1 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 6duard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6⁸ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent egennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Secen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wt.— f. in⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Preis 3 Mark. — 4 Novellen in Sophie Schwartz. Ju⸗ len Feluelischen un Pnil 3. Jonas. Autoriſirte Ausgabe. guetet vand. Inhalt: Um das 17. und 21. Jahr. Ebba, die Küſterstochter. Eine reiche Frau. e Teipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. Erſtes Kapitel. Eduard erſchien früh am Morgen des folgenden Tages und fand Iſabella am Arm ihres Mannes langſam auf der Terraſſe promeniren. Sie waren in ernſtem Geſpräch mit einander begriffen und man ſah es beiden an, daß der Gegenſtand ihrer Unterhaltung nicht zu den gleichgültigen Dingen zählte. Eduard hatte an demſelben Tage ſehr viel zu thun und ſein Beſuch war daher nur kurz. Er fand Iſabella zwar noch ziemlich ſchwach; doch ſie war ruhiger und daher etwas beſſer als am vorigen Tage. Er theilte dies Gertrud mit, als er Gelegenheit fand, in der Eile mit ihr einige Worte zu wechſeln. Am folgenden Tage kam ein Bote von Lugnet; der Lieutenant wünſchte ſeine jüngſte Tochter bei ſich zu ſehen. Er ließ melden, daß er gerne nach Novellen.— 2 Elfborg gekommen wäre, ſich aber nicht hinreichend wohl befände, um die Reiſe unternehmen zu können. Gertrud reiſte ſofort. Sie fand den Vater auf dem Sopha liegen, da er an Geſchwulſt des einen Fußes litt, ein Unfall, der, wie er ſelbſt meinte, ohne alle Bedeutung ſei, nichtsdeſtoweniger wurde auf Gertrud's Anordnung ſofort ein Bote zum nächſten Arzte geſchickt. Der Lieutenant ſprach mit Gertrud über Auguſt; er hielt es für nothwendig, daß Gertrud die Geldan⸗ gelegenheiten ihres Schwagers, mit denen es ſehr traurig ausſehe, zu ordnen ſuche. Gertrud erwiderte ihm, daß ſie bereits einmal ſeine Creditoren befriedigt und daß ſie ſich ſelbſt da⸗ mals ein heiliges Gelübde gegeben habe, ferner kein Geld für ein ſo undankbares Feld wie die Bezahlung der Schulden eines Verſchwenders wegzuwerfen. Ja noch mehr: Sie glaube, nicht das Recht zu haben, auf dieſe Weiſe den ihr anvertrauten Reichthum verwen⸗ den zu dürfen. „Setze den Fall, beſter Papa, daß ich jetzt zum zweiten Male ſiebzig⸗ bis achtzigtauſend Thaler für den Mann meiner Schweſter opfere, glaubſt Du denn, Papa, daß ich ihm dadurch wirklich nütze?“ Der Lieutenant ſchwieg; Gertrud fuhr fort: 8 „Nein; in drei bis vier Jahren würden wir auf demſelben Punkte ſtehen. Was mich betrifft, ſo würde mir, wenn ich fortwährend Geld hergeben müßte, mein Ruin ſicher ſein, während damit noch kein einziger Schritt gethan wäre, um ihn vor dem Abgrunde zu bewahren, der jeden leichtſinnigen Verſchwender, wie Auguſt es iſt, ſicher dann erwartet, wenn ihm, wie Du es von mir verlangſt, das Gift der Spielſucht und der Schwelgerei durch immer neue Vorſchüſſe, an deren Rückzahlung er nimmer denkt, in die Schale gegoſſen würde.— Nein, es iſt beſſer, daß Auguſt nicht länger auf ſchwachſinnige Gutmüthigkeit ſeiner Verwandten rechnend, die Schreckniſſe ſeines Schma⸗ rotzerthums ſelber erkennen, daß er ſeinen Leichtſinn einſehen lernt, um, zu eigener Thatkraft angeſpornt, Mittel und Wege zu finden, dem ihm drohenden Ver⸗ derben zu entrinnen. Er ſteht im kraftvollſten Lebens⸗ alter; er muß, durch ſich ſelbſt auf die Folgen ſeines gedankenloſen Lebens hingeführt, durch eigenes Stre⸗ ben ſich aus denſelben herausarbeiten. Glaube mir, geliebter Vater, wir dürfen nicht anders handeln. Laß uns bedenken, daß wir Urſache hätten, uns unſerer Schwäche zu ſchämen, wenn wir in ſeiner Hand als Werkzeug dienen wollten, ſeinem Uebermuthe zu fröh⸗ nen, während er hinter unſerem Rücken in frivolem 4 Triumphe als ſchwachköpfige, ihm unwiderſtehliche Gim⸗ pel unſerer ſpottet!“ „Möglich, daß Du Recht haſt, liebes Kind“, ſagte der Lieutenant und ſah ſehr kummervoll drein;„aber wie ſoll es mit unſerer armen Iſabella werden?“ „Ach, Papa, darüber beruhige Dich! Sie wird nie etwas entbehren, ſo lange ich lebe und etwas mit ihr zu theilen beſitze. Sie und ihren Gatten vor Noth zu ſchützen, iſt eine ganz andere Sache, als ein Mal über das andere ſeine Schulden zu bezahlen. Verlaß Dich auf meine Liebe zu Iſabella, die wird ſie nie verlaſſen!“ „Deine Zuſicherung erfreut mich innig“, ſagte der Lieutenant und legte ſeine Hand auf das Haupt der Tochter.„Du, die Du ſtets das Stiefkind im Elternhauſe warſt, Du hegſt dennoch Fürſorge und Hin⸗ gebung für Deine Schweſter, welche Dir ſtets vorge⸗ zogen worden iſt?“ „Haſt Du jemals daran gezweifelt, Vater? Sie iſt ja unſer Aller Liebling.“ „Wahr, wahr; aber es kommt mir doch vor, als ob Deine Liebe zu Iſabella, ſeitdem der Reichthum in Dein Loos fiel, geringer ſei, als die, welche Du jett Deinen Beſitzthümern zuwendeſt.“ „O, mein Vater, wie haſt Du mich ſo verkennen — 5 können“, rief Gertrud mit ſchmerzbewegter Stimme „Ich habe Dich von anderen Intereſſen für ſo eingenommen gehalten, daß Deine Hingebung für ſie mir faſt erloſchen ſchien.“ „Nein, Vater, das haſt Du ſelbſt bei mir nicht vorauszuſetzen vermocht; allein man hat es verſucht, Dir durch falſche Vorſpiegelungen eine ſolche Meinung von mir einzuflößen. Sieh mir in's Auge und empfange die heilige Verſicherung, daß Du und Iſabella mir heute theurer ſeid als jemals!“ Der Vater betrachtete die Tochter während eini⸗ ger Sekunden. „Ich glaube, man hat Dich falſch beurtheilt“, ſagte er, indem er ihre Stirn küßte.„Ich wußte nicht, daß Du bereits für den Mann Deiner Schweſter ſo große Opfer gebracht haſt. Ich reſpectire die Gründe, die Du für Deine Handlungsweiſe mir angegeben haſt, und ich kann nicht anders, als ihnen beiſtimmen, ob⸗ wohl ich nicht ſo klug gehandelt habe. Doch das ge⸗ hört nicht hierher.“ Bei den letzten Worten des Vaters fühlte Ger⸗ trud ſich beunruhigt, geſtattete ſich jedoch keine Frage, weil ſie ſeinen Character kannte und wußte, daß er von vielen Fragen kein Freund war. 6 Durch das Eintreten des auf Gertrud's Anord⸗ nung herbeigerufenen Arztes wurde das Geſpräch zwi⸗ ſchen Vater und Tochter abgebrochen. Bei der Unter⸗ ſuchung fand der Doktor das Geſchwulſt am Fuße ohne alle Bedeutung, ein gelinder, rheumatiſcher Zu⸗ fall, der in einigen Tagen verſchwunden ſein werde. Der Lieutenant fragte darauf, ob er ohne nach⸗ theilige Folgen einige Meilen in einem bequemen Reiſe⸗ wagen machen könne, worauf der Doktor erwiderte, daß er ohne jede Gefahr ſich auf die Reiſe begeben dürfe. 2 Als der Lieutenant wieder mit ſeiner Tochter allein war, ſagte er:„In Folge unſeres Geſpräches habe ich beſchloſſen, Dir nach Elfborg zu folgen, um Auguſt zu treffen, ſo wie auch meinen kranken Lieb⸗ ling zu ſehen. Auguſt war vor einigen Tagen hier und überredete mich, ihm das Verſprechen zu geben, für eine Anleihe, welche er aufzunehmen beabſichtige, die Bürgſchaft zu übernehmen. Ich will jetzt mit ihm über die Sache ſprechen, um mich zu verſichern, daß dieſes Geld nur zur Abwendung der dringendſten Ge⸗ fahr des Zuſammenſturzes verwandt werde, damit er Zeit gewinnt, ſeine Angelegenheiten zu ordnen und der Unannehmlichkeit zu entgehen, die ihm ſeine erſchütterte Zukunft leicht bereiten könnte.“ — 7 „Haſt Du ihm bereits ein beſtimmtes Verſprechen gegeben?“ fragte Gertrud mit beklemmtem Herzen.“ „Das habe ich“, war des Lieutenants Antwort. „Morgen folge ich Dir nach Elfborg, und jetzt ſprechen wir nicht mehr über die Sache, mein liebes Kind.“ Am Nachmittage, während der Vater ſchlief, wan⸗ derte Gertrud durch den Garten nach dem Platze hin, an den ſo manche Erinnerung ihrer erſten Jugend ſich knüpfte. Manche frohe Stunde, aber auch manche bittre Sorge hatte ihren früh gereiften Geiſt ſchon da⸗ mals bewegt. Das Herz der Mutter hatte ſich ja abgewandt von dem Schmerzenskinde, ſchon bevor es liebend die Händchen zu ihr empor zu ſtrecken ver⸗ mochte, und als ſie an der Stätte ihrer jugendlichen Spiele nur noch in der Erinnerung die harten Worte hörte, mit denen die nun Erlöſte ſo oft den ſüßen Mutternamen auf ihren Lippen verſtummen machte, womit ſie das mächtige Band der Kindesliebe gleich einem Lebensnerv in ihrem friſchen, liebeſuchenden Herzen erſtickte, da füllte ſich das Auge des jungen Mädchens mit Thränen der Wehmuth; denn ſelbſt ihre Jugendträume, die Pläne ihrer Unabhängigkeit, die hier zuerſt ihre Phantaſie erfüllten, hatten ſich ja nicht verwirklicht!— Hatte die arme Mutter ihretwegen gelitten, mußte der unverdiente Haß derſelben ſchon 8 die erſten Frühlingstage ihres Lebens umwölken; um wieviel mehr hätte ſie gewünſcht, daß ihr Traum, die leidende Mutter geneſen und von ihrer eigenen Hände Arbeit mit Kindesſegen und Wohlthun überſchüttet zu ſehen, ſich erfüllt hätte, und was hätte ſie dann nicht darum gegeben, wenn dieſer Kindesdank die Liebe in das Herz der Mutter zurückgerufen und ſie die Tochter, wenn auch nur mit dem letzten Blick, geſegnet hätte. 8 Ihre jugendlichen Wünſche waren zwar gewiſſer⸗ maßen in Erfüllung gegangen, aber es war nicht das Ergebniß ihres eigenen Schaffens und Strebens, wie es allein nur ein mit Gertrud's Selbſtbewußtſein und edlem Stolze ausgerüſtetes Mädchen wahrhaft beglücken konnte; ſie hatte vielmehr dasjenige, was ſie beſaß, der Laune Anderer zu danken und mußte auf ihr höch⸗ ſtes Glück, die Ihrigen durch eigene Tüchtigkeit zu unterſtützen, nicht allein verzichten, ſondern ſie erblickte in dem ihr gleichſam in die Arme geworfenen Reich⸗ thum auch die Quelle mancher Uebel. Ihr Liebling, Iſabella, wäre ohne dieſen Reich⸗ thum mit dem Verſchwender Auguſt Hartling nicht verheirathet worden; die Folter der Liebe, der Eifer⸗ ſucht und die verzehrende Unruhe wäre dann nicht über ſie hereingebrochen; ſie hätte ihre Geſundheit be⸗ 9 halten und ihr Herz wäre für die Schweſter nicht er⸗ kaltet. Allerdings hätte der Vater dann fortfahren müſſen, zu arbeiten; er hätte mit Wenigem zufrieden ſein müſſen; allein ſicherlich wäre er dann glücklicher geweſen, als während der letzten Jahre, und er hätte mindeſtens Ruhe vor der Inſolenz eines Schwieger⸗ ſohnes gehabt, dem es nicht um ſeine Tochter, ſondern um ſein Beſitzthum zu thun war. So dachte Gertrud, als ſie ſchließlich ſich noch ein Mal auf die wohbekannte Bank in der Laube ſetzte, wo ſie ſo oft während der Tage ihres jugendlichen Kummers geſeſſen und die Lectionen gelernt hatte, welche ſie ſich ſelbſt gab. Ihre Pläne für die Zukunft waren ja hier entworfen worden.„Durch Deine eigene Arbeit“, hatte ſie gedacht,„willſt und mußt Du die Zu⸗ kunft Deiner Lieben begründen, dazu biſt Du berufen.“ Und jetzt? Wie ganz verſchieden lag die Wirklichkeit von ihren damaligen Anſchauungen vor ihr. Dieſe Wirklichkeit ſchloß ja alles Selbſtvertrauen aus, was damals und jetzt ihr ganzes Weſen erfüllte, und dieſe Enttäuſchung, dieſer wenig erfreuliche Gedanke ſtimmte ſie ſehr ernſt. Sollte es denn nur ein leerer Wahn ſein, dachte ſie, daß ein Menſch im Stande wäre, ſein eigenes Geſchick anbahnen zu können? Sollte die energiſche 10 Kraft, die Arbeitſamkeit nicht im Stande ſein, ihn zum Herrſcher über die Ereigniſſe zu machen? Bei dieſer Frage, die Gertrud an ſich ſelbſt rich⸗ tete, ſagte ſie kopfſchüttelnd: „Nein, es iſt keine Illuſion, es iſt eine Wahrheit, was die Stimme in meinem Innern ſpricht, wenn ſie mich zur That, zum Kampfe mit den Schwierigkeiten des Lebens auffordert, wenn das allgütige Weſen die⸗ ſen Drang der Wirkſamkeit und des Selbſtbewußtſeins in die menſchliche Seele niedergelegt hat, dann muß es auch ſein Wille ſein, von demſelben Gebrauch zu machen. Stände ich in dieſem Augenblicke einſam in der Welt, ohne dieſe zärtlichen Bande, die mich an Vater und Schweſter feſſeln, ſo würde ich meinen ganzen Reichthum zum Nutzen Anderer verwenden und in die Welt hinausgehen, um als armes Mädchen ein ſtrebſames Leben zu führen und durch Arbeit mir mei⸗ nen Unterhalt zu erwerben. Dann würde dies un⸗ ruhige Herz ſich befriedigt fühlen und dem mahnen⸗ den Selbſtvertrauen Genugthuung geſchehen. Jetzt kann ich nicht ſo handeln; jetzt muß ich auch für Diejenigen ſorgen, die mir das Theuerſte auf Erden ſind.“ Gertrud ſtand auf und ging langſamen Schrittes ins Vaterhaus zurück. In dem kleinen, zierlich geharkten Hofe ſah ſie 14 ein Fuhrwerk ſtehen, welches ſie an den kleinen, zotti⸗ gen Pferden ſofort als das des Inſpektors Qviſt er⸗ kannte. „Was führt den beſonnenen Oviſt hierher?“ dachte ſie;„nur etwas ſehr Wichtiges kann es ſein.“ Gertrud trat in den Saal, wo ſie den alten In⸗ ſpektor ſehr unruhig im Zimmer auf und ab gehend fand. „Was iſt geſchehen?“ rief Gertrud beſtürzt aus. „Man hat einen Diebſtahl auf Elfborg begangen“, war die kurze und beſtimmte Antwort. „Wo denn?“ fragte Gertrud. „Im Büreau, heute Vormittag zwiſchen neun und elf Uhr, während ich draußen auf dem Felde war. Viertauſend Thaler ſind aus dem Pulte genommen worden, ohne daß ſich Zeichen eines gewaltſamen Ein⸗ bruchs daran wahrnehmen laſſen.“ „Viertauſend Thaler!“ wiederholte Gertrud gleich⸗ ſam träumend, indem ſie lispelte: „Sollte nicht——? Nein, ich will dieſen Ge⸗ danken, dieſen niedrigen Verdacht nicht hegen.“ „Vielleicht haben Sie irgend Jemand Ihren Schlüſſel zum Pulte gegeben, Fräulein, mit der Er⸗ laubniß, das Geld zu nehmen“, ergriff Qviſt wieder das Wort. 12 Gertrud verneinte kopfſchüttelnd. „Haben Sie Ihren Schlüſſel bei ſich?“ fragte Oviſt. „Nein, derſelbe liegt in meinem Schreibtiſch, und hier iſt der Schlüſſel zu demſelben.“ „Wie konnte denn der Dieb zu dem Inhalte des Pultes gelangen, ohne daſſelbe gewaltſam zu erbre⸗ chen“, entgegnete OQviſt. Beide ſahen einander fragend an.. Der Lieutenant trat ein. „Was iſt geſchehen?“ fragte er und bevor Ger⸗ trud zu antworten vermochte, hatte Qviſt die nöthige Auskunft bereits ertheilt. „Der Dieb iſt nicht außer dem Hauſe zu ſuchen“, ſagte darauf der Lieutenant zögernd,„ſondern——“ „Lieber Vater, erlaube, daß wir alle Muthmaßun⸗ gen aufgeben“, unterbrach ihn Gertrud mit bittender Stimme;„ich wünſche, daß wir bis auf Weiteres den Diebſtahl vor Jedermann verſchweigen, weil ich dann hoffen darf, in Erfahrung zu bringen, wo das Geld geblieben iſt.“ Des Lieutenants Augenbrauen zogen ſich zuſam⸗ men und der Verwalter betrachtete Gertrud mit einem Blicke, in dem ſich deutliche Unzufriedenheit ausſprach. Gertrud ergriff die Hand des Vaters und ſagte: „Lieber Papa, ſchau' nicht ſo verdrießlich drein; 13 Du wirſt ſehen, daß wir nicht Urſache zur Betrübniß haben. Allerdings iſt es unangenehm, dieſes Geld verloren zu haben; allein es iſt ja noch nicht entſchie⸗ den, daß es geſtohlen iſt. Und Sie, mein lieber Oviſt, beruhigen Sie ſich und ſeien Sie nicht ſo unzufrieden mit mir; wir reiſen ja morgen alle Drei nach Elfborg und dann——“ „Nein, mein Kind, wir reiſen ſofort!“ fiel der Lieutenant ein. Eine Stunde ſpäter rollte Gertrud's bequemer Reiſewagen mit ihr und dem Vater vom Hofe. Der Inſpektor hatte ſich bereits eine Stunde zuvor auf den Weg begeben, nachdem er die ermüdeten Pferde mit einem Paar friſchen Trabern gewechſelt hatte. Der Inſpektor fuhr ſchnell, um noch vor Einbruch der Nacht nach Hauſe zu kommen, da der Vorfall ſeine Beſorg⸗ niß, es könne während ſeiner Abweſenheit leicht ein zweiter Diebſtahl verübt werden, in nicht geringem Grade erregt hatte. Gertrud's Geſpann bewegte· ſich langſamer, da der geſchwollene Fuß des Vaters eine ſchnelle Fahrt nicht geſtattete. Die Unterhaltung zwiſchen Vater und Tochter während der Reiſe war durchaus nicht lebhaft; erſterer ſaß mit halb geſchloſſenen Augen, gleichſam wie in Schlummer verſunken. Seine Seele war von unan⸗ genehmen Gefühlen ſchmerzlich bewegt, denen er durch Worte Ausdruck zu verleihen nicht den Muth hatte. Es erging ihm, wie den vielen Anderen, die, wie er, von großem Vertrauen plötzlich in die Sphäre der Zweifel und des Mißtrauens verſchlagen werden, ohne ſich überreden zu können, daß die ſchreckliche Wirklich⸗ keit nicht ein ſchwerer Traum ſei. Dazu kam noch, daß ſein Fuß ihn ſehr ſchmerzte, weshalb er Gertrud's Herz durch Klagen nicht noch mehr beunruhigen wollte. „Ich muß nach Elfborg“, dachte er,„und wenn ich dort auch bettlägerig werden ſollte. Ich werde den Schurken lehren, was es heißt, ein ſo braves Kind, wie Gertrud, mir gegenüber zu belügen, und mir ver⸗ ſchweigt er, daß ſie bereits ſo große Summen für ihn hingegeben hat? Ich muß dahin, um meinen Liebling zu ſehen und ihn zu ſchützen!“ Gertrud blickte hin und wieder auf den Vater, ſie dachte: „Armer Vater! Er thut, als ſchliefe er, um nicht ſprechen zu müſſen; o, ich ſehe es wohl an ſeiner blei⸗ chen Stirn und an ſeinen zuſammengebiſſenen Lippen, wie ſehr er an Leib und Seele leidet!“— Gertrud lehnte ſich müde in die Wagenecke zurück und verſank in eine recht trübſelige Stimmung. 3 . 45 Erſt nach Mitternacht kamen die beiden Reiſenden auf Elfborg an. Den Lieutenant mußte man auf ſein Zimmer tragen, welches ſtets für ihn bereit ſtand. Gertrud ſandte ſofort einen reitenden Boten an Eduard ab und brachte den Reſt der Nacht beim Vater zu, der über große Schmerzen klagte. Es waren lange Stunden, während deren das junge Mädchen am Bette des Vaters ſaß, ohne ſeinen Schmerz lindern zu können. Gertrud fühlte ſich ſo ohnmächtig und muthlos, als ob alle Kraft und Energie ſie verlaſſen hätten. Aber ihr natürlich friſcher Geiſt gewann bald die Ober⸗ hand über dieſen Zuſtand der Erſchlaffung; ſie wollte nicht, daß die widerwärtigen Ereigniſſe die Herrſchaft über ſie gewinnen ſollten, zumal dieſelben nur durch Ruhe und Beſonnenheit zu beſiegen waren, und als die Sonne ihre goldene Scheibe auf's Neue ſtrahlend über die Spitzen des Waldes erhob, fühlte ſie ſich wieder im Beſitz von Muth und Entſchloſſenheit. Der Vater fiel endlich in einen ſchweren Schlaf, und Gertrud ſchlich ſich aus ſeinem Zimmer, um ſich an der friſchen Morgenluft nach einer durchwachten Nacht zu erquicken. In demſelben Augenblick, wo ſie in den Hof hin⸗ 16 aus trat, um ſich in die Allee zu begeben, kam Eduard in ſcharfem Trabe angeritten. „Steht es ſchlimmer mit Iſabella, da Sie mich ſo frühe herbei riefen?“ fragte Eduard, indem er die dargereichte Hand ergriff und mit inniger Theilnahme auf Gertrud herab ſchaute. „Nicht Iſabella's wegen“, erwiderte Gertrud,„ließ ich Sie rufen, ſondern es iſt mein Vater, der Ihres Beiſtandes bedarf. Er iſt mir hierher gefolgt und lei⸗ det ſehr an ſeinem Fuße.“ „Ich werde ſofort zu ihm gehen“, ſagte Eduard, indem er ihre Hand los ließ. „Er ſchläft jetzt; wäre es nicht beſſer, ſo lange zu warten, bis er erwacht?“ „Ich werde an ſeinem Bette warten“, erklärte Eduard, indem er hinzufügte:„Meine Abſicht iſt übri⸗ gens die, hier ein paar Tage zu verbleiben, im Falle Sie nichts dagegen haben. Ein Freund von mir, der Doktor L. beſuchte mich geſtern und ſagte mir ſeine Vertretung zu, da er einige Zeit ſich bei mir aufzu⸗ halten gedenkt.“ „Das trifft ſich ja herrlich“, verſetzte Gertrud mit einem matten Lächeln.„Beſter Doktor, wir bedürfen Ihrer hier jetzt mehr, als Sie vielleicht ahnen.“ „Iſt denn etwas Beſonderes hier paſſirt?“ 17 „Jetzt iſt es nicht Zeit, darüber zu ſprechen“, un⸗ terbrach ihn Gertrud.„Wie ging es während meiner Abweſenheit mit Iſabella?“ „Schlimmer als vor Ihrer Abreiſe. Aber jetzt gehe ich zu Ihrem Vater hinein. Es würde Ihnen durchaus dienlich ſein, Fräulein Gertrud, wenn Sie eine Promenade in der friſchen Morgenluft machten. Sie ſind ſehr angegriffen.“ Eduard begab ſich zum Lieutenant, und Gertrud ſetzte ihren Weg in der Allee fort. „Schlimmer als vor meiner Reiſe?“ wiederholte Gertrud gedankenvoll.„Und dieſer Diebſtahl, dieſer ſonderbare Diebſtahl! Wer mag ihn begangen haben? Ich wage kaum daran zu denken! Ein Etwas ergreift mich, ein entſetzlicher Verdacht, und dennoch kann er nur von Jemand verübt ſein, der Gelegenheit hatte, in den Beſitz des Schlüſſels zum Pulte zu gelangen; aber wer ſollte dieſer Jemand ſein?“ „Guten Morgen, Gertrud!“ grüßte eine klar und hell tönende Stimme. Gertrud, welche mit geſenktem Blicke einher ge⸗ ſchritten war, ſah empor. Auguſt ſtand vor ihr. Sie blickte ihn ſchweigend an, gleichſam, als wollte ſie ſein Inneres erforſchen, dachte aber: Schwart, Novellen. II. 2 18 „Das iſt unmöglich; ſchon wieder habe ich mich von finſterem und unglückſeligem Verdachte leiten laſſen!“ Als Auguſt keine Antwort auf ſeinen Gruß be⸗ kam, nahm er wieder das Wort: „Gertrud, hältſt Du mich denn keines Grußes würdig? oder denkſt Du vielleicht ſo mit mir zu ver⸗ fahren, wie mit meinen Freunden?“ Ein bitteres Lä⸗ cheln ſchwebte bei dieſen Worten auf ſeinen Lippen. „Nein, das beabſichtige ich nicht“, antwortete Ger⸗ trud mit ihrer gewöhnlichen Freimüthigkeit,„und Du mußt entſchuldigen, daß ich nicht ſofort Deinen Gruß erwiderte; allein es ſtanden düſtere Gedanken zwiſchen Dir und mir. Mein Vater iſt mir hierher gefolgt und befindet ſich ſehr leidend. Dein Bruder Eduard iſt jetzt bei ihm, um ſein Erwachen abzuwarten. Aber vor allen Dingen ſage mir: wie befindet ſich Iſabella?“ „Nicht gut“, erwiderte Auguſt. Gertrud's ſchneller Blick hatte ſofort bemerkt, daß die Stirn des Schwagers bei der Nachricht, der Schwie⸗ gervater ſei auf Elfborg anweſend, ſich glättete. Er vermochte nicht die Zufriedenheit zu unterdrücken, die er bei dieſer Nachricht erfuhr; aber wieder ſtürzten die Furien des Verdachts über Gertrud's Seele, und ſie dachte: „Ein Mann, der Verſchwender, Spieler und In⸗ —— ——— ————— 19 triguant iſt, iſt zu Allem fähig. O, meine arme, ge⸗ liebte Schweſter, daß Du das Opfer des Egvismus dieſes nichtswürdigen Mannes ſein mußt!“ Als Gertrud ihren Weg fortſetzte, ohne etwas zu ſagen, nahm Auguſt das Geſpräch auf's Neue auf. „Wodurch haben meine Freunde ſich Deine Un⸗ gnade zugezogen?“ „Dadurch, daß ſie in Deiner Geſellſchaft ganze Nächte hindurch, und ſelbſt am Sonntag Vormittag, Hazard geſpielt haben. Da ſie ungebeten hierher ka⸗ men, hatte ich wohl ein Recht, zu verlangen, daß ſie und auch Du mir ſo viel Achtung zeigten, um nicht mein Haus zu einer Spielbude herabzuwürdigen!“ Gertrud ſprach dieſe Worte mit kalter Ruhe. „Aber Du haſt Deinerſeits durch Deine ungaſt⸗ liche Handlung dieſe Herren in meine Feinde verwan⸗ delt. Ich ſtehe zu ihnen in dem Verhältniß eines Schuldners, und da Du mir beſtimmt verweigerteſt, mir dieſe unbedeutende Summe zu leihen, die ich ihnen ſchulde, ſo hätteſt Du mir wenigſtens den Schaden erſparen können, der mir in Folge der ihnen zugefügten Beleidigung Deinerſeits durch ſie erwächſt.“ „Möglich, daß ich das hätte thun können, aber für mich galt es als Hauptſache, mein Haus vor der Erniedrigung zu ſchützen, daß mein Schwager darin 2* 20 eine Summe verſpielt, die er nicht beſitzt und die ich für ihn zu bezahlen nicht geneigt bin. Du haſt ſicher⸗ lich in meiner Abweſenheit Dir dieſes Geld zu ver⸗ ſchaffen gewußt——“ Gertrud hielt inne. „Sei ſo gefällig, Dich nicht zu unterbrechen“, fiel Auguſt ironiſch ein. „Nun wohl! Du haſt ja meinen Vater zu über⸗ reden geſucht, mich zu veranlaſſen, daß ich das, was Du durch Spiel und Verſchwendung verloren haſt, be⸗ zahle, wenn es ihm nicht gelänge, für Dich die Bürg⸗ ſchaft zu übernehmen.“ „So iſt es; ich glaube indeß, daß die Tochter meines Schwiegervaters nicht die Abſicht hegt, ihn durch eine Bürgſchaft für mich ſein Eigenthum aufs Spiel ſetzen zu laſſen.“ „Dann biſt Du zu einer Annahme gelangt, die durchaus falſch iſt. Will mein Vater ſich ruiniren, um Dir zu helfen, ſo vermag ich das nicht zu hin dern; aber ſicher iſt, daß ich ſeinem Beiſpiel nicht zu folgen beabſichtige. Du wirſt die Kunſt lernen müſſen, Dir ſelbſt zu helfen“ „Aber dann wird Unruhe und Sorge Iſabela tödten. Liebe Gertrud, höre jetzt ein ernſtes Wort von mir: Mache ein Ende meinen peinlichen Sorgen, A in die ich durch Unbedachtſamkeit gerathen bin, und ich verſpreche bei Ehre und Glauben, meine Lebens⸗ weiſe fortan gänzlich zu ändern!“ „Laß uns dies Geſpräch abbrechen“, fiel Gertrud ungeduldig ein;„Du gabſt mir ja daſſelbe Verſprechen, als ich damals Deine Schulden bezahlte, ohne es zu halten; ebenſowenig wirſt Du es jetzt thun. Deine Lebensweiſe hier in meinem Hauſe trägt das Zeugniß, daß Du ein Mann biſt, der weder Treue noch Glau⸗ ben beſitzt. Laß uns deshalb nicht weiter über die Sache ſprechen; ich bin unerſchütterlich in meinen Be⸗ ſchlüſſen. Verzeihe, die Pflicht ruft mich zu meinem Vater.“ Gertrud entfernte ſich ſchnell von ihrem Schwa⸗ ger, indem ſie dachte: „Wenn er der Schuldige wäre!“ Nach einem ſtärkenden Schlafe und der Wirkung der von Eduard zubereiteten Medizin fühlte ſich der Lieutenant beſſer und vermochte bereits ſein Mittags⸗ mahl mit gutem Appetit zu genießen. Gertrud war den ganzen Tag bei ihm geweſen und ſelbſt Iſabella hatte ihn eine Weile beſucht, ſchien aber zu ſchwach zu ſein, um längere Zeit bleiben zu können. Die Kam⸗ merräthin erfüllte die Pflichten einer Wirthin gegen die wenigen Gäſte. 22 Das Wetter war ungewöhnlich ſchön, und Auguſt ſchlug Amanda und Ottilien vor, eine kleine Segel⸗ parthie zu unternehmen; er könne ihnen nicht folgen, da Iſabella ſo ſchwach ſei; allein er hoffe, Eduard werde es ſicher übernehmen, der Ritter der Damen zu ſein, ein Vorſchlag, der von Ottilien mit großer Be⸗ gierde erfaßt wurde. Die kleine Geſellſchaft ſegelte alſo bald nach Tiſch zur Ueberraſchung Gertrud's auf den nicht ganz ruhi⸗ gen See hinaus und kehrte erſt ſpät des Abends zu⸗ rück. Beim Soupé war keiner der Gäſte anweſend und der Doktor beeilte ſich, um ſich von den Damen zu trennen. Eduard, der den Bruder bei ſehr ſonderbarer Laune während des ganzen Tages gefunden hatte, er⸗ rieth ſehr wohl, daß der Segeltvur irgend eine Abſicht zum Grunde lag und da er noch keine Müdigkeit empfand, ſo beſchloß er, auf der Terraſſe eine Prome⸗ nade zu machen, die er mit einer brennenden Cigarre und in der Hoffnung betrat, ſeinen Bruder zu treffen. Es mochte wohl eine halbe Stunde verfloſſen ſein, als er in der That ſeinen Bruder gewahrte, der aus dem Garten kam und ſeinen Weg direct über die Ter⸗ raſſe nahm. Er ging ſchnurſtracks auf die Glasthür des Salons zu, die er öffnete, und obgleich darin für —— 6 ——— 23 Eduard kein Grund großer Verwunderung lag, ſo führte ihn doch eine gewiſſe Ahnung auf die Idee, dem— Bruder zu folgen. Er nahm ſich in Acht, um möglichſt unbemerkt zu bleiben, da er, im Falle Auguſt ſeine Verfolgung entdeckt hätte, ſchwerlich eine paſſende Entſchuldigung gefunden haben würde. Eduard ſah ſeinen Bruder durch die Glasthür ins Haus eintreten und ſeinen⸗Weg durch die ganze Suite der Zimmer nehmen, welche zwiſchen dem großen Salon und der Biblivthek lagen. Als er in der Bibliothek angekommen war, blieb er ſtehen. Es befand ſich in derſelben eine kleine Ta⸗ petenthür, welche zu einem Gange führke, der zwiſchen der Bibliothek und Gertrud's Arbeitszimmer lag. Dieſe Thür war gewöhnlich verſchloſſen und wurde faſt nie benutzt, da der Eingang zu Gertrud's Zimmer ſich im großen Corridor befand. Sonderbarer Weiſe ſtand dieſelbe in demſelben Augenblicke offen und auf einem Stuhle in der Nähe derſelben lag Auguſt's Strohhut, derſelbe Hut, den er trug, als er über die Terraſſe ging. Konnte es möglich ſein, daß Auguſt um dieſe Zeit nächtlicher Stille ſich bei Gertrud im Zimmer befände? Und wenn dem ſo war, in welcher Abſicht? 24 Sicherlich nicht mit ihrer Einwilligung; aber ebenſo⸗ wenig in guter Abſicht. Nach einem Augenblicke des Nachdenkens nahm Eduard des Bruders Hut, trat in den Gang, verſchloß die Thür hinter ſich und ſchlich mit leiſen Schritten bis zur Thür von Gertrud's Zimmer. Er trat ein; es war finſter; allein aus dem nächſtgelegenen Zim⸗ mer erſchien Licht und er vernahm aus demſelben wohlbekannte Stimmen. Eduard blieb ſtehen und ſagte leiſe vor ſich hin: „Ich würde nicht weiter gehen, ſnven unbemerkt zurückkehren, wenn ich mich nur überzeugen könnte, daß meine Gegenwart hier überflüſſig iſt.“ Er lauſchte. Eine klare, ruhige Stimme iert in ſtrengem Tone: „Wenn Du, Auguſt, nicht ſofort mein Zimmer verläſſeſt, ſo laſſe ich morgen bei dem Lehnsmann ſofort anmelden, daß mir viertauſend Thaler geſtohlen ſind, und dann——“ „Und dann?“ wiederholte Auguſt.„Was geht mich die Sache an? Ich gebrauche zwar für den Au⸗ genblick viertauſend Thaler und ich muß ſie auch ha⸗ ben, allein, was habe ich mit dem geſtohlenen Gelde ————— ——— 25 zu thun? Melde dies gerne dem Gericht; allein höre, was ich Dir jetzt zu ſagen habe: „Du wirſt mir innerhalb der nächſten zehn Mi⸗ nuten verſprechen, mir dieſe Summe zu leihen, oder Du biſt unrettbar compromittirt. Es wird Dir nie⸗ mals gelingen, was Du auch dagegen unternehmen magſt, Dich von dieſem Flecken rein zu waſchen, die Dein Renommeée durch meine Anweſenheit hier in Dei⸗ nem Zimmer erhalten wird. Ebenſowenig wird es Dir gelingen, Iſabella's Urtheil, daß Du das ſchuldbe⸗ laſteſte Weib biſt, das ſie kennt, zu beſeitigen. Du mußt mir daher verſprechen, mir das Geld zu geben; ich verlaſſe dann Dein Zimmer und reiſe morgen von hier ab; weigerſt Du Dich aber deſſen, was ich jetzt zum letzten Male von Dir begehre, dann wirſt Du die Folgen dieſer Weigerung ſelbſt zu tragen haben!“ „Wenn ich einen Augenblick gezweifelt hätte, wie ich handeln ſollte“, erwiderte Gertrud mit feſter Stimme, „dann wäre jetzt jeder Zweifel in meiner Seele ver⸗ ſchwunden. Nun erſt ſehe ich Dich in Deiner wahren Geſtalt. Wenn ein Mann, der mit Gewalt in das Gemach eines Mädchens dringt, um durch Drohungen und Skandal es zu zwingen, ihm Geld zu geben, ſo iſt mit Beſtimmtheit anzunehmen, daß es kein Verbre⸗ chen giebt, deſſen er nicht fähig wäre! Nunmehr bin 26 ich auch vollkommen überzeugt, daß Du und kein An⸗ derer mir die viertauſend Thaler geſtohlen haſt, welche aus des Inſpektors Pult verſchwunden ſind. Behalte denn das Geſtohlene! Ich werde Dich nicht des Dieb⸗ ſtahls anklagen; aber morgen verläſſeſt Du dieſes Haus!“ „Aber wie vermagſt Du zu ſagen“, ſchrie Auguſt im Zorn,„daß ich geſtohlen habe?“ und ſtürzte mit Todtenbläſſe auf ſeiner Stirn auf Gertrud ein, indem er rief:„Wagſt Du es wirklich, mich des Diebſtahls anzuklagen?“ „Ja, das wage ich zu thun! Vermeinſt Du denn, daß der Diebſtahl meines Geldes ein größeres Verbre⸗ chen ſei, als der Diebſtahl an meiner Ehre, mit dem Du mich bedrohſt?“ „Tod und Verderben! Wäreſt Du nicht ein Weib, würdeſt Du nach einer ſolchen Beſchuldigung nicht mehr leben!“ ſtieß Auguſt wüthend aus und wankend zog er ſich von ihr zurück. Heftige Schläge ließen ſich an der Thür des Cor⸗ ridors vernehmen. Iſabella's Stimme ertönte mit Heftigkeit: „Gertrud, laß mich ein, ich muß ſofort mit Dir ſprechen!“ 27 Auch an der Thür zur Bibliothek ward ein Klopfen vernommen; die Kammerräthin rief: „Gertrud, Gertrud, der Vater will mit Dir ſpre⸗ chen, öffne ſofort!“ In dieſem kritiſchen Augenblick ſtieß Eduard die Thür zu Gertrud's Schlafgemach auf; ſie wankte, als ſie ihn eintreten ſah, und mit ſchmerzbewegter Stimme rief ſie aus: „Auch er!“. Ohne auf dieſen Ausruf weiter zu achten, ging Eduard an ſeinem beſtürzten Bruder und an der todtes⸗ bleichen Gertrud vorüber, nach der Thür hin, an der Iſabella klopfte. Dieſelbe war verſchloſſen und der Schlüſſel ausgezogen. „Oeffne ſofort vor Deiner Frau!“ befahl Eduard mit gedämpfter Stimme, ſich an ſeinen Bruder wen⸗ dend. Auguſt nahm den Schlüſſel aus ſeiner Taſche und reichte ihn ſchweigend ſeinem Bruder. Der ſtolze Weltmann, der leichtſinnige Spieler war in dem Grade erregt, daß er ſich nicht von der Stelle zu bewegen vermochte. Das Auftreten des Bruders, die Beſchul⸗ digung des Diebſtahls und das Fatale ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage, drangen mit ganzer Gewalt auf ihn ein. Er hatte in demſelben Moment ſein ganzes Gleich⸗ gewicht verloren und ſtarrte gegen die Thür, als fürchte er, daß ſie ſich öffne. Eduard ſtand ſchweigend da; er ſah auf die im Zimmer anweſenden Perſonen, ohne im Stande zu ſein, ein einziges Wort hervorzubringen. „Was führt Dich hierher, zu dieſer Zeit, meine arme Iſabella?“ fragte Gertrud.„Iſt Dir irgend ein Unglück zugeſtoßen?“ fügte ſie hinzu und ſah auf das von Gemüthsbewegung verzogene Geſicht der Schweſter. „Ich wollte meinen Mann treffen, den ich hier wußte“, erwiderte Iſabella und ging dann auf Auguſt zu, indem ſie ſagte:„Wozu und in welcher Veran⸗ laſſung biſt Du und Eduard mit meiner Schweſter eingeſchloſſen?“ „Du wirſt ſofort die Erklärung darüber erhalten“, erwiderte Gertrud,„ich will nur erſt die Thür vor der Tante öffnen“, und damit eilte ſie in das Kabinet, während Iſabella faſt vhnmächtig in einen Seſſel ſank. „Hier geht etwas Sonderbares vor!“ rief ſie ſchmerz⸗ erfüllt aus;„ich weiß es, daß es mein Glück gilt, um das man hier ſpielt, obwohl man mich zu betrügen ſucht! O, daß es nicht ein einziges Weſen gibt, das die Sprache der Wahrheit zu mir ſpricht!“ Sie verbarg das Geſicht in ihren Händen. „Vielleicht“, ſagte Eduard, der ebenſo blaß wie . 29 der Bruder war,„kommt der Tag, meine beſte Iſabella, wo Du wünſchen würdeſt, daß Dir die Wahrheit ewig verborgen geblieben wäre!“ Jetzt trat Gertrud wieder ein, gefolgt von der Kammerräthin. „Dürfte ich jetzt erfahren, weshalb Tante mich zu ſprechen wünſchte und durchaus in dieſes Zimmer wollte?“ ſagte Gertrud und ihre ſchwarzen Augen ſchoſſen Funken.„Es ſtehen in dieſer Stunde viel zu wichtige Intereſſen auf dem Spiele, als daß ich ohne Urſache das Geſpräch zwiſchen den Anweſenden hier abbrechen möchte!“ Die Kammerräthin warf einen unruhigen Blick im Zimmer umher und ſagte dann: „Dein Vater hat allerdings nicht gewünſcht, Dich zu ſehen; aber ich hatte eine wichtige Urſache, weshalb ich mich ſeines Namens bediente.“ „In dieſ em Falle bin ich genöthigt, Tante, zu bitten, mir morgen die Urſache mitzutheilen; in dieſem Moment muß ich bitten, hier nicht weiter zu ſtören und ich er⸗ ſuche Dich daher, in Dein Schlafzimmer zurückzukehren, wodurch Du mich ſehr verbinden wirſt.“ Die Kammerräthin war klug genug, um ſofort auf den Geſichtern der Anweſenden leſen zu können, daß in der That hier etwas Wichtiges verhandelt werde. 30 „Ich gehe, aber morgen fordere ich eine Erklärung von Dir“, ſagte ſie, indem ſie das Zimmer verließ. Nachdem ſie ſich entfernt hatte, erhob Iſabella ihr geſenktes Haupt und ſagte: „Ich will, ich muß wiſſen, in welcher Veranlaſſung man ſich in Deinem Zimmer, Gertrud, und zwar zu dieſer Stunde einfindet!“ „Die Veranlaſſung“, erwiderte Eduard mit ſchar⸗ fer Stimme,„iſt ein Diebſtahl, welcher—“ Er vermochte nicht den Satz zu vollenden. Iſabella fuhr empor, ſtieß einen Schrei des Schmerzes aus und ſank wieder auf das Sopha zurück. Eduard eilte ſofort zu ihr, erfaßte eine der mageren Hände und lispelte zwiſchen den zuſammengekniffenen Zähnen: „O die Unglückliche! ſie iſt ſeine Mitſchuldige!“ Obwohl dieſe Worte weder von Auguſt noch Ger⸗ trud vernommen wurden, trafen ſie doch an das Ohr der halb ohnmächtigen Iſabella und durchdrangen ihr ganzes Weſen mit einem galvaniſchen Stoße. Sie erhob den Kopf und blickte fortwährend in Eduard's Augen, indem ſie mit klarer und deutlicher Stimme ſprach: „Er iſt nicht der Schuldige, ſondern ich bin der Dieb! Auguſt kannte nicht mein Vergehen.“ 3¹ Iſabella hatte ihre letzte Kraft aufgeboten, um ihren Gatten frei zu bekennen von ihrer Schuld, fiel aber gleich darauf bewußtlos in die Kiſſen des Sophas zurück. Die Beſtürzung, welche ihre Worte bei den An⸗ weſenden hervorrief, wurde von dem Schrecken über ihre Ohnmacht vollſtändig aufgewogen. Auguſt eilte ſofort zu ihr, als ſie ſprach und fiel dann, gänzlich vernichtet, neben die Lebloſe in das Sopha. Eduard war im nächſten Moment bereits wieder Herr ſeiner Bewegung und kehrte zu den Pflichten des Arztes zurück, die er in ſeiner grenzenloſen Erregung vergeſſen zu haben ſchien, als er zu der körperlich ſchwa⸗ chen Frau von dem Diebſtahl ſprach. Man trug Iſabella auf Gertrud's Bett und nun⸗ mehr verſuchte Eduard alle Mittel, welche ihm zu Ge⸗ bote ſtanden, um ſie ins Leben zurück zu rufen. Sie erwachte ſchließlich aus der langen Ohnmacht, aber verfiel gleich darauf in einen betäubten Zuſtand. Eduard ſuchte Gertrud zu überreden, ein wenig Ruhe zu ſuchen, indem er meinte, es würde nunmehr mancher ſchlaf⸗ loſen Nacht bedürfen, um ſie zu pflegen. Sie ging; denn auch ihre Kraft, ſowohl die des Körpers als der Seele, war erſchlafft. Sie ſah auf 32 die Brüder mit einem Blick i Verachtung, indem ſie ſich entfernte. Eduard und Auguſt blieben bei Iſabella und Ger⸗ trud warf ſich in ihrem Cabinet auf das Sopha, ein Opfer tiefen Schmerzes und bittern Verdachtes, dem der Schlaf fern blieb. Zweites Kapitel. Der folgende Morgen brach klar und lächelnd an. Die Sonnenſtrahlen küßten die Thränen von den Wangen der Blumen und Alles außer dem ſtolzen Elfborg ſchien zu lächeln und voll des Friedens. Die Glocke zum Frühſtück ertönte nicht an dieſem Morgen, ſondern die Mägde gingen zu den Gäſten, um dieſel⸗ ben nach dem Eßſaale zu rufen. Gertrud war be⸗ reits dort anweſend, auch die Kammerräthin, ſo wie Ottilie, Amanda und Oviſt fanden ſich dort ein. Frau Magdalene ward nicht ſichtbar. Die Kammerräthin war wortkarg, Eduard ſchweig⸗ ſam und Gertrud kalt und ſtumm. Nach dem Früh⸗ ſtück verließ die Kammerräthin ſofort den Eßſaal; die beiden Herren folgten bald ihrem Beiſpiel. Gertrud wandte ſich nun an Ottilie und Amanda und bat ſie, Schwartz, Novellen II. 5 34 es nicht mißverſtehen zu wollen, wenn ſie ſich genöthigt ſehe, ungaſtfreundſchaftlich zu erſcheinen und ſie bitte, abzureiſen. Iſabella ſei ſehr bedenklich krank und die größte Ruhe müſſe um ſie herrſchen. Unter dieſen traurigen Verhältniſſen wolle ſie ſie nicht zurückhalten. Nachdem ſie ihnen dies mitgetheilt hatte, entſchuldigte ſie ſich, daß ſie ſie bereits verlaſſe, da der Vater und Iſabella ihr ganze Zeit in Anſpruch nähmen. Während der folgenden Tage waren Gertrud, Auguſt und die Kammerräthin unabläſſig bemüht, die arme Iſabella zu pflegen. Sie hatte heftiges Fieber und phantaſirte, ſo daß man es für gerathen hielt, keine Dienerin in der Nähe zu laſſen, weil ihre Phan⸗ taſie ſich fortwährend mit dem Diebſtahl beſchäftigte. Bald ſtand ſie im Begriff, ſich des Geldes zu bemäch⸗ tigen, bald war ſie bei dem Wucherer, der Auguſt mit gerichtlicher Verfolgung bedrohte. Bald weinte ſie vor Freude bei dem Gedanken, wie innig Auguſt ſie liebe; aus Liebe zu ihm hatte ſie ja ihre ſchuldfreie Seele geopfert; bald bekannte ſie den Diebſtahl vor Gertrud, kurz, ihre ganze Vorſtellung war mit dieſen Bildern erfüllt. Am Morgen des zweiten Tages trugen zwei Die⸗ ner den Lieutenant in Iſabella's Zimmer. Er ver⸗ mochte nicht, ſich auf den kranken Fuß zu ſtützen; aber 35 ſeinen Liebling mußte er dennoch ſehen. Wohl hatte er bemerkt, daß Gertrud und Eduard ſeine Anweſen⸗ heit in Iſabella's Krankenzimmer nicht wünſchten, aber um ſo mehr ergriff ihn die Furcht, daß ſein Lieblings⸗ kind dem Tode nahe ſei. Er ſelbſt war nicht uner⸗ heblich krank und, ungeachtet man ihn zurückzuhalten ſuchte, ließ ſich der Lieutenant gerade in dem Augen⸗ blicke in Iſabella's Zimmer tragen, wo ſie während eines ruhigeren Moments ihre Umgebung wiederzuer⸗ kennen vermochte. Iſabella, durch das Geräuſch erſchreckt, blickte nach der Thür. „Papa!“ lispelte ſie und ein ſchwaches Lächeln erſchien auf ihren fieberheißen Lippen. Sie reichte ihre kraftloſe Hand dem Vater, deſſen Stuhl jetzt ne⸗ ben dem Krankenbette ſtand, legte ſie in die ſeinige und ſagte wieder ganz leiſe:„Papa!“ Ihr Geſicht nahm dabei einen ruhigen und ſtillen Ausdruck an; ſie ſchloß die Augen und verfiel in Schlummer.. Die Anweſenden wagten faſt nicht, zu athmen, viel weniger zu ſprechen, oder ſich zu bewegen, um ſie nicht zu ſtören. Eduard ſaß auf der andern Seite des Bettes und beobachtete ſie genau. Als Iſabella eingeſchlafen war, bedeckte Todtenbläſſe ihr Antlitz; 5 36 ihre Wangen rötheten ſich mehr und mehr, und nach einem viertelſtündigen Schlafe fuhr ſie plötzlich empor: „Sie kommen, ſie kommen“, rief ſie aus,„um mich zu verhaften!“ Ein Schreckensruf und ſie ſank in die Kiſſen zurück. Heftig weinend ſprach ſie von ihrem Vergehen, dem Diebſtahl, den ſie verübt, um ihren ewig geliebten Gatten zu retten, ſo wie von ihrer Reue über denſelben. Ueber ſie gebeugt, lauſchte der Vater und es war ihm, als ſträube ſich das Haar auf ſeinem Haupte, als ſie, die reine, ſchuldloſe Taube, der Liebling ſeines Herzens, ſich anklagte, ihre eigene Schweſter beſtohlen zu haben. Gegen Abend wich die Fieberphantaſie wieder vor der kräftigen Medizin, welche Eduard in Anwendung gebracht hatte. Und als ſie jetzt wieder in Schlaf ge⸗ fallen war, mußte man den faſt vernichteten Vater aus dem Krankenzimmer tragen; allein er geſtattete nicht, daß man ihn nach ſeinem Zimmer brachte, da er im anliegenden Kabinet in Iſabella's Nähe zu bleiben wünſchte. Am dritten Tage kehrte der Verſtand Iſabella's vollſtändig zurück; allein jetzt fiel es in Eduard's trau⸗ riges Geſchick, ſeinen Bruder und Gertrud vorzube⸗ reiten, daß ihr Leben nur noch nach Stunden zähle. 37 Iſabella lag ſtill und hielt die Hand ihres Mannes feſt umſchloſſen. Sie ſprach hin und wieder einzelne Worte aus, bat die Umſtehenden, ſie zu küſſen und ſagte, ſie ſei ſehr glücklich. Eine Erinnerung an die Ereigniſſe, welche die ſchließliche Kriſis in ihrer Krank⸗ heit herbeigerufen hatten, war nicht mehr bei ihr vor⸗ handen; ſie ſchien in die Zeit zurück verſetzt zu ſein, wo die Sonne der erſten Liebe am hellſten über ihrem Leben ſchien. Als man den Vater zu ihr hinein trug, ſagte ſie lächelnd: „Nun bin ich wirklich glücklich!“ Alles um ſie her weinte. „Lebt wohl, meine Geliebten“, ſagte ſie,„weinet nicht, ich bin ſo glücklich“ Darauf lag ſie eine Weile ſtill, und rief dann mit wunderbar ſtarker Stimme aus: „Herr, Du haſt ja verheißen, demjenigen, der viel geliebt hat, viel zu verzeihen!“ Dies waren ihre letzten Worte, obwohl der letzte Kampf erſt nach einer Stunde ſchloß. Wir laſſen den Vorhang fallen vor den Klagen und der Trauer an dem Todtenbette des in der Blüthe der Jahre dahin gewelkten Lieblings der Familie. 38 Ruhe und Sonnenlicht lag über die Gegend aus⸗ gebreitet, als Iſabella's ſterbliche Hülle ins Grab ge⸗ ſenkt wurde. Hell ertönten die Glocken, gleich einem Gruß des Friedens dem erlöſten Geiſte, als man das Grab des jungen Weibes ſchloß. Einſam an dem Krankenbette ihres Vaters ſaß Gertrud; ſie hörte die Klagetöne der Glocken, und eine Thräne nach der andern rollte an ihren bleichen Wangen herab. Es ſchien, als ſeten dieſe Thränen viel zu bitter, um reichlich fließen zu können. Draußen auf dem grün geſchmückten Friedhofe ſenkte man die Schweſter, die ihr das Liebſte auf Erden war, ein, und hier lag der Vater, verſenkt in einen ſchweren, todtähnlichen Schlaf, und Gertrud wußte es, ohne daß Eduard es ihr geſagt hatte, daß bald die Stunde ſchlagen werde, wo man auch ihn von ihr nehmen und ſie dann einſam in der Welt ſein werde, ohne irgend ein zartes Band, das ihren Willen feſſeln, oder ihre Kraft zu hemmen im Stande ſei. Aber dieſer ſchreckliche Gedanke, einſam zu ſein, ohne Jemand zu lieben, für den man ſich opfern, den man mit ſeiner Arbeit erfreuen könne, wurde ihr ſo ſchwer und peinlich, daß ſie nicht zu faſſen vermochte, wie es werden ſolle, wenn der Vater ſeinem geliebten Kinde ins Jenſeits gefolgt ſein würde. Zu klagen — 39 und zu verzweifeln lag nicht in Gertrud's Charakter; allein ſie war ein Weib mit warmen Gefühlen und ſie litt tiefer und heftiger, gerade weil ihr Kummer nicht in Worte gekleidet war. Wenn ſie für all' ihr Beſitzthum das Leben ihrer geliebten Schweſter hätte wieder erkaufen können, würde ſie mit jubelnder Freude ihr Leben der Entſa⸗ gung und der andauernſten und eifrigſten Arbeit ge⸗ weiht haben, aber jetzt?——— jetzt war ja dieſes Geld eine Urſache zu ihrem Verluſte. Die Beerdigung war vorüber und ein faſt pein⸗ liches Schweigen entſtand. Die Strahlen der Sonne ſpielten auf den dunklen Rouleaux, allein ſie bahnten ſich nicht den Weg in das Krankenzimmer, wo die SStille des Todes herrſchte; man hörte nicht den Athem des Kranken und ſie, welche neben dem Bette ſaß, glich einem Bilde der tiefſten Trauer. Schritte ließen ſich im Corridor vernehmen; die Thür zum äußerſten Zimmer wurde geöffnet und Eduard trat ein. Ohne ihn anzuſehen, erhob Gertrud ſich und ging in das äußerſte Zimmer hinaus. Er ſah ihr nach und murmelte vor ſich hin: „So iſt ſie jetzt bereits geweſen ſeit jenem unglück⸗ ſeligen Abende; welch' bittere Gedanken erfüllen ihre Seele bei meinem Anblick?“ 40 Er beugte ſich herab über den Kranken, fühlte ſeinen Puls und ſagte: „Auch ſeine Stunden ſind gezählt; ſchon morgen werden wir auch ſeinen Staub der Erde übergeben; er wird vollenden, ohne wieder zur Beſinnung zu kommen!“ Eduard erhob ſich und ging mit langſamen Schrit⸗ ten zu Gertrud hinaus. Sie ſtand am Fenſter mit dem Rücken ihm zugekehrt. Eduard ging zu ihr hin und ſagte mit inniger Theilnahme: „Brauche ich Sie vorzubereiten, Fräulein, auf die neue Trauer, welche Sie bedroht?“ „Nein!“ antwortete ſie mit erſtickter Stimme. „Die Stunden ſind gezählt!“ ſagte Eduard. Sie wandte ſich langſam zu ihm um, ſchaute ihn an, fuhr zuſammen, und ſchritt, ohne ein einziges Wort zu äußern, wieder in des Vaters Zimmer hinein. Dort knieete ſie an ſeinem Bette nieder, nahm eine der erſtorbenen Hände in die ihrige, lehnte das Haupt ge⸗ gen dieſelbe und verharrte lange in dieſer Stellung. Als die Abendſonne hinter dem Walde verſank, war Lieutenant Andreas Axenberg wieder mit der Mutter und Tochter vereinigt und hatte die Löſung des großen Räthſels des Lebens erlangt. 9 41 Gertrud ſtand nun einſam in der Welt da. Von dem Augenblicke an, wo der Vater ſeinen letzten Seufzer ausgeathmet, hatte Gertrud ſich in ihr Zimmer eingeſchloſſen. Es verging ein ganzer Tag, während deſſen ſie ſich nicht blicken ließ. Vergebens hatte Tante Marianne, welche jedenfalls tief von der Trauer ergriffen war, ſie zu veranlaſſen geſucht, die Thür zu öffnen, und als jetzt der zweite Tag anbrach, ohne daß Gertrud von ſich hören ließ, wurde die Kammerräthin ängſtlich. „Herr, mein Gott, hilf uns!“ flehte ſie ganz an⸗ dächtig,„das unverſtändige Mädchen hungert ſich am Ende todt“, und mit dieſen Worten ging ſie an die verſchloſſene Thür und donnerte an derſelben, indem ſie mit weicher Stimme flüſterte:„Oeffne doch Deiner Tante, liebes Kind!“ * Und ehe ſie es erwartet hatte, öffnete ſich die Thür. Dort ſtand Gertrud bleich und faſt unerkenn⸗ bar; ſie reichte der Tante die Hand und ſagte: „Verzeihe mir, Tante, wenn ich Dich beunruhigt habe; allein ich vermochte Niemand zu ſehen. Steh' mir bei in der Erfüllung der traurigen Pflicht, welche ich nun gegen den theuren Todten zu erfüllen habe; ich vermag nicht daran zu denken. Was meinſt Du, wäre es nicht beſſer, wenn der Vater neben Iſabella ruhte?“ 42 Die Kammerräthin trocknete ihre Thränen und verſprach Alles zu der Beerdigung beſorgen zu wollen. Während der Tage, welche bis dahin verfloſſen, wo man der Erde ihr Eigenthum wiedergab, war Ger⸗ trud unſichtbar. Am Tage nach der Beerdigung erhielt Eduard, der auf Elfborg zurückgeblieben war, einen Brief von Gertrud folgenden Inhalts: „Nach dem letzten Willen meines Vaters faut Lugnet Auguſt Hartling zu; das Dokument, welches dieſe Schenkung bekräftigt, befindet ſich in meinen Hän⸗ den, und wird durch die Tante Marianne dem Manne meiner verſtorbenen Schweſter eigenhändig überliefert werden. Da mein Herz durch die unerklärliche Hand⸗ lungsweiſe der beiden Brüder Hartling von der ſchwer⸗ ſten Trauer betroffen war, ſo glaubte ich, dies würde mir für die Zukunft den Schmerz erſparen, Diejenigen zu ſehen, welche mir ſo große, ſo bittere Leiden ver⸗ urſacht haben. Gertrud Axenberg.“ Se S 8 Drittes Kapitel. Der Herbſt war gekommen; der wolkenſchwere Novemberhimmel öffnete ſeine reichlichen Schleußen über Elfborg und der Oſtwind umfuhr klagend das Herrenhaus. In dem ſtattlichen Gebäude erſchienen nur einige wenige Fenſter erleuchtet und keine Be⸗ wegung vernahm man im Corridor; der einzige Laut, welcher die Stille unterbrach, war ein ſchwacher Wind⸗ zug, der durch alle Gänge ſeufzend fuhr. In der Bibliothek brannte eine einſame Lampe und vor der⸗ ſelben ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, ein junges in tiefer Trauer gekleidetes Weib. Das große Gemach war nur ſpärlich von der Lämpe erleuchtet und der entferntere Theil deſſelben war faſt gänzlich finſter. Dieſes Zimmer mit ſeiner reichen Bücherſammlung, mit ſeiner ſchönen und neuen Einrichtung, war ſehr einladend. 4 Bequemlichkeit herrſchte in dieſem Dunkel, während draußen der Sturm heulte und der Regen in finſterer Oede gegen die Fenſter peitſchte. Die Uhr ſchlug ſechs, aber beim letzten Schlage wurde eine Thür geöffnet, und in die Bibliothek trat eine alte Frau mit einem Licht in der Hand ein. Sie ſchritt im Gemach weiter vor, indem ſie ausrief: „Huh, wie kalt iſt es hier; man kann ja rein erfrieren“ Schnell eilte ſie zum Klingelzuge, klingelte, ſtellte das Licht auf den Tiſch und ließ ſich in einem Fau⸗ teuil nieder, indem ſie ſagte: „Ich bin hierher gekommen, um mit Dir zu ſpre⸗ chen, liebe Gertrud. Ich vergehe faſt vor Schmerz und Ungeduld, wenn ich den einen regnichten Abend nach dem andern ſo allein im Zimmer ſitzen muß. Wenn es hier nur nicht allzu kalt wäre, könnte man es ſich ſchon etwas angenehmer machen.“ WMit dieſen Worten erhob ſie ſich wieder, zündete die Lichter in zwei hohen Armleuchtern, welche auf dem Tiſche ſtanden, an, und ein Diener trat ein. Er erhielt Befehl, Feuer im Kamin zu machen, ſo wie in der Küche Thee und gutes Brod zu beſtellen. Die Kammerräthin, denn ſie war es, ſchob den Stuhl gegen das Feuer und ſagte zu Gertrud, welche 6 45 ſich bis jetzt ganz ſtill verhalten hatte und nur die Tante anſchaute: „Schiebe Deinen Stuhl hierher, mein Kind, ich möchte gern mit Dir ſprechen.“ Gertrud gehorchte und Tante Marianne nahm wieder das Wort: „Es ſind heute gerade drei Monate her, ſeit Dein Vater ſtarb; in welcher Weiſe ſind dieſe drei Monate für Dich verfloſſen?“ „Unter Trauer und Selbſtprüfung, Tante“, ver⸗ ſetzte Gertrud ernſt.„Ich wurde ſo plötzlich von dieſem harten Schlage betroffen, daß ich während meines bit⸗ teren Kummers das Bedürfniß fühlte, mein Inneres zu prüfen und mich davon zu überzeugen, ob ich die Schuld trage an dem Schmerz, von dem mein Herz ſo ſehr ergriffen iſt.“ „Liebes Kind, ich weiß nicht, wie es zugeht; aber Du zeigſt Dich ſtets anders, als andere Menſchen“, unterbrach ſie die Kammerräthin.„Du ſcheinſt nicht einräumen zu wollen, daß der Herr im Himmel auch eine Rolle ſpielt in dem, was Dich berührt, ſondern Du meinſt, daß Alles aus Dir und Deinen Hand⸗ lungen entſpringt, und das iſt ja eine lächerliche Eigenliebe. Beſſer iſt es, daß man die Sachen und die Dinge ſo anſchaut, wie ſie ſind, und ſich in ſein 46 Schickſal fügt, als ſich während vieler Monate den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Schuld man ſelber an den Prüfungen hat, die Gott Einem ſendet.“ „Aber grade vor dem Allerhöchſten bin ich ver⸗ antwortlich, auf welche Weiſe ich ſeine Abſichten mei⸗ nes Daſeins hier auf Erden erfüllet habe“, entgegnete Gertrud. „Jetzt fehlt nur noch, Kind, daß Du Frömmlerin wirſt! Wo iſt die mächtige innere Kraft geblieben, welche Dich zu thatkräftigen Handlungen aufforderte, wenn Du jetzt durch nutzloſes Grübeln über das, was vergangen und nicht mehr zu ändern iſt, in krankhafte religiöſe Schwärmerei verſinkſt? Nein, Gertrud, wache auf aus Deiner Erſtarrung und danke Gott für Dein Daſein. Ueber die herben Schläge, welche Dich ge⸗ troffen haben, haſt Du mehr als zu viel geweint, und es paßt nicht für Dich, da Du ſtets behauptet haſt, zur Wirkſamkeit auserſehen zu ſein, das Leben auf dieſe Weiſe zu vertrauern. Nun, Gott ſei Dank, dort kommt der Thee!“ brach die Kammerräthin plötzlich ab, als das Mädchen mit dem Präſentirteller erſchien. „Bringe einen Tiſch hierher“, befahl die würdige Frau,„und ſtelle dann den Thee hierher, damit man ſich an dem Feuer und dem belebenden Getränk gleich⸗ zeitig erfreue.“ 47 Die Kammerräthin ſchenkte den Thee für ſich und Gertrud ein, befahl dem Mädchen, mehr Holz in den Kamin zu werfen und ſich dann zu entfernen. „Siehſt Du, Gertrud“, fuhr Tante Marianne ſchließlich wieder fort,„Alles, was ich jetzt für Dein und mein Wohlbefinden angeordnet habe, wäre eigent⸗ lich Deine Pflicht geweſen.“ „Tante, liebe Tante, verzeihe mir meine Verſäum⸗ niß und meinen Egoismus“, brach Gertrud aus, und reichte der Tante die Hand;„ich erkenne mit reue⸗ vollem Herzen an, daß mich der Kummer alle meine Pflichten vergeſſen machte.“ „Wir wollen bis auf Weiteres nicht mehr darüber ſprechen“, erklärte die Kammerräthin, trank ihre zweite Taſſe Thee und ſetzte ſich dann mit großem Wohlbe⸗ hagen im Fauteuil zurecht. „Wie denkſt Du in Zukunft Dein Leben zu ord⸗ nen, Gertrud?“ „Ich werde morgen meine unterbrochenen Arbeiten wieder aufnehmen“, erklärte Gertrud.„Die letzten Jahre meines Lebens haben in keiner Hinſicht meinen Plänen entſprochen, welche ich einſt entwarf, und ich habe keineswegs mit der Feſtigkeit, wie ich es hätte thun ſollen, darnach geſtrebt, das mir vorgeſteckte Ziel zu erreichen.“ 48 „Liebe Gertrud, thue mir den einzigen Gefallen und komme mir jetzt nicht wieder mit Deinen roman⸗ tiſchen Plänen; Du machſt mich damit nur unge⸗ duldig. Was haſt Du für andere Ziele vor Augen, als die, Dein Vermögen ſo zu verwenden, um Dir ſelbſt und Anderen das Leben angenehm zu machen und ſo viel Barmherzigkeit zu üben, wie es Deinem Herzen zuſagt? Vollende die begonnenen Anſtalten und genieße dann Deine Jugend und Deinen Reichthum! Entſage Deinen früheren Grillen und ordne Deine Lebensweiſe, wie andere vernünftige Menſchen.“ Die Kammerräthin ſchürte das Feuer und fuhr fort, als Gertrud nicht antwortete: „Laß uns einen Blick auf die Vergangenheit wer⸗ fen. Hätteſt Du Dich, gleich anderen Mädchen, ver⸗ heirathet, ſo würde der arme Auguſt niemals die Hoff⸗ nung genährt haben, daß Du ſeine Schulden bezahlen werdeſt; er würde vielmehr, nachdem er durch Iſabella's Geld ſeine erſten Gläubiger befriedigt gehabt hätte, ſeine Verhältniſſe ſo geordet haben, daß ſeine Ausgaben mit ſeinen Einnahmen balancirt hätten. Du aber ſprachſt davon, daß Du Dich nicht verheirathen wür⸗ deſt, und die Körbe, die Du zwei achtungswerthen Freiern gabſt, flößte ihm die Hoffnung ein, daß Das⸗ jenige, was Du Dein nennſt, auch Iſabella's Eigen⸗ 49 thum werde. In dieſer Hoffnung lebte er herrlich und in Freuden, beging eine Thorheit nach der anderen und——“ „— führte Iſabella's frühen Tod herbei“, fiel Gertrud ein. „Möglich; doch Iſabella hatte bereits einen An⸗ ſatz von Lungenſchwindſucht, bevor ſie ſich verheirathete, und dieſelbe entwickelte ſich ſchneller durch die ſtete Unruhe, in der ſie lebte, gepeinigt von Eiferſucht und dem quälenden Gedanken, daß Auguſt ſie nicht aus Liebe geheirathet habe. Dazu kam nun auch ihres Mannes ſchlechte pecuniäre Stellung und in dieſer ſteten Aufregung verlor ſie das Gleichgewicht; ſie glaubte, daß er—— doch laß uns darüber einen Schleier ziehen. Was dagegen Deinen Vater betrifft, ſo war das Uebel an ſeinem Fuße von Anfang an lebensgefährlich; das ſagte mir Eduard ſofort, nachdem er ſeinen Fuß unterſucht hatte. Der myſtiſche Abend, an dem ſich die beiden Brüder Hartling in Deinem Schlafgemach befanden, riefen daher keines Menſchen Tod hervor, er trug vielmehr nur zu dem ſchnelleren Ende bei; denn wie Eduard behauptet, würde Iſabella ohne dieſen Auftritt höchſtens nur noch eine Woche länger gelebt haben.“ „Meine arme Schweſter, was mag ſie gelitten Schwartz Novellen. II. 4 50 haben!“ lispelte Gertrud; darauf erhob ſie ſich heftig erregt und fragte: „Tante, biſt Du im Stande, mir zu ſagen, in welcher Abſicht Eduard an jenem ſchickſalsſchweren Abende in mein Zimmer gekommen war? Dir wird er doch jedenfalls eine Aufklärung darüber gegeben haben.“ „Das hat er; aber gegen das Verſprechen, dieſelbe zu verſchweigen. Du haſt Dich unter allen Umſtänden ſo undankbar gegen ihn gezeigt, daß Du es Dir nicht verzeihen kannſt, und es iſt vollſtändig Deiner unwür⸗ dig geweſen, Deinen unglücklichen Schwager und ſeinen Bruder aus Deinem Hauſe zu verweiſen.“ „Es war mir unmöglich, ſie zu ſehen. Ich will gerne einräumen, daß es nicht recht von mir war; allein noch immer ſteht vor meiner Seele der ganze alte Verdacht, der auf's Neue erwachte, als Eduard in mein Schlafzimmer trat, und ich bin heute noch nicht im Stande, denſelben zu verſcheuchen. Wie ſollte es auch möglich ſein, daß der eine Bruder, ſo voll von Lug und Trug, wie Auguſt iſt, nicht irgend einen Fehler hätte, der nicht auch dem andern eigen wäre. Als Eduard in meinem Schlafzimmer ſtand, durchfuhr mich der Gedanke, daß er ſich nur in der Abſicht hinein geſchlichen habe, um ſich die Hand des reichen Weibes 5¹ zu erzwingen, weil auch er ſich in weniger günſtigen Geldverhältniſſen befand. Ach, es iſt möglich, daß ich mich geirrt, möglich, daß ich ihm Unrecht thue, allein ich wurde in jener Nacht auf eine ſo nichtswürdige Weiſe von ſeinem Bruder angefallen, daß ich von dem Augenblicke an kaum mehr Gutes von Menſchen zu denken vermag.“ Gertrud warf ſich in höchſter Aufregung in das Fauteuil zurück und verbarg das Antlitz in ihren Händen. Die Kammerräthin erwiderte ruhig: „Fiel Dir der Gedanke nicht ein, daß Eduard ſich dort befand, um Deine Ehre zu ſchützen?“ „Schützte er ſie dadurch, daß er Iſabella's Be⸗ kenntniß des Diebſtahls erzwang, und ſie gleichzeitig brandmarkte und tödtete? Er wußte, daß der Bruder an ihrer That unſchuldig war. Und nur deswegen nahm er dieſe Angelegenheit auf, um ſeine Gegenwart in meinem Zimmer während der ſpäten Stunde zu vertheidigen? Was konnte ihn der Diebſtahl intereſ⸗ ſiren, wenn es nicht ſeine Abſicht war, Iſabella zu compromittiren und ſeinen Bruder von aller Schuld zu befreien? O Tante, ich bin überzeugt davon, daß er wußte, wer dieſes Geld entwendet hatte und—“ „Stille jetzt“ unterbrach die Kammerräthin ſie, „Dein Verdacht iſt vollſtändig falſch. Eduard fürchtete 4* 52 wirklich, daß der Bruder das Geld genommen hatte und deshalb wollte er eine Erklärung erzwingen, das weiß ich mit Beſtimmtheit.“ „Wer veranlaßte, daß Tante und Jjabella gleich⸗ zeitig an meine Thür klopften? War es Auguſt allein, oder war es Eduard, welcher die Intrigue einleitete, um mich mit einem von ihnen zu überraſchen?“ „Es war Niemand von ihnen, der ſie veranlaßt hatte, ſondern Ottilie, welche mißvergnügt mit Edu⸗ ard's Schweigſamkeit während ihrer Segelfahrt und ſeiner Ungeduld, ſchnell nach Hauſe zurückzukehren, hegte den Verdacht, daß er Dich treffen ſollte. Sie beſchloß alſo, ihn aufzulauern. Gleich nach dem Souper verabſchiedete er ſich von ihr und Amanda, und eine Weile ſpäter ſchlich Ottilie in den großen Salon, um von dort aus Eduard zu beobachten. Sie war kaum dort eingetreten, als Auguſt von der Terraſſe eintrat und mit vorſichtigen Schritten durch den kleinen Sa⸗ lon in das Bibliothekzimmer und wiederum von dort durch die Tapetenthür in Dein Zimmer ging. Ottilie eilte ſofort zu Iſabella und von ihr zu mir. Sie er⸗ zählte, was ſie geſehen. Iſabella und ich kamen daher faſt gleichzeitig an Deine verſchiedenen Thüren.“ „Und Ottilie hatte weder Auguſt's noch Eduard's Auftrag zu dieſer Benachrichtigung?“ „Nein“, verſetzte die Kammerräthin mit vollſter Beſtimmtheit.„Auguſt hat mir den Auftritt zwiſchen Dir und ihm vollſtändig erzählt; er that es, als er von den ihn erreichenden Schlägen des Schickſals faſt vernichtet war. In ſolchen Augenblicken lügt der Menſch nicht! Er erzählte mir auch die Drohungen, womit er Dich zu ſchrecken verſuchte; ſie waren leere Worte, um Dich zum Nachgeben zu zwingen. Er wußte, daß Du nicht vorſätzlich IJſabella einen unaus⸗ löſchlichen Kummer bereiten würdeſt, und darauf baute er eben ſeine Hoffnung. Der Zufall und Ottilie ver⸗ wirklichten die Drohung und Eduard allein gebührte das Verdienſt, Dich aus der unangenehmen Lage ge⸗ rettet zu haben, vor Deiner ſterbenden Schweſter mit dem Schein eines ſchuldbeladenen Gewiſſens zu ſtehen.“ Eine Pauſe entſtand; ſchließlich ſagte Gertrud: „Es würde mir angenehm ſein, Eduard wieder zu treffen.“ „Das läßt ſich nicht machen; er iſt auf die Zeit eines Jahres ins Ausland gereiſt und kehrt dann in dieſe Gegend nicht zurück. Er bemüht ſich, eine Praxis in der Hauptſtadt zu erlangen, und wie es ſcheint, wird ihm das bei ſeinem Rufe als Arzt wohl ge⸗ lingen.“ „Wann reiſte er?“ 54 „Einen Monat nach dem Tode Deines Vaters, in der Zeit, als Du Dich ausſchließlich in Deinen Zimmern verſchloſſen hielteſt.“ „Und Auguſt?“ „Er iſt in Stockholm und verwaltet ſein Amt. Die Erbſchaft Deines Vaters und mein ganzes kleines Vermögen ſetzten ihn in den Stand, ſich mit ſeinen Creditoren zu einigen und den Reſt ſeiner Schulden nach und nach bezahlen zu können. Er bewohnt jetzt zwei kleine Zimmer, lebt äußerſt eingezogen und arbeitet bis tief in die Nacht.“ Gertrud ſtarrte gedankenvoll ins Feuer, ſenkte das Haupt, reichte der Tante die Hand und ſagte: „Vielen Dank, Tante, für dieſe Mittheilungen und für die an mich gerichtete Ermahnung, die koſtbare Zeit nicht in zweckloſer Trauer vergeuden zu dürfen. Ich werde von heute Abend ab werden, was ich ſein ſollte.“ „Das läßt ſich hören“, erklärte die Kammerräthin und nickte zufrieden mit dem Kopfe.„Laß mich nun hören, liebe Gertrud, ob Du die Abſicht haſt, dieſen Winter hier zu bleiben. Ich muß Dir aufrichtig ge⸗ ſtehen, daß ich es für rathſam halte, nach Stockholm zu reiſen, um Dich dort ein wenig zu zerſtreuen.“ 55 „Nicht dieſen Winter; aber wenn der nächſte Sommer zu Ende, dann begebe ich mich nach der Hauptſtadt.“ Der Diener meldete, daß das Souper bereit ſei; die Kammerräthin und Gertrud folgten in den Eßſaal, und es war das erſte Mal nach dem Tode ihrer Lie⸗ ben, daß Gertrud an einem Abendeſſen Theil nahm. Am folgenden Tage ganz frühe wurde ein Bote zu dem Hardeshöfding Tilberg und dem Gemeinde⸗ prediger geſchickt. Mit dieſen beiden Herren, zu denen ſie großes Vertrauen hegte, berieth ſich Gertrud, um die jetzt fertig gebaute Schule und das Waiſenhaus zu reguliren und für die Zukunft ſicher zu ſtellen. Dieſe Arbeit, wie verſchiedene andere Angelegenheiten nahmen den ganzen Vormittag in Anſpruch und beim Diner erwies ſich Gertrud bereits als eine aufmerkſame Wirthin, freundlich und zuvorkommend gegen die Herren. Von jetzt an widmete Gertrud täglich einige Stunden den Geſchäften; ſie arbeitete mit den Herren und das Reſultat ihres Strebens galt der Zukunft der Armen in Elfborg und Umgegend. Bald lag ein Entwurf zu einem Krankenhauſe vor und mit Klugheit ſuchte man dieſe Anordnungen in der Weiſe zu treffen, daß die 56 Gemeindemitglieder ſich ſelbſt für das Unternehmen intereſſirten und daſſelbe unterſtützten. Gertrud veranſchlagte ihr ganzes baares Ver⸗ mögen zu dieſen verſchiedenen Inſtituten; allein die Gemeinden, welche dieſe Schenkung entgegen nahmen, mußten ſich verpflichten, für die weitere Erhaltung der Anſtalten ſelbſt Sorge zu tragen. Als ſie Alles ge⸗ ordnet und das Capital, welches den Grundfond der Anſtalten bildete, gut placirt worden wär, beſaß Ger⸗ trud nur noch die Einkünfte von dem Gute Elfborg. Die Zeit vom November bis Auguſt hatte Gertrud in ſteter Wirkſamkeit verlebt. Die Arbeiten ſchritten in Folge ihrer Energie rüſtig vorwärts und bewieſen, daß ihre frühere Thatkraft zurückgekehrt ſei. Am erſten September war Alles vollendet; Lehrer, Lehrerinnen, Erzieherinnen, Wärterinnen und Dienerin⸗ nen waren engagirt und die ganze Anſtalt der Ge⸗ meindeverwaltung übergeben worden; jedoch mit dem Vorbehalt, daß das Recht der freien Verfügung über ſämmtliche Anſtalten der Beſitzerin von Elfborg, ſo weit es die Verwaltung des geſchenkten Kapitals für dieſelben betraf, gehören ſollte. Einige Tage nach der feierlichen Uebergabe über⸗ reichte Gertrud dem Hardeshöfding Tilberg ein Schrei⸗ ben, indem ſie ſagte: 7 57 „Ich wünſche, daß dieſer Brief unverzüglich meiner Tante Louiſe überliefert wird.“ „Derſelbe ſoll ohne Zeitverluſt abgehen“, erwiderte der Hardeshöfding. „ Drittes Kapitel. Die erſten Tage im Oktober waren ſo ſonnen⸗ licht, mild und ſchön, daß es faſt ſchien, als ſei der Sommer wiedergekehrt, um mit ſeinem Lächeln den finſtern Herbſt zu erheitern. Die Kammerräthin hatte ſich an einem dieſer hellen und ſchönen Tage des Morgens nach dem Pfarr⸗ hofe begeben, um denſelben bis zum Abend in freund⸗ ſchaftlicher Unterhaltung zuzubringen, ſie fühlte ſich be⸗ reits von Gertrud's Wirkſamkeit ermüdet. Frau Magdalene war mit den Vorbereitungen zum Erntefeſt beſchäftigt, und Gertrud fuhr umher auf den Vorwerken, um die von ihr angeordneten Ver⸗ beſſerungen zu beſichtigen. Ermüdet von den Anſtrengungen des Tages ruhte ſie in der Bibliothek aus, als die Dämmerung einfiel. 59 Der Vollmond blickte durch die Fenſter und warf ſein mildes Silberlicht über ſie. Gertrud hatte das Haupt zurückgelehnt und blickte zu dem glänzenden und klaren Monde empor, gleichſam als ob ſie dadurch die Löſung des Räthſels ſuchen wollte, welches ihr ganzes Inneres für ſie enthielt. Beſtimmt war freilich bereits ihr Lebensplan und auch das Ziel deſſelben, allein dies Ziel erſchien ihr nicht mehr in demſelben Lichte, wie früher, und die Zukunft erſchien ihr öde und kalt. Sie fühlte eine peinliche Leere im Herzen und ſie ſah ſehr wohl ein, daß keine Arbeit dieſelbe auszufüllen vermochte; ſie fühlte ſich ſelbſt ſo klein und verlaſſen in der Welt, daß ihr Streben ſtets erfolglos ſein werde. Sie hatte warm, innig und mit Selbſtaufopferung ihre Nächſten geliebt, jetzt waren ſie dahin, Iſabella war der theuerſte Schatz ihres Herzens geweſen und nunmehr beſaß dieſes Herz kein ſolches Kleinod mehr im Leben; ſie war faſt Nie⸗ mandem mehr unentbehrlich, und dieſes Bewußtſein ruhte ſchwer und ſchmerzlich in dieſer Stunde auf ihrer Seele. Verſunken in dieſe Reflektionen, wurde ſie durch das Klopfen an eine der Thüren aus denſelben geweckt. Gertrud fuhr empor bei dieſem Laut und ſchaute nach der Thür. Durch die Thür, welche nach dem Salon führte —— 60 erſchien eine dunkle Geſtalt, welche ſich langſam fort bewegte. Die Dunkelheit in dieſem Theil des Zimmers war ſo groß, daß Gertrud nicht zu unterſcheiden ver⸗ mochte, ob es ein Mann oder eine Frau war. Die Geſtalt bewegte ſich mit einer gewiſſen Vorſicht und ſchloß ſorgfältig die Thür hinter ſich ab. Gertrud dachte: „Sollte das ein Dieb ſein, welcher ſich einſchlei⸗ chen will?“ Die Geſtalt verließ die verſchloſſene Thür und ſchritt auf Gertrud zu, welche, ganz vom Monde be⸗ ſchienen, in ihrem Ruheſtuhl da ſaß. Als der ſonderbare Gaſt ſich ihr näherte, gewahrte Gertrud eine hohe, kraftvolle Frauengeſtalt. Gertrud ſprang empor und rief aus: „Tante Lyuiſe!“ „Du haſt mich gerufen und hier bin ich“, ver⸗ ſetzte Frau Louiſe mit derſelben kraftvollen Stimme, die ſie ſtets beſeſſen, allein in derſelben lag nicht mehr der harte und herbe Ton, wie früher. Sie näherte ſich Gertrud um einige Schritte, und das Mondlicht fiel klar auf ſie beide. Sie betrachteten einander ſchweigend; es verfloſſen einige Minuten, die Jahre hatten große Veränderungen des Gemüthslebens hervorgebracht und ihren Stempel auf ihren Geſichtern ausgeprägt. 6¹ Der kalte, harte und vergrämte Ausdruck in Frau Louiſens Geſicht war einem ruhigen Ernſte gewichen, der Zeugniß davon ablegte, daß ſie mit ihrem Innern zu größerer Harmonie gelangt war, und daß ſie ſich ſelbſt und die Menſchheit jetzt ganz anders beurtheilte. Gertrud hingegen ſtand bleich und traurig, mit dem Stempel betrogener Hoffnungen in ihren Zügen da. „Du haſt Recht gethan, mich zurück zu rufen“, ſagte ſchließlich Frau Louiſe;„ich habe die Segnungen der Arbeit, der Entſagung und der Menſchenliebe wäh⸗ rend der Jahre, welche ich als ein armes Weib in der Welt umher irrte, kennen gelernt, und Du haſt den Fluch des Reichthums geſchmeckt. Recht ſo, meine Tochter, daß Du die Feſſeln des Geldes, welche Dein Daſein verbitterten, abſchütteln willſt. Der Reichthum iſt ein Segen, wenn er den allgemeinen Intereſſen dient; aber oftmals ein Uebel für das Individuum; folge deßhalb Deinem Berufe und gehe hinaus in die Welt, um mit den Schwierigkeiten des Lebens zu kämpfen, denn nur in dem Kampfe, in dieſem Kampfe wirſt Du Dich ſelbſt wieder finden; und wenn Du das gethan, dann kehre nach Elfborg zurück, wo ich jetzt Deinen Platz einnehme. Du begehrſt in Deinen Briefen Deine Freiheit von mir zurück; jetzt gebe ich ſie Dir wieder.“ 62 „Danke!“ war das einzige Wort, welches über Gertrud's Lippen kam. „Nimm einen Stuhl und ſetze Dich hier“, nahm Frau Louiſe wieder das Wort.„Ich habe Dir Man⸗ ches mitzutheilen, da ich jetzt meine alte, treue Freun⸗ din wiederſehe, die ich früher ſo oft mit mißtrauiſchen Blicken verkannt habe.“ Frau Louiſe legte Hut und Mantel ab und ſetzte ſich in den Ruheſtuhl, den Gertrud verlaſſen hatte. Sie gab darauf Gertrud eine kurze Schilderung ihres Lebens während der Jahre, die ſie fern von Elfborg verlebt hatte. Weshalb ſollten wir dieſen Bericht hier nieder⸗ ſchreiben, da ſie ſelbſt niemals ihre Erlebniſſe Anderen, als ihrer Nichte mittheilte. Als ſie in möglichſter Kürze ihre Schilderung be⸗ endigt hatte, war der Mond mit ſeinem Lichte von dem Zimmer gewichen und in der Bibliothek herrſchte vollkommene Dunkelheit. „Zünde die Lichter an“ ſagte Frau Louiſe, und ließ dann Magdalene und Oviſt rufen. Im nächſten Augenblick war das Gemach erhellt und Gertrud näherte ſich dem Klingelzuge; doch bevor ſie ſchellte, wandte ſie ſich nochmals an Frau Louiſe, indem ſie ſagte: 63 „Tante Marianne iſt im Pfarrhofe; ich erwarte ſie jeden Augenblick zurück.“ „Ach, ich entſinne mich, Du ſchriebſt mir von ihr; Du willſt alſo wiſſen, wie ich zu handeln gedenke.“ „Ja, das iſt mein Wunſch“, war die lakoniſche Antwort. Frau Luuiſe trat an den runden Tiſch und der Lichtſchein fiel auf ihr Antlitz; daſſelbe drückte Ruhe und Kraft aus. „Ich habe eigentlich Marianne nie recht leiden können“, ſagte ſie;„jedoch das gehört nicht mehr hier⸗ her; ſie iſt mir ſtets zu oberflächlich geweſen.“ „Aber ſie iſt im Grunde ihres Herzens gut und ſelbſtaufopfernd“, fiel Gertrud ein. „Ich nenne das nicht ſelbſtaufopfernd, wenn man leichtſinniger Weiſe ſein kleines Kapital fort wirft, um einem Verſchwender, wie Iſabella's Mann, damit zu helfen.“ „Sie rettete dadurch vielleicht ſeine Ehre.“ „Wie groß iſt Marianne's Penſion?“ fragte Frau Louiſe. „Fünfhundert Reichsthaler.“ Wieder entſtand eine Pauſe. „Befindet ſie ſich hier wohl?“ fragte Frau Louiſe. „ 64 „Jetzt thut ſie es und würde nunmehr dieſes Haus ungern verlaſſen.“ „Das ſoll ſie auch nicht; wir ſind ja Kinder der⸗ ſelben Mutter“, fuhr Louiſe fort,„und es wäre doch mehr als ſonderbar, wenn wir in unſern alten Tagen nicht in einem gemeinſamen Hauſe ſollten leben können.“ „Danke“, ſagte Gertrud zum zweiten Male und drückte die Hand der Tante Louiſe. Jetzt ergriff ſie den Klingelzug. Fünftes Kapitel. Zur Zeit der traurigen Geldkriſis der fünfziger Jahre dieſes Jahrhunderts war es, als Gertrud in Stockholm ankam, um dort durch Arbeit ihren Unter⸗ halt zu ſuchen. Als ſie das erſte Mal in dieſer Ab⸗ ſicht herkam, herrſchte große Bewegung im Geſchäfts⸗ leben; jetzt war es todt und ſtille. Mißtrauen und Geldmangel ruhte erſchlaffend auf allen Unternehmun⸗ gen, die meiſten Geſchäfte hatten ihr Bureau-Perſo⸗ nal beſchränkt; offne Stellen waren nicht vorhanden. Gertrud hatte bei ihrer Ankunft in der Hauptſtadt ſich ſofort an ihren früheren Prinzipal gewandt, allein er bedurfte ihrer nicht und vermochte ehenſo wenig ihr eine Anſtellung zu verſchaffen, obgleich ſie jetzt dreier Sprachen mächtig war. Gertrud wandte ſich darauf an die wenigen Bekannten, die ſie in der Hauptſtadt Schwartz, Novellen. II. 5 66 hatte, um durch ſie ihr Ziel zu erreichen, allein ſie erntete nur das Mißbehagen, ſehen zu müſſen, wie verſchieden man der armen Gertrud im Verhältniß zu der reichen begegnete. Eine kalte, abweiſende Höflich⸗ keit war alles, deſſen man ſich jetzt für verpflichtet hielt. Diejenigen, welche ihre Klugheit und Ueberlegen⸗ heit zeigen wollten, warnten ſie vor allen thörichten Emanzipationsideen und ließen der Warnung oftmals eine oder die andere, mehr oder weniger höfliche An⸗ deutung folgen, daß ein reiches Mädchen ſich vieles erlauben dürfe, was einem unbemittelten nicht geſtat⸗ tet ſei. Ein Monat verging unter den eiteln Be⸗ mühungen, ſich eine Stellung zu verſchaffen; dies war eine Widerwärtigkeit, die Gertrud nicht in ihre Be⸗ rechnung gezogen hatte. Als ſie als ganz junges Mädchen zu Tante Ma⸗ rianne in die Hauptſtadt gekommen war, erhielt ſie ſofort nach beendigtem Curſus in der Buchführung eine Anſtellung, und ſie hatte es als abgemacht be⸗ trachtet, daß es auch diesmal ſo leicht gehen werde, beſonders, da ſie ſeit den verfloſſenen Jahren weit größere Kenntniſſe erworben hatte. Aber dieſe Wider⸗ wärtigkeiten ſpornten ſie nur noch mehr an, mit Eifer eine Anſtellung zu ſuchen. Auch der zweite Monat verging, ohne ein Reſul⸗ 67 tat herbeizuführen und als Gertrud eines Tages ih⸗ ren Geldvorrath überſchaute, gewahrte ſie zu ihrem nicht geringen Schrecken, daß die kleine Summe, welche ſie mit ſich geführt hatte, unter dieſen eitlen Verſuchen ſo zuſammen geſchmolzen war, daß nur noch ein ge⸗ ringer Theil zu ihrer Verfügung ſtand. Dieſes Geld hatte ſie einmal ſelbſt erworben, und es befand ſich in einer Sparkaſſe, als ſie durch Tante Louiſens Laune plötzlich reich geworden war. Dies Geld ver⸗ blieb dort, bis Gertrud Elfborg wieder verließ; jetzt war daſſelbe beinahe verausgabt, und wenn ſie nicht unverzüglich ein Mittel finden würde, ihr Brod zu verdienen, ſo würde ſie in kurzer Zeit auf den trau⸗ rigen Standpunkt angelangt ſein, entweder Tante Louiſe um Unterſtützung anzugehen, oder zu hungern Gertrud war entſchloſſen, keines von beiden zu thun und ſie nahm daher ſofort ſolche Veränderungen in ihrer Lebensweiſe vor, daß die geringe Summe, welche ſie noch beſaß, ſo lange als möglich ausreichen konnte. Sie bezog ein kleines Dachzimmer, vier Trep⸗ pen hoch, am Ende der Stadt, und richtete ſich ſo ſparſam als möglich ein, aber trotz aller Oekonomie verhehlte Gertrud ſich nicht, daß ihre noch übrigen fünfzig Thaler in kurzer Zeit verausgabt ſein würden. Als ſie eines Tages einen Ueberſchlag machte, 5* 68 wie lange ihr Geld wohl noch reichen würde, warf ſie plötzlich das Geld von ſich, indem ſie ausrief: „Wenn ich ein Mann wäre, würde ich dann nicht dieſe Schwierigkeiten überwinden können? Nun wohl, wenn ein Mann ſich eine Stelle erkämpfen kann, ſo muß es eine Frau auch können. Jetzt gilt es vor allen Dingen, mir Brod zu verſchaffen, und um dies zu erreichen, muß ich mich entſchließen, gleichviel welche Arbeit anzunehmen; ich kann es ja mit Abſchreiben verſuchen. Gertrud ließ drei verſchiedene Annoncen in drei verſchiedene Zeitungen einrücken, um Arbeit durch Ab⸗ ſchreiben zu bekommen. In der einen ſuchte ſie dieſe Arbeit zu beſchaffen, in der anderen Unterricht in Sprachen und Rechnen zu geben, in der dritten ſuchte ſie während einiger Stunden täglich einem Gewerbe⸗ treibenden die Bücher zu führen. Als ſie dieſe Inſerate in der Zeitungsexpedition eingeliefert hatte, fühlte ſie ſich etwas beruhigter und ging mit langſamen Schritten heimwärts, bei welcher Gelegenheit ihr Weg an einer Druckerei vorüber führte. Ein neuer Gedanke wurde in ihrem Geiſte wach⸗ gerufen. „Wie wäre es, wenn ich das Setzen lernte, um dadurch eine Stelle in einer Druckerei zu erlangen?“ 69 dachte ſie und blieb ſtehen.„Wenn ich nun ſofort mich erkundigte?“ Sie ging zurück und verlangte mit dem Beſitzer der Druckerei zu ſprechen. Man führte ſie zu einem ältlichen Herrn mit wohlwollendem Aus⸗ ſehen. Ohne den geringſten Anſtrich von falſcher Scham theilte ihm Gertrud ihre Wünſche mit. Der Herr betrachtete ſie aufmerkſam während ſie ſprach, und ſagte ſchließlich: „Ich kann Sie in meiner Druckerei nicht beſchäf⸗ tigen; allein, wenn Sie wirklich Sprachkenntniſſe be⸗ ſitzen, und namentlich in Ihrer Mutterſprache voll⸗ ſtändig zu Hauſe ſind, wie Sie behaupten, ſo bin ich nicht abgeneigt, es mit Ihnen zu verſuchen, ob Sie ſich zum Correcturleſen eignen, da gerade mein Cor⸗ rector krank geworden iſt. Ich erſuche Sie daher, morgen wiederzukommen, und wir wollen dann ſehen, was ich für Sie thun kann.“ Gertrud dankte dem alten Herrn und ging am folgenden Morgen wieder zu ihm. Derſelbe weihte ſie recht bald in die Mhſterien des Correcturleſens ein, und da ſie ihm in kurzer Zeit Proben ihrer Sprachkenntniſſe ablegte, ſo wurde ſie als Correcturleſerin angeſtellt. Anfangs war ihr Honorar nicht bedeutend, denn es fehlte ihr noch an der nöthigen Fertigkeit; allein ee 70 unermüdlicher Eifer, Energie und ihr guter Kopf ließen ſie bald zum erwünſchten Ziele gelangen. Ihre Kennt⸗ niß fremder Sprachen, ihre klare Auffaſſung, ihre Be⸗ ſonnenheit und große Tüchtigkeit machten ſie bald zu einer für den alten Buchdrucker unentbehrlichen Perſon. Sechstes Kapitel. Es war bereits ſeit länger als einem Jahre, daß Gertrud bei dem Buchdrucker D. als Correcturleſerin beſchäftigt war. Da ſie auch Ueberſetzungen aus frem⸗ den Sprachen für denſelben anfertigte und mit uner⸗ müdlichem Eifer arbeitete, ſo wurde ihre Einnahme nach und nach eine immer bedeutendere. Sie gönnte ſich niemals Ruhe; für ſie galt die Arbeit als Erſatz für die Verluſte, die ſie erlitten, und als Troſt und einzige Freude ihres Lebens. Ihre unabläſſige Be⸗ ſchäftigung ließ ſie ihre Einſamkeit vergeſſen, und ſie fühlte dann weniger das Bedürfniß, Andere mit Liebe zu umfaſſen und für dieſelben zu ſtreben. Allein, wenn ſie zuweilen einige Augenblicke von der Arbeit ruhte, dann erwachte in ihr ein bis dahin nie gekanntes Gefühl, das der Sehnſucht glich, und, 72 um ſich von ſolchen Spannungen des Herzens zu be⸗ freien, blieb ihr nichts weiter übrig, als mit neuem Eifer die Arbeit zu beginnen. Der Lenz ſchmückte die Promenaden der Haupt⸗ ſtadt mit ſeinem grünen Kleide, und gleichzeitig zogen Sehnſucht und Hoffnung aufs Neue in die Bruſt der Menſchen ein. Um dieſe Zeit erhielt Gertrud einer Brief von Tante Marianne mit der Nachricht, daß ſie nach Stock⸗ holm zu kommen und bei Gertrud einige Tage zu wohnen beabſichtige.. Zugleich erſuchte ſie die Nichte, ſie am Dampf⸗ ſchiffe bei ihrer Ankunft zu erwarten. Gertrud lächelte, als ſie den Brief geleſen und dachte: „Welches Glück, daß ich jetzt gerade zum Früh⸗ jahr meine kleine Dachkammer aufgegeben und eine paſſende Wohnung für Tante Marianne genommen habe! Sie wäre vor Schrecken geſtorben, wenn ſie mein kleines Zimmerchen, vier Treppen hoch, geſehen hätte.“ An dem feſtgeſetten Tage und zur beſtimmten Stunde begab ſich Gertrud nach dem Riddareholmen, um die Kammerräthin zu empfangen. Es war dort, wie gewöhnlich bei Ankunft und Abgang der Dampf⸗ ſchiffe, eine große Menge Menſchen auf dem Qua 73 verſammelt, um die ſich Gertrud jedoch wenig beküm⸗ merte. Nachdem ſie geraume Zeit gewartet, erſchien das Dampfbvot in der Ferne; ſchnell ſegelnd ſchoß es auf dem Mälarn daher, und bald lag der ſtöhnende Dampfer im Hafen. Ein Schwarm von Menſchen eilte ſofort an Bord; die einen, um Freunde und Be⸗ kannte willkommen zu heißen, die andern, um Frem⸗ den ihren Beiſtand anzubieten. Man ſtieß, man ſchob ſich durch die Menge hindurch; man ſchrie, man lachte und umarmte ſich, kurz, tauſenderlei Gefühle, Wünſche, Anordnungen und Befehle bewegten die Gemüther, je nach den Intereſſen der Einzelnen. Erſt nach großer Mühe gelang es Gertrud, das Hinterdeck des Schiffes zu erreichen, wo die Kammer⸗ räthin ſtand und einem hochgewachſenen und magern Herrn die Hand ſchüttelte. Gertrud blieb ſtehen und erkannte ſofort die gerade Haltung und den braun⸗ lockigen Kopf, ohne daß ſie nöthig gehabt hätte, ihn erſt von Angeſicht zu Angeſicht zu betrachten. Sie war einen Augenblick unentſchloſſen, ob ſie weiter gehen, oder in ihrer Entfernung beharren ſollte. Eine glühende Röthe überzog ihre Wangen; ſie führte ſchnell das Taſchentuch über dieſelben, um dieſe für ſie ungewöhnliche Farbe zu verſcheuchen. Doch ſchnell entſchloſſen, ſtand ſie in der nächſten Secunde 74 ſchon neben dem hochgewachſenen Herrn und rief mit etwas unſicherer Stimme: „Willkommen, Willkommen, liebe, beſte Tante!“ Sie ergriff beide Hände derſelben und drückte ſie herzlich. Die Kammerräthin lachte und beantwortete den Gruß, worauf ſie mit Verwunderung ausrief: „Aber mein Kind, wie mager Du geworden biſt!“ Wieder zeigte ſich die gerade jetzt ſo unwillkom⸗ mene Röthe auf Gertrud's Wangen; denn in dieſem Moment war es ihr doppelt peinlich, hören zu müſ⸗ ſen, daß ſie mager geworden ſei. Sie wandte ſich langſam an den anweſenden Herrn, ſchlug die Augen empor und reichte ihm ſchweigend die Hand. Er er⸗ griff ſie, drückte ſie ſanft und ſagte mit ruhiger Stimme: „Ich hoffe, Fräulein Gertrud befinden ſich wohl.“ Bevor Gertrud ihm zu antworten vermochte, in⸗ tervenirte die Kammerräthin: „So, Kinder, wir können über dieſen Gegenſtand und ähnliche Dinge mit einander ſprechen, wenn wir erſt zu Hauſe ſind. Nun, lieber Eduard, vielleicht ha⸗ ben Sie die Güte, meinen Koffer in Empfang zu neh⸗ men; die übrigen Sachen habe ich in der Kajüte, wo⸗ hin mir Gertrud folgen wird.“ Eduard beeilte ſich, den ihm ertheilten Auftrag 75 auszuführen, und Gertrud ſuchte unterdeſſen mit ihrer Tante die verſchiedenen Schachteln und Schächtelchen zuſammen, welche letztere in ihrer Kajüte zurückgelaſſen hatte. „Ich ſchrieb an Eduard, er möchte mich hier em⸗ pfangen, weil ich Manches mit ihm zu beſprechen habe“, ſagte Tante Marianne. „Iſt es ſchon lange her, daß er vom Auslande zu⸗ rückgekehrt iſt?“ fragte Gertrud mit einer gewiſſen An⸗ ſtrengung, um der Tante gegenüber ſo viel als mög⸗ lich die Miene der Gleichgültigkeit zu bewahren. „Es iſt ſchon ein halbes Jahr her“, war die Antwort;„ſein Wunſch ging in Erfüllung. Er ſoll, ſo viel ich gehört habe, bereits eine ſehr große Praxis haben.“ Gertrud ſchwieg, aber ſie dachte deſto mehr. Sie dachte: „Er und ich leben in derſelben Stadt, ohne daß ich es wußte, oder daß er ſich mir zu nähern ſuchte.“ Die Kammerräthin ſchwieg nicht lange, ſie ſagte: „Ich bat ihn in einem meiner Briefe, mir be⸗ ſtimmte Nachricht darüber zu verſchaffen, wie es Dir erginge; denn ich verließ mich nicht auf Deine Mitthei⸗ lungen, aber er antwortete mir, daß er dieſen meinen Wunſch nicht erfüllen könne.“ 76 „Das finde ich ganz natürlich“, fiel Gertrud ein, indem ſie hinzufügte:„Jetzt, Tante, können wir hinauf gehen, draußen wartet ein Wagen auf uns und zu Hauſe der Thee.“. Eduard half den Damen das Gepäck in den Wa⸗ gen hinein, und als er ſchließlich ihnen ſelbſt in den Wagen half, ſagte Gertrud: „Fahren Sie nicht mit der Tante?“ Eduard's Augenbrauen zogen ſich bei dieſen Wor⸗ ten urplötzlich zuſammen; aber in der nächſten Se⸗ cunde war die Wölbung derſelben über ſeinen Augen wieder eine ruhige wie vorher. Er half Gertrud in den Wagen, ohne ihre Frage zu beantworten und beſtieg dann ſelbſt denſelben. Eduard ſaß jetzt dem Weibe gegenüber, das ihn aus ihrem Hauſe gewieſen; er blickte ſie nichtsdeſto⸗ weniger ſo ruhig an, als wäre niemals irgend eine Unannehmlichkeit zwiſchen ihnen vorgefallen. Gertrud hingegen hatte ihr Geſicht der Tante zu⸗ gewandt; ſie ſchien ihre Aufmerkſamkeit dem, was die Tante ſagte, ſo ausſchließlich zuzuwenden, daß ihr für ihr vis à vis nicht ein einziger Moment übrig blieb, um ihn anzuſehen. Als der Wagen vor Gertrud's Wohnung hielt, wurde die Kammerräthin von ihrer ſie erwartenden, 77 früheren Dienerin bewillkommnet, während Gertrud ſich an Eduard wandte: „Sie folgen wohl der Tante mit hinauf, Herr Doctor!“ 2 „Ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich Ihnen dieſen Wunſch nicht erfüllen kann“, ſagte Eduard;„hier werde ich für heute der Tante Adieu ſagen.“ Nachdem dies geſchehen und die Verabredung ge⸗ troffen war, daß die Kammerräthin ihn am folgenden Tage zu einer beſtimmten Stunde beſuche, nahm er auch von Gertrud Abſchied und entfernte ſich. Die Tage, welche die Kammerräthin in der Haupt⸗ ſtadt verlebte, wurden theils in Familienkreiſen in und außer dem Hauſe, theils im Theater zugebracht. Bei dem Beſuch der letzteren ereignete es ſich, daß die beiden Damen mit Eduard zuſammen trafen; doch nur einzelne Worte wurden zwiſchen ihm und Gertrud gewechſelt. Als ſchließlich die Kammerräthin wieder abreiſte, kehrte Gertrud mit verdoppeltem Eifer zu ihrer Ge⸗ ſchäftsthätigkeit zurück. Oft, wenn ſie bei ihren Arbeiten ſaß, beſchlich ſie eine unwillkürliche, von eigenthümlich peinlichem Gefühle begleitete Erinnerung an Eduard, und nicht wenig 78 Unruhe verurſachte ihr die ſo oft von Tante Marianne hervorgehobene, ſchwere Verletzung, welche ſie dem Ar⸗ men zugefügt hatte. War es nicht unverzeihlich von ihr, bei der Gelegenheit ihres mehrmaligen Zuſammen⸗ treffens mit ihm, nicht einen Verſuch zu gegenſeitiger Aufklärung gemacht zu haben? O gewiß! Aber: Wenn andererſeits Gertrud's Verdacht begründet, wenn Tante Marianne irre ge⸗ leitet und Eduard's Gegenwart in ihrem Zimmer nur eine Liſt geweſen wäre, um ſie zu einem entſchei⸗ denden Schritte zu veranlaſſen, durfte ſie unter ſolchen Umſtänden eine Erklärung geben? Unaufhörlich kehrten dieſe Reflektionen zurück, und obgleich Gertrud dieſelben zu verbannen ſuchte, konnte ſie ſich doch jelänger deſtoweniger verhehlen, daß ſie ihr redliches Herz mit immer größerem Unfrieden erfüllten. Nach Verlauf mehrerer Wochen, als Gertrud eines Tages an einer Ueberſetzung arbeitete, überbrachte ihr das Hausmädchen die Nachricht, daß ein Herr mit ihr zu ſprechen wünſche. Wenige Augenblicke darauf trat—— Eduard ein. Gertrud war im erſten Moment ſo beſtürzt, daß ſie unwillkürlich einen Schritt zurück trat. Eduard ſagte lächelnd: 79 „Laſſen Sie ſich durch meine Gegenwart nicht erſchrecken, Fräulein Gertrud; ich befinde mich auf Tante Marianne's ausdrücklichem Befehl hier, um Ihnen dieſes Packet eigenhändig zu überliefern. Es enthält einige wichtige Documente.“ Gertrud, welche, indem ſie das Packet entgegen⸗ genommen, ſich ſehr verlegen fühlte, vermochte nur einen höflichen Dank auszuſprechen. „Mein Beſuch dürfte hiermit beendigt ſein“, fuhr Eduard fort,„und dennoch bleibe ich.“ Gertrud ſah ihn fragend an. 6 „Ihr Schweigen, Fräulein, richtet an mich die Frage: Weshalb ich bleibe, ohne noch durch irgend einen Auftrag zurückgehalten zu werden“, nahm Eduard wieder das Wort,„und ich will dieſe Frage ſogleich beantworten: Ich bleibe, weil ich erwarte, daß Sie mir das Unrecht, welches Sie mir zugefügt haben, abbitten werden.“ „Ich?“ rief Gertrud aus, indem ihre Wangen von Purpur übergoſſen wurden.„Iſt es denn bereits entſchieden, daß ich es bin, welche ein Unrecht abzu⸗ bitten hat?“ „Wiſſen Sie es nicht, Gertrud? In dieſem Fall beklage ich es, daß die Zeit und die Prüfungen nicht vermocht haben, Sie über ein Vergehen aufzuklären, 80 welches man begeht, wenn man ſeinen Nächſten unge⸗ rechtfertigter Weiſe verdächtigt. Ich hätte gehofft, die Leiden, welche Sie durchlebten, hätten Ihnen die Lehre gegeben, daß wir genau prüfen müſſen, bevor wir ur⸗ theilen; allein, da, wie ich ſehe, dies hier nicht der Fall iſt, ſo habe ich in der That hier auch nichts wei⸗ ter zu thun.“ Eduard ſchritt der Thür zu. Das junge Mädchen war bleich und als Eduard, ohne ihr die Hand zu reichen, ſich zum Abſchiede verbeugte, ſagte ſie mit er⸗ regter Stimme: „Ich habe viel, zu viel gelitten, einen viel zu harten Kampf gekämpft, als daß ich nicht die Lehre, von der Sie ſprechen, genugſam daraus gezogen hätte; allein alle dieſe Leiden haben mir die Aufklärung nicht zu verſchaffen vermocht, weshalb und in welcher Ver⸗ anlaſſung die beiden Brüder Hartling ſich in meinem Schlafgemach befanden? Wie ſehr ich auch hierüber mich in Nachdenken erſchöpft habe, auf keine Weiſe iſt es mir gelungen, dieſes Räthſel zu löſen. Geben Sie mir dieſe Löſung und ich werde an dieſelbe glauben.“ „Sie wollen alſo an die Erklärung glauben, die ich bereit bin, Ihnen zu geben?“ „Das will ich.“ „Ich drang in Ihr Zimmer ein, Gertrud, um * 8¹. Sie gegen meinen Bruder zu ſchützen, es war mir be⸗ kannt, daß es zum Aeußerſten gekommen, und daß er unter ſolchen Umſtänden im Stande geweſen wäre, gleichviel welche Handlung zu vollbringen, um ſich zu retten.“ Eduard erzählte ihr dann in aller Kürze, daß er Ottilie und Amanda auf der Segeltour gefolgt ſei, um Gertrud von ihrer Gegenwart zu befreien; er be⸗ richtete ihr ſodann, was weiter vorgefallen war. „Jetzt muß ich es Ihnen, Fräulein Gertrud, ſelbſt anheim geben, zu entſcheiden, und mir zu zeigen, in wie weit ich mich der Behandlung, die Sie ſich gegen mich erlaubt haben, ſchuldig gemacht habe. Was könnte Sie aus meinem Betragen während der Ver⸗ gangenheit dazu berechtigen, einen niedrigen Verdacht auf mich zu werfen? Haben Sie jemals in irgend einer Hinſicht geſehen, daß ich die Forderungen der Ehre aus den Augen geſetzt hätte? Und dennoch wieſen Sie mich aus Ihrem Hauſe, als ſei ich ein Verbrecher geweſen.“ „Ueberwältigt von dem mir angethanen Schimpf und von dem über mich hereingebrochenen Kummer, vermochte ich nicht, mein Herz vor dem finſtern Ver⸗ dacht, der ſich meiner bemächtigt hatte, zu verſchließen“, erwiderte Gertrud.„Ihre Gegenwart ſchien mir nur ein Schwartz, Novellen. II. 6 „ 82 neuer Plan zu ſein, und die Leiden, welcher mich ſpä⸗ ter verfolgten, verbitterten mein Gemüth gegen Dieje⸗ nigen, welche ich als die Urſache meines vernichteten Glückes anſah. Jetzt“, ſagte ſie, ihm die Hand rei⸗ chend,„glaube ich an Sie und danke Ihnen aus vol⸗ lem Herzen für die mir gegebene Erklärung. Sie hat die Bürde des Zweifels von meiner Seele genommen, die Ungerechtigkeit, welche ich begangen, iſt ſelbſt in meinen Augen viel zu groß, als daß Sie ſie mir ver⸗ geben könnten.“ Eduard ergriff mit Wärme die dargereichte Hand und entgegnete: „Gertrud, theure, geliebte Gertrud! Dies iſt die glücklichſte Stunde meines Lebens!“ Er führte nach dieſem Ausbruch ſeines tief gerührten Herzens ihre Hand an ſeine Lippen und ſagte: „Für dieſe Bitte um Verzeihung wäre ich im Stande, eine größere Demüthigung, als die mir zuge⸗ fügte, zu ertragen, und jetzt Freundſchaft, Treue und unerſchütterliche Einigkeit zwiſchen uns!“ „Ja, Treue, Freundſchaft!“ wiederholte Gertrud. Was die beiden Freunde weiter mit einander ſprachen, nachdem ihr neuer Bund geſchloſſen worden, dürfte überflüſſig ſein, zu erzählen. Als Eduard ſchließ⸗ lich ſich entfernte, hatte ſein Beſuch zwei volle Stun⸗ 83 den gedauert. Sie hatten von Auguſt geſprochen, der jetzt ein ernſter, ſtrebſamer Beamter war, der das Ge⸗ ſellſchaftsleben ſcheute und von Allen, welche früher mit ihm in Berührung gekommen waren, mit Achtung behandelt wurde. Er ſtrebte empor und, um dies Ziel zu erreichen, mußte er ſich der Folgen zu entziehen ſuchen, welche die Unbedachtſamkeit ſeines verfloſſenen Lebens herbeigeführt hatten. Als Eduard ſich entfernt hatte und Gertrud in ihrem kleinen Heim allein zurückgeblieben war, fühlte ſie ſich glücklich, hocherfreut und dennoch wehmuthsvoll bewegt darüber, daß ſie den Freund wieder gefunden hatte, den ſie durch ihren Verdacht verloren gehabt. Wehmuthsvoll, weil ſie ihr Heim nunmehr leer und öde fand, ſeit er ſie verlaſſen hatte. Die Stimme, welche ſich in jedes Menſchen Bruſt befindet, rief laut: „Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei“, das Bedürfniß, zu lieben und geliebt zu ſein, vermochte ſie nicht durch ihre raſtloſe Thätigkeit zu erdrücken; dies hatte bis dahin niemals klarer vor Gertrud's Seele geſtanden, als jetzt, und gerade dieſe Gewißheit machte ſie wehmüthig. 6* Siebentes Kapitel. Der nichſte Sonntag brach an. Gertrud hatte während der ganzen Woche nichts von Eduard gehört. Trotz ihrer fortwährenden Beſchäftigung ſchweiften ihre Gedanken oftmals von der Arbeit ab und ſie concen⸗ trirten ſich um die eine Frage:„Wird er wieder kommen?“ Gerade an dieſem ſonnigen Morgen erhielt ſie einen Brief von Tante Louiſe, der folgenden In⸗ halts war: „Meine liebe Gertrud! Von Marianne habe ich erfahren, daß es Dir mit Deiner Arbeitſamkeit gelungen, woran ich bis da⸗ hin zweifelte, Deine Unabhängigkeit zu ſichern. Ich meines Theils hätte gewünſcht, daß es Dir nicht ſo wohl erginge, weil ich dann die Hoffnung 85 nähren könnte, Dich bald wieder hier zu ſehen und von Dir in meiner Wirkſamkeit unterſtützt zu werden. Deinetwegen erfreut es mich indeß, daß Du vollkommen die Schwierigkeiten, mit denen Du kämpfteſt, beſiegt haſt; aber warſt Du auch glücklich in dieſer Einſam⸗ keit? Iſt Dir Deine Arbeit genug? Iſt dies der Fall, dann will ich Dein Glück und Deine Zufrieden⸗ heit nicht ſtören. Möge nie der Tag anbrechen, wo Du Dich verlaſſen in der Welt fühlſt, ohne ein Weſen zu beſitzen, dem Du nützen oder dem Du Freude durch Dein Daſein bereiten kannſt! Glaube mir, es iſt ein ganz troſtloſer Augenblick, wenn man im Alter zum Bewußtſein ſeiner Einſamkeit gelangt, und in dieſem Bewußtſein liegt eine Hoffnungsloſigkeit, welche uns zu vernichten droht. Erwäge dies, ſo lange es Zeit iſt, und richte Dein Leben ſo ein, daß Du am Abende deſſelben auch noch einige Blumen übrig haſt!— Indeſſen erwarte ich, daß Du wenigſtens zu nächſte Weihnachten auf einige Tage Urlaub nehmen und dies frohe Feſt feiern wirſt mit Deiner alten Tante Louiſe.“ Nach dem Durchleſen dieſes Briefes ſaß Gertrud lange unbeweglich; ſie hielt das Schreiben, welches ſie zu tiefem Nachdenken veranlaßt hatte, in ihrer Hand. Bald wurde ſie jedoch aus ihrer Lethargie durch den 86 Klang der Glocken geweckt, welcher die andächtige Menge zur Kirche rief. Sie legte den Brief von ſich, um dieſem Rufe zu folgen. Ihr Herz war voll von Dankbarkeit gegen Gott, als ſie ihr Gebet im Tempel des Herrn verrichtete, und ſie bat Gott demüthig um Vergebung wegen ihres ſtolzen Vertrauens zu ſich ſelbſt. Als ſie am Nachmittage wieder mit neuem Eifer bei ihrer Arbeit war, hörte ſie eine fremde Stimme im Entreezimmer. Ihr Herz pochte heftig, obgleich ſie dieſe Schwäche mißbilligte. „Iſt das Fräulein zu Hauſe?“ hörte ſie eine ihr wohlbekannte Stimme fragen. Eduard trat ein. Sie begrüßten einander wie ein paar Geſchwiſter, ohne Zeichen eines wärmeren Intereſſes. Eduard nahm Platz und bald entſpann ſich ein lebhaftes Geſpräch zwiſchen ihnen. Jetzt wie ehedem, fühlte ſich Gertrud von dem⸗ ſelben befriedigt; ja, ſie fand vielleicht nunmehr größe⸗ ren Gefallen daran als früher, weil ſie während ſo langer Zeit des Genuſſes eines vertraulichen Austauſches ihrer Gedanken mit einem Freunde beraubt geweſen war. Eduard erzählte einige für den Arzt intereſſante 87 Epiſoden von ſeiner Reiſe im Auslande und Gertrud nahm Veranlaſſung, das Geſpräch fortzuſetzen. „Mein Beruf wäre es beſtimmt geweſen, Medicin zu ſtudiren. Wie ſchade, daß ich, wenn einmal die Rechte des Weibes und ihre Gleichſtellung mit dem Manne geſetzlich anerkannt werden, zu alt ſein werde, um daran denken zu können, dieſes Studium zu tvei⸗ ben. Es war gewiß die größte aller Ungerechtigkeiten, welche die Staatsgeſellſchaft jemals begangen hat, als ſie dem Weibe eine begrenzte Wirkſamkeit anwies, außerhalb deren Grenzen ſie ſich nicht bewegen darf. Eine ſolche Beſtimmung ſetzt voraus, daß alle Frauen mit denſelben Anlagen begabt ſind und außerdem trägt ſie eine andere Ungerechtigkeit in ſich, nämlich die, daß man ihr die Möglichkeit raubt, ſich ihren Unter⸗ halt zu verſchaffen, je nach den Gaben, welche die Natur ihr zuertheilt hat.“ „Gewiß“, fiel Eduard lächelnd ein und nahm den alten Streithandſchuh wieder auf,„gewiß habe ich nichts dagegen, daß die Frau Arzt oder Beamter werde, oder ſich mit andern Wiſſenſchaften oder Gewerben beſchäftige, wenn Sie, Gertrud, mir eine genaue Ant⸗ wort auf die Frage geben wollen: Wie glauben Sie, daß dann das Familienleben werden würde? Nehmen wir einmal an, daß alle Frauen, die Gott mit einem 88 guten Verſtande begabt hat, ſich dem Studium oder einem Gewerbe, welche ihre Zeit und ihre Kraft in Anſpruch nähmen, widmeten, wer ſollte dann das emporwachſende Geſchlecht erziehen, wer die Behaglich⸗ keit des Hausweſens pflegen? Wer ſoll in die Seele des Kindes den Saamen zu allem Guten legen, welcher ſpäter Früchte für das Leben tragen ſoll? Der Vater hat ſeine Lebensſtellung, die Frau die ihrige, und beide müſſen ihre Kinder während des Tages außer Acht laſſen und ihren Geſchäften nachgehen. Die Gatten werden daher genöthigt, die heiligſte und verantwort⸗ lichſte aller menſchlichen Pflichten, namentlich gegen das emporwachſende Geſchlecht, gemietheten und be⸗ zahlten Dienern zu überlaſſen. Die Gatten müſſen dieſe Kinder ſo bilden, daß dieſelben dann ſpäter im Kampfe gegen die Verſuchungen des Lebens gerüſtet find. Die geiſtige Entwickelung wäre fremden Menſchen anbertraut, während die Gattin von ihrem Dienſte in Anſpruch genommen iſt oder ihren Geſchäften als Gewerbtreibende vorſteht. Sie werden mir daher ein⸗ räumen, beſte Gertrud, daß man auf dieſe Weiſe das höchſte Intereſſe weniger gewichtigen opfert.“ „Alle Frauen ſind aber nicht verheirathet“, ant⸗ wortete Gertrud; und ungewiß iſt es, ob die Frau, welche ihr Leben dem Studium geweiht hat, um eine 89 ſelbſtſtändige Wirkſamkeit zu erlangen, ſich wirklich verſucht fühlen wird, ihr Geſchick an das eines Man⸗ nes zu feſſeln und alle die Pflichten zu übernehmen, welche ihr die Ehe auferlegt.“ „Um nun die Fragen der Reihe nach zu über⸗ ſehen“, ſagte Eduard,„räume ich gerne ein, daß die Frau im Allgemeinen eine ſolche Bildung, Kenntniß und Einſicht vom Leben erhalten muß, daß ſie die Ehe nicht als eine Verſorgungsanſtalt betrachtet, daß ſie gleich dem Manne ſich an die Betrachtung gewöhne, daß ihre Zukunft von ihrer eigenen Tüchtigkeit abhängt; allein, andrerſeits dürfen wir niemals vergeſſen, daß ſie Weib iſt, daß ihre natürliche Welt und Wirkſam⸗ keit das Haus iſt. Ihr Herz wird ſie ſelbſt eines Tages mit nicht zu unterdrückender Stimme dazu auf⸗ fordern, ſich zu verheirathen, und dann muß ſie das ganze Gewicht ihres Schrittes verſtehen können. Was wiederum ihre Behauptung betrifft, Gertrud, daß die Frau aus Liebe zu ihren Geſchäften oder zu den Wiſ⸗ ſenſchaften dem Manne entſagen könnte, den ſie liebt, ſo bezweifle ich die Möglichkeit davon, wenn dieſe Liebe eine tiefe und ernſte iſt. Die Liebe iſt eine Macht, vor der ſich der ſtolzeſte Mann und auch die ſelbſt⸗ ſtändigſte Frau beugen muß. Der Mann opfert ja Alles für das Weib, dem er ſein Herz geſchenkt. Glauben 90 Sie denn, Gertrud, daß das Weib nicht daſſelbe zu thun im Stande wäre? Nehmen wir an, daß ein weiblicher Arzt ſich aus Liebe mit einem Beamten ver⸗ mählt, wie würde es dann mit dem Hauſe und der Familie ausſehen? Soll ſie Alles verlaſſen, um in der Praxis in der Stadt umherzueilen, oder glauben Sie, Gertrud, daß ein Mann ſich glücklich fühlt, eine Frau zu beſitzen, die keinen Augenblick ihrer Zeit für ihn und die Kinder übrig hat? Antworten Sie mir aufrichtig darauf.“ „Das werde ich; allein noch eine Frage: Vermag eine Frau glücklich zu ſein, wenn ihr Mann ein Doktor iſt, den nur ſeine Praxis in Anſpruch nimmt, der nur ausnahmsweiſe einige Augenblicke für ſie, das Haus und die Familie übrig hat?“ „Das kann ſie und zwar deshalb, weil ſie in ihrem Hauſe ihre Wirkſamkeit und ihre Kinder hat; der Mann wird oft Gelegenheit haben, die Stunden, die ihm ſein Beruf übrig läßt, in ihrer Geſellſchaft zuzubringen. Die Frau geht indeſſen ihrer eigenen Entwickelung entgegen; denn von dem Augenblicke an, wo die Frau Mutter geworden iſt, muß ſie ſtündlich für die eigene Veredelung arbeiten, um würdig zu ſein, die Pflegerin und Erzieherin der ihr anvertrauten un⸗ ſterblichen Seelen, für die ſie Gott verantwortlich iſt, —— 91 Sorge zu tragen. Die Erfüllung ihrer heiligſten Pflich⸗ ten iſt meiner Anſicht nach die wichtigſte, und ſie wird dadurch zu einem Berufe erzogen und zu einer Frau veredelt, die ihren Beruf als Gattin vollſtändig erfüllt. Aber um die Kraft zu beſitzen, alles Andere für dieſen Zweck aufzuopfern, muß ſie ſolche Gaben und die Kräfte beſitzen, daß ſie ſelbſt einſehen lernt, daß ſie als Frau und Mutter allen Gedanken an eine öffent⸗ liche Wirkſamkeit entſagen und mit Ernſt ihre Pflichten als Erzieherin erfüllen kann. Die hohe moraliſche Entwickelung der Menſchheit muß von dem Weibe aus⸗ gehen. Iſt das Familienleben ein getrenntes, ſind die Intereſſen der Gatten verſchiedene, ſo verwandelt man des Dichters ſchönen Gedanken, daß Zwei, welche Eins geworden, zu zwei Intereſſenten einer Vereinigung, wövon jeder für ſich arbeitet, und gerade das empor⸗ wachſende Geſchlecht iſt es, welches darunter leiden muß.“ „Nach Ihrer Anſicht, lieber Eduard, iſt es daher recht und gut, wie die Verhältniſſe jetzt ſind?“ fiel Gertrud ein. „Durchaus nicht. Vor allen Dingen muß die Frau eine ganz andere Erziehung als die bisherige erhalten; denn dieſelbe ſchafft keine tüchtigen und den⸗ kenden Mütter. Zweitens hat ſie das vollſtändigſte 92 Recht, mit dem Manne gleichgeſtellt zu werden und die Freiheit zu erhalten, ſich eine für ſie eignende Wirkſamkeit, welche ihr ein ſelbſtſtändiges Daſein ver⸗ ſchafft, zu wählen. Allein dabei hat man nicht die natürliche Beſtimmung des Weibes zu vergeſſen. Wenn es bei ſich ſelber fühlt, daß ſie für die häuslichen Geſchäfte nicht geſchaffen, daß ihr Geiſt nach Wiſſen dürſtet, dann muß ſie das Recht haben, dieſen Durſt zu ſtillen; aber ſie muß dann unverheirathet bleiben. Wir würden es für widernatürlich halten, wenn der Mann den ihm von der Natur vorgeſchriebenen Beruf verleugnen und ſich mit weiblichen Geſchäften befaſſen wollte. Ebenſo müſſen wir es anſtößig finden, wenn von der verheiratheten Frau ihre Kinder und ihre Pflichten als Gattin verſäumt werden, um ſich einer Beſchäftigung außerhalb des Hauſes oder dem Dienſte des Staates zu widmen. Mag ſie es thun, ſo lange ſie allein ſteht, aber ſie darf nicht glauben, daß ſie zweien Herren, und Beiden gleichwohl dienen könne.“ „Wenn alſo eine Frau ein verdienſtvoller Arzt geworden und als ſolcher ſich verheirathet, ſo fordern Sie, daß ſie ihre Wirkſamkeit verlaſſe, um ſich dem Familienleben zu widmen?“ „Sie mag gerne als verheirathete Frau vn fortfahren, wenn das häusliche Glück es geſtattet; aber * 93 ich fordere unbedingt, daß ſie jede Beſchäftigung und jeden Dienſt aufgiebt, ſobald ſie Mutter geworden iſt.“ „Die ökonomiſche Lage der Familie kann ja auch darauf beruhen, daß ſie die frühere Beſchäftigung des Unterhaltes wegen nicht aufgeben darf.“ „In dieſem Falle, Gertrud, hat ſie einen über⸗ eilten Schritt gethan, wenn ſie ihr Geſchick mit dem eines Mannes vereinigte, der nicht durch ſeine Arbeit ihnen ein ſicheres Auskommen zu ſchaffen vermochte, weil ſie genöthigt iſt, der materiellen Intereſſen wegen die wichtigſte Pflicht, die Pflege der Kinder, zu ver⸗ ſäumen.“ „Nehmen wir an“, fiel Gertrud ein,„daß zwei Perſonen einander lieben, des Mannes Umſtände aber der Art ſind, daß ſie ſich nicht verheirathen können, wenn die Frau nichts zu ihrem Unterhalte beizutragen vermag. Glauben Sie denn, Eduard, daß es alsdann Unrecht iſt, wenn dieſe jungen arbeitſamen Menſchen ihr Schickſal vereinigen?“ „Nein, die gemeinſame Arbeit iſt nur ein feſteres Vereinigungsband zwiſchen den Gatten; allein ich for⸗ dere in dieſem Falle, daß ſie dann ihre Arbeit und ihr Leben ſo einrichten, daß wenn ihre Ehe mit Kin⸗ dern geſegnet wird, dieſe nicht der Leitung der Mutter entbehren. Arbeitet ſie ausſchließlich für die Bedürf⸗ ———— 94 niſſe des Hauſes und ſie verſäumt die Pflichten gegen die Kinder, ſo hat ſie dennoch eine ſchlechte Arbeit vollbracht, wie groß auch der Gewinn ſein mag.“ „Aber Sie werden mir einräumen, die niedrigen Arbeiterkreiſe müſſen ja ſo handeln. Dort muß die Frau oftmals eben ſo ſtrenge wie der Mann arbeiten.“ „Deshalb ſind auch die Kinder der arbeitenden Klaſſe größtentheils verſäumt und oft genug von ihren Kinderjahren an der Noth und Verwahrloſung anheim gefallen, und ſie wachſen unbehindert mit den Fehlern und Laſtern empor, die ihnen bereits mit der Mutter⸗ milch eingeflößt ſind, und welche ſie ſchließlich zum Verbrechen führen. Das iſt die traurigſte Seite dieſer Klaſſe, denn die Kinder der niederen Bevölkerung be⸗ finden ſich während der Zeit ihres Emporwachſens faſt immer auf der Straße, und wenn die Noth und Ver⸗ ſuchung an ſie herantritt, fallen ſie ohne Kampf, weil ſie nicht den Unterſchied zwiſchen Gutem und Böſem, Recht und Unrecht kennen gelernt haben. Die Volks⸗ ſchule freilich iſt hier die einzige Leitung, allein ohne alle Unterſtützung von Seiten der Eltern vermag ſelbſt dieſe im Dienſte des Guten, für welches ſie eingeſetzt wurde, nicht zu wirken. Auf dem Lande ſind die Ver⸗ hältniſſe bei weitem beſſer; der arme Käthner hat ſein Häuschen und der Tage, an welchen er ſeiner Herr⸗ 95 ſchaft zu dienen hat, ſind nicht zu viele, daß die Frau nicht einige in der Woche in ihrem Heim zurück bleiben könnte. Durch Armuth gezwungen, nehmen die Kinder früh an der Arbeit Theil und ſie beſitzen ſtets ein Heim, wenn auch noch ſo dürftig. Allein, ich begreife nicht, weßhalb der gebildete Menſch ſein Leben auf dieſer moraliſch ungeſunden Grundlage errichten ſoll. Wes⸗ halb ſoll die gebildete Frau, welche innerhalb der Fa⸗ milie nützen kann, dies Gebiet verlaſſen, um nach einem Etwas zu ſtreben, das von viel geringerem Werthe iſt? Weßhalb ſoll ſie nach einer Wirkſamkeit ſtreben, die dem Manne angewieſen iſt, da ſie ein ſo großes Feld auf ihrem eigenen Gebiete beſitzt?“ „Weil es Ausnahmen giebt, die ihr Glück nicht dort zu ſuchen vermeinen, wo Sie es wollen, daß Alle es finden ſollen.“ „Ausnahmen bilden nicht die Regel“, erwiderte Eduard, indem er ſich erhob, um ſich zu verabſchieden. Nach ſeiner Entfernung dachte Gertrud reiflich über ſeine Worte nach, denn es lag viel Wahrheit in denſelben, das mußte ſie bekennen; allein dieſe Wahr⸗ heit erweckte Unruhe in ihr; denn, wenn dem ſo wäre, ſo würden ihre ſchönen Träume, daß das Weib durch eine erweiterte Wirkſamkeit von dem Einfluß der Ge⸗ fühle unabhängiger werden würde, nur eine IFlluſion ſein. Gertrud hatte bereits längere Zeit gefühlt, daß die Arbeit allein ſie nicht ganz zu befriedigen ver⸗ mochte, daß ſich in ihrer Bruſt eine Leere befinde, die ſie nicht auszufüllen wußte. Es lebte in dem Inner⸗ ſten ihres Herzens eine verrätheriſche Stimme, welche ihr zuzuflüſtern ſchien von dem Glück, eins mit ihm zu ſein, von demſelben Intereſſe, wie dem ſeinigen, belebt zu ſein, für ihn zu arbeiten, und ſich, wenn nöthig, für ihn aufzuopfern. Dieſe mächtige Stimme, welche das eine Herz mahnt, das andere zu ſuchen, dieſe Stimme vermag die Arbeit nicht zum Schweigen zu bringen. Der Stimme der Natur müſſen wir lau⸗ ſchen, ob wir wollen, oder nicht. „Eine Hütte in irgend einem verborgenen Winkel der Erde, den Geliebten ganz und gar mein wiſſend, und das Leben würde ein Eden auf Erden ſein“, war eine luftige, noch unklare Erkenntniß in Gertrud's Innerem; allein ſie ſollte beſtimmt und klar vor ihre Seele treten. Die erſte Erkenntniß von ſich ſelber, „daß ſie ihr Herz einem Manne geſchenkt“, war für ſie nicht ohne Pein; allein nachdem ſie der Welt in die Augen geſchaut, vermochte ſie nicht zu faſſen, wes⸗ halb ſie ſich durch dies Gefühl gedemüthigt fühlen ſollte? War denn nicht die Kraft zu lieben die höchſte und edelſte in ihrem Weſen? Was iſt das Leben ohne Liebe? 97 Und ohne Liebe wird der Tod ein Schreckenbild. Einen würdigen Gegenſtand zu lieben, war ſchon an und für ſich ein Glück, und dies war ein Troſt für Gertrud. Sie brauchte vielleicht nicht dieſes Gefühl, das ſie be⸗ ſchlich, und ſie ihrer ſelbſt unbewußt beſchlichen hatte, einzugeſtehen; allein dies verhinderte ſie dennoch nicht daran, die reinen Freuden, welche ſein Umgang ihr verſchaffte, mit vollen Zügen zu genießen. Gertrud blieb ſich bei Eduard's Beſuchen ſtets gleich; man ſah bei ihr weder ein Erröthen, noch ein Erblaſſen, und ebenſo wenig konnte ſein Weſen, wel⸗ ches ſtets das der ruhigen Freundſchaft war, irgend ein Gefühl des Schmerzes in ihr hervorrufen. Noch weniger rief ſie die Coquetterie zu Hülfe, um eine Er⸗ klärung herbei zu führen; ſie fuhr vielmehr fort, mit ihm wie mit einem Bruder zu verkehren. Während der Zeit, wo in Gertrud's Herzen dieſe Wandlung ſich entwickelt hatte, ſetzte ſie ihre Arbeit ebenſo raſtlos wie früher fort. Wochen auf Wochen vergingen und Monat zu Monat verſchwand, ohne daß ſich in dem Verhältniß zwiſchen Eduard und Ger⸗ trud eine Veränderung bemerkbar machte. Während der Weihnachtsfeiertage beſuchte Gertrud die beiden Tanten auf Elfborg; aber bereits am Tage nach Neujahr war ſie ſchon wieder in ihrem kleinen Schwartz, Norellen II 7 98 Heim und der Umgang mit Eduard ſetzte ſich wie von ſelber fort. Während der ganzen Woche arbeiteten Beide, jeder in ſeinem Berufe; aber wenn der Sonntag kam, fand ſich Eduard bei Gertrud ein, um mit ihr einige Stun⸗ den zu verplaudern. Die im Allgemeinen etwas kon⸗ ſervativen Ideen Eduard's erhielten im Umgange mit Gertrud einen liberaleren Anſtrich, und Gertrud's et⸗ was ſehr überſpannten Gedanken über die Emancipation der Frauen wurden mehr und mehr auf das richtige Maaß zurückgeführt. Die Wechſelwirkung, welche ſie auf einander ausübten, wirkte auf Beide gleich wohl⸗ thãtig. Achtes Kapitel. Es war wieder Herbſt geworden, als Eduard an einem regnigten und unheimlichen Sonntage Nachmitt⸗ tags Gertrud beſuchte. Nachdem ſie manchen Gegen⸗ ſtand berührt und ihre Anſichten über die Tagesfragen ausgeſprochen hatten, ſagte Gertrud: „Es liegt in der Grenze der Möglichkeit, daß ich im Frühjahr Stockholm verlaſſe.“ „Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet, Ger⸗ trud“, erwiderte Eduard lächelnd. „Warum denn, thue ich denn etwas Böſes da⸗ mit, wenn ich Stockholm verlaſſe?“ „Ganz gewiß; denn dann würden Sie die Wirk⸗ ſamkeit verlaſſen, welcher Sie ſich gewidmet haben.“ „Durchaus nicht; ich habe nur die Ausſicht, die⸗ ſelbe zu erweitern; es handelt ſich um ein Engagement 7* 1 100 in Gothenburg; man bietet mir ſo vortheilhafte Be⸗ dingungen, daß ich durch dieſelben ſehr ſchnell zu einer vollkommen geſicherten, ökonomiſchen Stellung gelangen würde.“ Eduard ſchwieg, und es entſtand eine Pauſe, die Gertrud ſchließlich unterbrach. „Es ſcheint mir, als wenn Sie es nicht billigen, daß ich die beſagte Stellung annehme.“ „Ob ich es billige oder nicht, davon kann hier nicht die Rede ſein. Dazu habe ich kein Recht. Glauben Sie, Gertrud, durch dieſe Veränderungen ſchneller das Ziel erreichen zu können, nach dem Sie ſo lange ge⸗ ſtrebt, ſo muß ich mich natürlich in Schweigen hüllen, aber daran dachte ich nicht, ſondern an Ihre brennende Neigung, Geld zu erwerben. Es ſcheint mir, als wäre dieſe Paſſion vorherrſchend bei Ihnen.“ „Vielleicht“, antwortete Gertrud,„ich habe von meiner Kindheit an mich darnach geſehnt, auf eigenen Füßen zu ſtehen, allein dieſe Unabhängigkeit müßte ich durch eigene Arbeit erlangt haben. Jetzt ſcheint es, als würde ich dieſelbe ſchnell genug erreichen, wenn ich mich dazu beſtimme, das mir gemachte Anerbieten anzunehmen.“ „In dieſem Falle habe ich durchaus nichts da⸗ gegen einzuwenden, ſondern im Gegentheil: ich wünſche 104 Ihnen dazu Glück“, erwiderte Eduard.„Nur die Frage möchte ich an Sie richten, ob Sie nach länge⸗ ren Jahren der Arbeit und der Entſagung ſo weit ge⸗ kommen ſein werden, daß Sie ſich von der Wirkſam⸗ keit, welche Ihre ganze Seele erfüllte, einſt zurück⸗ ziehen und die Früchte Ihrer Arbeit genießen, und ob Sie dann eine innere Befriedigung darüber fühlen werden. Wird es Ihnen genug ſein, ein ſicheres Alter zu erwerben, wird der materielle Gewinn allein Ihnen nicht als ein leerer Schatten erſcheinen?“ „Und weßhalb ſollte er das?“ fragte Gertrud. „Deßhalb, weil Sie ihn in Einſamkeit genießen würden. In unſerem Jugendalter und in unſeren kraftvollſten Jahren denken wir vielleicht nicht daran angefeuert von Arbeit und Strebſamkeit, aber, wenn wir nach Jahren unſere Arbeit niedergelegt haben, dann glaube ich, daß der Alleinſtehende ſich vereinſamt fühlt, und daß er nicht um alle Beſitzthümer der Welt ſich von dem Verlangen zu befreien vermag, Jemand zu beſitzen, der aus uneigennützigen Intereſſen es ver⸗ ſtände, mit ihm die Früchte der Sparſamkeit zu ge⸗ nießen. Wenn dieſe Regel eine allgemeine iſt, um wie viel größer wird die Nutzanwendung nicht auf Sie, Gertrud, paſſen, welche von Kindheit an mit der ganzen Fülle ihres Herzens ihr Daſein an die Ihrigen band.“ 102 „Aber, mein Gott“, rief Gertrud betrübt aus,„der unerbittliche Tod hat ſie mir ja geraubt! Nun muß ich mir ja ſelbſt genug ſein und meinen Weg einſam wandern.“ „Müſſen Sie das?“ „Ja, das muß ich, oder was wollen Sie, Eduard, daß ich thun ſoll?“ „Ich will, daß Sie ſich verheirathen.“ Dieſe Worte wurden von Eduard vollkommen ruhig ausgeſprochen und ſein Blick, der auf Gertrud ruhte, war gleichgültig; allein auf ſie übten dieſelben eine ganz andere Wirkung aus; ſie erſchrack heftig, gleichſam, als hätte ſie Jemand mit einem glühenden Eiſen berührt; das Geſicht überzog ſich mit einer leb⸗ haften Röthe und unwillkürlich hoben ſich ihre Augen zu ihm empor. Ohne ſich die Wirkung ſeiner Worte merken zu laſſen, fuhr Eduard fort: „Verſtehen Sie mich recht, ich will durchaus nicht, daß Sie Ihre Beſtrebungen nach Unabhängigkeit ver⸗ laſſen ſollen, ſondern ich ſagte, verfolgen Sie dieſelben, wenn Sie es ſo wünſchen, aber wenn der Tag kommt, wenn das Herz ſeine Stimme erhebt, ſo Hereinigen Sie Ihr Geſchick mit dem meinen. Ich liebe Sie, bis zur letzten Stunde meines Lebens werde ich mich be⸗ 103 ſtreben, Ihnen ſorgenfreie Tage zu bereiten; ich werde Ihnen das Beſte bieten, was das Leben beſitzt: ein Familienheim. Sie ſind weniger als irgend ein Weſen geſchaffen, einſam im Leben zu ſtehen.“ „Möglich“, verſetzte Gertrud;„allein, wenn ich jetzt nach Ihrem Rathe zu arbeiten fortfahren ſollte, ſo wäre es ja möglich, daß gerade der Mann, dem ich mich anvertrauen könnte, eine andere zur Gattin ge⸗ wählt hätte, oder daß gerade mein Alter ihn abſchrecken könnte.“ „Das iſt ganz wahrſcheinlich“, fiel Eduard ein, „im Falle Sie erſt in zwanzig oder dreißig Jahren zur Erkenntniß deſſen kommen würden, was das Herz for⸗ dert; allein, vergeſſen Sie nicht, daß ich Arzt und Menſchenkenner bin. Ich glaube ſchon lange gewußt zu haben, daß Sie nicht mehr Herr über die ſtillen Wünſche Ihres Herzens ſind.“ „Alſo nicht mehr Herr meiner ſelbſt!“ rief Ger⸗ trud beſtürzt aus. „Können Sie es leugnen?“ Eduard ergriff bei dieſen Worten ihre Hand und ſah ihr mit einem ruhigen, forſchenden Blick in die Augen. Gektrud entzog ihm nicht die Hand. Sie ſenkte nur den Blick und ſchwieg. 104 welches für die Gleichſtellung Ihres Geſchlechts mit dem Manne ſchwärmt, wirklich nicht muthig genug, eine Wahrheit zu bekennen, wenn auch dieſelbe Sie zwingt, Ihre Jugendträume aufzugeben? Weshalb Et⸗ was nicht offen geſtehen, was Sie ſo oft mit Schmerz erfüllte?“ „Meine Trauer um Iſabella's Tod würde dann nicht ſo groß geweſen ſein, wenn ich dies nicht ge⸗ fühlt hätte“, antwortete Gertrud. „Ich bin nicht zufrieden mit dieſer halben Ant⸗ wort.“ „Nicht? Nun, in dieſem Falle muß ich Ihnen, Eduard, ehrlich geſtehen: Es giebt einen Mann, aber auch nur dieſen Einen, dem ich meine Zukunft anver⸗ trauen könnte!“ „Und dieſer Mann, der Dich ſo viele Jahre ge⸗ liebt und ſo geduldig gewartet hat, iſt er nicht würdig, daß Du zu ihm ſagſt: Ich will Die Deine ſein, ich will meinen Jugendträumen entſagen?“ „Eduard!“ rief Gertrud aus,„Du vergiſſeſt, daß nunmehr zwiſchen Dir und mir meine Armuth ſteht, wie ehedem mein Reichthum. Du haſt ſelbſt geſagt: Ich fordere, daß meine Frau ſo viel Vermögen mit⸗ „Sind Sie, Gertrud, das freimüthige Weſen, 105 bringt, um ihre eigenen Bedürfniſſe beſtreiten zu können. Nun wohl, ich beſitze nichts!“ „Geliebte Gertrud, Du biſt im Beſitz einer Arbeits⸗ kraft und dieſe Arbeit iſt mehr als genug für Dich und Deine Bedürfniſſe als Frau, und dann, wenn Gott Dir heiligere Pflichten als die der Gattin auf⸗ erlegen ſollte, dann giebt es kein Kapital ſo groß, deſſen Zinſen den Gewinn der Arbeit, welchen eine gute Mutter in ihren Kindern niederlegt, aufzuwägen vermöchte. Nun, Gertrud, wirſt Du auf's Neue Dein Herz verleugnen und noch einmal die Hälfte Deines eigenen Ich's von Dir weiſen?“ Rothe und weiße Wolken kamen und gingen auf Gertrud's Wangen. „Ich will nicht mit einem halben Worte Dich überreden“, nahm Eduard wieder das Wort.„Habe ich mich geirrt, daß Dein Herz Dich mahnt, die Meine zu werden, dann gehe ich, um ſchon morgen wiederzu⸗ kommen als Dein Freund. Ich werde ruhig des Tages gewärtigen, wo Dein Herz Dich zwingen wird, aus den beiden Schlägen unſeres Herzens einen zu machen!“ Er griff nach ſeinem Hute, reichte ihr die Hand und fügte mit bedeutend weicherer Stimme hinzu: „Lebe wohl, Gertrud!“ 106 Sie legte ihre Hand in die ſeinige und ſah zu ihm empor. Ihre Augen begegneten ſich, und in den⸗ ſelben ſpiegelte ſich die innigſte und treueſte Hingebung wieder. Eduard ſchloß ihre Hand feſt in die ſeinige und im nächſten Augenblicke ruhte Gertrud an Eduard's Bruſt. — — S S = —— — = = — — — — — — —= — — —— — — 8 — S — Jahr. — Es war mein ſiebzehnter Geburtstag; ein wichti⸗ ger Tag, beſonders, weil ich verliebt war. Ingenieur Blume war der Gegenſtand meiner Flamme, und es iſt nicht zu leugnen, daß die jungen Eiſenbahningenieure unwiderſtehlich ſind; ſie ſtehlen die Herzen der Landmädchen ebenſo geſchickt wie die Gardelieutenants die der Stadtmädchen. Die Ingenieure ſind die Löwen des platten Lan⸗ des, die Gardeoffiziere die der Hauptſtadt. Im Herumdrehen hat ein ſolcher Wildfang die Ruhe eines unſchuldigen Mädchens geſtohlen, und ſie ſteht da in ihrer Liebesluſt und Schmerz, das arme Kind. Der Dieb, der das meine genommen hatte, war ein männliches Ideal, das verſteht ſich von ſelbſt; ich kannte ihn wenig, aber das that ſeinen Vollkommen⸗ heiten keinen Abbruch. Fragte man aber, worin ſeine Vollkommenheiten beſtanden, ſo würde ich ſchwerlich im Stande ſein, eine genaue Antwort zu geben. 1¹0 Wenn man ſiebzehn Jahre alt iſt, liebt man, weil das Lieben Vergnügen macht. Es genügt vollſtändig, um das Herz zu entflammen, daß man mit einem jungen Mann ein paarmal getanzt hat. Wir, der Ingenieur und ich, wir hatten mitein⸗ ander getanzt. Er tanzte wie ein Engel, ſo meinte ich damals, vorausgeſetzt, daß die Engel tanzen. Auch hatten wir auf einem Geſellſhaftstheater geſpielt, er den Liebhaber, ich die Liebhaberin. Bei dieſer Gelegenheit entflammte meine Neigung. Freilich behaupteten die Tadelſüchtigen, daß er ſeine Rolle ſchlecht geſpielt habe, was ich aufs be⸗ ſtimmteſte beſtritt; aber man brachte mich damit zum Schweigen, daß ich meine Sache nicht beſſer gemacht hätte. Wie wäre es auch möglich geweſen, gut zu ſpie⸗ len in einer Scheune mit alten Bettdecken als Cou⸗ liſſen! Der Fehler haftete am Lokal, nicht an den Spielenden. Ingenieur Albert Blume war alſo ein Ideal, und Jeder, der das Entgegengeſetzte wurde als Feind betrachtet. Meine Couſine Regina war dreiſt genug, es zu thun, und ich verabſcheute ſie auch deshalb. Zur Feier meines ſiebzehnten Geburtstages hatte mein guter Onkel die Jugend des Ortes eingeladen, darunter Albert Blume. Wir ſollten tanzen und uns „göttlich amüſiren“. „Mein Ingenieur“ würde, als verliebter Jüng⸗ ling, ſchon am frühen Morgen der Dame ſeines Her⸗ zens aufwarten, ſo flüſterte die Phantaſie mir zu. Ich kleidete mich an dem Morgen mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt an. Mein eine halbe Elle hoher Spiegel ſagte mir, daß ich nicht gerade übel ausſah. Ich nickte dem Spiegelgebilde zu und eilte fröhlich die Treppe hinab. Einen Augenblick blieb ich ſtehen. Unten im Saale ſprach Regina mit Jemand. Mein Herz klopfte, meine Wangen flammten; die⸗ ſer Jemand war er. Wie ärgerlich, daß Regina eben jetzt im Saale ſein mußte! Sie hatte dort doch wahrlich nichts zu thun, wenigſtens jetzt nichts zu thun! Wäre ſie doch lieber in Haparanda oder Pſtad, nur nicht da, wo ſie jetzt war! Dieſer fromme Wunſch war kaum entſtanden, als Regina in den Hausflur trat. Sie nickte mir boshaft lächelnd zu, indem ſie flüſterte: „Beeile Dich, einzutreten, Dein ſüßer Herzens⸗ 2 Blume iſt da mit einem Wiſch, ſo groß wie er ſelbſt. Wie der Menſch doch immer komiſch iſt! Viel Glück, kleine Viola!“ Und damit lief ſie in den Garten hinaus. Verdrießlich darüber, daß ſie das„Ideal“ komiſch fand, trat ich in den Saal. All mein Aerger verſchwand, als der Gegenſtand meiner Flamme mir entgegentrat. Er hielt einen Blu⸗ menſtrauß in der Hand. Daß derſelbe ungewöhnlich groß war, ließ ſich nicht leugnen, aber ihn einen Wiſch zu nennen, war und blieb eine Niederträchtigkeit. Mit ausdrucksvoller Miene überreichte er mir die Blumen. Ich ſchlug die Augen nieder, erröthete und verneigte mich. Er ſprach einige Glückwünſche aus. Wie er ſeine Worte wohl ſetzte! Ich wenigſtens meinte es ſo zu hören, obgleich ich nicht mehr von ſeiner Rede, als: „wahre Bewunderung“,„Ergebenheit“ und„glückliche Stunden“ auffaßte. Ich war höchſt aufgeregt, ich war glücklich! Ich verbarg das Geſicht in den Blumen, und er— er küßte meine Hand. Erſchrocken eilte ich aus dem Zimmer und hätte Regina, die auf dem Hausflur ſtand und lachte, faſt umgerannt. Ich ſchob ſie beiſeite und ſprang in 113 den Garten. Hier ſuchte ich den verſteckteſten Platz auf, um ungeſtört zu ſein. Die geküßte Hand wurde beſchaut. Es fand ſich keine Spur der bärtigen Lippen vor, die ſie berührt hatten. Dies beruhigte mich ſehr. Der Blumenſtrauß wurde der Gegenſtand meines zärtlichſten Geſchmeichels, ich küßte ihn und fand das Leben wunderſchön. „Viola! Viola!“ hörte ich Onkel rufen. Mich taub zu ſtellen, konnte zu nichts führen, er hätte mich bald ausfindig gemacht. Ich mußte aus meinem Verſtecke heraus, wenn ich es auch ſehr ſchwer fand, Regina entgegenzutreten. Mein Herzensonkel trat an mein Verſteck heran, bevor ich mich entſchließen konnte, es zu verlaſſen. Er ſtreichelte mir die Wange und ſcherzte über den „Wiſch“, den ich in der Hand hielt. Ich erröthete dabei über und über. Mit tiefniedergeſchlagenem Blick trat ich in den Saal; die Augen zu erheben, war mir unmöglich. „Blicke empor mit Deinen ſchönen Augen, Viola!“ rief Regina.„Der ſüße Anbeter iſt fort. Er mußte auf die Linie hinaus, das arme Opfer, aber Du haſt ihn heute nittag wieder und deshalb ſ Dich, Schwartz, Rovellen. 144 Du glühendes Herz!“ Man muß geſtehen, daß Re⸗ gina mich reizte. Der Nachmittag war da. Wer mochte das ſein, der eine halbe Stunde früher als die andern Gäſte die Allee herauffuhr und an der Veranda ausſtieg? Wer? Ich wagte nicht, dorthin zu blicken. Es trat Jemand ein— er war es. Wir waren allein. Regina hatte Verſchiedenes in der Haushaltung zu thun; die Tante kleidete ſich an, und der Onkel war noch nicht von ſeinem Mit⸗ tagsſchläfchen erwacht. Mein Ingenieur und ich ſetzten uns auf die Ve⸗ randa. Er blickte mich an; ich erröthete. Er fragte, ob ich ihm böſe ſei, und dabei ſeufzte er. Ich antwortete mit einem faſt lautloſen Nein, betrachtete die Falten meines Kleides und ſeufzte auch. Es entſtand eine Pauſe. Ich blickte ihn an, es begegnete mir aber ein zärtlicher Blick, und ich wandte erſchreckt das Geſicht ab. Er bat mich um den erſten Walzer und bekam meine Zuſage. Er ſeufzte wieder und ſchwieg. Die Gäſte kamen an und machten unſerer Fahrt nach der Glückſeligkeitsinſel ein Ende. Mein ſiebzehnjähriger Geburtstag ſchien mir ein 145 wunderbarer Tag zu ſein, ja, ich meinte, er ſei be⸗ ſtimmt der glücklichſte Tag meines Lebens. Doch man darf den Tag nicht preiſen, bevor er zu Ende iſt. Albert Blume und ich eröffneten den Ball. Welcher Walzer! Ich flog durch den Saal auf den Flügeln der Töne oder der Liebe; auf welchen von beiden, weiß ich nicht, auch kümmerte mich der Takt nicht im geringſten. Wer konnte an Takt denken, während der Arm des Geliebten einen durch den wir⸗ belnden Tanz trug! Der Walzer war zu Ende. Ich ſaß wieder auf der Veranda. Mein Geliebter ſaß jedoch nicht an meiner Seite. Man hatte ihn gezwungen, den andern Herren zu einem Tiſch zu folgen, welcher im Garten ſtand und mit Punſchbowlen und Gläſern beſetzt war. Regina kam und ſetzte ſich zu mir. „Ich habe ſo ſehr gelacht, daß ich faſt krank bin“, ſagte ſie. „Das intereſſirt mich nicht“, antwortete ich und hatte dabei ein Gefühl, als ob ſie irgend eine Bosheit im Sinne habe. „Worüber ich gelacht, müßte Dich doch intereſſiren; es war Dein Adonis, der meine Fröhlichkeit wach rief.“ Und Regina lachte laut auf. 8* 146 Beleidigt erhob ich mich, um ſie zu verlaſſen. „Walze niemals mit Deinem Ideal“, flüſterte ſie. „Er kann ja nicht Takt halten, er hüpft und ſpringt ja wie eine gefangene Fliege im Glaſe!“ Und Regina vermochte vor Lachen nicht weiter zu ſprechen. Ich frage aufs Gewiſſen, ob man ſich etwas Un⸗ artigeres denken kann als Regina's Benehmen? Außer mir vor Zorn lief ich von ihr fort und trat in die Wohnſtube, um mich zu beruhigen. Dort waren aber einige junge Mädchen damit be⸗ ſchäftigt, den zu Ehren meines ſiebzehnjährigen Ge⸗ burtstages mit Blumen geſchmückten Tiſch zu betrachten. „Wer hat Dir dieſen entſetzlichen Blumenſtrauß gegeben?“ rief man mir entgegen. Entſetzlicher Blumenſtrauß, ſagten ſie. Ich hatte ein Gefühl, als ob ich erſticken müßte. „Ingenieur Blume“, antwortete ich. Die Mädchen begannen laut zu lachen. „Das iſt ja ein vollſtändiger Kehrbeſen“, ſagte eins der Mädchen,„ein Bauernſtrauß!“ „Um den Muth zu haben, ſolche abſcheuliche Blu⸗ men zu verſchenken, muß man ſelber Blume heißen“, fiel ein anderes ein. „Wirf ſie zum Fenſter hinaus!“ meinte eine dritte. Der Antwort meinerſeits auf dieſe Ausfälle er⸗ 117 innere ich mich nicht, aber ich nehme an, daß ſie im höchſten Grade einfältig war; denn von nun an gal⸗ ten die übermüthigen Reden nicht länger den Blumen, ſondern kehrten ſich gegen mich. Es wurde eine Frangaiſe aufgeſpielt, und die übermüthigen Scherze hörten endlich auf. Ich warf einen prüfenden Blick auf Blume's Bouquet und mußte leider, wenn auch mit betrübtem Sinn, erkennen, daß es im höchſten Grade geſchmack⸗ los war. Dieſe Entdeckung machte mich niedergeſchlagen. Das Leben lächelte mich nicht länger fröhlich an. In der Frangaiſe ſtanden Regina und Blume mir gegenüber. Bei einer der Touren flüſterte Regina mir zu: „Sieh doch einmal die Füße Deines Adonis an, ſie haben große Aehnlichkeit mit Hummerſcheeren.“ Regina würgen, wäre nur gerecht geweſen; allein es war nicht ausführbar; meine Blicke folgten der angegebenen Richtung. Der Unglückliche! Er kehrte in der That die Fuß⸗ ſpitzen einwärts, die Hacken auswärts. Ich war nahe daran, Thränen zu vergießen. Weshalb ſah ich ſeine Füße an? Konnte ich mich doch mit ſeinen ſchönen Augen, ſeinem netten Stutz⸗ 1¹8 barte tröſten. Es gelang mir dies indeß nicht; ein Magnet ſchien meine Blicke an ſeine Stiefelſpitzen zu feſſeln. Endlich war der Tanz zu Ende; er hatte eine Ewigkeit gedauert, ſo ſchien es mir, ich hatte viel ge⸗ litten unter der unglücklichen Neigung einer einwärts ſtrebenden Richtung ſeiner Füße. „Jetzt eilt Blume nach der Punſchbowle“, ſagte Regina.„Er trinkt fürchterlich, der Burſche!“ fügte ſie hinzu. Er trinkt? Das wenigſtens mußte Verleumdung ſein. Ich trat in den Garten, um mich zu überzeugen. An dem Tiſche dort ſtand Blume und in einem Au⸗ genblick hatte er zwei große Gläſer Punſch geleert. Er hätte vielleicht noch mehrere Gläſer getrunken, wenn er mich nicht gewahr geworden wäre, aber dies hatte zur Folge, daß er die Kameraden verließ und zu mir trat. Er ſprach Gott weiß was. Ich antwortete un⸗ zuſammenhängend. Meine Blicke blieben auf ſeinen Füßen wie gebannt. Das Bild von Hummerſcheeren ſpukte in meinem Gehirn. Ich war nicht glücklich, ich war niedergeſchlagen und betrübt. All meine Freude hätte wiederkehren 119 können, wenn Blume die Hacken einwärts gezogen, den Strauß ungebunden gelaſſen, Punſch zu trinken aufgehört und im Takt zu tanzen verſucht hätte. Welche Menge von Fehlern und wie ſchnell ſie entdeckt worden waren! Die Fröhlichkeit der Andern ſteigerte ſich trotz meines Kummers immer mehr, je länger der Tanz andauerte. Während der Abendtiſch gedeckt wurde, verſam⸗ melte die Geſellſchaft ſich in dem großen Vorgarten, um allerhand Spiele und Kurzweil zu treiben. Blume ſetzte ſich an meine Seite. Er flüſterte mir Worte zu, die mich, wären ſie vor dem Tanze geſprochen worden, in den Himmel gehoben haben würden, jetzt beunruhigten ſie mich nur. Er bat mich um etwas, aber was es war, ver⸗ ſtand ich nicht und antwortete aus dieſem Grunde nicht. Mein Schweigen legte er als Einwilligung aus und ſagte: „Morgen ſpreche ich mit Ihrem Onkel; wenn er ſeinen Beifall gibt, iſt die Sache abgemacht.“ Hatte er um mich angehalten und ich ſeine Worte nicht recht verſtanden, weil er öfter unterbrochen wor⸗ den war? Wie ein Feuerſtrahl durchzitterte es mein Herz bei dieſer Vorausſetzung. 120 Ich würde ſomit einen glatten Ring auf den Finger bekommen und einen Bräutigam zum Spazierengehen ha⸗ ben. O wie entzückend Aber ſeine Füße, ſeine Füße! Was ſollte ich mit ſeinen Füßen machen? Ihm beibringen, wie er die Hacken einwärts ſetzen müſſe— nun, das würde ja ein Leichtes ſein. Und nun lächelte mich die Hoffnung wieder an. Aber Regina zupfte mich am Arm und flüſterte mir zu: „Glaube doch nicht, was der Adonis ſagt, er hat ja zu viel Punſch getrunken!“ Ich fuhr zuſammen, ſchaute das Ideal an und ſchauderte. Sein Blick war trübe, ſein Geſicht glühte. Ich beeilte mich, ihn zu verlaſſen. Bei Tiſche fragte mich Regina: „Haſt Du geſehen, wie Deine Blume das Eſſen verſchluckt?“ „Laß mich in Ruh'“, ſic ich ärgerlich und ver⸗ biß meinen Gram an der Keule einer wilden Ente. Ich konnte jedoch nicht umhin, Blume anzuſehen, er ſaß mir gerade gegenüber. Regina, die Boshafte, hatte auch dieſes Mal Recht. Blume ſah entſetzlich aus, ganz, als ob er Alkes, was auf dem Tiſch ſtand, mit den Augen verſchlucken möchte, trotzdem er ſich immerfort den Mund vollſtopfet. 124 Ich trat an ihn heran. Meine Gegenwart wird ſeinem Heißhunger Abbruch thun, dachte ich. Allein er bemerkte nicht, daß ich an ſeiner Seite ſtand. Er kaute, ſchmatzte und ſchluckte nur. Er ſchmatzte! Das war aber mehr als unſchicklich, das war ein Verbrechen! Ich redete ihn an, aber in demſelben Augenblick ſtieß ſein Nebenmann mit ihm an, und er hörte mich nicht. Das war doch zu viel für mein ſiebzehnjähriges Herz. Das Ideal hatte ſich ſchnellſtens in eine eſſende und trinkende Maſchine verwandelt, welche in der Welt auf ein paar Hummerſcheeren ſpazierte. Ich war grenzenlos unglücklich. Ich eilte auf mein Zimmer und vergoß hier Ströme von Thränen. Mein Liebestraum war vernichtet. Alle meine Illuſionen waren dahin! Als ich wieder in den Saal trat, wo ich hoffte, Blume untröſtlich über meine Abweſenheit zu finden, ſah ich ihn mit Regina walzen und zwar ohne allen Takt. Der Ball war zu Ende, und die Lichter erloſchen, aber auch die Flamme war zu Ende, war erloſchen, die ſo hoch in meinem Buſen gelodert hatte. 122 Was vermag nicht eine eifrige Freundin! Und ſo endete der Tag, welcher ſo glücklich be⸗ gonnen hatte. Am folgenden Morgen erwachte ich mit leerem Herzen. Das, was geſchehen war, ſchien mir ein Traum zu ſein, und ich begriff nicht, wie ich jemals ſo verliebt in denjenigen hatte ſein können, der mir jetzt ſo widerlich erſchien. Man müßte ja verrückt ſein, einen Mann zu lieben, der ſchmatzte, der das Eſ⸗ ſen verſchlang, der ohne Takt tanzte und die Füße einwärts ſetzte. Ich begriff nicht, wie ich alle dieſe Fehler hatte überſehen können, wie ich ein Ideal hatte haben können, welches dermaßen mit Gebrechen behaftet war. Ich war mit Blindheit geſchlagen geweſen, das war klar; aber jetzt war ich in der That geheilt. Albert Blume konnte mit Sicherheit auf einen Korb rechnen, wenn er vom Onkel meine Hand begehren ſollte. Er wollte es ja an dieſem Tage thun, wenigſtens wußte ich nicht, warum er ſonſt meine Einwilligung hatte haben wollen, um mit Onkel zu reden. In Gedanken überlegte ich, was ich wohl ant⸗ worten könnte, wenn Onkel mich fragte, ob ich Herrn Albert Blume ich zum Ehemann haben wollte, und 123 war ſehr zufrieden mit den Phraſen, die ich ausge⸗ ſonnen hatte, und mit mir ſelbſt. Endlich war ich ſo weit gekommen, daß ich meinen eigentlichen Werth zu ſchätzen wußte. Zufrieden begab ich mich in den Garten. Ich ſollte jedoch nicht lange meine Einſamkeit ge⸗ nießen. Regina kam mir in vollem Laufe nach. „Beeile Dich, zum Vater hinaufzukommen!“ ſagte ſie.„Deine blühende Blume iſt bei ihm und hat merk⸗ würdige Dinge zu ſagen. Der Vater bat mich, Dich zu rufen.“ „Iſt Blume noch hier?“ fragte ich. „Freilich iſt er hier, er kann doch nicht eher gehen, das arme Thier, bevor er weiß, wie es abläuft. Ich meinestheils fand ſeinen Vorſchlag annehmbar und habe meine Einwilligung gegeben.“ Regina hatte ihre Einwilligung gegeben, ohne um die meinige zu fragen. War ich es doch, ſollte ich meinen, die ja oder nein zu ſagen hatte! Regina ſchien in der That da zu ſein, um mich zu reizen. Zögernden Schrittes begab ich mich zu meinem DOnkel. Ich fand es weniger angenehm, meinen Ab⸗ ſchlag in Gegenwart von Blume ſelbſt zu geben, na⸗ mentlich, weil ich ihm doch erlaubt hatte, mit Onkel zu reden. Ich fand zu meinem unbeſchreiblichen Aerger On⸗ 124 kel und Blume damit beſchäftigt, zu frühſtücken, und ſie zeigten vortrefflichen Appetit. Eſſen, wenn man da iſt, um Herz und Hand einer Jungfrau zu begehren! Eſſen, bevor man ſein Geſchick weiß! Eſſen, während das Herz von Qualen und Ungewißheit gefoltert iſt! Wenn irgend ein Fünkchen meiner Illuſionen noch zurückgeblieben wäre, ſo genügte dieſer Anblick nun ganz und gar, um es zu erſticken. Bei meinem Eintritt erhob Blume ſich ſofort vom Tiſche, wiſchte ſich den Mund ab und kam wie ein Bauer auf mich zugeſchlenkert. Um das Maß voll zu machen, trug er ein ſchwarzes Halstuch und einen kurzen, geſprenkelten Sommerrock. Nicht einmal ſich ſchicklich anzukleiden, hielt er für nöthig, wenn er um meine Hand anhielt! Das war zu viel. Mein Gruß fiel ſehr ſteif z abgemeſſen aus; ich warf den Kopf ſtolz zurück und nahm eine mög⸗ lichſt beleidigte und ſchnippiſche Miene an. „Vivla, bitte die Mutter, ſie möchte doch hierher kommen und möchte auch eine Flaſche Portwein mit⸗ bringen, damit wir ein Glas darauf leeren“, ſagte Onkel und nickte Blume zu, welcher dabei ſehr fade und ſelbſtzufrieden dreinſchaute. 425 Was für ein eingebildeter Narr! dachte ich und beeilte mich, die Tante herbeizurufen. Er ſieht die Sache ſchon als abgemacht an, und ſo auch der Onkel. Das iſt aber doch zu unverſchämt! Was berechtigt Herrn Blume zu dieſer Sicherheit? Ganz und gar nichts, meinte ich, vergaß aber dabei vollſtändig, wie ich mich für ihn intereſſirt und wie viel tauſend kleine Vorzüge ich ihm vor Andern hatte angedeihen laſſen. Als die Tante und ich wieder eintraten, war auch Regina im Zimmer. Die Herren hatten ſich wieder an den Frühſtückstiſch geſetzt. Der Präſentirteller mit dem Wein und den Glä⸗ ſern wurde neben Onkel hingeſtellt, und mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit füllte er die Gläſer. Ich ſtand wie auf glühenden Kohlen. Was ſollte das Alles heißen? Beabſichtigte Onkel auf das Wohl Blume's und das meinige zu trinken, ohne mich vorher zu fragen, ob ich den Herrn Inge⸗ nieur haben wolle? Hatte der abſcheuliche Menſch Onkel geſagt, daß ich meine Einwilligung gegeben? Das wäre unerhört! Aber wer dagegen vopponiren würde, war ich! „Nun, Mutter und Ihr Mädchen, nehmt Eure Gläſer zur Hand und ſtoßt mit dem Herrn Ingenieur an, der heute hier iſt, um—“ 126 Onkel bekam einen Huſtenanfall und mußte ab⸗ brechen. Sollte auch ich anſtoßen? Onkel war ganz be⸗ ſtimmt nicht recht bei Sinnen. Der Huſten legte ſich, und Onkel ergriff wieder das Wort: „Um in ſeinem und ſeiner Collegen Namen uns zu dem Balle einzuladen, den ſie in dem neuen Sta⸗ tionshauſe der Eiſenbahn arrangiren werden. Es ver⸗ ſpricht ein ſchönes Feſt zu werden, und da die Anre⸗ gung zu demſelben von Herrn Blume ausgegangen iſt, ſo ſtatten wir namentlich ihm unſern Dank ab. Nun, Mädchen, ſtoßt mit Herrn Blume an! Du, Viola, haſt doch nichts dagegen, dem Balle beizuwohnen, ſollte ich meinen, Du haſt ja ſchon geſtern Herrn Blume zu erſcheinen verſprochen, wenn ich nichts dagegen hätte.“ Ich war wie aus den Wolken gefallen und hätte beinahe das Glas aus der Hand verloren. Es über⸗ kam mich eine faſt unwiderſtehliche Luſt, das gegebene Ja in ein Nein zu verwandeln; allein ich wagte es nicht aus Furcht vor der ſpöttiſchen Regina. Es galt ſomit nur einen Ball, nicht eine Wer⸗ bung! Blume war aber jetzt in meinen Augen nicht nur 127 ein geſchmackloſer Menſch, ſondern auch ein Betrüger, der mich in der abſcheulichſten Weiſe um die Hoffnung gebracht, die ich auf Ertheilung eines Korbes geſetzt hatte. Mit ihm anſtoßen, war mehr, als ich vermochte. Ich verneigte mich in reſpektvoller Entfernung von ihm, trank aber in meinem Aerger mit ſolcher Heftig⸗ keit aus dem Glaſe, daß mir der Wein in die Luft⸗ röhre kam. Ich mußte aus dem Zimmer eilen, und als ich mich auf dem meinigen befand, machte ich mei⸗ ner Wuth über die vereitelten Hoffnungen erſt recht Luft. Es ſchien aber beſtimmt, daß ich an dem Tage auch keine Ruhe haben ſollte. Am vorhergegangenen Tage war ich aus meinen Glückſeligkeitsträumereien aufgeſtört worden, an dieſem ließ man mir nicht ein⸗ mal Ruhe, über mein Unglück nachzudenken. Regina trat zu mir ein. „Wie hängt das zuſammen, Viola? Haſt Du Dich mit Deinem Adonis überworfen, da Du nicht mit ihm anſtoßen wollteſt, ſondern davonliefſt? Das iſt unrecht, namentlich jetzt, wo er einen Ball gibt, und zwar weil er ganz närriſch in Dich verliebt iſt; der Menſch iſt bedeutender geworden, ſeitdem der Ball aufs Tapet kam— es wächſt der Menſch mit Zwecken— und — 128 ich habe angefangen mich damit auszuſöhnen, daß ſeine großen Zehen ſich küſſen. Deine Leidenſchaft für ihn finde ich bei näherer Betrachtung natürlich und werde Dich deshalb nicht mehr auslachen.“ „Meine Leidenſchaft!“ rief ich heftig.„Was meinſt Du damit?“ „Deine ſublime Liebe, liebes Kind, zu Albert Blume.“ „Meine Liebe zu Blume!“ rief ich verächtlich. „Liebe Regina, Du ſetzeſt immer allerlei dumme Ge⸗ ſchichten zuſammen. Ich meinerſeits kenne keine lang⸗ weiligere Figur als Blume.“ „Ach ſo! Heute ſingſt Du in der Tonart, geſtern warſt Du bis über die Ohren verliebt. Mädel, Mädel, wie leichtſinnig Du biſt!“ declamirte Regina. Ich aber lief davon, damit ich die Geduld nicht ganz und gar verlieren möchte. Der Balltag kam heran. Man mag verliebt ſein oder nicht, ein Ball iſt einem tanzluſtigen, ſiebzehnjährigen Mädchen immer eine große Freude. Und ich konnte es in der That auch nicht laſſen, recht herzlich erfreut zu ſein, als ich mich zu dem Feſt der Herren Ingenieure begab. 129 Die beſten Tänzer des Ortes würden dort erſchei⸗ nen, und wenn ich auch jetzt für Niemand glühte, ſo konnte wohl im Verlauf des Abends eine Flamme kommen. Und überhaupt wär' es ſchon des Tanzens allein wegen angenehm zu tanzen. Blume war einer der Feſtordner. Er führte uns in den mit Laubwerk und Blumen geſchmückten Ballſaal, welcher künftig Warteſaal werden ſollte. Merkwürdigerweiſe bat er ſich von Regina den erſten Walzer aus, während er mich zu der erſten Frangaiſe engagirte. Ich war dermaßen daran gewöhnt, daß er mich ſtets zu dem erſten Walzer engagirte, daß ich mich beleidigt fühlte, namentlich weil ich die Abſicht gehabt halte, ihm denſelben zu verweigern. Ich hätte Gott weiß was gegeben, um zu dem erſten Walzer engagirt zu werden und nein ſagen zu können. Es iſt eine Eigenthümlichkeit bei allen jungen Mädchen, daß ſie, wenn ſie auch eines Bewunderers überdrüſſig ſind, doch wollen, daß er für ſie ſeufzen ſoll, und ſie verzeihen ihm nicht, wenn er nicht fort⸗ fährt, lauter Aufmerkſamkeit für ſie zu ſein.— Ja, ja, ſo iſt es, ihr lieben Mädchen, es iſt gerade nicht ſchön, aber wahr bleibt es trotz alledem. Blume hatte noch nie den erſten Walzer mit Re⸗ gina getanzt. wie konnte er nun gerade ſo dreiſt ſein, Schwartz, Novellen II. 9 — 130 nachdem er bei mir in Ungnade gerathen und Alles hätte thun müſſen, um mich zu beſänftigen!— Dies Letztere war allerdings nur vergeblich, aber es wäre doch ſeine Schuldigkeit geweſen, es zu verſuchen. Nachdem wir unſere Sitze eingenommen hatten, beeilte ſich Blume, ſeine Pflicht als Wirth gegen die andern Gäſte zu erfüllen. Unterdeſſen ſtrömten die Tanzengagements auf mich ein. Der luſtige Lieutenant F. hielt bei mir um die Frangaiſe an, die ich Blume verſprochen hatte, und meines gegebenen Verſprechens ungeachtet ſagte ich ſie dem Lieutenant zu. Blume trat jeden Augenblick, den er erübrigen konnte, auf uns zu, ſprach einige Worte und blickte mich mit einem Ausdruck an, der meine Nerven reizte Allerdings mußte er fortfahren in mich verliebt zu ſein, aber er durfte mir keine zärtlichen Blicke zuwerfen. Ich beantwortete dieſelben mit einem Blick, der ihm hätte ſagen müſſen, daß er mir gar nichts war. Der Tanz begann. Der erſte Walzer war zu Ende, auch die Polka war aus, nun kam die Frangaiſe an die Reihe. Lieutenant F. ſtand neben mir, Blume kam mit ſeinen einwärtsgekehrten Schritten auf mich zu. Ich 13¹ reichte dem Lieutenant meine Hand, damit er mich zum Tanze führe. „Sie verſprachen mir dieſen Tanz“, ſagte Blume. „Deſſen entſinne ich mich nicht“, antwortete ich und zwar mit der ganzen Naſeweisheit eines ſiebzehn⸗ jährigen Mädchens. Blume verſtummte; er ſah mich nur an. Seine ſchönen, ſeelenvollen Augen hatten dabei einen Aus⸗ druck, der mich mit mir ſelbſt mißvergnügt machte. In dieſem Augenblick hätte ich gern den Lieutenant verlaſſen und mit Blume getanzt. Nach der Frangaiſe traten wir auf den mit Laub geſchmückten Perron hinaus. Blume ſchloß ſich an mich an. Ich ſtand im Augenblick allein. „Mein Fräulein“, ſagte er,„wollen Sie mir eine Frage aufrichtig beantworten?“ „Das kommt darauf an, was ſie betrifft“, ant⸗ wortete ich, ohne ihn anzublicken. Ich ſchämte mich über mein Betragen, ihm gegenüber mein Wort gebro⸗ chen zu haben. „Es betrifft eine Kleinigkeit, aber eine ſolche, die für mich Bedeutung hat“, ſagte er. „Bitte, fragen Sie, dann werde ich ja entſchei⸗ den können, ob ich aufrichtig antworten will.“ „Mag es ſo ſein. Hatten Sie vergeſſen, daß g. 132 ich Sie um die Frangaiſe gebeten und Sie mir dieſelbe zugeſagt hatten, oder war Ihre Handlungsweiſe ab⸗ ſichtlich?“ Ich fühlte, daß ſein Blick auf mir haftete, ich er⸗ röthete und ſchwieg, ich konnte nicht lügen. „Sie ſchweigen! Es war ſomit abſichtlich. Sie haben mir einen unverdienten Schmerz verurſacht, Fräulein, mir, der Sie ſo aufrichtig und warm liebte; allein Sie haben mir auch einen großen Dienſt erwie⸗ ſen, indem Sie mir gezeigt haben, daß Sie das gute und liebenswürdige Mädchen nicht ſind, für welches ich Sie hielt.“ „Herr Ingenieur!“ rief ich und blickte empor.— Er war verſchwunden. Von dieſem Augenblick an kam er an dem ganzen Ballabend nicht mehr in meine Nähe. Der Menſch mußte beſtimmt nur da ſein, um mich zu ärgern und zu kränken. An meinem ſiebzehnten Geburtstag zerſtörte er meine Illuſionen, meine lächelnden Liebesträume, und nun hatte er es dahin gebracht, daß ich mich meiner ſelbſt ſchämte. Ich bereute in dem Grade mein Betra⸗ gen, daß ich ſehr verſucht war, ihn um Verzeihung zu bitten. Allein mein Stolz hielt mich davon zurück. Sonderbar genug, ſchien es mir nach ſeiner Zu⸗ rechtweiſung, als ob ſeine Hacken ſich mehr einwärts, 133 ſeine Zehen mehr auswärts zögen, als ob er nicht mehr ſo komiſch beim Tanzen. ausſähe, und bei der Abendmahlzeit aß er faſt gar nichts. Ob er Punſch trank, weiß ich nicht, aber erhitzt ſah er gar nicht aus. Ich muß geſtehen, daß ich ihn nach der Frangaiſe ganz anders fand als bei meiner Ankunft auf dem Balle. Er beſchäftigte ſich mit allen, nur nicht mit mir. Er tanzte und plauderte mit den andern Mädchen, nur nicht mit mir; für mich hatte er nicht einen, wenn auch nur flüchtigen Blick und nicht ein Wort. Der Ball ſchien mir entſetzlich langweilig. Ich konnte Blume gar nicht aus den Gedanken bekommen. Als ich endlich in Onkels Wagen ſaß und heim⸗ wärts rollte, war ich ſehr zum Weinen geneigt, eine Neigung, die endlich obſiegte, als Onkel und Tante zankten, weil ich Blume bei der Frangaiſe hatte ſtehen laſſen. Tante hatte gehört, daß er mich für die Fran⸗ Caiſe engagirt, und hatte geſehen, daß ich deſſenunge⸗ achtet mit Lieutenant F. getanzt hatte. Tante ſchämte ſich wegen meines Betragens und meinte, dies müſſe ja ihr zur Laſt fallen, weil ſie mich doch erzogen habe. Onkel behauptete, ich müſſe als Strafe Blume um Verzeihung bitten, und Regina 134 ſtimmte dem ſcherzend bei, indem ſie noch hinzufügte, daß die Abbitte öffentlich geſchehen müſſe. Ich war ſehr unglücklich. Als ich und Regina allein in unſerem Zimmer waren, weinte ich lange, ich war ſehr unglücklich. „Aber was in aller Welt fehlt Dir, Viola?“ rief endlich Regina.„Deine Thränen fließen ja wie eine Waſſerleitung. Biſt Du krank, oder was fehlt Dir? Weshalb betrugſt Du Dich ſo gegen Blume, daß Papa und Mama darüber zanken mußten? Bedenke doch, was der Arme ſich für Mühe gegeben hat, und Alles Deinetwegen. Du biſt undankbar geweſen, und wenn Du deshalb weinſt, ſo haſt Du meine Hochachtung.“ „Du biſt daran ſchuld!“ ſchluchzte ich.„Du haſt mich aufmerkſam auf ſeine unfeinen Manieren gemacht. Jetzt kann ich ihn nicht leiden.“ „Nun, das nenne ich aber einfältig, Viola!“ er⸗ klärte Regina.„Wenn Deine Neigung für Blume nicht ſtärker war, als daß dergleichen Kleinigkeiten ihr Abbruch thun konnten, ſo war ſie auch nicht weit her. Jedenfalls geben Dir ſeine kleinen Fehler das Recht nicht, unhöflich zu ſein.— Nun, beſchlafe die Sache und bitte morgen Deinen Adonis um Verzeihung, es kann noch Alles gut werden.“ Die Sache beſchlafen! 135 Ja, das konnte Regina, ich gewiß nicht. Mich verfolgten die ganze Nacht Blume's Augen. Mir war, als wären ſie fortwährend auf mich mit dem ernſten und vorwurfsvollen Ausdruck gerichtet, den ſie gehabt, als er mich fragte, ob ich wirklich mein Verſprechen vergeſſen oder mit Abſicht gehandelt hätte. Ich war ein unbedachtſames Kind geweſen, das den Einflüſterungen des Augenblicks folgte; aber ich hatte früher nichts mir vorzuwerfen gehabt. Jetzt ſchien es mir, als ſei ich alt, voll von Sünden und Reue geworden. Es war eine lange Nacht, aber auch auf dieſe folgte ein Morgen, und ich ſah dann die Sache in einem viel milderen Lichte. Allerdings hatte ich mich ſchlecht betragen und durfte nie wieder desgleichen thun, aber der Fehler ſchien mir nun nicht mehr un⸗ verzeihlich. Zwei Tage ſpäter ſaßen Regina und ich auf der Veranda, als ein Wagen vorfuhr. Blume ſaß in demſelben. Mir ſtieg das Blut zu Kopf und ich wollte ſo⸗ gleich davoneilen. Niemand wird es mir verdenken, daß ich es unangenehm fand, mit Jemand zuſam⸗ menzutreffen, der mir geradezu geſagt hatte, daß er ſein gutes früheres Urtheil über mich verloren habe. 136 Schlimmer noch war es zu wiſſen, daß ich eine ſolche Erklärung verdient hatte. Was fällt Dir ein?“ rief Regina.„Willſt Du davonlaufen und Dich wieder unhöflich betragen? Bleibe Du ruhig ſitzen. Blume beißt nicht. Wenn er auch aufgehört hat, Dein Ideal zu ſein, und Du nicht mehr das ſeinige biſt, ſo könnt Ihr doch wohl wie ge⸗ bildete Menſchen miteinander ſprechen.“ Was blieb mir zu thun übrig? Ich mußte bleiben. Ja, Regina war mein böſes Geſchick. Blume begrüßte mich höflich, aber kalt. Er gab Regina die Hand und dankte ihr für die Freude, die ſie ihm und den andern Herren durch ihre Anweſen⸗ heit auf dem kleinen Balle geſpendet hatte. Er fragte nach Onkel und Tante, ſagte, daß er gekommen ſei, um Abſchied zu nehmen, indem er einige Meilen weiter bei dem Nivellement commandirt ſei, und daß er ſchon an dem folgenden Tage abreiſen würde. Er ſprach ganz ungezwungen mit Regina von ſei⸗ ner Ueberſiedelung und ſah nicht im geringſten betrübt aus. An mich richtete er kein Wort; es hatte faſt den Anſchein, als ob er meine Anweſenheit nicht bemerkte. Mir war ſehr übel zu Muthe, und ich war ſo gereizt gegen Blume und Regina, daß ich mich kaum zu beherrſchen vermochte. 137 Als Regina ſich erhob, um Onkel und Tante zu benachrichtigen, daß Blume da ſei, um Abſchied zu“ nehmen, kam ich ihr zuvor. Ich hatte die Abſicht, nicht zurückzukehren. Er ſollte wenigſtens mein Lebewohl nicht bekommen. Mein beſſeres Ich hielt mich jedoch davon zurück, dieſe Abſicht auszuführen, und ich trat wieder auf die Veranda hinaus, als Onkel und Tante dort ſaßen. Nachdem die Herren geplaudert und einige Gläſer Wein getrunken hatten, erhob ſich Blume und nahm Abſchied. Er ſagte meinen Anverwandten ſeinen Dank für ihre Gaſtfreundſchaft, dankte Regina beſonders für die frohen Stunden, die er in ihrer Geſellſchaft verlebt hatte; mir dankte er gar nicht, reichte mir nicht ein⸗ mal die Hand, ſondern verbeugte ſich in ziemlicher Entfernung von mir und wünſchte allen einen fröh⸗ lichen Sommer. O, ich dachte, ich müßte vor beleidigter Eitelkeit erſticken! Ich ſah ihn abfahren und meinte nun meinerſeits, daß er ſich unhöflich betragen habe, und daß ich nicht nöthig hätte, mir Vorwürfe zu machen. Nein, er hatte nun Alles und mit Zinſen zurückgezahlt. Wir Mädchen glauben das Recht zu haben, uns 138 ſo ſchlecht wie möglich gegen die Männer zu betragen, die uns die Cour machen; fällt es ihnen aber ein, nicht mit der größten Ergebenheit unſere Launen zu ertra⸗ gen, dann betrachten wir ſie als unzuverläſſig und flatterhaft und haben keinen Gedanken dafür, warum ſie ihr Betragen ändern. Blume war in meinen Augen der flüchtigſte Menſch, den es auf der ganzen großen Welt Gottes gab. Ich faßte auch den Entſchluß, nie mehr an ihn zu denken, was um ſo leichter ſein würde, als er nach Verlauf einiger Monate ganz aus unſerer Gegend abreiſte. Er war nach einer andern Provinz verſetzt wor⸗ den und verließ die unſere, ohne uns noch einen Be⸗ ſuch zu machen. Ihm ſchien es wohl, als genügte ſein früher abgeſtatteter Dank für die ihm erwieſene Gaſt⸗ freundlichkeit. Dies reizte mich aufs neue, und je gereizter ich war, deſto mehr nahm er meine Gedanken ein. Bald war er unzertrennlich von denſelben. Ich konnte ganze Stunden ſitzen und darüber nachſinnen, wie ſchlecht er tanzte, wie gefräßig er war, welche niederträchtigen Füße er hatte, aber deſſenungeachtet vermochte ich doch nicht, ihn verabſcheuungswerth zu finden, ſondern es ſchien mir ſogar, als ſei er hübſch, als habe er gute ehrliche Augen und ein ſo herzliches Lächeln, daß ich mich gern 139 mit den genannten Fehlern ausgeſöhnt hätte, wenn er nur zurückgekehrt wäre, wodurch ich nur wieder Ge⸗ legenheit gehabt hätte, öfter mit ihm zuſammen zu tref⸗ fen. Es gab jetzt Niemand, der mir die Tauſende von Artigkeiten erwies, die er an mich verſchwendet hatte und die ich nun ſchmerzlich vermißte. Leider ſteigerte ſich mein Kummer noch dadurch, daß ich wohl einſah, daß Eitelkeit der Beweggrund zu meiner Handlungsweiſe geweſen ſei und daß dieſelbe auch fortwährend mich noch beherrſchte. Zu dieſem Reſultat war ich durch eine ſtrenge Unterſuchung meines Innern gelangt. Es war ein bitteres Reſultat, das mußte ich geſtehen, und es war für mein beſſeres Gefühl ſo traurig, daß Blume in meiner Achtung ſtieg und endlich eine Perſon wurde, an welche ich mit Zärtlichkeit dachte. Drei Jahre ſpäter. Andere Ingenieure kamen in die Gegend und wurden Gegenſtand der Aufmerkſamkeit der jungen Mädchen. Ich glaube ſogar, ich ſelbſt bekam nach Verlauf einiger Zeit einen neuen Bewunderer, den ich ganz angenehm fand; aber ich war durch Schaden klug geworden, und bevor ich ihn irgend Andern vor⸗ 140 zog, ſah ich genau nach, wie er ſeine Füße ſetzte, wie er aß und wie er tanzte. Dieſe Vorſichtigkeit zeigte am beſten, daß mein Intereſſe ganz von der geſchmeichelten Eitelkeit aus⸗ ging und nichts gemein hatte mit dem pvetiſchen Schimmer, der mein erſtes Auflodern für Blume kenn⸗ zeichnete. Noch ein anderes Symptom war vorhanden, wel⸗ ches das Gefallen, das ich ſonſt daran gefunden hatte, der Gegenſtand einer Huldigung zu ſein, bedeutend verringerte, und zwar das: ſo liebenswürdig, artig und ritterlich auch der junge Ingenieur Sanden war, ſo fand ich doch bei ihm keine Spur dieſes innigen Wunſches, mir bei allen möglichen Fällen ſeine Er⸗ gebenheit zu zeigen, der bei Blume vorhanden geweſen war. Mein neuer Bewunderer war ein fröhlicher und eleganter junger Mann, aber ſeine ganze Art und Weiſe ſagte mir, daß ſeine Neigung ein Kind des Augenblicks ſei. Er war ſehr hübſch, ich tanzte mit ihm, aber ich ſchwärmte nicht für ihn, wie ich es für Blume gethan hatte. Ich dachte noch ſtets mit Sehnſucht an jene Zeit. Regina ſcherzte und witzelte nicht mehr über die Gegenſtände meines Intereſſes— ich ſage Gegen⸗ 14¹ ſtände, weil ich oft wechſelte— ſondern ſie ließ mich ungeſtört. Sie ſelbſt hatte ſich verliebt in den Gutsverwalter Braun, einen Mann, der ſeine Galoſchen als Segel⸗ boote hätte benutzen können, der für ſieben aß und deſſen Körper wie ein Haus war. Die Liebe iſt blind, und Regina ſah nicht, daß ihr Geliebter eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Stier des Onkels hatte. Oft kam mir die Luſt, ihr die Augen zu öffnen und ihr zu zeigen, welch ungeheuren Koloß ſie ſich er⸗ wählt hatte; aber dann gedachte ich, wie ſie durch ihre Witzeleien über Blume meine Freude vernichtet hatte. Meine eigene Erfahrung machte mich zu einem beſſeren Menſchen, wenigſtens in dieſem Falle. Mein zwanzigſter Geburtstag näherte ſich. Regina war ſchon zwei Jahre lang mit ihrem Verwalter verheirathet. Sie hatte ihren Haushalt und hatte auch ein Söhnchen. Ob ich verliebt ſei oder nicht, kümmerte ſie wenig. Sie war glücklich und zufrieden. Was kümmerte ſie die übrige Welt! Oft, wenn ich ſie beſuchte und das innige Verhältniß gewahrte, welches zwiſchen den beiden EChe⸗ gatten obwaltete, blickte ich Braun's große Füße an und dachte:„Regina iſt glücklich, obgleich ihr Mann wie 142 auf Schneeſchuhen einhergeht; weshalb hätte ich mit Blume nicht glücklich werden können, obgleich ſeine Spa⸗ zierinſtrumente eine auffallende Aehnlichkeit mit Hum⸗ merſcheeren hatten? Braun hatte Appetit wie ein Viel⸗ fraß und lachte, daß die Wände zitterten, aber das ſtörte das Glück Regina's nicht. Sie liebte ihn trotz dieſer Fehler Hätte ich denn nicht meinen Ingenieur lieben können, wenn er auch einige kleine Fehler hatte?“ Ja, jetzt waren die Fehler klein geworden. Ja, ſeit Blume's Abreiſe hatte ich ſie mit jedem Tage ſtets kleiner werden ſehen, ſodaß ſie endlich faſt verſchwun⸗ den waren. Auch ich hatte ein Eheanerbieten gehabt, aber der⸗ jenige, der das Anerbieten machte, war ſchieläugig und Apotheker. Was in aller Welt ſollte ich mit einem Apotheker, ich, die ich mich der vortrefflichſten Geſundheit erfreute? Was ſollte ich mit einem ſchieläugigen Ehemanne an⸗ fangen, von dem ich nie wiſſen konnte, ob er mich oder eine Andere anſehe? Nein, ich bedankte mich, das war mehr, als ein Engel hätte aushalten können, und ich, die ich gar nichts Unglückliches in meiner Natur hatte, gab ihm denn auch einen Korb. Mein zwanzigjähriger Geburtstag ſollte auf dem Gute gefeiert werden, wo Braun Verwalter war. Dort 143 war es ſtets fröhlich, viel Jugend ſtellte ſich ein, und die beſten Tänzer der Gegend fand man ſtets dort. Det Koloß Braun war ein fröhlicher, gaſtfreund⸗ licher und vortrefflicher Wirth, trotz ſeiner Aehnlichkeit mit Onkels behörntem Stier Columbus. Die Aehn⸗ lichkeit beſchränkte ſich jedoch auf das Aeußere, denn Braun war ebenſo menſchenfreundlich und gutherzig als Columbus grauſam und menſchenfeindlich. Kaum hatten Regina und ich uns an dieſem Tage begrüßt, als ſie ſagte:„Meine liebe Viola, ich wünſche Dir Glück, daß Du jetzt zwanzig Jahre alt geworden biſt; mag der Verſtand Dir mit den Jahren kommen! Als Belohnung für den Verſtand, den Du zeigen wirſt, ſollſt Du eine fröhliche Ueberraſchung haben.“ Sie küßte mich, Columbus Braun aber meinte lachend, ich ſei zwar jetzt alt, dies wäre nicht zu leug⸗ nen, aber was den Verſtand beträfe, ſo befürchte er, derſelbe würde noch viele Jahre auf ſich warten laſſen, eine Behauptung, die mich jedoch weit weniger ſchmerzte als die Hinweiſung auf meine zwanzig Jahre.— Zwan⸗ zig Jahre— huhu, wie ſchrecklich! Ich wollte nun wiſſen, welche Ueberraſchung mei⸗ ner harrte; aber Regina meinte, es würde ja dann keine Ueberraſchung ſein; ich ſollte mich bis zum Nach⸗ mittag hübſch gedulden. —— Am Mittagstiſch ſprach man von einem kürzlich bei unſerer Eiſenbahnſtation feſt angeſtellten Ingenieur, aber da kein Name genannt und überhaupt nur die Tugendliſte des neuen Beamten durchgegangen wurde, ſo intereſſirte mich die Sache nicht. Gegen ſechs Uhr langten die eingeladene Jugend und auch andere Gäſte an, aber irgend etwas, was mich hätte überraſchen können, geſchah nicht. Ich tanzte den erſten Walzer mit Lieutenant U. Er war der beſte Tänzer des Orts, aber trotzdem em⸗ pfand ich nicht einen Schatten des Behagens, das mich erfüllte, wenn ich früher taktlos mit Blume im Saale mich umherſchwenkte. Wie glücklich fühlte ich mich da⸗ mals, und jetzt? Kein Schimmer von berauſchender Freude, nur ein angenehmes Gefühl, daß der Tanz ausgezeichnet gut von ſtatten ging. Wir hatten pauſirt und ſtanden gerade im Begriff, wieder zu walzen. Ich blickte zufällig empor und wurde Jemand gewahr, der an der andern Seite des Saales ſtand und mich betrachtete. Sein Anblick machte einen ſo lebhaften Eindruck auf mich, daß ich unwillkürlich einen leiſen Schrei ausſtieß. „Was war das?“ fragte mein Cavalier. Sollte ich ihm ſagen, daß ich den Gegenſtand meiner erſten flüchtigen Liebe wiedergeſehen hatte? 145 Dies konnte ich nicht. Wenn auch auf dem Lande er⸗ zogen, war ich doch zu ſehr Weib, um einen Unbekann⸗ ten in die Welt meines Herzens einzuweihen. Ich ant⸗ wortete deshalb mit der Unwahrheit, daß Jemand mich auf den Fuß getreten hätte. Natürlich wurde der Lieutenant beunruhigt, fragte, ob es noch ſchmerze, ob es nicht beſſer ſei, daß wir noch eine Weile pauſiren ſollten, und ſo weiter; aber da ich auf dieſe mit ſehr gut geſpielter Unruhe geſtellten Fragen eine verneinende Antwort gab, wurde er wieder ſehr darauf erpicht, den Walzer fort⸗ zuſetzen. Ich dachte nicht mehr an denſelben, ſondern an Blume, der dort ſtand und uns betrachtete. Ich wußte es, daß ſeine Blicke uns begleiteten, ungeachtet ich je⸗ desmal, wenn wir an ihm vorübertanzten, die Augen⸗ lider ſenkte. Mein Herz ſchlug heftig, mir ſchien es, als ob der Walzer niemals endigen wollte. Ich war voll Sehnſucht zu erfahren, wie Blume ſich gegen mich betragen würde. Endlich führte mein Cavalier mich in das Cabi⸗ net, aber Blume trat mit einigen andern Herren auf die Veranda hinaus. „Nun, wie gefällt Dir die Ueberraſchung?“ fragte Schwartz, Novellen. II 10 146 Regina, die mir entgegentrat.„Du haſt ihn doch geſehen?“ Ich nickte mit dem Kopfe, aber ich war nahe da⸗ ran, in Thränen auszubrechen, als wieder zum Tanze aufgeſpielt wurde, ohne daß Blume in das Cabinet trat und mich begrüßte. Hatte ich mich denn ſo ſehr gegen ihn vergangen, daß er noch nach Verlauf von drei Jahren meinen Fehler nicht vergeſſen hatte? So ſah es aus. Es ſollte eine Frangaiſe getanzt werden. Inge⸗ nieur G. trat heran, um mich in den Saal zu führen, aber zu gleicher Zeit kam auch Blume in das Cabinet. Er zog Handſchuhe an, ſchaute ſich im Zimmer um, näherte ſich und ſagte, indem er ſich verbeugte und Einiges von dem Vergnügen ſprach, mich wiederzuſehen: „Frau Braun iſt ſo gut geweſen und hat mir dieſe Frangaiſe verſprochen, wir werden vis-à-vis von Ihnen ſein, mein Fräulein.“ Blume ging, um Regina außzuſuchen. Seine ganze Art und Weiſe war eine andere ge⸗ worden. Das Gefühlvolle und Schüchterne, welches ihn früher auszeichnete, war verſchwunden. Er trat jetzt mit all der Sicherheit auf, welche ein junger Mann ſich erwirbt, wenn er an dem geſellſchaftlichen Leben Theil nimmt. — — — 147 Da ſtanden wir nun vis-àvis ganz wie vor drei Jahren, an demſelben Tage, an welchem Regina mir zuflüſterte, daß er die Zehen einwärts ſetze. Der Tanz und die Frangaiſe ſtanden mir ſo lebhaft vor Augen, daß ich meinte, ich ſei wieder auf den Abend meines ſiebzehnjährigen Geburtstags zurückgeführt. Ich durch⸗ lebte alle die Qualen, die ich damals erfahren hatte. Wir figurirten, und meine Blicke hafteten an ſeinen Füßen. Er ſetzte die Hacken einwärts! Ich hatte ein Gefühl, als wenn ich auf Regina losſtürzen und ſie erwürgen müßte. Sie hatte Dumm⸗ heiten geſprochen, nur um mich zu quälen, und hatte durch ihre Neckereien meine Augen verblendet. Blume führte ſeine Füße ausgezeichnet gut und hatte außerdem kleine hübſche Füße. Somit hatte ich eines eingebildeten Fehlers wegen meine Neigung verdunſten laſſen und auch die ſeinige zu mir zerſtört. So iſt es, wenn man das Geſchwätz ſeiner Freun⸗ dinnen auf ſeine Gefühle einwirken läßt und ſich nicht über das klar macht, was man ſelbſt ſieht und fühlt. Blume ſcherzte mit Regina und ſah ſehr gut aus. Er war ein ganz Anderer als ihr Koloß, aber Regina hätte doch in ihrer großen Einfalt nicht tauſchen mögen. 10* 148 Die Frangaiſe war zu Ende. Ich trat auf die Veranda, um mich abzukühlen. Regina trat gleichfalls dort hinaus. „Es iſt erſtaunlich, wie dieſer Blume ſich verän⸗ dert hat“, ſagte ſie.„Er iſt ja ein wirklich liebens⸗ würdiger Menſch geworden, und dabei geht er auch nicht mehr—“ „Regina, das hat er niemals gethan!“ unterbrach ich ſie heftig,„aber es machte Dir Spaß, ihn lächer⸗ lich zu machen, und deshalb behaupteteſt Du, er habe alle möglichen Fehler.“ „Aber, liebe Viola, jetzt ſteht Dein Verſtand wie⸗ der ſtill! Du wirſt doch nicht beſtreiten, was Du mit Deinen eigenen Augen geſehen und—“ „Thue mir den Gefallen und ſprich kein Wort mehr hiervon, Du reizeſt mich nur, wenn Du damit fortfährſt“, rief ich. „Darf man fragen, was die Damen ſo eifrig be⸗ ſprechen?“ ſagte eine Stimme hinter uns. Es war Blume's Stimme. Mir ſchoß das Blut in die Wangen und ich be⸗ kam ein ſolches Herzklopfen, daß ich kein Wort über die Lippen zu bringen vermochte. „Wir ſprachen von Ihnen, Herr Ingenieur“, ant⸗ wortete Regina. 149 „Und deshalb ereiferte Fräulein Vivla ſich ſo ſehr? Das wundert mich zwar nicht, wenn auch ein ſo un⸗ bedeutender Gegenſtand Niemand ſollte zu reizen ver⸗ mögen.“ Dabei lächelte Blume auf eigenthümliche Weiſe. „Ein junger Mann iſt wohl kein unbedeutender Gegenſtand für ein Mädchen“, fiel Regina lachend ein, „ſondern eher das Gegentheil. Viola zürnte mir und behauptete, daß ich Sie, Herr Ingenieur, verleumdet hätte, daß ich ſchuld daran ſei, daß ſie von Ihnen anders gedacht, als ſie es urſprünglich gethan, und ſo weiter.“ Und mit dieſen Worten verließ uns die ab⸗ ſcheuliche Regina plötzlich. Blume nahm ganz ungenirt neben mir Platz. Da ſaßen wir nun ganz allein, ganz wie an mei⸗ nem Geburtstage vor drei Jahren, an welchem wir kein Geſpräch zu Stande zu bringen vermochten, ſon⸗ dern nur einzelne Worte, Blicke und Seufzer hatten. Ich war jetzt gerade ſo verlegen wie damals. Wenn es mein Leben gegolten hätte, ich hätte ihn anzublicken nicht gewagt. Ich wagte nicht das Schweigen zu brechen. „Alſo Frau Braun hat mich verleumdet!“ ſagte er.„Es würde mich ſehr intereſſiren zu wiſſen, was ſie geſagt hat. Möchten Sie es mir wohl ſagen, mein Fräukein?“ Aber war das derſelbe Blume, welcher ſo ſprach, er, der früher verlegen ſtammelte bei jedem Wort? Mein Gott, wie die Jahre den Menſchen verändern! Sein ſcherzhafter und leichter Ton flößte mir den Muth ein, ihm zu antworten. „Wenn Sie Ihren Wunſch an Regina ſelbſt rich⸗ ten, Herr Ingenieur, wird ſie es Ihnen gewiß ſagen, ich kann es nicht.“ „Und weshalb nicht? Wir können ja von der Vergangenheit ſprechen, als ob ſie uns nichts anginge. Sind wir beide doch gewiß ſehr verändert worden!“ „Ja, Sie haben ſich ſehr verändert“, ſagte ich und ſeufzte ganz unwillkürlich dabei. „Sie ſeufzen, mein Fräulein, und das ſagt mir ſchon, daß Ihnen die Veränderung nicht gefällt. Hatte ich doch das Gegentheil gehofft, finde aber zu meinem Bedauern, daß ich mich getäuſcht habe.“ Meine Verlegenheit war ſo groß, daß ſie mich faſt krank machte. Was ſollte ich antworten? Ich ſah wohl ein, daß er viel in ſeiner Art und Weiſe gewonnen hatte; aber wenn ich daran dachte, wie verlegen er früher war, ſo ſchien es mir, daß gerade jene Verlegen⸗ heit eine liebenswürdige Eigenſchaft geweſen, die er eingebüßt hatte. Etwas mußte ich doch antworten. „Ich habe nicht geſagt, daß Sie ſich getäuſcht haben.“ 15¹ „Haben Sie bereits Jemand den dritten Walzer zugeſagt?“ fragte er plötzlich. Er walzte ſchlecht, aber deſſenungeachtet verſprach ich ihm den dritten Walzer. „Sie erzeigen mir eine große Güte“, ſagte Blume. „Sie haben gewiß nicht vergeſſen, daß ich ein ſchlechter Tänzer bin.“ Damit ging er, die Frau vom Hauſe aufzuſuchen. Ich ſah ihn im lebhaften Geſpräch mit Regina und ſah, wie er herzlich lachte. Auch an dieſem Abend trank er Punſch, aber ohne ſich zu erhitzen. Er tanzte nicht, bis der dritte Walzer aufgeſpielt wurde. Als er dann vor mir ſtand, ſagte er: „Sie haben doch nicht Ihr Verſprechen vergeſſen?“ „Ich vergeſſe jetzt nicht mehr, was ich verſprochen habe“, antwortete ich, fühlte mich aber beleidigt. „Nur wenn man jung iſt, erlaubt man ſich der⸗ gleichen“, fügte ich indeß hinzu. „Sie meinen alſo, Sie ſeien jetzt alt geworden. Erlauben Sie, daß ich dies ziemlich früh finde, von Ihrer verfloſſenen Jugend zu ſprechen.“ „Ich bin nicht mehr ſiebzehn Jahre alt und nicht mehr ſo unverſtändig wie damals.“ Vielleicht auch nicht ſo launenhaft“, und Blume betrachtete mich mit einem eigenthümlichen ſcherzhaften Ausdruck, legte ſeinen Arm um meine Hüfte und ſagte: „Jetzt, Fräulein Viola, beginnt Ihre Tortur.“ Wir walzten. Und, lieber Leſer, ich verſichere Dir, daß er wie ein Gott walzte. O wie prächtig, wie entzückend! Aber der Walzer ging auch zu Ende, und Blume ſetzte ſich neben mich und ſagte halb flüſternd: „Herzlichen Dank, Fräulein Vivla, daß Sie wie⸗ der die Alte ſind!“ Ich blickte ihn an. Seine Augen hatten wieder ihren frühern innigen Ausdruck. Ein Gefühl von Glück durchzitterte mich. Ich konnte nicht anders; ich beant⸗ wortete ſeinen Blick mit einem Lächeln. „Sie ſind mir alſo nicht mehr böſe“, ſagte ich dreiſt,„Sie ſehen mich nicht länger für eine—“ Hier ſtotterte ich; es wurde mir zu ſchwer zu ſagen, wofür er mich an jenem Abend auf dem Balle gehalten hatte. „Für das Gegentheil von dem Ideal, welches ich mir einſt gebildet hatte? Nein, Fräulein Viola, ich weiß jetzt, daß Sie ganz daſſelbe herzensgute Kind ſind wie damals, wo ich Sie zum erſten Mal ſah, und das macht mich glücklich.“ Alles, Haus und Hof, Garten, Bäume und Him⸗ mel tanzten im Kreiſe um mich herum. Seine Worte 453 ſchufen mir eine größere Freude als alle Complimente, mit welchen die jungen Herren mich ſonſt überſchütte⸗ ten. Meine Befriedigung war ſo groß, daß ich ganz aufrichtig meinen Dank hervorſtotterte, aber darauf wurde ich auch ſo erſchreckt, daß ich davonlief. Bei der Abendmahlzeit aß Blume weder mehr oder weniger als die Andern. Er plauderte mit mir und erzählte mir, daß er als Bahninſpector an der Station Forß angeſtellt ſei, ganz in der Nähe von Onkels Be⸗ ſitzthum. Dies erfreute mich ſehr. Den Walzer nach Tiſche tanzte Blume wieder mit mir, und ich verließ ſpät am Abend das Gut Forßa und Regina und ihren Koloß wenigſtens ebenſo glück⸗ lich wie damals, wo ich das häßliche große Bouquet erhalten hatte. Blume kam oft in Onkels Haus. Er war der liebenswürdigſte und angenehmſte Mann, den man ſich denken konnte, und das war nicht nur meine, ſondern aller Meinung. War es denn ein Wunder, daß meine frühere Liebe aufflammte und zwar in allem Ernſte? Als der Sommer zu Ende ging und mein Na⸗ menstag ſich näherte, war ich ſo verliebt, wie ein zwan⸗ zigjähriges Mädchen nur ſein kann. —— 154 Hatte ich doch drei lange Jahre mit Reue und in Sehnſucht an ihn gedacht! Wohl wußte ich, daß Blume mich liebte, aber er ſagte es nicht. Weshalb zögerte er? Jedesmal, wenn wir uns trafen, hoffte ich, daß er ſich erklären würde; aber er ſchied ſtets, ohne daß die bedeutungsvollen Worte über ſeine Lippen gingen. Dies machte mir viel Unruhe. Vielleicht irrte ich mich, vielleicht liebte er mich nicht, vielleicht und viel⸗ leicht— und dieſes vielleicht quälte mich unausſprech⸗ lich. Mein Namenstag brach an. Am Morgen ſtellte Blume ſich bei uns ein. Er überbrachte mir ein außer⸗ ordentlich ſchönes Bouquet mit den Worten: „Mag dieſes Bouquet den unvortheilhaften Ein⸗ druck verwiſchen, den ein früheres gemacht hat. Daſ⸗ ſelbe war, wie ich ſelbſt damals, ungeordnet und un⸗ geſchliffen. Ich wußte damals noch nicht, daß man ſich ſo betragen muß, daß der äußere Menſch in nicht zu greller Disharmonie zu dem innern ſteht. Ich habe es theuer büßen müſſen, daß ich nicht tanzen ge⸗ lernt hatte, daß ich meine Füße ſchlecht führte und mei⸗ nen Appetit nicht beherrſchen konnte; ich verlor dadurch 155 Ihr Wohlwollen. Hätte ich alle dieſe Fehler nicht ge⸗ habt, ich hätte nicht volle drei Jahre verloren, die ich von Ihnen entfernt verlebt habe. Unterdeſſen haben meine Kameraden mich auf das aufmerkſam gemacht, was mich im geſellſchaftlichen Leben zu einer komiſchen Figur machte.“ „Aber, mein Gott, wer hat Ihnen geſagt, daß ich mich um dergleichen Lappalien kümmerte?“ ſagte ich erſchreckt. „Dieſelbe, die Sie darauf aufmerkſam machte, dieſelbe, die mir geſagt hat, daß Sie ſehr bereuten und betrübt waren, daß Sie auf jenem Balle Ihr Ver⸗ ſprechen an mich brachen, dieſelbe, die mir die Hoff⸗ nung eingeflößt hat, daß Sie nicht länger ungünſtig geſtimmt ſind gegen mich, der ich Sie von Herzen liebe!“ Jetzt waren die Worte geſprochen, ich ſchweige von dem, was darauf folgte. An meinem einundzwanzigſten Geburtstage war ein großes Feſt beim Onkel. Meine Hochzeit mit Blume wurde gefeiert. Den erſten Walzer tanzte ich mit ihm, der nun der Meinige war fürs ganze Leben. Ich war cklich, daß ich nicht einmal ſagen will, wie war. Es weiß es auch Jede, die geliebt und denjenigen bekommen hat, den ſie geliebt. Ich bin nun Frau— wie lange, thut nichts zur Sache. Das Wichtigſte dabei iſt, daß ich mit keiner Königin mein Loos vertauſchen möchte. Ich habe einen Mann, deſſen Liebe mein Stolz iſt, ihn zu lieben iſt meine Glückſeligkeit. Das allein hatte ich jnoch zu ſagen, aber dann auch nichts mehr. Ebba, die Büſterstochter. An der Ecke der Tjärhofs⸗ und Södermanlands⸗ ſtraße in Stockholm liegt ein kleines, roth angeſtrichenes Haus von Fachwerk, welches ehedem einer älteren Frau gehörte, die Sara Rundquiſt hieß, in der Regel aber ſchlechtweg Tante Sara genannt wurde. Sie betrieh hier einen kleinen Handel mit Schnupftabak und ver⸗ ſchiedenen andern Sachen. Der kleine Laden bildete einen Zufluchtsort für den Arbeiter, wenn er oft, voll Sorge, jedenfalls müde und abgeäſchert, am Sonnabendabend in ſeine dürftige Wohnung zurückkehrte. Wenn auch alle andern Lä⸗ den geſchloſſen waren, er fand noch immer den Laden der Tante Sara voffen und konnte ſich hier mit allem dem verſehen, was er den Sonntag über nöthig hatte. Hier war zu haben Brod, Butter, Milch, ja ſelbſt Fleiſch; ebenſo Bier, Schnupftabak, Rauchtabak, Seife, Sand und Kehrwiſche; ferner Zwirn, Band und Na⸗ deln. Um die Weihnachtszeit war der Laden außer⸗ dem ſortirt mit ſchönen bedruckten Halstüchern, wol⸗ lenen Jacken und Strümpfen, auch gebrannter Kaffee war hier zu haben, ſowie Talglichter von verſchiedener Größe. Ungeachtet des lebhaften Verkehrs und des be⸗ ſchränkten Raums war der Laden ſtets ſchmuck und in ſchönſter Ordnung. Auf dem Ladentiſch ſtand ein Käſtchen mit gläſernem Deckel, in welchem ſich Gratu⸗ lationskarten befanden und kleingedruckte Hefte, ent⸗ haltend die wunderbarſten Erzählungen verſchiedener Art, zum Beiſpiel von Robinſon Cruſoé, von etlichen Mördern und Mordbrennern; auch chriſtliche Abhand⸗ lungen für den gewöhnlichen Mann, ſowie allerhand Lieder nach bekannter Melodie, alle„gedruckt in dieſem Jahr“. Dieſe vergnüglichen und literariſchen Produkte waren äußerſt billig, und für drei Schillinge*) konnte ₰ man, den„Glauben am Kreuze“, ſowie„Die fürchter⸗ liche Niederlage der Ruſſen bei*** und„Die ent⸗ ſetliche Verzweiflung des ruſſiſchen Kaiſers“ haben. Somit trug Tante Sara nicht allein Sorge für die körperlichen Bedürfniſſe ihrer Kunden, ſondern auch für ihre geiſtigen. In dem kleinen rothgeſtrichenen Hauſe befanden *) Etwa ſieben Neupfennige. 161 ſich außerdem zwei Wohnungen, welche Tante Sara vermiethete. Ueber dem Laden war die vornehmſte Wohnung, die aus einem großen Zimmer, einer kleinen Küche und einem Vorzimmer beſtand. Dieſelbe war ſeit zwanzig Jahren von zwei alten Fräuleins bewohnt, die in ihren jüngeren Jahren beſſere Tage geſehen, jetzt aber von einigen kleinen Unterſtützungen und von ihrer Hände Arbeit lebten. Die zweite Wohnung, de⸗ ren Fenſter nach dem Hofraum ſahen, hatte eine Waſchfrau inne. Tante Sara war, ſowohl was ihr Aeußeres als ihre Gewohnheiten betraf, nicht ſo ganz andern Hö⸗ kermadamen ähnlich. Als ſie das Häuschen kaufte, war ſie ein hübſches Frauenzimmer von einigen drei⸗ ßig Jahren geweſen, und noch nach Verlauf von zwan⸗ zig Jahren hatte ſie ihre ſtattliche Haltung beibehalten. Betriebſam und arbeitſam, gutmüthig und reell, wie Tante Sara war, ſtand ſie ſich gut mit der gan⸗ zen Nachbarſchaft, allein dies verhinderte nicht, daß die Neugierde ſich darüber wunderte, wer und woher ſie eigentlich ſei und warum ſie ſo manche Eigenthüm⸗ lichkeiten habe. So zum Beiſpiel vermochte man ſich nicht zu er⸗ klären, weshalb ſie anſtatt einer Dienerin einen gro⸗ Schwartz, Novellen. II 11 162 ßen, ſtarken männlichen Gehülfen bei ſich hatte. Der⸗ ſelbe war thätig bei allen Einkäufen und beſorgte zu⸗ gleich alle Geſchäfte eines Dienſtmädchens. Tante Sara ſagte, derſelbe ſei ihr Schweſterſohn, allein man hörte niemals, daß er ſie mit dem trauten Namen Tante anredete. Ferner hatte Tante Sara die Gewohnheit, jeden Sonntagmorgen ihr Haus zu verlaſſen und den gan⸗ zen Tag nicht wiederzukehren. Wohin ſie ſich an den Sonntagen begab, vermochte die Nachbarſchaft nicht auszukundſchaften, obgleich die beiden alten Fräuleins während zwanzig Jahren alle ihnen zu Gebote ſtehen⸗ den Mittel angewendet hatten, um es zu erfahren. Nur das war ihnen gelungen, herauszubekommen, daß Tante Sara nach dem Södermalmsmarkt wanderte, dort in eine Droſchke ſtieg und nach der Stadt oder nach der nördlichen Vorſtadt fuhr; welchen von beiden Orten ſie beſuchte, darüber wurde man niemals klar. So hatte ſie ſeit zwanzig Wintern jeden Sonntag ver⸗ lebt, während des Sommers aber blieb ſie zu Hauſe und machte keine Ausflüge. An einem Sonnabendabend inmitten des Win⸗ ters bei bitterer Kälte und bei regem Verkehr in dem kleinen Laden ſeitens einer Menge Leute, die alle den unbemittelten Klaſſen angehörten, war der Handel ſo 163 lebhaft, namentlich mit klein gemachtem Holz, daß Tante Sara und ihr Schweſterſohn Anders vollauf zu thun hatten. Immerfort ging die Thür auf und ſchloß ſich wieder hinter irgend einem Kunden, welcher hinein⸗ trat, oder einem andern, welcher hinausging. Allein Tante Sara ſchien es, als wenn es an dieſem Abende ungewöhnlich kalt im Laden ſei; ſeit einigen Tagen hatte ſie ſich nicht wohl befunden und jetzt fror ſie trotz des warmen Schafpelzes und der mit Pelz ge⸗ fütterten Schuhe. Infolge deſſen war ſie an dieſem Abend nicht ſo lebhaft und ſcherzhaft wie ſonſt. Erſt als die Uhr elf ſchlug, ſchloß ſie den Laden und begab ſich in ihr Zimmer. Als ſie dort eintrat, ſagte ſie zu ihrem Gehuljen: „Ich weiß nicht, wie mir iſt, Anders, aber ich fühle mich ganz krank; heize den Ofen!“ Anders, der hinter ihr in das Zimmer eingetreten war, hob das Licht, welches er in der Hand hhielt, empor und ließ den Schein auf Tante Sara fallen. Sie war blaß und ſah ſehr matt aus. „Du lieber Gott, wie Sie krank ausſehen!“ rief Anders.„Wenn Sie krank ſind, dann laſſen Sie mich ſchnell den Doetor holen.“ „O nein, das geht ſchon wieder vorüber, wenn mich erwärmt habe; am beſten wäre es wohl, 112 164 wenn ich eine Taſſe Thee tränke“, meinte Tante Sara. Augenblicklich ſchürte Anders das Feuer und kochte Waſſer. Sara ſaß ſchweigend am Ofen, und es fror ſie dermaßen, daß ſie zitterte; es wollte ihr nicht gelingen, wieder warm zu werden. Anders war ganz wie ein Sohn um ſie bemüht, und ſein rechtſchaffenes, kluges Geſicht zeigte einen ſehr bekümmerten Ausdruck. „Geh' nun, lieber Anders, und lege Dich ſchlafen!“ ſagte Sara, nachdem ſie den Thee getrunken hatte; „mir wird nicht beſſer, bis auch ich ſchlafen kann!“ Anders begab ſich in die kleine Kammer, die zwi⸗ ſchen dem Laden und der Küche lag, allein er ging keineswegs zu Bett, ſondern blieb auf der Schwelle ſitzen, welche die beiden Räumlichkeiten von einander trennte. Er hörte, wie Sara ſich bewegte, wie ſie die Klappe an der alten Schreibkommode aufſchloß und wieder verſchloß, wie ſie mit Papieren kramte, als wenn ſie ſolche ordnete. Endlich wurde es ſtill im Zimmer, und dieſe Stille währte einige Stunden; deſſenungeachtet blieb Anders auf ſeinem Poſten. Da vernahm er einen Seufzer, darauf ein unter⸗ 165 drücktes Klagen, und augenblicklich ſchloß er die Thür auf. Im Zimmer brannte eine Kerze. Sara warf ſich unruhig hin und her auf ihrem Lager, die Glut ihres Antlitzes, die kurzen Athemzüge und die unterdrückten Seufzer beſagten zur Genüge, daß ſie ein ſtarkes Fieber habe. Anders ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte auf das Lager zu. „Meine gute, liebe Frau Sara, wie geht es Ihnen?“ fragte er, und die Thränen ſtanden dem ſtarken Manne in den Augen. Sara kannte ihn nicht, ſondern ſtammelte als Antwort einige unzuſainmenhängende Sätze hervor. Anders, welcher ſonſt nicht gefühlvoll ausſah, weinte jetzt wie ein Kind. Sein Schluchzen machte, daß die Kranke ihren Kopf ihm zuwandte und flüſterte:„Weine— weine — nicht— es geht bald vorüber.“ Allein der arme Anders ſchluchzte deſſenungeachtet. Die Stunden der Nacht wurden ihm zu Jahrhunderten. Sobald der Morgen heraufdämmerte, klopfte er bei der Waſchfrau an, indem er ſie bat, ein Auge auf die Kranke zu haben, während er einen Arzt hole. Er kehrte bald wieder und zwar begleitet von dem Arzt, welcher, nachdem er das Antlitz der Kranken be⸗ 166 trachtet und ihren Puls unterſucht hatte, den Kopf ſchüttelte und meinte, es ſähe ernſt aus. Sara war ſehr krank. Sobald die Fräuleins dies erfuhren, erboten ſie ſich, Sara zu pflegen. Sara war ihnen oft gefällig geweſen, und ſie hatten die prächtige Frau recht lieb gewonnen. Das jüngſte Fräulein, Namens Cornelia, nahm ſofort Platz am Krankenbette, und Anders entfernte ſich. Er blieb lange fort. Unterdeſſen lag Tante Sara in Fieberphantaſien. Sie ſprach von ihren Kindern, ſagte, daß ſie ſterben würde, ohne dieſelben umarmen zu können, und ohne daß letztere ihre Mutter kennen gelernt, welches Alles der guten Cornelia und ihrer Schweſter viel zu denken gab. Dieſe vermochte ihres noblen Urſprungs ungeachtet und trotz des Mitleids, das ſie für die Kranke empfand, nicht ihre Neugierde zu beherrſchen. Die Folge hiervon war eine kleine unſchuldige Viſi⸗ tation in dem Zimmer, bei welcher ſie zufälligerweiſe die unverſchloſſene Klappe der Schreibkommode öffnete. Hinter derſelben befanden ſich verſchiedene Gegenſtände, darunter eine goldene Halskette, die Jahrhunderte alt ſein mochte und in deren Schloß ein adliges Wap⸗ 167 pen gravirt war. Auch ein Packet lag hier. Daſſelbe enthielt augenſcheinlich Briefe und war mit dem ad⸗ ligen Petſchafte geſiegelt, das in der Kommode lag. Die Adreſſe des Packets lautete: Hochwohlgeboren, Herrn Baron Karl Göran Sköldkrona. Gegen Mittag kehrte Anders zurück, aber nicht allein und auch nicht zu Fuß, ſondern auf dem Kut⸗ ſcherbock eines herrſchaftlichen Schlittens ſitzend, aus welchem mit ſeiner Hülfe eine elegante Dame und ein junger Herr ſtiegen. Geführt von Anders, welcher an das Lager trat und Tante Sara einige Worte zu⸗ flüſterte, begaben jene ſich in das Zimmer der Kranken. Cornelia hörte Anders ſagen:„Ihre Kinder ſind F Sara ſchlug die Augen auf und warf einen klaren und verſtändigen Blick auf Anders, indem ſie mit mat⸗ ter Stimme ſagte:„Wo ſind ſie?“ Anders trat beiſeite, und die beiden Fremden näherten ſich. Sara ſtreckte ihnen die Hände entgegen und ſprach nun mit vernehmbarer Stimme: „Ich ſterbe jetzt zufrieden; mein Werk iſt vollen⸗ det, Eure Zukunft iſt geſichert. Mein Sohn, meine Tochter, möge der Höchſte über Euch wachen! Um⸗ armt Eure Mutter!“ 168 „Unſere Mutter?“ wiederholten die beiden be⸗ ſtürzt und neigten ſich über die Kranke. Sara legte den einen Arm um den Hals des Sohnes, mit dem andern umſchlang ſie die Tochter, indem ſie flüſterte: „Alles wird Euch klar werden, wenn ich geſtor⸗ ben bin.“ Ein Mehreres zu ſagen vermochte ſie nicht. Das Fieber und das Phantaſiren nahmen wiederum über⸗ hand und raubten ihr alle Beſinnung. Acht Tage darauf wurde die ſterbliche Hülle der Tante Sara zur Gruft getragen. In der Proeceſſion ſah man den in tiefe Trauer gekleideten Baron Karl Göran Sköldkrona. Anders befand ſich unter nigen, welche den Sarg trugen. Im darauffolgenden Frühjahr erhob ſich dem Grabhügel ein einfaches marmornes Kreuz, an welchem nur der Name Sara zu leſen war. Von allen Gräbern des Friedhofs war Sara's Grab am beſten gepflegt. An jedem Morgen kam eine junge, in Trauer gekleideke Frau gefahren, ſtieg am Friedhofe aus und ſchmückte das Kreuz mit fri⸗ ſchen Kränzen, und jeden Abend beſchäftigte Anders ſich mit den Blumen, die er am Fuße des Kreuzes gepflanzt hatte. 169 Allein wie ſteht es wohl jetzt um den kleinen Laden? Denſelben hat Anders übernommen. Die Kunden vermiſſen zwar die herzensgute alte Sara, doch um ihr Andenken zu ehren, fahren ſie fort, ihre Bedürfniſſe in ihrem früheren Laden zu kaufen. Anders war freilich nicht freundlich und zuvor⸗ kommend, wie Sara es geweſen, ſondern ernſt und wortkarg, allein er war doch immerhin ihr Schweſter⸗ ſohn. Zwar war es unangenehm, daß er den Laden ſo frühzeitig am Abende ſchloß, damit er ſeine Wan⸗ derung nach Sara's Grab antreten könne, gleichwohl, was war dagegen zu thun? Man konnte doch nicht gut aufhören, bei ihm zu kaufen. Wenn die Frau irgend eines armen Arbeiters Brod und Milch für ihre Kinder zu borgen benöthigt war und Anders ihr Credit verweigerte, ſo kannte ſie eine Beſchwörung, die ſein Herz erweichte.„Das hätte die alte Sara nicht gethan“ hieß es, und ſofort bekam ſie, was ſie haben wollte. Die beiden alten Fräuleins betrauerten ſie innig und vermißten ſie ſehr. Sie hatten an Sara eine gute Stütze und ebenſo gute Rathgeberin ver⸗ loren. Wir befinden uns jetzt im Sommer nach dem Tode Sara's. 170 In der Kirche war Gottesdienſt; es war ein Sonntagnachmittag. Das Kinn auf die Hand geſtützt, den Tönen der Orgel lauſchend und das weiße Kreuz anblickend, ſaß Anders auf einer Bank am Grabhügel Sara's. Dann und wann perlte eine Thräne über ſeine Wangen. Jetzt ſchwieg die Orgel, die Kirchthüren öffneten ſich, und das Volk trat aus dem Tempel. Zwei ältere Frauen, ärmlich gekleidet, traten aus der Schaar her⸗ aus und begaben ſich direct nach der Bank, auf wel⸗ cher Anders ſaß. „Guten Abend“, ſagte die jüngere, indem ſie ſeine Schulter berührte.„Noch immer ſo traurig?“ fügte ſie hinzu. „Das darf Sie nicht wundern, mein Fräulein, haben Sie doch die Todte volle zwanzig Jahre ge⸗ kannt“, antwortete Anders, ohne ſeine Stellung zu ver⸗ ändern.„Ich wünſche nichts ſehnlicher, als dorthin zu kommen, wo ſie jetzt iſ „Wir dürfen nicht ungeduldig werden“, verſetzte Fräulein Cornelia,„man muß die Prüfungen tragen, die einem auferlegt werden. Sara war eine brave Frau, die wir alle vermiſſen. Allein ſie würde eine ſolche hoffnungsloſe Trauer ſehr mißbilligen, wenn ſie dieſelbe ſehen könnte.“ 17⁴ „Ach! hätten Sie wie ich ihr Leben gekannt, ſo würden Sie auch verſtehen, daß man ſie beweinen muß, ſo wie ich es thue“, ſagte Anders;„zum Ent⸗ ſagen und ſich aufzuopfern, dazu war ſie in die Welt gekommen, und ſo iſt ſie auch geſtorben.“ „Es iſt zuweilen eine Freude, ſich zu opfern“, tröſtete Cornelia,„und Sara hatte immer die Befrie⸗ digung, daß ſie an ihrem ein treues Herz hatte.“ „Ihrem Schweſterſohne! Meinen Sie mich? Dann irren Sie ſich! Ich war nur ihr Diener, aber ich war ein rechtſchaffener Diener!“ „Alſo gar nicht mit ihr verwandt?“ „Nein, ganz und gar nicht. Nehmen Sie hier Platz, und ich werde Ihnen ihre Geſchichte erzählen.“ Cornelia winkte ihre Schweſter herbei, und die Damen ſetzten ſich auf dieſelbe Bank nieder, auf wel⸗ cher der Diener ſaß. Er ließ indeſſen den Kopf eine Weile in der Hand ruhen, gleichſam ſich auf das beſinnend, was er erzählen wollte. Endlich begann er folgendermaßen: „In der Gemeinde Rhby wohnte ein Küſter Na⸗ mens Guſtav Sten. Außer ſeinem Amte als Küſter hatte er auch noch das eines Schulmeiſters und lag beiden mit gleichviel Eifer und Thätigkeit ob. Er war 172 ein wohlunterrichteter Mann und der Gehülfe und Rathgeber des Paſtors in allen verwickelten Fragen. Ja, die Leute ſagten, der Küſter wäre dem Prediger⸗ amte beſſer gewachſen als der Prediger ſelber. Sten war Wittwer und hatte eine einzige Toch⸗ ter Namens Ebba. In der Nähe der Küſterwohnung lag Stenbrovik, das Beſitzthum der Familie Sköldkrona. Der Beſitzer, Baron Sköldkrona, war ein ſehr ſtolzer und hoher Herr, welcher ſich über alle erhaben dünkte. Er beſaß einen Stammbaum, ſo alt, daß er wohl auf die Sündflut zurückging. Mein Vater war Ca⸗ ſtellan und meine Mutter Haushälterin im Schloß, wo ſchon die Eltern beider gedient hatten. Der alte Baron zahlte freigebig und legte viel Werth darauf, gute Diener zu haben. Ich wurde alſo auf Stenbro⸗ vik geboren und ſollte ſo erzogen werden, daß ich eines Tages den Dienſt meines Vaters erben könnte. In meinem zehnten Jahre ſollte ich in der Schule bei Sten im Schreiben, Rechnen und im Katechismus unterrichtet werden, das heißt, in allen nothwendigen Kenntniſſen eines künftigen Caſtellans, welcher die ganze Hausökonomie zu beſorgen hatte. Der Baron wollte nicht, daß ich irgend welche Kenntniſſe über die genannten hinaus erhalte. Er huldigte dem Grund⸗ ſatz, daß Aufklärung den niedern Klaſſen der Geſell⸗ , 173 ſchaft nur zum Unglück gereichen könne. Sten in ſeiner Eigenſchaft als Schulmeiſter war in ſeinen Au⸗ gen ein ſchädlicher Menſch, und der Baron pflegte oft über all das Unheil Klage zu führen, das jener durch ſeine Schule verurſache. Als die Zeit herankam, in welcher mein Unterricht beginnen ſollte, wurde derſelbe zu dem alten Baron gerufen, um von dieſem die nö⸗ thigen Verhaltungsmaßregeln zu bekommen. Ich ſollte einen ſtrengreligiöſen Unterricht bekom⸗ men, aber Geſchichte, Geographie, Naturlehre und der⸗ gleichen dürfte mir durchaus nicht beigebracht werden. Rechnen und Schreiben ſeien dahingegen nothwendig. Ich entſinne mich noch ſehr wohl des Tages, an welchem Sten zu dem Baron gerufen wurde. Mein Vater beklagte ſich ſpäter über ihn meiner Mutter ge⸗ genüber. Sten habe ſich nicht tief genug verbeugt vor dem Baron, er ſei nicht unterthänig genug geweſen, und dieſes war in den Augen meiner Eltern ein gro⸗ ßer Fehler. Zu den Verhaltungsmaßregeln des Ba⸗ rons hatte Sten folgende Antwort gegeben: „ch werde mich ſoweit als möglich nach Ihrem Wunſche richten, Herr Baron, aber es wird nicht leicht ſein, wenn der Knabe wißbegierig iſt.“ Mein Vater vermochte durchaus nicht zu begreifen, daß ich wißbegierig ſein könnte, da der Baron doch 174 das Maß der Kenntniſſe, die ich erwerben ſollte, be⸗ ſtimmt habe. Eine ſolche Vorausſetzung ſchien Wahn⸗ witz, und ſowohl er wie meine Mutter ſprachen über⸗ haupt von Sten mir gegenüber als von einem Men⸗ ſchen, den man nicht zum Vorbild nehmen dürfe; ſie verboten mir aufs ernſtlichſte, in der Schule zu ver⸗ bleiben, wann die Fächer gelehrt würden, die ich nicht hören dürfte. Uebrigens hatte Sten ſelbſt vorgeſchla⸗ gen, daß ich nur gewiſſe Stunden Theil an dem Un⸗ terrichte nehmen ſolle. Am Tage, bevor mein Schulbeſuch begann, wurde ich zu dem Herrn Baron gerufen, eine dermaßen große Ehre, daß ich an allen Gliedern zitterte, als ich dem vornehmen Herrn gegenüber ſtand. Er hielt eine Rede an mich ungefähr folgenden Inhalts: „Du wirſt jetzt leſen lernen, was Du meiner Güte verdankſt und wofür Du Dich wohl erkenntlich zu zeigen haſt. Sei fleißig, damit Du Dir bald die Kenntniſſe erwirbſt, die ich als Dir dienlich anſehe. Halte Dich fern von den andern Schulkindern und bekümmere Dich nicht um ſie, noch um das, was ſie lernen, ſo iſt mein Wille. Lies Deinen Katechismus; fürchte Gott und lerne mich, Deinen Herrn, ehren, und ich werde Wohlgefallen an Dir haben.“ Dem Herrn Baron zu Willen zu ſein, ſchien mir 175 ungefähr, als wenn ich Gott wohlgefällig ſei, und ich vermochte nicht einmal die Möglichkeit vorauszuſetzen, daß ich irgend etwas S könne, was gegen ſeinen Willen ſtritt. Während etwa eines Jahres ſetzte ich meinen Schulgang fort, ohne daß ich in irgend einer Weiſe gegen den Willen des Barons gehandelt hätte. Das Unglück wollte jedoch, daß ich kein Dummkopf war, und ſo geſchah es doch endlich einmal, daß ich mich vergaß und während der Lehrſtunden, an denen ich nicht Theil nehmen ſollte, in der Schule blieb. Denn nach Verlauf des erſten Jahres war eine brennende Wißbegierde in mir erwacht. Bald blieb ich täglich in der Schule, während meine Kameraden Geographie und Geſchichte trieben, und meine Luſt zu lernen wurde dadurch ſo mächtig, daß ich eines Tages an Sten die Bitte richtete, er möchte mich zu allen den Lehrſtunden zulaſſen, welche die andern Kinder genoſſen. Er aber gab mir zur Antwort, daß ich erſt die Erlaubniß mei⸗ ner Eltern und des Barons dazu bringen müſſe. Da ich wußte, daß es mir nie gelingen würde, eine ſolche Zuſage zu erhalten, ſo war ich ſehr betrübt. Während die andern Kinder in der Freiſtunde ſpielten, ſetzte ich mich in einen Winkel im Schulhofe und weinte bit⸗ terlich. „Weshalb weinſt Du?“ fragte mich Ebba, die Tochter des Küſters, ein hübſches Mädchen von acht⸗ zehn Jahren, indem ſie an mich herantrat. „Weil ich das nicht lernen darf, was die Andern lernen“, antwortete ich und erzählte ihr, wie Alles zuſammenhing. Sie lachte dazu und meinte, ſie ſelbſt werde mir Unterricht geben. Meine Thränen hörten auf zu fließen, und es wurde nun zwiſchen uns verabredet, daß Ebba mir Bücher leihen und mir Lectionen aus denſelben aufgeben ſollte, in denen ſie mich wiederum überhören würde. Wir wollten uns abends am Ufer des Sees treffen. Von Stund an gehörten meine beſten Gefühle ausſchließlich ihr an. Einige glückliche Wochen ver⸗ ſtrichen. Ich las und lernte fleißig und wanderte, mein Buch unter der Weſte an der Bruſt verſteckt, nach dem See hinab, um, wie ich vorgab, ein Stündchen zu angeln. Niemand beachtete mich und Niemand hatte eine Ahnung von dem, was ich trieb. Der alte Baron hatte vollauf zu thun mit der Pflege ſeiner eigenen Perſon; der junge Freiherr Gö⸗ ran befand ſich ſeit zwei Jahren mit ſeinem früheren Lehrer auf einer Reiſe im Auslande, und die alte Frei⸗ herrin, eine kränkliche Dame mit ſchwachen Nerven, 1 verließ faſt niemals ihr Zimmer. Baroneſſe Marianne und ihre Gouvernante dünkten ſich beide viel zu vor⸗ nehm, um mich eines Blickes zu würdigen, wenn ſie zuweilen auf ihren Promenaden an mir und Ebba vorüberſchritten, und mein Geheimniß ward ſomit nicht verrathen. Der Hochſommer kam heran. Der junge Baron Göran und Magiſter Aurenius kehrten von ihrer Reiſe zurück nach Stenbrovik; allein dies machte mir wenig Kummer und that meinen Lehrſtunden mit Ebba keinen Abbruch. Eines Abends ſaßen wir, wie ſo oft, am Fuße eines Hügels in der Nähe des Seeufers, und Ebba richtete dann und wann eine Frage an mich, damit ſie ſich aus der Antwort überzeuge, ob ich das, was ich geleſen, verſtanden habe. „Wahrhaftig! Ich glaube, Ihr dort unten ſpielt Schule“, rief plötzlich eine Stimme vom Hügel herab. Ich ſchlug überraſcht und erſchrocken ſogleich das Buch zu. Oben auf dem Hügel ſtand Baron Göran. Ebba dagegen blickte ruhig zu ihm empor. „Wir ſpielen nicht, wir haben hier wirklich eine Schule“, ſagte ſie. „Iſt die Möglichkeit!“ rief der junge Baron und ſtand in wenigen Sekunden uns gegenüber. Schwartz, Novellen II. 12 178 Baron Göran war ein junger Mann von drei⸗ undzwanzig Jahren, hübſch und offenen Antlitzes. Als er Ebba gegenüberſtand, ſchien er von ihrer Anmuth überraſcht zu ſein und zog artig ſeinen Stroh⸗ hut. „Um Vergebung“, ſagte er,„habe ich das Ver⸗ gnügen, Fräulein Sten zu ſprechen?“ „Mein Name iſt Ebba Sten“, antwortete Ebba mit einem Lächeln. „Ich erkannte Sie nicht wieder“, fuhr der Baron fort,„ſonſt hätte ich Sie nicht in ſo unpaſſender Weiſe angeredet. Ebba neigte ſchweigend den Kopf als Antwort auf ſeine Entſchuldigung. Zwei Jahre früher hatte Göran ohne alle Förm⸗ lichkeit mit der Küſterstochter geſprochen und ſie da⸗ mals einfach mit Ebba angeredet. Als er jetzt zu bemerken wähnte, daß Ebba zu keinem Geſpräch aufgelegt ſei, wandte er ſich zu mir und fragte: „Haſt Du Unterricht bei Fräulein Sten?“ Mir wurde bei dieſer Frage ſehr übel zu Muthe. War ich doch jetzt dabei betroffen, wie ich gegen das Verbot des alten Barons gehandelt hatte, und ich hielt es für am räthlichſten, zu ſchweigen. 179 Aber Ebba mit einem Blick auf mich nahm das Wort. 3 „Anders hat bei meinem Vater leſen, ſchreiben und rechnen gelernt; ich lehre ihn aber Geographie, Geſchichte und dergleichen mehr, was der Baron, Ihr Herr Vater, dem meinigen unterſagt hat, ihm beizu⸗ bringen.“ Göran lachte laut auf. „Ah, Sie ſetzen ihm ſomit verbotene Speiſen vor, und das, während mein Vater die Ueberzeugung hegt, daß Niemand, welcher ſein Brod ißt oder von ihm abhängig iſt, einen Gedanken zu haben wagt, der ſei⸗ nem Willen widerſtritte. Sie ſind ein kühnes Mäd⸗ chen, Fräulein Sten! „Ich eſſe nicht das Brod des Herrn Barons“, antwortete Ebba ſtolz,„und ich thue überhaupt, was mir recht zu ſein ſcheint. Wenn der Baron ſich er⸗ dreiſtet, in die Menſchenrechte des Anders einzugreifen, ſo nehme ich mir die Freiheit heraus, ſolchen Miß⸗ brauch möglichſt zu berichtigen.“ „Sie heißen die Handlungsweiſe meines Vaters nicht gut?“ „Nein, ganz und gar nicht.“ „Ei, Sie ſind ſeinem Sohn gegenüber ſehr auf⸗ richtig“, verſetzte Göran mit einem Auflug von Hochmuth. 1 180 „Ich beantworte einfach Ihre Frage und habe, um offen zu ſein, überhaupt niemals viel für die Herr⸗ ſchaft auf Stenbrovik übrig gehabt.“ Damit erhob ſie ſich, um zu gehen. „Leb' wohl, Anders!“ ſagte ſie und ſtrich mir mit ihrer feinen Hand über die Stirn.„Wenn man Dich nun ſchelten ſollte, ſo ſage nur, daß Küſters Ebba Dich zum Ungehorſam verführt hat. Sie meinte, Du dürfteſt nicht ſo unwiſſend und roh bleiben, wie die Diener des Barons alle ſind, und deshalb ver⸗ lockte ſie Dich zum Ungehorſam gegen des gnädigen Barons hohen Willen!“ Ebba begleitete dieſe Worte mit einem herzlichen Lachen. Nachdem ihre fröhliche Stimmung vorüber war, ſagte ſie: „Alſo, mein Junge, ſei nicht ängſtlich, ſondern friſchen Muths, wie es Jemand anſteht, der der⸗ einſt ein Mann ſein wird. Du haſt nichts Böſes ge⸗ than, und biſt Du auch ein wenig rebelliſch geweſen, ſo haſt Du das von mir gelernt, die den Entſchluß gefaßt hat, die Flammen des Aufruhrs auf dem alten Stammgute anzufachen!“ Ebba verneigte ſich vor Baron Göran und fuhr fort: „Ich habe jetzt meine Kriegserklärung abgegeben. 181 Klagen Sie mich des Majeſtätsverbrechens an, wenn Sie dazu Luſt verſpüren!“. Darauf eilte ſie ſchnellen Schrittes von dannen, und Baron Göran ſchaute ihr nach mit einem trüben Blick. Mir befahl er, nach Hauſe zu gehen. Am folgenden Tage wurde ich zu meinem größten Entſetzen zu dem alten Baron gerufen. Ich zitterte und mich fror, obgleich wir uns mitten im Hochſommer befanden. Nachdem ich in meinen beſten Anzug geſteckt worden war, nahm mein Vater mich an die Hand und führte mich in den Saal, woſelbſt der alte Baron in einem Lehnſtuhl ſaß. Ich blieb an der Thür ſtehen, und die Zähne klapperten mir vor Angſt und Schrecken. Es war mir nur zu klar, daß eine entſetzliche Strafe meiner harre wegen meines Verbrechens gegenden Willen des Barons. „Komm' näher heran!“ ermahnte der Baron gnä⸗ digen Blickes und herablaſſenden Tones. Ich wagte drei Schritte zu thun. „Noch näher“, ſagte er, und ich trat wiederum drei Schritte näher. Aber nun blieb ich ſtehen. „Wie alt biſt Du?“ fragte der Herrſcher des Schloſſes. „Zwölf Jahre.“ „Schön! Dann biſt Du ſchon erwachſen. Ein 182 guter Knecht muß frühzeitig anfangen. Alſo mit Dei⸗ nem Schulgang kann es jetzt genug ſein. Du wirſt Sonntags zum Küſter gehen und Deinen Katechismus leſen, aber damit Punctum. So iſt mein Wille! Freiherr Göran Sköldkrona, mein Sohn, wird die Güte haben, Dich als Jockey anzunehmen, und wirſt Du dieſen Deinen erſten Dienſt antreten, ſobald der Schneider Deine Livree in Ordnung hat. Dies iſt ein großes Glück für Dich, und Du wirſt Dich um dieſes Glück verdient zu machen haben; ich hoffe zu Gott, daß Du Dich zu meiner und Deines Herrn Zufrieden⸗ heit betragen wirſt.“ Eine verabſchiedende Handbewegung des gnädigen Herrn, die unterthänige Dankſagung meines Vaters und meine athemloſe tiefe Verbeugung bildeten den Schluß der Scene. Meine Eltern waren außer ſich vor Freude, allein ich fühlte mich höchſt unglücklich und weinte bitterlich, weil ich nicht mehr in die Schule gehen durfte. Zwar würde es prächtig ſein, die ſchöne Livree zu haben, aber das vermochte doch nicht, mich darüber zu tröſten, daß ich nichts lernen dürfte. Baron Göran war die unglückliche Urſache dieſer Widerwärtigkeit, und mein ganzer Haß wandte ſich gegen ihn. 183 Als der Abend kam, nahm ich meinen Angelſtock zur Hand und begab mich zum See⸗ hinab, an den Ort, wo ich mit Ebba zuſammentraf. Sie ſaß ſchon dort, eifrig mit einer Handarbeit beſchäftigt. „Wagſt Du es wirklich, hierher zu kommen?“ rief ſie fragend entgegen.„Ich fürchtete ſchon, Du würdeſt Dich nie mehr deſſen erdreiſten, und bin nur in der Hoffnung hierher gegangen, daß der alte Baron hier erſcheinen und mir eine tüchtige Vorleſung halten werde. Ach, was das für ein Vergnügen geweſen wäre! Ich hätte ihm dann meine Herzensmeinung ſa⸗ gen können, und wie würde er geraſt haben!“ Ebba klatſchte mit den Händen vor Freude bei der bloßen Vorſtellung von dem Aerger des Barons; allein plötzlich hielt ſie inne und betrachtete mich. „Aber wie? Ich glaube gar, Du weinſt? Haben ſie Dich ſchlecht behandelt?“ 3 Ich ſchluchzte immer heftiger und berichtete das Vorgefallene. Ebba rief nun mit glühenden Wangen und zorniger Stimme: „Das iſt im höchſten Grade abſcheulich! Aber ich ſage Dir, daraus wird nichts. Ich werde Dir Bücher geben, Du ſollſt leſen und lernen, und wenn Du was Ordentliches weißt, gehſt Du fort von dieſen Leuten und wirſt ein freier Menſch. Ja, ſo muß es kommen, 184 ſo wahr ich Ebba Sten heiße. Verlaß Dich auf mich, Anders!“ Und Ebba jſetzte mir nun auseinander, wie ich meine freien Stunden anwenden ſollte. Jeden Sonntag, wenn ich zu ihrem Vater käme, wolle ſie mich mit neuen und nützlichen Büchern ver⸗ ſehen. Das Schlimmſte von Allem blieb doch, ſo ſchien es ihr, daß ich Livree tragen ſollte. „Es iſt mir ſchrecklich“, ſagte ſie,„daß Jemand ſchon von Kindheit an wie das Eigenthum eines An⸗ dern behandelt werde; doch es kann ſich Vieles ändern, bis Deine neuen Kleider fertig werden; geh' Du jetzt nach Hauſe, aber komm' morgen wieder hierher, viel⸗ leicht habe ich bis dahin irgend etwas ausgeklügelt, um Dich von jener unwürdigen Ausſtaffirung zu retten. Mir wurde es allerdings ſehr ſchwer, zu begreifen, daß etwas Erniedrigendes darin läge, goldgalonirte Kleider zu tragen, denn bis dahin hatte ich es für eine Ehre gehalten, dergleichen zu tragen. Sah ich doch ſeit meinen früheſten Kinderjahren, wie demüthig die Bauern die Livreebedienten begrüßten und wie ſie ihre Schnüre und vergoldeten Knöpfe anſtaunten. Und nun drückte ſich Ebba über dieſen Staat verächtlich aus, wo derſelbe doch mein einziger Troſt geweſen, 185 als ich darüber weinte, daß ich nicht mehr die Schule beſuchen dürfe. Aber wenn Ebba es für demüthigend hielt, ſolche ſtattliche Kleider zu tragen, ſo mußte es wohl ſeine Richtigkeit haben. Erfüllt von dieſer niederſchlagenden Ueberzeugung verließ ich Ebba. Nach Hauſe zu gehen war mir je⸗ doch unmöglich; ich kletterte den Hügel hinan und oben angekommen ſaß ich noch lange dort und weinte, während ich dann und wann auf Ebba hinabſchaute, die den Kopf in die Hand ſtützte und auf das Waſſer hinausſtarrte. Plötzlich jedoch erhob ſich Jemand hinter dem Wacholderbuſch, der ganz in ihrer Nähe war. Baron Göran ſtand dort und betrachtete das junge Mädchen. „Habe ich Sie erſchreckt?“ fragte er Ebba, die plötzlich emporfuhr. „Ich laſſe mich ſo leicht nicht erſchrecken“, ant⸗ wortete ſie;„übrigens wünſchte ich gerade jetzt, das Geſchick möchte Sie, Herr Baron, mir in den Weg führen!“ „Das freut mich. Ich bin ſomit dem Willen des Schickſals gehorſam geweſen. Haben Sie mir etwas zu ſagen?“ 8 „Sonſt hätte ich Sie wohl nicht treffen wollen. Was thaten Sie dort hinter dem Buſch?“ 186 „Ich ſpionirte.“ „Haben Sie dieſes ehrenwerthe Amt für ſich ſelbſt oder für Andere übernommen?“ „Für mich ſelbſt. Ich wollte die Lehren kennen lernen, die Sie meinem künftigen Diener zu ertheilen belieben.“ „Nun, waren Sie von dem, was Sie hörten, erbaut?“ „Nicht ſehr. Ich fand, daß Sie ihn zu einem mit ſeiner Lage Mißvergnügten zu machen verſuchten, das heißt, zu einem Diener, der ſeinen Herrn gering ſchätzt. „Wenn der Diener das thut, wird es der eigene Fehler des Herrn ſein.“ „Nicht immer; allein laſſen wir das dahingeſtellt ſein, und antworten Sie mir: ſehen Sie es für ein Unglück an, wenn Anders in meine Dienſte tritt?“ „Ja, für ein großes Unglück!“ „Bitte, erklären Sie ſich deutlicher.“ Der Baron ſetzte ſich auf einen Baumſtumpf Ebba gegenüber und wandte kein Auge von ihr ab. „Diener zu ſein, und zwar unter jedwedem Ge⸗ ſichtspunkte, mit oder ohne Livree, iſt immer ein Un⸗ glück. Was nun ſpeciell Anders betrifft, ſo hat er einen guten Verſtand, lernt leicht und gern und würde 187 gewißlich ein tüchtiger Staatsbürger werden, wenn man ihm jetzt nicht alle und jede Erziehung vorent⸗ hielte. So aber reißt man ihn aus der Schule und zwingt ihn in eine Bahn, welche die Söhne der Ar⸗ muth aus Noth und zwar nur aus Noth wählen. Weshalb verfahren Sie ſo mit ihm? Ich will es Ihnen ſagen: aus Eigendünkel und in der ſchiefen Lebensauffaſſnng, daß der Glücklichere das Recht habe, über den weniger Glücklichen zu beſtimmen. Wie viel beſſer wäre es, wenn Sie ihn in den Stand geſetzt hätten, irgend ein Handwerk zu erlernen oder ſolche Kenntniſſe ſich zu erwerben, wodurch er die Mittel zur Unabhängigkeit erhielte. Alsdann hätte er ſich zu einem aufgeklärten Manne, zu einem ehrlichen Arbeiter oder Handwerker entwickeln können und wäre nicht verur⸗ theilt, dieſes Faulenzerleben ohne allen Inhalt zu füh⸗ ren, das ihm nun als Diener eines hochgeborenen Herrn bevorſteht. Es iſt unverantwortlich gehandelt gegen ein Kind, das noch nicht weiß, was es vermag. Kleiden Sie Anders in einen goldverbrämten Rock, laſſen Sie ihn Kamerad werden mit den andern Die⸗ nern und den Sündenbock Ihrer eigenen ſchlechten Laune, und Sie werden ihn gründlich verdorben haben, bevor er noch Jüngling wird. Er wird ſich ſehr bald die Fehler ſeines Herrn aneignen, allein er hat eine 188 zu untergeordnete Stellung, um ſich irgend welcher von deſſen Tugenden befleißigen zu können. Der prah⸗ leriſche Rock wird ihn anfänglich damit ausſöhnen, daß ihm jeder Ausweg zu einer ſelbſtſtändigen Exiſtenz geraubt iſt; doch ſpäter wird ſein Gemüth verbittert und der Egvismus die einzige hervorragende Eigen⸗ ſchaft ſein, die ihm bleibt. Jetzt habe ich geſagt, was ich zu ſagen wünſchte, ich habe nichts mehr hinzuzu⸗ fügen!“ Ebba erhob ſich, um zu gehen, allein Baron Göran bat ſie, noch einen Augenblick zu verweilen. „Sind Sie denn deſſen ſo gewiß, daß ich Anders zu meinem Diener zu machen beabſichtige? fragte Göran. „So hat man mir erzählt. Nehmen wir aber an, daß ich keinen andern Aus⸗ weg fand, um für ihn etwas thun zu können und ihm Erziehung zu verſchaffen.“ „Wie ſoll das möglich ſein, wenn er in die Klei⸗ der eines Jockeys geſteckt wird?“ „Magiſter Aurenius wird ihm Unterricht geben.“ „Und zugleich ſoll Anders Kamerad ſein und um⸗ gehen mit den hochmüthigen Tagedieben von Lakaien, die um Ihren Herrn Vater ſpringen, und gekleidet ſein wie ſie!“ 189 „Fräulein Sten, Anders wird niemals eine Livree zu tragen haben!“ rief Eöran. Ebba blickte ihn an, reichte ihm die Hand und lispelte:„Beſten Dank für dieſes Verſprechen, Baron Sköldkrona.“ Göran drückte ſchweigend ihre Hand, worauf beide ſich trennten. Was Baron Göran ſeinem Vater ſagte, weiß ich nicht, nur das weiß ich, daß ich meine gewöhnlichen Kleider behielt und in aller Stille Unterricht bei Ma⸗ giſter Aurenius genoß. Mein Dienſt war leicht genug. Ich begleitete zu⸗ weilen meinen jungen Herrn, wenn er ausfuhr, hielt ſeine Bücher und Cigarren in Ordnung und verbrachte die Vormittage in ſeinen Zimmern, beſchäftigt mit den Aufgaben, welche mir Magiſter Aurenius zutheilte. Ebba ſah ich weniger häufig als früher. Wir begegneten uns nicht mehr am Ufer des Sees. Sie hatte jetzt einen andern Schüler, Baron Göran. Er und ſie trafen ſich täglich. Das kluge, aufgeklärte Mädchen hielt ihm begeiſterte Vorträge über wahre Humanität, und ihre Worte blieben nicht ohne Ein⸗ druck, vielleicht deshalb, weil ſie von friſchen Lippen geſprochen wurden. 190 In ſolcher Weiſe verſtrich der Sommer, und der Herbſt trat ein. Der alte Baron hatte die Beſtimmung getroffen, daß Göran ungeachtet ſeiner Studien und ſeines ju⸗ riſtiſchen Examens ganz wie ſein Vater und Großvater Baron Sköldkrona verbleiben und auf Stenbrovik wohnen ſollte. Eines Morgens im September, als ich wie immer in Göran's Zimmer mit den Aufgaben des Magiſter Aurenius beſchäftigt war, ließ der alte Baron ſeinen Sohn zu ſich rufen. Durch irgend einen dienſtbaren Geiſt hatte der alte Herr erfahren, daß der Sohn Zuſammenkünfte mit der Küſterstochter habe. Göran ſollte ſich nun wegen dieſer Beſchuldigung verantworten. Es lag nicht im Charakter des jungen Mannes, ſeine Handlungen zu verleugnen, und er that es auch in dieſem Falle nicht. Er geſtand offen, daß er täg⸗ lich mit Ebba zuſammengetroffen ſei. Der alte Baron hörte ihn ſchweigend an. Als der Sohn geendigt hatte, ſagte er: „Ich will, daß Du ganz und gar dieſe Zuſammen⸗ künfte einſtellſt; es iſt in unſerer Familie nicht ge⸗ bräuchlich, ein Beiſpiel ſchlechter Sitten zu geben, und 19¹ mein Sohn ſoll nicht der erſte ſein, der es thut; ich würde mich ſonſt ſeiner ſchämen müſſen.“ Hier ging die Thür, die zu den Zimmern der Freiherrin führte, plötzlich auf, und dieſe trat mit flammenden Wangen ein. Ihr Kammermädchen habe erzählt, daß ihr Sohn ſich in die Küſterstochter verliebt habe. Sie käme, um zu erfahren, ob ſolches möglich ſei. Während die Mutter ſich in heftigſter Sprache erging, verhielt Göran ſich ganz ruhig. Der alte Ba⸗ ron erklärte in ſehr ernſtem und würdigem Tone, daß ſolches nicht möglich ſei; der Beweis ſei der, daß er bereits die Sache mit Göran verhandelt habe. Der Baron bat darauf ſeine Gemahlin, ſie möge ſich beruhigen und nicht, wie ſie gethan, ihr eigenes Kind verkennen. Die Freiherrin war indeß nicht zu einem ruhigen Ausgang der Scene geneigt, ſondern fiel erſt in Ohn⸗ macht und bekam darauf Krämpfe. Während Fräulein Marianne, der alte Baron, die Gouvernante, die Kammerjungfer und mein Vater um die Freiherrin beſchäftigt waren, entfernte Göran ſich leiſe und eilte ins Freie. Die Einmiſchung der Eltern in ſeine Verhältniſſe zu Ebba hatte die ſtille und reine Flamme ſeiner Er⸗ 192 gebenheit für ſie in eine heftige, zügelloſe Leidenſchaft verwandelt. Er liebte, das hatte er lange gewußt; allein jetzt konnte nichts ihn dazu bewegen, von dieſer Liebe ab⸗ zuſtehen. Ebba mußte die Seine werden. Nachdem er dieſen Entſchluß gefaßt hatte, kehrte er von einer langen Promenade zurück, und in der Nähe des Schloſſes begegnete ihm Ebba. Sie trafen ſich gerade am Eingange des Parks, und er bat ſie, mit ihm dort einzutreten, er habe ihr etwas Wichtiges zu ſagen. Sie nahmen Platz auf der erſten, der näch⸗ ſten Bank. Bis dahin war noch kein Wort von Liebe über ſeine Lippen gekommen, allein jetzt ſprach er. Er bot ihr ſein Leben, ſeine Hand und ſein Herz an. Die Sprache der Liebe iſt mächtig; Ebba geſtand ohne Zögern, daß er ihre Gegenliebe beſäße, daß ſie Freud und Leid mit ihm theilen würde. Sie ſchwuren ein⸗ ander ewige Treue und beſiegelten dieſelbe mit dem erſten Kuß. Das entſchied ihr Geſchick, denn als die Baronin in ihr Zimmer zurückgeführt worden war, hatte ſich Göran's Schweſter, um friſche Luft nach jener em⸗ pörenden Scene zu ſchöpfen, in den Park begeben und dort ihren Bruder und Ebba Sten beiſammen getrof⸗ 193 fen. Sie hatte ſich hinter dieſelben geſchlichen und ſie belauſcht. Und was erfuhr ſie? Der Bruder machte der Küſterstochter eine Liebeserklärung und bot ihr ſeine Hand an, die ſie auch bereitwilligſt annahm. Außer ſich, in voller Beſtürzung eilte Marianne zu ihrem Vater und erzählte ihm den Skandal. Der Baron läßt ſofort den Küſter zu ſich rufen. Ich hörte ſpäter meinen Vater meiner Mutter er⸗ zählen, was er als Zeuge der Unterredung gehört hatte. In überlegenem Tone habe der Baron dem Küſter befohlen, ſeine Tochter ſofort aus der Gegend wegzu⸗ bringen, er, der Baron, wünſche es ſo. Sten habe hiergegen ein beſtimmtes Nein geſetzt. Er ſei Wittwer und wolle ſich nicht von ſeinem ein⸗ zigen Kinde trennen. Nun wurde jener zornig, ſagte, daß Ebba ein leichtſinniges, ſchlechtes Mädchen ſei, daß ſie ein er⸗ niedrigendes Liebesverhältniß mit ſeinem Sohne ange⸗ knüpft und daß er als deſſen Vater ſolche Sitten⸗ loſigkeit nicht dulden könne. Sten hörte den alten Baron ruhig an, und als dieſer endlich ſchwieg, benachrichtigte er ihn davon, daß Baron Göran vor kaum einer halben Stunde die Hand ſeiner Tochter Ebba von ihm, ihrem Vater, er⸗ Schwartz, Novelle n. II 13 194 beten habe, und da die beiden jungen Leute ſich lieb⸗ ten, ſähe er kein Hinderniß, ſie zu vereinigen. Baron Sköldkrona verſtummte eine geraume Zeit und blieb wie verſteinert vor Zorn und Beſtürzung ſitzen. Als er ſich aber wieder erholt hatte, klingelte er, ließ Sten die Thür weiſen und ſeinen Sohn zu ſich rufen. Was zwiſchen Vater und Sohn vorging, erfuhr mein Vater nicht; er hatte ſich zurückziehen müſſen, nachdem das Geſpräch zwiſchen dem Baron und dem Küſter zu Ende war. Die Folge des Geſprächs zwiſchen Vater und Sohn aber war, daß Göran ſchon an demſelben Abende Stenbrovik verließ und mich mit ſich nahm. Unterwegs machten wir Halt vor der Küſter⸗ wohnung. Göran ſtieg aus und ging hinein, um ſich von Ebba zu verabſchieden. Er wollte nach der Haupt⸗ ſtadt, um eine Bahn einzuſchlagen, die ihn unabhängig machen ſollte. Erſt dann würde er ſeine Braut heim⸗ führen können. Nachdem ſie ſich gegenſeitig treu aus⸗ zuharren gelobt, trennten ſie ſich. Göran erhielt eine Anſtellung bei der Regierung, doch wünſchte er, ſo bald als möglich eine Stellung als Attaché bei irgend einer ſchwediſchen Geſandtſchaft im Auslande zu bekommen. 195 Er hatte einen geachteten Namen, weitverzweigte Familienverbindungen und andere Connexionen, und es durfte ſomit für ihn keine großen Schwierigkeiten haben, ſeinen Wunſch erfüllt zu ſehen. Er arbeitete fleißig und führte ein ſehr zurückgezogenes Leben. Mich behandelte er nicht wie einen Diener, ſon⸗ dern wie einen jüngeren Verwandten, welcher ihm aus Dankbarkeit gefällig ſein müſſe. Seine Abſicht mit mir war, daß ich ſtudiren ſollte. Das Schickſal wollte es jedoch anders. Nach Verlauf von zwei Jahren ſtarb die Frei⸗ herrin, ſeine Mutter, infolge irgend eines Düätfehlers. Das mütterliche Erbe betrug zwar bei weitem nicht die Hälfte von dem, was man ſich gedacht, doch reichte es hin, um Göran unabhängig zu ſtellen. Er reiſte nach Stenbrovik, wohnte dem Begräb⸗ niſſe der Mutter bei, beſuchte ſeine Ebba und kehrte verliebter denn je nach der Hauptſtadt zurück, woſelbſt er mich gelaſſen hatte, damit ich die Schule nicht ver⸗ ſäume. Im darauffolgenden Jahre wurde Göran's und Ebba's Hochzeit in dem ſchlichten Daheim der letztern, in Sten's Küſterwohnung gefeiert. Sie wurden in der Kirche getraut, allein Niemand von den Ver⸗ wandten des Bräutigams war zugegen. Nach dem Tage 13½ 196 der Trauung verließ er mit ſeiner jungen Frau die Gegend, aber ich, damals in meinem fünfzehnten Jahre, durfte ihm nicht folgen, es wurde mir von meinem Vater unterſagt; ein Sohn, der gleich Göran Schande über ſeinen Vater bringe, dürfe nicht mein Herr ſein. Indeſſen erhielt der junge Baron eine Anſtellung bei der ſchwediſchen Geſandtſchaft in Neapel, und die Neuvermählten begaben ſich ohne Aufenthalt dorthin. Ebba hatte von Hauſe aus ein Dienſtmädchen, einige Jahre älter als ſie ſelbſt, das im Küſterhauſe aufgewachſen und Ebba ſehr ergeben war, mitgenom⸗ men. Der Name des Mädchens war Sara Rund⸗ quiſt. Ich aber blieb auf Stenbrovik, genoß den Con⸗ firmationsunterricht und wurde von dem alten Baron als Vorleſer verwendet. Ein halbes Jahr nach der Heirath des Barons Göran vermählte ſich Fräulein Marianne mit dem Grafen Klaus H—n. Am Hochzeitstage gab der alte Baron noch bei Lebzeiten ſeiner Tochter Stenbrovik als Eigenthum, das heißt, er gab ihr ſein ganzes Vermögen. Er that dies, um einen Schwur zu halten und ſeinen Sohn zu beſtrafen. Die Neuvermählten zogen indeß nach Stockholm, 197 woſelbſt der Graf in der v Leibgarde zu Pferde diente. Der Baron fuhr fort, auf Stbnnt zu reſidiren, und betrachtete es als eine abgemachte Sache, daß die jungen Leute erſt nach ſeinem Tode den Herrenſitz an⸗ treten würden. Graf H— n lebte in der Hauptſtadt auf großem Fuße, und da er ſelbſt kein Vermögen beſaß, ſo war das mütterliche Erbe Mariannens bereits im Laufe des erſten Jahres aufgezehrt. Nun machte man aber Anſprüche auf die Einkünfte von Stenbrovik, und zwar dermaßen, daß der alte Baron einen ſehr geringen Theil derſelben für ſich bekam. Marianne ſchlug dem Vater vor, die nöthigen Einſchränkungen zu machen, denn ſie und ihr Gemahl könnten das unmöglich thun; lebten ſie doch in der Hauptſtadt und müßten ihren Stand repräſentiren. Der alte Baron fand dies na⸗ türlich, und die Mehrzahl der Bedienung wurde ver⸗ abſchiedet. Der Kammerdiener, mein Vater, ein Die⸗ ner und der Kutſcher machten jetzt ſeine Umgebung aus. Eines Tages— ich war mittlerweile achtzehn Jahre alt geworden— kam zu meinen Eltern eine Schweſter meiner Mutter zum Beſuch. Sie war die Wittwe eines Dorfkrämers und reiſte nun für eine Bandfabrik 198 mit Waaren auf den Jahrmärkten herum. Da ſie keine Kinder hatte, ſchlug ſie meinen Eltern vor, daß ſie mich auf ihren Reiſen als ihren Gehülfen mitnehmen wolle. Ihre Andeutung, daß ich dann bei ihrem Ab⸗ leben Erbe ihres kleinen Vermögens werden ſollte, machte den Vorſchlag doppelt annehmbar; meine El⸗ tern trugen denſelben pflichtſchuldigſt dem Baron vor, und da auch dieſer damit einverſtanden war, verließ ich Stenbrovik. Sechs Jahre begleitete ich die Tante auf die Jahr⸗ märkte. Im Frühjahr des ſechsten Jahres bekam die Tante einen Brief von ihrem Schwager in Lübeck, welcher ſie unter Anderem bat, ihm einen ehrlichen und zuver⸗ läſſigen jungen Mann zu verſchaffen, den er in ſeinem Kaufmannsgeſchäft verwenden könne. Meiner Tante ſchien es für meine Zukunft bedeutſam zu ſein, wenn ich eine Stellung im Auslande bekommen könne. Viel⸗ leicht gelänge es mir dort ebenſo gut wie dem Schwa⸗ ger. Daß ich den Vorſchlag mit Lebhaftigkeit ergriff, verſteht ſich von ſelbſt, und nachdem ich die ſchriftliche Einwilligung meiner Eltern zu dieſer Veränderung er⸗ halten hatte, reiſte ich ein paar Wochen darauf nach Lübeck ab. 199 Bei meiner Ankunft in Lübeck logirte ich mich in einem kleinen Hotel ein und wollte kags darauf mei⸗ nen künftigen Principal aufſuchen. Ich hatte gerade Beſitz von meinem Zimmer er⸗ griffen und eine Weile am Fenſter geſtanden, um die Leute auf der Straße zu betrachten und zu ſehen, ob ſie den Leuten in Schweden ähnlich ſähen, als ein Wagen vor dem Hotel anhielt. In demſelben befanden ſich ein Herr, eine Dame, eine Dienerin und zwei kleine Kinder. Ich öffnete zu einer genaueren Muſterung meiner künftigen Haus⸗ genoſſen das Fenſter; in demſelben Augenblick blickte unten der Herr zu mir empor; ſein Antlitz war blaß und abgezehrt, allein die Züge waren mir zu wohl bekannt, als daß ich nicht trotz aller Veränderung die⸗ ſelben hätte wiedererkennen ſollen. Ein paar Sekunden betrachteten wir einander, darauf ſtürzte ich die Treppe hinab und auf ſie zu. Es waren Baron Göran, Ebba, ihre Kinder und Sara Rundquiſt. Ich vermag nicht die Freude und zugleich den Schmerz zu ſchildern, welche dieſes Wiederſehen mir verurſachte, und will nichts von der erſten Be⸗ grüßung ſagen. Mein plötzliches Auftreten machte ein en freudigen Eindruck auf ſie. 200 Sie bezogen daſſelbe einfache Hotel, in welchem ich wohnte, und ehe der Abend anbrach, kannte ich ihre Lage und Alles, was ſich mit ihnen zugetragen hatte, ſeitdem ſie das Vaterland verlaſſen. Sie hatten vier Kinder gehabt; die beiden älteſten waren geſtorben. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Neapel bekam Göran eine ſchwere Augenkrankheit und mußte ſeine Stellung bei der Geſandtſchaft auf⸗ geben. Er lebte zwei Jahre in Paris unter der Pflege eines berühmten Augenarztes und ein weiteres Jahr zur Erholung in der Schweiz. Im Begriff, nach Paris zurückzukehren, wo er Ausſicht auf einen neuen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten hatte, erkrankte Göran in Genf an einer Bruſtentzündung und ſiechte ſeitdem dahin. In Genf lebten ſie ganz für ſich, eingezogen und ſparſam. Ebba ſtand Allem vor und mit Angſt und Zagen ſah ſie dem Tag entgegen, an welchem ihr klei⸗ nes Kapital zu Ende gehen würde. Einmal ſchrieb ſie an ihren Vater, um zu erfah⸗ ren, ob keine Ausſöhnung mit dem alten Baron zu hoffen ſei, aber ſie bekam eine wenig ermunternde Antwort. Sten verſchwieg der Tochter die übereilte Beſtimmung des alten Barons, welche den Sohn alles Vermögens beraubt, zugleich aber den Alten ſelbſt 201 ruinirt hatte. Er bat ſie nur, keinerlei Hoffnung auf ihren Schwiegervater zu ſetzen. Der ſonſt vermögensloſe Küſter ſandte jedoch der Tochter zweihundert Thaler für etwaige Bedürfniſſe. Dieſe Summe hinterlegte Ebba. Einige Zeit darauf wurde ihr viertes Kind, eine Tochter geboren. Als Ebba ſich nach dieſem Ereigniß erholt hatte, wünſchte Göran ins Vaterland zurückzu⸗ kehren, damit er, wie er ſagte, verhindere, daß Frau und Kinder, wenn er geſtorben ſei, Noth litten. Und ſomit waren ſie damals auf der Reiſe nach Schweden begriffen. Die Reiſe hatte indeß Göran dermaßen angeſtrengt, daß die Familie ein paar Tage in Lübeck warten mußte. Die Nacht nach der Ankunft erkrankte er dort aufs neue. Tage und Wochen verſtrichen ohne Beſſe⸗ rung der Krankheit. Er konnte nicht einen Augenblick exiſtiren ohne Ebba, und ſie mußte ſtets um ihn ſein. Als er end⸗ lich einigermaßen genas, war ſeine Neigung, ins Va⸗ terland zurückzukehren, verſchwunden. Den Grund hierzu ſcheint ein Brief abgegeben zu haben, den er in Lübeck empfing und welcher ihn über verſchiedene Veränderungen in ſeiner Familie benach⸗ 202 richtigte. Dies ſagte er mir im Vertrauen, jedoch ohne ſich näher über dieſe Veränderungen zu erklären. Zu Ebba äußerte er: „Meine Kräfte ſind dahin, ich vermag nicht wei⸗ ter zu reiſen, ich bleibe hier, bis mich der Tod ab⸗ holt. Wenn ich im Grabe ruhe, meine geliebte Ebba, haſt Du nicht weit zu reiſen, um die Heimat zu er⸗ reichen. Mein Tod wird vielleicht in der Heimat irgend etwas Gutes bewirken, meine Anweſenheit dort würde es nicht thun.“ Nachdem Göran Sköldkrona's und meine Wege ſich wieder gekreuzt hatten, war ich unwiderruflich an den Ort gefeſſelt, wo er und ſeine Familie ſich auf⸗ hielten. Ich trat ſofort die Stelle bei dem Schwager mei⸗ ner Tante an, welcher einen Materialwaarenhandel betrieb. Mein Principal war mir behülflich, Sköld⸗ krona eine paſſende und billige Wohnung zu verſchaf⸗ fen. In demſelben Hauſe miethete ich mir eine kleine Dachkammer und konnte ihm ſomit alle meine freien Stunden opfern. Ebba verſchaffte ſich in aller Stille Arbeit für einen Laden, ohne daß Göran eine Ahnung davon hatte, daß ſeine Frau für Geld arbeitete. Zwei Jahre verſtrichen. 203 Göran konnte das Bett nicht mehr verlaſſen. Im Frühling erloſch ſeine Lebensflamme. Seine letzten Worte zu Ebba waren: „Erziehe unſere Kinder zu guten und intelligenten Menſchen. Kehre mit ihnen nach Schweden zurück und lehre ſie den Namen, den ſie tragen, achten, aber nicht über ihn hochmüthig zu ſein. Möge Gott Dich für all Deine treue Liebe belohnen und Dich vor Kum⸗ mer ſchützen. Meine entfernten Verwandten werden ſchon, wenn ich nicht mehr bin, für einen paſſenden Unterhalt für Euch Sorge tragen. Laß meine irdiſchen Ueberreſte hier ruhen; ich bin in fremdem Land zu glücklich geweſen, um in die kalte Familiengruft zu Hauſe gebettet ſein zu wollen.“ Einen Monat nach Göran's Tode, als Ebba's Trauer ſich in ſo weit gemildert hatte, daß ſie an etwas Anderes als an den bittern Verluſt denken konnte, traf ſie Vorbereitungen zur Abreiſe; allein auch diesmal trat Krankheit hindernd in den Weg und ver⸗ urſachte einen Aufſchub. Sara hatte ſich nämlich eine ſchwere Erkältung zugezogen und erkrankte am Schar⸗ lach. Mit der Güte eines Engels und der Liebe einer Schweſter pflegte Ebba ihre treue Dienerin; allein ver⸗ geblich. Nach Verlauf von ſechs Wochen ſtarb Sara. 204 Es war Nacht, als dieſe ihren Geiſt aushauchte. Ebba wandte ihr in Thränen gebadetes Antlitz mir zu und ſagte: „Meine arme, treue Sara wird ſelbſt durch ihren Tod mir nützlich ſein, wie ſie mir im Leben ſo treu gedient hat. Hier am Orte gibt es Niemand, der uns näher kennt. Der Arzt, welchen Sara hatte, iſt zufällig ein anderer als Göran's Arzt. Wer Sara iſt, wer ich bin, iſt ihm unbekannt und deshalb, An⸗ ders, laſſen wir Sara beerdigen als Ebba Sköldkrona. Ich kehre zurück als Sara Rundquiſt. Nur ſo wird es mir möglich werden, für meine Kinder zu arbeiten, damit ſie nicht nöthig haben werden, das Wohlwollen Fremder zu beanſpruchen. Sara Rundquiſt kann unter⸗ nehmen, was ſie will, wenn es nur eine ehrenhafte und gewinnbringende Arbeit iſt, aber nicht die Frei⸗ herrin Sköldkrona. In Stockholm kennt mich Niemand, und auch Niemand dort kennt Sara; dort werde ich ein neues Leben beginnen.“ Sara wurde nun in der That als Ebba Sköld⸗ krona beerdigt, und ich bekam den Auftrag, den alten Baron und Sten zu benachrichtigen, daß ſowohl Göran als ſeine Frau mit Tode abgegangen ſeien. Darauf verließ ich meinen Principal und reiſte mit Ebba und ihren Kindern nach Schweden. —— 205 Von Göran's mütterlichem Erbe waren noch ſieben⸗ hundert Thaler übrig. Ueber dieſe Summe, welche den Kindern gehörte, ernannte die für todt ausge⸗ gebene Mutter den Magiſter Aurenius zum Vormund, und ſeinem Schutz ſollten gleichfalls die Kinder ſelbſt übergeben werden. Als wir in Stockholm angekommen waren, logir⸗ ten wir uns erſt in einem kleinen Gaſthaus ein, worauf ich Magiſter Aurenius aufſuchte und ihn zu Ebba führte. Sie war gezwungen, ſich ihm anzuvertrauen, allein ſie wußte auch, daß ſie ſich auf den Mann ver⸗ laſſen konnte. In ſeine Hände gab ſie ihre Kinder. Die Koſten des erſten Jahres mußten aus einem Theil des kleinen Erbes beſtritten werden, das nächſte Jahr hoffte Ebba ſelbſt für ſie bezahlen zu können. Aurenius erzählte Ebba, daß der alte Baron ſeit einem Jahr ein ruinirter Mann und daß Stenbrovik verkauft ſei; wo der Baron ſich aufhalte, wußte er nicht, man wollte wiſſen, daß Verwandte ihn unter⸗ ſtützten. Graf H—n war vor einem Jahre wegen Schul⸗ den flüchtig geworden, ſeine Frau Gemahlin genoß das Gnadenbrod bei irgend einem ſeiner Anver⸗ wandten. Aurenius erzählte ferner, daß der gegenwärtige 206 Beſitzer der Sköldkrona'ſchen Güter ein reicher Kauf⸗ mann ſei und daß meine Eltern in ſeinen Dienſten verblieben ſeien. Nachdem wir dies Alles erfahren und Ebba ihren Kindern ein letztes Lebewohl geſagt hatte, führte ich ſie eine weite Strecke in Södermalm hinein, woſelbſt meine Tante daſſelbe Häuschen beſaß, in welchem Ebba ſpäter ihren Kramladen hatte. Die Tante bewohnte die Zimmer, welche Sie, meine Fräuleins, jetzt inne haben. Meine Tante, eine alte Geſchäftsfrau, ſchlug Ebba vor, den Handel zu übernehmen, weil derjenige, der ihn damals inne hatte, ſich von Geſchäft zurückzuziehen wünſchte. Meine Tante beſorgte des Geſchäftes Ankauf und Ebba begann nun ihren Handel mit den zweihundert Thalern, welche ihr Vater ihr damals geſandt hatte. Ich trennte mich nicht von Ebba, ſondern wurde ihr Gehülfe und einziger Diener. Die Leute glaubten ſtets, wir ſeien verwandt. Das Geſchäft ging gut, und ſchon nach fünf Jah⸗ ren konnte Ebba von meiner Tante das kleine Haus kaufen, obgleich ſie auch die Ausgaben für die Er⸗ ziehung ihrer Kinder beſtritt. Um dieſe Zeit war es, daß Sie, meine Fräuleins, zu uns zogen. Während dieſer Jahre hatte ſie ihre Kinder nicht 207 wiedergeſehen, ſondern ich beſuchte ſie jeden Sonntag und brachte ihr Nachricht über das Befinden der Klei⸗ nen. Erſt jetzt, nach fünfjähriger Trennung, wagte ſie es, mich eines Sonntags zu begleiten. Sie kannten ſie nicht mehr. Ich ſagte ihnen, ſie ſei die treue Dienerin ihrer Eltern geweſen und habe ſie in ihrer erſten Kindheit gepflegt. Aurenius fügte dem hinzu, daß ſie eigentlich diejenige ſei, die für ihre Erziehung Sorge trage. Von da an begab ſich Ebba jeden Sonntag zu Aurenius, um bei ihren Kindern zu ſein. Ich und Ebba hatten ſechs Jahre zuſammen gear⸗ beitet, als ich eines Tages einen Brief von meinem Vater bekam, in welchem er mir ſchrieb, daß meine Mutter krank ſei und mich zu ſehen wünſche. Ebba bat mich zu reiſen und ſprach mit thränen⸗ den Augen: „Gehe Du nur nach unſerer Heimat, ich kann bei der Gelegenheit etwas Näheres über meinen Vater er⸗ fahren, welcher nun ſo viel Jahre ſeine Tochter als todt beweint hat. Grüße ihn von der todten Ebba.“ Ich reiſte ab. Als ich Stenbrovik erreichte, war meine Mutter ſchon in der Beſſerung. Am WMorgen des Tages nach meiner Ankunft 208 lud mein Vater mich ein, ihn auf einen Beſuch bei dem Küſter Sten zu begleiten, welche Einladung ich um ſo lieber annahm, als ich ſelbſt mich danach ſehnte, ihn zu beſuchen. Wir begaben uns auf den Weg. Ich glaube, ich habe noch nicht geſagt, daß die Küſterwohnung aus einem großen Zimmer zu ebener Erde nebſt Kammer und Küche, ſowie aus zwei hübſchen Giebelzimmern beſtand. Es war während der Sommerferien. Küſter Sten ſaß auf der Bank vor ſeiner Haus⸗ thür und ſchmauchte ſeine Pfeife. Er ſah kräftig aus; die Zeit war ſchonend mit ihm verfahren und hatte nur hier und da Silber in ſein Haar geſtreut. Er kannte mich nicht, bevor mein Vater ihm ſagte, wer ich ſei, aber dann klärte ſich ſein Antlitz auf, er ſchüttelte mir die Hand, dankte mir dafür, daß ich ſeiner Tochter ein treuer Freund geweſen, und fragte mich, ob ſie eine gute Gattin und Mutter ge⸗ weſen. Ich verſicherte ihm, daß er in jeder Beziehung zufrieden und ſtolz ſein könne, was ſeine Tochter be⸗ träfe. Wir ſprachen noch eine Weile von Ebba und dem ſchweren Verhängniß, das den alten Baron betroffen. Auch von der Schweſter Göran's, Gräfin H., ſprachen wir, dann erhob ſich Sten und ſagte, mit einem Seitenblick auf meinen Vater: „Ich denke, Anders, Du machſt jetzt einen Beſuch oben in den Giebelzimmern, Du dürfteſt dort einen alten Bekannten antreffen.“ An irgend einen Jugendkameraden denkend, welcher möglicherweiſe Unterlehrer bei Sten geworden ſein möchte, begleitete ich dieſen die Treppe hinan. Mein Vater blieb unten. Wir traten in das erſte Zimmer. Es war ganz wie das eigene Zimmer des alten Barons auf Stenbrovik möblirt. Die Portraits des Barons, der Freiherrin, Göran's und Mariannens hingen an den Wänden. Ich ſtand betroffen da, den Blick auf die alte ſilberbeſchlagene Bibel gerichtet, die ich als Kind ſo oft bewundert hatte und die nun auf dem Tiſch vor dem Sopha lag. Ein Geräuſch in dem anſtoßenden Zimmer veran⸗ laßte mich, die Blicke dorthin zu richten. Die Thür ging auf, und auf der Schwelle zeigte ſich ein alter Mann. Sein Haar war ſchneeweiß, ſeine Haltung gedrückt, ſeine Stirn gefurcht. Langſam ſchritt er auf den Lehnſtuhl zu, welcher dem Kamin gegenüber ſtand. Schwartz, Novellen. II. 14 210 Es war derſelbe Stuhl, in welchem der Baron zu ſitzen pflegte, als er noch Herr von Stenbrovik war. „Guten Morgen, Sten“, ſprach er.„Wer iſt der junge Mann, den Sie dort mitgebracht haben?“ „Das iſt Anders Grönlund, Herr Baron“, ant⸗ wortete Sten und trat näher. Der Baron richtete ſich in die Höhe, ſo gut es gehen wollte, und betrachtete mich. „Anders!“ wiederholte er und ſeufzte tief.„An⸗ ders“, ſagte er noch einmal aufgeregt,„Du warſt ja bei meinem Sohne, als er ſtarb. Das ſind viele, viele Jahre her“, fügte er hinzu und ſank in den Lehnſtuhl nieder, indem er ſein Antlitz mit beiden Händen bedeckte. Nachdem ſeine Aufregung ſich ein wenig gelegt hatte, begann er mich auszufragen über die Ehe des Sohnes, über deſſen Krankheit und Tod. Darauf ſagte er in ſehr niedergeſchlagenem Tone: „Das eine meiner Kinder hat der Tod mir ge⸗ raubt, das andere hat den Vater vergeſſen— wie glück⸗ lich würde ich ſein, wenn mein Alter wenigſtens durch die Anweſenheit meiner Enkel in etwas verſüßt würde! Ich möchte ſie ſehen und an mein Herz drücken, aber die Freude wird mir wohl niemals zu Theil werden.“ Ich will mich nicht länger bei meinem Beſuch bei A dem Baron aufhalten, ſondern nur noch auseinander⸗ ſetzen, wie es zuging, daß er ſeine Wohnung bei Sten aufgeſchlagen hatte. Als er nämlich durch die Schuld ſeines Schwieger⸗ ſohnes um Haus und Hof gekommen und ſein adeliger Sitz in den Beſitz eines Fremden übergegangen war, war der Baron über dieſen Schlag ſo ſchwer erkrankt, daß man ihn nur mit Lebensgefahr aus den Räumen, in welchen er geboren war, ſchaffen und in der Küſter⸗ wohnung unterbringen konnte. Sten hatte ſich erbo⸗ ten, ihn aufzunehmen. Mein Vater, welcher ſeinen alten Herrn höher als Frau und Kind liebte, nahm das Anerbieten des neuen Beſitzers von Stenbrovik, in ſeinen Dienſt zu treten, an, und es gelang ihm, von dieſem das Ameuble⸗ ment zu erſtehen, das im Wohnzimmer des Barons auf Stenbrovik geſtanden hatte. Einige Möbel, die Bibel und die vier Portraits waren das einzige Eigen⸗ thum des Barons. Von dem Tage an trugen mein Vater und Sten Sorge um die Bedürfniſſe des alten Herrn; der Schwie⸗ gervater ſeines Sohnes, der Küſter, und ſein ehemaliger treuer Diener, mein Vater. Nachdem ich mich einige Tage auf Stenbrovik auf⸗ gehalten hatte, kehrte ich nach Stockholm zurück. 242 Ebba weinte vor Freude, als ſie das Betragen ihres und meines Vaters erfuhr; ſie weinte Thränen des Mitleids über den alten Schwiegervater. Am darauffolgenden Sonntag begab ſie ſich zu Aurenius. Zwiſchen dieſem und ihr wurde es nun beſtimmt, daß er mit den Kindern Ebba's, anſtatt wie bisher die warme Jahreszeit bei ſeiner Schweſter in Södermanland zuzubringen, dieſelbe in der Gegend von Stenbrovik verleben und ſich dort in dem Pfarr⸗ hof einlogiren ſollte, wodurch der alte Schwiegervater dann wie zufällig den Troſt haben könnte, ſeine Enkel einen Theil des Jahres um ſich zu haben. Das, was ich noch hinzuzufügen habe, iſt wenig. Ebba ſtand ihrem Handel mit vieler Energie vor, verdiente viel und hinterlegte jedes Jahr eine nicht unbedeutende Geldſumme. Die Kinder reiften heran. Der Sohn machte gute Fortſchritte in ſeinen Studien und erhielt eine Anſtellung als Ingenieur bei der erſten in Schweden angelegten Eiſenbahn. Die Tochter wurde in ihrem neunzehnten Jahre mit dem Gerichtsdirector B... in Stockholm ver⸗ heirathet. Der alte Baron blieb bei Sten wohnen; Ebba fuhr fort, durch ihre Arbeit zu wirken, und wenn der 2¹3 Sonntag kam, beſuchte ſie ihre verheirathete Tochter, welche in ihr noch immer das frühere Kindermädchen, die treue opferfreudige Sara Rundquiſt erblickte. Ebba's Spargelder hatten ſich, ſeitdem die Kinder verſorgt worden waren, ſehr vermehrt. Das anfänglich ſehr geringe Kapital wuchs in faſt wunderbarer Weiſe. Sechs Monate vor ihrem Tode hatte Ebba das Ziel ihres ſtillen Strebens erreicht, das Sten⸗ brovik zurückzukaufen. Im Herbſt vor dem Tode Ebba's zog Baron Sköldkrona wieder in das Schloß und den Herrenſitz ſeiner Väter ein, um dort zu leben und zu ſterben. Die beiden Enkel hießen ihn dort willkommen und ver⸗ lebten Weihnachten mit ihm. Sten, der Großvater mütterlicher Seite der Kin⸗ der, war dem alten Baron ganz und gar unentbehr⸗ lich geworden; er gab ſein Amt auf und zog gleich⸗ falls auf Stenbrovik ein. Gleich nach Neujahr kehrten die Kinder Ebba's nach Stockholm zurück. Ein paar Sonntage noch hat ſie dieſelben beſucht, da kam der Tod, um ſie mit dem vorangegangenen Ehegatten zu vereinigen. Jetzt, meine beſten Fräuleins, kennen Sie die Geſchichte Ebba Sköldkrona's und werden ſich nicht über meinen tiefen Kummer wundern. 2¹4 Sie war ein Engel in Entſagung, aber ſie hatte einen feſten Willen und einen energiſchen Charakter. Sie meinte durch ihre Liebe die Urſache zu den Zer⸗ würfniſſen in der Sköldkrona'ſchen Familie zu ſein und ſühnte dieſe Schuld durch Entſagung und Selbſt⸗ vergeſſen faſt ein ganzes Leben lang.“ Eine reiche Frau. —=— Elternlos und Eigenthümerin von hunderttauſend Thalern heirathete ich in meinem achtzehnten Jahre aus Liebe den Gerichtsreferendarius Axel Lilieborg. Mein Vormund hatte nicht wenig gegen meine Wahl einzuwenden gehabt, weil Atel ſeiner Meinung nach ein Verſchwender war, der tief in Schulden ſteckte. Verſchwender, weil er kein Geizhals war? Und übrigens, wenn er in Schulden ſteckte, ſo paßte es ganz vortrefflich, daß ich Geld hatte. Nein, der Unwille, den mein Vormund gegen die Partie zeigte, übte auf mich gar keine Wirkung aus, und dennoch hatte ich weder Tanten noch Cvuſinen, die ihn ſtützten. Ich hei⸗ rathete nach meiner eigenen Neigung und nicht nach der meines Vormundes. Wie ſtolz und glücklich war ich, als ich an Axel's Seite vor dem Altar ſtand! Wie ſchön war er, und wie wunderbar erſchien mir Alles an dieſem denkwür⸗ digen Tage! 218 Einige Wochen ſpäter fühlte ich mich womöglich noch glücklicher, nämlich an dem Tage, an welchem Arel mich an ſein Herz drückte, mich ſeinen guten Engel nannte und mir ewige Dankbarkeit zuſchwor, weil ich ihn von der Laſt der Sorgen befreit hatte, die ihn ſo lange niedergedrückt habe. „Ich bin ſchuldenfrei, Elin“, rief er, vor Freude inbelnd,„und das habe ich Dir zu verdanken!“ In dieſem beglückenden Augenblicke betrachtete ich meinen Reichthum als den größten Segen des Lebens. Unſer Leben war von nun an eine ununterbro⸗ chene Kette von Vergnügungen. Ich betete meinen Mann an; er liebte das geſellſchaftliche Leben, und was ihm gefiel, gewann auch meine Sympathie. Ein wie glückliches Jahr war dieſes erſte! Lauter Sonnenlicht ohne Schatten. Im Verlauf des zweiten Jahres konnte ich ſelte⸗ ner das Haus verlaſſen; denn eine neue, große Freude harrte unſer. Damit ich aber die Freuden des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens nicht vermiſſen möchte, lud Arel öfter denn zuvor Gäſte zu uns ein. Eein Knabe wurde geboren. Unſer Glück war nun vollſtändig, ſo ſchien es mir, als das Kind an meinem Herzen ruhte und Arxel entzückt neben mir kniete. . ———————. —— 2¹9 Als ich geſundete, entſtanden einige kleine Mei⸗ nungsverſchiedenheiten zwiſchen mir und meinem Gat⸗ ten. Ich zog es zuweilen vor, bei meinem Kindlein zu Hauſe zu bleiben, wenn Axel mich mit in das geſellige Leben führen wollte, und ich verſuchte bei ſolchen Ge⸗ legenheiten ihn zu überreden, mir Geſellſchaft zu leiſten. Dies gelang mir jedoch nie. Wenn ich darauf beſtand, den Abend zu Hauſe zu verbringen, fuhr er allein ohne mich ab, und dies koſtete mir bittere Thränen. Eines Abends, als ich nach einem vergeblichen Verſuch, ihn dahin zu bringen, daß er zu Hauſe bei mir bliebe, allein an der Wiege des Kindes ſaß, quälte mich der Gedanke, daß Axel wegen eines Balles bei der verwittweten Frau Major D. mich allein ge⸗ laſſen hatte, und es ſchien mir, als wenn mir plötzlich 3 die Augen geöffnet worden ſeien über die offenbare Gunſt, welche Julie D. an meinen Mann verſchwen⸗ dete. Wir gingen ſehr viel miteinander um, obgleich ich niemals Sympathie für die reiche und ſchöne Wittwe, eine Jugendfreundin Axel's, gehegt hatte. Es ſtellten ſich nun in meinen Gedanken tauſend kleine Beweiſe ein, daß er mit ihrer Gunſt beehrt wurde, und dieſe erweckten unangenehme Gefühle in meiner Bruſt. Es war mir gerade gelungen, mich gegen Julie D. und Axel in eine gereizte Stimmung zu verſetzen, als des 220 letztern Onkel, Bürgermeiſter Liljeborg aus † ††, angemeldet wurde. Axel hatte mir denſelben als einen langweiligen Kleinſtädter und Pedanten geſchildert. Deſſenungeachtet beeilte ich mich, den Verwandten meines Mannes in herzlichſter Weiſe zu begrüßen. Er beantwortete meinen Gruß einfach und freund⸗ lich. Als er erfuhr, daß Axel erſt nach Ende des Balles wieder zurückkehren würde, blieb er bei mir, um, wie er ſagte, meine Bekanntſchaft wirklich zu machen und auch um zu erfahren, inwieweit Axel ein gemüthlicher Ehemann ſei. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ihm Arxel als den beſten aller Ehemänner ſchilderte. Der alte Herr beſah darauf unſerg Wohnung. „Nicht wahr“, ſagte er plötzlich, nachdem die Wan⸗ derung durch die Zimmer beendigt war,„hunderttau⸗ ſend Thaler war Alles, was Du als Mitgift hatteſt?“ „War das nicht genug?“ rief ich erſtaunt, denn mir hatte man ſtets ſeit dem Tode meiner Eltern ge⸗ ſagt, daß ich ein großes Vermögen beſäße, und des⸗ halb überraſchte mich ſeine Frage in der That. „Freilich, liebes Kind, das war eine ſehr hübſche Summe, aber wenn Ihr Eure Lebensweiſe dieſer Woh⸗ nung entſprechend eingerichtet habt, ſo wird Dein Ver⸗ mögen nicht ſehr weit reichen. Eure Einrichtung hat * 224 wenigſtens fünfzehn bis zwanzigtauſend Thaler gekoſtet. Arel's Schulden haben ungefähr ebenſoviel betragen, und demnach ſind Euch verblieben ungefähr ſechzigtauſend Thaler. Ihr lebt nicht von den Zinſen dieſes Reſtes, ſondern müßt vom Kapital aufnehmen und daſſelbe ſchmilzt daher zuſammen.“ Ich ſchwieg. Arel hatte den Betrag ſeiner Schulden nur zu neuntauſend Thaler angegeben. Es war nicht der Mehr⸗ betrag, der mich beunruhigte, es war die Entdeckung, daß er mir nicht ſein volles Vertrauen geſchenkt hatte. „Ich glaube faſt, Axel iſt nicht ganz aufrichtig gegen Dich geweſen“, fuhr der Onkel fort. Ich öffnete ſchon die Lippen, um zu erwidern, daß er es geweſen ſei, aber der Onkel kam mir zuvor, indem er ſagte: „Du ſollſt keine Unwahrheit ſprechen; ich kenne Arel, er hat ein gutes Herz, aber er—“ Hier hielt er plötzlich inne, ſtreichelte freundlich meine Wangen und zog mich zu ſich aufs Sopha. „Setze Dich zu mir und höre ein vernünftiges Wort! Denken wir nicht an Axel's Schulden, ob ſie größer oder kleiner geweſen ſind, als er angegeben hat, ſondern ſprechen wir von der Zukunft. Wenn Arxel fleißig arbeitet, wird er bald eine feſte Stellung mit 222 Gehalt bekommen, und alsdann werdet Ihr der Zu⸗ kunft ruhig entgegenſehen können, wenn auch das Ver⸗ mögen zu Ende geht.“ Axel arbeiten! Das Wort„arbeiten“ wurde bei uns nie ausgeſprochen. Ich war ſomit gezwungen zu ſagen, daß ich noch nie Axel arbeiten geſehen hätte. „Es iſt alſo wahr, was man mir erzählt hat“, ſagte der Onkel.„Es ſcheint an der Zeit zu ſein, daß ich mit Axel ſpreche. Er iſt heute Abend bei Julie D., ſagteſt Du; geht Ihr viel mit derſelben um?“ „Ja, ſehr viel.“ Der Onkel that keine weitern Fragen; als er mich aber verließ, ſchrieb er auf ein Blättchen Pa⸗ pier einige Zeilen, und bat mich, Arxel daſſelbe zu geben. Als ich allein war, las ich das Billet. „Sei Morgen zu Hauſe neun Uhr Vormittags“, ſtand da,„ich muß mit Dir reden. Gerichtsdirector Karlſon iſt auch hier wegen der bewußten Affaire!“ Was für eine Affaire mochte das ſein? Ich ſann die ganze Nacht darüber nach. Gegen vier Uhr kam Axel nach Hauſe. Es überraſchte ihn, mich noch zu finden, und er ſagte ſcherzend: 223 „Nun, mein ſüßes Weibchen, Du hätteſt ebenſo gut mit auf den Ball gehen können, als hier zu ſitzen und Dich zu langweilen.“ Ich ſagte ihm, wer mich beſucht hatte. Axel fuhr zuſammen, ſchob mich, die er in den Armen hielt, von ſich und durchflog ſchnell das Billet, welches ich ihm gab. Sein Antlitz entfärbte ſich. „Was iſt das für eine Affaire, wovon Dein Onkel ſchreibt?“ fragte ich ganz erſchreckt über ſeine Bläſſe. „Das iſt etwas, was Du nicht verſtehſt, meine liebe Elin“, ſagte er kalt und verließ das Zimmer. Er begab ſich in ſein eigenes Gemach und riegelte die Thür hinter ſich zu. Thränen, bittere Thränen der Angſt feuchteten dieſe Nacht meine Wangen. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als ich erwachte. Eiligſt kleidete ich mich an, um zu Axel zu gehen. Mein Herz klopfte unruhig, als ich in dem Cabinet ſtand, welches zwiſchen ſeinem und meinem Zimmer lag. Die Luft ſchien mir erſtickend, und ich hatte ein Vorgefühl davon, daß mir ein großes Un⸗ glück bevorſtehe. Vorſichtig öffnete ich die Thür, blieb aber erſchrocken auf der Schwelle ſtehen. Axels Onkel ſaß in einem Lehnſtuhl, den Rücken mir zugekehrt, und Arel ſtand am Ofen, gleichfalls der Thür abgewandt. Mit ſtrenger, wenn auch leiſer Stimme ſagte der Onkel: „Du haſt Dich elend gegen Nanna betragen, in⸗ dem Du die Schuld nicht ſofort bei Deiner Verheira⸗ thung getilgt haſt. Der Schadenerſatz für die rück⸗ gängige Verlobung wurde zu zehntauſend Thalern be⸗ ſtimmt, und Du zahlteſt nur viertauſend Thaler. Willſt Du aber jetzt Deine Ehre fretten und Dir nicht einen höchſt ärgerlichen Proceß zuziehen, ſo mußt Du heute ſchon die reſtirenden ſechstauſend Thaler zahlen. Ich bin deshalb hierher gekommen, damit der Gerichts⸗ director Karlſon nicht unvorbereitet ins Haus käme, Deine Frau überraſchte und ihr gar die unſau⸗ bere Geſchichte mittheilte. Du haſt Dich ohne Liebe mit einem reichen Mädchen verheirathet, damit Du Deine Angelegenheiten ordnen könnteſt, und Du haſt ſie kaum zur Hälfte geordnet, aber deſſenungeachtet lebſt Du wie ein Millionär!“ Ich will hier nicht wiederholen, was während der Viertelſtunde, die ich auf der Thürſchwelle ſtand, fer⸗ ner geſprochen wurde, aber das Geſpräch zwiſchen Axel und ſeinem Onkel zerſtörte alle meine herrlichen Illuſivnen. Die drei verſtrichenen Jahre voll Liebe und Glück waren ſomit nur eine Zeit der Selbſttäu⸗ 225 ſchung geweſen. Axel hatte mich nie geliebt, ſondern mich nur mit erheuchelter Zärtlichkeit umgeben, was er für ſeine Pflicht hielt, weil ich ihm Alles darge⸗ bracht hatte. Ich weinte nicht, ich ſank nicht zu Boden unter der Laſt dieſer Gewißheit. Ich ſtand gerade im Be⸗ griff, das Zimmer zu betreten und Axel zu ſagen, daß ich Alles gehört, als Arel's Onkel heftig hinzufügte: „Und nicht genug mit Deinem Leichtſinn in Ge⸗ ſchäften, Du haſt auch die Bekanntſchaft mit Julie D. erneuert, mit dieſem infamen Weibe, das ſtets einen ſo verderblichen Einfluß auf Dich ausgeübt hat und das wohl auch die einzige Frau iſt, die Du jemals geliebt haſt.“ „Um Gotteswillen, ſprich nicht ſo laut!“ unter⸗ brach ihn Axel. In demſelben Augenblick ſtand ich neben ihm. „Elin!“ rief er. „Ich habe Alles gehört“, flüſterte ich, und die Thränen ſtürzten mir aus den Augen. Ich vermochte nicht länger mich aufrecht zu erhalten, ich ſank auf einen Stuhl nieder und bedeckte das Geſicht mit den Händen.. Arel hatte nicht allein mich belogen, als er Liebe für mich heuchelte, um meines Geldes habhaft zu wer⸗ Schwartz, Povellen. II 15 den, er hatte auch die Treue gebrochen, die er mir als ſeiner Frau ſchuldete. Es war ein namenlos bitterer Augenblick für mich. Als ſein Onkel am darauffolgenden Tage ab⸗ reiſte, war Gerichtsdirector Karlſon bei uns geweſen und hatte die reſtirenden ſechstauſend Thaler in Em⸗ pfang genommen. Axel hatte außerdem ſeinem Onkel und mir ver⸗ ſprochen, nicht nur ſeine thörichte Lebensweiſe aufzu⸗ geben, ſondern auch zu arbeiten. Er hatte ferner ſeine Fehler mir gegenüber reu⸗ müthig eingeſtanden, ſo reuevoll geſprochen, daß ich ihm von Herzen verzieh. Er bekannte, daß er mit Nanna Karlſon verlobt geweſen ſei. Dieſe Verbin⸗ dung hatte er aber aus Aerger geſchloſſen, als Julie ſich mit dem Major D. verſprochen hatte. Sie und Axel hatten ſich ſchon als ganz junge Leute verlobt, aber ſie hatte ſich plötzlich zurückgezogen, weil Axel kein Vermögen hatte. In dem Gefühl be⸗ leidigten Stolzes hielt er um Nanna Karlſon an. Nach⸗ dem dieſe Verlobung ein Jahr gedauert hatte, ſah aber Arel ein, daß er ſeine Schulden nur bezahlen könne, wenn er ein Vermögen erheirathete. Gleichzeitig lernte er mich kennen. Er gab die Verlobung mit Nanna auf, mußte ſich aber ihrem Vater verpflichten, zehn⸗ 227 tauſend Thaler Schadenerſatz zu zahlen, wenn er hei⸗ rathete. Das Alles geſtand mir der arme Axel ein. Er geſtand mir ſogar, daß er, als das Schickſal ihn wieder mit Julie zuſammenführte, dem Einfluß nicht habe widerſtehen können, den ſie auf ihn ausübte, und daß er ebenſo wenig das Gefühl geſchmeichelter Eitel⸗ keit, welches ihre Gunſt in ihm erweckt, habe unter⸗ drücken können und deshalb ſtets ihren Umgang ge⸗ ſucht habe. Nach dieſer Beichte folgte eine kurze Zeit wehmü⸗ thigen Friedens. Axel begann wieder regelmäßig im Regierungsbureau zu arbeiten, blieb abends zu Hauſe und verdoppelte ſeine Zärtlichkeit gegen mich. Allein dies währte nur wenige Monate, dann verfiel er wie⸗ der in ſeine frühere thörichte Lebensweiſe. Anfänglich verſuchte ich mich dagegen zu ſtemmen; erſt bat und flehte ich, dann wurde ich heftig, und in einem ſolchen Augenblicke erinnerte ich ihn daran, daß er kein Recht habe, mein Vermögen zu Grunde zu richten und unſer Kind ſeines Antheils an demſelben zu berauben. Dieſe Worte verletzten ſeine Eitelkeit in dem Grade, daß er, der niemals heftig gegen mich geweſen war, im Zorn ausrief: „Das Vermögen, welches Du eingebracht haſt, gehört ſeit Deiner Verheirathung nicht mehr Dir, ſon⸗ 15* 228 dern Deinem Manne. Ich habe ein volles Recht, mit demſelben zu ſchalten und zu walten, wie es mir be⸗ liebt, und als Beweis hierfür werde ich leben, wie es mir gefällt, und zwar ohne erſt Deine Erlaubniß dazu nachzuſuchen.“ Er hielt Wort, und ich— ich folgte ihm überall in den Trouble des geſellſchaftlichen Lebens, weil meine Eiferſucht auf Julie mich dazu trieb. Axel war von nun an zwar niemals heftig gegen mich, aber er war auch nicht freundlich, und er wurde mit jedem Tage kälter, ja, ſeine ganze Art und Weiſe bekam etwas ſo Kühles, daß mir das Herz dabei faſt erſtarrte. Die frühere warme Herzlichkeit war ver⸗ ſchwunden, ſein Weſen war ein entſetzlich gleichgültiges. Er war wenig oder gar nicht zu Hauſe, und wenn ich dann und wann in Klagen ausbrach, unterbrach er mich mit den Worten: „Beſte Elin, dieſe unglückſelige Luſt, Scenen auf⸗ zuführen, mußt Du ablegen, Du machſt einem dadurch das Haus zuwider.“ Ich hörte alſo zu klagen auf und fuhr fort, mit ihm Geſellſchaften, Bälle und Feſte zu beſuchen, wenn ich ihm auch nicht am Mittag und Abend folgen konnte, die er mit ſeinen Freunden verbrachte. Wenn ich dann aber allein zu Hauſe ſaß, quälte 229 mich die Eiferſucht und die Bangigkeit um die Zu⸗ kunft. Ich ſah in Gedanken, wie unverſtellt er Julie D. ſeine Huldigungen darbrachte, ich verglich ſeine zärt⸗ liche Art und Weiſe gegen ſie mit ſeiner eiſigen Gleich⸗ gültigkeit gegen mich. Ach, ich war ſehr, ſehr unglück⸗ lich! In ſolcher Weiſe vergingen Jahre. Die Zeit hatte meinen Kummer in Bitterkeit verwandelt und meine warme Liebe zu Axel faſt ertödtet. Alle Gefühle mei⸗ nes Herzens concentrirten ſich nur noch auf mein Kind. Dann kam endlich ein Tag, an welchem das Wort Concurs ausgeſprochen wurde, darauf einige trau⸗ rige Monate, worauf ich mit meinem Kinde in ein Dach⸗ kämmerchen in einer der entlegenſten Vorſtädte zog. Alles war verkauft mit Ausnahme der Möbel für die kleine Dachkammer und einiger wenigen, mir theuren Kleinigkeiten, darunter die goldene Uhr meiner Mutter. Nur ſieben Jahre waren dazu erforderlich gewe⸗ ſen, um nitch, ein reiches, glückliches und ſorgenfreies Mädchen, in eine arme, von Kummer und Bitterkeit gedemüthigte Frau zu verwandeln. Einer der Freunde Axel's nahm ihn mit nach einem andern Ort, und er verließ Stockholm an dem⸗ ſelben Tage, an dem ich in die Dachkammer einzog. Er war in einer verzweifelten Stimmung, als er von mir 230 Abſchied nahm. Er bat mich, ihm das Böſe zu ver⸗ zeihen, das er mir zugefügt, und erklärte, daß er nicht eher zu mir zurückkehren würde, als bis er ſich eine ſelbſtſtändige Stellung errungen hätte. So trenn⸗ ten wir uns. Zehn Thaler bildeten meine ganze Baarſchaft. Nur zu bald waren ſie aufgezehrt und ich ohne alle Mittel. Gott allein weiß es, was ich in meiner Ver⸗ zweiflung und unvermögend, wie ich war, mich für die Zukunft einzurichten, gethan hätte, wenn nicht Axel's Onkel nach der Hauptſtadt gekommen wäre. Er beſaß kein Vermögen und hatte eine ziemlich große Familie, und was er zu opfern vermochte, war nur eine Aus⸗ hülfe für den Augenblick. Onkel Liljeborg war indeß nicht von denjenigen, die eine unglückliche Frau und ein verlaſſenes Kind ihrem Geſchick überlaſſen, nachdem ſie ihnen ein Almoſen zur Beruhigung ihres eigenen Gewiſſens hingeworfen haben. Er prüfte gewiſſenhaft nach allen Richtungen, was ich an Kenntniſſen und Fertigkeiten beſitzen möchte, und ſann über die Mittel nach, durch welche ich möglicherweiſe den Unterhalt für mich und mein Kind würde verdienen können. Das Reſultat dieſer Ueberlegung war, daß ich mit ihm nach K. gehen und mich vorläufig dort als Putz⸗ macherin niederlaſſen ſollte, und wenn es mir gelänge, 231 Kundſchaft zu erwerben, wollte er mir behülflich ſein, einen ordentlichen Handel mit Modewaaren zu eta⸗ bliren. Ich zog ſomit nach R. und begann dort ein arbeitſames und ſehr eingezogenes Leben. Durch Onkels Fürſorge bekam ich bald ſo viel Arbeit, daß ich mir Hülfe zur Ausführung derſelben ſuchen mußte, und ich verdiente genug, um leben und Onkel die kleinen Summen zurückzahlen zu können, die er mir geliehen hatte. Einige Monate nach meiner Ankunft in. bekam ich einige Zeilen von Axel. Er war mit ſeinem Freunde Guſtav Kronſtrahl ins Ausland gereiſt und beabſichtigte überhaupt nach Amerika zu gehen. Er theilte mir mit, daß er ſich augenblicklich in Baden⸗ Baden aufhielte, im Fall ich ſeinen Brief beantworten wollte. Ich ſchrieb ſogleich, erhielt aber niemals eine Antwort. Wieder vergingen Jahre. Ich hatte das erſte und größte Modewaarenlager in A. und verdiente ſo viel, daß ich jährlich eine nicht unbeträchtliche Summe als Spargeld zurücklegen konnte. Mein Sohn, meine Arbeit und Onkel Liljeborg's unermüdliche Freundſchaft waren meine Freude und mein Troſt, wenn die Ver⸗ gangen heit mit ihren bittern Erinnerungen mich quälte. 232 An Axel dachte ich mit jedem entſchwundenen Jahre ſeltener, aber auch mit weniger Bitterkeit als damals, wo wir uns trennten. Er ſchrieb mir niemals, das Gerücht erzählte jedoch, daß er und Kronſtrahl ſich in deutſchen Bädern aufhielten und vom Spiel lebten. Anfänglich wollte ich dem keinen Glauben beimeſſen, weil Arel früher nie geſpielt hatte; allein das Gerücht ſprach leider die Wahrheit. Mangel an Kraft, ſich durch Arbeit ſeinen Unterhalt zu erwerben, hatte ihn zum Spieler gemacht. Er hoffte am Spieltiſch das Vermögen wiederzugewinnen, welches er vergeudet hatte. Nach Verlauf von zehn Jahren ſtarb Onkel Lilje⸗ borg, und ſeine Familie verließ A. Dies große Ereigniß brachte verſchiedene Veränderungen in meine Lage. Ich kaufte das Haus, welches Onkel für mich in meinem Namen gemiethet hatte; ich erweiterte mei⸗ nen Handel, der nun auf meinen eigenen Namen ging, was früher nicht der Fall geweſen war. Alle die Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die der gute Onkel in ſeiner Sorgfalt für mich beobachtet hatte gegen jede Gefahr, um mei⸗ nen Verdienſt zu ſchützen, ſetzte ich nun als überflüſſig beiſeite. Ein Jahr nach dem Tode des unvergeßlichen Onkels wurde mein Sohn confirmirt. Er und ich 233 ſaßen am Abende dieſes Tages in dem kleinen Garten, der zwiſchen unſerem Hauſe und einem Bache lag. Ich hatte Alfred an dieſem Tage mein cheuerſtes Kleinod, die Uhr meiner ſeligen Mutter geſchenkt und ihn ge⸗ beten, ſie ſorgfältig aufzubewahren. Unſere Gemüther empfanden ein ſtilles Gefühl von Freude und Glück, welches vollſtändig mit dem ſchönen Abend und der Bedeutung des Tages harmonirte. Ueber uns in der Birke ſang der Vogel ſein Abendlied als Accompag⸗ nement zum Rieſeln des kleinen Baches, der zu unſern Füßen ſich hinſchlängelte. Alfred, mein Sohn, lehnte ſeinen Kopf an meine Schulter und ſprach von ſeiner Liebe und Dankbarkeit gegen Gott und mich, und ich— aus der Tiefe mei⸗ nes übervollen Herzens ſtieg ein Seufzer zu Gott em⸗ vor, zum Dank dafür, daß er mir ein ſo gutes Kind gegeben hatte. Während noch dieſes beſeligende Gefühl mein In⸗ nerſtes erfüllte, vernahm ich einen heftigen Schlag an die Hausthür. Alfred und ich wandten uns um und ſahen Johanne, das Dienſtmädchen, die Thür öffnen. „Wohnt hier Frau Liljeborg?“ fragte eine männ⸗ liche Stimme. Es waren zehn Jahre verfloſſen, ſeitdem ich zum letzten Male dieſe Stimme gehört hatte; aber deſſen⸗ 234 ungeachtet hätte ich ſie wiedererkannt zwiſchen Tau⸗ ſenden. Mein Herz ſchnürte ſich zuſammen, ich zitterte am ganzen Körper, und es überkam mich eine entſetz⸗ liche Angſt. Ich hatte mich erhoben, ich ergriff Alfred's Arm und ſtammelte:„Dein Vater!“ Alfred ſprang ſofort empor und trat auf den Fremden zu, den das Dienſtmädchen nicht eintreten laſſen wollte. Im nächſten Augenblick war ich von den Armen meines Mannes umſchloſſen und er drückte mich an ſeine Bruſt. „Elin, meine beſte Elin!“ flüſterte er aufgeregt und drückte ſeine Lippen auf meine Stirn. Ich hätte Freude empfunden, hätte mich glücklich fühlen ſollen, daß er uns endlich doch aufſuchte; allein es war mir nicht möglich; denn mein Herz war er⸗ füllt von lauter traurigen Ahnungen. Und dieſe wurden nur zu ſehr beſtätigt, als mein Auge ſofort auf ſein Aeußeres fiel. War das wirklich der ſchöne, blühende, lebens⸗ frohe Axel Liljeborg, den ich ſo ſehr geliebt hatte? War dieſes blaſſe, verlebte Antlitz daſſelbe, welches gerade durch ſeine Friſche und ſeinen Ausdruck überall Eindruck gemacht hatte? Dieſer kahle Kopf und dieſe eingefallenen Wangen, gehörten ſie wirklich dem Manne, deſſen ſchönes lockiges Haar und männliche Schönheit 235 von allen bewundert worden war? Ich konnte dieſe Verwandlung kaum faſſen. „Du findeſt mich ſehr verändert, nicht wahr?“ ſagte er und ſetzte ſich neben mich. Ich mußte dieſes leider bejahen. Er lächelte trau⸗ rig und ſagte, daß ihn das nicht wundere; er ſeiner⸗ ſeits finde, daß ich ſchöner geworden ſei, ſeitdem wir uns nicht geſehen. Alfred, meinte er, ſehe recht gut aus und dürfe der Stolz eines Vaters ſein. Er ſagte dies und viele andere ſchöne Phraſen, die herzlich klin⸗ gen ſollten; aber ach! die einſt mich entzückende Stimme hatte keine Wärme und das mir einſt ſo theure Angeſicht nicht den geringſten Ausdruck von Gefühl. Er ſprach und betrug ſich gerade ſo, als ob wir uns erſt tags zuvor getrennt hätten, und erklärte unge⸗ zwungen, daß er nun ins Vaterland zurückgekehrt ſei, um im Schvoße ſeiner Familie zu leben. Seine ſämmtlichen Sachen beſtanden aus einer kleinen Reiſetaſche und ſeine Baarſchaft aus einigen Kupfermünzen. Mein Mann blieb in der That in meinem Hauſe, und es folgte eine Reihe von harten und ſchweren Prüfungen. Er hatte ſich ans Spielen gewöhnt und vermochte ohne dieſe Aufregung nicht zu leben. Er war in K. geboren und hatte dort alte Bekannte, 236 unter welchen er diejenigen aufſuchte, welche Ge⸗ ſchmack an demſelben Vergnügen fanden. Zuerſt er⸗ ſchöpfte er vollſtändig meine Spargelder. Darauf ver⸗ kaufte er unſer Haus, und ſchließlich fielen ſeine Cre⸗ ditoren über Alles her, was ich während zehn mühe⸗ voller Jahre verdient und erworben hatte. Alles Geld, was für meine Arbeiten einging, nahm Axel an ſich. Ich konnte daher bald keine Waare mehr kaufen, ſon⸗ dern mußte das Nöthige auf Credit entnehmen, und wenn der Zahlungstag herankam, hatte ich kein Geld. Da ich ſomit zuletzt keine neue Waare beſchaffen konnte, verlor ich meine Kundſchaft, mußte die Wohnung ver⸗ laſſen und eine billigere und abgelegenere beziehen. Endlich war ich gezwungen, alle Arbeit für eigene Rech⸗ nung aufzugeben und das Anerbieten des Inhabers eines neuen Modewaarenlagers, das ſich indeſſen am Orte etablirt hatte, bei ihm zu nähen, annehmen. Mein Mann hatte nun auch nichts mehr, worüber er hätte verfügen können. Alles, was ich durch meine Arbeit erworben hatte, war vergeudet. Noth und Armuth ſtanden wieder an unſerer Schwelle. Der ganze Tage⸗ lohn, den ich verdiente, reichte kaum zu Brod den Tag über hin, und als mein Sohn, der nun ſiebzehn Jahre alt war, nach der Univerſität Upſala abgehen ſollte, vermochte ich die nöthigen Mittel hierzu nicht zu be⸗ 237 ſchaffen. Vielleicht war dies der bitterſte Kummer mei⸗ nes Lebens. Eines Abends, als ich aus der Stadt nach Hauſe kam, hörte ich beim Eintreten in unſere Wohnung mei⸗ nen Mann zu Alfred ſagen: „Nun, Junge, keine Dummheiten! Her mit der Uhr! Du ſollſt ſie morgen wieder haben und auch Geld zu Deiner Upſalareiſe. Du begreifſt, daß ich heute Abend nicht ohne Uhr ſein kann, da ich irgendwo pünktlich ſein muß und die meinige längſt zum Teufel gegangen iſt. Ich habe in der letzten Zeit Unglück ge⸗ habt, aber heute Abend, das fühle ich, wird das Glück mir günſtig ſein.“ Mir ſchauderte.— Dieſer Mann, der Frau und Kind zum zweiten Male an den Bettelſtab gebracht hatte, ſchämte ſich nicht, ſeinem eigenen Kinde zu ge⸗ ſtehen, daß er ſpielte. Er konnte vielleicht durch ſein ſchlechtes Beiſpiel das Kind moraliſch verderben, wel⸗ ches ich ſo ſorfältig erzogen hatte!— Jeder Funken des Mitgefühls, das ich bisher noch für ihn gehegt, verſchwand aus meiner Bruſt, und ich trat hervor, um dem Geſpräch ein Ende zu machen. „Geh' hinaus, Alfred!“ ſagte ich mit erkünſtelter Ruhe.„Ich habe Deinem Vater etwas zu ſagen.“ 238 „Gib die Uhr her, ehe Du gehſt!“ befahl Axel, indem er die Hand nach derſelben ausſtreckte. „Geh'!“ rief ich heftig, als Alfred die Hand zur Weſtentaſche führte. Alfred verließ das Zimmer, und ich verſchloß die Thür hinter ihm. Was ich Axel ſagte, weiß ich jetzt nicht mehr, aber es waren harte Worte, die Axel all den Abſcheu, welchen ſeine Lebensweiſe mir einflößte, und all die Erbitterung, die meinem Herzen innewohnte, klar darlegte; ich warnte ihn vor dem Haſſe, den zu erwecken er auf dem beſten Wege war. Axel hatte einen ſchwachen Charakter und meine ſchonungsloſen Worte übten für den Augenblick ihre Wirkung auf ſeine abgeſpannten Nerven aus, ſodaß er an dieſem Abend zu Hauſe blieb. Er warf ſich auf das Sopha, wo er unbeweglich liegen blieb. Alfred gab ich den Auftrag, nach der Stadt zu gehen, der ihn einige Stunden vom Hauſe entfernt hielt. Ich ſelbſt ſetzte mich an das Fenſter in dem äußern Zimmer, faltete die Hände, ſtützte meinen Kopf in dieſelben und betete. Ich ſtammelte das ſündhafteſte Gebet, welches ein Sterblicher zu beten vermag: ich flehte zu Gott um den Tod eines Menſchen. Als ich mich nach langer Zeit erhob und einen Blick in das andere Zimmer warf, ſah ich meinen Mann ruhig 239 * ſchlafen. Ich blieb ſtehen und betrachtete ihn, und 3 unter dieſer Betrachtung verhärtete ſich mein Herz noch mehr gegen ihn. Wenn Gott mir gnädig wäre, dachte ich, ſo ließ er ihn ewig ſchlafen. Das Unglück hatte mein Herz mit böſen Gedanken und Wünſchen erfüllt. Den Tod eines Sünders wün⸗ ſchen, während er in der Sünde lebt, heißt die Ver⸗ dammniß einer Seele wünſchen. So weit war es mit mir gekommen; aber bei fortgeſetzter Betrachtung machte ſich endlich eine war⸗ nende Stimme meines Innern geltend. „Entfliehe deinen böſen Gedanken oder du ver⸗ wirkſt das Recht, von deinem Kinde geliebt und ge⸗ achtet zu ſein!“ ertönte es in meiner Seele. Ich ſchloß die Thür zwiſchen Axel und mir zu, ſetzte mich wieder an das Fenſter und begann über meine Lage nachzuſinnen; aber die Verzweiflung faßte mich aufs neue bei dem Gedanken, daß Alfred's Zu⸗ kunft auf dem Spiele ſtand. Dieſe ganze Nacht wachte und betete ich. Als der Morgen kam, begab ich mich zu dem Ortspfarrer und vertraute ihm meine ſündhaften Gedanken und meinen Kummer an. Er ſprach mir Troſt zu, und ehe ich zurückkehrte, hatte er verſprochen, eine Samm⸗ 240 lung für Alfred zur Beſtreitung der Reiſekoſten nach der Univerſität zu veranſtalten. Bei meiner Rückkehr traten mir zwei Gerichtsdie⸗ ner entgegen, welche die wenigen armſeligen Sachen, die wir noch beſaßen, abpfändeten. Axel ließ dies mit einem düſtern Blick ruhig geſchehen, mein Sohn weinte Thränen der Verzweiflung. Er tauſchte gegen ſeine kleine goldene Uhr ein Bett ein, damit ich wenigſtens etwas hätte, worauf ich mein Haupt legen könnte, wie er ſich ausdrückte. Kein Wort der Klage oder des Vorwurfs kam über meine Lippen. Ich hielt feſt an den Ermahnungen des Parrers, mich unter den Willen Gottes zu demüthigen, weil ich nur dadurch ſeine Gnade erhoffen könnte, wie der würdige Geiſtliche ſagte. Am Abend dieſes traurigen Tages nahm mein Mann Hut und Stock zur Hand, indem er ſagte: „Unſer Nachbar, der Hauswirth, hat mir ver⸗ ſprochen, daß ich mit ihm bis nach O. fahren kann, und von dort werde ich verſuchen, mit dem Dampfboot nach Stockholm zu gelangen. Was weiter werden wird, weiß ich nicht, aber ich werde Dir ſchreiben, meine arme Elin. Leb' wohl und vergib mir, wenn Du es vermagſt, all das Böſe, was ich Dir zugefügt habe.“ Er ergriff meine beiden Hände und drückte ſie mit 24¹ Heftigkeit an ſeine Lippen. In den ſonſt todten Au⸗ gen glänzten Thränen. Jahre waren verſtrichen, ſeit etwas, einem zärt⸗ licheren Gefühl Aehnelndes ſich in meinem Herzen für ihn gerührt hatte; jetzt aber, wo er ganz entblößt da⸗ ſtand, ohne Ausſicht, mich jemals wieder aus meiner tiefen Armuth emporrichten zu können, jetzt empfand ich ein tiefes Mitleid mit dieſem Manne, der mich ins Elend geſtürzt hatte. Ich umſchlang ſeinen Hals, ich weinte und bat ihn, zu bleiben. Mein Herz war ge⸗ demüthigt unter der Zucht des Herrn, und jedes Un⸗ recht war vergeben. Axel hob meinen Kopf empor und drückte einen Kuß auf meine Stirn, indem er ſagte: „Nein, Elin, ich muß fort. Ich will nicht blei⸗ ben und Dich dahin bringen, daß Du zu Gott beten mußt, Dich durch den Tod von dem Manne zu be⸗ freien, der Dein Schutz hätte ſein ſollen. Leb' wohl! Grüße unſern Sohn und bitte ihn, ſich vor den Feh⸗ lern ſeines Vaters zu hüten.“ Arxel entfernte ſich, und ich verbrachte die Nacht allein in unſerer ausgeplünderten Wohnung. Alfred hatte ſich auf mein inſtändiges Bitten zu dem Sohn des Pfarrers begeben, um dort bis zum nächſten Mor⸗ gen zu bleiben. Schwartz, Novellen. II. 16 242 Einige Zeit darauf hatte der Pfarrer eine kleine Summe für Alfred geſammelt, ſodaß er nach Upſala abreiſen konnte. Nachdem er ſein philoſophiſches Examen auf der Univerſität beendet hatte, trat er eine Hauslehrerſtelle bei einem dem Ortspfarrer befreundeten Prediger auf dem Lande an. Ich fuhr eine Zeit lang fort, bei dem erſten Mode⸗ waarenhändler der Stadt zu arbeiten, allein die De⸗ müthigungen an dem Ort, wo mein Mann ſich und mich durch ſein trauriges Leben ſo ſchlecht beleumun⸗ det hatte, wurden nach und nach ſo groß, daß dort nicht mehr meines Bleibens ſein konnte. Ich bat endlich den Ortspfarrer, mir zu rathen, und er verſprach, mir womöglich anderswo ein Unter⸗ kommen zu verſchaffen. Nach einiger Zeit beſuchte er mich. Es war ihm gelungen, mir einen Platz bei einem Modewaarenhändler in Gothenburg zu verſchaffen. Die Bedingungen wa⸗ ren recht vortheilhaft, und ich war dankbar, daß ich K. verlaſſen konnte. Von meinem Manne hatte ich nur einige wenige Zeilen erhalten, aus Stockholm datirt, in welchen er mich benachrichtigte, daß er eine Stelle in Norrland als Schreiber auf einer Schneidemühle, die einem alten 243 Bekannten und weitläufigen Verwandten von ihm ge⸗ hörte, erhalten hatte. Er bat mich, nicht an ihn zu denken, ſondern mich meiner Freiheit und Alfred's zu erfreuen, der ſeine Studien zu vollenden nunmehr nach Upſala zurückgekehrt war. Durch meine Arbeitſamkeit und Geſchicklichkeit in Putzſachen wurde ich bald der Inhaberin der Gothen⸗ burger Handlung unentbehrlich; mein Gehalt wurde bedeutend erhöht, und ich hatte die Freude, wieder Spargeld anſammeln und meinen Sohn unterſtützen au können, um ſein theologiſches Amtsexamen abzu⸗ legen. Kurz nach dieſem letztgenannten erfreulichen Er⸗ eigniß ſtarb die Inhaberin des Modegeſchäfts, und man machte mir den Vorſchlag, es zu übernehmen. Diejenigen Groſſiſten, bei welchen ſie Credit gehabt hatte, erboten ſich, auch mir einen ſolchen zu gewäh⸗ ren, und ſo übernahm ich den eleganten Laden mit Lager und Allem. Und ich hatte keine Urſache, es zu bereuen; die Kundſchaft ſteigerte ſich mit jedem Tage, und es hatte wieder den Anſchein, als würde ich mir eine unab⸗ hängige Stellung erwerben können. Als Alfred in Upſala für das geiſtliche Amt ein⸗ geſegnet wurde und ich zu dieſer Feier dorthin reiſte, 16* 244 war das Geſchäft faſt ſchuldenfrei, und das Lager ge⸗ hörte mir. Von meinem Manne hatte ich ſeit dem erſten. Jahre, nachdem er nach Norrland gegangen war, keine Nachricht gehabt. Fünf Jahre waren nun verſtrichen, ſeit er mich an jenem Abende in F. verließ. Mein Herz war von Dankbarkeit erfüllt gegen Gott, als ich der feierlichen Ceremonie in Upſala bei⸗ wohnte, die meinen Sohn zu einem Diener des Herrn einſetzte. Alfred und ich verlebten zuſammen einige glückliche Tage, worauf er zu dem Pfarrer zurückreiſte, bei welchem er als Hülfsprediger fungiren ſollte. 3 Ich kehrte nach einer Abweſenheit von zehn Ta⸗. gen nach Gothenburg zurück. Man ſagte mir bei mei⸗ ner Ankunft dort, daß zwei Gerichtsdiener nach mir gefragt hätten; ſie traten tags darauf wieder bei mir ein und ſtellten an mich die Forderung, zwei einge⸗ klagte Schuldforderungen meines Mannes zu zahlen. Die Geldbeträge dieſer Verſchreibungen überſtiegen bei weitem meine Kräfte, und zum zweiten Male wurde mir Alles genommen, was ich durch Fleiß und Spar⸗ ſamkeit erworben hatte. Meine unabhängige Stellung. war wieder vernichtet. Was half es mir, daß ich in meiner Verzweiflung die bürgerlichen Geſetze anklagte, die dem Mann das Recht gaben, durch ſeinen Leicht⸗ 245 ſinn und ſeine Verſchwendung der Frau das Brod aus dem Munde zu nehmen, welches ſie ſich durch ihre eigene Arbeit erworben hat? Nachdem ich mich von dem Eindruck dieſes neuen Schlages ein wenig erholt hatte, war ich noch dank⸗ bar, daß er mich nicht ſchon während der Zeit getrof⸗ fen hatte, wo Alfred meiner Beihülfe bedurfte, und ich trat nun als Arbeiterin in einem kleinen Putzgeſchäft ein, wo ich gerade ſo viel verdiente, daß ich mich noth⸗ dürftig durchſchlagen konnte. Dahin zu ſtreben, mir eine beſſere ökonomiſche Lage zu verſchaffen, fiel mir nicht mehr ein, ich wußte jetzt, daß, wenn ich auch eine ſolche zum dritten Male mir erwerben konnte, die Creditoren meines Mannes mich wieder um die ſelbe bringen würden. Drei Jahre verlebte ich bei einfacher Arbeit in meiner geringen Stellung. Da fand ich eines Abends, als ich von der Arbeit in meine kleine Kammer zu⸗ rückkehrte, einen Mann in abgeſchabter Kleidung ſitzen. Es war mein Mann, es war Axel. Aus Gnade und Barmherzigkeit hatte ein Dampfbootführer ihn mit nach Gothenburg genommen; er war krank und halb irrſinnig. Ein ganzes Jahr lag er krank darnieder. Ich hatte nun für uns beide zu arbeiten, und da ich ihn 246 auch pflegen mußte, ſo ſah ich mich genöthigt, zu Hauſe zu arbeiten, und zwar außer am Tage auch halbe Nächte, da ſonſt der Verdienſt zu dem Nothwendigſten nicht ausreichend geweſen wäre. Ungeachtet dieſer Anſtrengungen und der Beihülfe, die unſer Sohn uns gewährte, hatten wir mit Noth vielfach zu kämpfen. Nach dem Kummer und den großen Anſtrengungen eines ganzen Jahres waren meine Kräfte erſchöpft, und als Gott ſo gnädig war, Axel endlich von ſeinem ſchweren Leiden zu befreien, war meine Geſundheit gebrochen und ich nicht mehr im Stande, mir meinen Unterhalt zu erwerben. Während der langen Krankheit Axel's war ſeine immer wiederkehrende Klage:„O daß ich nie ein Recht gehabt hätte, über Dein Vermögen zu verfügen! Ich wäre alsdann nicht ein ſo elender Menſch gewor⸗ den, wie ich bin.“ Jahre ſind über ſein Grab dahingerollt, aber ſie haben mir nicht die Kraft verliehen, aufs neue eine unabhängige ökonomiſche Lage zu erſtreben, und ich bedarf ihrer auch nicht mehr; ich lebe jetzt glücklich und ruhig bei meinem Sohn, der ſelbſt ein Paſtorat hat und mich mit Liebe überſchüttet. Ich danke auch Gott aus vollem Herzen dafür, 247 daß er mir ſo viel Freude durch mein Kind bereitet hat. Mein Sohn iſt mein wahrer Reichthum und iſt mir vollkommen Erſatz für Alles, was ich gelitten durch das Gold, welches ſeinen Vater verlockte, mich zu heirathen. Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. — ſ 9 11 12 13 14 15 17 18 19 20 — ℳ „ 4* 3— —