Leihbib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnchhme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines getiehenen Vuches wird von jedem Tag 5 f bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: N Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— f⸗ „„„„ ²„„ 5. Auswärtige Monnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß ver Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene„der defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausicihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— . uhewülute Werhe von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franch'ſche Verlagshandlung 1864, Mathilde oder 6in gefallſichtiges Veib. Novelle von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Sſchwediſchen von Dr. Btto, gen. Reventlow. Stuttgart. ſche Verlägßhan 1864. Im Jahre 1845 lag irgendwo auf dem Wege zwiſchen Piſa und Piombino ein einfaches Landhaus mit dazu gehörenden Ländereien. Es war eben von einem Fremden gekauft und eingerichtet worden. Kurz darauf wurde dort eine Hochzeit zwiſchen einem Ita⸗ — liener und einer jungen Schwedin gefeiert. Die Braut . hatte als Kammerjungfrau eine reiſende Familie nach Italien begleitet. Einige Wochen, nachdem dieſe Per⸗ ſonen ſich anſäßig gemacht hatten, hielt eines Abends vor dem Hauſe ein eleganter Wagen, aus welchem ein Mann mit edlen Geſichtszügen, welche den milz⸗ ſüchtigen und gedankenvollen Nordländer verriethen, herausſprang. Er hob ein ſehr junges, ſchlankes Weib, das in tinenaen aber koſtbaren Reiſe⸗ anzug gekleidet war, aus dem Wagen. Nach dem⸗ ſelben ſtieg ein anderes, einige Jahre älteres Frauen⸗ . zimmer aus dem Wagen, welches zwar noch jung, aber ohne alle äußere Schönheit war. Dieſe drei Perſonen wurden von der auf der Schwelle ſtehenden jungen Frau ſehr ehrfurchtsvoll empfangen ir drei Zimmer eingeführt, welche mit größerer S als die übrigen meublirt waren. Einige Monate darauf verließ die hübſche Fra 6 und ihr männlicher Begleiter das Landhaus, deſſen Bevölkerung indeſſen um einen kleinen Weitbürger vermehrt worden war, zu deſſen Amme eine toskani⸗ ſche Bauernfrau angenommen worden war. Der kleine Junge und das nicht hübſche Frauenzimmer blieben zurück. In der Veranda des Hauſes ſtanden an dem⸗ ſelben Abend der Eigenthümer und ſeine ſchwediſche Frau und unterhielten ſich mit einander: „Aber ſage mir, Caroline,“ äußerte der Ehemann auf Italieniſch,„wie hängt das Alles zuſammen? Warum macht Deine„frühere Herrin ein ſo großes Geheimniß Rus „Der Geburt des Knaben, meinſt Du,“ fiel Ca⸗ roline auf ſchlechtes Italieniſch ein.„Miein Gott, das iſt doch nicht ſo wunderbar, ſie iſt ja nur drei Monate verheirathet geweſen... 6 „Und hat bereits einen Sohn,“ unterbrach ſie lächelnd der Mann. Aber ſie iſt ja jetzt ſeine Frau „Da iſt der Sache geholfen, meinſt Du? Aber der alte Baron würde anders denken, mußt Du wiſſen. Er iſt ein ſehr ſtrenger Herr.“ „Nun ja, das geht mich nichts an, ich habe bei dem Abenteuer immerhin gewonnen, denn ich habe Dich zur Frau bekommen. „Und dieſes Beſitzthum hier und eine recht hübſche kleine Penſion.“ „Das iſt gut und ſchön; aber Du biſt doch das Beſte. Ich habe Dich ein ganzes Jahr, oder ſeit wir in demſelben Hotel in Neapel wohnten, leiden mögen. Erinnerſt Du Dich deſſen? Der Mann ſchlang den Arm um den Leib der Frau. — ha rſch lichen Cuft ein Wort ſprechen gehört. ₰ „O ja, freilich erinnere ich mich der Zeit. Du dienteſt damals bei dem Engländer, der. „Der Dein Fräulein toll machte.“ Spreche nicht davon; das thut mir recht weh. Laß uns nur an uns ſelbſt denken.“ „Mag es ſo ſein.— Ich ging aus ſeinem Dienſt und wurde von Deiner Freiherrin angenommen.“ „Ja, und da machteſt Du Dich ſo gut, daß mein Herz mir davonging,“ ſagte Caroline lachend. „So—0, Du meinſt, ſie ſey göttlich.— Ich, meinerſeits, bin kurzſichtig genug, um ſie nicht anders, als ganz gewöhnlich zu ſinden“, äußerte der Ritt⸗ meiſter Carl Eldner zu ſeinem Freunde Henning Tho⸗ renhjelm, während ſie im Zimmer des Erſteren auf dem Gute ſeihes Vaters Lungſtahof, im öſtlichen Schweden, zuſammenſaßen. „Es kommt daher, daß Du in Allem Peſſimiſt biſt“, antwortete der Graf. „Wenn ich Peſſimiſt bin, ſo biſt Du beſtimmt Optimiſt, wenn es ſich um Frauen handelt. Aber, zum T.., was iſt es denn, das meine Couſine Mathilda ſo göttlich macht?“ „Ihre Schönheit, ihr Geiſt, ihre Liebenswürdig⸗ keit, und vor allen Dingen ihr mildes Weſen und ihre Güte“, äußerte der Graf mit Wärme. „Ha, ha, ha“, lachte der Rittmeiſter:„wenn Du nicht ſchon toll biſt, ſo wirſt Du es beſtimmt, mein Freund. Du ſprichſt von Mathilda's Güte von der at wahrſcheinlich Niemand außer Dir in Deiner glück⸗ den Engel und gratulire Dir, falls Du in ihren Netzen Dich fangen läßt.— Du wirſt, bei meiner Ehre, dann nicht ihre Milde preiſen.“ „Deine Rede athmet verletzte Eigenliebe, mein lieber Eldner, und das iſt der Grund, warum ſie nicht nach Dir fragt.“ „Glaubſt Du das?“ Es lag ein eigener Aus⸗ druck im Tone des Rittmeiſters, als er dieſe Worte ſagte. Ein bitteres und ſchmerzliches Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, und er fuhr mit der Hand über ſeinen hübſchen, dunkeln Bart. „Von glauben iſt hier nicht die Rede, ich bin deſſen gewiß. Mathilda blickt Dich ja kaum an, weicht Dir aus und macht ja übrigens kein Geheimniß aus ihrem Unwillen.“ „Laſſen wir ſie und mich, es iſt nicht der Mühe werth, von uns zu ſprechen. Aber wenn Du Deine Ruhe bewahren willſt, ſo weiche ihr aus; ſie gleicht einer Zauberſchlange. Als Freund halte ich es für— meine Pflicht, Dich zu warnen.“ „Du liebſt ſie ſelbſt; ſiehe das iſt der Grund einer Fürſorge für meine Ruhe,“ rief der Graf etwas „Ich Mathilda lieben?“ Der Rittmeiſter fing an zu lachen. „Aber, ſo ſage mir doch ihre Fehler.“ „Um die aufzuzählen, bedarf man eines ganzen Menſchenalters; einige will ich Dir aber hervorheben. Ich bitte Dich dann, mir den Gegendienſt zu thun, eine einzige gute Eigenſchaft bei ihr ausfindig zu ma⸗ chen. Ich würde dann wegen der ſchönen Entdeckung Dein Schuldner werden.“ Dn biſt unerträglich; ich will Dich nicht anhö⸗ t ren.“ Der Graf nahm ſeine Mütze und verließ das Zimmer. „Armer Junge, er iſt ein recht großer Thor,“ rief der Rittmeiſter und warf die Cigarre weg, und fing murmelnd an ſich anzukleiden. Einige Tage darauf war in der nahe liegenden Stadt ein Ball, der letzte in dem Jahre.— Alle No⸗ tabilitäten der Gegend wollten denſelben beſucheß. In dem großen hübſchen Salon auf dem Rath⸗ hauſe verſammelten ſich bereits die Ballgäſte, und dort finden wir auch den Rittmeiſter und Graf Thoren⸗ hjelm. Sie ſtanden gleich innerhalb der Thüre und unterhielten ſich. „Deine Couſine kommt ziemlich ſpät,“ äußerte der Graf mit bitterer Ungeduld. „Das that ſie immer.— Ihr Auſtreten würde ſonſt nicht gehörig bemerkt werden,“ antwortete der Rittmeiſter, indem er durch die Lorgnette die verſam⸗ melten Damen betrachtete. In demſelben Augenblick wurde die Flügelthüre aufgemacht und auf der Schwelle zeigte ſich eine blen⸗ dende Erſcheinung. Ein Frauenzimmer von fünfund⸗ zwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren trat ein. Sie war ſchön und ihr ganzes Weſen verrieth jene reizende Liebenswürdigkeit, welche entzückt und bezaubert. Es lag etwas Warmes, Mildes und Unwiderſtehliches in dem ſammetweichen Glanz der braunen Augen, und um die Lippen ſpielte ein Lächeln von Güte und in⸗ nerer Befriedigung. Man meinte, daß kein unreiner oder auch nur zweideutiger Gedanke innerhalb dieſer 3 10 ſchneeweißen und wolkenfreien Stirne, die von einem glänzenden ſchwarzen Haare umgeben war, zu verwei⸗ len vermochte. Sie war hoch und ſchlank und hatte in ihren Be⸗ wegungen eine Geſchmeidigkeit und eine Anmuth, welche ſie unwiderſtehlich einnehmend machte. Sie wurde von einem älteren Herrn, mit kalten und ſtolzen Zügen, ſowie von einem Frauenzimmer begleitet, welches einige Schritte hinter ihnen herging. Dieſes Frauenzimmer ſchien etwas älter zu ſeyn und hatte ein Aeußeres, welches vor dem der glänzenden Dame in jeder Beziehung dergeſtalt zurückſtand, daß man ſeinen Blick an ihr vorbeigleiten ließ, ohne daß man auch nur einen Augenblick bei dieſen friedlichen Zügen verweilte. Dieſe Züge waren nicht ſchön, nicht einmal hübſch; aber darin lag ein Etwas, welches ſowohl Verſtand als Herz andeutete. Die klaren, hellblauen Augen hatten einen Aus⸗ druck voll Milde und Klugheit; das Haar wie auch ihr Wuchs war klein. „Ah, ſieh!“ rief der Graf, mit einem Blick auf die Eintretenden,„was ſie ſchön iſt!“ „Ja, wahrhaſtig, Mathilda iſt heute Abend char⸗ mant,“ ſagte der Rittmeiſter; und beide Herren be⸗ grüßten die Ankommenden, indem ſie ſich ihnen näherten. Frau Mathilda Remmer erwiederte den Gruß, indem ſie dem Grafen verbindlich zulächelte, aber einen ſaſt hochmüthigen Blick auf den Rittmeiſter warf. In der Tiefe des Auges flammte jedoch hinter dem Stolze Etwas, das einer Frage, einem unruhigen Suchen glich. Als aber der Rittmeiſter nur mit einem kalten Lächeln dieſen Blick erwiederte, ſo verbreitete ſich eine Roſenwolke über ihr Antlitz, und ſie beeilte ſich eine Frage zu beantworten, die der Graf an ſie richtete. Der Rittmeiſter wandte ſich an ihre Begleiterin, welche ihre Halbſchweſter war. „Gedenkſt Du heute Abend zu tanzen, Marie?“ fragte er in einem etwas nachläſſigen Tone. „Natürlich, falls ich engagirt werde,“ antwortete Marie mit einem feinen Lächeln. „Das da war eine höfliche Aufforderung an mich, Dich um den erſten Walzer zu bitten.“ „Durchaus nicht, zu dem bin ich ſchon engagirt.“ „Dann war ja Dein— falls ich engagirt werde, eine gewöhnliche Weiberheuchelei.“ „Nehme es, für was Du willſt, lieber Carl; das iſt mir vollkommen gleichgültig.“ „Wieder eine Unwahrheit, Marie; denn Du biſt gar nicht gleichgültig gegen das, was ich von Dir denke oder ſage; aber in derjenigen Schule, in welcher Du erzogen worden biſt, wäre es recht ſchlimm, wenn Du nicht gelernt hätteſt, die Hauptleidenſchaft der Weiber zu entwickeln? namentlich die, ſowohl im Klei⸗ nen wie im Großen zu betrügen.“ „Und Du haſt während des Garniſonslebens ver⸗ geſſen, was man berechtigt iſt, von einem gebildeten Mann zu fordern; aber das iſt wahr, Du machſt nur Anſprüche darauf— Soldat zu ſeyn.“ Marie ſprach die letzten Worte mit einem eigenen ſatiriſchen Lächeln. „Und das rechne ich mir zur Ehre. Doch, warum ſtreiten.— Ich werde jedenfalls die erſte Francaiſe mit Dir tanzen.“ Im Tone lag faſt etwas Beleidi⸗ gendes; aber auf Marie's Geſicht lag die vollkom⸗ menſte Gleichgültigkeit, als ſie antwortete: 12 „Du wirſt der ſchweren Pflicht überhoben; denn auch zur erſten Francaiſe bin ich engagirt.“ „Schließlich biſt Du vielleicht für den ganzen Abend engagirt?“ „Das kann wohl möglich ſeyn.“ „Aber warum ſagteſt Du dann: im Falle?“ „Ich bin keine Freundin von Beichten.“ „Darf ich es erklären?“ „Unendlich gern.“ „Du wollteſt mich zwingen, Dich aus Höflichkeit zu engagiren, um das Vergnügen zu haben, mir eine abſchlägige Antwort zu geben.“ „Dich zur Höflichkeit zwingen?“ Marde blickte ihn ironiſch an.„Nein, ein ſo hoffnungsloſer Gedanke iſt mir nie eingefallen. Ich gebe mich nicht mit Un⸗ möglichkeiten ab.“ Sie grüßte jetzt einige Bekannte. Der Rittmeiſter wandte ſich an Mathilda mit einem Lächeln, das etwas Zweideutiges an ſich hatte. „Guten Abend, ſchöne Couſine! Ohne Zweifel biſt Du auch für den ganzen Abend engagirt, da ſo viele Biſſen Deines Ueberfluſſes Deinem Schatten zu Theil geworden.“ Mathilda wechſelte die Farbe Marie aber that, als wenn ſie dieſe neue Beleidigung nicht hörte, welche ſo laut ausgeſprochen wurde, daß ſie auch ihre Ohren erreichte. „Warum fragſt Du darnach? Beabſichtigſt Du vielleicht mich zum Tanze aufzufordern?“ ſagte Ma⸗ thilda und heftete einen forſchenden Blick auf den Rittmeiſter. „Du antworteſt mit zwei Fragen. Erlaube mir, daß ich um eine einfache Antwort bitte.“ „Ich habe nur den letzten Walzer frei.“ Mathil⸗ da's Stimme hatte einen vibrirenden Ausdruck. „Iſt es möglich?“ Ein junger Baron näherte ſich in demſelben Augenblick der ſchönen Frau und als er gegrüßt, flüſterte der Rittmeiſter: „Benützen Sie Ihr Glück, Herr Baron, meine Couſine hat einen Walzer frei.“ Dann drehte er ſich auf dem Abſatz um und im nächſten Augenblick verſchwendete er die ausgeſuchte⸗ ſten Artigkeiten gegen ein junges Fräulein. Mathilda folgte ihm mit einem langen Blick, aus welchem Etwas gleich einem Blitz von Haß her⸗ vorleuchtete. Sie hörte mit zerſtreuter Miene auf die Complimente des Barons. Der Rittmeiſter tanzte den ganzen Abend und faſt mit Allen, ausgenommen mit ſeinen Couſinen. Er war hübſch und zog die Aufmerkjamkeit der Da⸗ men auf ſich. Artig und verbindlich gegen alle dieſe Damen brachte er manches kleine Herz dahin, daß es raſcher als gewöhnlich ſchlug.— Der Graf Tho⸗ renhjelm dagegen ſah nur Mathilda und lebte von den Sonnenſtrahlen, die aus den Augen der ſchönen Frau ihm zu Theil wurden. Als der letzte Walzer aufgeſpielt wurde, näherte ſich der Graf Mathilda. „Es war dieſer Walzer, welchen Ihre Güte mir gewährten,“ äußerte er. „Habe ich dem Grafen dieſen Walzer verſpro⸗ chen? Ach! das hatte ich vergeſſen; Baron G. erhielt auch meine Zuſage.“ „Aber ich hatte dieſelbe zuerſt!“ „Das iſt wahr; aber jedenfalls tanze ich ihn nicht und bin es dann überhoben Jemandem Unrecht zu thun.“ Mathilda ſagte dieß mit einem reizenden 14 Lächeln und warf dem Grafen einen bezaubernden Blick zu. Der junge Mann ſchwieg und nahm den ledigen Platz neben Mathilda ein. Der Baron dagegen ging, nachdem er ihren Ent⸗ ſchluß erfahren, mißvergnügt von dannen. „Gedenken Euer Gnaden den Sommer bei Oberſt S auf Lungſtahof zuzubringen?“ fragte der raf. „Meine Tante hat mich eingeladen, ſo lange bei ihr zu verweilen, bis man mit den Reparationen zu Hauſe auf Roſersberg fertig geworden.“ „Welches Glück für mich!“ „Was meint der Herr Graf?“ „Der Oberſt hat die Güte gehabt, auch mich ein⸗ zuladen, und... „Das wird ja amüſant auf Ljungſtahof,“ ant⸗ wortete Mathilda, welche in demſelben Augenblick den Rittmeiſter ſich nähern ſah. „Was iſt es, das ſo amüſant wird, wenn ich fragen darf?“ äußerte dieſer. „Daß wir die Geſellſchaft des Grafen auf dem Lande bekommen.“ „O ja, für Dich; aber für Thorenhjelm dürfte er nur ſo halb und halb amüſant werden.“ „Du meinſt wohl das Gegentheil,“ fiel der Graf ein. „Ich ſage nie das Gegentheil von dem, was ich meine.— Aber, Mathilda, Du verſprachſt mir ja dieſen Walzer?“ Der Rittmeiſter fixirte ſie. Sie erröthete und wandte den Kopf mit den Worten weg: „Ich tanze nicht mehr heute Abend.“ 15 Einige Minuten darauf ſaß ſie in ihrem Wagen, ein Raub der heftigſten Gemüthsbewegungen. Wir führen jetzt den Leſer bei Mathilda in ihrem Hauſe ein. Sie wohnt in einer ſtattlichen Wohnung in einer der vornehmſten Straßen in A. Es iſt der Tag nach dem Ball, den wir eben beſuchten. Die Uhr iſt faſt zwölf Vormittags. In einem hübſchen Salon befindet ſich die junge Frau auf einem Sopha liegend. Man würde beim erſten Anblick kaum die friſche und lächelnde Ballkönigin wieder erkannt haben, ob⸗ gleich die bildſchönen Züge dieſelben waren; ſo ent⸗ ſtellt waren ſie jetzt durch einen mürriſchen, faſt bos⸗ haften Ausdruck in denſelben. Du erwarteſt wenigſtens, lieber Leſer, unſere Heldin in einem reizenden Negligee ſehen zu dürfen; aber Du täuſcheſt Dich. Sie liegt in einen zerknitter⸗ ten und übel mitgenommenen Seidenſhawl eingehüllt; das Haar iſt ungekämmt und voll von Papilloten; die Füße ſind in ein Paar Atlasſchuhe geſteckt und ihr ganzes Aeußere trägt das Geprägé einer unbe⸗ haglichen Nachläſſigkeit. Auf dem Sopha und dem Fußboden liegen Hefte von einem Modejournale, in welchem ſie blättert, herumgeſtreut. Ein junges Mädchen ſteht mit be⸗ trübter Miene vor ihr, während Mathilda ihr mit großer Heftigkeit eine Menge Vorwürfe macht. „Du biſt die ärgſte Schlampe von einem Kammer⸗ mädchen, das man ſich denken kann.— Du zogſt mich geſtern infam ſchlecht an; ja ſo ſchlecht, daß ich ordentlich zum Spectakel wurde.— Du mußt aus 16 meinem Dienſt; ich dulde nicht ſolche Taugenichtſe. Nun,— Du ſchweigſt?— Haſt Du denn nichts zu Deiner Entſchuldigung zu ſagen?— Spreche, Menſch! rief die ſchöne Mathilda und warf heftig das Mode⸗ journal weit hinaus auf den Fußboden. „Ach! Eure Gnaden, ich meinte, ich that mein Beſtes, und Alle hier zu Hauſe ſagten, daß Eure S ſo ſchön, ſo hübſch angezogen waren und aß——— „Und Du wagſt Dich zu entſchuldigen, glaube ich?“— in einem Nu war Mathilda aufgeſprungen, und ſtürzte mit funkelnden Augen und aufgehobener Hand auf das Mädchen los. In demſelben Augenblick ging die Salonthüre auf und der Rittmeiſter zeigte ſich auf der Schwelle. Er ſagte lachend: „Geſtern glänzteſt Du wie ein Stern auf dem Balle; aber heute leuchteſt Du mit einem ganz an⸗ deren Glanze.— Guten Morgen, Liſette! Danke Gott und mir, daß Du dem entgingſt, was Dir zu⸗ k war. Gehe jetzt mit dem, was Du bekommen a Liſette zögerte nicht, das Zimmer zu verlaſſen. Mathilda und der Rittmeiſter waren jetzt allein. „Was willſt Du?— Warum drängſt Du Dich unangemeldet zu mir ein? und warum miſcheſt Du Dich in meine Angelegenheiten?— Du ſiehſt ja, daß ſ6 nicht angezogen bin; daß Dein Beſuch unpaſſend iſt——— „Und daß Du wahnſinnig biſt.— Ja, das ſehe ich ſchon; aber ich fürchte mich nicht, und was be⸗ deutet denn das, daß Du nicht angezogen biſt?— Du weißt nunmehr, daß ich mich ebenſowenig täuſchen — —)—————— 17 laſſe durch die ſchöne Maske, als wenn Du Dich in Deiner natürlichen Geſtalt zeigſt.“ Mathilda wurde glühend roth vor Aerger und vielleicht auch vor Schmerz. Sie hätte einen Theil ihres Leben geben wollen, daß ſie wenigſtens friſirt geweſen, als ſie dem etwas ſpöttiſchen Blicke des Ritt⸗ meiſters begegnete, welcher abwechſelnd auf ihrem un⸗ gekämmten Haar, auf ihrem übel mitgenommenen Kleide und auf ihrer nachläſſigen Fußbedeckung ruhte. Thränen verletzter Eitelkeit waren im Begriff aus ihren Augen hervorzudringen, und ſie wiederholte mi einer von Gemüthsbewegung zitternden Stimme: „Was hat Dich hierher geführt?“ „Dieſer Brief an Dich von Deiner Mutter, wel⸗ chen ich Dich zu beantworten bitte. Ich reiſe in einer Stunde nach Ljungſtahof.“ Mathilda nahm den Brief und wollte in das Nebenzimmer hineingehen. „Es iſt überflüſſig, daß Du den Salon verläßt; ich gehe ſofort, Du kannſt mir die Antwort ſchicken. Der Rittmeiſter näherte ſich der Thüre, drehte ſich aber um und ſagte: Falls Du Etwas haſt, was einem Herzen ähnlich iſt, ſo unterlaſſe es mit Tho⸗ renbjelms Ruhe Dein Spiel zu treiben; er iſt ein zu gefühlvoller und guter Menſch, um auf Koſten ſeines Friedens Dir zum Zeitvertreib zu dienen.— Welche Antwort gibſt Du mir?“ „Keine!“ ſagte Mathilda und warf einen finſteren Blick auf den Couſin.„Den Brief ſchicke ich Dir, bevor Du abreiſeſt, und damit ging ſie hinein in das nächſte Zimmer. „Schlange,“ murmelte der Rittmeiſter und ent⸗ ſernte ſich. Schwartz, Mathilda ꝛc. 2 18 Als Mathilda ſich allein befand, ſtampfte ſie raſend auf den Boden und warf ſich gleich einem böſen Kinde mit einer Art Schrei in's Sopha, während ſie in ohnmächtiger Raſerei ihr Haar zerraufte. Nach⸗ dem ſie ſich eine Zeitlang dieſen Zornausbrüchen über⸗ laſſen hatte, läutete ſie heftig. Liſette zeigte ſich furchtſam in der Thüre. heft„Wo iſt Fräulein Marie?“ fragte Mathilda heftig. „Auf ihrem Zimmer.“. „Ich will mit ihr ſprechen.— Es iſt doch auch entſetzlich, daß diejenigen, welche von mir abhängen, ſich unterſtehen können, ganze Tage zu ſchlafen.— Nun, was ſtehſt Du da und gaffſt? Warum gehſt Du nicht und rufſt ſie her?“ Mathilda mehr ſchrie als ſprach dieſe letzten Worte. Liſette eilte hinaus. —————— 1 Während Mathilda ſich dieſen wilden Ausbrüchen überließ, ging der Rittmeiſter eine Treppe höher hin⸗ auf; er öffnete eine Thüre und blieb einen Augen⸗ blick an der Schwelle ſtehen, während er ſich im Zim⸗ mer umblickte. Es war eine kleine Kammer, ganz einfach meublirt und voll von Sonnenſchein und Blu⸗ men. Dieſelbe gränzte an eine andere, von welcher aus eine friſche und heitere Stimme ein munteres Lied halblaut ſang. Der Rittmeiſter ging hin zu hüre, von welcher der Geſang kam und warf einen Blick in's Zimmer. Am Fenſter ſaß Marie, ſeh einfach aber geſchmackvoll gekleidet, und arbeitete Das blonde Haar fiel in ſchlichten, aber glänzender Locken herab. 1* iſt, dachte Marie,„und doch kann er ſo gut und 19 Der Rittmeiſter dachte: 3 Wie Schade, daß ſie und Ebba zu jenem Schlan⸗ gengeſchlecht gehört. Laut äußerte er: „Guten Morgen, Marie! Wie Du heiter biſt. Deine Freude kommt wohl daher, daß Du weißt, daß Mathilda raſend iſt?“. „Was in Gottes Namen willſt Du?“ fragte Marie. „Ihr Weiber, Ihr ſeid immer mit Fragen be⸗ reit, um nicht antworten zu müſſen. Sei doch nur ſo artig und gebe dieſe abgenützte Gewohnheit auf.“ „Auf was ſoll ich antworten?“ „Auf meine Frage natürlich.“ ich mich über Mathilda's Bosheit freue?“ „Gewiß.“ „Ich wußte nicht, daß ſie bei ſchlechter Laune ſey. Wir haben uns heute noch nicht geſehen.“ „Dann ahnteſt Du es gewiß, denn Frauenzim⸗ mer, denen es an Schönheit fehlt, ſind immer glück⸗ lich, wenn die Hübſchen ſich unglücklich fühlen.“ „Glaubſt Du das?“ „Ich bin deſſen gewiß.“ ſuh zun, erfahre ich jetzt, was Dich hierher ge⸗ ührt?“ „Der Wunſch meiner Mutter, daß Du folgende Einkäufe für ſie machen möchteſt.“ Der Rittmeiſter übergab ihr eine Promemoria,—„und außerdem meine Neugierde, zu ſehen, ob Du Dich ſchon von dem Balle erholt hätteſt. Lebewohl.“ Der Rilt⸗ meiſter ging. ch! Was der Carl grob und unerträglich theilnehmend gegen diejenigen ſeyn, die ſeiner be⸗ dürfen.“ „Fräulein, Fräulein! Ihre Gnaden will mit Fräulein ſprechen; ſie iſt entſetzlich böſe! rief Liſette und ſprang ſofort ihrer Wege, um berichten zu können, daß ſie dem Rittmeiſter im Vorzimmer des Fräuleins begegnet ſey, um dadurch ſich bei ihrer aufgebrachten Herrin einzuſchmeicheln. Mit verdrießlicher Miene legte Marie ihre Ar⸗ beit weg und ging, der Aufforderung nachzukommen. Als ſie die Salonthüre öffnete, begegnete ihr folgen⸗ der Wortſtrom: „So iſt es, wenn man ſich eine arme Schweſter auf den Hals ladet. Meinſt Du, daß es ſich ſchickt, Herrenbeſuche auf ſeinem Zimmer zu empfangen? und um bereit ſein zu können zu empfangen, kümmert man ſich nicht darum, nach mir zu ſehen; aber ich dulde ſo Etwas nicht.— Du biſt jetzt bei mir und in meinem Hauſe; ich verlange darum, daß Du mehr auf die Schicklichkeit acht giebſt,“ ſchrie der reizende Engel des Balls in voller Raſerei gegen die etwas erſtaunte Marie, welche ganz ruhig dem Sturme be⸗ gegnete. Aber wir verlaſſen die beiden Schweſtern, um den Leſer genauer mit denjenigen Perſonen be⸗ kannt zu machen, in deren Geſellſchaft wir ihn einge⸗ führt haben. W Baron Remmer, Mariens und Mathilda's Vater, war zweimal verheirathet geweſen; das erſte⸗ mal mit einem Mädchen von rein adeligem Blute, aber ohne Vermögen; und da der Baron ſelbſt nur u u— 21 ein ganz mäßiges Einkommen hatte, ſo hatten ſie ſehr eingezogen aber glücklich gelebt. Nach einer Ehe von einigen Jahren ſtarb die junge Frau, nach⸗ dem ſie ihrem Gatten eine Tochter, Namens Marie, geſchenkt.— Daß der Baron, ein Mann noch in ſei⸗ nen beſten Jahren und von einem vortheilhaften Aeußern ſich nicht einer ewigen Trauer überließ, darf uns nicht auffallen. Schon im erſten Jahre nach dem Tode ſeiner Frau faßte er eine Neigung zu einem jungen, hübſchen Mädchen, das ebenfalls von adeliger Abtunft war; denn unſer Baron war ein rechtgläu⸗ biger Ariſtokrat, welcher niemals im Stande geweſen ſein würde ſich durch irgend Etwas in der Welt zu einer„Mesaliance“ verleiten zu laſſen. Ein und ein halbes Jahr nach dem Begräbniß ſeiner erſten Frau wurde die zweite Hochzeit des Barons gefeiert. Dieſe brachte ihm ein hübſches Vermögen mit. Die kleine Marie bekam alſo ſchon im Alter von zwei Jahren eine Stiefmutter und dazu eine ſehr gefährliche Nebenbuhlerin um die Liebe ihres Vaters; welche Lage ein Jahr darauf noch dadurch verſchlim⸗ mert wurde, daß die junge Freiherrin eine Tochter, Namens Mathilda, gebar. Der Baron hatte zwei Schweſtern, von welchen Eine mit dem Oberſten Eldner und die jüngere mit einem jungen Baron Straale, einem vertrau⸗ ten Freunde des Barons, verheirathet war. Der letz⸗ tere hatte ſchon von Jugend an eine ſchwärmeriſche Anhänglichkeit an ihn gehegt. Straale liebte den Lurus und die Freuden des bens und ſeine junge und unerfahrene Frau gab ſich dem Vergnügen hin, zu glänzen und ſich zu amü⸗ ſiren. Einige Jahre ging Alles gut; ſie hatten eine kleine liebliche Tochter, Ebba, und das Leben bot ihnen lauter Freude. An einem ſchönen Tage aber mußte der gedankenloſe Ehemann ſich dazu bequemen mit Hülfe eines Geſchäftsmannes von ſeiner ökono⸗ miſchen Lage Kenntniß zu nehmen und machte dann ganz unvermuthet die Entdeckung, daß er, der ſchon von der Zeit an, wo er ſein Vermögen in die Hände bekam, friſch darauf losgelebt und ſchon als er ſich verheirathete, einen großen Theil deſſelben verſchwen⸗ det hatte, jetzt gänzlich ruinirt ſei. Eine ſolche Entdeckung iſt für Jeden entſetzlich; aber für einen munteren und leichtſinnigen jungen Mann, der nie an ſein Auskommen gedacht, nie ge⸗ wohnt geweſen ſich die Möglichkeit zu denken, ſelbſt nöthig zu haben ſich Etwas zu erwerben, der nur ge⸗ lernt hat, was dazu erforderlich iſt im vollen Maße das Leben zu genießen, während ein Inſpektor ſein Gut verwaltet, der ſelbſt rückſichtslos Geld auswirft, ohne je auf den Gedanken zu kommen, daß dieſes einſt ein Ende nehmen kann— für einen ſolchen Men⸗ ſchen iſt die Armuth ebenſo furchtbar wie der Tod. Wie ſollte er wohl arbeiten, oder eine Famlie ver⸗ ſorgen können? er, der weder Fähigkeit noch Luſt dazu beſäße. Mit ſeinem Vermögen hatte er auch alle Hoffnung und Kraft verloren. hne mit ſeiner Frau von dieſem Allem ein Wort — zu ſprechen, ſetzte er ſie nur von ſeinem Wunſche in Fenntniß, daß ſie auf Beſuch zu ihrem Bruder, Ba⸗ ron Sommer reiſen möchte. Bei ſeinem Schwager angekommen theilte er die⸗ ſem ſeine verzweifelte Lage mit und bat ihn, ein Va ter für ſeine kleine Tochter und eine Stütze für ſeine Frau zu werden; ſelbſt habe er keinen anderen Aus weg, als Schweden zu verlaſſen. Mit demjenigen W 3 23 Edelmuth, welcher ſtolzen Seelen eigen iſt, erbot ſich der Baron den Verſuch zu machen, die Angelegenhei⸗ ten ſeines Schwagers in Ordnung zu bringen, und ſchlug ihm vor, während dieſer Zeit mit Frau und Kind bei ihm im Hauſe zu wohnen. Straale, welcher wußte, daß das Vermögen des Barons nicht groß ſei, ſchüttelte traurig den Kopf, und antwortete, daß für ihn nichts übrig bliebe, als fortzugehen; daß er aber Frau und Kind dem Schutze des Barons anvertraue. Am Abend nach dieſem Geſpräche nahm Straale, nachdem der Baron mit warmer und inniger Freund⸗ ſchaft verſichert hatte, daß er ein Vater für die kleine Ebba werden würde, ſeine kleine vierjährige Tochter in die Arme und überhäufte ſie und ſeine Frau mit allen den zärtlichen Liebkofungen, welche man lieben Weſen zu widmen pflegt, von denen man ſich trennen muß.— Er ſagte, daß er früh am andern Morgen auf die Jagd gehen wolle. „ Als der Baron am andern Morgen erwachte, em⸗ pfing er nachſtehenden Brief: „Mein Freund! Wenn Du dieſes liest, habe ich aufgehört zu leben. Du findeſt meinen todten Körper neben der Hütte des Waldhüters.— Ich wünſchte, daß meine arme Frau über meinen verzweifelten Schritt in Unkenntniß bleibe, und daß es den Schein habe, als ſei derſelbe ein unglückliches Ereigniß auf der Jagd. Meine Handlung wird vielleicht von Dir als feig und egoiſtiſch angeſehen werden, und Du kannſt darin recht haben, denn es fehlt mir an Muth, mit Kümmerniſſen zu ringen.— Ich verlaſſe mich W auf Dein edelmüthiges Verſprechen, ſo viel als möglich die Laſt zu erleichtern, welche ich in mei⸗ nem Leichtſinn meiner Frau und meinem Kinde zu⸗ gezogen habe.— Sei, wenn möglich, für meine kleine Ebba, was das Herz ihres unglücklichen Va⸗ ters für ſie hätte ſeyn wollen. Dein im Tode ergebener und dankbarer Freund Albert Straale.“ So viel der Baron auch that, das unheimliche Ende ſeines Jugendfreundes zu verbergen und dem⸗ ſelben den Schein eines Unglücksfalles zu geben, ſo begann doch Jeder, nachdem das unglückliche Verhält⸗ niß ſeiner Angelegenheiten bekannt geworden war, die Wahrheit zu ahnen. ie Erſte, welche in ihrer tiefen Trauer von die⸗ ſer Ahnung ergriffen wurde, war die arme Wittwe, welche bereits ein halbes Jahr darauf ihrem Manne in's Grab folgte. Die kleine Ebba war jetzt allein geworden, ohne Eltern, ohne Vermögen und ohne eine andere Stüße, als die Liebe ihres Onkels.„ Und jeßt werden wir ſehen, wie Leonora, die Gattin des Barons, in ihrer dreifachen Eigenſchaſt als Mutter, Stiefmutter und Pflegemutter ihre Pflichten auffaßte und erfüllte. Leonora liebte ihren Mann ſehr und ihr Kind mit einer an Abgötterei gränzenden Einſeitigkeit.— Für ſie exiſtirten nur dieſe zwei Weſen, und alles Undere, das im Geringſten die Aufmerkſamkeit ihres Mannes auf ſich zog, geſchweige ſeine Theilnahme er⸗ regte, betrachtete ſie als ihrem Glücke feindlich. 8 Schon bevor ſich das Unglück mit Albert Straale zutrug, hatte Leonora mit neidiſchen Gefühlen ihre 3 konnte. 25 kleine Stieftochter betrachtet. Die unbedeutendſte Lieb⸗ koſung, welche der Vater dieſem Kinde ſpendete, kam ihr vor, als wenn es ein Diebſtahl an ihrer kleinen Mathilda wäre. Leonora war allerdings ein an ſich viel zu gutes Weib, um Jemanden böſe werden zu können; aber ihr Egoismus verleitete ſie doch zu Handlungen, welche ziemlich ſtark darnach ſchmeckten.— So wurde z. B Marie ſehr zurückgeſetzt und ihre guten Eigenſchaften überſehen, während das kleine Kind Mathilda ſchon als ein Muſter der Lebhaftigkeit und Liebenswürdig⸗ keit hingeſtellt wurde. Dagegen wurden die geringſten Fehler mit einer ſolchen Genauigkeit hervorgehoben, daß es zuletzt die Wirkung hatte, daß der Baron glaubte, Marie ſei von Natur mit einer großen Menge Fehler behaftet, dagegen aber ſehr ſparſam mit gu⸗ ten Eigenſchaften ausgerüſtet. Seine Liebe zu dieſem Kinde erkaltete deßhalb mehr und mehr, und ſeine ganze Zärtlichkeit widmete er ausſchließlich der kleinen reizenden Mathilda. Sie war jetzt ſein Augapfel, ſein theuerſtes Kleinod, und Marie wurde für ihn nur ein Weſen, welches die Pflicht von ihm erheiſchte, daß er für dieſes ſorge und es erziehe. So hatte Marie ihr achtes und Mathilda ihr fünftes Jahr erreicht, als die kleine Ebba kam, um neue Unruhe in dem eiferſüchtigen Mutterherzen zu erwecken, und das um ſo mehr, als ihre verlaſſene Lage, ihr lebhaftes und raſches kindliches Gemüth ſchon ſeit dem Tode ihres Vaters ſie zu dem beſon⸗ deren Liebling des Barons gemacht hatte. Sie war außerdem die Tochter ſeiner geliebten Schweſter und ſeines Freundes, und beſaß nur ihn und ihre Tante, die Obriſtin, an welche ſie ſich halten 26 Der Baron hatte ausdrücklich erklärt, es ſey ſein Wille, daß Ebba gerade wie Mathilda behandelt wer⸗ den ſollte. Wie Marie behandelt wurde, daran dachte er nicht mehr; denn dieſe hatte ſchon als Kind jenes geduldige und verſchloſſene Gemüth, welches bewirkte, daß ſie ohne Murren ſich vergeſſen und zurückgeſetzt ſah und ſich gern für Mathilda aufopferte, als ſie ſah, wie lieb dieſe ſowohl dem Vater, wie der Stief⸗ mutter war. Wenn ihre Umgebung ſie vergaß, zog ſie ſich von ſelbſt zurück, ohne ſich durch ein einziges Wort, oder auch nur durch einen Seufzer ihnen in's Gedächtniß zu rufen. Von der Zeit an, wo Ebba in's Haus aufgenom⸗ men wurde, begann ein faſt unausgeſetzter Streit zwi⸗ ſchen dem Barcn und ſeiner Frau. Die Letztere ſah nur die Fehler des Kindes, und der Erſtere wollte ſie nicht erwähnen hören.— Die Freiherrin Leonora trauerte und litt; in der Einbildung ſah ſie ſchon das fremde Kind künftig allein im Beſitz derjenigen Zärt⸗ lichteit, welche ausſchließlich Mathilda gehören ſollte. Sie fing bald an, die kleine Vater⸗ und Mutterloſe faſt zu haſſen, welche wild, lebhaft und freundlich an dem Baron hing. Im Uebermaß ihrer unruhigen Träume, weihte ſie ihre heranwachſende Tochter, welche ſie durch und durch verzärtelt hatte, in ihre Furcht ein, und ſtellte Ebba als eine Feindin von Mathilda's Glück hin. Dieſe, die ſchon von ihrer zarteſten Kindheit her eine beſondere Reigung zu Egoismus und Eitelkeit hatte, welche Fehler von der Mutter durch beſtändige Nach⸗ giebigkeit gegen den Willen des Kindes und durch un⸗ aufhörliche Schmeicheleien genährt wurden, wurde bald von einem ſtets wachſenden Neide gegen Ebba ein⸗ genommen. W Das Beſtreben ker Mutter das Herz des Vaters ausſchließlich an ihre eigene Tochter zu binden„hatte. auch bei Mathilda dieſelben Bemühungen hervorgerufen. Sie wurde deßhalb darauf eingeübt, das zu thun, was dem Vater gefiel; ihm nach dem Munde zu ſpre⸗ chen und in Allem ſeinen Wünſchen zu entſprechen: dieſes unaufhörliche Bemühen, ſich von der vortheil⸗ haften Seite zu zeigen; dieſes Beſtreben, zu gefallen, nährte bei dem Kinde zwei gefährliche Eigenſchaften: die eine war die, mit Natur und Leichtigkeit irgend welche Rolle, die ihr beliebte, zu ſpielen; zu ſcheinen, was ſie nicht war, und Tugenden zu zeigen, die ſie nicht beſaß; die andere die, dieſes Talent dazu zu be⸗ nützen, ſich einzuſchmeicheln. Die Folge wurde auch, daß Mathilda's Hauptleiden⸗ ſchaft eine unüberwindliche Gefallſucht, ein ewiges Ja⸗ gen nach Huldigung, ein unaufhörliches Spielen mit den Gefühlen Anderer war, obgleich ihre eigenen gegen diejenigen gleichgültig bleiben konnten, welche ſie be⸗ herrſchen wollte. Aber neben dieſer verkehrten Erzie⸗ hung hatte ſich bei dem Mädchen ein wahres und reines Gefühl ausgebildet: die Liebe zum Vater. Sie ſah von ihrer früheſten Kindheit an in ihm einen Mann von höherer und edlerer Natur, als alle anderen, der durch ſeine Ueberlegenheit vorzüglich zur Liebe und Verehrung berechtigt ſey. So hatte die Mutter ihn Tochter dargeſtellt, und ſo erſchien er ihr auch jetzt. Der Baron war durch ſeinen edlen Stolz, ſeine feſte Unbeugſamkeit, ſeine große Rechtſchaffenheit, ſein zu gleicher Zeit warmes Herz und ſein ſtrenges, un⸗ erſchütterliches Ehrgefühl, dazu geeignet, Liebe ſowohl, wie Ehrfurcht einzuftößen. Unbeweglich ſtreng gegen ſich ſelbſt in Allem, 28 was die Geſetze der Ehre betraf, und mit einer faſt romantiſchen Achtung um ſeinen Namen und ſeinen Stand beſorgt, waren alle ſeine Handlungenritterlich, und er verlangte unbedingt von Allen in ſeiner Umgebung, daß ſie dieſes feine Gefühl für Alles, was im Ge⸗ ringſten einen Schatten auf ſeine oder ihre eigene Ehre werfen könnte, mit ihm theilen ſollten. Selbſt mit edler Selbſtbeherrſchung begabt, hielt er jeden Aus⸗ bruch zügelloſer Heftigkeit oder leidenſchaſtlicher Ue⸗ bereilung für einen Fehler, welcher denjenigen, die zu der höheren Geſellſchaft gehören, nie müßten zur Laſt gelegt werden können. Wenn darum die kleine Mathilda in ihrer Wild⸗ heit und in ihrem Zorn in der Gegenwart ihrer ſchwachen Mutter auf den Boden ſtampſte und ſchrie, und dieſe von ferne die Tritte des Barons hörte, nahm ſie das Mädchen in die Arme, und verſprach demſelben Alles, was es haben wollte, ſobald es nur artig ſei, wenn der Vater herein käme. Die Thür öffnete ſich und der Vater ſah nun das eiligſt liebenswürdig gewordene Kind, ohne eine Ahnung davon, daß es einen Augenblick vorher eine kleine Furie geweſen und vor ihm nur eine einge⸗ lernte Rolle ſpiele. Wenn Mathilda nicht mehr den Schall von den Tritten des Vaters hörte, überließ ſie ſich aufs Neue ihrer boshaften und zügelloſen Laune. Einmal hatte ein Diener über das kleine Fräu⸗ lein geklagt und der Vater dasſelbe geſtraft; aber die Mutter jagte ihn fort, weil er ſich unterſtanden hatte zu klagen. 63 Außerdem gewöhnte Mathilda ſich daran, in Ma⸗ rie nur eine von denjenigen zu ſehen, welche ihre Beleidigungen geduldig hinnehmen aber ſie doch un⸗ 29 terhalten und bedienen mußten; denn Marie that dieß Alles, ohne es zu wagen, mit einem Worte dem Vater zu ſagen, welcher Plagegeiſt Mathilda ſei, wenn er ſie nicht ſähe. Marie liebte den Vater ſo innig, daß ſie ſich lieber in Alles fügte, als ihn mit der Entdeckung betrüben wollte, daß ſein kleiner Abgott etwas ganz Anderes ſei, als er ſich vorſtellte. Ebba, welche ihrerſeits gar nicht geneigt war, ſich zu einem Opfer Mathilda's zu weihen, außerdem ſelbſt ihre eigenen kleinen Launen hatte und von An⸗ fang an Marie lieber mochte, ſprang bei den Aus⸗ brüchen von Mathilda's Bosheit zum Onkel und be⸗ klagte ſich. Die Folge war zwar mitunter eine heil⸗ ſame Züchtigung für letztere, aber auch der vermehrte Unwille der Freiherrin gegen Ebba, welche die Ur⸗ heberin derſelben geweſen. Ebba wurde hernach im⸗ mer in ſpecielle Beichte und Zucht von Leonora ge⸗ nommen, welche bei Androhung von Strafe ihr verbot, ſich über Mathilda zu beklagen. Während dieſes Parteiſtreites zwiſchen dem Baron und Leonora ver⸗ gingen Jahre. Die Obriſtin, welche auf verſchiedenen Beſuchen bei ihrem Bruder Leonora's Feindſeligkeiten gegen Ebba und Mathilda's bis zur Leidenſchaft ge⸗ ſteigerten Neid entdeckt hatte, erbot ſich die Schweſter⸗ tochter zu ſich zu nehmen; aber auf dem Ohre wollte der Baron nicht hören. Er hatte verſprochen, ein Vater für Ebba zu ſein, und der wollte er auch bleiben. Ein altes Sprichwort ſagt:„Der Wille des Weibes iſt Gottes Wille,“ und die Wahrheit dieſes Sprichworts beſtätigte auch die Freiherrin Leonora, der es durch ihr Gekläffe gegen Cbba und durch das Wiederholen ihrer Fehler ſchließlich gelang, die 30 Zärtlichkeit des Barons ſo ziemlich abzukühlen, ob⸗ gleich dieſe noch genügend groß war. So hatte Mathilda das vierzehnte und Ebba das dreizehnte Jahr erreicht, als Leonoras Bruder Graf Hjelm, welcher ſich ſeit mehreren Jahren in Eng⸗ land aufgehalten, einen Beſuch bei ſr Schweſter in Schweden machte. Während ſeines Aufenthalts im Hauſe beſchäftigte er ſich viel mit den drei heran⸗ wachſenden Mädchen und ſuchte ihre verſchiedenartigen Gemüther zu ſtudiren. Er ſah bald ein, wie fehler⸗ haft ſeine Schweſter ſich in Betreff der Erziehung die⸗ ſer Kinder benahm; und machte ihr mit Beziehung darauf recht ernſte Vorſtellungen; aber dieſes hatte nur zur Folge, daß Ebba, der der Graf beſonders zugethan war, ſeiner Schweſter noch verhaßter wurde. Eines Abends fuhren die Mädchen unter Auſſicht ihrer Gouvernante hinaus auf den See, um zu angeln. — Ebba gelang es viele Fiſche zu fangen, während Mathilda gar keine bekam; dieſes ärgerte die letztere dergeſtalt, daß ſie alle Fiſche, die Ebba gefangen, aus Neid in den See warf. Ebba, welche ſich über den Fang ſehr gefreut hatte, wurde natürlich betrübt und fing an zu weinen. „Pfui, Mathilda, wie Du böſe biſt; Papa ſollte das wiſſen,“ rief Marie unwillkürlich, als ſie Ebba's Kummer ſah. 8 „Ich brauche keine Schelte von Dir anzunehmen,“ ſchrie Mathilda und warf das Angelzeug ſo heftig von ſich, daß ſie damit Marie in's Geſicht traf.„Du unterſtehſt Dich nicht zu plaudern,“ fügte ſie hinzu, „denn dann klage ich Dich bei Mutter an.“ „Aber wenn ich mich ſelbſt unterſtehe zu klagen?“ rief Ebba heftig. „Du jollſt es nur wagen, Du, die das Gnaden⸗ 31 brod bei meinen Eltern ißt; dann wird Mama Dich aus dem Hauſe hinausjagen, denn Du biſt doch nichts anders, als ein Bettelkind. 2 Weiter kam Mathilda nicht, bevor Ebbas Hand ſchallend auf ihre Wange fiel. Ganz raſend ſtürzte Mathilda auf ſie zu und bei dem heftigen Zuſammen⸗ ſtoß der Mädchen verlor Ebba das Gleichgewicht und fiel in den See, wobei ſie in ihrem Schrecken Mathilda in das Kleid griff und dieſelbe mit ſich in das naſſe Element hinabzog. Die beiden Ruderer fiſchten in⸗ deſſen die beiden Fräulein auf, welche ganz durchnäßt ſchleunigſt nach Hauſe transportirt wurden. Die Frei⸗ herrin bekam Convulſionen und ſtellte nachher die Sache ſo dar, als hätte Ebba Mathilda mit Hauen und Schlagen überfallen und in ihrer Wildheit ſie und ſich ſelbſt in den See geſtürzt. Die Gou⸗ vernante wagte nicht anders, als es mit der Freiher⸗ rin zu halten; ſowohl Marie's wie Ebba's Angaben wurden für gemachte Geſchichten erklärt, die ſie er⸗ ſonnen hätten, weil ſie V athilda nicht leiden könnten. Der Baron wurde ſehr böſe und befahl, daß Ebba zur Strafe für ihre Unart nicht mehr an ſeinem Tiſch eſſen dürfe. Leonora benützte jetzt die Gelegenheit und ſuchte ihn zu überreden, das Mädchen ſchicken. Sie weinte, bat und verſicherte, daß ſie als Mutter nicht ruhig leben könne, denn Ebbä's wildes und unbeſohnenes Gemüth würde auf Mathilda's fanfte Seele ſchädlich wirken und außerdem könnte ja Ebba durch den Einfluß von ihrer Gewaltthätigkeit und ihrem Neid Mathilda Schaden zufügen. Nachdem der Graf, der Bruder Leonora's, die ſchiefe und unwahre Schilderung der Schweſter von den Temperamenten der Mädchen angehört hatte, ſprach er ernſthaft mit dem Baron, zeigte ihm die 32 unglücklichen Folgen davon, Ebba im Hauſe zu be⸗ halten und erbot ſich nebenbei, als kinderlos und unverheirathet, ſie als Pflegekind mit nach England zu nehmen und als ſein eigenes Kind zu adoptiren und zu ſeiner Erbin zu machen. Sowohl der Oberſt als die Obriſtin vereinigten ſich mit dem Grafen, um den Baron zu veranlaſſen, ſich nicht dieſem für Ebba höchſt vortheilhaften Vor⸗ ſchlag zu widerſetzen, und er mußte ſchließlich ein⸗ willigen. Im Herbſt begleitete Ebba, das Herz voll Liebe und Dankbarkeit gegen den Baron und Marie, aber mit Etwas gleich Unwillen gegen die Frei⸗ herrin und Mathilda, ihren neuen Pflegevater nach England. Vier Jahre darauf ſchrieb der Graf und berich⸗ tete, daß Ebba mit einem Herrn Brandis, Capitän auf der engliſchen Flotte, verheirathet ſei. Ebba ſchrieb auch an ihre Verwandten, und man freute ſich über ihr Glück. Zwei Jahre ſpäter ſtarb der Graf, und Ebba erbte ſein freilich nicht großes, aber doch recht hüb⸗ ſches Vermögen. Zur ſelben Zeit lief die Nachricht ein, daß Ebba Wittwe geworden und nach Schweden zurückzukehren beabſichtige. Mathilda wuchs während dieſer Zeit ohne irgend eine Nebenbuhlerin auf; denn mit Marie war es, als wenn ſie gar nicht exiſtirte. War Mathilda ſchon als Kind hübſch und einnehmend geweſen, ſo wurde ſie als Mädchen reizend ſchön und beſaß durch ihre verderbliche Erziehung eine bis zum höchſten Grade ausgebildete Fähigkeit, durch die verführeriſchen Eigen ſchaften, welche ſie in ihr Thun und Weſen hinein legen und zur Geltung zu bringen wußte, für ſi einzunehmen. Die Schwäche des Vaters gegen ſie war eine grenzenloſe. Er ſah bei ihr nur ausge⸗ zeichnete und glänzende Anlagen. Als Mathilda ihr ſiebzehntes Jahr erreicht hatte, machte die Familie den Sommer über einen Beſuch auf Ljungſtahof. Die beiden Söhne des Oberſten Max und Karl waren zu der Zeit auch zu Hauſe. Max, der im königlichen Kabinet angeſtellt war, hatte ein ernſtes, melancholiſches Gemüth; er war leidenſchaftlich, aber feinfühlend, mißtrauiſch und unbeugſam. Karl, ein paar Jahre jünger, jetzt Lieutenant oder vielmehr Rittmeiſter, hatte dagegen einen auf⸗ richtigen und offenen Charatter und ein frohes und lebensfriſches Gemüth. Er war dienſtfertig und hatte ein warmes Herz und eine väterliche Denkweiſe. Das Ausſehen des älteren Bruders ſtimmte mit ſeinem Charakter überein: ſchwärmeriſch glühende Augen, edle feine Züge und eine faſt befehlende Haltung. Carl dagegen hatte regelmäßigere, beweglichere und ausdrucksvollere Züge, lebhafte und ſeelenvolle Augen, eine männliche und ungezwungene Haltung, und onnte mit allem Grund ein hübſcher Mann genannt werden. Mit dieſen ihren beiden Vettern ſollte Mathilda einen ganzen Sommer in täglicher Berührung leben und Gelegenheit bekommen, ihre damals vollkommen entwickelte Neigung zu feſſeln, und ſich angebetet zu ſehen, geltend zu machen. Man brauchte kein Herenmeiſter zu ſein, um be⸗ rechnen zu können, daß das ſchöne, blendende, der Macht ihrer Vorzüge vollkommen bewußte Mädchen für die Herzen der jungen Männer äußerſt gefährlich werden würde. Carl entflammte raſch; er liebte und überließ ſich mit der ganzen Wärme der Jugend Schwartz, Mathilda. 3 34 ſeinen Gefühlen. Er ſah nur Mathilda, folgte ihr überall und bot Alles auf, um ihre geringſten Wün⸗ ſche zu befriedigen; er that mit einem Worte Alles, was ein verliebtes Herz thut, wenn es Liebe gewin⸗ nen will. Mathilda theilte ganz unparteiiſch ihre Gunſt zwiſchen den beiden Brüdern; wenn ſie aber je auf die Stimme ihrer Gefühle hörte, ſo ſprachen dieſe doch am lauteſten für Carl. Mar liebte Mathilde mit jener ſtillen Liebe, welche gerade deßhalb an Stärke wächst, weil ſie, ohne daß äußere Rückſichten auf ſie einwirken, in eine ver⸗ ſchloſſene Bruſt eingeſperrt wird und dort dem Wider⸗ ſtand von Ueberlegung und Vernunſt begegnet. Er war artig, zuvorkommend, bisweilen ſogar herzlich gegen Mathilda, aber das war auch Alles. Sein zurückgezogenes Benehmen ärgerte das junge Mäd⸗ chen und reizte dermaßen ihre Eitelkeit, daß ſie ſich vornahm, ihn zu beſiegen und zu ihrem Selaven zu machen. Am Abend vor der Abreiſe des Barons hatte Carl dagegen ſeine Liebe erklärt und auch Mathilda hatte ihm die ihrige geſtanden. Sie tauſchten Ge⸗ lübde der Liebe und Treue mit einander aus und verabredeten, daß Carl, wenn er im Laufe des Herb⸗ ſtes nach der Hauptſtadt käme, bei Mathilda's Vater um ihre Hand anhalten ſollte. Am Tage darauf reiſte die Familie des Barons ab. Seitdem war ein Monat verfloſſen, als auch Mar und Carl ſich bereit machten, das Vaterhaus zu ver⸗ laſſen. Einige Tage vor ihrer Abreiſe kam Max zu Carl und ſagte: „Weißt Du, daß Onkels Familie bereits na Stockholm abgereist iſt und folglich früher dort ein⸗ treffen wird, als wir.“ 3 * 35 „Nein, das habe ich nicht gehört, als Mama Tante's Brief mit der letzten Poſt vorlas. Aber wo⸗ her weißt Du es?“ „Von Mathilda. Ich habe heute einen Brief von ihr bekommen.“ Marx lächelte. „Haſt Du einen Brief von Mathilda erhalten?“ rief Carl und ſprang heftig auf. „Ja gewiß. Unſer Briefwechſel ſollte zwar ein Geheimniß bleiben; aber Du machſt als mein Bruder natürlich eine Ausnahme. Außerdem wird unſere ge⸗ genſeitige Neigung bald allgemein bekannt ſeyn, wenn wir Braut und Bräutigam werden.“ „Was ſchwatzeſt Du da für Geſchichten?“ Carl's Geſicht verzog ſich krampfhaft. Max hef⸗ forſchenden und mißtrauiſchen Blick auf ihn und ſagte: „Aber Carl, was bedeutet Deine Heftigkeit? Sollte denn Deine Aufmerkſamkeit gegen Mathilda etwas mehr zu bedeuten gehabt haben, als eine gewöhnliche Saloncourtviſie? Wenn dem ſo wäre,———— „Hier iſt nicht die Rede von mir, ſondern von Mathilda.“ Carl ballte die Hände. „Von Mathilda? Du haſt recht.“ Max trat Carl näher und fügte mit dumpfer Stimme hinzu: „wenn ſie mit mir ihr Spiel getrieben haben ſollte? — Wenn ſie Dich lieben ſollte?— Dan „Was würde dann geſchehen?“ rief Carl. „Dann ſchieße ich mir eine Kugel vor die Stirne,“ antwortete Max mit entſetzlicher Ruhe. Carl betrachtete einige Augenblicke den entſchloſſe⸗ nen und unheilverkündenden Blick des Bruders; dann legte er die Hand vor's Geſicht und äußerte 36 „Max! Dieſe heftigen Ausrufe und abgebroche⸗ nen Worte verurſachen nur Mißverſtändniſſe. Laß uns ruhig ſprechen.“ „Ruhig ſprechen, nachdem Deine Worte den hef⸗ tigſten Sturm in meiner Bruſt erweckt haben? Nach⸗ dem ich angefangen habe, an ihr und an Allem zu zweifeln?“ Mar faßte mit gewaltiger Heftigkeit den Arm des Bruders. „Zwiſchen zwei Männern ſollte es indeſſen mög⸗ lich ſeyn,“ ſiel Carl mit unterdrückter Gemüthsbewe⸗ gung ein. Mar warf ſich auf's Sopha und Carl fügte inzu: „Sage mir, in welchem Verhältniß ſtehſt Du zu Mathilda? Ich werde mich dann auch erklären.“ „Nein, Du mußt es zuerſt thun, ſonſt lönnte ich mich vielleicht täuſchen.“ 8 „Dieſen Verdacht hätteſt Du nicht ausſprechen ſollen; denn derſelbe enthält einen Zweifel an meiner Ehre und meiner brüderlichen Liebe. Ich verlange jeßt, daß Du zuerſt ſprichſt, denn ich bin nicht der⸗ jenige, der Dich beleidigt hat.“ „Antworte mir, liebſt Du Mathilda?“ „Ich habe geglaubt, ſie zu lieben,“ antwortete Carl mit einiger Anſtrengung. „Oh! dann haſt Du mich betrogen.“ Max fuhr au „Ich wußte ja niemals, daß Du ſie liebteſt.* Jetzt habe ich aufrichtig geantwortet und erwarte, daß Du mir ruhig Alles ſagſt, damit wir als Brüder es vermeiden, Rivalen zu werden.“ „Es mag ſeyn,“ S Mar erzählte jetzt, daß er einige Tage vor Mr 37 thilda's Abreiſe ihr ſeine Liebe erklärt hätte; daß ſie ihm geantwortet habe, ſie ſey über ihre eigenen Ge⸗ fühle noch im Unklaren und wolle, wenn ſie allein ſeyn werde, darüber in's Reine zu kommen ſuchen; daß ſie ihn aber herzlich gut leiden könne, und hoffe ihn einſt lieben zu können. Die Bitte Max's, daß ſie ihm erlauben möchte, ihm bisweilen zu ſchreiben, hatte Mathilda ohne Be⸗ denken freundlich bewilligt. Seit ihrer Abreiſe wech⸗ ſelten ſie Briefe mit einander, und Alles flößte Mar die Hoffnung ein, daß er geliebt ſey. Obgleich Ma⸗ thilda an keiner Stelle in ihren Briefen in beſtimmten Worten ſo Etwas ſagte, ſo war doch der Ton in den⸗ ſelben überhaupt ein ſolcher, daß es verzeihlich ſey, wenn er ſich als den Auserkohrenen ihres Herzens anſähe. Carl hörte den Bruder mit ſcheinbarer Ruhe an; aber in ſeiner redlichen Bruſt regten ſich Gefühle, die zu gleicher Zeit leidenſchaftlich und bitter waren, und bereits eine tiefe Verachtung gegen das junge Mäd⸗ chen in ihm hervorgebracht hatten, welches mit beiden auf eine ſolche Weiſe ihr Spiel getrieben, und wenig⸗ ſtens Einen von ihnen betrogen hatte. Max ſchloß mit dieſen Worten: „Mathilda hat alſo bei mir eine beſtimmte Hoff⸗ nung unterhalten und durch halbe Verſprechungen meine Gefühle bis zu einem ſolchen Grade geſteigert, daß, falls ſie nur mit meinem Herzen geſpielt, für mich nichts übrig bleibt, als mir eine Kugel vor die Stirne zu ſchießen. Meine Liebe iſt kein Alltagsgefühl, ich liebe ſie mit einer Leidenſchaft, welche die Möglichkeit zu entſagen und doch zu leben, nicht begreift.— Sage jett, Carl, welche Verſprechungen, welche Hoffnungen hat ſie denn Dir gegeben?“ 38 „Ich habe nichts von Mathilda zu hoffen.— Freilich habe ich mein Gefühl für Liebe gehalten, aber ich finde doch, daß es, mit Deiner ſtarken Leidenſchaft verglichen, dieſen Namen nicht verdient.“ Carl reichte dem Bruder traurig⸗lächelnd die Hand und fügte hinzu: „Gebe Gott, daß Du an Mathilda's Seite glück⸗ lich werden mögeſt; in mir wirſt Du nie einen Ri⸗ valen, ſondern nur, wie bisher immer, einen brüder⸗ lichen Freund finden.“ Carl drückte dem Bruder die Hand und verließ haſtig das Zimmer. Einige Wochen darauf befanden ſich die beiden Brüder in Stockholm. „Wann willſt Du dem Onkel Deinen Beſuch ma⸗ chen?“ fragte Max am Morgen nach ihrer Ankunft, als die Brüder ſich in dem gemeinſchaftlichen Speiſe⸗ ſaale begegneten. „Heute oder morgen,“ lautete die Antwort. Carl ging einige Stunden ſpäter hin, um ſeine Verwandten zu beſuchen. Der Zufall machte, daß er Mathilda und Marie allein zu Hauſe traf. „Ich möchte einige Worte mit Dir unter vier Augen ſprechen,“ ſagte er zu Mathilda, welche mit ihm in ein angrenzendes Kabinet hineinging. „Mathilda, ich komme, um die Erklärung zurück⸗ zunehmen, die ich Dir einſt in Beziehung auf meine Gefühle gegen Dich machte, und um Dir Dein Ver⸗ ſprechen der Liebe und Treue zurückzugeben.“ Carl ſprach mit Kälte. „Was bedeuten dieſe Worte?“ rief Mathilda, und ſah ihn überraſcht, ja faſt beſtürzt an. Sie bedeuten, daß Du entweder mit mir, oder mit Mox, oder vielleicht mit uns Beiden, Dein Spiel getrieben, und ich, Mathilda, bin nicht derjenige, der mit ſich ſpielen läßt.— Liebſt Du Max, dann ver⸗ zeihe ich Dir; liebſt Du ihn aber nicht, dann verachte ich Dich.“ „Carl!“ Mathilda wurde ſehr blaß;„ich liebe Mar nicht und habe ihn nie geliebt; denn ich liebe Dich.— Ich habe mich nur dem Vergnügen hinge⸗ geben, mich von ihm angebetet zu ſehen.“ „Daſſelbe würdeſt Du gewiß auch Max antwor⸗ ten, falls er jetzt an meiner Stelle vor Dir ſtünde.“ „Nein, nein! Ich werde ihm ſchon heute ſagen, ſ Alles nur ein Scherz geweſen, und daß ich Dich iebe. „Das wirſt Du nicht,“ rief Carl und nahm Ma⸗ thilda heftig am Arme;„Du wirſt es nicht thun, weil ich Dich nicht mehr liebe, während er dagegen auf Dich ſeine ganze Hoffnung ſetzt. Du mußt ſeine Gat⸗ tin werden, weil Du auf eine ſo herzloſe und elende Weiſe mit ſeiner Ruhe zu ſpielen gewagt haſt; wo nicht, dann werde ich vor der ganzen Wekt ſagen: Dieſes ſeinem Aeußern nach ſo reizende Mädchen hat eine verdorbene Seele; denn ſie hat ihre einge⸗ gangenen Verbindlichkeiten nicht gehalten und mit dem Herzen eines ehrenhaften Mannes geſpielt.— Du haſt bei Max die Hoffnung genährt, daß er geliebt ſei, nachdem Du mir das Verſprechen der Treue gegeben. Ich gebe Dir deßhalb Dein falſches Verſprechen zu⸗ rück; aber ich verlange, daß Du die Träume verwirk⸗ lichſt, welche Du in der Seele meines Bruders erweckt haſt, und dieſem verderblichen Spiele ein Ende machſt.“ Es lag ein unbeweglicher Ausdruck in Carl's Geſicht. O Carl!“ ſchluchzte Mathilda und ergriff ſeine Hände,„ich will auf meinen Knieen Max um Ver⸗ —— 40⁰ zeihung bitten; ich will Alles thun, um meinen Fehler wieder gut zu machen; ſage nur, daß Du mir ver⸗ zeihſt, daß Du mich noch liebſt, daß Du mich nicht verſtoßeſt, daß————— 3 „Mathilda! Deine Bitten ſind vergeblich. Von dem Mädchen, welches ſchon in Deinem Alter blos um des Vergnügens willen, ſich angebetet zu ſehen, mit dem zu ſpielen beginnt, was jeder fühlende Menſch als heilig betrachtet,— von einem ſolchen Mädchen iſt nichts Gutes zu erwarten. Ich kann Dich nicht mehr lieben; meine Liebe erloſch in demſelben Augen⸗ blick, in welchem Du Dich in Deiner rechten Geſtalt zeigteſt. Aber ich verlange,— verſtehſt Du,— ich verlange, daß Du in Betreff des Max Deinen Fehler gut machſt, und Max nicht in's Unglück bringſt.— Meine Achtung und mein Vertrauen kannſt Du nur dadurch wieder gewinnen, daß Du meinem Bruder eine würdige und zärtliche Gattin wirſt.“ Carl riß ſich von ihr los und eilte fort. Sechs Monate darauf wurde Mathilda's Verlo⸗ bung mit Max gefeiert, welcher ſie unbegrenzt liebte. Die Partie wurde für ſehr vortheilhaft gehalten; denn der Oberſt war unermeßlich reich; Mathilda dagegen hatte nur eine unbedeutende Erbſchaft zu erwarten. Einige Wochen nach der Verlobung unternahm die Freiherrin, von Mathilda und Maria begleitet, eine Reiſe nach Italien, weil ihre Bruſt ſo ſtark an⸗ gegriffen war, daß die Aerzte den Aufenthalt in einem milderen Klima vorgeſchrieben hatten.— Der Baron, welcher damals im Reichstage ſaß und mit Reichs⸗ angelegenheiten beſchäftigt war, hatte keine Zeit, ſeiner Gemahlin Geſellſchaft zu leiſten. Die Freiherrin hielt ſich ein Jahr in Neapel auf, wo Max ſie jetzt beſuchte. Ebba und ihr Mann wa 41 ren auch mit der Freiherrin und ihren Töchtern in Neapel zuſammengetroffen, kehrten aber nach England zurück, bevor Max ankam. Von Neapel begab ſich die Freiherrin, von Mathilda, Marie und Max be⸗ gleitet, nach Rom, wo man ſich einige Monate auf⸗ hielt. Jetzt wurde nun raſch beſchloſſen, daß die Ver⸗ lobten getraut werden ſollten. Nachdem dieß geſchehen, reiste die Freiherrin allein nach Piſa.— Die Neu⸗ vermählten und Marie machten während der Zeit ei⸗ nen Ausflug in einer andern Richtung, und trafen erſt drei Monate ſpäter in Piſa ein. Die Geſund⸗ heit der Freiherrin war ſo geſchwächt, daß ſie nicht im Stande war, die Reiſe fortzuſetzen; man mußte in Piſa bleiben, um ihre Beſſerung abzuwarten. Mar liebte ſeine Frau mit jener heftigen Leiden⸗ ſchaft, welche gewöhnlich Eiferſucht und Unruhe erzeugt, und in ihrem Schooße eben ſo viele Qualen wie Freu⸗ den birgt. Er ſagte oft zu Mathilda, wenn ihre Lau⸗ nen und ihre Kälte ihn plagten: „Sollte ich einſt die Ueberzeugung gewinnen, daß Du mich nicht liebſt, daß Du nicht der liebevolle En⸗ gel biſt, wie ich Dich mir geträumt, da würde ich hart gegen Dich werden.“ Wenn Max aber ſolche Aeußerungen that, dann lächelte Mathilde und ſah ihn mit einem ſolchen be⸗ zaubernden Blicke an, daß er ſich wieder glücklich fühlte und entzückt zu ihren Füßen lag. Max war ſechs Monate verheirathet geweſen, als Larl, welcher auch eine Reiſe in's Ausland machte, in Piſa ankam.— Einige Tage nach ſeiner Ankunft wurde Max von einer ſonderbaren firen Idee ergriſ⸗ fen: er wollte ſich von ſeiner Frau ſcheiden laſſen.— Es wurden alle mögliche Verſuche gemacht, um ihn zu bewegen, davon abzuſtehen, aber ſie waren ver⸗ — 42 geblich. Indeſſen ſtarb die Freiherrin, und ein Jahr darauf hatte das Geſetz die Bande aufgelöst, welche Max und Mathilda vereinigten. Die junge geſchie⸗ dene Frau kehrte nach Schweden zurück. Max war ſeines Verſtandes beraubt worden und beharrte dar⸗ auf, mit ſeinem alten Bedienten, dem einzigen Men⸗ ſchen, deſſen Geſellſchaft er ertrug, in Italien zurück⸗ zubleiben. Der Anblick von Carl ſchien nur peinlich auf den gemüthskranken Bruder zu wirken, weßhalb Erſterer, als er ſah, daß er durch ſeine Gegenwart nichts Gu⸗ ausrichten konnte, ebenfalls nach Schweden zurück⸗ ehrte. Aber Carl war jetzt in ſeiner Denkungsweiſe und in ſeinem Benehmen ſo verändert, daß man ihn kaum wieder erkennen konnte. Er legte in Allem eine tiefe Verachtung vor dem weiblichen Geſchlecht und eine oft an Bosheit grenzende Bitterkeit gegen Ma⸗ thilda an den Tag, welche anfangs Alles aufbot, um ihn milder gegen ſich zu ſtimmen; aber alle Verſuche des ſchönen Weibes wurden von Carl mit Kälte und Verachtung zurückgewieſen. Eine Erbſchaft, welche einige Zeit darauf Ma⸗ thilda zufiel, brachte ſie in eine unabhängige Lage. Sie genoß außerdem die Theilnahme Aller, weil ſie, noch ſo jung und ſchön, ſich von einem Manne hätte ſcheiden laſſen müſſen, welcher wahnſinnig geworden war. Nach dieſer Auseinanderſetzung knüpfen wir wie⸗ der den Faden unſerer Erzählung an. 43 Wir verſetzen uns um einen Monat weiter, in den Anfang des Juni, und werden jetzt die Ereigniſſe, die ſich auf dem Gute des Oberſten, Ljungſtahof, zutragen, ſchildern. Dort finden wir die in unſerer Erzählung handelnden Perſonen verſammelt. Der Oberſt war ein munterer und rühriger alter Herr, welcher noch nicht die Zeit vergeſſen hatte, wo er ſelbſt ein heiterer und lebensfroher Lieutenant war. Seine Frau, die älteſte Schweſter des Barons Rem⸗ mer, war eine Dame mit reinem Herzen, mild und gut, welche gern die Fröhlichkeit der Jugend ſah, ob⸗ gleich, ſeit Mar gemüthskrank geworden, eine gewiſſe Schwermuth über ihrem ganzen Weſen ruhte. Ebba, die Wittwe des engliſchen Kapitäns Bran⸗ dis, war ſeit einigen Jahren bei ihrer Tante, der Oberſtin, in Penſion, und hielt ſich alſo auch auf Lungſtahof auf. Außerdem finden wir dort während des Sommers Graf Thorenhjelm, einen Lieutenant Fries, einen Künſtler und einen Ingenieur. Fügt man hierzu verſchiedene angenehme und reiche Nach⸗ ſo muß der Herrenhof recht einladend geweſen eyn. Faſt hätten wir vergeſſen, daß es dort auch ein Kind gab, einen Knaben, von deſſen Herkunft ſich die ganze Gegend leider in vollkommener Unkenntniß be⸗ fand. Der Oberſt hatte, als er einmal vor ſechs Jah⸗ ren von einer Reiſe nach Stockholm zurückkam, den Knaben mit ſich gebracht; mehr wußte man nicht. Man vertiefte ſich natürlich in eine Menge Vermu⸗ thungen; aber unter hundert von dieſen gab es nicht eine einzige, welche der Wahrheit nahe kam, und wir können nicht zur Unzeit das Geheimniß verrathen. Die verwittwete Frau Kapitänin Ebba Brandis war eine einnehmende Dame; ſie war gerade nicht 44 ſchön, aber unbeſchreiblich anmuthig, lebhaft und mun⸗ ter. Sie hatte ein edles Geſicht, die ſchönſten Zähne, tiefliegende ſeelenvolle Augen und einen ſchlanken, ele⸗ ganten Wuchs. Freilich behauptete dieſer und jener, daß ſie etwas gefallſüchtig ſey, wenn aber etwas Wah⸗ res daran war, ſo machte das ſie nur noch angeneh⸗ mer. Sie lachte viel, tanzte gern, liebte allerlei Kör⸗ perbewegungen und lächelte oft über ihre Mitmenſchen; aber alles dieß that ſie mit einer ſo unſchuldigen Na⸗ türlichkeit, daß es niemals Jemanden einfiel, ſie bos⸗ haft zu nennen. Was die Schönheit anbetrifft, ſo würde Ebba neben Mathilda kaum bemerkt worden ſeyn, wenn ſie nicht neben dieſer Nebenbuhlerin es verſtanden hätte, ſo viel Geiſt in ihre Converſation und in ihr ganzes Benehmen zu legen, daß man unwillkürlich gezwungen wurde, ſeine Aufmertſamkeit zwiſchen Beiden zu thei⸗ len.— Ebba war exaltirt, von warmem Herzen und gut, und von einem beweglichen lebensfriſchen Gemüth, welches bewirkte, daß der Kummer ſie zwar heftig an⸗ greifen, aber nie lange ein Gaſt in ihrer Seele, und noch weniger läſtig für ihre Umgebung werden konnte. Ebba weinte am liebſten allein und hob den Schmerz und den Kummer für ihre einſamen Stunden auf. Sie dachte: die Freude will ich mit Andern theilen, aber meine Leiden für mich ſelber behalten. Cbba's Alter war ſechsundzwanzig Jahre. Nachdem wir jetzt die Charaktere der handelnden Perſonen geſchildert, wollen wir ſehen, wie ſich die drei Damen die Zeit vertreiben, und welche kleine In⸗ triguen ſie vorhaben; denn ohne dieſe letzteren können doch drei geſchäftsloſe Eva's Töchter nicht gut zuſam menleben. Es iſt wunderbar, was für natürliche An lagen Frauenzimmer für dergleichen Dinge haben, nn 1 45⁵ ſie haben dieſer Neigung ihre Produktivität zu ver⸗ danken. Die Wirklichkeit und das Alltagsleben lie⸗ fern oft ein viel zu beſchränktes und unbequemes Ge⸗ biet für das Ausſpinnen jener feinen Fäden; dann nimmt man ſeine Zuflucht zu der Dichtung, deren Feld ein unbegrenztes iſt. Aber, um alle weitere Reflerionen über dieſes Thema zu vermeiden, mache ich nur eine tiefe Verbeugung vor meinen begabteren Kolleginnen— und trete jetzt an einem ſchönen Juni Abend in den Salon auf Ljungſtahof, wo ich die ganze Geſellſchaft verſammelt finde. Ebba, der Oberſt und der Lieutenant lachen wie toll; die Oberſtin und Marie lächeln; der Rittmeiſter ſieht ironiſch aus; der Künſtler trommelt an der Fenſter⸗ ſcheibe und der Ingenieur ſitzt verdrießlich in einer Ecke des Salons. Mathilda nimmt eine traurige Miene an, und der Graf— hat nur Augen für ſie. „Es iſt doch ſchrecklich, daß Ebba über ein ſolches Ungluck lachen kann,“ beinerkte Mathilda in mißver⸗ gnügtem Tone und etwas, das einer Thräne ähnlich ſah, ſchimmerte in ihren ſchönen Augen. „Du lieber Gott! Ich kann nichts dafür, daß es ausſah, als käme die Perſon mit den Eierkörben mit Flügeln hergeflogen,“ brach Ebba aus,„und Du ucſt deßhalb auch nicht zu weinen, liebe Ma⸗ thilda.“ „Aber ſie hätte ſich todtfallen können.“ „Unmöglich; denn ſie fiel ja gerade in die Arme des Ingenieurs;“ ſagte der Oberſt lachend. „Aber denke doch an ihren Verluſt, an alle die zerbrochenen Eier!“ „Den Verluſt hat Carl auf ſich bekommen,“ hob Ebba wieder an und lachte wie unſinnig.„Er muß deßhalb das Feſt bezahlen, weil er in einem Nu mit ſechsundzwanzig Eiern tractirt wurde.“ „Die Alte hätte es bleiben laſſen ſollen, ſich ſo hoch oben auf dem Heuboden einzulogiren, ſo hätte ſie nicht nöthig gehabt zu fliegen, um herunter zu kommen,“ fügte der Lieutenant hinzu. „Was zum Henker kann es denn ſein, was die Alte ſo erſchreckt hat, daß ſie aus der Lucke hinaus⸗ ſtürzte?“ „Das muß durch eine Nachſuchung herausgefun⸗ den werden, Onkel,“ rief Ebba und klatſchte in die Hände. „Ja freilich wäre es recht amüſant das zu er⸗ fahren, wovon die Rede iſt,“ fiel die Oberſtin ein. „Ihr habt jetzt eine lange Zeit gelacht, geſchrieen und gelärmt, ohne daß ich im Stande geweſen bin, ein Wort von Eurem Geſchwätz zu begreifen.“ „Ich werde das Wenige, das ich weiß, mitthei len,“ ſagte der Oberſt. „Lieber Onkel, laß mich es thun,“ rief Ebba und hüpfte vor. „Dann wird Tante nicht klug daran; laſſen Sie mich ruhig und beſonnen das Ereigniß mittheilen,“ ſiel Mathilde in ſanftem Tone ein. „Jetzt wollen Alle erzählen und ich werde auf dieſe Weiſe nichts erfahren, wenn nicht der Herr Lieu⸗ tenant ſo gut ſein will den Auftrag zu übernehmen,“ antwortete die Obriſtin lächelnd. „Nun, Herr Lieutenant, heraus mit der Geſchichte, wir ſind Zuhörer,“ ſagte Ebba und warf ſich nach⸗ läßig in einen Ruheſeſſel. Dann wandte ſie ſich an Carl: „Wo biſt Du, mein tapferer Ritter, nach d Eierbombardement geweſen? Sechs Mandel à vier 47 undzwanzig Schilling, macht drei Reichsthaler. Stille, ich brauche jicht Deine Antwort zu hören; horche jetzt nur auf das, was der Lieutenant ſagt.. Sie warf ſich gegen die Stuhllehne zurück und nahm eine ſehr aufmerkſame Miene an; aber der heitere Blick athmete eine unterdrückte Luſtigkeit. *„Als wir,“ begann der Lieutenant,„von der Promenade zurückkehrten, gingen wir am Stalle vor⸗ bei. Der Herr Ingenieur, Carl und Wall gingen ein Stück voraus, und eben als ſie gerade der Heuboden⸗ lucke gegenüber waren, ſahen wir Etwas daraus her⸗ ausfliegen, das freilich einem Menſchen ähnlich ſah, „ aber Flügel hatte und ſchrie wie ein Matroſe. Das fliegende Phänomen ſtürzte ſich gerade in die Arme des Ingenieurs und Carl wurde in demſelben Augen⸗ blick von einer Menge weißen Kugeln überſchüttet, welche an ſeinem Kopfe und an ſeinen Schultern platzten, und eine gelbe Wolke über ihn verbreiteten. Herr Wall hatte einen großen Butterklumpen an den Schädel bekommen und———————— „Jeder hatte, mit einem Worte, ſeine Beſcheerung von jener ſeltſamen Erſcheinung erhalten,“ unterbrach ihn der Oberſt.„Der Antheil des Ingenieurs wäre indeſſen am wenigſten zu verachten geweſen, falls das Ausſehen der Alten auf fünßzehn ſtatt auf fünfzig Jahre gedeutet.“ „Ach, wenn Tante nur dieſe drei glücklichen Rit⸗ ter geſehen hätte,“ brach Ebba laut lachend aus; „Carl war von den freigebigen Eiern gelb wie ein Canarienvogel; Herr Wall mit ſeiner zerfließenden Butterkrone auf dem Kopfe, welche gleich einem hei⸗ ligen Hel um ſeine Schläfe herabfloß, und endlich der Ingenieur mit der fliegenden Madame in ſeinen 48 Armen! Es war ein unvergleichlicher, unbezahlbarer Anblick.“ Die Heiterkeit brach wieder los. „Nun, was weiter?“ fragte die Obriſtin, die eben⸗ falls das Lachen nicht laſſen konnte. „Jeder ging fort mit dem, was er bekommen,“ hob der Lieutenant wieder an.„Die Alte, welche der Ingenieur in die Küche ablieferte, behauptet, daß der Teufel auf dem Heuboden ihr in eigener Perſon erſchienen ſei, ſo daß ſie in ihrem Schrecken und um ſeine nähere Bekanntſchaft zu vermeiden, nicht wußte, welchen Weg ſie nahm.“ „Ich meinestheils finde die Begebenheit mehr der Theilnahme als des Lachens werth,“ bemerkte Mathilda;„denn die Alte iſt eine arme Käthnersfrau und wollte nach der Stadt.“ Ihre Gnaden hat Recht,“ ſecundirte der Graf, und ſie hätte außerdem zu Schaden kommen können, wenn————— „Wenn nicht die Arme des Ingenieurs ihr offen geſtanden hätten,“ fiel der Oberſt ein.„Ich will darauf ſchwören, daß manches Mädchen an ihrer Stelle hätte ſein mögen.“ „Aber jetzt, nachdem wir gelacht und uns amü⸗ ſirt haben, müſſen wir daran denken, ihr den Scha⸗ den zu erſetzen und herauszubekommen ſuchen, was es eigentlich geweſen, das ſie erſchreckt hat,“ ſagte die Oberſtin. „Das Erſtere magſt Du thun, das Letztere werde ich auf mich nehmen,“ äußerte der Obriſt und ging lachend hinaus. Mathilde ſchlug eine allgemeine Sammlung für die verunglückte Eierverkäuferin vor. Der Graf war — ſofort mit dem Vorſchlag einverſtanden 49 dern Herren natürlich ebenfalls. „Nein, liebe Mathilda, das iſt gar daß wir Anderen die Butter ſollen, wir, die wir nichts Gut Meine Meinung iſt, daß die Butter bezählt und d ſo ſch ätzt, wie er glaubt, daß unter Brüdern werth ſein mag. zwei Heller. um über die luſtige Erſ Sie und Marie verlie Mathilda ging mi ſie in einigen gewäh der Alten in ihrem geben. Die Herren lungsweiſe?“ an den Rittm in b Urtheil iſt ungerecht, denn die ſirt h zu werden, Geld a meinte der Ingenieur. für denjenigen vortrefflich, der „Nun, was „Die Anſicht iſt Schwartz, Mathilda Komm, Marie „und die an⸗ zu unbillig, und die Eier bezahlen es davon gehabt haben. Carl die Eier, Herr Wall aß der Ingenieur die Alte ſie von Rechtswegen Ich gebe gewiß nicht „ und laß cheinung ins Klare zu kommen.“ ßen den Salon. t der Oberſtin hinaus, indem lten Worten dieſe erſucht hatte, Namen fünf Reichsthaler zu über⸗ waren jetzt allein. ſagſt Du jetzt von Mathilda's Hand⸗ fragte der Graf halblaut, indem er ſich eiſter wandte. „Daß ſie gar zu rührend iſt,“ eleidigendem Tone. Künſtler und an den In „Nach der Anſicht es, welch „Ja, ſo ſcheint es,“ wandte ſich uns gehen, antwortete dieſer Dann wandte er ſich an den genieur und ſagte: der Frau Brandis wären wir e die Himmelfahrt bezahlen müſſen.“ äntwortete der Künſtler und lachend an den R ittmeiſter; aber das jenigen, welche ſich amü⸗ aben und ſowohl der Eier⸗ wie der Buttertaufe entkommen ſind, ſollten allein zahlen.“ „Ja, erſt ausgelacht und dann noch gezwungen uszugeben, das iſt ziemlich hart,“ 4 50 von Beidem loskommt,“ erklärte der Lieutenant und ging ſeiner Wege. Der Graf und der Rittmeiſter entfernten ſich ebenfalls. „Du wirſt zugeben, daß Deine Couſine ein ge⸗ dankenloſer Wildfang ohne Herz und Verſtand iſt,“ begann der Graf, als ſie hinauskamen. „Zugegeben; aber man täuſcht ſich nicht in ihr, nieſit den anderen Beiden,“ antwortete der Ritt⸗ meiſter. „Gabſt Du nicht darauf Acht, wie wahrhaft weib⸗ lich und feinfühlend Mathilda handelte.“ „Haſt Du eine Rattenfalle geſehen?“ „Eine Rattenfalle?“ 3 „Ja, gerade eine Rattenfalle; man ſteckt ein Stück wohlriechenden Braten an den Hacken, um das arme kleine einfältige Thier, das nichts argwohnt, in die Falle zu locken; ſo thut es auch Mathilda. Nehme es nicht übel, mein Freund; Dich hat man zur Katzenſpeiſe auserſehen. Jetzt gehe ich hinunter nach der Fabrik.“ Sie trennten ſich. „Frau Remmer iſt in der That gut und tact⸗ voll,“ äußerte der Ingenieur gegen den Künſtler ent⸗ zückt.„Sie erlanbte ſich keinen Scherz auf unſere Koſten und war die Erſte, welche den Verluſt der Al⸗ ten erſetzen wollte.“ „Ich habe ſie auch immer bewundert. Die Capi⸗ tänin iſt dagegen die Erſte über das Mißgeſchick Ande⸗ rer zu lachen.“ 51 Ebba und Marie wanderten Arm in Arm die Allee entlang hinunter nach dem Hinterhof, wo der Stall lag. „Nun, was iſt Deine Abſicht?“ fragte Marie. „Jenen Böſen ausfindig zu machen,“ antwortete Ebba lachend. jene Notabilität zu ſehen.“ In demſelben Augenblick hörten ſie die Stimme des Oberſten, welcher aus der Lucke des Heubodens ertönte, und ſich brummend folgendermaßen verneh⸗ men ließ: ſo, Du kleine Canaille, Du willſt nicht her⸗ vor. Du liegſt hier, um Heudiebe hereinzulaſſen, kann ich mir denken; aber ich werde Dich etwas Anderes lehren.“ „Onkel, Onkel, ich bin es, erwürge mich nicht!“ rief eine Kinderſtimme. „Eduard!“ rief der Oberſt und die untenſtehen⸗ den Damen zu gleicher Zeit. „Armes Kind; was kann es wohl gethan haben?“ rief Ebba unruhig. Darauf eilte ſie in den Stall hinein, ſprang die Treppe hinauf und ſtand im näch⸗ ſten Augenblick auf dem Heuboden. Marie war unten geblieben, horchte aber auf⸗ merkſam. „Was zum Teufel ſoll das heißen,“ hob der Oberſt wieder an.„Du biſt ja angemalt und ſiehſt aus wie der Teufel ſelbſt?“ Er ſchleppte den Jungen vor bis zur Lucke. Marie konnte ihn jetzt ſehen. Der Knabe war ungefähr acht Jahre alt, aber groß von Wuchs. Er war im Geſichte roth angemalt und hatte ein Paar große Hörner auf dem Kopfe; über ſeinen Kleidern trug er eine rothe wollene Jacke. „Warum haſt Du Dich ſo ausſtaffirt?“ brüllte „Ich bin immer neugierig geweſen, 52 der Oberſt; aber Marie ſah wohl, daß er nur that, als ſei er böſe, um den Jungen bange zu machen. „Wenn Onkel mich losläßt, dann werde ich ant⸗ worten: Onkel fürchtet doch nicht, daß ich, wie das alte Weib, durch die Lucke durchgehen würde.“ Der Knabe ſchien nicht im Geringſten erſchrocken zu ſein. „Ja ſo, Du kleiner Schlingel, Du wagſt noch zu ſcherzen; aber ich hätte meiner Seele Luſt, Dich den⸗ ſelben Weg wie die Alte ſtiegen zu laſſen, welche Du beinahe auf den Tod erſchreckt haſt.“ Dabei packte der Oberſt den Jungen am Nacken, hatte ihn aber noch nicht in die Höhe gehoben, als Ebba ſchon unter ihnen ſtand. „Wenn Onkel Beelzebub hinunterwift, dann ſtürze ich mich ihm nach.“ „Und ich nehme ihn in meine Arme auf,“ rief Marie lachend.„Laß ihn deßhalb die Treppe hinun⸗ terkommen; dann mag er beichten.“ Der Oberſt ließ den Jungen los und ſagte ſcher⸗ „Die Weiber ſind ſchon ſeit den Zeiten des Para⸗ dieſes gegen den Teufel ſchwach geweſen. Nehmet ihn denn und bringet dem Krabaten Lebensart bei: 3 ich behalte mir vor, bei der Beichte anweſend zu ſein. Einige Augenblicke darauf befanden ſich der Oberſt, Ebba und der junge Spaßvogel neben Marie. „Nun, Du Schelm, was haſt Du da für nichts⸗ nutzige Jungenſtreiche vorgehabt?“ fing der Oberſt an. „Gar nichts,“ antwortete der Knabe lächelnd. „Anders behauptete, daß der Böſe die Pferde plage, und da wollte ich Anders bange machen, wenn er Heu holte; aber während ich unter dem Heu verſteckt lag und auf Anders wartete, kam etwas Schweres zend und drohte mich zu erſticken. Ich ſprang auf und die alte Stina auf Eknäs ſtürzte ſich bei meinem An⸗ blick ſchreiend durch die Lucke.“ Der Knabe lachte bei ſeiner Erzählung, daß die Thränen ihm in die Augen kamen.„Ich kehrte da⸗ rauf zu meinem Verſteck zurück und legte mich dort, bis Onkel kam und mich für einen Heudieb nahm.“ „Aber Eduard, Deine kindiſchen Poſſen hätten die Alte das Leben koſten können, und Du haſt ihr jedenfalls einen großen Verluſt verurſacht.“ „O nein, liebe Tante, ich bin oft aus der Lucke geſprungen; es iſt nicht ſo entſetzlich hoch,“ antwor⸗ tete Eduard ſorglos. „Ja, für Dich, Du Wildfang, iſt es eine leichte ache aber nicht für ſo eine alte Frau,“ ſagte der Oberſt und kniff den Knaben in's Ohr.„Gehe jetzt zu Eſe Dir den Schmutz ab und koinme dann inauf.“ Ein Paar Tage darauf nahmen früh Morgens vier Perſonen jeder für ſich den Weg von Ljungſta⸗ hof nach der kleinen Kathe Eknäs.„ Die erſte Perſon, welche Ljungſtahof verließ, war der kleine Eduard, der Pflegeſohn des Oberſten und Spaßmacher auf dem Heuboden. Er hatte Etwas unter der Jacke verſteckt. Einige Augenblicke darauf hüpfte Ebba die Treppe des Hauptgebäudes hinunter und begab ſich fort auf demſelben Wege wie Eduard. Marie hatte faſt um dieſelbe Zeit die Thüre des weſtlichen Flügels geöff⸗ net und ging einen anderen Fußweg, der ebenfalls nach Eknäs führte. Eine Viertelſtunde darauf ga⸗ 54 loppirte der Rittmeiſter auf der Hauptſtraße dorthin. — Wir eilen den Vieren voraus, welche denſelben Gedanken zu haben ſchienen, oder vielleicht ſich dort ein Stelldichein gaben. Eknäs war eine kleine elende Kathe und wurde von einem jungen Käthner, einem Sohne der alten Stina, bewirthſchaftet. Die Frau war geſtorben und der ſie überlebende Mann, der früher ein thätiger und arbeitſamer Burſche geweſen war, hatte ſich jetzt dem Trunke ergeben. Seine alte Mutter war eigent⸗ lich diejenige, welche, wenn auch in der größten Ar⸗ muth, die ſechs Kinder erzog. Der Oberſt hatte viel für ſie gethan; aber die zunehmende Völlerei des Mannes vermehrte das Elend mit jedem Tag. Die Alte hatte ſich an dem Tage, an welchem ſich das Unglück zutrug, auf einer Wanderung nach der Stadt mit ihren Eiern und ihrem Butter befunden. Sie war, reichlich für den erlittenen Verluſt entſchädigt, vom Herrenhofe zurückgekehrt. Jetzt war ſie damit beſchäftigt, etwas Frihſc unter die Kinder zu ver⸗ theilen, welche ſie in der Stube umringten. Auf dem Bette lag der Sohn und ſchlief ſeinen Rauſch aus. Gerade als ſie dem letzten Kinde ein Stück Brod gab, flog die Thüre auf und Eduard ſprang ſo vuen und friſch wie der Morgen in die Stube inein. Glüen Morgen, Mutter Stina, wie geht es § r 25. „O, Du mein lieber Gott, ſieh da, der kleine Herr; wie nett. Gott ſei Dank für die Geſundheit. Will er nicht einen Stuhl?“ Stina wiſchte einen ſol⸗ chen ab und ſtellte denſelben hin. „Nein, Dank, Mütterchen, ich wollte nur ſehen, ob ſie geſund ſei; denn ich war es, der Sie erſchreckte, wieder zu kommen, um eine Stunde mit ihnen zu muß Sie wiſſen.“ Eduard zog jetzt das hervor, was er unter der Jocke hatte; es war ein Säckchen mit Fuchen, die er freigebig unter die Kinder vertheilte. „Du lieber Gott, iſt er es?“ rief die Alte und ſchlug die Hände zuſammen. „Ja, er war es,“ antwortete Eduard lächelnd. „Aber ſei mir nur jetzt nicht böſe, ſondern nehme das hier, ich habe nicht mehr.“ Der Junge reichte ihr einen ſilbernen Reichsthaler. In demſelben Augen⸗ blick huſchte Jemand am Fenſter vorbei, und Eduard rief: „Tante Ebba! Sie darf mich nicht ſehen,“ und damit ſprang er hin zum Fenſter und hüpfte gerade lben hinaus, als Ebba durch die Thüre eintrat. Es iſt überflüſſig zu beſchreiben, was Ebba ſagte. Das Reſultat davon war, daß ſie ſich des älteſten Mädchens annahm, welches ſie in die Schule ſetzen wollte. Als ſie gehen wollte, bemerkte ſie: „Die Alte braucht nicht davon zu ſprechen, daß ich es bin, welche für das Mädchen ſorgt.“ „Gott ſegne Eure Gnaden; ich werde ſchon ſchweigen.“ Jetzt öffnete ſich die Thüre und Marie trat ein. „Ebba!“ rief ſie verwundert. 1 „Ja, meine Freundin, ich bin dem Eduard wie toll nachgeſprungen, welchen ich den Weg nehmen ſah, und von dem ich hoffte, daß er mich mit irgend ei⸗ nem munteren Streich unterhalten würde; aber er ſprang fort durchs Fenſter. Nachdem Marie der alten Stina einige Klei⸗ dungsſtücke für die Kinder gegeben und verſprochen hatte, am folgenden Tage, ihrer Gewohnheit gemäß, 56 leſen, gingen ſie und Ebba zuſammen fort. Aber die⸗ ſer Tag ſchien zu Begegnungen beſtimmt; denn ge⸗ rade als ſie aus der Stube heraustraten ſprang der Rittmeiſter draußen vom Pferde. „Ah, ſieh! Die Damen haben eine Wallfahrt bierher gemacht,“ rief er und begrüßte Ebba und Marie. „Gerade wie Du,“ antwortete Ebba lachend, „aber wahrſcheinlich aus einer ganz anderen Veran⸗ laſſung. Du kommſt, um eine Schuld zu bezahlen, ich nur um zu lachen und Marie, um mir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Die beiden Damen entfernten ſich. „Was zum Teufel konnte Ebba hier zu thun haben?“ murmelte der Rittmeiſter.„Die Andere kam wohl, um die Barmherzige zu ſpielen; aber Ebba— ſie pflegt ſich nicht damit zu plagen, in irgend eine Heiligenmaske zu ſchluͤpfen, und vielleicht iſt das der Grund, daß ich ſie für beſſer halte, als die Anderen. Damit trat er in die Stube. Der Beſuch des Rittmeiſters hatte zur Folge, daß der dem Trunk ergebene Sohn Stinas von Hauſe fort ſollte. Carl übernahm es für ihn zu ſorgen und den Verſuch zu machen ihn von ſeiner unglücklichen Leidenſchaft zu heilen. Schon am folgenden Tage ſollte Anders die Kathe verlaſſen und nach der Haupt⸗ ſtadt geſchickt werden, um unter die Aufſicht eines Arztes geſtellt zu werden, welcher die Trunkſucht durch die ſogenannte Branntweincur heilte. Als er gehen wollte, ſagte Carl: „Was wollten die Damen?“ „Oh, Freundin Marie geht jeden Morgen hier⸗ her und liest Gottes Wort mit unſeren Kindern, wie ſie es auch mit anderen Käthnerskindern macht,“ antwortete die Alte. „Und die Captänin?“ Mutter Stina ſah jetzt verlegen aus und ſtam⸗ melte: „Sie begleitete nur Fräulein Marie.“ „Jetzt ſagte die Alte eine Unwahrheit.“ „Nun, in Gottes Namen denn; wenn der gnä⸗ dige Rittmeiſter nur ſchweigt, ſo werde ich ſagen was wahr iſt, daß ſie für das Mädchen dort ſorgen und nach der Stadt ſchicken will, um es in die Schule gehen zu laſſen; aber ſie will nicht haben, daß Je⸗ mand davon ſprechen ſoll. Sie thut nur im Stillen Gutes, ſie.“ Als der Rittmeiſter nach Hauſe ritt, dachte er: „Was geht es mich an, wie Ebba iſt; denn ſie, wie ihr ganzes Geſchlecht, iſt doch aus lauter Ver⸗ ſtellung zuſammengeſetzt.— Aber es liegt doch in ihrem ganzen Weſen, in allen ihren Handlungen etwas Wahres und ein edies Bemühen niemals durch ſoge⸗ nannte gute Handlungen die Aufmertſamkeit auf ſich zu lenken. Aber auch dieſes könnte Verſtellung ſein, obgleich ich, ſo genau ich auch Acht gegeben, bei ihr nichts finde, was auf etwas Derartiges hindeutete.— Es iſt denn doch auch teufliſch, daß ich es nie laſſen kann, an die Frauenzimmer zu denken, obgleich ich ſo⸗ wohl durch eigene Erfahrung, wie durch Mar's unglück⸗ liche Schickſale wiſſen müßte, daß ihre Tugenden nichts werth ſind. Bei dieſem Gedanken ſpornte er ſein Pferd und eilte nach Hauſe. „ Indeſſen hatte Mathilda bei der Morgentoilette ihrer heftigen Laune freien Spielraum gegen Liſette gelaſſen, welche ſie nicht hübſch genug machen konnte. Nachdem ſie bei verſchloſſenen Thüren wie eine Furie gerast, trat ſie hinaus auf die Treppe, um eine Morgenpromenade zu machen. Sie begegnete dem Grafen, welcher an ihrem reizenden Geſichte unmög⸗ lich die geringſte Spur von ihrer Raſerei hätte ent⸗ decken können. Es ſah im Gegentheil aus, als wenn dieſe Lippen nie etwas anderes als liebliche und milde Worte ausſprechen könnten und man konnte nichts Anmuthigeres, als Mathilda ſehen, als ſie, vom Grafen begleitet, in der großen Allee prome⸗ nirte, die zum Park führte. Die Rede kam zufällig auf Ebba. „Herr Graf,“ bemerkte Mathilda im anmuthig⸗ ſten Tone,„Sie ſind gar zu ſtreng in Ihrem Urtheil. Ebba iſt gewiß etwas unbeſonnen, aber böſe iſt ſie doch nicht, obgleich es bisweilen ſo ſcheinen möchie. ie hat von Kindheit an einen jähzornigen und hef⸗ tigen Charakter gehabt. Mein guter Vater war ſehr nachgiebig gegen ſie und ſie bekäm dadurch einen An⸗ ſtrich von Egoismus, welcher bewirkt, daß ſie nicht immer an ihre Pflichten denkt. Man darf das nicht ſo genau mit ihr nehmen.“ „Wenn Alle ſo nachſichtig wären wie Sie, meine Freiherrin, wie unſchuldsvoll würde dann nicht die elt, und wie verträglich würden dann nicht wir Alle werden. Ich wage deßhalb nicht, mich weiter über die Kapitänin auszuſprechen, obgleich ihre Nei⸗ gung Alles lächerlich zu machen ganz gewiß aus einem weniger guten Herzen entſpringt. „Laſſen Sie uns ein anderes Thema wählen —— ——— 59 Es ſchmerzt mich an Ebba's Fehler zu denken, die ich ſo gern vergeſſen möchte.“ „Habe ich das Glück, Ihr Cavalier bei der be⸗ abſichtigten Reitpartie zu ſeyn?“ „Als eine verlaſſene Frau habe ich leider Nie⸗ manden, der das Vorrecht beſäße mein Begleiter zu ſeyn; darum nehme ich mit Vergnügen Sie, Herr Graf, als meinen Ritter für dieſen Tag an,“ antwor⸗ tete Mathilda mit einem traurigen Lächeln. „Aber warum Worte ausſprechen, welche an Ihre Leiden in der Wirklichkeit erinnern?“ „Weil wir in derſelben leben, Herr Graf.“ Mathilda ſeufzte. „Ach! Wer doch die ſo fatale Wirklichkeit los⸗ werden könnte, die——— „Die?“ „Die für mich eine peinliche Ungewißheit iſt.“ Mathilda ſetzte ſich auf eine Bank und ſagte, während ſie gedankenvoll mit einer Blume ſpielte: „Nun denn; vergeſſen wir die Wirklichkeit und die traurige Seite des Lebens; leben wir für den Augenblick!“ 2 „Gnädige Frau!“ rief der Graf ganz bezaubert und wollte Mathilda's Hand faſſen. „Herr Graf!“ Mathilda zog die Hand mit einer Bewegung voll Anmuth zurück.„Ich bat Sie, die Wirklichkeit zu vergeſſen, und da wir Menſchen der⸗ ſelben angehören, müſſen wir auch uns ſelbſt ver⸗ geſen⸗ und nur mit dem, was nicht iſt, beſchäf⸗ igen.“ „Das aber ſein könnte?“ „Laſſen Sie hören!“ „Falls Sie, meine Gnädige, mich erhören wollten.“ 60 „Ei, ei! Das da ſcheint auf's Gebiet der Wirk⸗ lichkeit hineinzugerathen.“ Mathilda ließ ihren Blick eine Secunde auf dem Grafen ruhen. „Verlangen Sie Alles, nur nicht, daß ich mich mit etwas Anderem beſchäftige, als mit dem, was iſt; denn dann würde ich aufhören zu fühlen, zu denken, zu eriſtiren. Befehlen Sie mir dann eben ſo gut, daß ich ſterbe.“ Der Graf hatte Mathilda's Hand ergriffen. Sein ganzes Geſicht drückte eine heftige Gemüthsbewegung aus; Mathilda zog aber ihre Hand zurück. „Herr Graf,“ ſagte ſie kalt und zurückhaltend, „ich fürchte, daß ich zu großes Vertrauen zu Ihnen gehegt habe. Es ſollte mir leid thun, mich in Ihrer Ritterlichkeit getäuſcht zu finden.“ Sie ſtand auf, um fortzugehen. „Aus Gnade, verzeihen Sie mir meine Dreiſtig⸗ keit und glauben Sie, daß die Worte gegen meinen Willen meinen Lippen entſchlüpften.— Sie werden, bei meiner Ehre, niemals Grund zur Unzufriedenheit mit mir bekommen. O, ſagen Sie mir, daß ich Ihr Vertrauen nicht verwirkt habe.“ Mathilda reichte ihm mit einem reizenden Lächeln die Hand und ſagte: „Ich würde ſehr unglücklich ſeyn, ſollte ich an feinen Takte des Grafen Thorenhjelm zwei⸗ eln.“ Dieſe Worte wurden von einem ſo warmen und ſeelenvollen Blick begleitet, daß derſelbe unſern Gra⸗ fen in den Vorhof des Himmels verſetzte.— Er beugte ein Knie vor dem ſchönen Weibe und führte in athemloſem Entzücken ihre Hand an ſeine Lippen. Ein ſchallendes Gelächter ſtörte den Grafen in ——— S— 61 ſeiner Seligkeit und folgende Scherzworte machten ihn aufſpringen: „Ich glaube, bei meiner Ehre, daß die Herr⸗ ſchaft für irgend eine theatraliſche Vorſtellung eine Repetition vornimmt. Vielleicht beabſichtigt Mathilda meinen Geburtstag mit einer Comödie zu feiern?“ Der Rittmeiſter trat vor. Mathilda warf einen Blick auf ihn, welcher zu gleicher Zeit triumphirend und boshaft war; dann antwortete ſie ſcherzend: „Du haſt recht gerathen; ich habe es wirklich vor, Dir eine Ueberraſchung zu bereiten. Ich ver⸗ ſpreche Dir einen Surpris an Deinem Geburtstag.“ „Unendlich verbunden, ſchöne Couſine, obgleich ich daran zweifle, daß es eine Ueberraſchung für mich wird.— Nichts, was von Dir kommt, kann mich fer⸗ ner in Verwunderung ſetzen.“ „Du ſchmeichelſt nicht.“ Mathilda lächelte auf ihre reizende Weiſe. Ich glaubte nicht, daß mein Erfindungsvermögen bei Dir ſo übel angeſchrieben ſey.“ „Im Gegentheil, ich beuge mich ganz und gar vor demſelben und erkenne die Unerſchöpflichkeit des⸗ ſelben an.“ Dem Grafen that dieſer Scherz weh, deſſen Pointe er nicht verſtand. Er war außerdem im höchſten Grade über den Rittmeiſter verdrießlich, welcher ihn geſtört und fühlte ſich übel geſtimmt; aber weder ſ noch Carl achteten darauf, ſondern fuhren ort: „Du gibſt alſo zu, daß ich Dich mit etwas Neuem überraſchen kann?“ „Nicht mit etwas Neuem, ſondern mit Etwas, was ich nicht im Voraus berechnet habe.“ 62 „Dann bin ich zufrieden. Deinen Arm, mein Couſin! Kommen Sie, Herr Graf.“ „Welche Gunſt, Mathilda! ich werde alſo des Glückes theilhaft, Dich begleiten zu dürfen?“ Der Rittmeiſter bot ihr den Arm mit einem Blick, der Mathilda das Blut in die Wangen trieb. „Ein unvorhergeſehenes Ereigniß iſt ja immer eine Ueberraſchung,“ hob Mathilda wieder an und wandte ſich an den Grafen. „Das iſt klar, und Carl raiſonnirt nicht logiſch,“ antwortete der Graf. „Du, Thorenhjelm, biſt für Ueberraſchungen ge⸗ ſchaffen, aber ich nicht,“ ſagte der Rittmeiſter.„Nun, Mathilda, iſt es die Rolle der Irregeleiteten oder der Irreleitenden, welche Du Dir vorgenommen haſt an meinem Geburtstage zu ſpielen?“ „O nein, nur diejenige der Klarſehenden.“ „Ergebenſter Diener, meine Couſine; dann wird gewiß Thorenhjelm die Rolle des Blinden und der kleine Eduard die der Gerechtigkeit ſpielen.“ „Er wird durchaus nicht mitſpielen,“ antwortete Mathilda mit blitzenden Augen. „Du haſt Recht, er ſpielt nicht mit, aber doch wird mit ihm geſpielt.“ „Glaubſt Du das?“ „Glauben?— Nein, reizende Mathilda, ich glaube nicht mehr; ich bin Skeptiker und habe alſo gar keinen Glauben.— Sieh, da haben wir die Hei⸗ lige,“ fügte der Rittmeiſter hinzu, indem er auf Marie deutete, welche ihnen entgegenkam. „Ja, Marie ſpielt die Heilige ſehr gut,“ fiel Mathilda ein. Es lag ein faſt boshafter Ausdruck im Tone. „Wenn ein Weib nicht durch Schönheit die Auf 63 merkſamkeit auf ſich ziehen kann, dann ſucht ſie es durch Gottesfurcht und Barmherzigkeit zu thun. Ma⸗ rie, welcher Deine Schönheit fehlt, will Dich mit ihrer Heiligenglorie verdunkeln. Jedermann macht Gebrauch von irgend einem Vortheil.— Guten Mor⸗ gen, Du Freundin der Vaterloſen,“ rief Carl ihr ent⸗ gegen. „Wenn Du doch der Mutterloſen geſagt hätteſt, dann würdeſt Du vielleicht der Wahrheit etwas näher gekommen ſeyn,“ antwortete Marie mit ihrem feinen Lächeln. Mathilda wechſelte die Farbe. Einige Augenblicke darauf war die ganze Geſell ſchaft im Speiſeſaale verſammelt. „Wo iſt Eduard?“ brummte der Oberſt, als man i ſollte.„Niemals iſt der Schlingel zu Hauſe.“ „Er iſt zu ſehr verwöhnt,“ fiel Mathilda ein. „Gerade Du biſt es, die in Geſellſchaft mit mei⸗ ner Frau, Ebba und Marie, den Jungen verdirbt,“ fuhr der Oberſt fort. „Nein, guter Onkel, das biſt Du ſelbſt,“ krief eine muntere Kinderſtimme,— und Eduard hüpfte durch's Fenſter, ſprang hin zum Oberſten, ſetzte ſich in Poſitur und fragte: „Gnädiger Oberſt, gibt es Arreſt?“ „Es gibt Frühſtück, Du übermüthiger Geſelle,“ antwortete der Oberſt und ſtreichelte den Knaben. Kennſt Du Jemanden, dem Eduard ähnlich ſieht?“ fragte der Rittmeiſter in gedämpftem Tone. „Nein,“ antwortete Mathilda mit bleichen Lippen. 64 „Das iſt verdrießlich, daß Dein Gedächtniß ſo ſchwach geworden iſt.“ „Carl,“ ſagte Mathilda mit verhaltenem Zorne, hinaus auf den Balkon, ich muß Dir ein Wort agen.“ „Laſſe es meinetwegen zwei werden und blicke mich nicht ſo dramatiſch an; Andere könnten Deinen Blick ſonderbar finden, ohne daß derſelbe darum irgend einen Eindruck auf mich macht.— Nehme lieber eine lächelnde Maske vor Dein ſanftmüthiges Geſicht.“ Mathilda biß ſich in die Lippe und ging hinaus auf den Balkon, wohin der Rittmeiſter ihr folgte. „Willſt Du durchaus Krieg haben, da Du mich unaufhörlich verletzeſt und reizeſt?“ fragte Mathilda. „Ja,“ war die einzige Antwort Carls. „Du ſollſt erhalten, was Du willſt; nehme Dich aber in Acht die Vergangenheit als Waffe zu ge⸗ brauchen; denn ich würde Dich dann während des Kampfes tödtlich verwunden.“ Mathilda's Züge drückten Zorn aus. „Die Waffen, welche ich benütze, ſind meine eigenen; ſie gehören mir; ich gehe auf keine Bedin⸗ gungen ein.— Gebrauche Du dagegen die Deinigen, und verwunde mich meinetwegen, wenn Du kannſt, das iſt Deine Sache. Du ſcheinſt einzig und allein dazu geſchaffen zu ſeyn, dem Irrenhauſe Inſaſſen zu verſchaffen.“ „Du ſtrebſt alſo nach meinem Haſſe.“ „Ja, weil Dein Haß weit beſſer iſt, als Deine treuloſe Liebe.“ „Ich werde Dir einen unauslöſchlichen Haß an⸗ gedeihen laſſen.“ 3 „Ich danke, Du biſt freigebig.“ „Ich gebe niemals Almoſen.“ „Und ich nehme keine ſolche an; denn dazu bin ich zu reich.— Erinnere Dich nur, daß wenn Du mich mit Schlangenbiſſen angreifſt, ich es Dir mit Löwenbiſſen zurückzahlen werde.— Wollteſt Du ſonſt noch was?“ „Nein;— ich,— ich „Sey doch ſo liebenswürdig und ſpreche. „ch will wiſſen, ob— Du mich verabſcheuſt? Mathilda war heftig aufgeregt. „Mein Gott, nein;— nun kenne ich Dich, und erinnere mich, was ich bei meiner Ankunft in Piſa fand.— Haß und Abſcheu entſtehen aus einer er⸗ loſchenen Liebe; aber ich habe nie geliebt, ſondern war nur von Dir bethört.“ Der Rittmeiſter verließ ſie. „O! warum ſoll ich gerade dieſen Mann lieben, den ich nicht zu feſſeln im Stande war,“ murmelte Mathilda und ballte krampfhaft ihre Hände.„Wehe ba, falls er ſie liebt; ich fühle, daß ich ſie auf eine entſetzliche Weiſe werde verfolgen können.“ In der Schaukel unter den Linden ſaßen Ebba und Marie und plauderten mit dem Lieutenant, als Carl auf ſie zuging. „Nun, Ebba, leiſteſt Du uns Geſellſchaft auf der großen Reittour, die Papa arrangirt hat?“ fragte er. „Das verſteht ſich; ich bin doch von vornherein abonnirt, da ja Jedermann weiß, wie gerne ich mich auf meinem Zelter tummle, und mit welcher außer⸗ ordentlichen Geſchicklichkeit ich denſelben regiere.“ ve Du biſt eine unvergleichliche Amazone. Wenn ich Herkules wäre, dann würde ich es nicht gewagt haben, mich in Kampf mit zwölf ſolchen Hel⸗ innen einzulaſſen,“ bemerkte der Rittmeiſter. Schwartz, Mathilda. 5 —— ——— 1 3 .—=—— 66 „Haſt Du ſo wenig Muth?— Dann lege Dei⸗ nen Säbel ab und ſetze Dich an den Spinnrocken.“ „Mein Muth und mein Säbel würden mir wenig gegen Feinde helfen, welche das Herz entzücken und bethören.“ „Sprichſt Du von den zwölf Amazonen?“ „Ja, falls ſie Dir ähnlich waren.“ „In dem Falle wäre Herkules verloren geweſen, wenn er ſich nur mit einer einzigen von ihnen einge⸗ laſſen hätte,“ fiel der Lieutenant ein.„Er wäre ge⸗ zwungen geweſen ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben.— Es war ein Glück für den griechiſchen Helden, daß ſie Allem Anderen, nur nicht Ihrer Gna⸗ den ähnlich waren. „Meine Herren, Sie haben Beide die Abſicht, ſich auf meine Koſten zu amüſiren„ rief Ebba;„aber nehmen Sie ſich in Acht, es könnte mir einfallen, mich zu rächen.“ „Ich ſprach nur meine individuelle Ueberzeugung aus,“ verſicherte der Lieutenant,„und ihretwegen muß ich doch nicht beſtraft werden.“ „Das glaube ich nicht.“ „Ich bürge für die Wahrheit von Fries's Wor⸗ ten,“ fügte der Rittmeiſter hinzu. „Ein ſchlechter Bürge; denn Du haſt mit dem Lieutenant gemeinſchaftliche Sache gemacht. Ich nehme ihn durchaus nicht an.“. „Warte, liebenswürdige Couſine, ich wollte nur dafür bürgen, daß Fries das ſprach, was er dachte; aber nicht für mich ſelbſt.“ „Vortrefflich! Du gibſt alſo zu, daß Du im Widerſpruch mit Deinen wirklichen Gedanken ſprachſt?“ „Und wenn ich es that?“ „Dann biſt Du falſch geweſen und haſt durch eine Unwahrheit mich täuſchen wollen und Dich gegen eines der zehn Gebote verſündigt, was beſtraft wer⸗ den muß.“ „Auf welche Weiſe?“ „Auf die Weiſe, daß Du eine Frau zur Feindin bekömſt. Ich erkläre mich hiermit für eine ſolche. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod.“ „Wegen was?“ Der Rittmeiſter beugte ſich herab„um das leb⸗ hafte und einnehmende Geſicht Ebba's beſſer betrach⸗ ten zu können. „Wegen Deiner Beſſerung natürlich. Ich werde Dich verfolgen bis Du es Dir angewöhnt, nur das zu ſprechen, was Du denkſt.“ „Aber ihr Frauenzimmer vertraget durchaus nicht die Wahrheit.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo kommt es daher, daß wir nicht gewöhnt ſind, dieſelbe zu hören. Ihr habt es aufgegeben die Wahrheit zu ſprechen, und wir— haben vergeſſen, daß Ihr Wahrheit ſprechen könnt.“ „Man iſt verloren, wenn man ſich in einen Wortſtreit mit Euer Gnaden einläßt,“ fiel der Lieu⸗ tenant ein. „Es fehlt Ihnen alſo an aller Luſt, mein Feind zu werden, Herr Lieutenant?“ „Gott bewahre mich davor!“ „Aber Carl nimmt den Handſchuh auf?“ Ebba warf einen kleinen gelben Handſchuh auf den Tiſch, welcher vor dem Seſſel ſtand. „Das thue ich wirklich mit Vergnügen und ver⸗ ſpreche als Feind alle Geſetze der Ritterüchkeit zu be⸗ obachten.“ Der Rittmeiſter führte mit einem eigenen Lächeln den Handſchuh an ſeine Lippen.“ . 67 — 68 Ebba muß man wirklich gratuliren, denn ſie wird die einzige von uns Damen hier ſein, die ſich Deiner Ritterlichkeit zu erfreuen hat,“ fiel Marie ein. „Vielleicht erklärſt Du mir auch den Krieg?“ „Das iſt überflüſſig, denn wir haben nie Frieden mit einander gehabt.“ „Bravo! Carl befindet ſich alſo im Krieg mit den beiden Damen. Es bleibt nur noch übrig, daß Frau Remmer Dir auch den Krieg erklärt, dann geräthſt Du in dieſelbe Lage, wie Rußland, und die Damen gleichen den Weſtmächten,“ ſagte der Lieutenant. „Und Du der ſkandinaviſchen Neutralität,“ fügte der Rittmeiſter ſcherzend hinzu.„Aber der Vergleich hinkt; denn ich habe keine Türkei erobern wollen, „Einen Augenblick, mein Couſin,“ unterbrach ihn Ebba.„Du gleichſt wirklich dem Czar; denn Du haſt, wie er, Dich auf ein für unverletzlich erklärtes Gebiet hineinbegeben.“ „Auf welche Weiſe?“ „Du biſt ſcheinbar als der Vertheidiger des Lieu⸗ tenants aufgetreten; Du haſt aber das nur als einen Deckmantel benützt, um uns Frauenzimmer zu belei⸗ digen und Feindſeligkeiten zu beginnen, die Dich in Deinem Innern gewurmt haben.“ „Was will ich aber denn erobern?“ „Unſere Herzen, natürlich, und dann— uns zu Deinen Leibeigenen machen.“ „Reizende Ebba! Es iſt alſo Dein Herz, um das wir kämpfen?“ Der Rittmeiſter machte eine ironiſche Miene. „Nein; ich kämpfe wie England nur für die Sache der allgemeinen Civiliſation, und um ein be⸗ „ 69 gangenes Unrecht zu rächen; denn Du haſt Dich öffentlich als den Feind meines Geſchlechts erklärt.“ „Und wenn ich beſiegt würde, dann wäre ich natürlich genöthigt, auf den Knieen zu erklären, daß Ihr Engel ſeid.“ „Ganz gewiß.“ „Eh bien, Maime, überzeugen Sie mich, daß es ein einziges Weib gibt, das nicht die lebendige Unwahrheit iſt, oder die Wahrheit und die Tugend, um ihrer eigenen wegen liebt; welches ohne eigenes Intereſſe aus Donkbarkeit oder Hingebung ſich ſelbſt opfern kann, ohne zu murren oder die Welt zum Zeu⸗ gen ſeiner Aufopferung aufzufordern.— Ich verſpreche dann, ſofort das Gewehr zu ſtrecken.“ „Der Kampfplan wird alſo: daß ich ſuchen werde, die Tugenden unſeres Geſchlechtes hervorzuheben und ſie zu beweiſen, während Du dagegen daſſelbe mit deſſen Fehlern thuſt.— Göttlich! Ich fühle mich ganz aufgeheitert, beim Gedanken an meinen künftigen Sieg.“ „Den Du nie gewinnen wirſt.“ „Ich bin im Gegentheil deſſen gewiß.— Sieh' da, dort kommt Mathilda mit dem Grafen.“ „„Gedenkſt Du mit Mathilda als Compaß dem Ziele des Sieges entgegen zu kommen?“ flüſterte der Rittmeiſter.—„Ich hatte ſie ſonſt als meinen Schild gegen die Tugenden des Weibes auserſehen.“ „Du biſt recht boshaft, Carl,“ antwortete Ebba in einem ebenſo leiſen, als ernſten Tone;„auch bei Mathilda finden ſich viele gute Eigenſchaften.“ „Das muß ſeyn, wenn ſie ſchläft,“ antwortete der Rittmeiſter. Der Lieutenant ſtand auf, als Mathilda an die Bank herantrat, und ſagte: „Hier werden Krießserklärungen zurecht gemacht, 6 ——ů—— Marie. 70 und Euer Gnaden werden gewiß am Kampfe Theil nehmen. Carl hat in der Kapitänin und in dem Fräulein zwei Feindinnen bekommen.“ Und auch treue Alliirte gegen ihn,“ fiel Marie ein. Der Rittmeiſter machte eine gewandte Verbeugung vor Mathilda und ſagte:„ „Vielleicht biſt Du, ſchöné Mathilda, auch nicht abgeneigt, mir Krieg— und Deinen Haß zu er⸗ klären.““ Bei dem letzten Worte richtete er einen ſcharfen Blick auf Mathilda. Mathilda ließ aber ihren Blick an ihm vorbei⸗ ſchweifen und richtete denſelben auf den Lieutenant, während ſie lachend antwortete: „Ich bleibe am liebſten neutral.“ „Das erlauben wir nicht!“ riefen Ebba und Der Rittmeiſter ſagte lachend: „Freund oder Feind. Wer nicht der eine iſt, muß als der andere betrachtet werden. Es ſind keine Preußen hier.“ „Aber um was handelt es ſich denn?“ Der Rittmeiſter erklärte es mit wenigen Worten und ſchloß mit Folgendem: „Wir verlangen alſo, daß Du eine entſchiedene Stellung einnimmſt und eine beſtimmte Antwort gibſt.“ „Unmöglich; man muß ſich erſt beſinnen und nicht auf einen Kampf einlaſſen, von dem man nicht weiß, wie er endigen wird.“ „Empfindeſt Du ſo wenig, wenn Deinem Ge⸗ ſchlechte Unrecht geſchieht?“ rief Ebba. „Ach, mein Gott, nein; aber frage den Grafen, dann wirſt Du hören, daß er meine Anſicht billigt, ſ man ſich beſinnen muß, bevor man den Krieg erklärt.“ Mathilda war blendend ſchön und betrachtete den Grafen mit einem reizenden und ſchelmiſchen Blick. 8„Ich billige ganz und gar die Anſicht der Frei⸗ herrin, und rathe als Kriegsminiſter dazu, ſie wohl zu beherzigen,“ antwortete er. „Ich finde dagegen, daß Mathilda der zweideu⸗ tigen Coalition zwiſchen den deutſchen Fürſten gleicht, welche einen neuen Wiener Congreß vorſchlagen,“ antwortete der Rittmeiſter mit ſeinem ſpöttiſchen Lächeln. „Meinſt Du das?— Aber Du weißt doch ge⸗ wiß, daß ich Dir nicht beiſtehen werde.“ Mathilda's Blick ruhte einen Augenblick auf dem Rittmeiſter. —„Mag ſeyn, daß ich das weiß; Deine Stellung mir gegenüber gleicht doch der Heſterreichs zu Ruß⸗ land.— So gerne das öſterreichiſche Kabinet gegen ſeinen Alliirten bei der Unterdrückung Ungarns un⸗ dankbar ſeyn möchte, ſo fehlt es ihm doch an Muth, zu einem ehrlichen Auftreten für die Sache der Civi⸗ liſation.— Verlnuthlich iſt es aus denſelben Grün⸗ den, daß Du nicht als die Vertheidigerin— der Tu⸗ gend auftreten willſt.“ Es lag etwas Uebermüthiges, faſt Verächtliches den Tone, mit welchem der Rittmeiſter dieſe Worte prach. „Du vergißt Dich, Carl,“ ſagte der Graf, einen vorwurfsvollen Blick auf den Rittmeiſter werfend. „Das hat nichts zu bedeuten, Herr Graf! Wir ſind an Carl's Mangel an Takt gewöhnt. Man darf es mit ſeinem etwas grobkörnigen Scherz nicht ſo ge⸗ nau nehmen; es iſt dieß ein Ueberbleibſel vom Ka⸗ ſernenleben; iſt es nicht ſo?“ ſagte Mathilda lachend und wandte ſich an Ebba und Marie. „Ja wohl, in dieſer Beziehung iſt Carl hier in der Gegend wohl bekannt,“ antworteten dieſe lachend. Carl biß ſich vor Aerger in die Lippen; er kam aber nicht dazu zu antworten, denn in demſelben Au⸗ genblick kam der Oberſt und rief: „Zu Pferd, zu Pferd!“ und die Damen beeilten ſich, ihre Reittoilette zu machen. Eine Stunde darauf finden wir die drei jungen Damen zu Pferd, begleitet von ſämmtlichen Herten auf Ljungſtahof mit dem Oberſten an der Spitze, den Weg durch einen lieblichen und hübſchen Wald zu neh⸗ men, welcher nach einer Art Eremitage Namens Skogs⸗ borg führte, die zu einem in der Nachbarſchaft gele⸗ genen Gute Lindſjönäs gehörte. Man ſprach von der milden und ſchönen Lage des Gebäudes; man ſcherzte über die Märchen der Leute, daß es dort ſpucke, und der Rittmeiſter war unerſchöpflich im Auftiſchen von wunderbaren Geſchich⸗ ten, durch welche der gemeine Mann in der Gegend entſetzt worden ſey. Dieß ſteigerte die Neugierde, da Niemand von der Geſellſchaft, außer dem Oberſt und dem Rittmeiſter, früher dort geweſen war. „Es liegt mitten im Herzen des Waldes,“ be⸗ merkte Carl,„und iſt von hohen Burgen und Tannen umgeben. Das Gebäude iſt klein, achteckig, von Gra⸗ nit und von einer undurchdringlichen Föhrenhecke um⸗ geben. Es hat keinen Hof, Garten oder irgend eine andere Spur von Kultur ringsum. Bewohnt wird es von einem alten wortkargen, faſt geiſtesſchwachen Diener.“ „Das klingt ganz romaftiſch,“ ſagte Ebba,„und ih Ort ſcheint ganz ſpeziell für Dich eingerichtet zu eyn.“ „Warum willſt Du ſo wohlwollend gerade mich dort einlogiren?“ fragte der Rittmeiſter. „Weil Du die Frauen haſſeſt und die Welt ver⸗ achteſt. Wenn Du Dich an einem ſolchen Orte nie⸗ derließeſt, ſo brauchſt Du nicht das, was Du haſſeſt und verachteſt, zu ſeyen.“ „Du irrſt Dich. Ich lache über die Frauen, weil ſie glauben, daß ſie mich täuſchen können; aber ich haſſe ſie nicht. Ich genieße das Leben, obgleich ich die Welt verachte und es mir an aller Luſt fehlt, mir das Ver⸗ gnügen zu verſagen, mit dieſen beiben Dingen zu ſpielen.“ „Du nennſt das Weib ein Ding?“ „Ja, und die Welt auch.“ „Sehr ſchmeichelhaft für die Beiden und beſon⸗ ders für die Erſtere, daß Du Dich dazu herabläßt, mit ihr zu ſpielen; ſie läßt indeſſen nicht immer ſo leicht mit ſich ſpielen.“ „Darin haſt Du vollkommen recht; nämlich, ſo lange man von ihr getäuſcht wird. Wenn man aber aus Erfahrung weiß, daß eine Katze Klauen hat, wo⸗ mit ſie kratzen kann, ſo ſetzt man ſich nicht denſelben aus, ſondern wirft ihr einen Ball zu, den ſie miß⸗ handeln kann, und amüſirt ſich nachher ganz vortreff⸗ i e die graziöſen und ohnmächtigen Verſuche, zu aden.“ Wenn es ſich der Mühe lohnte, ſo würde ich wirklich böſe werden,“ fiel Ebba lachend ein. Warum lohnt es ſich nicht der Mühe?“ 74 „Weil Du mich nicht genug intereſſirſt, um mei⸗ nen Zorn zu reizen. Man etzürnt ſich nie über gleich⸗ gültige Perſonen.“ Ebba ritt von ihm fort und der Rittmeiſter blickte ihr mit einer gedankenvollen Miene nach. Kurz darauf machte die Geſellſchaft bei dem oben⸗ genannten Hauſe halt. Es war achteckig und nup ein Stockwerk hoch, mit einem faſt flachen Dach und von einem niedrigen Eiſengitter umgeben. Die Fenſter waren klein und viereckig und glichen Kanonenlucken. Nachdem man ſeine Verwunderung über das ſelt⸗ ſame Gebäude und deſſen wilde und einſame Lage ausgeſprochen, machte man ſich bereit, vom Pferde zu ſteigen, um das Innere in Augenſchein zu nehmen. Gerade als man die Schritte nach dem Eingange lenkte, öffnete ſich die eiſenbeſchlagene Eichenthüre, und auf der Schwelle erſchien ein Fremder von ſchönem Aeußern, obgleich daſſelbe deutlich kreoliſches Blut verrieth. Seine Haut war faſt olivengelb und ſein Haar rabenſchwarz; ſeine Augen aber glichen, dunkel wie die Nacht, zwei Feuerflammen, Bei ſeinem An⸗ blick thaten die drei Damen unwillkürlich einen Aus⸗ ruf der Ueberraſchung. Die Herren wandten ſich nach demſelben um. Ebba ſaß unbeweglich; ſie war unnatürlich bleich und hatte die Augen auf den Fremden gerichtet.— Mathilda warf bebend einen Blick auf Ebba, und durch ſie ſelbſt rieſelte ein Fieberſchauer. „Was, zum Henker, iſt es mit Ihnen, meine Da⸗ men,“ rief der Oberſt.„Ihr ſeht ja, beim Teufel, aus, als wäre Euch der Teufel ſelbſt, ſtatt Kapitän Stuart, erſchienen, den ich dort auf der Schwelle ſehe, und mit welchem ich vor einem Monat die Ehre hatte, in Stockholm Bekanntſchaft zu machen, und den ich — — 75 damals einlud, nach Ljungſtahof zu kommen, da er beabſichtigte, eine Reiſe durch jenen Theil von Schwe⸗ den zu machen.“ „Beſter Onkel, wenn es auch nicht der böſe Ver⸗ ſucher ſelbſt iſt, ſo gleicht doch der Kapitän dort in der Thüre ziemlich einem Geſpenſt, und vor einem ſolchen muß man doch wohl hier mitten im Walde erſchrecken,“ antwortete Mathilda, welche zuerſt wieder zur Selbſtbeherrſchung gelangte und einen ſcherzhaften Ton anzunehmen ſuchte.. „Die Erſcheinung des Fremden hier, kam mir wie eine Offenbarung vor,“ fügte Ebba hinzu; während ſie aber ſich ſichtbar beſtrebte, ihre Gefühle zu unter⸗ drücken. „Iſt es nicht ein Bekannter von einer der Da⸗ men?“ fragte der Rittmeiſter und fixirte Ebba. „Nein,“ war die Antwort von Allen. „Das Nein da,— war beſtimmt ein Ja,“ dachte der Rittmeiſter. Der Fremde, welcher eine Zeit lang auf der Schwelle ſtehen geblieben war, ging jetzt der ſich nä⸗ hernden Geſellſchaft entgegen und grüßte ſehr artig den Oberſt, welcher ihm die Andern vorſtellte. Es war ein Engländer, aber aus den weſtindiſchen Colo⸗ nieen. Darauf traten ſie Alle in das achteckige Haus. Zwiſchen dem Kapitän, Ebba und Mathilda, wurden, während ſie einander vorgeſtellt wurden, ſonderbare Blicke gewechſelt. Die Falkenaugen des Rittmeiſters fingen dieſelben auf, und er dachte mik einem verächt⸗ lichen Lächeln: Sie kennen jenen gelben Ausländer; ich werde die Intrigue herausfinden, und Couſine Ebba wird dabei in kein beſſeres Licht zu ſtehen kommen, als Mathilda, obgleich ſie der Sache wegen ſich den An⸗ 76 ſchein gibt, an Tugenden zu glauben, welche ſie nicht iei. Sie ſind wahrlich Alle mit einander verächt⸗ i Hätte der Rittmeiſter ſeine Gefühle etwas näher analyſirt, ſo würde er zu ſeiner Verwunderung ge⸗ funden haben, daß ſie mit etwas vermiſcht waren, was ziemlich Aehnlichkeit mit— Eiferſucht hatte. Der Oberſt hatte Morgens nach Lindſjönäs ge⸗ ſchickt und die Schlüſſel zu den Zimmern auf Skogs⸗ borg geliehen, weil ſie, mit Ausnahme von einem, das von dem alten ſchwachſinnigen Diener bewohnt wurde, faſt alle verſchloſſen waren. Das Innere des Gebäudes bot einen eigenen Anblick dar? der Boden und die Wände waren von Marmor; die ſchweren und koſtbaren Möbel gehörten einer vergangenen Zeit an und waren wenigſtens ein Jahrhundert alt. Die kleinen Fenſter ließen nur ein ſparſames Licht hinein, und die Sonne ſchien ſich nie in dieſes koſtbare Grab hinein verirrt zu haben. Nach⸗ dem man den Saal und drei kleine Zimmer beſehen, welche alle von einem veralteten Lurus Zeugniß ab⸗ legten, kam man in das innerſte Zimmer hinein. Der Oberſt blieb vor einem venetianiſchen, in einem Gold⸗ rahmen gefaßten Spiegel ſtehen, der in die weiße Mar⸗ morwand eingefügt war. „Dieſer Spiegel,“ ſagte er,„verbirgt den Eingang zu demjenigen Zimmer, in welches eigentlich die Be⸗ wohnerin dieſes Hauſes eingeſchloſſen war; aber die Herrſchaft wird es mir zu gute halten, wenn ich nicht die glänzende Geheimthuͤre öffne, weil ich weiß, daß der gegenwärtige Beſitzer nicht wünſcht, daß irgend ein Fremder einen Blick in dieſes Zimmer wirft, wel⸗ ches früher nur von Thränen und Wehklagen erfüllt wurde. Die Wände würden von traurigen und un⸗ heimlichen Auftritten erzählen können.“ „Dieſes Haus hat alſo eine Geſchichte?“ äußerte Kapitän Stuart mit lebhaftem Intereſſe. „Ja, Herr Kapitän,“ antwortete der Oberſt,„und eine ſehr traurige.“ „Onkel hat verſprochen, uns dieſelbe einmal zu erzählen,“ fiel Mathilda ein, welche freilich ihr Beſtes that, um ihr gewöhnliches Benehmen wieder anzu⸗ nehmen; aber die lächelnde Maske verbarg nicht ge⸗ nügend die innere Unruhe. Ebba und Marie waren beide ungewöhnlich ſchweigſam. Man bereitete ſich vor, nach Hauſe zu⸗ rückzukehren. Leicht wie ein Vogel hüpfte Ebha in den Sattel, und noch bevor die übrigen Damen den Fuß in den Steigbügel geſetzt hatten, eilte ihr Pferd in fliegender Eile den Waldweg hinaus. Der Lieutenant und der Rittmeiſter warfen ſich auf ihre Pferde und jagten der wegeilenden Reiterin nach. Die übrige Geſell⸗ ſchaft folgte in langſamem Schritt. Nach einem heftigen Ritt wurde Ebba erſt vom Rittmeiſter und dann auch vom Lieutenant eingeholt. „Unſere Pferde wären beinahe zuſammengebrochen, um Dich einzuholen,“ ſagte der Rittmeiſter, indem er ſeinem Pferde den Hals ſtreichelte. „Aber wer zwang Euch dazu? Ich wenigſtens nicht,“ ſagte Ebba lächelnd; denn meine Abſicht war, on der Geſellſchaft loszukommen.“ „Das graue Haus hat alſo Euer Gnaden ver⸗ ſtimmt,“ äußerte der Lieutenant. „Nicht das graue Haus, aber wohl der ſchwarze Fremde,“ meinte der Rütmeiſter. „Woraus ſchließen denn die Herren dergleichen?“ ſtagte Ebba und warf den Schleier zurück auf ihren Hut. „Daraus, daß die Heiterkeit, die für uns Alle eine Sonne iſt, plötzlich Euer Gnaden verließ, als wir Skogsborg ankamen,“ hob der Lieutenant wie⸗ er an. „Dein Geſicht wurde beim Anblick des Kapitäns mit Wolken überzogen,“ fügte der Rittmeiſter hinzu, ſit er ſich über das Pferd beugte und Ebba an⸗ ickte. „Lauter Einbildung, meine Herren. Wenn man einen ſo düſtern Ort beſucht, der eine ſo traurige Ge⸗ ſchichte hat, dann vergeht alle Munterkeit. Es ſchien mir, als wenn die ganze Geſellſchaft einen reſpektvollen Ernſt ſo lange beobachtete, als wir uns in der möb⸗ lirten Grabkapelle aufhielten, hinter welcher man ſagte, daß ſich ein Zimmer mit entſetzlichen Erinnerungen befände.“ „Das Du aber doch gern hätteſt ſehen mögen.“ „Möglich; aber laßt uns raſcher reiten.“ Ebba ſetzte wieder ihr Pferd in Galopp. Als ſie nach Hauſe gekommen waren, eilte Ebba, nachdem ſie mit ihren Cavalieren geſcherzt und auf dem Heimweg ihre ganze äußere Heiterkeit angenom⸗ men hatte, hinauf auf ihr Zimmer. Als Ebba ſich allein befand, riegelte ſie die Thüre zu, und blieb eine lange Zeit mit den Händen feſt vor die Bruſt gedrückt ſtehen. Ihr ganzes Geſicht und ihre Haltung drückten einen tiefen Schmerz aus. Ein qualvoller Seußzer arbeitete ſich aus ihrer Bruſt her⸗ vor; ſie faltete die Hände zu einem heißen und ſtillen Gebet. Einige Thränen rollten langſam über ihre ſchneeweißen Wangen. Es lag in ihrem ganzen Aeu⸗ ßeren ein ſo wahres Leiden und doch eine ſo warme — 79 Zuverſicht in ihrem Blick, daß der Kummer dem Ver⸗ trauen, welches ſie in Gott ſetzte, unwillkürlich weichen mußte. So kniete ſie lange und betete; endlich ſtützte ſie ihren Kopf auf die Hände und weinte ſtill. Ein leiſes Klopfen an die Thüre und eine milde bittende Stimme, welche ihren Namen ausſprach, machte Ebba zuſammenfahren. Sie ſtand auf, trocknete die Thränen ab und ging hin zur Thüre: „Biſt Du es Marie?“ „Ja, Ebba, ich muß Dich ſehen, muß Dich ſpre⸗ chen, ſonſt ſterbe ich vor Unruhe,“ flüſterte Marie durch's Schlüſſelloch.“ Ebba ſchob den Riegel von der Thüre und Marie trat ein. Das Geſicht der Letzteren zeigte Spuren einer heftigen Gemüthsbewegung. Sie ſchloß die Thüre binter ſich zu. Die beiden jungen Weiber blieben ei⸗ nen Augenblick ſtehen und betrachteten einander. „Ebba, Ebbal Sprich, ſage ein Wort,“ bat Ma⸗ rie und faßte ihre Hände.„Ich ſehe, daß Du leideſt.“ „Jetzt iſt es vorüber,“ antwortete Ehba mit ei⸗ nem wehmüthigen Lächeln.„Es war der erſte An⸗ blick von ihm, welcher mich ſo ſchmerzlich überraſchte und mir ſo wehe that,“ fügte ſie, die Hand auf das Herz legend, hinzu. demſelben Augenblick hörte man die Mittags⸗ glocke. „Marie, erinnere Dich, daß Niemand unſer trau⸗ riges Geheimniß ahnen darf,“ hob Ebba wieder an. taſ„Sey ruhig, auch ich werde meine Züge lügen aſſen.“ Marie lächelte bitter. Sie faßte wieder Ebba's Hände und ſagte mit bewegter Stimme: „Haſſeſt Du Mathilda?“ „Nein, Marie, ich habe ſie niemals gehaßt; ſelbſt 80 nicht damals, als mein Herz blutete. Jetzt iſt die Wunde geheilt; und es bedurfte des Anblicks jenes Mannes, um nach ſieben Jahren den Schmerz der⸗ ſelben wieder wach zu rufen. Aber jetzt müſſen wir uns Beide anziehen.“ „Ein Wort, ein aufrichtiges Wort: iſt Deine Heiterkeit wahr oder geheuchelt? Haſt Du wirklich Deine Leiden vergeſſen?“ „Ich habe ſie vergeſſen, wenn Nichts mir ſie wie⸗ der in's Gedächtniß ruft; und dann iſt meine Heiter⸗ keit wahr, gute Marie. Du kennſt ja mein von Na⸗ tur bewegliches Gemüth, das nicht für langes Trauern geſchaffen iſt.“ „O Dank für dieſe Worte! Du weißt nicht, wie ſehr ich bei dem Gedanken leide, daß meine Schweſter i den Schmerz verurſacht, der Dich getrof⸗ fen hat.“ „Stille, ſpreche nicht mehr davon; wir müſſen hinuntergehen; es läutet zum zweitenmal.“ In Mathilda's Zimmer wurde ein anderes Schau⸗ ſpiel aufgeführt. Auch ſie hatte ihre Thüre verſchloſ⸗ en. Die ſchöne Frau überließ ſich den zügelloſeſten Zornausbrüchen, während folgende unzuſammenhän⸗ ſgnde Worte über ihre Lippen ſchlüpften: „Ach, es iſt abſcheulich, dieſen Mann wieder zu ſehen,— und das in Gegenwart von Ebba.—— ——— Ich haſſe ſie Beide gleich viel,——— —— weil ich ſie fürchte.“ 5 Mathilda weinte vor Zorn.„Wenn Carl es er⸗ fahren ſollte, daß es ſeinetwegen war, daß—— 3 81 ——— Was weiter?— Sollte Carl wieder— um Ebba lieben? O!l dann könnte ich jenes benü en, um ſie in ſeiner Achtung zu ſtürzen.— Nehme Dich in Acht, Carl, ich kann meinerſeits Dich alles das leiden laſſen, was ich Deinetwegen ausgeſtanden habe. — Was habe ich eigentlich gethan?— Ich bin hübſch geweſen——— habe gefallen———— habe mich von meinen Vorzügen zu meinem Vergnügen be⸗ dient.——— Iſt es denn mein Fehler, daß dieſe Männer toll geweſen ſind? Kann ich dafür, daß ich ſie nicht geliebt habe——— daß ich— einen Ein⸗ zigen geliebt? und daß dieſer Einzige mich verachtet. ————— Nein, ich habe nichts von Cark zu fürchten, aber viel an ihm und an der verhaßten Ebba zu rächen, welche ich zerſchmettern werde, falls ſie von ihm geliebt iſt.“ Mathilda ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und läutete heftig der Kammerjungfrau, welche gleich bei ihrem Eintritt einen ganzen Zornſtrom von ihrer Herrin auszuſtehen hatte.. Abends finden wir die Geſellſchaft im unteren alon verſammelt. „Der Herr Oberſt erwähnte, daß das kleine Haus im Walde ſeine Geſchichte habe,“ bemerkte Kapitän Stuart,„aber vielleicht iſt das ein Familiengeheimniß.“ „Gewiß nicht; Skogsborg gehört unter Lindſjönäs, welches früher ein Baron Ruben beſaß, der geſtorben iſt, und das Gut iſt jetzt einem entfernten Verwandten zugefallen. Die Geſchichte dieſes Hauſes iſt in der ganzen Gegend bekannt.“ „Beſter Onkel,“ fiel Ebba ein, welche in einem Lehnſeſſel hingeſunken ſaß,„laß uns ſie zu hören be⸗ kommen, da es heute Abend regnet und wir niht da draußen herumſtreifen können.“ Schwartz, Mathilda. 6 82 Alle waren mit dieſer Bitte einig, der auch der Oberſt mit ſichtbarem Vergnügen entſprach. „Eigentlich hat das Haus zwei Geſchichten,“ be⸗ gann der Oberſt,„eine, die ſich auf deſſen Urſprung bezieht, und eine andere, die die Veranlaſſung zu der Furcht iſt, welche der gemeine Mann vor demſelben hegt. Wir fangen mit der erſten bereits im Jahre 1700 an. Damals gehörte Lindſjönäs Baron Mau⸗ ritz Ruben, einem heftigen, ſtolzen und excentriſchen Mann mit ſtarken Leidenſchaften und einer unbeug⸗ amen Feſtigkeit des Charakters. Er verliebte ſich auf einer Reiſe in Frankreich in eine junge und ſchöne, aber arme Franzöſin aus dem Bürgerſtande, und ver⸗ heirathete ſich mit ihr gegen den Willen ſeiner Mutter und ohne die Einwilligung der Familie. Einige Jahre gingen recht gut vorüber, bis der Baron als Militär in den Krieg mußte. Während der Abweſenheit des Barons kam ein Vetter, der Künſtler war, nach Schwe⸗ den, und zum Beſuch bei der jungen Freiherrin. Er hielt ſich einige Zeit auf dem Gute auf, um die ſchöne Umgegend zu zeichnen. Die Mutter des Barons lebte bei dem Sohne, obgleich ſie einen wirklichen Abſcheu vor ihrer bürgerlichen Schwiegertochter hatte. Die alte Freiherrin benützte jetzt den unſchuldigen Beſuch des Vetters, um eine niedrige Intrigue zu ſpinnen, die eine Scheidung der beiden Gatten zur Folge haben könnte. Sie ſchrieb an den Sohn, daß ſeine Frau ihm untreu ſey. Dieſer wurde, heftig und leidenſchaftlich wie er war, von einem entſetzlichen Zorne ergriffen, und beſchloß, ſich zu rächen. Als der Krieg zu Ende war, kehrte er nach Hauſe zurück, aber erſt mehrere Monate nach der Abreiſe des Vetters und nach der von der Mutter gemachten Anklage. Hier traf er mit der letzteren zuſammen, 83 welche ihm einen Brief zeigte, von dem man vorgab, daß er vom Vetter an ſeine Frau geſchrieben ſei; außerdem berief ſie ſich auf zwei Diener als Zeugen von Ereigniſſen, welche die junge Frau in den ſchwer⸗ ſten Verdacht brachten. Nachdem der Baron dieſe Anklagen gehört, verbot er es, daß irgend Jemand ſeiner Frau ein Wort von dem ſage, was ſie wuß⸗ ten, und auch er ſelbſt beobachtete ein Allen uner⸗ klärliches Schweigen. Gleich darauf ließ er ſich eiligſt Skogsborg bauen und richtete es mit allem möglichen Lurus ein. Als das Gebäude fertig war, ſchlug er ſeiner nichts Böſes ahnenden Frau vor, ihn dorthin zu begleiten. Die kleinen hoch oben unter dem Dach⸗ rande liegenden Fenſter, der düſtere Wald und die tiefe Einſamkeit gaben dieſem Hauſe etwas im höch⸗ ſten Grade Unheimliches. Nachdem man alle Zimmer beſehen, drückte der Baron auf einen Knopf in dem venetianiſchen Spiegelrahmen, und eine geheime Thür ſprang auf. Die beiden traten in jenes Zimmer, welches das Schlafgemach war. Erſt hier erklärte der Baron, daß er wiſſe, er ſei betrogen, und ohne auf ihre Verſicherungen von ihrer Unſchüld zu hören, ſagte er mit unbeweglicher Strenge, daß dieſe Wohnung zu ihrem Aufenthaltsort für ihre übrige Lebenszeit beſtimmt ſei, daß ſie nie dieſelbe verlaſſen, niemals ihren Sohn oder irgend einen Menſchen außer ihn wiederſehen, daß ſie mit einem Worte in dieſem ver⸗ goldeten Grabe begraben werden würde. Dann ver⸗ ließ er ſie und verſchloß wieder das Gefängniß, welches er als Strafe für ein Verbrechen beſtimmt, das ſeine Frau an ihm begangen. Jeden Tag kam der Baron wieder und erſchöpfte ſich in den wildeſten Vorwürfen; jeden Tag wiederholte das unglückliche Weib die Ver⸗ ſicherungen ihrer Unſchuld und flehte ihn an, ſie mit 84 einer ſo unverdienten Strafe zu verſchonen; aber der irregeleitete und unbewegliche Mann antwortete da⸗ mit, daß er ſich auf den Brief berief, den ihm ſeine Mutter übergeben hatte, ſo wie auf das Zeugniß der Diener, welche ſie für ſchuldig erklärt hatten. So verliefen zwei Monate. Die arme, nitten in einem wilden Walde gefangene Frau ging von Schmerz zur Verzweiflung, von Verzweiflung zur Gleichgültig⸗ keit über und verſank ſchließlich in einen Zuſtand der Muthloſigkeit, welche an Irrſinn grenzte. Endlich ſtarb nach Verlauf von zwei Jahren die Mutter des Barons und auf ihrem Sterbelager geſtand ſie, daß die Schwiegertochter unſchuldig, daß der Brief falſch geweſen und daß das Zeugniß der Bedienten erkauft ſei. Faſt raſend vor Freude und Reue eilte der Ba⸗ ron zum Gefängniß ſeiner Gattin, um von ihr Ver⸗ zeihung für ſo vieles Unrecht zu erflehen. Er rannte durch die Zimmer, drückte auf den Knopf im Spiegel⸗ rahmen, und ſtürzte, von ſeinem achtjährigen Sohne begleitet ins Schlafgemach. Auf dem Bette lag die unglückliche Freiherrin; aber ihr Lager ſowie der ganze Fußboden war mit Blut bedeckt. Mit einem Angſtſchrei ſprang er auf ſie zu und ergriff die Hände ſeiner Gattin, welche von Blut trieften. Sie hatte ſich durch Heffnen der Pulsadern das Leben genom⸗ men. Der Baron ſtürzte bei dieſem Anblick mit ei⸗ nem entſetzlichen Schrei zu Boden. Auf den Ruf des kleinen Knaben kam ein im Hauſe wohnender Bediente hinein, und fand zwei Leichen; denn auch der Baron durch Selbſtmord ſeinem Sn ein Ende ge⸗ macht. Der Oberſt hielt inne. „Des war eine unheimliche Geſchichte,“ äußerte Kapitän Stuart. 85 „Ja, wahrlich, wenn man bedenkt, daß die junge Frau unſchuldig war,“ fiel der Rittmeiſter ein.„Sie hatte nicht einmal auf ihrem Gewiſſen einige gebro⸗ chene Herzen, geſtörte Familienverhältniſſe und heim⸗ liche Verwünſchungen, wie ſo manche andere von unſe⸗ ren ſchönen Salondamen, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, uns zu erobern, unbekümmert darum, ob ihr Triumphwagen über Blut und Thränen ein⸗ hergeht.“ Während Carl in dieſer Weiſe ſprach, waren ſeine Augen auf Mathilde gerichtet, welche mit einer Blume ſpielte, die der Graf mit glühenden Blicken betrachtete. „Die Härte, mit welcher der Baron ſich rächte, war abſcheulich,“ ſagte Ebba. „Aber bedenken Sie, daß er irregeleitet war,“ hob der Graf wieder an,„und daß er liebte und ſich um die Liebe ſeiner Frau betrogen glaubte; Sie wer⸗ den dann finden, daß er weniger ſchuldig war.“ In ſeiner Stelle würde ich ebenſo unbeweglich ſtreng geweſen ſein. „Sie, Herr Graf?“ fragte Mathilde mit einem zweifelhaften Lächeln. „Es ſcheint Sie zu wundern, aber doch iſt er eine Wahrheit, daß ich gegen das Weib, welches mich be⸗ trogen, grauſam werden könnte.“ Vielleicht ſtreng, aber nicht grauſam,“ fiel Ma⸗ rie mit ihrer milden Stimme ein. „Wahrlich, ich weiß nicht, welch ertremer Hand⸗ lung ich fähig wäre, wenn ich fände, daß ich ange⸗ führt ſei.“ Sie würden verzeihen— und vergeſſen,“ tönte Ebba's Stimme mit einer ſonderbaren Vibration. Der Kapitän wurde bei dieſen Worten bleich 86 und heftete ſeine ſchwarzen Augen mit einem trauri⸗ gen Ausdruck auf Ebba. „Die Damen nehmen die Treuloſigkeit in Schutz,“ bemerkte der Rittmeiſter mit einem ſpöttiſchen Lächeln, „und es iſt ein Glück für den Fürſten der Finſterniß, daß er ſo reizende Fürſprecherinnen hat.— Aber Du, Mathilda, beobachteſt ein feierliches Schweigen.— Haſt Du nicht auch einige Worte der Vertheidigung für Euere freiwilligen Alliirten zu ſagen?“ „Nein, nicht ein einziges,“ antwortete Mathilda und blickte den Rittmeiſter an. „Das iſt zum verwundern.“ Der Ton, womit dieſe Worte ausgeſprochen wurden, war unnachahmbar. „Findeſt Du das Benehmen des Barons würdig?“ fragte Marie. „O nein!— es war zu langweilig.“ „Ich mag lieber das Verfahren der Türken; ſie ertränken ganz einfach die Treuloſe.— Man hat dann nicht nöthig, ein prächtiges Gefängniß zu bauen und täglich derjenigen ſeine Aufwartung zu machen, die uns um unſer Glück beſtohlen hat. Der Baron war ein exaltirter Narr, und verurtheilte ſich ſelbſt zu einer größern Strafe, nemlich dazu— ſie zu ſehen. „Aber erinnere Dich doch, daß ſie unſchuldig war,“ rief Marie mit Wärme. Ach, das iſt wahr! ich hatte den kleinen Um⸗ ſtand vergeſſen; aber der hat auch wenig zu bedeuten.“ „Was ſoll das heißen?“ „Daß ſie das, was ſie noch nicht war, gewiß einſt geworden wäre; darauf konnte der Baron immer rechnen; und darum that er klug daran, daß er ſie einſperrte, um vorzubeugen, daß ſie der trügeri⸗ ſchen Natur des Weibes folgte.“ „Carl, wenn man beklagenswürdig genug iſt, ſo ——,— * 87 zu denken, ſo läßt man ſo Etwas doch nicht über ſeine Lippen kommen, wenn man überhaupt darauf Anſprüche machen will, für einen gebildeten Mann gehalten zu werden,“ fiel die Obriſtin ein. „Meine Mutter!“ rief der Rittmeiſter und ſprang vom Stuhle auf. Er ergriff ihre Hand, küßte dieſelbe mit Ehrerbietung und fügte hinzu: „Verzeihe mir! ich vergeſſe immer, daß Du eine Frau biſt!“ Einige Augenblicke darauf hob der Oberſt wie⸗ er an: „Es bleibt noch die zweite Abtheilung übrig. Der Sohn des Barons wuchs auf und zeigte früh⸗ zeitig Neigung zu einer düſteren und verſchloſſenen Gemüthsſtimmung.— Das kleine Haus blieb unbe⸗ wohnt und wurde nur von einem alten Diener, der dort ein Zimmer hatte, beaufſichtigt. Einmal im Jahre wallfahrtere Baron Anton dorthin; es geſchah am Todestage der Eltern, und dann verſchloß er ſich in das geheime Zimmer.— Der Baron verheirathete ſich und bekam zwei Söhne, von welchen der Aelteſte Fideicommiſſarius der großen, ſtattlichen Lindſjönäs mit Fabriken und dazu gehörigen Güter wurde; wo⸗ gegen der Jüngſte nur eine unbedeutende Summe Geld und Mobilien erbte. Dieſes rechtswidrige Verhältniß erzeugte ſchon in der Jugend von Seiten des Jüngeren einen un⸗ überwindlichen Reid, denn er war von Natur ein verſchloſſener und gefährlicher Charakter. Der Aelteſte, Auguſt, hatte ein lebhaftes Temperament und liebte die Welt. urz nachdem Auguſt mündig geworden, ſtarb der Vater und der junge Fideicommiſſarius trat ſein unermeßliches Vermögen an. Im Jahre darauf be⸗ 88 gab er ſich auf eine Reiſe ins Ausland und beſuchte die meiſten Länder Europas; als er aber genug da⸗ von geſehen, ohne daß ſeine Liebhaberei für Reiſen abnahm, ſteuerte er ſeinen Cours nach den engliſch⸗ weſtindiſchen Colonien, wo er ſich einige Jahre auf⸗ hielt. Er verliebte ſich in eine junge Indianerin von ſeltener Schönheit und ſchrieb nach Hauſe, daß er ſich mit ſeiner Arinda verheirathet habe. Ein Jahr nach dieſer Mittheilung langte er in Schweden an und brachte ſeine Frau und einen klei⸗ nen Sohn mit. In Gothenburg wurde er aber krank und ſtarb. In den letzten Tagen ſeiner Krankheit, verſchwanden, während er beſinnungslos da lag, Arinda und das Kind, ſowie eine ſie begleitende india⸗ niſche Dienerin, und man hatte keine Ahnung davon, wohin ſie den Weg genommen.— In den Papieren des Verſtorbenen gab es kein Dokument, durch welches die Angabe bekräftigt wurde, daß Arinda ſeine Frau ſei. Der nachlebende Bruder erklärte, daß ſie nur ſeine Liebhaberin geweſen, welches auch allgemein als das Wahrſcheinlichſte angeſehen und vom Geſetz an⸗ genommen werden mußte, da kein juridiſcher Beweis für das Gegentheil beigebracht werden konnte. Auf dieſen Grund hin trat der jüngere Bruder das Fidei⸗ commiß an und Jahre vergingen, ohne daß man etwas von dem verſchwundenen Kinde oder deſſen Mutter erfuhr.— So waren zehn Jahre vergan⸗ gen, als ſich eines Tages das Gerücht verbreitete, der Baron ſei auf Stogsborg ermordet worden. In einer ſchönen Auguſtnacht waren einige von meinen Freunden auf der Jagd geweſen und hatten ſich im Walde verirrt, wobei ſie bis nach dem Skogs⸗ borger Hauſe hingerathen waren. Im höchſten Grade neugierig, das ſonderbare Haus zu ſehen, unterſuchten 89 ſie daſſelbe in der Nähe und waren eben im Begriff den Verſuch zu machen in daſſelbe einzudringen, als ein gräßlicher Angſtſchrei aus dem Innern des Hau⸗ ſes ſie ſchaudern machte. Sie boten alle Anſtrengun⸗ gen auf, um hineinzukommen, aber ihre Bemühungen, in das unheimliche Gebäude einzudringen, waren ver⸗ geblich, denn die Thüre war von Eichenholz und ſtark mit Eiſen beſchlagen. Schließlich ſchlug Einer von in vor, durch eines der kleinen Fenſter hineinzu⸗ riechen. Der Schlankſte unter ihnen erbot ſich, es zu thun, und es gelang ihm auch, indem er auf die Schulter eines Kameraden ſtieg, in die Hausflur hin⸗ ein zu gelangen und den Uebrigen die Thüre zu öff⸗ nen. Gerade in dem Augenblick, als er den Riegel zurückſchob, hörte man ein wildes, unheimliches Lachen, und bevor Jemand von den Ankommenden ſeine Ge⸗ danken ſammeln oder beſchließen konnte, was er thun wolle, flog die Thüre zum Saale auf und ein Weib mit rothgelber Haut und ſchwarzem Haar ſtürzte un⸗ 3 wildem Lachen an ihnen vorbei und in den Wald hinaus. Die Nacht war dunkel und der Himmel bewölkt. Nachdem die jungen Abenteurer ſich von ihrer erſten Beſtürzung erholt, eilten zwei von ihnen der Fliehen⸗ den nach. Die Uebrigen richteten ihre Aufmerkſamkeit auf das Innere des Hauſes.— Sie durchwanderten drei Zimmer, welche wir zuſammen angeſehen haben, und fanden in dem innerſten die geheime Thüre auf⸗ ſtehend und den Baron gleich innerhalb derſelben todt da liegend; er war von mehreren Dolchſtichen im Rücken getroffen und in ſeinem Blute gebadet. Man ſah deutlich, daß er dieſelben bei ſeinem Eintreten er⸗ 90 halten und daß der Mörder an der Wand geſtanden und ihm aufgelauert hatte. Das entflohene Weib hatte man vergebens im Walde geſucht; aber am folgenden Morgen fand man ihre Leiche im Strome. Das Haus wurde unterſucht und das Gericht ſchritt ein, aber ohne daß es zu ir⸗ gend einer Aufklärung führte. Der alte Diener, welcher das Haus bewohnte, war beim Anblick des todten Körpers des Barons irrſinnig geworden und konnte keine Aufklärungen geben. Man ſetzte ihn in Freiheit und er kehrte nach Skogsborg zurück, wo er ſich heute noch aufhält und von gegenwärtigen Beſitzer eine Unterſtützung genießt. Der alte Diener iſt fortwährend irrſinnig, obgleich ſtill und ſchweigſam. Das Fideicommiß wurde von ſiren Verwandten angetreten, welcher es jetzt im Be⸗ itze hat.“ Hätte Jemand, während der Oberſt ſprach, auf Kapitän Stuart Acht gegeben, ſo würde man gefun⸗ den haben, daß er von einer unruhigen Gemüths⸗ bewegung beherrſcht wurde und mit fieberhafter Auf⸗ merkſamkeit auf jedes Wort horchte. Aber Niemand gab auf ihn Acht; denn Jeder ſchien an dieſem Abend von ſeinem eigenen Innern und von dem Intereſſe in Anſpruch genommen zu ſein, welches die Erzählung erregte. „Iſt das Alles, was man von dem unglücklichen Weibe weiß?“ fragte der Kapitän. „Ja, Alles.— Sechsundzwanzig oder beinahe dreißig Jahre ſind ſeitdem dahin geſchwunden und die ganze Sache iſt faſt in Vergeſſenheit gerathen.— Das Einzige, was noch in der Erinnerung an dieſe traurigen Ereigniſſe lebt, iſt eine paniſche Furcht bei . 91 dem gemeinen Mann vor dem einſamen Hauſe, ſo daß ſen, Jemand ohne Noth jenen Theil des Waldes eſucht.“ Man wurde zum Abendeſſen gerufen, und als dieſes eingenommen war, trennte ſich die Geſellſchaft. Ebba ſaß lange an einem offenen Fenſter und träumte. Ueber ihrem ſonſt ſo heiteren Geſicht ruhte ein Schatten von Kummer, und man ſah deutlich, daß ſie von traurigen Erinnerungen beherrſcht wurde. Sie hörte Tritte und wandte hoch erröthend ihre Blicke nach der Richtung, von welcher ſie kamen; in einiger Entfernung vom Fenſter bemerkte ſie Kapitän Stuart, welcher ſich mit zögernden Schritten näherte, während er auf Engliſch äußerte: „Ebba, gönne mir einige Minuten; ich muß mit Dir ſprechen.“ „Wir haben einander nichts zu ſagen,“ antwor⸗ tete Ebba und ſtand mit einem leichten Beben auf. „Wir ſind ja todt für einander.“ In Ebba's Stimme lag zu gleicher Zeit etwas Trauriges und Mildes, aber doch Würdevolles. „Ich habe es nicht vergeſſen; aber Ebba, Sie, welche ſich in Allem jeder Entſagung fähig gezeigt haben, Sie werden auch jetzt nicht Ihr gutes Herz verläugnen können. Werden Sie mein Schutzengel, wie ich früher Ihr böſer Engel war. Werden Sie auch jetzt ſagen: Wir ſind todt für einander.“ „Rein, das werde ich gewiß nicht.⸗ Ebba's Stimme war ruhig und es lag in ihren Mienen ein mitleidiger Zug, als ſiè hinzufügte; Nie habe ich meinen Mitmenſchen irgend welchen Dienſt, den ich habe leiſten können, verweigert.“ 92 „Ich bin alſo nur Dein Mitmenſch?“ „Ja;— aber wenn ich Dir dienen kann, Tom, Sn ſei verſichert, daß ich es als Chriſtin thun werde.“ Der Kapitän näherte ſich dem Fenſter und über⸗ gab Ebba einen Brief, indem er ſagte: „Leſe dieſes, Ebba, und handle, wie dir dein Gefühl gebietet, ich lege mein Schickſal in deine Hände.“ Darauf entfernte er ſich. Ebba machte das Fenſter zu und zog ſich in ihr Zimmer zurück, wo ſie Folgendes las: „Theure Ebba! Alle Worte und alles Appelliren an Ihren Edelmuth würden einen Zweifel an Ihrem guten Herzen in ſich ſchließen, und ich hege keinen ſol⸗ chen; darum will ich Sie ohne Einleitung von meiner Herkunft und meiner Lage in Kenntniß ſetzen: Jener Auguſt Rubens, welcher in Gothenburg ſtarb und ſich mit einer Indianerin verheirathet hatte, war mein Vater und Arinda meine Mutter. Ich bin das Kind, welches nebſt der indianiſchen Dienerin während der Krankheit meines Vaters verſchwand. Mein Onkel hatte uns Alle rauben und nach Skogsborg bringen laſſen, wo wir unter der Aufſicht eines ihm blind ergebenen Dieners eingeſchloſſen wurden. Das Schickſal meiner Mutter war ganz traurig; aber plagte ſie die Unruhe wegen meiner Zukunſt.* Eines Tages machte mein Onkel bei einem Be⸗ ſuch ihr den Vorſchlag, daß die Dienerin meiner Mut⸗ ter, Adla, und ich nach Indien zurückkehren ſollten, aber unter der Bedingung, daß ſie beim Crucifire ſchwur(denn ſie war Katholikin), weder mir noch Adia irgend Etwas zu übergeben, das meine Herkunft be⸗ * 93 ſtätigte oder mich berechtigte, auf das Erbe meines Vaters Anſpruch zu machen, und ferner: daß Adla ſich eidlich verbindlich machte, nie wieder nach Schweden zurückzukehren oder mich es thun zu laſſen. Er ſtellte meiner Mutter die Wahl frei, auf dieſe Bedingungen einzugehen oder zu gewärtigen, daß er auf andere Weiſe ſich meiner entledigen würde. Da meine Mutter reiche Verwandte in Indien hatte, ſo willigte ſie gerne darein, daß ich und Adla abreisten, und war froh, mich unter dem Schutze der Dienerin gegen weitere Verfolgungen geſchützt zu ſehen. Beim Abſchied, welcher ein Paar Stunden dar⸗ auf und in Gegenwart des Barons ſtattfand, hatte ſie ein Stückchen Papier mit folgenden Worten in Adla's Hand gedrückt:„Wenn Tom Mann wird oder Du dein Ende nahen fühlſt, dann bitte ihn, hieher zurück⸗ zukehren, dieſen Ort außzuſuchen und in dieſes Zimmer einzudringen. Er wird in dem Fußgeſtell des Cruci⸗ fires diejenigen Aktenſtücke finden, durch welche ſeine Herkunft conſtatirt wird. Indeſſen will ich wachen und beten.“ Wir erreichten glücklich Indien, und dort wurde ich von den Verwandten meiner Mutter erzogen, welche, als ich älter wurde, mich nach England ſandten. Das Schickſal und das Ende meiner Mutter kennſt Du aus der Erzählung des Oberſten. Dieſes theilte mir Adla vor einem Jahre auf ihrem Sterbebette mit⸗ Verſchaffe mir jetzt ein Mittel, in jenes unheim⸗ liche Haus hineinzudringen, damit ich mich der Papiere bemächtigen kann, welche meine arme Mutter ſo ſorg⸗ fältig für ihr Kind aufgehoben hat.— Ebbal es iſt eine Genugthuung für die Verſtorbene und eine Wie⸗ derherſtellung meines Glückes, um das ich dich bitte. * 94 Das Crucifix ſoll nach der Angabe Adla's ſich im geheimen Zimmer befinden. Mein Geſuch geht deß⸗ halb dahin, daß Du mir die Schlüſſel verſchaffſt, welche dem Oberſten anvertraut wurden. Ich werde ewig dafür dankbar ſeyn. Dein bis in Tod ergebener om.“ Was weder der Kapitän noch Ebba ahnte, war, daß es zwei Augen gab, welche von dem gerade ge⸗ genüber gelegenen kleineren Gebäude aus, das von den jungen Herrn bewohnt wurde, ſie beobachtet und Alles geſehen hatte, wenn auch ohne die Worte zu hören, und noch weniger wußten ſie, daß dieſe Augen dem Rittmeiſter gehörten. Nachdem der Kapitän und der Rittmeiſter ſich zurückgezogen hatten, begann Carl mit haſtigen Schrit⸗ ten in ſeinem Zimmer auf und ab zu gehen.— Ge⸗ fühle, welche eine ziemliche Aehnlichkeit mit Eiferſucht hatten, ſetzten ſein Herz in Bewegung, während er in Gedanken unaufhörlich ihr Daſeyn beſtritt und ſich ſelbſt überzeugen wollte, daß er nicht im Geringſten darnach fragte, ob Ebba den Käpitän oder irgend einen Andern liebe. Sie war ja ein Weib und alſo nicht werth, daß man einen einzigen Gedanken an ſie verſchwendete.— Ja, er nahm ſich vor, ganz und gar nicht an ſie zu denken; aber die Gedanken waren in⸗ deſſen ſo eigenſinnig, unaufhörlich zum Geſpräch zwi⸗ ſchen Ebba und dem Kapitän zurückzukehren und jag⸗ ten das Blut in wilder Eile durch ſeine Adern. Am folgenden Morgen hüpfte Ebba friſch ins blühend ganz früh die Treppe hinunter. Kein Schatten W ——— ——————— 7 95 von Wehmuth, oder irgend eine Wolke von Kummer verdunkelten die reinen und lebhaften Blicke. Ebba blieb einen Augenblick auf der Balkontreppe ſtehen und ſchien in vollen Zügen die balſamiſche Morgen⸗ luft einzuathmen. Sie rief einem Jungen und bat ihn, dem Kapitän Stuart das Buch zu übergeben, welches ſie in der Hand hielt. In demſelben lag ein Papier mit folgenden auf Engliſch geſchriebenen Worten: „Ich werde ſuchen Tom die wichtigen Papiere zu verſchaffen, ohne nöthig zu haben, die meinem Onkel anvertrauten Schlüſſel auszuliefern. Stb6 a. Nachdem der Bediente abgefertigt war, wollte Ebba weiter gehen, als ein entſetzliches Gekrache von einem Gegenſtand, der zerſchmettert wurde, ihr Ohr erreichte und eine Kinderſtimme in dieſem Augenblick aus dem Salon rief: „Du lieber Gott, ich bin unglücklich!“— Dar⸗ auf folgte ein heftiges Schluchzen. Mit einigen leichten Schritten war Ebba wieder die Treppe hinaufgeſtiegen und im nächſten Augenblick ſtand ſie vor der Thüre, von welcher das Gekrache und die Smne gekommen waren. Sie fand bereits Ma⸗ rie dort. „Eduard hat Etwas zerſchlagen,“ ſagte Marie. „Was kann das ſein?“ er weint.“ „Wenn es nur nicht Guſtav Waſa iſt,“ rief Marie erſchrocken,„denn dann wird Onkel ſehr böſe.“ Ohne zu antworten, drehte Ebba den Schlüſſel in der Thür raſch um, und als dieſe aufging, begegnete ihnen ein trauriger Anblick. Eine Büſte von coloſſaler Größe, welche Guſtav Waſa darſtellte und auf dem Piedeſtal vor dem Trumeau im Salon ihren Platz 96 gehabt hatte, war von ihrem erhabenen Standpunkt auf den Boden herabgeſtürzt und durch den Fall in mehrere Stücke zerſchlagen worden war. Mitten unter den Ruinen lag der kleine Eduard auf den Knieen weinend und die Hände ringend. „Mein Gott, Eduard, was haſt Du gethan?“ rief Marie. „Tante Marie, Tante Marie, ich bin unglücklich, i8 ha das ſchöne Bruſtbild entzwei gemacht,“ ſchluchzte er Junge. „Wie ging das zu?“ fragte Ebba. „Ich wollte hinaufſteigen, um auf deſſen Schulter und dann ſtieß ich es ſo i aß.. „Daß es auf den Boden fiel. Wie Onkel böſe werden wird,“ ſagte Marie betrübt. „Gute Tante, das iſt es gerade, was mich un⸗ glücklich macht, weil ich weiß, wie viel er auf die ſchöne Büſte hielt.“ Cduard rang die Hände und weinte vor Ver⸗ zweiflung. In demſelben Augenblick hörte man die Stimme des Oberſten. „Guten Morgen, Marie, guten Morgen, Ebba, was habt ihr für Geſchichten aufgeführt, daß es wie ein Donnerſchlag im ganzen Hauſe widerhallt?“ Der Oberſt konnte nichts mehr ſagen, denn jetzt befand er ſich gerade an der Thüre und erblickte die Zerſtörung. Einen Augenblick ſtand er ſtumm und betrachtete die Maſſacre; dann ging er auf Eduard zu und faßte ihn am Kragen. „Was zum Henker haſt Du gethan, Junge?“ Er erhob den Stock, um ſeine Worte mit einer ernſten Züchtigung zu begleiten; aber der erhobene Arm wurde von vier Frauenarmen umfaßt und vier hübſche Lippen riefen: „Geliebter Onkel, höret uns an, Eduard iſt nicht allein ſchuldig.“ Der Oberſt ließ ſeinen Arm ſinken und betrachtete die beiden Bittenden mit blitzenden Augen, indem er in rauhem Tone ſagte: Ha er icht 2 „Die Büſte entzwei geſchlagen?“ fiel Ebba ein; „ja wohl, aber dafür konnte er nichts, der Fehler wa „War einzig und allein der meinige,“ unterbrach ſie der Junge mit feſter Stimme, obgleich dieſelbe vom Weinen etwas unklar war.„Ich habe Schläge verdient, Onkel, aber ich kann ja doch nicht das, was geſchehen iſt, wieder gut machen, und darum bin ich ſo unglücklich.“ Jetzt begann er wieder zu ſchluchzen. „Komme mit mir,“ war Alles, was der Oberſt ſagte; er den Knaben an der Hand nahm. „Onkel!“ Marie ergriff die eine Hand des Oberſten und blickte ihn bittend an. 5 „Laſſe mich los,“ ſagte der Oberſt und ging mit Eduard aus dem Zimmer. In der Thüre begegnete er dem Grafen, Mathilde und dem Rittmeiſter, welche ebenfalls durch das Gekrach herbeigelockt worden wa⸗ ren; der Oberſt ging aber an ihnen vorbei, ohne ein Wort zu ſagen. Bei dieſer Vermehrung von Zu⸗ nahm Ebba eine bekümmerte Miene an und agte: „Eduard hat mit der hübſchen Büſte Unglück ge⸗ habt: das iſt ein unerſetzlicher Verluſt.“ Schwartz, Mathilda. 98 „Welchen Du durch eine Unwahrheit gut zu ma⸗ chen ſuchteſt,“ unterbrach ſie der Rittmeiſter lächelnd; „aber der Junge war zu ſtolz, um ſich mit einer Lüge frei zu kaufen, trotzdem, daß dieſelbe von ſo reizenden Lippen, wie die Deinigen, ausgeſprochen wurde.“ „Und darin that er ganz recht,“ antwortete Ebba, indem ihr Geſicht eine lebhaftere Farbe annahm als gewöhnlich.„Bei näherem Nachdenken finde ich, daß ſein Vergehen gar zu groß iſt, um ungeſtraft bleiben zu dürfen, und daß ich ſelbſt viel zu nachſichtig war, als ich ihn der Strafe entziehen wollte.“ Ebba ging die Treppe hinunter in den Hof und der güttneiſer folgte ihr. „Deine augenblicklich fertige Unwahrheit war alſo nur eine Folge von der Gewöhnheit und nicht von Mitleid?“ „Was glaubſt Du ſelbſt?“ „Wenn Gewohnheit und Natur gemeinſchaftliche Sache machen, um die Wahrheit zu verjagen, dann waltet wohl kein Zweifel, daß ſie von dannen ge⸗ flohen iſt.“ „Du haſt eigenthümliche Begriffe von meinem Geſchlecht; aber Du wirſt dich wohl erinnern, daß ich deine Gegnerin und Verfechterin der Sache der Tu⸗ gend bin.“ Wie ſollte ich das vergeſſen können; beſonders da ich geſtern Abend oder richtiger dieſe Nacht auf eine handgreifliche Weiſe daran erinnert wurde.“ „Durch die Erzählung von Onkel?“ „O nein, durch dich.“ „Wirklich, davon wußte ich nichts.“ „Ich bin auch vollkommen überzeugt, daß Du meine Anweſenheit nicht ahnteſt,“ antwortete der Ritt⸗ meiſter mit einem eigenen Lächeln. 90 Der Kapitän kam jetzt von dem kleinen Gebäude heran. Carl fuhr mit leiſer Stimme fort: „Vielleicht muß ich dich verlaſſen; Du dürfteſt Etwas hinzuzufügen haben, was Du dieſe Nacht dem Kapitän während eures Geſprächs nicht durch's Fenſter ſagen konnteſt.“ Ebba erröthete und Carl begleitete ſeine Worte einem faſt verächtlichen Lächeln, worauf er hinzu⸗ ügte: „Du gabſt mir da eine gute Waffe gegen dich und dein Geſchlecht.“ „Ebba blickte Carl an: in ihrem Blick lag ein Ausdruck tiefen Ernſtes, ruhiger Würde und wirklicher Reinheit, als ſie antwortete: „Nein, Carl, Du brauchſt dich nicht zu entfernen; Alles, was Kapitän Stuart und ich einander zu ſagen hatten, wurde geſtern Abend geſagt, und was die Waf⸗ fen betrifft, welche Du glaubſt, daß ich dir in die Hand gegeben habe, ſo fordere ich dich heraus, damit zu be⸗ weiſen, daß die Tugend auf unſern Lippen nur ein hübſches leeres Wort ohne alle Bedeutung oder eine trügeriſche Maske iſt, hinter welcher wir die entgegen⸗ geſetzten Eigenſchaften verbergen.“ bba verbeugte ſtolz ihren einnehmenden Kopf und entfernte ſich, ohne ihrem Vetter Zeit zum Ant⸗ worten zu geben. Während der Rittmeiſter dem Kapitän entgegen ging, dachte er: „Jeder Andere als ich würde durch den reinen Ausdruck in ihrem Blick getäuſcht werden; aber mich hält man nicht ſo leicht zum Beſten.— Ich ſah ſie erröthen, und das Zeugniß des Bluts iſt zuverläßiger als das der Lippen. Es iſt indeſſen betrübend, zu 100 wiſſen, daß der äußere Adel nur eine gut eingeübte Rolle iſt; da ich nun das erfahren, ſo werde ich auch Kraft genug beſitzen, Ebba's Bild aus meiner Seele zu verjagen, wenn auch das Herz mitfolgen müßte. Einige Stunden darauf waren Alle im Speiſeſaal verſammelt. Der Oberſt war ſchweigſam und die allgemeine Stimmung etwas gedrückt. Eduard kam nicht zum Vorſchein. Ebba führte ein leiſes, aber lebhaftes Ge⸗ ſpräch mit dem Künſtler. Mathilda's hübſches Geſicht mit einem melancholiſchen Schleier edeckt.“ Der Lieutenant und der Graf boten ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, um ſie zu zerſtreuen; aber die Sonne der Gnade hatte jetzt keinen Strahl für ſie. Kapitän Stuart fixirte ſie faſt ununterbrochen, und es würde ſchwer geweſen ſein, den Ausdruck in ſeinem Blick zu erklären. Nachdem das Frühſtück beendigt war, verſchwan⸗ den Ebba und der Künſtler. Kapitän Stuart nahm Abſchied; er beabſichtigte auf ein Paar Tage nach der Stadt X zurückzukehren, verſprach aber bald wieder zu kommen. Der Rittmeiſter erklärte, daß er auch nach der Stadt zu gehen gedenke und darum dem Ka⸗ pitän Geſellſchaft leiſten wolle. Nachdem Alle, ausgenommen der Graf, ſich ent⸗ fernt hatten, näherte Mathilda ſich dem Oberſten und agte: „Guter Onkel, ſey dem armen Eduard nicht böſe!“ Ihr Ausſehen war, als ſie den Kopf beugte, ſo reizend, daß der Graf meinte, nie etwas Schöneres geſehen zu haben. — —, 101 „Miſche dich nicht da darein, Mathilda,“ antwor⸗ tete der Oberſt trocken,„ſondern ſehe zu, daß Du dich nicht gegen deine eigenen Diener vergehſt;“ und damit verließ er das Zimmer. Mathilda, welche dem Grafen gegenüber als ein verſöhnender Engel erſcheinen wollte, wurde bei jener Antwort glühend roth, und als ihre Augen auf den Grafen fielen, äußerte ſie ſcheinbar überraſcht: „Sind Sie hier, Herr Graf, ich glaubte, daß Sie fortgegangen wären!“ „Ach, meine Gnädige, ich war ein unbemerkter Zeuge Ihrer Fürbitte, welche Ihr gutes Herz Ihnen für den kleinen Verbrecher diktirte.“ Mathilde, welche noch die Antwort des Oberſten in ihren Ohren wiederhallen hörte, zuckte leicht mit den Augenbrauen und ſagte in einem etwas ungedul⸗ digen Tone: „Seien Sie ſo gut, Herr Graf, und verlaſſen Sie mich, es gefällt mir nicht, daß Sie mir fortwäh⸗ rend den Weg vertreten.“ „Wodurch habe ich denn Ihr Mißfallen erregt?“ ſagte der Graf und trat einen Schritt näher. „Dadurch, daß Sie bleiben, wenn ich Sie zu ge⸗ hen bitte,“ antwortete Mathilda und ging hinaus. Ganz im Stillen dachte der Graf: Sie iſt launiſch;— aber dieſer Gedanke ſchwebte ihm nur unklar vor der Seele. Indeſſen hatten Ebba und der Künſtler ſich hin⸗ unter nach der Wohnung des Inſpektors begeben, und dort wurde eine große Berathſchlagung gehalten. Auf dem aneinandergeſchlagenen Eßtiſch lagen die 102 Bruchſtücke von der zertrümmerten Büſte und neben demſelben ſtanden Ebba und der Künſtler. „Glaubt Herr Wall, daß ſich die Stücke wieder zuſammenſetzen laſſen?“ fragte Ebba. „Werden es verſuchen,“ war die Antwort. „Aber Niemand darf es wiſſen, bevor es uns ge⸗ lungen iſt,“ meinte Ebba. Marie ging wieder hinauf in das Hauptgebäude, um ſich nach Eduard zu erkundigen. Der Oberſt ſaß in ſeinem Zimmer und las die Zeitungen, während er eine Dampfwolke nach der an⸗ dern mit beſonderer Heftigkeit von ſich blies. Die Thüre öffnete ſich und Marie trat ein. Beim Schall Tritte erhob der Oberſt ſeinen Kopf und blickte ie an. „Was will Marie?“ fragte er. „Lieber Onkel, laſſen Sie mich Eduard ſehen,“ flehte Marie und trat auf den Oberſt zu. „Nein, ſeine Strafe beſteht darin, daß er Nie⸗ manden ſehen darf; meinſt Du, daß das zu ſtrenge ſey?“ „Gewiß nicht, aber... „Deine natürliche Schwäche macht, daß Du ihn tröſten willſt, weil er ſich ſo ſchlecht aufgeführt hat. Als Du mir alle Rechte auf den Jungen überließeſt, hſt Du mir auch dasjenige ſeine Fehler zu be⸗ trafen.“ „Onkel,“ rief Marie mit Thränen erfüllten Augen, „Du weißt, wie ſehr ich dieſes Kind liebe, wie unbe⸗ grenzt mein Glaube an deine Güte iſt, laß mich deß⸗ halb nur mit ihm ſprechen.“— Was willſt Du ihm denn ſagen?“ Alles, was mein Herz mir eingibt. Bedenke, daß der arme Junge vater⸗ und mutterlos iſt, daß er —— ganzen Erde auf Nichts, als auf Barm⸗ zigkeit, aber nicht auf Elternliebe zu rechnen hat.“ „Warum, Marie, haſt Du ihn denn ſeiner Mut⸗ ter beraubt?“ Im Tone des Oberſten lag eine Anklage. Marie beugte ihr Haupt und flüſterte ſchluchzend: „Wieder dieſer Verdacht.“ „Du haſt Recht; ich habe einmal mein Wort dar⸗ auf gegeben, den Knaben zu mir zu nehmen, ohne nach ſeiner Herkunft zu fragen und jede Anſpielung darauf iſt alſo unrecht.— Sieh, hier iſt der Schlüſ⸗ ſel; der Junge iſt in die grüne Kammer eingeſperrt.“ Marie ergriff die Hand des Oberſten und führte ſie mit herzlichem Dank gegen ihre Lippen, worauf ſie das Zimmer verließ.. Einige Augenblicke darauf ſaß Marie in dem grü⸗ nen Zimmer mit dem weinenden Knaben an ihre Bruſt gedrückt. Ernſte, aber milde Worte floßen über ihre Lippen. Sie ſuchte es ihm klar zu machen, daß ſeine wilden Streiche und ſchrankenloſe Heiterkeit ſo viele und häufige Unannehmlichkeiten mit ſich brächten, daß er ſeine kindlichen Freuden viel zu theuer kaufe, weil ſie Andern Schmerz koſteten. Eduard ſchlang ſeinen Arm um den Hals der liebevollen Tröſterin und ver⸗ ſprach in ſeinen Einfällen nachzugeben, und weinte ſich ſatt an ihrer Bruſt. Endlich verließ Marie ihren kleinen Schützling und verſchloß ſein Gefängniß, deſſen Schlüſſel ſie dem Oberſten übergab, „Nun, wie befand ſich Cduard?“ fragte der Oberſt. „Er hatte ſich, als ich kam, der wilden Verzweif⸗ lung eines Kindes hingegeben, aber er iſt jetzt ruhiger und beweint nun bitter den großen Verdruß, den er * Onkel bereitet hat.“ „So— o;“— das war Alles, was der Oberſt antwortete; aber eine Stunde darauf ging er ſelbſt hin, um ſeinen kleinen Gefangenen loszulaſſen, und ſagte zu ihm: „So, Eduard, jetzt kannſt Du mich nach der Fa⸗ brik begleiten.“ Der Knabe ergriff ſchluchzend ſeine Hand. „Junge, willſt Du das Maulen laſſen? glaubſt Du, daß das ſich für einen Jungen ſchickt. Komme, wir wollen das, was paſſirt iſt, vergeſſen.“ Als Marie zu Mathilda hereinkam, fand ſie ſie damit beſchäftigt, auf Liſette zu ſchimpfen, weil ihre Kleider nicht ordentlich ſaßen. „Das war doch gut, daß Du endlich einmal kamſt,“ rief Mathilda Marie entgegen.„Ich möchte doch wiſ⸗ ſen, womit Du die Zeit vertreibſt, denn bei mir biſt Du niemals, obgleich das dein rechter Platz wäre, ein* „Wenn Du meiner bedarfſt, ja,“— antwortete Marie und blickte der Schweſter gerade in's Auge.— „Aber um ein Kleid anzuprobiren brauchſt Du nur Liſette. Ich bin bei Eduard geweſen.“ Marie legte ſtarken Nachdruck auf das vorletzte t Wort. Mathilda wechſelte die Farbe, fiel aber mit Hef⸗ tigkeit ein: „Kann ich einmal damit verſchont werden, von jenem unerträglichen Jungen ſprechen zu hören? Du weißt, daß der bloße Anblick von ihm mein Blut in Wallung bringt.“ Ja, das weiß ich.“ Mariens Stimme hatte einen ganz eigenen Ton, 105 welcher Mathilda noch mehr zu reizen ſchien, denn ſie ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und ſchrie: „Marie, ſchweige!“ In demſelben Augenblicke ging die Thüre auf und Mariens Vater, Baron Raumer, trat ein. Augenblick⸗ lich änderte ſich ihr Ausſehen und mit lächelnder iene ging ſie dem Vater entgegen, um ihn zu be⸗ willkommnen. Mathilda hat von Kindheit an eine große Ehrfurcht vor ihrem Vater beibehalten, welche mit ſo viel Anhänglichkeit vermiſcht war, wie ihr egoiſtiſcher Charakter es erlaubte. Er war derjenige, gegen welchen ſie ſich immer mild und nachgiebig zeigte, weil ſie klar einſah, daß dieß der einzige Weg ſey, ſein Wohlwollen zu behalten und dieſes wollte Mathilda nicht verlieren.— Aber wir verlaſſen ſie auf Weiteres. Auf Ljungſtahof waren Abends Alle in einen tiefen Schlaf verſunken, als Ebba mit einem dunkeln Reitkleid angethan, ihr ſne verließ, die Balkon⸗ treppe hinabſtieg und ihren Weg nach dem Schloß nahm, wo der alte Kutſcher des Oberſten mit einem geſattelten Pferde auf ſie wartete. „Sieh da, mein Freund,“ ſagte Ebba, und gab ihm etwas Trinkgeld,„aber erinnere dich ja, daß Du kein Wort von dieſem meinem Ausflug ſagen darfſt.“ „Oh, Eure Gnaden kennt mich gut genug und weiß von alten Zeiten her, daß ich ſchweigen kann,“ eder auf's Pferd antwortete er. Ebba hüpfte leicht wie eine F und ritt mit der Schnelligkeit des Blitzes den Weg hinaus. Nachdem ſie eine halbe Viertelſtunde geritten war, lenkte ſie ab in den Wald hinein und befand ſich . K. See— jeßt auf dem Wege ach Skogsborg. Nach einem Ritt von zwei Stunden hielt ſie in der Nähe des un⸗ heimlichen Hauſes an. Sie ſprang herunter, band das Pferd an einen Baum und näherte ſich dem Ein⸗ gang. Die Nacht war ſehr weit vorgerückt und ein myſtiſches Dunkel ruhte über der Gegend. Der dunkle Wald, das einſame Haus mit ſeinen blutigen Erinnerungen, Alles war geeignet, ſelbſt einem Muthigeren, als Ebba, Furcht einzujagen. Sie blieb zitternd am Eingange ſtehen und lauſchte, indem ſie befürchtete, von dem halb blödſinnigen Wächter dieſes Gebäudes bemerkt zu werden. Als ſie ſich überzeugt hatte, daß Alles ſtill in dem Hauſe ſei, näherte ſie ſich dem Eingange, ſteckte den Schlüſſel ins Schlüſſelloch und öffnete vorſichtig die ſchwere Eiſenthüre, worauf ſie mit hörbarem Herzklopfen in die dunkle, von grauen Marmorſäulen getragene Hausflur eintrat. Ebba drückte die Hände an's Herz und ſtützte ſich keuchend an eine der Säulen, um Kraft und Muth zu ſammeln, weiter zu gehen. Nach einiger Augenblicke Zögern trat ſie auf die Thüre zu, welche nach dem Zimmer führte; auch dieſe öffnete ſie und. befand ſich jetzt in dem achteckigen Saale. Ohne ſich ein weiteres Zögern zu geſtatten oder ihrer Furcht Gehör zu geben, ging ſie durch die zwei andern Zimmer und ſtand jetzt vor dem myſtiſchen Spiegel, hinter deſſen glänzender Scheibe Blut und Thränen gefloſſen waren. Die Silber⸗ ſtrahlen des Mondes fielen auf den reich verzierten Rahmen, welchen Ebba ſehr genau betrachtete, um ir⸗ gend ein Merkmal zu entdecken, welches die geheime Feder andeutete. Sie drückte auf mehrere Stellen, aber ohne Erfolg, und endlich murmelte ſie für ſich hin: „Onkel ſprach von einem Knopf im Rahmen, aber ich ſehe keinen ſolchen;“ dann begann ſie wieder — 107 die künſtliche Spiegeleinfaſſung zu unterſuchen und rief endlich faſt erfreut: „Sieh da! 8 Indem ſie auf einen kleinen, mitten in einer Ro⸗ ſette der Bildhauerei angebrachten Knopf drückte, be⸗ merkte ſie, daß dieſer nachgab und daß der Spiegel ſich in ſeinen unſichtbaren Angeln drehe. Das Zim⸗ mer, welches ſich jetzt in der dunkeln Sommernacht vor Ebba's Blicken öffnete, hatte etwas Geheimniß⸗ volles. Es hatte keine Fenſter, ſondern bekam ſein Licht durch eine Lucke in der Decke. Die Wände wa⸗ ren von weißem Marmor; die Möbeln beſtanden in einem altmodiſchen Bette mit dunkelrothen ſchweren Damaſtvorhängen. Ein Toilettetiſch von alterthüm⸗ licher Form, hohe Stühle mit dunkelrothem Ueberzug und ein Betſtuhl mit einem ſilbernen Crucifix nahmen die eine Ecke ein. Was aber Entſetzen verurſachte, waren die Spuren von dem vergoſſenen Blut, welche dieſes Zimmer noch trug. Die eine Wand neben der Niſche, in welcher die geheime Thüre angebracht war, ſchien mit dunkeln Blutflecken beſprengt, und die großen Flecken auf dem Fußboden ſchienen auch von den Mordthaten, die da begangen waren, ſprechen zu wollen. Ebba fühlte bei dieſen unheimlichen Zeichen, welche der Mond mit ſeinen matten, bleichen Strahlen be⸗ leuchtete, einen Todtenſchauer ihren Körper durchrieſeln. Sie war einige Augenblicke auf der Schwelle ſtehen geblieben, wurde aber durch einen knarrenden Ton hinter ihrem Rücken aus ihren Betrachtungen geweckt. Erſchrocken drehte ſie ſich um. Die Spiegelthüre, durch welche ſie eingetreten, war durch einen Luft⸗ zug zugeworfen und das Schloß zugefallen. Nachdem Ebba den Grund des Lärms entdeckt hatte, dacht 108 ſie in dieſem Augenblick nicht weiter daran, ſondern eilte auf den Betſtuhl zu. Mit einem eigenen ehr⸗ furchtsvollen Gefühl hob ſie das Crucifir empor. Es war in Silber gearbeitet und mit wirklicher Meiſter⸗ ſchaft ciſelirt. Das Kreuz ruhte auf einer kleinen Platform von Ebenholz, die einige Zoll dick war, der Boden derſelben ſchien aber feſt zu ſein. Ebba drückte gerührt ihre Lippen auf das Chriſtusbild, wickelte daſ⸗ ſelbe in ihr Taſchentuch ein und wollte das Zimmer verlaſſen; als ſie ſich aber umdrehte, fand ſie zwei Vertiefungen gleich derjenigen, durch welche ſie hinein⸗ gekommen war und welche zwei Niſchen mit Spiegeln im Hintergrunde bildeten. Ebba näherte ſich derjeni⸗ gen, vor welcher man die großen Blutflecken bemerkte, und blieb, kaum den Boden mit ihren Füßen berührend, vor dem glänzenden Spiegel ſtehen, welcher mit einem kalten Lächeln ihr eigenes Bild wiedergab, ohne aber ſie darüber aufzuklären, wie ſie ſich herausfinden ſollte. Ebba wendete alle Mühe an, irgend eine geheime Feder zu finden. Sie legte das Crucifir auf den Bo⸗ den und begann erſt mit Ruhe, dann mit Eifer, und endlich mit fieberhafter Angſt auf jede Blume, auf jede Knoſpe und auf jede Verzierung zu drücken und ſie zu unterſuchen, aber vergebens. Die Einſamkeit und das unheimliche Zimmer, kurz Alles trug dazu bei, das Blut in raſender Eile durch ihre Adern zu jagen, es ſauste ihr vor den Ohren und Thränen der Furcht und der Verzweiflung rollten über ihre Wangen, wäh⸗ rend ſie die Hände rang und ausſprach: Mein Gott! mein Gott! helfe mir. In demſelben Augenblick ſchallte ein widerliches Lachen durch's Haus, welches von Schluchzen und Seufzern begleitet war. Ebba ſank in ihre Kniee, ohne ſich dabei bewußt 109 zu ſein, denn das Blut erſtarrte gleichſam zu Eis in ihren Adern. Eine unheimliche Stille folgte darauf. Sie begann wieder zu athmen und lauſchte mit beben⸗ dem Körper und erſtarrten Gliedern. Kein weiterer Laut ließ ſich hören. Endlich erhob ſie ſich wieder, um mit vermehrtem Eifer zu ſuchen, aus jenem Zim⸗ mer heraus zu kommen; aber ſie hatte ſich in dieſer Abſicht kaum umgedreht, als daſſelbe unheimliche und entſetzliche Lachen wieder ihr Ohr erreichte, und zwar dießmal dicht neben ihr. Ebbas von Schrecken und von ihrer Einbildung hervorgerufene Angſt hatte den höchſten Grad erreicht. Sie drehte ſich indeſſen mechaniſch nach der Richtung um, woher das Lachen kam, fühlie aber, wie ſie in demſelben Augenblick an der einen Schulter von einer kalten Hand gepackt wurde. Muth, Seelenſtärke und phyſiſche Kraſt ver⸗ ließen ſie jetzt vollends und ſie ſtürzte, einen Angſtruf ausſtoßend und beſinnungslos zum blutbefleckten Boden. Die Sonne ſchien klar und warm hinein in den Speiſeſaal auf Ljungſtahof; man war im Begriff zu frühſtücken. „Wo iſt Ebba,“ fragte der Oberſt;„ſie pflegt ja ſonſt ſehr pünktlich zu ſeyn?“ „Ebba hat wohl eine Promenade gemacht,“ ant⸗ wortete die Oberſtin. Man fing an zu eſſen. „Iſt Cark noch nicht von X— zurückgekommen?“ fragte der Oberſt. „Nein, lieber Eldner, Du weißt ja ſchon, daß wenn Carl auf den Einfall kommt, zu reiſen, man nicht erwarten kann, daß er ſo bald wieder zurücktehrt.“ 110 „Ja, er iſt beim Henker launiſch wie ein....“ „Eine junge Wittwe,“ fiel der Leutenant ein un trank ein Glas Porter. „Das war ein Hieb auf Dich, Mathilda,“ meinte der Oberſt. „Aber ich beziehe ihn ja gar nicht auf mich,“ antwortete Mathilda lächelnd,„denn es gibt ja meh⸗ rere Wittwen als mich.“ „Die Kapitänin zum Beiſpiel,“ ſagte der Lieute⸗ tenant lächelnd. „Ei, ei, mein lieber Fries, es ſcheint, daß Ebba Dich übel behandelt hatte,“ jagte der Oberſt lachend. „Ach nein, ſo gut ſteht es nicht,“ ſeufzte der Lieu⸗ tenant und aß mit gutem Appetit;„ſie hat mich leider nicht behandelt, das iſt mein Unglück, nkel.“ „Der Herr Lieutenant will alſo überhaupt miß⸗ handelt ſein?“ fragte Mathilda, welche heute beſonders aufgelegt war, ſich mit dem Lieutenant zu beſchäfti⸗ gen und zu thun, als wenn ſie den Grafen nicht ſähe. „Von einem hübſchen Frauenzimmer?— Ja, Eure Gnaden, ich wünſche nichts höher.“ „Ein eigener Wunſch, der eine genauere Erklärung erheiſcht.“ „Bin ich es, der ſie geben ſoll?“ „Natürlich, da der Lieutenant das Paradoxon aus⸗ geſprochen hat.“ „Sonſt wäre Thorenhjelm der Rechte,“ ſagte der Lieutenant und näherte ſich Mathilda. „Warum das?“ Die übrige Geſellſchaft war auf ein anderes Thema zu ſprechen gekommen. Weil er es iſt, der heute mißhandelt wird,“ S 111 antwortete der Lieutenant mit gedämpfter Stimme und blickte Mathilda in die gefährlichen Augen. „Glaubt der Lieutenant das?“ Mathilda zer⸗ bröckelte mit gedankenvoller Miene einen Biſſen Brod, während ſie fortfuhr: „Aber laſſen Sie uns im Scherz annehmen, daß Sie der Mißhandelte wären; worin beſtände das Glück, es zu ſein?“ „Darf ich einen Augenblick Thorenhjelm ſpielen und mich in ſeine Gefühle und Lage hineinverſetzen?“ Der Lieutenant nahm Platz neben Mathilda. „Gern.— Laſſen Sie mal hören, wie Sie dann raiſonniren würden.“ „Betrachten Sie ihn erſt.“ „Warum das?“ fragte Mathilda mit der größten Gleichgültigkeit. „Um richtig den Unterſchied, in unſerer Art und Weiſe glücklich zu ſein, beurtheilen zu können.— Meinen Sie, daß er glücklich ausſieht?“ „O nein, das kann ich nicht ſagen; aber laſſen Sie mich hören: Sie ſtellen jetzt den Grafen vor und ſind, wie Sie behaupten, von mir mißhandelt und in Folge deſſen, Ihrer Auffaſſungsweiſe gemäß, ganz glücklich.“ „Das iſt wahr; denn jedesmal, wenn Sie ſich dazu herabgelaſſen haben, die Unbarmherzige, Harte, und Gleichgültige zu ſpielen, möchte ich den⸗ „Daß Sie Ihre Zeit und Ihre Gefühle ohne Hoffnung auf Erfolg verſchwendeten.“ „Durchaus nicht, das würde ich mich wohl in Acht nehmen zu denken. Im Gegentheil würde ich den Wechſel Ihrer Launen mit wirklichem Entzücken ertra⸗ gen, weil ich ganz gewiß weiß, daß der Frau, welche 112 einen Mann mit ihren Launen beehrt, derſelbe keines⸗ wegs gleichgültig iſt.“ „Was behaupten Sie da?“ „Die reine Wahrheit, meine Gnädige; denn an Denjenigen, nach welchem ſie nicht fragt, verſchwendet ſie weder ihre Liebenswürdigkeit, noch ihre ſchlechte Laune. Sie gibt ſich nicht die Mühe, ſich mit Dem⸗ jenigen zu plagen, welcher ſie nicht intereſſirt.— Sie ſind heute lauter Sonnenſchein gegen meinen Freund Fries, und daraus ziehe ich den Schluß, daß Sie ſich vorgenommen haben, mein Herz mit Sturm zu neh⸗ men, und ich fühle mich darüber glücklich, daß Sie das nehmen wollen, was ich aus meinem ganzen Her⸗ zen vor Ihre Füße zu legen wünſche.“ „Das da hat keinen Zuſammenhang. Denken Sie ſich nur, wenn ich auch gegen Sie launiſch würde?“ „Dann verließe ich ſofort Ljungſtahof.“ „Sehen Sie, das iſt ein Beweis, daß Ihre Schlüſſe unrichtig ſind.“ „Durchaus nicht, meine Gnädige.“ „Wie wollen Sie dieſelben vertheidigen?“ „Auf eine ganz einfache Weiſe: Als Thorenhjelm wünſche ich nichts mehr, als daß Sie mein Herz nehmen möchten; als Fries dagegen fürchte ich mich davor.“ „Sie ſind artig, Herr Lieutenant.“ „Gnädige Frau, Sie ſind mir zu ſchön und zu geſcheidt, um nicht Denjenigen zu Ihrem Sklaven zu machen, dem Sie ein Lächeln ſchenken oder den Sie mit Ihrer Aufmerkſamkeit beehren, und ich fürchte mich auch dann vor der Sklaverei, wenn der Deſpot durch ein reizendes Weib repräſentirt wird.“ Die Saalthüre wurde aufgeriſſen und der Ritt⸗ meiſter trat ein. — 113 „Wer von den Damen iſt dieſen Morgen ausge⸗ ritten?“ fragte er eifrig. Ein allgemeines Verneinen war die Antwort. „Das iſt gewiß Ebba geweſen,“ meinte Mathilda, „da ſie dieſen Morgen vom Frühſtück weggeblieben iſt.“ „Aber Ebba iſt doch wohl wieder nach Hauſe ge⸗ kommen?“ fragte Carl. „Nein, vor einer Stunde war ſie es noch nicht, als ich zu ihr hinaufſchickte,“ antwortete die Obriſtin, „aber warum fragſt Du?“ „Ich werde es gleich ſagen.— Weiß Niemand, wo Ebba hingeritten oder ob ſie Jemanden bei ſich hatte?“ „Nein, ſie ſcheint ganz früh fort zu ſein, denn Niemand von uns hat ſie geſehen.— Ebba macht es faſt täglich ſo.— Woher weißt Du, daß ſie geritten iſt?“ „Daher, daß ich, als ich in der Morgendämmerung die Stadt verließ und die kleine Allee, die zum Stalle führt, hinaufritt, ein Pferd vor mir hergaloppiren ſah. — Es hatte einen Sattel, aber keinen Reiter. An der Stallthür blieb es ſtehen, und als ich auch bald darauf anhielt, fand ich, daß es ein Damenſattel und daß das Pferd kein anderes ſei, als Papa's Leo.— Ich fragte den Stallknecht, welche der Damen ſich deſ⸗ ſelben bedient hätte, aber er wußte nichts, ſondern glaubte, daß irgend einer der Herren das Pferd aus dem Stalle genommen hätte.“ „Das klingt ſonderbar; wenn nur Ebba kein Un⸗ glück zugeſtoßen iſt,“ rief Marie erſchrocken. „Liebes Kind, ſie iſt wahrſcheinlich abgeſtiegen und hat den Leo ſchlecht angebunden, ſo daß der Burſche nach Hauſe gelaufen iſt,“ meinte der Oberſt.„Ich werde jedenfalls nach dem Stalle hinuntergehen und mich erkundigen, wer das Pferd geſattelt hat, denn das hat ſie, hol' mich der Henker, nicht ſelbſt gethan.“ Schwartz, Mathilda. 8 114 Der Oberſt verließ das Zimmer und Marie eilte hinauf in Ebba's Zimmer, um ihre Kammerjungfrau zu fragen. „Es ſieht Ebba ſo wenig ähnlich, die Zeit zu vergeſſen,“ ſagte die Obriſtin,„daß ich anfange un⸗ ruhig zu werden.“ Auch ſie ging hinaus. „Ebba iſt recht unbeſonnen, daß ſie ſich allein auf ſolche Streifzüge einläßt,“ bemerkte Mathilda. „Gewiß wäre es klüger geweſen, wenn ſie zu Hauſe geblieben wäre, um Ränke zu ſchmieden,“ ant⸗ wortete der Rittmeiſter in beleidigendem Tone. „Meine Herren, wir müſſen hinaus, um die ver⸗ ſchwundene Amazone aufzufinden,“ rief der Lieutenant und ſchlug Thorenhjelm auf die Achſel,„komme, mein Bruder.— Eldner muß noch frühſtücken und ich habe Dir außerdem etwas zu ſagen.“ Der Graf, der Ingenieur und der Lieutenant ließen den Rittmeiſter und Mathilda allein. „Mathilda, ich habe eine Forderung an Dich, der Du entſprechen mußt,“ ſagte der Rittmeiſter und trat auf die Couſine zu. „Und wenn ich mich weigere?“ Mathilda heftete ihre großen Augen mit einem eigenen Ausdruck auf Carl. „Dann zwinge ich Dich.“ „Das klingt recht imponirend.— Nun, wie lau⸗ tet denn Deine Bitte!“ Mathilda betonte das letzte Wort. „Ich habe keine Bitte, ſondern nur eine ein⸗ fache Forderung an Dich zu ſtellen. Das Weib, wel⸗ ches man um Etwas bittet, liebt man, aber ich „ P 11⁵ „Du haßeſt mich; ich weiß es und gebe Dir eine ſyſtematiſche Antwort auf Deine Gefühle. Nun, was willſt Du denn?“ Mathilda's Bruſt bewegte ſich unruhig. „Ich wünſchte, daß Du ein einziges Mal in Dei⸗ nem Leben die Wahrheit ſprechen möchteſt; ich fordere von Dir eine ehrliche und aufrichtige Antwort.“ „Soll ich Dir eine ſolche geben? Ach, Du rech⸗ neſt zu viel auf meine weibliche Schwäche.“ „Ich rechne auf Deine Furcht vor der Wahrheit. — Wilſſt Du meine Frage ehrlich beantworten?“ „Nein.“ Mathilda blickte Carl mit einem bittern Lä⸗ cheln an. „Nein, ich will es nicht; denn ich leſe in Deinem Geſicht, daß Du unter irgend einer Ungewißheit lei⸗ deſt.— Ich will es nicht, denn ich ahne, daß die Wahrheit für Deine Ruhe von Wichtigkeit ſeyn muß, weil Du Dich an mich wendeſt.— Verſtehſt Du? ich haſſe Dich und der Haß lebt von und hat einen Ge⸗ nuß an der Qual des Gehaßten.“ Mathilda legte die Hand auf ſeinen Arm und fügte mit zitternder Stimme hinzu: „Habe ich ehrlich geſprochen?“ „Du haſt auch jetzt gelogen; denn Du haſſeſt mich durchaus nicht,“ antwortete der Rittmeiſter in kaltem und hartem Tone. „Du fürchteſt mich nur; aber laſſen wir das und höre nun genau auf das, was ich Dir ſage. Du mußſt meine Frage ehrlich beantworten, oder ich ziehe den Vorhang von den Ereigniſſen in... Mathilda erbleichte. „Es gibt ja kein Gelübde, keinen Eid, der meine Zunge bindet oder mich zwingt, Dich Deine betrüge⸗ 116 riſche Maske beibehalten zu laſſen.— Du weißſt, daß Mar mir Alles geſagt hat. Reize mich deßhalb nicht, denn ich würde Dir dieſe Maske vom Geſicht reißen können und ſagen: Siehe hier ein Weib ohne Ehre, ohne Herz und Gewiſſen.“ Mathilda ſank in einen Lehnſeſſel nieder und ver⸗ barg ihr Geſicht in den Händen; ihr ganzer Körper zitterte und ſie ſtammelte ſchluchzend:„Du biſt mehr als grauſam.“ Ueber Carls Geſicht verbreitete ſich ein Zug der Theilnahme; er betrachtete das ſchöne Weib mit einem Blick voll Kummer und Schmerz, indem er ihr einen Schritt näher trat und ſagte: „Mathilda, merke Dir, daß Du es ſelbſt biſt, welche ſo gemacht hat.“ Mathilda ſah auf ihn mit einem Blick, welcher Berge hätte ſchmelzen können.. Carl ſchauderte bei dieſem Blick leicht zuſammen und ſein Geſicht nahm wieder den gewöhnlichen ironi⸗ ſchen Ausdruck an. „Laß uns nicht Comödie ſpielen, ſondern antworte mir nur: Willſt Du die Wahrheit ſagen? Mathilda neigte wieder ihren Kopf; in ihr wal⸗ tete S augenblicklicher Kampf ob, dann antwor⸗ tete ſie: „Ich verſpreche Deine Frage ehrlich zu beant⸗ worten.“ „Gut. Kennſt Du Kapitän Stuart?“ „Ich habe ihn gekannt.“ Mathilda wurde bleich. „Kennt Ebba ihn?“ a athilda ſchauderte leicht zuſammen. 117 „In welchem Verhältniſſe hat ſie zu ihm geſtan⸗ den? Weißſt Du das?“ „Das weiß ich, aber ich kann nichts darüber agen.“ Mathilda's Augen ſchoßen Blitze und in ihrer innern Raſerei ſprach ſie zu ſich ſelber: „Er liebt ſie.“ „Weißſt Du, ob Ebba's Herz an Kapitän Stuart gehangen hat?“ Bei dieſer Frage leuchtete ein Strahl der Freude aus Mathilda's Geſicht. Sie antwortete: „So viel ich weiß, hat Ebba nie einen Andern geliebt als ihn.“ „Nicht einmal ihren Mann?“ „Das weiß ich nicht.“ Mathilda ſtand mit einem leichten Zittern auf, um das Zimmer zu verlaſſen; als ſie aber ihre Augen auf den Rittmeiſter warf, um die Wirkung von ihren Worten zu ſehen, brach er in ein lautes Gelächter aus und ſagte: „Jetzt haſt Du ganz wohlwollend gemeint, meinem Herzen eine tödtliche Wunde zu verſetzen, ſei aber ru⸗ hig, Mathilda, alle Wärme iſt daraus vertrieben, und Ebba iſt eben ſo wenig gefährlich für meine Ruhe wie Du.— Ich wollte nur die Urſache ihrer Beſtürzung beim Anblick des Fremden kennen lernen.“ Carl ging hinaus. Der Mittag kam, aber keine Ebba erſchien.— Das ganze Dienſtperſonal, welches man darnach fragte, gab eine und dieſelbe Antwort: Man hätte ſie nicht geſehen. Die Fragen wurden von Unruhe und Aengſten 118 abgelöst; man ſchickte Leute hinaus, um ſie zu ſuchen. Der Oberſt und alle Herren machten ſich in ungleichen Richtungen auf den Weg, ſie kehrten aber alle zurück, ohne die geringſte Spur von der Verſchwundenen ge⸗ ſehen zu haben. So kam die Nacht heran. Der alte Kutſcher des Barons, welcher Ebba das Pferd geſattelt hatte, war mit dem Baron zu einem der Nachbaren gefahren und ſo konnte auch er keine Aufklärung über das, was er wußte, geben. Marie war von einer Bauernhütte zur andern geeilt und hatte nach Ebba gefragt, aber Niemand hatte ſie geſehen.— Der Rittmeiſter war den ganzen Nachmittag zu Pferde geweſen, Alles vergebens. Nach einem Tage voll Angſt begab ſich Jedes zu Bett, um im Schlaß⸗ ſeine Unruhe zu vergeſſen.— Für Marie und den Rittmeiſter ſchien das aber ein vergebliches Bemühen zu ſeyn. Der Lieutenant war noch nicht zurückgekehrt. Der Graf hatte ſich nach X begeben, um dort Nachfrage zu machen. Der Oberſt hatte gänz⸗ lich ermüdet, von allem weiteren Suchen abſtehen müſſen; er hatte friſche Leute nach verſchiedenen Ge⸗ genden ausgeſchickt. Alles war ſtill, als Marie, in einen Shawl ge⸗ hüllt, das Hauptgebäude verließ, ohne klar zu wiſſen, was ſie wollte, als in demſelben Augenblick der Ritt⸗ meiſter aus dem Flügelgebäude herauskam. Marie eilte auf ihn zu mit den Worten: „Wo und wann verließeſt Du Kapitän Stuart?“ „In X, unmittelbar vor meiner Abreiſe von dort.“ „Und wenn er es wäre, der— der— Ebba entführt hätte?“ ſtammelte Marie. „Was ſagſt Du— er?“ Der Rittmeiſter faßte heftig Mariens Hand. —— —— 119 „Ich kann keinen Grund für meinen Verdacht an⸗ geben, aber ihr unbegreifliches Verſchwinden macht, daß ich kaum weiß, was ich glauben ſoll.“ „Sie hat freiwillig Ljungſtahof verlaſſen, das ſcheint deutlich zu ſeyn, wenn ſie.... 2 „Was? ſage es um Gotteswillen?“ „Wann ſie ſich zu ihm begeben hat?“ Der Rittmeiſter drückte krampfhaft Mariens Hand. „Unmöglich!“ „Sie hat ihn ja geliebt, worin liegt dann das Unmögliches“ „Das kann ich nicht ſagen; ſuche ſie nur, gleich⸗ viel, reiſe nach X, frage, drohe, ſchüchtere den Kapi⸗ tän ein, daß er ſagt, wo ſie iſt.“ „Beruhige Dich, Marie, es ahnt mich, daß Ebba vielleicht jetzt in Geſellſchaft des Kapitäns recht herz⸗ lich über unſere Unruhe lacht. Ich werde mich jeden⸗ falls ſchleunigſt nach X begeben.“ In X angekommen, traf der Rittmeiſter den Lieu⸗ tenant und erfuhr von ihm, daß der Kapitän um die Mittagszeit Pferde beſtellt habe und aus der Stadt gereist ſey, wohin er nicht vor ein Paar Tagen zurück⸗ kehren zu wollen ſagte. Man wußte nicht, wohin er ſich begeben hätte. In X hatte Ebba ſich nicht gezeigt. Aber die ſchnelle Abreiſe des Kapitäns von der Stadt beſtärkte den Rittmeiſter in der Vermuthung, daß Ebba und re auf irgend eine Weiſe mit einander zuſammengetroffen ſeyen und daß ihr Verſchwinden damit im Zuſammen⸗ hang ſtände. Schon um die Mittagszeit des folgen⸗ den Tages verließ der Lieutenant X. Der Rittmeiſter 120 begab ſich von dort fort gegen Abend und nahm einen andern Weg durch Lindſjönäs. Traurig und ein Raub von allerlei Zweifeln ließ Carl das Pferd ganz und gar deſſen eigener NReigung folgen. Der Zufall fügte es ſo, daß er den Leo ritt, und als dieſer merkte, daß die Zügel loſe hingen, ſo lenkte er in den Wald hin⸗ ein, deſſen Grün und Kühle ihn lockten. Er haſchte im Vorbeigehen hier und dort ein herabhängendes Aeſtchen von den friſchen laubreichen Bäumen und ſetzte dann ganz gemächlich ſeinen Weg fort. Wir verlaſſen bis auf Weiteres Roß und Reiter. Wir werden jetzt zu Ebba zurückkehren, welche wir in dem Augenblick verließen, wo ſie durch die plötz⸗ liche Berührung von einer kalten Hand die Beſinnung verlor. Wie lange ſie ohnmächtig da gelegen, wußte ſie nicht, als ſie wieder die Augen aufſchlug und das Zimmer vollkommen von der Morgenſonne erleuchtet fand, deren Strahlen durch das Fenſter von der Decke eindrangen. Sie erhob ſich und ſuchte ihre Gedanken zu ſammeln, um klar zu faſſen, wo ſie ſey und wie ſie dorthin gekommen. Die Ereigniſſe der Nacht und der Beweggrund, der ſie vermocht hatte, in dieſes un⸗ heimliche Haus einzudringen, traten jetzt vollſtändig vor ihre Seele. Das Crucifir lag an ihrer Seite und ſie fand keine Spur davon, daß Jemand, außer ihr, im Zimmer geweſen. Nachdem ſie ſich vollkommen er⸗ holt hatte, begann ſie das Zimmer genau zu unter⸗ ſuchen. Nach ſorgjaltiger Unterſuchung fand ſie, daß es keinen andern Ausgang gebe, als denjenigen, durch welchen ſie hereingekommen und möglich auch durch die andere mit einem Spiegel verſehene Niſche. Dar⸗ ——— 12¹ auf verſuchte ſie mit Ruhe und ohne ſich von ihrer Phantaſie aufregen zu laſſen, die Feder zu finden, mit welcher die Thüre geöffnet würde, aber vergebens. Sie klopfte jetzt an die Spiegelthüre, rief, machte Lärm, aber Alies um ſie herum verblieb grabesſtill. NRicht ein einziger Laut ſtörte das todtenähnliche Schwei⸗ gen. Bei dieſen fruchtloſen Bemühungen war die Hälfte des Tages verfloſſen. Jetzt kamen Hunger und Durſt noch dazu, um ihre Qualen zu vermehren. Sie dachte mit Entſetzen an ihr Schickſal, eingeſchloſſen in dieſem möblirten Marmorgrab, vielleicht dazu verur⸗ theilt zu ſeyn, unter namenloſen Qualen todtzuhungern. Als endlich die Schatten der Nacht wieder begannen, ihren Schleier über die Erde zu verbreiten, fand ſie der Mond auf den Knieen und weinend im Gebet verſun⸗ ten. Sie dachte mit Entſetzen an die Nacht, an das unheimliche Lachen, an alle die ſchauderhaften Bilder, welche eine aufgeregte Phantaſie hervorrufen, und bat Gott um Beiſtand, daß ſie aus dieſer ſchrecklichen Lage herauskominen möge. Dann warf ſie ſich auf's Bett, um Ruhe und Vergeſſen zu ſuchen. Sie hatte bereits einige Stunden Schlaf genoſſen, als ſie beim Schalle deſſelben entſetzlichen Lachens wie in der Nacht vorher erſchrocken in die Höhe fuhr. Sie umfaßte in der Verzweiflung den Bettpfoſten und warf einen faſt wahnſinnigen Blick im Zimmer herum. Auf dem Fußboden lag über die blutigen Flecken ausgeſtreckt eine Menſchengeſtalt, welche jetzt ſchluchzte und ſeufzte. Ebba wagte aus Furcht, die Aufmerkſamkeit des wil⸗ den Gaſtes auf ſich zu ziehen, weder zu athmen, noch ſich zu bewegen; plötzlich fiel es ihr aber ein, daß ſie durch ihn würde herauskommen können. Sie erhob ſich langfam; bei dieſer Bewegung ſprang aber die auf dem Boden liegende Geſtalt auf, ſtieß ein wildes Gelächter 122 aus, ſtürzte ſich gegen die andere Niſche und war, be⸗ vor Ebba eine Bewegung machen konnte, verſchwunden. Wir übergehen den darauf folgenden Tag, an welchem Ebba bis zum Wahnſinn von Hunger und Durſt gequält wurde. Abends ging ihr Zuſtand in eine fieberhafte Spannung des Geiſtes über. Auf dem Bette ausgeſtreckt, erwartete die arme Ebba die Er⸗ ſie gebeugt daſtand. Sie fühlte ſich durch den von vollkommenem Wahnſinn zeugenden Blick, welcher auf ſie geheftet war, wie gelähmt. Es kam ihr vor, als umfaßte er mit ſeinen lan⸗ gen abgemagerten Fingern ihren Hals; ſie fühlte ſich bereits von ihm in ſeiner Raſerei mißhandelt und zer⸗ fleiſcht. Bei dieſem Gedanken ganz außer ſich, ſtieß ſie einen entſetzlichen durchdringenden Schrei aus und ver⸗ lor die Beſinnung. Bei dieſem Schrei klirrten die Scheiben in dem Dachfenſter und im nächſten Augenblick ſprang ein kann vom Dach ins Zimmer herunter. Das unheim⸗ liche Geſpenſt war verſchwunden. Beim erſten Anblick erkannte die vom Dache eindringende Perſon nicht Ebba, welche ohnmächtig auf dem Bette lag; als er ſich ihr aber näherte, um zu unterſuchen, ob ſie todt ſei, und zu dieſem Zweck ihren Kopf ſo umdrehte, daß der Mond das Geſicht erhellte, rief er heftig: „Mein Gott, es iſt Ebba!“ Der Rittmeiſter, denn er war es, ſuchte mit dem größten Eifer ſie zur Beſinnung zu bringen, aber ſeine Bemühungen blieben lange fruchtlos, bis endlich nach Verlauf einer Stunde ein Seufzer ihre Bruſt bewegte — 123 und ſie die Augen öffnete. Sie ſtarrte erſchrocken den Rittmeiſter an und murmelte einige unzuſammen⸗ hängende Worte. „Ebba,“ flüſterte Carl, und faßte ihre kalten Hände, welche er an ſeine Lippen drückte,„Ebba, er⸗ kennſt Du mich nicht?“ „Hülfe, Hülfe, er tödtet mich,“ ſtammelte ſie und riß ihre Hände los von ihm. „Niemand will Dich tödten; es iſt Carl, welcher kommt, um Dir zu helfen. Sehe mich an und Du wirſt mich wieder erkennen.“ „Carl!“ flüſterte Cbba mit einem matten Lächeln, heftete ihre Blicke auf ihn und führte die Hand über die Stirne. Dann ſtand ſie erſchrocken auf, ſtreckte die Arme gegen ihn aus und rief: „Rette mich, rette mich. ich 6 ſterbe gebe mir Waſſer das Crucifix. und dann ſiel ſie wieder in Ohnmacht. Carls Lage war im höchſten Grade peinlich. Er konnte ſie nicht denſelben Weg hinausbringen, auf wel⸗ chem er ſelbſt hereingekommen war, ſondern mußte verſuchen, die Thüre von Außen aufzubekommen; ſie aber allein in dieſem Zimmer zu laſſen, in welchem er einen Burſchen über ſie gebeugt hatte ſtehen ſehen, das ſchien ihm unerträglich. Den Tag abzuwarten, ie ſie während mehrerer Stunden Durſt leiden aſſen. Während dieſer Unſchlüſſigkeit ertönte wieder ein häßliches Lachen, aber dießmal hinter dem Ritt⸗ meiſter. Er drehte den Kopf um und befand ſich An⸗ P zu Angeſicht mit dem Wächter der unheimlichen ohnung. Mit einem Sprung warf dieſer ſich über ihn und ſtieß einen raſenden Schrei aus mit den Worten: 124 „Du willſt ſie befreien; Du willſt meinen Herrn beſtehlen; Du willſt ihn tödten.“ Es entſtand ein kurzes, aber heftiges Ringen, bei welchem der Rittmeiſter ſeiner ganzen Gewandtheit und Stärke bedurfte, um ſich zum Herrn über den Wahn⸗ ſinnigen zu machen. Endlich wankte dieſer und fiel, von einem heftigen Schlag betäubt, beſinnungslos zu Boden. Als Carl ſich wieder erhob, fand er den Ein⸗ gang durch den Spiegel offen. Ohne ſich einen Augen⸗ blick zu beſinnen, nahm er Ebba in ſeine Arme und trug ſie hinaus. Als er ſie auf die weiche Grasmatte im Walde niederlegte, bemerkte er mit Verwunderung, daß ihre rechte Hand ein ſilbernes Crucifix feſt um⸗ ſchloſſen hielt. Der Rittmeiſter eilte zu einer ſich in der Nähe befindenden Quelle und holte aus derſelben in ſeiner Mütze friſches Waſſer, womit er Ebba's Schläfe ba⸗ dete und ihre Lippen befeuchtete, was zur Folge hatte, daß ſie bald wieder zur Beſinnung kam. Carl hatte ihren Kopf gegen ſeine Bruſt gelehnt und hielt ſie mit ſeinem einen Arm umſchlungen. Gott allein weiß, welche Gefühle das weiberfeindliche Innere des Ritt⸗ meiſters bewegten, aber gewiß iſt es, daß er mit ſeinem eigenen Leben Ebba's hätte erkaufen wollen, wenn es verlangt worden wäre, und daß ſeine Freude, als ſie wieder die Augen öffnete, groß war. Nachdem Ebba ihren quälenden und verzehrenden Durſt geſtillt, ſagte der Rittmeiſter mit weicher Stimme: „Wie befindeſt Du Dich, beſte Ebbas“ „Ich bin matt und ſo ſonderbar im Kopf,“ ant⸗ wortete ſie mit ſchwacher Stimme. 3 „In dem Zuſtande, in welchem Lu Dich jetzt be⸗ findeſt, wäre es unmöglich, daß Du nach Hauſe reiten könnteſt; willſt Du nicht erſt verſuchen, etwas Ruhe zu 125 genießen? Ich werde meinen Rock auf dem Boden ausbreiten und über Dich wachen.“ Ebba's Kräfte waren ſo erſchöpft, daß ſie wie ein Kind Carl thun ließ, was er wollte, und nachdem er ſeinen Rock ausgezogen und zum Kopfkiſſen zuſam⸗ mengelegt hatte, ſtützte Ebba ihr von Gemüthsbewe⸗ gung müdes Haupt darauf mit einem: „Dank, Dank,“ und reichte ihm die Hand, wor⸗ auf ſie in einen unruhigen Schlummer fiel, der aber bald in einen ruhigen und tiefen Schlaf überging. Ohne Rock daſitzend, die Arme über die unruhig klopfende Bruſt gekreuzt, betrachtete Carl die einneh⸗ menden Züge des bleichen Weibes. Sein eigenes Geſicht zeigte wechſelweiſe die ungleichen Gefühle, welche ihn beherrſchten, denn es ſpiegelten ſich in dem⸗ ſelben Zufriedenheit und Schmerz, Zärtlichkeit und Bitterkeit ab. Er nahm ſich endlich vor, nicht mehr die Schlummernde anzuſehen, deren Anblick bei ihm ſo beunruhigende Gefühle erregte. Er beſchloß ſich ſelbſt mit dem Gedanken zu quälen, daß Ebba einen Andern liebe, daß ſie, gleich allen andern Weibern, doch ohne Herz und Gefühl ſey. Als er aber beim Sonnenaufgang unwillkürlich ſeine Augen auf ihre reinen Züge richtete, da dachte er: „Kann ein ſo edles und unſchuldvolles Antlitz die Maste eines trügeriſchen Herzens ſeyn?— Nein, un⸗ möglich!— Aber ihr Verhältniß zu dem Fremden? — Was beweist wohl das eigentlich? Daß ſie ihn liebt.— Mathilda mich betrogen hätte, in* Tom, Tom,“ murmelte in demſelben Augenblick Ebba,„hier haſt Du das Crucifir, ich. ich lieb 126 „Ihn,“ fügte der Rittmeiſter mit lauter Stimme hinzu und ſtand heftig auf. Ebba fuhr zuſammen und erwachte. Carl ſtand mit finſterer Stirn vor ihr. „Carl!“ rief Ebba, welcher es noch nicht gelungen war, ihre Gedanken zu ſammeln, oder recht zwiſchen dem Traume und den dunkeln Erinnerungen zu unter⸗ ſcheiden, welche der Beſuch in dem grauen Zimmer in ihr hinterlaſſen hatte. „Ja, beſte Ebba, unglücklicherweiſe bin ich es, und Derjenige, von dem Du träumteſt,“ ſagte Carl alt. „Aber wo bin ich denn und wie bin ich hierher gekommen?“ Der Rittmeiſter klärte ſie über das auf, was ſich zugetragen hatte; wie der Zufall und ſein Pferd ihn an Skogsborg vorbeigeführt; daß ein von dort kom⸗ mender Angſtruf ſeine Ohren erreicht, welcher ihn be⸗ wogen hätte, an einem der Bäume hinaufzuklettern und daß er auf dieſe Weiſe auf's Dach bis an's Fen⸗ ſter und von dort in das Zimmer gekommen ſey. „Und jetzt, Ebba, müſſen wir, falls Du ſtark ge⸗ nug biſt, nach Hauſe zurückkehren, wo man Deinet⸗ wegen in Angſt iſt,“ ſchloß der Rittmeiſter etwas kalt. Ebba aber ergriff erührt ſeine Hand und ſagte: „Dank, ewig Dunz dafür, daß Du mich einem entſetzlichen Tode und gräßlichen Martern entriſſen haſt, welche ich bereits vor Durſt und Verzweiflung ausgeſtanden.“ Ebba's Augen ſtanden voll Thränen. „Der Tag, Ebba, möchte trotzdem kommen, an welchem ich es bereuen werde, eine tolle Idee nicht ausgeführt zu haben, welche einen Augenblick in mei⸗ ner Seele entſtand, als ich mit Dir in der Marmor⸗ gruft eingeſchloſſen war.“ 4 127 „Und die war?“ fragte Ebba mit einem leichten Schauer, denn ſie litt an Hunger. „Zu bleiben und mit Dir zu ſterben.“ 3 Ebba's Wangen wurden purpurroth. Carl ergriff i Hand und fügte in ſeinem gewöhnlichen Tone hinzu: „Aber laſſen wir alle Grillen. Ich habe nur ein Pferd und muß deßhalb wie ein Frauenräuber aus alter Zeit Dich ſo raſch als möglich auf dem Sattelknopf führen, denn ich ſehe an Deinem leidenden Ausſehen, daß Du es nöthig haſt, zu frühſtücken.“ Im nächſten Augenblick galoppirte Leo mit ſeiner doppelten Laſt auf dem nächſten Wege nach Ljungſta⸗ hof. Nicht ein Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt. Ebba hielt das geraubte Crucifir treu in ihrer Hand und der Rittmeiſter hatte vollauf zu thun, ſein Pferd und ſeine aufgeregten Gefühle zu zügeln. Als ſie an einem breiten und brauſenden Strom, der die Land⸗ ſchaft theilte, anlangten, bemerkte Carl in einem kur⸗ zen, leidenſchaftlichen Tone: „Ebba, ich hätte Luſt, uns Beide mit ſammt dem Pferde in den brauſenden Waſſerfall zu ſtürzen, denn dann gehörteſt Du mir wenigſtens im Tode.“ Ebba wandte ſich heſtig gegen den Couſin. Ihr ganzes Geſicht trug das Gepräge ſtürmiſcher und bit⸗ terer Gefühle. Der Blick, den ſie auf ihn richtete, drückte Qual und Liebe aus. Ihre Bruſt bewegte ſich raſch, eine Purpurröthe verbreitete ſich über ihr ſchö⸗ nes Geſicht. „Sollteſt Du mit mir ſterben wollen, Ebba?“ Carls Stimme war faſt bittend. „Nein, das Leben iſt ja ſo ſchön und Gott ſo gut,“ antwortete Ebba. „Ja für Dich iſt das Leben ſchön, aber nicht für 5 mich, der den Glauben daran verloren hat. Jetzt eilte Leo wieder vorwärts auf dem Wege. Carl und Ebba ſchwiegen. Beide waren zu aufgeregt, um von ge⸗ wöhnlichen Dingen ſprechen zu können. Bei der Rückkehr nach Ljungſtahof wurde Ebba mit Jubel, Freude und Umarmungen empfangen. Nachdem man zur Ruhe und Beſinnung gekommen war, wurde nach Skogsborg geſchickt, um nachzufragen, wie es mit dem wahnſinnigen Diener ſtände, der deſ⸗ ſen Wächter geweſen. Er befand ſich in einem ſolchen Zuſtande der Raſerei, daß man gezwungen war, ihn nach dem Spital in der Stadt zu ſchicken. Einige Tage darauf bemerkte der Oberſt gegen Ebba, welche jetzt munter und blühend bei den Andern im Hofe ſaß: „Aber was zum Henker hatteſt Du auf Skogsborg zu thun und wie kamſt Du hinein?“ Ebba erröthete leicht, antwortete aber lächelnd: „Unſere Erbſünde, die Neugierde, verleitete mich, das geheimnißvolle Zimmer ſehen zu wollen, welches Onkel uns nicht gezeigt.“ „Und darum begabſt Du Dich ſo allein dorthin?“ „Ja wohl; der Eindruck, dachte ich, würde um ſo romantiſcher werden.“ „Aber wie kamſt Du hinein?“ „Ach, lieber Onkel, durch das Begehen einer Sünde,“ antwortete Ebba lächelnd. „Nun, laß hören; ich habe ſtarken Verdacht, daß ich es ſeyn werde, welcher die Abſolution dafür er⸗ theilen muß, und ich glaube ganz feſt, daß die meinige eben ſo gut wird, wie die der katholiſchen Schwarzröcke.“ denn die Furcht, betrogen zu werden, macht, daß Du 129 „Da Onkel meine Sünde vermuthet„ſo habe ich nicht nöthig, dieſelbe zu bekennen.“ Ebba hüpfte lächelnd hin zum Oberſt. „Durchaus nicht, bekenne Sie nur, daß Sie ge⸗ ſtohlen hat, Madame,“ antwortete der Oberſt und faßte ſie mit beiden Händen um den ſchlanken Leib. Beim Worte„geſtohlen“ wurde Ebba auffallend bleiſch ſie fuhr aber heiter lächelnd fort: „Nein, ich lieh nur.“ „Ein ſchönes Anlehen, wenn man heimlich die Schlüſſel aus meinem Zimmer herausſchmuggelt, aber ich muß Dir wohl verzeihen, da Du bereits Deine Strafe erlitten haſt.“ Der Baron kam jetzt und die Geſellſchaft zer⸗ ſtreute ſich. Der Rittmeiſter näherte ſich Ebba, da Mathilda von Marie, dem Lieutenant und dem Grafen begleitet die Allee hinunter promenirt war. „Das Wort„geſtohlen“, welches Papa gebrauchte, ſchien nicht ganz nach Deinem Geſchmack zu ſein. Ich e er kam irgend einer geheimen Wahrheit zu nahe.“ Das Geſicht des Rittmeiſters hatte wieder ſeinen gewöhnlichen höhniſchen Ausdruck angenommen. „Und darin irrſt Du Dich gar nicht,“ antwortete Ebba und blickte dem Couſin offen in's Geſicht. „Ich irre mich ſelten.“ „Im Gegentheil, Du irrſt Dich am öfteſten; Dich ſelber betrügſt.“ Ebba blickte Carl mild und herzlich an. „Dieſer Schluß iſt viel zu verwickelt; es bedarf eines ſcharfſinnigern Kopfes, als der meinige iſt, um denſelben zu begreifen.“ 3 Schwartz, Mathilda. 8 „Er iſt indeſſen ganz einfach und hat nicht nö⸗ thig, erklärt zu werden.“ „Entſchuldige mein ſchwaches Faſſungsvermögen, aber ich bin kein Freund von Worten und urtheile nur nach Handlungen. Beweiſe mir durch eine Hand⸗ lung, daß ich Unrecht habe, Deinem Geſchlecht zu miß⸗ trauen und ich werde Dir Recht geben.“ S „Du wirſt ſelbſt die Handlung beweifeli Cbba lächelte traurig. „Möglich. Doch, gebe Du mir einen Beweis der Wahrheit und ich werde Dir glauben.“ Welchen forderſt Du?“ Rur eine aufrichtige Antwort auf eine einfache Frage.“ „Das verſpreche ich.“ „Welches war der Zweck Deines nächtlichen Be⸗ ſuchs auf Scogsborg?“ Der Rittmeiſter beugte ſich zu Ebba herab und blickte ihr forſchend in die Augen. „Carl,“ ſagte Ebba, und beantwortete ſeine Frage mit einem freien, aber ernſten Geſichtsausdruck;„ich könnte Dir dieſelbe Antwort geben, die ich Onkel gab, aber ich habe Dir verſprochen, aufrichtig zu ſein, und darum antworte ich Dir: Ich hatte einen Auftrag zu ———— vollziehen, da mich aber ein Gelübde hindert, ſo kann ich weiter nichts ſagen.“ „Siehſt Du, Cbba, hinter jeder Handlung von h Peibern ſteckt immer Etwas, das ihr verbergen wollt.“ Carl verließ Ebba. Was unſere junge Wittwe dabei dachte, wiſſen wir nicht, aber ihre Augen folgten dem Fortgehenden mit einem eigenen traurigen Ausdruck. Sie ſchüttelte nachher den Kopf mit einer Bewegung, als wenn ſie „ ——————————— 131 alle unangenehmen Gedanken daraus verjagen wollte und ging hinunter in die Dienſtwohnung des In⸗ ſpektors. „Vergönnen Sie mir aus Gnade auf einige Augen⸗ blicke eine Unterredung unter vier Augen,“ bat der Graf mit unruhiger Stimme, als er neben Mathilda ging. „Aber, Herr Graf, wir werden ja von Marie und dem Lieutenant begleitet,“ antwortete Mathilda, ohne den Bittenden anzuſehen. „Und doch muß ich mit Ihnen ſprechen, ſelbſt wenn ich Fräulein Marie und Fries bitten ſoll, ſich zu entfernen,“ fuhr der Graf in beſtimmtem Tone fort. Mathilda blickte ihn an. Es war ein Blick, der ein wildes Thier hätte zahm machen können. In ver⸗ führeriſchem und mildem Tone ſagte ſie: „Eine ſolche Handlungsweiſe würde mich bloß⸗ ſtellen, und daß Graß Thorenhjelm zu ritterlich iſt, das zu thun, das weiß ich im Voraus.“ „Gewähren Sie mir meine Bitte und ſeyen Sie wieder jener Engel der Güte, der Sie oft geweſen.“ Der Graf blickte Mathilda flehend an. „Sie finden mich in einer Stunde im Pavillon.“ Mathilda wandte ſich jetzt an den Lieutenant, welchen ſie in den letzten Tagen mit ihrer beſonderen Aufmerkſamkeit beehrt hatte, ſeit er die Dreiſtigkeit ge⸗ habt, zu vehaupten, daß er nicht ihr Sklave werden wolle. Unſer Lieutenant, welcher trotz ſeines heiteren Temperaments zu viel von Adams Blut in ſeinen Adern hatte, fühlte ſich geſchmeichelt und in den Zauberkreis des ſchönen Weibes hineingezogen, und dachte deßhalb nicht daran, von Lungſtahof abzureiſen, um ihrer Herrſchaft zu entgehen. Mathilda, getrieben von jener Begierde, welche eiteln und herzloſen Frauen eigen iſt, von Jedem angebetet zu werden, war durch die Worte des jungen Mannes gereizt worden und hatte ihn zu ihrem Zeitvertreib aus⸗ erſehen, ohne ſich um etwas Anderes als um das Ver⸗ gnügen zu kümmern, welches ſie daran empfand, durch ihre Reize zu ſiegen, um nachher mit eiskaltem Spott und tödtlicher Kälte den Bethörten auf den Platz ſtel⸗ len zu können, den er vorher eingenommen. Dieſes grauſame Spiel mit den Gefühlen Anderer, während ihre eigenen kalt blieben, hatte Mathilda's ganzes Leben in Anſpruch genommen und viele Leiden gekoſtet, ohne daß ſie in ihrem gefühlloſen Egoismus die Qualen berechnet, die ſie verurſacht oder ihre Opfer eines Gedankens gewürdigt hätte, wenn ſie nicht mehr ihrer Eitelkeit ſchmeichelten. Eine Stunde darauf trat Mathilda mit einem Buch in der Hand in den Pavillon. Sie warf die Thüren auf, öffnete die Fenſter und ſetzte ſich auf einen Platz, wo ſie von allen Vorübergehenden geſehen wer⸗ den konnte. Einige Minuten darauf fand ſich der Graf ein. 5 „Nun, Herr Graf, was iſt es, das Sie mir ſagen wollen? Ich habe jetzt, auf die Gefahr hin, dem Schick⸗ lichen zu nahe zu treten, Ihren Wunſch erfüllt.“ „Ach, ich danke Ihnen, gnädige Frau, von gan⸗ zem Herzen.“ Das Aeußere des Grafen zeigte eine peinliche Unruhe, und da wir, ſchon bevor er die Lippen öffnete, das, was er ſagen will, errathen können, ſo übergehen wir die warme und herzliche Erklärung, in welcher er ſein Herz, ſeine Hand, ſeinen Namen und ſein ganzes Leben zu Mathilda's Füßen legte. Mit einem gedankenvollen und träumeriſchen Blick 4 . 133 lauſchte Mathilda ſeinen Worten, während ihr kalter und berechnender Geiſt über ſeinen Rang und Ver⸗ mögen nachdachte. Es war jetzt nicht bloß ein Anbeter, ſondern ein Freier, den ſie vor ſich hatte. Es war nicht mehr die Rede von einem Zeitvertreib, von einer Huldigung ihrer Gitelkeit, ſondern es wurde ihr eine glänzendere Stellung geboten, als die, welche ſie jetzt inne hatte; Machilda's Klugheit ſagte ihr deßhalb, daß ſie nicht mit ihrem Vortheil ſpielen dürfe, wenn ſie auch mit dem Anderer es zu thun pflegte. Ihre Antwort wurde deßhalb eine von denjenigen, welche: Ja bedeuten und durch hübſche Worte den Mangel an Liebe er⸗ ſetzen. Der verliebte und bethörte Graf hörte nur die Worte und vermißte deßhalb nicht den erwärmenden Geiſt in denſelben. War es aber nun aus Furcht vor Carl oder war es eine von jenen Launen, denen Weiber von Mathilda's Gemüthsart immer unterworfen ſind, und welche ſie oft ihr ganzes Lebensglück koſten— ſie wollte nicht, daß eine Verlobung ſtattfinde, und ver⸗ langte, daß Niemand eher etwas von ihrer beabſich⸗ tigten Verbindung erfahre, als bis ſie den Herbſt Bungſtahof verließe. Obgleich ungern, ſo fügte ſich der verliebte Graf doch in den Willen ſeiner Herrſcherin, während er ſich dem Glücke, geliebt zu ſeyn und der Hoffnung hingab, bald dieſes reizende Weib ſeine Gattin nennen zu dürfen. Als Mathilda ſich erhob, ſagte ſie mit einem anmuthigen Lächeln: „Hanning, erinnere Dich, daß unſere Verbindung bis zu dem Tage ein Geheimniß iſt, an welchem ich Dir Erlaubniß gebe, meinen Vater davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen;“ und damit reichte ſie dem glücklichen † 134 Liebhaber die Hand, welche er entzückt an ſeine Lip⸗ pen drückte. Tages im untern Salon verſammelt war, weil der Regen ſie zwang, im Zimmer zu bleiben, hielt ein leichter Reiſewagen vor der Treppe und Kapitän Stuart ließ ſich anmelden. Ebba, welche eben im Begriff war, ſich ein wenig mit dem Lieutenant und dem Rittmeiſter zu zanken, fuhr bei Nennung ſeines Namens unwillkürlich zu⸗ ſammen und ihr Geſicht bedeckte ſich mit einer dunkeln Röthe. Mathilda verlor ihre Sticknadel und bückte ſich, um dieſelbe aufzuheben. Marie blickte in dem⸗ ſelben Augenblick, wo der Kapitän eintrat, Ebba ängſt⸗ lich und forſchend an. Nach ſeinem Eintreten fiel ſein erſter Blick mit einem faſt fragenden Ausdruck auf Ebba. Er grüßte mit Gewandtheit und Anmuth den Oberſt, die Oberſtin und den Baron. Während er von Erſterem herzlich bewillkommt wurde und der Lieu⸗ tenant Mathilda half, ihre zerſtreuten Perlen aufzu⸗ leſen, wandte Carl ſich an Ebba: „Darf ich einmal Deine Wahrheitsliebe auf die Probe ſtellen?“ „Gern!“ „Aber beſinne Dich, bevor Du einwilligſt; es iſt wegen der großen Vielſeitigkeit der Wahrheit ſchwierig, dieſelbe zu beobachten.“ ch halte ſie im Gegentheil für ſehr einfach und 8es deßhalb für leicht, ſie zu befolgen. Aber heraus Eine Woche darauf, als die Geſellſchaft eines Röth 135 mit der Probe, Du ewiger Plagegeiſt,“ fügte ſie lä⸗ chelnd hinzu. „Sey auf Deiner Hut, Du könnteſt es bereuen.“ „Um ſo beſſer; die Reue iſt für mich etwas eues.“ „Warum errötheſt Du bei Kapitän Stuarts Na⸗ men, und warum wirkt ſeine Anweſenheit ſo aufregend auf Dich? Kennſt Du ihn?“ Ueber Ebba's Geſicht lagerte ſich ein Schneeduft von Bleichheit, als ſie, ſich gewaltſam bemühend ihr ungezwungenes Weſen beizubehalten, antwortete: „Ich fürchte, daß ich faſt mein Verſprechen be⸗ reue.“ „Das wußte ich.“ Der Rittmeiſter warf ſich mit einem verächtlichen Lächeln in den Schaukelſtuhl. „Warte einen Augenblick, ich ſagte faſt, und darum will ich Deine Fragen beantworten, aber die letzte zuerſt.“ „Nämlich damit, daß Du ihn nicht kennſt. Das wäre eine wirkliche Weiberantwort.“ „Erlaube mir, daß ich ſelbſt antworte.“ „Unendlich gern, um des Vergnügens willen, die verwickelte Antwort zu hören. Alſo.... „Ich kenne Kapitän Stuart.“ „Wirklich! Und weiter... „Nichts, mein Couſin.“ Ebba blickte Carl ernſt an. „Ebba, ich bitte Dich, beantworte auch meine erſte . rage. 9 Auf des Rittmeiſters Stirne brannte eine dunkle e. „Nein, Carl, ich will es jetzt nicht.“ 136 Ebba ſtand von ihrem Stuhle auf. Der Ritt⸗ meiſter hielt ſie zurück. „Wann ich in jener Nacht bei Scogsborg Dich gebeten hätte, dieſe Fragen zu beantworten, würdeſt Du Dich auch dann geweigert haben?“ Carls Augen ſprachen eine Sprache, welche Ebba's Herz unruhig klopfen machte. „Ich würde Dir dann geantwortet haben: Dieſer Mann erinnert mich an die bitterſten Leiden, welche ich in meinem Leben erfahren und darum verurſacht mir ſeine Anweſenheit ein ſchmerzliches Gefühl.“ „Du haſt ihn alſo geliebt?“ Aus Carls Augen ſchoß ein Blitz hervor. „Keine Frage mehr, denn die Vergangenheit ge⸗ hört nicht mir allein.“ „Du liebſt ihn vielleicht noch?“ „Aber, mein Gott, iſt denn Carl Dein Beichtvater geworden, liebe Ebba?“ tönte Mathilda's Stimme in ſpöttiſchem Tone hinter den Sprechenden. Sie hatte 16 ihnen unbemerkt genähert und Carls letzte Frage gehört. Ebba's Geſicht glühte und ſie heftete auf Mat⸗ hilda einen eigenen Blick, als ſie etwas bitter ant⸗ wortete: „Nur Derjenige, deſſen Gewiſſen nicht rein iſt, bedarf des Beichtens.“ Mathilda wechſelte die Farbe und Ebba ſtand auf, um ſich zu Marie zu ſetzen. „Das klang ja, als wenn Ebba etwas von Dei⸗ nem Sündenregiſter wüßte,“ ſagte Carl. „Jalls ich etwas Derartiges habe, ſo bezweifle ich, daß Ebba es kennt.“ Mathilda wollte von ihm fortgehen, aber Carl er⸗ griff ihre Hand, indem er lächelnd ſagte: 137 „Warte einen Augenblick, Mathilda, Du biſt ſo hübſch, daß es ein Vergnügen macht, Dich zu betrach⸗ ten. Setze Dich auf Cbba's Platz, denn ich ſehe, daß Stuart den Kurs hierher nimmt, um Dir ſeine Auf⸗ wartung zu machen, und gönne mir doch das Vergnü⸗ gen, Zeuge eurer Unterredung zu ſeyn.“ „Du willſt vielleicht mein Geſicht ausforſchen.“ „O nein, ich befaſſe mich niemals mit Unmög⸗ lichkeiten.“ Mathilda ſetzte ſich. „Erinnerſt Du Dich, daß ich Dir eine Ueber⸗ raſchung verſprach?“ fragte Mathilda. Sehr gut; ſie ſollte mir an meinem Geburtstag zu Theil werden.“ „Es hat ja nichts zu bedeuten, wenn ich Dir ſie jetzt ſtatt erſt dann bereite.“ „Es iſt immer ein Vortheil, wenn man es über⸗ hoben wird, auf etwas Böſes zu warten.“ Der Kapitän trat jetzt an Mathilda heran und tauſchte einige Höflichkeitsphraſen mit ihr und dem Rittmeiſter aus. „Herr Kapitän, Sie müſſen einen Streit ſchlich⸗ ten, den ich und mein Couſin eben mit einander hat⸗ ten,“ begann Mathilda auf ihre leichte und ange⸗ nehme Weiſe. „Und der betrifft?“ Der Kapitän ſetzte ſich. „Eheſcheidung.“— . Bei dieſen Worten flammten die Augen des Ka⸗ pitäns und jede Muskel in ſeinem Geſicht zitterte. Der Rittmeiſter dachte: „Was kann ſie jetzt im Sinne haben?“ Ich behaupte, daß unglückliche Mißhelligkeiten ein ſolche nothwendig machen können, und daß deßhalb —— 138 keines von beiden Eheleuten ein ſchlechter Menſch zu ſeyn braucht. Habe ich nicht Recht?“ „Vollkommen. Die Freiherrin kennt übrigens dieſes Thema beſſer als ich.“ Stuart blickte Mathilda mit einem entſetzlichen Ausdruck an. „Ja, leider! ich weiß es faſt eben ſo gut wie Sie; aber was meinen Sie, mein Couſin iſt ſo un⸗ höflich, mir geradeaus zu ſagen, daß er ſich nie mit einer geſchiedenen Frau verheirathen würde.“ „Auf welchen giftigen Biß ſinnt die Schlange, daß ſie ſich auf ein für ſie ſelbſt ſo ſchlüpfriges Thema hineinwagt,“ dachte der Rittmeiſter und folgte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit dem wechſelnden Ausdruck in Stuarts Geſicht. „Gnädige Frau, ich bin wirklich derſelben Mei⸗ nung, wie Ihr Herr Couſin, denn eine geſchiedene Frau gleicht der Brandung auf dem Meere, welche i daran mahnt, daß Andere dort Schiffbruch ge⸗ itten.“ „Hu! wie Sie die armen Geſchiedenen behandeln. Sie wollen alſo, wie mein Couſin, ſie zu einem ewi⸗ gen Wittwenſtand verurtheilen.“ „Ja, damit neuem Unglück vorgebeugt werde.“ Auf Mathilda's Lippen ſpielte ein boshaftes Lä⸗ cheln und ſie heftete ihre Augen auf den Rittmeiſter, indem ſie lächelnd ſagte: „Bedenken Kapitän Stuart, daß Sie auf dieſe Weiſe meine Couſine Ebba dazu verurtheilen, ewig Wittwe zu bleiben, da ſie von ihrem Manne geſchie⸗ den, wie Sie ja am beſten wiſſen.“ Mathilda hatte dem Rittmeiſter eine Ueberraſchung verſprochen und ſie hielt Wort; denn bei dieſer ihrer Aeußerung ſprang Carl auf.“ ——— 139 „Was iſt es, das Du ſagſt, Mathilda. Wie kannſt Du ſo ſcherzen?“ rief Carl heftig. „Ich ſcherze nicht; denn Ebba iſt von ihrem Manne geſchieden. Frage Kapitän Stuart, er wird nicht läugnen können, daß es ſich ſo verhält, obgleich man Alles gethan hat, um die Sache zu verbergen.“ Mathilda ſtand auf und entfernte ſich. Carls Geſicht zog ſich vor Schmerz krampfhaft zu⸗ ſammen. Stuart ſagte mit dumpfer Stimme: „Herr Rittmeiſter, die Freifrau hat ein Geheimniß verrathen, von welchem ich zu bitten wage, daß es nicht ebenſo unbedachtſam vor Andern erwähnt werde. Frau Brandis würde dadurch ganz unverdient in einem zweideutigen Lichte erſcheinen.“ „Frau Brandis iſt die Schweſtertochter meiner Mutter und ihre Ehre dürfte mich deßhalb näher an⸗ gehen, als Sie, mein Herr,“ antwortete der Rittmeiſter etwas ſtolz. Der Oberſt lud den Kapitän zu einer Partie Whiſt ein und Carl verließ den Salon. Es war Mathilda gelungen, ihm eine ſchmerzliche Ueberraſchnng zu be⸗ reiten, welche alle ſein Gefühle in Aufregung brachte. Ganz früh am folgenden Morgen wanderte Ebba hinunter in den Park und hielt etwas in der Hand, das in ein Taſchentuch eingehüllt war. Sie war nicht ri e Schritte gegangen, bevor ſie Kapitän Stuart er⸗ erblickte, welcher aufgeregt ausſehend, ihr entgegen kam. „Ebba, Sie ſind, wie immer, ein Engel von Güte,“ ſagte er auf engliſch, und ergriff ihre Hand, welche er gerührt an ſeine Lippen führte. Ebba war ungewöhnlich bleich und auf dem ſonſt ſo lebensfrohen Geſicht ruhte eine Wolke. Sie ſetzte ſich auf eine Moosbank und drückte ihre Hand gegen ihre keuchende Bruſt, indem ſie mit etwas unſicherer Stimme ebenfalls auf Engliſch ſagte: „Dein Glück, die Ehre Deiner verſtorbenen Mutter erheiſchten meinen Beiſtand und da konnteſt Du ja überzeugt ſein, daß die Vergangenheit für mich ſo war, als wäre ſie nie geweſen. Ich habe gethan, was ich konnte; hier iſt das verlangte Crucifix.“ Ebba holte das von Scogsborg weggenommene Kleinod her⸗ vor und reichte es Stuart. „Und jetzt, Tom, nachdem ich Deinen Wunſch er⸗ füllt habe, trennen wir uns hier, um vor Andern und auch vor mir ſelbſt ein paar einander unbekannte Per⸗ ſonen zu ſeyn.“ „O, ſpreche nicht ſo!“ Stuart hatte ſich an Ebba's Seite niedergelaſſen und ſchloß ihre kleine Hand in die ſeinige. „Glaubſt Du wohl, Ebba, daß die Zeit und die Abweſenheit Dein Bild aus meiner Seele hat ver⸗ wiſchen können. Glaubſt Du nicht, daß mein Gewiſ⸗ ſen mich fortwährend als den Urheber all Deiner Sorgen angeklagt hat? und ſollteſt Du wirklich glau⸗ ben, daß die unglückliche Leidenſchaft, welche mich aller Vernunft beraubte und ſo viele Leiden über Dich brachte, nicht die bitterſte Reue und die entſetzlichſten Qualen in mir hinterlaſſen hätte? Spreche, Ebbal o, ich beſchwöre Dich, ſage, daß Du fühlſt, daß ich Dich lieben muß, daß ich für Dich mein Leben und Blut opfern wollte, daß ich nicht. „Das wiedervereinigen kann, was getrennt worden iſt. Ja, das fühle ich, Tom.— Zwiſchen Dir und mir liegen Qualen und Leiden, weiche gar zu bitter waren, um noch einmal durchgekämpft zu werden. 141 Was kannſt Du, der Du mir alle meine Leiden ver⸗ urſacht haſt, mehr verlangen?“ „Gebe mir deine Liebe wieder, wenn du mich je⸗ mals geliebt haſt! flehte Stuart und führte Ebba's Hand an ſeine bebenden Lippen. „Verlange nicht das Unmögliche. Deine Worte enthalten eine Beleidigung.“ Ebba zog ihre Hand zurück. „Du haſt mich gewiß nie geliebt?“ Habe ich nicht?“ rief Ebba und ſtand raſch auf. Ihre Wangen brannten und ihre Augen nahmen einen ſeltſamen Glanz an, als ſie heftig ſeinen Arm faßte und mit klangvoller Stimme ſagte: „Habe ich Dich nicht geliebt? Beſinne Dich dar⸗ auf, welche Proben wahrer Zuneigung Du von mir erhalten haſt, und ſage dann: hat Jemand auf der Erde heißer geliebt?“ „O ſtille! ſtille! ich weiß es; aber jetzt?“ Jetzt— iſt alles vorbei; vollkommen zu Ende. Deine Freundin, Tom, werde ich immer bleiben, aber ſpreche nicht zu mir eine andere Sprache, als die der Freundſchaft.— Gehe jetzt, gehe, wenn Du einen Schatten von Achtung vor mir haſt.“ „Ein Wort, ein einziges Wort, Ebba.“ Jetzt nicht, gehe, ich bitte Dich, wenn Du nicht willſt, daß ich das, was ich für Dich gethan, be⸗ reuen ſoll.“ „Ich gehorche,“ ſtammelte Stuart und ent⸗ fernte ſich. Ebba fiel, das Geſicht in die Hände verborgen, auf die Moosbank zurück. Ein tiefer Seufzer, der ganz aus der Nähe kam, machte ſie ihren Kopf erheben. Gegen den nächſten Baum gelehnt ſtand der Rittmeiſter. Er war ſehr —— 142 bleich, aber auf der kalten Stirne lagerte eine unbe⸗ wegliche Strenge, als er in ſpottendem Tone ſagte: „Es war alſo für ihn, daß Du Scogsborg be⸗ ſuchteſt; für dieſen Mann, den Du einſt ſo hoch ge⸗ liebt, daß Du Deine chelichen Pflichten mit Fützen trateſt und die Treue brachſt, die Du geſchworen. Du wirſt zugeben, Ebba, daß Dein Leben gerade ein ſpre⸗ chender Beweis dafür iſt, daß die Tugenden des Wei⸗ bes von hohem Werthe ſind.“ Ich weiß nicht, mit welchem Rechte Du in mein vergangenes Leben einzudringen ſuchſt,“ antwortete Eoba mit Würde.—„Nur Gott allein bin ich Rechen⸗ ſchaft für meine Handlungen ſchuldig.“ „In dieſem Augenblick, Ebba, bereue ich, daß ich nicht mich und Dich in den Strom geſtürzt habe; ich würde dann nicht zu der ſchmerzlichen Gewißheit gekom⸗ men ſeyn, daß auch Dein Leben eine fortgeſetzte Kette von Betrügerei iſt.“ Damit ließ er ihre Hand los und eilte von dannen. „Verdammt... von Carl!“ ſeufzte Ebba und drückte beide Hände gegen ihr laut klopfendes Hetz. Der Tag verfloß auf die gewöhnliche Weiſe auf Ljungſtahof. Ebba erſchien wieder heiter und unge⸗ zwungen; der Rittmeiſter blieb ſich gleich. Immer hatte er, wenn es den Damen galt, irgend eine bittere Jronie in Bereitſchaft; er und Ebba vermieden es aber, wie nach einer ſchweigenden Uebereinkunft, irgend ein Wort mit einander zu wechſeln. Carl beſchäftigte ſich ununterbrochen mit Mathilda, und Stuart war ebenfalls immer an Mathilda's Seite. Mathilda's Vater, welcher ſonſt wenig geſellſchaftlich war, verweilte 143 faſt den ganzen Tag unter den Uebrigen. Um die Mittagszeit ſchlug der Baron vor, daß die Geſellſchaft eine Reittour nach Mäathilda's Gut Roſenberg mache, um die daran gemachten und zu machenden Repara⸗ turen in Augenſchein zu nehmen. Der Vorſchlag wurde mit allgemeinem Beifall angenommen. Die Obriſtin, der Baron und der kleine Eduard fuhren, die Uebrigen waren zu Pferd. Als die Damen zu Pferd ſtiegen, eilten der Graf und Kapitän Stuart auf Mathilda zu, um ihr Hülfe zu leiſten. Sie warf ihrerſeits einen verwunderten Blick auf den Lieutenant, welcher mit lächelnden Lip⸗ pen Ebba ſeine Hand bot, aber auch nicht eine Miene machte, ſich zu ihren Dienſten zu ſtellen. Dieß ver⸗ droß die hübſche Coquette, welche ſich bereits darauf vorbereitet hatte, den Lieutenant nicht des Glückes theilhaftig werden zu laſſen, ihr in den Sattel zu helfen. Der Graf, der verliebte Narr, mußte natürlich dieſe Niederlage ihrer Eitelkeit entgelten, welche in eine innere Raſerei ausartete, als ſie ſah, wie der Ritt⸗ meiſter mit ausgeſuchter Artigkeit der armen und nicht hübſchen Marie ſeine Hülfe anbot. Mathilda wollte wenigſtens das grauſame Vergnügen haben, Jemanden ihretwegen leiden zu ſehen und darum reichte ſie lächelnd dem Kapitän ihre kleine Hand, welcher, indem er ihr hinaufhalf, auf Engliſch zu ihr ſagte: „Mathilda, ich muß mit Ihnen ſprechen, ich will es, und Sie wiſſen, daß es nicht rathſam iſt, mit mir zu ſpielen. Sie haben es bereits gewagt, aber nehmen Sie ſich jetzt in Acht.“ „Ich werde verſuchen, Ihnen während des Ritts Gelegenheit dazu zu geben,“ antwortete Mathilda und hüpfte in den Sattel. Der Graf warf einen finſteren und mißvergnügten Blick auf den Kapitän und dann einen zweiten auf Mathilda, worauf er hinging, um das Pferd vom Be⸗ dienten, der es hielt, in Empfang zu nehmen. Mat⸗ hilda ahnte nicht, welch hohes Spiel ſie mit dem guten und ritterlichen Thorenhjelm ſpielte; ſie kannte nicht dieſen zu gleicher Zeit weichen und feſten Charakter, welcher von ihr all die Rückſicht verlangte, welche das Verſprechen, ſeine Gattin zu werden, ihr auferlegte. Der Lieutenant ſcherzte mit Ebba und der Ritt⸗ meiſter flüſterte Marie mit faſt flehender Stimme zu: „Laß mich Dein Cavalier werden, wir können ja doch nicht mehr als zwei und zwei auf dem ſchmalen Waldweg reiten.“ Marie blickte ihren Couſin etwas überraſcht an und antwortete lächelnd: Du biſt der Einzige, der ſich anbietet, das zu wer⸗ den, und darum darf ich es wohl annehmen.“ „Du thuſt es alſo aus Mangel an einem Beſſeren und nicht um meine Bitte zu erfüllen.“ Du haſt richtig gerathen.“ Marie nahm ſeine Hülfe an und ſetzte ſich auf den Rücken des Roſſes. „Wir eröffnen den Zug,“ bemerkte der Rittmeiſter, und ſpornte ſein Pferd an. Marie und er eilten die Allee hinunter. Nachdem ſie eine Weile geritten, fragte Carl ganz plötzlich: „Warum und wo wurde Ebba von ihrem Manne geſchieden?“ WMarie fuhr bei dieſer unerwarteten Frage auf dem Pferde in die Höhe und warf erſt auf die hinter ihr reitende Ebba und dann auf Carl einen ſcheuen Blick. „Sage mir um Gotteswillen, wie haſt Du dieſes Geheimniß entdeckt?“ ſagte Marie und ſah ängſt⸗ lich aus. 145⁵ „Marie, ich machte Dir eine Frage, ſey ſo gut und beantworte mir erſt die, dann werde ich Dir den⸗ ſelben Dienſt erweiſen.“ „Aber ich thue es nicht eher, als bis Du mir geantwortet haſt,“ antwortete Marie beſtimmt. „Um die Wahrheit umgehen zu können, iſt es nicht ſo?“ „Du weißſt ja, daß Deine Hiebe nicht mich tref⸗ fen, verſchwende deßhalb nicht Deine Satyre an Der⸗ lenigen, welche dagegen unempfindlich iſt.“ Carl ſchwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: „Nun gut, Mathilda hat mir geſagt, daß Ebba von ihrem Manne geſchieden und nicht Wittwe ſey, als welche ſie ſich ausgegeben hat.“ Hat Mathilda das geſagt?“ rief Marie und ſtarrte Carl an.„Hat ſie gewagt, das zu ſagen? ſie? O nein, Du ſcherzeſt, ſie hat nicht ſo.„ „Aufrichtig ſeyn können, meinſt Du. Doch, bei meiner Ehre, und ſie hat es auch noch in Gegenwart des früheren Liebhabers Ebba's geſagt.“ „Ebba's Liebhaber, was ſchwatzeſt Du?“ „Spiele nicht die Unwiſſende, liebe Marie; ſo ſchön und edelmüthig Du auch Deine Heiligenrolle en glaubſt, ſo taugt ſie doch nicht mir gegen⸗ über.“ „Hier iſt nicht die Rede davon, wie ich meine Rolle ſpielen ſoll, ſondern von Ebba; wer ſollte denn ihr Liebhaber geweſen ſeyn?“ Stuart. Du weißſt das ebenſo gut, ie ich.“ Mariens Augen wurden noch einmal ſo groß und ſie blickte Carl mit einer Miene an, als wenn ſie an ſeinem Verſtande gezweifelt hätte. „Nun, Marie, jetzt habe ich ein halbes Dutzend Schwartz, Mathilda. 10 von Deinen Fragen beantwortet und Du haſt noch keine einzige Antwort auf die meinige gegeben.“ „Warum wendeſt Du Dich nicht an Ebba ſelbſt?“ „Weil ſie mir nicht die Wahrheit ſagen würde.“ „Im Gegentheil, Ebba wird Dir wahr antwor⸗ ten, aber ich habe kein Recht, es zu thun. Uebrigens meine ich, daß der Anſtand es Dir anempfehlen müßte, ſo delikate Themate nicht zu berühren, beſonders da Ebba ja doch, wie wir Anderen, für Dich eine leben⸗ dige Lüge iſt, wie Du von Frauen zu ſagen pflegſt, und Dir folglich gleichgültig ſeyn muß.“ Marie betrachtete, während ſie ſprach, den Ritt⸗ meiſter genau. „Du vergißſt, daß Ebba und ich wegen der Tu⸗ genden der Frauen eine Wette gemacht oder einen Streit mit einander haben. Du wirſt deßhalb zugeben, daß ihre eigenen Fehltritte eine vortreffliche Waffe in meiner Hand gegen ſie abgeben. „Wenn Du denkſt, den Sieg durch die vermeint⸗ lichen Schwächen Ebba's davon zu tragen, dann wirſt Du nie das Ziel erreichen, denn ich fordere Dich hen aus, auch nur eine einzige in ihrem ganzen vergange⸗ nen Leben zu finden. Aber laß uns ein anderes Thema wählen, denn ich gedenke nicht weiter zu ant⸗ worten, falls Du Deine Fragen fortſetzeſt. Marie be⸗ trachtete den Waſſerfall und der Rittmeiſter ſchwieg. Mathilda und Stuart waren nur einige Schritte vom Rittmeiſter und Marie entfernt. „Sie haben ein hohes Spiel gewagt, Mathilda, daß Sie in meiner Gegenwart Ebba angegriffen und * 147 ein Geheimniß verriethen, welches Ihr eigenes Inte⸗ reſſe Ihnen zu berühren verboten haben ſollte. Oder glauben Sie noch denſelben Einfluß auf meine Sinne auszuüben, wie ehemals?“ ſagte Stuart auf Engliſch. „Ich glaube nichts, fürchte nichts und habe nur eine Wahrheit ausgeſprochen,“ antwortete Mathilda ſtolz. Und wenn ich Ihren Wunſch erfüllte, mir einige Worte unter vier Augen ſagen zu dürfen, geſchah es nicht aus Furcht vor Ihnen, ſondern aus Nengierde, zu erfahren, was Sie zu ſagen haben könnten.“ „Sie ſprechen nicht die Wahrheit, Mathilda, Sie fürchten mich wie Ihr böſes Gewiſſen. Aber hören Sie jett. was ich von Ihnen fordere.“ „Sie fordern, mein Herr? das fängt an lächer⸗ lich zu werden.“ Die Augen des Kapitäns funkelten, als er fort⸗ 6 fuh „Nehmen Sie ſich in Acht, Mathilda, ich würde Sie weich wie Wachs machen können.“ Verſuchen Sie es! Prohungen ſind ohnmächtige Woſten, welche nur ſchwache Seelen erſchrecken, aber ich zittere nicht vor leeren Worten.“ „Wirklich!“ Behalten Sie denn Ihre Ueberzeu⸗ gung, aber ich verſpreche Ihnen, daß Sie bald dieſelbe werden ändern müſſen. Jetzt wünſche ich nur, daß Sie ſich verpflichten, nie zu ſuchen, mit einem Worte Ebba zu ſchaden oder die Vergangenheit zu berühren, und Sie müſſen Ihrem Couſin, dem Rittmeiſter, Ebba ſo darſtellen, wie ſie iſt, rein und unbefleckt in ihrem ganzen Leben und in allen ihren Handlungen; denn Sie haben einen Schatten auf ſie geworfen. Lerſprechen Sie mir dieſes nicht, dann werde 2 „Zu erwähnen wiſſen, was für ein großer Narr Sie 143 ſelber geweſen; denn kein vernünftiger Menſch wird mir Ihre Thorheiten oder Ihre ſchlechte Handlungs⸗ weiſe zur Laſt legen.“ „Sie wollen mir alſo nicht das verlangte Ver⸗ ſprechen geben?“ „Nein, mein Herr, ich will es durchaus nicht.“ „Nun gut, dann geben ſie ſich ſelbſt Schuld für das, was ſich zutragen wird.“— „Mein Herr, laſſen Sie uns die Sache unter⸗ ſuchen und überblicken, was Sie von mir ſagen können.“ „Daß ich von meinem Mann geſchieden bin;— das weiß die ganze Welt.— Ferner, daß dieß Ihret⸗ wegen geſchehen iſt. Mein Gott, daran wird wohl Niemand glauben; weil ja Alle wiſſen, daß die Ge⸗ müthskrankheit meines Mannes daran Schuld gewe⸗ ſen.— Weiter können Sie nicht ſagen.— Sie beſitzen Nichts, was beweiſt, daß ich Sie geliebt habe; wie Sie auch ganz gut wiſſen, daß ich das niemals gethan.— Sie haben keine Gunſt von meiner Seite empfangen, deren Sie ſich rühmen könnten. Mit einem Wort, Sie haben nichts, womit Sie Ihre Worte bekräftigen oder auf meinen Ruf einen Flecken ſetzen könnten.“ „Ach, meine Gnädige, Sie leben in glücklichen Illuſionen; aber ſagen Sie: welches Intereſſe haben Sie daran, Ebba zu ſchaden, da ſie doch durch Ihre Schuld ſo viel gelitten hat?“ „Die Gründe, welche ich dazu habe, gedenke ich nicht Ihnen mitzutheilen.— Ebba ſteht mir im Wege, und ich ſuche ſie nur aus meiner Bahn zu entfernen.“ Mathilda drehte ſich jetzt auf dem Pferde um und rief dem Grafen. Dieſer aber entſchuldigte ſich und ritt nicht vor. „Sie erklären ſich alſo für Ebbas Freundin?“ Stuart betrachtete drohend die ſchöne Frau. „Ich erkläre mich durchaus nicht, ſondern werde nach meinem Eindrücken handeln.“ Mathilda ſetzte ihr Pferd in Galopp. Obgleich ſie den Reſt des eges ſo mit ihrem Pferde manövrirte, daß ſie Stuarts Geſellſchaft los werden möchte, ſo hielt ſich dieſer doch ganz treu an ihrer Seite. „Schöne Mathilda,“ ſagte er mit einem giftigen Lächeln,„Sie haben mich an Ihrer Seite feſtgekettet und ſuchen vergebens, mir zu entkommen. Ich ſehe wohl, daß Ihre Bewunderer wahnſinnig ſind: aber was wollen Sie, daß ich thun ſoll? Eine Freundin und eine Geliebte bewacht man immer treu.“ „Mein Herr, ich kann die Geduld verlieren, und dann rufe ich es laut aus, daß Sie einen faiſchen Namen tragen.“ „Meine Gnädige, ich glaube, daß auch Sie jetzt Ihrerſeits die ohnmächtigen Waffen der Drohungen gebrauchen.— Geben Sie Acht auf Ihr Geſicht, denn der Rittmeiſter betrachtet uns.“ Mathilda's Geſicht glühte bei dieſen letzten Wor⸗ ten, und ſie biß ſich mit unterdrücklem Zorn in die Lippen. Stuart lachte und begann mit großer Leb⸗ haftigkeit von der Schönheit der Gegend zu reden. Endlich war man auf Roſenberg angelangt. Der Baron hatte in dem neuen Pavillon einige Erfriſchungen ſerviren laſſen, welche man während einer kurzen Ruhe zu ſich nahm. Man plauderte, ſcherzte und bewunderte den neuen Pavillon. Nachdem die neuen Anlagen in Augenſchein ge⸗ nommen waren, brach man auf, um nach Ljungſtahof zurückzukehren. Auch auf dem Rückwege ritt der Capitän treu an 150 Mathilda's Seite, und auf der Stirne des Grafen ſammelte ſich eine drohende Wolke. Auch der Lieute⸗ nant ſchien verſtimmt über Stuarts Zudringlichkeit, und wie man argwöhnte, über den Vorzug, welchen Mathilda dieſem ſchenkte. Der Rittmeiſter war auf der Rücktour auf der andern Seite von Ebba geritten, und als der Weg im Walde ſchmal wurde, ſah der Lieutenant ſich ge⸗ zwungen, ſein Pferd anzuhalten, um Carl und Ebba vorbeireiten zu laſſen. „Weißt Du was, Ebba, ich habe heute eine Idee gehabt,“ begann Carl, als er den Lieutenant los ge⸗ worden war. „Und die iſt?“ „Mich zu verheirathen. Carl blickte Ebba an, welche unwillkürlich die Farbe wechſelte, aber lächelnd antwortete: „Die Idee klingt ganz verſtändig.“ „Durch die Größe des Unverſtandes und der Inconſequenz, welche ſie in ſich trägt, meinſt Du? Unter allen menſchtichen Thorheiten iſt doch wohl die, ſich zu verheirathen, die größte.“ „Hältſt Du das Heirathen für eine Thorheit, ſo unterlaſſe es, eine ſolche zu begehen.“ „Eben deßhalb reizt es mich. Ich beabſichtige verſuchsweiſe zu heirathen.“ „Aber das wird ein Verſuch, der durch das Le⸗ ben reicht und man bezahlt ihn gewöhnlich mit ſeinem Lebensglück.“ Ebba blickte gedankenvoll vor ſich hin. „Wie kannſt Du in einem ſo ernſten Tone ſpre⸗ chen, die Du doch aus Erfahrung weißt, daß das Band ebenſo leicht gelöſt wie geknüpft werden kann.“ „Carl, Du ſcherzeſt jetzt über ein Thema, welches 151 Du nicht berühren müßteſt, falls Du Herz und Ge⸗ fühl hätteſt.“ Eoba wurde bleich. „Höre mich an, Ebba: meinſt Du, daß ich Dein Leben gerettet habe?“ „Ja, und das werde ich niemals vergeſſen; aber ie Handlung giebt Dir kein Recht, mich zu ver⸗ etzen.“ „Aber doch ohne Verſtellung mit Dir zu ſprechen. Ihr Frauen nehmet es immer übel, wenn man Euch die Wahrheit ſagt; Ihr wollt, daß wir gegen Eure Fehler blind ſein und immer Engel in Euch ſehen ſollen, vor denen wir knieen und die wir anbeten müſſen.“ „Auch jetzt irrſt Du Dich.“ „Nein, Ebba, Du ſelbſt biſt ein Beweis dafür. Du biſt von Deinem Manne geſchieden und gibſt Dich für eine Wittwe aus. Du betrügſt die Welt, damit die Welt nicht die Urſache der Auflöſung Deiner Ehe vermuthen möge. Du glaubſt nicht, daß es Menſchen gibt, welche laut würden ausrufen können: Dieſes reizende Weib betrügt Euch, ſie iſt nicht Wittwe, ſie iſt eine geſchiedene Frau“ „Wer hat Dir geſagt, daß ich das bin?“ „Mathilda ſprach jene Wahrheit aus, weil ſie glaubte, Dir badurch ſchaden zu können.“ 6 Ebba's Augen drückten einen entſetzlichen Schmerz aus; der Rittmeiſter fuhr aber mit ſtrengem Ernſt in ſeiner Stimme fort: „Bedenke, Du biſt jung und einnehmend, Du wirſt als fleckenloſe Frau geliebt, während Du als geſchiedene es nicht ſo leicht werden würdeſt, und ein Mann ſich beſinnen würde, bevor er Dir ſeine Hand 152 böte, wenn er wüßte, daß Du Bande zerriſſen hätteſt, welche Dich vorher an einen Andern gebunden. Du erſchleichſt Dir auf dieſe Weiſe unter einer geborgten Maske Achtung und Liebe, welche es Dir ſonſt nicht leicht ſein würde zu erwerben.“ „Iſt das Wahrheit, Iſt das Tugend.?“ Ebba betrachtete ihn mit einem klaren, jedoch traurigen Blick. „Weißt Du denn ſo beſtimmt,“ ſagte ſie,„daß ich es bin, welche das Band zerriſſen, das mein Schickſal mit dem eines Anderen verknüpfte.“ „Du oder er, das hat nichts zu bedeuten; weil Dein Herz ihn täuſchte, weil Deine Liebe einem An⸗ dern angehörte, weil Du um dieſes Stuarts willen Deine heiligſten Pflichten verrietheſt.“ „Wenn Du ahnteſt, wie grauſam Du biſt, ſo würden Deine Worte Dich erſchrecken,“ flüſterte Ebba und wandt den Kopf weg. „Ebba! wenn ich grauſam bin, ſo kommt es da⸗ her, daß wenn ein Zweifler wie ich ein Weib hoch genug liebt, um mit ihr ſterben zu wollen, ſo muß er von wahnſinniger Leidenſchaft ergriffen ſein und dann auch rachfüchtig werden, wenn er die Entdeckung macht, daß ſie eine Lügnerin von ſchlimmſten Schlage, eine Ehebrecherin, und ſeiner Liebe unwürdig...“ „Halte einen Augenblick ein und wäge Deine Worte, Carl!“ Auf Ebbas Geſicht flammte eine dunkle Röthe. „Ich brauche nicht ſie zu wägen, ich will und muß Dir die Wahrheit ſagen. Mitten in meiner Ver⸗ achtung vor Deinem Geſchlecht, mitten in meinen Zweifeln an allem Guten und Edlen bei Euch Wei⸗ bern, ſtahl ſich Dein Bild in mein Herz. Ich ver⸗ mochte nicht den Glauben an Deinen wahren Werth 153 aus meiner Seele zu verbannen, obgleich ich mich innerlich dieſes Glaubens und dieſer Liebe als meiner unwürdigen Schwächen ſchämte. Nachher ſchwor ich Dir niemals zu ſagen: Ich liebe, und niemals Etwas zu thun, um von Dir geliebt zu werden. Daß ich Dir jetzt ſage, was ich gefühlt, kommt daher, daß ich, ſeit ich entdeckt, daß Du ein verbrecheriſches Weib, eine geſchiedene Frau biſt, auch ſagen kann: Die Ver⸗ achtung hat meine törichte Liebe getödtet. Ich beklage Dich und Dein Geſchlecht; denn bei Euch gibt es nur Trug, und ich wünſche mir ſelbſt Glück, den Fol⸗ gen dieſer betrübenden Schwächen entgangen zu ſein, und nicht noch einmal von meinen Gefühlen bethört zu werden.“ Während Ebba ihm zuhörte, ſchlug ihr Herz kaum. Ihr Geſicht war wieder bleich geworden, aber es ruhte eine erhabene Ruhe darüber, und ein tiefer und ernſter Schmerz, welcher den Kecken zu fragen ſchien, wie er es wagen konnte, ſie ſo anzureden. Sie ſah ihn mit einem Blicke an, welcher von jedem Aus⸗ druck des Aergers und verletzten Stolzes ſo frei war, daß derſelbe bewies, ſie ſtehe zu hoch, um von ſeinen Worten getroffen werden zu können. Ylit einer Stimme, aus welcher jede Gemüthsbewegung verbannt war, antwortete ſie: „Deine Worte haben zu gleicher Zeit meinem Herzen wohl gethan und mich tief geſchmerzt. Ich weiß, daß Du dieſelben eines Tages zurücknehmen wirſt, welche für mich ſo verletzend waren.“ „Daran zweifle ich. Die Gefühle meines Herzens leiten nicht zweimal Schiffbruch.“ „Es ſind auch nicht Deine Gefühle, die ich wie⸗ der für mich gewinnen will. Nein, es iſt nur Deine Achtung, und dieſe wirſt Du Dich für gezwungen er⸗ 154 achten, mir zu ſchenken. Die Liebe, die Du mir ge⸗ widmet, iſt ein Gefühl geweſen, deſſen Du Dich, als einer unwürdigen Schwäche, ſelbſt ſchonen zu müſſen glaubteſt, und ein ſolches Almoſen zu empfangen, bin ich nicht geſchaffen. Schenke dieſelbe an eine weniger anſpruchsvolle und Deiner möglichſt würdige Frau; denn eine Liebe, welche mir zu Theil wird, ohne daß ſie von wirklicher Achtung begleitet wird, würde mir nur als neue Beleidigung erſcheinen.“ „Und eine ſolche Beleidigung iſt Dir jetzt er⸗ part.“ Der Rittmeiſter beugte ſich neben das Pferd und ſtreichelte deſſen Hals. Es entſtand eine Pauſe. Nach einigen Augen⸗ blicken fuhr er in ſeinem gewöhnlichen ſcherzenden Tone fort: „Siehe mal den Capitän Stuart an, wie ſehr er ſich mit Mathilda zu ſchaffen macht. Nehme Dich in Acht, Du haſt in ihr eine gefährliche Rivalin, die es Dir ſchwer fallen wird zu bekämpfen, falls ſie Dir den Sieg ſtreitig machen will.“ Carl warf einen forſchenden Blick auf Ebba, und wurde durch den Ausdruck bitteren Schmerzes, der ſich bei dieſen Worten in ihrem Geſicht wiederſpiegelte, faſt erſchreckt; aber im nächſten Augenblick erregte derſelbe nur ſeinen Zorn, weil er ſich beſann, daß ſie mit Ruhe und kalter Stirne alle ſeine beleidigenden Angriffe angehört, dagegen aber bei der bloßen An⸗ ſpielung auf den Verluſt des lieben Stuarts einen heftigen Schmerz empfand. Der Menſch iſt in den meiſten Fällen grauſam, wenn er von Eiferſucht be⸗ herrſcht wird, denn er findet einen Genuß an den Qualen, welche er unter dem Einfluß derſelben bei Andern hervorruft. e⸗ [s n in e. ß ir d — — 155 „Willſt Du es, ſo holen wir ſie ein. Ich werde Stuart meinen Platz an Deiner Seite anbieten.“ „Nein Carl, ich verbitte mir das.“ Ebbas Stimme war unſicher und ihre Lippen zitterten. iehſt ihn recht ſehr.“ nn Carl ſich an den Lieutenant mit den Worten: 3 „Nun Frigs Du haſt Deine Dame verlaſſen.“ Er hieltſ ferd an, ſo daß der Lieutenant ſeinen Platz einkähm. Der Abend verbreitete ſein magiſches Dunkel über die im Salon verſammelte Geſellſchaft, welche dort nach den heiteren Mühen des Tages ausruhte. Mathilda, welche über die Beharrlichkeit des Grafen, ſich entfernt von ihr zu halten, etwas un⸗ ruhig war, näherte ſich ihm mit einem reizenden Lä⸗ cheln, als er allein an einem Fenſter ſtand. „Was ſoll ich von dieſer Kälte denken?“ ſagte ſie und warf ihm einen zärtlichen Blick zu. „Denke Mathilda, daß ich Dich zu hoch liebe, um gleichgültig zuſehen zu können, daß Du mich über der Huldigung eines Fremden vergaßeſt.“ „Ich glaube, Du biſt eiferſüchtig?“ Mathilda runzelte die Brauen. „Das würde mir ſehr mißfallen; denn das ſchließt einen Zweifel an meiner Zuneigung' in ſich.“ „Wenn auch nicht daran, ſo doch an meiner eige⸗ nen Fähigkeit wirkliche Liebe einflößen zu können.“ ſ6* Graf lehnte ſeinen Kopf gegen die Fenſter⸗ eibe. 156 „Ich leide zu ſehr, um Dich geduldig mit meinen Gefühlen ſpielen laſſen und Zeuge ſein zu können, daß Andere auf Koſten meines Glucks Etwas zu wagen hoffen. Schon dieſen Abend ſage ich Dei⸗ nem Vater, daß Du mir Deinezhand verſprochen.“ „Und unſere Uebereinkunft Mathildas Geſicht drückte 3 „Die muß gebrochen w wenn LuNich wirklich liebſt.“ „Aber wenn ich es nie „Mathilda!“ Die Stimme des Grafen klang faſt drohend. „Henning, liebſt Du mich?“ Mathilda war reizend ſchön und ihre Stimme voll Anmuth. „O! wie kannſt Du ſo fragen!“ Der Blick des Grafen hing vetzückt an der Zauberin. „Dann gehorchſt Du mir und läßt Alles bleiben wie es iſt, bis ich ſelbſt einen andern Entſchluß faſſe.“ In dieſem Augenblick fielen die Augen des Gra⸗ fen auf den Capitain, welcher ſie betrachtete; und als wenn der Anblick von dieſem Manne und die Erin⸗ nerung an ſeine Zudringlichkeit die Zaubermacht ver⸗ weht hätte, die Mathilda ausübte, ſagte er mit feſter Stimme: „Jetzt oder nie werde ich als derjenige auftreten, dem Du Deine Treue verſprochen.— Verweigerſt Du Nir ſo komme ich nicht mehr auf dieſes Thema zurück.“ „Dieſe Sprache, Henning?“ Mathilda blickte ihren Anbeter verwundert an. „Iſt die des Gefühls, Mathilda.— Man hat mich vor Dir gewarnt; aber ich hörte nicht darauf.— —— — — it u 8 1 Man hat mir Gefühl; aber ich Wenn Du aber wollen, mir zu ſi Du Deine Aufnt Fries und Stuart theilſt, und das mir echen zu vergeſſen ſcheinit dann wä genöthigtt glauben, daß Du nur eine gefühlloſ Coquette wäreſt und meine Ach⸗ tung vor Dir e vollſtändig verſchwinden. Aber noch ſtehſt Du ſo hoch in meiner Achtung, daß ich ſchrecklich dabei leide, die Glorie der Reinheit ſchwächer werden zu ſehen, womit meine Einbildung Dich geziert hat. Möchte ich niemals gezwungen werden, Dein Bild aus meiner Seele auszureißen!“ Das Weib iſt im Allgemeinen mit einem raſchen Blick begabt, welcher es befähigt weit ſicherer als der Mann ihre Strenge und ihre Stärke zu beurtheilen. enn dies vom Geſchlecht im Allgemeinen gilt, wie viel mehr mußte es ſich bei einem ſolchen Weibe wie Mathilda bewahrheiten, deren ganzes Leben darauf ausgegangen war, den Eindrücken, die ſie gemacht und die Macht, die ſie ausgeübt zu ſtudiren. Sie ſah da⸗ rum ſofort ein, daß Sie den Bogen viel zu hoch ge⸗ ſpannt, und daß noch ein einziger Druck ihr ihre gunze Gewalt über den Grafen rauben würde.— ier gab es alſo keinen andern Ausweg, als ſeinen unſch zu erfüllen. Mathilda erlaubte ihm deshalb am folgenden Tage ihren Vater von ihrer Verbindung in Kenntniß zu ſetzen. Nachdem ſie ſich vom Grafen getrennt, wandte Mathilda ſich an den Lieutenant, um etwas Zerſtreu⸗ ung für ihr Gemüth zu holen. „War der Lieutenant mit bei der Reitpartie“— fragte ſie. Weib iſt ohne 6 geglaubt.—— ſollteſt fortſetzen liebſt, während 158 „Ja, ich hatte die Ehre.“ „Wirklich aber ich ſah Sie ja gar nicht.“ „Wahrſcheinlich weil ich mich im Schatten hielt,“ antwortete der Lieutenaut lächelnd. „Ich rechnete dagegen darauf, Sie zu meinem Cavalier zu bekommen,“ „Ach meine Freiherrin! Sie Pren meine Furcht vor dem Glück; daſſelbe iſt immer krügeriſch; beſon⸗ ders, wenn ich weiß, daß es für mich ein Irrlicht iſt.“ „Sie wollten alſo nicht mein Cavalier werden?“ Mathildas Augen hefteten ſich auf den jungen Mann mit einem unwiderſtehlichen Ausdruck. „Hätte es nur auf meinen Willen beruht, dann Der Lieutenant hielt inne und war ganz wirr im Kopfe. „Dann?— fahren Sie fort, mein Herr.“ „Dann hätte ich alle Anderen weggejagt; aber ietzt—————2“ „Nun weiter.“ „Jetzt beruhte es auf Ihnen, gnädige Frau.“ „Was folgt daraus? „Das ſie jedenfalls Capitan Stuart das Glück ſchenkten. Wenn die Sonne nicht auf mich ſcheinen will, dann bin ich zu klug vergeblich ihren Strahlen nachzuſpringen.— Ich begnüge mich dann mit denen des Mondes. Am folgenden Tage war der Gaf als Mathildas Freier aufgetreten, und Mittags trank man auf ihr Wohl. Die Verlobung ſollte ein Geheimniß in der Familie bleiben, bis Roſenberg vollkommen in den 159 Stand geſetzt und die ſchöne Eigenthümerin im Herbſte dort eingezogen ſei. Nach der Mahlzeit näherte ſich der Rittmeiſter Mathilda: „Ich wünſche Dir Glück zu der Geſchicklichkeit, womit Du Deine Karten geſpielt,“ ſagte er; es hat Dir eine Grafenkrone ſowie ein unermeßliches Ver⸗ mögen eingebracht und wenn Thorenhjelm Glück mit ſich hat, Wohnung für ihn im Irrenhauſe auf Lebenszeit.“ Er entfernte ſich ohne eine Antwort abzuwarten. Abends ſaß man im Povillon. Der Lieutenant war nach der Stadt gereiſt: der Ingenieur und einer der Künſtler waren ebenfalls ausgefahren, ſo daß die Geſellſchaft nur aus dem Grafen und dem Capitain beſtand. Man ſprach von Italien. „Die Freiherrin hat ſich ja längere Zeit in Piſa aufgehalten?“ fragte der Capitain Stuart Mathilda. Sie antwortete bejahend; erröthete aber leicht abei. „Vor einem Jahre,“ fuhr er fort,„reiſte ich durch jenen Theil von Italien und kehrte auf dem Wege zwiſchen Piſa und Piambino in einem hübſchen Landhauſe ein. Es wohnten dort ein Schwede und eine Schwedin.“ Stuart machte eine Pauſe und betrachtete Ma⸗ thilda mit ſeinen dunkeln Augen. „Vermuthlich ein Chepaar,“ fiel der Baron ein. „Nein, Herr Baron.— Die ſchwediſche Frau war mit einem Toskaner verheirathet und ihr Landsmann, ein, wie es ſchien, wohlhabender Edelmann, hatte, durch einen Einfall geleitet, ſich dort niedergelaſſen.“ Maria wurde bleich und der Rittmeiſter ſah den Capitain forſchend an, welcher mit einem eigenen un⸗ 160 heilverkündendem Lächeln ſeine Augen auf Mathilda heftete, indem er fortfuhr: „Der Toskaner erzählte mir die Veranlaſſung zu ſeiner Heirath mit ſeiner ſchwediſchen Frau; eine recht merkwürdige Geſchichte.“ Wieder eine Pauſe. „Nun, bekommen wir ihre Geſchichte zu hören?“ fragte die Obriſtin. „Gern.“ „Wollen wir nicht erſt eine Promenade machen?“ unterbrach ſie Mathilda!„der Abend iſt ſo ſchön; oder wie meinſt Du, Papa,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich an ihren Vater wandte. „Nein, mein Kind, ich bleibe lieber wo ich bin und höre die Geſchichte von Capitain Stuart; aber Ihr Jungen könnet gehen.“ „Wenn Papa hier bleibt, dann thue ich es Mathilda wechſelte einen unruhigen Blick mit Marie, der dem Rittmeiſter nicht entging.— Ebba ſaß ſchweigend und ungewöhnlich gedankenvoll an dem offenen Pavillonfenſter. „Meine Frau hatte eine Hammerjungfer, welche ſich während ihres Aufenthalts in Italien verheira⸗ thete; vielleicht iſt es dieſelbe Perſon,“ fuhr der Baron fort. „Das iſt nicht wahrſcheinlich,“ antwortete Stuart und blickte Mathilda an, welcher bei dieſen Worten leichter athmete: dann fuhr er aber, als wenn er ihre au peinliche Angſt in Minuten eintheilen wollte, langſam rt: „Obgleich ſie wirklich bei einer Freiherrin Renner gedient und dieſelbe begleitet haben ſoll.“ „Dann war es die Kammerjungfer meiner Frau; 161 denn ſoweit ich weiß hat ſonſt Niemand von meiner Familie ſich längere Zeit im Auslande aufgehalten.“ „Ich verſichere Sie, Herr Baron, daß es nicht die Freiherrin hat ſein können.“ „Und warum nicht?“ „Die Umſtände bei der Heirath dieſer Kammer⸗ jungfer ſind von der Art, daß ſie nicht gut auf die Freiherrin und ihre Töchter paſſen; denn ſie bergen einen Leichtſinn, welcher in aller Stille in der edien Familie begangen wurde.“ Der Capitain lachte. „Es wäre indeſſen recht intereſſant jene Geſchichte zu hören,“ bemerkte der Baron etwas bleich. „Aber, mein Herr Baron, ich halte es nunmehr nicht für paſſend.“ Marie ſah Stuart flehend an, aber er that, als wenn er es nicht merkte. „Aber jetzt, mein Herr, muß ich Sie im vollen Ernſt darum erſuchen, daß ich Ihre Geſchichte zu hören bekomme, damit ich und meine Angehörigen Sie überzeugen können, daß meine Frau und meine Töchter nichts mit der Sache zu thun haben.“ Der Baron ſah Stuart mit einem feſten Blicke an. „Der ſchwediſche Edelmann, welcher bei dem Ehe⸗ paar wohnte, trägt denſelben Namen wie der Obriſt,“ fuhr Stuart fort, als wollte er es überhoben werden, die Geſchichten mit der Kammerjungfer zu erwähnen. „Vermuthlich mein älteſter Sohn,“ antwortete der Oberſt traurig,„er hält ſich wegen einer Gemüths⸗ krankheit meiſtens in der Nähe von Piſa auf.“ „Das wäre merkwürdig.“ Stuart ſchwieg. Dann ſtand er auf und ſagte: „Erlauben Sie, daß wir unſere Bekannten in Piſa verlaſſen?“ Schwartz, Mathilda. 11 162 „Aber Sie ſagen uns kein Wort von meinem Sohn!“ rief die Obriſtin und näherte ſich dem Capitain. „Wie ſteht es mit ihm? Ach mein Herr, ſagen Sie uns ein Wort von ihm.“ „Er iſt ſchweigſam, verſchloſſen und traurig;— aber ſonſt an Seele und Körper vollkommen geſund. — Er machte mit mir eine Reiſe von Piſa durch Tyrol und Oeſterreich; aber in Wien trennten wir uns. Er beabſichtigt den Herbſt nach Schweden zu kommen; aber von hieſigen Familienverhältniſſen ſprach er nicht.— Hat die Herrſchaft kürzlich Briefe von ihm erhalten?“ „Er ſchreibt ſehr ſelten, und wir haben ſomit lange nichts von ihm gehört.— Er kommt alſo nach Schweden zurück?“ „Ja, ganz ſicher.“ „Nun, laſſen Sie uns jetzt die Geſchichte der Kammerjungfer hören,“ ſagte der Baron. „Aber—————— „Kein Aber, mein Herr; erweiſen Sie mir die Güte, meine Bitte zu erfüllen.“ „Die Schickſale einer Kammerjungfer können nicht von großem Intereſſe ſein, und es würde gewiß Ca⸗ pitain Stuart läſtig werden, dieſelben mitzutheilen,“ fiel Mathilda etwas eifrig ein. „Sei ſo gut meine Tochter, und miſche Dich nicht in die Sache!“ ſagte der Baron etwas ſchanf. „Ich werde Ihrem Wunſche nachkommen. Als ich einmal meinen italieniſchen Wirth fragte, wie er mit einer Schwedin verheirathet worden und ein ſo ibſches Eigenthum bekommen, erzählte er, daß ſeine Frau einen Freiherrn Renner von Schweden begleitet, welcher ein Paar Töchter gehabt, und daß er während 163 ihres Aufenthalts in Neapel, als er bei einem Couſin der Fräulein Renner gedient, ſich in Carolina verliebt habe. Da aber weder er, noch ſeine Geliebte Ver⸗ mögen gehabt, ſo hatter ſie gerade keine Hoffnungen für die Zukunft. Die Freiherrin reiſte von Neapel nach Rom. Eines Tages kurz nach ihrer Ankunft in Rom hatte die Freiherrin zu Caroline geſagt: „Ich gebe Dir ein kleines Gut, das groß genug iſt, um davon zu leben, ſowie eine jährliche Penſion als Mitgift, ſo daß Du Dich mit Loretto(dem Be⸗ ienten des Grafen) verheirathen kannſt, wenn Du Dich verpflichteſt folgende Bedingungen zu erfüllen: „Du nimmſt, wenn Du verheirathet biſt, ein junges Fräuenzimmer in Dein Haus auf, ohne gegen Jemanden deſſen Namen zu erwähnen, und das Kind, welches unter Deinem Dach das Licht erblicken wird, ollſt Du wie Dein eigenes pflegen, und für daſſelbe ein gutes Koſtgeld echalten. Außerdem mußt Du ich aber anheiſchig machen, nie nach Schweden zu⸗ rückzukehren.“ Caroline ging auf den Vorſchlag ein, und ein kleiner Knabe kam in ihrem Hauſe zur Welt. Von den zwei Frauenzimmern, welche dort ange⸗ kommen waren, reiſte das eine nach drei Monaten ab, aber das andere blieb noch einige Zeit, worauf eines ages ſowohl ſie wie der kleine Knabe verſchwanden. as Einzige, was ſie zurückließen war ein Brief wel⸗ chen Carolinens Mann ſorgfältig aufhob. Als ſie jetzt erfuhr, daß ich nach Schweden zu gehen beabſichtigte, flehte Caroline mich an, daß ich ihr Aufklärungen über das Schickſal des Kindes verſchaffen möchte, und übergab mir zu dem Zwecke das zurückgelaſſene Schreiben. Der Herr Baron werden alſo finden, daß —— 164 „Daß Sie mich in der That verbinden würden, wenn ich den Brief ſehen dürfte, der mir eine Anlei⸗ tung geben kann, das verſchwundene Kind ausfindig zu machen. Haben Sie den Brief geleſen?“ „Ja,— er iſt geſchrieben von————“ Ebba ſtand auf und ſtieß dabei einen kleinen Tiſch um; der Lärm lenkte aller Augen mit Ausnahme von Stuart auf ſie; derſelbe ſchien es gefliſſentlich zu ver⸗ meiden, ſie anzublicken, und fügte, ohne ſich unter⸗ brechen zu laſſen, hinzu;„von einer Dame Namens „Man muß bei einer ſolchen Erzählung keine Namen nennen,“ unterbrach ihn Marie mit glühenden Wangen. „Ach mein Fräulein, den Fehler habe ich leider bereits begangen, darum———“ „Iſt es Zeit, denſelben jetzt zu corrigiren,“ fiel Ebba mit Betonung ein. „Es iſt noch weniger ſchicklich immer den Bericht⸗ erſtatter unaufhörlich zu unterbrechen,“ bemerkte der Baron, welcher ſehr bleich geworden war;„denn man würde glauben können, daß die Sache Euch ſehr nahe anginge, da Ihr ſo lebhaſten Antheil daran nehmet,“ fügte er mit ſtrengen Blicken auf Ebba und Marie hinzu. „Ich bin es überhoben den Namen zu nennen, wenn ich Ihnen ſelbſt den Brief übergebe, ſagte Stuart mit einem eigenen Lächeln, indem er einen Brief aus der Bruſttaſche herausnahm.„Meine Ab⸗ ſicht war es immer mich an Sie zu wenden, Herr Baron, um irgend eine Andeutung bei dem Suchen nach dem Kinde zu erhalten, weil die Freiherrin Leo⸗ nore von Renner Ihnen nothwendig bekannt ſein muß. Dieſe Worte wurden mit lauter und klangvoller 165 Stimme ausgeſprochen. Sie wirkten auch wie ein electriſcher Schlag auf alle Anweſenden. „Seien Sie ſo gut und geben Sie mir den Brief, denn wenn derſelbe von Leonore Renner unterzeichnet iſt, ſo iſt er auch von meiner Frau geſchrieben,“ ſagte der Baron und ſtreckte die Hand aus, um denſelben zu nehmen; aber in demſelben Augenblick ſprang Marie vor und packte den Brief. „Mein Herr,“ ſagte ſie mit Eifer,„Sie haben das, was Ihnen der Zufall in die Hände geſpielt miß⸗ braucht, Sie haben kein Recht dieſen Brief auszuliefern!“ „Aber ich habe ein Recht ihn zu leſen,“ fiel der Baron in befehlendem Tone ein, und entriß Marien den Brief. Er betrachtete dann ſeine Tochter mit Strenge und fügte hinzu: „Du fürchteſt alſo, daß der Inhalt dieſes Briefes mir bekannt werden möchte, Du weißt vielleicht, daß er den Stempel der Schande auf meinen Namen drücken werde.“ Er machte den Brief langſam auf und reichte ihn Marie. „Du haſt mir die Wahrheit entziehen wollen,“ ſagte er in ſtrengem Tone;„nun gut, Deine Strafe ſoll ſein, daß Du dieſes Schreiben vor Allen Anwe⸗ ſenden laut vorlieſt.“ „Mein Vater, um Gottes Willen!“ rief Mathilda; ſtürzte hervor und ergriff angſtvoll die Hand des arons; er aber ſtieß ſie von ſich und ſagte: „Nehme Dich in Acht meine Tochter, Dich nicht in dieſe Sache einzumiſchen; denn es handelt ſich jetzt um meine Ehre, und derjenigen von Euch, welche es gewagt hat den geringſten Flecken darauf zu ſetzen, werde ich nie verzeihen und nicht mehr als mein 166 Kind anerkennen. Mein Fräulein ich erwarte, daß mir gehorcht werde. Leſe!“ Mein Vater, ſei barmherzig,“ ſchluchzte Marie. „Ich bin nicht mehr Vater, ich bin nur ein Richter über diejenige, welche ſich unwürdig gemacht hat meinen Namen zu tragen.— Leſe!— Hören Sie nicht, daß ich befehle?“ fügte der Baron mit entſetz⸗ licher Kälte hinzu. Marie ſtrich mit der Hand über die Stirne. wo⸗ rauf ſie mit unſicherer Stimme Folgendes las: Piſa, den 8. Mai 1845. Mein geliebtes Kind! „Ich fühle, daß meine Stunden gezählt ſind, und wünſche bevor ich ſterbe, Dir mein letztes Lebewohl zu ſagen und meinen Segen zu ſchenken. Der Kum⸗ mer über das, was vorgekommen iſt und die Schande, welche Dein ſtrenger Vater nach der Geburt dieſes Kindes an ſeinem Namen zu haſten mit Recht glau⸗ ben wird, hat meinen Weggang beſchleunigt. Du weißt, wie hoch ich Deinen Vater liebe, daß ich mein Leben für ſein Glück hingeben möchte, und daß ich darum Gott danke, der mich fortgehen läßt und mich davon befreit, Zeuge ſeines Kummers zu ſein. Ich kann nicht in mein Grab hinabſteigen und den Ge⸗ danken mit mir nehmen, daß er früher oder ſpäter von dem bitteren Schmerz werde getroffen werden, ſich von einem der Kinder, von welchen er Freude und Dankbarkeit erwartet, für entehrt zu halten. Ich kenne ſein gutes Herz, und weiß, daß ein ſolcher Schlag ihn härter treffen würde, als alles Andere. Verſpreche mir deshalb, falls es Dir nicht gelingt zu mir zu kommen, bevor Gott mich von hier wegruft, niemals, ſo lange Dein Vater lebt, das traurige Geheimniß zu 167 verrathen. Bringe den Knaben, wenn ich todt bin, unbemerkt und ohne daß ſeine Pflegerin etwas davon erfährt, zum Oberſten, dem Manne Deiner Tante und bitte ihn, den Jungen in ſein Haus aufzu⸗ nehmen; aber ſelbſt gegen ihn darfſt Du die Her⸗ kunft des Kindes nicht erwähnen. Erſt wenn Dein Vater todt iſt, darf Alles bekannt werden. „Komm bald, denn mein Herz bricht unter der ſchmerzlichen Angſt zuſammen, daß ich meinen Beruf als Mutter, Stiefmutter nicht richtig begriffen, ſondern die Pflichten der letzteren zu ſehr vernachläſſigt und mit viel zu großer Schwäche und Nachſicht mein eigenes Kind behandelt habe, welches durch ſein Betragen an all dem Unheil, das paſſirt iſt, Schuld trägt. Deine ſterbende Mutter Leonore Renner.“ Nachdem Marie mit dem Leſen des Briefes zu Ende gekommen herrrſchte eine Grabesſtille im Salon. Mathildas Augen hingen voll Angſt am Geſichte des Vaters. Marie hatte ihren Kopf niedergebeugt und die Augen des Barons waren mit einem unbeweg⸗ lichen Ausdruck auf ſie gerichtet. Der Rittmeiſter ſchien mit geſpannter Erwartung auf die erſten Worte zu warten, welche ausgeſprochen werden würden. Ebba war aufgeſtanden und ſtand mehr einer Bildſäule als einem lebenden Weſen gleich neben Stuart; ſie ſchien auch mit Seelenangſt auf das zu warten, was jetzt folgen würde. Endlich arbeitete ſich ein tiefer Seufzer aus der Bruſt des Barons hervor und er fragte in einem ſcharfen, faſt ſchneidendem Tone: „Von wem handelt dieſer Brief?“ 168 Ein Schauer ſchüttelte Mathilda. Marie ant⸗ wortete mit bebender Stimme: „Von mir.“ Der Baron legte ſeine Hand auf Mariens Schul⸗ tern und rief mit bebender Stimme: „Auf Deine Kniee, Ehrvergeſſene, geſtehe Deine Schande und flehe alle hier Anweſenden um Verzeihung an, daß Du es gewagt unter ihnen außzutreten, ob⸗ gleich Du Dich Ihrer Achtung unwürdig gemacht haſt, und fliehe dann aus meinen Augen; denn Du biſt nicht mehr meine Tochter, da Du das Recht meinen Namen zu tragen verwirkt haſt; ich———“ Halt!“ rief Ebba,„Marie iſt völlig unſchuldig; ich bin die Schuldige, denn ich bin die Mutter des Kindes.“ Ebba ſprach dieſe Worte mit einer gewaltſamen Anſtrengung und blickte in demſelben Augenblick auf zu dem Rittmeiſter, welcher ein Paar Schritte zurück⸗ getreten war und einen Blick auf ſie warf, in welchem Verwunderung, ja faſt Beſtürzung zu leſen war. Ebba führte die Hand über die Stirne und dachte mit verzweifelter Befriedigung: Jetzt habe ich meine Schuld an Dich bezahlt, mein guter Pflegevater.“ Dann ergriff ſie Mariens Hand. „Stehe auf, Marie,“ ſagte ſie,„Dein Platz iſt nicht auf den Knieen; Du biſt eine würdige Tochter, treue Freundin, und Du haſt in dieſer Beziehung mehr als Deine Pflicht gethan.“ Ebba druckte krampfhaft Mariens Hand und warf Stuart, der ihr einen Schritt näher getreten war, einen faſt befehlenden Blick zu; bei dieſem Blick blieb er ſtehen. Der Baron ergriff beide Hände Ebbas und ſagte mit dumpfer Stimme: 169 „Du, die Tochter meiner geliebten und unglück⸗ lichen Schweſter, ein verbrecheriſches Weib?“ „Dieſer peinliche Auſtritt hat viel zu lange ge⸗ dauert,“ ertönte die Stimme des Oberſten mit kaltem und ernſten Stolz. Da nicht mehr von Deinen Töch⸗ tern die Rede iſt, mein Bruder, ſo erlaubſt Du, daß ich Frau Brandis auf ihre Zimmer begleite, um ihr zu geben ſich für ihre Abreiſe bereit zu machen.“ Bei dieſen ſo bitter beleidigenden Worten des Oberſten erhob Ebba mit einer edlen Bewegung ihren Kopf und warf Carl einen ſo vollkommen reinen Blick zu, daß man darin deutlich ein ſchuldfreies Herz leſen konnte. Der Oberſt reichte ihr jeine Hand mit einem ſtrengen Blick; aber in demſelben Augenblick ſtand der Rittmeiſter an Ebbas Seite und bot ihr ſeinen Arm mit folgenden Worten; „Meine Couſine, gönne mir die Ehre, Dich be⸗ gleiten, und bevor Du dieſes Zimmer verläßt, erklä⸗ ren zu dürfen, daß Du das edelſte Weib biſt, das ich gekannt.“ Er ergriff darauf Ebbas Hand, welche er ehr⸗ furchtsvoll an ſeine Lippen führte. „Mein Sohn!“ tönte die Stimme des Oberſten in einem höchſt mißbilligenden Tone, „Carl!“ rief die Obriſtin vorwurfsvoll. ſch Carl aber erhob ſich ſtolz und blickte ernſt um ich. „Hier in dieſem Zimmer,“ ſagte er,„giebt es ein ſchuldiges Weib, aber es iſt nicht Frau Brandis Ich würde ebenſo feig und elend wie jenes Weib ſein, wenn ich es zugäbe, daß meine Couſine Ebba das Zimmer verließe, ohne daß ich erklärte, daß ſie aus Edelmuth eine Unwahrheit geſprochen; denn ich weiß, 17⁰ daß ſie nicht die Mutter des fraglichen Kindes iſt. Möge diejenige, welche ſich ſchuldig fühlt, hervortreten und nicht ihre Rechtfertigung auf Koſten der Ehre einer Schuldloſen erkaufen.“ „Carl, bedenke, was Du thuſt,“ rief Ebba und ergriff ſeinen Arm. „Ebba,“ antwortete der Rittmeiſter, derjenige, welcher den Muth beſitzt ſich ſelbſt aufzuopfern, um ſeinem Pflegevater einen bitteren Kummer zu erſparen, der muß ein ebenſo tugendhaftes wie großes Herz be⸗ ſitzen. Laß uns jetzt den Salon verlaſſen.“ Er bot ihr ſeinen Arm, aber der Baron hielt ihn zurück. „Nicht von der Stelle, mein Schweſterſohn,“ ſagte er kalt und beſtimmt,„bevor Du Dich erklärt haſt. Deine Worte haben die Anklage auf meine Töchter zurückgeſchleudert, und ich fordere Dich auf als Edelmann zu ſagen, welche von beiden die Schuldige iſt?“ „Der Vater des Kindes iſt Max Eldner und es wurde drei Monate nach ſeiner Heirath mit Mathilda Renner geboren. Mathildas ſtolze und ſchwache Mutter wollte noch im Tode der Tochter die Achtung des Vaters erhalten. Siehe da die einfache Wahrheit, mein Onkel,“ antwortete der Rittmeiſter ruhig. „Rathildai“ rief der ſtolze Vater und verbarg ni herzzerreißenden Seufzer das Geſicht in den änden Mathilda war, ein Bild der Scham und des Schnees. weinend zu den Füßen des Barons nie⸗ dergeſunken. Sie ſchien in dieſem Augenblick Alles und Alle zu vergeſſen und nur den Schmerz ihres alten Vaters zu ſehen,— dieſes Vaters, welcher in Mathildas ſonſt wenig gefühlvollem Herzen einen ſo großen Raum einnahm, der Einzige, den ſie zu lieben und zu fürchten gewohnt war. 171 Endlich erhob er ſein ſchneeweißes Haupt, warf einen Blick voll Schmerz und Strenge auf Mathilda und ſprach dann langſam: „Es giebt Fehler, Mathilda, die entſchuldigt wer⸗ den können, wenn Sie von Menſchen ohne Erziehung und Sittlichkeitsbegriffen, ohne Religion und ohne Geburt begangen werden; aber wenn ſolche Fehler den⸗ jenigen zur Laſt gelegt werden, welche jene Vorzüge beſitzen, dann können ſie nicht verziehen werden. Du haſt ein ſolches, Deine Eyre befleckendes Verſehen be⸗ gangen; Du haſt die Achtung vor Dir ſelber und vor dem Namen Deines Vaters vergeſſen. Du haſt ſpä⸗ ter im vollen Bewußtſein Deiner Schuld dieſelbe auf eine Weiſe zu verbergen geſucht, durch welche Du Deine Pflichten als Mutter mit Füßen getreten, und in einem beſtändigen Freudenrauſch fortgelebt, ohne zu bedenken, daß Du, um Dich meinem und der Welt Tadel zu entziehen, Dein Kind um Namen und Vaterhaus beſtohlen haſt. Du haſt Dich gegen Gewiſſen und Pflicht vergangen. Aber genug damit: Deine Lippen blieben ſelbſt dann ſtumm, als Deine Couſine aus Edelmuth mich damit verſchonen wollte, Dich, den Liebling meines Herzens, von dem Platze den Du da⸗ rin einnahmſt, heruntergezogen zu ſehen. Du ſchwiegſt und ließeſt ſie ohne Barmherzigkeit ſchimpflich aus dieſem Zimmer ausweiſen, ohne daß Du erklärteſt: Ich bin die Schuldige. Es fehlt Dir alſo an allem Ehrgefühl und in Deiner Bruſt klopft nicht ein Herz, welches auch nur fühlt, wie niedrig es iſt, ſich dadurch von der Schande loszukaufen, daß man Andere ent⸗ ehrt. Einer ſolchen Perſon verſchließe ich meine Thüre, für ein ſolches Weib habe ich nur Verachtung, einer ſolchen Tochter verſchließe ich meine Arme und mein Herz. Gehe! Du biſt nicht mehr mein Kind; und ich habe für immer aufgehört Dein Vater zu ſein.“ „O, mein geliebter Vater! Gnade Barmherzigkeit!“ ſchluchzte Mathilda und umfaßte die Kniee des Barons. „Stehe auf!“ antwortete der ſtrenge Mann; „Deiner erniedrigenden Schwäche hätte ich möglicher⸗ weiſe verzeihen können, aber Deinen falſchen und elenden Character kann ich weder vergeſſen noch dem⸗ ſelben verzeihen. Ich verfluche Dich nicht, denn ich bin nicht hart und noch weniger grauſam; aber ich bin gerecht und muß Dich deshalb verſtoßen.“ Der Baron ging auf die Thüre zu, aber Ma⸗ thilda ergriff ſeine Hand. Er machte ſich mit den Worten los: „Verlängere nicht dieſen Auftritt, denn Du mußt mich kennen und wiſſen, daß meine Beſchlüſſe unwie⸗ derruflich ſind. Weder Zeit noch Flehen werden im Stande ſein irgend eine Aenderung in demſelben her⸗ vorzubringen.“ Er verließ das Zimmer. Zermalmt, vernichtet und an den zärtlichſten Ge⸗ fühlen ihres Herzens tödtlich verwundet, überließ Mathilda ſich in der darauffolgenden Nacht dem wil⸗ deſten Schmerz. Ihr ganzes Leben, dieſes eitle herz⸗ loſe Leben, das ſie geführt, das Spiel, das ſie mit den Gefühlen Anderer und mit den heiligſten Inter⸗ eſſen in der Welt getrieben— Alles trat jetzt vor ihr Gewiſſen und rief ihr höhniſch zu:„Du erleideſt nur eine gerechte Strafe.“ Mathilda hatte, außer ſich ſelbſt, nur zwei We⸗ ſen auf der Welt geliebt: den Vater und Carl. Von Beiden jetzt verſtoßen und verachtet kam das Leben ihr jetzt wie eine ſchwere Laſt vor. Während die Racht auf dieſe Weiſe durchgekämpft wurde, kam ſie ſich am andern Morgen ſo unglücklich vor, daß das Leben jetzt nicht einen bittereren Kelch ihr zu bieten hätte. Aber ſie täuſchte ſich. Als Liſette eintrat, brachte ſie zwei Briefe mit. Der eine war von ihrem Vater und der andere vom Grafen. Der Brief des Vaters lautete folgendermaßen: „Um ſobald als möglich vergeſſen zu können, daß ich eine Tochter verloren, mache ich eine Reiſe ins Ausland auf ein Jahr. Mein letztes Wort an Diejenige, welche ich mein Kind genannt, iſt: „Suche als Mutter das gut zu machen, was die Tochter verbrochen hat.“ Außerdem iſt es mein Wille, daß Du ſobald als möglich Ljung⸗ ſtahof verlaſſeſt, und nicht Diejenigen durch deine Ge⸗ genwart beläſtigſt, welche in ihrem Herzen Dich ver⸗ achten müſſen. Dagegen ſoll Marie bis zu meiner Rückkunft dort bleiben. Ich bin gewohnt, daß man mir gehorche, und fordere das beſonders von Derje⸗ nigen, welche ſo viel verbrochen hat wie Du. Anton Renner.“ Mathilda erhob ſich wie raſend aus dem Bette. „Raſch, ziehe mich an, ich muß den Baron treffen.“ „Er reiſte um vier Uhr dieſen Morgen ab.“ Mathilda ſank unter heftigem Schluchzen auf ihre Kiſſen zurück. Der Brief des Grafen enthielt folgende Zeilen: „Diejenige Mathilda, welche ich liebte und für welche ich mein Leben hingegeben haben würde, ſtand ſo hoch in meiner Einbildung, daß ich ſie keiner falſchen oder ſchlechten Handlung fähig hielt. Ihr Denken, ihre Gefühle und ihr ganzes Leben waren rein und edel. Aber die Mathilda, welche mir nach⸗ . 174 her die Wirklichkeit entgegenſtellte, iſt ein Gegenſatz von der anderen, und für ſie kann mein Herz keine Liebe hegen. Wenn Sie dieſes empfangen, habe ich, wie Ihr Vater, Ljungſtahof verlaſſen. Leben Sie wohl, gnädige Frau. Mögen Sie ſelbſt das Glück finden, das Sie für immer geraubt haben Henning Thorenhjelm.“ Dieſer letztere Brief war zwar nicht ſo ſchmerz⸗ lich, aber nichts deſtoweniger für Mathildas Eitelkeit recht bitter und zermalmend. Sie fühlte ſich jetzt im höchſten Grade gedehmüthigt und unglücklich, verlaſſen und einſam, ein Raub marternder Qualen. Aber wir wollen nicht die Leiden ſchildern, welche ſie plagten; denn ſie erduldete dieſelben als eine wohlverdiente Strafe, wie wir bald erfahren werden. Nachdem ſie am folgenden Tage eine lange Un⸗ terredung mit dem Oberſten gehabt, bei welcher Ge⸗ legenheit dieſer ſich auf das Beſtimmteſte weigerte, Mathilda ſeinen Enkel, den kleinen Eduard auszulie⸗ fern, reiſte ſie nach ihrem Roſersberg ab, obgleich daſſelbe noch nicht fertig war. Sie lebte dort im höchſten Grade eingezogen; ein Opfer ſchneidenden Kummers darüber, ſich von allen denen verſtoßen zu wiſſen, welche ſie geliebt und hochgeachtet. Marie blieb auf Ljungſtahoſ, ſie machte aber häufig und oft längere Beſuche bei ihrer nunmehr ſo unglücklichen Schweſter, welcher ſie Troſt und Hoff⸗ nung auf Gott einzuflößen ſuchte. Mathilda war je⸗ doch keine von denjenigen, welche an einem Tage ihre Natur ändern. Sie litt, regte und zehrte ſich ſelbſt durch ihren Schmerz auf, aber ſie vermochte durchaus nicht ihr Schickſal demüthig und geduldig zu ertragen. Wir müſſen ſie deshalb ihren Leiden überlaſſen. 175 Am Tage nach der Abreiſe Mathildas, ſchrieb Ebba folgende Worte auf Engliſch an Caopitain Stuart; „Ebba wünſcht mit Tom zu ſprechen, und erwar⸗ tet ihn heute Abend um 8 Uhr im unteren Salon.“ Sie ſchickte einen Bedienten mit dem Papier, auf welchem dieſe Worte geſchrieben waren, an den Capitain. „Was haſt Du in der Hand?“ fragte der Ritt⸗ meiſter welcher den Bedienten auf der Treppe nach dem Herrenzimmer begegnete. „Ein Stück Papier, welches die gnädige Frau mir übergab, damit ich es Capitain Stuart zuſtelle.“ „Gieb es her, damit ich ſehe.“ Der Rittmeiſter nahm das Papier und las die Worte, welche darauf geſchrieben waren. Eine dunkle Röthe bedeckte ſeine Stirne, als er es wieder zurückgab. Ebba ſaß im untern Salon in einem Lehnſtuhl zurückgelehnt. Die Uhr war noch nicht acht und die letzten Sonnenſtralen warſen einen matten Abſchieds⸗ blick durchs Fenſter. Auf dem Geſichte der jungen Frau ruhte eine milde Traurigkeit und ein Schatten von Bläſſe war über ihre Wangen verbreitet. Sie ſchien ganz und gar in ihre innere Welt verſunken, als die Salonthüre ſich öffnete und der Rittmeiſter eintrat. Auch er war bleich und ſeine dunkeln Augen hef⸗ teten ſich auf Ebba mit einem von Zweifel und Zärt⸗ lichkeit gemiſchten Ausdruck. Er näherte ſich ihr, beim Schalle ſeiner Tritte erhob ſich Ebba. 176 Der Anblick von Carl rief eine leichte Roſen⸗ wolke auf ihrem Geſicht hervor. „Entſchuldige, Ebba! Ich weiß daß es nicht ich bin, den Du erwarteſt; aber es ſind noch zehn Mi⸗ nuten bis acht Uhr, und dieſe bitte ich, mir zu ſchenken.“ Der Rittmeiſter warf ſich aufgeregt auf einen Stuhl neben ihr und fuhr mit ſeiem Taſchentuch über ſeine glühend heiße Stirne. „Du verweigerſt ſie mir wohl?“ fügte er hinzu. „Nein, Carl, das thue ich nicht; im Gegentheil bin ich in einer zu großen Schuld gegen Dich, um nicht mit Vergnügen Deinen Wunſch zu erfüllen. Ebba reichte ihm die Hand und fügte hinzu: „Es giebt gewiſſe Handlungen, die einen unaus⸗ löſchlichen Eindruck auf einen machen, und ich habe noch keine Gelegenheit gehabt Dir zu danken für „Für was? Dafür daß ich nicht erlaubte, daß Du ungerechterweiſe gemißachtet und beſchimpft auch dem Hauſe meiner Eltern gejagt wurdeſt. Was ich that, war eine ſo natürliche Handlung, daß ſie nicht genannt zu werden verdient. Aber erlaube, daß wir dieſes Thema verlaſſen; die Zeit iſt kurz und was ich zu ſagen habe, muß vor acht Uhr geſagt ſein, weil dann Stuart Deiner Einladung gemäß ſich hier einfindet.“ Ebba neigte bejahend ihren Kopf. „Ich komme, um Dich zu bitten einige Zweifel zu beſeitigen, welche mich quälen, und flehe Dich darum an, mich bei Deiner Unterredung mit Capitain Stuart unbemerkt Zeuge ſein zu laſſen.“ „Was wünſcheſt Du Carl?“ Ebba blickte mit einem vorwurfsvollem Blick zu ihm auf. 177 „Ich wünſche, Ebba, Dich recht kennen zu ernen.“ Carl faßte heftig ihre beiden Hände. „Ich verlange einen untrüglichen Beweis für die Reinheit Deines Inneren; ich verlange, daß Du mir den Glauben an Dein Geſchlecht wiederſchenkſt. Du wirſt ja meine Bitte nicht abſchlagen?“ „Ich muß es doch!“ Ebba blickte Carl traurig an. „Kannſt Du nicht an meine Reinheit glauben, ohne meine Privatunterredung mit Capitain Stuart mit anzuhören, ſo muß ich Dich bei Deinen Zweifeln laſſen; denn ich kann Deine Bitte nicht erfüllen.“ „Es giebt alſo zwiſchen Dir und dieſem Manne ein Geheimniß?“ Sa 5 Rittmeiſter drückte krampfhaft heftig Ebbas ände. „Ja!“ ſtammelte ſie;„ober ein Geheimniß, das nicht mir allein ehbrt 300 e „Aber ich will und werde dieſes Geheimniß ℳ decken, und wenn ich's aus ſeinem Herzen heraus⸗ ſchneiden ſoll.“ Carl hatte Ebbas Hände losgelaſſen und ſtand auf. „Höre mich an, Carl! Wenn dieſes Geheimniß mit bitteren und entſetzlichen Erinnerungen verbunden wäre, welche für mich verletzend, für Andere kränkend wären, würdeſt Du doch in daſſelbe eindringen wollen?“ „Ja!— Carls Bruſt bewegte ſich unruhig. „Und warum?“ Weil ich Dich liebe; weil ich Dich vollkommen rein ſehen muß.“ Schwartz, Mathilda. 12 ℳ 178 Die Uhr ſchlug acht und Tritte in dem außer⸗ halb der Glasthüren ſich befindenden Sandweg zeig⸗ ten an, daß ſich Jemand nähere. „Du haſt es mir verweigert, Eure Unterredung mit anhören zu dürfen. Nun gut, ich werde es doch.“ Der Rittmeiſter näherte ſich einem nebenan lie⸗ gendem Cabinet. „Dadurch wirſt Du mich nur zwingen, den Salon zu verlaſſen.“ „Treibe mich nicht zum Aeußerſten,“ rief der Rittmeiſter.„Ich muß wiſſen, ob dieſer Stuart Dein Liebhaber war oder iſt.“ „Nein, mein Herr, dieſer Stuart war nicht Eb⸗ bas Liebhaber, weil er weit mehr als dies war, nem⸗ lich— ihr Mann,—“ antwortete Stuart, welcher in der geöffneten Terraſſenthüre ſtand. „Ebbas Mann!“ wiederholte Carl. „Ja, ihr Mann; aber von welchem ſie geſchieden iſt, weil er, von einer zügelloſen Leidenſchaft beherrſcht, in wahnſinnigem Taumel die Ehe auflöſte und ſeine immer ſchuldloſe und edle Gattin opferte. Aber jetzt, mein Herr, bitte ich Sie, daß Sie mich einige Augen⸗ blicke mit Ebba allein laſſen, worauf ich zu Dienſten ſtehe, Ihnen eine vollſtändige Aufklärung über Alles zu geben, das noch räthſelhaft ſcheinen könnte.“ Tief aufgeregt verbeugte Carl ſich vor Ebba und führte ihre Hand an ſeine Lippen. „Verzeihe mr,“ ſagte er,„meine Uebereilung. Dann verließ er das Zimmer. „ Als Ebba mit Stuart allein war, begann ſie; „Ich habe gewünſcht mit Dir zu ſprechen, Tom, 179 um Dich zu bitten, mich von dem Verſprechen zu entbin⸗ den, welches ich Dir gab, als wir uns trennten: ge⸗ gen Niemanden zu erwähnen, daß Du mein geſchie⸗ dener Mann ſeieſt.“ Du haſt jetzt ſelbſt durch Deine Aeußerung gegen Carl mich von jenem Verſprechen entbunden. Es iſt mir wiederlich dieſe Rolle als Wittwe fortzuſpielen, welche ein Betrug iſt, der ſich nicht mit meinem Character vereinigen läßt.“ „Meine Worte, theuerſte Ebba, an Deinen Cou⸗ ſin haben Dich nicht von Deinem Gelübde ent⸗ bunden. „Dein Wunſch wird indeſſen genügen, um es auf⸗ zuheben, wenn es Dir oder irgend einem Anderen den geringſten Nutzen bringen könnte, den Schleier von jenem Geheimniß zu ziehen. Aber ich verſpreche Dir, Deinem Couſin Alles zu enthüllen. Er iſt der Ein⸗ zige, der an Allem, was dieſes unglückliche Ge⸗ heimniß verbirgt, unſchuldig, und Dein Schweigen gilt ja nur den Schwächen, welche ich mir habe zu Schul⸗ den kommen laſſen, und den Leiden, welche Dir da⸗ durch bereitet wurden.— Sage Ebba, gewinnſt Du etwas dadurch, daß Du ſie ans Tageslicht ziehſt?“ „Nein gewiß nicht. Und Gott iſt mein Zeuge, daß mein Wunſch nicht das Verlangen in ſich ſchließt, auf Deine Koſten mich von irgend einem Schatten von Schuld frei zu machen; aber es iſt mir ſo peinlich vorgekommen, die Menſchen, welche ich liebte, zu be⸗ trügen, und durch ein Gelübde an Schweigen gezwun⸗ gen zu ſein, wo es der Wunſch meines Herzens iſt aufrichtig und wahr zu ſein.“ Was weiter geſagt wurde, iſt überflüſſig mit⸗ zutheilen. 180 Die Nacht war eingebrochen, und wir finden Stuart und Carl jeden in einer Sophaecke in einem Zimmer des Erſtern. Nach einer kurzen Pauſe begann der Capitain: „Ich brauche Ihnen nichts von Ebbas früheren Schickſalen zu ſagen, welche Sie als Ihr Verwandter beſſer kennen als ich. Sie wiſſen auch daß dieſe be⸗ reits in ihrem dreizehnten Jahre Schweden verließ, und den Bruder der Freiherrin Renner nach England begleitete. Drei Jahre nach ihrer Ankunft dort wurde ich dem Grafen Hjelm, dem Pflegevater von Ebba vorgeſtellt und war bald ein täglicher Gaſt in ſeinem Hauſe. Ich entbrannte in Liebe zu Ebba; es gelang mir ihre Gegenliebe zu gewinnen und ſie zu meiner Gattin zu erhalten.————“ „Aber Ebba wurde ja mit einem Capitain Bran⸗ dis von der engliſchen Flotte und einem geborenen Amerikaner, der zwar ein naturaliſirter Engländer war, verheirathet; aber Sie, mein Herr———“ „Bin Creole und heiße Stuart, wollen Sie ſagen. Ja, wie hängt das zuſammen? „Erlauben Sie, daß ich fortfahre, und Sie wer⸗ den bald die Erklärung erhalten.“ „Ein Jahr nach meiner Bekanntſchaft mit Ebba wurden wir ehelich mit einander verbunden. Ich hatte zur Gattin ein junges einnehmendes und ſo lie⸗ benswürdiges Weib bekommen, daß ich nach unſerer Scheidung kaum habe begreifen können, wie es mir möglich geweſen, je die vergeſſen zu können, welche geiſtig ſo reich begabt und von Herzen ein Engel an Güte und Liebe war. Die bloße Erinnerung an das Glück, das ich beſeſſen, erfüllt meine Seele mit der bitterſten Sehnſucht.— Ebba liebte mich mit einer Hingebung die keine Grenzen kannte, und mit jener 181 reinen Liebe wie ſie nur ein edles Herz empfinden kann. Nach einem Jahre des Glücks unternahmen wir eine Reiſe nach dem Continent.— Sie kennen die Vorliebe der Engländer für Reiſen. Ich wollte durch dieſen Ausflug Ebba ein Vergnügen bereiten, wonach ihr lebhafter Geiſt ſich ſo ſehr ſehnte. „Die Reiſe, welche keinen andern Zweck als Zer⸗ ſtreuung hatte, galt Italien. „So kamen wir nach Neapel und beſuchten eines Abends das St. Carlo⸗Theater. „Während wir dort ſaßen und die glänzenden Logenreihen betrachteten, trat in eine der Logen eine ältere Dame, welche von einem Mädchen von ſo blen⸗ dender Schönheit begleitet war, daß mir ein Ruf der Bewunderung entſchlüpfte. Bei dieſem Ausruf blickte Ebba auch in der Richtung hin und ſagte bewegt und überraſcht: „Das iſt meine Tante, die Freiherrin Renner und meine Couſine Mathilda aus Schweden.“ „Den ganzen Abend konnte ich meine Augen nicht von der reizenden Erſcheinung wegwenden, welche meine Vernunft und meine Sinne bethört hatte. Meine Beharrlichkeit, ſie fortwährend anzuſehen zog mir ſchließlich ihre Aufmerkſamkeit zu; denn ich be⸗ merkte, daß ihr Blick bisweilen zu mir herüberſchweifte. Die Muſik, der Geſang, das Bravorufen, Alles blieb von mir unbemerkt; das reizende Bild nahm meine ganze Seele in Anſpruch. Beim Weggehen konnten wir nur einen flüchtigen Schein von ihr erhaſchen, und zum Erſtenmale fühlte ich mich durch Ebbas An⸗ weſenheit beläſtigt, weil ſie mich hinderte der ſchö⸗ nen Erſcheinung nachzuſtürzen. „Ich weiß nicht, ob Ebba den Eindruck bemerkte, den Mathilda auf mich machte, aber ihre Augen ſuch⸗ 182 ten mit zärtlicher Unruhe die meinigen.— Als wir in unſerer Wohnung angekommen waren, verdoppelte ſie ihre Schmeicheleien und bewies mir die zärtlichſte Zuneigung; aber meine Gedanken hingen lediglich an Mathilda und ich erwiederte Ebbas Zärtlichkeit mit einem zerſtreuten Weſen. Das Erſte, was ich am nächſten Tage that, war, die Wohnung der Freiherrin Renner ausfindig zu machen; aber meine Bemühun⸗ gen wurden von keinem Erfolge gekrönt. Mißver⸗ gnügt und verdrießlich kehrte ich nach Hauſe zurück, wo Ebba mir freudig die Mittheilung machte, daß ihre Tante und Coufinen in demſelben Hotel wie wir wohnten. Nachmittags machten wir einen Beſuch bei der Freiherrin, welche Ebba ganz freundlich empfing. Ich,— ich ſah nur Mathilda. Ermangelung von etwas Beſſerem legte ſie gegen mich eine zuvorkommende Aufmerkſamkeit an den Tag, welche meine Verrücktheit vollkommen machte.— Als wir endlich Abſchied nahmen, war ich ſo für ſie ein⸗ genommen, daß meine Vernunft bereits von dannen geflohen war. Es vergingen ein paar Tage.— Wir Aus Eitelkeit und in hatten mit den Verwandten Ebbas einen vertraulichen Umgang, und Mathilda fuhr fort mir ausſchließlich ihre Aufmerkſamkeit zu widmen. Eines Abends als wir gerade zur Ruhe gehen wollten, ſtürzte die Kammerjungfer der Freiherrin in unſer Zimmer und theilte uns mit, daß ihre Herrin einen Anfall von heftigem Blutſturz bekommen. „Ich eilte nach einem Arzt, und Ebba ging fort um ihren Platz am Bette der Kranken einzunehmen. — Tage und Wochen vergingen; während dieſer gan⸗ zen Zeit wachten Marie und Ebba wechſelweiſe bei der Kranken. Mathildas Verzärtelung erlaubte ihr keine Rachtwachen und die noch im Tode gegen ſie 183 ſchwache Mutter wollte auch nicht haben, daß ſie ſich anſtrengen ſollte. Die Folge war, daß ich der tägliche Geſellſchafter Mathildas und ihr Begleiter auf allen Promenaden wurde. Sie können ſich wohl denken, welche Schätze reizender Anmuth, entzückender Lie⸗ benswürdigkeit und unwiederſtehlicher Unſchuld ſie während dieſer Zeit zur Schau trug. In der einen Minute war ſie die träumeriſche Schwärmerin, in der anderen die traurige und weinende Tochter und in der dritten das wilde, fröhliche und ſorgloſe Kind, welches ſich fortwährend anders benahm, aber immer reizend war. Meine Vernunft, mein FPflichtgefühl, Alles wurde von der heftigen Leidenſchaft fortgeweht, welche ſie in mir erweckte. „Als eines Tages Ebba, von den vielen Nacht⸗ wachen ermattet in unſeren Zimmern ſich etwas aus⸗ ruhen wollte, ſagte ſie, als ich eben ausgehen wollte, mit trauriger Stimme: „Tom, bleibe bei mir, ich leide und fühle mich unglücklich, denn es kommt mir vor, als wenn Du nit nicht mehr mit derſelben Liebe liebteſt, wie rüher. „Meine kleine Ebba, ich habe Mathilda ver⸗ ſprochen eine Promenade mit ihr zu machen,“ gab ich zur Antwort. ſo wirſt heute nicht mit ihr promeniren; nicht „Ebba ſchlang ihre Arme um meinen Hals und weinte. Aber was bedeuteten ihre Thränen für mich, welcher allein an Mathilda dachte und für ſie lebte. Ich riß mich von ihr loß und eilte hinaus. „Als ich von der Promenade zurückkahm, fand ich Ebba verweint, und ein ſchmerzlicher Auftritt fand zwiſchen ihr und mir ſtatt. Sie beſchwor mich, mit 184 ihr nach England zurückzukehren; ſie ſagte mir, daß Mathilda mit einem Verwandten von ihr, Max Eld⸗ ner, verlobt ſei und daß ihr Herz an ihm hinge. Ebba flehte mich an ſie von den Qualen zu befreien, welche meine Gleichgültigkeit ihr bereitet, daß ich an unſer entflohenes Glück denken müſſe u. ſ. w.— Ach mein Herr! ich kann dieſen peinlichen Auftritt nicht vergeſſen. Die Erinnerung daran hat mich ſpäter auf eine entſetzliche Weiſe gemartert; damals rief derſelbe nur Ungeduld und Zorn gegen meine Frau in mir S welche ich des Argwohns und der Eiferſucht anklagte. „Schon am folgenden Tage fragte ich Mathilda, ob ſie irgend einen Anderen liebe, und ob ſie wirklich mit Max Eldner verlobt ſei. „Mathilda antwortete: 2 „Ich liebe Niemanden und meine Treue iſt an Niemandem weggegeben, obgleich meine Verwandten wünſchen mich mit Mar verbunden zu ſehen.“ „Es würde vergebens ſein, herausfinden zu wol⸗ len, welche ſataniſche Laune ihr dieſe Verleugnung ihrer Verlobung diktirte. „Jetzt folgte eine Zeit, während welcher ſie mich den einen Tag hoffen ließ, daß ich geliebt ſei, obgleich Pflicht und Anſtand ihr verboten es zu geſtehen; und dann mir den andern Tag wiederum dieſe Hoffnung raubte. Ihr bald kaltes, bald warmes Benehmen ſteigerte mein Gefühl bis zu einer wahnſinnigen Höhe, und als ſie mich einmal fragte: „Was willſt Du, daß ich auf die Liebeserklärun⸗ gen eines verheiratheten Mannes erwiedern ſoll?“ „Da war ich in meiner wilden Raſerei nahe da⸗ ran, das Band zu verfluchen, welches mich an Ebba feſſelte. Ich ſtürzte fort von Mathilda und die arme, 185 ſchon ſo unglückliche Ebba mußte den Ausbruch meines inneren Schmerzes entgelten. „Mathilda, wenn ich frei wäre, würdeſt Du mich doch lieben?“ fragte ich am folgenden Tage. „Sie blickte mich, während ſie mit einer Blume ſpielte, wehmüthig und gedankenvoll an und ant⸗ wortete: „Vielleicht.“ „Gieb mir jene Blume, Mathilda, und ich ſchwöre Dir zu, kein Wort mit Dir von Liebe zu ſprechen, be⸗ vor ich frei geworden.“ „Nehme ſie mir,“ ſagte ſie,„aber ich bin deſſen ſicher, daß Du eben ſo raſch Deinen Sinn änderſt, wie dieſe Blume verwelkt. Uebrigens glaube ich nicht ſehr an Deine Liebe,“ fügte ſie hinzu;„denn wenn Du mich nicht mehr ſiehſt, wird ſie verſchwinden.“ „Eine Trauerwolke flog über ihre Stirne. „Aber wenn ich Dir durch meine Handlungen beweiſe, daß ich alle Hinderniſſe beſeitigen, alle Bande zerreißen kann, wirſt Du dann an meine Thränen glauben?“ „Gewiß würde ich es; aber wozu dienen alle dieſe Vorſtellungen?— Du biſt ja verheirathet.“ „Mathilda, ich reiſe ſofort ab und werde Dich nicht wiederſehen, bevor ich frei bin.“ „In demſelben Augenblick kam ein Bote von der Freiherrin, welcher Mathilda zu ihr rief. „Ebba hatte mich faſt täglich und mit Grämen gebeten, daß wir nach England zurückkehren möchten; ich war bisher gänzlich taub gegen ihre Bitten ge⸗ weſen, aber als ich von Mathilda zurückkam, ſagte ich zu Ebba: „In zwei Tagen treten wir unſere Rückreiſe nach England an.“ 186 „Sie betrachtete mich mit einem Ausdruck unbe⸗ ſchreiblicher Liebe und Freude, ohne eine Ahnung da⸗ von zu haben, welchen entſetzlichen Schmerz ich ihr zu bereiten beabſichtigte. Aber weder ihre Freude noch ihre liebevolle Dankbarkeit vermochten bis an mein Herz zu dringen, alles dies plagte mich nur. „Zwei Tage darauf verließen wir Neapel. Die Freiherrin befand ſich jetzt auf dem Wege der Beſſe⸗ rung, hatte aber noch nicht das Bett verlaſſen. „Bei meinem Abſchied von Mathilda bat ich ſie auf meinen Knieen um Erlaubniß, Briefe mit ihr wechſeln zu dürfen und ſie erwiederte meine Bitte mit folgenden Worten: „Die Bedingung unſeres Wiederſehens iſt ja ſo fabelhaft, daß wir mit Sicherheit annehmen können, daß wir uns nie wieder ſehen werden; ich ſehe des⸗ halb keinen Grund, warum wir einen angenehmen Briefwechſel zum Opfer bringen ſollten.“ „Nach Abweſenheit von einem Jahre kehrten ich und meine Frau nach London zurück. „Die Gefühle, mit welchen ich jene Heimath be⸗ trat, wo ich mit einer liebenden und geliebten Gattin ſo glücklich gelebt, können nicht geſchildert werden; und doch empfand ich etwas gleich Aerger bei dem Gedanken, daß ſie jetzt zwiſchen mir und meinem ge⸗ träumten Bilde ſtände. Ich übergehe es, die Freude und die Seligkeit Ebbas zu erwähnen, welche ſie empfand, als ſie ſich wieder in jenem Hauſe befand, wo ſie hoffte, daß dort wieder Liebe und Glück für ſie erblichen würden; wo ich aber bald ihr den bitterſten Kelch zum Leeren reichen ſollte. Sie vergaß jetzt alle die Thränen und Qualen, welche ihr meine Kälte verurſacht. Ihr ganzes Weſen athmete Hingebung und Hoffnung. Aber ach!— dieſe Freude ſollte ganz kurz ſein. 187 Stuart machte hier eine kurze Pauſe. Carl hüllte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, in eine dicke Rauchwolke. Nach einigen Augenblicken fuhr der Capitain fort: „Es verging eine kurze Zeit, während welcher Ebba Alles that, was eine Frau thun kann, um ein Herz zu gewinnen; aber bald ſah ſie ein, daß dieſes Herz ferne von der Heimath ſei. Sie klagte nicht, ſie ſagte kein vorwurfsvolles Wort; aber die qual⸗ erfüllten Blicke und das ſchmerzliche Lächeln ſagten mehr als Worte. Endlich beſchloß ich, dieſem ge⸗ ſpannten Verhältniſſe mit Einemmale dadurch ein Ende zu machen, daß ich ihr meinen Entſchluß mit⸗ theilte, mich von ihr ſcheiden zu laſſen.“ „Ebba,“ ſagte ich eines Tages zu ihr,„Du meinſt ja, ich ſei ſehr verändert?“ „Jo, ſehr.“ „Du ſiehſt wohl den Grund zu dieſer Verände⸗ rung ein?“ „Nein, Tom, ich will ihn nicht einſehen.“ Ebba's Wangen waren ſchneeweiß. 3 „Aber ich wünſche, daß Du ihn kennen lernſt.“ Sie ergriff meine Hände und ſagte tief gerührt: „Sage mir nichts, ich werde den Muth nicht be⸗ ſitzen, Dich anzuhören!“ 3 „Und doch mußt Du die Wahrheit wiſſen, und die Art des Gefühls kennen lernen, welches mich an eine Andere feſſelt.“ „Um Gotteswillen, Tom, ſage nichts mehr.“ Ebba's ganzer Körper zitterte. „Ich habe ja keine Frage an Dich gerichtet. Ich werde geduldig ſein und warten, bis Dein Herz zu mir zurückkehrt; ſpreche nur die ſchrecklichen Worte nicht aus.“ Ach mein Herr! es gibt keinen ſo herzlos grau⸗ ſamen Menſchen, wie derjenige, der von einer heftigen 188 Leidenſchaft beherrſcht wird. Ich hatte Ebba's Schmerz vor Augen, ich hörte ihre flehende, verzweifelte Stimme und doch ſtieß ich ihr den Dolch ins Herz. Ich ſagte ihr gerade heraus, daß ich Mathilda liebte, daß ich ohne ſie nicht mehr leben könnte, daß ich ſie darum anflehte, mir meine Freiheit wieder zu geben. Ich ſchloß mit den Worten: „Mathilda muß meine Frau werden, oder jage ich mir eine Kugel durch den Kopf; Du haſt über mein Leben und mein künftiges Glück zu be⸗ ſtimmen.“ Während ich ſo ſprach, hatte ich nicht gewagt, Ebba anzublicken; ich war ja der Henker und ſie das Opfer. Aber bei den letzten Worten fielen meine Augen auf ſie. Ach, ich werde nie den Ausdruck in ihrem von Schmerz verzerrten Geſichte vergeſſen. Ihre Lippen bebten und waren bleich wie Schnee. Endlich arbeitete ſich ein Seufzer voll unendlichen Leidens aus ihrer Bruſt hervor. Sie drückte die Hände gegen ihr Herz und warf ſich mit einer Bewegung der Ver⸗ zweiflung auf die Kniee, indem ſie ſtammelte: „Tödte mich, aber nehme erſt Deine Worte zurück.“ „Und Sie nahmen Sie doch wohl zurück?“ rief Carl und ſprang auf. „Nein, ich nahm ſie nicht zurück; ich war taub gegen alle anderen Gefühle als gegen meine Liebe zu Mathilda. Ich ließ Ebba vergebens um Barmherzig⸗ keit flehen. Ich war grauſam und unbeweglich. So vergingen drei Tage, während welcher das arme neun⸗ zehnjährige Weib Alles that, um den Mann zu be⸗ wegen, welcher nach einer zweijährigen glücklichen Che ſie wegen einer zügelloſen Leidenſchaft zur Scheidung und ſomit Entfernung von allen Freuden des Lebens 189 verurtheilte. Während dieſer Tage hatte ſie grenzen⸗ los gelitten und alle möglichen Verſuche gemacht, mich zur Vernunft und zum Pflichtgefühl zurückzuführen, aber ohne Erfolg. Am vierten Tage kam ſie mit entſetzlicher Ruhe in ihrem Aeußern, welche bewies, daß ſie einen Entſchluß gefaßt, zu mir hinein? Sie reichte mir die Hand mit einem ſchmerzlichen Lächeln. „Dein Glück,“ ſagte ſie,„verlangt es alſo, daß ich mich opfere?— Nun gut, wir werden uns dann trennen. Ich liebe Dich zu hoch, zu uneigennützig, um ein Hinderniß für Dein Glück werden zu wollen. Möge denn das Geſetz das Band löſen, welches Dich an mich feſſelt, weil Dein Herz ſich unwiderruflich von dem meinigen getrennt. Biſt Du jetzt zufrieden?“ „Ich ſtürzte faſt wahnſinnig vor Freude zu ihren Füßen, ohne zu bedenken, daß meine Freude tauſend Dolchſtiche für ihr Herz ſein müßten. Dieſe Schänd⸗ lichkeit vollendete auch mein Werk; denn Ebba ſchwankte und fiel mit einem ſchneidenden Schmerzensſchrei be⸗ ſinnungslos zu Boden. „Mein Herr, das iſt ja abſcheulich!“ unterbrach ihn Carl und ging mit haſtigen Schritten auf und ab. „Sie haben vollkommen Recht— und ich wurde auch grauſam dafür beſtraft.“ Stuart ſtrich mit der Hand über die Stirne und fuhr dann fort: „Ebba erkrankte am Nervenfieber und während⸗ dem wurden wir geſchieden. An demſelben Tage, an welchem das Geſetz unſere Ehe auflöste, ſtarb Ebba's Pflegevater, Graf Hjelm, und ſetzte ſie zur Univerſal⸗ erbin ſeines hinterlaſſenen Vermögens ein. Ich er⸗ hielt zu gleicher Zeit auch die Nachricht, daß ein Ver⸗ wandter von meiner Mutter in Weſtindien, bei wel⸗ chem ich erzogen worden war, der geſtorben ſei und 190 mich unter der Bedingung zum Erben gemacht, daß ich ſeinen Namen annehmen und Abſchied vom Kriegs⸗ dienſt nehmen ſolle. Ich ſchrieb dann an Cbba, welche während unſerer Eheſcheidung ſich auf einem kleinen Gute in der Nähe von London, welches dem Grafen Hjelm gehört hatte, aufhielt, und bat ſie, an mich ohne Abſcheu und Haß zu denken. Zugleich machte ich ihr den Vorſchlag, daß ſie ſich als Wittwe ausgeben ſollte, weil es, nachdem ich den Namen Stuart angenommen, keinen Capitain Brandis mehr gebe. Ich bat ſie auch meines Glückes und der Mög⸗ lichteit wegen, in den Beſitz von Mathilda zu gelangen darum, da der Vater derſelben gewiß ſeiné Ein⸗ willigung zu einer Ehe zwiſchen Ebba's geſchiedenem Manne und ſeiner Tochter verſagen würde. Auf die Einwilligung und auf das Schweigen der gegen Mathilda ſo nachſichtigen Mutter hoffte ich immer rechnen zu können. Am Tage nach der Abſendung meines Briefes erhielt ich einen Beſuch von Ebba. Sie trug tiefe Trauer für ihren Pflegevater. Ein Jahr war ſeit unſerer Rückkehr nach London verfloßen. Ich würde kaum im Stande geweſen ſein, ſie wieder zu erkennen, ſo ſehr hatte ſie ſich während der Zeit geändert, die wir uns nicht geſehen hatten, wenn nicht der milde, ſeelenwolle Blick derſelbe ge⸗ weſen wäre. Gerührt ſprach ſie: „Ich komme, Tom, um Dir ein ewiges Lebewohl zu ſagen. Wir ſind jetzt ein Paar Fremde für ein⸗ ander; aber bevor wir einandex dieſes lange Lebewohl ſagen, will ich Dir ſagen, daß mein Herz weder Haß gegen Dich hegt, noch je hegen kann, gegen Dich, welchen ich ſo grenzenlos geliebt,— ſondern, daß ich Dir von ganzer Seele ein wirkliches und dauern⸗ des Glück wünſche. Auch wünſchte ich Dir zu 191 ſagen, daß ich, da ich meinen Onkel kenne, weiß, daß er es Mathilda nie verzeihen würde, daß ſie die Urſache zu unſerer Scheidung geweſen; ſei aber ruhig, denn ich verſpreche Dir, es nie zu erwähnen, daß Du mein Mann geweſen. Deinem Wunſche gemäß bleibe ich vor der ganzen Welt Wittwe. Ich werde mich ſelbſt zu überzeugen ſuchen, daß mein geliebter Tom wirklich geſtorben ſei, und er ſtarb ja auch für mich in dem Augenblick, wo er aufhörte, mich zu lieben. „Ebba, noch eine Bitte,“ ſagte ich,„haſſe nicht Mathilda.“ „Kein Wort davon.“ i„Sie reichte mir aufgeregt die Hand und fügte inzu: „Du brauchſt mich nicht zu bitten ihr zu ver⸗ zeihen; das habe ich bereits gethan. Ich verſpreche Dir, daß, was ſich auch zutragen möge, ich nie weder Mathilda oder irgend Jemand anders wiſſen laſſen werde, wie entſetzlich theuer für mich Euer Glück er⸗ kauft wurde. Lebewohl!“ „Einige Stunden darauf war Ebba auf dem Wege nach Frankreich und zwei Tage ſpäter ſtand ich im Begriff Mathilda aufzuſuchen und darum nach Piſa zu gehen; aus ihrem letzten Briefe wußte ich, daß ſie ſich dort aufhielt. Wir hatten fortwährend Briefe gewechſelt, obgleich Mathilda auch in ihren Briefen jene furchtbare Coquetterie beibehielt, welche zu gleicher Zeit die größte Gleichgültigkeit athmet und durch den glühenden Ton, durch die halbausgeſproche⸗ nen Gefühle und durch die ſtille nur ahnende Sehn⸗ ſucht, welche ſie enthielt, den ſchwindeligſten Hoffnun⸗ gen Raum gab. In jeder Zeile erwartete ich die Worte zu leſen: ich liebe Dich; aber vergebens, denn ſie ſchloß immer mit irgend einer nichtsſagenden 192 Phraſe oder einem verfeinerten Ausdruck der Coquet⸗ terie, der nur Oel in das Feuer goß, das mich ver⸗ zehrte. Ich hatte nicht mit einem einzigen Worte meine Eheſcheidung erwähnt, weil ich befürchtete ihr, wie ich glaubte, feinfühlendes Herz zu verletzen; aber gleich nachdem das Geſetz mir die Freiheit wieder ge⸗ ſchenkt, ſchrieb ich an Mathilda, daß ich jetzt voll⸗ kommen frei ſei, daß ich ihr mein Leben zu Füßen lege, und daß ich gerade im Begriff ſtände eine Reiſe zu ihr anzutreten. So ſtanden die Sachen, als ich eine Antwort von ihr erhielt, die mich wie ein Don⸗ nerſchlag traf.“ Stuart preßte in Raſerei die Lippen zuſammen und rief: „Bei der Erinnerung an dieſen Schmerz und an all das Böſe, das ſie mir gethan, empfinde ich einen ver⸗ zehrenden Haß gegen dieſes herzloſe Weib, welches von elender Gefallſucht geleitet mit den heiligſten In⸗ und der heftigſten Leidenſchaft ihr Spiel ge⸗ rieben. „Aber dir Brief, was enthielt der?“ fragte der Rittmeiſter. „Folgende Worte:“ „Mein Couſin! Ich begreife wahrlich Ihren letzten Brief nicht. Sie ſprechen von einer Scheidung von Ebba, wie von Etwas, das Sie berechtigte auf meine Hand zu rech⸗ nen; aber mein Gott, woran denken Sie denn? Habe ich denn durch ein einziges Wort Anlaß zu dem Glauben gegeben, daß mein Gefühl für ſie etwas an⸗ deres ſei, als die Freundſchaft und das Wohlwollen eines nahen Anverwandten? Habe ich im Gegentheil nicht tauſend Mal geſagt, daß ich nicht an Ihre Liebe 193 glaubte, über welche ich ebenſo erröthete wie über die Phantaſien eines Thoren. Was hat Ihnen denn Anlaß gegeben auf eine ſolche Weiſe meine Zuneigung zu überſchätzen und darauf Ihre ſonderbaren Hoffnun⸗ gen zu gründen? Wiſſen Sie nicht, daß ich ſeit ſechs Monaten verheirathet bin? Mathilda Eldner, geb. Renner. Piſa, den 18. Juni 1845.“ „Ah!“ rief der Rittmeiſter,„Mathilda war ſchon damals die Frau meines unglücklichen Bruders.“ „Ja, und er ſollte das Opfer meiner Rache werden, murmelte der Capitain. Jeder Verſuch meine Gefühle zu ſchildern, wäre ein vergeblicher. Sie hatte dadurch, daß ſie meine Thorheit aufmunterte und nährte mich zuin Henker des Weibes gemacht, welches mich wirklich liebte. Ich hatte, durch ihre zauberiſchen orte und durch die Hoffnung welche ſie in mir zün⸗ deten, meine Pflichten mit Füßen getreten, das Herz meiner Gattin zerriſſen, und die heiligſte aller Ver⸗ bindungen gebrochen; und alles dies hatte ich gethan, weil ſie mir zu verſtehen gegeben hatte, daß ſie mich, falls ich frei wäre, geliebt haben würde. Während ich für ihren Beſitz Ehre und Gewiſſen opferte, ver⸗ band ſie ſich mit dem Manne, von dem ſie mir ge⸗ ſagt, daß ſie ihn weder liebe noch zu heirathen be⸗ abſichtige und dieß, obgleich ihre Briefe mir ein ganzes Jahr lang allen Anlaß zu Hoffnungen gaben. In einigen Stunden war meine Abreiſe beſchloſſen und in Ordnung. Kochend vor Raſerei und von mei⸗ nem leidenſchaftiichen Rachedurſt gereizt, reiſte ich Tag und Nacht, um bald nach Piſa zu kommen. Bei meiner Ankunft dort erkundigte ich mich ſofort darnach, Schwartz, Matyilda. 13 194 wo Frau Eldner wohnte, und ging, nachdem ich meine Kleider gewechſelt, hin, um ſie zu beſuchen. Man meldete mich an und ſie empfing mich in einem kleineren ne Mathilda begegnete mir mit einer eiſigen älte. „Ich erinnere mich nicht mehr meiner Worte, ſon⸗ dern beſinne mich nur, daß ich ſie all der Leiden Ebbas anklagte, daß ich ſchwur ſie beſitzen zu müſſen und mehrere dergleichen Tollheiten. Sie ſtand auf um die Dienerſchaft zu Hülfe zu rufen; aber ich nahm ſie in meine Arme und rief: „Erinnere Dich, wie oft Du mich haſt hoffen laſſen, wie vielmal Deine Worte mich an Deine Liebe glauben gemacht haben, und beſinne Dich auch darauf, daß Du es biſt, welche mich zu der elendeſten aller getrieben hat!“ „Tom, höre mich an!“ bat Mathilda, welche durch meinen Zorn erſchreckt worden war,„und Du wirſt finden, daß ich aus Pflicht und keineswegs aus Liebe geheirathet habe, denn ich liebe meinen Mann durchaus nicht.“ — „Ich ließ ſie los; aber in demſelben Augenblicke ſtürzte ein junger Mann auf Mathilda mit dem Rufe zu: „Was ſagſt Du? Biſt Du nur aus Pflicht und nicht aus Liebe meine Frau geworden?“ „Er ergriff ihre beiden Hände und blickte ihr mit funkelnden Augen ins Geſicht. „Mathilda warf den Kopf zurück, machte ihre Hände los, heftete ihre Blicke mit einem faſt grau⸗ ſamen Ausdruck auf ihn und antwortete; „Ich habe Dich nie geliebt, weil ich Deinen Bruder liebte; aber er verſtieß mich Deinetwegen, und wenn ich Dich nicht aus Pflicht geheirathet, ſo 195 geſchah es aus verletztem Stolze.— Zurück Mar! ſo⸗ wohl Du wie dieſer Narr ſind gleich toll, daß Ihr Euch habt einbilden können meine Liebe zu beſitzen. „Ihr Bruder ſtieß ein wildes Gelächter aus, führte die geballte Hand mit dem Ausdruck eines Wahnſinnigen nach der Stirne, worauf er ſich an mich mit einer Bewegung wandte, als wollte er mir einen ſchimpflichen Schlag verſetzen; er hielt aber inne und ließ den Arm niederſinken. Er trat mir einen Schritt näher und ſagte mit dumpfer Stimme: „Mein Herr, lieben Sie wirklich dieſes elende Weib?“ „Ich habe ſie geliebt, als ich ſie frei glaubte,“ gab ich zur Antwort. „Sie ſollen ſie erhalten, ſie iſt gerade Ihrer würdig. Ich laſſe mich von ihr ſcheiden und ſie be⸗ kommt dann ihre Freiheit wieder.“ „Nachdem er das geſagt, wandte er ſich nach der Thüre, um hinauszugehen. Mathilda, welche wahr⸗ ſcheinlich gewohnt war, mit ſeinen Gefühlen zu ſpie⸗ len und ihn bisher als ihren willenloſen Sklaven vor ſich geſehen hatte, ſchien bei ſeinen Worten beſtürzt und rief: „Was war es, das Du ſagteſt, Mar?“ „Ich ſagte, meine Gnädige, daß wir geſchieden werden,“ antwortete er in feſtem und beſtimmten Tone und wandte ſich an ſie; ein leichter Schauer ging durch ſeinen Körper, als ſeine Blicke auf das ſchöne Weib fielen, das er im Begriff ſtund zu verſtoßen. „Mathilda ergriff erſchrocken ſeine Hand und ſagte in einem flehenden und bezaubernden Tone: „Unmöglich, ich bin ja unſchuldig, Max, ich habe ja nie meine Treue gegen Dich gebrochen, Du haſt mir nichts vorzuwerfen, Du kannſt meinen Namen 196 durch eine ſchimpfliche Gerichtsverhandlung nicht be⸗ ſchmutzen, mich nicht zur Zielſcheibe zweideutiger Ver⸗ muthungen und des Tadels machen wollen, nachdem ich Deinetwegen meine Liebe geopfert.“ „Mathilda, ich will das falſche und betrügeriſche Weſen los ſein, welches mir Liebe vorgelogen; welche ſich nur aus Berechnung, Eigennutz und verletztem Stolze an mich verkauft hat, weil ein Anderer ſie ver⸗ ſtoßen hatte; welche, von dieſen elenden und verächt⸗ lichen Beweggründen getrieben mir ſchon als Braut Beweiſe gab, welche mich zu glauben berechtigten, daß ich ausſchließlich geliebt ſei, das aber, trotz alledem, nachher frech meine heiligſten Gefühle mit Füßen ge⸗ treten und jetzt mit lauter Stimme erklärt, daß Alles eine gräßliche Betrügerei geweſen. Ich werde mich von dieſem Weibe ſcheiden laſſen, und müßte ich auch mich und ſie entehren und meinen und ihren Namen mit Füßen treten.“. „Darauf verließ er das Zimmer.“ „Jener Unbekannte, von welchem mein Bruder ſprach und den Mathilda mir beim Namen nennen wollte, waren alſo Sie?“ „Ja, leider war ich es, welcher die Urſache wurde, daß Ihr Bruder die Bande zerriß, welche ihn mit Mathilda vereinigten und————“ „Und deren Auflöſung ihn ſeinen Verſtand koſteten,“ fiel Carl in aufgeregtem Tone ein.„Sie ahnen nicht, in welcher entſetzlichen Gemüthsſtim⸗ mung ich ihn, am Tage nach Ihrer Abreiſe, bei mei⸗ ner Ankunft in Piſa fand.“ „Der Anblick von mir und der Gedanke, daß ich geliebt ſei, verſetzte ihn anfangs in eine vollkommene Raſerei; aber nach einiger Zeit beruhigte er ſich und theilte mir die ganze traurige Liebesgeſchichte mit. 197 Dieſe Mittheilung war ſeine letzte vernünftige Unter⸗ redung, denn ſpäter verwirrte ſich ſein Verſtand immer mehr und mehr. Der einzige Gedanke, der ihm klar vorſchwebte, war ſein feſter Entſchluß, von ſeiner Frau geſchieden zu werden.—“ „Aber fahren Sie fort mein Herr, obgleich dieſe Erinnerungen ſehr bitter ſind.“ „Ich übergehe Mathildas Zorn, nachdem ihr Mann ſie verlaſſen hatte; dieſer Zorn kehrte ſich ge⸗ gen mich. Sie ſagte mir, daß dieſe Scheidung, an welcher ich Schuld ſei, nie ſtattfinden, daß ſie nie da⸗ rauf eingehen werde. Sie brach in die heftigſten Vorwürfe aus, welche nur meinen brennenden Haß ſteigerten, denn je öſter ſie wiederholte, daß ſie ſich nur zum Zeitvertreib mit mir beſchäftigt und unſeren Briefwechſel unterhalten, daß ſie mich ferner lächer⸗ lich und verächtlich gefunden, aber aus Neugierde hätte ſehen wollen, wie weit ich in meiner Toll⸗ heit käme; deſto entſetzlicher erfaßte mich bis in meine innerſte Seele das Verlangen, ihr zu ſchaden, und ich verließ ſie mit dem Verſprechen, ihrem Manne Mittel an die Hand zu geben, um ſie zu der Scheidung zu wingen, welche ſie ſo ſehr fürchtete. Unter dem Eir⸗ fluß dieſes Gefühls kehrte ich in meine Wohnung zu⸗ rück, wo ich aus meiner Reiſechatulle Mathildas Briefe herausnahm, welche ich verſiegelte und an ihren Mann addreſſirte.“ „Es war in der That,“ ſagte Carl,„durch dieſe Briefe, daß er ſie zur Scheidung zwang, denn er drohte ihr, falls ſie nicht auf ſeine Wünſche einginge, dieſelben an ihren Vater zu ſchicken.“ „Sie haben ſie alſo geleſen?“ „Nein, mein Herr, mein Bruder übergab ſie Mathilda, nachdem ſie in die Auflöſung gewilligt, und es war erſt, nachdem ſie darauf eingegangen, daß Mar Alles das, was ihn und Mathilda betraf, erwähnte.“ „Ich reiſte faſt wahnſinnig von Piſa ab und nahm den Weg nach Rom, unbekümmert, wohin es ging, wenn ich nur meinem Gewiſſen und meinen inneren Qualen entfliehen könnte. Schon ein paar Meilen von Piſa wurde ich von einem heftigen Fieber ergriffen, welches eine Folge der körperlichen und gei⸗ ſtigen Spannung war, in welcher ich die letzten Wo⸗ chen gelebt. Dieſes Fieber zwang mich die Nacht über Gaſtfreundſchaft in einem Landhauſe zu bean⸗ ſpruchen, welches an der Landſtraße lag und in deſſen Eigenthümer ich meinen früheren Bedienten wiederer⸗ kannte. Er war während meines Aufenthalts in Ne⸗ apel in meinen Dienſten geweſen. Ich hoffte am folgenden Morgen meine Reiſe fortſetzen zu können; ich täuſchte mich aber. Ich blieb, ein Opfer des Fie⸗ bers und des Wahnſinns, mehrere Wochen dort liegen. Als ich wieder ſo weit hergeſtellt war, daß ich be⸗ greifen konnte, was um mich herum vorging, ſah i ein junges Frauenzimmer an meinem Lager, deſſen Züge mir bekannt vorkamen und als ich mich auf die⸗ ſelben zu beſinnen ſuchte, wer ſie ſei, oder wo ich ſie geſehen, traten die Ereigniſſe in Neapel, meine Liebe zu Mathilda und Alles, was darauf folgte, vor mein Gedächtniß; ich erkannte Marie wieder, welche mi mit jener ganzen Seelengüte, die ihr eigen iſt, pflegte; ohne zu wiſſen, daß ich von Ebba geſchieden ſei, oder was zwiſchen mir und Mathilda vorgefallen, ſah ſie in mir nur ihren Verwandten und Mitmenſchen, wel⸗ cher ihrer Pflege bedurfte. „Als ich ſoweit wieder hergeſtellt war, daß ich mein“ Scheidung von Ebba und meine Liebe zu Mathilda mittheilen konnte, that ich es, jedoch ohne 199 von dem, was in Piſa vorgefallen, Etwas zu erwähnen. „Mit den milden nund ernſten Worten einer Schwe⸗ ſter ſuchte ſie aus meiner Seele alle jene gehäſſigen und bitteren Gefühle zu verbannen, welche mich be⸗ herrſchten; aber mein Herz blutete noch zu ſtark von den Wunden, welche ich mir ſelbſt zugezogen, als daß ich ihre Worte hätte recht auffaſſen können. „Auf meine Frage: wie ſie dazu käme, ſich hier aufzuhalten, antwortete ſie ausweichend; als ich aber geſund wurde, ſuchte ich dem Geheimniſſe auf die Spur zu kommen, von dem ich vermuthete, daß das⸗ ſelbe von Mathilda herrührte. „Mein früherer Bedienter erwähnte der Geburt des Kindes kurz nach der Heirath Mathilda's. Ihr Bruder ſcheint einige Tage, nachdem ich und Ebba abgereist waren, näch Neapel gekommen zu ſein. „Als Marie und ich uns trafen, nachdem ich dieſe Aufklärungen erhalten, ſagte ich zu ihr: „Du widmeſt dem Sohne Mathilda's die Pflege einer Mutter.“ Marie wechſelte die Farbe, antwortete aber ruhig: „Du irrſt Dich, es iſt nicht Mathilda's Kind.“ „Alle meine Bemühungen, wieder auf das Thema zu kommen, ſcheiterten an Mariens beſtimmten und ausweichenden Antworten.— Ein Brief kam von, Piſa an und am Tage darauf waren Marie und das Kind verſchwunden. Während der Zeit, wo ich noch im Landhauſe verweilte, logirte man mich in das Zimmer ein, welches Marie bewohnt hatte, weil man es für gemüthlicher und geräumiger hielt. Ich fand dort in den Schubladen eines Schreibtiſches einen Brief, den man vergeſſen hatte, und der, wie ich fand, Maoriens Abreiſe veranlaßt hatte. Sie kennen den Inhalt deſſelben; es war derſelbe, den der Baron Marie vorzuleſen zwang, Einige Zeit darauf verließ ich das gaſtfreundliche Haus. „Lange Jahre ſind ſeitdem dahingeſchwunden. Einmal während dieſer Zeit beſuchte ich Schweden und hielt mich dort einige Zeit in der Hoffnung auf, einige Aufſchlüſſe über das Schickſal Ebba's zu er⸗ halten. Ich erfuhr, daß Frau Eldner auf Grund ſei⸗ ner Gemüthskrankheit von ihrem Manne geſchieden worden ſei, was eine allgemeine Theilnahme für das junge ſchöne Weib hervorgerufen hatte. „Auch erfuhr ich, daß Ebba ein Jahr nach unſerer Scheidung nach Schweden zurückgekehrt ſei und ſich jetzt bei einem Verwandten, Oberſt Eldner, in Werme⸗ lande befinde, ſo wie, daß ſie dort allgemein für eine Wittwe gelte. „Vor einem Jahre beſuchte ich wieder Italien und Piſa. Ich ſuchte das Haus meines früheren Dieners auf und traf bei ihm einen Mann in der Blüthe ſeiner Jahre, mit edlen, kraftvollen Zügen, aber in einer düſteren und wunderlichen Gemüths⸗ ſtimmung. Er wohnte dort nebſt einem alten Be⸗ dienten. Dieſer Mann war Max Eldner, Ihr Bruder.“ „Ja, ich weiß es, daß der Unglückliche darauf beſtand, an dem Orte zu wohnen, wo er die drei glücklichſten Monate ſeines Lebens zugebracht und wo ſein Kind das Licht der Welt erblickte, daſſelbe Kind, das er in ſeinem Wahnſinn durchaus umbringen wollte, weil Mathilda deſſen Mutter war. Dieſer furchtbare Einfall bewog mich, ihm zu ſagen, daß der Knabe ge⸗ ſtorben ſei.“ „Er kannte mich nicht,“ fuhr Stuart fort,„und ich nahm mich auch in Acht, mich ihm zu erkennen zu geben. Während der Zeit, die ich in ſeiner Geſellſchaft ————————— ——— 201 zubrachte, ſprach er von ſeinem, wie er glaubte, tod⸗ ten Kinde und wünſchte, daß es gelebt hätte. „Ich warf dann die Erzählung von meinem erſten Aufenthalt an dieſem Orte und wie haſtig das Kind und Marie verſchwunden ſeien, ganz unbefangen hin, ohne jedoch auf irgend eine Bekanntſchaft mit ihr hin⸗ zuweiſen. Meine Erzählung hatte zur Folge, daß er an dem Tode des Knaben zu zweifeln begann, und dieſe Zweifel verwandelten ſich in die beſtimmte Ueber⸗ zeugung, daß das Kind lebe, als ich ihm den von mir gefundenen Brief vom Freiherrn Renner zeigte. Er beſchloß jetzt, nach Schweden zurück zu reiſen und wo möglich ſein Kind wieder zu ſehen.“ „Iſt mein Bruder in Schweden,“ rief der Ritt⸗ meiſter verwundert. „Ja, mein Herr, er und ſein alter Bedienter hal⸗ ten ſich in Stockholm auf und können bald hier er⸗ wartet werden. Ich übernahm es, ihm ſichere Aus⸗ kunft darüber zu verſchaffen, ob ſein Kind lebe, oder ob es wirklich todt ſei. Er wollte ſelbſt nicht eher ins Vaterhaus zurückkehren, als bis er wüßte, daß Mathilda ſich nicht dort aufhalte, weil er einen wirk⸗ lichen Abſcheu davor hegt, ſie wieder zu ſehen. Darum ſuchte ich mit Ihrem Vater bekannt zu werden und nahm ſeine Einladung, hieher zu kommen, an. Ich glaubte Ihrem Bruder die Genugthuung ſchuldig zu ſein, ihm über ſein Kind Auskunft zu verſchaffen, da ich unglücklicherweiſe der Urheber ſeiner Leiden geweſen. Daß der Haß zu Mathilda ſich in meine Handlungs⸗ weiſe hineinmiſchte, können Sie leicht begreifen. Der Anblick von ihr und die Keckheit, womit ſie auf Ebba den Schatten einer geſchiedenen Frau zu werſen wagte, rief die Rachgier und den Wunſch in mir hervor, ihren Uebermuth zu dämpfen. Und jetzt . 202 „Jetzt hat Ihre Rache ebenſo den unſchuldigen und ſtolzen Vater, wie die ſchuldige Tochter getroffen. Eine gewöhnliche Folge davon, wenn man blind ſei⸗ nen Leidenſchaften gehorcht, ohne die Folgen zu be⸗ rechnen.“ Drei Monate nach dieſer Unterredung war Capi⸗ tain Stuart zum geſetzlichen Erben der Güter Lind⸗ ſiönäs eingeſetzt worden, und hatte das Recht erhal⸗ ten den Namen ſeines Vaters zu tragen, obgleich er ſich fortwährend Stuart nennen ließ. Alles dieſes war in Folge der Actenſtücke geſchehen, die Ebba ihm mit ſo viel Mühe und Gefahr von Skogsborg ver⸗ ſchafft, und welche im Fuße des Crucifixes eingeſchloſ⸗ ſen waren. Als Mathilda erfuhr, daß man Max in Ljung⸗ ſtahof erwartete, reiſte ſie von der Gegend fort und ließ Roſersberg verkaufen; worauf ſie ein kleines Gut in einer andern Gegend kaufte, wo ſie ein einſames und trauriges Leben zubrachte. Mar kehrte nach dem Vaterhauſe zurück, wo er mit all der Liebe und Theilnahme gepflegt wurde, ne das Gefühl für ſeine Leiden den Eltern ein⸗ ößte. Die Freude, welche er darüber empfand, ſein Kind wieder zu ſehen unnd ſich unter denen zu befinden, welche ihn liebten, wirkte auch wohlthuend auf ſeine Gemüthskrankheit. Marie wurde die milde Tröſterin, welche ihm die Sorgfalt einer Schweſter widmete, und durch ihre Geſellſchaft und ihre Geſpräche die „ 203 einreihigen und finſteren Gedanken zu verſcheuchen ſuchte, welche ihn bisweilen beherrſchten. Als der Winter heranbrach, hatte das Leben auf Ljungſtahof wieder ſeinen gewohnten Gang genommen. Die Einzige, die nicht vollkommen gleich blieb, war Ebba. Ihr lebensfriſches Gemüth war freilich daſſelbe, aber über ihre Fröhlichkeit hatte ſich ein Schatten von Wehmuth gelagert und ihr munteres, wohltönendes Lochen erſchallte jetzt ſelten. Man überraſchte ſie oft, wie ſie gedankenvoll uud träumend mit Thränen in den Augen da ſaß. Der Rittmeiſter war am Tage nach der Erzäh⸗ lung Stuarts nach der Hauptſtadt gereiſt, um ſeinen Bruder zu holen. Nach ſeiner Rücktehr aus Stock⸗ holm wich er eher Ebba aus, als daß er ſie aufſuchte. Er hatte gänzlich mit ſeinen Ausfällen gegen die Frauenzimmer aufgehört. Er bewies auch Marie eine herzliche Aufmerkſamkeit und pries die Sorgfalt, die ſie gegen ſeinen Bruder an den Tag legte. Der Capitain Stuart pflog als Nachbar häufig Umgang mit der Familie des Oberſten. Daß er mit Ebba verheirathet geweſen, wußte wohl Niemand außer Marie und der Rittmeiſter. Nach dieſer Auseinanderſetzung verſetzen wir uns an einem Decemberabend in das gewöhnliche Unter⸗ haltungszimmer in den blauen Salon auf Ljungſta⸗ hof, wo wir wieder Alle verſammelt antreffen. Die Obriſtin ſitzt im Sopha vor einem großen Divantiſch, der mit farbigen Garnſorten bedeckt war. Sie beſchäftigt ſich mit einer zierlichen Stickerei, die „ 204 vermuthlich für ein Weihnachtsgeſchenk beſtimmt iſt. In der einen Sophaecke hat Mar, rückwärts gelehnt, ſeinen Platz. Er betrachtet mit gedankenvollen und zärtlichen Blicken den kleinen Eduard, welcher an der unbeſetzten Tiſchecke ſitzt und in einem Buche lieſt. Marie ſitzt auf einem Stuhle neben Max und arbei⸗ tet an einer Perlſtickerei. Weiter weg im Salon hat Ebba vor einem großen Rahmen Platz genommen und iſt damit beſchäftigt ganz keck und unmittelbar nach dem Muſter einen ſtattlichen Reiter auf das Tuch zu übertragen. Capitain Stuart und der Rittmeiſter haben ſich am Divantiſch niedergelaſſen. In dem Zimmer nebenbei iſt der Oberſt in einer Whiſtpartie mit dem Lieutenant und ein paar andern Herren begriffen. Ein lebhaftes Geſpräch iſt zwiſchen der Obriſtin und Stuart über einen Doctor K. im Gange, der ſich erſt von ſeiner Frau geſchieden und ſie jetzt nach einigen Jahren wieder gefreit hätte. „Wie iſt es möglich eine ſolche inconſequente Handlung zu vertheidigen?“ ſagte die Obriſtin etwas heftig,„finden ſie denn nicht, daß es eine Beleidigung gegen ſeine geſchiedene Frau iſt. Nachdem er ſich wegen einer Anderen von ihr frei gemacht und dann auch dieſe ſatt bekommen, wagt er es, ihr wieder an⸗ zubieten einen Namen anzunehmen, den er ihr einmal genommen.“ „Aber gerade, daß er ſie wieder freit, beweiſt, daß er jetzt ihren höheren und hervorragenderen Werth einſieht. Er giebt ihr ja dadurch, daß er ſeinen Miß⸗ griff anerkennt, den unumſtößlichſten Beweis ſeiner Achtung.“ „Dieſe Achtung müßte ihn im Gegentheil abge⸗ halten haben ihr Herz mit ſo verletzenden Erinne⸗ — 205⁵ rungen zu quälen und die Bande mit Füßen zu tre⸗ ten, welche ſie früher an einander gefeſſelt hatten. In ihrer Stelle würde ich nur eine hohe Verachtung ge⸗ gen eine ſolche Wankelmüthigkeit empfinden.“ „Denkt Fräulein Marie eben ſo ſtreng?“ fragte Stuart. Marie ſah ihn mit einem ernſten Blick an und agte: „Ein Mann, welcher ſo leichtſinnig mit den hei⸗ ligſten Banden ſpiekt, muß moraliſch ſchwach ſein, und nicht die Feſtigkeit des Charakters beſitzen, welche es allein möglich macht ein beſtändiges Glück in der Ehe zu hoffen. Ich würde es nicht wagen das Glück mei⸗ nes Lebens ſo unzuverläſſigen Händen anzuvertrauen.“ „Ja, ſo kann die kalte Vernunft raiſonniren; aber wenn Du dieſen Mann kennen würdeſt, dann würde Dein Herz eine ganz andere Sprache führen. Er würde dann tauſend Entſchuldigungen für ſeine Hand⸗ lungsweiſe ausfindig machen,“ fiel der Rittmeiſter ein und betrachtete Ebba mit einem traurigen Blick. „Die Liebe iſt die Macht, welche alle Verhältniſſe ebnet und uns nachſichtig macht,“ fuhr Stuart fort. „Liebe Ebba, ſitze nicht ſo ſchweigſam,“ rief die Obriſtin,„ſondern komm uns zu Hilfe. Findeſt Du es nicht anſtößig, daß Menſchen auf eine ſolche Weiſe mit der Heiligkeit der Che ſpielen. Du darfſt nicht ſchweigen, wenn von einem ſo wichtigen Thema die Rede iſt.“ „Wenn ich es thue, beſte Tante, ſo geſchieht es nur darum, weil das Wort Eheſcheidung für mein Gefühl etwas Widerliches hat. Es kommt mir vor, wie ein Hohn auf alle menſchlichen Nerven. Hat aber eine ſolche einmal ſtattgefunden, haben einmal zwei Gatten mit einander gebrochen, dann kann man an⸗ 206 nehmen, daß dabei irgend eine Saite im Herzen des Einen oder des Andern geſprungen, welche nie mehr erklingen wird. Dann iſt ja alle Wiedervereinigung zwiſchen ihnen undenkbar. Außerdem liegt etwas ganz Unmoraliſches in dieſem leichtſinnigen Spiel mit den heiligſten Verbindungen, welches empört und peinlich auf jeden feinfühlenden Menſchen wirkt. Eine ungeduldige Bewegung von Max bewies, daß dieſe Unterhaltung ihm peinlich ſei und Marie beeilte ſich deßhalb zu ſagen: „Laßt uns ein anderes Thema wählen.“ Der Rittmeiſter ſtand auf und ging hin, um ſich an's Piano zu ſetzen. Er ließ die Hände über die Tten gleiten ohne etwas Anderes zu ſpielen, als zuſammenhängende Phantaſieen. Stuart machte eine Runde im Salon. „Spiele etwas Ordentliches,“ bat die Obriſtin. Carl entſprach der Aufforderung; aber während er ſpielte, hatte er den Blick auf Ebba gerichtet. Der Capitain hatte ſich ihr genähert. „Du hältſt alſo eine Wiedervereinigung zwiſchen geſchiedenen Gatten für durchaus unmöglich?“ fragte er auf Engliſch und ſetzte ſich auf die andere Seite von Ebba's Rahmen. „Ich halte ſie für unſinnig; denn Hoffnung und Zuverſicht auf ein dauerndes Glück für die Zukunft ſind ja für immer dahin. Auf welchem Grunde können denn dieſe Gatten das einmal zerſchmetterte Glück wieder aufbauen?“ „Auf dem der Liebe, wenn dieſelbe im Herzen wohnt. „Liebe ohne Vertrauen iſt etwas ſehr Schwie⸗ riges.— Uebrigens wie willſt Du Liebe in Herzen — 207 finden, welche gerade aus Mangel an Liebe ſich ein⸗ mal von einander geriſſen?“ „Ebba, Deine Worte ſind grauſam!“ „Nein, Tom, ſie ſind nur wahr.“ Ebba ſah ihn mit einem ruhigen und ernſten Blick an. „Höre mich an und Du wirſt ſie zurücknehmen. Haſt Du nicht eingeſehen, daß mein Gefühl für Dich immer ſeine tiefe und heilige Wärme beibehalten hat, und daß ich Dich immer geliebt habe, obgleich eine thörichte Leidenſchaft die Stimme dieſer Gefühle eine Zeit lang zum Schweigen brachte. Begreifſt Du nicht. daß das ganze Glück meiner Zukunft darauf beruht, Dich wieder meine Gattin nennen zu dürfen?⸗ „Ich weiß nur Eines, und das iſt: daß Du ein⸗ mal mein Herz zerriſſen, meine Liebe mit Füßen ge⸗ treten, gegen meine Thränen gefühllos geweſen und mein Flehen verachtet haſt.“ Die Blicke des Rittmeiſters folgten dem wechſeln⸗ den Ausdruck in den Geſichtern der Sprechenden. „Ach, Ebba, wenn Du mich liebteſt, dann würdeſt Du nicht ſo ſprechen; wenn Liebe in Deinem Herzen dann würdeſt Du nicht an die Vergangenheit enken.“ „Laß uns dieſes Geſpräch ſchließen, Tom, und ſpreche nicht von Liebe mit Derjenigen, aus deren Bruſt Du ſelbſt einmal dieſe Gefühle unbeweglich vertilgt haſt.— Freunde werden wir immer bleiben; aber Gatten— niemals; denn ich muß Vertrauen zu dem haben, den ich liebe.“ „Und doch muß ich die Hoffnung nähren, daß Du wieder meine Gattin werden willſt, oder auch muß ich mich weit von Dir entfernen.“ „Reiſe dann, Tom, und nähre keine Hoffnung! 208 „Iſt das Dein letztes Wort?“ Stuart ſtand auf. „Ja; aber rechne darauf, nach wie vor immer die Zuneigung einer Freundin zu finden.“ bba's Stimme war mild aber beſtimmt. Stuart ging heftig von ihr fort. Der Rittmeiſter ſchlug einen Schlußaccord an, ſtand vom Inſtrument auf, und ging hin um Stuarts Platz bei Ebba ein⸗ zunehmen. „Du biſt verzweifelt fleißig heute Abend,“ be⸗ merkte er, indem er ſich zum Erſtenmale ſeit mehreren Monaten Ebba näherte. „Deine Worte ſcheinen anzudeuten, daß ich es nicht immer bin,“ antwortete Ebba lächelnd. „Ich weiß es wahrhaftig nicht. Ich habe nie vor heute Abend darauf Acht gegeben.“ „Und warum haſt Du gerade heute mehr Deine Aufmerkſamkeit auf mich gerichtet als ſonſt?“ „Weil er mir peinlich war.“ „Mein Fleiß?— Das begreife ich nicht.“ „Und doch iſt es ſo leicht zu begreifen.— Ich beneide den Rahmen um die Aufmerkſamkeit, welche Du demſelben ſchenkſt.“ Ebba erröthete leicht und antwortete ſcherzend: „Willſt Du mir eine Artigkeit ſagen.“ „Nein, ich will mir blos Deine Aufmerkſamkeit ausbitten. Laſſe Deine Stickerei auf einen Augenblick bei Seite und laß uns mit einander ſprechen.“ „Gern; aber erlaube mir indeſſen, daß ich in meiner Arbeit fortfahre, denn das hindert mich durch⸗ gus nicht, mich mit Dir zu unterhalten.— Aber, über was ſollen wir denn ſprechen?“ „Ueber Beliebiges.— Siehe, jetzt läßt Stuart ſich bei Mama nieder; Max und Maria ſind auch ———— 209 im Begriff ſich mit einander zu verſtändigen. Laß uns ihrem Beiſpiele folgen.“ „Mit Vergnügen, wenn es möglich iſt.“ „Zuerſt habe ich abzubitten, daß ich Dich ver⸗ kannt habe und einzugeſtehen, daß ich beſiegt bin.“ Der Rittmeiſter ſah ſie mit einem warmen und offenen Blick an. „Das Eine folgt aus dem Anderen,“— antwortete ſie heiter.„Du gibſt alſo zu, daß Du mein Geſchlecht verkannt haſt. „Gewiß nicht.“ „Was, mein Herr? das iſt nicht erklärlich. Erſt ſtrecken Sie die Waffen und nachher heben Sie ſie wieder auf, um den Kampf zu beginnen.“ „Täuſchung, Ebba; mit den Feindſeligkeiten iſt es gänzlich zu Ende.“ „Nu— un?“ „Du warſt es, gegen die ich Argwohn hatte, nicht gegen das Geſchlecht. Du biſt es, die mich ge⸗ lehrt hat, daß es Frauen mit Tugend und Gefühl gibt, weiche der größten und wahrſten Hingebung fähig ſind; und wenn auch die Mehrzahl von ihnen unter einem beſtechenden Aeußeren kalte und trüge⸗ riſche Herzen birgt, ſo hat man kein Recht, ihretwegen auch Diejenigen anzugreifen und zu perletzen, welche Dir und Maria gleichen und mit erhabenen und edlen Seeleneigenſchaften begabt ſind.“ „Sie ſollten im Gegentheil nur mild und nach⸗ ſichtig machen.— Herzlichen Dank indeſſen dafür, daß Du mir ſagſt, daß der Glaube an das Gute wieder in Deiner Seele erwacht iſt. Es liegt etwas Un⸗ heimliches darin zu hören, daß ein Menſch, den man ſonſt gern hat, nur an das Daſein des Böſen glaubt,“ Schwartz, Mathilda. 14 „Und jetzt, Ebba, ſind wir ja Freunde?“ Carl beugte ſich über den Rahmen. „Ja, aufrichtige und wahre Freunde.“ Ebba lächelte mild. „Gib mir Deine Hand darauf.“ „Von Herzen gern.“ Ebba reichte ihm die Hand. S Einige Tage darauf reiste der Capitain nach der Hauptſtadt. Eines Abends kurz vor Weihnachten, als die Obriſtin in ihrer Berathung mit der Haushälterin und der weiblichen Bedienung im Begriffe war, die gewöhnliche Ordnung von oben nach unten zu kehren, um Alles bis zu den Feiertagen in Ordnung zu be⸗ kommen— ſaß Ebba in einem kleinen Cabinet und nähte fleißig am Rahmen an einem Weihnachtsgeſchenk für den Obriſt; Marie hatte ſich wegen eines ſolchen Geheimniſſes eingeſchloſſen. Max lag auf einem Sopha im Salon und ſpielte mit Eduard. Der Obriſt war mit dem Lieutenant nach der Stadt gereist, um, wie er ſich ausdrückte,„das verdammte Scheuern“ los zu werden.— Der Rittmeiſter war den ganzen Tag herumgeſtreift, ohne irgendwo gut empfangen zu wer⸗ den; denn überall war er im Wege und die Obriſtin hatte in der Eile die Aeußerung gethan: „Du lieber Gott! Carl, Du hätteſt klug daran gethan, wenn Du auch nach der Stadt gereist wäreſt.“ Die Uhr war ungefähr ſechs, als er die Thüre zum Cabinet öffnete, in welchem Ebba ſaß und arbeitete. Er fragte: „Iſt es wohl erlaubt, einzutreten.“ 211 „Wenn Du mich nicht aufhältſt.“ „Die Antwort habe ich den ganzen Tag erhalten, wo ich mich hingewendet habe; überall verweigert man mir eine Freiſtätte,“ ſagte Carl ſcherzend und nahm Platz neben Ebba;„aber Du mußt in Deiner Eigenſchaft als Freundin barmherzig ſein.“ „Du läßt mir ja keine andere Wahl, nachdem Du ganz einfach hier Platz genommen.“ „Was ſoll ich thun? Uebrigens habe ich Dir Etwas zu ſagen.“ „Laß hören.“ „Aber nähe dann nicht ſo verzweifelt.“ „Kümmere Dich nicht darum, ſondern ſpreche nur; ich bin ganz und gar Ohr.“ „Nun gut, ich komme, um Dir die Freundſchaft zu kündigen.“ „Das klingt ſchlimm. Was ſollen wir dann nachher werden; Feinde vielleicht?“ Ebba blickte lächelnd zu ihm hinauf. „Oh nein, ich will den Vorſchlag machen, daß⸗ wir noch etwas Beſſeres werden 418 Freunde.“ „Gibt es denn etwas Beſſeres?“ „Laß uns im Scherz annehmen, daß es Etwas gibt, das die Freundſchaft übertrifft.“ „Mag ſein, im Scherz denn.“ „Das iſt klar.— Ich ſetze voraus, daß wir ein⸗ ander lieben.“ „Eine kecke Vorausſetzung.“ „Wir ſcherzen ja nur.“ „Mag es ſein.“ „Wir lieben uns alſo und ich ſchlage Dir vor, aus dieſer warmen und innigen Liebe die größte irdiſche Glückſeligkeit dadurch zu ſchaffen, daß Du meine Gattin wirſt.— Wäre das nicht Etwas, das 8— — 212 die bloße Freundſchaft ſehr überträfe. Sage Ebba, wären wir dann nicht etwas weit beſſeres als Freunde.“ Der Rittmeiſter hatte ſeinen Stuhl dem von Ebba näher gerückt. „Ohne Zweifel wären wir dann das Meiſte, was zwei Menſchen für einander werden können.“ „Wenn wir aber jetzt den Spaß bei Seite ſetzten und ernſthaft ſprächen.“ Der Rittmeiſter ergriff ihre Hand, indem er in tiefem ernſtem Tone ſagte:„Du weißt ja, daß ich Dich hoch, grenzenlos, aus meiner ganzen Seele liebe.“ „Es hat Augenblicke gegeben, wo ich es ahnte; aber andere, wo ich genöthigt war, daran zu zweifeln.“ Ebba blickte ihn gerührt an. „Aber jetzt, geliebte Ebba, jetzt fühlſt Du ja, daß ich nicht ſo von Dir ſprechen würde, wenn nicht meine Liebe ernſt und mit der höchſten Achtung verbunden wäre Sage, daß Du fühlſt, daß jedes meiner Worte vom Herzen kommt und mir nicht in einem übereilten Augenblick entfällt.“ Er ergriff Ebba's Hand und führte ſie an ſeine ipp en. „Ja, Carl, das fühle ich.“ öbba beugte ſich aufgeregt und erröthend über den Rahmen. „Und welche Antwort gibſt Du mir dann, Ebba? Kann ich wohl hoffen, daß eine Stimme aus Deinem Innern für mich ſpricht, daß Du es wagſt, Dein Schickſal meinen Händen anzuvertrauen?“. „Carl! ich würde es nicht, falls nicht mein Herz Dich ſchon ſeit lange geliebt,“ ſtammelte Ebba und ſah auf zu Carl mit einem warmen und reinen Blite 2¹13 Während dieſe Erklärung im Cabinet ſtattfand, trug ſich im Salon Folgendes zu: Marie, welche den ganzen Tag in ihrem Zimmer eingeſchloſſen geſeſſen und auch an den geſegneten Weihnachtsgeſchenken gearbeitet hatte, war in den Salon hinunter gegangen, um ſich nach Mar zu er⸗ kundigen und zu fragen, wie er ſich bei der allge⸗ meinen Aufräumerei, nachdem er einen ganzen Tag allein geweſen, befände. Sie fand ihn auf dem Sopha liegend und Eduard in voller Carriere mit einem Kreiſel auf dem Fußboden herumſpringend. „Ach, Marie!“ rief Mar und ſtand auf, indem er ihr die Hand reichte,„wie war mir doch der Tag lang geweſen, weil ich Dich vermißt habe.“ „Ich danke Dir, daß Du mich vermißt haſt.“ Maria ſetzte ſich neben ihn. „Tante Marie, Tante Maria! darf ich zu Lena hinunterſpringen und mir eine Bretzel geben laſſen?“ rief Eduand, indem er ohne Antwort abzuwarten, hin⸗ ausſtürzte. Weißt Du, Märie, was ich dachte, während ich mir ſelbſt überlaſſen war?“ „Loß mal hören.“ „Wenn es nicht eine gottloſe Handlung von mir wäre, da ich nicht immer eine Controle über meine Seelenthätigkeit habe, ſo würde ich Dich fragen, ob Du nicht der gute Engel meines Lebens werden woll⸗ teſt; denn, wenn Du, wie heute, fort biſt, dann hüllt ſich meine Seele wieder in ihren finſteren Schatten. Jetzt wage ich nicht, dieſe Frage an Dich zu richten, denn das hieße Dein Leben opfern, das wäre Gott verſuchen, das wäre. „Das wäre das einzige Glück, das ich mir wünſche, Mar,“ antwortete Marie mit ſeelenwoller —ů — 2 „ 6 3 3 214 Stimme;„denn wie auch das Leben ſich geſtalten mag, von Deiner Seite weiche ich nicht, ſo lange meine Gegenwart für Dich ein Bedürfniß iſt.“ „Marie!“ Max drückte feſt ihre Hand.„Du ſprichſt vielleicht ſo aus Mitleid, aus Erbarmen, aus chriſtlichem Pflichtgefühl, weil Du Dich für verbunden hältſt, Dein Leben zur Sühne der Fehler Deiner Schweſter zu opfern.“ „Nein, ich ſpreche aus wahrer und inniger Hin⸗ gebung,“ antwortete Marie herzlich.. Weihnachtsabend machte endlich den häuslichen Geſchäften ein Ende und alle Zimmer auf Lungſtahof waren hell erleuchtet. Im Salon hatten Ebba und der Künſtler eben die jetzt zuſammengeſetzte Büſte von Guſtav Vaſa aufgeftellt, als der Oberſt vom Lieutenant und Carl begleitet, von der einen und die Obriſtin, Maria, Max und der kleine Eduard von der anderen Seite eintraten. Alle blieben beim An⸗ blick der Büſte plötzlich ſtehen. „Wie hängt das zuſammen?“ rief der Obriſt und ſtarrte ſeinen wiederhergeſtellten Liebling an.. „Das bedeutet, lieber Onkel, daß an einem ſo fröhlichen Feiertage alle erlittenen Verluſte wieder erſetzt werden,“ indem ſie den kleinen Eduard an der Hand faßte und ihn zu dem Obriſten führte. „Ja, mit dem Beiſtande eines zarten Engels wird Alles gut gemacht,“ fiel der Lieutenant ein. „Ihre Gnaden hat hier die Rolle des Engels geſpielt.“ „Und das, hol' mich der—, ſo, daß ich mich zwanzig Jahre jünger fühle. Wenn es etwas mit Carl wäre, ſo ſollteſt Du ihn zum Manne haben; 2¹⁵ aber jetzt iſt da nichts zu machen.“ Der Oberſt küßte Ebba auf die Stirne. „Ich nehme ihn doch,“ flüſterte Ebba ihm lächelnd in's Ohr. Nachdem der Oberſt dem Künſtler gedankt, und Eduard aus Freude Tante Ebba geküßt, ſagte Carl: „Ich habe auch ein Weihnachtsgeſchenk und eine Ueberraſchung für Papa und Mama.“ „Jetzt kommſt Du wohl mit irgend einer neuen Dummheit,“ ſagte der Oberſt heiter:„denn ſolche haſt Du immer vorräthig.“ „Curl nahm Ebba bei der Hand. „Dießmal dürfte Papa ſeine Worte zurücknehmen; denn das Geſchenk beſteht in einer Schwiegertochter und die Ueberraſchung darin, daß dieſe Schwieger⸗ tochter Ebba iſt.“ „Das iſt, bei meiner Ehre, das Vernünftigſte, was Du in Deinem ganzen Leben gethan haſt, mein lieber Carl; aber Ebba, wagſt Du es wohl, jenen Burſchen unter Dein Commando zu nehmen?“ „Ich bin wohl dazu gezwungen, falls er mich nicht unter das ſeinige nimmt,“ antwortete Ebba und ging hin um die Oberſtin herzlich zu umarmen. Mox ſagte mit einem melancholiſchen Lächeln: „Auch ich habe meinen Eltern eine Schwieger⸗ tochter zu ſchenken. Marie hat heldennüthig ver⸗ ſprochen, ihr Leben Eurem armen Sohne zu opfern.“ Möge Gott Euch ſegnen, meine Kinder,“ betete die Oberſtin andächtig und der Oberſt umarmte herz⸗ lich ſeine künftigen Schwiegertöchter. „Das nahm ein raſches Ende mit dem europäi⸗ ſchen Krieg,“ ſagte kurz darauf der Lieutenant, wäh⸗ rend die Geſellſchaft zum Zeitvertreib ſich damit be⸗ ſchäftigte, Nüſſe zu knacken⸗ „Ja, mein Herr, der ruſſiſche Deſpot mußte vor der überlegenen Kraft der Weſtmächte die Waffen ſtrecken,“ ſagte Ebba. „Nein, der ruſſiſche Selbſtherrſcher hat ſich eine der Weſtmächte angeeignet,“ behauptete Carl. „Durchaus nicht, er übergab ſich auf Gnade und Ungnade.“ „Und anerkannte, daß das Weib ein Engel iſt,“ fügte der Lieutenant hinzu;„denn dieſe Bedingung gehört ja mit zu den Friedensbedingungen.“ „Ich ſage von der Sache ganz wie ein alter deutſcher Meiſterſänger, antwortete Carl: „Die guten beſſer als Engelein, Die böſen ſchlimmer als Teufelein.“ Ja, das können wir ſagen, nun es überhoben zu ſein hier an einem Weihnachtsabend etwas Schlim⸗ meres zu ſagen. Und am ſchlimmſten und gefähr⸗ lichſten unter dem Böſen iſt eine herzloſe Coquette.— Das ſei nun wie ihm wolle, mir ſind ſie nicht mehr gefährlich,“ ſetzte Carl mit einem Blick voll Liebe und Vertrauen auf ſeine Verlobte hinzu, deren Hand er an ſein warmes männliches Herz drückte. 3 1— 16 ſſi ſ 12 1 4 1 5 8 9 10 11