein gar hartes Wort,“ ſagte Mr. Vane. „Ich glaube kaum, daß ich mich in dieſem Falle ſo ſtark 168 ausdrücken würde; aber meinem Gefühl nach möchte ich allerdings nichts mit dem Vater zu thun haben, noch weniger aber, verzeihen Sie, mit der Tochter.“ „Der Tochter?“ „Jo wohl. Es mag rauh klingen, aber ſie iſt grade ſo ein Mädchen das der Fluch eines Mannes werden kann. Schön, leidenſchaftlich, ungebildet, ohne Grund⸗ ſätze, denkt ſie nur an den Augenblick und ſeinen Genuß. Solch' ein Weſen iſt furchtbar. Die Sirenen ſind Nichts im Vergleich mit ihr. Solch eine Frau aber übt einen entſetzlichen Einfluß auf das Leben eines Mannes aus—“ „O Mr. Vane!“ rief Nelly entſetzt, die ſeinen Worten in faſt athemloſer Spannung gefolgt war. Dann brach ſie in heftiges Weinen aus und rang die Hände, indem ſie rief:„Ach armer, armer Frederick!“ Mr. Vane erhob ſich raſch. „Miß Eaſtwood,“ hub er an,„ich will gar nichts gehört haben, ich—“ aber da ſah er auf die weinende Nelly, und das Männerherz ſchmolz.„Wenn es Ihnen aber irgendwie eine Erleichterung verſchaffen kann, ſich gegen mich auszuſprechen, ſo brauche ich Ihnen wol nicht erſt zu ſagen, daß Sie ſich auf mich verlaſſen können.“ Er war bei dieſen Worten dicht zu dem Mäd⸗ chen hingetreten. Sie blickte vertrauensvoll zu ihm auf. „Ja, das weiß ich,“ ſagte Nelly und faltete die — E 169 Hände.„Sie ſind ein Mann, ein Verwandter von uns, Sie werden das Alles noch beſſer verſtehen als wir Frauen. Könnten Sie nicht mit ihm darüber ſprechen, Mr. Vane?“ Er ſah ſie an und ſchüttelte den Kopf. Was ſollte er ſagen?„Ich bin ihm nicht befreundet, und in ſolche Angelegenheiten darf ſich höchſtens ein Freund miſchen,“ ſagte er zögernd,„und auch das würde nur wenig nützen. Wenn ſie ihn wirklich liebt, ſo kann ſie unter ſeinem, unter Ihrem und Ihrer Mutter Einfluß gewiß——“ Nelly unterbrach ihn ſchaudernd. „Ich denke nicht blos an Frederick,“ ſagte ſie mit einem leiſen, halberſtickten Seufzer;„ich bin auch ego⸗ iſtiſch.“ Mr. Vane ergriff plötzlich ſeinen Hut, ſchüttelte ihr die Hand und ſtürzte davon, Nelly begriff nicht, weshalb er ſie ſo ſchnell verließ. Sie hielt ihn plötzlich für ge⸗ fühllos und zürnte ſich ſelbſt, daß ſie ihm ſo viel Ver⸗ trauen geſchenkt hatte. Die letzten Worte waren ihr faſt unbewußt entſchlüpft; aber er konnte doch gar nicht wiſſen, worauf ſie ſich bezogen. Als Frederick an dieſem Abend heimkam, fand eine große Erklärung und Aufklärung ſtatt, die nicht ganz friedlicher Natur war. Er beſchuldigte ſeine Mutter, daß ſie ihm einen Spion nachgeſchickt habe, was nun 170 ſreilich im Grunde nicht ganz abzuleugnen war. Zum Glück war Dick ſchon zu Bett, und an einen Streit zwiſchen den Brüdern nicht zu denken. Als Frederick aber der Mutter und Nelly mit dürren Worten mittheilte, daß er Bräutigam ſei und die Hochzeit in ſechs Wochen ſtattfinden werde, als er den Namen„Amanda Batty“ nannte, da beſtürmten ihn die Frauen mit ihren Klagen und Zweifeln. Er verſuchte zuvor eine glühende Ver⸗ theidigung Amanda's, dann aber verſank er in düſteres Brüten und ſchließlich ließ er die Wogen der Bitten und Beſchwörungen über ſich ergehen, mit dem Gefühl eines Märtyrers für Ehre und Fflicht. Die Debatte endete damit, daß Mutter und Nelly weinten und ihn tröſteten und feſt bei ihm zu ſtehen verſprachen. Sie beſchloſſen der Sache die beſte Seite abzugewinnen und den„armen Jungen“ nicht im Stiche zu laſſen. Wo iſt wohl eine Familie, die nicht in irgend einer Weiſe ähnliche Erfah⸗ rungen gemacht hat? Nur ein Glied der Familie war von der Verlobung und baldigen Heirath Fredericks noch nicht in Kenntniß geſetzt worden, nämlich Innocenzia. Als man es aber that, nahm ſie die Nachricht weit ruhiger auf, als man es erwartet hatte. Sie hatte ſich wohl öfter gewundert, wo nur Frederick immer blieb, ſie war untröſtlich im Garten auf und abgegangen und hatte durch ihr kaltes 171 Schweigen alle Verſuche der Brüder ihn zu erſetzen, ver⸗ eitelt. Beſonders Plantagenet hatte ſich immer ſehr viel Mühe gegeben ſie zu etwas regerer Theilnahme anzu⸗ ſpornen. Er begleitete ſie auf ihren Spaziergängen im Garten und declamirte ihr ganze Abſchnitte aus dem Homer vor. Sie hörte gern zu, obgleich ſie kein Wort davon verſtand; ihr war es doch eine Art Unterhaltung und man verlangte keine Antwort von ihr. Im Grunde aber war ihr Niemand ſonſt von der Familie wirklich lieb; Frederick war immer noch der einzige. Deshalb empfand ſie auch die Trennung von ihm ſo gewaltig ſchwer, und dies Gefühl kam auch endlich eines Abends zum Ausbruch in einem Geſpräche mit Dick. „Frederick wird ſich verheirathen,“ ſagte ſie plötzlich, während ſie zuſammen im Garten ſpazieren gingen. Der gute Junge war ebenſo erſtaunt darüber, daß ſie überhaupt von ſelbſt zu ſprechen anfing, als wenn eine der Steinfiguren am Wege ihm zugenickt hätte. „Frederick? Ja wohl, der wird ſich verheirathen. Dumm genug iſt die ganze Geſchichte!“ rief Dick und machte ſchnell ſein Buch zu. „Was heißt das?“ ſagte Innocenzia wieder. Sie war ſtehen geblieben und ſah ihn mit ihren großen dunk⸗ len Augen feſt an. Der gute Dick meinte, ſie müſſe doch 172 etwas verrückt ſein, daß ſie eine ſolche Frage an ihn richten könne und wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Heißen?“ ſagte er verwirrt. „Heißt es, daß er von hier fortgehen wird?“ ſagte Innocenzia.„Ich kenne eure engliſchen Gebräuche nicht. Wird er fortgehen— und wird er ſie mit ſich nehmen? Kommt er nie wieder hierher zurück? Wird er nie wieder hier wohnen? Das will ich nur wiſſen.“ Natürlich nicht,“ ſagte Dick.„Jedes Kind weiß doch, daß wenn Einer heirathet er mit ſeiner Frau in ein eigenes Haus zieht!“ „Wird Frederick auch ein eigenes Haus haben?“ „Natürlich— ich glaube wenigſtens,— wenn er das Geld dazu hat,“ ſagte Dick. „Und ſie wird immer bei ihm ſein?“ frug ſie nach⸗ denklich. Darauf hin brach Dick in ein unbändiges Gelächter aus, was Itnocenzia ſehr einſchüchterte, obgleich ſie ſich den Grund gar nicht erklären konnte. Ihr Gemüth war von dem einen Gegenſtand ſo gänzlich erfüllt, daß ſie etwas Anderes gar nicht zu faſſen im Stande war. Frederick hatte den Seinigen eine Photographie ſeiner Braut gezeigt, und Innocenzia hatte ſie lange und eifrig betrachtet. Am nächſten Morgen fand man das Bild in Stückchen zerriſſen. Das ganze Haus wurde deshalb 173 in Aufregung gebracht, der junge Mann beſchuldigte Mutter und Schweſter, daß ſie das Bild ſeiner Geliebten vernichtet hätten, aber die beiden Damen vermutheten ganz richtig: Innocenzia hatte es gethan. Nicht heftig, ſondern mit einer gewiſſen Feierlichkeit hatte ſie es ver⸗ nichtet. „Warum haſt Du das Bild zerriſſen?“ frug Nelly ſie einige Tage darnach. „Weil ich ſie nicht leiden kann,“ erwiederte das WMädchen feſt. „Aber Innocenzia, wir dürfen doch weder die Menſ chen ſelbſt noch ihre Bilder zerſtören, wenn wir ſie auch nicht leiden können,“ ſagte Nelly. „Nein,“ ſagte Innocenzia;„aber es wäre beſſer, man könnte ſie zerſtören,“ fügte ſie leiſer hinzu. „Still, ſtill, wie kannſt Du ſo etwas ſagen? Sie hat ja nichts Böſes gethan—“ Das Mädchen antwortete nicht, aber ihr Geſicht nahm einen tiefſchmerzlichen Ausdruck an. Sie wandte ſich von Nelly ab. Ihr Gefühl für Frederick war nicht abge⸗ ſchwächt worden, ſie hegte keinen Groll gegen ihn. Aber eine Empfindung von Verlaſſenheit kam über ſie, wenn ſie an ſein Fortgehen dachte. Nach wie vor hing ſie ſich an ſeinen Arm und ging mit ihm auf und ab, ja ein⸗ mal ſogar, wenige Tage vor ſeiner Hochzeit, wagte ſie 174 das, was die Seinen längſt aufgegeben hatten: ſie machte ihm Vorſtellungen. Plötzlich blieb ſie ſtehen und ſagte:„Frederick! Ich wollte, Du heiratheteſt nicht. Weshalb willſt Du es nur thun? Mir gefällt ihr Geſicht gar nicht. Hätte ich gewußt, daß Du uns ſo bald verlaſſen würdeſt, ſo wäre ich lieber in Piſa ge⸗ blieben. Kannſt Du denn nicht lieber bei uns bleiben, * ohne zu heirathen? Ach bleib' doch bei uns, bitte, bleib!“ Frederick hatte ſie anfangs wie ungläubig ange⸗ ſtarrt,— dann aber brach er in ein tolles Gelächter aus. Es lag etwas Verletzendes in dieſem Lachen, und Innocenzia's Herz zog ſich dabei krampfhaft zuſammen. Sie ging, ohne ein Wort weiter zu ſagen, von ihm fort und ſprach auch nicht mehr mit ihm, bis er abreiſte. Zwölftes Kapitel. nach einem Jahre. Wir überſpringen den Zeitraum von einem Jahre. Frederick war längſt verheirathet, und ſeine Mutter hatte Opfer genug gebracht, um dies zu ermöglichen. Die ganze Verbindung war ihr zuwider, aber dennoch, da dem Anſchein nach das Glück ihres Sohnes davon abhing, gab ſie einen Theil ihres Einkommens zu ſeinen Gunſten auf. Sie mußte deshalb den alten Brown entlaſſen, ihren bewährten Hausmeiſter, und da er bei ſeinem Abgange die Köchin heirathete, ſo wurde durch dieſe Veränderung das Haus von oben bis unten in Unordnung gebracht. Nur langſam kehrte die alle 2 Behaglichkeit zurück, und wenn auch Mrs. Eaſtwood erklärte, es ſei ihr viel lieber, daß nur Dienſtmädchen ſie bedienten und nicht länger der koſtſpielige Haus⸗ meiſter, ſo vermißte ſie doch den treuen Diener ſchmerzlich. . 176 Die Freunde des Hauſes dachten durchaus nicht weniger gut von Mrs. Eaſtwood, ſeit ein Mädchen ihnen die Thüre öffnete; nur die Molyneux rümpften die Naſen und zeigten deutlich, daß ſie ſich herabließen wenn ſie mit der Familie verkehrten. Und das Alles war um Frede⸗ rick's willen geſchehen. Was würde erſt für Nelly auf⸗ gegeben werden müſſen, wenn einmal ihre Zeit kam? Aber Nelly hielt eben dieſe Zeit noch immer fern. Die Sachen ſtanden zwiſchen den beiden Verlobten faſt noch ganz ſo, wie beim Beginn unſerer Erzählung, ſoweit es wenigſtens das junge Mädchen betraf. Ernſt ging und kam, bisweilen heiter und zuthulich wie der Sohn des Hauſes, weit häufiger jedoch machte er ſich unliebſam durch ſpöttiſche oder unfreundliche Redensarten. Unter der Maske der Höflichkeit erhielt die arme Mutter manchen Nadelſtich, und Nelly quälte er mit der ewig wechſelnden Laune des Verliebten. Er ſelbſt hatte durch⸗ aus keinen Schritt gethan, um die Hochzeit zu beſchleu⸗ nigen. Er war noch eben ſo faul wie immer, lungerte in den Klubs herum und bei den Eaſtwood's und hatte nie etwas zu thun. Hin und wieder ſchrieb er einmal einen Artikel in ein Journal und bewahrte ſich dadurch den Ruf einer literariſchen Capacität. Viele glaubten, er müſſe ſich damit eine Menge Geld verdienen, aber er hatte noch keinen Pfennig mehr als damals, da er 177 bei der Mutter um Nelly anhielt. Der Gedanke an eine eigene Häuslichkeit erſchreckte ihn jetzt mehr als früher, da er wußte, daß Nelly von ihrer Seite nicht viel einbringen würde, und ſein eigener Vater ſich gut⸗ müthig, aber ſchlau bereit erklärt hatte, ebenſo viel wie der andere Theil zuzuſchießen, ſobald die jungen Leutchen ſich geeinigt hätten. Dieſen amüſirte überhaupt Ernſt's Lage, und er neckte den Sohn gern mit der„alten Mutter,“ die ſo„zäh“ mit ihrem Gelde ſei. Derſelben Meinung war dieſer auch, und ſeine Abneigung gegen Mrs. Eaſtwood ſteigerte ſich mehr und mehr. Ihr ſo viel als nur möglich abzulocken, war ſein ganzes Dichten und Trachten, denn davon hing der Zuſchuß des Vaters ab. So ſtanden die Sachen in der Zeit, von der wir reden. Mrs. Eaſtwood war aus ihrer früheren Sicherheit aufgeſchreckt worden. Ihr Glaube an die uneigennützige Liebe ihrer Kinder war ſehr erſchüttert. Frederick hatte ſie das tief erkennen laſſen. Aber Nelly? Nein, Nelly war nicht gleicher Geſinnung wie ihr Bruder, aber ihr Bräutigam, das erkannte ſie, würde ſicher kalten Blutes Alles von ihr nehmen und fordern, ſobald jene nur erſt ſeine Frau geworden wäre. Sie fühlte, daß ihre Kinder nicht mehr ihr eigen waren, und dies Gefühl iſt für eine Mutter immer tief ſchmerzlich. Ihr freundliches, 12 Hliphant, Innocenzia. I. 178 rundes Geſicht zeigte Sorgenfalten, die ſonſt nicht dort zu finden waren, und wie ein Schatten lag der Kummer auf ihrer Seele. So hatten die Veränderungen in Haus und Familie das Haupt derſelben getroffen. Nelly fühlte ſich, wo möglich, noch ſchmerzlicher von ihrem früheren, heitern, harmloſen Sein getrennt. Das Leben war jetzt mit Kampf und Noth an ſie herange⸗ treten, an ſie, die früher nur im Sonnenſchein gelebt hatte. Sie war zwiſchen die Mutter und den Geliebten geſtellt worden und ſchwankte bald hierhin bald dorthin. Denn Beiden zu gefallen, war unmöglich, und ſo quälte ſie ſich beſtändig mit Selbſtvorwürfen aller Art. Bald war es die Mutter, bald Ernſt, um deſſenwillen ſie leiden mußte, das arme Kind! Und doch bemühte ſie ſich ſo redlich, die Beiden zuſammen zu bringen. Mit verzeihlicher Schlauheit hinterbrachte ſie beiden Theilen bald dieſes bald jenes freundlich anerkennende Wort, das geſprochen worden. Ja, ſie wurde ein kleiner Mantelhänger aus lauter Liebe. Sie war recht un⸗ glücklich und hatte ihren innern Halt verloren. Bis⸗ weilen ergriff ſie eine Bitterkeit, die ſich faſt zur Ver⸗ achtung ſteigerte, wenn ſie die Unthätigkeit ihres Ver⸗ lobten ſehen und doch ſeine heftigen Ausbrüche gegen die Mutter hören mußte. Er wollte, daß alle Welt für ihn da ſein und um ſeinetwillen jedes Opfer gering achten 179 ſollte, ohne auch nur eine Hand ſelbſt zu rühren. Der Ton, mit dem er darüber oft mit Nelly ſprach, ver⸗ wundete das liebe Mädchen im tiefſten Herzen. „Wir ſind ja jung,“ hatte die arme Nelly wohl einmal zu ihm geſagt:„wir können uns ja mit Wenigem behelfen. Was liegt am Gelde?“ Daran liegt ſehr viel,“ war Ernſt's Antwort. „Wol ſind wir jung, aber gerade deshalb ſollen wir ſorglos leben. Die Alten haben ihr Leben genoſſen. Glaubſt Du, daß ſie ſich noch ſo freuen können wie wir jungen Leute? Dieſe Art von„Hundehütten⸗Philoſophie“ kann ich nun einmal nicht begreifen,“ ſagte der junge Mann, und ſein hochmüthiges Gebahren ließ Nelly's klarere Einſicht ſich ſcheu zurückziehen. Eines Tages ſaß ſie in einem kleinen Arbeitsſtuhl unter der Linde und blickte mit Sorgenfältchen auf der jugendlichen Stirne in das grämliche Geſicht ihres Ver⸗ lobten, der mit ſeinem Stöckchen die jungen Schößlinge der Linde, die ſich wie ein kleiner Wald rings um den Baum erhoben, niederſchlug. Es war Herbſt, und die Blätter fielen. Ernſt hatte die eine Hand in der Taſche, während er mit der andern ſo nutzlos zerſtörte. Nelly ſah wie fragend nach ihm hin. Sie hätte ſo gern ſein Innerſtes ergründet. Noch hielt ſie ihn für beſſer als er wirklich war, aber welches liebende 12* 180 Mädchen hätte das nicht gethan?— Und durch den⸗ ſelben alten Garten, in dem dieſe Zwei ſich befanden, ſchritt zur ſelben Zeit eine andere jugendliche Geſtalt auf und nieder. Es war Innocenzia. Auch ſie war verändert, weniger im Ausdruck ihres Geſichtes, als in der Geſtalt, Haltung und Kleidung. Sie hatte ſich mehr ihrer Umgebung angepaßt und trug jetzt ihr Haar aufgeſteckt, obgleich ſich hier und da noch eine Locke hervorſtahl und eine gewiſſe geniale Unordnung hervor⸗ brachte. Die alte Alice war bei dieſer Umwandlung ihrer Geſtalt Innocenzia's Lehrmeiſterin geweſen. Ihre altmodiſchen Ideen ſagten dem einfachen Sinne der jungen Fremden beſſer zu. Vor Nelly's Anſichten uber Moden, über die hochaufgethürmte Haartracht, hatten Beide, Alice und ihr Schützling, einer wahren Abſcheu. Ihre Kleider waren einfach gemacht, aber der Schnitt war nach der herrſchenden Mode, und ſomit war das erreicht, was Mrs. Eaſtwood immer gewünſcht hatte, daß nämlich Innocenzia nicht„auffallen“ ſollte. Freilich ſagte ſich die Mutter ſelbſt, daß ein bald acht⸗ zehnjähriges Mädchen mit ſolchem Geſichte früher oder* ſpäter auffallen müſſe. Einſtweilen aber trug die Ein⸗ fachheit ihrer Tracht und ihr noch immer ſcheues, ſtilles Weſen dazu bei, daß man ſie als noch nicht der Schul⸗ ſtube entwachſen anſah. Was aber wohl mehr noch als 181 ihre äußere Erſcheinung auffallen mußte, war, daß das junge Mädchen mit einem Buche in der Hand den Baumgang auf und nieder ſchritt. Bisweilen flatterte ein welkes Blatt auf ſie herab, und Innocenzia ſchaute mit einem träumeriſchen Lächeln auf und um ſich, als hoffe ſie, irgend einen guten Kameraden zu entdecken. Doch kehrte ſie dann immer wieder mit einem leiſen Seufzer zu ihrem Buche zurück. Sie gab ſich viel Mühe, klar zu verſtehen, was ſie las und flüſterte es deshalb halblaut vor ſich hin. Eben beſchäftigte ſie ſich mit der Geſchichte der Maria Stuart und der Eliſa⸗ beth. Die Tante hatte ihr Lehrer gehalten. Sie hatte Muſikunterricht bekommen und ſpielte auch ganz hübſch Clavier, wenn auch in einer gewiſſen träumeriſchen Weiſe. Franzöſiſch, italieniſch und ſelbſt ein wenig deutſch konnte ſie ſprechen, Dank ihrer ausländiſchen Erziehung. Was konnte man mehr thun? Sie hatte ſich endlich auch dazu verſtanden, ein Buch in die Hand zu nehmen, denn es hatte ihr weh gethan, wenn man ſie um ihrer Unwiſſenheit willen auslachte. Eben mühte ſich ſie ab, der alten Geſchichte von den beiden Königinnen ein Intereſſe abzugewinnen. Aber ver⸗ gebens, denn das todte, gedruckte Wort vermochte nicht des Mädchens noch immer ſchlummerndes inneres Leben zu wecken. Das Blatt, das vom Baume fiel, der Stein, 182 über den ſie ſtrauchelte, hatten weit mehr Bedeutung für ſie. Sie wandelte unter den Bäumen dahin, die ſchlanke, zarte Geſtalt mit den wunderbaren Augen, gleichſam ein verkörperter Traum.— „Iſt's denn wirklich wahr,“ ſagte Molyneux, in ſeiner Beſchäftigung inne haltend,„daß der alte Longue⸗ ville ſich in das Kind, in die Innocenzia, verliebt hat? Iſt es nicht verboten, ſeinen Großvater zu heirathen? Wie, Nelly? Biſt Du eiferſüchtig? Erſt wollte er Dich haben——“ „Er hat mich nie haben wollen——“ „Oho, dies kannſt Du jetzt leicht ſagen, aber Du weißt wohl, daß er die Urſache war, daß ich um Dich anhielt.“ „Wenn Du eine ſolche wirklich bedurfteſt, ſo iſt es nur Schade, daß Deine Furcht auf einem Irrthum be⸗ ruhte,“ ſagte Nelly, die ſich gereizt und unglücklich fühlte. Aber Molyneur wollte ſich nicht ſtreiten. Er lachte nur leicht. „Vielleicht kann ich darüber am Beſten urtheilen, ob es wirklich ein Irrthum geweſen,“ ſagte er,„aber nichts deſto weniger bewirbt er ſich jetzt um Innocenzia. Haſt Du es auch bemerkt?“ „Er hat etwas der Art zur Mama geſagt, aber nicht genug, um daraus ſchon eine Geſchichte zu machen oder darüber zu ſprechen——“ 183 „Da hörſt du, jetzt kommt es zu einer Kriſis!“ rief Molyneur.„Deine Mutter ruft nach ihrem Pflegekinde, und ich weiß, daß Longueville drin iſt.—— Das wird aber intereſſant! Innocenzia! Innocenzia! Hörſt Du denn gar nicht, daß Dich Deine Tante ruft? Sie hat eine neue Puppe für Dich gekauft,“ ſagte er lachend, als das Mädchen langſam an ihnen vorüberſchritt. „Eine unzerbrechliche Kautſchukpuppe, die ſprechen und gehen kann!— Sie hört gar nicht darauf,“ fügte er enttäuſcht hinzu.„Was träumt die nur immer am hellen, lichten Tage? Sie wird doch den alten Unſinn mit Frederick längſt überwunden haben?“ „Sprich doch nicht ſo leichtſinnig über dieſe Sachen,“ ſagte Nelly noch immer gereizt.„Es hat nie ein Ver⸗ hältniß zwiſchen ihr und Frederick beſtanden. Sie hatte ihn am liebſten, weil ſie ihn zuerſt geſehen hat. Uns hat ſie nie ſo lieb gewonnen; ich weiß nicht, ob die Schuld an uns oder an ihr liegt; aber mit Fre⸗ derick hat ſie nie eine Liebelei angefangen, wie Du zu glauben ſcheinſt.“ „Nun wie Du willſt,“ ſagte der junge Mann luchend,„Du biſt heute ein kleiner Widerſpruchsgeiſt. Du biſt eiferſüchtig, Nelly, und deshalb verſtimmt. Freilich Lady Longueville zu ſein, mit Allem was das 184 Herz begehrt, iſt nicht zu verachten. Und das Alles für die kleine Couſine!“ Nellys Augen flammten, aber ſie war durch Er⸗ ziehung und Erfahrung klug geworden und hatte gelernt, ſich ſelbſt zu bezwingen. Sie ſtand auf und ging einige Schritte, wie um Innocenzia nachzuſehen, die eben jetzt langſam durch die Glasthüre in das Wohnzimmer verſchwand.„Armes Kind!“ ſagte ſie leiſe. Aber ſie dachte dabei mehr noch an ihr eigenes Selbſt, an ihre Unklarheit, ihre Zweifel, ihre kälter gewordene Empfin⸗ dung und die jetzt ſo häufige Gereiztheit. Innocenzia würde ein ſolches Schickſal nicht erfahren, dachte ſiez aber ſie vergaß dabei, wie wenig geeignet Sir Alexis war, ein junges Mädchen mit Liebe zu erfüllen.„Ich bin begierig, was ſie ſagen wird,“ murmelte ſie, immer noch nach dem Fenſter blickend, durch welches die Andere eingetreten war. „Sagen? Nichts! Das iſt ja der Vortheil der Schweigſamkeit. Sie wird ſich ſchweigend Alles gefallen laſſen. Sie iſt aber ein Glückskind, das muß wahr ſein, und Deine Frau Mama muß ihre Karten ſehr gut gemiſcht haben,“ ſagte Molyneux lobend.„Da Du und ich ihre erſten Pläne durchkreuzten, fing ſie ihn für ihre Nichte ein. Du ſiehſt ſo böſe drein? Ich halte Mama für ſehr klug in dieſem Falle.“ — — 185 „Ernſt,“ ſagte Nelly ſchnell,„ich bitte Dich Seh jetzt. Wenn Du das nicht thuſt, ſo weiß ich ganz gewiß, daß wir uns zanken werden, und ich möchte das doch nicht gern,“ rief das Mädchen, mit Thränen in den Augen.„Bitte, geh' jetzt!“ „Aber, Nelly, Du biſt ja in ſchlechter Laune——“ „Ich bin bis in's innerſte Herz hinein ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne—.“ „Nicht ohne Liebe!“ ſagte er, indem er ihre Hand in ſeinen Arm zog. Er wenigſtens liebte ſie, und Nelly weinte und ließ ſich von ihm tröſten. War ſie nicht für's Leben an ihn gebunden? War es nicht ihre Pflicht ſtill zu halten, zu dulden und zu harren, bis Alles ſich zum Beſten wendete? Alle dieſe Gedanken zogen durch des Mädchens Seele, während heiße Thränen ihr Herz erleichterten; aber der geheime Kummer blieb doch darin. Dreizehntes Kapitel. Ein Heirathsantrag. Innocenzia trat, ganz ahnungslos deſſen was ihrer harrte, in das Wohnzimmer, welches nach dem Sonnen⸗ ſchein draußen ſchattig und düſter erſchien. Die Blumen aus dem Treibhauſe ſchauten zum Fenſter herein, und Innocenzia's eigenes Bild trat ihr gleichſam in dem großen gegenüberhängenden Spiegel entgegen. Mrs. Eaſtwood erhob ſich von dem Sopha, auf welchem ſie neben Sir Alexis geſeſſen hattte. Sie faßte des Mädchens Hand. In der andern hielt Innocenzia noch immer ihr Geſchichts⸗ buch feſt. Die Tante blickte liebevoll und ängſtlich in des Mädchens Geſicht. „Ob ſie es wohl verſtehen wird?“ ſagte ſie, ſich an Longueville wendend, der ſich ebenfalls erhoben hatte. „Ich glaube es ihr klar machen zu können,“ ſagte er. Und nun zog Mrs. Eaſtwood ihre Nichte zärtlich in die ——— ——— 187 Arme und küßte ſie. Innocenzia war ſeither ſchon etwas an die Gefühlsäußerungen ihrer Verwandten gewöhnt worden, aber dieſer Kuß war ihr doch gänzlich unerklär⸗ lich. Die ganze Atmoſphäre im Zimmer, das Flüſten der Beiden, Alles ſchien ihr etwas anzukündigen, aber was, vermochte ſie ſich nicht auszudenken. Wollte man ſie fortſchicken? Sie blickte nicht ohne leichte innere Er⸗ regung und leiſe zitternd von der Tante zu Sir Aleris hinüber. Dann küßte dieſe ſie abermals, und zwar mit Thränen in den Augen. „Sir Alexis hat Dir etwas zu ſagen, Innocenzia. Schenke ihm Deine Aufmerkſamkeit,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood,„und wenn Du mich brauchſt, ſo findeſt Du mich im Speiſeſaal. Mein armes, liebes Kind— Gott ſegne Dich!“ rief die weichherzige Frau und verließ ſchnell das Zimmer. Nun trat Sir Alexis vor und ſah ſie mit ſo ſeltſamen Blicken an, wie Innocenzia wenigſtens glaubte, als ob er ihr etwas Entſetzliches mitzutheilen habe. Auch er faßte ihre Hand, führte ſie dann zum Sopha und ließ ſich neben ihr nieder. „Innocenzia!“ ſagte er weich. Sie ſah ihn mit verſtörten, ängſtlichen Augen an. Sie war doch anders geworden. Hätte man ſie gefragt, ob ſie ihre Verwandten liebte, ſie würde vielleicht keine Antwort gefunden haben; aber der Gedanke, ſie vielleicht 188 Wehgefühl. Wieder allein in der fremden Welt, das war ja fürchterlich!„Soll ich fortgeſchickt werden?“ rief ſie.„Wollen Sie mir das ſagen?“ und eine Todesangſt, von der ſie ſich nicht befreien konnte, bemächtigte ſich ihrer. „Fortgeſchickt? Nein, das wäre das Letzte, was ich Ihnen ſagen möchte,“ ſagte er, und in ſeinen Augen ſchimmerte etwas, was ſie überraſchte und verwirrte. In ihrer kindlichen Einfalt verſtand ſie es zwar nicht, aber es rührte ſie doch gar ſeltſam. Ihre thörichte Angſt ſchwand unter dem Blicke. Jenes träumeriſches Lächeln, mit dem ſie die fallenden Blätter vorhin betrachtet, flog wieder über ihre Züge. Dies Lächeln war eine Eigen⸗ thümlichkeit des jungen Mädchens. Es rührte manche Leute zu Thränen, Andere berührte es unheimlich. Es war, wie wenn Jemand im Traume lächelt. Den alten Weltmann an ihrer Seite entwaffnete dies Lächeln ganz und gar. Es lag darin bei allem Unentwickelten doch die reine göttliche Unberührtheit des ewig Weiblichen. Ihr ganzes Weſen ſtand überhaupt jetzt wie auf der Grenze zwiſchen Himmel und Erde. Wohin ſich die Wagſchale neigen würde, ſchien unmöglich vorher zu ſagen. „Innocenzia,“ ſagte er weich und hielt erſt eine Weile inne, ehe er fortfuhr:„Ich bin ſo alt wie Ihr Vater.“ verlaſſen zu müſſen, ergriff ſie mit einem ſchmerzlichen 189 „Ja,“ entgegnete ſie. „So alt wie Ihr Vater, und Sie ſind nur ein Kind im Vergleich zu mir. Jung an Jahren, jünger noch an Erfahrung.“—„Sagen Sie das, weil ich nicht ſehr klug bin?“ ſagte Innocenzia, mit einem ſchmerzlichen Blicke. „Nein, durchaus nicht. Ich will gar nicht, daß Sie „klug“ ſein ſollen. Ich will Sie grade ſo wie Sie ſind——“ Das Mädchen blickte wieder mit dem ſanften, rüh⸗ renden Lächeln zu ihm auf und machte ſogar eine Be⸗ wegung, als ob ſie ihre Hand in die ſeine legen wollte, zum Beweis ihrer Freude über das Geſagte. Sie hielt ſich aber zurück, denn ſie hatte doch ſchon gelernt, daß man mit ſolchen Gefühlsäußerungen vorſichtig ſein müſſe. Sir Alexis war immer ſehr gut gegen die junge Fremde geweſen. Er hatte ſie wie ſein Lieblingskind verzogen und verwöhnt, hatte ihr Blumen, Früchte und hübſche Geſchenke gebracht und hatte nie ein tieferes Verſtändniß oder eine Erwiederung verlangt, außer ein Lächeln. Mit ihm fühlte ſie ſich gar nicht fremd und verlegen. Es fiel ihr auch nicht ein, danach zu fragen, was er eigentlich von ihr wolle. Aber gerade dieſe völlige Unbe⸗ fangenheit erſchwerte die Aufgabe des alternden Mannes, der als Liebhaber auftrat, um ein Weſentliches. Er blieb eine Weile ſtumm neben ihr ſitzen und ſah ſie ſchweigend 190 an. Er, der Weltmann, wußte nicht, wie er dieſem Kinde ſeine Wünſche klar machen ſollte. Ihr unbefangener Kinderblick ſchüchterte ihn ein. Einſchüchtern? Schon die Idee kam ihm lächerlich vor, und doch, ſobald er wieder auf Innocenzia blickte, fühlte er ſich eingeſchüchtert. „Innocenzia,“ ſagte er,„ich habe Ihnen viel zu ſagen, aber Sie ſind noch ſo— jung, daß es mir ſchwer wird, es zu thun. Sie befürchteten ſo eben, daß man Sie fortſchicken würde. Haben Sie noch niemals daran gedacht, daß eine Zeit kommen könnte, wo Sie mit freiem Willen dieſes Haus verlaſſen würden?“ „Ich? Wohin ſollte ich gehen?“ frug das Mädchen. „Ich wäre gern in Piſa geblieben, aber jetzt weiß ich es beſſer. Ich habe weder Geld noch Heimath, ich muß hier bleiben. Auch will ich gar nicht fort von hier. Es iſt hier am Beſten.“ „So lieben Sie alſo Ihre Verwandten?“ Innocenzia machte eine kleine Pauſe, ſah ihn dann an, als ob ſie ergründen wolle, was er eigentlich damit meine, darauf ſagte ſie einfach,„Ja,“ und Sir Alexis, der erfahrene Mann, wurde roth unter dem kindlichen Blick des Mädchens, der ihn zu durchſchauen ſchien, ob⸗ gleich das in Wirklichkeit nicht der Fall war. Sie hatte ſich ja niemals ſelbſt gefragt, ob ſie die gütigen Menſchen liebte, die ſie umgaben; deshalb erfolgte auch auf die 191 überraſchende Frage nur die einfache kühle Bejahung, ohne allen mädchenhaften Enthuſiasmus und ohne Ueberſchwäng⸗ lichkeit. „Aber Ellinor liebt ihre Mutter wohl noch mehr, als wie Sie ſie lieben,— dennoch denkt ſie daran, ſie S verlaſſen— „Nelly? O ja, wenn Sie ſich verheirathet,“ er⸗ wiederte das Mädchen lebhaft. 3 „Und Sie werden ſich auch einmal verhei⸗ rathen.“ „Ich?“ ſagte ſie lächelnd.„Nein, ich glaube es nicht. Weshalb auch? Es giebt viele Leute, die nicht heirathen, und Andere——“ hier hielt ſie inne, und ein düſterer Schatten flog über ihr ſchönes Geſicht. Sir Alexis folgte der Richtung ihrer Augen, ſie hafteten auf einem Bilde Frederick's, wie er meinte, und dieſe Entdeckung berührte ihn ſchmerzlich. „Manche hätten allerdings beſſer gethan, gar nicht zu heirathen,“ ſagte er.„Aber nun ſprechen Sie, Inno⸗ cenzia, was würden Sie ſagen, wenn ich Sie fragte, ob Sie mich heirathen wollten?—“ „Sie?“ Heiter, mit der größten Unbefangenheit, die ihn jedoch noch viel mehr aus dem Gleichgewicht brachte, als jede andere Gefühlsäußerung, ſah ſie ihn an. „Ich ſpreche im Ernſte,“ ſagte er faſt ungeduldig 192 und drückte ihre Hand ſo ſtark, damit ihre Aufmerkſam⸗ keit auf ihn gerichtet würde.—„Ich wünſche, daß Sie darüber nachdenken möchten, was ich Ihnen geſagt habe. Hier leben Sie als abhängige, wenn auch ſehr geliebte Verwandte. Die Zeit dürfte jedoch kommen, wo Sie dieſe Abhängigkeit als eine Laſt empfinden. Ich bin reich, und alle dieſe Reichthümer möchte ich Ihnen zu Füßen legen. Sie ſind ein armes Mädchen, Innocenzia; wenn Sie mir dieſe kleine Hand für das Leben überlaſſen wollten, ſo würden Sie eine vornehme, vielbeneidete Dame werden, Sie könnten thun und laſſen, was Sie wollten, reiſen, wohin Sie wünſchten, ja auch nach Piſa. Ich würde Alles thun, um Ihnen Freude zu machen, denn ich liebe Sie ſehr, Innocenzia,“ ſagte der Weltmann, und ſeine Stimme bebte, dem Kinde gegenüber. Wie ſeltſam! Sie blieb ſo ruhig, ſo unberührt bei dieſer Werbung, während er, der geiſtreiche Mann, auf⸗ geregt, ängſtlich und verlegen war. Er hatte es ſich allerdings anders gedacht. Er hatte geglaubt, er dürfte nur die Hand ausſtrecken, und die ſchöne Blume wäre ſein; aber als er jetzt in das ſtille, ſchöne Blumengeſicht blickte, erſchien es ihm durchaus nicht mehr ſo leicht, ſie zu gewinnen.„Und haben Sie keine Antwort für mich?“ ſagte er faſt demüthig, ihre ſchlanke Hand noch immer zwiſchen den ſeinen haltend. 193 „Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verſtanden habe,“ ſagte das Mädchen langſam und ſinnend. „Aber geben Sie ſich Mühe, mich zu verſtehen, liebes Kind! Ich will Sie heirathen,— Sie ſollen mein ge⸗ liebtes, geehrtes Weib werden.“ „Heirathen— wie Frederick und—2“ frug Inno⸗ cenzia, und ein Schauder flog über die zarte Geſtalt. „Ach— wie jeder Mann,“ ſagte er ungeduldig. „Innocenzia, Sie ſind durchaus nicht ſo einfältig, als Sie ſich ſtellen. Sie müſſen mich verſtehen. Haben Sie mich gern? Beantworten Sie mir dieſe Frage zuerſt.“ „Ja,“ ſagte Sie ruhig und ſah ihn dabei mit den großen, klaren Kinderaugen an. „Wollen Sie mich heirathen? Einfach geantwortet, mit Ja oder Nein.“— „Bitte, nein!“ ſagte das Mädchen ängſtlich.„Bitte, nein!“ Die kleine Hand wurde frei gelaſſen, Sir Aleris ſtand auf und ging im Zimmer auf und ab. Er war ärgerlich und ungeduldig, nicht verwundet, denn ſelbſt inmitten ſeines Verdruſſes fühlte er eine Anwandlung zum Lachen. Er hatte es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, dies halbe Kind zu heirathen, und nun ſo gradezu abgewieſen zu werden von eben dieſem Kinde, das dünkte Hliphant Innveenzia. I. 13 194 ihm faſt unmöglich. Nach einigen Minuten, als er ſich wieder gefaßt hatte, ſetzte er ſich zu ihr und nahm ihre Hand, die ſie ihm auch lächelnd überließ. Sie war froh, daß er ihr nicht zürnte. Sie hatte eine große Furcht vor dem„Auszanken,“ war es ihr doch ſchon ſo oft ge⸗ ſchehen. „Innocenzia, kiebes, liebes Kind,“ ſagte er liebevoll. „Ich bitte Sie nochmals recht ruhig über Alles, was ich Ihnen geſagt habe, nachzudenken. Möchten Sie nicht mit mir die große, ſchöne Welt ſehen, kaufen, was Ihnen gefällt, leben, wo es Ihnen beliebt? Ehe Sie mich ganz abweiſen, ſprechen Sie mit Ihrer Tante und hören Sie ihren Rath. Sie verſteht das beſſer als Sie, und auch ich, liebe Innocenzia, weiß beſſer, was Ihnen gut iſt,“ ſagte er, indem er unwillkürlich über ſich ſelbſt lächeln mußte.„Ich rathe Ihnen ſelbſt, mich anzunehmen, Innocenzia. Meine Beſitzung iſt ſehr ſchön, ſchöner als irgend eine in England, und wenn Sie wollen, könnten wir auch nach Piſa gehen.“ „Ach, vor einem Jahre noch hätte ich das gern ge⸗ than,“ ſagte das Mädchen.„Jetzt aber iſt's hier am beſten. Ich will nicht fortgehen—“ „Und an mein Glück denken Sie gar nicht? An den Mann, der Sie ſo herzlich lieb hat?“ Sie blickte ihn ſtaunend an. Dieſe Sprache aus F 195 ſeinem Munde war ihr vollends unverſtändlich. Wäre es ein warmer, jugendlicher Liebhaber geweſen, vielleicht hätte Innocenzia ihn dann verſtanden; aber die Zärtlich⸗ keit des ältlichen Mannes für das ſchöne Geſchöpf, das ſo jung und ſo ſeltſam in ſeinem ganzen Weſen war, blieb unerwiedert und unverſtanden. Sie hielt dieſe Redensarten wohl nur für Scherz. „Innocenzia,“ rief er haſtig und ſo laut, als wenn er zu einer Schwerhörigen redete,„iſt es möglich, daß Sie mich wirklich nicht verſtehen? Ich liebe Sie,— iſt das nicht klar genug? Ich will Sie immer bei mir haben, als meine Frau. Sie ſollen mich heirathen. Alle Mädchen thun das. Sie haben mich gern, das haben Sie mir ſelbſt geſagt. Soll ich Ihre Tante rufen und ihr ſagen, daß Sie einwilligen, meine Gattin zu ſein?“ „O bitte nicht, bitte nicht,“ rief das arme, geängſtigte Kind.„Wenn ſie es wünſchte, müßte ich es ja thun. Ach, laſſen Sie mich hier. Ich bin ſo unwiſſend. Schelten Sie mich nicht. Ich fange eben erſt an, ein wenig beſſer verſtehen zu lernen.“ Und wie ein Kind faltete ſie bittend die Hände und ſah ihn mit den tiefen, dunklen Augen beſchwörend an.„Es würde wieder Nacht um mich werden, wenn ich fortginge. Ach, laſſen Sie mich hier!“ 13* 196 „Niemand wird Sie zwingen, liebes Kind,“ ſagte er gerührt.„Aber ich liebe Sie, Innocenzia. Folgen Sie mir mit freiem Willen. Niemand zwingt Sie dazu, das glauben Sie mir.“ „Ach, ich danke Ihnen,“ rief ſie und athmete erleichtert auf. Sie dachte nur an die letzten Worte. Mit ihrem alten bezaubernden Lächeln legte ſie die Hand auf's Herz und ſagte: „Ich war einen Augenblick in Angſt, aber ich wußte ja, wie gut Sie find. Fühlen Sie nur, wie mein Herz ſchlägt. Sie ſind aber nicht böſe auf mich? Es war gewiß nicht recht von mir, daß ich mich ſo von hier fort⸗ ſehnte, als ich herkam, aber nun iſt's doch gewiß kein Unrecht, daß ich am liebſten hier bleiben will? Ich könnte es nicht ertragen, von hier fortzugehen.“ „Sie werden ſpäter anders denken,“ ſagte er,„und dann—“ Er hielt inne und ſprach die Drohung nicht aus. Er fühlte ſich verletzt durch die gänzliche Gleich⸗ gültigkeit der Kleinen bei ſeinem ehrenvollen Antrag, aber ſeine edlere Natur ſiegte und er ſagte:„Ja, Innocenzia, ich habe mich geirrt. Ich war zu vorſchnell. Doch nun hören Sie mich. Sollten Sie jemals Ihren Sinn än⸗ dern, jemals wünſchen, dies Haus zu verlaſſen,— ſollte je die Zeit kommen, wo Sie froh wären, eine andere immer offne Heimath zu finden und Einen der Sie liebt, „ 5 — 197 wollen Sie dann an mich denken? Ich will auch nicht mehr böſe ſein, wenn Sie mir das verſprechen.“ „O ja, gewiß,“ rief ſie freudig.„Ja, ich verſpreche es. Ich will an Sie denken, ich will zu Ihnen laufen. Es iſt zwar wohl nicht möglich,“ fügte ſie halblaut hinzu, „daß ſie mich fortſchicken werden, oder daß ich fort möchte; aber wenn——“ „Dann kommen Sie zu mir?“ „Ja, gleich. Ich denke daran. Ich verſpreche es feſt, feſt!“ Und bei dieſen Worten wurde der Blick der ſonſt ſo ſtillen Augen wirklich warm, und ſie ſtreckte ihm die kleine Hand hin. Aber ſelbſt in dieſem Augenblicke, wo jene träumeriſche Unberührtheit von ihr wich, glich ſie doch viel mehr einem lieben, herzigen Kinde, und das empfand auch der alternde Mann. Er ſtand auf, beugte ſich über ſie und küßte ihre klare Stirne. Sie zuckte leiſe zuſammen, empfing aber den Gruß ohne Erröthen, nur mit einem ernſten Blick in ſein Geſicht. Böſe konnte er doch nicht mit ihr ſein, da er ihr dieſes Freundſchafts⸗ zeichen gab? Das beruhigte ſie. Sir Aleris aber nahm ſeinen Hut und ging, zwar enttäuſcht, aber doch auch ernſtlich gerührt, nach ſeinem glänzenden Hauſe zurück, welches er ſo eben einem Kinde zu Füßen gelegt hatte. Denn daß eben dieſes Kind, mit ihrer holden Einfalt des 198 Herzens, ſo gänzlich unberührt von den Lockungen des Reichthumes geblieben war, das rührte den Mann und ließ ihn an den Himmel in der unentweihten Menſchen⸗ bruſt glauben. Noch lange Zeit, wenn er dieſer Stunde gedachte, überkam ihn halb eine ärgerliche Stimmung gegen ſich ſelbſt, halb eine feierliche, als habe er eine Viſion gehabt. Entmuthigt aber war er noch keineswegs. Sie konnte jetzt offenbar noch nicht die Seine werden, nun ſo wartete er geduldig. Seine Liebe war nicht von glühend leidenſchaftlicher Art; ſondern wie ein Blumenliebhaber ſich ſehnt, eine ſeltene Pflanze zu gewinnen, ſo verlangte S ihn nach dem Beſitz des eigenthümlich holden Kindes. Er bedurfte ja keiner Geſellſchafterin, keiner Gehülfin: ſie ſollte nur ſein Leben ſchmücken als ſchönſte Blume, als ſeltenſtes Kleinod, als der höchſte Luxus, den ihm ſein Reichthum verſchaffen konnte. Und mit ſolchen Ge⸗ ſinnungen kann ein Mann, beſonders wenn er fünfzig Jahre alt iſt, ſchon ruhig warten. Als Mrs. Eaſtwood ihn fortgehen hörte, kam ſie ängſt⸗ lich in das Wohnzimmer zurück. Sein Fortgehen verkün⸗ digte ihr ſchon den mißlungenen Erfolg ſeiner Bewerbung. Innocenzia war eben in Begriff, mit ihrem Buche wieder in den Garten zu gehen, als die Tante zu ihr trat. Sie legte die Hand auf die Schulter des Mädchens und hielt ſie zurück. — —— 5 j —— — — — — 199 „Wo iſt Sir Aleris?“ ſagte die Mutter.„Haſt Du ihn fortgeſchickt?“ „O nein,“ ſagte das Mädchen, und wieder flog der kindlich warme Blick des Verſtändniſſes über ihr reizendes Geſicht.„Er ging ganz von ſelbſt. Und er war auch gar nicht böſe. Wir ſind noch ganz gute F 4 „Du haſt ihn ausgeſchlagen?“ „Ich weiß nicht, was Du damit meinſt. Ich bat ihn nur, mich hier zu laſſen, ich wollte nicht fort von Euch. Aber willſt Du, daß ich fortgehen ſoll?“ frug das Mädchen, und jener alte, ängſtliche, halb wirre Blick kam wieder in ihre Augen. Zum erſtenmale traf ſie dieſer Gedanke, und ihr innerſtes Herz erbebte. „Nein,“ ſagte Mrs. Eaſtwood und zog ſie an ihre Bruſt.„Ich bin froh, daß Du bei uns bleibſt, mein Kind. Nur wäreſt Du vielleicht dort beſſer aufgehoben, mein armes Herz. Er iſt ſehr reich und hat Dich herz⸗ lich lieb. Alles würde er thun, um Dich glücklich zu machen. Und wenn mir etwas zuſtoßen ſollte—— doch das kannſt Du nicht verſtehen. Jedenfalls wäre es für mich ein Troſt, Dich geborgen zu wiſſen,“ ſagte die Tante ſeufzend. „Iſt Nelly geborgen?“ frug Innocenzia. „O Gott weiß es!“ rief Mrs. Eaſtwood in vlig 200 licher Angſt und wandte ſich dann wieder an ihre Zu⸗ hörerin.„Wenn ich ſterben ſollte, wer würde ſich Deiner annehmen, Deiner und— und Nelly's? Außer Frederick und— ſeiner Frau wohl Niemand.“ Innocenzia antwortete nicht— eine leichte Röthe flog über ihr Geſicht. Sie wendete ſich von der Tante ab und drückte ihre zarten Finger krampfhaft zuſammen. Dann ſagte ſie leiſe: S— würde ſich meiner ſtets annehmen.“ „Ach, mein Kind,“ rief die Mutter,„Du darfſt nicht an Frederick denken. Ich fürchte, ſeine Freundlichkeit gegen Dich iſt nur Egoismus. Und eben deshalb hätte es mich ſehr, ſehr glücklich gemacht, wenn Du den ehren⸗ vollen Antrag des Sir Alexis angenommen hätteſt. An Frederick darfſt Du nicht denken, er gehört ſeiner 6 Frau.“ „Darf ich nun wieder in den Garten gehen und — meine Geſchichtsaufgabe lernen?“ frug das Mädchen nach einer Pauſe. Und bald ſah man die ſchlanke Geſtalt wieder zwiſchen den Bäumen einherwandeln. Als wäre 3 nichts geſchehen, ſo las ſie wieder halblaut vor ſich hin. Wußte ſie wirklich, was ſie las? Hatten die Perſonen 3 der Maria Stuart und der Eliſabeth in ihrer Seele 4 Geſtalt angenommen? Oder erſchienen ihr die Lebenden, die ſie umringten, ebenſo geiſterhaft verſchwommen wie 201 jene todten Königinnen, deren Geſchichte ſie jetzt ſo eifrig zu lernen ſchien? Wer konnte dieſes Räthſel löſen? Inmitten der ſeltſamen kleinen Welt ihres Innern, die nur hin und wieder ein Lichtblitz erhellte, lebte das fremde Kind ganz allein. Ende des zweiten Bandes. Druc von Metzger Vittig in Leipzig. S— —. — —, 2 2„d „ ſ 12 13 14 15 16 17 18 19. 10 11 E 5 —