Leihbiblivthet de tſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. otlensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe e entſprchende Summe ierlegen welche bei deſſen Zurü gabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß vvraus bezahlt werden unt eträgt: für enttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 W 55 Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenergatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Pücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben⸗ — — — — — — — — ₰ — — S — ℳ Neue Romane aus dem Verlag von Ernſt Julius Günther in Keipzig. (In jeder guten Leihbibliothek zu haben.) Graf Alrich Baudiſſin, Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman. 3 Bde. Preis 6 Mark. Graf Alrich Baudiſſin, In engen Kreiſen. Roman. 4 Bde. Preis 10 Mark 50 Pf. Auguſt Becker, Das Thurmkätherlein. Roman aus dem Elſaß. 4 Bde. Preis 12 Mark. M. E. Braddon, Die Lovels auf Arden. Autoriſirte Aus⸗ gabe. 4 Bde. Preis 10 Mark 50 Pf. W. C. 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Gertrud's Zukunftstraum. 3 5 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1875. — — . — Erſtes Kapitel. „Nun, lieber Andreas, flößt Dir nicht der Vor⸗ ſchlag der Schweſter Louiſe große Hoffnungen ein?“ fragte die Kammerräthin Marianne Trummelin ihren Bruder, den Lieutenant Axenberg. „Freilich“, erwiderte der Lieutenant, ein Mann von einigen fünfzig Jahren, dürr und mager, gleich einem Skelett, aber mit einer gebieteriſchen Haltung, grauem Haar, gleichem Bart und mit einem kummer⸗ vollen Ausdruck in ſeinem Geſichte.„Ich fürchte nur, daß unter den Mädchen, unter welchen Louiſe zu wählen hat, Gertrud diejenige ſein wird, die am we⸗ nigſten Ausſicht hat, ihre Zuneigung zu gewinnen; wäre es Iſabella geweſen, dann...“ „Wäre die Ausſicht nicht größer geweſen“, fiel Marianne mit einiger Schärfe in der Stimme ein; Schwartz, Novellen I. 1 2 „nicht Alle können ſchöne und willenloſe Puppen ver⸗ tragen, erlaube ich mir Dir zu ſagen, und was unſere liebe Stieſſchweſter betrifft, ſo glaube ich nicht, daß ſie Behagen an ihnen finden wird. Es iſt ſogar glaub⸗ lich, daß ſie der ſchnell denkenden Gertrud den Vorzug vor den Töchtern unſerer Couſine geben werde. Ueb⸗ rigens bin ich auch nach Elfborg geladen, und ich werde ſowohl Deine als Gertrud's Intereſſen zu wah⸗ ren wiſſen. Freilich iſt Louiſe Parlander ebenfalls eingeladen, um, wie die ſchlaue Louiſe ſchrieb, mich während meines Aufenthalts zu unterhalten; aber das hat nichts zu ſagen. Lotte wird natürlich zum Vor⸗ theil ihrer Brudertöchter zu wirken ſuchen; ich aber werde nicht unterlaſſen, für Gertrud zu arbeiten. Ich werde, Du kennſt mich, Lottens Plan zu durchkreuzen wiſſen.“ „Meine liebe Marianne“, ließ ſich jetzt der Lieute⸗ nant aus,„es ſcheint mir in jedem Falle zu zweifel⸗ haft zu ſein, ob Dir das gelingen wird. Wie Du weißt, iſt Louiſe launenvoll.“ „Sei ganz unbeſorgt, Lotte wird es keinesweges ſein, die den Vortheil ziehen ſoll“, unterbrach ihn Frau Trummelin;„ich bin immer diejenige, welche am näch⸗ ſten mit Louiſen verwandt iſt, und das wird wohl das Seinige dazu beitragen. Gehe jetzt und ſuche Ger⸗ 2 — — 3 trud auf, benachrichtige ſie, daß ich angekommen bin, und daß ſie in einigen Tagen mit mir nach Elfborg reiſen ſoll. Am 29. Mai müſſen wir dort ſein, und haben daher nicht lange Zeit, ſie auszurüſten.“ „Gertrud, ausrüſten?“ rief der Lieutenant aus, und ſein Geſicht wurde magerer und länger als ge⸗ wöhnlich, er ſah aus wie der verkörperte Kummer. „Lieber Andreas, ſieh doch nicht ſo verzweifelt aus“, ſagte Frau Trummelin in einem Tone, in dem Mißvergnügen und Mitleiden zu liegen ſchien,„wohl weiß ich, daß Du dem Mädchen kein Kleid zu geben vermagſt; ich habe mich daher mit dem Nöthigen ver⸗ ſehen, und ſie iſt jetzt, wo ſie die Bekanntſchaft mit der Familie anknüpfen ſoll, im Stande, angemeſſen auftreten zu können. Ich habe zwar nicht mehr als meine Penſion zum Leben, aber die mir zur Gewohn⸗ heit gewordene Sparſamkeit läßt mich hinreichend über das Nöthige verfügen. Sei Du daher ohne Sorgen für Gertrud.“ Die Kammerräthin machte dem Bruder ein Zeichen der Entlaſſung, als dieſer, mit zögernden Schritten ſich der Thür nähernd, auf halbem Wege wiederum ſtehen blieb: „Du biſt wohl ſo freundlich, noch gelegentlich bei 1* 4 Blida vorzuſprechen, ſobald Du Dich von der Reiſe erholt haben wirſt.“ „Wie geht es ihr denn?“ „Wie ich glaube, ſehr ſchlecht. Du wirſt hoffent⸗ lich Nachſicht mit ihr haben.“ Der Lieutenant entfernte ſich mit einer gewiſſen Eile, fürchtend, die Schweſter werde ihm von Neuem unangenehme Worte ſagen. „Das Lied habe ich ſchon vor ſechszehn Jahren angehört und werde ſicherlich nichts anderes zu hören bekommen“, begann Frau Marianne vor ſich hin zu murmeln.„Armer Andreas! Er hat eine unglückliche Wahl einer Gattin getroffen, und wie konnte er auch ein Mädchen nehmen, welche Blida hieß! Weshalb ließ er ſich auch veranlaſſen, ein Mädchen des Geldes wegen zu heirathen. Es dauerte nur drei Jahre, bis der reiche Vater bankerott machte. Und dann begann er eine Landwirthſchaft zu pachten, um ſchließlich mit der Pachtung eines kleinen Bauernhofes zu enden. Schöne Ausſichten! Der Verdienſt bei harter Arbei reicht kaum zu Waſſer und Brod hin, viel weniger zu irgend einem Ueberfluß, und dennoch ſoll Frau Blida mit Leckerbiſſen gefüttert werden!“ Die Kammerräthin unterhielt ſich mit dieſem Monolog, während ſie ihre Reiſetracht mit einem ein⸗ 5 fachen Coſtüm austauſchte. Sie warf einen letzten Blick in den kleinen Spiegel und begab ſich dann von oben, wo das ſogenannte„Gaſtzimmer“ ſich befand, in einen Saal hinab. Derſelbe war nicht ſehr groß und äußerſt dürftig möblirt. Nichtpolirte Stühle, ein Sopha von Holz, ein Tiſch, das war alles, was man dort fand, aber trotz des unverkennbaren Stempels der Armuth ſah das Zimmer dennoch mit ſeinen ſchö⸗ nen weißen Gardinen, den blühenden Gewächſen und dem magiſchen Schimmer der Frühlingsſonne ein⸗ ladend aus. Die Kammerräthin ſtand jetzt innerhalb der Thür, ſah um ſich her und flüſterte ſeufzend: „Der eichene Tiſch, Sopha, Stühle, fort! Herr mein Gott, wie will das enden!“ Sie öffnete die Thür zur Linken und befand ſich in einem ziemlich großen und öden Zimmer. Ein Feldbett, zwei rohe Stühle, ein wackliger Tiſch und eine altmodiſche Commode war das ganze Möblement. Das war des Lieutenants Zimmer. „Die Chiffonniöre unſeres Vaters iſt alſo auch denſelben Weg gegangen wie alles andere!“ brach Frau Trummelin aus.„Gott helfe uns!“ Sie kehrte in den Saal zurück und nahm den Weg nach dem gerade gegenüber gelegenen Zimmer. 6 Sie kam in ein kleines, bezauberndes Cabinet, welches zu einem ganz anderen Hauſe zu gehören ſchien, als die beiden Zimmer, welche ſie verlaſſen hatte. Dieſes war mit einem Luxus und einem Geſchmack möblirt, wie ſie nur eine reiche Perſon in einem ſo kleinen Zufluchtsorte zu ſammeln vermag. Ein koſtbarer Teppich bedeckte den Boden und kleine Etagèren, erfüllt mit Nippſachen, füllten die Ecken aus. Ein ſchwellendes Sopha mit Seidenzeug und gleiche Stühle, ein kleiner Bücherſchrank und ein mit Schnitzereien verzierter Schreibtiſch machten die Gegenſtände aus, welche die Kammerräthin mit erzürnten Blicken betrachtete. „Hier iſt alles gerade wie früher“, rief ſie aus; „nicht die geringſte Kleinigkeit iſt den Verhältniſſen geopfert worden; das iſt wirklich ſtark!“ Frau Marianne eilte gegen eine Thür, welche ſich der eben verlaſſenen gegenüber befand; ſie öffnete ſie mit großer Heftigkeit und trat in ein großes, hübſches Schlafgemach, vollkommen paſſend zu dem Cabinet, welches ſie ſo eben verlaſſen hatte. Hier wie dort herrſchte ein großer Luxus. Bei dem unſanften Oeffnen der Thür vernahm man einen Ruf des Schreckens und eine laute Stimme ließ die Worte vernehmen: „Gertrud, iſt es denn wirklich Deine Abſicht, mir 5 das Leben zu nehmen? Iſt es nicht genug, daß ich ſchon ſeit Deiner Geburt lahm geweſen bin? Willſt Du mir ſtets neue Leiden ſchaffen? Du weißt ja, daß ich nicht den geringſten Lärm vertragen kann. Ach, wenn ich doch den Tag erleben möchte, wo ich Dich nicht mehr ſähe und hörte, oder mich erinnerte, wie viel Böſes Du mir verurſacht haſt!“ „Der Tag dürfte bald kommen, liebe Schwägerin“, antwortete die Kammerräthin, und näherte ſich dem Bett, von wo die Stimme kam. Die ſchweren und prächtigen Umhänge wurden von Frau Marianne bei Seite geſchoben, welche mit einem Blick voll Zorn und Mißachtung ein in Spitzen und Kiſſen zur Hälfte ver⸗ borgenes, bleiches feines Geſicht anſchaute. „O, biſt Du es, Marianne“, äußerte Frau Blida Axenberg und erhob den Kopf ein wenig von den Kiſſen.„Was in aller Welt führt Dich hierher, und weshalb rumorſt Du ſo ſchrecklich?“ „Was mich hierher führt?“ wiederholte die Kam⸗ merräthin, und ſah aus, als ob ſie die Abſicht gehabt hätte, ſie mit ihren Augen zu verſchlingen.„Ich bin hergekommen, um Dich von der Gertrud zu befreien; Du haſt lange genug gewünſcht, Dich ihrer zu ent⸗ ledigen.“ „Freilich habe ich das“, ließ Frau Blida ſich ver⸗ 8 nehmen, und das bleiche Geſicht ſchien Farbe zu be⸗ kommen.„Sie war von der erſten Stunde ihres Lebens mir eine Plage. Liebe Marianne, kannſt Du mich von dem Mädchen befreien, ſo iſt das die erſte gute Handlung, die Du gegen mich vollbringſt. Ich werde Dir dafür ewig dankbar ſein, werde alles Böſe zu ver⸗ geſſen ſuchen, was Du mir angethan haſt. Ach, wenn Du Dein Werk krönen und mir die Wohlthat erzeigen würdeſt, daß Du mich ſo ſchnell als möglich verließeſt, wäre ich Dir doppelt dankbar. Meine Kräfte ſind be⸗ reits von dem mir verurſachten Schreck ſehr erſchöpft.“ Frau Blida's Haupt ſank wieder auf die Kiſſen nieder; ſie ſchloß die Augen und lag da, unbeweglich gleich einer Todten. Die Lippen der Kammerräthin preßten ſich un⸗ willkürlich feſt zuſammen. Sie ließ die Bettumhänge fallen, und mit wahren Sturmſchritten näherte ſie ſich der Thür. Gerade in dem Moment, als ſie dieſelbe öffnen wollte, rief Blida: „Marianne, komm noch einmal zurück, ich habe Dir noch etwas Wichtiges zu ſagen.“ Die Kammerräthin zögerte einen Augenblick, kehrte jedoch um und ſtand wieder neben dem Bette. „Nun, was willſt Du?“ fragte ſie, und nahm die eine Seite des Umhanges zurück. 9 Blida ſaß emporgerichtet, eine heiße Röthe färbte ihre Wangen. „Ueber Gertrud“, ſagte ſie mit großer Lebhaftig⸗ keit,„gebe ich Dir volles Recht, zu verfügen, wie es Dir beliebt; ich bin froh, von ihr befreit zu werden; aber Du darfſt nicht daran denken, Iſabella von mir zu nehmen. Ich werde niemals die Tage vergeſſen, wo ſie bei Dir in Stockholm war, und ich kann es Dir kaum verzeihen, was ich unglückliches Weſen wäh⸗ rend der Zeit litt.“ „Haſt Du mir nichts Anderes zu ſagen?“ fragte die Kammerräthin und ließ aufs Neue den Umhang fallen.„Du hätteſt Dir die Mühe erſparen können, ſo viel zu ſprechen?“ S „Marianne, Marianne!“ ſchrie Blida mit lautem Schluchzen, und ſteckte den Kopf zwiſchen dem Umhang hervor,„ich beſchwöre Dich, zu bleiben und mir zu verſprechen, was ich fordere; hörſt Du?“ Aber die Kammerräthin hörte nicht; ſie ging, ohne zu antworten, und verſchloß die Thür hinter ſich. In der nächſten Minute ließ ſich eine Schelle vernehmen, welche man im ganzen Hauſe hören konnte. Ein junges, ungewöhnlich hübſches Mädchen trat der Kammerräthin entgegen, welche daſſelbe zurück hielt, indem ſie ſagte: „Du ſollſt nicht zu Deiner Mutter hinein gehen, bevor ich mit Dir einige Worte geſprochen habe.“ „Aber, Tante, Mama wird böſe werden, wenn ich nicht augenblicklich komme“, antwortete das junge Mädchen.- „Du wirſt ſofort gehen können, aber erſt ſollſt Du mir ein Verſprechen geben, wenn Du willſt, daß ich fortfahre, den Kummer Deines Vaters zu mildern. Ich fordere, daß Du Dich nicht von Deiner Mutter beſtimmen läßt, ihr ein Verſprechen, gleichviel, welcher Beſchaffenheit es ſein mag, zu geben. So lege Deine Hand in die meine und verſprich mir, was ich von Dir fordere; aber anderenfalls verlaſſe ich Euch Alle und überlaſſe Euch Eurem Geſchick. Nun, Iſabella, bedenkſt Du Dich noch?“ „Nein“, antwortete Iſabella, und legte ihre Hand in die der Tante. Bald ertönte die Schelle ununterbrochen lauter und lauter; das ſchien von ganz guten Kräften der Schellen⸗ den zu zeugen. Iſabella eilte in das Zimmer der Mutter. Als Iſabella in den Saal trat, flog die Thür des anderen Zimmers auf und Gertrud kam, mit dem Hute in der Hand, und mit fliegenden Haaren herein. Ohne alles Nachdenken warf ſie ſich um den Hals der ſteifen Kammerräthin und rief: 1¹ „Willkommen, liebe, liebe Tante! Gott ſegne Dich, daß Du mich von hier fort nehmen willſt. Ach, wie angenehm und nützlich es doch ſein wird!“ und dabei küßte und umfaßte Gertrud die Tante aus allen Kräften. „So, ſo, ruinire nicht meinen reinen Kragen und ſei doch verſtändig, liebes Kind“, ſagte die Kammer⸗ räthin mit einer ihr ungewöhnlichen, milden Stimme und küßte die Brudertochter auf die Stirn, indem ſie ſich an den Bruder, welcher nach Gertrud eingetreten war, wandte: „Das Mädchen ſcheint nicht die Spur klüger ge⸗ worden zu ſein, als ſie im vorigen Jahre geweſen iſt.“ „Leider“, antwortete der Lieutenant, lächelte dabei und ſah freundlich auf die Tochter. Ein dienſtbarer Geiſt des Hauſes trug den Kaffee herein. Gertrud ſchlug vor Entzücken bei dieſem An⸗ blick die Hände zuſammen und verſicherte, daß es ihrem Magen ganz feſtlich zu Muthe werden würde, wenn derſelbe nach langer Zeit erfahre, wie Kaffee am Vor⸗ mittag ſchmeckt. Sie könnte ſich nicht erinnern, dieſes köſtliche Getränk ſeit dem Feſt beim Probſt ge⸗ noſſen zu haben. „Was genießt Ihr denn des Morgens?“ fragte die Kammerräthin. „Milchbrei, liebe Tante, das ſtärkt den Körper, 12 aber die Seele vermag es nicht zu beleben. Armer Papa, er hat für Milchgerichte eine große Paſſion. Milchbrei zum Frühſtück, Milchklöße zu Mittag und MWilchgrütze zu Abend. Herr Gott, iſt es ſo wunder⸗ bar, daß wir Alle, beſonders der Vater, ausſchauen, wie die ſieben magern Kühe?“ Als Gertrud dies in ihrer eigenthümlichen Art geſagt hatte, konnte ſie ein trübſeliges Lächeln nicht unterdrücken. Des Abends, als die Andern zur Ruhe gegangen waren, ſaßen Iſabella und Gertrud zuſammen und ſprachen mit gedämpften Stimmen. In dem Holzſopha war ein kleines, aber nettes Bett für Gertrud bereitet, und in das Cabinet war ein Feldbett für Iſabella geſtellt worden, damit ſie, falls die Mutter etwas bedurfte, bei der Hand ſei. Die Thür zum Saale ſtand offen, und die beiden Mädchen ſaßen neben einander, jede auf ihrem Schemel. Gert⸗ rud hatte ihren Arm um Iſabella's Taille geſchlungen, und dieſe lehnte ihr helllockiges Haupt gegen die hoch⸗ gewölbte Bruſt der Schweſter. Gertrud's Angeſicht war herab gebeugt über ſie und hatte den Ausdruck einer zärtlichen Mutter, wenn ſie auf ihr vielgeliebtes 15 Kind blickt. Es lag ein ſehr bemerkbarer Unterſchied in den Aeußerungen der Geſchwiſter. Iſabella, älter als Gertrud, war noch nicht ſieb⸗ zehn Jahre alt, mittelgroß von Figur, fein und zart von Körper, mit regelmäßigen und harmoniſchen Zügen, einer ſchönen Geſichtsform und einer Haut, viel zu blendend weiß und von zu blühendem Schimmer, um von dauernder Geſundheit zu zeugen. Die Wogen des Blutes erſchienen und verließen die Wangen und ließen daher einen ſteten Wechſel zwiſchen Roſe und Lilie zu. Die großen dunkelblauen Augen waren ſchwärmeriſch und der ganze Ausdruck trug den Charakter der Weich⸗ heit. Gertrud wiederum war hoch gewachſen, ſchlank, mit dem Stempel der Geſundheit und Kraft in ihrem Aeußeren, das ſcharf contraſtirte mit dem der Schwe⸗ ſter. Die feſten, aber abgerundeten Schultern und die hoch gewölbte Bruſt, die ſtolze Haltung des Kopfes, alles ſprach von friſcher Kraft und Energie der Seele. Das Haar war glänzend ſchwarz, die Augen dunkel und glänzend, die Haut gelind olivenfarbig, aber blühend, die Lippen friſch und lächelnd. Gertrud war eigentlich nicht ſchön, denn ihre Naſe hatte eine ent⸗ ſchiedene Geneigtheit, emporzuſtreben. Der Mund mit den ſchönen weißen Zähnen war groß und das Kinn 14 zu breit; aber trotz dieſer Fehler war ihr Geſicht eins von denen, welche man gern betrachtet. Es lag Leben und Intelligenz darin. Wie ſie jetzt daſaß, ſah ſie bedeutend älter aus als die Schweſter, obgleich ſie eben jetzt erſt das ſechszehnte Jahr vollendete. „Was iſt es mit Dir, mein Liebling? Du biſt mehr als gewöhnlich traurig heute Abend“, ſagte Ger⸗ trud mit einſchmeichelnder Stimme. „Ich bin müde, ich wünſchte, es wäre vorbei mit mir“, antwortete Iſabella.„Du biſt glücklich, welche jetzt von mir geht, aber ich, ich bin gefangen hier, mein Leben gleicht dem der Galeerenſtlaven. Das Schlafzimmer der Mutter iſt eine Galeere und ſie ſelbſt eine Kette, welche mich gefangen hält. Vergebens bitte ich um Freiheit, ich bin feſtgeſchmiedet durch ihre Krankheit; ich werde niemals, niemals von ihrer tödt⸗ lichen Luft befreit werden!“ Iſabella barg ihr Antlitz an dem Buſen der Schweſter und weinte. „Nicht ſo“, rief Gertrud; ſie erhob Iſabella's Ge⸗ ſicht und küßte die thränengetränkten Augen.„Ich werde Dir zeigen, daß die Stunde Deiner Freiheit bald ſchlagen wird.“ Iſabella trocknete ihre Thränen, ſah zur Schweſter mit einem ihr eigenthümlichen, verſchleiertem Blicke empor, ſchüttelte den Kopf und ſagte: ——— 15 „Was nützt es, zukünftige Pläne zu entwerfen, das haſt Du ſchon ſo lange gethan; das haſt Du ſchon gethan, ſo lange ich zu denken vermag; aber kein ein⸗ ziger hat ſich bisher verwirklicht. Uebrigens, wenn Du dieſes Haus verläſſeſt und die Vergnügungen der Welt koſten lernſt, wirſt Du mich vergeſſen und alle Deine Vorſchläge.“ „Werde ich Dich vergeſſen?“ rief Gertrud aus und drückte Iſabella heftig an ihre Bruſt.„Jetzt meinſt Du nicht, was Du ſprichſt. Du weißt, Du biſt mir das Liebſte, das ich auf Erden beſitze und das wirſt Du ſein, ſo lange ich zu denken vermag. Du kannſt nicht glauben, daß ich Dich vergeſſen ſollte. Nein, ich will hinaus in die Welt, um für Euch alle zu arbeiten, und ich werde auch eben Dich aus Deiner Gefangenſchaft befreien.“ „Du?“ brach Iſabella aus,„das iſt ja nur eine bloße Träumerei, liebe Gertrud!“ „Iſabella, es iſt mein feſter Entſchluß“, fiel Ger⸗ trud mit großer Energie in der Stimme ein.„Du darfſt nicht Mißtrauen zu mir hegen, Du, welche am beſten weiß, wie ſehr ich mich bereits angeſtrengt habe, um unſere Noth zu lindern. Daß ich arbeiten kann, weißt Du, obgleich ich ein Taugenichts bin, wenn es nicht das Kochen gilt. Für mich gibt es nichts Lang⸗ 16 weiligeres auf der Welt, als die Arbeit in der Küche. Aber ich bin ſtark und kräftig, und ich werde arbeiten für Drei, wenn es gilt. Alſo, meine geliebte Schweſter, hoffe auf mich; verſprich mir, daß Du nicht mehr davon ſprechen willſt, daß ich Dich vergeſſen könnte, ſondern nähre die Gewißheit, daß ich für Dich lebe. Willſt Du mir verſprechen, nicht etwas Anderes von mir zu glauben?“ Iſabella ſah ins Antlitz der Schweſter, ſah die Wärme, welche auf demſelben ruhte, ſchloß die Arme um ihren Hals und flüſterte: „Ich will an Dich glauben und hoffen, Gertrud.“ Sie drückte ſie feſter an ſich. Eine Pauſe entſtand, bis Iſabella ſie ſchließlich unterbrach. „Geſetzt, Tante Louiſe nimmt Dich äls ihre Adop⸗ tivtochter auf und Du beerbſt ſie, dann nimmſt Du mich zu Dir und läßt mich mit vollen Zügen die Freuden des Lebens genießen, nicht wahr?“ „Gott bewahre mich davor, daß ich Tante Louiſe für meine Exiſtenz zu danken hätte“, unterbrach ſie Gertrud;„nein, ganz anders habe ich mir die Zukunft gedacht; meiner eigenen Arbeit will ich es zu verdanken haben, Deine und meine Unabhängigkeit zu ſchaffen. Ich bin freilich nur ſechszehn Jahre alt, aber ich habe in meiner Einſamkeit viel gegrübelt und nachgedacht i und ich weiß, daß in mir ein Geiſt wohnt, welcher zu ſolcher Wirkſamkeit mich anſpornt, welcher mich aus dem beſchränkten Gebiet der Frauen führen wird. Ich will unabhängig ſein, und gedenke deshalb unverhei⸗ 3 rathet zu bleiben. Die Arbeit ſoll mich durchs Leben führen, der Arbeit werde ich mich weihen; denn als Hausfrau würde ich meine Pflichten nur mangelhaft erfüllen, vielleicht nur mit Widerſtreben. Alſo ich bitte, nicht ein Wort mehr von der Erbſchaft! Ebenſo wenig will ich mich einem Manne verkaufen und mein Geſchick an das ſeine ſchmieden. Ich denke, auf irgend einem Bureau Beſchäftigung zu finden; dann, mein Engel, ſollſt Du es wirklich gut haben und wir werden ſo glücklich ſein. Alle Reichthümer der Tante Louiſe wer⸗ den nicht im Stande ſein, uns halb ſo zufrieden zu machen, wie wir dann ſein werden.“ „Du fährſt wohl dennoch mit Tante Marianne nach Elfborg, um Dich da zu amüſiren?“ ließ Iſabella mit halb mißvergnügtem Tone ſich vernehmen. „Ja, gewiß, und zuerſt, um der Tante Marianne zu gefallen und zweitens, um mich ein wenig zu zer⸗ ſtreuen; aber ich denke nicht daran, Tante Louiſens Gunſt zu gewinnen.“ „Darin thuſt Du dennoch Unrecht“, unterbrach Iſabella ſie;„wenn ſie etwas für Dich thäte, könnteſt Schwartz, Novellen. I. £ 18 Du mich früher aus meiner Gefangenſchaft befreien und würdeſt Du ſie beerben, ſo würde ich ja auch reich.“ „Aber ich will ſie nicht beerben“; Gertrud ſchob die Schweſter ſanft von ſich und erhob ſich, indem ſie hinzufügte: „Die Uhr iſt elf, wir müſſen jetzt zur Ruhe gehen; Du ſiehſt müde aus, meine geliebte Schweſter.“ Mit dieſen Worten begann Gertrud die Schweſter zu entkleiden. Nachdem Iſabella ſich zur Ruhe gelegt hatte, fiel Gertrud an der Schweſter Bett auf die Kniee und verrichtete jetzt für ſie ein ſtilles Gebet. Wie ungleich waren doch dieſe Gebete! Die eine bat, daß Gott ihr bald die Freiheit geben möge, damit ſie zum vollen Genuß der Freuden des Lebens komme, die andere bat um Ausdauer und Segen für ihre Arbeit. Zweites Kapitel. Elfborg war ein großer hübſcher Herrenſitz gelegen an der Küſte in einer der fruchtbarſten Landſchaften Schwedens, fünf Meilen von Lugnet, dem Wohnſitze der Familie Axenberg, entfernt. Das Beſitzthum war trotz ſeines Namens eine Schöpfung der neueren Zeit; es hatte keine romantiſchen Erinnerungen oder Sagen aufzuweiſen. Es iſt möglich, daß früher dort eine Wickinger⸗Burg in grauer Vorzeit geſtanden hat, allein ſicher iſt, daß das VPolk nichts davon zu erzählen wußte. Was man über die Vorzeit kannte, war, daß die Beſitzer urſprünglich Bauern und der Grund und Boden in vielen Händen vertheilt geweſen war. Im Laufe der Zeit waren dieſe kleinen Höfe angekauft worden. Der eine wurde zum andern gelegt, bis ſie ein großes und herrſchaftliches Eigenthum bildeten. Der 2* * 20 Grundleger des Beſitzthums, der Großvater der jetzigen Beſitzerin, ein ſchlauer und kluger Kaufmann, der ſelbſt viel Geld erworben, hatte während der Jahre, als Miß⸗ erndte viele Bauern nöthigte, von Haus und Hof zu gehen, die verſchiedenen Bauernbeſitzungen angekauft, welche ihm jetzt eigenthümlich gehörten. Der Sohn, welcher dieſe vielen kleinen Felder zu einem großen vereinigten Hofe geerbt hatte, baute das jetzige große und prächtige Herrenhaus auf, indem er das vom Vater aufgeführte Gebäude in einen Flügel verwandelte und auf der entgegengeſetzten Seite ein ähnliches Gebäude aufführen ließ, ſo daß, nachdem er noch durch Anlagen von landwirthſchaftlichen Gebäuden und größeren Ge⸗ wächshäuſern, ſo wie eines prächtigen Parkes den praktiſchen Bedürfniſſen Rechnung getragen hatte, das Ganze in einem äußerſt verſchönerten Maßſtabe er⸗ ſchien. Der erſte Beſitzer hatte ſein Gut Petterslund ge⸗ nannt, aber als der zweite ſich vermählte, mußte das Gut den einfachen Namen mit einem anderen, pveti⸗ ſchen vertauſchen. Dieſer letztere, Johann Axenberg, hatte ſich in die kleine, feine, hübſche und romantiſche Wittwe ſeines Bruders, des Major Axenberg verliebt, und ſich ſpäter mit ihr verheirathet. Sie ſchwärmte für Sagen und Poeſie und es wurde ihr ſchwer, ſich 2¹ mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ihr Mann Johann hieße. Der bis über die Ohren verliebte Jv⸗ hann Arenberg beſchloß daher, nach ſeiner kleinen „Elfe“ Petterslund in Elfborg umzutaufen. In dieſem entzückenden Heim führte die junge Frau dennoch nicht die Kinder ihrer erſten Ehe mit ſich, ſondern ließ dieſelben von ihrer Mutter fern von der„Elfe und ihrer Burg“, erziehen. Nach Verlauf einiger Jahre wurde dort eine Toch⸗ ter geboren, welche den Namen Louiſe erhielt, und die nach der Prophezeihung des Vaters die zweite Elfe werden ſollte. Allein das Schickſal hat ſeine Launen. Die Tochter der Elfe glich in keiner Weiſe der Mutter, ſie war drei Ellen hoch, als ſie erwachſen war, ſtark gebaut und hatte die Geſtalt eines Jüng⸗ lings. Das Geſicht, zwar kraftvoll, war eher häßlich als ſchön. Der Ausdruck zeigte Energie und viel Ver⸗ ſtand, aber wenig Gefühl. Wie ihr Character unter normalen Verhältniſſen ſich entwickelt haben würde, iſt ſchwer zu entſcheiden, denn in einem Alter von vier Jahren wurde ſie mutterlos und der Gegenſtand einer Abgötterei von Seiten des Väters. Auf ſeine Tochter Louiſe verſchwendete er von nun an ſeine ganze Liebe; ſie war ſtets an ſeiner Seite. Während ſie noch ein kleines Kind war, nahm er ſie auß's Pferd, wenn er 22 auf die Felder ritt, und als ſie größer geworden war, bekam ſie ihr eigenes Pferd, um ihn zu begleiten. War er auf der Jagd, nahm er Louiſe mit und lehrte ſie die Büchſe und das Jagdgewehr handhaben. Im Alter von ſiebzehn Jahren verſtand Louiſe die wildeſten Pferde zu führen und Füllen zu reiten. Sie konnte auch Anweiſung ertheilen, wie der Acker zu behandeln ſei, aber ſie hatte Schwächen in anderer Hinſicht; ſie lernte oberflächlich den Inhalt ihres Religionsbuches, als ſie confirmirt werden ſollte. Und ſchreiben? Da⸗ mit war es ſchlechter beſtellt als bei einem Kinde. Geſchichte und Geographie waren ihr fremd, und ſchienen ihr nur der Verachtung werth zu ſein. Die Milchkammer und die Meierei hielt ſie in ausgezeich⸗ netem Stande, aber von der Haushaltung hatte ſie durchaus keine Idee. Das war die Erbin zu dem Reichthum, den Jo⸗ hann Axenberg ihr hinterlaſſen würde. Im Alter von achtzehn Jahren verliebte ſie ſich dennoch in einen entfernten Verwandten, Lieutenant Emil Malmroth. Der junge Emil war ein bildſchöner Mann von neunundzwanzig Jahren, mit einer ſchnellen und angenehmen Art und Weiſe, ein guter Jäger und guter Sänger, ein guter Reiter und ausgezeichneter Tänzer. Alle Mädchen der ganzen Gegend, alle Frauen 23 und Tanten waren für ihn eingenommen, allein er widmete ausſchließlich Louiſen ſeine Huldigungen. Der Lieutenant erklärte ſich ihr und Louiſe gab ihm ihr ganzes Herz. Darauf hielt er bei dem Onkel Axenberg um Louiſens Hand an, wurde aber unangenehm be⸗ rührt, als der alte Johann Axenberg ihm einen be⸗ ſtimmten Abſchlag gab. Er kannte genau das ver⸗ floſſene Leben des Lieutenants und ſagte ihm ganz offen, daß er deshalb der Allerletzte ſein würde, wel⸗ chem er ſeine Tochter anvertraue. Uebrigens nähre er auch den Verdacht, daß der junge Verwandte eigent⸗ lich ſich um das Geld bewerbe. Dies Alles war ganz klug und von dem Papa Axenberg ganz richtig geſagt; aber da der Lieutenant und Louiſe dies weder klug noch richtig fanden, ſo verhinderte ſie dies keineswegs, ihren Entſchluß, ſich zu verheirathen, durchzuführen und ſchließlich ſah ſich der alte Vater genöthigt, ſeine Einwilligung zur Verhei⸗ rathung zu geben, obgleich es nur mit Widerſtreben geſchah. Die verzogene Louiſe ließ ihn nicht eher in Ruhe, und ſo wurde ſie, neunzehn Jahre alt, des un⸗ widerſtehlichen Emil Malmroths Frau. Das junge Ehepaar mußte in der Hauptſtadt wohnen, da der Lieutenant bei einem der Garderegi⸗ menter in Dienſten ſtand. Papa Johann gab ſeiner Tochter eine prachtvolle Ausſtattung, allein nicht einen einzigen Oere als Mit⸗ gift und veranſchlagte für die jungen Leute viertauſend Reichsthaler jährlich zum Unterhalt. Dies war für den jungen Ehemann ein vollſtändig unerwartetes Er⸗ eigniß, da er ſofort nach ſeiner Heimkehr in die Haupt⸗ ſtadt von vielen Creditoren belagert wurde. Die junge Gattin ſah ſich daher ſofort genöthigt, an den Vater zu ſchreiben und ihn um Hülfe zu bitten. Sie waren damals nur einige Wochen verheirathet. Der beſorgte Vater kam nach Stockholm, ordnete die Verhältniſſe ſeines Schwiegerſohnes, aber verminderte das Einkom⸗ men deſſelben auf dreitauſend Thaler. Papa Axenberg war nicht der Mann, mit dem in Geldangelegenheiten gut zu verkehren war, und bei dieſer Gelegenheit gab er ſeinem Eidam die Warnung, von ihm in Zukunft keine Hülfe zur Deckung ſeiner Schulden zu erwarten. Nachdem der Herr Lieutenant ſchuldenfrei geworden war, vergaß er die Warnung und glaubte ſich nicht mehr wegen ſeiner Frau oder wegen ſeines Schwiegervaters geniren zu ſollen. Die junge Frau ſollte bald zu ihrem Leidweſen erfahren, wie gleichgültig ſie ihm war, und bald ge⸗ nug ſollte ſie hören, daß ſie eine ungezogene dirne“ ſei. 25 Drei unglückliche Jahre waren verfloſſen; Louiſe hatte während der Zeit alle die Demüthigungen durch⸗ leben müſſen, von denen eine verheirathete Frau be⸗ troffen werden kann, wenn ſie einem egviſtiſchen und liebloſen Manne angehört. Sie trug ihr herbes Ge⸗ ſchick, ohne daß eine einzige Klage über ihre Lippen ging; ſie hatte es ja ſelbſt gewollt, als ſie nicht den Warnungen ihres Vaters gehorchte. Nunmehr blieb ihr nichts weiter übrig, als ohne Murren die Folgen ihres Ungehorſams zu tragen. Ihr Mann vernach⸗ läſſigte ſie, und ſie beſaß keine menſchliche Seele oder ein theilnehmendes Herz, an das ſie ſich anſchließen konnte. Ihren Kummer zu verſcheuchen, begann ſie, ſich mit Leſen zu beſchäftigen, und verſchaffte ſich auf dieſe Weiſe, wenn auch ſpät, einen kleinen Vorrath von Kenntniſſen. Wieder waren drei Jahre verfloſſen und mit ihnen war Emil wieder tief in Schulden verſunken. Er be⸗ fahl ſeiner Frau, an den Vater zu ſchreiben und den⸗ ſelben von ihrer betrübenden Lage Nachricht zu geben. Louiſe weigerte ſich entſchieden deſſen. Dies rief Streit unter den Cheleuten hervor; es ging ſoweit, daß der erzürnte Mann ſeine Frau mißhandelte. Verzweifelt verließ nunmehr das junge Weib ſein Heim und reiſte unaufhaltſam nach Elfborg. Obgleich 26 der Frühling im Anmarſch war, herrſchte doch eine ungewöhnliche Kälte, und ſpät Abends bei ſtarkem Schneegeſtöber und Sturm gelangte Lyuiſe auf der Beſitzung ihres Vaters an, ſteif und kalt und faſt er⸗ froren. Den andern Morgen ganz früh wurde ein reiten⸗ der Bote zum Arzt geſchickt. Louiſe war ſehr krank, ſie hatte außer ihrem Herzenskummer ſich ein rheuma⸗ tiſches Fieber zugezogen, das ſie während der Zeit eines ganzen Jahres an das Bett feſſelte und nur zu bald das junge ſtarke Weib in ein Skelett verwandelte. Als ſie endlich das Bett verlaſſen hatte, war ſie drei⸗ undzwanzig Jahre alt, aber an Leib und Seele ge⸗ brochen. Ihr Mann hatte während ihrer Krankheit mehrmals Elfborg beſucht, nicht etwa um ſeine Frau zu pflegen, ſondern um den Schwiegervater zu zwin⸗ gen, ſeine Schulden zu bezahlen, die ihn zu erdrücken drohten. Johann Axenberg war jedoch weniger als jemals geneigt, Opfer für ſeinen Eidam zu bringen, und der Lieutenant kehrte unverrichteter Sache nach der Haupt⸗ ſtadt zurück. Nach Verlauf eines Jahres las man in den Stock⸗ holmer Zeitungen, daß der Lieutenant Emil Malm⸗ roth plötzlich ſein Vaterland verlaſſen habe. Er hatte 27 indeſſen das Koſtbarſte ſeines Mobiliars verkauft, und Johann Axenberg mußte nunmehr, um den Namen ſeiner Tochter vor Schande zu bewahren, die Schul⸗ den ſeines Eidams zum zweiten Male bezahlen. Der⸗ ſelbe war nach Petersburg entflohen, und nach einem Jahre erlag er der dort herrſchenden Cholera. Louiſe hatte von da ab, bei dem ſoeben erreichten vierundzwanzigſten Jahre die Tage ihres Glückes und ihrer Geſundheit überlebt; ſie war gebrochen an Leib und Seele Nach einem ferneren Jahre traf ſie der letzte harte Schlag: Der Vater ſtarb. Freilich war ſie jetzt Beſitzerin von Elfborg und eines Vermögens von mehreren hunderttauſend Tha⸗ lern; allein der Reichthum ſchenkte ihr keine Freuden. Mit Keinem pflegte ſie Umgang; ſie zog ſich von aller verſönlichen Berührung, von ihrer Familie und ihren Jugendfreundinnen zurück. Sie verwaltete ſelbſt ihr Eigenthum, war ſtrenge gegen ihre Untergebenen, geizig gegen ſie und ſich ſelbſt. Sie beſuchte niemals die Kirche, und niemals hatte Jemand bisher geſehen, daß ſie zu Hauſe ein Andachtsbuch in die Hand nahm. Louiſe war ganz plötzlich auf die Idee gekommen, eine Pflegetochter anzunehmen und zu dieſem Zweck ihre vier Pathen nach Elfborg eingeladen. Sie hatte in ihrem Einladungsſchreiben die Abſicht mitgetheilt 28 und hinzu gefügt, daß ſie diejenige, welche ſie zu ihrer Pflegetochter erwählen würde, zu ihrer Erbin einſetzen werde. Sie erſuchte ſie, ſich am erſten Juni bei ihr einzufinden. An dem beſtimmten Tage langte die Kammer⸗ räthin mit ihrer Nichte Gertrud auf Elfborg an. Es war etwas ſpät des Abends, und die Haushälterin, Frau Magdalene Oviſt, begrüßte ſie mit dieſen Worten: „Liebe, verehrungswürdige Frau, es war nicht klug von Ihnen, ſo ſpät zu kommen. Luuiſe hat ſich den ganzen Nachmittag darüber geärgert und iſt durch⸗ aus nicht gut geſtimmt gegen das Kind.“ Magdalene ſtreichelte Gertrud ganz vertraulich die Wange, verneigte ſich mehrmals gegen die Kammer⸗ räthin und führte ſchließlich die beiden Gäſte nach den für ſie beſtimmten Gaſtzimmern. Frau Magdalene Oviſt war ein paar Jahre älter als Louiſe, ihre Herrin. Im Alter von ſechszehn Jahren war ſie nach Elfborg gekommen, um bei den inneren Geſchäften des Hauſes zu unterſtützen. Als Louiſe dreizehn Jahre alt war, verheirathete ſich die damals neunzehn Jahre alte Magdalene mit dem Inſpector auf Elfborg, Karl Oviſt, und wurde ein paar Jahre ſpäter Vorſteherin des Hauſes bei Johann Axenberg, 29 während ihr Mann mit Fleiß und Ausdauer ſeinen Platz als Inſpector ausfüllte. Dieſe beiden Cheleute gehörten zu den Wenigen, welche ſich nicht durch Louiſens Launen ermüdet fan⸗ den. Freilich oft genug waren ſie tief von ihren ſcho⸗ nungsloſen Worten verletzt worden; allein ihre Hinge⸗ bung für Louiſen ließ dieſelben bald vergeſſen machen. Nachdem Louiſens Vater geſtorben war, war dieſes Ehepaar, mit Ausnahme eines oder des andern Ver⸗ ſuchs von Seiten aufdringlicher Verwandten, der ein⸗ zige Umgang der einſamen Frau. Jetzt war daſſelbe unentbehrlich für ſie. Als Magdalene die Kammerräthin nach der obe⸗ ren Wohnung im ſogenannten Gaſtflügel geführt hatte, wünſchte ſie ihnen eine gute Nacht, indem ſie ſagte: „Sie und Ihr Schützling ſollen hier wohnen; die Probſtin und die andern Mädchen zu ebener Erde; das hat Lotte ſehr erzürnt. Zu den Mahlzeiten ver⸗ ſammeln wir uns Alle in dem Eßſaal, wo wir Louiſe treffen werden. Und jetzt gute Nacht; ich muß ſie da⸗ von benachrichtigen, daß Sie angekommen ſind, ſonſt wird ſie ſehr mißvergnügt.“ Magdalene nickte freund⸗ lich mit dem Kopfe und ging. Gertrud ſank auf einen Stuhl und brach aus: „Himmel, wie herrlich und prächtig iſt es hier! 30 Wenn die Gaſtzimmer ſo ausſehen, wie werden dann die Zimmer in dem hohen, großen Schloſſe ſein? Weißt Du was, Tante, ich fühle mich beängſtigt vor lauter Verwunderung. Ich habe niemals davon geträumt, daß man es prächtiger haben könnte, als der Paſtor Anderſen in Kinalund; aber was iſt das gegen dieſe Herrlichkeiten! Armes, kleines Lugnet, wie biſt Du doch ſo ärmlich!“ „Das ſollte ich meinen“, ließ ſich die Kammer⸗ räthin vernehmen;„wenn Du Dich jetzt klug benimmſt, ſo kannſt Du eines Tages Beſitzerin dieſes ſchönen Elfborg werden.“ Eine Wolke ſchien auf Gertrud's Antlitz ſich zu⸗ ſammenzuziehen; allein ſie antwortete nichts. Drittes Kapitel. Dem erſten Zuſammentreffen mit der reichen Tante war von drei der jungen Mädchen mit großer Unruhe entgegen geſehen worden. Dieſes Zuſammentreffen ſollte nach dem Frühſtück ſtattfinden, da Tante Louiſe melden ließ, daß ſie ſie in dem unteren Salon, wo ſie ihre Ruheſtunden zu verbringen pflegte, empfangen würde. Die Mädchen hatten ſich mit Sorgſamkeit geklei⸗ det, und die Kammerräthin hatte ſchon ganz frühe am Morgen lange Reden vor Gertrud gehalten, wie ſie ſich zu benehmen habe; ſie dürfe durchaus nicht ſtür⸗ mend hinein treten, wie ſie zu thun pflege; ſie dürfe nicht auf ihre gewöhnliche Weiſe die Tante begrüßen, ſondern ſie müſſe ſittſam, verſchämt ſein, demüthig er⸗ ſcheinen und ruhig und anſpruchslos ſich ausdrücken 32 Ferner dürfe ſie weder lachen noch ſcherzen, ſondern. ſchweigen, bis Tante Louiſe ſie anrede; aber dann dürfe ſie nur verzagt antworten, und durchaus ihrer reichen Tante nicht widerſprechen, wie ſie es der Kam⸗ merräthin gegenüber zu thun pflege. Das junge Mädchen hörte die Vorleſungen, ohne ein Wort zu erwidern; allein die ſonſt faſt immer wolkenfreie Stirn verfinſterte ſich und um die ſonſt lächelnden Lippen erſchien ein Zug von Mißvergnügen und feſter Entſchloſſenheit.. Beim Frühſtück, wo zuerſt die Gäſte zuſammen⸗ trafen, war man ganz ungenirt; die Kammerräthin und die Probſtin blickten einander an, wie zwei Heer⸗ führer vor der Schlacht. Hierbei machte jede für ſich die nicht erfreuliche Entdeckung, daß von dieſen vier Mädchen, wovon die älteſte vierundzwanzig, die jüngſte, Gertrud, ſechszehn Jahre alt war, die letztere und die Tochter der Probſtin, die Eva hieß, mit Rückſicht auf ihr Ausſehen die wenigſten Vorzüge hatten. Eva Parlander war buckelig, mit einem ſchwer⸗ müthigen und leidenden Ausſehen. Gertrud ſah aus wie ein Kind des Südens; ſie war geſund und blüh⸗ end, aber durchaus nicht ſchön, wohingegen Ottilie Gyldenſtjerna und Olga Brunn regelmäßige Schön⸗ heiten und wohlerzogene Mädchen waren. Die Kammerräthin ſeufzte tief, als ſie Ottilie be⸗ trachtete, welcher unleugbar der Vorzug vor Allen, was Schönheit und Lebensweiſe betraf, gebührte. Es kam eine Unruhe über die werthe Frau, daß Gertruds dunkle Geſichtsfarbe der reichen Louiſe mißfallen könnte und daß Gertrud in Folge deſſen nicht das Glück er⸗ langen werde, zur Erbin eingeſetzt zu werden. Während des Frühſtücks dachte Jede an die be⸗ vorſtehende Präſentation und betrachtete mit neidiſchen Blicken ihre Concurrentinnen. Nachdem man ſeinen Hunger geſtillt und wäh⸗ rend die Kammerräthin mit Olga ein Geſpräch ange⸗ knüpft hatte, ſchlich Gertrud aus dem Saale, und als Frau Marianne in ihr Zimmer zurück kehren wollte, war ihre Brudertochter nicht zu finden. Um zwölf Uhr kam Frau OQviſt und erſuchte die Damen, bei Frau Louiſe zu erſcheinen. Alle waren anweſend, außer Gertrud und gleichwohl hatte die Kam⸗ merräthin ſelbſt mit Angſt im Herzen überall nach ihr ge⸗ ſucht. Das unzuverläſſige Mädchen! Die Vorſtellung mußte jetzt ohne ſie ſtattfinden; die Kammerräthin fühlte ſich geneigt, vor Aerger und Verdruß zu weinen. In dem unteren Salon war die Glasthür zum Garten aufgeſchloſſen und in einem bequemen Ruhe⸗ ſtuhl ſaß die reiche Frau. Schwartz, Novellen. 5 3 34 Die Kammerräthin trat zuerſt ein, ſich auf ihre nahe Verwandtſchaft mit der Wirthin ſtützend. Gleich hinter ihr kam die Probſtin mit ihrer lahmen Tochter und ſchließlich die zwei anderen Mädchen. Die beiden Frauen marſchirten mit Sturmſchritt auf den Stuhl zu, während ſie drohend auf einander ſchauten. Die Kammerräthin begrüßte ihre Stiefſchweſter, indem ſie mit ungewöhnlicher Milde und freundlicher Stimme begann:„Guten Tag, liebe Louiſe. Es ſind viele Jahre verfloſſen, ſeitdem wir uns geſehen haben; ich bin unendlich erfreut, Deine Einladung erhalten zu haben und——“ „Die größte Freude war wohl die Hoffnung, daß Deine arme Brudertochter meine Erbin ſollte werden können, möchte ich glauben“, fiel Louiſe mit ſtrenger Stimme ein, indem ſie mit Kälte auf die Stiefſchweſter blickte;„allein die Sache iſt noch ſehr ungewiß, will ich Dir ſagen, und Du brauchſt mir keine Freundlich⸗ keit, die nicht aufrichtig gemeint iſt, zu zeigen. Ich habe aus beſonderen Urſachen Dich hier eingeladen, und ich habe keinen andern Willkommensgruß für Dich, als daß Du ſelbſt verſuchen mußt, es Dir hier ſo an⸗ genehm als möglich zu machen, während Du Dich ſo wenig wie möglich um mich bekümmerſt.“ 35 Louiſe wandte ſich darauf an die Probſtin, welche ſoeben im Begriff war, ihre Verwandte mit einer wohl⸗ überlegten Rede zu begrüßen, daran aber durch Louiſe mit den Worten verhindert wurde:„Und Du, Lotte, erſpare auch Dir, von Freundlichkeit zu ſprechen; wir kennen einander zu gut und brauchen nicht Komödie mit einander zu ſpielen. Genieße von meinem Ueber⸗ fluß, während Du hier biſt, aber laß mich zufrieden. Suche weder durch Schmeichelei, noch durch Verdäch⸗ tigungen auf mich einzuwirken. Wie heißen die Mäd⸗ chen dort?“ „Das iſt meine Tochter“, ſagte die Probſtin,„die älteſte von meinen acht Kindern und Deine Pathin; wie Du weißt, habe ich mit ſehr großen Entſagungen ſie erzogen, und„ „ Das gehört nicht hierher. Das Mädchen iſt ja lahm! Was, in des Himmels Namen, ſollte ich mit einer lahmen Pflege⸗Tochter machen! Nun, wer ſind die Andern?“ Die Probſtin präſentirte ihre Bruder⸗ und ihre Schweſtertochter; Louiſe begrüßte Ottilie mit einem ſcharfen, muſternden Blicke und einer ſtummen Neigung des Kopfes. Darauf wandte ſie ſich an die Kammer⸗ räthin, welche ihr Antlitz mit einem Ausdruck wirklicher Angſt gegen die Thür gerichtet hatte. 3* 36 „Wo iſt Andreas' Tochter?“ fragte Frau Louiſe; die Kammerräthin wurde blaß, als ſie antwortete: „Ach, liebe Louiſe, das Mädchen, welches niemals außerhalb ſeines Hauſes gekommen iſt, iſt von Elfborg ſo eingenommen worden, daß es hinaus eilte, um Alles zu ſehen und Alles zu bewundern; aber es iſt nicht wiedergekommen zur beſtimmten Zeit; ich bin ſehr betrübt darüber, und bek...“ „Deſſen bedarf es nicht; das Mädchen will ohne Zweifel unterſuchen, wie das Eigenthum ausſieht, wo es zu bleiben hofft.“ Die Augenbrauen zogen ſich zuſammen, als Frau Louiſe mit erzürnten Blicken die Kammerräthin be⸗ trachtete, wonach ſie, zu den Mädchen ſich wendend, hinzufügte: „Ihr ſeid hierher gekommen, in der Hoffnung, daß eine von Euch meine Pflegetochter und Erbin werde; aber Ihr braucht nicht ſehr darauf zu bauen. Es iſt ſogar leicht möglich, daß keine von Euch in meinen Geſchmack fällt; denn ich bin ſehr ſchwer zu befriedigen; es mag ſogar auf einer Laune von mir beruhen. Finde ich eine von Euch meiner ſelbſt würdig, dann nehme ich ſie zu mir; wenn nicht, ſo müßt Ihr Euch wieder nach der Heimath begeben. Gebt Euch keine Mühe, mir zu gefallen, ich werde Euch nicht darnach beur⸗ 37 theilen. Vergnügt Euch ſogut und ſoviel als möglich, aber beläſtigt mich nicht öfter, als ich Eure Geſellſchaft wünſche.“ Hier wurde Frau Louiſe von Gertrud unter⸗ brochen, welche vom Garten aus durch die geöffnete Glasthür ſchnell eintrat, wahrſcheinlich in der Abſicht, einen Rückweg durch das Zimmer zu nehmen, um un⸗ bemerkt in das Haus zu gelangen. Sie wäre in ihrem blinden Eifer faſt an die Tante Louiſe gerannt, wenn nicht die bucklige Eva ſie am Arm erfaßt und zurück gehalten hätte. Jetzt ſtand das arme Mädchen da, Angeſicht gegen Angeſicht mit der böſen Tante. In demſelben Augenblicke erinnerte ſie ſich alles deſſen, was die liebe Tante Marianne am frühen Morgen geſagt hatte, und die gegenwärtige Situation kam ihr ſo äußerſt lächerlich vor, daß ſie ſich unmöglich ent⸗ halten konnte, in lautes Lachen auszubrechen, aber gleich darauf rief ſie ganz reuevoll aus: „Herr mein Gott, Tante Louiſe, wie ich mich doch betrage! Ich habe alle Urſache um Verzeihung zu bitten und dennoch nichts zu meiner Entſchuldigung zu ſagen; aber es würde mich ſehr betrüben, wenn Sie auf mich böſe wären, und ich an dieſem ſchönen Orte nicht bleiben dürfte.“ Gertrud ſchwieg und eine kurze, unangenehme 38 Pauſe entſtand, während welcher Frau Louiſe buch⸗ ſtäblich mit den Augen das arme Mädchen zu durch⸗ bohren ſchien, welches, nachdem der erſte komiſche Ein⸗ druck verſchwunden war, ſich ſehr verlegen fühlte. Aller Augen waren auf Gertrud gerichtet. „Biſt Du Andreas Axenberg's Tochter?“ waren die erſten Worte, welche Frau Louiſe äußerte. „Ja, ich bin ſein jüngſtes Kind.“ „Man könnte geneigt ſein, dies zu bezweifeln, wenn man Dein Geſicht ſieht; ſo brünett iſt noch nie eine Axenberg geweſen.“ Gertrud lachte und ſah unerſchrocken in der Pathin Angeſicht, indem ſie ſagte:„Eine muß wohl immer die erſte ſein; wie es ſcheint, bin ich vom Geſchick auser⸗ ſehen, es zu ſein.“ Es blitzte in Louiſens Augen. Gertrud erwartete, daß die Tante in Mißvergnügen mit ihr ausbrechen werde, aber ſtatt deſſen wandte ſie das Haupt ab und ſagte: „Du kannſt gehen; ich laſſe Dich rufen, wenn ich Dich ſehen will.“ Auf Gertrud's Wangen entflammte eine Röthe; ſie warf den Kopf zurück, machte einen kurzen, be⸗ ſcheidenen Gruß und eilte denſelben Weg hinaus, den ſie gekommen war. 39 Die anderen Verwandten wurden darauf verab⸗ ſchiedet und Frau Louiſe benachrichtigte ihre Gäſte, daß ſie nur ausnahmsweiſe die Wirthin beim Früh⸗ ſtück ſein werde; aber daß ſie wünſchte, ſie Mittags und Abends zu ſehen, und damit waren ſie entlaſſen. Die Kammerräthin war außer ſich über Gertrud's Aufführung und eilte hinauf in ihr Zimmer, um der Nichte den Text zu leſen; allein da war keine Gertrud zu finden. Die Probſtin ſchloß ſich in ihren Zimmern ein und weinte und klagte Gott an, daß ihre erſte Tochter buckelig geboren ſei. Die jungen Mädchen ſtreiften im Garten und Park umher, ängſtlich zu Muthe, innerlich ſich beklagend über das grobe Betra⸗ gen der reichen Pathin. Während ſie dort ſpazieren gingen und ſich trotz ihrer Gemeinſchaft langweilten, machte Gertrud ſich allein mit dem Park und dem nahe gelegenen Walde und mit den Mitteln, ſich eine Zerſtreuung zu verſchaffen, bekannt. Von einem der Stallleute erfuhr ſie, daß Pferde und Wagen zu ihrer Verfügung ſtänden. Ferner waren kleine elegante Boote vorhanden für diejenigen, welche auf dem angrenzenden See zu rudern wünſchten. Am Ufer dieſes Sees lag ein bezaubernder Pa⸗ villon, in welchem ſich ein Flügel und eine kleine Bibliothek mit werthvollen Büchern befanden. Das 40 große Orangeriegebäude war voll von ſeltenen Gewäch⸗ ſen; genug, Gertrud fand Elfborg reich an Abwechſelung. Zufrieden mit dieſen Entdeckungen, dachte Gertrud darüber nach, auf welche Weiſe ſie die anderen Mäd⸗ chen veranlaſſen könnte, um ſich den Sommeraufent⸗ halt ſo freundlich als möglich zu machen. Sie trat in den Garten ein und wollte ſich eben in einer ſchattigen Laube niederlaſſen, als ſie dort Eva Parlander einſam ſitzend entdeckte, deren Taſchentuch naß von Thränen war. Gertrud gehörte durchaus nicht zu den Naturen, welche durch Thränen ihren wehmüthigen Gefühlen Luft zu geben pflegen. Sie war während der Kinder⸗ jahre oft böſe behandelt worden, aber ſie hatte deſſen⸗ ungeachtet niemals geweint oder geklagt, ihre heitere Laune hatte ihr ſtets beigeſtanden, und ſie hatte ſich daher nie ſolchen Gefühlsausbrüchen überlaſſen. Sie hatte nie begreifen können, weshalb Iſabella ihren Kummer in Thränen ergoß; allein ſie hatte deſſenun⸗ geachtet niemals Thränen in ihren Augen ſehen können, ohne dieſelben zu trocknen. Freilich meinte Gertrud, die Menſchen ſeien gar dumm, wenn ſie weinten; allein das verhinderte ſie nicht, an ihrem Kummer Theil zu nehmen. Als daher Gertrud das arme buckelige Mädchen einſam und weinend fand, kam ihr Mitleid ſofort in Bewegung und ſie dachte: —, 44 „Armes Weſen, welches weint; es iſt ein ſo ſchwa⸗ ches Gefäß, daß ſich ſein Kummer in Thränen ergießen muß, vielleicht, daß die Mutter häßlich gegen es ge⸗ weſen iſt. Ich weiß, was das heißt“, und damit ſetzte ſich Gertrud an Eva's Seite und es gelang ihr, mit ihren theilnehmenden Worten und mit ihrer Freund⸗ lichkeit Eva's Herz für ſich einzunehmen, ſo daß ſie Gertrud ihr Vertrauen ſchenkte. Eva war betrübt über Tante Louiſen's Worte; die arme Lahme hatte ſchon, ſeitdem die Einladung eingetroffen war, ſich die Mög⸗ lichkeit gedacht, von der reichen Tante angenommen und ſchließlich ihre Erbin zu werden; ihr Geſchick hätte zum Mitleiden rühren müſſen, meinte ſie, und Gertrud theilte ihre Gedanken; allein die letztere konnte dennoch nicht unterlaſſen, die Anſicht auszuſprechen, daß es unangenehm ſei, zu denken, ihre jungen Verwandten ſeien nach Elfborg mit eigennützigen Berechnungen ge⸗ kommen, die auf Tante Louiſens Tod baſirten, von dem ſie den größten Vortheil erwarteten. „Aber, liebe Gertrud“, fiel Eva zutraulich ein, „Du biſt ja ſelbſt in dieſer Hoffnung hierher ge⸗ kommen.“ „Durchaus nicht, liebe Eva; Tante Marianne, welche viel von mir hält, nährt freilich dieſe abſcheu⸗ liche Hoffnung, aber nicht ich.“ 42 „Weshalb biſt Du denn hier?“ „Um mich ein wenig in der Welt umzuſehen und wenn möglich, mich mit Tante Marianne ſo zu ſtellen, daß ich nicht nöthig habe, in mein Vaterhaus zurück⸗ zukehren; dem armen Vater wird es ſchwer genug, mich zu verſorgen, und das iſt die erſte Urſache, wes⸗ halb ich ihn verlaſſen will; ſpäter habe ich andere Pläne. An die Erbſchaft denke ich nicht. Als Tante Marianne mir ſagte, wie ich mich zu benehmen hätte, um die Neigung der Tante Louiſe zu gewinnen, wurde mir angſt und bange und ich ſchlich mich von dannen. Ich habe mit meinem erſten Auftreten die herrſchſüch⸗ tige Frau erzürnt, und jetzt denke ich nur daran, mich ſo gut als möglich zu amüſiren, während ich hier bin, ohne mich im geringſten um Speculativnen auf die Zukunft, die Pflegetochter oder Erbin zu werden, zu bekümmern. Da Du ebenſowenig Ausſichten haſt wie ich, ſo können wir uns gerne mit einander auf die beſte Weiſe zerſtreuen. Gehſt Du darauf ein?“ Eva lächelte wehmüthig und verſprach, ſo viel ihr ſchwacher Körper es erlaube, an dem Vergnügen Ger⸗ trud's Theil zu nehmen, und dann verſprachen ſie einander, gute Freunde und gute Kameradinnen, ſo⸗ lange ſie in Elfborg ſein würden, zu bleiben. Viertes Kapitel. Die Kammerräthin begrüßte Gertrud mit einem Ueberfluß von Vorwürfen, als das junge Mädchen ſchließlich in ihr Zimmer eintrat. Tante Marianne gab darauf ſtrenge Verhaltungsbefehle, die Gertrud jedoch nicht beachtete. Sie war und blieb unzuver⸗ läſſig. Den ganzen Tag ſtreifte ſie umher, bald fah⸗ rend, bald gehend, bald reitend und mitunter rudernd. Alles Reden der Tante war vergebens. Wenn ſie des Nachmittags zuſammen ſein ſollten, um Frau Louiſe zu unterhalten, fehlte gewöhnlich Gertrud, oder ſie ſchlich ſich fort, wenn Niemand ſie beachtete. Sie ſchien die Tante Louſe wie die Peſt zu ſcheuen, und dieſe unterließ niemals, ſcharfe Bemerkungen über Gertrud's Aufführung zu machen, zu nicht geringem Kummer und Klage der Kammerräthin. Nach einem Aufenthalt von vierzehn Tagen auf Elfborg war Frau Marianne der Verzweiflung nahe. Sie ſchrieb an ihren Bruder und bat denſelben, das Mädchen mit einer Strafpredigt zur Vernunft zu bringen. Beruhigt durch dieſes Schreiben begab ſich die Kammerräthin an einem ſchönen Nachmittage hinab zu der gewöhnlichen Zuſammenkunft bei der Schweſter. Sie trat etwas früher als gewöhnlich in den Salon ein und fand Ottilie Gyldenſtjerna auf einem Schemel zu Louiſen's Füßen ſitzend, laut vor ihr aus den Tageszeitungen leſend. Die Kammerräthin hätte vor⸗ ſtürzen und die Zeitungen aus den Händen des ſchönen Mädchens reißen mögen, ſo ärgerte es ſie, daſſelbe zu der Schweſter Füßen zu finden; allein, gewitzigt, wie ſie war, begnügte ſie ſich, vor ſich ſelbſt hinzumur⸗ meln: „Wie unglücklich iſt Gertrud! Warum beträgt ſie ſich nicht ſo wie Ottilie, aufmerkſam, ohne zudring⸗ lich zu ſein? Immer bei der Hand, ohne ihre Geſell⸗ ſchaft aufzunöthigen, wachſam auf Alles, was die un⸗ freundliche Louiſe wünſcht, und ſtets bereit, ihre Wünſche zu erfüllen, ohne Jemand zu verdrängen. O, mein Gott, warum gleicht Gertrud nicht ihr!“ Geſchrei und Pferdetrab vom Garten unterbrach 45 die Kammerräthin. Gleich einem Paar erſchreckten Lämmern flogen Olga und Eva empor und eilten zu der einige wenige Stufen über dem Garten gelegenen Terraſſe. Hinter ihnen kam ein ſchwarzes Pferd in voller Carriere über die Blumenbeete und Roſenſtöcke dahergerannt, ohne ſich um die Verödung, welche es verurſachte, zu kümmern. Das Pferd trug einen Damenſattel und Zaum, und ſah ſo wild aus, daß es ohne Zweifel ſcheu geworden und deshalb die Reiterin abgeworfen oder ihr den Dienſt verweigert hatte. Hinter dem Pferde einhereilend aber gewahrte man Gertrud und zwei Stallknechte, die ſich lebhaft be⸗ mühten, daſſelbe einzufangen. „Apollo, Apollv, ſteh!“ rief Gertrud, aber Apollo verachtete den Ruf des jungen Mädchens, und die Diſtanz zwiſchen ihr und ihm wuchs mit jeder Minute. Es näherte ſich der Terraſſe, aber gerade in demſelben Moment kam einer der Knechte ihm entgegen; es machte Kehrt und im nächſten Augenblicke ſchien es, als werde es ſich über Gertrud, welche ſtill ſtand, ſtürzen. „Iſt das Mädchen toll?“ brach Frau Louiſe aus und erhob ſich, als ob ſie beabſichtige, ihren Platz zu verlaſſen. „Mein Gott, das arme Kind iſt verloren!“ brach die Kammerräthin aus und eilte auf die Terraſſe. 46 Ottilie rührte ſich nicht vom Fleck, ſondern folgte der Geſellſchaft mit ruhiger und gleichgültiger Miene. Frau Louiſe ſetzte ſich wieder und warf dabei einen Blick auf dieſes Muſter der Mädchen, das ganz ruhig mit den Zeitungen in der Hand da ſaß, nach dem Garten ſchauend, wo Gertrud und das Pferd jetzt nebeneinander ſtanden. Sie hatte Apollo beim Zügel ergriffen und ſuchte durch ſchmeichelnde Zureden und durch Streicheln immerfort auf ihn einzuwirken. „Wünſcht Tante, daß ich mit dem Leſen fortfahre?“ fragte Ottilie mit einer Stimme, ſo ruhig, als ob ſich nichts ereignet hätte. „Nein“, lautete die ſcharfe Antwort. Louiſe ſah aus, wie ein ſcharf geſchliffenes Schwerdt.„Geh und erſuche Magdalene, zu mir zu kommen und ſage den Andern, daß ich heute ihre Geſellſchaft nicht länger wünſche.“ Ottiliens fein geröthete Wangen wurden purpur⸗ roth, aber ſie ging ſofort. Die Kammerräthin kam jetzt von der Terraſſe; es war ein unglücklicher Augenblick; denn als Frau Louiſe ſie gewahrte, brach ſie mit größter Heftigkeit aus: „Nun, das iſt ein ſchöner Juwel, unſere Bruders⸗ tochter. Sie hat jetzt mir einen Schaden von mehreren 47 hundert Reichsthalern verurſacht. Ich muß Dir geſtehen, Marianne, daß ich von Dir mehr Klugheit erwartet hätte, als daß Du ein tolles, halb wildes Mädchen hierher führſt, das mir täglich Verdruß bereitet; es wäre beſſer, ſie in ein Tollhaus zu ſperren, als ſie zu meiner Pflegetochter zu machen. Beſſert ſie ſich nicht, ſo kann es wohl ſein, daß ich ſie eines ſchönen Tages nach Hauſe ſchicke. Nun möcht' ich aber wiſſen, wer mir den Schaden erſetzt, den ſie mir heute verurſacht hat. Biſt Du geneigt, es zu thun? Dein blutarmer Bruder kann es nicht; er hat ja niemals gethan, was er ſollte, ſondern iſt immer tiefer und tiefer in Armuth verſunken. So wird es immer gehen, wenn ein Mann ſich nur des Geldes wegen verheirathet, ohne daß er ſelbſt ſein Brod zu erwerben im Stande iſt.“ Die Kämmerräthin ſah aus, als ſollte ſie vor Zorn vergehen; ſie war blutroth. Die Lippen öffneten ſich, um der Stiefſchweſter eine ſcharfe Antwort zu geben; allein ſie ſchloſſen ſich wieder; ſie wandte ſich ab und ging eiligen Schrittes zur Terraſſe hinaus. Wenige Minuten darauf trat Frau Magdalene ein. Die Glasthür wurde geſchloſſen, und Frau Louiſe ſchloß ſich mit ihrer einzigen Vertrauten ein. Fünftes Kapitel. V Die Gäſte, welche der Unannehmlichkeit überhoben waren, die Beſitzerin der zerſtörten Blumenbeete mit ihrer Geſellſchaft zu unterhalten, ſuchten ſich im Garten zu zerſtreuen und den Umfang der Verwüſtung zu be⸗ trachten. Man erging ſich in wenig liebenswürdigen Aeu⸗ ßerungen über die Aufführung Gertrud's, und beſon⸗ ders ließ Ottilie es ſich angelegen ſein, das arme Mädchen als das roheſte und ungezogenſte Geſchöpf darzuſtellen; allein, unbegreiflich genug, ſtimmte keins der anderen Mädchen mit ihr darin überein; ſie mein⸗ ten, daß ſie ohne Gertrud vor langer Weile auf Elf⸗ borg vergehen würden; denn wenn man gerecht ſein wolle, müſſe man einräumen, daß Gertrud bei ihren kleinen Ausflügen Leben und Freude hervorrufe, und 49 daß ſie im Grunde genommen ein gutes und braves Mädchen, wenn auch etwas ſonderbar ſei. Als dieſe Aeußerungen fielen, ſtanden die Mäd⸗ chen vor dem mit koſtbaren Gewächſen eingefaßten Baſſin, welche durch den wilden Lauf des Pferdes faſt gänzlich vernichtet waren. Eva Parlander hatte in der Vertheidigung Gertrud's große Beredtſamkeit an den Tag gelegt. „Du haſt ganz Recht, liebe Eva, mich zu ver⸗ theidigen“, rief eine Stimme hinter dem Mädchen, „das muß man ſtets thun, beſonders wenn es ein armer Unglücksvogel iſt, der ſein Glück verſcherzt zu haben ſcheint.“ Eva wandte ſich um und ſah Gertrud, welche ganz ſonderbar ausſchaute in ihrer eigenthümlichen Reittracht, die aus ſelbſtgewobenem, grobem und ſtar⸗ kem Baumwollenzeuge verfertigt war. Das ſchwarze, aufgelöſte Haar ſah aus wie eine Wolke um das ge⸗ röthete Geſicht. Gertrud hielt ihren kleinen Strohhut in der Hand und verſuchte, die Beulen, welche derſelbe bekommen hatte, auszubiegen, indem ſie hinzufügte: „Wißt Ihr wohl, Mädchen, Ihr ſolltet mich wirk⸗ lich lieb haben. Ich habe, ſeitdem ich hierher gekommen, nichts weiter gethan, als eine Dummheit nach der andern gemacht und mich ſo übel betragen, daß Ihr Schwartz Novellen I. 4 50 wohl Urſache habt, anzunehmen, ich ſei von der Be⸗ werbung bei der Tante ausgeſchloſſen. Zu all' dieſem Elend kommt jetzt noch das Ereigniß mit dem Pferde, welches mich jedes Scheins der Gnadenſonne zu be⸗ rauben geeignet iſt, wiewohl ich eigentlich ganz un⸗ ſchuldig daran bin. So geht es ſtets; derjenige, wel⸗ chen man einmal bei einem Fehler trifft, wird immer von Mißtrauen umgeben ſein. Das Wichtigſte indeſſen iſt, daß ich Euch nicht mehr im Wege ſtehe und des⸗ halb meine ich, daß Ihr gerne rückſichtsvoller gegen mich ſein könntet. Du, Ottilie, beſonders ſollteſt mich lieb haben, denn in mir ſiehſt Du keine Mitbewerberin mehr. Und jetzt Adieu! ich muß hinauf, um meine wohlverdiente Strafe zu empfangen.“ Gertrud eilte hinauf auf die Terraſſe; ſie ſah mit faſt traurigen Blicken auf die Folgen ihrer Unbe⸗ dachtſamkeit und murmelte vor ſich hin: „Wenn ich in Tante Louiſens Stelle wäre, würde ich auch ſehr böſe ſein. Nun, nun, ſie wird auch wohl nicht gar zu liebenswürdig ſein, aber das kann mich nicht abhalten, meine Pflicht zu thun und um Verzeihung zu bitten, obgleich meine Aufführung nicht 4 iſt Sdie erreichte die Glasthür, legte die Hand auf den Drücker und trat ein. —————— 5¹ Frau Louiſe ſtand emporgerichtet, mit dem Ge⸗ ſicht gegen die Eintretende gekehrt. Beim Anblick ihres harten, ſtrengen Geſichts fühlte Gertrud ſich ein wenig muthlos und ſenkte die Augen. „Was willſt Du?“ fragte die Tante in barſchem Tone. Der Laut ihrer Stimme, welcher jede Andere erſchreckt haben würde, gab Gertrud den Muth wieder und ſie ſah empor, indem ſie ſagte: „Tante Louiſe, ich bin hier, um Dich um Ver⸗ zeihung wegen des großen Schadens, den ich verur⸗ ſacht habe, zu bitten. Es thut mir wegen der ver⸗ nichteten Gewächſe und des zerſtörten Baſſins ſehr wehe; aber da ich das Geſchehene nicht ungeſchehen zu machen im Stande bin, ſo bin ich hier, um mich der Strafe zu unterwerfen, welche verdient zu haben Tante vermeint. Ich bin mindeſtens der Strafe ver⸗ fallen, von hier fortgejagt zu werden, wenn es mich auch tief betrüben würde.“ „Das glaube ich wohl; Du weißt, daß Du alle Vortheile verlieren würdeſt, die Du erhofft haſt. Um ſo mehr muß es Dich betrüben, je ſicherer Du Dich Ddeiner Sache wähnteſt.“ „An einen anderen Vortheil, als den, dieſen Sommer hier zubringen zu können, habe ich niemals gedacht“, antwortete Gertrud ruhig,„und nur der 4* 52 mögliche Verluſt des angenehmen Lebens, das ich hier geführt, iſt es, der mich tief betrübt; aber ich verſpreche Ihnen, daß, wenn Sie mir verzeihen, ich über mich wachen werde, damit Tante keine weiteren Unannehm⸗ lichkeiten meinetwegen habe.“ Gertrud ſah ganz unerſchreckt empor in das ſtrenge Geſicht der Tante und das mit einem ſo bittenden Blick, daß jede andere, als dieſe Frau davon hätte gerührt werden müſſen. Frau Louiſe war indeſſen nicht leicht zu rühren und ihre ſcharfen Züge milderten ſich nicht im Ge⸗ ringſten; ſie fragte mit ſcharfer Stimme: „Wie kam das Pferd in den Garten?“ „Der kleine Laſſen hatte auf mein Erſuchen das Pferd in den Park geführt, er ſtand und wartete auf mich, ein Stück vom Eingange des Gartens. Ich kam in den Park von der Hofſeite und gerade als Laſſen mich in den Sattel heben wollte, machte Apollv einen Satz zur Seite, ſo daß ich hinterrücks herabfiel; das Pferd rannte in den Garten, Laſſen und ich folgten ihm; Apollo war ſcheu geworden.“ „Wodurch?“ „Zwei mir unbekannte Jäger kamen von einem der Seitengänge in den Park, und wahrſcheinlich waren es ihre blanken Gewehre, welche das Thier erſchreckten.“ — — 53 „Du kannteſt die Jäger nicht?“. Louiſe ſah dabei aus, als ob ſie mit den Augen Gertrud durchbohren wollte, aber das Mädchen begeg⸗ nete ſtandhaft dem forſchenden Blicke und antwortete: „Nein, ich habe ſie nie zuvor geſehen.“ „Du kannſt gehen!“ Tante Louiſe kehrte Gertrud den Rücken. Einen Augenblick ſtand das junge Mädchen un⸗ ſchlüſſig, was ſie thun ſollte, und bald darauf eilte ſie aus dem Zimmer. Sechstes Kapitel. Einige Tage ſpäter finden wir Gertrud in dem Pavillon im Leſen eines großen Briefes begriffen. Je länger ſie las, deſto mißvergnügter wurde ſie, und als ſie geſchloſſen hatte, drückte ſie das Schreiben zuſammen und murmelte vor ſich hin: „Armer Papa, wie bekümmert muß er nicht ſein, um dies ſchreiben zu können! Nein, geliebter Papa, Gertrud wird ſchon Deine Sorgen in Zukunft zu lin⸗ dern wiſſen, aber niemals es dadurch erreichen, ſich bei Deiner reichen Stiefſchweſter einzuſchmeicheln.“ Gertrud ſteckte den Brief in die Kleidertaſche und wollte den Pavillon verlaſſen, als die Kammerräthin eintrat. „Was ſchreibt Dein Vater?“ „O, das weiß Tante ſehr wohl; denn Du haſt 55 ihn zum Schreiben veranlaßt. Er verleugnet ſeinen eigenen Charakter in dieſem Briefe. Armer, armer Vater!“ 3 „Liebe Gertrud“, unterbrach ſie die Kammerräthin, S. „Du thäteſt beſſer, Deinen Vater weniger zu beklagen und anſtatt deſſen mehr für ihn zu thun. Du hätteſt ihnen allen daheim eine glückliche Zukunft verſchaffen können; aber jetzt—“ „Thue ich Alles, um ihnen dieſen Vortheil zu rauben“, fiel Gertrud ein.„Liebe, gute Tante Mari⸗ anne, ich habe ja geſagt, daß ich der reichen Tante Pflegetochter nicht werden und mein Leben in Kummer und Sorge hinbringen will, um ſchließlich einen Reich⸗ thum zu erlangen, wornach ich nicht ſtrebe.“ „Still, Kind!“ brach die Kammerräthin heftig aus. Darauf folgte eine lange und eindringliche Schilderung, wie unrecht Gertrud handele, wie ſie denken und handeln müſſe, um ihre Pflicht als gute Tochter zu erfüllen. Die Kammerräthin ſprach ſo, daß ſie ſelbſt davon gerührt wurde. Sie ſchloß mit dieſen Worten: „Die allergeringſte Anſtrengung Deinerſeits und Alles wäre gelungen. Ich hätte Magdalenen und ihren Mann für Deine Sache bearbeitet, und ich würde auch die wortkarge Louiſe für Dich eingenommen haben, daß ſie die Tochter ihres Bruders den Andern vorge⸗ zogen hätte; aber Du haſt Alles von Dir geſtoßen. Allein, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, wenn Du meinen Rathſchlägen folgen willſt.“ „Ach, Tante, das iſt es ja gerade, was ich nicht zu thun vermag“, unterbrach Gertrud die Tante mit ſo ernſter Stimme, daß es die Kammerräthin über⸗ raſchte;„ich bitte deshalb aus dem Innerſten meines Herzens, mich ferner nicht überreden zu wollen. Das, was in Deinen Augen ein Glück zu ſein ſcheint, iſt in den meinigen gerade das Gegentheil. Ich verabſcheue jeden ererbten Reichthum, und ich kam hierher, feſt ent⸗ ſchloſſen, Alles zu thun, um dem herben Geſchicke, hier in Gnaden aufgenommen zu werden, zu entgehen.“ „Unglückliche, haſt Du denn kein Herz für das traurige Lvos Deines Vaters? Und was ſoll zuletzt aus Euch Allen werden? Dein Vater wird verhungern, und Deine Mutter—“ „Still, Tante, nicht ein Wort über meine arme Mama!“ fiel Gertrud betrübten Sinnes ein.„Was den Vater betrifft, ſo bedarf es keiner Sorge mehr für mich, und innerhalb eines Jahres hoffe ich, daß es für ihn leichter, viel leichter ſein wird, ohne daß ſeine Tochter zu ſchmeicheln und zu heucheln braucht, um ein Unterkommen zu finden. Nein, ich will nichts von 57 dieſem Gelde, das der Beſitzerin ſo viele Sorgen be⸗ reitet und jetzt ihr Herz vertrocknet, ihr Gemüth ver⸗ härtet hat. Lieber arm und ein warmes, fühlendes Herz, als dieſe Bitterkeit im Herzen und dieſe Menſchen⸗ feindlichkeit, welche jetzt Tante Louiſens Seele erfüllt.“ „O, die Armuth ſollteſt Du doch ſchon längſt kennen gelernt haben“, rief die Kammerräthin heftig aus,„und mir ſcheint, daß Dir der Geſchmack daran vergangen ſein müßte. Es iſt oft der Fall, daß grade die Armuth das Herz vertrocknet und das Gemüth ver⸗ bittert.“ „Möglich, Tante; aber ich bin jung, ſtark und ge⸗ ſund, und frohen Herzens, ich hoffe dieſen Feind zu beſiegen“, ſagte Gertrud und ein zuverſichtliches Lächeln umſchwebte ihren Mund. „Auf welche Weiſe?“ „Durch Arbeit, liebe Tante. Sieh, das iſt der Talisman, welcher mich zum Reichthum führen und die Sorgen von den Schultern der Meinigen nehmen ſoll.“ „Gertrud, thue mir den Gefallen und höre mit Deinen Thorheiten auf! Hat Dein Vater gearbeitet oder nicht? Iſt er etwa ein Verſchwender geweſen? Und dennoch wird er mit jedem Jahre ärmer und ärmer.“ 58 „Wahr, leider nur zu wahr, aber die Urſache war, daß er einmal, ebenſo wie Du es jetzt thuſt, glaubte, daß das Glück darin beſtehe, ohne Anſtrengung ſich Reichthum zu verſchaffen. Deshalb freite er nun ein für reich gehaltenes Mädchen, das ihm Ueberfluß und ein bequemes Leben ſchenken ſollte. Der Reichthum blieb aus; er hatte im Voraus Wechſel darauf gezogen und war dadurch in Verhältniſſe gerathen, welche es von vorn herein unmöglich machten, dem Ruin zu ent⸗ rinnen. Hätte er mit Arbeit, Sparſamkeit und kleinen Bedürfniſſen begonnen, wäre er nicht in Schulden ge⸗ rathen und nicht ſo arm geworden, wie er heute iſt. Nun aber waren die Träume von Reichthum das Unglück ſeines Lebens. Ich werde mich hüten, ähnliche Grillen zu nähren. Nein, arbeiten, arbeiten will ich!“ „Und in welcher Weiſe, wenn ich fragen darf?“ „Ich denke damit zu beginnen, Dich, Tante, zu bitten, Dir nach Stockholm folgen und wenigſtens drei Monate bei Dir bleiben zu dürfen, während wel⸗ cher ich einen Curſus in der Buchhaltung durchzumachen gedenke, um ſpäter einen Platz auf⸗ einem Bureau an⸗ nehmen zu können.“ „Und wer ſoll die Koſten Deines Unterrichts be⸗ zahlen.“ „Ich ſelbſt.“ 59 Gertrud lachte, als ſie das beſtürzte Angeſicht ihrer Tante erblickte, und ihren Arm ſchmeichelnd um den Hals der Tante ſchlingend, fügte ſie hinzu: „Du weißt nicht, liebe, liebe Tante, daß ich ſeit meinem zwölften Jahre geſpart und geſpart habe, von dem Wenigen, was ich verdiente, und es ſind jetzt fünfzig Reichsthaler, die ich in die Sparkaſſe geſetzt habe. Für dieſe Summe muß man die nöthigen Kennt⸗ niſſe der Buchhaltung erlangen können. Du giebſt mir während deſſen den Unterhalt, und wenn das Glück gut iſt, kann ich mir durch Unterrichtgeben noch ein wenig nebenher verdienen. Ich glaube, daß Du und ich es wirklich recht allerliebſt haben werden. Denn wenn ich ſpäter einen guten Platz bekomme, bleibe ich bei Dir wohnen, bezahle meinen Unterhalt ſelbſt, lebe äußerſt knapp und ſchicke zur Unterſtützung der Mama Alles, was ich erſparen kann. Das iſt, liebe Tante, glaube es mir, bei weitem praktiſcher, als alle Deine Speculativnen auf Tante Luuiſe.“ Gertrud drückte ihre Lippen gegen die der Tante und hemmte auf dieſe Weiſe alle ihre Einwendungen. Nach einer kurzen Pauſe ſagte die Kammerräthin, halb lächelnd: „Aber dann nte ich, können wir wohl gleich von hier abreiſen?“ 60 „Das wäre doch thöricht, liebe Tante, hier iſt es göttlich ſchön und ganz amüſant, wenn man nicht an die Vortheile der Anweſenheit hier denken müßte. Komm jetzt“, fügte Gertrud hinzu, und legte den Arm der Tante in den ihrigen.„Wollen wir nicht ein wenig rudern? Dann werde ich Gelegenheit haben, Dir alle Vortheile zu zeigen, die darin liegen, nicht reich zu ſein und wenn das Weib ſtatt deſſen eine Beſchäfti⸗ gung hat.“ Mit einer ungeduldigen Bewegung der Schultern als einzige Antwort ließ die Kammerräthin ſich von Gertrud aus dem Pavillon und nach dem Bovte führen. Sie hatten kaum das Ufer verlaſſen, als eine dicke Gardine, welche den Eingang zu einer im Pa⸗ villon befindlichen kleinen Bibliothek verbarg, ſich öffnete und Frau Louiſe, gefolgt von Magdalene, heraus trat. „Na“, ſo brach die Erſtgenannte aus,„Du haſt auch Deinen Schützling. Du biſt günſtig für das un⸗ verſchämte Mädchen geſtimmt, und Du hoffſſt in dieſer Beziehung auf mich einzuwirken. Aber ſo iſt es; man kann nunmehr ſich kaum auf irgend Jemand mehr ver⸗ laſſen, ſondern man muß in allen Menſchen Feinde ſehen, welche gegen unſere Ruhe conſpiriren, und dies nur 3* 64 aus reiner Gewinnſucht. Nun, Magdalene, was hat die Kammerräthin Dir verſprochen, wenn ihr Plan ihr gelingt?“ Magdalene ſah feſt die ungerechte und argwöhniſche Freundin an. „Nun, weshalb antworteſt Du nicht?“ ſchrie die reiche Wittwe. „Weil ich nichts auf Deine thörichten Worte zu antworten habe“, ſagte Magdalene ruhig. „Aber Du räumſt dennoch ein, daß Du es wünſcheſt, das unverſchämte Mädchen ſolle meine Pflegetochter werden.“ „Was ich wünſche oder nicht, gehört nicht hierher, und ich bin Dir gegenüber durchaus nicht verpflichtet, Dir über meine Wünſche Rechenſchaft zu geben. Eins aber weiß ich: Daß Dein unglückſeliger Reichthum ein Fluch für ſie ſein würde; ich beklage einen Jeden, welcher in Zukunft in deſſen Beſitz gelangen wird. Und ſchließlich will ich Dir ſagen, daß ich Dich nicht länger damit unterſtützen kann, um die armen Mäd⸗ chen, die Du mit Vorſpiegelungen auf Deine Erbſchaft herbeigelockt haſt, herumzuſpioniren, weil ich zu der Einſicht gekommen bin, daß Du dieſelben in eine falſche und unnatürliche Stellung verſetzt haſt. Thue nun 62 in dieſer Sache, was Dir ſelbſt gefällt; ich kann Dir darin nicht mehr dienlich ſein.“ Mit dieſen Worten verließ Magdalene den Pa⸗ villon, ohne noch einen Blick auf ihre erzürnte Ge⸗ bieterin zu werfen, oder auf deren Ruf, zu bleiben, zu hören. Frau Louiſe ſtand in ihrer ganzen Höhe empor⸗ gerichtet und folgte der kühnen Freundin mit den Augen. „Sie ſoll fort von hier und das ſogleich!“ brach das erzürnte Weib aus; allein, als der letzte Schimmer von Magdalene hinter einem Buſche verſchwand, warf Louiſe ſich in einen der Fouteuills nieder, drückte die zuſammengepreßten Hände gegen die Stirn und ſagte: „Magdalene hat dennoch Recht: Dieſer Reichthum war ein Fluch und hat nur Wehe und Erniedrigung mit ſich geführt; er hat mich in einen Dämon ver⸗ wandelt!“ und dabei erhob ſie die geſchloſſenen Hände gen Himmel empor und rief aus: „Gibt es denn keine Rettung aus dieſem Elende?“ Das hartherzige, reiche Weib brach in Thränen aus. Wie lange ſie weinte, wiſſen wir nicht; aber aus ihrer tiefen Betrübniß wurde ſie durch eine ſanfte und klare Stimme geweckt, welche mit einem from⸗ men und andächtigen Ausdruck einen Pſalm ſang, den . 63 Frau Louiſe einmal früher gehört zu haben ver⸗ meinte. „Was nützt es uns, zu She Leben, Reichthum und Macht; Was nützt es, zu erwerben Der Erde Luſt und Pracht, Wenn dennoch Alles dies Der Seele zum Verderben Und Unglück ſich erwies.“ Schon bei den erſten Worten dieſes Liedes erhob Louiſe ſich und warf einen fragenden Blick durchs Fenſter und gewahrte dort die lahme Eva, welche lang⸗ ſam ſingend einherſchritt und ſveben den Pavillon paſſirt hatte. Sie ging jedoch ſo langſam, daß Louiſe jedes Wort, welches ſie ſang, deutlich und klar ver⸗ nehmen konnte. Als ſie den dritten Vers begonnen hatte, war der Abſtand zu groß, um die Worte unter⸗ ſcheiden zu können. Biele Jahre verfloſſen, ſeitdem Louiſe einen Pſalm hatte ſingen hören. Nach des Vaters Tode war ſie, wie erwähnt, weder in der Kirche geweſen, noch hatte ſie ein An⸗ dachtsbuch in die Hand genommen, und jetzt hatte dieſes arme und unglückliche Mädchen ſie mit einem Pſalm bekannt gemacht, der wie für ſie geſchrieben zu ſein ſchien. Der Gedanke hatte auch im erſten Augenblick einen 64 ſehr lebhaften Eindruck auf ſie gemacht; aber im nächſten dachte Louiſe: „Das Mädchen wußte, daß ich hier war; Eva wollte vielleicht hören laſſen, daß ſie ſingen kann, und ſie wollte dadurch meine Gedanken auf ſie hinlenken, daß ſie einige Anſprüche an mich habe.“ Aufs Neue nahmen ihre Züge dieſen harten, bitteren Ausdruck an, welcher denſelben ein ſo abſtoßendes Ge⸗ präge verlieh. Sie ging zurück in das kleine Cabinet außerhalb des Salons, und an dieſem Tage ließ ſie ihren Gäſten ſagen, ſie möchten ſich auf eigene Hand zu vergnügen ſuchen, wie ſie wünſchten, weil ſie etwas Anderes zu thun habe, als ſie zu empfangen. Mittags erhielt jedoch Eva Parlander den Befehl, ſich einzufinden, und erhielt große Vorwürfe, weil ſie es gewagt habe, in Tante Louiſens Park Pſalmen zu ſingen. Die kleine Lahme wurde ſehr erſchreckt, als man ihr darüber einen Vorwurf machte; als aber Louiſe ihr erklärte, daß ihre heiligen Geſänge ihr nichts nützen würden, um ſie an ihr in Ausſicht genommenes Ziel zu führen, da rötheten ſich Eva's Wangen, und ſie antwortete: „Meine Mutter hat mir verboten, Pſalmen hier in der Nähe des Herrſchaftshauſes zu ſingen, und ich ging deshalb ſtets an den See, um meine Seele zu —— —————— ————— 65 erfreuen, indem ich den Herrn pries. Wenn dies der Tante Louiſe mißfällt, ſo kann ich nicht dafür, und ich werde das nächſte Mal, wenn ich mein Herz erfreuen will, weiter hinaus gehen; denn den Herrn zu preiſen, iſt für mich mehr werth, als aller Reichthum der Welt.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich das arme Mäd⸗ chen, ohne ein Wort von der Pathin weiter anzuhören. Zwei Tage verfloſſen, ohne daß Louiſe ſichtbar wurde. Doch eines Tages trat ſie zur Ueberraſchung aller Verſammelten zum Frühſtück ein. Sie war ſehr blaß, allein ihr Antlitz hatte nicht die gewöhnliche finſtere Miene, ſondern ſah ruhig und ernſt aus. Sie war von zwei Herren gefolgt, welche den Anweſenden vorgeſtellt wurden. Der ältere war der Hardeshöfding Tilberg und der jüngere der Notar Zetterkrone. Nachdem das Frühſtück beendigt war, erſuchte die Wirthin ihre Gäſte mit ungewöhnlich freundlicher Stimme, in den Salon einzutreten, und als Alle dort verſammelt waren, ließ ſie ſich folgendermaßen vernehmen: „Ich habe jetzt einige Anordnungen getroffen, welche juriſtiſchen Beiſtand erfordern, und ich habe die Ge⸗ legenheit benutzt, um Euch durch den Hardeshöfding Tilberg einige kleine Gaben überreichen zu laſſen, welche Schwartz, Novellen. I. 5 66 als Erſatz für Eure Reiſe hierher dienen ſollen. Gleich⸗ zeitig halte ich es jedoch für meine Pflicht, zu erklären, daß ich davon Abſtand genommen habe, eine Pflege⸗ tochter zu mir zu nehmen. Diejenigen von Euch, welche des Lebens auf Elfborg müde ſind, mögen ſich ungenirt auf den Heim⸗ weg begeben, während Diejenigen, welche es nicht ſind, gerne bis zum Herbſte hier verweilen mögen.“ Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie fort: „Nehmen Sie jetzt Platz! Haben Sie die Güte, Herr Hardeshöfding, meinen Entſchluß in Betreff meiner Gaben an meine Verwandten vorzuleſen.“ Der Hardeshöfding nahm aus ſeinem Portefeuille ein Schreiben hervor und las: „Frau Louiſe Malmroth ſchenkte ihrem Bruder, dem Lieutenant Andreas Axenberg, eintauſend Reichs⸗ thaler; an die Probſtin Parlander dreihundert Reichs⸗ thaler für die Reiſe. An Ottilie Gyldenſtjerna fünf⸗ hundert Reichsthaler, als Prämie, daß ſie ihr vorgeleſen hat, und an Olga eine jährliche Leibrente von fünfhundert Reichsthalern. Gertrud erhielt eintauſend Reichsthaler, weil ſie ihre Tante täglich geärgert hat. Alle Be⸗ ſchenkten haben das Recht, das Geld ſofort bei dem Hardeshöfding in Empfang zu nehmen.“ 67 Nachdem dieſe Verkündigung ſtattgefunden hatte, ſagte Frau Louiſe mit ernſter Stimme: „Möge Keine von Euch ferner Hoffnung hegen, mich zu beerben. Das große Vermögen, worüber ich disponire, wird Niemandem von Euch zu Gute kommen. Was Ihr von mir zu erwarten habt, habt Ihr be⸗ kommen. Ob Ihr nun bleibt, oder ob Ihr reiſet, in keinem Falle ändert das Eure Stellung zu mir, und nun, meine Damen, muß ich Sie erſuchen, mich mit dieſen beiden Herren allein zu laſſen.“ Mit langen Geſichtern entfernten ſich die Beſchenkten, allein unter ihnen befanden ſich dennoch zwei, welche ganz zufrieden ausſahen und beim Verlaſſen des Saales ſich die Hände drückten; es waren Eva und Gertrud. Sie waren zufrieden mit dem, was ſie erhalten. Ger⸗ trud fühlte ſich glücklich, daß ſie nunmehr von den Er⸗ mahnungen ihrer ſich beliebt zu be⸗ freit war. „Reiſeſt Du?“ fragte Eva Parlander. „Ich denke nicht daran“, verſetzte Gertrud heiter, „jetzt hoffe ich, daß es hier erſt recht hübſch werden wird! Wann gehſt Du?“ „Das hängt von meiner Mutter ab.“ „Dann wirſt Du ſchon bleiben.“ Gertrud's Prophezeihung ging in Erfüllung; denn 5* 68 nachdem der erſte Aerger der Probſtin ſich gelegt hatte, beſchloß ſie, bis zum Auguſtmonate zu verweilen. Ottilie Gyldenſtjerna hingegen war ſo erzürnt, daß ſie ſofort einpackte und, ohne Adieu zu ſagen, da⸗ von reiſte. Sie ſchrieb an den Hardeshöfding und bat ihn, das ihr zugedachte Geld zu ſenden. Olga Brunn verließ einige Tage ſpäter Elfborg. Die Kammerräthin war in ihrem Innern vielleicht am meiſten erzürnt auf ihre Stiefſchweſter, doch äußerte ſie zu Niemand ein Wort darüber, nicht einmal zu Gertrud. Sie behielt gute Miene zum böſen Spiel. Louiſe war ſehr überraſcht, als die Kammerräthin, die Probſtin, Eva und Gertrud ihr ſagten, daß ſie ſich entſchloſſen hätten, die angebotene Gaſtfreunhſchaft, bis zum Schluß des Auguſtmonats bleiben zu dürfen, an⸗ zunehmen. ——————— Siebentes Kapitel. Die auf Elfborg Zurückgebliebenen amüſirten ſich auf die beſte Weiſe. Jetzt, wo keine Intereſſen ſie mehr trennten, war eine Annäherung zwiſchen den Frauen um ſo eher möglich. Gertrud und Eva waren ſo oft zuſammen, als es die Launen der Lahmen und der Geſchwinden geſtatteten. Frau Louiſe plagte ihre Gäſte ſo wenig als möglich mit ihrer Gegenwart, und auf dieſe Weiſe verfloß die Zeit ſo ſchnell, daß der Auguſt⸗ monat ſich unvermuthet ſeinem Ende näherte. Eine ganze Woche hatte es geregnet und geſtürmt; es ſchien, als habe der Herbſt bereits ſeinen Einzug gehalten, aber dies hielt Gertrud nicht ab, überall umherzuſtreifen. An einem Sonnabend Abend war ſie mit dem Fiſcher des Gutes auf den See hinaus gefahren, um 70 zu fiſchen, und als ſie heimkehrten, erhob ſich ein ſo gewaltiger Sturm, daß es dem Fiſcher nur mit großer Mühe gelang, das junge Mädchen an der Landungs⸗ ſtelle unterhalb des Pavillons ans Land zu ſetzen. Als ſie aus dem Boote hüpfte, ſagte der Fiſcher: „Kein Anderer würde mit dem Boote und der Laſt das Land erreicht haben, denn ein ſchwererer Sturm habe an der Küſte nicht gewüthet, ſo lange er denken könne.“ Damit befeſtigte er ſein Boot an der Lan⸗ dungsbrücke, da er, wie er ſagte, es nicht wage, heim⸗ wärts zu ſegeln, ſondern es vorziehe, zu Fuß dahin zurückzukehren und das Boot bis zum folgenden Tage liegen zu laſſen. Der Fiſcher nahm ſeinen Korb mit Fiſchen und trug denſelben nach dem Hofe, während Gertrud zurückblieb und das dunkelgraue Waſſer be⸗ trachtete, das ſeine ſchäumenden Wogen gegen den Strand rollte, um ſich an dem Felſen empor zu lecken und das Sauſen des Waldes zu übertönen ſchien. Schwere und finſtere Wolken zogen ſich mit einer ſol⸗ chen Schnelle am Himmel zuſammen, daß nur hin und wieder ein Regentropfen zur Erde zu fallen ver⸗ mochte. Gertrud verblieb unbeweglich, es war für ſie ein neues und großartiges Schauſpiel. Tauſend früher nicht gedachte und geahnte Gedanken wurden in ihrem 7⁴ Innern zum Leben geweckt; ſie däuchte ſich in dieſer Stunde ſo klein, und ſie fühlte eine mit Schrecken ge⸗ miſchte Ehrfurcht von der Größe der Macht, welche dem Sturm gebot. Ihre ganze jugendliche Selbſtklug⸗ heit und Zuverſicht war in dieſer Stunde bedeutend herabgedrückt. Sie preßte die zuſammengefalteten Hände an ihre Bruſt und ihre Lippen bewegten ſich zu einem ſtillen Gebet zu dem Herrn der Welt. Plötzlich berührte Jemand in dieſem Moment ihre Schulter; ſie wandte ſich ſchnell um und befand ſich Angeſicht gegen Angeſicht mit Tante Louiſe, die in einen langen, ſchwarzen Mantel gehüllt vor ihr ſtand. Mit ungewöhnlich mildem Ausdruck in ihrem Ge⸗ ſicht fragte ſie: „Kann ich mich auf Dich verlaſſen?“ „Ja, Tante, das können Sie“, erwiderte Gertrud. „Gut, mein Kind, gieb, nachdem eine Stunde verfloſſen iſt, dieſen Brief an Magdalene; aber nicht früher und nicht ſpäter als zur beſtimmten Stunde.“ „Das verſpreche ich!“ „Lebe denn wohl, mein Kind; Marianne ſt Dei⸗ netwegen ſehr beunruhigt.“ Die magere Hand der Tante berührte zum erſten Male ſeit Gertrud's Anweſenheit auf Elfborg ſchmei⸗ chelnd die Wangen derſelben.. 72 Gertrud ſtand zweifelnd da, ob ſie gehorchen ſollte oder nicht. Schließlich ſagte ſie: „Will die Tante ſich weit von hier entfernen?“ Louiſe ſah ſie an, gleichſam erſchreckt darüber, daß ſie über die Abſicht ihres Unternehmens befragt wurde; allein es leuchtete kein Zorn in ihrem Blick, ſondern ſie ſagte nur: „Ja, ich habe die Abſicht, eine Reiſe zu unter⸗ nehmen; geh' jetzt, mein Kind, und frage nicht weiter!“ Trotz der Milde der Worte waren die letzten doch in einem ſo befehlenden Tone ausgeſprochen worden daß Gertrud nunmehr ohne weitere Einwendungen gehorchte. „Weshalb reiſt ſie fort in dieſem ſchlimmen Wet⸗ ter? Weshalb ſoll ich dieſen Brief erſt nach einer Stunde abliefern?“ fragte Gertrud, als ſie ſich heim⸗ wärts wandte, und von allen Seiten den Brief be⸗ trachtend, lenkte ſie ihre Schritte nach Elfborg. Achtes Kapitel. Die Stunde war verfloſſen und Gertrud trat bei Frau Magdalene ein. und überreichte denſelben.„Ich erhielt ihn von ihr ſelbſt mit dem ausdrücklichen Befehl, ihn nicht vor einer Stunde nach unſerem Zuſammentreffen abzu⸗ liefern.“ „Was bedeutet das, daß ſie an mich ſchreibt?“ rief Frau Magdalene aus, indem ſie die Hand nach dem Briefe ausſtreckte. „Das bedeutet, daß ſie fortging, weit fort“, ver⸗ zufügte: „Liebe, beſte Magdalene, laen Sie mich wiſſen, „Hier iſt ein Brief von Tante Louiſe“, ſagte ſie, ſetzte Gertrud, indem ſie den Brief ablieferte und hin⸗ was ſie ſchreibt, ich habe viel darüber nachgedacht, 74 wohin ſie ſich begeben haben mag in dieſem fürchter⸗ lichen Unwetter, und das hat mich ſo geängſtigt.“ „Das wundert mich gar nicht“, erwiderte Mag⸗ dalene;„Louiſe hat ſeit dem Tode ihres Vaters den Hof niemals verlaſſen. Möge ſie keinen unüberlegten Schritt begangen haben!“ Magdalene entfaltete den Brief und durchlas die wenigen Zeilen, welche derſelbe enthielt, worauf ſie ihn laut vorlas. Der Inhalt war folgender: „Meine alte Freundin! Wenn Du dieſe Zeilen er⸗ hältſt, hoffe ich ein gutes Stück von Elfborg und den Erinnerungen, welche ſich an mein einſt glückliches Jugendheim knüpfen, entfernt zu ſein. Wann ich zu⸗ rückkehre, iſt unbeſtimmt, aber wenn es geſchieht, hoffe ich meine Ruhe wiedererlangt und die Bitterkeit, welche jetzt meine Seele erfüllt, verloren zu haben. Alle weiteren Erklärungen wirſt Du durch den Hardeshöf⸗ ding Tilberg erfahren, welcher morgen ſich auf Elf⸗ borg einfinden wird. Deine treue Freundin Anna Louiſe Malmroth.“ Nachdem Magdalene den Brief vorgeleſen, blickte ſie Gertrud an, als erwarte ſie von ihr einen Ent⸗ ſchluß, allein dieſe ſchaute ſelbſt fragend Magda⸗ lene an. 15 „Wenn ſie nur nichts Unüberlegtes gethan hat!“ rief Magdalene aus.„Mein Gott, wenn ſie ſich nur nicht ſelbſt ſchadet, die ſonderbare Frau.“ „Das glaube ich nicht“, fiel Gertrud ein;„ſie war ungewöhnlich freundlich gegen mich.“ „Freundlich!“ rief Magdalene aus, indem ſie an die Thür eilte,„dann lebt ſie nicht lange. Herr mein Gott, was ſoll man denn thun?“ und damit eilte ſie zur Thür hinaus, um ihre Ehehälfte aufzuſuchen und ſeinen Rath in dieſem merkwürdigen Ereigniß einzu⸗ holen. Der Inſpector Oviſt erklärte, daß er ſchon ſeit mehreren Wochen Wahrnehmungen gemacht habe, die auf die Unternehmung einer längeren Reiſe Louiſens hätten ſchließen laſſen. Sie habe alle ihre Papiere geordnet und mit ihm darüber geſprochen, wie ſie wünſche, daß er verfahren ſollte,& ſie Elfborg ver⸗ laſſen würde. „Aber weshalb verließ ſie uns auf dieſ Weiſe und nicht wie jeder andere Chriſtenmenſch?“ brach Magdalene aus. „Ganz einfach deshalb, weil ſie wohl ihre Ur⸗ ſachen hatte, ſo zu handeln, wie ſie that. Sei Du ganz ruhig, Alte; morgen kommt der Hardeshöfding, und da werden wir die Löſung des Räthſels erfahren.“ Neuntes Kapitel. Der nächſte Tag erſchien, aber kein Hardeshöfding ließ ſich auf Elfborg ſehen. Dahingegen kam der Fiſcher zum Inſpector und klagte ihm ſeine Noth, daß ſein Boot während der Nacht geſtohlen worden ſei, obgleich es an der Landungsbrücke des Gutes feſtgebunden ge⸗ weſen wäre. „Der Sturm hat es wohl losgeriſſen und ins Meer geführt“, entgegnete Qviſt. „O nein, das kann der Herr Inſpector nicht an⸗ nehmen“, wandte der Fiſcher ein;„dann wäre der Strick nicht abgeſchnitten geweſen. Außerdem habe ich das Meſſer hier auf der Landungstreppe gefunden.“ Der Fiſcher zog bei dieſen Worten ein ſchönes, mit Silber ausgelegtes Dolchmeſſer hervor. Das Meſſer hatte Frau Louiſens Vater angehört und ſie 77 pflegte daſſelbe an ihrem Gürtel befeſtigt bei ſich zu führen. „Ich glaube zu wiſſen, wer das Boot benutzt hat“, ſagte OQviſt,„und Du wirſt entweder daſſelbe wiedererhalten, oder Erſatz für deſſen Verluſt. Sage mir nun aufrichtig, glaubſt Du, daß derjenige, welcher heute Nacht in dem Sturm auf den See hinausgerudert iſt, mit dem Leben davongekommen ſein möchte?“ „Nein, das glaube ich nicht; denn es wurde mir ſchwer genug, geſtern Abend das Fräulein ans Land zu ſetzen, und dennoch bin ich der ſtärkſte Mann hier in der ganzen Gegend. Ich werde wohl mein neues Boot zum letzten Male geſehen haben, wenn es in dieſem Sturm auf den See hinausgeführt wurde, darauf kann ſich der Herr Inſpector verlaſſen.“ „Nun, dann wirſt Du ein neues bekommen. Geh' indeſſen nach Hauſe und komme heute Abend wieder zurück. Der Fiſcher ging, der Inſpector blieb ſitzen, un⸗ ruhig durch das Fenſter ſchauend auf den unruhig bewegten See. Der Sturm hatte ſich gelegt und der Himmel war klar, allein die Wellen gingen noch immer hoch von dem gewaltigen Unwetter, das ſie empört hatte. Was der alte Inſpector dachte, wiſſen wir nicht, nur, daß er bekümmert und rathlos dreinſchaute: 78 „Mit Erlaubniß, Herr Inſpector, ich habe eine Botſchaft von Elmrich und dieſen Brief in des In⸗ ſpectors eigene Hand abzuliefern, ſagte die gnädige Frau, es war ſo ſchrecklich eilig damit, daß ich ſchon frühe des Morgens mich auf den Weg machen mußte, weil Frau Malmroth es mir befahl.“ Der Bote gab Quiſt den Brief. Der Inſpector befahl ihm, in die Küche zu gehen, um ſich dort zu ſtärken. Der erſte Blick auf die Aufſchrift ſagte dem In⸗ ſpector, daß der Brief von Louiſen komme. Der In⸗ halt war folgender: „Ich habe Fiſcher Erich's Boot benutzt, um über die Bucht zu kommen. Daſſelbe liegt bei der Lan⸗ dungsbrücke des Fiſchers Jannes. Dieſe Zeilen ſchreibe ich in Elmswick, und die alte Dorothea hat mir ver⸗ ſprochen, ſie ſofort abzuſenden, ſo daß Erich es ſich noch abholen kann. Sollte ich krank werden, oder in irgend eine Verlegenheit gerathen, ſo wirſt Du von mir hören, ſonſt nicht. Deine Freundin Anna Louiſe Malmroth.“ „Nun, Gott ſei Lob und Dank, nun weiß man doch wenigſtens, daß ſie lebt“, murmelte der Inſpector vor ſich hin und ging, um Magdalene aufzuſuchen, ₰ befindlichen, weiteren Documentes zuſtellen. 79 welche ſich noch immer darüber ärgerte, daß Luiſe auf ſo ſonderbare Weiſe ſich auf die Reiſe begeben habe. Um zwölf Uhr Mittags erſchien der Hardeshöfding und theilte den Anweſenden ein von Anna Louiſe Malmroth unterzeichnetes und in Gegenwart von Zeugen ausgefertigtes Dokument mit, worin ſie den Hardeshöfding beauftragte, während der Zeit von drei Jahren ihre Angelegenheiten zu führen und den In⸗ ſpector Qviſt als Verwalter ihres Beſitzthums aner⸗ kannte, der den Ueberſchuß aus dem Gute an den Hardeshöfding abzuliefern habe. Letzterer war zugleich ermächtigt, dieſe Gelder nach erhaltener Inſtruction zu placiren. Ferner überlieferte der Hardeshöfding im Auftrage der Frau Malmroth weitere vierhundert Reichsthaler an Gertrud als eine Unterſtützung, um ſich die Kenntniſſe zu erwerben, wodurch ſie ſich ihren Unterhalt zu verſchaffen hoffte. Frau Louiſe empfahl ferner ihre Brudertochter dem Hardeshöfding und er⸗ ſuchte ihn, ihr behülflich zu ſein und ihr einen Platz zu verſchaffen. Wenn Frau Louiſe nicht nach drei Jahren zurück⸗ gekehrt ſei, ſollte der Hardeshöfding den jetzt anweſen⸗ den Verwandten eine Abſchrift eines in ſeinen Händen 80⁰ Magdalene fühlte ſich nach Vorleſung des ge⸗ nannten Schreibens durchaus nicht befriedigt, ſondern beſtürmte den Rechtsgelehrten mit Fragen, welche der⸗ ſelbe nicht zu beantworten vermochte. Der einzige Aufſchluß, welchen er ihr gab, war der, daß er den Ort kenne, wo Briefe Frau Malmroth treffen würden, allein, es ſei ihm verboten, irgend Jemand denſelben zu nennen. Hätte Frau Oviſt ihr etwas mitzutheilen, ſo möchte ſie ihm die Briefe geben, und er verſpräche ihr, daß Alles in ihre Hände gelangen würde. „Aber wozu dient denn dieſe Verheimlichung?“ fragte Frau Magdalene, welche ſich wegen des Man⸗ gels an Vertrauen zu ihr verletzt fühlte. „Wozu das dienen ſoll, vermag ich Ihnen nicht zu ſagen, weil nur die Zukunft die Antwort zu geben vermag“, erwiderte der Hardeshöfding.„Aber wes⸗ halb Frau Malmroth eine gewiſſe Heimlichkeit beob⸗ achtet hat, dürfte leichter zu erklären ſein.“ „Nun, ich bin nicht im Stande, das zu fiel Frau Magdalene ärgerlich ein. „Ich glaube, daß Frau Malmroth unter ganz neuen Verhältniſſen und einem andern Namen ein neues Leben zu führen wünſcht, um auf dieſe Weiſe zu verſuchen, mit ſich ſelber wieder in Harmonie zu kommen. Das iſt meine Auffaſſung ihrer Handlungs⸗ 81 weiſe; allein, dies kann möglicherweiſe unrichtig ſein.“ „Sie iſt beſtimmt richtig“, erklärte Qviſt. Magdalene ſchwieg und die Kammerräthin dachte; „Nun, verrückt iſt Louiſe ſtets geweſen, und dies iſt nur ein Beweis dafür, daß die Jahre ſie nicht klüger gemacht haben.“ Das war ihre genaue Erklärung des ſonderbaren Benehmens ihrer Halbſchweſter. Einige Tage ſpäter reiſten die Kammerräthin und Gertrud von Elfborg ab. Die Probſtin verblieb noch einige Wochen. ———— Schwartz, Novellen. I. Drei Jahre ſind verfloſſen, ſeit Anna Louiſe Malmroth ihrem ſtolzen Heim entſagte und ihre Um⸗ gebung in Unkenntniß über ihren Aufenthalt ließ und welche Pläne ſie durch ihr Verſchwinden in Ausfüh⸗ rung zu bringen glaubte. Wir ſind im Begriff, dem Pächterhof Lugnet, dem Sitz des Lieutenants Axenberg, einen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Iſabella war den Entwickelungsjahren enteilt und hatte die Blüthenperiode der reifen Jugend erreicht; allein ihre Schönheit hatte dadurch nicht verloren; im Gegentheil, ihre früher etwas magere Figur war üp⸗ piger geworden, ihre bleichen Wangen runder und friſcher, und auf ihrer ganzen Erſcheinung ruhte das Gepräge warmer Gefühle, welche anzudeuten pflegen, 83 daß ein neues, bisher ſchlummerndes Gefühl zum Le⸗ ben erwacht ſei. Und dennoch hatte ſie den Stempel der Unſchuld und Schüchternheit, welcher ihr eben den jugendlichen Reiz verlieh, beibehalten. Iſabella war im Begriff, den Tiſch mit Sorgfalt und Eleganz zum Mittagsmahle zu decken. Der Saal, wo ſie eben beſchäftigt war, hatte ein ganz neues Ausſehen, als wir es früher dort gefunden haben. Die nicht polirten Stühle waren gegen birkene Strohſtühle ausgetauſcht, und der Tiſch, das Büffet und das Sopha ſind aus demſelben Holze gefertigt. Das Gepräge der Sauberkeit in der Armuth, welche das Zimmer des Lieutenants vordem auszeichnete, war verjagt und nunmehr war dieſe Stube ein Bild der Heimiſchkeit und einfacher Eleganz. Der Lieutenant ſelbſt iſt freilich noch ebenſo ma⸗ ger, allein die Furchen der Stirn ſind weniger tief, und der Ausdruck des Geſichts iſt ruhig. Es ſchien, als ob die Bürde des Kummers, welche früher auf ſeinen Schultern ruhte, jetzt leichter zu tragen, und daß ein ruhiges Nachdenken jener ängſtlichen Unruhe gefolgt wäre. Arbeiten mußte er; allein, die Arbeit war jetzt befreit von der Furcht, die nothwendigſten Bedürfniſſe nicht befriedigen zu können. 6* 84 Der Lieutenant hatte ſoeben ſeinen Hausrock mit einem beſſern vertauſcht, als Iſabella das Köpfchen durch die Thür ſteckte und ſagte: „Jetzt, Papa, kommen ſie!“ Im nächſten Augenblick ſtanden Vater und Toch⸗ ter in der kleinen Veranda und blickten hinaus auf den Weg, wo ein zweirädriger Wagen, wie er zum Reiſen im Lande überall benutzt wird, gezogen von einem Paar kleinen, ſtarken Pferden, ſich dem Hofe näherte. „Lieber Gott, Papa, ich fühle mein Herz ſo heftig ſchlagen, daß ich kaum zu athmen vermag“, ſagte Iſa⸗ bella.„Erinnere Dich, es ſind nunmehr drei Jahre verfloſſen, ſeitdem Gertrud dieſes Haus verließ. Sie war damals ein ſechszehnjähriges Kind und iſt jetzt—“ Iſabella konnte ihre Gedanken nicht vollenden, denn das Fuhrwerk hielt ſtill und der Lieutenant ſtand an deſſen Seite, ein ſchlankes Mädchen, das er lange an ſeine Bruſt gedrückt hielt, herab hebend, indem er flüſterte: „So habe ich Dich denn wieder, mein liebes Kind!“ Gertrud's Arme umſchlangen des Vaters Hals, und ſie lachte und weinte zu gleicher Zeit. „Aber woran denkſt Du denn, Andreas?“ rief 3 . 1 85 die Kammerräthin aus, welche mit Hülfe Iſabella's aus dem Wagen klettern mußte, was freilich keine leichte Sache war.„Kannſt Du Deine Schweſter ver⸗ ſäumen, daß Du Dich nicht einmal darum bekümmerſt, wie ſie aus dem alten Wagen heraus kommt?“ Der Lieutenant ließ ſofort Gertrud aus ſeinen Armen und begrüßte die Schweſter, indeß die beiden Geſchwiſter ſich umarmten. „Verzeihe, liebe Marianne“, ſagte der Lieutenant, „daß ich zu glücklich war, mein Mädchen wiederzu⸗ ſehen, das ich während vieler Jahre ſo ſehr entbehrte; denn entbehrt habe ich ſie ſehr. Gott ſegne Dich, liebe Schweſter, für das, was Du für ſie gethan; denn ohne Dich wäre es Gertrud niemals ſo gelungen, wie es geſchehen.“ „Geſchwätz!“ unterbrach Marianne ihn;„kannteſt Du Dein Kind recht, würdeſt Du wiſſen, daß ſie zu denjenigen gehört, die ſich ohne Anderer Hülfe durch⸗ zuhelfen wiſſen. Das iſt ein merkwürdiger Charakter; Gott allein mag wiſſen, nach wem das tüchtige Mäd⸗ chen ſtammt; ſie ähnelt weder Dir noch Deiner Frau, das iſt ſicher. Ich glaube, daß ſie vertauſcht iſt.“ Die Kammerräthin lachte, als der Lieutenant bei ihrer Aeußerung eine lange Miene machte. „Wie geht es der Mama?“ fragte Gertrud, 86 und ſchaute die ſchöne Schweſter mit verwunderten Blicken an. „Ich ſchrieb Dir ja, daß ſie bedeutend beſſer ge⸗ worden ſei, ſeitdem der neue Doktor ſie behandelt.“ Bei Erwähnung des Doktors erröthete Iſabella unwillkürlich. Gertrud konnte ein Lächeln nicht zurückhalten, als ſie äußerte: „Das muß alſo ein tüchtiger Mann ſein, der Doktor!“ Iſabella's Wangen wurden noch heißer. „Nun, Iſabella“, flüſterte Gertrud,„habe ich Dir mein Verſprechen, daß ich Dir bei meiner Abreiſe gab, gehalten?“ „Ach ja, das haſt Du. Ich bin jetzt vollſtändig von meiner Gefangenſchaft bei der Mutter Krankenbett befreit.“ „Und Du fühlſt Dich jüſieden „Das thue ich.“ „Sehnſt Du Dich nicht nach der Snn Fi deren Vergnügungen?“ „Durchaus nicht.“ Gertrud küßte ſie und ſagte darauf, zum Vater gewandt: „Darf ich zur Mama hineingehen?“ 87 „Nein, Kind, nicht früher als am Nachmittag; Deine Mutter ſchläft jetzt“, antwortete der Lieutenant. Das Mittagsmahl wurde unter lebhaftem Geſpräch beendigt; Gertrud's Laune war noch fröhlicher als zuvor; ſie ſcherzte und lachte ſo innig, daß ihre Mun⸗ terkeit die Andern mit fortriß, und dennoch war ihre Art und Weiſe eine mehr geſetzte geworden. Sie war jetzt im Beſitze einer gewiſſen Würde, die in Vereinig⸗ ung mit dem klugen und verſtändigen Ausdruck im Geſicht ihr das Ausſehen gab, als wäre ſie weit älter als neunzehn Jahre. Man ſah es ihr deutlich an, wie glücklich ſie ſich fühlte, mit den Ihrigen nach ſo lan⸗ ger Zeit wieder vereint zu ſein. Am Nachmittage erhielt ſie Erlaubniß, bei der Mutter eintreten zu dürfen. Gertrud's Geſicht nahm einen unruhigen Aus⸗ druck an. Frau Blida empfing die Tochter, im Sopha des Schlafzimmers und vollſtändig angezogen ſitzend. Gertrud konnte ſich nicht erinnern, je zuvor ſie in Toilette geſehen zu haben. Das kleine bleiche An⸗ geſicht hatte nunmehr ein wenig Farbe und die großen Augen mehr Leben. Das Zimmer mit allem ſeinem Luxus und ſeiner Bequemlichkeit war unverändert, allein eins der Fenſter war geöffnet, und die Som⸗ 88 merluft ſtrömte zu ihr herein. Auch das war Gertrud etwas Ungewöhnliches, weil die Mutter ſtets behaup⸗ tet hatte, die friſche Luft nicht vertragen zu können. Alle dieſe Veränderungen machten auf Gertrud einen angenehmen Eindruck, obgleich ſie ſich mit be⸗ klemmtem Herzen der Mutter näherte. „O, biſt Du es?“ ſagte Blida und nickte der Eintretenden mit Kühle zu.„Wann kamſt Du an, und wie lange gedenkſt Du zu bleiben?“ Bei dieſem kalten Gruße flog eine Wolke von Schmerz über Gertrud's Antlitz; ſie fühlte gleichſam einen heftigen Stich im Herzen. Iſabella, welche der Schweſter gefolgt war, blickte unruhig auf dieſelbe unter dem peinlichen Eindrucke des kalten Grußes der Mutter. Mit großer An⸗ ſtrengung ſuchte Gertrud denſelben zu verbergen, und ſie antwortete in ſo heiterem Tone, als ſie es unter den obwaltenden Umſtänden vermochte: „Ich bleibe einige Wochen hier, geliebte Mutter“, erwiderte Gertrud und nahm bei dieſen Worten eine der unbeſchäftigten Hände der Mutter und führte ſie an ihre Lippen, indem ſie hinzufügte:„Ich bleibe ſo lange, weil ich mehrere Jahre hindurch nicht Zeit ha⸗ ben werde, Euch wieder zu ſehen, meine Lieben. Es ſind drei Jahre, ſeitdem ich Euch zum letzten Mal 2 89 ſah, und vielleicht vergehen zehn Jahre, ehe ich Euch wieder einen Beſuch machen kann.“ „Sind es ſchon drei Jahre, daß Du fort biſt?“ ſagte die Mutter und zog ihre Hand zurück;„mir kommt es vor, als ob Du erſt kürzlich in die Thür ſprangſt und dieſelbe lärmend öffneteſt.“ Gertrud preßte die Lippen zuſammen und richtete die Augen von der Mutter auf eine alte Frau, welche in dieſem Momente eintrat. Darauf ging ſie ihr ent⸗ gegen und ſagte freundlich: „Frau Ringberg, ich kann Ihnen nicht genug danken für die Pflege, die Sie meiner Mutter ange⸗ deihen ließen.“ „Ich thue ja nur meine Pflicht“, antwortete Frau Ringberg;„ich verſprach dem Fräulein dieſes ja, als ich den Platz annahm; allein es freut mich, dieſe An⸗ erkennung von einer ſo guten Tochter, wie Sie, mein Fräulein, zu vernehmen.“ „Und ich“, erwiderte Gertrud mit einer gewiſſen Rührung in der Stimme,„vermag nicht auszudrücken, was mein Herz für Sie fühlt, welche ſich ſo ausſchließ⸗ lich dem Dienſte meiner Mutter gewidmet haben. Ich bleibe ewig Ihre Schuldnerin, denn ich entſinne mich nicht, die Mama ſo wohl und blühend wie jetzt geſehen zu haben.“ 3 90 „Das iſt auch nicht möglich“, fiel Blida mit ſcharfer Stimme ein;„Dein Eintreten in das Leben war es ja, welches mich in eine arme Lahme ver⸗ wandelte. Liebes Kind, verlaß mich, die Erinnerung an das, was ich durch Dich gelitten, macht mich wie⸗ der krank! Frau Ringberg, geben Sie mir mein Riech⸗ fläſchchen.“ „Der Doctor hat den Gebrauch deſſelben verbo⸗ ten“, entgegnete Frau Ringberg, indem ſie ein Taſchen⸗ tuch in kaltes Waſſer tauchte und daſſelbe der Frau Blida reichte, hinzufügend:„Feuchten Sie damit Ihre Stirn, dann wird Ihnen wieder wohl.“ „Herr Gott, Gertrud, ſtehſt Du noch immer hier?“ jammerte Blida, als die Tochter nicht ſofort ihrer Aufforderung, zu gehen, folgte.„Hier wird es ſo ſchwül; Du nimmſt mir doch noch das Leben! Geh jetzt; Du kannſt einen andern Tag wiederkommen, be⸗ vor Du abreiſeſt.“ Blida winkte ungeduldig mit der Hand, als Ger⸗ trud dieſelbe anfaſſen und ſie zum Abſchiede küſſen wollte. Die beiden Mädchen verließen das Zimmer. Als ſie ſich im Kabinet befanden, blieb Gertrud ſtehen und drückte die Hand feſt an das Herz. Sie war blaß, aber nicht ein Wort ging über ihre farbloſen Lippen. Iſabella's Antlitz war in Thränen gebadet. 9⁴ „Verzeihe ihr“, flüſterte Iſabella und legte den Arm um Gertruds Hals. Dieſe lächelte traurig und ſagte nur: „Ich hätte dennoch gehofft, daß eine Abweſenheit von drei Jahren ihre Gemüthsſtimmung gegen mich geändert haben müßte, daß ſie mir das Böſe, welches ich ihr durch meine Geburt zugefügt habe, verziehen hätte, aber es war eine nichtige Hoffnung. So lange ſie gelähmt bleibt, wird ſie ſtets das Kind verabſcheuen, da es die unſchuldige Urſache dazu war und das läßt ſich nicht ändern.“ Gertrud ſchüttelte den Kopf, gleichſam als wollte ſie den peinlichen Eindruck, den ſie durch das Benehmen der Mutter empfangen hatte, von ſich abſchütteln. Sie trocknete der Schweſter Thränen und fügte mit ermunterndem Tone hinzu: „Fort mit allem Murren und aller Traurigkeit! Papa darf an dieſem Tage keine Wolke auf unſeren Geſichtern ſehen.“ Gertrud küßte Iſabella und darauf traten ſie beide in den Saal hinaus. Ein hochgewachſener junger Mann befand ſich dort, der als Doktor Hartling vorgeſtellt wurde. Doktor Hartling war ſiebenundzwanzig bis achtund⸗ zwanzig Jahre alt, mit einem bei weitem ſtattlicherem als hübſchem Aeußeren. Seine Züge waren nicht unregelmäßig, aber trugen das Gepräge der Männlichkeit. Man ſah es 92 ihm an, er war ein Mann von großer Energie, In⸗ telligenz und großem Selbſtvertrauen. Eduard Hartling vereinigte mit ſeinem ſtattlichen Aeußeren ein in hohem Grade einnehmendes Weſen. Alle, die ſeine Hülfe in Anſpruch nahmen, faßten un⸗ begrenztes Vertrauen zu ihm, weil er ſich ſeinen Patienten gegenüber nicht allein als Arzt, ſondern auch als Menſch zu zeigen Gelegenheit nahm. Als er vor Gertrud ſtand und beſtändig in ihre Augen ſchaute, gleichſam, als wollte er das Innerſte ihrer Seele erforſchen, dachte das junge Mädchen bei ſich ſelbſt: „Dieſer Doktor iſt gewiß eine gefährliche Perſon; ich fürchte, das meine arme Iſabella bereits für ihn eingenommen iſt.“ Die arme Iſabella war in der That bei ſeinem Anblick ſehr roth geworden. Der Doktor ſprach eine Weile mit den Damen und die Kammerräthin ergyß ſich in ſchmeichelndem Lobe über das Wunder, das er bei der Schwägerin vollbracht. Frau Marianne behauptete, daß die ganze Familie in der Schuld der Dankbarkeit bei ihm ſtehe, und darin ſtimmte der Lieutenant und Iſabella voll⸗ kommen überein. Gertrud beſchäftigte ſich während dieſer Lobreden mit dem kleinen Kanarienvogel, der in ſeinem Bauer hin und her hüpfte. Sie, welche ſo 93 herzlich der Frau Ringberg gedankt hatte, vermochte ſich nicht zu überwinden, ein einziges Wort des Dankes dem Arzte zu ſagen. Ganz ſicher wartete er, daß ſie ſich mit ihm in ein Geſpräch einlaſſen ſollte, da er ſo lange blieb, bevor er ſich zu ſeiner Patientin begab. Allein, da der Vogel Gertrud's Aufmerkſamkeit voll⸗ ſtändig in Anſpruch nahm, erhob der Doktor ſich ſchließlich, indem er ſagte: „Ich werde jetzt zu Frau Axenberg hinein gehen“, und damit verließ er den Saal. „Aber woran, in aller Welt, denkſt Du denn, Gertrud“, brach die Kammerräthin aus,„warum ſagſt Du nicht ein einziges Wort dem Doktor? und dennoch iſt er es, der das——“ „Das Wunderwerk mit der Mama vollbracht“, unterbrach ſie Gertrud. „Glaubſt Du nicht, daß wir dadurch viel ge⸗ wonnen haben?“ fragte der Lieutenant. „Ja freilich!“ „Und dennoch ſchweigſt Du?“ fiel Iſabella ein. „Meine beſte Iſabella“, erwiderte Gertrud heiter, „verſchone mich mit Vorwürfen, ich bitte Dich. Glaube mir, ich werde zu ſeiner Zeit dem Doktor danken, allein jetzt konnte es mir nicht einfallen, mich zu ihm auszuſprechen, da er ſchon ſo viel gerühmt wurde, daß 94 ich mein Lob zu einem andern Male aufſparen konnte, wenn Ihr Andern für ſeine Thaten keine Worte habt.“ Der Doktor blieb lange bei Frau Blida, als er endlich hinaus trat, lud der Lieutenant ihn ein, einige Stunden bei ihnen zu bleiben, was er mit ſichtbarem Vergnügen annahm. Elftes Kapitel. Der Doktor hatte ſich entfernt, die Kammerräthin ſich im ſüdlichen Theile der Erkerwohnung einlogirt. Die Mädchen ſaßen zuſammen an dem gegen Norden gelegenen Fenſter. Nach einer Abweſenheit von drei Jahren hatten ſie ſich natürlich viel zu erzählen. Freilich hatten ſie ganz regelmäßig Briefe ausgetauſcht; aber es wurde dennoch als eine Nothwendigkeit angeſehen, noch ein⸗ mal das Durchlebte Revüe paſſiren zu laſſen. Gertrud mußte der Schweſter erzählen, wie ſie es während dieſer Jahre gehabt hatte, obgleich Iſa⸗ bella bereits eine ausführliche Beſchreibung darüber brieflich empfangen hatte. Gertrud erzählte ihr auf ihren Wunſch, daß ſie, gleich nachdem ſie nach Stock⸗ holm gekommen ſei, einen Curſus im Rechnen, Buch⸗ 96 führung, Sprachen und Sthlübung durchgemacht habe. Der Hardeshöfding Tilberg machte Verſuche, ihr einen Platz in einer Groß⸗Handlung zu verſchaffen, was ihm auch bei dem Herrn Gorges gelang, bei dem ſie zwei Jahre hindurch als Comptoriſtin arbeitete. Sie war zufrieden mit ihrem Leben und ihrer Wirkſamkeit, und dankbar gegen Gott, der ſeine Güte gegen ſie bethätigt hatte. Die tauſend Thaler, welche Tante Louiſe ihr geſchenkt, hatte ſie zum Unterhalt für eine Wärterin ihrer Mutter veranſchlagt, und von den zuletzt erhal⸗ tenen vierhundert Thalern hatte ſie nur einen geringen Theil auf ihren Unterricht verwandt; den Reſt hatte ſie für Iſabella zur Beſtreitung ihrer kleinen Bedürf⸗ niſſe in die Sparkaſſe geſetzt. Von ihrem Gehalt hatte ſie zweihundert Thaler zur Unterſtützung des Vaters und zum Unterhalte beſtimmt. Während ihrer Muße⸗ ſtunden hatte ſie gelernt, in Holz zu ſchneiden, ſo daß ſie jetzt bereits eine kleine Nebeneinnahme aus ihrer Fertigkeit zog. Alles dieſes und viel andere wichtige und ſchöne Dinge erzählte Gertrud. „Iſt Dein Principal alt?“ fragte Iſabella. „Achtunddreißig bis vierzig Jahre, glaube ich“, antwortete Gertrud. „Iſt er liebenswürdig und artig 2. Gertrud brach in helles Gelächter aus. 97 „Liebes, gutes Kind“, ſagte ſie,„glaubſt Du, daß. eine Comptoriſtin im Allgemeinen einen Begriff von den Liebenswürdigkeiten ihres Principals erhält? Nein, man weiß nur, ob er unbillig oder gerecht in ſeinen Forderungen iſt.“ „Aber, mein Gott, er behandelt Dich doch wohl nicht wie ſeine männlichen Comptoriſten?“ brach Iſa⸗ bella erſchrocken aus. „Im Ganzen ebenſo, es iſt nur ein Unterſchied, daß ich in einem kleinen Zimmer allein arbeite; ſonſt ſind wir dem Principal gegenüber ganz gleich geſtellt, und ſo muß es auch ſein; oder glaubſt Du, daß es auf die Dauer möglich wäre, auch nur die geringſte Rückſicht auf mein Geſchlecht zu nehmen? Dann erſt würde es unangenehm ſein, mich einer Beſchäftigung gewidmet zu haben, welche mich zur Kameradin junger Männer macht.“ „Hm, Hm!“ ſagte Iſabella und ſchüttelte ihren ſchönen Kopf,„mich dünkt das Alles recht unnatür⸗ lich. Ich würde mich ſehr unglücklich fühlen, wenn ich genöthigt wäre, auf einem Comptor zu arbeiten und einen Principal zu haben, der mich wie die Com⸗ mis behandelt, die in ſeinem Dienſte ſtehen.“ „Und deshalb, meine kleine Taube, iſt es beſſer, daß Du bleibſt, wo Du biſt, im väterlichen Hauſe, Schwartz, Novellen I. 98 um dort Freude und Wohlbefinden zu verbreiten. Ich bin nicht geſchaffen für dieſe ſtille Welt. Meine Nei⸗ gung treibt mich fort vom Webeſtuhle, vom Spinnrade und der Küche. Ich liebe die Arbeit, die mir meine Unabhängigkeit ſchafft. Ich will mir eine Bahn bre⸗ chen, will mir ſelbſt genug ſein, und wie ich hoffe, wird mir dies auch gelingen. Durch meine Arbeit will ich meine arme Mutter unterſtützen, damit ſie nicht länger eine Bürde für den Vater ſei, und Dir will ich eine Stütze ſein. Doch jetzt wollen wir von Dir ſprechen und—— dem Doktor.“ Iſabella's Wangen wurden purpurroth, und ſie ſuchte den Kopf abzuwenden. „Es iſt jetzt ein halbes Jahr, ſeitdem er als Arzt hier in's Haus kam, ſoweit ich mich erinnere“, fuhr Gertrud fort. „Acht Monate“, fiel Iſabella ein und fügte dann mit Wärme hinzu:„Wieviel haben wir ihm nicht zu danken? Er hat einen wohlthätigen Einfluß auf die Mama ausgeübt, ſo daß ſie jetzt als eine ganz andere Frau erſcheint.“ „Gegen mich war ſie es nicht“, erwiderte Ger⸗ trud. „Aber ſie wird es nun bald ſein“, tröſtete Iſabella. „Ach, liebe Gertrud, mich dünkt, Du hätteſt——“ 99 „Ich weiß, was Dich dünkt, aber davon wollen wir nicht ſprechen“, unterbrach ſie Gertrud.„Ich räume gerne ein, daß der Doktor ein Diamant von einem Arzte iſt, allein ich fürchte, daß er auch ein ſehr ge⸗ fährlicher Mann iſt für meinen Liebling.“ „Gertrud!“ rief Iſabella heftig aus, indem ſie ſich erhob.„Du verletzeſt mich, wenn Du auf dieſe Weiſe ſprichſt! Kann ich nicht dankbar fühlen, ohne daß gleich Liebe damit verbunden ſein muß? Weißt Du, das iſt unwürdig von Dir, mit ſolchem Verdacht mich zu verletzen.“ Iſabella weinte. Gertrud blickte die Schweſter mit bekümmerter Miene an; ſie verſtand gar wohl, daß die Stunde nicht geeignet war, dieſen Gegenſtand weiter zu be⸗ rühren, oder die verſchloſſene Schweſter zu vermögen, daß ſie ihr Herz öffne. „Es wird am beſten ſein“, dachte ſie,„daß ſie erſt ihre empörten Gefühle beruhigt.“ „Sei nicht böſe, liebe Schweſter“, fuhr Gertrud fort,„es freut mich, wenn Du des Doktors Liebens⸗ würdigkeit zu widerſtehen vermagſt; denn ſiehſt Du, mein Engel, der Mann wird ſich nie mit der Tochter eines armen Lieutenants verheirathen, und damit wollen wir das Geſpräch über ihn für diesmal beſchließen, 7* 100 denn ich glaube, es wird Zeit, daß wir uns zur Ruhe begeben“, und damit küßte Gertrud die Schweſter zärtlich. Einige Tage waren verfloſſen; der Doktor kam jeden zweiten Tag, brachte dann eine Weile bei der Kranken und den Reſt des Abends in der Familie zu. Es lag in ſeiner Art und Weiſe gegen Iſabella ein Ausdruck zärtlicher Bewunderung, welche von einem ruhigen Beobachter nicht unbemerkt bleiben konnte. Sein Blick folgte ihr überall, und obgleich kein einziges Wort über ſeine Lippen kam, ſo ſah man doch nur zu deutlich, daß er ſie anziehend fand. Gegen Gertrud war er ſchweigſam und zuvorkommend, allein er hielt ſich in einem gewiſſen Abſtande, gleichſam abwartend, daß ſie ſich ihm nähern ſollte. Gertrud ihrerſeits behielt ihre zurückgezogene Weiſe gegen ihn bei. Sie war ſo wortkarg in ſeiner Gegenwart, daß es die Kammerräthin veranlaßte, ſcharfe Bemerkungen über ihre Launenhaftigkeit zu machen. Die Tante Ma⸗ rianne war ſelbſt von der Liebenswürdigkeit des Dok⸗ tors eingenommen und ſchien nie ihre Lobſprüche über ihn beenden zu wollen, ſobald ſie einmal damit be⸗ gonnen hatte. Während der erſten vierzehn Tage, die Gertrud —— 101 im elterlichen Hauſe zubrachte, ließ Frau Blida ihre Tochter nicht zu ſich rufen. Allein eines Nachmittags, als der Doktor bei der Kranken geweſen war, erhielt Gertrud den Befehl, die Mutter zu beſuchen. Gertrud erhob ſich ſofort, warf jedoch in demſel⸗ ben Moment einen Blick auf den Doktor; ihre Augen begegneten den ſeinigen; er ſah ſie ganz gleichmüthig an, aber das Blut ſtieg ihr dennoch in die Wangen. Ihr Herz klopfte ſtark, denn ſie dachte:„das iſt ſein Werk, daß meine Mutter mich rufen läßt.“ Frau Blida ſaß ganz nahe dem geöffneten Fenſter, als Gertrud zu ihr eintrat. Sie redete Gertrud ganz freundlich an und fragte ſie nach ihren Zukunftsplänen. Da ſie ſchließlich nach dem Zwiegeſpräch ſich angegrif⸗ fen fühlte und die Tochter entließ, reichte ſie ihr die Hand in freundlichem Tone, deſſen ſie Gertrud früher nie für würdig erachtet hatte, indem ſie hinzu fügte: „Du kannſt heute Nachmittag, nachdem der Dok⸗ tor gegangen iſt, wiederkommen.“ Langſam und gedankenvoll betrat Gertrud den Saal. Der Doktor befand ſich dort allein, kam ihr entgegen und ſagte: „Wenn Fräulein Gertrud nichts dagegen hat, ſo 102 wäre es mir angenehm, mit Ihnen einige Worte zu wechſeln.“ „Gern“, antwortete Gertrud und ſah ihm unab⸗ läſſig in die Augen, indem ſie hinzufügte:„Ihnen, Herr Doktor, habe ich es zu danken, daß meine Mutter mich rufen ließ.“ „Sie haben Niemand als Ihrer Mutter dafür zu danken“, erwiderte der Doktor kalt;„ſie hat ſechszehn Jahre hindurch in einem Irrthume gelebt, von dem ſie ganz eingenommen war. Ich habe kein anderes Ver⸗ dienſt, als ſie ihrer falſchen Vorſtellung beraubt zu haben. Uebrigens hoffe ich, daß Frau Axenberg in einigen Monaten ſo wohl ſein wird, daß man ſie an die Luft zu bringen wagen darf, und auf dieſe Weiſe hoffe ich, ſie dem gemeinſamen Leben in Ihrer Familie wiederzugeben. Aber damit dies geſchehe, muß ein Krankenſtuhl angeſchafft werden, und da man mir geſagt hat, daß Sie allein dergleichen Ausgaben auf ſich genommen haben, ſo habe ich Sie erſuchen wollen, für die Beſchaffung eines Rollſtuhles Sorge zu tragen.“ Gertrud verſprach, ſofort dafür zu ſorgen, wenn ihr der Doktor nur die nöthigen Anweiſungen geben wolle. Als man hinlänglich über dieſen Gegenſtand ge⸗ 103 ſprochen hatte, ſchien der Doktor Miene zu machen, den Saal verlaſſen zu wollen. „Erlauben Sie mir, Herr Doktor, Sie zu bitten, noch einen Augenblick zu verweilen“, ſagte Gertrud, und der Ton ihrer Stimme war ſeltſam klar,„ſicher⸗ lich bin ich Ihnen undankbar vorgekommen, weil ich meine Gefühle für die unermüdliche Sorgfalt, welche Sie meiner armen Mutter gewidmet haben, nicht in Worte kleidete.“ „Ich bitte, Fräulein, ſprechen wir nicht davon! Meine Pflicht iſt, meinen Patienten meine Sorgfalt zu widmen und auf deren Gemüthsſtimmung ſowohl, wie auch auf ihren Körper nach Kräften wohlthätig einzuwirken. Aber Dank dafür zu erndten, das iſt es durchaus nicht, wornach ich jage oder mich für be⸗ rechtigt halte.“ Eduard ſagte dies mit ungeſuchtem Stolze; es lag eine ſo ungezwungene Einfachheit in ſeinem ganzen Weſen, daß Gertrud einen Augenblick ſich nicht wenig betroffen fühlte. Allein ſie gehörte nicht zu Denen, welche ſich ſo leicht erſchrecken laſſen; ſie nahm viel⸗ mehr nach einer Pauſe von einigen Secunden wieder das Wort: „Ob Sie ſich für berechtigt halten, meine Dank⸗ ſagung zu empfangen oder nicht, ſo bin ich Ihnen die⸗ ſelbe dennoch ſchuldig. Die Urſache, weshalb meine Lippen bisher kein Wort darüber geäußert haben, war——“, Gertrud hielt inne. „Fahren Sie fort, Fräulein“, flüſterte Eduard, „mir ahnt die Urſache: meine Perſon ſcheint Ihnen nicht zu gefallen.“ „Nicht Ihre Perſon iſt es, wohl aber die Eigen⸗ thümlichkeit Ihres Benehmens.“ „Jetzt begreife ich in der That nicht, worauf Sie abzielen.“ „Herr Doktor“, ergriff Gertrud wieder mit feſter Stimme das Wort,„lieben Sie meine Schweſter?“ Eduard's Augenbrauen zogen ſich heftig zuſam⸗ men. Aus ſeinen Augen ſchoß ein Blitz, allein in der nächſten Secunde antwortete er mit ziemlicher Ruhe: „Das iſt eine Frage, mein Fräulein, die ich bis⸗ her ſelbſt an mich zu ſtellen nicht für nöthig fand, und aus dieſem Grunde bin ich auch außer Stande, ſie zu beantworten, wenn Jemand anderes ſie an mich richtet.“ „Weshalb widmen Sie ihr denn dieſe zärtliche Aufmerkſamkeit?“ „Daß meiner Aufmerkſamkeit das Adjectiv„zärt⸗ lich“ beigelegt werden konnte, wußte ich nicht“, erwiderte Eduard kalt;„ich habe Iſabella meine Huldigung er⸗ wieſen als einem der ſchönſten Mädchen, mit denen 105 ich in Berührung gekommen bin, und das iſt ja etwas, was ſicherlich Jedermann thun wird, der ſie täglich ſieht; allein dies iſt vielleicht auch Alles“ „In dieſem Falle, Doktor Hartling, bitte ich Sie, ſich mit meiner Schweſter nicht zu beſchäftigen. Sie hat faſt ausſchließlich hier in dem ärmlichen Heim unſerer Eltern gelebt und ſie iſt daher viel zu uner⸗ fahren, den Unterſchied, welchen man zwiſchen der Hul⸗ digung der Schönheit und der Liebe macht, beurtheilen zu können. Sie iſt in ihrem zwanzigſten Jahre mit ſolchen Sachen weniger bekannt, als manche anderen Mädchen es im zwölften Lebensjahre find. Herr Dok⸗ tor, ich glanbe, Sie verſtehen mich recht.“ Gertrud reichte ihm die Hand, indem ſie hinzu⸗ fügte:„Wenn es nicht vorauszuſetzen geweſen wäre, daß Sie ein Mann von Ehre ſind, der den niedrigen Triumph verachtet, ein weibliches Herz nur der Be⸗ friedigung der Eitelkeit wegen zu erobern, hätte ich mich nicht ſo rückhaltlos über dieſen delikaten Gegen⸗ ſtand ausgeſprochen. Jetzt weiß ich aber, daß meine Worte nicht übel aufgenommen oder mißverſtanden werden.“ Wieder zogen ſich des Doktors bogenförmige Braunen zuſammen; doch ergriff er die ihm dargebotene Hand, indem er ſagte: 106 „Ich werde mich Ihres Vertrauens würdig zei⸗ gen, ſeien Sie überzeugt davon!“ „Gertrud, Gertrud!“ erſcholl es vom Hofe her. Gertrud gehorchte dem Rufe. Nach dieſem Zwiegeſpräche veränderte der Doktor ſein bisheriges Benehmen. Er kam zwar ebenſo oft wie früher, blieb auch ebenſo lange, aber die Aufmerk⸗ ſamkeit, wie er ſie früher Iſabella gegenüber gezeigt, hatte eine bedeutende Herabſtimmung erfahren. Es ſchien, als ſei Gertrud der Gegenſtand, der ihn eigent⸗ lich intereſſirte. Mit ihr ſprach er vorzugsweiſe, aber ihre Geſpräche gingen gleichwohl nicht ſelten in Mei⸗ nungskämpfe über, da ihre Anſichten ſehr häufig von einander abwichen. Diejenige, welche dieſe Veränderung beim Doktor zuerſt bemerkte, war Iſabella; auf ſie wirkte dieſe Be⸗ obachtung anfangs ſehr ſchmerzlich, obgleich ſie nicht darüber ſprach; aber ganz und gar ihre Gefühle dar⸗ über zu verbergen, war ihr ſchlechterdings unmöglich. Ihr Verhalten gegen Gertrud wurde nach und nach ein anderes; ſie gab deutlich genug zu erkennen, daß ſie auf die Schweſter wegen der Aufmerkſamkeit, die Eduard ihr widmete, erzürnt ſei. Gertrud hütete ſich indeſſen wohl, auch nur im Entfernteſten merken zu 3 laſſen, daß ſie ſolche Veränderungen bei ihrer Schweſter * 107 entdeckt habe; ſie zog es vielmehr vor, Iſabella's kleine Ungerechtigkeiten und Ausbrüche von Heftigkeit ruhig zu ertragen und ihre Zärtlichkeit gegen dieſelbe zu ver⸗ doppeln. Nach einiger Zeit wurde der Doktor eingeladen, bei der Familie Axenberg zu Mittag zu ſpeiſen. Bei dieſer Gelegenheit fiel das Geſpräch auf eine unlängſt ſtattgehabte Verlobung zwiſchen einem armen Mann und einem reichen Mädchen, und die Kammer⸗ räthin äußerte während des Verlaufs der Unterhaltung: „Meine Ueberzeugung iſt die, daß der Hauptmann . nur des Geldes wegen das Mädchen geheirathet hat, und ich ſehe darin eine ſo ſchlechte Handlung, daß der Menſch verdiente, unglücklich zu werden.“ „Dieſe Anſicht vermag ich nicht zu theilen“, fiel der Doktor ruhig ein. „Thuen Sie das nicht, Herr Doktor?“ fragte Frau Marianne und ſah ganz erſchrocken denſelben an. „Nein!“ war die beſtimmte Antwort. „Das wundert mich ſehr“, nahm die Kammer⸗ räthin wieder das Wort,„ich befand mich in dem gu⸗ ten Glauben, daß Sie, Herr Doktor, ebenſo wie jeder rechtſchaffene Menſch eine Heirath aus Eigennutz nicht billigen würden.“ „Freilich, wenn der Eigennutz allein das Wort führt! In dieſem Falle iſt es ebenſo verächtlich, wenn ein Weib ſich davon leiten läßt, als wenn ein Mann es thut.“ „Keineswegs“, proteſtirte die Kammerräthin;„die Stellung des Weibes im Leben iſt von der des Man⸗ nes ſo verſchieden, daß es durchaus nicht zuläſſig iſt, hier einen gleichen Maßſtab anzulegen.“ „Und deshalb meint Tante, daß man berechtigt ſein könne, ſich zu verkaufen“, fiel Gertrud ein;„ich für mein Theil glaube, daß es ebenſo verächtlich für ein Weib iſt, ſich in eine Handelswaare zu verwan⸗ deln, wie für den Mann.“ „Dem muß ich von ganzem Herzen beitreten“, er⸗ klärte Eduard lächelnd.„Was den Hauptmann F. betrifft, ſo iſt ſeine Braut zufällig ſchön und liebens⸗ würdig, und wir können daher annehmen, daß ſein Herz das Wort geführt habe.“ „Ohne alle Abſicht auf ihren Reichthum?“ fragte die Kammerräthin ironiſch. „Das will ich nicht behaupten; ich glaube, daß er niemals ſeine Gedanken, viel weniger ſein Herz an ſie gefeſſelt hätte, wenn ſie arm geweſen wäre.“ „Eine Liebe, aus bloßer Berechnung entſtanden, halte ich niemals etwas werth“, erklärte die Kammer⸗ räthin beſtimmt. 109 „Sie mag ebenſo viel werth ſein, wie die Liebe, welche von äußerer Schönheit geweckt wird“, erwiderte Eduard. Ein Ausruf des Unwillens ertönte aus dem Munde der drei Damen, allein der Doktor fuhr fort, ohne ſich dadurch erſchrecken zu laſſen: „Erlauben Sie mir, meine Damen, Ihnen meine Anſicht erklären zu dürfen. Ich ſelbſt, zum Beiſpiel, befinde mich in der Lage, mich unmöglich mit einem armen Mädchen verheirathen zu können. Ich habe meine Studien gemacht und mich dadurch in Schulden geſtürzt, und nun, da ich endlich ſoweit gekommen bin, daß ich als Arzt prakticiren kann, habe ich dennoch immer meine Schulden auf dem Halſe. Dies hindert durchaus nicht, daß ein inneres Bedürfniß in mir ent⸗ ſteht, mir ein Familienleben zu ſchaffen, und da ſuche ich mir natürlich eine Lebensbegleiterin. Nun aber geſtattet meine ökonomiſche Lage mir durchaus nicht, mich mit einem armen Mädchen zu verheirathen, und ich muß demnach ſehen, daß meine zukünftige Gattin wenigſtens ſo viel Vermögen hat, daß ich von meinen Schulden befreit werde und ſie jährlich eine kleine Summe zur Beſtreitung der Ausgaben für ihre kleinen Bedürfniſſe habe.“ „Aber, mein Gott“, brach Iſabella aus,„der Herr Doktor ſetzt aj voraus, daß das Herz ſich befehlen laſſe. Nehmen Sie den Fall an, daß Sie ein armes Mäd⸗ chen lieben, glauben Sie denn, daß es möglich wäre, ihr zu entſagen, weil ſie ohne Vermögen iſt?“ „Ja“, antwortete der Doktor und ſah ganz ruhig Iſabella an;„das wäre meine Pflicht. Das Herz muß ſich ſtets der Vernunft und dem Rechtsgefühle unterwerfen, wenn wir civiliſirte Menſchen ſein wollen. Meine Vernunft würde in ſolchem Falle, wie Fräulein erwähnte, mir ſagen, daß ich unrecht handele, wenn ich der Stimme des Herzens gehorchte, und mein Rechts⸗ begriff würde mir das Unwürdige zeigen, welches darin liegt, ein unbemitteltes Mädchen an mein Geſchick zu feſſeln, da ich ihr keine geſicherte Stellung an meiner Seite zu bieten vermag.“ „Mein Rechtsbegriff“, fiel Gertrud ein,„findet es nicht in Uebereinſtimmung mit dem Rechtsgefühl, daß der Mann das Geld der Frau nimmt und damit ſeine Schulden bezahlt. Er bringt ja etwas durch, was nicht das Seinige iſt, beraubt ſie deſſen, was ſie beſitzt und dies bleibt immer eine ungerechte Handlung, von welcher Seite wir ſie auch betrachten mögen. Die ganze Thevrie, daß man durch eine Verheirathung mit einer reichen Frau ſeine Einnahmen vermehrt, erſcheint mir ſehr tadelnswerth. Wenn ich ein Mann wäre, 114 würde ich in dieſem Falle lieber auf häusliches Glück ſo lange verzichten, bis mein Haar ergraut wäre, als daß ich eigennützige Berechnung zur Baſis der ehelichen Verbindung machen ſollte.“ „Einen Augenblick, ich bitte, bevor Sie den Stab über meine Anſichten brechen: Erſtens, weshalb ſollte der Mann ſeine Schulden nicht mit dem Gelde ſeiner Frau bezahlen, da ihr ganzes Eigenthum gemein⸗ ſam iſt?“ „Deshalb, weil das gemeinſame Recht nur auf ſeiner Seite iſt, hat er, nach der geſunden Vernunft zu urtheilen, ebenſowenig das Recht, ihr Beſitzthum zu zerſtören, wie ſie das ſeinige durchzubringen“, ſiel Gertrud lebhaft ein. „Aha! Fräulein Gertrud will in den Gatten nur ein Paar Perſonen ſehen, welche eine Geſellſchaft ge⸗ bildet haben, wo jeder ſein Theil zu beſorgen hat. Er⸗ lauben Sie in dieſem Falle, daß wir den Gegenſtand verlaſſen. Mir iſt es, gerade von der Leber geſprochen, widerlich, die Ehe, die eine innige Vereinigung zu einem gemeinſamen Zwecke, ohne alles Selbſtintereſſe der ein⸗ zelnen Ehegatten ſein ſoll, profaniren und in eine Compagnieſchaft umgewandelt zu ſehen, wo Jeder nur an ſeinen eigenen Vortheil denkt.“ „Wenn ein Weib an die Retention ihres Ver⸗ 442 mögens denkt, ſo erſcheint das nicht minder einer Bör⸗ ſenſpeculation ähnlich, wie das bloße Heirathen nach Geld, wo das Weib ſich dem Manne und der Mann ſich dem Weibe verkauft und es würde eine kaufmän⸗ niſche Berechnung ſeitens des Weibes in Betreff ihres Vermögens eben ſo ſchief zu ſtehen kommen, wie eine etwaige Bedingung des Mannes, nicht das volle Er⸗ gebniß ſeiner Arbeitskraft der Familie angedeihen laſſen zu wollen. Doch ich werde verſuchen, auf den Aus⸗ gangspunct unſerer Discuſſivn zurück zu kommen, um zu finden, in wiefern etwas Verwerfliches darin liegt, wenn der Mann wünſcht, daß die Frau Vermögen mitbringt. So weit ich zu ſehen vermag, iſt es nicht zu viel verlangt, wenn ſie ungefähr ſoviel beſitzt, um ihre eigenen Bedürfniſſe beſtreiten zu können. Ich weiß eigentlich nicht, woher die Anſchauung kommt, daß der Mann allein die Mittel für die ganze Familie beſchaf⸗ fen ſoll. Ich fordere unbedingt, daß meine Frau ſo viel Vermögen befitzt, daß durch die Zinſen des Kapi⸗ tals ihre Bedürfniſſe gedeckt werden können. Nehmen wir an, daß ſie vierzig⸗ bis fünfzigtauſend Thaler hat und daß meine Einnahme die Höhe von drei⸗ bis vier⸗ tauſend Thaler erreicht. Meine Arbeit repräſentirt alſo ein Capital von ſechszig⸗ bis ſiebzigtauſend Tha⸗ lern. Ich ſehe nicht ein, daß ich ihr etwas zu verdanken 113 habe. Sie hat mir eine Mitgift zugebracht, wodurch es mir möglich wird, unſer Geſchick zu vereinigen, und in unſeren Vermögensverhältniſſen ſind wir gleich⸗ geſtellt. Ich glaube ſogar, daß, wenn alle Frauen ihrem Gatten ein kleines Kapital zuführten, dies be⸗ deutend günſtiger auf die Harmonie des Eheſtandes ein⸗ wirken würde; und ich weiß zum Beiſpiel nicht, wes⸗ halb es für den Mann erniedrigend ſein ſoll, daß die Frau zu ihrer gemeinſamen Unabhängigkeit beiträgt, als es für die Frau iſt, Alles von ihrem Manne zu erhalten. Sie, Fräulein Gertrud, Sie würden nicht zögern, Ihre Hand einem reichen Manne zu geben, wenn er Ihr Herz gewonnen hätte; aber Sie brechen den Stab über einen armen Mann, wenn er ſo han⸗ delt, wie Sie.“ „Was mich perſönlich betrifft“, erwiderte Gertrud lebhaft,„ſo bemerke ich Ihnen, daß ich gar nicht zu heirathen beabſichtige; ich gehöre nicht zu den Frauen, welche für die Ehe geſchaffen ſind. Allein, nehmen wir an, daß ich vom Himmel anders geſchaffen wäre und ich einen reichen Freier bekäme, der mir gefiele, ſo glaube ich ſicherlich, daß ich meine Neigung opfern würde; denn ich würde mich tief gedemüthigt fühlen, Alles von ihm empfangen zu müſſen.“ „Liebes Kind, wie Du doch ſprichſt!“ remonſtrirte Schwartz, Novellen L. 8 114 Frau Marianne;„wenn Alle ſo dächten, wie der Herr Doktor und Du, dann würden ja alle armen Mädchen unverheirathet bleiben. Das wäre doch traurig für ihre Eltern und ſie ſelbſt, wenn ſie genöthigt wären, unverſorgt zu bleiben.“ „Liebe, beſte Tante, mache doch nicht die Che zu einer Verſorgungsanſtalt für die Töchter armer Leute“, entgegnete Gertrud lächelnd,„ſondern laß die mittel⸗ loſen Mädchen daran denken lernen, daß ſie, ohne ver⸗ heirathet zu ſein, ſich ernähren können, und daß ſie, wenn ſie ſich ſchließlich verheirathen, das Kapital einer lohnenden Arbeit als Mitgift mit ſich führen können.“ Des Abends, als die beiden Schweſtern allein auf ihrem Zimmer ſaßen, äußerte Iſabella: „Du hatteſt dennoch Recht, Gertrud, als Du in unſerem erſten Geſpräch über den Doktor behaupteteſt, daß er berechnend ſei; das hätte ich nicht von ihm erwartet. Ich mag ihn gar nicht mehr leiden und vermag nicht zu verſtehen, wie ich ihn liebenswürdig finden konnte.“ „Das verſtehe ich ſehr gut“, fiel Gertrud ein; „Du warſt ihm herzlich dankbar für das, was er an der armen Mama that.“ „Gewiß; aber man kann ein ſehr tüchtiger Arzt und dennoch ein ſehr unmoraliſcher Menſch ſein; ich *. — 2 * 5— — 145 behaupte, daß der Doktor das letztere iſt, obgleich ich früher annahm, daß er ein Mann in ſeiner ganzen Vollkommenheit ſei.“ „Ich glaube nicht, daß er ein unmoraliſcher Menſch iſt, ſondern gerade das Gegentheil; er iſt ein kluger Mann.“ „Liebe Gertrud, ich begreife nicht, warum Du ihn ſo lebhaft vertheidigſt“, entgegnete Iſabella,„er wird Dich ebenſowenig nehmen wie mich;„wir ſind beide arm.“ „Das weiß ich, und ich kann Dir nur verſichern, daß er mich weniger gern haben möchte, als ich ihn. Doch jetzt verlaſſen wir dies Geſpräch. Du weißt, in einer Woche, meine geliebte reiſe ich nach Stockholm zurück“ Alles Andere wich vor dieſem Gedanken an die Trennung; ſie überlegten den Vorſchlag, den Gertrud Iſabella gemacht hatte, daß ſie auf einige Wochen das Vaterhaus verlaſſen und Gertrud nach Stockholm folgen ſollte. Iſabella, die früher nichts von einem ſolchen Anerbieten hören wollte, nahm denſelben jetzt mit großer Bereitwilligkeit an. Sie beſchloſſen, dieſe Sache der Entſcheidung des Vaters zu überlaſſen, wo⸗ nach Gertrud alsdann mit der Mama ſprechen ſollte. 8* Zwölftes Kapitel. Zwei Tage darauf unternahm Gertrud ganz frühe des Morgens eine lange Promenade. Als ſie von derſelben zurückkam, fand ſie den Doktor und den Va⸗ ter auf der Veranda ſtehen. Gertrud beeilte ihre Schritte, beunruhigt bei dem Anblicke des Arztes, zu⸗ mal in der ſoungewöhnlichen Tageszeit. War ihrer Mutter etwas zugeſtoßen? Als ſie ſich näherte, grüßte ſie und fragte beunruhigt: „Iſt die Mutter unwohl?“ „Nein, ſoviel ich weiß, iſt ſie es nicht“, erwiderte der Doktor,„mein Beſuch gilt nicht ihr“ ſt Jemand anderes krank geworden?“ „Auch das nichtz ich bin hier ſo zu ſagen als Poſtbote Die alte Frau, welche für den Herrn Lieute⸗ nant die holen pflegte, war krank, als 117 ſie zu mir kam, ich ließ ſie daher bei meiner Haus⸗ hälterin, um auszuruhen und Medizin zu nehmen, und verſprach ihr, die Poſt zur rechten Zeit an Ort und Stelle abzuliefern. Das Wetter war ſchön, und ich machte dieſe kurze Morgenpromenade gern.“ Während der Doktor dieſe Erklärung ſeiner An⸗ weſenheit machte, hatte der Lieutenant die Poſttaſche geöffnet und einige Briefe daraus hervorgezogen. Unter denſelben befand ſich einer, der das Ausſehen eines gerichtlichen Schreibens hatte. Derſelbe war an Ger⸗ trud adreſſirt. „Dein Brief ſieht aus, als enthielte er Erbſchafts⸗ documente“, ſcherzte der Lieutenant und überreichte Gertrud den Brief. „Das möge Gott verhüten“, rief ſie aus, und drehte ihn zwiſchen den Fingern, gleichſam ängſtlich, die Siegel zu erbrechen. Der Doktor machte Miene, ſich zu entfernen; allein jetzt kam die Kammerräthin hinaus; er mußte ſie daher begrüßen, ihr die Urſache ſeiner Anweſenheit erklären und der werthen Frau einen Rath ertheilen, wie ſie einen unangenehmen, reizbaren Huſten los werden könne, der ſie bereits ſeit einigen Nächten geplagt habe. Während der wichtigen Unterhaltung ſtand Ger⸗ 118 trud mit dem Briefe in der Hand, ohne Miene gemacht zu haben, denſelben zu öffnen. „Woran denkſt Du, Mädchen, daß Du nicht nach⸗ ſiehſt, was das Convolut enthält?“ rief der Lieute⸗ nant, nachdem er ſeine Briefe geleſen hatte. „Lieber Papa, es iſt mir, als hielte ich eine Hiobspoſt in der Hand“, ſagte Gertrud und wog den Brief auf flacher Hand;„ich halte mich für überzeugt, daß er etwas Unangenehmes enthält; es fehlt mir der Muth, die Siegel zu brechen.“ „Mein Fräulein, ſind Sie ängſtlich?“ fragte der Doktor, ſich mit einem ſchalkhaften Blick an Gertrud wendend, die, als ſie ſeinen Augen begegnete, purpur⸗ roth wurde. Ohne ſich ferner zu bedenken, riß ſie nunmehr den umſchlag auf und entnahm aus demſelben drei Pa⸗ piere. Sie öffnete das erſte, durchflog es mit ihren Augen, und ihre rothen Wangen wurden ſchneeweiß. Das Papier entfiel ihrer Hand und ſie. ſank auf die Bank, indem ſie flüſterte:. „War es nicht ſo, wie es mir ahnte?“ Der Lieutenant, welcher an ihrer Seite ſtand, und, während ſie den Brief geleſen, ebenfalls Kennt⸗ niß von dem Inhalt genommen hatte, beugte ſich herab, um das Dokument aufzuheben; er ſagte: 449 „Biſt Du von Sinnen, liebes Kind? Das iſt ja das größte Glück, das Dir und uns widerfahren konnte; mich dünkt, wir müßten auf unſere Kniee fallen und Gott danken.“ „Für was?“ brach die Kammerräthin aus, die, indem ſie zum Bruder eilte, die Hand nach dem Doku⸗ ment ausſtreckte; allein der Lieutenant zog daſſelbe zurück und las mit lauter und deutlicher Stimme den Inhalt vor. Es war ein Schenkungsakt, worin Anna Louiſe Malmroth ihrem Stiefbruder zwanzigtauſend Thaler unter der Bedingung ſchenkte, daß er für dieſelben ei⸗ nen eigenen kleinen Hof kaufe, um auf demſelben ſein Leben zu beſchließen, ohne von zu großen Sorgen be⸗ läſtigt zu werden. Ferner ſchenkte ſie ihrer Schweſter Marianne zehntauſend Thaler, ihrer Brudertochter Iſabella vierzigtauſend Thaler, und ihrer Nichte Ger⸗ trud ihr ganzes baares Vermögen, welches die Summe von ungefähr dreimal Hundertzwanzigtauſend Thaler betrug. Ferner wurde Gertrud das Recht eingeräumt, Beſitz von Elfborg zu nehmen und daſſelbe zu ver⸗ walten, ſo wie, nachdem die jährlichen Leibrenten für ihre alten Diener von den Erträgniſſen deſſelben aus⸗ gezahlt worden, den Reſt nach ihrem Ermeſſen zu ver⸗ wenden; doch daran war die Bedingung geknüpft, daß 120 der Inſpector Qviſt fortfahren ſollte, die Oberaufſicht über das Eigenthum zu führen. Gertrud hatte nicht das Recht des Beſitzes, ſondern nur das Gebrauchs⸗ recht. Verkaufen und Gelder auf Elfborg aufzunehmen, war ihr nicht geſtattet. So lautete dieſes höchſt eigenthümliche Aktenſtück, durch das eine noch lebende Perſon ſich ſo gut wie ihres ganzen Vermögens begab. Die Kammerräthin war faſt einer Ohnmacht nahe, ſo angenehm wurde ſie von dem Inhalt überraſcht. Der Lieutenant lief jubelnd ins Haus, um Blida und Iſabella das glückliche Ereigniß mitzutheilen, das ſo urplötzlich auf ſie herabgefallen war; allein der Doktor hielt ihn zurück, indem er ſagte: „Seien Sie vorſichtig bei der Mittheilung dieſer Neuigkeit an Frau Axenberg, jede heftige Gemüthsbe⸗ wegung iſt ſchädlich für ſie!“ Darauf wandte er ſich an Gertrud, welche noch immer unbeweglich und ſtumm auf der Bank ſaß. „Mein Fräulein, ich beglückwünſche Sie von Her⸗ zen!“ Gertrud erhob ſich und blickte ihn faſt mit einem Ausdruck der Empörung an, worauf ſie geſenkten Hauptes erwiderte:„Ich danke Ihnen, Herr Doktor!“ Mit dieſen Worten verließ ſie ihn, ging in das 12¹ Haus und eilte in ihr und Iſabella's Zimmer, wo ſie ſich einſchloß. Hier in der Einſamkeit machte ſie ſich mit den andern beiden Papieren bekannt. Das eine war ein kurzer Geſchäftsbrief vom Hardeshöfding Tilberg, der Gertrud davon benachrichtigte, daß er von Frau Malm⸗ roth zu ihrem Vormunde und zum Verwalter ihres Vermögens eingeſetzt worden ſei, bis Gertrud das Alter der Mündigkeit erreicht habe. Er erſuchte ſie gleich⸗ zeitig, recht bald nach Elfborg zu kommen, damit er Gelegenheit habe, ſich mündlich mit ihr über die De⸗ tails zu beſprechen. Das andere Schreiben war von der Tante Louiſe ſelbſt, und lautete wie folgt: „Meine Brudertochter! Wenn ich jetzt, im vollen Beſitz meiner Geſund⸗ heit und Körperkraft, mich von einem großen Theile meines Reichthums trenne, ſo geſchieht das nicht aus Uebereilung, Laune, oder einem excentriſchen Einfall, ſondern nach reiflicher Ueberlegung. Die Urſache, wes⸗ halb ich dieſes thue, iſt, daß die Krankheit meiner Seele ein Uebel iſt, welches der Reichthum hervorge⸗ rufen hat; dieſelbe würde ſich mit jedem Tage ver⸗ ſchlimmern, wenn ich im Genuß deſſelben verbliebe, da der Glaube an die Menſchheit mir geraubt iſt. Ich 122 wurde betrogen, als ich am innigſten liebte, und mein Inneres wurde erbittert. Später ſind lange und viele Jahre verfloſſen; ich habe während dieſer Zeit Nie⸗ mandem getraut, Alle verdächtigt und habe ſtets und überall nur Eigennutz und Berechnung geſehen. Ich wurde hartherzig, ich wurde ungerecht, und meine Ge⸗ danken waren ſtets bitter. Ich ſahe Niemand, nicht einmal diejenigen, auf deren Hingebung ich mich hätte verlaſſen müſſen. Ich floh Gottes Haus, weil ich weder an ihn glauben, noch auf ihn hoffen wollte. Ich wurde geizig, nicht aus Liebe zum Gelde, ſondern aus Unwillen gegen meine Nächſten, welche ich für ſo nichtswürdig hielt, daß ich Alles, was ſie mir aus Wohlwollen erwieſen, als eine Heuchelei, hinter wel⸗ cher ſich eine verächtliche Sucht nach meinem Gelde verſteckte, zu betrachten mich gewöhnte. Mein Gemüth wurde auf dieſe Weiſe ſo verhärtet, daß ich dieſes Geld für Niemand Frucht und Segen bringend wiſſen wollte, weil es mir ſtets ein Fluch geweſen war. Geſchwiſter, Verwandte und Freunde, Alle waren ſie für mich eigennützige Feinde, die ich haßte. Mein Stiefbruder, Dein hatte ſich in der Hoffnung verheirathet, Vermög n zu erhalten; er war in ſeiner Erwartung betrogen worden; das freute mich. Marianne hatte ja auch eine gute Partie gemacht, und . 123 ich war überzeugt, daß auch ſie von Eigennutz getrieben wurde, beſonders, als ſie mich nie mit ihren Briefen in Ruhe ließ, in denen ſie mich unabläſſig aufforderte, unſerem Bruder zu helfen. Weshalb ſollte ich ihm helfen, welcher durch ſeinen Eigennutz in Armuth ge⸗ rathen war? Nein, er mußte ſeine Strafe dafür er⸗ leiden! So vergingen Jahre auf Jahre. Eines Tages hörte ich zufälliger Weiſe ein Geſpräch zwiſchen Qviſt und unſerem Geiſtlichen. Letzterer war in den Nach⸗ bargemeinden geweſen und hatte bei dieſer Gelegenheit erfahren, daß Dein Vater ſich in ſo großer Armuth befände, daß er faſt ſeine ſämmtlichen Möbel z2. habe verkaufen müſſen. Er ſprach auch darüber, wie ſchade es ſei, daß die jüngſte Tochter meines Bruders, ein wißbegieriges, energiſches Mädchen, des Unterrichts entbehren müſſe. Der Geiſtliche wollte, daß Oviſt zu Andreas' Gunſten mit mir ſprechen ſollte, was der⸗ ſelbe jedoch ablehnte. Ich hatte, von den Sprechenden unbemerkt, gelauſcht und kehrte in mein Zimmer zu⸗ rück, um, wiewohl mit Bitterkeit im Herzen, darüber zu reflektiren, wie doch Alle es auf mein Geld abge⸗ ſehen hätten. Deſſen ungeachtet trat während der Stille der Nacht die Noth meines Bruders unaufhör⸗ lich vor meine Seele, und als der Morgen graute, 124 beſchloß ich, Dich auf irgend eine Weiſe nach Elfborg zu bringen. Ich wollte Dich kennen lernen; allein ich wünſchte Dich unter ſolchen Verhältniſſen zu ſehen, die Deinen Eigennutz erwecken mußten. Deshalb ſchob ich die Abſicht vor, eine Pflegetochter und Erbin unter den vier Mädchen zu ſuchen, welche ich eingeladen hatte. Ich entſinne mich jetzt nicht mehr, ob Du mir gefielſt; allein ich gewahrte nur zu bald, daß es mir unmöglich ſei, in Deinen Handlungen wie überhaupt in Deinem ganzen Betragen auch nur einen Schimmer eigennütziger Berechnung zu entdecken. Dennoch be⸗ zweifle ich, daß dies ſo entſchieden auf mich gewirkt haben würde, wie es nunmehr geſchehen iſt, wenn nicht die arme lahme Eva eines Tages mit ihrem Pſalmen⸗ geſange gleichſam meine Seele aus dem ſündhaften Schlafe, worin dieſelbe verſunken war, geweckt hätte. Ich vermochte nicht die Worte ihres Geſanges aus meiner Erinnerung zu verlieren; in meinem Innern ertönten Stimmen, denen ich während ſo mancher Jahre nicht gelauſcht, und es gelang mir nicht, ſie zum Schweigen zu bringen. Dieſe Stimmen mahnten mich, mein geiſtiges Wohl nicht für immer zu verſcherzen, und dennoch fühlte ich ſehr wohl, daß es mir, von meinem Reichthum umgeben, niemals gelingen würde, die Ruhe meiner Seele zu finden. Ich verließ meine 125 ſtolze Burg und ging in die Velt hinaus als ein ar⸗ mes, unbekanntes Weib, um zu verſuchen, ob Arbeit für mein Brod mich dahin führen könnte. Ich wollte dadurch Erfahrung ſammeln, wie die Menſchheit wirk⸗ lich iſt, wenn man ſie in der Nähe und von einem unbemittelten und abhängigen Standpunkte aus be⸗ trachtet. Ich mußte meine Kraft im Kampfe ums Leben prüfen, bevor ich mich entſchließen konnte, mich für immer meiner Beſitzthümer zu entäußern; ich wollte mich überzeugen, ob ich in der Schule des Lebens, die ich freiwillig aufgeſucht, beſſer werden könne, be⸗ vor ich dem Reichthume entſagte, der mir keinen Segen gebracht hatte Jetzt ſind drei Probejahre verfloſſen und nunmehr gebe ich Dir und den Deinen Alles, was ich beſitze, jedoch ohne das Recht, meiner Väter Beſitzung zerſtören oder verkaufen zu dürfen. Weshalb gebe ich denn gerade Dir dieſen Reich⸗ thum? Erſtens deshalb, weil zwiſchen Dir und mir eine Aehnlichkeit des Characters beſteht, und zweitens will ich ſehen, wie gerade Du, die Du das Geld verachteſt, das Glück des Reichthums tragen wirſt. Wird daſſelbe auch Dein Inneres veröden und erkalten, oder wird es wie erfriſchender Thau Dein jugendliches Herz ver⸗ 126 edeln, um aus demſelben eine Quelle des Segens für Dich und Andere zu machen? Mache einen würdigen Gebrauch von demſelben, dann habe ich für mein Beſitzthum den Glauben an das Gute in der menſchlichen Natur wieder erkauft, und ich habe mir einen Schatz erworben, der bei wei⸗ tem mehr werth iſt, als alle, deren ich mich jetzt ent⸗ äußere. Sollte aber das Geld auch Deine Seele ver⸗ giften, Dich geizig und mißtrauiſch machen gegen Jeder⸗ mann, dann werde ich darin eine Entſchuldigung für meine eigenen Fehler ſehen; ich werde die Ueberzeugung gewinnen, daß ich nicht ſchlechter bin als Andere, und daß ich, wie ſie Vergebung zu erlangen hoffen darf. Verheiratheſt Du Dich, und läſſeſt Du einen Mann, den Du liebſt, dieſes Geld vergeuden, dann werde ich in Deinem Geſchick das meinige wiederſehen und abwarten, wie Du die Entdeckung, ein Opfer für den Eigennutz eines Mannes geworden zu ſein, tragen wirſt. Wenn das Unglück auch Deine Seele erbittern wird, werde ich zu Dir kommen und Dich lehren, die Prüfung zu ertragen. Vergeudeſt Du dieſe Schätze für Vergnügungen und Thorheiten, dann werde ich Dich beklagen, und unter allen Umſtänden werde ich erfahren, ob ich ein ſchlechteres Geſchöpf war als Du, oder umgekehrt. 127 Wenn ich ſoviel gelernt haben werde, daß die Liebe zu Gott und dem Nächſten meinen Sinn gedemüthigt und mein Herz erwärmt haben wird, erſt dann werde ich nach Elfborg zurückkehren, um dort zu ſterben. Lebe wohl, und denke zuweilen an Deine Tante Anna Louiſe Malmroth.“ Nach dem Leſen dieſes langen Briefes ſaß Gertrud unbeweglich mit dem Briefe in der Hand. So verblieb ſie mehrere Stunden und erſt gegen Mittag ging ſie zu den Ihrigen hinab. Am folgenden Tage reiſte Gertrud, der Lieutenant und die Kammerräthin nach dem fünf Meilen entfern⸗ ten Elfborg. Des Nachts, nachdem Iſabella wohl eben eingeſchlafen ſein mochte, wurde ſie von dem Rufe ge⸗ weckt: „Fräulein, Fräulein, Feuer! Feuer! Die ganze Küche ſteht in hellen Flammen!“ Iſabella fuhr erſchrocken empor und eilte zu ihrer Mutter. Mit Hülfe der Frau Ringberg und der Die⸗ nerin wurde die lahme Frau Blida hinaus getragen. Indeſſen war der Gefahr bald Einhalt gethan; der ſchnellen Entſchloſſenheit einiger Knechte gelang es, das Feuer zu dämpfen, bevor es die Grenze der Küche überſchritten hatte Frau Blida war indeſſen ſo alterirt worden, daß ſie in Krämpfe verfiel, und nachdem man 128 ſie wieder ins Haus zurückgetragen, lag ſie ohne Be⸗ wußtſein. Ein Bote wurde ſofort zum Arzte geſchickt; er kam. Seine Stirn verfinſterte ſich, als er einen prü⸗ fenden Blick auf die Kranke geworfen, und er flüſterte Frau Ringberg zu: „Schicken Sie ſofort einen Eilboten zu dem Lieute⸗ nant und ſeiner Tochter; ſie lebt wahrſcheinlich nicht über morgen hinaus.“ Er ſprach nur zu wahr. Sie lebte nicht länger, als bis die Sonne wieder ihre Scheibe über die Erde erhob. Als der Lieutenant und Gertrud ankamen, war Frau Blida bereits ſeit mehreren Stunden eine Leiche. Es waren erſt zwei Tage verfloſſen, ſeitdem Ger⸗ trud als armes Mädchen zu Reichthum gelangt war, und ſchon wurde ſie vom erſten Kummer heimgeſucht. Der Tod der Mutter war Gertrud tief zu Herzen gegangen; denn obgleich Erſtere ihr jüngſtes Kind ſtets von ſich geſtoßen hatte, war ſie ihr dennoch ſtets mit Liebe zugethan geweſen. Die arme Blida hatte Ger⸗ trud als die Urſache ihrer Leiden, denen ſie viele Jahre hindurch unterworfen geweſen war, angeſehen, und die Tochter, die ſich ſelbſt als die unſchuldige Veran⸗ laſſung dazu anklagte, hatte bereits von ihren Kinder⸗ 129 jahren an nur davon geträumt, eines Tages die Mut⸗ ter durch ihre Thatkraft verſöhnen zu können. Jetzt, wo ſie reich geworden war, wo ſie alle Wünſche der armen Mutter, wie ungereimt ſie auch ſein mochten, befriedigen konnte, jetzt trat der Tod zwiſchen ſie und beraubte ſie des höchſten Genuſſes, den ihr Reichthum ihr hätte ſchenken können. Gertrud bebte vor der Zukunft. Der Mutter Tod hatte auch Iſabella's Gemüth tief ergriffen und auf ihre ſchwache Körperconſtitutivn nachtheilig eingewirkt. Der Doktor rieth ihr, ſich ſo⸗ bald wie möglich zur Badekur nach Ems zu begeben und alsdann, um ſich zu zerſtreuen, eine Reiſe nach Italien anzutreten. Sobald die erſte Trauerzeit vorüber war, begab ſich auch die Kammerräthin und Iſabella auf die an⸗ empfohlene Reiſe. Gertrud ging nach Elfborg zurück, und der Lieutenant verblieb auf Lugnet. Er hatte die Abſicht, dieſes kleine Gut zu kaufen und den Reſt ſei⸗ nes Lebens in einer für ihn paſſenden Wirkſamkeit dort zuzubringen. Schwartz, Novellen. I. Dreizehntes Kapitel. Zwei Jahre ſind wiederum verfloſſen; der kleine Landſitz Lugnet war reſtaurirt und in ein bezauberndes kleines Heim umgeſchaffen worden. Der Lieutenant Axenberg verlebte mit ſeiner Tochter Iſabella und Frau Ringberg, als Haushälterin, vielleicht ſeit ſeiner Jugend erſt jetzt wieder ruhige und friedvolle Tage. Iſabella verbrachte ſtets einige Zeit des Jahres beim Vater zu, aber während des Sommers beſuchte ſie und Tante Marianne Ems, wogegen ſie im Winter ein Paar Monate bei der letzteren in der Hauptſtadt verweilte. Auch bei Gertrud auf Elfborg pflegte der Vater mit ſeiner jüngſten Tochter ſich einige Monate des Jahres aufzuhalten. Weihnachten feierte man ſtets gemeinſam im Elternhauſe. g Der Lenz war wiedergekehrt, und große Zurü⸗ 13⁴ ſtungen hatte man auf Lugnet vor. Es wurde dort von früh bis ſpät genäht, man wuſch, man backte, man brauete und ſchlachtete. Die Kammerräthin führte den Oberbefehl über die Nätherinnen, und Gertrud reiſte unaufhörlich zwiſchen Elfborg und Lugnet hin und her. Was mochte denn dieſe Eile und Unruhe zu be⸗ deuten haben? Nun, es ſollte Hochzeit gefeiert werden, und Iſabella war die Braut. Seit einem halben Jahre war ſie mit einem Manne verlobt, den ſie faſt bis zur Abgötterei liebte, und jetzt näherte ſich der erſehnte Tag, an dem ſie die Seine werden ſollte. Aber wer war denn der Glückliche, dem ſie ihr Herz geſchenkt?“ Ein Mann, den ſie in Ems kennen gelernt hatte, und der in ſeiner Perſönlichkeit alle diejenigen Eigen⸗ ſchaften vereinigte, welche ein junges, ſchwärmeriſches Mädchen bei ſeinem Ideal wiederzufinden wünſcht. Das Aeußere dieſes Mannes war ſtattlich, ſchön und männlich und nahm beim erſten Zuſammentreffen Jedermann für ſich ein. Der angenehme Eindruck war um ſo gewinnender, jemehr man mit ihm bekannt wurde. Nur ſelten durfte man einen ſo angenehmen Geſell⸗ ſchafter finden. 9* 182 Witzig, heiter, artig, aufmerkſam und ritterlich in ſeinem Weſen, war er ein für alle Mal der Günſtling der Damen. Freilich konnte man wohl ſehen, daß er ſich nicht mehr im erſten Sommer des Lebens befand, ſon⸗ dern das reifere Alter bereits erreicht hatte. Allein, was thut das? Die Liebenswürdigkeit iſt ewig jung! Er war allerdings ſchon einmal verheirathet ge⸗ weſen, jetzt aber zur größten Freude der unverheirathe⸗ ten Damen Wittwer und das Ziel ihrer bezaubernden Eroberungsſucht. Die ſchönen und reichen, die häß⸗ lichen und armen Mädchen und Wittwen, Alte und Junge, beſtrebten ſich, ihn in ihre Netze zu fangen. Da, zu Aller Kummer, war Iſabella glücklich genug, ſein Herz zu gewinnen und alle Hoffnungen auf ſeinen Beſitz für die Andern zu vernichten. Als ſie nach einem Aufenthalt von drei Monaten in Ems, zwei Sommer nach der Mutter Tode, den Badeort verlaſſen, hatte der liebenswürdige Mann ihre Hand begehrt und ihr Gelöbniß erhalten. Im September traf das Ideal auf. Lugnet ein, wo man dann die Verlobung feierte. Die Verlobungskarten ſchickte man an alle Be⸗ kannten in Stockholm und auf dem Lande, und es wird als zuverläſſig behauptet, daß Ohnmachten und Migräne vorgekommen ſind, als die Karten eintrafen. 133 Kurz und gut, Iſabella Axenberg war mit dem Pro⸗ tocollſecretär Auguſt Hartling, dem älteren und einzigen Bruder des Doktor Eduard Hartling verlobt. Der Hochzeitstag war auf den zweiundzwanzigſten Juni, dem zweiundzwanzigſten Geburtstage der Braut, feſtgeſetzt. Der Altersunterſchied zwiſchen den beiden Lieben⸗ den betrug zwar zwanzig Jahre, allein dies beunruhigte weder die glückliche Braut, noch viel weniger den von den Damen verzogenen Bräutigam. Der große Tag war endlich erſchienen; die S verſammelten ſich. Die Braut ſah aus wie ein Kind von ſechezehn Jahren; der Bräutigam imponirte in ſeiner Uniform. Die Brautjungfern waren blühende Mädchen, und die Marſchälle, mit Ausnahme des Bruders des Bräuti⸗ gams, waren froh und heiter. Die Trauung war vorüber; der Tanz begann. Freude und Fröhlichkeit ſtrahlte von allen Ge⸗ ſichtern, nur auf Eduard's Antlitz vermißte man die⸗ ſelbe. Er tanzte nicht, hielt auch keine Feſtrede, ſon⸗ dern ſah aus wie eine Gewitterwolke an einem ſchbnen Junitage. Der Zufall fügte es ſo, daß Gertrud und der Doktor während einer Pauſe im Tanze ſich allein auf 134 der Veranda befanden. Der herrliche Mondſchein warf über den Hof und die Landſchaft einen klaren und glänzenden Silberſchein und beſtreute die ſpiegelglatte Waſſerfläche der vorüberfließenden Elf mit ſeinem trau⸗ lichen Lichte. Die Luft war heiter, und es ruhte über der ganzen Gegend ein ſolches Gepräge von Pveſie, daß die Heiterkeit im Saale, das Gelächter und Ge⸗ plauder, mit dieſer Naturſcene ziemlich grell contra⸗ ſtirend, einem tieferen Gemüthe unter Umſtänden Störung verurſachen konnte. Nicht ein Wort war zwiſchen Eduard und Ger⸗ trud bis jetzt während des ganzen Abends gewechſelt worden, und dennoch war es das erſte Mal, wo ſie nach Verlauf eines Jahres wieder zuſammentrafen. Eduard war ins Ausland verreiſt geweſen und erſt kürzlich wieder heimgekehrt. Jetzt ſtanden ſie neben einander und mehrere Minuten vergingen, bevor einer von ihnen das Schwei⸗ gen unterbrach. Endlich that es Eduard, indem er fragte: „Fräulein Gertrud, ſind Sie zufrieden mit der Wahl, die Iſabella getroffen?“ „Ich hoffe, es zu werden.“ „Aber Sie würden ſicherlich nicht dieſe Hoffnungen hegen, im Fall ich der Bräutigam geweſen wäre.“ „ 135 „Kaum!“ „Und die Urſache?“ Gertrud hatte den Blick auf die herrliche Land⸗ ſchaft gerichtet, aber ſie wandte ſich jetzt an Eduard, indem ſie ſagte: „Wie kommen Sie, Herr Doktor Cduard Hartling, dazu, dieſe Frage an mich zu richten?“ „Daß ich es kann, das habe ich bereits bewieſen; haben Sie daher die Güte, dieſelbe zu beantworten.“ „Als ich vor drei Jahren hierher kam, ſchenkten Sie Iſabella eine ſo innige Huldigung, daß——“ „— Sie, Fräulein Gertrud, ſich veranlaßt fühlten dazwiſchen zu treten.“ „Sehr wahr, allein acht Monate darauf begehrten Sie meine Hand.“ „Nun, was dann? Sie verboten mir, Ihre Schweſter zu bewundern, die ich, wie ich ſehr wohl fühlte, nicht lieben konnte. Allein während der Zeit lernte ich Sie kennen, und Sie nahmen mein ſonſt nicht ſo leicht entzündbares Herz für ſich ein, Sie, die Sie mich von einem unbedachtſamen Schritte zurück⸗ gehalten hatten.“ Ein herbes Lächeln wurde auf Gertrud's S ſichtbar, und ſie erwiderte ſehr kalt: „Ich wiederum, könnte und durfte ich Vertrauen 136 zu einem Manne faſſen, der ſich zum Spielball ſeiner Launen machen läßt? Ich würde ſtets Bedenken ge⸗ tragen haben, das Glück meiner Schweſter ſolchen un⸗ ſicheren Händen anzuvertrauen. Außerdem habe ich noch eine andere Urſache zu meinem Mißtrauen.“ „Ich glaube, dieſelbe zu kennen“ fiel Eduard leb⸗ haft ein;„Sie halten mich für einen Mann, der in den Beſitz von Reichthum zu gelangen ſucht.“ Gertrud beugte bejahend das Haupt. „Ich wage, Ihnen die Verſicherung zu geben, daß Sie mir darin Unrecht thun. Ich muß geſtehen, daß ich mir ſelber nicht Rechenſchaft zu geben vermochte, in meiner damaligen ökonomiſchen Stellung Ihre Hand zu begehren; eine ganze Reihe von Jahren hätte ver⸗ gehen können, bevor Sie die Meine geworden wären. Aber ebenſo wahr iſt es, daß ich von der erſten Stunde an, wo ich Sie kennen lernte, mich mit einer ernſten Neigung an Sie gefeſſelt fühlte und daß von jener Stunde an der Gedanke in meiner Seele Raum ge⸗ wann: Kein anderes Mädchen, gleichviel, ob reich oder arm, könne je meiner Liebe würdig ſein.“ Gertrud antwortete wiederum mit Stillſchweigen. „Sie ſchweigen, Gertrud; Sie hegen alſo ein un⸗ überwindliches Mißtrauen gegen mich.“ 137 „Das thue ich in der That“, antwortete ſie mit feſter Stimme. „Wenn ich nur wüßte, wie ich die Hinderniſſe beſeitigen könnte, die Ihnen den offenen Blick in die innerſten Falten meines Herzens bis jetzt nicht geſtat⸗ teten, um Ihnen das Vertrauen einzuflößen, deſſen Sie mich nicht für würdig halten!“ „Es wäre dies unnütz“, erwiderte Gertrud,„zwi⸗ ſchen mir und Ihnen dürfte kaum ein Vertrauen em⸗ porblühen; mein Mißtrauen entſpringt aus einer mir unbewußten Gefühlsanſchauung, der ich bereits ſeit unſerem erſten Zuſammentreffen ergeben war. Dieſer Inſtinkt, möchte ich es nennen, wird mich nie ver⸗ laſſen, und ſelbſt, wenn ich mich davon zu befreien vermöchte, ſo würde ich es nicht wollen.“ „Und dennoch werde ich dieſes Mißtrauen zu be⸗ ſeitigen wiſſen“, fiel Eduard ein.„Hören Sie, Fräu⸗ lein, und bewahren Sie meine Worte feſt in Ihrem Innerſten: Als ich Sie zum erſten Male ſah, war es mir ſofort klar, daß, obwohl ich der Schönheit Ihrer Schweſter eine gewiſſe Bewunderung zollte, ſie dennoch meinem Herzen ſtets fern bleiben würde, wäh⸗ rend Sie mir gleich als Diejenige erſchienen, die meine Ruhe auf immer in Gefahr bringen würde. Glauben Sie mir ſicher, wir beide ſind für einander beſtimmt, 138 und der Tag wird kommen, wo Sie Ihre Hand in die meine legen und ſagen werden:„Dein für's ganze Leben!“ „Niemals!“ erklärte Gertrud und verließ die Veranda. Eduard lehnte ſich gegen einen der Pfeiler der⸗ ſelben und überließ ſich ſeinen eigenen Gedanken. „Der Streit wird härter als ich gedacht hätte; allein der Sieg muß mir zufallen, oder ich verliere die Achtung vor mir ſelber!“ „Amen!“ flüſterte eine Stimme ganz nahe bei ihm. Der Doktor ſchaute ein wenig betroffen um ſich her; aber die Veranda war leer und vor derſelben gewahrte er nur einige Diener. Er warf den Kopf zurück, fuhr mit der Hand über die Stirn und trat wieder in den Saal. 2 Vierzehntes Kapitel. Ein paar Tage nach der Hochzeit unternahmen die Neuvermählten eine Reiſe nach dem Auslande, um den Wonnemonat frei von aller Zudringlichkeit und von allen Geſchäften zu verleben, da Auguſt nach dem⸗ ſelben wieder in ſeine Amtsthätigkeit eintreten mußte. Der Doktor hatte Lugnet ſchon in der Nacht nach dem feierlichen Tage verlaſſen. Wie ſich die Neuvermählten in ihrem nunmehrigen Stande befanden, darüber blieb Gertrud in vollſtän⸗ diger Ungewißheit; denn die einzige Nachricht, die ſie von ihnen hatte, beſtand in zwei Telegrammen, welche mittheilten, daß ſie ſich wohl befänden und eine Tour durch die Schweiz zu machen beabſichtigten. Gertrud verwunderte ſich nicht darüber, denn ſie hatte während der Zeit der Verlobung ihrer Schweſter zu ihrem Leid⸗ 140 weſen erfahren müſſen, daß alle Verliebten Egviſten ſind. Auf Elfborg wurden großartige Reformen und Reparaturen vorgenommen; auf Koſten Gertrud's ſoll⸗ ten zwei neue Schulen errichtet werden, deren Inſaſſen zu ihrem Unterhalte durch eigenen Erwerb, je nach ihren Kräften, beiſteuern würden, und zu einem wohl⸗ geordneten Waiſenhauſe, welches zugleich für ſchlecht erzogene Kinder beſtimmt war, lagen die Entwürfe be⸗ reits vor. Dieſe ſtete Wirkſamkeit, welche Gertrud's Unter⸗ nehmungen erforderten, nahmen ihre Zeit dermaßen in Anſpruch, daß ihr nicht Zeit blieb, ſich über die Ver⸗ nachläſſigung ſeitens ihrer geliebten Schweſter zu grä⸗ men. Sie arbeitete von früh bis ſpät, um durch ihren Reichthum ſo viel wie möglich zu nützen, und ihr Herz von dem unerquicklichen und vorwurfsvollen Gefühle fern zu halten, womit die Glücksgüter dieſer Welt ſo oft die Menſchenbruſt entweihen und veröden. Wenn der Vater, die Kammerräthin oder ſonſt Jemand die Andeutung machte, Gertrud möge ſich ver⸗ heirathen, dann pflegte ſie zu antworten:. „Ich habe nie Sympathie für den Eheſtand ge⸗ hegt, und ſeitdem ich reich geworden bin, habe ich eine entſchiedene Abneigung dagegen. Ich gedenke, unver⸗ 141 heirathet zu bleiben und zu ſterben; ich will der Welt durch mein Wirken und Schaffen nützen und darin mein Glück und meinen Frieden ſuchen.“ „O“, antwortete dann immer die Tante Marianne, „Deine Zeit kommt auch wohl noch, wo Du Dir nicht ſelbſt genug ſein wirſt, wo Dich das Gefühl, allein zu ſtehen, ohne Familie, ohne für Jemand zu wirken, heimſuchen wird, und dann——“ „Nein, Tante“, erwiderte Gertrud dann lächelnd, „die Zeit wird niemals kommen. Das Gefühl der Einſamkeit dürfte mich nicht beläſtigen; ich beſitze ja meinen Vater, Iſabella und Dich, liebe Tante. Ich fürchte, daß Arbeit, Studien und Wirkſamkeit meine beſten Begleiter im Leben und auch mein Glück ſind; möge dann jede Prüfung, welcher Art ſie auch ſei, über mich kommen, ich ſehe ihr getroſten Muthes ent⸗ gegen.“— Als das junge Chepaar von der Reiſe heimgekehrt war, ſchlug es ſeinen Wohnſitz in der Hauptſtadt auf, und die Kammerräthin hattt nun endlich die Freude, eine ihrer Brudertöchter in der Geſellſchaft auftreten zu ſehen, zu der ſie ſelbſt gehörte. Iſabella wurde bald eine gefeierte Dame, und ſie entwickelte ſich bei ihren natürlichen Anlagen auch in kurzer Zeit zu einer liebenswürdigen und einnehmenden Frau, befriedigt 142 von Huldigungen, die ihrem Manne ſchmeichelten und ſie ſtolz machten. Ob Iſabella ſchon im Anfange ihrer Che gefunden hat, daß die Feſſeln derſelben nicht aus Roſen ge⸗ flochten und daß die Erwiderungen ihrer abgöttiſchen Liebe weder echt noch dauernd waren, wiſſen wir nicht; vor der Welt zeigte ſie jedoch ein blaſſes, lei⸗ dendes Geſicht. Tante Marianne meinte, ſie hätte doch etwas froher ausſehen müſſen; allein Iſabella ge⸗ hörte nicht zu den Frauen, die ſtets frohen Muthes zu ſein vermögen. Ferner meinte die Kammerräthin, daß der Herr Ehegemahl auf einem Fuße lebe, der wenig mit ſeinen Einkünften harmonire; allein, ſie hütete ſich wohl, dem Liebenswürdigſten unter den Männern, den Alle bis zu den Wolken zu erheben ſchienen, einen Vorwurf zu machen. Als der Winter vorüber und der Lenz wieder in die Herzen eingezogen war, lud Gertrud die Schweſter und den Schwager zu einem Beſuche nach Elfborg ein; aber ſie kamen erſt, nachdem die Kammerräthin Gertrud mehrfach dazu aufgefordert hatte, eine Ein⸗ ladung an Schweſter und Schwager ergehen zu laſſen. Wie Tante Marianne zu dieſer Aufforderung ge⸗ kommen war, iſt ſchwer zu enträthſeln, da bereits be⸗ ſchloſſen war, daß Iſabella auch in dieſem Jahre Ems — 143 beſuchen ſollte. Sicher iſt, daß ſie dieſe Eingebung erſt bekam, nachdem ſie mit Auguſt eine Partie Schach geſpielt hatte. Gertrud antwortete, daß es ihr ſehr große Freude machen würde, Iſabella zu ſehen, obgleich ſie genöthigt ſein werde, den Vater in ein Bad an der Nordſeeküſte zu begleiten. Derſelbe ſei ſehr ſchwach, und die Aerzte hätten ihm eine Kur angerathen. Sie ſandte beſon⸗ dere Einladungsſchreiben an die Schweſter und den Schwager und erſuchte ſie, während ihrer Abweſenheit ihre Stelle als Wirthin zu vertreten und ſie ſpäter, wenn ſie zurückgekehrt ſein werde, mit ihrer Geſellſchaft zu erfreuen. Auf der Durchreiſe nach Lyſekiel, dem faſhionablen Seebade Schwedens, blieb der Lieutenant mit Ger⸗ trud einige Tage bei dem jungen Ehepaare. Der Herr Secretair zeigte ſich als ein artiger und zuvorkommen⸗ der Wirth, was indeß Gertrud mit Iſabella's Bläſſe nicht zu verſöhnen vermochte. Es waren erſt zehn Monate verfloſſen, ſeitdem ſie verheirathet waren, und dennoch zeigte ſich ſchon eine auffallende Veränderung in Auguſt's ganzem Benehmen. Gewiß war er freundlich gegen ſeine blaſſe Frau; allein dieſe Freundlichkeit war kalt und gemeſſen, und ihre Bemühungen, ihrem Vater und ihrer Sſe 144 gegenüber ein heiteres Geſicht zu zeigen, bewieſen, daß es in ihrem Innern anders ausſah. Am Tage zuvor, wo der Lieutenant und Gertrud abzureiſen beabſichtigten, erſuchte Auguſt die Schwä⸗ gerin, ihm eine Unterredung unter vier Augen zu be⸗ willigen. „Liebe Gertrud, Du findeſt gewiß Iſabella ſchwach“, begann er;„doch darüber darfſt Du Dich nicht wun⸗ dern. Ich habe durch meinen Bruder Eduard ſo viele Unannehmlichkeiten gehabt, daß dieſelben auch auf ſie gewirkt haben, und Du weißt, ſie vermag nicht viel Unruhe zu ertragen. Meine Lage iſt überdies eine ſehr traurige; ich bin gezwungen, um meine und ihre Ehre zu retten, eine Summe von zwanzigtauſend Thalern zu bezahlen und noch bis zu dieſer Stunde weiß ich nicht, auf welche Weiſe dies geſchehen ſoll, ungeachtet bis zum Zahlungstermin mir nur ein Auf⸗ ſchub weniger Tage bewilligt iſt. Dieſe und andere Unannehmlichkeiten, welche mein Bruder mir durch ſeinen Leichtſinn auf meine Schultern gewälzt hat, hat natürlich heftige Auftritte zwiſchen ihm und mir her⸗ vorgerufen, und ſie haben ſichtbar auf das Gemüth meiner kleinen zarten Blume eingewirkt. Ich ſehe mich daher genöthigt, liebe Gertrud, Dich zu fragen, ob Du mir auf einige Monate, bis wohin es mir 145 möglich ſein wird, das Geld herbeizuſchaffen, dieſe zwanzigtauſend Thaler leihen willſt?“ Gertrud betrachtete den Schwager mit forſchenden Blicken. Zum erſten Male ſeit ſie reich geworden war, erwachte ein unangenehmer Verdacht in ihr. Sie fühlte die Bitterkeit dieſes Verdachtes und wurde um ſo miß⸗ trauiſcher. Allein die Ruhe und der offene Blick des Schwagers machten ihren Blick ſenken, und ſie dachte: „Sei auf Deiner Hut, Gertrud, damit Du nicht in dieſelben Fehler verfällſt, welche Tante Louiſens Gemüth verbitterten.“ Nach einer kurzen Pauſe äußerte ſie laut: „Ich werde Dir die verlangte Summe gegen einen von Dir auf Inhaber ausgeſtellten Revers vor⸗ ſchießen.“ Auguſt wechſelte die Farbe und mit einem iro⸗ niſchen Lächeln erwiderte er: „Geſchieht das, um die Forderung leichter ein⸗ treiben zu können, im Falle ich nicht im Stande wäre, das Geld am beſtimmten Tage zurückzuzahlen?“ „Das iſt es nicht; allein ich wünſche nicht im Beſitz eines Reverſes zu ſein, der auf mich von dem Gatten meiner Schweſter ausgeſtellt wurde. Doch, wir wollen nicht weiter über dieſe Sache Du Schwartz, Novellen I. 146 gibſt mir die Schuldverſchreibung und erhältſt von mir die begehrte Anweiſung.“ Auguſt verbeugte ſich und Gertrud erhob ſich, um das Zimmer zu verlaſſen; allein ſie blieb auf halbem Wege ſtehen und ſagte: „Ich hoffe, Du wirſt nichts dagegen haben, daß ich für heute Abend Iſabella in Beſchlag nehme; wir ſind während meines Aufenthalts hier noch nicht eine Stunde allein geweſen, um unſere Gedanken austauſchen zu können.“ Auguſt erwiderte lächelnd, daß er nicht begreife, weshalb Gertrud nicht ſchon vom erſten Tage ab Iſa⸗ bella in Beſchlag genommen und ihn gebeten habe, ſie allein zu laſſen. Kurz nach dieſer Unterredung fuhr Auguſt mit ſeinem Schwiegervater fort, um auf dem an Naturſchön⸗ heiten ſo reichen Haſſelbacken im Thiergarten zu diniren. Gertrud, welche allein zurückgeblieben war, dachte: „Der Reichthum, fürchte ich, wird auch mich ebenſo mißtrauiſch und ebenſo unglücklich machen, wie Tante Louiſe war. Habe ich mir nicht ſchon eingeredet, daß Auguſt deshalb ſtets gegenwärtig war, um jede Unter⸗ redung zwiſchen mir und Iſabella zu verhindern? Und jetzt, nachdem ich meinen Wunſch kaum ausgeſprochen habe, räumt er ſchon das Feld.“ 147 Iſabella trat in das Zimmer der Schweſter ein; allein in demſelben Augenblick ſchellte es, und bald darauf erſchienen zwei iunge Damen: Ottilie Gylden⸗ ſtijerna und Olga Brunn. Sie kamen, um mit Gertrud vor ihrer Abreiſe noch einige Stunden zuſammen zu ſein. Sie überhäuften die reiche Verwandte mit Schmeiche⸗ leien aller Art. Ottilie war immer noch eine Schön⸗ heit, obgleich ſie ſich nicht mehr im Lenze des Lebens befand. Trotz aller Bemühungen war es ihr jedoch nicht gelungen, eine glänzende Partie zu machen. Sie und Olga luden ſich ſelbſt zum Mittageſſen bei Iſa⸗ bella ein und blieben den ganzen Tag. An eine vertrauliche Mittheilung zwiſchen den beiden Schweſtern war nunmehr nicht zu denken; da⸗ gegen ſprachen die beiden Couſinen faſt nur von Eduard Hartling; ſie ſchienen ſich beide lebhaft für ihn zu intereſ⸗ ſiren und beklagten nur, daß das Gerücht von ihm ſagte, er ſei ein Spieler und Schwärmer, eine Behauptung, die Iſabella jedoch auf das Beſtimmteſte beſtritt. Als der Streit hierüber am lebhafteſten war, kehrten die beiden Herren zurück. Am folgenden Morgen reiſte Gertrud, und ihr Schwager erhielt die ihm verſprochene Anweiſung auf zwanzigtauſend Thaler. Einige Tage ſ 148 Iſabella und die Kammerräthin Stockholm und begaben ſich nach Elfborg. Auguſt, den ſeine Amtsgeſchäfte zurückhielten, ſollte während der Sommerferien nach⸗ folgen. Als Gertrud im Monat Auguſt aus dem Bade an der Nordſeeküſte zurückkehrte, fand ſie wohl ihre Schwe⸗ ſter und die Tante dort, aber nicht den Schwager. Es hieß, er ſei genöthigt geweſen, eine Reiſe ins Aus⸗ land zu machen. Iſabella hatte ſich indeß bedeutend erholt und ſchien ihre frühere Friſche wiedererlangt zu haben. Die beiden Schweſtern verlebten einige angenehme Tage mit einander, und Gertrud fühlte ihr Herz ſehr erleichtert, als ſie in den Geſprächen mit der Schweſter nicht ein Wort oder einen Seufzer auf⸗ fangen konnte, der ihr andeutete, daß ſie unglücklich in ihrer Ehe ſei. Im Gegentheil, Iſabella ſprach ſtets mit der innigſten Liebe von ihrem Manne und ſchien vor Sehnſucht nach ihm zu vergehen. Ueber Eduard und ſeine ſchlechte finanzielle Stel⸗ . lung ſprachen ſie viel. Iſabella räumte ein, daß die Sorgen, welche dieſe ihrem Manne verurſacht hätten, ſo groß geworden ſeien, daß ſie auf ſeine Launen im Hauſe eingewirkt hätten, und ſie äußerte eines Tages, als ſie über dieſen Gegenſtand ſprachen: „Auguſt ſagt, daß Eduard nur durch eine reiche 14⁴9 Partie zu retten iſt. Er ſoll aus ſeiner Studienzeit bis über die Ohren in Schulden ſtecken und dieſe Schulden ſind durch die nichtbezahlten Zinſen mit jedem Jahre größer geworden. Nunmehr ſind dieſelben ihm zur ſchweren Bürde geworden, welche ihn hindert, eine glänzende Laufbahn, die ſeinen Fähigkeiten ange⸗ meſſen iſt, zu verfolgen.“ „Siehſt Du, Iſabella, mein erſtes Urtheil über ihn war alſo ein richtiges“, fiel Gertrud ein;„er wird ſich niemals mit einem armen Mädchen verheirathen; er bedarf des Geldes.“ „Das iſt leider wahr; allein mein armer Auguſt, er leidet am meiſten darunter und wird ſtets von Sorgen für den Bruder heimgeſucht.“ Sie ſeufzte. Am Tage nach dieſer Unterredung, als Gertrud von einer Promenade zurückkehrte, benachrichtigte man ſie, daß Doktor Hartling ſoeben auf Elfborg angekom⸗ men ſei. Gertrud's Stirn ſchlug in Falten und nach einigen Augenblicken des Bedenkens trat ſie in den Saal, um den wenig Willkommenen zu begrüßen. „Vermuthlich wiſſen Sie bereits, mein Fräulein, daß ich Phyſikus in dieſem Diſtrikt geworden bin“ ſagte Eduard, nachdem ſie die Begrüßungen ausgetauſcht hatten. 150 Gertrud hatte in der That nichts davon erfahren; Iſabella hatte vergeſſen, dieſe Neuigkeit zu erzählen. Erſtere wünſchte dem Doktor zu ſeiner neuen Stellung Glück; doch die Art und Weiſe, in welcher ſie dies that, war mehr eine höfliche, als herzliche zu nennen, und es ſchien mehr aus Gaſtfreundſchaft als aus perſönlichem Intereſſe zu ſein, daß ſie ihn hierauf zum Mittageſſen einlud. Er dankte und erklärte lächelnd, daß er die Ab⸗ ſicht gehabt habe, einige Tage auf Elfborg zu ver⸗ weilen, da er erſt am fünfzehnten dieſes Monats be⸗ ordert ſei, ſich zur Uebernahme ſeines Amtes zu melden. Ueber Gertrud's Angeſicht zog eine Wolke des Mißvergnügens. Allein ſie blieb dennoch die zuvorkommende Wirthin und Iſabella war ſehr freundlich gegen den Schwager. Sie that, als wiſſe ſie nichts von den unangenehmen Geldgeſchäften, die ihrem Manne ſo große Sorgen bereiteten. Eduard war heiteren Sinnes und herzlich gegen beide Damen. Eines Tages, als die Kammerräthin und Iſabella ausfuhren, befanden ſich Gertrud und Eduard in dem Salon, wo Frau Louiſe gewöhnlich zu verweilen pflegte. Gertrud beſchrieb in ganz heiterer Laune ihr Aben⸗ 15¹ teuer mit dem Pferde, das ſich damals im Garten verirrt hatte, worauf Eduard das Wort nahm: „Was für eine ſonderbare Frau iſt doch dieſe Tante Louiſe!“ „Im Grunde eine brave Frau, davon bin ich feſt überzeugt; allein das Unglück machte ſie bitter. Sie war von dem Manne, den ſie ſo innig geliebt hatte, bis in den Tod verletzt worden, und ſpäter, nachdem er geſtorben war und ſie mit ihrem Reichthum, durch den ſie unglücklich geworden war, allein zurückblieb, wurde ſie hart und betrachtete die Menſchen ohne Unterſchied als ihre Feinde. Es liegt auch etwas Schreckliches in dem Gedanken, daß ein Mann ſich mit einem jungen und leichtgläubigen Mädchen verhei⸗ rathet, nur in der Abſicht, ihr Geld zu beſitzen. Ich begreife die Herren Geſetzgeber unſerer Zeit nicht, daß ſie ſich nicht veranlaßt fühlen, Geſetze zu erlaſſen, die das Weib gegen ſolche eigennützige Berechnungen ſchützen. Im Gegentheil, das Geſetz unterſtützt jetzt dieſen Mißbrauch, indem es dem Manne Alles über⸗ liefert, was die Frau beſitzt oder erwirbt; es iſt daher die Geſetzgebung, welche die Verantwortung trägt für alles das Unglück und das moraliſche Elend, welches aus der niedrigen Handlungsweiſe entſpringt, wenn der Mann ſich mit einem reichen Mädchen verheirathet, 152 um ſeine Schulden zu bezahlen, um ein üppiges und bequemes Leben zu führen und ſeine Leidenſchaften zu befriedigen, während ſie durch eben das Geſetz verur⸗ theilt iſt, ruhig mit anzuſehen, wie alles das Ihrige verſchwendet wird. Als Frau wird ſie in ſolchen Fällen nur als Mittel benutzt, um dem Manne ein Vermögen zu verſchaffen. Er glaubt ungeſtraft ſie ſo rückſichtslos wie möglich behandeln zu können, und wenn endlich ihr Geld vergeudet und das reiche Mäd⸗ chen in eine arme Frau, die er nie geliebt, verwandelt iſt, dann iſt ſie ihm nur noch eine Bürde. Meiner Anſicht nach iſt es daher eine Nothwendigkeit, daß hier Abhülfe geſchafft werde, da ſonſt die Ehe nur zum Verderben gereichen kann.“ „Gertrud, Sie wollen für die Möglichkeit und die Zweckmäßigkeit der Idee, den Mann von der Ver⸗ waltung des Vermögens ſeiner Frau zu trennen, un⸗ bedingt in die Schranken treten. Sie wollen die Gat⸗ ten zu zwei Perſonen machen, welche zwar zuſammen leben, aber nicht gemeinſame Intereſſen verfolgen. Ich meines Theils glaube aber, daß das Familien⸗ leben dadurch zu ſehr leiden würde.“ „Ich fühle mich außer Stande, anzugeben, wie dieſes Verhältniß zu ordnen wäre“, fiel Gertrud ein; „ich bin ja kein Geſetzgeber, aber ich fühle es, ſo wie 153 es jetzt iſt, kann es nicht bleiben. Die Geſetzgebung muß auf die eine oder die andere Weiſe das Beſitzrecht der verheiratheten Frau zu ſchützen wiſſen.“ „Aber, Fräulein Gertrud, Sie müſſen ſich doch irgend eine Form gedacht haben, unter welcher das zu erreichen wäre.“ „Ich denke mir, daß der Mann der Verwalter des gemeinſamen Vermögens ſein muß, allein die Ge⸗ ſetzggebung muß es verhindern, daß er nicht Dasjenige vergeuden kann, was nicht das Seinige iſt. Das Ka⸗ pital, welches ſeine Frau ihm zugebracht, muß für ihn unantaſtbar ſein, ſo daß es der Gattin und den Kin⸗ dern erhalten bleibt. Die Geſetzgebung muß ſich ſchützend auf die Seite der Schwachen ſtellen, aber nicht den Mann darin unterſtützen, daß er nach ſeinem Gutdünken vernichtet, was ihm nicht gehört. Ferner iſt es Pflicht der Geſetzgebung, die Arbeit der ver⸗ heiratheten Frau zu ſchützen und darüber zu wachen, daß ein liderlicher und gewiſſenloſer Mann Dasjenige nicht durchbringen kann, was ſie mit Schweiß und Mühe verdient; denn die Früchte ihrer Arbeit gehören unbe⸗ dingt ihr und ihren Kindern. Wie es jetzt iſt, ſieht es eben ſo traurig für die reichen Frauen aus, wie für Diejenigen, welche dem Arbeiterſtande angehören. Ich würde mich, offen geſtanden, unter den jetzigen 154 Verhältniſſen unſerer Geſetzgebung niemals zu verhei⸗ rathen wagen.“ „Ich vermag mir nicht zu denken, daß ein ſolches Mißtrauensvotum an den Ehemann zwiſchen Eheleuten hervorgerufen werden kann“, ſagte Eduard und blickte gedankenvoll vor ſich hin. „Daß Sie, mein lieber Doktor, das nicht können, iſt natürlich“, erwiderte Gertrud lächelnd;„Ihnen würde es gewiß nicht zuſagen, eine Frau zu bekommen, deren Vermögen Sie nicht verwalten könnten.“ „Nein, in der That, das würde mir nicht zu⸗ ſagen“, erklärte Eduard,„weil ich nicht das Mein und Dein in der Che zu trennen vermag. Ich vermeine, daß es in der Ehe ein Oberhaupt geben muß, und dieſes iſt in Uebereinſtimmung mit den Geſetzen der Natur der Mann.“ „Und für die Ehre, ein ſolches Oberhaupt zu haben, ſoll die Frau Alles opfern, was ſie beſitzt? Mir ſcheint das etwas gar viel verlangt.“ „Ich glaube, daß auch er nicht ganz unbedeutende Opfer bringt, wenn er ſich verheirathet“, fiel Eduard ein.„Laſſen Sie uns z. B. annehmen, daß wir ein⸗ ander liebten. Sie ſind reich; ich habe eine einträg⸗ liche Stellung und gute Einnahme; allein ich habe Jugendſchulden, die ich mir aufgebürdet habe, um 155 meine Studien durchführen zu können. Dieſe Schul⸗ den verhindern mich, unſer Geſchick zu vereinigen; denn das Geld, welches Sie, mein Fräulein, beſitzen, iſt für mich unantaſtbar, und die Zinſen deſſelben ſind unzu⸗ länglich, mich von denſelben zu befreien. Sehen Sie, Gertrud, dies als kein Opfer an, daß wir jetzt, die wir einander lieben, dem Glück der Vereinigung ent⸗ ſagen müſſen?“ „Auch im Falle ich arm wäre, würden Sie es dennoch thun müſſen“, entgegnete Gertrud. „Sehr wahr; allein in dem von mir geſetzten Falle iſt nicht Armuth das Hinderniß, ſondern ein Geſetz, welches Sie eingeführt wiſſen wollen, welches dem Manne das Dispoſitionsrecht über das Geld ſeiner Gattin nimmt.“ „Das Geſetz braucht hier kein Hinderniß zu ſein; die Frau muß ſelbſt über Das Beſtimmung treffen kön⸗ nen, was ſie beſitzt, eben ſo gut wie der Mann. Sie, Herr Doktor, begehren jetzt, um bei unſerem Beiſpiel zu bleiben, meine Hand. Sie ſagen mir aber zu glei⸗ cher Zeit, wie es mit Ihren finanziellen Verhältniſſen ſteht, und ich habe nun die Freiheit, zu überlegen, ob ich aus Liebe die Verpflichtung übernehmen will, Ihre Schulden zu bezahlen, oder nicht. Aber Sie brauchen dabei nicht Liebe zu heucheln, um mich willenlos 156 meines Reichthums berauben zu können. Ich würde niemals in die Ehe treten, wenn ich nicht genau von der ökonomiſchen Stellung des Mannes unterrichtet wäre, dem ich mein Geſchick anvertrauen ſoll.“ „Sie alſo, Fräulein Gertrud, würden aus Liebe ſich verpflichten können, die Jugendſchulden Ihres zu⸗ künftigen Mannes zu bezahlen?“ „Ganz gewiß, wenn das Geſetz mein Vermögen ſchützte, damit er nicht den Reſt deſſelben auch noch vergeudete. Liebte ich Den, in deſſen Hand ich mein Geſchick legte, ſo würde ich ohne Zögern viel für ihn opfern können; allein ich will geſetzlich daſſelbe Recht über mein Vermögen, wie er. Eine verſchwenderiſche Frau kann ihren Mann ruiniren; allein dann geſchieht es mit ſeinem Wiſſen und Willen oder in Folge einer Schwäche für ſie. Ohne ſeine Einwirkung vermag ſie es nicht.“. „Ich fürchte, daß wenn Sie den Tag erleben ſollten, wo Ihre Anſicht zum Geſetz erhoben würde, für das eheliche Glück gar nicht viel gewonnen wäre, denn der Mann kann deſſenungeachtet das Vermögen der Frau verſchwenden. Die liebende Frau giebt ſo lange dem Geliebten, ſo lange ſie etwas zu geben hat.“ „Freilich; denn das Weib liebt es, zu helfen; allein es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen Geben und Ge⸗ 157 plündertwerden. Ich zum Beiſpiel würde gerne Dem⸗ jenigen, den ich liebe, Alles geben und ſpäter auch für ihn und mich arbeiten, allein ich würde bitter, kalt und zänkiſch werden, wenn ich mich von ihm alles deſſen beraubt fände, was ich Mein nannte. Ich, die ich, ohne mich ſelbſt zu loben, gefühlvoll bin, würde ſogar als unverheirathet ohne Bedenken einem Mann helfen können, wenn ich wüßte, daß ihm meine Hülfe für die Zukunft nützlich wäre. Ich würde ihn gerne von ſeinen Jugendſchulden befreien können und mich glücklich fühlen, ihm Hülfe gewähren zu können; aber ich würde einem ſolchen Manne es nie verzeihen, wenn er mir ſeine Hand anböte, blos um in den Beſitz mei⸗ nes Vermögens zu kommen.“ „Ich glaube, daß ein Mann von Ehrgefühl eine ſolche Gabe von einer Frau nicht annehmen könnte“, erwiderte Eduard. —„Aber er kann ſich Vermögen erheirarhen, um ſeine Schulden zu bezahlen.“ „Das kann er, weil er ſeine Liebe, ſeine Freiheit und ſeine ganze Arbeitskraft dafür austauſcht.“ „Oft gibt er nichts und nimmt Alles.“ „In dieſem Falle handelt er wie ein Mann ohne Ehre“, erklärte Eduard, indem er ſich erhob. Gertrud ſchwieg und blickte ihn forſchend an, 158 der jetzt an einen Pfeiler der Veranda gelehnt ſtand, und ſie dachte: „Wie ſchade, daß ſeine ſchlechten Verhältniſſe ihn zu einem Egviſten machen! Er wird jedes Mittel für heilig halten, wenn er nur ſeinen Plan auszuführen vermag. Er ſpricht von Ehre; wäre es denn ehren⸗ haft, ſeinen Bruder das Geld für ſich bezahlen zu laſſen, das nicht des Bruders war? Ich möchte wiſſen, wie er eine ſolche Handlung vertheidigen würde.“ Eine leichte Wolke bedeckte während dieſer Re⸗ flection ihre Stirn. Nach einer ziemlich langen Pauſe wandte ſich Eduard wieder an ſie, indem er ſagte: „Welcher finſtere Verdacht erfüllt jetzt Gertrud's Seele? Vermuthlich beklagen Sie es, daß die Natur mich ſo egviſtiſch geſchaffen hat?“ Eduard lachte bei dieſen Worten und fügte hinzu: „Ernſt geſprochen, weiß ich in der That nicht, weshalb ich jetzt darnach ſtreben ſollte, Reichthum zu erwerben; mein Leben liegt ziemlich klar vor mir, und welche Sorgen und Bekümmerniſſe mich auch ereilen und niederdrücken werden, ſo ſind es doch nicht die bkonomiſchen, wenn mich nicht Andere, ohne mein Ver⸗ ſchulden, denſelben Preis geben.“ „In dieſem Falle ſind Sie ja glücklich“, erwiderte 159 Gertrud, und es lag eine Schärfe in der Stimme, als ſie hinzufügte:„Ich entſinne mich, von Ihnen ſelbſt gehört zu haben, daß Sie aus Ihrer Studien⸗ zeit Schulden haben und daß Sie wünſchen, von den⸗ ſelben durch eine reiche Heirath befreit zu werden.“ Aufs Neue lachte Eduard, indem er ſeinen Platz an Gertrud's Seite wieder einnahm und hinzufügte: „Dieſe Schulden bin ich als unverheiratheter Mann glücklich genug geweſen, vollſtändig zu bezahlen, was ich zweifelsohne nicht vermocht hätte, wenn ich mit einem armen Mädchen verheirathet geweſen wäre. Ich habe es immer als ein großes Glück erachtet, wenn die Gattin Vermögen in die Ehe mitbringt, und ich werde jedenfalls bei der Wahl meiner künftigen Gattin darauf Bedacht nehmen. Dieſer Wunſch entſpringt keineswegs aus dem Bedürfniß, mit dem Gelde meiner Frau meine Schulden zu bezahlen, ſondern vielmehr aus der Fürſorge für ſie, um ihr eine von der meinigen unabhängigere Stellung zu ſichern. Doch das gehört nicht zu der Materie unſerer Unterredung.„Was veranlaßte Sie, anzunehmen, daß ich noch Schulden habe?“ „O das war nur eine ganz natürliche Voraus⸗ ſetzung“, erwiderte Gertrud,„da Sie, ſoweit ich gehört 160 habe, nicht dafür bekannt ſind, allen Freuden des Lebens zu entſagen.“ Eduard ſah Gertrud forſchend an und ſchien in ihrem Geſicht einen Ausdruck zu leſen, der der Ver⸗ achtung ſehr nahe kam. Fräulein, Sie haben Recht. Alles iſt möglich auf Erden, denn für menſchliche Thorheiten gibt es keine Grenzen“, erwiderte Eduard faſt ſorglos,„und deshalb wird es am beſten ſein, dieſen Gegenſtand zu verlaſſen. Mögen Sie gern annehmen, daß ich der thörichtſte und leichtſinnigſte Student, der je eine Aka⸗ demie beſucht hat, geweſen ſei; das thut mir nichts. Wir werden gewöhnlich nur durch gerechte Beſchuldigun⸗ gen verletzt; aber nie durch diejenigen, welche man uns andichtete.“ Gertrud ſchaute feſt in des Doktors Augen, und ihr Verdacht, ihre Zweifel an ihm begannen zu ſchwinden. „Wenn ich ihm doch Unrecht thäte, wenn er wirk⸗ lich ein Mann von Ehre wäre, wie ſein ganzes Weſen andeutet; wer hätte mich dann hintergangen?“ Bei dieſer an ſich ſelbſt gerichteten Frage erhob ſie ſich ſchnell und führte ihre Hand an die klopfende Bruſt; denn, war Eduard ſchuldenfrei, dann war der Mann ihrer geliebten Iſabella ein Lügner und Betrüger. ———— 161 „Was war das für ein Gedanke, der ſveben Ihren unruhigen Kopf durchflog?“ fragte Eduard lächelnd. „Sicherlich eine neue und ſchreckliche Vorausſetzung, daß ich der verdorbenſte aller Verdorbenen bin!“ „Scherzen Sie nicht, Doktor“, unterbrach Gertrud ihn lebhaft;„es war ein ſchmerzlicher Verdacht, der in mir aufkam, und ich wünſchte nur, daß ich den⸗ ſelben ausſprechen und überzeugt ſein dürfte, eine auf⸗ richtige Antwort zu erhalten.“ „Gilt dieſe Frage mir, ſo bitte ich Sie, ohne Rückhalt dieſelbe auszuſprechen und überzeugt zu ſein, daß ich Ihnen eine ehrliche Antwort geben werde.“ „Ich werde es thun; ich werde Sie prüfen. Sagen Sie mir, iſt es wahr, daß Sie im letzten Früh⸗ jahr Schulden zum Belauf von zwanzigtauſend Tha⸗ lern hatten und daß dieſe Summe innerhalb des Junimonats unbedingt ausgezahlt werden mußte?“ Gertrud ſah ängſtlich zu ihm empor; ein„Ja“ von ſeinen Lippen würde eine ſchwere Bürde von ihrem Herzen genommen haben. „Nein, mein Fräulein“, erwiderte Eduard ruhig und beſtimmt. „Er, alſo er, betrog ſowohl Sie als mich!“ rief Gertrud erſchrocken aus;„er belog alſo ſeinen Bruder, Schwartz, Novellen. I. * 162 um das Geld von mir zu erlangen. O, mein Gott, alſo auch er iſt ein ſchlechter. Menſch!“ „Von wem ſprechen Sie denn, mein Fräulein?“ fragte Eduard ſtrenge. „Von meiner Schweſter Mann.“ Eine Pauſe entſtand. Eduard's Hand umſchloß feſt die Lehne des Stuhls und er preßte die Lippen zuſammen. Man ſah, daß Gertrud's Antwort eine ſehr zarte Saite ſeines Her⸗ zens getroffen hatte; eine weitere Erklärung zu geben, wurde er jedoch dadurch verhindert, daß in demſelben Augenblicke ein Wagen in den Hof fuhr. Es war die Kammerräthin und Iſabella; ihnen gegenüber ſaß— Auguſt. Hinter ihnen folgte ein Miethswagen, den er benutzt hatte, bis er ſeine Frau getroffen. Gertrud war blaß und kalt, als ſie den Schwager begrüßte. Eduard ſah ernſt und ſtrenge aus. Man brauchte nicht im Beſitz der ſchnellen Auf⸗ faſſung Auguſt's zu ſein, um zu bemerken, daß eine Aufklärung zwiſchen Gertrud und Eduard ſtattgefunden hatte und daß eben dieſe Aufklärung ihn berührte. Er war dennoch viel zu ſehr Weltmann, ſich etwas merken zu laſſen, um nicht jetzt erſt recht ſeiner Schwägerin alle erdenkliche Aufmerkſamkeit, — 163 ſo wie ſeiner Frau die größte Zärtlichkeit zu er⸗ weiſen. Die Kammerräthin konnte den liebenswürdigen Mann nicht genug bewundern, den ſie mit allen Eigen⸗ ſchaften eines Gentlemans ausgerüſtet fand. Sie ärgerte ſich nicht wenig darüber, zu gewahren, mit welcher Kälte Gertrud ihn behandelte. Iſabella war ſo glücklich, wie nur eine von ganzem Herzen liebende Frau es zu ſein vermag. Ihr Ideal war nicht minder liebevoll; was konnte ſie denn noch mehr wünſchen? Sie bemerkte nichts von Gertrud's Kälte, von Eduard's finſterer Miene; ſie ſah allein nur ihn und fühlte ſich zufrieden bei dem Genuß, an ſeiner Seite ſitzen zu können und ſich von ihm umarmt zu wiſſen. Gertrud ſah, wie glücklich ſich die Schweſter fühlte, und ſie dachte: „Nicht ich werde es ſein, welche die Galle in den Becher Deines Glückes träufelt, meine theure Schweſter; genieße die kurze Freude, die die Deine geworden, und möge keine Wolke die Sonne des Glückes von verſcheuchen!“ Nachdem Gertrud ſich nach und nach beruhigt hatte, war ihr Benehmen gegen Auguſt auch ein ande⸗ res geworden; allein ſie vermied ſorgfältig jede directe 11* 164 Anrede an den Schwager, während ſie Alles that, um den Sonnenſchein des Glückes und der Liebe, welcher Iſabella zu Theil wurde, vor jeder Verfinſterung zu ſchützen. Der Abend wurde äußerſt angenehm zugebracht, obgleich Jeder, ausgenommen die Kammerräthin und Iſabella, an etwas Unangenehmes zu denken hatte. Die Kühle und Stille der Nacht gewährte ſchließ⸗ lich Jedem ein Mittel, ſeiner empörten Gefühle Herr zu werden, oder ſie in wohlthätigem Schlummer zu vergeſſen, um am folgenden Morgen wieder mit ihnen Angeſicht gegen Angeſicht zu ſtehen. Fünfzehntes Kapitel. Am folgenden Morgen nach dem Frühſtück nahm Eduard den Arm ſeines Bruders und ſagte ſcherzend zu Iſabella: „Du wirſt mich entſchuldigen, liebe Iſabella, daß ich Dich Deines Mannes auf eine Stunde beraube; allein wir haben etwas mit einander zu beſprechen“, und damit gingen ſie zuſammen zum Gaſtflügel, wo der Doktor einlogirt war. „Mein Gott, wie unangenehm, daß Eduard ſo oft Auguſt mit Geldangelegenheiten plagen muß! Mein armer Mann, wirſt Du denn niemals Ruhe haben? Aber das kommt davon, wenn man zu gut iſt!“ Gertrud ſagte nichts, ſondern verließ das Zimmer und Iſabella hatte darauf die Fteude, Tante Marianne ihren Gatten loben zu hören. Was zwiſchen den bei⸗ 166 den Brüdern vorfiel, kann uns gleichgültig ſein; nur ſoviel ſei erwähnt, daß Auguſt eine Stunde ſpäter Gertrud aufſuchte. Sein Ausſehen war durchaus nicht milde, als er in Gertrud's Arbeitszimmer eintrat, wo ſie an ihrem Schreibtiſch beſchäftigt war. Beim Ein⸗ tritt ihres Schwagers legte ſie ſofort die Feder aus der Hand und ſchaute ihn mit einem Blick an, der deutlich ſagte: „Erklären Sie ſich!“ „Gertrud hat gewünſcht, mit mir zu ſprechen“, begann Auguſt in einem ihm eigenthümlichen, ſorgloſen Tone.„Womit kann ich dienen?“ „Mit einer Erklärung, bedauerlicher Weiſe“, ver⸗ ſetzte Gertrud. „In Betreff der Anleihe der zwanzigtauſend Thaler“, entgegnete Auguſt, indem er ſich in einem Fauteuil niederließ und hinzufügte: „Darüber bin ich keine Erklärung ſchuldig, da ich das Geld nicht geſtohlen habe.“ „Freilich nicht; allein Du haſt ſie unter falſchem Vorgeben Dir erlogen, und dies dürfte wohl Urſache genug ſein, mir zu erklären, wozu dieſe Lüge dienen ſollte?“ „Ganz einfach dazu, das Geld zu erhalten. Ich — 167 brauchte es, und ich hatte gar keine Luſt, Dir mitzu⸗ theilen, wie meine Angelegenheiten ſtanden.“ „Und deshalb belügſt Du Deinen Bruder?“ rief Gertrud empört aus;„würde es nicht ehrenhafter ge⸗ weſen ſein, mir offen zu geſtehen: Ich bin wegen des Geldes in Verlegenheit; leihe mir die nöthige Summe?“ „Vollkommen richtig, in dem Falle, wo ich es mit einer anderen Perſon, als mit Dir zu thun gehabt hätte. Der Reichthum hat meine liebenswürdige Schwägerin mißtrauiſch und etwas zu ſparſam gemacht; ich will nicht mit dieſen kleinen Eigenthümlichkeiten in Colliſion gerathen. Wenn man alle Neigung entbehrt, ſeinen Verwandten zu helfen, ſo verſetzt man dieſe in die unangenehme Lage, Unwahrheit und Verſtellung zu benutzen, um nothwendige Vortheile zu erreichen.“ Gertrud ſtützte das Haupt mit der Hand und dachte darüber nach, wieviel Wahres in der gemachten Anklage liege, und ſie ſagte nach einer kurzen Pauſe: „Auf welche Weiſe entdeckteſt Du die Fehler, deren Du mich beſchuldigſt?“ „Ich entdeckke ſie zunächſt, als der Checontract auf Deinen Vorſchlag während der Vorbereitungen zur Hochzeit zwiſchen mir und Iſabella aufgeſetzt wurde. Du, die Reiche, der Du nicht um ein Haar ärmer ge⸗ worden wärſt, wenn Du Deiner Schweſter zwanzig⸗ 168 tauſend Thaler zur Einrichtung geſchenkt hätteſt, trugſt zur Ausſtattung nicht das Geringſte bei. Alles, was Du zu opfern im Stande warſt, beſtand in dem Ju— welenſchmuck, den Du Iſabella ſchenkteſt, und während der zwei Jahre unſerer Verheirathung bin ich nicht im Stande, mich irgend einer freigebigen Handlung Dei⸗ nerſeits gegen Iſabella zu erinnern. Du haſt ſie nicht einmal hierher eingeladen. Nun wohl, beweiſt das nicht eine an Geiz grenzende Sparſamkeit, und habe ich daher Unrecht?“ Wieder ſaß Gertrud ſchweigend und gedankenvoll. Eine unerklärliche Angſt überkam ſie, daß ſie möglicher⸗ weiſe ſich auf dem Wege befinde, der Tante Louiſe ähnlich zu werden. Auguſt hatte die Pfeile ſo zu rich⸗ ten gewußt, daß ſie die verwundbare Seite in Gert⸗ rud's Herz, ihre Zweifel an ſich ſelbſt, trafen. Sie beſaß dennoch einen viel zu innigen Glauben an ſich ſelbſt, ihre Fehler beherrſchen zu können, und ſie war zu klug, ſich vom erſten Angriffe einer Anklage erdrücken zu laſſen, um ſo mehr, als es nicht klar vor ihr ſtand, ob dieſelbe gerechtfertigt ſei. Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens rich⸗ tete ſie ganz ruhig ihre Augen auf den Schwager und ſagte: „Weshalb ſollte ich zwanzigtauſend Thaler zu ——— 169 Iſabella's Ausſtattung fortwerfen, da ſie ſelbſt Mittel genug beſaß, dieſelbe beſchaffen zu können und in kei⸗ ner Hinſicht meiner Geldunterſtützung bedurfte? Hätte ich das thun ſollen, damit ihre vierzigtauſend Thaler unangetaſtet in Deine Hände fielen? In dem Falle würde ich vollſtändig gegen meine Ueberzeugung von Recht und Unrecht gehandelt haben. Ich betrachtete nämlich das Geld, welches Iſabella in Dein Haus mit⸗ brachte, als vollſtändig für ſie verloren und zwar in derſelben Stunde, in der ſie ſich verheirathete.“ „Und mit welchem Rechte verdächtigte Gertrud mich? Konnte denn wohl Berechnung in meiner Wahl liegen, da Iſabella's Vermögen kein größeres war?“ „Das habe ich niemals behauptet; ich war über⸗ zeugt, daß ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit Deine Neigung erweckt hatte; allein ebenſo ſicher war ich, daß dieſe Neigung unbefriedigt erſtorben wäre, im Falle ſie als ein armes Mädchen dageſtanden hätte. Bei meinem erſten Zuſammentreffen mit Dir dachte ich ſofort: Er liebt ſie, er wird ſie vielleicht glücklich machen; allein er wird ihr Geld vergeuden, und dies bewog mich, den Vorſchlag wegen des Ehekontraktes zu machen. Dieſer Vorſchlag wurde von Euch beiden übel aufge⸗ nommen; Ihr betrachtetet denſelben als einen Ausdruck meines Mißtrauens gegen Deine Redlichkeit, obgleich 170 es nur eine Vorſicht gegen Deine Unbedachtſamkeit ſein ſollte. Dem Manne, der es wagt, das Vermögen ſei⸗ ner Frau nicht unantaſtbar für ſich zu machen, werde ich ſtets mißtrauen.“ „Das heißt alſo mit anderen Worten, daß Du, nachdem die Frage wegen des Ehekontraktes nicht durch⸗ gegangen, mir in der That mißtrauteſt.“ „Nicht unbedingt, allein, ich war von Deiner rechtlichen Handlungsweiſe, dem Gelde Deiner Frau gegenüber, nicht überzeugt.“ Auguſt wurde glühend heiß; allein Gertrud ließ ihm zur Antwort keine Zeit, ſondern fuhr fort: „Was die Beſchuldigung betrifft, daß ich Euch nicht früher hierher eingeladen habe, ſo will ich Dir dies erklären. Es konnte mir im erſten Jahre nicht einfallen, das zu thun, weil Ihr ſofort nach Ems reiſtet und ich nach England. Erſt gegen Weihnachten kam ich zurück, und dann waren wir ja beim Vater zuſammen. Im letzten Sommer unternahmt Ihr ebenfalls eine Reiſe nach dem Rhein, und ich hatte außerdem ſo viel mit meinen Neubauten zu thun, daß ich ſicherlich eine ſehr ſchlechte Wirthin geweſen ſein würde. Uebrigens muß ich offen geſtehen, daß es mich anfangs ſehr ſchmerzte, ſehen zu müſſen, wie ich für Iſabella nichts 17¹ „ mehr war. Nunmehr iſt dieſe kindliche Schwäche über⸗ wunden und es war mir ſehr lieb, ſie bei mir zu ſehen. Ich beklage in der That, daß ſie ſo lange von Dir getrennt ſein mußte.“ „Ich hoffe jedoch, daß meine liebenswürdige ein⸗ undzwanzigjährige Schwägerin keinen Anſpruch an mich gleich einem Schulknaben macht, ihr über meine Hand⸗ lungen Rechenſchaft geben zu ſollen“, ſagte Auguſt ironiſch. „Sicherlich nicht; allein ich wünſche dennoch zu wiſſen, wann es Deine Abſicht iſt, die erhaltenen zwanzigtauſend Thaler, welche Du nur auf ſo lange geliehen, bis Du Deine Geldangelegenheiten geordnet haſt, zurückzuzahlen? Antworte mir aufrichtig: Kannſt Du ſie bezahlen?“ „Nein“, lautete die lakoniſche Antwort. „Iſt Iſabella's Geld bereits verſchwendet?“ „So iſt es.“ „Du beſaßeſt alſo nichts von dem Gelde Deiner erſten Frau, als Du Dich mit Iſabella ver⸗ heiratheteſt?“ Meim Gertrud öffnete die Lippen, um ihren empörten Gefühlen Ausdruck zu geben; allein ſie ſchloß ſie wie⸗ der und verblieb einige Sekunden ſchweigend. Nach 472 . einem inneren Kampfe und einer gewaltigen An⸗ ſtrengung, die das Zittern ihrer Stimme verrieth, ſagte ſie: „Du verwandteſt alſo das durch Iſabella erhaltene Geld, um Deine Schulden zu bezahlen?“ „Einen Theil habe ich dazu verwandt; den Reſt verbrauchten wir auf unſeren Reiſen. Mein Gehalt und meine ſonſtigen Einnahmen reichten nicht hin, unſer Haus zu unterhalten, und dies iſt die Urſache, weshalb ich bedeutende Schulden machte. Um die unruhigſten meiner Creditoren zu befriedigen, mußte ich die Summe anleihen, welche Du mir vorgeſchoſſen haſt.“ „Gieb mir ein gewiſſenhaftes Verzeichniß Deiner Gläubiger“, ſagte Gertrud, indem ſie ſich erhob und im Zimmer auf und ab ging. „Und zu welchem Zwecke ſoll ich das thun?“ fragte Auguſt. „Weil ich ſie zu bezahlen beabſichtige; ich will nicht, daß der Gatte meiner von mir innig geliebten Schweſter für einen Betrüger, einen leichtſinnigen Egviſten gehalten werde, der auf Koſten Anderer auf großem Fuße lebt, nachdem er nichts mehr ſein Eigen nennt. Ich werde Dich von allen Deinen Schulden befreien; allein ich thue es nur unter der ausdrücklichen 173 Bedingung, daß Du mich nicht ferner mit Deinen An⸗ gelegenheiten behelligſt. Außerdem fordere ich, daß Du Dein Leben nach Deinen Einnahmen einrichteſt. Wenn Du mir das Verzeichniß gegeben haben wirſt, werde ich dieſe Angelegenheit ſelbſt zu ordnen wiſſen.“ Gertrud verließ bei dieſen Worten ſchnell das Zimmer. Auguſt erhob ſich in ſeiner vollen Höhe, athmete tief auf und lachte ſtolz, indem er vor ſich hin murmelte: „Das war mehr, als ich zu hoffen hatte. Ich habe alſo geſiegt bei unſerem erſten Zuſammenſtoß. Wenn ich mich nicht gar ſehr irre, habe ich außerdem den Schlüſſel zum Herzen dieſes ſonderbaren Mädchens gefunden, vorausgeſetzt, daß ſie eins hat. Sie und ich müſſen einander haſſen; denn die beſte Weiſe, ſich ei⸗ nen Feind zu ſchaffen, iſt, ſeinem Nächſten Dienſte zu leiſten; man iſt dann ſtets ſicher, daß ſich die Pflicht der Dankbarkeit in bitteren Haß verwandelt. Dank⸗ barkeit iſt an und für ſich eine Lüge und findet ſich ſelten bei einem Menſchen.“ Sechszehntes Kapitel. 1 Auguſt's Schuldverhältniſſe wurden durch den Har⸗ deshöfding Tilberg geordnet; ſie erreichten einen ſo großen Betrag, daß ſie die von Gertrud berechnete Summe mehrfach überſtiegen. Der Rechtsgelehrte fand ſich auch mehrmals veranlaßt, Gertrud zu ſagen, daß, wenn ſie noch einmal eine ähnliche thörichte Handlung begehe, es bald mit ihrem Kapital zu Ende ſein werde, und daß ſie in dieſem Falle ſich außer Stande ſetze, die gemeinnützigen Unternehmungen, welche ſie begon⸗ nen, fortſetzen zu können, auf welche Vorſtellung Ger⸗ trud erwiderte: „Ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Hardeshöfding, daß ich mich nie wieder in die Geldangelegenheiten 3 meines Schwagers miſchen werde. Es iſt das erſte und letzte Mal, wo ich ſeine Schulden bezahle.“ 175 Nachdem Schwager und Schweſter Elfborg ver⸗ laſſen hatten, führte Gertrud ein äußerſt eingezogenes und ſparſames Leben; ſie arbeitete unabläſſig für ihre Wohlthätigkeitsanſtalten und ihre freie Zeit widmete ſie dem Studium, um ihre Kenntniſſe noch möglichſt zu erweitern und ihre Wißbegierde zu befriedigen. Sie war äußerſt ſtrenge gegen ſich, aber klug, gut und nachſichtig gegen ihre Untergebenen. Eduard und ſie trafen nicht oft zuſammen. Erſterer beſuchte zwar hin und wieder Elfborg; allein dieſe Beſuche waren ſehr ſelten und es hatte wirklich den Anſchein, als fühle er ſich bei Gertrud's Anblick beſchwert, ſeitdem er von dem Betragen ſeines Bruders gegen ihn in Kenntniß geſetzt worden war. Im Monat März reiſte Gertrud nach Stockholm, um Unterricht in Sprachen und Zeichnen zu nehmen. Zum Leidweſen der Kammerräthin war ſie nicht zu veranlaſſen, an den Vergnügungen der Hauptſtadt Theil zu nehmen, oder doch wenigſtens als eine reiche Dame aufzutreten. Sie arbeitete eifrig und ſchlug alle Einladungen aus. Nur den Geſellſchaften, welche bei Ihrer Tante Marianne ſtattfanden, vermochte ſie nicht zu entrinnen, weil ſie nun einmal bei der Kam⸗ merräthin wohnte. Auf alle Vorſtellungen der Tante Marianne, die 176 Einladungen, welche Gertrud erhielt, anzunehmen, pflegte dieſelbe zu erwidern: „Liebe Tante, ich bin hier, um Unterricht zu neh⸗ men, nicht, um nach Vergnügungen zu jagen, die für mich keinen Reiz haben. Laß mich meinem Geſchmack fol⸗ gen und Du wirſt mich zufrieden und glücklich ſehen.“ Doch die Kammerräthin fand dieſen Geſchmack verdorben und vermochte ſich mit demſelben nicht zu befreunden; es ſähe wirklich aus, als wenn Auguſt Recht hätte, indem er behaupte, daß Gertrud geizig ſei. Nun aber war der Geiz in Tante Mariannen's Augen eine große Sünde. Ihre Zuneigung zu der am meiſten geliebten jüngſten Tochter ihres Bruders begann zu ſchwinden und ſich nach und nach auf Iſabella und ihren Mann zu übertragen. Wir müſſen im Vertrauen geſtehen, daß dieſelbe in Beziehung auf den Mann am größten war. Die Kammerräthin fand, je mehr ſie ihn kennen lernte, daß Auguſt die Vollkommenheit ſelbſt war. Was die Kammerräthin ebenfalls ärgerte, war Gertrud's ungeſuchte und einfache Garderobe, ſo wie die Unge⸗ neigtheit, für ihre Perſon die geringſten Ausgaben zu machen. „Aber, mein Gott“, rief Tante Marianne aus, als Gertrud und ſie eines Tages einer Einladung 177 Iſabella's folgten,„Du ſiehſt ja in Deiner einfachen Toilette gerade ſo aus, als ob Du noch immer auf einem Comptor arbeiteteſt und nicht, wie ein junges Mädchen mit einem Vermögen von mehreren hundert⸗ tauſend Thalern. In der That, ich ſchäme mich Deiner.“ „Thue das nicht, liebe, beſte Tante, ſondern nimm an, daß ich die arme Gertrud bin, wie ehedem“, ant⸗ wortete das junge Mädchen lächelnd. Kein Bitten vermochte ihren Entſchluß zu ändern, einfach in ihrer Kleidung und allen ihren Lebensbe⸗ dürfniſſen zu ſein. Sie war und blieb ſtets die ar⸗ beitſame, wißbegierige, lebensfriſche, unbefangene Ger⸗ trud; allein dies hinderte nicht, daß ſie oft von Freiern aufgeſucht wurde, welche ihr Glück zu machen wünſch⸗ ten. Solche Bemühungen waren ſtets vergebens, und den Bewerbern blieb nichts weiter übrig, als von dem ſonderbaren Mädchen unerhört, ein anderes Feld für ihre Speculationen zu ſuchen. Gertrud lebte in ihrer Ideenwelt getrennt von allen giftigen Einflüſſen, welche Thorheit und Schmei⸗ chelei in unſere Herzen zu gießen vermögen. Ihre größte Freude war, ihre Mußeſtunden mit der ſtets gleich hochgeliebten Schweſter zuſammen zu verleben und ihr unbemerkt in irgend einer Weiſe eine ange⸗ nehme Ueberraſchung zu bereiten. Schwartz, Novellen. I. 12 178 Auguſt präſentirte ſich dann immer als liebens⸗ würdiger Ehemann, und es war unverkennbar, daß er auf alle mögliche Weiſe ſich zuvorkommend gegen ſeine Schwägerin zeigen wollte, um Andern gegenüber als ein dankbarer Menſch zu erſcheinen, der ſich aller ſeiner Verpflichtungen gegen ſie wohl bewußt ſei. Wenn Gertrud ſich zum Beiſpiel nicht billigend über die von ihrem Schwager geführte, koſtſpielige Le⸗ bensweiſe ausſprach, ſo wurden auf der Stelle Ver⸗ änderungen darin getroffen; aber dieſe Bemühungen von Seiten Auguſt's, Gertrud zu gefallen, mißfielen Iſabella und nach und nach verringerte ſich ihre Herz⸗ lichkeit gegen die Schweſter. Das anfangs von Ger⸗ trud unbemerkte Benehmen Iſabella's mußte ihr ſchließ⸗ lich auffallen; ſie konnte ſich nicht erklären, weshalb die Schweſter ſo verändert ſei, die bald verdrießlich, bald wortkarg, bald unzufrieden und faſt niemals heiter ihr gegenüber ſich zeigte. Schließlich fragte Gertrud ſie, was mit ihr vorgehe; allein Iſabella fand ihren Verdacht viel zu unedel, um ihn in Worte kleiden und Gertrud ſagen zu können, was ſie quäle. Sie antwor⸗ tete daher, daß ſie es ſelbſt nicht wiſſe, weshalb ſie ſo verändert ſei, und wenn es wirklich der Fall wäre, müſſe es daher kommen, daß ſie ſich hin und wieder unwohl fühle. 179 Auguſt beobachtete die beiden Schweſtern ſtets ge⸗ nau; er bemerkte ſehr bald, daß Alles, was Iſabella unangenehm war und was ſie beunruhigte, von Seiten der Schweſter ſofort ein Gegenſtand der eifrigſten Be⸗ mühung war, um es zu beſeitigen und daß die Frucht⸗ loſigkeit ſolcher Bemühungen dem Herzen Gertrud's ſtets zum größten Schmerz gereichten. Man brauchte keineswegs ein ſo ſcharfſichtiger Beobachter zu ſein, wie Auguſt es war, um erſehen zu können, daß alles, was Gertrud in ihrem Herzen von Zärtlichkeit barg, ſich um die Schweſter concentrirte, und daß dieſes Gefühl ſtark genug war, um in der Hand eines egvi⸗ ſtiſchen Speculanten als Werkzeug von unberechen⸗ barem Nutzen zu dienen. Auguſt beſchloß daher, während des Sommers ſeine junge Schwägerin auf Elfborg heimzuſuchen und die aus der Kenntniß ihres Gemüths und Herzens gewonnenen Früchte mit Umſicht und Verſtand zu be⸗ nutzen. Siebzehntes Kapitel. Gertrud war bereits ziemlich lange in der Haupt⸗ ſtadt geweſen, als ſie eines Tages einige Zeilen von Iſabella erhielt, worin dieſelbe wünſchte, mit ihr allein zu Mittag zu ſpeiſen, da Auguſt nicht zu Hauſe ſei. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß Gertrud mit Vergnügen dieſem Wunſche entſprach. Sie fand Iſabella in beſſerer Laune, als ſie ſeit langer Zeit geweſen war. Die junge Frau war mit dem wichtigen Gedanken beſchäftigt, welche Toilette ſie zu dem Balle des Conſuls P., der in einigen Tagen angeſetzt war, wählen ſollte. Es fehlte zu einer ſol⸗ chen Ausrüſtung noch ſehr viel und Iſabella wollte Auguſt nicht darum erſuchen, denn er ſei ſo ſchrecklich ſparſam geworden. Allein ſie hoffte, daß Gertrud ihr aushelfen werde, indem ſie das an ihrer Toilette noch 181 Fehlende ergänze; daſſelbe betrug, um vollſtändig glän⸗ zen zu können, nur gegen hundert Thaler. Iſabella ſagte alles dieſes zwar erröthend, jedoch mit derſelben Miene, mit der ſie in den frohen Kin⸗ derjahren die Schweſter zu erſuchen pflegte, ihr die am Kirſchbaume am höchſten ſitzenden Kirſchen herab⸗ zuholen. Auf der Stelle ſagte Gertrud zu, ihren Wunſch zu erfüllen, und nicht lange darauf fuhren ſie aus, um den nothwendigen Flitterſtaat zu kaufen. Als ſie heim⸗ kehrten, ſteckte Gertrud der Schweſter ein Papier in die Hand, indem ſie ſagte: „Hier, liebe Schweſter, haſt Du fünfhundert Tha⸗ ler; verwende ſie zu Deiner Toilette, dann brauchſt Du Deinen Mann nicht um jeden Oere zu bitten.“ Iſabella war ſehr dankbar und überglücklich, und der Mittag verſtrich in der angenehmſten Weiſe. Als ſie ſich vom Tiſche erhoben, trat Auguſt heiter und guter Laune ein. Er beeilte ſich, Gertrud zu und rief in heitrem Tone aus: „Wie angenehm, Dich hier zu nefen! Mir ahnte es faſt und daher eilte ich vom Diner bei Rydberg heim, um meine Augen an Euren lieben Zügen zu weiden“, und dabei küßte er ſeine Gattin auf die Stirn. 182 Iſabella war purpurroth geworden und die Augen füllten ſich mit Thränen. Sie entzog ſich den Lieb⸗ koſungen des Mannes und verließ ſchnell das Zimmer. Gertrud that einige Schritte, um ihr nachzueilen; allein Auguſt ergriff ihren Arm, indem er ſagte: „Bleibe, Gertrud und laß Iſabella ſich beruhigen; ſo wird es am beſten ſein.“ „Aber was war es denn, das ſie plötzlich ſo er⸗ griff?“ fragte Gertrud beunruhigt. „Was es war?“ wiederholte Auguſt.„Eiferſucht“, fügte er langſam und mit Nachdruck hinzu. Es giebt im Leben oft Wahrheiten, vor denen wir zurückſchrecken, weil ſie uns in einem Momente die ganze Gefahr einer Stellung zeigen, in die wir unbewußt gerathen ſind. Eine ſolche Wahrheit war es, die Auguſt ſpeben ausgeſprochen hatte. Gertrud erbebte erſchrocken vor derſelben zurück, weil ſie gleichſam wie durch einen Zauberſchlag ge⸗ wahrte, welche gefährliche Waffe die Schwäche ihrer Schweſter in der Hand des Mannes ſei. Gertrud wandte ſich vom Schwager ab und ſchritt der Thür zu. 6„Willſt Du das Uebel unheilbar machen, Gertrud“, ſagte Auguſt,„dann ſuche eine Erklärung mit Iſa⸗ bella. Es iſt gefährlich, an unſeren zarten Gefühlen 183 zu rütteln, oder ſich klar ſehend zu zeigen, wo man es, wie hier, mit einer gefühlvollen und verſchloſſenen Natur, wie Iſabella's, zu thun hat.“ „Möglich“, erwiderte Gertrud, indem ſie das Ge⸗ ſicht abwandte;„allein ich wünſche dennoch jetzt mit Iſabella zu ſprechen, um ihr Adieu zu ſagen.“ Sie verließ das Zimmer und es war ein eigen⸗ thümlicher Blick, mit dem Auguſt ihr nachſchaute. Einige wenige Tage ſpäter verließ Gertrud ganz unvermuthet die Hauptſtadt und reiſte zu ihrem Vater nach Lugnet, wo ſie einige Wochen zubrachte und dann erſt ſich nach Elfborg begab. Hier beabſichtigte ſie den Sommer und Herbſt zu verleben, um ſich deſto mehr ihren neuen, der Vollen⸗ dung nahen Wohlthätigkeitsanſtalten zu widmen. Sie wollte ſo ſchnell als möglich das Geld, wel⸗ ches ſie noch ihr eigenes nannte, zum allgemeinen Nutzen verwenden; dies ſchien ihr der einzige würdige Gebrauch deſſelben zu ſein und ſie ergriff daher gegen Ende des Maimvnats wieder ihren Wirkungskreis auf Elfborg. Erſt einige Zeit nach ihrer Heimkehr lud Gertrud. den Doctor Eduard Hartling zum Mittageſſen ein. Sie hatte nach ihrer Stockholmer Reiſe ſich ihm mit einer Freundlichkeit genähert, welche ihn auf eine be⸗ 184 deutende Aenderung ihrer Anſicht über ihn ſchließen ließ. Sie ſaßen jetzt auf der Veranda und disputirten über einen Vorſchlag zu einem Armenhauſe, den Eduard ihr gemacht hatte, als ein Reiſewagen in der Allee zum Herrenhauſe ſichtbar wurde. „Wer mag das ſein?“ ſagte Gertrud und blickte verwundert auf das nahende Geſpann. „Einer der Nachbarn, vermuthe ich“, erwiderte Eduard. Gertrud ſchüttelte den Kopf und meinte, der Wa⸗ gen ſei viel zu ſehr verſtaubt, um nur eine Reiſe von einer und einer halben Meile gemacht zu haben. Einige Augenblicke ſpäter und der Wagen hielt an. Ein ſchönes, ſehr bleiches Frauengeſicht wurde im Wagen ſichtbar und Gertrud rief froh überraſcht: ſäbella“ Schon im nächſten Augenblicke ſtand ſie am Wa⸗ genfenſter; die Schlagthür wurde geöffnet und Auguſt ſchob ſeine bleiche Frau zur Seite, hüpfte aus dem Wagen, nahm Iſabella auf ſeinen Arm und hob ſie aus demſelben, indem er ſagte: „Verzeihe, beſte Gertrud, ich muß Iſabella auf die Veranda tragen, bevor ich Dich begrüße. Sie iſt ſehr krank geweſen und iſt noch ſehr ſchwach.“ 185 Iſabella ſchwach? Iſabella krank? Und Gertrud in vollſtändiger Unkenntniß darüber geblieben? In⸗ deſſen, da es ihrer friſchen und ſtarken Natur nicht eigen war, ihren Gefühlen durch Ausrufe der Beſtür⸗ zung Ausdruck zu geben, ließ ſie mit keinem einzigen Worte verlauten, was ſie bei dieſem Anblick empfand. Sie führte den Schwager mit ſeiner Bürde in ihr eigenes Schlafgemach, wo er die kranke Frau in einen Lehnſtuhl niederſetzte. Gertrud ſchloß die Schweſter innig an ihr Herz und Iſabella brach in Thränen aus, indem ſie ihr ſchwaches Köpſchen wie ehedem an Ger⸗ trud's Bruſt lehnte. „Was iſt geſchehen?“ fragte dieſe,„und weshalb ließ man mich über Deine Krankheit in Unwiſſenheit?“ „Aus der einfachen Urſache, weil wir Dich nicht beunruhigen wollten“, ſagte Auguſt.„Tante Marianne billigte dies Verfahren, und deshalb ſchrieb ſie nicht ein Wort, daß Iſabella an Bruſtentzündung gefährlich erkrankt ſei. Eine ſchwere Erkältung hätte Iſabella bald das Leben geraubt. Die Aerzte haben verordnet, ſie unverzüglich aufs Land zu bringen, und da ſind wir!“ Und ſie blieben. Gertrud überließ ihnen ihre eigenen Zimmer; ſie ſelbſt bezog einige kleinere neben der Bibliothek, um es 186 der Schweſter ſo bequem als möglich zu machen, da⸗ mit ſie ohne alle Anſtrengung auf die Terraſſe gelangen könne. Eduard blieb, von Gertrud ſofort erſucht, Iſa⸗ bella zu pflegen und nur Sorge dafür zu tragen, daß die Schweſter bald hergeſtellt werde. Auguſt war viel zu klug, um ſein Mißvergnügen über dieſe Anordnung zu zeigen. Nach einem Aufenthalt von acht Tagen war Iſa⸗ bella Dank der Ruhe und Pflege bedeutend beſſer. Die Luft, die Liebe der Schweſter und die zärtlichſte Für⸗ ſorge gaben ihr bald Geſundheit und Kräfte wieder. Freilich ſchien ſie verſchloſſener als je zu ſein und über ihrem ganzen Weſen weilte eine gewiſſe Kälte. Obgleich Gertrud ſchon in den erſten Tagen dieſe Ver⸗ änderung bemerkt hatte, ſo ſagte ſie dennoch kein Wort; ſie verdoppelte wo möglich noch ihre Zärtlichkeit gegen die geliebte Schweſter, die ihr um ſo theurer war, je mehr ſie ihrer Fürſorge bedurfte. Unter dieſen Eindrücken geſchah es eines Tages, als die beiden Schweſtern zuſammen ſaßen und Iſa⸗ bella ſehr angegriffen ausſah, daß Gertrud ganz un⸗ willkürlich ausbrach: „Weißt Du, liebe Bella, daß, wenn Du mir ent⸗ riſſen würdeſt, das Leben für mich ſeinen ganzen 187 Werth verlieren würde? Du biſt das Theuerſte, was ich beſitze.“ Iſabella wandte das matte Haupt ab und er⸗ widerte: „O, Du würdeſt Dich wohl tröſten!“ „Nein, tauſend Mal nein, es würde mir das Herz zerreißen; es würde in demſelben eine Leere ent⸗ ſtehen, die nichts zu erſetzen vermöchte. Ich fühle das nur zu ſehr.“ Iſabella antwortete nichts, ſondern ſchüttelte zwei⸗ felnd das Haupt. Wie betrug ſich Auguſt? Es war nichts gegen ihn auszuſetzen. Er war ſtets herzlich, immer aufmerkſam gegen ſeine kranke Frau und zeigte Gertrud gegenüber eine ſolche Zurück⸗ haltung, daß es ſchien, als ob er ihrer Geſellſchaft auswiche und fürchte, mit ihr in eine vertrauliche Be⸗ rührung zu kommen. Gertrud bemerkte dies nich, eben weil der Schwa⸗ ger eine ihr ſehr gleichgültige Perſon war. Sie konnte ihn nicht achten; aber was that ſie nicht alles um der geliebten Schweſter willen, auf die ja ſein Betragen entſchieden einwirkte! Sie ſchätzte ſich im Stillen glück⸗ lich, daß er ſich von ihr entfernt hielt und nicht, wie während ihres Aufenthalts in Stockholm, ſie ſtets mit 188 ſeinen Artigkeiten überhäufte, beſonders, da ſie anneh⸗ men zu müſſen glaubte, daß Iſabella's Eiferſucht noch nicht erſtorben war. Aber wenn Gertrud kein Gewicht auf Auguſt's Verhalten legte, ſo that ſein Bruder Eduard es um ſo mehr. Er nahm aus Iſabella's Krankheit Veran⸗ laſſung, täglich auf Elfborg zu erſcheinen, und daher kam es, daß er faſt alle ſeine Mußeſtunden dort ſ brachte. Eines Nachmittags, als Alle auf der Terraſſe ſaßen und Kaffee tranken, ſagte Auguſt, an Gertrud ſich wendend:„Ich habe heute einen Brief von Tante Marianne erhalten, worin ſie mich erſucht, Dich zu benachrichtigen, daß ſie und Ottilie Ghldenſtjerna am nächſten Donnerſtage nach der Stadt kommen werden und daß ſie Dich ſie von dort abholen zu laſſen.“ „Das werde ich zi thun“, erwiderte Gertrud; „aber es wundert mich, daß Tante nicht an mich ge⸗ ſchrieben hat und daß Ottilie hier her kommt, ohne eingeladen zu ſein.“ „Darüber kann ich Dir Aufſchluß geben“, ließ Auguſt ſich vernehmen.„Tante ſchrieb mir in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten und bat mich gleichzeitig, Dir das eben Geſagte mitzutheilen; doch, das hätte ich bald 189 vergeſſen, Ottilie wird auch ihre Schweſter Amanda mitbringen“, fügte er lächelnd hinzu:„Die Tante ſchrieb, daß Amanda's Gatte auf längere Zeit mit einem Kriegsſchiffe auscommandirt ſei, und daß die junge Frau Landluft und ein wenig Zerſtreuung be⸗ dürfe.“ Gertrud ſchwieg und ſchlürfte ihren Kaffee; Iſa⸗ bella äußerte mit einem faſt unfreundlichen Blick auf die Schweſter: „Ich für meinen Theil glaube, daß es ſehr ange⸗ nehm ſein wird, Ottilie und Amanda hier zu ſehen; dann hat man doch wenigſtens Jemand, mit dem man ſich unterhalten kann.“ „In dieſem Falle, liebe Iſabella, iſt es ja gut, daß die Tante es ſo arrangirt hat. Alles was Dir Vergnügen macht, iſt mir angenehm.“ Gertrud nickte freundlich der Schweſter zu, welche ſich jedoch ziemlich beunruhigt fühlte. „Wenn ich nun einmal Neuigkeiten zu berichten angefangen habe“, ergriff Auguſt wieder das Wort, „iſt es wohl am beſten, hier gleichzeitig mitzutheilen, daß ich mir die Freiheit genommen habe, drei Freunde von mir, den Aſſeſſor G., den Hardeshöfding K. und den Hauptmann U. zu mir einzuladen. Ich hoffe, 190 beſte Sertrud, daß Dir das nicht mißfallen wird. Sie kommen gleichzeitig mit der Tante.“ Iſabella warf einen prüfenden Blick auf ihre Schweſter, gleichſam als fürchte ſie, daß Gertrud bei dieſer Nachricht ihr Mißvergnügen äußern würde; allein die Züge derſelben blieben unverändert, obgleich der Ton ihrer Stimme etwas ſchärfer klang, als ſie antwortete: „Ob mir die Freiheit, die Du Dir genommen haſt, mißfällt oder nicht, ſo bleibt mir doch nichts anderes übrig, als die ungebetenen Gäſte willkommen zu heißen, da ſie bereits übermorgen hier ankommen werden.“ Sie ſtellte die Kaffeetaſſe von ſich und verließ die Geſellſchaft. Frau Magdalene, die während dieſes Geſprächs purpurroth geworden war, folgte Gertrud's Beiſpiel. Die beiden Eheleute blieben allein auf der Terraſſe zurück. Auguſt that einige lange Züge aus ſeiner Ci⸗ garre und ſagte: „Nun, Bella, hatte ich Recht oder nicht, als ich behauptete, daß Gertrud nicht böſe auf mich werden könne?“ „Sie wurde ſehr unzufrieden und das mit Recht“, 4094 fiel Iſabella lebhaft ein.„Auguſt, Du haſt beſtimmt Unrecht, wenn Du mir Andeutungen machſt, daß meine Schweſter eine gewiſſe Schwäche für ihren Schwager birgt. Nein, dazu iſt Gertrud viel zu edel!“ „Du ſprichſt wie ein Kind, mein Engel, als ob darin etwas Unedles läge, wenn ſie für mich eine warme Hingebung fühlt? Das ſind Gefühle, über die ſie nicht zu gebieten vermag; dieſelben entſtehen und erlöſchen, ohne daß der Wille oder die Vernunſt etwas dabei vermögen. Gertrud ſelbſt mißbilligt dieſe Schwäche. Wenn nun alſo Gertrud von derſelben Macht, welche Dich beſchlich, eingenommen turde, was liegt denn darin Tadelnswerthes? Dich um deswillen zu verſöhnen, überhäuft ſie Dich mit Zärtlichkeiten; ich finde nicht, daß Du darüber Thränen zu vergießen brauchſt, und in der That iſt es eine Rettung für uns Beide. Gertrud wird dadurch abgehalten, ſich zu ver⸗ heirathen und ihr großes Vermögen gelangt in Folge deſſen nicht in den Beſitz eines Mannes, der es früher oder ſpäter durchbringt. Nun, trockne Deine Thränen, liebe Bella und erſpare uns Beiden den ewigen Aus⸗ bruch der Betrübniß, welche inſofern gefährlich iſt, als ſie uns Männer leicht ermüdet. Sei heiter, lächle und erhole Dich, und Du kannſt verſichert ſein, daß meine Liebe für Dich unverändert Dir gehört. Ver⸗ 192 ſcheuche ſie nicht mit Deinen Thränen!“ Auguſt ſtrei⸗ chelte Iſabella's Wangen, küßte ſie auf die Stirn, ging, eine vulgaire Melodie flötend, von der Terraſſe und ſchlug den Weg nach dem Parke ein. Achtzehntes Kapitel. Die Gaſtzimmer auf Elfborg waren alle geordnet und der Mittagstiſch war gedeckt; die Haushälterin warf hin und wieder unruhige Blicke auf den Koch⸗ heerd, als Stunde auf Stunde verging, ohne daß die erwarteten Gäſte ſich blicken ließen. Ihre Stirn ver⸗ finſterte ſich, als die Uhr vier ſchlug und noch immer kein Wagen ſichtbar wurde. „Es wird nicht meine Schuld ſein, wenn das Eſſen nichts taugt“, erklärte ſie, als Frau Magdalene in die Küche trat. In demſelben Augenblick jedoch hielten die Reiſe⸗ wagen am Fuße der Veranda; es waren drei Damen, welche dem erſten entſtiegen, mit nachfolgenden Koffern, Taſchen und Hutſchachteln zc. Zwiſchen allen dieſen unzähligen Sachen hüpften Schwartz, Novellen. I. 18 194 drei Herren aus dem andern Wagen heraus, und die Gäſte wurden nunmehr nach den für ſie beſtimmten Zimmern geführt. Zu nicht geringem Verdruß der Wirthſchafterin verging noch eine ganze Stunde, bevor die Angekommenen Toilette gemacht hatten und das Mittageſſen endlich ſervirt werden konnte. Obgleich fünf der Fremden nach Elfborg gekom⸗ men waren, ohne von der Wirthin eingeladen zu ſein, ſo vergaß Gertrud dennoch keinen Augenblick die For⸗ derungen der Gaſtfreundſchaft, und wenn man auch eine gewiſſe Kälte in ihrem Weſen zu finden glaubte, ſo zeigte ſie doch gegen Jeden eine über alles Erwar⸗ ten große Höflichkeit. Damit waren indeß die Gäſte auch vollſtändig zufrieden, die gewöhnt zu ſein ſchienen, ſich nur mit dem zu beſchäftigen, was ihre Sinne wahrnahmen und daher wenig ſich um das bekümmer⸗ ten, was Gertrud dachte. Eduard war am Vormittage nach Elfborg gekom⸗ men und zu bleiben erſucht worden Die beiden Schweſtern Ottilie und Amanda thaten das Ihrige, um ihn zu erheitern und ihm ein Intereſſe einzuflößen, beſonders, da ſie hinlänglich ſchön und coquett genug waren, um die Hoffnung einer Eroberung nähren zu können, obgleich man der jungen und reichen Wirthin die größte Aufmerkſamkeit ſchenkte. 5 Gertrud erwiderte die Artigkeiten der Herren in ſcherzender, aber gleichgültiger Weiſe, ſo daß dieſe ſich beſchwert fühlten und nicht wußten, wie ſie das dunkel⸗ äugige und ihnen vollſtändig räthſelhafte Weſen be⸗ handeln ſollten. Eduard hingegen beſchäftigte ſich nur wenig mit Gertrud, wiewohl ſie um dieſe Zeit auf recht gutem Fuße lebten. Er ſchien ſich für Ottilie zu intereſſiren, die trotz ihrer zwanzig und einiger Jahre in der That ſtrahlend ſchön war. Nur hin und wieder tauſchte er einige Worte mit Iſabella aus und es gelang ihm wirklich, zuweilen ein Lächeln auf ihren Lippen hervorzurufen; Auguſt war gleichſam untrennbar von der Kammerräthin, welche ſich ſo ungemein ſanft und liebenswürdig gegen ihn benahm, während ſie mit ihrer Freundlichkeit gegen Gertrud immer ſparſamer zu werden ſchien. Letztere, hiervon ſchmerzlich berührt, dachte nichts⸗ deſtoweniger: „Ich muß zu erfahren ſuchen, was die Tante zu einer ſolchen Veränderung gegen mich bewogen hat, wenn ich nur erſt Gelegenheit habe, ſie allein zu ſprechen, was, wie ich hoffe, nicht lange dauern wird.“ Wider Erwarten blieb dieſes Alleinſein aus; denn trotz ihrer wiederholten Verſuche, während der erſten 13* 196 Wochen mit der Tante allein zu ſein, wich dieſe ihr ſichtbar aus; ſie war bald von Iſabella, bald von Auguſt in Anſpruch genommen, oder aber von Ottilie und Amanda umgeben, die ſich ganz beſonders um die Freundſchaft der Kammerräthin zu bewerben ſchienen. Die ſtete Aktivität, welche die Tagesordnung der Geſellſchaft mit ſich führte, wechſelte mit Reitpartien, an denen Gertrud Theil nahm, Promenaden zu Fuß und Wagen, wobei Gertrud ſtets mit Iſabella in dem⸗ ſelben Wagen fuhr, um darüber zu wachen, daß die Tour für die geliebte Schweſter nicht zu anſtrengend werde. Die Theilnahme an den ſonſtigen Zerſtreu⸗ ungen ſchlug Gertrud jedoch entſchieden ab. Indeſſen fuhr die Kammerräthin fort, ihre ge⸗ meſſene Haltung gegen Gertrud zu behaupten und als man eines Tages von einer ſolchen Wagenfahrt zu⸗ rückgekommen war, ging dieſe in ihr Zimmer und fragte ſie, weshalb ſie unzufrieden ſei. Die Tante erwiderte, daß ſie mit Kummer beob⸗ achtet habe, wie Gertrud's Herz ſo verändert ſei, in⸗ dem ſie mit jedem Tage geiziger und geiziger werde, und dabei ſo mißtrauiſch und egviſtiſch ſei, daß ſie, die Kammerräthin, mit Schrecken dem Tage entgegen ſehe, wo Gertrud eine neue Auflage der Tante Louiſe ſein werde 4197 Worauf Tante Marianne ihr ſchlechtes Urtheil über die Nichte gründete, blieb jedoch unaufgeklärt; die Folge dieſes Zwiegeſprächs war, daß die ge⸗ wiſſenhafte und pflichtliebende Gertrud die folgende Nacht mit einer ernſten Prüfung ihres Innern zu⸗ brachte. Als ſie am folgenden Morgen mit ihrer ein⸗ fachen Toilette beſchäftigt war, befiel ſie eine Unruhe und Leere, die ſie zu dem Bewußtſein führte, daß ſie keinen einzigen Freund beſaß, dem ſie ſich anvertrauen konnte. Die Hingebung des Herzens, wie ſie ihr früher eigen geweſen, war erkaltet. Iſabella nährte fortwäh⸗ rend einen Verdacht gegen ſie; das Herz der Tante war kalt geworden und verkannte ſie. Freilich beſaß ſie noch die Liebe des Vaters; allein er hatte ſtets Iſabella vorgezogen und niemals Gertrud ganz ver⸗ ſtanden. An wen ſollte ſie ſich wenden? Wem ſollte ſie ihr Herz öffnen, um endlich ein unparteiiſches Ur⸗ theil über die Motive, welche ſie leiteten, zu erfahren? Sie hatte ja, ſo lange ſie denken konnte, niemals eine andere Vertraute, als Iſabella, gehabt, und jetzt wies dieſe ſie jedes Mal zurück, wenn ſie ſich ihr in Liebe nähern wollte. Gertrud hatte ſtets eine innige Neigung für die Tante, als ihre einzige mütterliche Freundin, bewahrt, und jetzt, ohne ihre eigene Schuld, hatte ſich auch 198 7 das Wohlwollen dieſer nahen Verwandten gegen ſie verringert.. War Gertrud denn wirklich geizig, mißtrauiſch und egpiſtiſch? Sie legte die Hand an ihr Herz und ſtellte an ſich ſelbſt dieſe Frage. Nein, nein, jeder Schlag ihres Herzens ſagte ihr, daß ſie für das Rechte und das Glück Anderer und für die, welche ſie liebte, ohne Bedenken ſich ſelbſt opfern würde; daß ſie dagegen niemals im Stande ſein würde, ihre Begriffe von Recht und Unrecht zu verleugnen. Es währte daher auch nicht lange, daß dieſes Gefühl des Mißmuthes und der Niedergeſchlagenheit ſie beherrſchte; ſie ſchüttelte daſſelbe, als durch unge⸗ rechte Anſchuldigungen gegen ſie entſtanden, bald von ſich ab, und um ganz davon befreit zu werden, beſchloß ſie, eine längere Reittour vor dem Frühſtück zu un⸗ ternehmen. Der Hochſommer ſtand vor der Thür und die Natur war mit dem ganzen Prunke ihres Blumenflors geſchmückt. Der Morgen war heiter; der Vögel Ju⸗ belgeſang, die friſche Morgenluft und der erquickende Duft in Wald und Flur ließen in dem unverdorbenen Herzen Gertrud's jene Gefühle des Selbſtvertrauens 199 aufs Neue erwachen, in denen die Jugend eine ſtets ſiegreiche Waffe gegen niedrige Feinde beſitzt, womit ſie über jede Feigheit und Kleinlichkeit triumphirt, wo⸗ mit ſie Alles zu thun vermag. „Selbſtachtung“, dachte Gertrud,„Selbſtvertrauen nur kann dich retten“, und ſie fühlte unter dem ſchö⸗ nen, blauen Himmelsgewölbe, unter dem Rauſchen der Bäume des Waldes, daß die unruhigen Gefühle kleinlicher Verzagtheit verſchwunden waren. Die friſchen, frohen Schläge ihres Herzens waren wiedergekehrt, aber nicht, ohne ſie zugleich in eine feierlich ernſte Stimmung zu verſenken. Sie ließ ihr Pferd ruhigen Schrittes einher gehen. „Gottes Güte iſt groß, und das Leben iſt den⸗ noch herrlich!“ rief ſie aus.„Wie viel ſchöner könnte es ſein, wenn die Menſchen dem Niedrigen und Ge⸗ meinen entſagten und ihren Blick auf dasjenige richten könnten, was ſchön und gut und edel iſt!“ In demſelben Augenblicke ſpitzte das Pferd die Ohren und wieherte. Sie vernahm Hufſchläge, ein Reiter näherte ſich im Galopp; ſie ſah zurück, hielt ihr Pferd an und rief voller Freude: „Eduard! Und in der That war es Eduard, der eine volle halbe Stunde die Kreuz und Quer umhergeritten war, 200 um das ſtolze Burgfräulein zu finden und ihr vor ſeiner Heimreiſe noch einige Worte zu ſagen. „Die Uhr iſt ſieben“, ſagte er vor ſich hin,„in zwei Stunden muß ich zu Hauſe ſein; es iſt daher keine Zeit zu verlieren.“ „Sprechen Sie, edler Ritter, und laſſen Sie mich vernehmen, was Sie zu verkünden haben“, ſagte Ger⸗ trud lächelnd. „Etwas Neues habe ich nicht, aber etwas Ernſtes. Würden Sie die Güte haben, dieſen Weg rechts ein⸗ zuſchlagen, damit ich, während wir zuſammen ſprechen, mich meinem Hauſe nähere?“ „Mit Vergnügen“, verſetzte Gertrud,„und nun laſſen Sie mich hören, wie das Ernſte lautet.“ „Gertrud, halten Sie mich jetzt endlich für einen ſtrengen Ehrenmann?“ fragte Eduard. „Das thue ich.“ „Haben Sie alle Zweifel in Betreff meiner Be⸗ griffe von Ehre überwunden?“ „Vollkommen.“ „Legen Sie die Hand aufs Herz und verſichern Sie mir, daß dieſe Zweifel für immer erſtorben ſind!“ „In meiner Seele befindet ſich kein Zweifel mehr; ich glaube an Eduard's Ehre!“ 201 „Und wenn ich jetzt Gertrud's Hand begehren würde, was würde Sie mir dann antworten?“ „Daſſelbe, was ich früher einmal geantwortet habe, und dann würde ich in Carridre nach Hauſe reiten. Allein ich fürchte durchaus nicht, den Rückzug antreten zu müſſen.“ „Wenigſtens heute nicht; obgleich ich in Wirklich⸗ keit nicht zu begreifen vermag, weshalb Gertrud ſich nicht mit mir verheirathen will.“ „Die Urſache iſt die, daß ich Sie nicht liebe, und dürfte es jetzt Ihnen daher wohl erklärlich ſein“, er⸗ widerte ſie. „Aber das iſt nicht die Urſache; denn wenn Sie jemals einen Mann lieben werden, ſo bin ich es!“ „In dieſem Falle werde ich niemals Jemand lie⸗ ben“, verſetzte Gertrud lachend. „Dann werden wir beide unverheirathet bleiben müſſen“, erklärte Eduard ganz heiter, als ob er etwas ausgeſprochen hätte, worüber er ſich von Herzen freute. „Sprengten Sie mir nach, um mir dies ſagen zu können?“ fragte Gertrud. „O nein, es iſt etwas ganz anderes, freilich Un⸗ angenehmes, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Doch bevor wir dahin gelangen, wollte ich mich vergewiſſern, 202 ob Sie meinem Charakter und meinem Urtheil volles Vertrauen ſchenken.“ „Zu erſterem muß ich es wohl unbedingt haben, nachdem ich ſoeben erklärte, an Ihre Redlichkeit zu glauben. Was das letztere betrifft, ſo habe ich dar⸗ über ſtets große Gedanken genährt.“ „Dann ſind wir ja damit im Reinen. Hören Sie daher nunmehr, was ich Ihnen zu ſagen habe. Eine Perſon, der Sie mit großer Liebe ergeben ſind, wird Ihnen in nächſter Zeit etwa Folgendes ſagen: Ich fürchte, daß Eduard der Ruhe Iſabella's ge⸗ fährlich wird, denn ihre Jugendneigung ſcheint wieder erwacht zu ſein. Du wirſt ihn auffordern müſſen, ſeine Beſuche einzuſtellen, wenn Du einem Unglück vorzubeugen wünſcheſt. Antworten Sie dann Demjeni⸗ gen, der Ihnen dies ſagt, daß er irre geleitet iſt, und laſſen Sie ſich nicht dazu veranlaſſen, mich um die Einſtellung meiner Beſuche zu bitten. Merken Sie wohl auf: Ich muß ſo oft als möglich über eine Per⸗ ſon wachen, von der ich fürchte, daß dieſelbe unrechte Wege beſchreitet, und ich bitte Sie, Gertrud, glauben Sie mir, wenn ich Sie hiermit beſtimmt verſichere, daß die Geſchichte von Iſabella's neuerwachter Neigung vollſtändig aus der Luft gegriffen iſt. Sie liebt bis zum Uebermaß ihren Mann, iſt eiferſüchtig auf Alle, 203 gegen die er freundlich iſt, und wünſcht nichts mehr, als ſeine ungetheilte Liebe zu beſitzen. Das Märchen von ihrer angeblichen Neigung zu mir iſt zu dem Zwecke hervorgeſucht worden, um eine gewiſſe Perſon meinen Blicken zu entziehen, da dieſelben ihr unter Umſtänden nachtheilig, ja ſogar gefährlich werden können.“ „Und wer iſt der Dichter?“ fragte Gertrud in tiefem Ernſte. Eduard's Stirn verfinſterte ſich gleich einem Ge⸗ witter, als er antwortete: „Geſtatten Sie mir, daß ich das verſchweige und Sie nur bitte, auf Ihrer Hut zu ſein.“ Sie ritten eine Weile ſchweigend neben einander, bis Gertrud endlich das Wort nahm: „Sagen Sie mir, lieber Doktor, hat der Reich⸗ thum mich hartherziger gemacht? Bin ich wirklich gei⸗ zig und egoiſtiſch? Ich bitte Sie um Ihre ungetheilte Meinung, um Ihr ſtrenges, unparteiiſches Urtheil“ Dabei blickte ſie den Doktor feſt und ſcharf an, gleichſam als wollte ſie ſagen:„Was Du mir ſagen wirſt, das gilt.“ „Gertrud, Sie ſind nicht egviſtiſch geworden, viel⸗ leicht ſind Sie es weniger als früher; aber Sie ſind mißtrauiſcher geworden. Geizig kann man Diejenigen nicht nennen, die, wie Sie, nur einen geringen Theil 204 ihres Reichthums für ſich ſelbſt verwenden, während Sie mit den Gaben, welche die Vorſehung Ihnen ge⸗ ſchenkt, Anderen zu nützen ſuchen. Ein vernünftiger Menſch kann Sie doch nicht als geizig bezeichnen, da Sie zum Beiſpiel für Ihren Schwager Summen ge⸗ opfert haben, die unter dem Niveau der Sparſamkeit liegen, ſomit an Verſchwendung grenzen. Was Sie eingebüßt haben, iſt vielmehr ein Theil Ihrer urſprüng⸗ lichen, geiſtigen Friſche, Feſtigkeit und Selbſtſtändigkeit, Entſchloſſenheit und ſchnelles Handeln, was, obwohl es von einem weiblichen Weſen niemals beanſprucht werden kann und darf, dennoch früher ein hervorra⸗ gender Zug Ihres Charakters war. Der Reichthum hat Sie unbeſtimmt und ſchwankend in Ihren Ent⸗ ſchlüſſen gemacht. Sie fürchten einen unvortheilhaften Einfluß deſſelben auf Ihren Charakter; ſie räumen je⸗ der, wenn auch noch ſo unbegründet hingeworfenen Anklage zu viele Vortheile gegen ſich ein. Sie fürch⸗ ten, einen unedlen Gebrauch von Ihrem Reichthum zu machen, und indem Sie, die Sie eines ſolchen unedlen Gebrauchs durchaus unfähig ſind, ſich ſelbſt verkennen, indem Sie ſelbſt zuzugeben ſcheinen, daß Sie egviſtiſch oder geizig ſind, geben Sie Anderen, die ſich Ihren Reichthum gerne zu Nutze machen möchten, eine vor⸗ treffliche Waffe gegen ſich ſelbſt in die Hand. Man 205 wird Sie in Ihrer falſchen Meinung nur zu beſtärken ſuchen; man wird Sie für geizig und Gott weiß was Alles ausſchreien; Sie werden, in der Meinung, ſich zu beſſern, Alles hingeben, und bald nicht mehr die reiche, wohl aber die arme Gertrud ſein. Verſuchen Sie, ſelbſtſtändiger in der Beurtheilung Ihrer Selbſt zu werden und laſſen Sie Beſchuldigun⸗ gen, welche der Neid, die Eitelkeit und Selbſtſucht ge⸗ gen Sie außſtellt, nicht länger auf ſich einwirken. Gehen Sie mit frohem Muthe den Weg, den Sie ſich vorgezeichnet haben; lächeln Sie über die Ihnen ge⸗ machten Vorwürfe und Ihr eigenes Urtheil wird Sie dieſelben gar bald als falſch erkennen laſſen.“ „Ach, ich fürchte nur, daß ich dieſes Gleichgewicht niemals erreichen werde“, klagte Gertrud und ſah dabei recht wehmüthig aus.„Ich weiß nicht, vielleicht paßt mein natürlicher Gemüthszuſtand nicht zu dieſem Reichthum; die Natur hat mich zu einer Arbeitsbiene beſtimmt, welche unter frohem Geſumme den Honig zum Korbe tragen ſollte. Die arme Biene iſt muth⸗ los geworden, weil ſie von dem Honig leben muß, den Andere geſammelt haben, ſie vermag deſſen Süße nicht zu genießen.“ „Verzeihen Sie, Gertrud, wenn ich Ihnen jetzt erkläre, daß dieſe Anſicht einer lebensfriſchen Weiblich⸗ 206 keit, wie Sie es ſind, nicht würdig iſt. Der Reich⸗ thum iſt immer ein Glück; Sie vermögen durch den⸗ ſelben Nutzen, Wohlfahrt und Segen um ſich her zu verbreiten, und iſt denn dies etwa kein Glück, das Sie als unbefriedigend von ſich abſchütteln müßten? Nein, ſchütteln Sie lieber den unbefriedigenden Stolz und dieſe Unzufriedenheit von ſich ab, die Ihnen vor⸗ ſpiegelten, daß Sie durch Ihre Arbeit Ihre Unab⸗ hängigkeit und die der Ihrigen zu ſchaffen vermöchten! Ich kann Sie verſichern, daß dieſes Vertrauen zu Ihren eigenen Kräften und der Glaube, ſich ſelbſt genug durch ſeine Arbeit zu ſein, ſich früher oder ſpä⸗ ter, um das Glück eines Menſchen ſchaffen zu können, als unzureichend erweiſen wird. Doch es iſt vielleicht beſſer, wir brechen hier ab.“ „Und weshalb?“ fragte Gertrud. „Weil meine Rede bereits viel zu derbe geworden iſt und leicht als eine Vertheidigung meiner eigenen In⸗ tereſſen aufgenommen werden könnte.“ „Die Wahrheit, Herr Doktor, trägt ein Gepräge, das keiner Mißdeutung unterworfen iſt; fahren Sie daher unbeſorgt fort.“ „Nun wohl, Fräulein! Sie haben beſchloſſen, ſich von der Beſtimmung des Weibes auszuſchließen; Sie wollen Ihren Weg einſam durchs Leben gehen. Sie 207 ſtellen ſich daher ſelber die ſchwere Aufgabe, ſich mit der Liebe, dem ſchönſten und heiligſten Triebe, den Gott in die Herzen der Menſchen legte, und mit der Uebertretung ſeines Willens:„Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei“, zu verſöhnen. Keine weltlichen Intereſſen werden Ihnen eine ſolche Verſöhnung er⸗ möglichen. Dem Weibe wird es niemals gelingen, ſich von der ſchönen Beſtimmung zu emanzipiren, welche der Allweiſe ihr verliehen. Die Gottesſtimme in ih⸗ rem Herzen iſt ſtärker, als unſere modernen Ideen! Doch nun leben Sie wohl! Ich muß ſchnell nach Hauſe reiten, um meine Patienten nicht warten zu laſſen.“ In wenigen Minuten war Gertrud wieder ſich ſelbſt und ihren eigenen Gedanken anheimgegeben, in denen ſie vertieft und vereinſamt in ihre Wohnung zurückkehrte. Neunzehntes Kapitel. Einige Zeit war wieder verfloſſen, in der Gertrud ſich einer froheren und ruhigeren Gemüthsſtimmung zu überlaſſen ſchien, als eines Tages, während ſie in ihren Studien vertieft war, Tante Marianne zu ihr ins Zimmer trat, um ſich einer discreten Angelegenheit wegen einige Augenblicke mit ihr zu unterhalten. Ger⸗ trud verließ ſofort ihre Bücher, um den Mittheilungen der Tante ungetheilte Aufmerkſamkeit ſchenken zu können.. „Ich wünſche Dich darüber aufzuklären, daß ein trauriges Verhältniß, welches ſich in unſerer Familie vorfindet“, begann die Kämmerräthin in feierlichem Tone,„einer Abänderung Deinerſeits bedarf, wenn daſſelbe nicht große Uebel erzeugen ſoll.“ Gertrud begriff ſofort, daß ſie jetzt dasjenige 209 hören werde, worauf Eduard ſie bereits vorbereitet hatte; ſie hielt es daher für zweckmäßig, die Tante ihre Sache vollſtändig entwickeln und die Gründe angeben zu laſſen, welche ſie für ihre Anklage zu haben ver⸗ meinte. Die Kammerräthin machte eine kleine Pauſe; allein da Gertrud ſie fortzufahren aufforderte, ergriff ſie mit großer Bereitwilligkeit wieder das Wort: „Ich habe ſeit meiner Ankunft hier auf Elfborg mehrere betrübende Entdeckungen gemacht; über eine derſelben habe ich bereits kürzlich mit Dir geſprochen, da dieſelbe Dich berührte. Eine andere betrifft Deine Schweſter, und ſie iſt meiner Anſicht nach ſehr beun⸗ ruhigend, um ſomehr, als ſie einen ſo ausgezeichneten Mann bekommen hat, wie ſie ſich ihn nur wünſchen konnte. Es ſcheint indeſſen, als habe ſie ſich mit ihm, ohne ihn zu lieben, im Aerger darüber, daß Eduard ſie verſchmähte, verheirathet. Darin liegt freilich nichts Verbrecheriſches, da ſie ſich ja fortwährend bemüht, ihre Hingebung an den Mann ihrer Wahl zu befeſtigen; allein nunmehr beſteht, nach meinen Beobachtungen, das betrübende Verhältniß, daß in neuerer Zeit ihre alte Neigung wieder entflammt iſt, die ſie ſo zu be⸗ herrſchen ſcheint, daß ſie nur dann Zeichen der Zu⸗ friedenheit blicken läßt, wenn ſie ſich in der Nähe des * Schwartz, Novellen. I. 14 21¹0 Doktors befindet und derſelbe ſich bemüht, ihr Gemüth zu erheitern. Ihren Mann behandelt ſie mit empören⸗ der Kälte, alle ſeine Zärtlichkeiten weiſt ſie zurück. Daß Auguſt darunter leidet, iſt ganz natürlich, und wenn Du dem Doktor nicht verbieteſt, ſeine Beſuche hier ein⸗ zuſtellen, ſo dürfte dieſes Mißverhältniß zu einem Skan⸗ dal ausarten.“. „Es zeugt gerade nicht“, fuhr die Kammerräthin nach einer kleinen Pauſe fort,„von großem Intereſſe für die Seelenruhe Deiner Schweſter, daß Du die Einzige biſt, welche nicht gewahrte, was Andre zu be⸗ obachten Gelegenheit hatten.“ „Und wer ſind denn dieſe Andern?“ jragte Ger⸗ trud und ſah der Tante ſcharf ins Auge. „In erſter Reihe ich und dann Deine übrigen Gäſte“, ſagte die Kanmerrithin und ſah ein nb verlegen aus. „Dieſe Herren und Damen, welche ungebeten hier⸗ hergekommen ſind, amüſiren ſich damit, falſche und die Ehre meiner Schweſter verletzende Beobachtungen zu machen? Es ſcheint mir, liebe Tante, als würde ich gezwungen, dieſe ungebetenen Gäſte eines ſchönen Tages zu erſuchen, dahin zu gehen, woher ſie gekommen, um uns die Unannehmlichkeit ihrer unklugen Schlüſſe zu erſparen!“ 24 „Du begreifſt auch mich wohl unter jene Gäſte, denen Du die Thür zu weiſen beabſichtigſt?“ rief die Kammerräthin zorngeröthet aus. „Meine in der That geliebte Tante, keine Heftig⸗ keit! Wenn Du, Tante, gegen Iſabella doppelt ſo ſchwere, ungerechte Anklagen erheben würdeſt, wie Du jetzt gethan haſt, ſo wäreſt Du dennoch meine liebe, theure Tante, welche mich ſtets erfreut, mein Haus mit ihrem Beſuche zu beehren. Allein, was für Dich, Tante, zutrifft, kann niemals auf dieſe Fremdlinge Anwendung finden, welche ungeladen gekommen ſind und ſich mir aufgedrungen haben. Die Anſchuldigung gegen Iſabella iſt falſch, ſie iſt erdichtet, das weiß Niemand beſſer als ich, ebenſo wie die, daß Eduard die erdichtete Neigung Iſabella's zu ihm ermuntern ſollte. Merke wohl auf Tante: Dieſe unwürdigen Anſchuldigungen können mich unmöglich veranlaſſen, den Mann aus meinem Hauſe zu weiſen, welcher der einzige iſt, mit dem mich zu verheirathen ich mich ver⸗ ſucht finden könnte, wenn ich je des unverheiratheten Standes müde werden ſollte“, fügte ſie in heiterem Tone hinzu. „Was, in des Himmels Namen, ſagſt Du?“ ſchrie die Kammerräthin und ſchlug die Hände über den Kopf zuſammen.„Du könnteſt Dich verſucht fühlen, 14* 22 Dich mit einem Manne zu verheirathen, der tief in Schulden verſunken, unſittlich in ſeinem Wandel, ver⸗ ſchwenderiſch, ausſchweifend, ein Spieler, ein Ränke⸗ macher iſt? Nein, das darf nie geſchehen!“ „Und wer ſollte es verhindern, liebe Tante?“ „Deiß Vater!“ La das wird er nicht thun! Sollte er die Hand ſeiner Tochter dem Arzte verweigern, der ſo umſichtig, ſo gewiſſenhaft und aufopfernd ſeine Frau gepflegt hat? Uebrigens entſinne ich mich einer Zeit, wo Du, liebe Tante, mir meine Undankbarkeit gegen Eduard verwarfſt und ſagteſt, daß ein ganzes Menſchen⸗ leben nicht unſere Schuld an ihn abzutragen vermöchte. War das eine Redensart, oder war es eine Wahr⸗ i Die geneträthhe fühlte ſich verlegen und ging ans 5 Fenſter, ohne Gertrud's Frage zu beantworten. „Du beſtreiteſt alſo, was ich in Betreff Iſabellas Liebe zu Eduard behauptet habe?“ „Auf das Beſtimmteſte.“ „Und Du gedenkſt meine Warnung nicht zu 1 rückſichtigen?“ „Nein, da wie Du ſiehſt, Deine Warnung nicht gehörig mntict iſt, ſo gedenke ich ſie nicht zu herüc⸗ 213 ſichtigen, und Du darfſt darüber nicht böſe ſein, liebe Tante.“ „Deine Schwäche für ihn wiegt daher für Dich ſtärker, als die Bewahrung des Seelenfriedens Deiner Schweſter!“ „Ich hege keine Schwäche, weder für Eduard, noch für irgend einen andern Mann; aber ich nähre einen unwandelbaren Glauben an Iſabella's Liebe zu Auguſt und an Eduard's Ehre.“ „In dieſem Falle wird es wohl am beſten ſein, daß ich mit Eduard ſelbſt ſpreche“, entgegnete die Kammerräthin mit einer Miene, in der ungemein viel Suffiſance lag. „Und ich mit Iſabella!“ Dieſe Worte wirkten elektriſch auf die Kammer räthin. Unruhe, Schrecken, Beſtürzung bemächtigten ſich ihrer.„ „Wenn Du dieſe Sache— das behalte ich mir vor— Iſabella gegenüber berührſt, dann reiſe ich ſofort ab! Siehſt Du denn nicht ein, daß die Angelegenheit ſo zarter Natur iſt, um nicht die arme Frau im höchſten Grade zu empören und ihren Geſundheitszuſtand zu verſchlimmern, zumal derſelbe, Gott ſei es gedankt, ſchon weit beſſer iſt, als man nach der Natur ihrer Krankheit zu hoffen wagte?“ 2¹4 Gertrud ſpielte mit dem Beſatz ihres Kleides. Ueber ihr Geſicht glitt eine Wolke nach der andern; ſie ſtritt einen harten Kampf gegen den Verdacht, den das Betragen der Kammerräthin in ihr erweckte. Schon von der erſten Minute ihrer Unterhaltung an hatte ſie die Vermuthung gehegt, daß Tante Marianne Auguſt's Einflüſterungen gemäß handele. Dieſer Verdacht war jetzt vollſtändig zur Gewißheit geworden, und ſie konnte nur noch die Frage an ſich ſtellen: „Welche Abſicht verknüpfte Auguſt mit dieſer In⸗ trigue?“ Nach einer ziemlich langen Pauſe Ger⸗ trud das Schweigen. „Ich verſpreche Dir, Tante, mit Iſabella nicht darüber zu ſprechen; allein nur unter zwei Bedingungen: Daß Du Deinerſeits nicht mit Eduard darüber ſprichſt, und daß mein Vater nicht in dieſe Angelegenheit ein⸗ geweiht werde. Ich nehme die Folgen, daß ich dieſe Anklage ganz unbeachtet laſſe, vor Gott und Menſchen auf meine Verantwortung.“ Hier wurde das Geſpräch durch den Inſpektor Oviſt, der mit Gertrud zu ſprechen wünſchte, unterbrochen. Die Poſt war angekommen und dieſelbe führte eine große Summe Geldes mit ſich. Außerdem war der junge Baumeiſter mit ſeinen Zeichnungen, Koſtenan⸗ 2¹5 ſchlägen ꝛc. eingetroffen. Gertrud verließ das Zimmer, froh, dem peinlichen Geſpräch mit der Tante zu ent⸗ rinnen; allein ſie fühlte ſich mehr als jemals beklommen und unruhig. Die Geſchäfte hielten ſie den ganzen Vormittag im Bureau gefangen. Als ſie daſſelbe verließ, um ſich umzukleiden, gewahrte ſie die Kammerräthin, vom Garten kommend, gefolgt von Eduard, und in leb⸗ haftem Geſpräch mit ihm begriffen. „Sollte ſie dennoch mit ihm über die nichtswür⸗ dige Lüge geſprochen haben?“ dachte Gertrud,„und in dieſem Falle handelt ſie gewiß nicht nach eigener Ein⸗ gebung.“ Gertrud führte die Hand über die Stirn und fügte hinzu:„Wie ſoll es mir gelingen, mich meines Verdachtes zu entledigen, der gegen meinen Willen ſich meiner mehr und mehr bemächtigt? Jetzt mißtraue ich ja ſelbſt meiner lieben, theuren Tante, daß ſie gegen mich intriguirt. O, es iſt ſchrecklich!“ Gertrud eilte in ihr Zimmer. Die Kammerräthin hatte trotz Gertrud's Vorbehalt, es gewagt, zum zweiten Male Eduard zu bitten, nicht ſo oft nach Elfborg zu kommen; darauf hatte er ge⸗ antwortet, daß er als Arzt hier unentbehrlich ſei; außerdem habe er andere, gewichtige Urſachen, welche es ihm zur Pflicht machten, nach Elfborg zu kommen, 2¹6 ſo oft ſeine Zeit es ihm geſtattete. Dies erwiderte Eduard auf ſeine gewöhnliche artige, aber beſtimmte Weiſe und die Kammerräthin fühlte ſich, wenigſtens für den Augenblick, entwaffnet. Es kam nun eine Zeit auf Elfborg, wo eine all⸗ gemeine, eigenthümliche Spannung und damit eine förmliche Wortkriſis eintrat. Gertrud war kalt und gemeſſen gegen Ottilie und ihre Schweſter. Tante Marianne lau und ſtolz gegen Gertrud, und Iſabella zeigte ſich faſt unfreundlich gegen die Schweſter, wo⸗ gegen Auguſt eine allgemeine Schweigſamkeit und Zurückhaltung beobachtete. Auguſt's Freunde, ſo wie Ottilie und Amanda waren dagegen diejenigen Gäſte, welche ſich aus dieſer Verſtimmung nichts machten; ſie waren froh und heiter, unbekümmert darum, was den Andern das Herz beſchwerte. Eines Morgens, als Gertrud von einer Promenade heimkehrte, erwartete Frau Magdalene bereits ſehn⸗ lichſt ihre Rückkunft. Das ſonſt ruhige, ſanfte Geſicht der würdigen Wirthſchafterin war erregt und, nach⸗ dem Gertrud die Thür verſchloſſen, verlieh ſie mit einer gewiſſen Heftigkeit ihren beleidigten Gefühlen Ausdruck: „Ich pflege mich nie in Sachen, die Andere an⸗ gehen, zu miſchen“, ſagte ſie,„weil es ſtets meine Ge⸗ —— 217 wohnheit war, Jeden thun zu laſſen, was er will, und deshalb ſchwieg ich ſtets, wenn mich Niemand fragte; aber jetzt halte ich es für meine Pflicht, Dir mitzu⸗ theilen, wie man hier auf Elfborg lebt, weil ein ſolches Leben hier in dieſen alten Mauern nie geführt wor⸗ den iſt.“ „Führt man denn hier ein unpaſſendes Leben?“ fragte Gertrud erſtaunt.„Mich dünkt, daß unſere Zerſtreuungen ſo unſchuldig wie möglich ſind. Wir machen kleine Ausflüge und genießen die Annehmlich⸗ keiten des Sommers; allein darin liegt doch nichts Unpaſſendes, ſollte ich meinen.“ „Ich behaupte auch gar nicht, daß man das Leben, von dem ich ſpreche, mit Gertrud's Einwilligung führt“, antwortete Frau Magdalene,„ſondern, daß man hinter Deinem Rücken ſo verfährt.“ „Iſt es denn meine Dienerſchaft, die ſich ſo ver⸗ ſündigt hat? In dieſem Falle bitte ich Dich, Mag⸗ dalene, ganz und gar mit derſelben zu verfahren, wie Dir beliebt.“ „Nicht die Dienerſchaft iſt es, es ſind die Gäſte, welche hier gottlos leben!“ rief Frau Magdalene mit einer Entrüſtung aus, die man ihr kaum zugetraut hätte.„Der Herr Secretair und ſeine drei Freunde bringen die ganzen Nächte mit Spielen zu. Sie ſpielen 218 ſo hoch, daß es um Tauſende von Thalern geht; aber nicht genug damit, der Herr Secretair läßt auch noch große Lieferungen Getränke kommen, und dann wird während des Spiels getrunken und erſt gegen Morgen wird mit dem gottloſen Treiben ge⸗ ſchloſſen. Da dies nun jede Nacht geſchieht, ſo erweckt es ſogar unter der Dienerſchaft Aergerniß, beſonders, da der Bediente Deines Schwagers den Leuten erzählt hat, daß es in der Stadt ebenſo hergeht, und daß es nicht ungewöhnlich iſt, die vier Herren ſelbſt am Sonn⸗ tage Vormittags ſpielen zu ſehen. Das haben ſie auch am letzten Sonntage gethan, als alle Damen in der Kirche waren. Sie hatten ſich im Pavillon eingeſchloſſen; allein ſie waren ſo laut, fluchten und lärmten, daß ein Paar Gärtner, welche vorüber gingen, ſtehen blieben, um zu hören, was es dort gäbe, und da entdeckten ſie zu ihrem Schrecken, daß es Dein Schwager und ſeine Freunde waren, welche auf dieſe Weiſe den Sabbath feierten!“ Gertrud hörte dieſem Berichte zu, ohne daß ein Wort oder eine Frage über ihre Lippen ging; aber je weiter Frau Magdalene berichtete, deſto ernſter wurden die Züge des jungen Mädchens, und als die alte Frau ſchwieg, ruhte auf denſelben das Gepräge tiefen Schmerzes, ſo wie einer Entrüſtung, die wohl bekundete, daß —————— 2⁴9 Gertrud zu einem entſcheidenden Entſchluß gekommen war. „Ich danke Dir, liebe Magdalene, für die mir gemachte Mittheilung!“ Das war Alles, was Ger⸗ trud erwiderte, und ſie ſagte das in einem Tone, welcher, zu erkennen gab, daß ſie das Geſpräch nicht zu verlängern wünſchte. Frau Magdalene entfernte ſich auch ſofort, nachdem ſie noch hinzugefügt, daß ſie ſich von ihrem Gewiſſen aufgefordert gefunden habe, Gertrud von einem ſo unwürdigen Treiben im Hauſe in Kenntniß zu ſetzen. Gertrud neigte bejahend das Haupt, entließ Mag⸗ dalenen und drückte, als ſie allein war, beide Hände gegen die ſtürmiſch klopfende Bruſt, indem ſie ausrief: „So iſt alſo mein Verdacht gegen Auguſt gerecht! Es waren keine Trugbilder, die ich durch meinen Reichthum hervorgezaubert wähnte? Nur zu gerecht⸗ fertigt, ſprach die Stimme in meinem Innern für ſeine Schuld! O mein Gott, hilf mir, damit dieſe traurige Entdeckung nicht mein Herz durch Menſchenhaß ver⸗ bittere, und mache mich ſtark, damit ich auf eine wür⸗ dige Weiſe das vollbringe, was ich jetzt beſchloſſen habe!“ Ein leiſes Klopfen an der Thür ſtörte ſie und eine wohlbekannte Stimme rief: 220 „Iſt es erlaubt, einzutreten?“ Einen Augenblick fühlte Gertrud ſich verſucht, „nein“ zu antworten; allein im nächſten Moment war ſie anderen Sinnes und dachte:„Mag der Sturm ſofort losbrechen!“ und damit rief ſie:„Herein!“ Auguſt trat ein; er grüßte auf ſeine gewöhnliche artige und angenehme Weiſe, indem er ſagte: „Verzeihe mir, beſte Gertrud, daß ich ſo ohne weiteres am Vormittage, wo, wie ich weiß, Du noch gerne allein zu ſein wünſcheſt, Dich aufſuchte; doch ich habe eine Bitte an Dich, die keinen Aufſchub duldet.“ „Und die wäre?“ fragte Gertrud kalt. „Eine Gefälligkeit; allein, es wird mir ſchwer, dieſelbe auszuſprechen, da meine liebenswürdige Schwä⸗ gerin gerade in dieſem Augenblicke mir eine ſo kalte und ſtrenge Miene zeigt.“ Bei dieſen Worten ſchaute er Gertrud lächelnd an, gleichſam, als wollte er damit ſagen:„Ich mache mir nichts daraus, daß Du die Stolze ſpielſt; Du wirſt doch thun müſſen, was ich begehre.“ „Welchen Dienſt hofft mein Schwager Auguſt Hartling von mir erbitten zu können?“ fragte Gertrud, und ihre dunklen Augen ruhten mit ſo ſtrengem Blick auf ihm, daß der elegante Weltmann nur mit Mühe denſelben zu ertragen vermochte. 22¹ „O, dieſelbe iſt von keiner Bedeutung“, erwiderte er mit erzwungener Sorgloſigkeit.„Ich gebrauche für den Augenblick dreitauſend Thaler, und ich hoffe, daß Du mir dieſelben nicht verweigern wirſt.“ „Wozu ſoll dieſes Geld gebraucht werden?“ „Ich glaube kein Kind mehr zu ſein, daß ich nöthig hätte, Dir anzugeben, wozu ich dieſe Summe, deren ich nun einmal bedarf, gebrauchen will. Da ich indeß ungern unartig gegen Damen bin und am allerwenigſten gegen Dich, ſo will ich Dir mittheilen, daß ich einen Theil dieſes Geldes zu zwei Lebensverſicherungsprämien und den Reſt zur Bezahlung einiger kleiner Schulden, welche ich während Iſabella's Krankheit zu machen ge⸗ nöthigt war, verwenden will.“ „In dieſem Falle beklage ich in der That, daß mein früher einmal abgelegtes Gelübde, mich daran verhin⸗ dert, Dir Hülfe zu leiſten. Ich glaube, es Dir auf das Beſtimmteſte und Ernſthafteſte geſagt zu haben, daß Du niemals mehr darauf rechnen ſollſt, von mir Geld zu bekommen.“ Auguſt näherte ſich Gertrud und ſagte mit einem ſehr verführeriſchen Lächeln: „Ich entſinne mich ſehr wohl Deiner Worte; aber ich kenne das Herz des Weibes und ich kann mir da⸗ her nicht denken, daß die einzige Schweſter meiner 222 Frau ſich dadurch behindert ſehen ſollte, dem Manne zu helfen, der Iſabella's Glück in ſeiner Hand hat.“ „Jedenfalls liegt hier ein Mißverſtändniß vor“, ſagte Gertrud und erhob ſich. Sie ſtand jetzt in ihrer ganzen Höhe, mit hochgetragenem Kopfe, vor dem liebenswürdigen Herzensdiebe und ſagte mit tiefem Ernſte in der Stimme: „Du ſcheinſt die Geſinnung meines Herzens nicht zu kennen, wenn Du in dem Wahne lebſt, daß ich im Beſitze einer ſolchen Seelenſchlaffheit wäre, mit Ge⸗ lübden ſpielen zu können. Ich werde niemals mein Wort brechen; denn es iſt mir ebenſo heilig, wie es einem rechtſchaffenen Manne ſein ſollte. Von mir er⸗ hälſt Du niemals Geld!“ Gertrud wandte ſich von ihm ab, gleichſam als hätte ſie die Abſicht, das Zimmer zu verlaſſen; allein Auguſt vertrat ihr den Weg, indem er mit gedämpfter Stimme ſagte: „Deine Worte ſind ſtolz und lauten ſehr ſchön, ſind aber in Wirklichkeit nicht ſtichhaltig. Reize mich nicht, ich bitte Dich darum; denn der Zorn, den Du in mir erweckſt, würde nur auf Iſabella zurückfallen. Denke daran! Sie iſt mein Weib; werde ich ein Bettler, wird ſie es mit mir ſein! Bin ich entehrt, iſt ſie es auch. Die Liebe und der Rauſch, den ihre 223 Schönheit einmal bei mir erweckte, iſt erloſchen, und werde ich in ökonomiſche Bedrängniſſe verſetzt, ſo werde ich nur den Fluch fühlen, mit einem kränklichen Weibe, das mir in jeder Hinſicht unterlegen iſt, verheirathet zu ſein! Ich würde es dann bitter bereuen, daß ich mein Geſchick an das ihrige feſſelte. Noch gebe ich der Hoffnung Raum, daß Du durch Deine Weigerung nicht dieſe Hölle für Iſabella hervorrufen wirſt! Denke wenigſtens über die Sache nach“, ſchloß Auguſt, indem er ſich verbeugte und ging. Beim Mittageſſen war Iſabella nicht ſichtbar; Auguſt erklärte, daß ſie ſich nicht wohl befinde und war trotz ſeiner weltmänniſchen Manieren äußerſt wort⸗ karg und zerſtreut. Nach Schluß der Mahlzeit äußerte er en passant zur Kammerräthin, daß er in einer Stunde nach Lugnet reiſen werde, um mit ſeinem Schwiegervater in Geſchäftsangelegenheiten zu ſprechen. Dies ſagte er zwar ſo leicht hin, ſchien aber die Ab⸗ ſicht zu haben, die Tante Marianne zu veranlaſſen, während ſeiner Abweſenheit ſich Iſabella's anzunehmen. Gertrud verſtand indeſſen ſehr wohl, daß die Benach⸗ richtigung von ſeiner Reiſe ihr galt, that aber, als höre ſie es nicht. 224 Bald nach dem Kaffee empfahl er ſich und fuhr von Elfborg ab. Gertrud eilte zur Schweſter, nachdem ſie zuvor einen Boten an Eduard abgeſchickt hatte, der, ſonderbar genug, ſeit mehreren Tagen unſichtbar geweſen war. Als Gertrud bei Iſabella eintrat, fand ſie dieſelbe auf dem Sopha liegend und in ſo empörtem Zuſtande, daß Gertrud ſie erſchreckt fragte, woher dieſe Gemüths⸗ bewegung komme? Bei ihrer Frage, die im mildeſten Tone ausgeſprochen war, fuhr Iſabella empor und rief mit Heftigkeit: „Du fragſt? Du, die Du mich des Höchſten und Beſten, was ich beſitze, des Einzigen, welches für mich noch im Leben Werth hatte, beraubt haſt? Du, die Du mir ſeine Liebe genommen und mich zur unglücklichſten Frau auf Erden gemacht haſt? Mich, die ich ihn ſo hoch geliebt, die ich ſo geduldig, ſo nachſichtig und ſo demüthig gegen ihn geweſen bin! O, mein Gott, was habe ich gethan, daß Du mir ein ſo ſchreckliches Schickſal bereiten konnteſt?“ Iſabella fiel kraftlos auf ihre Kniee und barg ihr Antlitz in ihren Händen. Sie ſchluchzte convulſiviſch. Gertrud ſtand unbeweglich da und ſchaute auf die Schweſter, indem ſie tiefbekümmert ſagte: „Was Du gethan haſt? Ja, Du haſt eine Un⸗ — 5 225 gerechtigkeit begangen, und jede Ungerechtigkeit rächt ſich ſelber! Wenn Du Deine eigene Schweſter eines ſo ſchweren Verbrechens beſchuldigſt und anklagſt, be⸗ gehſt Du eine Sünde, und die Strafe iſt die, daß Du Dich unglücklich fühlſt. Erhebe Dich, Iſabella, und zeige, daß Du ein Weib und nicht ein Kind biſt, das blind den Eingebungen ſeines Herzens folgt! Sieh mich an und ſage: Vermagſt Du etwas ſo Niedriges von mir zu denken, deſſen Du mich beſchuldigſt?“ Gertrud erfaßte bei dieſen Worten den Arm der Schweſter, hob ſie empor und zwang ſie, ihr grade ins Geſicht zu ſchauen. „Was ſoll ich ſonſt glauben?“ ſtotterte Iſabella. „Ich bin ja ſelbſt Zeuge geweſen, wie gezwungen Du in Deinem Benehmen gegen Auguſt geweſen biſt, wie verändert Ihr gegenſeitig aufgetreten ſeid, ſeitdem wir hierher gekommen ſind und jetzt iſt es bereits ſoweit mit uns gekommen, daß er mich fühlen läßt, die Liebe, die er für mich hegte, ſei erloſchen!“ „Hat er Dir das geſagt?“ fragte Gertrud. „Gerade heute hat er mir geſagt, daß meine Zärtlichkeiten ihn plagen, daß meine Liebkoſungen ihn ermüden“, brach Iſabella ſchluchzend aus.„Und wenn ich jetzt Alles zuſammenhalte, wenn ich an die Ver⸗ gangenheit zurückdenke, an Deine plötzliche Abreiſe aus Schwartz, Novellen I. 15 der Hauptſtadt im Frühjahr, an ſein verändertes Be⸗ tragen gegen mich, Eure Zuſammenkunft heute und tauſend andere Dinge mehr; ſo——“ „Unſere Zuſammenkunft heute?“ unterbrach Gertrud ſie ungeduldig.„Was meinſt Du damit?“ „Ich meine, daß Auguſt heute eine ganze Stunde allein mit Dir in Deinem Zimmer geweſen iſt“, ent⸗ gegnete Iſabella und ihre Augen ſchienen zu fragen: „Vielleicht willſt Du auch das beſtreiten?“ „Nun freilich war er in meinem Zimmer; aber was Böſes liegt wohl darin, wenn ein Schwager mit ſeiner Schwägerin eine diskrete Unterredung hat?“ „Nichts unter gewöhnlichen Verhältniſſen; aber viel, wenn er von dieſem Geſpräch empört und er⸗ bittert zu ſeiner Frau zurückkehrt. Nun, Gertrud, ver⸗ magſt Du mir in die Augen zu ſehen und mir zu ſagen, was Ihr mit einander zu ſprechen hattet?“ Gertrud's Augenbrauen zogen ſich zuſammen und ſie ſagte, indem ſich bei dem Gedanken an den Schwager ein unwillkürlicher Ausdruck tiefer Verachtung nicht ver⸗ kennen ließ: „Dein Mann kam zu mir, um Geld von mir zu leihen.“ „Und Du?“ ——— ———— — „Weigerte mich, ſeinen Wunſch zu erfüllen. Sieh, das war die Urſache ſeiner Erregtheit.“ „Gertrud“, ſchluchzte Iſabella, die jetzt von einem andern Gedankengange ergriffen ſchien,„es iſt unwür⸗ dig von Dir, da Du reich biſt, Auguſt nicht helfen zu wollen, wenn er wegen Geldes in Verlegenheit iſt. Mein armer, armer Auguſt! und ich, der ich ihm ſo viele, viele bittre Worte ſagte!“ „Ja, armer Auguſt“, fiel Gertrud der Schweſter ins Wort,„Dein Mann iſt in der That zu beklagen, daß er eine Frau beſitzt, die nur von ihren Eindrücken abhängig iſt, die ſie bald hierhin, bald dorthin, gleich einem Rohr im Winde werfen, die ſie ungerecht und beſtimmungslos gegen Diejenigen machen, die ſie lieben. Ich hätte mir niemals denken können, daß meine Iſabella ſo ſchwach und ſo ohne alle Gewalt über ſich ſelbſt, wie Du Dich ſo eben gezeigt, mir einſt würde gegenüber ſtehen können! Von Herzen beklage ich, daß dem ſo iſt; denn Du wirſt niemals als Frau auf Deinen Mann einwirken können, um ihn mit dem Ge⸗ ſchick, das ſein Leichtſinn ihm bereitet hat, zu ver⸗ ſöhnen.“ „Ich muß alſo auf ihn einwirken? Du räumſt alſo ein, daß er leichtſinnig iſt, daß er ſeine Liebe u mir vergeſſen hat?“ fiel Iſabella haſtig ein. 15* 228 „Wenn Du nicht mit Ruhe zuhören kannſt, was ich zu ſagen habe, ſo werde ich mich entfernen“, ſagte Gertrud.„Merke wohl auf, Iſabella! Es iſt ein gewichtiger Augenblick für Deine Zukunft und kannſt Du Deine egviſtiſche Eiferſucht nicht beherrſchen und Deiner Vernunft nicht gebieten, meinen Worten zu lauſchen, ſo machſt Du es Dir ſelbſt und Andern un⸗ möglich, Dir den Weg zu zeigen, den Du zu gehen haſt.“ Gertrud hatte mit einem ſo ruhigen Ernſt ge⸗ ſprochen, daß dies Eindruck machen mußte. Eiferſucht und alle dieſe gewaltigen Gefühle, welche Iſabella be⸗ herrſchten, wurden plötzlich herabgedrückt. Sie ſtreckte die Arme gegen die Schweſter aus und ſagte: „Sprich, ſprich! Ich werde hören und Dir folgen.“ Gertrud ſprach aus der Tiefe ihres warmen und redlichen Herzens. Sie zeigte Iſabella die Nothwen⸗ digkeit, ſich als Frau um ihr Haus und die ökvno⸗ miſche Lage ihres Mannes beſſer zu bekümmern, ſowie ſeiner Neigung zur Verſchwendung entgegen zu arbei⸗ ten. Sie verſchwieg ihr nicht, daß der beſte Ehemann durch ſeine Frau ermüdet werden müſſe, die unabläſſig um ſeinen Hals hänge, und ſie ſchloß damit, daß ſie der Schweſter vollſtändig klar legte, in wiefern es nur 229 zu ihrem eigenen Heil habe dienen müſſen, den An⸗ ſprüchen Auguſt's an ihre Kaſſe Widerſtand entgegen zu ſetzen, da ſie denſelben nur in ſeiner Verſchwendung beſtärkt hätte und ſie beide ſchließlich dem Ruin Preis gegeben ſein würden. Iſabella hatte ruhig zugehört, ohne ein Wort zu erwidern, und ſelbſt nachdem Gertrud geendet hatte, ſaß ſie noch immer tief in Gedanken verſunken. Sie ver⸗ ſprach indeß ihrer Schweſter, darüber nachzudenken, was ſie ihr geſagt; allein ſie dachte eigentlich nur daran, auf welche Weiſe ſie die Möglichkeit erringen könnte, Auguſt in den Beſitz des Geldes zu ſetzen, deſſen er bedurfte. Zwanzigſtes Kapitel. Als Gertrud die Schweſter verlaſſen hatte, lenkte ſie ihre Schritte nach dem Billardſaal, wo ſie ſicher war, ihre Gäſte zu finden. Sie fand auch wirklich die drei Herren, Ottilie und Amanda in voller Wirkſam⸗ keit beim Billard. „O, wie angenehm, Dich hier zu ſehen!“ rief Ottilie aus.„Du haſt jetzt Gelegenheit, meinem Siege über den Hauptmann beizuwohnen. Ein einziger glück⸗ licher Stoß noch und ich habe die Parthie gewonnen!“ „Freue Dich nicht, bevor Du vollendet haſt“, warnte Gertrud und blieb neben dem Billard ſtehen, um das Spiel mit anzuſehen. Ottilie gab dem Balle, wie es ſchien, einen wohl berechneten Stoß; aber ſie ſtieß fehl! Jetzt kam der Hauptmann an die Reihe und 231 innerhalb weniger Secunden hatte er das Spiel ge⸗ wonnen. Aergerlich warf Ottilie das Queue von ſich und äußerte ſcherzend, daß Gertrud böſe Augen habe. „Im Falle Du ſolche Anſicht von mir hegſt, er⸗ biete ich mich, Dir Satisfaction dadurch zu geben, daß ich dem Hauptmann vorſchlage, eine Parthie Schach mit mir zu ſpielen. Ich glaube, im Beſitz einer ziem⸗ lichen Fertigkeit in dieſem Spiel zu ſein; das einzige, was ich gelernt habe“, fügte Gertrud lächelnd hinzu Darauf wandte ſie ſich an den Hauptmann: „Haben Sie Luſt, eine Parthie an mich zu ver⸗ lieren?“ fragte Gertrud. „Zu verlieren iſt ein Vergnügen; zu gewinnen eine Ehre“, erwiderte der Hauptmann mit Höflichkeit. „Herr Hauptmann ſind viel zu galant“, erwiderte Gertrud,„und dies veranlaßt mich, Ihnen vorzuſchlagen, daß ich den Gewinn beſtimme, um den wir ſpielen.“ „Ich unterwerfe mich ganz und gar Ihrem Willen, mein Fräulein“, erklärte der Hauptmann. „Ich danke Ihnen!“ Gertrud trat an einen kleinen Tiſch an einem der Fenſter, wo ſie das Schachſpiel aufgeſtellt fand, und ſagte: „Wenn ich die erſte Parthie gewinne, ſo erfüllen Sie, Herr Hauptmann, den erſten Wunſch, den ich an Sie richte. Verliere ich dagegen, ſo überliefere ich Ihnen, Herr Hauptmann, eine gewiſſe Summe Geldes, um damit eine, jetzt nicht näher zu bezeichnende Ehren⸗ ſchuld zu bezahlen. Gehen Sie darauf ein, Herr Hauptmann?“ „Bei dieſem Einſatz ſcheint der Vortheil auf mei⸗ ner Seite zu ſein: Verliere ich, ſo iſt es mein glück⸗ liches Loos, einen Ihrer Wünſche, mein Fräulein, zu erfüllen. Gewinne ich, ſo ſteht die nicht minder ver⸗ heißungsvolle Tilgung einer Ehrenſchuld in Ausſicht. Man kann wohl ſagen, daß hier nichts weiter zu wün⸗ ſchen übrig bleibt, als das Spiel zu beginnen.“ „Deſto beſſer“, entgegnete Gertrud und ſetzte ſich an das Schachſpiel. Der Hauptmann nahm ihr gegen⸗ über Platz. Es zeigte ſich bald, daß ſie gleich geübte Spieler waren. Die übrigen Gäſte waren um den Ausgang der Parthie abzuwarten. Gertrud gewann dieſelbe. „Sie, Herr Hauptmann, ſind nun verpflichtet, den erſten Wunſch, den ich ausſpreche, zu erfüllen“, rief ſie fröhlich aus. „Ich erwarte dieſen Augenblick mit Ungeduld“, 233 verſicherte der Hauptmann, da er gute Miene zum verlornen Spiele machte. „Wollen wir noch eine Parthie wagen?“ fragte Gertrud;„die Ehrenſchuld als Einſatz!“ fügte ſie hinzu. „Mit Vergnügen! Aber, geſetzt den Fall, ich ver⸗ löre auch dieſe Parthie. Was ſoll ich dagegen ſetzen?“ fragte der Hauptmann. Gertrud dachte eine Weile nach; darauf erwiderte ſie: „Herr Hauptmann, es liegt Ihnen dann die Pflicht auf, auch den zweiten Wunſch, ich gegen Sie aus⸗ ſpreche, zu erfüllen.“ „Der Hauptmann verbeugte ſich, ordnete die Figuren und machte den erſten Zug. Jetzt, nachdem er die Weiſe des Spiels ſeiner Gegnerin kennen ge⸗ lernt hatte, war er etwas vorſichtiger und berechnete ſeine Züge beſſer; allein Gertrud war ihm vollkommen gewachſen. Der Ausgang war zweifelhaft, und das Spiel zog ſich ſo lange hinaus, daß die beiden Herren, welche zurückgeblieben waren, um dem Spiel zuzuſehen, den beiden jungen Damen ins Freie zu folgen vorzogen, doch nicht, ohne zuweilen wiederzukehren, um den Aus⸗ gang zu erfahren. Nach einer ziemlich langen Weile machte Gertrud einen unüberlegten Zug, wie es ſchien, in der Abſicht, um mit einem dreiſten Sprunge den Gegner matt zu ſetzen; allein dies hatte die Folge, daß ſie ſelbſt nach zwei ferneren Zügen ſich für beſiegt erklären mußte. „Ich habe verloren“, ſagte ſie, indem ſie ſich lächelnd an die Umſtehenden und an den Hardeshöf⸗ ding Tilberg wandte, der ſo eben eingetreten war. „Und jetzt erſuche ich Sie, mein Fräulein, um das Vergnügen, mir mitzutheilen, worin Ihr Wunſch beſteht“, ließ der Hauptmann ſich artig vernehmen. Gertrud's Antlitz wurde ſehr ernſt; ſie warf ei⸗ nen ſchnellen Blick um ſich her und erſuchte die Herren, welche im Begriff waren, das Billardzimmer zu ver⸗ laſſen, gefälligſt zu bleiben, worauf ſie ſelbſt ſorgfältig die Thür verſchloß. „Was ich zu ſagen habe“, begann ſie,„berührt Sie, meine Herren, Alle zuſammen, und ich muß Sie daher für einige Augenblicke um Ihre Aufmerkſamkeit erſuchen. Es iſt mir berichtet worden, daß mein Schwager auf ſein Ehrenwort an Sie, meine Herren, im Spiel dreitauſend Thaler verloren hat; iſt das wahr?“ Gertrud hielt inne und die drei Männer machten eine ſtumme, aber bejahende Verbeugung; ſie ſchienen ſehr verlegen zu ſein. Gertrud nahm hierauf wieder das Wort: 235 „Dieſe Ehrenſchuld ſetzte ich als Gewinn aus, und hier iſt das Geld!“ Sie legte ſechs Fünfhundert⸗Thalerſcheine auf den Tiſch, indem ſie hinzufügte: „Ich erſuche Sie, Herr Hauptmann, ſich ſelbſt und Ihre Freunde damit bezahlt zu machen; allein ich fordere Ihr Ehrenwort darauf, meine Herren, daß Sie meinen Schwager vollſtändig darüber in Unkennt⸗ niß laſſen,„wer“ ſeine Schuld bezahlt hat. Ich kann Sie gleichzeitig hiermit verſichern, daß dies das letzte Mal iſt, wo ich in dieſer Weiſe für ihn eintrete.“ Die drei Herren gaben Gertrud ihr Ehrenwort darauf, daß Hartling niemals von ihrem Edelmuth erfahren ſolle. „Ferner wünſche ich von Ihnen eine Quittung zu erhalten, daß die Schuld bezahlt iſt. Die Form habe ich hier aufgeſchrieben und werde ſie Ihnen vorleſen: „Die Ehrenſchuld des Protocollſecretairs Auguſt „Hartling, im Betrage von dreitauſend Thalern „an die Unterzeichneten, iſt am heutigen Tage „baar und richtig an uns bezahlt worden“ Elfborg, am.. ten Auguſt 18.. Der Hauptmann unterſchrieb die Quittung zuerſt; ihm folgten die beiden anderen Herren. Als Gertrud dieſelbe in Empfang genommen hatte, 236 faltete ſie das Papier zuſammen und ſagte mit ernſter, aber gebieteriſch ſtrenger Stimme: „Dieſes Geld iſt in meinem Hauſe verſpielt wor⸗ den! Mein Schwager hat dadurch mich tief verletzt und mich veranlaßt, mich jetzt meines Gewinnſtes zu bedienen, den ich bei Ihnen zu Gute habe, Herr Haupt⸗ mann, nämlich die Gewährung meines erſten, gegen Sie ausgeſprochenen Wunſches. Ich erſuche Sie da⸗ her, Herr Hauptmann, ſo wie auch Ihre Freunde, mir die Liebenswürdigkeit zu erzeigen, nicht ſo lange auf Elfborg zu verweilen, bis mein Schwager zurückkommt. Ich wünſche nicht, daß dieſe Spielparthien in meinem Hauſe wieder aufgenommen werden. Morgen um zehn Uhr Vormittags, meine Herren, ſteht mein Reiſewagen zu Ihrer Verfügung!“ Sie machte eine höfliche, aber kalte Verbeugung mit dem Kopfe und verließ den Billardſaal. Die drei ausgewieſenen Gäſte ſahen einander er⸗ ſtaunt an. „Donnerwetter! Auf ſolche Weiſe von einem jungen, reichen und unverheiratheten Mädchen behan⸗ delt zu werden, das iſt doch zu arg!“ brach der Haupt⸗ mann zornig aus.„Ich reiſe ſogleich!“ „Und ich auch! Und ich auch!“ ertönte es von Seiten der Kameraden. 237 Drei Stunden ſpäter war Elfborg nicht mehr im Beſitz dieſes ſchönen Kleeblattes. Zwei Tage nach dem Vorfall, den wir ſveben ge⸗ ſchildert haben, kehrte Auguſt in aller Frühe, und zwar mit ſehr ſchlechter Laune, zurück; er ſchloß ſich in ſein Zimmer ein, nachdem er ſeine Frau flüchtig begrüßt und mit großer Ungeduld ihre Fragen über das Be⸗ finden ihres Vaters beantwortet hatte. Das war mehr, als Iſabella zu tragen vermochte. Sie war der Verzweiflung nahe und ging unaufhörlich an die Thür des Mannes, bittend und bettelnd, ihr doch dieſelbe zu öffnen; allein, die Thür blieb ver⸗ ſchloſſen. Dann eilte ſie zu Gertrud und bat ſie, ihr zu helfen, und als dieſe ihr den Beiſtand verſagte, ſuchte Iſabella Tante Marianne auf. Dieſe war außer ſich und meinte, daß ihre Nichte ſich einer Frau nicht würdig zeige; da Auguſt ungeſtört zu ſein wünſche, müſſe er es bleiben. Nunmehr, von aller Welt ver⸗ laſſen, ſchloß ſie ſich in ihr Schlafgemach ein, um dort zu weinen. Hier wurde ſie von ihrem Kummer vollends überwältigt, und Gertrud dachte mit Beben daran, daß dieſe ſchrecklichen Gemüthsbewegungen nur zu nach⸗ theilig auf Iſabella's Geſundheitszuſtand wirken würden. Es war ſchon ziemlich lange, daß die Arme einer 256 Reihe von Aufregungen ununterbrochen ausgeſetzt war, ungeachtet der Arzt Gemüthsruhe und ſtille Lebens⸗ weiſe als ganz unerläßlich empfohlen hatte. Gertrud ſtand bereits im Begriff, den Schwager aufzufordern, die Thür zu öffnen; allein ſie mußte zu ihrem Bedauern ſich ſelber ſagen, daß in dieſem Falle Iſabella's Eiferſucht aufs Neue emporflammen und ihre gute Abſicht das Unheil nur noch vermehren werde. Indem ſie noch in ihrem Entſchluſſe ſchwankend daſtand, trat Eduard ein. Sie empfing ihn mit einem Ausruf der Freude, denn es war ihr, als käme er in dieſem Moment wie vom Himmel geſandt. Mit kurzen Worten theilte ſie ihm mit, was während ſeiner Ab⸗ weſenheit auf Elfborg ſich zugetragen, wie Iſabella troſtlos, ihr Mann ſo hartnäckig ſei, und die drei Freunde Auguſt's Elfborg verlaſſen hätten. „Vielleicht“, ſagte Gertrud,„ſchließt Auguſt ſich aus Furcht vor ſeinen drei Gläubigern ein.. Theilen Sie ihm daher mit, daß ſie abgereiſt ſind.“ „Ich werde ſofort verſuchen, ihn zum Oeffnen der Thür zu veranlaſſen“, erklärte Eduard beſtimmt. Eduard ging, und nach Verlauf einer Viertelſtunde hörte Gertrud zu ihrer großen Befriedigung, daß Edu⸗ ard und ſein Bruder durch den kleinen Salon ſchritten, ———— —,— der zwiſchen Auguſt's Zimmer und Iſabella's Schlaf⸗ gemach gelegen war. Auguſt klopfte an Iſabella's Thür. Seine Stimme vernehmen und die Thür öff⸗ nen, war eins. Die Brüder traten ein. „Gott ſei Dank!“ lispelte Gertrud, die an einem Fenſter der in der Nähe gelegenen Bibliothek ſtand und von dort aus die Scene des Wiederſehens lebhaft mitfeierte. Eduard blieb ziemlich lange bei dem Ehepaare, und als er von dort in die Bibliothek eintrat, ſah er recht bekümmert aus. „Nun, wie ſtehts?“ fragte Gertrud. „Jetzt iſt ſie beruhigt und ich hoffe, daß ſie es bleiben wird“, ſagte Eduard.„Auguſt hat verſprochen, bei ihr zu bleiben. Morgen werde ich wiederkommen, doch wünſche ich nichts mehr, als daß es mir endlich gelingen möge, meinen Bruder von der Gefahr zu überzeugen, in der Iſabella ſchwebt; dann wäre Alles gut. Allein er kann oder will nicht begreifen, wie ſchwach ſie in der That iſt. Nun leben Sie wohl, Gertrud; ich muß eilen; ich habe gegenwärtig leider ſehr viele Patienten.“ Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 1— * 5 ſſ̃ ſſſ 6 7 10 1