f 5 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von§ Eduard Oltmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeiß- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. besepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: E für wöchentlich 2 Bücher 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtigée Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenkn Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Auf dem Balcon des Hauſes ſtanden zwei Mädchen, eines von neunzehn, das an⸗ dere von ſechzehn Jahren, und ſahen auf die Allee hinaus. Man konnte deutlich bemerken daß ſie Je⸗ mand erwarteten. „Du mußt ſelbſt geſtehen, Helena, daß es ſon⸗ derbar iſt daß ſie ſo lange in der Kirche verweilen,“ ſagte Fräulein Ebba Rubens, die Tochter des Grafen. „Ja, es iſt drei Uhr vorüber,“ antwortete He⸗ lena Kahn, die Tochter einer Freundin der Gräfin Rubens, der Capitänin Kahn, die bei ihrem Tod die Tochter und ihr Vermögen in die Obhut der Gräfin und des Grafen geſtellt hatte. Graf Rubens war nämlich der Vormund des jungen Mädchens „Glaubſt Du daß ihnen etwas paſſirt ſei? Viel⸗ leicht ſind die Pferde durchgegangen!“ rief Ebba mit kindlicher Unruhe. 6 „O nein, Tante und Onkel ſind gewiß näc hinaufgefahren. Still! Hörſt Du? Jezt kommen ſie.“ Helenas Wangen glühten als Ebba rief: „Jo, ſieh, da ſchwenken ſie die Allee herauf, und neben dem Wagen reitet der Bezirksrichter von Ochard.“ Leicht wie ein Vogel hüpfte Ebba weg, um den Ankommenden entgegen zu eilen; aber Helena blieb auf dem Balcon ſtehen, den Blick auf den heran⸗ nahenden Wagen gerichtet, an deſſen linker Seite ein junger Mann ritt. Die Roſen auf den Wangen kamen und gingen. Aber ehe wir weiter gehen, dürften wir mit eini⸗ gen Worten das Aeußere unſerer Hauptheldin zu ſchildern haben. Helena war groß und von elaſti⸗ ſchem, aber dennoch üppigem Körperbau. Man fand vielleicht die Taille zu ſchmal für die volle Büſte, und die Rundung der Schultern ſtach ſtark gegen die beinahe demüthige, ſchwanenartige Haltung ab. Man hätte bei dieſer hochgewölbten Bruſt einen Hals erwartet der mit majeſtätiſcher Sicherheit den Siz der Seele getragen hätte. Jezt glich das junge Mädchen einem ſchlanken und geraden Baume deſſen reiche Krone durch die Schwere ſeines Laubwerks gebeugt wird. Wenn man Helenas Kopf anſah, meinte man, der Hals könne unmöglich die ganze Schwere dieſer hohen, breiten, gewölbten und träu⸗ meriſchen Stirne tragen, die ſo gedankenſchwanger über großen, tiefblauen Augen ruhte, welche mit ihrem klaren Himmel däs ganze Geſicht übergoßen. ie fein und etwas gebogen; der Mund ernſt geſchloſſen, aber wenn er ſich nanchme z einem Lächeln öffnete, kamen zwei „ 3 6 7 7 Reihen ſchneeweißer Zähne zum Vorſchein. Die Farbe war bleich, beſaß aber nicht die durchſichtige Weiße welche den Blondinen eigen iſt, ſondern ſchien weich und glatt zu ſein wie Sammt. Das Haar war dunkelbraun, beinahe ſchwarz, üppig, glatt und glänzend. Das Ganze hätte man unläugbar ſchön nennen können, aber es ruhte gleichſam ein Schat⸗ ten darüber, welcher der jugendlich ſtrahlenden Schön⸗ heit die junge Mädchen in ihrem Alter auszuzeich⸗ nen pflegt Eintrag that. Es war wie wenn eine Wolke die Sonne verdüſterte; man ſieht ihre Strah⸗ len hervorbrechen, aber die Wolke wirft gleichſam ihren Schatten über die Landſchaft, welche dadurch die glänzende Helle verliert.— So ſchien es bei Helena. Man meinte, eine ſolche Wolke verfinſtere alles Leben und alles Feuer das aus dieſen Augen hätte ſtrahlen müſſen, die jezt mit einem ſo ge⸗ dankenvollen und milden Ernſte einem Rendezvous entgegenſahen. Zuweilen ſchien es als läge das Innere des jungen Mädchens noch im Schlummer und ſie ſelbſt noch nicht zum vollen Bewußtſein „der in ihr wohnenden Kräfte erwacht.— Leben, Gefühl und Bewegung war es was ihren Zügen fehlte, und dieſer Mangel gab ihnen oft etwas Ausdrucksvolles und Einförmiges, weil man immer denſelben Ernſt, dieſelbe Gedankenfülle, daſſelbe milde Lächeln, aber niemals eine tolle Luſtigkeit darin fand. Als der Wagen des Grafen unter dem Balcon anhielt und der reitende Cavalier ſich vom Pferde ſchwang, um der Gräfin ſeinen Arm zu bieten und ſie die Treppe hinauf zu begleiten, da erſt ging He⸗ lena in den Salon. Sie war mit einer gewiſſen 8 Langſamkeit und wie unſchlüſſig hereingekommen; aber als die Gräfin ſich an der Thüre zeigte, eilte ſie ihr fröhlich entgegen und ſagte mit ihrem ſanf⸗ ten ernſten Lächeln: „Du biſt lange ausgeblieben, Tante.“ Gräfin Emy Rubens, eine ſtattliche, ſchöne Vier⸗ zigerin von guter Geſichtsfarbe und edler, ſtolzer Haltung, umarmte das Mädchen zärtlich. „Wir wurden von Kerners aufgehalten. Aber ich ſtehe ja einem gewiſſen Herrn im Wege der mit außerordentlicher Ungeduld Dich wieder zu ſehen verlangt hat, nachdem er volle drei Tage von Dir getrennt geweſen.“ „Eine Ewigkeit für einen Bräutigam,“ fügte Graf Rubens hinzu, der ebenfalls eintrat, begleitet 6 von Ebba und einem zwölfjährigen Erben ſeines Namens. Helena beeilte ſich den Grafen zu begrüßen und ließ den Bezirksrichter daſtehen. Endlich reichte ſie ihm, mit niedergeſchlagenen Augen und hocherröthen⸗ den Wangen, die Hand. Der Bezirksrichter Evert von Ochard war ſeit drei Monaten mit Helena verlobt. Man betrachtete dieß mit Recht als eine Liebesheirath, wenigſtens von Seite des jungen Mädchens, da der Bezirks⸗ richter ohne alles Vermögen war. Sohn eines alten Medicinalraths der mehrere Kinder hatte, beſaß Evert keine Ausſichten auf ein Erbe Helena dagegen war ein ſehr reiches Mäd⸗ hen und hätte ſchon mit ſiebzehn Jahren aus einer der höhern Familien einen Gatten wählen können, ober gräflichen Anbeter ſchienen dem jungen —— +——— Mädchen ganz und gar nicht zu gefallen, während dagegen Evert ſchon bei ſeinem erſten Eintritt in Graf Rubens Haus, als die Familie vor andert⸗ halb Jahren ſich in Stockholm aufhielt, ihre Theil⸗ nahme erweckt hatte. Der Vater des Bezirksrichters war mehr als dreißig Jahre lang Hausarzt der Grafen Rubens geweſen, und der Sohn wurde deßhalb mit beſon⸗ derem Wohlwollen von dem Grafen Arthur umfaßt, welcher ihn einlud den Sommer auf Holmvik zuzu⸗ bringen.— Der tägliche Umgang that Helenas Neigung zu Evert keinen Abbruch, und als die Fa⸗ milie den folgenden Winter wieder in der Haupt⸗ ſtadt zubrachte, bezweifelte Niemand mehr daß ihre Wahl auf den Bezirksrichter fallen würde. Im März wurde auch die Verlobung gefeiert, ſo daß Helena als Braut nach Holmvik zurückehrte. Der Bezirksrichter war jezt ein Paar Tage in der Nachbarſchaft herumgereist und kam nach dieſer langen Trennung mit der gräflichen Familie wieder auf dem Schloſſe an. Gräfin Emy hatte ihre Blicke auf Helena gerich⸗ tet, als die junge Braut ihren Bräutigam begrüßte, und ein Schatten flog über ihre Wangen, als ſie in den ruhigen Zügen ihrer Tochter vergebens nach einem Schimmer von lebhafter Freude ſuchte. Emy wandte ſich ab und ſeufzte. „Ach Helena,“ flüſterte der Bezirksrichter,„es ſieht aus als ob Du die Qual dieſer kurzen und dennoch langen Trennung nicht ſo herb empfunden hätteſt wie ich.“ „Und warum glaubſt Du das?“ 10 „Mit ungebuldig klopfendem Herzen habe ich auf einen Gruß von Dir warten müſſen, Geliebte mei⸗ nes Herzens.“ „Verzeih!“— Helena reichte ihm ihre Stirne zum Kuß—„aber zweifle nicht an meiner Ergeben⸗ heit und der Wärme meiner Gefühle, wenn auch mein Aeußeres kalt ſcheint. Es iſt eine Eigenheit von mir daß ich meine Empfindungen nicht in Worte kleiden kann.“ „Du kannſt nicht einmal Deinem Blick einen Ausdruck deſſen geben was in Deinem Herzen vor⸗ geht.“— Man hörte wohl daß er mißvergnügt war. „Ich weiß nicht was meine Augen ſagen; ich weiß bloß was mein Herz empfindet.“ „Und Du biſt überzeugt daß dieſes Herz mich liebt?“ „Kannſt Du daran zweifeln?“ Everts Antwort blieb aus, denn die Ankündigung: Servirt! ließ keine Zeit dazu. Er eilte der Gräfin ſeinen Arm anzubieten und ſie zur Tafel zu begleiten. Die ganze Familie war Nachmittags in dem ſtattlichen Pavillon verſammelt, deſſen Glasthüren aufgeſchlagen waren, und man ſaß in einem von lumendüften erfüllten und von der herrlichen Som⸗ merluft, die balſamiſche Wohlgerüche von den blü⸗ henden Linden her zuführte, durchſtrömten Salon. Durch ausgehauene Stellen im Park ſah man weit in der Ferne das blaue grenzenloſe Meer. ſpielte auf dem Clavier eine wilde Ga⸗ Emy unterhielt ſich leiſe mit dem Bezirks⸗ richter, und Helena blickte, in einen Emma verſunken, auf das Meer hinaus. Ihr ganzes Aeußere ver⸗ rieth gänzliche Geiſtesabweſenheit. Sie ſchien ihre ganze Umgebung vergeſſen zu haben und in Träume verſunken zu ſein welche die nächſten Gegenſtände für ſie in die Ferne rückten. „Ich fürchte,“ ſagte Gräfin Emy zu dem Be⸗ zirksrichter,„daß ein längeres Studium von Helenas Character und Eigenheiten, als Dir bei einer ſechs⸗ monatlichen Verlobung möglich war, nothwendig iſt, wenn Du nicht ſowohl ihre als Deine eigene Zu⸗ kunft gefährden willſt. Deßhalb halte ich es für das Klügſte daß ihr eure Hochzeit noch ein Jahr aufſchiebet.“ „Sprechen Sie da in Helenas Namen? Wünſcht ſie dieſen Aufſchub?“ fragte Evert etwas verdrießlich. „Nein, mein Freund. Hätte Helena ihre Ver⸗ bindung aufzuſchieben gewünſcht, ſo hätte ſie es Dir ſelbſt geſagt, ohne auf einem Umweg mich darum zu bitten. Sieh, das iſt ſogleich ein Beweis daß Du Deine Braut nicht kennſt, da Du den hervorſtehend⸗ ſten Zug in ihrem Character, nämlich ihre außer⸗ Aufrichtigkeit, nicht einmal aufgefaßt aſt.“ „Ich glaube in Wahrheit nicht daß Sie Recht haben, Tante; denn mir kommt Helena verſchloſſen vor, ſo daß ich ſie unmöglich durchſchauen kann. „Aber ſag, haſt Du je ein unwahres Wort über dieſe ernſten Lippen kommen gehört? Sind nicht alle ihre Antworten ſo aufrichtig, daß man mitunter in Verlegenheit geräth?“ „Das gebe ich zu, um ſo mehr ols gerade d Zug mich an ſie gefeſſelt hat; aber wenn ich je zu Helena hintreten würde und ſie fragte was ſie denke, was glauben Sie wohl, Tante, daß ſie antworten würde?“ „Sie würde Dir lächelnd die Hand reichen und ſagen: Verzeih; aber es iſt mir unmöglich meine Gedanken klar zu machen.“ „Ja gerade ſo würde ihre Antwort lauten. Aber an was denkt ſie denn?— Jedenfalls nicht an mich den ſie zu lieben behauptet und der ſie anbetet⸗ Was mag es wohl ſein? Wenn man liebt, ſo bildet der Gegenſtand unſerer Liebe auch den Gegenſtand aller unſerer Gedanken, Träume und Gefühle.“ „Du haſt Recht, und darum ſage ich: Helena iſt ein Räthſel zu deſſen Löſung Du Zeit brauchſt, und ehe Du es gelöst haſt, darfſt Du Dich nicht unauflöslich mit ihr verbinden.“ 3 „Nein, Tante, wenn Helena meine Frau wird, ſo iſt das Räthſel gelöst, und dieſe dunkle Träu⸗ merei muß vor der Liebe des Gatten verſchwinden.“ Jezt wurden Gäſte angemeldet, und im nächſten Augenblick traten der Graf Oscar Kerner und die Gräfin Sappho ein. Die äußere Erſcheinung Beider verkündete Ruhe und Glück. Nach ihnen kam ihre fünfzehnjährige Tochter Alma, begleitet von einem jungen Mann von acht⸗ oder neunundzwanzig Jah⸗ ren und einem Lieutenant Henrico. Sie wurden auf Herzlichſte bewillkommt, und Graf Oscar ſtellte jungen Mann Emy vor. Erlaube, beſte Emy,“ ſagte er,„daß ich Dir inen Vetter Uno Kerner, den Sohn meines Onkels, otſchafters in Spanien, vorſtelle. In dieſem 13 Lande geboren und erzogen, hat er jezt zum erſten Mal ſein Vaterland geſehen. Er iſt alſo mehr als Spanier denn als Schwede zu betrachten, zumal da ſeine Mutter eine Spanierin war.“ Emy und Arthur hießen den jungen Mann auf Franzöſiſch herzlich willkommen, aber Graf Uno ant⸗ wortete auf Schwediſch: 5 „Mein Vater hat eine allzu ſtarke Liebe für die Erde ſeiner Väter bewahrt, als daß er ſeinen Sohn wie einen Fremdling für das Land hätte aufwachſen laſſen, das er ſtets mit Stolz als ſein Vaterland betrachten und lieben wird, und in dieſem Augen⸗ blick bin ich doppelt ſtolz darauf, da ich im Kreis meiner edeln Verwandten ſtehe.“ Emy ſtellte ihm den Bezirksrichter, Helena und ihre Kinder vor. Unos Blick verweilte eine Secunde auf Helena, glitt aber ohne Intereſſe an ihr vorbei, um auf Ebbas lebhaftem und jugendlichem Geſichte zu ruhen, wo Freude und Unſchuld in jedem Zuge ſtrahlte, Ge⸗ ſundheit und Lebensluſt dem Betrachter entgegen⸗ lächelten. Eine Weile nachher kamen Baron G. mit einer ganzen Jugendſchaar und Probſt Windborg mit Frau und zwei Söhnen.. Helena, die ganz plözlich aus ihren Träumen geriſſen wurde, mußte jezt als die älteſte für die ganze Jugend die Wirthin machen, wobei Ebba und der Bezirksrichter ihr an die Hand gingen. Die jungen Leute hatten getanzt und man ließ ſich jezt auf dem Gras nieder um auszuruhen und einige Spiele zu machen. Der Bezirksrichter machte jezt den Vorſchlag doß 14 man jeder Perſon ein Wort, eine Blume oder eine Sache nennen ſolle, worauf ſie einen Sinnſpruch oder eine Erzählung darüber zum Beſten geben müſſe. Ebba ging herum und flüſterte den Mitſpie⸗ lenden den Namen des Gegenſtandes zu den ſie ihnen verehrte. Nachdem Alle etwas bekommen hatten, nannte die erſte Perſon, welche die Gräfin Kerner war, ihre empfangene Beſcheerung, nämlich eine weiße Roſe, und ſagte einen recht hübſchen Vers dazu. So ging es herum und Alle hatten ihre mehr oder weniger geiſtreichen Sinnſprüche über das Em⸗ pfangene preisgegeben. Die Reihe kam jezt an den Grafen Uno. „Ich erhielt das Wort Vaterland.“ Dann fügte er hinzu: Meiner Kindheit ſchönſte Luſt, WMeiner Jugend erſte Liebe, Alle meine ſüßen Triebe Galten deiner Mutterbruſt.— Zulezt kam Helena. Das junge Mädchen hatte die ganze Zeit in Gedanken vertieft dageſeſſen und den Gang des Spieles gar nicht verfolgt, bis Ebba rief: „Nun Helena, was ſagſt Du zu Deinem An⸗ denken?“ S Helena richtete ſich mit einem ganz abweſenden Blicke auf und ſtrich langſam ihr Haar auf die Seite, dann ging ſie zur Gräfin Emy vor. Mit ungemein weicher und melodiſcher Stimme improviſirte ſie ein kleines Gedicht über das Wort.„— Es war als ob die ſchönen poetiſchen Worte über ihren Lippen ge⸗ ſchwebt hätten, ohne daß ſie es wußte. Der tolle rz der bisher bei jedem Sinnſpruch vorgewal⸗ 15 tet hatte, verſtummte, und man lauſchte in ſtiller Ueberraſchung. Die Erſcheinung war ſo ſelten, daß die Meiſten es als ausgemacht anſahen, Helena habe ein auswendig gelerntes Gedicht hergeſagt; die Hell⸗ ſehenderen aber bemerkten ganz deutlich daß die Worte aus ihrem eigenen Herzen kamen, denn ſie waren an Emy gerichtet und bezogen ſich auf Hele⸗ nas liebliche Kindheitserinnerungen, ſowie auf die Mutter die ſie verloren hatte. Als Helena verſtummte, blieb ſie vor Emy ſtehen, den träumenden Blick auf ſie geheftet und ohne daran zu denken daß ſo viele Perſonen ſie umgaben. „Dank, mein Kind,“ ſagte Emy freundlich, in⸗ dem ſie ſich erhob und einen Kuß auf die Stirne ihrer Pflegetochter drückte. Dieſe Worte der Gräfin brachen das Stillſchweigen, und Helena ſah ſich bald von allen Seiten her umringt und mit Lob über⸗ ſchüttet. Das Geräuſche deſſelben löste den Zauber worin ihre Soele gefangen war. Sie erröthete und beugte ihr Haupt mit einer ſo ſchamhaften Bewe⸗ gung, daß man wohl ſah daß ſie all dieſer Auf⸗ merkſamkeit zu entfliehen wünſchte. Emy, die Helenas Verlegenheit ſah und voll⸗ kommen die Eigenheiten ihrer Gemüthsart kannte, beeilte ſich die Aufmerkſamkeit von ihr abzulenken, indem ſie einen Spaziergang vorſchlug. Während deſſelben hatte Graf Uno Emy den Arm geboten und fragte: „Waren die von der jungen Dame geſprochenen Verſe von ihr ſelbſt für die Gelegenheit oder von einer andern Perſon verfaßt?“ „Sie waren gar nicht verfaßt,“ antwortete Em 16 lächelnd.„Helena hat das Glück oder Unglück, wie Sie nun wollen, Improviſatorin zu ſein. Dieß kommt von einem Ueberreiz in ihrer Phantaſie, dem ich entgegen zu arbeiten verſucht habe, aber ohne ihn bemeiſtern zu können.“ „Das iſt eine ſeltene Erſcheinung, die man ſonſt nur bei den feurigen Südländern zu finden pflegt. Aber erlauben Sie mir eine Einwendung zu machen: Improviſator iſt wer ganz unvorbereitet einen Ge⸗ genſtand bekommt und ſogleich ein Gedicht darüber verfaßt.“ „Nun, etwas Aehnliches hat, wie mir ſcheint, auch Helena ſo eben gethan.“ „Auf gewiſſe Art, ja; aber ſie hatte gleichwohl beinahe eine halbe Stunde vor ſich, um dieſe vier, fünf Verſe auszudenken.“ „Hätte ich es mir nicht zur Regel gemacht die⸗ ſer natürlichen Anlage Helenas ſo wenig als mög⸗ lich Nahrung und Uebung zu geben, ſo würde ich Sie erſuchen, Herr Vetter, ihr einen Gegenſtand zu nennen, und Sie würden mit Ueberraſchung ſie darüber improviſiren hören.“ „Ach, machen Sie eine Ausnahme und erlauben Sie mir ein Wunder zu ſehen, von welchem ich p ſprechen gehört, an das ich aber nie geglaubt abe.“ „Heute Abend nicht. Ich könnte ſie, umgeben von all dieſen ſtaunenden Augen, nicht dazu be⸗ ſtimmen.“ Aber ſie improviſirte erſt vor einer Weile.“ mehr Perſonen da waren außer ihr und mir. „Ach lieber Vetter, da hatte ſie vergeſſen daß Sie zweifeln. Hätten Sie, wie ich, dieſe ſeltene Natur von Kindheit auf gekannt, ſo würden Sie es nicht thun. Ich verſpreche Ihnen daß Sie morgen eine Probe ihres Talentes zu hören bekommen ſollen, da ich vermuthe daß Sie mit Kerners einige Tage bei uns verweilen werden, wie dieſe zugeſagt haben.“ Alle Fremden waren abgereist, außer Graf Ker⸗ ners, die ſich jetzt ins Gaſtzimmer begeben hatten. Emy und Helena ſtanden allein im Salon. Letztere hatte ihre Arme um den Hals der Gräfin geſchlungen und lehnte den Kopf an den ihrigen. „Helena, Du biſt heute Abend nicht vergnügt.“ „Nein!— Es kommt eine eigene Unruhe über mich, wenn ich, wie heute Abend, mich vergeſſe und von meiner Phantaſie hinreißen laſſe, ohne daß ich meiner Verzückung Einhalt zu thun vermag.“ „Und ich glaubte daß dieſe Verzückung Dich glück⸗ lich mache.“ „Für den Augenblick ja; aber hernach ſtehe ich ſo allein da und empfinde eine ſolche Leere im Herzen.“ „Eine Leere im Herzen! Jetzt da Du liebſt?“ „Ach ja; wer verſteht ſich beſſer als Du auf mich? Warum bin ich nicht wie andere Mädchen von mei⸗ nem Alter?“ Helena ſeufzte. „Darum weil Gott Dich zugleich reicher und ärmer ausgeſtattet hat als andere. Aber weißt Du auch, liebe Helena, daß Deine Phantaſie Gvert liebt, und nicht Dein Herz? Bedenke, mein Kind, Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. 2 wenn Du eines Tages entdecken ſollteſt daß Du Dich in Deinem Gefühl für ihn getäuſcht haſt, und wenn Du dann für immer an einen Mann ge⸗ bunden wäreſt den Du nicht liebteſt?“ „Ich habe mein Inneres genau geprüft, und dieſe Prüfung hat mir gezeigt daß mein Herz in Wahrheit und Wirklichkeit Evert ergeben iſt.“ „Ergeben?“ wiederholte Emy. „Ja, das iſt das rechte Wort. Ich habe dieſe heftigen Eindrücke, dieſe aufbrauſenden Gefühle, die man Liebe nennt, nie begreifen können. Was mich an Evert feſſelt iſt, wie ich ſo eben ſagte, eine wahre und tiefe Ergebung. Glaube mir, meine Phantaſie hat einen allzu großen Platz in meiner Seele uſur⸗ pirt, als daß mein Herz heftige Leidenſchaften hegen könnte. Auch die Erziehung die meine Mut⸗ ter und Du mir gegeben, war geeignet allen Ueber⸗ treibungen entgegenzuwirken. In dem ruhigen Kreis worin ich ſelbſt gelebt, hat ſich nichts gefunden was meine Gefühle befeuert hätte. Wie beklagenswerth wäre ich nicht, wenn die Leidenſchaften Eingang in meine Bruſt gefunden und die Leitung meiner Schwärmerei an ſich gezogen hätten.“ „Gott gebe, Helena, daß Du Dich ſelbſt jezt richtig beurtheileſt, und daß dieſe Lebhaftigkeit des Gefühls, der Deine Mutter und ich entgegenzuarbei⸗ ten ſuchten, nicht eines Tages von Neuem in Deiner Bruſt erwache.“ „Nein, über meine Leidenſchaften haſt Du einen Wächter geſezt der ſie immer bezwingen und leiten, wie auch dafür ſorgen wird daß ich mit Muth und Zuverſicht die Prüfungen beſtehen kann die mir zu⸗ 18 e werden, und dieſer Wächter heißt Gottes⸗ urcht.“ Emy umarmte das junge Mädchen mit Rüh⸗ und flüſterte:„Dank, liebe Helena, für dieſe orte!“ Am folgenden Morgen kam Ebba zu Helena herein, während dieſe ihre Toilette machte. „Nun, wie gefiel Dir Graf Uno?“ fragte Ebba. „Ich bekam Pich geſtern Abend ja gar nicht zu ſprechen, ſo daß ich beinahe nicht einſchlafen konnte, bloß weil Du mir Deine Anſicht über ihn nicht ge⸗ ſagt hatteſt.“ „Wie kindiſch Du biſt, Ebba! An ſolche Lappa⸗ lien zu denken, wenn Du einſchläfſt!“ 3 „O, ich weiß wohl was Du ſagen willſt. Du glaubſt, ich habe darüber mein Gebet vergeſſen. Nein, gewiß nicht; aber ſiehſt Du, Helena, ich weiß nie recht was ich von einem Menſchen halten ſoll, eſ Du mir nicht vorher Deine Meinung geſagt üſt.“ „Und doch ſind wir ſo verſchiedener Anſicht.“ „Das kommt daher daß Du Dich mehr zu ernſten, ſogar langweiligen Dingen hinneigſt, und ich nur zu Freude und Luſt. Aber ich kann mir nie einen beſtimmten Begriff von einem Menſchen machen, bevor ich Deine Meinung von ihm weiß. Sag jezt, wie geſiel Dir ſein Aeußeres?“ „Nicht ſehr. Ich nöchte ihn beinahe häßlich nennen.“ „Jo, ſchrecklich häßlich.“ 20 „Jezt übertreibſt Du, Ebba,“ fiel Helena lchelnd ein. „So, iſt es Uebertreibung einen Menſchen häß⸗ lich zu nennen der eine kupferne Geſichtsfarbe und blauſchwarze Haare hat, eine Naſe ſo krumm wie ein Schnabel, einen ſchrecklich großen Mund.. „Der aber mit ſchönen Zähnen und einem freund⸗ lichen Lächeln verſehen iſt.“ „Und Augen wie Schießlöcher, mit ein paar Kanonenmündungen darin.“ „Die Augen ſind ſchwarz, klug und ſanft.“ „Ja ſchön! Mir kam er wie ein Neger vor.“ „Ein Neger mit krummer Naſe?“ „Nun— können die Neger nicht auch krumme Naſen haben? Ich möchte doch wiſſen was ſie daran verhinderte. Aber wir wollen nicht mehr von ſeinem ² Ausſehen ſprechen; denn verweile ich noch länger dabei, ſo— Ebba begann zu lachen— ſo ver⸗ lieſeſt Du mir den Tert und ſagſt mein Gott, wie unverſtändig Du biſt, liebe Ebba.“ „Das könnte leicht geſchehen,“ ſagte Helena eben⸗ falls lachend. „Ja es iſt ziemlich ſicher; man darf ja die Leute 6 nicht nach ihrem Ausſehen beurtheilen,“ fügte Ebba gänz ernſthaft hinzu.„Niemand kann dafür daß er häßlich iſt, und es iſt recht böſe von mir, wenn ich diejenigen auslache die es ſind.“ Laß uns deßhalb nicht mehr von dem Ausſehen des Grafen reden.“ „Nein, wir können ihn doch nicht ſchöner machen. — Aber ſehr angenehm iſt es ſchöne Leute anzuſehen. Ach, wie freue ich mich, wenn ich Alma Kerner be⸗ 21 trachte; ſie iſt ſehr ſchön,“ ſagte Ebba und ſchlug vor Entzücken die Hände zuſammen. „Und gutherzig und liebenswürdig.“ „Ja, ſie iſt kein ſolcher Wildfang wie ich.— Aber Du liebſt mich ja dennoch?“ Ebba neigte ihr Köpfchen ſchief und ſah Helena an. „Sehr, ſehr.“ „Mehr als Deinen Bräutigam?“ „Nicht mehr, aber eben ſo ſehr.“ 3 Aber wie geſiel Dir jezt der garſtige no?“ „Ich fand ſein Benehmen anziehend, auch ſprach er gut und ſah gutmüthig aus.“ „Du magſt Recht haben; aber ſieh, mir gefiel er ganz und gar nicht. Ja, Helena, ich war recht böſe auf ihn und war, als ich mich legte, ſo ver⸗ ſtimmt, daß ich mich wirklich vor mir ſelbſt fürchtete.“ „Aber warum denn?“ „Das weiß ich ſelbſt nicht.“ „Sag es nur heraus.“ „Nun, Helena, er glaubte, Du habeſt ein aus⸗ wendig gelerntes Gedicht hergeſagt, als Du impro⸗ viſirteſt, und das beleidigte mich; auch hörte ich ihn gegen Henrico die Bemerkung machen daß Du ſeelenlos ausſeheſt. Pfui, was für ein garſtiger Menſch muß das ſein der ſo von Dir ſprechen kann! Seelenlos ſein heißt nicht gut ſein, und Du, Du biſt gewiß ſo gut wie nur irgend Jemand.“ „Ach, ach, liebe Ebba, jezt ſtrahlt Dein Gefühl wie⸗ der im vollen Glanz. Du biſt weit ſchlimmer daß Du Dich über ihn ärgern kannſt, als er, der bloß ſein Urtheil uber das Ausſehen eines Menſchen 22 ausſpricht.—“ Weiter kam Helena nicht; denn die Thüre ging auf, und ein brauner Lockenkopf ſchaute herein, indem er mit lieblicher, fröhlicher Stimme fragte: „Darf man herein kommen?“ „Gern, gern, Alma,“ riefen die beiden Mädchen, und Alma Kerner trat ein. Nachmittags war die ganze Geſellſchaft im Pa⸗ villon verſammelt. Ebba, Alma und der junge Arthur hatten eine Wallfahrt zu den Tauben ge⸗ macht. Der Bezirksrichter unterhielt ſich mit dem Grafen Kerner und Rubens. Helena half Tante Sappho bei einer neuen Art von Nähterei, während Henrico der Gräfin Emy eine Garnfize hielt. „Sie halten alſo das Improviſationstalent für ein Mährchen, Herr Graf?“ ſagte der Bezirks⸗ richter. „Ich geſtehe daß ich an dieſem Talent zweifle, weil auch für das größte Benie Nachdenken erforder⸗ ich iſt um ſeine Jöeen in Reim und Versmaß zu⸗ ſammen zu bringen.“ „Ja, meine Braut iſt ein Genie dieſer Art,“ fiel der Bezirksrichter lebhaft ein. „Fräulein Kahn?“ fragte Uno. „Wenn wir Helena zu bitten wagten, ſo würz deſt Du wirklich in Staunen gerathen,“ ſagte Gra „ —— ———— „Und gleichwohl,“ fiel Arthur ein,„werde ich Ihnen ſogleich einen Beweis liefern können daß ein ſolches Talent wirklich vorhanden iſt.“ Oscar Kerner;„aber vielleicht erlaubt Emy es Schüderung ales deſſen⸗ vu nicht?“ fügte er hinzu, indem er ſich gegen Ar⸗ wandte. Ehe dieſer antworten konnte, ſagte no: „Geſtern verſprachen Sie mir, Frau Gräfin, daß ich eine Probe zu hören bekommen ſolle, die all meine Zweifel heben werde.“ Arthur trat zu Helena vor und ſagte: „Improviſire uns ein Bischen, liebes Kind, Du machſt mir und Onkel Oscar ein wahres Ver⸗ gnügen.“ Helena ſah Emy an, als wollte ſie fragen, welche Antwort ſie geben ſollte; aber Emy nickte mit bei⸗ fälligem Lächeln, worauf Helena ſich erhob und mit leichtem Erröthen ſagte: „Ueber welchen Gegenſtand?“ „Graf Uno hat Dir einen aufzugeben ge⸗ wünſcht.“ Helena ſah Uno an, der ſie mit mehr Neugierde als Intereſſe betrachtete. Ihre Bereitwilligkeit und Ruhe ſezte ihn in Staunen. Uno näherte ſich dem jungen Mädchen und ſagte lächelnd: „Verzeihen Sie die Kühnheit wozu meine Neu⸗ gierde mich verleitet, aber Sie würden mich wahr⸗ haft verpflichten, wenn Sie die Güte hätten einige Zeilen über den Zweifler zu improviſiren.“ Helena nickte bejahend, dann erhob ſie ihr Haupt wieder, ſchloß ihre Augen und blieb einige Minuten auf dieſe Art ſtehen; hierauf begann ſie, zuerſt lang⸗ ſamer, dann lebhaft, einige gereimte Verſe über das Unglück des Zweiflers zu ſprechen, über die Nacht die auf ſeiner Seele liege. Endlich kam ſie zu einer ſeinem Hetzen reden, ſeinen Glauben beleben und ihn zu Gott führen müſſe. In ihrer ganzen Darſtellung herrſchte ein höchſt anſprechender wahrhaft bezaubernder Ton wahrer Poeſie und glühenden Gefühls, ſo daß ſie ihre Zuhörer bezauberte und hinriß, ſie mochten wollen oder nicht. Unos Blick hatte ſich keine Secunde von He⸗ lenas Geſicht abgewandt, und es war merkwürdig die Wechſel in dem lezteren zu beobachten. Zuerſt bedeckte es ſich mit einer lebhaften Röthe, und ihre Augen waren auf den Grafen geheftet, ohne daß ſie ihn zu ſehen ſchien. Allmählig belebten ſie ſich, die Röthe verſchwand, eine vollſtändige Bläſſe breitete ſich über ihr Geſicht, während ihr Blick einen Aus⸗ druck wahrer Begeiſterung erhielt, als ſie von Got⸗ tes Güte und der Größe ſeiner Werke ſprach. Dieſe marmorblaſſen Züge ſtrahlten da von Schwärmerei und Entzücken. Als Helena zum Schluſſe kam, erſtarb ihre Stimme in einem Geflüſter, und ſie ſank in einen Stuhl nieder. Alles blieb eine Weile ſtill. Sappho war bie Erſte die mit ihrer natürlichen Lebhaftigkeit ihr dankte. Beim Ton ihrer Stimme erhob ſich Helena wieder, und eine feine Röthe kehrte auf die Wangen zurück. Graf Uno ging zu Helena vor. „Jezt noch zweifeln hieße an der Mannigfaltig keit der Wunder Gottes zweifeln, und ein ſolcher Zweifler bin ich nicht. Meine Dankbarkeit läßt ſich nur mit der Bewunderung vergleichen die Ihr Genie erweckt.“ Der Bezirksrichter ſchwamm in einem Weer von Entzücken über all das Lob das man an ſeine Braut verſchwendete. Später am Abend ſprach man von verſchiedenen originellen Characterzügen. Uno äußerte:„ „Sonderbar, das Originelle ſpricht mich nicht an. Ich liebe Leute nicht die über das gewöhnliche Maß menſchlicher Vollkommenheit hinausreichen. Dieſe Originale erſcheinen mir wie Bäume die, ſtatt nach der Abſicht der Natur gerade zu wachſen, eine krumme und knorrige Form angenommen haben.“ „Dieß mag von Characteroriginalen gelten, aber nicht von originellen Talenten,“ fiel Sappho ein. „Vor dem Talent müſſen wir uns immer bewundernd beugen.“ „Entſchuldige, beſte Sappho, wenn ich Deine Anſicht nicht vollkommen theile,“ antwortete Uno. „Das Genie ſpricht zwar meinen Verſtand an, aber nicht mein Herz, weil es gerade den genialen Per⸗ ſonen an Herz fehlt. Was bedeuten ihnen die häus⸗ lichen Freuden, das ſtille und ſchöne Glück das aus dem Boden des Herzens emporblüht? Was iſt ihnen ſelbſt die Liebe? Nur eine Zierrath womit ſie ihr Talent ſchmücken, nicht ein für das Leben unentbehr⸗ liches Gefühl.— Iſt wohl der Dichter ein ebenſo edler Menſch, ein ebenſo zärtlicher und treuer Gatte, wie er ein geſchickter Maler alles Schönen und An⸗ betungswürdigen iſt was das Menſchenherz beher⸗ bergen kann?— Nein.— Seine Phantaſie erzählt was ſeine Seele niemals empfunden hat.— Und das gelehrte Genie das unſere Leidenſchaften analy⸗ ſirt, unſere Gedanken auseinander nimmt, all richtungen der Seele anatomiſirt, iſt dieß deres als ein kalter Forſcher, dermaßen in ſeine ge⸗ lehrten Unterſuchungen verſunken, daß das Herz vertrocknet iſt und weder in Liebe noch Mitleid für ſeine Mitmenſchen ſchlagen kann. Das Genie erzeugt Hochmuth, der Hochmuth erzeugt Egoismus, und der Egoismus tödtet alles wahre Gefühl. Weit größere Bewunderung empfinde ich für diejenigen die mit See⸗„ lengüte, mit Feuer und Wärme im Herzen ausgerüſtet ſind, wenn ihnen auch alles Genie fehlt. Der Dich⸗ ter iſt für mich ein glänzendes Meteor und nichts anderes.“ „Mein Freund, Du haſt mich mit Deinen Argu⸗ menten beinahe erſtickt,“ rief Sappho,„und ich brenne vor Ungeduld Dir ſagen zu können daß Du Dich in einem ſchrecklichen Irrthum befindeſt; denn gerade. der Reichthum, das Uebermaß und das Feuer der Gefühle erzeugen den Dichter, die Liebe zur Menſch⸗ heit und zur Aufklärung ruft den Gelehrten hervor, und der Mangel an Egoismus hat zur Folge daß er, um der Mit⸗ und Nachwelt zu nützen, Leben und Geſundheit opfert. Ich gehe ſo weit zu behaupten daß ſowohl bei den Gelehrten als den poetiſchen Genies ihre Fehler und Mißgriffe im Leben gerade von zu viel Herz herkommen. Es gibt kein Genie ohne Gefühl; denn dann hat es aufgehört Genie zu ſein. Was verſtehen wir unter dieſem Worte anders als einen reicher mit Seele begabten Geiſt?“ „Allerdings; aber wir verſtehen darunter nur intellectuelle Ueberlegenheit. Mirabeau war um nichts weniger ein Genie, weil er ein leichtſinniger und ausſchweifender Menſch war; aber ſein Genie über⸗ 2 deckte auch dieſe Fehler nicht. Juſt darum liebe ich die moraliſche Ueberlegenheit mehr und beuge meine Kniee lieber vor der Güte als vor der Genialität.“ „So geſtehe wenigſtens daß Du von dem Genia⸗ len und Schönen hingeriſſen wirſt.“ „Ja, wenn es zugleich mit Tugend und Güte verbunden iſt; ſonſt hat es ganz und gar keinen Werth für mich.“ „Nimm Dich in Acht, Uno,“ ſagte Sappho lachend; „Du ſuchſt jetzt ſelbſt originell zu ſein.“ „Ganz und gar nicht. Ein Beweis dafür iſt daß dieſes Gemälde da mich entzückt und einnimmt,“ ſagte er flüſternd, indem er auf Ebba und Alma deutete, die Ball ſpielten,„während mein Herz gegen Alles was die junge Improviſatorin ſagte kalt und gefühllos blieb.“ „Still,“ ſagte Sappho und ſchaute ſich um; aber als ſie Helena nicht bemerkte, fügte ſie hinzu: „Weißt Du daß gerade Helena ein Beweis da⸗ für iſt daß Herzensgüte mit Genie verbunden ſein kann, denn ich kenne keine Perſon die ſo gut und gegen ihres Gleichen ſo barmherzig wäre wie ſie.“ „Möglich, aber dieſe Güte iſt eine Folge von Schwärmerei, nicht von einem angebornen Bedürf⸗ niß Gutes zu thun. Schau ihr einmal genau ins Geſicht, ſo wirſt du ſtaunen über die Kälte die dä⸗ rin liegt. Es hat eine paſſive Milde, einen leeren abweſenden Ausdruck— kurz und gut, es zeigt eine Seele die von ihren Träumen, nicht von ihren Ge⸗ fühlen beherrſcht wird, eine Seele die mit geiſtigem Hochmuth auf Alles hinabblickt was ſonſt die Jugend erfreut. Das Mädchen iſt ein Genie, das gebe ſch zu, aber ihr Herz iſt durch eine maßloſe Einbildung vertrocknet, welche ſie unfähig macht ſelbſt glücklich zu ſein oder Freude um ſich zu verbreiten. Glaubſt du, Sappho, daß ihr Mann glücklich werden kann an der Seite eines Weſens das mit uns andern Menſchen nichts gemein hat, ſondern nur für Bilder aus dem Reich der Phantaſie lebt und ſchwärmt? Welches häusliche Behagen kann wohl ein Weib be⸗ reiten das für das Glück des häuslichen Lebens gar keinen Sinn hat? Wie gering muß nicht die Liebe ſein die ſie ihrem Manne zeigt, wenn ihre Seele nur von Dingen träumt welche die Wirklichkeit nicht beſizt! Nein, dieſes Genie das euch bezaubert und hinreißt, ſo daß ihr dieſe Helena als ein Wunder anſtaunt, ruft in mir nur einen qualvollen Eindruck hervor, und jedes Wort des Beifalls das ich ihrem Improviſationstalent ſchenken muß, erregt meinen Widerwillen. Wie weit hinreißender wäre ſie nicht, wenn man bei ihr die unſchuldsvolle Lebendigkeit der Jugend erblickte, ſtatt dieſes beſtändig nach Hei fall haſchenden Genies, das ſich unter einer erheu⸗ chelten Beſcheidenheit verbirgt!“ Während Uno ſprach, war Helena eingetreten, ohne daß er oder Sappho ſie bemeriten. Sie hatte ſich dem Tiſch wo Sappho ſaß genähert um ein da⸗ rauf liegendes Buch zu holen, war aber unwillkürlich einen Augenblick ſtehen geblieben, als ſie ihren Ra⸗ men nennen hörte. Ein äußerſt ſchmerzliches Gefühl regte ſich in dem jungen Mädchen, als ſie Unos ſtrenges Urtheil vernahm, und ſie trat eben einen Schritt zuruch um ſich unbemerkt von den Sprechen⸗ den hinauszuſchleichen, als Graf Arthur, der ſich auf 29 der andern Seite des Zimmers, aber Helena gegen⸗ über befand, rief: „Was fehlt Dir, Helena? Du biſt ſo bleich.“ Bei dieſen Worten wandten Uno und Sappho ſich heftig um, und hinter ihnen ſtand Helena. Als Uno ſie anſah, begegneten ſich die Augen beider. Im Blick der armen Helena lag eine ſo eigenthüm⸗ liche Wehmuth, daß er einen peinlichen Eindruck auf den Grafen machte. Sie wandte ſogleich ihre Augen von ihm ab und richtete ſie auf Arthur. „Ich bin ganz wohl, beſter Onkel,“ ſagte ſie. Damit nahm ſie das Buch und gedachte den Salon zu verlaſſen, aber Sappho bat ſie zu bleiben und reichte ihr freundlich die Hand. „Sing uns etwas,“ ſagte ſie. „Fräulein Kahn ſingt auch?“ fragte Uno. „Ja, aber heute Abend nicht,“ antwortete Helena, und richtete ihr ſonſt geneigtes Haupt empor. „Wenn ich Dich bitte, Kind, ſo kannſt Du nicht nein ſagen,“ ſagte Sappho herzlich. Helena führte mit einer einnehmenden Bewegung die Hand der Gräfin an ihre Lippen und antwortete lächelnd: „Heute Abend würde ich nein ſagen, ſelbſt wenn Tante Emy mich bäte.“ 5 „Und der Grund, liebe Helena?“ „Wir ſind zu Viele.“ „Dieß iſt keine annehmbare Entſchulbigung, denn Du haſt Dich früher nie geweigert uns zu ſingen, wenn wir hier ſo vertraulich beiſammen waren.“ „Allerdings, aber wir waren damals nicht ſo Viele wie heute Abend,“ ſagte Helena. 30 „Mein liebes Kind, wir waren noch mehr.“ „Möglich, aber wenigſtens nicht dieſelben die jezt hier ſind.“ Sappho erröthete ein wenig, lächelte aber. Uno hatte die ganze Zeit ſtille dageſtanden; jezt ſagte er: „Es iſt heute Abend Jemand zu viel da, und darum wollen Sie nicht ſingen. Habe ich nicht Recht, Fräulein Kahn?“ „Vollkommen Recht.“ „Und wer iſt dieſer Unglückliche?“ fragte Sappho lachend.. „Ja, ſagen Sie wen Sie gern ausſchließen möch⸗ ten,“ ſagte Uno mit einem beinahe ſpöttiſchen Lä⸗ cheln, weil er glaubte daß die Frage Helena in 1* Verkegenheit bringen würde. „Sie, Herr Graf,“ antwortete Helena ſogleich, aber mit einem gewiſſen Zittern in der Stimme. „Mein Gott, Helena, was ſagſt Du da?“ rief der Bezirksrichter, der gegen das Ende des Ge⸗ ſprächs hereingekommen war. „Die Wahrheit,“ antwortete Helena, indem ſie ſich entfernte.— Sappho und Uno wechſelten einen Blick. Der Bezirksrichter fand ſich veranlaßt zu Uno zu ſagen: „Sie dürfen meine Braut nicht zu ſtrenge beur⸗ theilen, Herr Graf. Ihre Worte klingen mitunter etwas ſonderbar; aber ihre Abſicht iſt niemals eine verlezende. Im Uebrigen will ich ſie ſogleich zum Singen bereden, wenn die Fräu Gräfin und der Herr Graf es wünſchen.“ 8 „Es iſt ganz überflüſſig Helena entſchuldigen zu wolien,“ jiel Sappho lebhaft und mit einem chten — — S ² weil man mich für affectirt hält. Was gibt wohl Anfluge von Stolz ein.„Sie iſt ein ſo überlegenes Mädchen, daß ſie ſich niemals eines Unrechtes ſchul⸗ dig macht.“ „Aber „Sie wiſſen ja Helenas Gründe nicht; was nüzt es alſo davon zu ſprechen? Ich fand ihr Benehmen ganz richtig, und es hat meine Hochachtung vor ihr nur noch vermehrt.“ Sappho erhob ſich und Uno wandle ſich freundlich gegen den Bezirksrichter mit den Worten: „Ich verſichere Sie daß die Wahrheit mich nie verlezen kann, und ich bin Fräulein Kahn verpflichtet daß ſie ſich ſo unumwunden ausſprach.“ Darauf be⸗ gann er von gleichgiltigen Sachen zu reden, aber auf dem Geſichte des Bezirksrichters lag eine Wolke des Mißvergnügens. Als Sappho die beiden Herrn verließ, ſuchte ſie Helena auf. Sie traf ſie im Garten auf einer Moosbank ſizend, den Kopf an einen Baum gelehnt und das Geſicht in Thränen gebadet. „Helena, ich glaube Du weinſt?“ rief Sappho, als ſie das Mädchen erblickte. „Ja, ich weine, weine vor Verdruß und Schmerz, dem Grafen Uno ein Recht mich ſo zu beurtheilen? Er kennt mich nicht, und dennoch wagt er es einen Schatten auf meinen Character zu werſen.“— Helena ſah Sappho mit blizenden Augen an. Zezt war ihr Geſicht nicht ſeelenlos, wie man gewöhnlich von ihm ſagte. 32 „Nein, Kind, er wollte keinen Schatten auf Dei⸗ nen Character werfen. Er hat bloß ſeine Anſicht über poetiſche Charactere im Allgemeinen gegen mich ausgeſprochen. Dieſe Anſicht iſt an und für ſich ſelbſt falſch und, was Dich anbetrifft, durchaus un⸗ gerecht.“ „Du willſt ihn entſchuldigen, Tante. Hat er nicht geſagt daß ich nach Beifall haſche?“ „Da Du es aber nicht thuſt, ſo kannſt Du ja über eine ſolche Behauptung lachen,“ ſagte Sappho und klopfte Helena auf die Wange. „Es kommt mir vor als ob dieſer Ausdruck mich ſchlimmer gemacht hätte; mein Herz iſt voll von Bitterkeit und Verdruß über die Ungerechtigkeit ſei⸗ nes Urtheils, und in dieſem Augenblick bin ich nicht gut.“ „Nicht?“— Sappho lächelte.—„Sollteſt Du ihm wirklich ein Leid anzuthun wünſchen?“ „Nein; aber ich möchte ihm das Geſtändniß ab⸗ zwingen baß er mich ungerecht beurtheilt habe.“ Emy und der Bezirksrichter näherten ſich den Sprechenden. „Von was ſprechet ihr? Helena ſieht ja ganz aufgeregt aus?“ fragte Emy. „Vdn Uno,“ antwortete Helena. 4 „Dann wundert es mich nicht daß Du aufgeregt biſt, verſetzte Emy lächelnd,„denn Ochard hat mir geſagt daß Du ſo aufrichtig warſt zu erklären daß Uno zu viel ſei, als Du ſingen ſollteſt. Ach, ach, liebe Helena, dießmal haſt Du die Forderungen der Hoflichkeit gänzlich vergeſſen.“ 3 „Aber nicht die der Wahrheit,“ fiel Sappho ein ——— 22 50 „und da die Wahrheit bedeutend mehr werth iſt als die Höflichkeit, ſo hatte Helena Recht, und ihr habt Unrecht noch weiter von dieſer Sache zu ſpre⸗ chen, über welche ich ohnedieß ſogleich meine Mei⸗ nung ſagte.“— In dieſen Worten ſchimmerte Et⸗ was von Sapphos hochfahrendem Ton hervor, aber gleich als hätte ſie ihn bereut, fügte ſie ſcherzend hinzu: „Ueberdieß iſt es nicht artig von Ihnen durch eine Appellation an Emy mein Urtheil umſtoßen zu wollen.“ „Meine Gnädige, das war nie meine Abſicht; ich beuge mich in den Staub vor Ihrer Ueberlegenheit.“ „Und dann fallen Sie auf die Knie vor Helena und geſtehen Sie daß Sie ſich abſcheulich gegen ſie vergangen haben, indem Sie ſchwazten.“ Sappho hob drohend den Finger. Lachend beugte der Bezirksrichter ein Knie vor ſeiner Braut, die ihm mit einem freundlichen Lächeln die Hand reichte. Tags darauf war ein kleines Feſt auf Holmvik. 6bba wurde ſechzehn Jahre alt, und die Jugend der Umgegend war eingeladen um den Tag zu feiern. Wenn die Jugend ſich beluſtigen ſoll, ſo müß auch getanzt werden, und man tanzte aus Herzensgrund. Während einer Pauſe ſagte Oscar Kerner zu Helena: „Nun, Helena, willſt Du nicht zu Ebbas Ehren Etwas improviſiren?“ 3 Nicht weit von Oscar ſtand Uno. Bei dieſer Frage des Grafen wandte ſich Uno um und ſah Helena an. 2 Eines bieln Mannes Frau. 3 während Du doch 34 „Nein, beſter Onkel, das will ich nicht,“ ant⸗ wortete ſie erröthend. „Es würde gonz ſicher Ebba ſehr erfreuen, wenn Du in einigen herzlichen Worten Deiner Freund⸗ ſchaft gegen ſie Ausdruck gäbeſt.“ „Ebba weiß recht güt wie innig ich ſie liebe, und es bedarf keiner Worte um ſie davon zu über⸗ zeugen.“ „Aber Du würdeſt damit uns Allen ein Ver⸗ gnügen machen. Kind, ich bitte Dich darum—“ Oscar ergriff Helenas Hand und ſah ſie freundlich an. „Wenn wir ollein wären, ſo würde ich augen⸗ blicklich dieſen Wunſch erfüllen; jezt nicht.“ Uno näherte ſich. „Wenn wir uns ſämmtlich vereinigten Sie darum zu bitten,“ ſagte er,„würden Sie dann auch noch nein ſagen?“ „Ja, ganz ſicher.“ Im Augenblick war Helena von einer ganzen Schaar umgeben, die in allen möglichen Tonarten um eine Improviſation bat, aber ſie war und blieb unbeweglich. Der Bezirksrichter flüſterte ihr eine warme Bitte um die andere ins Ohr, aber ohne Erfolg. So⸗ gar Arthur und Emy baten das junge Mädchen daß ſie all dieſe vereinigten Wünſche erfüllen möchte; aber ſie blieb hartnäckig bei ihrer Weigerung und eilte endlich hinaus. Cvert folgte ihr. Als ſie in Emys Cabinet gekommen war, wondte ſie ſich um. „Piſt Du's, Evert?“ ſagte Helena. „Helena, neh dieſe beſtimmte Weigerun Fo. leicht unſere geme chaftlich 35 3 Bitte erfüllen und mich dadurch glücklich machen könnteſt,“ ſagte Evert, indem er ihre Hand ergriff. „Willſt Du mich durchaus improviſiren hören?“ „Welche Frage! Ich bat Dich ja ſo herzlich darum.“ „Nun wohl, Evert, ich verſpreche Dir daß ich morgen ſo viel improviſiren werde als Du nur willſt, wenn wir allein ſind.“ „Geliebte Helena, Du mußt es heute Abend thun. Ach, wenn Du wüßteſt wie mein Herz von Stolz und Freude ſchwillt, wenn man ſich um Dich ſammelt um Dir ſeine Huldigungen darzubringen! Wenn Du begreifen könnteſt wie ſelig mich das Lob macht das man an Dich verſchwendet, ſo würdeſt Du mir nicht ſo unbeweglich den Genuß verweigern Dich als einen Gegenſtand der allgemeinen Bewun⸗ derung zu erblicken, mit dem Bewußtſein daß dieſes ausgezeichnete Mädchen meine Braut iſt. Helena, ich beſchwöre Dich! Erweiſe mir die Liebe noch heute Abend die allgemeine Bitte zu erfüllen die man an Dich gerichtet hat. Opfere um meinetwillen die Laune die Dich veranlaßt hat ſie abzuſchlagen.“ Cvert hatte ſich vor Helena auf ein Knie nieder⸗ gelaſſen und bedeckte ihre Hände mit Küſſen. Helena beugte ſich zu ihm hinab, drückte ihre Lippen an ſeine Stirne und flüſterte: „Bitte mich nicht, guter Evert, ich kann Deine Bitte nicht erfüllen.“ Evert blieb noch eine Weile liegen und fuhr fort zu bitten; aber als Helena ſich dennoch weigerte, ſtand er auf und ſagte:* Ha, jezt ſehe ich ein wie wenig Du mich liebſt! 36 Was iſt das für eine Liebe die dem Geliebten nicht einmal eine Laune opfern kann?“— Und damit entfernte er ſich. Helena ließ ihn hinausgehen, ohne daß ſie ein einziges Wort zu ſeiner Beſchwichtigung ſagte. Sie warf ſich in einen Lehnſtuhl und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Dieſe kleine Scene hatte zwei Zeugen gehabt. Emy hatte, als Helena ſich entfernte, einen an⸗ dern Weg eingeſchlagen, um ihr im Schlafzimmer zu begegnen und mit einigen freundlichen Worten vorzuſtellen daß ſie den allgemeinen Wunſch erfüllen ſollte. Aber ſie war ſtehen geblieben, als ſie He⸗ lena und Evert ſprechen hörte, und je länger ſie lauſchte, um ſo mehr verwunderte ſie ſich über He⸗ lenas Eigenſinn, der zu dem ſanften und nachgie⸗ bigen Character des jungen Mädchens ſo ſchlecht ſtimmte. „Was mag wohl Helena zu einem ſolchen Eigen⸗ ſinn beſtimmen, daß ſie damit Evert böſe und ver⸗ drießlich macht?“ dachte Emy.„Sie hat gewiß einen triftigen Grund dazu, ſonſt würde ſie nicht ſo handeln; aber jezt muß ich zur Geſellſchaft zurück⸗ kehren und ſie zu entſchuldigen ſuchen; denn ſie überreden zu wollen lohnt der Mühe nicht.“— Emy verließ das Cabinet und begab ſich wieder in den Salon. „Ah! Ich ſuchte Sie eben, denn ich wollte bitten, bei der Frangaiſe die getanzt wird, mein vi à vis zu bilden.“ „Gerne,“ antwortete Evert und eilte wieder Helena hinein. Auf ſeinen Wangen brannte noch — 1 † 37 eine Röthe des Verdruſſes, und ſeine Stimme ſchwankte, als er zu ihr ſagte: „Du weigerſt Dich wohl auch wenn ich Dich um einen Tanz bitte?“ Helena antwortete freundlich: „Nein, Evert, das thue ich gewiß nicht.“ Damit richtete ſie ſich auf, wiſchte ihre Thränen ab und reichte ihrem Bräutigam die Hand. „Du biſt ſehr gut. Ich habe wirklich nicht ſo viel Nachgiebigkeit von Dir gegen eine ſo unbedeu⸗ tende Perſon erwartet wie ich bin.“ „Wozu dieſer Hohn, Evert?“ „Hohn? Meine Liebe, die Wahrheit iſt doch wohl kein Hohn? Aber laß uns abbrechen. Man ſpielt bereits, und wir dürfen die Andern nicht warten laſſen, während wir unſere zärtlichen Gefühle aus⸗ tauſchen.“— Evert lachte ſpöttiſch. Helena fühlte ſich von ſeinen Worten verlezt. Ihr ganzes Innere war von eitel bittern Gefühlen erfüllt, und in dieſem Augenblick beſaß ſie ganz und gar nichts von der milden Verträglichkeit welche den Grundton ihres Characters bildete. Bittere und kalte Worte ſchwebten ihr auf den Lippen, aber ſie hielt ſie durch eine gewaltſame Anſtrengung zurück. Nie war Helena von unangenehmeren Eindrücken be⸗ herrſcht worden, nie war eine ſo heftige und gewalt⸗ ſame Erſchütterung über ihr ſanftes, kiebendes Herz gekommen. Sie hätte über ſich ſelbſt weinen mögen, ſo verändert kam ſie ſich vor, aber der Stolz hielt ihre Thränen zurück, und mit flammenden Wangen und einem beinahe abſtoßenden Ausdruck in ihrem Geſichte trat ſie in den Tanzſaal hinaus. Daß die⸗ 38 ſer kalte Ausdruck nicht gemildert wurde, als ſie fand daß Uno ihr Gegentänzer war, daß ſein Anblick auch nicht beruhigend auf all die bittern Gefühle wirkte die ſie beherrſchten, läßt ſich leicht begreifen, wenn man bedenkt daß gerade ſein Angriff gegen ſie dieſelben hervorgerufen hatte. Während des ganzen Tanzes hatten Helenas Bewegungen nicht jene hinreißende, beſcheidene An⸗ muth welche ſie ſonſt auszeichnete. Sie trug ihren Kopf hoch. Ein Zug unbeugſamen Stolzes ſprach ſich in all ihren Bewegungen aus. Nicht ein ein⸗ ziges Mal heftete ſie ihre Augen auf den Grafen, und als er während des Tanzes einige Worte zu ihr ſagte, ließ ſie ihre Antwort nur aus einem Kopf⸗ nicken beſtehen, aber über ihre Lippen kam kein Wort. Als der Tanz vorüber war und Cvert ſie zu einem Stuhl führte, ſagte ſie beinahe heftig: „Warum ſagteſt Du mir nicht daß der Graf unſer vis à vis ſein würde? Wenn ich das gewußt hätte, ſo hätte ich nicht getanzt.“ „Aber mein Gott, Helena, was fällt Dir denn ein?“ rief Evert und ſah ſie verwundert an. So hatte er ſie nie geſehen. „Ach verzeih,“ flüſterte ſie,„ich bin heute ſehr, ſehr böſe. Ich fühle es ſelbſt.“ „Warum hätteſt Du nicht tanzen wollen, wenn der Graf gegen Dich tanzte?“ „Peil ich weil ichihn nicht ausſtehen kann!“ ſtammelte Helena. Emy hatte auf ihre Pflegetochter Achtung gegebe und in ihrem Herzen denſelben Ausruf gethan wie Evert: Mein Gott, was fehlt dem Mädchen?— Sie hatte nie geſehen daß Helena ſich einer Bitter⸗ keit überließ, ſie hatte in ihrem Geſichte nie dieſen zornigen und reizbaren Ausdruck, nie dieſengkalten und übermüthigen Stolz geleſen. Uno dachte während er ihr entgegentanzte „Wie doch das Genie die Menſchen blenden kann! Dieſes Perſönchen da gilt für gut und ſanft; weil ſie mit ihrer Phantaſie ſchön und prächtig malen kann, glaubt man, ſie empfinde Alles was ſie in ihrer Extaſe ausſpricht, und gleichwohl iſt ihr Herz leer und von all den Kleinigkeiten erfüllt die dem gewöhnlichſten aller Menſchenkinder ankleben. Hals⸗ ſtarrig aus beleidigter Eigenliebe, läßt ſie ſich weder durch Liebe noch durch Bitten zur Nachgiebigkeit bewegen, weil ſie entdeckt hat daß ich ſie nicht be⸗ wundere und für kein Weltwunder halte. Nein, die genialen Leute ſind gebrechlich wie ein Wagen der nur ein großes Rad und ſonſt lauter kleine hat. Die Folge iſt daß der Wagen nichts taugt, und ſo taugen auch dieſe Muſtermenſchen nicht für das wirkliche Leben. Sie werden von Eigenliebe und nichts als Eigenliebe beherrſcht. Beleidige dieſe, ſo biſt du verloren.— Nein, da liebe ich meine kleine Baſe Ebba mit ihrem warmen Kinderherzen und ihren reinen Gefühlen. Sie belebt die Seele und erwärmt das Blut. Ach! Wer einmal einen ſolchen Schaz zur Begleiterin durch das Leben erhielte.“ 6 Am folgenden Morgen in aller Frühe ſchlich ſich Helena im Reitkleide die Treppen hinab nach dem 40 Küchenbau. Es war ſo früh daß Alles auf Holm⸗ vit noch ſchlief. Sie ging in ein Zimmer der Küche gegenüber. Als ſie eintrat, ſchlug ein winſelnder Ton an ihre Ohren. Er kam von einem alten Weib das im Bette lag. Helena trat zu der Kranken, beugte ſich zu ihr hinab und fragte „Wie ſteht es mit Dir, Greta?“ „Gott ſegne Sie, Fräulein Helena, daß Sie früh und ſpät nach einer armen Perſon ſehen. Die Nacht iſt ſchlimm geweſen; aber wenn ich Sie ſehen darf, ſo vergeſſe ich immer meine Schmerzen.“ „Hat Lotte heute Nacht recht nach Dir geſehen und Dir ordentlich eingegeben?“ „Ja, das hat ſie allerdings; aber meine Schmer⸗ zen ſind gleich ſtark; es ſizt ſo hart in der Bruſt.“ „Glaubſt Du daß Du heute ſchlimmer wirſt?“ „Ja,“ ſtammelte die Kranke, die mit großer Mühe ſprach. „Dann wollen wir den Doctor holen laſſen. Ich verſprach Deiner Tochter daß Du mit Gottes Hilfe wieder geſund werden ſolleſt, als ſie ſo ſehr in Ver⸗ zweiflung war daß ſie Dich verlaſſen müſſe und ihre alte Mutter nicht ſelbſt verpflegen dürfe. Ich will mein Wort halten. Ich will jetzt ſelbſt zum Doctor reiten, bin aber bald wieder hier.“— Helena nickte der Alten freundlich zu und verließ das Zimmer. Dann ging ſie in den Stall hinab. ſon,“ ſagte ſie zu einem der Knechte. „Soll Friedrich mitreiten?“ fragte Anderſon. Nein, es iſt überflüſſig.“ öige Augenblicte ſpater bfncte Graf Uno das „Sei ſo gut und ſattle mein Reitpferd, Ander⸗ 41 Fenſter und ſah eine Dame im vollen Galopp hin⸗ wegſprengen. „Wer mag es ſein?“ dachte er und blieb am Fenſter ſtehen.„Es iſt erſt ſieben Uhr und der Tanz hörte nicht vor drei Uhr auf, folglich kann es keine aus dem Hauſe ſein, denn ſie werden wohl Alle noch ſchlafen.“ Der Graf verſuchte wieder einzuſchlafen, aber als dieß nicht gelingen wollte, ſtand er endlich auf, kleidete ſich an und ging in den Stall hinab, um ſich ein Pferd ſatteln zu laſſen. Eine Weile nachher galoppirte er auf demſelben Weg den die Reiterin vor einer Stunde eingeſchlagen hatte, während er dachte: „Ich möchte doch wiſſen wer die Amazone war die ſo früh am Morgen ganz allein ausritt. Ver⸗ muthlich eine Dame von dieſem Gute da(er kam jezt an einem Hofe vorbei der Lundagard hieß). In dieſem Fall muß ich ihr nothwendig begegnen, wenn ſie umkehrt.“— Er hielt ſein Pferd an und ließ es ganz gewöhnlich gehen. „Die Menſchen ſind doch recht ſonderbare Ge⸗ ſchöpfe,“ fuhr er in ſeinen Gedanken fort.„Eine ſe fremde Perſon reizt unſere Neugierde, wenn ie nur in einer ungewöhnlichen Art und Weiſe auf⸗ tritt. So iſt es jezt mit mir. Ich ſehe eine unbe⸗ kannte Dame auf einem ſchönen Pferd an meinem Fenſter vorbeireiten, und ſogleich will ich wiſſen wer ſie iſt und wie ſie ausſieht, ohne mich von einem andern Intereſſe als meiner Neugierde leiten zu laſſen.“ Mitten unter ſeinem Wonolog hörte Uno Huf⸗ 42 ſchläge in der Ferne. Sie kamen immer näher. Bei der Biegung des Weges erſchien plözlich die Rei⸗ terin. Es war als ob ihr Pferd Flügel hätte, ſie eilte wie ein Sturmwind an ihm vorüber. Juſt in einem Augenblick wo er ſie näher in Augenſchein zu nehmen gedachte, wandte ſie ihren Kopf ab, ſo daß es ihm unmöglich war durch den dichten ſchwar⸗ zen Schleier, den ſie beim Anblick des Grafen fallen ließ, ihre Züge zu erkennen. Uno hielt juſt als ſie bei ihm vorbeiflog ſein Pferd an und dachte: „Sie will nicht erkannt ſein. Sie kennt mich alſo.“ Damit kehrte er ſein Pferd um, konnte ſich aber nicht enthalten zurückzuſchauen, als er hinter ſich einen Wagen im ſtärkſten Tempo heranrollen hörte. Drinnen ſaß ein älterer Herr mit ſanften und intelligenten Zügen. Der Graf ließ ihn paſſi⸗ ren, denn er hatte bemerkt daß die Amazone vor ihm ebenfalls einen Augenblick ihr Pferd anhielt und zurückſchaute, dann aber, als ſie den Wagen entdeckte, nur im Schritt weiter ritt. 3 „Jezt könnte ich ſie einholen,“ dachte der Graf, „aber das wäre nicht ritterlich, da ſie unbekannt bleiben will.“ Dieſe Betrachtung beſtimmte ihn ebenfalls im Schritt zu reiten. Er ſah deutlich daß die Dame den Fahrenden erwarten wollte, wie ſie auch wirklich that, worauf ſie beide ihren Weg fort⸗ ſezten, ſo daß Uno ſein Pferd tüchtig tummeln mußte um ſie nicht aus den Augen zu verlieren Zu ſeiner nicht geringen Verwunderung ſtiegen ſi bei Holmvik ab und begaben ſich die Allee hinauf Als der Graf ſeinerſeits dieſelbe hinangaloppirte waren die Dame und das Pſerd verſchwunden, aber der Wagen hielt an dem Thorhäuschen. „Wer fährt hier?“ fragte Uno den Kutſcher. „Der Doctor,“ lautete die Antwort. Uno ritt nach dem Stall und murmelte: „Ich möchte wetten daß die Reiterin keine an⸗ dere war als Helena. Nun das paßt gut zuſam men: Genie und Amazone. Wahrlich, ich kann an ſolchen Geſchöpfen nichts zu bewundern finden. Kann wohl irgend ein Genie in der Welt, ſo groß es ſein mag, die ſchamhafte Beſcheidenheit, die Lieblichkeit und Milde aufwägen, welche das Weib auszeichnen ſollen, zumal in der Jugend?“— Damit ſprang der Graf vom Pferde herab, warf dem Stallknecht die Zügel zu und ging hinauf. Beim Frühſtück, das man im Garten, umgeben von Blumendüften, Vogelſang und der herrlichen Morgenſonne, einnahm, erſchien Helena nicht. Der Bezirksrichter war ſichtlich bei ſchlechter Laune. Wäh⸗ rend Uno mit Sappho ſprach, hörte er die Gräfin Rubens zu Helenas Bräutigam ſagen: „Mein beſter Evert, Du mußt mir verſprechen doß Du Helena nicht ſo unaufhörlich vorpredigen wirſt was die Leute ſagen werden, wie das aus⸗ ſehe u. ſ. w. Sie iſt nicht ſo erzogen daß ſie je⸗ mals die Sclavin fremden Urtheils wird, ſondern ſie hat von mir gelernt Nichts höher zu ſchäzen als was es wirklich werth iſt. Ihr freies, unverdorbenes Herz wird niemals die kleinliche Erbärmlichkeit ver⸗ ſtehen die man öffentliche Meinung nennt. Laß ſie bleiben was ſie iſt, ein unſchuldiges Kind, und küm⸗ mere Dich nicht um ihre kleinen Gewohnheiten und 44 Eigenheiten. Glaube mir, Helena wird nie die Rück⸗ ſicht für das Ziemliche vergeſſen, aber ſie wird auch nicht begreifen daß ein Morgenritt hier auf dem Lande unpaſſend genannt werden kann.“ „Ich werde wohl jezt wie immer nachgeben müſſen. Sie und mein eigenes Herz ſprechen ſtets zu Gunſten Helenas; aber Sie müſſen ſelbſt geſtehen daß die Menſchen Helenas Liebe leicht für ſehr ge⸗ ring halten könnten, da ſie lieber ganz allein am Morgen ausreitet, als daß ſie es in meiner Geſell⸗ ſchaft thut. Sie müſſen wohl ſelbſt zugeben daß ein ſolcher Schluß nicht ſehr ſchmeichelhaft für mich iſt, während ich...“ „Während Du den Leuten gerne den Glauben beibringen möchteſt daß Deine Braut Dich anbete,“ fiel die Gräfin nicht ohne eine gewiſſe Ironie ein. „Lieber Evert, laß ein für allemal dieſe ewige Un⸗ ruhe über das was die Leute glauben und ſagen, und begnüge Dich mit der Gewißheit die Du be⸗ ſizeſt, daß Helena, während ſie unter ſo manchen. Freiern wählen konnte, die in Bezug auf Rang und Vermögen über Dir ſtanden, gleichwohl aus Neigung Dich wählte.“ Evert erröthete; die Worte der Gräfin ſchienen ihm zu mißfallen, und da ſeine Eitelkeit dieſe Er⸗ innerung nicht recht ertragen konnte, verſezte er mit eeiniger Bitterkeit: 6„Wenn ich das Glück hatte Helenas Gunſt vor andern würdigeren Bewerbern zu erlangen, ſo glaube ich auch durch meine Liebe bewieſen zu haben daß ich mich beſſer als Andere in die Eigenheiten ihres Characters und in ihre Launen fügen kann.“ ————— 15 er wie wollen Sie denn ihr Wegbleiben rühſtück ſonſt nennen?“ Emy ſchwieg. Sie konnte nicht mit Recht leug⸗ nen daß Helena ihr ſeit ein Paar Tagen launiſch vorgekommen war. „Durfte ſie ſo böſe auf mich ſein daß ſie ſich deßhalb in ihr Zimmer einſchließt?“ „Ich glaube nicht daß dieß die Urſache war, ſondern vielmehr daß ſie ſich durch Deine Bemer⸗ kungen und die Bitterkeit womit Du ſie ausſprachſt verlezt fühlte.“ „Der Fehler muß immer auf meiner Seite ſein.“ „Evert, ich wiederhole was ich ſchon mehrere Male geſagt habe, du mußt Helena kennen lernen, bevor ihr eure Schickſale vereiniget.“ „Meine gnädige Tante,“ erklärte Evert beſtimmt, „entweder müſſen Helena und ich auf den Herbſt Gatten werden oder niemals.“— Damit entfernte er ſich von der Gräfin. Emy ſaß gedankenvoll da und ſchaute ihm nach. Und Uno, der das Geſpräch belauſcht hatte, dachte: „Ein armer Kerl der verrückt genug iſt dieſes geniale Mädchen zu heirathen! Er wird ſein Glück theuer genug bezahlen müſſen.“ Während Emy ſich darüber beſann was wohl das Klügſte, Evert darüber wie höchſt nothwendig ſeine baldige Vermählung mit Helena ſei, und Uno ſich Glück wünſchte daß er ſich nicht an Everts Stelle befand, ſaß der Gegenſtand all dieſes Mißvergnügens und Tadels am Krankenbett der alten Haushälterin und half Lotte ihr Blutigel an die Bruſt zu ſezen; 46 denn dieſe hatte einen großen Schreck vor den Thierchen und konnte nicht dazu gebra anzufaſſen. Helena dagegen wollte Lot kindiſch ſie ſei, da ſie ſich von ihrer Furé ließ einer Kranken zu helfen. Der Vormittag war weit vorangeſchritten, als ſie, zufrieden mit ihrem Morgen, das Krankenzimmer verließ, denn Grete ſchlummerte jezt ruhig und ſtill. Auf dem Fof be⸗ geßneie ſie Uno. „Sie haben heut einen frühen Norgentitt ge⸗ macht,“ ſagte er. Helena erröthete, ſah ihn kalt an und antwortete: „Ich thue dieß alle Morgen.“ „Ganz allein?“ „Wie es ſich eben trifft.“ „Wir mußten Ihre Geſellſchaft beim Frühſtück entbehren.“ „Man iſt immer am beſten da wo man unent⸗ behrlich iſt, und dieſe Regel habe ich heute befolgt.“ „Für wen iſt eine junge Dame unentbehrlich, außer für den Mann der ſie liebt? Ihr Bräutigam vermißte Sie.“ „Er wird ſich wohl nicht bei Ihnen darüber beklagt haben?“— Helena ſah ihn ſtolz an, nicte mit dem Kopf und entfernte ſich. „Ich muß ihre Eigenliebe ſchrecklich beleidigt hahen das ſieht man ganz deutlich, aber es iſt mir geic giltig.“ Nachmittags reisten Kerners nach Loda ab“ —,——— Die Strahlen aon beglänzten Park bei Die Gräfin, der Graf und ihr — 2 47 6 beiden Kinder hatten eine Promenade an die Küſte gemacht. Helena und Evert waren oben im Park geblieben. Auf einer Moosbant finden wir die bei⸗ den Verlobten. Der Bezirksrichter hatte eine Hand von Helena zwiſchen ſeine beiden geſchloſſen, und es lag ein Ausdruck wahrer Bewegung in ſeiner Stimme, als er ſprach: „Meine geliebte Helena, ich empfinde tief das Bedürfniß doß wir einander recht verſtehen. Es kommt mir manchmal vor als ob wir es nicht thäten, und das ſchmerzt mich. Siehſt Du, Helena, ich liebe Dich ſo aufrichtig, ſo innig, daß jede Ungleichheit in Deiner Gemüthsart, jedes kalte und unfreundliche Wort mich ſchmerzt und verlezt, ja ſogar bittere Zwei⸗ fel an der Dauer Deiner Gefühle gegen mich in meiner Seele hervorruft. Ach, Helena, ich empfinde es dann mit Gram daß Du das reiche Mädchen biſt und ich der arme Mann. In ſolchen Augenblicken erfaßt mich eine innere Verzweiflung, und ich wäre im Stande Di bzu fliehen, wenn nicht die Liebe, die ſtärker iſt als alle Eindrücke, mich an Dich feſſelte. Die lezten Tage haben mir ſo viele Leiden gebracht, daß ich beſchloſſen habe Dich zu fragen ob Du mich wirklich liebſt, oder ob Dein Jawort nur eine Ueber⸗ eilung war die Du bereuſt. Wenn es ſich ſo ver⸗ hält, Helena, ſo möge Gott Dir verzeihen; ſo haſt u ein grauſames Spiel mit meinem Herzen götrie⸗ ben“ Die Worte in dieſer Anſprache waren wohl berechnet, denn ſie regten alle edleren Gefühle He⸗ lenas an, und ihre Antwort kam wahr und aufrich⸗ tig aus dem Herzen. „Guter Evert, verzeih wenn ich Dich betrübt habe; aber Gott, der in meinem Herzen liest, weiß daß es nicht vorſäzlich geſchah. Glaube mir, wenn ich Dich heilig verſichere daß mein Herz getreu iſt, und daß ich nicht ein einziges Mal mein Jawort bereut habe. Sprich mir nicht davon daß du arm biſtr reich, denn daran habe ich nicht gedacht. nur gefühlt daß von allen Männern die ich 8 von allen die mich gebeten haben ihre Zukunft ihnen zu theilen, Du der einzige warſt dem ich mich anzuvertrauen den Muth beſaß, weil Du mich beſſer verſtandeſt als andere. Treu und ehrlich iſt das Gefühl das mein Herz an Dich kettet.— Wenn ich Dir zuweilen kalt und gleichgiltig erſcheine, ſo ſchreib dieß meinem träumeriſchen und beſondern Character, niemals aber meinem Herzen zu, und hab Nachſicht mit dieſen meinen Fehlern, die ich abzulegen ſuchen werde, wenn ich einmal Deine Gattin bin.“ „Und wann, Helena, wird mir dieſes Glück zu⸗ fallen?“— Evert küßte mit Wärme die Hände ſeiner Braut während er bittend fortfuhr D laß mich nicht gar zu lange darauf warten; me meine ganze Hoffnung, ich fühle e8 hängt davon ab daß ich Dich ſchon auf den He zum Altar führen darf. Helena, wenn Du mich liebſt, wenn mein Glück Dir theuer iſt, wenn mein Friede einigen Werth für Dich hat, ſo verſprich mir daß unſere Hochzeit an meinem Geburtstag, den 8. October, gefeiert werden ſoll. Ach, ich bin ſo kindiſch; wenn Du es abſchlägſt, ſo werde ich eine böſe Vorbeden⸗ tung darin erblicken. Meine gute, holde Heleng, könnteſt Du mich ſo tief betrüben daß Du mein Bitte verweigerteſt?“ c 49 4„Nein, das kann ich nicht,“ flüſterte Helena mit Milde;„es geſchehe wie Du wiliſt.“ Eert war toll vor Freude und ſah ganz glück⸗ ig aus. Helena war gut und freundlich; aber 8 ergebens ſuchte man in dieſer ſtillen Zärtlichteit Spur von der Wärme einer Liebenden. Sie ſo paſſiv aus, daß ſie einem Gegenſtand glich der ſich freiwillig vom Strome fortführen läßt. Sie lächelte gegen Evert mit der ruhigen Befriedigung die man aus dem Bewußtſein ſchöpft Andere glück⸗ lich zu machen; aber in dieſem Lächeln lag nichts von der berauſchenden Seligkeit der Lieber Nachdem Evert mit Handküſſen und Betheuerun⸗ gen ſeiner Dankbarkeit freien Lauf gelaſſen hatte, ſagte er mit einem innigen Blick: „Wie Du weißt, geliebte Helena, muß ich in der nächſten Woche nach Stockholm reiſen um meinen Dienſt zu beſorgen, folglich mehrere Wochen lang von Dir getrennt leben. Willſt Du mir geloben daß Du Dich durch Nichts beſtimmen läſſeſt Dein jezt gegebenes Verſprechen zurückzunehmen? Gib mir eine feierliche, heilige Verſicherung daß Du Dein Wort halten willſt. ſch würde vor Verzweiflung ſterben wenn Du es nicht thäteſt.“ „Evert, bedarf es eines Eides, wenn Du mein Wort haſt?“ „Ja, für meine Ruhe während der langen, ſchmerz⸗ lichen Trennung. O Helena, wenn man ſo liebt wie ich, ſo iſt man eiferſüchtig, furchtſam und un⸗ ruhig. Du willſt doch gewiß nicht daß ich unauſ⸗ hörlich von dieſen Martern zerfleiſcht werden ſoll?“ „Rein gewiß nicht, Evert, und deßhalb verſpreche Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau⸗ 4 50 ich Dir beim Andenken meiner Mutter daß ich das Verſprechen nie zurücknehmen werde das ich Dir jezt gegeben habe.“ „Dank, Engel!“ Eine Eigenheit aller poetiſchen Naturen i ſie oft große Mißgriffe in Betreff ihrer eige fühle begehen und die Eindrücke des Augen für Alles gelten laſſen. Spricht man nur zu ih Phantaſie, ſo glauben ſie ſogleich daß die Saiten des Herzens angeſchlagen ſeien. Erwecket ihr Mit⸗ leid, ihren Edelmuth, ſo iſt euer Sieg gewiß. Dieſe Kinder augenblicklicher Hingebung können in der Jugend niemals den Gehalt ihrer Gefühle analyſi⸗ ren, weil die Phantaſie ſo oft die Stelle derſelben einnimmt und die eingebildeten Eindrücke ebenſo, lebhaft ſind wie die wirklichen. Dazu kommt daß ſie zuweilen ſich ſelbſt für etwas ganz Anderes hal⸗ ten als ſie ſind, und daß ſie ſich von ihrem Charat⸗ ter ein ganz eigenes Bild machen das ihm durch⸗ aus nicht gleich iſt. Da Helena von Kindheit auf beſtändig bemüht geweſen ſich zu beherrſchen, ſo war es ihr auch gelungen manche Uebertreibung in ihrer Gemüthsärt zu überwinden, manches heftige und aufflammende Gefühl niederzukämpfen, und in Folge deſſen glaubte ſie auch eine vollkommene Herrſchaft über ihr Herz zu beſizen, ſo daß es niemals heftiger für Jemand ſchlagen würde als ihre Vernunft es billigte. Die beſonnene Maßhaltung, welche ſie ſich durch die tägliche Anſtrengung alle Ausbrüche zu bekämpfen erworben hatte, betrachtete ſie als einen Beweis dafür daß ſie niemals Eindrücke von ſtarker und — 51 lebhafter Art erfahren würbe⸗ Sie wollte eine Frau von ſanftem, ruhigem Gefühl ſein. Gleichgiltig hatte ſie die Huldigungen all dieſer jungen Männer entgegengenommen, die wetteiferten ihr Herz zu ge⸗ winnen, Sie hatte dieſelben arm an Geiſt und leer an Seele gefunden. Der Mann ihrer Wahl mußte durch irgend einen hervorſtechenden intellectuellen oder moraliſchen Vorzug ihr Intekeſſe wecken. Herrn Evert von Ochard war es gelungen ſie durch die Lebhaftigkeit ſeiner Unterhaltung und einen gewiſſen Ideenreichthum zu intereſſiren. Er hatte viel geleſen, und wenn ſeine Geiſtesgaben auch nicht gerade glänzend waren, ſo war er gleichwohl genugſam ausgerüſtet um im Geſellſchaftsleben blenden zu können. Dazu trug hauptſächlich ſein ausgezeichnet gutes Gedächtniß bei. Wenige Menſchen beſizen die Gabe ſich auf ſo einnehmende Art über Alles aus⸗ ſprechen zu können was ſie geſehen und geleſen haben. Er wußte in Alles was er ſagte Wärme und Gefühl zu kegen, er wußte den unbedeutend⸗ ſten Sachen Farbe und Intereſſe zu verleihen. Kurz und gut, unſer Bezirksrichter war juſt der ann um einem Mädchen zu gefallen welches das Talent der Wohlredenheit und einen überlegenen Verſtand auf die gleiche Stufe ſezt. Helena betrach⸗ tete ihn als einen Mann von außerordentlichen Geiſtesgaben, mit einem für alles Schöne und Edle offenen Herzen. Die Theilnahme wuchs bis zur Ergebenheit, ſo daß ſie ſich, als er um ihre Hand at, nach einer genauen Prüfung ihres Innern, ſo ſtark an ihn gefeſſelt fühlte als ſie es nur wer⸗ den konnte, und ihm, mit dem feſteſten Vorſaze ihn 4* — 52 glücklich zu machen und es ſelbſt zu werden, ihre Zuſtimmung gab. Sicher iſt daß Helena ihren Vorſaz ſein Glück zu bereiten nie brechen fonnte, wie ſich auch das Leben für ſie ſelbſt geſtalten mochte. Der uptzu in ihrem Character und zugleich derjenige auf wet chen Gräfin Rubens bei ihrer Erziehung das höchſte Gewicht gelegt hatte, war eine innige Gottesfurcht und eine wahre Verehrung für ihre Pflicht.— Dieß bildete das ſicherſte Gegengewicht gegen alle Ueber⸗ ſpannungen der Phantaſie, und ſolite ſtets die Kraft ſein wodurch Helena abgehalten wurde ſich von ihrer Einbildung hinreißen zu laſſen. Emy hätte die Schwärmerei nicht aus ihrer Seele nehmen können, aber ſie hatte derſelben eine Richtung ge⸗ geben durch welche ſie im Augenblick der Leiden⸗ ſchaft gerettet wurde. Sie hatte ſie für das Gute, Edle und moraliſch Schöne ſchwärmen gelehrt, und dieß hatte zur Folge daß das junge Mädchen ſich nicht davon träumen ließ aus ihrem Leben ein romantiſches Drama zu machen, ſondern daß ſie das⸗ ſelbe als eine Veredlungsperiode für ein höheres Ziel auffaßte. Und jezt wollen wir den Faden der Erzählung wieder aufnehmen.* Graf Rubens gedachte den Sommer über eine Reiſe ins Ausland zu machen, um etliche Aerzte über ein Leberleiden zu befragen das ihn beläſtigte. Ueber. die zwei Monate welche das Rubensſche Paar im Ausland zubringen ſollte, hatte die Gräfin Kerner Helena, Ebba und den jungen Arthur nach L6 — 1 53 5 eingeladen, und Emy hatte dieß Anerbieten mit Freuden angenommen. 5 Acht Tage nach Helenas Unterhaltung mit Evert und ihrem ſeierlichen Verſprechen daß die Hochzeit im Oetober gefeiert werden ſolle, einem Verſprechen das ſie der Gräfin Emy mitgetheilt hatle und, troz aller Einwendungen von Seite ihrer Pflegemutter, zu erfüllen feſt entſchloſſen war, finden wir Graf Rubens und ſeine ganze Familie, Helena mit ein⸗ gerechnet, auf Löda. Es iſt der Abend bevor der Graf und die Gräfin nach der Hauptſtadt abfahren, und wir finden Emy und Helena allein in einem kleinen Cabinet ſizend. „Meine geliebte Helena,“ ſagte die Gräfin,„ich werde jezt zum erſten Mal ſeit ich Mutter bin meine Kinder auf längere Zeit verlaſſen, und mit einem wahren Gefühl der Beklommenheit trenne ich mich von ihnen, beſonders von Ebba. Sie befindet ſich in dem Alter wo man einer zärtlichen Mutter ſo ſehr bedarf. Helena, ich vertraue ſie Deiner Pflege an; wache in dieſen Monaten über ſie wie ich ſelbſt thun würde, und wenn Du mich liebſt, ſo ſorge dafür daß ich meinen Liebling gleich heiter und blühend wiederſehe. Arthur iſt noch ein Kind, aber Ebba iſt jezt eine Jungfrau; ſie ſteht in den Jah⸗ ren wo das Herz leicht Eindrücke aufnimmt, leicht ſich hinreißen läßt und leicht eine unheilbare Wunde empfängt.“ „Sei ruhig, liebe Tante, ich werde über Beide wachen, und zwar ſo treu daß ich mich zu ihrem Gewiſſensrathe, zur Vertrauten ihres Herzens mache; dieß iſt nicht ſchwer, denn ich bin ja beinähe ein 54 Theil von Ebba. Sie vertraut mir jeden Gebanken an, ich erfahre jeden Eindruck den ſie hat, und ich werde von ihrem Vertrauen denjenigen Gebrauch machen welchen Du nach meiner Anſicht ſelbſt ma⸗ chen würdeſt. Ach, ich will die Mutter Deiner Kinder ſein ſo lange Du fort biſt, wie Du es für mich warſt, meine edle Pflegemutter.“ „Dank, liebe Helena!“ Am folgenden Morgen reiste das gräfliche Paar ab, und es lag unausſprechlich viel in dem Blicke womit Emy zu Helena flüſterte:„Gott behüte euch!“ Im nächſten Augenblick enteilten die Pferde mit der von Allen ſo inniggeliebten Emy. Helena blieb auf der Treppe ſtehen und ſchaute dem fortrollenden Wagen nach, während Ebba, in Thränen aufgelöst, ſich im Salon in einen Lehnſtuhl geworfen hatte und Arthur mit großer Anſtrengung gegen die her⸗ vorbrechenden Thränen kämpfte. Helenas Auge blieb ganz trocken, ihre Bruſt hob kein Seufzer. Als der Wagen aus ihren Blicken verſchwunden war, wieder⸗ holte ſie flüſternd: „Ja, Gott behüte euch!“ Darauf wandte ſie ſich um in den Salon zu gehen und Ebba zu tröſten, aber in demſelben Augenblick befand ſie ſich Uno gegenüber, der hinter ihr geſtanden hatte. Als ſie ſeinen ſchwarzen Augen begegnete, ging etwas wie ein Schauder durch ihr Herz, und ſie hätte in weite Ferne entfliehen mögen, ging aber ſtatt deſſen, ohne ein Wort zu ſagen, an ihm vor⸗ über. Eine unerklärliche Beklommenheit beſchlich ſie ſo oft ſie ihn erblickte, und er erſchien ihr als ein Menſch der mit den tiefſten Gefühlen des Herzenß 55 Spott treibe, obſchon er beſtändig ſeine Achtung vor denſelben im Munde führte. Helena ſuchte mit ihrer Freundlichteit und ihren herzlichen Worten Ebba zu tröſten, und es war ihr ſo weit gelungen daß Ebba ihren Vorſchlag, mit ihr, Sappho und Alma in den Park hinabzugehen, annahm, als ſie auf einmal vom Balcon her folgende Worte hörte: „Mein lieber Arthur, willſt Du Dich durch die Trennung von Deinen Eltern ſo tief niederſchlagen laſſen, während Du doch ſahſt wie wenig Deine Pflegeſchweſter davon gerührt wurde?“ Es war Graf Unos Stimme. Helena erröthete. In ihren Augen blizte es wie eine Zornesflamme. Gräfin Sappho hatte die Worte des Grafen nicht gehört, ſondern rief Arthur zu, er ſolle mit ihr kommen, worauf Alle zuſammen, außer Uno, ſich in den Park begaben. Ein Paar Wochen waren ſeit dieſem Tage ver⸗ gangen und wir finden Alle zuſammen im Garten: Ebba, Alma, Arthur und ſein Hofmeiſter, Magiſter Dahl, waren beſchäftigt einige Pflanzen in Arthurs Herbarium zu ordnen. Helena, Sappho, Oscar und Uno ſaßen ein Stück weit von ihnen. „Haſt Du Magiſter Dahls Geſicht betrachtet?“ fragte Oscar, zu Uno gewendet.„Es iſt eines der intelligenteſten die ich je geſehen habe.“ „O ja; aber es hat einen Ausdruck von Ver⸗ ſchloſſenheit der mir abſtoßend vorkommt,“ antwor⸗ tete Und.„Ich kann ſolche Menſchen nicht ausſtehen, ſie gleichen wohl gemauerten Gräbern, und man täuſcht ſich immer in ihnen. Wie das Grab, ber⸗ gen ſie oft nur werthloſe Gebeine, während wir uns einbilden daß ſie reichbegabte Seelen ſeien. Dieſe ſo hochgeprieſene Selbſtbeherrſchung iſt nichts Anderes als eine Maske zur Verbergung geiſtiger Armuth.“ Und hatte ſeine Blicke auf Helena geheftet, welche ſehr erbittert war, als ſie aus ſeinem Ton zu er⸗ ſehen glaubte daß ſeine Worte auf ſie gemünzt ſeien. „Welch verkehrte Ideen, lieber Uno,“ ſiel Sappho lebhaft ein und warf ihren Kopf mit der eigenthüm⸗ lichen Bewegung zurück, die bei ihr immer ſchlechte Laune anzeigte.„Ich dagegen will die Behauptung aufſtellen daß wir, je reicher unſer Inneres, je ſtärker und tiefer unſere Gefühle ſind, ſie um jo ſorgfältiger in uns ſelbſt verbergen müſſen. Ich kenne keinen Menſchen von wärmerem Herzen als meinen Oscar, und welch unerhörte Macht beſizt er nicht dennoch über ſich!“ Sappho reichte mit einem bezaubernden Lächeln ihrem Manne die Hand. Helena ſchaute auf und verwunderte ſich über den Ausdruck welchen Unos Augen bei den lezten Worten Sapphos annahmen, und die damit ver⸗. bundene Bewegung die er machte. Man konnte ſagen daß ſein Blick, der eine Secunde auf Sappho ruhte, zugleich etwas Spöttiſches und Trauriges enthielt. „Alle Achtung vor Oscars Selbſtheherrſchung, aber eine Ausnahme thut nichts zur Sache Und wenn auch alle ausgezeichneten Menſchen mit dieſer Eigenſchaft begabt wären, ſo verabſcheue ich ſie den⸗ noch. Ich liebe es auf dem Geſichte zu leſen wa das Herz empfindet, ſeine Schläge zählen und ſeine e Bewegungen deuten zu können. Wer ſich nur von“ ſeinem unerſchütterlichen Willen leiten läßt und ſeine Gefühle im Detail ausmeſſen kann, der flößt mir eine Art von Furcht ein und entfremdet mich.“ „Du willſt alſo daß man dem Gefühl den Zü⸗ gel ſchießen laſſe? Ach mein Freund, Du hätleſt mich vor zwölf Jahren kennen ſollen, und ich bin überzeugt, Du wäreſt von dieſen Ideen vollkommen geheilt worden,“ rief Sappho lachend.„Ich da⸗ gegen finde den Mann verächtlich und beklagens⸗ werth der über ſeine Leidenſchaften nicht Herr iſt, ſondern ihnen freien Lauf läßt.“ „Beim Manne muß der Verſtand vorherrſchen, aber beim Weibe das Herz.“— Uno ſtand auf und begab ſich zu der Gruppe die ſich mit botaniſchen Uebungen beſchäftigte; Sappho neigte ſich zu Oscar hin und flüſterte ihm einige zärkliche Worte zu. Die Gatten ſahen glücklich aus. Helena hatte ſich tief über ihre Arbeit gebeugt. Es war ihr bitter und eng ums Herz. Gedanken ganz fremder und unfreundlicher Art tauchten in ihr auf, und ſie ſtellte üch die Frage, mit welchem Recht dieſer. Fremdling ſie unaufhörlich angreife. Alle ſeine Worte, ſelbſt über den gleichgiltigſten Gegenſtand, nahmen den Character eines Ausfalls gegen ſie an. Sie be⸗ dachte nicht daß ſie ſich vielleicht von ihrem Aerger über ihn leiten ließ und deßhalb Alles auf ſich be⸗ zog Aus dieſen Gedanken wurde ſie von Sappho geweckt mit den Worten: „Liebe Helena, improviſire einige Worte über das bu Helena ſchaute auf, und als ſie fand baß Uno 3 fern genug war um ſie nicht hören zu können, ant⸗ wortete ſie lächelnd: „Tante, Graf Uno hot mir meine Inſpirationen gänzlich geraubt, und ich könnte in ſeiner Anweſen⸗ heit keine vier Zeilen improviſiren.“ „Und warum?“ fragte Oscar. „Ich kann es mir nicht anders erklären als daß eine Antipathie zwiſchen uns ſtattfindet.“ „Aber Uno iſt troz ſeiner Eigenheiten ein ritter⸗ licher und außerordentlicher junger Mann, dem Du Deine Achtung ſchenken würdeſt, wenn Du ihn recht kennteſt.“ Helena ſah Sappho an und ſagte mit eine hinreißenden Lächeln: „Wie gut doch Onkel Kerner iſt, daß er bei je⸗ dem Menſchen immer das Beſſere hervorziehen will! Ich verſichere Dich, Onkel, daß ich dem Grafen Uno meine ganze Achtung ſchenke, mehr aber nicht.“ „So; nun zur Strafe mußt Du jezt Du mit ihm machen,“ ſagte Osrar lachend. S „Nein, um Gottes willen nicht, Onkel.“ „Hilft nichts. Uno!“ rief Graf Oscar bereits. Uno wandte ſich um.„Komm her und bring die Jugend mit!“ „Ich habe daran gedacht,“ fuhr er fort, daß Du noch zu jung biſt um Onkel zu heißen, weßhalb ich vorſchlage daß die Mädchen Du zu Dir ſagen. Da Heleng zur Verwandtſchaft gehört, ſo ich auch ihr dieſen Vorſchlag gemacht, dami Seſe Abneigung überwinden lernt welche ſie g ich hegt.“ Der Vorſchlag wurde von Uno mit einem an⸗ 8 59 muthigen Lächeln angenommen und er ſagte zu Ebba einige verbindliche und herzliche Worte, worauf Ebba und Alma ihm den Bruderkuß gaben. Darauf näherte er ſich Helena. Sie richtete ſchnell ihr Haupt empor und ſagte mit einer etwas zitternden Stimme: „Erlauben Sie daß wir das Wort Du als eine zwiſchen uns zu vertrauliche Anrede bei Seite laſſen, und laſſen wir es dabei bewenden daß wir einander beim Namen nennen.“ Uno erröthete und betrachtete Helena mit einem eigenthümlichen Blick den ſie ruhig aushielt. Er erholte ſich indeß bald. „Da wir nicht Du werden können, Helena, ſo werden Sie doch wenigſtens geſtatten daß ich, für die Erlaubniß Sie mit Helena anzureden, Ihre Hand küſſen darf.“ Helena reichte ihm mit einer zugleich anmuthigen und würdigen Bewegung die Hand. „Weißt Du, Uno, was Helena ſo eben von Dir behauptete?“ fragte Oscar. „Nein, aber gewiß war es nichts Schmeichel⸗ haftes.“— Uno warf ſich auf eine Bank und ſchlug mit ſeinem Stock Laub von einem Buſche ab. „Nichts Böſes! ſie ſagte bloß daß alle Inſpira⸗ tionen in Deiner Gegenwart verſchwinden.“ „Vermuthlich in Folge der Antipathie die ſie gegen mich empfindet?“ Wder vielmehr in Folge der bittern Ausfälle die Du gegen die Inſpirationen machſt,“ erwiderte Sappho. „Ja, ich geſtehe daß ich nicht daran glaube.“ 60 „Warum nicht?“— Helena warf dieſe Frage mit einem eigenthümlich herausfordernden Tone hin.. „Darum weil ich eine ſolche Monſtroſität nicht begreifen kann.“ „Dann ſind Sie auch nicht berechtigt ein Urtheil darüber zu fällen. Was man mit dem Verſtand nicht begreifen kann, das kann man auch nicht be⸗ urtheilen. Sie ſind alſo verwerflich.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſo beſteht ja zwiſchen uns Etwas was man Antipathie nennt.“ „Sie haben Recht.“ Ein Bedienter kam mit dem Poſtfelleiſen. Graf Oscar öffnete es und übergab Helena zwei Briefe⸗ „Von Deinem Bräutigam und von Emy,“ ſagte er. Helena nahm ſie und entfernte ſich. Während des übrigen Abends beſchäftigte ich Uno beinahe ausſchließlich mit Ebba, die außer⸗ ordentlich einnehmend war, und Uno ſchien auch ein⸗ genommen zu ſein. Sonderbar genug fand Helena, die mit wach⸗ ſamem Mutterauge Ebba und Uno beobachtete, gleichwohl in ſeinem Benehmen Etwas was bei ihr die Ueberzeugung hervorrief daß er ſich in Ebbas Geſellſchaft bloß amüſiren wolle, daß ſie aber in ſeiner Bruſt nicht dieſelben Gef fühle geweckt habe wie er in der ihrigen. Eines Abends, einige Wochen nach der Abreiſe des Grafen Rubens, ſaß Helena am Rande von Ebbas Bett, als dieje ſich gelegt hatte.. „Sage mir, Ebba, wie findeſt Du Uno jezt? Erinnerſt Du Dich wie ſchlecht er Dir beim erſten Anblick gefiel?“ 61 „Ja, ich entſinne mich recht gut. Ich fand ihn häßlich, ungemüthlich und boshaſt.“ „So ungefähr äußerteſt Du Dich; aber jezt— wie findeſt Du ihn jezt?“ „Schön, liebenswürdig und gutmüthig.“ „Du kannſt ihn alſo wohl leiden?“ „Warte ein wenig, Helena.“ Ebba ſezte ſich im Bette auf, legte ihren Arm um Helenas Hals und fuhr fort:„Ob ich ihn leiden könne, fragteſt Du? Ja ſehr. Wenn er fort iſt, kommt es mir weniger angenehm vor. Wenn er mit mir ſpricht, ſo bin ich heiter und guter Dinge. Ach, Helenä, ich liebe ihn weit mehr als Magiſter Dahl, Henricd und Andere. Geht es Dir nicht auch ſo?“ „Rein, liebe Ebba, das nicht. Henrico hat etwas Edleres und Ernſteres, Dahl iſt ſanfter und geiſtreicher.“ „Mag wohl ſein; aber da ich ſelbſt viele Fehler habe, ſo gefallen mir diejenigen am beſten die nicht ganz vollkommen ſind.— Sage, Helena, was glaubſt Du daß er von mir denke?“ „Er findet, Du ſeieſt ein liebenswürdiges Kind.“ „Kind!— O, mit ſechzehn Jahren iſt man kein Kind, wenn man confirmirt iſt.— Nein, Helena, er kann mich nicht für ein Kind anſehen.“ „Aber er thut es dennoch, Ebba. Wenn er Dich mit ſo großer Freundlichteit bevorzugt, ſo kommt dieß bloß daher, weil er glaubt, Du gehöreſt noch der Kindheit an.“ „Aber Alma iſt ein Jahr jünger als ich, und gegen ſie iſt er nicht wie gegen mich.“ 62 „Weil Alma ernſter iſt als Du; Deine kindliche Heiterkeit beluſtigt ihn.“ „Helena!“ rief Ebba heftig.„Es gefällt mir nicht daß Du ſo ſprichſt. Ich will nicht daß er mich für ein Kind hält.“ „Soll ich aufrichtig mit Dir reden?“ fragte He⸗ lena mit einer ſo unausſprechlichen Milde, daß Ebba ſie küßte und ſagte: „Verzeih, Helena, ich bin eine eitle Närrin, wie Mama ſagt. Ach, Du gutes Mädchen, Du haſt Recht, ich bin allerdings ein Kind, und ich darf mich darüber nicht betrüben. Die Kindheit iſt ja die Zeit der Freude, ſagt Papa.“ „Ja, mein Herzchen, laß uns von Deinen El⸗ tern ſprechen. Ach, wenn wir ſie hier hätten!“ Die Mädchen falteten ihre Hände und ſteckten ihre hinabgebeugten Köpfe zuſammen. Ein warmes inniges Gebet vereinigte ihre Herzen. Am nächſten Morgen machte Helena einen ihrer frühen Spaziergänge. Zu ihren Lieblingsvergnü⸗ gungen gehörte es im Sommer früh umherzuſchwei⸗ fen, oder ſich ihrer ganzen Länge nach in das üppige Gras zu legen und den Geſang der Vögel, das Ge⸗ ſäuſel der Blätter zu belauſchen. Sie vergaß dann Alles über den trügeriſchen Bildern die ihre Seele erfüllten, und überließ ſich zwanglos der reichen Sa genwelt der Phantaſie. Um dieſes Vergnügen gan unbewacht, ohne ſtörende Zeugen, genießen zu nen, ging ſie früh aus, ehe ihre un Wie manches poetiſche und ſanſt wehmüthige Seh 63 nen erhielt auf ſolch einſamen Streifzügen Form und Worte! Wie mancher innige, glühende Lobge⸗ ſang auf den Schöpfer ſtieg nicht aus ihrem Herzen empor! Es war die Dichterſeele, die frei und zwang⸗ los hinausflog und in einigen ſchönen Tönen ihre innere Ueberfülle aushauchte. Arme Helena! Warum durfteſt du nicht auf irgend einem unbemerkten Plaz der Erde ſchwärmen und träumen? Dein weicher Geiſt hätte ſich dann in ſeiner ganzen Mannigfaltig⸗ keit entwickeln und wie ein klarer Stern über dei⸗ nem Leben leuchten können; aber das ſtille Glück für welches du geſchaffen warſt, weit entfernt vom Tummelplaze der Welt und ihren armſeligen Leiden⸗ ſchaften, wäre niemals dein geworden, und du, armes Mädchen, hätteſt niemals du ſelbſt bleiben ürfen. Auch jezt wanderte ſie den Park hinab durch welchen ein auf beiden Seiten von laubigen Bäu⸗ men beſchatteter Fluß ſtrömte. Die Birken neigten ihre reichen Kronen über die ſpiegelglatte Fläche hinab und ſchienen mit wehmüthigem Lächeln ihr Laubwerk zu betrachten. Mit langſamem, zögern⸗ dem Gang und träumeriſcher Haltung ſchritt ſie in dem Parke vor, wo Droſſel, Buchfink und Hänflinge ihre Chöre anſtimmten. Ein glückeliges Lächeln lag auf ihren Zügen. Sie blieb einmal ums andere ſtehen, um mit vollen Zügen die herrliche Luft ein⸗ zuathmen, die voll von Blumendüften, von Geſang und Poeſie war. Als ſie an einen Abhang kam der mit Gebüſchen und Blumen eingehegt war, faltete ſie ihre Hände und ſank, den Blick himmelwärts gerichtet, auf ihre Kniee. Es lag etwas Verklärtes 64 im Geſichte des jungen Mädchens, etwas von heili⸗ ger und tiefer Andacht, aber einer Andacht die voll von Dankbarkeit und jugendfriſchem Entzücken war. Es war eines Kindes hoffnungsvolles Gebet zu ſei⸗ nem göttlichen Vater. Hätte ein menſchliches Auge ſie in dieſem Moment geſehen, ſo hätte man ſie ſicher ſchön gefunden, und hätte ein menſchliches Ohr den Worten gelauſcht die über die friſchen Lippen kamen, ſo hätte man ſie im Flug aufgefangen, um ſie der Nachwelt aufzubewahren; aber nür Gott allein, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, hörte ſie, und nur er allein ſah die holde Beterin. Eine Weile nachher lag ſie träumend im Graſe und ſuchte in ihrer bunten Phantaſie den Geſang des Vogels und das Geplätſcher des Waſſers in Worte zu kleiden. Vermuthlich wäre ſie den ganzen Tag auf dem⸗ ſelben Plaze geblieben, wenn nicht der Klang der Frühſtücksglocke ſie aus den Träumen geweckt hätte worin ſie verſunken war. Sie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, ſtand auf und trat den Heimweg an. Sie ſchritt durch den Garten, und als ſie auf ihrem ſtillen Gange an dem untern Salon vorbeikam, deſſen Fenſter bis auf den Boden herabreichten, ſo daß man von außen Alles ſehen konnte was drinnen vorging, erblickte ſie Etwas was ſie zwang ſtehen zu bleiben. Sie ſah nämlich Sappho auf einem der kleinen Sopha ſizen, und Uno vor ihr auf den Knieen liegen. Sappho ſah traurig, Pl beinahe zornig aus. Unos Züge konnte ſie nicht ſehen. 6 junge Mädchen blieb eine Weile unbeweglich ſtehen 65⁵ dann zog ſie ſich zurück und ſchlug, ſtatt gerade vor⸗ beizugehen, einen Umweg ein. Beim Frühſtück war Sappho nachdenklich und zeigte ſich gegen Oscar noch zärtlicher und liebreicher als ſonſt. Es lag eine wahre Demuth in ihrem Weſen, gleich als ob ſie ein Unrecht abbitten wollte. egen Uno war ſie etwas kalt. Er dagegen bewies Ebba dieſelbe freundliche Aufmerkſamkeit wie immer, ſcherzte und lachte mit ihr. Nach dem Frühſtück begaben ſich Helena, Alma und Ebba zu einer alten, kranken Frau, deren ſich Helena, die während ihres mehrwöchigen Aufenthal⸗ tes auf Löda mit allen Kranken und Schwachen in der Umgegend Bekanntſchaft gemacht hatte, ganz beſonders annahm. Sonſt gehörte Löda zu den wenigen Gütern die in Folge der Menſchenliebe und Sorgſamkeit ihrer Eigenthümer mit Armen nicht be⸗ läſtigt waren. Bei der Rückkehr ſchlug Ebba einen andern Weg vor, auf welchem man bei einem Plaz wo der Fluß einen Waſſerfall bildete über einen Steg zu gehen hatte, um nach dem Parke zu gelangen, weicher der Lieblingsaufenthalt der drei Mädchen war. Sie bo⸗ gen in den Wald hinein und gingen unter munterem eplauder weiter. Als ſie an den Steg kamen, ſagte Helena: „Nein, Mädchen, über dieſen Steg können wir ſe nicht wagen; ſeht nur wie gebrechlich er aus⸗ ieht.“ „O es hat keine Gefahr, ich und Fräulein Ebdling (Almas Gouvernante) gingen erſt vor ein Paar Tagen hinüber,“ rief Sbba und ſprang auf den Schwart, Eines eiteln Mannes Frzu⸗ 5 66 Steg hinaus. Helena, welche das ſchwache Brett ſich biegen ſah, hielt Alma, die nachfolgen wollte, am Arme feſt. Auf einmal hörte man ein ſtarkes Krachen, und im nächſten Augenblick war Ebba ins Waſſer hinabgeſtürzt, über welchem ſie nur noch durch ihr Kleid zurückgehalten wurde, das an dem ge⸗ brochenen Brette feſthing. Helena hatte einen Angſt⸗ ruf ausgeſtoßen. Ebba machte eine gewaltſame An⸗ ſtrengung, aber dabei zerriß ihr K Kleid, ſo daß ſie das Einzige was ſie noch oben erhielt verlor und im Waſſerfall verſchwand. Aber blizſchnell hatte Helena ſich auf die ſchwachen und breice Bretter geſtürzt, und verzweiflungsvoll Ebbas Klei⸗ der angefaßt, von denen die Sinkende noch empor⸗ n wurde. Helena lag auf den ſchwankenden rettern ausgeſtreckt und ſtrengte alle ihre Kräfte an um Ebba emporzuhalten, indem ſie Alna, die ebenfalls zu Hilfe kommen wollte, zurief:„Um Gottes⸗ willen, Alma, komm nicht hieher, denn ſonſt ſind wi Alle verloren“ 4 — — Alma blieb weinend am Ufer ſtehen⸗ We Helena, Du kannſt doch allein Ebba nicht retten“ „Das will ich thun oder mit ihr ſterben,“ ant⸗ woriete Helena, und es gelang ihr Cbbas Koyf uber das Waſſer heraufzubekommen. „Ergreif meine Hände, Ebba,“ ſagte ſie. D recht zu wiſſen was ſie that, kam Ebba det 2 forderung nach, und jezt tonnte Helena den Arm ihren Leib ſchlingen und ſie auf das Holzwerk aufziehen, das unter der ſchweren Laſt ſchwont mit den beiden n hinabzuſtürzen Shu Mich Ebba Band, Alma, aber d 67 auf die Blöcke zu ſteigen,“ rief Helena, die, da ſie auf den Trümmern des Steges lag, fühlte daß bei der geringſten unvorſichtigen Bewegung von ihrer Seite oder bei dem erſten Verſuch den ſie machen würde um ſich aufzurichten, ſowohl ſie ſelbſt als Ebba im Waſſerfall begraben werden mußten. Ebbo, die jezt vollkommen die Gefahr einſah worin ſie ſchwebte, ergriff Almas Hand und kroch ans Land; aber ſo behutſam dieß auch geſchah, ſo wurde doch das Brett worauf Helena lag dadurch verrückt und ſtürzte mit einem neuen Gekrache in den Fluß hinab. Mit erſtaunlicher Kaltblütigkeit hatte Helena dieſes Ereigniß berechnet und im Falle einen im Waſſer ſtehenden Pfahl feſtgehalten, indem ſie rief: „Seid ruhig, ich will mir ſchon emporhelfen.“ Sie hielt Wort. Der Pfahl den ſie ergriff ret⸗ tete ſie und bald ſtand ſie am Lande. Inzwiſchen waren die Kräfte des beherzten Mädchens erſchöpft, und außer Stands ſich aufrecht zu erhalten, ſank ſie auf dem Graſe nieder. Alma und Ebba warfen ſich weinend neben ihr auf die Kniee: „Heleno, liebe Helena, wie ſtehts mit Dir?“ Aber Helena vermochte nicht zu ſprechen, denn einige helle Blutstropfen zeigten ſich auf ihren Lippen und bald darauf ſtrömte ein purpurrother Strahl aus ihrem Munde hervor. Ebba war ganz verzwei⸗ felt, rang ihre Hände und brach in heftige Klagen aus. Alma ſprang an die See hinab um in ihrem Hut Waſſer zu holen, womit ſie Helenas Schläfe wuſch und wovon ſie ihr auch einige Tropfen ein⸗ goß. Endlich hielt das Blut inne und Helena lächelt ihnen matt entgegen. 68 „Helena, Helena,“ ſchluchzte Ebba,„meine Un⸗ beſonnenheit, mein Ungehorſam gegen Dich iſt an 3 allem Unglück Schuld. Ach Helena, mein ganzes Leben will ich Dir widmen, ich will Dir blind ge⸗ horchen. Sage nur daß Du mir verzeihſt, daß Du beſſer biſt und daß ich nicht Deinen Tod verſchuldet habe.“ .„Meine gute Ebba, weine nicht, ich bin beſſer — ich bin jezt wieder gut; ich bin gar nicht böſe auf Dich, liebe Freundin.“ Nachdem Helena ihre jungen Begleiterinnen be⸗ ruhigt hatte, kehrte man langſam nach Hauſe zurück. Helena ſtüzte ſich auf Alma. „Laßt uns ſo unbemerkt wie möglich hinauf⸗ ſchleichen und die Kleider wechſeln, damit wir Tante und Onkel nicht erſchrecken; dann wollen wir das Ereigniß in aller Ruhe erzählen.“ Dieß gelang auch zur Hälfte; denn Ebba und Helena waren gerade die ile Treppe zum obern Stock hinaufgekommen, als Oscar und Uno aus den untern Zimmern heraustraten. Alma, welche den Nachtrab bildete, befand ſich ihnen alſo Angeſicht zu Angeſicht gegenüber, als die Thüre aufging. Das junge Mädchen hatte eine ſolche Angſt ausgeſtanden, 6 der Anblick ihres geliebten Vaters ſie nach all den qualvollen Gefühlen in eine unbeſchreibliche Freude verſezte. Ohne auf Uno zu achten, ſprang ſie au den Vater zu, warf ſich ihm um den al und rief „Papa, Päpa, Du kannſt gar heldenmüthig ſich Helena gezeigt hat.. „Was iſt geſchehen, mein gind?“ ſete Gra Ostar, indem er ihre blhenden Wangen ſtreichelte es nicht gerne unter die Leute bringen, wie reich 69 „Das ſoll ſie ſelbſt erzählen; jezt will ich zu ihr hinaufgehen. Ach wenn ich einmal Helena gleichen könnte, wenn ich Mama, Dir und allen braven Men⸗ ſchen gleichen könnte!“ Alma hatte ſich den väterlichen Armen entwun⸗ den und ſprang die Treppe hinauf. Im Zimmer der Mädchen war ihre Zofe beſchä⸗ tigt ihnen beim Kleiderwechſeln zu helfen, und ſie waren eben damit fertig geworden, als die Glocke ſie zum Mittagsmahle rief. Sappho, die einige Kranke beſucht hatte, kehrte in dieſem Augenblicke nach Hauſe zurück. Nach einer halben Stunde finden wir Alle im Speiſeſaale verſammelt. „Wie ſteht es mit Fräulein Ebba?“ fragte Dahl, als er das Kind noch ſehr blaß ſah. „Mein Gott, was iſt euch geſchehen, Kinder?“ rief Sappho. „Nur ein kleines Ungeſchick,“ antwortete Helena lächelnd,„und wenn Sie erlauben, ſo wollen wir nach Tiſch unter vier Augen davon ſprechen.“ „Helena will ihren Heldenmuth nicht bekannt wer⸗ den laſſen,“ fiel Oscar ein.„Ich weiß, Du willſt und aufopferungsvoll Dein Herz iſt.“„ „Beſter Onkel!...“ Mehr ſagte Helena nicht; aber der Blick den⸗ſie auf Oscar heftete ſagte ſo viel und hatte einen ſo beſcheidenen Ausdruck, daß Uno, der ſie feſt im Auge behielt, ſich darübet ver⸗ wunderte, wie dieſes kalte Geſicht ſo viel Seele be kommen konnie. 3 „Ich werde alſo ſchweigen,“ ſagte Oscar läch ₰ 70 „Die Anſpruchsloſigkeit iſt eine Tugend welche ihrem Beſizer immer wohl anſteht, wenn ſie am rechten Plaze angewendet wird,“ fiel Uno mit ſeinem reizbaren Tone ein. „Und damit will ich glänzen, nicht wahr?“ ſagte Helena, indem ſie Uno anſah. „Wir wollen Alle mehr oder weniger mit unſern Verdienſten glänzen, vorzugsweiſe mit denjenigen die wir am höchſten ſtellen.“ „Dann weiß ich eine Tugend die ich der An⸗ ſpruchsloſigkeit voranſtelle,“ ſagte Helena mit unge⸗ wohnter Lebhaftigkeit. „Und dieſe iſt?“ „Von Andern gut zu denken.“ „Und dieſe Tugend fehlt mir? War es ſo ge⸗ meint?“ „Ich weiß nicht welche Tugenden Sie beſizen oder nicht beſizen.“ Uno ſchwieg und bald darauf ſtand man vom Tiſche auf. Die Jugend ſchwärmte im Garten um⸗ her, aber Helena und Sappho blieben mit Osrar im Sagl. Helena erzählte jezt ganz einfach das Ereigniß— des Vormittags, nur daß ſie das Abenteuerliche bein, der Rettung 6bbas überging und auch vom Blut⸗ ſpucken nichts erwähnte. Einige Stunden ſpäter nat Uno zu Helena. als ſie allein auf dem Balcon ſaß. Ich fürchte daß ich Sie heute bei Tiſch belei⸗ digt habe,“ ſagte er,„und das war nicht meine AZbſicht.“ „ 5 71 „Nicht? Was war denn ſonſt Ihre Abſicht?“ „Ich wollte nur meine Anſicht ausſprechen daß alles Geſuchte auch unnatürlich iſt und als Etwas erſcheint womit man glänzen will.“ „Sie wollen damit ſagen daß die Anſpruchsloſig⸗ keit bei mir geſucht ſei?“ „Sie ſind zu ſtolz, erlauben Sie es auszuſpre⸗ chen, zu eigenliebig um anſpruchslos zu ſein.“ „Und woraus ſchließen Sie das?“ „Aus Ihrem ganzen Weſen, aus Ihrer Anti⸗ pathie gegen mich, welche lediglich daher kommt daß ich nicht wie alle Andern Ihr Genie bewundere. Daß ich Etwas höber ſtellte als dieſes, hat Sie verlezt.“ „Nein, ich habe nicht nach Bewunderung geſtrebt, konnte alſo auch nicht dadurch verlezt werden daß ich nicht erhielt was ich nie geſucht habe.“ „Gerade Ihre Antwort beweist am beſten daß der Stolz ein Hauptzug in Ihrem Character iſt; aber was onders als mein Unvermögen das Knie vor demjenigen zu beugen was nur blendet, hat denn die offenbare Ungnade hervorgerufen worin ich bei Ihnen ſtehe?“ Wenn Sie mich geſtern gefragt hätten, ſo würde ich Ihre Frage vielleicht beantwortet haben; jezt Helena ſah ihn an und ſchwieg; denn was ſie dachte, konnte ſie nicht ſagen; nämlich: Jezt ver⸗ achte ich Sie zu ſehr. Sie knieen vor der Frau Ihres Vetters, Sie lieben dieſelbe und Sie ſind, mit einem Wort, nicht Ehrenmann genug daß ich mich⸗ in eine Erklärung mit Ihnen einlaſſen möchte. So dachte Helena. „ 72 „Bitte, ſprechen Sie ſich aus.“ 3 „Was würde das nüzen? Wir ſind, wie Sie ſelbſt ſagten, mit Vorurtheilen gegen einander geboren.“ „Sie wollen mir alſo nicht ſagen warum Sie mich nicht ausſtehen können?“ „Laſſen Sie uns den Gegenſtand wechſeln. Haben Sie dieß Gedicht da geleſen?“ Helena überreichte ihm Oehlenſchlägers Axel und Valborg. „Ein literariſches Geſpräch alſo?“ Uno lächelte ironiſch. „Ganz und gar nicht. Ich möchte Ihnen nur empfehlen Axels Character zu ſtudiren.“— Helena erhob ſich um zu gehen. „Und der Grund? Meinen Sie daß ich ſeine Treue zum Muſter nehmen ſollte?“ „Von Ihrer Treue weiß ich nichts und hege auch keinen Wunſch meiner Unwiſſenheit abzuhelfen. Nein, Axels Verehrung für ſeine Pflicht, die Ritterlichkeit und Erhabenheit aller ſeiner Handlungen ſollte, meine ich, ein würdiges Studium für jeden jungen Mann ſein, zumal für einen Edelmann.“ „Sie halten mich alſo nicht für denjenigen der eine Pflicht über Alles ſtellt und einen ritterlichen Character hat?“ Wer den Saz aufſtellt daß das Gefühl allein herrſchen müſſe, der iſt ein Sclave ſeiner Leiden⸗ „Sie haben Unrecht, Helena. Ich liebe jeden Ausbruch reiner und edler Gefühle, aber ich verachte jede Nachgiebigteit gegen gemeine und kleinliche Wünſche.“ „Thun Sie das?“— Es wäre unmöglich den 73 eigenthümlichen Ausdruck wiederzugeben womit He⸗ lena dieſe Worte ſprach. Es lag etwas von Be⸗ dauern, beinahe von Verachtung in dem Tone. Ebba trat jezt zu ihnen vor und ſagte zu Uno: „Verſprich mir daß Du thun willſt um was ich Dich bitte.“ „Ebba, ich thue nicht bloß Alles um was Du mich bitteſt, ſondern ich thue es auch mit dem größten Vergnügen, und müßte ich zu Fuß von Haparanda bis Vſtad wandern.“ „So ſinge uns einige ſpaniſche Nationallieder.“ „Ja, wenn Du Helena überreden kannſt daß ſie zuerſt einige ſchwediſche ſingt.“ „Ich will Dein Verſprechen unbedingt,“ ſagte Ebba und ließ ihr Köpſchen ſchief hängen. Uno ergriff ihre Hände und ſagte mit Wärme: „Ich werde es thun. Du bringſt mich zu Allem was Du nur haben willſt.“ Ebba erröthete ſo ſchön und hüpfte in den Salon um ihren Sieg zu verkündigen. Uno erhob ſich um ihr zu folgen. Helena ſah ihn ſcharf an und ſagte: „War das was Sie jezt ſagten auch. überein⸗ ſtimmend mit Gewiſſen und Pflicht?“ Damit eilte ſie in den Salon hinaus. Eine Weile nachher ſang Uno einige jener ſchmel⸗ zenden, lieblichen und ſehnſuchtsvollen ſpaniſchen Volkslieder, worin ſo viel Poeſie und eine ſo tief zum Herzen gehende Melodie liegt, daß man von einem ganz unbeſtimmten Verlangen ergriffen wird. Er ſang ſie mit einer ſchönen, klangreichen Stimme, voll Gefühl, und accompagnirte ſich anmuthsvoll auf dem Clavier. Es war das erſte Mal daß Helena ihn 74 ſingen hörte. In einen Armſtuhl zurückgelehnt, lauſchte ſie als kämen die Töne von einer neuen und unbe⸗ kannten Welt. Es war ihr als ob jeder von ihnen eine neue Saite in ihrem Innern anſchlüge, die noch nicht darin erklungen hätte, und um ſich dieſen Ein⸗ drücken vollſtändig zu überlaſſen, ſchloß ſie ihre Augen. Der Sänger war verſchwunden, und ſie bildete ſich ein, ſie höre dieſe zugleich ſo glühende und doch ſo lieblich koſende Stimme auf den Schwingen der Töne aus einer höheren und beſſeren Welt zu ſich heran⸗ ſchweben. Sie ließ ſich hinreißen von der ſtillen und ſanften Schwärmerei die den Hauptzug in ihrem Character bildete, aber allmählig verdrängt werden und nur als ein wehmüthiges Sehnen in der Tieſe ihrer Seele zurückbleiben ſollte. Arme Helena! wie oft, wenn ich Dich mit müdem Blick und kalter, gleichgiltiger Miene von einem die⸗ ſer Zeitvertreibe der Eite eit und Thorheit zum an⸗ dern hinſchleppen ſah, habe ich Dich nicht beklagt und mit Schmerz daran gedacht, wie ſelten ein Menſch auf dem Plaz ſtehen darf für welchen er ge⸗ ſchaffen iſt! Was hatteſt Du mit Deiner reichen und nach einem ſtillen, unbemerkten Glück verlangen⸗ den Seele unter dem Gewimmel der Welt zu thun! Du ſtandeſt da ſo einſam und ſo unverſtanden von Allen. Als der Geſang zu Ende war, blieb Helena ſizen. Alles umringte Uno mit Dankſagungen, Helena allein blieb unbeweglich.. „Nun, Helena,“ fragte Sappho,„willſt Du Uns 3 nicht auch für das Vergnügen danken das er uns bereitet hat?“ „Dafür kann nicht genug gedankt werden,“ ant⸗ wortete Helena, indem ſie ihm die Hand reichte. „Das Vergnügen war gar zu groß für eine arm⸗ ſelige Dankſagung.“ Bei dieſen Worten blizte es in Unos ſchwarzen Augen und ſie weilten eine Secunde lang mit einem wunderſamen Ausdruck auf Helena. „Das war ein Lobſpruch, ſchmeichelhafter als alle die mein Geſang mir bisher eingebracht hat.“ „Nur eine Wahrheit; ich ſchmeichle nie.“ „Wenn mein Geſang Ihnen wirklich ein Ver⸗ gnügen gemacht hat, ſo bewilligen Sie mir eine Bitte,“ ſagte Uno. „Wünſchen Sie nichts von mir,“ erwiderte He⸗ lena lebhaft;„Ihnen kann ich nichts bewilligen.“ „Ich bitte Sie denno 5, ſingen Sie ein einziges ſchwediſches Volkslied.“ Uno beugte ein Knie vor Helena, die jezt in demſelben Lehnſtuhl ſaß worin Sappho geſeſſen, als Helena ihn vor ihr knieen ſah. Helenas Geſicht, das bisher ſo mild und freund⸗ lich geweſen, wurde im Augenblick kalt und gleich⸗ giltig. Sie erhob ſich und ſagte leiſe: „Sie machen Ihre Kniebeugungen zu oft und zu leicht.“— Damit eilte ſie auf den Balcon hinaus. Abends hatte Ebba Fieber und ſtarkes Kopſweh, in Folge des kalten Bades. Am zweiten Tage maßte ſie das Bett hüten. Helena nahm ihren 76 Platz am Krankenlager ein. Sappho kam mit dem Arzte herauf, welcher das Ganze für eine leichte Erkältung erklärte die in einigen Tagen vorüber⸗ gehen würde. „Sie ſelbſt, Fräulein Kahn, ſehen viel leidender aus,“ ſagte der Doctor, indem er Helenas bleiches und mattes Geſicht betrachtete. „Vermuthlich aus Mangel an Ruhe,“ antwortete Helena lächelnd.„Ich war heute Nacht ſo unruhig um Ebba.“ „Helena hat geſtern Blut geſpuckt,“ ſiel Alma ein, die ſich auf einen Schemel zu Helenas Füßen geſezt hatte. „Blut!“ riefen die Gräfin und der Doctor zu⸗ gleich. „„Es war nicht gefährlich,“ ſagte Helena.„Nur die Folge einer kleinen Anſtrengung.“ „Ach es war ſchrecklich viel Blut, Helena,“ fiel Alma traurig ein. Der Doctor fühlte den Puls, verſchrieb etwas aus der Apothete und fügte die Warnung bei daß Helena ſich ruhig zu verhalten habe. Einige Tage lang blieben Helena und Ebba un⸗ ſichtbar. Auch Alma und Arkhur ließen ſich nur wenig blicken, denn wo Helena war, da waren auch ſie. Am vierten Tag nach ihrem Erkranken war Ebba wieder auf, durfte aber das Zimmer nicht verlaſſen. Helena ſah wieder friſch und munter aus, aber da ſie die Verantwortung auf ſich genommen hatte bei Emys Kindern Mutterſtelle zu vertreten, ſo ver⸗ ließ ſie Ebba nicht. 4 77 Auf einer der Balconbänke ſaßen die Grafen Oscar und Uno, Magiſter Dahl und Henrico. „Sie behaupten alſo, Herr Magiſter, daß in Fräulein Kahns Gemüthsart und Character nichts von Hochmuth und Stolz ſich vorfinde? daß ſie alles Aufſehen vermeide und ſich am liebſten aller Aufmerkſamkeit entziehe?“ „Ja, Herr Graf, das behaupte ich, und ich glaube mich beſſer als Andere berechtigt ſie zu be⸗ urtheilen, da ich ſchon ſeit ſieben Jahren in täg⸗ licher Berührung mit ihr ſtehe. Eine beſcheidenere und zartfühlendere Natur habe ich noch nie getroffen. Mit einer Dichterſeele und Dichtergenie begabt, ſcheut ſie ſich Jemand den ganzen Reichthum ihres Innern ahnen zu laſſen. Ich war ihr Lehrer, und ich kann ohne Uebertreibung ſagen daß die Schülerin ihren Lehrer oft durch ihren Scharſſinn in Verwir⸗ rung brachte. Wenn Sie in ihre Seele blicken könn⸗ ten, ſo würden Sie ſtaunen über die Menge von Kenntniſſen die ſie geſammelt hat, und findet ſich gleichwohl auch nur eine Spur vom Gelehrten im Unterrock bei ihr vor?“ „Dieß nicht; wohl aber ein ſtarkes Bewußtſein ihrer Ueberlegenheit, ein hoher Begriff von ihren eigenen intellectuellen Vorzügen, ſo daß ſie die Sphäre des Weibes verachtet und es unter ihrer Würde glaubt ein Herz zu haben.“ Die drei Zuhörer Unos, die ſämmtlich Helena von Kindheit auf gekannt hatten, brachen in ein Gelächter aus, als ob ſie ſeine Behauptung ſo fänden daß ſie keine ernſte Widerlegung iene. 78 „Mein lieber Uno, Du haſt nun einmal die fixe Idee Helena Fehler aufbürden zu wollen die ſie noch nie gehabt hat.“ „Möglich daß ich mich täuſche; aber ich wollte doch viel darauf wetten daß ſie nie im Stande wäre ſich aus Hingebung in eine Gefahr zu ſtürzen; dazu hat ſie eine viel zu hohe Idee von ihrem eigenen Ich.“ „Pfui, Uno, wie boshaft Du jezt biſt!“ rief Alma, die an der Thüre welche vom Salon auf den Balcon hinausführte das ganze Geſpräch ge⸗ hört hatte.„Du hätteſt ſie ſehen ſollen, wie ſie Ebba half, wie ſie ohne alle Gedanken an ſich ſelbſt ſie zu retten ſuchte. Und ſpäter als ſie von der heſtigen Anſtrengung Blutſpucken bekam, wie ſanft und engelgut war ſie nicht da, als Ebba in Ver⸗ zweiflung gerieth! Ich habe immer geſehen daß Helena eine Güte zeigte die ich bei keiner andern Perſon bemerkte, und dennoch ſagſt Du, ſie habe kein Herz. Wie nahm ſie ſich nicht der alten Ober⸗ ſchaffnerin auf Holmvik an, ritt ſelbſt zu dem Doe⸗ tor, und pflegte die Alte als wäre ſie ihre Mutter geweſen; und während ſie alles das that, wußten die Andern nichts als Ausſtellungen über ſie zu machen. Ich habe wohl gehört was Du und Ochard ſagtet.“ 8„Ich glaube, Du biſt böſe auf Uno,“ rief Dscar lachend. „Jo, Papo, habe ich nicht Recht?“ „Vollkommen, mein Mädchen.“ „Da werde ich wohl das Gewehr ſtrecken müſſen,“ ſiel Uno ein. Das müſſen, glaube ich, Alle thun die Helenn ———— 79 angreifen wollen,“ fügte Henrico mit leichtem Er⸗ röthen hinzu,„und gleichwohl iſt ſie ganz und gar keine Vollkommenheit. Das Hinreißende liegt ge⸗ rade darin daß ſie eine Menge kleiner Fehler hat, wodurch ſie Aehnlichkeit mit andern Menſchenkindern bekommt.“ „Und welcher Art ſind dieſe Fehler? Ich glaubte beinahe daß man hier beſchloſſen habe ſie als eine Heilige zu betrachten.“ —„Ganz und gar nicht,“ ſagte Dahl lächelnd. „Als Schülerin war ſie ſehr launiſch, ſo daß man oft kaum mit ihr auskommen konnte. Wenn es ihr einfiel ſich ausſchließlich mit der Geſchichte zu be⸗ ſchäftigen, ſo konnte man ſie nicht dazu bringen einige Aufmerkſamkeit andern Gegenſtänden zuzu⸗ wenden, bis ſie einige Tage lang ihrer Grille hatte folgen dürfen. Dann konnte ſie zu mir kommen und ſagen: Sind Sie mir böſe, mein Lehrer? Wenn ich unfolgſam war, ſo will ich jezt Alles ſtudiren was Sie nur wollen. Ein ander Mal lernte ſie gar Nichts, ſondern verbrachte ihre Stunden bloß mit Spielen und Träumereien, und dann war es unmöglich ſie zu bemeiſtern. Dabei iſt Helena hart⸗ näckig. Es wird Ihnen niemals gelingen ihr eine einmal gefaßte Ueberzeugung auszureden, ſelbſt wenn ſie noch ſo falſch iſt. Beleidigungen verzeiht ſie leicht; aber ſie vergißt nicht wer ſolche verſchuldet hat. Das heißt: wenn Sie ihre Handlungen un recht beurtheilen, ſo wird ſie das verzeihen; abet ſe wird ſich nie überzeugen laſſen daß Sie im Stande ſeien ſie recht zu beurtheilen. Dabei läßt ſie ſich oft von ihrer Phantaſie verleiten und ſchreibt den Menſchen Eigenſchaften zu die ihnen gänzlich abgehen, wenn es ihnen nur gelingt einen ihrer edleren Inſtincte anzuſchlagen. Sie kann die ſanf⸗ teſte, nachſichtigſte und verträglichſte Perſon ſein, zu⸗ gleich aber ſtreng und bitter, wenn man ihrem Rechtsgefühl zu nahe tritt. Für das was ſie als Recht betrachtet wird ſie ſich ohne Klage aufopfern. So iſt Helena.“ „Ich möchte ihr gleichen, auch in ihren Fehlern,“ fiel Alma ein.„Würdeſt Du nicht wünſchen, Papa, daß ich ſo wäre wie ſie?“ „Nein, mein Kind, ich will Dich ſo haben wie Du biſt.“ 1 Eine Weile nachher wandelte Uno, der Verur⸗ theiler aller Schwärmerei, ſelbſt als Schwärmer im Park umher und dachte an— Axels Character in Hehlenſchlägers Tragödie. Einige Tage ſpäter war Ebba vollkommen wie⸗ der hergeſtellt. Helena hatte ſich nach dem Früh⸗ ſtück in den Park hinab begeben. Als ſie zurückkam und eben in den Salon treten wollte, hörte ſie Sappho ſagen.: „Ich verzeihe Dir, Uno, aber nur aus Liebe zu Oscat. Weil Du ſein Verwandter biſt, ſo will ich vergeſſen daß Du mich ſo tief verlezt haſt.“ „Dank, theure Sappho, und glaube an meine heilige Verſicherung daß ich bei Gott viel darum geben würde, wenn dieſe unglückſelige Erklärung nie über meine Lippen gekommen wäre. Ich bewundere Dich und werde Dich nie vergeſſen.“ 81 „Genug! Wir ſind alſo wieder Freunde!“— Sappho reichte ihm die Hand und Helena trat ein. Am Abend beluſtigten ſich Uno, Ebba und He⸗ lena mit Ringewerfen. Graf Oscar, Alma und Arthur hatten einen Spaziergang auf das Gut ſelbſt gemacht. Henrico war abgereist, und die Gräfin ſaß in einem eifrigen Geſpräch mit Magiſter Dahl im Salon. Ebba ſprühte vor Fröhlichkeit. Sie warf ihren Ring hoch und ließ ihn einen prächtigen Kreis be⸗ ſchreiben, indem ſie rief: „Sieh zu, Uno, ob Du ihn fangen kannſt.“ Uno fing ihn, indem er ſagte: „Wie konnteſt Du glauben daß ich fehlen würde, wenn Du warfeſt?“ „Nun, wirf ihn Helena zu und behalt ihn nicht,“ rief Ebba mit ſtrahlendem Blicke. „Ich behalte ihn oder ſchick ihn Dir zurück.“ Unos Blick ruhte mit einem eigenen Wohlgefallen auf Ebboa, flog aber auf eine Secunde von ihr auf Helena, die unbeweglich, auf ihren Stecken geſtüzt, daſtand. „So wirf ihn doch her,“ ſagte Ebba,„und laß uns dann ein Ende machen.“ Uno erfüllte ihren Wunſch, aber der lebendige, warme Blick war nicht mehr auf Ebba geheftet. Dieß bemerkte jedoch das junge Mädchen nicht, wäh⸗ rend es den leichten Kranz zu fangen bemüht war. „Ach, ich glaube nicht daß ich ihn bekommen kann,“ rief ſie betrübt. In dieſem Augenblick fiel der Kranz zu ihren Füßen nieder, und ſie ſenkte är, Eines eiteln Mannes Frau. ihren Stecken mit einem Ausdruck des Kummers. Eine Thräne zitterte im Auge. Uno eilte heran, hob den Kranz auf und reichte ihn Ebba mit den Worten:— „Er hielt es für ſeinen rechten Plaz zu Deinen Füßen zu liegen, Ebba.“ „Dank, Dank,“ ſtammelte Ebba, blühend wie eine Roſe und fröhlich wie ein Vogel. Sie nahm den Kranz und eilte in den Salon hinein.. Helena und Uno befanden ſich allein auf dem freien Hofplaz. „Wollen wir Ebba folgen?“ fragte Uno. Helena nährte ſich ihm und ſagte mit tiefem. Ernſt: „Uno, Sie haben ein gefährliches Spiel vor.“ „Welches denn?“— Unos Augen ſenkten ſich vor Helenas Blick. „Sie bieten Ihr ganzes Talent auf um von Ebba geliebt zu werden, dieſem bezaubernden Kinde, deſſen Herz Ihnen ohne Mißtrauen entgegenfliegt. Sie handeln unrecht.“ „Warum, Helena?— Sprechen Sie!“— Was war in Unos Stimme das eine feine Roſenwolke auf Helenas Wangen trieb? War es das eigen⸗ thümliche Zittern? Wir wiſſen es nicht; aber ſo viel wiſſen wir daß ſie, wie ärgerlich über die Be⸗ weglichkeit ihres Blutes, ihren Kopf ein wenig auf⸗ warf und antwortete: „Darum weil Sie Ebba nicht lieben.“ ₰ „Und wen liebe ich denn?“— Uno hatte Hele⸗ nas Hand ergriffen, wie wenn er ſie behalten wol ließ ſie aber ſogleich wieder fahren, denn all bloß zum Zeitvertreib mit andern wegung war von Helenas Geſicht verſchwunden, und ſie ſah ihn mit einem ruhigen und feſten Blicke an. „Dieſe Frage beantwortet Ihr eigenes Herz am beſten, wenn Sie ihm Gehör ſchenken und nicht Herzen ſpielen wollen. Ebba iſt zu gut für ein ſolches Spiel.“ „Doch nicht zu gut um meine Gattin zu wer⸗ den,“ fiel Uno kalt ein. „Allerdings, wenn Sie ihr bloß Ihre Hand und nicht Ihr Herz anbieten können.“ „Aber ich gedenke ihr mein Herz anzubieten.“ Helena neigte ihren Kopf zurück und ſagte mit ſtrengem Ernſt: „Können Sie das?“ Dieſe ſo einfache Frage ſchien das Blut gewalt⸗ ſam durch Unos Adern zu treiben, denn er machte eine heftige Bewegung mit dem Kopf, und fragte mit einem Tone der beinahe zornig klang: „Was könnte mich daran hindern?“ „Ihre Ehre; Sie können Ebba nicht anbieten was Sie ſelbſt nicht beſizen.“ Helena ging hinein. Uno blieb ſtehen und ſchaute ihr mit Blicken nach ie an einen Ausbruch des Veſuv erinnerten. „Hat ſie mein Geheimniß errathen?“ murmelte er.—„Nein, ich habe es ja kaum mir ſelbſt ge⸗ ſtanden.“ Am Abend Bette ſizend. „Ebba, weißt Du was Deine Mama bei ihrer Abreiſe ſagte?“ begann Helena. finden wir Helena wieder auf Ebbas „Nein, aber ſage mirs, liebe Helena. „Sie bat mich über Dich zu wachen, wie wenn Du mein eigenes Kind wäreſt; und Dich eben ſo vergnügt und glücklich in ihre Hände zurückzugeben. Ich verſprach es und jezt fürchte ich daß ich nicht Wort halten kann. Dieß würde mich tief betrüben.“ „Bin ich denn nicht gleich heiter?“ fragte Ebba mit niedergeſchlagenen Augen. „Ach ja, aber Deine Heiterkeit geht nicht mehr. von Dir ſelbſt aus, ſondern beruht auf einem An⸗ dern. Wie unruhig warſt Du nicht in den Tagen wo Du auf Deinem Zimmer bleiben mußteſt? Warum warſt Du ſo? Sage mir das!“ „Ich wollte Uno treffen,“ antwortete Ebba mit einem freimüthigen Blick in die Augen ihrer Pflege⸗ ſchweſter. Helena bückte ſich hinab und küßte ſie. „Soag mir jezt was Du für Uno empfindeſt.“ „Ich liebe ihn ſehr und würde es unbeſchreib⸗ gerne ſehen wenn er mich unter allen am meiſten liebte.“ „Und wenn er das nicht thäte?“ „So würde es mich betrüben.“ „Aber Du würdeſt dann weniger an ihn denken?“ „Vielleicht— ich glaube daß ich ſogar böſe auf ihn würde.“ „Du glaubſt alſo daß er Dich am meiſten liebt?“ „Ja, das glaube ich allerdings.“ „Aber, Ebba, die Hand aufs Herz, kann ich Dich heilig verſichern daß er Dich nicht liebt.“— Helena nahm Ebbas beide Hände in die ihrigen und drückte ſie an ihr Herz.„Erblaſſe nicht, Kind, ſieh nicht ſo betrübt aus, ſondern glaube mir, wenn 3 . —— 85⁵ ich bei Gott ſchwöre daß Uno liebt, aber nicht Dich. O weine nicht, liebes Kind! Denke an Deine Mutter, denke an mich und hänge Dein Herz nicht an dieſen Mann der Dir das ſeinige nicht ſchenken kann.“ Einige Thränen waren ſchnell über Ebbas Wan⸗ gen hinabgeronnen, aber ſie trocknete ſie ſogleich auf. „Helena, biſt Du beſſen gewiß was Du ſagſt?“ „Vollkommen; oder glaubſt Du daß ich Dir Et⸗ was ſagen würde was ich Dir nicht ſicher als Wahr⸗ heit verbürgen könnte?“ „Dank!“— Ebba ſchlang ihre Arme um Hele⸗ nas Hals.„Dank, liebe Helena, und jezt gute Nacht!“ Eine Stunde lag Ebba ſtill und ruhig da, aber hernach rief ſie Helena zu: „Schläfſt Du?“ „Noch nicht; wir haben unſer Gebet nicht ver⸗ richtet, Ebba. Ich wartete ob Du daran denken würdeſt.“ Ebba hob jezt ihr vom Kummer berührtes Herz zu Gott empor; Helena betete gleichfalls für das Kind ihrer geliebten Pflegemutter, dann ſchliefen beide ein. Tags darauf ſezte ſich Uno zu Helena, die draußen auf der Terraſſe arbeitete. „Helena, Sie haben einige Male Aeußerungen gegen mich gethan die ich nicht recht verſtanden habe, zum Beiſpiel geſtern Abend. Geben Sie mir eine Erklärung darüber. Da ſie mich ſelbſt betrafen, ſo iſt mein Wunſch gewiß billig.“ nur den zweiten Plaz in ſeinem Herzen ſchenken kann?“ „Ueber was ſoll ich mich erklären?“ „Sie behaupteten zum Beiſpiel daß ich mit Ebbas Herzen ſpiele.“ „Das behaupte ich noch jezt. Sie lieben dieſes unſchuldige Kind nicht, und dennoch legen Sie in Ihr ganzes Benehmen gegen ſie eine ſo zärtliche Aufmerkſamkeit, daß ſie, ſo gut wie jede andere, an dieſe Zärtlichkeit glauben könnte.“ „Und dieſe Zärtlichkeit iſt keine Unwahrheit. Vom erſten Augenblick an wo ich Ebba ſah, hatte ich keinen andern Wunſch als ſie meine Gattin nen⸗ nen zu dürfen. Dieſes liebliche Kind, wie Sie ſich ganz richtig ausſprechen, deſſen Gefühle ſammt und ſonders in ſeinen Zügen zu leſen ſtehen, deſſen Herz auf ſeinen Lippen liegt, erſcheint mir ſo hinreißend, daß ich meine, das Glück müßte von ſeiner Seite unzertrennlich ſein. So dachte ich bei meinem erſten Zuſammentreffen mit ihr, ſo denke ich im gegenwär⸗ tigen Augenblick.“ Helena ſtüzte ſich auf die Rückenlehne und ſah ihn ernſt, beinahe betrübt, an. „Wollen Sie wirklich behaupten daß Sie Ebba lieben?“— Dieſe Frage wurde mit eigenthümlicher Langſamkeit ausgeſprochen. „Nein, nicht ſo wie mein Herz ſie lieben möchte.“ „Nicht einmal ſo wie es lieben kann.“ „Helena!“ rief Uno, und wiederum blizte es in ſeinen Augen. „Wollen Sie Ebba zu dem betrübten Loos ver⸗ urtheilen die Frau eines Mannes zu werden der ihr 87 „Nein, das will ich jezt nicht. Ihre Worte von geſtern haben mich auf den Gedanken gebracht, wie verächtlich es wäre das Glück dieſes Mädchens mei⸗ nem eigenen zu opfern. Denn ich werde Ebba nie⸗ mals ſo lieben können wie...“ „Sappho!“ fiel Helena unwillkürlich ein; aber kaum war das Wort ihren Lippen entfahren, ſo be⸗ reute ſie es und hätte es um jeden Preis zurück⸗ nehmen mögen. Uno fuhr zuſammen und ſah Helena an, gleich als bezweifelte er recht gehört zu haben. „Sappho! Die Frau meines Vetters!— Haben Sie mich einer ſolchen Niederträchtigkeit fähig ge⸗ glaubt, Helena? Ich hatte doch geglaubt, Sie wür⸗ den mich für einen Ehrenmann halten.“— Es lag in Unos ganzer Haltung eine einfache Würde die auf Helena mächtig wirkte. „Sollte ich Ihnen Unrecht gethan haben? Sollte ich mich getäuſcht haben?“ rief Helena und reichte ihm die Hand„Verzeihen Sie!“ „Vielleicht iſt es Ihnen zu verzeihen,“ antwor⸗ tete Uno tief aufgeregt.—„Sie haben ſich über den Gegenſtand meiner Liebe ſchrecklich getäuſcht; aber Sie haben dorin Recht gehabt daß ich Ebba nicht liebe.“ Uno behielt Helenas Hand in der ſei⸗ nigen, und das junge Mädchen meinte die Schläge ihres Herzens zu hören. Sie zog ſachte ihre Hand aus der ſeinigen. Beide ſchwiegen. Helena bückte ſich über ihre Arbeit. Uno zeichnete mit ſeinem Stock in den Sand.“ „Was brachte Sie auf den Gedanken daß ich Sappho liebe?“ fragte Uno endlich. 88 „Ich ſah Sie vor ihr knieen,“ ſtammelte Helena. „Ha, wie der Schein käuſchen kann!“— Wie⸗ derum verſtummten beide. Helenas Augen fielen abſichtslos auf das was er zeichnete. Unos Stock war bei einem Namen ſtehen geblieben den er in den Sand geſchrieben hatte, und deutete gleichſam darauf hin.— Helena wandte ſchnell den Kopf ab, ſtand auf und ging hinein. Uno verwiſchte die in den Sanb gezeichneten Worte und blieb eine gute Weile in tiefen Gedan⸗ ken ſizen⸗ Später am Abend ging er auf Helena zu und ſagte: „Werde ich nie Ihren Geſang zu hören bekom⸗ men? Singen Sie heute Abend.“ „Wenn mein Bräutigam zurückkommt, dann werde ich ſingen,“ antwortete Helena, ohne von ihrer Arbeit aufzuſchauen.— Unos Blick verfinſterte ſich und er ging hinweg. Abends, als Alles ſich gelegt hatte, ſchrieb He⸗ lena ihrem Bräutigam ein Poſtſcript. Es enthielt die Worte: „Mein Lieber, komm ſo bald Du kannſt. Ich empfinde ein großes Bedürfniß Dich wieder zu ſehen.“ Die drei Wochen die noch übrig blieben, bevor Cvert nach Löda kommen konnte, verfloßen ohne daß etwas Bemerkenswerthes ſich zutrug. Uno wich He⸗ lena ſorgfältig aus und hatte in ſeinem Benehmen gegen Ebba etwas Onkelmäßiges angenommen. Die 89 herzliche Vertraulichkeit war verſchwunden, er be⸗ theiligte ſich nicht mehr bei den Spielen der Jugend, ſondern begleitete Oscar auf ſeinen Fahrten und jagte mit ihm und den Nachbarn. Außer den Mahl⸗ zeiten war er höchſt ſelten bei den Damen. Alle ſahen dieſe Veränderung, aber Niemand legte ein Gewicht darauf. Lieutenant Henrico und Magiſter Dahl dagegen boten Alles auf um die Andern aufzumuntern, und es gelang ihnen auch. Ebba kümmerte ſich ganz und gar nicht um Unos Abweſenheit, ſondern war heiter, voll Lebensluſt und jezt wie immer Magiſter Dahls unlenkſamſte und geliebteſte Schülerin. Hen⸗ rico war artig, herzlich, zuweilen zärtlich gegen He⸗ lena, aber in dieſer Freundlichkeit lag etwas ſo Brüderliches, daß ſie dieſelbe ohne Mißtrauen an⸗ nahm und erwiderte. Eines Tags beim Frühſtück, als die Poſt kam, erhielt Helena einen Brief von Evert. Sie ging an eines der Saalfenſter und öffnete ihn. „Nun, wann kommt Ochard?“ fragte Oscar. „In zwei Tagen,“ antwortete Helena. Magiſter Dahl nahm ſeinen Hut und verließ den Speiſeſaal. Uno ging in den Salon, ſetzte ſich an das Inſtrument und ſpielte einen Sturmmarſch. Eines Abends, bei einem herrlichen Auguſtmond⸗ ſchein, als Alle einen Spaziergang in den Park un⸗ ternommen hatten, blieb Helena allein zu Hauſe, weil ſie ſich müde und auch etwas verſtimmt fühlte. Als die Andern gegangen waren, ſezte ſie ſich an das Clavier und überließ ſich von ganzem Herzen all den Phantaſien die im bunten Gewimmel durch ihre Seele zogen. Sie ſuchte ihnen durch die Töne Form zu geben. Der Bediente hatte die Glasthüre nach der Terraſſe zu verſchließen und Lichter anzün⸗ den wollen, aber Helena wollte im Mondſchein ſizen bleiben, umſchwebt von den balſamiſchen Düften die aus dem Garten emporſtiegen. Während ſie ſich dem träumeriſchen Behagen des Augenblicks hingab, waren die Spaziergänger im Part umhergeſtreift und zurückgekehrt. Die jungen Leute nebſt der Gouvernante Almas beſchloßen in den Moßofen zu gehen, um dem rinnenden Gußeiſen zuzuſehen. Der Graf, die Gräfin und Uno gingen in den Garten. Das Wetter war ſo herrlich und warm, daß Sappho ihren Mann auf eine Bank —.— — unter etlichen Pappeln zog, wo man die von Laub⸗ bäumen und Erlenbüſchen beſchatteten Teiche ſah, in deren ſpiegelklarem Waſſer der Mond ſein Geſicht badete.— Sappho, die ihren Oscar noch immer mit derſelben Gluth liebte wie in ihren jungen Jah⸗ ren, ſaß und träumte gern an ſeiner Seite, heſon⸗ ders an einem ſo ſchönen, wahrhaft bezaubernden Sommerabend. Sie genoß dann doppelt ihre Selig⸗ keit, die beſtändig dieſelbe und dennoch beſtändig neu war. Als Sappho und Oscar ſich auf die Bank ſez⸗ ten, ſagte Uno: „Da ich kein Schwärmer bin, ſo erlaubet daß ich euch der Einſamkeit und der Liebe Gottes über⸗ laſſe.“ Dann ging er auf das Wohnhaus zu, blieb aber auf der Terraſſe ſtehen und lauſchte. Drinnen im Salon ſang eine wunderbar liebliche Stimme die lezte Strophe einer Ballade. ———— „ ein Her. Pele 91 „Und der Geſang über die Woge flog.⸗ Die Stimme erſtarb dann allmählig, wie ein melodiſcher Seufzer. „Helena,“ flüſterte eine Stimme hinter der Sän⸗ gerin.„Singe mir dieſes Lied. O verweigere mir die einzige Bitte nicht die ich je an Dich richten werde.“ Helena hatte ſich umgewandt und die Strahlen des Mondes ſielen auf Unos Geſicht. In ſeinen Augen brannte jezt nicht die ſo eigenthümliche ſüd⸗ liche Flamme, worüber ſie mitunter beinahe erſchrocken war; es lag darin eine Bitte, ergreifend und traurig. Ein leichtes Zitter ging durch ihr ganzes Weſen bei dieſem Dich, das er ſo bittend ausſprach. Das junge Mädchen fühlte die Gefahr dieſes Augenblicks, und um ihr zu entfliehen, ließ ſie ihre Hände über die Taſten eilen und ſang noch einmal die Ballade deren Schluß Uno gehört hatte. Die Hand auf Helenas Stuhllehne ruhend, lauſchte Uno mit zurückgehaltenem Athem dieſer ſo lieblichen, ſo ſchmelzenden Stimme. Es war ihm als erweichte ſich ſein Herz und würde ganz kinderrein und mild, während dieſe Töne ſein Ohr umkosten. Wieder erſtarb der Geſang und flog über die Wogen. „Dank, Helena,“ ſtammelte Uno, und es war Helena als ob ſein Athem ihre Locken berührt hätte. Als ſie aufſtand, war er verſchwunden. Helena tr ans Fenſter vor, faltete ihre Hände und flüſtetts ein ſilles Gebet zum Vater da droben. Zwei Tage ſpäter ſchloß Evert ſeine Braut an ſchmiegte ſich mit ſchamhaftem und zärtlichem Blick an ihn. Vielleicht noch nie war Evert von ſeiner Braut ſo herzlich begrüßt worden wie dießmal. Evert blieb auf Löda und Helena erſchien ihm freundlicher und zärtlicher als je. Eine Woche ver⸗ floß. Uno war am Tag wo Evert ankam zu Baron G—s abgereist und noch nicht zurückgekehrt, als Briefe meldeten daß man in einigen Tagen Frau Rubens zurückzuerwarten habe. Graf Hscar und Evert reisten am folgenden Morgen in aller Frühe nach Holmvik. Nachdem ſie abgereist waren, wandelte Helena, ihren Lieblingsgewohnheiten getreu, nach dem Parke. Auf einem Hügel an der Biegung des Fluſſes, wo — ꝛ.— ſie ſo gerne ein unbewachtes Stündchen verträumte, blieb ſie ſtehen, denn vor ihr lag ein junger Mann ſeiner Länge nach im Graſe. Sein Geſicht war ab⸗ gewandt, aber an dem ſchwarzen Lockenhaat und dem ſchlanken Wuchs erkannte ſie Uno. Sie wollte ſich eben zurückziehen als ein Gegenſtand, der ſeinen Kopf aus dem Graſe hervorſtreckte und einen Spa⸗ ziergang auf dem bloßen Halſe des jungen Mannes vorzuhaben ſchien, ihr einen ſchwachen Schrei entriß; aber als Uno dabei ſich umwandte, rief Helena: „Um Gotteswillen, ſei ruhig, Uno. Ich bitte Dich um Alles, rühre Dich nicht,“ fügte ſie hinzu, als er eine Bewegung mit der Hand machte, um ſie auf den untern Theil der Schlange zu ſtüzen, die eben ihm kroch und ein lüſternes Auge auf den entblößten Hals warf. Mit einigen leichten Tritten war das unerſchrockene Mädchen an ſeiner Seite. Sie hatte ihr Nastuch 93 um ihre rechte Hand gewickelt, faßte die Schlange raſch um den Leib und ſchleuderte ſie mit einem kräftigen Griff in den Fluß hinab. Als ſie neben Uno niederſank, ſtüzte ſie, während ſie die Schlange erpedirte, ihre linke Hand an ſeine Schulter, ohne das Vertrauliche in der Stellung zu beachten die ſie eingenommen hatte. Nach überſtandener Gefahr kehrte ſie ihr vor Unruhe bleiches Geſicht zu Uno und fragte: „Uno, Du biſt doch unbeſchädigt?“ „Ja, durch Dich.“ Er ergriff ihre rechte Hand, die linke ruhte noch an ſeiner Schulter. Beim Klang dieſer warmen Stimme und dieſes Dich ſchien Helena wieder zum Bewußtſein zu kommen: ſie zog haſtig ihre Hand weg und wollte ſich entfernen. „Warte nur einen Augenblick,“ bat Uno;„ſeze Dich an meine Seite. HO..* Uno that ſich Einhalt, führte Helenas Hand an ſeine Lippen und flüſterte:„Danke, Engel!“ Dann ſprang er auf. Sie ſtanden jezt neben einander. Sie wollte gehen, aber er ſagte: „Ich reiſe morgen von hier ab. Aber bis in den Tod werde ich die Erinnerung an dieſen Mor⸗ gen und an meine Retterin bewahren!“ Er ergriff Helenas beide Hände, drückte ſie heftig und fügte hinzu:„Wirſt Du auch einmal an dieſe Stunde denken, Helena? Wirſt Du an Uno denken?“ „Das werde ich,“ ſtammelte ſie. „Das iſt Alles was ich zu verlangen und zu hoffen das Recht habe.“ Unos Lippen drückten einen heißen Kuß auf jede von Helenas Händen, dann ließ er dieſelben ios. 94 Schweigend wanderten Beide nach Hauſe. . folgenden Morgen reiste Uno nach der Haupt⸗ ſtadt. Zwei Monate ſpäter wurde die Hochzeit des Bezirksrichters Evert von Ochard mit Helena Kahn gefeiert. Die Mitgift der Braut beſtand aus 100,000 eichsthalern nebſt weiteren 50,000, über welche eine Art von Vertrag zwiſchen den Gatten abgeſchloſſen wu Die Zinſe der leztgenannten Summe behielt Helena zur freien Verfügung. Die Braut ſelbſt war ein einnehmendes und liebenswürdiges Mädchen; der Bezirksrichter war der glücklichſte unter allen glücklichen Bezirksrichtern. Die Vermählten. Vier Jahre ſpätr Der Januarmonat mit ſeinem Nordſchein, ſeiner Käite, ſeinen ſchneebedeckten Straßen, ſeiner blanken, kalten Sonne und ſeinen Vergnügungen neigt ſich zu Ende, indem wir Dich, lieber Leſer, in die ele⸗ gante und prachtvolle Wohnung des Bezirksrichters von Ochard einführen. Das junge Paar hat ſchon etwas über vier Jahre das Glück der Ehe genoſſen. Im erſten Jahr hatten ſie eine Reiſe nach dem Feſtland gemacht und waren bei ihrer Rückkehr nach Stockholm mit allem Luxus welchen der Reichthum geſtattet im Geſellſchaftsleben aufgetreten. Die beiden Gatten waren allerdings Gegenſtand mancher ſtillen Bemerkung, aber noch weit größerer Verhätſchelungen und Schmeicheleien, und zählten eine Unmaſſe von Freunden. Helena galt allgemein für eine g. lie⸗ benswürdige und einnehmende junge Dame, obſchon etwas zu eitel, weil ſie durch ihre Eleganz und An 96 muth Andere verdunkelte. Sie hielt ein glänzendes Haus, bewegte ſich in den höchſten Umgangskreiſen, machte alle Luſtbarkeiten mit und galt dafür daß ſie den Vergnügungen des Geſellſchaftslebens mit Seele und Herz ergeben ſei. Die Neider ſagten ihr Böſes nach, die gutmüthigen Leute ſchwiegen und die Schmeichler verbrannten ihr Rauchwerk vor der reichen jungen Dame. Ueberdieß galt ſie für eine Schriftſtellerin, weil ſie eine kleine Sammlung von Gedichten herausgegeben hatte die allgemein Beifall gefunden. Man ſieht hieraus daß Helena zu den⸗ jenigen gehörte die ſchwer verläumdet werden muß⸗ ten, weil nichts bei dem Alltagsmenſchen größeren Aerger erregt als die angeborne Ueberlegenheit die man ſich weber mit Intriguen noch durch Geld ver⸗ ſchaffen kann. Eine natürliche Folge davon iſt daß man ſich durch den Beſiz derſelben zum Gegenſtand von Klatſchereien und Verfolgungen macht. In einem Cabinet finden wir die beiden Gatten. Helena ſizt behaglich in einem Emma und hört mit zerſtreuter Miene ihren Mann an. Evert dagegen hat ſich an ein Tiſchchen geſezt. Vor ihm liegt eine Liſte auf welche er mit Bleiſtift Bemerkungen macht. „Heute Abend alſo Einladung zu dem Präſiden⸗ ten S— und überdieß Don Juan in der königlichen Oper. Du mußt nothwendig an beiden Orten ſein, meine Liebe. Deßhalb machen wir einen kurzen Be⸗ ſuch in der Oper und fahren um halb zehn zum Präſidenten.“ „Aber, Evert, ich verſichere Dich daß dieſe Jagd aus einem Vergnügen ins andere mich ermüdet,“ ſiel Helena ein. 3 97 „Meine beſte Helena, bedenke was man ſeiner Stellung in der Welt ſchuldig iſt. Ich bin reich, reich durch Dich, und wenn wir eingezogen leben wollten, würde es da nicht ausſehen als ob ich ein Knicker wäre der an nichts Anderes dächte als ſein Geld vortheilhaft zu verzinſen? Im Uebrigen, welche Annehmlichkeit hätte man denn ſonſt vom Leben? Gar keine. Jezt dagegen ſezt mich das Vermögen in den Stand ein in jeder Beziehung behagliches Leben zu führen. Meine Pferde erregen Bewunde⸗ rung wohin wir fahren mögen; mein Quartier gilt für das eleganteſte, für einen wahren Typus nach welchem Jedermann ſeine Wohnung zu modelliren wünſcht, weil die Möbel großentheils aus dem Aus⸗ lande verſchrieben ſind. Ich bin es der in unſerer Geſellſchaft den Ton angibt. Man weiß daß Alles was ich habe modern und geſchmackvoll, wie auch in Paris verfertigt iſt.— Du Deinerſeits biſt Gegen⸗ ſtand des Neides aller Damen und der Bewunde⸗ rung aller Cavaliere. Wenn Du in einer Geſell⸗ ſchaft auftrittſt, betrachtet man Deine Toilette aufs Genaueſte, ſtudirt man alle Details Deiner Toilette; haſt Du einen ausländiſchen Schnitt an Deinem Kleide, an Deiner Mantille, oder einen ungewöhnlichen Zeug, ſogleich müſſen die andern Damen Muſter da⸗ von nehmen. Du biſt jung, Du biſt reich, Du biſt ein Genie und überdieß meine Frau. Du mußt alſo in der Welt leben die Dir huldigt, und dabei bedenten daß die Huldigung die man Dir ſchenkt einen wirklichen Genuß für mich ausmacht; denn der wahre Werth des Lebens wird weſentlich bürch den Schwart, Eines eiteln Mannes Frau. 7 . 98 Beifall erhöht den man von ſeinen Mitmenſchen erntet. Ferner bedenk welche großen Vortheile für meine Zu⸗ kunft es mit ſich führt, wenn ich auf hohem Fuße lebe und mich in der beſten Geſellſchaft bewege. Ich er⸗ werbe mir Gönner, und dadurch wird es mir leicht bei Beförderungen Andern vorgezogen zu werden, die weder meine Verdienſte beſizen, noch ſich durch die Mittel welche der Reichthum gewährt Freunde und Protectoren erwerben können. Der Präſident S— zum Beiſpiel braucht Geld. Er wendet ſich an mich; ich bin ſo glücklich ihm aushelfen zu können. Bei der nächſten Beförderung legt er bei der Regie⸗ rung ein gutes Wort für mich ein, und ich avancire ſogleich. Mein Haus iſt glänzend und man wett⸗ eifert um den Zutritt in daſſelbe. Aber wir kommen ganz vom Gegenſtand ab, und um eilf Uhr muß ich auf dem Hofgericht ſein. Du fährſt alſo heute Abend in den Don Juan, wo ich Dich abhole, weil ich bei Graf O— dinire. Apropos, Helena, beim Dienſtagsconcert haſt Du mich wirklich geärgert, als ich kam um Dich abzuholen. Mein Gott, Du warſt ja ganz ſchwarz wie eine Nonne gekleidet.“ „Schwarz kleidet immer gut, mein Lieber.“ „Möglich; aber Du biſt nun einmal als meine Frau bekannt, und deßhalb iſt es nöthig daß Du Dich ausgeſucht kleideſt. Wenn Du in ein Theater oder ein Concert trittſt, ſo heißt es: Frau Ochard, die Dichterin! und dann beginnt man Deine Toi⸗ lette vom Kleinſten bis zum Größten zu muſtern. Mein Stolz beſteht darin daß Du Dich mit einem geſchmadvollen Luxus kleiden ſollſt. Was gedenkſt Du heute Abend anzuziehen?“ 99 „Daran habe ich noch nicht gedacht.“ „Ach, meine Liebe, Du biſt unverantwortlich gleichgiltig gegen Alles was Dich intereſſiren ſollte. Gott weiß, beſte Helena, an was Du denkſt. Ich finde es immer nothwendiger daß ich mich mit Dei⸗ ner Toilette befaſſe, ſonſt wird ſie gänzlich vernach⸗ läßigt. Du ziehſt doch wohl ins Theater ein hel⸗ les Seidenkleid an?“ „Ja, ich werde Sorge tragen mich nach Deinem Geſchmack zu kleiden.“— Helena lächelte matt. „Bei dem Präſidenten S— mußt Du ein ſchwar⸗ zes Kleid tragen, weil Du zum erſten Mal dahin eingeladen biſt. Recht unangenehm daß Du Dich ſo hartnäckig geweigert haſt ein ſchwarzes Sammt⸗ kleid zu kaufen. Seide und Atlas ſind ja ſo ordi⸗ när.— Jezt muß ich Dich verlaſſen. Haſt Du daran gedacht Dich um einen Preis in der ſchwedi⸗ ſchen Academie zu bewerben? Du haſt mirs doch ver⸗ ſprochen?“ „Dir zu gefallen will ichs verſuchen.“ „Es iſt unbeſchreiblich widerwärtig daß Du aus reiner Halsſtarrigkeit Dich weigerſt in Geſellſchaft zu improviſiren. Welches Lumen im Geſellſchaftsleben würdeſt Du nicht werden, wenn Du dieſen einfälti⸗ gen Vorſaz aufgäbeſt, dem kein Fünichen von geſun⸗ der Vernunft zu Grunde liegt!“— Evert erhob ſich von ſeinem Stuhl und ging auf ſeine Frau zu, in⸗ dem er mit einer gewiſſen Zärtlichkeit ſagte: Werden meine Bitten Dich nicht beſtimmen tönnen meinen Wunſch zu erfüllen?“ Helena legte ihre Hand in dis ihres Mannes. „In allem Andern, Cvert, will und Dir 100 zu Willen ſein; aber nie wirſt Du mich überreden können in Geſellſchaft wie eine Gauklerin aufzutre⸗ ten, welche die Leute mit ihren Kunſtſtücken beluſtigt. Nein, dieſes Talent im wachen Zuſtand zu träumen iſt ein Fehler, und ich will mich dadurch nicht als ein unbegreifliches Geſchöpf geltend machen, das man zugleich lobt und tadelt. Auf Dein Verlangen habe ich diefe Ergießungen des Augenblicks niedergeſchrie⸗ ben und drucken laſſen; aber jede Spur von Begei⸗ ſterung und Verzücktheit würde verſchwinden, wenn ich verurtheilt wäre vor dieſen Menſchen zu impro⸗ viſiren die mich nicht verſtehen. Laß Dir damit ge⸗ nügen daß Du einige von meinen poetiſchen Kleinig⸗ keiten im Druck herausgeben darfſt, und verlange nicht mehr von mir.“ Evert ſah mißvergnügt aus, drehte ſich auf dem Abſaz um, murmelte etwas von Launen und Hart⸗ näckigkeit und ging auf ſein Zimmer. Eine Stunde nachher kam er im ſchwarzen Frack zurück, um auf das Hofgericht zu gehen. Unſer Bezirksrichter brauchte nicht wenig Zeit zu ſeiner Toilette. Derjenige Theil des Tages den an⸗ dere junge Männer im Hofgericht der Arbeit wid⸗ men mußten, wurde von ihm auf das Studium des Schnittes von Fräcken und Röcken, Halsbinden, Weſten u. dgl. verwendet. Er war reich, er bezahlte Andere daß ſie für ihn arbeiteten, während er ſelbſt ſeinen Wunſch befriedigte als ein ſchöner und ele⸗ ganter junger Mann zu gelten, was er auch unleug⸗ bar war. „Du erinnerſt Dich doch daß die Baronin Ern⸗ ſtein Dich heute früh erwartet? Ihr wolltet ja mi 101 einander in den Thiergarten fahren. Ich will Be⸗ fehl geben daß man die Iſabellen anſpanut.— Leb wohl, meine Liebe.— Vergiß nicht daß morgen Ball bei Excellenz D— iſt, und übermorgen Abend haben wir ſelbſt Geſellſchaft. Du mußt Deiner Toi⸗ lette an dieſem Tage, und auch Deiner Muſik einige Sorgfalt widmen.“— Evert küßte Helena auf die Stirne und verließ das Zimmer. Lange blieb die junge Frau wie abgemattet und zu jeder Bewegung unfähig ſizen. Ihr Blick war ausdruckslos auf den Plafond geheftet. Es lag darin etwas höchſt Gleichgiltiges und Mattes, was dem ganzen Geſichte ein Gepräge von Seelenloſig⸗ keit und Schlaffheit gab. Sie ſah aus als ob ſie gar nichts dächte, ſondern ſich einer gänzlichen Ruhe hingäbe. Aus dieſem Schlaf mit offenen Augen wurde ſie durch die hereintretende Kammerjungfer geweckt. „Der Herr Bezirksrichter befahl mir Ihnen zu ſagen daß die Baronin Ernſtein Euer Gnaden um Zwölf erwartet. Es iſt jezt halb. Welche Kleider befehlen Euer Gnaden?“ „Ah, biſt Dus, Ingrid?“ ſagte Helena, und ein ſreundliches Lächeln glitt über die bleichen Züge, während ſie Ingrid die Hand reichte. Ingrid war ein vater⸗ und mutterloſes Mädchen, in der Nähe von Holmvik aufgewachſen und einige Jahre älter als Helena. Sie kannten einander ſo lange ſie ſich zurück denken konnten, und Ingrid hatte mehr als ginmal an den Spielen der Kinder auf Holmvit theilnehmen dürfen, weil ſie der Lieb⸗ er gonzen heranwachſenden Jugend und be⸗ 102 ſonders Helenas war. Nach der Confirmation nahm Gräfin Rubens das Mädchen als Zofe für Helena in Dienſt. Als Helena ſich vermählte, zog Ingrid, die ihrer Gebieterin von ganzem Herzen anhing, in die neue Heimath mit. Ingrid hatte durch Emys Fürſorge eine Erzie⸗ hung erhalten wodurch ihre guten natürlichen An⸗ lagen entwickelt wurden, ſo daß ſie höher ſtand als eine gewöhnliche Dienerin. Sie wurde jezt Mam⸗ ſell Ingrid genannt und hatte neben ihrer Stelle als Kammerjungfer die Oberaufſicht über die ganze übrige Dienerſchaft. Ingrid ergriff die dargebotene Hand und küßte ſie. „Wie blaß Sie heute ſind, meine geliebte Ge⸗ bieterin!“ ſagte ſie. „Ich bin müde von dem beſtändigen Nachtwachen, Ingrid. Ach! wer fern von dieſem Getöſe, dieſen ſogenannten Vergnügungen, verborgen und vergeſſen in irgend einem Winkel leben dürſte!“— Helena richtete ſich auf.„Ja ich will mich zu dieſer Schlit⸗ tenfahrt ankleiden.“— Sie ſeufzte.„Mein Leben iſt eine beſtändige Toilette. Meine Tage ſchwinden unter der unaufhörlichen Arbeit des Kleiderwechſels dahin. Ein nützliches Leben bei Gott!“ „Aber Euer Gnaden arbeiten ja dazwiſchen hinein.“ „Ich?“— Helena lächelte bitter.—„Arbeit und ich ſind einander fremd. Ich habe keine Zeit zum Arbeiten. Sieh, jezt ſchlägt es dreiviertel; ich kann jezt wieder nichts thun als mich ankleiden.“ Ingrid war das einzige Weſen in deſſen Nähe Helena ſich einige Betrachtungen über ihr Leben er⸗ laubte. Wenn ſie dann manchmal laut dacht 103 ſchah es weil ſie Ingrid kannte und wußte daß ſie ſtumm war wie die Wand. Ein Viertel auf ein Uhr ſtand ein eleganter zweiſiziger Schlitten vor der Wohnung der Baronin Ernſtein. Die raſchen, ausgezeichnet ſchönen Pferde, der ſtattliche Kutſcher, die Dame die in ihrer aus⸗ geſuchten Wintertoilette darin ſaß, Alles zog die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden an. Man blieb ſtehen und ſah dem ſchönen Fuhrwerke nach. Abends zeigte ſich Helena in der königlichen Oper und veranlaßte durch ihren Luxus tauſenderlei Be⸗ merkungen. Nach dem dritten Act kam Evert und holte ſeine Frau ab. Eine Stunde ſpäter ſtanden einige Herren in einer Gruppe im äußern Salon des Präſidenten S— verſammelt. „Nun, mein beſter Graf, Sie bleiben alſo den Winter in Schweden?“ ſagte ein junger Baron zu dem Grafen Uno Kerner, der ſich mitten in der Gruppe befand. „Jo, ich hab's im Sinn,“ antwortete der Graf. „Sie haben wohl Graf Oscar Kerner und Ar⸗ thur Rubens getroffen?“ „Noch nicht; ich bin erſt ſeit zwei Tagen in Stockholm.“ „Die beiden Herrn befinden ſich des Reichstags wegen in der Hauptſtadt.“ In dieſem Augenblick trat ein junges Paar in den Salon. Alle Herren in der Gruppe begrüßten es, auch Uno. Das junge Paar war der Bezirks⸗ richter Ochard nebſt Frau. Als Helena den Grafen Une bemerkte, zog eine feine, beinahe unmerkliche 104 Röthe über die bleichen Wangen. Sein Gruß war kalt und abgemeſſen. Er ſchaute der jungen Dame nach, deren Anzug jezt wie immer koſtbar und aus⸗ geſucht war. „Kennen Sie Frau Ochard, Herr Graf?“ fragte der Baron. „Ich habe ſie bei Rubens geſehen.“ „Ja, es iſt wahr, ſie wurde dort erzogen. Frau Ochard iſt ſehr in der Mode; weniger durch ihre Schönheit, obſchon dieſe ſehr bemerkenswerth iſt, als durch ihr Talent, ihren Geſchmack und das elegante Haus das ſie führt. Ochards befinden ſich mitten im Getümmel aller Vergnügungen und verdunkeln Jedermann durch ihren Luxus. Es ſcheint der Hauptzweck ihrer Beſtrebungen zu ſein alle andern Damen in der Geſellſchaft wo ſie lebt in den Schatten zu ſtellen. Sie iſt eine in jeder Beziehung liebenswürdige Dame, aber unleugbar ſehr eitel.“ — Die Herren trennten ſich. „Mein erſtes Urtheil über Helena war alſo doch richtig,“ dachte Uno, der ſich in eine Fenſtervertie⸗ ſung zurückgezogen hatte und Helena betrachtete, wie ſie, umgeben von einem Schwarm junger Män⸗ ner, da ſaß und ſehr lebhaft ſprach.„Der Triumph des Augenblicks iſt das Ziel, nach welchem dieſe Weiber trachten denen man Genie zuerkennt. Welche Geiſtesarmuth liegt nicht in dieſem thörichten Haſchen nach Auszeichnungen die ganz und gar keinen Werth haben! Kann wohl eine Frau von gutem und war⸗ mem Herzen ſichs zur Lebensaufgabe machen Tag und Nacht von einem Vergnügen ins andere zu rennen, ohne nach etwas Höherem zu trachten 105 durch eine hübſche Oberfläche zu blenden? Unmög⸗ lich! Leer iſt das Hirn das nicht zu begreifen ver⸗ mag daß wir für eine edlere Beſtimmung leben müſſen, und leer das Herz das in einem ſolch werthloſen Streben ſein Glück ſucht.“— Uno ſchlich ſich ganz unbemerkt aus dem vollgedrängten Salon des Präſidenten fort und wandelte nach Hauſe. Während der Kammerdiener dem Grafen ſeinen ſchwarzen Frack gegen einen Schlafrock austauſchen half, ſagte er: „Ihrem Befehl zufolge habe ich aus der Buch⸗ handlung Bücher geholt, Herr Graf. Herr B— gab mir einige mit welche Sie nicht verlangt hatien, aber er bat mich ſie zur Einſicht mitzunehmen.“ „Gut! Lege das Paquet auf den Tiſch und richte meine Studirlampe her.“ Nachdem der Kammerdiener den Befehl vollzogen hatte, entfernte er ſich. Der Graf ſtreckte ſich auf einen kleinen Sopha aus und öffnete das Paquet. Das erſte Buch das in ſeine Hände fiel hieß: Kleinere Gedichte von Helena von Hchard. Er warf es weit von ſich, indem er mit einer Re⸗ gung von Aerger murmelte: „Alles von ihr athmet alſo Eitelkeit und nichts als Eitelkeit.“— Er hob das Buch wieder auf und las;„Helena von Ochard. Der ganze Name aus⸗ geſchrieben, damit Niemand daran zweifeln kann daß ſie es iſt. Als Mädchen Improviſatrice, als Frau Dichterin, Weltdame und— Cokette.— Pah, ſie iſt geworden was ich vorherſagte.“— Er hlätterte im Buch und ſchlug auf: Das Glück der Häus⸗ 106 lichkeit. Beim Anblick dieſes Titels brach er in ein ſchallendes Gelächter aus. „Das Glück der Häuslichteit! Ei wie köſtlich! Das iſt ein ſchlagender Beweis für meine Behauptung daß dieſe phantaſiereichen Geſchöpfe Dinge malen können die ſie niemals gekannt haben und um die ſie ſich in Wahrheit gar nicht bekümmern. Sie wähten ihre Stoffe je nachdem ſie glauben daß ſie dem Publicum gefallen, aber das Herz bleibt kalt was ſie auch ſchreiben mögen. Sie berechnen bloß den Effect den ſie hervorbringen.“— Wiederum wurde das Buch auf die Seite geſchleudert, und der Graf nahm ein anderes, ohne von Helenas Poeſien eine einzige zu leſen. Zwei Tage darauf war ein großer und glänzen⸗ der Ball bei Ochards. Helena begrüßte ihre Gäſte mit der Anmuth die aus der Gewohnheit hervor⸗ geht in der großen Welt zu leben.— Herzlich und ſonnenwarm war das Lächeln womit ſie die Familien der Grafen Rubens und Kerner empfing. Ebba und Alma waren verlobt; erſtere mit einem liebens⸗ würdigen jungen Mann, Baron Alfred von Anger⸗ feld, jeztere mit Lieutenant Henrico;— eine Nei⸗ gung die mit ihr ſelbſt herangewachſen war und mit Graf Kerners Wünſchen und Zukunftsplänen voll⸗ kommen übereinſtimmte. Die zwei erſten Tänze waren bereits vorüber. Helena ſtand mitten in einem kleinen Salon und ſprach mit Ebba, die ſich auf Baron Alfreds Arm ſtüzte. Plözlich rief Ebba: — „ wo er die Gräfinnen Emy und Sappho fand, er ſich nieder. 107 „Ei ſieh da!“ und lächelte dem Gegenſtand ihrer Verwunderung entgegen. Helena wandte ſich um. Uno ſtand da und ver⸗ beugte ſich vor der jungen Frau. Ihr erſtes Zu⸗ ſammentreffen war ſo flüchtig geweſen daß Helena ihn kaum zu erkennen vermochte. Jezt ſtand er vor ihr mit jener kalten Höflichkeit in ſeinem ganzen Weſen und jener eigenthümlichen Gleichgiltigkeit im Blick, wodurch ſie ſich im Anfang ihrer Bekannt⸗ ſchaft ſo oft verlezt gefühlt hatte. Während ſie ihn mit einigen verbindlichen Worten bewillkommte, ſtand die Erinnerung an ihren Abſchied am Strande ſo lebhaft vor ihren Augen, und ſeine Worte: „Ewig werde ich dieſer Stunde gedenken,“ klangen in ihrem Ohr wieder. Hatte er wohl dieſen Ab⸗ ſchied vergeſſen? In ſeinem Blicke lag nichts was ihr Veranlaſſung gab das Gegentheil zu glauben. Helena allein hatte dieſe Erinnerung in ihrem Her⸗ zen bewahrt, wie ſie Alles bewahrt hatte was ſie an die Zeit vor ihrer Ehe erinnerte, wo Alles ſo freundlich und herzlich um ſie her lächelte.— Dieſe Ge⸗ danken flogen mit Blizesſchnelligkeit durch ihre Seele. Waren ſie es die einen beinahe wehmüthigen Zug in ihrem Geſichte hervorriefen, als ſie Uno begrüßte, oder war es die Gewißheit daß er, wie alle Andern, ſie als ein thörichtes und eitles Geſchöpf anſehen dürfte? Möglicher Weiſe Beides, wir wiſſen es nicht. — Nur einige bedeutungsloſe Worte wurden zwi⸗ ſchen ihnen gewechſelt, worauf Uno wegging um Sappho aufzuſuchen. In einem kleinen Cabinet, ließ 5 108 Man ſprach eine Weile von gleichgiltigen Din⸗ gen. Dann ging Uno auf die Verlobung Ebbas und Almas ſowie deren Zukunſtshoffnungen über. Endlich ſagte Emy: „Aber ſag mir aufrichtig, Uno, wie findeſt Du Helena? Iſt ſie ſich gleich? Sieht ſie glücklich aus?“ Ich meine, ſie ſei etwas bläſſer geworden, aber ſie ſieht heiter und vergnügt aus, wie eine Frau die ein nach ihren Begriffen angenehmes und be⸗ hagliches Leben führt.“ „Sieht ſie wirklich heiter aus?“— Emy flüſterte dieſe Frage mehr vor ſich hin, als daß ſie dieſelbe an Uno richtete. Dann erhob ſie ſich und ging in den Ballſaal. „Glaubſt Du nicht daß ich mit meiner Bemer⸗ kung über Helenas Ausſehen Recht hatte, Sappho?“ „Nein,“ antwortete die Gräfin Kerner.„Es kommt mir im Gegentheil vor als würde ſie von einem Seelenleiden verzehrt das ſie nie in Worte kleiden wird, und als wäre das Leben das ſie führt eine Qual, ein Zwang für ſie.“ „Beſte Sappho, dieß kommt davon daß Du ſo hartnäckig an Deinem Bemühen feſthältſt ein Weſen wie Andere aus ihr machen zu wollen, mit dem Be⸗ dürfniß nach wahrem Glück und einer Sehnſucht nach etwas mehr aols dieſen leeren Schmeicheleien. — Aber Du haſt Unrecht; dieſe reichbegabte Helena iſt eine willige Sclavin ihrer Eitelkeit. Dieſe Schau⸗ tragung ihrer ausgezeichneten Talente befriedigt das Verlangen nach Beifall das ſie beherrſcht, und auch durch Pracht und Luxus die Aufmerkſamkeit auf ihre Perſon heften zu können, das iſt der Zweck für —— welchen ſie lebt. Sie hat kein Bedürfniß nach der ſtillen Freude der Liebe, ſie kann die Armſeligkeiten eines unbemerkten und häuslichen Lebens nicht be⸗ greifen. Aber ſo iſts, jeder Menſch ſucht immer ſeine Hauptleidenſchaft zu befriedigen.“ „Du willſt alſo behaupten daß Eitelkeit Helenas Hauptleidenſchaft ſei?“ In dieſem Augenblick rauſchte ein Seidenkleid an dem Thürvorhang. Uno ſchaute auf. Es war Helena. Sie war an der Thüre ſtehen geblieben und betrachtete Uno mit einem traurigen Ernſt; aber nur einige Augenblicke blieb ſie ſo, dann ſezte ſie ihren Weg durch das Cabinet fort. Die Zimmer waren leer, die Lichter niederge⸗ brannt, der lezte Wagen war mit den lezten Gäſten weggerollt. Die Bedienung war beſchäftigt die hüren zu ſchließen, die Lichter zu löſchen und zur Ruhe zu gehen, als Evert bei ſeiner Frau eintrat, die ſich ermüdet in einem kleinen Boudoir vor dem Schlafzimmer auf einen Sopha geworfen hatte. Das Geſicht des Bezirksrichters glänzte von Zu⸗ friedenheit als er eintrat. 3 „Nicht wahr, meine Liebe, unſer Ball war ſehr hlänzend? Man hat mich mit Complimenten über⸗ häuft. Ercellenz G.— ſagte mir einige verbindliche Worte; Staatsrath E— behandelte mich mit warmem S— drückte mir die Hand und nannte mich ſeinen Freund, Wohlwollen und großer Freundlichkeit; Präſident Kurz und gut, ich habe von allen Seiten 11⁰ Lobſprüche eingeerntet. Ueberdieß ſagte mir Graf Dörsner etwas ſehr Schmeichelhaſtes in Bezug auſ die Frau die ich gewählt habe. Er pries Dein Genie und erklärte Dich für eine wahrhaft überlegene Dame. Du weißt wohl daß Graf Dörsner jezt mit der Schweſter des Grafen Uno Kerner verheirathet iſt.“ Der Bezirksrichter ergriff Helenas Hond, küßte ſie mit Wärme und fügte hinzu:„Du, meine geliebte Helena, biſt es, deren ausgezeichnete Eigenſchaften mir zu all dieſen Triumphen verhalfen.“ Er ließ die Hand ſeiner Frau los; dieſelbe fiel in ihren Schooß zurück, ohne daß Evert ihr gleichgiltiges und zerſtreutes Weſen bemerkte oder beachtete. Er fuhr fort: „Nach all der Gunſt welche der Präſident und der Staatsrath mir bewieſen, dürfte es wohl nicht zweifelhaft ſein wer von uns Beiden nach 4— Aſſeſſor wird, Grahn oder ich. Der Umgang in der höhern Societät, um welchen ich mir ſo viele Mühe gegeben habe, iſt mir von großem Nuzen geweſen, weil er mir Gönner verſchafft hat. Will man in der Welt emporkommen, ſo muß man den Umgang derjenigen ſuchen die über einem ſtehen. Das Einzige was ich bemerken wollte, meine geliebte Helena, iſt daß Du nicht genug Gewicht auf den Rang der Perſonen legſt, ſondern alle gleich behan⸗ delſt.“— Hier folgte eine lange Vorleſung über Paſſendes und Unpaſſendes, über die verſchiedenen Arten wie man verſchiedene Perſonen behandeln müſſe, über die Abſichten die man mit dem Eindruck ver⸗ binden müſſe welchen man bei ihnen erwecken könne, und wie wichtig es ſei keine Gelegenheit zu verſäu⸗ men, um die Perſonen zu gewinnen deren Ungang Anſehen verſchaffe u. ſ. w. Es war von Seite unſeres Bezirksrichters eine wahre Beredtſamkeits⸗ probe die ſich um ſein Verlangen drehte zu glän⸗ zen, Beifall und Erfolg zu erwerben. Man konnte ſeine ganze Rede eine Abhandlung nennen über die beſte Art und Weiſe ſeine Eitelkeit zu befriedigen. Aber nachdem Evert ſeinen Gegenſtand recht klar und deutlich entwickelt hatte, erinnerte er ſich daß er vielleicht ſeine Hauptſchwäche zu ſehr bloßgeſtellt habe, und dazu war er wiederum zu eitel. Sobald er bemerkte daß er ſich zu weit hatte hinreißen laſſen, war er ſtets bereit ſeinen Fehler dadurch gut zu machen daß er ihm eine Farbe gab die ihn in ein ſchönes und helles Licht ſtellen ſollte. So auch jezt. „Mein liebes Weibchen, Du darfſt ja nicht glauben daß ich Dir dieſe Regeln für das Geſell⸗ ſchaftsleben aus einem andern Grund als um Dei⸗ ner ſelbſt willen entwickelt habe. Ich als Mann bekümmere mich nicht im Mindeſten um das was die Leute von mir ſagen. Aber ſiehſt Du, ich bin ſo verliebt, ſo von Dir eingenommen, daß ich wünſche, die ganze Welt ſoll, wie ich, ihr Knie vor Dir beu⸗ gen.— Dein Erfolg iſt es den ich befördern will. Mein Dichten und Trachten geht dahin daß Du die allerliebſte Perſon ſein ſollſt; aber was man von mir denkt und ſpricht iſt ganz gleichgiltig. Ich kenne meinen eigenen Werth, ich bin ein Mann und be⸗ darf des Lobes der Welt nicht.“ Evert hatte ſich wieder hinabgebeugt und küßte Helena auf die Stirne. Dieſe war kalt und ein Seufzer hob ihre Bruſt. Unſer Bezirksrichter war, wie alle eiteln Menſchen, äußerſt empfindlich. Er 112 verlangte von ſeiner Frau daß ſie ihn anbeten, ihn bewundern und Alles gutheißen ſollte was er that und ſagte. Helenas paſſive Hingebung, ihre Schweig⸗ ſamkeit, ihre Lauheit reizte und verlezte ihn. Be⸗ ſonders jezt wo er alle Gedanken auf Befriedigung ſeiner Beifallsſucht, die ihn ſonſt ausſchließlich be⸗ ſchäftigten, bei Seite ſezte und ihr einige Liebkoſun⸗ gen widmete, fand er es höchſt undankbar doß ſie dieſe Zärtlichkeitsäußerungen des Mannes für wel⸗ chen ſie leben und ſterben ſollte nicht erwiderte. Er erhob ſich alſo raſch, als Helena ſeufzte, und ſagte mit Heftigkeit: „Wahrhaftig, meine liebe Helena, Du biſt ein höchſt ſonderbares Weib. Ich bemühe mich auf alle erdenkliche Art Dein Leben angenehm zu machen. Ich umgebe Dich mit Allem was Deine Wünſche befriedigen kann, führe Dich in alle ausgezeichneten Geſellſchaftskreiſe, richte mein Leben ganz und gar nach Deiner Annehmlichkeit ein und thue Alles was ich kann um meiner Frau heitere Tage zu verſchaffen; aber Du, Du haſt bloß Seufzer, Kälte und Gleich⸗ giltigkeit als Antwort auf meine zärtlichen Beſtre⸗ bungen Dein Glück zu ſchaffen. Ich liebe Dich und bete Dich an, aber Du, Du zeigſt mir zum Dant dafür keine Spur von wahrer und wirkkicher Hin⸗ gebung. Ich opfere mich gänzlich für Dich, aber was wird mir zum Lohne? Traurige und mißver⸗ gnügte Mienen, niemals ein heiteres und dankbares Lächeln, ſondern beſtändig ein finſteres Ausſehen und einſylbige Worte. Wohrlich, Helena, ich hatte auſ etwas Anderes von Dir gerechnet; ja, ich hatte ge⸗ hofft daß Du Dich dankbar gegen einen Mann wie ich zeigen würdeſt, der keinen andern Gedanken hat als Dich glücklich zu machen.“— Er ging ganz gereizt gegen ſeine Frau und tiefgerührt von ſich ſelbſt und ſeiner aufopfernden Liebe im Zimmer auf und ab. Bei dieſem Ausbruch richtete ſich Helena von ihrer halbliegenden Stellung auf und reichte ihm die Hand mit den Worten: „Verzeihe mir, Evert, wenn ich nicht bin wie ich ſein ſollte, wenn ich kalt erſcheine und Dich nicht glücklich machen kann. Gott iſt mein Zeuge daß ich in den vier Jahren unſerer Ehe keinen höhern Wunſch gekannt habe als Deinen Wünſchen entſpre⸗ chen und mein Leben zu Deiner Zufriedenheit ein⸗ richten zu können.“ „Nach Deinem Gerede, liebe Helena, klingt es ganz als ob Du Dich für mich aufopferteſt, wäh⸗ rend in Wahrheit ich der geopferte Theil bin. Aber ſo iſts; je mehr man für euch Weiber thut, um ſo undankbarer ſeid ihr. Nein, man muß ein Egoiſt, ein Deſpot ſein, wenn ihr eure Männer ſchäzen ſollt. Iſt man entſagend und gutmüthig, ſo be⸗ kommt man Launen zum Lohne—“ und damit be⸗ gab ſich der Bezirksrichter in ſein Schlafzimmer. Helena beugte ihr müdes Haupt und weinte ſtile; eine Weile nachher trocknete ſie ihre Thränen und dachte: „Vielleicht liegt die Schuld auf meiner Seite Wenn ich ihm ſagte wie ſehr dieſe Lebensweiſe mich quält, wie ſehr ich darunter leide, ſo würde er viel⸗ leicht einige Einſchränkungen vornehmen und aus Schwartz, Eines eiteln Manngs Frau. 8 114 Liebe zu mir ein ſtilles, häusliches Glück vorziehen. Daß er mich liebt kann ich nicht bezweifeln. Ja. er liebt mich ſo ſehr und glaubt mit Beſtimmtheit daß ich nicht anders als in dieſem Gewimmel glück⸗ lich leben kann. Er klagt über Mangel an Liebe von meiner Seite. Ach, ich will ihm ſagen daß dieſer Mangel ſich nicht vorfinden wird, wenn ich nur mit ihm leben darf, umgeben von ſeiner Zärt⸗ lichkeit, abgeſchieden von all dieſem Getöſe, unbe⸗ merkt von der Welt, unentbehrlich für ihn.“— Sie richtete ſich auf, legte die Hand aufs Herz und lä⸗ chelte ſchmerzlich, während ſie in Gedanken fortfuhr: „Iſt dieſes Herz wirklich keines wärmeren Gefühles fähig als desjenigen das ich für Cvert hege? O Gott, behüte mich!— Möge ich nie den Augenblick erleben wo ich noch einmal die innige Liebe be⸗ zweifeln müßte die mich an meinen Gatten feſſelt! Werde ich vergebens gekämpft, vergebens geglaubt haben daß ich ſiegreich aus dem Kampf hervorge⸗ gangen ſei, und ſoüte es mir dennoch nicht gelungen ſein? Das wäre entſezlich.“ Helena ſank auf ihre Kniee, faltete die Hände über ihrer Bruſt und betete, betete ſo warm und innig, mit derſelben frommen Zuverſicht womit ein Kind ſich zu Gott wendet. Es war ein eigenthümlicher Anblick, dieſe in Spizen, Seide und Juwelen prangende Dame allein in dem prachtvollen Boudoir, in ein demüthiges Ge⸗ bet verſunken zu ſehen, ohne allen Gedanken an den thörichten Flitterkram der ſie umgab— ihre ganze Seele zu dem Vater erhoben zu welchem ſie ſich in den Augenblicken des Kummers ſtets flüchtete. Als ſie ſich wieder aufrichtete, lag eine ſtille Ruhe 5 115 auf ihren Zügen, und als ſie ins Schlafzimmer trat, hatte ihre ganze Erſcheinung etwas ſo Mildes und beinahe Verklärtes, daß man wohl ſah daß ſie im Gebet Troſt und Stärke gefunden hatte. Am folgenden Morgen finden wir die beiden „ Gatten in dem kleinen Boudoir ſizend. „Guter Evert, es hat mich geſtern ſo ſchwer be⸗ drückt daß Du mißvergnügt von mir gingeſt, und weil ich aus Deinen Worten ſchließen zu können glaubte daß das Leben das wir führen nicht voll⸗ kommen mit Deinem Geſchmack übereinſtimme, ſon⸗ dern daß Du meinſt, ich könne mich nicht glücklich fühlen wenn ich nicht in der großen Welt leben dürfe, ſo möchte ich eine aufrichtige Erklärung zwi⸗ ſchen uns wünſchen, ſo daß Du recht deutlich in meinem Herzen leſen kannſt.“ „Nun, ich habe nichts dagegen, aber ich bin be⸗ gierig was ich da zu leſen bekommen werde; gewiß † etwas recht Phantaſtiſches und Romantiſches, aber nichts aus der Wirklichkeit.“— Evert ſprach in einem ſchnauzigen Tone. „Evert, nicht dieſen Ton.“— Sie legte ihre „ Hand an ſeinen Arm, und neigte ihren Kopf ein wenig ſchief, ſo daß ſie ihm in die Augen blickte. „Was ich zu ſagen habe betrifft nur unſer Glück und ich will Dir jezt die Aufrichtigkeit meiner Hin⸗ gebung darthun.— Evert, Du haſt Dich in meinem Geſchinacke getäuſcht; denn Du glaubſt daß dieſes Leben mitten im Strom der Weltvergnügungen mir behage. Nein, ich liebe das unbemerkte Familien⸗ 68 — 116 leben, voll von Liebe und Frieden. Ich finde mein Glück nicht in dieſen Zerſtreuungen, in dieſen geiſtes⸗ armen Beſtrebungen nach nuzloſem Zeitvertreib.— Im Gegentheil, ich leide darunter, ich fühle mich müde, betrübt und unglücklich, weil ich es vor Gott und den Menſchen nicht verantworten kann wie meine Tage dahinſchwinden, ohne Nuzen für mich ſelbſt oder ein anderes Weſen.— Ach, Evert, wie ganz anders würde nicht unſer Leben ausſehen, wenn wir all dieſen Umgang abbrächen, uns in den engen, aber weit angenehmeren Kreis eines ſtillen Familien⸗ lebens zurückzögen und all dieſe Summen die jezt an Thorheiten verſchwendet werden für unſere be⸗ dürftigen Nebenmenſchen aufwendeten; wenn wir durch unſer Vermögen zu nüzen ſuchten ſtatt unſer Leben auf ſo unnüze Art dahinzubringen.“— Sie hielt inne, denn ſie hatte vergebens im Geſichte ihres Mannes nach einem billigenden Ausdruck geſucht; im Gegentheil verfinſterte es ſich jezt immer mehr. Als ſie verſtummte, erhob er ſich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, während er ihre Vor⸗ ſtellungen folgendermaßen beantwortete: „War es nicht wie ich ſagte, daß Du mich mit einer Maſſe närriſcher Phantaſien erfreuen würdeſt? Meine liebe Helena, deine Einbildungskraft iſt recht gut und ſchön wenn Du Deine Gedichte ſchreibſt, aber Du darfſt nicht Deine Vernunft von ihr leiten laſſen, denn ſonſt kommen nichts als Thorheiten zu Tage. Helena! Welchen Namen willſt Du dieſer Tirade über häusliches Glück, unbemerktes Leben und dergleichen geben? Du biſt gerade zu einer ſol⸗ chen Lebensweiſe geſchaffen!“ Er lachte höhniſch.— F 117 „Nein, meine Liebe, nach einem Monat würdeſt Du mir beſtändig in den Ohren liegen und vorklagen wie langweilig Du es habeſt, und auf uns allein angewieſen mit unſerer häuslichen Glückſeligkeit wür⸗ den wir vor Ueberdruß ſterben. Ich kenne Dich beſſer als Du ſelbſt Dich kennſt, und darum weiß ich auch am beſten welche Lebensweiſe mit Deiner Gemüths⸗ art und Deinen Neigungen am meiſten übereinſtimmt. Ueberdieß ſollte Dir Dein geſunder Verſtand ſagen daß ein Mann von meinen rechtmäßigen Anſprüchen auf weiteres Fortkommen in der Welt ſich nicht in einen unbekannten Winkel ſezen und mit ſeiner Ftau Turteltäubchens ſpielen darf, ſondern ſich mit Men⸗ ſchen von der gleichen Bildungsſtufe in beſtändiger Berührung erhalten muß. Auch will ich nicht für einen Knicker gelten, und endlich hätte Dein Zart⸗ gefühl Dir alle die unpaſſenden Bemerkungen über die Art wie ich das Geld verwalte, ſowie alle An⸗ deutungen darauf daß ich es vergeude, verbieten ſollen.“— Damit ging er ſeines Wegs um jedem weitern Disput über die Sache auszuweichen. Helena begriff mit ihrem überlegenen Verſtand ſehr wohl daß ſie an ihrer Stellung nichts ändern konnte. Sie ſah deutlich ein daß Evert, unter dem Vorwand daß er nur für ſeine Frau lebe, und wäh⸗ rend er ihr Leben ſo einzurichten behauptete daß ſie ſich glücklich und zufrieden fühlen könnte, in Wahr⸗ heit bloß ſeinem eigenen Geſchmack folgte. Sie em⸗ pfand etwas wie Verdruß bei dem Gedanken an die Unehrlichkeit die in dieſem Benehmen ihres Mannes lag. Sie beugte ſich an die Sophalehne zurück und bedachte muthlos daß ihr gar keine Wahl bleibe, 118 ſondern daß ſie fortfahren müſſe ſich von einer Be⸗ luſtigung in die andere ſchleppen zu laſſen. „Ich habe ja Gott und mir ſelbſt das heilige Gelübde gethan daß ich aus allen Kräſten zum Glücke meines Gatten beitragen wolle. Nun wohl, dieſes Glück kann er nur dadurch finden daß er im Kleinen und Geringen glänzen darf; was liegt daran ob ich aus Mangel an Ruhe und häuslichem Glück ſterbe, wenn nur er zufrieden iſt? Es iſt nicht der Mühe werth daß ich für meinen eigenen Theil ſo großes Aufheben mache.— Seine Eitelkeit gilt ihm mehr als ſeine Liebe zu mir.— Ich werde in dieſer kalten Pracht zulezt erfrieren; aber was thuts? Ich habe kein Kind, kein Weſen für das ich unentbehrlich bin, und am allerwenigſten bin ich es für meinen Mann. Was hat das Leben da für einen Werth? Ganz und gar keinen.“ Sie ging an eines der Fenſter und ſchaute zum tlaren Himmel empor. An was dachte ſie? An ihre dahingegangenen Eltern. Lange ſtand ſie ſo in trau⸗ rige Betrachtungen verſunken da, als ihre Augen ſich endlich auf die Straße richteten wo ſie eine ſauber gekleidete Frau mit einem Kind auf dem Arme ſah. Was wollte ich nicht geben,“ dochte ſie,„wenn ich ſo reich wäre wie dieſe arme Frau da und ein Weſen beſäße für das ich Alles wäre! Ach, wie an⸗ ders würde nicht mein Leben ausſehen wenn ich ein ind hätte für das ich leben, bas ich lieben und pflegen könnte! Ich ſtände dann nicht ſo allein und verlaſſen da wie jezt. Ich beſäße ein Ziel für mein Daſein.— Aber Du, o Gott, haſt mich eines ſolchen Glückes nicht würdig erachtet.“ verſcheuchen die mein angeborner Hang zu 119 Ingrid trat ein. „Die Gräfin Rubens will Euer Gnaden beſuchen; aber ſie wartet im Salon, weil ich ſagte daß der Herr Bezirksrichter hier ſei.“ Helena eilte zu Emy hinaus, die mit mütterlicher Zärtlichkeit ſie in ihre Arme ſchloß. Dann ergriff ſie Helenas Kopf, richtete ihn auf und ſah ihr for⸗ ſchend in die Augen. „Mein geliebtes Kind, ich komme eigentlich um vertraulich mit Dir zu ſprechen, um Dich jezt ſogleich, ohne allen Umſchweif, zu fragen: Biſt Du wirklich glücklich?“ Es lag ſo viel Zärtlichkeit, eine ſo wahrhaft mütterliche Unruhe in Emys Stimme und Blick, daß Helena hätte in Thränen zerſchmelzen und an ihrer Bruſt Alles ergießen mögen was ſie quälte, aber die ſchon in der Kindheit erworbene Uebung ihre Gefühie zu beherrſchen behauptete auch jezt ihr Recht. Sie wollte mit ihrem Kummer nicht eine Frau be⸗ trüben die ihr ſo viel herzliche Liebe geweiht hatte. Sie wollte nicht daß Emy mit Mißvergnügen an ihren Mann denken ſollke, und ſie hielt es für ihre Pflicht Alles was ihn betraf treu in ihrer Bruſt zu bewahren. Sie ſchwieg daher von ihren Qualen und antwortete in ihrer gewöhnlichen milden Weiſe: „Wenn ich mich nicht immer glücklich fühle, ſo liegt dieß in meiner träumeriſchen und phantaſtiſchen Gemüthsart, nicht in andern Verhältniſſen. Evert liebt mich, iſt immer gut, immer freundlich gegen mich und ſucht nach beſten Kräften die Schatten zu ang zur Schwer⸗ muth zuweilen hervorruft.“ 3 120 „Biſt Du jezt aufrichtig gegen mich, wie Du gegen Deine Mutter geweſen wäreſt wenn ſie noch lebte? Helena, in dieſem Augenblick iſt es ihr Geiſt der durch mich zu Dir redet. Antworte mir wie wenn Du vor ihr ſtändeſt.“ „Das will ich thun.“— Helena ergriff Emys Hand, legte ſie auf ihr Herz und ſagte mit tiefem Ernſt: „Ich erinnere mich einer Frau die ich als Ideal der Weiblichkeit betrachtete. Eines Tags, als ſie von ihrem Manne herauskam und ich ſie fragte was das für eine Wolke ſei die ihre Stirne verdüſtere, antwortete ſie mir: Kind, frage mich nicht. Was zwiſchen Gatten vorgeht, darf eine dritte Perſon, und wäre ſie auch eine Mutter, nicht auszuforſchen ſuchen. Die Streitigkeiten die zwiſchen Mann und Frau entſtehen, müſſen zwiſchen ihnen und Gott blei⸗ ben. Eine dritte Perſon iſt dann zu viel, weil dieſe dritte Perſon nie vollkommen unparteiiſch ſein kann. — Kannſt Du mir ſagen, Tante, wer dieſe kluge und rechtdenkende Frau war? Es war Emy Rubens, und jedes Wort von ihr habe ich in der Tiefe meines Herzens bewahrt.“ Die Gräfin küßte Helena ſchweigend. In dieſem Augenblick trat Ingrid ein und meldete daß die Herren R. und N. gekommen ſeien um ein Terzett zu pro⸗ biren das auf den Abend bei Capitän Ochard, einem Vetter Everts, aufgeführt werden ſollte. „Ich bleibe noch einen Augenblick hier und komme dann in den Saal hinaus um das Terzett zu hören,“ ſagte die Gräfin.„Geh Du, liebe He⸗ S. 121 lena, zu Deinen wartenden Herren,“ fügte ſie lächelnd hinzu. ging und die Gräfin winkte Ingrid näher zu treten. „Ingrid, Deine Gebieterin ſieht nicht glücklich aus. Was hältſt Du für die Urſache?“ „Das unruhige Leben das ſie führt, Frau Grä⸗ fin,“ antwortete Ingrid freimüthig.„Die gnädige Frau hat von Kindheit auf ein ſtilles Familienleben vorgezogen, und jezt ſchleppt der Herr Bezirksrichter ſie unter die Leute, von einem Vergnügen zum andern, und dazwiſchen hinein Beſuche, Proben und beſtändige Geſchäfte mit der Toilette. Sie hat nie einen ungeſtörten Augenblick; nie darf ſie ſich der Einſamkeit, Ruhe und Stille überlaſſen. Der Herr Bezirksrichter hat keine Zeit übrig um vertraulich allein bei ſeiner Frau zu ſizen. Ohne Zeichen von eigenem Willen, gleichgültig, müde und vollkommen nachgiebig in Allem, läßt die gnädige Frau Alles geſchehen, fügt ſich in ſeinen Willen und fühlt ſich unglücklich. Aber damit nicht genug,“ fügte Ingrid weinend hinzu;„man hält ſie für eitel und cokett; man beklagt allgemein den Bezirksrichter und be⸗ trachtet ihn als denjenigen der von Ihro Gnaden vollkommen gegängelt werde. Ach, Frau Gräfin, ich habe Alles das ſchon oft ſagen wollen, aber ich habe immer darauf gewartet daß Sie mich fragen würden.“ „Dank, Ingrid,“ ſagte die Gräfin und reichte dem treuherzigen Mädchen die Hand.„Ich brauche Dich nicht zu bitten zärtlich und anhängli 122 Helena zu ſein; ich weiß daß Du es von ganzem Herzen biſt.“ „Wer könnte ſie nicht lieben?“ antwortete Ingrid und küßte der Gräfin die Hand.„Aber es betrübt mich ſo ſehr ſehen zu müſſen wie ſie bleich wird und dahinſchwindet, ohne daß ich Etwas zu ihrem Be⸗ hagen und Glück beitragen kann.“ „Iſt der Bezirksrichter zu Hauſe? Weißt Du es?“ „Ich glaube ja, da die Drotſchke nicht vorge⸗ fahren iſt.“ 7 „Frag einmal ob ich ein Paar Worte mit ihm ſprechen könne.“ Ingrid ging, und eine Weile ſpäter trat Evert eilfertig ins Cabinet und grüßte die Gräfin mit all der Grazie und Höflichkeit die ihm als Mann von Welt eigen war. „Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht, kann ich Ihnen zu Dienſten ſein?“ „Seze Dich, Evert. Was ich zu ſagen habe be⸗ trifft ganz allein Helena.“ Cvert ſezte ſich, ſah aber mißvergnügt aus, was er hinter dem verbindlichen Lächeln nicht verbergen konnte. „Helena ſieht nicht geſund aus. Als ich in die Hauptſtadt kam, fand ich ſie ſehr verändert und ſeitdem iſt ſie noch bläſſer geworden. Dieß, beſter Evert, hat mich beſtimmt mit Dir zu ſprechen, da⸗ mit Du, da Du ſie ſo innig liebſt, ſie überreden ſollſt ihre Vergnügungen ein wenig einzuſchränken. Dieſes unaufhörliche Nachtwachen, dieſe Jagd von einem ügen zum andern hat ſchädlich auf ſie 3 .—— — 123 eingewirtt, und wenn das Leben Deiner Frau Dir lieb iſt, ſo mußt Du dem Allem vorbeugen.“ „Was Sie zu ſagen belieben ſezt mich wirklich in Staunen, weil ich verſichern zu können glaube daß Helena nie ſo heiter und ſo vollkommen in ihrem rechten Element war, als ſeitdem ſie verhei⸗ rathet iſt und Gelegenheit bekam ihren Geſellſchafts⸗ treis zu erweitern. Ohne die Richtigkeit Ihres Ur⸗ theils bezweifeln zu wollen, wage ich zu behaupten doß es gerade für Helena, bei ihrem phantaſtiſchen Character, Bedürfniß iſt unter den Menſchen, mitten auf dem Tummelplaz der Beluſtigungen der Welt zu leben, weil ſie ſonſt, ſich ſelbſt überlaſſen, in ein ſchwermüthiges Träumen verſinken würde, das nicht bloß ihre Geſundheit untergraben, ſondern auch unſer häusliches Glück von Grund aus zerſtören könnte.“. „Häusliches Glück? Lieber Evert, glaubſt Du daß von einem ſolchen die Rede ſein könne bei Gat⸗ ten die kaum zwei Stunden des Tages unter ſich zubringen wo die Frau von einer Beluſtigung, einer Zerſtreuung in die andere fliegt, und der Mann ſeinerſeits ebenfalls der erſte Tonangeber in der Welt der Narrheit iſt?“ „Erlauben Sie daß wir von dieſem Gegenſtand abgehen,“ ſagte der Bezirksrichter ſtets artig, aber mit einem Ausdruck männlicher Beſtimmtheit, den er ſeinem Weſen ſo gut zu geben verſtand.— Glauben Sie mir, ein Menſch kann den andern nie recht beurtheilen. Was Ihnen als Thorheit er⸗ ſcheinen mag würbe, wenn Sie ſich in meine Stel⸗ lung verſezen könnten, ein ganz anderes Ausſehen 124 erhalten. Seien Sie überzeugt daß Helenas Mann Ergebenheit gegen ſeine Frau genug beſizt um nicht leichtſinnig zu handeln.“— Er ſeufzte und nahm eine wehmüthige Miene an, während er fortfuhr:„Gott weiß am beſten daß ich, wenn ich ein eingezogenes Leben führen könnte, ohne fürchten zu müſſen daß Helenas oft trübe Träumereien unſer Leben ver⸗ düſtern würden, bieß gerne thäte, aber— die Er⸗ fahrung hat mir bewieſen daß ich es nicht kann.“— Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Emy erhob ſich. Auf ihren Wangen brannte eine höhere Farbe als gewöhnlich, und mit einem Ton der nicht ganz von bitterer Ironie frei war ſagte ſie: „Auf dieſe Art, mein lieber Evert, wirſt Du Dich noch ganz für die Wohlfahrt Deiner Frau auf⸗ opfern, und ſuchſt nur um ihretwillen den Umgang mit all dieſen vornehmen Familien die in Bezug auf Stellung und Vermögen ſo hoch über Dir ſtehen.“ 8 „Helena iſt in Folge ihrer Erziehung bei Ihnen an einen ſolchen Umgang gewöhnt, und da halte ichs für meine Pflicht Alles zu thun, damit ſie ihren Gewohnheiten treu bleiben und fortwährend in den⸗ ſelben Kreiſen leben kann,“ antwortete Evert, welcher den ironiſchen Ton der Gräfin nicht bemerkt hatte. „Und vermuthlich hältſt Du es auch für Deine Pflicht in einem ſo unnatürlichen Wetteifer mit den Reichſten des Landes Dich zu ruiniren? Veſter Evert, Du treibſt Deine Pflichten in dieſem Fall ſo weit, daß man nicht anders glauben kann als daß Du ſie— gänzlich vergeſſeſt. Lebe wohl!“— Die ———,— 2 — —— ,————— 125 Gräfin erhob ihr Haupt ſtolz und verließ ihn tief verlezt und erbittert; aber es fiel ihm vor der Gräfin Rubens nicht ein ſeinen Verdruß zu zeigen, weil er ſich um keinen Preis in der Welt mit der vornehmen und reichen Familie überwerfen wollte. Gegen He⸗ lena dagegen war er wirklich aufgebracht. Es war ihre Schuld wenn die Gräfin nicht ſeine Frau als die glücklichſte unter der Welt betrachtete. Helenas Pflicht wäre es geweſen ihn als ein Muſter aller Ehemänner darzuſtellen; ſie hätte ihrer Pflegemutter ſagen müſſen daß ſie das Leben liebe das ſie jezt führten, denn ſie müſſe immer dankbar ſein für die Genüſſe die er ihr bereite. Sollte er, der während ſeiner ganzen Jugend von dem Glücke geträumt durch eine reiche Heirath zur Befriedigung ſeiner Pracht⸗ liebe, ſeiner Beiſallsſucht, ſeines Ehrgeizes befähigt zu werden, jezt wegen der phantaſtiſchen Träume einer Frau von idylliſchem und einförmigem Glück ſich ſelbſt verurtheilen all der Freude zu entſagen welche der Reichthum ſeiner Eitelkeit gewähren konnte? Damit würde er ja auf alles Glück des Lebens, auf jeden Triumph und jede Wonne desſelben verzichten. Nein, er wollte den berauſchenden Trank leeren, der ſeinem Verlangen nach Beifall um jeden Preis ge⸗ reicht wurde. Und Helena wollte er ein für alle Mal klar machen wie ſie ihre Pflichten gegen ihn aufzufaſſen habe. Mit dieſem klugen Vorſaz gedachte er ſich ins Hofgericht zu begeben, als Ingrid einer eleganten jungen Dame die Salonthüre öffnete. Die gnädige Frau iſt mit einer Probe für den Abend beſchäftigt; aber wenn die F au Baronin 126 hier eintreten und warten wollen, ſo wird ſie ſogleich frei ſein.“ 6 Evert eilte auf die eintretende Baronin Ernſtein zu, eine Dame die im Geſellſchaftsleben ſehr ge⸗ hätſchelt wurde und für eines der ſchönſten Frauen⸗ zimmer der Hauptſtadt galt. Ehe wir das jezt folgende Geſpräch berichten, müſſen wir erwähnen daß die Baronin einer olt⸗ adeligen, aber armen Familie entſtammte. In ihrer erſten Jugend hatten Evert und ſie eine lebhafte Neigung zu einander empfunden, aber er war zu ſehr Weltmenſch um ſich an der Seite ſeiner Jugend⸗ liebe mit einer Hütte und einem Herzen zu begnü⸗ gen. Er ſah ein daß dieſe Liebe ihn nur hindern würde, und deßhalb brach er die zärtliche Verbin⸗ dung ab, worauf die Baronin aus Aerger den reich⸗ ſten, bornirteſten und häßlichſten aller Barone hei⸗ rathete. Seitdem waren viele Jahre verfloſſen und die Baronin und Evert waren höchſt ſelten zuſam⸗ mengetroffen, außer in den zwei lezten Jahren, wo Baronin Auguſte Ernſtein ſich mit viel Wohlwollen und zuvorkommender Artigkeit Helena genähert hatte. Evert hatte ſeit den Jahren ſeiner Verliebtheit in die Baronin eine weſentliche Veränderung durch⸗ gemacht. Die Lebendigkeit des Herzens die ſeiner erſten Jugend angehört, war von ſeiner Alles über⸗ wältigenden Eitelkeit erſtickt worden. Er war in jeder Beziehung ein Weltmann geworden und hatte auch die vertrockneten Gefühle eines Weltmannes bekommen. Einer reinen, warmen und von aller egoiſtiſchen Berechnung freien Ergebenheit war er nicht fähig. Ein ausgezeichneter Mann zu ſcheinen 127 war ſein Zweck, aber er that nichts um es wirk⸗ lich zu ſein.— Das iſt das Streben des eiteln Menſchen. Alles geht darauf aus vor der Welt das Bild des Guten, Genialen, Prächtigen, Glän⸗ zenden und Geſchmackvollen darzuſtellen, während man in der Wirklichkeit nichts von dem iſt was man ſcheinen möchte. Es gibt keinen unzuver⸗ läßigeren, unwahreren und wondelbareren Character als einen ſolchen der von dem Wunſche beherrſcht wird den Beifall Aller zu gewinnen. Schmeichle der Eitelkeit eines ſolchen Menſchen, ſo biſt du ein Ieal; beleidige ſie, ſo biſt du ein Ungeheuer. Be⸗ fördere ihre Befriedigung, ſo beugt er ſein Knie vor dir; ſtehe ihr im Wege, ſo befeindet er dich, zieht deine Ehre in den Koth und erlaubt ſich jede Schlechtigkeit, bloß um dich auf die Seite zu ſchaffen. Alle zärtlicheren Gefühle gegen die Baronin waren alſo in Everts Bruſt erloſchen, und für ihn war ſie bloß die reiche, vornehme, gefeierte und be⸗ wunderte Dame. Dieſe Eigenſchaften machten ſie zu einem würdigen Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit. Die Gunſt die ſie ihm ſchenkte war immerhin ſchmei⸗ chelhaft, weil ſie bewies daß die Baronin in ihm etwas Außerordentliches fand, denn ſie hatte bis jezt noch Niemand ausgezeichnet. Es war jezt das erſte Mal daß ſie ſich unter vier Augen ſahen, ſeit er der Baronin Auguſte als Liebhaber Lebewohl geſagt hatte. Als er ihr ent⸗ gegenkam, erröthete ſie, da ſie vielleicht in der Tiefe ihres Herzens noch die Erinnerung an entſchwundene Liebe bewahrte. 128 „Ich hatte Helena zu treffen gewünſcht,“ ſagte ſie mit einem gezwungenen Lächeln,„aber ich er⸗ wartete kein Zuſammentreffen mit ihrem Mann.“ „Iſt Ihnen denn dieß Zuſammentreffen ſo pein⸗ lich, Frau Baronin?“ ſagte Evert in einem ſenti⸗ mentalen Ton, denn er war, wie die meiſten eiteln Menſchen, ein guter Schauſpieler. Er führte lebhaft ihre Hand an ſeine Lippen. „Gewiß nicht; aber ein unerwartetes Téte* téle mit einer Perſon die man nicht zu treffen ge⸗ glaubt hatte überraſcht immer.“— Sie vermochte ſich jezt wieder zu beherrſchen. Sie war wieder Weltdame geworden.—„Die Veranlaſſung meines heutigen Beſuchs iſt daß ich mich mit Helena in Betreff eines Coſtümballes zu berathen wünſche den ich zu geben beabſichtige. Sie beſizt einen ſo aus⸗ gezeichneten Geſchmack daß ich Niemand kenne den ich in dieſem Fall mit ihr vergleichen dürfte.“ „Ein Coſtümball! Das wird ja im höchſten Grad pikant. Sollte ich nicht für würdig gehalten werden der Berathung anzuwohnen? Ich erinnere mich einer Zeit wo Sie auch mir Geſchmack zutrau⸗ ten und denſelben oft zu Rathe zogen.“— Evert blickte Auguſte wehmüthig an, und nun folgte ein höchſt effectvoller, unterdrückter Seufzer. „In Bezug auf Herrencoſtüme wäre es ſehr vortheilhaft Ihre Anſicht einholen zu dürfen, aber bei Allem was die Damen bekrifft glaube ich daß Helena vollkommen genügt und halte ich ſie für die competenteſte Richterin.“ „Ich erinnere mich von einigen Jahren her einer jungen Dame, die, wenn es ſich um die Farbe ihrer 129 Kleider handelte, immer an mein Urtheil appellirte; aber dieſe Dame ſcheint jezt ihr damaliges Vertrauen zu mir vergeſſen zu haben.“— Evert ergriff von Neuem die Hand der Baronin, indem er hinzufügte „Darf ich nicht zu hoffen wagen ein Freund der Auguſte zu ſein die einſt. „Ein gedankenloſes Mädchen war? Herr Be⸗ zirksrichter, ich habe etwas Beſſeres gethan, ich habe Ihre Frau zur Freundin gewählt. Im Uebrigen, mein Herr, thun wir Beide am klügſten, wenn wir uns möglichſt wenig mit der Vergangenheit beſchäf⸗ tigen und uns nur an die Gegenwart halten. Und was zunächſt bei der Hand liegt, das iſt mein Co⸗ ſtümball. Da ich wirklich eine ſehr hohe Meinung von Ihrem Geſchmack habe, ſo würden Sie mich ſehr verbinden, wenn Sie der Berathung anwohnen wollten die ich morgen Abend mit einigen Freunden zu halten gedenke und bei welcher ich auch mit Helenas Gegenwart erfreut zu werden hoffe.— Sie ſind mehr als glücklich, Ochard, daß Sie eine ſo reichbegabte Frau erhalten haben.“ „Aber ich hätte noch glücklicher ſein können, wenn.. „Wenn Sie einen fürſtlichen Rang und ein fürſt⸗ liches Vermögen erhalten hätten. Ganz wahr! Wir Sterbliche ſind niemals zufrieden. Treffen wir uns heute Abend bei Capitän Ochards? Und darf ich Sie und Helena morgen Abend erwarten?“— Die Baronin erhob ſich. 3 „Sie können immer auf mich rechnen,“ ſagte Cvert mit der Hand auf dem Herzen.„Heut Abend kommen wir zu unſerm Vetter.“ Schwartz., Eines eiteln Mannes Frau. 9 130 „Leben Sie wohl!— Meinen Gruß an Helena!“ Die Baronin nickte mit ihrem ſchönen Kopfe und Evert begleitete ſie an die Thüre. Das Programm zum Coſtümball war entworfen, die Einladungen ausgefertigt und Alles was im Coſtüme auftreten ſollte, das heißt, der ganze tan⸗ zende Theil der Gäſte, hatte unſägliche Mühe ge⸗ habt. Ganz beſonders ließ ſich unſer Bezirksrichter nichts verdrießen um für ſich und Helena eine recht ausgeſuchte Maske zu finden. Alle ſeine Gedanken waren von dieſem wichtigen Gegenſtand in Anſpruch genommen worden. Man hatte intriguirt als handle es ſich um eine wichtige Staatsangelegenheit. Evert hatte ſein Beſtes gethan um die Andern zu ver⸗ dunkeln. Der große Tag brach endlich an, die Geſellſchaft ſtellte ſich pünktlich ein um all dieſen Wetteifer und dieſe Intriguen in Wirklichkeit ſpielen zu laſſen. Unter den erſten coſtümirten Gäſten die ſich auf dem Ball einfanden waren zwei Paare als italieniſche Bauernburſchen und Bauernmädchen gekleidet. Es waren Ebba Rubens und Alma Kerner mit ihren Bräutigamen. Allmälig füllte ſich der für die Co⸗ ſtümirten beſtimmte Salon, worauf ſie ſich paar⸗ weiſe, während die Muſik einen Marſch ſpielte, in den Ballſaal begeben ſollten. Alle waren verſammelt; man erwartete nur noch den Bezirksrichter und Gemahlin. Endlich kamen auch ſie. Evert erſchien als Ritter aus der Zeit Lud⸗ 131 wigs XIV., in einem Rock von hellviolettem Sammt mit Goldſtickereien, nebſt Beinkleidern von weißer Seidenſarſche und mit weißen Seidentricots; Helena als eine Dame aus derſelben Zeit in weißer Sei⸗ denſarſche und rothem Brocatkleid. Ihre Coſtüme waren ſo prachtvoll vermöge der koſtbaren Garnitur von Edelſteinen und onderen Zierathen, daß ſie bei⸗ nahe alle verdunkelten. Der Zug wurde vom Gra⸗ fen Uno eröffnet, der die Baronin Ernſtein führte. Er war ein Ritter, ſie eine Burgfrau aus der Zeit der Kreuzzüge. Nie war Helena ſo reizend, ſo ſchön gefunden worden, wie in dem Coſtüm das ſie jezt trug. Ver⸗ muthlich fand auch Uno dieß, denn ſeine Augen haf⸗ teten den ganzen Abend unverwandt auf ihr, und zwar mit einer ſo hartnäckigen Beharrlichkeit, daß Helena, wie eine Magnetiſirte, unwillkürlich nach der Richtung wo er ſaß hingezogen wurde. Auch wenn ſie ihn nicht ſah, empfand ſie die ganze Macht dieſes durchdringenden Blickes. Der Ball war äußerſt leb⸗ haft und ſchon weit vorangeſchritten, ehe Uno ſich Helena näherte. Endlich während einer Pauſe zwi⸗ ſchen den Tänzen trat er herein. „Schöne Dame, haben Sie einen Tanz frei für einen fahrenden Ritter?“ 3 Ehe ſie antworten konnte, ſiel Evert, der hinter ihrem Stuhle ſtand, ein: „Einem Kreuzritter trete ich mein Recht auf den nächſten Walzer ab.“ In dieſem Augenblia wurde der Walzer aufge⸗ ſpielt, und Uno ſagte mit einer leicht zitternden Stimne 3 „Darf ich von dieſer Verzichtleiſtung Gebrauch machen, Madame?“ Helena reichte ihm mit anmuthsvollem Nicken die Hand. Es war das erſte Mal daß ſie mit Uno tanzte. Kein Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt. Ein* einziges Mal hatte Helena ihre Augen aufgeſchlagen und in die ſeinigen geſchaut; aber wie geblendet vom Ausdruck derſelben ſenkte ſie dieſelben ſchnell wieder. Als er ſie nach dem Walzer auf ihren Plaz zurückführte, fragte er leiſe: „Helena, haben Sie keinen Tanz mehr frei?“ „Keinen einzigen.“ Er nahm Plaz neben ihr. „Wen halten Sie für die ſchönſte Dame hier?“ begann er mit gleichgiltigem Tone wieder. „Das iſt wahrlich nicht ſchwer zu ſagen,“ ant⸗ wortete ſie;„in meinen Augen iſt Alma Kerner die ſchönſte.“ „Und doch ſo einfach coſtümirt!“ „Ach wenn man von der Natur mit ſo viel Schönheit begabt iſt, ſo bedarf man keiner künſtlichen Beihilfe.“ „Sie glauben alſo daß nur diejenigen einer koſt⸗ baren Toilette bedürfen die minder reich mit⸗Schön⸗ heit ausgeſtattet ſind?“ 3 „Ja gewiß. Die Kunſt muß da die natürlichen Mängel bedecken.“ „Aber ich kenne viele Damen die keines Lurus bedürfen um ſchön zu ſein, und ſich dennoch mit„ ſolchem umgeben.“ „Dann gehört ihre Schönheit wohl zu derjenigen 133 Claſſe die einer vollen und glänzenden Toilette be⸗ varf um vortheilhaft ans Licht zu treten.“ „Dieß kann man nicht von allen ſagen; zum Beiſpiel von Ihnen nicht.“— Jezt ſah er ſie wieder mit dem zugleich ſcharfen, warmen und durchdringenden Ausdrucke an.— Sie erröthete leicht, antwortete aber ohne den mindeſten Zwang: „Sie werden wohl in Ihrer Artigkeit nicht ſo weit gehen wollen, daß Sie mich zu den Schönen rechnen.“ „Allerdings thue ich das.“— Dieß ſagte Uno mit einem ſo einfachen und von aller Galanterie freien Tone daß das Schmeichelhafte in den Worten beinahe darüber verloren ging.„Und gerade Sie gehören zu denjenigen die in einer einfachen Toi⸗ iette eben ſo ſchön ſind wie in einer glänzenden. Warum alſo all dieſe Zierath von Bändern und Juwelen hervorziehen die eine Damentoilette zu einer Muſterkarte von allen Erfindungen der Thor⸗ heit macht? Wäre ich eine junge und ſchöne Frau wie Sie, ſo ſollte mein Anzug nicht wie ein plattes Modeſournal erſcheinen. Ich würde mich mit mei⸗ nem Genie, meiner Jugend und meinem Glücke ſchmücken, aber nicht mit Edelſteinen und Spizen. Sie beſizen die drei Schäze die ich aufgezählt habe; warum laſſen Sie ſich alſo herab eine Zierpuppe zu ſpielen?“ „Zierpuppen ſind wir Alle heute Abend, große Kinder die ſich zur Beluſtigung eines Augenblicks geſchmückt haben.“ „Aber Sie ſind die zierlichſte.“ „Möglich, obſchon ich es nicht ſo finde 134 auf einem Coſtümball wetteifert man immer um durch die Pracht des Coſtüms der Wirthin eine Huldigung darzubringen.“ „Ihnen kommt es nicht zu an einem ſolchen Wetteifer Theil zu nehmen.“ „Sie wollen damit ſagen daß ich mich bei dem Coſtümball nicht hätte betheiligen ſollen?“ „Allerdings, wenigſtens nicht in der Art, daß Sie alle Andern durch thörichten Flitterkram über⸗ bieten. Im Uebrigen gilt das was ich jetzt ſage nicht bloß für den heutigen Abend. Sie ſind auf der Rennbahn der Eitelkeit immer dabei.“ Helenas Geſicht veränderte ſich auch jezt nicht einmal. Sie behielt eine äußere Ruhe und Sicher⸗ heit die man im Geſellſchaftsleben beinahe immer bei ihr fand. Mit einem bezaubernden Lächeln ant⸗ wortete ſie: „Die Eitelkeit gehört ja auch zu den Erbſünden des Weibes. Verlangen Sie alſo nicht daß ich da⸗ von freier ſein ſoll als andere meines Geſchlechts.“ Uno ſtüzte ſich auf die Lehne des Stuhles worin Helena ſaß, und flüſterte: „Eine Frau von Ihrem Genie ſollte ehrgeizig ſein, aber nicht eitel. Sie ſollte es verſchmähen die Salonpuppe zu ſpielen, während ſie vermöge ihres Genies eine ausgezeichnete Perſönlichkeit ſein könnte. Der Beifall ſollte niemals die Bewunde⸗ rung aufwägen können, das Lob des Augenblicks darf nicht die allgemeine Achtung erſezen die man einem ſtillen, aber nüzlichen Leben weiht.“ „Geben Sie mir alſo Genie, dann will ich ehr⸗ geizig werden,“ ſagte Helena heiter. 135 „Was Gott Ihnen gegeben hat braucht kein Anderer Ihnen zu geben.“— Hier wurde das Ge⸗ ſpräch durch die Tanzmuſik unterbrochen. Helena wurde von ihrem Tänzer entführt. Uno ging um ſeine Dame zu holen. Einige Tage nach dem Ball bei der Baronin Ernſtein war Empfang bei dem Bezirksrichter von Ochard. Als Evert ſeine Frau im Salon traf, rief er: „Mein Gott, Helena, wie biſt Du angezogen! Du ſiehſt ja aus als ob Du gar keine Gäſte erwar⸗ teteſt, und doch weißt Du daß ich verſchiedene Herren vom Ritterhauſe nebſt vielen andern Reichstagsmit⸗ gliedern eingeladen habe. Ihnen muß ich heute Abend meine Frau vorſtellen, die Dichterin Helena von Ochard, aber in welcher Toilette! Meine Liebe, Du mußt Dich nicht im Spiegel betrachtet haben; ſieh doch einmal da hinein! Er führte ſie vor einen großen Trümeau.—„Findeſt Du wirklich daß Du mit der Eleganz gekleidet biſt die Dich auszeichnen ſoll? Liebe Helena, es thut mir wahrlich leid daß Du meinen Anſichten ſo wenig Beachtung ſchenkſt, und gleichwohl ſollteſt Du ein unbedingtes Ver⸗ trauen darein ſezen, da alle Andern dieß auch thun. Du biſt alſo die einzige Perſon die mir ein ſcharfes und treffendes Urtheil über Alles was feinen Tact betrifft nicht zuerkennt.“ „Lieber Evert,“ antwortete Helena mild,„es iſt heute eine Grille von mir einfach ſein zu wollen; laß mich ihr folgen. Ich werde durch meine Muſik 136 zu erſezen ſuchen was an meiner Toilette fehlt; biſt Du damit zufrieden?“ „Ich weiß nicht warum Du gerade heute, wo ich Dich in einem recht vortheilhaften Licht zu zei⸗ gen wünſchte, ſo ungeheuer einfach ausſehen ſollſt. Da ſchau ſelbſt, Deine ganze Erſcheinung iſt im höchſten Grade gewöhnlich.“ „Ich finde daß mein Anzug, wenn auch einfach, doch vollkommen gelungen iſt. Iſt dieſes hellblaue Bardgekleid nicht ſchön? Hat Ingrid mein Haar nicht ganz gut aufgepuzt?“ „Ich hätte gegen Dein Kleid und Deine Haare nichts einzuwenden, wenn Du in den lezteren einen geſchmackvollen und eleganten Sammtſtreif oder ein Band hätteſt, und wenn die Einförmigkeit Deines ganzen Aufzuges durch eine mit einem ſchönen Ru⸗ binenſchmuck befeſtigte Bruſtroſe gehoben würde, fer⸗ ner wenn Du Armbänder trügeſt und eine koſtbarere Spizengarnitur anlegteſt, wodurch dieſes unerträg⸗ liche Bardgekleid etwas Luftiges und Nobles erhielte. Dieſe kleinen Veränderungen ſind bald gemacht, und ich wünſche daß Du ſie macheſt.“ Helena ſeufzte und würde dem Wunſche ihres Mannes nachgekommen ſein, wenn nicht in demſel⸗ ben Augenblick die Baronin Ernſtein gekommen wäre. Nach der Begrüßung ſagte Evert lächelnd, indem er auf ſeine Frau zeigte, zu ihr: „Wie finden Sie Helenas Toilette heute? Gleicht ſie nicht eher einer Kammerjungfer als einer Wirthin die Gäſte empfangen ſoll?“ „Ganz und gar nicht. Helena iſt bezaubernd ſo wie ſie jezt iſt. Sie hat ein ſo priginelles und — — 137 geniales Ausſehen, denn die Einfachheit erhöht die edle Schönheit ihrer Züge. Es liegt eine feine Coketterie in der Wahl die Du heute Abend ge⸗ troffen haſt, und Du biſt in dieſem einfachen Kleide ſo einnehmend, daß Du es in großer Toilette nicht in höherem Grade ſein könnteſt.“ Alles weitere Gerede über dieſen höchſt wich⸗ tigen Gegenſtand mußte unterbleiben, weil mehrere Gäſte ankamen. Helena, die eine ungemeine Fertigkeit auf dem Clavier und dabei eine eben ſo poetiſche als muſi⸗ caliſche Auffaſſung beſaß, war für Muſikfreunde ein wahrer Schaz. Auch an dieſem Abend ſpielte ſie bei einem Terzett für Clavier, Violine und Violoncell mit. Während deſſelben kam Uno, ohne daß He⸗ lena ihn bemerkt hatte. Nach dem Terzett ſpielte ſie etwas von Chopin, worauf die Baronin Ernſtein einige Romanzen ſang. Als Helena das Inſtrument verließ, bemerkte ſie Uno und begrüßte ihn. Während die Baronin ſang, näherte er ſich der jungen Wirthin. „Singen Sie jezt niemals, Helena?“ fragte er. „Nie in Geſellſchaft.“ „Warum nicht? Sie haben Unrecht.“ „Ich habe nie ſingen gelernt und beſize keine eigentliche Stimme, deßhalb kann es mir nicht ein⸗ fallen vor einer größern Geſellſchaft aufzutreten und mich hören zu laſſen. Ich glaube ſogar, es wäre mir unmöglich auch nur einen einzigen Ton hervor⸗ zubringen, wenn ich wüßte daß mehrere Perſonen mich anhörten.“ „Aber ich habe Sie doch ſingen gehört und kann 138 Sie heilig verſichern daß niemals ein Geſang einen tiefern Eindruck bei mir hervorgebracht hat.“ „Wenn ich wagen dürfte an Ihre Worte zu glauben, ſo würde ich dieß dem Umſtande zuſchrei⸗ ben daß ich damals für mich ſelbſt und ohne alle Ahnung von einer Zuhörerſchaft ſang. Wenn ich allein bin, ſo iſt mir manchmal zu Muthe als wollte ich im Geſang meine Seele aushauchen, was ich natürlich in einer Geſellſchaft nicht wollen könnte.“ „Sie ſcheuen ſich die Welt in Ihre Seele blicken zu laſſen?“ „Jo, ich gehöre zu jenen verſchloſſenen Menſchen gegen welche Sie eine wahre Antipathie hegen,“ antwortete Helena mit einem ſchalkhaften Lächeln. „Ah, Sie beſizen ein gutes Gedächtniß. Ja, es iſt wahr, ich liebe verſchloſſene Charactere nicht. Sie ſind alſo ſehr rückhaltſam?“ ü ſehr.“ „Und gleichwohl behauptete Sappho, ſie habe ——— niemals ein aufrichtigeres Menſchenkind geſehen als Sie,“ ſagte Uno. „Das iſt auch wahr. Wenn ich etwas mißbillige oder billige, ſo ſpreche ich mich immer aufrichtig aus. Ich kann es nicht über mich gewinnen etwas zu loben was mein Herz verwirft.“ 6 „Davon habe ich Beweiſe gehabt.“ Eine Weile nachher hatte Auguſte neben Graf Uno Plaz genommen, und ſie waren bald in einem lebhaften Geſpräch begriffen. Helena ſtand etwas entfernt und unterhielt ſich eifrig mit einigen ältern Herren ſowie mit der wegen ihrer ausgezeichneten Bildung bekannten Frau K—. Als die Baronin ————— 139 mit Begeiſterung von Neapel ſprach, bemerkte ſie auf einmal: „Iſt nicht Helena bezaubernd?“ „Ja allerdings. In dieſem Augenblick hat ihr Geſicht ſowohl Leben als Gefühl. Von was ſpre⸗ chen Sie?“ „Von Dantes göttlicher Comödie. Ich verſtehe das nicht, weil ich nicht Italieniſch kann und nie⸗ mals Dante geleſen habe, aber für die vier Per⸗ ſonen die dieſen ausgezeichneten Dichter kennen iſt das Geſpräch gewiß ſehr intereſſant. Was ich be⸗ wundere iſt Helenas Ausſehen.“ „Und ich bewundere ihre heutige Einfachheit.“ „Ja, paßt dieſe nicht ſehr gut zu ihrem Geſichte? Doch möchte ich nicht beſtändig dazu rathen, weil ſie ſonſt den Anſtrich von Affectation erhielte. Nein, möge unſere artige Dichterin beweiſen daß ſie auch Weib iſt, indem ſie ſich, wie andere, ſchmückt. Ich kann es nicht ausſtehen wenn literariſche Frauen⸗ zimmer ihr Aeußeres vernachläßigen oder ſich mit geſuchter Einfachheit kleiden. Ihr geiſtiger Hochmuth ſchimmert durch die geprieſene Prunkloſigkeit hin⸗ durch, und mit großen Buchſtaben ſcheint darauf ge⸗ ſchrieben zu ſtehen: Mein Genie iſt ſo groß, daß ich jeden andern Schmuck verachte.“ „Ich möchte behaupten daß das Einfache und das Große unzertrennlich ſind. Eine geiſtreiche und ausgezeichnete Frau muß gerade durch ihre Ein⸗ fachheit beweiſen daß ſie über alles Kleinliche er⸗ haben iſt.“ 6 „Gott bewahre uns vor ſolchen Vollkommen⸗ heiten und dergleichen ausgezeichneten Genies! Ich 140 kann ſie nicht ausſtehen. Kinder der Thorheit ſind wir Alle, und ich will menſchliche Schwächen mit menſchlichen Tugenden Hand in Hand gehen ſehen. Herr Graf, ich kann es nicht über mich bringen ein in grobes Tuch gekleidetes Genie oder die Moral in Sack und Aſche zu bewundern.“ Uno lachte. „Sie huldigen alſo der Lebensweiſe welche Frau Ochard führt?“ „Huldigen? Davon iſt nicht die Rede, aber ich weiß nicht wie ſie ſich Jung, reich, ſchön und mit allen Eigenſchaften be⸗ gabt die ſie in Geſellſchaft zu einer angenehmen Dame machen, zieht ſie ganz natürlich Vortheil aus dieſen Vorzügen. Oder würden Sie etwa wünſchen daß ſie ſich mit ihrem poetiſchen Gemüth als Ere⸗ mitin in der Hauptſtadt niederließe?“ „Gewiß nicht; aber ich möchte wünſchen daß jede verheirathete Frau, ſchön oder häßlich, reich oder arm, vor allen Dingen ein häusliches Glück zu ſchäzen wüßte, daß ſie die Reize des Familien⸗ lebens zu genießen verſtände, und daß ſie das Ver⸗ gnügen zu einer Nebenſache machte, aber nicht zur Hauptſache.“ „Ihr Männer ſeid wahrlich höchſt ſonderbare Leute. Ihr verlanget daß wir Weiber von allen Fehlern frei ſein ſollen die euch ſelbſt ankleben. So zum Beiſpiel hört man euch beſtändig von ber Eitelkeit der Frauenzimmer und ihrer ſelaviſchen Unterwerfung unter die Geſeze der Mode reden, ohne daß es euch einfällt daß ihr ſelbſt im gleichen Spi⸗ tal krank liegt. Bald traget ihr eure Röcke ſo lang anders benehmen ſollte. 141 daß ihr darauf tretet, bald wieder ſo kurz baß ihr die Gicht bekommt. Denken Sie einmal an all dieſe Ab⸗ arten von Fräcken, Weſten, Mänteln u. ſ. w., und ich glaube daß beide Geſchlechter einander freundlich die Hände reichen und geſtehen dürften: Wir ſind Alle zuſammen große Narren. Aber das ſind nur Kleinigkeiten. Wir Frauenzimmer haben eine be⸗ gränzte Eitelkeit die ſich nur auf unſere Toilette und unſere Bemühungen angenehm zu erſcheinen er⸗ ſtreckt; aber die eurige zieht ſich durch alle eure Hand⸗ lungen hindurch. Ihr nennt ſie Ehrgeiz. Ach mein Gott, ein ſchöner Aushängeſchild für einen großen Fehler. Ein hübſches Wort hinter welchem manche ſchlechte Handlung ſich verbirgt. Um euer Verlangen nach Auszeichnung zu befriedigen, opfert ihr Alles und Jedermann. Ihr erniedrigt euch zu Verleum⸗ dungen, Ränken und Cabalen gegen diejenigen die euch im Wege ſtehen. Ihr verrathet Könige, Reli⸗ gionen und Völker, wenn ihr nur Popularität da⸗ mit gewinnen könnt. Ihr verrathet Freunde und Eltern, ihr verlezet die heiligſten Verpflichtungen und verkaufet eure Ueberzeugungen für einen Ordens⸗ ſtern oder für die Ausſicht auf Beförderung. Wehe dem der eurer Eitelkeit zu nahe tritt oder ihr ein Hinderniß entgegenſtellt oder euch einen, wenn auch noch ſo geringen, Sieg ſtreitig machen will. Ihr ſuchet ihm auf alle erdenkliche Weiſe, öffentlich und privatim, zu ſchaden, und ihr bekümmert euch nicht um die Mittel die ihr anwendet um euren Neid und eure Rache zu befriedigen. Ja, Graf, unſere Eitel⸗ keit verhält ſich, mit der eurigen verglichen, wie ein Kind zu einem Rieſen. Bedenket welche Ströme von Blut eure Eitelkeit die Welt gekoſtet hat. Um einem Napoleon einen unſterblichen Namen zu er⸗ werben, waren Millionen Menſchenleben erforderlich, und dennoch ſprechet ihr nur von unſerem Ver⸗ langen nach Beifall. Schweiget! denn wollte ich euch eure wahre Rechnung vor Augen halten, ſo müßtet ihr mit Entſezen geſtehen daß eure edle Ehr⸗ begier große Aehnlichkeit mit einer blutdürſtigen Hyäne hat, während unſer Verlangen nach Beifall ſich auf ein Bischen Schminke, einige Juwelen und ein cokettes Lächeln beſchränkt.“ „Sie haben in allen Stücken vollkommen Recht, aber das ändert nichts an meiner Behauptung daß ein Weib das häusliche Glück über ſeine Vergnü⸗ gungen ſtellen müſſe. Von eiteln Müttern werden eitle Söhne geboren, und dieß iſt Ihrer eigenen Darſtellung zufolge Etwas was wir fürchten müſſen. Darum müſſen die Frauenzimmer ein anderes Ziel haben als gedankenloſe Närrinnen im großen Rarrenhaus der Eitelkeit zu ſein.“ „Sehr wahr; aber wenn jezt das Schickſal, das zuweilen wunderliche Einfälle hat, dem Weibe einen Mann gibt der von der häuslichen Glückſeligkeit eben ſo wenig begreift als ich von den Sitten im Monde, was ſoll ſie thun? Ihn zwingen auf eine Art glücklich zu ſein die ſeiner Natur widerſtreitet? Ich verſichere Sie daß dieß ein fruchtloſes Bemühen wäre. Wenn er überdieß geheirathet hat um Geld zu bekommen und dadurch Gelegenheit ein Leben zu führen das alle Forderungen ſeiner Eitelkeit befrie⸗ digt, wie ſoll dann die Frau ſeehne Sie muß ganz artig mitmachen. Mann und Frau glei⸗ 143 chen dann zwei Pferden die vor den Wagen der Thorheit geſpannt ſind; wenn das eine zieht, muß auch das andere ziehen, und dem unkundigen Zu⸗ ſchauer wird es ſchwer zu beſtimmen, welches von beiden Pferden im Anfang das andere zum Springen gezwungen hat.“ „Ich glaube daß Sie in Ihrem Angriff auf unſere Eitelkeit zu weit gehen,“ bemerkte der Graf, der ſich an den leidenſchaftlichen Ausfällen der Baronin amüſirte. „Möglich; aber wenn es ſich ſo verhält, ſo kommt es daher daß ich von euch Männern ſo viele kläg⸗ liche Dinge geſehen habe die von reiner Eitelkeit herkamen. So z. B. kannte ich einen Mann, der ein liebenswürdiges junges Mädchen darum heirathete weil ſie eine ausgezeichnete Elavierſpielerin war. Als ſie ſeine Frau geworden, machte er ſich die höchſte Freude daraus ſie mit ihrem Talent glänzen zu laſſen. Sie mußte früh und ſpät, immer und überall, ſpielen, weil das Lob das man ihr ſpendete ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte. Dieß war ſeine Art mit ſeiner Frau glücklich zu ſein. Daß die junge Frau ein warmes und liebendes Herz hatte, begriff der eitle Mann nicht, und es wäre vergeblich gewe⸗ ſen, wenn ſie es ihm begreiflich zu machen geſucht hätte.— Ich kannte einen andern Mann, der ſehr kenntnißreich und gebildet, überdieß in ſeinem Fach ſo ausgezeichnet war, daß er ſich mit der Achtung die man ihm ſchenkte wohl hätte begnügen können; gleichwohl ſcherwenzelte er eifrig bei Hof und den Vornehmen, ſo daß er ſich durch ſein ſckaviſches Ge⸗ bahren bei allen Denkenden lächerlich machte, wäh⸗ 144 rend er von Orden und Bändern mit der größten Verachtung ſprach. Endlich erhielt er einen Orden, und da hätte er vor Entzücken beinahe den Verſtand verloren. Aber es wäre ein endloſes Unternehmen alle Beiſpiele von kleinlicher und jämmerlicher Eitel⸗ keit bei euch Männern aufzählen zu wollen. Kommen wir alſo zu dem Ochard'ſchen Ehepaar zurück. Wel⸗ cher von beiden Theilen iſt nach Ihrer Anſicht der⸗ jenige der mit Leidenſchaft auf dieſer prunkhaften n Lebensweiſe beſteht die Sie tadeln?“ „Die Veranlaſſung dazu geht natürlich von der Frau aus, denn in ſolchen Fällen hat ſie immer das große Wort; aber ich halte dabei ihn für eitel ge⸗ nug um ſich bereitwillig in ihre Wünſche zu fügen und vielleicht auch in gewiſſen Fällen ihre Pracht⸗ liebe zu theilen.“ „So, ſo, da haben wirs! Der Fehler liegt an der Frau, nothwendig an der Frau, er kann unmög⸗ lich am Manne liegen. Wie ſollte er, dieſes Eben⸗ bild Gottes, ſolche Schwächen haben können? Ihre Eigenliebe, mein Herr, iſt wahrhaft lächerlich.“ „Sie wollen alſo behaupten daß Frau Ochard von ihrem Manne gezwungen werde die eleganteſte Dame zu ſein, diejenige die zuerſt eine neue Mode trage und die größte Pracht in ihren Kleidern ent⸗ wickle?“— Er lächelte höhniſch. „Erinnern Sie ſich an mein Gleichniß mit den Wagenpferden. Wenn jezt Ochard auf der breiten Fahrſtraße der Eitelkeit über Hals und Kopf durch⸗ geht, und Helena mit ihm an die gleiche Deichſel geſpannt iſt, was bleibt ihr dann anders übrig als ————— 145 gleichfalls durchzugehen? Sie hätten ihn hören ſollen, als ich kam; er war halb in Verzweiflung über ihr einfaches Kleid. Betrachten Sie Helena jezt wie ſie daſizt; ſieht ſie aus als ob ſie ſehr viel Vergnügen hätte?“ Uno folgte der Aufforderung und entdeckte He⸗ lena, wie ſie bleich und ermattet in einem Lehnſtuhl ſaß. Sie blickte gleichgiltig vor ſich hin, während ein junger Ausländer mit ihr ſprach. „Nun, wie finden Sie ihr Ausſehen? Fühlt ſie ſich vielleicht glücklich von Herrn Canovi bewundert zu werden?“ „Sie ſieht müde aus. Inzwiſchen glaube ich daß ein kleiner perſönlicher Unmuth Ihrer Strenge gegen Ochard zu Grund liegt.“ „Perſönlich?“ Die Baronin warf ihren Kopf zu⸗ rück und ſah ihn verwundert an. Dann brach ſie wieder in ein Gelächter aus.„Man wirds noch erleben daß dieſer unverbeſſerliche Narr von Ochard den Leuten weiß macht, ich ſei in ihn verliebt ge⸗ weſen.“ „Warum ſagen Sie: geweſen?“ flüſterte auf der andern Seite der. Baronin ein junger Mann, der während des ganzen Geſprächs dageſeſſen, ohne daß ſie ihn bemerkt hatte. Es war ihr Schwager. „Ah, Du biſts, Uno,“ ſagte ſie, indem ſie ſich mit einem beinahe ſtolzen Kopfnicken gegen den jungen Mann wandte.„Ich verſichere Dich daß ich in der Grammatik gut genug zu Hauſe bin, um eine gegen⸗ wärtige und eine vergangene Zeit nicht zu verwech⸗ ſeln. Wenn Ochard ſagt, ich ſei in ihn verliebt geweſen, ſo enthalten ſeine Worte eine lächerliche Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. 146 Prahlerei. Behauptet er, ich ſei es, ſo enthalten ſie eine Beleidigung.“— Sie erhob ſich und verließ die beiden Herren. Einige Tage nachher ſaßen Helena und ihr Mann beim Frühſtück zuſammen. Evert war ſchweigſam, und wenn er etwas ſagte, ſo geſchah es in zornigem Tone. Seit ſeiner Beſprechung mit der Gräfin Ru⸗ bens war er geßen ſeine Frau verſtimmt geweſen. Er konnte es Helena ganz und gar nicht verzeihen daß Emy ſie nicht als vollkommen glücklich betrachtete, oder ihn nicht für das Ideal eines Ehemannes hielt. Ohne die Urſache zu begreifen, hatte Helena dieſe Stimmung ihres Mannes bemerkt. Hätte ſie das Leben mit weniger Gleichgültigkeit angeſehen und ihre häusliche Stellung nicht für unrettbar gehalten, ſo hätte ſie ſicherlich einige Fragen an ihren Mann geſtellt und durch ihre Zärtlichkeit die Wolken auf ſeiner Stirne zu verſcheuchen geſucht. Jezt dagegen war ſie, nachdem ſie ihn vergebens zu beſtimmen geſucht Etwas von dieſen geiſtesarmen Luſtbarkeiten für ihr häusliches Glück zum Opfer zu bringen, zu dem ſo traurigen Schluſſe gelangt daß ſie alles Be⸗ ſtreben um Behagen und Freude im Hauſe zu bereiten als vergeblich anſah, weil ihr Mann auf ein ſtilles häusliches Glück gar keinen Werth legte. Sie hatte beſchloſſen ſo zu leben wie es mit ſeinen Wünſchen am meiſten übereinſtimmte, und ſuchte nur im Ge⸗ bet Troſt und Stärke, um eine Lebensweiſe auszu⸗ halten die mit ihrer Natur und Allem was ſie von den ſtillen Freuden des Familienlebens geträumt und ſich gedacht hatte, in ſo directem Widerſprus ſtand. Nicht genug damit daß er ihr keine andere —— 4 5 147 Wahl ließ als dieſe ſelbſtmörderiſche Lebensart fort⸗ zuſezen, er wollte auch vor ihr ſelbſt und Andern behaupten daß er es bloß deßhalb thue, weil ſie ſich auf andere Weiſe nicht glücklich fühlen könne. Das ganze Benehmen ihres Mannes bewies deutlich daß er an dem einmal entworfenen Lebensplane nichts ändern wollte. Schweigend hatte Evert ſeinen Cafe getrunken. Endlich ſchaute er auf und ſagte ganz plötzlich: „Das Gedicht da das Du über Guſtav Adolph ſchreiben wollteſt, wird wohl niemals fertig. Es könnte den Preis erhalten, aber Du mit Deiner Eigen⸗ liebe verſchmähſt wohl eine ſolche Auszeichnung. Du weißt daß es mir Vergnügen machen würde, und deßhalb bekümmerſt Du Dich um die ganze Sache nichts.“ „Ich hätte geglaubt daß Du beſſer von mir däch⸗ teſt, denn gewiß fühlſt Du in Deinem Herzen daß ich gerne Alles thue was Dir Freude bereiten kann. Zum Beweis dafür ſage ich Dir daß mein Gedicht bereits fertig iſt.“ „Wirklich! Dann werde ich dieſen glücklichen Um⸗ ſtand wohl einem Impuls von anderen Perſonen zuzuſchreiben haben?“ „Wozu dieſe Bitterkeit, mein Freund? Du weißt recht gut daß, was ich in dieſem Fall thue, nur Dir zu Liebe geſchieht.“— Helena bot ihm die ſend⸗ aber er empfing ſie nicht, ſondern antwortete: „Du biſt gar zu gütig.“ Er näherte ſich der Thüre die in ſein eigenes Zimmer führte. ie das Manuſcript hinein.“ Damit ging e 5 Eine Weile nachher wollte Helena in in 10* 148 das Manuſcript bringen, wurde aber durch Stimmen in ſeinem Zimmer aufgehalten. „Sie verſprechen mir alſo daß Sie in dieſem Artikel Gran recht derb angreifen wollen, und ich gebe Ihnen dagegen mein Wort darauf daß Sie vor ihm befördert werden ſollen, obſchon er als der ältere mehr Anſprüche haben könnte.“ Dieſe Worte hörte Helena drinnen bei ihrem Manne ſagen. Sie beſann ſich nicht lange darüber, ſondern ſchickte Everts Bedienten mit dem Manuſcript hinein und überließ ſich der ihr ſo ſelten zu Theil werdenden Wonne einige Augenblicke ungeſtört bleiben zu dürfen. Nach einigen Tagen befand ſich Helena Abends allein zu Hauſe. Evert war im Ritterhauſe und unſere junge Frau hatte beſchloſſen den Abend allein zuzu⸗ bringen, als Ingrid eintrat. „Die Frau Baronin Ernſtein wünſcht Euer Gna⸗ den zu ſprechen. Sie behauptet daß Euer Gnaden ſie gewiß empfangen werden, um ſo mehr als der Herr Bezirksrichter ſie verſichert habe daß Euer Gnaden zu Hauſe ſeien.“ „Heiße ſie willkommen,“ fagte Helena und er⸗ hob ſich um in den Salon hinauszugehen. „Ueberflüſſig, liebe Freundin, hier bin ich; wir brauchen nicht mit großen Ceremonien im Salon zuſammenzukommen,“ rief die Baronin.„Aber Du darfſt Dir nicht einbilden daß ich allein komme. Nein, Gott bewahre Dich davor daß Du den ganzen Abend mit mir allein zubringen müßteſt! In einer halben Stunde haſt Du das Haus voll von Leuten aber eine ganz neue Geſellſchaft, nämlich einige a gezeichnete Literaten nebſt Graf Uno Kerner un 149 Sappho. Wir werden eine allerliebſte Soiree mit Muſik und Poeſie haben, juſt eine ſolche die für Dich paßt.“ Eine halbe Stunde ſpäter waren zehn Perſonen beiſammen. Man muſicirte, ſprach von Literatur, und zum erſten Mal fand Helena daß auch das Ge⸗ ſellſchaftsleben ſeine Annehmlichkeiten haben kann; aber es war auch keine große Societät, ſondern ein ausgeſuchter kleiner Kreis von geiſtreichen Perſonen. Helena war und ſprach mit einer Hingebung die ſie wahrhaft ſchön machte. „Würdeſt Du Dich nicht überreden laſſen, wenn wir Alle uns vereinigten Dich um eine Improviſa⸗ tion zu bitten?“ ſagte Sappho.„Wir geloben ein unverbrüchliches Schweigen.“ Ueber Helenas eben noch vor Freude ſtrahlendes Geſicht lagerte ſich eine Wolke und ſie antwortete mit entſchiedenem Ernſt im Tone: „Ich habe ſchon vor mehreren Jahren mir ſelbſt ein heiliges Gekübde gethan daß ich mich nie mehr mit dergleichen befaſſen wolle, und ich kann und will dieſem Verſprechen nicht untreu werden.“ Sie bemerkte daß Uno ſeine Augen feſt auf ſie heftete, und dunkle Röthe bedeckte ihre Wangen, als ſie ſich ſeiner Aeußerung erinnerte wodurch ſie zu ihrem Vorſaz veranlaßt worden war. „Machen Sie dießmal nur eine einzige Aus⸗ nahme!“ rief Alles um ſie her. „Man darf bei einem Gelübde keine Ausnahme achen, und da ich verſichere daß ich es nicht ein⸗ meinem Manne zu Liebe that, ſo hoffe ich, 150 Sie werden einſehen baß ich es auch jezt nicht thun kann.“ Die Frage ſiel, aber Uno und Helena betheilig⸗ ten ſich nicht mehr ſo lebhaft beim Geſpräch. Eine Weile nachher trat Uno zu Helena und ſagte: „Sie können doch nichts vergeſſen.“ Damit ſezte er ſich neben ſie. „Warum ſagen Sie das?“ „Weil ich glaube daß dem genannten Gelübde eine kleine Rache zu Grunde liegt.“ „Eine Rache? An wem könnte ich mich rächen wollen?“ „An mir.“ „An Ihnen, Uno! Sie denken nicht wie Sie ſprechen. Könnte ich mich dadurch rächen daß ich Ihnen eine Uannnehmlichkeit erſpare?“ „Ei ſieh da! Noch nach mehreren Jahren ärgern Sie ſich über die Worte die ich das erſte und ein⸗ zige Mal als ich Sie improviſiren hörte äußerte. Sie können es nicht verzeihen daß ich Ihnen meine Vewunderung verweigerte.“ „Welches ſonderbare Mißverſtändniß!“ „So geben Sie mir eine Erklärung.“ „Jezt nicht.“ Helena verließ Uno und miſchte ſich in das Geſpräch der Uebrigen. Der Graf blieb ſizen und ſchaute ihr nach; aber in ſeinem Geſichte lag eine eigenthümliche Miſchung von Spott und Wehmuth. Tags darauf finden wir Helena bei Graf Ru⸗ bens, wo nur einige Verwandte ſich zuſammeng funden hatten. Ochard politiſirte mit den äl Herren und ſprach von der geſtrigen Debatte 151 Ritterhaus. Der Bezirksrichter galt für einen aus⸗ nehmend guten Kopf, weil er gewandt ſprach und mit Leichtigkeit ſchrieb. Niemand unterſuchte näher wie viel in ſeinen Reden und Schriften ihm ſelbſt gehörte oder entlehnt war. Man fand ſie populär und das darin enthaltene Urtheil ſtets triftig: eine Meinung welche Evert auf verſchiedenen Umwegen dem Publicum beizubringen gewußt hatte. Die Baronin Ernſtein ſang ein Duett mit Herrn B—. Helena ſaß in einer Sophaecke und lauſchte. Als der Geſang zu Ende war, trat Uno zu ihr hin und ſagte: „Sie blieben mir geſtern eine Erklärung ſchul⸗ dig; ich erbitte ſie mir jezt.“ „Wozu dieſe veralteten Geſchichten wieder auf⸗ wärmen?“ antwortete Helena mit leichtem Erröthen. „Sie waren noch nicht im Stande Charactere wie der meinige iſt zu begreifen.“ „Aber, Helena, Sie ſind zu gerecht um mich ohne alle Erklärung zu laſſen.“ „Nun wohl, ſo will ich Ihren Willen thun.“— Unos Blick beherrſchte ſie gleichſam durch den Ernſt der darin lag.„Sie glauben mich dadurch belei⸗ digt zu haben daß Sie meinem geringen Im⸗ proviſationstalent Ihre Huldigung verweigerten. Aber Sie täuſchten ſich. Ich erwartete und begehrte Ihre Huldigung niemals; dagegen haben Sie mich dadurch ſchwer verlezt daß Sie mir alles Herz und Gefühl abſprachen und mich für ein kleinliches Weſen erklärten das nur nach fremdem Beifall ſtrebe. Sie hielten mich für eine eitle Närrin und begingen da⸗ ————— legte mir damals die Strafe auf niemals wieder Ehrgeiz und in meinem früheren Benehmen . durch eine Ungerechtigkeit gegen mich. So dachte ich damals, aber jezt... Sie verſtummte. Es lag ein wehmüthiger Zug in ihrem Geſichte. „Bitte, fahren Sie fort,“ ſagte Uno. Sie ſah ihn mit ihrem offenen, ehrlichen Blicke an. „Jezt wäre ich beinahe im Stande Ihnen für das ſtrenge Urtheil zu danken.“ 6 „O Helena, Sie werden bitter.“ „Keineswegs. Ihre Behauptung daß ich eitel ſei, daß ich vor Verlangen nach Schmeicheleien und Lobſprüchen brenne, hat mich auf Gedanken ge⸗ führt in deren Folge ich mein Inneres erforſchte und fand daß ich gegen dieſe Lobſprüche nicht ſo unempfindlich war als ich ſelbſt geglaubt hatte. Ich vor Andern als Improviſatrice aufzutreten und in dieſer Eigenſchaft meinem Verlangen nach Lobſprü⸗ chen keine Nahrung mehr zu geben. Ich würde mich vor mir ſelbſt ſchämen, wenn ich geſtehen müßte daß ich eine Sclavin meiner Eitelkeit ſei.“ „Sie haben ſeitdem nie wieder improviſirt?“ „Nie, wenn Jemand es hörte.“ „Aber Sie haben Ihre poetiſchen Verſuche her⸗ ausgegeben. Liegt nicht eben ſo viel Eitelkeit darin wenn Sie den Leuten durch den Druck Gelegenheit geben Ihr Genie zu bewundern, als wenn Sie dieſe poetiſchen Eingebungen ſelbſt declamirten?“ Helena nickte. „In meiner ſpätern Handlungsweiſe liegt m Eitelkeit.“ 153 „Ehrgeiz! Was iſt dieſer wohl anders als Eitelkeit? Das Verlangen nach Beifall liegt beiden Gefühlen zu Grunde.“ Helena ſchwieg, weil ſie jezt einen Boden betre⸗ ten hatte wo ſie Stillſchweigen beobachten mußte; denn ſie konnte als Frau nicht ſagen: Mein Mann iſt es der meine poetiſchen Verſuche herausgab, als Erſaz dafür daß ich nicht improviſire. Seine Eitel⸗⸗ keit bedarf meines Genies um damit zu glänzen. „Ob Sie ſich wohl ſelbſt ganz klar beurtheilen? Oder glauben Sie wirklich daß Sie mit dieſem Vorſaz nicht als Improviſatrice aufzutreten Ihre Eitelkeit überwunden haben?“ „Ja, das glaube ich.“ „Und dieſe Prachtliebe, dieſer Luxus womit Sie ſich umgeben, das Leben das Sie führen, was ſind die Beweggründe zu allem dem?“ „Eitelkeit,“ antwortete Helena mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln.„Doch warum länger dieſen Gegenſtand fortſezen? Wenn wir unſere Begierden in einem Fall überwinden, ſo finden wir ſie in einem andern wieder vor.“ Bei dieſen Worten Helenas erheiterte ſich Unos Geſicht, und ſeine Augen ruhten mit warmer Theil⸗ nahme auf ihr. Sie fuhr fort: 6 „Erklären Sie mir den Widerſpruch in Ihren Worten, Uno. Auf dem Ball bei Ernſteins forder⸗ ten Sie mich auf ehrgeizig zu werden. Heute wo ich Ihnen ſage daß ich meine Gedichte aus purem Ehrgeiz habe drucken laſſen, behaupten Sie Ehrgeiz und Eitelkeit ſei ein und daſſelbe.“ Sie haben ihren Grund in einem und dem⸗ den ich mir einmal gegen Genies im Allgemeinen„ 154 ſelben Gefühl. Der Ehrgeiz iſt nur ein höheres und edleres Verlangen nach Beifall. Der Ehrgeizige trachtet nach einem Namen womit man den Begriff von etwas Ungewöhnlichem, Edlem oder Erhabenem verbindet; er arbeitet für die Zukunft, für die Achtung Anderer. Der Eitle dagegen will um Lappalien willen gelobt, geſchmeichelt, gehätſchelt und vergöttert werden. Der Beifall des Augenblicks iſt dasjenige wornach er ſtrebt. Als der Vorderſte zu erſcheinen, bemerkt zu werden, Andere zu verdun⸗ keln, darnach geht ſein Dichten und Trachten; er opfert Alles damit man ihm ſchmeichelt, damit er einen Haufen gedankenloſer Thoren um ſich verſam⸗ melt ſieht, die ſeiner Pracht, ſeinem Reichthum und ſeiner Narrheit huldigen. Dieß iſt das Endziel der Eitelkeit. Nun wohl, Helena, einer geiſtreichen Frau mag es anſtehen ehrgeizig zu ſein; die Eitelkeit er⸗ niedrigt ſie.“ „Sie täuſchen ſich. Die Eitelkeit kommt der Frau zu, der Ehrgeiz dem Mann. Er gehört der Welt an, ſie dem Geſellſchaftsleben.“ Eine augenblickliche Pauſe entſtand. Endlich begann Uno wieder: „Sie grollen mir alſo nicht wegen des Ausfalls und gegen Ihr Genie insbeſondere erlaubte?“ „Grollen? Haben Sie wirklich geglaubt daß ich einen Groll hege?“ „Ein einziges Mal glaubte ich es nicht,“ ſtam⸗ melte er. S.die fragte nicht: Wann; ſie ahnte es, und di lebhafte Farbe auf ihren Wangen veranlaßte Uno 155 vermuthen daß es ſich ſo verhalte; aber wie es auch damit beſtellt war, ſo fuhr ſie in ruhigem Tone fort: „Der kindiſche Aerger den ich im Anfang empfand iſt längſt verſchwunden, und ich glaube mich Ihnen zu Dank verpflichtet für die Aufmerkſamkeit womit ich in Folge Ihrer Bemerkungen meinen innern Menſchen erförſchte.“ „Und wollen Sie mich hinfort als einen Freund betrachten der das Recht hat aufrichtig mit Ihnen zu ſprechen?“ „Ja, das will ich.“ „Geben Sie mir Ihre Hand zum Beweis daß wir Freunde ſind.“ Helena legte ihre Hand in die ſeinige. „Dank! Sie ſollen es nie zu bereuen haben daß Sie mir Ihre Freundſchaft ſchenkten.“ Als Uno aus aufrichtigem Herzen dieß Verſpre⸗ chen gab, lachte ſicher Asmodi hinter ſeinem Rücken und breitete beſchwörend ſeine Hände über beide aus. Juſt in dem Augenblick wo ſie ihm ihre Hand reichte, kam Evert hinzu. „Was ſchließt meine Helena mit unſerem gräf⸗ lichen Freunde ab?“ fragte er mit dem herzlichſten Tone von der Welt, ganz verſchieden von demjeni⸗ gen womit er ſie ohne fremde Zeugen anredete. „Uno und ich haben einander Freundſchaft ge⸗ lobt,“ antwortete Helena und reichte Evert die Hand. „Das paßt vortrefflich, da auch ich das Glück habe mich unter ſeine Freunde zählen zu dürfen, des war mir immer ſchmerzlich ſehen zu müſſen ihr Beide einander ſeindlich gegenüberſtandet. „ 156 Apropos, beſter Kerner, ich habe Dich um Etwas zu bitten.“ Helena ſtand auf und Evert ſezte ſich an ihren Plaz. Nach dieſem Abend war Uno ein täglicher Gaſt bei Ochards. Der unermüdliche Evert, der nicht wußte wie er ſich auf alle erdenkliche Art auszeich⸗1 nen ſollte, hatte jezt zwei Empfangstage in der Woche eingerichtet. An einem ſah man Künſtler, Literaten und Muſiker, am andern verſammelte ſich der vornehme Theil ſeines Geſchäftskreiſes, und dann wurde Alles aufgeboten um dieſe Gäſte zu erheitern und zu zerſtreuen, da ſie durch den Glanz ihres Namens und ihrer Reichthümer einen Widerſchein auf ihren Wirth warfen. In den erſten Tagen des Monats März wurde Evert Ochard zum Aſſeſſor ernannt. Man feierte das große Ereigniß durch ein prächtiges Bankett am blauen Thor, und einige Tage ſpäter gab der neue Aſſeſſor einen glänzenden Ball. Man hatte bereits zu tanzen angefangen und. noch war Uno nicht gekommen. Er hatte ſich eine ganze Woche nicht blicken laſſen. Verwundert über ſein Ausbleiben ſchaute Helena„ öfter als gewöhnlich nach der Thüre. ⸗ Ihr ehemaliger Lehrer, Magiſter und jezt Rec⸗ tor Dahl, war auch geladen. Er war vierzehn Tage vorher nach Stockholm gekommen um ſich daſelbſt aufzuhalten und Einſicht von dem Schulweſen nehmen. Bei ſeiner Ankunft in Stockholm ei die Familien Rubens, Kerner und Ochard zi . 157 ſuchen. Zu Helena kam er zufällig bei einer der literariſchen Soireen. Uno war auch da. Dahl wurde von Helena mit der ganzen unverſtellten Freude empfangen die ſie beim Wiederſehen em⸗ pfand. Seitdem war Uno nicht mehr, weder bei Hchard, noch ſonſt wo mit ihm zuſammengetroffen. Man hatte den zweiten Walzer begonnen, wel⸗ chen Helena zum großen Verdruß ihres Mannes mit dem Schullehrer Dahl tanzte. Juſt als ſie an der Saalthüre vorüberwalzte, meinte ſie ein finſteres Geſicht, umgeben von ſchwarzem Haar und Bart, und ein blizendes Augenpaar zu bemerken. Aber ſie war nicht recht ſicher ob die Erſcheinung wirilich oder nur eingebildet war; denn als ſie das zweite Mal vorbeitanzte, ſah ſie den Mapn nicht mehr. Endlich war der Walzer vorbei und Dahl führte Helena in den Salon. Da war Femand der ſie aus der Ferne mit einem kalten Blick und ſteifen Bückling begrüßte. Es war— Und. Sein Gruß und ſein ganzes Benehmen befrem⸗ dete ſie im höchſten Grad; zumal da der Umgang zwiſchen ihnen ſich in der lezten Zeit durch eine freundliche und einfache, gänzlich zwangloſe Vertrau⸗ lichkeit ausgezeichnet hatte. Sie behandelte ihn wie einen Bruder. Dieß war ihr um ſo leichter ge weſen, als ſein ganzes Benehmen ihr gegenüber weit entfernt von der Galanterie war die ſonſt bei den Männern gewöhnlich iſt. In allen ſeinen Bewegun⸗ gen hatte eine ſolche Ruhe gelegen daß Helena ſich in ſeiner Nähe ganz zuverſichtlich fühlte und ſich ie mindeſte Unruhe der Annehmlichteit ſeines angs hingab. 158 Jezt lag hinter ſeinem ſteifen und abgemeſſenen Gruß etwas Unruhiges und Fremdes das eine eigenthümliche Scheu bei ihr hervorrief. Den ganzen Abend näherte er ſich ihr nicht und nahm keinen Theil am Tanzen, ſondern beſchränkte ſich auf eine paſſive Zuſchauerrolle. Während des Soupers unterhielt er ſich mit dem Grafen Oscar Kerner. Helena ſaß nicht weit da⸗ von und hörte lezteren ſagen: „Glaubt man denn allgemein daß Ochard den Angriff gegen Gran geſchrieben habe in Folge deſſen lezterer übergangen wurde?“ „Ja, man iſt feſt davon überzeugt. Es wäre ſehr ſchlimm für Ochard, wenn er ſich eine ſolche Schlechtigkeit erlaubt hätte, denn es iſt eine große Ungerechtigkeit gegen Gran begangen worden, und Ochards Ernennung hat allenthalben ein großes Aergerniß verurſacht, weil Gran, der ein höchſt ver⸗ dienſtvoller Mann iſt, übergangen wurde.“ „Ich für meinen Theil glaube nicht daß Ochard ſich zu einer ſolchen Gemeinheit hergeben konnte. Ich traue ihm zu viel Ehre zu um ſich dadurch em⸗ porzuſchwingen daß er einem Cameraden ſeinen guten Namen obſchneidet.“ Pah! Er iſt ein eitler Mann, und für einen ſolchen gilt weder Ehre noch Collegialität, ſondern 6 er will bloß um jeden Preis ſich auszeichnen.“ 3 Helena zog ſich zurück ohne daß die Sprechen⸗ den bemerkten daß ſie ihnen zugehört hatte. Aber in ihrem Herzen regte ſich ein bitterer Schmer Einige Augenblicke ſpäter befand ſie ſich Uno — — 6 Zeiten wenn er ſtichelte. 159 Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. Jezt konnte er nicht umhin mit ihr zu ſprechen. „Sie befinden ſich doch wohl, hoffe ich?“ „Vollkommen, Graf,“ antwortete Helena.. „Man befindet ſich immer wohl wenn man glück⸗ lich iſt.“ „Und man iſt immer glücklich wenn es denjeni⸗ gen die man liebt wohl ergeht. Meines Mannes Beförderung iſt ja für mich ein natürlicher Grund zur Freude.“ „Wirklich? Ich glaubte nicht daß Sie einen ſo innigen Antheil an ſeinem glänzenden Erfolg nehmen würden, einem Erfolg der einer andern Fa⸗ milie tiefen Kummer verurſacht hat. Ich glaubte übrigens daß Ihr Glück von einer Perſon herkäme die ſich das Verdienſt Freude zu verbreiten mit größerem Recht zuſchreiben könnte.“ „Dann haben Sie Unrecht,“ antwortete Helena beinahe hochfahrend.„Meines Mannes Glück und Erfolg berühren mich aufs Innigſte, und ich habe eine zu hohe Meinung von ihm, um zu glauben daß er durch etwas Anderes als ſein Verdienſt ſo raſch vorangekommen iſt.“ „Aber das Wiederſehen alter Freunde, gilt das Ihrem Herzen nichts?“— Das Wort Herz wurde mit einer ſtarken Betonung ausgeſprochen. Helena fühlte ſich gereizt. Etwas von der früheren Bitter⸗ keit regte ſich in ihr, gerade wie in den ehemaligen „Es macht mir immer Freude meine wirklichen Freunde wiederzuſehen.“ „Und dieſe Freude haben Sie jezt mit vollen Zügen genießen dürfen. auch Glück.“ „Von wem ſprechen Sie? Ich liebe ſolche An⸗ griffe ohne Zweck und Ziel nicht. Sie gleichen Nadelſtichen welche reizen, ohne verwunden zu können.“ „Der Gegenſtand ſteht gerade vor uns.“ „Dahl!“ rief Helena, die ihre Augen aufſchlug und ihres Lehrers ſchönes und intelligentes Geſicht bemerkte.„Ja, Sie haben Recht, es war eine wirk⸗ liche Freude ihn wiederzuſehen. Er iſt mir ſtets ein wahrer Freund und unermüdlicher Lehrer geweſen.“ — Helena ſagte dieß mit unverſtellter Herzlichkeit. „Eine Freude für welche Sie wahrſcheinlich gerne die Ernennung Ihres Mannes und das ganze Glück er dadurch zu genießen ſcheint geopfert hätten?“ Sie ſah ihn mit einem ſtolzen Blick voll edeln Ausdruckes an. Darauf wandte ſie ſich um und verließ ihn. Deßhalb wünſchte ich Ihnen Am folgenden Tag zur Mittagszeit wurde Graf Uno Kerner angemeldet. Er hatte durch Ingrid ſagen laſſen daß er etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Kalt und mit hochgetragenem Koypfe erhob ſich Helena ihn zu empfangen. Sie ſtand am Kamin und lehnte ſich daran. 3 „Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht, Graf Kerner,“ ſagte Helena, indem ſie ſich ſezte und ihm mit der Hand einen Plaz anwies; aber er machte eine leichte Verbeugung und blieb ſtehen. 161 „Ich konnte der Regung meines Herzens nicht widerſtehen die mich hieher trieb um ein Verbrechen abzubitten. Ich möchte mich lieber Ihrem Zorn bloßſtellen, als das Bewußtſein in mir tragen daß ich ein Unrecht begangen und nicht abgebeten habe. Helena, verzeihen Sie die unbeſonnenen Worte die geſtern über meine Lippen kamen.“ „Ich bin zu tief verlezt worden um ſo leicht vergeſſen und verzeihen zu können.“ „Sollten Sie Worte nicht verzeihen können die unter dem Einfluß unklarer, wilder Gefühle geſpro⸗ chen wurden? Sollten Sie eine Ungerechtigkeit nicht verzeihen können die von einem Freunde begangen worden?“ „Eine Ungerechtigkeit wohl, aber eine Beleidigung nicht. Hätten Sie Freundſchaft für mich gehegt, ſo wäre es Ihnen unmöglich geweſen mich in Ihrer Achtung herabzuſezen, einem ſo erniedrigenden Arg⸗ wohn Raum zu geben, als ob ich eine ehrvergeſſene Gattin ſein könnte. Was hat Sie berechtigt ſo Etwas von mir zu glauben? In dem Augenblick wo Sie ſo von mir dachten, haben Sie mir die Achtung ent⸗ zogen die zu verdienen ich mir bewußt bin, und das kann ich Ihnen nicht vergeſſen.“ „Helena, hören Sie auf, ich bitte Sie! Zwingen Sie mich nicht zu der Selbſterniedrigung die Gefühle zu erklären die mich beherrſchten. O glauben Sie daß ich hart genug durch die Verachtung geſtraft bin die ich gegen mich ſelbſt hege. Seien Sie edel⸗ müthig! Seien Sie überzeugt daß ich mit inniger Hochachtung und Dankbarkeit Ihrer Nachſicht ge⸗ denken werde.“— Er ſtand ſo reumüthig da und Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau, 11 162 ſah ſie mit einem ſo ſchmerzvollen Blicke an. Sie konnte nicht umhin ihm die Hand zu reichen, wäh⸗ rend ſie mit einem wehmüthigen Lächeln ſagte: „Ich will das Vorgefallene zu vergeſſen ſuchen; die Erinnerung daran macht mich gar zu unglücklich.“ Sie beugte ſich hinab; einige Thränen ſielen auf ihre Hand. Beim Anblick dieſes Schmerzes entſtell⸗ ten ſich Unos Züge, und hätte ſie ihm ins Geſicht ge⸗ blickt, ſo würde ſie darin die Löſung für ſein räthſel⸗ haftes Benehmen gefunden haben. Uno drückte ſchwei⸗ gend die dargereichte Hand und es entſtand eine Pauſe. Endlich erhob ſie ihr Haupt und begann wieher 3 „Es iſt immer das Vorzugsrecht unſerer Freunde daß ſie uns tief verlezen dürfen. Aber reden wir nicht mehr davon; die Freundſchaft macht uns ja nachſichtig.“ Die lezten Worte ſprach ſie mit herz⸗ licher Güte aus. „Sie verſprechen mir fortwährend an meine Er⸗ gebenheit zu glauben?“ „Ich habe ja geſagt daß Alles vergeſſen ſei. Ich verſpreche nie etwas bloß halb.“ „Danke!“— Er küßte ihr die Hand. Sie war* todtenblaß als ſie ihr Haupt wieder auf⸗ richtete. Eine Zeit verfloß in deren Verlauf Uno ſeine ruhige und ernſt herzliche Art und Weiſe wieder; angenommen hatte. Helenas Geſundheit hatte ſeit einigen Tagen ge⸗ ſchwankt. Eines Morgens theilte Evert ihr mit d ſie von der ſchwediſchen Academie den zweiten Pr für ihr eingeſchicktes Gedicht erhalten habe, und er 163 gedenke aus dieſer Veranlaſſung an Helenas Ge⸗ burtstag einen größern Ball zu arrangiren, den lezten den er in dieſem Winter geben wolle. Sie machte einige Einwendungen gegen eine ſo großſprecheriſche Art ihre Auszeichnung zu feiern, erhielt aber darauf nur barſche Antworten, und dann verließ er ſie. In der Woche die zwiſchen dieſer Beſprechung und dem Feſtball lag war ſie ſo matt, daß ſie das Bett hüten mußte. Die Einladungen waren ausgefertigt, und Evert dachte mit Entſezen daran daß er die ganze Herrlichkeit werde abbeſtellen müſſen, eine Widerwärtigkeit wozu er ſich um keinen Preis hätte bequemen mögen. Er hatte bieſes Feſt zum glän⸗ zendſten während der ganzen Winterſaiſon zu machen gedacht und ſich in lieblichen Träumen über das Auf⸗ ſehen gewiegt das er damit erregen würde, und nun kam Helenas Krankheit dazwiſchen und drohte Allem ein Ende zu machen. Aber der Arzt hatte ja ge⸗ ſagt daß es nur eine leichte Erkältung ſei die ſich auf die Bruſt geworfen habe. Gewiß, mit einer kleinen Anſtrengung konnte Helena ihr Unwohlſein bezwingen. Er beſuchte ſeine Frau zwei Tage vor dem Ball, um ihr dieſen Fall klar zu machen. „Wie geht Dir's, Helena?“ fragte er, indem er vor dem Spiegel ſein Haar ordnete. „Ich glaube wirklich daß ich heute beſſer bin.“ „Das freut mich unbeſchreiblich, meine Liebe. Willſt Du nicht einen Verſuch machen Dich anzuklei⸗ den und ein wenig aufzubleiben?“ „Ich fürchte daß ich zu matt bin.“ „Wenn Du immer im Bette bleibſt, ſo matteſt Du Dich gänzlich ab.“ 164 „Ich will Deinen Willen thun, lieber Evert; das Sicherſte wäre indeß wenn Du Deine Einla⸗ dungen auf Freitag zurücknähmeſt.“ „Meine theure Helena, es würde mich zur Ver⸗ zweiflung bringen wenn ich dazu genöthigt wäre. Wenn Pu Deiner Einbildungskraft ein wenig Ge⸗ walt anthäteſt, ſo könnteſt Du ſehen daß Du Dein Unwohlſein leicht bemeiſtern würdeſt. Verſuche es mir zu Liebe!“— Er küßte ihr die Hände. Helena ließ ſich ankleiden, war aber ſo ſchwach, daß ſie ſich ſogleich auf einen Sopha legen mußte. Sie ſtellte ihm vor daß ſie ganz gewiß nicht im Stande ſein würde die Wirthin zu ſpielen, aber er wollte auf dieſem Ohr durchaus nichts hören. Der Balltag ſelbſt rückte heran. Helena war den Tag zuvor aufgeblieben, fühlte ſich aber ſo mitgenommen, daß ſie am großen Feſttag ſelbſt erklärte, ſie glaube nicht daß ſie alle dieſe Gäſte empfangen und es aushalten könne die halbe Nacht zu wachen. „Du bildeſt Dir bloß deßhalb ein daß Du ſo ſchwach ſeieſt, weil Du unaufhörlich daran denkſt,“ ſagte Evert und nöthigte ſie aufzuſtehen und einen Gang durchs Zimmer zu machen.„Siehſt Du, He⸗ lena, Du gehſt ja ganz feſten Schrittes. Wenn Du jezt am Vormittag ausruhſt, über Tiſch ein Glas Wein trinkſt und Dich ein wenig ſpät ankleiden läſſeſt, ſo wirſt Du ſehen daß Alles gut geht.“ „Der Arzt hat mir den Wein ausdrücklich ver boten,“ fiel Helena ein und hielt die Hand vor ihre ſchmerzenden Kopf. „Die Aerzte ſind Pedanten; Du wirſt ſehen da Du Deine Nachgiebigkeit nicht zu bereuen haſt, wenn 165 ꝙbu nur mir gehorchſt. Du biſt allerdings blaß, aber dem kann lkeicht abgeholfen werden. Ich beſize eine ausgezeichnet feine Schminke die ich Ingrid zu⸗ ſtellen will.“ „Soll ich mich ſchminken?“ rief Helena und ſah ihren Mann an.„Niemals!“ „Ei, ei, Helena, komm mir jezt nicht wieder mit Deinen Kindereien. Es gibt gewiß keine Frau von Welt die nicht zuweilen dieſes unſchuldige Mittel anwendet um zu gefallen; aber ich werde mit Dir immer kämpfen müſſen damit Du thuſt was klug und verſtändig iſt. Nie erfüllſt Du meine Wünſche ohne daß ich zuvor einen ſchweren Kampf mit Dir zu beſtehen habe. Es gefällt Dir wohl beſſer wenn man ſagt, Du ſeheſt leidend aus, Du ſeieſt eine unglückliche Frau. Vermuthlich iſt es Dein Wunſch mich als einen Deſpoten darzuſtellen?“ Helena ſchwieg. Zur Mittagszeit. kam Evert ſelbſt mit einem großen Glas Wein und einer Taſſe Bouillon herein. Sie genoß Beibes mit großer An⸗ ſtrengung. Der Wein ſteigerte das Fieber bedeutend und machte die Schminke ganz überflüſſig. Evert ſelbſt war äußerſt geſchäftig, während ſie ſich an⸗ kleidete, und ſorgte dafür daß ſie nach ſeinem Ge⸗ ſchmack aufgepuzt wurde. Als ſie fertig war und in den Salon hinaustreten wollte, war es ihr zu Muthe als ob der Boden ſchwankte und die Wände über ſie hereinfallen wollten, aber mit Hilfe von etwas Riechſalz überwand ſie dieſen Schwindel und ſchritt, auf Gverts Arm geſtüzt, mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft, hinaus um ihre Gäſte zu em⸗ pfangen. Bald darauf kamen dieſe. Helena lächelte 166 allen freundlich zu, aber Jedermann wunderte ſich über den Glanz in ihren Augen und die Unſicherheit ihrer Bewegungen. „Wie ſtehts, Helena?“ flüſterte Uno bei ſeinem Gruße, beinahe erſchrocken über die fieberhafte Glut in ihrem Blicke. „Nur eine kleine Unpäßlichkeit,“ antwortete Helena. Alle waren angekommen; man wartete nur noch auf Seine Excellenz D—, der es auf des Aſſeſſors Wunſch übernommen hatte Helena den academiſchen Preis zu überreichen. Endlich kam er. Mit der lezten Anſtrengung ihrer Kräfte erhob ſich Helena um ihm entgegenzugehen. Kaum war ſie halb durch den Salon gekommen, ſo war es ihr als ſei das ganze Zimmer ein Feuermeer, als öffne ſich der Boden und ſie ſtürze in einen brennenden Abgrund hinab. In demſelben Augenblick griff ſie an ihren Kopf, ſtieß einen Angſiſchrei aus und ſtürzte bewußt⸗ los zu Boden, wurde aber von ein Paar kräftigen Armen aufgefangen und aus dem Salon in ein Cabinet getragen wohin Emy ihr folgte. Es war Uno, der mit Schrecken allen ihren Bewegungen gefolgt und vorangeeilt war, als er ſie ſchwanken ſah. Er kam jedoch nicht bald genug um ihren Fall verhindern zu können. Nachdem er ſie auf dem Sopha niedergelegt hatte, ſtürzte er hinaus und eilte nach einem Arzt. Man umringte den verzweifelnden Evert, der unter Ausbrüchen ſeines Schmerzes rief: Ich agte ihr doch daß es ſo gehen würde, i wollte die Einladung zurücknehmen, aber ſie war eigenſinnig. Ach mein Gott, warum folgt ſie doch 167 meinem Rathe nicht!“— Dann eilte er hinaus und ſtürzte zu Helena hinein, während Jedermann ihn beklagte und ſie tadelte. Niemand in der Welt weiß Alles ſo gut zu ſei⸗ nem Vortheil auszubeuten wie ein eitler Menſch Selbſt der Kummer wird ein Mittel wodurch ein ſolcher ſich in ein intereſſantes Licht zu ſtellen und, je nach dem Bedürfniß des Augenblicks, Theilnahme oder Bewunderung zu wecken ſucht. Evert mit ſeiner Glanzſucht hatte dem Triumph nicht entſagen können einer zahlreichen Geſellſchaft zu zeigen wie die Excellenz D— ſeiner Frau den Preis überreichte, welchen die ſchwediſche Academie ihr zuerkannt hatte. Dieſen glänzenden Ball bloß einer Unpäßlichkeit wegen abzuſtellen und dem gan⸗ zen dadurch zu erzielenden Effect zu entſagen, dazu hatte er nicht die Kraft gehabt. Aber jezt, nachdem der Ausgang bewieſen hatte daß Helena kränker war als er glauben wollte, beeilte er ſich aus dem kum⸗ mervollen Ereigniß jeden nur möglichen Gewinn für ſeine Alles verſchlingende Eitelkeit zu ziehen. Er mußte alſo ſogleich ſich ſelbſt als denjenigen dar⸗ ſtellen der die kranke Helena hatte abhalten wollen Gäſte zu empfangen. Obſchon er bei Helenas Ohn⸗ macht einen gewiſſen Grad von Reue und eine wirk⸗ liche Betrübniß empfand, ſo waren doch ſeine Ge⸗ fühle nicht ſo tief, daß ſie die Stimme ſeiner Eitelkeit oder die Idee, was werden wohl Andere davon denken, zum Schweigen bringen konnten. Er erkannte ſogleich die Rothwendigkeit ſich ſelbſt als den U 168 ſchuldigen und Leidenden, Helena aber als die un⸗ bedachtſame Närrin darzuſtellen. Die Welt ſollte ihn als ein Ideal von einem Ehemann betrachten, der nur für ſeine Frau lebe und ſich in alle ihre Launen füge. Während er ſichs angelegen ſein ließ die Welt wiſſen zu laſſen daß Helena eine geiſtreiche und ausgezeichnete Perſönlichkeit ſei, die ihn aus Liebe gewählt habe, war es für ſeine nach allem möglichen Beifall dürſtende Seele ein Bedürfniß daß man ihn für den zärtlichſten aller Ehemänner hielt. Sein Lebenszweck war, ſowohl im Großen wie im Kleinen Beifall und Lob zu ernten. Wenn er mit ſeiner eleganten Equipage durch die Straßen Stockholms fuhr und die Leute ſich umwandten um ſeine Pferde zu bewundern, da ſchwoll ſein Herz von Freude. Wenn man am Tag nach einem von ihm gegebenen Ball oder Bankett ſich um ihn verſammelte und ſich in Lobſprüchen über ſeinen guten Geſchmack, ſeinen Reichthum und ſein Glück ergoß, dann war er ſo vergnügt, als hätte er ſich durch eine große und edle Handlung ausgezeichnet; kurz und gut: er wollte in allen Stücken Aufſehen erregen, ſich Huldigungen und Schmeicheleien er⸗ werben. Um dieſen Zweck zu erreichen verſchleuderte er ſein Vermögen; um eine Beförderung zu erwer⸗ ben, ließ er ſich zu Handlungen herab die ſich weder mit Ehre noch mit Gewiſſen vertrugen. Einem Orden zu Liebe hätte er alles Mögliche geopfert, ſogar ſeine Ueberzeugung, wenn man überhaupt von einem u Mann ſagen kann daß er eine Ueberzeugung abe. 5 Am Tag nach dem Ball lag Helena ſchwer er⸗ 169 krankt darnieder. Die anfangs unbedeutende Erkäl⸗ tung hatte ſich in Folge des unzeitigen Aufſtehens zu einer heftigen Lungenentzündung geſtaltet. Am Morgen war die Straße vor ihrer Wohnung mit Stroh bedeckt, eine Maßregel welche Evert mehr aus Eitelkeit als aus Vorſorge um ſeine Frau ver⸗ anlaßt hatte; denn das Schlafzimmer lag gegen den Hof hinaus, ſo daß das Wagengeraſſel nicht ſehr beläſtigen konnte. Abends las man in den Zeitungen, wasmaßen die geiſtreiche, von der ſchwediſchen Aca⸗ demie gekrönte junge Dichterin, Frau von Ochard, ſo gefährlich erkrankt ſei, daß man für ihr Leben fürchte. Evert hatte ſelbſt im Geheimen für die Bekannt⸗ machung der genannten Anzeige geſorgt. Wenn man Vermögen hat, ein großes Haus führt und in der großen Welt mitten im Gewimmel der Thorheiten lebt, dann fehlt es nie an Freunden die bereit ſind mit Pauken und Trompeten deine Erfolge zu ver⸗ künden oder deine Kümmerniſſe zu beklagen, ſofern dieſe Kümmerniſſe ſich nicht öconomiſche Mißſtände nennen laſſen, denn dann bleiben die Freunde ſo⸗ gleich ſtille weg und ziehen ſich eiligſt zurück. Im Vorzimmer ſaß Everts Bedienter mit einem Verzeichniß worin er Alle einſchrieb die nach Helenas Befinden ſich erkundigen ließen oder perſönlich kamen. Er ſelbſt konnte ſich nicht auf dem Hofgericht ein⸗ finden, ſondern war ein Bild der leibhaftigen Ver⸗ zweiflung. Wir würden von der Wahtheit abweichen, wenn wir behaupten wollten daß der Kumm den er zeigte ganz erheuchelt war; aber er ließ doch einen größeren Grad davon erſcheinen, als ſein Herz 170 fühlte, wobei er unausgeſezt ſein Bild im Spiegel betrachtete, ſein Haar beſtändig in einer eigenthüm⸗ lichen melancholiſchen Ordnung hatte und ſeinem Ge⸗ ſicht ein möglichſt niedergeſchlagenes Ausſehen gab. Möge Niemand darum unſern jungen Aſſeſſor für herzlos halten; nein, er war wirklich betrübt und wünſchte Helena durchaus nicht zu verlieren; aber kein Kummer, keine Freude, kein Gefühl in ſeiner Bruſt vermochte ſeine Eitelkeit zu überſtimmen. Während er unruhig im Zimmer auf und ab wandelte, ſeußzte, ſich ſpiegelte und ſich höchſt auf⸗ geregt und ängſtlich geberdete, ſaßen an Hele⸗ nas Krankenlager zwei Perſonen und betrachteten ihr glühendes Geſicht, indeß ſie mit wahrer Angſt und Unruhe auf ihr Gerede achteten. Dieſe beiden Perſonen waren Gräfin Emy und ihre Tochter Ebba. Einmal ums andere trat Evert herein, ging auf das Bett der Kranken zu, ſeufzte und ſah verzweiflungs⸗ voll die Gräfin an. Zur Mittagszeit kamen die beiden gerufenen Aerzte zum dritten Mal. Evert drückte ihnen die Hände und fragte ſie mit der größ⸗ ten Unruhe aus. Als ſie ſich wieder entfernten, ſagte Doctor M—, der ihr Hausarzt war: „Der Aſſeſſor hätte der gnädigen Frau nie er⸗ lauben ſollen dieſen Ball zu geben, da ſie ſo krank war. Jezt weiß Gott allein wie es geht.“ Spät am Abend, als Ingrid in ihr Zimmer kam, blieb ſie erſchrocken ſtehen und hätte beinahe auf⸗ geſchrien, denn im Sopha ſaß ein Herr; aber da er in demſelben Augenblick aufſtand und ihr ein zu entgegentrat, erkannte ſie den Grafen Uno. 171 „Wie ſtehts mit Deiner Gnädigen, Ingrid?“ fragte der Graf, indem er mit düſterem Blick ihr verwein⸗ tes Geſicht betrachtete. Er war ſo unnatürlich blaß und ſah ſo unheimlich aus, daß Ingrid mehr ein Geſpenſt als einen Menſchen vor ſich zu haben glaubte. „Es ſteht ſehr ſchlecht, Herr Graf,“ antworteie Ingrid weinend. Er ergriff ihren Arm und fragte heftig:„Was ſagten die Aerzte heute Abend?“ „Sie gaben weniz Hoffnung.“ Er legte die Hand auf ſeine Stirn und ging raſch einige Male im Zimmer auf und ab, dann warf er ſich auf Ingrids Sopha. „Wer iſt jezt bei ihr?“ „Die Gräfin Rubens. Das Fräulein iſt heim⸗ gefahren, aber die Gräfin bleibt heute Nacht hier.“ Uno nickte Ingrid zu und ging. Nächte und Tage vergingen unter großer Angſt für Helenas Freunde. Ingrid wich nicht von ihrem Bette; Tag und Nacht blieb ſie bei ihr, und wenn die Gräfin verlangte daß ſie einige Ruhe genießen ſollte, ſo lautete die Antwort: „Wenn ſie ſtirbt, ſo will ich gerne mitſterben.“ Jeden Abend fand ſich Uno in Ingrids Zimmer ein, immer gleich blaß und mit allen Zeichen tiefen Kummers. Dreizehn Tage— wie ſchnell enteilen ſie nicht, wenn Geſundheit und Freude uns entgegenlächeln! wie unendlich lang ſind ſie ncht, wenn wir am Krankenlager einer geliebten Perſon wachen und jede Stunde, jeden Augenblick mit Angſt und Zittern fürchten daß ſie uns entriſſen werden möchte! Dieß empfanden Emy, Ebba und Ingrid die ganze Zeit über, ſo lange Heleng zwiſchen Leben und Tod ſchwebte. 172 Auch für Evert war es eine ſchmerzliche Zeit, aber ſie wurde ihm doch weniger lang, denn er beſaß ja manche Zerſtreuung dadurch daß er die Wirkungen ſeiner Handlungen berechnete, daß er bedachte was die Leute ſagen, welche Theilnahme ſie ſeiner eigenen Perſon ſchenken würden. Der vierzehnte Tag war eingetreten und mit 6 ihm eine obſchon nur unbedeutende Beſſerung. He⸗ lena ſchlummerte am Abend ungewöhnlich ruhig, und Ingrid benüzte die Gelegenheit um ſich in ihr Stübchen zu ſchleichen. „Wie ſtehts?“ ſo lautete die gewöhnliche Frage die ihr jeden Abend von derſelben zitternden und unruhigen Stimme entgegentönte. „Etwas beſſer.“ „Beſſer!“ rief Uno, indem er aufſprang. 16 „Ja, ſie ſchläft, und das Fieber hat bedeutend nachgelaſſen; überdieß athmet ſie leichter, und die Doctoren waren heute Abend zufriedener als je zuvor.“ Eines ſchönen Vormittags in der Mitte Aprils beſuchte die Baronin Auguſte ihre Freundin He⸗ lena, die jezt angekleidet auf einem Sopha im Schlaf⸗ zimmer lag. Die Aerzte hatten ihr noch nicht erlaubt die Krankenſtube zu verlaſſen, denn ſie war noch immer äußerſt ſchbhh Als Auguſte wegging, traf ſie Evert im Salon. „Ah, Sie ſind noch zu Hauſe? Ich glaubte, Sie zen im Geſezgebungsausſchuß der heute Si⸗ zung hält,“ ſagte Auguſte. „Er kommt nicht heute zuſammen, ſondern mor⸗ 173 gen. Uebrigens wäre ich jedenfalls weggeblieben weil ich Sie zu treffen wünſchte.“ Evert ergriff Auguſtens Hand.„Dank für die Theilnahme die Sie mir während Helenas ſchwerer Krankheit be⸗ wieſen. Ihre Freundſchaft war das kräftigſte Troſt⸗ mittel. In ihr habe ich eine Spur der früheren * Ergebenheit zu erkennen geglaubt. Habe ich Unrecht gehabt?“ Ervert ſah ſie zärtlich an und küßte ihre * Hand mit Wärme. Die Baronin zog ihre Hand zurück, aber nicht heftig, ſondern mit einer vollkommen gleichgiltigen Bewegung. Sie ſezte ſich in einen Lehnſtuhl und ſagte mit der ruhigſten Stimme von der Welt.: „Sie haben ſich ungehener getäuſcht, mein Herr. Meine Theilnahme galt nicht im Geringſten 15 Ihnen, ſondern lediglich Helena, die ich von ganzem Herzen liebe.“ „Sie ſind grauſam, Auguſte. Wollen Sie mit dieſen kalten Worten ſagen daß ich Ihnen eine ts gleichgiltige Perſon ſei? Aber warum uns Beide mit dieſer Sprache täuſchen? Oder glauben Sie nicht daß ich aus der Rührung meines eigenen Herzens auf die Ihrige ſchließen könne? Ich verſtehe ſelbſt am beſten die Gefühle zu deuten die Sie für He⸗ lena hegen.“ „Laſſen Sie hören!“ 5 „Auguſte“— er ſezte ſich neben ſie und fuhr mit geſenkter, aber lebhafter Stimme fort—„Sie wiſſen ſo gut wie ich ſelbſt daß mein Herz nie auf⸗ gehört hat Sie zu lieben, daß ich noch in dieſem Augenblick dieſelbe Liebe für Sie hege, wie zut Zeit da wir uns durch die Noth gezwungen trenſen 174 mußten. Wenden Sie ſich nicht mit Stolz von mir ab, denn ich habe in Ihrem Herzen geleſen und ge⸗ funden daß die Freundſchaft die Sie Helena zeigten nur ein Schleier über die Liebe war die Sie mir noch bewahrt haben. O wie habe ich Ihnen in meinem Herzen dafür gedankt! Wie bete ich Sie an!“ Evert beugte ein Knie vor Auguſte.—„HO laſſen Sie mich durch einen Blick, ein Wort, eine einzige Geberde eine Beſtätigung deſſen erhalten„ was ich errathen zu können geglaubt habe.“ „Stehen Sie auf, mein Herr, und bedenken Sie daß im zweiten Zimmer die Frau liegt welche Sie durch eine erheuchelte Liebe zu täuſchen gewußt ha⸗ ben. Ihre Worte würden mich beleidigt haben, wenn irgend ein Anderer als Sie dieſelben ausge⸗ ſprochen hätte. Meine Antwort auf das was Sie vermuthen zu können meinten lautet: Sie ſind ein eingebildeter Narr. Zeigen Sie ſich nicht ſo ver⸗ lezt durch meine Worte, ſondern laſſen Sie uns ein⸗ mal einander recht verſtehen und die Sache ruhig beſprechen. Betrachten Sie mich genau. Sehe ich aus als ob ich von einer unglücklichen Liebe ge⸗ quält würde? Bin ich melancholiſch, milzſüchtig, bleich? Nichts von all dem. Ich bin heiter, ich ge⸗ nieße das Leben und fühle mich ganz glücklich“ „Gewiß ſind Sie auch in den Gatten verliebt den Sie gewählt haben,“ fiel Evert ironiſch ein. „Ihre Bemerkung iſt höchſt unpaſſend, mein Herr, Ich liebe meinen Mann nicht, aber ich bin dankbar gegen ihn, und ſo ſchwach und leichtſinnig ich auch ſein mag, ſo hege ich doch Achtung vor ½ mir ſelbſt und vor dem Namen den er mir geſchenkt ½ 175⁵ hat. Ich werde alſo nie vergeſſen was er zu for⸗ dern berechtigt iſt, nämlich daß ich ihn und mich ſelbſt genug achte um mich nicht zu der verächtlichen Rolle zu erniedrigen daß ich mit dem Manne mei⸗ ner Freundin eine Liebesintrigue anſpinnen ſollte.“ „Ach, Madame, Sie ſind wahrhaft grauſam,“ ſagte Evert. „Grauſam? Hören Sie mich einmal an: Sie lieben mich eben ſo wenig als ich Sie liebe; aber Sie wiſſen daß ich zu Denjenigen gehöre die in der Mode ſind, und Sie hätten Nichts dagegen wenn man Sie für den Mann hielte den ich mit meiner Liebe beehrte. Es würde Ihrer Eitelkeit ſchmeicheln für den Gegenſtand zu gelten mit welchem die Ge⸗ fühle der reichen Baronin Ernſtein ſich beſchäftigen, ſo daß man laut ſagen würde, mein Herz habe an Ihrer unwiderſtehlichen Liebenswürdigkeit Schiffbruch gelitten. Das wäre ein Triumph womit Sie gerne prahlen möchten.“ „Und aus Furcht davor verweigern Sie mir Ihre Theilnahme?“ „Nicht aus Furcht, ſondern aus Aufrichtigkeit. Als Sie eine junge, ſchöne und reichbegabte Frau in die Welt hinausführten, näherte ich mich ihr, weil ich, die ich Sie geliebt und jezt, nachdem der Wahn verſchwunden war, Ihren Character durchſchaut hatte, die Frau zu ſehen wünſchte die ihr Schickſal mit dem Ihrigen verknüpfte. Beſizt ſie Herz, dachte ich, ſo wird ſie unglücklich ſein an der Seite eines Mannes deſſen Eitelkeit alle andern Gefühle unter⸗ drückt. Nun wohl, mein Herr, glauben Sie wohl daß eine Perſon von irgend welchem Sinn und 176 Gefühl für das Schöne und Gute Helena zu kennen vermöge ohne ſie zu lieben?“— Die Baronin ſtand auf und reichte ihm die Hand, indem ſie hinzufügte: „Ich bin aus aufrichtigem Herzen die Freundin Ihrer Frau, aber für Sie bin ich nichts.“ Ganz verblüfft über die empfangene Lection, küßte Evert die dargebotene Hand; aber als die Baronin fort war, richtete er ſich in ſeiner ganzen Länge auf und murmelte: „Dieſe Demüthigung ſollſt Du mir einmal büßen.“ Auguſte hatte ſeine Eitelkeit tödtlich verlezt; ſie hatte ſich unterſtanden zu finden daß ſeine Frau mehr Hingebung und Theilnahme verdiene als ihr Mann, und was das Allerſchlimmſte war, ſie hatte ihm zu verſtehen gegeben daß ſie ſeine Hauptſchwäche kannte. Der eitle Menſch will Andere nicht bemer⸗ ken laſſen daß er von dieſer Leidenſchaft beherſcht wird, ſondern er möchte ſeinen Handlungen gerne einen edeln und erhabenen Character aufdrücken. Eines Nachmittags am Ende Aprils hatten die Familien Rubens und Kerner, wie auch Uno und Baronin Ernſtein ſich bei Ochards eingefunden um Helena zu ihrer Geneſung Glück zu wünſchen. Man wollte ein kleines Freudenfeſt feiern, als ſie ihr Schlafzimmer zum erſten Mal verließ. Dieß war eine Veranſtaltung von Evert, der Helena angenehm überraſchen wollte, und er hatte ſich darauf beſchränkt ihre wahrhaft ergebenen Freunde einzuladen. Uno hatte er aus einem rein perſönlichen Intereſſe dazu gebeten.“ Als Alle da waren, ging Evert zu Helena hin⸗ ein, die in einem Cabinetchen außen vor den Schlafzimmer in einem Lehnſtuhl ſaß. Ingrid hatte ihren Plaz auf einem Schemel und las Helena, die von dem beabſichtigten Familienfeſt keine Ahnung hatte, etwas vor. „Hätteſt Du keine Luſt, liebe Helena, in den Salon hinauszugehen? Die Luft iſt dort friſcher, und ſo lange die Sonne am Himmel ſteht, iſt es auch heiter,“ ſagte Evert, der ihr elegantes Händ⸗ chen ergriff.— Es lag etwas ſo Ungewöhnliches in Everts Benehmen, wie auch in dem Umſtand daß er zu Hauſe war, was ſeit dem Beginn ihrer Ge⸗ neſung Nachmittags ſelten vorkam, daß ſie davon gerührt wurde. „Gerne, mein Lieber.“— Sie ſtand auf und lächelte ihn freundlich an, indem ſie ſeinen Arm er⸗ griff und ſagte:„Ich folge Dir wohin Du nur willſt.“ Evert drückte einen Kuß auf ihre bleiche Stirne, und dann gingen ſie Arm in Arm in den Salon hinaus, wo ſie mit den wärmſten Glückwünſchen empfangen wurden. Das war eine Scene in Everts Geſchmack, denn es lag etwas Effectvolles in der Art wie er mit der bleichen Helena am Arm in den Salon hinaustrat. Er hatte das Vergnügen mit einem Blick in den Spiegel die ganze Wirkung davon zu beurtheilen. Auch konnte man nicht leug⸗ nen daß er ſich an Helenas Seite außerordentlich hübſch ausnahm, und man mußte troz der Bläſſe Helenas zugeben daß ſie ein ſchönes Paar waren. Helenas Geneſung in Liebe und Stille allein an ihrer Seite zu feiern, das war Etwas wozu Evert Ss artz, Eines eiteln Mannes Frau. 12 178 ganz und gar keine Luſt beſaß. Jezt hatte er, ob⸗ ſchon er aus Furcht vor der Gräfin Rubens es nicht wagte eine größere Anzahl Gäſte einzuladen, gleich⸗ wohl die Befriedigung daß er ſeine Liebe und ſeine Bemühungen, Helena eine angenehme Ueberraſchung zu verſchaffen, wenigſtens der kleinen Geſellſchaft zeigen konnte die dieſe edle Handlung bezeugen durfte. Nachdem man von allen Seiten Helena umringt und mit Glückwünſchen überhäuft hatte, näherte ſich Uno, der während des allgemeinen Jubels ſich ferne gehalten. Helena reichte ihm lächelnd die Hand. „Dank, ſagte er mit Wärme,„daß ich Sie noch einmal geſund wiederſehen darf!“— Die Stimme zitterte gelinde, und der auf He⸗ lena haftende Blick hatte einen ſo warmen, ſo un⸗ ausſprechlich zärtlichen Ausdruck daß ſie davon ge⸗ rührt wurde. „Wir ſind hier um Dir einen heitern Abend zu bereiten, Helena; ſag' jezt was wir unternehmen ſollen,“ ſagte die Baronin Auguſte. „Ein wenig Muſik,“ ſagte Helena. „Soll ich ſingen?“ fragte die Baronin. Helenas Blick flog zu Uno hinüber, und als hätte er den ſtillen Wunſch verſtanden der darin lag, ſagte er: „Vielleicht wünſchen Sie einige von den ſpani⸗ ſchen Volksliedern zu hören, Helena?“ „Ach jal“ rief ſie. Im nächſten Augenblick ſang Uno. Wo war Helena während des Geſangs? Weit, weit entfernt von der Welt und den Menſchen die ſie umgaben. Sie wurde zu den erſten wunder⸗ baren Träumen ihrer Jugend zurückgeführt, zu jenem 179 ſeltſamen Sehnen das weder Form noch Namen hat. Als der Geſang verſtummt war, erntete Uno, wie das frühere Mal, allgemeinen Beifall. Helena reichte ihm beide Hände und ſagte bloß: „Dank!“ „Abends, als Alles ſich entfernt hatte, blieben Helena und ihr Mann noch eine Weile im Salon. „Weißt Du auch, Helena, daß Unos Schwager Miniſter geworden iſt und höheren Orts ſehr gut angeſchrieben ſein ſoll?“ begann Evert. „Die Ernennung iſt alſo während meiner Krank⸗ heit vorgekommen?“ „Gonz richtig. Ich würde es alſo gerne ſehen wenn Du Uno mit ausgezeichneter Artigkeit begeg⸗ neteſt. Er beſizt großen Einfluß auf ſeinen Schwa⸗ ger, und dieſen Einfluß wünſche ich zu meinem Vor⸗ theil ausbeuten zu können. Er iſt überdieß mit allen jezt einflußreichen Perſonen nahe verwandt, und gerade der Mann der mir nüzen kann. Hoffent⸗ lich haſt Du ſo viel Intereſſe für Deinen Mann, daß Du ſein Weiterkommen im Auge behältſt und deßwegen denjenigen Perſonen die mir nüzlich wer⸗ den können Achtung bezeugſt.“ „Das habe ich immer gethan, ſo weit dieſe Perſonen meine Achtung verdienten.“ „Einflußreiche Perſonen verdienen immer unſere Achtung— merke Dir das. Ich habe jezt bemerkt daß Uno eine ganz beſondere Ergebenheit gegen Dich hat, beſonders ſeit Dein leztes Gedicht gekrönt worden iſt. Genug, ich habe mit meinem Scharf⸗ ſinn beobachtet daß Du Einfluß auf ihn ausübſt, und dieſen mußt Du zu meinem Vortheil 180 „Aber, beſter Evert, wozu bedarf es denn all dieſer Umſchweife? Dein eigenes Verdienſt iſt gewiß das ſicherſte und beſte Mittel zum Erfolg. Jede andere Auszeichnung als diejenige die ſich auf eigene Tüchtigkeit gründet verdient wahrlich nicht daß man nach ihr ſtrebt.“ „Höre, Helena, willſt Du ein für allemal ſo gut ſein meine Bitte zu erfüllen, ohne darüber zu räſon⸗ niren? Du beſizeſt allerdings ein ausgezeichnetes Talent Verſe zu ſchreiben; aber, meine Liebe, wenn es ſich darum handelt, wie man ſich im wirklichen Leben benehmen ſoll, ſo geht Dir alles Urtheil ab. Erweiſe mir deßhalb die Artigkeit, traue mir ein unfehlbares Urtheil in ſolchen Dingen zu und richte Dich nach meinen Worten ohne darüber Reflexionen anzuſtellen. Jezt wünſche ich daß Du Dich gegen den Grafen Uno ausnehmend artig und aufmerkſam pig und alles weitere Gerede über dieſen Gegen⸗ ſtakb iſt überflüſſig.“ Helena ſchwieg und Evert begann nach einer kurzen Pauſe von Neuem: „Da Du nach der Behauptung der Aerzte ein ſtilleres Leben führen mußt, ſo lange Du noch ſo ſchwach biſt, ſo haſt Du Gelegenheit jeden Abend Gäſte zu empfangen, und ich hoffe Du wirſt Dich nicht dagegenſezen, weil die Beſuche natürlich kurz ſein und Dich nicht ermüden werden. Oder haſt Du auch jezt Etwas einzuwenden?“ „Nein, Evert, das habe ich gewiß nicht, aber warum ſprichſt Du in dieſem kurzen und kalten Tone zu mir?“ „Iſt mein Ton kurz und kalt? Du biſt wahrlich — — 181 ſehr empfindlich; wenn ich je einmol über ernſte Dinge reden will, ſo findeſt Du meinen Ton kalt. Du haſt eine höchſt unglückliche Gemüthsart die Deinem Mann nur zur Plage gereichen kann, denn er kann ſich nie mit Dir berathen oder ſeinen Willen ausſprechen, ohne verkannt zu werden und Sticheleien zu bekommen.“ Er erhob ſich und wollte aus dem Zimmer gehen. „Evert,“ rief Heiena, indem ſie ihm die Hand reichte,„werde nicht mißvergnügt über mich und habe Nachſicht mit meinen Fehlern. Gott iſt mein Zeuge daß ich gerne alle Deine Wünſche erfülle, wenn ſie meiner Ueberzeugung nicht widerſtreiten.“ „Ich werde, hoffe ich, nicht derjenige ſein der Deiner Ueberzeugung Gewalt anthut oder Dich veranlaſſen will vom Rechten abzuweichen.“ „Evert, ſei etwas freundlicher,“ ſagte ſie. „Ich bin doch gewiß freundlich genug,“ antwortete er in einem Ton der zwiſchen freundlich und barſch die Mitte hielt,„wenn ich auch nicht beſtändig mit Liebkoſungen bei der Hand ſein kann. Der Mann hat größere und wichtigere Intereſſen im Leben zu verfolgen als daß er beſtändig bei ſeiner Frau ſizen und mit ihr gurren kann. Die Liebe iſt ihm ein angenehmer Zeitvertreib in Zwiſchenſtunden wo er an nichts Anderes zu denken hat, aber eine Frau darf nie verlangen daß er in Einem fort mit ihr koſen ſoll.“ Wie wenig Evert für Helena paßte, läßt ſich aus dem eben erwähnten Geſpräch erſehen, welches deutlich beweist daß die Welt der Heimath und des 182 Herzens ihm gänzlich fremd war, und gleichwohl war ſie für Helena Alles. Sie glich einer jener Tropenpflanzen welche verwelken wenn man ſie in einen kalten Luftſtrich bringt. Zärtlichkeit und Liebe waren ihr ein Bedürfniß, und da ſie dieſe Gefühle bei ihrem Mann vermißte, ſo verſank ſie in eine innere Schwermuth, und verſuchte in der Phan⸗ taſie Erſaz für das was die Wirklichkeit ihr ver⸗ weigerte. Uno kam jezt öfter als gewöhnlich zu Ochards. Sein Benehmen gegen Helena athmete ſo viei Freundſchaft und ungeheuchelte Ergebenheit, daß es auf die von ihrem Manne vernachläſſigte Frau un⸗ willkührlich Eindruck machen mußte. Gvert hatte für ſeine Frau nie Worte der Liebe, wenn ſie allein waren; aber wenn Andere ſie hörten, war er die Liebe und Aufmerkſamkeit ſelbſt. Unos Geſellſchaft wurde für Helena ein Herzens⸗ bedürfniß, ohne daß ſie in dieſem Bedürfniß oder in dem Gefühl das ſie an ihn knüpfte etwas Ande⸗ res als Freundſchaft erblickte. Daß in dieſer Freund⸗ ſchaft eine Gefahr für ihre Ruhe verborgen liegen könnte, daran dachte ſie nie. Sie erlabte ſich daran, wie eine für ſtarken Sonnenſchein beſtimmte, aber in den Schatten geſtellte Blume ſich an den wenigen Strahlen erlabt die ſich manchmal zu ihr verirren. Eines Abends, als Uno auf Beſuch kam, fand er Helena ganz allein. „Iſt Evert fort?“ fragte er. „Ja, er iſt bei dem Präſidenten S—,“ ont⸗ wortete ſie. 7 6 5— — 5— 183 „Sagen Sie mir Eines aufrichtig, aber voll⸗ kommen aufrichtig,“ ſprach Uno. „Wenn ich kann, ſo ſeien Sie überzeugt doß ich aufrichtig antworten werde.“ „Man kann immer aufrichtig ſein, wenn man mit einem Freunde ſpricht an deſſen Ergebenheit man glaubt. Und Sie können doch wohl nicht um⸗ hin an die meinige zu glauben?“ 5 „Nun, ſo laſſen Sie denn die Gewiſſensfrage hören,“ ſagte Helena lächelnd. „Ich habe noch keine Antwort darauf ob Sie an meine Freundſchaft glauben.“— Uno betrachtete ſie mit einem Ausdruck in den ſchwarzen Augen der einige Secunden lang etwas ſo Leidenſchaftliches hatte, daß ſie ſicher die Frage mit Nein beantwortet haben würde, wenn ſie aufgeſchaut hätte und ſeinem Blicke begegnet wäre; nun aber hatte ſie ihre Au⸗ gen auf ihre Arbeit gerichtet. „Ich finde es überflüſſig Ihnen zu antworten, weil Sie zu gut wiſſen daß ich an Ihre Freund⸗ ſchaft glaube und darauf vertraue.“ Jezt ſchaute ſie auf; aber er wandte ſeine Augen von ihr weg auf ein Gemälde, wie wenn er fürch⸗ tete daß ſie die Gefühle entdecken könnte die ſich darin abſpiegelten. „Danke Helena! Nach dieſer Verſicherung wird es mir weit leichter ſein auf mein Thema zu kommen. Ich muß mit einer Frage beginnen: Wünſcht Evert einen Orden?“ Helena erröthete ſtark und blickte auf ihre Ar⸗ beit hinab. Sie wußte daß dieß einer der Gründe war warum ihr Mann ſie erſucht hatte recht artig 184 gegen Uno zu ſein. Es ging ihr gegen das Gefühl zu antworten. Sie konnte der Wahrheit gemäß nicht nein ſagen. Als ſie ſtill blieb, beugte ſich Uno hinab und betrachtete ſie einen Augenblick, gleich als wollte er ſie zum Antworten zwingen; aber als ſie beharrlich ſchwieg, begann er wieder: „Finden Sie es demüthigend dieſe Frage zu bejahen?“ Helena ſchaute auf. Es lag ein ſanfter Vor⸗ wurf in Unos Stimme und ein noch ſanfterer in ſeinem Blick. „Ja, beinahe,“ antwortete ſie. „Und warum? Bin ich Ihnen als Freund ſo wenig werth, daß der Stolz auch nur im Gering⸗ ſten über die Ergebenheit vorherrſcht?“ „Durchaus nicht, Sie wiſſen das recht gut.“ „Weiß ich es? Nein, Helena, nein, ich weiß es nicht,“ ſagte er heftig und ergriff ihre Hand, ließ ſie aber ſogleich wieder los und fügte hinzu: „Warum beantworten Sie denn meine Frage nicht mit einem einfachen Ja oder Nein?“ „Hätten Sie mich gefragt: Wünſchen Sie noch einen Preis für das Gedicht zu gewinnen das Sie jezt ſchreiben? ſo hätte ich ohne alle Ziererei Ja geſagt, weil dann meine Aufrichtigkeit nur mich berührt hätte, und weil es wenig zu ſagen hätte wenn ich mich dadurch in ein ſchiefes Licht ſtellte; aber da es meinen Mann betrifft...“ Sie ver⸗ ſtummte und nähte fleißig. Unos Augen weilten düſter auf ihr. „Sie fürchten ihn in ein zweideutiges Licht zu ſtellen? Sie lieben ihn alſo ſehr?“ — — — 185 Es lag Etwas im Tone das einen peinlichen Eindruck auf Helena machten Mit ſanftem Ernſt antwortete ſie: „Und wer ſollte wohl dem Herzen der Frau näher ſtehen als ihr Mann?“ „Sie haben Recht, Helena. Wer ſollte wohl eine verheirathete Frau lieben, wenn nicht der Gatte es thut den ſie mit freiem Willen erkoren hat? Aber laſſen Sie uns auf den Ausgangspunkt unſeres Geſprächs zurückgehen.“ Er fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, als wollte er die bittern und düſtern Gefühle verſcheuchen die ſich einen Augen⸗ blick auf ſeinem Geſicht abgeſpiegelt hatten. „Würden Sie wünſchen daß Evert mit einem Orden erfreut würde?“ „Ja, von ganzem Herzen.“ „Es würde Sie glücklich machen?“ „Ja, es würde mir eine wirkliche Freude bereiten.“ „Und warum? Iſt es die Auszeichnung die Ihrer Eitelkeit ſchmeichelt?“ „Vielleicht,“ antwortete Helena lächelnd.„Aber aufrichtig geſprochen: ich glaube daß es auch das Be⸗ wußtſein iſt einen Mann zu haben der durch ſeine aus⸗ gezeichneten Eigenſchaften ein Ordenszeichen verdient.“ „Sie ſind alſo ehrgeizig auf Rechnung Ihres Mannes?“ „Ja, und dieß iſt wohl der einzige Ehrgeiz der uns verheiratheten Frauen geſtattet iſt.“ „Sie haben ſich nicht darauf beſchränkt.“ „Allerdings, ich war und bin es noch jezt auf eigene Rechnung.“— Sie beugte ſich gegen die Sophalehne zurück und betrachtete ein G 186 indem ſie mit gedankenvollem Blick hinzufügte:„Aber bei uns kinderloſen Frauen mag es entſchuldbar ſein, wenn wir uns irgend einer neuen Thorheit überlaſſen. Womit ſollen wir uns die Zeit vertreiben?“ „Mit Wohlthun.“ „Ganz richtig. Aber es bleibt dennoch für be⸗ ſchäftigungsloſe Leute viel Zeit übrig; mißgönnen Sie ihnen nicht den Erſaz welchen ſie in den Er⸗ gießungen der Phantaſie oder in ihren Träumereien finden. Wenn ihre poetiſchen Verſuche nichts nüzen, ſo ſchaden ſie auch nichts, ſondern ſie ſind die Er⸗ zeugniſſe einer Ueberfülle von Gefühl die ſich auf irgend eine Art Luft machen will. Nicht aus Eigen⸗ liebe ſchreiben ſie, dieſe armen Schwärmerinnen ohne Zweck und Ziel für ihr Daſein. Nein, ſondern in Folge eines inwohnenden Bedürfniſſes, das, wenn es ſich in Worte kleiden will, der Seele eine eigen⸗ thümliche Befriedigung gewährt. Was kümmert es den armen Poeten in den Augenblicken wo die Be⸗ geiſterung ihn hoch über eine kalte und öde Wirk⸗ lichkeit erhebt, ob die Welt dieſe aus der Tiefe ſei⸗ ner Seele geſchöpften Töne tadeln oder loben wird? Der Ehrgeiz iſt in den Stunden wo der Dichter ſeiner Phantaſie Form gibt, nicht vorhanden; er kommt her⸗ nach, wenn die kalte Vernunft und die Eitelkeit ſich einſtellen um die Vortheile davon zu berechnen.“ Helena hatte ſich noch nie ſo unverholen gegen Uno ausgeſprochen, und ohne daß ſie es ſelbſt ahnte, ſchimmerte aus ihren Worten Vieles hervor was Uno bisher nur vermuthet hatte. „Wenn Sie Mutter geweſen wären, würden Sie alſo nicht als Schriftſtellerin aufgetreten ſein?“ — — ——— * 187 „Nein, niemals! Dann hätte ich keine Zeit zum Verträumen übrig gehabt.“ „Auch nicht zum Vergnügen?“ „Vergnügen! Mein größtes und einziges Ver⸗ gnügen hätte ich dann in meiner Häuslichkeit ge⸗ funden.“ Ihr Blick ſtrahlte von einem wunderbaren Glanz und der Ausdruck von einem unſäglich wonnevollen Gefühl war über ihr ganzes Geſicht gebreitet. Welche vortreffliche Mutter würde ſie nicht ge⸗ worden ſein! dachte Uno und konnte ſeine Augen nicht von der jungen Frau abwenden. O Schickſal, Schickſal! Warum lernte ich ihren Werth nicht früher kennen! Er ſeufzte und fuhr dann fort: „Aber jezt erblicken Sie in Ihrer Phantaſie ein Glück das Sie vielleicht in Wirklichkeit nicht ſo hoch geſchäzt hätten. Glauben Sie daß Sie den Muth beſeſſen hätten um Ihrer Kinder willen dieſen Ver⸗ gnügungen zu entſagen, die Ihnen ſo gänzlich zum Bedürfniß geworden zu ſein ſcheinen?“ „Bedürfniß, ſagen Sie?“ rief Helena lebhaſt, indem ſie ihm ihr Geſicht zuwandte.„Ach wie ſchlecht kennen Sie mich!“ „Aber wenn ſie kein Bedürfniß ſind, was kamm Sie dann zwingen Geiſt und Geſundheit an die⸗ ſes ſchaale Geſellſchaftsleben zu verſchwenden?“ Das Wort zwingen ſchien Helena zu ſich ſelbſt zurückzurufen und ſie zu erinnern daß ſie ihre Aus⸗ drücke in Acht nehmen mußte. Ihr Geſicht, das einige Augenblicke vorher jenen ſchwärmeriſchen und unſchuldsvollen Ausdruck gehabt hatte der ihre 188 erſte Jugend auszeichnete, nahm jezt ſeinen gewöhn⸗ lichen behutſamen Ausdruck wieder an. „Nichts zwingt mich, aber ich folge dem Strom, weil ich für nichts Anderes ein Intereſſe habe.“ Uno, der ſeinen Blick nicht eine Minute lang von Helenas Geſicht abgewandt, hatte den Wechſel auf demſelben genau beobachtet. Er ſah ſogleich ein daß er das Geſpräch auf ein Gebiet gelenkt hatte in welches ſie ihn nie eindringen laſſen würde. „Sie, Helena, hätten ſich bei Ihrer Erziehung wirklich für etwas Anderes intereſſiren können, als Ihre Tage auf dieſe zweckloſe Art zu verleben.“ „Laſſen Sie uns davon abgehen. Ich halte es für beſſer eine Thörin unter Thoren zu ſein, als ein Driginal vorſtellen zu wollen. Ueberdieß habe ich in meinen practiſchen Verſuchen eine Beſchäftigung gefunden die vollkommen mit meinen natürlichen Neigungen übereinſtimmt, ſo tadelnswerth Ihnen auch meine Reimdrechslerei erſcheinen mag,“ fügte ſie lächelnd hinzu. „Jezt finde ich ſie nicht mehr tadelnswerth. Ach die Zeit iſt längſt vorüber wo ich nur Fehler an Ihnen ſehen wollte.“ Die Baronin Ernſtein trat ein und ſtörte das Geſpräch. „Wo gedenkſt Du den Sommer zuzubringen, Helena?“ fragte ſie, nachdem man eine Weile von gleichgiltigen Dingen geſprochen hatte. „Sowohl Rubens als Kerners haben mich ein⸗ geladen; aber ich habe mich noch nicht entſchloſſen. Es wird davon abhängen ob Evert freie Zeit be⸗ kommt; jezt iſt er ſehr beſchäftigt.“ —. 189 „Werdet ihr nicht auf eurem reizenden kleinen Eichholm wohnen?“ fragte die Baronin. „Wir haben es noch nicht in Ordnung gebracht,“ antwortete Helena.„Ueberdieß kann es leicht ge⸗ ſchehen daß die Aerzte mich auf einige Wochen in ein Bad ſprechen.“ „Du biſt doch jezt wieder ſo gut bei Kräften, liebe Helena,“ ſagte Evert,„daß wir auf den erſten Mai eine Spazierfahrt in den Thiergarten machen können? Ich habe gedacht daß wir dann meinen neuen Wagen probiren könnten. Er wird ſicherlich eine der ſchönſten Equipagen im Thiergarten ſein. Was den Sommer betrifft, ſo habe ich beſchloſſen daß wir heuer das Bad N— beſuchen; es wird ſehr beſucht werden, und ich wünſche daß Du nicht fehlen willſt. Die Familie von Unos Schwager wird einige Wochen dort zubringen. Ich habe bereits geſchrieben und eine paſſende Wohnung für Dich gemiethet; ich ſelbſt werde wohl nicht die ganze Zeit daſelbſt zubringen können, weil ich nicht ſo lange vom Ausſchuß wegbleiben darf. Biſt Du mit mei⸗ ner Anordnung zufrieden?“ „Ja, mein Lieber. Ich hätte allerdings lieber gewünſcht den Sommer auf Eichholm zubringen zu können; aber da Du bereits Deine Anordnungen getroffen haſt, ſo bin ich zufrieden.“ „Und darin handelſt Du klug. Im Uebrigen will ich Dir nur ſagen daß Eichholm ein Ort iſt den ich nie bewohnen werde. Es gehört Dir, nicht mir, denn es iſt in dem höchſt beleidigenden Ver⸗ trag einbegriffen den Deine Mutter aufgeſezt hat.“ 190 „Was mein iſt, iſt wohl auch Dein,“ antwortete Helena und reichte ihm freundlich lächeind die Hand. „Dieß klingt recht ſchön, hat aber das gegen ſich daß es nicht ganz gut mit einer Anordnung zuſam⸗ menpaßt die das demüthigendſte Mißtrauen gegen mich verräth.“ „Beſter Evert, als meine Mutter dieſe Verfü⸗ gung traf, war ich ein Kind und Du ein Mann den ſie nicht kannte, folglich auch nicht damit belei⸗ digen konnte.“ „Es handelt ſich nicht um Deine Mutter, ſondern um Dich. Hätteſt Du wirklich Liebe und Vertrauen zu mir gehabt, ſo hätteſt Du dieſe ganze Verfügung aufgehoben.“ „Mein Freund, wenn Du einmal die Summe bedarfſt die meine Mutter mir zu meiner eigenen Verfügung gelaſſen hat, ſo kannſt Du auch volkom⸗ men überzeugt ſein daß Du ſie erhalten wirſt. Jezt habe ich den Zins davon dazu angewandt nach mei⸗ nen Kräften die Armuth einiger Familien zu lindern; aber was ich gethan habe iſt leider zu wenig gegen das was ich thun zu können wünſchte.“ „Ganz gut; aber Du übſt Deine Barmherzig⸗ keit wie Du Alles treibſt, nämlich verkehrt. Du fährſt in den Hütten herum, ſezeſt Dich da, hältſt ſchöne Reden, ernährſt einige Familien u. ſ. w. Aber welchen Vortheil haſt Du davon?“ „Den Vortheil daß ich Kummer getröſtet und Elend gemildert habe.“ „Sehr romantiſch; aber wenn Du nicht von einer ſo überwiegenden Eigenliebe beherrſcht würdeſt, ſo wäreſt Du mit mir zu Rathe gegangen, und dann . 191 hätten wir Beide etwas Angenehmes davon gehabt. In allen Verhältniſſen des Lebens mußt Du Dich nur auf mich verlaſſen.“ „Von nun an werde ich mich mit Dir berathen.“ „Gut! Ich wünſche daß Du dem Oberſtatthalter etwa dreihundert Reichsthaler übergebeſt, um an dem bevorſtehenden Geburtstag der königlichen Familie unter die Armen der Stadt vertheilt zu werden. Dieß, meine Liebe, iſt eine edle Art Gutes zu thun; denn erſtens beweiſeſt Du damit Deine Ergebenheit und Verehrung gegen das königliche Haus, und zwei⸗ tens unterſtüzeſt du damit Nothleidende. Eine ſolche Handlung hat etwas Vernünftiges an ſich.“ Helena ſchwieg. „Du ſchweigſt? Natürlich findeſt Du den Vor⸗ ſchlag unannehmbar? Wie könnteſt Du in Deiner Gigenliebe zugeben daß ich etwas Geſcheidtes vor⸗ ſchlage, und wie könnteſt Du mit deinem phantaſti⸗ ſchen Character etwas unternehmen was klug und zweckmäßig wäre?“ Helena ſah müde und verdrießlich aus; aber ſie zwang ihr Geſicht einen andern Ausdruck anzunehmen, indem ſie ſagte:. „Evert, Du thuſt mir Unrecht, ich bin ſtets be⸗ reit Deine Wünſche zu erfüllen und in Uebereinſtim⸗ mung mit denſelben zu handeln.“ „Das wäre ganz ſchön, aber bis jezt habe ich nichts von dieſer Bereitwilligkeit bemerkt.“ „Uebergib immerhin dem Oberſtatthalter dieſe 300 Reichsthaler, aber thue es nicht in meinem Namen, wenn Du.. Helena hielt inne und ſah. ihren Mann mit ſcheuem Blicke an. 192 „Ueberlaß die Sache mir, meine Liebe; der Oberſtatthalter iſt mir mit perſönlicher Achtung und Freundſchaft zugethan und unterläßt es nie Beweiſe davon zu geben. Ich bin auf heute Mittag zu ihm eingeladen. Jezt muß ich Dich verlaſſen, komme aber um ein Uhr nach Hauſe zurück, weil ich heute Zeit habe mit Dir einen Spaziergang in den Thier⸗ garten zu machen. Ich wünſche daß man uns bei⸗ ſammen ſieht, damit Jedermann ſagen kann daß 6 nach fünfjähriger Ehe noch gut mit einander eben.“ Evert ging, nachdem er Helena zugenickt hatte. Als er dann ſeine Toilette gemacht, was für ihn keine Kleinigkeit war, kam er parfümirt und mit einer Sorgfalt gekleidet welche bewies daß er ſichs angelegen ſein ließ ſeinen Ruf als ſchöner Mann zu bewahren, zu ſeiner Frau zurück. „Ich habe vergeſſen Dir noch Etwas zu ſagen, Helena. Ich wünſche nämlich daß Du eifriger ar⸗ beiteſt um Dein zweites Heft Gedichte fertig zu be⸗ kommen. Ueberdieß meine ich, Du ſollteſt Vormit⸗ tagsbeſuche nie anders als in Deinem Arbeitszimmer empfangen; ein gelehrtes Frauenzimmer muß ſeine Vormittage dort zubringen, ſonſt könnte Jedermann glauben, Du gehöreſt nicht zu dieſer Categorie. Noch etwas: die Frage über die Erziehung des Weibes iſt gegenwärtig ſehr in der Mode, und ich meine, Du ſollteſt auch etwas darüber ſchreiben. Leb wohl! Vergiß nicht an Deine Toilette auf den 1. Mai zu denken.“ Damit ging er. Helena lächelte bitter. 193 Der erſte Mai kam. „Welcher elegante Wagen! welche ausgezeichnet ſchönen Pferde! welches ſchöne Paar!“ So lauteten die Ausrufe die man unter der Menge hörte, als der Aſſeſſor Ochard mit ſeiner Frau in ſeiner moder⸗ nen und ausgezeichnet ſchönen zweiſizigen Drotſchke ſpazieren fuhr. „Welches allerliebſte Hütchen Frau Ochard hat! welche eigenthümliche Form! Er iſt ganz modern; das kann man ſchon daraus abnehmen daß ſie ihn trägt,“ ſagten die Damen. „Herr Ochard hat wahrlich den ausgeſuchteſten Geſchmack; man ſehe nur das Geſchirr an, welche Eleganz!“ meinten die Löwen der Hauptſtadt. „Wer ſo glücklich wäre wie dieſe Frau Ochard!“ dachten die jungen Mädchen.„Welcher Luxus in ihrer Toilette! wie alle Blicke auf ihr haften und welchen ſchönen Mann ſie hat! Gott, wie benei⸗ denswerth ſie iſt!“ Evert war glücklich, während er daſaß und zärt⸗ lich gegen Helena lächelte, aber nur wenig mit ihr ſprach; denn obſchon ſcheinbar ganz mit ſeiner Frau beſchäftigt, unterließ er es nicht all die Blicke auf⸗ zufangen die ihm voll Bewunderung oder Neugier überall folgten. Man hielt auf der Ebene an, und Evert ſtieg aus um die Gräfin Kerner in ihrem Wagen zu be⸗ grüßen. Am Schlage ſtehend unterhielt er ſich eine eile mit ihr; dann ſagte er der Baronin Ernſtein einige ſchmeichelhafte Worte über ihre Toilette und eilte von ihr hinweg zu dem Rubens'ſchen Wagen Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. 13 den er in einiger Entfernung entdeckte. Dadurch erhielt er Gelegenheit mit ſeinen vornehmen Be⸗ kanntſchaften zu glänzen. „Helena ſieht bleich aus, wie ſtehts mit ihr?“ fragte die Gräfin Rubens. .„Sie iſt vollkommen wohl,“ antwortete Evert, war aber ſehr ärgerlich darüber daß Helena ſich nicht ſeinem Wunſche zu Folge etwas geſchminkt hatte um ein friſcheres Ausſehen zu bekommen. Als Evert zu ſeiner Frau zurückkehrte, fand er ihren Wagen von einer Menge junger Männer um⸗ geben, welche wetteiferten um der reichen und pracht⸗ liebenden Dichterin ihre Huldigung darzubringen, denn nach ihrem Dafürhalten wurde der Werth ihrer poetiſchen Verſuche durch den Reichthum und Luxus den ſie entwickelte bedeutend erhöht. Eine Dichterin in einfacher Kleidung und zu Fuße kann, nach dem Urtheil ſolcher Perſonen, niemals ſo viel Genie be⸗ ſizen wie diejenige die in einem koſtbaren Wagen mit prächtigen Pferden daherfährt und in Sammt und Seide prunkt. Als Evert wieder neben ſeiner Frau ſaß, ſagte er in mißvergnügtem Tone, aber mit lächelnder Miene: „Es iſt doch gar zu ärgerlich, Helena, daß Du ſo eigenſinnig ſein mußt; hätteſt Du meinen Rath befolgt und Deine Wangen ein klein wenig geſchminkt, ſo wäre ich der Unannehmlichkeit entgangen daß Du blaß und leidend ausſiehſt. Aber Du mußt Dich in allen Dingen von Deinen phantaſtiſchen Launen beherrſchen laſſen.“. 195 Einige Tage ſpäter las man in allen Zei⸗ tungen: „Der Aſſeſſor und die Aſſeſſorin von Ochard haben dem Oberſtatthalter 300 Reichsthaler zuge⸗ ſtellt, um am Geburtstag Sr. K. H. des Kronprin⸗ zen unter die bedürftigſten Einwohner der Haupt⸗ ſtadt vertheilt zu werden.“ Am Abend des Tages wo dieß in den Zeitun⸗ gen zu leſen ſtand, kam Evert mit dem Grafen Uno zu ſeiner Frau herein. „Suche mit Uno eine Stunde zu verſchwazen, bis ich mit dem Grafen K— fertig bin, der etwas Wichtiges mit mir zu ſprechen hat. Ich möchte ſo⸗ dann mit Dir einige Worte reden, Unv.“ „Sie ließen ſich am 1. Mai nicht im Thiergar⸗ ten bicken?“ ſagte Helena, die mit Verwunderung bemerkte daß Uno ungewöhnlich kalt und rückhaltend ausſah.. „Nein ich hatte keine Luſt all dieſe Narrheiten zu ſehen und dabei an das Elend zu denken das da⸗ neben exiſtirt,“ antwortete Uno. „Aber das Wetter war herrlich, es war ein wirk⸗ lich ſchöner Frühlingstag.“ „Sehr wahr; ich erfreute mich daran, aber auf meine eigene Weiſe. Ich verbrachte den erſten Mai auf Löda.“ „Auf Löda? Vierzehn Meilen von hier!“ „Ja, je weiter hinweg, um ſo beſſer. Ich reiste am lezten April ab und kam geſtern zurück.“ „Sie hatten alſo eine beſondere Veranlaſſung zu dieſer Reiſe?“ „Ja, aber ſie war rein perſönlich; eine 2 Laune, wenn Sie wollen. Aber die Rückkehr hie⸗ her verwiſchte all die herrlichen Eindrücke meines Ausfluges auf das Land.“ „Iſt Ihnen hier etwas Unangenehmes zuge⸗ ſtoßen?“ fragte ſie freundlich. „Ja, der Engel den ich hier anbetete war bei meiner Ankunft in ein gewöhnliches Weib verwan⸗ delt. O Illuſionen, wie traurig ſeid ihr doch!“ Helenas Blick ſenkte ſich vor dem Ausdruck in Unos Augen und auf ihren Wangen brannte eine hohe Röthe. Sie ſchwieg. „Es war ein hübſches Geſchenk an die Armen das Evert und ſeine Frau dem Statthalter über⸗ gaben,“ fügte Uno ſogleich mit unverkennbarer Bit⸗ terkeit in ſeinem Tone hinzu.„Als ich davon las, erinnerte ich mich an einen kleinen Wortwechſel, wel⸗ chen Sie und ich über die ſchöne Eigenſchaft der Anſpruchsloſigkeit mit einander hatten. Sie haben ſicherlich den Streit vergeſſen?“ Helena vermochte nicht zu antworten; jedes Wort zerfleiſchte ihr Herz und riß die im Stillen bluten⸗ den Wunden deſſelben auf. „Ich erinnere mich recht wohl daß Sie ſich der ſeltenen Eigenſchaft rühmten mit Ihren Wohlthaten nicht glänzen zu wollen.“ „Und Sie glaubten nicht daß ich die Wahrheit rede?“ ſagte Helena leiſe. „Nun wohl, hatte ich Recht oder Unrecht, wenn ich zweifelte?“ Helena neigte ihr Haupt. „Hatte ich Unrecht, wenn ich glaubte daß Sie, wie die meiſten Weiber, geneigt ſeien die Rolle zu —,.———— 197 ſpielen die ſich auf dem Welttheater am beſten aus⸗ nehmen würde?“ Helena antwortete nicht. „Sie ſchweigen, Sie meinen daß ich mich auf eine unpaſſende Art in Dinge miſche die mich nichts angehen.— Sie fühlen ſich verlezt und glauben daß ich Unrecht habe.“ „Nein, Uno, nein,“ flüſterte ſie;„Sie haben Recht, ich bin nicht anſpruchslos, ich bin eine eitle Närrin die Anh und Beifall erwerben will.“— Sie ſchaute auf; Thränen rollten langſam über ihre Wangen hinab. Uno hatte Helena noch nie weinen geſehen. In ihrem Geſichte lag etwas ſo Demüthiges, ſo Sanf⸗ tes und Hinreißendes, daß er ſich hätte auf die Kniee werfen und ſeine Worte zurücknehmen mögen; zugleich aber hatte ihr ganzes Weſen etwas gebietendes, was jeden Ausbruch leidenſchaftlichen Gefühls zurückhielt. Er blieb alſo unbeweglich auf ſeinem Plaze ſizen, aber ſeine Blicke hafteten feſt auf dieſem Geſichte, das von einem Glorienſchein von Reinheit umgeben war. Er konnte ſich nicht enthalten ihre Hand zu ergreifen, indem er mit Wärme ſagte: „Verzeihen Sie mir, ich habe Sie beleidigt! Ich habe mit meinen Worten Thränen aus Ihren Augen gepreßt, habe Ihnen jezt wie früher Unrecht gethan. Sagen Sie mir nur daß nicht Sie ſelbſt Ihrem Werke der Barmherzigkeit dieſe Publicität gaben, und ich glaube Ihnen. Ja, ich glaube Ihnen um ſo mehr als ich vorher hätte können daß dieß ein Einfall von Evert war.“ B „Uno,“ rief Helena lebhaft,„jezt erſt begehen Sie einen Mißgriff. Evert hat keinen Theil daran. Die ganze Narrheit dieſer Handlung fällt auf mich, auf mich allein.“ „Ach Helena, warum zwingen Sie mich Sie für die Sclavin einer kläglichen Eitelkeit zu halten!“ Unos Blick war betrübt. „Weil ein Freund keine falſchen Vorſtellungen von dem andern hegen ſoll,“ antwortete ſie. Es entſtand eine Pauſe. Uno erhob ſich und ging ans Clavier. Er präludirte lange. Helena ſtüzte ihre Wange auf die Hand und ſah in die Straße hinaus. Plözlich begann er dieſelbe Ballade zu ſingen die er auf Löda von ihr gehört hatte. Wunderſame Dinge bewegten ſich in der Bruſt des jungen Weibes, als ſie daſaß und auf dieſe Stimme hörte. Die Leere in ihrer Häuslichkeit, die Zweck⸗ loſigkeit ihres Lebens, das ſo reich an äußerem Glanz und ſo arm an wahrem Glücke war, Alles, Alles zog an ihrem Innern vorüber, und das Ver⸗ langen nach häuslicher Freude und Liebe, das ſo oft während ihrer Ehe ihr Herz erfüllt hatte, gab ſich jezt noch lebhäfter zu empfinden. Sie hätte weinen mögen, weinen über ſich ſelbſt und die ent⸗ ſchwundenen ſchönen Träume. Erinnerungen, ver⸗ lockend und dennoch wunderbar bitter, erhoben ſich in ihrer Seele, wenn ſie des Abends gedachte wo ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, in der Einſamkeit dieſes Lied geſungen, und noch meinte ſie daſſelbe Zittern zu empfinden, wie in dem Augenblick wo Uno ſie bat es vorzutragen. Wie viel hatte ſie damals nicht von dem Manne gehofft mit dem ſie verlobt war, 199 und wie ſehr hatte nicht die unheilbare Eitelkeit die⸗ ſes Mannes ſie gedemüthigt, verlezt und ihr ge⸗ träumtes Paradies zerſtört! Helena blieb unbeweglich ſizen, auch nachdem der Geſang vorbei war. Aus dem unklaren Ge⸗ wimmel von Gedanken und Gefühlen das in ihrer Seele entſtand, wurde ſie durch die Worte geweckt, die Uno ganz in ihrer Nähe ausſprach: „Laſſen Sie mich noch einmal Ihren Geſang hören.“ „Unmöglich für heute Abend,“ ſtammelte ſie ohne den Kopf zu wenden. Uno fuhr nach einer kurzen Pauſe fort: „Erinnern Sie ſich unſerer kleinen Streitigkeiten auf Löda?“ Sie nickte bejahend und er fragte weiter: „Erinnern Sie ſich welchen ſcharfen Vorwurf Sie mir wegen Ebbas machten, weil Sie vermuthe⸗ ten daß ich Sappho liebe?“ „Sie ſagten daß ich mich getäuſcht habe, und ich glaubte Ihnen.“ „Ja bei Gott, Sie täuſchten ſich; es geſchieht ſo leicht daß man verkannt wird. Wir urtheilen im Allgemeinen nach dem Schein.“ 6„Ja leider, aber dießmal war der Schein gegen ie.“ „Ich will Sie über das ganze Verhältniß auf⸗ klären. Ich hatte gehört daß Sappho eine andere Neigung gehabt und bloß aus Verdruß Oscar ge⸗ heirathet habe. Sie und ich kamen auf Familien⸗ verhältniſſe zu reden, und da äußerte ich daß ich unter keiner Bedingung ſo wie Oscar eine junge, 200 ſchöne und reiche Dame heirathen würde, von wel⸗ cher ich wüßte daß ſie mir ihre Hand bloß deßhalb ſchenke, weil ſie den eigentlichen Gegenſtand ihrer Liebe nicht habe bekommen können. Sappho wurde zuerſt ſehr aufgeregt und brach dann in Thränen aus. Beim Anblick dieſes Schmerzes den ich her⸗ vorgerufen und beim Gedanken an meine nicht ſehr zartfühlenden Ausdrücke bat ich ſie um Verzeihung, und zwar in einem Augenblick wo ich eben ſo auf⸗ geregt war wie ſie. In dieſem Moment ſahen Sie mich zu Sapphos Füßen und glaubten daraus auf die Gefühle meines Herzens ſchließen zu können. Es hat mir oft wehe gethan daß man mich einer ſo verächtlichen Handlung zeihen und fähig glauben konnte mit einer verheiratheten Frau von Liebe zu reden.“ „Ich habe mir auch vorgenommen nie mehr nach dem Schein zu urtheilen,“ antwortete Helena, der Uno mit Theilnahme zugehört hatte.„Aber wenn ich mich in Bezug auf Sappho täuſchte, ſo war es in Bezug auf Ebba nicht der Fall. Es mußte mich befremden daß Sie, ein ſo ſtrenger und genauer Richter in Allem was die Moral betrifft, ſich einen Augenblick bemühen konnten Eindruck auf Ebba zu machen, während doch Ihr Herz nicht an ſie gefeſſelt war.“ S „Sie haben Recht, Helena; aber die Urſache lag darin daß ich ſie lieben wollte. Ich glaubte mit ihr glücklich werden zu können. Ach! Noch in die⸗ ſem Augenblick wünſche ich daß mein Herz ſich an dieſes bezaubernde Kind hätte feſſeln können.“ „Wenn Sie wollten, warum konnten Sie 201 nicht? Ebba iſt ſo vollkommen geſchaffen Glück um ſich her zu verbreiten, daß es nicht ſchwer ſein konnte ſie zu lieben.“ „Ich konnte ſie nicht lieben, denn ich liebte be⸗ reits eine Andere.“ Warum erröthete Helena? Sie wußte es ſelbſt nicht. Uno fuhr fort: „Und dieſe andere wollte ich nicht lieben. Man iſt manchmal aus eitel Widerſprüchen zuſammenge⸗ ſezt und ſo war es auch mit mir. Wir hängen mehr von unſern Gefühlen als von unſerm Willen ab.“ „Nicht immer,“ ſagte Helena mit einem offenen Blick.„Mit unſerm Willen beherrſchen wir unſere Gefühle, ſo daß ſie den Kreis des Rechten nicht überſchreiten können.“ „Dieß war auch der Gebrauch den ich von mei⸗ nem Willen machte. Ich würde mich ſelbſt verach⸗ ten, wenn ich mich durch Leidenſchaft hinreißen ließe die Forderungen der Ehre und des Gewiſſens zu vergeſſen.“ Everts Eintritt unterbrach das Geſpräch. Er begann mit Uno von den Dienſten zu reden welche er während des Reichstags der Regierung geleiſtet zu haben glaubte, und ließ ſich ſo prahleriſch darüber aus daß Helena vor Verlegenheit erröthete. Sie fürchtete daß ihr Mann in ſeinem eifrigen Streben nach einem Orden ſeine Hauptſchwäche allzu ſehr möchte. Das geſchah auch, da Evert Rate „Du ſiehſt hieraus daß man gerechter Weiſemicht umhin kann mir einen Beweis von Gewogenheit zu geben, wenn nur einer meiner Freunde bei Hof die 202 Sache ins rechte Licht ſtellt. In dieſem Fall rechne ich auf Deine und Deines Schwagers Freundſchaft. Du ſtehſt perſönlich gut bei Hof, und Jedermann weiß welchen Einfluß Dein Schwager beſizt.“ „Sei überzeugt daß weder er noch ich ermangeln werden denſelben zu Deinem Vortheil zu benüzen,“ antwortete Uno, wie es Helena ſchien, etwas kalt, obſchon verbindlich. Sie fühlte daß Uno ſeine Blicke auf ſie richtete. „Mir perſönlich wahrlich kann es ganz gleich ſein ob ich einen Stern habe oder nicht,“ fuhr Cvert fort;„aber es wird mir ein Vergnügen machen weil Helena es wünſcht, wie auch aus dem Grund, weil es mehr eine Schande iſt dieſen Schmuck zu entbeh⸗ ren, als eine Ehre ihn zu tragen. Hat man dazu eine wenn auch noch ſo wenig eitle Frau, ſo wird dieß Etwas was man beinahe für eine Nothwendig⸗ keit hält.“ „Sollte es Ihnen ſo viel Vergnügen machen, Helena, Evert mit dem Nordſtern geſchmückt zu ſehen?“ fragte Uno mit einem forſchenden Blict. Evert erröthete und ſah ſeine Frau beſorgt an; aber ſeine Unruhe war überflüſſig. Helena antwor⸗ tete lächelnd, jedoch ohne aufzuſchauen: „Natürlich würde es das.“ Als Uno am Abend das Ochardſche Haus ver⸗ ließ, dachte er:„Und dieſer eitle Narr mußte einen ſolchen Juwel zum Weib bekommen! Wie ängſtlich iſt ſie nicht beſorgt daß der geringſte Schatten auf ihn fallen könnte! Aber iſt es möglich daß dieſe reichbegabte Ratur einen ſolchen Thoren lieben kann 203 deſſen gonzes Dichten und Trachten auf Eitelkeit ausgeht? Liebt ſie ihn?“ ſragte er ſich ſelbſt und blieb plözlich ſtehen. Es war am Ende Juni. Der faſhionable Bad⸗ ort 4. war voll von Perſonen die den reichen und vornehmen Familien angehörten. Lurus und Pracht entwickelten ſich, je nach der größeren oder geringeren Glanzſucht der Gäſte. Man kam um zu baden und ſeine Geſundheit wieder zu erlangen, um ſich zu amüſiren und zu zeigen, um gegenſeitig zu wetteifern und einander zu verdunkeln. Man fuhr über Hals und Kopf in dem Wagen der Thorheiten und Luſt⸗ barkeiten, unter dem Vorwand durch Einathmung der friſchen Seeluft ſeine Kräfte zu ſtärken. Aſſeſſor Ochard und Gemahlin traten hier eben⸗ falls mit allem Pomp und Prunk auf. Helena ent⸗ wickelte einen Kleiderluxus der wie gewöhnlich offene Bewunderung und heimlichen Neid hervorrief. Hier, wie überall, verdunkelte ſie Alles durch ihren Ge⸗ ſchmack und ihre Eleganz. Sie war überdieß an⸗ erkannter Maßen ein geiſtreiches Frauenzimmer, eine beliebte und preisgekrönte Dichterin, und ſomit war es ja ganz natürlich daß ſie von allen Seiten her umſchmeichelt und mit Huldigungen überhäuft wurde. Einen Tag nach ihrer Ankunft in K. trat Evert in Begleitung Unos zu ſeiner Frau hinein. Helena ſah beinahe erſchrocken aus, als ſie lezteren erblickte. „Meine Ankunft überraſcht Sie,“ ſagte er. Ja, wirtlich— Sie beabſichtigten ja den Som⸗ mer außer Lands zuzubringen,“ antwortete ſie. 204 „Allerdings hatte ich das im Sinn. Aber ich bin der langen Reiſen müde geworden. Ich bin in ganz Europa umhergereist und deßhalb... „Ließ er ſich überreden mit mir hieherzukommen,“ fiel Cvert ein.„Da ich nicht über eine Woche hier bleiben kann, ſo darfſt Du und Baronin Ernſtein bei meiner Rückkehr nach Stockholm nicht ganz ohne männlichen Schuz bleiben; deßhalb machte ich Uno den Vorſchlag daß er die Verantwortlichkeit über⸗ nehmen ſollte in meiner Abweſenheit über Dich zu wachen und Dein Ritter zu werden.“ „Dieß war ein ſo ehrendes Vertrauen, daß ich es in keinem Fall einem Andern hätte abtreten mö⸗ gen,“ ſagte Uno. Am gleichen Abend wurde der erſte Badball ge⸗ geben. Cvert ſtand im Kreis einiger Bekannten und Freunde und ſah dem Tanze zu. Helena tanzte mit Uno. „Reiſeſt Du in einer Woche wieder ab?“ fragte einer der Umſtehenden. „Ja, ich bin wegen der Reichstagsgeſchäfte ge⸗ zwungen,“ antwortete er. „Und Du läſſeſt Deine charmante Frau ganz allein hier?“ „Sie iſt ja beinahe mit der ganzen Badgeſell⸗ ſchaft bekannt. Sie kann die Wohnung zur Hälfte mit der Baronin Ernſtein theilen. Ueberdieß iſt Graf Uno Kerner hier und wird als entfernter Ver⸗ wandter meiner Frau während meiner Abweſenheit ihr Beſchüzer ſein.“ „Iſt Deine Frau mit Kerners verwandt?“ „Jo, ihre Mutter war eine Couſine der Gräfin Kerner,“ antwortete Evert mit einer geſuchten Gleich⸗ giltigkeit. „Du biſt ſehr glücklich geweſen, Ochard, daß Du eine ſo reiche, liebenswürdige und talentvolle Dame zur Frau bekamſt.“ „Ich kann wahrlich nicht ſagen daß das Glück mir dießmal entgegengeflogen ſei,“ ſagte Evert lächelnd;„denn ich kann verſichern daß ich Anfangs nicht daran dachte um ſie zu freien, und es wäre mir ſicherlich nicht eingefallen meine Gedanken auf ſie zu heften, weil ich damals von einer andern Dame eingenommen war; allein ſie zeigte mir eine Aufmerkſamkeit, die mich darüber aufklärte daß ich ohne mein Wiſſen eine Eroberung gemacht hatte. Wenn man ſich von einer jungen, ſchönen, bezaubern⸗ den Dame geliebt ſieht, ſo fügt man ſich gerne in ſein Schickſal und in die Ketten die ſie auferlegen will.“ „Du haſt wirklich ein erſtaunliches Glück bei den Damen.“ „Ja, ich weiß nicht woher es kommt; meine Frau zum Beiſpiel betet mich in Wahrheit an.“ „Und Du? „Wir Männer können nicht ſo leidenſchaftlich lieben wie die Frauen. Unſere Zeit iſt überdieß von wichtigeren Dingen in Anſpruch genommen; aber ich liebe ſie unbeſchreiblich und mache mir eine Ehre daraus mich in allen Stücken nach ihrem Willen, ja ſogar nach ihren Launen zu richten.“£ Schon im Anfang des Geſprächs hatte Uno nach beendigtem Tanz Helena auf einen Sopha dicht hinter Evert geführt, ohne daß dieſer es bemerkte. — Sowohl Uno als Helena hörten die ſo eben mit⸗ getheilte Unterredung. Sie, die ſich das Anſehen ihres Mannes ſo an⸗ gelegen ſein ließ und Alles that um ihn in ein ſol⸗ ches Licht zu ſtellen, daß ſeine Fehler nicht zum Vor⸗ ſchein kamen, ſie hörte dieſen Mann mit einer ver⸗ lezenden Gleichgiltigkeit prahlen, daß er ſie nicht zuerſt geliebt, ſondern daß ſie durch ihre heftige Leidenſchaft ihm Veranlaſſung gegeben habe ſich mit ihr zu verbinden. Und überdieß war die Auſſchnei⸗ derei daß ſie ihn anbete, und daß er aus Pflicht ſich eine Ehre daraus mache ihre Launen zu erfül⸗ len, vollkommen geeignet ihre feinfühlende Seele ſchmerzlich zu verlezen. Mit finſterer Stirne und drohendem Blick ſaß Uno an Helenas Seite. Als die Sprechenden ſich entfernt hatten, ſagte er in einem Ton voll Bit⸗ 2 terkeit: kein großes Geheimniß aus dem Glück das Ihre Liebe ihm bereitete.“ Das allein fehlte noch um Helenas Schmerz zu vergrößern. Sie wußte daß man ſie von allen Seiten beobachtete, jeder Gefühlsausbruch würde bemerkt worden ſein, und deßhalb unterdrückte ſie mit einer gewaltſamen Anſtrengung den Schmerz der ihren Augen Thränen erpreſſen wollte. Sie ſah Uno an und ſagte in beinahe bittendem Tone: „Uno, kein Wort mehr hierüber, wenn Sie wahre Freundſchaft für mich hegen.“ „Alſo Sie waren es die durch Ihre heftige Liebe Ihren Mann zum Freien veranlaßte. Er macht 207 „Wie können Sie in dieſem Augenblick an meine Freundſchaft appelliren? Verſtehen Sie. „Ich verſtehe daß Uno Kerner viel zu edel denkt um eine Frau beleidigen zu wollen die...“ „Nicht glücklich iſt! Sie haben Recht.“— Er ſtand auf und entfernte ſich. Einige Augenblicke ſpäter ſah Helena ihn mit der Baronin Auguſte plaudern. Bei dieſem Anblick fühlte ſie ſich ſo unglücklich, ſo allein, ſo von Allem verlaſſen, daß ſie in Thrä⸗ nen hätte zerſchmelzen mögen. Unos Ton und Be⸗ nehmen hatte ihr weh gethan; ſie meinte, es liege etwas Höhniſches, etwas Verächtliches darin. Ach! wenn er freundlich geſprochen, wenn er bei ihr aus⸗ geharrt und durch ſeine Anweſenheit den Schmerz über die Aeußerung ihres Mannes zu verringern geſucht hätte, dann würde ſie ſich weniger unglück⸗ „ lich gefühlt haben; ſeine Kälte, ſeine Gleichgiltigkeit verlezte ſie tief. Während ſie von dieſen peinlichen Gefühlen beherrſcht wurde, wollen wir dem Geſpräch zwiſchen der Baronin und Uno lauſchen. „Sie ſahen wohl Helena zur Zeit wo ihre Nei⸗ gung zu Ochard enſtand?“ „Ja gewiß! Er hatte unglaubliche Mühe bis es ihm gelang das ſtolze Mädchen zu intereſſiren das mit großer Gleichgiltigkeit auf alle jungen Män⸗ ner herabſchaute. Ich habe nie ein gegen Aufmerk⸗ ſamkeiten ſo kaltes Mädchen geſehen wie Helena da⸗ mals war. Ich glaube daß er zwei volle Jahre vergebens freite.“ 1½ 35 „Und ich habe gerade das Gegentheil gehört, nänilich daß ſie ſich zuerſt in ihn verliebt habe“ „Ha, ha, ha!“ lachte die Baronin.„Ich wollte darauf wetten daß Ochard ſelbſt dieſes Gerücht aus⸗ geſprengt hat; aber Jedermann wer ſie ſah kann das Gegentheil bezeugen. In einigen Jahren wird er wohl behaupten, Helena habe ſelbſt um ihn ge⸗ freit, nur um recht handgreiflich zu beweiſen wie un⸗ widerſtehlich er war.“ „Aber man kann wohl nicht annehmen daß ein Mann von Ehre auf Koſten ſeiner Frau prahlen wolle?“ „Aber ein eitler Mann thut es und noch viel mehr und noch Schlimmeres um ſeine Hauptleiden⸗ ſchaft zu befriedigen. Sehen Sie, Graf, Sie wollen abſichtlich nicht bemerken welche erbärmliche Narren die Männer ſind, wenn der Dämon der Eitelkeit ſie verſucht. Was Ochard insbeſondere betrifft, ſo iſt er der größte von allen ſolchen Narren.“ „Sie werden doch nicht beſtreiten wollen daß Frau Ochard ihn liebte?“ „Das will ich allerdings nicht; aber daß ſie nicht zuerſt in Feuer und Flammen gerieth, das kann ich verſichern, und was noch mehr iſt, ich glaube nicht daß Helena zu den Leidenſchaftiichen gehört. Sie liebt ihren Mann mit einer ſanften und ſtillen Er⸗ gebenheit welche ſie zu jedem Opfer fähig macht; aber eine ſtarke und heftige Leidenſchaft für ihn hegt ſie nicht und hat ſie niemals gehegt, ſo wenig als ſie für irgend einen andern Mann eine ſolche hegen könnte.“ „Das heißt mit andern Worten, ſie iſt ein we⸗ nig gefühllos.“ „So faſſe wenigſtens ich ihren Charäcter auf.“ 209 „Dann beſtände alſo ein Widerſpruch zwiſchen ihrer Einbildungskraft und ihrem Herzen. Denn die erſtere iſt glühend wie die Sonne des Südens, wenigſtens nach ihren poetiſchen Erzeugniſſen zu ur⸗ theilen.“ „Und warum nicht? Das eine Seelenvermögen wird ja auf Koſten des andern entwickelt. Helena wäre allzu reich ausgerüſtet geweſen, wenn ſie eben ſo viel Gefühl bekommen hätte wie Tolent. Im Uebrigen iſt es wohl möglich daß ihr Gefühl juſt darum auf dieſem normalen Standpunkt ſtehen blieb, weil ſie ihr Herz einmal an den Mann gekettet hatte der jezt ihr Gatte iſt, und der, troz ſeines ſchönen Geſichtes und ſeiner eleganten Kleidung, gleichwohl bei näherer Bekanntſchaft etwas geiſtesarm erſcheint.“ Und war nachdenklich geworden. Die Muſik rief die Baronin zum Tanz, aber Uno blieb unbeweglich ſizen und folgte allen Bewegungen Helenas mit einem ſo beharrlichen Blick als hätte er in ihrem Herzen leſen wollen. Abends, als Helena nach Hauſe zurückkam, hatte ſie bereits ihren Entſchluß gefaßt das belauſchte Ge⸗ ſpräch mit keinem Wörtchen zu berühren. Sie kannte jezt dieſen eitlen Mann vollkommen. Jede Beſchwerde von ihrer Seite wegen der Fehler die er beging mußte ja ſeine Hauptleidenſchaft verlezen und den ehelichen Frieden zerſtören. An häusliches Glück dachte ſie nicht mehr; ein ſolches war nicht möglich bei einem Manne der ſeinen Wunſch zu glänzen über alles Andere ſtellte. „Ich habe vor Gott gelobt Freud und Leid mit Schwärtz, Eines eiteln Mannes Frau⸗ 14 ihm zu theilen, für ſein Glück zu leben, mich ſelbſt um ſeinetwillen zu vergeſſen. Nun wohl, ich will meinen Schwur halten, unbekümmert darum wie er den ſeinigen hält; und ſollte auch mein Herz darüber verbluten, ſo will ich meinem Verſprechen getreu bleiben,“ dachte Helena als ſie an der Seite ihres Mannes dahinging. Evert ſagte mit einem triumphirenden Lächeln: „Ich bin Dir für Deine Toilette ein Compliment ſchuldig. Sie war ausgezeichnet, und es war nicht eine einzige da— das ſagten mir Graf T., Baron U., Capitän W. und mehrere Andere— es war nicht eine einzige da die Dir in Bezug auf ein ele⸗ gantes Ballkleid den Sieg ſtreitig machen konnte. Das Einzige was ich zu bemerken hatte war daß Du Dein Haar nicht ſo aufpuzen ließeſt daß ſeine Fülle zu Tage kam. Eine Weltdame, liebe Helena, verſäumt es niemals die Schäze von Schönheit und Liebreiz zu zeigen welche die Natur ihr verliehen hat.“ Einige Tage ſpäter gab Evert ſeinen zahlreichen Freunden ein Frühſtück, weil er am folgenden Tag abreiſen ſollte. Uno war natürlich auch darunter, ebenſo der junge Bäron Alfred Ernſtein, Auguſtens Schwager. Als die Herren getrunken hatten und der Wein ihnen zu Kopfe geſtiegen war, began⸗ nen ſie von Frauenzimmern zu ſprechen.. Evert er⸗ zählte wie glücklich er bei dem ſchönen Geſchlechte geweſen ſei und noch immer ſei. Er beklagte ſich darüber daß er dem läſtigen Glück Liebe hervorzu⸗ — nicht einal als verheiratheter Mann entgehen önne. „Man behauptet allgemein,“ ſagte ein junger „———— 211 Gardelieutenant,„daß Du in die Baronin Ernſtein ſterblich verliebt und ſogar mit ihr verlobt warſt. Wenn es ſo iſt, warum habt ihr einander nicht ge⸗ heirathet?“ „Ja, was kann man machen? Ich war nicht verliebt genug um mich mit einer Hütte und einem Herzen zu begnügen,“ antwortete Evert mit Achſel⸗ zucken;„aber ich geſtehe gern daß Auguſte mir ſehr gefiel, und daß nur mein Ehrgefühl mich veranlaßte als verheiratheter Mann kalt gegen die Zärtlichkeit zu bleiben die ſie mir noch immer weiht.“ „Bravo!“ rief der Lieutenant lachend.„Die Baronin iſt die Freundin der Frau und verliebt in den Mann. Aber, mein Lieber, ſuche zu täuſchen wen Du willſt; mir wirſt Du nie weiß machen daß Dein Herz gegen die ſchöne Baronin kalt ſei. Man kann es nicht in alle Ewigkeit aushalten ſeine Frau zu lieben, ſelbſt wenn ſie ſo allerliebſt und bezaubernd iſt wie die Deinige.“ „Du vergiſſeſt daß man, wenn man mit Leiden⸗ ſchaft geliebt wird und weiß daß man der ausſchließ⸗ liche Gegenſtand der Liebe einer Frau iſt, nicht um⸗ hin kann ihr treu zu bleiben. Ich wenigſtens bin ein zu ehrlicher Kerl um anders zu handeln.“ „Inzwiſchen iſt die Baronin die Buſenfreundin Deiner Frau, und Dein Ehrgefühl liegt in beſtändi gem Streit mit dem Eindruck welchen das ſchöne Weib auf Dich machen muß.“ S „Sage lieber, mit der Qual die daraus entſteht wenn man ſich geliebt ſieht und wenn man weder Luſt noch ein Recht hat die Zärtlichkeit zu erwidern die man gegen ſeinen Willen einflößt.“ 212 Augen flogen zu dem jungen Baron hinüber, der bleich und ſchweigend das ganze Geſpräch angehört hatte. Uno trat vor und legte die Hand auf Everts Schulter, indem er ſagte: „Und ſehr qualvoll iſt es zu hören wie eine Dame von unbeflecktem Ruf einem leichtſinnigen Ge⸗ ſpötte preisgegeben wird.“— Uno wandte ſich zu den Andern.„Meine Herren, es gibt ja ſo viele Frauen ohne Ehre über die man ſcherzen kann; laſ⸗ ſen wir alſo diejenigen die eine ſolche beſizen in Frieden.“ Auf dieſe Worte folgte eine allgemeine Stille. Evert erröthete vor Verdruß, und ein Gefühl des Aergers gegen Uno regte ſich in ſeinem Herzen; doch ſeine Eitelkeit bedurfte des Grafen, und er ver⸗ biß olſo die Zurechtweiſung; aber aufgeſchoben war nicht aufgehoben. Helena und Baronin Auguſte wollten am Nach⸗ mittag eine kleine Promenade an die Küſte unter⸗ nehmen. Sie hatten beſchloſſen ſie allein und nur in Begleitung eines Bedienten zu machen. Die Herren ſaßen noch beim ſpäten Frühſtück, als Baron Alfred ſeine Schwägerin zu Pferd in der großen Allee entdeckte. Er ſchlich ſich aus dem Ge⸗ tümmel des Zechgelages hinweg. Die Baronin und Helena ritten im Schritt während ſie ſich lebhaft unterhielten. Das Thema das ſie beſprachen war die Lebensſtellung der Frauen. „Der Fehler bei uns Frauen,“ ſagte Helena, „liegt juſt darin daß wir uns ſelbſt als Puppen im Geſellſchaftsleben betrachten und uns kein höheres. — 213 Ziel vorſezen. Gerade die Gleichgiltigkeit welche auch Du an den Tag legſt iſt ein vorherrſchender Zug bei unſerem ganzen Geſchlecht und eine Folge unſerer Erziehung, ſo wie ſie jezt iſt. Sprich; fühlſt Du Dich zufrieden, wenn Du an Deine entſchwun⸗ denen Tage zurückdenkſt und Dir ſelbſt die Frage vorlegſt: Was iſt der Zweck meines Daſeins? Habe ich genüzt an dem Plaz auf welchen ich geſtellt wor⸗ den? Lebe ich mir ſelbſt oder Andern zum Nuzen? Welche Antwort gibt Dir da Dein Gewiſſen?“ „Daoß ich mich amüſirt, mich luſtig gemacht, große Geldſummen hinausgeworfen und bei alledem dennoch die Zeit langſam gefunden habe, obſchon ſie kaum zu den Beluſtigungen allen ausreicht. Aber, mein Gott, was ſoll ich denn thun? Wir leben nicht mehr in der patriarchaliſchen Zeit wo es dem Weibe ob⸗ lag Waſſer vom Brunnen zu holen. Was können wir reichen und beſchäftigungsloſen Leute Anderes thun, als daß wir, wie die Weiber Egyptens, uns ſchmücken, uns beluſtigen und unſere Zeit am Puz⸗ tiſch vertrödeln? Wir bilden einen Luxusartikel im Hauſe unſres reichen Mannes, und unſere einzige Beſchäftigung beſteht darin daß wir mit unſrer Pracht ſeiner Eitelkeit ſchmeicheln. Zu allen Zeiten hat der Mann das Weib als ein ihm untergeord⸗ netes Weſen behandelt und wird ſie auch zu allen Zeiten ſo behandeln. Nun wohl, liebe Freundin, was bleibt uns zu thun übrig? Richts Anderes als den Triumphwagen unſerer Beherrſcher zu ziehen, indem wir den zierlichſten Schmuck in ihrem Hauſe ausmachen.“ Weißt Du auch, Auguſte, daß es etwas Trau⸗ 214 riges iſt eine reichbegabte Frau wie Du auf dieſe Art ſprechen zu hören, und ich bleibe gerade deß⸗ halb auf meiner Behauptung daß die Frau juſt darum von ihrem Manne mißachtet wird, weil ſie keine Luſt zeigt ſich aus ihrem Kindheitszuſtand zu erheben. Sie ſtellen ein betrübtes Bild von Thor⸗ heit und Geiſtesarmuth dar, und dennoch wollen ſie als denkende Weſen betrachtet werden. Würden ſie ſich ſtatt deſſen bemühen ihre Seele durch Kenntniſſe zu veredeln, wie ganz anders würde es nicht in ihrem Innern ausſehen; wie ganz anders würden ſie nicht ihre Beſtimmung auffaſſen? Leider iſt es nur der Wille der uns fehlt, denn an jedem Plaz in der Welt kann man nüzen und ſein Leben ſo ein⸗ richten, daß man ein brauchbares Mitglied der Ge⸗ ſellſchaft wird.“ „Nun, meine artige Moraliſtin, warum vergeu⸗ deſt Du denn ſelbſt Dein Leben?“ Helena ſchwieg. „Ich will es Dir ſagen: Du biſt eine Sclavin der Eitelkeit Deines Mannes. Deine Kette iſt ebenſo feſt und noch unauflöslicher als bei den ſchwarzen Sclaven.“ „Auguſte, Du haſt Unrecht.“ „Still, ſprich mir nicht von Evert, ich kenne ihn.“ In dieſem Augenblick hörten ſie zwei Pferde hinter ſich hertraben. „Sieh da!“ rief Auguſte,„man wird jezt ſehen daß wir nie im Frieden ſein können; ſicherlich wer⸗ den wir von einem der Herren verfolgt die das Bis⸗ chen Verſtand das ihnen zu Theil geworden jezt vollends vertrunken haben. Ich verſichere Dich daß,„ S 219 „Nun wohl, laſſen Sie uns zuvor den morgen⸗ den Tag abwarten,“ rief die Baronin heiter;„aber hüten Sie ſich wohl, Graf, wenn Sie ſeine Partei ergriffen haben und es ſich herausſtellt daß er Ihrer Theilnahme unwürdig iſt; dann trifft mein Zorn auch Sie.“ „Ich unterwerfe mich ihm mit dem vollen Be⸗ wußtſein daß ich heute nach meiner Ueberzeugung geſprochen habe.“ „Gut! Da der Weg jezt für vier zu ſchmal zu wer⸗ den anfängt, ſo bitte ich Helena um Entſchuldigung, wenn ich meinen Cavalier mit mir nehme und den Vortrab bilde. Ich habe ein großes Bedürfniß den Aerger der in meinem Innern wüthet über Jemand auszugießen, und wer könnte ſich in Abweſenheit meines Mannes beſſer zum Sündenbock eignen als ſein Bruder?“ Die Baronin und Alfred ſprengten ein Paar Dutzend Schritte voran und ließen dann ihre Pferde wieder im Schritt gehen. Aus der Lebhaſftigkeit womit die Baronin ihren Kopf bewegte, konnte man ſchließen daß ſie im vollen Ernſt ihrem jungen Schwager den Text verlas. Helena und Uno waren ein ziemliches Stück hintendrein gelaſſen worden; Helena brach das Still⸗ ſchweigen. „Dank für die freundſchaftliche Art wie Sie Cvert in Schuz nahmen,“ ſagte ſie mit beinahe ſchüchterner Stimme. „Ich ſuh wie ſehr Sie litten, und ich wollte um jeden Preis den unangenehmen Eindruck ein 8 bischen mildern. Ich hatte auf meinem Gewiſſen 220 eine Ungerechtigkeit die ich gegen Sie begangen hatte und wieder gut machen wollte.“ „Ungerechtigkeit,“ wiederholte Helena mit un⸗ ſicherer Stimme. „Ja; ich verließ Sie ais Sie tief betrübt wa⸗ ren.. Ich bin ein ſchlechter Freund, fürchte ich, und gleichwohl möchte ich Ihnen ſo gern dienen, möchte ſo gerne Bruderſtelle an Ihnen vertreten. Man iſt nicht immer was man will.“ Wieder entſtand eine Pauſe. Helena war dank⸗ bar gegen Uno weil er nicht von ihrem Manne ſprach. „Sagen Sie mir aufrichtig, waren Sie böſe auf mich wegen meines nicht ſehr freundlichen Be⸗ nehmens?“ „Ja, böſe, das iſt das rechte Wort,“ erwiderte Helena;„ich war böſe, aber nicht auf Sie. Ich dachte bloß daß Ihre Freundſchaft nicht der meini⸗ gen gleiche.“ „Und worin liegt der Unterſchied?“ 3„Sie werden leicht mißvergnügt über mich, ſtoßen ſich an allen meinen Fehlern, ärgern ſich darüber daß ich nicht fehlerfrei bin. Ich dagegen weiß daß Sie Fehler haben, ich ſehe dieſelben, mache ſie aber nicht zum Gegenſtand meiner Unter⸗ ſuchung. Ich weiß daß Sie ein edles Herz beſizen, daß Sie ein Mann ſind der mit ſtrengem Ehrgefühl ſeine eigenen und fremden Pflichten auffaßt, daß Sie gegen ſich ſelbſt genau, aber gegen alle Andern, mich ſelbſt ausgenommen, nachſichtig ſind. Um dieſer guten Eigenſchaften willen ſchäze ich Sie ſehr, ohne mich darüber zu ärgern daß Sie kein Ideal ſind . 221 „Ich erkenne die Gerechtigkeit Ihres ſanſten Tadels, und gleichwohl glaube ich verſichern zu können daß meine Freundſchaft für Sie viel ſtärker iſt als die Ihrige gegen mich.“ „Das glaube ich nicht. Ihr Männer meint Freundſchaft hegen zu können, während ihr euch in Wahrheit nur mit dem amüſirt was ihr einen Freund oder eine Freundin nennet. Ihr ſprecht gern mit der Perſon deren Unterhaltung euch zer⸗ ſtreut, und ihr glaubt die Freunde dieſer Perſon zu ſein, aber es braucht nur eine andere Perſon in noch höherem Grad euer Intereſſe zu erregen, ſo iſt der frühere Freund oder die frühere Freundin euch nichts mehr. Wir dagegen halten uns an eine moraliſche Eigenſchaft, eine edle Handlung, an einen Ausdruck wahren Ehrgefühls, wirklicher Menſchenliebe, erhabe⸗ ner Denkungsart; das ſind die Grundlagen unſerer Freundſchaft.“ „Beruht die Liebe der Frau auf demſelben Grund?“ „Nein, nicht immer; man braucht bloß in unſerm Innern eine Saite anzuſchlagen die unſere Phantaſie in Bewegung ſezt und hinreißt, ſo folgt das arme Herz mit.“ „Aber ſind Sie auch wirklich in Liebesangelegen⸗ heiten zu einem Urtheil berechtigt? Haben Sie je⸗ mals geliebt oder können Sie auch nur begreifen was Liebe iſt?“ Uno hätte viel dafür gegeben in dieſem Augen⸗ blick in Helenas Herz ſchauen und darin die Anit⸗ wort auf ſeine Frage leſen zu können. Aber der ſpähende Blick forſchte vergebens. Er konnte nicht * 222 einmal ihre Augen ſchauen, denn ſie waren geſenkt. Helena antwortete ganz ruhig: „Wie können Sie eine ſolche Frage an mich ſtellen, während Sie wiſſen daß ich aus Liebe ge⸗ heirathet habe?“ Uno ſpornte ſein Pferd, das einige Sprünge machte, dann fuhr er fort: „Die Baronin ſcheint ihren Schwager in vollem Ernſt abzukanzeln.“ Man ſprach eine Weile von gleichgiltigen Gegen⸗ ſtänden. Hernach verſammelte ſich die ganze Ge⸗ ſellſchaft wieder. Man machte an einem ſchönen Plaze Raſt und kehrte dann nach Hauſe zurück. Als man bei der Rücktehr auf einen ſchmalen Weg kam, ſpornte Helena ihr Pferd und ſagte lächeind zu Auguſte: vet iſt es an Uno und mir den Vortrab zu ilden.“ Nachdem ſie einen Vorſprung vor den Andern gewonnen hatten, begann Uno: „Sie wollen mir etwas ſagen?“ „Ja, aber ich kann es nicht leicht in Worte bringen.“ „Troz Ihrer Freundſchaft gegen mich?“ „Ja, troz derſelben bin ich in Verlegenheit.“ „Es betrifft Ihren Mann? Habe ich kecht ge⸗ rathen?“ „Vollkommen. Ich wünſche daß Sie ihm wegen ſeiner Aeußerung über die Baronin Nichts ſagen möchten.“— Es lag in Blick und Stimme ein ſo bittender Ausdruck, daß Unos Herz weich wurde, während er mit bitterem Verdruß daran dachte wie — 2²3 wenig Ochard ſein Glück ſchäzte Helena als Frau zu beſizen. „Der leiſeſte Wunſch von Ihnen iſt mir Geſez,“ antwortete Uno. „Dank!“ „Aber bedenken Sie daß die Baronin berechtigt iſt Genugthuung zu fordern.“ „Sie ſoll dieſelbe erhalten und Sie ſollen ihn nicht vergebens vertheidigt haben. Glauben Sie mir, er verdient die gute Anſicht die Sie von ihm hegen.“ „Er und immer er nimmt Ihre ganze Seele in Anſpruch. Sie ſind eine bewundernswürdige Gattin, Helena, und ich möchte lieber ſterben als den Tag erleben wo Sie aufhören würden das zu ſein was Sie jezt ſind.“ Er ſprach aufrichtig. Er beſaß ein allzu geſun⸗ des und unverdorbenes Herz, um eine Perſon lieben zu können die er nicht hochachtete. „Ich bin eine höchſt unvollkommene Gattin,“ antwortete Helena, die ſich durch ſeine Worte ſo beruhigt, ſo glücklich fühlte,„und ich bedarf der ganzen Nachſicht meines Mannes.“ Der Weg wurde wieder breit und man konnte jezt neben einander reiten. Als die Pferde vor dem Hauſe anhielten, ſprang Uno von dem ſeinigen herab und eilte um Helena herunterzuhelfen. Einen Augenblick regten ſich heſ⸗ tige Gefühle in ſeiner Bruſt, und er empfand ein unwiderſtehliches Verlangen ſie an ſein Herz zu drücken. Aber ſein Wille war ſtärker als ſeine Lei⸗ denſchaft, und er hob ſie aus dem Sattel, ohne auch nur mit den Armen zu zittern. „Ich reiſe gegen Zwölf ab,“ ſagte Evert am folgenden Morgen zu ſeiner Frau. „Aber zuvor haſt Du einen Mißgriff gut zu machen, einen Scandal abzuwehren,“ antwortete He⸗ lena und erzählte was Baron Alfred ihr geſagt hatte, ſo wie daß dieſer entſchloſſen ſei Evert nö⸗ thigen Falls zum Widerruf zu zwingen. Evert ge⸗ rieth in Wuth, erlaubte ſich heftige Bemerkungen über den Baron und wollte von einer Revocation nichts hören. Aber Helena ergriff ſeine Hand, ſprach davon wie Alle, ſelbſt diejenigen die ſeine Worte gehört hatten, eine ſolche Revocation billigen würden, ſo daß er nur Ehre davon haben könnte. Die Baronin ſelbſt würde gezwungen ſein ihm zu verzeihen. Als nun Helena ſeine Eitelkeit zu wecken ſuchte, ſo daß dieſe ihn beſtimmen ſollte den Forde⸗ rungen der Ehre zu genügen, gelang es ihr wirklich, und er führte ſie unter Berechnung des Effects ſeiner gezwungenen Handlung in den Salon hinab. All die fröhlichen Gäſte von geſtern umringten ihn um für die angenehme Veranſtaltung zu danken; unter Andern der junge Baron Ernſtein und Unv. „Ich nehme als gewiß an daß Graf Kerner Unrecht bekommt,“ dachte Baron Alfred;„er wird ſicher nicht zurücknehmen was er einmal geſagt hat.“ „Wir wollen jezt ſehen ob Helena den Narren beſtimmen konnte als Mann von Ehre zu handeln,“ dachte Uno. „Meine Herren!“ begann Ochard mit lauter Stimme,„der Wein verleitet uns zuweilen in einer heitern Laune Dinge zu ſagen die nur Erzeugniſſe unſerer erhizten Einbildungskraft find. Eines ſol⸗ — 2 —————— 22⁵5 chen Verſehens machte ich mich geſtern ſchuldig, in⸗ dem ich in einer durchaus unwahren Weiſe von einer Dame ſprach der ich die höchſte Achtung und Bewunderung zolle. Ich nehme alſo jezt meine Aeußerungen zurück, erkläre ſie für ganz grundlos, und wünſche daß Sie, meine Herren, dieſelben als un⸗ geſagt betrachten möchten.“ Von Natur ein ſehr guter Schauſpieler, hatte Evert eine ſo gute Haltung angenommen und trug ſeinen ſchönen Kopf mit ſolcher Freimüthigkeit daß ſeine Rede einen ſehr vortheilhaften Eindruck hervor⸗ brachte, weil Jedermann einen Zug von Edelmuth darin erblickte. Nicht ein einziger von dieſen jungen Herren glaubte inzwiſchen etwgs Anderes als daß die Baronin in Ochard verliebt ſei. Sie hatten eine zu ſchlechte Meinung von den Frauen im All⸗ gemeinen, um nicht alles Mögliche zu ihrem Nach⸗ theil anzunehmen. Dabei trugen ſie ſich mit allzu hohen Ideen von ihrem eigenen Werth, um glauben zu können daß Ochards Geprahle ganz grundlos geweſen ſei. Drei Wochen waren ſeit dem obenbeſchriebenen Ereigniß verfloſſen. Man hatte gebadet, getanzt, Ausflüge und Luſtpartien aller Art gemacht. Helena hatte alle ihre Tage mit Uno zugebracht. Er war der zärtlichſte Bruder, der ehrerbietigſte Freund und der angenehmſte Geſellſchafter für die junge Dame. Die Vielſeitigkeit ſeiner Bildung, die Friſche ſeiner Gefühle, der Adel und die Unver⸗ dorbenheit ſeines Characters traten bei dem täg⸗ lichen Zuſammenſein ins hellſte Licht. Helena fühlte Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. 15 er die Hand nach der See ausſtreckte: ſich glücklich und man ſah ſie lebhafter und ange⸗ regter als ſonſt. Auch die Baronin, die mit ihr zuſammenwohnte, fand ungemeines Vergnügen an Unos Geſellſchaft. Die Zeit entſchwand für Helena wie ein Traum, und in dieſer kurzen Periode reinen und unverſtellten Vergnügens war es ihr als ſei die Natur ſchöner geworden, als habe das Leben einen neuen, bisher unbekannten Reiz erhalten, als offenbare ſich Gottes Güte herrlicher denn je. Dieſe glückliche Zeit währte jedoch ſehr kurz. Helena glich einem Kind das an einem Abgrund ruht, ohne den düſtern Schlund zu bemerken der ringsum von Blumen verdeckt iſt. Sie genoß das Leben, ſie dankte Gott ſo innig für die Zufrieden⸗ heit die ihr Herz erfüllte, und achtete nicht auf die Gefahr. Aber der Zufall ſollte ganz plözlich die Binde von ihren Augen reißen und ihre Seelen⸗ ſtärke auf eine ernſte Probe ſtellen. Eines Abends nach Tiſch machten die Baronin, Helena, Uno und ein deutſcher Doctor der ſich einige Tage im Bade aufgehalten, einen Spaziergang nach der Küſte. Es war ein heller Abend; der Wind blies friſch. Die Baronin und der Doctor waren in einem eifrigen Geſpräch begriffen und beſchleu⸗ nigten ihre Schritte ſo ſehr, daß ſie Helena und Uno weit hinter ſich ließen. Unten um Strande heftete ſich Unos Aufmerkſamkeit auf einen Gegen⸗ ſtand draußen auf der See, während Helena das angefangene Geſpräch lebhaft fortſezte, ohne darauf zu achten daß Unos Antworten immer einſilbiger wurden. Endlich blieb er ſtehen und ſagte, indem 227 „Sehen Sie, Helena, wie dieſes kleine Boot dort mit den Wogen kämpft.“ Helenas Augen folgten der Richtung ſeiner Hand. In dem Boot ſah ſie eine einſame Frau die alt zu ſein ſchien und mit allen Kräften gegen das Land ruderte, aber das Fahrzeug ſchien vom Winde eher zurück als vorwärts getrieben zu werden. Zuweilen lehnte die alte Rudererin ihr Geſicht in ihre Hände, als weinte ſie über ihre unmächtigen Bemühungen. „Ach, mein Gott, ſie kommt gewiß nicht ans Land,“ ſagte Helena, die voll Angſt allen Bewe⸗ gungen des Schiffchens folgte. „Es ſieht ganz ſo aus, zumal da der Wind zu⸗ nimmt.“— Uno ſchaute um ſich, ob Niemand in der Nähe zu finden wäre den er bitten könnte der armen Frau gegen Bezahlung beizuſtehen; aber er entdeckte keine menſchliche Seele, ſah jedoch ein klei⸗ nes Boot das ſich am Ufer ſchaukelte. „Helena, kehren Sie nach Hauſe zurück, denn Sie können die Baronin doch nicht mehr einholen. Ich will der alten Frau helfen.“— Mit dieſen Worten war Uno ans Ufer hinab und ins Boot ge⸗ ſprungen. Helena blieb ſtehen. „Gehen Sie, Helena, gehen Sie; es bläst kalt,“ rief er, indem er das Boot los machte; aber ſie blieb unbeweglich. Bald war ert weit vom Lande hinweg und ruderte ſo raſch als die Wogen es ge⸗ ſtatteten auf die Alte zu. Helena folgte mit unab⸗ läſſiger Aufmerkſamkeit allen Bewegungen des ge⸗ brechlichen Bootes. Sie wagte nicht zu athmen; ihre ganze Exiſtenz ſchien auf den Bewegungen des Bootes zu ruhen, ſo viel Angſt lag in Blicke — 228 womit ſie ihm folgte. Der Wind hatte in den lez⸗ ten Minuten zugenommen, ſo daß die Wogen mit weißem Schaum um Uno her rollten. Endlich hatte er die Alte erreicht und war raſch in ihr Boot ge⸗ ſprungen. Darauf ergriff er die Ruder und begann mit aller Kraft zu arbeiten. Helena hatte beide Hände gegen ihr Herz gedrückt, um ſeine Schläge zu hemmen, als Uno in das Boot ſprang, und ſie glaubte nicht anders mehr als daß ſowohl er als die Alte ein Raub der Wogen werden ſollten. Das Rudern gegen das Land zu war mühſam, weil ſie Gegenwind hatten; aber nach einer halben Stunde beharrlicher Arbeit landete das Boot. Helena ſprang den Abhang hinab, und als Uno ſich aus dem Boote herausſchwang, reichte ſie ihm beide Hände mit den Worten: „Mein Gott, welch entſezliche Angſt habe ich ausgeſtanden! Wäre das Boot geſcheitert, ſo wäre mein Herz gebrochen!“ Uno hatte die beiden dargereichten Hände er⸗ griffen und ſtammelte mit leidenſchaftlicher Aufregung: „O Helena, geliebte, angebetete Helena, warum darf ich nicht in dieſem Augenblick der Wonne ſterben!“ Uno hatte einmal den Wunſch geäußert in He⸗ lenas Herzen leſen zu dürfen. Jezt, als ihre Augen ſich begegneten, als die ihrigen mit einem ſo hin⸗ reißenden Ausdruck auf ihm ruhten, jezt meinte er darin leſen zu können. Beide betrachteten einander einige Minuten lang, als ſcheuten ſie ſich den Zau⸗ ber mit Worten zu ſtören. Die Stimme der Alten dicht neben ihnen erweckte ſie. Helena fuhr zuſam⸗ men als wäre ſie gus einem Traume erwacht und 230 brechliche Fahrzeug einen Mann trug der ihrem Her⸗ zen ſo theuer war, daß ſie gerne ihr eigenes Leben geopfert hätte um ihn zu retten. Und als er nun wieder vor ihr ſtand, als ſie wieder ſeinem Blick begegnete, wieder ihre Hände in die ſeinigen ge⸗ ſchloſſen fühlte, wie dankbar gegen Gott, wie un⸗ ausſprechlich giücklich hatte ſie ſich nicht da gefühlt! Dieſe Angſt, dieſe Freude ſchien in ſchonungsloſem Tone zu ihr zu ſagen: Du liebſt ihn. Bei dieſem Gedanken hätte Helena in den Staub ſinken mögen. Sie, die bloß nach einem einzigen Ziele geſtrebt hatte, nämlich gewiſſenhaft ihre Gattin⸗ pflichten erfüllen zu können, war jezt in ihrem Her⸗ zen ein treuloſes Weib. Man mußte, wie ſie, mit tiefem Ernſt ſeine Pflichten verehren um den Schmerz und die Reue zu begreifen womit ſie vor Gott nie⸗ derkniete und über ſich ſelbſt weinte. „Soll denn Alles mich verlaſſen,“ ſchluchzte ſie, „auch mein eigenes Herz? Häusliches Glück, mei⸗ nes Gatten Liebe, Alles iſt mir geraubt; ſoll ich auch noch meine Selbſtachtung verlieren?“ Sie ſuchte ſich mit keinen Scheingründen vor ihrem anklagenden Gewiſſen zu entſchuldigen. Sie ſchüzte nicht die Fehler ihres Mannes als Bemän⸗ telung vor. Sie klagte ihn nicht an, weil er ſie gedankenlos der Gefahr preisgegeben habe. Sie dachte nicht an ſeine Kaltblütigkeit um ihren eige⸗ nen Fehler zu verkleinern. Nein— ſie klagte Nie⸗ mand anders an als ſich ſelbſt, ſie ſuchte nach keinen Veſchönigungen. Den Gedanken nur auf ihre eigene Schwachheit geheftet, ſchloß ſie die Rechnung mit ſich ſelbſt ab, und ohne ſich auch nur einen Augen⸗ 231 ahne bethören zu laſſen daß ihre ſtille, ſcheinbar unſchuldige Liebe Niemand beleidige, beſchloß ſie einer Gefahr zu entfliehen für deren Be⸗ j in dieſem Augenblick nicht kämpfung ſie ihr Herz gewachſen ſühlte. Nicht eine einzige Secunde des Gluckes wollte ſie ſich auf Koſten ihrer Pflichten freikaufen. Eine Seligkeit um dieſen Preis würde ſich in eine ewig nagende Gewiſſensqual verwan⸗ delt haben. Am ſolgenden Tag war Helena im Bade nicht ſichtbar. Uno hatte ſich eingeſunden um nach ihrem Beſinden zu fragen, wobei er unaufhörlich vor ſich ſelbſt hinmurmelte: Lippen die Worte muß von ihren eigenen dann— dann will blic von dem W hören: Ich liebe Dich, und ich weit weg von hier entfliehen.“ Als er in Helenas Wohnung kam, ſagte ihm Ingrid, ihre Gebieterin ſei krank. Nach dem Da⸗ fürhalten des Arztes habe ſie ſich erkältet. Eine Woche verging und Helena mußte beſtän⸗ dig das Bett hüten. Eines Sonntags Morgens ſagte die Baronin zu Uno daß Helena beſſer ſei, und daß ſie ſich Nach⸗ mittags bei der Cafeviſite einfinden werde weiche die Oberſtin G— für die ganze Geſellſchaft im Solon veranſtaltet habe. Als Helena und die Baronin herauskamen um ſich in den Salon zu begeben, trat Uno ihnen ent⸗ gegen. Er ſah bloß Helena. Mit einer Lebhoſtig⸗ keit die alle Geſühle ſeines Herzens zurücſpiegelte, ging er auf ſie zu und ſagte, indem er mit einem 232 Ausdruck von Bewunderung, Freude, Liebe und Hoffnung ſie beglückwünſchte, zu ihr: „Ich werde mirs nie verzeihen daß ich Ihr Un⸗ wohlſein theilweiſe verſchuldete, und gleichwohl kann ich einen Zufall nicht beklagen der mir die Gelegen⸗ heit verſchaffte...“ „Einem Weſen zu helfen das ohne Sie zu Grunde angen wäre,“ fiel Helena mit etwas unſicherer timme ein. Uno ging eine Weile ſchweigend neben ihr her, dann begann er mit einer bei ihm höchſt ſeltenen Heiterkeit von gleichgiltigen Dingen zu ſprechen. Man hatte im Salon den Cafe getrunken, man muſicirte ein wenig, und dann zerſtreute man ſich in kleinen Gruppen im Parke. Helena, die müde und ſchweigſam war, hatte ſich in einen der kleinen Sophas im Salon gefezt; Uno kam auf ſie zu. „So bleich und ſo betrübt? Ich dagegen kenne Grenzen für meine Freude Dich wiederzu⸗ ehen.“ Helena ſchauderte und hätte die gewaltſamen Schläge ihres Herzens gerne erſticken mögen. „Während der Tage die ich von Dir getrennt war, Helena, hat nur eine einzige Erinnerung mich verfolgt: die Erinnerung an den Augenblick wo Du mich an dem Ufer empfingſt. O Helena, wann wird dieſer Augenblick wiederkehren?“ „Niemals!“ flüſterte ſie. „Du kannſt nicht ſo grauſam ſein. Sieh mich an, Helena, und ſage daß die Liebe die ſchon ſo manches Jahr hindurch in der Tiefe meines Herzens gewohnt hat einen Troſt verdient. Höre, Helena, ich werde * 233 nicht eher von Deiner Seite weichen, als bis Deine Lippen bekräftigt haben was Dein Blick mir ſagte. Ich muß drei Worte von Dir hören: drei Worte des Troſtes für ein ganzes Leben.“ 8 „Still, Uno!“ Sie ſtand auf und reichte ihm die Hand, indem ſie mit einem wehmüthigen Sche ſagte: 3 „Morgen werde ich mich erklären.“— Dajit ging ſie. „Morgen,“ jubelte Uno,„morgen!“ Der Morgen kam mit einem Himmel ſo grau und einem Nebel ſo dick, daß ſelbſt die Luft Kum⸗ mer zu haben ſchien. Aber Uno fand dieſen grauen Himmel klar und freundlich, dieſe Luft lieblich und warm, denn er erwachte mit der Hoffnung daß ſein höchſter Wunſch in Erfüllung gehen würde. Wie es hernach gehen ſollte, daran dachte er nicht. Die er⸗ wartete Erklärung war Alles für ihn. Er hatte ſo eben angefangen ſeine Toilette zu machen, als der Bediente ihm einen Brief überreichte. Schon die Aufſchrift ſagte ihm von wem er kam. Er riß den Umſchlag auf und las. „Einſt ſagten Sie, als Sie mir Ihre Freund⸗ ſchaſt anboten: Sie werden nie Gründe haben die Freundſchaft zu bereuen die Sie mir jezt ſchenken. Haben Sie dieß Verſprechen gehalten? Muß ich nicht jezt bitter den Augenblick bereuen wo wir Freunde wurden? Legen Sie die Hand auf Ihr eigenes, redliches Herz und beantworten Sie die Frage ſelbſt.* „Ein andermal äußerten Sie: Es hat mich oft geſchmerzt, wenn ich bedachte, Sie könnten mich 234 ſo verächtlichen Handlungsweiſe fähig glauben, daß ich mit einer verheiratheten Frau von Liebe zu ſprechen vermöchte.— Jezt haben Sie ſich einer ſolchen Handlung ſchuldig gemacht. „Mein Mann hatte Ihnen ſeine Frau anver⸗ raut. Werden Sie, mit Ihren ſtrengen Begriffen von Ehre, dieſes Vertrauen täuſchen? Der Uno der mein Freund war, der hoch in meiner Achtung ſtand, er wird ſich eines ſolchen Verbrechens nicht ſchuldig machen, er wird die Frau ehren die ihm ihre Achtung, ihr Vertrauen und ihre Freundſchaft ſchenkte. Leidenſchaft wird ihn niemals verleiten zu vergeſſen was er ſeiner eigenen Ehre, dem abweſen⸗ den Gatten und der verheiratheten Frau ſchul⸗ dig iſt. „Einmal ſagten Sie: Helena, Sie ſind ein be⸗ wundernswürdiges Weib; ich möchte den Tag nicht erleben wo ich Sie anders fände.— Und gleich⸗ wohl verlangten Sie von mir geſtern ein Bekennt⸗ niß daß ich Sie liebe, daß mein Herz ſeinen Pflich⸗ ten untreu geworden ſei und den Gatten verrathen habe dem ich am Altar ewige geſchworen. Wenn ich Ihre Bitte erfüllte, wärs ich dann ein bewundernswürdiges Weib? Nein, ich wäre eine verächtliche Verrätherin die ihre Pflichten mit Füßen träte, und weder Zeit noch Verhältniſſe vermöchten dieſen Schandfleck in meinem Leben zu verwiſchen.— Jezt habe ich Alles geſagt was ich zu ſagen habe; Ihr eigenes Herz wird Ihnen übrigens, ſobald Sie aus dieſer Verirrung erwacht ſind, ſagen was Sie zu vergeſſen im Begriffe ſtanden. „Eine einzige Bitte hat Helena an den Freund * 2 n ———————— 235 Uno, und ſie weiß daß er dieſelbe erfüllen wird Suchen Sie mich einige Tage lang nicht zu treffen. Machen Sie einen Ausflug nach X— oder irgend wohin ſonſt, oder bleiben Sie auf Ihrem Zimmer. Dieſe Verbannung oder Gefangenſchaft wird kurz 1 währen, aber Helena wird dankbar ſein für eine ſolche Fügſamkeit in ihren Wunſch. „Und nun leben Sie wohl! Die Erinnerung an den Freund Uno wird ſtets treu bewahrt wer⸗ den von Helena.“ Uno ſaß lange unbeweglich da; eine Thräne glänzte in ſeinem Auge und er führte Helenas Brief an ſeine Lippen. „O wie konnte ich einen Augenblick denken daß ſie anders handeln würde, das edle, hochſinnige Weib! Möge Gott mich davor bewahren daß ich Deine ſchneeweißen Flügel belecken wollte!“ Er durchlas den Brief der ſo mild und ſo ernſt war noch einmal; dann ſchrieb er: „Dank, Engel! Ewig werde ich Dein gedenken, als des edelſten Weibes das ich je gekannt habe. Ich gehorche Dir und bleibe auf meinen Zimmern, bis Helena meine Gefangenſchaft aufhebt. Vergiß Alles was davon zeugt daß ich mein Verſprechen, ein redlicher und treuer Freund zu ſein vergeſſen abe. „Aber auch ich habe an Helena eine Bitte, die einzige die ich je an ſie richten werde: Singen Se heute Abend die Ballade die Sie auf Löda ſangen; ſingen Sie dieſelbe, wenn Alles zur Ruhe gegangen iſt und ehe Sie Ihre Fenſter ſchließen. Heleng, 32 iſt Alles was ich in dieſem Leben von Ihren . 236 gehre. Schenken Sie dieſen einzigen Beweis von Wohlwollen Ihrem Freunde Uno.“ Abends hatte der Himmel ſich geklärt, die Sonne war in ihr Purpurbett hinabgeſtiegen, Luna, die Königin der Nacht, hatte mit ihrem durchſichtigen Mantel und ihrem Sternendiadem die Erde umfan⸗ gen auf welcher jezt Alles ſtill und ſchweigſam war. Alles in A— ſchien in Ruhe verſunken zu ſein; nur ein einſames Weſen ſtand unbeweglich an einen Baum neben dem Hauſe gelehnt wo Helena und die Baronin wohnten und die Fenſter noch offen waren. Plözlich wurde die Stille durch einen Geſang aus Helenas Zimmern unterbrochen. Er glich einem Geiſtergeflüſter aus einer beſſern Welt. Die unſicht⸗ bare Sängerin wiederholte jeden Vers, und„der Geſang flog über das Meer,“ und Alles wurde wie⸗ der ſtill ſowohl in als außer dem Hauſe. Zwei Tage ſpäter erhielt Uno folgendes Billet: „Uno, Sie ſind frei; Ihre Gefangenſchaft hat aufgehört; ich bin jezt fort. Ich weiß daß Sie mich nicht eher wieder ſehen werden als bis Sie es mit vollkommener Ruhe thun können. In zwei Tagen werde ich meinen Mann wieder ſehen. Die Freundin Helena.“ Fort! Fort!“ rief Uno und ſprang auf.„Ich weiß daß Sie mich nicht eher wiederſehen werden als bis Sie es mit Ruhe thun können,“ wiederholte er.„O Helena, Helena! das armſelige Glück Dich zu ſehen hätteſt Du mir doch gönnen können.“ ———— * . 237 Eines ſchönen Morgens am Ende Juni, zwei Tage nachdem Uno das erwähnte Billet erhalten hatte, ſtand Aſſeſſor Ochard da und knüpfte ſeine Halstuchroſe vor dem Spiegel. Er knüpfte ſie ge⸗ wiß zum zwanzigſten Male, weil ſie gar nicht nach Wunſch ausfallen wollte. Juſt als dieſes Bemühen ihm gelungen war, indem er mit ſelbſtzufriedener Riene ſeine Weſte zuknöpfte, erhob ſich der Thür⸗ vorhang zwiſchen dem äußern und innern Zimmer, und eine geſchmackvoll gekleidete Dame trat ein. Evert, der ſie im Spiegel kommen ſah, wandte ſich um und rief, als ſeine Augen auf ihr Geſicht ſielen: „Helena, mein Gott, was ſoll das heißen!“— Helena eilte auf ihren Mann zu und ſtreckte ihm ihre Arme entgegen. „Daß Deine Helena zu Dir zurückkehren mußte!“ „Du haſt Dich alſo nach mir geſehnt, nicht wahr?“ ſagte Evert und umarmte ſeine Frau ſehr behutſam, um ihre Schürzenfalten nicht runzlig zu machen. „Aber meine liebe Helena, ſo ſchmeichelhaft es für mich ſein muß daß Du Dich ſo eifrig nach mir ſehnſt, ſo thut es mir doch ſehr leid daß Du ſo über Hals und Kopf K— verließeſt. Was wird man wohl von einer ſo plözlichen Abreiſe ſagen? Man wird Vermuthungen anſtellen und Du ſezeſt uns Beide einer ganzen Maſſe von Auslegungen aus, die Du weit klüger vermieden hätteſt, wenn Du bis zum Ende des Termins geblieben wäreſt.“ „Ach, Evert, glaube mir, wenn ich mit der Hand auf dem Herzen Dich verſichere daß ich weder blei⸗ ben wollte noch konnte.“ 5 Es lag etwas ſo Mildes und doch Trauriges 238 in Helenas Stimme daß Everts Aufmerkſamkeit rege wurde. Er ſah auf ſeine Uhr: „Es iſt mir recht angenehm mich überzeugen zu können daß ich Dir ſo theuer bin, und ich werde Dir, wenn ich zurückkomme, mit dem größten Ver⸗ gnügen zuhören wie ſehr Du Dich ohne mich lang⸗ weilteſt, aber für den Augenblick bin ich mit meiner Zeit etwas beſchränkt.“ Helena hatte Hut und Mantel abgenommen und ſich auf einen kleinen Sopha geſezt. Sie reichte ihrem Manne die Hand. „Komm her und ſeze Dich zu mir, Evert. Ich werde wieder vergnügt werden, wenn ich ſehe daß Du mich nur ein Bischen lieb haſt.“ Evert ſezte ſich, küßte Helena auf die Stirne und ſagte: „Aber, liebe Freundin, um Eilf muß ich bein Staatsrath D— ſein, ſo daß wir nicht viel mehr als eine halbe Stunde haben und für den Austauſch zärtlicher Gefühle wenig Zeit übrig bleibt. Ich möchte mich bei dem Staatsrath nicht gerne mit Spuren von Rührung zeigen, ſondern vielmehr mit einer Ruhe und Sicherheit wie ſie den Ausſichten ent⸗ ſprechen wozu ich berechtigt bin. Nun, hoſt Du Dich ſonſt amüſirt? Deine Briefe ſcheinen zu beweiſen daß es der Fall war. Ich hatte ganz ſchrecklich viel zu thun, aber ich denke auch daß die Regierung nach dem Reichstag meine Dienſte belohnen wird. Apropos, Du biſt doch nicht allein gereist? Uno hat Dir wohl Geſellſchaft geleiſtet?“ „Nein, er iſt noch dort; ich reiste mit Ingrid.“ „Das war ſehr unbedachtſam. Du hätteſt mich — Dir faßte. Wenn man von einer Leidenſchaſt be⸗ 239 von Deiner Ankunft unterrichten ſollen, damit ich Dir bis an die See Pferde und Wagen hätte ent⸗ gegenſchicken können. Sieh, Helena, Deine Hieher⸗ reiſe widerſtreitet gänzlich dem allgemeinen Brauch, und ich ſehe voraus daß man Bemerkungen darüber machen wird. Du ſollteſt es als Lebensregel be⸗ trachten niemals zu handeln ohne vorher meinen Rath einzuholen.“ „Evert,“ ſagte Helena ernſt, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte,„es hondelte ſich nicht mehr darum an das Geſchwaze der Leute zu denken, ſon⸗ dern Dich wieder zu ſehen und mich in Deiner Nähe heiligen Pflichten zu widmen.“ „Meine liebe Helena, Du biſt ſehr romantiſch, und zwar zum großen Schaden für Dein Anſehen als Weltdame. Unſere hauptſächlichſten Pflichten gehen darauf aus daß wir der Welt niemals Ver⸗ anlaſſung geben unſere Handlungsweiſe zu tadeln. Die Privatpflichten kommen erſt in zweiter Linie. Deßhalb ſage ich noch einmal daß weder Liebe noch Sehnſucht noch ſonſt Etwas Dich veranlaſſen durf⸗ ten ſo über Hals und Kopf davon zu reiſen, ohne daß wenigſtens Uno als Dein Beſchüzer Dich be⸗ gleitete.“ „Aber iſt Dir denn gar nie eingefallen daß für Deine Frau eine Gefahr darin liegen konnte, wenn Du einen jungen Mann beauftrugſt ihr be⸗ ſtändiger Begleiter zu ſein?“ „Pah, meine Liebe, ich berechne Alles; ich bin ein geborner Diplomat. Ich hätte ganz und gar nichts dagegen wenn er eine lebhafte Neigung zu — 240 herrſcht wird, ſo iſt man immer ein Sclave derjeni⸗ gen Perſon die dieſe Leidenſchaft geweckt hat, und er würde auf dieſe Art blind meinen Intereſſen die⸗ nen, wenn er Alles thäte was Du wünſchteſt.“ „Evert, Evert! Bedenkſt Du nicht welcher Ge⸗ fahr Du mich ausſezeſt?“ „Ganz und gar nicht. Ich bin nicht romantiſch und ſehe auch keine Gefahren wo keine vorhanden ſind. Wenn Du Dich jezt auch ein wenig für ihn intereſſirteſt... das bedeutet ja gar nichts, da Du mich einmal geliebt haſt, und unmöglich einen ſo ſchlechten Geſchmack haben kannſt einen Mann von ſeinem Ausſehen mir vorzuziehen. Einen ſolchen Mangel an Urtheil würde ich Dir nie verzeihen. Jezt finde ich das vortrefflich daß er, ein vornehmer, reicher, überall gefeierter junger Mann, der erſte iſt der meiner Frau eine Huldigung ſchenkt. Ueber⸗ dieß rechne ich auf die Bekanntſchaft mit ihm und ſeinem Schwager, um recht bald zur Auszeichnung zu gelangen, und ich geſtehe daß Du mir einen weit größeren Dienſt erwieſen hätteſt, wenn Du, mit oder ohne Gefahr ſein Herz zu erobern, geblieben wäreſt, als dadurch daß Du mir nichts Dir nichts davon reiſeſt und mir ſomit vielleicht die Feindſchaft eines Mannes zuziehſt von welchem ich viel für meine Pläne hoffte.“ „Evert, Evert, iſt das Alles was Du mir zu ſagen haſt?“ ſchluchzte Helena. „Meine liebe Helena, ich denke, Du ſollſt zufrie⸗ den ſein, wenn ich Dich verſichere daß ich mich durch Deine Ergebenheit geſchmeichelt fühle, obſchon ich wünſchen möchte daß Du weniger romantiſch wäreſt.“ ——— — ——— 241 Evert küßte ſie und ſah dann auf ſeine Uhr. „Jezt muß ich Dich verlaſſen. Verwiſche die Spuren Deiner Thränen und laß uns nicht mehr von dieſer Sache reden. Wir ſehen einander wie⸗ der.“— Er küßte ſie auf den Finger und ging. Als er in die Drotſchke ſtieg, dachte er:. „Ich fürchte nur daß Helena ſich an einigen zärtlichen Worten von Uno geſtoßen und mit ihm überworſen hat. Dieß kann zur Folge haben daß ich den Nordſtern nicht bekomme.“ „O Gott! Du wirſt mich nicht verlaſſen, wenn auch alles Andere mich täuſcht,“ ſeufzte Helena mit gefalteten Händen. Eines eiteln Mannes Frau. 4 16 Die Mutter. Drei Jahe ſter. In dem prachtvollen Schlafcabinet des Aſſeſſors Ochard ſaß an einem Novembermittag Helena neben einer Korbwiege welche ſie ſachte ſchaukelte. Sie hielt ihren Kopf in die Hand geſtüzt und betrachtete den ſchlummernden kleinen Jungen mit einem Aus⸗ druck ſo reiner und ungemiſchter Seligkeit, ſo gren⸗ zenloſer Liebe, daß man im Geſichte der jungen Frau deutlich leſen konnte, wie ſie jezt ein Ziel be⸗ kommen auf welches alle ihre Gefühle, Gedanken und Träume ausliefen. Dieſes Geſicht trug nicht mehr wie früher Spuren unruhiger und formloſer Träumerei oder paſſiver Gleichgiltigkeit. Es ſpie⸗ gelte ſich darin eine Seele die zu einem klaren und beſtimmten Bewußtſein herangereift war, daß ſie eine heilige und feierliche Beſtimmung zu erfüllen hatte. Man ſah daß ihr Herz nicht mehr in matter Sehn⸗ ſucht klopfte, ſondern daß ſeine hohen und geſunden Schläge dem glücklichen Bewußtſein galten ein 63 „ 243 Weſen zu beſizen das ſie lieben, für das ſie leben tonnte. Sie ſah dem grauenden Tag nicht mit ge⸗ vankenloſer Stumpſheit entgegen; ſie fühlte daß jede Minute ihres Lebens unentbehrlich war für dieſes Kind das ihre ganze Welt ausmachte. In der Mutterliebe liegt etwas ſo Reines, von aller Selbſtſucht ſo Freies, daß ſie einem göttlichen Funken gleicht der mitten unter gemeinen und egoi⸗ ſtiſchen Wünſchen in das Menſchenherz niedergelegt worden iſt. Mit welcher Regung unnennbarer, un⸗ ausſprechlicher Zärtlichkeit drückt nicht die Mutter ihr Kind an das Herz! Wie gänzlich vergißt ſie nicht ihr eigenes Bedürfniß nach Schuz und Hilfe, um dem zarten Weſen das an ihrer Bruſt ruht Schuz und Hilfe zukommen zu laſſen! Wie ſtark iſt ſie nicht in ihren Opfern, wie unermüdlich in ihren Bemühungen und Sorgen! Wie geduldig leidet und tämpft ſie nicht für die Freude, Wohlfahrt und Zu⸗ kunft ihrer Kinder! Wenn es ſich um dieſe handelt, ſo legt ſie alle Berechnung bei Seite. Was fragt eine Mutter um eigenes Leiden, wenn ſie nur ihr Kind von allem Leiden freikaufen kann! Und dieſe ſo grenzenloſe, ſo ergebungsvolle Liebe, was erhält ſie zum Lohne dafür? Wird wohl die Mutter der theuerſte Gegenſtand des heranwachſenden Kindes? Nein.— Wenn das Kind zum Menſchen herangereift iſt, ſo tritt der Gedanke an die Mutter in den Hintergrund vor andern Gefühlen und Intereſſen die das junge Herz und Gemüth einnehmen, und während ihre Liebe von ewiger Dauer iſt, muß ſie dem Schickſal noch dafür danken, wenn es ihr geſtattet iſt die zweite oder dritte Stelle im Herzen ihrer 244 Kinder einzunehmen. Iſt ſie eine kluge Mutter und erinnert ſie ſich an ihre eigene Jugend, ſo begnügt ſie ſich mit dieſer Ordnung der Dinge, ohne mehr zu verlangen als ſie geben können. Ach wie ſchnell werden nicht ihre Nachtwachen, ihre Thränen und Sorgen vergeſſen, wenn ſie nicht mehr nöthig ſind, und wie oft geſchieht es nicht daß ſie ſich von dem⸗ ſelben Kinde verlaſſen ſieht für welches ſie unbe⸗ denklich ihr Leben geopfert hätte! Während Helena ihren kleinen, kaum zweijähri⸗ gen Jungen in den Schlaf lullte und mit liebender Zärtlichkeit das zarte, blühende Geſicht betrachtete, öffnete ſich der Thürvorhang und Evert trat ein. Als er ſeine Frau an der Wiege ſizen ſah, runzelte er ſeine Brauen und ſein zum Voraus finſteres Ge⸗ ſicht wurde bei dieſem Anblick noch finſterer. „Iſt Niemand vorhanden der das Kind wiegen kann, ohne daß Du Dich zur Kindsmagd erniedrigen mußt? Wahrlich, es beginnt hier recht gemüthlich zu werden; mein Haus hat ſich in eine große Kin⸗ derſtube verwandelt, und es würde mich nicht im Geringſten wundern, wenn ich Dich eines ſchönen Tages mit dem Kind auf dem Arm in den Straßen herumſpazieren ſähe. Es iſt freilich wahr, Du be⸗ ſizeſt nicht das geringſte Urtheil, ſondern folgſt blind Deinen Einfällen ohne nach ihrem Endziel zu fragen.“ Guter Evert, es iſt ja unſer Kind deſſen Pflege ich mein Leben weihe, und gewiß wurdeſt Du es nicht gerne ſehen, mein Freund, wenn ich es vernachläßigte oder verſäumte. Du ſelbſt haſt ja den Jungen ſo lieb.“ „Ja, mit dem Unterſchied daß ich mein Kind 245 mit Vernunft und nicht, wie Du, auf eine alberne Weiſe liebe. Aber laſſen wir das, wenigſtens für den Augenblick; ich werde bald den Gegenſtand wie⸗ der aufnehmen. Für jezt wünſche ich daß Du die Wärterin beauftragſt den Jungen zu wiegen, damit ich das Vergnügen haben kann mit Dir zu ſprechen ohne jeden Augenblick durch Kindergeſchrei oder durch das Hin⸗ und Hergehen der Leute unterbrochen zu werden. Willſt Du deßhalb ins Cabinet heraus⸗ ommen?“ Evert ging an die Klingelſchnur, läutete heftig, und als Ingrid eintrat, ſagte er in befehlen⸗ dem Tone: „Ich wünſche daß meine Frau nicht Kindsmagd zu ſein braucht, und daß Sie, Mamſell, dafür ſor⸗ gen daß die Wärterin drinnen beim Kinde iſt.“— Damit verließ er das Zimmer. Helena erhob ſich, heftete noch einen Blick voll unbeſchreiblicher Zärtlichkeit auf das ſchlafende Kind, nickte darauf Ingrid zu und ging ins Cabinet hin⸗ aus, wo ſie ihren Mann auf dem Sopha ſizend fand. Lächelnd trat ſie zu ihm, ſtreichelte koſend ſein Locken⸗ haar und ſagte: 4 „Hier bin ich jezt. Willſt Du mich noch länger tadeln? Thue es nicht; ich fühle mich ſo glücklich in den Augenblicken wo ich bei meinem Kinde ſein darf.“ „Liebe Helena, unterlaß Deine Liebkoſungen, ſie belfen doch zu nichts. Du opferſt mich gleichwohl Deinem Egoismus, und wenn Du glücklich biſt, meine Liebe, ſo gratulire ich Dir. Was mich be⸗ trifft, ſo kann ich nicht daſſelbe ſagen.“ „Evert, jezt biſt Du bitter.“. „Möglich; aber wenn man, wie ich, unglücklich S — ₰ iſt, ſo kann man nicht immer ſeine Gefühle unter⸗ drücken und heiter lächeln.“— Er ſeufßzte. „Iſt Dir etwas Unangenehmes zugeſtoßen?“ „Unangenehmes? Ich möchte doch wiſſen was mir Anderes zugeſtoßen wäre, ſeit Du von Deiner Narrheit ergriffen worden biſt die Eremitin zu ſpie⸗ len, bloß um Dein Kind ſäugen zu können und es dann nicht mehr aus dem Auge zu laſſen. Wie ſoll ich Dein Benehmen nennen? Du, ein reiches Weib, die Gattin eines Mannes den ſeine Verdienſte auf die gleiche Höhe mit dem Adel ſtellen, eine Frau von bedeutenden Mitteln, Du ſollteſt aus eiteln Romangrillen es unternehmen Dein Kind ſelbſt zu ſäugen, Dich aus dem Geſelſchaftsleben zurückzuziehen und unſer Haus in ein Kloſter umzu⸗ wandeln? Was glaubſt Du wohl daß die Leute von alle dem denken? Man ſagt bereits und man wird ſagen daß ich nicht Liebe genug zu Dir habe um eine Amme anzuſchaffen, daß ich aus Geiz, aus Gleichgiltigkeit und Gott weiß aus welchen Grün⸗ den zugebe daß Du Dich mit dem Kind herum⸗ ſchleppſt. Wie viele reiche und angeſehene Frauen kennſt Du die ſich zu Ammen hergeben? Es würde wohl ſchwer werden ein halbes Duzend zuſammen⸗ zubringen, und darunter iſt nicht eine Einzige die ſich Dir an die Seite ſtellen dürfte, da die Natur Dich zur Dichterin geſchaffen hat. Aber was fragſt Du nach einem ehrenvollen Namen oder dem Ruf für Genialität? Nicht das Mindeſte. Du lebſt für Deine fixen Ideen, und zu dieſen gehört daß Du mit dem Jungen feſt verwachſen ſein willſt. Du reißeſt durch Deine einfache Lebensauffaſſung Alles 247 nieder was ich gethan habe um Dir das Anſehen einer geiſtreichen Dame zu verſchaffen, und nachdem Du Dich wie ein Stern erhoben, ſintſt Du jezt ganz plözlich zu einer Kindsmagd hinab.“— Evert ſchöpfte nach Athem. Helena ſchwieg. „Aber jezt,“ begann Cvert wieder,„muß ich Dir ganz beſtimmt erklären doß ich dieſes Spectakels hier müde bin und unſere frühere Lebensweiſe wie⸗ der zu beginnen beabſichtige, wie auch an der Er⸗ ziehung des Jungen theilzunehmen gedenke. Findeſt Du zum Beiſpiel daß er ſo gekleidet iſt wie man es vom Kinde eines reichen Mannes erwarten tann? Ich will daß das Kind in einem einnehmen⸗ den Anzug erſcheine. Ueberbieß iſt es mein Wille daß wir einmal in der Woche Empfang haben und überdieß wie früher Einladungen. Ferner daß Du Dich wieder im Geſellſchaftsleben zeigeſt, und Deine Zeit zwiſchen dieſem und dem Kinde theileſt.“ „Kannſt Du wirklich ſagen, Evert, doß ich das nicht thue? Wie froh, wie glücklich bin ich nicht, wenn Du einmal bei uns daheim biſt, wenn„* „Erlaube daß ich Dich unterbreche. Wir leben nicht bloß von Deinem Glück und Deiner Zufrieden⸗ heit, ſondern wir haben auch Pflichten gegen die Welt, und ich finde keinen Grund warum man um einer Frau und eines Kindes willen dieſe zu vernachläſſi⸗ gen braucht. Du haſt jezt meinen Willen gehört und ich hoffe daß Du Dich darnach richteſt.“ „Ich werde Alles thun um meine Pflichten gegen meine Familie mit Deinem Wunſch in Einklang zu bringen, aber nie und um keinen Preis in der Welt werde ich unſer Kind vernachläſſigen. Ich bin 248 Mutter und Gott hat meiner Pflege ein Kind an⸗ vertraut das einmal zum Manne heranreifen wird.“ „Und ich werde gewiß nicht verlangen daß Du Deine Pflichten als Mutter vergeſſen ſollſt; aber, um damit anzufangen, muß ich Dir gleichwohl ſagen daß ich auf den Abend einige Freunde eingeladen habe, unter andern Uno. Ich wünſche daß Du Dich beſonders freundlich gegen ihn zeigſt, weil ich ſeiner bedarf.“ „Bedarfſt Du ſeiner wirklich?“ „Ja, ich bedarf ſeines Einfluſſes und ſeines An⸗ ſebens als reicher Mann, beſonders jezt wo ich eine Stelle ſuche und ein Anlehen von 20000 Reichs⸗ thalern aufzunehmen gedenke, und zwar von einem Manne der auf Unos Anſicht großen Werth legt und ſich ſicherlich bei ihm nach mir erkundigen wird.“ „Sollteſt Du eines Anlehens bedürfen? Du ſcherzeſt wohl?“ „Sei ſo gut mich anzuſchauen; ſehe ich aus als ob ich ſcherzte?“ „Aber ſind wir denn nicht mehr reich?“ „Du, meine Liebe, biſt es allerdings noch, aber leider ich nicht,“ antwortete Evert bitter.„Oder glaubſt Du wirklich daß 100000 Reichsthaler eine unergründliche Goldgrube ſeien, wenn man, wie ich, in der Welt mitleben und repräſentiren muß? Du mit Deiner phantaſtiſchen Gemüthsart glaubſt wohl daß das Leben nichts koſte, daß man nur ſo um⸗ ſonſt Pferde und Wagen halte und dergleichen Dinge die in meiner Stellung erforderlich ſind. Hat man dann noch das Unglück einige Junggeſellenſchulden bezahlen zu müſſen, und zieht man überdieß vom 249 Capital ab was eine Einrichtung wie die unſrige gekoſtet hat, ſo findeſt Du leicht daß 100000 Reichs⸗ thaler kein unerſchöpflicher Schaz ſind.“ „Aber Evert,“ fiel Helena ein,„ehe Du Geld aufnimmſt und Dich dadurch in Verbindlichkeiten ſtürzeſt, kannſt Du ja das Haus verſchreiben laſſen.“ „Willſt Du mir die Güte erweiſen Dich nicht in meine Angelegenheiten zu miſchen. Oder bildeſt Du Dir ein daß Du ſie beſſer verwalten könnteſt als ich? Im Uebrigen will ich das Haus nicht ver⸗ ſchreiben laſſen. Genug, ich muß dieſes Anlehen aufnehmen, und im Fall der König mir den Dienſt nicht gibt um den ich mich jezt bewerbe, ſo gedenke ich einen Theil dieſer Summe auf Herausgabe einer Oppoſitionszeitung zu verwenden. Alles kommt guf meine Ernennung an.“ „Evert, was ſagſt Du? Willſt Du, nachdem Du von dem Könige ſo manche Gunſtbeweiſe erhalten, nachdem Du für alle Deine Verdienſte ſo reichlich belohnt worden biſt, willſt Du, ein Beamter, ein Riitter vom Nordſtern, ein Conſervativer, zum Ueber⸗ läufer werden und dieſelben Grundſäze angreifen die Du früher vertheidigt haſt? Das wäre undank⸗ bar und eines Mannes von Ehre unwürdig.“ „Meine Liebe, die Zeit der Könige iſt vorüber. Die Februarrepolution hat ſie unpopulär gemacht, ſo daß ein Royaliſt gar nicht mehr in der Mode iſt. Sie müſſen deßhalb darauf ſehen eifrige und treue Diener an ſich zu feſſeln, denn ſonſt bin ich genöthigt den revolutionären Anſichten zu huldigen. Trete ich als Verfechter derſelben auf, ſo erwerbe ich mir eine ſolche Popularität daß ichs im Dienſt 4 des Conſervatismus nicht halb ſo weit bringen kann.“ „Ein Mann von Ehre dient einer Sache nicht aus Berechnung, ſondern aus Ueberzeugung, und ich kann und will nicht ſo gering von Dir denken als ob Du, um Popularität oder eine Auszeichnung in der Welt zu gewinnen, Deine Ueberzeugung ver⸗ kaufen, die bisher verfochtene Sache verrathen, mit Deiner Pflicht und Deinem Gewiſſen markten könnteſt.“ „Meine Liebe, das verſtehſt Du nicht; jeden⸗ falls gedenke ich ſo zu handeln wie ich Luſt habe, und ich verlange bloß daß Du Dich in meine Wünſche fügeſt, zum Beiſpiel, um damit anzufangen, in Bezug auf Uno.“ „Aber gerade in Beziehung auf ihn wünſche ich daß Du Deinen Plan änderſt. Wozu bedarſſt Du ſeines Einfluſſes? Haſt Du Anſprüche auf den Po⸗ ſten den Du wünſcheſt, ſo kannſt Du ja ſicher ſein daß Du ihn auch ohne ſeine Mitwirkung erhältſt. Ach, Evert, es iſt für mich ein qualvoller Gedankte daß Du, ein Mann von Verdienſt, vor Hochgeſtell⸗ ten kriechen ſollſt, um eine Beförderung zu erhalten wozu Deine Verdienſte Dich berechtigen ſollten. Was wiederum das Anlehen betrifft, ſo hoffe ich daß es ſich als überflüſſig erweist, denn, wie Du weißt, habe ich immer gewünſcht daß Du die Zinſe von dem Capital das meine Mutter zu meiner alleini⸗ gen Verfügung geſtellt hat zuſammenrechnen ſolleſt. Bisher haſt Du Dich geweigert, weil Du nichts von dem haben wollteſt was man Dir entzogen habe. Ich muß in Folge deß eine nicht unbedentende Zin⸗ — — 251 ſenerſparniß bei dem Großhändler D— ſtehen ha⸗ ben. Ich hatte einmal im Sinn dieſes Capitälchen als Grundſtock für die Kinder anzulegen; aber jezt erſuche ich Dich doß Du darüber verfügſt und ſpäter die Zinſe einnimmſt die uns gemeinſchaftlich gehören müſſen.“ „Was Deine Erſparniſſe betrifft, ſo habe ich ſie bereits erhoben, weik ich bei unſerer Ankunſt in der Stadt Geid brauchte. Ich muß alſo von der oben genannten Perſon entlehnen; ich bedarf Unos und es iſt von Wichtigkeit daß Niemand meine Geldbe⸗ dürftigkeit ahnt. Haſt Du mich verſtanden?“ „Aber dieſes Geld muß einmal zurückbezahlt werden.“ „Das verſteht ſich, und ich gedenke es auch zu thun; obſchon ich mich für den Augenblick in der Noth befinde, ſo beweist vieß nicht daß ich ruinirt bin. Der reichſte Mann, meine liebe Helena, muß manchmal Geld entlehnen.“ „Warum wendeſt Du Dich nicht lieber an Onkel Rubens oder an Kerner?“ „Darum weil ich keine Luſt habe Bemerkungen anzuhören. Aber ich weiß nicht warum wir dieſes Geſpräch fortſezen. Du haſt meinen Wunſch gehört, richte Dich darnach.“ „Noch ein einziges Wort,“ ſagte Helena voll Angſt.„Ich will alle meine Schmuckſachen verkau⸗ fen, bloß damit Du teine Schulden machſt; denn mein Verſtand ſagt mir daß es übel endet wenn man zu entlehnen anfängt.“ ₰ „Iſt es Deine Abſicht mich zu reizen beleidigen und zu demüthigen? Höre — 252 allemal was ich ſage: Ich will von keinen Be⸗ ſchränkungen in unſerer Lebensweiſe wiſſen; an Deiner Toilette und Deinen Gewohnheiten darf nichts ge⸗ ändert werden. Du biſt fortwährend die Frau eines reichen Mannes. Begreifſt Du jezt daß ich nicht anders leben kann und leben darf als ich bisher ge⸗ than habe? Ich verlange daß man Dich mit dieſen Juwelen ſehe die ſo viel Neid und Bewunderung erregt haben, und ich hoffe daß ich mir dieß nie⸗ mals zu verſagen brauche. Erſpare mir alles wei⸗ tere Gerede über dieſe unangenehme Sache. Apro⸗ vos, ich wünſche auch daß Du ſelbſt wie früher den Zins von Deinem Vermögen einnimmſt, damit Niemand erfährt daß wir es gemeinſchaftlich brauchen; aber Du kannſt dann die Gelder mir übergeben und auf dieſe Art wird Alles wohl beſtellt. Ich glaube wirklich beſſer als Du über dieſen Zins verfügen zu können, ſo daß dadurch ein erhöhter Glanz auf unſer Haus fällt. Am Montag findet hier eine größere Einladung ſtatt.“— Evert ging. „Mit entlehntem Geld,“ murmelte Helena;„ſeine Eitelteit wird uns noch ins Verderben ſtürzen.“— Sie ſeufzte tief:„Alles muß darauf hinausgehen untet einem Haufen von Thoren zu glänzen, die, wenn das Unglück an die Thüre pocht, uns fliehen werden. Aber ich fühle daß ich jezt die Kraft beſizen werde den Vater meines Kindes vor dem Abgrund zu retten zu welchem ſeine maßloſe Eitelkeit uns früher oder ſpäter führen muß.“ Abends war die Wohnung beleuchtet, und Helena war ſo eben in den Salon hinausgetreten, als ein junger Mann in einer der Thüröffnungen erſchien. Sie blieb eine Weile in der Mitte ſtehen, machte aber dann raſch einige Schritte gegen den Gaſt, der auf ſie zutrat. Beide waren bleich. Es waren mehr als drei Jahre daß ſie einander nicht geſehen hat⸗ ten.— Drei Jahre!— Wie ganz anders war nicht Helena im Verlaufe derſelben geworden!— Wie verändert erſchien ihr nicht das Leben! Welche Schäze von Zärtlichkeit und Seelenſtärke hatten ſich nicht ſeitdem bei ihr entwickelt! Und gleichwohl ſtand die Erinnerung an das lezte Geſpräch ſo lebhaft vor dem Andenken der jungen Frau. Wie manchen bittern Kampf hatte ſie nicht ſeitdem gekämpft, und welche reiche Belohnung hatte nicht Gott ihr geſchenkt, in⸗ dem er ſie ſiegreich aus dem Streit hervorgehen ließ* Las Uno auf ihrem Geſichte den höheren Grad von Vollkommenheit und innerem Frieden den ſie gewon⸗ nen hatte? Es ſah ſo aus; denn ein Ausdruck von Schmerz und dennoch Zufriedenheit lag in dem Blidk womit er ſie anſah. Er ergriff die dargebotene Hand und ſagte mit tiefem Ernſt: ²„Ehe Uno mit Ruhe Helena begegnen kann, wird er ſie nicht zu treffen ſuchen. So lauteten Ihre lezten Worte an mich. Ich habe ſie in meinem Ge⸗ dächtniſſe bewahrt, in meinem Herzen gehegt und ihnen gehorcht. Mit einer ruhigen, tiefen, innigen Freundſchaft, frei von jedem Schimmer von Leiden⸗ ſchaft, ſehe ich Sie jezt wieder, ſonſt würde ich nicht über Ihre Schwelle getreten ſein.“ „Dank! Ich wußte daß Uno von Herz und Ge⸗ ſinnung ein Edelmann war.“ 5 Everts Eintritt und die Ankunft mehrerer Gäſte unterbrach das Geſpräch.. 254 Die Herren ſpielten und plauderten. Helena war eine im höchſten Grad liebenswürdige Wirthin. Das zerſtreute und träumeriſche Weſen das früher manchmal zum Vorſchein kam war jezt verſchwunden. Eine größere Ruhe beurkundete ſich in ihrer ganzen Erſcheinung. Sie gerieth nicht mehr in Extaſe, aber jedes Wort zeugte von ſicherem Urtheil, und ihre Converſation athmete Geiſt und Ueberlegenheit, je⸗ doch eine Ueberlegenheit die dem Weibe ganz und gar nicht ſchlecht anſtand. Einige der Herren hatten ſich um ſie geſammelt, unter ihnen der Präſident S—. Man war auf die Mündigkeit des Weibes und die mehr oder weniger exaltirten Vorſchläge zu ihrer Emancipation, welche damals den Gegenſtand der meiſten Schriften und Geſpräche bildeten, zu reden gekommen. „Natürlich huldigen Sie, als eine ſo reich be⸗ gabte Dame, der Anſicht daß die Frau in Schwe⸗ den, ſo gut wie in Frankreich und in andern Län⸗ dern emancipirt werden müſſe?“ ſagte der Präſident. „Ich wage mich wirklich nicht darüber zu äußern,“ antwortete Helena lächelnd,„weil es ſonſt möglicher Weiſe ſcheinen könnte, als ob ich den Werth meines Geſchlechtes gänzlich verkennen würde. Aber nach meinem Dafürhalten iſt ſowohl die körperliche als die geiſtige Natur der Frau von der Art daß ſie unbedingt im Mann eine Stüze haben muß. Was noch mehr iſt, ich halte ſie nicht für vollkommen fähig aus ihrem Unmündigkeitszuſtand hervorzutreten, weil ihre Erziehung, nach den gegenwärtigen Ein⸗ richtungen, nicht geeignet iſt ihre Seelenanlagen zu entwickeln, ſo daß ſie auf eigene Fauſt ihr Vermögen 255 verwalten oder ſich ſelbſt berathen kann. Was ſind wir Frauen dermalen anders als Zierpuppen im Geſellſchaftsleben, oder auch, wenn wir kein Ver⸗ mögen haben, weiter nichts als Köchinnen und Kinds⸗ mägde? Aber wir ſind keine Erzieherinnen und Hausmütter.“„ „Wie ſoll man jedoch dieſem Mangel abhelfen?“ fiel Uno ein. „Das iſt ſchwer, und zwar gerade darum weil die eigentliche Erziehung des Weibes vom Familien⸗ leben und nicht von den Schulen ausgehen ſoll.“ „Glauben Sie alſo nicht daß öffentliche Schulen zu ihrer Entwicklung beitragen könnten?“ „Doch, zu der intellectuellen weſentlich, aber nicht zu der moraliſchen. In der lezteren ſpielt die Mut⸗ ter allein die Hauptrolle. Sie muß den Samen des Guten in das Herz des Kindes ſtreuen; ſie muß ihre heranwachſende Tochter durch ihr eigenes Bei⸗ ſpiel in der Familie Hingebung und Selbſtaufopfe⸗ rung lehren. Kein Schulunterricht vermag die An⸗ lagen des Mädchens zum Häuslichen zu entwickeln, ſo daß ſie eine liebreiche Gattin, eine zärtliche und verſtändige Mutter wird. Dieß iſt Etwas was ſie aus der Heimath mitbringen, was ihr von Kindes⸗ beinen an anſchaulich vor den Augen ſtehen und ſie durch das ganze Leben begleiten muß.“ „Sie halten es alſo für überflüſſig dem Weib eine höhere intellectuelle Bildung beibringen zu wollen?“ „Gewiß nicht. Die Pflege des Verſtandes iſt we⸗ ſentlich für ihre innere Seelenentwicklung, weil das Gefühl, wenn es nicht vom Verſtande geleitet wird, 256 nur zu einem blinden Inſtinct herabſinkt. Wie wich⸗ tig iſt es übrigens nicht ihre Vegriffe ſo zu veredeln, daß ſie mit Unterſcheidung, Erkenntniß und klarem Bewußtſein von ihrer hohen Beſtimmung dieſelbe erfüllen kann; aber der kalte Verſtand allein kann keine hingebende Gattin oder liebevolle Mutter ſchaf⸗ fen. Deßhalb iſt die von der Familie ausgehende Erziehung die wichtigſte.“ „Sie wollen alſo nicht daß die Frau mündig werden ſoll?“ „Doch, als ein denkendes und freies Weſen iſt ſie dazu berechtigt; aber ſie muß ſo erzogen werden daß ihr Mündigkeitszuſtand nicht eine Quelle des Unglücks, ſondern der Freiheit und des Glückes wird; dieſe Erziehung erhält ſie jezt nicht. Sie wird jezt zu einem Zuſtand der Unmündigkeit herangezogen, und alle ihre Gewohnheiten erhalten die Richtung daß ſie nicht als ein freies Weſen betrachtet werden kann oder darf. Man hat es nur darauf abgeſehen daß die heranwachſenden Mädchen ſich einige Künſte oder Talente aneignen mit denen ſie glänzen können. Daß ſie einſt ſelbſtſtändig denken, ihr Vermögen ver⸗ walten, oder einen Lebensplan entwerfen ſollen, das kommt gar nicht zur Frage.“ 6 „Es iſt etwas Seltenes ſolche Aeußerungen aus Damenmund zu hören.“ „Warum denn? Alles kommt darauf an ob man ſeine Illuſionen beibehält, ſtatt die Erfahrung als Lehrerin zu nehmen. In meinem Alter hat man die erſteren aufgegeben und iſt in die Schule der leztern eingetreten.“ 257 Eines Vormittags, einige Tage ſpäter, ſtand Helena mit ihrem kleinen Jungen auf dem Arm im Saale und ließ ihn ſeines Vaters Porträt betrach⸗ ten, während ſie ihm begreiflich zu machen ſuchte daß dieß Papa ſei. Die Vorzimmerthüre ging auf und ein Bedien⸗ ter ſagte: „Belieben der Herr Graf hier einzutreten, der Herr Aſſeſſor iſt ſogleich frei, ſobald Baron H— ihn verläßt.“ Helena wandte ſich gegen die Thüre; es war Uno. Als er Helena mit dem Jungen auf dem Arme ſah, blizte es in ſeinen Augen; aber er machte eine gewaltſame Anſtrengung und es gelang ihm ſeine Regung zu unterdrücken. Mit ſcheinbarer Ruhe trat er vor um Helena zu begrüßen, die ihr Kind auf den Boden ſiellte. Dér Junge verbengte ſich und ſagte Etwas was„Guten Tag“ vorſtellen ſollte. Uno hob das Kind in die Höhe, küßte es und fnagte: „„Wie heißeſt Du?“ „Eon,“ lautete die Antwort. „Elon,“ ſagte Helena, nqhm ihren kleinen Jun⸗ gen bei der Hand und bat Uno in den Salon zu treten, wo ſie ſich mit dem Kind auf ihrem Schvoße zuf einen kleinen Sopha ſetzte. „Man klagt allgemein darüber daß Sie das Feſellſchaftsleben ſeines ſchönſten Schmuckes beraubt haben, weil Sie darin vermißt werden,“ ſagte Uno. „Was hat eine Dame die wirklic mit Recht ver⸗ mißt wird beſtimmen können den Schauplaz ihrer Triumphe ſo plözlich zu verlaſſen?“ Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. 3 — 258 „Und das können Sie fragen?“ ſagte Helena lächelnd.„Dieſe Frage ſcheint mir überflüſſig, da ich die Urſache meines Wegbleibens auf meinem Schooße halte.“ „Haben Sie gar kein Verlangen nach dieſen Vergnügungen denen Sie früher mit ſo großem In⸗ tereſſe zugethan waren?“ „Wie könnte ich das? Welchen Werth beſizen ſie im Vergleich mit der Freude die mein Kind mir bereitet?“ „Dieſes Kind bildet alſo Ihre ganze Welt?“ „Nein, nur die halbe; mein Mann bildet die erſte Hälfte derſelben.“ „Dieſe beiden machen alſo Alles für Sie?“ „Ja, muß es nicht ſo ſein?“ „Sie haben Recht, Helena, und ſicherlich ſind Sie eine eben ſo ausgezeichnete Mutter wie Gatlin.“ „Ich möchte gerne beides ſein, fürchte aber daß es bei dem bloßen Wunſche ſtehen bleibt.“. Evert trat ein, und als er ſeine Frau mit dern Kind auf dem Schooß erblickte, ſagte er mit eine bitterſüßen Lächeln zu Uno: „Helena will durchaus das Kindsmädchen ſpie⸗ len, obſchon ich ſie aufs Zärtlichſte vor allzu großer ½ Anſtrengung gewarnt habe; aber meine Bitten ver⸗ mögen jezt wie immer nichts über ſie.“ „Ich ſtrenge mich gewiß nicht zu ſehr an,“ ant⸗ wortete Helena mit einem ſo liebevollen und milde Ausdruck, daß Uno dachte „Sein Plaz wäre zu ihren Füßen zu knieen Welchen Schaz beſizt er nicht in dieſer Frau!“ Everts Gedanken gingen ganz und gar nicht der gleichen Richtung. Er war ärgerlich daß Helena wie ein Bürgerweib mit dem Kind auf dem Schooße daſizen ſollte, ſtatt ſich in allen Dingen als Typus einer vornehmen Dame zu präſentiren. Dabei wünſchte er daß Uno ſeine Liebe und Zärtlichkeit gegen ſie bewundern ſollte und deßhalb fuhr er fort: „Ach, meine Liebe, Du ſtrengſt Dich gar zu ſehr an mit Deiner ſchwachen Geſundheit und Deinen empfindlichen Nerven.“ „Ich bin ja jung, geſund und kräftig,“ ſagte He⸗ lena und drückte ihr Kind an das Herz.„Im Uebrigen läſſeſt Du es Dir ſo angelegen ſein daß ich meine Kräfte nicht übermäßig anſtrenge, daß ich mit dem beſten Willen Deine Wünſche nicht erfüllen kann.— Sie reichte ihm freundlich die Hand und verließ das Zimmer. Ihre lezte Antwort verſcheuchte ein wenig die Wolken des Mißvergnügens die ſich ſeit einer Weile auf Everts Stirne gelagert hatten. Er ſagte lächelnd: „So geht es immer! Ich will ſtreng ſein, aber mit einem Lächeln bin ich beſiegt.“ „Und wer ließe ſich nicht von einer Mutter be⸗ ſiegen die ihr Kind liebt?“ ſagte Undo.„Ich weiß taum eiwas Schöneres. Ich werde bei dieſem An⸗ blick von Ehrfurcht ergriffen.“ „So geht es auch mir,“ ſagte Evert, warf einen Blick in den Spiegel und legte etwas Rührung in ſein Geſict. 5 5 8 Die Wintervergnügungen begannen wieder in vollen Zug zu kommen. Helena zeigte ſich von Zeit zu Zeit im Geſellſchaftsleben, aber ihr Auftreten da⸗ ſelbſt war ganz kurz. Nie ſah man ſie länger als ein Stündchen an einem Ort, und da war ſie ſo liebenswürdig, ſo einnehmend, daß man mit wahrer Sehnſucht ſie verſchwinden ſah, nachdem ſie einige Augenblicke den Gegenſtand der allgemeinen Bewun⸗ derung gebildet. Die Damen behaupteten, dieß ſei eine cokette Finte von der jungen Frau, die ihren Bewunderern die ganze Leere die nach ihrem Weg⸗ gehen entſtand zu empfinden geben wolle. Man behauptete noch weit mehr; aber keiner einzigen Perſon fiel es ein daß ſie von den Vergnügungen, Schmeicheleien und Eitelkeiten des Salons hinweg⸗ eilte, um ihren Plaz an der Wiege des ſchlummern⸗ den Kindes einzunehmen oder es in ihrem Schooße ruhen zu laſſen. Daß ſie ſich in der Geſellſchaft wie ein Meteor zeigte, um zu glänzen und zu verſchwin⸗ den, kam daher weil ihr Mann es verlangte, und weil ſie ſichs zum Geſez gemacht hatte ſeine Wünſche möglichſt zu erfüllen, obſchon niemals auf Koſten der Pflege ihres Kindes. Die frühere Lebensweiſe in ihrem eigenen Hauſe hatte wieder begonnen. Ab⸗ geſehen von den beſondern Einladungen, verſammelte ſich einmal in der Woche eine Maſſe ſogenannter Freunde bei ihr. Alle auf Einſchränkung gerichteten Verſuche Helenas waren fruchtlos und en von Everts Seite nur Heftigkeit und Erbitterung hervor, ſo daß ſie einſah daß, ſo lange ſie noch etwas vom Capital beſaß, nichts im Stande war ſeiner Verſchwendung und Prunkſucht Einhalt zu thun. Sein 0 261 Lebenszweck war noch immer der Erſte im Geſell⸗ ſchaftsleben zu ſein, und ſo lange nicht alle Hilfs⸗ quellen erſchöpft waren, konnte nichts in der Welt ihn verhindern ſo fortzufahren wie er angefangen hatte. Oft, wenn Helena mit ihrem Kinde allein daſaß, dankte ſie's im Stillen ihrer Mutter daß ſie es ſo eingerichtet hatte daß wenigſtens dieſes Kind durch die Thorheiten ihres Mannes nicht entblößt werden konnte; aber ſie hatte noch nicht daran ge⸗ dacht daß ſie vielleicht eines Tags gezwungen wer⸗ den ſollte zwiſchen der Ehre ihres Mannes und der Zukunft ihres Kindes zu wählen. Daß es ſo weit kommen könnte, hielt ſie nicht für möglich. Die Zeit war alſo auf ſolche Art verfloſſen und der größere Theil des Winters war vorüber. Uno war oft zu Ochards gekommen, aber nur an den Empfangstagen. Sein Benehmen gegen Helena be⸗ wies wahre Hochachtung, aber er näherte ſich ihr nie um allein mit ihr zu ſprechen. Er wich ſorgfältig Allem aus was an die frühere freundſchaftliche Ver⸗ traulichkeit erinnerte. An einem Märzvormittage, während Helena mit ihrem kleinen Jungen ſpielte, kam die Baronin Ern⸗ ſtein zu ihr. Auguſte ſah aufgeregt aus. „Beſte Helena,“ ſagte ſie,„ich wünſche Dir einige Worte im Vertrauen zu ſagen.“ Helena klingelte und Ingrid übernahm das Kind wieder. Als Auguſte und Helena allein waren, ſagte die Baronin: 6 „Haſt Du heute Deinen Mann getroffen?“ „Ja, aber nur ganz flüchtig. Er hatte dieſen Morgen ſo viele Beſuche und mußte ſo früh zum 262 Oberſtatthalter hinaufgehen, daß wir nur im Vor⸗ übergehen einige Worte mit einander ſprechen konn⸗ ten. Aber warum fragſt Du mich das?“ „Du ſollſt es ſogleich hören. Du weißt wohl wo er geſtern war?“ „Bei einem Mittagsſchmauſe den Dein Mann dem reiſenden Engländer, Lord H—, zum Beſten gab.“ „Ganz richtig; nach Tiſch kamen einige Herren überein in den Thiergarten zu fahren. Dort wurde geſpielt. Capitän U— hatte verzweifelt Unglück und Dein Mann ein glänzendes Glück. Nachdem U— all ſein baares Geld verſpielt hatte, ſezte er ſein ausgezeichnet ſchönes Reitpferd daran. Hchard ge⸗ wann auch dieſes und das Spiel war jezt zu Ende. In der. Erbitterung über ſein Mißgeſchick wollte U— ſich an Deinem Manne rächen und ſagte zu Lord H—: „Sie haben nicht mitgeſpielt, und gleichwohl weiß ich daß Sie ein glücklicher Spieler ſind.“ „Gerade mein beſtändiges Glück macht daß das Spiel mich nicht mehr amüſirt. Es iſt ſo einförmig beſtändig zu gewinnen,“ antwortete der Lord. „Sie haben alſo beſtändiges Glück im Spiel, Mylord?“ fragte Evert. „Ja, ſo beſtändig daß ich kaum glaube daß ich verlieren kann.“ „Aber es könnte doch geſchehen daß das Glück Ihnen einmal den Rücken kehrte. Es iſt launiſch,“ bemerkte Evert. 5 „Möglich; aber ich bezweifle daß es mich mit einer Probe ſeiner Launenhaftigkeit erfreuen will.“ „Ueberdieß,“ fiel U— ein,„ſollen Leute von 263 beſchränktem Vermögen ſich nicht in einen Wetteifer mit Lord H— einlaſſen, der ohne Kummer eine ſo große Summe verlieren kann wie Dein ganzes Ver⸗ mögen ausmacht, mein lieber Ochard.“ „Das beſtreite ich nicht; aber es wäre doch intereſſant zu ſehen ob Mylords Glück auch heute Abend ſich gleich bleibt.“ „So gewiß als an jedem andern Abend,“ antwor⸗ tete der Lord mit einer herausfordernden Sicherheit. „Du biſt nicht reich genug, lieber Ochard, um den Verſuch zu wagen,“ fiel U ein. „Ich bin wenigſtens reich genug um das Glück für dieſen Abend zu verſuchen, ohne daß ich meine Pferde daran zu ſezen brauche,“ antwortete Ochard übermüthig. 5 †„Wollen Sie ſich um jeden Preis ruiniren, mein Herr? Ich bin nicht Schuld, ich habe Sie gewarnt,“ ſagte der Engländer. Aber Ochards Eitelkeit war durch U—s Bemer⸗ kungen und die Sicherheit des Lords dermaßen ge⸗ reizt daß er auf keine Warnungen hörte. Mit zu⸗ verſichtlichem Ausdruck ſagte er: „Ich bin nicht ſo leicht ruinirt, MWylord.“ Darauf begann das Spiel. Anfangs ſchien das Glück wirklich den Engländer verlaſſen zu haben, und Ochard triumphirte, während man rings um ihn her ſeinen günſtigen Stern pries der ſich nie verleugnete. Aber beim dritten Spiel hatte das Glück ſich gewendet und blieb von nun an unabläßig auf Seite des Engländers. „Mein Herr, der Scz iſt zu hoch, wir wollen i e Ihnen nur mein ihn niedriger nehmen. Ich wo „ te 264 unſägliches Glück zeigen, aber ich brauche Ihr Geld nicht zu gewinnen.“ „Und ich, Mylord, kann mich ohne Bedauern in den Verluſt finden welchen dieſer und auch ein noch höherer Saz mit ſich führen könnte.“ „Genug, als das Spiel aus war, hatte Dein Mann, der ſonſt kein Spieler iſt, aus reiner Eitel⸗ keit eine unerhörte Summe verloren. Er hatte auf Ehrenwort geſpielt und die Schuld muß heute früh liquidirt werden, da Lord H— nebſt meinem Manne und einigen Mitgliedern des diplomatiſchen Corps zum Mittageſſen bei euch eingeladen iſt. Da ich von Rubens weiß wie groß das Vermögen war das er mit Dir bekam, und da ich aus eigener Er⸗ fahrung berechnen kann was eine Lebensweiſe wie eure bisherige koſtet, ſo hat dieſe Erzählung mich gewaltig erſchreckt. Ich ſehe voraus daß er mög⸗ licher Weiſe nicht im Stande ſein würde ſeine Spiel⸗ ſchuld ohne einen empfindlichen augenbliclichen Ver⸗ luſt zu bezahlen, und deßholb bitte ich daß Du Dich im Nothfall an mich wendeſt. Denn es iſt ja mög⸗ lich daß Evert nicht über eine ſo große Summe verfügen kann, ſondern gezwungen iſt ſie auf eine Art anzuſchaffen die ihn den Wucherern in die Hände führt.“ „Wie groß iſt denn dieſe Summe?“ fragte He⸗ lena mit zitternder Stimme. „Ich weiß nicht wie viele tauſend Reichsthaler.“ „Dank, Auguſte, für Deine theilnehmende Freund⸗ ſchaft. Aber ſo groß auch dieſe Summe ſein mag, ſo wird Evert ſie bezahlen können, ohne Geld auf⸗ nehmen zu müſſen.“ 265 „Biſt Du deſſen vollkommen ſicher?“ „Gewiß.“ „Gute Helena, hunderttauſend Reichsthaler ſind allerdings eine hübſche Summe, aber wenn man wenigſtens zwölftauſend jährlich braucht, wenn man eine Einrichtung hat die mehr als zwanzigtauſend koſtet, und wenn man vor ſeiner Verheirathung in einer Schuldenmaſſe von zwanzigtauſend ſteckte, dann, liebe Freundin, iſt es wahrſcheinlich daß nach einer achtjährigen Che nicht mehr viel übrig bleibt.“ „Deſſenungeachtet, Auguſte, verſichere ich Dich daß Cvert nichts zu entlehnen braucht um ſeine Spielſchuld zu bezahlen.“ „Ich weiß daß Du ein Copital beſizeſt das nicht in ſeinen Bereich kommt. Aber bedenke, ihr ſeid Beide jung und Du haſt ein Kind, dem Du dieſes Capital das einſt euer einziges Beſizthum ausmachen wird nicht rauben darfſt. Siehſt Du, Helena, ich ſpreche als eine Freundin welche die Wahrheit vollkommen kennt, und nicht wie der große Haufe welcher be⸗ hauptet daß Dein Vermögen dreimal ſo groß ſei— was Evert Jedermann weiß gemacht hat. Inzwi⸗ ſchen habe ich keinem Menſchen außer Dir geſagt was ich in dieſem Fall wollte und dachte.“ „Dank, Du gute Seele! Aber glaube mir, ich verlaſſe mich ſo vollkommen auf Dich und Deine Freundſchaft daß, wenn ich einſt fremde Hilfe be⸗ dürfen ſollte, Du die einzige wäreſt an die ich mich wenden würde.“ Nach einer Weile entfernte ſich Auguſte. Helena ging einige Augenblicke auf und ab, als wäre ſie unentſchloſſen was ſie unternehmen ſollte. Endlich 266 ging ſie zu ihrem Kinde hinein, und nachdem ſie es eine Weile unter warmem Gebet an ihr Herz ge⸗ drückt, ließ ſie ſich ankleiden und fuhr aus. Abends, als die beiden Gatten zur Ruhe gegan⸗ gen waren, nachdem Evert des Vorfalles auch nicht mit einem Worte gedacht, ſondern ſeiner Frau bloß mitgetheilt hatte daß Lord H— und einige Freunde am folgenden Tag zu Tiſch kommen würden, wurde Helena durch das Geräuſche geweckt das ihr Mann machte, indem er mit großer Behutſamkeit auſſtand. Ohne ſich anmerken zu laſſen daß ſie wachte, ſah ſie ihn ihre Schlüſſel nehmen, ſehr vorſichtig ihren Schreibpult öffnen und die Lade herausziehen worin ſie ihre Juwelen aufzubewahren pflegte; aber als er die Lade leer fand, machte er eine Geberde der Ueberraſchung und des Zornes, und zog mit großer Ungeduld alle andern Laden auf, fand jedoch nur einige geringere Schmuckſachen. Alle übrigen wa⸗ ren fort. „Was ſoll das heißen?“ murmelte Evert todten⸗ blaß und verſchloß den Pult wieder. Hätte Jemand den Blick voll Angſt, Entſezen und Schmerz geſehen den Helena auf ihren Mann heftete, ſo hätte er ahnen können was ſie in dieſem Augenblicke litt. Aber als er nach dem Bette zu⸗ rückkehrte, verſchloß ſie ihre Augen und ſtellte ſich ſchlafend, indem ſie dachte: „Ich will ihm das demüthigende Bewußtſein er⸗ ſparen daß ich ſeine Handlung geſehen habe. O Gott! halte meinen Muth aufrechi.“ 267 Während der übrigen Stunden der Nacht hallten in Helenas Ohren die Worte des Juweliers wieder als ſie bei ihm war um ihr Geſchmeide gegen fal⸗ ſches auszutauſchen:„Der Aſſeſſor hat bereits mit mir darüber geſprochen.“ 3 Am folgenden Morgen, nach dem Frühſtück, ſagte Fvert: „Höre, Helena, ich möchte wünſchen daß Du Deinen Schmuck vom Juwelier ändern und die Gar⸗ nitur etwas moderner machen ließeſt. Kann ich das Ding ſehen?“ „Nein, mein Lieber, das kannſt Du nicht, weil ich mein Geſchmeide erſt geſtern in derſelben Ab⸗ ſicht die Du damit hatteſt weggab.“ „Das war ſonderbar von Dir. Aber ich muß Dir erklären daß ich ſolche eigenmächtige Handlun⸗ gen durchaus nicht dulden kann. Ich verlange daß Du mit mir zu Rathe gehſt und ohne meine Ein⸗ willigung keine derartige Maßregel ergreifſt. Zu welchem Juwelier haſt Du Deinen Schmuck ge⸗ bracht?“ „Zu Herrn H—.“— Helena ging mit einem betrübten und beinahe leidenden Ausdruck in ihrem Geſichte auf ihn zu und ſagte: „Laſſen wir dieſe Lumperei ſein, Evert, und er⸗ laube mir die Sache ſelbſt zu beſorgen, denn ich habe etwas Wichtigeres mit Dir zu beſprechen. Ich will Dir nämlich dieß Geld überlaſſen. Eine Ahnung ſagt mir daß Du ſeiner bedarfſt.“— Sie über⸗ reichte ihrem Manne einen Bund Bankſcheine.— „Aber merke Dirs wohl, dieß iſt das einzige, das 268 bin.“„ lezte Capital worüber ich zu verfügen berechtigt „Helena, woher haſt Du dieſes Geld bekommen,“ rief Evert blutroth,„und woher weißt Du daß ich ſeiner bedarf?“ „Laß Beides mein Geheimniß bleiben, und ſei überzeugt daß ich mich bemühen werde Alles zu ver⸗ geſſen was mit dieſer Sache zuſammenhängt, wenn Du nur mir zu Liebe das Opfer bringen willſt nicht mehr zu ſpielen.“ „Helena, ich bin kein Spieler.“ „Nein, ich weiß das, aber aus falſchem Ehrgeiz läſſeſt Du Dich auch dazu verleiten.“ „Du würzeſt Dein Geſchenk mit Moralpredigten,“ ſiel Evert beleidigt ein. „Moralpredigten? Nein, Evert, aber mit einem Rath, einer Warnung, von der beſten Freundin die Du beſizeſt, und das darf Dich nicht beleidigen. Wer iſt mehr berechtigt Dir einen freundſchaftlichen Rath zu geben als Deine Frau? ſie die alle Sorgen und Freuden mit Dir theilen ſoll? Ach, Gvert, glaube mir, Niemand kann ſehnlicher als ich wün⸗ ſchen daß jede Demüthigung Dir erſpart bleibe; aber betrachte die Worte die meine Pflicht und meine Ver⸗ nunft mir vorſchreiben nicht als Tadel oder Mora⸗ liſirſucht. Was ich ſage hat ſeinen Grund in einer innigen Ergebenheit die gar nicht mißverſtanden wer⸗ den kann.“ Das Mahl war vorüber; ein Theil der Herren hatte ſich entfernt um gegen Abend zu Ochards zu⸗ rückzukehren. Uno, der ebenfalls mitgeſchmaust hatte, war nebſt einigen Andern dageblieben. Der erſte der Abendgäſte der erſchien war die Baronin Ernſtein. Uno näherte ſich ihr und ſagte leiſe: „Nun?“ „Sie wollen wiſſen wie die Geſandtſchaft abge⸗ laufen iſt? Ganz wie ich es vorhergeſehen hatte. icht ein einziges Wort der Mißdeutung oder Miß⸗ billigung kum über Helenas Lippen; ſie verſicherte daß ſie Alles zurechtbringen würde und lehnte meine Hilfe ab.“ „Sie hat Wort gehalten. Ochard hat den Lord in unſerer Gegenwart bezahlt. Ob ſie wohl aus Stolz ſo weit gegangen iſt daß ſie ihren Vertrag aufgehoben und ihr Kind erblos gemacht hat?“ „Das glaube ich nicht,“ antwortete die Baronin; „dazu liebt ſie ihr Kind zu ſehr. Aber ſie hat ein anderes Opfer gebracht.“ „Welches Opfer?“ „Dasjenige das ich vorherſagte.“ „Ihre Juwelen verkauft?“ „Ganz richtig. Als Sie mich über Everts öco⸗ nomiſche Stellung aufklärten und mir ſagten daß er ſeine Spielſchuld unmöglich bezahlen könne ohne ſich an Wucherer zu wenden, und als Sie dann wünſch⸗ ten daß ich meine Dienſte anbieten ſollte, da ſagte ich zu Ihnen: Helena wird eher ihre Koſtharkeiten erkaufen als fremden Beiſtand anrufen. Ich kenne ſie zu gut, um nicht zu wiſſen wie delicat ſie iſt wenn es ihren Mann betrifft.“ „Aber woher wiſſen Sie daß ſie ihren Schmuck verkauft hat?“ „Ich fuhr von ihr hinweg zum Juwelier, um 270 eine Beſtellung zu machen. Als ich wieder in mei⸗ nen Wagen ſtieg, ſtand Helenas Equipage vor dem Hauſe. Ich errieth ſogleich ihr Anliegen und kehrte, nachdem ich einige Beſuche gemacht hatte, zum Ju⸗ welier zurück. Da lagen drei Etuis. Ich öffnete eines von ihnen und erkannte Helenas Juwelen, und nun habe ich wie ein echter Spion Rechenſchaft ab⸗ elegt.“ 8 In dieſem Augenblick trat Helena zu ihnen und ſagte: was wird hier geſprochen? Ich habe mit der Kammerräthin P— und Frau D— einen ſo ſchweren Streit zu beſtehen gehabt, daß ich gewünſcht hätte, Du, Auguſte, hätteſt mir dabei geholfen.“ „Um was handelte ſich der Streit?“ „Um die verſchiedenen Rechte des Mannes und der Frau.“ „Nun, wie endete die Schlacht?“ fragte Uno lächelnd. „Ach, ich war nahe daran zu erliegen, denn die beiden Damen attakirten mich mit ſo vielen Rech⸗ ten von Seiten unſeres Geſchlechtes, daß ich mich veranlaßt fand die Sache der Angegriffenen zu ver⸗ antwortete Helena. „Du vertheidigteſt die Männer?“ rief die Ba⸗ ronin.„Liebe Freundin, ſei froh daß ich nicht da⸗ bei war, denn ſonſt hätteſt Du einen weiteren Geg⸗ ner bekommen. Ich habe einen Vorſaz gefaßt von dem ich niemals abweiche, nämlich ſtets das ſoge⸗ nannte ſtärkere Geſchlecht anzugreifen.“ Wieder verfloß eine Zeit. Evert meldete ſeiner Frau daß er den gewünſchten Dienſt erhalten habe und ſeine Beförderung auch jezt, wie das erſte Mal, mit einem glänzenden Ball zu feiern gedenke. „Evert, dürfen und können wir jezt eine große Einladung veranſtalten?“ „Höre, Helena, von nun an ſind es meine Ein⸗ künfte die man braucht, und ich verbitte mir Deiner⸗ ſeits alle Einmiſchung in Dinge woran Du nicht den geringſten Theil haſt.“ Helena ſchwieg. Ein Ball wurde mit ſolchem Lurus gehalten, daß ſie hätte weinen mögen. Für den ganzen Tanzſaal wurden Blumen aus Hrange⸗ rien gemiethet, ſo daß er das Ausſehen eines Gar⸗ tens bekam. Nichts wurde geſpart um das Feſt glänzend und prachtoll zu machen. Die Gäſte waren unermüdlich in Lobſprüchen, und Evert wurde als ein Mann geprieſen der ſeinen Reichthum auf eine Art zu verwenden wiſſe, die rings um ihn her auch für Andere Behagen und Ge⸗ nuß verbreite. Aber hätte man einen Blick in He⸗ lenas Herz werfen können, wie unglücklich ſie ſich bei dieſer Pracht fühlte, bei welcher, wie ihre Ahnung ihr ſagte, der lezte Reſt ihres Vermögens darauf ehen mußte, wie würde man dieſes ſo beneidete eib nicht beklagt haben! S Eine Woche nach dem Feſt, als Abends Sen kleiner Junge eingeſchlummert war und ſie allein bei ihrer Arbeit daſaß, wurde die Thüre heftig aufge⸗ ſtoßen und Evert trat herein. Er war ſehr bleich. „Ich will mit Dir reden, Helena,“ ſagte er. Sie ging mit ihm ins Cabinet. „Erinnerſt Du dich daß Du einmal in Bezug auf den von Deiner Mutter aufgeſezten Vertrag ſagteſt, daß all Dein Eigenthum auch mir gehöre?“ „Sehr gut, Evert, und den Beweis daß ich ſo denke ſiehſt Du darin daß ich Dich erſucht habe die Zinſen einzunehmen.“ „Aber wie weit glaubſt Du denn daß man mit 2500 Reichsthalern im Jahr komme? Das iſt ja gerade was eine einfache Schreiberfamilie zum Leben braucht, aber nicht ein Mann in meiner Stellung.“ „Deine eigenen Einkünfte ſind ja jezt ſo groß, daß ſie, im Verein mit dieſen Zinſen und dem Reſt unſeres Vermögens, zu einem unbekümmerten Leben ausreichen müſſen.“ „Möglich für einen Menſchen der ſich einſchrän⸗ ken kann und keine Schulden hat. Aber ſiehſt Du, ich kann, will und werde meine Lebensweiſe nicht verändern. Ich würde ja dadurch aufhören der Ton⸗ angeber zu ſein, derjenige um welchen Alle ſich ſam⸗ meln um ihm ihre Huldigung und Bewunderung zu ſchenken. Begreifſt Du nicht wie abſcheulich es wäre, wenn ein reicher und gefeierter Mann dem die höchſt⸗ geſtellten Perſonen ihre Aufmerkſamkeit widmen ſich zur Rolle eines ruinirten Menſchen herabließe, was ich in der That jezt bin? Nach einem Leben ie das unſere Einſchränkungen zu miachen und wie ein gewöhnlicher Beamter leben zu müſſen der ſich um ſein Auskommen abquält, nein, zu dieſer erbärm⸗ lichen Rolle bin ich nicht geſchaffen. Ehe ich eine ſolche Demüthigung überlebte, würde ich mich lieber vor die Stirne ſchießen. Aber ein ſo verzweifelter Schritt iſt nicht nöthig. Mit einem einzigen Feder⸗ —— 273 zug kannſt Du unſern Vertrag aufheben, denn in der Verfügung Deiner Mutter ſteht daß Du, wenn Du es für Deine Pflicht halten ſollteſt ihn aufzu⸗ heben, das Recht dazu beſizeſt.“ „Ja, ſo ſteht es im Text,“ antwortete Helena mit ſanftem Ernſt.„Aber es iſt auch noch ein Zu⸗ ſaz vorhanden der folgender Maßen lautet: Aber wenn meine Tochter Helena in ihrer Ehe Kinder hat, ſo iſt es mein Rath daß ſie ſich wohl bedenken möge, ehe ſie dieſe meine Verordnung aufhebt, ſo daß ſie nur im größten Nothfall gegen meinen Wunſch handelt, welcher dahin geht daß ſie dieſes Capital unvermindert ihren Kindern hinterlaſſen möge.“ „Nun, ſo weit mein Verſtand reicht, kann Dich das in Wahrheit nicht hindern unſern Vertrag auf⸗ zuheben. Liebſt Du mich wirklich, ſo kannſt Du Dich keinen Augenblick beſinnen. Die Liebe opfert Alles auf.“. „Aber die wahre Ergebenheit bedenkt zuerſt ob das Geſchenk nüzt oder ſchadet. Nur im höchſten Nothfall, ſo ſteht im Teſtament meiner Mutter, und ich verehre ſie zu ſehr um ihrem Wunſch nicht in allen Stücken nachkommen zu wollen. Evert, glaube mir, wäre es nöthig um Deine Ehre zu retten, ſo würde ich mich jezt ſo wenig bedenken wie zur Zeit als ich Dir die Summe gab deren Du zur Ein löſung Deines Ehrenwortes bedurfteſt. Aber jezt jezt würde ich meinem Kinde, Dir und mir ſelbſt eine Sicherheit gegen Noth und Kummer ſtehlen, bloß um eine thörichte Lebensweiſe noch ein Paar Jährchen fortſezen zu können. Nein, Evert, ich wäre Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. 18 274 eine ſchlechte Mutter, eine ſchlechte Gattin und ein ſchwaches erbärmliches Weib, wenn ich nicht Alles thäte um Dich auf dem Weg aufzuhalten den Du betreten haſt und der uns Alle zum Verderben führen wird.“ „Helena, Du willſt mich alſo in Verzweiflung über unſern Ruin ſehen, willſt mich zwingen mich zu erſchießen?“ rief Evert mit einer effectvollen Bewe⸗ gung. Er hatte Helena ſtets nachgiebig gefunden und zweifelte keinen Augenblick daß ſie auch jezt nachgeben würde. Aber er kannte nicht die ganze Kraft die in dieſem Herzen wohnte. „Nein, das will ich nicht. Und ich kann keine ſo ſchlechte Idee von Dir hegen daß Du eher das ſchimpfliche Verbrechen begehen würdeſt Dein Weib und Kind mit dem Blute eines Selbſtmörders zu beſprizen, als daß Du ein wenig von dem eitlen opferteſt womit Du Dein Leben umgeben haſt.“ „Du weigerſt Dich alſo unſern Vertrag aufzu⸗ heben?“ „Ja, Evert, denn ich würde Dir damit keinen Dienſt leiſten. In einigen Jahren würden wir wie⸗ der auf demſelben Punkte ſtehen, und für unſer Kind wäre dann nichts übrig.“ „Nun wohl, Du kaltes, eigennüziges Weib, ſo mußt Du alſo gezwungen werden; denn ich ſchulde † 30,000 Reichsthaler und muß um jeden Preis bin⸗ nen vierzehn Tagen einige Wechſel einlöſen, über⸗ dieß auch die neuen Möbel im Tanzſaal bezahlen; und auch der Wagenmacher will nicht länger warten. Kurz und gut, ich muß Geld haben, ſonſt werde ich 275 unglücklich; und gibſt Du mir es nicht freiwillig, ſo werde ich Dich zwingen, denn meine Ehre ſteht auf dem Spiel.“ Cvert ging mit einer drohenden Geberde auf ſeine Frau zu. Helena war unnatürlich blaß geworden. Sie ſtüzte ſich auf ihren Schreibtiſch, denſelben Tiſch worin die Documente lagen durch welche die Zu⸗ kunft ihres Kindes ſicher geſtellt wurde. Ein augen⸗ blickliches Schweigen entſtand. Sie ſezte ſich, wie wenn ſie ihre Stellung überdenken wollte. Endlich ſagte ſie mit einer Stimme von tiefem, beinahe feier⸗ lichem Ernſt: „Seze Dich, Evert, und laß uns ruhig unſere Steüung erwägen. Dann und wenn ich Alles er⸗ fahren habe, werde ich meinen Entſchluß faſſen.“— Richt ein Wort, auch nicht ein Mienenſpiel verklagte den thörichten Ehemann der ein ſo großes Vermö⸗ gen verſchleudert hatte. Evert, welcher einſah daß er, um zum Ziele zu kommen, ſeiner Frau einen Theil der nackten Wahr⸗ heit zeigen mußte, geſtand alle Schulden von denen er ſie zu unterrichten für nöthig hielt. Ohne eine Muskel in ihrem Geſicht zu verziehen, vernahm He⸗ lena daß ihr ganzes Beibringen demnächſt ſo gut als verloren war. Ueberdieß hatte Ochard eit Schuld von 30,000 Reichsthalern. Den Kopf i ihre Hand geſtüzt, wiederholte Helena bei ſich ſelbſt „Alſo gänzlich ruinirt! Alles was noch übrigt iſt nur noch ein Theil desjenigen was meine Mutter für meine Kinder beſtimmt hat!“ Aber von all den bittern und junt⸗ 276 ken die ihre Bruſt erfüllten, kam nicht ein einziger über ihre Lippen. Als ihr Mann zu Ende war, er⸗ ſtickte ſie den Seufzer der ſich Luft ſchaffen wollte und reichte Evert mit einem unbeſchreiblich zärtlichen und traurigen Ausdruck die Hand. „Dank, Evert, daß Du mir die Wahrheit mit⸗ theilteſt und unſere wirkliche Stellung nicht vorent⸗ hielteſt.“ „Und Du überläſſeſt mir das Recht die Gelder zu erheben von denen in unſerem Vertrag die Rede iſt?“ rief Evert, indem er ihre Hand drückte und an ſeine Lippen führte. „Nein, aber ich werde unſere Angelegenheiten ſo ordnen daß wir von Deinen Einkünften ein kummer⸗ freies Leben führen können.“ „Helena!“ ſchrie Evert aufſpringend.„Treib mich zu keinem Ertrem!“ fügte er hinzu, indem er die geballte Fauſt auf den Tiſch legte.„Ich könnte ſonſt Luſt bekommen dieſes Document zu vernichten, welches mir ein Vermögen raubt das von Rechts⸗ wegen mir gehört, und wenn ich das thue, ſo biete ich Dir Troz, ob Du hernach zu behaupten wagſt daß ich dieſes Papier vernichtet habe. Willſt Du mir jezt geben was ich verlange, oder ſoll ich es ſelbſt nehmen?“. Helena hatte ſich ebenfalls erhoben und ſtand aufrecht, mit hochgehaltenem Kopfe vor ihrem Manne. Sie überreichte ihm einen Schlüſſel und ſagte mit fürchterlicher Ruhe: „Ich will nicht daß Du Dich noch bis zu einem Diebſtahl erniedrigen ſollſt; Du warſt ſchon früher„. einmal im Begriff es zu thun; damals galt es mei⸗ nen Juwelen. Hier iſt der Schlüſſel der Dir den Weg zu dieſen Papieren bahnt; nimm ſiel Aber teine Macht in der Welt wird mich dann beſtimmen an Deinem verſchwenderiſchen Leben Theil zu neh⸗ men. In demſelben Augenblick wo Du Dir dieſes kleine Vermögen aneigneſt, das, ſo gering es iſt, den⸗ noch unſere Zukunft hätte ſichern können, nehme ich mein Kind auf den Arm und verlaſſe einen Gatten der mit vollem Bewußtſein und reifer Ueberlegung lieber ſeine Familie zu Grunde richten als ſich eini⸗ gen Einſchränkungen unterwerfen will. Dieß iſt jezt mein feſier Entſchluß.“ Sie legte den Schlüſſel vor ihn auf den Tiſch, aber Evert ſtieß ihn heftig weg und rief mit aufgeregter Stimme, indem er beide Hände vor ſein Geſicht hielt: „Ich hätte nie geglaubt daß Du ſo wenig Liebe zu mir hätteſt. Ach! es iſt ſchrecklich in der Stunde des Unglücks ſo von der Frau behandelt zu wer⸗ den die meine Bekümmerniſſe theilen, mildern und lindern müßte.“ „Evert, Evert, ich will Deine Bekümmerniſſe theilen, mildern und zu Ende bringen,“ flüſterte Helena,„aber ich will es ſo thun daß wir in Zu⸗ kunft damit zufrieden ſein können. Alles, Alles will ich für Dich thun, nur Dir keine Gelegenheit gebe ein Leben fortzuſezen das Dich und Dein Kind u glucklich machen würde. Wende Dich nicht von mir ab; glaube an meine Verſicherung daß ich ohne Be⸗ denten, ohne einen Seufzer mich ſelbſt für Dich opfern würde; aber Dein eigenes Herz wird Dir in einem ruhigeren Augenblick ſagen daß ich kein Recht habe meinem Kinde eine geſicherte Zukunft zu rau⸗ 278 ben.“— Sie fügte zärtlich hinzu:„Für was lebe ich denn, außer für Dich und mein Kind? Ihr Beide ſeid ja meine ganze Welt!“ Es war unmöglich bei dieſer Stimme, bei die⸗ ſem liebevollen Ausdruck ungerührt zu bleiben. Evert ſagte daher, als er ihrem milben, ſeelenvollen Blick 3 begegnete: „Helena, ich will auf Dich hören.“ 1 Es wäre überflüſſig wortgetreu zu erzählen was ſie ſagte. Ihre milden Worte bewieſen daß ſie Hoff⸗ nung hegte ihm aus der Noth helfen zu können. Sie zeigte ihm die Nothwendigkeit ſpäter ein ganz anderes Leben zu führen. Mit der Wärme der 3 Ueberzeugung ſtellte ſie ihm vor daß er jezt in dem Alter angekommen ſei wo die Eitelkeit einem edlen Ehrgeiz Plaz zu machen habe; daß er ſich für die Zukunft zum Lebensziel ſezen müſſe nicht mit Din⸗ gen zu glänzen die an und für ſich ohne allen Werth ſeien, ſondern ein wirklich nüzlicher Menſch zu wer⸗ den. Evert hörte ſie mit umwölkter Stirne an, aber er hörte doch. Auf ſeine Einwendung daß er ſeine Lebensart nicht ändern könne ohne daß die Welt den wahren Grund ahne, und baß er dieſe Demü⸗ thigung nicht zu ertragen vermöchte, antwortete belena, es gebe ein Mittel hier abzuhelfen. Er olle ja in den Sommermonaten auf Staatskoſten ine Reiſe ins Ausland machen. Inzwiſchen wolle ſie ſeine Schulden bezahlen, aber unter der Bedin⸗ gung daß er ihr die Vollmacht ertheile in ſeinem Namen zu handeln. Sie beſprachen ſich lange in die Nacht hinein. Sie mit Zärtlichkeit und Ver⸗ ſtand; er mit der Bitterkeit welche durch die Noth⸗ 279 wendigkeit nachzugeben und ſein Theuerſtes aufzu⸗ opfern bei einem Manne ſeines Schlags natürlich hervorgerufen wurde. Am folgenden Morgen fuhr Helena in aller Frühe aus. Sie begab ſich zu dem Kaufmann der ihr Geld hatte und erhob bei ihm einen Theil des Capitals, womit Cvert die verfallenen Wechſel ein⸗ löste und die Lieferanten zufrieden ſtellte. Mit dieſer Maßregel war jedoch Evert noch lange nicht zufrieden, denn er hatte nur die Wechſel einzulöſen und den Lieferanten eine Abbezahlung zu machen gewünſcht, mit dem Reſt des Geldes jedoch ſeiner Eitelteit noch einige genußreiche Augenblicke zu ver⸗ ſchaffen gehofft. Da jedoch Helena in dieſem Punkte unerbittlich war und blieb, ſo mußte er, wiewohl mit Gram im Herzen, ſich darein fügen. Zu Anfang Mais unternahm Evert ſeine aus⸗ ländiſche Reiſe, nachdem er ſeiner Frau ein kaltes Lebewohl geſagt. So war alſo Helena allein gelaſſen mit dem Verſprechen das ſie ihrem Mann gegeben hatte, daß bei ſeiner Rückkehr Alles ſo abgemacht ſein ſolle daß er keine Schulden mehr habe und fortwährend als vermöglicher Mann gelte. Mit bewundernswürdiger Geiſtesgegenwart und raſcher Auffaſſung des Noihz wendigen griff Helena das Werk an. Ihre erſte Maßregel war daß ſie bei dem Groß⸗ händler 20000 Reichsthaler von dem Capital auf Rechnung ihres Sohnes deponirte und dieſe Summe unantaſtbar machte. Sodann verkaufte ſie das Haus, und zwar mit einem Nuzen von 10000 Reichsthalern. Dieſer Gewinn erlaubte ihr mit Hoffnung und Zu⸗ 280 verſicht der Zukunft entgegenzuſehen, denn ſie hatte jezt alle Schulden bezahlt die Gvert ihr angegeben und beſaß noch einen nicht unbedeutenden Ueberſchuß. Einige Tage ſpäter, nachdem Helena mit dem Kaufmann der ihr behilflich geweſen war Everts Angelegenheiten in der Stille zu ordnen den noch vorhandenen Reſt berechnet und einen Plan über ſeine Anwendung beſprochen hatte, erhielt ſie in ihrem hübſchen kleinen Eichholm, wohin ſie jezt ge⸗ zogen war, einen Brief von Everts Vater, der etliche Meilen von der Hauptſtadt auf einem Gütchen wohnte. Das Schreiben lautete wie folgt: „Mein geliebtes Kind! So ungerne ich Dich betrübe, ſo kann ich doch nicht umhin Dir über Deinen Mann, meinen Sohn, allerlei mitzutheilen was mir großen Kummer verurſacht hat. Ich thue es weil das Ding für meine Töchter ſehr widrige Folgen haben kann, und ich wünſche daß Du Dich über den wahren Sachverhalt unterrichteſt. Die Sache iſt die daß ich, da ich, wie Du weißt, im vorigen Herbſt ſchwer krank war und meine Angelegenheiten in der Hauptſtadt nicht ſelbſt beſorgen konnte, an Cvert ſchreiben und ihn beauftragen mußte eine aufgekün⸗ digte Summe zu erheben die den mütterlichen Erb⸗ theil ſeiner Schweſtern ausmachte. Nach einiger Zeit ſchrieb er mir daß er das Geld eingezogen habe, und fragte wie er es anlegen ſolle. Ich erſuchte ihn es gegen eine erſte Verſchreibung einem andern Haus zu übergeben und ſchickte ihm die nöthigen Vollmachten. Seitdem hat er mir mehrmals ge⸗ ſchrieben daß er noch nicht Zeit gehabt habe die Sache abzumachen, und endlich fragte er mich ob 281 ich ihm nicht bis auf Weiteres erlauben wolle das Geld bei demſelben Kaufmann zu deponiren der Dein Vermögen verwalte, bis ich ſelbſt die Sache in die Hand nehmen könne. Ich antwortete daß ich damit zufrieden ſei. Der nächſte Brief den ich er⸗ hielt war von Dir und meldete mir daß ECvert ins Ausland gereist ſei. Ich fand dieß nicht ganz übereinſtimmend mit der gewöhnlichen Höflichkeit und Achtung die ich als Vater erwarten darf, daß er abgereist war ohne an mich zu ſchreiben; auch war es mir unbegreiflich daß er mir keinen Em⸗ pfangſchein für das Geld geſchickt hatte. Genug, ich ſchrieb alſo an den fraglichen Kaufmann und erhielt zur Antwort daß ECvert das kleine Mutter⸗ erbe ſeiner Schweſtern nicht bei ihm deponirt habe. Ich ſchrieb dann an Evert, erhielt aber keine Ant⸗ wort. Dieß Alles veranlaßte mich genaue Erkundi⸗ gungen über ſeine Angelegenheiten einzuziehen, und dieß gelang mir auch durch meinen Tochtermann, Capitän L—. „Gewiß hat L— bei ſeinem Aufenthalt in der Hauptſtadt Dich beſucht; aber ich hatte ihm ver⸗ boten mit Dir von Geſchäften zu reden, weil ich zunächſt wiſſen wollte wie es ſich mit Evert verhielt. „L—, der ſein Vermögen bei einem Kaufmann ſtehen hatte, welcher der Geſchäftsverwalter des Grafen Uno Kerner iſt, wurde bei einem Beſuche in deſſen Hauſe gefragt wie es denn mit Everts Angelegenheiten eigentlich ſtehe. Da L— die Ver⸗ anlaſſung zu dieſer Frage zu erfahren verlangte, hatte der Kaufmann geantwortet: „Ich wollte bloß hören ob er wirklich vermög⸗ 2 „ — 282 lich iſt, was ich zu bezweifeln anfange, weil er zwei⸗ mal von dem Grafen Uno Kerner Geld entlehnt hat und ihm 10000 Reichsthaler ſchuldet.“ „Alles das und vieles Andere hat mich unruhig gemacht; deßhalb frage ich jezt Dich, liebe Tochter, wie es mit meinem Sohne ſteht. Hat er das ganze Vermögen das Du ihm zubrachteſt vergeudet und muß ich ihn für einen unredlichen Menſchen halten? „Es würde mich grauſam ſchmerzen in mein Grab mit der Gewißheit ſteigen zu müſſen daß mein einziger Sohn ein Menſch ohne Ehre, ein eitler und leichtſinniger Verſchwender ſei, der, um ſeine Prachtliebe und Vergnügungsſucht zu befriedigen Weib, Kind und Geſchwiſter ins Verderben ſtürze. „Hätte meine Geſundheit es geſtattet, ſo würde ich mich ſelbſt bei Dir eingeſtellt haben, um eine auf⸗ richtige Antwort auf dieſe betrübten Fragen zu erhalten. „Dein liebevoller Schwiegervater „Eyert von Ocharb.“ Helena wurde gänzlich betäubt durch den neuen Schlag der ſie getroffen. Sie, die ſich mit ſo großer Freude dem Gedanken hingegeben hatte daß ihr Mann noch einen kleinen Reſt von Vermögen beſize; ſie, die geglaubt hatte daß er ſeine Schulden richtig angegeben, ſie ſah jezt eine neue Liſte von ſolchen und, was noch das Allerſchlimmſte war, dieſe Un⸗ 6 redlichkeit gegen arme Schweſtern, die er u ihr kleines Beſizthum beſtohlen, nachdem der V ihm das Geld mit vollem Vertrauen auf die Ehre und te. Redlichkeit ſeines Sohnes anvertrau 283 Sie konnte nicht weinen; ihr Schmerz war zu groß um ſich in Thränen auflöſen zu können. Aber ſie gehörte nicht zu denjenigen die unthätig daſizen und über das Unglück das ſie trifft nachgrübeln. Sie ſuchte immer nach einem Mittel um das Schlim⸗ mere beſſer zu machen. Hatte ein Unglück ſie ge⸗ troffen, ſo bemühte ſie ſich mit wahrhaft chriſt⸗ lichem Sinn es zu tragen. So auch jezt. Nachdem der erſte Schmerz und die erſte Beſtürzung ſich ge⸗ legt hatten, war es ihr einziger Wunſch den Fehler ihres Mannes zu verdecken und dem alten Vater wo möglich den Kummer über ſeinen Sohn erſparen zu können. Mit dieſem Vorſaz fuhr ſie in die Hauptſtadt, um Alles wieder ins Geleiſe zu bringen. Tags darauf ſchrieb ſie an ihren Schwieger⸗ vater: „Mein guter Vater! Mit tiefer Betrübniß finde ich daß ich ein Mißverſtändniß zwiſchen Ihnen und Evert verſchuldet habe. Mein Mann erſuchte mich nämlich bei meiner Abreiſe inliegenden Empfangs⸗ ſchein für die fraglichen Gelder Ihnen zu überſen⸗ den. Wenn dieſes Papier Ihnen nicht ſchon längſt zu Händen gekommen iſt, ſo ſchreiben Sie es mei⸗ ner Saumſeligkeit zu. Seien Sie in Bezug auf Gvert ruhig, beſter Vater; er wird Ihnen niemals einen Kummer bereiten.“ Helena hatte jezt ihren Mann vor dem Zorn und der Verachtung ſeines Vaters gerettet, denn — 284 der Greis gehörte der alten Schule an und nahm es mit Ehrenſachen ſtreng. Aber ſie ſelbſt war nunmehr bedeutend ärmer geworden, und konnte überdieß, in Folge des Scheines von Gleichgiltigkeit der auf ſie fiel, einen großen Theil der Achtung ihres Schwie⸗ gervaters verlieren. Nachdem ſie dieſen Brief abgeſchickt hatte, beauf⸗ tragte ſie den Kaufmann, Everts Schuldſcheine gegen⸗ über Uno Kerner einzulöſen, erhielt jedoch die Ant⸗ wort, der Graf habe die Schuldſcheine ſeinem Agen⸗ ten abgenommen, mit dem Bemerfen daß er die Sache ſelbſt beſorgen wolle. Helena ſchrieb jezt an Uno und bat ihn um ſei⸗ nen Beſuch, aber der Graf war verreist, und ſie mußte nach Eichholm zurückkehren, ohne in der Sache einen weitern Schritt thun zu können. Alles was jezt noch von ihrem Vermögen übrig blieb, außer den 20000 Reichsthalern welche Helena für ihr Kind aufbewahrte, belief ſich auf 8000 Reichsthaler. Einen Monat ſpäter kehrte Uno in die Haupt⸗ ſtadt zurück, wo ſogleich Helenas Bevollmächtigter kam, um die Schuldſcheine einzulöſen; aber Uno ant⸗ wortete, er wolle zuerſt mit Frau Ochard ſprechen, und fuhr noch am ſelben Mittag nach Eichholm hinaus. Es war eit ſchöner Julimittag, und Helena ver⸗ brachte ihn mit ihrem Kinde in der freien Luft. Das Leben das ſie auf Eichholm führte, war höchſt eingezogen. Uno traf ſie in dem kleinen Park 285 wohin Ingrid ihn gewieſen hatte. Nachdem er He⸗ lena mit der früheren Herzlichkeit begrüßt hatte, ſagte er: „Verzeihen Sie daß ich Sie ſtöre! Aber ich muß mit Ihnen wegen eines Beſuches reden den Ihr Abgeſandter mir in Ihrem Namen gemacht hat. Daß der Auftrag nicht von Evert herkam, ſehe ich recht wohl ein, weil die Schuld erſt in fünf Jahren verfällt. Evert bat mich bei ſeiner Abreiſe die Wechſel nur ihm ſelbſt zu übergeben, weil er wünſchte daß Sie von dieſer Schuld nichts erfahren ſollten. Wie Sie Kenntniß davon erhalten haben, weiß ich nicht, und nach meinem Verſprechen gegen Evert glaube ich auch kein Recht zu beſizen eine Bezah⸗ lung von Ihnen anzunehmen.“ „Aber wenn ich von ihm Auſtrag erhalten habe es zu thun, ſo werden Sie ſich doch nicht wider⸗ ſezen?“ „Wenn wirklich Evert es wäre der ſich mit eige⸗ nen Mitteln hei mir ſchuldfrei machen wollte, dann hätte ich kein Recht mich dagegen aufzulehnen. Aber wenn Sie mit Aufopferung Ihres Privatvermögens und der Erbſchaft Ihres Kindes die Schuld über⸗ nehmen wollen, dann dürfen Sie wohl geſtatten daß ich mich weigere.“ „Das womit ich Everts Schulden einlöste wird mein Kind nicht um ſein Erbe berauben,“ antwortete Helena mit einem leichten Erröthen;„aber wenn es auch ſo wäre, was jedoch nicht der Fall iſt, ſo halte ich es für meine und meines Sohnes Pflicht ein Opfer zu bringen, das meinem Gatten und dem Pater meines Kindes zu Gute kommt.“ —— 286 „Aber es iſt ja gar nicht nöthig dieſe Schuld zu bezahlen.“ „Doch, es iſt eine Ehrenſache, denn mein Mann darf nicht Ihr Schuldner ſein.“ „Helena, Helena, was ſagen Sie da?“ „Die Wahrheit. Dieſe Schuld brennt auf mei⸗ nem Herzen wie ein Gewiſſensbiß. Erſt wenn ſie bezahlt iſt, werde ich leichter athmen.“ „Sie fühlen ſich dadurch gedemüthigt daß ich hrem Mann dieſen kleinen Dienſt leiſten konnte, und dennoch hatte ich geglaubt daß Sie Freund⸗ ſchaft für mich hegen. Helena, Sie halten mich alſo nicht für einen Mann von Ehre, da es Sie quält daß ich ſo glücklich war Evert helfen zu können?“ „Unter allen Schulden Everts war die Ihrige die einzige wodurch ich mich gedemüthigt fühlte. Sagen Sie nichts! Ihr eigenes Herz billigt was ich geſagt habe; laſſen Sie uns keine Worte mehr über die Sache verlieren. Die Schuld muß bezahlt werden. Haben Sie Dank dafür daß Sie meinem Mann ſo edelmüthig aushalfen.“ Uno ergriff ſchweigend ihre dargereichte Hand. ₰ „Ach, wenn Sie begreifen könnten wie glücklich mich das Bewußtſein macht daß Ochard jezt keine Schulden mehr hat!“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Allerdings.“ 3 5 „Ohne Ihren Mann verleumden zu wollen, will ich bloß fragen: Glauben Sie daß er lange ſchul⸗ denfrei bleiben werde?“ „Ich hoffe es.“ „Sie hoffen es! Ach, wiſſen Sie nicht daß de 287 Eitle, wie der Trinker, immer begehrlicher wird, je mehr er genießt? Der Eitle gleicht auch dem Spie⸗ ler, mit dem Unterſchied daß der Einſaz des erſten immer aus Gold beſteht, der Gewinn aber immer nur aus leeren Schmeicheleien; aber, wie der Spie⸗ ler, opfert er Alles in der Hoffnung zu ge⸗ winnen.“ „Was Sie ſagen iſt wahr, aber Ochard iſt kein ſolcher Spieler mehr. Er hat Schmeicheleien genug gewonnen, um ohne Kummer das Blatt umwenden und ehrgeizig werden zu können.“ „Ehrgeizig? Noch iſt er nicht auf dem Punkt angelangt daß er ſich für eine zukünftige Ehre den Beifall des Augenblicks verſagen könnte. Dazu ſind bitterere Erfahrungen aus der Schule des Lebens erforderlich.“ „Nein, dazu iſt bloß erforderlich daß er mich und ſein Kind liebe— und das thut er,“ fügte Helena mild hinzu; aber über ihr Herz legte ſich die kummervolle Ahnung eines großen Schmerzes der ihr noch bevorſtehe. Jezt kam Ingrid und meldete einen Herrn Jo⸗ nathan aus Hamburg, der ſoeben angelangt ſei und um eine Beſprechung mit Ihro Gnaden bitte. Helena und Uno gingen ins Haus hinauf. Im kleinen Salon trafen ſie einen Mann von mittleren Jahren deſſen Züge den Juden verkündeten. Herr Jonathan verbeugte ſich höflich vor den Eintretenden. ſch bitte um Entſchuldigung daß ich Euer Gna⸗ er der Herr Aſſeſſor gab mir die Er⸗ i ſeiner Frau einzufinden.“ troffen?“ „Wir trafen uns in Stockholm, kurz vor ſeiner Abreiſe aus Schweden, was Euer Gnaden wohl bekannt ſein wird, hoffe ich.“— Herr Jonathan machte wieder einen Bückling. „Nein, mein Herr, dieß iſt das erſte Mal daß ich Ihren Namen höre. Haben Sie einen Auftrag von meinem Mann, ſo theilen Sie ihn mir ge⸗ fälligſt mit.“ „Iſt es das erſte Mal daß Euer Gnaden mei⸗ nen Namen hören?“ ſagte Herr Jonathan verwun⸗ dert.„Haben Sie die Güte ſich zu beſinnen ob Sie ihn nicht früher gehört haben, ob der Herr Gemahl mit Ihnen nicht davon geſprochen hat.“ „Ich verſichere daß ich ihn niemals von Ihnen reden hörte.“ „Was bedeutet das?“ rief der Jude.„Und ich habe dennoch Ihre Bürgſchaft daß Sie mir im Ver⸗ lauf von zwei Monaten die Summe bezahlen wer⸗ den die ich dem Herrn Aſſeſſor bei ſeiner Abreiſe vorſtreckte. Haben Sie, Madame, Ihren Namen nicht ſelbſt geſchrieben, ſo iſt er verfälſcht.“ Herr Jonathan zog ein Papier hervor und zeigte Helena ₰ eine Unterſchrift. Helena wurde ſo ſchrecklich blaß, daß un unwillkürlich erhob, weil er fürchtete, ſie möchte in Ohnmacht fallen. Aber ſie gehörte ni u den⸗ jenigen Frauen die für alle Fälle der Hand haben; ſie erholte ſich ſagte: „Es iſt vollkommen wahr Sie meinen Mann in Hamburg ge⸗ 289 ſchaft geſchrieben habe, aber ich hatte den Namèn des Gläubigers gänzlich vergeſſen.“ „Vielleicht auch den Betrag der Summe,“ ſiel Hert Jonathan mit einer Miene ein, die der armen Helena das Blut in die Wangen trieb. Voll Würde erhob ſie ſich und ſagte: „Haben Sie die Güte mir den Betrag der Schuld anzugeben, ſo werden Sie Bezahlung ha⸗ ben. Dieß, mein Herr, iſt Alles was Sie zu wiſſen brauchen.“ „Fünftauſend Reichsthaler nebſt Zins.“ Helena trat an den Schreibtiſch und ſchrieb eine Anweiſung an den Kaufmann bei dem ſie noch 8000 den ganzen Reſt ihres Vermögens, ſtehen atte. „Hier, mein Herr, Sie können den Wechſel mei⸗ nes Mannes dem Großhändler D— als Quittung zurücklaſſen.“ Im Augenblick wo Helena dem Juden die An⸗ überreichte, trat ein alter Mann zwiſchen eide. „Warten Sie ein wenig, mein Herr,“ ſagte der Greis.„Zeigen Sie mir gefälligſt den Schuldſchein meines Sohnes mit der Unterſchrift meiner Schwie⸗ gertochter.“ „Sie hier, mein Vater!⸗ rief Helena mit einem angſtvollen Ausdruck.—„Es iſt ja überflüſſig daß Sie den Schein ſehen,“ fügte ſie bittend hinzu. „Die Schuld iſt bezahlt und— „Ich will das Papier ſehen,“ erklärte der Alte heftig.„Herr Jonathan, ich bin der Medicinalrath Ochard, der Vater des Aſſeſſors. Sie dürften ein⸗ Schwartz Eines eiteln Mannes Frau⸗ ſehen daß ich ein Recht habe hier im Hauſe Gehor⸗ ſam zu erwarten.“ Herr Jonathan überreichte den Schuldſchein dem Medicinalrath, der eine Weile die Unterſchrift be⸗ trachtete und darauf mit einem erkünſtelten Lächeln ſagte: „Ich danke Ihnen, mein Herr, Alles iſt ſo wie ich vermuthete.“ Jonathan verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Einige Secunden lang währte eine unheimliche Stille, während welcher der alte Herr Helena mit einem ſowohl ſchmerzlichen als ſtrengen Ausdruck betrachtete. Sie ſtand geſenkten Blickes und todten⸗ blaß vor ihm. Endlich ergriff der Greis ihren Arm und ſagte: „Ich habe Dir ein Paar Worte unter vier Augen zu ſagen; begleite mich zu Deinem Kinde hinein.“ Helena ſah ihren Schwiegervater mit einem ſo angſtvollen Blicke an als hätte ſie um Schonung flehen wollen. Aber der Greis ſchien kein Gefühl dafür zu haben und beide verließen das Zimmer. Uno hatte ſich fern gehalten um die Bitterkeit ihres Schmerzes nicht durch ſeine Anweſenheit noch zu erhöhen. Als Helena und ihr Schwiegervater ins Cabinet gekommen waren, machte der Greis die Thüre zu und ging, ohne ein Wort zu ſagen, zu Ingrid vor, die am Fenſter ſaß und mit dem kleinen Elon ſpielte. Dann nahm er den Jungen auf den Arm und machte eine wegweiſende Geberde gegen Ingrid, die ſoglei das Zimmer verließ. 5 6 291 Als die Thüre hinter ihr geſchloſſen war, ſagte er in ernſtem Tone: „Du haſt Deinen Namen nicht unter den Revers geſchrieben. Es war nicht Deine Hand.“ Die Augen des Greiſes waren ſcharf auf Helena gerich⸗ tet, die bei dieſen Worten wie eine Verbrecherin zitterte. Mit einer gewaltſamen Anſtrengung ant⸗ wortete ſie: „Ochard hat ihn mit meiner Erlaubniß ge⸗ ſchrieben.“ „Du lügſt, Unglückliche!“ ſchrie der Greis aſch⸗ grau vor Zorn.„Du willſt in Deiner blinden Er⸗ gebenheit ihn frei lügen; aber mich betrügt man nicht ſo leicht. Lege die Hand auf das Haupt Dei⸗ nes Kindes und ſchwöre daß er Deinen Namen mit Deiner Erlaubniß geſchrieben hat.“ Helena blieb unbeweglich. „Du kannſt nicht ſchwören. Ich wußte es wohl, ich Uünglücklicher! Mein einziger Sohn den ich ſo innig liebte, er iſt alſo ein Verſchwender, ein Be⸗ trüger, ein Fälſcher.“— Der Greis ſchlug die Hände vor ſein Geſicht und warf ſich auf einen Sopha. „O mein Vater,“ rief Helena, indem ſie vor ihm niederkniete,„ſprich nicht ſo! Gehört denn nicht Alles was ich beſize auch meinem Manne? Man tann ihn keinen Fälſcher nennen wenn er den Na⸗ men ſeiner Frau gebraucht. Nein, nein, ich hatte ihm ja geſagt daß all mein Eigenthum auch das ſeine ſei. O Du darſſt nicht zürnen, ihn nicht an⸗ klagen! Er iſt unbedachtſam, das iſt Alles.“ Still, ſuche ihn nicht zu entſchuldigen, denn ich weiß Alles, Alles, verſtehſt Du? Jneß daß Du die von ihm verſchleuderten Gelder ſeiner Schwe⸗ ſtern bezahlt haſt, daß er Dich ruinirt hat, daß er ein verächtlicher Narr iſt der Alles für ſeine Eitel⸗ O daß ich es erleben mußte ihn zu veiß „Halt ein!“ rief Helena voll Entſezen. „Du darfſt nicht böſe ſein,“ ſagte der kleine Elon, indem er zu dem Greiſe vortrat,„denn Mama hat geſagt daß Gott die böſen und garſtigen Leute nicht liebe.“ Dieſe zarte, weiche, ſchuldloſe Kinderſtimme, die ſich bei dem heftigſten Gefühlsausbruch erhob und den Namen Gottes ausſprach, hatte eine eigenthüm⸗ liche Wirkung auf den alten Vater. Er barg ſein Geſicht wieder in ſeinen Händen, aber jezt ſchluchzte er wie ein Kind; auch Helena weinte, weinte bitterlich, ihren Kopf an die Schulter des Greiſes gelehnt. Plözlich fühlten ſie beide das Getätſchel zweier Kinderhändchen, und der kleine Elon ſagte: „Nicht weinen, nicht weinen!“ Helena erhob ihr thränenfeuchtes Geſicht, lächelte dem Kinde zu und ſezte es dem Alten auf den Schooß, indem ſie ſagte: „Bitte den Großvater daß er auf Papa nicht böſe ſei.“ Elon ſchlang ſeine Arme um den Hals des Grei⸗ ſes und ſagte: „Lieber Großvater, Du darfſt auf Papa nicht böſe ſein.“ Der Greis nahm die Hände von ſeinem Geſichte weg und betrachtete das Kind eine Weile durch 293 Thränen hindurch, dann drückte er ihm einen Kuß auf die Stirne und ſagte: „Deine Bitte iſt erhört. Gott ſegne und be⸗ wahre Dich, Kind!“ Darauf wandte er ſich zu Helena und fügte mit unſicherer Stimme hinzu:„Gott belohne Dich, meine Tochter!“ Der Greis ſtellte Elon nieder und ſagte zu Helena: „Laßt mich jezt eine Weile allein, meine Kinder.“ Helena begriff daß der alte Mann der Einſam⸗ keit bedurfte um ſein aufgeregtes Gemüth zu be⸗ ruhigen. Ohne ein Wort zu ſagen, führte ſie daher ſeine Hand an ihre Lippen, nahm ihren Sohn und verließ das Zimmer. Als ſie aus dem Cabinet trat, ſuchte ſie ihrem Geſichte ein ruhigeres Ausſehen zu geben, aber ihre Gejühle waren zu heftig erſchüttert worden, als daß ſie den Schmerz der ihre Seele erfüllte ſo ſchnell aus ihren Zügen hätte verwiſchen können. Mit einem vergeblichen Bemühen zu lächeln trat ſie zu Uno vor, der noch immer an demſelben Fenſter im Salon ſtand. „Verzeihen Sie, beſter Uno, daß ich alle Artig⸗ keit gegen meinen Gaſt vergeſſe,“ ſagte ſie;„aber ich mußte meinem Schwiegervater folgen und mich über meine große Gedankenloſigkeit erklären daß ich eine Bürgſchaftsſchuld vergeſſen und dadurch die Ehre meines Mannes nicht bloß in den Augen die⸗ ſes Juden, ſondern auch bei Gverts Vater ſelbſt bloß⸗ geſtellt habe, und 4 Stille, Helena, wozu dieſe Entſchuldigungen? Glauben Sie denn daß ich den erbärmlichen Cha⸗ racter dieſes Mannes, den Sie vertheidigen und für den Sie ſich aufopfern, nicht kenne? O Helena, ich kenne ihn vollkommen, und es iſt Zeit daß auch Sie es thun, ehe er Sie zu dem Abgrund führt der euch Alle verſchlingen wird. Kein Opfer von Ihrer Seite wird ihn rühren. So lange Sie etwas zum Opfern beſizen, wird er Sie zwingen Alles zu thun um ſei⸗ nen Hang zur Verſchwendung und Eitelkeit zu be⸗ friedigen. Ach, Helena, ſehen Sie doch einmal ein daß Sie ihn ſeinem Schickſal überlaſſen müſſen, wenn Sie für Ihr Kind etwas retten wollen.“ „Nie werde ich ihn im Stiche laſſen; niemals, ſo lange ich kann, werde ich ihm die Rettung und Hilfe verſagen die er von mir zu fordern berech⸗ tigt iſt.“ „Und Ihr Kind?“ „Gott wird es beſchüzen wenn ich meine Pflicht thue; aber ich würde ſie ſchlecht erfüllen wenn ſein Vater der Schande preisgegeben würde.“ Helena ließ ihren Kopf ſinken und weinte. Uno hatte ſich Helena genähert und ergriff eine ihrer Hände, indem er hinzufügte: „Ich würde ein Jahr von meinem Leben geben um dieſe Thränen trocknen zu können.“ „Uno,“ ſagte ſie, indem ſie ihren Kopf wieder erhob,„haben Sie Achtung vor meinem Schmerz und laſſen Sie uns nicht mehr davon reden.“ Ingrid trat haſtig ein und ſagte mit einem angſt⸗ entſtellten Geſicht: „Der Medicinalrath liegt bewußtlos drinnen Cabinet.“ Kaum waren die Worte über ihren Lippen, a . an der Seite des Greiſes ſtand. Helena auch ſchon Uno warf ſich auf nach einem Arzte. Der a erd und ritt in die Stadt lte Mann hatte einen erlangte aber, einige Stunden Arztes, ſein Bewußtſein wie⸗ ſter klarer Gedanke war daß er eine Schlag bekommen, nach der Anku Beſprechung mit dem Graf en Uno Kerner ver⸗ Arzte zurückgekehrt war, trat Uno, der mit dem ſogleich zu dem Schwierigkeit ſpr ſtand, winkte er Zimmer verlaſſ war und dieſer Helena und de ſich über ihn beugte, hinein, welcher mit großer Uno an ſeinem Bette m Arzt daß ſie das Als er mit Uno allein murmelte der Greis mit kaum hörbarer Stimme: „Schicke. den Brief.. chrieb ihn. ehe.. ich.. geſtorben. Helena bat.. daneben.. auf hinzu. daß.. liegt. im Zimmer.. an. meinen Sohn.. ich erkrankte... füge ohne zu. der Brief.. dem Tiſch. ilig Ihren Wunſch zu erfüllen,“ „Ich verſpreche he ſagte Uno, indem er ſeine ugenblick darauf verlor er die Sp it zärtlicher Tochterliebe wachte Helena Hand drückte. rache an ſei⸗ Sie verließ ihn keine Minute, e Blick den er auf ſie heftete ſagte mehr als Worte. Am fünften Tag kniete Helena nem Krankenlager. und der dankbar mit kummerſchwerem Herzen a Schwiegervaters, dieſes Vater m Todtenbette ihres s der aus Kummer 296 über die Schlechtigkeit ſeines Sohnes ſtarb. Die arme Helena fühlte dieſen tiefen Schmerz und der Verluſt des rechtſchaffenen alten Schwiegervaters wurde durch dieß Bewußtſein noch bitterer gemacht. Wie brünſtig und glühend war nicht das Gebet das ſie emporſandte, als ſie an der Seite des Abgeſchie⸗ denen kniete! Sie lag noch da, als Ingrid die Thüre öffnete und ſich ihr näherte. „Der kleine Elon iſt nicht recht wohl,“ ſagte das Mädchen mit bebender Stimme. Helena fuhr empor. Einige Augenblicke ſpäter ſaß ſie wieder an einem Krankenlager, und dießmal am Bette ihres Kindes. Athemlos vor Schmerz und Verzweiflung lauſchte ſie ſeinen kurzen Athemzügen und befühlte die heiße Stirne. „Elon Kopfweh,“ ſtammelte der Junge, indem er die Arme nach der Mutter ausſtreckte. Eine Stunde ſpäter kam der Arzt. Der Junge hatte das Scharlachfieber. Welche Zeit entſezlicher Angſt für die arme He⸗ lena! Alles meinte ſie geduldig ertragen zu können, Allem wollte ſie ſich unterwerfen, wenn ſie nur ihr Kind behalten durfte. Aber während ſie ſo innig zu Gott flehte daß er ihren Liebling nicht von ihr nehmen möchte, beugte ſich ihr Herz demüthig unter den Willen des Höchſten und ſie dachte:„Vater, nicht mein Wille geſchehe, ſondern der Deinige!“ Und der Höchſte nahm den kleinen Clon von dieſem Leben und ſchloß ihn in ſeine Vaterarme. Der Medicinalrath war noch nicht eehe als 297 die kindliche Seele des Engels ſich auf ihren Schwin⸗ gen erhob und in ihr wahres Heimathland em⸗ porflog. Vollkommen zermalmt vom Kummer ſchloß die Mutter den kleinen kalten Leichnam an ihr Herz, als wollte ſie ihn mit ihren Küſſen und Liebkoſungen erwärmen und wiederbeleben. Thränen vermoch⸗ ten den grenzenloſeſten aller Schmerzen nicht zu lindern, den Schmerz einer Mutter die ihr Kind verliert. Ohne ein Wort zu ſagen, erhob ſich Helena, als man ihr erklärte daß ſie ſich von dem lebloſen Kör⸗ per des Kindes trennen müſſe. Sie küßte es noch einmal auf die bleiche Stirne und flüſterte mit ge⸗ falteten Händen: „Der Herr hats gegeben, der Herr hats genom⸗ men; ſein Wille geſchehe! Abends ſchrieb Uno folgenden Brief an Evert: „Mein lieber Ochard! Schon vor einer Woche hätte ich Dir inliegenden Brief von Deinem Vater überſchicken ſollen, wie er mir auf ſeinem Todtenbett aufgetragen hat. Er wurde, während er ihn ſchrieb, vom Schlage gerührt, ſo ſchmerzlich ergriff ihn das Bewußtſein daß ſein Sohn nicht bloß ſein ganzes Leben und ſein Vermögen, die Zukunft ſeiner Frau und ſeines Kindes, ſondern auch, was noch das Aller⸗ ſchlimmſte iſt, ſeine Ehre und ſein Gewiſſen geopfert hat, und zwar bloß um die lumpigen Forderungen einer erbärmlichen Eitelkeit zu befriedigen. Du haſt dadurch den Tod Deines Vaters verſchuldet; aber das iſt noch nicht Alles. Du haſt kein Kind mehr und wirſt vermuthlich auch Deine Frau verlieren; denn zu Boden gedrückt von Kummer und Gram, liegt ſie gefährlich krank darnieder. Wenn noch ein Funke von Ehre und Menſchlichkeit in Deiner Bruſt vor⸗ handen iſt, ſo halte ein auf Deiner erbärmlichen Bahn und ſeze eine Lebensweiſe nicht fort die ſo vielen Kummer verſchuldet und ſo grenzenloſe Opfer gekoſtet hat. Du hätteſt der Stolz Deines Vaters und das Glück Deiner Gattin ſein können, wenn Du nicht einer maßloſen Begierde nach Schmeiche⸗ leien von Thoren Alles geopfert hätteſt was ein rechtſchaffener Mann als heilig betrachtet. Sieh zu daß Du die Worte Deines verſtorbenen Vaters in Deinem Herzen bewahrſt, und hüte Dich wohl zu vergeſſen wie viel Dein Leichtſinn Deine Frau ge⸗ koſtet hat, denn ſonſt könnte ich Luſt bekommen Dich kräftiger daran zu erinnern. Uno Kerner.“ Ein Jahr ſpäter. Die Septemberſonne ſchien mild über das Gut Löda herab. An einem Abhang des Parkes lag eine junge Frau und blickte wehmüthig träumend den eilenden Wolken nach. In den bleichen Zügen ſtand ein hoher Grad von Ergebung zu leſen, und man ſah daß ſie aufgehört hatte etwas ve Welt zu hoffen. Der Blick drückte Nachde 299 und Ueberlegung aus, ein deutlicher Beweis daß der Kummer ſie zu tiefen und ernſten Betrachtungen ihres Lebens geführt hatte. Wir brauchen wohl nicht zu ſagen daß dieſe Frau Helena war. Etwas uber ein Jahr war verfloſſen ſeit ſie ihr Kind ver⸗ loren. Sie hatte dieſen Sommer auf Löda bei Kerners zugebracht, während Graf Rubens ſich mit ſeiner neuvermählten Tochter im Ausland aufhielt. Evert war von ſeiner Reiſe ins Ausland noch nicht zurückgekehrt, weil er auf die Nachricht vom Tode ſeines Vaters und Kindes erkrankt und nach ſeiner Geneſung gezwungen worden war eine Reiſe nach Italien zu machen, um ſeine ſchwache Geſund⸗ heit vollkommen wieder herzuſtellen.. Helena war dermaßen in Betrachtungen des Himmels verſunken, daß ſie das Getöne herannahen⸗ der Tritte nicht hörte. Sie fuhr zuſammen als eine klangvolle Mannsſtimme ſagte: „Helena, ich bringe Briefe mit, deßhalb habe ich Dich aufgeſucht.“ Helena wandte ſich gegen den Redner um. „Ach, wie gut Du biſt, Onkel Oscar! Von Evert, iſts nicht ſo?“ „Ja, ſo iſts.“ Graf Oscar warf ſich ein Stück von Helena ins Gras und überreichte ihr den Brief. Er fuhr fort: „Um aufrichtig zu ſein, habe ich Dich nicht darum aufgeſucht, ſondern um einige freundſchaftliche Worte zu Dir zu ſagen.“ „Du biſt mir immer ein ſo gütiger Freund ge⸗ Onkel.“— Helena reichte ihm die Hand. rſcheint als ob Du Dich gar zu ſehr Dei⸗ 300 nem Kummer hingäbeſt. Du läſſeſt Dich ausſchließ⸗ lich von ihm beherrſchen, und das iſt nicht recht von einer chriſtlichen Perſon, die ſich mit Ergebung und Geduld unter die Prüfung beugen ſoll. Du biſt noch jung und haſt viel wofür Du leben kannſt.“ „Nicht viel, Onkel; aber ich muß leben weil es Gottes Wille iſt, und ohne Murren, ohne Klage werde ich künftig wie bisher meinen Verluſt ertragen, voll⸗ kommen überzeugt daß Gott, wenn er mich würdig gefunden hätte mein Kind zu behalten, es auch am Leben erhalten haben würde. Ich beuge mich un⸗ ter Seinen Willen.“ „Ja, Du beugeſt Dich, aber Du gibſt Dir keine Mühe um Dich wieder aufzurichten.“ „Dazu fehlt es mir an Kraſt.“ Einige Thränen rollten ihre Wangen hinab. „Das wirſt Du nicht thun, wenn Du bedeniſt wie viele Pflichten als Gattin Du noch zu erfül⸗ len haſt.“ „Ich werde ſie zu erfüllen verſuchen. Wenn ich nicht kann, ſo geſchieht es nicht aus Mangel an gu⸗ tem Willen, ſondern an Vermögen.“ „Du haſt einen falſchen Weg betreten. Du biſt demüthig; aber eine unthätige Demuth iſt nicht die rechte. Schaue Dich um und betrachte Deine gegen⸗ wärtige Stellung. Du haſt einen Männ allerdings ſchwach, eitel und thöricht, aber wenn Du mit die⸗ ſer Gleichgiltigkeit fortfährſt Dich in ſeinen Willen zu fügen, ſo wird er den Eindruck vergeſſen welchen der Verluſt ſeines Vaters und Kindes auf ihn ge⸗ macht hat, und bei ſeiner Ankunft wird e r⸗ ſchwenderiſche Lebensart wieder annehmet 2 301 welcher ihr von eurem ganzen Vermögen nur noch den kleinen Reſt beſizet den Du durch Deine Klug⸗ heit und Standhaftigkeit gerettet haſt. Nein, Du haſt ein Ziel, ein ſchönes, herrliches Ziel dem Du mit Deiner vollen Seelenkraft nachſtreben mußt, das heißt, Du mußt Deinen Mann ſo zu leiten ſuchen, daß er nach einer edleren Befriedigung für ſeine Eitelkeit ſtrebt, als diejenige war die er bisher geſucht.“ „So hatte auch ich einſt gedacht, aber ich täuſchte mich. Alle meine Bemühungen blieben wirkungslos bei ihm. Ich hege keine Hoffnung mehr ihn zu ret⸗ ten. Ach, ich war ſo glücklich, ſo lange ich hoffte, aber hernach. „Aber die Geſchichte mit dem Schuldſchein er⸗ ſchütterte Deinen Glauben?“ Helena ſtuzte und ſah ihn an. „Wer hat das erzählt?“ „Derjenige welcher Zeuge des Auftrittes zwiſchen Dir und Jonathan geweſen.“ „Uno!“ „Aber er hat es nur mir ganz allein erzählt. Die Nothwendigkeit zwang ihn dazu, da Deine Krank⸗ heit es unvermeidlich machte daß Jemand eure Geſchäfte zur Hand nahm. Ich that es, wie Du weißt, in der vollkommenen Ueberzeugung daß nach Deinem Wunſch Alles ohne Aufſehen vor ſich gehen ſolle, und ohne daß Emy beunruhigt würde. Bamit ich dieß bewerkſtelligen und einen deutlichen Begriff on eurer Stellung erhalten konnte, ſagte mir Uno nah wußte. Nun wohl, werde jezt troz aller Hchards dieſerige dis ihn nit ihren llaren 3 302 Verſtand über den Weg aufklärt den er wählen muß, wenn er in Kurzem zurückkehrt und wieder von Schmeich⸗ lern umgeben ſein wird die ſein Urtheil irreführen. Der Brief welchen ſein Vater ſchrieb, verbunden mit der Nachricht von Deiner Krankheit und dem Tode eures Kindes ſcheint auf ihn eingewirkt zu haben, ſo daß er nach ſeiner Krankheit ein eingezogenes und ſparſames Leben führte. Von dem Einftuß den Du Dir bei ſeiner Rückkehr über ihn verſchaffen kannſt, hängt fortan eure Zukunft ab. Laß Dich nicht durch einen unvernünftigen Kummer beſtimmen Deine Pflichten zu vergeſſen.“ Helena hatte mit nachdenklicher Miene den Vor⸗ ſtellungen des Grafen gelauſcht. Als er verſtummte, reichte ſie ihm die Hand und ſagte: „Ich werde Deine Worte tief in mein Gedächt⸗ niß einprägen und meine Handlungsweiſe darnach einzurichten ſuchen. Gott gebe daß ich noch einmal hoffen könnte!“ „Hoffen müſſen und können wir ja immer.“ „Ja, auf Gott; aber wir dürfen uns nicht auf uns ſelbſt verlaſſen.“ „Hoffe Du mit voller Zuverſicht auf Gott, ſo wirſt Du auch Muth und Kraft finden die Pflichten zu erfüllen die er Dir auferlegt hat.“ „Ich werde mir alle Mühe geben.“ „Gut, dann bin ich zufrieden. Jezt verlaſſe ich Dich, damit Du ungeſtört den Brief Deines Man⸗ nes leſen kannſt.“ 303 Später am Nachmittag ſaßen Helena und Uno, der auch den Sommer auf Löda zugebracht hatte, draußen auf der Terraſſe. Helenas Geſicht wurde ruhiger und weniger betrübt als gewöhnlich. „Wie doch Alles im Verlauf einiger Jahre ſich verändert!“ ſagte Uno.„Ich erinnere mich noch ſo deutlich an unſern erſten Aufenthalt dahier, und be⸗ ſonders an einen Nachmittag wo wir juſt auf dieſer Terraſſe beiſammen ſaßen. Sie erhoben damals eine ſchwere Anklage gegen mich. Neun Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, und ſowohl Sie als ich haben eine ganz verſchiedene Anſicht vom Leben bekommen. Das einzige Unveränderliche hier in der Welt ſind unſere Gefühle.“ „Auch an ihrer Beſtändigkeit zweifle ich,“ ſagte Helena;„ſie wechſeln und verändern ihre Farbe mit einer Leichtigkeit die mich beunruhigt.“ „Die innigen und wirklichen Gefühle nicht, ſon⸗ dern nur die erkünſtelten.“ „Und welche ſind die wirklichen?“ „Einer Mutter Gefühl der Liebe zu ihrem Kind verändert ſich nie, ebenſowenig das Gefühl der Liebe und Bewunderung das eine hochſinnige Frau einflößt.“ „Dieſelbe Frau die dem Einen hochſinnig er⸗ ſcheint, iſt in den Augen eines Andern ſchwach. Das einzige Beſtändige im Leben iſt die Unbeſtändigkeit.“ e glauben alſo nicht an die Beſtändigkeit der iebe?“ „Doch, wenn ſie wirklich iſt; aber wir nehmen ſo oft die Hinreißung des Augenblicks für Liebe. Wir verwechſeln ſo leicht das Falſche und das 3 304 „Ja, gewiß verwechſeln wir oft das Falſche mit dem Wahren. Aber warum thun wir das? Darum weil wir uns von Vorurtheilen feſſeln und beherr⸗ ſchen laſſen. So zum Beiſpiel halten Sie es für Ihre Pflicht jedes Gefühl abzuweiſen das Ihr Herz wärmen und beleben kann, indem es ſich einem Andern als nur Ihrem Manne zuwendet.“ „Und dieß iſt keine falſche Auffaſſung meiner Pflichten.“ „Aber dennoch falſch in ihrem Grunde, weil die ganze Macht Ihres Willens nicht im Stande ſein wird das Bedürfniß nach Liebe von Ihrem Herzen auszuſchließen.“ „Mein Herz bedarf keines andern Gegenſtandes des Gatten, den ich aus freiem Willen gewählt abe.“ „Man liebt einen Menſchen nicht den man nicht achtet, und Sie können nicht umhin Ihren Mann zu verachten.“ „Uno!“— Helena ſah ihn ſtreng an, während Blick mit leidenſchaftlichem Ausdruck auf ihr weilte. „Helena, Du mußt die Wahrheit hören. Ich habe weder Kraft noch Luſt ſie länger für mich zu behalten, und warum ſollte ich das thun? Ich liebe Dich warm und ewig; ich habe Dich geliebt ſeit ich Dich zum erſten Mal ſah: Meine Verehrung gegen Dich hat jede Erklärung zurückgehalten, und als eine ſolche einmal über meine Lippen glitt, da ge⸗ nügte Dein Wille um mich von Dir zu entfernen. Meine Liebe war gleichwohl zu ſtark, und ich kehrte zurück um dieſelbe Luft zu athmen wie Du, um we⸗ 305 nigſtens in den Augenblicken zu leben wo ich Dich ſah.— Ach, Helena, Helena, wie habe ich nicht gelitten, und was wird mir zum Lohne? Soll denn dieſer ehr⸗ und herzloſe Mann mir die einzige Selig⸗ keit rauben die mir zu Theil werden kann, nämlich gzu wiſſen daß auch Dein Herz einen Funken von der Liebe hegt die meine Qual und meine Wonne ausmacht! Sei einmal wahr, ſprich was Dein Herz verbirgt, dann werde ich ſtille bleiben und nie wird ein Wort von meinen Gefühlen über meine Lippen kommen. Glücklich im Bewußtſein von Dir geliebt zu ſein, werde ich mich damit begnügen in Dei⸗ ner Nähe weilen zu dürfen, weil ich dann weiß daß unſere Herzen von demſelben Gefühl pochen.— Wen beleidigen wir denn dadurch?— Sprich, Helena, tönnten ſelbſt die Engel uns darob zürnen?“ „Gott würde uns zürnen,“ ſagte Helena lang⸗ ſam und lehnte ſich gegen die Bank zurück. „Sprich nicht von Gott,“ rief Uno leidenſchaft⸗ lich.„Die Liebe, die reine und wahre Liebe kann Seinen Zorn nicht erregen. Warum beſtändig der Wahrheit entfliehen? Ich weiß daß Du mich liebſt; Muth beſizen es zu geſtehen?“ „Nun wohl, Uno, ich will dieſen grauſamen Muth beſizen die Wahrheit gegen Dich auszuſprechen. Du willſt es, ich willfahre Dir alſo. Du wünſcheſt daß ich, die verheirathete Frau, Dir eine Liebe geſtehen ſoli die mich, wenn ſie ſich in meiner Bruſt vorfände, entehren würde. Du forderſt mich auf die verbo⸗ tene Frucht zu koſten; trozdem daß Du ſelbſt ſo eben fagteſt, man könne nicht lieben wen man nicht Schwartz, Eines eiteln Mannes Frau. mein Herz hat es mir geſagt; warum alſo nicht den 306 achte, verlangſt Du daß ich mich verächtlich machen ſolle.— Geh, Uno, ich glaube nicht an Deine Liebe: denn wäre ſie rein und ſtart geweſen, ſo würdeſt Du aus Achtung vor mir niemals verlangt haben ich mich aus Schwäche gegen Dich erniedrigen oll.“ Sie ſtand auf und entfernte ſich, ohne daß er es zu verhindern ſuchte. Tags darauf hatte Graf Osecar einen gemein⸗ ſchaftlichen Spazierritt nach Holmvik vorgeſchlagen, weil Graf Rubens jezt von ſeiner Reiſe ins Aus⸗ land zurückgekehrt war. Der Vorſchlag wurde an⸗ genommen, und bald nach Mittag kam die kleine Cavalcade in Ordnung. Der Graf und die Gräfin ritten voran, Helena und Uno kamen nach. Alma und ihr Bräutigam waren ſchon Vormittags nach Holmvik gefähren. Sappho, die einen raſchen Ritt liebte, ließ dem Pferd die Zügel, ſo daß ſie und Oscar einen großen Vorſprung vor Helena und Uno gewannen. Als ſie in den Waldweg einlenkte, kam ein Hund der einen Haſen verfolgte aus dem Gehölz geſprungen und ſezte vor Helenas und Unos Pferden über den Weg. Dadurch erſchreckt, bäumte ſich Helenas Pferd, und Unos Thier machte einen ſo heftigen Seitenſprung, daß der Graf, der auf dieſe Bewegung ganz und gar nicht vorbereitet war, aus dem Sattel geworfen wurde. Das von ſeiner Laſt befreite Pferd jagte vorwärts und ließ ſeinen Reiter bewußtlos auf dem Boden liegen. Mit ei Sprung war Helena an ſeiner Seite. Sie rief aus —,,—— vollem Hals nach Sappho und Oscar, aber dieſe hörten ſie nicht. Neben dem Ohnmächtigen knieend, ſeinen Kopf an ihr Herz gedrückt, ſuchte ihn Helena zum Bewußtſein zurückzubringen, indem ſie ſeine Schläfe rieb. Endlich hob ein Seufzer ſeine Bruſt und er ſchlug die Augen auf. „Uno, ſprich, ſag ein Wort, ein einziges Wort daß Du nicht beſchädigt biſt,“ bal Helena mit angſt⸗ voller Stimme. S Er ſchloß die Augen, gleich als hätte ein ge⸗ waltſamer Schmerz ihn dazu gezwungen. „Uno, mein Geliebter,“ ſtammelte Helena, als er unbeweglich blieb. Dieſe in einem Ton verzwei⸗ felten Schmerzes geſprochenen Worte ſchienen eine zauberhafte Wirkung auf ihn auszuüben, denn er ſchaute ſogleich auf, und zwar mit einem Blick der ſie zum Zittern brachte. „Wie ſtehts?“ flüſterte ſie. „Gut. O daß ich jezt ſterben dürfte! Du er⸗ hielteſt dann keine Zeit Deine Worte zurückzu⸗ nehmen.“ „Ich werde ſie nicht zurücknehmen,“ antwortete ſie, während ein Strom von Thränen über ihre Wangen hinabrollte, als ſie ihn noch bleicher wer⸗ den ſah. Oscar und Sappho kamen jezt an Ort und Stelle an. Das böſe Pferd war an ihnen vorbeigeſprun⸗ gen und hatte ſie zur Umkehr veranlaßt. Uno hatte eine ſtarke Erſchütterung am Kopfe erhalten und einen Arm verrenkt, ſo daß er nach Löda zurückgebracht werden mußte. 308 Eine Woche ſpäter trat Helena in den Salon, wo Uno mit dem Arm in der Schlinge ſaß. Ker⸗ ners waren auf einen Beſuch abgereist. „Du hier, Helena!“— Er reichte ihr ſeine ge⸗ ſunde Hand.—„Ich glaubte, Du wäreſt mit den Andern verreist.“ „Nein, Uno, ich blieb daheim damit es zu einer Erklärung zwiſchen uns kommen kann.“ „Du willſt jezt die Worte zurücknehmen die Dein Schrecken Dir abpreßte; iſts nicht ſo?“ „Ich werde kein Wort zurücknehmen das über meine Lippen gegangen iſt. Die Wahrheit hat ſich wider meinen Willen aus der Tiefe meines Herzens hervorgedrängt und ich werde ſie nicht wegläugnen.“ „O ſag es noch einmal, ſag daß Du mich liebſt! Laß mich aufs Neue von dieſen Worten umkost werden, die Alles in ſich ſchließen was das Leben für mich an Glückſeligkeit beſizt,“ rief Uno gänzlich hingeriſſen, indem er ihre Hand mit Küſſen bedeckte. ſie zog dieſelbe mit einer würdevollen Bewegung zurück. „Ja, ich liebe Sie ſo wie mein Herz niemals einen Andern als meinen Gatten hätte lieben dür⸗“ fen,“ ſagte ſie mit tiefem Ernſt; aber als er ſich anſchickte ihre Hand von Neuem zu ergreifen, erhob ſie dieſelbe mit einer abwehrenden Bewegung gegen ihn und fuhr fort:„Hören Sie mich an und ſeien Sie ruhig. Ich bin keine der Frauen die in einer unerlaubten Liebe Erſaz für die Selbſttäuſchung ſuchen wodurch ſie geblendet wurden. Nein, nein, das Geſtändniß daß ich Sie liebe ſchließt für uns eine ewige Trennung in ſich.“ — 309 „Nie, nie werde ich mich von Dir trennen. Nein, ich werde Dir folgen wie Dein Schatten, ſtill und treu wie er.“ „Und mein Leben zu einem Fluche für mich machen. Nein; Du würdeſt dann meinem Herzen nicht mehr gefährlich ſein, weil ich Dich als den erbärmlichen Sclaven einer ſelbſtſüchtigen Leiden⸗ ſchaft betrachten würde. Du wäreſt nicht mehr der Ehrenmann den ich hochgeachtet habe, wenn Du eine Frau verfolgen wollteſt die Dich in einem unbewach⸗ ten Augenblick das Gefühl merken ließ worin ſie ein Verbrechen erblickt. Höre jezt was ich Dir zu ſagen habe: In meinem Herzen bin ich von der Treue abgewichen die ich meinem Manns ſchulde. Mach mich nicht noch unglücklicher als ich bereits im Bewußtſein meiner Schuld bin, indem Du in meiner Nähe verweilſt und mich beſtändig daran erinnerſt daß es einen Mann gibt der denken kann; dieſes Weib iſt eine in ihrem Herzen treuloſe Gattin. Sei edelmüthig und bringe zwiſchen uns eine Entfernung, groß genug damit ich eine Schwäche bekämpfen und überwinden kann die ich bis zu meinem Tod bewei⸗ nen werde.“ „Und wenn ich nicht Kraft dazu beſize?“ ſagte Uno mit gedämpfter Stimme.„O Helena, verlange alles Andere, aber gönne mir wenigſtens die Selig⸗ keit Dich ſehen zu dürfen.“ „Nein. Dieſes heimliche Bewußtſein auf bei⸗ den Seiten würde einen ſo grauſamen Schimpf gegen den Mann enthalten deſſen Gattin ich bin, daß ich ſelbſt den Dir fehlenden Muth beſizen und eine un⸗ überſteigliche Scheidewand zwiſchen uns erricht 8 Dich erzürnt, als Du mir Einha werde. Auf den Knien, zu ſeinen Füßen werde ich meinen Fehler geſtehen, und ſodann weit von hier entfliehen.“ „Wohlan, ich reiſe nach Spanien zurück. O möge Gott Dich ſo glücklich machen wie Du es verdienſt.“ „Und ich es wünſche,“ fügte eine aufgeregte Stimme hinter ihnen hinzu. Uno ſprang auf und Helena wandte ſich um. Evert ſtand mit bleicher und beinahe verſtörter Miene vor ihnen. Als Helena ihren Mann erblickte, ſtreckte ſie beide Hände gegen ihn mit einem Ausdruck ſo milder Demuth aus, daß ſowohl Uno als Evert die Thränen in die Augen kamen. Lezterer ſprang vor und ſchloß ſie an ſeine Bruſt, indem er ſtammelte: „Verzeih dem Urheber alles deſſen was Du ge⸗ litten haſt, alles deſſen was geſchehen iſt! Ich fühle daß ich allein die Schuld trage.“ „Wie leicht iſt es zu verzeihen, wenn man ſelbſt Verzeihung bedarf!“ flüſterte Helena weinend und den Kopf an die Bruſt ihres Gatten gelehnt. 1 Einige Tage ſpäter ſaßen Helena und Evert in ihrer Wohnung in Stockholm. „Ach Helena, mit welcher Kette von niſſen habe ich Dich nicht niederged ich nicht Dein Leben verbittert, du heit ſelbſt Dein Herz mir entfrem gen zu Grunde gerichtet, und mi tzu thun ſuchteſt!“ Ales iſt vergeſſen und gut gemacht, wenn Du 311 mich nur ſo weit liebſt daß Du Dich nicht verlocken läſſeſt über den Vergnügungen und Schmeicheleien der Welt mich zu vergeſſen. Noch ſind wir jung, noch kann das Glück uns blühen.“ „Du gutes, unvergleichliches Weib!“ ſagte Evert und küßte ihre Hand. Aber Helena ſah daß über ſeiner Herzlichkeit ein Zwang laſtete, eine gewiſſe Furcht deren Urſprung ſie mit ihrem angeborenen Feingefühl ahnte. Sie ergriff eine ſeiner Hände, ſchloß ſie in die ihrigen und ſagte mit unbeſchreib⸗ licher Milde: „Evert, ich leſe in Deinem Herzen und finde daß Du nicht recht weißt wie wir unſere Lebens⸗ weiſe künftig einrichten ſollen. Du fürchteſt, ich möchte Dir Geſeze vorſchreiben wollen, aber Du täuſcheſt Dich. Ich habe unſern Ehevertrag aufgehoben, denn ich habe eingeſehen daß dieſe Theilung des Vermögens eine Urſache der Entfremdung iſt und viel Böſes ſtiftet.“ „Helena, welcher Edelmuth nach Allem was ſich zugetragen hat!“ „Nach Allem was geſchehen iſt, hoffe ich daß Du eine Lebensweiſe nicht wieder beginnen wirſt die uns Beiden ſo manchen Kummer bereitet hat.“ „Aber meine gegenwärtige Stellung geſtattet mir nicht ein— ein eingezogenes Leben zu führen.“ „Das verlange ich auch nicht: aber es iſt ein großer Unterſchied ob man in der Welt mitlebt oder darin glänzt. Deine Vermögensumſtände und Dein Plaz in der Geſellſchaft fordern daß Du kein allzu eingezogenes Leben führſt, aber Deine Würde als Mann und Beanter, würde darunter leiden, wenn Du Dein früheres Leben wieder aufnähmeſt, das auch Deinen vollſtändigen pecuniären Ruin mit ſich führen würde. Deine Eitelkeit darf nicht einer Stunde zu lieb das größere und wichtigere Ziel opfern das Du vor Augen haben mußt, nämlich als ein thätiger, dem Staate nüzlicher Mann in den vorderſten Reihen zu ſtehen.“ Helena ſchlug mit dieſen Worten eine neue Saite in dem Herzen des eitlen Mannes an. Ja, er ſollte in den vorderſten Reihen ſtehen, als ein Mann der vom Staate ſo viele und ſo wichtige Geſchäfte be⸗ kommen hätte, daß jeder Augenblick ſeines koſtbaren Lebens in Anſpruch genommen wäre und er dem Geſellſchaftsleben nur einige ganz kurze Stunden widmen könnte. Sein gegenwärtiger Poſten eignete ſich vortrefflich zu dieſer Rolle als wichtiger Mann. Seine Eitelkeit hatte jezt ihr Gewand gewechſelt, verläugnete ſich aber niemals. Sie hatte ſich jezt in eine Form gekleidet pin ihren Folgen für He⸗ lena nicht weniger drückend wurde, aber wenigſtens für die Zukunft ungefährlich war. Dabei gab es jezt viel was Helena mit den Prahlereien ihres Mannes ausſöhnte, nämlich daß er ſeine Geſchäfte auf eine höchſt verdienſtvolle Art beſorgte und für ſeinen Umgang kenntnißreiche und gebildete Perſo⸗ nen ſuchte. Dadurch wollte er der Welt ſeine Ueber⸗ legenheit zeigen. Ueberdieß brachte er mehr Zeit zu Hauſe zu, und Helena mit ihrem überlegenen Ver⸗ ſtand, ihrem ſichern Blick und ihrem feinen weib⸗ lichen Urtheil übte oft einen leitenden Einfluß auf ſeine Handlungen aus. Sie ſelbſt war wieder als Schriftſtellerin aufge⸗ g Unterwegs fühlte er ſich ſo krank, daß er noch um⸗ 313 treten und hatte durch ihren Erfolg und ihren Ruf dazu beigetragen das eine und andere Blatt in den Lorbeerkranz einzuflechten nach welchem Evert ſtrebte. Wie ſchwer dieſes kalte und ausſchließlich ehrgeizige Treiben für Helena wurde, deren innigſtes Sehnen auf ein ſtilles, häusliches Glück gerichtet war, das ahnte ihr Mann nicht. Er ſprach, wenn ſie allein waren, von nichts Anderem als von ſeinen Erfolgen und von dem Beifall der ſeiner Tüchtigkeit geſpen⸗ det wurde. Nie ging ein Wort der Zärtlichkeit oder Liebe über ſeine Lippen, wohl aber ſprach er häufig davon wie wichtig Helena für ihn ſei, und wie viel ſie dazu beitrage ſeinen Namen berühmt zu machen. Wie gefror nicht Helenas Herz in dieſer Häus⸗ lichkeit, an der Seite dieſes Mannes! Aber ſie ertrug ihr Schickſal mit einer bewundernswürdigen Seelen⸗ ſtärke und Ausdauer. So vergingen fünf Jahre. Der gefeierte und geprieſene Ochard genoß die allgemeine Achtung und Auszeichnung als ein höchſt verdienſtvoller Beamter der ſich durch eine ſeltene Sachkenntniß und den größten Eifer hervorthue. Stolz auf ſeine Erfolge und im blinden Ver⸗ trauen auf ſein Glück wandelte Evert voll Ueber⸗ muth weiter auf ſeiner Bahn. Als er eines Tags, nachdem er eine neue ehren⸗ volle Beförderung erhalten, aufgeblaſen über ſein Glück nach Hauſe kam, fühlte er ſich plözlich unwohl. Troz der dringenden Vorſtellungen Helenas, daß er nach einem Arzte ſchicken und daheim bleiben möchte, ging er ſtatt deſſen zu einem größern Souper. kehren wollte ehe er die Treppe hinanſtieg, aber der Gedanke an all die Glückwünſche und Lobpreiſungen, die ihn in Folge ſeiner Erhebung erwarteten, war zu verlockend als daß er den Muth beſeſſen hätte ſich dieſen Genuß zu verſagen. Ein Paar Stunden nach ſeinem Weggang hörte Helena den Wagen vor der Hausthüre anhalten, und einige Augenblicke darauf trat Evert wankend und todtenblaß in den Salon. „Ich bin ſo krank geworden, daß ich die Ge⸗ ſellſchaft verlaſſen mußte,“ ſagte er und warf ſich auf einen Sopha, indem er beide Hände an ſeinen Kopf drückte. Der beſchickte Arzt erklärte daß Ochard ſich eine heftige Erkältung zugezogen habe. Der vom Glücke verwöhnte Mann mußte jezt das Bett hüten und all die Schmeicheleien und Lob⸗ preiſungen die ſeine Wonne gebildet hatten gegen ein Schmerzenslager vertauſchen, an welches nicht ein einziger von ſeinen vielen Freunden kam, weil der Arzt drei Tage nach ſeinem Erkranken erklärt hatte daß er die Pocken habe. Bald war ſein ſchö⸗ nes Geſicht ſchrecklich entſtellt. Seine Frau wich keinen Augenblick von ſeiner Seite, ſondern harrte als Tröſterin während dieſer bittern Prüfung bei ihm aus. Plözlich veränderte ſich der Character der Krankheit und ſchien eine lebensgefährliche Wendung anzunehmen. Bei einem ſeiner Beſuche ſagte der Arzt zu Helena; „Sie müſſen ſich aufs Schlimmſte vorbereiten; der Zuſtand Ihres Mannes iſt ſehr bedenklich.“ —— Eines Abends, als das Fieber etwas nachge⸗ laſſen hatte und Gvert ſie verſtehen konnte, ſuchte elena in ihrer milden, liebevollen Weiſe ihn auf die Möglichkeit eines tödtlichen Ausgangs vorzube⸗ reiten. Er hörte ſie ſchweigend an. Als ſie geendet und unter Thränen ſeine Hand gedrückt hatte, mur⸗ melte er: „Einen Spiegel!“ Helena ſuchte ihn von ſeinem Wunſch abzubrin⸗ gen, aber er rief mit großer Ungeduld: „Einen Spiegel!“ In dieſem Augenblick trat der Arzt ein, der nicht ſo genau wie Helena wußte welch hohen Werth Ochard auf ſein Ausſehen legte, beßhalb auch einen kleinen Handſpiegel ergriff und ihn Evert vorhielt. Kaum hatte dieſer einen Blick hineingeworfen als er einen Verzweiflungsſchrei ausſtieß. In der Nacht nahm das Fieber zu und am folgenden Tag gab der Arzt keine Hoffnung mehr. Einmal, in einem lichten Augenblick, rief Evert ſeine Frau, und als ſie ſich über ihn beugte, flüſterte er: Verſprich meinen meinen. Necrolog zu ſchreiben ein ausgezeichneter Mann„ſo will ich... daß Du mich nennſt verſprich.. Helena.. verſprich. ihn ſo zu ſchreiben. daß Du mir.. Gerechtigkeit widerfahren läſſeſt.. „Ich verſpreche es,“ ſtammelte ſie. „Zeige.. mein. Geſicht nicht. Nie mand darf es 6 ſehen ve ſprich„ Alles ſoll nach Deinem Wunſche geſchehen,“ fluſterte ſie unter Thränen. 4 „Ein großer... Zug in. Wagen.. Alle Staatsräthe alle aus den höch⸗ ſten.„Geſellſchaftskreiſen. Beerdigung.. Sin der Kirche„ Die Worte erſtarben; ſie waren die lezten. Fünf Jahre waren über Evert von Ochards Grab dahingegangen und hatten ſeine Erinnerung aus den Herzen der Freunde verwiſcht. Dieſer Name, aus welchem er ſelbſt ſo viel hatte machen wollen, war vergeſſen, und nur wenn ein Bekann⸗ ter den neuen Kirchhof beſuchte und die Inſchrift auf der ſtattlichen Gruft las, hieß es: Iſt Ochard da begraben? Er war ſeiner Lebtage ein eitler Narr,— und damit hatte man Alles geſagt was man über ihn ſagen zu müſſen glaubte. Wir machen es jezt wie die Welt, wir über⸗ laſſen ihn der Vergeſſenheit des Grabes und verſezen 3 uns an einen lebhaftern Ort als die Ruheſtätte der Todten iſt. Die Sonne warf ihre Strahlen freundlich auf das ſchöne Ackerhof, das Gut des Grafen Uno Ker⸗ ner. In dem großen Park, auf einem Plaz wo man freie Ausſicht auf die See hatte, ſaßen neben⸗ einander ein Mann von etwa fünfzig und eine Dame von ungefähr vierzig Jahren. Auf den Geſichtern Beider ruhte jener Ausdruck ſtillen Friedens der von häuslichem Glücke zeugt. Sie lehnte ihr Haupt on ſeine Schulter, während ihre Hand ſachte ein ſchlum⸗ merndes Kind ſtreichelte, deſſen Kopf auf dem Schooß der Mutter ruhte. Der Mann hatte ſeinen Arm 5 um den Leib der Frau geſchlungen, und beide ſchie⸗ ——— =————— — 317 nen in jenes eigenthümliche Gefühl träumender Selig⸗ keit verſunken das eine ſchöne Natur in glücklichen Herzen hervorruft. „Weißt Du auch, Helena, was für ein Tag heute iſt?“ fragte der Mann und drückte ſie feſt an ſein Herz. „Der zweite Geburtstag unſers kleinen Jungen,“ ſagte Helena und ſah ihn mit einem liebevollen Blick an. „Und unſer vierter Hochzeitstag. Drei ſind bereits ſeit unſerer Vereinigung dahingegangen, und iſt wohl unſere Liebe ſchwächer als ſie vor drei Jahren war? Sprich, Helena, liebe ich Dich jezt weniger als damals?“ „Nein, Du liebſt mich jezt mehr als je, und ich fühle mich jeden Tag feſter mit Dir vereint. O wie innig, wie grenzenlos liebe ich Dich, mein edler Gatte!“ „Und gleichwohl, wie unbemerkt iſt nicht unſer Leben dahingefloſſen!“ „Das häusliche Glück iſt vollkommener, je mehr es von dem Geräuſche und den Thorheiten der Welt abgeſchieden iſt. Ach mein geliebter Uno, wie reich an wahrem Glück ſind nicht dieſe drei verfloſſenen Jahre geweſen, und oft fürchte ich daß meine Se⸗ ligkeit zu groß iſt und daß ich ſie nicht verdiene.“ „Du ſollteſt Dein Glück nicht verdienen, Du zärtliche, Du holde und hochſinnige Frau, die Du mit ſo viel Muth und Seelenſtärke jede Schwach⸗ heit bekämpfteſt zur Zeit als Dein Leben eine un⸗ aufhörliche Prüfung war? Oft fürchte im Gegentheil ich daß ich Dich nicht ſo glücklich machen kann wie ich wünſche und wie Du verdienſt.“ So hatte denn Helena, nach ſo manchen bittern Prüfungen, endlich ihren ſchönen, goldnen Traum von häuslichem Glück in Erfüllung gehen ſehen, und die Vorſehung hatte ihr reichen Erſaz für die Zeit, wo ſie ſich von dem Leben und ſeinen Hoffnungen ge⸗ täuſcht fühlte, durch die Liebe geſchenkt die jezt ſie umgab und ihr eigenes Herz erfüllte. Wie reich war ſie nicht jezt! Sie beſaß einen Gatten der ſie anbetete, und den ſie ſelbſt mit der ganzen warmen Hingebung liebte worin ihr Herz überfloß. Sie hatte ein blühendes, ſchönes Kind, einen reizenden Wohnſiz inmitten der herrlichſten Natur. Alles um ſie her und in ihr trug dazu bei ſie ſo vollkommen glücklich zu machen wie man es überhaupt auf Erden ſein kann. Die Gräfin Emy Rubens hatte die Befriedigung ihre Pflegetochter eben ſo glücklich zu ſehen wie ihre eigene Tochter. Sie war voll Dank gegen die Vor⸗ ſehung, welche ihr die größte Wonne ſchenkte die eine Mutter genießen kann, nämlich ihre Kinder glück⸗ lich und dieſes Glückes würdig zu ſehen. Alma Kerner war ſeit mehreren Jahren mit Henrico verheirathet, und auch Graf Kerners ge⸗ noßen die Freude ihre Tochter glücklich zu ſehen. Im Geſellſchaftsleben, wo Helena ſich ſeit dem Tode Ochards nicht mehr hatte blicken laſſen, war ſie, wie ihr dahingeſchiedener Mann, gänzlich ver⸗ geſſen. Neue Spieler auf dem Schauplaz der Thor⸗ heit zogen die allgemeine Aufmerkſamkeit an, um nach einigen Jahren, wie Helena und Evert, gleich⸗ falls in Vergeſſenheit zu gerathen. — i 7 8 ſſſ 0 10 11 12 13 14 15 16