W Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Olensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ein⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe r welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet“ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für rheentrig 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— f. Kuswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Elftes Kapitel. Daheim und doch nicht zu Hauſe. Zwölftes Kapitel. Eine Liebesgeſchichte Dreizehntes Kapitel. Berathungen. Seite 125 134 172 189 Erſtes Kapitel. Das alte Hans. Die Familie Eaſtwood bewohnte ein altes Haus in einer der ſüdweſtlichen Vorſtädte Londons. Es war eins jener Häuſer, die noch aus dem proſaiſchen Zeitalter der Königin Anna ſtammen, und die man jetzt in ihrer Weiſe ſogar maleriſch findet, obgleich die Erbauer dies ſicherlich nie beabſichtigten, die aber jedenfalls behaglicher eingerichtet ſind als die meiſten unſerer modernen Woh⸗ nungen. In dem ganzen Stadttheil war wohl kaum ein ſtattlicheres, wohnlicheres Haus zu finden als das, worin Mrs. Eaſtwood mit ihren Kindern zu der Zeit lebte, in welcher unſere Erzählung beginnt. Ihre Vor⸗ fahren hatten es erbaut, Generationen hatten darin ge⸗ hauſt, und die Erinnerung an dies traute Daheim hatte wol in vielen Herzen eine bleibende Stätte gefunden. Hliphant, Innocenzia. I. 1 An Alterthümern und Reliquien war das alte Haus gar reich, denn ein jeder der früheren Bewohner hatte ein Andenken darin zurückgelaſſen und echter Familien⸗ ſinn ſie bewahrt. Da ſah man chineſiſche und japaneſiſche Fächer und geſchnitzte und gemalte Theekäſten, alte Teppiche, Decken und Holzarbeiten, Gemälde und Nipp⸗ ſachen aller Art und aller Nationen, koſtbares Porzellan von altmodiſchen Formen, wofür ein Sammler gern Hände voll Geld gegeben haben würde. Und alle dieſe Schätze lagen und ſtanden nicht etwa zur Schau aus⸗ geſtellt, ſondern man fand ſie nur gelegentlich beim Durchſuchen wenig benutzter Schränke oder auf den Kaminſimſen entlegener Zimmer. Ja, an Regentagen boten ſolche Entdeckungsreiſen in dem lieben, alten Hauſe reichen Stoff zur Unterhaltung dar. Aber in dem Wohn⸗ zimmer ſelbſt durfte man dieſes Muſeum von Selten⸗ heiten nicht ſuchen, dort herrſchte nur Behaglichkeit, und wenn auch mit tauſend Zierlichkeiten ausgeſtattet, ſo trug daſſelbe doch durchaus den Stempel der Nutzbarkeit zum täglichen Gebrauch. Vielleicht war es ein Mangel, wie⸗ wol Manche gerade einen Vorzug darin gefunden haben würden, daß die Fenſter, trotz der Nähe der Rieſenſtadt, auf einen weiten, grünen, reich mit Bäumen beſetzten Wieſenplatz gingen. Im Winter, wenn die Bäume kahl waren, konnte man wohl hie und da ein 3 rothes Dach von den benachbarten Häuſern durchblicken ſehen, aber im Frühling, wenn die Wieſen gelb von Himmelsſchlüſſelchen prangten, und das Laub dicht und dichter ſie umgrünte, da ſah die Allee von Buchen und Lindenbäumen, die man den„Frauengang“ genannt hatte, ſo ſtattlich aus, daß ſie den Park jedes Edelſitzes geziert haben würde. Eine hohe Planke ſchloß ſie ab, doch hätte ich den wol ſehen mögen, der ſie durch die dichte Blätterfülle des Sommers hindurch hätte erſpähen können. Nachdem ich ſoviel über das alte Haus geſagt, möchte ich meinen Leſer mit den Bewohnern bekannt machen. Mrs. Eaſtwood war Wittwe und hatte vier Kinder, die alle noch unter dem mütterlichen Dache hauſten. Der älteſte Sohn Frederick war in einem großen Handlungshauſe, der zweite, Richard, gewöhnlich Dick genannt, bereitete ſich eben für eines jener Examina vor, welche eine Hauptſorge unſerer jetzigen männlichen Jugend zu bilden ſcheinen; der dritte Knabe, der den großartigen Namen Plantagenet trug, war auf der Schule in Eton. Außerdem war noch die Tochter des Hauſes da, Ellinor oder Nelly, wie ſie in der Familie genannt wurde, ein kleines Perſönchen zwar, jedoch von einer Wichtigkeit und Bedeutung, daß es ſchien, als wären es ihrer zum mindeſten drei. Jedermann hätte das Haus betreten können, ohne die Anweſenheit der drei jungen Herrn zu ahnen, aber über die Gegenwart des jungen Mädchens im Unklaren zu bleiben, das wäre unmöglich geweſen. Nicht etwa daß Ellinor Eaſt⸗ wood eine ſo ungewöhnliche Erſcheinung geweſen wäre, ich weiß auch nicht, ob man ſie mit Fug und Recht geiſtreich nennen durfte; ſo viel iſt ſicher: ſie war nicht beſſer erzogen als die meiſten ihres Geſchlechts, und weiß nicht alle Welt, daß alle Frauen ſchlecht erzogen ſind? Ihre Brüder wußten wohl zwanzigmal mehr als ſie, alle drei waren in Eton geweſen; Frederick hatte ſtudirt und war mit leidlich guten Zeugniſſen entlaſſen worden, Richard ſchien ein wahres Magazin von Gelehr⸗ ſamkeit in ſich aufgehäuft zu haben, ſo viel verlangte man von ihm in ſeinem Examen; alſo hätten ſie die Schweſter geiſtig und körperlich völlig in den Schatten ſtellen müſſen. Dennoch war dies durchaus nicht der Fall, wenn ich es auch nicht zu erklären wage; jeden⸗ falls war es und blieb es ſo: Ellinor dominirte. Das ganze Leben und Treiben im Hauſe trug den Stempel der Jugendfriſche. Mrs. Eaſtwood ſelbſt war noch unter fünfzig, alſo für eine Frau, die wenig Sorgen gekannt und immer geſund war, noch in ganz jugendlichem Alter. Ihr älteſter Sohn war ſechsundzwanzig Jahre alt, und zwiſchen Mutter und Sohn war, ſeitdem er erwachſen, — — — 5 der Unterſchied nie aufgefallen. Er war über ſeine Jahre ernſt, und daher mochte es auch kommen, daß ſein Name von der beliebten Kürzung der Vornamen frei geblieben, und er von Jugend auf„Frederick“ ge⸗ nannt worden war. Obgleich er der Einzige in der Familie war, der Noth und Sorge in das Haus ge⸗ bracht hatte, ſo erſchien er doch auf den erſten Blick als der Ernſteſte und Geſetzteſte von Allen. Die übrigen waren ein munteres, leichtherziges Völkchen, von der frohſinnigen Mutter von 47 Jahren bis herab zu dem durchtriebenen Schelm, dem jüngſten Knaben von ſechzehn. Man kann aus dieſer herrſchenden Richtung leicht er⸗ meſſen, daß in dieſem Hauſe immer etwas„los“ war. Die Leute waren wohlhabend, ſehr beliebt und reich genug, ſelbſt häufige und ſehr angenehme kleine Geſell⸗ ſchaften zu geben, ohne lange fragen zu müſſen:„dür⸗ fen wir es auch?“, was ja für gaſtliche Gemüther quälend genug iſt. Dabei herrſchte jedoch im Hauſe die ſtrengſte Pünktlichkeit in allen Geldſachen. Mrs. Eaſt⸗ woods Rechnungen wurden auf den Punkt bezahlt mit einer faſt pedantiſchen Gewiſſenhaftigkeit. Aber weder ſie noch ihre Kinder kannten den Begriff der Armuth und hatten deshalb auch keine zaghaften, ängſtlichen Ge⸗ wohnheiten. Jener düſtre Geiſt, der alle Freuden ſtört, der des Mangels und der drückenden Schuldenlaſten, hatte nie ſeinen Fuß in das behagliche Haus„die Lin⸗ den“ geſetzt. Das wohlthuende Bewußtſein, immer zur Genüge zu haben, ein Bewußtſein, erquickender als poſi⸗ tiver Reichthum, hatten die Eaſtwoods von jeher empfun⸗ den. Sie lebten immer auf demſelben Fuße, nicht höher und nicht tiefer, ſie waren von gutem Blute und hatten vornehme Verwandte: was in aller Welt ſollten ſie noch mehr erſtreben? Freilich war es darum auch kein be⸗ ſonderes Verdienſt, wenn ſie glücklich und zufrieden waren. Und dennoch war einmal ein Schatten über die ſtille Behaglichkeit dieſes Lebens hingeglitten. Vier Jahre vor Beginn unſerer Erzählung war ein Ereigniß ein⸗ getreten, auf welches die Familie noch mit einer Art von abergläubiſcher Furcht zurückblickte, vielleicht auch mit einer Art von leiſem Bedauern, wie etwa ein Held, der um der Pflicht willen einem Throne zu entſagen hat. In demſelben Jahre nämlich, als Frederick die Univer⸗ ſität von Opyford verlaſſen hatte, gab Mrs. Eaſtwood ihre ſchöne Equipage auf. Sie äußerte ſich ſehr wenig über die Gründe, die ſie dazu bewogen hatten, und wenn hin und wieder eine theilnehmende Freundin ſagte:„Sie werden Ihren Wagen ſehr vermiſſen,“ ſo erwiederte ſie ſogar heiter:„Ich war von jeher eine treffliche Fuß⸗ gängerin, mir bekommt das Gehen viel beſſer.“ Sie wollte durchaus nicht bemitleidet werden, aber im innerſten — — Herzen geſtand ſie es ſich doch faſt unwillkürlich ein, daß dieſe Entbehrung eines der ſchwerſten Opfer geweſen, die ſie den Verhältniſſen hatte bringen müſſen. Ellinor allein von Allen ahnte inſtinetiv die Urſache dieſes plötz⸗ lichen Entſchluſſes, denn Mutter und Tochter verſtanden einander ohne Wort beſſer, als ſonſt die intimſten Freunde. Der Grund lag auch eigentlich gar nicht ſo unnatürlich fern. Frederick, der älteſte Sohn, die Hoff⸗ nung der Familie, der, von dem Alle ſagten, er werde die Stütze der Mutter an Stelle des frühverſtorbenen Vaters werden, war eines Morgens, als ſie noch im Bette gelegen, ganz unerwartet in ihr Zimmer gekommen, um ſie mit gänzlich ungewohnter Heftigkeit mit Dingen zu behelligen, von denen ſie bis dahin keine Ahnung gehabt. Mit der Plötzlichkeit einer Lawine ſtürzten dieſe Neuigkeiten auf ſie ein. Zuerſt kündete er ihr an, daß er nicht Theologie ſtudiren könne und wolle, trotz⸗ dem er darauf hin erzogen worden war und die beſten Ausſichten hatte; und zweitens, daß er tief verſchuldet ſei und deshalb nach Auſtralien auszuwandern gedenke, um dort ſein Unrecht zu büßen und wieder gut zu machen. Und das Alles wurde der armen Frau an einem kalten Frühlingsmorgen, der ſo recht geeignet war, Einen noch ein Weilchen im warmen Bett ruhen zu laſſen, im leiden⸗ ſchaftlichſten Tone vorgebracht, ihr, die mit dem- behag⸗ lichen Bewußtſein erwacht war, dieſen Tag wieder ſo ruhig und ſtill vergnügt verleben zu können, wie den geſtrigen! Kein Wunder, daß ſie wie vom Donner ge⸗ rührt verſtummte. Es war der erſte Schmerz dieſer Art, der ſiei traf. Herzenskummer hatte ſie wol ſchon kennen gelernt, ſie hatte einen liebevollen Gatten beweint, aber in die Abgründe des Lebens hatte ſie noch nie ge⸗ ſchaut, und ſie erſchrack vor dem, was ihr Sohn ihr enthüllte, um ſo mehr als es Frederick war, geſtern ihr unſchuldiges Kind noch, und das ſie auch heute noch für unfähig hielt, ſolches Unheil angerichtet zu haben. Und doch war es ſo; aber der Schlag hatte ihre Urtheils⸗ kraft ſo geſchwächt, daß ſie, nachdem ſie ſich ſoweit er⸗ holt, um ſprechen zu können, anſtatt den Sünder tüchtig niederzudonnern, ihn mit den zärtlichſten Ausdrücken der Mutterliebe beſchwor, den wahnſinnigen Plan, nach Auſtralien zu gehen, aufzugeben. In dieſer einen Sorge vergaß ſie Alles: ſein Unrecht, die Schande, den Tadel der Welt; ſie dachte nur an die eine fürchterliche Drohung und erkannte darin den Höhepunkt des Jammers. Wir würden Frederick Unrecht thun, wollten wir annehmen, er wäre nicht vollkommen wahr in ſeiner Reue und in ſeinem Auswanderungsplan geweſen, auch hatte er durch⸗ aus nicht an den wunderbaren Erfolg ſeines eigenſin⸗ nigen Entſchluſſes gedacht. Dieſer Erfolg war nämlich — —— „ der, daß zunächſt die Equipage verſchwand, und daß nach kurzer Zeit Mr. Frederick ſeine jetzige Stellung nach einem ſchwierigen Examen antrat; bald darauf ging wieder Alles ſeinen gewohnten Gang. Ich weiß nicht, ob das Examen, welches Frederick beſtanden, wirklich ſo ſchwer geweſen, aber jedenfalls war es Mrs. Eaſtwood ſo erſchienen, und ſo beruhigte ſich ihr Gemüth mit der Zeit. Sie erblickte endlich in dem ganzen Vorfall eine wunderbare Fügung des Himmels, die Böſes zum Guten gewendet habe; ja, ſie dachte ſogar mit einem gewiſſen Stolz daran, wie„edel“ es doch von Frederick ſei, eine Carriere freiwillig aufzugeben, bei der ihm die lockendſten Ausſichten vor Augen geſtanden, nur weil er ſie mit ſeiner Ueberzeugung nicht in Einklang zu bringen ver⸗ mochte. Und was war es doch für eine Wohlthat, ihn im Hauſe haben zu können, während er früher höchſtens dreimal in den Ferien hatte kommen können! O uner⸗ gründliche Mutterliebe! So ſchwand der Fehltritt all⸗ mählich aus ihrem Gedächtniß, und indem Frederick ſelbſt mit gewohnter Ernſthaftigkeit ſeinem Geſchäfte nachging, vergaß er ganz und gar, welche Veranlaſſung ihn zuerſt in daſſelbe geführt hatte. Auch ihm erſchien das Ver⸗ ſchwinden der Equipage nur als ein beklagenswerthes Factum, das ihn aber perſönlich gar nicht berührte, ob⸗ gleich er doch ganz allein die Schuld trug, daß man ſie im Hauſe ſtill vermißte.—„Ich laſſe Dich doch ungern in einer Droſchke fahren, Nelly,“ ſagte Mrs. Eaſtwood wol bisweilen leiſe ſeufzend, indem ſie die Schleifen an des Töchterchens Ballſtaat zupfte.„Als ob ich mir etwas daraus machte!“ rief das Mädchen,„und weißt Du, Mama, mache Du es nur wie die reiche Lady Dobſon, die ſagt immer, ihre Pferde dürften Abends nicht hinaus!“ So lachte ſie die Seufzer der Mutter hinweg. Leicht⸗ herziges Völkchen! Der Sturm, der Frederick in die Siegelackfabrik und die Damen in einfache Droſchken getrieben hatte, ſchien die Heiterkeit und den frohen Sinn der Familie nur noch mehr angefacht zu haben. Das Wohnzimmer in„den Linden“ war ein großes Gemach mit einem breiten Erkerfenſter an dem einen Ende, welches wie eine Thüre geöffnet werden konnte und zu einem reichen Blumenflor führte. Dem Kamin gegenüber waren wieder drei große Fenſter, die bis zum Boden reichten, aus denen man hinaus auf das Grün und die Baumallee blickte, die wir ſchon beſchrieben haben. Jetzt freilich, wo unſere Geſchichte beginnt, ſah man noch nichts an den reichen Blumenbeeten, die im Sommer hier prangten, oder von dem dichten Laub der Bäumez jetzt zeigte ſich nur eine hie und da unterbrochene goldene Reihe von Krokus, welche ſehnſüchtig der Sonne zu harren ſchienen, die die noch fehlenden Schweſtern er⸗ 11 wecken ſollte. Aber die bleiche Februarſonne des heutigen Tages blickte nicht ſehr vielverſprechend auf die Erſtlinge des Lenzes herab. An ſolchen Tagen muß man die Be⸗ haglichkeit im Zimmer ſuchen, und hier war eins, wel⸗ ches den ſtrengſten Anſprüchen genügt haben würde. Mrs. Eaſtwood hatte, wie eine echte Familienmama, ihren beſonderen behaglichen Stuhl, ihren Tiſch und ihre weiche Fußbank, und dort thronte ſie wie eine Fürſtin mit unbeſchränkter, nie beſtrittener Macht. Platz genug war immer an ihrer Seite, daß man einen Stuhl daneben ſchieben, oder daß einer von den großen Jungen ſeine faulen Glieder auf dem Schemel zu ihren Füßen ausſtrecken und den Lockenkopf in ihren Schooß legen konnte. Da ſaß denn nun Mrs. Eaſtwood in ihrem ſchwarzen Kleide und mit ihrer Haube von veilchenblauen Bändern, die das einzige Zugeſtändniß waren, welches ſie ſich hinſichtlich der Farben erlaubt hatte, ſeitdem ſie Wittwe geworden war. Ein hellblaues Band zu tragen, würde ihr noch jetzt wie eine Entweihung erſchienen ſein. Brauche ich noch zu ſagen, daß ſie rund und voll war und vielleicht etwas zu viel Farbe hatte? Aber nur wenig Fältchen zeigten ſich auf dem hübſchen Ge⸗ ſichte und keine Wolken auf der Stirne. Wol hatte der Kummer ſie berührt, doch nicht in jener nagenden Weiſe, die allmählich dem Körper wie der Seele Kraft und Muth entzieht; nein, außer dem, was der Leſer ſchon weiß, war ihr nichts geſchehen, und die Sorge um Frederick war ihr ja ſchon längſt keine mehr. Ellinor war allein mit der Mutter im Zimmer, wir müßten denn einen gewiſſen kleinen Pinſcher, Winks genannt, mit zur Familie rechnen, und in der That war er ein höchſt wichtiges Glied derſelben. Da aber Winks eben jetzt in einem Knäuel zuſammengeballt ſchlafend auf einem Polſterſtuhle ruht und von dem, was um ihn herum vorgeht, gänzlich unberührt bleibt, verlaſſen wir ihn bis zu paſſender Gelegenheit und gehen zu der jungen Dame des Hauſes über. Was ſollen wir von ihr ſagen? Lieber Leſer, du kennſt gewiß hundert Mädchen, die ſo ausſehen wie Nelly. Sie hatte brau⸗ nes Haar, lachende, fröhliche braune Augen, ein zier⸗ liches Stumpfnäschen und weiche anmuthige Formen. Es war nichts Eckiges, nichts Steifes an ihr, alles ründete ſich, und ihre Bewegungen waren ſo elaſtiſch, ſo leicht— nun wie wohl bei faſt allen Mädchen von 20 Jahren. Nelly hatte keinen feſten Platz im Zimmer wie die Mama; ſie war durchaus nicht unruhig oder fahrig, aber ſie war allüberall. Auch weiß ich nicht, warum ſie immer in Bewegung ſein mußte, aber ſie ging nie ohne Grund, und ihre ſanften, leichten Schritte brachten Leben und Veränderung mit ſich, wohin ſie ſich 13 wendeten. Selbſt wenn Nelly eifrig nähte, hatten die weichen Bewegungen ihrer Hände etwas Unterhaltendes, ſodaß man ihr zuſehen mußte. Sie war wie ein klarer Bach; eine ſanfte, liebliche Atmoſphäre von Klang und Leben ſchien ſie zu umfließen, immer ſüß und herzig— das gehörte zu ihrem Naturell; und wie ein Bächlein wirkte auch ihre Gegenwart auf die ganze Umgebung beruhigend, oder auch wie ein Vögelchen, welches von Zweig zu Zweig flattert und mit halber Stimme ſein Lied am Abend ſingt und uns für den köſtlichen Frieden und die Stille in der Natur noch empfänglicher macht. Nelly war nicht etwa beängſtigend vortrefflich, auch durchaus nicht vollkommen, in keiner Hinſicht, aber ſie erfüllte die Miſſion der Tochter des Hauſes, die leider jetzt gar ſehr in Mißkredit zu kommen ſcheint: ſie machte mit der überſprudelnden Friſche ihres Weſens das ganze Haus jung, hell und fröhlich. Noch waren keine ernſten Anforderungen an ſie herangetreten, und ob ſie ihnen gewachſen war, wenn der Ernſt des Lebens ſich ihr nahte, konnte man nicht ſagen. Einſtweilen aber erfüllte ſie ihre Beſtimmung vollkommen; ſie war das Leben des ganzen Hauſes. Mrs. Eaſtwood hatte einige Briefe mit in das Wohnzimmer gebracht. Sie waren ihr beim Frühſtück übergeben worden, aber da keiner ſehr dringend ausſah, 14 hatte ſie ſich⸗ nicht beeilt, ſie zu leſen. Dieſe glückliche Familie hatte auch keine Briefſorgen. Jene beſtändige Furcht wegen guter oder böſer Nachrichten, hier fand ſie keinen Eingang. Denn die Mama hatte ihre Kinder alle um ſich, bis auf den Einen, der nur eine halbe Stunde weit von ihr entfernt und in jedem Augenblicke zu erreichen war, den Jüngſten auf der Schule in Eton. So las ſie denn ihre Briefe mit größter Gemüthsruhe und theilte hin und wieder Nelly ein paar Worte daraus mit. „Denke nur, Nelly, Clunde Sommerville wird ſich nun endlich verheirathen,“ ſagte ſie.„Es ſoll mich wun⸗ dern, ob ſeine Leute nicht wieder etwas an der Braut auszuſetzen haben, denen iſt keine gut genug. Und die arme kleine Mary Martin will Gouvernante werden. Wie viel vernünftiger wäre es geweſen, der Claude hätte ſie geheirathet! Da brauchte ſie das nicht zu thun!“ „Hatten ſie ſich denn lieb?“ frug Nelly, mit großen Augen die Mama anſehend. „Nein, das wol nicht. Aber es wäre ſo paſſend geweſen. Nun heirathet er eine reiche Erbin, die braucht ihn gar nicht. Lieber Gott, ich möchte bisweilen Vor⸗ ſehung ſpielen. Die arme kleine Mary, ſie ſoll ſich recht brav benehmen. Sie thut, als mache ſie ſich nichts daraus, als Gouvernante zu gehen und doch wird 4 Zweites Kapitel. Die Neuigkeit und wie man ſie aufnahm. Mrs. Eaſtwood hatte kaum dieſe geheimnißvollen Worte mit großer Emphaſe geſprochen, als Rädergeraſſel und Klopfen, dann ein Klingeln an der Hausthür Be⸗ ſuch ankündigte.„Schnell, ſchnell, Nelly, lauf', ehe Brown die Thüre aufmacht,“ ſagte ſie.„O Brown,“ wandte ſie ſich zum eintretenden Diener,„ich habe ſo eben eine TodFnachricht bekommen), ich kann Niemand ſehen, ich glaube in der That, Relly, daß ich Niemand annehmen darf.“„Wer iſt denn geſtorben, Mama?“ rief das Mädchen, indem ſie den Brief nahm. Mrs. Eaſt⸗ wood drückte ihr Taſchentuch leicht an die Augen.„Ich will damit nicht ſagen, daß ich ihn ſehr gern gehabt habe,“ ſagte gie,„ich habe ihn faſt gar nicht gekannt, aber es iſt doch imier ein Schreck für mich. Es iſt mein Schwager, Relly, Mr. Vane, von dem ja ſchon Hliphant, Innocenzia. I. 18 gehört haſt. Ich möchte aber doch wiſſen, wer der Be⸗ ſuch unten iſt. Brown, wenn es Mrs. Everard iſt, ſie kann hereinkommen, aber iſt es Lady Dobſon oder Miß Hill oder irgend jemand von den Leuten, ſo ſagt, ich hätte eben eine Todesnachricht bekommen. Schnell lauft, es muß ein ungeduldiger Beſuch ſein, ſie klopfen ſchon wieder.“ „Mr. Vane— der iſt ja faſt gar nicht mit uns verwandt!“ rief Nelly.„Da, nun hat Brown richtig die Leute weggeſchickt. Der Mann meiner Stieftante, den Niemand von uns je geſehen—“ „Es würde höflicher ſein, wenn Du ihn Deinen Stiefonkel nennteſt, Nelly. So thut man es immer, beſonders da er todt iſt, der arme Mann, und ſich nicht mehr vertheidigen kann. Ach, wie fatal, das war Mrs. Barclay und ihr Bruder, Sir Alexis,— gerade die hätte ich ſo gern geſehen! Wie unglücklich ſich das trifft! Brown, ich habe doch ausdrücklich geſagt, Lady Dobſon oder Miß Hill—“ „Sie ſagten, Mrs. Everard allein ſollte vorge⸗ laſſen werden, Madame,“ ſagte der Diener und blieb ſteif in der Thür ſtehen mit den Karten in der Hand. „So wird's immer ſein, Mama, wenn Du Dich verläugnen läßt,“ ſagte Nelly, nachdem Brown ſich ent⸗ fernt hatte.„Die netteſten Beſucher werden fortgeſchickt, 19 die langweiligen kommen natürlich zu einer andern Zeit und werden angenommen. Dabei will ich nur ſo neben⸗ bei bemerken, daß es immer rathſam iſt, die Wahrheit zu ſagen, es iſt jedenfalls das Klügſte, was man thun kann.“ „Nelly, Du vergißt Dich,“ ſagte Mrs. Eaſtwood. „Wenn ich mich verläugnen laſſe, ſo weiß Jedermann, wie das gemeint iſt. Aber in dieſem Falle iſt es durch⸗ aus keine Ausrede. Wir müſſen für heute dabei bleiben, Brown kann ſagen, daß es kein naher Verwandter iſt, wir brauchen die Fenſterläden nicht zu ſchließen, aber bei alledem iſt's doch ein unerwarteter Schlag, ein Todesfall in der Familie. Der arme Mann! Ich habe ihn zwar nur zweimal geſehen, und mein Vater hat es der armen Iſabelle nie verziehen, daß ſie ihn geheirathet hat. Die arme Iſabelle! Aber das iſt noch nicht Alles, liebes Kind. Gieb mir den Brief noch einmal!“ „Ich leſe ihn eben, Mama,“ ſagte Nelly und fing an, ihn laut zu buchſtabiren, ſtolperte aber mitunter ſehr heftig über fremde Worte und wunderte ſich über ihre geringen Sprachkenntniſſe.„Hier ſteht etwas von einer jungen Dame. Wer iſt ſie, und was meinteſt Du damit, als Du ſagteſt, wir würden bald Jemand von der eigenen Familie hier haben müſſen?“ „Ich bin eine hartherzige Frau geweſen,“ rief 2* Mrs. Eaſtwood.„Als die arme Iſabelle ſtarb, habe ich mich niemals nach ihrem Kinde erkundigt; ich nahm es für gewiß an, daß daſſelbe geſtorben ſei. Und weil ich den Mann ſelbſt ſo haßte, denn, Nelly, ich bin über⸗ zeugt, er hat ihren Tod verſchuldet, ſo wollte ich auch nichts mehr mit ihm zu thun haben. Das arme Kind hat aber immer gelebt, und ich garſtige Frau habe mich nicht darum gekümmert. Vielleicht hätte ich ihr nützen und ſie von dem ſchrecklichen Vater trennen können.“ „Aber ſie ſcheint dieſen„ſchrecklichen“ Vater ſehr geliebt zu haben. Der Schreiber des Briefes ſagt, ſie ſei untröſtlich. Das arme Ding! Weißt Du denn nichts Genaueres pon ihr, Mama?“ fragte Nelly. Jetzt zog Mrs. Eaſtwood abermals ihr Taſchentuch heraus und weinte wirklich vor Scham und Schmerz. „Bin ich nicht eine hartherzige, böſe Frau?“ ſagte ſie ſchluchzend.„Nein, widerſprich nicht, Nelly. Sein eigen Fleiſch und Blut ſo grauſam zu vernachläſſigen, 3 niemals danach zu fragen— nichts von ihrer Exiſtenz 2 zu wiſſen—“ „Nun, Mama, ich glaube, ich kann Dir in dieſem Falle Abſolution ertheilen,“ ſagte Nelly.„Wenn Du nichts von ihrer Exiſtenz wußteſt, wie konnteſt Du Dich nach ihr erkundigen? Starb denn die arme Tante Iſabelle bei der Geburt ihres Kindes?“ — 21 „Das iſt noch das Schlechteſte von allem,“ entgeg⸗ nete die Mutter.„Aber ich will meine Bruſt durch ein offenes Geſtändniß entlaſten. Ich will mich ſelbſt nicht mehr belügen. Ja, ich habe von dem Daſein des Kin⸗ des gewußt. Sie muß ungefähr ſechs bis ſieben Jahr alt geweſen ſein, als ihre Mutter ſtarb. Das Kind hatte auch das Fieber, und ich weiß nicht, weshalb ich mir einredete, es ſei auch geſtorben. Denn ſiehſt Du, Mr. Vane— er iſt nun todt und man ſollte nie Böſes nachreden,— war ſo unangenehm in ſeinen Briefen. Ich weiß, ich hätte nachfragen ſollen, aber ich konnte ihn gar nicht leiden, ja ich fürchtete ihn ſogar.“ „Ich glaube allerdings, Du handelteſt hier nicht ganz recht,“ ſagte Nelly mit dem Ernſte eines Richters. „Ich weiß und fühle es,“ erwiederte die reuige Sünderin.„Gar oftmals habe ich ſchreiben wollen, aber immer wurde nichts daraus. Aber es iſt noch nicht zu ſpät, es an ihr wieder gut zu machen. Gieb mir den Brief, Kind! Nein denke nur, daß er todt iſt!“ „Ja aber, Mama, nach allem, was ich höre, ſcheint mir das kein ſo großer Verluſt zu ſein,“ ſagte Nelly. „Nicht für uns; gewiß nicht. Denke aber nur, Nelly, wenn er zur Rechenſchaft gezogen wird für alles Unrecht, was er gethan, und dann das arme Kind, das arme, kleine Mädchen—“ 22 „Iſt Tante Iſabelle ſchon lange todt? Wie alt iſt das Kind jetzt?“ frug Nelly. Nach langem Sinnen brachte es Mrs. Eaſtwood heraus, daß dies zur Zeit geſchehen war, als Frederick 16 Jahre alt geweſen und das Nervenfieber gehabt hatte. Durch dieſe etwas weit hergeholte Rechnung kam es heraus, daß das Mädchen mindeſtens 16 Jahre alt ſein müſſe, ein Factum, welches beide Damen über⸗ raſchte, denn darauf waren ſie nicht vorbereitet. „So alt wie Plantagenet,“ ſagte Ellinor ſinnend, mit ungewöhnlichem Ernſt auf dem hübſchen Geſichte. „Aber es iſt ein Mädchen, Liebe, kein Knabe,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Zwei ſolche Jungen wie Plantagenet würden allerdings viel Unruhe machen. Der liebe Kerl, die Ferien müſſen ihm ja die einzige Erholung ſein. Ich bin neugierig, was für eine Erziehung die Kleine gehabt hat.“ „Ich bin auch begierig, das zu wiſſen,“ ſagte Nelly, noch immer ſehr ernſthaft.„Mama, müſſen wir dieſe neue Couſine in's Haus nehmen?“ „Wohin in aller Welt ſollte ſie ſonſt gehen, Nelly? Wir müſſen ſehr gut gegen ſie ſein. Auch wird ſie eine ſehr paſſende Geſellſchafterin für Dich werden. Gewiß wird es reizend ſein, ſie um ſich zu haben,“ ſagte die Mama mit einer gewiſſen Verlegenheit im Ton der Stimme. 23 Nelly antwortete nicht gleich.„Wie ſonderbar wird es ſein, wenn außer mir noch ein junges Mädchen da iſt, ein Mädchen faſt im gleichen Alter mit mir! Lieber Himmel, vielleicht werde ich dadurch recht unliebens⸗ würdig, ich fühle ſchon ſo etwas, als würde ich ſie nicht ſo gar gern haben. Wenn ſie nun hübſcher wäre und die Leute hätten ſie alle lieber! Mama, ich weiß in der That nicht, ob ich edel genug ſein werde, mir daraus nichts zu machen. Wäre ſie doch lieber ſechs Jahre alt ſtatt ſechzehn—— „Herzenskind, ſage nichts weiter darüber. Sie iſt unſer Fleiſch und Blut. Du würdeſt ſelbſt gegen Fremde gut ſein, wie viel mehr gegen das arme Kind! Und hübſcher als Du, Nelly? Sie denkt nicht daran. Das arme Kind iſt eine Waiſe, das allein iſt zu berückſich⸗ tigen, ohne Freund ſitzt ſie in ihrem Kummer einſam im fremden Lande.“ „Hör' auf, Mama,“ rief Relly, die ſich kaum der Thränen erwehren konnte,„für ſie iſt es doch kein frem⸗ des Land, ſie hat ja ihr Lebelang dort gewohnt.“ „Das ändert an der Sache nichts,“ ſagte Mrs. Eaſt⸗ wood.„Ich bin in Italien geweſen und weiß, wie die engliſchen Familien dort leben. Sie ziehen ſich ziemlich zurück, und ſo können ſie ihr ganzes Leben dort zubringen, immer wird es doch ein fremdes Land für ſie bleiben. 24 und Mr. Vane war nicht der Mann dazu, ſich Freunde zu erwerben. Wahrſcheinlich iſt die Kleine völlig wild aufgewachſen, nur von einem alten Diener überwacht.“ Hier hielt Mrs. Eaſtwood ſeufzend inne. Sie hatte das liebevollſte Herz der Welt, aber der Gedanke, in ihr wohlgeordnetes Haus ein völlig unerzogenes ſechzehn⸗ jähriges Mädchen aufnehmen zu müſſen, legte ſich wie ein Schwergewicht auf ihre Seele. Doch gab ſie ſich alle Mühe, ihn wieder los zu werden, indem ſie ſich ihre Chriſtenpflicht immer wieder zurückrief. „Unſer aller Herzen ſollten der armen Verlaſ⸗ ſenen entgegen fliegen,“ fügte ſie deshalb mit Emphaſe hinzu.„Sie hat Niemand in der weiten Welt als nur uns, Nelly, und ſo kann und darf von unſerer Seite kein Augenblick verloren werden——“ „Natürlich nicht,“ ſagte Nelly, indem ſie raſch auf⸗ ſprang.„Hörſt Du, jetzt klopft Mrs. Everard, ich kenne ihr Klopfen, und nun weiß ich ſchon, daß Du ihr Alles erzählen wirſt. Was für eine Stube ſoll die Couſine haben? Die kleine grüne oder die im linken Flügel oder—“ „Ach, Herzchen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood ſchmeichelnd, „das behaglichſte und wärmſte von allen würde wol das kleine Zimmer nächſt dem Deinigen ſein,— dicht bei unſeren beiden, weißt Du,— dort würde ſich das arme Kind am ſchnellſten zu Hauſe fühlen.“ 25 „Ich wußte, daß Du ſo denken und wählen wür⸗ deſt,“ rief Nelly, halb lachend, halb weinend,„das ſieht Dir ganz ähnlich, Mama. Dir genügt es nicht, ſie nur in's Haus aufzunehmen, nein, mitten in's Neſt hinein, gewiſſermaßen zwiſchen uns Beide, wird ſie geſetzt.“ „Um ſie zu erwärmen, das arme einſame Kind!“ ſagte die gütige, ſchwache Frau, während ſie ſelbſt mit Lachen und Weinen kämpfte. Nelly flog ſo eilig davon, daß ſie im raſchen Laufe mit Mrs. Everard zuſammen⸗ ſtieß. So hieß die Freundin ihrer Mutter, die jedoch bei der jungen Familie durchaus nicht ſehr beliebt war. „Na, na, wirf mich nur nicht um, Nelly!“ ſagte die Dame erſtaunt, indem ſie dem Mädchen einen Kuß gab, der jedoch ohne großes Entzücken hingenommen wurde. Und wohin lief denn Nelly? Geradewegs die Treppe hinauf nach dem kleinen Zimmer, welches ſie in ihrem Herzen ſchon der neuen Couſine beſtimmt hatte. Sie ging und beſchaute es ſich, ihr hübſches Köpfchen ſinnend zur Seite neigend, ſie betrachtete das Bett, die etwas ver⸗ blaßte Decke darauf, die Tapete und den Teppich, die beide ihr nicht mehr friſch genug erſchienen.„Das geht nicht,“ ſagte ſie für ſich, und augenblicklich ſetzte ſie ihre lebhafte Phantaſie in Bewegung und ſie wanderte in Gedanken im ganzen Hauſe herum, um hier ein Bild, dort einen bequemen Stuhl, hier ein Bücherbret und ſaubere Vorhänge zu ihrem Zwecke einzuſammeln. Ich will nicht etwa ſagen, als ob Nelly das aus purer Herzensgüte gethan und gedacht hätte, nein, ſie liebte ſolche Veränderungen und raſche Entſchlüſſe, und beſon⸗ ders groß war ihre Freude, wenn ſie ein Zimmer ein⸗ richten konnte, ſie fühlte dafür eine ganz beſondere Fähigkeit in ſich. Aus alledem geht klar hervor, daß, obwol Mutter und Tochter über den neuen Ankömmling zuerſt er⸗ ſchrocken waren, die kleine Waiſe ſicher keinem unfreund⸗ lichen Empfang entgegen zu ſehen hatte. Im Gegentheil war Mrs. Eaſtwood jetzt, wo ſie ihrer Freundin Alles gebeichtet hatte, in höchſter Aufregung und in ungedul⸗ diger Erwartung ihrer jungen Nichte. Mrs. Everard hatte ſie bemitleidet und dieſen Zuwachs der Familie als eine Laſt bezeichnet, von Verantwortlichkeit und Mühe geſprochen, aber dies Alles hatte die gute Seele in ihren liebevollen Abſichten nur noch mehr beſtärkt. „Der liebe Gott möge mir vergeben, Nelly,“ ſagte ſie, als das Töchterchen wieder hereintrat,„aber ich kann meiner Schweſter Kind nicht im Elend und allein laſſen. Ich habe wirklich darunter gelitten, als Mrs. Everard mir ſo ernſtlich davon abrieth, ſie aufzunehmen. Sie 27 hat vielleicht geglaubt, ich dächte auch ſo, aber der Him⸗ mel weiß, ich denke ganz anders.“ „Ich habe mir es gedacht, daß Mrs. Everard ſo ſprechen würde, Mama,“ ſagte Nelly. „Liebes Kind, ihr Alle ſeid ungerecht gegen die arme Everard,“ rief die Mutter, die ihre Buſenfreundin, obgleich ſie ſehr häufig nicht mit ihren Anſichten über⸗ einſtimmte, nicht verdammmen laſſen wollte. Sie hütete ſich deshalb, noch mehr von 1 Geſpräche mit derſelben an Nelly zu verrathen, um nicht eingeſtehen zu müſſen, daß ihr Vieles ſelbſt nicht gefallen habe. Die beiden Frauen ſaßen noch ſinnend am Kamin, als Frederick hereinkam. Die Lampen waren noch nicht angezündet worden, die Rouleaur nicht herunter, die kahlen Bäume ſahen in der Ferne wie geiſterhafte Ge⸗ ſtalten aus. Dieſe ſtille Welt, die in die Fenſter herein⸗ lugte, hatte etwas Unheimliches, Trauriges, und oft hatte Mrs. Eaſtwood, wenn ihre Augen darauf gefallen waren, raſch die Läden geſchloſſen oder die Vorhänge zugezogen, heut' Abend jedoch hatte ſie andere Dinge zu bedenken. Diesmal war es Frederick, der das Unbehagen empfand und ihm Worte lieh.„Aber warum ſitzt ihr noch hier im Dunkeln? Deine Vorliebe für das bleiche Kaminfeuer habe ich nie begreifen können, Mama, man kann nicht dabei leſen und nicht einmal ordentlich ſehen. Auch finde ich es ſchrecklich, die Fenſterläden offen zu haben in dieſem Zwielicht, jeder kann nach Be⸗ lieben hier herein ſehen.“ „Wir brauchen kein Licht, denn wir arbeiten nicht, — und ob uns Jemand ſieht, das iſt gleichgültig,“ ſagte Nelly, die bisweilen etwas unartig gegen ihren älteſten Bruder war. „Zankt Euch nicht, Kinder!— Wir haben eben eine höchſt wichtige Angelegenheit beſprochen, Frederick, die auch Dich ſehr überraſchen wird. Es wird ſich da⸗ durch Vieles im Hauſe ändern müſſen. Aber vielleicht wird Frederick, da er ſo viel außer dem Hauſe iſt, nicht ſehr davon berührt werden,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, und der Sohn ſetzte ſich mit der Miene ſtiller Ergebung nieder, um zu hören, was geſchehen. Er ließ keinen Schimmer vom Kaminfeuer über ſein Geſicht gleiten, er liebte es nicht, ſeine Gedanken aus den Zügen verrathen zu laſſen. Die Hände in den Taſchen, leicht die Achſeln zuckend, wartete er der Dinge, die da kommen ſollten. Ihn konnte ſo leicht nichts überraſchen. Was ſoll es ſein, dachte er, vielleicht eine neue Mode oder etwas der Art.— Man hielt ihn für einen ſehr ſoliden jungen Mann, und ſeine Liebe für das Haus hatte ihm einen ſehr guten Namen gemacht, den er ſich auch alle Mühe gab, vor der Welt zu bewahren. . 29 Sie erzählten ihm nun die Geſchichte von Anfang bis zu Ende, und wenn er auch nicht überraſcht war, ſo hörte er doch mit Intereſſe zu, und das war mehr, als er ſelbſt erwartet hatte. Nachdem die Lampe gebracht worden war, verſuchte er den Brief zu entziffern, doch zu Nelly's großer Freude konnte er ihn gar nicht leſen. Er war italieniſch geſchrieben, und die Mutter war die einzige, die dieſe Sprache verſtand, denn Nelly ſtümperte nur ein wenig darin. Mrs. Eaſtwood war aber auch nicht wenig ſtolz auf dieſe Ueberlegenheit. Sie hatte in ihrer Jugend längere Zeit in Italien gelebt und pflegte darauf mit Entzücken zurückzublicken. So überſetzte ſie denn jetzt mit wahrem Vergnügen den Brief noch ein⸗ mal, Wort für Wort, für ihren Sohn, denn es war doch der Mühe werth, dieſem ein ſo lebhaftes Intereſſe eingeflößt zu haben. Auch miſchte ſich dieſer mit einer ſeltenen Wärme in die nachfolgende Berathung ein und legte ſeine Anſichten mit jener praktiſchen Schärfe und Klarheit dar, die ſeine Mutter immer mit heller Bewunderung für ihn erfüllte, obgleich ſie dabei vergaß, wie oft er ſeine eigenen Angelegenheiten minder richtig und klar zu ordnen verſtanden. „Sie kann aber unmöglich allein hierher reiſen,“ ſagte er,„es muß ſie Jemand von uns abholen. Du kannſt dem Mädchen nicht zumuthen, allein zu kommen.“ 30 „Das iſt wahr, Frederick,“ ſagte die Mutter.„Wie ſonderbar, daß ich daran noch gar nicht gedacht habe! Natürlich kann ſie nicht allein reiſen. Ei, ei, was machen wir da? Ich kann unmöglich ſelbſt reiſen und Euch Alle allein laſſen. Könnte ich denn nicht Brown ſchicken, oder die alte Alice—?“ „Brown würde ſich nie bis nach Piſa zurechtfinden. Er hielte es auch gar nicht aus. Und die alte Alice, lieber Himmel, was ſoll denn das alte Weib nützen?“ „Sie hat mich damals in Italien begleitet,“ ſagte Mrs. Eaſtwood nicht ohne geheimen Stolz.„Wo ich war, blieb ſie auch. Die Sprache lernte ſie zugleich mit mir. Sie würde die Kleine ſehr gut beſchützen. Wen ſoll ich denn ſchicken außer ihr? Richard iſt viel zu jung und auch mit ſeinen Examenarbeiten zu ſehr beſchäftigt.“ „Wenn Du mir's gut bezahlſt, würde ich ſelbſt nicht abgeneigt ſein, die Couſine abzuholen,“ ſagte Frederick, indem er ſeinen Schnurrbart ſtrich und da⸗ durch ein Lächeln verbarg, welches um ſeine Mundwinkel ſpielte. „Du, Frederick? Es iſt wirklich ſehr gut von Dir, daran zu denken. Ich wagte das gar nicht. Wie Schade, daß wir nicht Alle zuſammen reiſen können!“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Aber freilich das würde ſehr koſtſpielig ſein. Natürlich würde ich Alles für Dich be⸗ * 31 zahlen, mein Junge, wenn Du mir den Gefallen thäteſt und die Reiſe machteſt. Das wäre allerdings die beſte und praktiſchſte Art, aus der Verlegenheit herauszukom⸗ men. Ja, und Du bedarfſt einer Anfriſchung, lieber Sohn, Du ſiehſt ſeit einiger Zeit recht blaß aus.“ „Ja, das finde ich auch, ich ſehe bleich aus und fühle mich auch ſo abgeblaßt. Ich will reiſen. Es iſt ja keine Vergnügungsreiſe, aber mir iſt's nur um eine Luftveränderung zu thun. Freilich, wenn das kleine Mädchen noch eine Wärterin braucht, ſo wird ſie an mir keine große Stütze finden, die alte Alice bin ich nicht—“ „Sie iſt ſechzehn Jahre alt,“ ſagte Mrs. Eaſtwood. Nelly ſagte nichts, aber ſie beobachtete den Bruder ſehr ſcharf. Ihm ſchien das nicht ſehr angenehm zu ſein. „Siehſt Du irgend etwas Beſonderes an mir, Nelly, daß Du mich ſo anſtarrſt?“ ſagte er in etwas gereiztem Tone. „O durchaus nichts Beſonderes,“ ſagte Ellinor. Zwiſchen Bruder und Schweſter fanden häufig kleine Reibungen ſtatt, wobei ſich die Mutter immer ſehr un⸗ behaglich fühlte.„Ich dachte nur, daß Du allerdings eine Luftveränderung ſehr nöthig haben mußt, da Du Dich ſo bereitwillig als Kindermädchen anbieteſt.“ „Ich brauche Luftveränderung,“ erwiederte er kurz. „Zankt Euch nicht, meine lieben Kinder!“ ſagte die Mutter. Weshalb denn zanken? Ihr habt das immer gethan von Jugend auf. Nelly, ich wünſchte wirklich, Du beſtändeſt nicht ſo darauf, immer das letzte Wort zu behalten.“ „Diesmal hatte ich es nicht,“ ſagte Nelly haſtig und leiſe. „Denn wenn Du es überlegſt, ſo iſt es doch wahr⸗ lich ſehr gut von Frederick, ſo viel Intereſſe an dem armen, einſamen Mädchen zu nehmen. Weder Du noch ich, Nelly, obgleich wir Frauen ſind und weichere Her⸗ zen haben ſollten, haben daran nur gedacht, die Kleine abzuholen. Aber wirſt Du auch Urlaub bekommen, Frederick? Du hatteſt erſt zwei Monate im Herbſt, dann kam Weihnachten, und Du biſt recht oft drei Tage lang aus dem Geſchäft geblieben. Wirſt Du ſo bald wieder fort dürfen? Wenn es Dir nur bei Deinem Chef nichts ſchadet!“ „Ach, das will ich ſchon in Ordnung bringen, den Chef fürchte ich nicht,“ ſagte er. In dieſem Augenblicke tönte die Tiſchglocke zum erſtenmal, um zum Ankleiden zu mahnen. Als die Familie bei Tiſche ſich wieder zuſammen fand, es waren nun vier, denn Richard war unterdeſſen auch gekommen, da war es eine wahre Freude, dieſe friſchen, ſchönen Geſichter zu betrachten. Der Tiſch ſelbſt ſah ſo einladend ———— 33 aus mit ſeinen Blumen und Lichtern und den guten, duftenden Speiſen. Vielleicht war von der kleinen Ge⸗ ſellſchaft Frederick der ſchönſte. Er hatte ein langes, ſchmales Geſicht mit melancholiſchem Ausdruck, den viele Leute höchſt intereſſant fanden, und große braune Augen, wie der unglückliche Karl Stuart, dem er auch zu glei⸗ chen ſtrebte, indem er Schnurrbart und Kinnbart ſo trug wie der Enkel der ſchönen Mary von Schottland. Die Geſichtszüge waren regelmäßig, und das lange braune Haar fiel in weichen Wellen über die Stirn. Er war ſehr eigen in ſeinem Anzug und hatte ſehr ſchöne, weiße Hände. Alles in allem ſah er aus wie Jemand, der zu etwas Beſonderem auserſehen iſt. Jedoch einen Mangel hatten dieſe hübſchen Augen: ſie konnten nicht frei und offen dem Blicke begegnen. Nicht Jeder merkte das ſofort, denn er ſuchte dieſen Fehler zu verdecken, ſo gut es ging, ja er zwang ſich förmlich dazu, der Welt und den Menſchen in's Geſicht zu ſehen, aber wer einmal jenen Mangel entdeckt hatte, dem mußte er immer wieder auffallen. Es war ein leiſes Zögern, ein gewiſſes ſcheues Aufblitzen in dem Blicke zu bemer⸗ ken, das den feineren Beobachter mit Mißtrauen und Verdacht erfüllen mußte. Nelly's ſcharfe Augen hatten dieſe Eigenthümlichkeit bei ihrem Bruder längſt heraus⸗ gefunden, und ihr ſtetes Beobachten enlei ſo oft Hliphant, Innocenzia. I. „ jenes„Zanken“, gegen welches Mrs. Eaſtwood ſo ernſt⸗ lich proteſtrte. Aber die Schweſter empfand nun ein⸗ mal, faſt ohne es zu wiſſen, ein gewiſſes unbehagliches Gefühl Frederick gegenüber, und obgleich er ihr Bruder war, konnte ſie doch nicht ganz klar über ihn werden. „Wie heißt denn aber die neue Couſine?“ ſagte Richard, der im Allgemeinen ziemlich wortkarg war, aber immer gerade das Richtige traf. Wahrhaftig, daran hatte noch Niemand gedacht, und welches Intereſſe neh⸗ men doch junge Leute gewöhnlich an den Vornamen ihrer Freunde und Verwandten! Aber in dem Eifer, der kleinen Waiſe auf jede Art hülfreich zu ſein, hatte man dieſe wichtige Frage noch gar nicht berührt. „Ihr ſprecht immer von ihr als dem kleinen Mäd⸗ chen und der Couſine und ſo weiter, beſitzt denn die Unglückſelige keinen Namen?“ „Ja wahrhaftig, wie heißt ſie denn?“ rief Nelly. Mrs. Eaſtwood ſuchte in den Fächern ihrer Er⸗ innerung. Sie wußte, daß es ein ungewöhnlicher Name geweſen, ein Name, der ſeltſam genug zu den Eigen⸗ thümlichkeiten des Vaters gepaßt hatte. Nicht„Engel“, aber etwas der Art. Da— ja endlich, ſo hieß die Kleine: Innocenzia. „Innocenzia!“ ſagten Alle, eins nach dem andern den Namen wiederholend. Seltſam rührend tönte der 35 weiche Name der Unſchuld von den jungen Lippen, ſo⸗ daß Mrs. Eaſtwood ſogar einige Thränchen vergoß. Es lag etwas in dem Klange, was unmittelbar zu Herzen ging. Zwei Tage ſpäter reiſte Frederick nach dem Continent ab, um die Waiſe aus Piſa nach ſeiner Heimath zu geleiten. 3* Drittes Kapitel. Die Familie. Es war ein heller Frühlingsmorgen. Wol war es noch recht friſch und kalt, aber doch lag eine Flut von Sonnenlicht überall, wohin das Auge blickte. Es ſpielte auf dem jungen Gras, es zitterte über die knos⸗ penden Zweige der Bäume, wo die braunen Blätterhüllen ſich ſchon zu entfalten begannen, es ſenkte ſich mit ganz beſonderer Vorliebe auf den goldenen Streifen der blühen⸗ den Krokus. Wol war es kalt, faſt winterlich kalt, doch hatte man ſchon nicht mehr jene froſtige Empfin⸗ dung, man ahnte die beſſeren Tage, die da kommen werden, kommen müſſen, dem Armen ähnlich, dem eine zugefallene Erbſchaft glücklichere Zeiten verheißt. Auch in Nelly mochte ein ſolches Lenzgefühl lebendig gewor⸗ den ſein, denn was hätte ſie wol ſonſt veranlaßt, am frühen Morgen ſchon, mit einer Scheere bewaffnet und 37 mit warmen Handſchuhen über den zarten Fingern, in den Garten zu laufen? Was hatte ſie dort zu ſuchen außer den Krokus, an denen ſie doch vorüber⸗ huſchte? Am Ende der Allee, wo die Buchen dichter ſtanden, da waren eine Menge Schneeglöckchen aufge⸗ blüht, und dorthin, zu dem ihr wohlbekannten Plätzchen, eilte ſie. Sie ſelbſt ſah in ihrem pelzbeſetzten Sammt⸗ jäckchen freilich nicht wie ein Schneeglöckchen, wohl aber wie eine friſche Roſe aus, denn die ſcharfe Luft hatte die Wangen köſtlich roth gefärbt. Flüchtigen Laufes, um ihre Füße zu erwärmen, rannte ſie die Allee hinunter: das war geſünder als am Kamin zu ſitzen. Dicht bei der Gartenthüre beſchäftigte ſich Richard ſehr nützlich. In ſeiner Taſche ruhte das Buch der Weisheit, aus dem er lernen ſollte, während er ſich bemühte, dem kleinen Pinſcher etwas Lebensart beizubringen. Es hieß im Hauſe immer, daß Dick, der arme Junge, ſeit ſieben Uhr früh über den Büchern ſitze, und ich glaube, er ſelbſt hatte auch die feſte Ueberzeugung, daß ſchon das Buch in ſeiner Taſche ihm wunderbaren Beiſtand leiſte. Er las vielleicht höchſtens eine Seite und gähnte dabei, ich weiß nicht wie oft, dann aber war ſeine edle Seele nur von dem Gedanken erfüllt, den unwiſſenden Hund zu bilden, ihm nützliche Dinge wie„Stock tragen“,„Wache ſtehen“ u. ſ. w. zu lehren. Eben beſchnüffelte Winks 38 den Stock, der ſeinen ungelehrigen Pfoten wieder ent⸗ fallen war mit einer gewiſſen Geringſchätzung Es war ein ſehr dunkelhaariger, ja man konnte S ſchwar⸗ zer Pinſcher, mit prächtigen, klugen Augen, der mit einer Art von höhniſchem Grinſen, wobei er uu⸗ ſeine weißen Zähne enthüllte, ſeinen Lehrer oftmals zur Verzweiflung bringen konnte. Winks ſchien offenbar die Erziehungs⸗ verſuche des jungen Herrn durchaus nicht zu lieben, und vielleicht lag darin gerade eine gewiſſe Uebereinſtimmung ihrer edlen Seelen. Er glaubte gar nicht an die vor⸗ gebliche Feuerwaffe, die er in den Pfoten halten ſollte, um als Schildwache auf und ab zu gehen, und Worte können nicht ausdrucksvoller ſeine gutmüthige Verachtung bekunden, als ſein wackelndes Schwänzchen.„Du denkſt, ich ſoll das Stück Holz in meine Pfoten nehmen?“ ſchien es zu ſagen,„ich werde mich hüten!“ Und obgleich Dick ſein:„Aufgepaßt, in die Höhe, gerade!“ ihm immer hef⸗ tiger zurief, lächelte Winks doch immer ſatiriſcher und wedelte immer heftiger mit dem Schwanze. Aber bald ſchien ihn die Unterrichtsſtunde zu langweilen. Er drehte den Kopf und ſpitzte die Ohren, als ob er einen Ruf hörte. Die Pantomime war ſo klug, wie Dick vielleicht nie eine aufgeführt haben würde; ſie ſagte wie mit deut⸗ lichen Worten:„Ruft mich da nicht meine Madame?“ Aber Winks war viel zu klug, um gleich fortzulaufen, ——.—— 39 er horchte erſt eine Weile, dann wiederholte ſich der imaginäre Ruf, und nun lief der höfliche Hund mit einem: „Bedaure uneblich, Sie verlaſſen zu müſſen,“ tri⸗ umphirend davon.„Verwünſchte Beſtie!“ rief der ver⸗ ſchmähte Inſtruktor ihm nach, doch Winks mochte wol vor ſich hin lachen, als er auf drei Beinen, wie ſeine Lieblingsmanier war, in höchſter Eile davonrannte.„Ver⸗ wünſchte kleine Beſtie!“ wiederholte der Junge.„Nelly, komm hierher und tanze nicht ſo herum! Denke nur, eben hatte ich dem Winks ein ſo ſchönes Kunſtſtück bei⸗ gebracht.“ „Oder Du glaubteſt es. Winks iſt viel zu klug, um ſo etwas zu thun!“ ſagte Nelly. „Ja, der iſt ſo klug wie ich,“ ſagte der unſchuldige Dick.„Ich möchte bei ihm bisweilen an den Unſinn der Seelenwanderung glauben. Dann iſt er früher Schau⸗ ſpieler geweſen, der Schelm. Ich bin feſt überzeugt, die Mutter hat ihn gar nicht gerufen. Sie iſt noch gar nicht aus der Schlafſtube gekommen, aber ſo ein ſchlauer Patron! Die hübſchen Schneeglöckchen, Nelly! Wo haſt Du ſie denn gefunden? Willſt Du ſchon. hineingehen? Ach, komm doch noch einmal die Allee hinunter, ich habe Dir was zu ſagen.— Du glaubſt gar nicht, was für eine ſcheußliche Qual ſo ein Examen iſtl“ rief er mit einem tiefen Seufzer,„und ich frage Dich nun, Nelly, auf Ehre und Gewiſſen, wie kann man erwarten, daß ein junger Menſch vor dem Frühſtück Mathematik treiben ſoll? Zu jeder andern Tageszeit iſt es ſchon ſchlimm genug, aber um acht Uhr Morgens, ohne eine Taſſe Kaffee im Magen, das iſt doch entſetzlich! Von was für Stoff ſollen denn die Menſchen gemacht ſein? Ich bin feſt überzeugt, ſo war es in früheren Zeiten nicht.“ „Davon wirſt Du nicht viel wiſſen,“ ſagte Nelly. „Als ich in die Schule ging, und viel jünger war, als Du jetzt biſt, mußte ich ſchon eine Stunde lang vor dem Frühſtück mit kalten Fingern und leerem Magen im unz geheizten Zimmer am Klavier üben.“ „Ach, das iſt gar nichts,“ ſagte Dick,„natürlich machte ich mir auch gar nichts daraus, als ich in Eton war, da ſtanden die andern Kerle auch mit auf, und die Lehrer ſahen eben ſo blaugefroren aus wie wir. Aber wenn ihr Andern noch in euren behaglichen Betten liegt, und ich allein ſoll arbeiten, das will mir nicht ſchmecken!“ „Wenn's weiter nichts iſt,“ ſagte Nelly,„ich würde ſehr gern früh aufſtehen und bei Dir ſitzen, aber da würde nur geſchwatzt werden und die Arbeit würde nicht fertig. Und wenn Du jetzt recht fleißig biſt, da iſt ja die Sache bald vorbei.“ „Bald vorbei? Ja, bis das nächſte Examen kommt,“ 41 ſtöhnte der arme Dick,„und dann ſchickt man mich zu guter letzt nach Indien. Na, und ſieh nur den Fre⸗ derick an, den faulen Kerl! Um zehn Uhr bemüht er ſich erſt aus den Federn, und kein Hahn kräht danach. Weshalb nur dieſer Unterſchied zwiſchen ihm und mir? Du biſt ein Mädchen, Dich rechne ich gar nicht; aber weshalb er im Klee ſitzen darf in ſeiner guten Stellung in der Siegellackfabrik, während ich nach Indien gehen ſoll, das begreife ich nicht.“ „Frederick wird ſich in ſeiner Stellung niemals ein Vermögen erwerben, Dick; Du aber kannſt es in Indien. Auch weißt Du ja,“ ſagte Nelly, die hier, obgleich ſie dem älteſten Bruder nicht recht traute, doch ſeine Partei zu nehmen für gut fand,„daß er ſchon längſt eine aus⸗ gezeichnete Pfründe haben könnte, wenn er bei der Theo⸗ logie geblieben wäre. Aber er war zu gewiſſenhaft, tauſend andere junge Männer in ſeinem Falle würden das nicht geweſen ſein. Er machte ſich Serupel über gewiſſe Dinge.“ „Wer in aller Welt kümmert ſich um meine Scru⸗ pel?“ rief Dick.„Wenn ich nun auch meine Anſichten darlegen wollte, Nelly—“ Jetzt war es aber mit Nelly's Ernſthaftigkeit zu Ende. Die Idee, daß Dick eigene Anſichten entwickeln wollte, und der beleidigte Blick und Ton, mit welchem er ſich über die Gleichgültigkeit der Welt ſeinem Leiden gegenüber beklagte, das Alles war ſo komiſch, daß die Schweſter in ein unauslöſchliches Gelächter ausbrach. „Komm, wir wollen uns haſchen,“ rief ſie, um ſich ſelbſt zu beſchwichtigen, und der junge Herr nahm ſofort, ohne ſich im geringſten beleidigt zu zeigen, die Aufforderung an. Er ließ ſie pfeilgeſchwind an ſich vorüber fliegen, ohne ſich zu rühren, mit der echten Geringſchätzung eines Knaben den Mädchen gegenüber, wo es gilt, Körperkraft oder Gewandheit zu entwickeln.„So machen es die Mädchen immer,“ ſagte Dick gelaſſen,„ſie verſchwenden immer die beſte Kraft im Anfang. Zuerſt wie der Blitz, dann— wie Du, Nelly,“ rief er, indem er blitzſchnell an der ſchon Erſchöpften vorüberjagte. Es war aber ein harter Kampf, Nelly ließ ſich nicht leicht ſchlagen, erſt wenige Schritte vor dem Ziele mußte ſie dem Sieger den Preis überlaſſen. Dieſer aber gab ihr nun groß⸗ müthig und ſehr umſtändlich weiſe Lehren für künftige Fälle, indem er ſeine Schweſter etwa in eben dem Lichte zu betrachten ſchien wie ſonſt Winks ihn, ſeinen vor⸗ trefflichen Herrn.„Mädchen verſtehen nun einmal durch⸗ aus nichts,“ ſagte der junge Schnellläufer mit gering⸗ ſchätzigem Lächeln. „Miß Ellinor, die Frau Mama wartet ſchon ſeit einer halben Stunde mit dem Frühſtück,“ tönte hier 43 Browns Meldung feierlich zu den Beiden herüber. Der alte Diener war ſehr groß und ſtark, ſeine Breite nahm faſt die Ausſicht durch den Baumgang. Die Kinder des Hauſes kannten ihn von Jugend auf, er war oft die Zielſcheibe ihres harmloſen Witzes, aber ſie hatten es noch nicht verlernt, ihm zu gehorchen. Augenblicklich ſetzten ſie ſich in Bewegung, um in's Haus zurückzu⸗ kehren. „Wir kommen ſogleich,“ rief Nelly und rannte nach ihrem Körbchen mit den Schneeglöckchen. Dann wander⸗ ten Bruder und Schweſter dem breiten, ſchwarzen Rücken nach, der mit großer Würde ſich vor ihnen her be⸗ wegte. „Was für ein langſtieliger Patron das iſt!“ ſagte Dick.„Nelly, ſieh' mal, was gilt die Wette, ich treffe mit dieſer Kaſtanie ſein großes, rothes Ohr? Eins, zwei, drei—“ „Um Himmelswillen, Dick, laß das ſein!“ rief Nelly und hielt ſeine Hand zurück.„Wenn er auch langſtielig iſt, es iſt nun einmal nicht anders, wir werden immer alte Dienſtboten haben. Mama hat ſie ſo gern. Frei⸗ lich wenn es auf Frederick ankäme, dann hätten wir ſchon längſt eine andere Köchin. Aber auch ich, ach nein, ich könnte mich auch nicht von der alten Alice trennen, trotzdem ſie nie eine neue Haarfriſur lernen will.“ „Ich mache mir doch die Haare einmal wie allemal,“ ſagte Dick.„Ich brauche keine Hülfe dabei.“ „Ach Du!“ ſagte Nelly, indem ſie unſchuldige Rache ausübte.„Wer achtet darauf, wie ein Junge ausſieht?“ und ſo ſchwatzend traten ſie in das Haus, voll von Jugendluſt, Uebermuth und Schelmerei. Mrs. Eaſtwood ſtand am Kamin und wärmte ihre Hände, aber die jungen Leute hielten ſich vom Feuer fern, in ihren Adern floß das leichtbewegte Blut, das von der Kälte unberührt bleibt. „Wo mag nur unſer Frederick jetzt ſein? Ob er wol ſchon in Piſa iſt?“ ſagte die Mutter.„Wahr⸗ ſcheinlich iſt er in Paris geblieben, es wäre auch zu viel verlangt, daß ein junger Mann gleich ohne Aufenthalt durchreiſen ſollte. Aber ich muß immer an das arme, einſame Kind denken—“ „No, der Wind heulte tüchtig vorige Nacht,“ ſagte Dick,„es mag hübſch auf dem Kanal geweſen ſein. Frederick wird's ſehr hübſch gefunden haben, Mama. Wie der heut' Morgen ausſechen mag! Grün und gelb gewiß. Der kann auch gar nichts vertragen. So ein Bis⸗ chen Seewind! Da hätteſt Du uns vorigen Herbſt in dem Schifſchen auf unſerer Luſtfahrt mit dem alten Sommerdale ſehen ſollen! Das war eine Luſt!“ „Sprich mir nicht davon,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, 45 indem ſie die Taſſe niederſetzte und ſich die Augen be⸗ deckte.„Wir werden es noch erleben, daß Mr. Sommer⸗ dale mit Mann und Maus in ſeinem Schiff eines Tages zu Grunde geht, und ich glaube, das wäre ſeine gerechte Strafe, weshalb verleitet er auch immer die Knaben zu ſolchen gefährlichen Wagſtücken! Ich bin faſt vor Angſt geſtorben.“ „Na, ich war weit näher daran, und ich machte mir nichts daraus,“ rief Dick.„Es war köſtlich! Das Ge⸗ töſe, der Sturm, man hörte ſein eigenes Wort nicht, und die Verwirrung und die Gefahr! Das war eine Luſt!“ Und der tapfere Burſche rieb ſich, noch in der Erinnerung ſchwelgend, die Hände. Er ſah dabei ſo er⸗ barmungslos auf die Angſt ſeiner Mutter, daß dieſe es für gerathen hielt, den Uebermuth des jungen Helden ſofort etwas zu dämpfen. „Ich hoffe, daß Du heute ſchon recht fleißig gear⸗ beitet haſt, Dick? Alice ſagte mir, Du wärſt gleich auf⸗ geſtanden, als ſie Dich geweckt hätte. Bedenke wol, mein lieber Junge,“ fügte ſie im mildeſten Tone hinzu, „daß Du, obſchon ich Dir jeden möglichen Vortheil gern gewähren will, doch Deine Zeit recht zuſammen nehmen mußt. Die Nachhülfeſtunden zu zwei und einem halben Thaler ſind ſehr koſtſpielig, und ich hoffe, daß Du ſie recht gut benutzeſt. Ich werde bald für ein Kind mehr — —— 46 zu ſorgen haben,“ fügte die Mama mit einem leiſen Seufzer hinzu. Nun war es aus mit Dicks guter Laune. Er murmelte etwas in ſeinen unſichtbaren Bart, was durchaus nicht ſehr ſchmeichelhaft für die Mathematik im Allgemeinen war. Dann ſagte er: „Wenn es nur irgend einen Nutzen hätte, daß man ſich ſo abquält! Aber ich ſehe nicht ein, was mir das helfen ſoll. Ja, wenn ich ein Lehrer werden wollte, oder ein Rechnungsführer, oder ein Buchhalter oder irgend ſo ein Kerl—— Du brauchſt gar nicht O, O! zu ſchreien, Nelly, wir ſind nicht im Parlament, und Du wenigſtens wirſt auch niemals hinein kommen, das iſt doch ein Troſt. Mädchen ſollten überhaupt nicht über Sachen ſprechen, die ſie nicht verſtehen, ich kümmere mich doch auch nicht um eure Lappalien. Das muß einen doch entmuthigen. Und das kannſt Du mir glauben, Mathematik iſt furchtbar ſchwer, und ihr Mädchen, die ihr niemals in den Euclid hineingeſehen habt, könnt darüber gar nicht urtheilen,“ ſchloß Dick mit vieler Würde ſeine Vertheidigungsrede. „Das Alles wird uns das Examen lehren,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Wenn Du dies glücklich überſtanden haſt, ſoll Dich ic Niemand mehr ärgern. Aber merke Dir ja, wie viel Stunden Du ſchon gehabt haſt, lieber Junge, wegen der Bezahlung, und werde nicht muthlos. —= 47 Aber ihr wißt, Kinder, daß ich jetzt ſparſamer als je ſein muß, da wir ein neues Familienglied in nächſter Zeit erwarten, obgleich ich in der That nicht weiß, wo etwas zu ändern wäre.“ Dabei ſeufzte die hübſche Frau in der Erinnerung an ihre Equipage.„Vielleicht wenn ihr euch daran gewöhnen könntet, kein Feuer in den Schlafzimmern zu haben, aber ich fürchte, das wird eurer Geſundheit ſchaden. Daran dürfen wir alſo nicht denken. Nein, laßt uns im großen Ganzen ſparſam ſein, und ihr könnt mich Alle darin unterſtützen. Alſo benutze Deine Stunden recht, mein lieber Dick, und denke daran!“ „Ich gehe ſchon, Mama,“ ſagte er und zog das Buch aus der Taſche, wo es ihm ſchon den ganzen Morgen friedliche Geſellſchaft geleiſtet hatte. Mrs. Eaſt⸗ wood folgte ihm mit ihren liebevollen Blicken. „Ich glaube wirklich, trotzdem er ſo ein Windbeutel zu ſein ſcheint, daß er tüchtig arbeitet, der arme Junge,“ ſagte ſie mit jenem rührenden mütterlichen Vertrauen, welches nur zu oft nicht gerechtfertigt wird. „Ja, ja, Mama,“ rief Nelly ungeduldig, da für ſie die Angelegenheit nicht daſſelbe Intereſſe hatte wie für ihre Mutter.„Laß' doch den Dick, ich bin überzeugt, er wird ſchon durchkommen. Sieh lieber einmal, was ich in der kleinen Stube angeordnet habe.“ 48 Ich habe ſchon geſagt, daß das alte Haus ſehr be⸗ quem gebaut und eingerichtet war. Mrs. Eaſtwoods Schlafzimmer war ein weiter, prächtiger Raum, wo Tiſche, Sopha's und eine Menge Schränke außer dem breiten Himmelbette Platz fanden. Ellinors Stube war dicht daneben, und dann kam die kleine Fremdenſtube, die man für den neuen Ankömmling beſtimmt hatte. In Nelly's Stube ſaß eine flinke Nähterin unter einem wahren Berge von glänzenden Möbelkattun, mit einem Muſter von Roſen und Farrenkräutern, welches dazu beſtimmt war, das Gaſtzimmer zu ſchmücken. Eine große, alte Frau in ſchwarzem Kleid und Haube ſtand neben der Arbeitenden und ſchien zu berathen, aber auch zu tadeln. Ellinor näherte ſich ihr faſt mit Schüchternheit und ſagte:„Wie gut iſt's von Ihnen, Alice, mitzuhelfen! Iſt der Kattun nicht reizend? Wenn das Zimmer erſt neu tapezirt und rein gemacht worden iſt, wird's doch gewiß hübſch ausſehen.“ „An dem Zimmer iſt nichts auszuſetzen,“ ſagte Alice mit ſtarkem ſchottiſchen Aecent und mit einer Feierlichkeit im Tone, die noch mehr als ihre Worte ihr Mißfallen an der ganzen Sache ausdrückte. „Und wir werden dicht beiſammen wohnen. Das iſt hübſch bequem,“ ſagte Nelly mit unſicherm Lächeln, „alle Damen unſerer Familie——“ ———— 49 „Ich muß ein Wort darüber mit Ihrer Mama ſprechen,“ ſagte Alice. Sie ſchritt auf die Thüre zu. „Mama iſt in der Fremdenſtube,“ ſagte Nelly. Sie wußte, wie leicht ihre Mutter zu überreden war, und deshalb ſtieg ihre Beſorgniß, als ſie die finſtern Blicke der alten Dienerin gewahrte. Mit nur ſchlecht verhehlter Angſt eilte ſie in das kleine Zimmer voraus. „Alice iſt in ſchrecklich ſchlechter Laune,“ flüſterte ſie hier der Mutter zu.„Nicht wahr, Du hörſt nicht auf ihre Rederei? Sie hält die Tapete und den bunten Kattun für Verſchwendung. Laß' Dich aber nicht irre machen, Mama.“ „Aber Alice hat ganz Recht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood kopfſchüttelnd. Sie liebte alles, was hübſch war, und im Allgemeinen ſtimmte ihr Geſchmack mit dem ihrer Tochter völlig überein, doch diesmal ſchien Nelly ſich geirrt zu haben, denn die Mutter war ganz auf der Seite der alten Dienerin. Aber gänzlich unerwartet war dem jungen Mädchen die Art, wie dieſe jetzt den Angriff auf Mrs. Eaſtwood machte. Denn mit gewichtigem Ernſt in den ſtarren Zügen ſagte ſie: „Erinnern Sie ſich noch an Miß Iſabelle, Madame?“ Ihre Augen ruhten bei dieſen Worten voll und finſter auf dem Geſichte ihrer Herrin. „Lieber Himmel, Alice, was für eine ig Frage Oliphant, Innocenzia. I. 50 iſt das! Ich ſoll mich meiner eigenen Schweſter nicht erinnern?“ rief Mrs. Eaſtwood. „Ja, wol klingt die Frage ſeltſam,“ ſagte Alice mit einem grimmigen Lächeln,„aber übereilen Sie ſich nicht. Sie haben Ihre Schweſter nicht vergeſſen, dennvch ſind Sie eben im Begriff, ihr Kind, das einzige Kind, hier in dem Zimmer dicht neben ſich und Ihrer Tochter wohnen zu laſſen. Bedenken Sie wol, das heißt: zwiſchen Mutter und Tochter wollen Sie Miß Iſabellens Kind bringen!“ „Alice!“ rief Mrs. Eaſtwood ärgerlich. Sie blickte in Nelly's verwundertes Geſicht und dann wieder auf die Dienerin mit einem halb erſchrockenen, halb drohen⸗ den Ausdruck. „Ich ſage es gerade vor Miß Ellinor, damit Sie nicht mit geſchloſſenen Augen handeln,“ ſagte Alice.„Ich bin zwar nur eine Dienerin und habe kein Recht mich hineinzumiſchen; aber ich kann auch nicht ſtumm dabei ſtehen, wenn ich ſo etwas ſehe. Ich ſehe kein Glück daraus kommen,“ fügte ſie feierlich hinzu.„Beſſer, viel, viel beſſer wäre es, Sie verſorgten ſie gut, aber ließen ſie nicht hierher kommen. Aber Madame, wenn Sie denn nun einmal Ihren Willen durchſetzen wollen, und ESie thun es, ich weiß das, obgleich Sie nicht danach aus⸗ ſehen,— ſo laſſen Sie ſie wenigſtens nicht hier wohnen.“ 51 „Was ſind das für grauſame Vorurtheile, Alice!“ rief ihre Herrin entſetzt. „Das kann wol ſein; doch ich weiß ſchon, Madame, Sie werden ſich dadurch nicht irre machen laſſen. Wir ſind ja Alle nicht vollkommen. Aber das Kind Ihrer Schweſter Iſabelle, das Kind eines durchaus ſchlechten Vaters, ſollte nun und nimmer in dieſes Haus kommen. Wie können Sie wiſſen, ob ſeine Eigenſchaften ſich nicht auf dieſes Mädchen vererbt haben? Die arme Miß Iſabelle! Sie haben ſchon genug von ihr im eigenen Blut, weshalb wollen Sie es noch anderswo ſuchen und mit Gewalt hierher bringen?“ Mrs. Eaſtwood wurde dunkelroth.„Willſt Du damit ſagen, daß irgend eines meiner Kinder den Charak⸗ ter meiner Schweſter hat, ſo irrſt Du Dich ſehr,“ er⸗ widerte ſie, heftig im Zimmer auf und nieder ſchreitend. „Nelly, Du meinſt vielleicht, dies Alles bedeute etwas ſehr Entſetzliches. Sieh', es iſt nur das: Deine arme Tante Iſabelle war ſehr verſchloſſen und liebte es, ganz im Geheimen zu handeln. Sie brachte mich dadurch einmal in eine fatale Situation, als ich noch ein Mäd⸗ chen war. Das iſt Alles. Weshalb ſollte man das dem Kinde entgelten laſſen? Das kann ich nicht begreifen. Du meinſt es ganz gut, Alice, aber das macht Deine Einwendungen durchaus nicht angenehmer. Lege die 4* 52 Vorhänge weg, Nelly! Dieſe Eile war auch gar nicht nöthig. Wir haben noch Zeit genug. Du biſt aber immer ſo übereilt in Allem, was Du thuſt, Kind. Ich will mit der Köchin ſprechen. Loßt mich nun mit dieſen Geſchichten in Ruhe!“ „Sehen Sie, Alice,“ ſagte Nelly kummervoll, als ihre Mutter ärgerlich das Zimmer verließ,„das iſt Ihr Werk!“ Viertes Kapitel. Die Freunde der Familir. Jene geheimnißvolle Andeutung haftete jedoch nicht lange in Ellinors ſonniger Seele, wie dies vielleicht bei weniger glücklich organifirten Naturen der Fall geweſen wäre. Ich glaube überhaupt nicht, daß ſie damals ſehr viel und ſehr tief dachte. Sie ſchob derartige Vorkomm⸗ niſſe auf„üble Laune“ und ſchüttelte ſie ab wie das Täubchen die Regentropfen. Mrs. Eaſtwood war zwar dieſen Tag über verſtimmt und nahm durchaus keinen Antheil an Nelly's Geſchäftigkeit, aber leichtherzig wie ſie war, lag ſchon am nächſten Morgen nichts mehr von dem Drucke des vorigen Tages auf ihr. „Weshalb ſollte ich denn Alicens Meinungen zu den meinigen machen?“ ſagte ſie wie halb für ſich. „Nun wahrhaftig, weshalb auch!“ rief Relly, die jene leiſe geſprochenen Worte begierig erfaßte. „Alice iſt eine ſehr gute Perſon, eine vortreffliche Dienerin und liebt euch Kinder ſo zärtlich, als wäret ihr ihre eigenen,(„na, bisweilen zeigt ſie das auf eine ganz beſondere Art,“ ſchaltete Nelly ein), und ein wahrer Troſt iſt es für mich, ſie im Hauſe zu haben; aber ſie hat einen ſo kleinen Horizont und iſt voller Vorurtheile und Aberglauben, deshalb kann ich mich nicht in Allem durch ſie beſtimmen laſſen.“ Dieſe Rede wurde von der Tochter mit ſo lebhaftem Entzücken begrüßt, daß Mrs. Eaſtwood ſofort ſich in alle geſtern vernachläſſigten Arbeiten ſtürzte und mit Nelly an dieſem Morgen Vieles einkaufte, was die Be⸗ haglichkeit des Zimmers erhöhen ſollte. Mutter und Tochter gingen mit wahrer Luſt an die Ausſchmückung deſſelben, und vielleicht trat der Gedanke an die arme Waiſe vor dem Vergnügen und der Aufregung des Ein⸗ richtens, Wählens und Kaufens ſehr in den Hinter⸗ grund. Es lag etwas von der Freude eines Kindes beim Ausputzen ſeiner Puppenſtube in dieſer Art der Geſchäftigkeit beider Damen. Sie hatten ſich ein Bild von Innocenzia geſchaffen, und nach dieſem richteten ſie das Gaſtzimmer ein: ſonnig und hell, ein kleines Aſyl des Friedens und der Freude ſollte es werden. Ob freilich dieſes Bild dem Original auch nur im mindeſten entſprach, werden wir ſpäter ſehen. Indeſſen nicht der —————————————— — 55 ganze Tag wurde mit dieſen Vorbereitungen zugebracht. Die Eaſtwoods waren, wie ſchon erwähnt, eine ſehr be⸗ liebte Familie. Sie wurden viel eingeladen, gaben ſelbſt kleine Geſellſchaften und empfingen viele Beſuche. Die Londoner Geſelligkeit erlahmt gewöhnlich in den Winter⸗ monaten, doch hin und wieder hatten erheiternde Bälle und Conzerte ſtattgefunden, und Nelly hatte die vor⸗ nehme Welt auf Lady Altamounts Ball kennen gelernt, ohne dadurch aus ihrer eigentlichen Sphäre zu kommen. Ihr blieben die einfacheren Feſte ihrer Standesgenoſſen doch die liebſten; hier fand Mrs. Eaſtwood ihre alten Freunde und Berather, hier auch das Töchterchen ihre jugendlichen Verehrer. Unter den rathgebenden Freun⸗ dinnen der Mama aber nahm Mrs. Everard eine her⸗ vorragende Stellung ein. Ihr wurde Alles anvertraut, mit ihr faſt Alles ohne Ausnahme beſprochen, was das Haus und die Familie betraf. Für das Finanzdeparte⸗ ment hatte Mrs. Eaſtwood wieder einen beſonderen Freund, einen Mr. Parchmin, der alle ihre Geldange⸗ legenheiten beſorgte; im Erziehungsfache unterſtützte ſie der Rector des Kirchſpiels, der ſich der beiden jüngeren Söhne ſpeciell anzunehmen pflegte, und der dritte dieſer männlichen Rathgeber war ein Major Railton, der aber, ich bedaure es ſagen zu müſſen, nicht ohne Eigennutz ſich zum Dienſtbefliſſenen der ganzen Familie hergegeben 56 hatte. Sein Magnet war Relly, und deſſen An⸗ ziehungskraft ſo gewaltig, daß ihm die langweiligſten Kommiſſionen in der Stadt nicht zu viel waren und daß er ſich allen Befehlen und Wünſchen der Damen mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung ſtellte. Lei⸗ der erſchien aber dieſe Hingebung in den Augen ſeiner Angebeteten nur als ein geringes Verdienſt; Nelly hielt die Galanterie eines Dreißigjährigen ihr, der kaum Zwanzigjährigen, gegenüber für nichts als väterliche oder brüderliche Fürſorge und dachte nicht daran, daß er ernſt⸗„ liche Abſichten hegen könnte. Nein, nicht ein tapferer Soldat im bunten Rock des Königs hatte ihre beſondere Gunſt zu erringen vermocht: ein junger Advokat, der erſt ſeit Kurzem ſein Examen gemacht und noch ſehr wenig zu thun hatte, aber mit Zunge und Feder ge⸗ wandt und zu Allem bereit, ſchien es beſſer verſtanden zu haben, das ſpröde Herzchen zu rühren. Er hieß Molyneux, und ſeine bis jetzt ausſichtsloſe Stellung er⸗ ſchien darum in weit günſtigerem Lichte, weil man ihn als den Sohn des berühmteſten Advokaten kannte, von dem man wußte, daß er nächſtens ſogar im oberſten Gerichtshofe Sitz und Stimme erhalten würde. Der einflußreiche Name des Vaters war es, der dem Sohne Eintritt in die beſten Familien verſchaffte, und obgleich Ernſt Molyneux augenblicklich keinen Pfennig eigenes Vermögen beſaß und vielleicht höchſtens ſo viel verdiente, um ſeine Schneiderrechnung bezahlen zu können, geſtat⸗ teten ihm doch ſelbſt vorſichtige Mütter wie Mrs. Eaſt⸗ wood freien Verkehr in ihrem Hauſe. Beide Verehrer Nelly's, der Major ſowohl wie der junge Rechtsgelehrte, waren in verſchiedenen Journalen literariſch thätig, na⸗ türlich auf entgegengeſetzten Gebieten, und vielleicht war der einzige Boden, auf welchem ſie ſich mit gleicher Ab⸗ ſicht, aber auch nicht mit freundlichen Gefühlen begegne⸗ ten, das gaſtliche Haus der Eaſtwoods,„die Linden“. In der Dämmerſtunde eines jener froſtigen Februar⸗ tage befanden ſich die beiden genannten jungen Herrn in dem behaglichen Wohnzimmer des alten Hauſes. Das Feuer brannte im Kamin, die Lichter aber waren noch nicht angezündet, und wiewol die jungen Leute dieſes Halbdunkel nicht ſehr liebten, ſo wagte doch Niemand ein Wort darüber zu äußern, wie dies Frederick bei einer früheren Gelegenheit gethan hatte. Auf einem kleinen Seitentiſche blitzte in dem Dämmerlicht die ſilberne Thee⸗ maſchine mit den ſie umgebenden feinen Porzellantaſſen. Der Major ſaß tief im Schatten neben Mrs. Eaſtwood und beſprach mit ihr, in ſeiner Eigenſchaft als ſachkun⸗ diger Berather, den defecten Stand der Wagenremiſe und des Pferdeſtalls am Hauſe, während der junge Molyneu ſich mit Nelly unterhielt, mit der er in der 58 Mitte des Zimmers auf und niederſchritt. Beide Be⸗ ſucher hatten bereits mit gebührendem Intereſſe die Ge⸗ ſchichte von der neuen Couſine angehört, doch augenblick⸗ lich war dieſes Thema erledigt. „Die Ställe ſind in der ſchlimmſten Verfaſſung,“ ſagte der Major.„An der einen Stelle ſickert das Waſ⸗ ſer durch, und darunter leidet dann das ganze Beſitz⸗ thum. Sie dürfen es durchaus nicht verfallen laſſen.“ „Ich habe zwar keine Ausſicht, die Remiſe und die Ställe wieder benutzen zu können, Major, aber wenn Sie ſagen, daß die Beſitzung darunter leidet, da darf natürlich nicht gezögert werden. Es iſt doch eine rechte Plage, wenn man Hausbeſitzer iſt; wie viel bequemer haben es die Abmiether!“ ſagte Mrs. Eaſtwood. „Um nach Jahresfriſt ausgewieſen zu werden,“ lachte der Major. „Ach, man kündigt einem pünktlichen Miethsmann nicht ſo leicht. Nein, ernſtlich geſprochen, ich behaupte, es iſt ein ſehr zweifelhaftes Vergnügen, ein eigenes Haus zu bewohnen. Dieſe Abgaben, dieſe Ausbeſſerungen aller Art! Ja jetzt, wo ich weder Wagen noch Pferde habe, ſoll ich ſogar noch Geld an die Ställe verſchwen⸗ den! Das,“ rief Mrs. Eaſtwood,„das nenne ich Ironie des Schickſals.“ Mr. Molyneux, der den letzten Satz gehört hatte, ² ——— S— ——————————————— 59 miſchte ſich jetzt in das Geſpräch, und dieſes wurde all⸗ gemein, bis die Mutter endlich wieder auf den heute Abend ſchon häufig erwähnten Sohn und ſeine italie⸗ niſche Reiſe kam.„Wie froh bin ich, daß es jetzt in Italien friedlich ausſieht! Ich hoffe, Frederick iſt nun ſchon in Piſa, und nächſte Woche dürfen wir ihn wol zurückerwarten. Welch ein Unterſchied zwiſchen der jetzi⸗ gen ſchnellen Art zu reiſen und der in meiner Jugend! Damals brauchten wir Wochen, um zu einem Ziele zu kommen, das jetzt in wenigen Tagen erreicht wird. Aber Nelly, wäre es nicht an der Zeit, daß die Lampen ge⸗ bracht würden?“ „Gleich, Mama. Sind Sie nicht auch neugierig auf meine Couſine? So eine fremde, junge Dame aus Italien, reizt das nicht die lebhafte Phantaſie, die Sie ja beſitzen ſollen, Mr. Molyneur?“ ſagte Nelly neckend. „Nun ſo helfen Sie mir doch, ſie auszumalen. Hier haben Sie die Anhaltepunkte: Italienerin, ſechzehn Jahre alt, Name: Innocenzia. Jetzt malen Sie, und ich ſage Ihnen dann auch meine Meinung.“ „Ich hoffe, daß ſie ihren Verwandten ähnlich iſt, welche ich ſo glücklich bin zu kennen,“ ſagte der galante Major,„dann wird an dieſem Himmel ein neuer Stern aufgehen.“ „Das iſt ſehr hübſch geſagt, aber ein ſehr weiter Begriff, ſagte Nelly,„und ich glaube, ich habe ſchon etwas der Art gehört. Mr. Molyneux——“ „Wer hat geſagt, ich hätte eine lebhafte Phantaſie?“ rief der junge Mann, indem er ſeinen Stuhl dem Mäd⸗ chen näher zog.„Ich ſchmeichle mir, daß ich es verſtehe, meine Einbildungskraft der Vernunft unterzuordnen, Miß Eaſtwood, denn das iſt die Hauptbedingung für einen männlichen Charakter. Mädchen von ſechzehn Jahren ordnet man in zwei Klaſſen, ſo weit nämlich meine Erfahrungen reichen: die eine iſt ehrliches Brod und Butter, eine Sorte, die mir eigentlich gefällt,— die andere ſcheu und ſentimental, die, wenn ſie nicht zu mager auftritt, auch ihren gewiſſen Reiz hat. Miß In⸗ nocenzia, da ſie Italienerin iſt, wird zu der letzteren Klaſſe gehören. Ich habe meine Aufgabe gelöſt, jetzt iſt's an Ihnen.“ „Meine Idee von ihr,“ ſagte Nelly feierlich und wandte das hübſche Geſicht ihm zu, während das Licht der Flamme im Kamin wie liebkoſend über die weiche Rundung der Wangen und über die ganze zarte Geſtalt des Mädchens hinhuſchte,„habe ich dem Romane der Mrs. Browning entnommen:„Aurora Leigh“. Ich denke mir ſie ſo wie die Heldin. Aber Sie haben ſich wol niemals herabgelaſſen, dies Buch zu leſen, da es von einer Dame geſchrieben iſt——“ 61 „O, ich bitte um Vergebung, Sie kritiſiren und be⸗ ſchuldigen in einem Athem, aber Ihre Anſicht lerne ich doch nicht kennen.“ Unterdeſſen plauderten Mama und der Major noch über die Nothwendigkeit der Ausbeſſerung der Ställe, bis Nelly's Lebhaftigkeit ihre Aufmerkſamkeit auf das Geſpräch der jungen Leute hinlenkte. „Ja,“ fuhr Nelly fort mit vor Aufregung glühen⸗ den Wangen,„ſo denke ich ſie mir. Sie wird ſchön, ſehr ſchön ſein, klug, viel klüger wie irgend Jemand hier. Sie wird wie eine Prinzeſſin in unſerm einfachen Hauſe erſcheinen und Mama und mich gänzlich in den Schatten ſtellen. Sie wird der Mittelpunkt von Allem ſein und werden. Wenn Sie einen Beſuch hier machen, ſo werden Sie ſie anſtaunen, ſie bewundern, ſie ſingen hören, denn natürlich wird ſie reizend ſingen wie alle Italienerinnen. Ihr Vater hat ſie ſicherlich allerlei Sachen gelehrt, die ſonſt kein Menſch kennt und weiß: Griechiſch, Lateiniſch und Aſtrologie, Gott weiß was noch. Mama und ich werden uns die größte Mühe geben müſ⸗ ſen, ſie niederzuhalten, damit wir doch noch etwas im Hauſe gelten.“ „Aber, Nelly, was für tolles Zeug ſchwatzeſt Du denn? Höre doch auf mit Deinen Phantaſien und klingle lieber nach den Lichtern!“ „Gleich, Mama. Wir werden ganz abſcheulich gegen ſie ſein und ſie ganze Tage hindurch in die Schul⸗ ſtube ſtecken, auch nehmen wir ſie in keine Geſellſchaft mit. Hoffentlich bekommt ſie von uns genug zu eſſen. Aber was wir auch mit ihr vornehmen mögen, ſie wird durch Alles hindurchſcheinen wie ein Stern, wie Major Railton ſo ſchön ſagt. Sie wird uns Alle überſtrahlen mit ihrer Schönheit, ihrer Herzensgüte und allen andern Eigenſchaften. Sie wird uns verdunkeln, und wir in unſerm Winkel werden uns für die ſchlechteſten, elen⸗ deſten, dümmſten, häßlichſten——“ „Nelly, Nelly, Du biſt wirklich nicht recht bei Sinnen. Was ſoll das tolle Geſchwätz!“ „Das nenne ich lebhafte Phantaſie!“ rief Molyneux. „Welch' eine kühne Erfindung, welche Bilder! Ich wußte noch nicht, daß Sie Dichterin ſind, Miß Eaſtwood. Au⸗ rora Leigh iſt nichts dagegen. Meine Neugier iſt nun wirklich rege geworden. Wann beginnt denn das grau⸗ ſame Spiel?“ „Aber Mama, es iſt ja ganz dunkel geworden,“ rief Nelly aufſpringend.„Nun ſind wir doch lang ge⸗ nug ohne Licht geblieben, nicht? Habt Ihr Beide die wichtige Frage über den Pferdeſtall erledigt? O Major Railton, wenn Sie mir einen großen Gefallen thun wollten! Es iſt nur ein Buch, was ich brauche. Ein ————————— kleines Buch, nicht wahr, das iſt keine ſchwierige Be⸗ ſorgung? Aber wenn es Ihnen die geringſte Mühe macht, ſo beſtelle ich es mir, freilich bekomme ich es dann erſt in einer Woche. Man bildet ſich ein, hier in London zu ſein, aber ſo lange dauert es, bis ich etwas von Regent Street bekomme.“ „Zu was bin ich denn anders da, als für Sie alles zu thun, was Sie befehlen?“ ſagte der galante Ma⸗ jor, indem er ſeinen Platz mit einem in der Nähe Nelly's vertauſchte.„Ich thue es ſo gern. Lieber Him⸗ mel, Winks, ich bitte um Verzeihung. Wie konnte ich ahnen, daß der Hund hier lag?“ Winks ſprang höchſt ungnädig vom Stuhle, auf dem er gelegen, nahm jedoch von dem Ruheſtörer weiter keine Notiz. Er war viel zu fein, um ſein Mißfallen laut zu äußern, obgleich es ihm durchaus nicht behagte, ſo aus dem ſüßen Schlummer aufgeſchreckt und halb zer⸗ drückt zu werden. Er hinkte daher nach dem Teppich vor dem Kamin und hielt die eine Pfote mit einer ſo kläglichen Leidensmiene in die Höhe, daß das härteſte Herz dabei hätte ſchmelzen müſſen. Unter uns geſagt, war es Winks Lieblingspfote, die er niemals zum Lau⸗ fen benutzte und jetzt auch nur deshalb ſo heuchleriſch leckte, um die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Der Major kniete auch reuevoll neben dem Thiere nieder und 64 unterſuchte das leidende Bein.„Der Knochen iſt nicht entzwei, ich kann es Dir verſichern, edler Winks,“ ſagte er zärtlich, halb zum Hunde, halb zur jungen Herrin gewendet. Der Leidende wendete ſeinen Kopf, wahr⸗ ſcheinlich um ein höhniſches Lächeln zu verbergen. „Es iſt ein Schelm,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, aber ſie war ſeelenfroh, daß dem kleinen Liebling der Familie nichts Erhebliches geſchehen war. Der junge Molyneur benutzte das Ereigniß zu einer boshaften Anſpielung. „Railton wird recht dick,“ flüſterte er Nelly leiſe zu.„Ich wundre mich nicht darüber, daß Winks das nicht leiden mochte. Er wird furchtbar breit. Sehen Sie nur ſeinen Schatten, wir Beide finden darin bequem Platz.“ Und allerdings prangte an der Decke, verlängert durch den Feuerſchein, der mächtige Schatten des Majors. Na⸗ türlich brach die übermüthige Nelly in helles Mädchen⸗ gelächter aus und rettete ſich nur dadurch, daß ſie als Grund dafür angab, wie es ſie amüſire, daß Winks ein ſo vollendeter Schauſpieler ſei und den Major angeführt habe. Komm, Winks, ich gehe hinauf,“ rief ſie, und der Invalide ſprang mit einer Schnelligkeit empor, daß er beinahe den Major umgeworfen hätte. Dann brachte Brown die Lampen, und die Empfangsſtunde war vor⸗ über. Major Railton zögerte noch ein Weilchen, um — 65 noch einige Aufträge von Mrs Eaſtwood wegen der Baulichkeiten zu empfangen, während der junge Rechts⸗ gelehrte ſich entfernen mußte, nicht ohne einen grim⸗ migen Blick nach dem glücklichen Nebenbuhler zu wer⸗ fen, den ſeine Sachkenntniß hier offenbar begünſtigte. „Nelly, wie konnteſt Du nur ſo unſinnig ſchwatzen?“ ſagte Mrs. Eaſtwood, als Beide „Du glaubſt gar nicht, welche fortgegangen waren. Freude die Männer daran haben, wenn Frauen auf einander eiferſüchtig ſind. Es ſchmeichelt ihrer Eitelkeit. Sie werden Deine kin⸗ diſchen Worte für reine Wahrheit halten und eine hübſche Geſchichte darüber in Umlauf bringen.“ „Ich meinte es aber im Ernſt,“ ſagte Nelly,„und wenn Du Aurora Leigh leſen willſt, wie ich——“ „Aurora! Unſinn!“ rief Mrs. Caſtwood.„Laß mich nicht wieder ſolche Kindereien hören! Als ob irgend Jemand im Hauſe uns aus der einmal gewon⸗ nenen Stellung verdrängen könnle! Ich geſtehe, ich habe mich über Dich gewundert, Nelly. Eile Dich nun und kleide Dich um. Wir haben uns mit dem Geſchwätz ſehr verſpätet, man wird mit dem Eſſen auf uns war⸗ ten müſſen.“ Und mit einem Seufzer, der halb der übermüthigen Tochter, halb der in Ausſicht geſtellten großen Ausgabe für den Umbau der Ställe galt, ging die Mama die Treppe hinauf in ihr Ankleidezimmer, Oliphant, Innorenzia. I. 5 66 gefolgt von der luſtig ſingenden Nelly. Aber in ihrem Stübchen grübelte das junge Mädchen doch wieder über die neue Couſine nach und malte ſich aus, wie der eng⸗ liſche Himmel und die engliſche Umgebung überhaupt zu dem fremden Kinde paſſen würde. Sie war noch nicht weiter, als bis Paris gekommen, und ihre Idee von Italien war eine ſo glühende und blühende, daß ihr das Herz ganz voll wurde, als ſie mit dieſen Gedanken hin⸗ aus in die mondbeglänzte Allee blickte. Die kühle Nacht⸗ luft machte ſie fröſteln. Sie ſchloß das Fenſter und zog ſich zum Eſſen an, aber die Lectüre von Aurora Leigh hatte ihrer Phantaſie zu reiche Nahrung gegeben, als daß ſie ſchnell hätte auf andere Gedanken kommen können. Zahlreiche Bilder drängten ſich ihr in buntem Gewirr entgegen, und ſie fühlte ſich faſt bedrückt, wenn ſie an die künftige Bewohnerin des Nebenzimmers dachte, das ſie mit ſo viel Liebe ausgeſchmückt hatte und das ihr doch bisweilen gar nicht ſchön genug zu ſein ſchien für die mit ſo gemiſchten Empfindungen erwartete Couſine. Fünftes Kapitel. Frederick's Reiſt. Der junge Mann hatte einen Urlaub von vierzehn Tagen erhalten. Er hatte im Allgemeinen eine ſehr angenehme Stellung. Urlaub wurde jederzeit leicht be⸗ willigt, ohne daß die Herren Prinzipale viel nach den Gründen gefragt hätten. Die Arbeiter auf dem Comptoir hatten neben ihren ziemlich einförmigen Pflichten viel freie Zeit. So war es denn auch Frederick gar nicht ſchwer geworden, die Erlaubniß zu dieſer Reiſe in Fa⸗ milienangelegenheiten zu erhalten. Er verließ London mit einem anſehnlichen Wechſel von der Mama in der Taſche. Denn ihrer Meinung nach war es ja ein großes Opfer, welches er ihr brachte, und ſie mußte ihn dafür reichlich entſchädigen. „Du kannſt Dir ja für das Uebrige etwas Hübſches kaufen,“ ſagte ſie beim Abſchied mit jenem rührenden 5* 68 Vertrauen, welches eben nur eine Mutter kennt und fühlt, die zu ihrem Erſtgeborenen aufſchaut. „Es gibt ſo hübſche Alabaſterſachen in Piſa,“ ſagte Nelly.„Da kannſt Du uns Allen etwas mitbringen.“ Frederick hatte jedoch unter dieſen Reden ſchnell ſein Notizbuch zugemacht und verließ eilig das Haus, feſt entſchloſſen, weder das Eine noch das Andere zu thun. Es war nun einmal ſo ſeine Art, und die guten Men⸗ ſchen glaubten ihn zu kennen und entſchuldigten Alles, obgleich von ſeinem eigentlichen Weſen keine Seele im Hauſe eine Ahnung hatte. Sie kannten ihn eben gar nicht. Hätten ſie ihn beobachten können, als er ſich in dem Wagen behaglich zurechtrückte mit einem ſo erwar⸗ tungsvollen Ausdruck in den ſtrahlenden Augen, ſie wür⸗ den es ſich nicht haben erklären können. Sie würden es nicht geglaubt haben, wenn ſie in die Tiefen ſeines Innern hätten ſchauen dürfen, daß das, was ſie da er⸗ blickten, die Wahrheit ſei. Vielleicht kann ich mit ge⸗ ringerer Mühe dem Leſer ein wahrhaftes Bild des jungen Mannes entwerfen. Frederick hatte ein ſchönes Aeußeres und ſah zart und fein aus, war es jedoch keineswegs, weder in ſeinen Neigungen noch in ſeinem Handeln. Jedem Einfluſſe, beſonders dem ſchlimmen, zugänglich, konnte er in der⸗ ſelben Weiſe irre gehen wie der ungebildetſte Arbeiter. ——— — 69 Dies war das Geheimniß ſeines Lebens. Seine Er⸗ ziehung, ſeine Wünſche, ſein Stolz, die Ueberlieferungen ſeiner Familie wie dieſe ſelbſt leiteten ihn zu einem ge⸗ regelten Leben voll Tugend und Rechtſchaffenheit, aber jener andere Trieb in ihm war weit mächtiger und riß ihn in den Abgrund der Schlechtigkeit, der Trieb, nur dem Augenblicke zu folgen, den Becher der Freuden aus⸗ zuſchlürfen, jede Rückſicht bei Seite zu ſetzen, der wil⸗ deſten Sinnenluſt zu fröhnen, ohne der Folgen zu ge⸗ denken. Dabei war es ihm immer noch gelungen, ſeinen Namen von Makel frei zu erhalten, wenngleich viele ſeiner Kameraden auf der Univerſität ſeltſame Geſchich⸗ ten wußten, und auch in den Geſellſchaften, die er be⸗ ſuchte, hin und wieder etwas gemunkelt wurde. Aber alles was man im gewöhnlichen Leben von ihm ſah, er⸗ ſchien ſo tadellos und anſtändig, daß das feindſelige Geflüſter bald verſtummen mußte. Die oft erklärliche Melancholie, die Schweigſamkeit des jungen Mannes verlieh ihm in den Augen der Frauenwelt einen ganz beſonderen Zauber, wurde doch die Aehnlichkeit mit dem ſchönen unglücklichen Karl I. dadurch noch auffallender. Die Männer freilich ließen ſich nicht ſo leicht täuſchen; ihnen fiel der Wechſel ſeiner Stimmungen bisweilen höchſt ſeltſam auf. Denn wenn in Frederick der Dämon der Luſt zu erwachen begann, ſo wurde er unausſteh⸗ 70 lich, verdroſſen und ungeduldig gegen Alles, was ihn umgab. Freilich wußte er die Fragen der Seinigen immer damit zu beſchwichtigen, daß er Kopfweh vorgab, und regelmäßig kam dann zur rechten Zeit eine Ein⸗ ladung zu irgend einem Vergnügen außerhalb der Stadt, und dieſe wurde von ſeinen Freunden allemal mit Freu⸗ den begrüßt, weil ſie meinten, er werde ſich dort wieder erholen. So ließen ſich die unſchuldigen Leute täuſchen, während Frederick ſich in den wildeſten Strudel der Sinnenluſt ſtürzte. Man glaube aber nicht, daß er nach ſolchen Momenten nicht tiefe Reue empfunden hätte. Er klagte ſich ſelbſt bitter an, er ſah klar, wohin dies heim⸗ liche Treiben ihn führen müſſe, er betete ſogar unter Thränen um Schutz vor der allgewaltigen Macht der Sünde, aber trotzdem lauerte in dem Hintergrunde ſeiner Seele bereits wieder eine neue Verſuchung, der er, ſo⸗ bald ſie näher an ihn herantrat, unrettbar unterlag. Denn während er eben noch zerknirſcht ſeiner Sünden gedachte und Beſſerung gelobte, ſchwebte ihm die Er⸗ innerung an die Süßigkeit der verbotenen Früchte lebendig vor. Er wußte, daß jene Früchte nur noch von außen lockend, innen aber voll Moder waren, und dennoch griff er nach ihnen immer wieder mit derſelben unbezwinglichen Luſt. Als ſich ihm die Gelegenheit einer Reiſe nach Italien darbot, um Innocenzia abzu⸗ — 4 71 holen, ſchwankte er eben wieder an einem Abgrunde hin und her und wartete nur auf eine paſſende Gelegenheit, um hinter dem Rücken ſeiner argloſen Freunde ſeine eigenen Wege zu gehen. Mit einem wahren Wonne⸗ gefühl hatte er daher den Plan ergriffen, und er fühlte faſt ſo etwas wie Dankbarkeit, daß es ihm diesmal ſo leicht gemacht wurde, ſeine Umgebung zu täuſchen. In dieſem Falle brauchte er nichts zu erfinden, keine Noth⸗ lüge zu machen, und ſo ging er mit leichtem Herzen auf und davon. Er ertrug auch die Strapazen der See⸗ reiſe bei Weitem beſſer, als Dick vermuthet hatte, und kam in Paris in ſehr gehobener Stimmung an. Er war frei, durfte thun und laſſen, was er wollte— gehen, wohin es ihm beliebte. Er hatte außer ſeinem eigenen Gelde den reichen Creditbrief der Mutter in der Taſche, beſaß alſo Mittel genug, um ohne jedes Hin⸗ derniß Paris zu genießen. So miethete er ſich denn in einem Hotel zweiten Ranges ein, welches von ſeinen Landsleuten ſeltener beſucht wurde, und beſchloß wenig⸗ ſtens eine Woche lang ſich nach Herzensluſt zu amü⸗ ſiren. Und ſo geſchah es auch. Er ſtürzte ſich mit einem Sprunge in die hochſchlagenden Wellen des Pariſer Le⸗ bens, er ging überall hin, wo er nicht hingehen ſollte, er that Alles, was unpaſſend und tadelnswerth war. Nicht daß er ſich betrunken hätte, aber er trank ſo viel — Champagner, daß er von Tag zu Tag in einen Zuſtand größerer Aufregung gerieth. Er umgab ſich mit der ſchlechteſten Geſellſchaft, einer Geſellſchaft, vor der ſein beſſeres Selbſt zurückſchauderte, von der er ſich aber trotzdem in den wilden Strudel der Freuden fortreißen ließ, die ihm jene wüſte Luſt und jene tollen Zerſtreu⸗ ungen verſchaffte, nach denen er allein Verlangen trug. Sein Urlaub gewährte ihm vierzehn Tage Zeit, um ſeine Reiſe nach Piſa hin und zurück zu machen, die kleine Couſine zu tröſten, ihr Vertrauen zu gewinnen und ſie ſorgfältig nach Hauſe zu geleiten. Aber als er nach zehn durchſchwelgten Tagen eines Morgens wie aus wildem Traume erwachte, ſah er zu ſeinem Schrecken, daß ſeine Baarſchaft faſt gänzlich geſchmolzen war, daß er ſeine Geſundheit ruinirt und die Fähigkeit zu fernerem Genuſſe verloren hatte. Das war allerdings kein freu⸗ diges Erwachen. Nun folgte wie immer die Reue, er verwünſchte die lockenden Vergnügungen, ſich ſelbſt und 5 Alles— aber das war ſehr oft ſchon vordem geſchehen. Mehrere Umſtände trafen zuſammen, um ihn in dieſem Falle beſonders unglücklich zu machen. Noch lag eine weite Reiſe vor ihm, ſchwere Ausgaben, und er hatte kein Geld. Was war zu thun? Er wagte es nicht, der Mutter von Paris aus zu ſchreiben, nicht um die Welt hätte er ihr einen Einblick in ſein geheimes Trei⸗ — 73 ben geſtattet. Aber er mußte auf irgend eine Art fort und ſeine Aufgabe erfüllen. Mit ſchwankendem Kopfe und verzweifelndem Herzen fing er an, das übrigge⸗ bliebene Geld zu zählen und die Zeit zu berechnen, die ihm noch für die Reiſe geblieben war. Aber beides reichte nur hin, um ihn bis Piſa zu bringen. Eben hatte er ſich dieſes Faktum klar gemacht, ohne jedoch irgend einen Schluß daraus gezogen zu haben, als an ſeine Thüre geklopft wurde. Sein Zimmer war das beſte im Hotel, verſehen mit glänzenden Spiegeln und Kronleuchtern, und dennoch trug Alles den Stempel eines Gaſthofes zweiten Ranges. Verdrießlich über die Störung rief Frederick ſein„Herein“, und zu ſeinem Entſetzen ſah er in der geöffneten Thüre einen dicken, ältlichen Engländer ſtehen, den er ſchon zu wiederholten Malen bei ſeinen Luſtbarkeiten getroffen hatte. Mit lautem Lachen und entſetz⸗ licher Vertraulichkeit näherte dieſer ſich dem jungen Manne und reichte ihm die rothe, fette Hand hin, die dem Unglück⸗ lichen die ſchmutzigſte und unangenehmſie zu ſein dünkte, welche jemals ſeine Finger berührt hatten. Frederick kannte den Mann gar nicht, aber das Bewußtſein der Sünde gab ihm eine gewiſſe Unſicherheit, ſo daß er ängſtlich vermied, irgend Jemand zu beleidigen. Zu jeder andern Zeit würde er dieſen Beſucher auf das Hochmüthigſte zurückgewieſen haben; aber jetzt fühlte er ſich in Jedermanns Gewalt. 74 „Na, Herr, wie geht's nach geſtern Abend?“ rief der Fremde.„Hübſch munter nach dem kleinen Souper? Mir hat's teufliſch mitgeſpielt, obgleich ich daran gewöhnt ſein ſollte. Ihr Jungen habt immer was vor uns Alten voraus. Dachte ich doch, Sie würden ganz katzenjämmerlich ausſehen nach dem Champagner— und der Rechnung. Ha, ha, die Rechnung! Das war doch das Schlimmſte von allen, aber ohne ſie würde das Leben hier zu ſchön ſein. An den langen Rechnungen merkt man aber, daß man ſterblich iſt, nicht wahr?“ „Ich bin noch nie in Gefahr geweſen, das zu ver⸗ geſſen,“ ſagte Frederick ſteif. Er hatte die Abſicht, ſeinem Beſucher durch Würde und Zurückhaltung zu imponiren, aber der Widerwille und die Furcht, die der Fremde ihm einflößte, gaben ſeinem Tone etwas verdrießlich Klagendes, als beweine er ein hartes Loos, und als nun unglücklicherweiſe ſeine und ſeines Gaſtes Augen zu gleicher Zeit die auf dem Tiſch liegenden Reſte ſeines Reiſegeldes ſtreiften, da war es um ſeine Haltung vollends geſchehen. Der Fremde pfiff leiſe vor ſich hin, als er die wenigen Gold⸗ ſtücke ſah. „Iſt das Alles?“ fragte er achſelzuckend.„Mr. Eaſt⸗ wood, ich habe Sie immer im Auge behalten. Ich meine es gut, wenn ich auch ein Bischen rauh bin, und obgleich Sie mir nicht einmal einen Stuhl angeboten haben, ſo will ich mir doch die Freiheit nehmen und mich ſetzen, denn ich bin noch ein Biſſel wacklig von der vorigen Nacht. Ich kenne Ihren Namen, ja, ja, mein Herr, ich kenne ihn, und es iſt ein gar guter Name in der Leute Mund. Ich nehme Intereſſe an jedem, der ihn trägt. Gewiß ſind Sie mit Sir Gottfried verwandt, auf deſſen Grund und Boden ich lebe, Herr Frederick Eaſtwood. Na, woher ich das weiß? Ich habe neulich unter dem Tiſche Ihre Karte mit der vollen Adreſſe ge⸗ funden, und ſeit dieſer Zeit habe ich ein Auge auf Sie.“ Dabei hielt er ihm die Karte entgegen. „Sie ſind ſehr gütig, und da Sie meinen Namen kennen, haben Sie einen bedeutenden Vortheil vor mir voraus,“ ſagte Frederick ſehr ſteif. Wie gerne hätte er den unwillkommenen Beſucher die Treppe hinunter ge⸗ worfen! Aber er wagte es nicht. Seinen fieberglühenden Augen ſchien es, als halte dieſer eine Mann mit jener Karte ſeine Ehre und Alles, was ihm das Leben werth machte, in ſeinen fettigen Händen. „Ja wol, Mr. Eaſtwood, ich bin im Vortheil, aber Sie ſollen augenblicklich meinen Namen wiſſen. Ich heiße Batty, Charles Batty, Ihnen zu dienen. Ich bin Pferdehändler zu Zeiten, aber eigentlich Auktionator und laſſe mir nebenbei kein eigentliches Geſchäftchen entgehen. Ich würde, wer weiß was, kaufen und verkaufen, wenn ich dabei etwas verdiente. Ihre Familie kenne ich ſehr gut, Mr. Eaſtwood, denn ich bin auf Ihres Onkels Grund und Boden geboren und erzogen, in Sterborne, wenn Sie den Ort kennen. Würde mir ſehr angenehm ſein, wenn Sie mich einmal beehren wollten. Je nun, da ich weiß, was für eine ausgezeichnete Familie und vornehme Verwandtſchaft Sie haben, da wollte ich nur fragen, ob ich Ihnen vielleicht auf irgend eine Art nütz⸗ lich ſein könnte.“ Das Elend, ſagt man, befreundet uns mit gar ſelt⸗ ſamen Geſellen, am meiſten jedoch jenes moderne Uebel: die Geldverlegenheit; da greift man in der Angſt nach jeder Hand, die ſich im Dunkel nach uns ausſtreckt, ohne erſt lange zu fragen, ob wir ſie auch bei Tageslicht er⸗ greifen würden. So erging es Frederick. Er war in einer verzweifelten Lage, dies ſagte ihm ein raſcher Ueber⸗ blick. Hier ſaß der ihm widerwärtige Helfer, der, wenn er ihn hart zurückwies, ſeiner Reputation im Vaterlande den größten Schaden thun konnte, den im andern Falle ein entgegengebrachtes Vertrauen vielleicht unſchädlich machen konnte. Auch ließ ihn der Wucherer keinen Mo⸗ ment aus den Augen und ſchien lauernd ſeine Entſchlüſſe zu erwarten. Mit einem Seufzer, halb der Ungeduld, halb der Verzweiflung, ſetzte er ſich endlich ſeinem Be⸗ 77 ſuche gegenüber und ſagte:„Sie haben es richtig er⸗ kannt, ich befinde mich in Verlegenheit. Sie können mir vielleicht helfen.“ „Ob ich es kann, Mr. Eaſtwood!“ ſagte Batty, die fetten Hände reibend.„Ich finde Hülfe aus der ſchwie⸗ rigſten Klemme.“ O, wie ſich Friedrichs beſſeres Selbſt dagegen em⸗ pörte, dieſem Manne ſein Vertrauen ſchenken, ihn in ſeine Lage einweihen zu müſſen! Aber hier galt kein Zögern: er mußte die ihm ſo widerliche fette Hand er⸗ faſſen. Zögernd hub er an:„Um es kurz zu machen, Mr. Batty, ich war auf dem Wege nach Italien, in einer Geſchäftsangelegenheit——“ er ſtockte, indem er ſich erinnerte, daß Batty ſeine Familie beſonders hoch ſchätzte, und verbeſſerte ſich,—„in Familienangelegen⸗ heiten. Ich habe dort eine Sache von Wichtigkeit ab⸗ zuwickeln und— und— bin hier gegen meinen Willen aufgehalten worden.“ Hier brach der Zuhörer in ein rohes Gelächter aus, das Fredericks Nerven erſchütterte. „Ja, ja, ich glaub's, Sie wurden hier aufgehalten, verſteh's ſchon, Mr. Eaſtwood. Sie ſind ein Spaßvogel, ha, ha, ha!“ rief Mr. Batty vergnügt. Frederick nahm keine Notiz von dieſem Ausbruch, ſondern fuhr fort, ſeine Wünſche ganz geſchäftsmäßig dem ſeltſamen Berather vorzulegen. Wie wunderbar iſt doch oft die Sphäre, aus der uns Hülfe kommt! Nie⸗ mand konnte wohl weniger verſprechend ausſehen als dieſer rvohe Engländer, der ſich ſo ganz gegen Frederick's Willen in ſeinen Weg gedrängt hatte, und dennoch war bei ihm allein das Heil für den jungen Verſchwender zu finden. Mr. Batty's tieferliegende Gründe zu ſo bereitwilliger Hülfe laſſen wir hier ganz außer Betracht. „Mir kam es gleich ſo vor, Mr. Eaſtwood, als ob Sie nicht blos ein gewöhnlicher Handlungsreiſender ſein könnten, und als ich nun gar Ihren Namen hörte, da hätten Sie mich mit dem kleinen Finger umwerfen können,“ ſagte Mr. Batty.„Die Eaſtwoods ſind nun einmal der Inbegriff alles Vornehmen in meinen Augen. Auf ihrem Grund und Boden bin ich geboren und er⸗ zogen worden, und wo ich einem von der Familie auf irgend eine Art dienlich ſein kann, da bin ich dabei, ich kann es hier beweiſen.“ Frederick war kein Neuling, er ſetzte kein unbeding⸗ tes Vertrauen in ſchöne Redensarten, aber er wußte auch, daß es verſchiedene Arten von Geldverleihern gab, und daß Manchem ein guter Name und eine bekannte Adreſſe zu einem weiten Credit verhelfen. Auch lief Batty durch⸗ aus keine Gefahr mit ſeiner großmüthigen Aushülfe. Ein junger Mann in öffentlicher Stellung, in guten —— 79 Verhältniſſen und von unbeſcholtenem Rufe wird ſich nicht leicht um die Summe von fünfzig Pfund ruiniren wollen, beſonders wenn er eine Mutter hat, die ihm in unſchuldiger Vertrauensſeligkeit Alles glaubt, was er ihr vorſchwindelt. So wurde denn der Handel abgeſchloſ⸗ ſen und zwar von Fredericks Seite mit großer Sicher⸗ heit und Geringſchätzung, denn ſobald er die Schuldver⸗ ſchreibung unterzeichnet und das Geld eingeſteckt hatte, war ihm ſeine Verzweiflung von vorhin gänzlich unbe⸗ greiflich, und all ſein Widerwille gegen Batty kehrte mit doppelter Macht zurück. „Wenn Sie mal in unſre Nähe kommen, Mr. Eaſt⸗ wood,“ ſagte der gaſtfreundliche Wucherer,„da müſſen Sie einen Biſſen Schöpſenbraten mit uns eſſen. Die feinen salmi und vol à vent wie hier, die finden Sie freilich bei mir nicht, aber ein Stück gutes, engliſches Schöpſenfleiſch und ein tüchtiges Glas Wein, um es hinter zu ſpülen, das ſollen Sie haben. Und einen Pferdeſtall will ich Ihnen zeigen, daß Ihnen der Mund wäſſern ſoll.“ Frederick war wieder ganz der ſteife Herr geworden, er verbeugte ſich dankend wie von überlegener Höhe herab, und Batty's Erwartung, ihm noch an demſelben Abend in einer Geſellſchaft zu begegnen, wurde für den jungen Mann urſache, ſofort in tugendhafter Weiſe aus ————————————— 80 Paris zu fliehen. Was aber mochten ſeine Empfindun⸗ gen ſein, als er aus der böſen, verführeriſchen Stadt hinausrollte, eben zu der Stunde, wo ſich das Laſter hinauswagt auf die Straße, die günſtige Gelegenheit erſpähend und willig ihr folgend? Sein Kopf war noch voll von dem Dunſt des„Vergnügens“, voll auch von Abſcheu, und nicht minder war es die Empfindung des Jubels über ſeine wunderbare Rettung aus der Ver⸗ legenheit, die in ihm noch nach zitterte. Aber ein Mann wie Frederick Eaſtwood war an dergleichen Erregun⸗ gen zu ſehr gewöhnt, als daß ſie lange hätten anhal⸗ ten können. Im Gegentheil grübelte er darüber nach, wie er ſeinen Freunden gegenüber ſeine Bekanntſchaft mit Batty wol am beſten motiviren könne, falls dieſer ſich je in ſeine Nähe drängen würde. Der Gedanke daran war ihm plötzlich gekommen, als er noch das Geldgeſchäft ordnete, und er hatte ſich zu dem Ende ſchon eine ganz glaubwürdige Geſchichte ausgedacht. Er wollte durchaus nicht verbergen, daß er einen oder zwei Tage in Paris geblieben, daß er der Sprache wegen und um der Maſſe der Landsleute zu entgehen, in ein echt franzöſiſches, kleines Hotel gegangen ſei und hier durch ſeltſamen Zufall dieſen rohen Engländer angetrof⸗ fen habe, der durch ſeine Unkenntniß der Sprache ganz auf ſeine Großmuth angewieſen geweſen ſei.„Was kann 81 man da thun? Ein Schurke iſt er gewiß und ein fata⸗ ler Menſch dazu, aber in der Fremde muß man ſich ein⸗ richten wie es eben geht.“ So ſprach Frederick zu ſich ſelbſt und beſchwichtigte damit ſeine Beſorgniſſe. Ja allmählich arbeitete er ſich ſelbſt fo feſt in den Glauben an dieſe Geſchichte hinein, daß er ſchon lange, ehe er auf das Dampfſchiff in Marſeille ſtieg, in ſeinem In⸗ nern völlig beruhigt und ſicher geworden war in ſeinem fein ausgedachten Plane. Oliphant, Innocenzia. I. 6 — Sechſtes Kapitel. piſa. Frederick hatte Paris im Dämmerlicht eines froſtigen Frühlingsabends verlaſſen, und die Dunkelheit und Ver⸗ wirrung in ſeinem Gemüthe paßte beſſer zu den dicken Rauchwolken, die den Eiſenbahnzug umhüllten, als die lenchtenden Sterne am Himmel, die hie und da die Nacht zu durchbrechen ſtrebten. Den Hafen von Livorno er⸗ reichte er im Dämmerlichte, aber jetzt war es das bläu⸗ lich grüne Licht eines italieniſchen Frühlingsmorgens, was ihn begrüßte. Noch war es zu früh für die Be⸗ wohner der Stadt, Niemand war zu ſehen, als die Leute, die das Dampfboot erwarteten. Frederick fühlte in ſich durchaus nichts mehr von der Unruhe, die er in Paris empfunden. Er war mit ſich einig geworden, in welcher Weiſe er nach Hauſe ſchreiben wollte, und telegraphirte auch ſofort nach dem Geſchäft, um noch eine Woche länger Urlaub zu erhalten, da er unmöglich zu rechter Zeit zurück ſein könne. An ſeine Mutter aber ſchrieb er einen langen Brief und ſchilderte ihr, wie er von ſehr„unangenehmen Krankheitsſymptomen“ in Paris überfallen worden ſei, wie er ſie jedoch nicht habe er⸗ ſchrecken wollen, wie er endlich langſam und vorſichtig bis Livorno gereiſt ſei und wirklich dabei nicht ſo gelit⸗ ten habe, wie er entfernt geglaubt, wie er ſich nun wie⸗ der etwas beſſer fühle und die Abſicht habe, falls er nicht zu matt ſei, noch denſelben Abend nach Piſa zu reiſen, und daß ſie ihn mit der Couſine in ungefähr acht Tagen erwarten dürfte.„Aengſtige Dich aber nicht mehr um mich,“ ſchrieb er, ich fühle mich wirklich kräftiger und bin feſt überzeugt, daß ich ganz wohl nach Hauſe kommen werde. Du ſahſt es mir ja ſchon vor der Ab⸗ reiſe an, daß ich mich durchaus nicht gut befand, gewiß nur aus Mangel an Bewegung.“ In dieſer Art lau⸗ tete der Brief weiter und war deshalb wohl geeignet, das zärtliche Mutterherz auf das Heftigſte aufzuregen, ſchon wegen der vorſichtig gehaltenen Andeutungen, die ihrer Phantaſie freies Spiel gaben. Darüber aber machte ſich Frederick keine Scrupel. Dem Chef ſeines Hauſes hatte er auch nur Krankheit im Allgemeinen als Grund ſeines längeren Fernbleibens angegeben, und in der That er fühlte ſich, nach alledem, was er durchgemacht hatte, 6* 84 krank an Körper und Seele. Er konnte weder eſſen noch ſchlafen, die Lippen waren trocken, die Hände heiß und zitterig, und ſein Ausſehen bekundete ſein Uebelbe⸗ finden klarer als es ein ärztliches Atteſt vermocht hätte. Indeſſen lag ſelbſt in dieſem Gefühl körperlicher Ermat⸗ tung ein gewiſſes Behagen für ihn, welches er empfand, als er ſich in dem Hotel zu Livorno, nachdem er ſeine Briefe geſchrieben und ſeine Telegramme befördert hatte, ausruhte und erquickte. Noch am ſelben Abend unter⸗ nahm er auch wirklich die kurze Fahrt nach Piſa, und auf dieſem Wege gelangte ſein krankhaft aufgeregtes Ge⸗ müth endlich zur Heilung. Er kehrte zur Beſonnenheit zurück und fand ſein beſſeres Selbſt wieder. Es war dunkel, als er die Stadt erreichte. Er fühlte ſich aber kräftig genug, um von ſeinem Hotel am Arno aus noch einen kleinen Spaziergang zu machen, obgleich es nicht mehr viel zu ſehen gab. Frederick war nie vorher in Italien geweſen, und wenn auch die augenblicklichen Umſtände dem Enthuſiasmus für die Schönheiten der Natur eben nicht günſtig ſchienen, ſo war doch in ſeinem innerſten Gemüthe eine Art von friſchem Leben erwacht, ähnlich der Empfindung, mit welcher ein Geneſender junge Kräfte wieder neu in ſich aufleben fühlt. Vor⸗ über war der wilde Sinnentaumel, Frederick fühlte ſich ſchwach und matt, aber gut. Er hatte die Sünde und 85 ihre Verlockungen hinter ſich gelaſſen, er war ein Ge⸗ neſender zum beſſeren Leben. Von dieſem Gefühle durch⸗ drungen, ſchlenderte er den Arno entlang, in dem ſich die Himmels⸗ und Erdenlichter ſpiegelten, und wendete ſich dann ſeitwärts nach jenem wunderbaren Gebäude, von dem wol Jedermann ſchon gehört hat. Der ſchiefe Thurm von Piſa ſpielt ja ſchon in unſerer Kindheit eine Rolle. Auch Frederick, als er ſtaunend aufwärts ſchaute, gedachte der Zeit, wo er, an das Knie der Mutter ge⸗ lehnt, ihren Schilderungen deſſelben gelauſcht hatte. Und dieſe Erinnerung gab ſeiner Stimmung noch einen Grad mehr von Weichheit und Sehnſucht, er fühlte ſich mora⸗ liſch freier und beſſer. Trotz der Dunkelheit umdräng⸗ ten ihn zahlreiche Bettler, und mit einer Art von mil⸗ der Großmuth theilte er reiche Gaben unter ſie aus, un⸗ bekümmert darum, daß er ihre Anzahl dadurch nur ver⸗ mehrte; er hatte das Gefühl, als müſſe er ein Dank⸗ opfer bringen für ſeine innere, ihn ſo tief beglückende Geneſung. Langſam kehrte er nach ſeinem Hotel zurück, um zum erſtenmal ſeit langer Zeit mit Appetit zu eſſen. Es war ſchon ſpät, und Frederick hielt es für gerathen, den ſtillen Frieden ſeiner Seele für heute Abend nicht zu ſtören und ſeine Couſine lieber erſt am andern Mor⸗ gen aufzuſuchen. Er hatte unterwegs ſchon oft nach den Häuſern empor geblickt und daran gedacht, welche 86 von den ſchimmernden Lampen wol dem einſamen Mädchen leuchten möge, aber er hatte kein Verlangen, ihr heute noch zu begegnen. Nachdem er ſein Mahl ein⸗ genommen, fragte er den klugen italieniſchen Kellner nach der Lage des„Palazzo Scaramucci“, wo ſeine Couſine wohnte, und ob er wol etwas von deſſen engliſchen Bewohnern wiſſe. Der gewandte Antonio gab ihm ſo⸗ fort die Richtung des Palaſtes an und verſicherte, daß er mit dem Diener des verſtorbenen Engländers genau bekannt ſei.„Können Sie es ſich denken, daß das junge Fräulein, ſeine Tochter, ganz allein in dem Hauſe des Todes lebt? Die Unterhaltung wurde franzöſiſch ge⸗ führt und Antonio war ſehr redſelig. Er entwarf ſo⸗ fort ein Bild des juzgen verlaſſenen Mädchens, um das ſich kein Menſch bekümmere.„Ja, Briefe haben die Ver⸗ wandten in England wol geſchrieben,“ ſagte Antonio in vollem Eifer,„aber keine Seele iſt hierher gekommen. Was die für ſteinerne Herzen haben müſſen! Heilige Mutter Gottes! Niccolo weiß nicht, was aus der jungen Dame werden ſoll, wenn ſich Niemand meldet. Die Fremden hier in der Stadt ſind alle ſehr freundlich gegen ſie, aber das genügt doch nicht. Vielleicht kennt der gnädige Herr ihre Familie? Sie iſt ſehr ſchön, die junge Dame, aber etwas ſonderbar, weder wie die eng⸗ ——— 87 liſchen Fräulein, noch wie unſere italieniſchen, und Niccolo ſagt“——— „Sie iſt ſchön?“ fragte Frederick mit plötzlich regem Intereſſe. „Sie wird ſchön werden, wenn ſie erſt älter iſt, jetzt iſt ſie noch zu mager,“ ſagte der ſachkundige Kellner. „Aber ſie iſt keine engliſche Schönheit, hat auch durch⸗ aus kein engliſches Weſen an ſich. Niccolo erzählte mir, daß ſie oft Tage lang ſtill ſitzt, ohne ein Wort zu ſprechen. Ihr Vater war ein ganz ſonderbarer Mann. Indeſſen er wurde auf dem Kirchhofe begraben, alſo muß doch Alles bei ihm in Richtigkeit geweſen ſein. Aber meiner beſcheidenen Meinung nach, obgleich der gnädige Herr mich für albern halten wird, war der alte Engländer ſo etwas wie ein Hexenmeiſter!“ „Hexenmeiſter?“ wiederholte Frederick mit mattem Lächeln. „Natürlich werden Sie mich auslachen, aber ich glaube, er hat auf das junge Fräulein einen Zauber⸗ bann gelegt, den Niemand zu brechen vermag. Sie ver⸗ gießt keine Thräne, ſagt Niccolo. Sie hört alles an, was die engliſchen Damen ihr ſagen, ohne ein Wort zu erwiedern. Der einzige Beweis, daß ſie wenigſtens chriſtlich fühlt, iſt, daß ſie oft in die kleine Kirche geht, St. Maria della Spina, welche Monſieur gewiß auf ſeinem Wege hierher bemerkt haben wird. Da ſie aber Proteſtantin iſt, ſo wird es ihr auch als Sünde ange⸗ rechnet werden, daß ſie in eine katholiſche Kirche geht. Vielleicht wird der gnädige Herr das ſeltſame, ſchöne, junge Mädchen ſehen, wenn Sie Bekannte unter den Engländern in Piſa haben.“ „Vielleicht,“ ſagte Frederick, nahm den Schlüſſel und das Licht aus den Händen des Kellners und ging in ſein Schlafzimmer. Er mochte ſich nicht als der längſt erwartete Vetter aus England enthüllen, aber ſein Herz war voll von Mitleid mit dem armen verlaſſenen Kinde. Die Schönheit iſt ja an ſich immer ein Empfehlungs⸗ brief, und zu dieſem Intereſſe geſellte ſich hier noch das erhebende Bewußtſein, ihr Schutz und Hülfe gewähren zu dürfen. Dieſe Ausſicht vollendete die innere Wieder⸗ herſtellung des jungen Mannes in ſeinen eigenen Augen. Welche Veränderung würde ſein Erſcheinen in das Leben des verlaſſenen Mädchens bringen, deſſen melancholiſche Seele ohne Zweifel nur danach ſchmachtet, von Güte und Mitleid zu wärmeren Leben erweckt zu werden! „Das arme Kind!“ ſagte er faſt zärtlich vor ſich hin, als er zu Bette ging. Er wollte wie ein liebevoller Bruder an dem jungen Mädchen handeln und die Seinen zu Hauſe, das wußte er, würden es an nichts fehlen laſſen, um ihr Herz zu gewinnen. Aber er ahnte ſchon, —— 89 daß ſein eigener Eiuflnß auf Innocenzia der mächtigſte werden würde, und dies Gefühl erfüllte und erwärmte ſeine ganze Seele. Piſa iſt keine freundliche Stadt. Ihr mangelt die Schönheit der Lage und ebenſo das hiſtoriſche Intereſſe, welches uns ſo lebhaft an das benachbarte Florenz feſſelt. Dagegen hat ſie wieder den Vorzug einer gleich⸗ mäßigen Temperatur; man findet hier nicht jene eiſigen Winde, die das Blut in den Adern erſtarren machen, wenn man durch die Straßen von Florenz geht. Doch dieſe ſchwüle Gleichförmigkeit des Klimas hängt wie eine Wolke über Piſa und ertödtet gleichſam alles Leben; es iſt, als ob die Ruhe der vielen Invaliden nicht geſtört werden ſollte, die hier ihren Winter zubringen. Eine Menge Engländer, meiſt Bruſtkranke, haben dort ihre Wohnung aufgeſchlagen und bilden gewiſſermaßen eine Art von engliſcher Kolonie inmitten der fremden Stadt. Natürlich werden auch ihre Intereſſen bald gemeinſam, und Jedermann kennt bald des Andern Leiden und Freu⸗ den ebenſo genau wie ſeine eigenen. Als Mr. Vane, Innocenzia's Vater, nach Piſa gekommen war, um hier zu ſterben, hatte er den Rath des Arztes, aber nicht den des Predigers geſucht. Deshalb war auch nach ſeinem Tode die Doktorsfrau, Mrs. Drainham, es geweſen, die ſich des verlaſſenen Mädchens auf ihre Art ernſtlich an⸗ genommen hatte. Und einige Tage vor Fredericks An⸗ kunft in Piſa waren wieder zwei beſchwörende Briefe an die Verwandten in England abgegangen, die darauf drangen, daß man der armen Waiſe zu Hülfe kommen ſolle. Der Doctor hatte an einen Onkel Innocenzias geſchrieben, während ſeine Frau in rührendſter Weiſe an Mrs. Eaſtwoods Herz zu klopfen verſuchte. Im Kreiſe ihrer Freunde hatte die ſchreibgewandte Dame dieſen Er⸗ guß ihrer Feder vorgeleſen und Beifall und Thränen dafür geerntet. Weniger erfolgreich wirkte dieſer Brief an dem Ort ſeiner Beſtimmung. Er brachte Mrs. Eaſt⸗ wood ganz außer ſich vor Zorn und Aerger.„Was meint denn dieſe Frau? Glaubt ſie, ich ſei ein ſo un⸗ natürliches Geſchöpf, daß ich die arme Kleine im Elend laſſen werde? Braucht ſie mich erſt an meine Pflicht zu mahnen?“ So rief die gekränkte Empfängerin des herzbrechenden Schreibens, von dem die ganze engliſche Kolonie in Piſa entzückt geweſen war. Man glaubte, dieſe Verwandten müßten von Stein und Eiſen ſein, wenn ſie ſolcher Mahnung zu widerſtehen vermöchten. „Dieſe Tante muß ein wahres Ungeheuer ſein,“ ſagte eine der Damen, eine ältliche Jungfrau,„ſonſt wäre ſie ſchon längſt hier. Ich will das arme Mädchen morgen beſuchen, wenn Sie es geſtatten, Mrs. Drainham. Nachdem wir Ihren ſchönen Brief kennen gehört haben, 91 muß Jedermann ein Intereſſe an der Unglücklichen nehmen—“ „Sie ſprechen mir aus der Seele, Theuerſte,“ ſagte die Paſtorin und drückte die Hand der Doktorin.„Ich bezweifle, ob ich im Stande geweſen wäre, meinen Ge⸗ fühlen ſo vortrefflichen Ausdruck zu leihen.“ „O daß mir das von Ihnen geſagt wird!“ rief Mrs. Drainham enthuſiaſtiſch,“ denn die Frau Paſtorin St. John galt für eine literariſche Größe und für die höchſte Autorität in Sachen der Stiliſtik. „Ich höre, das Mädchen ſoll ſehr eigenthümlich ſein,“ frug eine Andere.„Woran iſt denn der Vater geſtor⸗ ben, Doktor? War es nicht ganz richtig im Kopfe? Ich dächte, ich hätte ſo etwas gehört. Liegt es in der Familie2“ „Nicht das ich wüßte,“ ſagte der Doktor,„er iſt an allgemeiner Entkräftung geſtorben, Miß Bolding. Er hat ſehr raſch gelebt und war ein Mann von heftigem Temperament und wilder Leidenſchaft. Ich bin ihm an verſchiedenen Orten Italiens begegnet. Das arme Mäd⸗ chen iſt höchſt ſeltſam erzogen worden, darin liegt Alles.“ „Ohne einen Funken von Religion, fürchte ich,“ ſagte die Paſtorin. „Nicht ganz,“ entgegnete Miß Bolding,„denn ich ſehe ſie oft in die kleine Kirche della Spina gehen. Da⸗ 8 durch bekundet ſie guten Geſchmack, denn dieſe Kirche iſt ein wahres Kleinod. Das Mädchen ſelbſt iſt wunder⸗ hübſch, ſo in der Art der Frauenköpfe Leonardo's.“ „Wenn ihre ganze Religioſität darin beſteht, dieſe katholiſche Kirche zu beſuchen, ſo iſt das traurig genug. Schlimm genug für die armen Italiener, doch die wiſſens ja nicht beſſer——“ „Du mußt ſie beſuchen, Martha,“ ſagte der Paſtor zu ſeiner Frau.„Ich ſelbſt darf es nicht, denn der Vater weigerte ſich, meinen Zuſpruch zu empfangen. Ich ſpreche nicht gern davon, aber es war ſo. Ich glaube, er war ſehr, ſehr ungläubig.“ „Wenn es derſelbe Vane iſt, dem ich häufig begeg⸗ net bin,“ ſagte einer der Invaliden, Mr. Worsley, mit heiſerer Stimme,„ſo war es der ausgemachteſte Schurke, den man ſehen konnte. Er ſpielte hoch und ruinirte Jeden, der in ſeine Netze fiel. Dabei verſtand er es, die Leute für ſich zu gewinnen, hatte vornehme Verwandte und ein feines Weſen. Natürlich ſtarb er arm wie alle ſolche Schufte,“ fügte der Kranke hinzu, indem er ſeine Hand in die Taſche ſteckte, als wollte er ſich von dem Daſein ſeiner Börſe überzeugen. „Aber das arme Kind! Wir dürfen die Sünden des Vaters nicht der unglücklichen Tochter anrechnen,“ ſagte Mrs. Drainham.„Ich habe mein Möglichſtes ge⸗ 93 than, ihr Vertrauen zu erringen, aber bis jetzt ganz um⸗ ſonſt. Sie ſcheint bisweilen kein Wort von dem zu ver⸗ ſtehen, was man zu ihr ſpricht.“ So ging das Geſpräch noch eine Weile fort, bis ein anderes Thema aufgebracht wurde, und die arme Innocenzia wieder in ihre Dunkelheit zurückſank. Und dies Alles geſchah an demſelben Abend, an welchem Frederick Eaſtwood in Piſa angekommen war. Aus ſeinem Zimmer, in dem er ſchon im feſten Schlafe lag, hätte er die Fenſter des alten Palaſtes ſehen können, wo ein mattes Licht in der dritten Etage das Zimmer bezeichnete, in dem das einſame Mädchen ſaß. Sie war ganz allein und kannte wol kaum die Bedeutung des Wortes: Freund oder Freundin. Ja, eine einſame, ein⸗ ſame Seele war dieſe Innocenzia! Doch um dies ſo recht zu verſtehen, müſſen wir ſie in ihrer öden Behauſung ſelbſt aufſuchen. Siebentes Kapitel. Der Palazzo Sraramucti. Es war ein langes, kahles Gemach mit gemalten Wänden; drei große Fenſter mit kleinen Scheiben, oben mit alten Brokatverzierungen geſchmückt, aber ſonſt ohne Vorhänge oder Rouleaux, ſo daß Tag und Nacht unge⸗ hindert hineinſchauen konnten; eine ſehr ärmliche Einrich⸗ tung; einige altmodiſche Schränkchen und Tiſche an den Wänden und ein paar ehedem ſchöne Seſſel und Lehn⸗ ſtühle, vor dem Sopha ein Stück Teppich, der Fußboden mit dreieckigen rothen Steinplatten belegt. An dem einen Ende des Zimmers ſtand ein Ofen, deſſen häßliche Röhre grade in die Wand hineinging. Einige alte ſchwarze Gemälde bildeten den einzigen Zimmerſchmuck, denn dieſe Etage war die billige, und man konnte nicht viel mehr für den geringen Miethpreis verlangen. In der Nähe des Ofens ſtand ein kleiner Marmortiſch und 95 darauf eine hohe Lampe, deren unverhüllter Docht luſtig hin und her flackerte, da er lange nicht abgeſchnitten worden zu ſein ſchien. Das Oel darin, der einzige bil⸗ lige Luxus, den ſich der Arme in Italien verſchaffen kann, war jedoch ſo ſüß und klar, daß die Luft im Zim⸗ mer ganz rein blieb. Auf einem kleinen Präſentirteller lag ein längliches braunes Brod, ein ſehr trockenes Ge⸗ bäck, dazu ein Teller mit grünem Salat und eine ſchmale Flaſche mit dem gewöhnlichen rothen Landwein,— ein ganz einladendes Abendeſſen für das Auge, aber ſelbſt für einen ſchwachen Appetit kaum hinreichend. Wenn man in das Zimmer blickte, ſo ſchien es, als ob Nie⸗ mand darin wäre, dem dieſe Vorbereitungen gelten könn⸗ ten. Bei ſchärferer Beobachtung gewahrt man jedoch in dem Halbdunkel eine ſchlanke Mädchengeſtalt, die am Fenſter lehnte. Sie ſtand unbeweglich und ſtarrte hi⸗ naus in das Dunkel. Tief unter ihr lag der Arno, in deſſen Wellen ſich Mond und Sterne ſpiegelten, und ferne ſchimmerten die zierlichen Spitzen der Kirche St Maria della Spina, die wie Silber im Mondglanze blitzten. Das Treiben auf der Erde hatte für die ein⸗ ſame Lauſcherin wohl kaum ein Intereſſe, ſie war mit ihren Gedanken dem Himmel näher als der Erde. So lag denn das Zimmer in tiefem Schweigen, die flackernde Lampe allein gab ein Zeichen des Lebens, die Bewohnerin 96 rührte ſich nicht von ihrer Stelle. Plötzlich wurde dieſe Stille wohlthätig unterbrochen durch das Eintreten eines kräftigen Italieners mittleren Alters, der den Mantel über die eine Schulter geſchlungen, den cäche nez in der Hand, wie zum Fortgehen bereit erſchien. Er ſah ſich im Zimmer um, ohne aber die Geſtalt ſogleich zu bemerken, ſchritt dann mit einem Ausdruck der Ungeduld auf das Tiſchchen zu, putzte die Lampe und murmelte: „So macht ſie's immer, ſie ißt nicht und trinkt nicht, als bedürfe man gar nichts zum Leben. Wenn ich viel⸗ leicht noch eine Scheibe Salami dazu legte? Aber das Kind iſt wähleriſch, ſie ißt unſere Salami nicht.“ „Ich bin hier, Niccolo,“ ſagte eine ſanfte Stimme vom Fenſter her. „So vermuthete ich, Signorina; dachte ich mir doch, daß Sie in irgend einem Winkel ſtecken würden. Darf ich mir die Bemerkung erlauben, daß man von dem bloßen Sehen nicht ſatt wird und daß man eſſen muß, um zu leben. Wenn Sie aber nichts genießen wollen, trotzdem es vor Ihnen ſteht, was ſoll ich thun? Ich kann Sie nicht auf meine Kniee nehmen wie früher, als der Papa noch lebte, und Sie füttern wie ein kleines Kind.“ „Nieccolo,“ ſagte die Stimme wieder,„ich bedarf nichts weiter für heute Abend. Wenn Du fertig biſt, magſt Du gehen.“ 97 „Ja, ja, ich ſoll gehen,“ ſagte Niccolo verdrießlich, „und wer weiß, ob ich nicht morgen ſtatt meiner jungen Herrin ein Häufchen Aſche finde, oder ſehe, daß ſie ſich zu Tode gefroren hat. Heilige Mutter Gottes! Wenn Sie nur der Philomena erlauben wollten, bei Ihnen zu bleiben, im Falle Sie etwas brauchten.“ „Ich brauche nichts, Niccolo!“ „Ja, das glaub ich wohl. Signorina braucht und wünſcht nichts weiter als ein Grab auf dem Ketzerkirch⸗ hof neben ihrem Vater, aber wenn man ſich ſelbſt ſo muthwillig um das Leben bringt, was ſoll dann wer⸗ den? Wenn ich wie Signorina wäre, ich würde mich wohl hüten, ſo jung zu ſterben, um dann ſo ſchwer zu büßen.“ Erſt bei dieſen Worten trat die weibliche Geſtalt ganz hervor in das Lampenlicht. „Denkſt Du, man ſtirbt, wenn man nicht ißt? Aber wenn ich nun keinen Appetit habe, was ſoll ich thun? Denn ſterben will ich nicht.“ „So trinken Sie wenigſtens ein wenig Wein,“ ſagte Niccolo,„dazu bedarf es doch keiner Anſtrengung, Sig⸗ norina, ich habe Alles in Ordnung gebracht, den Schlüſ⸗ ſel gebe ich Luigi unten, damit Philomene Sie nicht ſtört, wenn ſie morgen früh herkommt. Nun möchte ich Ihnen nur„Gute Nacht“ wünſchen. Schlafen Sie ſüß, meine Hliphant, Innocenzia. I. 7 5 98 rleine Gebieterin! Die Madonna und alle Heiligen mögen Sie beſchirmen, armes Kind!“ Solche Gefühlsausbrüche waren ſehr ſelten bei dem ehrlichen Diener. Das Mädchen wandte ſich lächelnd zu ihm und reichte ihm die Hand, die Niccolo küßte. Dann warf er ſeinen Mantel über die Schultern, hüllte ſich hinein und ließ ſie zurück in ihrer Einſamkeit. Aber zu eben der Zeit, als Niccolo das Thor des Palaſtes aufſchloß, um fortzugehen, hatten ſich auch die engliſchen Koloniſten getrennt, und Mr. Worsley, der mit ſeiner Tochter in der erſten Etage des Palazzo Scaramuzzi wohnte, erſchrak gewaltig über die kräftige Geſtalt, die ihm vermummt entgegentrat, als er eben das Thor öffnen wollte. Ja, Niccolo ſah mit ſeinem ſchwarzen Mantel und rothem Cachenez gewiß viel eher aus wie ein grimmiger Baondit, der im Dunkel ſeinen Wider⸗ ſacher abwürgt, als wie ein Mann, der mit faſt weib⸗ licher Zärtlichkeit über ein eigenwilliges Kind wacht, deſſen Verlaſſenheit ſein ehrliches Herz mit wahren Schmerzen erfüllt. Jetzt war das arme Mädchen in der weiten Etage ganz allein, aber ſie empfand kein Grauſen. Neben ihrem Salon war ein Vorzimmer, welches bei Lebzeiten des Vaters als Speiſezimmer gedient hatte. Dann kam ein langer Gang, der zu dem Schlafzimmer führte, das 99 ebenfalls mit Steinplatten getäfelt war. Auf dieſem Wege mußte ſie immer an dem Sterbezimmer ihres Va⸗ ters und an einem zweiten leeren Zimmer vorübergehen, die beide mit offenen Thüren ihr entgegenſtarrten, aber ſie fürchtete ſich nicht. War ſie doch bei Lebzeiten ihres Vaters ſchon ebenſo einſam geweſen wie jetzt, deshalb vermißte ſie ſeine Gegenwart durchaus nicht ſo wie Alle glaubten. Sie war ſehr hart gewöhnt worden, das arme Mädchen, und Hitze und Kälte ertrug ſie wie etwas Unvermeidliches mit Würde. In dem Salon ſtand jetzt ein kleines Kohlenbecken mit friſchen Kohlen, Niccolo hatte es aus der Küche für ſeine Herrin gefüllt und hierher getragen, aber obgleich Innocenzia fror, ſo hob ſie es doch nicht auf, um daran ihre ſteifen Finger zu wärmen, wie es jede Italienerin ſofort gethan haben würde. Sie war eine halbe Engländerin und verſchmähte gar viele Gebräuche ihres jetzigen Heimathlandes. Ein verſchoſſener Sammtmantel, wie ſie in den Ateliers der Maler zu finden ſind, von altmodiſchem Schnitt, um⸗ hüllte die ſchmalen Schultern. Hätte die liebevolle Mrs. Eaſtwood aus ihrem behaglichen Zimmer einen Blick hierher werfen können! Sie dachte ſo viel an das arme Kind und fragte ſich oft, ob auch das kleine Gaſtzimmer mit den weichen Teppichen und dem luſtig kniſternden Feuer im Kamin für die Erwartete warm genug ſein 100 werde. Hätte ſie die arme Verlaſſene geſehen, wie ſie daſtand, in den alten Mantel gehüllt und das Kohlen⸗ becken zu Füßen, ihr friedlicher Schlummer wäre em⸗ pfindlich geſtört worden. Selbſt auf die Gefahr hin, zu viel zu beſchreiben und auszumalen, ein Fehler, in welchen ja ein Erzähler nur zu leicht verfällt, muß ich doch meinem Leſer ein Bild von Innocenzia zu entwerfen verſuchen. Sie hatte eine ſchlanke, magere Geſtalt, zu mager noch, um wirk⸗ lich für ſchön zu gelten, aber dieſen Mangel überſieht man gern bei ſo großer Jugend. Ihr Haar war dunkel, voll und weich und hing an den Enden leicht gelockt, in weichen Wellen um ihr Geſicht. Es war durchaus nicht ſchön geordnet, ſondern fiel ſchlicht herunter, denn Innocenzia war ein vernachläſſigtes Kind und wußte es auch nicht anders. Auf den erſten Blick hätte man das Mädchen vielleicht nicht für ſchön erklärt, denn ſie hatte faſt zu wenig Farbe, aber bei näherer Betrachtung fiel doch die wunderſchöne Form des Kopfes und das reine Oval des Geſichtes auf. Die Augen waren groß, dunkel und mandelförmig, das Kinn kräftig, ähnlich wie man es bei den Frauengeſtalten des Lionardo da Vinci ſieht. Miß Bolding hatte deshalb durchaus nicht Unrecht, wenn ſie Innocenzia's Geſicht den Bildern des großen Meiſters ähnlich fand, nur daß ihr das gelockte Haar und jener 101 ſüße Blick fehlte, der ſo charakteriſtiſch für die Frauen⸗ köpfe Lionardo's iſt. Jedoch davon abgeſehen war die Aehnlichkeit frappant. Man brauchte nur auf die weichen Linien der Wangen zu achten, auf die ſchmalen Lippen, die jetzt feſt aufeinander gepreßt waren, auf die Augen mit den ſchweren Augenlidern. Innocenzia öffnete ſie zu ihrer vollen Größe nur in Momenten der Erregung, dann aber flammten die dunkeln Augen wunderbar auf. Eben jetzt waren die Augenlider doppelt tief geſenkt und ſchwer von Träumen, das Haar fiel loſe über ihre Schul⸗ tern, ſie ſah aus wie die Muſe des ernſten Nachdenkens. Ein ſehr einfaches, ſchwarzes Kleid ohne allen Beſatz verhüllte der Sammtmantel; ſchlicht und glatt in weichen Falten hing es bis zu den Füßen hinab. So ſah In⸗ nocenzia aus. Sie nahm jetzt ein wenig Wein aus der Flaſche und ein Stückchen von dem Brode und ſchluckte es mit offenbarer Mühe hinunter, dann blickte ſie auf die Kohlen in dem Becken und ſah, wie ſie in weiße Aſche zerfielen. Ringsum Schweigen, Kälte, Einſam⸗ keit, und in dem öden Hauſe, dies einſame Geſchöpf, ſo jung und ſo verlaſſen! Aber in ihr lebte keine Furcht. Sie ſtand nach einer Weile ganz gelaſſen auf, hob die hohe Lampe vom Tiſch und ſchritt mit ihr durch den geiſterhaft dröhnenden, unheimlichen Gang nach ihrem Schlafgemach. Sie ſah nichts und fürchtete nichts; ihre Phantaſie ſchwärmte nicht umher, ſie haftete an anderen Dingen. Am nächſten Morgen ſah es freilich weit freund⸗ licher in dem großen Zimmer aus. Wenigſtens lachte das Tageslicht hinein und verſcheuchte alles Grauſen, und als Mrs. Drainham, die Doktorsfrau, die wirklich um Innocenzia beſorgt war, vor zwölf Uhr am Morgen zu dem Mädchen kam, fand ſie daſſelbe an dem kleinen Marmortiſche bei dem Frühſtück ſitzen, vor ſich ein kleines Gericht von Polenta, braunem Brode und einem Fläſchchen Wein. Das ſchien den engliſchen Augen der Dame etwas ganz Entſetzliches zu ſein.„Um des Himmels willen, liebes Kind, ſchicken Sie das Zeug hinaus und nehmen Sie lieber eine gute Taſſe Thee! Wenn Sie mit mir gehen wollen, ſo ſoll Ihnen mein Mädchen augenblick⸗ lich eine machen und einige zarte Butterſchnitten, nicht? Und ein Ei oder was Sie wollen. Nun wundre ich mich nicht mehr, daß Sie nichts eſſen können.“ „Ich eſſe Polenta ganz gern,“ ſagte Innocenzia, indem ſie mit ihrem Löffel ſpielte,„und Thee liebe ich nicht.“ Dieſes Bekenntniß erſchien Mrs. Drainham als ein höchſt unmoraliſches.„Wenn Sie nach England kom⸗ men, Liebſte, ſo erzählen Sie ja nicht, daß Sie zum Frühſtück Wein getrunken haben,“ ſagte ſie mit Würde, 103 „man würde das bei einem jungen Mädchen ganz ent⸗ ſetzlich finden.“ Innocenzia antwortete nicht gleich. Sie goß etwas Wein in ihr Glas und miſchte Waſſer hinein, es war wahrlich kein ſehr einladendes Getränk.„Wahrſchein⸗ lich komme ich gar nicht nach England,“ ſagte ſie ſehr leiſe. „Ja, aber Sie werden und müſſen nach England gehen. Was wollen Sie hier, armes Kind? Die Woh⸗ nung hier muß nächſtens wieder vermiethet werden, und wenn Sie auch Freunde haben, die ſich für Sie intereſ⸗ ſiren, auf die Länge geht das doch nicht. Ich hoffe doch, daß Ihre Verwandten endlich kommen werden. Niccolo muß ſich auch eine andere Stelle ſuchen, aber er will warten, bis Sie fort ſind.“ Dem jungen Mädchen wurde es heiß in den Augen, aber dieſelben waren ſo wenig an das Weinen gewöhnt, daß die Thränen wieder in ihre Quellen zurücktraten. Sie antwortete nicht. Trotz ihrer Jugend verſtand ſie es ſehr wohl, zur rechten Zeit zu ſchweigen. Aber Mrs. Drainham ließ ſich dadurch nicht beirren. Sie betrach⸗ tete das Mädchen von Kopf bis zu den Füßen und tadelte im Stillen Alles an ihr, ihre Haarfriſur und ihren Anzug, beſonders aber den häßlichen Sammt⸗ mantel:„Was in aller Welt wollen die in England mit 6 7* 104 ihr anfangen?“ dachte ſie, aber dann war wenigſtens ihre eigene Verantwortlichkeit zu Ende, und dieſer Ge⸗ danke erleichterte ihr Herz. „Sie haben niemals eine Schule beſucht, liebes Kind?“ frug ſie nach einer Weile. „Nein.“ „Auch nichts gelernt? Aber irgend etwas müſſen Sie doch können? Handarbeiten, Stickereien? Wie? Sie müſſen ja immer ſchrecklich einſam geweſen ſein, denn Ihr Papa ſah ja keinen Menſchen bei ſich. Wie haben Sie da nur immer die Hände in den Schooß legen können?“ rief Mrs. Drainham in heiligem Ent⸗ ſetzen und aufgeſtachelt durch das hartnäckige Schweigen ihrer Gefährtin. „Ich kann leſen,“ ſagte Innotenzia. „Und weiter nichts? Nun, ich hoffe, daß Ihre Tante, Mrs. Eaſtwood, eine wohlhabende Frau iſt, denn ſonſt wäre es ſchrecklich. Mädchen in Ihrer Lage müſſen ſich eigentlich ihren Unterhalt ſelbſt verdienen. Ich will Sie durchaus nicht kränken, aber ich bin doch erſtaunt, daß Sie noch niemals daran gedacht haben. Was wol⸗ len Sie denn anfangen, liebes Kind?“ Dieſe Frage erſchien Innocenzia ſo ſeltſam, daß ſie ihre Augen voll und groß öffnete und zu der Fragerin erhob. Als ſie aber allem Anſchein nach aus dem Ge⸗ ſichte derſelben nichts herausleſen konnte, ſchlug ſie ſie wieder nieder und ſchwieg. Nur ein leichtes Achſelzucken ſchien zu ſagen: Weshalb ſollte ich mir die Mühe geben, mit ihr zu ſprechen? Das war allerdings keine ſehr ermuthigende Geſte für die beſorgte Dame. „Alſo Sie haben wirklich nie an eine ſolche Mög⸗ lichkeit gedacht?“ rief die beharrliche Freundin. Aber Sie hätten daran denken ſollen! Wenig Familien, wenn ſie nicht ſehr wohlhabend ſind, können ein junges Mädchen ſo ganz und gar zu ſich nehmen. Natürlich werden ſie Ihnen behülflich ſein, Ihr Fortkommen zu ſuchen, aber Sie ſelbſt müſſen dabei das Meiſte thun.“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen,“ ſagte Innocenzia, indem ſie halb verwundert, halb beſorgt zu ihrem Quäl⸗ geiſt aufſchaute. Sie ſtieß das kleine Bret mit dem Frühſtück von ſich, nahm, wol nur in der Verwirrung, das Kohlenbecken auf ihren Schooß und hielt die ſchma⸗ len Hände darüber. Das war wieder ein entſetzlicher Verſtoß gegen engliſche Sitte, und die Doktorsfrau durfte dies nicht ungerügt laſſen. „Um Gotteswillen, liebes Kind, laſſen Sie mich das nicht wieder ſehen! Thun Sie dies ſcheußliche Ding vom Schooße! In England dürften Sie ſich das niemals erlauben. Stellen Sie dies Kohlenbecken hi⸗ 106 nunter, ich kann es wirklich nicht mit anſehen, daß eine Engländerin ſo etwas thut.“ „Bin ich denn eine Engländerin?“ ſagte Innocenzia träumeriſch, ohne auf die vorhergehenden Worte Rück⸗ ſicht zu nehmen. „Niemals hört man von ihr eine vernünftige Ant⸗ wort,“ murmelte Mrs. Drainham in heller Entrüſtung. In dieſem Augenblicke ertönte die Hausglocke, und nach einem kurzen Zwiegeſpräch ließ Niccolo einen Fremden eintreten. Er hatte den Namen, den der junge Mann genannt, ſofort erkannt, obgleich kein Engländer dazu im Stande geweſen wäre, wenn er ihn nachher in Niccolo's Verſtümmelung gehört hätte: „Signor Eſtvode,“ ſagte er, indem er in das Zim- mer blickte und mit dem richtigen Inſtinkt eines italie⸗ niſchen Dieners den Effect ſeiner Ankündigung abwar⸗ tete. Innocenzia ſprang von ihrem Sitz empor und ließ faſt inſtinctiv den alten Mantel von ihren Schul⸗ tern gleiten. Mrs. Drainham dagegen blieb mit echt engliſchem Phlegma ſitzen und dachte gar nicht daran, ſich höflich zu zeigen. Frederick trat herein, bleich und ſchön, mit einem warmen Blick in ſeinen melancholiſchen Augen. Raſch ſchritt er auf das junge Mädchen zu, die mit großen, weitgeöffneten Augen ihn wie verzaubert anſtarrte, und ſtreckte ihr beide Hände entgegen. Das 107 Kind ſagte kein Wort, ſie athmete kaum. Wie viele Vermuthungen hatten ſich in dem kleinen Kopfe ge⸗ kreuzt, wie der Bote wol ausſehen würde, der ſie nach der neuen Heimath bringen ſollte! Aber dieſer junge Mann mit dem bleichen, traurigen Geſicht, mit dem milden Lächeln, er glich ja ganz dem Helden ihrer Träume, und als er ihr nun die Hände entgegenſtreckte, da nahm er urplötzlich auch Beſitz von dem ganzen un⸗ erfahrenen Mädchenherzen, das mit einer faſt uner⸗ klärlichen Macht und Tiefe ihm fortan zu eigen blieb. Wahrſcheinlich würde ſelbſt ſeine Mutter, trotzdem ſie viel liebevoller und wärmer war als Frederick, keinen derartigen Eindruck auf das einfache Mädchen gemacht haben. Innocenzia blickte ihn an mit Augen, die ganz Glut und Licht waren, ihr Herz zog ſich bald krampf⸗ haft zuſammen, bald weitete es ſich mächtig, herunter flog das Kohlenbecken, welches ſie bis jetzt noch eigen⸗ ſinnig feſtgehalten, und ſie that einen Schritt ihm ent⸗ gegen. „Du biſt meine kleine Couſine,“ ſagte der junge Mann mit weichem Tone, denn ſein Herz fühlte ſchon wirkliches Intereſſe für ſeine Schutzbefohlene, und ſeine Augen blickten ſie dabei freundlich und bewundernd an. Das Mädchen erglühte, die tiefe innere Bewegung be⸗ kundete ſich in jeder Linie ihres ſchlanken Körpers, 108 dann aber gab ſie ihrem Gefühle nach, ſie ſtürzte vor, ergriff ſeine ausgeſtreckten Hände, beugte ſich darüber und küßte ſie mit ihren zarten Kinderlippen.„Ja, ich bin Innocenzia,“ ſchluchzte ſie,„o nimm mich mit Dir, nimm mich fort von hier!“ Achtes Kapitel. Conſin und Conſine. Die kleine Scene brachte den jungen Engländer etwas aus der Faſſung. Vielleicht hätte Frederick gar nichts dagegen gehabt, wenn ihm ſeine Hände von einem ſo hübſchen Kinde geküßt worden wären, hätte nicht die fremde Dame dabei geſeſſen, die mit mißtrauiſchen Augen die Begegnung und Begrüßung der jungen Verwandten beobachtete. In ſeiner Verlegenheit brach Frederick in ein Gelächter aus, wie dies faſt alle ſeine Landsleute thun, wenn ſie ſich aus einer ähnlichen Lage zu befreien verſuchen. Weshalb eine Gefühlsäußerung unter Eng⸗ ländern durchaus lächerlich ſein muß, das habe ich nie begreifen können, aber es iſt wirklich ſo: wir finden es lächerlich, wenn unſere Herzen ergriffen ſind. Darum lachte auch Frederick Eaſtwood, den jener leidenſchaftliche Willkommen auf das Innigſte bewegt hatte, weil er 110 Mrs. Drainhams Späheraugen auf ſich gerichtet fühlte. Erſchrocken zog ſich das arme, verſchüchterte Kind in ſich ſelbſt zurück; es mußte ja glauben, es werde ausgelacht. Die Zuſchauerin dagegen fand dies ganz in der Ord⸗ nung und fühlte ſich jetzt dem jungen Manne mehr ge⸗ neigt. Sie deutete auf einen Stuhl an ihrer Seite, um den Fremden zum Sitzen einzuladen. „Du liebes Kind,“ ſagte ſie zärtlich,„Sie müßten 3 erſt noch lernen ſich zu beherrſchen. Wir verſtehen Ihre 3 Empfindungen, wir entſchuldigen auch Alles, aber Sie müſſen Ihre italieniſchen Manieren aufgeben. Setzen Sie ſich, während ich mit dem Herrn ſpreche. Mr. Eaſt⸗ wood? Wenigſtens glaube ich etwas Aehnliches von Niccolo verſtanden zu haben—“ „Ja,“ ſagte Frederick,„ich wäre ſchon längſt hier, wenn mich nicht Krankheit aufgehalten. Ich freue mich meine Couſine in ſo vortrefflichen Händen zu ſehen.“ Die Beiden machten hier eine Pauſe und betrachte⸗ ten ſich gegenſeitig mit einem gewiſſen Mißtrauen. Mrs. Drainham war eine hübſche Frau, und Frederick mit ſeinem Spitzbart und ſeinen melancholiſchen Augen war gewiß ein ſchöner junger Mann zu nennen. Dieſe ge⸗ naue Inſpection beſänftigte auch den Verdacht der Be⸗ ſchützerin, es könne Frederick möglicherweiſe gar nicht der richtige Abgeſandte ſein. Daß er ein vollkommener S „gentleman“ war, das ſah ſie auf den erſten Blick. Sie erröthete deshalb auch, was ihr vortrefflich ſtand, als ſie ſich ihrer Pflicht als Aufſeherin entledigte und zu dem jungen Mann ſagte: „Ich muß fürchten, von Ihnen für recht unbeſchei⸗ den gehalten zu werden, und lächerlich finde ich es auch; aber da mein Mann und ich ſelbſt ein ſo warmes In⸗ tereſſe an Miß Vane nehmen, ſo werden Sie mich wol entſchuldigen, wenn ich nach Ihrer Bürgſchaft, Ihrer Vollmacht frage: Sie verſtehen, was ich meine——“ Hier lachten ſich Beide ganz vergnügt an, und das brachte ſie ſich gleich um Vieles näher. „Ich bringe einen Brief von meiner Mutter an meine Couſine,“ ſagte Frederick,„eigentlich hätte ich noch einen beſonderen Ausweis meiner Perſon mitbringen ſollen, hätte ich gewußt, daß ſie ſo ſtreng bewacht würde. Aber hier iſt meine Karte,“ fügte er lächelnd hinzu, in⸗ dem er ſie der Dame überreichte. Sie nahm ſie mit gnädigem Lächeln und einer ziemlichen Verbeugung; dann entſpann ſich eine kurze Unterhaltung, und dieſe endete mit einer Einladung zum Eſſen für den Abend. „Und Sie werden doch auch mitkommen, liebes Kind?“ ſagte die Doktorsfrau zu Innocenzia,„obgleich es eigentlich nicht recht paßt, daß Sie in tiefer Trauer an Geſellſchaften theilnehmen. Doch wir laden Niemand 112 weiter ein. Mr. Eaſtwood wird die Güte haben, Sie um ſieben Uhr in unſer Haus zu bringen.“ In einer Art von Betäubung hatte das junge Mädchen dem Geſpräche der Beiden zugehört, ihr kam es vor, als ſprächen ſie eine ihr völlig unverſtändliche Sprache, und es that ihr weh, daß Frederick ſich mit ihrer redſeligen Peinigerin ſo wohl zu unterhalten ſchien. Sie fühlte ſich wieder in ihre alte Einſamkeit zurückge⸗ worfen, und das war ihr um ſo ſchmerzlicher, als ſie eben noch gemeint hatte, die Sonne eines neuen glän⸗ zenden Lebens vor ſich aufgehen zu ſehen. Die träume⸗ riſche Tiefe eines Gemüthes, welches ſtets in eigenen Gefühlen ſchwelgt, kennt nicht Raum noch Zeit. Ob⸗ gleich daher kaum eine halbe Stunde verfloſſen war, ſeit Frederick Eaſtwood das Zimmer betreten, ſo hatte doch dieſe kurze Zeit hingereicht, um zwei gewaltige Revolu⸗ tionen in dem jungen Mädchenherzen hervorzurufen. Die eine mächtige riß ſie aus der troſtloſen Einſamkeit hi⸗ nein in eine neue Sphäre von Licht, Glanz, Zärtlichkeit und Geſelligkeit und erſchien ihr wie eine Offenbarung des Himmels; die andere aber ſchleuderte ſie wieder in den alten düſtern Kreis hinein und ſchloß ſie aus von dem Lichte, der Freude und jener ſeltſam beglückenden neuen Empfindung, welche ſie in einem Augenblicke ſo wunderbar verändert hatte. Es war in ihr wie Son⸗ 113 nenaufgang und Untergang; das Doppelgefühl kam über ſie:„Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt.“ Sie antwortete nicht auf Mrs. Drainhams Einladung, ſie verſtand ſie vielleicht nicht einmal, denn die höflichen Formen der feinen Welt waren ihr noch völlig unbe⸗ kannt. Als die Dame ſich verabſchiedet hatte und Fre⸗ derick ſie zur Thüre hinaus geleitete, da glaubte ſie ſchon, er ſei auf immer von ihr fortgegangen und ihr neues Hoffen müſſe für immer begraben werden. Mit bebenden Fingern zupfte ſie an dem alten Mantel und krampfhaft hielt ſie die Thränen zurück, die ſich immer wieder in ihre Augen drängten. Sie zitterte davor, ſich ſchwach zu zeigen, denn ſie meinte, der neue Couſin werde ſie in dieſem Falle ebenſo hart oder mit ſolchem Spotte behandeln, wie es ſonſt ihr Vater gethan. So kämpfte ſie denn noch mit ſich ſelbſt, als ſich die Thüre ſich und ihre Augen weiteten ſich bei dem krampfhaften Bemühen, die Thränen zurückzudrängen, und wenn der junge Mann gelacht hätte oder ſcherzend geſprochen, ſo wäre ihr der Kampf auch gelungen. Aber Fredericks Herz war wirklich tief ergriffen. Er fühlte in ſich eine väterliche, wohlwollende Geſinnung, und ſo näherte er ſich dem armen Kinde und legte liebkoſend ſeine Hand auf ihr glänzendes Haar. Hliphant, Innocenzia. I. 8 114 „Meine kleine Couſine, wir müſſen nun Freundſchaft ſchließen, nachdem dieſe Frau fort iſt,“ ſagte er lächelnd. Die arme Innocenzia! Sie wußte nichts von Selbſtbeherrſchung, kaum was Recht und Unrecht war. Sie ſchlang ihre Arme hülfeſuchend um ihn und brach an ſeiner Bruſt in einen ſo leidenſchaftlichen Thränen⸗ ſtrom aus, daß ihm angſt und bange wurde. Aber war das nicht ganz natürlich? Eben erſt war ihr der Vater geſtorben, und ſie hatte Niemanden, an den ſie ſich wen⸗ den konnte, als dieſen neuen Verwandten. Die ganze Zeit über hatte ſie ihren Kummer in ſich angeſammelt, und bei dem erſten weichen, liebevollen Worte mußte er hervorbrechen. Frederick war im Grunde froh, daß Nie⸗ mand weiter im Zimmer war, und er, ohne ſich lächer⸗ lich zu machen, das weinende Mädchen tröſten konnte. Er ſtreichelte ihre ſanfte Wange und küßte ſie, indem er ihr gute Worte gab, damit ſie ſich beruhigen ſollte. Aber es dauerte lange, ehe der einmal entfeſſelte Strom aufgehalten werden konnte. Als endlich das hyſteriſche Schluchzen zu Ende war, hob Innocenzia ihr Köpfchen von ſeiner Bruſt auf und ſah ihn noch immer unter Thränen angſtvoll an, ob er ihr nicht zürne oder ihrer Schwäche ſpotte; doch ſie las keinen Zorn oder Spott in Fredericks Augen. Ihm that es ſo leid um das arme Kind. 115 „Meine arme Kleine!“ ſagte er und glättete das Haar auf ihrer Stirne. Da flog eine plötzliche Röthe über ihr Geſicht und ihre Augen leuchteten. Sie ließ ihn ebenſo plötzlich los, als ſie ihn erfaßt hatte. Geräuſchlos ſank ſie in einen Stuhl und ſah ihn mit ſcheuem, bittendem Lächeln an. „Ich kann nichts dafür,“ ſagte ſie und ſtreckte ihr Händchen nach ihm aus, denn ihr war, als müſſe ſie ihn halten, damit er nicht wie die Geſtalten ihrer Träume in Nichts zerfließe. Frederick war es ſehr zufrieden, bei der hübſchen Couſine ſitzen zu können, er hatte auch durchaus nichts dagegen, daß ihre ſchlanken, weißen Finger voll zärtlicher Innigkeit ſeine Hand umfaßt hielten, und der Blick ih⸗ rer Augen, der eine faſt anbetende Bewunderung für ihn kund gab, war ihm keineswegs unangenehm. Er erzählte ihr nun von ſeiner Reiſe, und wie lange er aufgehalten worden, von ſeiner Abſicht, ſie morgen ſchon mit ſich zu nehmen, von Mutter und Schweſter, die ſie ängſtlich erwarteten und die ſich ſo ſehr darauf freuten, ihr Schutz und Troſt zu gewähren. Unterdeſſen blieb Innocenzia ruhig zurückgelehnt in ihrem Stuhle und lächelte ihn an. Sie antwortete nicht. Was wäre das auch nöthig geweſen? Sie hielt ſeine Hand und ließ ihn ſprechen. Gleichviel wovon er ſprach, ihr klang 8* 116 Alles wie Muſik oder wie ein wundervolles Märchen. Die Bilder, die er von Mutter, Schweſter und dem Hauſe entwarf, rührten ſie nicht. Sie war völlig be⸗ friedigt durch ſeine Gegenwart. Alles andre war unklar und verſchwommen, hier hielt ſie ſeine Hand und ſah ihm in's Geſicht. Es war in der That Liebe auf den erſten Blick, obgleich das Kind ſich deſſen nicht bewußt war. Sie hatte ja nun Einen, der ihr gehörte, Einen, der ihrer nicht ſpottete, der ihren Namen weich und me⸗ 1 lodiſch ausſprach, der ſie nicht beſtändig tadelte. Das neue Gefühl begeiſterte ſie wunderbar, ſie fragte nichts nach Mutter und Geſchwiſtern: wenn es nur immer ſo bleiben dürfte, das war der einzige Gedanke, der ſie be⸗ herrſchte. Sie war unausſprechlich glücklich, mehr ver⸗ langte ſie nicht. „Mußt Du ſchon fort?“ rief ſie ängſtlich, als er ſich einmal bewegte, indem ſie ſeine Hand feſter faßte. ₰ „Ich verlaſſe Dich nicht,“ erwiederte er,„aber wenn wir morgen abreiſen wollen, bedarf es doch wol bei Dir noch einiger Vorbereitungen. Wirſt Du denn bereit ſein, Innocenzia?“ „Ich kann gehen, wenn Du es willſt,“ ſagte ſie. „Liebſtes Kind, Du mußt Dich deutlicher ausdrücken. Kannſt Du bis morgen Deine Sachen gepackt und alle Deine kleinen Einrichtungen getroffen haben? Wo iſt denn Dein Mädchen? Sie kann mir darüber am beſten Auskunft geben.“ „Ich habe kein Mädchen und habe auch nichts ein⸗ zupacken. Ich bin allzeit bereit fortzugehen, wenn Du nur willſt. Nur darfſt Du mich nicht wieder verlaſſen,“ rief ſie, ſeinen Arm mit ihren beiden Händen umklam⸗ mernd. „Das will ich auch gar nicht,“ beſchwichtigte er ſie, halb geſchmeichelt, halb verlegen,„bis ich Dich zu mei⸗ ner Mutter gebracht habe. Du weißt, meine Mutter erwartet Dich, zu ihr gehen wir, ich ſagte Dir es ſchon und zu Ellinor——“ „Wirſt Du mich denn verlaſſen, wenn wir dort ſind?“ frug das Mädchen dringend, immer noch den Arm haltend. Wol erſchien ihm dieſe Anhänglichkeit ſehr ſchmei⸗ chelhaft, aber auf die Dauer durfte ſie vielleicht doch et⸗ was unbequem werden. „Nein, nein,“ ſagte er.„Ich wohne ja bei meiner Mutter. Ich bleibe alſo bei Dir. Aber Du mußt am allermeiſten nach meiner Mutter und nach Nelly fragen, nicht nach mir. Das ſind für Dich die Hauptperſonen, Deine Freundinnen und Gefährtinnen——“ „Ich möchte Dich aber viel lieber haben, denn ich kenne Dich; Frauen kann ich überhaupt nicht leiden,“ ſagte das Mädchen.„Höre,“ fuhr ſie fort,„könnten wir nicht irgendwo wohnen, ohne daß ſie etwas davon er⸗ führen? Ich kann kochen,— ſehr ſchöne Maccaroni, und kleine Vögel kann ich braten. Ich wollte Alles thun, was Du ſagteſt und Dir Deine Wirthſchaft füh⸗ ren. Das wäre doch viel hübſcher als bei Deiner Mutter zu leben. Ich haſſe die Frauen.“ Ihr Geſicht glühte bei dieſer Rede, die Augen blitz⸗ ten, die Hände hielten den Arm des jungen Mannes noch immer feſt. „Du mußt nicht ſolchen Unſinn ſchwatzen,“ ſagte er. „Warum nicht? Du haſt mir jetzt zum erſtenmal geſagt: Du mußt nicht! Mein Vater hat mir verſichert, alle Frauen wären ſchlecht, die Männer nur hin und wieder. Ich bin ein Mädchen, aber ich wollte gern keins ſein. Ich gebe mir Mühe, anders zu werden als ſie. Biſt Du reich?“ „Nein,“ ſagte Frederick beſtürzt. Er war aufgeſtan⸗ den, aber ſie hielt ihn noch immer feſt. „Das iſt Schade. Wir waren auch niemals reich. Wenn Du reich wärſt, hätten wir Niccolo mitnehmen können, der verſteht Alles— er iſt ſo klug. Dann könnten wir hier bleiben. Halt,“ rief ſie plötzlich,„da iſt eine kleine Wolke auf Deiner Stirne. Jage ſie fort! 119 Lächle! Du lächelteſt, als Du zuerſt zu mir kamſt, und ich erkannte Dich daran und war ſo glücklich.“ „Mein armes Kind! Was machte Dich ſo glücklich?“ „Weil ich wußte, Du warſt es,“ ſagte ſie heftig. „Und nun ſprichſt Du mir immer von Deiner Mutter. Laß mich bei Dir bleiben!“ „Höre mir zu, Innocenzia,“ ſagte er, und ein Schatten von Ungeduld flog über ſein Geſicht.„Hier iſt keine Frage, wohin Du zu gehen haſt. Du mußt zu meiner Mutter gehen. Ich lebe ja auch dort. Ich habe kein eignes Haus. Du mußt Dich daran gewöhnen, meine Mutter lieb zu haben und Alles zu thun, was ſie wünſcht. Nun laß mich los, bitte. Ich will mir doch noch die Stadt anſehen, denn wenn wir morgen ſchon abreiſen, wird mir keine Zeit mehr bleiben. Laß mich nun gehen, Kleine.“ Sie ſah in ſein Geſicht, ſo eifrig, ſo geſpannt, als wollte ſie darin leſen; ſeine Augen erſchraken ein wenig vor ihrem durchdringenden Blicke. Fürchtete er, daß ſie ihn durchſchauen könnte? Der Gedanke machte ihn ängſtlich und ärgerlich zugleich. Vielleicht las ſie dies in ſeinen Zügen, denn ſie ließ den Arm los, wenn auch zögernd und mit einer halb zärtlichen, halb bittenden Bewegung; ſie lächelte dabei, ſagte aber nichts. Es lag etwas überaus Anmuthiges in der Art, wie ſie ihn frei „ 120 gab, ein Gemiſch von Ergebung und Beſchwörung, das ihn wahrhaft rührte. Geh', wenn Du willſt,— ſchien ſie zu ſagen,— aber bleibe doch bei mir! Aber Frede⸗ rick überlegte, wie lächerlich es ſein würde, ſtatt in der fremden Stadt ſich zu amüſiren, bbei dem kleinen Mäd⸗ chen zu bleiben, das ihm doch eigentlich noch ganz fremd war. Indeſſen wollte er ſie auch nicht ſo ganz plötzlich verlaſſen. Er ſtreichelte daher noch einmal väterlich ihr weiches Haar. „Ich werde zeitig genug wieder da ſein, um Dich zu der Dame abzuholen, die uns zum Eſſen eingeladen hat,“ ſagte er.„Ich hoffe, die Leute waren gut gegen Dich? Unterdeſſen packſt Du wol ein. Sicherlich wirſt Du noch eine Menge zu thun finden. Es thut mir ſehr leid, daß Du kein Mädchen haſt, das Dir dabei zur Hand gehen könnte. Haſt Du etwas Warmes für die Reiſe? Denn das brauchſt Du nothwendig.“ Sie nahm den alten Sammtmantel auf und betrach⸗ tete ihn von allen Seiten mit prüfenden Blicken. Für ein Malerauge wäre dies Kleidungsſtück ein willkomme⸗ ner Fund geweſen, aber Frederick Eaſtwood war kein Künſtler und urtheilte ganz anders. Nicht um die Welt hätte er ſo mit ihr gehen oder reiſen mögen. „Und iſt dies Alles, was Du haſt?“ frug er er⸗ ſchrocken. 1 * 121 „Ich habe einen Shawl,“ ſagte das Mädchen, mit verwunderten Augen zu ihm aufblickend. „Nun, ich will mit Mrs. Drainham darüber ſprechen,“ ſagte er ungeduldig.„Leb wohl für einige Augenblicke. Kleide Dich an und ſei ganz fertig, wenn ich wieder⸗ komme, hörſt Du? Dann wollen wir über unſere Reiſe und alles, was dazu nöthig iſt, plaudern. Ich bin über⸗ zeugt, daß wenn wir wirklich abreiſen wollen, kein Mo⸗ ment mehr zu verlieren iſt.“ Fertig ſein! Dieſe Worte tönten noch lange in des Mädchens Kopfe nach, als Frederick fort war. Fertig, für was? Für das Eſſen bei der Dame, die Alles an ihr tadelte? Sie ſetzte ſich und überlegte. Sie hatte ja nur dies eine ſchwarze Kleid mit der ſchwarzen Tüllkrauſe um den Hals. Sie war alſo ſchon fertig, ſie brauchte nur ihr Haar zu glätten und ein Medaillon oder eine Broche anzulegen, dann war ſie bereit. An das Ein⸗ packen hatte ſie nie gedacht. Niccolo hatte immer Alles für ſie beſorgt und ihr geſagt, was ſie thun ſollte. So ſaß ſie lange Zeit und ſann, mit einer ſeltſamen Selig⸗ keit im Herzen und doch auch mit einem ihr unerklär⸗ lichen Schmerzgefühl. Dann ſtand ſie auf, hing den Mantel um und ſchritt die Treppe hinab, über den Platz bis zu der kleinen Kirche. Wer je in Piſa war, muß ſie kennen, die Kirche St. Maria della Spina. Für das einſame Kind lag ein ihm wol ſelbſt unbewußter Reiz in dem ſchönen, architektoniſch reich geſchmückten Gottes⸗ hauſe. Sie trat hinein, mechaniſch machte ſie alles nach, wie ſie es geſehen hatte, bekreuzte ſich, nahm Weihwaſ⸗ ſer, kniete nieder und ſetzte ſich dann, das Geſicht dem Altar zugewendet, zum Gebete hin. Was ſie da flü⸗ ſterte, war das Gebet des Herrn, obgleich ich bezweifle, daß ihre Gedanken ſo recht kirchlich und fromm dabei waren. Die Ereigniſſe des Tages beſchäftigten ſie noch zu ſehr. Ihr Herz war in einem Aufruhr wie eine ſturmgepeitſchte See. Das Leben war urplötzlich an ſie herangetreten in ihre grabähnliche Einſamkeit, und zwar in einer Geſtalt, die alle ihre Sinne gefangen nahm. Aber das Wonnegefühl wich immer wieder dem Kummer, daß er ſie verlaſſen hatte und nicht ganz bei ihr bleiben wollte. Ihr kindiſcher, unentwickelter Verſtand vermochte ſich nicht da hinein zu finden.— Die Frühmeſſe war vorüber; keine Lichter brannten auf dem Altar und Alles war ſtill; dann und wann trat geräuſchlos eine Geſtalt herein, um niederzuknien und zu beten und ebenſo leiſe ſich wieder zu entfernen. Wenig Leute nur, außer In⸗ nocenzia, ſaßen in den Betſtühlen, meiſt alte Frauen und Kruppel, aber ſie Alle mochten wohl daſſelbe Gefühl der Sehnſucht haben, welches das einſame Kind hierher ge⸗ lockt. Die Sehnſucht nach dem ſtillen Hauch des Frie⸗ 123 dens, der in dem Gotteshauſe wehte. Das Mädchen ſaß noch lange Zeit ſtill da, dann betete es nochmals und ging nach Hauſe. Ebenſo mechaniſch, wie ſie ihr Gebet verrichtet, folgte ſie ſpäter auch ihrem Couſin in Mrs. Drainhams Woh⸗ nung. Seltſam genug ſah ſie aus. Sie hatte im Ge⸗ fühl, daß ſie ſich etwas herausputzen müſſe, um ihres Begleiters würdig zu ſein, unter den vielen koſtbaren Schmuckgegenſtänden, die ſie aus dem Nachlaß des Va⸗ ters beſaß, ein koſtbares Medaillon an kleiner Kette ge⸗ wählt. Das Kleinod, welches mit Diamanten und Ru⸗ binen reich beſetzt war, ſtach ſonderbar von der über⸗ großen Einfachheit ihres übrigen Anzuges ab. Die Frau des Doktors war entſetzt über den Mangel an Takt, daß dies Mädchen in tiefer Trauer einen Schmuck an⸗ legen konnte; aber Innocenzia wußte es ja nicht beſſer. Indeſſen hielt es Mrs. Drainham für ihre Pflicht, ſie ſofort, nachdem das Eſſen vorüber und ſie im Wohn⸗ zimmer allein waren, auf das Unſchickliche und Unpaſ⸗ ſende ihres Thuns aufmerkſam zu machen. Alles, auch die Ermahnungen für die kommende Reiſe und die Ver⸗ haltungsmaßregeln, wurde von dem Mädchen ſchweigend angehört, aber wohl kaum verſtanden. Sie ſaß ängſt⸗ lich und beklommen in dem fremden Zimmer, ſchämte ſich ihrer ärmlichen Kleidung ebenſo wie des prachtvollen 124 Schmuckes, dachte an Frederick, der ihr gar nicht mehr anzugehörenſchien, und wußte nicht, was ſie mit ſich ſelbſt anfangen ſollte. Arme, kleine Innocenzia, an dem heutigen Abend brachte Dir Dein neues Glück wohl mehr Leid als Freude! Neuntes Kapitel. Wie es Daheim zuging. Als Mrs. Eaſtwood nach langem ängſtlichen Har⸗ ren endlich Fredericks Brief aus Livorno erhielt, der ihr die Kunde von ſeiner Krankheit und dadurch verzögerten Abreiſe von Paris brachte, war ſie natürlich ganz außer ſich. In ihrer Unſchuld jammerte ſie darüber, daß der arme Junge auch gerade in Paris krank werden mußte, wo er gewiß ſo ſchlechte Pflege gehabt habe. Sein Ge⸗ ſundheitszuſtand beſchäftigte ſie zuerſt ganz allein, erſt ſpäter dachte ſie an ſeine geſchäftlichen Beziehungen, und nachdem ſie ſich recht tüchtig ausgeweint und mit Nelly berathen hatte, machte ſie ſich mit dieſer auf und fuhr nach dem Geſchäftslokal, um ſich mit dem Herrn dort zu beſprechen und Fredericks längeres Ausbleiben zu ent⸗ ſchuldigen. Der Chef des Hauſes, Mr. Bellingham, 126 trat den Damen entgegen und hörte mit größter Artig⸗ keit ihren Bericht an. Die Mutter hob hervor, wie un⸗ endlich gut es von dem Sohne geweſen, die Reiſe über⸗ haupt zu unternehmen; wie er in Paris krank geworden ſei und wie er eben deshalb nicht eher geſchrieben habe, um die Seinigen nicht zu ſehr zu erſchrecken. Dadurch, daß ſie ſofort hierher gekommen ſei, hoffe ſie allen Miß⸗ verſtändniſſen vorzubeugen und bitte für ihren Sohn um gütige Nachſicht. Mr. Bellingham lächelte freundlich und verſprach, Alles in Ordnung zu bringen.„Iſt übrigens nicht übel, in Paris krank zu ſein,“ ſagte er mit einem ſchelmiſchen Nicken. „Guter Gott, ich denke es mir entſetzlich!“ rief Mrs. Eaſtwood, die ſich faſt gekränkt fühlte, daß man ihres armen Jungen Leiden ſo gering anſchlug.„Es iſt ja ein ſolcher Lärm in den Straßen und den Hotels und ſo wenig Bequemlichkeit für den armen Kranken.“ Nelly ſchien es, als ob Mr. Bellingham nur mühſam ein La⸗ chen unterdrückte, aber er ſagte weiter nichts, als daß ſchon am ſelben Morgen ein eigenhändiges Schreiben des Leidenden an die Firma ſelbſt eingetroffen ſei, und daß unter ſolchen Umſtänden der längere Urlaub gern gewährt würde.„Das wäre alſo in Ordnung,“ ſagte die Mut⸗ ter, als ſie das Geſchäftslokal verließen, aber auf der ganzen Heimfahrt beſchäftigten ſich Beide mit vergeblichen 127 Vermuthungen über den Grund und die Art der Krank⸗ heit und quälten ſich recht nutzlos ab. „Hätte er nur gleich im Anfang geſchrieben, als er ſich krank fühlte, ſo hätte eine von uns, vielleicht gar wir Beide, Nelly, zu ihm reiſen können. Ich kann mir nichts Troſtloſeres denken, als in einem Wirthshauſe krank zu ſein. Und dieſe Koſten! Ob er nur Geld ge⸗ nug hat, mein armer Junge, daß er nach Hauſe kommen kann?“ „Wenn er Geld brauchte, hätte er es Dir gewiß geſchrieben, Mama,“ ſagte Nelly, der bei der ganzen Sache unbehaglich zu Muthe war, ſie wußte ſelbſt nicht warum. „Ich weiß doch nicht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood,„mein Junge iſt darin ſonderbar. Man erfährt es natürlich nach und nach, wenn er Geld braucht, aber es iſt immer etwas ſo Unklares in Männerbriefen. Er ſchreibt ſo kurz: Ich bin krank geweſen. Was ſoll das nun heißen? Warum nicht gleich geſagt: mir fehlt das und das, nicht wahr, Nelly? So ſind ſie aber alle, die Männer, ſie verſtehen unſere Sorge gar nicht.“ „Ich finde es abſcheulich, daß Frederick nicht aus⸗ führlicher ſchreibt,“ ſagte Relly gereizt. „Liebes Kind, nein, nicht abſcheulich, nur gedanken⸗ los, ſo ſind nun einmal die Männer,“ ſeufzte Mrs. Eaſt⸗ 128 wood, und aus dieſer Anſicht ſchöpfte ſie wirklich Be⸗ ruhigung. Abermals verging eine Woche in dem gewohnten, ruhigen Geleiſe. Die Mutter berieth ſich mit ihrem Freunde im Erziehungsfache, dem Rektor, über ihre Söhne, aber wenn er auch bereitwillig über die Jünge⸗ ren mit ihr ſprach, ſo ſcheute er ſich doch über Frederick ein Urtheil zu fällen, da dieſer ſeiner Zucht ſchon längſt entwachſen war. Er tröſtete die beſorgte Mutter und ſchilderte die kurze Tour von Livorno nach Piſa als durchaus nicht anſtrengend; er heatte ſie ſelbſt gemacht und konnte deshalb aus Erfahrung ſprechen, was beru⸗ higend wirkte. Weit weniger zufrieden mit dem ruhigen Zuſehen aus der Ferne war die Buſenfreundin der Mutter, Mrs. Everard. Sie war immer dafür, thätig einzugreifen. Stille ſitzen und abwarten waren ihr fremde Begriffe. Sie war ganz ungewöhnlich lebhaft und deshalb gerade das Gegentheil von der behaglichen, friedliebenden Mrs. Eaſtwood. Schon im Aeußern be⸗ kundete ſich dieſe große Verſchiedenheit. Die Freundin war ſchlank und beweglich, die Mutter des Hauſes rund und bequem, und wenn es ihr auch durchaus nicht an Energie fehlte, im Falle es die Nothwendigkeit erheiſchte, ſo ließ ſie doch Alles gern erſt an ſich herankommen, ehe ſie handelte. 129 „Ich würde unbedingt reiſen, wenn ich an Ihrer Stelle wäre,“ ſagte Mrs. Everard, als die beiden Da⸗ men eines Abends im Dämmerlicht die Angelegenheit beſprachen.„Ein Mann, wie wir Beide wiſſen, ſagt niemals wirklich, wie die Sachen ſtehen. Sie wiſſen ja gar nichts Genaues über ihn. Vielleicht liegt er jetzt gänzlich gebrochen darnieder, und kein Menſch kümmert ſich um ihn, denn jenes Mädchen wird ihn doch nicht pflegen können. Ich denke ſie mir überhaupt als ſehr mangelhaft erzogen. Sie kennen ja meine Anſicht über die Laſt, die Sie ſich aufbürden wollen, Liebſte. Aller⸗ dings wiſſen Sie ja am beſten, was Sie zu thun und zu laſſen haben, aber ich glaube, darin habe ich Recht.“— „Vielleicht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood aus ihrer Ecke heraus,„aber wie hätte ich mein eigen Fleiſch und Blut unter Fremden laſſen können? Mir wäre das unmöglich geweſen.“ „Lieber Himmel, dort iſt ſie gewiß ganz gut auf⸗ gehoben. Dort iſt ſie zu Hauſe, hier völlig fremd. Sie kennen weder ihre äußeren noch inneren Eigenſchaften, und dennoch haben Sie darauf beſtanden, das Mädchen hierher holen zu laſſen. Der arme Frederick muß dafür büßen.“ „Sie ſprechen ja, als wäre Mama an Fredericks Krankheit ſchuld,“ ſagte Nelly empört, indem ſie ihren Hliphant, Innocenzia. 1. 9 130 Stuhl dicht vor den Kamin rückte und ärgerlich das Feuer ſchürte. „Durchaus nicht, damit hängt das gar nicht zuſam⸗ men, denn Frederick konnte ebenſogut auch hier krank werden,“ fuhr Mrs. Everard fort.„Ich kann nur nicht aufhören es zu beklagen, daß Ihr ein ſo ganz fremdes Mädchen in Euer Haus aufnehmen wollt. Sie kann an⸗ genehm, aber auch ganz das Gegentheil ſein. Man kann natürlich nicht wiſſen, ob ſie ſich dem guten Einfluß hier gern unterwirft und davon profitirt. Ich halte es im⸗ merhin für ein großes Wagſtück. Ich hätte den Muth nicht, obgleich ich als kinderloſe Wittwe doch nur ganz allein darunter zu leiden hätte.“ „Ich ſehe nicht ein, wozu ſo viel Muth nöthig ſein ſoll,“ ſagte Nelly,„um ein Mädchen von ſechszehn Jah⸗ ren in's Haus zu nehmen. Was kann denn durch ſie für großes Unheil geſchehen?“ „Sehr viel, wenn ſie will,“ rief Mrs. Everard. „Was kann nicht ein junges Mädchen unter drei jungen Männern im Hauſe anrichten! Einer von ihnen ver⸗ liebt ſich ſicher in ſie, beſonders wenn ſie hübſch iſt.“ „Bitte, denken Sie nicht ſo etwas von meinen Jun⸗ gen,“ lachte Mrs. Eaſtwood.„Frederick allerdings iſt erwachſen, aber er wäre der Letzte, ſich in ſeine kleine Coufine zu verlieben. Und Dick und Plantagenet— die eheec —— 131 ſind doch noch nicht zu rechnen. Nein, das iſt köſtlich.“ „Hoffentlich können Sie immer ſo denken und la⸗ chen,“ ſagte die Freundin mit einer gewiſſen Feierlichkeit. „Doch ich will nicht mehr darüber ſprechen, ich weiß ja, Sie ſind darin unerſchütterlich. Was nun Frederick be⸗ trifft, über deſſen Zuſtand Sie gar nichts wiſſen, der eine lange und gefahrvolle Reiſe—“ „Nicht doch, meine Liebe, nicht gefahrvoll!“ „Nun gut, nicht gefahrvoll, wenn Sie wollen, aber lang und angreifend, beſonders für einen ſchwächlichen Menſchen.“ „Großer Gott, hören Sie doch auf,— bedenken Sie doch, wie mich das quält,— ich kann ja doch nicht——“ „Meine Gedanken kann ich nicht hemmen,“ fuhr die unerbittliche Freundin fort.„Es iſt ſchon manches Schreckliche geſchehen, wenn man nicht gleich entſchieden handelt. Ich würde an Ihrer Stelle gleich hinreiſen und mich überzeugen, ob der arme Menſch im Stande iſt, die Rückreiſe anzutreten.“ „Aber ich würde ihn doch verfehlen,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, indem ſie ängſtlich nach der Uhr ſah.„Er muß jetzt unterwegs ſein, und wie unangenehm wäre es, wenn die Beiden ankämen und fänden mich nicht zu 9* Hauſe. Doppelte Sorge nur und doppelte Ausgaben würde es machen.“ „Nun gut, wenn ſie wirklich ankommen,“ ſagte Mrs. Everard feierlich,„dann will ich nichts mehr ſa⸗ gen. Ich thäte überhaupt beſſer, über die Sache zu ſchweigen, Sie thun doch, was Sie wollen. Nur ſage ich, daß mich eine ſolche Ungewißheit aufgerieben haben würde.“— Als die Freundin Abſchied genommen, hatte ſie es wenigſtens ſo weit gebracht, daß Mrs. Eaſtwood ſich in höchſter Aufregung befand und ſich ſelbſt für die hart⸗ herzigſte Frau der Welt hielt, weil ſie nicht ihrem Fre⸗ derick zu Hülfe eilte. Nach einiger Zeit jedoch, während Mutter und Tochter ſchweigend am Kamin geſeſſen hat⸗ ten, waren Mrs. Eaſtwoods Thränen getrocknet und ſie berieth mit Nelly, was zu thun ſei. Nach vielem Hin⸗ und Herreden wurden beide einig, daß es jetzt viel zu ſpät ſei, um hinzureiſen, und daß man bis morgen war⸗ ten wolle, wo vielleicht Nachrichten eintreffen würden. „Wenn das wirklich Deine Anſicht iſt, Nelly,“ ſagte Mr. Eaſtwood erleichtert, denn ſie ſtützte ſich bei ſolchen Gelegenheiten ſehr gern auf die Meinung ihrer Kinder, „ſo wollen wir noch den morgenden Tag geduldig ab⸗ warten.“ Mrs. Everard hatte ſich mit dem triumphirenden 133 Gefühl entfernt, ihre Pflicht gethan zu haben; ſie hatte zur rechten Zeit gewarnt, nun mochte kommen, was da wolle. Als ſie jedoch am nächſten Morgen erfuhr, daß Mrs. Eaſtwood ihrer eindringlichen Beredſamkeit wider⸗ ſtanden und nicht abgereiſt ſei, ſchüttelte ſie ärgerlich den Kopf und ſagte:„Ich wußte ſchon, daß ſie auf ihrem eigenen Kopfe beharren würde.“ Nunmehr überließ ſie die Schuldigen ihrem Schickſal. Zehntes Kapitel. Die Ankunft. Dem Leſer, der beſſer als die eigene Mutter von dem Grunde der Verzögerung der Rückreiſe Fredericks unterrichtet iſt, werden die Befürchtungen der Seinigen ſehr geringfügig erſcheinen. Seine Geſundheit war ſehr bald wieder hergeſtellt. Zwei Tage Ruhe in Piſa, der einfache Landwein an Stelle des Champagners, das Leben ohne alle und jede Aufregung bewirkten, daß er ohne Sorge an die Reiſe denken konnte, in ſo weit es ſeine eigene liebenswürdige Perſon betraf. Mehr Schwie⸗ rigkeiten, als er gedacht, machte ihm ſeine Begleiterin. Er mußte um ihretwillen noch einen Tag länger in Piſa bleiben, da die Doktorsfrau ihm die Unmöglichkeit klar vor Augen ſtellte, mit dem jungen Mädchen abzureiſen, ohne demſelben eine warme Reiſebekleidung gekauft zu haben. Der junge, verwöhnte Mann war der hübſchen ————————— 135 Frau ſehr dankbar, daß ſie Innocenzia in ſo kurzer Zeit, trotzdem Piſa kein ſehr geeigneter Ort iſt, um Toiletteneinkäufe zu machen, ſo anſtändig ausſtaffirte. Er war ſehr froh, daß er den entſetzlichen Sammtmantel nicht mehr an ihr ſehen ſollte, von dem er behauptete, es müſſe ein Stück aus einer Theatergarderobe ſein. Innoceenzia hatte bei dieſen Worten erröthend den Man⸗ tel abgeriſſen und ihn tief in ihren alten Koffer gebor⸗ gen. Dann hatte ſie den ganzen Abend kalt und frie⸗ rend in ihrem dünnen Kleidchen dageſeſſen, da die warme Bekleidung erſt am andern Tage ankam, und hatte bis in die Nacht hinein auf ihren Couſin gewartet. Der hatte ſich aber gehütet, zu ihr zu kommen, indem er weislich überlegte, wie viel er noch von der Geſellſchaft des jungen Mädchens haben würde, und es vorgezogen, den Abend in Mrs. Drainhams behaglichem Wohnzim⸗ mer zuzubringen. Die arme Innocenzia! Sie ſtand ganz in ihrer alten Weiſe in der Fenſterniſche und blickte auf die Straße hinab, diesmal jedoch in wirklicher Er⸗ wartung und voll Sehnſucht, ſeine Geſtalt aus der Menge heraus zu entdecken. In dieſem Eifer vergaß ſie alles Andere. Sie dachte weder an den Wechſel aller ihrer Verhältniſſe noch daran, daß ſie ſich fortan ohne Niccolo's immer bereite Dienſte werde behelfen müſſen. Gewiß, wäre ihr das in die Gedanken gekommen, ihre 136 Träumereien hätten ein gewaltſames Ende genommen, denn darin lag für das hülfloſe Kind die ſchwerſte Auf⸗ gabe. Als ſollte ſie jedoch durch ihn ſelbſt darauf ge⸗ bracht werden, wenn auch ohne daß er es beabſichtigte, trat in eben dem Augenblicke der treue Diener in das Zimmer. Wie alle Abende brachte er den kleinen Prä⸗ ſentirteller mit den einladenden Speiſen herein. Hell und grün leuchtete der Salat, den Niccolo reichlich mit Oel angemacht hatte, wie er ihn ſelbſt ſo gern aß. Da⸗ neben ſtand ein dampfendes Gericht duftiger Maccaroni mit einem Stückchen Käſe und einem feinen Brödchen. Alles war feſtlicher als gewöhnlich, weil es das letzte Abendeſſen war, das die Kleine hier einnehmen ſollte. Ein Fläſchchen Rothwein funkelte daneben, und dem guten Menſchen glänzten die Thränen in den Augen, als er das Alles auf dem Tiſche ordnete. Er rückte denſelben dicht an den Ofen, ſchob den Stuhl heran und putzte die Lampe, ehe er ſein Fräulein vom Fenſter weg zu dem kleinen Feſtmahle einlud. Seufzend und achſelzuckend wandte er ſich ab, als er ſie ſo unbeweglich am Fenſter ſtehen ſah. Er hatte ſie von Kindheit auf gekannt, ge⸗ hegt und gepflegt, aber faſt dünkte es ihm jetzt eine Wohlthat zu ſein, daß er der Verantwortlichkeit für ein ſo ſeltſames Weſen endlich überhoben wurde. Seine eigenen Ausſichten für die Zukunft hatten ſich gelichtet. —————— 137 Er hatte ſchon Innocenzia's Vater lange Jahre hindurch bei kärglichem Gehalt treu gedient; jetzt war ihm gleich⸗ ſam zum Lohn ſeiner Treue eine beſſere Stellung mit gutem Einkommen bei einer angeſehenen Familie in Piſa zugeſichert worden. Allerdings war ſein weiches Herz ſo recht dazu gemacht, eine romantiſche Zuneigung für das Kind zu empfinden, welches unter ſeinen Händen aufgewachſen war; aber es iſt gar ſchwer, da warm zu bleiben, wo uns Nichts entgegengebracht wird, und In⸗ nocenzia liebte Niccolo ebenſowenig wie irgend einen andern Menſchen. So konnte der ehrliche Diener auch ohne zu große Wehmuth die junge Herrin ſcheiden ſehen. Dennoch perlten Thränen über ſeinen braunen Wangen, und ſein Herz war weich wie Wachs, als er ihr die Speiſen zurecht rückte und endlich in die Fenſterniſche trat, um ſie wiederholt zum Eſſen aufzufordern. Zärt⸗ lich klopfte er dem Mädchen auf die Schulter.„Santis⸗ sima Madonna! Sie müſſen ja vor Kälte ſterben, mein armes, junges Fräulein! In aller Heiligen Namen, wo iſt denn Ihr Mantel?“ „Ich habe ihn weggelegt. Er iſt häßlich, ich kann ihn nicht mehr tragen,“ erwiederte das Mädchen. habt ihn vom Theater gekauft, warum habt Ihr mir erlaubt, ihn zu benutzen?“ Dabei machte ſie ſich ſanft, aber kalt von ſeiner 138 Hand los und blieb auf ihrem Wachtpoſten am Fenſter ſtehen. „Vom Theater?“ rief Niccolo empört.„Ich habe ihn ja ſelbſt von dem engliſchen Maler gekauft, der da⸗ mals uns gegenüber wohnte, und Sie ſahen wie eine Prinzeſſin darin aus und waren ſo warm wie ein Vögelchen im Neſt. Aber lich weiß wohl, wer Ihnen das Alles beigebracht hat und Sie gegen den armen Niccolo aufhetzt. Das iſt der Couſin. Nun, hoffent⸗ lich macht er ſich bei Ihnen ſo nützlich, daß Sie nie⸗ mals an⸗mich zu denken brauchen, Signorina. Aber kommen Sie nun, der Tiſch iſt gedeckt und die Macca⸗ roni werden kalt. Der Couſin kommt doch heute Abend nicht mehr.“ „Das weißt Du nicht,“ ſagte Innocenzia, ihm einen halb trotzigen halb fragenden Blick zuwerfend. „Und doch weiß ich es,“ entgegnete Niccolo,„er iſt vor einer halben Stunde hinüber zu dem engliſchen Doktor gegangen und bat mich Ihnen zu ſagen, daß Sie morgen früh um zehn Uhr ſich zur Abreiſe bereit halten möchten. So kommen Sie nur und eſſen Sie, die Maccaroni ſind ſo gut.“ „Ich mache mir nichts aus Maccaroni,“ ſagte das Mädchen und wendete ſich vom Fenſter weg mit einer ————— 139— Miene gekränkten Stolzes.„Niecolo, Du kannſt nun gehen, ich brauche nichts mehr.“ „Und dies ſoll das Abſchiedswort ſein für den alten Nieccolo?“ rief der treue Menſch entſetzt.„Habe ich das Kind nicht auf meinen Armen getragen? Habe ich es nicht gekleidet, gefüttert, zu Bett gebracht, ſo lange es lebt? und nun ſagt es am letzten Abend, bevor es die Heimat verlaſſen ſoll, weiter nichts als: Niccolo, ich brauche nichts mehr, Du kannſt gehen!“ „Der letzte Abend?“ ſprach ihm Innocenzia faſt unwillkürlich nach und bebte vor Kälte und innerem Schauer über ihre Verlaſſenheit, die ihr vielleicht noch niemals ſo klar vor Augen getreten war. Sie kniete am Ofen nieder, um von dort ein wenig Wärme zu erhal⸗ ten, und wandte die großen Augen fragend zu dein Diener. Sie wußte, was er meinte, und doch war ſie es ſich nicht deutlich bewußt. „Der letzte Abend, ja wol,“ ſagte der gute Menſch. „Morgen Abend werden Sie ſchon auf dem Meere ſein, auf dem Wege zu Ihren Verwandten, nach Ihrem Eng⸗ land, wo's kaum kälter ſein wird als Ihr Herz es iſt, Signorina. Ich muß weinen, denn ich kann es nicht vergeſſen, daß ich Sie als ganz kleines Kind in meinen Armen geſchaukelt habe. Das iſt nun fünfzehn Jahre her, ſolange als die Wärterin fortgegangen iſt. Nun ringend, und ſtreckte ihre beiden Hände nach ihm aus, werden Andere für Sie ſorgen, oder auch nicht, was noch wahrſcheinlicher iſt. Wenn Sie etwas brauchen, dann werden Sie wol rufen: Niccolo! Niccolo! aber kein Niccolo wird da ſein, um zu antworten. O wenn ich daran denke, könnte ich außer mir gerathen,— aber freilich, Sie machen ſich nichts daraus.“ Innocenzia ſchwieg, aber allmählich dämmerte das Neue, Zweifelhafte ihrer Lage in ihr auf. Ohne Nic⸗ colo! Sie konnte ſich ſo gar kein Leben denken. Und mit dem alten Diener mußte ja auch noch ſo manches 3 Andere verſchwinden. Die hohen, kahlen Wände ihres 3 Zimmers, ſchmucklos wie ſie waren, ihrem Auge waren ₰ ſie doch lieb und vertraut, und das Alles ſollte ſie fortan verlaſſen! Große Thränen füllten ihre Augen und mit einem beſchwörenden, flehenden Ausdruck blickte ſie in das ehrliche Geſicht des Italieners. „Ich verſtehe das Alles nicht,“ rief ſie, nach Athem um ſich auf ihn zu ſtützen. Ihn, der ihr durch die Ge⸗ wohnheit des täglichen Lebens wenn auch nicht grade lieb, denn ihr Herz war der Liebe verſchloſſen, aber doch unentbehrlich geworden war, ihn, an dem ſie mit kindiſchem Vertrauen gehangen, deſſen Leitung ſie ſich unbedingt anvertraut hatte, ihn ſollte ſie miſſen? Ohne 7 Niccolo! Sie vermochte es ſich nicht auszudenken. Hülf⸗ 141 los klammerte ſie ſich in ihrer Angſt an ihn an, und aus ihren weit aufgeriſſenen Augen ſprach Verzweiflung. Der gute Niccolo war mit dem Erfolg ſeiner Be⸗ redſamkeit zufrieden. Er hatte zwar nicht gewollt, daß ſeine junge Herrin ſo ſchmerzlich zum Bewußtſein ihrer Verlaſſenheit gelangen ſollte, aber es war ihm doch eine Genugthuung, endlich einmal ein Zeichen von Gefühl bei ihr zu entdecken. Sein weiches Herz floß nun über von innigſtem Mitleid.„Meine theuerſte junge Herrin,“ ſagte er, indem er ihr die großen Thränen mit ſeinem eigenen rothen Taſchentuche von den Wangen wiſchte, ein Dienſt, den er dem Kinde früher oft geleiſtet,„caris- sima signorina mia, kein Tag meines Lebens wird ver⸗ gehen, ohne daß ich nicht Ihrer gedenke, nie werde ich in eine Kirche treten, ohne die heilige Madonna anzu⸗ flehen, daß ſie ſich meiner geliebten theuren jungen Dame annimmt, die ja keine Mutter hat! Niemals, carina, niemals, mein Kind, meine kleine Herrin! Sie können ſich allezeit auf den alten Niccolo verlaſſen; und wenn mein junges Fräulein einen reichen Milordo heirathet, dann kommt ſie wieder nach Piſa und läßt ihren alten Diener kommen und ſpricht zu ihrem jungen, ſchönen Gatten:„Das iſt mein alter Niccolo, der hat mich auf⸗ gezogen! Ach, carina mia,“ rief der gute Menſch halb lachend, halb weinend, indem er mit dem rothen Taſchen⸗ 142 tuche bald in dem Geſichte Innocenzia's, bald in ſeinem eigenen herumfuhr,„das wird der ſchönſte Tag meines Lebens ſein! Der junge Milordo wird ſofort ſagen: Niccolo ſoll mein Hausmeiſter werden, er ſoll in unſern Dienſten leben und ſterben. Ach, meine ſchöne Signo⸗ rina, welches Glück! Ich würde mit Ihnen nach Eng⸗ land oder irgendwohin gehen. Sie wurden uns zum Segen geboren,“ rief der exaltirte Italiener, der augen⸗ ſcheinlich jenen Tag des Glanzes ſchon heraufziehen ſah. Aber Innocenzia vermochte nicht einem ſolchen ſchnellen Gedankenflug zu folgen. um ſich eine Idee klar zu machen, bedurfte es langer Zeit für ſie, da ihr Denk⸗. vermögen noch ganz unentwickelt war. Sie ſtarrte da⸗ her bald den Diener an, bald das ſchwachglimmende Feuer. Ihr Kopf ſchwindelte, das Herz that ihr weh. So wollte denn Alles ſie verlaſſen! Das Zimmer, die Wände drehten ſich um ſie her, als ſollten ſie über ihr zuſammenſtürzen. Sie konnte nicht ſprechen, und das machte ihren Kummer noch fürchterlicher. Sie hätte es auch nicht zu erklären vermocht, was für ein unheim⸗ liches Gefühl ihr armes Herz bedrückte: ihr war, als 2 ſollte die ganze Welt ſich in Dunkel, Kälte und Ein⸗ ſamkeit auflöſen. Wie ein ſtummes Geſchöpf, ein armes verwundetes Reh, ſo blickte ſie in das einzige bekannte 65 143 Geſicht, ohne einen Ausdruck für die lähmende Qual ihres Innern zu finden. Niccolo wurde doch nach einer Weile ängſtlich, als er ihre Starrheit und Todesbläſſe gewahrte, und mit der Zärtlichkeit einer Mutter bemühte er ſich, das arme Kind wieder zu ſich zu bringen. Er lief nach dem Kof⸗ fer, holte den verſchmähten Mantel und wickelte ſie feſt darin ein; dann legte er ihr das Kohlenbecken in die Hände, brachte ihr Wein und ſtreichelte und lächelte ſie endlich wieder in eine gewiſſe Ruhe zurück. Das größte Kohlenbecken, welches in dem alten Palaſte aufzutreiben war, trug er mit luſtig glimmenden Kohlen hinein in ihr kaltes Schlafgemach.„Es iſt aber nicht blos die Kälte,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſie bebt auch vor Kum⸗ mer, Poverina, poverina! Niemand ſoll mir wieder ſagen, ſie hätte kein weiches Herz.“ Und als Innocenzia ſich endlich zu Bett gelegt hatte, da blieb der treue Niccolo ganz munter, wenn⸗ gleich traurig, die ganze Nacht hindurch auf und packte Alles und ordnete die Zimmer, damit die Rechnung für Schadenerſatz ja nicht zu groß würde. Die gute, treue Seele! Aber im Grunde war er doch recht froh, daß er morgen zu einem neuen, reichen Herrn gehen ſollte, der eine Menge Diener hielt, und den man vielleicht bisweilen, da es ein engliſcher Milordo war, ſo ein 144 3 klein wenig auf die freundſchaftlichſte Art beſchummeln konnte. Und am nächſten Morgen brach denn wirklich Inno⸗ cenzia's alte Welt zuſammen. Noch einmal hatte ſie ſich am frühſten Morgen in die kleine Kirche geſchlichen und dort ihr Vater Unſer gebetet. Dann hatte ſie ſtill dageſeſſen, die Meſſe angehört und in die leuchtenden Kerzen des Altars geblickt. Aber die monotone Stimme des Prieſters traf ihr Herz nicht, und der Glanz der Kerzen berührte ebenſo wenig ihre noch ſchlummernde Phantaſie. Wenn ſie überhaupt etwas empfand, ſo war es wol nur ein unbeſtimmtes Gefühl von Weh, daß Frederick ſie hatte verlaſſen und ohne ſie glücklich ſein können. Aber auch dies kreuzte ſich nur unklar und verſchwommen in ihrem armen Kopfe, nur den Schmerz fühlte ſie klar. Und bald darauf war die ſchöne kleine Kirche mit den hohen gegenüberliegenden Häuſern, der gelbliche Strom und die Häuſergruppen ringsum, ſo wie ganz Piſa ihren Blicken entſchwunden, Wolken und Wo⸗ gen legten ſich dazwiſchen, und die neue Welt begann. Was für eine ſeltſame Welt aber war es, die jetzt an dem Mädchen vorüberglitt! Jetzt ſtrahlend von Licht, und dann wieder voll tiefer Dunkelheit, voll ſchwarzer, rauſchender Wogen, die das Dampfſchiff, das ſie trug, wie ein zerbrechliches Spielzeug hin und herwarfen. 3 — 145 Dann tanzten wieder Lichter vor ihr auf; aber wieder donnerte der Eiſenbahnzug durch die Nacht, durch Licht und Dunkel unaufhaltſam fort und fort, wie ein Traum vorübereilend. Nach vier Tagen endlich, eben als ihre Kraft zu ſinken begann, da ſtand ſie noch einmal mit ihrem Begleiter vor der zornig tobenden See. Sie waren im Begriff, nach England überzuſchiffen. Aber es waren keine Silberwogen, ſondern gar finſtere und dunkle; man konnte ſich kaum etwas Unheimlicheres den⸗ ken als den tiefſchwarzen Kanal, auf dem jetzt das Dampf⸗ ſchiff Innocenzia der neuen Heimath zuführte. Dunkel lagerten die Schatten am Horizonte des kochenden Waſ⸗ ſers, und dieſer Schatten war— England. Seltſam genug, ſie war nicht ſeekrank geworden. Frederick, deſſen Selbſtbeherrſchung unter ſolchen Umſtänden zweifelhaft war, hatte ſie in ein Eckchen geſetzt und kam nicht eher wieder zum Vorſchein, als bis ſie in den Hafen ein⸗ liefen, aber nicht etwa aus Nachläſſigkeit, ſondern weil er mit ſich ſelbſt genug zu thun hatte. Er war übri⸗ gens während der ganzen Reiſe ſehr freundlich gegen das junge Mädchen geweſen, faſt ſo ſorglich wie Nie⸗ colo und hatte ſich all' den kleinen Unannehmlichkeiten mit Handgepäck und Shawl gern unterzogen. Ihr müdes Köpfchen hatte auf ſeiner Schulter ruhen dürfen, er hatte es erlaubt, daß ihre Hand krampfhaft die ſeine Hliphant, Innocenzia. I. 10 146 feſthielt, wenn das Schiff ſo gewaltig hin und her ge⸗ ſchwankt hatte. So waren dieſe Tage der Anſtrengung für Innocenzia Tage der Sicherheit und des vollen Ver⸗ trauens zu ihrem Begleiter geworden. Das arme Kind hatte in ihrem öden Leben niemals die Liebe kennen ge⸗ lernt, und ſo erſchien die Güte, welche ihr Frederick ent⸗ gegenbrachte, ihrem unerfahrenen Herzen als etwas Himmliſches, als etwas über jede Beſchreibung Erhabe⸗ nes. Bisher war es ihr nie möglich geweſen, ſich an Jemanden anzuſchließen, und dennoch machte ſie Alles, ihre ſeltſame Erziehung wie ihr ganzes Weſen, ſo ſehr abhängig von Andern. In Frederick trat ihr zum erſten⸗ male ein Weſen entgegen, zu dem ſie aufblickte, wie zu etwas Göttlichem. Ihr Herz wachte auf bei ſeinem An⸗ blick und hing fortan an ihm, ohne daß ſie weiter ge⸗ dacht hätte. Wenn er einen Augenblick von ihrer Seite gegangen war, da ſpähten die dunklen Augen angſtvoll nach ihm aus, dann ſchien alles dunkel zu werden. Das Land, dem ſie ſich jetzt näherten und deſſen Küſte aus dem Nebel hervortauchte, intereſſirte ſie nicht; keine Neu⸗ gier nach der neuen Heimat oder den fremden Frauen, die ſie erwarteten, erfüllte ſie. Gedankenlos ſtarrte ſie nach den Klippen, die ſich kalt und weiß vor ihr erhoben. Die Lichter, die im Winde flatterten, das Geräuſch des Dampfbootes, der Lärm und die Unruhe am Strande, 3 . 147 das Alles vermochte ſie nicht aus ihrer träumeriſchen Ruhe zu reißen. Nur leiſe empfand ſie das Gefühl der Sorge, ob auch Frederick ſie nicht wieder verlaſſen würde, denn es war ihr ſchon entſetzlich, wenn er nicht immer auf Armeslänge neben ihr ſtand. War er doch Alles, was ſie aus den entſchwundenen Bildern der letzten be⸗ wegten Vergangenheit für ſich gerettet hatte, und mit der Angſt eines Ertrinkenden klammerte ſie ſich an ihn. So auch jetzt, als ſie endlich in Dover landeten. Sie faßte ſeinen Arm und hielt ihn feſt, als ihren einzigen Rettungsanker inmitten der allgemeinen Verwirrung. Und der junge Mann hatte es auch durchaus nicht un⸗ gern, daß ſie ihm in ſo rührender Weiſe anhing. In⸗ nocenzia war ſehr jung und von einer ſeltſamen Schön⸗ heit. Gegen alle andern Menſchen war ſie wie Eis, nur ihm gegenüber warm und hingebend. Sie hatte ſich beim erſten Blick in ſeine Arme geworfen, und ein behagliches Gefühl der Ueberlegenheit durchrieſelte ihn bei dem Gedanken, daß dies junge Geſchöpf ſo gänzlich von ſeinem Schutze und ſeiner Sorge abhing. „Nun iſt das Schlimmſte vorüber,“ ſagte er mun⸗ ter, obgleich die Farbe ſeiner Wangen in Folge der überſtandenen Seefreuden etwas ins Grünliche ſpielte. „Noch zwei Stunden und wir ſind zu Hauſe.“ Das Mädchen antwortete nicht. Sie dachte nicht 10* 148 gern an die neue Heimat mit den fremden Menſchen und klammerte ſich nur noch feſter an den Einzigen an, der Klarheit in die ihr ſo neue Welt zu bringen ver⸗ mochte. Eben waren ſie im Begriff an's Land zu ſteigen, ſie immer dicht neben ihm, als Frederick ſich von einer rauhen, luſtigen Stimme angerufen hörte, die er zuerſt nicht gleich erkannte, die aber, als ihm klar wurde, wem ſie angehörte, höchſt unangenehme Empfindungen in ihm erweckte. „Freue mich, Sie zu ſehen, Mr. Eaſtwood,“ rief die Stimme.„S' war eine hölliſch garſtige Ueberfahrt! Hätte's kaum ausgehalten, war krank wie'n Hund, und wenn Ihre Farbe nicht trügt, Sie auch.“ „Nein,“ ſagte Frederick kalt, aber er mußte ſich zu⸗ ſammennehmen, denn es war der Mann, der ſeine Re⸗ putation in den fetten Händen hielt. Er bebte vor Angſt und Wuth, dann wendete er ſich mit verſtelltem Erſtaunen um, als ob er den Sprecher jetzt erſt erkenne, und rief: „O Mr.——! Sie ſind unterdeſſen immer in Paris geweſen, ſeit ich Sie zuletzt dort ſah?“ „Gewiß,“ ſagte Batty,„und ein paar luſtige Abende haben wir noch gehabt, das kann ich Ihnen verſichern. Nicht ſo wie Sie: unbegränzt— ſondern fein beſcheiden. Beim Zeus! Ihre Art von Pariſer Leben iſt die beſte, 149 doch zu ſchön, um lange zu dauern. Haben Sie eine hübſche Reiſe gehabt, Mr. Eaſtwood? Haben ſich ja eine Begleiterin angeſchafft, wie ich ſehe.“ Wie ſegnete Frederick in dieſem Momente Inno⸗ cenzia's gänzliche Gleichgültigkeit gegen Alles, was um ſie herum vorging! „Es iſt meine Couſine,“ ſagte er leiſe und fügte hinzu:„jetzt muß ich meiner Dame aber in den Zug helfen. Ich bedaure, keine Zeit mehr zum Plaudern zu haben. Fürchten Sie nicht, daß ich unſer— unſer Ge⸗ ſchäft vergeſſen werde.“ „Na, das glaube ich auch nicht,“ ſagte Batty mit einem rohen Lachen.„Sie könnten's auch nicht, ſelbſt wenn Sie wollten, und ich ließ es ſchon gar nicht zu. Und was ich ſagen wollte,“ fuhr er fort und hinderte ihn am Ausſteigen,„ich habe Ihnen ja noch nicht meine Adreſſe gegeben. Warten Sie noch einen Augenblick, ich finde meine Karte gleich.“ „Ich komme wieder zu Ihnen zurück,“ rief Frederick in heller Verzweiflung,„ſobald ich erſt die junge Dame in den Dampfwagen gebracht habe.“ „Nur einen Augenblick,“ ſagte der Unerbittliche, in⸗ dem er ſein Notizbuch herauszog.„Ich habe Ihre Adreſſe, das wiſſen Sie. Der Vortheil iſt auf meiner 150 Seite allein, doch ſo ſoll es nicht bleiben.“ Dabei lachte er Frederick in's Geſicht. Jedes Unrecht zieht auf dieſe oder jene Art ſeine Strafe nach ſich. Der junge Mann war eigentlich bis dahin viel zu gut weggekommen, in dieſem Augenblicke nun ſchien ſich die Rache des Schickſals über ſeinem Haupte zu entladen. Obgleich er vor Kälte zitterte, wurde er doch bis zu den Haarwurzeln roth vor müh⸗ ſam unterdrückter Leidenſchaft. „Laſſen Sie mich vorbei, um des Himmels Wil⸗ len!“ bat er, faſt unwillkürlich flehend. „Da haben Sie meine Adreſſe,“ ſagte Mr. Batty, indem er dem jungen Manne eine Karte in die Hand drückte. Dann wandte er ſich mit behaglichem Lachen zu einigen Leuten, die zu ihm zu gehören ſchienen, und ließ ſein Opfer entkommen. Frederick eilte mit ſeiner ſchweigenden Geführtin an's Land. Sein Gemüth war in einem wilden Auf⸗ ruhr von halb ängſtlichen, halb zornigen Empfindungen. Zum erſtenmale war ihm klar geworden, welche Laſt ihm dieſe Verbindlichkeit gegen einen augenſcheinlich ſo gemeinen Menſchen auferlegte, und er vergaß darüber ganz die freundlichen Worte, mit denen er beabſichtigt hatte, Innocenzia auf engliſchem Boden willkommen zu heißen. Dieſe widerwärtige Begegnung hatte Alles aus ¹ 151 ſeinem Kopfe verdrängt. Himmel, dachte er, wenn das Nelly ſtatt Innocenzia geweſen wäre! Und wer bürgte ihm dafür, daß nicht nächſtens ein ſolches Zuſammen⸗ treffen mit Nelly ſtattfinden konnte! Schleunigſt brachte er das Mädchen in den ſchon bereitſtehenden Zug, warf ſeinen Ueberrock hinein und rannte, um noch ein Glas Rum zu trinken und Muth und Nerven wieder zu kräftigen. „Hallo! Eaſtwood!“ ſchrie ihn ein Bekannter an. „Na Gott ſteh' mir bei, Du ſiehſt ja grasgrün aus! Biſt Du auf der Veberfahrt krank geweſen?“ Obgleich ein junger Engländer dieſe Schwäche ſehr ungern einge⸗ ſteht, ſo hielt ſich Frederick doch mit keinerlei Ausein⸗ anderſetzungen auf. Er nickte bloß, nur um in Ruhe gelaſſen zu werden. Der Trank that gute Wirkung, die Kälte wich aus ſeinen Gliedern und die Angſt aus dem Herzen. Innocenzia hatte dem Zwiſchenfall kaum irgend welche Aufmerkſamkeit geſchenkt; in ihrem ſchwachen Ge⸗ dächtniß haftete kaum die Stimme und das Geſicht des Mannes, der ihren Couſin angeredet hatte. Nur war ſie böſe auf ihn geworden, weil ſie glaubte, Frederick ſei um ſeinetwillen von ihr fortgegangen. Er kam aber ſchon nach wenigen Minuten zurück und frug, ob ſie nichts wünſche.„Nein, nur Dich, bitte, komm,“ ſagte 152 ſie und ſtreckte die kleine Hand nach ihm aus. Eine Art von ſeltſamem Bangen, aber nicht der Erwartung — denn dazu war ſie eine zu paſſive Natur— nein, eine gewiſſe nervöſe Unruhe hatte das Mädchen ergrif⸗ fen, als ſie jetzt dem Ziele ihrer Reiſe immer näher kamen.„Du wirſt doch nicht von mir gehen, wenn wir dorthin kommen?“ rief ſie angſtvoll. Frederick hatte wahrlich viel zu leiden von ſeinen überläſtigen Bekann⸗ ten ſowohl als von ſeiner überzärtlichen Couſine. „Natürlich bleibe ich da, ich gehe nicht fort. Aber Innocenzia, bedenke immer, daß Du fortan nicht mehr zuerſt an mich denken darfſt,“ ſagte er, indem er ſie freundlich auf die Schulter klopfte. Die einzige Antwort beſtand in einer gar rührenden Bewegung. Sie ſchob die kleine, weiche Hand ſanft unter ſeinen Arm. Mrs. Eaſtwood würde das gewiß nicht gefallen haben, auch Frederick machte es etwas verlegen, und er hoffte im Stillen, daß die alte Dame, die im Winkel ihnen gegen⸗ über ſaß, es nicht bemerkt haben würde. Nur ſich nicht lächerlich machen: das war Fredericks Grundſatz. Im Uebrigen hatte er die Anhänglichkeit der Kleinen durch⸗ aus nicht ungern. Endlich waren ſie an Ort und Stelle. Ein Trei⸗ ben, Toſen, Lichterglanz und Menſchengewühl umfing die Verwirrte, dann wurde ſie in eine Droſchke geſetzt 153 und mußte hier lange auf Frederick warten, bis er das Gepäck bekommen hatte. Als er endlich kam, fand er ſie vor Angſt und Erwartung weinend, faſt krank. Und nun noch zum Schluß eine kurze, ſchnelle Fahrt durch erleuchtete Straßen und Gaſſen, an glänzenden Läden und düſtern Promenaden vorüber, bis endlich eine Thüre auf⸗ flog, ein Raum ſich zeigte, aus dem Licht und Wärme ſtrömte, und zwei Frauengeſtalten auf das junge Mädchen zuſtürzten und die halb Bewußtloſe in ihre Arme ſchloſ⸗ ſen. Noch immer hielt ſie Fredericks Hand feſt in der ihren, als ſie in die fremden Geſichter ſtarrte. So kam Innocenzia in ihre neue Heimat. Elftes Kapitel. Daheim und doch nicht zu Hauſe. Alle Ereigniſſe dieſes Tages flogen wie ein Traum über Innocenzia's Seele. Das warme, mit Vorhängen und Kiſſen reich ausgeſchmückte Wohnzimmer mit den köſtlichen Teppichen und weichgepolſterten Stühlen, mit den vielen ihr unbekannten Geſtalten, die ſo ſchnell und über ſo viele Sachen redeten, von denen ſie nichts wußte, das Alles machte ſie ganz ſchwindlig. Sie verſtand die Sprache nicht, die ihr doch ſonſt vollſtändig geläufig war, und gab, wenn man ſie anredete, keine andere Antwort als Ja und Nein. Dabei blickte ſie mit einer Art von kindiſcher Verwunderung um ſich her. Der warme, thränenreiche Empfang ihrer Tante ſchien auf ſie durchaus keinen Eindruck gemacht zu haben. Es erſchien ihr im Gegentheil ſonderbar, weshalb man ſie überhaupt küßte, weshalb man ſie an's Feuer ſetzte und ſo viel 155 Weſens von ihr machte. Weshalb denn nur? Inno⸗ cenzia würde das gewiß nicht gethan haben, wenn die Tante zu ihr zu Beſuch gekommen wäre. Sie verſtand dieſe Güte gar nicht. Ihr ſchien das liebevolle Bemühen ſo unbegreiflich, daß ſie wie fragend mit den großen Augen um ſich blickte. Neugier war es gewiß nicht, aber Alles war ſo neu, ſo fremd, ſo anders, daß ſich ihr ſchwacher Verſtand nicht gleich zurecht finden konnte. Sie hatten ſie in ihrem Stuhl dicht an's Feuer gerückt und ihr Hut und Mantel abgenommen, damit ſie nur aufthauen und ſich behaglich fühlen möchte. „Wir werden gleich zum Eſſen gerufen werden,— aber willſt Du vielleicht lieber erſt eine Taſſe Thee?“ ſagte Mrs. Eaſtwood, indem ſie ſanft das dunkle Haar ihrer Nichte ſtreichelte. „Nein,“ ſagte das Mädchen,„ich bin nicht krank.“ Denn nach ihren italieniſchen Begriffen war Thee eine Medizin. „Willſt Du lieber erſt hinauf in Dein Zimmer ge⸗ hen oder biſt Du zu müde, Liebſte?“ ſagte Nelly. „Ich will hier bleiben,“ erwiederte Innocenzia. So, in dieſer kurzen Weiſe, beantwortete ſie alle an ſie gerichteten Fragen, immer die verwunderten Augen auf die Sprechenden gerichtet. Immer aber flog auch ein forſchender Blick nach Frederick hin, der ſich ſeiner⸗ 156 ſeits der offenkundigen Verwunderung von Mutter und Schweſter gegenüber nicht behaglich fühlte, da er ſich für das Benehmen des Gaſtes gewiſſermaßen verantwortlich hielt. „Laßt ſie nur gehen,“ ſagte er ungeduldig.„Seht ihr denn nicht, wie müde und ängſtlich ſie iſt und euch kaum verſteht? Wir ſind Tag und Nacht ſeit Dienſtag unterwegs. Innocenzia, biſt Du ſehr müde? Möchteſt Du lieber zu Bett gehen? Oder willſt Du mit eſſen? Sage es frei heraus.“ Sie blickte ihn mit klarem Verſtändniß an, ſtreckte ihre Hand nach ihm aus und faßte die ſeinige,— was ihm augenſcheinlich nicht ſehr angenehm war— und frug: „Wirſt Du bei Tiſche bleiben? Dann bleibe ich auch.“ „Ich bin der einzige Menſch hier, den ſie kennt,“ ſagte er, ſich halb verlegen, halb geſchmeichelt zu den Seinigen wendend.„Ich hoffe, daß ich im Stande ſein werde, mich am Tiſche aufrecht zu erhalten,“ lachte er, um ſeine Verlegenheit zu verbergen,„aber ich geſtehe, daß ich ganz entſetzlich müde bin.“ „Laß mich Dich einmal anſehen, mein Frederick,“ ſagte Mrs. Eaſtwood.„Ich finde Dich wohler aus⸗ ſehend, als da Du abreiſteſt. Deine Krankheit hat Dir . 157 gut gethan. Warum aber haſt Du uns nicht geſchrie⸗ ben, Du böſer Menſch? Nelly und ich wären gleich gekommen, um Dich zu pflegen——“ „Na, das hätte noch gefehlt,“ murmelte der Sohn vor ſich hin, und der Gedanke an dieſe Möglichkeit ließ ein wahres Schreckensbild vor ihm auftauchen.„Nein, nein,“ ſagte er dann,„eine Reiſe bei dieſer Jahreszeit iſt kein Spaß. Deshalb hütete ich mich wohl, euch zu ſchreiben. Auch drängte es mich, die arme Innocenzia aus den Händen der vielen Damen, der Doctorin und Paſtorin, zu reißen, die das arme Opfer halb todt plagten.“ „Plagten ſie das arme Kind?“ ſagte Nelly, mit theilnehmenden Blicken die fremde Couſine betrachtend. Innocenzia errieth mehr, als daß ſie es verſtanden hätte, daß man von ihr ſprach, und ſie erhob ihre Au⸗ gen wieder mit einem ſanften, beiſtimmenden Lächeln zu Frederick. Es ſchien, als wolle ſie damit die Wahrheit ſeiner Worte bezeugen; im Grunde aber war es nur eine wiederholte Kundgebung ihres Vertrauens und ihrer Anhänglichkeit für ihn. „Ja, ich entriß ſie ihnen,“ ſagte Frederick, indem er mit ſtaunenswerther Gewandtheit die Wahrheit umging. „Sie hätten ſie euch ſonſt mit einer ſchauderhaften Gar⸗ derobe zugeſchickt, etwa wie eine Bäuerin von Piſa. Ich 158 war heilfroh, daß ich zur Zeit ankam, um das zu ver⸗ hüten. Ich fand das arme Kind in dem großen Hauſe ganz mutterſeelen allein, ſelbſt ohne ein Dienſtmädchen. Und das Haus ſolltet ihr nur ſehen. Ein öder, alter Palaſt, ſo unheimlich, als gingen Geſpenſter da ein und aus, ich glaube, ihr hättet euch zu Tode gefürchtet.“ „Armes Kind!“ rief Mrs. Eaſtwood liebevoll,„ganz allein? Nicht einmal ein Dienſtmädchen? Wie ſchreck⸗ lich! Haſt Du Dich gefürchtet, Herzchen?“ „Nein,“ antwortete Innocenzia, einen raſchen Blick auf die Fragende werfend, dann aber wanderten ihre Augen wieder zu Frederick hinüber. Allerdings war dies nicht ſehr ermuthigend für Mrs. Eaſtwood, aber ihre Güte erklärte ſich dieſes beharrliche Anklammern an den einen Gegenſtand aus dem Gefühl der Verlaſſenheit unter völlig Fremden. Als Frederick, um ſein Reiſekoſtüm abzulegen, ſich auf kurze Zeit ent⸗ fernte, blieben die Frauen allein im Wohnzimmer. „Du mußt Dich nicht vor uns fürchten, liebes Kind,“ ſagte die Tante.„Nelly und ich wollen Dich recht herzlich lieben. Du wirſt Dich an Vieles erſt gewöhnen müſſen, es iſt hier Alles anders als wie in Italien. Ich habe ſelbſt in Italien gelebt, als Deine arme, liebe Mama und ich ganz junge Mädchen waren. Erinnerſt Du Dich Deiner Mama, Innocenzia?“ 159 „Nein.“ „Ich dächte doch, Du müßteſt Dich ihrer noch etwas entſinnen können. Du gleichſt wohl mehr den Verwandten Deines Vaters? Kennſt Du die?“ „Nein,“ ſagte das Mädchen, die ganz verwirrt dreinblickte und fühlte, daß ſie eigentlich hätte ja ſagen ſollen. Nelly kam auf die andere Seite des Stuhles, faßte ihre Hand und ſah zärtlich zu ihr nieder. Warum ſprechen die Leute nur ſo viel in mich hinein? dachte Innocenzia. Warum laſſen ſie mich nicht in Ruhe? „Mama, ich glaube faſt, die Kälte und die Müdig⸗ keit haben die Aermſte ganz entkräftet. Morgen wird ſie ſchon anders ſein. Lehne Dich zurück in Deinem Stuhl, Herzchen, und achte gar nicht auf uns. Wir wollen ganz ſtille ſein.“ Aber ſie lehnte ſich nicht zurück, ſie war an ſolche Bequemlichkeit gar nicht gewöhnt. Steif aufgerichtet ſaß ſie da, und mit weit aufgeriſſenen Augen ſchien ſie Alles, Menſchen und Gegenſtände, in ſich aufnehmen zu wol⸗ len, obgleich nichts klar in ihr haften blieb. Wie eng und klein erſchien ihr Alles! Kein Raum zum Gehen, zum Sehen, zum Athmen! Mit ſeinen behangenen Tiſchen, ſeinen Fenſtern und Thüren erſchien ihr das behagliche Wohnzimmer als eine entſetzliche Enge. Wie ſo ganz anders war es im Palaſte Scaramuzzi, wo Tiſche 160 und Stühle nur ganz vereinzelt in dem weiten Raume ſtanden! Die Wände beengten ſie hier, und der Mangel an Höhe und Breite fiel ihr mehr auf als die Eleganz und der Luxus der Einrichtung. Ihre Angen waren ja nie daran gewöhnt worden. Selbſt das Feuer, deſſen Flamme ſie erſt angenehm erwärmte, wurde ihr bald zu heiß und erſtickend. Die Tante, welche die Blicke be⸗ obachtete, die ihre Nichte von einem Gegenſtande zum andern gleiten ließ, glaubte mit Nelly, daß Innocenzia Alles bewundere. Das freute ſie und ſtimmte ſie weich gegen den einſilbigen Gaſt. Aber das Mädchen wußte kaum, was ſie ſah. Und als nach dem Eſſen die Frauen ſie auf ihre Stube brachten, da ſteigerte ſich bei Innocenzia dies Ge⸗ fühl der Beklommenheit. Sie wurde durch Mrs. Eaſtwood's und Nelly's Zimmer hindurch in jenes reizende warme Neſtchen ge⸗ führt, welches die Liebe der verwaiſten Fremden bereitet hatte. Da brannte ein luſtiges Feuer, Lichter ſtanden auf dem Toilettentiſch, Vorhänge mit bunten Blumen⸗ guirlanden und Bilder an allen Wänden ſchmückten die kleine Stube. Verwundert und im Innerſten entſetzt blickte ſie auf das Alles hin. Das Gemach war ja in ihren Augen nicht größer als der Eichenholzſchrank in dem Saale des Palaſtes in Piſa, und wie voll hatten 161 ſie es obendrein gepackt! Seufzend, wie ein Wilder, der nach der freien Luft des Waldes dürſtet, wandte ſich Innocenzia ab. Es war ihr, als ſei ſie eine Gefangene. Mutter und Tochter erklärten ihr, wie ſie ſie ſo gern ganz nahe bei ſich hätten haben wollen, damit ſie ſich nicht ſo einſam fühle.„Du kannſt uns Beide leicht er⸗ rufen, Liebſte, ſagte die gütige Frau,„das Zimmer iſt leider ſehr klein.“ „Ja,“ ſagte Innocenzia. Ohne Zweifel hatten ihre Verwandten eine andere Antwort erwartet. Ein Zeichen wenigſtens von dankbarer Anerkennung. Aber nichts der Art erfolgte. Sie blickte gänzlich theilnahmlos um ſich, und ihr Geſicht ſah ſo blaß und ängſtlich aus. Es lag ihr ja gar nichts daran, den neuen Verwandten ſo nahe zu ſein. Aber dieſe gänzliche Theilnahmloſigkeit hatte denn doch die Wirkung, daß die warmen Gefühle von Tante und Couſine ſich bedeutend abkühlten.„Sie iſt müde,“ ſagten ſie zu einander, gleichſam um ſie zu entſchuldigen, aber im Grunde ließen ſie dies doch nicht gelten. Nelly wollte erſt da bleiben, um der Kleinen beim Auskleiden zu helfen.„Aber vielleicht bleibſt Du lieber allein?“ frug ſie. „Ja,“ war wieder Innocenzia's Antwort, und man kann ſich denken, was das liebenswürdige Mädchen bei dieſer Zurückweiſung empfand.„Ich will Dich alſo allein Hliphant, Innocenzia. I. 11 * laſſen,“ ſagte ſie und ging erröthend und verlegen aus dem Zimmer, welches ſie mit ſo viel Liebe ausgeſchmückt hatte. So etwas war Nelly nie in ihrem Leben vor⸗ gekommen. „Ich bin hier, Miß Ellinor,“ ſagte plötzlich die Stimme der alten Alice hinter ihr. Nelly erſchrack, denn die Alte hatte ſich ja nach Kräften gegen die Aufnahme der jungen Italienerin geſtemmt und jetzt ſtand ſie auf einmal da und fagte:„Ich will ſie zu Bette bringen, das habe ich ſo oft mit ihrer Mutter gethan, ſo werde ich mit der Kleinen auch fertig werden. Ich ſag's Ihnen dann, wenn ſie recht behaglich liegt. Sie iſt müde und angegriffen heute, Alles iſt ihr fremd und neu. Sie müſſen nicht erwarten, daß ſie heute ſchon munter iſt. Gehen Sie zur Mama und ſagen Sie ihr, daß die alte Alice bei ihr iſt.“ Innocenzia nahm keinen Theil an dem Geſpräch, obgleich es an ihrer offenen Thüre geführt wurde. Sie ſtand in der Mitte des kleinen Zimmers und ſehnte ſich nach dem Alleinſein. Als ſie die alte Frau ſah, die da⸗ bleiben zu wollen ſchien, ſagte ſie mit großer An⸗ ſtrengung:„Ich habe niemals eine Hülfe beim Aus⸗ kleiden nöthig, ich brauche Niemand. Bitte, gehen Sie weg.“ „Vielleicht brauche ich etwas,“ ſagte Alice gebiete⸗ 163 riſch und fing ungeſtört ihr Amt an, ohne ſich um das Zögern des Mädchens zu kümmern.„Das Haar abge⸗ ſchnitten wie ein Junge, das iſt nun auch wieder eine von den ausländiſchen Moden,“ ſagte die alte Dienerin für ſich.„Ein paar Augen wie ein wilder Indianer, halb keck halb ſcheu; wie ein recht verlaſſenes, armes Geſchöpf ſieht ſie aus. Der Mutter gleicht ſie nicht— Gott ſei Dank!“ Dann ſprach die biedere Frau in ihrer ſteifen Weiſe ein paar Sätze auf Italieniſch, und bei dieſem Laut fuhr Innocenzia gleich empor und wandte ſich zu der Alten. Der Klang der Heimatſprache weckte ſie aus ihrer dumpfen Betäubung.„Sind Sie keine Engländerin?“ rief ſie,„nicht wie die Andern alle?“ „Gott Lob, eine Engländerin bin ich nicht,“ ſagte Alice,„aber eine Schottin bin ich, doch den Unterſchied kennen Sie ja nicht. Ich war bei Ihrer Mutter, als ſie ſo alt war wie Sie. Damals waren wir in Piſa. Erinnern Sie ſich ihrer Mutter? Wenden Sie einmal Ihren Kopf, damit ich das Band aufknüpfen kann.“ „Weshalb fragen ſie mich Alle nach meiner Mut⸗ ter?“ ſagte Innocenzia in einem gereizten Tone.„Nein, ich weiß nichts von ihr; weshalb ſollte ich nur was wiſ⸗ ſen? Die Dame unten hat mich auch gefragt.“ „Weil ſie die Schweſter Ihrer Mama iſt, und ich 442 die Dienerin Ihrer Mutter,“ ſagte Alice.„Mir ſcheints, Jüngferchen, Sie haben kein Herz. Haben Sie vielleicht die Abſicht, meine Herrin, Ihre Frau Tante,„die Dame unten“ zu nennen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte das Mädchen. Die Thränen waren ihr nahe, ohne daß ſie ſich bewußt war, weshalb ſie weinen wollte.„Wie ſoll ich ſie denn nennen? Niemand hat mir ihren Namen genannt,“ fügte ſie nach einem augenblicklichen Nachſinnen hinzu. „Na, das wird gut werden,“ ſagte Alice zu ſich. „Hat Ihnen denn Mr. Frederick nicht geſagt, daß ſeine Frau Mutter Ihre Tante iſt? Aber vielleicht verſtehen Sie nicht einmal, was das heißt? Sie iſt Ihte aller⸗ nächſte Verwandte, ſeit Sie Ihren Vater verloren haben, die Einzige, die ſich Ihrer annehmen will, mö⸗ gen Sie nun ſein, wie Sie wollen,“ fügte Alice halb⸗ laut hinzu. „Sich meiner annehmen? Er hat mir das ver⸗ ſprochen,“ ſagte Innocenzia, und ihre Augen leuchteten auf,„ich brauche Niemand weiter als ihn.“ „Er heißt wohl Ihr Coufin?“ fragte die Alte grimmig. „Frederick. Ich habe ſeinen Namen ſo gern. Die anderen Namen kann ich mir nicht merken. Ich habe noch niemals ſo viele nennen hören,“ ſagte das Mädchen, —— 165 endlich zum Sprechen ermuntert. Dieſer einfachen Frau gegenüber löſte ſich der Bann des Schweigens, den ihr die Gegenwart der ſchöngekleideten Damen, welche ſie mit ihrer Güte erdrückten, auferlegt hatte.„Muß ich die alle Tage ſehen?“ fuhr ſie mit kläglicher Stimme fort. Die Mundwinkel zogen ſich nieder, die Lippen bebten, ſie wollte wieder anfangen zu weinen. „Gehen Sie zu Bett,“ befahl Alice.„Wüßte ich nicht, daß Sie gar nicht verſtehen, was Sie ſagen, ſo ſteckte ich Sie zur Thüre hinaus, mein ſchönes Fräulein. Na, das Ding ſcheint mir doch kein Teufelchen zu ſein, denn es ſagt ſein Gebet her,“ fügte ſie leiſe hinzu, wäh⸗ rend ſie die Lichter löſchte und das Zimmer verließ.„Da wird meine Herrin die Hände voll zu thun bekommen,“ murmelte ſie, während ſie die anſtoßenden Schlafzimmer in Ordnung brachte.„Sie gleicht der Mutter nicht, das iſt wenigſtens ein Troſt; aber in einem von den Andern da ſteckt viel von ihr.“ Niemand hörte dieſen Orakelſpruch und Niemand wußte auch ſo viel von und über die Eaſtwoods, als die alte Alice. Sie hatte ja ihr ganzes Leben hindurch nur in ihrem Dienſte ſich geſorgt und gemüht. Beinahe zehn Jahre älter als Mrs. Eaſtwood, war ſie als ganz junges Mädchen von ſechszehn Jahren in das Haus der Eltern derſelben gekommen. Seitdem war ſie immer 166 dort geblieben und wußte von allen Vorgängen in Haus und Familie, ſie ſtudirte die Charaktere ihrer Herrſchaft und kannte ſie beſſer als ſie ſich ſelbſt. Sie heirathete, als ſie dreißig Jahre alt geworden, den Gärtner auf der ſchottiſchen Beſitzung des Vaters ihrer jungen Herrin, zog nach Schottland und kehrte nach dem Tode ihres Gatten zu ihrer nun verheiratheten Gebieterin zurück, um ſie nach Italien zu begleiten. Sie wußte Alles: wie der alte Admiral Forbes, Mrs. Eaſtwoods Vater, zum zweitenmale geheirathet, und wie die leichtſinnige Iſabelle an der Seite der unſchuldigen älteren Schweſter aufgewachſen war. Auch den Vater Innocenzia's, Mr. Vane, hatte ſie beſſer gekannt als irgend Einer aus der Familie und wußte mehr von ſeinen ſchlechten Streichen als gut war. Doch nicht allein die Vergangenheit, nicht minder ernſtlich beſchäftigte ſie die Gegenwart. Sie nahm von allem was vorging Kenntniß und wurde auch in Alles eingeweiht. Oftmals erregte ihre lebhafte Oppo⸗ ſition Heiterkeit, mitunter auch Verdruß. Sie war die Einzige, die Frederick's Charakter durchſchaute. Die an⸗ dern Kinder gaben ihr nicht viel zu denken;„brave Ge⸗ ſchöpfe“ nannte ſie dieſelben und beſchäftigte ſich nicht tiefer mit ihnen. Aber über den älteſten Sohn des Hauſes hatte ſie ſo ihre eigenen Gedanken und ſie 167 war, während ſie ihre Arbeit verrichtete, bei dem Blick in die nächſte Zeit förmlich aufgeregt. Unten aber im Wohnzimmer ſaßen die beiden Da⸗ men und ſchauten ſich zweifelnd an. Sie wußten nicht, was ſie ſagen ſollten. Dick hatte ſich eingeſchloſſen, um zu arbeiten, wie er ſagte, und Frederick rauchte eine Cigarre im Freien, obgleich es dunkel und kalt war. „Nun, Nelly?“ ſagte die Mutter, und„nun, Mama?“ war die Antwort. „Ich verſtehe das Mädchen nicht,“ hob Mrs. Eaſt⸗ wood wieder an. „Wie konnten wir das auch erwarten! Sie kommt eben von einer langen Reiſe als völlig Fremde hierher. Mama, bedenke, ſie kennt uns ja gar nicht. Wir wol⸗ len ihr nicht Unrecht thun,“ rief Nelly und leiſer fügte ſie hinzu:„daß ſie zärtlich ſein kann, davon giebt ihre Anhänglichkeit an Frederick den Beweis.“ „Ach!“ ſagte die Mama, mit einem tiefen Athemzug. „Liebes Kind,“ fügte ſie nach einer Pauſe hinzu,„ich will durchaus nicht vorſchnell urtheilen, aber vielleicht wäre es klüger geweſen, Jemand anders als Frederick zu ſchicken, um ſie zu holen. Ein junger Mann— das iſt immer gefährlich. Hätte ich nur Alice ge⸗ ſchickt—“ „Unſinn, Mama,“ rief Nelly. 168 „Siiſt leicht zu ſagen Unſinn, mein Kind, aber wenn man ſo lang gelebt hat als ich——“ hier hielt die Mutter inne und ſagte dann langſam:„Doch, es kann nun einmal nicht mehr geändert werden. Fin⸗ deſt Du ſie hübſch, Nelly? Es iſt ein auffallendes Geſicht.“ „Ich kann es noch nicht ſagen,“ erwiederte die Toch⸗ ter.„Auf einem Bilde würden wir das Geſicht ſehr ſchön finden. Jetzt iſt es noch zu todt. Warten wir, bis ſie aufwacht, dann können wir beſſer urtheilen. Da kommt Frederick mit ſeinem Cigarrenduft. Wir ſprechen eben über die Couſine.“ „Das konnte ich mir denken, daß Ihr das arme Kind in Stücke zerreißt,“ rief der junge Herr, indem er ſich an's Feuer ſetzte.„Was habt ihr denn gegen ſie? Freilich iſt ſie nicht nach der neuen Mode zugeſchnitten 1 5 wie unſere Mädchen hier, die man ſo ſatt hat.“ „Ich glaube, die Mädchen hier werden ſich ſehr wenig daraus machen, ob Du ſie„ſatt“ haſt oder nicht,“ ent⸗ gegnete Nelly beleidigt. Frederick Eaſtwood war einer von jenen jungen Männern, die im ſichern Bewußtſein ihrer Ueberlegenheit mit Verachtung auf die Frauen herabblicken, und er be⸗ hauptete immer, alle Frauen ſeien eiferſüchtig auf einander. Selbſt ſeine Mutter nahm er nicht aus. 169 „Still, Kinder,“ rief Mrs. Eaſtwood,„wir haben mit andern Mädchen jetzt gar nichts zu ſchaffen. Dieſes hier iſt wenigſtens ein ſehr verſchloſſenes, fürchte ich. Du haſt mehr von ihr geſehen auf der Reiſe, Frederick, und kennſt ſie beſſer. Hat ſie Freunde dort verlaſſen? Schien ſie Dir ein anhängliches Gemüth zu haben?“ Der junge Mann lachte.„Ich habe durchaus keinen Grund, mich über Mangel an Zärtlichkeit zu beklagen,“ ſagte er, ſeinen Spitzbart zupfend, mit jener Miene ge⸗ ſchmeichelter Eitelkeit, die uns Frauen ſo zuwider iſt. Mrs. Eaſtwood und Nelly ſahen ſich Beide mit ſchlecht verborgenem Aerger an, aber die Mutter hob warnend den Finger, um die Ungeduld der Tochter zu zügeln. „Ja, Dir gegenüber ſcheint ſie es mir zu ſein,“ ſagte ſie dann ſo gleichgültig als möglich.„Klingle nach dem Thee, Nelly, Frederick wird ſich gewiß bald zu Bett legen wollen. Ich bin gleich, als ich Deinen Brief erhalten, bei Mr. Bellingham geweſen. Er ſchien Deine Krankheit leicht zu nehmen, mein armer Junge. Hoffentlich nimmſt Du nun nicht ſo bald wieder Ur⸗ laub. Ich höre, daß die höheren Stellen im Geſchäft den zuverläſſigſten und gewiſſenhafteſten Commis gegeben werden, und Du weißt, liebes Kind, daß bis jetzt Dein Gehalt ſehr gering iſt——“ „Die höchſten Stellen werden nur durch perſönlichen 170 Einfluß vergeben,“ ſagte Frederick hochmüthig,„und da⸗ nach ſtrebe ich nicht. Wer Dir das geſagt hat, Mutter, hat Dir etwas vorgeſchwindelt. Natürlich werden Ver⸗ wandte und nächſte Bekannte vorgezogen und— ich habe dazu keine Ausſicht.“ „Aber es ſind doch ſchon viele vor Dir geſtiegen,“ ſagte die Mutter,„es muß doch auch nach Verdienſt und Würden—“ „Ach was, Unſinn!“ rief Frederick gereizt.„Ich will übrigens noch ein halbe Stunde in den Klub gehen, damit ich weiß, wie's da ausſieht. Es iſt ſehr ſchön—“ „Aber nach Deiner Krankheit——“ „Ach, ich bin wieder ganz wohl,“ ſagte er, indem er hinausging. Sein Fortgehen war eine Erleichterung für beide Frauen, obſchon ſie es ſich nicht geſtehen woll⸗ ten. Mrs. Eaſtwood ſeufzte, denn es war der Abend ſeiner Heimkehr, und ſie hatte es ſich ſo anders gedacht. Nelly ſeufzte nicht, aber ſie war ſehr ärgerlich über den Bruder. „Ob alle junge Männer ſolche Gecken ſind, das möchte ich wohl wiſſen,“ ſagte ſie. „Still, ſtill, Nelly, Du beurtheilſt Deinen Bruder nie gerecht. Die meiſten Männer ſind eitel. Wir müſ⸗ ſen Innocenzia lehren, ihr Gefühl zu unterdrücken,“ ſagte die Mutter bekümmert. Sie ſeufzte abermals und ge⸗ —— 171 dachte der Warnung ihrer Freundin.„Vielleicht hatte Mrs. Everard doch nicht ſo ganz Unrecht, Nelly!“ 6 „Mir ſcheint es wirklich, als ob die Leute, die die ſchwärzeſte Anſicht von allen Menſchen und Dingen haben, ſchließlich immer Recht behalten,“ ſagte das Mäd⸗ chen empört. Und in ihren Worten lag mehr Wahr⸗ heit, als ſie dachte. 1 . ² 1 1 13 . Zwölfes Kapitel. Eine Liebesgeſchichte. Wir müſſen die Geſchichte von dem Eintreten In⸗ nocenzia's in das engliſche Leben für den Augenblick unterbrechen, da ein anderes Ereigniß, völlig unerwar⸗ tet und unvorhergeſehen, eintrat, durch welches die An⸗ weſenheit der jungen Fremden gänzlich in den Schatten gedrängt wurde. Es war kurze Zeit nach Frederick's Ankunft, als eines Nachmittags die Beſuche in dem gaſt⸗ lichen Hauſe kein Ende nehmen wollten. Von zwei Uhr an waren ſie buchſtäblich hineingeſtrömt. Es war dies ſelbſt bei dieſer beliebten Familie ein ganz ungewöhn⸗ licher Fall, aber es ſchien, als hätten ſich alle Bekannte das Wort gegeben, grade an dieſem Tage ihre Theil⸗ nahme an dem Ergehen der Eaſtwoods kund zu thun. Zwei Herren kamen ziemlich ſpät, beide in der Hoff⸗ nung, die Damen ollein zu finden. Sie begrüßten ſich 173 freundlich, ſchüttelten ſich die Hände und erzählten ein⸗ ander von ihren Erlebniſſen, obgleich es in ihren Her⸗ zen durchaus nicht ſo friedlich ausſah. Noch war das Zimmer ſehr voll von Beſuchern aller Art, und da ſie zu gleicher Zeit gekommen waren, blieben ſie auf ein⸗ ander angewieſen und ſtanden, nachdem ſie die Frau vom Hauſe begrüßt, in einem Winkel anſcheinend ver⸗ gnügt zuſammen. Nelly befand ſich am entgegengeſetzten Ende des Zimmers, an jenem Glasfenſter, welches nach dem Treibhauſe führte, und plauderte mit Sir Alexis Longueville, einem ſehr reichen, ältlichen Junggeſellen, den die jüngern Herrn mit ſehr ungünſtigen Blicken be⸗ trachteten. „Was meinen Sie wohl, Molyneux, was man an ſo einem alten Eſel hat,“ ſagte Major Railton,„daß ihm Jedermann den Hof macht?“ „Sein Geld iſt's,“ ſagte der junge Advokat. Und wohl zehn Minuten lang wurde Sir Alexis hergenom⸗ men und tüchtig verarbeitet. Er war übrigens kein alter Eſel. Es war ein ſeltſamer, ältlicher Herr, der trotz ſeines romantiſchen Namens ſehr viel mit der Proſa des Lebens zu thun gehabt hatte. Erſt als er ſeine Jugend ſchon hinter ſich hatte, war er zu ſeinem Ver⸗ mögen gekommen, und ſeine üble Meinung von Welt und Menſchen wurde nicht beſſer, als er ſah, wie viel 174 mehr man den reichen Sir Alexis feierte als den ein⸗ fachen Oberſt Longueville. Es war allgemein bekannt, daß ſich der Held jetzt auf Freiersfüßen befand, und ſeine gutmüthige, aber etwas unfeine Schweſter, Mrs. Barclay, die an einen Millionär verheirathet war, er⸗ zählte überall, daß er ſich nach einer Frau umſähe. Ma⸗ jor Railton und Mr. Molyneur wußten das ebenſo gut und waren deshalb in ihrer Ecke ſo bitterböſe auf Mrs. Eaſtwood, daß ſie zuließ, daß Nelly„ſtunden⸗ lang“, wie der junge Advokat nachher ſagte, ſich mit Sir Alexis unterhielt. „Wie jammerſchade, daß ſelbſt die beſten Frauen dem Glanze des Reichthums huldigen!“ ſagte er zu ſeinem Nachbar. „Und Alles geben ſie hin für einen vornehmen Namen,“ entgegnete der menſchenfeindliche Major, indem er zornig ſeinen Bart ſtrich. In ſeiner Taſche befanden ſich verſchiedene Pläne, die Neubauten betreffend, und beſonders deshalb hatte er auf einige Stunden unge⸗ ſtörten Beiſammenſeins gehofft. Aber die reizende Nelly ſtand immer noch bei dem Geſchmähten und plauderte allerliebſt. Sie zeigte ihm vom Fenſter aus verſchie⸗ dene Pflanzen, und da er ſich ſehr für Botanik intereſ⸗ ſirte, ſo regte er ſie zu immer neuen Mittheilungen an. Sie lachten Beide über die lateiniſchen Namen, und er 175 erzählte Nelly von ſeinen eigenen großen Treibhäuſern in Longueville. Er war ein ſonderbarer Kauz und ach⸗ tete gar nicht darauf, ob ſeine angelegentliche Unterhal⸗ tung mit der jungen Dame des Hauſes Andern Stoff zu Bemerkungen geben könnte. Indeſſen die beiden Herren in der Ecke rächten ſich für dieſe Gleichgültigkeit. Sie ließen auch nicht das kleinſte Stück an ſeinem guten Namen und wurden in ihrer feindlichen Geſin⸗ nung gegen den Unglücklichen die wärmſten Bundesge⸗ noſſen. Jener war übrigens weit unterhaltender, als es einer von den Beiden geweſen wäre, und obgleich er keine beſtimmten Abſichten auf Nelly hatte, ſo gefiel ihm doch ihr hübſches friſches Geſicht und das Intereſſe, welches ſie an ſeinen Geſprächen nahm. Vielleicht ſchmeichelte es auch dem Manne, der nicht mehr in der erſten Jugend war, ſehr, zu ſehen, daß eine hübſche junge Dame ihn ihren jugendlichen Verehrern vorzog, und daß ſeine Unterhaltung ſie dafür zu entſchädigen vermochte. Er ſuchte deshalb Nelly immer länger zu feſſeln, und das Mädchen ließ es gern geſchehen. Wohl hatte ſie die Beiden am andern Ende des Zimmers ein⸗ treten ſehen und amüſirte ſich jetzt königlich über die finſtern Blicke, die ſie aus ihrer Ecke heraus nach ihr hinſandten. Freilich was den Major betraf, ſo lag ihr nicht viel an ſeinem Geſichtsausdruck, aber ſie fühlte ihr 176 Herzchen vor Freude klopfen, als ſie den düſtern Schat⸗ ten auf dem hübſchen Geſichte des jungen Advokaten ſich deutete. „Ich will es ihn lehren, fünf volle Tage vergehen zu laſſen, ohne uns zu beſuchen,“ ſagte ſie rachſüchtig zu ſich ſelbſt. Sie hatte ſich noch niemals befragt, ob ſie den jungen Mann liebe, aber ſie hatte die innere Ueberzeugung, daß er ſie liebe, und das gefiel ihr an ihm. War das nicht wenigſtens ein Beweis von gutem Geſchmack? Sie ſtand noch immer bei Sir Alexis und ſchaute mit ſo glänzenden Augen in ſein Geſicht, daß dieſem, obwohl er bisher gar nicht daran gedacht hatte, doch der Gedanke kam, ob nicht Nelly Eaſtwood die rechte Frau für ihn ſein könnte. Endlich war jedoch die feſtgeſetzte Zeit verſtrichen, Mrs. Barclay's Pferde durften nicht länger warten, und der Baron mußte ſich verabſchieden. „Liebſte Nelly,“ flüſterte Mrs. Barclay dem jungen Mädchen zu,„kommen Sie recht bald zu mir und voll⸗ enden Sie dort Ihr Werk!“. Ihr Werk vollenden? Nelly begriff nicht, was die Dame meinte. Endlich hatten ſich die meiſten Beſucher entfernt, und Relly, nachdem ſie erſt ein Weilchen mit den Beiden in der Ecke geplaudert hatte, beeilte ſich in den Garten zu laufen, um Himmelsſchlüſſelchen zu ſuchen, ihr Lieb⸗ lingsgeſchäft, wie ſie ſagte, an deſſen Ausführung ſie die vielen Beſuche gehindert hätten. „Ich bin feſt überzeugt, Major Railton und Mr. Molyneux werden mich freundlich entſchuldigen,“ ſagte ſie, „aber ich muß mir durchaus einige Blümchen holen, ehe wieder neuer Beſuch kommt.“ „Du wirſt gar keine finden,“ ſagte Mrs. Eaſtwood und winkte ihr zu, daß ſie dableiben möchte. Aber es wurde ſchon dunkel, und Nelly war eigenwillig und that, als hätte ſie die Geſte der Mutter gar nicht verſtanden. Das Vergnügen, welches ihr die Geſellſchaft des einen ihrer Anbeter gewährt haben würde, wurde durch die Anweſenheit Beider beeinträchtigt, und vielleicht war es eben dieſer Gedanke, der ihre Flucht in den Garten ver⸗ anlaßte. In dem Gewächshauſe lag ihr weißes Pelz⸗ jäckchen und der kleine Blumenkorb. Noch ehe ſie ſich aber eingehüllt hatte, war auch ſchon Molyneux an ihrer Seite.„Ich glaube, Railton hat mit Ihrer Frau Mama Geſchäftsſachen zu beſprechen,“ ſagte er laut und mit einem triumphirenden Blick auf ſeinen Nebenbuhler. „Darf ich mich Ihnen auf der Eypedition nach den Him⸗ melsſchlüſſelchen anſchließen? Bei Mondenſchein Blumen ſuchen klingt gar zu poetiſch. Oliphant, Innocenzia. I. 12 „Ach, es iſt viel zu kalt, um poetiſch zu ſein,“ ſagte Nelly. Aber ſchon beſtand ſo viel geheime Neigung zwi⸗ ſchen den beiden jungen Leuten, daß es ihnen warm durch das Herz zuckte, als ſie gemeinſam in den ſchwei⸗ genden Garten hinaustraten. Von Blumen war aller⸗ dings nur wenig zu ſehen, aber es war ein ſchöner Frühlingsabend, wie er häufig einem ſtürmiſchen Tag zu folgen pflegt. Noch brannten im Weſten die glühen⸗ den Farben der ſcheidenden Sonne, der klare, kalte, junge Mond im erſten Viertel zog herauf, ein einziger heller Stern ſchimmerte daneben. Wohl war es kalt,. aber wer konnte an Kälte denken mit ſolchem Himmel über ſich und mit ſo warmen jungen Herzen in ſich, wie die Beiden hatten, die da auf und nieder gingen? Schweigend ſchritten ſie eine Zeitlang neben einander hin. Endlich ſagte Relly:„Ich bin müde und wirklich froh, daß dieſe große Cour vorüber iſt. Steife Viſiten ſind doch eigentlich nicht angenehm. Ich habe es viel lieber, wenn man Abends zuſammenkommt, wie das im Auslande Sitte iſt, aber bei uns in England geht das nun einmal nicht anders.“ „Aber Sie ſchienen doch ihre Beſucher nicht alle ſteif und unangenehm zu finden,“ ſagte Molyneux mit einer gewiſſen Wärme. „O neinz Sir Alexis zum Beiſpiel iſt ſehr unter⸗ 179 haltend,“ rief Nelly, indem ſie inſtinctiv fühlte, was kommen würde. „Sie zeigten dies auch ſehr deutlich,“ ſagte der junge Mann, als ob er das nur ſo nebenhin bemerken wollte. „Es iſt aber auch wahr, er iſt ein vortrefflicher Ge⸗ ſellſchafter,“ rief das Mädchen. So wurde das Wortgefecht eröffnet. Das Pärchen befand ſich weit von der Wieſe entfernt, wo die Him⸗ melsſchlüſſelchen blühen ſollten, die rothen Wolken aus Weſten ſchienen über ihnen zu hängen, und der blaſſe Mond ſchaute wie ein Wächter auf ſie hernieder. Nelly fühlte an dem Klopfen ihres Herzens, daß ein Kampf nahe war, und Molyneux hielt den Kopf hoch, wie ein muthiges Schlachtroß. „Ich habe oft gefunden, daß die Damen grade die Herrn am angenehmſten finden, die unter ihres Gleichen nicht beliebt ſind,“ ſagte er mit würdiger Ruhe. „Wahrſcheinlich ſind die Männer auf ihn eiferſüch⸗ tig,“ lachte Nelly.„Ja gewiß, die Männer ſind auch eiferfüchtig auf einander. Meinen Sie, daß man das nicht bemerkt?“ „Ich bedaure, daß wir Ihnen eine ſolche ſchlechte Meinung von uns beigebracht haben. Jedoch verſtehe ich es durchaus nicht, inwiefern ein Menſch eiferſüchtig 12* 180 auf ſo einen alten Rous wie Longueville ſein ſollte. Sein Charakter iſt unter Männern hinreichend bekannt, das kann ich Ihnen verſichern, Miß Eaſtwood, alſo kann von Eiferſucht auf ihn wohl keine Rede ſein.“ Nelly erröthete vor Verdruß.„Man ſollte ihm alſo einen Zettel aufkleben, um die Unerfahrenen zu warnen. Ich kenne ſeine Verbrechen nicht und kann nicht über ihn urtheilen. Aber amüſant iſt er doch, dabei bleibt es.“ „Und das iſt ja natürlich die Hauptſache, und wenn je ein Menſch es wagt, Sie zu warnen, ſo zürnen Sie noch dem Unglücklichen—“ „Mr. Molyneux,“ unterbrach ihn Nelly heftig,„ich verſtehe nicht, wie es kommt, daß Sie mich vor einem Herrn warnen, der ein Bekannter meiner Mama iſt, ebenſo gut wie Sie. Sagen Sie es doch Mama, wenn Sie etwas gegen ihn haben.“ So ſprühte der Kampf und trieb zur Entſcheidung, und wer weiß, was noch daraus geworden wäre, hätte Molyneuy auf dieſelbe Weiſe geantwortet. Aber er ſchlug plötzlich einen weinerlichen Ton an, wie ihn jugendliche Liebhaber ſo ſchnell bereit haben. „Miß Eaſtwood,“ ſagte er kläglich,„es gab eine Zeit, wo ich glaubte,— wo ich hoffte, Sie würden mich nicht auf dieſelbe Stufe mit jedem Andern ſtellen—“ 181 „O nein, ſagte Relly eifrig,„das habe ich auch niemals gethan. Wir kennen Sie ſchon lange Zeit, Mr. Molyneux, und ich habe Sie ſtets als— als Freund betrachtet.“ „Nun wohl, als Freund!“ ſagte er mit demſelben tragiſchen Ausdruck wie vorher.„Durfte denn da der Freund es nicht wagen, Sie zu warnen? Theure Miß Eaſtwood, konnte ich wohl daneben ſtehen und gedul⸗ dig zuſehen, wie ſich dieſer Mann in Ihr Vertrauen einſchlich?“ „In mein Vertrauen?“ rief Nelly mit hellem Lachen. „Bitte, ſprechen Sie nicht ſo feierlich. Sie können doch nicht einen Augenblick im Ernſte glauben, ich machte mir etwas aus der Aufmerkſamkeit des alten Sir Alexis!“ „Iſt das ganz gewiß?“ rief der junge Mann freudig. „Ganz gewiß! Und nun geſtehen Sie es nur ein, daß das wieder nur Eiferſucht war,“ rief das Mädchen luſtig. Aber als ſie das geſagt hatte, fiel es ihr erſt ein, was dieſe Worte für eine Auslegung finden konn⸗ ten. Sie erröthete tief und ſchwieg verlegen ſtill. „Sie haben Recht, wie immer,“ ſagte der junge Mann. Auch er hielt plötzlich inne und ſtellte ſich dicht vor das Mädchen hin. Wenn wir Frauen nicht immer 182 ſelbſt ſo befangen wären, wenn man uns einen Antrag macht, wir würden viel Komiſches in dem Verhalten unſerer Bewerber zu bemerken haben. Der junge Mo⸗ lyneux trat Relly ſo dicht in den Weg, daß ſie wie zur Selbſtvertheidigung einen Schritt zurückgehen mußte. Sein Geſicht wurde lang, ſeine Augen groß. Er ſtreckte ſeine Hände aus, um die ihrigen zu erfaſſen, wenn er ſie hätte bekommen können. Aber das Mädchen rührte ſich nicht.„Ja, Sie haben Recht,“ ſagte er wieder noch weinerlicher als vorher,„Sie haben immer Recht. Ich würde auf einen Engel vom Himmel eiferſüchtig ſein, wenn ich ihn in Ihrer Nähe ſähe. Ich kann nun ein⸗ mal nicht anders. Wollen Sie mir nicht ein Wörtchen ſagen? Wollen Sie mir nicht Ihre Hand geben? Mir liegt nichts an der ganzen Welt, nur an Ihnen!“ „Mr. Molyneux,“ rief Nelly und trat noch einen Schritt weiter zurück. Ihr Herz klopfte, ihre Wangen brannten in dem ſanften ſternenhellen Dämmerlicht. Er hatte ſich jedoch ſchon ihrer Hände bemächtigt und zog ſie näher und näher. Wie unvorhergeſehen und unbe⸗ abſichtigt war dies Alles gekommen! Keins von Beiden hatte noch vor einer halben Stunde an eine ſolche wich⸗ tige Entſcheidung gedacht. Aber der junge Mann war ſo ergriffen, als ob das Glück ſeines Lebens von dieſem Augenblicke abhinge, als ob er niemals, ſeit undenklichen 183 Zeiten, einen andern Gedanken gehabt hätte, und Nelly's Herz klopfte ſo laut, daß ſie glaubte, man müſſe es meilenweit hören können. Ihre Stimmen wurden leiſer und leiſer, ihre Schatten vermiſchten ſich immer wunder⸗ licher in dem blaſſen Mondlichte, bis derſelbe ſchließlich nur einen Schatten noch enthüllte. Endlich rief Nelly: „Lieber Himmel, ich habe meine Blumen vergeſſen. Was werden die im Zimmer von uns denken?“ „O was thut das? Railton hat gewiß Deiner Mutter eine Vorleſung über Ziegel und Schiefer gehal⸗ ten,“ rief Molyneux mit einem triumphirenden Lachen. Sie lachten Beide, das war nicht gut von Nelly. „Still, ſtill! Was hat der arme Major Railton damit zu thun?“ ſagte ſie ſchnell. Sie lehnte noch an dem Stamm einer Linde— nie in ihrem Leben vergaß ſie den Ort— und obgleich es kalt war, ſo empfanden Beide doch nur das köſtliche Gefühl warmer Liebe. Nelly's kleine Füße waren halb erſtarrt, ſie achtete es nicht. „Sieh, die letzten Sonnenſtrahlen ſind verſchwun⸗ den, ſagte Molyneux.„Der Tag zögerte zu gehen, Nelly, bis ich wußte, ob ich glücklich ſein dürfte. Geh' nicht, glücklicher Tag, von den lächelnden Gefilden——“ „Sprich keinen Unſinn,— von der feuchten Wieſe, 184 ſollteſt Du ſagen,“ rief das Mädchen neckiſch.„Schnell, laß uns Himmelsſchlüſſelchen pflücken, was ſoll ich ſonſt Mama ſagen?“ „Ich dächte, wir hätten ihr ſo viel zu ſagen, daß ſie gar nicht an die Blumen denken wird, Nelly.“ „Ach bitte, nenne mich nicht ſo laut Relly, es könnte es Jemand hören. Müſſen wir es denn gleich ſagen?“ rief ſie mit einem Ausdrucke lieblicher Verlegenheit, der dem jungen Liebhaber himmliſch erſchien. Nelly, die auch nicht eine halbe Stunde der Mutter gegenüber ein Geheimniß zu bewahren im Stande war, verlangte es jetzt ſelbſt! Der Grund lag freilich nur darin, daß das Mädchen ſich fürchtete, durch den allzu ſtürmiſchen jungen Mann in den Augen der ruhigen Mama compromittirt zu werden. Denn Relly war ſehr ſchüchtern und ſcheute ſich ſelbſt vor den Augen des Geliebten bei Tages⸗ wie bei Lampenlicht. Endlich fanden ſie noch ein paar ver⸗ einzelte Blumen, und Molyneux trug ein Sträußchen da⸗ von, während er für das junge Mädchen ein anderes ge⸗ pflückt hatte. Aber in das Körbchen wurden ſie nicht gelegt, und nachdem Beide noch einmal rund um den Garten gegangen waren, ſchritten ſie Arm in Arm feier⸗ lich den„Damengang“ hinunter und dem Hauſe zu. Wie ſchnell findet man ſich doch in ſolche gewaltige Ver⸗ änderungen! Dieſer kurze Weg, den ſie jetzt zurückleg⸗ 185 ten, brachte ſie einander näher als ſelbſt jene aufregende Liebesſcene unter dem Lindenbaum. „So werden wir zuſammengehen, wenn zehn Jahre verfloſſen und wir ehrbare alte Leute geworden ſind,“ ſagte er, und ein Bild von kommenden Tagen zog an ihnen vorüber, blitzſchnell, lieblich und lockend, aber keins hätte gewagt, es zu enthüllen. Ein leiſes, bebendes Lachen ertönte, und das Gefühl ruhigen Glückes— ach, ſo verſchieden von dem Rauſche der Leidenſchaft— kam über die jungen, heißen Herzen und ſänftigte ihr Schlagen. Während dieſe Scene im Garten ſpielte, unterhielt ſich Major Railton, nicht ohne manchen bittern Neben⸗ gedanken an den Vorzug, den jetzt ſein Rival genoß, mit Mrs. Eaſtwood über Ziegel und Schiefer, wie der böſe Molyneur geſagt. Sie waren eben bei dem Waſ⸗ ſerfaſſe und den Röhren angekommen, als Nelly und der junge Advokat auf die Blumenleſe ausgingen. Wie grauſam fühlte ſich der tapfere Major in ſeinem Herzen gepeinigt, während er über ſolche proſaiſche Angelegen⸗ heiten ſprechen mußte! Er hatte ſich an das Fenſter geſetzt und ſtarrte in das Dunkel hinaus, ob er die Ge⸗ ſtalten im Garten wohl zu erkennen vermöchte. Aber vergebens. Das flackernde Licht des Kaminfeuers, welches 186 das Gemach erfüllte, machte das Dunkel draußen nur noch undurchdringlicher. „Glauben Sie nicht, daß ſich Miß Eaſtwood er⸗ kälten wird? Es iſt ein ſchlechter Oſtwind,“ ſagte er endlich, mitten in dem ernſthaften Geſpräch über den neuen Brunnen. „Ich habe Nelly geſagt, daß ſie etwas Warmes umnehmen ſoll,“ entgegnete die Mutter gelaſſen. Sie fürchtete nichts von dem Oſtwinde für ihr Kind. Kräf⸗ tige Lungen und geſunde Bruſt hatten die Eaſtwoods von jeher gehabt. Und an eine weit näher liegende Gefahr dachte die gute Frau gar nicht. Sie fühlte ſich zu ſicher im Beſitz ihres Kindes, als daß ihr der Gedanke hätte kommen können, Nelly würde ihr jetzt ſchon entriſſen werden. Deshalb gerieth ſie auch nicht in Sorge, als die Beiden bald darauf, erhitzt und ver⸗ legen, eintraten, eben als ſich Major Railton, der eine Einladung für dieſen Abend erhalten, zornſprühend em⸗ pfohlen hatte. „Was für glühende Wangen haſt Du, Nelly!“ ſagte die harmloſe Mutter.„Es iſt wohl recht windig. Ihr hättet nicht ſo lange draußen bleiben ſollen. Schnell an's Feuer mit Euch Beiden und wärmt Euch tüchtig aus. Ich ſehe, Ihr habt doch keine Blumen gefunden.“ „Es waren keine da,“ ſagte Nelly, indem ſie ſchuld⸗ —— 1 187 bewußt ihre Hand auf das kleine Sträußchen in ihrem Gürtel legte.„Ich glaube, es iſt zu kalt für ſte; aber noch niemals habe ich einen ſo köſtlichen Mondſchein geſehen.“ „Sie haben keinen Begriff, wie herrlich es iſt,“ rief der junge Mann— und dann verabſchiedete er ſich ſchnell und verlegen. Als er aber Nelly's Hand faßte und drückte und im Dunkel nach der andern ſuchte, da dankte dieſe im Stillen Gott, daß ſie ihn davon ab⸗ gehalten hatte, ihrer Mutter ſofortige Mittheilung von dem Geſchehenen zu machen. Was würde er nicht erſt angeſichts der Mutter gethan haben? „Aber, Nelly,“ ſagte die gütige Mama, als er ſich endlich entfernt hatte,„Du hätteſt wahrhaftig nicht ſo lange draußen bleiben ſollen. Ich bin weit davon ent⸗ fernt, in Allem etwas zu finden; aber Ernſt Molyneur iſt ein ſehr junger und ſehr hübſcher Mann, und man könnte leicht über Euch ſprechen. Auch weiß ich in der That nicht, wovon Ihr Euch ſo lange unterhalten habt in der kalten Abendluft, gewiß habt Ihr nur Unſinn geſchwatzt——“ Nelly knieete während dieſer mütterlichen Predigt am Feuer und wärmte ihre kleinen Finger. Bei den Schlußworten aber ſchlich ſie ſich an Mamas Seite, legte 188 das heiße Geſicht in ihren ſeidenen Schooß und flüſterte ſchmeichelnd und ſchmelzend: „Mama!“ Iſt es nun zu verwundern, daß vor einem ſolchen Ereigniß, das ſo blitzſchnell die harmloſen Bewohner überfiel, alles Andere verdunkelt wurde, und ſelbſt die kleine Fremde mit all den ſeltſamen ſie begleitenden Um⸗ ſtänden momentan wenigſtens in den Hintergrund trat? Dreizehntes Kapitel. Berathungen. Die Aufregung, welche Nelly's Verlobung in„den Linden“ hervorgerufen, war außerordentlich groß. Es war ja das erſte derartige Ereigniß in der Familie und berührte deshalb Jedermann, von Mrs. Eaſtwood herab bis zur Küchenmagd. Frederick war vielleicht der Gleich⸗ gültigſte dabei. Er deutete an, daß Molyneur ganz recht gethan habe, da er einen ſo einflußreichen Vater hätte, daß er Nelly's Geſchmack zwar nicht begreifen könne, daß ſie das jedoch mit ſich allein auszumachen habe, und Niemand hineinreden werde. Der Schweſter wurden dieſe Reden beſonders unangenehm durch das ſie begleitende Achſelzucken über ihren Geſchmack; aber im Ganzen benahm er ſich freundlich. Dick ſagte ſehr wenig, aber er ging immer um Nelly herum, als müſſe er etwas Beſonderes an ihr entdecken. 190 „Du ſiehſt wahrhaftig grade noch ſo aus wie geſtern,“ ſagte der gelehrte Jüngling,„ich ſehe durchaus keinen Unterſchied. Weshalb ziehſt Du denn nicht wenigſtens ein beſonderes Kleid an oder ſteckſt Molyneur's Karte vor, damit man ſieht, daß Du nicht mehr zu haben biſt?“ Indeſſen ſchenkte Nelly dieſen Redensarten kaum mehr Aufmerkſamkeit als den Beglückwünſchungen von Winks, der doch ſein Schwänzchen in einer höchſt ver⸗ gnügten Weiſe tanzen ließ. Ja, als der junge Verlobte am nächſten Tage bei Mrs. Eaſtwood erſchien, empfing ihn der Hund mit freundlichem Wedeln, geleitete ihn zum Speiſezimmer, wo ihn die Herrin erwartete, und kehrte dann auf ſeinen drei Beinen zu Nelly zurück, indem ſein gutmüthig wackelndes Schwänzchen zu ſagen ſchien: „Sſſcheint im Allgemeinen ein ganz netter Kerl zu ſein, ich verſichere es Dir.“ Das junge Mädchen ſaß während dieſer Zuſammen⸗ kunft ihres Geliebten mit der guten Mama durchaus nicht in qualvoller Angſt da. Sie kannte ja dieſe zu gut, um fürchten zu müſſen, daß ihr von dieſer Seite etwas in den Weg gelegt werden würde. Aber ſie war⸗ tete doch auf das, was kommen würde, mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit. Die Unterhaltung währte ſehr lange, viel länger ſogar, als es Nelly behagte. Mr. Molyneuy hatte ſehr viel mit Mrs. Caſtwood zu beſprechen. Nicht 191 etwa, daß er die Eilfertigkeit, mit der er ſeine heiße . Erklärung gemacht, bereut hätte, aber möglich war es doch, daß er bei ruhigerem Denken ſo klug geweſen wäre, noch etwas länger zu warten. Es war ihm doch 3 recht fatal, daß er der künftigen Schwiegermutter einge⸗ ſtehen mußte, daß er noch gar nichts verdiente, was der Rede werth war, und daß ſein Vater ihm bis jetzt faſt allein die Mittel zu ſeiner Exiſtenz gewähren mußte. Dabei wurde ihm ſehr ſchwül zu Muthe, und er ver⸗ mied, bei dieſem Theile ſeiner Geſchichte die Augen zu der Mutter zu erheben. Natürlich gelobte er, in Zu⸗ kunft mit dem heiligſten Eifer Nelly in den Beſitz aller Behaglichkeiten der Erde ſetzen zu wollen. Mrs. Eaſt⸗ wood, obgleich durchaus keine berechnende Natur, hatte doch Weltkenntniß genug, um darüber den Kopf zu ſchütteln. Sie hatte den jungen Mann ſehr gern, ſchon um Relly's willen. Er war ſehr hübſch, ſehr fein und 7 hatte ſich ihr gegenüber immer höchſt liebenswürdig ge⸗ zeigt, was bei einer Mutter immer auch ſchwer in die Wagſchale fällt. Seine Familie war eine durchaus vor⸗ treffliche, hochangeſehene. Den erſten Advokaten des Landes, der bald als Richter in den oberſten Gerichts⸗ hof eintreten würde, zum Schwiegerpapa zu haben, war doch nicht zu verachten. Und gegen die Molyneux war niemals etwas geſagt worden, weder gegen die männ⸗ lichen noch gegen die weiblichen Familienglieder. Aber trotz alledem war für die Mutter Grund genug um den Kopf zu ſchütteln. „Nelly beſitzt fünftauſend Pfund Sterling,“ ſagte ſie,„und ich werde, da ich die Knaben auszuſtatten habe, nicht im Stande ſein, ihr mehr zu geben. Das iſt aber nicht viel, wenn man allein davon leben ſoll. Auch widerſtrebt es meinen Grundſätzen, daß ein junges Paar allein von dem lebt, was die Eltern ihnen gewähren. Mir ſcheint das nicht das Richtige zu ſein.“ Der junge Mann war überraſcht, bei der Mutter ſeiner Braut ſo viel weltliche Weisheit zu finden. Er dachte, es müſſe ſie jemand gegen ihn beeinflußt haben. Gar zu gern hätte er dieſen wunden Punkt ſo flüchtig als möglich berührt, und er hatte gehofft, da er es nur mit einer Mutter zu thun hatte, dieſe würde ihm die Sache ſehr erleichtern. Mrs. Eaſtwood war ihm immer ſo luſtig, ſo gutmüthig und harmlos erſchienen, daß er Bedenklichkeiten von ihrer Seite durchaus nicht ver⸗ muthet hatte. Es war auch durchaus nicht ſeine Abſicht, die gütige Frau zu hintergehen, aber er wäre ſo gern über die fatale Geldklemme hinweg geſchlüpft, um nur bald wieder zu Nelly gelangen zu können. Aber bei dem ſo entſchieden ausgeſprochenen Bedenken wurde ihm 1 193 die Unklugheit ſeines allzuraſchen Verfahrens klar, und er wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Ich fürchte, Sie glauben, ich hätte mich übereilt,“ ſagte er endlich.„Sie haben vollkommen Recht, ich durfte es nicht wagen, um Nelly's Hand zu bitten, bis ich meinen Weg klar vor mir liegen ſah, aber— Mrs. Eaſtwood— es walten hier mildernde Umſtände ob. Bedenken Sie, was es heißt, Nelly oft zu ſehen und dabei klug und Herr ſeiner ſelbſt zu bleiben!“ „Aber Sie brauchten ja Nelly gar nicht ſo oft zu ſehen,“ ſagte die Mutter lächelnd. „Wenn ich nun aber weggeblieben wäre, was hät⸗ ten Sie von mir gedacht? Daß ich ein verächtlicher Menſch ſei, der erſt Alles thut, um die Gunſt eines Mädchens zu erwerben, dann aber davonläuft, wenn er fürchtet, zu weit gegangen zu ſein.“ Ich glaube kaum, daß ich ſo Schlimmes von Ihnen gedacht haben würde,“ ſagte Mrs. Eaſtwood in jener leichten Weiſe, welche eitle Leute ſehr unangenehm be⸗ rührt.„Ich würde Ihr Wegbleiben auf Ihren Fleiß geſchoben haben. In der That, bis geſtern Abend, wo Nelly mir ihr Geſtändniß machte, iſt es mir nicht ein⸗ mal aufgefallen, daß Sie ihr beſonders den Hof gemacht haben. Das mag wohl an meiner Kurzſichtigkeit liegen, Oliphant, Innocenzia. I. 13 194 aber ich habe wirklich nichts bemerkt. Freilich weiß ich nicht, ob es Nelly ebenſo gegangen iſt.“ Der junge Mann fühlte ſich etwas gedemüthigt durch dieſes offne Geſtändniß, aber er entgegnete ſofort: „Sie dürfen feſt überzeugt ſein, daß dieſer Zuſtand der Unthätigkeit nicht länger dauern wird. Jetzt habe ich einen Grund, weshalb ich arbeiten und ringen will und muß. Natürlich darf ich nicht auf baldige Heirath dringen, was ich ſicher gethan haben würde, wäre ich klüger geweſen und hätte meine Vorbereitungen eher ge⸗ troffen——“ „Nein, natürlich nicht,“ ſagte Mrs. Eaſtwood. Aber ſo angenehm ihr auch die Ausſicht war, das liebliche Töchterchen noch nicht ſo bald von ihrer Seite laſſen zu müſſen, ſo empfand ſie doch eine Art von Verachtung gegen den künftigen Schwiegerſohn, der ſo philoſophiren konnte. Was er ſagte, war ganz richtig, und ihr Herz fühlte ſich dadurch weſentlich erleichtert, aber eine Mut⸗ ter ſieht es nun einmal viel lieber, wenn ihr Kind im Sturme gewonnen und von dem ungeduldigen Werber gedrängt wird, ihm ſchnell zu Haus und Herd zu fol⸗ gen. Einem ſolchen Schwiegerſohne würde ſie allerdings freundlich zugeſprochen und ihn zur Geduld ermahnt haben, aber ſie mußte es ſich geſtehen, ſie würde ihn deshalb nur um ſo lieber gehabt haben. 2½ . — 195 „Alſo Sie haben nichts gegen meine Wünſche?“ ſagte der junge Mann, ihre Hand ergreifend.„Sie wollen mir eine gütige Mutter ſein und mir erlauben, meine Nelly zu ſehen? Ich bedarf Ihrer Güte doppelt, da ich ſo lange noch warten muß. Sie ſind gegen alle Menſchen gut, Sie werden mich nicht auf Armeslänge fern halten?“ „Nein,“ ſagte Mrs. Eaſtwood,„dus würde ich ſchon um Nelly's willen nicht thun. Aber ich kann doch nicht umhin zu ſagen, Sie hätten ſich nicht eher erklären ſol⸗ len, als bis Ihre Ausſichten beſſer waren.“ „Die ſind aber ganz gut,“ ſagte der beſorgte Lieb⸗ haber.„Ich bin nur etwas faul geweſen und bedurfte der Energie; nun aber— welcher Mann würde nicht Alles daran ſetzen mit ſolcher Ausſicht auf den höchſten Preis?“ Die Mutter ſchüttelte ihren Kopf abermals, aber ſie lächelte auch dabei und gab ihm die Hand, ja ſogar einen mütterlichen Kuß, und ihr Herz war wieder ganz weich geworden. Es war ja der Geliebte ihres theuren Kindes, und war es ihm unter ſo bewandten Umſtän⸗ den nicht zu verzeihen, daß er vorſchnell gehandelt hatte? Den Reſt des Tages brachte der glückliche Bräutigam in der Familie zu, er war immer um Nelly, ſtörte alle häuslichen Einrichtungen und ließ alle Beſucher nicht 13* 196 lange im Unklaren über das, was hier geſchehen. Nicht etwa, daß er etwas geſagt hätte, aber ſein bloßes Ver⸗ weilen im Hauſe den ganzen Tag, ſein ſtrahlend ſtolzes Geſicht, die leichte Art ſich zu benehmen, als wenn er daheim wäre, das Alles verrieth die Sachlage deutlicher, als ſelbſt Worte es vermocht hätten. Mrs. Barclay, die nur auf einen Augenblick hereinrauſchte, um Nelly zu bitten, ſie am nächſten Tage auf eine Blumenaus⸗ ſtellung zu begleiten, merkte ſofort, daß hier etwas im Werke ſei. Sie hatte dem jungen Mädchen zugeflüſtert: „Kleines Kätzchen, jetzt können Sie Ihr Werk vollenden,“ und als Nelly erſtaunt gefragt hatte:„Was denn, Mrs. Barclay?“ war Mr. Molyneux in ein lautes Gelächter ausgebrochen, was allerdings nicht ſehr artig war. Als er dann die Dame mit der Miene eines Sohnes vom Hauſe an ihren Wagen geleitet hatte, war dieſe feſt davon überzeugt, daß ihre eigenen Pläne mit dem Bru⸗ der und der hübſchen Miß Eaſtwood durchkreuzt worden ſeien. Auch Major Railton hatte ſich wieder in„Ge⸗ ſchäftsaugelegenheiten“ eingefunden und war unausſprech⸗ lich ärgerlich, daß er dieſen Molyneur immer wieder hier finden mußte. Ja, er war ſogar nach langem Har⸗ ren genöthigt, zu gehen und dem jungen Rivalen das Feld frei zu laſſen.„Ich muß nun fort,“ ſagte er end⸗ lich in ziemlich gereiztem Tone,„denn leider bin ich nicht X 197 ſo glücklich wie die jungen Herrn, die nichts zu thun haben. Mich ruft meine Pflicht.“ Der vergiftete Pfeil ſchwirrte ab und traf ſein Ziel dreifach. Er verletzte die Herzen der drei Glücklichen, der Mutter, der Toch⸗ ter und des Bräutigams. „Ich bin überzeugt, Major Railton,“ ſagte Mrs. Eaſtwood,„daß Sie ein Muſter von Pflichttreue ſind. Und dabei haben Sie immer noch Zeit für Andere, trotz Ihrer vielen Arbeiten. Ich hoffe aber doch, daß Mr. Molyneur auch Arbeit und Pflichten hat und kennt.“ „Ja wohl habe ich meine Pflichten,“ ſagte der glückliche Verlobte, indem er ſein ſtrahlendes Geſicht dem unglücklichen Nebenbuhler zuwandte. Es war ſchon Dämmerung, und ſo wagte er es, von dem Dunkel be⸗ günſtigt, Nelly faſt vor den Augen des Majors leiſe am Aermel zu zupfen. Wenn auch dieſe Keckheit dem Auge des ohnehin ſchon Gereizten entging, ſo fühlte er doch, daß ein gewiſſes, ihm noch unbekanntes Band die drei Leute jetzt näher verknüpfte. Wüthend zerriß er beim Weggehen die Pläne für die neue Brunneneinrich⸗ tung. Mrs. Eaſtwood mußte ſich fortan einen andern Berather ſuchen. „Was gehen mich ihre Sachen an? Mögen ſie zu Molyneux gehen, der mag nun ihre Aufträge beſorgen!“ * 198 ſagte der Major kochend vor innerer Wuth und Sh dann bitter vor ſich hin. Eigentlich hatte der arme Major vollkommen viecht, aber ich fürchte, die Bauangelegenheiten der Familie Eaſtwood würden keinen ſehr befähigten Beurtheiler an Ernſt Molyneux gefundeu haben. Man war in der Familie überein gekommen, die Verlobung noch geheim zu halten, da die Heirath wahr⸗ ſcheinlich noch ſehr lang hinausgeſchoben werden mußte, und man fing daher die Sache ſo an, wie eben erzählt worden iſt. Auch daß bereits am erſten Abend alle Dienſtboten es wußten, daß ſie ſchon beſtimmten, wo das junge Paar wohnen und was für eine Wirthſchaft es führen würde, war ein Beweis dafür, wie ſtreng das Geheimniß bewahrt wurde. Daß Winks endlich es längſt wußte, war klar. Wir ſahen ja, wie er Nelly während ihres Alleinſeins im Zimmer protegirte. Doch ſicher iſt, daß er nicht geplaudert hat, denn Winks war verſchwiegen. Am folgenden Tag, einem Sonntag, kam Plan⸗ tagenet von Eton, um ſeinen freien Tag in der Familie zu verleben. Es war ein großer, ſtarker Junge von ſechszehn Jahren, der der Größte von allen zu werden verſprach, obgleich weder Frederick noch Dick zu den Kleinen gerechnet werden konnten. Er war ſehr ſchnell 199 gewachſen, und ſo ſchauten die Knöchel ſeiner kräftigen Arme aus den beſtändig zu kurzen Aermeln ſeines Rockes hervor. Aber auch geiſtig ſchien er ſich bedeutend ent⸗ wickeln zu wollen. In der Schule war er bei den Lehrern ſehr beliebt, und um ſich dadurch bei den Schü⸗ lern nichts zu vergeben, that er ſich auch bei allen kör⸗ perlichen Uebungen hervor. Er war berühmt als Ball⸗ ſpieler und lenkte das Steuer eines Schiffes mit ebenſo viel Geſchick als Kraft. Zu Hauſe war Plantagenet immer ſehr gut und hatte viel Nachſicht mit der Un⸗ wiſſenheit der Familie. Bei dem diesmaligen Beſuche war es nicht ganz leicht, ihm alle die Neuigkeiten bei⸗ zubringen, die ſich unterdeſſen zugetragen. „Ich vermuthe, Du weißt ſchon Alles,“ ſagte Moly⸗ neux, der ſich die prüfenden Blicke des großen Knaben gutmüthig gefallen ließ. „Ja, ſie haben mir's geſagt,“ erwiederte er,„aber ich kannte Sie ja ſchon früher.“ „Aber noch nicht in meiner jetzigen Eigenſchaft. Eigentlich iſt das auch noch ein Geheimniß,“ ſagte Mo⸗ lyneux,„und ich wundre mich, daß man es Dir gleich geſagt hat. Du hätteſt es ſonſt gewiß nicht errathen.“ „Ob ich es hätte!“ ſagte Plantagenet.„Als ich das letztemal hier war, da ſagte ich: Das wird noch einmal Mr. Nelly, der Kerl da. Sagte ich nicht ſo, 200 Mama? Natürlich wurde es auch ſo, und Sie ſind Mr. Nelly. Den Frauen wird doch in der Welt nie⸗ mals Gerechtigkeit gezollt. Ich habe meine Schweſter lieber als Sie; darin liegt für mich der Unterſchied zwi⸗ ſchen Euch Beiden.“ „Hier ſteht ja ein Ritter für die armen Frauen auf,“ lächelte die Mutter. „Und das iſt doch ganz begreiflich, da ich der Sohn einer Frau bin,“ rief der Junge eifrig. Nachdem er ſich noch länger über ſeine Anſichten ausgelaſſen, fiel er plötzlich von ſeiner Höhe und fragte:„Wo iſt denn das andre Mädchen?“ „Meinſt Du Innocenzia?“ „Wenn ſie ſo heißt, da meine ich ſie auch,“ ſagte der Knabe, leicht erröthend.„Warum iſt ſie nicht bei uns? Seid Ihr nicht freundlich gegen ſie? Wo iſt ſie denn?“ „Wir ſind ſo freundlich wie nur möglich gegen das Kind,“ ſagte Mrs. Eaſtwood, die froh war, ihr Herz gegen Jemand wieder einmal ausſchütten zu können. „Wir wiſſen aber nicht mehr, was wir mit ihr anfangen ſollen, liebſter Junge. Kein Schmeicheln, keine Lieb⸗ koſungen, keine Strenge helfen bei ihr; ſie will immer für ſich bleiben. Sie kommt zum Eſſen herunter, ant⸗ —— 201 wortet, wenn ſie gefragt wird: das iſt Alles. Ich weiß nicht mehr, was ich thun ſoll.“ „Aber was verlangen Sie denn von einer Frau noch mehr?“ ſagte Molyneux.„Sie ſoll ja nur ge⸗ ſehen, nicht gehört werden. Freilich die Menſchen ſind verſchieden. Als ich heute hier eintrat, hörte ich aller⸗ dings Jemand ſo laut und luſtig ſingen, daß ich gern dazu getanzt hätte. Das war doch wohl nicht dieſe Innocenzia?“ „Ihr ſeid gewiß ſelbſt Schuld,“ ſagte Plantagenet ernſthaft, ohne auf die Rede des Andern zu achten. „Ich Schuld?“ rief Mrs. Eaſtwood und erröthete. Sie faßte ſich jedoch bald wieder und ſagte ſanft: „Vielleicht iſt es wirklich ſo, mein Lieber, doch ſage ſelbſt, wie ſoll ich es nur anfangen, ſie für uns zu ge⸗ winnen? Freilich liegt es an mir, ich kann ſie nicht ſo zärtlich lieben als ich Nelly liebe—— „Das läßt ſich ja damit gar nicht vergleichen, Mama,“ ſagte der junge Menſch.„Das kannſt Du auch gar nicht, denn ſiehſt Du, Nelly lieben wir aus Inſtinct, nicht weil ſie etwa die oder jene gute Eigen⸗ ſchaft hat. Sie iſt für ein Mädchen auch ganz erträg⸗ lich; aber wenn ſie ſo häßlich wäre wie eine alte Katze, wir würden ſie doch ſchon aus Inſtinct gern um uns 202 dulden. Dieſer Inſtinct des Herzens fehlt Dir dem fremden Mädchen gegenüber.“ „Du närriſcher Junge!“ ſagte Mrs. Eaſtwood halb gereizt, halb amüſirt.„Aber ganz ohne Wahrheit ſind Deine Worte nicht. Ich tadle mich auch oft ſelbſt dar⸗ über und zwinge mich ihr gegenüber immer wieder zur Güte und Nachſicht. Liebte ich ſie aber, ſo würde mir Alles leicht werden.“ Die Liebenden hatten ſich unterdeſſen in die Fenſter⸗ niſche zurückgezogen und neckten ſich. Sie achteten nicht auf das Geſpräch der Andern und wurden auch ſelbſt nicht beachtet. Denn Plantagenet ließ die Sache Inno⸗ cenzia's nicht gleich fallen. „Was ich fragen möchte: hat ſie Euch denn etwas mitzutheilen? Ihr klagt, daß ſie nicht ſpricht. Oft iſt mir auch jedes Wort zu viel. Ich tadle Dich gar nicht, Mama, daß Du ſie nicht liebſt, denn das kann man ſich nun einmal nicht geben. Aber Du ſollteſt ſie nicht wie einen Geiſt im Hauſe herumgehen laſſen. Ich glaube zwar nicht an Geiſter,“ ſagte der Jüngling, indem er ſich auf das Kaminſims ſchwang,„denn es ſind in der Regel nur optiſche Täuſchungen. Aber als ich dieſes Mädchen zum erſten Male ſah, glaubte ich in der That, einen Geiſt zu erblicken. Ihr Geſicht iſt wie ein Bild, das ich vor Jahren einmal im Louvre geſehen habe. 203 Und dabei hat ſie einen ſo ſeltſamen Blick in den Augen und gleitet ſo geräuſchlos einher, als hätte ſie gar keine Füße. Sonderbar iſt ſie, das iſt wahr. Hängt ſie denn an Niemandem im ganzen Hauſe?“ „Sie hat Frederick ſehr gern, glaube ich,“ ſagte Mrs. Eaſtwood ſtockend. Plantagenet pfiff vor ſich hin. Er war überraſcht. „Frederick gern haben, und Mutter und Nelly nicht?“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Das war freilich ein intereſſan⸗ ter Charakterzug mehr. Ich weiß nicht, ob der Jüng⸗ ling ſeinen eigenen äußern und innern Vorzügen die Macht zutraute, Innocenzia zu gewinnen, aber jedenfalls gab er ſich große Mühe mit ihr. Er war ſehr aufmerk⸗ ſam gegen ſie und behielt ſie fortan im Auge. Sein Sinn für Schönheit und Poeſie fand an der Erſchei⸗ nung der jungen Italienerin reiche Nahrung, und er nahm ſich vor, den Grund ihres ſchweigenden Kummers zu erforſchen. Ob ihm dies gelungen, wird die Folge⸗ zeit lehren. Jedenfalls beſchäftigte ihn die neue Coufine ſehr, wenn auch Nelly's Verlobung mit Molyneur noch in dem Vordergrunde des Intereſſes ſtand. Doch fing der erſte Reiz der Neuheit ſchon an langſam zu verbleichen. Druck von Metzger& Wittig in Leipzig. — 4— 8 9 12 13 14 15 1 10 11 6 17 18 19 2 S 8 ⁵ 6.