Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bü j 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gekie jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprech f . 16 in m W echende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 ſteht zur Em⸗ cher jeden Tag von Morgens henen Vuches wird von Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. —— en 1 M. 50 Pf 2W— f. — e 5*„ 5. Auswäptige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ rene der efecte Buch ein Theil eines größeren Werkes„ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ⸗ Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Ftuttgart. Frandh ſche Lerlanssn 1865. Novellen Erzählungen Marie Sophie Schwartz. ——— Aus dem Scchwediſchen von Dr. C. Püchele. Vierter Band. Stuttgart. . Franckh'ſche Verlagshandlung. 1865. ——— Die Frau bleibt doch Fürwahr das Höchſte, das uns Gott gegeben— Was wäre ohne ſie das Menſchenleben! Der Freude Brennpunkt, Troſt in jedem. Schmerz Iſt ſie und in der Bruſt der Zeit das Herz. Tegnèr. P An einem ſchönen und klaren Oltoberabend wanderten zwei Kadetten Arm in Arm über den Rohrſtrand nach Carlberg, als das Feuerſignal von der Adolf⸗Friedrichs⸗Kirche deren Geſpräch unterbrach. Beim erſten Laut davon entſtand eine lebhafte Bewegung. Alle Knaben, alle alten Weiber und Mägde ſtürzten aus den umliegenden Häuſern und eilten der Königinſtraße zu, und auch unſere beiden Kadetten wandten um, begierig zu erfahren, wo das Feuer ausgebrochen wäre. „Wo brennt es?“ fragte der Größere von ihnen einige Leute, welche mit einer Spritze angezogen kamen. „In einem Haus der Vorſtadt am Sauer⸗ brunnen,“ lautete die Antwort. „Haſt Du Luſt, hinzugehen, Moritz?“ fragte der Größere. „Allerdings; aber wie ſpät iſt es?“ „O, wir haben noch eine Stunde vor uns bis zehn Uhr.“ „Dann iſt die Sache abgemacht. Uebrigens, wenn wir zu ſpät kämen, folgt Arreſt, was etwas Neues für mich wäre. Zwei Jahre in Carlberg ge⸗ weſen und nicht ein einziges Mal im Loch geſeſſen zu ſeyn, iſt etwas Einförmiges, beſonders wenn ich bedenke, daß Du in dieſer Zeit unzählige Mal dich deſſen zu erfreuen gehabt haſt.“ „Aber Du biſt ja blos ein Kind; wofür ſollteſt Du Arreſt bekommen?“ „Für daſſelbe, wie Du.“ „Das wäre etwas früh, für ſolche Vergehen Strafe zu leiden,“ meinte der größere Kadett lächelnd. „Poſſen, Du biſt nicht ſo ſchrecklich viel älter,“ antwortete Moritz im Tone des Beleidigten und ſtreckte ſich, um nicht allzu klein neben ſeinem Be⸗ gleiter zu erſcheinen. „Nur um ſo viel, als die Differenz von fünfzehn und zwanzig beträgt,“ meinte Carl lachend.— „Sieh, da haben wir das brennende Haus.— Vorwärts, mein Junge,“ ſetzte er hinzu, ſeinen Schritt beſchleunigend. Von einem der größern Holzhäuſer in der Nähe des Sauerbrunnens loderten Flammen auf und ver⸗ breiteten einen röthlichen Schein über die ganze Gegend. Rings herum wogte eine dichte Menſchen⸗ menge. Da wurde aus allen Kräften gelärmt und ———— 9 geſchrieen. Viel unnützes Volk ſtand denen, welche etwas helfen konnten, im Wege. Die beiden Kadetten langten auf dem Schauplatz des Unglücks, am Ziele ihrer Neugierde an. „Wem gehört das Haus?“ fragte Carl eine neben ihm ſtehende Frau, welche ihre Stimme gleich⸗ falls erſchallen ließ und vor einem Haufen anderer ſich beſonders lebhaft geberdete. „Ach, Herr Gott! Der Herr weiß das nicht! O, es gehört der Wittwe des Rathsherrn Watz. Ich kenne ſie recht gut; ich habe dort gedient.— Herr mein Gott, ein ſolches Unglück! Man ſagt, ſie müſſen Alle verbrennen; das iſt ja erſchrecklich, fürchterlich....“ Mehr hörte Carl nicht, ſondern ſtürzte vor, drängte ſich durch den Volkshaufen, um dem bren⸗ nenden Hauſe näher zu kommen. Man machte große Anſtrengungen, um die Menſchen zu retten, die noch in dem Gebäude ſich befanden. Als es Carl ge⸗ lungen war, ſich vorzuarbeiten, ſah er an einem der obern Fenſter ein ganz junges Mädchen ſtehen, welches voll Angſt die Hände rang und laut um Hilfe rief. 8 Man konnte ſagen, daß ſie von Flammen umgeben war; denn das Feuer brach ſchon aus allen andern Fenſtern hervor und der ganze Dachſtuhl ſtand in Brand. Eine verzweifelte Stimme rief: „Rettet ſie! Rettet ſie! Oder laßt mich ihr Schickſal theilen.“ Carl ſchaute auf, woher die Stimme kam, und 10 ſah, wie eine Frau ſich flehend zu den Umſtehenden wandte, während ſie mit faſt wahnſinnigen Geberden nach dem jetzt leeren Fenſter blickte. „Frau, man kann ihr nicht helfen. Sie ſehen ja ſelbſt, daß es unmöglich iſt, mitten durch das Fur zu derſelben zu gelangen,“ antwortete man ihr. „Ich will es doch verſuchen!“ rief Carl. „Schafft eine Leiter herbei!“ befahl er; aber es war noch nicht gelungen, eine ſolche aufzutreiben, und es ſah auch nicht aus, als ob man im Augenblick einer habhaft werden könnte. Jetzt wurde Carl einer langen Stange anſichtig, welche auf dem Boden lag und wahrſcheinlich zu einem Maibaum oder dergleichen verwendet worden war. Er ergriff dieſelbe, ſchleppte ſie an das offene Fenſter, an welchem das Mädchen eine Minute zuvor ſich gezeigt hatte, lehnte ſie an die Wand, kletterte an derſelben hinauf und ſprang in das Zimmer. Inzwiſchen war man nach vieler Mühe doch ſo glücklich geweſen, eine Leiter anzuſchaffen, und ſtellte ſie nun an das Fenſter. Sofort wurden allé Spritzen⸗ ſchläuche auf dieſen Punkt gerichtet, um zu verhin⸗ dern, daß das Feuer hier ſich weiter verbreite. Einige Sekunden lang herrſchte eine ängſtliche, erwartungsvolle Stille. Aber jetzt erſchien Carl mit einem ohnmächtigen Mädchen auf ſeinen Armen. Unter einem Douchebad kalten Waſſers ſtieg er mit ſeiner Bürde herab und wurde von der umſtehenden Menge mit Hurrahrufen begrüßt. Man drängte ſich um den Reiter und die Gerettete herum. Carls 11 Haare und Hände waren von dem Feuer verſengt. Das Mädchen war ganz unverletzt, aber in bewußt⸗ loſem Zuſtande. „Macht Platz, daß man die Ohnmächtige an einen Ort bringen kann, wo ihr die nöthige Pflege zu Theil wird, ſowie dem jungen Mann!“ rief jetzt ein Polizeibeamter. Carl trug die Gerettete nach dem Gaſthaus am Sauerbrunnen, legte ſie dort in einem Zimmer auf den Sopha nieder und wandte die gewöhnlichen Mittel an, um ſie zum Bewußtſein zu bringen; aber bevor dieß gelang, trat jene verzweifelnde Frau ein, in Begleitung eines Mädchens, das um einige Jahre älter als die Ohnmächtige war. Die Frau warf ſich mit einem lauten Freuden⸗ rufe über die Bewußtloſe, welche endlich ſich zu erholen begann und die Augen öffnete. Das Erſte, was ihrem Blicke begegnete, war Carls über ſie nieder⸗ gebeugtes Angeſicht, rußig und ſchwarz und von den verworrenen, verſengten Haaren umgeben. Sie hielt erſchrocken die Hände vor die Augen, und Carl zog ſich zurück. „Ida, mein geliebtes Kind, wie iſt dir? Du lebſt, Du biſt gerettet, gerettet, mein Engel!“ rief die Frau und ſchloß das Mädchen in ihre Arme.— „Du haſt dieſem edeln jungen Mann, welchen Gott zur Rettung geſandt hat, dein Leben zu danken,“ ſetzte ſie hinzu, nachdem der erſte Ausbruch der Freude ſich gelegt hatte, und dabei wandte ſie ſich nach der Stelle um, wo Carl geſtanden war. „Wo iſt er? Wohin hat er ſeinen Weg ge⸗ 12 nommen?“ äußerte ſie beſtürzt gegen die Um⸗ ſtehenden. „Er iſt fortgegangen, während die Frau gerade die Mamſell in die Arme drückte,“ antwortete eine Magd mit ſehr gutmüthigem, einfältigem Ausſehen. „Ach, mein Gott! Was wird er von mir denken, daß ich nicht vor allen Dingen ihm meinen Dank abſtattete! Er hält mich gewiß für eine Perſon ohne alle Lebensart,“ bemerkte die Dame in untröſtlichem Ton gegen das älteſte der Mädchen.. „Deine Hände, Carl, ſind ja verbrannt, Du haſt gewiß furchtbar zu leiden,“ ſagte Moritz zu ſeinem wiedergefundenen Kameraden, als ſie nach Carlberg wanderten. „Schweig oder geh zum Teufel mit deinem Gewimmer und ſey froh, daß deine Milchfinger nicht mit dem Feuer in Berührung gekommen ſind. Man möchte ja gleich raſend werden, wenn man einen Burſchen ſo herläufen und ärger als ein altes Weib winſeln ſieht. Glaubſt Du, ein Soldat dürfe daran denken, ob er ſich die Haut ein Bischen verbrennt oder nicht?“ „Aber wir könnten ja zu einem Wundarzt gehen und darnach ſehen laſſen.“ „Du wirſt wohl eine Tracht Prügel haben wollen, wenn Du dein Maul nicht hältſt,“ fiel Carl ein und blieb ſtehen.—„Oder glaubſt Du vielleicht, ich könnte wegen der verbrannten Finger dir nicht gehörig en aufwarten?“ ſetzte er mit drohender Geberde inzu. 13 „Es geſchieht ja nur aus Theilnahme für dich, wenn ich ſo rede.“ „Ich ſcheere mich den Henker um deine Theil⸗ nahme und will dir nur ſagen, daß Du morgen Arreſt bekommſt. Du unterſtehſt dich aber nicht, etwas davon merken zu laſſen, daß wir bei der Feuersbrunſt geweſen ſind, weder vor dem Chef noch vor den Kameraden; denn ſonſt klopfe ich dich gehörig durch, und Du weißt ja, daß ich dabei meine Hände nicht ſchone.“ Sie waren mittlerweile im Schloßhofe angelangt, und Carl ſtieg zur Brücke hinab, um ſich Geſicht und Hände zu waſchen. Darauf begaben ſie ſich in ihr Quartier. II. Vier Jahre ſpäter. In einer kleinen, hübſchen Parterrewohnung der Badſtraße im Norden der Hauptſtadt ſaßen zu Anfang Septembers zwei junge Mädchen in einem ſalonartig möblirten Zimmer. Die ältere hatte ihren Platz am Fenſter. Das Kinn auf die Hand geſtützt, ſah ſie auf die Straße hinaus. Die jüngere hatte ſich in einem Fauteuil ausgeſtreckt und ſah träumend vor ſich hin. „Mein Gott, was für eine unerträgliche Ge⸗ ſellſchafterin Du biſt, liebe Ida. Du haſt, wie Mama 14 ſich ausdrücken würde, weder ein Bischen Lebensart, noch einen Schatten von gutem Ton,“ ſagte die Aeltere, welche am Fenſter ſaß. „Nun, was willſt Du, daß ich thun ſoll?“ Ich ſchweige und höre dir zu,“ antwortete Ida nach⸗ giebig. „Ja, Du hörſt ſchön!— Gott bewahre, damit befaſſeſt Du dich gar nicht. Da habe ich jetzt ge⸗ ſprochen und geklagt, ohne daß ich ein einziges Wort der Theilnahme zur Erwiederung erhielt.“ „Was ſoll ich ſagen?— Mit Mama's Gelb iſt's aus. Wir haben nichts mehr zu leben, außer ihre kleine Penſion.— Wir ſind noch den größeren Theil dieſer Möbel ſchuldig u. ſ. w.... Das Alles iſt ja eine alte Geſchichte. Was kann ich dabei thun, als von Herzen beklagen, als daß Mama nicht beſſer Haus gehalten hat und unmittelbar nach dem Un⸗ glück, wovon wir betroffen worden ſind, eingezogener lebte, als es der Fall geweſen. Wir werden uns wohl der Noth unterwerfen müſſen.— Du und ich, wir können ja Lektionen geben.“ „Welche Einfalt!“ rief die Schweſter, die Hände zuſammenſchlagend.„Und das nennſt Du einen Troſt.— Begreifſt Du nicht, daß etwas Abſcheu⸗ liches in dem Gedanken liegt, für ſein Brod arbeiten müſſen?— Man möchte närriſch werden bei der bloßen Vorſtellung davon.“ „Aber wie willſt Du es denn anſtellen, um. „Mich verheirathen.“ 15 „Aber, Sirena, Du liebſt ja den Bezirksrichter nicht.“ „Von dir kann man ſagen, daß Du nichts ge⸗ lernt und nichts vergeſſen haſt.— Wie oft hat nicht Mama uns geſagt:„Mädchen, ich habe kein Vermögen mehr; von dem Wenigen, was Papa hinterlaſſen hat, wurde der größere Theil ein Raub der Flammen, und das Uebrige will ich gern auf⸗ opfern, um euch in die Welt einzuführen, ſo daß ihr euch verheirathen könnet.— Prägt euch wohl ins Gedächtniß ein, daß ein guterzogenes Mädchen bei der Wahl eines Gatten auf nichts Anderes als auf das Vermögen des Mannes und ſeine Stellung im Leben ſehen muß. Liebe, meine Kinder, iſt immer ein Unglück, wenn man in den Stand der Ehe tritt; da muß nur der reife Verſtand zu Rathe gezogen. werden, wenn man glücklich werden ſoll. Nun, Schweſter Ja, es iſt mein reifer Verſtand, welcher den Bezirksrichter wählt.“ „O nein! So kann es nicht ſeyn,“ rief Ida aufſtehend.„Sicherlich iſt Mama im Irrthum, wenn ſie ſo redet; denn wozu haben wir wohl ein Herz bekommen, wenn nicht deſſen Stimme bei einer Ver⸗ einigung für das Leben gehört werden ſoll?“ „Meine Freundin, Du biſt noch ein kleines Kind und redeſt darnach. Deine Sprache iſt im Widerſtreit mit dem guten Ton. Wir, wohlerzogene Mädchen, dürfen niemals merken laſſen, daß wir ein Herz haben.— Wir ſind in der That nur ſchöne Puppen, welche von den Müttern in die Geſelſſchaft geführt werden, wie der Kaufmann ſeine Waare auf * 16 den Markt bringt.— Der Preis für uns iſt: eine gute Partie. Und hierauf, wenn der Pfarrer nach der Trauung das Amen ſpricht, ſtößt Mama einen Seufzer der Erleichterung und Zufriedenheit aus, denn ſie iſt einer ſchweren Bürde los und findet, daß ſie in Allem ihre Pflicht gegen ſich ſelbſt und ihre Tochter erfüllt hat, ohne ſich darum zu bekümmern, was deren Herz dabei fühlt.“ Sirena ſprach in ironiſchem Ton. Ein Zug von Schmerz flog über Jda's Ange⸗ ſicht, während ſie äußerte: „Deine Schilderung iſt gräßlich.“ „Aber wahr in jedem Wort; und zum Beweis dafür werde ich Elvin morgen mein Ja geben.“ „Aber da glaubt er, daß Du ihn liebeſt und doch iſt dein Herz kalt.“ Ach! Soll ich nun wieder mit Mama's Worten herausrücken? Ihr Mädchen ohne Vermögen habt allzeit den Vortheil vor den reichen, daß ihr um eurer ſelbſt willen genommen werdet!— Jetzt, mein Kind, bekomme ich einen Mann wegen meines hüb⸗ ſchen Ausſehens, und Elvin erhält mein Jawort,— weil er Vermögen hat. Was iſt wohl daran kus⸗ zuſetzen?“ 3 „Unmöglich kann er, der dich ſo innig liebt, auf ſolche Weiſe glücklich werden.“ „Und warum nicht?“— Er ſieht ja ſeinen theuerſten Wunſch erfüllt.— Aber beeile dich, Ma, jetzt geht er vorüber.. „Elvin?“ . „O nein, Lieutenant Brunel.— Ach! Wie iſt er ſo göttlich ſchön!— Aber ſo komm doch daher— ſchau, welche charmanten Augen er hat, wenn ſie nach dieſem Fenſter gerichtet ſind.— Wie er ſo ſüß iſt, wenn Elvin doch auch ſo ausſähe!— Wie un⸗ erträglich faul Du biſt, daß Du dich nicht vom Flecke rührſt; jetzt iſt er vorbei.“ „Ich kümmere mich nicht im Geringſten um den Lieutenant und kann gar nichts Göttliches an ihm finden.“ „Dieß kommt daher, daß Du ihn niemals recht betrachtet haſt, oder vielleicht daher, daß er nicht nach dir ſieht.“ „Gelegenheit gab es genug für mich, ihn zu ſehen, denn er trabt ja jeden Tag hier vorüber.“ „Du ärgerſt dich gewiß darüber, daß ſeine Fen⸗ ſterparaden dir nicht gelten.“ „Ganz und gar nicht; ich würde mich um ihn auch ebenſo wenig kümmern, ſelbſt wenn ſie meinet⸗ wegen geſchähen, und ſo dünkt mir, ſollteſt auch Du thun, da Du dich mit einem andern zu verheirathen beabſichtigſt.“ „Das wäre zu viel begehrt, dürfte man nicht nach Andern ſehen, wenn man ſich verheirathet; eine ſolche Treue iſt durchaus nicht nach der Mode.— Aber mir iſt unbekannt, warum Du ſo gleichgültig biſt.— In deiner Phantaſie ſpuckt ein ſchwarzes und rußiges Angeſicht, ich weiß wohl von wem,“ ſcherzte Sirena. „Schweig, Du thuſt mir weh,“ antwortete Ja erröthend. Schwartz, Novellen. IV. 2 18 III. In emer prächtigen Wohnung an der Schiffs⸗ brücke bei dem Großhändler Aker wurde gleichzeitig mit dem vorſtehenden folgendes Geſpräch geführt. „Aber, liebe Karoline, ich begreife dich wahr⸗ haftig nicht, ſeitdem dein Mann Großhändler gewor⸗ den iſt. Du biſt nicht die verſtändige Frau wie ſonſt, und bei der Wahl eines Mannes für Amy handelt ihr, Du und Aker, unverzeihlich leicht⸗ ſinnig.“ „Bruder, die Partie mit dem Baron iſt eine Sache, woran ich ſammt Pehr eifrig gearbeitet habe, weil derſelbe eine Stellung in der Geſellſchaft ein⸗ nimmt, welche für uns nicht zu verachten iſt.“ „Du meinſt ſeinen Baronentitel?— Ich glaubte nicht, daß der Dämon des Hochmuths und der Eitel⸗ keit ſo eine Gewalt über dich gewinnen würde, um dich zu beſtimmen, die Zukunft und das Glück deines einzigen Kindes in die Hände eines ruinirten, leicht⸗ ſinnigen und ausſchweifenden Junkers zu legen.— Wie kann Aker ſo dumm ſeyn, um ſich von dir zu einer ſolchen Handlung verleiten zu laſſen?“ „Bedenke, lieber Erik, daß es unſer einziges Kind iſt, und daß wir ſchon, da ſie heranwuchs, den Wunſch gehegt haben, ſie mit einem Mann von Geburt ver⸗ einigt zu ſehen. Ueberdieß haſt Du mit der ganzen Sache gar nichts zu thun.“ Ah ſo, Du ſprichſt jetzt aus ſolchem Ton; es lautete doch ganz anders, als ich Amy, da ſie noch * 19 ein Kind war, zu mir nahm und die Koſten ihrer Erziehung beſtritt, damit Du ungehindert deinem Han⸗ del mit Nippſachen dich widmen konnteſt. Aber nach⸗ dem die Jahre dich ſo verändert haben, Frau Schwe⸗ ſter, will ich dir ſagen, daß ich nicht mein Leben lang gearbeitet und geſpart habe, um mein Bischen durch einen ſolchen Lumpenkerl verſchwenden zu laſſen; denn Du weißt wohl, daß mein Vermögen einmal nach meinem Hingang Amy zufallen ſoll.— Du weißt auch, wie lieb das junge Mädchen meinem alten Herzen iſt; und nur die Ueberzeugung, daß ihre Zukunft auf dem Spiele ſteht, hat mich be⸗ ſtimmt, hieher zu kommen.— Aber iſt es ſchon ſo ausgemacht, daß ſie die Frau des Barons werden ſo „Schau doch nicht ſo zornig drein, Erik, ſon⸗ dern höre auf ein vernünftiges Wort. Siehſt Du, obwohl Aker jetzt Großhändler iſt, ſo erinnert man ſich doch der Zeit, da er mit Viktualien und ich mit Nippſachen handelte. Dieß kommt mir auch nicht ſehr auffallend vor.— Aber eine Verbindung mit dem Baron Stralkrona und deſſen Familie bringt die Verhältniſſe in's Gleichgewicht und... „Und macht euch beide dadurch lächerlich, außer⸗ dem daß ihr euer Kind einem ausſchweifenden Ge⸗ ſellen aufopfert, nur um in eine adelige Familie zu kommen.— Glaubſt Du wirklich, daß ſie deßhalb vergeſſen, was ihr geweſen ſeid?— Nein, ſie wer⸗ den euch zum Gegenſtand des bitterſten Spottes machen, wenn ihr es nicht hört, und inzwiſchen nach Herzensluſt das Geld verthun, welches euch ſo manche * 20— Entſagung gekoſtet hat und erſt nach einer langen Reihe von Glücksjahren zuſammengeſcharrt worden iſt.— Ich will nicht mehr zu deinen Verwandten gerechnet werden, von dem Tage an, da ich weiß, daß Du aus Eitelkeit dich dieſen ahnenſtolzen Faul⸗ lenzern preisgegeben haſt.“ „Aber ehe Du den Stab über deine einzige Schweſter brichſt und ihr die Verwandtſchaft aufkün⸗ digſt, rede mit Amy. Wir wollen ſehen, ob Du nicht etwas milder geſtimmt wirſt.“ „Mag geſchehen; ich will ſogleich hinein,“ er⸗ wiederte der Bruder, ein alter Mann mit ſonnen⸗ verbranntem, aber ehrlichem Geſichte, deſſen ganz Weſen etwas Einfaches und Gerades hatte. W. In einem kleinen, blumengeſchmückten und net⸗ ten Gemach am Ende deſſelben Stockwerks finden wir ein junges Mädchen von hübſchem Ausſehen. Das Prädikat ſchön konnte ihr wohl nicht zukommen, da die Züge zu unregelmäßig erſchienen; aber die Augen waren groß und dunkelblau, von lebhaftem, heiterem Ausdruck. Dagegen zeigte ſich die Naſe allzu ſtumpf und der Mund allzu groß, um ſchön genannt werden zu können, obwohl die weißen und geſunden Zähne den letztern Fehler etwas überſehen ließen. Die Geſichtsfarbe war blühend, der Wuchs klein, aber untadelhaft. . — 4 n Das junge Mädchen ſtand vor dem Speg n und ſprach mit ihrem eigenen Bildniß. n„Ach, ach, liebe Amy, wie dein Mund ſo groß iſt, Du zeigſt alle deine zweiunddreißig Zähne, wenn Du lachſt— und dann die Naſe— die deutet auf einen bürgerlichen Urſprung hin. Wie wilſſt Du es e anſtellen, um ihr eine edlere Form zu geben?— Gymnaſtiſche Uebungen treiben! würde Helmine Hern⸗ u feldt antworten. „Um meine Naſe etwas wie antik zu machen, werfe ich mich plumps auf die Gymnaſtik,“ ſang ⸗ Amy, im Zimmer herumtanzend; dann kehrte ſie s wieder zum Spiegel zurück.— Aber wenn mir auch dieß und jenes fehlt, um eine Schönheit zu ſeyn, ſo habe ich doch ſtatt deſſen andere Gottesgaben; denn jetzt, nachdem ich Oſſian's Braut geworden, bin ich das glücklichſte Mädchen auf dem Erdboden. Ich muß doch wohl nicht ſo übel ſeyn, da er mich liebt. Wäre das nicht der Fall, ſo hätte er nicht um mich gefreit und...“ „Und hätteſt Du nicht ſo viel Geld von deinen Eltern zu erwarten, ſo würde er weder ſich in dich verliebt geſtellt, noch um dich gefreit haben,“ fiel eine männliche Stimme von der Thüre her ein. „Ah ſieh da, Erik— willkommen bei mir, Du rarer Onkel, obwohl Du etwas geſagt haſt, das ſehr n unfein und häßlich war. Pfui, von Geld zu ſpre⸗ d chen, wenn Du Oſſian nennſt! Achk würdeſt Du ihn kennen, ſicherlich bereuteſt Du, ihn des Eigen⸗ 3 nutzes beſchuldigt zu haben.“ 2 22 onm und ſez bich da auf mein Knie, ſo wil ich vernünftig mit dir reden, mein Mädchen.“ „Dafür habe ich keine beſondere Schwäche,“ ent⸗ gegnete Amy lachend, ſetzte ſich aber auf ſeine Kniee und ſpielte mit ihren kleinen Händen in ſeinen ſtraf⸗ fen und üppigen Haaren. „Du biſt verlobt:— haſt Du auch die Gewiß⸗ heit, daß Du glücklich wirſt?“ „Ja, vollkommen.“ „Nicht ſo haſtig, Du kleines, naſeweiſes Ding. — Weißt Du, ob dein Bräutigam dich liebt, oder ob es nicht eher deiner Eltern Reichthum iſt, welcher ihn verleitet, ſich mit dir zu verheirathen?— Und endlich, biſt Du ganz gewiß überzeugt, daß Du ſelbſt Liebe zu ihm hegſt, und daß es nicht vielmehr ſein Rang und deine geſchmeichelte Eitelkeit ſind, wodurch Du dich beſtimmen läſſeſt, ihn zu nehmen?“ „Onkel, wie kannſt Du ſo etwas von deiner Amy glauben!“ In des Mädchens Auge ſchimmerte eine Thräne. „Flenne mir nur nicht gleich, Amy; es war nicht ſo böſe gemeint,“ beſchwichtigte er, mit ſeiner groben Hand ihre blühende Wange ſtreichelnd.„Ant⸗ worte mir ſtatt deſſen verſtändig und ohne Thränen. „Nun, ich will ſie verſchlucken und die Ant⸗ wort geben,“ bemerkte Amy, durch die Zähren lächelnd. „Um zuerſt von Oſſian zu reden, ſo bin ich von ganzer Seele überzeugt, daß er mich liebt, und daß nicht ein einziger Gedanke an mein Vermögen bei ſeiner Bewerbung im Spiele iſt.— O nein, jedes 3 unedle Gefühl, jede niedrige Berechnung iſt nuc lebensfrohen und warmen Herzen fremd.— Er iſt ſo offen und frei von aller Verſtellung, daß Du ſelbſt, lieber Onkel, es ſogleich anerkennen würdeſt. Und was mich betrifft, ſo habe ich ihn von dem erſten Augenblick, da ich ihn ſah, geliebt, ohne daß ich in der erſten Zeit ſeines Umgangs mit meinen Eltern an den Rang des Barons bei ihm dachte. Mein Herz iſt ihm ſo warm, ſo treu zugethan, daß es kein Opfer gibt, dem ich mich nicht geduldig und mit Ergebung unterwerfen würde, wenn es ihm gälte.“ „Würdeſt Du auch die Entdeckung, daß er dich niemals geliebt hat, ertragen können?“ Amy erbleichte, gab aber ſogleich zur Antwort: „Ja, ich könnte ſie ertragen, denn erſt mit mei⸗ nem Tode gäbe ich die Hoffnung auf, eines Tages es dahin zu bringen, daß er mich liebt.“ „Und das glaubſt Du auch, wenn ihr verhei⸗ rathet ſeid und Du findeſt, daß er ſich nur aus Eigennutz mit dir verbunden hat?“ „Onkel, wenn Gott mich noch ſo hart prüfen ſollte, ſo fühle ich auch, daß es mir mit ſeiner Hilfe dennoch gelingen würde, Oſſians Herz mir zuzu⸗ wenden.“ „Wie gedenkſt Du das anzuſtellen?“ „Ach! Du fürwitziger Onkel, das brauchſt Du nicht zu wiſſen. Eine Frau hat tauſenderlei Art und Weiſe, ſich ihres Mannes Liebe zu erwerben und zu bewahren, wenn ſie dieſelben nur anzuwenden ge⸗ neigt iſt.“ 24 „Aber dein Oſſian iſt ein Trinker, ein Spieler, ein leichtſinniger und ſittenloſer Menſch, welcher nie⸗ mals lernen wird, dein edles Herz ſeinem Werthe d nach zu ſchätzen.“ „So mußt Du nicht ſagen, Onkel, denn ich be⸗ greife ganz wohl, daß ein Mann von ſeiner heitern Gemüthsart ſich eines oder des andern Fehltritts ſchuldig machen konnte; aber ſo viel iſt ſicher, daß ſein beſſeres Gefühl darunter keinen Schaden gelitten hat. Aber, wozu dieſes Geſpräch verlängern? Mein zukünftiges Glück, Onkel, heißt Oſſian; er mag in Anderer Augen noch ſo unvollkommen ſein, dennoch iſt er, nachdem ich ihn kennen gelernt habe, meine einzige irdiſche Seligkeit. Auch iſt es jetzt zu ſpät, von ſeinen Fehlern zu reden; das hätte damals ge⸗ ſchehen ſollen, als ich ihn zum erſten Male ſah, bevor ich mein Herz ihm zu eigen gab. Und Du, mein eigener Oheim, willſt doch nicht Wermuth in den Becher meines Glücks träufeln?“ „Nein, mein Kind, Gott bewahre mich davor. So magſt Du ihn in Gottes Namen haben, nachdem er Zeit gefunden hat, ſich in dein Herz einzuniſten; ich will mich nicht hindernd in den Weg ſtellen; aber vergiß nicht, Amy, daß wenn Du einmal vom Miß⸗ geſchick heimgeſucht werden ſollteſt, Du an dem alten Onkel Erik einen treuen Freund haſt, an welchen Du dich zu wenden verſprechen mußt, wenn Du einer Stütze und eines Beiſtandes bedarſſt. Mir ahnt, daß ein ſolcher Tag kommen wird. Verſprich mir nur, 3 ohne Furcht und falſche Scham deine Zuflucht zu mir zu nehmen.“ S—— S 25 „Guter Onkel, das verſpreche ich,“ antwortete Amy ernſt, indem ſie deſſen Hand an ihre Lippen drückte. v. Eines Abends im Frühjahre nach dem oben etwähnten Geſpräch trat ein junger Mann bei Lieu⸗ tenant Brunel in ſeiner Wohnung in der Regierungs⸗ ſtraße ein. „Nun, wo biſt Du geſtern geſteckt, mein lieber Brunel?“ fragte der Ankommende. „Ich war Marſchall bei einer Hochzeit.“ „Bei welcher denn?“ „Mein Kouſin, Baron Stralkrona, verheirathete ſich mit der reichen Mamſell Aker.“ „Das war ein Freudenfeſt für alle ſeine Gläu⸗ biger!— Nun die Braut iſt wohl häßlich wie die Nocht, da ſie ſo reich wie ein Gnom iſ „Nein, ſie iſt ein recht nettes und einnehmendes kleines Weſen.“. „Das iſt allzu viel Glück auf einmal, Geld und ein hübſches Geſicht zu bekommen.— Was haſt Du für heute Abend vor?“ „Nichts.“ „Willſt Du eine Promenade zu Davidſon machen?“ „Warum nicht.“ Eine Weile hernach brachen die jungen Männer 26 auf und wanderten Arm in Arm zu Davidſon. Dort angekommen ließen ſie ſich an einem der kleinen Tiſche nieder und verlangten Punſch und Cigarren. Während ſie nun plauderten und rauchten, kamen zwei junge Militärs unter einer Salve lauten Lachens heran.— „Guten Abend, Brunel, guten Abend, Grill, habt ihr ſchon von der köſtlichen Neuigkeit gehört?“ fragten die Neuangekommenen. „Von welcher?“ „Rathet, rathet,“ lachten die Andern. „Aber— ſo ſprecht doch— ihr Thoren,“ rief Brunel. „Nun ja, der Muſik⸗ und Compoſitionsnarr, Kommerzienrath Brenner, der bisher einzig von und für Muſik gelebt, und ſo lang er auf Erden iſt, nie eine Frau angeſehen hät ha!“ „Nun, iſt er ins Irrenhaus gebracht worben?“ „Nein, noch ſchlimmer— er ſitzt heute Abend als Bräutigam da!“ „Die Braut muß ein lebendiges Inſtrument ſein oder närriſch, gleich ihm.“ „Und niemals zuvor einen Mann erblickt haben,“ ſetzte Grill hinzu. „Sie iſt des Anſehens werth,“ meinte einer der Neuangekommenen. „Ein guter Vorſchlag; laßt uns hingehen und die Braut beſehen,“ riefen die Andern. „Wir können nicht in der ganzen Stadt herum⸗ ſpringen, um ſie aufzuſuchen,“ wandte Brunel ein. „Das iſt auch gar nicht nöthig; denn Moritz — 27 Kruten iſt Marſchall bei der Hochzeit, und ihm haben wir die Neuigkeit zu danken; die Hochzeit findet bei *s ſtatt.— Nun, brechen wir auf?“ „Das verſteht ſich. Aber hat Moritz nicht ge⸗ ſagt, wie die Braut heißt?“ „Darnach fanden wir keine Zeit zu fragen, denn er hatte verzweifelte Eile.“ Damit entfernten ſich alle vier, nahmen ihren Weg nach der Königsholmbrückenſtraße und hinauf in das Hotel, wo die Braut zu ſchauen war. Im Saale angekommen, fanden ſie die Mar⸗ ſchälle mit ihren Lichtern und einen Halbkreis ſchöner blühender Mädchen. In der Mitte derſelben ſtanden zwei Bräute. Die eine derſelben, ein ſehr kleines, faſt ſchmächtiges, holdes Mädchen mit träumeriſchen Augen, feinen Geſichtszügen und ſchönen braunen Haaren. Der hübſche Brautkranz paßte wenig zu ihrem be⸗ trübten Ausſehen. Ihr Blick weilte hin und wieder auf einem der Marſchälle. Die andere war eine hochgewachſene, ſchlanke Brunette mit ideal regelmäßigen Zügen, ſtolzem Blick, graziöſem Lächeln und fein ge⸗ formter Naſe. Sie hatte üppiges, glänzend ſchwarzes Haar, friſche Geſichtsfarbe und ſtattliche Figur. Als unſere vier eintraten, flüſterte Grill: „Was ſoll das heißen, wird er etwa zwei Frauen nehmen?“ „O nein, Du Narr; die ſchöne Brunette iſt Elvin's Braut; ich habe ſie ſchon an ſeiner Seite geſehen. Die Kleine iſt ſomit die des Kommerzien⸗ raths und wahrſcheinlich eine Schweſter zu der andern.“ 3 28 „Elvin bekommt eine allzu ſchöne Frau; man könnte beim Anblick eines ſolchen Geſichtes wahrhaf⸗ tig den Verſtand verlieren; aber wie hat der Muſik⸗ wüthige das kleine nette Teufelchen aufgefiſcht?“ „Schweig!“ fiel Brunel in ſeltſamem Tone ein und packte ihn feſt am Arme. „Haſt Du plötzlich den Verſtand verloren, oder warum ſtarrſt Du wie ein Wahnwitziger die beiden Bräute an? Siehſt Du nicht, welche Augen die Kleine auf unſern Freund Moritz macht?— Armer Kommerzienrath, ſein Schickſal iſt bereits beſtimmt, und ſie ſetzt ihm einen ſchönen Schmuck auf's Haupt.“ „Schwatz keine Dummheiten,“ unterbrach ihn Brunel ungeduldig. „Der Liebesgott allein mag wiſſen, ob nicht eine von ihnen deine Flamme iſt; ich werde nicht klug daraus.“ „Was ſagſt Du?“ fragte Brunel ſtirnrunzelnd. „Ich finde es unbegreiflich, daß Du nicht Mar⸗ ſchall auf Elvin's Hochzeit biſt; ihr ſeyd ja alte Be⸗ kannte,“ antwortete Grill, um von der Sache abzu⸗ kommen.“ „Das erklärt ſich ganz einfach; weil wir ſeit meiner Rückkehr nach Schweden nicht mehr mitein⸗ ander Umgang haben.“ Und nun gingen die vier jungen Männer ab und trennten ſich vor dem Thore des Hotels. „ — 29 VI. Ein Jahr nach den drei erwähnten Hochzeiten wollen wir einen Beſuch bei dem Bezirksrichter Cvin machen. Er hatte eine ſchöne Wohnung in der Vor⸗ ſtadtmarktſtraße. Alle Zimmer waren hell erleuchtet, woraus ſich ſchließen ließ, daß man Gäſte er⸗ wartete. „Weißt Du, Nils, ich finde, daß deine Coufine, die Freiherrin Stralkrona zu ihrer Stellung als vor⸗ nehme Dame nicht recht paßt. Ihre Erziehung iſt ſehr vernachläſſigt worden,“ bemerkte Sirena gegen ihren Mann, welcher in voller Toilette auf einem Sopha ſaß und mit den Quaſten deſſelben ſpielte. „Dieß kommt daher, weil Du ſie blos dem Aeußern nach kennſt: denn Amy iſt eine an Ver⸗ ſtand und Gemüth ſehr gebildete und zartfühlende Frau, aber viel zu gut und natürlich, um in alle die kläglichen Forderungen der Konvenienz ſich ein⸗ ſchnüren zu laſſen. „Sehr verbunden,“ fiel Sirena mit etwas em⸗ pfindlicher Miene ein,„als ob Vernunft und guter Ton ſich nicht miteinander vereinigen ließen?“ „Ja, bei dir, meine geliebte Sirena, bei dir läßt ſich Alles vereinigen; aber ſiehſt Du, mein Engel, es gibt nur ſehr wenige, welche dir gleichen, und Du mußt das auch gar nicht begehren,“ ant⸗ wortete der verliebte Chemann, ergriff mit Leiden⸗ ſchaft ihre Hände und wollte ihr einen Kuß rauben. 30 „Mein Herr, Sie ſind allzu unartig,“ ſcherzte Sirena und zog ſich zurück. Jetzt wurden Gäſte angemeldet. Einige Stunden ſpäter war der Ball in vollem Gang, und wir beeilen uns, nach den drei Frauen umzuſehen, welche die Hauptrolle in dieſen Blättern zu ſpielen beſtimmt ſind. Wir finden zuerſt Sirena auf einer Pompadour ſitzend, und Baron Stralkrona auf einem Stuhle neben ihr. Dieß war unmittelbar nach dem Ende eines Walzers. „Aus Barmherzigkeit, meine gnädige Couſine, vergönnen Sie mir auch den nächſten Walzer,“ äußerte der Baron, welcher, ſeinen Arm auf die Pompadour ſtützend und zu ihr vorgebeugt, mit nur allzu ſpre chenden Augen Sirena anſah. „Sie haben ja eben einen Walzer mit mir ge⸗ tanzt,“ antwortete Sirena und ließ ihre Augen mit einer unvergleichlichen Koletterie an dem Baron vor⸗ * O, ich flehe darum, als um die größte Selig⸗ keit auf Erden.— Ich unterwerfe mich für dieſes Glück jedem Opfer, welches es ſey.“ „Mein Mann und Ihre Frau könnten es auf⸗ fallend finden, wenn Sie zweimal nach einander mit mir walzen.“ Sirena ſpielte dazwiſchen bedenklich mit ihrem Bouquet. „Fürchten Sie Ihren Mann wirklich?“ fragte der Baron, indem er Sirena tief in die Augen ſah. „Ich glaube es nicht. Wenn man ſo ſchön iſt, wie 31 Sie, beherrſcht man alle Männer, und der Liebende iſt immer blind.— Ihr Gatte betet Sie an.“ „Und Ihre Frau?“— „Iſt ein gutes Kind, welches ſich ſtets glücklich ſchätzt, wenn ich mich des Lebens freue.— Sie haben mein Glück, meine Seligkeit in Ihren Hän⸗ den, ſchöne Sirena.“ „Und dieſe beſteht in— einem Walzer?“ „Ja mit Ihnen! Seyen Sie nicht länger grauſam.“ „Die Worte ſind etwas übertrieben, aber ich werde dießmal Ihre Bitte bewilligen, damit Sie Ihrer Verſicherung eingedenk bleiben, ſich jedem Opfer, das ich fordere, zu unterwerfen.“ Sirena ließ eine Sekunde ihre Augen auf ihm ruhen. Was der Blick ſagte, wiſſen wir nicht; aber er machte unſeren Baron ganz wirr im Kopfe, ſo daß er mit Leidenſchaft beſtätigte: „Sirena kann nichts von mir begehren, deſſen Erfüllung ich nicht von Pflicht und Ehre für mich geboten anſehen würde.“ „Ich werde bald die Wahrheit Ihrer Worte erproben.— Verlaſſen Sie mich nun bis zum näch⸗ ſten Walzer.“ Sirena neigte das Haupt, und der Baron ſtand auf und zog ſich zurück. 32 In einer Fenſtervertiefung in dem kleinen Salon ſaßen Ida und Lieutenant Moritz Krutén, in einem Geſpräch begriffen. „Wie weiß der Herr Lieutenant, daß ich beinahe verbrannt wäre, wenn Sie ſich nicht an jenem ſchreck⸗ lichen Abend zur Stelle befunden hätten,“ fragte Ida, indem ſie einen forſchenden Blick auf Moritz heftete. „Ich verſichere Sie, daß ich nur davon reden gehört habe,“ antwortete der Lieutenant lächelnd. „Ich bin vollkommen überzeugt, daß meine Ahnung mich nicht betrogen hat; daß Sie es ſind, dem ich meine Rettung von jenem riſehli Tode zu danken habe.“ In Ia's Auge glänzte eine Thräne. „Ich habe leider daran keinen Theil; dieſes Glück kommt einem Andern zu.— Ich war dem Feuer nie ſo nahe.....“ „Sie waren es doch.— Warum länger hart⸗ näckig eine ſo edle und hochherzige Handlung verleug⸗ nen?“ entgegnete Jda, während der Ton, in dem ſie ſprach, eine tiefe Rührung verrieth. Der Gedankengang des Lieutenants nahm eine andere Richtung, und ſtatt zu antworten fragte er: „Sie kennen alſo, Frau Brenner, die Geſichts⸗ züge Ihres Retters nicht?“ „Nein.— Ich ſah ihn nur einen Augenblick, und da war ſein Geſicht von Rauch entſtellt, und ich 33 befand mich in ſolcher Aufregung und war ſo kin⸗ diſch, daß ich in Furcht gerieth.— Man hat mir geſagt, daß er noch ſehr jung war.— Der Herr Lieutenant war damals gewiß nicht viel älter als ich?“ „Fünfzehn Jahre.“ „Ah! Sehen Sie, ich hatte Recht; Sie ſind es beſtimmt.“ „D, Madame! Wenn Sie wüßten, welches Glück es für mich ausmachen würde, wenn ich irgend ein Recht auf eine Erkenntlichteit von Ihrer Seite hätte. 4 Der Lieutenant, ein Jüngling von neunzehn Jahren, debutirte wahrſcheinlich erſt als Kourmacher, denn er kam außer ſich und ſah ganz verlegen aus. Ida, mit ihren achtzehn Jahren auf dem Rü⸗ cken, war im höchſten Grade ſchüchtern, und beide ſchwiegen eine Weile. Endlich ſtammelte Moritz eine Bitte um den nächſten Walzer, welcher ihm bewilligt wurde. VIII. Eeinſam in einem Kabinet ſaß Amy, und in ihrer Miene waren Unruhe und Schmerz zu leſen, während ſie bei ſich ſagte: „Er fragt nichts nach mir.— Er hat nicht ein einziges Mal dieſen Abend nach mir geſehen oder mit Schwartz, Novellen. IV. 3 34 mir geſprochen.— Ach, mein Gott! wenn der Onkel doch Recht bekäme!.... Das wäre allzu viel— ſchon nachdem wir erſt ein Jahr lang verheirathet ſind.— Nein, nein, es iſt nicht ſo— es kann nicht ſo ſeyn.— Es gehört wohl, kann ich mir denken, zu den abſcheulichen Forderungen des Geſellſchafts⸗ lebens, daß Gatten ſich nicht um einander beküm⸗ mern.— Aber ein Wort, einen Blick könnte er gleichwohl für mich haben....“ Etwas wie eine Thräne umdüſterte Amy's Blick, als gerade in dieſem Augenblick ihr Mann hereinkam. „Warum ſitzeſt Du hier ſo einſam da, Amy? Es paßt nicht für die Freiherrin Stralkrona, ſich zu⸗ rückgezogen zu halten.— Meine kleine Freundin, Du ſollſt an der Konverſation und dem Tanze Theil nehmen und vor allen Dingen deines Ranges geden⸗ ken.— Sieh auf Sirena, welches charmante Aus⸗ ſehen, und eine ſo ſuperbe Haltung; nimm ſie dir zum Muſter, ſo geht Alles gut.— Aber, apropos, haſt Du ſie geſehen?— Ich werde dieſen Walzer mit ihr tanzen.“ „Du wirſt alſo wieder mit Sirena tanzen? „Und was iſt es dann?“ „Und nicht ein einziges Mal mit mir?“ Amy war dem Weinen nahe. 2 „Amy, was ſoll das bedeuten?— Willſt Du uns zu einem Gegenſtand des Gelächters machen?— Ich glaube meiner Seele, Du weinſt, daß ich nicht mit dir tanze;— aber biſt Du denn von Sinnen? — Es iſt mit unangenehm, ſehen zu müſſen, daß Du ſo wenig weißt, was die Welt von dir fordert, 35 und daß Du dich von dergleichen unpaſſenden roman⸗ haften Empfindungen hinreißen läſſeſt.“ 8 Dieß wurde in ſtrengem Tone geſprochen, wo⸗ rauf der Baron hinauseilte. Jetzt könnte ſich Amy nicht länger zurückhalten; ſie brach in Thränen aus. Bittere Zähren floßen über ihre Wangen, und Gott allein weiß, wie lang Amy geweint haben würde, wenn nicht eine männ⸗ liche Stimme ihr Ohr getroffen hätte. „Wie, Kouſine, ich glaube, Du weinſt?“ Amy erhob ſchüchtern ihre Augen zu dem Fra⸗ genden, und vor ihr ſtand Baron Oſſians Kouſin, Lieutenant Brunel. In ſeinem ſchönen Angeſicht war eine wirkliche Theilnahme zu leſen. „Das geht nicht an,“ fuhr er fort,„daß eine ſo junge Frau einſam daſitzt, ohne an der Freude des Balls Antheil zu nehmen;— ich komme gerade, dich um dieſen Walzer zu bitten.“ Amy fuhr mit dem Taſchentuch über ihr Geſicht und antwortete lächelnd: „Ich bin ein verzogenes Kind, beſter Guſtar, welches gleich mit Thränen zur Hand iſt, deſſen Sorge aber ebenſo ſchnell verſchwindet als kommt, und darum nehme ich deine Aufforderung an.“ Brunel führte Amy in den Tanzſaal. An einen der Thürpfoſten gelehnt, ſtand der Bezirksrichter Elvin da und ſah mit eiferſüchtigen, unruhigen Blicken, wie ſeine ſchöne Frau nun zum zweiten Mal mit dem artigen Baron walzte. Sicher⸗ lich kam es dem Beszirksrichter in ſeiner Unruhe vor, als ob Sirena freudiger ausſähe, als es ſich für ſie ——————. 36 ziemte; aber dieß war unbezweifelt ein Irrthum. Mittlerweile dachte er ſeufzend: aber wenn ſie mich nicht liebte— wenn ſie eines Tags einen andern lieben ſollte, dann....“ Und damit verabſchieden wir uns vom' Ball. IX. Am folgenden Tage las Ida, nachläßig auf einem Sopha ausgeſtreckt. Die glänzenden dunkel⸗ braunen Haarflechten fielen unordentlich auf das leichte Morgengewand nieder. Ihr Angeſicht hatte einen träumeriſchen und zerſtreuten Ausdruck. Das Zimmer, worin ſie ſich befand, ſtellte der Möblirung nach zu ſchließen, einen Salon dar. Eine große Menge von Statuetten, Gemälden und Kurio⸗ ſitäten gab zu erkennen, daß der Beſitzer bei der Ausſtattung deſſelben mehr ſeine Eitelkeit, als den guten Geſchmack zu Rath gezogen hatte. Ein prächtiger Flügel machte deſſen vornehmſten Schmuck aus. Ida's Gedanken lauteten ungefähr folgender⸗ maßen:„Ach, wenn mich nur Mama nicht mit Thränen und Bitten zu dieſer Ehe überredet hätte!— Welches traurige Schickſal hat ſie mir bereitet— an einen Mann gekettet zu ſeyn, welcher nicht lieben kann, welcher ſich nichts um mich bekümmert, ſondern nur um meiner Stimme willen dieſes Band geknüpft hat.— Ja, wenn ich frei wäre, dann hätte ich ein⸗ mal die Frau von Moritz werden können.“ — — ———— 37 Ida fuhr zuſammen, als fürchtete ſie, es habe Jemand ihre geheimen Gedanken belauſcht, und ſah ſich ſcheu rings im Zimmer um. In dieſem Augenblick kam eine Magd herein, mit einem Paket Muſikalien, welche die Freiherrin Stralkrona hergeſchickt hatte. Ohne ihre Lage zu verändern, nahm Ida das Paket und legte es auf den Tiſch. Darauf verſank ſie wieder in tiefes Sinnen. „Wer Jemand zu lieben hätte und wieder ge⸗ liebt würde!— O wie bitter iſt es, ſich einſam zu fühlen, immerdar einſam in dieſer ganzen weiten Welt. Hätte ich doch ein ruhiges und kaltes Herz wie Sirena bekommen, wie Mama, wie mein Mann, wie alle Andern.— Jetzt fühlt ſich's hier auf Erden ſo leer und öde; gewiß ſterbe ich vor Sehnſucht nach Theilnahme.“ „Na, mein Kind, was machſt Du?“ ließ ſich eine ſchwache weibiſche Stimme vernehmen, und ein großer, ſehr ſchmächtig ausſehender Mann mit noch jungem, unmännlichem Ausſehen lam eilfertig von dem angrenzenden Zimmer in den Salon hereinge⸗ ſchritten.—„Ich glaubte, Du werdeſt repetiren, meine kleine Freundin.— Haſt Du das Konzert heute Abend, bei welchem ich deine Mitwirkung ver⸗ ſprochen habe, vergeſſen?— Ich muß jetzt ausgehen, — aber ich wünſche, daß Du inzwiſchen nur mit den Vorbereitungen zu dem Konzert dich beſchäftigeſt.— Geſtern bei dem Baron ſprach man nur von deiner ungewöhnlich ſchönen Stimme und bekomplimentirte mich deßhalb. Heute Abend mußt Du dich ſelbſt übertreffen. Nichts geht über Muſik. Die Muſik iſt das einzige wahre Gut des Lebens.“ Und damit entfernte ſich Kommerzienrath Brenner, ohne ſeiner jungen Frau irgend einen Beweis ſeiner Zuneigung zu geben. Jda ſeußzte und erhob ſich langſam, indem ſie flüſterte:„Nichts geht über Muſik?— Ja, doch etwas, um das ich gern alle Muſik der Welt hingäbe. — Meine Ehe iſt ein Geſang— bloßer Geſang, aber doch nicht des Herzens, nicht der Liebe zärtliche Töne!“ Sie öffnete das Notenpaket.— Aus demſelben fiel ein Brief heraus. Na erbrach ihn und las: „Madame! Sie ſind jung und unerfahren.— Si ſind zärtlich und gut.— Hüten Sie ſich! Denn das Leben iſt voll Verſuchungen. Sie fühlen ſich allzu einſam in der Welt und wünſchen ein Herz zu be⸗ ſiten, das Sie lieben kann. Ach, wiſſen Sie wohl, was Sie wünſchen? Ein Leben, in bittere Reue ein⸗ geweiht und ſeiner Ruhe für immer verluſtig.— Der, welcher einmal Ihr Leben rettete, ſendet Ihnen dieſe Warnung; er wünſcht Sie vor einer viel un⸗ glückicheren Lage zu bewahren, als diejenige iſt, unter welcher Sie gegenwärtig leiden: vor Ihrer kei⸗ menden Neigung zu Moritz.— Sie ſind verheira⸗ thet— und Ihr Herz darf Niemand als Ihrem Gatten angehören. Forſchen Sie nicht darnach, wie dieſer Brief nter die Noten kam. Fragen Sie Niemand, denn 39 Niemand weiß etwas davon außer dem, welcher über Sie wachen will. Carl.“ Stumm und beſtürzt ſaß die junge Frau da. Es gab alſo Jemand, der ihre Neigung zu Moritz kannte, und dieß, ehe ſie ſich ſelbſt dieſe recht klar gemacht hatte.— Dieſer Jemand war es, dem ſie ihr Leben zu danken hatte; aber wer war es? Ida fühlte ſich ſehr erregt, ihr Herz beklemmt; ihre Phan⸗ taſie ſtellte ſich den Unbekannten als einen Geiſt vor, als ein myſtiſches Weſen, mit dem Vermögen begabt, die heimlichen Gedanken und Empfindungen ihrer Seele zu leſen. Das Blut ſchoß ihr nach dem Ge⸗ ſicht, als ſie ſich beſann, daß man ſie daran erinnern zu müſſen glaubte, ſie ſey eine verheirathete Frau und habe Pjlichten zu erfüllen. Um allen dieſen düſtern Gedanken zu entfliehen, und zugleich dem Wunſche ihres Mannes nachzukom⸗ men, ſetzte ſich Nda an den Flügel und begann zu ſingen. 6 Um uns nicht allzu lang bei einer Menge gleichgültiger Ereigniſſe aufzuhalten, übergehen wir den Winter und verſetzen uns im Frühling in die letzten Tage des Mai. „Meine geliebte Sirena,“ ſprach Bezirksrichter Elvin zu ſeiner Frau, als er neben ihr auf eingn 40 Sopha ſaß,„wenn ich dich darum bitte, daß Du Stralkrona's Einladung, einige Zeit bei ihm auf dem Lande zuzubringen, von der Hand weiſeſt, ſo bringſt Du gewiß mir zulieb dieſes Opfer.“ „Gewiß nicht, denn wozu ſollte eine ſolche Ent⸗ ſagung dienen?“ fragte Sirena in mißverguügtem Tone. „Wie kannſt Du ſo reden, da Du weißt, daß ich dich nicht begleiten kann,“ bemerkte Elvin, indem er ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang. Sirena ſchob ihn kalt zurück und ſagte: „Du biſt ein ſehr großer Cgoiſt.“ „Wie, ich?— der ich in dieſen achtzehn Mona⸗ ten, da wir verheirathet ſind, nicht einen einzigen Abend deiner Geſellſchaft genoß, weil Einladungen aus dem Hauſe hinweg und Gäſte hier deine Zait ganz und gar in Anſpruch nahmen.— Und gleich⸗ wohl, Sirena, da ich dich, den Gegenſtand aller mei⸗ ner Wünſche und Gedanken als Frau in mein Haus einführte, wie manchem ſchönen Traume gab ich mich hin, wie frohen Hoffnungen auf ein häusliches Leben voll Glück, wenn mein Blick immerdar deinem ſüßen Antlitz begegnen, wenn ich dich an meiner Seite fin⸗ den ſollte, gleich einem guten Engel meine Mühe und Arbeit erleichternd, dieſelbe verſüßend! Du machteſt für meine Phantaſie Alles, Geſellſchaft, Freude und Wonne aus.— Ach, Sirena! Wie ſchrecklich leer war nicht dieſe Heimath, wenn Du darin fehlteſt? Ich liebe die eiteln Freuden der Welt nicht, aber um deinetwillen habe ich daran Theil genommen, ſo oft meine vielfachen Geſchäfte es ——— ——— 4¹ mir geſtatteten. Gönne mir nun deine Gegenwart und deine Geſellſchaft dieſen Sommer.“ „Alles, was Du da ſagſt, bildet nur eine lange Kette von Egoismus.— Du haſt von deiner Selig⸗ keit, deinem Glück, deinem Wohlbehagen und Gott weiß von was geſprochen, ohne daß dir nur ein ein⸗ ziges Mal das meinige in den Sinn gekommen wäre,“ antwortete Sirena zornig. „Wer von uns beiden egoiſtiſch iſt, überlaſſe ich dir ſelbſt zu beurtheilen,“ entgegnete Elvin ernſt; „ich, der ohne Einwendung und Murren dich deiner Reigung, in den Lüſten der Welt zu leben, gegen ſein eigenes Gefühl folgen läßt, oder Du, die nicht ein einziges Mal, ſo oft ich dich darum bat, mir einen Abend aufopfern wollte.— Ich habe ge⸗ wünſcht, daß Du von der Reiſe nach Eriksberg ab⸗ ſteheſt, und auch das haſt Du mir verweigert.— Nun wohl, ich will nicht, daß Du dahin gehſt; denn des Barons unermüdete Kourmacherei ſchadet deinem Rufe und muß auf Amy's liebendes und treues Herz unangenehm wirken.“ „Du mißtrauſt mir ſomit, Du biſt eiferſüchtig,“ rief Sirena, indem ſie heftig vom Sopha auffuhr. „Das fehlte nur noch.— Ich werde gewiß nicht hingehen, nein Gott bewahre, da ihr, Du und Amy, ſo ſchlecht ſeyd, Mißtrauen gegen mich zu hegen.— Du willſt nicht, daß ich reiſe; alſo ein Befehl? O! es iſt ſchrecklich, ſo behandelt zu werden“— ſetzte ſie weinend hinzu und eilte aus dem Zimmer. Elvin blieb mit bekümmertem Blick und einem ganzen Heer von Gedanken ſitzen; aber er liebte und 42 — war ſchwach. Je mehr er an Sirena und ihre Aufregung dachte, deſto mehr entſchuldigte ſein Herz dieſelbe und klagte ſich ſelbſt der Härte an. Er fand es natürlich, daß ſie, noch jung und ſchön, die Welt liebte, deren Zierde ſie war, und am Ende bildete er ſich ein, er habe durch ſeine Aeußerung über den Baron ſie tief beleidigt.— War es ſo ſehr zu ver⸗ wundern, daß Sirena während der ſchönen Jahrs⸗ zeit einige Wochen auf's Land hinaus wollte?— Nein, und Elvin ſchloß damit, daß er ſich als einen wirklichen Tyrannen betrachtete. Er erhob ſich vom Sopha und war im Be⸗ griff, ſich zu ſeiner ſo tief verwundeten S zu begeben, als Amy eintrat. „Guten Tag, Elvin!“ Amy's Geſicht war ſicherlich noch ebenſo hübſch, wie vordem, aber ein genauer Beobachter hätte doch entdeckt, daß ihr Lächeln minder friſch war und über der Roſe ihrer Wangen ſich ein Duft von Schnee verbreitete. „Wie geht es Sirena?— Ich komme eigent⸗ lich, um mich zu erkundigen, ob ſie ihr Verſprechen, mit uns am Donnerſtag abzureiſen, halten wird.— Gewiß würde die Landluft ihr wohl bekommen,“ ſetzte Amy, Elvin freundlich zunickend, hinzu. „Sirena iſt auf ihrem Zimmer; aber wenn Du erlaubſt, will ich ſie davon unterrichten, daß Du hier biſt.“ „Ich warte gern,“ antwortete Amy ſich ſetzend. Aber als ſie allein war, verſchwand das Lächeln von ihren Lippen und ein Zug bittern Schmerzes trat. 43 — an deſſen Stelle. Sie legte die Hände zuſammen, verbarg das Geſicht in denſelben und flüſterte:„H du milder Vater dort oben, ſtehe mir bei— ſtärke mich, daß ich unter dieſer Prüfung nicht wanke.“ Ein Seufzer unnennbarer Qual arbeitete ſich aus ihrer Bruſt hervor. Eine lange Weile verging. Endlich traten Si⸗ rena und Elvin ein. Das Angeſicht der erſtern trug Spuren von Thränen. „Nun, Sirena, hältſt Du dein Verſprechen?“ fragte Amy nach gegenſeitiger Begrüßung. „Ganz gewiß, Amy,“ fiel Elvin lächelnd ein. „Es iſt mir ein wenig ſchwer gefallen, ſie zu über⸗ reden; aber ſie hat zuletzt nachgegeben.“ „Und Du beraubſt dich ohne eine Anwandlung von Sehnſucht der Geſellſchaft von Sirena?“ fragte Amy mit einem eigenthümlichen Tonfall. „Nein, ganz und gat nicht, aber wie Du ſelbſt äußerteſt, die Landluft wird Sirena gut thun.“ „Wir wollen hoffen,“ entgegnete Amy, und wiederum waren dieſe Worte von einem ganz beſon⸗ dern Accent begleitet. Darauf ſetzte ſie hinzu:„Ida hat auch verſprochen, auf Pfingſten zu kommen; es ſind dann unſerer mehre beiſammen, und die Ein⸗ förmigkeit auf dem Lande wird dann für dich, Si⸗ rena, nicht ſo fühlbar.— PNils kommt wohl auch auf Pfingſten herüber?“ „Ja, ich denke!“ „Nur unter dieſer Bedingung trenne ich mich von ihm,“ fiel Sirena ein, während ſie ihrem Mann auf die Schulter klopfte und zulächelte. 44 Eine Stunde nach Amy's Entfernung ſchrieb Sirena, als ſie allein war, folgendes Billet: „Einmal verpflichtete ſich Oſſian bei der Bitte um einen Walzer unbedingt den Wünſchen der tan⸗ zenden Dame Genüge zu leiſten. Jetzt fordert ſie die Erfüllung dieſes Verſprechens. Im Fall Sie dieſelbe nächſten Sommer zu Eriksberg ſehen wollen, müſſen Sie auch Ihren Kouſin, Lieutenant Brunel, dahin einladen.— Alle Fragen nach der Urſache dieſes Begehrens dienen zu Nichts, ſie werden nicht beantwortet. Sie kennen jetzt deren Wunſch und er⸗ innern ſich gewiß auch Ihres Verſprechens.“ Ohne dieſen Brief mit ihrem Namen zu unter⸗ zeichnen, ſiegelte Sirena denſelben zu, ſchrieb die Adreſſe darauf und ſandte ihn an den Baron. Am Abend erhielt ſie folgende Antwort: „Blinden Gehorſam fordert der Herrſcher von dem Sklaven; ſo auch Sie, meine ſchöne Gebieterin. Ich habe bereits Ihren Befehl vollzogen, obwohl der⸗ ſelbe zur Widerſpenſtigkeit reizte; aber zwiſchen dem Schickſal, ohne ihren Anblick leben zu müſſen, und der Befriedigung ihres Einfalls bleibt keine Wahl übrig.— Was für ein Intereſſe können Sie wohl für dieſen Mann haben?— Ein Menſch, welcher ſeine Jugend überlebt hat, ehe er noch in's Jüng⸗ lingsalter gelangt iſt. Eine ergraute Verſtandesma⸗ ſchine mit vierundzwanzig Jahren.— Aber was helfen meine Fragen, da ich Ihre Grauſamkeit kenne und weiß, daß Sie um der bloßen Luſt willen mit meinem Herzen ſpielen.— Irgend eine weibliche Laune hat Ihnen wohl dieſen Wunſch eingegeben, um 45 Unruhe und Qual in meiner Seele zu wecken. Sagen Sie, wann werden Sie wohl begreifen, wie innig ich Sie anbete? „Am Donnerſtag um zehn Uhr ſteht mein Wagen vor Ihrer Thüre.“ „Indeſſen und ewig Ihr ſehnſuchtsvoller Hſſian.“ N. S. Brunel hat verſprochen, am Pfingſt⸗ abend in Eriksberg einzutreffen. XI. Einige Tage nach Pfingſten finden wir, mit Ausnahme des Kommerzienraths Brenner, alle unſere drei Paare zu Eriksberg verſammelt. Außerdem war eine Couſine von väterlicher Seite mit Amy, von mütterlicher mit Elvin verwandt, zugegen, Mamſell Cäcilia Aker; ein Mädchen, welches man nicht ſchön nennen konnte, ſofern in ihren Geſichtszügen etwas Unharmoniſches lag. Die Naſe war groß und ſtark gekrümmt, der Mund klein, mit dünnen Lippen; die Zähne, obwohl weiß, zeigten ſich allzu groß, und endlich ermangelten die an ſich ſchönen ſchwarzen Augen jedes Schmucks von Brauen. Die Geſichts⸗ farbe war etwas dunkel aber geſund, und nur der feine, blaue Ring unter den Augen gab zu erkennen, daß die Leidenſchaften ihr nicht fremd waren. Das Haar erſchien ſchwarz, glatt und glänzend, der Wuchs üppig aber doch ſchlank, Arm und Hand ideal ge⸗ formt. Auch alle ihre e waren ſo gra⸗ ziös und geſchmeidig, daß ſie unwillkürlich die Auf⸗ merkſamkeit feſſelten, und daß, e länger man ſie an⸗ ſah, deſto mehr das unpartoſche in ihren Zügen verſchwand, welches auf den erſten Anblick dem Auge anſtößig geweſen. Man gelangte am Ende dazu, ſie einnehmend zu finden. Außer Cäcilia treffen wir noch die Lieutenants Brunel und Moritz Krutén ſammt Amy' altem Oheim, dem Kämmerer Erik Ström. An einem ſchönen Abend zu Anfang Juni's hatte der Baron einen Spazierritt vorgeſchlagen, doch nur für diejenigen, welche Vergnügen daran fänden; die Uebrigen ſollten die Promenade zu Wagen machen. Das Ziel war eine in der Nachbarſchaft befind⸗ liche Ruine. Man berieth eben, wer wohl am eheſten reiten, wer fahren ſollte; da trat Brunel auf Amy zu und fragte: „Amy, Du reiteſt ja am beſten unter den Damen und gedenkſt darum nicht zu fahren?“ Sie ſah ihn unentſchloſſen an, antwortete aber: „Ich glaube, Oſſian ſieht es ſehr gern, wenn ich fahre.“ „Hat er dieſen Wunſch geäußert?“ „Nein, aber ich leſe ihn in ſeinem Angeſicht. 2 „Mache dich dieſes Mal blind dafür.“ Amy warf Brunel einen zweifelnden Blick zu 47 Er faßte ihre Hand und fügte in herzlichem Tone hinzu: „Glaube mir, mein Rath iſt gut.— Du rei⸗ teſt beſſer als Frau Elvin, und warum eine Gele⸗ genheit dir aus den Händen entſchlüpfen laſſen, da Du ein beſtimmtes Vorrecht haſt?“ „Ich danke, Guſtav,“ antwortete Amy und reichte ihm die Hand. „Nun, wie wird es?“ fragte der Baron, ſich Amy nähernd,„Du fährſt ja?“ „Nein, es wäre unhöflich gegen Sirena, ſie ganz allein einen Ritt mit den Herren machen zu laſſen, während wir andere fahren, und darum be⸗ gleite ich euch zu Pferde,“ antwortete Amy lächelnd und eilte hinweg, um Oſſian keine Zeit zu Einwen⸗ dungen zu laſſen. Eine Stunde darauf ritten Sirena und Oſſian neben einander dahin; Amy und Brunel etwas hin⸗ ter ihnen her. In dem Wagen ſaßen Ida, Cäcilia, Elvin und Kämmerer Ström. Neben dem Wagen, an Ida's Seite, ritt Lieutenant Krutén. „Laß uns Frau Elvin und Oſſian vorreiten,“ bemerkte Brunel gegen Amy, welche mit wehmüthi⸗ gem Blick ihren Mann betrachtete, der ſchön und munter, in leichter Haltung, völlig von ſeiner Dame in Anſpruch genommen, dahinritt. „Ja, wir wollen es ſo machen,“ antwortete ſie mit einem unterdrückten Seufzer und gab ihrem Pferde einen Hieb. Leicht und anmuthig ſaß Amy m Sattel. Ihre kleine, ſchlanke und geſchmeidige 48 Geſtalt nahm ſich ſehr vortheilhaft in dem dunkeln Anzuge aus, und ihr lebhaftes, friſches Angeſicht war höchſt reizend unter dem breitkrämpigen Männerhut. Mit einer unbeſchreiblichen Grazie begrüßte ſie Oſſian und Sirena, als ihr Pferd mit der Geſchwindigleit eines Pfeiles an ihnen vorbeiſchoß. Eine Strecke weit vorausgekommen, mäßigte ſie den Lauf deſſelben und ritt nun an der Seite Brunel's, welcher ſie ſcherzend bekomplimentirte, im Schritte weiter. Der Baron betrachtete Amy zum erſten Mal mit wirklichem Vergnügen. Ihre Haltung und Ge⸗ ſtalt zeigten ſich in ſo günſtigem Lichte, daß er nicht umhin konnte, einen Blick der Vergleichung auf Si⸗ rena zu werfen, welche ſteif und ungelenk, mit ängſt⸗ licher Miene in ihrem Sattel ſaß und ſich zu Pferde durchaus nicht vortheilhaft ausnahm.— Dieß mußte der Baron im Herzen zugeben. Sirena ihrerſeits ſandte neidiſche Blicke Amy und Brunel nach. Wie gern hätte Sirena nicht den Kavalier mit ihr getauſcht. Manches unruhige Ge⸗ fühl regte ſich in ihrer Bruſt, und endlich äußerte ſie: „Repreſſalien gibt es überall in der Welt. Siehſt Du, Oſſian, wie eifrig Brunel deiner Frau den Hof macht, während Du dein Herz mir dar⸗ bringſt, die ich ſo undankbar bin, daß ich noch nicht einmal weiß, ob ich es nur annehmen will.“ Oſſian wechſelte die Farbe, antwortete aber den⸗ noch in einem Tone von Gleichgültigkeit, während er noch immer ſeine Frau und deren Kavalier betrachtete: „Brunel erzeigt mir einen Freundſchaftsdienſt, daß er mich von der Nothwendigkeit befreit, eine Mi⸗ 49 nute von der Zeit, welche ich in deiner Nähe ſein kann, zu verlieren.“ Sirena runzelte die Stirne und warf einen Blick rückwärts nach dem offenen Wagen, indem ſie ſagte: „Ich glaube jedoch, es wäre am klügſten, wenn wir auf eine Weile uns trennten und Du Amy dich anſchlößeſt; denn ich ſehe, daß Elvin uns mit Un⸗ ruhe betrachtet.“ „Sage lieber, daß Du Brunel zu deinem Ritter haben willſt.— Ich habe dein ſeltſames Begehren nicht vergeßen.“ ſuch Das Angeſicht des Barons zeigte einige Eifer⸗ ucht. „Wenn dem ſo wäre, ſo würde ich mir gewiß nicht die Mühe geben, einen Umweg zu machen, um Wunſch erfüllt zu ſehen,“ erwiederte Sirena alt. In dieſem Augenblick beugte ſich Brunel von ſeinem Pferde zu Amy hinüber, während er lebhaft mit Amy redete; und als ob dieß Oſſian beſtimmt hätte, äußerte er: „Nun, immerdar Ihr Sklave, ſchöne Sirena, beeile ich mich, Ihrem Wunſche nachzukommen,“— und hiemit gab er ſeinem Pferde die Sporen. „Bruder Brunel, Du wirſt wohl die Güte ha⸗ ben, die Dame mit mir zu tauſchen; ich habe mich von der meinigen verabſchiedet,“ bemerkte Oſſian ſcherzend, als er ſein Pferd an ihrer Seite anhielt. „Ich muß wohl, da Du es forderſt, obwohl ungern,“ antwortete der Lieutenant und ritt zu Sirena. Schwartz, Novellen. IV. 4 50 „Du warſt für Brunel recht intereſſirt?“ be⸗ gann der Baron. „Intereſſirt?— O ja, ſo weit ich es für Je⸗ mand anders ſein kann, als...... Amy hielt an und lächelte. „Als für wen?“ „Brauche ich das wirklich zu ſagen?“ fragte Amy mit einem ſonnenwarmen Blick auf ihren Mann. „Ja, thue es nur, vielleicht kenne ich ihn,“ ant⸗ wortete Oſſian lächelnd. „Glaubſt Du, daß in meinem Herzen irgend ein. wahrhaftes Intereſſe für Jemand in der Welt Raum hat, als für— dich?“ Es lag in dem Tone, womit ſie dieſe Worte ſprach, ſo viel Zärtlichkeit und Milde, daß der Baron einige Pein in ſeiner Bruſt fühlte, wenn er bedachte, wie ſchlecht er dieſes warme Herz belohnte. Oſſian fand ſich von dieſen Worten viel mehr, als von jeg⸗ lichem Vorwurf, der ihm gemacht werden konnte, geſchlagen. Er betrachtete Amy eine Weile ſchweigend und mit einer gewißen Rührung, worauf er wieder das Wort nahm: „Ich dagegen kenne auf der Welt Nie⸗ mand mit deinem edeln Herzen. Du gleichſt nur wenig der Mehrzahl deines Geſchlechts.“ „Worin beſteht dieſe Ungleichheit?“ fragte Amy, während ihre Pulſe vor Freude ſchlugen, denn ſie bildete ſich ein, nunmehr den Weg zu Oſſians Herz gefunden zu haben. „Das will ich nicht ſagen.— Aber antworte M d — 5¹ mir aufrichtig, haſt Du jemals eine ſtarke und mäch⸗ tige Leidenſchaft empfunden, oder ſind deine Gefühle mild und frühlingsartig?“ 6 „Bis zu dem Tage, da ich dich kennen lernte, war Alles in meiner Seele frühlingsartig; aber ſeit⸗ dem fürchte ich, ſieht es mehr hochſommerlich darin aus.“ „Das mag ſein; aber Du gehörſt zu den Men⸗ ſchen, welche niemals die Freuden oder Qualen einer leidenſchaftlichen Liebe erfahren können, welche... „Oſſian!“ fiel ihm Amy in die Rede. Der Ton, womit dieſes eiuzige Wort ausge⸗ ſprochen wurde, bewirkte, daß der Baron zuſammen⸗ fuhr und ſie betrachtete. Ihre Augen begegneten ſich und in denen Amy's lag die ganze Antwort auf ſeine Frage. Der Baron wünſchte in der Tiefe ſei⸗ ner Seele, ſie nicht aufgeworfen zu haben. Oſſian, welcher ſeine Frau nicht liebte, hatte Entſchuldigung und Troſt für ſeine Handlungsweiſe gefunden, ſo lang er ſich ſelbſt ſagen konnte: meine kleine Amy iſt gut und mild und glaubt mich innig zu lieben; aber die arme Kleine, ihre Gefühle gleichen Frühlingsblumen und können niemals weder Freude noch Schmerz verurſachen.“ Der Menſch ſucht meiſtens für ſeine Fehler Ent⸗ ſchuldigung in denen Anderer. Amy las ihres Mannes minder angenehme Ge⸗ müthserregung auf ſeinem Angeſicht und beeilte ſich mit dem ganzen Zartgefühl eines guten Herzens, den Gegenſtand des Geſprächs zu wechſeln. Sie ſcherzte nun heiter und ungezwungen mit ihm und wußte 52 durch ihre Einfälle ihn der peinlichen Stimmung zu entreißen, in welche er durch die vorangehenden Aeuſ⸗ ſerungen verſetzt worden war.— Zum erſten Mal fand Oſſian ihre Ausdrucksweiſe witzig und treffend, ohne daß ſie einige Bitterkeit in ſich ſchloßen. Bei ſich dachte der Baron, als ſie mit ihren Pferden anhielten, um die Uebrigen, welche bedeutend zurückgeblieben waren, zu erwarten:„Es iſt doch verteufelt pikant, eine junge und in Wahrheit recht liebenswürdige Frau zu haben, welche Alles thut, um ihrem Manne zu gefallen, und vielleicht am Ende es dahin bringt, daß ſie denſelben in ſie verliebt Während Vorſtehendes ſich zwiſchen den beiden Gatten zutrug, wurde von Sirena und dem Lieute⸗ nant folgendes Geſpräch geführt: „Ich fürchte, der Baron machte von ſeiner Ge⸗ walt als Ehemann auf eine für den Herrn Lieute⸗ nant minder angenehme Weiſe Gebrauch,“ begann Sirena. „Ich verſtehe noch nicht, was Sie ſagen wollen, meine Gnädige.“ „Ach mein Gott! Sie wollen alſo, daß man ſo deutlich, wie ein Schulmeiſter ſprechen ſoll.“ „Warum nicht? Dadurch weicht man Mißver⸗ ſtändniſſen aus.“ „Nun wohl, der Herr Lieutenant gerieth ſicher⸗ lich in Verzweiflung darüber, daß er ſeine Dame verlaſſen mußte?“ „Keineswegs, da es um des Mannes willen — 53 geſchah. Ich verſichere Sie, daß ich mit wirklichem Vergnügen meinen Platz wechſelte.“ „Davon glaube ich nicht ein Wort.— Wir ſehen ja alle, wie eifrig Sie Amy ihre Huldigung darbringen.“ „Von Huldigung darbringen kann hier nicht die Rede ſeyn. Ich habe zu viel Freundſchaft und Ach⸗ tung für Amy, als daß ich ſie mit irgend einer Huldigung verfolgen ſollte, ſondern fühle mich von dem Gedanken geſchmeichelt, mich als ihren Bruder betrachten zu dürfen, nichts mehr und nichts weniger.“ „Und gleichwohl weichen Sie allen andern aus.“ „Allen!— Das war recht im Superlativ ge⸗ ſprochen.“ „Nun, wenn Sie lieber ſo wollen: uns andern Frauen.“ „Auch das gebe ich nicht zu.“ „Sie ſind unerträglich mit Ihren Einwendungen — nun, um auf einmal zum Schluß zu kommen, warum weichen Sie ſo ſorgfältig der Geſellſchaft von mir und meiner Schweſter aus?“ „Verzeihen Sie, auch jetzt muß ich einen Ein⸗ wurf machen.— Die Frau Kommerzienräthin Brenner weicht mir aus, und nicht ich ihr.— Bleiben ſomit Sie übrig, meine Gnädige.“ „Ja, nun alſo?“ „Ach, Madame, Sie ſind eine ſo ungewöhnlich ſchöne und reichbegabte Dame und beſitzen eine ſo große Zaubermacht,— daß.. „Nun, daß? „Daß meine Vernunft mir zuflüſtert, ich müſſe — vor Ihnen fliehen.“ Es wäre unmöglich, den Ton wiederzugeben, womit die Worte:— vor Ihnen fliehen, ausgeſpro⸗ chen wurden. Es lag darin Etwas, das Sirena das Blut ins Angeſicht trieb. Es kam ihr vor, als ſchlößen dieſelben eine Demüthigung in ſich, und ſie fühlte ſich verletzt und geärgert. Sirena warf Brunel einen ſtolzen Blick zu, in⸗ dem ſie entgegnete: „Sie fürchten ſich alſo vor mir?“ „Ja, Madame!“ Brunel gab ſeine Antwort in beſtimmtem Tone und heftete ſeine ſchönen, ernſten Augen auf Sirena. Sirena wandte dabei den Kopf zur Seite. „Man fürchtet nur das Böſe oder Schlechte.“ „Oder auch das Gefährliche.— Oft birgt das Schöne und Gute ebenſo viele Gefahren, wie deren Gegentheil; und wenn man ſich die Kraft abgehen fühlt, dieſelben zu beſiegen, ſo thut man am beſten, vor ihnen zu fliehen.— Würden Sie nicht ſelbſt, Madame, gerade ſo handeln, wenn Sie Ihre eigene Schwachheit fühlten?“ Jedes dieſer Worte gab Sirena gewiſſermaßen einen Stich, während es zugleich ihre Erbitterung reizte. Sie beantwortetesjedoch die Frage mit einigen Verachtung: 6 Ich habe noch niemals die Macht einer Ver⸗ ſuchung empfunden; aber ſo viel weiß ich, daß wenn ich ein Mann wäre, nichts in der Welt mich vermö⸗ gen könnte, eine ſo klägliche Schwäche offen zu ge 55 ſtehen. Was berechtigt Sie zu dem Namen des ſtarken Geſchlechts, wenn Sie nicht mit ihrem Ver⸗ ſtand und ihrem Willen eine Verſuchung bekämpfen und überwinden können?“ Und damit gab ſie ihrem Pferde einen Hieb und ritt auf Oſſian und Amy zu, welche auf ſie warteten. Ueber Brunels Angeſicht ſchweifte ein ſchmerz⸗ liches Lächeln, als Sirena ſich entfernte; aber ſie hatte durch ihre Worte doch ſeine Eitelkeit verletzt. Es wurde nun für ihn zu einer Sache der Ambition, ihr zu beweiſen, daß er weder vor ihr, noch vor ſeiner ſogenannten kläglichen Schwäche ſich fürchtete. In dem Wagen hatte mittlerweile zwiſchen Gvin und Cäcilia folgende Unterredung ſtattgefunden. „Welche Freude hat es mir gemacht, nach zwei⸗ jähriger Abweſenheit dich und Amy glücklich verhei⸗ rathet zu ſehen,“ ſagte Cäcilia und heftete dabei ihre Augen auf Elvin.. „Davon bin ich vollkommen überzeugt; wir ſind ja alle drei als Kinder mit einander aufgewachſen; aber ſage mir, warum Du nicht nach Stockhokm zu unſerer Hochzeit kameſt, ſondern daheim bliebeſt, ob⸗ wohl die Tante dahin reiſte.“ Cäcilie wechſelte die Farbe, aber dennoch beant⸗ wortete ſie die Frage ganz ruhig: Es machte mir keine Unterhaltung, da Amy in ein ſo vornehmes Geſchlecht kam, und meine Schüch⸗ ternheit hinderte mich daran, bei einer ſolchen Veran⸗ laſſung als ärme Kouſine aufzutreten.“— Es lag eine unterdrückte Bitterkeit in ihrem Tone—„Daß * 56 ich nach der vorangegangenen Weigerung, ihrer Hoch⸗ zeit anzuwohnen, dennoch zu der deinigen gekommen wäre, ging nicht an.— Ueberdieß koſtete Mama's Toilette bei dieſer Veranlaſſung eine ſo anſehnliche Summe, daß unſere Einkünfte weitere ſo große Depenſen nicht geſtatteten.“ „Aber Du wußteſt ja, daß ich..4 „Daß Du ſie vergüten wollteſt— ja. Aber es iſt ſo ſchwer, in Verbindlichkeiten zu ſtehen gegen⸗ über von...5 „Von mir?“ fragte Elvin lächelnd. „Ja, gerade von dir,“ erwiederte Cäcilia lebhaft, ſchlug aber dann die Augen nieder, als ob ſie dieſe Worte bereut hätte, und ſetzte verlegen hinzu, um von dem Gegenſtande abzukommen: „Deine Frau iſt ſehr ſchön.“ „Ja, gewiß.“ „Du liebſt ſie wohl auch ſehr?“ Cäcilia warf verſtohlen einen fragenden Blick auf Elvin. „Lieben iſt zu wenig geſagt, ich vergttere ſie.“ In Elvins Ton und Ausdruck lag die Bekräfti⸗ gung ſeiner Worte. Es leuchtete wie ein Blitz in Cäcilia's geſenkten Augen bei dieſer Erwiederung. Aber jetzt beugte ſie ſich über den Wagen hinaus und ſchaute nach Sirena, welche noch an Oſſians Seite ritt; dann nahm ſie wieder mit leiſer Stimme das Wort: „Sie iſt ſo ausgezeichnet, daß Alle in dieſem Fall deine Gefühle theilen— bis auf den Baron, welcher ſich beſtändig an ihrer Seite befindet.“ ——— 57 Der Stich traf ganz gut, denn Elvins Stirne umwölkte ſich und ſein Blick wurde bekümmert. „Ei, mein Himmel, jetzt reitet er von ihr weg. — Sirena fühlt ſich gewiß von ſeiner Artigkeit be⸗ ſchwert,“ ſetzte Cäcilie hinzu, um den Eindruck ihrer vorangehenden Worte zu verwiſchen. Elvin beugte ſich vor, und als er Oſſian an Amy's Seite reiten ſah, nahm ſeine Miene wiederum ihre urſprüngliche Ruhe an. Als Alle an der Stelle angekommen waren, wo der Baron und Amy Halt gemacht hatten, wurde beſchloſſen, den Weg nach der Ruine zu Fuß fortzu⸗ ſetzen. Jetzt hatte Sirena alle Vorzüge. Wuchs, Gang und Haltung hoben ſich ſo vortheilhaft hervor, daß man ihr unmöglich ſeine Bewunderung verſagen konnte. Das Angeſicht hatte eine friſchere Farbe an⸗ genommen, das Auge erglänzte von Feuer und Leben. Man konnte ohne Uebertreibung ſagen, daß ſie ein Muſterbild weiblicher Schönheit darſtellte. Sirena hatte ſich überdieß vorgenommen, recht einnehmend zu ſeyn; ſie wollte und mußte gefallen und fühlte, daß es ihr auch gelingen würde. Arme kleine Amy, dein über Oſſian gewonnener Sieg war kurz; denn als er jetzt ſeine Blicke auf Sirena warf und dieſelbe ſo ſchön ſah, vergaß er völlig des Eindrucks, welchen deine Liebe auf ihn ge⸗ macht hatte, und alle ſeine Gedanken hefteten ſich ausſchließlich an jene Frau, deren Aeußeres ihn feſſelte und entzückte. Er war eiferſüchtig und verzweifelte darüber, daß Sirena beharrlich an ihres Mannes 58 Arm ging und ſich lebhaft mit Brunel unterhielt. Oſſian war von dieſen Empfindungen ſo völlig in Anſpruch genommen, daß er, als Amy ihn anredete, ſie weder hörte, noch eine Antwort gab. So verlief und ſchloß dieſer Ausflug, aber doch, ohne daß Amy dabei den Muth verlor.— Nein, ſie war heiter und hoffte mit Sicherheit darauf, einmal geliebt zu werden.— Snyllte ihr feſtes Vertrauen zu der Macht, welche die warme und treue Liebe einer Frau auf den Mann ausübt, wirklich in Erfüllung gehen? Die Wege der Vorſehung kennt Niemand. Spät an demſelben Abend, als alle ſich entfernt hatten, blieben Amy und Oſſian im Salon zurück. „Gute Nacht!“ ſagte Amy, indem ſie ihre Hand auf des Barons Arm legte. Seine Augen fielen unwillkührlich auf dieſe kleine weiße Hand; er ergriff dieſelbe und führte ſie an ſeine Lippen, indem er in beinahe zärtlichem Tone fragte: „Biſt Du böſe auf mich, Amy?“ „Böſe, mein Oſſian, nein.“ „Du willſt ja von mir gehen.“ Amy wandte erröthend den Kopf ab und ſchwieg. „Wirſt Du, Amy, was auch geſchehen mag, gleich treu zu mir halten?“ „Gewiß werde ich das, auch wenn Du mich gänzlich vergäßeſt.“ In Amys Augen ſchimmerten Thränen. Der Baron ſchwieg und fuhr mit der Hand über die Stirne; vor ſeiner Seele tauchte Sirena's verlockende Schönheit auf und ſein Herz ſchlug dabei 59 ſo heftig, daß er Amys herzliche Verſicherung unbe⸗ antwortet ließ. „Du bedarfſt der Ruhe, Oſſian, gute Nacht,“ ſagte Amy und drückte ihre Lippen auf ſeine heiße Stirne. Es war, als ob dieſer Kuß das Bild von Amy's Nebenbuhlerin verjagt hätte, denn der Baron ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und rief, ihr ge⸗ rade in die ſeelenvollen Augen ſchauend: „Ich habe niemals verdient, einen ſolchen Engel wie Du zu beſitzen.“ Und er zog ſie näher an ſein leicht erreg⸗ bares Herz. XII. Am folgenden Morgen wanderte Jda langſam nach dem Park hinunter.— Ihr Gang verrieth eine gewiſſe Unentſchloſſenheit. Einen Augenblick ſtand ſie im Begriff umzukehren, aber das Geräuſch von leich⸗ ten und haſtigen Schritten hinter ihr hatte zur Folge, daß ſie ihre Promenade fortſetzte. „Guten Morgen,“ ließ ſich die Stimme von Moritz in einem herzlichen Tone vernehmen. Ida nickte ſchweigend und verlegen mit dem Kopfe anſtatt der Antwort. „Iſt Frau Brenner mißvergnügt?“ Es lag etwas in dem Tone, das Ida beſtimmte, zu ihm aufzuſehen, während ſie erwiederte: „Nicht auf den Herrn Lieutenant, aber auf mich 60 ſelbſt. Wir beibe ſind allzu jung, um Recht und Unrecht klar unterſcheiden zu können.— Es iſt ge⸗ wiß unrecht von mir, daß ich jeden Wgr dieſen Spaziergang mache.“ „Reden Sie nicht ſo; Sie treten dunit Nie⸗ mand zu nahe, ſondern verſchaffen mir nur einige glückliche Augenblicke.— Seyen Sie nicht ſo ſtreng, um es zu bereuen. Sie ahnen wohl, daß dieſe flüch⸗ tigen Minuten meine einzige Seligkeit ausmachen.— Wenden Sie ſich nicht von mir ab; ich werde nicht mehr davon reden, ſondern für mich behalten, wie inni „Die Herrſchaften machen ſchon ſo frühe eine Promenade,“ unterbrach eine ſpöttiſche Stimme das, was Moritz ſagen wollte. Ida und und er drehten ſich um, und Brunel begrüßte ſie mit einem Lächeln, welches Ida eine Röthe auf die Wangen trieb. „Vielleicht falle ich beſchwerlich?“ fragte er. Ida hätte ſterben mögen, ſo ſchlimm fühlte ſie ſich zu Muthe, und der Widerwille, welchen Sie ſtets vor Brunel empfunden hatte, ſteigerte ſich zu wirk⸗ licen Abſcheu. Sie antwortete darum in kaltem one: „Wie wäre das von dem Herrn Lieutenant möglich?“ Und damit wandte ſie ihre Schritte nach dem Garten, wo ſie auf Sirena, den Baron und Elvin ſtießen. In Amy's Kabinet ſaßen zu derſelben Zeit Kämmerer Ström und Amy. „Mein Mädchen, ich fahre dieſen Abend nach 61 Hauſe; aber es liegen nicht mehr als zwei Meilen zwiſchen uns, ſo können wir uns ſchnell genug tref⸗ fen. Ehe ich dich aber verlaſſe, gibt es noch etwas, das ich auf dem Herzen habe, das das „Das der Onkel noch heraushaben will,„ ſiel Amy lächelnd ein, indem ſie dem Alten herzlic die Wange ſtreichelte. „Ja wohl, aber ich will eine ehrliche und wahre Antwort von dir haben. Gib mir die Hand darauf.“ Amy erröthete gelinde und zögerte zu ant⸗ worten: „Du wilſt nicht, aber daran thuſt Du Un⸗ recht. Siehſt Du, Kind, der Oheim iſt dein beſter Freund, und gegen ihn kannſt Du aufrichtig ſeyn. Sein altes, einſames Herz iſt dir immerdar zuge⸗ than geweſen, und ich kann getroſt verſichern, daß deine eigenen Eltern dich niemals ſo uneigennützig geliebt haben, wie ich. Es lag in dem Tone ſo viel Güte und Herz⸗ lichkeit, daß Amy dadurch gerührt ihren Kopf an ſeine Bruſt legte: „Wer weiß das beſſer, als ich, wie viel Du auf mich hältſt, lieber, theurer Onkel!“ „Nun, ſo kannſt Du wohl aufrichtig gegen mich ſeyn.“ „Onkel, guter Onkel,“ flüſterte Amy, und wie⸗ der überzogen ſich ihre Wangen mit einer höhern Farbe. Der Alte hob Amy's Kopf in die Höhe und 62 hielt ihn zwiſchen ſeinen Händen, ſo daß er ihr ge⸗ rade in die Augen ſah. Sofort fragte er: Biſt Du glücklich in deiner Che?“ Amy machte eine Bewegung, ſo daß ſie von ihm los wurde, ſchlang dann ihre Arme um ſeinen Hals und antwortete mit etwas erregter Stimme: „Ach, Onkel, wozu eine ſolche Frage?“ „Antworte mir, Amy, ich bitte dich darum.“ „Im Fall ich es noch nicht vollkommen bin, ſo hege ich die Gewißheit, es eines Tages zu werden.“ „Du willſt mich betrügen.“ „Nein, Onkel, ich will niemals Jemand betrü⸗ gen. Sey verſichert, daß meine Antwort auch meine feſte Ueberzeugung in ſich ſchließt.“ Es lag in dem Ton ein unverkennbarer Aus⸗ druck von Wahrheit. „Wie iſt es möglich, ſo ungereimtes Zeug zu ſchwatzen, da Du gleich allen Andern ſehen mußt, was für ein verteufelt leichtſinniger Schelm dein Mann iſt, und wie er deiner ganz und gar vergißt wegen der. „Onkel, Onkel, nicht ein Wort weiter, wenn Du mich liebſt, rief Amy mit erregter Stimme. „Was Du auch, mein eigener Oheim, zu ſehen glaubſt, ſo erſpare uns beiden den Schmerz, davon zu reden, verſprich mir das. Du könnteſt dadurch mich meiner Hoffnung und meines Glaubens für die Zukunft berauben.“ Jetzt weinte Amy. Der Kämmerer huſtete und hielt zögernd an. 63 Er war ganz und gar aus dem Gleichgewicht. End⸗ lich ſagte er: „Du haſt Recht, Kind; was ich da ſagte, war recht unverſtändig. Ich benehme mich da wie ein Dummkopf. Vergiß es und weine nicht. Er⸗ innere dich blos des Verſprechens, das Du mir ein⸗ mal gegeben; im Fall Du in den Tagen der Be⸗ kümmerniß und des Mißgeſchicks der Hülfe eines zu⸗ verläſſigen und treuen Freundes bedarfſt, ſo weißt Du, daß er allezeit in dem alten Erik zu fin⸗ den iſt.“ „Ich danke dir, guter Onkel. Werde ich von einem Leiden betroffen, wo ein Freund Hülfe leiſten kann, ſo wende ich mich gewiß einzig und allein an dich.“ XIII. Tage und Wochen vergingen, ohne daß Amy ſich auch nur eines Schattens wahrer Herzlichkeit oder Aufmerkſamkeit von Seiten Oſſians erfreuen konnte; im Gegentheil nahm ſeine Anfangs flüchtige Neigung zu Sirena mit einer Stärke überhand, daß ſie ſich zur Leidenſchaft ſteigerte. Seine Gemüths⸗ art wurde ungleich und heftig. Sein ganzes Aeußere verrieth, daß er unter dem Einfluß einer Leidenſchaft ſtand. Allerdings wurden Amy's Wangen bläſſer und bläſſer; obwohl außer ihr nur Gott von den Thränen wußte, welche ſie in der Einſamkeit vergoß; 64 aber ihr Benehmen blieb ſich immer gleich, gut, mild und freundlich gegen Jedermann, und liebevoll und herzlich gegen Oſſian, wenn der Zufall ſie allein zu⸗ ſammenführte. Nicht ein Wort des Vorwurfs kam über ihre Lippen, nicht ein Seufzer der Klage ent⸗ ſchlüpfte ihrem Munde bei ſolchen Augenblicken. Amy erkannte nur allzuwohl, daß ihre Stellung nur da⸗ durch verſchlimmert worden wäre. Nein, ſie glich einem guten und tröſtenden Engel, welcher durch ſeine Gegenwart die böſen Mächte, welche Oſſian be⸗ zu Gin hatte nur einige a zu Eritsberg aufgehalten, denn er mußte eine Amtsreiſe machen, welche auf vierzehn Tage oder drei Wochen ſeine Abweſenheit erheiſchte. Drei Wochen ſind im Grunde nur eine kurze Zeit, aber wie unendlich viel kann im Laufe eines ſolchen Zeitraums geſchehen! Cäcilia hatte ſich ſo gut mit Sirena geſtellt, daß dieſe ihre Geſellſchaft der von Ida und Amy vorzog und öfters den Wunſch äußerte, Cäcilia möchte den Winter in ihrem Hauſe zubringen. Sirena er⸗ hielt jedoch auf dieſen Vorſchlag niemals eine be⸗ ſtimmte Antwort. 65 XIV. Ida hatte am Tage nach der oben erwähnten Promenade mit Moritz folgenden Brief empfangen. „Der Freund, welcher einmal Sie warnte, thut dieß zum zweiten Mal. Seyen Sie auf Ihrer Hut, Madame, Sie ſind im Begriff, das Heiligſte, das Sie beſitzen, Ihre Pflicht zu verrathen. Fliehen Sie vor der Gefahr, welche Ihnen jetzt ſo reizend er⸗ ſcheint; denn die Luſt, die Sie bei dem Gedanken, geliebt zu werden, jetzt empfinden, wird Ihnen eines Tags bittere Qual verurſachen. Ihre Jugend und Ihre Einbildung ſind Ihre gefährlichſten Feinde. Glauben Sie einem wirklichen Freunde Carl.“ Dieſer Brief machte wo möglich noch einen tieferen Eindruck auf Jda, als der vorangehende, und regte ihre Phantaſie ſo auf, daß ſie fürchtete, Jedermann in Ihrer Umgebung ſuche ſie nur aus⸗ zuſpioniren.— Aber wer war wohl der ſeltſame Briefſchreiber? Es gab ja Niemand in Ihrer Nähe, auf den ſie einen Verdacht werfen konnte.— Die Geſchichte von der Allwiſſenheit der Jeſuiten in Eugen Sue's Cwigem Juden ſpuckte lebhaft in ihrer Phan⸗ taſie; aber als dieſe Bilder von der Stimme des Verſtandes zurückgedrängt wurden, konnte Ja nicht umhin, ſich zu geſtehen, daß der Unbekannte dennoch Recht hatte und daß ſie ihren Fuß auf einen gefähr⸗ lichen Pfad geſetzt hatte.— Na weinte bei dem Schwartz, Novellen. IV. 5 . 66 Gedanken, daß ſie durch ihre aller Liebe und alles Glücks entbehrende Ehe ſich zu dem, was ſie als unrecht erkannte, verleiten ließ und eines Frevels ſich ſchuldig machen konnte. Einige Tage hernach reiste ſie von Eriksberg ab, ohne daß ſie trotz der verzweifelten Miene von Moritz noch eine Morgenpromenade gemacht hatte, oder auf irgend eine Weiſe mit ihm zuſammenge⸗ troffen war. XV. Sirena hatte ihrerſeits ſich vorgenommen, um jeden Preis Brunel in ihre Feſſeln zu ſchlagen, und bot in dieſen drei Wochen alle ihre Kräfte zu gefal⸗ len auf. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß der Ba⸗ ron, der in ihrer Seele nicht zu leſen vermochte, an⸗ fänglich einen Theil ihrer Liebenswürdigkeit auf ſich bezog, beſonders da Sirena mit der gewöhnlichen Schlauheit einer Kokette ihre Gunſt ſo zu vertheilen wußte, daß ſie Oſſian zugleich aufmunterte und doch über die Gefühle, welche ſie gegen ihn hegte, in Un⸗ gewißheit ließ, dieſer alſo das Geheimniß nicht ſo bald durchſchauen konnte. Eines Vormittags im Juli ſchritt Sirena lang⸗ ſam einer Allee zu, welche von dem Wohnhauſe durch den Garten in den Park hinabführte. Die Allee war von Pappeln gebildet, aber von einem 67 Baume zum andern zog ſich eine dichte Hecke von Syringengebüſch. Sirena war noch nicht weit gegangen, als der Baron hinter ihr herkam. Sie drehte ſich mißver⸗ gnügt zu ihm mit den Worten um: „Ich habe Ihnen ja geſagt, Oſſian, daß ich allein ſeyn will.— Sie ſind wohl nicht eher zufrie⸗ den, als bis Sie mich blosgeſtellt haben. Alle Fen⸗ ſter gehen hier heraus und man wird von dort aus ſehen, wie Sie gleich einem Narren mir nach⸗ ſpringen.“ „Ich flehe, dir nur einige Worte ſagen zu dürfen.“ „Und ich habe dir heute ſchon tauſendmal wie⸗ derholt, daß ich dich nicht hören will.“ „Sirena, Du mußt mich hören, ich werde mit dir reden.“ In dem Tone, womit dieſe Worte geſprochen wurden, lag ſo viel Nachdruck, daß Sirena den Ba⸗ ron mit Erſtaunen betrachtete. Seine Miene war aufgeregt, und jeder Zug gab eine heftige Gemüths⸗ bewegung zu erkennen. Ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte um Sirena's Lippen, während ſie antwortete: „Ein Befehl, glaube ich?— nicht ſo übel— Sie ſpielen Ihre Rolle recht brav. Ihr Ausſehen hat etwas Dramatiſches.“ „Wozu ſolcher Hohn, da Du ſiehſt, in welcher Aufregung ich mich befinde? Dieß iſt kein Augenblick zum Spotten.— Du weißt nicht, wozu ich jetzt im Stande wäre. Antworte mir darum beſtinmt: 68 hältſt Du dein Verſprechen, daheim zu bleiben, wenn die Reiſe nach Skärby ſtattfindet?“ Sirena ſah in demſelben Augenblick Jemand von dem andern Ende der Allee herankommen und ſtand deßhalb davon ab, den Baron noch weiter zu reizen oder das Geſpräch zu verlängern, da ſie ſehr wohl wußte, wer jener Jemand war. „Nein, Oſſian, ich werde uns beide nicht da⸗ durch kompromittiren, daß ich dieſes thörichte, in einem gedankenloſen Augenblick gegebene Verſprechen erfülle. Ich gehe darum mit.— Verlaß mich jetzt, im Fall Du nicht willſt, daß ich in vollem Ernſt böſe auf dich werde.“ „Ah! Ich weiß, warum Du meiner los werden willſt. Brunel kommt da her. Glaubſt Du denn wirklich, ich ſey blind, daß ich nicht ſehe, wie Du auch ihn mit dem Zaubernetz, worin Du mich ge⸗ fangen haſt, umſpinnen willſt? Aber merke Dir nun jedes meiner Worte: im Fall Du nicht unter irgend einem Vorwand deinem Verſprechen gemäß daheim bleibſt, wenn die Andern die Reiſe antreten— ſo weiß ich, daß Du ihm den Vorzug gibſt und nur mit mir geſpielt haſt; ich gehe in ſolchem Fall zu Bru⸗ nel hin und gebe ihm unker irgend einem Schimpf⸗ wort einen Schlag in's Geſicht. Dieß erheiſcht Ge⸗ nugthuung, und da ich ſeinen ſtolzen Charakter kenne, weiß ich auch, daß er für einen ſolchen Schimpf Blut fordern wird.— Nun wohl, Madame, ich ſchieße Ihrem glücklichen Liebhaber eine Kugel vor den Kopf.“ „Aber mit welchem Rechte?“ fragte Sirena mit etwas unſicherer Stimme. 3 * 69 „Und das fragſt Du, Sirena, die Du meine flüchtige Neigung zu dir zu einer unbändigen Leiden⸗ ſchaft angefacht haſt. Du, die tauſendmal mich hof⸗ fen ließ und wieder tauſendmal mich in den Abgrund des Zweifels und der Ungewißheit zurückgeworfen hat. — Du, die mit einer Koketterie ohnegleichen mich zu ihrem Sklaven gemacht hat.— Begreife doch einmal, daß dieſes Spiel einen Schluß haben muß, daß es Ernſt geworden iſt. Du mußt daheim bleiben und mir das verſprochene Rendezvous geben, oder er muß dafür büßen, daß Du mit meinem Herzen ge⸗ ſpielt haſt.“ „Geh, Oſſian, morgen wirſt Du meine Antwort erhalten.“ „Nein, im Augenblick— glaube nicht, daß Du mir entgehſt.— Jetzt will ich ſie haben oder nie!“— „Aber bedenke, welcher Skandal!“ „Dachteſt Du daran, als Du mir dein Ver⸗ ſprechen gabſt, oder glaubſt Du, ich frage darnach, ich, der ich dich liebe?— Wähle zwiſchen. ihm und mir, jetzt auf der Stelle,“ rief Oſſian heftig, indem er Sirena am Arm faßte. Sie warf einen Blick auf ihn und ſah, daß ſein Geſicht vor wildem Ungeſtüm völlig entſtellt war.— Sie hörte Brunels Schritt immer näher kommen; ein Schauder fuhr durch ihre Glieder, und ſie antwortete mit unſicherer Stimme: „Ich werde daheim bleiben.“ „Schwöre mir darauf.“ *8h ſchnöre“ 70 „Und Du findeſt dich allein am Freitag Schlag acht Uhr im Pavillon ein?“.. Sirena war todesbleich. ³ Ich danke dir!— Wenn Du dein Wort brichſt, nehme ich Rache an ihm.“ Der Baron entfernte ſich und kehrte in das Wohnhaus zurück. Als er fort war und Sirena ihren Spaziergang fortſetzte, erhob ſich Cäcilia hinter der Hecke zur lin⸗ ken Seite, drückte ſie auseinander und ſah ihr nach. In Cäcilia's Blick lag ein Ausdruck ungezügelten Haſſes, und um ihre Lippen ſpielte ein unheilvolles Lächeln, während gleichzeitig Sirena einige Worte mit † Brunel, welcher auf ſie zukam, austauſchte, worauf beide ihren Weg nach dem Park nahmen. Als ſie unter den Bäumen verſchwunden waren, ſprang Cä⸗ cilia hinaus auf den Weg und eilte auf die Woh⸗ nung zu. Nachdem ſie ſich entfernt hatte, ließ ſich ein tie⸗ fer und ſchmerzlicher Seufzer von der rechten Seite der Allee vernehmen. Hinter derſelben ſaß Amy auf einer Bank mit einem Buche, das zu ihren Füßen niedergefallen war, das Angeſicht in den Händen ver⸗ borgen. Sie weinte, weinte bitterlich, denn nicht ein einziges Wort von Oſſians und Sirena's Unterredung war ihr entgangen. Nachdem ſie lang geweint hatte, faltete ſie die Hände und betete: „O mein Gott, verlaß mich nicht!“ Einige Minuten ſpäter wanderte Amy langſam ihrem Zimmer zu. XVI. Am Donnerſtag reisten Alle nach Skärby, außer Sirena, welche unpäßlich war. Der Baron und Cäcilia zeigten ſich im höchſten Grade aufgeräumt. Amy war ſich beinahe gleich geblieben, doch weilte ein Schatten von Wehmuth auf ihrem Antlitz, den kein Bemühen verſcheuchen konnte. Zu Skärby bei dem Kämmerer Ström befand ſich große Geſellſchaft, weil er die Hochzeit von zweien ſeiner Hinterſaßen zu feiern gedachte und zu dieſem Zweck ſeine Verwandten und Freunde eingeladen hatte. Der Freitag war zur Trauung ſelbſt beſtimmt. Amy traf ihre Eltern, welche mit viel Stolz und Genugthuung ihre Tochter die Baronin präſentirten. „Nun, liebe Amy,“ ſprach Frau Aker zu ihrer Tochter, als ſie einen Augenblick allein waren;„was ſagen deines Mannes Verwandte über Eriksberg? — Ich hoffe, Sie finden es wohl beſtellt und die Einrichtung deinew Range entſprechend und werden ſich die Uebertragung des ganzen Gutes als ein un⸗ bedeutendes Geſchenk an deinen Mann auf den Jah⸗ restag eurer Hochzeit ſchon gefallen laſſen.— Papa hat das Geld nicht geſpart, um es gehörig in Stand zu ſetzen. Es gibt, ſollte ich glauben, nicht viele Leute, welche ihrem Schwiegerſohn ein ſolches Geſchenk machen.“ In dem Ton dieſer Worte lag ein ſtarker An⸗ Hang von Hochmuth. 72 „Gute Mama, Alles iſt ſo ſchön und vollkom⸗ men, daß ich Eriksberg nur entzückend finden kann,“ antwortete Amy und küßte die Hand, während ſich unwillkürlich eine Thräne bei dem Gedanken an die bitteren Leiden, die ſie in dieſem Eriksberg erduldet hatte, aus ihren Augen ſtahl. „Du biſt wohl recht erfreut darüber, daß D jetzt den Titel Baronin führſt.“ Amy wußte nicht, was ſie auf dieſe ſeltſame Frage antworten ſollte, ohne dabei lügen zu müſſen; deßhalb begnügte ſie ſich damit, daß ſie ſagte: „Ich werde Mama's und Papa's Güte und Be⸗ ſtrebungen, mein Glück zu fördern, niemals vergeſſen.“ Aber wiederum fiel eine unaufhaltſame Thräne auf die Hand der Mutter. „Meine liebe Amy, es ſchickt ſich durchaus nicht, daß Du bei deiner Lebensſtellung immer noch wie ein demüthiges Kind redeſt und dich von Allem auf⸗ regen läßeſt.— Frau Watz, Sirena's Mutter, eine ausgezeichnete Dame, hat mir oft im Vertrauen ge⸗ ſagt, daß Du dich nicht ganz deinem Range gemäß beträgſt, und ich ſehe es jetzt ſelbſt mit Leidweſen; aber das haben wir Eriks Sorge für deine Kindheit zu danken.— Es war eine große Unbedachtſamkeit von mir, daß ich ihm geſtattete, dich zu erziehen und ſeine veralteten Begriffe deinem Kopfe einzuprägen. Nimm ein Erempel an Sirena und hänge nicht ſo jämmerlich an deinem Mann; das iſt bei gebildeten und vornehmen Damen nicht der Brauch.— Nun, freuſt Du dich nicht darüber, daß Papa Stadtmajor geworden iſt?“ 73 „Ja, wenn dieß Papa und Mama Vergnügen macht.“ Als die Mutter ſie verließ, fühlte ſich dieſe ganz beklemmt um's Herz, denn ſie fand bei der⸗ ſelben kein recht theilnehmendes Gefühl, ſondern nur eine mißlungene Affektation, die vornehme Frau zu ſpielen. „Der Onkel, er iſt herzensgut,“ dachte Amy bei ſich ſelbſt. Am Freitag Morgen trat Oſſian zu Amy mit den Worten: „Ich muß nothwendig, meine Liebe, in die Stadt reiſen, und zwar in einer höchſt dringenden Affaire; willſt Du ſo gut ſeyn, wenn ich fort bin, mich bei dem Onkel und deinen Eltern deßhalb ent⸗ ſchuldigen?“ Oſſian ſprach in völlig unbefangenem Tone. Amy ſah ihn an; es war ihr unmöglich, ihre Bewegung ſo weit zu bewältigen, daß ſie ihm eine Antwort zu geben vermochte. Die hervordringenden Thränen hüllten Alles in einen Nebel vor ihren Augen. „Wie, ich glaube, Du weinſt, weil ich gezwungen bin, auf ein paar Stunden in die Stadt zu reiſen,“ fiel der Baron lachend ein und ſetzte dann hinzu: „Meine liebe Amy, deine Gemüthsart ſpielt all⸗ zu ſehr in das Lächerlich⸗Sentimentale hinüber.“ „Und wenn ich dich nun bäte, Oſſian, von die⸗ ſer Reiſe abzuſtehen, würdeſt Du mir meine Bitte abſchlagen?“ Amy ſah dabei ſo herzlich flehend zu dem Baron auf, daß er ein flüchtiges Gefühl von Reue empfand. 74 „Sey vernünftig, Amy, und thue, um was ich dich erſucht habe. Du willſt doch nicht, daß ich we⸗ gen eines Einfalls von dir meine Angelegenheiten verſäumen ſoll.— Lebe jetzt wohl, wir ſehen einan⸗ der bald wieder.“ Und einen haſtigen Kuß auf Amy's Stirne drückend, eilte er hinweg. „Wir ſehen einander bald wieder!“ ſagte Amy weinend zu ſich ſelbſt, als Oſſian fort war. Eine Stunde darauf war Oſſian's Gig in voller Fahrt auf dem Wege nach der Stadt. KVII. Wir verſetzen uns nun in den Pavillon zu Eriksberg am Abend deſſelben Tags; aber um das Nachfolgende verſtehen zu können, iſt eine kurze Be⸗ ſchreibung des Lokals nothwendig. Der Pavillon beſtand aus einem großen Salon mit Altanfenſtern, welche bis auf den Boden herabgingen, und war mit 1 großem Lurus möblirt.— In allen vier Ecken ſtan⸗ den exotiſche Bäume, unter welchen kleine Sophas ihren Platz hatten, ſo daß gewiſſermaßen vier kleine Lauben dadurch gebildet wurden. Rechts und links befanden ſich Thuͤren mit reichen, faltig niederfallen⸗ den Gardinen, welche zu zwei kleinen entzückenden Kabineten führten. In dem zur Rechten ſtand eine Marmorgruppe, die Gerechtigkeit vorſtellend. Die 75 Wände waren mit reichem, in Falten freihängendem rothem Damaſt bekleidet. Etwas vor acht Uhr trat Sirena in den eben beſchriebenen Salon. Ihr Antlitz war bleich. Aus dem Auge leuchteten Verdruß, Unruhe und Stolz. Sie warf ſich auf einen der Sophas, während ſie ungeduldig eine Camellia, welche in ihrer Nähe ſich befand, zerblätterte. Einige Minuten verfloßen— und es ſchlug acht Uhr.— Ein bitteres, ärgerliches Lächeln ſchweifte über ihre Lippen, als ſie ſich erhob, die grünen Jalouſien an den Fenſtern ſchloß und dann ihren Platz wieder einnahm. In demſelben Augenblick trat Oſſian warm und ſtrahlend von Hoffnung ein. Er verſchloß ſorgfältig die Thüre hinter ſich. „O meine geliebte; bezaubernde Sirena, ſo iſt endlich der Augenblick gekommen, wo ich dir ungeſtört ſagen kann, wie innig ich dich anbete!“ rief der Baron und warf ſich vor Sirena auf die Kniee. Aber ſie haſtig auf und ſchob ihn mit den Worten von ſich: „Sie ſind allzu eilig, Herr Baron!“ Dabei warf ſie ihren Kopf zurück und ſah ihn mit Stolz und Verachtung an. „Was bedeutet das!“ rief der Baron, indem er mit funkelnden Augen aufſprang. „Das bedeutet, daß Sie erhalten haben, was Sie wünſchen,“ antwortete Sirena mit eiskaltem Lächeln. „Strena, nehmen Sie ſich wohl in Acht, denn ————— 76 Sie könnten es bereuen.— Sie ſpielen mit einem Feuer, deſſen Raub Sie ſelbſt werden können, weil Sie allzu oft mir zu verſtehen gegeben haben, daß meine Gefühle von Ihnen erwiedert werden.“ „Wann und wo habe ich Ihnen geſagt, daß ich Sie liebe?“ „Treibe mich nicht zum Aeußerſten.“ „Einen Augenblick Beſinnung, Herr Baron!“ fiel Sirena mit vernichtender Kälte ein.„Sie beſaßen die Macht, durch Ihr Ungeſtüm dieſes Rendezvous zu erzwingen, weil ich jene barbariſchen Scenen von Schlägereien, welche immer auf einen Skandal fol⸗ gen, fürchte und verabſcheue; nun aber habe ich keine Angſt mehr vor Ihnen, denn es gebricht Ihnen an jeder Gewalt über mich, welche erforderlich wäre, um mich dahin zu bringen, daß ich meiner Pflichten als Gattin vergäße.— Unterbrechen Sie mich nicht— ich werde ſogleich fertig ſeyn. Die Schuld lag nicht an mir, daß Sie in Ihrer thörichten Eigenliebe ſich ſelbſt etwas der Art einbildeten, weil ich mich von Ihren heitern, lebhaften Umgangsformen angeſprochen fand.— Die Schuld liegt ferner nicht an mir, daß Sie den kleinen Vorzug, welchen ich Ihnen bewies, überſchätzt haben oder ſo eingebildet geweſen ſind, meinen Scherz von Liebe für Ernſt zu nehmen.— Ah, mein Herr, um geliebt zu werden, iſt etwas mehr als ein ſchönes Geſicht und ein Adelstitel erforderlich: es iſt erforderlich— ein Mann zu ſeyn. Haben Sie die Güte und laſſen Sie mich ſchließen. Die Schuld liegt endlich nicht an mir, daß ich, verheirathet ohne Liebe, im geſellſchaftlichen 77 Leben meine Freude und meine Triumphe ſuche, und daß ich darum Ihr Haus beſonders angenehm ge⸗ funden habe; aber Sie haben ſich grauſam ver⸗ rechnet, im Fall Sie glaubten, ich würde um Ihret⸗ willen die Achtung vor mir ſelbſt vergeſſen.— Es iſt möglich, daß es von mir geſchähe, aber Sie wenigſtens ſind nicht der Mann, welcher mich dazu beſtimmen könnte; Sie ſind....“ Sirena wurde hier von einem heftigen Schlag an die Thüre des Pavillons unterbrochen, und Elvins Stimme ließ ſich vernehmen: „Sirena, mache auf!“ Das Blut ſtockte in ihrem Herzen und, ihr Angeſicht in den Händen verbergend, flüſterte Sirena mit erſtickter Stimme: „O Gott, mein Mann! Und das iſt Ihr Werk!“ Ehe Sirena oder der Baron Zeit hatten, ſich zu Faſſen, eilte eine weibliche Geſtalt aus dem Kabinete zur Rechten an ihnen vorüber durch den Salon und öffnete die Thüre. Elvin ſtutzte bei ihrem Anblick und rief: „Amy!“ „Willkommen, Elvin, biſt Du von deiner Reiſe zurück? Trete ein, Sirena iſt unwohl und freut ſich gewiß von Herzen, gerade jetzt dich bei ſich zu haben.“ Im höchſten Grad erſtaunt und etwas zögernd trat Clvin ein. Auf dem Sopha fand er Sirena ſitzend, aber ſo bleich, daß er darüber erſchrack. In einiger Entfernung ſtand der Baron, mehr einer Bildſäule als einem Menſchen gleich. „Du haſt uns durch deine plötzliche Ankunft recht überraſcht, da wir dich weit von hier glaubten,“ bemerkte Amy, deren Ausſehen nichts weniger als ruhig war. „Mein letzter Brief an Sirena enthielt die Nachricht von meiner geſtern erfolgten Heimkehr,“ erwiederte Elvin. „Es iſt über eine Woche, daß ich einen Brief von dir erhielt, und in demſelben erwähnteſt Du nichts davon,“ fiel Sirena mit zitternder Stimme ein.— „Meinen Brief ſollteſt Du ſchon geſtern erhalten haben.“ „Aber mir iſt keiner zugekommen.“ „Das iſt doch ſonderbar,“ entgegnete Elvin, ſeine Frau fixirend.—„Aber warum ſeyd ihr hier eingeſchloſſen?“ „Das kannſt Du allerdings fragen,“ bemerkte Amy.„Wir waren Alle zu dem Onkel nach Skärby eingeladen; aber Sirena befand ſich unwohl und konnte uns nicht begleiten. Wir Andern ſind geſtern dorthin abgereist. Sirena äußerte gegen mich den Wunſch, wieder heimzukehren. Wir gaben ihr das Verſprechen, heute zurückzukommen und ſie zu be⸗ gleiten, da ſie krank war. Damit der Onkel über unſern Aufbruch von Skärby nicht mißvergnügt würde, gab Oſſian eine dringende Reiſe nach der Stadt vor. Wir trafen hier mit Sirena zuſammen, ſo daß die Leute im Hauſe uns nicht zu Geſicht be⸗ kamen.— Nun iſt unſere Geſellſchaft überflüſſig, da Du ſelbſt angelangt biſt, um Sirena heimzuholen, 79 welche ſich in Eriksberg langweilte und von mir nicht mehr überredet werden konnte, länger hier zu bleiben.“ Der letztere Satz wurde mit ſolchem Ernſt und einem ſo feſten und vielſagenden Blick auf Sirena ausgeſprochen, daß dieſe klar einſah, es gehe nicht an, länger bei Amy zu verweilen. Sie bemerkte deßhalb gegen ihren Mann: „Wenn Du nicht allzu ermüdet biſt, ſo laß uns morgen in aller Frühe heimkehren; ich habe eine faſt krankhafte Sehnſucht darnach.“ Elvin ließ ſeine Augen von der einen zu der andern dieſer drei Perſonen hinübergleiten, deren Benehmen ihm höchſt räthſelhaft vorkam, und, ant⸗ wortete: „Wäre ich auch noch ſo müde, ſo würde ich doch nichts davon empfinden, da mir die Freude zu Theil wird, dich wieder nach Hauſe zu bringen.“ „Willſt Du mich hinaufbegleiten?“ ſagte Sirena und nahm Elvins Arm; darauf entfernte ſie ſich, nachdem ſie noch einige freundliche Worte gegen Amy geäußert und einen Blick voll Verdruß auf Oſſian geworfen hatte. Da ſtanden nun Oſſian und Amy allein. Der Baron warf ſich in einen Fauteuil und ſagte: „Nun, Madame, thun Sie ſich keine Gewalt an, ſondern brechen Sie in Thränen und Vorwürfe aus, ich bin darauf gefaßt und werde mich geduldig dem drohenden Gewitter unterwerfen. Es wird recht intereſſant, zu erfahren, durch welche Intriguen Sie Kenntniß von dieſem Rendezvous erhalten haben, und wie es Ihnen gelungen iſt, Ihren Lümmel von Couſin hieher zu locken, ſo daß die Sache einen Schluß nach Ihrem Wunſche bekam.“ „Oſſian, Du biſt aufgeregt und ſtehſt unter dem Einfluß einer minder edeln Gemüthsſtimmung; laß uns darum dieſes Geſpräch auf einen ruhigern Augen⸗ blick verſchieben,“ erwiederte Amy ſanft und legte die Hand auf ſeine Schulter. Der Baron ſchaute ſie mit einem zweifelnden Blicke an. „Sieh mich nicht ſo an; ich verſtelle mich nicht,“ ſagte Amy zur Antwort auf ſeinen Blick. „O nein, ich glaube das auch nicht; deine Ge⸗ fühle ſind wie laues Waſſer; wie wäre es ſonſt möglich, mit ſo viel Kälte und Berechnung, wie Du thuſt, zu handeln? Ach! wer ſein Blut ſo in der Gewalt hätte, daß es gleich dem deinigen mit bleierner Langſamkeit durch die Adern flöße; da brauchte man nicht zum Narren zu werden, wie es jetzt bei mir der Fall iſt.“ Der Baron fuhr mit ſeinen geballten Händen in ſtummer Raſerei gegen die Stirne. Amy ſchwieg.— Es verfloſſen einige Minuten; endlich hob Oſſian wieder den Kopf, und ſeine Augen fielen auf Amy, welche unruhig und theilnehmend ihn betrachtete. „Findet ſich kein Funke Feuers in deiner Seele, be Du ſo ruhig ſeyn kannſt, da Du weißt, ich Mit einem Ausruf tiefen Schmerzes eilte Amy — —— 7 — 81 auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Lippen, indem ſie ängſtlich flehte: „Sprich den Satz nicht aus, Oſſian; Du könnteſt mich tbadurch tödten!“ Der Ausdruck in Amy's Miene bezeugte die Wahrheit ihrer Worte. Sie beugte ſich weinend auf die Lehne eines Fauteuils.— Das war mehr, als der Baron aushalten konnte; er faßte ihre Hände und führte ſie an ſeine Lippen. „Ich leide, Amy, verzeihe mir.“ „Sprich jetzt nicht weiter,“ bat Amy mit matter Stimme.—„Morgen, Oſſian, da wollen wir uns erklären.“ XVIII. „Sirena,“ begann Elvin ſtreng gegen ſeine Frau, als ſie auf deren Zimmer angekommen waren, „ich habe einen Brief empfangen, welcher eine An⸗ klage gegen dich enthält. Sieh hier, lies!“ Schweigend nahm Sirena den Brief und las folgende Worte: -„Freitag Abend um acht Uhr, wenn Alles in Eriksberg fort iſt, treffen Sie den Baron und Ihre Frau in dem Pavillon daſelbſt bei einem zärtlichen tete-A-tete.“ Eine dunkle Röthe zog über Sirena's Ange⸗ ſicht, und einen Augenblick fühlte ſie ſich Schwartz, Novellen. IV. 82 Alles ihrem Mann zu geſtehen; aber dieſes beſſere Gefühl dauerte nur eine Sekunde; dann ſchob ſie den Brief zur Seite und ſagte in verdrießlichem Ton: „Was für eine abſcheuliche Beſchuldigung, und daran konnteſt Du glauben?“ „Ja, das konnte ich, und noch weiß ich nicht, ob ſie ungegrünbet iſt.“ „Wirklich, und Amy's Anweſenheit?“ „Beweist nichts. Sie ſo wohl wie ich konnte von eurem Rendezvous unterrichtet worden und hie⸗ her gekommen ſeyn.— Sirena, wenn man gleich mir von ganzer Seele und von ganzem Herzen liebt und nicht ein Atom von Liebe zur Erwiederung auf ſeine Gefühle bekommt, ſo wird man mißtrauiſch.— Wie manche ſchlafloſe Nacht, wie viele Qual dein hie⸗ ſiger Aufenthalt mich gekoſtet hat, wirſt Du niemals begreifen; denn Du hätteſt mich dann nicht ſo grau⸗ ſam martern können.— Ueberall nahm ich die na⸗ gende Gewißheit mit mir, daß der Baron dir eifrigſt den Hof machte; er, dieſer leichtſinnige und gefährli⸗ che Mann, mit ſo manchen äußern Vorzügen vor mir, er war jeden Tag in Deiner Nähe.— Bei dieſem Gedanken erwachte mein Mißtrauen gegen dich, aber ich liebte dich allzu innig, als daß ich dir damit hätte wehe thun wollen.— Dieſer Brief, welcher eine ſchreckliche Beſtätigung deſſen, was ich bei mir fürch⸗ tete, enthielt, kam mir geſtern zur Hand, bei meiner Ankunft von der Reiſe, und ich war nahe daran, alle Beſinnung zu verlieren.— Antworte mir darum mit der Hand auf dem Herzen: Iſt Amy die ganze Zeit im Pavillon geweſen, als Du mit dem Baron dich — 5 83 dort befandeſt, oder iſt ſie erſt gekommen, nachdem dieſer ſchon einige Zeit dort verweilt hat?“ 2 Sirena legte die Hand auf das Herz und ſagte: „Sie iſt die ganze Zeit daſelbſt geweſen.“ „Ich danke dir!— Verzeihe meinen Zweifel, aber Du weißt nicht, wie viel ich gelitten habe.“ Elvin zog Sirena an ſich und lehnte ſeinen Kopf an ihre Bruſt.— In Sirena's Innerem regte ſich etwas wie Mitleid; ſie beugte ſich nieder und küßte ſeine Stirne. „Aber wer hat dieſe niedrige Beſchuldigung gegen dich gewagt?“ rief Elvin. Man verlor ſich darüber in Vermuthungen. Am folgenden Tage reisten Elvin und ſeine Frau ab.— Die letztere ließ zwei Briefe zurück; einen an Cäcilia, worin ſie dieſelbe bat, den Winter in ihrem Hauſe zuzubringen.— Der andere war an Lieutenant Brunel, und von deſſen Inhalt werden wir ſpäterhin Kunde erlangen. XIX. Einige Stunden nach Elvins Abreiſe ſaß der Baron in dem großen Salon. Sein Angeſicht war bleich und nachdenklich; er trommelte mit der Hand auf dem Tiſche und es zeigte ſich deutlich, daß der Gegenſtand ſeines Sinnens nicht ſehr angenehmer Na⸗ tur war. Das Zuſammentreffen des Barons mit Sirena beim Frühſtück wäre eine vollkommene Niederlage für ſeine Eigenliebe geweſen, wenn dieſelbe nach den Aeu⸗ ßerungen, welche von Sirena gegen ihn gefallen, noch irgend hätte vergrößert werden können. Sie begeg⸗ nete ihm mit einer Kälte, welche an Verachtung grenzte, während ſie ihrem Mann eine zuvorkommende Herzlichkeit bewies. In Sſi Bruſt tummelten ſich Demüthigung, Verdruß unuſe Hoffnung um die Wette mit der Unruhe däatüber, wie Amy eigentlich zu handeln beabſichtigte. 6 In dieſem Augenblick wurde eine der Thürgar⸗ dinen zurückgeſchoben, und Amy ſtand auf der Schwelle. Ueber ihrem Angeſicht weilte eine ſchmerzliche und wehmüthige Ruhe.— Nachdem ſie eine Weile ihren Mann betrachtet hatte, ging ſie auf ihn zu und ſagte; „Du haſt mit mir zu ſprechen gewünſcht.“ „Ja, Amy, ich halte es nicht länger aus; wir müſſen uns gegen einander erklären, und ich will wiſſen, welches Urtheil Du über unſer künftiges Leben Oſſian?— welches andere Urtheil kann ich fällen, wo möglich zu vergeſſen, daß es einen ſolchen Tag in meinem Leben gegeben hat.“ „Bin ich dir wirklich ſo gleichgültig geworden, daß mein Benehmen nicht einmal deinen Verdruß erregt?“ „Verdruß? Nein, den habe ich nicht empfunden; aber wohl ein ſchreckliches Leid;— einen Schmerz allzu groß, als daß er in Worte gekleidet werden könnte. † 85* — Doch, es iſt nun vorüber. Ich will und werde es vergeſſen.“ „Durch wen biſt Du von dem Stelldichein ge⸗ ſtern unterrichtet worden?“ „Durch den Zufall, der mich zum unſichtbaren Zeugen deines Geſprächs machte, als Du Sirena zwangſt, dir daſſelbe zu bewilligen.— Ich begriff vollkommen, daß bei dem aufgeregten Zuſtand, worin Du dich befandeſt, Vorſtellungen nicht auf dich wirken würden, und beſchloß darum, durch meine Gegenwart jedem Ertrem vorzubeugen und dich und Sirena da⸗ ran zu erinnern, was Ehre und Pflicht von euch forderten.— Elvins unerwartetes Auftreten gab der Sache eine ganz andere Wendung.“ „Aber was iſt das für eine Kraft, welche dich ſo duldſam macht?“ „Die Kraft der Liebe!“ antwortete Amy warm; und während ſie redete, rannen einige Thränen lang⸗ ſam über ihre Wangen.—„Da wir noch Braut und Bräutigam waren, ſagte man mir oft: er liebt dich nicht, aber ich ſchenkte dieſen Worten keinen Glauben. Wenn zuweilen doch ein Schatten von Zweifel über mich kam, ſo dachte ich: auf der Liebe der Frau be⸗ ruht das Glück der Ehe, und ſagte dann zu mir ſelbſt: Du wirſt ihn ſo warm, ſo treu, ſo innig lieben, daß er dich wieder lieben muß.— So hoffte ich, da der Zweifel mich quälte.— So hoffte ich, da wir ver⸗ heirathet waren, und ich zu ſehen glaubte, daß Du mich nicht ſo liebteſt, wie ich erwartete; und ſo hoffe ich noch jetzt.— Eines Tags wird er dich lieben lernen, eines Tags wird er dir Gerechtigkeit wider⸗ 86 fahren laſſen; mit dem Gedanken ſchlief ich geſtern ein, mit dem Gedanken wachte ich heute auf;— mit die⸗ ſer Ueberzeugung ſage ich jetzt zu dir; laß uns ver⸗ geſſen, was geſchehen iſt; denn ich liebe dich ebenſo warm und heilig, wie ich es immer gethan habe und immer thun werde.“ Man ſpricht von einem verklärten Ausſehen, und ein ſolches hatte Amy gewiß, als ſie ausgeredet hatte und mit einem milden Lächeln ihm die Hand zur Verſöhnung reichte. Der Baron ergriff dieſelbe, führte ſie an ſeine Lippen und ſagte mit wirklicher Rührung: „Du zermalmſt mich mit deinem Cdelmuth.“ „Hier kann von Edelmuth nicht die Rede ſeyn; denn wo wahrhafte Liebe wohnt, da bedarf es nicht weiter.“ Oſſian war allzu aufgeregt, um antworten zu können; er zog Amy an ſeine Bruſt und drückte ſie feſt an ſein Herz. Welches Mittel Amy auch anwenden mochte, es hätte gewiß keinen ſo tiefen Eindruck anf die leicht⸗ ſinnige Gemüthsart des Barons gemacht, wie dieſe ihre hingebende Liebe.— Und ſo viel iſt ſicher, wenn eine Frau in ihrem ehelichen Leben öfter die Waffe der Milde und Zärtlichkeit gebrauchte, es würde ganz anders mit der häuslichen Glückſeligkeit ausſehen. Es kann nicht beſtritten werden, daß ſie von Natur be⸗ rufen iſt, das Glück des Familienlebens zu ſchaffen; aber um hiefür Kraft zu beſitzen, iſt erforderlich, daß ihr Herz von Liebe erfüllt und von dem Gefühl für ihre Beſtimmung durchdrungen ſey. „ ———— —— 87 „Ein paar Stunden ſpäter ſaßen Amy und der Baron in Onkel Eriks Wagen, in welchem jene von Skärby hergekommen war, und kehrten dahin zurück. Amy mit Glauben und Hoffnung im Herzen und Oſ⸗ ſian mit manchen guten Vorſätzen und der Morgen⸗ dämmerung von etwas Beſſerem in ſeiner Seele. Und damit verlaſſen wir ſie auf einige Zeit. Der Sommer verging, der Herbſt kam, und mit ihm kehrten alle Luſtbarkeiten der Hauptſtadt wieder. In dem Salon von La Croir gab es ein Concert. Noch waren ſehr wenige Leute da, als Lieutenant Brunel eintrat. Er warf einen forſchenden Blick im Salon herum, als ob er Jemand ſuchte, ohne denſel⸗ ben jedoch zu finden. Nachdem er ſich hievon über⸗ zeugt hatte, lehnte er ſich nachläſſig an einen der Pfeiler und wartete. Das Rauſchen von ſeidenen Ge⸗ wändern bewog ihn, ſich umzudrehen und eine tiefe Verbeugung vor zwei gerade ankommenden Damen zu machen. Nachdem ſie ſich geſetzt hatten, ging der auf ſie zu und nahm ſeinen Platz hinter ihnen. „Ich hoffe, Frau Elvin, ſie befanden ſich recht wohl, ſeitdem ich nicht die Ehre gehabt habe, Sie zu ſehen.— Ihr ergebenſter Diener, Mamſell Aler“ ſetzte Brunel hinzu, als Cäcilie ſich umwandte. „Der Herr Lieutenant weiß vielleicht nicht, daß wir im Laufe des Spätſommers und Herbſtes verreist geweſen ſind,“ bemerkte Sirena, ſich zu Brunel um⸗ drehend.— Sie war ſo blendend ſchön, daß man das Auge unmöglich von ihr abwenden konnte. „Elvin ſagte mir geſtern davon, als ich bei den Herrſchaften zu Beſuch war, aber ich hatte das Un⸗ glück, Sie nicht zu treffen, meine Gnädige,“ antwortete Brunel mit einem Blick unwillkürlicher Bewunderung auf Sirena's bezauberndes Antlit. Nun kam ein älterer Herr, begrüßte die Damen und nahm neben Cäcilia Platz, mit welcher er eine Converſation begann. „Aber, Madame, was ſollten die myſtiſchen Be⸗ ſchuldigungen andeuten, welche Sie bei Ihrer plötz⸗ lichen Abreiſe von Eriksberg brieflich gegen mich äußerten, und welche von dem Verſprechen einer Er⸗ llärung begleitet waren,“ fragte Brunel mit geſenk⸗ ter Stimme. „Sie können dieſe heute Abend nicht erhalten.“ „Ich kam doch mit dieſer Hoffnung hieher.“ „Aber wie wußten Sie, daß ich hier ſein würde?“ „Elvin hat mich geſtern davon unterrichtet.— Ein Wort zur Erklärung, ich bitte darum.“ „Ah, mein Herr, Sie haben ſich abſcheulich be⸗ nommen, indem Sie durch einen niedrigen Verdacht meines Mannes Eiferſucht zu erwecken ſuchten.“ „Dieſe Worte ſind ebenſo räthſelhaft wie Ihr Brief.— Worauf zielen dieſelben hin, Madame?“ „Auf das anonyme Billet, welches Sie von Eriksberg an Clvin ſandten?“ 89 „Ich ſoll ein anonymes Billet an Elvin ge⸗ ſandt haben?“ rief Brunel ganz erſtaunt. „Ja eben Sie; es iſt nicht der Mühe werth zu läugnen, weil es Niemand anders ſeyn konnte.— Sie haben ſich immer haßerfüllt gegen mich gezeigt.“ „Madame, Sie wiſſen nur allzu wohl, daß ich Sie nicht haſſe.“ In Brunels Augen lag ein Etwas, das ein gelindes Erröthen auf Sirena's Wangen rief. „Und bei meiner Ehre ſchwöre ich Ihnen,“ fuhr er fort,„daß die ganze Sache mir vollkommen fremd iſt.— Wie können Sie den Verdacht einer ſo nie⸗ drigen Handlung auf mich werfen?“ „Was weiß ich— Sie haben ja ſelbſt zuge⸗ ſtanden, daß Sie ſich vor mir fürchten, und wahr⸗ ſcheinlich war es Ihre Furcht, welche das Schreiben an meinen Mann Ihnen diktirte,“ bekräftigte Sirena. „Leider haben Sie meine Vernunft und meine Furcht beſiegt,“ verſicherte Brunel mit einem eigen⸗ thümlichen Blick;„aber was ſoll ich thun, um Glau⸗ ben zu finden, wenn mir nichts übrig bleibt als hei⸗ lig zu ſchwören, daß ich an dem Briefe ganz un⸗ ſchuldig bin.“ „Mir den Verfaſſer aufſpüren,“ flüſterte Si⸗ rena lächelnd und ſtrich mit der Hand die reichen Locken von den ſchneeweißen Schultern zurück. Brunels Blick haftete unwillkürlich auf der Hand, während er antwortete: Aber das iſt mir ja ganz unmöglich.“ „Was ein Mann will, das kann er,“ äußerte Sirena nachdrücklich und wandte ſich von ihm ab. . 90⁰ Aber er darf es nicht immer,“ flüſterte Bru⸗ nel und erhob ſich, um das Publikum in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Winter und Weihnachten kamen.— In dem Elvinſchen Hauſe begann es ſeltſam auszuſehen.— Sirena lebte in einem unaufhörlichen Saus und Braus von Luſtbarkeiten, Beſuchen und Gaſtgeboten. — Alle Bitten und liebevollen Vorſtellungen ihres Mannes riefen nur einen Ausbruch von Ungeduld bei Sirena hervor und endigten damit, daß ſie aus Verdruß ſich für den ganzen Tag in ihr Zimmer einſchloß, und dann ſtand es lange an, bis ſie El⸗ vin nur einen Schatten von Freundlichkeit wieder ſehen ließ. Elvins Beſchäftigung geſtattete ihm eine ſolche Lebensweiſe nicht, und die Folge davon war, daß er ſich einſam in ſeinem Hauſe, einſam in ſeinem Her⸗ zen fühlte, ohne Zufriedenheit und Glück, daß er düſter wurde und ſich mehr und mehr von dem Geſellſchaftsleben zurückzog, in welches ſeine eitle und thörichte Frau an ſeiner Stelle von ihrer ebenſo un⸗ verſtändigen und gefallſüchtigen Mutter, deren ober⸗ flächliche und ſchlechte Erziehungsweiſe den Grund zu dem jetzigen Leben Sirena's gelegt hatte, begleitet wurde. Brunel ging jetzt viel bei Elvin aus und ein und traf außerdem auch an andern Orten oft mit Sirena zuſammen; aber das Verhältniß zwiſchen bei⸗ den zu beſtimmen, hielt ſchwer. Bisweilen ſchien er von ihr eingenommen und wie berauſcht gegen ſeinen Willen zur Bewunderung derſelben hingeriſſen; ein —ů ————— 91 anderes Mal war er wieder ſo kalthöflich, daß man für entſchieden hätte annehmen können, er habe ihr niemals irgend eine Huldigung dargebracht. Sirena ihrerſeits that Alles, was eine ſchöne und gefallfüchtige Frau thun kann, wenn ſie den Mann, den ſie ſelbſt liebt, erobern will. Cäcilia, welche zu Anfang ihres Aufenthalts in Elvins Hauſe Sirena zu allen Luſtbarkeiten, denen ſie anwohnte, begleitet hatte, wurde endlich deſſen müde und bat daheim bleiben zu dürfen, was um ſo eher zugeſtanden wurde, da Sirena ihr zuweilen murrendes Gewiſſen jetzt damit beſchwichtigen konnte, daß Elvin nicht allein daheim ſäße, ohne dabei die Gefahr zu bedenken, welche für ihn ein beſtändiges téte-à-tete mit einem jungen angenehmen Mädchen zur Folge haben konnte. An Abenden, wenn Sirena fort war, nahm Cäcilia ihre Arbeit und ſetzte ſich zu Elvin in ſein Zimmer.— Das erſte Mal, da dieß geſchah, blickte er zu ihr auf und ſagte in melancholiſchem Tone: „Es iſt ſchön, Cäcilia, daß wenigſtens Du an mich und meine Einſamkeit denkſt.“ „Eine ganz natürliche Sache, Elvin; ich bin nicht mit Sirena's Schönheit begabt und kann darum auch an dem geſellſchaftlichen Leben keine ſolche Freude finden.— Bei ihr darf es dich nicht wunder neh⸗ men, ſie iſt noch jung.“ Allmälig wurde Cäcilia's Geſellſchaft ein Troſt und Genuß für den verlaſſenen Ehemann. Er be⸗ gann ſie mit Intereſſe zu betrachten, und je länger ſein Blick auf ihr weilte, deſto ſchöner kam ſie ihm 92 vor. Cäcilia ſchmeichelte ſich in ſeine Gedanken und Gefühle ein, ohne daß bis jetzt noch die Liebe zu Sirena darunter litt; aber Elvin konnte ſich nicht enthalten, zwiſchen Cäcilia's herzlichem Weſen und Sirena's kaltem, launenhaftem und mürriſchem Be⸗ nehmen eine Vergleichung anzuſtellen. Oft wenn Cäcilia's magiſcher Blick vor ſeiner Erinnerung auftauchte, rief er mit Verzweiflung: „Sirena, Sirena, warum haſt Du nichts von Cäcilia's Herzen; und warum bin ich dennoch ver⸗ urtheilt, zu meiner Qual dich zu lieben!“ Noch einige Wochen, und er hatte dieſe ſeine Gedanken auch vor Cäcilie ausgeſprochen, welche allerdings Sirena entſchuldigte, aber dabei ihre Augen mit einem milden und zärtlichen Ausdruck auf Elvin ruhen ließ. Am folgenden Tage, da Elvin an dieſe Mit⸗ theilung dachte und ſeine Phantaſie ihm deren ſammt⸗ weichen Blick und den melodiſchen Ton ihrer Stimme vorhielt, fühlte er ſeine Pulſe ſchneller ſchlagen, und er beſchloß einmal ernſt und kräftig mit Sirena zu reden und ihr zu zeigen, zu welchem Abgrund es führen würde, wenn ſie ihre Lebensweiſe nicht änderte. In dieſer Abſicht ging er auf ihr Zimmer. 6„Guten Morgen, Sirena, wie befindeſt Du di „O, gut, lieber Elvin, aber ich habe ungemein viel zu thun, da heute Abend koſtümirter Ball bei dem Großhändler Aker, wie Du weißt, und mein Anzug noch nicht fertig iſt. Du gehſt doch mit? Recht ärgerlich, daß Du beharrlich es ablehnſt, dich 93 gleichfalls zu koſtümiren.— Dadurch bin ich ge⸗ zwungen, einen andern Kavalier anzunehmen. Bru⸗ nel wird mir den Verluſt von Dir in burgundiſcher Rittertracht erſetzen.“ Sirena war von einem halben Dutzend Nähe⸗ rinnen umgeben.— Als ſie zu Ende war, bemerkte Elvin: „Ich wünſche mit Dir einige Worte allein zu reden.“ „Jetzt habe ich keine Zeit dazu.“ „Aber ich will es.“ Sirena ſah bei dieſer beſtimmten Aeußerung zu ihrem Manne auf, und wahrſcheinlich bekräftigte ſeine Miene die ausgeſprochenen Worte; denn ſie ſagte: „So komm hier herein!“ Und damit ging ſie in ein angrenzendes Zimmer. „Nun, was gibt es wieder?“ fragte ſie, als die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte. „Komm und ſetze dich; was ich Dir zu ſagen habe iſt allzu ernſt, als daß es ſich in aller Ge⸗ ſchwindigkeit abmachen läßt. „Da ſitze ich jetzt“ entgegnete Sirena, indem ſie ſich auf den Sopha neben ihren Mann warf.“ — Darf ich wiſſen, um was es ſich handelt?“ „Wie kannſt Du in den wenigen Augenblicken, da wir uns ſehen, ſo unfreundlich gegen mich ſeyn? Haſt Du denn gar kein Gefühl für mich, daß ich mit ſo viel Widerwillen und Kälte behandelt werde; und doch iſt meine Liebe zu Dir trotz allem unverändert geblieben.“ 94 „Ich glaube, Du gebenkſt mir eine Predigt zu halten. Biſt Du deßwegen hergekommen? Wie kann ich heiter und vergnügt ſeyn, wenn wir beiſammen ſind, da Du mir nie etwas Anderes als Unangenehmes zu ſagen haſt? Du forderſt, ich ſoll dich anbeten und vergöttern; aber zwiſchen Eheleuten iſt das wohl nicht nöthig. Ich halte ſo viel auf dich, als eine Frau auf ihren Mann halten muß, obwohl ich nicht unaufhörlich davon rede. Auch erheben andere Män⸗ ner kein ſolches Weſen darüber, daß ihre Frauen ſich beluſtigen, wie Du thuſt, und doch ſind ſie ebenſo oft fort wie ich. Du mußt ſelbſt einſehen, daß Du mir damit endlich zur Laſt wirſt.“ „Mein Wunſch, Sirena, war, freundlich den Gegenſtand, worüber ich mit Dir zu reden gedachte, zu verhandeln.— Du willſt es nicht.— Nun wohl, die Schuld liegt alſo nicht an mir, wenn ich meiner⸗ ſeits bitter werde. Fürs Erſte muß dieſe Lebens⸗ weiſe, welche Du führſt, aufhören, denn ich halte es nicht länger ſo aus.— Ich habe mich durchaus nicht verheirathet, um hernach keine Heimath und keine Frau zu haben; ich bin der Einſamkeit müde, Sirena, und aller der Gedanken und Vorſtellungen, welche dieſelbe in mir hervorruft.— Du redeſt von andern Frauen, welche ein ebenſo thörichtes Leben, wie Du führen.— Weißt Du, was es deren Männer und Kinder koſtet?— Oder willſt Du es von mir wiſſen? — Ja, die Männer ſuchen ihren Erſatz im Glaſe und müſſen ihre einſamen Abende im Wirthshauſe oder am Spieltiſche zubringen. Ihr Leben iſt eine lange Reihe von freudloſen, kummervollen Jahren, 95⁵ welche oft mit zerſtörter Geſundheit oder ökonomiſchem Ruin endigen.— Ein anderer Theil, welcher das Bedürfniß von Zärtlichkeit und Hingebung empfindet, ſucht wenigſtens in der Einbildung durch unziemliche Verbindungen einen Erſatz für die Liebe, das Glück und Wohlbehagen, woran es ihnen daheim mangelt, wo die wahre Häuslichkeit verjagt iſt und die Frau nur einen hübſchen Schmuck ausmacht wenn Gäſte da ſind, und dazwiſchen weder Gattin noch Mutter iſt, ſondern ihre Kinder der Pflege und Erziehung von Domeſtiken oder einer bezahlten Lehrerin über⸗ läßt, weil ihr vor lauter Luſt und Vergnügen keine Zeit übrig bleibt, ſich ihren Pflichten zu widmen.— Sirena, ich will nicht zu dieſen Männern gehören, welche einen Troſt für das Mißbehagen in ihrem Hauſe darin ſuchen, daß ſie ihrerſeits andere Frauen aufopfern.— Und wer trüge wohl die Schuld da⸗ von, wenn ich es thäte?— Du ſelbſt, die Du in deiner Selbſtſucht leichtſinnig deinen Mann dem Kummer und der Betrübniß überläſſeſt. So wiſſe denn, daß dieſe Frauen, welche gleich Dir blindlings ſich der Thorheit hingeben und nach Genuß haſchen, während ſie ihre Männer mit Kälte und Gleichgül⸗ tigkeit behandeln, die Mütter des Laſters ſind, wo⸗ durch das Familienleben vernichtet und Unſittlichkeit bei dem heranwachſenden Geſchlecht gepflanzt wird.“ „Redeſt Du irre, Elvin, oder was hahen alle dieſe Vorſtellungen zu bedeuten?— Willſt Du mich für die Fehltritte, welche Du möglicher Weiſe begehen kannſt, verantwortlich machen?— Das iſt wahrhaf⸗ tig doch etwas zu viel.— Was habe ich Böſes ge⸗ 96 than?— Mein Fehler iſt meine Jugend und das Wohlgefallen, das ich an den Freuden des Lebens finde; aber, mein Gott, das vergeht mit den Jahren. — Was willſt Du mir eigentlich mit allem dieſem zu verſtehen geben?“ „Daß Du einmal einſehen ſollſt, wir leben nicht allein für zweckloſen Zeitvertreib, ſondern jeder Menſch habe eine Beſtimmung, ein Ziel für ſein Daſein und auch Du ſolleſt das endlich begreifen.— Glaube nicht, Sirena, ich, der ich von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebe, wolle der Zerſtreuungen deines Alters dich ganz und gar berauben. Nein, der Gedanke iſt mir fern; aber ich wünſche, Du mö⸗ geſt bedenken, daß unſer Leben nicht ſo fortgehen kann, indem Du nur deiner Luſt lebſt und dich um mein Glück oder Wohlbefinden wenig oder gar nichts bekümmerſt und dein Haus und deine Haus⸗ haltung gänzlich verſäumſt und verwahrloſeſt. O Sirena! Verdiene ich nicht, daß Du einige Rückſicht auf mich nimmſt?— Ich, der für den Beſitz deiner Liebe gern alle ſeine Habe zum Opfer brächte und zufrieden ſterben würde, wenn er nur die Gewißheit deiner Zuneigung zu ihm in das Grab mitnehmen könnte!“ Elvins Miene und Ton drückten bei dieſen Wor⸗ ten die unbegrenzteſte Hingebung aus. Sirena fühlte ſich einen Augenblick gerührt, weil eine Stimme in ihrem Innern ihr ſagte, wie übel ſie bisher gethan hatte und wie viel Trug ihr Herz verbarg. Sie wußte nur allzu wohl, daß der Tag, für welchen ihr Mann ſein Leben hingeben 97 wollte, nie anbrechen würde; denn ihr Herz ſchlug lebhaft für einen andern. Alle dieſe Gedanken dräng⸗ ten ſich unwillkürlich, als ihr Mann ausgeredet hatte, ihrer Seele auf. Sie rückte näher zu ihm hin und fuhr mit der Hand ihm ſchmeichelnd über die Stirne, indem ſie ſagte: „Habe Nachſicht mit meinem Begehren nach Unterhaltung, und ich verſpreche Dir eine ſo gute und freundliche Gattin zu werden, als Du nur wün⸗ ſchen magſt. Aber ſiehſt Du, mein lieber Elvin, dieſe Welt, worin ich lebe, kommt mir noch allzu verfüh⸗ reriſch vor, als daß ich mit einem Mal ſie verlaſſen könnte. Folge mir und nimm Theil daran, ſo wird meine Freude vollkommen werden.“ Jetzt war Sirena ſo einnehmend, mild und zärt⸗ lich, daß alle feſten Beſchlüſſe unſeres werthen Be⸗ zirksrichters zu wanken anfingen. Er zog ſie an ſich und ſah mit Entzücken in dieſes reine, ſchöne Antlitz, während er zur Antwort gab: „Mein Dienſt, meine ſtrengen Arbeiten und unſere Exiſtenz geſtatten mir nicht, ſo oft ich wünſche, dich zu begleiten, meine geliebte Sirena; aber nicht wahr, Du opferſt von jetzt an einen oder den andern Abend mir auf?“ „Ganz gewiß thue ich das,“ erwiederte Sirena, der es leicht um's Herz wurde, daß ſie um ſo wohl⸗ feilen Preis los kam. So ſchloß dieſe Unterrednng, welche in der Ab⸗ ſicht angeknüpft worden war, eine völlige Umwälzung in ihrem häuslichen Leben zu Stande zu bringen.— Schwartz, Novellen. IV. 98 Was vermag nicht eine Frau über den Mann, wenn er ſie liebt? XXI. Wiederum verfloß eine kurze Zeit, während welcher Sirena allerdings mehr zu Hauſe war; aber allmälig nahm die alte Lebensweiſe wieder ihren Gang, und ſie wurde nun ordentlich aufgebracht, wenn Elvin die mindeſte Warnung ergehen ließ; und war bei ſolchen Anläſſen Frau Watz gegenwärtig, ſo ergriff ſie die Partei ihrer Tochter, ſo daß es zu förmlichen Auftritten zwiſchen den Gatten kam. Die Folge war, daß Elvin in tiefe Schwermuth verſank. Cäcilie bot alle ihre Kräfte auf, ihn zu zer⸗ ſtreuen und aufzumuntern. Sie war immer mild und herzlich und ſorgte und hielt das Haus in Ord⸗ nung, wie es einer Hausmutter zukam.— Sie ſuchte Elvins Wünſche zu errathen und erfüllte die⸗ ſelben, bevor ſie ausgeſprochen wurden. Mit einem Worte, ſie that Alles, was Sirena verſäumte, und gewann dadurch immer größeren Raum in Elvins Herzen. So war der Winter verfloſſen und der Sommer lam heran; da machte Cäcilie Miene, zu ihrer Mutter auf das Land heimzukehren. Aber davon wollte Niemand etwas hören. Sirena, welche durch ihre Anweſenheit aller Haushaltungsſorgen enthoben wurde, konnte ſie durchaus nicht miſſen, weßhalb ſie Cäcilie 99 auf's Eifrigſte zuredete, ihren Aufenthalt bei ihnen noch um ein Jahr zu verlängern. Eines Abends, zu Anfang des Mai, als Sirena in Geſellſchaft ihrer Mutter zu dem Großhändler Aker im Thiergarten gefahren war, ſaßen Elvin und Cäcilie allein in dem Arbeitszimmer des Erſtern.— Er ſchrieb ſehr eifrig. Cäcilie warf hin und wieder einen Blick voll Zärtlichkeit auf ihn. „Du arbeiteſt zu viel, Elvin,“ begann ſie,„deine Geſundheit leidet darunter.“ „Um ſo beſſer; dann geht es mit meinem Leben um ſo ſchneller zu Ende.— Oder glaubſt Du wirklich, ich habe irgend einen Lebenszweck?“ „Wie kannſt Du ſo reden? Du mußt nicht Alles ſo ſchwarz anſehen, weil Sirena jung und unverſtändig iſt. Mit den Jahren wird es ſchon beſſer.“ „Nein, es wird niemals anders.— Sieh ihre Mutter an, hat die Zeit ſie klüger gemacht?— Glaubſt Du, irgend welche Zeit, irgend welche Um⸗ ſtände werden Sirena's Herz mir zuwenden? Sie wird mich niemals lieben oder auch nur verſtehen; denn ſie hat niemals Liebe zu mir empfunden.— Ich war eine gute Partie, und ſie ein Mädchen ohne Vermögen; deßhalb vereinigte ſie ihr Schickſal mit dem meinigen.— Was bin ich jetzt wohl für ſie? Doch nur ein Mittel, wodurch ſie ihre thörichten Wünſche befriedigen kann.“ Clvin ſeufzte und ſtützte ſeine vor der Zeit ge⸗ furchte Stirne auf die Hand— und auch Cäcilie ſchwieg. „Nun, Cäcilie, willſt Du mich noch verlaſſen?“ Bei dieſer Frage hob Elvin den Kopf und heftete ſeinen Blick auf das junge Mädchen. „Elvin— ich muß,“ antwortete Cäcilie, die Augen niederſchlagend. „Und warum?— Biſt Du nicht meine einzige Freundin, mein einziger Troſt in meinem ſchweren, öden Leben?— Biſt auch Du ſo grauſam, um mir das Einzige zu rauben, was noch einen Werth für mich hat, deine Geſellſchaft, deine Theilnahme und Freundſchaft?— O Cäcilie, es gab eine Zeit in unſerer Kindheit, da Du nicht das Herz gehabt hätteſt, ſo kaltſinnig mich meinem Kummer zu überlaſſen.“ „Ich thue es auch nicht aus Kaltſinn— nein, nein; im Gegentheil, ich thue es aus....“ Cäcilie ſprach mit Wärme, beinahe Leidenſchaft; aber ſie hielt plötzlich an. Elvin ſtand auf, trat auf ſie zu und fragte, indem er ihre Hände faßte, mit einer vor Erregung zitternden Stimme: „Warum, Cäcilie, ſprich— warum? Wende dich nicht ab, ohne mir zu antworten; ſieh mich an.“ Cäcilie weinte. Elvin ſetzte ſich neben ſie, legte leiſe ſeinen Arm um ihren Leib und bat: „O, ſage mir, warum mußt Du, mein guter Engel, mich verlaſſen? Cäcilie, ich flehe dich an, laß mich es wiſſen!“ — Cäcilie erhob ihre Augen zu Elvin, und in dieſen las er die Antwort. Er drückte ſie an ſein Herz und flüſterte: ——, ———— 101 „Nein, jetzt erſt mußt Du bleiben. Was wäre wohl mein Leben ohne dich?„ XXII. Wir wollen nun auf eine Weile uns zu Amy wenden. Nach den oben geſchilderten Ereigniſſen verfloß der Sommer allerdings für Amy nicht voll— kommen glücklich, aber dennoch mit reichem Anlaß zu Hoffnungen für eine glückliche und heitere Zukunft. Oſſians Gemüthsſtimmung war nach Sirena's Abreiſe ungleich, unruhig und heftig geweſen. Oft irrte er ganze Tage im Walde herum.— Zu andern Zeiten war er zärtlich, beinahe leidenſchaftlich in ſeinem Benehmen gegen Amy, aber den Tag darauf wieder kalt und gleichgiltig. So verging der Reſt des Sommers, und mit heimlichem Beben dachte Amy an die Rückkehr nach Stockholm und an Oſſians Zuſammentreffen mit Sirena; denn Amy fürchtete, Oſſian habe noch einen Reſt von Zuneigung für dieſelbe in ſeinem Herzen bewahrt. Eines Abends, zu Ende Septembers, äußerte Amy gegen ihren Mann: „Wann willſt Du, daß wir wieder in die Stadt ziehen?“ „Wie dieſer Anzug dir ſo gut ſteht, Amy; Du biſt wahrhaft ſchön heute Abend,“ antwortete Oſſian, ſie betrachtend, und ſetzte dann lächelnd hinzu: „Geſtehe nur, daß Du obſichtlich dich mit ſolcher 102 Sorgfalt gekleidet haſt; Du willſt es mir unmöglich machen, dir Etwas abzuſchlagen. 4 „Aber ich habe ja keinen Wunſch ausgeſprochen,“ antwortete Amy mit lächelndem Erröthen. „Aber Du haſt eine Frage geſtellt, die ich zu deinen Gunſten beantworten ſoll, und darum haſt Du dich ſo ſchön gemacht.“ „Ach, Oſſian! Darnach trachte ich ja jeden Tag, obwohl es mir vielleicht nur ſelten gelingt.“ „Ich ſollte dich jetzt für deinen Mangel an Aufrichtigkeit ſtrafen,“ ſcherzte der Baron. „Ach, thue es nicht,“ bat Amy mit ſo zärtlichem Blicke, daß es Oſſian war, als ginge er ihm gerade in's Herz hinein. „Ich hatte wohl ſonſt gedacht, wir könnten zu Eriksberg bleiben, bis es für dich nothwendig würde, nach Stockholm zu ziehen.— Biſt Du zufrieden, Amy 24 „Ach, ich fühle mich glücklich und dankbar dafür, mein geliebter Oſſian.“ Und Amy legte ihren Arm um ſeinen Hals und verbarg ihr freudeſtrahlendes Angeſicht an ſeinem Herzen. Dabei verblieb es. Herbſt und Weihnachten wurden von dem Baron in Eriksberg zugebracht.— Mit jedem Tag, der verfloß, fühlte Oſſian ſich mehr und mehr zu ſeiner liebevollen, treuergebenen Gattin hingezogen. Aller⸗ dings machte er hin und wieder einen Ausflug in die Stadt und konnte zuweilen auch ganze Wochen ſt verweilen; aber nicht eine einzige Bemerkung 103 kam dabei über Amy's Lippen. Nein, ſie war immer heiter und herzlich bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe. Bei jeder fernern Reiſe nach Stockholm verkürzte der Baron ſeinen Aufenthalt daſelbſt und empfand immer eine freudige Sehnſucht, von Amy daheim willkom⸗ men geheißen zu werden. In den erſten Tagen des Januar mußte der Baron indeſſen wegen Amy's bevorſtehender Nieder⸗ kunft nach Stockholm überſiedeln. Mit wirklicher Beklemmung fuhr Amy durch Hornſtull; eine Ahnung ſagte ihr, daß ſie nicht mehr im Genuß des Friedens und Glücks bleiben würde, welche ſie zu Eriksberg erblühen geſehen hatte. Kurz darauf gebar Amy einen Sohn. Oſſian war die ganze Zeit zärtlich und gut und hielt ſich getreulich zu Hauſe; aber als Amy wieder geſund war, begann er etwas mehr an den Freuden des Tages Antheil zu nehmen, jedoch ohne auf irgend eine Weiſe ſeine Gattin zu verſäumen. Eines Abends im Februar beſuchte er das Theater und traf dort in den Zwiſchenakten mit einigen lebensfrohen Kameraden zuſammen. „Wo zum Teufel biſt Du bisher geſteckt, lieber Stralkrona?“ fragte ihn ein Baron T. „Auf dem Lande, Bruder.“ „Ich glaube meiner Seele, Du biſt ein Muſter von Ehemann geworden, nachdem Du das reiche Bürgermädchen dir erſchlichen haſt.— Ich kann mir wohl denken, daß der ſüße Papa, nachdem er deine ziemlich angewachſenen Schulden zu bezahlen bekom⸗ men hat, ſeinen Herrn Schwiegerſohn etwas knapp 104 ⁸ hält und den Beutel nicht ziehen will; darum haben wir dich in unſerem heitern Kreiſe entbehren müſſen.“ „Du irrſt dich, lieber T., die Mitgift meiner Frau macht mich ganz unabhängig von ihren Eltern.“ „Nun, zum Henker, ſo mußt Du auch beweiſen, daß Du leben kannſt, und kein ſeufzender Ehekrüppel geworden biſt, der daheim ſitzt und den Kleinen einwiegt; was für einen Freiherrn von altem Adel ſich nicht ſchickt.— Du ſollſt nun wie früher leben und die Luſt des Daſeyns genießen, ſo lang das Blut noch warm in deinen Adern fließt.— Für den Anfang begleiteſt Du uns, wenn das Schauſpiel aus iſt, nach deß Blauthor und ſoupirſt daſelbſt in Geſellſchaft der kleinen hübſchen Mina vom Ballet. Du haſt ſie doch nicht vergeſſen, da Du ſo vernarrt in ſie warſt.“ Oſſian nahm den Vorſchlag an, um nicht für einen Pedanten angeſehen zu werden. Im Blauthor ging es luſtig zu, und erſt um vier Uhr Morgens hielt des Barons Wagen vor ſeinem Hauſe. Obwohl nur verworrene Gedanken in Oſſians von Weindünſten erhitztem Gehirn aufſtiegen, hatte er doch eine dunkle Empfindung von Unbehagen und Beſorgniß, wenn ihm einfiel, Amy möchte erfahren, daß er in ſolchem Zuſtande heimgekommen. Als der Bediente die Thire zſnete ließ er ſich auf ſein eigenes Zimmer 6 und gab Befehl, ihm hier ein Lager herzurichke. Nachdem der Diener ſich entfernt hatte, um den 105 Befehl zu vollziehen, ging die gegenüber befindliche Thüre von des Barons innerem Zimmer auf und Amy ſchlich ſich herein. Sie näherte ſich dem Baron, welcher ſchon halb ſchlafend in einen Fauteuil nieder⸗ geſunken war. Als ſie mit einem einzigen Blick ſeinen Zuſtand erkannt hatte, zog ſie ſich ſchnell zurück, ohne daß er von ihrem Eintritt etwas bemerkt hatte. Den Tag darauf, als Oſſian erwachte, empfand er bei der Erinnerung an die nächtlichen Orgien etwas wie Scham, und er ſchob es ſo lang als möglich auf, ſich vor Amy ſehen zu laſſen.— Gerade da er in ſeinem Innern einige Flüche über den Zwang der Ehe ausſtieß, erſchien ſie in ſeinem Zimmer. „Wie befindeſt Du dich heute, Oſſian? Du biſt gewiß ſpät in der Nacht heimgekommen, da Du dich hier niedergelegt haſt?“ „Ich war in einem Junggeſellen⸗Kränzchen, das erſt gegen Morgen zu Ende ging,“ antwortete Oſſian in etwas gezwungenem und kalten Tone.—„Wollen wir dieſen Vormittag eine Spazierfahrt machen?“ ſetzte er hinzu. Amy fühlte, wie ſich bei dieſem froſtigen Weſen des Barons ihr Herz zuſammenzog, aber ſie erwiederte freundlich: „Gern; aber wird Papa heute nicht vorher noch zu dem kleinen Arthur hineingehen?“ Dabei ſah ſie Oſſian ſo herzlich in die Augen, ſchwand. daß der kalte„ in ſeinem Angeſicht ver⸗ In dieſem Augenblick trat der Diener mit einem 7 Briefe von dem Großhändler Aker an den Baron ein. Er erbrach denſelben und las Folgendes: „Mein lieber Schwiegerſohn! „Wir haben mit Verwunderung und Leidweſen das im höchſten Grade eingezogene Leben angeſehen, welches ihr, Du und unſere Tochter, dieſen Winter geführt habt. Bisher ließ ſich der Grund dafür in Amy's Zuſtande ſuchen, aber nunmehr begreife ich nicht, warum es ſo fortgehen ſoll. „Ich weiß, daß ich durchaus nicht als Knicker an dir gehandelt oder dich ſo geſtellt habe, um ein ſolches Thun nothwendig zu machen, und doch ſollte man es glauben.— Deßhalb wünſchen wir, Du führteſt ein deiner Geburt entſprechendes Leben und ſäheſt Leute von Rang und Anſehen in deinen Salons; denn es ſchickt ſich für den Baron Stral⸗ krona, den Schwiegerſohn des reichen Großhändlers Aker, nicht, ſich wie ein armer Lieutenant oder unbe⸗ deutender Beamter einzurichten. „Du ſollteſt ſomit daran denken, mit einem Feſte in höherem Style meiner Tochter Geburtstag, welcher in der nächſtkommenden Woche eintritt, zu feiern, und damit die Lebensweiſe wieder aufzunehmen, der ihr im erſten Jahr eurer Ehe zugethan waret. „Mit dieſen von mir ausgeſprochenen Wünſchen iſt auch meine Frau völlig einverſtanden. Dein ergebener Schwiegervater Pehr Aker.“ „Siehſt Du, Amy, was meine Schwäche für dein Begehren mir eingetragen hat?— Ich kann es durchaus nicht in Abrede ziehen, daß es verdammt 107 unbehaglich iſt, von deinen Eltern Verhaltungsbefehle annehmen zu müſſen. Hätteſt Du nur ein wenig Takt oder Zartgefühl gehabt, ſo würdeſt Du eine ſolche Mahnung mir erſpart haben, indem Du durch ein paſſendes Benehmen deinen Rang aufrecht zu erhalten ſuchteſt, der Eitelkeit deiner Angehörigen Genüge leiſteteſt und mich nicht zu einem Thun ver⸗ anlaßteſt, das uns beide in den Augen der Menſchen lächerlich macht; aber das Unglück kommt daher, daß deine Anſichten und Gewohnheiten bürgerlich und dummſentimental ſind. Du kannſt nunmehr überzeugt ſeyn, daß ich nicht im Sinne habe, weitere Vor⸗ ſchriften, wie ich mein Leben einrichten ſoll, weder von dir, noch deinen Eltern anzunehmen, ſondern ich werde ſelbſt wiſſen, es in Uebereinſtimmung mit den Forderungen der Welt zu ſetzen.“ Damit ergriff Oſſian ſeinen Hut und entfernte ſich, ohne daß Amy Zeit fand, nur ein Wort zu ſagen. 6 „O, meine Eltern, wie konntet ihr doch ſo wenig an eurer Tochter Glück denken!“ flüſterte Amy, bitter weinend. Oſſians Worte hatten ſie tief geſchmerzt; denn ſie verriethen einen vollkommenen Mangel aller Herzlichkeit und Schonung. Unverſtändige Eitelkeit und dummer Hochmuth trieben Amy's Eltern an, ihren Schwiegerſohn zu einem verſchwenderiſchen, thörichten Leben zu ver⸗ leiten. Und wenn wir der Urſache zu dem Unglück in manchen Chen genau nachforſchen, ſo fürchte ich, werden wir ſie oft bei den Eltern und beſonders bei den Müttern finden. Jetzt begann ein neues Leben für Amy; der eine Verluſt zog den andern nach ſich und traf ſie immer empfindlicher.— In ihrer glänzenden Behau⸗ ſung blieb von innerem Glück nichts mehr übrig. Der Baron brachte ſeine Abende, wenn die beiden Gatten nicht irgendwohin eingeladen waren, im Kreiſe der Bekannten aus ſeinem Junggeſellen⸗ leben zu. Mit Zittern bemerkte Amy, daß er ſich einer glühenden Leidenſchaft für das Spiel überließ, ganze Nächte über demſelben ſitzen blieb und oft von dem vielen Trinken angegriffen nach Hauſe kam. „Wenn ich nur wagte, ihm eine freundliche Vorſtellung zu machen,“ dachte Amy eines Tages und wollte zu ihm gehen, hielt aber in dem innern Zimmer an, weil ſie in dem äußern ſprechen hörte: „Deine Frau iſt verteufelt hübſch. Sie war geſtern auf dem Ball wahrhaft bezaubernd; ſchade, daß Du denſelben ſo haſtig verließeſt,“ lautete die Stimme von Baron T. „So, ſo, meinſt Du,“ äußerte Oſſian mit lau⸗ tem Gähnen. „Wäreſt Du nicht ſchon zwei Jahre verheirathet und ſomit dahin gekommen, bei deiner Frau dich gelangweilt zu finden, ſo würde mir deine Verbin⸗ dung mit Mina unerklärlich erſcheinen.“ „Warum?— Mina iſt ein lebhaftes und hei⸗ teres Mädchen; man kann es nicht ewig mit der 109 Treue aushalten, beſonders wenn man, wie ich, ge⸗ zwungen war, um ſeiner Schulden willen zu heira⸗ then und zu ſeiner Frau noch keine Zuneigung ge⸗ faßt hat.“. Amy ſchauderte und drückte ihre Hand feſt auf's Herz. „Zugegeben, zugegeben, mein Freund,“ anwor⸗ tete Baron T.,„aber Du hinderſt doch Andere wohl nicht, dieſelbe einnehmend zu finden. „Ganz und gar nicht; ich thue es ſelbſt, wenn ich nicht ſonſt etwas zur Zerſtreuung für mich habe. Aber laſſen wir das.— Ich verlor geſtern enorme Summen im Spiel, und ein ſo verdammtes Unglück habe ich die ganze Zeit her.— Wollen wir ſehen, ob das Glück ſich mir heute Abend zuwendet?“ Amy hatte genug gehört, ſie eilte hinaus. Ihre Gefühle waren über alle Beſchreibung ſchmerzlich. Sie ſchloß ſich in ihr Zimmer ein, und dort in der Einſamkeit trat die Wahrheit in ihrer ganzen er⸗ ſchreckenden Blöße vor ſie.— Mit Verzweiflung im Herzen wiederholte ſie ihres Mannes Worte, jene Worte, welche mit furchtbarer Klarheit ihr bewieſen, daß ſie nur ein Mittel war, wodurch er ſich Vermö⸗ gen verſchafft; und daneben hatte er ihre treue, warme und vertrauensvolle Liebe als ein Spielzeug hingenommen, ohne nur einen Augenblick zu bedenken, wie grauſam er ſie betrog. „O Gott, das iſt mehr als mein ſchwaches Herz ertragen kann.— Er hat noch keine Neigung zu mir gefaßt. Seine Flüchtigkeit, ſeinen Leichtſinn habe ich verzeihen können; aber das das. 11⁰ O mein Gott! ſteh mir bei,“ dachte Amy verzweif⸗ lungsvoll, während ſie in ein konvulſiviſches Weinen ausbrach. Noch eine halbe Stunde vor Mittag fühlte ſich Amy gleich niedergedrückt von ihrem Schmerz und war unſchlüßig, wie ſie ſich gegen dieſen Mann be⸗ nehmen ſollte, welchen ſie ſo warm und innig liebte, aber deſſen Herz niemals für ſie wahre Zärtlichkeit gehegt hatte. Den Blick zum Himmel erhoben, ſuchte ſie nach Troſt und Stärke. Vor Amy's Erinnerung ſchwebten in dieſem Augenblick die Worte: Die Liebe iſt langmüthig und verſöhnlich; ſie hoffet Alles und duldet Alles.— Es lag in demſelben eine indirekte, aber ernſte Appellation an ihr Herz. Bei ihrem Eintritt in den Salon fand ſie Oſſian ſchon daſelbſt. Er ſtand an einem Fenſter und trommelte auf die Scheiben. Als Amy hereinkam, drehte er ſich gegen ſie um. Das Angeſicht des Barons war bleich, und die dunkeln Ringe um die Augen gaben eine durchwachte Nacht zu erkennen. „Ich wollte dich dieſen Vormittag beſuchen, wurde aber nicht eingelaſſen,“ ſagte er gleichgültig. „Ein Unwohlſeyn war die Urſache, daß ich mich einſchloß,“ erwiederte Amy mit unſicherer und erregter Stimme. „Du haſt geweint, Amy; biſt Du krank?“ fragte der Baron, und es lag ein Anflug von Zärt⸗ lichkeit in dem Tone, womit er ſprach. „Wenn dem auch ſo wäre, was fragſt Du wohl darnach? Was bin ich auch für dich?“ 111 Amy verbarg ihr Angeſicht in den Händen, ohne ihre Thränen zurückhalten zu können. „Es iſt kein Vorwurf, ſondern blos eine Wahr⸗ heit.— Du haſt keinen Augenblick mehr für deine Frau und für dein Kind übrig. Schon mehre Tage biſt Du gar nicht zu uns hereingekommen.“ „Ah ſo, es ſoll alſo eine Scene von Thränen und Vorwürfen geben.— Ich muß dir dann ſagen; das iſt die rechte Art und Weiſe, um mich zu be⸗ ſtimmen, daß ich mein Haus gänzlich fliehe.— Ich haſſe dramatiſche Vorſtellungen daheim, und ebenſo wenig behagen mir Anmerkungen und Ausſprüche des Tadels über meine Lebensweiſe.— Ich wünſche ganz allein Herr meiner Handlungen zu ſeyn.— Da Du ſomit heute in ſo übler Stimmung biſt, ſo thue ich am beſten, dich zu verlaſſen.“ Mit dieſen Worten ging Oſſian raſch auf die Thüre zu. Amy ſtürzte ihm nach und faßte ſeine Hand. „Aus Mitleid, Oſſian, gehe nicht ſo von mir, ſondern bleibe und höre mich. Du weißt nicht, wie unglück⸗ lich ich mich fühle,“ ſtöhnte ſie. „Ich verabſcheue dergleichen Auftritte, Amy; ſie wirken ſehr ungünſtig auf meine Empfindungen; deßhalb gehe ich. Wenn Du ruhiger geworden biſt, wollen wir weiter davon reden.“ Oſſian eilte hinaus. Amy warf ſich auf die Kniee nieder und brach in ein heftiges Schluchzen aus. Sie war allzu unglücklich, allzu heftig erregt, um ſich von ihren Gefühlen Rechenſchaft geben zu können. Das Einzige, „ 112 was unaufhörlich ihr vor die Seele trat, war, daß Oſſian ſie nicht liebte. Alle Nebenumſtände grup⸗ pirten ſich um dieſes Gefühl, um ihren Schmerz zu erhöhen.— Wie lang Amy weinte, um einige Lin⸗ derung oder Erleichterung zu finden, wiſſen wir nicht genau. Plötzlich fühlte ſie ſich von einem ſtarken Arm umfaßt und zärtlich aufgehoben, während eine von den Kinderjahren her ihr theure Stimme an ihr Ohr ſchlug. „Amy, mein Kind, was in Gottes Namen fehlt dir?“ Ihre um den Hals des Sprechenden ſchlingend, verbarg Amy ihr Angeſicht an ſeiner Bruſt und flüſterte: „Onkel, guter, geliebter Onkel!“ „Ei, mein Kind, beruhige dich und erzähle mir, was dich in ſolche Aufregung verſetzt.“ Kämmerer Ström ſetzte ſie auf ſeine Kniee und ſtreichelte ſie mit der Zärtlichkeit einer Mutter, welche ihr weinendes Kind zu beſchwichtigen bemüht iſt. Die wahrhafte Zuneigung, welche ſich in der Art und Weiſe des Oheims kund gab, wirkte wohl⸗ thuend auf Amy's blutendes Herz. Es lag ſo viel Tröſtendes in dem Bewußtſeyn, einen theilnehmenden und getreuen Freund zu haben, an welchen man ſich anlehnen konnte; und Amy war es, als ob ſie ihre einzige Zuflucht in den Augenblicken des Schmerzes nur an ſeiner Bruſt finden könnte. 1 „Jetzt wirſt Du mir wohl ſagen, wie es ſteht,“ begann Erik, als Amy ruhiger geworden war. 113 „Lieber, guter Onkel, ich bin heftig gegen Oſſian geweſen, und er iſt böſe von mir fortgegangen.— Ach, ich fühle mich ſo unglücklich!“ Amy begann wieder zu weinen. „Du biſt nicht aufrichtig gegen deinen beſten Freund; in Folge eines Zanks zwiſchen euch konnteſt Du nicht in ſolche Aufregung gerathen. Haſt Du kein Vertrauen zu mir?“ „Ja, Onkel, aber 4 „Kein Aber; hier handelt es ſich um ernſte Dinge, und da mußt Du ehrlich ſprechen.“ „O, Onkel! Ich glaube entdeckt zu haben, daß Oſſian mich niemals geliebt hat.“ Jetzt verbarg Amy wieder ſchluchzend ihr Ange⸗ ſicht an des Oheims Bruſt. Es erfolgte ein momentanes Schweigen. Endlich bemerkte Onkel Erik: „Mit Thränen, Amy, gewinnt man nichts; bedenke vielmehr, daß Du ſelbſt einmal vor eurer Verheirathung geſagt haſt: Auch wenn Gott mich noch ſo hart prüfen würde, bliebe ich doch meinem Eid getreu, und ich fühle, er wird mir dann auch helfen, daß es mir eines Tags gelingt, Oſſians Herz zu gewinnen.— Jetzt iſt der Augenblick der Prü⸗ fung gekommen; zeige dich ſtark und ſchicke dich in dieſelbe. Verwirkliche deine edeln Vorſätze, welche nun für dich zu einer Pflicht geworden ſind, durch Liebe und Zärtlichkeit deines Mannes Gleichgiltigkeit zu beſiegen.“ Amy hörte aufmerkſam auf dieſe Worte, welche Schwartz, Novellene IV. 8 114 ſie zu treuem Kampfe für den Sieg ihrer Liebe ermunterten.— Sie war dem Oheim von Herzen erkenntlich für das Zartgefühl, daß er nicht ein ein⸗ ziges bitteres Wort oder eine Aeußerung der Anklage gegen Oſſian in ſeine Rede einmiſchte; denn Amy fühlte tief, daß dieß nur ihr Leiden erhöht haben würde. Lang ſetzte der Oheim ſein Geſpräch mit Amy fort; aber wir übergehen den weitern Inhalt des⸗ ſelben. Oſſian ließ ſich den ganzen Tag nicht zu Hauſe ſehen, und Amy erkannte deutlich, daß Vorſtellungen und vurn nur ihre Stellung verſchlimmern würden. Nach dieſem Auftritt nahm Amy ihre milde, liebevolle Weiſe wieder an und zeigte ſich glücklich durch die wenigen Augenblicke, welche er ihr widmete. Der Baron ſchien dieß auch zu erkennen, und ſein Benehmen athmete mehr Herzlichkeit. XXIV. So gingen Winter und Frühling zu Ende. Der Sommer ſtellte ſich wieder ein. An einem ſchönen Tage zu Anfang deſſelben ſaß Amy im Salon. Ueber ihrem ganzen Aeußern weilte ein Schatten von Melancholie. Ein Diener meldete Baron T. Sie empfand ein Gefühl von Mißbehagen, weil 115 derſelbe ſie mit einer Aufmerkſamkeit verfolgte, welche ihr quälend und beunruhigend war. Beim Eintritt des Barons nahm Amy's ganzes Weſen etwas Kaltes und Mattes an. Er begann mit Leichtigkeit eine Converſation über die Ereigniſſe des Tages und dergleichen mehr. Aber plötzlich warf er die Frage auf: „Wo beabſichtigen Sie, Frau Baronin, den Sommer zuzubringen?“ „Wir haben uns noch nicht darüber entſchieden, ob wir in einen Badeort reiſen, oder nach Eriksberg überſiedeln ſollen.“ „Das heißt, die Frau Barnin noch keinen Entſchluß gefaßt.“ „Weder ich noch mein Mann.“ „Ja, es iſt doch ſo, wie ich ſagen wollte; es handelt ſich um den Aufenthalt der Frau Baronin während des Sommers; denn Stralkrona macht ja eine Reiſe in's Ausland.“ Amy wechſelte die Farbe. „Sie irren ſich gewiß, Herr Baron, da Oſſian noch nicht daran gedacht hat.“ „Wenn ich aufrichtig zu ſeyn wagte,“ bemerkte der Baron, indem er mit ſeinem Stuhl näher rückte, und ohne Amy Zeit zur Antwort zu laſſen, fuhr er fort:„Stralkrona hat dieſe Reiſe in fremde Länder feſt beſchloſſen, und er ſieht ſich gewiſſermaßen dazu gezwungen.— Man kann unermeßliche Summen in einem Monat verlieren, und noch mehr in fünf, wenn man alle Nächte im Hazardſpiel zubringt.— Und wenn Ihr Mann vor ſeiner Heirath ſchon in 116 enormen Schulden ſteckte, ſo geht es ſehr leicht, ein großes Kapital zu zerſtören. Kurz und gut, Oſſians Affairen ſind in Unordnung gerathen, und er muß ſich rangiren.“ „Woher weiß der Herr Baron dieß Alles?“ Amy's Stimme verrieth keine Aufregung, aber ihr Herz bebte. „Ich kenne die Umſtände daher, daß er ſelbſt, ſowie auch ſein Geſchäftsagent mit mir von der Sache geſprochen haben. Wenn Stralkrona fort iſt, hofft er, werden die Eltern der Frau Baronin die Sache in die Hand nehmen und Alles wieder zurecht ſetzen.“ „Wenn es ſich wirklich auch ſo verhält, wie der Herr Baron verſichert, ſo ſehe ich doch nicht ein, wie daraus folgt, daß Oſſian das Land verlaſſen muß; ſeine Anweſenheit daheim iſt ja dann gerade von Nöthen. Und gewiß hätte er mich davon unterrichtet, wenn er einen ſolchen Ausflug machen müßte.“ „Für ein Gemüth, das an ernſten und widrigen Dingen ſo wenig Gefallen findet, wie das ſeinige, iſt es viel bequemer und angenehmer, Andern die Mühe der Auseinanderſetzung einer Menge verwickelter Geld⸗ affairen zu überlaſſen und dadurch auch dem Unbe⸗ hagen zu entgehen, welches in der Nothwendigkeit liegt, ſelbſt ſeine Schwiegereltern um Beiſtand anzugehen.— Ueberdieß, Frau Baronin, kennen Sie Ihren Mann noch nicht; ſondern in Ihrer Hingebung, welche er ganz und gar nicht verdient, halten Sie ihn für un⸗ fähig, irgend einen Betrug zu begehen; und doch beab⸗ ſichtigt er, zu ſeiner Zerſtreuung auf der Reiſe eine 117 gewiſſe Mamſell Mina Lyth, für welche er eine leiden⸗ ſchaftliche Reigung hegt, mitzunehmen.“ Amy wurde unnatürlich bleich, erhob ſich aber mit Würde: „Wie wagen Sie wohl, Herr Baron, durch ſolche Erdichtungen über meinen Mann, deſſen Freund Sie Ihrer Ausſage nach ſind, mich zu beleidigen?“ „Es iſt keine Erdichtung, Frau Baronin, jedes meiner Worte iſt wahr.— Nur die tiefe Achtung und Bewunderung, welche ich vor Ihnen hege, hat mich vermocht, Ihres Mannes unwürdiges Benehmen aufzudecken und den Beweis zu liefern, daß er nie⸗ mals das beneidenswerthe Loos, von Ihnen geliebt zu werden, verdient hat. Sollten Sie dennoch meine Ausſage bezweifeln, fo findet ſich ein Mittel, ſich von deſſen Richtigkeit zu überzeugen. Hier iſt der Schlüſſel zu einem Zimmer, welches an Mamſell Lyths Salon ſtößt und nur durch eine dünne Thüre davon getrennt iſt. Dort hört manſ jedes Wort, welches innen geſprochen wird. Heute Abend um acht Uhr trifft Ihr Mann zu⸗ gleich mit einigen Freunden dort ein, und da wird ge⸗ wiß von der nächſtbevorſtehenden Abreiſe geſprochen.— Hier iſt Mamſell Lyth's Adreſſe und eine Weiſung zu dem oben erwähnten Zimmer. Es ſteht nunmehr zu Ihnen, Frau Baronin, die Beſtätigung deſſen, was ich geſagt habe, zu erlangen. Ich will Ihnen nicht länger be⸗ ſchwerlich fallen, ſondern habe die Ehre, mich zu em⸗ pfehlen. „Halten Sie, Herr Baron, nehmen Sie dieſen Schlüſſel wieder und ſeyen Sie verſichert, mein Glaube 118 an Oſſian iſt ſo groß, daß ich niemals ein ſo elendes Mittel benützen werde, um ihn auszuſpioniren.“ „Das ſtelle ich ganz und gar Ihnen ſelbſt und einer ruhigen Prüfung der Sache, wenn Sie allein ſind, anheim,“ antwortete der Baron, machte eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich, ohne den Schlüſſel wieder zu nehmen. Die Gedanken von Baron T., als er über den Guſtav⸗Adolphsplatz ging, waren folgende: „Die Frauen ſpielen immer die Hochherzigen, wenn ſie Jemand ſieht, aber ſich ſelbſt überlaſſen, ſind ſie nicht mehr dieſelben Menſchen. Ich kann feſt da⸗ rauf ſchwören, daß ſie ſich des Schlüſſels bedienen und kein Bilene⸗ tragen wird, das Thun ihres Mannes auszuſpioniren, wenn es nur Niemand weiß. — Ich werde das Geſpräch ſo einrichten, daß ſie Alles zu hören bekommt, was von Nöthen iſt, um ihre Leidenſchaft für Stralkrona abzukühlen, und her⸗ nach, während er entzückende Kurzweil mit Mina auf ſeiner Reiſe hat, wird es mir gelingen, hier daheim ſeine Frau ſchadlos zu halten.— Es iſt für die jetzige Zeit etwas teufelmäßig Verſtändiges, daß die Männer nicht in ihre Frauen verliebt ſind; denn in Folge davon kann man ganz ungenirt den letztern den Hof machen.“.. 119 XXV. Gegen Abend an demſelben Tage, da Baron T. obenerwähnte Unterredung mit Amy gehabt hatte, trat Oſſian in ihr Zimmer. „Was beabſichtigſt Du heute Abend vorzunehmen?“ fragte ihn Amy. „Ich habe mich zu einer kleinen Geſellſchaft ver⸗ ſagt,“ erwiderte der Baron und fuhr mit der Hand über die bleiche Stirne. „Aber wenn wir nun, ich und der kleine Arthur, unſere Bitte vereinigten, um dich zum Verzicht darauf zu beſtimmen, würdeſt Du es uns abſchlagen können?“ Amy ſah ihm bei dieſen Worten flehend in die Augen. „Liebe Amy, ich habe mein Wort darauf gege⸗ ben, daß ich komme,“ antwortete der Baron, ſich von ihr abwendend. Es war ihm nicht recht wohl zu Muth bei ihrem Blicke. „Ich beſchwöre dich jedoch, dieſes einzige Mal mir und unſerem Kinde ein ſolches Opfer zu bringen; kannſt Du wohl nein ſagen?“ „Bedenke mein gegebenes Wort.“ „Höre mich und verzeihe mir mein kindiſches Weſen.— Ich habe einmal einen böſen Traum ge⸗ habt. Es kam mir vor, als ſagteſt Du, dein Herz werde niemals mir gehören. Dieſe Vorſtellung hat ſich in der letzten Zeit oft vor meiner Seele erhoben, und ich habe dabei eine Beklemmung und Unruhe empfunden, welche mich ſehr verſtimmt hat und mich 120 auf den Gedanken brachte, ich könnte eines Tags Ge⸗ wißheit darüber erhalten.— Wahrſcheinlich würde ich die Gewißheit, für immer die Hoffnung auf deine Liebe verloren zu haben, nicht überleben können. — Heute iſt mir nun in den Sinn gekommen, mein Oſſian, eine abſchlägige Antwort auf meine Bitte, dieſen Abend daheim zu bleiben, würde zum Beweiſe dienen, daß ich gar keinen Werth für dich hätte.— Ol beraube deine arme treue Amy nicht ihres feſten Vertrauens, daß ſie eines Tages mehr für dich ſeyn werde, als ſe jetzt iſt.“ Amy's Antlitz ſpiegelte die reinen Empfindungen ihres Herzens wieder. „An, Gat, weiß, daß ich deine Wünſche gern erfülle, aber. „Oſſian, ſieh mir in die Augen und antworte: hat meine Liebe das Opfer, welches ich jetzt von dir begehre, nicht verdient?“ Amy hatte ſeine beiden Hände ergriffen und ſchaute mit einem ſo ſprechenden Blick zu ihm empor, daß der Baron, als er eine Antwort gab, ſich zu ihr niederbeugte und einen Kuß auf ihre Stirne drückte. „O Amy, Amy! Warum liebſt Du mich ſo innig?“ „Warum?— Weil mein Herz es ſo will,“ erwiederte Amy lächelnd. „Das Mindeſte, was ich thun kann, iſt dein Begehren zu erfüllen.— Ich bleibe bei dir meines Lebens guter Engel.“ Der Baron zog ſie an ſich. Eine Stunde darauf machten Oſſian, un und — 121 der kleine Arthur eine Spazierfahrt in den Thier⸗ garten. Amy war heiter wie die neuerwachte Hoffnung, und Oſſian fühlte ſich ziemlich aufgeräumt. Gleichzeitig erhielt Baron T. ein kleines Paket, welches einen Schlüſſel und Manſell Lyths Adreſſe enthielt. Baron T. murmelte dabei: der erſte Angriff iſt abgeſchlagen, hol's der Teufel!— Sie ſcheint mir entgehen zu wollen; aber ſie irrt ſich. Inzwiſchen ſoll mir der Mann heute Abend am Spieltiſche für den Verdruß bezahlen.“ Oſſian blieb jedoch zum großen Erſtaunen und Aerger von Baron T. und der übrigen Geſellſchaft aus. XXIV. Drei Wochen darauf reiste Baron Stralkrona an Bord des Gauthiod nach Lübeck ab. Unter den weiblichen Paſſagieren befand ſich eine Mamſell Lyth, für welche eine Kajüte genommen war. Aber der ganze erſte Tag ging zu Ende, ohne daß dieſe Dame ſich auf dem Verdeck ſehen ließ. Der Baron brachte denſelben beinahe ununter⸗ brochen mit Spielen zu. Am Abend, als die Sonne untergegangen war, kam er herauf, aber vergeblich ſpähte er nach einer Mina. Mit großen Schritten wanderte er auf dem Ver⸗ dec hin und her, bis es beinahe Mitternacht war 122 und alle übrigen Paſſagiere ſich zur Ruhe begeben hatten. Endlich ſah er, wie eine weibliche Geſtalt mit weißem Hut und grauem Mantel heraufkam und auf dem Verdeck ſtehen blieb. Der Baron erkannte ſo⸗ gleich Mina an dem Gewande und eilte auf ſie zu. Sie ſtand an Dahlbord zunächſt der Fallthüre gelehnt und blickte auf die Waſſerfläche hinaus. „Guten Abend, mein ſüßes Mädchen; aber warum habe ich den ganzen Tag nicht den Schatten von dir zu ſehen bekommen, du kleine Zaubererin?— Biſt Du unwohl geweſen, daß Du dich ſo unſichtbar gemacht haſt?“ ſprach der Baron und ſtellte ſich neben ſie; aber ſie nbte noch immer ſchweigend den Kopf von ihm ab. „Mina, an mich mit deinem entzückenden Auge an und ſage mir, warum Du ſchweigſt und dich von mir abwendeſt?— Biſt Du böſe auf mich?“ „Ich bin nicht böſe auf dich, Oſſian,“ antwor⸗ tete ſie. Bei dem Laute dieſer Stimme fuhr der Baron zuſammen, und in demſelben Momente kehrte ſie lang⸗ ſam ihr Angeſicht ihm zu und betrachtete ihn mit einem milden vorwurfsvollen Blick. „Amy, Du hier,“ rief der Baron beſtürzt. „Ja Amy, die einzige, welche dich wirklich liebt,“ erwiderte ſie mit einem ſchmerzlichen Lächeln. Du willſt ſomit eine Demüthigung nach der an⸗ dern mir aufbürden. Du willſt, daß ich zermalmt und vernichtet vor dir ſtehen ſoll, aber Amy, mein männlicher Stolz kann nicht ertragen....“ „Daß ich dich höher liebe, als alles Andere auf ————— 123 der Welt, daß ich, wenn es den Gewinn deiner Liebe gilt, nicht wanke, ſondern, den Blick feſt und unver⸗ rückt auf dieſes Ziel gerichtet, alles Andere, außer unſerem künftigen Glück und Frieden vergeſſe.— Wir ſind beide jung und eine lange Lebensbahn liegt vor uns; lann ich ſie wohl unbedachtſam preisgeben, ohne etwas zu thun, um dem Unheil entgegenzuwir⸗ ken, wovon unſere Wohlfahrt bedroht iſt?— Vor Gott habe ich gelobt, unter allen Umſtänden des Le⸗ bens dich zu lieben, und kein Fehler von deiner Seite berechtigt mich, meine Pflichten zu vergeſſen; ich muß und werde ſie erfüllen, ſo daß ich vor Gott Rechen⸗ ſchaft darüber ablegen kann.— Man hat mir von den Verirrungen geſagt, deren Du dich ſchuldig ge⸗ macht haſt; aber ich habe dich dennoch gleich treu ge⸗ liebt und mit vollem Vertrauen darauf hingearbeitet, daß unſere Vereinigung wirklich und wahrhaft glücklich werde. Zu dieſem Ziele können wir nicht eher ge⸗ langen, als bis Du mich lieben gelernt haſt.— Ich weiß, daß Du es noch nicht thuſt, und darum, Oſſian, war ich genöthigt, einem Verhältniß entgegenzutreten, welches vielleicht, im Fall es fortdauerte, eine Wieder⸗ vereinigung zwiſchen uns unmöglich gemacht hätte. Sollten mir auch dieſe meine Bemühungen mißlingen,“ — Amy's Stimme bebte—„ſo hat dieſes Streben dennoch meinen Muth aufrecht erhalten und mich vor jedem Fehltritt bewahrt, der mir die Achtung vor dem Bande, das uns an einander knüpft, und den Frieden meines Gewiſſens hätte rauben können.“ Oſſian lehnte ſich über Dahlbord und blickte ſchweigend in das Waſſer. 124 Amy legte ihre Hand auf ſeinen Arm und fuhr fort:„Ich ſehe jetzt klar ein, daß Du, von der all⸗ gemeinen Geringſchätzung der Heiligkeit der Ehe ver⸗ leitet, mich zur Frau wählteſt, ohne daß dein Herz Liebe fühlte, und daß Du in Folge davon auch deine Pflichten als etwas deinem Herzen Fremdes betrach⸗ teſt. Aber vor mir, welche tief und ernſt liebte, welche mit einer wahrhaft religiöſen Andacht das Ge⸗ lübde der Treue und Hingebung für das ganze Leben ablegte, ſtand es auch klar und deutlich, daß es mir mit Gefühlen, ſo ſtark und warm, wie die meinigen, eines Tags glücken werde, für dich das zu werden, was Du für mich immer geweſen biſt.“ „Amy, dieſer Tag iſt längſt eingetroffen, obwohl Leichtſinn, Eitelkeit und ſchlechte Gewohnheiten, gegen meines Herzens beſſere Ueberzeugung, ſich zwiſchen uns geſtellt haben.— Wer würde nicht gezwungen, dich zu lieben, Amy?“ Der Baron zog ihre Hand mit Wärme und Rührung an ſeine Lippen. „Und nun, mein Oſſian, beſtehen die vergange⸗ nen Ereigniſſe nicht mehr für uns.— Wir werden beide derſelben vergeſſen,“ entgegnete Amy zärtlich und ſetzte dann in heiterem Tone hinzu:„Der kleine Arthur iſt über ſeine den ganzen Tag dauernde Ge⸗ fangenſchaft in der Kajüte recht mißvergnügt geweſen.“ Iſt er hier?“ „Glaubſt Du, ich könnte getrennt von euch bei⸗ den leben?“ „Noch ein Wort, theure Amy, bevor wir einen Schleier über das Vergangene werfen— ich bin ruinirt.“ 125⁵ das, gehört in die Zeit, die nun vorüber iſt. XXVII. An dem Tage nach Amy's und Oſſians Abreiſe trat Kämmerer Ström bei ſeiner Schweſter, Frau Aker ein.— Er fand dieſelbe mit Etwas, das einen Mor⸗ genanzug vorſtellen ſollte, bekleidet; aber derſelbe war ſo überladen mit Roſetten und Garnirungen, daß man ihn für eine Maſſe von Spitzen und Bändern halten konnte, ohne darauf zu kommen, daß das Ganze zu etwas wie einem Gewande dienen könnte. Frau Aker ſaß prächtig aufgeſtutzt auf einem Sopha und ſtickte, aber ach! die großen Hände der Stadtmajorin glichen an Farbe ein paar geſottenen Krebſen und harmo⸗ nirten ſchlecht mit dem Anzug und der vornehmen Haltung; denn ſie deuteten ganz unbarmherzig deren minder edeln Urſprung an. „Sieh da, Erik! willkommen in der Stadt!“ grüßte ſie den Bruder. „Danke, danke,“ antwortete der Kämmerer mit etwas verdrießlicher Miene. „Biſt Du bei Amy geweſen?— Sie iſt wohl etwas bekümmert nach der Abreiſe ihres Mannes des Barons?“ „Ja, es iſt nicht ohne Schmerz für ſie vorüber⸗ gegangen.“ „Ich hatte die Abſicht, Amy einen Beſuch zu 126 machen, aber meine ſchwachen Nerven halten es bei ihrem ewigen Weinen nicht aus.“ „Zum Teufel, biſt Du denn ſo ſenſibel geworden, daß Du nicht einmal zu deiner Tochter in ihrer Ein⸗ ſamkeit dich begeben und ſie mit einigen Worten tröſten kannſt?“ „Lieber Erik, Du biſt allzu ungebildet, um den feinern und poetiſchern Geiſt, welcher durch die Zeit geht, beurtheilen zu können; ſo wenig, wie Du Amy erziehen konnteſt. Oft und viel habe ich ſchon mit Kummer daran gedacht, wie untauglich ſie dadurch für die Welt geworden, worin ſie durch Rang und Vermögen zu leben beſtimmt iſt. Welcher Unterſchied zwiſchen ihr und Sirena Elvin. Wie gut weiß ſich nicht dieſe zu benehmen, und ihre vortreffliche Mutter, was für eine ungewöhnliche Frau.— Unter ihnen weiß man nichts von jenen empfindſamen Ausbrüchen, mit welchen Amy immer bei der Hand iſt und welche meine ſchwache Geſundheit nicht aushält.“ „Du biſt doch eine complete Rärrin geworden, liebe Karoline; Du plapperſt ganz wie eine entlau⸗ fene Tollhäuslerin.— Deine ſchwache Geſundheit— wann zum Teufel iſt ſie denn ſchwach geworden?— Man merkt dir wenigſtens nichts an, Du ſiehſt meiner Seele ſo ſtark und grob aus, daß Du ohne Anſtrengung einen Sack voll Roggen tragen könnteſt. — Ei ja wohl, es verlohnt ſich der Mühe nicht, daß Du die Augen verdrehſt oder mit dem Riechfläſchchen nach der Naſe fährſt; mich kannſt Du mit dergleichen Rarreteien ebenſo wenig irre führen als erſchrecken; höre ſtatt deſſen ruhig und ſtill an, was ich dir zu 127 ſagen habe; denn wenn ich damit fertig bin, möchteſt Du beſſeren Grund haben, in Ohnmacht zu fallen.“ „Biſt Du hieher gekommen, um mir Sottiſen zu ſagen?“ fragte Frau Aker, vor Zorn zitternd. „Nein, wohl aber die Wahrheit. Du brauchſt nicht Miene zu machen, als wollteſt Du dich entfer⸗ nen, weil Du mich dennoch anhören mußt,“ ſagte der Kämmerer, indem er ſeine Schweſter am Arm faßte und ſie ſtillzuſitzen zwang. „Das geht allzu weit, in ſeinem eigenen Hauſe ſo behandelt zu werden.“ „Hier handelt es ſich nicht um Komplimente, ſondern um deinen Schwiegerſohn, den Baron, den Schelm, welcher Schulden halber deiner Tochter davon gelaufen iſt und eine leichtfertige Frau mitgenommen hat.— In zwei Jahren iſt das Heirathsgut, das er mit Amy erhielt, durchgebracht, und ſie verlaſſen und unglücklich gemacht mit einem zarten Kinde.“ Frau Aker erbleichte ſo ſehr, daß ſelbſt ihre Hände weißer wurden. „Das ſind Verläumdungen, gemeine Geſchichten, die von einigen unſerer Feinde ausgeſprengt worden ſind,“ rief ſie. „O nein, meine Liebe, es iſt die reine Wahrheit, wie Du bald genug erfahren wirſt, wenn ſeine Gläu⸗ biger ſich anmelden.— Ich habe vor einigen Tagen einen Brief von Amy erhalten, worin ſie mich von Allem in Kenntniß ſetzte, und darum bin ich in die Stadt gekommen.“ „Welcher Skandal, welche Freude für die, welche 128 uns um unſer Glück beneiden, und dies Alles hat man um ſeiner Kinder willen.“ Frau Aker war allzu unſanft erweckt worden, als daß ſie an Ohnmachten und Nervenanfälle denken konnte. „Haſt Du kein Gefühl, keinen Gedanken für deiner Tochter Unglück?“ „An Allem iſt Amy ſelbſt ſchuld; ſie iſt durch ihr einfältiges Weſen und ihre unerträgliche Anhäng⸗ lichkeit ihm läſtig gefallen und hat dadurch das ganze Unglück herbeigeführt.“ „Schämſt Du dich nicht, über deiner Tochter gute und vortreffliche Eigenſchaften ein ſolches Ver⸗ dammungsurtheil zu fällen?— Wer iſt die Urſache zu all ihrem Leiden und dieſem Unglück, als Du al⸗ lein, die Du in deiner blinden Eitelkeit den leichtſin⸗ nigen Burſchen in dein Haus einludeſt, trotz allem was Du von ſeinem vorhergehenden unordentlichen Leben wußteſt, die Du unaufhörlich voll Lobens und Rühmens dem Mädchen von ihm vorſchwatzteſt und mit aller Kraft darauf hinarbeiteteſt, das Mädchen in ſeine Hände zu liefern!— Du und Du allein biſt an allem ſchuld!— Aber nicht zufrieden, daß es dir gelungen, einen Baron zum Schwiegerſohn zu bekom⸗ men, wollteſt Du auch damit vor der Welt glänzen und wußteſt den einfältigen Wicht, deinen Mann ſo an der Naſe herumzuführen, daß er denſelben zu einer Lebensweiſe antrieb, welche deiner Thorheit ſchmeichelte, ohne daß dabei Amy's Glück in Berechnung kam.— Und wenn es nicht ganz ſo toll iſt, wie ich geſagt habe, ſo haſt Du es nur deiner Tochter Verſtand zu 129 danken, welche durch ihren Edelmuth und ihre Liebe dem Schlimmſten vorgebeugt hat.“ „Er iſt alſo nicht auf und davon gegangen!“ rief Frau Aker, tief Athem holend. „Er iſt abgereist; aber Amy hat ihn begleitet. Auf Amy's Begehren beſuchte ich jene Frau, welche er mitnehmen wollte, und es gelang mir durch Geld und Drohungen ſie zu beſtimmen, daheim zu bleiben. Amy hat deren Kajüte an Bord des Gauthiod ein⸗ genommen, ohne daß der Baron etwas davon wußte.“ „Hat Amy ſich ſo tief erniedrigt, die Achtung, welche ſie ſich ſelbſt als beleidigte Frau ſchuldig war, ſo ſehr vergeſſen und ihre weibliche Würde gänzlich bei Seite geſetzt?“ „Schwatze nicht ſo dummes Zeug. Amy hat gehandelt, wie es einer Gattin ziemt und anſteht, welche gleich ihr von der Heiligkeit ihres Gelübdes und ihrer Liebe durchdrungen iſt und von keinem andern Intereſſe als deren Bewahrung und Aufrecht⸗ haltung weiß.— Daß ſie ſo iſt, macht mir und der ſchlechten ihr durch mich zu Theil gewordenen Erzie⸗ hung, wie Du dich ausdrückteſt, alle Ehre.— Jetzt habe ich blos noch beizufügen, daß Aker ſeines Schwie⸗ gerſohnes Schulden bezahlen und ſich mit deſſen Gläu⸗ bigern arrangiren mag, denn mit dieſer Sache befaſſe ich mich nicht; er kann daraus erkennen, wie theuer die Ehre iſt, einen Baron zu einem ſo nahen Anver⸗ wandten zu haben.“ Und damit verlaſſen wir den Kämmerer und Frau Aker. Schwartz, Novellen. IV. 9 XXVIII. Wir kehren jetzt zu Elvin zurück.— Zu An⸗ fang Juli's reisten ſie nach Strömſtad, um das Bad zu gebrauchen. Die Aerzte hatten dieß Elvin verord⸗ net, weil ſeine Geſundheit durch übermäßige Anſtren⸗ gung und inneres Leiden ſehr angegriffen war. Wir halten uns jedoch bei der Beſchreibung ihres Aufenthalts in dem Badeorte nicht auf. Ein ſolcher iſt ſich überall ziemlich gleich. Eines Tags, am Schluß deſſelben machten einige ältere Frauen, welche bei Gelegenheit eigentlich das Schwatz⸗ collegium daſelbſt bildeten, einen Spaziergang und ſprachen von dieſem und jenem. „Kennt Jemand von den Herrſchaften den Be⸗ zirksrichter Elvin genauer?“ fragte eine Majorin in der Geſellſchaft. „So ziemlich.— Die Frau iſt eine ſehr liebe charmante Perſon! aber die Arme! ſie ſoll in ihrer Ehe nicht ſehr glücklich ſeyn, habe ich ſagen hören,“ ließ ſich Eine aus der Geſellſchaft vernehmen. „Ja, ſo geht es immer, wenn man ſchon in der erſten Jugend davon fliegt und ſich verheirathet,“ ſetzte eine Mamſell, die in den Dreißigen ſtand und noch einen Mann für ſich zu bekommen hoffte, hinzu. „Ihre Ehe iſt ein Beweis von der Sittlichkeit bei den Männern unſerer Zeit,“ warf die Majorin wieder ein. „Meine alte beſte Frau Majorin, Sie wiſſen gewiß mehr davon, als wir Andern; laſſen Sie uns —— 131 hören.— Wenn wir auf der Bank hier Platz neh⸗ men, können wir ungeſtört mit einander plaudern.“ „Ich dachte, die Sache ſey allgemein bekannt und offenbar, ſonſt hätte ich mich gewiß nicht ſo, wie geſchah, ausgeſprochen. Ich habe einen natür⸗ lichen Abſcheu vor Allem, was man Geklatſch nennen mag, und Niemand kann von mir ſagen, daß ich zur Verbreitung davon jemals beigetragen.— Da die Herrſchaften nichts wiſſen, ſo ſchweige ich.“ Nun dachten die beiden andern zur Stelle be⸗ findlichen Frauen Eines und das Andere von dem Zartgefühl der Majorin; denn ſie konnten ſich keiner Klatſcherei erinnern, welche nicht derſelben ihren Ur⸗ ſprung zu danken gehabt hätte; aber ſie brannten vor Neugierde und verſicherten ſomit, daß man die Majorin für die Schweigſamkeit ſelbſt anſehe. Nach manchem Verſprechen, daß, was ſie ſagen würde, nicht weiter kommen ſollte, ließ ſie ſich erweichen. „Aber, mein Gott, wie iſt es möglich, daß ſo etwas den Herrſchaften entgehen konnte? Sehen Sie denn nicht, was für ein abſcheulicher Menſch der Bezirksrichter iſt, welcher unter den Augen ſeiner Frau mit ſeiner Couſine, Mamſell Aker, die ſie hieher begleitete, eine verbrecheriſche Verbindung unter⸗ hält?— Und die kleine, liebe Bezirksrichterin grämt ſich das Leben darüber ab, daß er ſo gar ſchlecht gegen ſie iſt. Denn die Mamſell, welche ihn une hörlich mit ihren häßlichen Augen anſieht, führt da ganze Hausweſen, und die Frau darf ohne ihre Zu⸗ laſſung keinen Schritt thun, das weiß ich von ſicherer Hand.— So zum Beiſpiel geſtern Morgen, als ich — nach dem Bade einen Spaziergang machte, kam die kleine Frau Elvin heran und ich zog mich hinter ein paar Bäume zurück.— Sie ſetzte ſich auf eine Bank, nahm einen Brief heraus und las denſelben, worauf ſie weinte. In dieſem Augenblick erſchien der Bezirks⸗ richter. Er fragte ſie: Warum weinſt Du? Wo iſt Cäcilie?“ „Zu weinen wird mir doch wohl geſtattet ſeyn,“ antwortete ſie und erhob ſich. „Sie können daraus entnehmen, unter welchem Druck ſie ſteht.— Er blieb eine Weile ſitzen, bis Mamſell Aker zum Vorſchein kam. „Wo iſt Sirena hingegangen?“ fragte ſie. „Das weiß ich nicht.— O Cäcilie, bleibe einen Augenblick.— Wie könnte ich noch länger ohne dich leben, du gutes, zärtliches Weſen?— O, meine Herrſchaften, dabei küßte er ſie!— Nun, was ſagen Sie zu einem ſolchen Leben?“ „Das iſt ſkandalös, das iſt gemein!“ riefen die Damen. „Moralität findet ſich heutzutage bei den Män⸗ nern nicht, da er, der eine ſo ſchöne Frau hat, ſie um der ſchwarzen Häßlichen willen vergeſſen kann.“ „Das iſt ein ſchlechter Mann, dem alle ehrlichen Leute den Rücken kehren ſollten.“ „So ſind die Männer— nur Veränderung, nur Wechſel!— Man kann den Geſchmack an der Ehe verlieren.“ „Arme Frau Elvin!— Es iſt offenbar, ſie liebt ihn, und darum iſt ſie ſo betrübt.— Herr Gott, es gibt ſo viel Böſes in der Welt!“ 133 So ungefähr ließ ſich unſere kleine Geſellſchaft aus, und eine Weile darauf trennte man ſich, jede bereit, nach ihrem Maße zur Ausbreitung des Berichts mit Zuſätzen und Verbeſſerungen eigener Erfindung beizutragen.— In Kurzem wurde Elvin allgemein als ein leichtſinniger und ſittenloſer Menſch angeſehen, während man Sirena eine wohlwollende Theilnahme ſchenkte. Die Erzählung der Majorin hatte wirklich ihre volle Richtigkeit; aber was ſie zum Beiſpiel nicht wußte, das war der Inhalt des Briefes, welcher Sirena's Augen Thränen auspreßte, oder die Urſache zu ihrer Bekümmerniß. Wir wollen in dieſem Fall ihre Angaben vervollſtändigen. Die Wahl des Badeorts fiel auf Strömſtad, weil Sirena dafür ſtimmte, und Elvin hier wie immer ſie ihren Willen haben ließ. Der Grund, warum ſie Strömſtad vorzog, lag darin, daß Brunel während der Saiſon dort einige Zeit zuzubringen beabſichtigte. Den Tag, nachdem Elvin dahin zu reiſen be⸗ ſchloſſen hatte, kam Brunel zu Beſuch. „Wo gedenken die Herrſchaften zu baden?“ fragte er Frau Elvin. „In Strömſtad.“ „Welcher glückliche Zufall! Ich reiſe ebenfalls dorthin.“ 3 „Das heißt, Herr Lieutenant, Sie haben im Sinn, dieß zu thun?“ „Wie meinen Sie das, Frau Elvin!“ 134 Brunels Augen hatten einen Ausdruck, welcher Sirena's Herz ſchneller als gewöhnlich ſchlagen machte. „Daß Sie, Herr Lieutenant, allzu veränderlich ſind, um wiſſen zu können, was Ihnen eine Woche ſpäter anſteht, oder vorzunehmen beliebt.“ „Aber dießmal wäre es mir unmöglich, meinen Entſchluß zu ändern.“ „Wollen wir wetten?“ „Gern; ich bleibe jedoch immer der Gewinnende. Haben Sie die Güte und beſtimmen Sie die Be⸗ dingungen.“ „Wenn Sie, Herr Lieutenant, nicht nach Strömſtad reiſen, werden Sie ſich vor mir als den Verfaſſer des anonymen Billets bekennen, oder mir namhaft machen, wer es iſt. Reiſen Sie dagegen hin, ſo verliere ich, und es kommt dann Ihnen zu, mir zu beſtimmen, was ich geben ſoll.“ „Ich muß mir zuerſt eine Gnade ausbitten.“ „Worin beſteht dieſelbe?“ „Darin, daß ich den Gewinn der Wette erſt beſtimmen darf, wenn dieſelbe zu meinen Gunſten entſchieden iſt.“ „Nur bedingungsweiſe gehe ich darauf ein, nämlich mit dem Recht, zu verweigern.“ „Das verſteht ſich.“ Eine Woche ſpäter reiste Elvin ab. — 135 XXIX. Sirena brachte Tage und Wochen zu, ohne daß Brunel ſich ſehen ließ, und der Badeaufenthalt neigte ſich zum Ende. Mit jeder Woche, die verfloß, wurde Sirena trauriger und verfiel aller Luſtbarkeiten ungeachtet in eine düſtere Gemüthsſtimmung. Am Schluß der vierten Woche erhielt ſie auf einem Spaziergang mit Cäcilie einen Brief mit der Poſt von Gothenburg. Sirena wußte von keinen Bekannten, die ſie daſelbſt hatte, weßhalb ſie denſelben umwandte und das Siegel betrachtete. Ein G. B. ſtand darauf. Bei dieſer Entdeckung begann ihr Herz hörbar zu ſchlagen, und ſie bat Cäcilie, irgend eine Kleinig⸗ keit zu beſorgen, um derſelben los zu werden, und lenkte ein wenig nach der Seite ab, wo unſere Ma⸗ jorin ſpionirte. Sie las Folgendes: „Madame! „Vor meiner Ankunft zu Strömſtad nehme ich mir die Freiheit, Sie mit dieſen Zeilen, welche eine Erklärung meines Ausbleibens enthalten, zu be⸗ läſtigen. „Ich habe nicht einen Augenblick unſere Wette vergeſſen, aber da keine Zeit für meine Ankunft be⸗ ſtimmt war, habe ich ſie ſo lang als möglich aufge⸗ ſchoben und inzwiſchen eine Reiſe nach Kopenhagen gemacht. Die Artigkeit würde erfordern, dringende 136 Geſchäfte vorzuſchützen; aber damit wiche ich von der Wahrheit ab, und warum dieß thun? Die wirk⸗ liche Urſache war meine Furcht vor— Ihnen. Ah! Madame, Sie werden zornig dieſen Brief von ſich werfen; aber halten Sie noch einen Augenblick ein und vergeben Sie mir meine Aufrichtigkeit. „Bei ruhiger Prüfung meiner ſelbſt fand ich Ihre Schönheit allzu gefährlich, um als Elvins Freund dem Wagniß eines ſolchen Zuſammentreffens mich auszuſetzen. Ich weiche ſorgfältig Allem aus, was zur Leidenſchaft führen mag, weil ich beſſer als jeder Andere weiß, welche Schmerzen ſie mit ſich führen kann. Jetzt, Madame, bin ich in Folge dieſer Zöge⸗ rung vollkommen Herr über eine, wie Sie einmal ſagten, klägliche Schwäche und hoffe ungefähr gleich⸗ zeitig mit dieſen Zeilen in Strömſtad einzutreffen. „Ich gewinne ſomit doch meine Wette. „Von der Kommerzienräthin Brenner bringe ich ein en Brief und Grüße. „Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenſter Diener Guſtav Brunel.“ Dieſer Brief erfüllte Sirena mit den bitterſten, peinlichſten Gefühlen. Sie war allzu ſcharfſinnig, um nicht vollkommen einzuſehen, daß es ihr niemals gelingen würde, Brunel eine wirkliche Liebe einzu⸗ flößen, ſondern daß ihre ganze Gewalt über ihn ſich auf eine augenblickliche Bethörung ſeines Verſtandes beſchränkte. Sirena weinte nun ſelbſt jene bitteren Thränen unerwiederter Liebe, welche ſie ſo oft ihres Mannes Augen ausgepreßt hatte.— Dieſer Mann, 137 welcher ihr ſo innig zugethan war, bekam ſeinen Rächer in dem Gegenſtand ihrer ungebührlichen Neigung. Einige Tage nach der Ankunft dieſes Briefes ſaßen Sirena und Cäcilie an einem Regentage in der kleinen Wohnung, welche Elvin inne hatte, als Lieu⸗ tenant Brunel angemeldet wurde. Cäcilie eilte hin⸗ weg, um den Bezirksrichter davon in Kenntniß zu ſetzen. Als Brunel eintrat, fand er Sirena allein. Sie begrüßte ihn mit kalter und ſtolzer Miene. „Hier habe ich die Ehre, einen Brief von Frau Brenner nebſt vielen Grüßen zu überbringen. Der Kommerzienrath kommt in einer Woche zu Gothen⸗ burg an und gedenkt einige Tage daſelbſt zu verwei⸗ len, um ſich dann auf der Reiſe den Herrſchaften an⸗ zuſchließen.“ „Ich danke unendlich für die übernommene Mühe,“ antwortete Sirena mit ceremoniöſem Ton. „Ich habe ſicherlich das Unglück, Frau Elvin zu mißſallen, und darf wahrſcheinlich nicht wagen, mit der Frage wegen der gewonnenen Wette zu kom⸗ en „Haben Sie die Güte, Herr Lieutenant, von dergleichen Kindereien nicht zu reden; ich hatte dieſelbe ganz vergeſſen, als ich Ihren Brief empfing, welcher mich wirklich überraſchte, da Sie ſo viel Aufhebens von jenem Worte machten.— Dergleichen Scherze verſchwinden meiſtens im Augenblick, nachdem ſie aus⸗ geſprochen wurden, aus dem Gedächtniß, und es ſetzt mich in Erſtaunen, daß ein Mann von Ihrem Takt ſo etwas ſich zum Vorwand nehmen konnte, für's Erſte an mich zu ſchreiben, und hernach mich durch ein Be⸗ kenntniß ſeiner Geſinnungen, welche mich unmöglich intereſſiren können, zu verletzen. Dieſes ganze Thun kam mir ziemlich dreiſt vor, um nicht ein härteres Wort zu gebrauchen.“ Sirena ſprach in hochfahrendem Tone und ohne einen Blick auf den Lieutenant zu werfen. Jedes ihrer Worte traf die in des Mannes Bruſt immerdar empfindliche Saite, die Eigenliebe.— Bru⸗ nel erröthete vor Verdruß über ſeine Ungeſchicklichkeit zu glauben, oder wenigſtens merken zu laſſen, daß er glaubte, ſie lege ſeiner Perſon irgend einige Bedeu⸗ tung bei. Er fand, daß er eine höchſt lächerliche Rolle ſpielte. Aus dieſer unbehaglichen Stimmung wurde er durch den Eintritt von Elvin und Cäcilie befreit. Sirena, welche gleich andern Frauen ſah, ohne die Augen auf den Gegenſtand ihrer Aufmertſamkeit heften zu müſſen, erkannte ſehr wohl, daß ſie jetzt einen Sieg über Brunel gewonnen hatte, wornach er nicht ſo leicht wieder Muth faſſen würde. XXX. Es dürfte jetzt am Platze ſeyn, einige Worte über Ida zu ſagen; aber damit dieß in einigem Zu⸗ ſammenhang geſchehe, müſſen wir zu der Zeit zurück⸗ 139 kehren, da ſie nach dem Empfang des anonymen Briefes Eriksberg verließ. Vor ihrer Abreiſe begab ſie ſich zu Sirena. „Willſt Du mich geduldig einen Augenblick an⸗ hören?“ fragte Ida, mit einem wehmuthsvollen Blick auf ihre Schweſter. „Was willſt Du mit dieſer Miene ſagen?“ fragte Sirena lächelnd. „Ach! Sirena, ich fühle ſo einſam in der Welt, ſo ohne ein einziges Herz, welches ſich theil⸗ nehmend mir anſchließen möchte; ich fürchte, am Ende mache ich mich irgend einer unrechtmäßigen Handlung ſchuldig.“ „Liebe Ida, beginne nicht wieder mit deiner ro⸗ manhaften und weichlichen Klägelei.— Du biſt wohl in Alarm darüber, daß Lieutenant Moritz dir allzu viel zugeſetzt hat und daß es dir dabei warm ums Herz geworden iſt.— Siehſt Du, auf dergleichen Dinge muß man kein Gewicht legen, denn ein ſolcher kleiner Zeitvertreib hat nichts zu bedeuten.“ „Aber ich bin ja verheirathet!“ „Nun, was dann?— Wenn Du deinen Mann vom Morgen bis zum Abend ſich an deinem Geſang und deiner Muſik, dem Einzigen, wornach er fragt, weßhalb allein er dich geheirathet hat, ergötzen läſſeſt, ſo kannſt Du zum Tauſche dafür wohl deinem kleinen Herzen die Freude gönnen, dieſes Kind von einem Lieutenant zu ſehen, und dich mit ihm unterhalten,“ verſicherte Sirena lachend. „Du nimmſt ganz gewiß die Sache allzu S Wir haben doch Pflichten gegen„. 1 140 „Gegen unſere Männer, meinſt Du?— Ei ja wohl, obgleich ich, die Wahrheit zu ſagen, mich nicht entſinnen kann, jemals von Mama ein Wort darüber gehört zu haben.— Sie vergaß gewiß dieſes Kapitel über dem Eifer, uns zu verheirathen und in Folge davon bequem von der kleinen Penſion, welche für uns alle drei nicht ausreichte, leben zu können. Aber, liebe Ida, nimm die Sache, wie es dir beliebt; ich tauge nicht zur Rathgeberin in ſolchen Fällen, oder wende dich an Mama.“ „Nein; Mama hat mich niemals verſtanden und wird mich nicht verſtehen,“ antwortete Ida und trennte ſich von der Schweſter mit einem noch tiefern Gefühl ihrer Verlaſſenheit. Den ganzen Tag gab ſie ſich ihren Betrach⸗ tungen hin und gelangte endlich zu dem Entſchluß, eine Verſuchung zu fliehen, welche, je mehr ſie darſt⸗ ber nachdachte, um ſo lockender ihr erſchien. Dem romanhaften Zauber hingegeben, welcher bei dergleichen überempfindſamen Gemüthern ſo leicht vorkommt und darin ſeinen Grund hat, daß ſie nach Liebe begehren, aber zugleich vor derſelben zu fliehen entſchloſſen ſind, verſenkte ſie ſich in ihren eigenen Schmerz, welcher durch die Vorſtellung von dem, was Moritz leiden würde, noch weitere Nahrung erhielt, während ſie zu gleicher Zeit ſich vornahm, den Un⸗ bekannten zu zwingen, ihr ſeine Achtung und Bewun⸗ derung zu ſchenken. In Nda's Herzen wohnte ein natürlicher Sinn für das Recht, welches ſelbſt unter dem ungeſtümen Andrang eingebildeter oder wirklicher Gefühlswallun⸗ 141 gen ſeine Stimme geltend machte.— Ein Gemüth, wie das von Ida, frevelt niemals vorſätzlich gegen das, was ihm als recht erſcheint, ſobald es nicht für den Augenblick von einem Uebermaß der Phantaſie beherrſcht wird.— Aber ſolche ſehnſuchtskranke Na⸗ turen haben auch den Fehler, daß ſie ſich ohne Wider⸗ ſtand melancholiſchen Eindrücken überlaſſen und in ihrer Muthloſigkeit jeglicher Kraft ermangeln, im wirklichen Leben zu handeln. Sie betrachten die äußere Welt mit gleichgültigen Augen und thun nichts für ihr Wohlbefinden in derſelben. Ida reiste ab mit der Ueberzeugung von dem tiefen Leiden, welches auf ihr und Moritz bei dieſem Opfer laſtete. In dem allerheimlichſten Winkel ihrer Seele regte ſich jedoch eine ſchwache Vorſtellung davon, wie er in ſeiner Verzweiflung ſich um ſie grämen würde, und etwas wie Erleichterung wandelte ſie an und ſchmeichelte ihrer Einbildung. Aber zu ihrer nicht minder heimlichen Ueberraſchung kam ſie ganz wohl in Stockholm an, ohne daß ein dramatiſcher Auftritt irgend welcher Art auf der Landſtraße ſich kund gegeben hatte. Auch der Sommer verging, ohne daß Moxitz ſich in der Stadt oder bei dem Kommerzien⸗ rath ſehen ließ. Ida's Leben verfloß darum wie bisher, theils am Piano, theils in einer träumeriſchen Unthätigkeit, ohne daß ihr auch nur der Gedanke aufſtieg, ſie könnte mit einiger Anſtrengung von ihrer Seite ihren ehe⸗ lichen Verhältniſſen eine natürlichere Geſtalt geben. Nein, die Wirklichkeit mit ihrer Proſa verlor 142 alles Intereſſe, und das Leben ſelbſt erſchien ihr wie eine bleiſchwere Laſt. Der Kommerzienrath war einer von jenen Men⸗ ſchen, welchen es niemals in den Sinn kam, daß es etwas, was man Gefühl nennt, in der Welt gebe. Er hatte nur zwei Schwachheiten, nämlich für Muſik und für das Urtheil der Leute über ihn. Sein ganzes Daſein war auf Befriedigung ſeines Strebens nach Beifall und Anerkennung berechnet, und er hätte mit Freuden ſein Leben hingegeben, um als Ritter irgend eines Ordens zu ſterben. Seine Gefühle gegenüber von ſeiner jungen Frau waren dieſelben, wie ſie ein Muſiker für ein ungewöhnlich gutes Inſtrument haben mag.— Er war für ihre Stimme ſehr beſorgt, und alles, was nachtheilig auf dieſelbe einwirken konnte, vermied er mit großer Sorgfalt; aber daß Ida ein warmes Herz hatte, welches ſehnſuchtsvoll nach etwas Anderem ſchlug, das fiel ihm niemals ein. Mit dem Winter begannen Concerte, Proben und alles Unbehagen des Geſellſchaftslebens für un⸗ ſere, die Einſamkeit vor Allem liebende Ida. Ueber⸗ all ſollte ſie ſingen, überall wurde ſie wegen ihres Geſangs bewundert, und bei ſolchen Gelegenheiten war unſer Kommerzienrath ſtets in den ſiebenten Himmel verzückt.— Er hatte ja eine ausgezeichnete Künſtlerin zur Frau. Für Ida brachte der Winter die Vernichtung der erſten Illuſion ihres Herzens mit ſich. Wohl traf ſie mit Moritz zuſammen, aber er umflatterte nun in frohem Taumel gleichfalls Sirena, als ob er niemals ein anderes Ziel ſeiner Gedanken gehabt hätte. 143 Allerdings bildete ſich Ida ein, tief darunter zu leiden; aber die wirkliche Urſache lag in ihrem liebe⸗ leeren, jeder wahren Gemüthlichkeit ermangelnden Heimweſen, wo kein herzliches oder theilnehmendes Weſen ihr begegnete. Ohne Kraft, dem Uebel da⸗ durch abzuhelfen, daß ſie irgend einen nützlichen Wirkungskreis für ihre Gedanken und ſich ſelbſt auf⸗ ſuchte, verſank Ida in eine Alles verſchlingende, krankhafte Sehnſucht, welche am Ende nachtheilig auf ihre Geſundheit und ihre Stimme einwirkte. Als der Frühling kam, machte ihr Mann verzweifelnd dieſe Entdeckung, und eine Reiſe nach Kopenhagen wurde beſchloſſen. Dort angekommen, trafen ſie mit Brunel zu⸗ ſammen. Die Aerzte daſelbſt verordneten hauptſächlich ein rühriges Leben, wie Reiſen, Wechſel des Aufenthalts und dergleichen. Aber Jda war, wovon ſie freilich keine Kenntniß hatten, ſchon ſo ſehr in ihre innere Welt verſunken, daß ihr der Sinn für die äußere ganz und gar abging. Sie gaben wenig Hoffnung, daß Ida ihre Stimme wieder bekommen würde. Mittlerweile wurde eine weitere Reiſe durch Schonen, Halland und nach Gothenburg vorgenommen; damit dieſelbe unterhaltender und heiterer würde, ſchlug der Kommerzienrath dem Lieutenant, welcher dieſelbe Tour zu machen beabſichtigte, vor, ſich ihnen an⸗ zuſchließen, denn er fand keine ſonderliche Freude daran, ſeine Tage ganz allein mit ſeiner ſchweig⸗ ſamen und ſchwermüthigen Gattin zuzubringen. Brunel nahm den Vorſchlag an. 144 Nach der Ueberfahrt von Kopenhagen nach Malmö ſaß Ida in ihrem Quartier auf dem Stadt⸗ hauſe zuſammengekauert in einer Sophaecke. Ihr Mann und Brunel waren ausgegangen, als eine Dienerin mit einem Briefe, den ein Seemann abge⸗ geben hatte, hereinkam. Na warf einen Blick darauf, und das Blut ſtieg ihr in's Angeſicht, denn ſie erkannte die Hand⸗ ſchrift des geheimnißvollen Briefſchreibers. Mit ſtar⸗ kem Herzklopfen erbrach ſie ihn und las. „Noch einmal einen freundlichen Rath!— Warum ſich einer Niedergeſchlagenheit hingeben, welche Ihr Wohlbefinden und Ihre Geſundheit untergraben? Sie finden ſich vereinſamt; aber warum ſich ſelbſt dieſes unaufhörlich wiederholen?— Sie ſind nicht einſam, denn Sie haben einen Mann, welcher unge⸗ achtet ſeiner Fehler und Eigenheiten auf ſeine Weiſe doch viel auf Sie hält. Jeder Menſch iſt inſofern unglücklich, als er immerdar etwas entbehrt oder auf etwas Verzicht leiſten muß. „Verſuchen Sie dieſe Vorſtellungen zu verban⸗ nen und richten Sie Ihre Gedanken auf die Wirk⸗ lichkeit. Ach! In dieſer gibt es ſo manche Gelegen⸗ heit, ſich ſelbſt und der Menſchheit zu nützen und förderlich zu ſeyn; glauben Sie mir, Sie begehen einen Diebſtahl, welcher Ihr Leben in zweckloſe Be⸗ trübniß über Ihr Schickſal verſchleppt.— Schauen Sie um ſich, ſuchen Sie einen Gegenſtand für Ihre Barmherzigkeit, und Sie werden nicht mehr einſam ſin ſondern ſtatt deſſen ein dankbares Herz an ſich feſſeln. 145 „Seyen Sie nicht ein ſingender Automat, ſon⸗ dern ſuchen Sie durch Ihren Geſang und durch die Schwäche, welche Ihr Mann dafür hat, zu ſeinem Herzen zu ſprechen und geben Sie ſeinem Gefühl für Sie eine wahrhaftere Zärtlichkeit. Die Schuld liegt nicht einzig an ihm, daß die Atmosphäre in Ihrem Heimweſen ſo kalt erſcheint. Von der Frau muß die Milde und Liebe ausgehen, wenn ſie dieſe Em⸗ pfindungen bei ihrem Mann wieder finden will. Erſt damit und dadurch, daß ſie auf ein ſolches Ziel hinarbeitet, tritt in ihrer eigenen Lage wirklich eine Beſſerung ein. Ihr getreuer Carl.“ Wie viel dieſer Brief Ida bei ihrer lebhaften Phantaſie zu denken gab, überlaſſen wir dem eigenen Gefühl und Urtheil des Leſers. Fürs Erſte belebte er ihre niedergedrückten Em⸗ pfindungen und gab ihren Gedanken ein beſtimmtes Ziel. Ida grübelte darüber nach, wer der Schreibende wohl ſeyn könnte, als ihr plötzlich einfiel, daß Brunel davon etwas wüßte. Sie wollte ſich davon Kennt⸗ niß verſchaffen, zu welcher Zeit er Kadett geweſen war. Vielleicht hatte er davon reden gehört, wer es von ſeinen Kameraden geweſen, der bei einer Feuersbrunſt ein Mädchen rettete, und auf dieſe Weiſe ergab ſich wohl die Möglichkeit, den Namen des Un⸗ bekannten zu erfahren. Nachdem ſie den Brief wieder und wieder ge⸗ leſen hatte, überdachte Ida ihre Stellung als Gattin Schwartz, Novellen. IV. 10 146 und mußte ſich geſtehen, daß ſie nichts zur Verbeſſe⸗ rung dieſes Verhältniſſes gethan. Jetzt nahm ſie ſich allerdings vor, nicht mehr blos wie bisher mit müdem, ſehnſuchtsvollem Blick ſich den Tod zu wün⸗ ſchen, ſondern etwas zur Förderung ihres häuslichen Glücks zu verſuchen, aber gleichwohl, ohne recht zu wiſſen, wie ſie dabei zu Werke gehen ſollte. In dieſem Augenblick kehrten ihr Mann und Brunel zurück. „Wie geht es Dir, mein Kind?“ fragte der Kommerzienrath. Zum erſten Mal reichte ſie ihm die Hand mit einem freundlichen Lächeln und ſagte: „Ah, es wird ſchon beſſer, mein guter Otto.“ „Wir wollen es hoffen, liebe Ida; denn eine ſolche Stimme wie die deinige zu verlieren, und zwar ſchon in deinen Jahren, das wäre unerſetzlich; da würde es kaum der Mühe werth, zu leben.“ Ida's Angeſicht umwölkte ſich.— Somit liebte er die Stimme, und nur die Stimme allein; war dieſe dahin, ſo könnte ſie, dünkte ihm, wohl ſterben. In dem allzu empfindlichen Herzen regte ſich ein bitterer Schmerz, und etwas wie eine Thräne ſtieg in ihrem Auge auf.— Alle von Jda ſo eben gefaßten Vorſätze ſchienen ihr jetzt zu nichts zu helfen. Eine Weile hernach machten Brunel und IJda einen Spaziergang durch die Stadt. Der Kommer⸗ zienrath, welcher gern der Beſchwerde, ſeine Frau zu begleiten, entgehen wollte, bat den Lieutenant um dieſe Gefälligkeit. Unter andern Umſtänden hätte 147 Ida ſeine Geſellſchaft abgelehnt, aber nun ſollte es ſo geſchehen, wie ihr Mann haben wollte. „Sie ſind ja Kadett geweſen, Herr Lieutenant?“ begann Ida. „Ja, meine Gnädige, vor ſechs oder ſieben Jahren.“ „Um jene Zeit ungefähr wurde ein junges Mädchen aus der Gefahr gerettet, bei einer Feuers⸗ brunſt unweit des Sauerbrunnens im Norden der Stadt in den Flammen das Leben zu verlieren.— Wiſſen Sie, Herr Lieutenant, wer von Ihren Ka⸗ meraden es wohl war?“ „Allerdings, obwohl ich damals ſchon von Carlberg weg war.“ „Wiſſen Sie, Herr Lieutenant, daß ich die Ge⸗ rettete war?“ Brunel antwortete lächelnd: „Nicht genau, ob Sie es waren, oder Frau Elvin.“ „Wollen Sie mir nicht den Namen desjenigen ſagen, dem ich mein Leben zu danken habe?“ „So ungern ich Ihnen etwas abſchlage, Madame, muß ich es dennoch jetzt thun, weil mein Ehrenwort für mein Stillſchweigen zum Pfande gegeben iſt.“ „Sagen Sie mir wenigſtens etwas von dem Charakter des Mannes, bei dem ich in einer ſo großen Schuld ſtehe.“ „Dieſem Wunſche komme ich mit Vergnügen nach. In ſeiner erſten Jugend lebte er friſch darauf los und hatte in Folge davon als Kadett manche Unannehmlichkeit; aber frühzeitig wurde er von einem 148 ſehr unheimlichen und traurigen Ereigniß betroffen, welches in ſeiner ſonſt heitern Gemüthsart eine völlige Veränderung hervorrief und ihn zu einem Frauen⸗ feinde machte. Im Uebrigen excentriſch, ſchwermüthig und veränderlich, lebt er ein unruhiges und nicht ſehr heiteres Leben. Dieß iſt Alles, was ich von der Perſon ſagen kann, für welche Sie ſich ſo lebhaft intereſſiren, gnädige Frau.“ Brunels Ton hatte etwas Anſtößiges in Ida's Ohren, weßhalb ſie ſogleich das Geſpräch abbrach und niemals auf der ganzen Reiſe wieder aufnahm. Ida bedurfte einiger Zeit, um ihre Schwermuth zu beherrſchen und mehr Freundlichkeit in ihr Be⸗ nehmen gegen ihren Mann zu legen; aber ihre ſchwachen Verſuche prallten an ſeiner volllommenen Unbekanntſchaft mit allen zärtlichern Empfindungen ab. Die Stimme war das Einzige, wonach er fragte; alles Andere war ihm gleichgiltig. Ida fiel deßhalb in ihre frühere krankhafte Sehn⸗ ſucht zurück, und das Einzige, was ſie nunmehr noch an das Leben knüpfte, blieb der Gedanke an den unbekannten Freund. Aber für ein Gemüth, wie das ihrige, war das Bedürfniß von Zuneigung allzu groß, als daß die ſie umgebende kalte Wirklichkeit nicht zu einem mörderiſchen Gift für ſie wurde. Nach einer Reiſe von mehreren Wochen gelangten ſie in die Nähe von Gothenburg, wo der Kommerzien⸗ rath einen Verwandten hatte, bei welchem er acht Tage zu bleiben gedachte. Brunel trennte ſich alſo hier von ihnen. Die Hoffnung, daß Ida ihre Stimme wieder 149 bekommen ſollte, war jetzt ſehr ſchwach. Ihre Ge⸗ ſundheit ſchien ſo angegriffen, daß dieſelbe in dieſer Hinſicht keinen Anlaß zu Illuſionen gab. Der Kom⸗ merzienrath erkaltete vollkommen für ſie und wurde oft knurrig und bitter, ja ſogar ſchonungslos. So ſtanden die Dinge, als ſie in Gothenburg an Bord des Fahrzeuges gingen, welches ſie nach Stockholm zurückbringen ſollte, und dort mit Elvin und deſſen Frau zuſammentrafen. XXXI. Ida war ſo ſchwach an Bord des Polhem, daß ſie beinahe ununterbrochen auf dem Sopha in ihrer Kajüte lag, einſam, ohne ein theilnehmendes Herz, ohne eine freundliche Stimme, welche mit ihr ein Wort des Troſtes oder der Aufmunterung redete. Der Kommerzienrath ließ ein oder das andere Mal durch das Mädchen ſich nach ihr erkundigen. Sirena guckte auch einige flüchtige Augenblicke herein, tüßte ſie auf die Stirne und fragte, ob ſie nicht einen Verſuch machen wollte, heraufzukommen. Elvin war der Einzige, der wirkliche Theilnahme an ihrem Be⸗ finden an den Tag legte. Nach einem Beſuche bei Jda äußerte Elvin gegen den Kommerzienrath: „Mit Ida's Geſundheit ſieht es bedenklich aus.“ „Ja, ſie iſt ſchwach; aber nachdem ſie ihre Stimme verloren, hat Ida keinen Lebenszweck mehr.“ 150 „Aber dein eigener Verluſt, lieber Bruder, wenn ſie wegſtürbe?“ „Den habe ich bereits überwunden, da ſie nicht mehr ſingen kann.— Was iſt Ida jetzt wohl anders, als ein Inſtrument ohne Saiten, und ein ſolches hat keinen Werth,“ antwortete der Kommerzienrath und entfernte ſich. Elvin dachte:„Es wäre ein Glück für Ida, wenn der Tod einem Leben ein Ziel ſetzte, welches die Unbedachtſamkeit der Mutter zu einer Bürde für dieſelbe gemacht hat.“ Und damit ging er, um— Cäcilie außzufuchen. Auf einem der grünen Sophas ſaßen Sirena und Brunel. „Ich werde wohl, um Ihrer los zu werden, Herr Lieutenant, Gnade für Recht ergehen laſſen und Ihren Eigendünkel verzeihen müſſen,“ antwortete Sirena lächelnd auf eine vorangegangene Aeußerung von Brunel. „Und Sie geſtatten mir alſo, auf unſere Wette zu kommen?“ 6 „Mag ſeyn, man erhält damit doch während dieſer unerträglichen Reiſe etwas zu beſprechen.— Was gedenken Sie damit mir abzugewinnen, Herr Lieu⸗ tenant?“ „Ein ungeſtörtes Geſpräch unter vier Augen, Madame.“ In ſeiner Stimme lag etwas Ernſtes und in ſeinem Blick etwas Unbeſtimmtes, aber doch Viel⸗ ſagendes. 151 Sirena ſchwieg eine Weile, während ihre Wangen purpurroth brannten. „Warum wünſchen Sie ein ſolches?“ „Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen.“ „Aber wenn ich mich weigere, dieſes Vertrauen entgegenzunehmen?“ Brunel ſah Sirena tief in die Augen und ant⸗ wortete: „Sie thäten Unrecht daran.“ „Sie ſollen dieſe Unterredung erhalten.— Wenn wir nach Stockholm kommen, werde ich die Zeit hiefür beſtimmen.“ „Haben Sie jemals erfahren, was Liebe iſt?“ fragte Brunel mit etwas unſicherer Stimme. Seine Frage trieb Sirena das Blut in ſchnellem Wogen durch die Adern; aber ſie ſchwieg. „Seyen Sie einmal aufrichtig und wahr,“ bat Brunel. „Ich weiß wenigſtens, was es heißt, alle Plagen der Liebe zu erfahren,“ erwiederte Sirena und wandte ſich ab. „Dann müſſen Sie auch verſtehen, was ich Ihnen anzuvertrauen habe, und meine Worte werden der von mir beabſichtigten Wirkung auf Ihr zukünf⸗ tiges Leben nicht verfehlen,“ antwortete er aufſtehend. Sein ganzes Ausſehen war ruhig und ernſt. Dieſer Mann ſchien dazu geſchaffen, Sirena's Plagegeiſt und Elvins Rächer zu machen.— Seine erſte Frage erhob ſie zu der ſchwindelnden Hoffnung, endlich das Belenntniß ſeiner Neigung für ſie zu 152 hören zu bekommen; ſeine letzten Worte warfen ſie in alle Qualen der Ungewißheit zurück. Am Abend, als Jedermann ſich zur Ruhe be⸗ geben hatte, ſchlich Ida mit wankendem Schritt auf das Verdeck hinauf und ſetzte ſich dort nieder. Mit gefalteten Händen und ſehnſuchtsvollen Blicken ſchaute ſie zum Himmel empor. „O, du milder Vater dort oben,“ flüſterte ſie, „erbarme dich meines einſamen Herzens und laß mich gleich Thekla zum Ziele meiner Leiden gelangen.“ „Thekla!“ wiederholte eine ſchmerzliche Stimme hinter ihr, und als ſie ſich umwandte, ſtand Brunel daſelbſt.„O, Madame, Sie haben einen Namen ausgeſprochen, der Alles, was das Leben von Bit⸗ terkeit hat, in ſich ſchließt.“ „Haben Sie meine Schweſter gekannt?“ „Ach, nur allzu gut; ſie ſelbſt, ihren Mann, ihr Leben und ihr Unglück.“ „Es iſt ſomit keine Ausgeburt meiner Einbil⸗ dung, daß deren Leben voll Kummer war?“ „Leider nein.“ Brunel war ſehr erregt. „Meine Mutter hat niemals ſich darüber aus⸗ ſprechen wollen, ſo daß wir von der Urſache ihres plötzlichen Todes nichts wiſſen.“ „Wollen Sie dieſelbe kennen lernen?“ „Ja, ſehr gern.“ „Dann will ich in der Kürze Ihnen die Veran⸗ laſſung zu ihrem Tode erzählen; vielleicht findet ſich hui etwas, das Sie zu ernſten Betrachtungen leiten 8 ann.“ 153 Wir übergehen die Erzählung des Lieutenants, weil ſie nur den Gang unſerer eigenen ſtören würde. Bei der Ankunft in Stockholm war Ida minder unruhig. Es lag ein Ausdruck von Nachdenken in ihrer Miene, welcher bewies, daß etwas ihre Seele beſchäftig te. Als Brunel von Sirena ſich trennte, äußerte er noch: „Erinnern Sie ſich Ihres Verſprechens, Ma⸗ dame.“ Cäcilia ſagte zu Elvin, als ſie das mitgebrachte Gepäck im Salon ablegte: „Da wären wir alſo wieder zu Hauſe.“ „Ach! Hat wohl dieſes Haus für mich einen Werth?“ antwortete er.„Wie ganz anders würde nicht mein häusliches Leben ausgeſehen haben, wenn Du mit deinem liebenden Herzen meine Gattin geweſen wäreſt.“ In Cäcilia's Augen leuchtete eine Flamme auf; aber ſie ſchlug dieſelben alsbald nieder und fiel mit leiſer Stimme ein: „Nils, um Gottes willen, ſprich nicht ſo; ich habe Gewiſſensqualen genug, ohne daß noch das Bewußtſeyn dazu kommt, Sirena's Platz in deinem Herzen erobert zu haben.“ Wenig ahnte Elvin, welchen Beſchlüſſen und Thaten dieſe ſeine Worte bei Cäcilia den Urſprung geben ſollten.* Hat der Menſch einmal ſeinen Fuß auf den Pfad des Unrechts geſetzt, ſo kann Niemand berechnen, wie weit er auf demſelben gehen wird. 154 XXXII. Einige Wochen nach der Ankunft in Stockholm erſchien Sirena eines Abends kurz vor halb ſieben Uhr bei Ida. „Du willſt ausgehen, wie ich ſehe,“ ſagte ſie. „Du haſt es ja geſtern gehört,“ antwortete Ida, mit welcher es nach ihrer Heimkehr etwas beſſer geworden war, obwohl ſie ihre Stimme noch nicht wieder erhalten hatte. „Ich habe ganz vergeſſen, daß Du in's Concert ſollſt.— Das iſt ärgerlich; ich hatte im Sinne, heute Abend bei dir zu bleiben.— Elvin iſt aus⸗ wärts.“ „Willſt Du uns nicht begleiten und Herrn*** hören?“ „Nein, ich danke; ich bleibe hier eine Weile, während deine Marie mir zu Hauſe einen weißen Shawl holt und Lotte ſagt, ſie ſolle mir einen Wagen hieher ſchicken, und dann fahre ich in eine Viſite.“ „Aber Du biſt dann ganz allein hier in dem menſchenleeren Stockwerk; denn Fia hat Erlaubniß erhalten, auszugehen.“ „Das hat nichts zu bedeuten. Ich bekomme alſo Marie zum Verſchicken?“ „Recht gern.“ Der Kommerzienrath kam herein, um Ida abzu⸗ holen, und einige Minuten ſpäter rollte der Wagen mit ihnen hinweg. Sirena ſchickte Marie mit einer ganzen Maſſe 15⁵ von Aufträgen an Lotte; hernach ſollte ſie noch mit einem Briefe zu Frau Watz gehen und eine Antwort auf denſelben abwarten. Als Sirena allein war, eilte ſie die Vorzimmer⸗ thüre zu öffnen, und zündete hernach einige Lichter im Salon und in Ida's Kabinet an, welches zwiſchen jenem und dem Schlafzimmer lag. Zehn Minuten hernach trat Brunel in den etwas ſchwach erhellten Salon und nahm ſeinen Weg nach dem hell beleuchteten Kabinet. Er ſah ſich erſtaunt und zögernd rings um. Als er bei ſeinem Eintritt Sirena ganz allein fand, entſchlüpfte ihm ein Ausruf der Beſtürzung. „Sie allein hier, Madame?“ „Mein Gott, ja, ich glaube, Sie werden vor Schrecken vom Schlage gerührt,“ antwortete Sirena lachend.„Ich bin es, die Sie hieher eingeladen hat, um mein Verſprechen von der Reiſe her zu halten.“ „Wo ſind Kommerzienraths?“ Brunels Angeſicht verrieth deutliche Unruhe. „Im Concert, bei La Ervir.“ „Verzeihen Sie, aber die Zuſammenkuft, welche ich mir erbat, kann hier nicht ſtattfinden. Jede Mi⸗ nute, welche ich länger verweile, wirft einen Schatten auf Frau Berner. Wenn Jemand meine Anweſenheit entdeckte, würde man glauben, daß ſie um unſere Zu⸗ ſammenkunft weiß.“ „Aber Ida iſt ja fort.“ „Als ich dieſe Unterredung wünſchte, war es kein Rendezvous, um das ich bat, ſondern blos die 156 Vergünſtigung, ungeſtört einige ernſte Worte mit Frau Elvin reden zu können, und ich war hiebei der Ueberzeugung, daß ſich dieſes in Ihrem eigenen Hauſe machen laſſe; aber niemals kam mir in den Sinn, daß Sie Ihre Schweſter in dieſe Sache hineinziehen würden.“ Hier wurde der Lieutenant durch Schritte draußen im Salon unterbrochen. Sirena warf einen beſtürzten Blick auf Brunel, welcher einen Aus⸗ gang ſuchte. Ohne recht zu wiſſen, was ſie that, ſprang Sirena auf und ſchloß denſelben in Ja's Schlafzimmer ein. Den Augenblick darauf erſchien Elvin. „Biſt Du allein?“ „Ja, Ida ſollte in das Concert, und ich ſchickte Marie nach einigen Kleinigkeiten und nach einem Wagen, um hernach in eine Viſite zu fahren;— aber woher kommſt Du?“ „Ich verließ das Mittagsmahl etwas zeitiger als die Andern, und als ich hörte, daß Du hier wäreſt, ging ich gleichfalls her.“ Elvin ſetzte ſich. Sirena war vor Unruhe und Schrecken beinahe einer Ohnmacht nahe. „Begleiteſt Du mich in die Viſite?“ „O ja, warum nicht?“ „Du ſiehſt ſo bleich aus.“ „Ich habe Thekla's, deiner Schweſter Mann ge⸗ troffen.“ „Iſt er in Stockholm?“ „Ja.“ 157 „Warum regt dich das auf?“ „Weißt Du nichts von der Veranlaſſung zu deiner Schweſter frühem Tod, oder von der Feind⸗ ſchaft Pwiſchen deiner Mutter und deinem Schwager?“ „Durchaus nichts.— Mama duldet nicht, daß man davon rede.— Ich weiß nur, daß Thekla plöt⸗ lich ſtarb.“ „Deines Schwagers Ausſehen läßt auf einen Menſchen ſchließen, der grauſam gelitten hat.— Seine etwas bitteren, aber wahrhaften Aeußerungen haben mich auf manchen traurigen Gedanken gebracht.“ Jetzt kam Marie; ſie hatte Lotte nicht getroffen, ebenſo wenig Frau Watz, und darum war ſie ſo ſchnell wieder zurück. „Komm, laß uns heimgehen,“ ſagte Elvin. „Ja, wie Du willſt,“ antwortete Sirena, froh hinwegzukommen, ohne in ihrer Selbſtſucht daran zu denken, wie es mit Brunel gehen würde. Als ſie ſich entfernt hatten, ſchloß Marie die Thüren und nahm ihren Weg durch das Schlaſzim⸗ mer, ohne den hinter einer Gardine ſtehenden Brunel zu bemerken. Er hörte ſie auch hier abſchließen, und ihre Schritte verhallten allmälig in der Ferne. Als Alles ſtill geworden war, trat Brunel aus ſeinem Schlupfwinkel hervor, und nahm im Dunkeln ſeinen Weg nach dem Salonz aber mit Verzweiflung erkannte er hier, daß der Schlüſſel zu der äußern Thüre abgezogen, und er ſomit eingeſchloſſen war. Brunel verwünſchte, wie er ſo daſtand, ſeine eigene Unbedachtſamkeit, Sirena und die ganze Welt 158 und rüttelte inzwiſchen an einer Thüre nach der an⸗ dern, ohne daß er hinauszukommen vermochte. Vergeblich ſuchte er in dem Salon nach einem Ort, um ſich zu verbergen; es fand ſich keiner. Er ging in das Kabinet, aber ebenſo fruchtlos; ſomit blieb ihm nichts übrig, als ſich wieder nach dem Schlaf⸗ zimmer zu wenden.— Hier tappte er rings herum und entdeckte endlich zu ſeiner Freude eine Thüre, welche er öffnen konnte; aber bald verſchwand auch dieſer Hoffnungsſtrahl, denn er befand ſich nur in einer Garderobe. Er mußte ſich endlich darein er⸗ geben, Nas Heimkehr abzuwarten und ihr Alles zu erzählen. Um halb zehn Uhr hörte Brunel des Kommer⸗ zienraths Wagen vor dem Hauſe halten.— Eine Stunde darauf kam Ida in das Schlafzimmer, beglei⸗ tet von Marie. „Kann ich der gnädigen Frau etwas helfen?“ fragte Maria. „Nein, ich leſe noch eine Weile.— Haſt Du die Thüren geſchloſſen uud die Schlüſſel zu dir genom⸗ men?“ „Ja.“ 5 „Mache mir nur mein Kleid auf und gib mir einen Shawl. „Befiehlt die gnädige Frau noch etwas weiter?“ „Nein, ich danke.— Du kannſt gehen.“ Jetzt war Maria fort. Das Herz und die Pulſe ſchlugen Brunel mit ſolcher Heftigkeit, daß es ihm vor den Ohren ſauste, als er die Hand auf das Schloß legte. Auf dieſen . 15⁵9 Druck ſprang die Thüre auf, und Jda drehte ſich haſtig, mit einer Bewegung der Furcht um und fuhr vom Sopha auf, indem ſie einen Ruf des Entſetzens ausſtieß, als ſie einen Mann heraustreten ſah. „Um Gottes willen, machen Sie keinen Lärm, ſondern hören Sie mich an!“ bat Brunel. Ida legte die Hand an den Glockenzug. „Aus Barmherzigkeit, läuten Sie nicht; Sie würden nur ein Unglück verurſachen. Von mir, Ma⸗ dame, haben Sie nichts zu fürchten; ich bin gegen meinen Willen hier.“ „Aber wie wagen Sie.. 4 Haſtig und mit erregter Stimme erzählte Brunel von ſeinem auf der Reiſe an Sirena geſtellten Be⸗ gehren und berichtete dann, wie er heute morgen eine Einladung erhalten habe, um ſieben Uhr ſich bei dem Kommerzienrath einzufinden, und das Uebrige, was der Leſer bereits weiß. „Ich hatte,“ ſchloß er,„keinen andern Ausweg, als Ihre Heimkehr abzuwarten, um ohne Ungelegen⸗ heit für Sie oder Ihre Schweſter hinwegzukommen.“ Ohne ein einziges Wort zu erwiedern, ging Ida durch die Thüre, in welcher Marie verſchwunden war. Einige Augenblicke hernach kehrte ſie mit ein paar Schlüſſeln zurück. „Kommen Sie, mein Herr!“ Ida's Stimme war beinahe lautlos. Brunel trat auf ſie zu und ſagte: „Beurtheilen Sie mich nicht allzu ſtreng; es würde mich ganz unglücklich machen.“ „Herr Lieutenant, welches Urtheil ſoll ich über „ 160 den Mann fällen, welcher, nicht zufrieden mit dem Unglück, welches er einmal über Thekla brachte, nun⸗ mehr darauf ausgeht, durch Bitten und heimliche Ge⸗ ſpräche ihre Schweſter in daſſelbe furchtbare Schickſal zu verlocken? Für einen ſolchen herzloſen Leichtſinn gibt es blos eine tiefe Verachtung.— Kommen Sie, mein Herr, Ihr Anblick iſt mir eine Qual.“ Mit dieſen Worten nahm Ida das Licht und eilte hinaus. Stumm und einem Automaten gleichend, folgte ihr Brunel. 5 Als Ida wieder in ihr Schlafzimmer kam, ſiel ſie auf die Kniee nieder und ſandte ein inniges Gebet zn Gott empor. Sie betete zu ihm für die todte und für die lebende Schweſter und ſchließlich auch für ſich ſelbſt. Ida hatte in der Religion einen reichen Erſatz für⸗ihre zweckloſen Träume gefunden; dieſe verſöhnte ſie mit der Leerheit der Gegenwart und gab ihrer Phantaſie eine höhere und edlere Richtung. Dieſe Wendung hatten Ida's Gedanken und Ge⸗ fühle nach den erhaltenen⸗Aufſchlüſſen über Thekla's Ende genommen. XXXIII. Am folgenden Morgen, als Marie dem Kommer⸗ zienrath den Kaffee hineinbrachte, fragte ſie: „Hat der Herr Kommerzienrath heute Nacht gut geſchlafen?“ 161 „Ja, gewiß: aber warum fragſt Du?“ „O, ich dachte nur, der Gaſt, den die gnädige Frau hatte, würde den Herrn Kommerzienrath geſtört haben.“ „Was ſchwazeſt Du da für Zeug? Hat meine Frau heute Nacht Gäſte gehabt?“ Und dabei erhob ſich unſer Kommerzienrath mit großer Heftigkeit im Bett. „Ja, allerdings.“ „Wen denn?“ „Einen Herrn.“ „Weib, biſt Du närriſch?“ „Ganz und gar nicht. Um eilf Uhr kam die gnädige Frau zu uns herein und begehrte den Vor⸗ zimmer⸗ und den Hausſchlüſſel.— Ich war neugierig, was das bedeuten ſollte, und ging in den Hof hinun⸗ ter, und da ſah ich, wie ſie in eigener Perſon einen hochgewachſenen Herrn in einem Mantel hinausließ.“ „Du lügſt.“ „Wenn der Herr Kommerzienrath zu der gnädi⸗ gen Frau hineingeht, wird er ein Paar Mannshand⸗ ſchuhe auf einem der Stühle liegen ſehen; ich ſah ſie dort, als ich den Kaffee hineintrug. Aber es muß ſchnell geſchehen, bevor ſie aufſteht.“ „Ein Paar Mannshandſchuhe in dem Schlaf⸗. zimmer meiner Frau, nachdem ſie ihre Stimme ganz verloren hat; das iſt zu viel, viel zu viel,“ ſchnaubte der Kommerzienrath, fuhr mit dem einen Arm in einen Schlafrock, mit dem andern in einen ſchwarzen Frack und ſtürzte, alſo gekleidet, zu Ida hinein. Schwartz, Novellen. IV. 11 162 Vollkommen unbekannt mit der durch die Magd gegen ſie erhobenen Anklage, lag Ja ruhig da und las, als die Thüre aufgeriſſen wurde und ihr Mann, ausgeſtattet wie ein Tollhäusler, hereinſchoß und, ohne ein Wort zu ſagen, von einem Stuhle zum andern herumfuhr. Endlich ſtieß er in einem Fauteuil auf die un⸗ glücklichen Handſchuhe. j6 „Antworte, Weib! Was haſt Du mit dieſen Handſchuhen Nachts hier zu thun?“ ſchrie er und ſtürzte auf Ida zu, indem er ihr dieſelben vor die Augen hielt. „O Gott, es ſind die ſeinigen,“ rief Ida in ihrer Beſtürzung. „Sieh, ſieh, Du gibſt alſo ſelbſt zu, daß Jemand hier geweſen iſt, daß Du heute Nacht einen Mann mit Handſchuhen in deinem Zimmer empfangen und mich zum Geſpötte für Mägde und Lumpengeſindel gemacht haſt.— Du glaubſt vielleicht, daß ich etwas der Art dulde? Aber Du irrſt dich; ich würde ein ſolches Thun mir nicht gefallen laſſen, ſelbſt wenn Du die ſchönſte Stimme von der Welt hätteſt, noch weniger, da Du gar keine mehr haſt.— Ich, der aus purer Barmherzigkeit heirathete, damit Du in Concerten ſingen könnteſt, und mich von deiner liſti⸗ gen Mutter an der Naſe herumführen ließ, bis ſie mich durch ihre Zudringlichkeit zu der größten aller Dummheiten verleitet hatte— ich werde nun auf ſolche Weiſe belohnt!“ „Otto, höre mich, ich verdiene deine Vorwürfe nicht, ich bin ganz unſchuldig.“ 163 „Und dieſe Handſchuhe? Und der Kerl, den Du heute Nacht hinausließeſt?— Was bedeutet das wohl?“ „Er war nicht um meinetwillen, ſondern wegen einer andern Frau hier.— Ich kann dir nicht ſagen, wegen welcher; aber glaube mir, wenn ich dir bei Gott verſichere, daß ſein Beſuch nicht mir galt,“ bat Jda und faßte ihres Mannes Hand. „Du willſt mich betrügen und hinter's Licht führen; aber Du verrechneſt dich.— Ich will es der ganzen Welt ſagen, was Du für ein Weibsbild biſt; — wie ich entehrt und beſchimpft worden bin,— fuhr der Kommerzienrath los und entriß Na ſeine Hand. „O, ſey nicht ungerecht und hart gegen mich— ich bin, bei Gott, ganz unſchuldig,“ flehte Ida, indem ſie ſich ihm zu Füßen warf. „Fort von mir, Schlange,“ rief der Kommerzien⸗ rath;„Du begreiſſt wohl, daß ich mich von dir ſchei⸗ den laſſe.“ Ida ſtieß einen Schmerzensruf Ohnmacht. Der Kommerzienrath klingelte Marie und gebot ihr, Ida Beiſtand zu leiſten; dann entfernte er ſich. aus und iel in XXXIV. Einige Stunden ſpäter an demſelben Tage empfing Sirena folgendes Billet von Jda: „ 164 „Lieutenant Brunels Einſchließung in meinem Zimmer hat einen Auftritt zwiſchen mir und Brenner veranlaßt, worauf er mir mit einer entehrenden Scheidung drohte.— Da Du, Sirena, weißt, wie unſchuldig ich bin, ſo willſt Du wohl nicht, daß ich darunter leiden ſoll.— Komm mir alſo unverzüglich zu Hilfe, denn ich halte alle dieſe Schmach, die nun auf mir laſtet, nicht aus. Deine Schweſter Fda. Sirena ſtützte den Kopf nachdenklich auf die Hand und ſuchte irgend einen Ausweg zur Rettung von Ida zu finden, ohne ſich ſelbſt dabei bloszuſtellen. Lang und unſchlüſſig ſaß ſie ſo da, aber immer noch ſtellte ſich kein Mittel zur Verfügung— da erweckte ſie ein neuer Brief aus ihren Grübeleien. Der Inhalt deſſelben lautete: „Madame! „Ihre geſtrige Unbedachtſamkeit, das Zimmer von Frau Brenner zu einer Zuſammenkunft mit mir zu benützen, gibt mir Veranlaſſung zu dieſem Briefe, und Sie müſſen entſchuldigen, wenn alle Artigkeit aus dieſen Zeilen verbannt iſt und Sie nur die etwas bittere Sprache der nackten Wahrheit darin finden. „Aus Eitelkeit oder Gott allein weiß aus wel⸗ chem Motive haben Sie ſich vorgenommen, mich den vielen Männern anzureihen, welche durch Ihre unge⸗ wöhnliche Schönheit gefeſſelt wurden. Ich war viel⸗ leicht der Einzige, welcher Widerſtand entgegenſetzte. — Dieß erweckte augenſcheinlich Ihren Verdruß.— * Ich kann mich nicht rühmen, beſſer als Andere zu ſeyn, und ſomit bin auch ich nicht gleichgiltig gegen Ihre Schönheit geblieben, aber Sie ſind nicht die Frau, welche in meinem Herzen auch nur einmal Liebe entzünden könnte, und warum, das werden Sie bald erfahren. Für jetzt habe ich Ihnen nur zwei Dinge zu ſagen. „Als ich heute Nacht von Frau Brenner aus meiner unfreiwilligen Gefangenſchaft befreit wurde, und dieſelbe mich zur Thüre hinaus ließ, glaubte ich eine Frauengeſtalt zu bemerken, welche ſich einen Augenblick auf dem Hofe ſehen ließ. Im Fall dieß nicht ein Irrthum war und Frau Brenner im Min⸗ deſten in irgend ein zweideutiges Licht zu ſtehen kommen oder ein Schatten von Verdacht auf deren reinen Charakter fallen ſollte, müſſen Sie, Madame, auftreten und dem vorbeugen. Sollten Sie davor zurückbeben, ſo finde ich mich ſelbſt hiezu veranlaßt. — Sie haben einen Mann, welcher Sie liebt, und wenn man liebt, iſt man auch zur Verſöhnung geneigt. Aber Frau Brenner hat eine ſolche Zuflucht nicht; ihres Mannes Herz iſt allen zärtlichern Gefühlen fremd. Ich will Sie mir nicht ſo egoiſtiſch vorſtellen, daß Sie eine Unſchuldige für das, was Sie gefehlt haben, leiden laſſen. „Ich habe ſelbſt Ihnen ein Gemälde aus dem ehelichen Leben mitzutheilen gewünſcht; aber ich ſtehe jetzt davon ab und beſchränke mich darauf, in ein paar Tagen Ihnen einige auf Thekla's Leben bezüg⸗ liche Andeutungen zu ſenden. Sie werden daraus entnehmen, zu welchem ſchrecklichen Unheil es führt, 166 wenn eine Frau ohne Liebe ſich auf Lebenszeit mit einem Mann vereint.— Betrachtet ſie ſofort ihre Pflichten gegen den Mann, welcher ihr ſein Herz, ſein Glück und ſeine Ehre anvertraut hat, mit Gleich⸗ giltigkeit oder Leichtſinn, dann, Madame, iſt ſie unrettbar verloren.— Mag Thekla's beklagenswerthes Ende Ihnen zur Warnung dienen; denn ich würde die Welt ſchlecht kennen, wenn nicht Ihr häusliches Glück auf einem Vulkan ſtände, welcher, im Fall er zum Ausbruch kommt, den Frieden von Ihnen und Andern vernichten wird.— Sie haben allzu lang mit Ihren Pflichten geſpielt, um nicht zuletzt eine traurige Kataſtrophe herbeizuführen. Noch iſt es Zeit zur Umkehr; aber thun Sie es, bevor Sie mit Schmerz erfahren, daß der Weg bereits verſperrt und Ihres Mannes Herz Ihnen verſchloſſen iſt. „Sie werden fragen, mit welchem Rechte ich mich in Ihre Verhältniſſe einmiſche?— Ach! ich thue es mit dem Rechte, welches die traurige Rolle, die ich in Thekla's Geſchichte ſpielte, mir gewährt, und zugleich mit dem Rechte, welches Thekla's letzter Wunſch in ſich ſchließt. „Leben Sie wohl, Madame; ſuchen Sie ein beſſeres Ziel für Ihr Leben, als Herzen zu erobern und damit zu ſpielen. Guſtav Brunel.“ Die Lection war ſchrecklich.— Wenn Du jemals geliebt haſt, meine werthe Leſerin, ſo wirſt Du auch Sirena's Gefühle faſſen können.— Gibt es wohl etwas Zermalmenderes, als vor demjenigen erröthen zu müſſen, welchem unſer Herz die erſte Stelle ein⸗ 167 räumt?— Sich ſagen zu müſſen, daß deſſen Achtung unwiederbringlich verwirkt iſt? Sirena glaubte ſterben zu müſſen, ſo vernichtet fühlte ſie ſich. Aber das innere Leiden und die Demüthigung erinnerten ſie auch daran, daß ſie noch lebte.— Ihr Schmerz war ſo heftig, daß er an Raſerei grenzte.— Sie warf ſich, der Verzweiflung nahe, auf dem Sopha hin und her. Wie lang dieſer Zuſtand dauerte, wiſſen wir nicht; aber plötzlich fielen ihre Gedanken auf Ida. Kaum deſſen, was ſie that, ſich bewußt, ließ ſie ſich ankleiden und begab ſich direkt zu dem Kommer⸗ zienrath. Sirena fühlte, daß das Fieber in ihrem Blute tobte und ihre Gedanken ſich zu verwirren begannen; doch ſtand jetzt Eines klar vor ihrer Seele, daß Ida gerettet werden mußte. In Breénners Hauſe angekommen, fragte ſie nach dem Kommierzienrathe. Sie mußte einige Augen⸗ blicke warten, ehe man ſie zu ihm einließ. „Es iſt vergeblich, meine liebe Sirena, daß Sie kommen, um mit mir zu reden.— Mein Beſchluß iſt gefaßt, wir werden geſchieden,“ rief er bei ihrem Eintritt, während er mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abging. „Aber, Schwager, Ida iſt ganz unſchuldig.“ Unſchuldig, ſagen Sie, unſchuldig, wenn man ein Paar Mannshandſchuhe Nachts bei ſich hat und einen Burſchen um eilf Uhr hinausläßt.“ „Aber Jda wußte gar nicht, daß er ſich in ihrem Zimmer befand.“ 2 168 „Und doch ließ ſie ihn hinaus.— Sie wollen den Advokaten ſpielen, Frau Schwägerin; aber das gelingt nicht.— Ich ſcheide mich von ihr; ich würde es thun, ſelbſt wenn ſie ihre Stimme behalten hätte — um ſo viel mehr jetzt.“ „So hören Sie mich, Schwager, ohne mich zu unterbrechen.“ Und Sirena erzählte nun mit mancher Pauſe den ganzen Verlauf der Sache vollkommen wahr⸗ heitsgetreu. Als ſie zu Ende war, begann der Kommerzien⸗ rath wieder mit großen Schritten das Zimmer zu meſſen. „Leere Geſchichten, welche auf Ida's Bitten zu⸗ ſammengeſtoppelt ſind.“ „Nein, nein; leſen Sie ſelbſt ihren Brief.“ „Geſchrieben, damit er mir vor die Augen ge⸗ bracht werden ſoll.“ „O, mein Gott! Was bleibt mir dann übrig, um Sie von der Wahrheit meiner Worte zu über⸗ zeugen?“ „Ich laſſe mich nicht täuſchen, ich kann nicht helfen.“ „Nun wohl,“ ſagte ſie, zog mit verzweifelter Entſchloſſenheit Brunels Brief heraus und reichte den⸗ ſelben ihrem Schwager.— Und dabei wurde ihr Körper wie von Fieberſchauern geſchüttelt. Der Kommerzienrath las mit Aufmerkſamleit dieſen Brief, an deſſen Worten er nicht zweifeln lonnte.— Vielleicht fand ſich darin dieſer oder jener Ausdruck, welcher ſelbſt in ſeiner nicht ſehr empfind⸗ 169 ſamen Seele eine Saite anſchlug.— Als er den Brief zurückgab, war in ſeinem ſonſt beinahe kindi⸗ ſchen Antlitz und ſeinem fahrigen Weſen ein unver⸗ kennbares Gepräge von Rührung und Ernſt wahr⸗ zunehmen. „Jetzt glaube ich dir, Sirena!— Sey inzwiſchen verſichert, daß, was ich weiß, niemals über meine Lippen kommen ſoll.— Ich gehe nun, Ida zu be⸗ ruhigen. Sirena wußte nicht, wie ſie nach Hauſe kam. Einige Stunden darauf wurden Boten über Boten von Elvins Hauſe nach dem Doktor geſchickt; denn die Frau war heftig erkrankt. XXXV. Neun Tage waren verfloſſen, während welcher Sirena allen Erſchütterungen eines ſchweren Fiebers unterworfen geweſen war; dieſelben ließen jetzt aller⸗ dings nach; aber zu des Doktors Erſtaunen begann ſie jetzt an heftigen Magenſchmerzen, begleitet von Erbrechen, zu leiden. Alle möglichen Mittel wurden ohne Erfolg angewendet; das Uebel verſchlimmerte ſich vielmehr unaufhörlich. WMit verdoppelter Stärke kehrte, während ſie dieſen Kampf zwiſchen Leben und Tod beſtand, Elvins Liebe zu Sirena zurück. Mit der größten Aufopferung und eremplariſcher Zärtlichkeit wartete ihr Cäcilie ab und wachte ſelbſt 17⁰ bei ihr. Nicht einen Augenblick wich ſie von Sirenas Lager und ſogar alle Arzneimittel wurden ihr von Cäcilie gereicht.— Jeden Wunſch der Kranken erfüllte ſie augenblicklich. Mit einem Worte, ſie widmete derſelben eine unermüdliche Pflege. So waren eilf lange Tage zu Ende gegangen, als Doktor L. jetzt Sirena bedeutend ſchlimmer und ihren Zuſtand ſo bedenklich fand, daß er keine Hoff⸗ nung mehr zu ihrer Wiedergeneſung ſah. Mancherlei ſeltſame Gedanken ſtiegen in ihm auf, während er an Sirena's Bette ſaß und deren von Qualen entſtelltes Angeſicht betrachtete. Endlich erhob ſich der Doktor und äußerte gegen den tief betrübten Elvin den Wunſch, einige Worte mit ihm zu reden. „Herr Doktor, rauben Sie mir nicht alle Hoff⸗ nung auf die Möglichkeit einer Beſſerung,“ äußerte Elvin, während ein konvulſiviſches Zittern zurückge⸗ haltenen Schmerzes ihm durch den ganzen Körper ging. „Ihr Leben ſteht nicht mehr in meiner Hand; ich glaube mich nicht im Stande, ſie retten zu können aber, Herr Bezirksrichter, ich fürchte, daß ſie nicht an der Krankheit, von welcher ſie zuerſt befallen wurde, ſondern an Gift ſtirbt.“ „Gift?— Gift! ſagen Sie,“ ſchrie Elvin in Verzweiflung;„aber, mein Gott, wie oder von wem?“ „Dieß zu unterſuchen iſt Ihre eigene Sache, Herr Bezirksrichter.— Ich habe nur einen Argwohn ausgeſprochen. Wer die ſchuldige Perſon ſeyn kann, ahne ich allerdings nicht; aber dieß dürften Sie wohl 171 herausbringen. Inzwiſchen gebe ich Ihnen auf, der Kranken ſelbſt die Arzneien zu reichen, welche ich eben verſchrieben habe, und durch welche an den Tag kommen ſoll, ob die Umſtände ſich ſo verhalten, wie ich fürchte.— In einer Stunde bin ich wiederum hier Der Doktor ging. Elvins Gedanken waren in ſolche Verwirrung gerathen, daß er einen Augenblick für ſeinen Verſtand fürchtete.— Sirena! ſeine geliebte Sirena vergiftet, und er ſebſt vielleicht beargwohnt! Halb wahnſinnig ging er zu ihr in's Zimmer. Nachdem er einige Schritte zurückgelegt hatte, fuhr ein ſchrecklicher Verdacht ihm durch den Kopf und verurſachte ihm einen ſo heftigen Schmerz, daß er ſich an einer Stuhllehne halten mußte, um nicht um⸗ zufallen. Auf dieſelbe geſtützt, blieb er geraume Zeit ſtehen und athmete ſchwer auf. In ſeiner aufgeregten Seele reifte endlich ein Entſchluß, welcher ihm ſeine Selbſtbeherrſchung wieder zu geben ſchien. Er wollte ſich Gewißheit verſchaffen und hernach.... Mit feſtem Schritt und angenommener Ruhe trat er über die Schwelle zu Sirena's Zimmer, wel⸗ ches von deren ſchwachem, aber zerreißendem Gewim⸗ mer ertönte. An Sirena's Bette ſaß Frau Watz, und über ſie hereingebeugt ſtand Cäcilia. „Es iſt ſchön von dir, daß Du kommſt, Clvin,“ ſagte Frau Watz,„ich muß mich auf einige Stunden entfernen; ich halte es um meiner Nerven willen 172 nicht aus, ihr entſetzliches Leiden unaufhörlich anzu⸗ ſehen; doch hoffe ich, daß es ſich damit bald geben wird, da ſie kein eigentliches Fieber mehr hat, zum Beweiſe, daß von einer Gefahr für ihr Leben nicht die Rede ſeyn kann.“ Dieſe Mutter war allzu egoiſtiſch, als daß ſie ihrem Kinde irgend eine ausdauernde Pflege widmen konnte. „Es iſt eilf Uhr,“ äußerte Eäcilie, als Frau Watz gegangen war,„und Sirena wird von der be⸗ ruhigenden Mixtur einnehmen müſſen.“ „Ah ſo, willſt Du ſie vielleicht miſchen, während ich in mein Zimmer gehe und ein Buch hole?“ ant— wortete Elvin mit ſcheinbarer Ruhe und entfernte ſich. Gegenüber von der Thüre, durch welche Elvin hinausging, befand ſich ein großer, bis auf den Bo⸗ den herabgehender Trumeau mit einem Fenſter zu jeder von beiden Seiten. Auf der einen davon ſtand ein Toilettentiſch. Der Alkoven, wo das Bett ſeinen Platz hatte, war zur Linken, und vor demſelben, ſchräg über, ein Schirm aufgeſtellt. Zur Rechten ſtand ein Sopha. Auf derſelben Seite wie die Thüre und vor dem Schirme fand ſich noch ein Tiſch mit Flaſchen und Medikamenten. An dieſen trat Cäcilie und miſchte den Trank, welchen ſie Sirena geben ſollte.— Als ſie damit fertig war, warf ſie einen finſtern, forſchenden Blick rings um ſich, zog aus dem Buſen ein Fläſchchen und goß daraus einige Tropfen in die Taſſe. Sie verwahrte das Fläſchchen wieder ſorgfältig an derſel ben Stelle und nahm die Taſſe in der Abſicht, zu 173 Sirena zu gehen, indem ſie dabei der Thüre den Rücken kehrte. Aber plötzlich fühlte ſie ſich am Hand⸗ gelenke gefaßt und die Taſſe ſich entriſſen. Als ſie erſchrocken ſich umſah, ſtand Elvin vor ihr, mit einem ſtrengen, unbeweglichen Ausdruck auf ſeiner bleichen Stirne. „Warum haſt Du es unterlaſſen, Milch in den Trank zu miſchen, wie der Doktor vorgeſchrieben?“ fragte er mit einer Stimme, ſo unheimlich, daß ſie gar keine Aehnlichkeit mit menſchlichen Tönen hatte. „Ich hörte ihn nichts davon ſagen,“ antwortete Cäcilia bebend. „Aber ich hörte deutlich, daß er es dir insbe⸗ ſondere einſchärfte.— Da dieſe Mixtur nur bei Si⸗ rena es verſchlimmern, mich dagegen beruhigen dün ſo will ich ſie trinken.“ Und damit führte Elvin die Taſſe langſam an ſeine Lippen. Mit einem:„Halt um Gotteswillen!“ ſtürzte Cäcilia auf ihn zu und legte ihre Hand abwehrend auf ſeinen Arm.—„Trinke nicht Elvin!“ bat ſie mit Angſt. Jetzt hörte man einige ſtärkere Jammerrufe von em Alkoven her und Sirena wälzte ſich konvulſiviſch uf ihrem Lager herum. Elvin ſchauderte, faßte aber kaltblütig den Glocken⸗ zug und klingelte. Lotte und eine Wachfrau traten herein. „Springe ſogleich zu Doltor L. und bitte ihn, im Augenblick hieher zu kommen. Um dieſe Stunde iſt er daheim. Sie, Frau, geben meiner Gattin eine N 174 Schaale mit warmer Milch und bleiben bei ihr, wäh⸗ rend ich mit der Mamſell mich auf einige Augenblicke entferne. Im Fall der Doktor inzwiſchen kommt, laßt ihr es mich wiſſen; ich bin in meinem Zimmer. Gegen Cäcilia äußerte er blos:„Komm!“ XXXVI. Ohne ein Wort zu ſagen, kam ſie ſeiner Auf⸗ forderung nach. In ſeinem Zimmer angekommen, veheie er die Thüre. äcilia, ich bin auf den Einfall gekommen, daß Trank hier zu dir nimmſt,“ ſagte Elvin her Kälte und reichte ihr die Taſſe. er ich will nicht,“ antwortete ſie und fuhr entſchloſſen mit dem Kopf in die Höhe. „Du ſollſt, hier gibt es keinen andern Ausweg, verſtehſt Du?“ „Warum willſt Du mich zwingen, ein Medika⸗ ment einzunehmen, welches einem Kranken Sun mir dagegen ſchaden kann?“ „Darum, weil ich jetzt bei dir Richter und Voll⸗ ſtrecker des Urtheils bin.— Dieſer Trank iſt ver⸗ giftet.“ 6 „Du läugneſt? Nun, dann trinke ich ihn.“ Und Elvin führte die Taſſe wieder an ſeine Lippen mi 175 „Gnade, Barmherzigkeit, trinke nicht,“ bat Cä⸗ cilia, indem ſie vor ihm auf die Kniee fiel. „Hier gibt es keine Gnade, keine Barmherzig⸗ keit; Eins von uns muß ſie leeren.“ „Sprich nicht ſo; denn wenn ich eine Verbreche⸗ rin bin, ſo wurde ich es, weil ich dich liebe— dich höher liebe, als meinen Frieden und meine Seligkeit.“ „Das wagſt Du mir zu ſagen— mir, der ich dich ſo tief haſſe, daß wenn Du zehn Leben hätteſt, ich eine Wolluſt darin fände, dir alle zu nehmen.“ Cäcilia erbleichte furchtbar und ihre Glieder bebten; ſie flüſterte mit Schmerz: „Iſt dieß der Lohn für meine Treue und warme Liebe?“ „Schweig, Weib und verunreinige nicht etwas ſo Heiliges wie die Liebe, damit, daß Du dieſen Na⸗ men über deine Lippen gehen läſſeſt.— Du gibſt ſomit zu, daß dieſe Taſſe Gift enthält?“ — Mit flammenden Blicken betrachtete Cäcilia den Bezirksrichter, während ſie ſich erhob und alſo ſprach: „Jo, ſie enthält Gift. Biſt Du jetzt zufrieden? Gib her, ich will ſie jetzt trinken.“ Sie ſtreckte die Hand aus; aber Elvin ſchleu⸗ erte die Taſſe zu Boden, indem er mit Abſchen und Verzweiflung äußerte: „Ich will mich nicht dazu erniedrigen, dein Mör⸗ der zu ſeyn; möge die Strafe Gottes und der Ge⸗ rechtigkeit dich treffen!“ Er wollte aus dem Zimmer ſtürzen. „Halt!“ rief Cäcilia wild und faßte ſeinen Arm; jetzt ſollſt Du mich anhören, und was hernach ———— 176 geſchehen wird, weiß ich ſelbſt.— Sprich, wer machte mich zur Mörderin?“ „Dein falſches, trügeriſches und grauſames Herz,“ antwortete Elvin und trocknete ſich den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirne. „Du irrſt dich.— Als ich unter dein Dach trat, waren meine Gedanken ebenſo weit von einem ſolchen Beſchluß entfernt, wie die deinigen.— Von meiner erſten Jugend wohnte in meinem Herzen eine lebhafte Neigung zu dir, und es gab eine Zeit, wo ich mir einbildete, Du theileſt dieſelbe; aber zum Un⸗ glück für uns beide war es ein Irrthum.“ „Meine Gefühle haben wenig Aehnlichkeit mit denen der Menge. Ich liebe heftig, gewaltſam, bei⸗ nahe wild; doch hütete ich mich, Andere wiſſen zu laſſen, wie es in meiner Bruſt ſtürmen konnte; ich verbarg immer meine Leidenſchaften unter der Maske der Sanftmuth.“ Cäcilia's Bruſt hob ſich ſchwer. „Ich verabſcheute meine glückliche Nebenbuhlerin und wollte ſie nicht ſehen. Damals fand ſich aber noch kein eigentliches Rachegefühl in meiner Bruſt, weil ich mir vorſtellte, ſie liebe dich und mache das Glück deines Lebens. Aber wir trafen in Eriksberg zuſammen, und da erſt ſteigerte ſich mein Abſcheu ge⸗ gen ſie zu einem leidenſchaftlichen Haß, einem tiefen und furchtbaren Gefühl, weil ich dieſe Frau, welche Du anbeteteſt, deine Liebe mit Kälte und Gleichgül⸗ tigkeit erwiedern ſah.— Ich ſah ſie mit allen ihren Pflichten ſpielen und deinen Schmerz verachten. Da beſchloß ich, für dich und mich Rache zu nehmen, 177 dadurch, daß ich ihr deine Liebe und die Macht über dich raubte, der Du, ein ſchwaches Werkzeug zur Befriedigung ihrer Launen, zum Opfer gefallen wareſt.“ „Mit dieſen Abſichten kam ich in euer Haus; aber ich ſchwöre bei Gott, daß kein Gedanke daran, ihr das Leben zu nehmen, noch in meiner Seele ſich regte. Als ich dich leidend, von dieſer herzloſen und egviſtiſchen Kokette, welche mir deine Liebe geraubt hatte, vernachläßigt, zurückgeſetzt und geringgeachtet ſah, da ſchwur ich, nicht eher zu ruhen, als bis ich in deinem Herzen ihren Platz eingenommen hätte.— „Meine Geſellſchaft wurde auch bald unentbehr⸗ lich für dich, und ich ſah, wie ich einen immer grö⸗ ßeren Werth in deinen Augen gewann. Ich wartete nunmehr nur auf eine paſſende Gelegenheit, um ein⸗ mal, ohne daß es auffiel, wie bei der Entdeckung von ihrer Zuſammenkunft mit dem Baron in Eriksberg, dir den Beweis zu liefern, daß ſie dich betrog und einen Andern liebte.— So ſtanden die Dinge, als Du bei der Rückkehr von Strömſtad nach Stockholm gegen mich äußerteſt: Wie ganz anders würde es mit meinem Lebensglück beſtellt ſeyn, wenn Du mit deinem liebenden Herzen meine Frau geworden wäreſt. „Erſt dieſe Worte weckten in mir den Gedanken, Sirena aus dem Wege zu räumen, um eines Tags deine Frau zu werden. Mit ihr, dachte ich, wird er ewig unglücklich bleiben. Sie wird ihn niemals lieben, niemals um ſein Glück ſich bekümmern— ja zuletzt noch Schimpf und Schande über ihn bringen, Schwartz, Novehlen. 12 178 während ich dagegen nur für ihn und ſeine Glück⸗ ſeligkeit leben werde. Ich glaubte ein gutes Werk zu vollbringen, wenn ich ſie von der Erde verſchwin⸗ den ließ, bevor ſie dir noch mehr Leiden verurſacht hätte und— der Meinung bin ich noch; denn ſie liebt aufrichtig den Lieutenant Brunel und erkrankte einzig deßhalb, weil er ſie verſchmäht hatte. Alles dieß hat ſie mir im Fieberwahnſinn entdeckt.“ Cäcilie brach in ein gräßliches Gelächter aus. „Hätte nicht ihre thörichte Leidenſchaft dieſe Krankheit hervorgerufen, würde ich wahrſcheinlich niemals meinen Plan, ſie ſterben zu laſſen, in's Werk geſetzt haben;— aber als ich ihr die Medicin eingab, war die Gelegenheit verführeriſch und die Verſuchung allzu groß, weil wohl Niemand eine Vergiftung be⸗ argwohnen konnte, wenn ihr Leben unter einer ernſt⸗ haften Krankheit allmälig erloſch.— Findeſt Du nicht, daß wenn ſie eine zärtliche und liebende Gattin ge⸗ weſen, ihren Pflichten getreulich nachgekommen wäre, zwiſchen dir und mir kein gefährliches Freundſchafts⸗ verhältniß ſich gebildet hätte und ich niemals auf dieſe finſtern Gedanken gerathen ſeyn würde? Sie hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin.“ Von jeder gewaltſamen Leidenſchaft iſt, wenn bei dem Menſchen ſonſt nicht die moraliſchen und reli⸗ giöſen Grundſätze gehörig entwickelt ſind, der Weg zur Befriedigung derſelben durch Verbrechen nur ein ſehr kurzer. ⸗ Elvin ſtützte ſeine brennende Stirne auf die Hand. Glaube jedoch nicht,“ nahm Cäcilie wieder das 179 Wort,„daß das Leben für mich jetzt noch einen Werth hat. Ich habe Abſcheu in deinen Blicken geleſen und den Ausdruck deſſelben von deinen Lippen vernommen, und ich will nicht länger leben.— Aber Sirena iſt nicht mehr zu retten, wir werden einander in die Cwigkeit folgen. Lebe wohl, Elvin.— Gottes Strafe wird mich erreichen, aber nicht die menſchlicher Ge⸗ rechtigkeit.“ Und damit zog ſie plötzlich das Fläſchchen aus dem Buſen und trank deſſen ganzen Inhalt aus. Ein Klopfen an der Thüre rief Elvin noch einmal zur Beſinnung zurück. Er öffnete.— Der Doltor und Brunel traten etwas zögernd ein. „Herr Doltor, mein ganzes Vermögen, wenn Sie Sirena retten!— Sie hat Gift bekommen!“ ſchrie Elvin ihm entgegen. „Es iſt zu ſpät; ſie iſt todt,“ antwortete der Doktor. „Todt!“ rief Elvin mit herzzerreißendem Schmerze; „todt durch dich!— Und Du haſt nur ein Leben,“ ſetzte er hinzu, indem er auf Cäcilie losſtürzte. Brunel warf ſich dazwiſchen, indem er ſagte: „Beſinne dich, Elvin.“ Aber er ergriff Brunel an der Schulter und warf ihn, ein wildes Gebrüll ausſtoßend, mit den Worten zurück: ort von mir, Clender, der Du ihr Herz ge⸗ ſtohlen haſt!“ Er brach nun in ein ſchauerliches Gelächter aus 180 und fuhr mit den Händen nach dem Kopfe. Der Unglückliche war wahnſinnig geworden.—— Eine Stunde ſpäter finden wir Frau Watz in ihrer kleinen Wohnung in der Regierungsſtraße be⸗ quem auf einem Sopha gelagert und mit Lektüre be⸗ ſchäftigt, als die Magd den Lieutenant Brunel anmeldete. „Bitte ihn, einzutreten,“ ſagte die Frau und ſetzte ihre Haube zurecht. Brunel war unnatürlich bleich, als er eintrat. „Unendlich willkommen, Herr Lieutenant! Sie haben ſich lange nicht blicken laſſen. Ich bin außer⸗ ordentlich erfreut, Sie zu ſehen, beſonders jetzt, da die Krankheit meiner Tochter mir die Einſamkeit zu einer wirklichen Plage macht. Man muß Mutter ſeyn, um meine Unruhe zu begreifen,“ plapperte Frau Watz und deutete dem Lieutenant durch eine Geberde an, Platz zu nehmen. „Die Veranlaſſung zu meinem Beſuch iſt mehr traurig, als angenehm,“ antwortete Brunel. „Welche denn— wenn ich fragen darf?“ „Madame, Ihre Tochter Sirena iſt todt— durch Vergiftung, und Ihr Schwiegerſohn— wahn ſinnig in Folge der unglücklichen Ehe, die Sie geſtiftet haben.“ „Das iſt nicht wahr; ich verließ ſie vor ein paar Stunden...“ Jä ſterbend von dem Gifte, das ſie bekom⸗ men hat. Frau Watz ſprang auf, griff nach Hut und Mantel und ſtürzte hinaus, ihrer bekannten Beſon⸗ * 181 nenheit und ihres Taktes gänzlich uneingedenk. Brunel eilte ihr nach. XXXVII. Eine Weile darauf ſuchte ſie der Kommer⸗ zienrath. „Die Frau ging ſehr haſtig fort und war ganz aufgeregt,“ antwortete die Magd. „Ich will ein wenig warten; vielleicht kommt ſie bald wieder zurück,“ äußerte der Kommerzienrath und trat in's Zimmer. Er hatte von Doktor L. den Auftrag erhalten, Frau Watz von dem Unglück im Elvin'ſchen Hauſe in Kenntniß zu ſetzen. Unſer Kommerzienrath ſah ſich nicht mehr gleich; ſein ſonſt röthliches Antlitz war bleich, ſein ſeelenloſer Blick bekümmert, ſeine Stirne gefurcht und düſter. Er ſetzte ſich auf einen Sopha. Die Gedanken, welche ſein Gehirn durchkreuzten, lauteten ungefähr folgender Art: Wie kann ich Ida, die ſo ſchwach iſt, won dieſen traurigen Ereigniſſen Mittheilung machen? Wenn ſie es allzu ſchwer aufnähme, würde es mir leid thun— obwohl ihre Stimme dahin iſt; denn ſie bleibt doch ein kleines gutes Weſen. Ich glaube meiner Seele, daß dieſer Kummer mir zu Herzen geht; hm, hm. Der Kommerzienrath ſchien wirklich ganz kon⸗ ſternirt bei dieſer Entdeckung, und um des Gedankens 182 daran ſich zu entſchlagen, nahm er ſeinen Hut und begab ſich wieder hinweg, nachdem er der Magd geſagt hatte, man ſolle ihm einen Boten ſchicken, wenn Frau Watz heim käme. „Ein recht leichtſinniges Weibsbild, meine Schwie⸗ germutter,“ ſprach er weiter bei ſich ſelbſt—„und dazu ganz unmuſikal iſch! Gott weiß, wie ſie eine Tochter gleich Ida bekommen mochte, und— mit der Stimme, die ſie hatte. Eine wahre Hexe von einer Mutter, welche ihre Tochter über Hals und Kopf hinausgab, ohne ſich nur einmal zu beſinnen, daß ich ſchon ein alter Hageſtolz war, der auf Erden niemals etwas Anderes als Muſik geliebt hat.— Aber JNa iſt dennoch ein gutes Kind; ich glaube auch, daß ich ſie noch recht lieb gewinnen kann, obwohl Brunel in ſeinem Briefe das Gegentheil behauptete.— Ich möchte nur wiſſen, was ſie ſelbſt davon denkt.“ Jetzt war der Kommerzienrath daheim. „Wie ſteht es mit der Frau, Louiſe?“ fragte er die neue Magd, welche die Thüre denn Marie hatte den Abſchied erhalten. „Die gnädige Frau iſt aufʒiien⸗ obwohl ſie noch ſehr ſchwach iſt, und ſitzt nun drinnen und ſpielt.“ Das Geſicht des Kommerzienraths hellte ſich bei dieſen Worten auf und er ſchlich leiſe in den Salon. „Liebe, kleine Ida, ſtrenge dich nur nicht allzu ſehr an,“ ſagte er und legte ſeinen Arm zum erſten Mal um ihren Leib, mit einem gewiſſen Ausdruck von Zärtlichkeit in ſeinem Blick. 183 Otto!“ rief Ida und ſah ihn mit Erſtaunen und Verwunderung an. „Ich wurde ſo froh, als ich dich ſpielen hörte, und doch fürchtete ich wieder, es möchte dir übel be⸗ kommen.“ „Wie gut biſt Du!“ „Du ſiehſt mich ſo verwundert an; Du biſt nicht gewohnt, daß ich mich ſo beſorgt zeige. Ich habe wohl keinen Ueberfluß von zärtlichen Empfin⸗ dungen, aber, liebe Ida, bemühe dich zu denken, daß mein Herz etwas wärmer als mein Benehmen iſt.“ „So haſt Du niemals früher mit mir geredet.“ „Das kommt daher, weil ich früher niemals daran gedacht habe, daß Du doch meine Frau biſt. Siehſt Du, mein Kind, ich war ſchon bei Jahren, als ich mich verheirathete.— Von Jugend auf ein leidenſchaftlicher Freund der Muſik, hatte ich kein Verlangen nach einem zärtlichern Bande. So verfloß mein Leben, bis ich zum erſten Mal dich ſingen hörte. Dein Geſang entzückte mich; aber er hätte dieſelbe Wirkung gehabt, wäreſt Du auch alt und häßlich geweſen; denn ich dachte dabei gar nicht an deine Perſon. „Deine Mutter ſah den Eindruck, welchen deine Stimme auf mich machte, und mit ihrem Scharfſinn faßte ſie auch auf, daß ich nur dadurch gefangen werden konnte. Sie ſtellte es ſo an, daß wir oft zuſammentrafen, und geſtattete mir auch, bei euch Beſuche zu machen. Auf alle ihre Bemühungen gab ich damals nicht Acht. Dieß geſchah erſt, nachdem 184 ich ihr blindes Beſtreben, ihre Kinder zu verheirathen, erkannt hatte. „Eines Tages kam ich zu ihr mit dem Begehren, Du möchteſt in einem Concert, welches ein Freund von mir gab, ſingen. Sie ſchlug es beſtimmt ab mit den Worten:„Sobald Ida einen Mann hat, welcher ihr Namen und Hand bietet, kann er über ihre Stimme disponiren; aber bis dahin darf ſie nicht öffentlich ſingen.— Niemals war früher der Gedanke, dich oder irgend eine Perſon zu meiner Frau zu machen, in meiner Seele aufgeſtiegen; aber während der Debatte, welche nun zwiſchen deiner Mutter und mir ſich entſpann, fiel mir das ein. Sie wurde warm und ich ebenſo. Endlich äußerte ſie:„Sehen Sie doch einmal ein, daß, wenn ich Ida geſtatte, vor dem Publikum aufzutreten, es immerdar ſchwer hält, für ſie einen Mann zu bekommen. Möchten Sie wohl, Herr Kommerzienrath, ein Mädchen zur Frau nehmen, welches in einem Concert nach dem andern ſänge?“ — Warum nicht? antwortete ich in meinem Eifer, um ſo mehr, da ich jetzt um Ihrer Tochter Hand anhalte. „Sowie dieſe Worte über meine Lippen ge⸗ gangen waren, fühlte ich mich ganz beſtürzt. Deine Mutter gab augenblicklich ihre Zuſtimmung und Du ſangeſt in dem Concert.— Daß ſie inzwiſchen einen ſchweren Kampf mit dir zu beſtehen hatte, um deine Einwilligung zu dieſem Cheband zu erhalten, habe ich in ſpätern Zeiten ſtark geargwohnt. Das Ende vom Ganzen war: daß, weil Sirena's Hochzeit in zwei Monaten ſtattfinden ſollte, deine Mutter, welche — — 185 wahrſcheinlich fürchtete, wir Beiden könnten unſern Sinn ändern, den Vorſchlag machte, die unſrige ſollte an demſelben Tage gefeiert werden. „So wurden wir Mann und Frau, ohne daß ich ſelbſt daran gedacht hatte.— Deine Stimme liebte ich und im Uebrigen beſchäftigteſt Du meine Gefühle nicht ſonderlich. Auf ſolche Weiſe ſind nun dieſe Jahre vergangen. „Erſt nachdem ich Brunels Brief geleſen, fiel es mir ein, mein Leben als Chemann in Betracht zu ziehen, und, liebe Jda, ich fand mich dazu wenig tauglich.— Ich habe jetzt nichts weiter zu ſagen, als daß...“ Der Kommerzienrath huſtete, ſah verlegen aus und ſetzte endlich hinzu..„als daß ich dir.... ein treuer Freund.... ſeyn und blei⸗ ben will.“ „Dank, Otto, Dank!“ ſagte Ida, indem ſie ſeine Hand an ihre Lippen führte. „Auf welchen Du dich verlaſſen kannſt, wenn irgend ein großer Kummer dich treffen ſollte.“ Der Kommerzienrath dachte mit heimlichem Beben an Sirena's Tod und an das tiefe Leiden, welches ſeine kleine Senſitive dabei empfinden würde. „Du weißt nicht, mein Kind,“ fuhr er fort, „wie krank Sirena iſt; ich habe es dir nicht ſagen wollen:“ Seine Stimme war erkünſtelt ruhig. Ida ſah ihn ängſtlich an und fragte: Aber es geht ja heute mit ihr beſſer, ſagteſt Du, als ich zu ihr fahren wollte.“ „Mein Kind, Du biſt ſelbſt dieſe Tage her ſo 186 ſchwach geweſen, daß Doktor L. dir ſtreng verboten hat, bei dieſem naſſen Wetter auszufahren, und gleich vollkommene Gemüthsruhe vorſchrieb, darum. „Aber, Otto, wie ſteht es mit Sirena?— d, ich muß zu ihr!“ rief Ida mit Angſt. „Sirena iſt es jetzt wohl— ſey verſtändig, Jda — ſie war ſo krank und litt ſo ſchwer, obwohl der Doktor es dich nicht wiſſen laſſen wollte.— Nimm die Sache vernünftig— ſie iſt in eine beſſere Hei⸗ math eingegangen.“ „Geſtorben!“ Ida äußerte nur dieſes einzige Wort und lehnte ſich dann, ſelbſt beinahe ſterbend, an ihres Mannes Schulter. Dieſen Augenblick kam der Doktor in großer Aufregung herein und rief, ohne auf Ida Acht zu geben:. „Es iſt zum Raſendwerden!— das Weibsbild iſt jetzt auch geſtorben.“ „Wer um's Himmels willen?“ fragte der Kom⸗ merzienrath. „Die Giftmiſcherin, Mamſell Aler, welche Frau Ctvin' um's Leben gebracht und deren Mann in Wahnſinn geſtürzt hat.— Aber mein Gott, was ſehe ich, die Frau Kommerzienräthin in Ohnmacht.“ Er eilte auf die bewußtloſe Ida zu, um ihr Beiſtand zu leiſten. 187 XXXVIII. Auch wenn das Herz leidet und die Seele von Gram erfüllt iſt, geht die Zeit vorüber, und ein Jahr verſchwindet ſchnell, wenn auch unter Thränen. Ein Jahr nach Sirena's Tod finden wir Ida auf dem Balkon eines kleinen netten Landhauſes in der Nähe von Stockholm ſitzend. Ihr hübſches An⸗ geſicht war gebleicht, ihre Wangen hatten an Run⸗ dung verloren und die Züge waren feiner geworden. Man ſah ſogleich, daß ſie eine ſchwere Krankheit durch⸗ gemacht hatte. Ihr Blick war ruhig und irrte nicht mehr mit einem träumeriſchen und abweſenden Aus⸗ druck in der Ferne umher, ſondern ſchaute ernſt und mild vor ſich hin. In der Hand hielt ſie einen erbrochenen Brief, den ſie eben durchgeleſen hatte. Wir wollen einen Blick in deſſen Inhalt werfen. „Madame! „Bevor ich Schweden verlaſſe und meinen Büßerberuf antrete, indem ich den wahnſinnigen Elvin auf ſeiner Reiſe in fremde Länder begleite, empfangen ſie ein Lebewohl von dem, welcher ſo bitteres Leid auf Ihre Familie gehäuft hat. „Einmal war auch ich ein froher und unver⸗ dorbener Jüngling, und damals rettete ich aus den Flammen ein junges Mädchen, noch ein Kind, deſſen Züge ſich tief in meine Seele prägten. Dieſes Mäd⸗ chen waren— Sie. „Was mich beſtimmte, dieſe That bis jetzt zu 188 verſchweigen, werden Sie in den Außzeichnungen über Thekla, die ich Ihnen hiemit überſende, finden. „Ich gab Ihnen auf der Reiſe eine kurze Schil⸗ derung von ihrem Tode; aber dadurch erhielten Sie nur ein unvollſtändiges Bild.— Jetzt, Madame, da ich auf immer den vaterländiſchen Boden verlaſſe, leſen Sie dieſe Blätter und beurtheilen Sie den nicht allzu hart, welcher Sie heilig geliebt hat. „Unter allen den traurigen und abſchreckenden Erinnerungen, welche Sie an meine Perſon knüpfen mögen, erhalten Sie ſich dieſe als einen Lichtpunkt: daß meine Liebe zu Ihnen wahrhaftig geweſen, da ich niemals mich Ihnen mit einem Blick noch mit einem Wort nähern wollte, woraus Sie dieſelbe hätten ahnen können, und daß, da ich Ihnen als Unbekannter ſchrieb, es nur geſchah, um Sie zu warnen oder zu ermuntern, Ihren Pflichten getreu zu bleiben. Glau⸗ ben Sie mir, der Mann, welcher eine verheirathete Frau von ihren Pflichten abwendig macht und ſie erniedrigt, hat niemals für dieſelbe wirkliche Liebe em— pfunden, ſondern nur den ſelbſtſüchtigen Forderungen einer aufflammenden Leidenſchaft nachgegeben. „Leben Sie wohl, leben Sie glücklich, Sie, mei⸗ ner Seele reines, holdes Traumbild, und bedenken Sie, daß kein Unglück mit dem zu vergleichen iſt, welches aus der eigenen Erniedrigung und einer nie ruhenden Reue über begangene Fehler entſpringt. „Denken Sie ohne Verachtung an den, welcher, um Ihnen Glückſeligkeit zu verſchaffen, gern ſein freudenleeres Leben opfern würde. Carl Guſtav Brunel.“ 189 „Was iſt das für ein Brief, liebe Ida?“ fragte der Kommerzienrath, unter der Thüre zum Balkon ſtehend. „Ah, das iſt eine lange Geſchichte,“ antwortete Ida und reichte ihm den Brief mit einem Seußzer. Der Kommerzienrath ſetzte ſich an ihre Seite und las denſelben. Als er fertig war, erzählte ihm Jda mit wenigen Worten von dem, was der Leſer ſchon weiß: von ihrer Neigung zu Moritz, von den drei Briefen eines Unbekannten und von dem romanhaften Eindruck, den ſie hervorgebracht hatten, bis zu dem Abend, da Brunel ihr eine kurze Schilderung von Thekla's Ende gegeben hatte. Lang nachdem Ida fertig war, blieb der Kom⸗ merzienrath noch ſitzen und ſah gedankenvoll vor ſich hin. Endlich äußerte er: „Es liegt etwas ſchrecklich Unmoraliſches darin, daß man ſich verheirathet, ohne die Pflichten zu be⸗ denken, welche man damit als Ehegatte auf ſich nimmt.— Wenn Du mit deinem empfindſamen Herzen als mißleitetes Opfer des Bedürfniſſes von Zärtlichkeit gefallen wäreſt, wer trüge die Schuld davon?— Für's Erſte deine Mutter, welche unbe⸗ kümmert um alles Andere, als dich durch eine Heirath verſorgt zu ſehen, dich in die Hände eines Mannes warf, wie ich bin, gänzlich unbekannt mit den Forde⸗ rungen der Anhänglichkeit; und hernach ich ſelbſt, der ich in meiner kalten Selbſtſucht ein junges, liebens⸗ würdiges Weib an meine Seite feſſelte, ohne ſie zu lieben, oder nur daran zu denken, daß ſie ein Herz hatte, welches neben einem gleichgiltigen Gatten ver⸗ 190 urtheilt iſt, zu Tode zu frieren, oder auch, wenn ſie ſich einem Andern nähert, ihre Pflichten zu verrathen und der Schonungsloſigkeit der allgemeinen Verachtung anheimzufallen.— Wahrhaftig, Ida, ich weiß nicht, wie Du mir das Leben verzeihen kannſt, zu dem mein Kaltſinn dich verurtheilte. So viel iſt gewiß, daß ich es ſelbſt nicht ſo leicht thue, und, ſo weit in meinen Kräften liegt, dich für das, was Du entbehrt und gelitten haſt, ſchadlos halten will.— Klar ſteht es vor meiner Seele, daß erſt, wenn die Eltern ihre Kinder lehren, eine Vereinigung für das ganze Leben nicht mit Leichtſinn oder Eigennutz zu betrachten, wenn ſie vielmehr auf die ſchwere Verantwortlichkeit, die große Verpflichtung, welche ſich daran knüpft, hinweiſen,— daß erſt dann unſer Geſchlecht wahr⸗ moraliſch veredelt und glücklich werden kann.“ Es iſt meiſtens ein recht herzerſchütterndes Er⸗ eigniß von Nöthen, um den Menſchen aus ſeiner ge⸗ wöhnlichen Abgeſtumpftheit zu wecken und ihn zur Beſinnung und zu einer unparteiſſchen Beurtheilung ſeines Lebens zu führen. So war es wenigſtens mit dem Kommeenrath. Sein Leben, wie das der meiſten Menſchen, war eine bloße Kette kleinlicher Eitelkeit und Selbſtſucht geweſen. Die Ereigniſſe im Glvin'ſchen Hauſe trafen ihn wie ein Blisſtrahl, wel⸗ cher mit ſeinem unheimlichen Lichte auch ſeine eigenen Zuſtände und ſein Verhältniß zu ſeiner Frau beleuch⸗ tete. Aber einmal zu Betrachtungen darüber geweckt, ſah er das Unverzeihliche davon ein und ſuchte nun ſo viel als möglich ſich in ſeine Eigenſchaft als ver⸗ er Mann hineinzuleben. 4 hchihieeeheibeheeheeeeeciäh— e 191 Nach einer Weile fragte er: „Willſt Du, daß ich dir dieſe Aufzeihnuns vortſen ſoll?“ „Ja, ich werde dir dafür danken,“ antwortet⸗ Ida und reichte ihm mit einem freundlichen Blicke die Hand. XXXIX. Einige Minuten darauf las der Kommerzienrath wie folgt: „Thekla war die lteſte von den drei Töchtern des Rathsherrn Watz. Ihre Mutter, ein Mädche von beſſerer Herkunft, aber ohne alles vop hatte ſich ganz jung mit ihrem Mann verheirathet. Ob die Ehe des Rathsherrn eine der glücklichen war, laſſe ich dahin geſtellt; was man darüber hörte, ſchränkt ſich auf Folgendes: Er war ein Mann mit einem gefühlvollen, beinahe weichen Herzen, einfach in ſeinen Gewohnheiten, gut, friedferti häuslich. Die Frau, ein lebhaftes, eitles und 8 Weſen, in der Hauptſtadt erzogen, mit einer ſtarker ſchaft für Luſtbarkeiten und die Zerſtuungen des geſellſchaftlichen Lebens, aber träge und gleichgiltig für die ſtillen Freuden häuslicher Gemüthlichkeit. Sie zeigte ſich darum auch viel draußen in der Welt und bildete durch ihre Manieren und ihr Ausſehen eine Zierde der Salons. Nur höchſt felten ſah man ſie von ihrem Mann 192 begleitet. Die drei Kinder wurden der Pflege von Dienſtboten überlaſſen, und die Mutter beſchäftigte ſich in deren Kindheit nur ſo weit mit ihnen, als erforderlich war, ihnen die Vorſchriften für ein ſchick⸗ liches Benehmen in der Geſellſchaft beizubringen. Der Vater dagegen liebte die Kleinen zärtlich und widmete ihnen alle ſeine freien Stunden. „So wurde Thekla zwölf Jahre alt.— Eines Abends, da die Mutter ſich auswärts bei einem Souper befand, und der Vater, der den ganzen Tag ſich unwohl gefühlt hatte, auf einem Sopha lag, war Thekla das einzige von den Kindern, welches aufblieb und auf einem Schemel neben ihm ſaß. Er bat ſie, ihm ein Glas Waſſer zu bringen. Sie eilte hinweg, um ſein Begehren zu erfüllen; aber als ſie damit zurückkehrte, lag er ausgeſtreckt mit verzerrten Geſichts⸗ zügen und zuckenden Gliedern da.— Auf ihren Angſtruf ſtürzten die Dienſtboten herein. Sie ſtanden beſtürzt da und ſtarrten ihren Herrn an, ohne zu wiſſen, was ſie anfangen ſollten. Endlich gelangten e zu dem Entſchluß, die Frau zu holen. Aber der Rathsherr wohnte im Süden und die Frau war hoch im Norden. it dem beſten Willen dauerte es alſo lange gen ¹9, bis ſie zu Hauſe ſeyn konnte. Inzwi— ſchen blieb der Kranke hilflos liegen. Thekla hat verſichert, daß ihr niemals die Zeit ſo lang, wie während dieſes Wartens vorgekommen wäre. Endlich kam die Mutter. Man ſchickte nach einem Arzt; aber es war zu ſpät— der Vater ſtarb in der Nacht. „Der Rathsherr hinterließ nur ein mittelmäßiges, aber dennoch für die Familie ausreichendes Vermögen, 193 um ſparſam und ordentlich davon leben zu können. Frau Watz machte jedoch in den erſten Jahren ſo große Ausgaben, daß ſie nach vierjährigem Wittwen⸗ ſtande nichts weiter als ein Vorſtadthaus am nörd⸗ lichen Sauerbrunnen und ein paar tauſend Reichs⸗ thaler übrig hatte.— Sie mußte in Folge davon ſich bequemen, in jenes Haus zu ziehen. „Thekla war damals ſechszehn Jahre alt. „Die Erziehung der Mädchen beſtand in der Einſammlung all der kleinen Talente, womit ſie im Geſellſchaftsleben glänzen ſollten; aber nicht einen Augenblick hatte die Mutter ſich mit deren moraliſcher Ausbildung beſchäftigt oder ihnen einen Begriff von der Stellung einer Frau und ihren Pflichten im Leben beigebracht. Sie hatte ſie blos gelehrt, was man mit Anſtand thun oder laſſen, oder wie man ſich in Geſellſchaft benehmen müſſe und dergleichen mehr. „Von dem Tage an, da Thekla konfirmirt wurde, hörte ſie ihre Mutter unaufhörlich wiederholen, ſie ſey ein Mädchen ohne Vermögen, aber von guter Er⸗ ziehung und angenehmem Aeußern, und müſſe ſomit darauf ſehen, daß ſie bald eine gute Partie machen — könne. Wandte Thekla einmal ein, 8 wäre doch erforderlich, daß ſie Neigung zu dem Mann hege, der ihr einen Heirathsantrag mache, ſo antwortete die Mutter: Kind, eine kluge Frau, welche in ihrer Ehe glücklich werden will, weicht der Liebe aus, weil dieſelbe nur eine vorübergehende Flamme iſt, welche mehr Schlimmes als Gutes ſchafft. Uebrigens haſt Du nur eine Wahl für die Zukunft: Entweder ſuchſt Schwartz, Novellen. IV. 13 194 Du durch eine Heirath dir Unabhängigkeit zu ver⸗ ſchaffen, oder ziehſt in die Welt hinaus, um als dienſtbarer Geiſt dein Leben zu friſten.“ „Bei dieſen Worten überlief es die an Arbeit wenig gewöhnte Thekla wie ein Schauder, und ihre Eitelkeit proteſtirte auf's Lebhafteſte gegen die Aus⸗ ſicht, in Geſtalt einer Dienerin aufzutreten. Als Thekla das Alter von ſiebzehn Jahren erreicht hatte, freite ein Kapitän Storm um ſie. Es war ein ſehr vermöglicher Mann von etwas rauhem Aeußern, aber mit einem warmen, treuen Herzen und einem feſten Charakter. Obwohl etwas unentſchloſſen, ob ſie ihn nehmen ſollte, ließ Thekla ſich bald von der Mutter „überreden, welche ihr vorſtellte, wie unverſtändig es wäre, eine ſolche Partie, welche ihr eine glänzende Zulunft verſpräche, aus der Hand zu laſſen. *„Hiebei dachte Thekla beſonders an die Jolle, welche ſie als junge und reiche Frau ſpielen würde, und wie ſie in ihrer eleganten Wohnung als prächtige Wir⸗ thin figuriren und nach Gefallen ſich kleiden und amüſiren könnte. Alle dieſe glänzenden Bilder be⸗ ſtimmten Thekla zum Jawort. Auf dieſen Grund hin wurden br— Er, das Herz erfüllt von f Liebe und Hoffnung; ſie mit Gleichgültigkeit und Kälte gegen ſeine Perſon, aber den Kopf wimmelnd von Illuſionen über eine heitere und ſorgloſe Zukunft. „Mit achtzehn Jahren wurde Thekla verheirathet. DOhne das mindeſte Beben der Stimme gelobte ſie vor Gott, ihn in Freud und Leid zu lieben, und doch fand ſich nicht ein Funke von Liebe in ihrem Innern. Unter Thränen und Segnungen beſiegelte die Mutter 195 dieſen Bund, der mit etwas, das ſo ziemlich einem Meineid glich, geknüpft worden war; denn wie iſt es möglich zu begehren, daß das Glück von zwei Men⸗ ſchen für das ganze Leben auf einem ſolchen Grunde erbaut werden ſoll? Wie erwarten, daß eine Frau ohne Liebe während ihres Zuſammenlebens ſich in die Wünſche des Mannes füge, mit dem Ausbruch ſeiner in Folge von Widerwärtigkeiten oder Mißge⸗ ſchick entſtandenen Mißlaune oder Ungeduld Nachſicht übe und ihm als ein Engel des Friedens und der Milde, ſeine Freuden und Kümmerniſſe theilend, ſein vor Sorgen und Mühe erfülltes Daſeyn erheiternd, zur Seite ſtehe?— Wie auch nur denken, daß ſie mit einem kalten Herzen für den Mann eine würdige Mutter werde, welche durch das Beiſpiel von Zärt⸗ lichteit und Güte ihren Kindern dieſe Eigenſchaften einpräge? Oder kann man nur einen Augenblick ſich dem Irrthum hingeben, daß ſie einzig und allein aus Vernunft oder Berechnung ihrem ſchönen aber ſchweren Berufe gehörig abwarte, im Fall nicht zärt⸗ lichere Gefühle des Herzens ihr zu Hülfe kommen und die Pflicht zu einem theuren und heiligen An⸗ liegen, nicht zu einer bleiſchweren Bürde machen, welche ſie müde und gleichgültig mit ſich dahin ſchleppt— oder mit Füßen tritt? „Aber keine von allen dieſen Betrachtungen kam der leichtſinnigen Mutter in den Sinn, weder da ſie Thekla zu der unglücklichen Ehe mit dem Kapitän Storm überredete, noch da ſie ihren Töchtern vor⸗ predigte: die Liebe iſt ein Luxrus, dem man am klüg⸗ ſten in der Che ausweicht. Sie bedachte nicht, wie 196 grauſam und unmoraliſch die Lehren waren, welche dadurch in deren Seele niedergelegt wurden, und dazu dienten, ſie zu Betrügerinnen heranzuziehen; nicht, welchen Namen man der Thatſache geben ſollte, daß ein Mädchen als Braut eine Anhänglichkeit heuchelt, welche ihrem Herzen fremd iſt, aber dem Bräutigam doch vorgeſpiegelt wird, oder daß ſie vor Gott ein falſches Gelübde der Zuneigung und Treue abge⸗ legt hat. „Eines Tages erwacht dann der betrogene Mann und findet bei ſeiner Frau ein kaltes Herz anſtatt der Theilnahme und Zärtlichkeit— er, der von ihrer Schönheit oder Liebenswürdigkeit eingenommen, ohne alle Berechnung, mit vollem Vertrauen ihr ſein gan⸗ zes Leben weihte!— Sein Lohn wird Gleichgültig⸗ keit und Unglück; unglücklich äſt der, welcher täglich an ein Weſen ſich gebunden ſehen ſoll, das Alles, was das Herz Gutes und Edles hat, empfangen, aber nichts von dieſen Schätzen zurückzugeben hat. Wer iſt dann eigentlich an einer ſo traurigen Ehe ſchuld, wenn nicht die Eltern, und inſonderheit die Mutter, welche nur den ökonomiſchen Vortheil berechnet, ohne zu bedenken, daß eine Vereinigung für das Leben etwas Höheres und Beſſeres, als nur Kleider und Nahrung und die Mittel zu Luſt und Unterhaltung erheiſcht? Sie ſah nicht ein, daß um den Mann glüͤcklich zu machen und es ſelbſt ſeyn zu können, mehr erforderlich iſt, als in ſeinem Hauſe die Rolle einer hübſchen Puppe, die er gleich einem andern Luxus⸗ artikel mit ſich führt,— oder einer leichtſinnigen Thörin zu ſpielen, welche ſich in eine Luſtbarkeit nach 197 der andern wirft, ohne an ihre Pflichten als Menſch, als Gattin und Mutter zu denken. „Thekla, jung und ohne alle Begriffe von dem Ernſt in der Stellung einer Gattin, betrachtete ihre Verehelichung als ein Mittel, wodurch ſie ihre kindi⸗ ſchen Wünſche befriedigen könnte. So verfloſſen drei Monate, als ihr Mann eines Tages ihr vorſtellte, daß ſie ſich mehr dem häuslichen Leben widmen müßte, als bisher der Fall geweſen wäre. Thekla wurde ungeduldig, und es entſtand ein Wortwechſel, wäh⸗ rend deſſen ihre Mutter zu Beſuch kam. An ſie appellirte Storm in der vollen Ueberzeugung, daß ſie durch einige verſtändige Worte die Tochter zum Nach⸗ denken und zur Erkenntniß ſeiner billigen Forderun⸗ gen bringen würde; aber mit Erſtaunen hörte er Frau Watz zur Antwort geben: „Was iſt das für eine Einbildung, die da über dich kommt, beſter Storm; Du begreifſt doch, daß Thekla ein allzu fein erzogenes Mädchen iſt, um zur Beſorgung der Küche und der Haushaltungsgeſchäfte verurtheilt zu werden. Du biſt vermöglich und kannſt— ſomit wohl deiner Frau eine Haushälterin einſtellen, ſo daß ſie in ihren jungen Jahren die Freuden des Lebens genießen kann, ohne durch deſſen Sorgen ſich niederdrücken zu laſſen.“ „Die Schwiegermutter erachtet es alſo nicht für deren Pflicht, ſich auch der Haushaltung anzunehmen.“ „Mein Gott! ja gewiß; aber ſie braucht darum nicht bei dem, was gethan werden muß, ſelbſt Hand anzulegen oder in Speicher und Speiſekammer her⸗ umzuſpringen, um ſelbſt herzugeben, was man bedarf. 198 Es wäre mehr als hart von dir, ſie zu einer ſolchen Sklaverei zu verurtheilen. Wenn nur Thekla dar⸗ über wacht, daß ihre Befehle vollzogen werden; mehr kannſt Du nicht verlangen.“ „Ein Wort gab das andere, und zwiſchen der Schwiegermutter und dem Tochtermann erhob ſich ein Zank, welcher damit ſchloß, daß jene im Zorn das Haus verließ und Thekla in der Verzweiflung ſich einſchloß und weinte. „Aber Storm war nicht der Mann, auf welchen, wenn er ſich im Rechte ſah, Zorn oder Thränen ein⸗ wirkten. Er machte Thekla zu Anfang freundliche Vorſtellungen und wollte ihr zeigen, daß der Menſch nicht nur lebe, um ſich zu beluſtigen, ſondern daß Jeder⸗ mann verſuchen müſſe, ſich auch im Leben ſo nützlich als möglich zu machen. Er bat ſie, ihre Gedanken dem häuslichen Wohlbefinden und dem Wirkungs⸗ kreiſe, den ſie daſelbſt habe, zuzuwenden; aber auf dies Alles antwortete ſie mit Bitterkeit, Kälte und Abneigung, indem ſie ſich auf ihrer Mutter Worte be⸗ rief. Sie ſetzte ſeiner Freundlichkeit— Zorn ent⸗ gegen und nahm Alles, was er ſagte, nur mit Ver⸗ achtung auf. „Die Folge davon war, daß er von einer Ap⸗ pellation an ihr Herz und ihren Verſtand zu einer ernſten und beſtimmten Erklärung ſeines Willens, wornach ſie ihre Lebensweiſe ändern und ſich dem häuslichen Leben widmen müßte, überging. Hätte ſich Liebe in Thekla's Herzen gefunden, ſo wäre die⸗ ſes Opfer eine Kleinigkeit geweſen; aber nun beugte „ 199 ſie ſich nur widerwillig und murrend unter ſein Ver⸗ langen. „So verfloſſen weitere drei Monate, aber unter beſtändigem Hader. Je kälter und abgeneigter ſie ſich bewies, nach ſeinen Wünſchen ſich zu richten, deſto ſtrenger und unbeugſamer wurde auch er. Mit einem herzlichen Worte, einem zärtlichen Blicke hätte jedoch Alles ausgeglichen werden können; aber woher ſollte ihr liebeleeres Herz dieſe Waffe, welche die Frau in aller ihrer Schwachheit ſo ſtark macht, hernehmen? Oft hat Thekla verſichert, dieſe Che komme ihr wie ein drückendes Joch vor, welches ſie auf ihrer Wan⸗ derung durch das Leben zu tragen verurtheilt ſey. „Nach einer nicht viel mehr als halbjährigen Ehe kaufte ſich Storm ein Gut einige Meilen von der Stadt, in der Hoffnung, Thekla würde, wenn ſie aus all dieſer ſie umgebenden Ueppigkeit und Thor⸗ heit entfernt wäre, ihr Herz ihm und dem häus⸗ lichen Leben zuwenden. Sie reisten im Frühling auf das Land— er, eine frohere Zukunft vorausſehend, da Thekla bald Mutter werden ſollte und dieſes neue Band ſie einander wieder näher bringen und ſie ſo⸗ mit zu einer zärtlichen und nachgiebigen Gattin machen würde; aber dieſer Traum wurde niemals zur Wirk⸗ lichkeit, denn über ihrer Che wachte nicht der Geiſt der Liebe. Thekla betrat ihre neue Heimath, das Herz von Widerwillen gegen ihren Mann erfüllt, den ſie als einen unbarmherzigen Tyrannen betrachtete. Einige Zeit darauf gebar Thekla eine Tochter, und kurz hernach wurde deren Mutter von einer Feuersbrunſt heimgeſucht, wobei der größere Theil — 200 ihres Beſitzthums ein Raub der Flammen wurde.— Bei dieſer Veranlaſſung geſchah es, daß es mir ge⸗ lang, die jüngſte Tochter Jda, ein Mädchen von vier⸗ zehn Jahren, dem Flammentode zu entreißen. Nach dieſem Ereigniß ſchickte Kapitän Storm ſeiner Schwie⸗ germutter eine größere Summe Geldes, geſtattete je⸗ doch ſeiner Frau nicht, ihre Mutter und Geſchwiſter zu beſuchen. Ein Brudersſohn von dem Kapitän war damals Kadett, ein Kamerade und beſonders guter Freund von mir. Ihm erzählte ich die Ereigniſſe von der Feuersbrunſt. Als der Kapitän einige Tage darauf in die Stadt kam, beſuchte er ſeinen Neffen, und die⸗ ſer vertraute ihm nun an, was ich gethan hatte, und die Folge davon war, daß der Kapitän nunmehr Victor Storm aufforderte, mich über die Weihnachten auf ſein Gut Ebbeholm einzuladen. Victor, welcher ſich damit ein Vergnügen machen wollte, mich ſeiner Tante als den Retter von ihrer Schweſter vorzuſtellen, richtete mir die Einladung allerdings aus, verſchwieg aber ſorgfältig die nahe Verwandtſchaft zwiſchen Frau Storm und dem liebenswürdigen Kinde, das ich ge— rettet hatte. „Bei unſerer Ankunft am Tage vor Weihnachten wurden wir von dem Kapitän auf die ihm eigen⸗ thümliche einfache Weiſe willkommen geheißen. Er führte uns hierauf zu ſeiner Frau. Niemals werde ich den Eindruck vergeſſen, den ſie auf mein zwanzig⸗ jähriges Herz machte.— Sie ſah zum Verwechſeln ihrer Schweſter gleich, ſo daß ich, als Victor vortrat und lachend mich als den Retter ihrer Schweſter vor⸗ 201 ſtellte, bereits dieſes nahe Verwandtſchaftsverhältniß vermuthet hatte. Victors Vorſtellung hatte jedoch zur Folge, daß ſie mit großer Herzlichkeit und Dankbarkeit mich be⸗ grüßte, und daß ſchon vom erſten Augenblick an eine Vertraulichkeit zwiſchen uns entſtand, als ob wir einander ſchon lang gekannt hätten. „Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen merkte ich, daß das Verhältniß zwiſchen den Eheleuten ſehr geſpannt war. Der Kapitän zeigte ſich herzlich, ſogar zärtlich gegen ſeine Frau; aber ſie begegnete ihm mit einer Zurückhaltung und Kälte, welche grell in die Augen fiel. Daß er darunter litt, ſah man an der gefurchten Stirne und dem oft düſtern Ausdruck in ſeinem Blicke; dagegen legte er eine unerbittliche Strenge an den Tag, wenn es ſich um die Befriedigung von irgend einem Einfall Thekla's handelte. Und darin ging er zu weit; denn zwiſchen unbedingter Verwilligung und unbedingter Verweige⸗ rung von Allem, was man Zerſtreuung nennen konnte, war ein großer Unterſchied. Aber ſicherlich würde er einer ſolchen Uebertreibung ſich nicht ſchuldig gemacht haben, wenn nicht Thekla's kaltes und bitteres Benehmen ihn gereizt und zu dieſem Extrem ge⸗ trieben hätte. „Schon ehe ich Ebbeholm verließ, war mein Herz von der brennendſten Leidenſchaft für die junge, liebenswürdige und, wie ich ſehr wohl einſah, minder glückliche Frau erfüllt. Sie dagegen bewies mir um deſſen willen, was der Zufall mich für Ida hatte 202 thun laſſen, eine Erkenntlichkeit, welche mir ſchmeichelte und ganz entzückend vorkam. „Auf Neujahr war ich Offizier geworden und hatte die Ordre erhalten, vom Sommer an als Adju⸗ tant bei dem Kapitän Storm, der zum Major beför⸗ dert worden war, Dienſte zu thun. „Während des täglichen Zuſammenſeyns mit Thella kleidete ich meine Gefühle in Worte, welche ſie damit erwiederte, daß ſie unter Thränen meine Liebeserklärung annahm. Jung und einer Geſell⸗ ſchaftsklaſſe angehörig, wo der Leichtſinn meiſtens als ein Verdienſt adoptirt iſt und die Sittlichkeit als lächer⸗ lich verſpottet wird, hatte ich mich bereits mit dieſen Anſichten vertraut gemacht und dachte in Folge davon niemals an das Tadelnswerthe und Unehrenhafte, welches in dem Beſtreben lag, ſich in bas Herz von der Frau eines Andern einzuniſten. Ich vergaß, daß der Mann mein Vorgeſetzter war und daß er mit Vertrauen und Freundſchaft mich in ſein Haus aufgenommen hatte.— Ich ſah in ihr nur eine ſchöne Frau, welche ein Opfer ſeines Despotismus war, und bedachte dabei nicht, daß er ſie liebte.— Genug, ich beging die zu allen Zeiten und nach dem Urtheil aller rechtlich geſinnten Menſchen entehrende Handlung, eines rechtſchaffenen Mannes Frau zu verführen. „Eine kurze Zeit verfloß in der Berauſchung meiner Seligkeit. Aber gegen den Herbſt, als ich Abends in meinem Zimmer ſaß, trat der Major mit einem Billet in der Hand bei mir ein⸗ 203 „Haben Sie das geſchrieben, Brunel?“ fragte er mit ruhiger Stimme. „Mit Schaudern erkannte ich auf den erſten Augenblick, daß es daſſelbe Billet war, welches ich einige Tage zuvor bei Gelegenheit einer kurzen Reiſe an Thekla geſchrieben hatte und worin unſer Ver⸗ hältniß und meine Gefühle in leidenſchaftlichen Aus⸗ drücken Erwähnung fanden. „Haben Sie die Güte zu antworten; erkennen Sie Ihre Handſchrift an?“ begann der Major wieder, als ich ſchwieg. „Es ſcheint, der Herr Lieutenant will, daß ich die Frage ſelbſt beantworte, äußerte er in veränder⸗ tem Tone, als ich noch immer Stillſchweigen beob⸗ achtete. „Wiſſen Sie, was der iſt, welcher dieſen ſchänd⸗ lichen Unſinn verfaßt hat?— Er iſt ein Schurke, ein ehrloſer Bube!“ rief er und warf mir den Brief in's Geſicht.. „Die Beleidigung, Thekla's Unglück, Alles ver⸗ ſetzte mich in eine Raſerei, unter welcher Vernunft und Ehrgefühl verſtummen mußten. Ich fuhr auf, faßte den Major am Kragen und gab ihm mehrere Schläge in's Geſicht. Während wir nun mit einander rangen und von beiden Seiten Schlag auf Schlag folgte, flog die Thüre auf und Thekla ſtürzte herein. „Der Major, ganz wahnſinnig vor Zorn bei meinem Anfall, wurde es in noch höherem Grade, als ſie herein kam und ſich zwiſchen uns warf, um uns zu trennen. Er faßte alſo Thekla an beiden 204 — Armen und ſchleuderte ſie mit aller Gewalt von ſich, indem er rief: „Fort aus meinen Augen, leichtfertiges Weib!“ „Thekla wurde gegen einen Tiſch geworfen, welcher umfiel; ſie ſtürzte rücklings über denſelben zu Boden und blieb dort beſinnungslos liegen, während ein klarer Blutſtrom ſich über ihre Lippen ergoß. „Bei dieſem ſchrecklichen Anblick verwandelte ſich unſer ſiedendes Blut in Eis. „Elender, Sie haben ſie gemordet!“ ſchrie ich. „Der Major ſtürzte vor, um ſie aufzuheben, und ich, um ſpornſtreichs nach einem Arzte zu eilen. „Bei meiner Rückkehr mit dem Doktor war Thekla bereits in ihr Schlafzimmer getragen, und ich ſah ſie nie mehr. „Oft hernach iſt es mir unbegreiflich vorgekom⸗ men, wie ich dieſe zwei Tage aushalten konnte, welche ich in meinem Zimmer eingeſchloſſen zubrachte, ohne ein anderes Weſen zu ſehen oder zu hören, als Thekla's Kammerjungfer, welche jeden Abend mich von deren Zuſtand in Kenntniß ſetzte. Daß ich unter jenen ſchrecklichen Erwägungen von den Folgen meines Leichtſinns nicht den Verſtand verlor, hat mich nicht wenig verwundert, wenn jene Ereigniſſe meinen Ge⸗ danken ſich aufdrängten. „Am dritten Tage wurde mir ein kleines Billet übergeben, mit zitternder Hand geſchrieben und fol⸗ genden Inhalts: „Ich ſterbe, Carl, weil ich gegen Gott und meinen Mann geſündigt habe.— Laß mein Schickſal dir zur Warnung dienen, niemals zwiſchen Gatten zu 1 205 treten, ihr Leben mag dir auch noch ſo unglücklich vorkommen.— Das Unglück gewinnt nur an Größe, wenn ein Verbrechen noch hinzukommt. Sollte das Schickſal dich mit meinen Schweſtern zuſammenführen, ſo überbringe ihnen als letzten Gruß von mir die Aufforderung, niemals mit Treue und Ehre zu ſpielen. — Lebe wohl und bete zu Gott für uns Beide, für meinen unglücklichen Mann und mein mutterloſes Kind. Deine ſterbende Freundin Thekla.“ „Wie der folgende Tag zu Ende ging, vermag ich nicht mehr zu ſagen; denn meine Verzweiflung beraubte mich alles Bewußtſeyns davon. „Am vierten Tage Morgens ging meine Thüre auf, und der Major, ſeinem Aeußern nach nicht mehr zu erkennen, trat ein.— Sein dunkles Haar war weiß, ſeine friſche Geſichtsfarbe blaßgelb geworden, und die glatte Stirne mit tiefen Furchen bedeckt; der ſcharfe Blick ſtumpf, die gerade, kraftvolle und ſtolze Haltung gekrümmt, wie bei einem Greiſe. „Ich ſchauderte bei ſeinem Anblick, als ob ich mein böſes Gewiſſen in ihm verkörpert ſähe, und ſtammelte, mein Angeſicht in den Händen ver⸗ bergend: „O Gott! Das Alles iſt mein Werk!“ „Der Major kreuzte die Arme über der Bruſt und ſprach mit dumpfer Stimme: „Thekla iſt todt!“ „Niemals haben ein paar Worte einen tiefern und unauslöſchlichern Eindruck auf mich gemacht, als 206 dieſe; niemals habe ich in eines Menſchen Antlitz einen heftigern Schmerz ſich abſpiegeln ſehen, als in dem ſeinigen, während er dieſelben ausſprach. Ich fühlte mich zermalmt vor dieſem Mann, deſſen Leben ich zu einem Fluche gemacht hatte.— All mein Blut konnte das ihm zugefügte Leid nicht ſühnen.— Durchdrungen von dieſem Bewußtſeyn beugte ich die Kniee vor ihm. „Stehe auf und höre mich an als ein Mann, ſagte er. Ich kann und will jetzt nicht mehr dein Richter ſeyn. Mag der Höchſte zwiſchen uns Beiden richten!— Du ſtahlſt mir das Theuerſte, was ich hatte, meiner Gattin Treue.— Ich verzeihe dir; denn daß Du es konnteſt, war vielleicht zum Theil mein Fehler, daß ich allzu leichtgläubig mich auf ihre Tugend und auf deine Ehre verließ und dabei vergaß, daß Thekla's Herz kalt gegen mich war; vielleicht erſchien auch mein Aeußeres allzu rauh und ſtreng, um Liebe einzuflößen, obwohl mein Herz warm und treu war.— Du haſt hernach dadurch, daß Du Hand an deinen Vorgeſetzten legteſt, dein Leben ver⸗ wirkt und mich zu einer Handlung getrieben, deren Ungeſtüm mich Thekla's Leben koſtete.“ „Ueber des ſtarken Mannes Wangen rannen langſam ein paar Thränen, welche in ſeinem Barte hängen blieben und deutlicher von dem, was er litt, redeten, als Worte vermochten. Sie werden ewig auf meinem Gewiſſen brennen. „Auch das verzeihe ich dir, fuhr er nach einer augenblicklichen Pauſe fort;„daß ich es kann, dafür haſt Du Gott zu danken.— Doch fordere ich, daß 207 Thekla's Name niemals von dir genannt werde— daß, was ſich zugetragen hat, ein Geheimniß zwi⸗ ſchen uns bleibe.“ „Stillſchweigend reichte ich ihm den Brief. Er ſetzte ſich an den Tiſch und las ihn. Nachdem er damit fertig war, arbeiteten ſich einige convulſiviſche Seufzer aus ſeiner beklemmten Bruſt hervor. „Gott verzeihe ihr, was ſie gefehlt hat, denn in ihrem Herzen wohnte ein guter Geiſt, äußerte er und ſtand wieder auf. „Doch mögen ihre Schweſtern eine Ausnahme machen und ihre Mutter, der ich die Folgen ihres Werkes zeigen will.— Und nun noch einige Worte: Daß ich hier ſtehe und dir und mir nicht eine Kugel durch den Kopf gejagt habe, kommt daher, daß Thekla's letzter Wunſch war, ich ſollte für unſer Kind leben. Ich ſchwur ihr das, und ich habe noch nie mein Wort gebrochen.— Aber nun zum Schluſſe: Du mußt ſchwören, daß wo wir in Zukunft möglicher Weiſe zuſammentreffen können, Du dich ſogleich ent⸗ fernſt und unter keiner Bedingung in meiner Nähe weileſt.“ „Ich war allzu aufgeregt, um ſprechen zu können, aber reichte ihm meine Hand zum Beweiſe, daß ich das verlangte Gelübde ablege.— Er ſchob ſie mit den Worten zurück: „Nur Freunde tauſchen einen Handſchlag aus.“ „Ich ſchwöre, flüſterte ich. „Gut— morgen reiſeſt Du, und ich komme um meinen Abſchied ein;— wir können nicht in demſelben Regimente dienen.“ 208 „Und damit verſchwand er. „Ich reiste.— Der Major nahm ſeinen Ab⸗ ſchied und zog alsbald mit ſeinem Kinde an einen andern Ort. „Ich ſuchte um Urlaub zu einer Reiſe in's Ausland nach. „Zwei Jahre dorauf kehrte ich zurück und bei einem Spaziergang auf der Nordbrücke begegnete ich Ida.— Ihre Aehnlichkeit mit Thekla war täuſchend, und in meinem verwundeten, aber jungen Herzen erwachten Gefühle, an deren möglichem Wiederaufleben ich gezweifelt hatte. Ich erlangte bald Kenntniß davon, wo Frau Watz wohnte, und ging oft vorüber, in der Hoffnung, einen Schatten von Ida zu ge⸗ wahren.— Ich liebte ſie, wie den beſſern Theil von Thekla, mit einem ſtarken und tiefen Gefühl; aber zwiſchen uns ſtanden die Ereigniſſe im Storm'ſchen Hauſe.— Ich konnte mich weder Ida noch ihrer Mutter nähern; denn mein Leben war mit Thekla's Blut befleckt.— Ich war durch mein verfloſſenes Leben zum Verzicht auf alles irdiſche Gluͤck verurtheilt; aber ich ſchwur, mit meiner Liebe Ida zu umgeben und zu ſchützen. „Das Schickſal fügte es, daß ich auch auf Sirena's Leben in unglücklicher Weiſe einwirken ſollte. Sie flößte mir niemals Liebe ein, aber es gab gleich⸗ wohl Augenblicke, wo ich mich als einen ſchwachen Menſchen fühlte, auf welchen ihre Schönheit Eindruck machte. Es gab andere, wo ich in ihr Leben ein⸗ greifen wollte, um ſie vor dem Abgrunde zu retten, in welchen ſie blindlings ſich und den Mann, deſſen 209 ganzes Herz ſie beherrſchte, ſtürzen zu wollen ſchien. Die begehrte Zuſammenkunft mit ihr hatte nur dieſen Zweck.— Es gelang mir nicht, weil auf mir mit Recht ein ungelöster und unglücklicher Familienfluch ruht. „Ein Büßer für den Leichtſinn, dem unſere Zeit angehört, gehe ich nun freiwillig in die Verbannung, um niemals mehr in das Vaterland zurückzukehren. „Und nun, Madame, leben Sie wohl auf ewig! Erinnern Sie ſich, wenn Ihre Gedanken ſich einmal zu mir verirren, daß Niemand ungeſtraft mit dem Heiligthum der Ehe ſpielt.“ So ſchloſſen dieſe Aufzeichnungen. Der Kom⸗ merzienrath und Ida ſaßen eine Weile ſchweigend und erregt da; aber dann zog er ſie an ſich und ſagte: „Suchen wir beide, meine Jda, vor Gott und uns ſelbſt unſere Pflichten als Gatten zu erfüllen!“ Sie umarmte ihn herzlich. XL. Brunel hatte mit der Zärtlichkeit eines Bruders Elvin während ſeines Wahnſinns abgewartet, und als die Aerzte dieſem zuletzt eine Reiſe in's Ausland verordneten, ſchloß er ſich ihm als Begleiter an. Brunel wurde auch die Freude zu Theil, nach ein paar Jahren treuer Pflege ſeine Bemühungen ge⸗ lingen zu ſehen. Elvin erlangte den Gebrauch ſeines Schwartz, Novellen. IV. 14 210 Verſtandes wieder, obwohl über ſeiner Seele eine traurige Dämmerung verbreitet blieb, welche weder vor der Zahl der Jahre, noch vor Brunels Freund⸗ ſchaft gänzlich wich. Elvin ließ ſein Vermögen realiſiren und kehrte niemals auf den Schauplatz ſeiner bittern Leiden zurück. Er und Brunel ſiedelten ſich in der Rhein⸗ gegend an, wo beiden ein ruhiges, obwohl von traurigen Erinnerungen verdüſtertes Leben beſchieden wurde. XLI. In demſelben Jahre, an einem ſchönen Auguſt⸗ Sonntage fuhr der Swithiod an Landsort vorüber. Auf dem Verdecke finden wir zwei junge Eheleute in herzlichem Geſpräche begriffen. „Warum, Amy, biſt Du immer einer Antwort auf meinen Vorſchlag, unſern Wohnſitz in Eriksberg zu nehmen, ausgewichen?“ „Darum, weil ich mein ſchwaches Herz prüfen wollte, antwortete Amy lächelnd. „Nun, biſt Du dabei zu einem Schluſſe ge kommen?“ fragte Oſſian lachend. „Ja, Gott ſey Dank!“ „Und wie lautet derſelbe?“ „Daß ich es kindiſch finde, ſich für alle Zeit in Eriksberg anzuſiedeln.— Du biſt an das Stadtleben gewöhnt und würdeſt es dort allzu langweilig finden 211 Laß uns im Sommer dort weilen, oder ſo lang es dir behagt, und dazwiſchen in Stockholm wohnen.“ „Aber fürchteſt Du nicht, ich könnte dadurch in Verſuchung kommen, meine frühere Lebensweiſe wieder anzunehmen, welche dich ſo manche bittere Stunde gekoſtet hat?“ Oſſian ſah dabei forſchend Amy an. „Nein, Oſſian, ich bin vollkommen überzeugt, daß Du dieſe zwei Jahre, da wir fort ſind, dich feſt an mich und unſere beiden Kinder gehängt haſt und nunmehr dieſen häuslichen Kreis von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebſt, daß ſomit auch das Wohl⸗ gefallen an einem ſo leichtſinnigen Leben gänzlich verſchwunden iſt.“ „Ich danke dir, geliebte Amy, für dieſe deine Worte. Gewiß iſt, daß ich dein treues Herz nie mehr täuſchen kann..... Wirklich bekam Amy auch nie mehr Grund zur Reue; denn warm und getreu liebte Oſſian ſeine edle Gattin, welche er immerdar als ſeines Lebens guten Engel betrachtete.— Onkel Erik hatte die unausſprechliche Freude, noch einmal ſeine kleine Amy froh und glücklich an ſeine redliche Bruſt zu ſchließen. Er hatte während ihrer Abweſenheit Oſſians ökonomiſche Stellung ſo geordnet, daß nicht einmal minder günſtige Umſtände an das vergangene Leid erinnern ſollten. Das Andenken daran war auch nach deren Heimkehr getilgt, und die Zukunft lächelte nun hoffnungsvoll den jungen Gatten entgegen. Amy war ihrem Oheim dankbar für die treuen Dienſte bei Wiederherſtellung ihres häuslichen Glücks. Großhändler Aker war nach den Ereigniſſen mit dem Baron und nach Bezahlung von deſſen Schulden auf's Land gezogen, ſeine Frau hatte ganz ordentlich ihre natürlichen Gewohnheiten als eine tüchtige, ar⸗ beitſame Hausmutter wieder aufgenommen und befand ſich dabei viel glücklicher, als zu der Zeit, da ſie ſich der Befriedigung einer thörichten Eitelkeit hingab. Sie ließ ſich nie mehr beigehen, durch ihren Mann dem Schwiegerſohn Vorſchriften für ſeine Lebensweiſe zu geben. Und nun, meine lieben Leſerinnen, lebet wohl! — Wenn ihr durch dieſe Blätter zu einigen ernſten Betrachtungen über die natürliche Lebensſtellung der Frau und die daraus folgenden Pflichten als Gattin und Mutter veranlaßt werdet, ſo iſt mein Wunſch ganz und gar erfüllt und mein Herz reichlich belohnt. WManon und Marie. . Auf dem Kai des orfevres*) wohnte im Jahr 17— ein Graveur Namens Gratian Phlippon. Gratian war ein Mann, welcher ſein Leben lang höher hinausgewollt hatte, als ſeine Kräfte geſtatteten. Er hatte reich werden wollen und unaufhörlich ſeinen mäßigen Verdienſt in abenteuerlichen Spekulationen, welche ſtets mißlangen, verſchwendet. Vater von ſieben Kindern, hatte er ſechs dahin⸗ ſterben ſehen, und nur eine Tochter war ihm ge⸗ blieben. Manon war ihrer Eltern einziger Reichthum und ihres Vaters Abgott. Gratian begnügte ſich nicht damit, ſeiner Tochter eine mit ihrer Stellung im Leben übereinſtimmende Erziehung zu geben, ſondern wollte, daß ſie in Kennt⸗ niffen und Bildung auf derſelben Höhe wie die ver⸗ möglichſten und vornehmſten Mädchen Frankreichs ſtände. Der auf ſein Kind ſtölze Vater unterwarf ſich⸗ allen möglichen Entbehrungen, um die Ausgaben für deren Unterricht beſtreiten zu können⸗ *) Der Goldſchmiede⸗ 216 Er glaubte ſeine Pflichten gegen ſie am beſten zu erfüllen, wenn er Manon in„einer Atmosphäre von innerem Lurus“, welcher in ſcharfem Contraſt mit der äußern Armuth rings um ſie her ſtand, erziehen ließ. 2 Wenn alle ſeine Geldſpekulationen fehlſchlugen und der Familie einziges Auskommen ſein Grabſtichel bleiben mußte, pflegte er zu Manon zu ſagen: „Kind, da ich dich nicht zu einem Mädchen, reich an Gold, machen kann, ſo will ich, daß Du es an Kenntniſſen werden ſollſt. Manon's Anlagen kamen den Wünſchen des Vaters vollſtändig entgegen. Sie war von der Natur ſo freigebig ausgeſtattet, daß ſie eines von deren Schoßkindern genannt werden konnte. Mit einer ſeltenen Schönheit begabt, beſaß ſie zugleich einen ſo ungewöhnlich klaren Verſtand, eine ſo gereifte Intelligenz, daß die hellen Strahlen des Genie's daraus hervorleuchteten. Je mehr ihre Seele ſich entwickelte, deſto ſtärker trat der Unterſchied zwiſchen ihrer unbemerkten Stel⸗ lung im Leben und ihren innern Schätzen hervor. Die Illuſionen, welche der Vater hegte, daß dieſe letztern ſie zu Auszeichnung und Glück führen ſollten, ſchmeichelten zugleich ihrer Phantaſie und erſchreckten ihren Verſtand. Um Harmonie, Ordnung und Klarheit in ſich herzuſtellen, nahm Manon ihre Zuflucht zu ihrer Mut⸗ ter, welche ſie wie ein höheres Weſen bewunderte. Manon's Mutter war auch dieſer Bewunderung von Seiten ihrer Tochter werth.. 217 Reich begabt an Geiſt, ſuchte Madame Phlippon dem Herzen des Mädchens eine ſolche Richtung zu geben, daß es zum Leiter des Verſtandes und zum Wächter über ihre lebhafte Phantaſie würde, und daß Vernunft und Religioſität ihr auf der Wanderung durch das Leben den Weg weiſen ſollten. Genug, das Mädchen wuchs unter einem beſtän⸗ dig wechſelnden Einfluß von des Vaters ehrgeizigen Träumen und der Mutter ſtrengen Grundſätzen auf. Der erſtere ſetzte intellektuelle Ueberlegenheit, die letztere dagegen Charakterſtärke und moraliſche Voll⸗ kommenheit oben an. Der Vater wollte aus dem Mädchen ein Genie, die Mutter eine ausgezeichnete Frau machen, welche in allen ihren Verhältniſſen ihr Pflichtgefühl zur Richt⸗ ſchnur für ihre Handlungen nehmen ſollte. „Werde etwas Glänzendes und Ungewöhnliches“, pflegte der Vater zu ſagen. „Werde hochgeſinnt, edel und geiſtesſtark“, mahnte die Mutter. Während ſomit die Eltern in des Graveurs ein⸗ fachem Hauſe alle ihre Kräfte anſtrengten, die Toch⸗ ter nach dem Ideal, das ihrer Seele beiderſeits vor⸗ ſchwebte, zu bilden, wuchs in Manon's Nähe ein Mäd⸗ chen, von gleichem Alter wie ſie, unter ganz un⸗ gleichen Verhältniſſen auf. Im Hauſe neben dem Graveur wohnte eine Wittwe, deren Mann Goldarbeiter geweſen war. Wir wollen ihn Briſſet nennen. Sie hatte eine ein⸗ zige Tochter und ein kleines Capital, die Frucht von ihrer und ihres Mannes Sparſamkeit. * 218 Außer dieſer Tochter hatte Madame Briſſet auch einen Brudersſohn Jean, den ſie, bevor Marie das Tageslicht erblickte, bei des Bruders Tod als ihr ei⸗ genes Kind angenommen hatte. Madame Briſſet war eine ſchweigſame, ſtrenge und rechtſchaffene Frau, arbeitſam wie eine Ameiſe, unerſchütterlich wie ein Fels. Von dem Augenblick an, da ſie Wittwe wurde, hatte ſie die Zinſen von ihrem kleinen Capital aus⸗ ſchließlich zu Jean's Erziehung angewendet. Sie wünſchte, daß er ſtudiren ſollte, ſo daß mit der Zeit Etwas aus ihm werden könnte, da er ſchon in der Kindheit ungewöhnliche künſtleriſche Anlagen plicken ließ. Für ihr und Marie's Auskommen beſchäftigte ſie ſich mit Stickereien. Sobald Marie ſo groß war, daß ſie eine Na⸗ del halten konnte, wurde ſie von der Mutter gleich⸗ falls im Sticken unterwieſen. Daß ihre Tochter etwas Anderes als beten und arbeiten zu lernen brauche, war ein Ding, wovon Madame Briſſet nichts hören wollte. Sie pflegte ſtets, wenn Phlippon ihr Vorwürfe machte, daß die Tochter keinen Unterricht erhielt, zu erwiedern: „Ich habe ſelbſt nie mehr als dreierlei gelernt, das Recht zu lieben, zu beten und zu arbeiten; warum ſollte alſo Marie in dieſer Beziehung etwas weiter nöthig haben? Iſt ſie fromm, tüchtig und arbeitſam, ſo bekommt ſie auch wohl einen Gatten. Ganz an⸗ ders verhält es ſich mit Jean; er iſt ein Mann, er 219 muß ſtudiren, um eine Verſorgung für ſich zu be⸗ kommen. Madame Briſſet hatte es außerdem für die Zu⸗ kunft alſo ausgemacht: Jean ſollte eines Tages, wenn aus ihm Etwas geworden war, ſeine Dankbarkeit da⸗ durch an den Tag legen, daß er Marie heirathete. Madame Briſſet hatte ſomit ihrer eigenen Vor⸗ ſtellung nach ganz klug gehandelt, wenn ſie ſich einen Tochtermann auferzog. Die Nachbarſchaft mit dem Graveur Phlippon hatte zur Folge gehabt, daß Manon und Marie in allen freien Stunden entweder in Madame Briſſets einfacher Wohnung, oder in Phlippon's Hauſe bei⸗ ſammen waren. Zwiſchen den kleinen Mädchen entſtand auf ſolche Weiſe eine innige Vertraulichkeit. Sie hatten weder Luſt noch Leid, die ſie nicht mit einander theilten. Als ſie größer wurde, und Marie von ihrer Mutter zur Nadel, und Manon zum Buche angehal⸗ ten wurde, da trafen ſie ſich nur an den Abenden. Da pflegte Manon ſofort Marie zu erzählen, was ſie den Tag über geleſen und gelernt hatte. Man kann ſagen, daß Manon auf dieſe Weiſe der mit geſpanntem Intereſſe horchenden Marie Alles was ſie ſelbſt für ſich einthat, mittheilte und diejenige Perſon wurde, welche den Verſtand der Freundin veredelte und deren Gedanken eine höhere Richtung gab, als ſie daheim erhielten. Jean, um mehre Jahre älter, als die beiden Mädchen, war an Werktagen ſelten daheim, dagegen an den Sonntagen meiſtens in deren Geſellſchaft, 220 wo er dann entweder ihnen vorſang oder für ſie zeichnete. Marie war ihm beſonders lieb und er widmete auch ihren Talenten eine ungeſchminkte Bewunderung, fand ihre Zeichnungen unvergleichlich und ihren Ge⸗ ſang entzückend: etwas, das mit Manon nicht der Fall war. Sie betrachtete immerdar die Zeichnungen auf⸗ merkſam und fand hernach gar viel an denſelben aus⸗ zuſetzen. Sie erlaubte ſich heftige Ausrufe, wenn er falſch ſang, und hatte ſtets das Unglück, ihn zum Zorn zu reizen, ſo daß er oft äußerte: „Meine kleine Manon, ich will dir ſagen, Du biſt ein Kind, das noch nichts verſteht. Kannſt Du nichts weiter als Anmerkungen machen, ſo werde ich dir gar nichts mehr zeichnen oder ſingen.“ Bei ſolchen Ausbrüchen pflegte Marie ihn ſanft zu unterbrechen, indem ſie ſagte: „Ei, Jean, Manon verſteht ganz wohl, wie Du zeichneſt oder ſingſt. Sie weiß Alles beſſer, als wir beide, Du und ich, denn ſie iſt nicht wie wir, und darum mußt Du thun, wie ſie ſagt.“ Als die beiden Mädchen eilf Jahre alt waren, war es Madame Briſſet durch gewiſſe Verbindungen gelungen, Jean die Mittel zu einer Reiſe nach Ita⸗ lien zu verſchaffen, wo er unter einem ausgezeichneten franzöſiſchen Maler, in deſſen Begleitung er ſich be⸗ fand, arbeiten und ſtudiren ſollte. Marie weinte bitterlich bei dem Abſchied von Jean. 221 Manon dagegen bot ihm ganz munter die Hand und ſagte: „Wenn Du wieder kommſt, Jean, ſo werde ich gewiß nichts gegen deine Zeichnungen zu bemerken haben.“ Als der Coufin fort war, wurde Marie's Leben äußerſt einförmig. Vom frühen Morgen bis ſpät am Abend ſaß ſie an ihren Stickrahmen gefeſſelt, ohne daß zwiſchen ihr und der Mutter nur ein Wort gewechſelt wurde. „Man arbeitet ſchlecht, wenn man ſchwatzt“, ſagte Madame Briſſet, und darum ſchwieg ſie und nähte bis an's Ende des Tages. 3 Die einzige Zerſtreuung, welche ſie ihrer Tochter geſtattete, war der Umgang mit Manon in den Frei⸗ ſtunden. Sonderbarer Weiſe fand ſich zwiſchen dem Cha⸗ rakter und der Gemüthsart der beiden Mädchen ebenſo wenig Aehnlichkeit, wie in deren Erziehung, und den⸗ noch waren ſie durch die innigſte Freundſchaft vereint. Marie war ſtill, ſanft, geduldig und untergeben, ohne einen Schatten von Ueberlegenheit in ihrer In⸗ telligenz, aber mit einem Herzen von Gold. Lieben war für ſie leben. Sie war von ganzem Herzen Jean zugethan und betete Manon an, weil dieſe in ſo reichem Maße das beſaß, was ihr, wie ſie ſelbſt fühlte, abging. Manon dagegen, mit einer feurigen Einbildungs⸗ kraft, einem lebhaften Gemüth, einem ſchaffenden Denkvermögen, einem feſten und ſelbſtſtändigen Charakter begabt, ſchien mit ihrer anſpruchsloſen 222 Freundin nichts gemeinſam zu haben, und dennoch war Marie ihr wirklich lieb. Vier Jahre waren vergangen, ſeitdem Jean ſich auf die Reiſe begeben hatte.. Die beiden Mädchen ſtanden jetzt im Begriff, aus dem Kindesalter zu treten. Beide hatten ihrer Geiſtesreife nach daſſelbe be⸗ reits verlaſſen. Manon war durch eifrige und ernſte Studien ihren Jahren vorausgeeilt, Marie durch emſiges Ar⸗ beiten ihrem Innern nach frühe gereift. Ihre Träume waren nicht die eines Kindes, ſondern die einer Jungfrau. An einem ſchönen Maiabend ſaß Manon an ihrem etwas hochgelegenen Kammerfenſter und be⸗ trachtete den Himmel. Das klare Azurgewölbe, welches ſich im Oſten hinter dem Pont-au-Change ausbreitete, und im Weſten die Strahlen der untergehenden Sonne, welche die Bäume in den Champs-Elysées und die Häuſer in Chaillot vergoldeten, ſchienen auf ſie einen mäch⸗ tigen Eindruck zu machen. Die Bruſt hob ſich, als ob ſie freier athmete. Der Anblick des Himmelsgewölbes, wovon man ſonſt in Paris nur kleine Stücke zu ſehen bekam, ſchien ihre Phantaſie anzuregen, ſo daß ſie ſich ihren höchſten und kühnſten Träumen überließ. Sie drückte die Hände an die Bruſt und flüſterte: „O, wie dankbar bin ich nicht in dieſer Minute ſür mein Daſeyn! Welcher Schatz iſt nicht das Leben . ——— 223 und wie werde ich im Stande ſeyn, alle Freuden deſſelben recht zu genießen!“ Sie faltete die Hände und beugte ihr ſtolzes Haupt vor dem Höchſten, deſſen unendliche Macht und Größe Manon recht lebhaft zu fühlen glaubte, da ſie das blaue Himmelszelt betrachtete. Während ſie ſo daſtand, ging die Kammerthüre auf, und ein bleiches, ſanftes Antlitz wurde ſichtbar. „Darf ich hereinkommen?“ fragte eine freund⸗ liche Stimme. Manon drehte ſich um. Auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen zu erkennen. Sie ſtreckte der Eintretenden die Hand entgegen und ſagte: „Ah, Du biſt es, Marie! Komm und freue dich mit mir des Abends und der Träume von der Zukunft. Sie zog Marie an ſich. Die beiden Mädchen ſchlangen die Arme um einander, und Manon nahm wieder das Wort: „Wenn ich zu einem wolkenloſen Himmel auf⸗ ſchaue, ſo dünkt mir, ich ſehe dort das Abbild meiner Neen und des Lebens, das meiner wartet. Dann glaube ich zu ahnen, daß ich die auf mir haftenden Gedanken meines Vaters und die Bemühungen meiner Mutter verwirklichen werde. Es iſt mir dann, als ob ich mich zugleich ſo ſtolz und doch ſo demüthig fühle, daß ich im Staube den Höchſten anbeten und ihm dafür danken möchte, daß ich ſo denken und fühlen kann, wie ich es jetzt thue.“ „Wenn Du ſo etwas empfindeſt,“ ſagte Marie, „ſo iſt das nur natürlich. Du biſt nicht wie Andere. 224 Ich vermag nicht ſo zu träumen. Wenn ich den Blick emporhebe, ſo regt ſich in meiner Seele nur ein Wunſch, nämlich der, in deiner und Jean's Nähe leben und ſterben, euch dienen und in das Grab folgen zu dürfen. Ich freue mich dann, eines Tags Jean's Gattin zu werden und der Hoffnung mich hinzugeben, daß Du immer mich lieb behalteſt. Mein Leben heißt euch beide lieben und für euch zu beten.“ „Du fromme, holde Seele,“ flüſterte Manon und legte ihren Arm um Marie's Hals.„Hätten wir, Du und ich, im Mittelalter gelebt, ſo wäreſt Du eine Heilige geworden und ich eine Heldin. Ich habe etwas von den Römerinnen in mir, Du etwas von einem Engel.“ Manon ging vom Fenſter hinweg und ſetzte ſich auf den Sopha, indem ſie beifügte: „Komm, ſetze dich hieher, Marie!“ „Weißt Du, Manon, daß ich hergekommen bin, um dir eine frohe Neuigkeit zu erzählen?“ „Wie lautet ſie?“ fragte Manon, indem ſie Marie an ſich zog. „Jean iſt zurückgekehrt.“ Die Nachricht ſchien Manon wirklich zu erfreuen. Sie machte mehrere Fragen, wie Jean ausſehe, ob er ſich verändert habe, ob er heiter ſey u. ſ. w. Marie beantwortete dieſe Erkundigungen, ſo gut es ſich thun ließ. Sie war der Ueberzeugung, daß Jean ein Ideal männlicher Schönheit wäre; das hörte man wohl, und überdieß hatte Monſieur***8, in deſſen Beglei⸗ tung er nach Italien gereist war, gegen Marie's 225 Mutter geäußert, daß Jean ein wirklich ausgezeich⸗ neter Künſtler ſey. Er hatte ſchöne Gemälde ausgeführt, viel Geld damit verdient und ſah nach Monſieur***8 Worten einer glänzenden Zukunft entgegen. Manon machte es Freude, dieß Alles zu hören, und die beiden Mädchen ſprachen noch lang von Jean als Marie's künftigem Herzallerliebſten. Marie erzählte noch, der Couſin habe beim Wiederſehen ſie ſeine Braut genannt und ihre Mutter darüber eine ſolche Freude empfunden, daß ihr das Stricken lange Zeit ganz außer Acht gekommen ſey. Der folgende Tag war ein Sonntag. Manon wurde von Madame Briſſet eingeladen, um in der kleinen, dürftigen Wohnung die Heimkehr „des großen Künſtlers“, wie Madame Briſſet ſich ausdrückte, zu feiern. Manon war allerdings der Meinung, Jean habe ſich bedeutend verändert, fand ihn aber bei Weitem nicht ſo ſchön, wie Marie behauptete. Sein Ausſehen hatte etwas Hartes und Selbſtgefälliges, der Ausdruck in ſeinem Blick war kalt und ſcharf. Manon ſtellte ſich vor, ein großer Künſtler müſſe ganz anders ausſehen, und konnte ſich nicht denken, daß es Jean jemals gelingen würde, etwas Anderes als Berge zu malen. Der Eindruck, den dieſes Wiederſehen verurſachte, war auf Manon's Seite mehr unangenehmer als angenehmer Natur. Sie konnte nicht ſagen, woher dieß komme; aber Jean's Geſicht war ihr zuwider. Schwartz, Novellen. IV. 15 226 Jean dagegen ſchien überraſcht von Manon's jetzt blendender Schönheit. Er konnte kein Auge von dieſem Antlitz abwenden, das ſo einnehmend harmo⸗ niſch und ſo geiſtvoll war. Während ihres ganzen Beiſammenſeyns be⸗ ſchäftigte ſich Jean auch ausſchließlich mit Manon. Wenn er mit ihr redete, wurden ſeine Züge milder, ſein Auge wärmer, und es war, als ob der Anblick ihrer Schönheit mildernd auf die ſonſt harten Elemente ſeiner Seele wirkten. In ebenſo hohem Grade, als Jean's ganzes Weſen Manon mißfiel, wurde er von derſelben ange⸗ zogen. Madame Briſſet bemerkte mit ungünſtigem Auge das Intereſſe, welches Jean ſo ausſchließlich der Tochter des Nachbars bezeigte, tröſtete ſich aber, als ſie bemerkte, wie wenig er von dem jungen Mädchen aufgemuntert wurde. Am Abend, als Marie ihre Freundin heimbe⸗ gleitete, fragte ſie dieſelbe: „Nun, wie gefüllt dir Jean?“ „Ich fürchte, nicht ſonderlich,“ antwortete Manon; „wenn ich eines von den Gemälden ſehe, welche er gemalt hat, ſo kann ich mir vielleicht Rechenſchaft geben, woher es kommt, daß ich kein Wohlgefallen an ihm finde.“ 227 II. Einige Tage ſpäter kam Jean zu Phlippon Er äußerte den Wunſch, ein Portrait von Manon nehmen zu dürfen, etwas, wozu der Vater des jun⸗ gen Mädchens mit ſichtbarer Zufriedenheit ſeine Ein⸗ willigung gab. Jean kam jeden Tag in das Haus des Gra⸗ veurs und brachte ganze Stunden damit zu, Manon's Antlitz zu betrachten und, während ſie ihm ſaß, mit ihr ſich zu unterhalten. Geblendet von ihrer Schönheit, bezaubert von der Anmuth in ihrem ganzen Weſen und entzückt von dem Blitzenden, Geiſtvollen und Kühnen in ihrer Konverſation, vergaß Jean ſeine Selbſtvergötterung, ſeine Verbindung mit Marie, ſeinen Ehrgeiz und alles Andere, um nur dem Gefühle ſich hinzugeben, welches mit jedem Tage ſtärker wurde. So vergingen drei Monate, als er eines Sonn⸗ tags die Familie Phlippon, Madame Briſſet und Marie einlud, in ſein Atelier zu kommen und ſeine Gemälde in Augenſchein zu nehmen. Als man in das Atelier trat, zeigte es ſich deut⸗ lich, daß es eigentlich nur um Manon's willen ge⸗ ſchah, wenn er dieſelben ſehen laſſen wollte. Von ihren Lippen wünſchte er ein Urtheil zu hören, aber gerade dieſe blieben hartnäckig geſchloſſen. Marie ließ ſich einen Ausdruck der Ueberraſchung und des Entzückens nach dem andern entſchlüpfen; Madame Briſſet erklärte ſich für ſtolz auf ihren Bru⸗ 226 dersſohn; Monſieur Phlippon wünſchte Jean Glück zu den ausgezeichneten Fortſchritten, die er gemacht hatte, und Madame Phlippon lobte mit dem feinen Takt einer guten Frau ſeine Arbeiten. Manon allein ſchwieg. Sie blieb lang vor jedem Gemälde ſtehen, betrachtete jedes Angeſicht mit geſpannter Aufmerkſamkeit, aber ohne ein Wort zu äußern. Lang verweilte Manon vor einem Gemälde, welches Carl I. von England in dem Augenblick dar⸗ ſtellte, da er ſein Haupt auf den Block legen ſollte. Augenſcheinlich fühlte ſich Jean von Manon's Stillſchweigen gequält. Er ſtellte einige Fragen an dieſelbe, welche ſie ausweichend beantwortete. Endlich bemerkte Madame Briſſet, geärgert dar⸗ über, daß Jean ein ſolches Gewicht auf Manon's Ur⸗ theil legte, mit ſcharfer Stimme: „Mein lieber Jean, warum fragen? Hielte Manon dafür, daß deine Gemälde einigen Werth haben, ſo würde ſie es wohl ſagen, ohne daß Du ihr ein Urtheil abzuzwingen brauchteſt.“ Manon wandte ſich von Carl I. ab und ant⸗ wortete hierauf: „Tante, ich finde, daß Jean's Gemälde einen ſehr großen Werth haben.“. Etwas ſpäter kehrte man nach Hauſe zurück. Marie war ungewöhnlich heiter. Sie fühlte ſich glücklich und ſtolz auf Jean. Er ſeinerſeits ſchien nach dem Beſuch im Atelier all ſein Intereſſe für Manon verloren zu haben. 638 229 Er beſchäftigte ſich den ganzen Nachmittag mit Marie, ſcherzte und nannte ſie ſeine kleine Frau. Im nächſten Jahr hatte ja Madame Briſſet verſprochen, daß ihre Hochzeit ſtattfinden ſollte, und Jean ſprach den ganzen Tag von nichts Anderem. f Eine ganze Woche verging. Jean ließ ſich in des Graveurs Wohnung nicht Staffelei. Manon betrachtete oft ihr Bild. Das Ange⸗ ſicht war fertig und gab ihre regelmäßigen Züge wieder, aber keinen Ausdruck darin; es hatte in dem Portrait etwas Strenges und Ernſtes, welches von viel Kraft, aber wenig Herz redete. Manon erkannte ihr eigenes Ich darin nicht. ſehen. Das unvollendete Portrait ſtand dort auf der III. Es war wieder Sonntag. Manon ſtand vor der Staffelei, die Augen weilten auf dem Portrait, als Jean eintrat. Er war bleich und ſein Blick finſter. Ohne Manons Gruß zu erwiedern, ſagte er: „Suchen Sie nach Fehlern in dieſer unvollen⸗ deten Arbeit? In Manon's Augen hat Alles meiner Hand dergleichen.“ „Ich ſuche nicht nach Fehlern, und ich will nicht einmal behaupten, daß es überhaupt einen ſolchen 230 hat; aber es kommt mir vor, als ob ich dieſen Ge⸗ ſichtsausdruck nicht hätte. Möglich, daß ich ihn eines 5 Tages bekomme, im Fall ein großes Unglück mich heimſucht.“ „Manon,“ rief Jean heftig,„geben Sie zu, daß Alles, was ich mache, Ihnen mißfällt, daß Sie irgend ein Verdienſt bei mir weder zugeſtehen können noch wollen.“ „Das gebe ich durchaus nicht zu,“ antwortete Manon. „Nun wohl, warum hatten Sie nicht ein Wort der Billigung uns zu ſchenken, als Sie meine Ge⸗ mälde anſahen?— Hätten Sie dieſelben lobenswerth gefunden, ſo würden Sie nicht geſchwiegen haben. Sie hätten mich wiſſen laſſen, welchen Eindruck die⸗ ſelben auf Sie machten, da es Ihnen nicht entging, wie eifrig ich dieß wünſchte.“ „Wären Sie allein geweſen, ſo hätte ich Ihnen geſagt, Jean, was ich empfand. Nun aber wollte ich vor Andern Sie nicht damit verletzen.“ „Ah, es iſt alſo doch ſo, wie ich ſagte; Sie waren der Meinung, den Gemälden von mir fehle „Das Herz,“ ſiel Manon ein.„Sie beſiten ein ungewöhnliches Talent, Jean; aber Sie können Ihren Schöpfungen nicht geben, was Sie ſelbſt nicht haben. Ihre Gemälde vermögen nicht zu Thränen zu rühren, wohl aber die Seele mit Entſetzen zu erfüllen. Man ſchaudert, wenn man Carl Stuart an dem Henkerblock ſieht; aber man fühlt ſich nicht von Theilnahme ergriffen. Sein Geſicht hat keinen * 231 Ausdruck, welcher anſpricht oder in Wahrheit dem Werke eine höhere Bedeutung verleiht, als daß es eben eine getreue Copie einer Hinrichtungsſcene iſt.“ Manon ſchwieg. Auch Jean gab keine Antwort darauf. Eine lange Pauſe entſtand, während welcher beide den Blick auf Manon's Portrait hefteten. Endlich äußerte Jean: „Ich werde Ihrer Worte gedenken, Manon. Aus der Wunde, die Sie mir geſchlagen, wird eines Tags etwas Großes, ſey es im Guten oder Schlim⸗ men, entſproſſen. Jetzt will ich Sie um etwas bitten: ſitzen Sie mir noch einige Mal, aber zu einem andern Portrait, als zu dem angefangenen. Aber Sie müſſen mir verſprechen, das Portrait nicht ſehen zu wollen, ehe es fertig iſt.“ Manon ſagte zu. Wiederum verfloß einige Zeit. Jean malte täglich an dem neuen Portrait. Das alte ſtand unberührt da. Sein Benehmen gegen Manon war gätnzlich verändert. Er ſprach nunmehr nur wenig mit ihr, aber arbeitete deſto eifriger. Wenn er nicht an ihrem Portrait malte, war er in ſeinem Atelier beſchäftigt. Die freien Stunden brachte Jean bei Madame Briſſet zu, von Marie in Anſpruch genommen, mit welcher er Luftſchlöſſer für die Zukunft baute. Marie ſſen in dieſen Monaten ihre lieblich⸗ ſten und ſchönſten Jugendträume. Sie ſah ſich ſelbſt 232 in der Einbildung glücklich an Jean's Seite, geliebt und liebend. Während Marie auf ſolche Weiſe ſich die Zukunft 6 mit lächelnden Farben ausmalte, ſtudirte Manon mit verdoppeltem Eifer. Sie hatte ſich die Kenntniſſe eines Mannes angeeignet und ſich in die Lektüre von Rouſſeau, Voltaire, Montesquieu vertieft. Ihre liche Seelenſpeiſe war jedoch Plutarch. Sie las Taſſo und ſchwärmte für eß. roße⸗ Schöne und Heroiſche. Sie war ſo ſehr Welt, welche ſie in dieſen Büchern vor ſich offen fand, in Anſpruch ge⸗ nommen, daß ſie oft diejenige, von welcher ſie um⸗ geben war, gänzlich vergaß. Sie merkte auch nicht, daß in Jean's Augen eine ſeltſame Gluth lag, wenn dieſelben auf ſie ge⸗ richtet waren. Sie gab nicht Acht darauf, daß er oft den Pinſel wegwarf, wenn er malte, und den Kopf in die Hand ſtützte, als ob er von einem Schwindel erfaßt würde. Sie hatte keine Ahnung von der Leidenſchaft, welche ganz in ihrer Nähe ſich entwickelte, und arg⸗ wohnte nicht, daß die Bruſt des jungen Malers von Gefühlen erfüllt war, die mit Marie's Glück in feind⸗ lichem Widerſpruch ſtanden. Sein Aeußeres war ruhig, denn mit der Kraft ſeines Willens unterdrückte er jeden Ausdruck derſelben. Er ſchwieg und Manon träumte in Gedanken, die weit ab von ihm lagen. So konnte es nicht bleiben. Der Vulkan in Jean's Fmeteniußte noth⸗ wendig eines Tags zum Ausbruch kommen und auf 233 eine ſtörende Weiſe ſowohl in Manon's als Mari Leben eingreifen. Eines Abends, ſpäter als ſonſt, trat Marie bei ihrer Freundin ein, um wie gewöhnlich ein Stündchen⸗ mit ihr zu plaudern. Ueber Marie's Angeſicht weilte ein Schimmer von Freude und Verſchämtheit. Die ſonſt bleichen Wangen hatten eine lebhaftere Farbe. „Manon!“ rief ſie und ſchlang ihre Arme um deren Hals,„ſchon in einigen Tagen werde ich Jean's Frau ſeyn. Es iſt ihm heute gelungen, meine Mutter zu überreden, daß ſie zu unſerer ſchnellen Verbindung ihr Jawort gäbe.— Ach, Manon, Jean und ich, wir werden in dem Zimmer neben dem Mama's wohnen; ich kann dich ſomit täglich ſehen. Denke, wie unausſprechbar glücklich ich werde.— Jean liebt mich; Jean und ich, wir werden in deiner Nähe leben. Ich habe nichts mehr zu wünſchen, und das erſchreckt mich beinahe. Ich habe kaum zu glauben gewagt, daß ich Jean ſo lieb wäre, wie er mir heute betheuert hat. Es war ein ſo großes Glück, daß ich mir nicht darauf zu hoffen getraute. Nun habe ich es, und die Zukunft liegt vor mir wie ein einziger ſonnenheller Tag.“ Manon war glücklich mit ihrer Freundin, obwohl ſie bei ſich dachte, daß Jean nicht der Mann wäre, an deſſen Seite man von der höchſten irdiſchen Selig⸗ keit träumen könnte. Den Tag darauf fand ſich Jean wie gewöhnlich in des Graveurs Wohnung ein. Manon trat ihm mit den Worten entgegen: „Wie innig freut es mich, Jan, Ihnen heute dazu gratuliren zu dürfen, daß Sie nunmehr recht bald Marie Ihre Gattin nennen werden. Machen Sie dieſelbe glücklich; ſie liebt Sie von ganzem Herzen und iſt ein wirklicher Engel.“ „Sie ſind alizu gut, Manon, daß Sie an mei⸗ nem Wohlbefinden ſo ſehr Theil nehmen,“ exwiederte Jean mit einem bittern Lächeln.* Er nahm nun das Portrait vor, welches er gemalt und eingeſchloſſen gehalten hatte, damit Nie⸗ mand es zu ſehen bekäme, ehe es von ihm voll— endet war. Jean ſtellte es auf die Staffelei und zwar in ein günſtiges Licht. Darauf faßte er Manon an der Hand und führte ſie vor das Gemälde mit den Worten: „Geht dieſem Geſicht auch der Ausdruck des Herzens ab? Leſen Sie, Manon, auch hieraus den Mangel deſſelben bei dem, welcher es gemalt hat?“ Er drückte Manon's Hand hart in der ſeinigen. Das junge Mädchen ſtand unbeweglich da. Eine hohe Flamme brannte in ihrem Angeſicht. Das Bild, welches ſie vor ihren Augen hatte, kam ihr wie das Ideal ihrer ſelbſt vor. „Jean, Sie haben meine Seele gemalt, wie ſie von Gott ausgegangen iſt, nicht mich, wie ich jetzt bin,“ ſtammelte ſie. „Mädchen, ich habe meine Liebe gemalt!“ rief — Jean. Wir übergehen die wilden und leidenſchaftlichen Worte, welche über Jean's Lippen gingen. Sie gli⸗ chen einem glühenden Lavaſtrom, welcher Alles, was er auf dem Wege traf, zu vernichten drohte. Manon ſtand wie betäubt da, aber hoch aufge⸗ richtet und kalt. Als er zu ihren Füßen um ein Wort der Zärtlichkeit, der Hoffnung, des Erbarmens flehte, gab ſie zur Antwort; „Geſtern redeten Sie von Liebe mit Marie, heute führen Sie dieſelbe Sprache gegen mich. O, welcher Gipfel von Treuloſigkeit!“ „Nennen Sie Marie nicht!“ rief Jean heftig. „Sie iſt Nichts für mein Herz. In dieſem Augen⸗ blick wäre ich geneigt, das Band zu verfluchen, wel⸗ ches aus Dankbarkeit mich an dieſelbe feſſelte.“ „Halten Sie an!“ fiel Manon mit flammenden Augen ein. Worte, ſtolz und zermalmend entſtrömten ihren Lippen. Sie erklärte, niemals würden ihre Gedanken, noch weniger ihre Gefühle ſich ſo tief zu einem Mann erniedrigen, der Gewiſſen und Pflicht verrathen könnte. Kalt ſey ihr Herz immer gegen ihn geweſen, und kalt werde es auch ewig bleiben. Als Manon ſchwieg, ließ ſich ein Seufzer, ein tiefer und qualvoller Seufzer hinter ihr vernehmen. Da ſtand Marie todesbleich. Sie war gekommen, um Manons Portrait zu ve jetzt, wie ſie von Jean gehört hatte, fertig war. Jean ſtürzte wie ein Wahnſinniger aus dem Zimmer, Marie ſank ohnmächtig zu Boden. Zwei Tage lag das arme Mädchen in einem 236 ſchweren Fieberanfall darnieder. Manon wachte an ihrem Lager und pflegte die ſtill Leidende mit zärt⸗ licher Sorgfalt. Jean war verſchwunden. Er kam nicht, um ſich nach Marie zu erkundigen. Madame Briſſet ſuchte ihn vergeblich in ſeinem Atelier. Unruhe und Angſt beherrſchten die ſonſt ſo harte Frau. Endlich wurde es mit Marie beſſer. Sie er⸗ kannte wieder ihre Umgebung und lächelte Manon wehmüthig und zärtlich an. Zum Reden ſchienen ihr die Worte oder auch der Muth zu fehlen. Eines Abends erhielt die Mutter folgenden Brief von Jean: 3 5 „Ich kann das, was die Tante für mich gethan hat, nicht damit bezahlen, daß ich Marie heirathe. Mein Wunſch iſt es geweſen, auf dieſe Art wo mög⸗ lich meine Schuld ins Reine zu bringen; aber jetzt wäre ich eher im Stande, mein Leben zu laſſen, als meine Freiheit zu opfern. „ „Wenn die Tante dieſen Brief erhält, habe ich Paris verlaſſen. —„Marie iſt ein gutes und ſchönes Mädchen; ſie kann leicht einen beſſeren Mann bekommen als den Brudersſohn der Tante. 2 Jec 2 Manon ſah ein paar große Thränen me Briſſet über die Wangen rinnen, als di den Brief zuſammenfaltete, und mit einer beinahe laut⸗ loſen Stimme ſagte ſie zu Manon: ₰ „Jean hat Marie aufgegeben!“ Jean, für deſſen Erziehung ſie ihr eigenes Kind völlig beraubt und zu fllaviſcher Arbeit verurtheilt hatte. Es war ein bitterer Augenblick für die alte Frau An demſelben Abend erhielt Manon auch ein Schreiben von Jean. Es enthielt glühende Bitten um Gegenliebe und redete davon, wie ſie durch die Gabe ihrer Hand ihn zu einem beſſern und edlern Menſchen machen würde anſtatt, wie jetzt, ſein Herz mit Füßen zu treten und ſein Leben zu zerſtören. Er bettelte nur um einen Schimmer von Hoffnung. Er flehte um mehr als um ſein Leben; um ſeine zeitliche und ewige Wohlfahrt. Manon, welche niemals ein lebhafteres Intereſſe für Jean gehegt, welche das durch ſeine Handlungs⸗ weiſe Marie zugefügte Leiden vor Augen hatte und die Wirkung ſeines Briefs auf Madame Briſſet be⸗ merkte, empfand nicht einmal Theilnahme bei ſeiner Qual, als ſie deren Schilderung las, ſondern ſchrieb zur Antwort: „Verſuchen Sie, den Tag in Nacht, das Son⸗ nenlicht in Finſterniß zu verwandeln, es wird Ihnen eher gelingen, als meine Kälte in Liebe, meinen Ab⸗ ſcheu in Achtung zu verwandeln. Ich werde niemals im Stande ſeyn, in meinem Herzen auch nur dem Mitleid mit demjenigen Raum zu geben, welcher mit einem Herzen, wie das von Marie, geſpielt hat.“ T rnf erhielt Manon ein kleines Billet, welches alſo lautete: „Manon, Sie haben meine Liebe verſchmäht; 238 nun wohl, Sie ſollen meinen Haß, glühend und unauslöſchlich, zu fühlen bekommen.“ Marie genas. Der Schlag hatte ihr Herz zermalmt und alle die lächelnden und ſchönen Hoffnungen, womit die Zukunft ſich für ſie ſchmückte, zerſtört; aber es war, als ob der bittere Schmerz, welchen ſie litt, und deſſen allerdings unſchuldige Urſache Manon war, nur noch inniger Marie an dieſe gefeſſelt hätte. Die Glüceligkeit war dahin, Jean entflohen. Der letztere hatte Paris verlaſſen; aber Manon blieb zurück, und Marie ſuchte darin einen Troſt. Wenn Marie, nachdem es mit ihr beſſer gewor⸗ den war, und Manon von Jean redeten, pflegte jene mit einem ſanften, traurigen Lächeln zu ſagen: „Wie undankbar von mir, mich zu grämen; ich habe ja dich. Gott iſt gnädig, ſo lang ich in meiner Nähe dich behalten darf.“ Aber auch dieſe Freude ſollte ihr geraubt werden. Madame Briſſet konnte es nicht aushalten, in Paris zu bleiben und es mit anzuſehen, daß Marie zum Gegenſtand des Geſchwätzes und der Vermu⸗ thungen für die Nachbarn werden ſollte. Sie beſchloß deßhalb, zu einer Verwandten in Verſailles zu reiſen, deren Dienſt im Schloſſe ſie zu beſorgen übernahm, während jene einen Beſuch in ihrer Heimath machte. 8 Einige Wochen nach ihrer Geneſung wurde ſo⸗ mit Marie auch von Manon getrennt. Im Augenblick des Abſchieds äußerte Marie: „Manon, meine Seele bleibt bei dir zurück.“ 239 „Und Du verläſſeſt mich ohne Bitterkeit wegen des Leides, das ich dir wider meinen Willen zugefügt habe?“ fragte Manon. „Ach, Manon, es war ja ſo natürlich, daß Jean dich liebte. Wie könnte dieß mich zur Bitterkeit ſtimmen? Ich beklage nur, daß Du ſeine Gefühle nicht theilen konnteſt. Manon, es gibt keine Zeit, keine Trübſal, die meine Anhänglichkeit an dich ver⸗ mindern könnte.“* Einige Zeit verfloß, als Manon eines Tags einen Brief von Madame Briſſet erhielt, worin dieſe ſie bat, nach Verſailles zu kommen und der trauern⸗ den Marie durch ihre Gegenwart einige heitere Stun⸗ den zu ſchenken. IV. Der Sommer näherte ſich ſeinem Ende. In Verſailles thronte Marie Antoinette in all ihrer Schönheit und ihrem Glanze, umgeben von dem Nimbus, welchen das Königthum verleiht. Hoch oben unter dem Dache, in einer Boden⸗ kammer des Schloſſes, wohnten Marie und Manon. Das Gefühl, welches Manon empfand, als ſie den franzöſiſchen Hof und das Thun und Treiben daſelbſt in der Nähe zu ſchauen bekam, war von der Art, daß es ihrer Seele eine beſtimmte Richtung für die Zukunft gab. Die offenen Tafeln, die königlichen Promenaden, Spielpartien und was dergleichen Pomp war, erregten bei ihr Ekel und Widerwillen. Sie äußerte in Folge davon, nachdem ſie ſich einige Tage in Verſailles aufgehalten hatte, gegen Marie: „Wie kann man es nur aushalten, all dieſen Luxus, der mit dem Elend des Volkes erkauft iſt, täglich vor Augen zu haben und nicht von Haß und Abſcheu gegenüber einer ſo ungerechten Theilung ergriffen zu werden? Geräth dein Inneres nicht in Aufruhr, während Du dieſe Luft von Deſpotismus einathmeſt? Vergleiche dich mit dieſen Damen, welche ſo prunken und in der Hofgunſt ſich ſonnen, und ſprich, ob es dir nicht widrig vorkommt, daß ſie ein Recht zu haben glauben, auf dich herniederzuſehen? Würde ich hier beſtändig leben, ich wüßte nicht, wie ich am Ende all meinem Unwillen Luft machen ſollte.“ „Manon, ich denke nicht daran, ob andere Menſchen recht oder unrecht handeln; das müſſen ſie ſelbſt verantworten. Für mich gibt es nur die Er⸗ innerung deſſen, was geweſen iſt, und dich,“ erwie⸗ derte Marie. „Und für mich giebt es keine Luft hier,“ dachte Mandn. Den Tag darauf verließ ſie Verſailles. Wenig ahnte Manon, unter welchen Verhält⸗ niſſen ſie einander wieder umarmen würden. Einen Monat nach ihrem Beſuch in Verſailles erhielt Manon einen Brief von Marie, worin ſie der⸗ ſelben mittheilte, daß Madame Briſſet eine unver⸗ c— N vo W M 1 * X 241 muthete Erbſchaft bekommen habe. Mutter und Tochter wollten nun unverzüglich von Verſailles abgehen und das ererbte Landgut beziehen. Marie beklagte tief, daß ſie nicht vor der Abreiſe anon noch einmal ſehen könnte, aber verſprach ihr zu ſchreiben. „Deine Briefe, Manon, bleiben hinfort die ein⸗ zigen Lichtpunkte in meinem Leben, bis ich dich wieder ſche und deine liebe Stimme höre. Sollten Schmerz und Kummer dich aufſuchen, dann, Manon, werde ich an deiner Seite ſeyn, und müßte ich dich auf der andern Hälfte des Erdballs aufſuchen.“ Das Jahr darauf war Manon verheirathet. Dreiundzwanzig Jahre ſind vergangen. Manon, ſeit 1770 mit Joſeph Roland verhei⸗ rathet, hatte bis 1791 den größern Theil ihrer Tage bald in Amiens, bald in Lyon, oder auf ihres Mannes Erbgute verlebt. Der Anfangs ſo lebhafte Briefwechſel zwiſchen ihr und Marie wurde jetzt ſeltener und ſchon am Schluſſe des erſten Jahres von Manon's Ehe hörte er ihrerſeits ganz auf. Verheirathet mit Roland, welcher um zwanzig Jahre älter als ſie war, an ihn nicht durch Liebe, ſondern durch Bewunderung ſeines Wiſſens, ſeines Schwartz, Rovellen. IV. 16 Ernſtes und ſeiner ſtrengen Sitten gebunden, hatte ſie frühzeitig ihre ſchönſten Illuſionen zerſtört geſehen. Manon betrachtete allzeit ihren Gatten als ein überlegenes Weſen, zu dem ſie hinaufblicken mußte, als einen Mann, der einzig und allein durch die Vernunft exiſtirte. Aber da dieſe Ueberlegenheit von einem harten und herrſchſüchtigen Charakter begleitet war, welcher für ſeinen Egoismus alle Opfer forderte, ſo durfte unbedingt das Glück, deſſen Manon genoß, ſehr problematiſcher Natur ſeyn. Sie hatte geglaubt, an ſeiner Seite eine Frei⸗ ſtätte und in ihm einen Führer auf dem Lebenspfade zu finden, ſo daß ſie einer höhern Entwicklung ent⸗ gegengehen könnte. Kurz, die Vereinigung zwiſchen chnen war in ihren Augen ein unauflösliches Band zwiſchen Lehrer und Lehrling. Sie ſollte jedoch bald erfahren, daß das eheliche Band ohne Liebe zuweilen ſich drückend anfühlt, und daß man in der Wirklichkeit nicht ſo leicht wie in der Einbildung ſich in die Glückſeligleit hineinraiſonnirt. Sie ſchrieb auch in dem letzten Briefe, den Marie von ihr erhielt: „Ich bin oft unzufrieden mit mir ſelbſt darüber, daß ich mich nicht vollkommen glücklich fühle. Je mehr ich mich mit meines Mannes Glück beſchäftige, welches das Ziel von meinem Streben ausmacht, deſto mehr merke ich, daß etwas an meinem eigenen fehlt; und dennoch, wo müſſen wir unſere Seligkeit finden, als darin, daß wir die von Andern ſchaffen?“ Als Manon dieſen Brief abgeſchickt hatte, for⸗ derte ihr Mann, welcher ſich vor jeder irgend mög⸗ 243 lichen Theilung der Anhänglichkeit ſeiner Frau ge⸗ waltig fürchtete, ſie ſolle jeden Briefwechſel mit ihren Jugendfreundinnen abbrechen. Er forderte es als ein Opfer für ſeinen Frieden. Manon, welche ihre Pflichten gegen den Gatten höher als alle andern Gefühle ſetzte, brachte ihm dieſes Opfer ſowohl wie alle andern, welche er begehrte. Manon hatte niemals der Anhänglichkeit von Marie in höherem Grade bedurft, als ſeitdem ſie ver⸗ heirathet war, und dennoch brach ſie auf ihres Man⸗ nes Geheiß jede Berührung mit derſelben ab. Alle die zärtlichen und flehenden Briefe, welche Marie ſchrieb, blieben unbeantwortet, und endlich hörte Marie auf zu bitten, da auf alle ihre Herzensergießungen keine Antwort erfolgte. Vielleicht hätte Marie, welche tief und bitter darunter litt, ſich jetzt auch von der Freundin, die von ihr innig geliebt wurde und ihr theurer als das Leben war, vergeſſen zu ſehen, Manon aufgeſucht, um nach der Urſache von deren Stillſchweigen zu forſchen, wäre ſie nicht an das Krankenlager ihrer Mutter gefeſſelt geweſen. Jahre vergingen, ohne daß das zerriſſene Band zwiſchen den Freundinnen wieder angeknüpft wurde. Die Erinnerung an Marie wurde bei Manon ſo allmälig durch die ungleichartigen und großen po⸗ litiſchen Intereſſen, welche immer mehr in Manon's Seele Eingang fanden, zurückgedrängt, und zuletzt, da ſie als die geiſtreiche und bezaubernde Madame Roland 1791 in Paris auftrat, war das ſanfte Bild der Genoſſin ihrer Kindheit aus ihrer Seele verwiſcht und deren Freundſchaft etwas, das im Grabe der Vergeſſenheit ruhte. VI. Wer weiß nicht, welche bedeutende Rolle Ma⸗ dame Roland zu Anfang der franzöſiſchen Revolutiot ſpielte. In ihrem Hauſe verſammelten ſich die einfluß⸗ reichſten und mächtigſten Männer, um ihren Worten zu lauſchen, und mit Recht konnte man ſagen, daß die Girondiſten ihre Inſpiration von derſelben er⸗ hielten. Jedoch nicht in dieſen glänzendſten Tagen ihres Genie's und Ruhmes, umgeben von allen denen, welche die Wuth des Volks gegen Unterdrückung weckten und entzündeten, wollen wir dieſelbe hier wieder aufſuchen, ſondern erſt nach ihrem Sturze, als ſie von Unglück und Leiden heimgeſucht war.— Mit einem Wort im Kerker. Bei der raſenden Gier, Alles zu tödten und zu vernichten, was dem franzöſiſchen Pöbel und deſſen Lenkern mangelte, war es natürlich, daß Madame Roland auch nicht vergeſſen wurde. Dieſer Name war eine ganze Partei. Sie war die Seele in der Gironde geweſen, ſie mußte mit ihr vertilgt werden. Der Wohlfahrtsausſchuß, welcher ſtets bereit war, dem Willen des Pöbels zu gehorchen, ſetzte ————— 245 den Namen von Madame Roland auf die Liſte, welche das Ungeheuer Fouquier Tinville jeden Abend empfing. Genug, den 31. Mai 1793 wurde ſie in den Kerker der Abtei gebracht. Einige Tage daxauf kam eine Frau von demü⸗ thigem Ausſehen in das Gefängniß. Sie wünſchte mit dem Kerkermeiſter zu ſprechen. Nach einer langen Unterredung mit ihm wurde ſie zum Dienſte im Gefängniß angenommen. Sie war eine Verwandte des Kerkermeiſters und ſollte bei ihm alle Obliegenheiten einer Magd verſehen. Die neue Dienerin war ſchweigſamer Natur; ſie ſprach beinahe niemals und hatte den größten Theil des Geſichts von einer breiten, ſchwarzen Binde bedeckt, welche über das rechte Auge hinwegging. Das Antlitz war von Narben gefurcht, welche das⸗ ſelbe völlig entſtellten. An demſelben Tag, da ſie in Dienſt trat, er⸗ hielt Madame Roland ſie zur Wärterin. Als die neuangenommene Magd zum erſten Mal in Manon Rolands düſtere Gefängnißzelle trat, ſchien ſie ſo heftig erregt, daß ſie die Geſchäfte, welche ſie auszurichten hatte, nicht vollbringen konnte, ſondern wieder hinauseilte. Tags darauf wurde Madame Roland in ein beſſeres Gemach verſetzt, wohin wenigſtens einige Strahlen der Sonne ſich den Weg ſbahnen konnten. dDie ſchweigſame Wärterin brachte Blumen her⸗ ein und ſetzte ſie auf ihren Tiſch, verſchaffte ihr Bü⸗ cher, und ſeltſam genug waren dieſelben immer ſo 246 ausgewählt, als ob ſie den Geſchmack der Gefangenen gekannt hätte. Madame Roland wurde in den erſten Tagen ihrer harten Gefangenſchaft von Angſt über das Schick⸗ ſal ihres Mannes und ihrer Tochter beherrſcht; aber gleichwohl konnte ihr die Milderung, welche nun ſtatt fand, nicht entgehen, und eines Morgens re⸗ dete ſie ihre ſtumme Wärterin, als ſie friſche Blumen hereinbrachte, an und machte einige Fragen; aber zur Antwort darauf legte dieſe einen Finger auf ihre Lip⸗ pen und die andere Hand auf's Herz und eilte hinaus. Madame Roland machte keine weitern Fragen mehr; aber ſie fühlte, daß dieſe häßliche und entſtellte Frau für ſie ein guter Engel war, welcher durch tauſend kleine Aufmerkſamkeiten ihr den Kelch, den ſie zu leeren berufen war, weniger bitter zu machen ſuchte. Es gereichte der von Mann, Kind und Freunden getrennten Frau zum Troſt, wenn ſie ihre Wärterin zu ſehen bekam, obwohl der Mund derſelben immer wie verſiegelt ſchien. Daß ſie jedoch nicht taubſtumm war, konnte Madame Roland daraus entnehmen, daß wenn die letztere einen Wunſch ausſprach, deſſen Erfüllung im Bereiche der Möglichkeit lag, die ſchweigſame Wärterin denſelben auch in Wirklichkeit ſetzte. Eines Tags, als Madame Roland in tiefere Kümmerniß als gewöhnlich verſunken war und ihren Betrachtungen ſo völlig nachhing, daß ſie auf das, was um ſie herum vorging, gar nicht achtete, hatte 247 die Wärterin ſich länger als gewöhnlich im Gemache beſchäftigt. Sie weilte geraume Zeit an dem mit einem Gitter verſehenen Fenſter, an welches Abends Madame Roland ſich zu lehnen und zu dem kleinen Fleck Him⸗ mel, den ſie von hier aus gewahr wurde, hinaufzu⸗ ſchauen pflegte. Als die ſtumme Dienerin endlich die Zelle ver⸗ ließ, warf ſie einen langen Blick auf die tief betrübte Gefangene. Am Abend näherte ſich Madame Roland dem Fenſter. Beim erſten Blick darauf blieb ſie ſtehen. Das Gitter war verſchwunden und an deſſen Stelle eine Reihe von Schlinggewächſen getreten, welche mit ihrem lächelnden Grün bei ihr um Verzeihung dafür zu bitten ſchienen, daß ſie über die Attribute der Gefangenſchaft emporrankten. Die Muthloſigkeit, welche den ganzen Tag Manon beherrſcht hatte, verſchwand bei dieſem neuen Beweiſe von Theilnahme und feiner Auffaſſungsgabe von Seiten der geringen Frau. In ihrer ſo unglücklichen Lage fühlte Madame Roland, daß ein barmherziger Gott ihr ein zärtliches Herz geſandt hatte, um ihr die Bürde minder ſchwer zu machen. Sie betrachtete die Blumen und Schlinggewächſe um das Gitter herum und flüſterte bei ſich ſelbſt: „Ja, auch der Kerker kann ſeine Blumen haben, wenn wir nur ſelbſt ſie aufzufinden vermögen.“ Am folgenden Tage, da die Wärterin eintrat, 248 ging Madame Roland auf ſie zu, faßte ihre Hand und ſagte mit tiefer Rührung, während ſie auf das mit Blumen geſchmückte Gitter deutete: „Wer biſt Du, die Du mir ſo viele Theilnahme erzeigſt? Woher kommt all dein Mitleid und die Sorgfalt, die Du täglich und ſtündlich an mich ver⸗ ſchwendeſt? Fürchteſt Du nicht, durch dieſe Güte gegen die, welche gehaßt und verfolgt wird, dein eigenes Leben in Gefahr zu ſetzen?“ Anſtatt zu antworten, führte die Frau mit einer Bewegung leidenſchaftlicher Zärtlichkeit Madame Rolands Hand an ihre Lippen, während ſie zugleich die Binde noch tiefer über ihr Auge niederzog, und eilte dann aus der Zelle hinweg. Einige Tage verfloſſen. Madame Roland bekam die ſeltſame Wärterin nicht zu ſehen; endlich ſtellte ſie ſich wieder ein und ließ, als ſie wegging, auf Madame Rolands Tiſch Tinte, Feder und einen überſchriebenen Streifen Papier zurück. Letzterer enthielt folgende Worte: „Ihr Mann befindet ſich in Rouen, Ihre Tochter iſt der Pflege von Madame Creuzé de la Touche anvertraut. Sie können ohne Furcht für dieſelben ſeyn. Merken Sie ſich das und machen Sie keine Fragen.“ Madame Rolands Thränen floſſen aus Dank⸗ barkeit gegen die, welche ihres Herzens bitterſte Unruhe errathen hatte und nun dieſelbe zu beſchwichtigen ſuchte. 249 Einige Zeit darauf erhielten etliche von Madame Rolands Freunden Zutritt zu ihr. Sie gewann, da ſie von der Bekümmerniß der Gattin und Mutter nicht mehr gequält wurde, alle ihre frühere Energie wieder, und unter der immer ſich gleich bleibenden Sorge der ſchweigſamen Wärterin begann Madame Roland ihre Memoiren zu ſchreiben. Eines Tags gab man ihr die Freiheit wieder. Sie wagte nicht nach ihrer Wärterin zu fragen, ſon⸗ dern eilte, nachdem ſie vergebens nur den Schatten von ihr wahrzunehmen gehofft hatte, in ihre Wohnung, um ihre Tochter zu umarmen. Sie ſah das Haus; ihr Herz ſchlug vor Freude; aber in demſelben Augenblick ſtürzt eine Frau auf ſie zu und flüſtert im Vorbeigehen: „Treten Sie nicht hinein; folgen Sie mir ſogleich und in einigem Abſtande.“ Welche Mutter würde wohl auf eine ſolche Warnung gehört haben, wenn ſie nur einige Schritte von ihrem Kinde entfernt war? Madame Roland that es auch nicht, ſondern eilte durch die Thüre. Als ſie die Hälfte der Treppe hinaufgekommen verſperrte ihr ein Mann mit den Worten den eg: „Wenn die Nacht zum Tag wird, wenn die Strahlen der Sonne ſich in Finſterniß verwandeln, dann werden Sie Ihre Tochter wieder ſehen.— Jetzt ſind Sie meine Gefangene. Fort von hier!“ Madame Roland ſtarrte bebend den Mann an. 250 Längſt vergeſſene Ereigniſſe tauchten vor ihrem Ge⸗ dächtniß auf. Sie hatte— Jean wieder erkannt. Mit den herzzerreißendſten Bitten ſuchte ſie ihn zu bewegen, daß er ihr geſtatte, nur auf einige Minuten ihr Kind zu ſehen, den Laut ſeiner Stimme zu hören. Seine Antwort war ein Hohngelächter und er ſagte ſpottend: „Thörichtes Weib, wie kaunſt Du auf Erbarmen von dem hoffen, deſſen Leben Du zerſtört haſt? Ich habe dir meinen Haß geſchworen, und er iſt dir ge⸗ worden.“ Den Augenblick darauf wurde Madame Roland von den Söldlingen der Republik fortgeſchleppt, ohne daß ſie ihr Kind zu ſehen bekommen hatte, und auf Jean's Befehl nach Saint Pelagie gebracht, jenem Kerker, der mit den tiefſtgefallenen, von Verbrechen und Laſtern beſchmutzten Weibern bevölkert wurde. Ohne Zweifel war dieß das bitterſte all ihrer Leiden. Es ſchien, als ob dieſe entſetzliche Grauſamkeit ſie verſteinert hätte, und der Ausdruck, den ihr Ge⸗ ſicht annahm, als Jean mit einein Tone ſataniſchen Hohnes gegen ſie äußerte, ſie werde hier keines Zeit⸗ vertreibs bedürfen, da die Geſellſchaft ſehr zahlreich wäre, hatte die Wirkung, daß er aus dem Kerker hinwegeilte; er glaubte das Portrait zu ſehen, das er zuerſt von ihr gemalt hatte. Nach ein paar Tagen wurde ſie aus dem ge⸗ meinſchaftlichen Gefängnißlokal hinweggenommen und erhielt ein beſonderes Gemach. Als ſie in daſſelbe eingeführt wurde, war das * — 251 Erſte, worauf ihr Auge fiel, ein Bouguet friſcher Blumen, welches auf dem Tiſche lag. Daneben be⸗ fanden ſich einige Bücher, welche ſie vorzugsweiſe gern las, ſammt Schreibzeug und Päpier. 2 Unwillkürlich flogen ihre Gedanken zu der Wär— terin in der Abtei hin, und ſie hoffte den ganzen Tag, dieſelbe eintreten zu ſehen; aber vergebens. Sie war nirgends wahrzunehmen, und doch redete Alles von deren Nähe. Madame Roland war jedoch nicht lang in die⸗ ſem ihrem neuen Kerker geweſen, als ſie erkrankte. Man ſchickte ihr einen Arzt, einen Freund von Robespierre. Als dieſer nach ſeinem erſten Beſuch ſie verließ, kam die Frau mit der Binde über dem Geſicht herein. Obwohl krank, ſtieß Madame Roland bei ihrem Anblick einen Ruf freudiger Ueberraſchung aus; aber die Fremde legte wieder den Finger auf den Mund, um allen Fragen vorzubeugen. Während ihrer ganzen Krankheit wurde die Pa⸗ tientin mit einer nie ermüdenden Wachſamkeit von der Gefangenwärterin gepflegt, aber ohne daß es ihr gelang, nur ein einziges Wort über die verſchloſſenen Lippen herauszubringen. Jedes Mal, wenn Madame Roland die ihrigen öffnete, um ſie anzureden, deutete ſie der Gefangenen mit einem Zeichen an, ſtillzu⸗ ſchweigen. Der Arzt beſuchte die Kranle täglich, ſprach mit ihr von Robespierre und redete ihr zu, an ihn zu ſchreiben.— Nach jedem ſolchen Geſpräche heftete die ſchweig⸗ 252 ſame Wärterin, wenn ſie eintrat, mit einem forſchen— den Ausdruck ihre Augen auf Madame Roland und ſchüttelte den Kopf. Madame Rolaßd genas. Eines Tags, als der Arzt ſich entfernt hatte, fand die Wärterin ſie mit Schreiben beſchäftigt. Madame Roland ſchrieb an Robespierre. In Folge der Unterredung mit dem Arzte war ein Schimmer von Hoffnung in ihrer Seele aufge⸗ taucht, und ſie ergriff die Feder, um an die Freund⸗ ſchaft, welche Robespierre früher ſie gehegt hatte, zu appelliren. Sie ſuchte nur Gerechtigkeit. Sie wußte bei ſich ſelbſt, daß in Frankreich kein Herz ſich fand, welches höher und wärmer für deſſen Freiheit und Glück ſchlug, als das ihrige. Die Wärterin betrachtete ſie eine lange Weile, während ſie ſchrieb, und entfernte ſich hernach, um etwas ſpäter mit dem Eſſen einzutreten. Als Madame Roland daſſelbe zu ſich nehmen wollte, fand ſie auf ihrem Teller ein zuſammenge— faltetes Papier. Sie ſchlug es auseinander und las: „Mitleiden von dem, welcher Ihre Freunde ver⸗ folgt und getödtet hat, wäre ein Schimpf für Manon Roland. Dankbarkeit gegen Robespierre von ihr wäre Dankbarkeit gegen den Henker derer, welche ihr von ganzem Herzen und von ganzer Seele ergeben waren.“ Madame Roland blieb eine lange Weile ſitzen und ſtarrte das Stück Papier an. Der Inhalt deſſelben ſchlug die mächtigſten Sai⸗ 253 ten in ihrer Seele an, und ſie fühlte, daß die Per⸗ ſon, welche dieſe Worte geſchrieben hatte, ihr Inneres vollkommen richtig beurtheilte, wenn ſie darauf hin⸗ wies, daß eine Verſöhnung zwiſchen ihr und Robes⸗ pierre eine Kränkung von Manon Rolands heiligſten Gefühlen in ſich ſchloß. Der Brief an dieſen Freund wurde in Stücke zerriſſen, und ſie murmelte bei ſich ſelbſt: „Du haſt Recht, edle Theilnehmerin an meinem traurigen Geſchick; lieber einen dreifachen Tod erleiden, als dieſem Mann für das Leben auch nur von einer Stunde zu danken haben.“ Sie wartete mit Ungeduld, ihre Wärterin wieder eintreten zu ſehen; aber dieſe kam nicht. Madame Rolands Bedienung wurde für den Reſt ihres Auf⸗ enthalts in dieſem Gefängniß von der Frau des Ker⸗ kermeiſters übernommen. Kurz hernach wurde Manon nach der Concier⸗ gerie gebracht. VI. Die finſtere und feuchte Zelle, welche ſie hier neben derjenigen erhielt, wo Marie Antvinette ihre letzten Tage dahin ſchleppte, war von der Art, daß es unmöglich wurde, derſelben ein milderes Ausſehen zu geben. Sie war indeſſen noch nicht länger, als einen 254 Tag dort geweſen, als das grobe Leinenzeug auf ihrem Lager gegen feineres vertauſcht wurde, und auf ihrem Tiſche wieder friſche Blumen prunkten. Ihre Koſt wurde beſſer, und die Gegenwart der noch unſichtbaren Beſchützerin gab ſich von Neuem in verſchiedenen Kleinigkeiten zu erkennen. So lang Madame Rolands Proceß dauerte, das heißt von ihrem Eintritt in die Conciergerie bis zur Fällung ihres Urtheils, hatte ſie diejenige nicht wieder geſehen, welche wie ein guter Engel ihr in den Ker⸗ ker gefolgt war. Madame Roland hatte ihr Urtheil angehört. Sie kehrte darauf wieder in ihr Gefängniß zurück. Als die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, ſah ſie eine Frau an ihr elendes Lager gelehnt ſtehen. Es war die ſchweigſame Wärterin mit der brei⸗ ten, ſchwarzen Binde über dem Geſicht. Sie heftete die Augen auf die Gefangene. In denſelben ſtand eine Frage, eine ängſtliche Frage zu leſen. Madame Roland verſtand dieſelbe. Sie fuhr mit der Hand nach ihrem Halſe und machte damit eine Bewegung, welche den Fall eines Beiles be⸗ zeichnete. „Zum Tode verurtheilt!“ rief nun die ſtumme Frau, riß die Binde von ihrem, durch Narben ent⸗ ſtellten Angeſichte und ſtürzte Madame Roland zu Füßen. „Manon, Manon, nun müſſen ſie mir auch das Leben nehmen!“ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17