Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . GLeih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 8 beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 3 auf 1 Monat: 1 W— 1 W W „ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der „„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. das Weiterverleihen — —— — — * ₰= — — — ₰ — — — —= ℳ —————— ————— Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Zulius Günther in Feipzig. (In jeder guten Leihbibliothek zu haben.) Vilhelm Raabe, Meiſter Autor. 1 Bd. Preis 4 M. 50. Charles Reade, Der Kampf um's Daſein. 4 Bd. Preis 9 M. Hermann Riotte, Der moderne Diogenes. 2 Bde. Preis Mar von Schlägel, Die Volksbeglücker. 1 Band. 3 M. Mar v. Schlägel, Pariſer Todtentanz. Roman aus Frank⸗ reichs jüngſter Vergangenheit. 2 Abthlgn. 6 Bde. Preis 13 M. 50. Max v. Schlägel, Die Wilden der Geſellſchaft. 1 Bd. Preis 3 M. 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Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. Schwartz, Novellen. II. Zwei Brüder. 1 * 5 3 1 An einem ſchönen Abende im Anfange des Juli 1862 kam ich in Kreuznach an. Die Stadt iſt auf drei Seiten von Bergen um⸗ geben, welche in terraſſenartigen Abſätzen mit üppigen Reben bekleidet ſind. Oeſtlich von der Stadt breitet ſich eine in Fruchtbarkeit prangende Ebene aus, welche in der Entfernung einer Meile am Fuße einer male⸗ riſchen Bergkette ihre Grenze findet. Ein Fluß, die Nahe, ſchlängelt ſich durch die Landſchaft hin und theilt die Stadt in zwei Theile, die alte und die neue. Die Gegend um Kreuznach war vielleicht ſchon zur Zeit der Römer bekannt, und man behauptet, daß dieſe zwölf Jahre vor Cyriſti Geburt unter Claudius Druſus in Bingen ein Caſtell zum Schutz für ihre militäriſchen Neubauten gegründet hätten, und man nimmt an, daß die bei der Stadt gelegenen Mauern ein Werk derſelben ſeien. Etwas ſpäter wurven die 1* Deutſchen Herren der Gegend, bis auch dieſe im Jahre 449 von dem fränkiſchen Könige Chlodwig vertrieben wurden. Zu derſelben Zeit muß auch Kreuznach ſeinen Namen und Urſprung erhalten haben, nach der Tra⸗ dition durch ein Kreuz, welches auf der Inſel errichtet wurde. Mönche kamen und wallfahrteten durch den Wald zur Inſel, meldet die Sage, und bekehrten Alt und Jung zum Kreuze. Es entſtand dort eine Stadt, wo früher nur Hütten ſtanden, und dieſe Stadt wurde nach dem auf der Inſel ſtehenden Kreuze Kreuznach genannt. Es heißt, daß Ludwig der Fromme zuweilen in Kreuznach reſidirt habe; man weiß jedoch nicht, wo der Palaſt, die ſogenannte Oſterburg ſtand; denn ſie wurde 893 von den Normannen zerſtört. Während des dreißigjährigen Kriegs war die Stadt mehrere Male in Gefahr, von Grund aus zer⸗ ſtört zu werden. Im Jahre 1620 wurde ſie von den Spaniern belagert, im Jahre 1631 von Guſtav Adolf hart berannt und 1639 vom Herzog Bernhard von Weimar, dem Anführer des ſchwediſchen Heeres, mit Sturm genommen. Kreuznach ſelbſt hat in Betracht ſeines Aeußern, ſeiner vielen krummen und engen Straßen, ſeiner alt⸗ 5 modiſchen Gebäude nichts Einladendes für die Brun⸗ nen⸗ und Badegäſte, welche hier aus allen Ländern im Sommer zuſammenſtrömen. Das einzige Bemerkens⸗ werthe iſt das Kreuz in der Wirthkirche. Was der Stadt in Anſehung des Bauſtils ab⸗ geht, das wird durch die Umgegend erſetzt, welche durch Mannichfaltigkeit in Naturpracht und Schönheit Kreuz⸗ nach zu einem der angenehmſten Orte macht. Auf der ſogenannten Inſel liegt die Quelle, aus welcher unzählige Brunnengäſte Geſundheit und Kräfte zu ſchöpfen glauben. Dieſe hat den Namen Eliſabeth⸗ quelle erhalten. Es war ein ſonniger Morgen am Tage nach mei⸗ ner Ankunft in Kreuznach, an welchem auch ich mich mit meinem Becher einfand, um meine Brunnencur anzufangen. Der Platz, welcher die Quelle umgab, wimmelte von Menſchen. Alle möglichen Sprachen er⸗ ſchollen hier. Man trank ſein ſalziges Waſſer, man promenirte, man ruhte aus oder lauſchte der Muſik. Hier und dort bildeten ſich Geſellſchaften aus ver⸗ ſchiedenen Nationen. Hier verſammelte ſich ein Haufen Franzoſen um die ſchöne und elegante Frau N., die in Frankreich geboren und an einen Holländer verheirathet iſt. Dort promenirte die häßliche, aber prachtvolle Fürſtin Gſty aus Moskau, und dort lachte und ſcherzte die ebenſo lebhafte Marquiſe D. mit ihrer Umgebung, unter welcher Lady H. ernſt und mit echt engliſcher Würde ſich mit einem Landsmann unterhielt. Eine Strecke weiter davon hatten eine Dame und zwei Herren ihre Promenade unterbrochen, um mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit den Inhalt einer Zeitung zu leſen, welche die neueſten Nachrichten aus Amerika, ihrem Vaterland, brachte. In einiger Entfernung von dieſen wurde von ein paar Italienern Garibaldi mit glühendem Enthu⸗ ſiasmus genannt, und ganz nahe an der Ouelle ſtan⸗ den ein paar Schweden, welche in aller Ruhe ihr Glas leerten, während ein Schwarm Deutſcher an ihnen vorübereilte und ſein Entzücken über Kreuznachs wun⸗ derſchöne Natur ausſprach. Verwirrt durch das Menſchengewimmel und das babyloniſche Sprachengewirr entſchlüpfte ich dem Platze vor der Quelle und nahm den Weg zur Linken, der ſich am Ufer der Nahe hinzieht. Langſam wandelte ich den Weg vorwärts und blieb dann und wann ſtehen, um die auf der andern Seite des Fluſſes ſich erhebenden Weinberge zu betrach⸗ ten, welche dort gleichſam Wache ſtanden, um mit ihren ſtarken Armen das Thal zu beſchützen, in welchem Kreuznach liegt. Als ich an das Ende des Wegs gekommen war, welcher ſich mit einer der Straßen aus der Stadt vereinigt, wendete ich um und befand mich plötzlich gerade vor zwei Damen, einer ältern und einer jüngern. Es gibt Geſichter, welche gleich im erſten Augen⸗ blicke einen unauslöſchlichen Eindruck machen. Ein ſolches Geſicht war das der ältern Dame. Es frap⸗ pirte nicht durch ſeine Schönheit oder durch die Spu⸗ ren vergangenen Glanzes, die es beſaß, ſondern durch den Charakter, welcher in demſelben ausgeprägt war. Jeder Zug, jede Linie deſſelben ſprach davon, daß ihr Leben durch irgend einen verwüſtenden Sturm ver⸗ heert worden ſei. Das Mädchen, welches an ihrer Seite ging, plau⸗ derte und lachte mit der ganzen Sorgloſigkeit der Ju⸗ gend. Ich hörte nicht, was es ſagte, aber ich ſah, daß die ältere Dame dem einnehmenden Kinde zulächelte. Dies Lächeln enthielt eine ganze Lebensgeſchichte. Es lag auf den Lippen, aber es kam nicht vom Herzen. Es war mild und doch kalt, freundlich und gleich⸗ wohl traurig. Am andern Morgen, als man wieder an der OQuelle verſammelt war, ſuchte ich im Gewimmel unter den Menſchen, um die Dame wiederzufinden, welche tags zuvor mein Intereſſe ſo lebhaft erweckt hatte. Ich fand auch bald, was ich ſuchte. Nachdem ihre Begleiterin, das junge Mädchen, ihr Glas geleert hatte, entfernten ſie ſich vom Platze bei der Quelle und gin⸗ gen den Weg zur Nahe. Ich folgte ihnen und ſetzte mich auf eine der dort aufgeſtellten Bänke. Sie pro⸗ menirten hin und her an mir vorüber und ich hatte alſo Gelegenheit, dieſes ſo tief melancholiſche Geſicht zu ſtudiren. Während ich ihr mit den Augen folgte, malte ich mir ihre Lebensgeſchichte aus, wie ſie durch den An⸗ blick in meiner Einbildungskraft erregt worden war. Sie war als Mutter unglücklich geweſen. Der Tod hatte ſie aller ihrer Kinder bis auf dieſes einzige be raubt, welches ihr zur Seite ging und um deſſen willen ſie jetzt die Qual des Lebens ertrug. So ungefähr zeichnete ich mir ihr verfloſſenes Leben, ohne mich jedoch dadurch zufriedengeſtellt zu ſehen. Die Unbekannte glich einem Buche, deſſen Titel Neugier erregt, deſſen Inhalt aber dennoch unbekannt bleibt. Nach einer Stunde Bewegung kehrten ſie zur Quelle zurück, und mit ihnen zugleich erhob ſich Jemand von der Bank, auf welcher ich ſaß. Nun erſt bemerkte ich, daß ein Herr dort geſeſſen hatte. Er hatte ein eigenthümliches Ausſehen. Seine Haut war ſo ſtark von der Sonne verbrannt, daß ſie ganz dunkelbraun geworden war, was ſie urſprüng⸗ lich ganz beſtimmt nicht geweſen. Das dunkle Haar hatte trotzdem keinen Anſtrich von Schwarz, und der ſtarke, über das halbe Geſicht gehende Bart war ſogar hell. Die Augen lagen tief unter ein paar buſchigen Augenbrauen und ſahen bei dem erſten An⸗ blick finſter aus, allein bei näherer Betrachtung ent⸗ deckte man, daß ſie ganz ſanft waren. Als er ſich von der Bank erhob, ſeufzte er tief und folgte den beiden Damen zur Quelle nach. Ungeachtet meiner eifrigſten Verſuche vergingen mehrere Tage, ohne daß es mir glückte, den Namen der beiden Damen zu erfahren. Ich hatte inzwiſchen eine Bemerkung gemacht, nämlich daß der oben beſchriebene Herr, wie ich, ſtun⸗ denlang mit Betrachtung der ältern Dame und ihrer jungen Geſellſchafterin zubringen oder ihnen in einiger Entfernung nachfolgen konnte, gleichſam als fürchtete er, ſie aus dem Geſicht zu verlieren. Daß mich dieſe Bemerkung zu dem Schluſſe führte, der Mann mit den buſchigen Augenbrauen habe ſich, obwohl er ſeinem Ausſehen nach einige vierzig Jahre alt war, in das junge Mädchen verliebt, verſteht ſich von ſelbſt. Ein Zufall ſollte mich jedoch früher, als ich hoffte, mit den beiden Damen zuſammenführen und uns ganz vermuthet auf einen vertraulichen Fuß ſetzen. Ich wohnte im Hotel Weber, welches gleich links liegt, wenn man über die Brücke kommt, die zur Pro⸗ menade führt. Weber's Hotel iſt ein großes, ſchönes Gebäude, wie die Hotels in Kreuznach im Allgemeinen ſind. Alle Zimmer in demſelben waren mit Brunnen⸗ und Badegäſten beſetzt. Im Auslande nimmt man keine Notiz von ſeinen Nachbarn, ſondern man iſt gewöhnlich in vollkommener Ungewißheit ſowohl über deren Ausſehen als über ihre Stellung in der Geſellſchaft. Eines Abends ſpät, als ich noch auf meinem Balkon ſaß, wurde ich jedoch durch Jemand geſtört, der zu mir hereinſtürzte, und ich hatte, zu meiner nicht geringen Ueberraſchung, die Tochter der Dame vor mir, welche mich ſo lebhaft intereſſirte. In ſchönem, fließendem Deutſch bat ſie mich, ſogleich in ihr Zimmer zu kommen, denn eine ihrer Nachbarinnen ſei bei ihnen erkrankt. Ich folgte ihr und war nicht wenig verwundert, als ich fand, daß wir nicht allein in demſelben Hauſe, ſondern auch in demſelben Stockwerke wohnten. * 44 Als ich in ihr Zimmer trat, fand ich die Mutter des Mädchens mit einer alten Frau beſchäftigt, welche ſich auf dem Boden in Krämpfen wälzte. Es wurde ein Arzt geholt, und wir brachten die Kranke, eine alte Ruſſin, welche im Hotel wohnte, mit Hülfe der Bedienung in das von ihr bewohnte Zimmer. Durch dieſen Vorfall knüpfte ſich unſere Bekannt⸗ ſchaft an. Die ältere Dame war eine Frau Spindler aus Berlin und das Mädchen eine Verwandte, welche ſie wie ihr eigenes Kind auferzogen hatte. Ich gebe hier in kurzen Worten Alles wieder, was ſie mir mittheilte. Sie war der jungen Louiſe halber nach Kreuz⸗ nach gekommen, die eine Brunnen⸗ und Badecur durchmachen ſollte. Nachdem die Bekanntſchaft gemacht war, befanden wir uns täglich und faſt ſtündlich beiſammen, und ich kann wohl ſagen, daß ich höchſt ſelten mit Perſonen in Berührung gekommen bin, die mir mehr behagt hätten als dieſe beiden Fremden. Ueber den Mann von finſterem Ausſehen, welchen ich ſtets auf Louiſens Wegen fand, erhielt ich durch einen Landsmann die Aufklärung, daß er ein eng⸗ liſcher Kosmopolit ſei, der, nachdem er die ganze Welt durchſtreift habe, von Gicht oder andern ähnlich en Krankheitsanfällen geplagt werde und ſich deshalb jetzt in Kreuznach aufhalte. Er galt für außerordentlich reich, weil er buch⸗ ſtäblich Geld rings um ſich ausſtreute. Im Uebrigen hielt er ſich von den andern Brunnengäſten entfernt, und es war durchaus unmöglich, zu näherem Umgange mit ihm zu gelangen. Ein Tag nach dem andern verfloß ſehr ſchnell, und in kurzem war ich bereits drei Wochen in Kreuz⸗ nach. Noch zwei und ich mußte mich nothwendiger⸗ weiſe von meinen liebenswürdigen Nachbarn trennen. Eines Tages äußerte ich zu Frau Spindler: „Haben Sie nicht einen Mann bemerkt, der beſtändig Ihren und Louiſens Wegen folgt?“ „Nein, Madame das habe ich nicht“, antwortete ſie mir und fah mich an. „Wenden Sie ſich um und werfen Sie einen Blick auf die Bank und Sie werden ihn dort entdecken.“ Frau Spindler that es, heftete aber nur einen flüchtigen Blick auf den Mann und ſagte:„Möglich, daß er von Lyuiſens Ausſehen frappirt worden iſt, aber er gehört nicht mehr dem Alter an, in welchem die Liebe eine Rolle ſpielt. Er kann ihr nicht gefähr⸗ lich werden.“ ———————————— —— 13 Dieſe Aeußerung führte uns zu einem Geſpräche über die menſchlichen Leidenſchaften. Frau Spindler drückte ſich auf eine Art aus, welche deutlich zu erkennen gab, daß ſie viel durch die⸗ ſelben gelitten habe. „Wiſſen Sie“, ſagte ich,„bevor ich Sie kennen lernte, hatte Ihr Aeußeres auf mich einen ſo lebhaften Eindruck gemacht, daß ich mir den Beſitz der Gabe wünſchte, im Buche der Vergangenheit leſen und die Geſchicke, welche Sie betroffen haben, kennen lernen zu können. Im Fortgange unſerer Bekanntſchaft iſt dieſer Wunſch immer lebhafter geworden, und jetzt in dieſem Augenblicke würde ich ſehr viel darum geben, Ihre Lebensgeſchichte kennen zu lernen.“ „Und weshalb?“ fragte ſie mit wehmüthigem Lächeln. „Weil die Prüfungen, welche Sie erduldeten, ihren Stempel auf Ihr Geſicht, ja Af Ihr ganzes Weſen gedrückt haben.“ „Es wäre kein Wunder, wenn dem ſo wäre.“ Sie ſeufzte und fuhr nach einer Pauſe fort:„Vor unſerer Trennung werde ich Ihren Wunſch erfüllen. Ich werde Ihnen meine kurze, aber düſtere Lebensge⸗ ſchichte erzählen.“ Hier wurden wir von Louiſen unterbrochen, welche zu uns kam. Sie hatte eine längere Spazierfahrt mit einigen jungen Damen aus Berlin gemacht, die zu ihrer Bekanntſchaft gehörten. Ein paar Tage nachher, als Louiſe in Geſellſchaft dieſer Landsmänninnen eine Vergnügungstour nach Wiesbaden machte, ſchlug Frau Spindler vor, daß wir, ſie und ich, den längſt beſprochenen, aber immer wieder aufgegebenen Beſuch des Rheingrafenſteins, einer höchſt merkwürdigen Ruine eine Stunde Wegs von Kreuznach, machen wollten. Ich nahm den Vor⸗ ſchlag mit Eifer an, wendete aber ein, daß es eine Sünde gegen Louiſe ſei, wenn ſie nicht mit wäre, da ſie ſo dringend gewünſcht hätte, grade dieſe Ruine näher zu betrachten. Frau Spindler antwortete auf meine Bemerkung: „In meiner Geſellſchaft kommt Louiſe niemals nach dem Rheingrafenſtein; ich habe ein Vorurtheil dagegen, ſie dorthin zu führen, das Sie begreifen werden, wenn wir dort geweſen ſind.“ Natürlich konnte ich nichts dagegen einzuwenden haben, ſondern es blieb bei dem Entſchluſſe, daß wir uns gleich am Nachmittage dorthin begeben wollten. Die Gans, der höchſte Kamm des Bergrückens, bewacht den Felſen des Rheingrafenſteins und iſt eins der unzähligen Zeugniſſe von Gottes Allmacht und 15 Größe, welche die Natur aufweiſen kann. Er erinnert an eine Zeit, in welcher unſer ſchöner Planet ein an⸗ deres Ausſehen hatte als jetzt. Die Gans iſt eine Zuſammenſetzung iſolirter plu⸗ toniſcher Maſſen, welche durch irgend eine unterirdiſche Kraft aus dem innern Schvoße der Erde emporge⸗ worfen wurden und ſich auf dieſer Ebene zu rieſen⸗ haften Felſen bildeten. Die Ausſicht von dieſem merkwürdigen Berge iſt über alle Beſchreibung entzückend. Am Fuße dieſer wolkenhohen Felſen ſtürzt der Strom nach dem ſchönen Münſter am Stein, und hin⸗ ter dieſem treten Kauzenberg und ein Theil von Kreuz⸗ nach hervor. Zur Rechten von Münſter hat man den gewaltigen Rothenfels mit ſeinen unzähligen Zinnen, Spitzen und Klüften, die in mannichfaltigen Farben⸗ tönen vom Roth bis zum Grün abwechſeln. Weiter⸗ hin zur Linken ſieht man das von Rebenhügeln um⸗ gebene Norheim, welches ſich gleichfalls auf den Rothen⸗ fels ſtützt; dann werden Augen und Sinne von den Ruinen der Ebernburg gefeſſelt. Weit in der Ferne und von den Sonnenſtrahlen beleuchtet erſcheinen der Johannisberg und Wiesbaden. Ueberall, wohin man blickt, eine unendliche Abwechslung von Wäldern, Wein⸗ bergen, grünenden Weinfeldern, blumigen Hügeln, 16 lachenden Thälern, bevölkerten Dörfern und Ueber⸗ bleibſeln entſchwundener Jahrhunderte. Das Gemälde war ſchön, der Eindruck ergreifend und die Erinnerung daran unauslöſchlich. Nachdem wir dies großartige Panorama lange Zeit betrachtet hatten, wanderten wir von der Gans hinab und nahmen den Weg rechts, um auf demſelben zu dem Berge zu gelangen, auf welchem die Ruinen des Rheingrafenſteins liegen. Nach einer ſehr mühſamen Wanderung befanden wir uns endlich auf der Plattform, welche ſich oben auf der Ruine bildet. Das Erſtaunen und die Verwunderung, welche die Sinne beim Anblicke der Ueberreſte dieſer Burg erfaſſen, die auf der Spitze eines lothrechten Felſens und gleichſam über dem Abgrunde ſchwebend erbaut iſt, kann in Worten nicht wiedergegeben werden. Oben auf der Ruine, wo ſich die Plattform bil⸗ det, ſteht ein kleines eiſernes Kreuz. Meine Aufmerkſamkeit war indeſſen ſo ausſchließ⸗ lich durch die Ausſicht von der Ruine gefeſſelt, daß ich ganz und gar vergeſſen hatte, auf meine Begleiterin zu achten. Endlich wendete ich mich zu ihr, um einige Fragen an ſie zu richten; aber dieſe erſtarben mir auf den 1 1 1 1½ Lippen, denn ich fand ſie am Fuße des kleinen Kreu⸗ zes niedergeſunken. Sie ſaß dort gleichſam wie ver⸗ nichtet von Ermüdung und ſtützte den Kopf mit der Hand. „Was fehlt Ihnen? Sind Sie unwohl?“ fragte ich erſchrocken. Frau Spindler erhob den geſenkten Kopf, richtete ihre großen ſeelenvollen Augen auf mich und ſagte ganz matt:„Es iſt nichts. Achten Sie nicht auf die Schwäche, welche mich ergreift, da ich nach Verlauf ſo vieler Jahre mich wieder hier befinde. Hier auf dieſem Platze habe ich als Kind geſpielt oder auf die Sagen dieſer Burg gelauſcht. Ach wie glücklich und wie unglücklich bin ich hier geweſen!“ „Sie haben alſo in dieſer Gegend gelebt?“ fiel ich ihr ins Wort. „Ja, meine Wiege ſtand in dem Thale am Fuße dieſes Berges.“ Dieſen Worten folgte ein Schweigen. Ich ſah ein, daß ich keine weitern Fragen thun konnte, welche die frühern Schickſale meiner Begleiterin berührten, ſondern äußerte nach Verfluß einiger Minuten:„Hat denn dieſe Ruine nicht irgend eine Geſchichte?“ „O jawohl, gewiß, obgleich ſie durchaus unvoll⸗ ſtändig iſt; aber was in geſchichtlicher Hinſicht fehlt, 2 Schwart, Novellen. III. 18 das hat die Sage zu erſetzen übernommen; denn der Sagen, welche von dieſen Ueberreſten einer ſtarken und mächtigen Burg umgehen, ſind viele und wunder⸗ liche. Die wirkliche Zeit ihrer Erbauung iſt unbekannt. Die erſten ſichern Nachrichten, welche man von ihr hat, ſchreiben ſich aus dem Jahre 1282, wo die Rhein⸗ grafen, nach der Schlacht bei Sprendling und der Zerſtörung ihrer Stammburg Rheinberg, hier Stein er⸗ bauten. Trotz der ſcheinbaren Unzugänglichkeit wurde die Burg dennoch mehrere Male von Feinden genom⸗ men und zerſtört. Der gänzliche Untergang des Rhein⸗ grafenſteins wurde 1689 von den Franzoſen herbeige⸗ führt, und ſeitdem blieb es eine Ruine, die einem düſtern Geſpenſte gleicht, welches die Spitze des Fel⸗ ſens bewacht.“ „Und wie lauten die Sagen, welche man von dieſem Steingeſpenſte berichtet?“ „Es ſind deren zu viele, als daß man alle wie⸗ derholen könnte“, antwortete Frau Spindler;„aber ich will Ihnen eine erzählen, welche auf mich, als ich jung war, einen gewiſſen Eindruck machte und die gewiſſermaßen eine Rolle in meinem Leben geſpielt hat. Dieſe Sage iſt mit meinem Kummer ſo innig verknüpft, daß ich im Zuſammenhange mit ihr meine Lebensgeſchichte erzählen und auf dieſe Weiſe ein Ihnen 19 gegebenes Verſprechen löſen werde. Dieſe Stelle ſcheint mir paſſend dazu, wenn Sie nichts dagegen haben.“ Ich verſicherte ihr, daß mir der Vorſchlag ganz beſonders angenehm ſei, und nachdem ich mich auf einen moosbedeckten Stein in einiger Entfernung von ihr niedergelaſſen hatte, begann ſie ihre Erzählung, welche wir hier nennen: Die Sage vom Rheingrafenſtein. „Ich verlor meine Eltern frühzeitig“, begann Frau Selma Spindler.„Sie wohnten dort unten im Hutten⸗ thal, welches unter uns am Fuße des Berges liegt. Als meine Eltern ſtarben, hinterließen ſie nichts als Schulden. Meiner Mutter Bruder, Konrad Spindler, welcher am Ende des Dorfes dort unten wohnte und ein großes Weinfeld beſaß, kaufte das Wohnhaus meiner Eltern und zog dorthin. Er nahm ſich der vater⸗ und mutterloſen Tochter ſeiner Schweſter wie ſeiner eigenen Kinder an und erzog mich neben ſeinen beiden Söhnen Rolf und Gerhard. Bevor ich jedoch fortfahre, von uns zu ſprechen, will ich Ih⸗ nen die Sage von der Erbauung des Rheingrafen⸗ ſteins erzählen. Während ich aufwuchs, befand ſich auch ein anderes vater⸗ und mutterloſes Mädchen, 2* 2 20 Namens Gretchen, im Thale, welches blödſinnig war. Man ſagte, daß ſie es durch eine unglückliche Liebe geworden ſei. Sie war das Entzücken aller Kinder, weil ſie alle Sagen von den Ruinen der Gegend kannte, insbeſon⸗ dere die vom Rheingrafenſtein. Kam irgend ein Fremder ins Dorf, ſo war Gretchen ſeine Führerin und berichtete ihm Glaubliches und Unglaubliches von den Ruinen. Sie pflegte auch ganze Tage hier oben zuzubringen und ihre Lieder von ſtolzen Rittern und ſchönen Jungfrauen zu ſingen. Ich beſonders hatte als Kind ein außerordent⸗ liches Gefallen an Gretchen gefunden und ging, ſo⸗ bald ich ſie ſah, hier herauf mit ihr, um eine neue Sage zu hören. Unter den vielen, welche ſie erzählte, machte die von der Erbauung des Rheingrafenſteins den tiefſten Eindruck auf mich und ich konnte ſie nicht oft genug von Gretchen wiederholen hören, die ihrerſeits ſich am meiſten dafür intereſſirte, gerade dieſe zu erzählen. Hören Sie alſo, wie ſie lautete: Es war vor vielen hundert Jahren ein Rhein⸗ graf, der mit dem Erzbiſchof von Mainz in Streit lag. Er gerieth während dieſer Fehde in ſo große 24 Drangſal, daß er ſeine Rettung in der Flucht ſuchen mußte und auf derſelben zu dem Felſen kam, auf welchem dieſe Ruinen jetzt liegen. „Hier möchte ich eine Burg haben, auf ihr würde ich den Prieſtern trotzen können. Aber kein Sterblicher wird es wagen, dieſen Felſen zu beſteigen, noch weniger dort eine Veſte zu bauen, wofern nicht der Teufel ihm als Baumeiſter dienen will.“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als auch ſchon Satan vor dem Grafen ſtand und ſagte:„Ich will Dir helfen, aber unter einer Bedingung, nämlich, daß der erſte, den ich durch das Fenſter der neuen Burg ſehe, mir gehört.“ Der Graf kämpfte anfangs gegen die Verſuchung, eine unüberwindliche Veſte auf der Spitze des Felſens zu erhalten, aber der Böſe überwand endlich ſeine Be⸗ denklichkeiten. Der Contract zwiſchen Satan und dem Grafen wurde aufgeſetzt. Als der Graf am Morgen des folgenden Tages erwachte, fiel ſein Blick auf den Berg, und ſiehe, da lag eine Burg, deren Zinnen und Thürme in der Morgenſonne glänzten. Ungewiß, ob er träume oder wache, rieb er ſich die Augen, aber die während der 22 Nacht von Herrn Beelzebub's dienſtbaren Geiſtern auf⸗ geführte Burg verſchwand nicht. Jetzt erinnerte ſich der Graf des eingegangenen Vertrags und ſeiner Seele bemächtigte ſich ein namen⸗ loſes Entſetzen. Er wagte nicht, das Schloß zu be⸗ treten. Während ihn dieſe Angſt beherrſchte, kam ſeine Frau, um ihren Mann durch eine erſonnene Liſt aus ſeiner Verlegenheit zu retten. Sie hatte, wie die Weiber zu allen Zeiten zu thun pflegen, das Geſpräch ihres Mannes mit dem Satan belauſcht und beſchloſſen, den Teufel anzuführen. „Mein Herr und Gemahl“, ſagte ſie zu dem be⸗ ſtürzten Grafen,„ſeid ohne Furcht und betretet Eure Burg ganz unerſchrocken, ich habe ſchon für den Bra⸗ ten des Teufels geſorgt.“ Den Berg hinauf ſchwankte vor dem Grafen ein alter Eſel her, auf deſſen Rücken man einen Ritter⸗ mantel gehängt und auf deſſen Ohren man ein Ba⸗ rett geſetzt hatte. In der Burg angekommen, ging der Eſel voran gerade auf das Fenſter los. Der Teufel wurde alſo von einem Weibe genarrt und mußte mit einem Eſel fürlieb nehmen; aber er ſchwor, ſich zu rächen. In der erſten Nacht, als der Graf und ſeine 3 23 Gemahlin im Schloſſe ſchliefen, trat Satan vor die letz⸗ tere hin und redete ſie an. „Du glaubſt, daß Du mich zum Beſten haben kannſt“, ſagte er,„aber Du ſollſt erfahren, daß das nicht angeht. Du wirſt innerhalb dieſer Mauern eine Tochter gebären, welche an Schönheit und Anmuth alle Töchter des Landes übertreffen wird. Im Alter von ſiebzehn Jahren wird ſie die Verlobte eines edlen Ritters werden, aber am Tage vor der Hochzeit wird ſie entfliehen, und wenn Du ſie wiederfinden willſt, wird das in meinem Reiche ſein. Diesmal ſollſt Du Dich meiner Herrſchaft nicht entziehen.“ Die Jahre verfloſſen; die Gräfin vergaß die Worte des Teufels. Sie gebar eine Tochter, welche ſchön wie ein Engel und der Stolz der Eltern wurde. Bei ihrer Geburt erinnerte ſich die Mutter der grauenvollen Prophezeiung, aber während das Mäd⸗ chen heranwuchs, fiel dieſelbe wieder in Vergeſſenheit. Die ſchöne Adelgunde wurde weit ringsum ihrer Reize halber gerühmt. Von nah und fern kamen Ritter, um ihre Liebe zu gewinnen, und wetteiferten um den Preis ihrer Hand; aber ſie mußten ſich ohne Erhörung wieder entfernen. Da fanden ſich zwei edle Ritter, Brudersſöhne ihres Vaters, ein. Der älteſte, Eberhard, kam, um Adelgundens Hand zu begehren; der jüngere, Kuno, begleitete ſeinen Bruder. Eberhard hatte einen offenen Sinn, ein edles Herz und war ſeiner Tapferkeit wegen bekannt. Kuno war ſchön und ein großer Dichter, der Männer und Frauen mit ſeinen Geſängen entzückte. Als Eberhard um die Hand der ſchönen Adel⸗ gunde anhielt, welche ihr Vater ihm im voraus ver⸗ ſprochen hatte, erhielt er ſie von ihr, ohne daß er nö⸗ thig gehabt hätte, ſich auf die Zuſage des Vaters zu berufen, und ſo wurden die beiden verlobt. Kurz darauf ward Eberhard einer Fehde mit einem andern Rheingrafen halber abberufen. Kuno blieb bei ſeines Bruders Braut zurück. Er ſang Tag und Nacht von Liebesglück; er wußte dies Gefühl in feurige Worte zu kleiden, und Adelgunde lauſchte ſeinen Geſängen und ſeinen Worten dergeſtalt, daß ihr eigenes Herz dabei erglühte und ſie Eberhard vergaß. Glücklich über ſeine vielen Siege kehrte der treue Bräutigam zurück, um ſeine Hochzeit mit Adelgunden zu feiern, die er von Herzen liebte. Aber Adelgundens Blick war ſcheu, und ihre Wan⸗ gen waren bleich, und ſie glühte nicht mehr für den welchen ſie geliebt hatte. 25 Eberhard merkte, daß die Braut nicht mehr wie früher war. Er drang in ſie, ihm anzuvertrauen, was ihr junges Leben quäle, und bat ſie, ihm die Wahrheit zu ſagen. Aber Adelgunde wollte nicht ein⸗ geſtehen, daß ihr Herz ſeinen Glauben betrogen habe und dem Einfluſſe einer verbrecheriſchen Liebe zu dem Bruder ihres Verlobten anheimgefallen ſei. Sie ant⸗ wortete, daß ſie dieſelbe ſei. Im großen Ritterſaale ſollte ein Gaſtmahl ſtatt⸗ finden, deſſengleichen man früher nicht geſehen hatte, denn der Graf wollte jetzt ſeine ſchöne Tochter ver⸗ mählen. In der Nacht vor der Brautnacht konnte Adel⸗ gundens Mutter nicht ſchlafen. Eine namenloſe Un⸗ ruhe hatte ihr Herz erfaßt. Gegen Mitternacht lag ſie noch wachend im Bette und hörte eine Stimme, welche ſie beim Namen rief. Sie richtete ſich ſchnell auf und blickte nach der Gegend hin, woher die Stimme kam. Die heilige Jungfrau ſtand vor ihr und redete ſie folgendermaßen an:„Unglückliches Weib, wie haſt Du über Dein Kind gewacht, daß Du es den Weg betre⸗ ten ließeſt, der zum Abgrunde führt! Stehe auf, ſchwache Mutter, geh'zu Deiner Tochter und ſieh, was aus ihr geworden iſt!“ Die heilige Mutter verſchwand, und die Frau des 26 Grafen, welche den Streich, den ſie dem Teufel ge⸗ ſpielt, und die Rache, welche er ihr geſchworen, völlig vergeſſen hatte, weckte ihren Gemahl und erzählte ihm die gehabte Offenbarung. Der Graf lachte darüber und ſagte, daß ſie geträumt habe; dann wendete er ſich der Wand zu und ſchlief. Die Gräfin konnte ſeinem Beiſpiele nicht folgen, ſondern eilte aus ihrem Schlafzimmer zur Kammer der Jungfrau. Als ſie vor dieſelbe gekommen war, hörte ſie Waf⸗ fengeklirr in derſelben. Sie riß die Thür auf, und vor ihren erſtaunten Augen ſtand ein ſchauerlich anzu⸗ ſehendes Bild. Eberhard und Kuno kämpften mitein⸗ ander in hartem Streite. Adelgunde lag ohnmächtig in einer Ecke des Zimmers. Die unglückliche Mutter ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. In demſelben Augenblicke durchbohrte Kuno's Schwert das Herz ſei⸗ nes Bruders. Die Unglückliche ſah nichts mehr, ſon⸗ dern ſtürzte zu Boden, aber ſie hörte das herzzerreißende Schreien ihrer Tochter und Satans Stimme, die ihr zurief:„Deine Tochter hat ihre Treue gebrochen, ſie hat beide Brüder geliebt und war die Urſache zum Bruderzwiſt, zum Brudermord; jetzt gehört ſie mir.“ Ein Schwefeldunſt erfüllte die Luft. Es krachte plötzlich wie ein furchtbarer Donnerſchlag. 27 Am Morgen darauf fand man die unglückliche Mutter leblos in ihrer Tochter Kammer liegen, und in dem Bette des jungen Mädchens ſchlief derſelbe alte Eſel, den Satan für Erbauung der Burg erhalten hatte. Gretchen pflegte dieſe Sage ſtets mit den Worten zu ſchließen:„Die Sage geht, daß die Liebe, welche in der Gegend der Ruine des Rheingrafenſteins er⸗ blüht, unglückbringend für die Liebenden iſt, und daß der Fluch, der auf der Burg ruht, nicht eher gelöſt werde, als bis die Geiſter Adelgundens und Eberhard's verſöhnt und die erſtere aus ihrem unterirdiſchen Ge⸗ fängniſſe erlöſt ſein und die Verzeihung der heiligen Mutter erhalten haben würde. Dies wird geſchehen, wenn hier auf dieſem Platze, auf welchem Adelgunde ihre Treue gegen Eberhard brach, zwei treue Herzen einander entgegenſchlagen.“ So lautete die Sage, welche ich von Gretchen hörte, und das war die abergläubiſche Moral, die ſie hinzufügte und welche, oft wiederholt, in meinen Kin⸗ derjahren einen tiefen Eindruck auf mich machte.“ Frau Spindler ſchwieg und ſaß eine Zeit lang in Gedanken vertieft, worauf ſie wieder zu ſprechen anfing: „Nachdem ich Ihnen nun die eigentliche Sage mit⸗ 28 getheilt habe, will ich im Zuſammenhange mit derſel⸗ ben die wahre Geſchichte meines eigenen Lebens fort⸗ ſetzen. Mein Oheim, der mich wie ſein eigenes Kind er⸗ zogen, war ein warmherziger Chriſt, ſtreng in ſeinen Sitten, ernſt in ſeinen Gedanken, feſt in ſeinem Glau⸗ ben und unbeſtechlich in ſeinem Pflichtgefühl. Er hatte auf dieſelbe Art wie ſein Vater und Großvater ſein Land bebaut, ſein Weinfeld bearbeitet und durch Leſen und Studien ſeinen Geiſt gebildet. In ſeinem Jünglingsalter hatte er ein paar Jahre auf einer der bedeutendſten Univerſitäten Deutſchlands zugebracht und dort den Grund zu dem Wiſſen gelegt, welches er ſpäter ſein ganzes Leben hindurch verwerthete. Im täglichen Umgange mit meinem Oheim zu leben und ihn nicht zu lieben, war unmöglich. Im Widerſtreit mit ſeinem Willen zu handeln, etwas zu thun, was ihm mißfiel, war ein Verſtoß, den ich ſchon als Kind für ein Verbrechen gehalten haben würde. Obwohl ich noch klein war, konnte ich doch zu ſeinen Füßen ſitzen und auf ſeine Worte wie auf eine erha⸗ bene und großartige Muſik lauſchen, die ich ſicherlich nicht recht faßte, die aber deſſenunerachtet mein Ohr bezauberte. Kurz, ſo lange ich zurückzudenken ver⸗ mag, war er das Theuerſte, was ich beſaß. 29 Schon ehe mich der Tod elternlos gemacht, hatte er ihm ſeine Gattin geraubt. Der Oheim war alſo für mich und ſeine Söhne Vater und Mutter zugleich. Seine und meiner verſtorbenen Mutter ältere Schweſter beſorgte ihm die Wirthſchaft. Muhme Monika war eine ganz gewöhnliche Frau, nicht beſſer oder ſchlechter als tauſend andere. Das einzige Hervorſtechende bei ihr war, daß ſie eine faſt leidenſchaftliche Liebe zu ihrem jüngſten Neffen Ger⸗ hard hegte, welchen ſie ſeit dem Tode ſeiner Mutter, als der Knabe erſt ſechs Monate alt war, unter den Händen gehabt hatte. Meine beiden Vettern Rolf und Gerhard waren an Gemüthsart und Charakter einander ſo ungleich wie Tag und Nacht. Der erſtgenannte war ſanften und ernſten Sin⸗ nes. Seinem Vater in Gedanken und Anſichten ähn⸗ lich, liebte er das Gute, Schöne, Edle und war voll⸗ kommen davon überzeugt, daß man auch im verborgen⸗ ſten Winkel der Erde nützen könne, wenn man nur die Liebe zu ſeinem Nächſten über die Liebe zu ſich ſelbſt ſetze. Rechtlich geſinnt und feſt, gehörte ſein Charakter zu denen, welche leicht ein Gepräge von Strenge an⸗ nehmen, wenn ſie übervortheilt werden. Gerhard dagegen war bildſchön von Geſicht, leb⸗ haft, heftig, wildgeſinnt und im höchſten Grade unbe⸗ ſtändig. Er fand unſer einſames Leben im Thale unerträglich einförmig, er ſehnte ſich hinaus, er wollte fort, um fremde Menſchen und Bewegung um ſich her zu ſehen. Heftig bis zur Bewußtloſigkeit, war er ſchon als Knabe eine Quelle ſteter Angſt für Muhme Monika und des Kummers für ſeinen Vater geworden, der dies Gemüth, welches bei dem geringſten Widerſtand erzürnt wurde, weder durch Strenge noch durch Güte zu zähmen vermochte. Gegen Rolf hegte der Bruder, ſo lange wie ich mich erinnern kann, ein durchgängiges Gefühl von Groll und Bitterkeit; anfangs entſtand es daraus, daß Rolf der Stärkere war, und wurde dann da⸗ durch genährt, daß dieſer in Sitten, Fleiß und Gehor⸗ ſam gegen den Vater ein Muſter war. Während Rolf heranwuchs, hatte er nur ein Be⸗ ſtreben, und dies war, daß der Vater ſich über ihn freuen und daß er, ſoviel in ſeinen Kräften ſtand, den Anſprüchen genügen möchte, welche dieſer an ihn ſtellte. Er wurde dadurch auch das Vorbild, das ich mir für meine Aufführung bildete, und in meinem Kinder⸗ herzen war Rolf nächſt meinem Oheim Konrad der⸗ 31 jenige, welchen ich bewunderte. Er war auch ganzer ſechs Jahre älter als ich und durch ſeine Zärtlichkeit für mich und ſeinen Verſtand mein Leitſtern zum Guten und Rechten. Gerhard dagegen machte die Freude und die Qual meiner Kindheit aus. Seine kecke Luſtigkeit ergötzte mich, ſeine Heftigkeit erſchreckte und thranniſirte mich. Luſtig, verwegen, kühn und launenhaft, war Ger⸗ hard für mich ein wahres Fieber. Ich wußte von einem Augenblick zum andern nicht, wie er gegen mich ſein würde; denn es bedurfte blos eines Wortes, um ihn unfinnig zu machen. Spielten wir, ſo langweilte er ſich ſogleich am Spiel und eilte von einem zum andern. Er konnte eine Sache mit der größten Be⸗ gierde wünſchen, ſobald ihm ein Hinderniß entgegen⸗ ſtand, und dann Allem trotzen und Leben und Glieder dafür wagen. Aber wenn er das erſehnte Ziel erreicht hatte, war das Wohlgefallen dahin, und dieſelbe Sache, welche er mit Blut und Leben hatte gewinnen wollen, war, ſobald er ſie hatte, von keinem Werthe mehr für ihn. Eines Abends hatte er hoch auf einem Baume, der ſich über einen Bach neigte, ein Vogelneſt entdeckt. Er erzählte dies, und daß er am folgenden Tage wil⸗ lens ſei, das Neſt herunterzuholen. Der Morgen kam, und er begab ſich ſchon mit 32 Sonnenaufgang dorthin. Er kletterte bis zur Spitze des Baums hinauf; aber es war ihm Jemand zuvor⸗ gekommen. Aus Aerger darüber, daß er in ſeinen Hoffnungen getäuſcht worden war, warf er ſich unvor⸗ ſichtig vom Baume herab und wurde blutend und ſchwerverwundet nach Hauſe getragen. Ein anderes Mal wollten Rolf und er einen Ritt nach der Ebernburg hinauf machen. Gerhard behaup⸗ tete, daß er zuerſt dorthin kommen würde. Rolf's Pferd war jedoch ſchneller als das Gerhard's, ſodaß er ein paar Minuten früher als ſein Bruder ankam, was dieſen ſo aufregte, daß er im Begriff ſtand, ſich von den Trümmern des großen Wartthurms herabzuſtür⸗ zen, der auf der Spitze des Felſens ſteht und über einer Tiefe von mehreren hundert Fuß hängt. Er wollte in Allem der erſte ſein und ertrug es nicht, daß man ihm das Recht beſtritt und ſeinen Wünſchen Hinder⸗ niſſe in den Weg legte. Daß eine ſolche Gemüthsart unaufhörlich dem Verdruſſe und der Beſtrafung eines klugen und unſich⸗ tigen Vaters ausgeſetzt war, verſteht ſich von ſelbſt; aber Strafen und Vorſtellungen bewirkten keine Ver⸗ änderung. Gerhard fürchtete keine Strafe und achtete auf keine Vorſtellungen, weil er Niemand oder nichts ſo ſehr liebte wie ſeine eigenen Wünſche. behe 33 Im Alter von ſiebzehn Jahren wurde er, wie vor⸗ her Rolf, nach Heidelberg geſchickt. Dort blieb der letztere drei Jahre. Aber Gerhard kam ganz unvermuthet nach einjähriger Entfernung nach Hauſe zurück. Seine Ankunft überraſchte alle, aber freute Niemand. Er kehrte faſt von Allem entblößt und zu Fuß zurück, weil er auf der Rückreiſe eine Tour durch die Rheinlande gemacht hatte. Während der erſten Wochen nach ſeiner Heimkehr ſchien er bedeutend verändert. Er war ſtiller gewor⸗ den und hielt ſich ruhig in unſerem Thale, ohne um⸗ herzuſtreifen, und ſchien jetzt, da Rolf nicht neben ihm ſtand, bemüht, den Vater mit den ſchlechten Reſultaten ſeines erſten Aufenthalts auf der Univerſität zu ver⸗ ſöhnen. Ruhe, Frieden und Arbeit waren jedoch nichts für ihn. Er langweilte ſich auch bald und begann ſchon, auf der Jagd umherzuſtreifen, und fing verſchie⸗ dene Streitigkeiten mit der Jugend der Gegend an. Nach Büchern und Studien fragte er nichts, und als ihm der Vater dies vorhielt, antwortete er: „Laß mich nochmals zur Univerſität gehen und ich verſpreche Dir, ein tüchtiger Mann zu werden. Ich bin nicht zum Weingärtner geboren. Nach Heidel⸗ berg will ich jedoch nicht gehen, ſondern nach Berlin.“ Gewiſſenhaft in Allem, wie der Oheim war, rüſtete Schwartz, Novellen. MII. 3 er den Unruhe ſtiftenden Sohn zum zweiten Male aus und ſchickte ihn nach einjährigem Aufenthalte in der Heimat nach Berlin. Kurz nach ſeiner Abreiſe kam Rolf zurück und ſollte nun die Bebauung der Aecker und die Fürſorge über die weitgeſtreckten Weinberge übernehmen. Zwei Jahre verfloſſen, während welcher Gerhard von der Heimat entfernt blieb. Wie er während dieſer Zeit ſeinen Studien ob⸗ lag, weiß ich nicht. In Geldangelegenheiten forderte er vom Vater nicht mehr, als ihm dieſer ausgeſetzt hatte, aber Muhme Monika ſchickte ihm von ihrem beſondern Einkommen eine Summe nach der andern. Während ſeiner Abweſenheit verging die Zeit in unſerem Thale wie ein lächelnder Traum. Der Oheim und Rolf beſchützten mich mit aller möglichen Liebe und der letztere wurde jetzt mein Lehrer. Ich erhielt durch ſeine Fürſorge eine Bildung, weit über die hinaus, welche andere Mädchen in dieſer Gegend genoſſen. Beide ſahen, ernſt religibs, Romane und ſolche Bücher, welche die Einbildungskraft erhitzen, für ſchäd⸗ lich an, und in unſerer kleinen Heimat befand ſich kein einziges Buch der Art, ſondern nur ſolche, welche den Verſtand und das Herz bildeten. 35 Ohne Alles, was die Phantaſie ſteigern oder die Begierde nach dem Romantiſchen hätte erwecken können, entwickelte ich mich vom Kinde zum Mädchen. Umgeben von einer ſchönen und großartigen Na⸗ tur, beſchützt von der uneigennützigſten Freundſchaft und nur in einer moraliſchen Atmoſphäre athmend, konnte ich ſagen, im Beſitze alles deſſen zu ſein, was auf mein moraliſches, intellectuelles und äſthetiſches Weſen vortheilhaft einzuwirken im Stande war. Ich fühlte mich auch während dieſer Jahre, als mein Ver⸗ ſtand zu vollem Bewußtſein erwachte, ſo glücklich in dieſem verborgenen Erdenwinkel, ſo dankbar gegen die Vorſehung für das Glück, welches ich genoß, daß ich keinen unerfüllten Wunſch hatte. Alles war Frieden, Alles war Harmonie ſowohl in als außer mir. Ich genoß mein Daſein, wie der Vogel im Walde das ſeinige genießt, wenn er fröhlich ſeinen Geſang an⸗ ſtimmt. Ich liebte und verehrte meinen Oheim und Rolf und wurde von ihnen geliebt. Ich dachte nicht an die Möglichkeit, daß es anders werden könnte, als es war.“ Frau Spindler ſtützte den Kopf mit der Hand und fuhr im Tone tiefer Trauer fort: „O, wenn ich an dieſe Tage des Friedens und der Glückſeligkeit zurückdenke, ſcheint es mir, als müſſe 3* 36 mein damaliges hohes Gluck in ſeinem Schooße alle die Leiden getragen haben, welche mich ſeitdem trafen. Von der Höhe des Glücks fällt man leicht in die Tiefe des Unglücks hinab. Eines Tages im Frühlinge— ich hatte damals mein ſechzehntes Jahr vollendet— ſagte der Oheim Konrad zu mir:„Nimm Deinen Hut, Selma, und laß uns einen Spaziergang nach Weirenthal machen. Ich habe Dir etwas zu ſagen.“ Erfreut, ihn begleiten zu können, kam ich dem Befehle nach. Wir gingen auf dem Bergwege vor⸗ wärts, welcher links bei unſerer Wohnung abging und ſich zwiſchen dichtbelaubten Baumgruppen und Brom⸗ beergeſträuchen hinſchlängelte, und folgten einem klaren Bache, der munter aus den ſteilen Abhängen hervor⸗ rauſcht, bis wir nach Weirenthal kamen, wo Ulrich von Hutten, wie man behauptet, während ſeines Aufent⸗ halts auf der Ebernburg viele einſame und ſchöne Stunden verlebte. Weirenthal war ein Ort, wohin der Oheim ſeine Spaziergänge vorzugsweiſe richtete. Auf dem ganzen Wege ſprach er nur von den Herrlichkeiten des Pflanzenreichs. Als wir nach Weirenthal kamen, ſetzte ſich der Oheim unter einen großen Baum am Rande des 37 Baches; er zog mich darauf an ſeine Seite nieder und ſagte:„Jetzt, mein Kind, wollen wir ein paar ernſthafte Worte ſprechen. Bisher iſt Dein Leben wie ein ſtiller Traum verfloſſen, ohne daß Du einmal an die Möglichkeit gedacht haſt, daß es ſeine Form ver⸗ ändern könnte, und dennoch, Selma, kann das ſehr leicht eintreten. Es kann dem Herrn des Himmels gefallen, mich abzurufen, und dann ſtehſt Du ohne Stütze da, ein ſchutzloſes, den Stürmen des Geſchicks ausgeſetztes Rohr. Meine Pflicht befiehlt mir, ſoviel in meinen Kräften ſteht, für Deine Zukunft zu ſorgen und Dein Glück zu ſichern. Als Deine Mutter auf dem Sterbebette lag und mir das Theuerſte vermachte, was ſie beſaß, ihre Tochter, verſprach ich ihr, mit Gottes und der heiligen Jungfrau Hülfe Dich davor zu ſchützen, daß Dich daſſelbe unglückliche Schickſal träfe, dem ſie zum Opfer gefallen war, nämlich vor Kummer darüber zu ſterben, daß ſie ihre Liebe an einen Gatten verſchwendet, welcher derſelben unwürdig geweſen war. Ich verſprach, Dich vom Einfluſſe der Leiden⸗ ſchaften Anderer fern zu halten und Dein junges Herz vor ihrer Herrſchaft zu ſchützen, während ich Dir, weit vom Tummelplatze der Welt entfernt, ein unbe⸗ merktes Glück zu bereiten ſuchte.“ 38 Der Oheim ſchwieg, und ich wagte mich nun mit der Frage hervor, ob meine Mutter unglücklich ge⸗ weſen ſei. „Ja, ſehr“, antwortete der Oheim. Er legte ſeine Hand auf meinen Kopf und fuhr fort:„Ich liebe Dich, Du einziges Kind meiner heimgegangenen Schwe⸗ ſter, ſo ſehr, daß Du den erſten Platz in meinem Her⸗ zen einnimmſt, und würde es nicht verzeihen, wenn einer meiner Söhne in Zukunft Kummer auf dieſes Haupt häufen ſollte. Etwas Derartiges wäre eine ſo ſchwere Prüfung, daß ich glaube, mich würde die Kraft verlaſſen, ſie mit Ergebung zu tragen. Möge die Mutter Gottes über Dich wachen und Dich beſchützen, Du Freude meiner Augen.“ Während der Oheim dieſe Worte ſprach, rauſchte es in den Gebüſchen hinter uns; Gretchen, das blöd⸗ ſinnige Mädchen, ging vorüber und ſagte:„Guten Abend, ich ſoll vom Rheingrafenſtein grüßen. Es lagert ſich dort oben ein Unwetter: es ſtehen wunderſame Dinge bevor. Seid auf der Hut, Ihr dort unten im Hutten⸗ thal, denn Ihr werdet es ſein, die das Unglück trifft. Gretchen verſchwand durch die Krümmung des Weges. Der Oheim ſaß eine lange Zeit ſchweigend da. —ZZ 39 Auf ſeiner ſonſt ſo ruhigen und heitern Stirn weilte ietzt eine Wolke des Kummers. Ich, die nicht im geringſten von Furcht vor der Zukunft oder von traurigen Ahnungen gequält wurde, legte kein Gewicht auf das, was das blödſinnige Mäd⸗ chen geſagt hatte, ſondern verwunderte mich nur über das veränderte Ausſehen des Oheims. Er ſchwieg lange Zeit hindurch. Endlich zog er die Hand zurück, welche auf meinem Kopfe lag, ſtrei⸗ chelte mir die Wangen und ſagte:„Wie ſehr wir auch unſern Verſtand zu bilden und aufzuklären ſuchen, um alle Vorurtheile aus unſerer Seele zu verbannen, ſo wird doch immer ein Schatten von Aberglauben in ihr zurückbleiben. So auch bei mir. Ich habe mein gan⸗ zes Leben hindurch daran gearbeitet, ein aufgeklärter Chriſt zu werden, der ſeinen Glauben oder ſein Ver⸗ trauen auf nichts Anderes als auf den allgütigen Gott ſetzt, und doch überraſche ich mich jetzt dabei, daß ich die Worte eines blödſinnigen Mädchens Eindruck auf mich machen laſſe; und weshalb? Ja, deshalb, weil ihre Weiſſagung das Liebſte betrifft, was ich be⸗ ſitze— mein Kind. So geht es! Wenn ſich das Herz zu ſehr an irdiſche Weſen hängt, wird es auch von ungebührender Furcht vor zeitlichem Unglücke beunruhigt. Möge mir Gott dieſe Sünde in Gnaden vergeben!“ 40 Der Oheim faltete die Hände und verſank in ein ſtilles und ſchweigſames Gebet; hierauf bekreuzte er ſich und begann, zu mir gewendet, wieder:„Ehe ich Dir mittheile, was ich in Betreff Deiner Zukunft hoffe und wünſche, will ich, dem Verlangen Deiner abge⸗ ſchiedenen Mutter gemäß, Dir ihre Lebensſchickſale in der Kürze erzählen. Sie ſind ein ſprechender Beweis davon, daß das menſchliche Glück niemals aus irdiſchen Leidenſchaften emporblühen kann. Deine Mutter war ſchön und gut. Sie war, wie Monika und ich, in dem Hauſe geboren und er⸗ zogen, welches ich jetzt bewohne. Als Deine Mutter ſiebzehn Jahre alt war, bewarb ſich ein angeſehener Mann aus Kreuznach um ſie. Unſer Vater verſprach ihm die Hand der Tochter. Die Partie war der Art, daß ſie alle möglichen Ausſichten auf Glück in ſich zu vereinigen ſchien; aber da unſer Vater Deine Mutter für zu jung hielt, ſollte die Verlobung erſt nach Ver⸗ lauf eines Jahres ſtattfinden. Unterdeſſen wurde Dein Vater in dem gaſtfreien Hauſe unſerer Eltern bekannt und faßte für meine ſchöne Schweſter eine lebhafte und leidenſchaftliche Neigung. Dieſe ergriff, wie eine anſteckende Krankheit, auch ihr Herz, ſodaß ſie unter dem Einfluſſe derſelben unſerem Vater ſagte, ſie könne nicht die Gattin deſſen werden, dem er ihre Hand 4¹ verſprochen habe, ſondern ihr Glück und ihr Frieden forderten, daß ſie den heirathe, welchen ſie liebe. Unſer Vater wollte ſie nicht zu einer Che gegen ihre Neigung zwingen, und ſo wurde ſie Deines Vaters Gattin, und zwar mit einer ſolchen Haſt, daß man ſagen konnte, ſie habe ſich kopfüber in den Brautſtuhl ge⸗ ſtürzt. Die erſten Monate ihrer Ehe waren ein ein⸗ ziger Seligkeitsrauſch, aber wie bei jedem andern Rauſche folgte auch hier ein Erwachen, und da be⸗ merkte Deine Mutter ihres Mannes verändertes Be⸗ nehmen. Der Becher der Freude war ausgetrunken, die Liebe erſchlaffte und Langeweile nahm ihren Platz ein. Er liebte ſeine Frau nicht mehr, das Haus war ihm zu einförmig; das Kindergeſchrei ſchien ihm uner⸗ träglich und das Eſſen war ihm niemals recht. Er wurde nach und nach eine immer ſeltenere Erſcheinung in ſeinem eigenen Hauſe. Ganze Tage lang war er auswärts, und endlich zog er lange Reiſen vor. Die Zärtlichkeit, welche er einmal an ſeine Frau verſchwen⸗ det hatte, ſchenkte er nun andern Weibern. Er ver⸗ nachläſſigte ſein Eigenthum und ſeine Geſchäfte. Er verſchwendete ſein Vermögen und ſtarb, fern von ſeiner Frau, ſeinem Kinde und ſeiner Heimat, an den Folgen eines Duells, das er in Wiesbaden gehabt hatte. Gram, Eiferſucht und Kummer hatten Deiner Mutter Geſund⸗ 42 heit untergraben, ſodaß ſie ihrem Manne binnen kur⸗ zem ins Grab folgte und Dich meiner Pflege anver⸗ traute. Und nun, Selma, welche Lehre kann man aus dem Leben Deiner Mutter ziehen? Gewiß die, daß, wenn der Menſch im Augenblicke der Leidenſchaft über ſein Schickſal verfügt, er auf lockern Sand baut und früher oder ſpäter unter den Trümmern des Gebäu⸗ des begraben werden muß. Hätte ſich Deine Mutter mit dem Manne verbunden, welchen ihr unſer Vater beſtimmt hatte, ſo würde ſie zum Genuſſe des wahren und ſichern Glücks gekommen ſein, dem eine gegen⸗ ſeitige Achtung und Ergebenheit zu Grunde liegt. Ihre letzten Worte zu mir waren auch, daß ich es Dir ſo vorſtellen ſollte, damit Du nicht gleich ihr dahin kom⸗ men möchteſt, den echten Edelſtein fortzuwerfen, um nach dem unechten zu greifen, der glänzender ſcheint.“ Es trat abermals eine Pauſe ein. Ich fühlte mich durch die Erzählung von der kurzen, aber un⸗ glücklichen Ehe meiner Mutter niedergeſchlagen. Sicherlich konnte man auf meinem Geſichte leſen, was ich empfand; denn mein Oheim ſagte nach langem Schweigen:„Wäre ich der Stimme meines eigenen Herzens gefolgt, ſo hätte ich Dich niemals in die Lei⸗ den Deiner Mutter eingeweiht; allein ſie hat es ſo gewollt, und jetzt, mein Kind, iſt der ſchmerzliche Auf⸗ 43 trag vollzogen. Laß uns alſo zu etwas Fröhlicherem übergehen!“ Er nahm mich beim Kinn, hob meinen Kopf in die Höhe und ſagte:„Sage mir jetzt, was denkſt Du von Rolf?“ „Was ich denke?“ rief ich aus.„Ei nun, daß er, nächſt Dir, der vollkommenſte Menſch iſt, den die Erde trägt. „Das wäre jedenfalls von ihm und von mir allzuviel geſagt“, meinte der Oheim.„Es gibt keinen einzigen vollkommenen Menſchen; wir ſind alle große Sünder vor dem Herrn. Du hältſt alſo viel von ihm? „Mehr, als ich ſagen kann.“ Es freut mich, das zu hören. Du würdeſt alſo nichts dagegen haben, ſeine Frau zu werden?“ „Oheim!“ rief ich aus und ſtarrte den Greis an. Ein Gefühl von Beſtürzung hatte mich erfaßt, denn ungeachtet ich viel von Rolf hielt, wie ein ſieb⸗ zehnjähriges Herz zu lieben vermag, ſo war ich doch niemals auf den Gedanken gekommen, daß er mein Mann werden oder daß unſer verwandtſchaftliches Verhältniß ſich zu einer Che umgeſtalten könnte. Der Oheim begann ganz ruhig von neuem:„Rolf liebt Dich ernſtlich mit jenem tiefen und wahren Ge⸗ fühle, welches ein Bürge für das Glück der Zukunft 44 zu ſein pflegt. Er iſt ein braver Junge, der niemals Kummer über Dein Haupt bringen wird, ich kann Deine Zukunft getroſt ſeinen Händen anvertrauen. Du Deinerſeits biſt eine kleine liebenswerthe Taube, gewohnt, in Deinem Hauſe zwiſchen den Bergen zu girren, mit einem ſolchen Gemüthe und ſolchem Her⸗ zen, daß er bei Dir ſein ganzes Glück finden wird. Gott in ſeiner Gnade wird denen, die ihn lieben und ihm gehorchen, Wohlgefallen ſchenken. Durch dieſe Ver⸗ bindung, mein Kind, habe ich Dir eine Stütze gegen die Stürme des Lebens gegeben, und wenn ich nicht mehr ſein werde, haſt Du in ihm Deinen Beſchützer, Deinen Freund, Dein anderes Ich. Verheirathet mit Rolf wird kein Feuer der Leidenſchaft Deine Seele berühren oder Dein Herz entflammen, ſondern Du wirſt in einer reinen Liebe Frieden finden. Nun, mein Kind, willſt Du meinen Sohn Rolf haben?“ Meine Antwort war, daß ich mich in die Arme meines Oheims warf und ihm verſicherte, daß ich über die Wahl, welche er für mich getroffen hätte, glücklich und ſtolz wäre. Wir kehrten darauf nach Hauſe zurück. Rolf wollte ein paar Tage ſpäter eine Geſchäfts⸗ reiſe nach Bingen unternehmen und ſpäteſtens nach einer Woche zurückkehren. Nach ſeiner Rückkunft wollte 45 man die Vorbereitungen zur Hochzeit treffen, ſodaß ſie in der Mitte des Sommers ſtattfinden könnte. So ſagte mir der Oheim auf dem Rückwege. Ich unterlaſſe es, von dem Augenblicke zu ſprechen, in welchem mich Rolf als ſeine künftige Gattin an ſein Herz drückte. Damals fühlte ich zum erſten Male, wie ich ihn von ganzer Seele liebte, und damals lehrte er mich verſtehen, wie ſehr ich geliebt wurde. Zwei Tage ſpäter, gleich nach dem Mittagsmahl, begab ſich Rolf auf die Reiſe. Es ſchien mir damals bitter, mich von meinem künftigen Bräutigam zu trennen. Und als er fort war, ging ich hierher nach der Ruine, um ungeſtört an meinen Geliebten zu denken. Ich ſetzte mich auf denſelben Platz, wo ich jetzt ſitze. Die Strahlen des Mondes beleuchteten die Gegend, und ich ſandte ein Dankgebet für das Glück zu Gott, welches mir entgegenlachte und welches ich ſchon als mein betrachtete. Ganz plötzlich wurde die Stille durch einen Geſang unterbrochen, welchen man aus der Ferne vernahm, der aber immer näher und näher kam. Es war ein Lied, welches ich oft mit meinen Vettern zuſammen geſungen hatte. Die Worte von Pfarrius enthielten eine Schilderung, wie heiter es vormals auf dem Rheingrafenſtein zugegangen war. 46 Die Stimme, welche es ſang, hatte ich ſicherlich ſeit ein paar Jahren nicht gehört; und obwohl ſie jetzt ſtärker als damals klang, ſo war ſie mir dennoch ſo wohlbekannt, daß ich ganz fröhlich von meinem Platze aufſprang und ausrief:„Gerhard!“ Wenige Augenblicke ſpäter wurde der Sänger ſichtbar. Ich hatte mich nicht getäuſcht; es war in der That Gerhard, und er war bald an meiner Seite. Seine Freude über das Wiederſehen war ſtürmiſch. Er küßte meine Hände, er zog mich in ſeine Arme, er hob mich in die Höhe; und wiederholte tauſend⸗ mal, daß er glücklich darüber ſei, ſeine geliebte kleine Schweſter wiedergefunden zu haben, daß er aus Freude darüber nicht wiſſe, was er thue. Nachdem ſich der erſte ſtürmiſche Ausbruch gelegt hatte, ſetzten wir uns nebeneinander, um zu plaudern. Er that in einem Athem eine Menge Fragen, gab mir jedoch keine Gelegenheit, ſie zu beantworten, ſondern ſagte ſelbſt als Entgegnung auf dieſelben: „Wie kindiſch bin ich, zu fragen, da ich doch recht wohl weiß, daß ſich in unſerem lieben Thale nichts zuträgt, ſondern daß hier Alles ſeinen ſchlichten Gang fortgeht.— Nichts ereignet ſich oder geſchieht; das Leben ſtürmt jenſeits dieſer Berge, ohne in dieſe Thäler einzudringen. O wie glücklich biſt Du, die Du 1 47 niemals Dein Thal verlaſſen haſt! Ich beneide Dich wegen Deiner Unbekanntſchaft mit der Welt, und ich bin auch zu Euch zurückgekehrt, um hier zu leben und zu ſterben. Nun, liebe Selma, haſt Du auch ein wenig an mich gedacht?“ ſagte er und ſchloß meine Hand in die ſeinige. „Gewiß hab' ich das“, war meine Antwort. „Du hatteſt vielleicht Deine Gedanken auf mich gerichtet, als Du meinen Geſang hörteſt?“ „Ach nein, da dachte ich an etwas ganz Anderes. Du ſagteſt, daß ſich hier in unſerem Thale nichts zu⸗ trüge; aber Du irrſt Dich. Es hat ſich allerdings et⸗ was Ungewöhnliches zugetragen.“ „In der That! Hat Rolf aufgehört, ein Heiliger zu ſein, oder hat ſich zufällig irgend ein moderner junger Mann hierher verirrt, oder— „Ach, Du kannſt unmöglich errathen, was es iſt, lieber Gerhard, und thuſt am beſten, es nicht zu ver⸗ ſuchen.“ „Nun, das klingt gut. Ich kann Dir aber im voraus verſichern, daß ich weiß, hier kommt nichts von ungewöhnlicher Beſchaffenheit vor. Ich kenne diefe Gegenden, man lebt und ſtirbt, ohne zu wiſſen, daß man gelebt hat.“ „Und man verheirathet ſich“, fiel ich ihm ins Wort. 48 „Aha, Rolf hat ſich alſo eine Frau gewählt? Nun, Glück zu! Sie iſt wohl ſo langweilig wie die ſieben Faſttage?“ „Ich weiß nicht, wie Du ſie findeſt“, antwortete ich lächelnd.„Rolf's künftige Frau haſt Du jetzt vor Augen, denn ich bin es, mit der er ſich verheirathen wird.“ „Mit Dir?“ rief Gerhard aus, indem er ſich er⸗ hob.„Nein, Selma, das iſt nicht möglich!“ „Ja, das iſt nicht allein möglich, ſondern es iſt eine ausgemachte Sache“, ſprach eine Stimme hinter uns. Wir wendeten uns um, und Gretchen ſtand da, gerade am Wege zum Thale.„Erinnern Sie ſich der Sage von der ſchönen Adelgunde, welche der Böſe davonführte?“ fragte ſie mich mit ihrem blödſinnigen Lächeln.„Dieſe Sage wiederholt ſich jeden Tag.“ Von demſelben Gefühle getrieben, erhoben wir uns raſch. Ohne Gretchen's Frage zu beantworten, gingen wir ſchweigend den ſteilen Pfad hinab, welcher von der Ruine ins Thal führt. Als wir in der Mitte des Weges waren, ergriff Gerhard meine Hand. „Das iſt wohl nur ein Scherz, Selma, daß Rolf und Du ein Paar werden ſollen? Du willſt mich nur necken?“ „Warum ſollte ich das wollen?“ antwortete ich. S 49 „Einerlei, warum; ſage nur, daß dem ſo iſt“ „Das kann ich nicht, Gerhard, die Sache iſt eben⸗ ſo gewiß, als daß wir uns auf dem Wege nach Hauſe befinden. Vor zwei Tagen wurde es abgemacht, und Mitte Sommer iſt unſere Hochzeit.“ Ich ſagte das mit dem kindiſchen Stolz, den ein ſiebzehnjähriges Mädchen empfindet, wenn es von ſeiner Hochzeit ſpricht. Gerhard drückte heftig meine Hand und murmelte: „Unbedachtſames Kind, warum ſagteſt Du mir das! Aber es iſt lange hin bis zur Mitte Sommers, und es kann ſich bis dahin viel zutragen. Geſtehe, wenn Du ſelbſt zu wählen gehabt hätteſt, ſo würdeſt Du Rolf niemals gewählt haben.“ „Ja, das hätte ich ganz gewiß“, rief ich aus. „Mein Herz fühlt ſich glücklich, ihm anzugehören.“ „Du machſt mit dieſen Worten das Schlimme noch ſchlimmer. Es wäre beſſer geweſen, Du hätteſt mich das Gegentheil glauben laſſen.“ „Liebſter, beſter Gerhard, wie wunderlich Du ſprichſt! Wen in der ganzen Welt hätte ich lieber zum Manne wählen ſollen als Rolf?“ „Mich! ſ6 Er ſtand in dieſem Augenblicke ſo, daß der volle Schwartz, Novellen. III. 4 50 Mondſchein auf ſein bildſchönes Geſicht fiel. Ein wunderliches Gefühl durchfuhr meine Seele. Ich empfand etwas der Furcht Aehnliches, und ich hätte große Luſt gehabt, weit von ihm fort zu fliehen. So muß Kuno, der Adelgunde zur Untreue verführte, ausgeſehen haben, dachte ich unfreiwillig und wendete mich ab. Einige Tage nach Gerhard's Rückkunft erhielten wir einen Brief von Rolf, daß er Geſchäfte halber nach Koblenz und Berlin reiſen müſſe und vor zwei bis drei Wochen nicht zurückkommen könne. Dieſe Neuigkeit betrübte mich. Ich fühlte mich Gerhard's wegen beunruhigt, der bei der Nachricht von der verlängerten Abweſenheit des Bruders ganz froh zu ſein ſchien. So ruhig und friedlich meine Tage bis dahin verſtoſſen waren, ſo ſtürmiſch wurden ſie jetzt. Gegen den Vater war Gerhard zärtlicher, auf⸗ merkſamer und ergebener als jemals zuvor. Er richtete ſich nach deſſen Wünſchen und fügte ſich in den Willen deſſelben. Er gab ihm niemals Grund zum Mißver⸗ gnügen, aber er hielt den Zwang, welchen er ſich bei ihm auferlegte, mir gegenüber für überflüſſig. In der einen Stunde war er heftig, bitter und unverträglich, in der andern wieder zärtlich, unglücklich und verzweifelt. 54 Wir waren noch nicht lange zuſammen, als er mir ſagte, daß er mich liebe und daß er den Tag nie⸗ mals überleben würde, an welchem ich eines Anderen Gattin würde. Unbekannt mit den menſchlichen Leidenſchaften, ohne alles Vermögen, den Ausbruch derſelben zurück⸗ zuhalten, wurde ich der Gegenſtand einer leidenſchaft⸗ lichen Liebe. Er verfolgte mich mit ſeiner Eiferſucht, quälte mich mit ſeinen Klagen und konnte mit Schil⸗ derungen ſeiner Pein mein Herz zerreißen, bis er irgend einen Ausdruck des Mitleids erzwungen hatte, welcher der Zärtlichkeit ähnlich war. Wäre ich weniger uner⸗ fahren geweſen, ſo würde ich auch gewußt haben, daß das Einzige, was ein ehrenwerthes Mädchen thun kann, wenn es ſieht, daß es der Gegenſtand einer Liebe iſt, die es nicht erwidern kann, darin beſteht, daß es be⸗ ſtändig eine eiſige Kälte bewahrt und ſich nicht aus Mitleid verführen läßt, unwillkürlich ein Gefühl auf⸗ zumuntern, welches es nicht zu theilen vermag. Nun konnte Gerhard durch ſeine wilden Ausbrüche mich zu Vielem bringen, was ich ſpäter mißbilligte. Ich beglei⸗ tete ihn auf ſeinen Spaziergängen hier herauf, ich weinte über ſeine Qual und ſuchte ſie durch meine Freundlichkeit zu mildern. Meinem Oheim wollte ich nicht ſagen, daß Ger⸗ 4 52 hard mich mit ſeiner Liebe verfolgte, weil ich den Greis nicht betrüben oder das gute Verhältniß zwi⸗ ſchen Vater und Sohn ſtören wollte. Ich hoffte Alles von Rolf's Zurückkunft. Es fiel mir keinen Augenblick ein, daß Gerhard als ein Hinderniß meiner Verbin⸗ dung mit Rolf auftreten könnte. Endlich kam Rolf zurück. Ich warf mich mit einem Freudenſchrei in ſeine Arme, und er ſchloß mich ſo treu, ſo warm an ſeine Bruſt, drückte einen Kuß auf meine Stirn und nannte mich bei den zärtlichſten Namen. Ich fühlte mich ſo ſicher, ſo ruhig und glaubte jetzt die Freiſtatt gefunden zu haben, in der ich ohne Unruhe vor den Stürmen des Lebens weilen konnte. Hierher ſollte mir Gerhard's wilde Liebe nicht folgen. In meiner Freude, Rolf wiederzuſehen, vergaß ich, daß Gerhard wenige Schritte entfernt ſtand, bis mich der Ton ſeiner Stimme daran erinnerte. Willkommen daheim, Rolf“, ſagte er,„ich habe ſchon lange gewünſcht, Dich zu treffen. Ich richtete mich erſchreckt aus Rolf's Armen auf. Ich erinnerte mich jetzt, daß Gerhard ein paar Tage vorher geſagt hatte, daß er, wenn ich in ſeiner Gegen⸗ wart wagte, gegen Rolf das allergeringſte Zeichen von S——— 53 Zärtlichkeit zu zeigen, es an dieſem rächen wolle, ihn um ſein Glück beſtohlen zu haben. Rolf wendete ſich von mir zu ihm und reichte ihm freundlich die Hand mit den Worten:„Guten Tag, Gerhard. Ich ſah Dich nicht in meiner Freude, Selma wiederzuſehen. Du weißt ja, was ſie mir jetzt iſt, und Du begreifſt alſo auch, daß ich bei ihrem An⸗ blick alles Andere vergeſſen mußte.“ „O ja, das begreife ich ganz gut“, antwortete Gerhard mit bleichen Lippen und fügte mit Hohnlächeln hinzu:„Die brüderliche Zuneigung leidet gewöhnlich Schiffbruch, wenn die Liebe ins Spiel kommt.“ Man iſt Egviſt, wenn man jung und verliebt iſt. Alle Angſt, alle Furcht, Unruhe und Mitleid, die ich in Betreff Gerhard's hegte, waren ſeit Rolf's Rückkehr vergeſſen, ich gedachte Gerhard's nicht und genoß mein Glück in vollen Zügen. Einige glückliche Tage vergingen. Gerhard ſtreifte auf der Jagd umher und war niemals zu Hauſe. Rolf und ich ſchwärmten, wie wei glückliche junge Leute zu thun pflegen. Wir bau⸗ ten Luftſchlöſſer für die Zukunft, und ich vergaß dar⸗ über, Rolf anzuvertrauen, was während ſeiner Ab⸗ weſenheit vorgefallen war, oder, wie ich beſchloſſen hatte, von Gerhard's Liebe zu mir zu ſprechen. Ich 54 dachte nicht mehr daran, da Gerhard ſich nicht ſehen ließ, und dieſe Vergeßlichkeit ſollte ich ſpäter bitter bereuen. Eine Woche nach ſeiner Rückkehr ging Rolf ganz früh am Morgen fort, um einige Weinberge des Oheims, die in einiger Entfernung lagen, zu beſuchen. Gerhard war am Abende vorher nach Hauſe ge⸗ kommen, und es kam zwiſchen ihm und mir zu einem heftigen Auftritte. Er erklärte, daß er ſich das Leben nehmen würde, wenn ich es wagte, mich mit Rolf zu verheirathen. Ich beſchwor ihn, ſich zu beruhigen; ich weinte, ich flehte ihn an, daß er uns alle nicht un⸗ glücklich machen möchte, aber ohne daß meine Worte irgend einen Eindruck auf ihn gemacht hätten. Er for⸗ derte von mir, daß ich Rolf entſagen ſollte; und als ich antwortete, daß dies unmöglich ſei, ſchwor er den Tag, an welchem ich ſeines Bruders Frau würde, nicht zu überleben. Während dieſes Auftritts befanden wir uns im Saale. Der Oheim war ausgegangen, Muhme Mo⸗ nika war im Dorfe, und die Leute waren bei der Ar⸗ beit. Mitten in dieſer Scene kam Rolf zurück. Wir beide, Gerhard und ich, waren aufgeregt. Rolf be⸗ trachtete uns mit einem eigenthumlichen Blick. Sein 55 beim Fortgehen fröhliches und lächelndes Ausſehen war jetzt ſo düſter und ſtreng, wie ich es niemals ge⸗ ſehen hatte. Ohne ein einziges Wort, weder zu Gerhard noch zu mir, zu ſagen, ging er quer durch den Saal und in ſein Zimmer. Er verſchloß und verriegelte die Thür hinter ſich. Als ich nach Gerhard's Entfernung allein war, beſchloß ich Rolf Alles anzuvertrauen. Er konnte ſicher⸗ lich jedem kommenden Unglücke vorbeugen. Er konnte mit Gerhard ſprechen und ihn zur Vernunft bringen. Ich näherte mich der Thür zu Rolf's Zimmer, klopfte an und rief ihm zu, daß ich ihm etwas zu ſagen hätte. Seine Antwort war: „Ich habe keine Zeit, ſtöre mich nicht.“ Traurig und ängſtlich ging ich auf mein Zimmer und brachte den ganzen Vormittag daſelbſt zu. Als ich am Mittage in den Saal hinunterkam, fand ich den Oheim und ſeine beiden Söhne dort. Sie ſprachen von gleichgültigen Dingen. Gerhard ging im Zimmer auf und ab. Sein Geſicht zeigte, daß er unter einer ſcheinbaren Ruhe irgend eine heftige Bewegung verbarg. Rolf ſah ſtreng und ernſt aus. Der Blick, welchen er bei meinem Eintritt auf mich heftete, hatte 56 etwas ſo Sonderbares, daß ich den Ausdruck deſſelben nicht verſtand. Am Nachmittag ſetzte ich mich in den Erker. Ich hatte dort kaum Platz genommen, als Rolf zu mir heraufkam. Er ſtand eine Zeit lang und betrachtete die über unſern Häuptern hängende Ruine des Rhein⸗ grafenſteins. Darauf wendete er ſich zu mir mit den Worten:„Selma, haſt Du während meiner Abweſenheit die Ruine da oben oft beſucht?“ „Ja“, war meine Antwort. „Aber Du warſt dort nicht allein?“ Nein, Gerhard und ich gingen miteinander. „Ihr traft Euch dort, nicht wahr?“ „Ja, auch das.“ „Gretchen hat mir das mitgetheilt“, ſagte er, wen⸗ dete ſich um und wollte hineingehen. Bileibe“, bat ich und ergriff ſeine Hand.„Ach Rolf, ich möchte Dir etwas ſagen, was ich bis jetzt zu erzählen vergeſſen habe, daß— „Du Dich mit Gerhard über meine Abweſenheit getröſtet haſt“, fiel er mir heftig ins Wort und entzog mir ſeine Hand.„Du haſt Unrecht, daß Du vergaßeſt, mir dies zu erzählen“, fügte er mit blitzenden Augen hinzu.„Dein Schweigen trägt die Schuld, daß ich an Vielem zweifle, woran ich bisher glaubte.“ Er wendete ſich abermals um, und wollte in den Saal gehen. „Rolf, laß mich mit Dir ſprechen“, bat ich und ſuchte ihn nochmals zurückzuhalten. „Das iſt überflüſſig, Selma; ich weiß Alles und wünſche uns eine Erklärung zu erſparen, welche jetzt etwas ſpät kommt.“ Dies war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich Rolf heftig ſah, und ich wurde darüber ſo betrübt, daß ich mich fortſchlich, um darüber in der Einſamkeit zu weinen. Es waren dies die erſten Thränen, welche mir der Schmerz entlockte. Ich war zum Flußufer hinab⸗ gegangen und hatte mich dort niedergeſetzt. Der Abend kam. Die Vögel ſangen ſo fröhlich in den Baumwipfeln und die Luft war voller Blu⸗ menduft. Es war einer jener lieben Sommerabende, die auf der ganzen Erde ſo herrlich, hier aber in die⸗ ſen Gegenden noch ſchöner ſind. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten die Berggipfel nicht mehr; der Mond entfaltete ſein bleiches Licht und ſtreute Silber über die Höhen. Der Frieden in der Natur rings um mich her goß ſeinen Balſam in meine Seele; die Thränen hör⸗ ten auf zu fließen, und ich blickte hoffnungsvoll zum Himmel empor. Ich hatte ja nichts Böſes gethan, wie konnte mich da der Kummer heimſuchen! Eben war in mein Herz wieder Ruhe zurückge⸗ kehrt, als eine ganz nahe Stimme mich anredete:„Dein Platz iſt nicht hier, ſondern dort oben auf dem Rhein⸗ grafenſtein; eile dorthin! Die beiden Brüder ſind dort. Der Böſe ſitzt mit offenen Armen und erwartet, daß einer von ihnen in ſeinen Schvoß falle; denn dort ſteht wieder ein Bruderſtreit bevor. Eile, Mädchen, dem Wächter von Adelgundens düſterem Gefängniſſe ſein Opfer zu entreißen. Rolf und Gerhard ſtreiten dort oben. Der, welcher mit Eberhard's Freundin verſchwand, Hat gar wohl das Ende des Streites gekannt“ ſang das blödſinnige Mädchen, entfernte ſich und zeigte auf die Ruinen. Wie ich dorthin kam, deſſen entſinne ich mich nicht. Als ich glücklich bis auf die oberſte Stufe ge⸗ kommen mar, ſah ich Rolf und Gerhard dort am Ab⸗ grunde ſtehen. Der letztere hatte ſeine Hand auf Rolf's Schulter gelegt, und dieſer ſagte in aufgereg⸗ tem Tone:„So wenig wie Du mir beweiſen kannſt, daß Du es biſt, den ſie liebt, ſo wenig ſoll es Dir glücken, mich zu vermögen, daß ich ihr entſage. An Deiner Seite würde ſie unglücklich werden, und ich 59 habe Selma viel zu lieb, als daß ich Dein Glück auf Koſten des ihrigen bereiten ſollte. Nun haſt Du meine Antwort.“ „Dann ſoll ſie keinem von uns gehören“, rief Gerhard.„Du haſt mir ſtets im Wege geſtanden, Du biſt mir immer vorgezogen worden; aber diesmal ſoll es nicht dahin kommen, daß Du auf meine Koſten glüchich wirſt. Er ſchlug die Arme um den Leib des Bruders. Einen Augenblick ſchwankten beide über dem Ab⸗ grunde, an deſſen Rand ſie ſtanden. Was ich dabei empfand, weiß ich nicht; aber das ſteht klar vor mei ner Erinnerung, daß ich in der nächſten Sekunde die Arme um Rolf geſchlungen hatte. Als ich aufſah, ſtand dieſer aufrecht und hielt Gerhard mit ſeinen Armen umſchloſſen. „Selma!“ riefen beide aus. Rolf's Arme ſanken herab, und die Brüder ſtanden etwas von einander entfernt. Rolf beugte ſich nieder, um mich aufzuheben. Sein Geſicht war leichenblaß. „Steh' auf, Selma, und ſuche den Streit zu endi⸗ gen, welcher mir und Gerhard beinahe das Leben ge⸗ koſtet und die grauen Haare unſeres Vaters mit Kum⸗ mer überhäuft hätte. Sage, wen von uns beiden liebſt 60 Du? Aber ſprich die Wahrheit, als ſtändeſt Du vor Gott. „Dich, Rolf“, ſtammelte ich und vermochte kaum aufrecht zu ſtehen. „Dann haſt Du auf verabſcheuungswürdige Weiſe mit meinem Herzen geſpielt“, rief Gerhard aus.„Deine Worte jetzt ſtehen im Widerſpruch mit allen Deinen frühern Aeußerungen und Handlungen. Unſeres Va⸗ ters Willen, nicht ihre eigenen Gefühle leiten Selma, da ſie ſo ſpricht“, fügte er hinzu und faßte mich beim Arme.„Warum lügſt Du“, fuhr er mit geſteigerter Heftigkeit fort,„in dieſem Augenblicke, wo es ſich um Leben und Tod handelt? Warum haſt Du nicht den Muth, die Wahrheit zu bekennen, zu geſtehen, daß Du mich liebſt, wenn Alles an Dir zu erkennen gibt, daß dem ſo iſt? Haſt Du nicht zu der Zeit, als ich die Sprache der Liebe gegen Dich führte, geweint und verſichert, daß Du mich glücklich machen wollteſt, wenn Du könnteſt? Oder haſt Du ein einziges Mal von Dei⸗ ner Liebe zu Rolf mit mir geſprochen?“ „Nein, das hab' ich nicht“, ſtammelte ich,„aber das geſchah, um Dich nicht zu betrüben. O Gerhard, wie kannſt Du behaupten wollen, daß ich Dich liebe, da ſo Vieles Dich vom Gegentheil hätte überzeugen müſſen!“ „Du willſt alſo nicht die Meinige werden?“ ſchrie Gerhard. „Nein.“ „So ſollſt Du ebenſo wenig Rolf's Frau wer⸗ den!“ rief Gerhard aus.„Du ſollſt Dein Spiel mit meinem Herzen theuer bezahlen.“ Er ſtürzte nach dem Rande der Plattform hin und fügte hinzu:„Meinen Tod magſt Du vor Gott und meinem Vater verant⸗ worten.“ Zum zweiten Male im Verlaufe weniger Minu⸗ ten ſah ich ihn am Abgrunde ſchwanken und— fal⸗ len. Ich ſtieß einen Schreckensſchrei aus und be⸗ deckte mein Geſicht mit den Händen. „Haſt Du noch nicht genug an dieſem wahnſin⸗ nigen Gaukelſpiel?“ hörte ich Rolf ſagen. Ich ſah raſch empor. Auf der Grasmatte hier bei dem Kreuze lag Ger⸗ hard hingeſtreckt, unbeweglich mit zerſchlagenem und blutigem Kopfe. Rolf lag auf den Knieen mit der ganzen Schwere ſeines Körpers über ihm und hielt ihn krampfhaft feſt. Gerhard machte, obwohl übel zugerichtet, dennoch einige ohnmächtige Verſuche, aufzukommen. Rolf ſagte in ſtrengem Tone:„Es iſt fruchtlos, daß Du Dich bemühſt, frei zu werden; Du ſollteſt von 62 alters her wiſſen, daß ich ſtärker als Du bin. Liege alſo ganz ruhig, bis Du wieder zum Gebrauche Deiner Vernunft kommſt.“ „Höre, Rolf“, ſagte Gerhard keuchend,„wenn Du auch das Glück haſt, mich niederzuhalten, ſo wirſt Du dennoch einmal genöthigt ſein, mich loszulaſſen; und ich ſchwöre bei allen Heiligen, ſollte ich auch ge⸗ nöthigt ſein, mich mit eigener Hand zu erwürgen, daß ich nicht davon abſtehen werde, Hand an mein Leben zu legen, es ſei denn, Selma ſchenkt mir das Herz, das ſie mich zu beſitzen hoffen ließ. Du weißt, wie gering ich das Leben geachtet habe, und kannſt ver⸗ ſichert ſein, daß ich es jetzt nicht höher ſchätze. Alſo Selma oder den Tod!“ „Und wenn ich von Selma zurücktrete“, ſagte Rolf mit Anſtrengung,„willſt Du dann vernünftig ſein?“ „Nein, das iſt mir nicht genug. Sie muß mein werden, oder fort mit dem Leben! Ich werde dieſe Nacht nicht überleben, das ſchwöre ich beim Schatten meiner Mutter.“ Rolf erhob ſich. Er ließ Gerhard los und ſagte zu mir gewendet:„Du und ich ſind geſchieden. Es ſteht bei Dir, Selma, über ſein Leben oder ſeinen Tod zu beſtimmen. Handle ſp, daß Du dem Höchſten Rede 63 zu ſtehen vermagſt. Gott verzeihe Dir, daß Du uns beiden Liebe verſprachſt, ich will verſuchen, es zu thun.“ Thränen, dieſe Zuflucht des Weibes in Augen⸗ blicken des Schmerzes, ſtürzten über meine Wangen. Ich reichte Gerhard die Hand und flüſterte mit ton⸗ loſer Stimme:„Wie Du willſt.“ Er ergriff meine Hand mit Heftigkeit, er wollte ſich erheben, aber das Blut ſtrömte aus zwei Wunden am Kopfe, und er war bleich und leblos. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm Rolf ihn auf ſeine ſtarken Schultern und wir gingen den ſchmalen und ſteilen Pfad hinab. Tage und Wochen verfloſſen, bevor Gerhard's Wunden geheilt waren. Ich ſaß an ſeinem Kranken⸗ lager und wagte nicht, daſſelbe zu verlaſſen, weil ich befürchtete, ihn zu beunruhigen. Es war ein paar⸗ mal vorgekommen, daß er in einem Anfall von Eifer⸗ ſucht, als ich etwas zu lange ausgeblieben war, ſich den Verband abriß und die halb geheilten Wunden wieder verſchlimmerte. Welche Zeit der Angſt, welche Wochen namen⸗ loſer Qual! Am Tage nach dem ſchauerlichen Ereigniſſe auf dem Rheingrafenſtein hatte Rolf eine lange Unterre⸗ dung mit ſeinem Vater. Nach dieſer ſagte mir der 64 Oheim, daß mein Platz künftighin am Krankenbette Gerhard's ſei. Er klopfte mir die Wange und ſah mir mit einem tiefbekümmerten Blick in die Augen. Als Gerhard's Wunden faſt geheilt waren, be⸗ ſuchte ihn Rolf eines Tages und theilte ihm mit, daß er tags darauf, nach dem Wunſche ihres Vaters, eine längere Reiſe nach Frankreich und England antreten würde, um ſich mit den dortigen Handelsverhältniſſen bekannt zu machen. Er würde ein paar Jahre fort⸗ bleiben. Mit vollkommener Ruhe bat er Gerhard, mich glücklich zu machen, und ſagte ihm dann Lebewohl. Schweigend drückte Gerhard dem Bruder die Hand. Es war ſpät am Abend deſſelben Tages, als ich Gerhard's Zimmer verließ und in den Saal trat. Rolf, der mir während dieſer ganzen Zeit ſorg⸗ fältig ausgewichen war, ſtand jetzt an einem Fenſter des Saales. Als ich hereinkam, ging er mir ent⸗ gegen. „Ich reiſe morgen vor Sonnenaufgang“, ſagte er, „und will Dir deshalb heute Abend Lebewohl ſagen.“ Er ergriff meine Hand und führte mich auf den mit Weinranken bekleideten Erker und fügte hinzu: „Bevor wir für längere Zeit, vielleicht für immer ſchei⸗ den, wünſche ich einige Worte mit Dir zu ſprechen, welche ich Dich bitte, Dir ins Gedächtniß zu prägen.“ 65 Ohne ſich mißfällig über den Bruder zu äußern oder mir mein Schweigen vorzuwerfen, zeigte er mir, daß durch daſſelbe viel Schlimmes hervorgerufen wor⸗ den ſei; das hätte vermieden werden können, wenn ich ihm ſogleich nach ſeiner Ankunft Alles geſagt hätte. Er ſuchte mir zu beweiſen, daß ein ehrliches Bekennt⸗ niß das einzige ſei, was einen Fehler bemänteln und mildern könne, und daß es ohne Wahrheit und Auf⸗ richtigkeit kein Glück gebe. Ein paarmal wollte ich ihn in ſeiner Rede un⸗ terbrechen; denn ſeine Worte zeigten deutlich, er ſei feſt überzeugt, daß ich Gerhard liebe; aber jedesmal, wenn ich den Mund öffnete, unterbrach er mich. End⸗ lich ſagte er mit tiefem Ernſte:„Vergiß niemals, Selma, daß der Vater in Hinſicht auf Deine Zukunft mit Unruhe und Angſt auf den Mann blickt, welcher der Deine werden ſoll. Suche ihn mit Deiner und Gerhard's Verbindung zu verſöhnen, biete Deine ganze Kraft auf, um Deine Pflichten auf würdige Weiſe zu erfüllen. Mögen Dich Gott und alle Heiligen beſchützen, Du meine innigſt Geliebte!“ Seine Lippen berührten meine Stirn, und er entfernte ſich. Ich zerfloß in Thränen. Nur Gott las in meinem Herzen und wußte, wie innig ich ihn in dieſem Augenblicke liebte. Schwartz, Novellen. III. 5 66 Rolf war fort, und Gerhard erlangte ſeine Ge⸗ ſundheit völlig wieder. Als er vollkommen wiederhergeſtellt war, ſetzte uns der Oheim in Kenntniß, daß er ganz und gar nichts gegen meine und Gerhard's Verbindung einzu⸗ wenden hätte, nachdem er durch Rolf gehört habe, daß wir ſie ſelbſt wünſchten, daß er aber eine einzige, auf ſeine Kenntniß von Gerhard's Charakter gegründete Bedingung daran knüpfe. Dieſe Bedingung war, daß Gerhard erſt nach Ablauf ſeines vierundzwanzigſten Jahres mich zu ſeiner Gattin machen ſollte. Er war jetzt zweiundzwanzig. Die Zeit, welche zwiſchen unſe⸗ rer Verheirathung und der Gegenwart lag, ſollte er im Hauſe zubringen, da er ſelbſt gewünſcht hatte, Land⸗ wirth zu werden, um ſich in dieſer neuen Eigenſchaft heimiſch zu machen. Wäre Gerhard's Neigung mir nach Ablauf dieſer Zeit treu und bliebe er ſtandhaft bei ſeinem Wunſche, den Garten des Oheims am Ausgange des Dorfes zu übernehmen, ſo ſollten unſere Geſchicke vereint werden. Gerhard fügte ſich, obwohl mit Widerſtreben, in des Vaters Beſchluß. Er hoffte, daß er die zwei Jahre verkürzen werde. Das erſte Jahr war reich an Gefühlsſcenen. Es ſchien mir, als hätte ich einen Vorgeſchmack des Fege⸗ — 67 feuers. Gerhard war mißtrauiſch, trotzig, anſpruchs⸗ voll und erlaubte ſich oft höchſt verwundende Ausfälle. Er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß ich mit Rolf in einem heimlichen Briefwechſel ſtände. Ohne zu bedenken, daß er ſich das Verſprechen meiner Hand erzwungen hatte, beſchuldigte er mich der Treu⸗ loſigkeit, im Falle ich Rolf in meinem Herzen liebte. An dem einen Tage war er wild, unlenkſam und be⸗ reit, mir und ſich das Leben zu nehmen, um der Qual zu entgehen, die ihm der Gedanke machte, daß ich einen Andern liebte; am andern Tage war er zärt⸗ lich, reuevoll und bereit, ſeinen Fehler zu ſühnen. Wäre ich an dergleichen Ausbrüche gewöhnt geweſen, ſo hätten ſie vielleicht weniger auf mich eingewirkt; bis jetzt war mein Leben ruhig dahin⸗ gefloſſen und ohne Alles, was man Scenen nennen kann. Dies machte, daß ich mich durch meine pein⸗ liche Stellung zu Gerhard niedergedrückt fühlte. Ich ſuchte jedoch mein Leiden dem Oheim zu verbergen und ihm die Kenntniß der Auftritte zwiſchen Gerhard und mir zu entziehen; aber ich wußte mich nicht zu verſtellen, und meine Heiterkeit war verſchwunden. Ich ſang keine luſtigen Lieder mehr, ich durchirrte nicht mehr vergnügt und ſorglos unſere Berge, ſondern blieb daheim und ſah einen Tag nach dem andern 5* 68 ohne Freude an meinem Daſein entſchwinden. Als das erſte Jahr ſich ſeinem Ende zuzuneigen begann, hatte ich mich ſo bedeutend verändert, daß der Oheim unruhig wurde. Er ſagte zu mir: Wie geht es, Selma? Ich fange an zu befürchten, daß Gerhard Dir das Leben verbittert und daß Du den Schritt, welchen Du gethan haſt, ſchon bereuſt.“ Ich ſah ihm ins Geſicht und erinnerte mich an Rolf's Abſchiedsworte. Ich ſchlang die Arme um den Hals des Greiſes und ſtammelte: „Ich fürchte, daß ich Dir und Gerhard nicht al⸗ les das ſein kann, was ich möchte. „Haſt Du ihn wirklich lieb?“ fragte der Oheim und ſtreichelte mich. „Ja, aber nicht ſo lieb, wie ich Rolf hatte. Es würde zu nichts dienen, wenn ich die Worte wiederholte, welche der Oheim jetzt ſprach. Er ſagte, daß Gerhard das Kind ſei, welches ihm am meiſten am Herzen läge, gerade weil Gerhard's Charakter der Art ſei, daß er Furcht und Unruhe errege. Gerhard war den Geſichtszügen nach das Abbild ſeiner ewig vermißten Gattin. Dies hatte ihn dem Vater theurer gemacht; aber gerade dieſe Schwachheit, die er im In⸗ nern gegen den Sohn hegte, hatte verurſacht, daß er 69 ſeinen Fehlern mit Strenge entgegenzuarbeiten und die unruhigen und ſtürmiſchen Elemente im Innern deſ⸗ ſelben zur Harmonie zu bringen ſuchte. Die Ereigniſſe, welche Urſache waren, daß ich und Rolf nicht mehr ein Paar werden konnten, hatten ihm inzwiſchen gezeigt, daß Gerhard noch immer bereit war, im Augenblicke der Leidenſchaft Leben und Selig⸗ keit von ſich zu werfen. „Dieſe Entdeckung, mein geliebtes Kind, hat mich zu der Ueberzeugung gebracht, daß die Gnade des Höchſten ſein Herz an Dich gefeſſelt hat, damit Du ihn durch Deinen milden Charakter und die Macht der Liebe veredeln ſollſt. Ich habe durch die Verbin⸗ dung zwiſchen Dir und Rolf Dein Glück ſichern wol⸗ len. Gott hat es anders beſchloſſen; er hat Dir eine höhere Beſtimmung gegeben, die, Gerhard auf den rechten Weg zu leiten. Die heilige Jungfrau wird Dir Stärke und Kraft einflößen, um dieſe Deine Be⸗ ſtimmung erfüllen zu können.“ Nach dieſer Unterredung ſuchte ich meine eigenen Leiden zu vergeſſen und meinem Innern das Bild vorzuhalten, daß ich Gerhard's guter Engel ſei, der veredelnd auf ſeinen Charakter wirken ſollte. Ich wurde auch in meiner Art und Weiſe gegen Gerhard völlig verändert. Ich weinte nicht ſo oft, ich 70 zwang mich, weniger an Rolf und mehr an Gerhard zu denken. Wenn dieſer ſpäter ſeine Anfälle von Ei⸗ ferſucht bekam, bot ich meine ganze Kraft auf, ruhig zu ſein und ihm zu beweiſen, daß ſie unbegründet ſei. Ich ſelbſt befand mich glücklicher dabei, ihm Freude zu machen, und ich fing wirklich an, zu glauben, daß ich diejenige ſein ſollte, die wohlthätig auf Gerhard's Gemüthsart und Charakter wirkte. Es folgte eine kurze Zeit des Friedens, da ich auf eine für meine beſſern Gefühle zufriedenſtel⸗ lende Weiſe mich in die Rolle einzuleben ſuchte, die mir zugetheilt war. Meine Ergebenheit für Gerhard wurde hierdurch auch wahrer und wirklicher. Es ſchenkte mir eine frohe Zufriedenheit, als ich in ſeinem ganzen Aeußern ſeine innere Befriedigung zu leſen glaubte. Eines Tages werde ich Gerhard vielleicht mit demſel⸗ ben Gefühle lieben, welches ich jetzt für Rolf hege, dachte ich. Dieſe hoffnungsvolle Zeit dauerte jedoch nicht lange. Gerhard, der während der wenigen Wochen ihrer Dauer zu Hauſe geblieben war und ſich mit Land⸗ wirthſchaft und Weinbau beſchäftigt hatte, fing jetzt wieder an, auf der Jagd umherzuſtreifen. Er ſah nicht mehr nach den Leuten, er ſuchte nicht mehr des Oheims und meine Geſellſchaft. Er hatte blos einen Gedanken, 7¹ einen Wunſch, die Jagd. Dieſe Jagden, auf denen er mehrere Tage von Hauſe wegbleiben konnte, erweckten die Unruhe des Oheims. Dies bewirkte, daß ich, als Ger⸗ hard wieder nach Hauſe kam, Alles aufbot, um ihn durch verdoppelte Freundlichkeit zu bewegen, daß er zu Hauſe bleiben und nicht wieder fortgehen möchte; aber meine Macht über ſein Herz war vernichtet, und er, der während des erſten Jahres nur von ſeiner Liebe beherrſcht wurde und auf den Knieen um ein wenig Herzlichkeit von meiner Seite gebettelt hatte, wies die⸗ ſelbe jetzt mit Unwillen zurück; und anſtatt daß meine Freundlichkeit, wie ich gehofft hatte, ihn im Hauſe hätte halten ſollen, trieb ſie ihn aus demſelben fort. Unter ſolchen neuen Veranlaſſungen zur Beun⸗ ruhigung verfloß die Zeit. Der Oheim ward düſterer und düſterer. Gerhard's Namen wurde ſelten unter uns genannt. Es war, als wenn wir uns beide gefürchtet hätten, von ſeinem ſon⸗ derbaren Benehmen zu ſprechen. Das zweite Jahr unſerer Verlobung näherte ſich ſeinem Schluſſe, als ſich ein in unſerem Thale höchſt ungewöhnliches Ereigniß zutrug, ein Diebſtahl. Muhme Monika war in Kreuznach geweſen, um ihr kleines Kapital zu erheben, welches ſie dort ſtehen 72 hatte und das ſie, nach Uebereinkommen mit dem Oheim, auf deſſen Beſitzthum eintragen laſſen wollte. Es war abends etwas ſpät, als ſie nach Hauſe kam, und alle, außer einer Dienerin, welche ſie erwar⸗ tete, hatten ſich zur Ruhe begeben. Am andern Mor⸗ gen, bevor der Oheim noch aufgeſtanden war, ſtürzte die Muhme zu ihm und ſchrie, daß ſie beſtohlen wor⸗ den ſei, daß die achttauſend Thaler, welche ſie am vorigen Abende bei ſich gehabt habe, fort wären. Der Oheim und auch ich, wir lachten darüber und wollten nicht daran glauben; aber es war den⸗ noch ſo, denn das Geld, welches die Alte am Abende in ihr Bureau gelegt hatte, war in der That verſchwun⸗ den. Muhme Monika meldete die Sache bei dem Orts⸗ richter an, aber ohne daß Jemand als des Diebſtahls verdächtig angegeben werden konnte. Ein paar Tage darauf kam Gerhard, der während dieſes Vorfalls auf der Jagd geweſen war, nach Hauſe zurück. Er war äußerſt mürriſcher Laune und brachte nur einige Stunden mit einer Antwort auf einen Brief von Rolf, welchen er bei ſeiner Rückkehr empfangen hatte, in ſeinem verſchloſſenen Zimmer zu. Gegen Abeud entfernte er ſich wieder, ohne dem Oheim oder mir auch nur ein Wort zu ſagen. Am Morgen darauf ging ich in ſein Zimmer, um 73 es aufzuräumen und in Ordnung zu bringen, bis er zurückkommen würde. Unter den Papieren auf ſeinem Schreibtiſch lag ein halb fertiger Brief. Meine Augen fielen auf den⸗ ſelben. Er war an Rolf. Meine Neugierde war allzu groß, als daß ich der Verſuchung hätte widerſtehen können, zu leſen, was er dem Bruder ſchrieb. Der Inhalt des Briefes war ungefähr folgender: „Mein lieber Rolf! Dein letzter Brief war ſo ver⸗ dammt langweilig und dumm, daß ich mit Mühe im Stande war, ihn durchzuleſen. Wozu dient es, mir Vorleſungen über meine Veränderlichkeit, über das Un⸗ moraliſche meiner Handlungsweiſe und ſo weiter zu halten? So wie die Natur mich ausgeſtattet hat, ſo bin ich nun einmal und glaube nur nicht, daß Deine Worte etwas in meinem Charakter zu ändern ver⸗ mögen. Ich kann Dir nicht gleich ſein, das iſt wahr; aber ich kann nicht dafür, daß meine Seele Flügel hat und herumzuſchweifen wünſcht, während Deine der Schnecke gleicht, die ſich daran ergötzt, auf demſelben Flecke zu bleiben. Meine Gefühle müſſen umherfliegen, müſſen abwechſeln und ſtreiten, wenn ſie mich nicht tödten ſollen. Ja, ich würde ſterben, wenn ich genö⸗ 74 thigt würde, mich an Landwirthſchaft und Weinbau, an ein Gebetbuch und ein Weib binden zu müſſen. Von dieſem letztern will ich ſprechen. Alſo Du wirfſt mir vor, daß ich Selma geliebt, daß ich mit meiner wilden Leidenſchaft Dich und ſie getrennt habe. Der Thorheit! Ebenſo gut kannſt Du der Erde vorwerfen, daß der Orkan Bäume entwurzelt, als mir, daß meine Bruſt von heftigen Leidenſchaften beherrſcht wird. Die Erde kann nicht dafür, daß ſie von den Elementen verwüſtet wird, und ich kann nicht dafür, daß mein Inneres von unbezähmbaren Gefühlen, die nicht auf der ſeltſamen Wage, die man Pflicht nennt, gewogen werden können, erfüllt iſt. Hältſt Du es denn wirklich für möglich, daß ich auf die Länge Selma lieben, mich an ihrer Seite glück⸗ lich fühlen und mein Leben zwiſchen dieſen Bergen mit Bebauen meiner Aecker und Wiegen meiner Kinder verſchlafen könnte? Kannſt Du im vollen Ernſte behaupten, daß ich für eine ſolche Exiſtenz geboren bin? Nein, ich bin für die Freiheit, für die Bewegung und die Abwechſelung geſchaffen. Das Gefühl, welches ich für Selma hatte, ent⸗ ſtand im Augenblick und verſchwand ebenſo plötzlich. 75 Es war meines Vaters, Dein und ihr Fehler, die Ihr nicht ſaht, daß es nichts Anderes als ein vor⸗ übergehendes Feuer war, das allzu hoch aufloderte, um lange brennen zu können. Die Flamme iſt erloſchen, und was willſt Du, daß ich mit der Aſche anfangen ſoll? Ich kann ſie nicht zum Brennen bringen. Was todt iſt, kann nicht wie⸗ der zum Leben gelangen. Meine Verbindung mit Selma erſcheint mir jetzt wie eine drückende Bürde, wie etwas, das mich ge⸗ nirt und meinen Abſcheu erregt. Sie iſt in meinen Augen fade und einförmig, und ich fühle eine unwiderſtehliche Neigung, weit' fort zu eilen, ſobald ich ſie kommen ſehe. Ich beſchwöre Dich, komm' zurück, nimm Deine Braut wieder; ſie paßt nicht für mich, wie ich mir einmal einbildete. Mein einziger Wunſch iſt, meine Freiheit wiederzuerlangen. Es iſt im Allgemeinen eine traurige Wahrheit, daß, je heftiger ein Gefühl brennt, ſolange es Widerſtand findet und die Befriedigung deſſelben un⸗ möglich ſcheint, es deſto leichter erliſcht, wenn die Hin⸗ derniſſe entfernt ſind und Alles ruft: Du haſt Dein Ziel erreicht! Solange Selma's thränenvolle Augen, ihre niedergeſchlagene Art und Weiſe Zweifel an ihrer 76 Liebe einflößten, brannte meine Seele vor Begierde, in den Beſitz ihres Herzens zu gelangen; aber jetzt ſagt mir Alles, daß ich es beſitze, daß ſie mich von ganzer Seele liebt, und ich frage: Was ſoll ich damit anfangen? Meine Liebe kann nur erlöſchen, da es nichts mehr gibt, was ſie beunruhigt oder reizt. Oder glaubſt Du, daß ich eine Neigung ſanctioniren werde, deren Weſen nur in der Erinnerung beſteht, daß ſie einſt war? O mein ehrſamer Bruder, ich überlaſſe es Dir zu—“ Hier war der Brief abgebrochen. Wahrſcheinlich hatte es ihn gelangweilt, weiter zu ſchreiben, er hatte ihn beiſeite geworfen und ſich hinwegbegeben. Ich verließ eilig das Zimmer und ſuchte die Ein⸗ ſamkeit, um meine Gedanken zu ſammeln. Gegen Abend begab ich mich zur Ruine hinauf. Die Erinnerung an die Scene, welche mich von Rolf trennte, ſtand lebhaft vor mir, als ich mich hier befand. Ich verlor den Muth, mich auf das Plateau zu begeben, wo ich dieſelben Brüder um mich kämpfen geſehen hatte, welche mich nun beide aufgegeben hatten. Ich ſetzte mich in eins der Gewölbe und ſtützte den Kopf mit den Händen. Ich glaube, ich weinte. Plötzlich hörte ich fröhliche Stimmen draußen vor der Ruine. Man ſcherzte und lachte. Es war eine Geſellſchaft, welche gekommen war, um dieſe Wohnun⸗ gen einer zertrümmerten Größe zu beſehen. Ich zog mich in den dunkelſten Winkel des Ge⸗ wölbes, in dem ich mich befand, zurück, um nicht be⸗ merkt zu werden. Die muntere Geſellſchaft kam näher. Ich konnte unterſcheiden, was geſprochen wurde. „Verlangt nicht, daß ich mich dort hinaufwagen ſoll“, äußerte eine hellklingende Damenſtimme.„Ihr andern mögt das gern thun; aber ich für meinen Theil bleibe hier.“ „Wie Du willſt, Klotilde“, antwortete eine andere Damenſtimme.„Genug, ich werde dort hinaufgehen, das iſt gewiß.“ „Und ich auch, und ich auch!“ riefen mehrere Stimmen. „Mit Ihrer Erlaubniß, meine Damen, werde ich bei Fräulein Klotilde bleiben“, ſagte eine Stimme, die mich zittern machte. Es war die Gerhard's. „O ja, warum nicht“, ſagte die hellklingende Stimme; es kann ganz angenehm ſein, einen Ritter zur Seite zu haben, der ſeinen Urſprung von dieſer Burg herleitet. Sie mögen bleiben.“ Ich ſah die übrige Geſellſchaft vorübereilen, als ſie den Weg nach der Plattform nahm. 78 Gegen die Mauer gelehnt, erwartete ich mit klopfen⸗ dem Herzen den Augenblick, wo der Schall ihrer Schritte verhallen und ich im Stande ſein würde, zu unter⸗ ſcheiden, was die beiden ſagten, welche am Fuße der Ruine geblieben waren. Endlich fing ich jedes Wort auf. Gerhard ſagte in dem ihm eigenthümlichen leidenſchaftlichen Tone: „Ich beſchwöre Sie, Klotilde, daß Sie mich nicht län⸗ ger necken, das Spiel muß ein Ende nehmen. Sie wiſſen nicht, mit welchem Gemüthe Sie zu thun haben.“ „Möglich; aber ich weiß, daß man ſagt, Sie ſeien mit einem Mädchen dort unten im Thale verlobt.“ Athemlos erwartete ich Gerhard's Antwort. Dieſe ließ nicht lange auf ſich warten. Er erklärte unter den heiligſten Verſicherungen, daß nicht er, ſondern ſein Bruder der Verlobte ſei, daß er vor ihr niemals eine Andere geliebt habe, daß das Mädchen, von wel⸗ chem ſie ſpreche, ſo einfältig ſei, daß es ihm keine Sekunde in den Sinn gekommen ſei, an ſie zu denken, und ſo weiter. Es glückte Gerhard in der That, dieſe Klotilde zu überzeugen, daß ſie ſeine erſte und einzige Liebe, daß das Leben ohne ſie eine Bürde ſei, die er nicht tragen könne, und ſo weiter. Ich hörte, daß Klotilde mit etwas unſicherer 79 Stimme erwiderte, daß er morgen ihre Antwort erhal⸗ ten ſolle. Die, welche oben auf der Plattform geweſen wa⸗ ren, kamen jetzt wieder herab, und man entfernte ſich. Ich blieb in meinem Winkel ſitzen und wieder⸗ holte unaufhörlich bei mir ſelbſt:„Welche Aehnlichkeit zwiſchen meinem und meiner Mutter Schickſal!“ Es war ſpät, als ich wieder ins Thal hinabging, und dennoch fand ich nur die Muhme zu Hauſe. Der Oheim war am Nachmittag fortgeritten und noch nicht zurückgekehrt. Bevor er nach Hauſe kam, vermochte ich mich nicht zur Ruhe zu begeben. Um Mitternacht ſah ich ein Boot über den Fluß gleiten; es war der Oheim. Er ſtieg mit langſamen und er⸗ müdeten Schritten den Weg herauf, welcher vom Strande nach unſerer Wohnung führte. Beklemmten Herzens ging ich ihm entgegen. Als er mich ſah, ſeufzte er tief, ſchloß mich in ſeine Arme und murmelte: „Morgen— morgen wollen wir davon ſprechen.“ Die Nacht war lang, aber ſie hatte doch einen Morgen. Mit den erſten Sonnenſtrahlen war ich unten im Saale, um den Oheim zu erwarten; aber zu meiner Verwunderung fand ich ihn ſchon dort unruhig hin i und her gehend. Als ich hineinkam, ſtreckte er mir 5 ſeine Hände entgegen und rief aus:„Mein armes Kind, kannſt Du Deinem alten Oheim alle die Leiden verzeihen, welche Du erdulden mußt, all den Kummer, welchen ſeine Söhne auf Dein unſchuldiges Haupt häufen?“ Ich ſchlang die Arme um ſeinen Hols und brach in Thränen aus. Nachdem wir uns beide beruhigt hatten, erzählte der Oheim, daß er am Morgen einen Brief erhalten hätte, der ihn bewogen habe, ſich nach der Stadt zu begeben, um Gerhard aufzuſuchen. Eine Unterredung zwiſchen Vater und Sohn hatte auf Anlaß des Brie⸗ fes, deſſen Inhalt der Oheim jedoch nicht näher be⸗ rührte, ſtattgefunden. Während derſelben hatte Gerhard dem Vater be⸗ kannt, daß er in eine junge Dame aus Berlin verliebt ſei, welche ſich in Kreuznach bei Verwandten aufhielt. Er hatte geſagt, daß ſein Glück und ſeine Seligkeit an Klotilde Wern— dies war der Name des jungen Mädchens— gefeſſelt ſei. Der Vater hatte dem Sohne nach dieſer Erklä⸗ rung ſein Haus verboten. Der Oheim wollte nichts mehr von ihm wiſſen. Vergebens bat ich für Gerhard, daß ihm der Vater verzeihen möchte. „ 81 Vergebens verſicherte ich, das, was ſich zugetragen hätte, ſei für uns alle das Glücklichſte. Die einzige Antwort des erzürnten Vaters war:„Er kommt nie⸗ mals mehr unter mein Dach. Er hat ſich unwürdig gemacht, mein Sohn zu heißen.“ Den Tag nach dieſer Erzählung des Oheims wur⸗ den Gerhard's Sachen nach Kreuznach mit einer An⸗ weiſung für ihn geſendet, eine Summe zu erheben, welche dem Erbtheile entſprach, das er einſt nach des Vaters Tode zu erwarten gehabt hätte. Eine Woche nach dieſer Auseinanderſetzung erhiel⸗ ten wir die Nachricht, daß Gerhard Kreuznach ver⸗ laſſen und ſich nach Berlin begeben habe, um ſich mit Klotilde Wern zu verheirathen. Einige Wochen ſpäter war Gerhard vermählt. Seit der Nacht, in welcher der Oheim von Kreuz⸗ nach zurückgekommen war, ſchien es mir, als ſei ſeine Haltung gebückter, ſein Gang langſamer und ſeine Locken grauer. Es war, als ob das Betragen des Sohnes ſchwer auf ſeinen Schultern ruhe. Wir laſen und gingen zuſammen ſpazieren, ganz wie früher, aber wir waren nicht mehr heiter, ſondern düſter und bekümmert. Eines Tages, es war gegen den Herbſt, als er und ich draußen vor unſerer Wohnung ſaßen und ich vor⸗ Schwartz, Novellen. III. 6 82 las, hörten wir raſche Schritte, welche ſich auf dem Wege näherten, der nach dem Fluſſe hinführte. Ich blickte dorthin. Auch der Oheim wendete den Kopf hin. Die Schritte wurden immer ſchneller und kamen immer näher. Jetzt war der herannahende Fremde an der Krümmung des Weges, und einige Minuten ſpäter ſtand Rolf vor uns. Die Freude des Greiſes und die meinige kann man ſich denken. Während der erſten Augenblicke hatten wir für nichts Anderes Sinn als für die Freude des Wieder⸗ ſehens. Als dieſe ſich gelegt hatte und ich Rolf mit thränenvollen Augen betrachten konnte, ſchien, mir ſein Geſicht bedeutend verändert. Der ehedem milde und ernſte Ausdruck war in Strenge übergegangen, und in den Zügen deſſelben, die früher ſo viel Güte ausſprachen, lag etwas Kaltes und Hartes. Das Leben iſt eine beſtändige Ebbe und Flut von Freude oder Schmerz. Als die Erde wieder in ihr Frühlingsgewand ge⸗ kleidet war, knieten Rolf und ich vor dem Altar, und der Prieſter ſprach den Segen über unſere Häupter aus. Als wir die Kirche verließen, waren wir vor Gott und Menſchen eins und eins in unſern Herzen, ſo glaubte ich, die mit einer vom Glücke der Liebe er⸗ füllten Bruſt der Zukunft entgegenſah. Vergeſſen waren Kummer, Schmerzen und ausge⸗ ſtandene Leiden, und das Leben lächelte mir ſo ſchön entgegen. Doch mein Glück war ein Traum, der niemals Wirklichkeit werden ſollte. Schon einige Monate nach meiner Hochzeit be⸗ merkte ich, daß die Zärtlichkeit, welche Rolf für mich hegte, nicht mehr dieſelbe wie früher war. Der ruhige, ſtets warmherzige Rolf war ungleicher Gemüthsart, zuweilen heftig und oft ungerecht geworden. Sprach ich davon, wie theuer er mir ſei, ſo blieb ſeine Stirn umwölkt, er drückte einen kalten Kuß auf die meinige und ſagte in mitleidigem Tone:„Armes Kind!“ Liebkoſte ich ihn, ſo drückte er mich ſanft an ſich mit den Worten:„Dein gutes Herz, Selma verleug⸗ net ſich niemals.“ Suchte ich ihn mit etwas zu überraſchen, was, wie ich wußte, ihm angenehm war, ſo ſagte er:„Dank, Selma, Du biſt eine aufmerkſame Hausfrau, die Alles thut, um ihre Pflichten zu erfüllen.“ 6* 84⁴ Fragte ich ihn, weshalb er ſo verändert ſei, ſo ſah er mich an und antwortete:„Selma, thue dergleichen Fragen nicht, ſie ſchicken ſich nicht für Dich. Du weißt ſelbſt am beſten, daß wir beide verändert ſind.“ Vergebens ſtrengte ich mich an, den Grund dieſes Mangels an wahrhafter Wärme zu erforſchen. Ich konnte denſelben nicht ergründen. Daß ſein ſonderbares Betragen nicht die Folge erloſchener Liebe war, glaubte ich daraus ſchließen zu können, daß es zuweilen Augenblicke gab, in denen er mir eine faſt leidenſchaftliche Zärtlichkeit zeigte; aber auch zu ſolcher Zeit lag etwas Schmerzhaftes im Aus⸗ drucke ſeines Geſichts. Ich litt, ohne daß ich zu klagen wagte, denn ich zitterte vor Allem, was ſein Mißvergnügen erwecken konnte, weil dies leicht hervorzurufen, aber ſchwer zu beſchwichtigen war. Ich fürchtete ſeinen Zorn— den Zorn eines Mannes, den ich in jüngern Jahren nie⸗ mals aufgeregt geſehen hatte. Bevor wir verheirathet waren, hatte ich mit ihm von Gerhard und unverſtellt und aufrichtig von mei⸗ nen Gefühlen geſprochen. Er hatte mich ſchweigend angehört und ſagte, als ich zu Ende war:„Selma, ich will Dich um eins bitten.“ „Und das iſt?“ fragte ich. 85 „Daß Du mir verſprichſt, nicht von Gerhard zu reden. Es ſchmerzt mich, nur ein Wort über ihn von Dir zu hören, wie eben jetzt.“ Natürlicherweiſe konnte es mir nach dieſer Aeuße⸗ rung nicht einfallen, von Gerhard oder von etwas, das ihn anging, zu ſprechen. Ebenſo wenig kam die Vermuthung in Frage, daß Rolf's verändertes Beneh⸗ men hiermit Zuſammenhang hätte, ſondern ich ſuchte den Grund davon anderswo, ohne ihn finden zu können. Der Oheim, welcher niemals ein unfreundliches Wort zwiſchen Rolf und mir wechſeln hörte, hielt uns für glücklich, und wir verbargen ſorgfältig vor ihm, daß dieſes Glück nur in ſeiner Einbildung vorhanden war. Gerhard war wie verſchwunden und er wurde von Niemand genannt. Zwei Jahre waren Rolf und ich verheirathet, als ich Mutter eines Sohnes wurde, deſſen Geburt mir faſt das Leben koſtete. Niemals werde ich die liebevolle Sorgfalt vergeſ⸗ ſen, mit welcher mich Rolf während meiner Krankheit pflegte. In jedem Blick, in jeder Miene las ich, wie ich geliebt wurde, aber als ich wieder geſund war, zog er ſich zurück, gleichſam als fürchte er, mich zu geniren⸗ 86 Wie bitter ich darunter litt, kann ich nicht be⸗ ſchreiben; denn ich vermißte ſeine Liebe jetzt um ſo mehr.§ Wäre Rolf nicht ein ſo liebevoller Sohn und Vater geweſen, ſo hätte ich mich möglicherweiſe mit ſeinem oft harten, bittern und heftigen Betragen ver⸗ ſöhnen können, weil ich es als etwas zu ſeinem Cha⸗ rakter Gehöriges angeſehen haben würde; wenn ich aber bedachte, wie er früher war, wie er gegen ſein Kind und gegen ſeinen Vater war, fand ich es unnatürlich, daß er ſeinen freundlichen Charakter nur mir gegen⸗ über verleugnete. Wiederum verging ein Jahr. Der Geburtstag meines kleinen Knaben ſtand bevor, und da er an dem⸗ ſelben Tage wie ſein Vater geboren war, ſo hatte ich zur Feier dieſes doppelten Feſttags mein Portrait malen und es, nebſt einer Locke vom Haar meines Sohnes, in ein koſtbares Medaillon faſſen laſſen und beabſichtigte, daſſelbe durch den Kleinen ſeinem Vater überreichen zu laſſen. Ich hoffte durch dieſes Geſchenk, das mein Kind gab, eine Veranlaſſung zu erhalten, vermöge deren ich Rolf zu einer Erklärung auffordern könnte, welche der zwiſchen uns beſtehenden Spannung ein Ende machte. Um dieſes Portraits willen hatte ich, während 87 mein Mann in Bingen war, mehrmals Reiſen nach der Stadt gemacht. Als er nach Hauſe kam und von unſern Dienſt⸗ leuten gehört hatte, daß ich mehrmals in der Stadt geweſen ſei, warf er mir das mit einer Heftigkeit vor, die faſt an Beſinnungsloſigkeit grenzte. Er klagte mich eines völligen Mangels an Auf⸗ richtigkeit an und erklärte, daß dieſer Fehler mich ins Unglück ſtürzen würde. Nachdem er alle dieſe Beſchuldigungen ausgeſtoßen hatte, entfernte er ſich, ohne mir Zeit zu meiner Ver⸗ theidigung zu laſſen. Dieſe kleine Scene fand am Morgen vor ſeinem Geburtstage ſtatt. Zur Mittagszeit erhielt ich durch einen Boten aus der Stadt das fertige Medaillon mit dem Portrait. Obwohl die Freude, welche ich von dieſer Gabe erwartete, mir durch Rolf's Ungerechtigkeit verbittert worden war, tröſtete ich mich doch damit, daß er am folgenden Tage, wenn er die Urſache zu meinen wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit unternommenen Reiſen in die Stadt erfahren, mir ſeine Heftigkeit abbitten würde.. Es ging bereits gegen Mitternacht; aber Rolf war noch immer nicht zurückgekommen. 88 Ich ſaß an der Wiege meines Kindes und lauſchte, ob ich nicht die Schritte des Vaters hören würde. Plötzlich vernahm ich ſchnelle Schritte, die ſich unſerem Schlafzimmer näherten. Ich ſprang auf, um Rolf entgegenzueilen, blieb aber unbeweglich, wie verſteinert, ſtehen. Vor mir ſtand Gerhard. Er ſah bleich und verſtört aus. Erſchrocken trat ich zurück. Im nächſten Augenblick lag er mir zu Füßen und bat um Verzeihung für Alles, was er verbrochen hatte. Er war unglücklich, unglücklich dadurch, daß er mein Glück hatte ſchaffen wollen und in dieſer Abſicht ſich gegen mich leichtſinnig geſtellt und ſich den Zorn ſeines Vaters und die Verachtung ſeines Bruders zugezogen habe. Er hatte niemals eine Andere als mich geliebt, er liebte mich noch mit unverminderter Kraft und war gekommen, um einmal die Gefühle ſeines Herzens auszuſprechen und mich anzuflehen, daß ich ihm die Verzeihung ſeines Vaters erwirken möchte. Ich verſprach ihm zu thun, was ich vermöchte, wenn er ſich nur entfernen wolle, und ſagte, daß ich mit Rolf ſprechen würde; aber da beſchwor er mich mit Thränen, ſeinen Namen nicht eher vor Rolf zu nennen, als bis ich für ihn vom Vater Verzeihung erwirkt hätte. Er beſchwor mich bei Allem, was heilig war, wenn ich ihn nicht für ſein ganzes Le⸗ ben völlig unglücklich machen wolle. In meiner Angſt, daß er ſich nicht entfernen wollte, verſprach ich es ihm, und jetzt erhob er ſich. Er blieb vor mir ſtehen. Sein Blick hatte etwas Sonderbares, und ich empfand einen tieſen Schreck, als er meine Hand ergriff und ſagte:„Selma, ich kann mich von hier nicht entfernen, wenn Du mich nicht vor den Folgen einer Handlung retten kannſt, zu der mich die Laſt meiner unglücklichen Ehe verleitet hat. Ich habe geſpielt, Selma, und wenn ich nicht morgen Vor⸗ mittag meine Schuld bezahlen kann, ſo bin ich be⸗ ſchimpft, mein Name iſt gebrandmarkt und damit jeder Weg, meines Vaters Verzeihung zu erhalten, unmög⸗ lich. Selma, Du beſitzt in dieſem Augenblicke mehr als mein Leben, Du haſt meine Ehre in Deinen Hän⸗ den. Willſt Du dieſe retten?“ „Wenn ich kann“, ſtammelte ich und verlangte die Summe zu wiſſen. Sie betrug gerade ſo viel, als ich am Morgen deſſelben Tages vom Oheim als Betrag meines Nadel⸗ geldes für das Jahr erhalten hatte, und welches ich ſeit meiner früheſten Jugend am erſten Juli em⸗ pfing. 90 Ohne mich einen Augenblick zu bedenken, eilte ich, ihm das Geld einzuhändigen, worauf er ſich entfernte. Die Nacht verging, wie auch der Geburtstag mei⸗ nes Sohnes und deſſen Vaters, ohne daß ſich Rolf hatte ſehen laſſen. In meiner Angſt ſchickte ich einen Boten in die Stadt, um zu erfahren, ob meinen Mann irgend ein Unglück betroffen habe; aber der Bote kam mit dem Beſcheide zurück, daß dieſer bereits am vorigen Abende Kreuznach verlaſſen habe und nach Wiesbaden ge⸗ reiſt ſei. Spät am Abende des Tages, an welchem ich durch das Geſchenk meines Portraits eine Veränderung in meinem und Rolf's peinlichen Verhältniſſe zu Wege zu bringen gehofft hatte, kam er nach Hauſe. Ich ſprang ihm entgegen, um mich nach der Unruhe, welche ich ausgeſtanden hatte, in ſeine Arme zu werfen; aber er ſtieß mich heftig von ſich und ſagte:„Erſpare uns bei⸗ den die Qual von Zärtlichkeitsbezeigungen. Wo iſt mein Vater? War er über mein langes Ausbleiben unruhig?“ Und ohne meine Antwort abzuwarten, eilte er an mir vorüber zu dem Alten hinein. Es war Nacht, als er in unſer Schlafzimmer trat. Ich ſaß und wiegte unſern Sohn. Sein Blick fiel ſogleich auf mich, er zog heftig 9¹ die Augenbrauen zuſammen und ſagte äußerſt rauh: „Weshalb biſt Du noch nicht zur Ruhe gegangen?“ Weil ich Dich vorher an Deinem Geburtstage umarmen und Dir die Urſache erklären wollte, wes⸗ halb ich während Deiner Abweſenheit nach Kreuznach gereiſt bin. O Rolf, es hat mich geſchmerzt, dadurch Deinen Unwillen erregt zu haben, ſtatt, wie ich glaubte, Dir eine Ueberraſchung zu bereiten!“ „In der That, Du biſt ſehr gütig“, fiel Rolf bitter ein,„und Du weißt Deine Worte ſo zu ſtellen, daß man durch ſie betrogen werden könnte. Du biſt ein fürchtenswerthes Weib, Selma“, ſetzte er hinzu und wendete ſich von mir ab. „Rolf“, rief ich aus,„in welcher Abſicht ſagſt Du mir das? Was habe ich Dir Uebles gethan 20 „Was Du gethan haſt?“ wiederholte er und ſah mich an.„Und Du wagſt noch, das zu fragen? Er zog ein Etui aus ſeiner Brieftaſche und fügte hinzu: „Du haſt nicht allein die Treue gebrochen, die Du mir ſchuldig warſt, als Du mir Dein Herz ſchenkteſt, ſon⸗ dern Du haſt auch unbedachtſam Deine und meine Ehre in die Hände eines Tollkopfes gegeben. Nimm daher dies Erinnerungszeichen zurück, das Du ihm geſchickt haſt. Du kannſt Deinem Manne dafür danken, daß er Dir die Erniedrigung erſpart hat, die Ziel⸗ ſcheibe eines Haufens Leichtſinniger in Wiesbaden zu werden. Für diesmal habe ich Deine und zugleich meine eigene Ehre gerettet, rechne aber nicht darauf, daß ich es nochmals thun werde.“ Er eilte nach der Thür. „Rolf, Rolf, höre mich!“ Aber er hörte mich nicht, er war verſchwunden. Ich öffnete das Etui. Es war mein in ein Medaillon gefaßtes Portrait und demjenigen voll⸗ kommen ähnlich, welches ich für Rolf hatte malen laſ⸗ ſen. Auf dem Rande der Einfaſſung ſtand: Frau Selma an Gerhard.“ Ganz außer mir riß ich die Klappe meines Secre⸗ tärs auf, um zu ſehen, ob man mir mein Medail⸗ lon geſtohlen habe; aber nein, es war da und dem⸗ jenigen, welches mir Rolf zugeworfen hatte, ſo ähnlich wie ein Ei dem andern. Obwohl unerfahren in den Intriguen des Lebens, ſah ich doch ein, daß es mir ſchwer werden würde, mich zu rechtfertigen. Der Künſtler, welcher das Por⸗ trait gemacht hatte und bezeugen konnte, daß ich nur ein Portrait beſtellte, war an demſelben Tage, an wel⸗ chem ich ihn dafür bezahlte, von Kreuznach abgereiſt. Er hatte auch die Einfaſſung beſorgt. Es gab alſo keinen Weg, zu beweiſen, daß ich unſchuldig war. 93 Ich weinte und durchwachte die ganze Nacht. Den ganzen folgenden Tag blieb Rolf aus. Erſt gegen Abend kam er zurück. Ich hatte mich auf eine Bank vor unſere Wohnung geſetzt, um ihn zu einem Geſpräche zu zwingen. Als er mich ſah, blitzten ſeine Augen. Ich ging ihm entgegen und ſagte:„Ich fordere von Dir, als einem rechtlich denkenden Manne, daß Du bleibſt und mich anhörſt. Du haſt eine ſchwere Anklage gegen mich erhoben und kannſt es nicht verweigern, mir eine Er⸗ klärung zu geben.“ Schweigend ſetzte ſich Rolf auf die Bank, welche ich eben erſt verlaſſen hatte. Er kreuzte die Arme über der Bruſt, gleichſam als wolle er durch dieſe Bewe⸗ gung zu erkennen geben, daß er nunmehr meine Er⸗ klärung erwarte. Ich ſetzte mich auf ein Erdhügelchen zu ſeinen Füßen. Mit Ruhe erzählte ich ihm, daß ich von einem reiſenden Künſtler mein Portrait hätte malen laſſen, welches ich ihm zu ſchenken beabſichtigte. Ich ſagte ihm, daß ich von dem Portrait, welches er mir zuge⸗ worfen, nichts wiſſe und daß ich ihn frage, wie es möglich ſei, daß er glauben könne, daß ich ihn in irgend einem Falle hintergangen hätte. 94 Als ich zu Ende war, hob ein tiefer Seufzer ſeine Bruſt. „Wenn ich Dir glauben ſoll, wie willſt Du es erklären, daß Gerhard im Beſitz dieſes Portraits war? Er hat ſich nicht in Kreuznach aufgehalten, er hat nicht gewußt, daß Du Dich porträtiren laſſen würdeſt. Er konnte keine Copie nehmen laſſen, und überdies, weshalb ſollte er das thun?“ „Rolf! Gerhard war in Kreuznach!“ rief ich un⸗ willkürlich aus. „Er war dort?“ fiel Rolf heftig ein.„Und das wußteſt Du und verſchwiegſt es mir? Ach, Du haſt ihn vielleicht getroffen, als Du hinfuhrſt, um Dich por⸗ trätiren zu laſſen. Ich argwöhnte ſo etwas ſchon!“ „O, mein Gott, Rolf, wie Du ſprichſt! Habe ich wohl jemals gelogen oder Dich betrogen?“ „Nicht, daß ich es beweiſen kann“, antwortete Rolf bitter lächelnd.„Es iſt in der That ein großer Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Verſchweigen einer Wahrheit und dem Ausſprechen einer Unwahrheit. Die Falſchheit iſt jedoch gleich groß, ob ich die Wahrheit verſchweige, oder ob ich ſie verleugne. Du haſt verſchwiegen, daß Du Gerhard trafſt, und ſiehſt das für keinen Betrug an.“ Ungeachtet all der ungerechten Beſchuldigungen, 9 die er gegen mich ausſtieß, wurde ich nicht böſe. Ich war nur tief betrübt und erzählte mit der innern Ueberzeugung, das Mißverſtändniß zwiſchen uns zu heben, das Auftreten Gerhard's und ſein Begehren, beim Vater dahin zu wirken, daß er ihm verzeihe. Rolf hörte mich, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen; aber ich las in ſeinem Geſichte mit einem Gefühle der Verzweiflung, daß es mir nicht gelungen war, die Zweifel in ſeiner Seele zu heben. In dieſen qualvollen Stunden erhielt ich die bit⸗ tere Lehre, daß aus dem Herzen, in welchem Mißtrauen und Argwohn eingekehrt ſind, dieſelben ſich nicht ſo leicht verſcheuchen laſſen. Als meine Erzählung zu Ende war, ſtrich ſich Rolf mit der Hand über die Stirn und murmelte: „Aber das Medaillon, wie willſt Du das erklä⸗ ren? Doch was helfen alle Worte darüber? Wärſt Du ſchuldig, würdeſt Du es leugnen. Ich will glauben, daß Du in Deinen Handlungen rein biſt, obwohl Al⸗ les gegen Dich ſpricht.“ Er erhob ſich und fügte heftig hinzu:„Ich muß erforſchen, ob Du mich betrügſt oder er, ſollte ich auch genöthigt ſein, rings um die Erde zu reiſen, um den Künſtler aufzufinden, welcher dieſe Portraits malte.“ Rolf ging zu ſeinem Vater. 96 Ein paar Tage ſpäter reiſte mein Mann fort. Dieſe Reiſe wurde durch einen Brief veranlaßt, der ganz unerwartet ankam. Daß die Urſache keine an⸗ genehme war, konnte ich aus des Oheims kummervol⸗ lem Ausſehen ſchließen. Als Rolf mich zum Abſchiede küßte, war ſein Ausſehen milder als ſeit langer Zeit; er ſah mir in die Augen und ſagte: „O, daß ich an Deine Ergebenheit glauben könnte!“ „Das kannſt Du, Rolf“, antwortete ich und ſah zu ihm auf;„mein Herz, meine ganze Seele und jeder Gedanke gehört Dir.“ Er ließ mich los und ſeufzte. „Du mißtraueſt meiner Verſicherung. Rolf, fin⸗ deſt Du denn nicht etwas in meinem Blicke, in meiner Stimme, in meinem Handeln, was Dir ſagt, daß ich die Wahrheit ſage?“ Er ſah mich lange an, küßte mich nochmals und ſagte:„Ich will und muß Dir glauben. Du wärſt ſchlimmer als ein Teufel, wenn Du mich mit dieſem Ausdrucke von Wahrheit im Blicke betrügen könnteſt.“ Zwei Wochen verfloſſen, und noch durften wir Rolf nicht zurückerwarten. Er hatte an den Oheim geſchrieben. Der Inhalt des Briefes ſchien den Kum⸗ mer nur zu vermehren, welcher auf dem Geſichte des 97 Greiſes zu leſen war; auch ich empfing ein paar freund⸗ liche Zeilen von meinem Mann. An demſelben Tage, als Rolf abreiſte, kam ein Brief von Gerhard an mich. Dieſem Briefe folgten mehrere, die alle in einem aufgeregten und leidenſchaft⸗ lichen Tone gehalten waren. Ich machte auch mehrere Verſuche, von Gerhard zu ſprechen, als ich mit dem Oheim allein war; allein der Greis unterbrach mich ſtets, und ich kam niemals weiter, als Gerhard's Namen zu nennen, da er ſtets das Weitere abſchnitt. Endlich kam ein Brief von Gerhard an, in wel⸗ chem er erklärte, daß, wenn ich binnen einer Woche nichts von mir hören und ihn wiſſen ließe, daß ſein Vater ihm verziehen habe, ſeine Verzweiflung ihn da⸗ hin treiben würde, ſeinem Leben ein Ende zu machen. Dieſer Brief kam abends an, als der Oheim ſich bereits zu Bette begeben hatte. Ich beſchloß, am folgenden Tage mit Ernſt und ohne mich abſchrecken zu laſſen, mit Gerhard's Vater zu ſprechen. Ich ſaß eben und überlegte, was ich wohl zum Vortheile deſſen ſagen könnte, der Urſache ſo vieler meiner Leiden geweſen war, als ich Schritte im Saale hörte. In der Meinung, Rolf könne mög⸗ Schwartz, Novellen. IIH. 8 98 licherweiſe zurückgekehrt ſein⸗ eilte ich, die Thür zu öffnen. Ich täuſchte mich, es war Gerhard. Ich erſchrak bei ſeinem Anblicke dergeſtalt, daß ich im Begriff ſtand, aufzuſchreien; aber er ergriff heftig meinen Arm und flüſterte:„Mache keinen Lärm; ich muß mit Dir ſprechen.“ Die Scene, welche nun folgte, war der Art, daß nur Gerhard im Stande war, eine ſolche hervorzuru⸗ fen. Er malte mit den glühendſten Farben aus, wie unglücklich er ſei, wie innig er mich liebe. Er flehte unter Thränen, daß ich für Alles, was er gelitten habe, ihm den Troſt ſchenken möge, ſeinen Vater wie⸗ derzuſehen. Er ſprach mit der ganzen Uebertreibung des Ge⸗ fühls, und als ich mich erſchrocken entfernen wollte, hielt er mich zurück und rief aus: „Eins von beiden: Deine Liebe oder die Ver⸗ zeihung meines Vaters mußt Du mir geben.“ „Alles, was ich vermag, Dich mit Deinem Vater zu verſöhnen, will ich thun“, antwortete ich und ſuchte meine Hand loszumachen. Er ließ ſie los, umſchlang mich aber zu gleicher Zeit und rief, die Augen nach der Thür gerichtet, aus: BGeliebte, angebetete Selma, — 99 Du gibſt mir mein Leben wieder, indem Du mich hoffen läßt.“ Zu gleicher Zeit ſah ich auf. Mir gerade gegen⸗ über auf der Schwelle ſtand— Rolf. Ich ſtieß einen Schmerzensſchrei aus und wollte mich den Armen Gerhard's entwinden; aber er hielt mich wie ein Schraubſtock umklammert. „Rolf!“ rief ich voller Verzweiflung aus. Jetzt erſt ließ mich Gerhard los. Ich ſprang in den leeren Saal. Ich wähnte den Schall von Tritten zu hören; ich ſtürzte in das Dunkel hinaus, um ihnen zu fol⸗ gen; aber Alles rings um mich her war ſtill. Die Nacht war dunkel; ich ſah nichts. Ich horchte, ich rief; keine Antwort, und als ich in das Haus zurück⸗ kehrte, war Gerhard nicht mehr da. Alles, was ge⸗ ſchehen war, glich einem Traume. Wie endlos lang war nicht der übrige Theil der Nacht! Der Morgen kam, aber ohne das geringſte Licht über die Ereigniſſe der Nacht zu bringen. Ich kam auch zu der Ueberzeugung, daß Rolf's Erſcheinung nichts Anderes als eine Augentäuſchung geweſen ſei, und beſchloß jetzt, allem weitern Drängen Gerhard's dadurch ein Ende zu machen, daß ich mit dem Oheim ſpräche und bewirkte, daß Vater und Sohn ſich trä⸗ 7* 100 fen. Ich wußte, daß Gerhard von der Muhme Mo⸗ nika in ihrem Zimmer verborgen gehalten wurde, bis es mir gelungen, den Vater zu bewegen, daß er ſich ihm zeigen dürfe. Meine Lage war in der That pein⸗ lich durch die Furcht, daß es Rolf geweſen ſei, den ich in der Nacht geſehen hatte, und durch meine Angſt, daß dieſer zurückkommen würde, bevor Gerhard mit dem Vater zuſammenträfe, und daß es mir nicht glücken werde, dieſe Zuſammenkunft zu Wege zu bringen. Mit meinem Kinde auf dem Arme ging ich zum Oheim, nachdem ich zuvor ein inniges Gebet an die Mutter Gottes gerichtet hatte. Ich begann von Gerhard zu ſprechen. Der Oheim wollte mich jetzt, wie immer, unter⸗ brechen; aber ich fuhr fort und beſchrieb, wie unglück⸗ lich ſich der Sohn darüber fühle, daß er verſtoßen ſei. Ich bat um Verzeihung für ſeine Fehler und ſuchte zu beweiſen, daß ſein Vergehen gegen mich von der Beſchaffenheit geweſen ſei, daß es den Zorn des Vaters niemals bis zu dem Verbote, ihm unter die Augen zu treten, hätte erregen können. Ich rief ſein Vaterherz an und legte ihm die Frage vor, ob es nicht ein ſchöneres Gefühl ſei, zu verzeihen als zu verflu⸗ chen. 101 Nachdem der Oheim ein paarmal, aber verge⸗ bens verſucht hatte, mich mit ſtrenger Stimme zu unterbrechen, ließ er mich bis zu Ende ſprechen. Als ich ſchwieg, richtete er den Kopf, den er in die Hand geſtützt hatte, in die Höhe, erhob ſich und ging zu ſei⸗ nem Secretär, aus dem er ſchweigend einen Brief nahm, welchen er mir hinreichte. Derſelbe war vom Ortsrichter und lautete folgen⸗ dermaßen: „Hochverehrter Freund! Ich glaube den Dieb gefunden zu haben, wel⸗ cher Ihrer Schweſter die achttauſend Thaler geſtohlen hat; aber da ich mit Gewißheit vorher weiß, daß we⸗ der Sie noch Ihre Schweſter auf eine gerichtliche Ver⸗ folgung gegen denjenigen dringen werden, welcher ſich derſelben bemächtigt hat, wenn Sie erfahren, daß es Niemand anders als Ihr Sohn Gerhard iſt, ſo halte ich es für das Beſte, daß Sie die Sache mit Ihrer Schweſter dergeſtalt ordnen, daß keine weitern Nachforſchungen angeſtellt werden. Das geht ganz leicht an, wenn Sie ſich ſogleich nach Empfang dieſes bei mir einfinden, wo ich Ihnen dann mündlich er⸗ klären werde, wie ich zu der gemachten Entdeckung ge⸗ kommen bin. Obwohl es mir ſchmerzlich iſt, Ihnen dies mittheilen zu müſſen, bin ich doch genöthigt, 102 es zu thun, um Ihnen die Demüthigung zu erſparen, Ihren Sohn als Dieb gebrandmarkt zu ſehen. Mit unverminderter Achtung und Freundſchaft zeichne ich u. ſ. w.“ Als ich mit dem Briefe zu Ende war, ſagte der Oheim mit feſter Stimme:„Dieſer Brief, nicht die Nachricht, daß Gerhard für ſeine jetzige Frau eine Neigung gefaßt habe, war es, der meine Reiſe nach Kreuznach veranlaßte. Es war dieſer Brief, welcher mich bewog, ihn zu verſtoßen und ihm alles dasjenige auszuzahlen, was er eines Tages von mir zu erben hatte. Ich hatte mich außer aller Berührung mit ihm geſetzt: ich habe ihn nicht verflucht, weil ich als Chriſt nicht das Recht hatte, es zu thun, aber ich will ihn nicht vor Augen ſehen. Ein Dieb iſt nicht mein Sohn; ich werde niemals, merke Dir's, Selma, dulden, daß er meine Schwelle überſchreitet oder mir unter die Augen tritt, bevor er ſich bekehrt und gebeſſert hat.“ „Aber wenn er das gethan hat, wenn er bereut, wenn— „Das hat er nicht“, rief der Greis aus und ſchlug heftig mit der Hand auf den Tiſch. „Vater, liebſter Vater, das weißt Du ja nicht“, ſiel ich ihm ins Wort. „Ja, leider nur allzu gut. Er hat gegen mich ſo 103 gehandelt, daß ich beinahe zu Grunde gerichtet bin. Durch falſche, mit meinem Namen unterzeichnete An⸗ weiſungen hat er bei allen Kaufleuten in Koblenz, Bingen, Kreuznach und anderwärts, mit denen ich in Ge⸗ ſchäftsverbindung ſtehe, Gelder aufgenommen, undzwar zu einem ſo hohen Betrage, daß Dein Mann nur mit Mühe im Stande ſein wird, die Sachen ſo zu ordnen, daß kein Skandal daraus entſteht. Ich bin, um dieſe Betrügereien meines Sohnes zu decken, genöthigt ge⸗ weſen, meine beſten Weinberge zu verkaufen; aber da⸗ mit noch nicht genug, erhielt ich am Tage vor der Abreiſe Deines Mannes einen Brief von Gerhard's Frau, in welchem ſie mich um Hülfe für ſich und ihr unglückliches Kind anfleht. Er hat das Wenige, was ſie beſaß, verſchwendet und ſie dann verlaſſen. Auch dies will Rolf mit Aufopferung des Wenigen, was er beſitzt, zu ordnen ſuchen; aber damit iſt auch Alles gethan, was ich für den entarteten Sohn zu thun vermag.“ „Nein, nicht Alles“, rief eine Stimme in der Thür, und Gerhard ſtürzte herein. Er riß eine Piſtole aus der Taſche und ſetzte mit wilder Haſt hinzu:„Ich muß zweitauſend Thaler haben, oder ich ſchieße mir vor Deinen Augen, Vater, eine Kugel durch den Kopf. „So erſchieße Dich denn“, ſagte der Oheim mit entſetzlicher Kälte;„denn von mir erhältſt Du nicht einen einzigen Thaler mehr.“ Ich ſaß mit dem Rücken gegen die Thür und hatte mein Kind auf dem Schvoße. Gerhard ſtürzte bei mir vorüber auf den Vater zu, welcher mir gerade gegenüber Platz genommen hatte. Als Gerhard ſich ihm zu Füßen warf, lag er mit dem Rücken gegen mich gewendet. Bei den Worten des Oheims hob er die Piſtole über den Kopf empor. Ich erhob mich eiligſt mit einem Ausrufe des Entſetzens. Der Schuß ging los, ein herzzerreißender Schrei meines Kindes, und ich war mit Blut überſtrömt.“ Hier ſchwieg Frau Spindler und bedeckte ihr Ge⸗ ſicht mit den Händen. Nach einigen Minuten nahm die unglückliche Mutter wieder das Wort. „Der Schuß hatte meinen kleinen Jungen in die Bruſt getroffen. Ich hielt einen lebloſen Körper in meinen Armen. Daß ich ſelbſt nicht todt zu Boden geſtürzt bin, begreife ich nicht. Die Natur hat mich mit einem ſo ſtarken Körper begabt, daß ich nicht ein⸗ mal die Beſinnung verlor, ſondern das volle Bewußt⸗ ſein meines gräßlichen Unglücks behielt. Von dem, was um mich her vorging, habe ich 105 keine Erinnerung; ich hatte nur das Bewußtſein, daß mein Kind ermordet war. Man hat mir geſagt, daß Gerhard wie ein Wahn⸗ ſinniger aus dem Zimmer geflohen ſei. Die Nacht kam, ohne daß ich weiß, wie der Tag vorübergegangen war. Endlich nahm man den kleinen Leichnam aus meinen Armen, um ihn in geweihte Erde zu betten. Alles, was mir von meinem Kinde übrig blieb, waren die mit ſeinem Blute getränkten Kleider. Den Tag nach dem Begräbniſſe meines kleinen Knaben kamen zwei Briefe von Rolf, der eine an den alten Vater, welcher ſeit dem unglücklichen Ereigniſſe ſein Zimmer nicht verlaſſen hatte, der andere an mich. Bemerken Sie wohl, daß ich dieſen ſchrecklichen Brief zwei Tage nach dem entſetzlichen Ende meines Kindes erhielt.“ Frau Spindler zog einen durch Alter vergilbten und von Thränen durchfeuchteten Brief aus der Taſche und ſagte: „Leſen Sie ſelbſt, ich habe die Kraft nicht, Ihnen denſelben vorzuleſen.“ Der Brief lautete: „Selma! Wenn Du dieſes empfängſt, ſind wir auf ewig geſchieden. Du haſt es ſelbſt ſo gewollt, 106 und ich gehe, um Dich von der Gegenwart eines Gatten zu befreien, den Du betrogen und deſſen Ehre Du gekränkt haſt. Ich will die Mutter meines Kindes nicht haſſen, nicht verfluchen, aber ich ſage: Wehe den Frauen, welche gleich Dir die reinſte, treueſte und tiefſte Liebe ihrer Männer empfangen, ſie aber mit Betrug und Treuloſigkeit belohnen. Ich habe ſchon lange gewußt, daß Dein Herz an ihn gefeſſelt iſt, der mein Bruder heißt; ich habe gewußt, daß Deine Lippen logen, wenn ſie von Liebe ſprachen; aber ich verzieh die Treuloſigkeit Deines Herzens, weil ich zu finden glaubte, daß Du mit Ernſt die Gefühle zu bekämpfen ſuchteſt, mit denen Du an ihm hingſt. Ich täuſchte mich jedoch. Du heuchelteſt Treue und Pflichtliebe, um mich deſto leichter betrügen zu können, und ich habe mich dennoch, nachdem er ſelbſt mir den überzeugenden Beweis Deiner Treu⸗ loſigkeit gegen mich gegeben hatte, von Deinen Worten bethören laſſen und habe Deinen Verſicherungen ge⸗ glaubt. Ich will mir den Schmerz erſparen, Dich zu überführen, wie Du mich hintergangen haſt, Dir die Demüthigung, vor dem Vater Deines Kindes als Ehe⸗ brecherin dazuſtehen, und dem Greiſe den Kummer, daß * ————— ————————— 107 er in Dir eine Schlange an ſeiner Bruſt genährt hat. Darum müſſen wir uns trennen. Dies iſt keine Strafe, ſondern eine Nothwendig⸗ keit. Strafen kann ich Dich nicht, und dennoch, wenn ich bedenke, wie Du im letzten Augenblicke mich hinter⸗ gangen haſt, fühle ich Zorn und Wuth in meiner Seele kochen. Welch heilige Verſicheruugen gabſt Du mir nicht, als ich genöthigt war, von Hauſe wegzureiſen, und was fand ich bei meiner Rückkehr? Meine Frau in den Armen meines Bruders. Du haſt mich geſehen, Selma, und begriffen, daß wir einander zum letzten Male ſahen. Lebte der ſchon von Kummer ſo heimgeſuchte Greis nicht mehr, ſo würde ich das Band, welches uns vereint, zerriſſen, mein Kind von einer unwürdigen Mutter fortgenommen haben und mit demſelben aus dem Lande entflohen ſein. Jetzt ſage ich: Gott bewahre mich davor, den Kummer meines Vaters zu vermehren! Möge er leben, ohne zu wiſſen, daß der eine Bruder den andern um ſein Glück beſtahl; daß das Mädchen, welches er mit ſo vieler Zärtlichkeit erzog, eine Verrätherin an Pflicht, Gewiſſen und Ehre wurde. Das wünſche ich von ganzem Herzen. Ich hätte ſogleich derjenigen mißtrauen ſollen, 108 welche mich ſchon an unſerm erſten Verlobungstage betrog und mir den Liebeshandel nicht erzählte, in welchen ſie ſich mit meinem Bruder eingelaſſen hatte; aber ich liebte und ſah nicht, daß der Trug ſich hinter der Larve der Unſchuld verbarg. Du haſt mich auf eine fürchterliche Art für meine Leichtgläubigkeit ge⸗ ſtraft. Zeige jetzt, daß Du, nachdem Du das Kind vom Vater, den Sohn von dem am Grabe ſtehenden Greiſe getrennt haſt, zu dem Gefühle deſſen erwachſt, was Du Deinem Kinde und dem ſchuldig biſt, der Dich erzog. Erinnere Dich, daß Du vor Gott Rechenſchaft über Rolf's Sohn abzulegen haſt.“ Nachdem ich den Brief geleſen hatte, gab ich ihn ſchweigend der Frau Spindler zurück, welche ihre Er⸗ zählung wieder aufnahm. „Was ich bis zu dieſem Augenblick nicht begreife, iſt, daß ich nicht wahnſinnig wurde; aber, wie geſagt, mein Körper war ſtark. Ich erkrankte weder, noch verlor ich den Verſtand. Mir blieb das vollſtändigſte Bewußtſein meines Elends, und ich betete mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ich hatte nicht einmal Thränen, um dem ganzen Abgrunde von Qual und Verzweiflung, der mein Inneres erfüllte, Luft machen zu können. 109 Vernichtet, zerſchmettert, ſaß ich Stunde auf Stunde da, mit dieſem Briefe vor mir. Ich war alſo durch den gräßlichen Tod meines Kindes noch nicht unglücklich genug, ſondern es bedurfte noch dieſer Vermehrung meines Mißgeſchicks. Gegen Abend ließ der Oheim mich rufen.— Ich hatte ihn nicht geſehen, ſeit Gerhard's Kugel mein Kind getroffen hatte. Der Ruf meines Oheims weckte mich aus der Betäubung zermalmenden Schmerzes, in welche ich ver⸗ ſunken war, und eine Stimme in meinem Herzen flüſterte: Was mag aus dem Greiſe, dem Vater deines Mannes und des Mörders deines Kindes, ge⸗ worden ſein? Im nächſten Augenblick trat ich bei ihm ein. Er ſaß wie gewöhnlich in ſeinem Lehnſtuhle. Sein Aus⸗ ſehen war ſo verändert, daß ich ihm zu Füßen fiel und in Thränen ausbrach. Beim Oheim waren der Pater Lorenzo und die Muhme Monika. Der Oheim drückte mich haſtig an ſeine Bruſt. Zu ſprechen vermochte keins von uns, ſondern unſere Thränen waren die Dolmetſcher unſerer Ge⸗ fühle. Pater Lorenzo war derjenige, welcher das Schwei⸗ 110 gen zuerſt brach. Er ſprach milde und liebevolle Worte zu uns, er ſprach, wie ein chriſtlicher Prieſter zu Tiefbetrübten ſprechen muß. Die Worte fielen auch wie lindernder Balſam in die Wunden der Seele. Das Schluchzen hörte auf, und endlich ſtammelte der Oheim:„Kannſt Du Dich enthalten, dem Unglücklichen zu fluchen?“ „Oheim, er iſt ja Dein Sohn“, war meine Ant⸗ wort. Eine Stunde ſpäter theilte mir Pater Lorenzo den Inhalt des Briefes, den Rolf an ſeinen Vater ge⸗ ſchrieben hatte, mit. Rolf unterrichtete dieſen, daß er, um die von Gerhard auf den Namen des Vaters aus⸗ geſtellten Wechſel einzulöſen, alle flüſſigen Mittel ver⸗ wendet habe. Von dem ganzen Vermögen des Oheims blieb dieſem jetzt nur noch der Ertrag des kleinen Gutes und der Weinfelder, welche früher meinen Eltern gehört hatten. Rolf hoffte jedoch, daß dies für den Unterhalt des Vaters, meiner und unſeres Kindes hinreichen würde. Er ſelbſt hatte beſchloſſen, ſich in die neue Welt zu begeben, um zu verſuchen, dort für ſich und die Seinigen, wie er ſchrieb, Vermögen zu erwerben und auf dieſe Weiſe das wieder zu erſetzen, was der Bruder verſchwendet hatte. Der Brief an den Vater war ruhig und liebevoll. Er bat ihn, mich 8 und ſeinen Sohn mit ſeiner Liebe zu beſchützen, und ſchloß den Brief damit, daß er ſchon ſeit lange be⸗ ſchloſſen habe, nach Amerika zu gehen, um dort ein reicher Mann zu werden und als ſolcher nach Hauſe zurückzukehren. Nach dieſem Tage vergingen Wochen und Monate in düſterem Kummer. Von fernern Briefen Rolf's hörte man nichts. Wir konnten ihm nicht ſchreiben, da wir nicht wußten, wohin wir den Brief adreſſiren ſollten. Ein halbes Jahr nach dem Tode meines Kindes traf uns ein neues Unglück. Der Oheim wurde blind. Noch ein weiteres halbes Jahr, und er ſchlummerte mit ſeinem Enkel unter demſelben Raſen. Ich war nun mit Muhme Monika allein. Ein Jahr war ſeit des Oheims Beerdigung ver⸗ floſſen. Ich und Muhme Monika ſaßen an einem langen und regnichten Herbſtabende ganz allein in dem Zim⸗ mer, welches früher mein und Rolf's Schlafzimmer geweſen war, als wir die Schritte eines Mannes im Saale hörten. Muhme Monika nahm das Licht, um zu ſehen, wer es ſei. Ich begleitete ſie. Mitten im Zimmer ſtand ein Mann, der in einen 12 zerriſſenen Mantel gekleidet war und den von Regen triefenden Hut tief ins Geſicht gedrückt hatte. Er trug etwas unter dem Mantel. Als der Schein des Lichtes auf ihn fiel, warf er Hut und Mantel ab. Gerhard ſtand vor uns, mit einem Kinde auf dem Arme. Es war ein kleines Mädchen, welches dem Anſchein nach zwei Jahre alt war, obgleich es deren vier zählte. Beim Anblicke dieſes Mannes, der mir Alles ge⸗ raubt hatte, wich ich zurück. Er ſprach. Die Worte flogen an meinem Ohre vorüber, ohne daß ich ſie faßte. Seine Frau war todt, er ſelbſt zum Bettler herab⸗ geſunken, gebrandmarkt als Mörder ſeines Neffen; ſein eigenes Kind war ohne Namen und ohne Brod. Das war ungefähr, was er ſagte, ohne daß ich es verſtand. Er bat für das Kind— bat mich, die er kinderlos gemacht hatte. Ich vernahm ſeine Bitten; aber ich vermochte nicht zu antworten, nicht aufzuſehen. Ganz plötzlich fühlte ich mich von ein paar kleinen Armen umfaßt, und eine Kinderſtimme ſagte in bittendem Tone:„Ich friere, ich bin ſo hungrig, willſt Du nicht meine Mutter werden?“ 14¹3 Nun ſchlang ich meine Arme um das Kind. Ich 3 drückte es an mein Herz. Das war meine Antwort. Als ich aufſah, hatte ſich Gerhard entfernt. Das Kind iſt Louiſe.— Seitdem habe ich weder von Gerhard noch von Rolf etwas gehört. Ich habe das Kind zärtlich geliebt, welches mir der Allgütige als Erſatz für dasjenige gab, das ich verloren hatte. Ich habe um ſeinetwillen unſer Thal verlaſſen, auf dem ein ſeltſamer Fluch zu ruhen ſcheint, und in welchem für unſere Familie kein Glück erblühte. Nach dem Tode der Muhme Monika haben wir in Berlin gewohnt, wo ich jetzt ſeit zehn Jahren lebe. Nun haben Sie die Geſchichte gehört, welche mit dem Hauſe dort unten am Fuße des Berges verknüpft iſt, wie Sie die Sage vom Rheingrafenſtein gehört haben. Beide geben ein neues Zeugniß von der Wahr⸗ heit, daß die größten Feinde unſeres Glückes unſere Leidenſchaften find. Es hilft wenig, ob wir in der Hütte oder im Palaſte wohnen, in dem entfernteſten Winkel der Erde oder in der größten Stadt, wenn wir nicht, auf welchem Platze es immer ſei, uns zu beherrſchen lernen und die Vernunft, nicht das Ge⸗ fühl über unſere eigenen und Anderer Handlungen urtheilen laſſen.“ Schwartz, Novellen. III. 8 144 Frau Spindler ſchwieg und ich gleichfalls. Wir wurden aus unſern Betrachtungen, in die wir verſunken waren, durch eine Stimme geweckt, die unten an der Ruine, wo wir ſaßen, ſang: „Da droben ſaßen ſie allzumal Und zechten im alten Ritterſaal; Die Fackeln glänzten herab vom Stein Und ſchimmerten weit in die Nacht hinein.“ Die Stimme war unſicher und zitternd, bezeugte aber, daß ſie einſt ſtark und wohlklingend geweſen war. Bei der erſten Strophe des Geſangs fuhr Frau Spindler zuſammen, richtete ſich ſchnell empor, blickte erſchrocken rings um ſich her und murmelte:„Gret⸗ chen.“ Auch ich wendete den Kopf herum. Zu unſerer Ueberraſchung bemerkten wir jetzt, daß wir uns nicht allein auf der Plattform befanden. Hinter uns, an derſelben Ecke der Ruine ſaß ein Mann. Als die Sängerin näher kam, erhob er ſich, und nun erkannte ich den Engländer, welcher Louiſe ſa be⸗ harrlich verfolgte. Diejenige, welche geſungen hatte, ſtand jetzt auf der Plattform. Es war eine alte Frau. Als ſie uns 1¹5 drei erblickte, blieb ſie ſtehen und betrachtete Frau Spindler mit einem eigenthümlichen Blicke, als ſuche ſie in ihrem Gedächtniſſe eine Erinnerung wach zu rufen. Darauf lächelte ſie auf blödſinnige Weiſe, nickte mit dem Kopfe und ſagte:„Sie haben recht gethan, hierher zu kommen. Ritter Eberhard und die ſchöne Adelgunde haben auf Sie gewartet, und das thut der auch.“ Dabei zeigte ſie auf den Engländer. Frau Spindler's Augen folgten unwillkürlich dem Finger der Blödſinnigen. Ihre und des Engländers Augen begegneten ſich. Sie betrachteten einander lange Zeit, worauf Frau Spindler auf ihn zueilte, ſeinen Arm ergriff und mit einem Tone, der einem Freuden⸗ ſchrei glich, ausrief:„Rolf!“ Er ſtreckte ihr die Hände entgegen, und ſie fiel leblos in ſeine Arme. Diejenige, welche ſo herbe Leiden ertragen hatte, ohne daß der Körper den mindeſten Antheil daran genommen hatte, ruhte jetzt wie todt an der Bruſt des wiedergefundenen Gatten. Er drückte ſie an ſein Herz, überhäufte ihr Ge⸗ ſicht mit Küſſen und rief ſie bei den zärtlichſten Namen, bis ſie die Augen wieder öffnete und ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang. Die vollen Strahlen der Abendſonne fielen mit 3 116 einem mehr als gewöhnlich milden Scheine auf den Rheingrafenſtein herab. Dort hatten ſich nun zwei treue und hartgeprüfte Herzen gefunden, die an einander ſchlugen und ein inniges Dankgebet zum Höchſten em⸗ porſandten. Gretchen wendete ſich ganz vergnügt ins Thal zurück. Nach ihrem Dafürhalten waren jetzt die Geiſter der ſchönen Adelgunde und des Ritters Eberhard ver⸗ einigt und verſöhnt. Ein paar Tage nach der oben beſchriebenen Be⸗ gebenheit wurde ich zu Frau Spindler eingeladen und ihrem Mann, Rolf Spindler, vorgeſtellt. Wir aßen zuſammen zu Mittag. Die Freude leuchtete aus den Augen beider Ehe⸗ gatten. Während wir Kaffee tranken, theilte mir Rolf einige Aufſchlüſſe in Betreff Gerhard's mit. Wie er ſelbſt die fünfzehn verfloſſenen Jahre zugebracht hatte, erzählte er nicht, ſondern nur, daß er einen großen Theil derſelben in Weſtindien verlebt hätte, daß ihm viele Schwierigkeiten entgegengetreten wären, bevor er auf den Punkt gelangt ſei, Geld verdienen zu können, daß es ihm aber in den letzten Jahren ſo gut gegangen ——— 4467 ſei, daß er, der nichts beſaß, jetzt ein reicher Mann geworden war. Vor einem Jahre war er aus Weſtindien nach England zurückgekehrt. Er hatte beſchloſſen, nachdem er Vermögen geſammelt hatte, ſich nach Deutſchland zu begeben, um ſeinen Sohn wiederzuſehen. Während er ſich Geſchäfte halber in London auf⸗ hielt, trug es ſich eines Abends zu, daß, als er in ſeine Wohnung zurückkehrte, ein Wagen einen Bettler überfuhr, der ſich eben nach Rolf's Thür begeben wollte. Beim Fallen hatte der Bettler eine Wunde am Kopfe erhalten und wurde beſinnungslos zum Portier hinein⸗ gebracht. Es wurde nach einem Chirurgen geſchickt, und während deſſen verſuchten Rolf und der Portier den Unglücklichen wieder zur Beſinnung zu bringen. Als man bei dieſen Bemühungen das verworrene Haar in die Höhe ſtrich und ſein Geſicht rein gewaſchen hatte, fuhr ein Schauder durch Rolf's Seele. Er betrachtete die von Ausſchweifungen und Elend zerſtörten Züge des Bewußtloſen, welche, ungeachtet des Stempels moraliſcher Erniedrigung, der ihnen aufgedrückt war, dennoch ihre urſprüngliche regelmäßige Schönheit beibehalten hatten. Rolf erkannte in dem Unglücklichen ſeinen Bruder. Dieſe Entdeckung war kaum gemacht, als er ihn in ſeine Wohnung hinaufbringen ließ, wo Gerhard die ſorgſamſte Pflege erhielt. Die Verletzung, die er davongetragen hatte, war jedoch der Art, daß der Arzt keine Hoffnung auf ſeine Wiedergeneſung gab. Während der erſten vierundzwanzig Stunden war der Kranke in einem ſo beklagenswerthen Zuſtande, daß ihn die Schmerzen ganz und gar beherrſchten; denn nicht allein der Kopf, ſondern auch die Bruſt war ſtark beſchädigt worden. Nach dreimal vierundzwanzig Stunden hatte er einige Linderung, und nun gab ſich Rolf dem Bruder zu erkennen, der ihn unmöglich wiedererkennen konnte, ſo ſehr war er durch die dunkle Geſichtsfarbe und den großen Bart verändert. Als Gerhard vom Arzte erfuhr, daß er nicht mehr geneſen werde, erklärte er beichten zu wollen, jedoch keinem Prieſter, ſondern ſeinem Bruder. Er erzählte das unglückliche Ereigniß, welches dem Sohne Rolfs das Leben koſtete; wie der Vater vor Gram zuerſt blind geworden und dann geſtorben ſei. Ferner bekannte er, daß er Selma auf abſcheuliche Art verleumdet habe, als er Rolf die Meinung beibrachte, daß ſie ihn, Gerhard, liebe. Er geſtand, daß er ſelbſt das Medaillon habe malen laſſen, um dadurch die Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu erhöhen, daß Selma's Herz ihm gehöre. Von einem verzehrenden Neid gegen den Bruder ————— 10 geleitet, hatte Gerhard eine Freude daran gefunden, dieſem das Leben zu verbittern. Als Gerhard ent⸗ deckte, daß er mit ſeiner Heirath ein ſchlechtes Geſchäft gemacht habe, hoffte er, durch Rolf's Aufreizung zur Eiferſucht einen Bruch zwiſchen Selma und ihrem Manne herbeizuführen, welcher Rolf den Zorn des Vaters zuziehen würde, was nach Gerhard's Meinung möglicherweiſe für ihn von Vortheil ſein könnte, be⸗ ſonders da er ſchon im erſten Jahre ſeine Ehe mit Allem, was er beſaß, zu Ende gekommen war. Mit ſeiner Frau hatte er nicht mehr als einige hundert Thaler bekommen. Sie hatte ihn mit dem Vorgeben geäfft, daß ſie Vermögen beſäße. Das, was ſie von ihren Eltern geerbt hatte, war ſchon zu Ende, bevor ſie ſich verheirathete. Gerhard hatte ſeinen Plan auf die Kenntniß des Charakters ſeines Vaters gebaut und auf die Gewiß⸗ heit, daß dieſer Rolf niemals verzeihen würde, wenn er Selma unglücklich gemacht hätte. Daher hatte Gerhard durch alle möglichen Mittel Rolf's Eiferſucht aufzureizen geſucht, und leider waren ihm ſeine Be⸗ mühungen nur allzu gut geglückt. Es gibt im Allgemeinen nichts Dankbareres, als unſern Egoismus anzuregen. Dieſer iſt immer bereit, in Wirkſamkeit zu treten. 120 Nachdem Gerhard ſein Kind der Pflege Selma's anvertraut hatte, war er zur See gegangen und war dann immer tiefer geſunken, bis er zu dem wurde, der er jetzt war. Durch Zufall hatte er gehört, daß Rolf nach London gekommen war, und war gerade im Begriff geweſen, den Bruder aufzuſuchen, um von ihm eine Geldunterſtützung zu erhalten, als ihn das Unglück traf, überfahren zu werden. Als Gerhard geſtorben war, reiſte Rolf ab, um ſeine Frau aufzuſuchen. Er erfuhr mit vieler Mühe, daß ſie in Berlin wohnte. Er fuhr nun dorthin, er⸗ hielt aber daſelbſt die Nachricht, daß ſie in Kreuznach wäre. Er begab ſich an dieſen Ort und beſchloß fürs erſte, Selma unerkannt zu beobachten. Als wir uns auf den Rheingrafenſtein begaben, war er uns ganz unbemerkt gefolgt, um ſich dort ſeiner Frau zu erkennen zu geben. Er war alſo ein Zuhörer ihrer Erzählung geweſen. Zwei Tage nach dem, an welchem wir zuſammen geſpeiſt hatten, verließ die Familie Spindler Kreuz⸗ nach. Sie gedachten zuerſt eine Tour durch Frank⸗ reich zu machen und dann ihren Wohnſitz in England aufzuſchlagen. Launen des Zufalls. — Der Zug von Paris war in Köln angekommen. Ein ſchreckliches Gedränge entſtand auf dem Bahnhofe, noch einige Minuten, und wieder ſollte die ſchnell da⸗ hineilende Fahrt beginnen. Ein junger Mann mit einer Reiſetaſche in der Hand ſchaute in mehrere Coupés zweiter Klaſſe; die Geſellſchaft, die ſich bereits in denſelben befand, ſchien ihm nicht zuzuſagen; lange ließ er ſeine Augen nicht auf den Paſſagieren weilen, ſondern eilte von Cvupé zu Coupé; ſchließlich blieb er an einem derſelben ſtehen, deſſen Thür angelehnt war, wahrſcheinlich in dem Glau⸗ ben, daß er endlich ein leeres Coupé gefunden habe. Der junge Mann ſah hinein, und da er gewahrte, daß ſich nur drei Perſonen, zwei Herren und eine Dame darin befanden, nahm er Platz einem jungen Manne gegenüber, der in der einen Ecke an der Thür ſaß und ein Südländer zu ſein ſchien. In den beiden entgegengeſetzten Ecken ſaßen ein älterer Herr und eine Dame, letztere gekleidet in ein graues Reiſecoſtüm und auf dem Kopfe einen großen Schatten werfenden Hut; ſie hatte gerade, als der Fremde eintrat, das Geſicht abgewendet und ſchien ganz und gar von dem eingenommen zu ſein, was auf dem Perron paſſirte. „Der alte Herr iſt gewiß ein alter Engländer mit ſeiner bejahrten Lady“, dachte der junge Mann;„die Geſellſchaft wird ſich vorausſichtlich ruhig verhalten, und ich werde daher von keinem unnützen Geſchwätz beläſtigt werden. Der ſchwarzäugige junge Mann mir gegenüber iſt entweder ein Franzoſe, Italiener oder Spanier, wenn er nicht gar ein Mexicaner iſt. Wes⸗ halb betrachtet er des alten Engländers Gattin ſo un⸗ abläſſig? Bildet er ſich etwa ein, daß ſie jung und ſchön iſt? Die engliſche Heilige wird ihr Angeſicht nicht zeigen, um dem Südländer nicht die Illuſionen zu rauben, welchen er ſich wahrſcheinlich hingegeben hat. Die Frauen ſind ſich doch immer gleich!“ Hier wurde ſein Gedankengang unterbrochen, da ſich der Zug in Bewegung ſetzte. Der alte Herr nahm in der Ecke eine bequeme Stellung ein und ſtreckte ſich auf dem Sitz aus, indem er zu ſeiner Begleiterin in ſchwediſcher Sprache ſagte: „Karna, ich werde der Ruhe pflegen; der neue 125 Reiſegeſellſchafter ſieht ganz anſtändig aus, und Du kannſt ſicher darauf rechnen, an ihm eine ebenſo gute Geſellſchaft zu haben. Im Falle ich nicht erwache bei der nächſten Station, ſo erinnere Dich, daß wir für vier Plätze bezahlt haben, und daß daher nur noch zwei Perſonen in dieſem Coupé Platz bekommen dür⸗ fen“, fuhr der alte Herr fort und ſchloß die Augen, indem er hinzufügte:„Der letzte Reiſende ſcheint ein Franzoſe wie der andere zu ſein.“ „Sie irren ſich, mein Herr“, fiel dieſer ein,„ich bin ein Schwede wie Sie.“ „Das freut mich ſehr“, erklärte der alte Herr mit einem freundlichen Lächeln und erhob ſich aus ſeiner halb liegenden Poſition;„es iſt mir ſtets lieb, wenn ich während einer Reiſe im Auslande mit einem Lands⸗ manne zuſammentreffe.“ Er reichte dem Schweden die Rechte, ſie drückten ſich gegenſeitig die Hände, und der Alte nahm wieder ſeine bequeme Stellung ein. Die Beſitzerin des großen rundlichen Hutes wandte ſich an den jungen Mann; er richtete dabei den Blick auf ſie, und ſeine großen braunen Augen erweiterten ſich vor Ueberraſchung, als ſie ein junges, ſchönes und bezauberndes Antlitz gewahrten. Karna's Wangen bekamen einen wärmern Farbenton, während er ſie betrachtete; es lag in 126 ſeinen Augen eine deutlich ausgeſprochene Bewunde⸗ rung. „Liebe Karna“, nahm der Alte wieder das Wort, „ſprich mit unſerem Landsmanne, dann wird Dir die Zeit nicht lang werden; und damit die Converſation um ſo leichter eine Einleitung gewinnt, erlaube ich mir, mich Ihnen vorzuſtellen: Mein Herr, ich bin der Oberſt Lodén mit Tochter; vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, uns Ihren Namen zu nennen.“ „Mein Name iſt Oskar Klingſtröm, Lieutenant in der ſchwediſchen Flotte“, antwortete der junge Schwede, indem er ſeinen Hut zog. Nach dieſer Präſentation ſchloß der Oberſt die Augen. Ungewiß iſt es, ob trotzdem ein Geſpräch zwi⸗ ſchen den jungen Leuten begonnen haben würde, wenn nicht Klingſtröm's vis-Avis an die junge Dame einige Bemerkungen über die Rheingegend gemacht hätte. Er ſprach franzöſiſch, Karna antwortete in derſelben Sprache, und bald war ein ganz lebhaftes Geſpräch zwiſchen dieſen drei einander ganz fremden Perſonen im Gange. Von dem Geſpräche über die Rheingegend ging man auf Südfrankreich über, und Karna beſchrieb mit großem Wohlbehagen ihre Reiſe in den Phrenäen und ihren Aufenthalt daſelbſt. 127 Die jungen Männer lauſchten mit Aufmerkſamkeit auf die Worte, welche über ihre Lippen gingen, die Blicke hingen gleichſam gebannt an ihrem Geſicht, das entzückend war, wenn ſie ſprach; Geiſt und Gefühl ſprachen aus dieſen Zügen, und man begriff gar bald, daß ſie von der Natur reicher ausgeſtattet war als Frauen im Allgemeinen. Der Franzoſe und der Schwede waren ſo entzückt, daß ſie weder Sinn noch Augen für etwas Anderes hatten als für das Mädchen mit dem breitrandigen Hute; ſie würden zweifelsohne ebenſo wohl zu eſſen als zu trinken vergeſſen haben, wenn der Oberſt nicht er⸗ wacht wäre und von ſeinem Hunger und ſeiner Sehn⸗ ſucht nach der Mittagsſtunde geſprochen hätte. Dieſe glückliche Stunde war nach kurzer Zeit in der That angebrochen, und der Oberſt eilte aus dem Coupé hinaus, indem er zu den jungen Herren ſagte: „Einer der jungen Herren iſt gewiß ſo liebens⸗ würdig, meine Tochter in den Speiſeſaal zu führen; mein ſteifes Bein macht es mir beſchwerlich genug, dorthin zu gelangen, und deshalb iſt es noch weit beſchwerlicher, eine junge Dame dorthin zu be⸗ gleiten. Sie, meine Herren, werden denſelben ſehr leicht finden.“ „Erlauben Sie mir!“ riefen beide Cavaliere gleich⸗ zeitig aus und wechſelten Blicke, welche zu ſagen ſchie⸗ nen, daß derjenige, dem nicht die Ehre der Begleitung zu Theil würde, ſich ſchrecklich zu rächen gedächte. Die junge Dame ſchien den Ausdruck in dieſen Blicken zu verſtehen, und um nicht unartig gegen einen der Herren zu ſein, antwortete ſie: „Ich ſpüre durchaus keine Luſt, zu diniren, würde Ihnen aber ſehr dankbar ſein, wenn Sie, mein Herr“, — und dabei wandte ſie ſich an den Franzoſen— „ein Glas Limonade und Sie, Herr Lieutenant, mir ein wenig Frucht beſorgten.“ Der Franzoſe ſtürzte fort, aber der Lieutenant äußerte:„Sie gaben dem Franzoſen den Vorzug vor Ihrem Landsmanne, da Sie ſich zuerſt an ihn wand⸗ ten.“ „Ich that es gerade deshalb, weil er nicht mein Landsmann iſt, in ſeiner Eigenſchaft als Fremder hat er ſtets den erſten Anſpruch auf meine Höflichkeit.“ Ganz zufrieden mit dieſer Antwort entfernte ſich der Lieutenant; einige Augenblicke darauf kehrte er ſchon mit einem Korbe voll ausgeſucht ſchönér Früchte zurück; gleich nach ihm wurde der Franzoſe mit der Limonade ſichtbar. „Wählen Sie von dieſen die beſten, die Ihnen gefallen“, ſagte Oskar;„allein erzeigen Sie mir die 129 Gewogenheit, es zu thun, bevor der Monſieur hierher gelangt!“ Die Dame zögerte, ſeinen Wunſch zu erfüllen, und ſchon in demſelben Augenblicke reichte der Fran⸗ zoſe den Teller mit der Limonade dar, einen finſtern Blick auf Oskar werfend. Karna nahm mit der rechten Hand das Glas und mit der linken eine ſchöne Pfirſiche aus dem Korbe; ſie gewährte auf dieſe Weiſe keinem von beiden den ge⸗ ringſten Vorzug. „Ach, ich bin verzweifelt darüber, daß Sie die Früchte eine halbe Sekunde früher erhielten“, rief der Franzoſe, der ſich ſchwer mit dem Gedanken verſöhnen mochte, daß der Schwede ihm zuvorgekommen war; „ich werde verſucht, mir eine Kugel vor die Stirn zu ſchießen!“ Die Dame lächelte und erſuchte ihn, damit zu warten, beſonders da weder er noch der Lieutenant dinirt hätten. Die jungen Männer blickten einander an, gleich⸗ ſam als wollten ſie ſagen: Bleibſt Du, ſo bleibe auch ich; aber als Karna ihre Aufforderung wiederholte und endlich ſelbſt aus dem Cvupé hüpfte, um zu pro⸗ meniren, gingen ſie gleichzeitig in den Speiſeſaal. Der Zufall wollte es auch dieſes Mal, daß der Schwartz, Novellen. III. 9 130 Lieutenant zuerſt zu der jungen Dame zurückkehrte, was das Blut des Franzoſen in heftige Gährung ver⸗ ſette; er ſchien ſeine gute Laune verloren zu haben und vermochte nicht an der Converſation Theil zu neh⸗ men, bevor nicht alle Perſonen wieder im Coupé ver⸗ ſammelt waren. Der Oberſt war ſehr heiter und zufrieden, das Diner und der Wein hatten eine günſtige Wirkung auf den alten Krieger gehabt; er ſtellte ſich nunmehr auch dem Franzoſen vor, und dieſer, ein Marquis Arthur de., nannte ebenfalls ſeinen Namen. Der Oberſt befand ſich bald mit dem Marquis auf vertraulichem Fuße und erheiterte ſeine Reiſeka⸗ meraden mit einigen ſehr ſpaßigen Anekdoten. Trotz des bei ihnen vorherrſchenden Fiebers des Entzückens und der Eiferſucht mußten ſie doch recht herzlich darüber lachen. Während der Vater ſprach, ſaß die Tochter ſchwei⸗ gend und gedankenvoll da; ſie ſah nicht glücklich aus, dieſes ſchöne Mädchen. Nach einer Stunde fühlte ſich der Oberſt von der Unterhaltung ermattet und ſchlief auch gar bald in ſeiner Ecke ein; er ſchlief, bis der Zug in der Nähe Berlins anlangte. 13⁴ Jetzt drehte ſich das Geſpräch darum, welches Hotel der Oberſt bevorzugen werde. „Ich wohne immer, wenn ich in Berlin bin, im Hotel de Rome, dort habe ich auch diesmal Zimmer für uns beſtellt. Nach welchem Hotel werden die Herren ſich begeben?“ „Nach dem Hotel de Rome“, erwiderten beide zu⸗ gleich. „In dieſem Falle“, rief der Oberſt heiter aus, „nehmen wir einen Wagen zuſammen, und wenn Sie nichts dagegen haben, können wir nach der Ankunft gemeinſam ſoupiren. Ich lade Sie, meine Herren Reiſekameraden, zu einem einfachen Abendmahl bei mir auf meinem Zimmer ein.“ Daß die Einladung mit Dank entgegengenommen wurde, verſteht ſich von ſelbſt, und ſo verließ man ge⸗ meinſam den Lehrter Bahnhof, um das Hotel Unter den Linden zu erreichen, Unter den Linden, obgleich der Haupteingang zu demſelben ſich in der S ſtraße befindet. Das Glück war den jungen Männern günſtig, denn in dem ſonſt von Reiſenden überfüllten Hotel befanden ſich nach Angabe des ſtets liebenswürdigen Beſitzers des Hotel de Rome gerade noch zwei Zimmer für dieſelben vor. Allein wiederum wollte es der 9* 132 Zufall ſo übel, daß das dem Marquis angewieſene Zimmer in der erſten Etage lag, während der Lieute⸗ nant ein ſolches in der zweiten Etage bekam, in wel⸗ cher der Oberſt mit ſeiner ſchönen Tochter wohnte. Dies erbitterte den Marquis aufs neue, und zu allem Unglück erſuchte der Oberſt den Lieutenant, ſeine Toch⸗ ter die Treppe hinaufzubegleiten, während er mit dem Oberkellner wegen des Soupers Rückſprache neh⸗ men wollte. Man darf ſich daher nicht darüber wun⸗ dern, daß der Marquis in eine ſehr ſchlechte Laune gerieth und eine unwiderſtehliche Neigung zu haben ſchien, den verhaßten Nordländer zu erwürgen. Eine halbe Stunde, nachdem man das Hotel de Rome erreicht hatte, befanden ſich unſere vier Reiſen⸗ den im Salon des Oberſten verſammelt. Wenn die Tochter in ihrer dunklen, faſt möchten wir ſagen, ernſten Reiſetracht herrlich anzuſchauen war, ſo war ſie jetzt zum Entzücken, als ſie in einem hellen Kleide und mit unbedecktem Haupte erſchien. Oskar Klingſtröm hatte früher niemals eine ſo vollendete Schönheit wie dieſe geſehen und war feſt davon überzeugt, niemals im Leben ihresgleichen wieder zu ſehen. Als er die Hand ergriff, welche ſie ihm reichte, hätte er für ein Wort der Liebe von ihren Lippen gern ſeine ganze zeitliche Wohlfahrt geopfert. — 133 „Sie muß die Meinige werden“, dachte er; 3 auch der Marquis dachte ſo. Das Souper war ausgeſucht, der Wein vorzüglich, das Geſpräch ſehr unterhaltend und die Gemüthsſtim⸗ mung lebhaft. Das war die heiterſte Mahlzeit, an welcher die jungen Männer jemals Theil genommen hat⸗ ten; allein deſſenungeachtet hatte ſie wie Alles im Le⸗ ben ein Ende, und man erhob ſich, als der Oberſt die Tafel ſchloß. Der Marquis und der Lieutenant verabſchiedeten ſich. „Ich rechne morgen auf Ihre Geſellſchaft beim Beſuche des Muſeums“, ſagte Karna zu dem Marquis, als er ſich vor ihr verbeugte. „Sie will morgen das Muſeum in ſeiner Geſell⸗ ſchaft beſuchen?“ dachte Oskar und biß die Zähne zu⸗ ſammen. „Sie frühſtücken ja morgen mit uns“, äußerte Karna zu Oskar, als er ihr eine gute Nacht wünſchte. „Er wird mit ihr frühſtücken!“ murmelte der Marquis in den Bart hinein. Oskar und der Marquis traten auf den Corridor hinaus, dort blieben ſie einen Augenblick ſtehen und betrachteten einander auf eine nicht mißzuverſtehende Weiſe. 134 „Sie machen gewiß morgen vor dem Frühſtück eine Promenade nach dem Thiergarten“, ſagte der Marquis mit barſcher Stimme. „Um ſieben Uhr, das heißt, einige Stunden, be⸗ vor das Muſeum geöffnet iſt“, war Oskar's Antwort. „In welcher Geſellſchaft?“ fragte der Marquis. „In Geſellſchaft eines Freundes und zweier Pi⸗ ſtolen!“ „Ich werde nicht auf mich warten laſſen!“ Der Marquis eilte die Treppe hinab, und der Lieutenant begab ſich langſamen Schrittes in ſein Zimmer, während er dachte: „Ich ahne, daß ich ihn erſchießen werde.“ Er ergriff den Glockenſtrang und ſchellte. Ein Kellner trat ein. „Befinden ſich hier im Hotel noch andere Schwe⸗ den als ich und der Oberſt?“ „Ja, ein Herr, welcher vor einer Stunde an⸗ langte“, antwortete der Kellner. „Sein Name?“ Der Kellner konnte ſich deſſelben nicht erin⸗ nern und ging, das Fremdenbuch zu holen, in das der Fremde ſo eben ſeinen Namen eingeſchrieben hatte. Als Oskar daſſelbe empfing, ſah er gleich unter dem Na⸗ men des Marquis den des Barons Frederik Blixtenfält. 135 „In welcher Etage wohnt der Baron?“ fragte Oskar. „In der dritten, in Nummer 98“, erklärte der Kellner. „Es iſt gut, ich brauche nichts weiter!“ Der Kellner verließ das Zimmer und Oskar ging mehrmals in demſelben auf und ab, worauf er ein Licht nahm und ſich in die dritte Etage begab. Die Nacht war ſchon vorgeſchritten, doch küm⸗ merte ihn das ſehr wenig. Er klopfte an die Thür von Nummer 98, allein keine Antwort erfolgte, und als er ungeduldig das Schloß ergriff, öffnete ſich die Thür, und ohne weiteres betrat er das Zimmer. Daſſelbe war finſter und wurde nur von dem Licht erhellt, das er in der Hand hielt. Im Bette lag ein junger Mann, in tiefen Schlaf verſunken. „Baron Blirtenfält rief Oskar. Ein Fluch und eine Bewegung gaben zu erkennen, daß der Schlafende geſtört worden war. Oskar rief ihn noch einmal bei ſeinem Namen. „Was zum Teufel iſt denn los?“ murmelte der Baron.„Sind Sie es, alter Bär, welcher mich ſchon wieder ſtört?“ Er öffnete die Augen und ſtarrte überraſcht auf den nächtlichen Gaſt.„Wer ſind Sie und was wol⸗ 136 len Sie hier?“ fragte der Baron und richtete ſich im Bette empor. „Ich bin ſchwediſcher Offizier und heiße Kling⸗ ſtröm“, antwortete Oskar.„Ich ſuche einen Sekundan⸗ ten zu einen Duell, das morgen früh um ſieben Uhr ſtattfindet.“ „Und deshalb kommen Sie mitten in der Nacht und ſtören mich im beſten Schlaf?“ rief der Baron aus.„Iſt es, um mir einen Dienſt zu erweiſen, daß Sie die Zeit ſo ſchlecht gewählt haben? Glauben Sie, daß ich Luſt habe, um ſechs Uhr aufzuſtehen und mir dann anzuſehen, wie Ihr Gegner Ihnen eine Kugel in den Leib jagt? Nein, mein Herr, ich bin ſelbſt einer Gefahr ausgeſetzt, der ich zu entfliehen wünſche, und das erfordert ſchon hinlänglich mein Nachdenken!“ „Sie ſchlagen es alſo ab, Ihrem Landsmann einen Ehrendienſt zu erweiſen?“ „Wer zum Teufel hat Ihnen denn geſagt, daß ich Ihnen eine ablehnende Antwort geben will?“ rief der Baron lachend aus.„Ich reflectire ja nur über Ihre Aufforderung.“ „Sie werden alſo mein Sekundant ſein?“ einer Bedingung: Ihre Affaire muß um acht Uhr beendet ſein, damit ich um halb neun Uhr von Berlin abreiſen kann. Sie müſſen nämlich wiſſen, 137 daß ich einem Bären entfliehe und daß ich gerade das verdammte Unglück gehabt habe, mit dem verflixten Kerl in demſelben Hotel zu wohnen. Wenn ich bis neun Uhr nicht aus Berlin fort bin, ſo packt er mich, und dann iſt es mit meinen fröhlichen Abenteuern vorbei!“ „Bis acht Uhr ſoll Alles beendet ſein“, verſprach Hskar. „Gut, dann können Sie mich wecken.“ Der Baron legte das Haupt wieder auf das Kiſſen, zog die Bettdecke bis über die Schultern hinauf, und Oskar öffnete die Thür, um ihn ſchlafen zu laſſen, wurde aber von dem Baron aufgehalten, der ihm nachrief: „Herr Lieutenant, ſchlagen Sie ſich wegen eines Frauenzimmers?“ „Ja, Herr Baron“, antwortete Oskar und verließ das Zimmer. „Nun, das iſt ja recht amüſant“, murmelte der Baron, ſchloß die Augen und ſchlief bald darauf den Schlaf des Gerechten. Am nächſten Morgen um ſieben Uhr finden wir die beiden Duellanten und ihre Sekundanten in der Nähe des Hippodroms, an einem der geeignetſten 138 Plätze im Thiergarten. Der Abſtand wurde aus⸗ gemeſſen; das Signal wurde gegeben, und der erſte Schuß, der Oskar gehörte, fiel. Er verſagte. Jetzt war an dem Marquis die Reihe zu ſchießen; der Schuß ertönte, und Oskar wurde an der Hand geſtreift; die Sekundanten traten zwiſchen die Gegner und ſchlugen Verſöhnung vor; allein Oskar wollte nichts davon wiſſen, ſondern das Duell ſollte fortge⸗ ſetzt werden. Seine Augen flammten und man ſah, daß die leichte Verwundung nur den Unwillen gegen ſeinen Gegner vermehrt hatte. Der Marquis gab ſeine Zu⸗ ſtimmung, und die beiden Widerſacher nahmen ihre Plätze wieder ein. Noch einmal wurde das Signal gegeben, und Oskar ſchoß. Jetzt verſagte die Piſtole nicht. Die Kugel pfiff durch die Luft und traf den Marquis ins Bein; er wankte und wurde von den Sekundanten und dem Arzt im Fallen ergriffen. „Tauſend Millivnen ſchwere Noth, was ſoll das bedeuten?“ hörte man in demſelben Augenblick eine heiſere Baßſtimme ausrufen. Aller Augen wandten ſich der Gegend zu, woher die Stimme kam. Die beiden Gegner erkannten ſofort den Oberſten, der jetzt den Duellplatz betrat und gerade auf den — ——— 139 Baron Blirtenfült zuſchritt, der den Marquis unterſtützte, während der Arzt die Wunde unterſuchte. „Haſt Du Dich ſchon wieder duellirt, Du leicht⸗ ſinniger Menſch?“ ſchrie der alte Krieger und fixirte den Baron mit einem Ausdruck, als ob er ihn er⸗ morden wolle. Beim Erſcheinen des Oberſten erblaßte der Baron und glich in ſeiner charakterloſen Haltung eher einem Schulknaben, den man bei einem tollen Streiche über⸗ raſcht hat. „Hörſt Du nicht, daß ich Dich fragte, ob Du Dich geſchlagen haſt?“ rief der Oberſt. „Freilich hörte ich das, aber da ich nur als Zeuge diente—“ „So frage ich Dich, was Du hier in Berlin machſt, da Du doch wußteſt, daß wir in drei Tagen zu Hauſe ankommen würden?“ nahm der Oberſt wie⸗ der das Wort. „Ich komme, um mit Euch zuſammenzutreffen“, erwiderte der Baron und ein feines Lächeln umſpielte ſeinen Mund. „Du lügſt, aber darüber werden wir ſpäter ſprechen!“ Der Oberſt, der bisher ſeine Augen nur auf den 140 Baron gerichtet hatte, warf jetzt einen Blick auf die übrigen Theilnehmer am Duell. „Was ſehe ich?“ rief er aus.„Meine bei⸗ den Reiſekameraden! Sie, meine Herren ſind es doch nicht etwa geweſen, welche ſich duellirt haben?“ fügte er auf Franzöſiſch hinzu, die Frage ſowohl an den Marquis als an den Lieutenant richtend. Der letztere ſchwieg, der Marquis antwortete nach einem Augenblick des Nachdenkens und mit einer gewiſſen Anſtrengung: „Wir haben uns in der That geſchlagen, mein Herr— und zwar wegen Ihrer Tochter“, fügte er mit einem Blick auf Oskar hinzu, als ob er hätte ſagen wollen:„Jetzt wird der Vater nicht erlauben, mit ſeiner Tochter zu frühſtücken.“ Der Oberſt ſchaute die Gegner an und dann den Baron und fing darauf laut zu lachen an. und er Baron iſt des Lieutenants Sekundant hier geweſen?“ äußerte er unter fortgeſetztem Gelächter. „Dieſe Geſchichte grenzt faſt an das Lächerliche, mein lieber Blixtenfält! Du ſpielſt ja eine herrliche Rolle hier“, ſetzte er mit immer größerer Heiterkeit hinzu. Der Baron war purpurroth geworden. „Sagen Sie mir, Herr Oberſt, von welcher Ihrer Töchter iſt hier die Rede?“ fragte er mit einer Hef⸗ 141 tigkeit, die ein ſehr lebhaftes Intereſſe zu verrathen ſchien. „Von Deiner Frau natürlich!“ erwiderte der Oberſt.„Eliſe iſt in Paris zurückgeblieben, und wie Dir bekannt, würde ſich kein Menſch wegen ihrer Schönheit geſchlagen haben.— Meine Herren“, fügte der Oberſt heiter hinzu,„ich habe nunmehr das Vergnügen, Ihnen den Mann meiner Tochter Karna vorzuſtellen, der das unvergleichliche Glück gehabt hat, den Anbetern ſeiner Gattin als Sekundant zu dienen. Zweifelsohne werden Sie mir zugeſtehen, daß das ein paſſender Stoff zu einem Luſtſpiel iſt.“ Der Oberſt brach in ſchallendes Gelächter aus, allein der Baron und die beiden Duellanten zeigten einen Ausdruck in den Geſichtern, als ob ſie dem Poſſen, den ihnen der Zufall geſpielt hatte, wenig dankbar wären. Den Marquis brachte man in einem herbeigehol⸗ ten Wagen ins Hotel zurück. Der Lieutenant Kling⸗ ſtröm reiſte bereits mit dem nächſten Kurierzuge nach Stettin, um ſich über Kopenhagen nach Schweden zu⸗ rückzubegeben. Der Oberſt und der Baron gingen zuſammen 6 dem Hotel zurück. 142 „Wohin gedachteſt Du zu reiſen?“ fragte der Oberſt in kurzem und ſtrengem Tone. „Nach Paris.“ „Haſt Du Karna's Brief bekommen, worin ſie Dich von ihrer Rückkehr unterrichtete?“ „Ja, ich habe ihn erhalten.“ „Du reiſeſt alſo nur, um mit Deiner Frau nicht zuſammenzutreffen?“ „Ich reiſte deshalb, weil ich die Freiheit über Alles liebe“, antwortete der Baron. Eine Pauſe entſtand. Der Oberſt drehte die Spitzen ſeines Knebelbartes und ſah bitterböſe aus. „Du hätteſt weder hierhin noch dorthin reiſen können, wenn Du nicht mit Karna, als ſie vor drei Jahren Deine Frau wurde, einen Theil meines Ver⸗ mögens erhalten hätteſt. Gut, nun ſteht Alles klar vor mir. Du haſt ſie vernachläſſigt von der Stunde an, als Du im Beſitz ihres Vermögens warſt. Du haſt Dich alſo nur aus Eigennutz verheirathet und dadurch mein geliebtes Kind ſo unglücklich gemacht, daß es ſicherlich bereits im Grabe läge, wenn ich es nicht nach den Phrenäen gebracht hätte. Es wird daher jetzt an der Zeit ſein, daß wir dieſem Elend in Eurer Ehe ein Ende machen. Mein Vorſchlag iſt 143 daher der: Du ſetzeſt Deine Reiſe nach Paris fort und bleibſt dort ein Jahr; ich laſſe Dich in den Zei⸗ tungen zur Rückkehr auffordern, Du findeſt Dich nicht ein, und meine Tochter iſt frei von allen Feſſeln. Die Hälfte des Dir zugeführten Vermögens magſt Du für Dich behalten, mir iſt jedes Opfer recht, wenn ich nur von dem Kummer befreit werde, ſie ferner an einen leichtſinnigen Buben, wie Du biſt, gefeſſelt zu ſehen. Ich werde Karna weder erzählen, daß Du mit ihr in demſelben Hotel gewohnt haſt, noch von dem Duell ſprechen! Gehſt Du auf meinen Vorſchlag ein?“ „Nein.“ „Und weshalb nicht?“ „Ich will Karna wiederſehen. Vor einer Stunde ſah ich eine Begegnung mit ihr als einen Verluſt mei⸗ ner Freiheit an; jetzt aber will ich die Frau wieder⸗ ſehen, um die ſich dieſe Männer ſo eben geſchlagen haben!“ Und nachdem Du ſie wiedergeſehen— was dann?“ „Wiedervereinigung oder Trennung für ewig. Eins von Beidem!“ Der Wagen hielt vor dem Hotel de Rome, die 144 Herren ſtiegen die Treppen hinauf und traten in den Salon des Oberſten ein. Karna ſtand an einem der Fenſter, mit dem Rücken gegen die Thür gewandt, in einer hübſchen weißen Morgentvilette, und ohne ihre Stellung zu ver⸗ ändern, ſagte ſie: „Ich begann bereits zu fürchten, daß Du zum Frühſtück nicht wiederkommen würdeſt, mein Vater. Ich habe den Lieutenant Klingſtröm eingeladen, mit uns zu frühſtücken.“ „Der Lieutenant iſt bereits abgereiſt“, antwortete der Oberſt. „Du irrſt Dich beſtimmt rief Karna lebhaft aus und wandte ſich um. „Frederik!“ rief ſie ſtotternd aus, als ſie nunmehr den Baron gewahrte. Sie eilte ihm nicht entgegen, ihre Wangen wurden ſehr bleich und ihr Blick ſenkte ſich. Der Baron eilte zu ihr hin uud ergriff lebhaft ihre Hände. „Karna! Es ſcheint mir, als betrübte es Dich, Deinen Gatten wiederzuſehen, während Du mit Freude den Lieutenant Klingſtröm begrüßt haben würdeſt, und dennoch ſind wir während der Zeit eines ganzen Jah⸗ res getrennt geweſen.“ 145 Karna ſchwieg. „Sie liebt mich nicht mehr, ſie liebt ihn, deſſen Sekundant ich war“, dachte der Baron und betrach⸗ tete ſeine Frau. Nie zuvor hatte er bemerkt, daß ſie ſo ſchön war; ſie war wirklich ſchöner geworden, ſeitdem er ſie das letzte Mal geſehen. „Wie war es nur möglich, der Mann dieſer Frau zu ſein und ſie nicht zu lieben?“ fragte ſich der Baron. Jetzt, den Eingebungen des Augenblicks wie immer gehorchend, ſagte er ihr Alles, was er fühlte. Sie lauſchte ſeinen Worten, und ſchließlich erwachte in ihr ein neuer Glaube an dieſe. Sie verzieh ihm das Ver⸗ gangene und hoffte auf die Zukunft. Der Baron kehrte mit ſeiner Gattin und ſeinem Schwiegervater nach Schweden zurück. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat erblühte für Karna das Glück, das ſie bis jetzt in ihrer Ehe vergebens geſucht hatte. Der Ehemann, der ſie bis dahin vernachläſſigt hatte, liebte ſie, eiferſüchtig auf jeden Blick, den ſie Andern etwa gönnte. Er konnte nicht vergeſſen, daß die Schönheit ſeiner Frau zu einem Duell Veranlaſſung gegeben und daß er Sekundantendienſte bei ſeinem Nebenbuhler verrichtet hatte. Schwartz, Novellen. III. 10 146 Fünf Jahre ſind ſchon ſeit jenem Aufenthalt in Berlin verfloſſen, und die in Frederik durch Eiferſucht entzündete Liebe zu ſeiner Gattin iſt nicht er⸗ loſchen. Meine alte Geliebte. * — — Als der Sohn eines reichen Kaufmanns wählte ich gegen den Willen meiner Eltern den Seemannsbe⸗ ruf, und erſt nach manchen heftigen Kämpfen erhielt ich die Einwilligung meines Vaters, die erſte Reiſe am Bord eines ſeiner Schiffe zu machen. Meine Mutter weinte bitterlich, als ich das Haus verließ, um das Schiff zu beſteigen, doch mein Vater tröſtete ſie damit, daß Oskar's Geſchmack für das Meer nach dem erſten Sturm verſchwinden werde, eine Pro⸗ phezeiung, die jedoch nicht in Erfüllung ging, obgleich wir wirklich ſehr ſchweres Wetter hatten. In einem Alter von dreiundzwanzig Jahren wurde ich Befehlshaber auf einem der größern Schiffe meines Vaters. Als ich nach meiner erſten Reiſe als Schiffskapi⸗ tän heimkehrte, geriethen meine Zukunftspläne und die Wünſche meiner Eltern wieder in Colliſivn miteinan⸗ 150 der. Ich liebte nämlich und hatte die Abſicht, mich mit dem Gegenſtand meiner Liebe zu verloben. Gegen eine Verlobung hatten meine Eltern frei⸗ lich nichts einzuwenden, wenn nur meine Liebe auf das Mädchen gefallen wäre, welches ſie für mich aus⸗ erſehen hatten, nämlich die Bruderstochter meines Vaters, das einzige Kind des Oberſten Ackerberg. Dies war jedoch nicht der Fall. Zur großen Betrübniß meiner braven Mutter und meines gütigen Vaters liebte ich die Schweſtertochter der erſtern, Conſtanze, die weder Vermögen noch eine anſehnliche Stellung in der Geſellſchaft beſaß. Der Vater war Seemann geweſen und hinterließ nur ſo viel bei ſeinem Tode, daß ſeine Wittwe und ſeine Tochter gerade hinlänglich von den Zinſen eines kKei⸗ nen Kapitals leben konnten. „Mein lieber Sohn, Du wirſt Euch beide un⸗ glücklich machen“, äußerte meine Mutter zu mir;„be⸗ denke doch, daß Conſtanze fünf Jahre älter iſt als Du.“ Fünf Jahre bedeutete in meinen Augen durchaus nichts; Conſtanze war ja das ſchönſte und ſanfteſte, das begabteſte Mädchen, welches ich kannte; wie weit ich auch in meiner Erinnerung zurückging, vermochte ich mich keines Mädchens zu entſinnen, das ich mit Conſtanzen vergleichen konnte. 15¹ Die Thränen und Vorſtellungen meiner Mutter wirkten ebenſo wenig auf mich wie die Bemerkung meines Vaters, daß Conſtanze ein armes Mädchen ſei. Aber Conſtanze war reich, däuchte mir; ſie liebte ihren Vetter, und weiter gebrauchte ich nichts; alle Streitigkeiten ſchloſſen auch endlich damit, daß meine Verlobung mit Conſtanzen erfolgte. Die Bruderstochter meines Vaters, welche zum Beſuch bei uns war, mußte, unbehelligt von mir, die Stadt wieder verlaſſen. Mein Vater ſah dies mit tiefem Gram, beſonders da er ſie in der Hoffnung eingeladen hatte, eine Par⸗ tie zu arrangiren, die ſeiner Meinung nach für mich allein paſſend war. Meine Eltern waren nach unſerer Verlobung höchſt ungnädig, mein Vater ſogar ſehr wortkarg. Dies be⸗ unruhigte mich durchaus nicht; ich war glücklich und froh darüber, Conſtanzens Bedenklichkeiten wegen ihrer fünf Jahre, die ſie älter war als ich, überwunden zu haben; alles Uebrige kümmerte mich wenig. Sechs Wochen ſpäter ging ich wieder zur See, diesmal jedoch nicht weiter als nach Spanien; ich kam im Herbſt zurück und überwinterte in der Heimat. Meine Geburtsſtadt war einer der erſten Handels⸗ plätze unſeres Vaterlandes und Reichthum dort faſt allgemein. 152 Man vergnügte ſich ausgezeichnet während des Winters, und gerade zu der Zeit hatten eine Menge junger Mädchen unter unſern Bekannten die Kinder⸗ ſtube verlaſſen und waren als blühende Jungfrauen ins Geſellſchaftsleben eingetreten. Sie waren liebens⸗ würdig und bezaubernd, und ich intereſſirte mich ſehr für ſie; aber dennoch ſchien mir keins derſelben ſich mit Conſtanzen an Schönheit und einnehmendem Weſen meſſen zu können. Mitunter, wenn ich mich vielleicht zu ſehr von dem Vergnügen, mit den ſchönen Mädchen allerlei Thorheiten ſprechen zu können, hinreißen ließ, bemerkte ich auf den Lippen meiner Mutter ein trium⸗ phirendes Lächeln und auf Conſtanzens Stirn eine Wolke. Mich reizte das Erſte und bei dem Letztern fühlte ich Gewiſſensbiſſe, ſodaß ich reuevoll zu Con⸗ ſtanzen zurückkehrte. Gegen die Weihnachtszeit kamen ein paar meiner frühern Bekannten, welche die militäriſche Laufbahn gewählt hatten und jetzt bereits Lieutenants bei einer der Garden in Stockholm waren, zu Beſuch in un⸗ ſere Stadt. Der ältere von ihnen, Johan Fridſtädt, war der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns und ſechs Jahre älter als ich; ſchon als Knabe zeichnete er ſich durch ſein angenehmes Weſen und ſein anſprechendes Aeußeres aus. 153 Der andere, Frederik Klingberg, war der Sohn eines Majors, ohne Vermögen und Fridſtädt's Schütz⸗ ling. Johan ſchoß Frederik ſtets Geld vor, wenn dieſer ohne ſolches war, was freilich ſehr oft eintrat, und dieſer ſchenkte dem ältern Kameraden als Aus⸗ tauſch für ſein Geld einen ziemlich unbegrenzten Ge⸗ horſam. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß in einer Stadt, wo die Cavaliere größtentheils aus Kaufleuten und See⸗ leuten beſtehen, ein paar ſchöne Offiziere ein gewiſſes Aufſehen machen mußten. Die jungen Mädchen waren entzückt, und die jungen Männer ärgerten ſich darüber, von dieſen Herren ſich verdrängt zu ſehen. Fridſtädt wurde der Held des Tages; ſchön, ſtolz und gleichgül⸗ tig gegen die Aufmerkſamkeiten, welche man ihm er⸗ wies, beſaß er einen ungemeinen Reiz für die Damen⸗ welt. Es würde für ſie ein Triumph geweſen ſein, ein Herz zu erobern, das ihnen ſo gänzlich zu wider⸗ ſtehen ſchien. Das einzige Weib, dem Johan irgendwelches Intereſſe zeigte, war meine Braut, aber dies beun⸗ ruhigte mich ſehr wenig. Ich hatte von meinen Eltern und Verwandten ſo viel über Conſtanzens Alter hören müſſen, daß ich annahm, kein Anderer als ich würde Liebe zu ihr faſſen können, und daß ſie ſich für Jemand 154 anders als den Einzigen intereſſire, der die Güte hatte, ſie zu lieben, ſei ja ganz unmöglich. Frederik Klingberg und einige Gleichgeſinnte nah⸗ men ſich die Freiheit, hin und wieder über meiner Ge⸗ liebten Bejahrtheit zu ſcherzen, und gerade dieſe Scherze beſtärkten mich in meiner Ueberzeugung, daß Conſtanze über das Alter hinaus ſei, wo ein Mädchen neue Er⸗ oberungen macht. Anfangs hatte das Scherzen über ihre Jahre meinen Zorn erweckt, und ich gab ſcharfe Bemerkungen zurück, ohne daß jedoch Frederik ſich von fernern Andeutungen abhalten ließ. Da ich dieſe Narrheiten nicht zu unterdrücken vermochte, litt meine Eitelkeit darunter, und ich beklagte mich manchmal vor mir ſelber, daß Conſtanze dreißig Jahre alt ſei. Mein Benehmen gegen ſie wurde, ohne daß ich es ſelbſt ahnte, ein anderes. Die verletzte Eitelkeit geſtattete mir nicht, mich wirklich ſo verliebt zu zeigen, wie ich es in der That war. Wenn Conſtanze und ich zuſammen in einer Ge⸗ ſellſchaft waren, beſchäftigte ich mich mit allen andern Mädchen, nur nicht mit ihr; oftmals geſchah es ſogar, daß, wenn ich ſie zu beſuchen dachte, die Begegnung mit Frederik oder mit irgend einem andern Bekannten mich veranlaſſen konnte, dieſen Beſuch aufzugeben. Conſtanze zog ſich ſichtbar zurück, und das Ver⸗ 155 hältniß zwiſchen uns wurde mit jedem Tage ſichtlich kälter. Fridſtädt's und Klingberg's Urlaub ging bald zu Ende und ſie mußten binnen kurzer Zeit nach der Hauptſtadt zurückkehren. Vor ihrer Abreiſe gab ich ihnen zu Ehren ein Diner in meiner kleinen Privat⸗ wohnung, die neben der meiner Eltern gelegen war. Das Diner war ausgezeichnet, die Weine vorzüg⸗ lich, die Toaſte unzählbar, und man erhob ſich vom Tiſch in einer ſehr erheiterten Stimmung. Kaffee, Cigarren und Punſch wurden im andern Zimmer auf⸗ getragen, und als mein Vater uns verlaſſen hatte, nahm der Scherz einen etwas freiern Charakter an. Ich ſelbſt war vom Wein erhitzt und infolge deſſen reizbarer Laune. Frederik hatte während des Diners bei manchem Glaſe Wein, das er leerte, allerlei Sticheleien gegen mich angebracht, welche wie gewöhn⸗ lich auf das Alter meiner Braut hinzielten, und ich war faſt erzürnt auf Conſtanze, daß ſie älter als ich war, ein Unglück, das mir ſo viel Demüthigungen ein⸗ trug. Als man die Gläſer mit Punſch füllte, er⸗ griff Fridſtädt eins derſelben, forderte die übrigen Gäſte auf, ſich mit ihm zu einem Toaſt auf meine Braut zu vereinigen, und beglückwünſchte mich, ein Weib gefunden zu haben, das ein ſo großes Kapital 156 von Tugenden wie Conſtanze als Mitgift mit ſich führe, und fügte hinzu, daß er mich des Schatzes wegen, den ich erworben, beneide.„Deshalb, meine Herren“, rief er aus,„ein Hoch auf Fräulein Conſtanzens Glück!“ — Er leerte ſein Glas bis auf die Neige und die übrige Geſellſchaft folgte ſeinem Beiſpiel. „Jetzt iſt die Reihe an mir, einen Toaſt vorzu⸗ ſchlagen“, fiel Frederik ein.„Da wir ein Hoch auf Fräulein Conſtanze ausgebracht haben, ſo dürfte ein Hoch auf Oskar und auf baldige Hochzeit am rechten Platze ſein; ſonſt wäre Gefahr vorhanden, daß die Roſen auf den Wangen der Braut gegen die in ihrem Brautbouquet zu matt erſcheinen würden. Deshalb ein Hoch auf eine baldige Hochzeit! Bei den Frauen herrſcht ja nicht das Verhältniß wie beim Wein, daß ſie mit den Jahren beſſer werden.“ „Mit meiner Hochzeit eilt es nicht“, brach ich aus. „Nicht alle Verlobungen enden mit Verheirathungen“, fügte ich hinzu, ohne zu bedenken, was ich ſprach. „Bravo! Er bereut ſeine Thorheit“, fuhr Frederi auf.„Nun, dann bringe ich ein Hoch der Hochzeit, die nicht ſtattfindet!“ Ich befand mich in voller Verwirrung, während dieſe Worte geſprochen wurden; mir kam es vor, als hätte ich die Portiere vor meinem Schlafzimmer ſich 157 bewegen und etwas ſich öffnen geſehen und in dieſer Oeffnung ein ſchönes, bleiches Geſicht gewahrt. Der Geiſt des Weins in meinem Gehirn begann mit einem Schlage zu verdunſten; ich ſchritt gegen die Thür, riß die Portiöre auseinander und ſah mich im Zimmer um. Niemand befand ſich dort. Ich ging zu der Thür, welche zu den Gemächern meiner Eltern führte, ſie war verſchloſſen. Es war alſo eine Täuſchung geweſen, hervorge⸗ rufen durch meine Einbildung und mein Gewiſſen; das letztere klagte mich wegen meines unwürdigen Be⸗ tragens an. Ich fühlte eine tiefe Verachtung vor mei⸗ ner Handlungsweiſe und kehrte zu meinen Gäſten zu⸗ rück, feſt entſchloſſen, vor ihnen Conſtanzen die Satis⸗ factivn zu geben, die ich ihr und meiner Liebe ſchul⸗ dig zu ſein glaubte. Ich bat ſie deshalb, ihre Gläſer zu ergreifen, und nachdem ich Fridſtädt für deſſen Toaſt, welchen er ausgebracht, gedankt hatte, wandte ich nich an Klingberg, indem ich ſagte: „Dir, der Du ſo ſehr über das Alter meiner Braut geſcherzt haſt, habe ich auch einige Worte zu ſagen, be⸗ vor ich den Toaſt ausbringe, welchen ich jetzt vorzu⸗ tragen beabſichtige. Ich wünſche Dich darüber aufzu⸗ klären, daß meine Nachſicht mit Deinen Scherzen aus der Duldung entſprang, welche man unkundigen Kin⸗ 158 dern und übermüthigen Gäſten ſchuldig zu ſein glaubt; ich wünſche Dich davon zu benachrichtigen, daß, wenn Du Luſt verſpüren ſollteſt, mit dieſen ewigen Scherzen fortzufahren, Du nur mein Mitleid erwecken, aber nie⸗ mals mein Selbſtgefühl verwunden wirſt. Du haſt nur gezeigt, daß Du nicht zu begreifen im Stande biſt, wie es Weiber gibt, die nicht der Jugend bedür⸗ fen, um geliebt zu werden. Ich ſchlage deshalb einen Toaſt vor auf die weibliche Liebenswürdigkeit, welche von äußerer Vergänglichkeit unabhängig iſt!“ Man leerte die Gläſer, aber unter Schweigen; meine zurechtwei⸗ ſenden Worte hatten die Freude verjagt, und nach einigen weitern Gläſern entfernten ſich meine Gäſte. Ich beeilte mich, von meiner Mutter zu erfahren, ob Conſtanze bei ihr geweſen ſei. Dieſelbe antwortete, daß ſie nicht begriffe, wie ich zu einer ſolchen Frage käme, da Conſtanze ſie niemals zu beſuchen pflege, ohne eingeladen zu ſein. Meine nächſten Schritte waren, Conſtanze aufzu⸗ ſuchen; dort war Niemand zu Hauſe, und das Mäd⸗ chen erklärte, daß ihre Frau und das Fräulein am Vormittag auf das Land gereiſt ſeien und vor ſpät abends nicht zurückkommen würden. Ich ſchloß mich in mein Zimmer ein; ich hatte eine unerklärliche Unruhe, das bleiche Geſicht zwiſchen 159 der Portière ſchwebte unaufhörlich vor meinen Augen, und es wurde mir ſchwer genug, mich zu überzeugen, daß dies eine Täuſchung geweſen ſei. Ich hatte ganz deutlich ihr dunkles Auge ſich auf mich mit einem Aus⸗ druck von Liebe und Kummer heften ſehen— ein Anblick, den ich nie zu vergeſſen vermochte. Zum erſten Mal in meinem Leben hatte ich eine ſchlafloſe Nacht; ich ſchlummerte erſt gegen Morgen ein und ſchlief nur einige Stunden. Als ich erwachte, lag ein großes Packet auf meinem Nachttiſch, ich riß es an mich. Die Adreſſe war an mich und von Con⸗ ſtanzens Hand geſchrieben. Ich brach die Siegel und hielt Conſtanzens Verlobungsring in meiner Hand, in⸗ deß ich folgende Zeilen durchlief: „Nicht alle Verlobungen ſchließen mit Verheira⸗ thungen, die unſerige wird es wenigſtens nicht thun. Du biſt jetzt frei, werde glücklich! Dies wünſcht— Conſtanze.“ Mich in die Kleider werfen und durch die Stadt zur Tante eilen, war das Werk nur weniger Minuten. Ich drang zu meiner Tante ein, obgleich die Dienerin mich daran verhindern wollte; aber nachdem ich einige Worte mit Conſtanzens Mutter gewechſelt hatte, ent⸗ fernte ich mich, vernichtet durch den Schlag, den ich ſelbſt hervorgerufen hatte. 160 Conſtanze hatte die Stadt verlaſſen, um allen Unannehmlichkeiten der aufgehobenen Verlobung wegen zu entgehen. Die Tante hatte mir beſtimmt erklärt, daß Con⸗ ſtanze die Bande, die ſie gelöſt, niemals wieder an⸗ knüpfen werde, und ich, der Conſtanzens Charakter kannte, ſah nur zu wohl ein, daß die Tante die Wahr⸗ heit geſprochen hatte. Fünf Jahre waren verfloſſen ſeit dem Tage, wo meine Verlobung mit Conſtanzen aufgehoben worden war, ohne daß ich während dieſer Zeit ein einziges Mal den Curs in die Heimat lenkte. Als ich kurz nach jenem Vorfall meine Vaterſtadt verließ, war es als Befehlshaber meines eigenen Schif⸗ fes; mein Vater hatte mir die Brigg Karoline ge⸗ ſchenkt als Erſatz für die Braut, die ich verloren und die nie nach ſeinem Geſchmack geweſen war. Im fünften Frühlinge, nachdem ich die Küſte des Vaterlandes verlaſſen hatte, ankerte mein Schiff auf Stockholms Rhede. Die Laſt, die daſſelbe führte, war dorthin beordert, und nachdem ich dieſelbe gelöſcht, hatte ich die Abſicht, das Schiff einer gründlichen Re⸗ paratur unterwerfen zu laſſen. Ich wollte meine Eltern beſuchen, um eine Zeit lang bei ihnen zu verbringen und 161 dann in Stockholm zu überwintern, im Fall die Jahre Conſtanzens Gemüth, wie ich noch immer hoffte, nicht beſänftigt haben ſollten. Die Löſchungsarbeit wurde mit großem Eifer be⸗ trieben; ich brannte vor Ungeduld, heimzukehren und ſie wiederzuſehen, die ich ſo tief verletzt hatte. Ich war ſelbſt vom Morgen bis zum Abend am Quai und über⸗ wachte die Arbeit. Während dieſer Beſchäftigung wurde eines Tages mein Ohr von einer Stimme berührt, die mir aus den Tagen der Kindheit bekannt und ſeitdem meinem Herzen ſo theuer geweſen war. Ich drehte mich ſchnell um— ein Herr in Uniform ſtand an der Treppe, die zu den Booten führte, und hatte eine Dame am Arm. Ich hörte ſie ſagen:„Laß uns an jene Treppe gehen und mit dem andern Boote fahren.“ Mein Herz klopfte heftig, mit einem Gefühl von Angſt erwartete ich, daß ſie ſich gegen mich wenden ſollten. Es dauerte nur einige Sekunden, bevor dies geſchah, aber dieſe Sekunden waren ſehr lange für mich. „Conſtanze!“ rief ich aus, als ſie ihr Geſicht ge⸗ gen mich kehrte. „Oskar Ackerberg!“ rief der Herr in Uniform aus, der Niemand anders als Johan Fridſtädt war. Conſtanze war erbleicht, als ſie mich gewahrte, doch reichte ſie mir die Hand, indem ſie ſagte: Schwartz, Novellen. III. 11 162 „Wie angenehm, beſter Oskar, Dich einmal wie⸗ der zu treffen.“ „Ja, das war ein glücklicher Zufall, der unſere Wege zuſammenführte“, fiel Johan ein;„es iſt heute ein Jahr, daß Conſtanze und ich unſere Hochzeit feier⸗ ten, und an einem ſolchen Tage ſind einem angenehme Begegnungen ſtets erwünſcht.“ „Alſo verheirathet?“ murmelte ich. „Das Glück, der Mann meiner Conſtanze zu ſein, iſt in mein Lvos gefallen“, fuhr Johann fort und ſah mit einem Blick voll Zärtlichkeit und Eiferſucht auf ſeine Frau. Conſtanze lächelte, eine feine Röthe bedeckte ihre Wangen. Ich hatte ihre Hand ergriffen, die ich innig drückte, ohne ein Wort zu ſprechen; niemals hatte ich tiefer gefühlt, wie theuer ſie mir war. Johan lud mich ein, ihnen nach dem Thierpark zu folgen und in ihrer Geſellſchaft dort das Mittags⸗ mahl einzunehmen. Heute Nachmittag habe ich Dienſt und werde vor ſpät abends nicht frei ſein“, äußerte er,„deshalb beabſichtigen wir, den Hochzeitstag mit einem Diner im Thierpark zu feiern.“ Meine Antwort war, daß ich ihre Einladung 163 nicht annehmen könne, weil meine Zeit es nicht ge⸗ ſtatte. Johan und Conſtanze forderten mich nunmehr auf, ſie zu beſuchen, und verabſchiedeten ſich von mir. Sie war alſo für immer für mich verloren, und aus meiner Abſicht, den Winter über im Vaterlande zu verbleiben, wurde ebenfalls nichts, denn fort mußte ich und das, ohne zu lange zu zögern. Ich arbeitete nach dieſer Begegnung wie ein Sklave und war bald ſo glücklich, mit einem friſchen Winde aus Stockholms Scheeren hinauszuſegeln. Von Küſte zu Küſte ſegelte ich, ohne in ſechs Jahren den Steven gen Nord zu kehren. Viel hatte ich erlebt und viel gearbeitet; allein ſchließlich ergriff mich dennoch die Sehnſucht nach der Heimat. Ich wollte noch einmal meine alten Eltern wiederſehen, noch einmal unter dem Dach weilen, wo meine Wiege einſt geſtanden, und ich übernahm des⸗ halb eine Fracht nach Schweden. Ich hatte in meinem Briefe an die Eltern nicht davon geſprochen, daß ich die Abſicht hegte, heimzukehren; ich hatte ſie glauben laſſen, daß ich von England nach Indien mich begeben werde. Beim Sonnenaufgang eines ſchönen Auguſtmor⸗ 11* 164 gens ankerte ich bei der wohlbekannten Landzunge vor dem Hafen und ließ bald darauf ein Boot aus⸗ ſetzen und mich ans Land rudern. Alles war ſchwei⸗ gend und ſtill in meiner Vaterſtadt, man war zur Arbeit des angebrochenen Tages noch nicht erwacht. Die Läden waren noch verſchloſſen, und ich wanderte unbemerkt durch die Straßen bis zum großen Markt, wo das Haus meiner Eltern gelegen war. Ich ſtand ganz überraſcht bei dem Anblick der Veränderung, welche dieſes erfahren hatte. Man hatte auf die zweite Etage eine dritte gebaut und das Haus zu einem wahren Palaſt verändert und es nach dem modernen Geſchmack decorirt. Nachdem ich dem Um⸗ bau meinen Beifall gezollt, ſchritt ich weiter. Ein unwiderſtehliches Gefühl trieb mich, den Weg nach der andern Seite der Stadt fortzuſetzen, wo das kleine Eigenthum der Tante gelegen war. Ich wollte es wiederſehen, vielleicht war auch dies verändert wor⸗ den. Conſtanze war die Gattin eines reichen Mannes und hatte vielleicht ihr einfaches Kinderheim in eine ſtattliche Villa, die der Mutter der reichen Frau an⸗ ſtand, verwandeln laſſen. Je mehr ich mich der lieben Wohnung näherte, deſto lebhafter traten alle die frohen und glücklichen — 165 Stunden, welche ich dort verlebt hatte, in meiner Er⸗ innerung hervor. Als ich noch ein Kind war, hatte es mir ſtets Freude gewährt, dorthin zu eilen, wenn ich aus der Schule kam; als Jüngling träumte ich dort von Glück und Liebe an Conſtanzens Seite und als Mann ver⸗ lebte ich dort die ſchönſten Stunden meines Lebens. Ein kühner Sprung, und ich befand mich in dem lieben Garten, wo jede Blume, jeder Buſch und jeder Baum mir ein herzliches Willkommen zuzuflüſtern ſchien. Langſam wanderte ich die Allee hinauf zum Wohn⸗ hauſe, und als ich an den freien Platz vor demſelben gekommen war, blieb ich aufs neue ſtehen. Das kleine roth angeſtrichene Haus mit ſeinen weißen Fenſterbogen war verſchwunden; es ſtand jetzt dort ein zierliches Schweizerhäuschen mit einer großen Veranda, bekleidet mit Schlingpflanzen und erfüllt mit Blumen. Ein ſchmerzliches Gefühl durchzuckte meine Seele, als ich dieſe einladende Wohnung mit ihrem fremden Aus⸗ ſehen betrachtete, welche dennoch Erinnerungen aus der Vergangenheit hervorzurufen vermochte. Ich ſtieg die wenigen Stufen zur Veranda empor und trat durch die unverſchloſſene Thür in einen Saal ein; hier blieb ich ſtehen, denn es ſchien mir, als wäre ich geſtern in dieſem Zimmer geweſen, und nicht, als 166 ob elf Jahre verfloſſen, ſeit ich über dieſe Schwelle getreten war. Alles, was ſich ſeit dieſer Zeit zugetra⸗ gen hatte, ſchien mir wie ein Traum. Der große runde Tiſch mit ſeinem gewebten Teppich ſtand mitten im Zimmer, und die gelb bezogenen Stühle nahmen dieſelbe Stelle ein wie früher. Die antike Uhr tick⸗ tackte ebenſo regelmäßig aus derſelben Ecke wie ehedem. Der ſchöne Flügel war aufgeſchlagen wie damals, wo Conſtanze zu ſpielen pflegte, und auf dem kleinen Näh⸗ tiſch an dem einen Fenſter ſtand ihr Nähkorb. In dem Nähkorb lag eine Stickerei; ich hob die⸗ ſelbe empor und wurde nicht wenig überraſcht, da ich dieſelben Schuhe wiederzuerkennen vermeinte, an wel⸗ chen Conſtanze vor dem Bruch zwiſchen uns gearbeitet hatte.. Ich führte die Stickerei an meine Lippen, und in demſelben Augenblick bffnete ſich eine Thür; ich wandte den Blick dorthin, dort ſtand Conſtanze. Ja, Conſtanze, ganz ſo wie vor elf Jahren. Nicht eine Linie in dieſen Zügen hatte ſich verändert, ſie waren gleich regelmäßig, gleich mild und ſeelenvoll. Ich erhob mich und murmelte:„Träume ich, iſt das wirklich Conſtanze?“ „Du träumſt durchaus nicht, mein lieber, theurer Oskar“, antwortete ſie.„Es iſt Conſtanze, welche jetzt 167 von ganzem Herzen Dich im Vaterheim bei den Eltern und Verwandten, die Dich ſo lange entbehrten, will⸗ kommen heißt.“ Sie hatte mir ihre Hand entgegengeſtreckt; tief gerührt führte ich dieſelbe an meine Lippen und ſtot⸗ terte„Was hatte ich hier zu thun, da Du für verloren biſt?“ Conſtanze lächelte, und ohne mir eine Antwort zu geben, fragte ſie:„Wann biſt Du gekommen?“ „Vor einer Stunde; ich habe meine Eltern noch nicht geſehen.“ Conſtanze warf mir dies auf ihre gewöhnliche liebenswürdige Weiſe vor und erklärte, daß ſie nicht weiter mit mir ſprechen werde, ſondern daß ich mich ſofort zu ihnen begeben müſſe. „Sie haben ſich ſo lange nach dieſem Wiederſehen geſehnt, daß ich es für eine Grauſamkeit halten würde, ſie dieſer Freude auch nur auf eine Minute zu berau⸗ ben“, ſagte ſie;„gehe jetzt, mein Freund, dann biſt Du mir ſtets willkommen, wenn Du Deine Pflicht ge⸗ gen die Eltern erfüllt haſt.“ Ich ging, weil ſie es forderte, aber als ich mich entfernte, fühlte ich nur allzuſehr, daß von allen Theu⸗ ern auf der Welt ſie mir doch die Theuerſte war. In meinem Elternhauſe war große Freude ob 168 meines Eintreffens; Freudenthränen rollten über die Wangen meiner Mutter, und ich fühlte einen innern Vorwurf darüber, ſie ſo lange vergeſſen zu haben. Beim Frühſtück äußerte mein Vater ganz heiter: „Nun, mein lieber Oskar, jetzt gibſt Du doch wohl das Meer auf, da Conſtanze Wittwe geworden iſt.“ „Iſt ſie Wittwe, iſt ſie frei?“ rief ich aus und ſprang vom Tiſch empor. „Hat Dich die Mutter nicht davon benachrichtigt? Es iſt über ein Jahr, ſeit Johan ſtarb“, erwiderte mein Vater. Meine gute Mutter erröthete und ſah verlegen aus. „Beſte Karoline, das iſt unverzeihlich!“ brach mein Vater aus und erhob ſich heftig.„Du haſt bereits Vieles Oskar abzubitten und am beſten iſt es, daß Du ihm ſofort mittheilſt, wie Du Dich gegen ihn ver⸗ gangen haſt.“ Als mein Vater ſich entfernt hatte, legte meine Mutter ihren Arm um meinen Hals, und mit dem Kopf an meiner Schulter ruhend, erzählte ſie mir, daß es ihr unmöglich geweſen ſei, ſich mit dem Gedanken zu verſöhnen, Conſtanze ſolle die Meinige werden Sie hatte Fridſtädt ihren Widerwillen gegen die Partie mitgetheilt und den Wunſch geäußert, daß die Ver⸗ 169 5 lobung zurückgehen möchte. Er hatte ſich bereit erklärt, ihr hierzu behülflich zu ſein, beſonders da er Conſtanze liebte. Johan war es, der Frederik anempfahl, über Conſtanzens Alter mit meinen übrigen Freunden zu ſcherzen. Meine Mutter ſelbſt ſprach mit ihrer Schwe⸗ ſter, wie verändert ich gegen Conſtanze ſei, und es gelang ihr auf dieſe Weiſe, der Tante Unruhe für der Tochter Zukunft und Conſtanzen Zweifel an meiner Liebe zu erwecken. An dem Abend, als ich meinen Freunden das Diner gab, führte meine Mutter Conſtanze in mein Schlafzimmer, damit ſie ſelber hören möge, wie man über meine alte Braut ſcherze. Es war alſo doch ihr Antlitz geweſen, das ich hinter der Portière geſehen hatte. Die Tante hatte ſpäter, namentlich auf Veran⸗ laſſung meiner Mutter, Conſtanze vermocht, ſich mit Johan zu vermählen und unter andern Vorgeben er⸗ wähnt, daß ich es für meine Pflicht anſehen würde, unverheirathet zu bleiben, ſolange Conſtanze keine Wahl getroffen hätte. Auf dieſe Weiſe wurde ſie Jo⸗ han's Gattin. Fridſtädt war ein guter Chemann geweſen. Nach einer fünfjährigen Che zog er ſich während eines Bi⸗ 170 vouaes eine ſtarke Erkältung zu, die ſchließlich ſeinen Tod herbeiführte. Vor ſeinem Tode hatte er Conſtanzen das Com⸗ plot gegen unſere Vereinigung, an dem er Theil ge⸗ nommen hatte, mitgetheilt. Nach dieſer Erklärung war unſer altes Verhält⸗ niß bald wiederhergeſtellt und drei Monate nach mei⸗ ner Heimkehr feierten Conſtanze und ich unſere Hoch⸗ zeit. Jetzt ſind wir zehn Jahre verheirathet und ſo glücklich, wie nur Eheleute es zu wünſchen vermögen. Es hat mich nicht ein einziges Mal gereut, mich mit einer Frau verheirathet zu haben, die fünf Jahre älter war als ich. — — — = S — S — = 8 — S — Mit raſtloſen Schritten wanderte ein Jüngling die Königinſtraße in Stockholm hinauf; er blickte ganz gleichgültig auf die Schaufenſter der vielen Kaufläden, ſichtbar mit andern Gedanken beſchäftigt als der Unter⸗ ſuchung deſſen, was die Kaufleute dort ausgelegt hatten. Als er den Königsberg erreicht hatte, blieb er vor dem Laden eines Händlers, der mit alten Sachen han⸗ delte, ſtehen. Aus dem Ausdruck in ſeinem Geſichte ſchien her⸗ vorzugehen, daß es nicht die alten Kleider und die ſtaubigen Hausgeräthſchaften waren, welche ſeine Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nahmen, ſondern daß ſich unter dieſen Artikeln ein Gegenſtand edlerer Natur be⸗ finden mußte. Es hing in der That neben einem Paar ziemlich abgetragener Beinkleider und von einem ausgewaſchenen Kattunkleide faſt verdeckt ein Oelge⸗ 174 mälde. Dies war es, was den Jüngling veranlaßt hatte, ſtehen zu bleiben. Er ging näher, ſchob das Kleid zurück und be⸗ trachtete das Gemälde. Es war ein Oelbild, umſchloſ⸗ ſen von einem hübſchen Rahmen. Und als der Jüngling daſſelbe eine Weile betrachtet hatte, wandte er ſich an die Frau des Händlers und fragte: „Weshalb hängt dieſes Bild hier?“ „Um verkauft zu werden, werden Sie begreifen, mein Herr“, antwortete die Händlersfrau ſchroff. Der Jüngling ließ das Kleid los, unter deſſen Falten ſich das Bild wieder verbarg, legte ſchnell die Hand über die Augen und blieb ſo eine Weile ſtehen. Darauf zog er den Hut, ſtrich mit der Hand durch das Haar und wandte ſich wieder zu der Händle⸗ rin, indem er fragte: „Würden Sie ein Bild zum Verkauf annehmen?“ Der Ton ſeiner Stimme war ziemlich demüthig. „O ja, warum nicht“, antwortete die Frau, hatte aber keine Zeit, Weiteres hinzuzufügen, denn es kamen Liebhaber zu einer Waſſertonne und dieſen mußte ſie ihre Aufmerkſamkeit ſchenken. Der Jüngling entfernte ſich; ſein Geſicht hatte jett einen weit weniger niedergeſchlagenen Ausdruck. 175 Seine Schritte waren leicht und es ſchien, als ob eine neue Hoffnung in ſeinem Innern erwacht ſei. Zwei Tage ſpäter, früh am Morgen, während unſere Händlersfrau damit beſchäftigt war, ihre mehr oder weniger traurigen Waaren auszuhängen und ſie ſo zu placiren, daß deren Alter und Gebrauch nicht in die Augen fallen ſollte, wurde ſie in ihrer Arbeit von dem Jüngling geſtört. „Hier iſt das Bild, das ich zu verkaufen wünſche“, ſagte er und ſchaute mit zufriedener Miene auf die Händlerin. Sie nahm das Gemälde, betrachtete daſ⸗ ſelbe mit Kennermiene und fragte: „Iſt das ein Portrait?“ Dabei deutete ſie auf die in einen Frauenmantel gehüllte weibliche Figur, welche einen Globus in ihrer Hand hielt. „Nein“, antwortete der Jüngling und ein Schat⸗ ten von Unruhe flog über ſein Geſicht „Das iſt doch nicht einerlei“, erklärte die würdige Frau.„Was iſt der Preis?“ „Fünfzig Reichsthaler.“ „Sind Sie von Sinnen? Fünfzig Reichsthaler für ein Bild ohne Rahmen? Wer, glauben Sie, wird ſein Geld fortwerfen für nichts?“ „Alſo das Bild muß einen Rahmen haben?“ fragte der Jüngling und ſenkte dabei traurig den Blick. 176 „Gewiß muß es das, ſonſt hat wohl ſolches Ding keinen Werth.“ „Verkaufen Sie es denn für das, was Sie dafür erlangen können“, antwortete der Jüngling und ent⸗ fernte ſich. Die klaren blauen Augen füllten ſich mit Thränen und ſein ganzes Geſicht drückte ſchmerzliche Empfin⸗ dung aus, aber als er ſich ein Stück von dem Laden entfernt hatte, hatte er bereits ſeine Gemüthsbewegung beſiegt. Er blieb ſtehen, kehrte um und ſtand im näch⸗ ſten Augenblick wieder vor der Händlersfrau. „Wollen Sie das Bild wiederhaben?“ fragte ſie zornig. „Warum nicht gar! Ich wünſchte nur zu wiſſen, ob Sie das Bild verkauft haben, welches hier vor ein paar Tagen hing.“ „Ja, es iſt verkauft.“ „Wieviel haben Sie für daſſelbe bekommen?“ „Fünfzehn Reichsthaler und da war der Rahmen wenigſtens zehn werth.“ Zum zweiten Male entfernte er ſich und diesmal mit noch ſchnellern Schritten. In der Friedensſtraße befand ſich damals ein Fruchtladen; in dieſen trat er ein und kaufte ſich einen 177 großen Apfel, den er in die Taſche ſteckte, nahm dar⸗ auf den Weg nach dem Thiergarten zu, wo er in einem Bäckerladen ein Brod erſtand, und ging dann mit ſchnellen Schritten über die Thiergartenfläche nach dem ſogenannten Haſſelbacken. Hier ließ er ſich nieder und verzehrte das Brod und den Apfel, nahm dann aus ſeinem Portefeuille Papier und Bleiſtift und be⸗ gann darauf, die ſich hier bietende Ausſicht zu zeichnen. Während er ſich hier ſeiner Kunſt hingab, entfloh jede Spur von Traurigkeit, welche, ſeit er den Kaufladen verlaſſen hatte, auf ſeinem Antlitz geruht hatte, und jetzt drückten ſeine Züge ein lebhaftes und warmes Intereſſe aus. Draußen in der Natur, umgeben von grünen Bergen, blühenden Bäumen und ſingenden Vögeln, mit dem ſchönen Waſſer und den hohen Ufern vor den Augen, vergaß er, daß der Lebensweg der Menſchen oft dornenbeſtreut und der des Künſtlers es mehr als der jedes Andern iſt. Er genoß den Augen⸗ blick, träutte ſich zurück zu dem frohen Moment, als er außer ſich vor Freude in der Hauptſtadt landete und das Himmelreich erreicht zu haben wähnte. Er hatte ja eine bezaubernde Welt vor ſeinen Blicken und ahnte nicht, wie viele bittere Stunden er dort zu kämpfen haben würde. Jetzt hatte er zwar Wider⸗ wärtigkeiten erlebt, aber in dieſer Stunde waren ſie Schwartz, Novellen III. 12 178 vergeſſen, denn hier hatte er einen Rahmen von Berg und Wald und ein Bild von bläulichem Waſſer und laubbeſtandenen Ufern mit dem Gewölbe des hohen blauen Himmels darüber. Das Gold, welches die Sonne auf der Fläche des Waſſers ausſtreute, ließ ihn das Gold vergeſſen, das die Welt ſo hoch ſchätzt und an dem er ſo arm war. Er durchlebte einen von jenen glücklichen Augenblicken, wo der Schwärmer ſich ganz ſeiner Phantaſie überläßt und nichts Stören⸗ des in ſeine Träume eingreift. Wir wollen ihn in einem ſolchen Augenblick nicht ſtören, wir entfernen uns und wollen nur beiläufig bemerken, daß er im Jahre 1812 in Malmö geboren wurde und der Sohn eines Feldwebels war. Er hatte bereits früh unge⸗ wöhnliche Anlagen zum Zeichnen zu erkennen gegeben und war in einem Alter von neunzehn Jahren nach der Hauptſtadt gekommen, um ſeine natürlichen Anla⸗ gen auszubilden— arm, ohne Bekanntſchaften und ohne Beſchützer, nur mit einer kleinen Summe Geld ausgerüſtet, das einige Gönner in Malmö ihm ver⸗ ſchafft hatten. Die Dame mit dem Frauenmantel auf dem von uns beſprochenen Bilde, welche Urania darſtellen ſollte, 179 hing höchſt anſpruchslos vor der Thür des alten Klei⸗ derhändlers neben ein paar Stiefeln. Da das Bild keinen vergoldeten Rahmen beſaß, welcher die Auf⸗ merkſamkeit der Vorübergehenden feſſeln konnte, hatte die Handelsfrau ein großes Stück Papier daran ge⸗ heftet, worauf zu leſen ſtand:„Zu verkaufen“, und dann hatte ſie daſſelbe neben die Stiefel gehängt, da⸗ mit die Kleider es nicht verbergen ſollten. Auf dieſe Weiſe hatte ſie Alles gethan, was eine tüchtige Ge⸗ ſchäftsfrau zu thun vermochte. Dort hatte Urania bereits ſeit mehreren Tagen neben den Stiefeln ge⸗ hangen, ohne daß ein Käufer ſich gezeigt hätte, als eines Tages zur Freude der Vermittlerin eine Dame vor dem Bilde ſtehen blieb und daſſelbe mit geſpann⸗ tem Intereſſe betrachtete. „Wie viel begehren Sie für das Bild da?“ fragte die Dame. Das Geſicht der Händlerin nahm einen freund⸗ lichen Ausdruck an, als ſie in einem zuvorkommenden Tone antwortete: „Fünf Reichsthaler.“ „Haben Sie die Güte, das Bild herabzunehmen, damit ich es näher beſehen kann.“ Die Dame beſah das Gemälde mit theilnehmender Miene. 12* 180 „Ich werde es kaufen“, ſagte ſie,„aber ich wünſchte den Namen des Künſtlers zu wiſſen. Kennen Sie denſelben?“ „Nein; es war ein ſehr junger Mann, welcher das Bild brachte, und er überließ es mir, den Preis zu beſtimmen.“ „Hatte er denn nicht ſelbſt einen Preis beſtimmt?“ Und dabei ſah die Dame der Handelsfrau forſchend ins Geſicht. „Ja, freilich hatte er das, aber ſo enorm, daß ich ihm ins Geſicht ſagen mußte, er ſei wohl von Sinnen. Er wollte fünfzig Reichsthaler haben. Kann man ſich etwas Lächerlicheres denken? Als er ſeine Dummheit einſah, überließ er mir das Geſchäft; ich ließ die Fünf von der Summe zurück und die Null fort, denn ich verſtehe mich darauf, was ſolch ein Ding werth iſt.“ „So!“ ſagte die Dame und ſchaute gedankenvoll auf das Bild.„Wenn der Verkäufer das Geld zu holen kommt, wünſche ich, daß Sie mir ſeinen Namen und ſeine Adreſſe verſchaffen. Ich werde nach dem Bilde ſchicken und ſpäter wiederkommen, um zu erfah⸗ ren, was ich wünſche.“ Die Dame entfernte ſich. Die Stiefeln hingen allein vor der Thür, ohne von Urania mit dem Globus illuſtrirt zu werden. 184 „Alſo Sie bekamen wirklich fünf Reichsthaler für das Bild?“ ſagte der junge Mann, als er einige Tage ſpäter von der Handelsfrau den Kaufſchilling für das Bild nach Abzug der Proviſion erhob. „Das war wohl Alles, was es werth war, ſollte ich meinen“, fiel die Vermittlerin ein,„und ſind Sie nicht zufrieden damit, junger Mann, ſo kann der Kauf zurückgehen, da der jetzige Beſitzer des Bildes zu wiſ⸗ ſen wünſcht, wer daſſelbe gemalt hat.“ „Ich habe es gemalt“, antwortete der Jüngling, „mein Name iſt Per Gabriel Wickenberg.“ „Und wo wohnen Sie? Das will ſie auch wiſſen.“ „Sie? Es iſt alſo eine Dame, die ſich für den Maler intereſſirt?“ ſagte der Jüngling lächelnd, riß ein Blatt aus ſeinem Notizbuch heraus, ſchrieb ſeinen Namen und ſeine Adreſſe darauf und übergab daſ⸗ ſelbe der Handelsfrau. Es lag etwas Schmeichelhaftes für ihn darin, daß eine Dame durch ſeine Malerei ſo intereſſirt wor⸗ den war, daß ſie ihn ſelbſt kennen zu lernen wünſchte, und dies verſöhnte ihn einigermaßen mit dem erzielten ſchlechten Preiſe. Per ſetzte als gegeben voraus, daß ſie jung und ſchön ſein müſſe, den Gegenſatz vermochte er nicht zu denken. Wieder verfloß einige Zeit, voll von Kummer 182 und Mangel. Wickenberg theilte das gewöhnliche Schick⸗ ſal armer Künſtler, bevor es ihnen gelingt, ſich einen Namen zu machen. Unter Hunger und Entſagungen aller Art ſah er ſich genöthigt, ſich auf der harten Stiege der Entbehrung durchzukämpfen. Das wenige Geld, das er als Kaufſchilling für ſein Bild erhalten hatte, war bald verzehrt, die Kaſſe war wieder leer, die Noth ſtand wieder neben dem genialen Jüngling und ſchien ſeiner eifrigen Anſtrengungen, trotz aller Widerwärtigkeiten vorwärts zu kommen, zu ſpotten. Jetzt ſaß er in ſeiner dürftigen Kammer, die Arme gegen den Tiſch geſtützt, den Kopf auf die Hände ge⸗ lehnt, und blickte ſtarr auf die Bleiſtifte und das Pa⸗ pier, die vor ihm lagen. Es war dies einer jener düſtern Augenblicke, wo der Kummer ſich über die Seele lagert und ihr jede Kraft erlahmt. Wohin er auch blickte, gewahrte er nur, wie der Untergang und die Verzweiflung die Arme nach ihm ausſtreckten. Als Wickenberg lange in ſeiner Hoffnungsloſigkeit dageſeſſen hatte, nahm er ſchließlich die Hände von dem Geſicht, ließ dieſelben zuſammengefaltet auf den Tiſch ſinken und bald ſenkte ſich das Haupt gegen dieſelben. Betete der arme Jüngling? Oder war es die Schwere der Bürde, welche das Geſchick ihm auferlegt hatte, die ihn erdrückte? 183 Wir ſind geneigt, das Erſtere anzunehmen, weil er nur einige Minuten in dieſer Stellung verblieb; darauf erhob er ſich ſchnell, ſtrich mit der Hand das reiche lockige braune Haar aus der Stirn und ſprach mit energiſcher Stimme das Wort:„Muth.“ Ein Klopfen ließ ſich an der Thür vernehmen. „Herein!“ rief Wickenberg. Der Griff des Schloſſes wurde umgedreht, die Thür öffnete ſich und ein altes Weib, mit einem ſchwarzen Tuche über dem Kopf, trat ein. Das ſchneeweiße Haar der Alten lag getheilt über der Stirn und ihre klaren Augen hefteten ſich auf den Jüngling mit einem den Ausdruck. „Sind Sie Herr Wickenberg?“ „Zu dienen.“ „Ich habe Ihnen dies zu überliefern.“ Damit überreichte ſie ihm einen Brief. Der Jüngling betrachtete die Alte, ihr Ausſehen frappirte ihn, er hatte niemals ein ſo ſchönes Matro⸗ nengeſicht geſehen. Der milde, ſanfte Ausdruck, die regelmäßigen Züge, das ſchneeweiße Haar feſſelten ſeinen Blick. Aus den Zügen der Alten ſprach eine innere geiſtige Schönheit, welche weder Zeit noch Leiden zu verwiſchen vermögen und welche dem Ausſehen des Menſchen eine gewiſſe Verklärung verleiht. 184 Er nahm den Brief und bat ſie, Platz zu nehmen. Der Inhalt deſſelben war folgender: „Der Käufer Ihres Bildes Urania hat erfahren, daß Ihr Preis fünfzig Reichsthaler war, und daß die Verkäuferin denſelben änderte. Man überſendet Ihnen daher anbei den Reſt des Kaufgeldes. Sollten Sie geneigt ſein, ein Oelgemälde zu copi⸗ ren, ſo geben Sie dem Boten die Antwort mit; im bejahenden Falle wird Ihnen das Original zugeſendet werden.“ Kein Name befand ſich unter dem Brief. Die Schrift verrieth eine geübte Damenhand. Wickenberg betrachtete das Billet eine Zeit lang, erhob dann die Augen und richtete dieſelben auf die Alte. Dieſe ſaß mit gebeugtem Haupte auf dem ihr angewieſenen Platz und blickte ihn an. „Wer hat mir dies geſchickt?“ fragte er. „Im Fall der Brief das nicht mittheilt, bin ich auch nicht berechtigt, es Ihnen zu ſagen“, antwortete die Alte mit einem Lächeln. Wickenberg war, wie es von ſeiner Künſtlernatur zu erwarten war, im höchſten Grade zartfühlend und empfindlich, er erlaubte ſich niemals etwas, wodurch er Andere verwunden konnte, und da er jetzt einſah, daß es Mangel an Takt wäre, wenn er weitere Fra⸗ 185 gen ſtellte, ſtand er augenblicklich davon ab. Als Ant⸗ wort auf das Billet ſchrieb er folgende Zeilen: „Ob mein Bild den Preis, den ich dafür forderte, werth iſt, laſſe ich dahingeſtellt ſein; daß ich daſſelbe ſo hoch ſchätzte, iſt freilich wahr, es ereignet ſich ja oft, daß Anfänger den Werth ihrer eigenen Arbeit über⸗ ſchätzen; aber da der Käufer nicht glaubt, das Bild zu theuer zu bezahlen, nehme ich mit Dankbarkeit die Summe an, die mir derſelbe zugeſchickt hat. Vermag ich das Bild, von dem hier die Rede iſt, zu cvpiren, ſo werde ich es mit Vergnügen thun und erſuche um baldige Zuſendung. P. G. Wickenberg.“ Er faltete den Brief zuſammen und verſchloß den⸗ ſelben mit einer Oblate, worauf die Briefträgerin ſich zum Fortgehen erhob. „Bleiben Sie einen Augenblick!“ bat Wickenberg. „Wollen Sie mir einen Dienſt erweiſen?“ „Wenn ich es kann, thue ich es gern“, antwortete die Alte⸗ „Bleiben Sie dann eine Weile ſitzen und laſſen Sie mich Sie zeichnen.“ „Mich, eine alte Frau?“ rief die Brieſträgerin aus, indem ſie lächelte und ſich dennoch niederließ. Wickenberg nahm Stift und Papier. In Zeit 186 von einer Viertelſtunde hatte er den Kopf der alten Frau aufs Papier gebracht. „Eine ſchöne Matrone“, ſagte er und reichte ihr lächelnd die Zeichnung. Die Briefträgerin betrachtete ihr Bild mit einem traurigen Lächeln. „Eine ſehr alte Matrone“, flüſterte ſie, ging zur Thür und entfernte ſich. Der junge Maler war indeſſen ebenſo froh als dankbar für die Hülfe, welche ihm ſo unerwartet von der Vorſehung zugeſchickt worden war. Er durchlas noch einmal den Brief, betrachtete die ſchöne Handſchrift und ließ dann die Phantaſie die Briefſchreiberin malen, wie er ſie ſich dachte: jung und ſchön, begabt mit war⸗ mem Intereſſe für die Nalerkunſt und einem edlen Herzen. Am Tage darauf kehrte die Alte wieder und brachte ein Helgemälde mit. Daſſelbe ſollte copirt werden. Obgleich das Ori⸗ ginal nicht vollendet wär, ſollte die Copie daſſelbe in vollendeter Geſtalt wiedergeben. Das Bild ſtellte ein Weib dar, das auf einem Stein am Meeresſtrande ſaß, mit einer Menge Blumen in ihrem Schooß, um aus denſelben einen Kranz zu winden; allein die Hände waren zurückgeſunken und der Blick wandte ſich dem Waſſer zu, auf dem am Rande des Horizon⸗ 187 tes ein Segel ſichtbar wurde. Die weibliche Figur war vollendet und zeigte, daß derjenige, der dies ſchöne Geſicht, das den Ausdruck großer Sehnſucht verrieth, gemalt, kein gewöhnlicher Dilettant war; dahingegen war Manches an der Wiedergabe der Naturſcenerie zu tadeln. An dem Bilde war ein Zettel befeſtigt, worauf ſtand: „Der Künſtler kann ſeine Arbeit nicht vollenden, und man wünſcht deshalb, daß die Copie ſo verfertigt werden ſoll, wie das Bild hätte ſein ſollen, wenn es vollendet worden wäre.“ „Eine ſchwere Aufgabe, die zu löſen ich dennoch verſuchen werde“, ſagte Wickenberg und griff mit fri⸗ ſchem Muth das Werk an. Während Wickenberg arbeitete, erſtand vft in ihm der Wunſch, die Perſon kennen zu lernen, welche ihm dieſe Arbeit anvertraut hatte. Die Handſchrift verrieth eine Frau, allein das Bild einen Mann. Wie er jetzt grübelte und malte, hatte ſeine Phan⸗ taſie bald einen kleinen Roman fertig. Die ſchöne Träumerin am Strande mit dem gol⸗ denen Haar und den ſeelenvollen Zügen war ſicherlich die Frau oder die Braut des Mannes, welcher ihr Bild gemalt hatte, und er— ja, er war todt oder dem Tode nahe, weil das Bild nicht vollendet werden konnte. 188 Als Wickenberg ſeine Copie vollendet hatte, ſchien es ihm, als ob das Antlitz des erwartenden Weibes unter ſeinem Pinſel mehr Leben gewonnen und an⸗ ziehender geworden ſei. Er liebte dieſe Züge, er glaubte ſie niemals vergeſſen zu können. Wenn er ſie anſchaute, däuchte es ihm unwillkürlich, als ob ſie ſeiner guten Fee, wie er die Beſitzerin ſeiner Urania zu nennen pflegte, zugehören müßten. Es verfloſſen mehrere Tage, nachdem die Copie vollendet war, ohne daß ſich Jemand meldete, um die⸗ ſelbe abzuholen. Wickenberg verbrachte manchen Au⸗ genblick damit, ſein eigenes Werk zu betrachten und die Minuten beim Anblick zu verträumen, und er ſprach zu ſich ſelber: „Sollten wir uns jemals auf dieſer Welt begeg⸗ nen, dann gehörte mein Herz ihr.“ Endlich eines Morgens früh fand ſich die alte Dienerin ein. Wickenberg überlieferte ihr das Bild nebſt einer Nota des Preiſes. Sie entfernte ſich, um am andern Tage mit einem verſiegelten Brief zurückzukeh⸗ ren, der das Geld enthielt und folgende Zeilen: „Er, der das Hriginal gemalt, fühlt ſich glücklich, in der Copie den Gedanken ausgedrückt zu ſehen, den er ſelbſt nicht wiederzugeben vermochte: das Leben und die Wahrheit, wie Sie ſie erfaßt haben. Haben 189 Sie Dank dafür, Sie haben einen Unglücklichen glück⸗ lich gemacht. Schließlich noch die Frage, ob Sie etwas ſpäter geneigt ſind, ein Bild nach einem unvollkomme⸗ nen Entwurf zu malen. Geben Sie dem Boten die Antwort mit.“ Die Antwort war eine bejahende. Deſſenungeachtet verfloß eine längere Zeit, bevor die Alte wieder ſichtbar wurde. Als ſie ſich endlich bei dem jungen Maler einfand, führte ſie eine Skizze in Blei mit ſich, welche daſſelbe Weib am offenen Fen⸗ ſter darſtellte Auf einem kleinen Tiſch lag ihre Arbeit und ſie ſelbſt ſchien mit einem lächelnden Blick zu einem Vogel zu ſprechen, der auf ihrer Hand ſaß. Wickenberg betrachtete die Zeichnung mit Intereſſe, er nährte keinen Zweifel mehr, daß dieſe Frauenfigur ein Portrait vorſtelle und zwar das Portrait eines Weſens, das der Künſtler liebte und deſſen Züge zu zeichnen ihm ein Vergnügen war. Wickenberg fand ebenfalls ein beſonderes Behagen daran, dieſen einneh⸗ menden Kopf zu malen, während ſeine Phantaſie einen weiten Spielraum hatte und von der Unbekannten gänzlich erfüllt war. Es dauerte ziemlich lange Zeit, bevor dieſes Bild vollendet war. Wickenberg mußte außerdem angeſtrengt arbeiten, um ſich zu dem auszubilden, wozu die 190 Natur ihn unleugbar beſtimmt— zu einem großen Künſtler. Als das kleine Gemälde fertig war, erhielt Wicken⸗ berg das Honvrar, das er begehrte; auch diesmal folg⸗ ten dem Gelde einige Zeilen, welche Zufriedenheit aus⸗ drückten. Wieder verging eine Zeit und es kam dann eine neue Beſtellung eines kleinen Bildes nach einem neuen Entwurf und auf demſelben befand ſich derſelbe ſchöne, helllockige Kopf. Mit jedem Male, wenn Wickenberg dieſe Züge malte, wurden ſie ſeelenvoller, lebhafter und kamen dem Ideal weiblicher Schönheit näher. Die Arbeit für die Unbekannte beſchäftigte Wicken⸗ berg's Gedanken unabläſſig und es war ihm, als ob er mit inniger und tiefer Ergebenheit ſich an ſie gefeſſelt fühlte, deren Bild er jetzt zum dritten Male malte. Außerdem ſah es in der That aus, als ob die unſichtbare Arbeitgeberin ſtets käme, wenn die Noth bei ihm, dem mit der Armuth kämpfenden Künſtler, am größten war. Gerade in der Zeit hatte Wickenberg einen harten Kampf mit der Noth zu beſtehen und es gab Tage, wo es ihm an Brod fehlte. Die Einnahmen für die Arbeiten der Unbekannten waren nicht groß, allein die Beſtellung kam immer, wenn das Bedürfniß am 19¹ größten, gewöhnlich von einem kleinen Vorſchuß be⸗ gleitet. Obgleich Wickenberg's Leben während dieſer Pe⸗ riode mehr als reich an bittern Stunden war und die Zähren des Kummers oft ſeine Wangen feuchteten, ſo entwickelte ſich gerade unter dieſen ſchweren Prü⸗ fungen ſein hoher und ſtarker Künſtlergeiſt; er gab ein leuchtendes Beiſpiel, daß derjenige, der muthig kämpft, um den Sieg über das Mißgeſchick zu gewinnen, trium⸗ phirend aus dem Kampfe hervorgeht und ſtets das Ziel erreicht, wonach zu ſtreben ſein Beruf ihn beſtimmt hat. Wickenberg wurde bemerkt, nicht blos von dem damaligen Director der Kunſtakademie in Stockholm, Profeſſor Sandberg, ſondern auch von dem Oberinten⸗ danten Grafen Ankarsvärd und vielen Andern, welche ſich lebhaft für ihn intereſſirten, denn man ſah es voraus, daß der junge anſpruchsloſe Mann es zu wirklich Großem bringen werde. Er arbeitete ohne Raſt und Ruhe, das Herz ge⸗ ſchwellt von Liebe zur Kunſt und Hoffnung auf die Zu⸗ kunft. Da trat ein Umſtand ein, welcher ſeine Bahn zu unterbrechen und das Heiligthum der Kunſt für ihn zu verſchließen drohte. Wickenberg's Augen erkrankten ſchwer. Dies Un⸗ 192 glück hatte ihn juſt betroffen, als ſeine Unbekannte ihm einen vierten Entwurf zu copiren mit fünfundzwanzig Reichsthalern als Vorſchuß und folgenden Zeilen ge⸗ ſandt hatte: „Werden Sie geſund, dann malen Sie ein Bild für die Beſitzerin Urania's; werden Sie es nicht, ſo treffen wir uns.“ Wickenberg's Gemüthsſtimmung zu dieſer Zeit war ſo hoffnungslos, daß er eine unausſprechliche Freude empfand, als er zum erſten Male eine Botſchaft von ihr empfing, deren Bild er gemalt zu haben glaubte und an deren ſanfte Züge er ſo innig gefeſſelt war. Alle ſeine ſchönen Hoffnungen waren ja von der Ver⸗ nichtung bedroht, und um die Bürde noch zu erſchwe⸗ ren, legte ſeine mittelloſe Stellung unüberwindliche Hinderniſſe zu dem Gebrauch der Mittel, die von nð⸗ then waren, in den Weg. Eine Badereiſe nach Teplitz wurde von den Aerz⸗ ten empfohlen. Einer von Wickenbergs mächtigen Be⸗ ſchützern nahm ſich ſeiner an und ſetzte ſich an die Spitze einer Subſeription, um die Mittel zu dieſer Badecur zu verſchaffen. Die Subſcription hatte bereits begonnen, als die Han⸗ delsfrau in der Königsſtraße, welche ſeine Urania verkauft hatte, bei ihm eintrat und ihm einen Brief überreichte. 193 Der Umſchlag enthielt fünfzig Reichsthaler und nachfolgende Zeilen, von der wohlbekannten Hand her⸗ rührend: „Nehmen Sie dieſen Beitrag zu Ihrer Reiſe, pfle⸗ gen Sie Ihre Geſundheit! Sie ſind beſtimmt, eine Zierde für unſer Vaterland zu werden. Reiſen Sie, werden Sie geſund, werden Sie glücklich, werden Sie groß, denn dazu ſind Sie berufen. Wir werden uns ſchwerlich hier im Leben mehr treffen. Senden Sie mitunter während Ihres zukünftigen Glückes ein 6 bet zum Himmel für die Beſitzerin Ihrer Urania.“ Wickenberg reiſte, und die Augenkrankheit wurde überwunden. Während ſeines Aufenthalts in Berlin nach der Badecur zog der ſchwediſche Künſtler die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich, ſein Bild wurde für das Muſeum in Leipzig angekauft. Auf der Kunſtausſtellung in Paris 1838 debü⸗ tirte Wickenberg mit einem Bilde, das ſich vollſtändig von allen unterſchied, welche die Hunderte von Künſt⸗ lern, die hier nach Auszeichnung ſtrebten, zu bieten hatten. Beim Anblick der Winterlandſchaft, welche Wicken⸗ berg der prüfenden Jurh vorlegte, waren die Mit⸗ glieder von dem eiſigen und nebligen Ton überraſcht und entzückt und fragten ſich verwundert, wo es Schwartz, Novellen. III. 13 194 eine ſolche Natur gebe, und gleichwohl erkannte man, daß in dem Gemälde ſo große Naturwahrheit war, daß man unwillkürlich wünſchte das Land kennen zu lernen, wo der Himmel ſo grau, die Luft ſo undurch⸗ dringlich und das Feld ſo gefroren. Einſam, mit klopfendem Herzen und wankenden Schritten, unbekannt mit dem Urtheil der Jurh, folgte Wickenberg dem Volksſtrom und ſtieg die Treppe em⸗ por, um die Ausſtellung zu beſuchen. Er wagte kaum die vollbeſetzten Wände der Gallerien zu betrach⸗ ten, er fühlte, daß Leben und Tod darauf beruhte, ob ſein Bild hier ausgeſtellt war oder nicht. Er ſammelte ſchließlich all ſeinen Muth und blickte empor. Welches Gedränge dort, welches Gemurmel der Be⸗ wunderung! Weſſen Bild iſt es, das alle Menſchen um ſich verſammelt und dieſe Ausrufe hervorgerufen hat? Das Bild iſt das ſeine. Wiederzugeben, was er in dieſem Augenblick fühlte, hieße das Unmögliche verſuchen. Er ſelbſt war nicht im Stande geweſen, dasjenige zu verdolmetſchen, was in ſeiner Bruſt ſtürmte. Als das erſte Gefühl des Glücks, der tiefen Dankbarkeit und demüthigen Erken⸗ nens der Güte Gottes überwunden war, ſtanden leb⸗ haft vor ſeiner Erinnerung die bittern, harten, jetzt 185 überwundenen Kämpfe. Es ſtand klar der Tag vor ihm, als er durch Mangel gezwungen ſeine Urania in dem alten Kramladen zum Verkauf ausſtellte. Die Hoffnungsloſigkeit, die Demüthigung, die er damals und noch manches Mal ſpäter erdulden mußte, waren jetzt mit einem Triumph, größer, als er je zu träumen ge⸗ wagt hatte, belohnt worden. Die Belohnung erſchien ihm auch in dieſem Augenblick ſo groß, da er dieſelbe ſo theuer hatte erkaufen müſſen. Mit tiefer Rührung er⸗ innerte er ſich jetzt im Augenblick des Glücks des ein⸗ nehmenden Geſichts, das er ſo manches Mal gemalt und bei deſſen Betrachtung er ſo manchen lichten Traum geträumt, des Bildes ſeiner ſchönen Fee. Wie er ſie auf der Leinwand geſehen, ſo ſtand ſie klar und deutlich vor ſeiner Seele, während die Menge rund um ihn ſeine Winterlandſchaft pries. „O wie bin ich entzückt, ſtolz und glücklich über meines Landsmanns Glück!“ äußerte eine klare, melv⸗ diſche Stimme in Wickenberg's Mutterſprache. Er wandte ſich ſchnell um und gewahrte vor ſich daſſelbe ſanfte, liebenswürdige Antlitz, umgeben von goldenen Locken, das er ſo oft gemalt hatte, Zug für Zug waren die ihrigen, ſo wie er ſie oft in ſeinen Träumen geſehen hatte, voll von Seele und Leben, voll von Jugendſchönheit und Behagen. 196 Sie ſchmiegte ſich an den Arm eines jungen Man⸗ nes und blickte unverwandt auf das Bild. Die Volks⸗ maſſe drängte mehr und mehr heran und führte die ſchöne Offenbarung mit ſich fort. Wickenberg blickte vergebens ihr nach, ſie war und blieb verſchwunden. Er durcheilte die Gallerien, um ſie wiederzufinden, allein vergebens. Schließlich, da er keine Spur von ihr wiederfand, war er zur Annahme geneigt, daß ſeine Sinne dieſes Trugbild ihm vorgemalt hätten. Die Triumphe, welche Wickenberg von jetzt an genoß, zu berichten, gehört nicht in das Bereich dieſer kleinen Erzählung, beſonders da die Meiſten, welche dieſen Künſtler kennen, wiſſen, daß er in Paris vom König Louis Philipp die große goldene Medaille für Kunſt und das Ritterkreuz der Ehrenlegion erhielt. Das ganze ſchwediſche Volk jubelte vor Stolz und Freude. Wir beſchränken uns daher nur darauf, zu berich⸗ ten, was mit ſeiner Urania in Verbindung ſteht. Nach der Anerkennung, die Wickenberg erlangt hatte, arbeitete er mit großem Eifer und Raſtloſigkeit. Die Liebe zur Kunſt trieb ihn ſtets vorwärts, allein es ereignete ſich dennoch, daß er mitten in dieſer un⸗ ermüdlichen Wirkſamkeit das Bild der helllockigen 197 Offenbarung auf der Ausſtellung in ſein Gedächtniß zurückrief. Er wurde dann von einem heftigen Ver⸗ langen ergriffen, dieſes bezaubernde Angeſicht wiederzu⸗ ſehen, das er von der Stunde an, in welcher er dieſe Züge zum erſten Mal auf die Leinwand gebracht, geliebt hatte. Allein dieſer Sehnſucht zum Trotz ſah er daſſelbe nicht wieder. Im Moynat Mai ſtellte ſich die Augenkrankheit, an der er ſchon früher einmal ge⸗ litten, in ziemlich hohem Grade wieder ein. Doch be⸗ reits im Juli war er wieder ſo weit hergeſtellt, daß er Paris verlaſſen konnte, um eine Reiſe nach Dieppe anzutreten, wo er die Seebäder gebrauchen ſollte. In niedergeſchlagener und trauriger Gemüthsſtim⸗ mung langte er im Badeorte an, wo er ſorgfältig dem Geſellſchaftsleben zu entrinnen ſuchte. Eines Morgens, als er wie gewöhnlich eine län⸗ gere Promenade unternahm, ließ er ſich auf einer Höhe nieder, von wo er eine freie Ausſicht hatte und wo er zu ruhen und zu träumen liebte. Plötzlich vernahm ſein Ohr die Töne eines Geſangs. Es war eins von jenen ſchönen und wunderbaren ſchwediſchen Volks⸗ liedern, welche zum Herzen dringen, wenn ſie aus vollem Herzen geſungen werden. Er lauſchte. Die klare, wohllautende Stimme gehörte einer Landsmännin, denn nur eine Schwedin 198 vermochte auf dieſe Weiſe ein ſchwediſches Lied zu ſingen. Wickenberg ſah umher, allein er konnte die Sängerin nicht entdecken und dennoch kamen die Töne von Jemand, welcher nicht fern war. Er ging einige Schritte in der Richtung, aus der er die Töne vernahm. Da ſchwieg der Geſang und er vernahm hinter dem Buſch, welcher an der Seite des Abhangs ſich befand, eine Bewegung. Eine weibliche Figur wurde ſichtbar. Ihr Angeſicht wandte ſich gegen Wickenberg, er ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus und eilte zu ihr, indem folgende Worte ganz unfreiwillig ſeinen Lippen entflohen: „Finde ich Sie denn endlich wieder!“ Die Dame mit dem goldenen Haar, welche neben dem Buſche ſtand, blickte den jungen Mann mit den blauen Augen und dem lockigen Kopf verwundert an. Sie kannte ihn nicht. Ihr Blick brächte Wickenberg zur Beſinnung und er ſah, daß hier eine Erklärung von nöthen ſei. Er blieb ſtehen, zog ſeinen Hut und ſagte mit verbind⸗ lichem Lächeln: 2 „Verzeihen Sie mein ſonderbares Betragen, aber wenn ich mich Ihnen als den Maler Wickenberg vor⸗ ſtelle, dürfte jede weitere Erklärung überflüſſig ſein.“ „Sind Sie Wickenberg?“ rief die junge Dame 199 ihrerſeits voller Verwunderung aus und eilte zu ihm, indem ſie ihm beide Hände reichte und erfreut hinzu⸗ fügte: „Wie ſchätze ich mich glücklich, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich habe es ſeit dem Tage, an dem ich Ihr Gemälde in Paris ſah, ſtets gewünſcht.“ Wickenberg erfaßte die dargereichten Hände, be⸗ trachtete deren Beſitzerin mit dem Ausdruck der auf⸗ richtigſten Bewunderung, und ſagte dann: „Es iſt ſchon längere Zeit, daß ich Sie kennen zu lernen wünſchte, obgleich es mir jetzt ganz unbegreif⸗ lich ſcheint, daß Sie es geweſen.“ Die junge Dame ſah ihn verwundert an, es lag in ihrem Blick ein Ausdruck, welcher deutlich zu ſagen ſchien: Erklären Sie ſich genauer. „Wie ſollte es möglich ſein, daß Sie mich nicht verſtehen“, ſagte er. „Sie ſprechen wirklich in Räthſeln“, rief ſie aus und zog ihre Hand zurück. „Ich habe dreimal Ihr Bild gemalt.“ Neues Erſtaunen. Ihr war nichts davon bekannt. Wickenberg erzählte ihr jetzt von der Beſtellung der Bilder, auf welchen ihr Antlitz ſich befand. Sie wunderte ſich darüber, denn ſie hatte nicht die geringſte Kenntniß von dieſen Entwürfen und noch 200 viel weniger von deren Copien. Gab es denn zwei Weſen, ſo ähnlich der Dame, deren Bild er gemalt, mit dieſem einnehmenden Aeußern? Die Bekanntſchaft mit der jungen Dame war in⸗ deſſen eingeleitet, und da er in ihr das Ideal wieder⸗ gefunden hatte, für das er mehrere Jahre geſchwärmt, war es für ihn vom höchſten Intereſſe, dieſe Bekannt⸗ ſchaft fortzuſetzen. Nach dem Vertrauen, das er ihr gezeigt, theilte ſie ihm ihrerſeits mit, daß ihr Name Olivia Sternfeld ſei. Ihr Vater und ihre Mutter wa⸗ ren geſtorben und ſie lebte ſeit einigen Jahren bei einer Verwandten, welche mit einem Franzoſen verhei⸗ rathet und in Paris wohnhaft war. Ihre Tante war ſehr kränklich und hielt ſich deshalb in Dieppe auf. Wickenberg machte kurz darauf eine Viſite bei Madame Dornier, Olivia's Tante. Die ſchwediſche Dame war trotz ihrer franzöſiſchen Ehe noch immer mit feſten Banden an ihr Vaterland gefeſſelt und da⸗ her hoch erfreut, die Bekanntſchaft ihres ausgezeichne⸗ ten Landsmannes zu machen. Bald war Wickenberg ein täglicher Gaſt bei Madame Dornier. Olivia, heiter, lebhaft, ſeelenvoll und warmen Her⸗ zens, liebte von ganzer Seele die ſchönen Künſte und erwies Wickenberg ihre Bewunderung unverſtellt. Es entſtand infolge deſſen bald zwiſchen ihnen ein inniges 201 Freundſchaftsverhältniß, das durch ihre gleiche Denkungs⸗ weiſe immer ſtärker zu werden begann. Wickenberg liebte die Muſik. Olivia war unge⸗ wöhnlich muſikaliſch, und wenn ſie nicht über die Ma⸗ lerkunſt und die Poeſie ſich unterhielten, muſicirte Olivia vor ihrem großen Landsmann, wie ſie ihn nannte. Die natürliche Folge des häufigen Zuſammenſeins mit dem jungen Mädchen war, daß Wickenberg's Freund⸗ ſchaft einen ſchwärmeriſchen Charakter annahm. Er liebte dieſes entzückende Weſen mit milder, reiner und ſtiller Liebe. Die Tage entflohen, und ob es Dieppes Bad oder Olivia's Freundſchaft war, die Wickenberg's Geſund⸗ heit wiederherſtellte, wiſſen wir nicht, nur, daß dieſelbe von Tag zu Tag ſich beſſerte. Er träumte an ihrer Seite manchen lichten Zukunftstraum von häuslicher Glückſeligkeit. Madame Dornier begann bereits von der Rück⸗ kehr nach Paris zu ſprechen, wohin ernſte Pflichten ſie riefen, und Hlivia und Wickenberg ſahen einer ge⸗ meinſamen Reiſe nach Paris mit Vergnügen entgegen. Ein Ausflug, an dem Wickenberg Theil zu nehmen gezwungen war, verhinderte ihn, das Haus der Ma⸗ dame Dornier während mehrerer Tage zu beſuchen, 202 und als er darauf ſeine Aufwartung machte und ein Bouquet der ſchönſten Blumen für Olivia mitbrachte, fand er nur Madame Dornier zu Hauſe. Auf ſeine Frage, ob Olivia ausgegangen ſei, er⸗ hielt er zur Antwort, daß Lorenz und ſie eine längere Promenade unternommen hätten. Lorenz war am Tage vorher angekommen. Dieſen Namen hatte Wickenberg ſchon vft von bei⸗ den Damen nennen gehört, und da er niemals in die⸗ ſer Beziehung eine Frage that, war er über Monſieur Lorenz' Verhältniß zu ihnen im Unklaren geblieben. Jetzt hielt er es indeſſen für angemeſſen, ohne neugie⸗ rig zu erſcheinen, die Frage zu ſtellen, wer denn die⸗ ſer Lorenz ſei. „Hat Olivia es Ihnen nicht geſagt?“ rief Ma⸗ dame Dornier verwundert aus. „Niemals!“ antwortete Wickenberg. „Lorenz iſt ihr Bräutigam; wir hoffen, daß ſie recht bald ihre Hochzeit feiern werden, allein dies hängt noch von Lorenz Vater ab.“ Wickenberg erhob ſich in heftiger Gemüthsbewe⸗ gung, ſetzte ſich aber bald wieder an ſeinen vorigen Platz. Das Blut war ihm erſt zum Kopf geſtrömt und dann zum Herzen, er vermochte nicht zu ſprechen und athmete mit Beſchwerde. 203 „Wie, mein Freund, es ſieht faſt aus, als ob dieſe Neuigkeit Sie ſchmerze?“ rief Madame Dornier aus.„Hätte ich mir auch nur einen Augenblick vor⸗ ſtellen können, daß Sie über dieſe Verbindung in Un⸗ kenntniß geblieben ſeien, würde ich Ihnen darüber Aufſchluß gegeben haben. Ich lebte in dem Wahn, daß Sie ohne Gefahr mit Olivia verkehren könnten. Sie ſagte mir einmal, ſoweit ich mich erinnere, als ich ſie darüber befragte, daß Sie ihre Verbindung mit Lorenz Ihnen mitgetheilt hätte. Es iſt übel, ſehr übel gehandelt von meiner Nichte, dies zu verſchweigen.“ Wickenberg hörte nicht, was Madame Dornier ſagte. Er war ein Raub des bitterſten Schmerzes. Es ſchien ihm in dieſem Augenblicke, als ob das Glück, welches ihn in der letztern Zeit mit Ruhm, Gold und Ehre überſchüttet, ihn jeder Hoffnung auf zukünftige Glückſeligkeit beraubt habe. Am Tage darauf reiſte Wickenberg von Dieppe ab, ohne Olivia wiedergeſehen zu haben. Nach der Rückkehr nach Paris bezog Wickenberg wieder ſeine Wohnung in der Rue d'Anjou, wo er ein prächtiges Atelier beſaß. Er miethete dieſe Wohnung von einer ſpaniſchen Familie, welche ſeit längerer Zeit in Frankreich anſäſſig war. Mit erneuten Kräften und geſteigerter Liebe zur 204 Kunſt begann Wickenberg jetzt ſein berühmtes Gemälde, „Ein Winterfiſchfang“, zu malen. Er liebte die Arbeit mehr als je zuvor und während derſelben vergaß er das ſchöne goldlockige Mädchen, das ſein Herz einge⸗ nommen und getheilt hatte. Jedoch die Gedanken kehrten nur zu oft zu dem Bilde zurück, dem es glich, und er wünſchte jetzt eifriger als früher das Räthſel gelöſt zu ſehen, was in der Aehnlichkeit zwiſchen dieſen beiden Frauen lag. Unter ununterbrochener Arbeit verſchwand die Zeit, und wenn auch ein Schatten von Wehmuth und trauriger Entſagung in Wickenberg's Seele zurückblieb, ſo war es dennoch ſeiner Liebe zur Arbeit und Kunſt gelungen, den bitterſten Schmerz zu überwinden. Das Jahr nahte ſich ſeinem Ende, die finſtern Tage, die dicke Luft, der Regen und die triſte Jahres⸗ zeit legten ſeiner Arbeit Hinderniſſe in den Weg und ließen ihm Zeit genug übrig, wenn er es gewollt, ſich ſeinem Kummer hinzugeben. Allein Wickenberg's reg⸗ ſamer Geiſt war nicht geſchaffen, einer unmännlichen Sehnſucht zu erliegen. Er ſtudirte, wenn er nicht malte, er beſuchte die Oper und war entzückt von der Muſik und entfloh Allem, was ſeinem Schmerz, der hin und wieder ihn beſchlich, Nahrung geben konnte. Eines Tages, als Wickenberg ganz in ſeiner Ar⸗ 205 beit verſunken war, den alten Fiſcher mit ſeinem Kinde zu malen, wie ſie ſich beſchäftigten, in einem Loche im Eiſe zu fiſchen, trat Jemand in das Atelier ein. Er ſah empor, es war eine Dame— Olivia. Bei ihrem Anblick erhob er ſich ſchnell und dunkle Röthe bedeckte ſeine Stirn und ein lebhafter Schmerz durchzuckte ſeine Bruſt. „Ich habe Sie aufgeſucht, um aus Ihrem Munde zu erfahren, Herr Wickenberg, warum Sie Dieppe ver⸗ laſſen, ohne ſich von mir zu verabſchieden?“ äußerte Olivia mit bebender Stimme. „Die Luft war nicht länger heilſam für mich“ antwortete er mit Ruhe. Olivia betrachtete ihn. „Sie waren böſe auf mich!“ rief ſie darauf aus. „Ich beklage nur, daß Sie kein Vertrauen zu mir gehabt haben, und ich reiſte, weil Sie— verlobt ſind.“ Eine Pauſe entſtand. Dlivia war auf einen Fauteuil niedergeſunken und hatte ihr Antlitz mit den Händen bedeckt. Sie weinte. „Ich weiß es, ich habe nicht recht gehandelt“, ſtotterte ſie,„und dennoch kam ich hierher, um mir —— S 8 * — 206 von Ihrer Freundſchaft einen großen Beweis zu er⸗ bitten. Jetzt wage ich es nicht.“ „Um was wollten Sie mich bitten?“ fragte er mit einer Stimme, ſo ſanft, daß Olivia ſchnell den Muth gewann, ihn anzuſchauen.„Ich bleibe ſtets Ihr Freund“, fügte er hinzu. Der Edelmuth und der Hochſinn in Wickenberg's Charakter ſtanden in dieſem Augenblick in ſeinem Geſicht ausgedrückt. Olivia gewann daher ſchnell ihre Geiſtesgegen⸗ wart wieder und flüſterte ihm ihre Bitte zu. Dieſelbe beſtand darin, daß er ihrem Verlobten behülflich ſein ſolle, ſein erſtes Bild auf die Ausſtellung gebracht zu ſehen. Sie wollte, daß er Lorenz, ihrem zukünftigen Gat⸗ ten, beiſtehen ſollte. Einen Augenblick ruhte Wickenberg's Auge auf dieſem einnehmenden Weſen, welches er noch immer liebte, und darauf ſagte er mit etwas kalter Stimme, daß, wenn Monſieur Lorenz Talent beſäße, er ſeiner Hülfe nicht bedürfe. Die Jurh werde ſein Gemälde beurtheilen. Fehle es ihm hingegen an Talent, ſo würde es wenig nützen, wenn er ſich in die Sache miſche. Olivia ließ traurig den Kopf ſinken und ſprach 207 in weinerlichem Tone von Lorenz' Angſt und Furcht, daß ſeine Arbeit nicht Glück machen werde, denn auf dieſem Umſtand beruhe ihre Zukunft. Lorenz' Vater, ein wohlhabender und ſtrenger Mann, hatte beſtimmt erklärt, daß, wenn Lorenz jetzt nicht zeige, daß er zum Maler tauge, er ihn nicht ferner unterſtützen werde und er es in dieſem Fall für am richtigſten halte, daß der Sohn ſich zur See begebe und allen Gedanken an Heirath und Künſtlerruhm entſage. Lorenz zukünf⸗ tiges Geſchick hing daher von ſeinem Bilde ab, und wenn daſſelbe nicht zur Ausſtellung gelangen würde, ſo werde Olivia nie ſeine Frau werden. Nach einigen Augenblicken des Bedenkens erklärte Wickenberg ſich bereit, Lorenz zu beſuchen, und verſprach, zu thun, was in ſeinen Kräften ſtände. Thränen ſtürzten aus Olivia's Augen, ſie drückte Wickenberg's Hand, allein er war viel zu ſehr von ihrer Dankbarkeit ergriffen, als daß er dieſelbe nicht hätte abzuweiſen ſuchen ſollen, und aus dem Grunde griff er zu dem nahe liegenden Mittel, ihr einige Skiz⸗ zen zu zeigen. Olivia ſchritt bei dieſer Gelegenheit an dem Tiſch vorüber, auf dem einige Entwürfe lagen und unter denſelben der Entwurf eines Matronenkopfes. „Mein Gott!“ rief ſie heftig aus, indem ſie p — — — —— 208 die Zeichnung aufnahm und lebhaft betrachtete,„das iſt ja die Großmutter!“ „Ihre Großmutter? Das iſt nicht möglich“, er⸗ klärte Wickenberg.„Das iſt ja das Portrait einer alten Dienerin, welche mit den geheimnißvollen Ent⸗ würfen zu mir kam. Das letzte Mal, als ich ſie ſah, überlieferte ſie mir einen Entwurf, den ich Ihnen zei⸗ gen werde.“ Wickenberg ſuchte in dem Portefeuille und nahm aus demſelben den letzten Entwurf, den er aus der Hand der Dienerin erhalten hatte. Olivia flüſterte mit erregter Stimme:„Das iſt ja das Portrait meiner Mutter, gezeichnet von meinem Vater, bevor er irrſinnig wurde!“ „Ihre Mutter, Ihre Großmutter, Ihr Vater? Mein Gott, wie ſoll ich mir das erklären, daß Sie ſo nahe verwandt mit dieſen Perſonen find und dennoch nichts von den Bildern wiſſen, die ich gemalt habe?“ „Meine Mutter ſtarb, während ich noch ganz klein war, und da mein Vater zu jener Zeit ſehr arm war, wurde ich hei dem Bruder meiner Mutter, der in der Provinz Schonen wohnte, aufgenommen und erzogen. Nachdem meine Mutter geſtorben war, habe ich meinen Vater niemals mehr geſehen; aber meine Großmutter, die während aller ſeiner Prüfungen und 209 Sorgen bei ihm war, ſchickte mir das Bild meiner Mutter und ihr eigenes, gezeichnet von meinem armen Vater. Die Aehnlichkeit dieſer Portraits mit dieſen Zeichnungen iſt es, die mich die letztern wiedererken⸗ nen ließ.“ „Was war Ihr Vater?“ fragte Wickenberg ge⸗ dankenvoll. „Der Onkel, bei dem ich war, ſagte, daß der Vater niemals etwas werden wollte, daß er das kleine Ver⸗ mögen meiner Mutter verbraucht und daß er während mehrerer Jahre an Gemüthskrankheit gelitten, während welcher Zeit ſeine Mutter ihn gepflegt und für ihn geſorgt habe. ZJetzt ſind ſie beide todt.“ „Wann ſtarben ſie?“ Olivia gab die Zeit an. Der Sohn ſtarb einige Wochen vor der Mutter. Sein Tod war ziemlich zu gleicher Zeit mit Wickenberg's Abreiſe aus Schweden er⸗ folgt und bald darauf war auch die Großmutter zu Grabe getragen worden. Noch einige Fragen und dann entfernte Olivia ſich. Wickenberg blieb lange ſitzen mit dem Portrait der Großmutter in der Hand und betrachtete dieſes ſchöne, ſanfte und ergebene Antlitz. Es war alſo kein ſchönes junges Weib, das ſeine gute Fee geweſen, Schwartz, Novellen. III. 14 2¹0 ſondern eine Matrone und ein von Sorgen gebeugtes und von Prüfungen heimgeſuchtes Weib. Niemals hatte Wickenberg tiefer gefühlt, daß er zu der alten Dame, welche, ohne Reichthum zu beſitzen, ſo oft ſeine Noth gemildert hatte, in großer Schuld ſtand, als gerade in dieſem Augenblick. Am Tage darauf ſuchte Wickenberg Lorenz auf. Der große Maler verwarf ſofort das begonnene Genre⸗ bild und bat den angehenden Künſtler in ſein Atelier zu kommen, um unter ſeiner Leitung zu arbeiten. Unter Wickenberg's Anleitung arbeitete nun der nicht übel ausgerüſtete junge Mann und auf der Aus⸗ ſtellung gewann Monſieur Lorenz' Matronenkopf großen Beifall. Das Glück des Künſtlers war gemacht— gemacht durch Wickenberg. Olivia fühlte ſich glücklich und gleichzeitig un⸗ glücklich, als Lorenz ihr ſein Glück verkündete und ihr mittheilte, daß er Wickenberg allein daſſelbe zu ver⸗ danken habe. Der große Meiſter hatte bei Lorenz den ſchlummernden Künſtlergeiſt erweckt und ihm den Weg gezeigt, den er zu gehen habe. „Der Großmutter haben wir unſer Glück zu danken“, rief Olivia, als ſie als Braut neben Lorenz ſtand, 244 um ſich zur Kirche zu begeben, wo ſie ihr Geſchick ver⸗ einigen wollten. „Aus einem Stümper haben Sie ein Talent, aus einem unglücklichen Thoren haben Sie einen glück⸗ lichen Menſchen gemacht“, flüſterte Madame Dornier Wickenberg nach der Trauung zu. „Wenn dem ſo iſt, ſo habe ich nur eine alte Schuld abgezahlt; meine gute Fee wird vielleicht aus ihrem Himmel mit Wohlgefallen auf denjenigen herab⸗ ſehen, den ſie einſt ſo liebevoll beſchützte. Jetzt habe ich nur einen Wunſch: die Geſchichte dieſer Dame ken⸗ nen zu lernen.“ „Ich verſpreche Ihnen dieſelbe mitzutheilen“, ant⸗ wortete Madame Dornier. Einige Zeit darauf, als Wickenberg mit lang⸗ ſamen Schritten von einer Promenade heimkehrte, er⸗ hielt er einen Brief, der mit Anna Dornier unter⸗ zeichnet war. „Ich entledige mich meines Gelöbniſſes in Betreff Ihrer guten Fee. Ihre Geſchichte iſt kurz. Sie war unglücklich verheirathet, wurde Wittwe und hatte eine kleine Penſion, wovon ſie leben und einen Sohn er⸗ ziehen konnte. Dieſer, der künſtleriſche Anlagen zu haben ſchien, widmete ſich früh dieſer Bahn, auf der 14* 3 212 Unglück, Widerwärtigkeiten, Armuth und Demüthigun⸗ gen den Anfänger begrüßten. Das erſte Jahr ent⸗ ſchwand unter ſteten Kämpfen mit dieſen bittern Fein⸗ den, welche ihn ſicherlich erdrückt hätten, wenn nicht die Mutter ſeinen Muth aufgerichtet hätte. Das war eine bittere Zeit und während dieſer traurigen Ver⸗ hältniſſe verlobte er ſich auch noch und verheirathete ſich mit Olivia's Mutter, mit welcher er einige tauſend Reichsthaler Mitgift erhielt. Solange dieſes Geld reichte, verbrachten die jungen Eheleute ein ſorgenloſes und glückliches Leben. Er machte einen Entwurf nach dem andern, welche er zu malen gedachte, und die angebetete Gattin war Mo⸗ dell zu allen dieſen Entwürfen. Schließlich begann er ein größeres Gemälde, das ein liebendes Weib dar⸗ ſtellte, welches am Strande ſaß und nach ihrem Ge⸗ liebten ausſchaute, welchen ſie aus fernen Landen zurückerwartete. Dieſes Bild verſprach vollendeter zu werden als die früher gemalten, aber gerade da wurde er von einem Unglück betroffen, das für immer ſeiner Künſtler⸗ laufbahn ein Ende machte. Er fiel und brach den rechten Arm ſo unglücklich, daß er denſelben nicht mehr zu rühren vermochte. Ein Unglück kommt ſelten allein und dieſes war leider von einem noch 243 größern begleitet, dem Tode meiner Schweſter, ſeiner Frau. Dies war zu viel für meinen armen Schwa⸗ ger; er wurde irrſinnig. Frau Sternfeld, ſeine Mutter, hatte nunmehr eine ſchwere Bürde zu tragen, da ſie den beklagenswerthen Sohn pflegen und verſorgen mußte. Mein Bruder nahm deshalb meine Schweſtertochter Olivia zu ſich und erzog ſie als ſein eigenes Kind. Meines Schwagers größte Sorge während der Stunden der Schwermuth war, daß ſeine Bilder nicht fertig gemalt worden waren. Seine Mutter ſchrieb oft an mich von ihrer Abſicht, dieſelben malen zu laſſen, ſobald es ihr gelungen, ein hinlängliches Erſparniß zu dieſem Zweck geſammelt zu haben. Sie ſprach immer in ihren Briefen von der Theilnahme, welche ſie für unbemittelte Künſtler fühlte, die denſelben bittern Kampf, den ihr Sohn gekämpft, zu beſtehen hätten, ohne wie er den Beiſtand einer Mutter zu beſitzen. „Wenn ich einen armen Künſtler treffe, der ſich in großer Noth befindet, ſo werde ich von ihm die Entwürfe meines Sohnes malen laſſen. Es erſchien in ihren Augen das geſparte Geld wohl angewandt, ſie gab dadurch einem begabten Künſtler Arbeit. Sie theilte mir dies mit, ohne jedoch Ihren Namen zu nennen, dahingegen ſprach ſie den beſtimmten 244 Wunſch aus, daß das mir Anvertraute ein Geheimniß zwiſchen uns bleiben ſolle. Als mein gemüthskranker Schwager ſeine von Ihnen vollendeten Gemälde ſah, hatte die Freude die düſtern Träume, welche ſeinen Verſtand umnebelten, zerſtreut. Die lichten Stunden kehrten öfter wieder und verweilten längere Zeit. Die Schwermuth ver⸗ ringerte ſich fortwährend und ſchließlich war Licht und Friede über ſeine Seele ausgebreitet. Er glaubte die Bilder ſelbſt gemalt zu haben, war glücklich in dieſem Glauben und fand eine Glückſeligkeit in dem Betrachten der geliebten Züge der Dahingeſchiedenen. Seine letzten Augenblicke waren ruhig und friedvoll. Es war Per Gabriel Wickenberg's Pinſel, der Sonnenhelle über das Ende des unglücklichen Maler⸗ lebens verbreitete. Olivia's Großmutter verordnete im Teſtamente über ihren Nachlaß, daß ihre Enkelin erſt, wenn ſie ein eigenes Heim erlangt, in den Beſitz der nachgelaſſenen Bilder gelangen dürfte. Jetzt ſind ſie auf dem Wege von Schweden nach Paris.“ Einige Tage nach dem Leſen vieſer Mit⸗ theilungen wurde Wickenberg von ſeinen ſpaniſchen Wirthsleuten eingeladen, zu Mittag ihr Gaſt zu ſein. Als er von dieſer Einladung in ſein Zimmer 2¹5 zurückkehrte, war es nicht mehr Olivia's Bild, das ſeine Gedanken beſchäftigte, ſondern die ſtrahlenden Augen eines wunderbar ſchönen Kindes. Dieſes Kind war die Tochter ſeines Wirths. Bald war das Gefühl, das ihn an Olivia ge⸗ feſſelt, gänzlich von einem ſtärkern und mächtigern verdrängt. Das ſpaniſche Mädchen hatte eine glühende Neigung in des Künſtlers Herz entzündet, er liebte jetzt zum erſten Mal mit der ganzen Wärme ſeiner Seele. Wickenberg gehörte indeſſen nicht zu den Glück⸗ lichen, welche neben den Lorbeeren ihrer Kunſt die Roſen der Liebe pflücken. Es war vom Geſchick be⸗ ſtimmt, daß er wiederum ſeine ſchönſten Hoffnungen vernichtet ſehen ſollte und diesmal von dem— Tode. Das ſchöne ſiebzehnjährige Mädchen wurde im Lenz ihres Lebens aus den Armen des geliebten Mannes geriſſen, um in ein zu frühes Grab gebettet zu werden. Mit ihr begrub man auch des Künſtlers Freude. Seine ſchon früher angegriffene Geſundheit wurde nach dieſem Ereigniß noch mehr erſchüttert. Was kümmerte es ihn jetzt, daß ſein Name in Europas Künſt⸗ lerwelt berühmt war, daß man ſeine Bilder copirte, daß man ihn als einen der größten Künſtler ſeiner 216 Zeit allgemein anerkannte, er hatte ja jetzt kein ge⸗ liebtes Weſen, mit dem er ſeine Triumphe theilen konnte. Alles wurde ihm gleichgültig. Freilich malte er immer noch, aber die Liebe zu dem ſpaniſchen Mädchen hatte die Liebe zur Kunſt ertödtet. Wenn auch ſeine Bilder noch immer das Publikum und die Kunſtkenner entzückten, ſo blieb er ſelbſt dennoch ge⸗ fühllos für den Ruhm. Es vermochte ihn nichts mehr zu erfreuen. Am 16. December 1846 ſchloß Wickenberg in Pau ſeine Augen. Sein Leben war reich an Kämpfen, Entſagungen und Kummer geweſen, reich an Ehre, Auszeichnung und Glück, reich an guten, edlen und erhabenen Thaten, aber arm an dem ſtillen inner⸗ lichen Glück des Herzens. Seine Seele erhob deshalb früh die Flügel, um zurückzukehren nach ihrem rechten Heimatslande. In der Rue St.⸗Honoré in Paris wohnt eine glückliche Familie, deren Mitglieder noch heutigen Tages mit Bewunderung und Dankbarkeit die Gemälde betrachten, welche Wickenberg einſt unter den Prüfungen der Armuth nach den Entwürfen des irrfinnigen Malers vollendet hatte. Unter dieſen Ge⸗ 217 mälden ſieht man auch die in dem Trödlerladen verkaufte Urania mit ihrem blauen Mantel und dem Globus. Die jetzt alte, aber glückliche Familienmutter pflegt, wenn ſie die Geſchichte der Urania erzählt, die⸗ ſelbe mit folgenden Worten zu ſchließen: „Wickenberg haben wir für das Glück zu danken, das uns beſchieden worden, und deshalb iſt Urania, welche das erſte Glied zur Verbindung zwiſchen ihm und unſerer Familie ausmachte, uns ſo theuer.“ Der Vogelfänger. Vor einigen Jahren ſtand an einem ſchönen Früh⸗ lingstage auf dem Guſtav⸗Adolf⸗Platz in Stockholm ein kleiner Vogelfänger mit ſeinem Bauer, in welchem ſich mehrere Arten Singvögel befanden. Der Knabe ſchaute auf die Vorübergehenden, welche ſeiner lebenden Waare keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchienen. Als der Nachmittag herannahte und ſich bis da⸗ hin kein Liebhaber gefunden hatte, betrachtete er die kleinen ängſtlichen Bewohner des Bauers, gleichſam mit ſich ſelbſt überlegend, ob er Kt gehen b ben ſolle. „Was haſt Du für Vögel im Bauer?“ fragte eine jugendlich friſche Stimme. Der Knabe hob ſofort das Haupt empor. „Hänflinge, Zeiſige und Stieglitze, einen Kreuz⸗ ſchnabel und einen Dompfaffen“, antwortete er und 222 blickte den Fragenden, einen Jüngling von zwanzig Jahren, mit der weißen Studentenmütze auf dem Kopfe, an. Zwei Kameraden waren mit dieſem zugleich ſtehen geblieben, um den Inhalt des Bauers zu betrachten. „Wie viel willſt Du für die ganze Geſellſchaft haben?“ „Für alle zuſammen?“ rief der Knabe und ſchaute den Studenten mit unverhohlener Beſtürzung an. „Ja, für alle zuſammen.“ „Sie koſten viel Geld“, meinte der junge Ver⸗ käufer, indem er das Bauer emporhob;„es ſind zehn und ich pflege einen Reichsthaler für jeden Stieglitz zu bekommen, für—“ „Das geht mich nichts an, Du Narr!“ unterbrach ihn der Student,„ich will ja alle zuſammen kaufen. Biſt Du mit zehn Reichsthalern zufrieden?“ „Gewiß bin ich das“, war die Antwort. Der Jüngling nahm aus ſeiner Taſche einen Zehn⸗ thalerſchein und gab denſelben dem Knaben, während ſeine Kameraden ihre Betrachtungen über die ängſt⸗ lichen Bewegungen der armen Thierchen machten. „Nun ſind ja die Vögel mein“, ſagte der Käufer. „Ja, gewiß. Wohin ſoll ich ſie tragen?“ „Das wirſt Du bald erfahren.“ Der Jüngling öffnete die Thür des Bauers und in der nächſten Minute war das kleine Gefängniß leer. Die Kameraden lachten. „Das war hübſch von Dir, Auguſt“, ſagten ſie. „Freie Studenten pflegen nicht Gefangene zu ſehen, ohne ihnen zu ihrer Freiheit zu verhelfen.“ Der Knabe nahm das leere Bauer und wanderte heim. Er war froh über das Geſchäft, das er gemacht, allein er konnte dennoch nicht unterlaſſen, an die Worte zu denken, welche die Studenten ausgeſprochen hatten, und ebenſo ſehr an ihn, der die Vögel gekauft und ſie ſofort frei gelaſſen hatte. Es war, als ob ſie ſeine Freude zerſtörten. Er hatte einen langen Weg zu gehen, erſt in einer weit entlegenen Straße trat er durch eine Pforte in einen großen Hof, wo reine Wäſche auf einer Leine aufgehängt war. Eine Frau, ſtark und geſund von Ausſehen, war im Begriff, noch mehr Wäſche aufzuhän⸗ gen, und nickte dem Knaben freundlich zu, indem ſie ſagte:„Biſt Du ſchon da, lieber Oskar? Ich erwartete Dich nicht ſo bald.“ „Und mit leerem Bauer, liebe Tante, ich habe ſie alle verkauft.“ „Gut, gut, liebes Kind, aber ich begreife nicht, weshalb Du Dich mit der Vogelfängerei beſchäftigſt, 224 da Du ja nicht durch Noth getrieben biſt, erſt im Walde umherzuſtreifen und dann auf den Märkten und Straßen die armen Thierchen feil zu bieten.“ „Ja, ſiehſt Du, Tante, das thue ich deshalb, weil ich mit der Zeit reich werden will, damit Du, wenn Du alt wirſt, nicht nöthig haſt, ſo zu arbeiten, wie Du jetzt es thuſt. Ich habe ſo meine eigenen Gedan⸗ ken. Du weißt ja, Tante, daß ich keine Luſt zu einem Handwerk habe, aber wohl zu einem Handel, und des⸗ halb handle ich mit der Waare, die ich mir verſchaffen kann, ohne ſie kaufen zu müſſen. Morgen lege ich dieſe zehn Thaler in die Sparkaſſe, in der ich bereits fünf habe.“ „Aber ich fürchte, daß Du zu leſen verſäumſt; ich habe den Paſtor nicht fragen wollen, wie es damit geht, aber das ſage ich Dir, es würde für mich eine ewige Schande ſein, wenn Du in dieſer Beziehung an⸗ dern Kindern nachſtändeſt.“ DOekar lachte über die Befürchtungen der Tante mit hochmüthiger Miene, als wolle er ſagen, daß ihre Unruhe ganz überflüſſig ſei. Darauf bemerkte er, daß er hungrig ſei, und bat die Tante, ihm etwas zu eſſen zu geben, damit er dann in den Wald mit den Leim⸗ ruthen gehen könne, um neue Vögel zu fangen. Die Vögel, welche er hatte, wollte er ſpäter verkaufen, wenn ſie erſt zahmer geworden wären. 225 Die Tante lächelte ihm zufrieden zu, nahm die Banknote und verſprach, ſie zur Sparkaſſe zu tragen, dann ging ſie in ihre gemeinſame Wohnung, welche neben der Waſchſtube gelegen war. Es war rein und niedlich in Frau Erkman's Zimmer und man gewahrte ſofort, daß ihre Arbeit ſie vor Noth ſchützte. Auf einen mit Wachstuch bezogenen Tiſch ſetzte die Frau Butter, Brod, Hering, kalte Kartoffeln und ein Gefäß mit leichtem Bier; allein bevor Oskar dieſe Gerichte ſich wohlſchmecken ließ, ging er zu einem großen Bauer, worin ſich mehrere Vögel ungleicher Art befan⸗ den. Dieſelben ſchienen ſchon eine längere Zeit hier ge⸗ hauſt zu haben, denn ſie waren nicht ſo wild wie die, welche er dem Studenten verkauft hatte, wenn auch etwas erſchreckt. Oskar folgte ihrem unruhigen Hüpfen von den Stäben zu den Stahldrähten und von den Drähten zu den Stäben mit Aufmerkſamkeit, er fühlte zum erſten Male ein Unbehagen beim Anblick ihres unzufriedenen Ausſehens; ſchließlich entfernte er ſich und begab ſich zum Heckbauer, worin ſich Kanarien⸗ vögel befanden. Dieſe waren ganz zahm und begrüß⸗ ten ihn, indem ſie zwitſchernd ſich dem Gitter näherten, als ob ſie ihm ihre Wünſche mittheilen wollten. Sie waren in dem Bauer geboren und aufgewachſen und Schwartz, Novellen. III. 15 226 daher zufrieden in ihrem Gefängniß. Oskar öffnete die Thür des Bauers und ſetzte ſich dann zum Eſſen nieder. Die befreiten Vögel ließen ſich neben den Tellern nieder und ſammelten die Brodbrocken auf, welche Oskar ihnen zuwarf, ſaßen auf ſeiner Hand und ſetz⸗ ten ſich auf ſeinen Kopf, froh, ſich in ſeiner Geſellſchaft zu befinden. Nach beendigter Mahlzeit ging er in den Hof, um dort Stäbe aus Rohr zu ſchneiden. „Tante“, ſagte er,„glaubſt Du, daß es Sünde iſt, Vögel zu fangen und ſie zu verkaufen?“ „Nein, liebes Kind, das glaube ich nicht. In der Bibel ſteht ja, daß die Thiere zum Nutzen der Menſchen geſchaffen ſind, nur darf man ſie nicht pla⸗ gen und peinigen. Doch anders wäre es, wenn Du wegen des Vogelfangens die Schule verſäumteſt, dann wäre es eine Sünde.“ „Aber, Tante, mir ſcheint es, als hätten die Vö⸗ gel nicht große Luſt, im Bauer zu bleiben“, erwiderte Oskar. „Dem Ochſen gefällt es auch nicht, geſchlachtet zu werden, allein er muß dennoch das Leben laſſen, weil er uns nützlich iſt, und wenn es erlaubt iſt, ihn zu ſchlachten, ſo iſt auch—“ 227 Es klopfte Jemand an die Pforte. Frau Erkman wurde dadurch in ihrer Erklärung unter⸗ brochen und Oskar nahm den Stoff der Unterhaltung nicht wieder auf. Nachdem die Perſon, welche mit der Waſchfrau geſprochen hatte, ſich entfernt, begab er ſich mit den Leimruthen in den nahen Wald. Einige Zeit darauf ſah man eines Abends wieder den jungen Oskar mit ſeinem Vogelbauer auf dem Guſtav⸗Adolf⸗Platz. Er hatte einige Zeiſige verkauft und ein paar andere waren beſtellt, ſodaß er mit ſeinem Tagewerk zufrieden ſein konnte. Allein ſchon jetzt nach Hauſe zu gehen, hielt er dennoch für zu früh, es war ja möglich, daß noch mehrere Käufer kamen.* Oskar überzählte ſein gelöſtes Geld mit großem Ver⸗ gnügen. „Biſt Du ſchon wieder hier mit Deinen unglück⸗ lichen Vögeln?“ rief eine ihm bekannte Stimme. Oskar ſah empor. Derſelbe Student, welcher ſeine geflügelte Waare gekauft und befreit hatte, ſtand vor ihm. „Weshalb fängſt Du dieſe armen Thierchen und verkaufſt ſie an die, welche ſie ebenſo grauſam gefan⸗ gen halten wie Du? Biſt Du ſo arm oder ſo untaug⸗ 15* 228 lich, daß Du auf keine beſſere Weiſe Deinen Unterhalt zu verdienen vermagſt?“ fragte der Student. Oskar wurde blutroth und mit dem ganzen Stolz eines fünfzehnjährigen Jünglings antwortete er: „Vögel zu fangen und zu verkaufen iſt erlaubt, und mit dem, was ich verdiene, hoffe ich mir einen Weg zu bahnen, um meiner Tante, welche jetzt durch ihrer Hände Arbeit für ſich und mich ſorgt, in Zu⸗ kunft helfen zu können.“ „Ah ſo, Du denkſt ſchon an die Zukunft“, fiel der Student ein;„aber wahrhaftig, Junge, als Vogel⸗ fänger möchte ich Dir keine große Zukunft in Ausſicht ſtellen. Das Gewerbe verſchafft Dir für den Augen⸗ blick vielleicht einige Stüber und dieſe erhältſt Du obendrein als Belohnung für das Leimen dieſer unglück⸗ lichen kleinen Geſchöpfe. Lerne ein Handwerk und treibe Dich nicht mit Deinem Bauer auf den Straßen umher. Das iſt mein Rath.“ In demſelben Augenblick, als er dies ſagte, öff⸗ nete er die Thür des Bauers, und bevor es noch der Knabe zu verhindern vermochte, waren alle Vögel davongeflogen. Ein Ausruf des Erſtaunens und Erſchreckens entſchlüpfte dem Gefangenwärter der Be⸗ freiten. Der Student lachte und nahm ſeine taſche hervor. 7 — 229 „Ich gab Dir vor einiger Zeit für den Inhalt des Bauers zehn Reichsthaler. Ich gebe Dir heute zwanzig, aber mit der Bedingung, daß Du nie mehr Vögel fängſt und verkaufſt. Nun, was ſagſt Du zu dieſem Vorſchlag?“ Oskar ſchaute mit begehrlichen Blicken auf die beiden Banknoten und in ſeinem Geſicht ſpiegelte ſich ein zweifelndes Bedenken ab. „Entſchließe Dich bald oder Du erhältſt nur fünf Thaler. Iſt es denn ſo ſchwer, davon abzuſtehen, der i der frohen Sänger zu ſein?“ „Das nicht, aber—“ „Kein aber. Willſt Du das Geld haben und mit Deiner häßlichen Induſtrie aufhören? Ja oder nein!“ „Ich will das Geld haben.“ „Und Du verſprichſt mir, nicht mehr mit der Freiheit der Vögel Handel zu treiben?“ „Ich verſpreche es.“ „Wie heißt Du?“ „Oskar Oernſtröm.“ Der Student gab ihm das Geld, und nachdem er erfahren, wo der Knabe wohnte, trennten ſie ſich. Frau Erkman hatte es ſehr eilig mit dem Aufhängen ihrer Wäſche, dieſelbe ſollte zum Mitſommer⸗ 230 tage— dem Johannistage— fertig ſein. Die flinke Frau ſah gar nicht ſo fröhlich aus, wie ſie es zu ſcin pflegte, wenn ſie arbeitete. Die Pforte wurde geöffnet und ein junger Herr trat ein. „Wohnt Oskar Oernſtröm hier?“ fragte er. „Oskar iſt nicht zu Hauſe“, antwortete die Frau und ſeufzte. „Wo befindet er ſich denn?“ „Wie ſollte ich das wiſſen! Er ging bereits vor einer Woche von Hauſe fort, um mit ſeiner Schachtel, die er mit allen möglichen kleinen Sachen gefüllt hatte, auf dem Lande umherzuwandern und die Sachen zu verkaufen. Jetzt iſt mir mein Zimmer ſo leer, ſeitdem der liebe Junge nicht daheim iſt.“ Die Augen der Frau Erkman bekamen einen feuchten Glanz, allein ſie verſchluckte die Thränen und fragte, was der Fremde wünſche. „Ich wollte hören, ob er einige Vögel zu ver⸗ kaufen hätte“, war die Antwort. „Meinen Sie das? Er ließ alle außer den Ka⸗ narienvögeln davonfliegen, bevor er ſich von Hauſe weg⸗ begab. Er that es, weil ein Student ihm unter der Bedingung Geld gegeben hatte, daß er den armen Thierchen ihre Freiheit wiedergebe. Für das Geld e 231 kaufte er das kleine Waarenlager, und wenn das ver⸗ kauft iſt, kehrt er wieder heim, um ſich ein neues zu verſchaffen. Der Junge hat ſtets Anlage zum Handel gezeigt und geglaubt, nicht zum Handwerker zu taugen.“ Der junge Mann entfernte ſich und Madame Erkman nahm ihre Arbeit wieder auf. Auf der großen Veranda des Gutes Edfors ſaß der junge Beſitzer deſſelben und rauchte ſeine Ci⸗ garre, während er in einer Zeitung las. Nicht weit von ihm hatte ſeine Gattin Platz genommen und auf dem Hofe, unter der Aufſicht einer Wärterin, ſpielten zwei kleine Kinder. Das junge Paar und die Kinder, umgeben von der herrlichen Natur im Glanze der Morgenſonne, würden einen ſchönen Anblick gewährt haben, wenn in dem Antlitz der Gatten ſich das Glück und die Zufriedenheit, welche man hier zu finden erwartete, wiedergeſpiegelt hätten. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Mienen des Mannes ſchienen ermüdet und gleichgültig, die der Frau unzufrieden und unge⸗ duldig. Mit einem lauten Gähnen legte Auguſt Skog die 232 Zeitung weg, ſtreckte Arme und Beine aus und nahm eine möglichſt bequeme Stellung im Schaukelſtuhl ein. Die Frau, eine hübſche Dame, warf einen erzürn⸗ ten Blick auf ihn und ſagte in ſcharfem Tone: „Ich muß in der That bekennen, daß Du Dich wenig genirſt, mein beſter Auguſt.“ „Soll ich mich denn etwa vor meiner eigenen Frau geniren?“ fragte Auguſt lachend.„Das kann doch wohl nicht Deine Meinung ſein, meine liebe Hilda.“ Er erhob ſich langſam, ging zu ihr und fügte hinzu: „Um aufrichtig zu ſein, muß ich geſtehen, daß die Idhlle hier auf dem Lande mir auf die Dauer verdammt einförmig wird; dieſelbe paßt weder für Deine noch für meine Laune. Was meinſt Du des⸗ halb zu einer Reiſe nach der Schweiz? Dort ſind wir noch nicht geweſen.“ Das Antlitz der jungen Frau leuchtete bei dieſen Worten und ſie ſah zu ihrem Manne mit einem freu⸗ digen Ausdruck empor. „Ja, wir wollen reiſen“, rief ſie aus;„es würde ſchrecklich ſein, den ganzen Sommer hier zu ver⸗ bringen.“ Armes Weib! Sie fand es ſchrecklich, zuſammen ———— 233 mit ihrem Manne und ihren Kindern auf einem na⸗ turſchönen Beſitzthum während der ſchönen Jahreszeit zu leben. Wie ſehr war ſie nicht zu beklagen! Die Gatterthür zum Hofe wurde geöffnet. Ein junger, einfach, aber ſauber gekleideter Mann mit einem großen Kaſten auf dem Rücken trat ein. Die Kleinen im Hofe eilten ihm entgegen und der kleine Schooßhund der Frau ſprang auf den umherwandern⸗ den Kaufmann bellend los. „Da haben wir einen handeltreibenden Sma⸗ länder“, ſagte der Gutsherr;„wir werden wohl ſeine Waaren anſchauen müſſen, wenn es Dir, liebe Hilda, recht iſt. Das iſt doch immer eine Zerſtreuung. Viel⸗ leicht hat er einige Spielſachen für die Kinder oder Spitzen für Dich, denn wenn ich mich recht entſinne, ſo iſt Dein Bedürfniß für Spitzen nicht zufrieden⸗ geſtellt.“ Der Smaländer, wie Herr Auguſt ihn benannt hatte, näherte ſich der Veranda und fragte, ob die Herrſchaften nichts zu kaufen wünſchten. Als man ihm antwortete, daß er ſeine Waare zeigen ſollte, ſetzte er ſeinen Kaſten auf eine der Bänke, richtete ſich empor und athmete tief. Er ſtand jetzt dem Beſitzer von Edfors gegenüber und ihre Augen begegneten ſich. Der Handelsmann 234 hatte ein hübſches, offenes Geſicht und mochte gegen zweiundzwanzig Jahre alt ſein. Auguſt Skog war bildſchön geweſen und der⸗ jenige, der dieſe regelmäßigen Züge einmal geſehen hatte, vermochte dieſelben unmöglich wieder zu ver⸗ geſſen, obgleich dieſelben ſchon erſchlafft, das Haar dünn und die Augen eingefallen waren. Seinem Aeußern nach zu urtheilen ſchien er ungefähr vierzig Jahre alt zu ſein, allein in der Wirklichkeit hatte er erſt das dreißigſte erlebt. Während ſeiner Jugend⸗ jahre hatte er aus dem Becher des Vergnügens bis zum Ueberdruß getrunken; allein hinter dem lebens⸗ müden Aeußern ſchimmerte dennoch Herzensgüte hervor, die keine Vergnügungsſucht zu zerſtören vermocht hatte. Nachdem ſich die beiden Männer einen Augenblick betrachtet hatten, lachte der Handelsmann frohen Her⸗ zens und ſagte, indem er ſeinen Waarenkaſten öffnete: „Es iſt nicht das erſte Mal, daß der Herr und ich miteinander Geſchäfte machen. Sie haben ſchon früher von mir gekauft.“ „Habe ich das? Wohl möglich; es kommen vft Handelsleute Ihrer Art hierher. Auch mir ſcheint es, als wäre Ihr Geſicht mir bekannt. Sind Sie von Smaland?“ „Nicht ſo ganz. Der Vater und die Mutter 235 waren freilich von dort, aber ich bin in Stockholm geboren und dort war es, wo ich meine erſte Waare, die damals anderer Art war als jetzt, Ihnen ver⸗ kaufte.“ Indeſſen hatte der Kaufmann ſeinen Kaſten zum Beſchauen ausgelegt. Auguſt Skog betrachtete ihn aufmerkſam und ſchien in ſeiner Erinnerung zu ſuchen; ganz plötzlich rief er aus: „Jetzt habe ich es! Sie ſind der kleine Vogel⸗ fänger.“ „Freilich, und Ihrer Großmuth habe ich es zu danken, als Handelsmann beginnen zu können. Ihr Geld hat mir großen Segen gebracht, ich werde es nie vergeſſen. Geht der Handel noch einige Jahre ebenſo gut wie bisher, ſo hoffe ich mich in Stockholm niederzulaſſen und in größerem Umfang damit fortzu⸗ fahren. Meine Tante wird es dann ſo gut haben wie eine Perle in Gold. Alles dies iſ Ihr Werk, Herr Skog.“ Skog antwortete lachend, daß es in dieſem Fule das einzige Mal ſei, daß ſein fortgeworfenes Geld Segen gebracht habe. Der großmüthige Gutsbeſitzer kaufte für fünfund⸗ ſiebzig Reichsthaler und Oskar wurde außerdem auf 256 die beſte Weiſe bewirthet. Man erlaubte ihm auch bis morgen auf dem Hofe zu bleiben, was er bereit⸗ willig annahm. Mit Anbruch des Tages jedoch be⸗ gab er ſich auf den Weg, hinterließ aber ein beſchrie⸗ benes Stückchen Papier an den Gutsbeſitzer Skog. Auf demſelben ſtanden folgende Worte: „Auf das Glück kann Niemand auf Erden ſich verlaſſen, es täuſcht alle und kann auch Sie ver⸗ laſſen. Wenn dies jemals geſchehen ſollte, dann er⸗ innern Sie ſich Ihres dankbaren Oskar Oernſtröm.“ Auguſt lachte, als er dieſe Worte las, und warf das Billet in ſeinen Papierkorb, ohne ſich deſſelben ferner zu erinnern. Einige Tage nach dieſem Ereigniß reiſte Auguſt Skog mit Gattin und Kindern nach der Schweiz. Die Geſchäfte überließ er dem Verwalter, der ſie nach be⸗ ſtem Gewiſſen leiten ſollte. Einige Jahre ſpäter und dieſe Geſchäfte waren ſo wohl geleitet worden, daß Skog Edfors verkaufen mußte. Gleichzeitig eröffnete Oskar Oernſtröm ein Engros⸗ geſchäft in Stockholm, miethete eine kleine Wohnung und nahm ſeine Tante zu ſich. Die alte Frau hörte nunmehr auf, für Andere zu waſchen, ſie war glücklich und ſtolz, daß ſie ſich nur noch um ihren kleinen Haushalt zu bekümmern hatte und ihren Schweſter⸗ ſohn des Abends mit ſeinem Lieblingsgericht Hering und Kartoffeln regaliren konnte. Das Glück hatte den Vogelfänger in ſeinen beſondern Schutz genom⸗ men, die Geſchäfte gingen mit jedem Tage beſſer und der Kreis ſeiner Verbindungen wurde mit jedem Tage größer. Alle ſeine Speculationen ſchlugen gut ein und er verdiente mit jedem Jahre größere und größere Summen; man konnte vorausſehen, daß er in ganz kurzer Zeit ein reicher Mann werden würde, ein Um⸗ ſtand, der zu jener Zeit nicht gerade großes Aufſehen machte, und noch heute ereignet es ſich ja oft, daß ein armer Jüngling durch Umſicht und Thätigkeit ein reicher Mann wird. Aber was in dieſem Fall bemerkenswerth bleibt, iſt, daß Oskar ſeine einfachen Gewohnheiten, ſein beſonnenes Weſen, ſeine eingezogene Lebensweiſe beibehielt. Unter den Kaufleuten war er allgemein beliebt und ſehr angeſehen, und obgleich es Niemand ein Ge⸗ heimniß war, daß er während vieler Jahre auf dem Lande als Handelsmann umhergewandert war, ver⸗ minderte dies keineswegs ſein Anſehen, das er durch ſeine Redlichkeit und beſondere Tüchtigkeit als Ge⸗ ſchäftsmann gewonnen hatte. Nachdem er den ganzen Tag in ſeinem Comptoir 238 emſig beſchäftigt zugebracht hatte, ging er des Abends nach ſeiner anſpruchsloſen Wohnung, wo ihm die Tante mit freundlichem Geſicht entgegenkam. Während ſie gemeinſam ihr Abendbrod verzehrten, ſprach die Alte von verfloſſenen Zeiten oder über die Zukunft, wie es werden würde, wenn Oskar ſich verheirathen ſollte. Eines Abends kam Oskar mit wenig zufriedener Miene nach Hauſe. „Was fehlt Dir, Kind?“ fragte die Tante.„Du ſiehſt aus, als ob Du nicht beſonders gut aufgelegt wärſt.“ „Das kann ſchon ſein“, ſagte Oskar, indem er den Schlafrock, den die alte Tante ihm reichte, anzog. „Ich habe von Skog ſprechen hören und das macht mich ſehr betrübt. Schon vor mehreren Jahren wußte ich, daß er faſt ruinirt und mit dem Reſt ſeines Vermögens und ſeiner Familie nach Amerika gegangen war; aber was dort aus ihm geworden, habe ich erſt heute erfahren.“ „Iſt er todt?“ fragte die Tante. „Nicht, wie es ſcheint; vor einem Jahr kehrte er nnach Schweden zurück, um die Sehnſucht ſeiner Frau zu befriedigen. In Amerika hatte er ſein kleines Ka⸗ S— 239 pital ſo praktiſch verwandt, daß er es bedeutend ver⸗ mehrte, aber er war unvorſichtig genug, das ganze Geld mit ſich zu führen. Das Schiff ſcheiterte und er verlor nicht allein Alles, was er beſaß, ſondern auch die Frau und ein Kind, das in Amerika geboren wurde. Krank und entblößt kam er nach Gothenburg; wohin er ſich ſpäter begeben, wußte Niemand. Du begreifſt daher wohl, daß ich erfahren muß, wo ſich der Mann befindet, der die Urſache meines Glückes iſt, damit ich jetzt ſein Helfer in der Noth werde.“ „Freilich begreife ich das, aber wie willſt Du es anfangen, ihn zu finden?“ „Ich werde eine Annonce in die Zeitungen ſetzen und das auf ſolche Weiſe, daß er ſich zu erkennen ge⸗ ben muß. Ei, das wäre ja zu undankbar von mir, wenn er und ſeine Kinder Noth leiden ſollten, ohne daß ich etwas thäte, um ſie zu finden!“ In allen Zeitungen Stockholms las man darauf eine Bekanntmachung, worin der frühere Gutsherr Skog aufgefordert wurde, ſeine Adreſſe bei dem Großhändler Oernſtröm abzugeben, damit ſein alter Schuldner Ge⸗ legenheit habe, ſeine Schuld abzutragen. Keine Antwort erfolgte hierauf. Der Großhändler Dernſtröm ſaß mit ſeiner Tante am Tiſche, um das Mittagsmahl einzunehmen, als die Bauer und bezahlte das jetzt angebotene. Dienerin mit einem Vogelbauer in der Hand ein⸗ trat. „Ein armer Junge bietet dieſes Bauer zum Kauf an“, ſagte ſie. Oskar beſah das Bauer; es war in ſeiner Art ein Kunſtwerk, zuſammengeſetzt nur aus Röhrchen, aber hübſch und zweckmäßig gemacht. Der Preis war zehn Thaler. „Bitte den Jüngling, zu warten, bis ich mit Eſ⸗ ſen fertig bin“, ſagte der Großhändler, der immer ein großer Freund und Beſitzer von mehreren Kanarien⸗ vögeln war. Der Jüngling trat ein. Er war hoch aufgewach⸗ ſen, reinlich, aber ärmlich gekleidet. „Wer hat dieſes Bauer gemacht?“ fragte Oskar und betrachtete das Geſicht des jungen Verkäufers, worin Verlegenheit, Kummer und Mangel zu leſen ſtanden. „Mein Vater“, war die Antwort, die er mit un⸗ ſicherer Stimme gab. „In dieſem Falle kann ich wohl einige Stücke mehr beſtellen“, nahm Oskar wieder das Wort. Der Jüngling verbeugte ſich bejahend und der Großhändler behandelte den Preis für zwei größere 24¹ Er fragte darauf nach dem Namen des jungen Verkäufers. Bei dieſer Frage wurde der Knabe purpurroth, zögernd antwortete er: „Ich heiße— Eduard Edberg.“ Oskar Dernſtröm ſixirte ihn; es kam ihm ver⸗ dächtig vor, daß er nicht gern ſeinen Namen nennen wollte. „Wo wohnen Sie?“ fragte Oskar weiter, indem er ſtets ſeine Blicke auf den Jüngling gerichtet hielt. Wieder dieſelbe Verlegenheit und daſſelbe Zögern, bevor er die Straße nannte. „Sollte der arme Knabe das Bauer geſtohlen ha⸗ ben?“ dachte Oskar und entließ den Jüngling, ohne eine weitere Frage an ihn zu richten, aber er nahm Hut und Stock, um ihm zu folgen. Auf der Straße angekommen, erkannte Oskar in der Ferne die ſchlanke Figur des Jünglings, beleuchtet von der Gaslaterne, wieder und folgte demſelben in einigem Abſtande, indem er bei ſich ſelbſt dachte: „Ob der arme Junge das Bauer geſtohlen, muß ich erfahren; denn in dieſem Fall hat er es aus Noth gethan und dann will ich ihn aus dem Elend erret⸗ ten, damit er nicht öfter ſolche Handlungen begeht.“ In der von ihm angegebenen Straße ging der Jüng⸗ Schwartz, Novellen III. 16 242 ling in ein aus Holz gebautes, ziemlich unanſehnliches Haus. Oskar folgte ſchnellen Schrittes nach und befand ſich bald in dem niedrigen Thorweg deſſelben Hau⸗ ſes. Er hörte Schritte auf der Treppe des Hauſes, welche zu den Zimmer der obern Wohnung führte. „Wohnt hier Jemand, der Edberg heißt und Vogelbauer macht?“ fragte Oskar mit tiefer Stimme. Die Tritte auf der Treppe hörten auf, eine Thür wurde geöffnet, ein ſchmaler Lichtſchein ſtrömte auf die Treppe herab und eine jugendliche weibliche Stimme fragte:„Biſt Du es Henrik? Haſt Du Geld bekommen?“ Henrik bekam nicht Zeit, hierauf Antwort zu ge⸗ ben, denn Oskar wiederholte ſeine Frage und war mit dem Jüngling zugleich in einigen raſchen Sprün⸗ gen in einer kleinen engen Vorſtube. Die einzige Thür, welche ſich dort befand, war aufgeſchlagen und auf der Schwelle ſtand ein junges Mädchen mit einem Talglicht in der Hand. Der Schein deſſelben beleuchtete nicht allein die Vorſtube, ſondern auch das Zimmer, aus welchem ſie kam. „Verzeihen Sie!“ ſagte Oskar, welcher auf dem Geſichte des Jünglings die peinlichſte Verlegenheit las. „Ich habe ſo eben von dieſem jungen Mann hier ein Vogelbauer gekauft und wünſchte einige Worte mit 243 ihm zu ſprechen, wenn Sie es' erlauben.“ Dabei machte er Miene, in das Zimmer zu treten. Ganz unwillkürlich trat das Mädchen zur Seite, allein der Jüngling erfaßte Oskar's Arm und ſagte ernſtlich bittend: „Bitte, gehen Sie nicht hinein, mein armer Vater wird ſehr niedergeſchlagen, wenn er Fremde ſieht.“ Es lag etwas Rührendes in dem Tone, womit der junge Mann ſprach; doch Oskar, wie von einer innern Stimme getrieben, ließ ſich nicht aufhalten, ſondern betrat im nächſten Augenblick das ſchlecht möblirte Zimmer, wo die Armuth deutlich und unge ſchminkt vor ſeinen Augen ſtand. Die Thür einer an⸗ ſtoßenden Kammer wurde geöffnet und ein Mann mit grauem Haar und gebeugtem Körper trat aus derſel⸗ ben hervor. Beim Anblick des fremden Mannes blieb er ſtehen, richtete ſich empor, blickte Oskar an und fragte in ſcharfem Tone:„Was ſuchen Sie hier, mein Herr?“ Oskar antwortete nicht ſogleich, er betrachtete ſich das früh gealterte Geſicht mit den unverwüſtlichen Spuren männlicher Schönheit. Er erkannte daſſelbe wie⸗ der, obgleich Zeit und Leiden es ſelbſt für ihn kaum erkennbar gemacht hatten. 16* 244 „Ich ſuche Herrn Auguſt Skog, der ſich jetzt Edberg nennt, und ich habe ihn gefunden“, antwortete Oskar und reichte ihm die Hand.„Haben Sie den Vogel⸗ fänger Hernſtröm vergeſſen? Sie legten einmal ein Kapital bei ihm nieder, das ſich gut verzinſt hat, wahrſcheinlich deshalb, weil Sie ihn lehrten, nie einen Gewinn durch das Leiden Anderer zu ſuchen. Ich bin hier, um Ihnen zu danken und meine Schuld ab⸗ zutragen.“ Auguſt Skog's Angeſicht leuchtete. Er nahm die dargereichte Hand und ein mattes Lächeln glitt über ſein Geſicht, als er ſagte: „Sie fingen als Knabe Vögel und ich mache Bauer als Mann. In meiner frühen Jugend ver⸗ mochte ich nicht an Gefängniſſe für lebende Weſen denken, allein die Zeit hat ſehr Vieles verändert und mich nicht am wenigſten.“ Und wieder hatte die Zeit viel verändert. Auguſt Skog und Oskar Oernſtröm wurden Compagnons und des erſtern Sohn kam auf Oern⸗ ſtröm's Comptoir. Die Tochter wurde in Penſion ge⸗ bracht und fand in der alten Frau Erkman eine mütterliche Beſchützerin. Der verſchwenderiſche Skog wurde neben dem frühern Vogelfänger ein arbeitſamer 245 und emſiger Mann, welcher ſich und den Seinen eine unabhängige Stellung erwarb. Nachdem er Alles genoſſen und alle irdiſchen Gü⸗ ter verloren hatte, lernte er in einem Alter von eini⸗ gen vierzig Jahren den Werth und den Segen der Arbeit kennen, er fand nicht mehr das Leben einför⸗ mig und langweilig, denn für die Langeweile hatte er jetzt keine Zeit. Die Compagnons waren und blie⸗ ben unzertrennliche Freunde, ſelbſt nachdem die Kinder erwachſen und verheirathet worden waren; ungeachtet die Tante Erkman zur Ruhe gegangen war, lebten ſie dennoch zuſammen. Und als ſie ſich ſchließlich von den Geſchäften zurückzogen, wurden dieſelben von Skog's Sohn übernommen, der zugleich mit der Schweſter auserſehen war, den frühern Vogelfänger zu beerben. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. ſſſſſſſſſſſiſſſ