deutſchex, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von — Sduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Keſebedingungen. 1. Ofensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bie Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„„„*„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmnutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei folchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage Kgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ——————,——,— ———— Iutgewühlte Werke Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Der Flmn von Geburt und das Weib ans dem Volke. Ein Bild aus der Wirklichkeit von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Büchele. 3 weiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Seid ſelbſtſtändig, denn Selbſtſtändigkeit iſt des Lebens Zweck. Tegnér. „Haſt du der Ehre höchſte Stuf'erſtiegen, Laß doch den Blick noch manchmal aufwärts fliegen: So hoch du überragſt das irdiſche Gewimmel, Haſt bu doch über dir des Schöpfers ſchönen Himmel.“ Adlerſparre. P Einige Tage ſpäter, eines Abends, zur Zeit, wenn man ſich entweder in dem Salon der Gräfin oder Stephana's zu verſammeln pflegte, finden wir die Erſtere ganz allein in ihrem Zimmer ſitzen. Die Gräfin hatte ſagen laſſen, daß ſie erſt ein wenig ſpäter ſich einfinden würde, da ſie nach einem ſchweren Huſtenanfall, den ſie gehabt, ein wenig der Ruhe pflegen müßte. Helfrid blieb bei der Mutter, welcher ſie ohne⸗ dieß höchſt ſelten von der Seite wich. Jacobo war noch nicht von Akersnäs heimgekehrt, und Jane befand ſich in dem Pfarrhofe. Stephana hörte von der Stelle aus, wo ſie ſaß, wie Hermann in den Speiſeſaal trat und Eklund, welcher ſich immer daſelbſt aufhielt, bis der Thee ſervirt war, fragte: „Sind die Damen heute Abend bei der Gräfin, oder bei Madame Stephenſen?“ „Sie ſind im großen Salon,“ antwortete Eklund, welcher nur höchſt ungern den Namen Stephenſen ausſprach⸗ Im nächſten Augenblick trat Hermann ein; als 6 er aber Stephana ganz allein fand, blieb er ſtehen und ſagte: e Sie, Madame, aber ich glaubte, 36 „Ihre Mutter und Schweſter ſchon da ſeien, wollen Sie ſagen, Herr Graf.“ „Ja, ich wäre ſonſt nicht eingetreten, hätte ich gewußt, daß Sie ſich allein hier befänden.“ „Und warum nicht?“ „Aus Furcht, Sie zu ſtören.“ „Sie ſtören mich nicht, Herr Graf; im Gegen⸗ theil, ich erwartete Sie.“ Stephana lud mit einer Handbewegung Hermann ein, Platz zu nehmen, indem ſie beifügte: „Die Frau Gräfin will noch eine Stunde der Ruhe pflegen und kommt erſt ein wenig ſpäter.“ „Sie ſind ganz allein, und wo iſt Herr Lange?“ „Zu Akersnäs, vermuthe ich.“ Stephana betrachtete Hermann, deſſen ganzes Weſen etwas Gezwungenes hatte. Sie ltteire ſchweigend in einigen Kupferſtichheften. „Graf Hermann,“ nahm Stephana nach einer Weile plötzlich das Wort,„Sie ſind ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit unzufrieden mit mir. Womit habe ich Sie vetletzt?“ „Unzufrieden mit Ihnen, Madame!“ rief Her⸗ mann aufſchauend.„Wie wäre das möglich?“ „Daß es möglich iſt, haben Sie mir bewieſen, und es ſchmerzt mich, daß dem ſo iſt. Indeſſen bitte ich Sie, verſichert zu ſein, daß ich wenigſtens nie⸗ mals abſichtlich Ihnen hiezu Veranlaſſung gegeben, und ich hoffe, Sie haben ſo viel Freundſchaſt für — — mich, um mir ganz aufrichtig zu ſagen, wodurch Ihre gegenwärtige Gemüthsſtimmung hervorgerufen wurde, ſonſt muß ich fürchten, einen Irrthum be⸗ gangen zu haben, indem ich mir einbildete, Sie haben ein wenig Anhänglichkeit an mich.“ Stephana hatte dabei in ihrem Angeſichte jenen ihr eigenthümlichen milden und kindlich guten Aus⸗ druck, welcher ſie ſo wahrhaft unwiderſtehlich machte. Sie reichte ihm mit einer einnehmenden Geberde ihre bildſchöne Hand. Hermann faßte dieſelbe mit beinahe leidenſchaft⸗ licher Wärme und ſchloß ſie in die ſeinigen, indem er beinahe gerührt bemerkte: „Nein, Sie haben ſich nicht geirrt, als Sie an meine Anhänglichkeit glaubten.“ „Nun wohl, ſo ſprechen Sie aufrichtig mit mir und ſagen Sie, womit ich Sie verletzt habe. Liegt Etwas in meiner Art und Weiſe gegen Ihre Mutter und ſter, was nicht ſo iſt, wie Sie es wün⸗ „Ach! wie können Sie auf einen ſolchen Gedan⸗ ken gerathen? Im Gegentheil ſcheint jeder Tag meine Schuld gegen Sie für das ausnehmende Zart⸗ gefühl zu vergrößern, womit Sie die arme Sterbende mit ihrem Schickſal zu verſöhnen und ihrem Stolz in Vergeſſenheit zu bringen ſuchen, daß ſie hier nur Ihr Gaſt iſt. Ich ſehe Sie niemals bei derſelben, ohne Ihnen meine Bewunderung zu zollen.“ Der Graf drückte Stephana's Hand an ſeine Lippen. Sie entzog ſie ihm ſachte und äußerte dann, vielleicht mit weniger Sicherheit als ge wöhnlich: „Nun, und was iſt es dann?“ „Nichts, was von Ihnen ausginge. Ach, Sie laſſen mir nicht einmal den Troſt, Sie auch nur in irgend einer Hinſicht anklagen zu können.“ Warum ſind Sie mir dann ausgewichen?“ Auf Hermanns Stirne brannte eine dunkle Röthe, in ſeinen Augen flammte es; als er aber Stephana's ruhigem, klarem und ernſtem Blick begegnete, fuhr er mit der Hand über die Stirne und ſagte langſam: „Darum, weil meine Seele von bittern Erinne⸗ rungen erfüllt war— von Erinnerungen, welche Sie auf unſerem letzten Beſuch bei Baron Skijöld ins Leben gerufen haben— und welche ſeitdem mich verfolgten.— Ich habe während dieſer Zeit ge⸗ wünſcht, ganz aufrichtig mit Ihnen ſprechen zu kön⸗ nen, aber dennoch fühlte ich, daß es mir unmög⸗ lich iſt.“ „Sie haben alſo kein Vertrauen zu mir?“ „Ich möchte wünſchen, ich könnte Ihnen miß⸗ trauen.“ „Hören Sie mich, Herr Graf. Sie und ich, wir befinden uns in Folge des Auftrags, den Sie über⸗ nommen, in einer ſolchen Stellung, daß wir Ver⸗ trauen zu einander haben müſſen. Wohlan, laſſen Sie uns beiderſeitig vergeſſen, daß wir verſchiedenen Geſellſchaftsklaſſen angehören; wir wollen nicht blos ein Paar Geſellſchaftsverbündete ſondern auch ein Paar Freunde ſein.— Ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung, daß ich wirkliche Freundſchaft für Sie und Ihre Freunde hege, und geſtatten Sie auch mir zu glauben, daß ich in Ihnen nicht blos einen gewiſſen⸗ haften Verwalter meiner Geſchäftsangelegenheiten, ſondern auch einen Freund habe.“ „Freund?“ wiederholte Hermann. „Iſt das zu viel begehrt?“ „Nein, bei Gott! Und ich hatte gehofft, Sie würden nicht erſt dieſe Mahnung an mich ergehen zu laſſen brauchen, ſondern fühlten und ſähen, daß ich es wirklich bin.“ „Ich danke Ihnen! Dann iſt ja Alles recht.“ Es entſtand eine Pauſe. Der Graf unterbrach ſie. „Sie fragten mich einmal, warum ich mich nicht vermählt hätte.“ „Ja, und Sie antworteten, Sie würden es mir ein anderes Mal ſagen.“ 3„Der Grund liegt darin, daß ich bereits vermählt i Hermanns Stimme war ernſt, und ſein Auge weilte Stephanä mit einem ſo durchdringenden Ausdr als ob er in ihrer Seele hätte leſen wol⸗ len, Wirkung dieſe Worte hervorbrächten. Aber in Stephana's Angeſicht bewegte ſich nicht eine Muskel. Sie ſah ruhig zu ihm auf und ſagte: „Verheirathet!— Aber Ihre Gattin, wo iſt ſie?“ „Das kann ja gleichgültig ſein. Wir haben nie⸗ mals zuſammen gelebt. Wir ſind getraut, nicht verehlicht.“ 3 Stephana ſtützte den Kopf auf ihre Hand und fragte langſam: „Weſſen Gattin iſt Elin Romarhjerta?“ Bei dieſer Frage war alle Milde aus Stephana's Weſen verſchwunden, und ihre Augen erweiterten ſich gleichſam, als ſie dieſelben auf Hermann heftete, und ihre Lippen bebten. Hermann war bei dieſer Frage bleich und kalt geworden, und der ganze angeborne Stolz lag über ſein Weſen verbreitet, während er zur Antwort gab: „Die Gräfin Elin Romarhjerta iſt vor eilf Jah⸗ ren mit mir getraut worden.“ Es entſtand eine Pauſe. Stephana war gleichfalls von ſolcher Bläſſe be⸗ fallen worden, daß Hermann auf einen Augenblick ſich von einem ſchwindelnden Gedanken erfaßt fühlte; aber da begegnete er nun Stephana's eiskaltem Blick und ſah ein, daß dieſe Bläſſe nicht in Gefühlen des Herzens ihren Urſprung hatte. „Getraut und verlaſſen,“ ſagte Stephana in dumpfem Tone. „Sie kennen alſo Elins Geſchick?“ „Ich weiß, daß ſie von ihrem M ſtoßen worden iſt.“ „Verſtoßen? Iſt dieß das rechte man niemals vereint geweſen?“ „Das weiß ich nicht, ich bin nicht ſtark in der Logik; aber ſagen Sie mir, was iſt es für eine ſchtechte Handlung, wodurch Elin ſich des Rechtes, Ihre Gattin zu ſein, unwürdig machte?“ „Keine!“ erwiederte Hermann. „Und doch mußte ſie ein Fremdling in einem fremden Lande ſein, ohne das Recht, an Ihrer Seite. zu leben.“ „Madame, Sie wiſſen nicht, unter welchen Um⸗ ſtänden ſie meine Gattin wurde.“ 5 „Ich erinnere mich, daß Sie ſagten, deren Geburt wenn 11 habe bewirkt, daß Ihre Mutter ſie nicht als zur Familie gehörig anerkennen wollte. Graf Hermann ſelbſt hegt wahrſcheinlich dieſelbe Geſinnung, wie ſeine Mutter?“ „Ich hegte ſie,“ antwortete Hermann mit ſchwa⸗ cher Stimme,„und ich war glücklich, ſo lang ich dieſer Geſinnung zugethan war. Jetzt. Es lag etwas Kummervolles in der Miene des Grafen. „Jetzt bereuen Sie Ihre Grauſamkeit und möch⸗ ten ſie ſühnen.“ „Ich würde ſie bereuen— wenn ich ſie ſühnen wollte; aber zwiſchen mir und Elin liegen ſo bittere Empfindungen, daß es Augenblicke gibt, wo ich mich verſucht fühle, ſie zu haſſen.“ „Und dieß alles aus Hochmuth!“ „Hochmuth? Gäbe Gott, es fände ſich ſo viel hein meiner Bruſt, daß ich noch einmal jene ung gegen jede Gemeinſchaft mit dem mpfände; aber Ihnen iſt es gelungen, blendenden Schein zu vernichten, und in dieſem Augenblick gäbe ich Gut und Blut, wenn ich damit mich freikaufen und das Recht erlangen könnte, mein Leben der Frau zu weihen, welche ich anbete.“ „Ja, Sie wünſchten frei zu ſein, um des Glücks theilhaftig zu werden, ſich eine Gattin aus Ihrer eigenen Kaſte wählen zu können; und dennoch wür⸗ den Sie vielleicht nicht einmal ein ſolches Herz, wie Elins, finden.“ „Stephana,“ rief der Graf mit Wärme,„Sie wollen noch ſagen, daß ich vor Geburt und Rang 12 das Knie beuge? Sie, die Sie alle meine Begriffe über den Haufen geworfen, jeden Gedanken an Ge⸗ burt aus meinem Herzen geriſſen und mich vor mir ſelbſt ſo gering gemacht haben, daß ich ſtolz bin, Ihr Diener zu ſein!“ Er ergriff Stephana's Hände und ſetzte mit ge⸗ dämpfter Stimme hinzu: „Haben Sie nicht geſehen, welche Gewalt Sie über mich ausüben?— Haben Sie nicht die Macht verſtanden, welche Sie über mein Herz beſitzen, und dennoch glauben Sie, daß ich ein Sclave des Hoch⸗ muths ſei?— O Stephana, Elin iſt durch Sie gerächt!“ Der Graf ſchwieg, und Stephana ſaß unbeweg⸗ lich da, ohne ihre Hände aus den ſeinigen zu ziehen. Sie glich einer Bildſäule. Endlich erhob ſie den Kopf und ſprach mit mil⸗ der, ernſter Stimme: 6. „Graf Hermann, was Sie mir en haben, muß ich als einen Ausbruch betrachten, deren Stärke Sie ſelbſt überſchätzen.“ Jetzt zog ſie ihre Hände aus den ſeinigen und fuhr fort: „Sie ſind ein Mann, noch mehr, Sie ſind ein Mann von Ehre, und ſomit müſſen Sie auch Herr Ihrer Eindrücke ſein. Laſſen Sie mich glauben, daß Sie, obwohl Edelmann, auch mit der Kraft ausgerüſtet ſind, nicht allein Ihr Schickſal zu tra⸗ gen, ſondern auch durch die Macht des Willens und der Pflicht zu beweiſen, daß Sie nicht, gleich den Meiſten Ihrer Kaſte, ein elender Sclave eines augenblicklichen Eindrucks ſind. Laſſen Sie mich 13 die Achtung, die ich gegen Sie empfinde, bewahren und in Ihnen einen Freund ſehen, dem ich nicht zu mißtrauen brauche, ſondern auf deſſen Ehre ich mich blindlings verlaſſen kann.“ Es lag etwas ſo Einfaches, Würdiges und doch rein Weibliches in der Wendung, welche Stephana Hermanns Ausbruch gab, daß jede Fortſetzung deſ⸗ ſelben gehemmt werden mußte. Hermann fühlte tief die Rückſicht, welche ſie ihm nun bewies, indem ſie, obwohl er nahe daran ge⸗ weſen war, ſich zu vergeſſen und Gefühle anzudeu⸗ ten, die er, als verheirathet, kein Recht zu hegen hatte, ihn gleichwohl aufforderte, auch fernerhin ihr Freund zu ſein. Für den im Grunde wahrhaft ritterlich geſinnten Hermann war Stephana's Benehmen von der Art, daß es eines Erfolgs nicht verfehlen konnte; ſomit faßte er die Hand, welche ſie ihm eben entzogen hatte, von Neuem und ſagte, indem er ſie ehrerbie⸗ tig küßte „Sie ſollen, Madame, niemals Grund finden, den Edelguth zu bereuen, welchen Sie mir zu er⸗ kennen gen Ich werde Ihnen als ein treuer Freund zur Seite ſtehen, ſo lang Sie meiner be⸗ dürfen, und mein höchſtes Streben wird ſein, als ein Mann von Ehre Ihre Achtung zu gewinnen.“ „Ich danke Ihnen, Graf Hermann, und nun iſt dieſes Geſpräch vorüber und vergeſſen,“ erwiederte Stephana, freundlich lächelnd.„Ich fühle, daß wir einander hinfort mit mehr wirklichem Vertrauen, Freundſchaft begegnen werden, als bis⸗ er.“ Jacobo trat ein, und der Graf wiederholte in Gedanken: „Mit mehr Vertrauen und Freundſchaft— ja, und meine Kraft wird dadurch auf eine unerträgliche Probe geſetzt werden. Aber auch ich will ihr be⸗ weiſen, daß in der Bruſt eines Edelmanns ein Herz ſchlagen kann, welches ſich nur von ſeinen beſſern Gefühlen beherrſchen läßt.“ Eine Weile hernach kam die Gräfin, auf Hel⸗ frids Arm gelehnt, in den Salon. Stephana eilte ihr ſogleich entgegen, um ihr behülflich zu ſein und die wankenden Schritte zu unterſtützen, und die Gräfin lächelte der jungen, ein⸗ nehmenden Frau ſanft entgegen, welche ſich immer ſo zartfühlend und aufmerkſam gegen ſie bezeigte und bei jeder Veranlaſſung durch ihre Achtung und Er⸗ gebenheit der ſtolzen Dame den Dornenpfad zum Grabe mit Blumen zu beſtreuen ſuchte. „Madame, Sie beweiſen mir ſo piel zärtliche Fürſorge und thun ſo viel, mir das L ange⸗ nehm zu machen, daß Sie nicht mehr khun könnten, ſelbſt wenn Sie meine Tochter wären 6 die Gräfin, während Stephana die Kiſſen Pompa⸗ dour zurechtlegte, worauf die Gräfin Platz nahm. Stephana ſtützte in dieſem Augenblick ein Knie auf einen Schemel und befand ſich ſomit in halb⸗ knieender Stellung vor der Gräfin. Bei dieſen Wor⸗ ten derſelben erhob Stephana ihr Angeſicht zu ihr und ſagte mit ſichtbar bebenden Lippen: „Wenn ich die Fähigkeit beſäße, Ihnen nur einen Augenblick Ihres Lebens zu erheitern, ſo möchte ich 15 als einzige Belohnung wünſchen, daß Sie mich ein⸗ mal Ihre Tochter nennen würden.“ Die Gräfin lächelte auf das ſchöne Angeſicht herab, welches ſeinen größten Reiz von der Seele entlehnte, die daraus hervorleuchtete, beugte ſich zu ihr nieder und drückte einen Kuß auf Stephana's Stirne mit den Worten: „Ich danke Ihnen, meine Tochter.“ Stephana ſprang beinahe auf, und es leuchtete wunderbar in ihren Augen, als ſie denen von Her⸗ mann begegneten. Sie athmete tief auf und ſagte mit einem eigenen Accent: „Sie haben, Frau Gräfin, mich einmal Ihre Tochter genannt, und ich will hinfort es auch ſein.“ Darauf ſetzte ſie ſich ganz ruhig mit ihrer Ar⸗ beit an die Seite der Gräfin und begann von gleich⸗ gültigen Dingen zu reden. Man kam auf die fran⸗ zöſiſche Revolution und auf den franzöſiſchen Adel, welcher damals in Maſſe auswanderte, zu ſprechen. oft gedacht, daß Sie, Madame,“ be⸗ merkte die Gräfin,„die Tochter eines franzöſiſchen Emigranten ſeien und von irgend einer adeligen Fa⸗ milie herſtammen. Habe ich nicht Recht gehabt?“ Hermann, welcher in einer Zeitung las, ſchaute auf und betrachtete Stephana, welche wiederum jene edle Würde in ihrem Aeußern, die ſie gewöhnlich auszeichnete, angenommen hatte. Sie antwortete lächelnd:. „Nein, Frau Gräfin, ich habe keinen Tropfen adeliges Blut in meinen Adern; mein Vater war urſpünglich Seemann, und meine Mutter eine arme Seemannstochter.“ Die Gräfin runzelte die Stirne, und ein Gepräge hochfahrenden Stolzes verjagte den eben noch ſo freundlichen Ausdruck. Sie rückte mit dem Kopf höher auf den Kiſſen hinauf, als ob ſie ſich damit weiter von Stephana zurückziehen wollte. Hermann gewahrte dieſe Bewegung, und eine Röthe des Zorns, beinahe der Schaam über die Mutter ſpiegelte ſich in ſeinem Angeſicht. Man konnte die unruhige Beſorgniß darin leſen, Stephana könnte ſich verletzt fühlen; aber ſie ſchien gar nicht darauf geachtet zu haben, obſchon das Benehmen der Gräfin ihr keineswegs entging. Das Einzige, woran Hermann bemerkte, daß ſie davon Kunde genommen, war das mitleidige Lä⸗ cheln, welches ihre Lippen kräuſelte, und der Blick unbeſchreiblichen Bedauerns, welchen ſie mit Jacobo, der dieſer Scene gleichfalls mit Aufmerkſamkeit ge⸗ folgt war, wechſelte. Stephana fuhr ruhig fort: „Wir Kinder der amerikaniſchen Repuhlit wiſſen von keinem Adel, als den wir uns ſelbſt durch Rechtſchaffenheit, Arbeitſamkeit und Entwicklung aller der Eigenſchaften erwerben, welche die Seele ver⸗ edeln. Ich habe durch Bildung, Kenntniſſe und un⸗ aufhörliches Beſtreben die Tugenden, welche dem Menſchen zur Zierde gereichen, mir anzueignen und mich würdig zu machen geſucht, ein Chriſt in de Wortes ſchöner Bedeutung zu ſein. Dieß iſt d. einzige Adel, den ich als vor Gott gültig anſehe „Das iſt ein ganz ſchönes Beſtreben und noth⸗ wendig für den, welcher ſich über eine niedrige Her⸗ kunft erheben will. Dieſe Bemühung verdient nicht 17 bloß Lob, ſondern auch Achtung. Man erlangt da⸗ durch einen Werth, welcher bis zu einem gewiſſen Grade für das Erſatz leiſtet, was von Geburt aus einem mangelt,“ erwiederte die Gräfin mit ſo vor⸗ nehmem und abgemeſſenem Ton, daß Helfrid er⸗ ſchrocken auf Stephana ſah und Hermann die Lip⸗ pen zuſammenpreßte, um die Worte, welche ihm auf der Zunge ſchwebten, zurückzuhalten. Auch das nicht ſonderlich Zarte in dieſer Aeuße⸗ rung der feinerzogenen Gräfin nahm Stephana hin, ohne daß es ſcheinbar eine Wirkung auf ſie machte. Sie entgegnete lächelnd: „Ich für meinen Theil habe niemals Etwas be⸗ durft, das mich mit meiner Geburt verſöhnte; ich fühle mich im Gegentheil glücklich, die Tochter eines geringen und urſprünglich armen Seemanns zu ſein, welcher durch ſeinen Fleiß, ſeine Tüchtigkeit und Rechtſchaffenheit Millionär geworden iſt.— Es liegt etwas unbeſchreiblich Stolzes in dem Bewußtſein, von einem ſolchen Mann abzuſtammen, der ſich ſelbſt ſeinen Werth, ſeine Unabhängigkeit und die Achtung, welche man ihm ſchenkt und welche ein gerechter Tribut der Huldigung vor erworbenem und nicht er⸗ erbtem Verdienſt iſt, geſchaffen hat.“ Die Gräfin wechſelte die Farbe; Jacobo's Au⸗ gen ſagten Stephana, daß er ihre Worte billigte. „O ja,“ ſprach die Gräfin mit unnachahmlicher wichgültigkeit,„es iſt natürlich, Madame, daß Sie ieden mit dem ſind, was Sie haben, und das herabſetzen, was Sie niemals beſitzen können. Mit ein paar geſunden Armen kann man ſich Geld und Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. II. 18 ökonomiſchen Ueberfluß erwerben; aber um ſich in den Adel zu erheben, dazu iſt mehr erforderlich. „Oder weniger,“ antwortete Stephana lächelnd. —„Vielleicht macht es der Frau Gräfin Unterhal⸗ tung, ein bischen Muſik zu hören,“ ſetzte ſie mit der ihr eigenen verbindlichen Artigkeit hinzu. „Rein, ich danke, Madame; ich fühle mich dieſen Abend etwas ſchwach und beabſichtige, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen.“ Die Gräfin erhob ſich, und Helfrid eilte herbei, um ihr behülflich zu ſein. Auch Stephana erbot ſich hiezu, aber die Gräfin nahm Helfrids Arm, nickte Hermann zu und bat Stephana mit ihrer her⸗ ablaſſendſten Vornehmheit, ſich nicht zu bemühen. Dießmal veränderte ſie die Farbe, und es lag etwas Edles in der Geberde, womit ſie ſich von der Gräfin verabſchiedete. Als die gräfliche Familie das Zimmer verlaſſen hatte, ſahen Stephana und Jacobo einander eine Weile ſchweigend an. Endlich ſagte er „Welcher Mangel an allem Zartgefühl bei dieſer Ariſtokratin! Welcher rohe Uebermuth! „Zartgefühl bei einem Hochmüthigen! Ach, Ja⸗ cobo, Du weißt nicht, bis zu welchem Grad von Grauſamkeit dieſe Frau in ihrem Hochmuth gegangen iſt. Aber ich will die Worte der Schrift auf ſie an⸗ wenden, welche der Erlöſer ſeinen Widerſachern zu⸗ rief: Thut wohl denen, die euch verfolgen.“ „Gut gedacht, Stephana; es liegt ein ſtolzes Bewußtſein darin, niemals vergeſſen zu haben, daß man ein Chriſt iſt. „Ich glaubte wirklich, ſie würde zum Nindeßen 19 für die Art und Weiſe, womit ich ſie behandelte, erkenntlich ſein, ſie würde mir Rechnung dafür tra⸗ gen, daß ich mein ganzes Haus ihr zur Verfügung ſtellte, um die Prüfungen, die über ſie ergingen, in Vergeſſenheit zu bringen; aber ich hatte unbeachtet gelaſſen, daß der Hochmuth uns taub für alle an⸗ dern Empfindungen macht und unſer Herz in ein gefühlloſes Ding verwandelt.— Wohlan, ich will ihr beweiſen, daß ich im Edelmuth ebenſo weit gehen kann, als ſie im Hochmuth; wir wollen ſehen, wer von uns den größten Gewinn an innerer Ge⸗ nugthuung einerntet.— Biſt Du mit mir zufrie⸗ den, Jacobo?“ ſetzte ſie mit einem beinahe demü⸗ thigen Blick hinzu. „Zufrieden mit Dir?— Nein, ich bin ſtolz auf Dich,“ ſagte er, ihr die Hände drückend. „Dann weiß ich auch, daß ich recht thue.“ Stephana hatte ſich in einen Fauteuil geſetzt und begann zu arbeiten. Jacobo hob ein kleines Notizbuch auf, welches auf den Boden gefallen war. Es war in rothen, goldgepreßten Maroquin gebunden. Auf der Außen⸗ ſeite ſtand H. R. mit einer Grafenkrone darüber. Jacobo reichte es Stephana mit den Worten: „Selbſt anf einer ſolchen Lappalie prunkt der gräfliche Hochmuth in Geſtalt einer Krone. Ste⸗ phana, ich fürchte, daß ich immer ein Fremdling in unſerem Geburtslande bleibe, weil es mir niemals gelingen wird, mich mit dieſen Thorheiten und Vor⸗ urtheilen auszuſöhnen. Jacobo öffnete ganz unabſichtlich das Notizbuch und blätterte darin, während Stephana it ſehr charakteriſtiſchen Zügen die Fehler und Tugen⸗ den ihrer Landsleute zeichnete. Plötzlich hafteten ſeine Augen auf einer der be⸗ ſchriebenen Seiten. Er las leiſe, ohne daß Stephana darauf Acht gab, folgende, unter einer angehefteten und gepreßten Anemone befindlichen Worte: „Kleine Blume! Du biſt unter dem Schnee des Frühjahrs aufgeblüht; meine Liebe zu ihm iſt gleich⸗ falls unter der dichten Hülle der Vorurtheile aufge⸗ wachſen.— Beide ſeid ihr Gaben von ihm; er gewährte mir die Fähigkeit zu lieben, ohne daß er es ahnte; er ſchenkte mir dich als einen Frühlings⸗ gruß, und ihr ſolltet beide welken und ſterben.— Der Frühling meiner Freude iſt gleich kurz geweſen, wie dein Leben, kleine Blume.“ Langſam machte Jacobo das Notizbuch wieder zu und ſteckte es dann in ſeine Bruſttaſche. Dann blieb er ſchweigend ſitzen und ſtarrte vor ſich hin. Endlich richtete er an Stephana die Frage: „Iſt es wahr, daß Baron Skjöld ſeine Gedanken Helfrid zugewendet hat?“ „So behauptet man, und er ſieht auch wirklich ganz verzückt aus, wenn ſie beiſammen ſind; das haſt Du doch wohl ſelbſt bemerkt.“ „Nein, auf meine Ehre. Ich gebe auf derglei⸗ chen Kleinigkeiten ſo wenig Acht.— Glaubſt Du, Helfrid nehme ihn, wenn er um ſie anhält? „Ja, das glaube ich.“ „Seine Neigung wird alſo erwiedert?“ „Durchaus nicht. Helfrid kann ihn kaum leiden; aber er iſt reich und hat einen Namen, welcher der ſtolzen Mutter anſteht. Alles dieß wird auf Helfrid 21 einwirken, ſo daß ſie aus Liebe zu ihrer Mutter und, um ſie glücklich zu machen, in ihr eigenes Un⸗ glück geht.“ „Helfrid würde aber eines ſolchen Opfers nicht fähig ſein, wenn ihr Herz an einen Andern ge⸗ feſſelt wäre.“ „Sie würde ſelbſt dann ihre Liebe aufopfern. Bemerke wohl, für Mutter und Bruder kann ſie Al⸗ les hingeben. Ihr eigenes Glück hat nichts zu be⸗ deuten, wenn es ſich um diejenigen, die ihr theuer ſind, handelt. So iſt Helfrid, ergeben bis zur gren⸗ zenloſeſten Selbſtverleugnung.“ „Ja, ſie iſt ein hochgeſinntes Mädchen,“ ſagte Jacobo nachdenklich. II. Am folgenden Morgen, als Helfrid in der Frühe, während ihre Mutter noch ſchlief, ihren gewöhnli⸗ chen Rundgang bei den Kranken, die ſie unter ihren Schutz genommen, machte, begegnete ſie Jacobo. „Wir bekamen Sie geſtern Abend nicht mehr zu ſehen,“ ſagte er. „Ich konnte Mama nicht verlaſſen,“ antwortete Helfrid, deren Wangen ſich bei dem Zuſammentref⸗ fen mit Jacobo lebhafter färbten. „Sie hatten im Salon Etwas verloren, zu deſſen Zurückgabe ich geſtern Abend noch Gelegenheit zu finden wünſchte; ſo mußte ich es bis heute auf⸗ ſchieben.“ Jacobo fuhr mit der Hand in die Bruſttaſche; aber ehe er ſie wieder herausziehen konnte, bemerkte Helfrid erröthend: „Ah! Sie reden von meinem Notizbuch; ich ließ es im Salon geſtern Abend ſuchen, aber man fand es nicht mehr.“ „Weil ich es ſchon gefunden hatte,“ ſagte Ja⸗ cobo, indem er Helfrid das Buch reichte. Sie gingen ſchweigend eine Weile neben einan⸗ der her. Plötzlich wandte ſich Helfrid zu Jacobo um und fragte: „Haben Sie es geöffnet?“ „Ja, mein Fräulein, und die Neugier verleitete mich, Ihre Notizen zu leſen. Sie ſehen mißvergnügt aus und denken mit Recht, daß es nicht ſehr zart⸗ fühlend von mir gehandelt ſei, und ich gebe dieß zu; aber dießmal handelte ich unrecht mit Vorſatz.“ „Und warum?“ „Darum, weil es Ihr Notizbuch war, und weil ich gewiſſermaßen ein Recht über Sie zu haben glaubte.“ „Ueber mich?“ wiederholte Helfrid und ſchlug die großen tiefblauen Augen nieder.. 5 „Ja, ich war mir bewußt, einen großen Einfluß auf Sie zu beſitzen; und daß ich mich nicht irrte, fand ich durch den Inhalt Ihres Notizbuches be⸗ ſtätigt.“ Helfrid ſchwieg, aber ſie fühlte, daß der verwun⸗ dete Stolz ihr Thränen auspreßte. „Fräulein Helfrid,“ nahm Jacobo wieder das Wort, mit einer vor Bewegung zitternden Stimme; „es ſchmerzt und verletzt Sie, daß ich Ihr Geheim⸗ niß kenne; Sie finden es unrecht von mir, daß ich 23 mich nicht ſtelle, als hätte ich keine Kunde davon. Aber ich nehme niemals zur Verſtellung meine Zu⸗ flucht, und ich glaube nicht, daß Lügen etwas Gutes mit ſich bringt, während die Wahrheit dagegen immerdar hiezu führt.— Wenn ich ſage: ich weiß, daß Sie mich lieben, ſo geſchieht es nicht, um mir einen Triumph zu bereiten, welcher Thränen der Demüthigung Ihren Augen entlockt, ſondern deß⸗ halb, weil ich mich gerührt und dankbar fühle und wünſchte, daß jene Empfindung dazu beitragen möchte, aus Ihrer edeln Seele alle die Vorurtheile zu ver⸗ tilgen, welche einen Schatten darauf werfen.— Ich weiß, mein Fräulein, daß die Liebe das Vermögen beſitzt, zu veredeln, insbeſondere ein Herz wie das Ihrige, welches nur für das Schöne und Gute ſchlägt. Sie leiden durch das, was ich ſage. Es beſchleicht Sie ein Gefühl von Scham, daß ich von Ihrer Liebe nicht blos weiß, ſondern auch davon rede; aber auch hierin werden Sie von einem falſchen Stolz be⸗ herrſcht, denn ein reines und erhabenes Gefühl kann niemals erniedrigen. Es liegt eine ſehr un⸗ richtige Auffaſſung unſeres menſchlichen Werthes darin, wenn wir uns einem ſolchen Glauben hin⸗ geben. Seien Sie überzeugt, daß meine Achtung für Sie unverändert iſt. Sie iſt größer, aber nicht geringer.“ „Schwachheit kann wohl niemals Achtung ein⸗ flößen,“ flüſterte Helfrid. „Nennen Sie die Liebe eine Schwachheit?“ „Ja,“ ſagte Helfrid mit feſter Stimme und er⸗ hob den geſenkten Kopf.„Es iſt eine Schwachheit, wenn ſie entſteht, ohne von einem ſympathetiſchen 24 Gefühl erweckt zu werden. Es iſt eine Schwachheit, wenn man ohne Widerſtand ſich den Eindrücken überläßt, welche Einen gleichſam fortreißen, ohne daß man dagegen ankämpft, und obwohl man weiß, daß Pflicht und Gewiſſen ſich dagegen auflehnen ſollten. Es iſt nicht mein Gefühl für Sie, welches mich demüthigt, ſondern die Ueberzeugung von meiner Schwachheit, mich demſelben überlaſſen zu haben, während Nichts mir hiezu Veranlaſſung gab.“ „Nichts?“ „Habe ich nicht Recht? Hat wohl Etwas von Ihrer Seite bei mir Anderes als Freundſchaft und Achtung erwecken können, und ſchließt es nicht eine wirkliche, unverzeihliche Schwachheit in ſich, zum Sclaven von Eindrücken ſich zu machen, welche man ſelbſt ohne alle Veranlaſſung hervorgerufen und ge⸗ nährt hat? Ach! mein Herr, es wird Ihnen nie⸗ mals gelingen, mich zu überzeugen, daß ich nicht ein armes, ſchwaches Geſchöpf bin, und das Bewußt⸗ ſein, daß Sie mich ſo finden müſſen, iſt es, was mich demüthigt.“ „Laſſen Sie uns ganz ruhig die Auffaſſung Ih⸗ rer Gefühle einen Augenblick prüfen, und auch Sie werden ſich anzuerkennen genöthigt ſehen, daß Sie Ihr eigenes Innere unrichtig beurtheilen.— Worauf ſoll alle wirkliche Liebe ſich gründen? Auf Achtung und auf die Vorſtellung erhabener Eigenſchaften, die wir uns von der Perſon machen, welche das Ver⸗ mögen beſitzt, durch die eine oder andere jener Ei⸗ genſchaften uns zu intereſſiren, und ohne daß w dabei in Berechnung ziehen, ob dieſe zu uns dur daſſelbe Intereſſe oder dieſelben Illuſionen hingez 25 gen wird.— Die Liebe, wenn ſie das iſt, was ſie ſein muß, des Herzens reinſte und ſchönſte Empfin⸗ dung, iſt eigentlich Nichts als ein Geſchöpf unſerer rein ideellen Begabungen, welche uns beſtimmen, bei einer gewiſſen Perſon alles Schöne, Edle und Ideale, was wir uns ſelbſt gedacht haben, in un⸗ ſerer Einbildung zuſammenzufaſſen. In allem Reden und Thun dieſer Perſon ſehen wir immer das, was wir ſelbſt bewundern, und glauben wirklich, daß alles aus Beweggründen ſtammt, welche in unſerer Phantaſie als die höchſten daſtehen. Es iſt ſomit nicht die Perſon, welche wir eigentlich lieben, ſon⸗ dern das in uns wohnende Ideal, welches wir auf dieſelbe übertrugen, ohne ſehr oft eine andere Ver⸗ anlaſſung zu haben, als daß eine Perſon Etwas in ihrem Aeußern beſitzt, das mit dem Bilde, welches wir in unſerer Phantaſie entworfen haben, in Ueber⸗ einſtimmung ſteht. Nun wohl, mein Fräulein, liegt wohl in einem ſolchen Produkt von unſerem eigenen Innern Etwas, worauf der Name Schwachheit an⸗ wendbar iſt, oder worüber wir vor uns ſelbſt oder Andern zu erröthen haben? Nein.— Wir können es nur beklagen, wenn die Perſon, um welche ſich unſere ſchönen Träume bewegen, denſelben in keiner Weiſe entſpricht, ſondern bei näherer Prüfung ſich als ein unſerer ſelbſt unwürdiger Gegenſtand er⸗ weist. Dann erſt haben wir Grund, uns ſelbſt der Schwachheit anzuklagen, weil die Phantaſie uns ſo völlig irre geleitet hat, daß wir dem Verſtande nicht geſtatteten, den Werth von Jemand zu prüfen, an welchen wir die edelſten Schätze unſeres Herzens verſchwendeten. Oft müſſen wir einen ſolchen ver⸗ 26 lockenden Irrthum mit dem Verluſt unſerer Ruhe für das ganze Leben bezahlen und noch im Sommer deſſelben der Hoffnung und des Glaubens beraubt daſtehen, ohne Ziel für unſer Streben, ohne Glück für unſere Zunkunft.“ Jacobo hatte mit ſo tiefem Ernſt geſprochen, daß es Helfrid vorkam, als ob ihr das Herz erbebte. „Und Sie ſelbſt haben einen ſolchen Traum ſo theuer bezahlen müſſen und ſtehen nunmehr ohne Ziel für Ihr Streben, ohne Glück für die Zukunft da?“ „Ich hätte ihn ſo bezahlen müſſen, wenn meiner Seele nicht ſo viel Energie geblieben wäre, um in einer nützlichen Thätigkeit einen wenn auch geringen Erſatz für das Glück zu ſuchen, welches ich dadurch verſcherzt hatte, daß ich einen ſchönen Traum an einen Gegenſtand, welcher ihm nicht entſprach, ver⸗ ſchwendete.“ Es entſtand eine Pauſe. Beide gingen nach⸗ denklich weiter. Endlich ſprach Jacobo wieder in ſeinem gewöhnlichen Ton: „Nicht wahr, Fräulein Helfrid, jetzt, nachdem ich mich ſelbſt zu Ihrem Vertrauten gemacht habe, wer⸗ den Sie mir auch die Güte erzeigen und mich als ſolchen belaſſen?“ „Sie vergeſſen, Herr Lange,“ antwortete Helfrid mit etwas unſicherer Stimme,„die Entdeckung, die Sie gemacht haben.“ „Ich werde vergeſſen, da Sie es ſo wün⸗ ſchen; aber ich weiß es doch, bedenken Sie wohl, obgleich ich niemals von dem, was ich weiß, Ge⸗ brauch machen werde.“ 27 „Ich danke Ihnen,“ erwiederte Helfrid ihm die Hand reichend. „Nicht Sie müſſen mir danken, ſondern ich Ih⸗ nen für den reinen Genuß, den dieſer Augenblick mir geſchenkt hat. Ich weiß, daß ſo, wie wir jetzt ſcheiden, wir uns vielleicht nie mehr begegnen wer⸗ den, denn Sie werden möglicher Weiſe zwiſchen ſich und mir einen wahren Eisberg von Stolz errichten, um die Erinnerung an dieſes Geſpräch bis auf den Schatten zu vertilgen; aber ich werde doch allezeit wiſſen, daß der Mann, welchem Helfrid einmal ihre Liebe geſchenkt hat, dieſelbe auch ewig beſitzen wird, und wenn ſie ihre Gefühle auch noch ſo tief ver⸗ grübe und mit dem undurchdringlichſten Schleier umgäbe.“ „Heißt dieß vergeſſen?“ „Ich vergeſſe vor Ihnen, ich weiß vor mir ſelbſt.“ „Jacobo drückte Helfrid die Hand und ent⸗ fernte ſich. III. Es verging einige Zeit, während welcher die Gräfin Unwohiſein vorſchützte, um weder Stephana und Jacobo bei ſich ſehen, noch ſelbſt in den großen Salon kommen zu müſſen. Stephana faßte das Benehmen der ſtolzen Dame ganz richtig auf, ſofern darin eine ſtumme Andeu⸗ tung lag, daß jeder vertrauliche Umgang mit der geringen Tochter des Seemanns zu Ende wäre. Es ließ ſich nicht denken, daß die Gräfin Romarhjerta 2 28 noch fernerhin ſo vertraulich mit einer Frau aus dem Volke umgehen könnte. Was nützte dieſer ihr Reichthum, ihre Bildung, ihr edler und erhabener Charakter, da ſie doch nur von gemeinen Voreltern abſtammte. Sie war und blieb eine Plebejerin, wie man die Sache auch betrachten mochte. Jacobo hatte eine Reiſe nach der Hauptſtadt gemacht und wurde wieder zurückerwartet. Der Graf hatte ſeit jenem Abend, da die Frage nach Stephana's Geburt aufgeworfen worden war, unaufhörlich kleinere Reiſen in der Gegend gemacht, und Stephana erkannte ſehr wohl, daß auch er einem Zuſammentreffen auswich. War es auch bei ihm eine Folge von Hochmuth, oder geſchah es nur darum, weil der Mutter Hoch⸗ muth ihm Pein verurſachte? Das waren die Fragen, welche Stephana ſich ſelbſt vorlegte. Die einzige Perſon, welche ſich gleich blieb, und ſo oft ſie einen Augenblick ſich von der Mutter weg⸗ ſe konnte, dieſen Stephana widmete, war Hel⸗ rid. Man konnte an dem jungen Mädchen ſehen, daß ihr Herz ſie zu Stephana hinzog, und daß ſie ſich in der Geſellſchaft der jungen, liebenswürdigen und ungewöhnlichen Frau wohl fühlte. Am erſten Mai, des Morgens, gerade als Ste⸗ phana aus ihrem Schlafzimmer trat, kam Jane auf ſie zu und meldete ihr: „Jacobo iſt gecade von Stockholm zurückgekom⸗ men und hat nach Dir gefragt. Er bat mich, Dir zu ſagen, daß er Dich ſprechen möchte.“ 29 „Sogleich, wenn Du ihn davon unterrichten willſt, beſte Jane,“ antwortete Stephana. Einen Augenblick darauf trat Jacobo ein. Er war ungewöhnlich bleich, und man konnte in ſeinem offenen Blicke leſen, daß etwas Unangeneh⸗ mes ihn beläſtigte. „Was iſt geſchehen, Jacobo? Du ſiehſt bekümmert aus,“ fragte Stephana und reichte ihm die Hand. „Ein ganz verdrießlicher Vorfall! Der Großhänd⸗ ler H. hat ſich eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen, und Jedermann, der ihm Geld anvertraut hat, iſt darum betrogen. Du verlierſt auch bei ihm.“ „Ach, das hat Nichts zu bedeuten, aber.... Stephana ſah Jacobo an. meinſt die Romarhjertas.“ „Die ſind ruinirt, und die heutige Poſt wird dem Grafen die Nachricht davon überbringen. Das iſt ein harter Schlag.“ „Ein ſchrecklicher Schlag für den Sohn, welcher von dieſem kleinen Kapital Mutter und Schweſter ſicher ſtellen wollte, und es darum niemals berührt hat,“ ſagte Stephana, indem ſie die Hand feſt auf das Herz drückte. Dann ſetzte ſie hinzu: „Wann kommt die heutige Poſt?“ In einer Stunde iſt ſie hier; deßhalb wünſchte ich Dich noch zu ſprechen, ehe das betrübende Er⸗ eigniß die arme Familie gleich einem Donnerſchlage treffen würde.“ „Dank, Dank, Jacobo!“ rief Stephana, warf einen Shawl über die Schulter und verließ das Zimmer. „Was hat ſie im Sinne?“ murmelte Jacobo und trat an das Fenſter. Er ſah, wie Stephana, begleitet von dem alten Eklund, ihren Weg nach dem Flügel des Grafen nahm, wohin wir ihr folgen wollen. Am Fenſter in dem kleinen Kabinet, welches dem Grafen zum Arbeitszimmer diente, ſtand er ſelbſt und ſchaute mit nachdenklicher Miene hinaus in den weiten Raum, wo fernab das blaue Meer ſich zeigte. „Madame Stephenſen wünſcht mit dem gnädigen Herrn Grafen zu ſprechen,“ ließ ſich Eklunds Stimme von der Thüre herein vernehmen. Hermann drehte ſich haſtig um und Stephana ſtand vor ihm. In ihrem ſchneeweißen Anzug und dem leicht darüber geworfenen ſchwarzen Shawl glich ſie einem Geiſte, ſo blaß und ſo wunderbar ſchön war ſie. „Madame, Sie hier! Was iſt geſchehen?“ rief der Graf und eilte ihr entgegen. Stephana faßte ſeine Hand und ſchloß ſie in die ihrigen mit den Worten: „Graf Hermann, ſagen Sie mir in dieſem Au⸗ genblick, daß meine Anhänglichkeit an Sie Ihnen von wirklichem Werthe iſt.“ „Wird das von meiner Seite noch nöthig ſein? Nein, Sie wiſſen, daß dieſelbe für mich höhern Werth hat, als Alles, was das Leben bieten kann. Ich würde ſie mit jedem möglichen Opfer erkaufen.“ „Dann wird ſie Ihnen ein Troſt im Mißgeſchick ſein?“ „Gibt es ein Mißgeſchick, wenn ich im Beſitz von ihr bin?“ 31¹ „Wollte Gott, daß es keines gäbe!“ ſagte Ste⸗ phana und ſah Hermann mit einem Blick voll Theil⸗ nahme an;„aber ich komme wiederum als ein Un⸗ glücksprophet.“ „Meine Mutter?“ ſtammelte Hermann. „Von ihr iſt jetzt nicht die Rede.— Der Groß⸗ händler H. hat ſich erſchoſſen, weil er ruinirt war.“ Ich verſtehe, und wir ſind mit ihm rui⸗ nirt.“ Hermanns Stimme war unnatürlich ruhig. Ste⸗ phana's Auge weilte mit einem beſorgten Ausdruck auf ſeinem Angeſicht; aber da ſich keine Muskel da⸗ rin rührte, athmete ſie tief auf und ſagte: „Gott ſei gelobt, Sie tragen auch dieſen Schlag wie ein Mann.“ Ueber Stephana's Wangen rieſelten ein paar große Thränentropfen, und ſie ſetzte mit bezaubern⸗ der Milde hinzu: „So lang noch Stephana und Kungsborg exiſti⸗ ren, iſt Graf Hermann Romarhjerta nicht rpinirt.“ Hermann zog ihre beiden Hände an ſeine Lippen und flüſterte: „So viel Güte gegen den Sohn der Frau, welche erſt vor einigen Tagen durch ihre hochfah⸗ renden Worte Sie ſo tief verletzte. Sie iſt nun hart geſtraft, die Unglückliche dadurch, daß ſie in Armuth verſetzt iſt.“ „Gibt es wohl Armuth für meinen Compagnon? Unmöglich.— Sie, Herr Graf, im Beſitz von der Fähigkeit, wie von der Kraft, Anderer Eigenthum ſo zu verwalten, Sie müſſen auch die Kunſt zu eigen baben, von dem Antheil, der aus dem Ertrag von Kungsborg auf Sie füllt, einen für die Zukunft vor⸗ theilhaften Gebrauch zu machen.“ „Sie haben jetzt wie immerdar der Nachricht, welche Sie mir brachten, ihre Bitterkeit benommen. Was können Sie auch ſagen, das nicht durch Ihre Güte gemildert würde.“ „Und nun, Herr Graf, iſt der Verluſt, welchen Sie erlitten haben, Etwas, womit wir die Frau Gräfin nicht beunruhigen dürfen.“ „Das möchte ſich wohl kaum vermeiden laſſen. Sie wird den Tod des Großhändlers H. in den Zeitungen leſen und dann auch ſogleich begreifen, daß Alles verloren iſt,“ bemerkte Hermann ſo kalt und ruhig, wie wenn es ſich um das gleichgültigſte Ding der Welt handelte. „Sie konnten ja Ihr Geld anderswo angelegt haben?— In Kungsborg zum Beiſpiel.“ Hermann lächelte wehmüthig und ſchüttelte den Kopf; aber Stephana ſetzte in beinahe bittendem Ton hinzu: „Sie wird die Demüthigung, ſich dieſes letzten Reſtes ihrer Habe beraubt zu ſehen, nicht zu ertra⸗ gen im Stande ſein— bedenken Sie das wohl.“ „Ihr Wille geſchehe,“ ſagte Hermann. „Ich danke Ihnen.“ Sie drückte ihm die Hand, und im nächſten Au⸗ genblick war Hermann wieder allein. Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, einen Seufser, der mit einer Centnerlaſt beſchwert ſchien. Eine Stunde hernach ſah Stephana ihn mit hochgetragenem Haupte über den Hof wandern und zu der Gräfin ſich begeben. Die Stirne war glatt — 33 und ruhig wie gewöhnlich, und Niemand vermochte in ſeinem Angeſicht zu leſen, daß er jetzt zur Ver⸗ ſorgung von ſich und den Seinigen Nichts beſaß, als was er, ein Mann von Geburt, im Dienſte einer Frau aus dem Volke verdiente. „Jetzt gefällt er mir; er beſitzt wirklich Seelen⸗ ſtärke, und in demſelben Maße, als er geprüft wor⸗ den, iſt auch ſein Stolz verſchwunden. Er hat das Unglück wie ein Mann getragen. Wird er wohl ebenſo gut das Glück ertragen?“ dachte Stephana.— Nun wir wollen ſehen, ſetzte ſie hinzu und ſuchte Jacobo auf, um ſich in ſeiner Geſellſchaft nach Akers⸗ näs zu begeben und die neuen Anlagen zu Woh⸗ nungen für die Arbeiter in Augenſchein zu nehmen. Wir wollen im Vorbeigehen einen Blick in das Zimmer der Gräfin werfen. Als Hermann bei ſeiner Mutter eintrat, fand er ſie damit beſchäftigt, mittelſt einer Nadel den Weg auszuſtecken, auf welchem ſie nach Italien zu reiſen gedachte. Sie lächelte ihrem Sohne zu und ſagte, während ſie ihm die abgezehrte Hand reichte: „Du haſt Dich in den letzten Tagen hier ſo un⸗ ſichtbar gemacht, daß es ganz ungewöhnlich iſt, um dieſe Zeit deines Anblicks theilhaftig zu werden.“ „Ich habe ſo viel zu thun gehabt,“ antwortete Hermann und küßte die kleine, durchſichtige Hand. „Ich muß als ein Mann, der die Geſchäfte Anderer zu führen hat, denſelben wo möglich noch größere Sorgfalt widmen, ais wenn es meine eigenen wären.“ „Lieber Hermann, erinnere mich nicht daran, daß Du, ein Graf Romarhjerta, in der Mißachtung ge⸗ Schwartz. Der Mann von Geburt. II. 3 gen Dich im Stande warſt, ſo weit zu gehen, um der Intendant einer Seemannstochter zu werden.“ Die Gräfin legte die Nadel bei Seite und hef⸗ tete einen beinahe ſtrengen Blick auf den Sohn, indem ſie hinzuſetzte: „Erinnere mich nicht daran, daß ich, von S überredet, unter ihrem Dach geblieben und mit ihr, wie mit meinesgleichen umgegangen bin.“ „Mama,“ fiel Hermann heftig ein,„wie gut, wie über alle Beſchreibung zartfühlend und aufmerk⸗ ſam iſt ſie nicht gegen uns nach dem Brande ge⸗ weſen, und iſt es auch jetzt.“ „Höre, Hermann, biſt Du ſo kurzſichtig, nicht zu begreifen, daß dergleichen Emporkömmlinge gerade durch ſolche Dienſte Perſonen, wie wir, welche im Beſitz eines alten und edeln Namens ſind, ſich ver⸗ bindlich machen wollen. Deren eifrigſtes Beſtreben geht dahin, durch Umgang und freundſchaftliche Ver⸗ bindungen mit dem Adel ſich gleichſam ein Anſehen zu verſchaffen. Ich meinestheils finde es nicht in der Ordnung, daß ich fortfahren ſollte, einen an ſich ſo niedrigen Urſprung, wie die Frau hier hat, in eine günſtigere Beleuchtung zu rücken.“ „Wie iſt es möglich, daß meine edle und hoch⸗ herzige Mutter ſich eines ſolchen Uebermuths ſchul⸗ dig machen kann. Beſinne Dich doch, in welcher großen Schuld der Dankbarkeit wir bei ihr ſtehen.“ „Dankbarkeit, ſagſt Du.— Ich ſollte glauben, die Verbindlichkeit ſei durch die Güte, welche ich dieſer Frau erwies, vielfach vergolten. Soll der Adel jett auch dankbar dafür ſein, daß er mit Kin⸗ 35 dern aus dem Volke umgeht, anſtatt daß ſich dieſe bei dem Adel dafür bedanken ſollten?“ „Frau Stephenſen braucht uns wohl niemals dafür dankbar zu ſein, daß ſie uns ihr Haus geöff⸗ net und mit der größten Freigebigkeit und Zartſin⸗ nigkeit alles, was in ihren Kräften ſtand, für Ma⸗ ma's und Helfrids Wohlbehagen gethan hat.“ „Alle dieſe Dienſte hätte ſie auch unterlaſſen können; und das ſage ich Dir, hätte ich zum Vor⸗ aus gewußt, daß ſie von ſo gemeiner Herkunft iſt, ſo würde ich die Gaſtfreiheit eines einfachen Bauern der ihrigen weit vorgezogen haben, weil derſelbe niemals nach Art dieſer Emporkömmlingin es darauf angelegt hätte, ſich mit uns vertraulich zu machen. Aber, mein Sohn, laß uns nicht weiter davon reden; Du kennſt meine Denkart hinlänglich, und es ſchmerzt mich, daß dieſelbe nunmehr bei Dir ſo wenig Sym⸗ pathie findet.“ „Ein Wort, Mama: iſt es deine Abſicht, in ſol⸗ cher Abgeſchiedenheit von der Frau, in deren Hauſe Du eine Heimath gefunden haſt, fortzuleben, wie es letzter Zeit der Fall geweſen iſt?“ „Ja, es iſt meine Abſicht, aller ungehörigen Ver⸗ traulichkeit ein Ziel zu ſetzen.“ „Das iſt ja.. „Warum ſprichſt Du nicht aus?“ „Ich wollte ſagen, daß es gerade für die Grä⸗ fin Romarhjerta unhöflich, unzart und unſchick⸗ lich iſt, das Wohlwollen, das ſie genoſſen hat, durch eleidigung zu vergelten.“ „Ich glaube, Hermann, Du ereiferſt Dich gegen deine Mutter.“ 52 „Nein, das ſei fern von mir! Aber ich kann vieſes Benehmen nicht billigen, welches mich verletzt, mich demüthigt; denn ich muß mich vor dieſer edeln und hochgeſinnten Frau über die Undankbarkeit mei⸗ ner Mutter ſchämen.“ „Du biſt ſcharf,“ äußerte die Gräfin erbleichend. „Mama, ich möchte wünſchen, ich hätte auch in andern Perioden meines Lebens ſo viel Selbſtſtän⸗ digkeit und Begriff von dem, was recht iſt, beſeſſen, um mich nicht zum Vollſtrecker der Tyrannei, der Geburtsvorurtheile zu machen.— Wenn meine Mut⸗ ter wirklich ihren Sohn liebt, ſo wird ſie nicht wol⸗ len, daß er über das unſchickliche Benehmen ſeiner Familie erröthe, ſondern ſie wird ſich von ihrem fei⸗ nen Takt und ihrem geſunden Urtheil leiten laſſen und das geſellſchaftliche Band wieder anknüpfen. Soll ich unerhört von Dir gehen, Mutter?“ „Ich will mir die Sache überlegen,“ antwortete die Gräfin, welche eine ſchwache Mutter war, ſo wenig Schwäche ſie auch in ſonſtigen Dingen an den Tag legte.—„Sprich jetzt nicht weiter davon,“ ſetzte ſie in beſtimmtem Tone hinzu. Am Abend ſchickte ſie Botſchaft an Stephana und ließ fragen, ob dieſelbe nicht den Abend bei ihr zubringen wollte. Stephana ſagte zu. Die Abendſonne ſchien ſo lächelnd in den kleinen Salon, wo die Gräfin in einem Sopha lag, als Stephana mit zwei ausgeſucht ſchönen Blumenbou⸗ quets eintrat. Das ſchönſte überreichte ſie der Grä⸗ fin als Willkommensgruß von dem nahenden Som⸗ mer; das ondere erhielt Helfrid. ₰ 2 37 Die Gräfin dankte mit ihrer ſtolzeſten und herab⸗ laſſendſten Miene. Sie begegnete Stephana im Ue⸗ brigen ſo vornehm und abgemeſſen, daß Hermann eine wahre Tortur auszuhalten meinte. Ein paar Mal zog eine Wolke über Stephana's Angeſicht, und einmal funkelte ihr Auge, als die Gräfin mit ihrem Hunde ſpielte und eine lange Weile auf das, was Stephana ſagte, gar keine Ant⸗ wort gab; und als ſie es endlich that, lag Etwas von ſo vermeſſenem Stolze in ihren Worten, daß es einen Engel hätte aufbringen können. Abgeſehen von dem Blitze, der in ihrem Auge zuckte, blieb Stephana ſich gleich und ſchien nur durch erhöhte Freundlichkeit und einfache Würde die Gräfin den Abſtand zwiſchen wahrhafter Bildung und ſolcher, die nur auf der Oberfläche liegt, fühlen zu laſſen.. Dank Stephana's feinem Takt und unerſchütter⸗ licher Ruhe, verging der Abend, ohne Anlaß zu Etwas zu geben, was eine Scene hätte herbeiführen können, obwohl die Gräfin Alles that, um eine Ge⸗ legenheit zur Demüthigung der reichen Unebenbür⸗ tigen zu bekommen. . Als Stephana in ihr Zimmer zurückkehrte, ſetzte ſie ſich nieder, um an einem Briefe an Elin, welcher beinahe vollendet war, weiter zu ſchreiben. Der Zuſatz lautete folgendermaßen: Ich habe heute Abend Alles durchlebt, was ich 38 von dem Hochmuth des Adels gelitten, und es gab Augenblicke, wo meine früheren, ſo verbitterten und unverſöhnlichen Gefühle erwachten; aber nunmehr gewinnen ſie keine Gewalt über mich. Ueber ihnen ſteht ein ſo inniges und warmes Streben, des Na⸗ mens eines wahren Chriſten mich würdig zu machen, daß ich bei jeder Demüthigung in meinem Herzen jene Worte unſeres Herrn und Meiſters wiederhole: thut wohl denen, die euch verfolgen.— Und ich will und werde dieſer Frau wohlthun, welche in ihrem blinden Hochmuth glaubt, daß ſie das Recht habe, moraliſch Alle zu mißhandeln, welche nicht im Beſitze eines glänzenden Namens ſind. „Ich habe heute Abend mich ſelbſt gefragt, wie es möglich iſt, ſo vollkommen die Stimme des Her⸗ zens zu ertödten, wie ſie aus Hochmuth gethan hat.— Ich habe überdacht, daß ſie ihre eigene Tochter verſtieß, weil dieſe Tochter ein Herz hatte, das über den Hochmuth erhaben war, und darum einem Bürgerlichen die Hand reichte; ja daß ſis die⸗ ſelbe ſo vollkommen verſtieß, daß nicht einmal ihr Name mehr genannt wird, und ſie, als ich einmal fragte, wie viel Kinder ſie hätte, mir zur Antwort gab: dieſe beiden, wie Sie ſehen.“ „Du wirſt zu ihrer Vertheidigung einwenden, dieſe Tochter ſei dadurch, daß ſie als Kind von ihr ſchied, auch ihrem Herzen entfremdet worden; aber nein— auch wenn ſie dieſelbe an ihrer Seite ge⸗ habt hätte, würde ſie auf dieſelbe Weiſe gehandelt haben.— Sie wird Helfrid verſtoßen, im Fall dieſe einem Bürgerlichen die Hand reichen ſollte.— Sie würde ihren Sohn verſtoßen haben, wenn er nic „ 4 39 von demſelben Hochmuth wie ſie beherrſcht, die Frau verſtoßen hätte, mit welcher der Vater ihn zwang, im Namen der Ehre ſich trauen zu laſſen. „Einen Augenblick glaubte ich den Weg zu ihrem Herzen gefunden und durch meine Zärtlichkeit und Fürſorge ſie gewonnen zu haben. „Es war an einem Abend, als ſie von meinen geringen Dienſten gerührt ſchien, und da— da, Elin, nannte ſie mich ihre Tochter. „Der Augenblick war wunderbar für mich, und mein Herz ſchlug heftig, als ihre Lippen meine Stirne berührten. Ich hatte geſiegt, ſo glaubte ich, und mein Herz ſchwoll von einem Gefühl des Trium⸗ phes; aber ich hatte mein menſchliches, ſchwaches Ich eine ſtolze Genugthuung empfinden laſſen, und dafür ſollte ich geſtraft werden. Nicht ein Gefühl des Triumphs war es, welchem ich Raum geben ſollte, ſondern ein milderes und beſſeres; und als ſie einige Minuten ſpäter auf meine Abkunft zu ſprechen kam, welche in Folge von Jane's kindiſchem Geſchwätz hier allgemein im Blute des franzöſiſchen Adels geſucht wurde, ſagte ich ihr, daß ich ein Kind des Volkes wäre. „Da, Elin, war Alles verwiſcht; alle meine Mühe, das Unglück für ſie erträglich zu machen, ver⸗ geſſen, und ich ſo unrettbar geſunken, daß ſie ganze zwei Wochen bedurfte, ehe ſie durch Raiſonnement ſo viel wieder über ſich gewinnen konnte, um es in demſelben Zimmer mit mir auszuhalten. „Und wie glaubſt Du, daß ſie mich da behan⸗ delte?— Stolz, antworteſt Du. Ach, das würde ich minder tadelnswerth gefunden haben; aber ſie be⸗ 40 gegnete mir in einer Art und Weiſe, die an Ver⸗ achtung grenzte. Sie bot alle ihre Kräfte auf, mich zu verwunden und zu beleidigen, und ich fühlte, wie mein Blut zuweilen wie Feuer in den Adern brannte. Ich litt, litt von der Vergangenheit und bat in meines Herzens Tiefe um Stärke, dem frühern Ge⸗ fühl von Haß, das in meiner Bruſt wohnte, entge⸗ genzuarbeiten. „Jetzt fühle ich mich ermüdet, ermüdet von dem Kampf, und eine Empfindung von Mucthloſigkeit hat ſich über mein Herz gelegt. Ich ſage mir ſelbſt: Du wirſt niemals den Sieg über dieſen Hochmuth davon tragen. „Du fragſt nach Hermann.— Ich will jetzt nicht von ihm reden. Er hat ein Herz, welches aller edeln Gefühle fähig iſt, und eine Charakter⸗ ſtärke, welche ihn zum Mann in des Wortes beſſerer Bedeutung macht. Sein Hochmuth iſt gebeugt, aber nicht gebrochen, gebeugt unter ein anderes allmäch⸗ tiges Gefühl.— Doch nicht von ihm jetzt— es muß mir erſt klar werden, was man für die Zukunft von ihm zu hoffen hat. „Helfrid—! Elin, ſie iſt ein Stern, welcher durch ſeinen hellen Glanz alles das Böſe verſöhnt, welches der finſtere Hochmuth ihrer Mutter verur⸗ ſacht! Gott behüte ſie.. V. Am folgenden Morgen ſtand ein Stallknecht a der Freitreppe und hielt ein Reitpferd am Zügel. * 41 „Will Madame ausreiten?“ fragte der Graf, welcher vorüberging. „Ja,“ war die Antwort. „Ganz allein?“ „Ja, Herr Graf.“ Der Graf nahm den Weg hinunter nach dem Stalle, und einen Augenblick ſpäter trat Stephana heraus in einem ſchwarzen Reitkleid und einen Män⸗ nerhut auf dem dunkelbraunen Haare. „Nun, mein alter Ritter,“ ſprach ſie freundlich zu Eklund ſich wendend, welcher auf der Treppe ſtand,„Sie werden mir wohl in den Sattel helfen.“ Der Alte verbeugte ſich lächelnd und that, wie ihm geheißen war. Als Stephana im Sattel ſaß, nickte ſie ihm noch einmal zu, indem ſie beifügte: „Vergeſſen Sie nicht, ſich zu erkundigen, was die Frau Gräfin für heute wünſcht, und ſagen Sie ihr, daß Baron Skzjöld heute Nachmittag hier einen Be⸗ ſuch zu machen gedenkt.“ „Soll geſchehen, Madame,“ erwieder Eklund und folgte der ſchönen Reiterin mit den Augen.„Wie ſie ſo ſchön und gut iſt,“ ſeufzte er,„wie ſchade, daß ſie nicht vornehmen Standes iſt.“ „Warum iſt es denn ſchade?“ fiel Jane ein, welche eben die Treppe herabkam, und deren größtes Vergnügen darin beſtand, ſich mit dem Alten ein wenig zu zanken. „Stephana iſt ſo reich, daß ſie des ganzen Adels ſpotten kann. Ich möchte doch wiſſen, warum ſie vornehmen Standes ſein ſollte? Etwa, um ſich ſo ungeſchliffen zu benehmen, wie die Gräfin geſtern 42 Abend gethan hat? Es iſt in der That widrig, mit⸗ anzuſehen, wie närriſch die Menſchen ſind. Die Grä⸗ fin, welche bettelarm iſt, benimmt ſich, als ob ſie im Beſitz von Millionen wäre, und weßhalb?— Ja, weil ſie einen alten Namen hat, der aber ganz und gar nicht vor dem Verhungern ſchützt, im Fall man, wie die Gräfin, nicht über einen Pfennig zu gebieten hat.“ „Mamſell!“ rief der Alte, blutroth im Angeſicht. „Lieber Herr Eklund, meinen Sie vielleicht, die Gräfin habe ſich geſtern benommen, wie man von beſſern Leuten zu erwarten hat? Mir kam es vor, als ob es Ihnen gar nicht wohl zu Muth geweſen wäre, als Sie beim Serviren des Thee's ſich im Salon befanden. Aber es iſt nicht der Mühe werth, Ihnen Vernunft zu predigen, denn das hieße ſein Pulver nach Krähen zu verſchießen.“ dieſen Worten ließ Jane den alten Eklund ſt ehen. Als derſelbe ſich umdrehte, um die Treppe hin⸗ aufzuſteigen, befand er ſich⸗ Auge in Auge, Fräulein Heifrid gegenüber. Man ſah ihr an, doß ſie Jane's Worte gehört hatte, denn es lag ein Ausdruck des Mißvergnügens auf ihren ſchönen Zügen. „Dieſe Mamſell Smith iſt ſo unverſchämt, daß das gnädige Fräulein auf das, was ſie ſagt, nicht zu achten braucht,“ ſtammelte Eklund, ſich tief ver⸗ beugend. „Es lag in dem, was ſie ſagte, keine Unver⸗ ſchämtheit, ſondern Wahrheit, lieber Eklund,“ ant⸗ wortete Helfrid mit einem wehmüthigen Lächeln ge 43 gen den Alten, welcher ſie mit Unruhe betrachtete. Darauf nahm ſie ihren Weg weiter nach dem Park. Inzwiſchen war Stephana in friſchem Trab Akersnäs zugeritten. Sie war noch nicht weit, als der Schall ſchneller Hufſchläge ihr zu erkennen gab, daß Jemand hinter ihr herkam. Stephana ſah ſich um und erkannte den Grafen. Sie hielt nun ihr Pferd an und ließ es langſam gehen, ſo daß Hermann in wenigen Augenblicken ſich an ihrer Seite befand. „War es meine Perſon, die Sie einholen woll⸗ ten, Herr Graf?“ fragte Stephana, nachdem der erſte Gruß gewechſelt worden war. „Ja, Madame, ich nahm mir, als ich erfuhr, daß Sie ausreiten wollten, die Freiheit heraus, ohne Ihre Erlaubniß mich zu Ihrem Kavalier machen zu wollen.“ „Ich glaube wirklich, Sie bedürfen, Herr Graf, nicht erſt einer Erlaubniß von mir, um zu wiſſen, daß ich gern in Ihrer Geſellſchaft bin. Meine Freunde fallen mir niemals beſchwerlich, merken Sie ſich das, Herr Graf.“ „Wiſſen Sie, Madame, daß ich mich oft durch Ihre Güte wie zermalmt fühle, denn ſie iſt größer, als ich ſie bei irgend Jemand geſehen habe. Jetzt zum Beiſpiel, wo Sie ſo viele Gründe zum Miß⸗ vergnügen, um nicht Zorn zu ſagen, hätten, bedie⸗ nen Sie ſich nur freundlicher Worte gegen mich.“ „Mißvergnügen gegenüber von Ihnen? Wie wäre ich hiezu im Stande; im Gegentheil, ich em⸗ pfinde ſeit geſtern Morgen einen höhern Grad von Achtung gegen Sie, als zuvor.“ 44 „Seit geſtern Morgen!“ wiederholte der Graf. „Ach, Madame, wenn ich noch einmal Zwanzigtau⸗ ſend zu verlieren hätte, ich würde ſie hingeben, um mir noch einmal einen ſolchen Augenblick erkaufen zu können. Gewiß meinte das Schickſal, hierin läge ein allzu großer Troſt für mich, und darum ſollte ich durch die Qual des Abends dafür büßen.“ Hermann ſchwieg und betrachtete Stephana, welche, ohne ihre Miene zu verändern, ihm zuhörte. „Madame,“ nahm der Graf wieder das Wort, „können Sie meiner Mutter verzeihen?“ „Verzeihen, was?“ erwiederte Stephana auf⸗ ſchauend. „Brauche ich es Ihnen wirklich zu ſagen?“ „Ihr thörichtes und hochmüthiges Benehmen von geſtern. Ich las in Ihrem Angeſicht, daß Sie ſich dadurch verwundet fanden, obſchon Sie aus Her⸗ zensgüte eine vollkommene Gefühlloſigkeit vorgaben.“ „Nein, Sie irren ſich, Herr Graf, wenn Sie glauben, daß dieſelbe mich verwundete. Im Fall ſie dieß gethan hätte, läge ollerdings für mich ein Grund vor, Etwas zu verzeihen; nun aber betrachte 6 Alles eben als eine Eigenheit der Gräfin und ezog ihre Worte und ihr Benehmen nicht auf Ohne daß Stephana es merkte, lag in ihrem Ton etwas Kaltes. „Noch in dieſem Augenblick wirkt die Erinnerung an meiner Mutter Benehmen unangenehm auf Sie ein; das können Sie nicht läugnen.“ „Sie haben Recht; dieſe Erinnerung verſtimmt 45 mich, aber das beweist nicht, daß die Bemühungen der Frau Gräfin gelungen ſind.“ „Wenn Sie ſich auch nicht verwundet fühlen, ſo ſind Sie doch mißvergnügt darüber, Menſchen zu ſehen, welche das Recht auf Erkenntlichkeit, die Sie von denſelben zu fordern haben, ſo gänzlich ver⸗ geſſen. Ach, Madame, ich habe niemals geglaubt, meine Mutter könnte ſo handeln, daß ich mich ge⸗ nöthigt ſähe, meine Mißbilligung ihres... „Hochmuths auszuſprechen,“ fiel Stephana ein. Ausdruck lautet ſtreng, aber es iſt leider wahr.“ „Wiſſen Sie, Herr Graf, was der Grund war, daß die Worte und das Benehmen der Frau Grä⸗ fin eine unangenehme Wirkung hervorbrachten?“ „Daß ſie einen auffallenden Mangel an Zart⸗ gefühl an den Tag legte.“ „Ach nein! Der Adel hat niemals dieſe Rück⸗ ſicht für Andere gehabt, als für ſolche, welche über ihm ſtehen. Im Uebrigen verſichere ich Sie, doß ich einen Augenblick deren Ausfälle auf mich bezog, denn ſie waren gegen Perſonen ohne Geburt gerichtet, die ſich denjenigen, welche im Beſitz davon ſind, aufdrängen, und dieß iſt eine Schwachheit, die man mir nicht zur Laſt legen kann. Aber, ſehen Sie, Herr Graf, ich kam auf Betrachtungen, welche jene tiefe und bittere Verachtung erweckten, die ich mein ganzes Leben gegen jede Unterdrüdung und gegen Alles, was den Namen Unterdrücker verdient, gehegt habe, und dann dachte ich an Stephana ſchwieg. Eine matte Röthe übergoß mit ihrer Roſenfarbe die Lilien der Wangen. 46 „An was?“ „An Sie,“ antwortete Stephana. Ihre Augen begegneten ſich. Eine Sekunde ſchwiegen beide; darauf nahm ſie wieder das Wort: „Ich dachte daran, wie viele Thränen, wie viel ſtilles und unnennbares Leid Ihr Hochmuth einem Herzen gekoſtet haben mochte, welches unter dem Kampfe mit allen den Qualen, wozu Sie es ver⸗ urtheilten, ſeine beſten Kräfte verlor und ſeine Ju⸗ gend kalt und einſam dahinfliehen ſah, ohne Glück und ohne Hoffnung für die Zukunft. Da, als ich den Abgrund ermaß, welcher von Hochmuth und Egoismus gegraben wird, da empfand ich einen peinlichen und widerwärtigen Eindruck, beim Anblick dieſer Mutter, welche in Ihr Herz den Saamen dieſes Unkrauts ausgeſtreut hat, das, wenn es Wur⸗ zel ſchlägt und aufwächst, jeden Keim edler und er⸗ habener Gefühle erſtickt, welche Gott in das Men⸗ ſchenherz gelegt hat.— Wären Sie ein Kind aus dem Volke geweſen, das genöthigt war, ſeine Seele zu veredeln, ſeine Kenntniſſe zu erweitern und ſich in der Welt vorwärts zu arbeiten, ohne daß Herz und Denkart durch Vorurtheile mißleitet worden wären, wie ganz anders würde ſich da Ihr Leben geſtaltet haben! Welche andere Carridre hätten Sie dann gemacht, und wie viel größer und edler würden dann die Eigenſchaften Ihrer Seele hervorgetreten ſein! Sie hätten dann einen hohen Standpunkt auf dem Gebiete der Bildung und Intelligenz eingenom⸗ men, und Ihre Seele wäre nicht mit der Erinnerung einet ungerechten und gewiſſenloſen Handlung be⸗ 47 laſtet worden.— Selbſtſtändigkeit iſt der Zweck des Lebens', ſagt unſer großer Dichter, und er hat Recht, denn nur der freie Mann iſt ſelbſtſtändig, nicht der Ariſtokrat, welcher, in dem Sumpf der Vorurtheile ſteckend, ſich zu deren Sclaven macht und dadurch verhindert wird, auf der lichten Bahn der Aufklä⸗ rung und Bildung zu wandeln.“ Während Stephana ſprach, hatte Hermanns Stirne ſich verfinſtert. Als ſie einen Augenblick anhielt, beharrte auch er in Stillſchweigen. „Sie litten geſtern unter dem Benehmen Ihrer Mutter gegen mich,“ begann Stephana wieder; „und Sie mißbilligten deren Hochmuth; aber, mein Gott, wie unbedeutend war das Leiden, welches hieraus entſprang, gegen die Wirkung, welche Ihre Handlungsweiſe auf Elins Leben gehabt haben mußte?— Sie fanden Ihre Mutter unzart und herzlos in ihren Worten. Graf Hermann, was war es gegen die Grauſamkeit, welche Sie begingen, als Sie eine junge unſchuldige Frau aus keinem andern Grunde, als weil dieſelbe gleich mir von geringer Geburt war, verſtießen?— Ihrer Mutter Beneh⸗ men war unverſtändig; das Ihrige— unverzeihlich.“ „Unverzeihlich!“ wiederholte der Graf, Stephana anſchauend;„und doch Madame, gaben Sie mir geſtern eine ſo freundliche Verſicherung Ihres Wohl⸗ wollens.“ Hermanns Ton war bitter. „Dieſe gebe ich Ihnen auch heute, Herr Graf,“ antwortete Stephana mit einem ſolchen Ausdruck von Güte und Milde in Blick und Ton, daß die Wolke auf Hermanns Stirne verſchwand. Eben⸗ darum, weil ich aus aufrichtigem Herzen Wohl⸗ wollen gegen Sie empfinde, rede ich mit Ihnen die ungeſchminkte Sprache der Wahrheit.— Es iſt die Pflicht des Freundes, uns unſere Fehler zu ſagen, und ich würde mich ſtolz und verſöhnt mit dem Le⸗ ben fühlen, wenn ich die Kraft beſäße, aus Ihrem ſonſt ſo ſtarken und rechtſchaffenen Charakter den dunkeln und häßlichen Flecken zu vertilgen, welchen Vorurtheil und Geringſchätzung gegen wirkliches Verdienſt darin zurückgelaſſen hat. Glauben Sie mir ein für allemal, daß was ich, ein geringes Kind aus dem Volke, zu Ihnen, dem Sohn der Hochge⸗ bornen, rede, aus einem warmen Verlangen hervor⸗ geht, den Sprößling eines geachteten Namens ſo achtungswerth zu machen, wie ein Mann von wah⸗ rer Ehre ſein ſoll. Möglicherweiſe wird es Ihnen vermeſſen von einer Frau vorkommen, daß ſie ſich zutraut, die Fehler eines Mannes verbeſſern zu können; aber Sie haben Unrecht. So gewiß als der Mann das Vermögen beſitzt, mächtig auf den Charakter der Frau einzuwirken, ſo wahr iſt es, daß die Frau, wenn es ihr gelingt, eines Mannes Ach⸗ tung zu gewinnen, einen großen Einfluß auf ſeine Denkart und ſelbſt auf die Richtung gewiſſer Cha⸗ rakterzüge ausübt. Als Ihre wirkliche Freundin ſchmeichle ich mir, auf Sie wenn auch in geringem Maße wirken zu können.“ „In geringem Maße! Ach, Madame, Sie wiſſen nur allzu wohl, daß Ihre Macht über mich groß, beinahe unbegrenzt iſt, weil Sie mich nicht allein durch Ihre Ueberlegenheit beherrſchen, ſondern faſt noch mehr dadurch, daß man vor den Tugenden, 49 welche die Frau ſo anbetungswürdig machen, das Knie beugen muß. Des Einfluſſes Ihres Geiſtes, Ihrer Schönheit würde man ſich vielleicht erwehren können, aber derjenige, welchen Sie durch Ihre Güte und durch Ihr warmes Gefühl für Alles, was recht und wahr iſt, ausüben, iſt ſo mächtig, daß man ſelbſt Ihre Mißbilligung beinahe mit Dankbarkeit aufnimmt, weil man erkennen muß, daß Sie Recht haben.— Wären alle Frauen ſo wie Sie, ſo wür⸗ den wir Männer beſſer ſein, als wir jetzt ſind,— denn ich weiß nur allzu wohl, wie ſehr die Frau in das geiſtige Leben eingreift und wie ſie es viel⸗ leicht iſt, welche demſelben ſeine Richtung gibt.— Reden Sie deßhalb die Sprache der Wahrheit mit mir und glauben Sie, daß ich, ſofern ich nur Ihres Wohlwollens gewiß ſein darf, Sie immerdar mit Erkenntlichkeit anhören werde. Sie wiſſen nur zu wohl, daß Ihre Worte einen unauslöſchlichen Eindruck auf meine Seele machen.“ „Unauslöſ ſchlich, Herr Graf?“ „Ja, denn Sie haben eine voll ſtändige Umwäl⸗ zung in meinen Vorurtheilen und in meiner Denk⸗ art hervorgebracht.“ 5*. „Das wird die Zukunft lehren.“ „Die Zukunft, ſagen Sie? Habe ich wohl eine ſolche?“ „Herr Graf, Sie ſind Mann, und als ſolcher können Sie wohl eine Frage dieſer Art ſtellen?“ Sie waren jetzt an dem Hof von Akersnäs an⸗ gekommen. Auf dem Heimweg gerieth das Seſpri öfters Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. I. 50 ins Stodken, ſo wie es ſich überhaupt um allgemei⸗ nere Gegenſtände drehte. „Warum iſt Herr Lange geſtern nicht in Kungs⸗ borg geweſen?“ fragte Hermann. „Er arbeitete den ganzen Abend mit ſeinem Zeichner,“ war die Antwort. „Kommt er heute Abend herüber?“ „Ja, ich habe ihn darum gebeten, um uns bei dem Beſuch des Barons und der kleinen Freifrau, die ſich für heute in Kungsborg anſagen ließen, be⸗ hülflich zu ſein. Sie überreden wohl die Frau Grä⸗ ſin, dieſen Abend meinen Salon gleichfalls zu be⸗ ehren?“ „Wollen Sie das?“ „Ja, gewiß.“ „Aber ein Dacapo von geſtern wäre minder an⸗ genehm und in Gegenwart fremder Perſonen für mich ungemein demüthigend.“ „Bedenken Sie, Herr Graf, daß ich es nicht auf mich beziehe; aber ich würde mich verletzt fühlen, wenn man glauben könnte, ich laſſe es jetzt, wo Je⸗ vermann zu ahnen glaubt, daß der Tod des Groß⸗ händlers H. unangenehme Folgen für Sie gehabt ſu an Aufmerkſamkeit gegen die Frau Gräfin ehlen.“ „Sie ſollen Ihren Willen haben; meine Mutter wird ſich einfinden.“ „Ich danke Ihnen.“ „Kommen noch mehr Fremde?“ „Der Seekapitän von Holm und der Paſtor mit Familie.— Sie wiſſen ja, daß ich für den jungen Seemann und ſeine Mutter ein wenig eingenommen 51 bin,“ ſetzte Stephana lächelnd hinzu,„und ich ſehe den rüſtigen, jungen Mann gern, welcher ſich vom Küchenjungen zum Schiffskapitän emporgeſchwungen und durch unermüdete Arbeit eine unabhängige Exi⸗ ſtenz ſich geſchaffen hat, wodurch es ihm möglich wird, nachdem er das kleine, reizende Holm erwor⸗ ben, den Winter bei Mutter und Schweſtern da⸗ heim zu bleiben. Jetzt, ſeitdem er ſeine eigene Scholle Landes beſitzt, hat er auch angefangen, dar⸗ an zu denken, daß die Seele gleichfalls ihrer Nah⸗ rung bedarf, und darum blieb er daheim, um durch Lektüre an ſeiner Ausbildung zu arbeiten. Das iſt juſt ein Mann nach meinem Geſchmack, ſo wie ich wünſchte, daß alle wären. Der Umgang mit mei⸗ nem lieben, lieben Jacobo wird Kapitän Rudolfi zu einem gebildeten Mann machen, denn Jacobo beſitzt die Gabe, welche Wenigen eigen iſt, nämlich ſeine eigenen Kenntniſſe Andern zu inoculiren. Der Graf ſchien nicht ſonderlich davon erbaut, die Lobpreiſungen, womit Stephana die beiden jun⸗ gen Männer überhäufte, anzuhören. Er ſchwieg und ſah zerſtreut aus. VI. Die Gäſte waren noch nicht angelangt, als Hel⸗ frid in den großen Salon trat. Er war leer. Sie ſetzte ſich an ein Fenſter; und die bleiche Wange, der unruhige Blick ſagte, daß ſie mit ſehr gemiſchten Gefühlen nach ihrer letzten Unterredung einem Zuſammentreffen mit Jacobo entgegenſah Sie 52 hatte ihn nicht geſehen, ſeitdem er von der Haupt⸗ ſtadt zurückgekehrt war. Von vdieſen Gefühlen ergriffen war ſie, nach der Gräfin Wunſch, vor dieſer erſchienen, denn ihre Mutter gedachte erſt am Abend die Geſellſchaft durch ihre Gegenwart zu verherrlichen. Den Kopf auf die Hand geſtützt, ſchaute Helfrid in den Garten hinaus und horchte mit hochklopfen⸗ dem Herzen auf das Geräuſch eines jeden Schrittes in den angrenzenden Zimmern. Plötzlich zuckte ſie zuſammen. Es war ſein Schritt. Im nächſten Augenblick hörte ſie ihn eintreten; aber es ſchien Helfrid eine Unmöglichkeit, ſich um⸗ zudrehen und deſſen klarem, mildem und durchdrin⸗ gendem Auge zu begegnen, nachdem er das Geheim⸗ niß ihres Herzens kannte. Sie blieb unbeweglich ſitzen, bis er, an ihrer Seite ſtehend, guten Tag ſagte. Helfrid war jetzt gezwungen, ſich umzuſehen und ihre Hand in die ſeinige, welche er ihr darbot, zu legen. Jacobo hielt ihre Hand in die ſeinige geſchloſſen und ſagte: „Fräulein Helfrid, ich blieb geſtern von Kungs⸗ borg bloß um Ihretwillen weg, obwohl ich ſchon am Morgen von meiner Reiſe zurückgekehrt war, denn ich fürchtete, durch meine Gegenwart Ihnen beſchwerlich zu fallen. Sagen Sie mir nun auf⸗ richtig, wird mein Anblick bei Ihnen allezeit dieſe läſtige Prüderie hervorbringen, welche ich jetzt auf Ihrem Angeſichte leſe? Wenn dem ſo iſt, ſo werde 53 ich nur zu ſolchen Stunden nach Kungsborg kom⸗ men, wo Sie nicht mit mir zuſammenzutreffen brau⸗ chen.— Glauben Sie mir, ich will jedes Opfer, das Sie wünſchen, darbringen, um Ihnen eine Qual zu erſparen.“ Jetzt erhob Helfrid ihre Augen zu ihm. Die Röthe, welche die Verlegenheit hervorgerufen hatte, verſchwand, und ſie antwortete, allerdings mit etwas unſicherer, aber doch ruhiger Stimme: „Dieſe Prüderie, wie Sie es nennen, wird nicht mehr wiederkehren. Sie wiſſen nur allzu wohl, daß Ihr Anblick für mich keine Plage iſt.“ „Wie wollen Sie denn, daß es zwiſchen uns ſein ſoll? Sie haben über mich zu gebieten. Wol⸗ len Sie, daß ich mich Ihnen mit der frühern Ver⸗ traulichkeit nähere?“ „Herr Lange, wir können niemals Fremdlinge für einander werden,“ fiel Helfrid lebhaft ein. „Ich danke Ihnen,“ erwiederte Jacobo, wäh⸗ rend in ſeiner Miene ſich Zufriedenheit ausſprach. „Ihre Antwort macht mich glücklich; ſie erfüllt eine meiner liebſten Hoffnungen; denn ſie beweist mir, daß Sie Vertrauen zu mir haben.“ Es entſtand eine kurze Pauſe. Jacobo ſetzte ſich auf einen Stuhl neben Helfrid. „Wie brachten Sie den Abend geſtern zu? Ich wußte, daß Sie beiſammen ſein würden,“ begann Jacobo, um Helfrid dadurch, daß er eine gleichgül⸗ tigere Converfation eröffnete, von allem Zwang zu befreien. „Ja, wir waren beiſammen, aber es machte ſich nicht ſehr unterhaltend,“ antwortete Helfrid, welche 54 mit einem eigenthümlich peinlichen Gefühl ſich des Benehmens ihrer Mutter erinnerte. „Ich unterhielt mich auch nicht zum beſten, denn ich fand es langweilig, nachdem ich von den lieben Freunden hier lang getrennt geweſen, deren Geſell⸗ ſchaft zu miſſen.“ „Sie haben ſo viele Mittel, um die Langeweile zu vertreiben, und ſollten alſo nicht davon heimge⸗ ſucht werden.“ „Sie haben Recht; ich leide auch ſonſt niemals an dieſem Uebel; aber der geſtrige Tag machte eine Ausnahme.“ „Und warum?“ „Weil ich an Sie dachte und Sie wiederzuſehen wünſchte, aber deſſen ungeachtet mir den Zwang auf⸗ erlegte, in Akersnäs zu bleiben. Die Folge dieſes Streites zwiſchen meinem Wunſche und meinem Vorſatze war, daß Alles, was ich unternehmen mochte, mir unerträglich vorkam. „Es iſt ja aber auch früher manchmal geſchehen, daß Sie von Kungsborg wegblieben, und da haben Sie ſich nicht hieher geſehnt. Dieß gibt mir zu der Beſorgniß Veranlaſſung, daß... Helfrid ſtockte. Sie begegnete Jacobo,s ehrli⸗ chen Augen, und was ſie zu ſagen beabſichtigte, kam ihr wie eine ungerechte Anklage vor. „Sie fahren nicht fort,“ ſagte Jacobo lächelnd, und ich fürchte, daß Sie eben im Begriff ſtanden, einen Gedanken auszuſprechen, welchen Sie ſelbſt bei näherer Ueberlegung als unrichtig erkannten. „Ich gebe es zu.“ 55 „Der Gedanke bewies kein ſonderliches Ver⸗ trauen zu mir.“ „Aber auch kein Mißtrauen.“ „O doch, gerade Mißtrauen. Sie hatten im Sinn zu ſagen: Ich fürchte, Sie ſagen nur ſo, um mir zu ſchmeicheln.“ Wiederum lächelte Jacobo ſo gutmüthig Helfrid zu, während er hinzuſetzte „Vergeſſen Sie nicht, Fräulein Helfrid, daß ich niemals, wenn ich rede, etwas Anderes als die Wahrheit ſage. Es kann wohl geſchehen, daß ich nicht immer ſage, was ich denke, aber es kommt nie⸗ mals vor, daß ich das Gegentheil davon ſage, oder daß ich, aus einem oder dem andern Grunde, um Andern zu ſchmeicheln oder zu Gefallen zu ſprechen, Gedanken oder Gefühle heuchle, die mir fremd ſind. Sie können ſtets meinen Worten glauben; kommt denſelben auch kein anderes Verdienſt zu, ſo haben ſie doch das der Wahrheit.“ „Das glaube ich auch treu und feſt; und was ich zu ſagen beabſichtigte, entſprang aus der Be⸗ ſorgniß Sie Wiederum ſtockte Helfrid und ſah Jacobo an. „Haben Sie die Güte, auszureden.“ „Daß Sie möglicher Weiſe aus Rückſicht auf meine Schwachheit mir zu verſtehen geben wollten, ich hätte einigen Werth für Sie.“ „Ich meinerſeits glaubte, mein Fräulein, Sie hätten längſt ſchon geſehen, daß dieß in Wirklichkeit ſich ſo verhält, und daß ich gern von Ihnen als Freund behandelt zu werden wünſchte. Weßhalb ich ganz beſonders geſtern mich darnach ſehnte, Sie zu 56 ſehen, hatte ſeinen Grund theils darin, daß ich vier⸗ zehn Tage von hier abweſend war, theils darin, daß unſer letztes Geſpräch entweder eine Annäherung oder eine abſolute Entfernung zwiſchen uns in ſich ſchloß. Ich wünſchte zu erfahren, wie Sie mich zu behandeln ſich vorgenommen hätten.“ „Konnten Sie wirklich an die Möglichkeit glau⸗ ben, daß ich Ihnen als einem Fremdling begegnen würde?“ „Der Stolz macht oft, was unmöglich iſt, möglich.“ „Es gibt ein Gefühl, welches mit ſeiner Macht auch das ſtolzeſte Herz beugt,“ flüſterte Helfrid. „Gott weiß es!— Sollten Sie zum Beiſpiet den Muth haben, ſich aus Liebe mit einem Bürger lichen zu vermählen?“ Jacobo's Auge weilte mit ruhigem Ausdruck auf Helfrid. 2. „Muth?“ entgegnete Helfrid traurig lächelnd; „dazu wäre kein großer Muth erforderlich; aber ich würde nicht das Recht dazu haben.“ 3 „Mein Fräulein, die Zeiten. ſind vorüber, wo das Geſetz die Liebe zwiſchen Perſonen aus dem Adel und dem Plebejerſtande mit einer Strafe belegte.“ „Ich habe kein moraliſches Recht dazu, denn eine ſolche Handlung würde meine Mutter ins Grab ſtürzen. Sie würde es mir niemals verzeihen.“ „Und Sie würden ſich für ein ſolches Vorur⸗ theil Ihrer Mutter aufopfern?“ „Ich weiß nicht, ob Sie Recht haben, wenn Sie es Vorurtheil nennen; aber wie dem nun auch ſein 57 5 mag, ſo iſt es Pflicht eines Kindes, ſich den Willen ſeiner Eltern zum Geſetz zu machen und nicht um ſeines Glückes willen deren Frieden zu opfern oder Kummer auf ihr Leben zu häufen. Jede Entſagung, welche ein Kind ſich für ſie auferlegt, iſt auf alle Fälle eine immer noch ſehr geringe Vergeltung für alle die Liebe, womit ſie das Kind überhäuft ha⸗ ben. Ich für meinen Theil könnte wohl ſterben, aber niemals aufhören, mich mit Ehrfurcht unter meiner Mutter Begriffe von dem, was recht iſt, zu beugen.— Sie iſt ja mein ganzes Leben lang und ſo weit ich zurückdenken kann, die Perſon geweſen, welche ich am höchſten auf Erden liebte; wie ſollte alſo eine jüngere Liebe mich beſtimmen können, meine erſte ſo zu vergeſſen, daß ich ſie für jene auf⸗ opfern ſollte? Unmöglich! Wenn es ſich um das Glück meiner Mutter und das meinige handelt, gibt es für mich keine Wahl.“ „Stephana hat Recht. Sie ſind eine bewun⸗ dernswürdige Tochter. Selbſt wenn in Ihrer Auf⸗ faſſung Manches liegt, was nicht wahr iſt, ſo er⸗ ſcheint ſie doch in allen Fällen ſo ſchön und ſo voll Ergebenheit, daß ich dieſelbe nicht blos hochachte, ſondern auch bewundere.“ „Eben darum liebt er mich nicht,“ dachte Helfrid; aber als ob Jacobo dieſen Gedanken in ihrer Seele geleſen hätte, ſetzte er hinzu: „Wenn ich ein Mädchen noch ſo hoch und leiden⸗ ſchaftlich liebte, möchte ich doch um keinen Preis der Welt mir deren Beſitz dadurch erkaufen, daß ſie damit den Willen ihrer Mutter übertreten, oder dieſer Mutter den geringſten Kummer bereiten ſollte. 58 Lieber würde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen, als eine ſolche Schuld auf mein Gewiſſen laden.“ Hier wurde das Geſpräch durch Stephana unter⸗ brochen, und kurz darauf trat der Graf ein.— In einer Stunde war der ganze Saal voll von Gäſten. Die Freifrau von T., eine entzückende, lebhafte und geiſtreiche Wittwe ſchien nur Augen für Jacobo zu haben. Baron Skiöld war eitel Aufmerkſamkeit gegen Helfrid und die einnehmende Wirthin, welche ſpäter der Gegenſtand aller Huldigungen zu ſein ſchien, denn ſie war ſo reich, daß Niemand ſich mit ihr meſſen konnte. Stephana dagegen benahm ſich mit einer ſo einfachen Würde, daß man deutlich ſah, wie ſie auf die Artigkeiten der Hochgebornen keinerlei Werth legte. Ihr verbindlichſtes Lächeln und ihre herzlichſten Worte widmete ſie der wirklich liebenswürdigen Familie des Seekapitäns. Dieſelbe beſtand aus der Mutter, Wittwe eines Seekapitäns, zwei einnehmen⸗ den Mädchen zwiſchen neunzehn und einundzwanzig Jahren, ſammt dem Sohn, dem jungen Kapitän, einem Mann von achtundzwanzig Jahren mit einem friſchen, offenen und ſtattlichen Aeußern und einfachen, angenehmen Manieren. Jedermann bemerkte das, und wer von Adel war, nahm es für Geldſtolz. Der Abend war weit vorgeſchritten, als die Gräfin, welche jetzt ſich ziemlich wohl befand, eintrat. 59 Stephana ging ihr auf halbe Länge des Solons entgegen, und Hermann bemerkte, daß ſie während dieſer wenigen Schritte mehrmals die Farbe wechſelte. Sein Auge hing feſt an Stephana's Angeſicht, als ob er darin leſen wollte, wie ſie ſeine Mutter be⸗ grüßen würde. Mit einem ebenſowohl einnehmenden als herz⸗ lichen Ausdruck hieß ſie die Gräfin willkommen, welche gerade wie an den früheren Tagen dieſen Gruß ſo hochtrabend erwiederte, daß Jedermann in dem ganzen Weſen derſelben zu erkennen vermochte, wie ſie eben Stephana für eine Perſon anſah, welcher ſie es unter ihrer Würde hielt etwas Anderes als eine kalte und abgemeſſene Höflichkeit zu erweiſen. Das höchſt Anſtößige, welches in der Art und Weiſe der Gräfin lag, ſchien an Stephana abzu⸗ gleiten und nicht einmal im Stande zu ſein, eine einzige Muskel in ihrem Angeſichte zu verändern. Ihr Benehmen gegen die Gräfin blieb ſich gleich, nur mit dem Unterſchiede, daß Stephana, nachdem ſie die Pflicht der Begrüßung der Gräfin erfüllt hatte, ſich zurückzog und nicht mehr mit der vor⸗ nehmen Dame beſchäftigte. Die Gräfin war in einem ganz ſteifen und lang⸗ weiligen Geſpräch mit Baron Stiölds Mutter be⸗ griffen, als ihre Aufmerkſamkeit ſich auf die Worte richteten, welche zwiſchen Jane und der Probſtin ge⸗ wechſelt wurden, die ſehr intime Freundinnen ge⸗ worden waren und eben ganz vertraulich mit ein⸗ ander plauderten. „Alſo, es kommen dieſen Sommer viele Fremde hieher; und Du glaubſt, meine liebe Jane, daß wir 60 noch vor dem Herbſte hier auf Kungsborg Hochzeit haben werden?“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt, denn, ſiehſt Du, ſchon in Barthen war Lord Charter ſo verliebt in Stephana, daß ich glaubte, er würde ſie mit Gewalt entführen; aber vermuthlich gab ihm Stephana damals ein beſtimmtes Verſprechen, denn er reiste ab; und bei unſerer Ankunft in London war der Lord der erſte, welcher uns empfing; auch ſollten wir in keinem Hotel logiren, ſondern wohn⸗ ten die ganze Zeit bei der Mutter des Lords, einer höchſt liebenswürdigen Dame. Sie iſt eine geborne Herzogin H. Als wir England verließen, wurde ausgemacht, daß der Lord dieſen Sommer mit Elin Romarhjerta hieher kommen ſollte.“ „Elin Romarhjerta, liebe Jane, wer iſt das? Sie iſt wohl mit unſerem Grafen verwandt, denn es gibt nur eine Familie Romarhjerta in Schweden.“ „Sehr möglich, ich weiß Nichts davon. Mir iſt nur ſo viel bekannt, daß Elin und Stephana ſehr gute Freundinnen ſind, und daß ſie hieher kommt, wahrſcheinlich um Stephana's Hochzeit anzuwohnen.“ „Aber aus welchem Grunde glaubſt Du denn ſo ſicher, daß der Lord und Frau Stephenſen ein Paar werden?“ „Ah, das iſt mir ganz klar. Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß Stephana nicht ſo verſchloſſen gegen mich iſt, um mich nicht dieß und jenes wiſſen zu laſſen, obwohl es natürlich nicht angeht, daß ich dergleichen wieder ausplaudere. Das iſt gewiß, daß es hier noch vor dem Herbſt eine Hochzeit gibt.“ „Haſt Du von dem Unglück gehört, welches mit 61 dem Großhändler H. ſich ereignete?“ fragte jetzt die Probſtin.„Frau Stephenſen hat ja Geld bei ihm ſtehen gehabt, ſagte der Hüttenverwalter.“ „Ich glaube, es war ſo; aber das hatte für ſie Nichts zu bedeuten, wenn ſie auch verlor; anders verhält es ſich mit der gräflichen Familie.“ „Ja, die hat Alles verloren, was ſie noch beſaß.“ „Still, man darf nicht davon reden,“ mahnte, Jane, welche bemerkte, daß die Gräfin horchte. Die ſtolze Dame lehnte ſich in die Sophaecke zurück; ſie war ſehr bleich geworden und in Ge⸗ danken verſunken, während die Freifrau Skjöld in halb flüſterndem Tone ſich über Stephana's Geld⸗ ſtolz ausließ, welcher zur Folge hatte, daß man ordentlich ihr den Hof machen mußte, um nachbar⸗ lichen Umgang mit ihr pflegen zu dürfen. Die Freifrau beſchrieb dann weiter, wie unmög⸗ lich es wäre, mit Stephana ſich auf einen vertrau⸗ lichen Fuß zu ſtellen, da ſie ſich gleichſam hinter ihrem Reichthum zu verſchanzen pflege.“ „Endlich ſagte die Gräfin mit einiger Ungeduld: „Der Fehler, meine Liebe, liegt eben darin, daß der Adel mit dergleichen Emporkömmlingen zu viele Umſtände macht und ſie aufſucht. Sie ſind es, welche uns aufſuchen ſollten, aber in unſerer Zeit iſt es ſo ſchlimm geworden, daß der Adel alles Gefühl ſeiner Würde verloren hat. „Meine beſte Gräfin, Du vergiſſeſt, daß wir leider in einer Zeit leben, wo das Geld die Haupt⸗ rolle ſpielt, und der beſte Beweis davon iſt, daß Graf Romarhjerta bei Frau Skephenſen den erſten Inſpektor macht, und daß Du ſelbſt ihr Gaſt biſt. 62 Die Freifrau verſetzte mit Wohlbehagen ihrer ſtolzen Freundin dieſen Hieb; dann erhob ſie ſich und verließ die Gräfin, erfreut, deren Bemerkung dadurch bezahlt zu haben, daß ſie dem Romarhjerta⸗ ſchen Hochmuth eine tödliche Wunde geſchlagen hatte. Die Gräfin bekam hierauf einen Anfall von Huſten, und als Stephana herzutrat, um ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen, empfand die Gräfin bei dem Gedanken an die Worte der Freifrau eine ſolche Erbitterung gegen ſie, daß ſie ſich nicht ein⸗ mal ſo weit beherrſchen konnte, um wenigſtens mit kalter Höflichkeit zu antworten, ſondern blos bemerkte: „Haben Sie die Güte, ſich nicht mit mir zu be⸗ ſchweren, Madame. Stephana's Miene veränderte ſich nicht im Min⸗ deſten, und da ſie aufſchaute, begegnete ſie Hermann's Blick, welcher mit einem traurig bittenden Blick ſie gleichſam um Verzeihung für ſeine Mutter anzu⸗ ſprechen ſchien. Sie antwortete mit einem Lächeln, welches be⸗ deutete: „Ich habe Ihnen ja geſagt, daß NRichts mich zu verwunden oder zu demüthigen vermag.“ Ein Glas Zuckerwaſſer ſtillte den Huſten der Gräfin, und während der Arzt ſich an ihrer Seite niederließ und eine intereſſante Abhandlung über Reiſen in warmen Himmelsſtrichen und deren wohl⸗ thätigen Einfluß auf eine ſchwache Bruſt hielt, be⸗ gab ſich die übrige Geſellſchaft in die Gemälde⸗ gallerie, um die ausgezeichnete und zahlreiche Samm⸗ kung in Augenſchein zu nehmen. 63 Nach einer Weile kam ſie wieder in den Salon herunter. „Es war ſehr ſchade, daß alle Familienportraits ein Raub der Flammen wurden,“ bemerkte der Ba⸗ ron gegen Hermann. „Ja, es war ein ſchmerzlicher Verluſt,“ fiel die die Gräfin ein,„denn er iſt nicht mehr zu erſetzen.“ „Ein Bildniß iſt indeſſen noch vorhanden, wie ich ſah,“ fuhr der Baron fort, indem er neben der Gräfin Platz nahm. „Meines Wiſſens wurde Nichts gerettet.“ „Frau Stephenſen hat aber noch eins, welches in der Gemäldegallerie hängt,“ fiel die Freifrau ein. „Welches denn, wenn ich fragen darf?“ ſagte die Gräfin, indem ſie den Kopf zurückwarf und Ste⸗ phana mit einem herausfordernden Blick anſah. Sie war darauf gefaßt, Elins Namen zu hören. „Es iſt das Portrait der Gräfin Gunilla Ro⸗ marhjerta, welches ich in meinem Beſitz habe,“ ant⸗ wortete Stephana;„der Herr Graf erwies mir die Artigkeit, es mir zu überlaſſen, weil ich an der Schönheit des Angeſichts Wohlgefallen fand.“ „Ah ſo; Gunilla iſt niemals als eine Angehörige der Familie Romarhjerta betrachtet und niemals als eine ſolche anerkannt worden.— Kennen Sie deren Geſchichte, Madame?“ ſetzte die Gräfin mit ſcharfem Ton und direct gegen Stephana gewendet hinzu. „Nein, ich habe nur gehört, ſie ſei ſehr unglücklich geweſen, was im Verein mit ihrer Schönheit zur Folge hatte, daß ich mich für das Portrait in⸗ tereſſirte.“ „Ich habe ſchon als Kind von dem Schlafzimmer der Gräfin Gunilla hier im Schloſſe erzählen hö⸗ ren,“ fiel die alte Freifrau Skjöld ein;„aber ihrer Geſchichte kann ich mich nicht mehr erinnern.“ „Da bin ich glücklicher,“ bemerkte der Probſt, „denn ich habe ſie gehört; die Gräfin Gunilla ſoll urſprunglich eine arme Fiſcherstochter geweſen ſein.“ „So viel habe ich auch auch vernommen,“ äußerte Stephana;„aber etwas Weiteres über ſie ſcheint Niemand zu wiſſen.“ „Außer mir,“ fiel die Gräfin wieder ein;„und wenn Sie Luſt haben, Madame, ſo will ich Ihnen das Schickſal dieſer Gunilla erzählen. Es iſt ſehr lehrreich für Jedermann, der glaubt, daß man un⸗ geſtraft mit der Achtung vor einem alten, geehrten Namen ſpielen darf. Vielleicht macht es Ihnen Unterhaltung, dieſelbe zu hören?“ Die großen Augen der Gräfin waren mit einem en harten Ausdruck auf Stephana ge⸗ richtet. Stephana ſchaute ſie dagegen mit einem ſo ruhigen und ernſten Blicke an, daß die Gräfin den ihrigen ſenkte, als jene einfach zur Antwort gab: „Ja, Frau Gräfin, das würde mich wirklich in⸗ tereſſiren.“ „Eine ſolche Erzählung kann aber ſchwerlich die ganze Geſellſchaft intereſſiren, und Frau Stephenſen hat ſo manche andere Gelegenheit, dieſelbe zu hören,“ fiel Hermann ein. Aber nunmehr verſicherte die ganze Geſellſchaft, daß ſie ſich höchlich dafür intereſſire, und die Folge davon war, daß die Gräfin, obwohl mit einiger Beſchwerde, die Erzählung begann, welche eine leb⸗ hafte Farbe auf ihren abgezehrten Wangen hervor⸗ rief. Es lag etwas Fanatiſches in dem fieberhaften Bli. „Im Jahre 1720 war der Reichsdroſt Romar⸗ hjerta der Hauptrepräſentant und Beſitzer des ganzen Vermögens dieſer edeln Familie. „Er hatte zwei Söhne und eine Tochter. Der älteſte, Graf Carl, war von unglücklicher, phantaſti⸗ ſcher Gemüthsart mit wilden, unbeugſamen Leiden⸗ ſchaften. Er machte zu der oben erwähnten Zeit eine Reiſe nach dem Continent und hielt ſich mehrere Jahre in Frankreich auf. „Plötzlich entſtund das Gerücht, daß Carl, Fidei⸗ commißerbe und künftiges Haupt der Familie, in der Bretagne ſich mit einer armen Fiſcherstochter verheirathet habe und dort ein Hirtenleben führe. „Dem Reichsdroſten kam das Gerücht ſo fabel⸗ haft vor, daß er keinen Augenblick daran glaubte; und dieß war auch ganz natürlich, denn wie konnte er ſich denken, daß ein Graf Romarhjerta einen der edelſten Namen, welchen inſonderheit jedes Mitglied der Familie mit Achtung und Stolz getragen hatte, bis zu einem ſolchen Grad erniedrigen könnte? Bis ſetzt war noch kein Beiſpiel vorgekommen, daß ein Romarhjerta auch nur verſucht hätte, auf ſeinen edeln Stamm ein unebenbürtiges Reis zu pfropfen. „Einige Zeit nachdem das oben erwähnte Gerücht ſich verbreitet und bereits wieder verloren hatte, kam ein Brief aus Paris an den Reichsdroſt an. Der⸗ ſelbe war von einem Couſin der jungen Grafen ge⸗ ſchrieben. Dieſer Brief enthielt die traurige Be⸗ ſtätigung, daß Carl Romarherta die Achtung vor Schwartz, Der Mann von Geburt zc. M. 66 ſich ſelbſt und ſeinem Geſchlecht ſo weit vergeſſen hatte, um ſich wirklich mit einer bretagniſchen Fiſchers⸗ tochter zu verheirathen. Der Schlag war ſo uner⸗ wartet für den Reichsdroſt, und die Schande ſo groß, daß er ſogleich beſchloß, ſich an den König zu wen⸗ den und das Fideicommiß aufheben zu laſſen, denn er hatte im Sinn, ſeinen Sohn zu enterben. „Leider ging dieß nicht in Erfüllung, und es wurde kein warnendes Beiſpiel ſtatuirt, denn den unglücklichen Vater traf der Schlag, und er konnte nur noch ſeinen beiden Kindern und ſeiner Gattin einen heiligen Eid abnehmen, daß ſie niemals die Frau des Sohnes anerkennen und weder öffentlich noch privatim ihr eines der Rechte, welche einem Anverwandten zukommen, einräumen, ſondern in ihr nur die Fiſcherstochter ſehen wollten. „Dieſes Verſprechen gaben ſie aufs Feierlichſte, worauf der Reichsdroſt ſeinen letzten Seufzer aus⸗ hauchte.“ Ein kurzer Anfall von Huſten, welcher durch das viele Sprechen hervorgerufen wurde, unterbrach die Erzählung der Gräfin, ſo daß ſie eine geraume Zeit dieſelbe nicht wieder aufzunehmen vermochte. Stephana ſaß in ihrem Fauteuil zurückgelehnt der Gräfin gegenüber, ſo unbeweglich, daß ſie einer Bildſäule glich. Ein leichter Schatten ruhte auf der bleichen Stirne, und die Augen waren mit einem matten, nachdenklichen Ausdruck auf Jacobo geheftet, welcher in einem Heft blätterte, deſſen Kupferſtiche er mit der gleichgültigſten Miene von der Welt betrachtete. Hermann's Augen waren auf Stephana gerichtet. Bei den übrigen Zuhörern hatte die Erzählung 67 je nach der Verſchiedenheit des Charakters und der geſellſchaftlichen Stellung einen verſchiedenen Eindruck hervorgebracht. Helfrid ſaß ſo aufrecht und kalt da, den Kopf auf die Arbeit niedergebeugt, als ob die Worte der Mutter die Kraft beſeſſen hätten, ſie zu verſteinern. „Es iſt doch merkwürdig, wie der Hochmuth das Herz vertrocknen und den Menſchen zur Grauſamkeit verleiten kann, wenn Jemand auf ſeinem Sterbebett, in dem Augenblick, da er im Begriff iſt, vor Gottes Angeſicht zu treten, keinen andern Gedanken hegt, als Zwietracht und Haß in den Herzen der Ueber⸗ lebenden auszuſtreuen,“ bemerkte Jacobo mit ſeiner wunderbaren klaren Stimme.—„Ein trauriger Be⸗ weis dafür, wie ſchlecht wir im Allgemeinen unſer Chriſtenthum auffaſſen und verſtehen.“ „Aber,“ entgegnete der Baron,„man muß jene Handlung nach der Zeit und nach dem hohen Be⸗ griffe, welche der Adel damals von ſeinen Vorzügen und ſeiner Würde hatte, beurtheilen.“ „Glauben Sie, Herr Baron, daß der Hochmuth in unſern Tagen minder unheilbringend ſei?“ fragte Jacobo. „Ja, das glaube ich allerdings, denn mit dem Fortſchritt der Civiliſation und Humanität ſind auch dieſe, wie alle unſere Inſtinkte modificirt worden.“ „Im Allgemeinen, ja; aber wo er bei dem In⸗ dividuum auftritt, da iſt und bleibt er auch eines der herzloſeſten und ſelbſtſüchtigſten Gefühle. Es gibt keine unter unſern Leidenſchaften, welche uns zu größern Verbrechen treibt, als der Hochmuth; keine, welche durch ihre Rückwirkung auf Glück 68 und die Wohlfahrt Anderer einen betrübendern Ein⸗ fluß ausübt. Es iſt ein jedes Chriſten unwürdiges Gefühl.“ Die Gräfin holte tief Athem, und Jedermann, welcher die edle Dame kannte, ſah ein, daß Jacobo ſich eben unverzeihlich verſündigt hatte, und ſo ſtark war die Gewohnheit, der Familie Romarhjerta mit einer gewiſſen Unterthänigkeit zu begegnen, daß man Jacobo unentſchuldbar keck fand. „Nur derjenige, welcher nicht verſteht, daß der Adel von den Auserwählten der Nation ausgegan⸗ gen iſt, kann dieſen Stolz mit dem Namen Hochmuth bezeichnen,“ entgegnete die Gräfin ſcharf.„Ueberdieß iſt es mit dem Blut des Adels wie mit dem könig⸗ lichen; will man, daß es ſeine Reinheit beibehalten ſoll, ſo muß man vermeiden, es mit ſolchem zu miſchen, welches noch keine Veredlung durchgemacht hat.“ Abermals hinderte der Huſten die Gräfin, weiter zu reden. „Fern ſei es von mir, Ihnen widerſprechen zu wollen, Frau Gräfin,“ fiel Jacobo mit ſeinem ern⸗ ſten und milden Lächeln ein, welches etwas eigen⸗ thümlich und unbewußt Ueberlegenes hatte.„Aber die Behauptung, daß das Blut des Adels reiner als das Anderer ſei, dürfte mit Grund als unaus⸗ gemacht betrachtet werden. Auch iſt es ganz un⸗ richtig, anzunehmen, daß der Adel von dem, was die Ration Edelſtes beſaß, ausgegangen. Urſprüng⸗ lich waren es Eroberer, welche ſich zu Herren der Unterdrückten aufwarfen, und das Schwerdt war es, welches den Edelmann machte, nicht ſeine höhere 69 menſchliche Würde. Der Unterdrücker maßte ſich die Gewalt über den Unterdrückten an, darum daß er die Stärke auf ſeiner Seite hatte; er hat den Schwä⸗ chern gezwungen, in ihm ein vollkommeneres und von Gott auserkornes Weſen zu ſehen, obwohl er durch Blut und Verbrechen ſich eine Suprematie gegründet hatte. Dieß iſt der Grund, auf welchem der Adel erwuchs; aber er geht keineswegs von einem höhern moraliſchen oder intellektuellen Werthe aus, ſondern viel eher von dem Recht der rohen Gewalt. Entſpränge er aus einer reichern geiſtigen Entwicklung, dann würden die Repreſentanten deſſel⸗ ben ſich durch edle, erhabene und vor allen Dingen wahrhaft chriſtliche Tugenden auszeichnen; aber dieß iſt Etwas, deſſen die Ariſtokratie keines Landes ſich rühmen kann.“ Es trat Stillſchweigen ein. Die Gräfin, ermüdet von dem Huſten und ärger⸗ lich über das, was Jacobo geſagt hatte, lehnte matt ihr Haupt an die Sophalehne, denn die Schwierig⸗ keit des Athemholens hinderte ſie auf einen Augen⸗ blick am Sprechen, und Jedermann in der Geſell⸗ ſchaft ſah ein, daß das Geſpräch eine Wendung ge⸗ nommen hatte, welche leicht in perſönliche Unan⸗ nehmlichkeiten übergehen konnte. Stephana's matter und nachdenklicher Blick hatte unter den Worten Jacobo's Leben empfangen, und ein Feuerſtrahl ſprühte aus ihren Augen, als es den ſeinigen begegnete. Hermann hatte dieſen Blick noch nie ſo warm geſehen; ſie dankte Jacobo gleichſam mit den Augen. Das Blut ſtieg dem Grafen in den Kopf, und er 70 gab ſich ſo manchem unedeln Gedanken hin, daß es nicht der Mühe verlohnt, ihn hier aufzuzeichnen; aber der Schluß davon war dieſer: „Sie liebt ihn von ganzer Seele, obgleich ſie es gegen mich in Abrede zog.“ Nach einer Pauſe nahm die Gräfin die abge⸗ brochene Erzählung wieder auf, ungeachtet Jeder⸗ mann die Beſorgniß ausſprach, daß es ſie allzu ſehr anſtrengen würde. „Ein Jahr nach des Vaters Tod kehrte Graf Cart mit der Frau, welche er zu ſeiner Gattin er⸗ höht hatte, zurück. Er reiste ſogleich hieher nach Kungsborg, wo ſeine Mutter ihn mit dem letzten Gruß des Vaters empfing, nämlich: daß er in das Grab geſtiegen, ohne ſeinen Sohn zu ſegnen, und daß das ganze Geſchlecht geſonnen ſei, ihm alle Freundſchaft aufzukündigen, wenn er ſich nicht von der ſeiner unwürdigen Gattin ſchiede. „Daß die Gräfin gegen Gunilla erklärte, ſie würde niemals ſich dazu herbeilaſſen, ſie als Tochter anzuerkennen, verſteht ſich von ſelbſt. Da Graf Carl ſeiner Mutter verſicherte, und wenn die ganze Welt ihn verſtöße, würde er doch nie von Gunilla laſ⸗ ſen, ſo reiste die Gräfin von Kungsborg ab, denn ſie wollte nicht mit ihrer Schwiegertochter unter einem und demſelben Doche weilen. „Ein paar Jahre vergingen, während welcher Graf Carl ganz eingezogen lebte. Wenn auch die Leidenſchaft auf eine kurze Zeit unſer beſſeres Ge⸗ fühl zum Schweigen zu bringen vermag, ſo hält dieß doch nicht auf die Länge an, inſonderheit wenn man, wie Graf Carl, durch äußere Demüthigung 71 gebrlih an den begangenen Fehltritt erinnert wird. „Er erwachte endlich zu dem klaren Bewußtſein des Schimpfes, welchen er ſich und ſeinem Geſchlechte angethan hatte, und Gunilla's Schönheit konnte ihn nicht mehr mit dem Gedanken ausſöhnen, daß er ſich, von ſeinen nächſten Verwandten verlaſſen ſah. „Bald wurde Gunilla's Anblick ihm zur Plage, denn er ſchloß die unaufhörliche Erinnerung in ſich, daß er durch ſeine Verheirathung ſich überall ſchlecht angeſchrieben hatte, ſelbſt am Hofe, wo er nicht gern geſehen wurde. Er verließ Kungsborg, um mit ſeiner Mutter eine Verſöhnung zu Stande zu brin⸗ gen; aber da dieß ihm weder bei ihr, noch bei ſeinen Geſchwiſtern gelang, ſo kehrte er wiederum hieher zurück, mit der Strafe an ſeiner Seite von Reue verzehrt zu werden. „Abermals verging einige Zeit. Gunilla gebar einen Sohn, und als die Mutter von Graf Carl hievon unterrichtet wurde, legte ſie ſchriftlich die ein⸗ zige Frage ihrem Sohn vor: „Soll der Sohn der Fiſcherstochter das Haupt der Familie Romarhjerta nach Dir werden?“ „Graf Carl's Vaterfreude war damit verſchwun⸗ den, denn er ſah ein, daß die Schmach der niedrigen Herkunft der Mutter ſich auf ſeinen Sohn vererben würde. Er verſank in eine tiefe Düſterheit und wich ſorgfältig dem Anblick von Gunilla und ihrem Kinde aus. „Nach einigen Monaten kam die Gräfin plötzlich in Kungsborg an. Sie kam, um ihrem Sohn ein Mittel anzudeuten, ſich ihre Verzeihung zu erkaufen 72 und ſich mit der Familie, dem Adel und dem Hofe zu verſöhnen. „Graf Carl ergriff den Vorſchlag mit Begierde. Derſelbe lief auf eine Eheſcheidung hinaus. Die Gräfin ſetzte ihm die Lage der Dinge auseinander und bewies ihm, daß wenn er durch Ausſetzung eines genügenden Unterhalts oder ſogar durch Abtretung eines Theiles von ſeinem Vermögen ſich von Gu⸗ nilla befreien könnte, er hiezu verpflichtet wäre. Die Gräfin erklärte ihm, daß dergleichen Perſonen ſich in der Regel glücklich ſchätzen, wenn ſie nur zeit⸗ liche Vortheile davon tragen, und daß Reichthum ſie für jeden Verluſt tröſte. „Graf Carl hatte ſelbſt ſchon oft an die Mög⸗ lichkeit einer Auflöſung dieſer unnatürlichen Ehe ge⸗ dacht. Nun hegte er Bedenken wegen des Sohnes; aber die Gräfin erklärte ihm, daß es grauſam wäre, die Mutter ihres Kindes zu berauben; vielmehr müßte er ihr geſtatten, daſſelbe nach der Bretagne mitzunehmen, und dort unter ihrem, nicht ſeinem Na⸗ men zu einem rechtſchaffenen Mann zu erziehen, jedoch unter der Bedingung, deß ſie niemals im Intereſſe ihres Sohnes auf den Namen Romarhjerta Anſpruch mache. „Nachdem Graf Carl und die Gräfin Alles aufs Beſte und Klügſte arrangirt hatten, übernahm es die letztere, Gunilla mit dieſem Vorſchlag bekannt zu machen. „Dieſe bewohnte die Hälfte des obern Stockwerks und verließ ſelten ihr Zimmer, weil ſie wußte, daß ihr Mann ſie ungern ſah. „Was zwiſchen der Gräfin und ihr vorfiel, da⸗ 73 von kann ich keinen nähern Nachweis geben, als daß Gunilla nach einſtündiger Unterredung in das Zim⸗ mer ihres Mannes trat und ihn fragte, ob er wirk⸗ lich die Abſicht hätte, ſie und ihr Kind zu ver⸗ ſtoßen. „Bedenken Sie, meine Herrſchaften, daß ſie eine Franzöſin und überdieß ſchön, ſomit eine im höchſten Grad gefährliche Frau war. Genug, alle edeln Vorſätze des Grafen Carl wurden wieder über den Haufen geworfen, und die Gräfin mußte zum zwei⸗ ten Mal ihren Sohn in Folge des Einfluſſes von jener Frau verloren geben. Die mit Recht erbitterte Mutter reiste von ihrem ſchwachen und bedauerns⸗ werthen Sohne fort. „Gunilla's Sieg führte jedoch zu keinem günſtigen Reſultate. Neue Unannehmlichkeiten, welche Mutter und Bruder über den Grafen Carl verhängten, und welche ihn unaufhörlich verwundeten und demüthig⸗ ten, verſenkten ihn wiederum in eine grübelnde und trübe Gemüthsſtimmung. „Er begab ſich nach der Hauptſtadt, um Zer⸗ ſtreuung zu ſuchen, aber hier traf er mit Mutter und Geſchwiſtern zuſammen, und dieſe ließen ihn bei jeder Gelegenheit den Schimpf entgelten, welchen er durch ſeine Heirath über die Familie gebracht hatte. Ueberall ſtieß er auf Demüthigungen, und die könig⸗ liche Familie, welche ſtets den Grafen Romarhjerta wohlgeneigt geweſen war und beſonders Carls Bruder große Gunſt erzeigt hatte, gab ihm auf eine ſehr beſtimmte Weiſe zu erkennen, daß er in Ungnade gefallen war. „Er kehrte nach Kungsborg noch düſterer zurück, 74 als er es verlaſſen hatte, und einige Monate ſpäter ging ſeine Düſterheit in Wahnſinn über. „Nun übernahm der Bruder die Leitung der An⸗ gelegenheiten, und man maochte Gunilla den Vorſchlag, ſich von ihrem Mann zu ſcheiden; aber ſie hatte keine Luſt, dem gräflichen Titel zu entſagen, und beſtand hartnäckig darauf, ihren Mann zu pflegen, bis es eines Nachts gelang, dieſen Mann von Kungsborg hinwegzubringen und hernach ins Ausland zu ſchaffen. „Einige Zeit hernach ſtarb das Kind, und die Mutter nahm ſich dieß ſo ſehr zu Herzen, daß ſie die Schwindſucht bekam „Und auch ſtarb,“ fiel Stephana ein, mit un⸗ beweglichem Blick und ohne ihre Stellung zu ver⸗ ändern,—„ſtarb an den Leiden, mit denen man ſie ſchonungslos überhäuft hatte. Sie war erſt fünf⸗ undzwanzig Jahre alt, gut, ſchön und tugendhaft, eine vollkommene Märtyrerin.... „Märtyrer, Modame, nennt man Denjenigen, welcher unſchuldig leidet; aber dieſe Frau erlitt die gerechte Strafe dafür, daß ſie ſich unterſtanden hatte, ihre Gedanken und Wünſche bis zu einer Grafenkrone zu erheben. Auf jede Uebertretung der Kaſte, wel⸗ cher wir angehören, folgt Strafe. Es iſt in der Geſellſchaft, wie in der Natur; wir müſſen uns unter deren Geſetze beugen und uns innerhalb der beſtehenden Schranken halten, wenn wir nicht als Opfer unſerer Ueberhebung fallen wollen. Es iſt unſere Pflicht, zu reſpektiren, was über uns ſteht, und nicht, es zu uns herabzuziehen.— Ich weiß Alles, was Sie, wie Herr Lange, ſagen können, und was die Sprache der Jetztzeit iſt, aber Sie 75 mögen entſchuldigen, daß dieſe IJdeen mir etwas ſchief erſcheinen. Wenn der Adel nicht aus allgemein als überlegen anerkannten Perſonen beſtünde, oder richtiger geſagt, eine veredelte Race bildete, würde dann das Volk und die ganze Nation ihm die Ver⸗ ehrung, wie geſchieht, ſchenken, und würden dann wohl die, weiche ſo laut dagegen ſprechen, Alles, was in ihren Kräften ſteht, anwenden, um in ver⸗ wandtſchaftliche und freundſchaftliche Verbindungen mit ihm zu gelangen?— Nein, man würde uns dann in Frieden laſſen und nicht ſo hartnäckig, wie es nunmehr der Fall iſt, aufſuchen.“ „Möglich, daß Sie Recht haben, Frau Gräfin,“ antwortete Stephana lächelnd,„und ſelbſt wenn Sie Unrecht hätten, könnte es mir nicht einfallen, in Gegenwart von ſo vielen, dem Adel angehörigen Perſonen Sie zu widerlegen. Ich würde dadurch Manche von der Geſellſchaft verletzen, und obwohl ich ein Kind des Volkes bin, hege ich für die Ge⸗ fühle eines jeden Menſchen allzu große Achtung, als daß ich in einer öffentlichen Geſellſchaft irgend Je⸗ mand durch meine Ausdrücke zu nahe treten möchte.“ Stephana wandte ſich jetzt mit jener ungeſuchten Anmuth, welche ihr ſo eigenthümlich war, zu der kleinen verwittweten Freifrau und bat ſie, etwas Muſik hören zu laſſen, wodurch alle weitere Dis⸗ cuſſion abgeſchnitten wurde. Sie hatte der Gräfin eine ſcharfe Zurechtweiſung gegeben; aber Jedermann mißbilligte im Stillen die Worte, welche die hochmüthige Dame ſich hatte ent⸗ fallen laſſen, und welche nicht allein für Stephana, ſondern auch für alle bürgerlichen Perſonen, die ſich 76 in der Geſellſchaft befanden, verletzend geweſen waren. Auch entfernte ſich die Gräfin eine Weile her⸗ nach, durch ihren beſchwerlichen Huſten und die bit⸗ tern Gefühle, welche ſie beherrſchten, hiezu veranlaßt. Helfrid begleitete die Mutter. Während die Freifrau ſang, ſetzte ſich Hermann zu Stephana auf den kleinen Sopha und ſagte: „Sie haben es ſelbſt ſo gewollt, Madame. Ach! ſagte ich Ihnen nicht, daß meine Mutter ſich ver⸗ geſſen würde?“ „Herr Graf, ſie hat im Gegentheil ſich nicht einen einzigen Augenblick vergeſſen, ſondern mit be⸗ wundernswerther Conſequenz ihre Abſicht, mich zu demüthigen, verfolgt; aber ich verſprach Ihnen, Alles an mir abgleiten zu laſſen, Herr Graf, und ich habe Wort gehalten. Glauben Sie mir, ich habe dieſen Abend einen großen Triumph in meinem Innern gefeiert, einen Triumph, wofür ich der Frau Gräfin verſchuldet bin.“ „Einen Triumph?“ 3 „Ja, denn Sie haben mir Recht und ihr Unrecht gegeben.— Dieß verſoͤhnte mich mit Allem, was ſie ſagte.“ „Madame!“ „Herr Graf, ich habe Ihnen ja ſchon einmal geſagt, daß ich mir Ihre Achtung für meine Denkart und für die Geſellſchaftsklaſſe, der ich angehöre, gewinnen wolle.“ „Die beſitzen Sie.“ Die Freifrau hatte ihren Geſang geſchloſſen, und 77 Jacobo auf ihr Begehren deren Platz am Inſtru⸗ mente eingenommen. Bei den erſten Akkorden, welche er anſchlug, zuckte Stephana wie zuſammen und drehte den Kopf herum, ſcheinbar fürchtend, ſie möchte einen von ſeinen Tönen verlieren. Hermann biß ſich in die Lippen; er ſah, daß ihre ganze Seele bei dem Sänger oder dem Geſang war, und er mußte ſich geſtehen, daß man eine ſchönere, wunderbarere Stimme ſelten zu hören bekam. Auch war es ſo ſtill in dem Salon, daß es ſchien, als ob außer dem Sänger Niemand mehr in demſelben wäre. Den Kopf auf die Hand ſtützend, den träumeri⸗ ſchen Blick auf Jacobo geheftet, lauſchte Stephana, ein lebendiges Bild des Entzückens, welches die fri⸗ ſchen und doch ſo ſüßen Töne hervorriefen. Er ſang eine Hymne und dann einige Neger⸗ lieder. Als er im Begriff war, das Inſtrument zu verlaſſen, ſagte Stephana: „Singe noch ein ſchwediſches Volkslied.“ „Gern,“ antwortete Jacobo und ſtimmte das Lied an: Reizend du ſtandſt in dem hoben Saal u. ſ. w. Der Sänger ſchwieg; aber Stephana blieb un⸗ beweglich. Es war, als ob ſie die Welt, welche ſie umgab, vergeſſen hätte. „Wie glücklich er nicht iſt, der die Gabe beſitzt, ſich Ihrer Seele ſo ganz und gar zu bemächtigen,“ ſagte Hermann mit leiſer Stimme. Stephana machte eine Bewegung, wie ſie bei einem Schlafenden vorkommt, der von Jemand be⸗ rührt wird. „Verzeihung, Herr Graf, ich habe nicht gehört, was Sie ſagten.“ „Wo war Ihre Seele?“ fragte Hermann. „Bei Ihnen,“ antwortete Stephana beinahe laut⸗ los, und ohne recht deutlich zu wiſſen, was ſie ſagte. „Bei ihm, wollen Sie ſagen!“ entgegnete Her⸗ mann, indem er ſich ein wenig vorbeugie und ſomit Stephana's Augen begegnete. „Nein, ich dachte an Sie.“ Eine feine Röthe bedeckte ihre Wangen, während ſie hinzuſetzte:„Sie nahmen meine ganze Seele ein.“ Stephana erhob ſich und verließ den Grafen. Sie drückte Jacobo die Hand, als ſie an ihm vor⸗ beiging, und der Graf hörte, wie ſie auf Engliſch ihn fragte: „Warum, Jacobo, haſt Du gerade dieſes Lied gewählt?“ „Deßhalb, Stephana, weil Du es unaufhörlich zu der Zeit, da ich in Barthen Dir abwartete, ge⸗ ſungen haſt.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Denke an die, welche es einmal ſang, und deren Stimme die Melodie in deinem Gedächtniß zurückließ, dann verſtehſt Du mich vielleicht.“ „Ah, Du weißt alſo „Daß ſie es war? Jä Eeine Weile hernach kam Botſchaft an den Doktor. Die Gräfin hatte einen ſchweren Bluthuſten bekom⸗ men und war jetzt ohnmächtig. 79 Stephana war die Erſte, welche das Zimmer verließ, indem ſie den Arzt mit ſich nahm, und die Geſellſchaft trennte ſich. Alles begab ſich nach Hauſe, nachdem man noch ein Luculliſches Souper einge⸗ nommen hatte, bei welchem Jane und Jacobo die Honneurs machten. Der Zuſtand der Gräfin war ſo bedenklich, daß Stephana ſich entſchuldigen ließ und bei der Kranken blieb, welche nach der Ohnmacht in ein ſchweres Fieber verfiel. VII. Tage vergingen und der Zuſtand der Gräfin war und blieb derſelbe. Ein unaufhörliches Fieber ſchien ſie verzehren zu wollen; dazu kamen die Huſtenan⸗ fälle, welche von der Art waren, daß man bei ihr an der Möglichkeit, dieß lange auszuhalten, voll⸗ kommen zweifelte. Tag und Nacht ſaß Stephana an dem Kranken⸗ lager und wachte abwechſelnd mit Helfrid, ohne zu geſtatten, daß Jemand anders dieß that. Auch der geringſte Wunſch der Kranken wurde augenblicklich erfüllt, und Stephana pflegte derſelben mit einer ſolchen Fürſorge und Zärtlichkeit, daß ſie ordentlich mit Helfrid wetteiferte. Verzehrt von Schmerzen und gebeugt von Leiden, ließ ſich die Gräfin ihre Pflege gefallen, ohne die Kraft oder den Willen zu haben, ſich dägegen auf⸗ zulehnen, aber auch ohne die Dankbarkeit an den Tag zu legen, welche ſie trotz ihres ſchlimmern 80⁰ Menſchen für den milden und alles verzeihenden Engel, der an ihrem Krankenbett wachte, empfinden mußte. Endlich nach Verfluß von zwei Wochen ſchien das Fieber nachzulaſſen, und die langen, qualvollen Nächte wurden ruhiger, aber noch immer fuhren Stephana und Helfrid fort, wechſelsweiſe zu wachen. Eines Abends, es war zu Ende Mai's, ſagte Hermann zu Stephana: „Madame, Sie pflegen meine Mutter ſo, daß Sie Ihr eigenes Leben an deren Krankenbette laſſen.“ „Was weiter, ich habe ja für Niemand zu leben,“ erwiederte Stephana traurig. „Niemand?“ wiederholte der Graf und ſah ſie an. „Nein, Niemand.“ „Jacobo, iſt er Nichts für Sie?“ „Er iſt mir das Theuerſte, was ich auf Erden Es entſtand eine Pauſe. Endlich nahm Hermann wieder das Wort: „Sie beabſichtigen, auch heute Nacht zu wachen?“ „Ja, die erſte Hälfte der Nacht.“ „Wollen Sie nicht, ehe die Nacht anbricht, einen kleinen Spaziergang machen? Sie ſehen ſo bleich und matt aus; die Luft würde Ihnen gut thun.“ „Glauben Sie das, Herr Graf?“ Stephana erhob ſich, ſah auf die Uhr und ſetzte inzu: „Ja, laſſen Sie uns einen Gang durch den Park machen?“ 2 Einige Minuten ſpäter ſtanden Stephana und Hermann auf der Treppe der Veranda. 81 Es war ein herrlicher, warmer Frühlingsabend. Die zarten Blätter rührten ſich nicht in der Luft, ſo ſtill war es in der Natur, und nur das Ge⸗ zwitſcher der Vögel, welche einander hie und da lockten, unterbrach das allgemeine Stillſchweigen. „Nehmen Sie meinen Arm,“ bat Hermann und nahm ſelbſt Stephana's Hand und legte ſie in ſei⸗ nen Arm. Sie gingen ſchweigend in den Park hinunter. „Iſt es nicht ein göttlicher Abend?“ fragte Her⸗ mann. „Ja, er iſt ſchön und die Luft wirkt ſo erfri⸗ ſchend,“ erwiederte Stephana, indem ſie einige Mal tief Athem holte. „Ach, Madame, es ſind ja ſchon zwei Wochen, daß Sie keine friſche Luft einathmeten, und dieß Alles um meiner Mutter willen.— Sie haben ne⸗ als eines Engels Güte, daß Sie mit ſolcher Zärt lichkeit eine Frau pflegen, welche Ihnen auf eine ſolche Weiſe begegnete, wie ſie es an jenem Abend that, da ſie erkrankte. Wie iſt es möglich, ſo edel⸗ müthig, ſo gut zu ſein, wie Sie es ſind?“ „Wer ſagt Ihnen, Herr Graf, daß ich aus Edel⸗ muth handelte?“ „Alles, was ich von Ihnen geſehen, ſagt es mir.“ „Sie ſehen nur die Handlungen, aber kennen die Beweggründe nicht. Die meinigen können ja ganz egoiſtiſcher Natur ſein.“ „Egoiſtiſch, und in welchem Fall?“ „Ich kann ja wünſchen, die Achtung der Gräfin Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. I. 6 3 zu gewinnen, oder deren Vorurtheile zu beſiegen und durch meine Handlungen ſie zu zwingen, dem Guten, wo es ſich auch findet, Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen.“ „Gewiß, das wäre eine edle Art, ſich zu rächen; aber dann hätten Sie mit Ueberlegung gehandelt, und dieß war nicht der Fall. Ihre Handlungsweiſe entſprang aus dem Herzen, ohne daß Sie weder die Wirkung noch den Gewinn davon berechneten, denn Ihre Zärtlichkeit war dieſelbe ſelbſt an den Tagen, da meiner Mutter Leben in augenſcheinlicher Gefahr ſchwebte.“ „Mag ſein, daß Sie Recht haben, aber was beweist das?“ „Daß Sie ein Engel von Güte ſind.“ Ach nein, blos daß ich eine Chriſtin bin. Im Kn Herr Graf, war es ja Ihre Mutter, und glauben Sie mir, es liegt kein großes Verdienſt darin, den Verwandten eines Freundes Wohlwollen zu erzeigen; man thut das gern, denn man hofft durch ſeine Pflege ein Leben zu retten, welches dem Freunde Thränen toſten und einen bittern Schmerz zurücklaſſen könnte. Sie wiſſen ja, Herr Graf, daß ich Ihnen aufrichtig zugethan bin.“ „Jacobo iſt das Theuerſte, was Sie beſitzen; was kann ich wohl für Sie ſein?“ „Nicht, was Jacobo iſt, darin haben Sie Recht; aber etwas ganz Anderes.“ 8 „Das iſt wahr, ein Freund. Er iſt etwas mehr.“ „Ja, etwas mehr, weit mehr.“ Stephana blieb bei der erſten Bank ſtehen, in⸗ dem ſie ſagte: 83 „Wenn Sie geſtatten, ſo ſetzen wir uns hier. Ich fühle mich wirklich müde.“ „Aber wir ſind ja kaum zehn Schritte gegangen, und die Bewegung in der freien Luft würde Ihnen gewiß gut thun.“ „Ich ziehe es vor, hier ruhig zu ſitzen.“ „Nun wohl, wie es Ihnen beliebt.“ Der Graf ſetzte ſich neben Stephana, indem er den Arm auf die Rücklehne der Bank ſtützte. Stephana nahm wieder das Wort: „Jakobo iſt wirklich mehr als mein Freund, denn er iſt der Schöpfer meines ganzen beſſern Menſchen. Wenn ich, wie Sie ſagen, ein Engel an Güte wäre, ſo iſt es ſein Werk. Er iſt es, der in mir das Gute hervorgerufen und das Böſe erſtickt hat, und darum liebe und bewundere ich ihn wie meinen guten Genius.“ „Wie beneidenswerth er nicht iſt, der dieſe Macht über Sie hat und nun Ihre Zärtlichkeit beſitzt.“ Hermanns Stirne war umwölkt und ſein Blick etwas kalt. „Ich gehöre nicht zu denen, welche Glück mit ſich bringen, und ich habe es auch nie gethan. Doch das gehört nicht hieher. Jacobo hat auf alle Fälle einen ſo ſtarken Charakter, daß er mit ruhiger Stirne das Unglück tragen und ihm Widerſtand leiſten kann. Dieſe Eigenſchaft bei ihm bewirkt, daß er ſo unendlich überlegen iſt, denn der, welcher ſich nicht zum Herrn über das Mi geſchick macht, iſt kein Mann.“ Es entſtand ein kurzes Stillſchweigen. Stephana unterbrach daſſelbe mit S „In drei Wochen erwarte ich reiſende Fremde * hier.“ „Ah,“ rief Hermann mit einem Blick auf Ste⸗ phana, welcher fragte: „Haben Sie ſchon vergeſſen, wen ich erwarte?“ antwortete Stephana, ihn fixirend. Keine Muskel rührte ſich in des Grafen Ange⸗ ſicht. Mit vollkommen ruhiger Stimme antwor⸗ tete er: „Die Gräfin Elin Romarhjerta?“ „Allerdings.“ „Schon in der nächſten Woche, wenn es mit der Beſſerung meiner Mutter ſo fortgeht, wie jetzt, reiſe ich, unſerer Uebereinkunft gemäß, in Angelegenheiten des Hüttenwerks nach England,“ bemerkte der Graf ganz gleichgültig. „Und wie lang bleiben Sie fort?“ „Vier Wochen höchſtens; aber ich komme nicht eher nach Kungsborg, als bis Sie mich zurückrufen. — Vie lang bleibt die Gräfin Elin hier?“ ſetzte der Graf fragend hinzu. „Das hängt ab von.. „Von wem?“ „Von Ihnen? Wollen Sie ihr nicht begegnen 2 „Fragen Sie das im Ernſt?“ „Ganz gewiß. Wenn ich wie Sie eine ſchwere Schuld zu ſühnen hätte, würde ich nicht einen Au⸗ genblick zögern, dieſe Sühne zu verſuchen.“ „Auf welche Weiſe? Wollen Sie, daß ich jetzt, als ein ruinirter Mann, meinen Frieden ni e reichen Frau ſchließen ſoll, welche ich verſtieß, da ich 85 mich noch als vermöglich betrachtete? Das wäre eine Handlung, welche ich mir niemals geſtatten könnte, denn heute wie vor eilf Jahren iſt Elin für mich eine Perſon, zu der ich keine Art von Zunei⸗ gung empfinde. Und wenn ihre Geburt ſie auch nicht mehr in meinen Augen verhaßt machte, ſo iſt ſie es durch das Band, welches mich von aller Hoffnung auf Lebensglück ſcheidet.“ „Hören Sie mich, Herr Graf. Sind Sie auch gewiß, daß Elins Geburt ſie nicht mehr unwürdig macht, Ihre Gatin zu ſein?“ „Welche Frage!“ entgegnete er und ſah ſie mit einem Blick an, welcher zu ſagen ſchien:„ich liebe ja Dich trotz deiner Geburt.“ „Verſtehen Sie mich recht,“ fuhr Stephana fort, indem ſie ſeinen Blick gleichſam beantwortete,„ich ſpreche jetzt von der Geburt Ihrer Gattin, der Grä⸗ fin Romarhjerta.“ „Ja, ja, ich verſtehe Sie vollkommen. Sie mei⸗ nen, man kann eine Bürgerliche lieben, braucht ihr aber darum doch ſeinen Namen nicht zu geben. Madame, wenn es in dem Bereiche der Möglichkeit läge, daß ich Elin lieben könnte, ſo würde ich mit Entzücken und Seligkeit ſie als Gattin in meine Arme ſchließen, und wäre ſie von noch ſo geringer Herkunft. Sie haben meine Achtung vor ererbtem Werthe ſo vollkommen zerſtört, daß ich ſie nur dem, der es wahrhaft iſt, ſchenke.“ „Wenn Sie Elin lieben könnten? Woher wiſſen Sie denn, daß Sie es nicht können? Sie haben die⸗ ſelbe ja ſeit eilf Jahren nicht geſehen.“ „Und auch nicht viel zuvor. Das Wenige, was 86 ich von ihr ſah, zog mich ſo wenig an, daß ich keine andere Erinnerung von ihr als von einem ſo ziemlich häßlichen Mädchen habe. Und wäre ſie auch noch ſo ſchön und gut, ſo könnte ich ſie doch nicht lieben. Das iſt eine Unmöglichkeit.“ „Warum?“ „Das fragen Sie, Madame?“ Er faßte ihre beiden Hände und ſetzte mit einem eigenthümlichen, gedämpften Ausdruck in Stimme und Blick hinzu:„Kann Stephana dieſe Frage an mich ſtellen?“ „Ja, eben Stephana, die redliche Freundin, welche des vermeſſenen Glaubens iſt, ſo viel Gewalt über Sie zu beſitzen, daß es ihr gegeben iſt, Sie zu den Pflichten zurückzuführen, welche Sie ſo lang ver⸗ geſſen, ſo ungerecht und grauſam mit Füßen getreten haben.“ Sie ſah ihm bei dieſen Worten ſo feſt, ſo ruhig und ſo ernſt in ſein dunkel glühendes Auge. „Meine Pflichten?“ wiederholte Hermann.„Sie wollen mich mit Elin wieder verſöhnen?“ „Ja!“ entgegnete Stephana und holte tief Athem, als ob ſie dieſes Ja viel gekoſtet hätte.„Ich. will,“ fuhr ſie fort,„daß Sie bei ſich einſehen, wie viel Sie ihr ſchuldig ſind,— ich will, daß Sie dieſelbe lieben lernen— Ihre Gattin.“ „Begehren, wünſchen Sie nicht das Unmögliche,“ ſagte Hermann, Stephana's Hände loslaſſend. Dann ſetzte er in ruhigem und beinahe kaltem Ton hinzu: „Sie ſind eine unerklärliche Frau.— Sie kennen die Macht, welche Sie über mein Herz beſitzen, und dennoch reden Sie mir davon, daß ich dieſes Herz 87 an eine Andere feſſeln ſoll. Sind Sie ſo unbekannt mit der Welt der Gefühle, um nicht zu wiſſen, daß man dieſen nicht gebieten kann, dem Willen zu gehorchen, wie es mit ſeinen Handlungen wohl an⸗ geht?“ „Das kann man, Graf Hermann; ein Beweis davon iſt, daß Sie in dieſem Augenblick durch den Willen Ihre aufgeregten Gefühle ſo weit bezwingen, um ganz kalt von denſelben reden zu können.“ Dieß gilt blos von dem Ausbruch derſelben, aber nicht von den Gefühlen ſelbſt. Durch die Kraft unſeres Willens deren Natur zu verändern, das ſteht in keiner menſchlichen Macht. Wenn Sie glauben, ich vermöge mein Herz zur Liebe gegen Elin zu zwingen, ſo kennen Sie die Menſchennatur nicht.“ „Ihr Herz zwingen?“ lächelte Stephana mit einem ſo eigenthümlichen Ausdruck, daß dieſes Lä⸗ cheln ihr Angeſicht wie mit einer glühenden Wärme übergoß.„Nein, Herr Graf, ein ſolcher Gedanke iſt niemals in meiner Seele aufgeſtiegen. Wir kön⸗ nen uns zwingen, pflichtmäßig, gerecht und in Ueber⸗ einſtimmung mit unſerer Ehre und unſerem Gewiſſen zu handeln; aber wir können uns nicht zwingen zu lieben.— Das Herz iſt ein Rebell, welcher ſich ge⸗ gen jede Tyrannei auflehnt, aber ſich freiwillig dem ergibt, welcher das Vermögen beſitzt, es einzunehmen.“ „Das wiſſen Sie beſſer, als irgend Jemand.“ „Ja, Herr Graf, daß weiß ich beſſer als irgend Jemand.“ Es entſtand eine Pauſe. Stephana's Bruſt hob ſich unruhig. Hermann's bleiche Stirne und der auf ſie ge⸗ heftete Blick ſprach von Stürmen in der hochge⸗ wölbten Bruſt. Er unterbrach zuerſt das Stillſchweigen. „Und dennoch ſprechen Sie davon, daß ich durch meinen Willen meinem Herzen befehlen ſoll, ein We⸗ ſen zu lieben, das ich nicht kenne.“ „Nein, ich will Sie blos vermögen, daſſelbe kennen und lieben zu lernen. „Dann müßte ich niemals Sie geſehen haben. — Jetzt hilft es zu Nichts mehr, ſie kennen zu lernen; denn zwiſchen ihr und mir ſtehen— Sie.“ „Als ein Mittelglied, welches eines Tags Sie und Elin vereinigen wird.— Verſprechen Sie mir darum, die Bekanntſchaft Ihrer Gattin zu machen, dieſelbe täglich zu ſehen, deren Handlungen zu be⸗ urtheilen und deren Charakter zu prüfen;— mit einem Wort— ſich zu überzeugen, daß ſie Ihrer Liebe und Ihres Namens werth iſt.“ Stephana neigte halb den Kopf ihm zu und ſah Hermann faſt mit einem flehenden Blick an. „Man müßte ein Gott ſein, um einer Bitte zu widerſtehen, welche von einem ſolchen Blick begleitet iſt,“ erwiederte Hermann, indem er Stephana's Hand faßte;„und dennoch, wenn ich in dieſem Augenblick es auch zu thun verſpreche, werde ich es bereuen, ſobald Sie mich verlaſſen.“ „Niemals, Herr Graf, will ich Sie zu einer Handlung überreden, welche Sie bereuen könnten; aber ich möchte wünſchen, meine Macht über Sie wäre wirklich ſo groß, daß Sie, ohne es zu bereuen, meinem Begehren willfahren.“ . 89 „Zweifeln Sie wirklich an Ihrer Macht über mich?“ „Ja— und ich habe Grund dazu.“ „Nein— ich will Alles thun, nur das nicht, was mich vor mir ſelbſt erniedrigen könnte. Be⸗ gehren Sie von mir, was Sie wollen, und ich will ohne Bedenken Ihre Wünſche mir zum Geſetz ma⸗ chen; aber begehren Sie niemals, daß ich unter dem⸗ ſelben Dach mit der Frau leben ſoll, vor welcher ich immer über mich ſelbſt zu erröthen genöthigt ſein werde.— Daß ich ſie nicht liebe, iſt ein Unglück; daß ich aber fühle, ſie habe ein Recht, mich zu ver⸗ achten, iſt Etwas, das unſere Begegnung zu einer Sache der Unmöglichkeit macht. Die Gegenwart derſelben würde mich beinahe zwingen, mich ſelbſt zu verachten.“ „Zwingen Sie eher jene, Sie hochzuachten, da⸗ durch daß Sie ihr beweiſen, Sie ſeien ein Mann, nicht von Geburt, ſondern von Ehre und Herz, wel⸗ cher nicht durch falſchen Hochmuth dahin getrieben worden, daß ihm die Kraft abgeht, das, was er verbrochen hat, wieder gut zu machen.“ „Unmöglich, ſie iſt mein verkörpertes böſes Ge⸗ wiſſen; und darum verabſcheue ich ſie beinahe, wäre ſie auch noch ſo ſchön, tugendhaft und anbetungs⸗ würdig.“. „Sie verabſcheuen ſie!— zum Lohn für ſo viele Jahre von Leiden,“ murmelte Stephana und ſtüzte ihre bleiche Stirne auf die Hand.„Das wäre all⸗ zu viel.“ Wiederum trat eine Pauſe ein. Hermann ſah, daß Stephana's Augenwimper 90⁰ zitterte, und endlich ſchlich ſich eine klare Perle unter den langen geſenkten Lidern hervor und blieb auf der Wange ſtehen. Er hatte ihren Worten widerſtanden, dem be⸗ rauſchenden Einfluß ihrer Nähe und ihren bittenden Blicken; aber in dieſer ſtummen Zähre, welche ſich wider ihren Willen hervorſtahl, lag etwas wirklich Unwiderſtehliches. Mit Hermanns Stärke war es aus. Er beugte ſich über ſie und ſagte mit leiſer Stimme: „Stephana!“ Haſt Du einmal, mein lieber Leſer, bemerkt, daß der Ton, wonit ein einziges Wort ausgeſprochen wird, eine ganze Welt von Gedanken und Gefühlen in ſich ſchließen kann? So war es auch jetzt.“ Dieſes Stephana, beinahe geflüſtert, enthielt ein ganzes Bekenntniß; auch ſah diejenige, zu wel⸗ cher es geſprochen wurde, unwillkürlich auf. Eine Sekunde, welche eine ganze Cwigkeit umfaßte, be⸗ gegneten ſich ihre Blicke; darauf legte Stephana mit einem unbeſchreiblich milden und wehmüthigen Lächeln ihre Hand in die ſeinige und ſagte: „Habe ich geſiegt?“ „Ja, wie immer.“ Er drückte ihre Hand leidenſchaftlich an ſeine Lippen. Sie zog dieſelbe ſachte zurück. „Sie kehren, ſo bald Sie können, aus England zurück und hieher nach Kungsborg?“ fragte ſie, das Geſicht von ihm abgewendet. „Ja!“ 91 „Und Sie verſprechen, ſich zu einem unparteiiſchen Richter über Elin und ſich ſelbſt zu machen?“ „Das verſpreche ich.“ „Und wenn Sie dieſelbe Ihrer Achtung, Ihrer Liebe und Ihres Namens würdig finden, dann... Stephana hielt an und wartete auf eine Ant⸗ wort, aber Hermann ſchwieg. Als ſie eine Weile gewartet hatte, wiederholte ſie die Frage: „Dann?“ „Dann werde ich ihr das Böſe abbitten, das ich ihr angethan habe, und...“ „Nun, fahren Sie fort.“ „Und ihr die Freiheit wiedergeben.“ Stephana zuckte zuſammen und wandte ſchnell das Angeſicht gegen Hermann herum, indem ſie lang⸗ ſam ſagte: „Eheſcheidung oder Abſcheu iſt demnach Alles, was Sie dieſem armen Opfer eines grenzenloſen Hochmuths ſchenken wollen. Ah! Herr Graf, Sie ſind kein Edelmann!“ Sie erhob ſich, um zu gehen. „Einen Augenblick, ich bitte.“ Stephana blieb ſtehen. „Niemals werde ich mich von ihr ſcheiden;— niemals ſie des Namens berauben, welchen ſie ein Recht zu behalten hat, und welchen ich ihr ein⸗ mal gegeben; aber wenn ſie ſelbſt ihre Freiheit wieder erlangen will, dann, Madame, will ich nicht länger ihrem Glück im Wege ſtehen. Sie allein mag über ihr zukünftiges Geſchick beſtimmen; aber niemals ſoll ein Wort von mir verrathen, daß ich mich von dem Bande befreien will, das ich eilf 92 Jahre getragen habe. Mehr können Sie von mir nicht wünſchen, nicht begehren.“ „Nein, ich bin vollkommen mit dem Siege zu⸗ frieden, welchen ich jetzt gewonnen habe. Eine Ah⸗ nung ſagt mir, daß ich eines Tages denſelben voll⸗ ſtändig erringen werde. Sie haben verſprochen, zu prüfen und unparteiiſch zu urtheilen.— Nun wohl, da bin ich auch ſicher, daß der endliche Ausſchlag eines Mannes von Ehre würdig ſein wird.“ „Sind Sie das?“ „Und dennoch ſagten Sie ſo eben, ich ſei kein Edelmann?“ „Verzeihen Sie!— Ich habe mich übereilt,“ rief Stephana, indem ſie ihm beide Hände reichte. Oft genug hatte Hermann ſie bezaubernd geſehen, aber niemals bis zu dem Grade, wie ſie es jetzt war, da ſie vor ihm daſtand, mit dieſem bleichen, beinahe demüthig geſenkten Antlitz und mit einem Ausdruck kindlicher Milde darin. „Ihnen verzeihen!— Ach! ich möchte wün⸗ ſchen, daß ich Etwas zu verzeihen hätte,“ rief Her⸗ mann und drückte ihre Hände an ſeine Bruſt. „Wer weiß; es könnte der Tag kommen, wo Sie dieſe Ihre Worte zurücknehmen.“ „Niemals!— Was Sie mir auch zufügen möch⸗ ten, würde ich verzeihen.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Vollkommen.“ „Geben Sie mir Ihre Hand darauf.“ „Hier haben Sie meinen Hondſchlag darauf, daß, was Sie mir auch anthun mögen, ich es Ihnen 93 nicht nur verzeihen, ſondern mich auch glücklich ſchätzen werde, derjenigen, bei welcher ich in einer ſo großen Schuld ſtehe, Etwas zu verzeihen zu ha⸗ ben. Meine Achtung, meine Bewunderung für Sie iſt ſo groß, daß weder Zeit noch Ereigniß dieſelben erſchüttern kann.“ „Ich danke Ihnen!“ ſagte Stephana, indem ſie nach dem Horizonte deutete.„Sehen Sie, die Sonne iſt während unſeres Geſprächs untergegangen, und nun iſt es Zeit für mich, heimzukehren.“ „An meiner Mutter Krankenbett.“ „Es kommt mir vor, als ob ſie auch meine Mutter wäre,“ äußerte Stephana, beinahe flüſternd, und eine hohe Purpurflamme brannte auf ihren Wangen.—„Kommen Sie, laſſen Sie uns gehen,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu. „Bewilligen Sie mir noch eine Bitte.“ „Gern, wenn ich kann.“ „Machen Sie noch einen Spaziergang mit mir nach dem Strand hinab. Es kommt ja auf eine halbe Stunde nicht an, und der Abend iſt ſo ſchön.“ Gott allein weiß, was Hermanns Auge ſagte; aber Stephana fuhr mit der Hand haſtig über die Stirne, als ob ſie einen Schwindel fühlte; dann machte ſie ſchweigend einige Schritte, nicht nach dem Gebäude hin, ſondern nach dem Strand hinab. Hermann folgte. Er nahm ſchweigend ihren Arm und legte ihn in den ſeinigen. Nicht ein Wort wurde zwiſchen ihnen auf dem ganzen Weg nach dem See hinab gewechſelt. Das prachtvolle Gemälde, welches vor ihren Au⸗ gen ausgebreitet lag, war von der Art, daß das 94 Herz von Ehrfurcht ſchwoll, und daß man von jener unwiderſtehlichen Andacht ergriffen wurde, welche nur eine ſchöne Naturſcene zu wecken vermag. Unwillkürlich rief Stephana: „Wie iſt Gott ſo groß, und der Menſch ſo klein!“ Sie ſtützte ſich leicht auf Hermann's Arm, und einen Augenblick ſchlug beider Herz von jenem rei⸗ nen und tiefen Gefühl, welches der Menſch empfin⸗ det, wenn er im Innern vor ſeinem Schöpfer und Vater die Kniee beugt. Es war eine ſchweigende Andachtsſtunde, welche dieſe beiden Weſen, ausgegangen von ſo ungleichen Geſellſchaftsklaſſen, jetzt gemeinſam feierten. Beide waren von demſelben demüthigen Gefühl ergriffen, er, der Mann von Geburt, und ſie, die Frau aus dem Volke. Vor Gott fühlten ſie, daß ſie gleich gering waren. „Mahnt uns nicht ein ſolcher Augenblick, uns durch das Gute und Edle all der Güte, womit uns die Vorſehung überhäuft, wenn auch nur in geringem Maße würdig zu machen?“ „Ja, ſo iſt es, und in einem Augenblicke wie dieſer fühlt man recht, daß es vor Gott keine welt⸗ liche Auszeichnung gibt.“ „Vor Gottes Richterſtuhl gilt nur der Adel der Tugend.“ „Sie haben Recht, und darum ſind Sie geadelt vor ihm, nicht ich.“ „Ach, Herr Graf, wir alle ſind gering vor ihm, und die Tugenden, die wir an einander hier bewun⸗ dern, berechtigen uns zu keinem Anſpruch auf Ver⸗ dienſt vor Gott. Er ſieht in das Herz und weiß, — — 95 wie viele Schwachheit es beherbergt, ſelbſt wenn es am ſtärkſten iſt.“ Jetzt kehrten ſie wieder nach dem Schloſſe zurück. „Welcher Sterbliche kann ſich rühmen, ohne Schwächen zu ſein? Ich am wenigſten von allen; aber ich liebe es, Andere ſtark zu ſehen, und ver⸗ achte jede weichliche Hingebung an unſere Leiden⸗ ſchaften, beſonders bei dem Manne. Er muß Herr über ſich ſelbſt, ſeine Leidenſchaften und ſein Schick⸗ ſal ſein können;— ſonſt iſt er kein Mann, nicht werth, von einer edeln Frau geliebt zu werden.“ „Fordern Sie nicht, daß er mehr als Menſch ſein ſoll.“ „Ich fordere, daß er mehr ſein ſoll, das heißt, Menſch in des Wortes höchſter und ſchönſter Bedeu⸗ tung, Gottes Abbild hier auf Erden.“ „Das iſt ein Ideal, das Sie in Wirklichkeit hie⸗ nieden nicht finden.“ „Ja, ich habe dieſes Ideal gefunden.“ „Ah!— Nennen Sie mir daſſelbe.“ „Jacobo!“ Das Blut ſtürzte Hermann nach dem Kopf, und Stephana fühlte gleichſam, daß er bei dieſem Na⸗ men zuſammenfuhr. Es entſtand eine Pauſe. Der Graf unterbrach ſie nach einer Weile. „Haben Sie niemals bei ihm eine Nachgiebig⸗ keit gegen Leidenſchaft, eine Schwäche entdeckt?“ „Niemals.— Ich habe geſehen, wie er ohne Zucken den ſchwerſten Schlag aushielt, welchen das Leben verſetzen kann. Ich habe geſehen, wie er mit 96 ruhiger Stirne das härteſte Geſchick, die bitterſten Schmerzen ertrug. Ich habe geſehen, wie er mit äußerer Ruhe ſeine ſchönſten Träume, ſeine theuer⸗ ſten Hoffnungen für das Recht aufopferte und, ohne einen Augenblick zu wanken, den größten Verſuchun⸗ gen widerſtand, während ſein eigenes Herz und Blut in Aufſtand war.— Ah, Herr Graf, eben bei ihm habe ich die Stärke bewundert, welche ich bei jedem Mann wieder finden will.“ „Wo keine Leidenſchaften vorhanden ſind, da mag es auch dieſe Stärke geben; und in der That, er iſt daß er mit dergleichen nicht behaf⸗ tet iſt.“ „Im Gegentheil, Herr Graf; er iſt ein Menſch mit ſtarken, mächtigen Leidenſchaften, mit halb ſpa⸗ niſchem, halb engliſchem Blut, aber mit einem ſchwe⸗ diſchen Herzen, treu, warm und redlich.“ „Was iſt es aber dann für eine Kraft in ſeiner Seele, welche ihn ſo ſtark macht?“ „Er iſt Chriſt!“ Es lag ein ſo tiefer und ergreifender Ernſt in dem Ton, daß es Hermann war, als wenn dieſe Worte gleichſam ein Echo in ſeinem eigenen Herzen hervorriefen. Der Reſt des Weges wurde ſchweigend zurück⸗ gelegt. „Gute Nacht!“ ſagte Stephana, als ſie ihren Arm unter dem ſeinigen hervorzog und in das Haus trat. Der Graf nahm den Hut ab, ohne ein Wort zu erwiedern, und begab ſich nach ſeinem Flügel. — 97 VII. Als Stephana in das Zimmer der Gräfin ein⸗ trat, ſchlief dieſelbe. Helfrid ſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt, da und betrachtete aufmerkſam einen Kupferſtich, wel⸗ cher vor ihr lag. Sie bemerkte Stephana nicht eher, als bis dieſe ſich über ihre Schulter lehnte und fragte: „Wie iſt es gegangen?“ Helfrid ſah beinahe erſchrocken auf; aber als ſie Stephana's milden, liebevollen Augen begegnete, lächelte ſie und ſagte: „Mama hat die ganze Zeit geſchlafen.“ Stephana's Blick fiel nun auf den vor Helfrid liegenden Kupferſtich. „Dieſes Angeſicht gleicht zum Erſtaunen Jacobo,“ bemerkte Stephana. „Ja, iſt es nicht ſo? Ich habe es ſchon eine Zeit lang betrachtet, und je mehr ich daſſelbe anſah, es um ſo ähnlicher gefunden.“ „Armer Jacobo! Er hat in der letzten Zeit ein langweiliges Leben gehabt,“ fuhr Stephana fort, indem ſie ſich auf einen Fauteuil niederließ und darin zurücklehnte.„Aber er hat ſich ſehr eifrig be⸗ ſchäftigt und durch harte Arbeit den Verluſt der angenehmen Abende, welche er mit mir zuzubringen gewohnt war, zu erſetzen geſucht. Es ſind nun vier Jahre, daß wir täglich zuſammenlebten und nur in Folge einiger kleinern Reiſen, welche er gemacht hat, von einander getrennt waren.“ Schwartz, Der Mann von Geburt 1c. M. 7 98 „Sie ſind alſo wohl mit ihm aufgewachſen?“ „NRein, ich bin in Schweden geboren, und er in Neu⸗England, und als wir zuerſt zuſammentrafen, war ich neunzehn und er einundzwanzig Jahre alt. Er hatte damals ſchon manche ſchwere Sorge durch⸗ gemacht, manchen ſchweren Streit mit dem Leben durchgekämpft und war, obwohl ein Jüngling den Jahren nach, ein Mann an Charakterſtärke und Ver⸗ ſtand.— Der frühzeitige Kampf mit Bekümmerniß, Mißgeſchick und erlittenem Unrecht hatte des Lebens Freude für ihn getrübt und ſie in einen tiefen, durch⸗ dringenden Ernſt verwandelt.— Aber da verſchwatze ich die Zeit und mache es wie eine ſchwache Mut⸗ ter oder Schweſter, welche Alles vergißt, nur um das Lob ihres Lieblings zu ſingen.— Sie müſſen ſich nun zur Ruhe begeben, Fräulein Helfrid.“ „Ich bleibe lieber hier und höre Ihnen zu, wenn Sie erzählen.. „Von wem?“ fragte Stephana. „Von Herrn Lange,“ erwiederte Helfrid mit einem matten Lächeln.„Es iſt etwas ſo Seltſames, von einem jungen Mann zu hören, der ſo unge⸗ wöhnliche Eigenſchaften beſitzt, wie die, welche man ihm zuerkennen muß.“ „Nein, Fräulein Helfrid, Sie ſollten jetzt die Ruhe ſuchen. Morgen will ich Ihnen von Allem reden, was Sie intereſſiren kann.“ „Man hat mir heute erzählt, daß Sie die Ab⸗ ſicht haben, ſich zu vermählen— iſt es wahr?“ fragte Stephana, ihre Hand faſſend. „Es iſt allerdings die Rede davon,“ antwortete Helfrid erbleichend. „— 99 „Lieben Sie den Baron Szzöld?“ „Ich hege Achtung vor ihm und bin ihm ge⸗ neigt.— Gute Nacht, Madame.“ Helfrid drückte einen leichten Kuß auf Stephana's Stirne und verließ hierauf das Zimmer. Als Stephana allein war, zog ſie Schreibzeug ſammt Papier, welches ſich auf dem Tiſche fand, heran und ſchrieb folgende Zeilen nieder: „Meine geliebte Elin! „Jetzt iſt der Augenblick da, um ihm ſein Erbe zukommen zu laſſen und damit die Probe zu ma⸗ chen, ob ſein Hochmuth ſich nicht von Neuem erhebt, wenn er wieder reich wird. Die Armuth hat er brav ertragen, aber ſie iſt minder ſchwer zu tragen, weil man dadurch gebeugt wird; aber in das Glück weiß man ſich nicht ſo leicht zu ſchicken, und ich fürchte, daß das Blut der Romarhjerta's ſich bei ihm geltend machen wird.— Von der Mutter Etwas zu hoffen, wäre, wie mir ſcheint, eine Thorheit, denn ihr Stolz hat das Herz vertrocknet. Doch will ich noch nicht daran verzweifeln. Krankheit und körper⸗ liche Leiden pflegen unſer Gemüth weicher zu ma⸗ chen. Komm'— komm', ſobald Du Deine Ange⸗ legenheiten in Ordnung gebracht haſt. Der Herbſt wird uns zeigen, ob die verſtoßene Tochter und Söhnerin noch Etwas für die Zukunft zu erwarten haben. Lebe wohl, meine Freundin! „Lord Charter wird Dich hieher begleiten; ſo hofft Deine ergebene Stephana Stephenſen.“ 100 Gerade als Stephana mit dem Briefe zu Ende war, ließ ſich ein Seufzer von der Gräfin verneh⸗ men, und darauf folgte ein ſchwerer Huſtenanfall. Im Augenblick war Stephana an ihrem Lager. — Die Kammerjungfer, welche gleichfalls wachen ſollte, war auf ihrem Stuhle eingeſchlummert und ſchlief jetzt ſo feſt, daß ſie nicht einmal durch den Huſten der Gräfin erweckt wurde. Während des ſchweren Anfalls hielt Stephana ſie in ihren Armen und trocknete den Angſtſchweiß von der bleichen Stirne. Es lag etwas wirklich Rührendes in dieſer wahr⸗ haften und einfachen Zärtlichkeit, welche in Ste⸗ phana's Fürſorge ſich zu erkennen gab. Man ſah, daß ſie gern Alles gethan hätte, nur um dieſen ſchmerzlichen Anfall zu lindern. Nachdem ſie der Gräfin einige ſtillende Tropfen gegeben hatte, ließ derſelbe nach und hörte endlich ganz auf. Stephana legte ſie wieder auf die Kiſſen nieder. Einige Minuten wurde das Stillſchweigen nur von der Gräfin kurzen und haſtigen Athemzügen unter⸗ brochen. Endlich ſagte ſie mit matter und ſchwacher Stimme: „Sie ſind mehr als gut, Madame, daß Sie mit ſo großer Sorgfalt einer fremden Perſon abwarten.“ „Sie ſind keine fremde Perſon für mich, Frau Gräfin,“ erwiederte Stephana ſanft. „Ich bin etwas Schlimmeres, als eine Fremde für Sie geweſen; ich bin feindlich geſinnt gegen Sie geweſen und habe trotz Ihres Wohlwollens meine unfreundliche Geſinnung an Ihnen ausgelaſſen; Sie — 101 haben deſſen ungeachtet ſich ſo theilnehmend gegen mich gezeigt und gleichwohl müſſen Sie ebenſo we⸗ nig Sympathie für mich hegen, als ich zu Ihnen. Was hat Sie alſo vermocht, mir Ihre Zeit zu wid⸗ men und Ihre Bequemlichkeit für mich aufzuopfern?“ „Der Umſtand, daß ich ein Chriſt bin und Sie mein Nebenmenſch ſind,“ antwortete Stephana ru⸗ hig.„Ueberall, wo ſich ein Leidender findet und ich helfen kann, da iſt es meine Pflicht, dieß zu thun.“ Die Gräfin lag ſchweigend da und athmete ſchwer. „Soll ich Ihnen vorleſen?“ fragte Stephana. „Nein, ich danke!— Hat der Doktor mit mei⸗ nem Sohn geſprochen?“ „Nein, Frau Gräfin, er redeté nur mit mir.“ „Und er ſagte Ihnen, was er mir geſagt hat, ſtelle ich mir vor?“ „Ja! Nur das Verſprechen, welches er Ihnen gegeben, hielt ihn ab, mit dem Herrn Grafen und dem Fräulein zu ſprechen.“ „Sonderbares Spiel des Schickſals, daß ich doch noch auf Kungsborg ſterben ſoll!“ murmelte die räfin. Wiederum verfiel ſie in Stillſchweigen; hernach warf ſie ſich unruhig auf den Kiſſen hin und her, als ob irgend ein peinlicher Gedanke ihre Seele be⸗ ſchäftigte. Man konnte in ihrem abgezehrten An⸗ geſicht leſen, was in ihrem Innern vorging. Plötz⸗ lich äußerte ſie: „Der Arzt meint alſo, daß ich noch ein paar Monate den Kampf mit dem Leben aushalten werde?“ 102 „Ja, ſo glaubt er; aber er betrachtet es als eine Unmöglichkeit, daß Sie ſo viel Kraft beſitzen, um eine Reiſe unternehmen zu können.“ „Ich werde alſo noch ſo viel von Leben übrig behalten, um Helfrid mit einem Manne vermählt zu ſehen, der ihrer würdig iſt.— Dann werde ich zu⸗ frieden ſterben, denn ich nehme die Gewißheit in das Grab, daß ſie die ihr gebührende Stellung im Le⸗ ben beſitzen wird.“ „Eine glänzende Stellung, in welcher es nur an dem Glück fehlt. Der Baron iſt kein Mann für ein Helfrid. Glauben Sie wirklich, daß ſie ihn liebt?“ „Liebt!— Ach, Madame, nennen Sie mir die⸗ ſes Wort nicht; es begreift Nichts als eine zügel⸗ loſe Laune in ſich, welche, wenn ſie das Gemüth beherrſcht, Unglück und Schmach um ſich her ver⸗ breitet.“ „Im Gegentheil, die Liebe iſt das höchſte Gut der Erde. Wie bewundernswerth ſind Sie, Frau Gräfin, nicht in den Augenblicken, wo Sie ſich der Liebe zu Ihren Kindern hingeben; da erſt findet man, daß dieſes Gefühl das einzige iſt, welches ſich niemals verläugnet. Sie iſt ein Hauch des Himmels in der Menſchenbruſt. Auch ſagte Er, welcher die Lehre der Verſöhnung und der Liebe predigte:„Dem, welcher viel geliebt hat, ſoll auch viel vergeben wer⸗ den.— Und wir ſoilten alſo die Liebe verleugnen? Betrachten Sie das Auge Ihrer Tochter, wenn es auf Sie blickt, und ſagen Sie, iſt es ein Gefühl, wodurch das Gemüth irregeführt wird, oder iſt es 103 nicht vielmehr ein Strahl aus einer höhern Welt, der Ihnen entgegenleuchtet?“ Die Gräfin ſchwieg, aber das nervöſe Zittern der Oberlippe bewies, das ſie für Stephana's Worte nicht unempfindlich war. Dieſe nahm nach einem kurzen Stillſchweigen wie⸗ der das Wort. „Wenn man den Geiſt des Chriſtenthums genau erwägt, ſo erſtaunt man darüber, daß wir Chriſten ihn ſo wenig verſtehen und uns ſo vollſtändig Ge⸗ fühlen hingeben, welche in geradem Gegenſatze zu der Lehre ſtehen, wozu wir uns bekennen.— So zum Beiſpiel ſagt das Chriſtenthum: Wir alle ſind gleich vor Gott und wir ſollen einander gegenſeitig lieben, und gleichwohl hegen die, welche einen ho⸗ hen Rang in der Geſellſchaft einnehmen, Neid gegen noch Höhere und verachten die Niedrigeren. Dieß iſt die Art und Weiſe, wie wir unſer Chriſtenthum in der Geſellſchaft und ſelbſt im Privatleben zur An⸗ wendung bringen; überall finden wir einen innewoh⸗ nenden Haß gegen einander. Dennoch ſollten wir mit Chriſti Beiſpiel vor Augen denken, daß ſein Wort in unſerm Herzen weilen und allen unſern Handlungen zu Grund liegen ſollte.— Unſere Lip⸗ pen bekennen ihn, aber unſer Herz verleugnet ſeine Lehre.— Ach, Frau Gräfin,“ fuhr Stephana, ihre Hand faſſend, fort,„auch Sie haben die Verſöh⸗ nungslehre verleugnet, und dennoch liegt in Ihrem Herzen ſo viel Güte. Noch am Abend des Lebens denken Sie an Ihrer Tochter weltliches Glück, nicht an ihr wirkliches, und dabei iſt ſie Ihnen ſo theuer, 104 daß Sie für dieſelbe, wenn es Ihnen möglich wäre, Ihr Leben opfern würden.“ „Madame,“ ſagte die Gräfin mit vornehmer, ob⸗ wohl matter Stimme,„Sie kommen da auf ein Ge⸗ biet, welches ein Fremdling zu betreten keineswegs das Recht hat.“ „Ein Fremdling, ja; aber ich bin kein Fremd⸗ ling,“ entgegnete Stephana mit Wärme.„Wenden Sie ſich nicht von mir ab, Frau Gräfin, denken Sie nicht, daß ich Ihnen zu nahe trete oder Ihrer Würde Abbruch thue, weil ich ein Kind aus dem Volke bin, ſondern bedenken Sie einzig, daß wir, Sie und ich, Chriſten und an dem Throne deſſen, vor welchem Sie in Kurzem ſtehen werden, einander gleich ſind. Nen⸗ nen Sie mich nicht einen Fremdling, ich bin es nicht.— Ich habe Sie geliebt, ſelbſt da Sie mir Verachtung zeigten, und meine Zuneigung zu Ihnen bewirkt, daß mein Herz Ihnen nicht fremd iſt. Glau⸗ ben Sie jedoch nicht, daß ich mich Ihnen deßhalb genähert habe, weil Sie Gräfin ſind; nein, mein Vorurtheil gegen den Adel iſt ebenſo groß, wie das Ihrige gegen uns, die Kinder des Volks; und wäre mein Entſchluß nicht ſo treu und feſt geſtanden, mich niemals von meinen Vorurtheilen leiten zu laſſen, ſondern in Allem ſo viel als möglich mir Chriſti Lehre zum Vorbild zu nehmen, ſo hätte auch ich durch meinen republikaniſchen Enthuſiasmus mich fa⸗ natiſiren laſſen. Jetzt, Frau Gräfin, laſſen Sie mich an Ihrem Krankenlager nicht ein Fremdling ſein, deſſen Theilnahme Sie dulden, darum, weil Sie ſich derſelben nicht entziehen können, ſondern als eine Tochter, die Sie von ihrer ganzen Seele liebt.“ — 105 Stephana ſah, daß die Gräfin ein wenig die Stirne runzelte, und deßhalb ſetzte ſie hinzu: „Sie wollen es nicht? Nun wohl, ich werde Ih⸗ nen doch ſein, was ich alle Zeit geweſen bin.“ Dieſe letzten Worte wurden mit einem ſo ernſten Ausdruck von Güte und Ergebenheit geſprochen, daß die Gräfin ſich davon gerührt fühlte, beſonders wenn ſie alle die tauſend Entſagungen, alle die Opfer über⸗ dachte, welche Stephana ſich auferlegte, um in den Tagen des Leidens derjenigen beizuſtehen, welcher ſie mit ſo vielem Uebermuth begegnet war. Die Gräfin drückte ihr matt die Hand und flü⸗ ſterte: „Sie nehmen mir Herz und Vernunft gegen mei⸗ nen Willen gefangen. Ich habe mein Leben lang für eine Idee gelebt und Sie machen mich derſelben beinahe ungetreu.“ „Nicht ungetreu,“ erwiederte Stephana, indem ſie der Gräfin feuchte Hand küßte„aber ich werde Sie ſo aufrichtig lieben, Sie ſo getreu pflegen, ſo warm für Sie beten, daß Sie am Schluſſe Ihres Lebens eine Idee, welche Ihnen daſſelbe völlig ver⸗ bittert hat, vergeſſen werden.“ „Sie irren ſich, Madame; ich werde ſo ſterben, wie ich gelebt habe, Ariſtokratin von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Nicht die Idee, der ich ge⸗ lebt habe, iſt es, welche meines Lebens Unglück aus⸗ gemacht hat, ſondern es ſind eben die Ideen, welche Sie hegen. Wenn Sie wüßten, wie viel Böſes mir der Bürgerſtand angethan hat, würden Sie verſte⸗ hen, daß ich niemals aufhören kann, ihn zu verab⸗ ſcheuen.“ 106 „Nicht er hat Ihnen Böſes gethan, ſondern Sie ihm,“ flüſterte Stephana. Die Gräfin bekam wieder einen kurzen, jedoch gelinden Huſtenanfall. Als er vorüber war, ſagte Stephana: „Verzeihen Sie mir, daß ich Sie zu ſprechen ver⸗ anlaſſe, während der Arzt es verboten hat.— Wol⸗ len Sie nicht, daß ich Ihnen Etwas vorleſe? Viel⸗ leicht können Sie dann einſchlummern.“ „Ja, leſen Sie Etwas, das zu meiner Beruhi⸗ gung beiträgt,“ antwortete die Gräfin. Stephana nahm ein Buch. Den Kopf auf die Hand geſtützt, das Buch im Schooße liegend, las Stephana von dem chriſtlichen Geiſte, der unſer Leben durchdringen ſoll. Es waren Worte, ſo mild, ſo entzückend und ſo voll Frieden und Verſöhnung, daß man glauben konnte, ſie gin⸗ gen von dem Herzen eines Engels aus. Obwohl Stephana eine ganze Stunde las, ſo hatte ſie doch nicht ein einziges Mal das Blatt im Buche umgewendet. Die liebevollen und beinahe ſchmeichelnden Worte hatten ſich an das Herz der Kranken angeſchmiegt und lockten Thränen hervor, welche ſtill über ihre Wangen rannen. Es war, als ob dieſe Thränen ſie beruhigten und bereits mit manchem bittern Gedanken verſöhnten, denn als Stephana endlich ſchwieg, da lag die Grä⸗ fin lang unbeweglich da, als ob ſie in Gebet ver⸗ ſunken wäre.. „— „Wer hat die Worte geſchrieben, welche Sie le⸗ ſen?“ fragte ſie endlich. 107 „Gott!“ antwortete Stephana mit träumeriſchem Ausdruck. „Gott?“ „Ja, er hat ſie mir eingegeben.— Ich habe nicht geleſen, Frau Gräfin, ich habe nur aus meinem Her⸗ zen geſprochen.“ „Ich danke.“ war Alles, was die Gräfin ſagte. Während des Reſtes der Nacht, da Stephana wachte, lag die Gräfin ſtill, wie erwägend, was ſie gehört hatte. IX. „Es dünkt mir eine ganze Ewigkeit zu ſein, ſeit⸗ dem ich Sie nicht geſehen habe,“ ſagte Jacobo zu Helfrid am folgenden Tage, als er ihr im Garten begegnete.„Ich fühlte eine Leere in mir, ſo oft ich Kungsborg verlaſſen mußte, ohne Sie auch nur zu Geſicht bekommen zu haben. Heute nahm ich mir vor, nicht eher von hier abzugehen, als bis ich mit Ihnen geſprochen hätte, und wie Sie ſehen, habe ich meinen Vorſatz ausgeführt.“ Helfrids Herz ſchlug ſo heftig, daß ſie einen Au⸗ genblick der Sprache beraubt wurde. Aber mittelſt einer kräftigen Willensanſtrengung gelang es derſel⸗ ben, ihre Erregung zu bezwingen, und ſie erwiederte mit ziemlich feſter Stimme: „Der Umſtand, daß ich Sie nicht zu ſehen be⸗ kam, hat nur dazu beigetragen, die Zeit noch trau⸗ riger für mich zu machen.“ 108 „Und ich bin doch jeden Tag in Kungsborg ge⸗ weſen.“ „Ich weiß es.“ „Warum mir dann nicht einen Augenblick die Möglichkeit bereiten, Sie meiner Theilnahme, meiner Freundſchaft zu verſichern?“ „Darum, weil ich mich beſtändig an meiner Mut⸗ ter Krankenlager gefeſſelt ſah.— Ach! es war ſo ängſtlich, ohne Unterlaß fürchten zu müſſen, daß es mit ihr zu Ende gehen würde.— Und dann, ſie lei⸗ den zu ſehen und zu wiſſen, daß es keine Heilung für ihr Leiden gibt!“ „Das iſt ſchrecklich. Sie ſind ſehr bleich gewor⸗ den, Fräulein Helfrid,“ ſagte Jacobo, indem er ſie theilnehmend betrachtete. „Was hat das zu bedeuten, wenn ich nur hof⸗ fen dürfte, daß Mama wieder geneſen werde. Sie iſt jetzt ſo ſchwach, und wir müſſen ſelbſt der Mög⸗ lichkeit entſagen, durch Luftveränderung und Aufent⸗ halt in einem wärmeren Klima ihre Geſundheit wie⸗ der gekräftigt zu ſehen. Es liegt etwas unerhört Schmerzliches in dem Gedanken, daß ſie früher oder ſpäter an dieſer furchtbaren Krankheit ſterben muß, deren Fortſchritt Nichts zu hemmen vermag.“ „Aber die Frau Gräfin befindet ſich ja etwas beſſer.“ „Ja, ſie will es heute verſuchen, angekleidet ſich auf einen Sopha zu legen.“ „Baron Skzöld wird ja hier erwartet?“ „Ja,“ erwiederte Helfrid erröthend. Jacobo faßte ihre Hand mit den Worten: 109 „Und die Frau Gräfin beabſichtigt, ihm ihre Tochter zu ſchenken?“ „Dieſer Gedanke bildet einen ihrer liebſten Wün⸗ ſche,“ antwortete Helfrid ruhig. „Bildet er auch einen der Ihrigen?“ fragte Ja⸗ cobo, indem er mit ſeinem Stocke Figuren in den Sand zeichnete. „Können Sie dieſe Frage an mich ſtellen?“ rief Helfrid, indem ſie ihn mit einem offenen Blick anſah. „Ja, warum nicht?— Man hat mir geſagt, daß Sie dem Baron Ihre Hand zu reichen beabſich⸗ tigen, Fräulein Helfrid, und da darf ich wohl nicht annehmen, daß Sie dieß thun, ohne Ihr Herz mit⸗ folgen zu laſſen; im andern Fall würden Sie ſehr unrecht handeln.“ „Unrecht! und auf welche Weiſe?— Ich habe Achtung vor dem Baron; ich hoffe eines Tags wirk⸗ lich Neigung zu ihm hegen zu können, und ich er⸗ fülle einen von meiner Mutter innigſten Wünſchen. — liegt alſo Unrechtes in meiner Handlungs⸗ weiſe?“ „Das Unrecht liegt darin, daß Sie nicht Ihr Herz mit Ihrer Hand verſchenken.— Sie nehmen die Liebe des Barons an, und geben ihm.. „Mein ganzes Leben.“ „Mit Ausnahme Ihrer Liebe.“ a wird mir eines Tags auch gelingen, ihn zu ieben.“ „Daran haben Sie Recht; aber bevor dieſer Tag kommt, dürfen Sie Ihr Geſchick nicht mit dem ſei⸗ nigen vereinen. Ein ſolches Thun von Ihnen 110 Jacobo brach ab und ſetzte dann mit ſeinem freundlichen Lächeln hinzu: „Aber ich bin ja durchaus nicht berechtigt, alſo mit Ihnen zu reden; meine Gedanken über dieſen Punkt können mit Grund als ungehörig betrachtet werden, und nur das lebhafte und wahre Inter⸗ eſſe, welches ich für Sie hege, kann meine Einmi⸗ ſchung in eine Sache entſchuldigen, welche nur Sie berührt, und dennoch. „Reden Sie aus, ich bitte.“ „Und dennoch möchte ich das Recht haben, was ich denke, auszuſprechen.“ „Dieſes Recht haben Sie mehr als Jemand anders.“ „Gut; und Sie werden ſich von dem, was ich ſage, nicht verletzt fühlen.“ „Nein, denn ich werde mich erinnern, daß jedes Wort von Theilnahme diktirt iſt.“ „Und Zuneigung.“ „Warum brachen Sie bei dennoch ab?“ „Ich wollte ſagen, und dennoch würde ein ſol⸗ ches Thun von Ihnen mein Urtheil über Ihren Charakter gänzlich verändeérn.“ „Inwiefern?“ „Ich habe mir eine ſolche Vorſtellung von Ihnen gebildet, daß es für Sie eine Unmöglichkeit ſei, ſich zu etwas Faolſchem und Unwahrem herabzulaſſen. Sogar Ihr Stolz, den ich im Ganzen mißbillige, war meiner Anſicht nach von ſolcher Natur, daß er Sie über jede niedrige Handlung erheben mußte. Es ſchmeichelte meiner Seele, Sie mir als ein an 111 Gedanken, Gefühlen und Abſichten edles Weſen zu denken.“ Jacobo ſchwieg. „Warum fahren Sie nicht fort?“ „Bedarf es deſſen? Handelten Sie in Ueber⸗ einſtimmung mit einem ſolchen Charakter, wenn Sie aus weltlichen Beweggründen Ihre Hand einem Mann reichten, den Sie nicht lieben, während. „Mein Herz einem Andern gehört,“ fiel Helfrid hocherröthend ein. „Allerdings.— Es gibt nur eins von zwei Dingen: entweder iſt Ihre Neigung zu jenem An⸗ dern nur eine vorübergehende Einbildung geweſen und jetzt auf den Baron übergegangen, oder Sie be⸗ gehen gegen den Letztern eine trügeriſche und treu⸗ loſe Handlung, indem Sie ohne Liebe ſeine Gattin werden. Auf einem ſolchen Grund baut ſich kein Glück auf. In beiden Fällen haben Sie die hohe Meinung, die ich mir von Ihnen machte, verwirkt.“ „Sie ſind ſtreng; aber ich will Ihnen beweiſen, daß Sie keinen Irrthum begangen haben, wenn Sie mich jeder niedrigen Handlung unfähig glaubten oder meinen Charakter für wahr hielten. Der Mann, an welchen mein Herz ſich einmal angeſchloſſen hat, den wird es auch lieben bis in den Tod.— bin ein im Grunde viel zu ruhiger Charakter, um jemals einer launenhaften Eingebung zum Opfer zu fallen; meine Gefühle ſind dazu viel zu tief und, wenn Sie ſo wollen, zu einſeitig. Ich lodere nie⸗ mals auf; aber das Feuer, welches in meinem Her⸗ zen brennt, ſtill und unbemerkt, das erlöſcht niemals, ſo lang ich lebe.“ „Ich danke, Helfrid; jetzt ſind Sie ſo, wie ich mir gern Sie denke.“. Jacobo vergaß das Wort Fräulein, und Helfrid gab nicht Acht darauf, daß er es weggelaſſen hatte. „Jetzt, wo ich meiner Mutter Wunſch zu er⸗ füllen und dem Baron meine Hand zu reichen be⸗ abſichtige, geſchieht es nur darum, daß ich ihr da⸗ mit die größte Freude mache, welche ihr das Leben noch gewähren kann, und ihre letzten Stunden ver⸗ ſüße. Ich gedenke nicht, mit einer Lüge vor Gottes Angeſicht zu treten und Treue zu geloben, ohne den feſten Vorſatz, meinen Eid zu halten. Ich gedenke nicht, Liebe zu heucheln, ſondern als Gattin Alles zu thun, um meine Zuneigung an den Mann zu knüpfen, gegen welchen ich immerdar gewiſſenhaft meine Pflichten zu erfüllen ſuchen werde. Das Be⸗ wußtſein, durch dieſe Vereinigung meine Mutter mit den Sorgen und Leiden, denen ſie ausgeſetzt iſt, ver⸗ ſöhnt zu haben, wird mich ſtärken und mir Kraft einflößen, eine würdige Gattin zu werden. Während dieſes Geſprächs hatten Helfrid und Jacobo ſich auf einer Bank niedergelaſſen. „Alles, was Sie da ſagen, Fräulein Helfrid, ſind Sophismen, in ſchöne Worte gekleidet, und bil⸗ den leider die gewöhnlichen Anſichten, womit man Verſtand und Gefühl irre zu leiten ſucht.“ „Dieſe Behauptung bedarf einer näheren Er⸗ klärung.“ „Und ich will ſie Ihnen auch geben; aber zuerſt müſſen Sie mir aufrichtig antworten: glauben Sie, mit dem Baron glücklich werden zu können?“ 3½ „Glücklich! Das iſt Etwas, worauf man kaum 113 im Leben Anſpruch machen kann; aber ich hoffe, nicht unglücklich zu werden, und das iſt ja Alles, ni wir von der Wirklichkeit zu begehren das Recht haben.“ Jacobo ſah ſie mit einem Ausdruck des Mitleids an, als er jetzt fortfuhr: „Sie haben von dem Leben eine ganz traurige, um nicht zu ſagen, vollkommen falſche Anſicht. Ihre Antwort beweist indeſſen, daß Sie nicht auf ein Glück hoffen, obwohl Sie ſich blind für das Unglück machen, welchem Sie ſich hinzugeben im Begriff ſtehen. Und doch ſollte in dem Herzen eines jungen Mädchens ſich ein Inſtinkt finden, welcher ihm ſagte, daß eine Che ohne Liebe etwas mehr als unglück⸗ lich iſt; es iſt ein widerlicher und unnatürlicher Zwang für ihr weibliches Zartgefühl; aber die Ge⸗ wohnheit, die Ehe als eine materielle Affaire, nicht als eine moraliſche Vereinigung zweier Seelen zu betrachten, hat bewirkt, daß dieſes natürliche Zart⸗ gefühl in Vergeſſenheit gerathen iſt. Haben Sie ſich niemals in Gottes Abſicht hineingedacht, als er die Ehe ſtiftete? Nein, Sie haben, gleich allen an⸗ dern jungen Mädchen, von Ihrer früheſten Kindheit gehört, daß Sie ſich eines Tags verheirathen wer⸗ den, und daß Sie einen Mann nehmen müſſen, deſ⸗ ſen Vermögen und geſellſchaftliche Stellung von der Art iſt, daß er Ihnen anſteht und mit den Anſprü⸗ chen, welche Ihre Eltern an ihren künftigen Schwie⸗ gerſohn zu machen haben, übereinſtimmt. Eine ſolche ereinigung muß ſich auf gegenſeitige Achtung grün⸗ den— das haben Sie auch gehört; aber das Wort Liebe hat man niemals ausgeſprochen, aus Furcht, Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. H. 8 11¹4 Sie zu einer Romanheldin zu machen. Ebenſo wenig hat man Sie darüber aufgeklärt, worauf Ihre Ach⸗ tung vor dem künftigen Mann beruhen ſoll. Man zieht ſelten etwas Anderes, als ſein künftiges Ver⸗ mögen in Betracht, oder das Anſehen, welches er in den Augen der Welt genießt. Wie er ſeinem moraliſchen Charakter nach eigentlich beſchaffen iſt, kommt nicht in Frage, und auf ſolcher Grundlage werden die Ehen der Jetztzeit geſchloſſen. „Kann man verlangen, daß eine ſolche, aus welt⸗ lichen Intereſſen geſtiftete Vereinigung den Contra⸗ henten Glück bringe, oder ein ſo heiliges und inniges Band ausmache, um daraus Wohlfahrt, Frieden und moraliſche Veredlung emporblühen zu laſſen?— Nein, ſolche Gatten gleichen zwei Weſen, welche mit Gleichmuth ein Joch tragen, das ſie nicht abwerfen können, und ſelbſt die Luft wird in dieſem liebes⸗ armen Heimweſen von der Art, daß ſie jedes ver⸗ edelnde Gefühl vertrocknet und auf das heranrei⸗ fende Geſchlecht einwirkt, welches in einer ſolchen Atmoſphäre aufgewachſen, der Nahrung für die har⸗ moniſche Entwicklung der höhern und edlern Em⸗ pfindungen entbehren muß; und daher kommt der Mangel an moraliſcher Erhebung, welcher unſere Ziet kennzeichnet.“ Jacobo hielt an und ſah gedankenvoll vor ſich hin. Helfrid betrachtete ihn mit Blicken voll Bewun⸗ derung, denn es lag eine tiefe Wahrheit in dem, was er ſagte. „So verkehrt ſind unſere Begriffe,“ nahm Ja⸗ cobo wieder das Wort„daß dieſelbe Mutter, welche niemals mit ihrer Tochter davon redet, ſie habe ein 115 Herz, welches eines Tags ſeine Stimme erheben würde, aus Furcht, den jungfräulichen Frieden ihrer Seele zu ſtören, letztere ohne Zögern dem Manne überläßt, welcher ihr Gold und Rang bietet. Dabei zen völlig gleichgültigen Mannes zu werden. Ge⸗ ſtehen Sie, daß dieſes Thun, unparteiiſch geſprochen, dem orientaliſchen Gebrauche, ſich eine Sclavin zu kaufen, auffallend gleich ſieht.“ Helfrid wechſelte die Farbe. „Und das junge Mädchen, welches ſo ohne Liebe mit kaltem Blut und mit kalter Berechnung die ürde durchaus keinen höhern Begriff, als die junge Circaſſierin, welche an den Meiſtbietenden ſich ver⸗ kaufen läßt.“ „Jetzt gehen Sie zu weit,“ fiel Helfrid mit pur⸗ purrothen Wangen ein.. „Ganz und gar nicht. Ihr eigenes Gefühl wird mir Recht geben, wenn Sie einmal ernſtlich über die Sache nachdenken. Das Band der Ehe, Fräulein Helfrid, darf niemals gelnüpft werden, wenn nicht eine heilige, warme, reine und tiefe Liebe die Her⸗ zen der Perſonen vereinigt, welche ihrem ganzen zeſen nach Eins werden, welche Freud und Leid mit einander theilen und gemeinſam das ganze Le⸗ ben durchwandern ſollen. Sind die Herzen derſel⸗ ben nicht in eine ſolche harmoniſche Vereinigung ver⸗ 8 116 ſchmolzen, da iſt die Ehe nicht, was ſie ſein muß, und daraus kann niemals ein Glück entſtehen, oder eine moraliſche Veredlung auf die Seele ausgeübt werden. Den Mann, welchem eine Frau ſich für ein ganzes Leben hingibt, muß ſie nicht allein hoch⸗ achten, ſondern ſie muß ihn von ganzer Seele, mit jeder Fiber ihres Herzens lieben, als ob er der beſ⸗ ſere Theil ihres Weſens wäre; und die Frau, an welche ein Mann ſein Schickſal knüpft, muß ihm theurer, als ſein eigenes Leben ſein. Nur dann wird die Ehe zu dem, was ſie ſein muß, eine hei⸗ lige und unauflösliche Verbindung, wo zwei Herzen von einem Schlage klopfen, und dann wird auch die moraliſche Entwicklung des aufwachſenden Geſchiechts ganz verſchieden von dem, was ſie jetzt iſt.— Es liegt etwas Niedriges, Gemeines und, geſtatten Sie mir es zu ſagen, Thieriſches in der Art und Weiſe, wie man jetzt die Ehen behandelt. Es iſt eine Er⸗ niedrigung aller der edlern und höhern Gefühle, welche Gott in unſer Herz niedergelegt hat, und Sie, Fräulein Helfrid, Sie, in der Verachtung alles Nie⸗ drigen erzogen, Sie, den Vorurtheilen der Geburt nur deßhalb hingegeben, weil Sie dadurch ſich über die rohen Inſtinkte der Maſſe zu erheben glauben, Sie, mit dem Erbe einer veredelten und hohen Seele begabt, Sie ſtehen jetzt im Begriff, als Handels⸗ waare ſich einem Mann zu überlaſſen, den Sie nicht lieben, den Sie, wie Sie in der Tiefe Ihres Her⸗ zens fühlen, niemals lieben werden, und mit wel⸗ chem Sie Ihre Seele nicht ſo zu verſchmelzen ver⸗ mögen, daß Sie mit ihm Eins werden.— Geſtehen Sie, daß ich Recht habe, wenn ich behaupte, Sie 117 würden ganz und gar den Charakter, den ich Ihnen bisher beilegte, verleugnen, wenn Sie ſo handelten. Es war ein ſchwerer Augenblick für Helfrid. Sie erkannte, daß er Recht hatte; ſie war gezwungen, beinahe in demſelben Augenblicke ihn zu bewundern, wo er ſie vor ſich ſelbſt demüthigte; und dennoch lag Etwas in ihr, das ihr ſagte, daß er ihre Hand⸗ lung allzu ſtreng beurtheile. Sie wußte, daß ſie von dem innigſten Wunſche geleitet war, ihre Mut⸗ ter glücklich zu machen und ihr die einzige Freude, welche das Leben noch bot, zu bereiten. Und ſo antwortete Helfrid mit beinahe feſter Stimme: „Sie haben vollkommen Recht in Allem, was Sie ſagen, und ich ſchenke Ihren Worten meine un⸗ getheilte Achtung; aber es gibt gleichwohl Fälle, wo man, ohne durch Berechnung ſich leiten zu laſſen, ohne ſich zu verkaufen, wie Sie es ausdrückten, eine eheliche Verbindung knüpfen kann, obwohl das Herz der Hingabe der Hand nicht folgt, und wo wir den⸗ noch von reinen und uneigennützigen Gefühlen be⸗ ſtimmt werden. In der Vorzeit opferte man ſein Leben den Göttern, um Vaterland, Eltern oder ir⸗ gend einen theuern Gegenſtand vor Unglück und Un⸗ tergang zu retten; und wir leſen mit Rührung von dergleichen Opfern. Nun wohl, wenn eine Tochter ihr Elück opfert, um damit ihrer Mutter eine Freude zu bereiten, liegt darin nicht ein gleich reines und heiliges Gefühl? Sie bezahlt ja damit ihre Schuld an diejenige, welche ihr das Leben gab, und mir ſcheint, daß ein ſolches Thun Achtung, wenig⸗ ſtens Rachſicht verdiente.“ 118 „Nachſicht— ja; denn dieſe ſchenken wir ja der Mutter, welche in einem Augenblick der Verzweif⸗ lung ihr Kind mordet; aber die Handlung bleibt doch an und für ſich ein Unrecht. Ihr Raiſonne⸗ ment iſt falſch, Fräulein Helfrid, und dieß werde ich Ihnen ſogleich beweiſen. Sie reden von dem Opfer, welches man in der Vorzeit aus Heroismus brachte, und vergleichen es mit dem, welches Sie nun zu bringen beabſichtigen. Mein Fräulein, das vorer⸗ wähnte Opfer erſtreckte ſich blos auf das eigene Le⸗ ben und begriff nur einen Augenblick phyſiſchen Schmerzes. Wenn Sie für Ihrer Mutter Glück Ihr eigenes Leben opferten, ſo würde ich Sie bewundern und der erſte ſein, welcher in Ihrer Selbſtverläug⸗ nung Sie groß fände; aber nun opfern Sie für eine Einbildung von derſelben nicht blos Ihre eigene Zukunft, Ihr eigenes Glück und Ihre moraliſche Veredlung, ſondern Sie thun daſſelbe mit einem an⸗ dern Menſchen, um Nichts von dem Einfluß auf das heranwachſende Geſchlecht zu ſagen, welchen dieſer Schritt mit ſich bringt. Wie gewiſſenhaft Sie auch Ihre Pflichten als Gattin erfüllen, wie gut Sie auch Ihre Rolle als Frau ſpielen mögen, wird es Ihnen doch niemals gelingen, den Mangel der Liebe zu verbergen, und Ihr Mann wird bald finden, daß er niemals Ihr Herz beſeſſen hat, niemals beſitzen wird. Was haben Sie dann ausgerichtet? Sie haben ſeine rechtmäßigen Anſprüche auf Glück ge⸗ täuſcht. Um Ihrer Mutter eine augenblickliche und eitle Freude zu bereiten, haben Sie dieſen Mann zu einer liebeleeren Ehe an Ihrer Seite verurtheilt. Was iſt die Folge davon? Daß beide, er und Sie, 119 jenes gewöhnliche und, wenn ich es ſagen darf, ver⸗ haßte Bild von Ehegatten darſtellen, wo ein jedes auf ſeine Weiſe in äußern Zerſtreuungen oder Aus⸗ ſchweifungen die falſche Rechnung, die es ſich auf häusliche Glückſeligkeit gemacht hat, zu vergeſſen ſucht.— Sagen Sie mir nun, auf Ihr Gewiſſen, wiegt wirklich die Freude, welche Sie ihrer Mutter bereiten, das Unglück auf, welches Sie auf Ihr eige⸗ nes und Ihres Gatten Haupt herabbeſchwören? Ich würde Nichts ſagen, wenn Sie damit Ihrer Mutter Leben retten oder irgend ein großes und ſchreckliches Unglück von ihr abwenden könnten, mit einem Wort, wenn deren Wohlfahrt auf dieſem Opfer beruhte; aber nun, nun geſchieht es blos, um einer von deren Schwachheiten zu ſchmeicheln, deren Stolz Genüge zu leiſten und Sie wegen Ihrer ökonomiſchen Stellung zu beruhigen: lauter weltliche Beweggründe.— Fräulein Helfrid, ich habe Sie wahrſcheinlich mit meinen Vernunftgründen gelangweilt und vielleicht ſogar erbittert, aber ich habe aus aufrichtigem Her⸗ zen mit einem vollkommen uneigennützigen Intereſſe für Ihr Wohl geſprochen und bitte Sie darum, was ich geſagt habe, als von dem Wunſche ausgehend zu betrachten, in der Eigenſchaft eines Freundes die einfache Sprache der Wahrheit zu reden.— Nicht wahr, Sie haben meine Abſicht nicht mißver⸗ ſtanden?“ Jacobo reichte Helfrid die Hand. „Sie kann von mir nicht mißverſtanden werden. Das Einzige, was ich empfinde, iſt wahre Dankbar⸗ keit für das, was Sie geſagt haben.“ 120 „Und Sie werden an meine Worte gedenken, ehe Sie einen Entſchluß faſſen?“ „Ja, ich werde ſie mir überlegen. 4. Helfrid ſtand auf und ſie gingen ſchweigend auf das Haus zu. „Es ſoll ja heute Geſellſchaft bei der Freiherrin von F. ſein; werden Sie auch hingehen?“ fragte Helfrid. „Ich habe verſprochen, zu kommen.“ „Sie iſt eine höchſt liebenswürdige Dame.“ „Sie iſt unbeſchreiblich einnehmend. Ich habe nur ſelten in meinem Leben ein Weſen getroffen, das ſo aus eitel Feuer und Flammen zuſammenge⸗ ſetzt war, wie ſie. Sie reißt gewaltſam die Seele mit ſich fort.“ „Sie haben alſo auch den Einfluß ihrer bezau⸗ bernden Lehaftigkeit gefühlt?“ „Hätte ich es nicht gethan, ſo wäre ich kein Mann. Sie iſt eine wirklich gefährliche Frau für ei welcher ſich gern vom Augenblick bethören äßt.“ „Und wo gibt es einen Sterhlichen, der dieß nicht thut? Wir alle geben uns mehr oder minder der Freude und dem Eindruck des Augenblicks hin.“ „Das iſt ſehr wahr; und ich bin überzeugt, daß die Freiherrin eine unzählige Menge von Herzen erobert hat und noch erobern wird. Und Jeder, welcher in den magiſchen Kreis der unwiderſtehlichen Zauberkraft ihrer Liebenswürdigkeit gelangt, läuft Gefahr, ſeine Ruhe zu verlieren.“ „Auch Sie?“ „Man kann nicht ein Ding verlieren, deſſen man 121 ſchon verluſtig gegangen iſt. Wäre auch der erlit⸗ tene Verluſt erſetzt, ſo möchte ich mich doch nicht in eine Frau verlieben und mein Wohl oder Wehe auf ſie bauen.“ „Sie möchten nicht? Kann man mit ſeinem Willen über ſein Herz gebieten?“ „Wenn man, wie ich, einmal in der Liebe Ban⸗ kerott gemacht hat, iſt man um die Friſche des Ge⸗ fühls gekommen, welche erforderlich iſt, um gegen ſeinen Willen durch einen Eindruck ſich fortreißen zu laſſen. Der, welcher einmal Schiffbruch gelitten hat, fürchtet ſich, zum zweiten Mal dieſes Schickſal über ſich ergehen zu laſſen.“ „Die Freiherrin kann alſo für Ihre Ruhe nicht gefährlich werden?“ „Ich hoffe wenigſtens, daß ſie es nicht wird,“ antwortete Jacobo lächelnd.„Ich glaube nicht fürch⸗ ten zu müſſen, daß die Liebe mir noch einmal den Poſſen ſpiele, mit meiner Vernunft davon zu fliegen, denn es läge wirklich in einer ſolchen Neigung etwas ſehr Unvernünftiges.“ „Warum? Die Freiherrin iſt Wittwe und voll⸗ kommen ſelbſtſtändig in ihren Anſichten und ohne alle hohen Gedanken in Bezug auf den Stand, wel⸗ chem ſie angehört.“ „Mag es ſein, daß ich vermeſſen genug wäre, mir das Vermögen zuzutrauen, ihr Herz zu gewin⸗ nen, ſo möchte ich doch den Verſuch nicht machen, ſondern würde ſtets eine Verbindung zwiſchen ihr und mir als unausführbar betrachten.“ „Und der Grund?“ „Iſt einfach der, daß ich zur Gattin nicht eine 122 Perſon haben möchte, welche der Meinung iſt, ſie ſei ein Schritt zu mir herabgeſtiegen, da ſie meine Frau wurde. Obwohl ich ſelbſt unſere Stellung nicht ſo beurtheilen würde, ſo ſchlöße dieſelbe doch das Bewußtſein in ſich, daß ſie, nach den von ihrer Kindheit an eingeſogenen Ideen, glauben würde, ſie habe ſich zu mir herabgelaſſen, und ein ſolcher demü⸗ thigender Gedanke macht für mich jede Verbindung der Art zur Unmöglichkeit. Wir Kinder einer Re⸗ publik haben auch unſern Stolz, und ich beſitze keinen geringen Theil davon.“ Helfrid ſchwieg. Jacobo's Worte wurden ihr faſt peinlich, und ſie empfand einen unbeſchreiblich bittern Schmerz bei denſelben. X. Einige Tage vergingen. Die Gräfin befand ſich jetzt in jenem ſcheinbaren Zuſtande der Beſſerung, welcher ſo trügeriſcher Na⸗ tur iſt und die Folge hat, daß ſowohl die Lungen⸗ kranken ſelbſt als die Perſonen in deren Umgebung unaufhörlich ſich zu der Hoffnung wieder verleiten laſſen, das Uebel würde doch noch vorübergehen. Gleichwohl waren ihre Kräfte ſo erſchöpft, daß ſie nicht mehr im Zimmer auf und abzugehen ver⸗ mochte, ſondern, nachdem ſie angekleidet war, von dem Bette auf einen Sopha oder einen Ruheſeſſel getragen wurde, wo ſie die Zeit zubrachte. z Eines Nachmittags, als die Gräfin angekleidet 123 war und ihren Platz auf einer kleinen, im Salon befindlichen Pompadour eingenommen hatte, trat Stephana ein, um Helfrid abzulöſen, damit dieſelbe Gelegenheit hätte, einen Spaziergang zu machen. Als Stephana und die Gräfin allein waren, ſagte die erſtere: „Ich erwarte in vierzehn Tagen hier eine Per⸗ ſon, deren Gegenwart, wie ich fürchte, Ihnen, Frau Gräfin, einiges Unbehagen verurſachen wird.“ „Ihre Gäſte, Madame, können mich nicht geni⸗ ren, denn ich kann das Zimmer nicht mehr verlaſſen, und wie Sie wiſſen, werde ich es wahrſcheinlich lebend überhaupt nicht mehr verlaſſen.“ „Aber die Perſon, von welcher ich ſpreche, iſt gewiſſermaßen mit Ihnen verwandt, und darum dürfte deren bloßer Name ſchon etwas Unangenehmes für Sie in ſich ſchließen. Ich meine die Gräfin Elin Romarhjerta.“ „Sie irren ſich, wenn Sie glauben, daß wir verwandt ſind,“ erwiderte die Gräfin ſtolz;„und ich hoffe, daß die Gräfin Elin ſo viel Takt haben wird, um keinen Anſpruch darauf zu machen, eine Annähe⸗ rung als Verwandte bei uns zu verſuchen.“ „Deſſen bin ich verſichert. Sie iſt viel zu ſtolz, um ſich Jemand aufdringen zu wollen,“ entgegnete Stephana, während ihre Wangen ein lebhafteres Roth annahmen. „Dann, Madame, kann ich vollkommen ruhig ſein. Ich werde nicht einmal daran gedenken, daß wir beide, ſie und ich, Gäſte unter demſelben Dache ind. Sie haben mir ja dieſe Zimmer überlaſſen, und dieſelben machen folglich ein Gebiet aus, wel⸗ ⸗ 5 124 ches kein Fremder ohne meine Zuſtimmung betreten kann.“ Es entſtand eine Pauſe. Stephana's Angeſicht war von der Gräfin ab⸗ gewendet, ſo daß dieſe den wechſelnden Ausdruck von Schmerz und Verdruß, die hier ſchnell einander ab⸗ lösten, nicht wahrnehmen konnte. „Mein Sohn wird wohl in der nächſten Woche nach England reiſen?“ begann die Gräfin wieder. „Ja, der Herr Graf hat mich davon unter⸗ richtet.“ „So ſchmerzlich es mir auch iſt, mich von ihm zu trennen, unter Umſtänden, da ich nicht weiß, wie lang mein Leben noch währt, ſo bin ich dennoch froh, daß er Kungsborg zu einer Zeit verläßt, wo Fremde hier ſind. Es würde ihm ſchwerer fallen, als mir, aller Berührung mit denſelben auszu⸗ weichen.“ „Wir wollen hoffen, daß der Herr Graf bei ſei⸗ ner Rückkehr Sie beſſer findet. Der Sommer iſt eine Zeit, wo Perſonen mit Ihrer Krankheit ſich gleichſam dem Leben wieder zuwenden, und ſomit dürfen auch wir dem Worte des Doctors, welcher verſichert, daß Sie die warme Jahreszeit überleben werden, Glauben ſchenken.“ „Ich ſelbſt möchte wünſchen, daß der Doctor die Wahrheit ſpräche; denn wenn man nur zwei Kinder hat, da will man wenigſtens eines derſelben glück⸗ lich ſehen, ehe man von hinnen geht.“ 1 „Man hat mir geſagt, Frau Gräfin, daß Sie eine ältere Tochter gehabt haben, iſt dieſelbe todt?“ 125 dringenden und geſpannten Ausdruck auf die Gräfin geheftet, daß ſie doppelt ſo groß wie ſonſt ſchienen. Bei Stephana's Worten zuckte die Gräfin zu⸗ ſammen, und ihr Antlitz veränderte ſich ſo auffal⸗ lend, daß es ausſah, als würde ſie ohnmächtig wer⸗ den; aber einen Augenblick darauf waren die ab⸗ gezehrten Züge wieder kalt, und ſie antwortete in maktem Tone: „Sie iſt todt.“ „War ſie älter oder jünger als der Herr Graf?“ „Jünger.“ „Es muß ſehr ſchmerzlich ſein, an einen ſolchen Verluſt zu denken. Sie war gewiß noch ganz jung, als ſie ſtarb, da ich Fräulein Helfrid niemals ihrer erwähnen hörte.“ „Ja, ſie war ſehr jung.— Wenn Sie doch die Güte hätten, das Fenſter ein wenig zu öffnen, wür⸗ den Sie mich wirklich ſehr verpflichten.“ Stephana war ſehr bleich geworden, und man bemerkte, daß ſie mit großer Schwierigkeit Athem holte. Sie vollzog ſchweigend den Wunſch der Grä⸗ fin und ſetzte ſich an das Fenſter. „Vor einigen Jahren, da ich zum erſten Mal Paris beſuchte, machte ich die Bekanntſchaft eines ſchwediſchen Kavaliers, von welchem man ſagen konnte, daß er ſeinem ganzen Charakter und ſeiner Denkart nach ein wirklicher Edelmann war.— Er hieß Graf Carl Runa, ohne Zweifel ein Verwandter von Ih⸗ nen, da Sie eine geborne Runa ſind.“ „Es war mein einziger Bruder,“ antwortete die Gräfin, und eine leichte Wolke jlog über ihre Stirne. 126 „Ich kann niemals ohne Rührung an ihn den⸗ ken,“ fuhr Stephana fort;„etwas ſo Edles, ſowohl dem äußern als dem innern Menſchen nach, habe ich niemals getroffen.“ „Ja, ſein Herz war edel genug; nur ſchade, daß er von Jugend auf die franzöſiſchen Freiheitsideen einſog, welche zur Folge hatten, daß er ſich daheim nicht wohl fühlte, ſondern ſich in Frankreich nieder⸗ ließ, wo er auch ſtarb.“ „Er war, glaube ich, mit einer Franzöſin ver⸗ mählt?“ „Ja, mit der Herzogin von***.“ Es lag kein geringer Stolz in dem Tone, wo⸗ mit die Gräfin den Namen Herzogin ausſprach. Der Graf hatte eine Tochter, wenn ich mich recht erinnere,“ fuhr Stephana fort, indem ſie die Gräfin firirte. S„Die Tochter ſtarb einige Wochen nach der Mut⸗ ter,“ erwiederte die Gräfin kalt. „Aber als ich zu dem Grafen Runa eingeladen wurde, ſtellte er mir eine junge Dame als ſeine Tochter vor.“ „Das iſt möglich; ich glaube, daß er ein Pflege⸗ kind hatte.“ „Sie kennen vielleicht, Frau Gräfin, das ſpätere Schickſal dieſer Pflegetochter?“ fragte Stephana mit einem leichten Zittern um ihre Lippen. Nein, Madame, das iſt nicht der Fall.— Woll⸗ ten Sie mir nicht Etwas ſingen,“ ſetzte die Gräfin mit ungewöhnlich mildem Lächeln hinzu.„Ihre Stimme thut mir wohl.“ 127 Stephana kam ſogleich ihrem Wunſche nach und ang: „Hoch auf dem Berge oben ſing' ich ſo manches Mal.“ Es war als ob das einfache Lied die Kraft be⸗ ſäße, in dem Herzen der Gräfin einen unnennbaren Schmerz zu erregen. Bei den erſten Tönen lief ein nervöſes Zittern durch ihr ganzes Weſen, und als der erſte Vers zu Ende war, rief ſie mit dumpfer Stimme: „Warum ſingen Sie dieſes Lied?“ „Weil es mir gerade einfiel. Ich hörte es Graf Runa's Tochter eines Abends ſingen und werde niemals vergeſſen, wie bewegt ſie am Schluſſe des⸗ ſelben war, Sie ſagte, ſie habe es ihrer Mutter geſungen, als ſie dieſelbe zum letzten Mal geſehen. Wenn Sie wollen, ſo werde ich ein anderes ſingen.“ „Ach nein, laſſen Sie mich die weiteren Verſe hören,“ flüſterte die Gräfin. Stephana ſang, ſang ſo, daß man glaubte, jeder Ton käme von und ginge zu Herzen. Als ſie fertig war, hörte ſie ein leiſes, unterdrücktes Schluchzen von der Gräfin. Stephana ſelbſt war aber ſo er⸗ griffen, daß ſie unbeweglich ſitzen blieb und die Hände wie bewußtlos über das Inſtrument eilen ließ. So verging eine Weile. Der Eintritt des Gra⸗ fen Hermann unterbrach die ſtumme Scene, welche ſu gnnt Leben von Schmerz und Leiden in ſich oß. Nachdem einige unbedeutende und nichtsſagende Redensarten gewechſelt worden waren, verließ Ste⸗ phana das Zimmer mit den Worten: 128 „Wenn Sie die Frau Gräfin verlaſſen, Herr Graf, ſo werden Sie wohl die Güte haben, mich und Fräulein Helfrid davon zu unterrichten, ich gehe zu ihr in den Garten. Mutter und Sohn blieben allein. „Weißt Du, daß Elin hieher kommt?“ ſagte die Gräfin, indem ſie ihres Sohnes Hand in die ihrigen ſchloß. „Ja, Frau Stephenſen hat mir davon Mitthei⸗ lung gemacht.“ „Und deßwegen alſo machſt Du die Reiſe nach England?“ „Nein, ich mache ſie lediglich in Geſchäftsange⸗ legenheiten.“ „Haſt Du die Abſicht, mit dieſer Frau zuſam⸗ menzutreffen?“ „Ja, ich will ſie ſehen und kennen lernen.“ „Hermann, ſie iſt reich und Du biſt nun arm; bedenke was Du thuſt. Jede Annäherung an ſie“ trägt den Schein des... „Eigennutzes, willſt Du ſagen, Mama.“ „Ja, und Du kannſt wohl niemals den Namen, welchen Du trägſt, ſo tief erniedrigen, daß Du aus ſolchen Beweggründen eine Frau zu Gnaden an⸗ nimmſt, welche Du in den Tagen des Glücks um ihrer niedrigen Herkunft willen verſtoßen haſt.“ „Kann Mama das von ihrem Sohne glauben?“ 7„Ich will es nicht glauben; aber erkläre mir, was Du mit einer ſolchen Annäherung beabſichtigſt?“ „Ich werde dieſe Frau kennen zu lernen ſuchen, welche ich ſo ſchonungslos behandelt habe, um meine ganze Schuld gegen ſie beurtheilen zu können; und 129§ im Fall ich ſie edel und gut finde, will ich für die Barbarei, welche ich ausgeübt habe, ihre Verzeihung zu erhalten ſuchen.“ „Du willſt ſie um Verzeihung bitten?— Sie, welche Deinen edeln Namen ſtahl und Dich deiner Freiheit beraubte. Sie, welche.. „Mein Leben und meine Ehre rettete, welche ich beide in unverantwortlichem Leichtſinn aufs Spiel geſetzt hatte. Ich ſehe vollkommen ein, Mutter, daß ich gegen ſie in einer großen Schuld ſtehe, welche ich niemals abzutragen vermag.“ „Hermann!“ rief die Gräfin mit erröthenden Wangen. „Mutter!“ entgegnete Hermann ernſt,„überrede deinen Sohn nicht, davon abzuſtehen, was Ehre und Gewiſſen ihm zu thun gebieten. Glaube mir, wir haben beide, Du und ich, viel gegen dieſe Frau gut zu machen.“ „Was ſagſt Du, ich?“ „Ja, theure Mutter, deine Liebe zu mir hat Dich hart gegen ſie gemacht.“ „So wie ich geweſen bin, bleibe ich auch bis zu meinem Tod,“ erwiederte die Gräfin beſtimmt,„und ich ſehe mich als die mit Unrecht Gekränkte an. e niemals, daß ich mich jenem Geſchöpfe nähern werde. „Das begehre ich auch nicht, Mama; aber um was ich Dich auf meinen Knieen bitte, iſt, daß Du für Helfrids Benehmen keine Regeln außſtellſt, welche die Perſon verletzen können, deren Gaſt Du biſt, ſondern daß Du Helfrid mit Frau Stephenſens Be⸗ Schwartz, Der Mann von Geburt zr. II. 130 ſuch ſo wie mit allen andern Perſonen ſonſt um⸗ gehen läſſeſt, und daß man Elin nicht meidet, oder Etwas gegen ſie unternimmt, woraus offenbar würde, daß ſie von uns mit Geringſchätzung betrachtet wird. Es wäre eine tödtliche Demüthigung für mich, wenn ich vor mir ſelbſt geſtehen müßte, daß, während Frau Stephenſen uns ſo vielfache Beweiſe von Zartgefühl und Wohlwollen, die wir ihr niemals zu vergelten im Stande ſind, gegeben hat, meine Mutter dieſelbe verletzen und ihr zu nahe treten würde. Wir müſſen in allen Dingen ihr unſere Achtung an den Tag le⸗ gen, gerade deßhalb, weil ſie in ihrem ganzen Thun als eine Frau von edelm und erhabenem Charakter daſteht und einen Takt und ein Zartgefühl entwickelt, das Alles, was ich jemals geſehen habe, übertrifft. Verſprich mir daher um meinetwillen, daß Helfrid mit Elin ſo umgehen ſoll, wie mit der Freiherrin F. oder jedem andern Gaſt, welcher ſich hier auf⸗ hält.“ Die Gräfin machte einige Einwendungen, Her⸗ mann aber ſprach ſo ernſt ſeinen Wunſch und ſo be⸗ ſtimmt ſeine Mißbilligung eines entgegengeſetzten Benehmens aus, daß die Gräfin einſah, ſie müſſe ſich unter ihres Sohnes Verlangen beugen. Man ſprach noch eine Weile von der Sache; dann ging Hermann auf andere Gegenſtände über und ſchickte ſich endlich an, das Zimmer zu verlaſſen. „Haſt Du gehört, daß Frau Stephenſen ſich zu verheirathen beabſichtigt?“ fragte die Gräfin noch. „Nein, das iſt mir etwas Neues,“ erwiederte Hermann, der, ſchon halbwegs an der Thüre, ſich ſchnell umdrehte.„Mit wem denn?“ 131 „Mit Lord Charter, welcher Elin hieher beglei⸗ ten ſoll.“ „Wer hat es geſagt?“ „Miß Smith.“ XI.. Am Abend ſaß Stephana allein in dem großen Salon, als Hermann eintrat. Man ſprach eine Weile von gleichgültigen Din⸗ gen. Endlich nahm Hermann das Buch, welches vor Stephana lag, und ſah auf das Titelblatt. „Der Krieg in Nizam, von Mery“ las er. „Haben Sie dieſes hübſche Werk des geiſtreichen Mery ſchon geleſen?“ fragte Stephana. „Allerdings, aber es hat in Wahrheit mein In⸗ tereſſe nicht in höherem Grade erregt, als jeder an⸗ dere Roman.“ „Ich leſe es ſchon zum zweiten Mal.“ „Wirklich? Was iſt es, das Ihr Intereſſe ſo ſehr erregt?“ „Ein Charakter.“ „Von einem Engländer?“ „Ja, Sir Edward.“ „Wohl deßhalb, weil er ein Engländer iſt?“ „Ganz und gar nicht, ſondern darum, weil der Charakter ſo wahrhaft männlich iſt. Er beſitzt einen ſo hohen Grad von Selbſtbeherrſchung, daß man gezwungen iſt, denſelben als etwas hinreißend Gro⸗ ßes zu bewundern. Richt ein einziges Mal verleug⸗ net er ſeine Charakterſtärke, ſeine Leiech 132 und die Macht, jeden Ausbruch ſeiner Gefühle zu unterdrücken.“ „Sie lieben vorzugsweiſe die Charakterſtärke und laſſen dann gern etwas vom Gefühl nach, ſonſt würde Sir Edward Ihnen nicht ſo ſehr behagen: denn bei keiner Gelegenheit gewahrt man bei ihm eine große und mächtige Leidenſchaft oder Wärme der Empfindung, ſondern er ſteht immer da wie ein Mann, bei welchem die Gefühle ganz normaler Na⸗ tur ſind. „Sie irren ſich, Herr Graf,“ rief Stephana leb⸗ haft.„Hinter ſeiner Selbſtbeherrſchung ſieht man, glaube ich, ein reiches Herz von ſtarken und mächtigen Leidenſchaften glühen, und gerade das macht die Zeich⸗ nung dieſes Charakters ſo ideal. Vor einem ſolchen Manne kann eine Frau mit vollem Gefühl das Knie beugen, denn er iſt ein Weſen, ſtärker als ſie. Hätte ich irgendwo ſein Ebenbild getroffen, ich würde mich ſtolz gefühlt haben, ihn zu lieben. Ich würde nie mein Herz einem andern Mann ſchenken können, als demjenigen, welcher die Kraft beſäße, ſeine Gefühle und Eindrücke zu beherrſchen, denn jch verachte alle Schwachheit bei dem Mann.“ „Nun, ein Gegenbild von Sir Edward iſt Ihnen ja bereits in den Weg getreten. Sie haben es ja an Herrn Lange.“ „Ah, Jacobo!— Sie haben Recht. Es beſteht wirklich eine ſtarke Familienähnlichkeit zwiſchen ihm und Sir Edward.“ „Und doch haben Sie ihm Ihr Herz nicht ge⸗ ſchenkt?“ „Ich hätte es unbedingt gethan, wäre ich nicht 133 mit dem Kummer vermählt geweſen, wegen deſſen ich in ewige Wittwentracht mich kleide.“ „Und den Gefühlen des Herzens läßt ſich ſo befehlen, daß Sie ſich enthalten konnten, eine Perſon zu lieben, welche Sie von ganzer Seele bewunderten?“ „Dieß geſchah darum, Herr Graf, weil mein Herz gebrochen war,“ erwiederte Stephana langſam. „Ich würde Jacobo nicht geliebt, nein, ich würde ihn angebetet haben, als das edelſte Weſen, welches mir im Leben begegnete, wenn ſich in meinem In⸗ nern auch nur eine Saite gefunden hätte, die nicht zerriſſen geweſen wäre. Merken Sie wohl, daß ich über mich ſelbſt, das heißt über meinen geiſtigen ſi Trauer trage. Die Todten können keine Liebe ühlen.“ „Und doch beabſichtigen Sie ſich zu vermählen,“ bemerkte der Graf, indem er ſie mit einem ſcheinbar ruhigen Blick beobachtete. „Wer ſagt Ihnen das?“ „Ich habe ſo ſagen gehört.— Sie erwarten ja den Mann hier, welchem Sie Ihre Zukunft anzu⸗ vertrauen gedenken?“ „Lord Charter, meinen Sie?“ „Allerdings. Geſchah es, um meine Geiſtesſtärke zu erproben, daß Sie durchaus verlangten, ich ſollte ſo bald als möglich nach Kungsborg zurückkehren?“ „Wie ſo denn? Sollte Lord Charters Vermählung dazu geeignet ſein, Ihre Geiſtesſtärke auf die Probe zu ſtellen?“ „Stephana ſprach jetzt mit jener ruhigen Würde, welche etwas ſo eigenthümlich Kühles an ſich hatte 134 „Gewiß, denn wenn der Lord Herr zu Kungs⸗ borg wird, bedürfen Sie meiner nicht mehr.“ Auch der Graf äußerte ſich mit einer Ruhe, welche an Gleichgültigkeit grenzte. „Im Gegentheil, dann erſt bedarf Kungsborg Ihrer, denn der Lord kehrt mit ſeiner jungen Frau unmittelbar von der Hochzeit nach England zurück, und Kungsborg wird öde. „Es iſt alſo wahr, daß im Herbſt eine Hochzeit hier ſtattfindet?“ fragte der Graf, indem er Stephana mit unbeweglicher Miene anſah. „Vollkommen wahr.“ „Da dürfte ich alſo gratuliren,“ bemerkte Her⸗ mann mit einem Lächeln, welches ſehr kalt ausſah. „Aber wenn Sie ſich verheirathen, ſo iſt wohl auch der Tag gekommen, wo Sie die ewige Trauer ab⸗ legen?“ „Wenn ich mich vermähle,“ wiederholte Stephana mit einem wehmüthigen Lächeln.„Ja, von dem Tage an werde ich nicht mehr Schwarz tragen.“ „Der Lord war alſo der Mann, welcher den zerriſſenen Saiten wieder einen Ton zu entlocken wußte. Denn ich darf wohl für ausgemacht nehmen, daß nur die Liebe Sie vermocht hat, noch einmal Ihr Schickſal mit dem eines Mannes zu verknüpfen.“ „Sie haben Recht, nur die Liebe könnte mich vermögen, einem Mann meine Hand zu reichen.“ „Sie lieben ihn alſo von ganzem Herzen?“ Ich“ antwortete Stephana, indem ſie den Kopf zurücklehnte und Hermann aufmerkſam betrachtete. Seine Stirne war ſehr bleich, und man konnte 135 deutlich ſehen, daß ein unterdrücktes Leiden hinter der ſcheinbaren Ruhe verborgen war. „Er muß alſo ein zweiter Sir Edward ſein?“ „Er iſt es nicht, aber er wird es eines Tags.“ „Und Sie verlaſſen Schweden als ſeine Gattin?“ „Wer, ich? Nein, ich verlaſſe gewiß mein liebes Vaterland nicht.“ „Aber Sie ſagten ja... „Daß Lord Charter mit ſeiner Gemahlin nach England abreiſen würde.“ „Verzeihen Sie, aber ich beſitze nicht die Kunſt, Räthſel zu löſen.“ „Sie haben alſo geglaubt, daß ich Lady Charter werden ſollte?“ „Geglaubt? Sie haben es ja geſagt.“ „Graf Hermann, Sie beſitzen viel mehr von Sir Edward in Ihrem Charakter, als ich vermuthete.“ „Woraus ſchließen Sie das?“ „Daraus, daß Sie mit ſo großer Ruhe von Lord Charters Vermählung redeten, obwohl Sie der Mei⸗ nung waren, Stephana ſei die Braut.“ „Iſt ſie es denn nicht?“ „Nein.“ War Hermanns Stirne vorher bleich geweſen, ſo entzündete ſich jetzt eine flammende Röthe auf derſelben; aber er blieb unbeweglich, und ſeine Miene zeigte nicht die geringſte Veränderung. „Sie haben alſo nur geſcherzt?“ „Ganz und gar nicht. Der Lord wird ſich ver⸗ mählen, aber nicht mit mir.“ „Aber Sie ſagten ja, daß Sie ihn liebten.“ 136 „Nicht den Lord, ſondern ihn, den Mann, für welchen ich meine Freiheit aufopfern würde.“ „Es gibt ſomit Einen, für welchen Sie es thun würden?“ Dabei neigte der Graf ſich ein wenig vorwärts und heftete die Augen auf Stephana. „Ja, Einen,“ erwiederte Stephana, und ſchaute mit einem klaren Blick in Hermanns Augen, wäh⸗ rend ſie mit einer Narciſſe ſpielte. Es entſtand eine kleine Pauſe. Stephana lehnte ſich in den Sopha zurück und roch an der Blume. Hermanns Bruſt hob ſich, und er fuhr mit der Hand über die Stirne. „Ich reiſe morgen Abend ab,“ begann er wieder. „Schon!“ rief Stephana und reichte ihm die Nar⸗ ciſſe mit den Worten: „Da nehmen Sie und kommen Sie bald wieder.“ „Ach, Madame, Sie erriethen alſo, um was ich Sie bitten wollte,“ ſagte Hermann und führte die Blume an ſeine Lippen. „Ich errieth es nicht, ſondern verſtand Ihren Wunſch,“ entgegnete Stephana aufſtehend.—„Ih⸗ ren Arm, Graf, laſſen Sie uns in den Garten hin⸗ untergehen.“ XII. Am nächſten Abend trat Hermann bei ſeiner Mut⸗ ter und Schweſter ein, um ihnen Lebewohl zu ſagen weil er eine Stunde ſpäter Kungsborg zu verlaſſen gedachte. 137 Er fand Stephana bei der Gräfin; als ſie aber den Grafen gewahrte, erhob ſie ſich ſogleich, um das Zimmer zu verlaſſen. „Leben Sie wohl, Herr Graf, und kommen Sie glücklich wieder,“ ſagte Stephana und reichte ihm die Hand im Vorbeigehen. Der Graf, welcher die Abſicht gehabt hatte, von der jungen Wittwe ſich beſonders zu verabſchieden, verbeugte ſich ſchweigend, und Stephana entfernte ſich. Einige Minuten hernach, während er mit der Gräfin ſprach, hörte er Hufſchläge auf dem Hofe. Er ſah hinaus und wurde eines Stallknechts gewahr, welcher Stephana's Reitpferd hielt. Im nächſten Augenblick hüpfte ſie in den Sattel, und gerade als der Reiſewagen des Grafen im Hofe anfuhr, galopirte die Reiterin zum Gitterthor hinaus. Hermann fühlte ſich verſtimmt, und ein eigenes bitteres Gefühl beſchlich ſeine Bruſt bei dem Gedan⸗ ken, daß ſie ihm ſo gleichgültig Lebewohl geſagt hatte und nun fortritt, um der Nothwendigkeit, noch ein freundliches Wort beizufügen, ſich zu entziehen. Bereute ſie ſchon die Freundlichkeit, womit ſie ihn behandelte, und wollté ſie nun durch dieſe au⸗ genſcheinliche Gleichgültigkeit ihm ſagen, daß er durchaus kein Gewicht auf die Gunſt legen ſolle, welche das Geſchenk der Blume in ſich zu ſchließen ſchien?“ Genug, Hermanns Seele folgte der Reiterin, während er den Seinigen Lebewohl ſagte, und mit einer gewiſſen Bitterkeit ſtieg er in den Reiſewagen, während er Stephana beſchuldigte, eine herzloſe Ko⸗ 65 138 kette zu ſein, welche blos von ihren Launen ſich re⸗ gieren ließe. Er nickte Eklund einen zerſtreuten Abſchiedsgruß zu und gebot dem Kutſcher abzufahren. Die Peitſche tnallte und fort rollte der Wagen, ohne daß Her⸗ mann in ſeiner Zerſtreutheit Helfrid, welche am Fen⸗ ſter ſtand, um ihm ein letztes Lebewohl zuzuwinken, noch einen Abſchiedsblick zuwarf. In die Wagenecke zurückgelehnt, achtete Hermann nicht auf die Gegenſtände um ſich her, bis eine nur allzu wohl bekannte Stimme rief: „Glückliche Reiſe, Herr Graf!“ Hermann ſah auf, und da ſaß Stephana ſo friſch und ſtrahlend von Reiz auf dem ſchwarzen Zelter, welchen ſie am Wagen zur Seite anhielt. Im Augenblick war Hermann aus dem Wagen und ſtand neben dem Pferde. „Ach, Madame, Sie wollten mich alſo nicht ab⸗ reiſen laſſen, ohne daß ich Sie noch einmal zu ſehen bekäme?“ rief er. „Ich wünſchte nur die letzte zu ſein, welche Ih⸗ nen eine glückliche Reiſe wünſchte, und Sie dadurch zu erinnern, daß Sie bald wiederkehrten,“ antwortete Stephana mit ihrem freundlichen Lächeln. „Und ich, ich fühlte mich ſchon halb erbittert darüber, daß Sie mir nicht einen Augenblick ſchenkten.“ „Herr Graf, ich verabſcheue die Formalitäten beim Abſchiednehmen, wo man entweder zu viel oder zu wenig ſagt, und darum zog ich es vor, hier im Vorbeifahren Ihnen zu ſagen, daß ich die Tage bis zu Ihrer Wiederkehr zähle. Leben Sie wohl!“ Ehe noch Hermann den Mund öffnen oder die * 139 Hand ausſtrecken konnte, um das Pferd zurückzuhal⸗ ten, war Stephana ſchon weit weg von ihm und auf einem Seitenweg verſchwunden. „Ich zähle die Tage bis zu Ihrer Wiederkehr,“ wiederholte Hermann in Gedanken und wollte nach dem Wagen zurückkehren, als ſein Auge in demſel⸗ ben Moment auf einen kleinen Handſchuh fiel, wel⸗ cher auf dem Wege lag. Das Gegenſtück dazu hatte er an Stephana's rechter Hand, womit ſie die Zügel hielt, geſehen. Er hob ihn auf, warf ſich in den Wagen und drückte den Fund an ſeine Lippen, während er bei ſich murmelte: „Wunderbare Frau, die Du das Gefühl, welches Du erweckteſt, gleichzeitig nährſt und dämpfeſt. Sei überzeugt, zählſt Du die Tage, ſo zähle ich die Stun⸗ den, bis ich Dich wieder zu ſehen bekomme.“ XIII. Wohin ritt Stephana? Nach Akersnäs. Als ſie auf dem mit Arbeitern angefüllten Hofe das Pferd anhielt, lag es wie ein Schleier von Weh⸗ muth auf den bleichen Zügen, und es ließen ſich Spuren von Thränen in dem dunkeln, wunderbaren Auge entdecken. Einer der Arbeiter nahm ihr das Pferd ab. Man war ſchon gewohnt, ſie beinahe täglich Akersnäs beſuchen und die Runde in den Arbeiter⸗ wohnungen machen zu ſehen, wo ſie darauf drang, „ 140 daß überall Sauberkeit und Ordnung herrſchte, und daß die Mütter ihren Kindern die gehörige Pflege angedeihen ließen. Stephana war allen ihren Un⸗ tergebenen lieb und theuer und für das ganze Ar⸗ beiterperſonal auf Akersnäs ein Gegenſtand der Be⸗ wunderung geworden. Sie machte die Vorſehung aus, welche den Frauen das ehrbegierige Streben nach einem Wort des Bei⸗ falls aus ihrem Munde einflößte, und manche unor⸗ dentliche Gattin, nachläßige Mutter hatte unter dem ſtetigen Einfluß von Stephana's milden, ernſten Rath⸗ ſchlägen und Ermahnungen alle ihre Kräfte aufge⸗ boten, um das Rechte zu thun. War Jacobo derjenige, welcher durch ſeinen ru⸗ higen Ernſt, ſeine eigene Thätigkeit und ſeine uner⸗ ſchütterliche Feſtigkeit die Männer beſtimmte, mit Regſamkeit und Eifer ihrer Arbeit obzuliegen, ſo war Stephana der gute Engel ihrer Häuslichkeit. „Iſt Herr Lange daheim?“ fragte Stephana einen ſtämmigen Schmied, welcher ihr vom Pferde half. „Er iſt in der Werkſtätte,“ lautete die Antwort. Stephana nickte den Leuten zu und trat in die Werkſtätte. Jacobo ſtand an einer Drehbank und ſprach mit einem Arbeiter, welcher gerade mit dem Bogen in der Hand an derſelben beſchäftigt war. „Guten Abend, Jacobo,“ ſagte Stephana und legte ihre Hand auf ſeine Schulter;„haſt Du den Reſt des Abends frei?“ „Ah, Du biſt da, Stephana. Der Graf reist Abend ab, und Du haſt Kungsborg ver⸗ aſſen.“ 141 „Er iſt abgereist.— Kommſt Du mit mir heim?“ „Sogleich, wenn Du einen Augenblick warten Biſt Du zu Pferde?“ „In einer halben Stunde bin ich bereit.“ „Gut; ich werde ein paar Frauen inzwiſchen be⸗ ſuchen.“ Eine halbe Stunde ſpäter galopirten Stephana und Jacobo auf dem Wege nach Kungsborg dahin. Sie ritten eine Weile ſchweigend neben einander. „Nun, Stephana,“ fagte Jacobo plötzlich, indem er ſie aufmerkſam betrachtete;„Du haſt Etwas auf dem Herzen, das Du mir ſagen willſt.“ „Wahr, Jacobo; aber nicht jetzt, wenn wir heim⸗ kommen, dann...“ „Wirſt Du ausſprechen, was ich bereits weiß.“ „Was Du ſchon lang in meiner Seele geleſen haſt. Unbegreiflicher Menſch, der allezeit meine Ge⸗ danken und Gefühle durchſchaut,“ erwiederte Ste⸗ phana, während ſie mit der Reitgerte ſpielte und träumeriſch vor ſich hin ſchaute. „Iſt dieß unbegreiflicher, als wenn Du weißt, daß ich in deinem Herzen leſe?“ „Ach nein, Du kannſt Recht haben; das Band zwiſchen mir und Dir iſt von der Art, daß ich vor Dir wahr ſein muß, ſelbſt wenn ich vor der übrigen Welt zur Lüge meine Zuflucht zu nehmen gezwun⸗ gen bin.“ „Zur Lüge, Stephana?“ „Iſt mein Leben etwas Anderes, als eine Lüge? — Doch wir wollen jetzt nicht von mir reden.— Haſt Du Helfrid getroffen?“ 142 „Vor ein paar Tagen,“ antwortete Jacobo mit gleichgültiger Miene.“ „Jacobo, Helfrid liebt Dich.“ Ihre Augen begegneten ſich. „Ich weiß es,“ war ſeine ruhige Antwort. „Und Du beſuchſt dennoch Kungsborg nicht min⸗ der fleißig, ja noch mehr, Du ſuchſt Helfrids Geſell⸗ ſchaft?“ „Und warum ſollte ich das nicht thun?“ „Deßhalb, weil Du damit den Gefühlen, welche ſie für Dich hegt, Nahrung gibſt; oder glaubſt Du, daß eine Frau, welche Dich näher kennen lernt, der Nothwendigkeit entgehe, ihr ganzes Herz Dir zu er⸗ geben?“ „Das glaube ich vollkommen. Du, Stephana, biſt ein Beiſpiel davon.“ „Ein ſehr unpaſſendes Beiſpiel, mein Freund,“ antwortete Stephana mit purpurrothen Wangen. „Haſt Du Dich auch nur einen Augenblick im Leben verſucht gefühlt, Liebe für mich zu faſſen?“ „Nein, darum, weil mein Gefühl für Dich etwas Höheres und Beſſeres war, als Liebe. Du warſt nicht meinesgleichen, ſo daß ich Dich lieben und zu mir herabziehen konnte; Du warſt ein großer und mächtiger Geiſt, welcher bei mir Bewunderung er⸗ weckte und alle meine edlern Gefühle anſchlug, ſo daß ich darnach ſtrebte, zu der moraliſchen Vollkommen⸗ heit zu gelangen, welche Du beſaßeſt. Ueberdieß ſprich nicht von einem Herzen, welches gebrochen iſt wie das meinige. Helfrid dagegen iſt eine friſche Seele, welche das Schöne gleichzeitig bewundert und liebt, denn in ihrem Innern trägt ſie einen unge⸗ 143 ſchwächten Glauben an ihre eigenen, wie an die Tu⸗ genden Anderer. Bei ihr gibt es noch keinen Wi⸗ derhall zerſtörter Hoffnungen, bei ihr erhebt ſich noch nicht das Feldgeſchrei getäuſchter Illuſionen, ſondern mit der ganzen Stärke und Reinheit ihrer Gefühle liebt ſie denjenigen, welcher ihre Sympathie erweckt; und wenn dieſer Gegenſtand ihr täglich vor Augen tritt und ſie fortwährend ſich gezwungen ſieht, ihm einen neuen Tribut der Achtung und Bewunderung darzubringent, da wird dieſes Gefühl bis zu einer furchtbaren Höhe genährt und angefacht.“ „Glaubſt Du ſo?“ „Ich glaube es nicht, ich bin überzeugt davon.“ „Ich bin ganz anderer Ueberzeugung, denn meine eigene Erfahrung ſagt mir, daß wir erſt dann, wenn wir ein Gefühl an unſere Einbildung überlaſſen, unrettbar verloren ſind. Schneide jetzt Helfrid jede Berührung mit mir ab, und ſie wird in der Einbil⸗ dung alle die Augenblicke durchleben, da wir zuſam⸗ men geweſen ſind; und ſogar Alles mit dem Ver⸗ größerungsglas der Einbildung ſehen. Ich höre auf, Ich zu ſein, das heißt, ein Menſch mit Fehlern und Schwachheiten, und werde ihr zu dem Ideal, das ſie ſelbſt in ihrem Herzen trägt, und weit entfernt, das zu ſein, was dieſes ihr Gefühl jetzt iſt, ſtill und ſchwärmeriſch, wird es ſich in eine phantaſtiſche An⸗ betung eines Ideals verwandeln, während dagegen meine tägliche Gegenwart, meine ruhige und freund⸗ ſchaftliche Weiſe, meine vollkommene Freiheit von llem, was andeuten möchte, daß ſie von mir geliebt iſt, die Veränderung herbeiführen wird, daß ſie für nich ſchließlich eine warme und wahrhafte Zuneigung 144 faßt. Und dieß um ſo eher, da ihre Vorurtheile zur Folge haben, daß ſie niemals an die Möglichkeit ei⸗ ner Verbindung zwiſchen dem Fabrikanten Lange und dem Fräulein Romarhjerta zu denken vermag. Ihre Liebe iſt ein Morgentraum, den die Wirklichkeit und mein quäkerartiges Weſen in Freundſchaft verwandeln werden.“ „Und Du ſelbſt, Jacobo, biſt Du gleichgültig ge⸗ gen ſie geblieben?“ „Weit entfernt. Ich vermiſſe ihre Geſellſchaft, wenn ich mit ihr nicht zuſammentreffe, und es er⸗ ſcheint mir Alles leer, wenn mein Auge nicht durch ihren Anblick erquickt wird und es mir an der Ge⸗ legenheit fehlt, einige ernſte Gedanken mit ihr aus⸗ zutauſchen. Das Bild von Helfrid dringt ſich mir gegen meinen Willen auf, und ich denke ſehr oft, wenn ſie plötzlich vor meine Seele tritt: Seltſames Mädchen, deſſen Bild ſo beharrlich mich verfolgt!“ Ich habe große Freude gefunden in dem Bewußt⸗ ſein, ihre Achtung zu beſitzen, und in der Gewißheit, dieſelbe zu verdienen.“ „Nun wohl, Jacobo, in dieſem allem liegt eine Gefahr für Dein Herz, und vielleicht gerade in der verborgenen Gefahr haſt Du einen der Gründe, weßhalb Du Dich nicht von Helfrids Anblick tren⸗ nen willſt. Du bildeſt Dir ſelbſt ein, Du wolleſt ihre Liebe in Freundſchaft verwandeln, während deine eigene Freundſchaft ſich in Liebe verwandelt.“ „Stephana, denkſt Du wirklich ſo von mir?“ fragte Jacobo, während ſeine klaren, ſtrahlenden Au⸗ gen mit Ernſt auf Stephana weilten. „Jacobo, ich denke gar Richts, ich mache nur 145⁵ eine Vorausſetzung. Das menſchliche Herz iſt ein ſo zuſammengeſetztes Ding, daß man ſo leicht an ſich ſelbſt irre wird. Helfrid iſt ein edles, unge⸗ wöhnliches und ſchönes Mädchen, welches im Früh⸗ ſommer des Lebens ſteht. Du biſt ein junger Mann mit einer lebhaften und ſelbſt etwas ſchwärmeriſchen Seele. Was wäre alſo natürlicher, als daß ſie dein Herz einnähme?“ „Das Alles iſt wahr, aber gegenüber von mir hat es dennoch Etwas gegen ſich. Fürs Erſte blu⸗ tet mein Herz noch von der Wunde, welche ihm ge⸗ ſchlagen worden, und Du weißt, Stephana, daß ich Gefühle nicht ſo leicht wechsle, wie man mit Hand⸗ ſchuhen zu thun pflegt. Fürs Zweite ſollte Ste⸗ phana mich ſo weit kennen, um nicht einen Augen⸗ blick vorauszuſetzen, daß ich aus irgend einem per⸗ ſönlichen Intereſſe oder darum, weik es meinen Ge⸗ fühlen ſchmeichelt, Andere aufopfern oder den Frie⸗ den von Jemand aufs Spiel ſetzen könnte.“ „Das habe ich niemals gedacht, Jacobo. Ich hab nur die Beſorgniß gehegt, auch Du könnteſt Dich von einer Selbſttäuſchung leiten la en und hinter derſelben die wahre Natur deiner efühle verbergen.“ „Wenn ich irgend ein Verdienſt habe, ſo iſt es das, daß ich niemals der Wahrheit auszuweichen ſuche oder eine genaue Prüfung meiner Gefühle ſcheue; daßhalb, Stephana, liegt in meiner Hand⸗ ungsweiſe auch kein Funke von Egoismus. Be⸗ weiſe mir, daß meine Gegenwart Helfrid nachtheili⸗ ger iſt als meine Entfernung, und ich werde von meiner Arbeit und von Allem hier mich losreißen, Schwartz, Der Mann Geburt ꝛc. I. 10 146 um nicht für dieſes edle Mädchen, deſſen Freund ich ſo gern ſein möchte, zur Urſache von Kummer zu werden.“ „Ich bin eine Thörin, Jacobo, daß ich mich einen Augenblick in einer Sache, welche Du in die Hand genommen haſt, der Beſorgniß überlaſſen kann. Helfrid's Friede und Ruhe hätte niemals in beſſere Hände, als in die deinigen gelangen können. Ein⸗ mal habe ich mich in dem Traume gewiegt, daß aus euch ein Paar werden könnte, daß die kryſtall⸗ helle Reinheit ihrer Seele Dir in Vergeſſenheit brin⸗ gen würde„ „Daß ſie eine geborne Gräfin Romarhjerta iſt.“ „Ah, daran habe ich nicht gedacht, ſondern an deinen entflohenen Jugendtraum.“ „Stephana, ich liebe die Erinnerung, und das iſt eine gefährliche Liebe. Um dieſes Gefühles los zu werden, iſt erforderlich, daß ich ſie noch einmal wiederſehe und von ihren eigenen Lippen die Be⸗ ſtätigung vernehme, daß ſie mich betrogen hat.“ „Du beabſichtigſt alſo?“ „Im Herbſt nach England zu reiſen und mit Eliſe zu ſprechen.“ „Jacobo!“ Stephana hielt ihr Pferd an und betrachtete ihn erſchrocken. Er erwiederte ihren Blick mit einem traurigen Lächeln und ſagte:. „Konnteſt Du glauben, ich werde Jemand unge⸗ hört verurtheilen?“ „Während unſeres Aufenthalts in England er⸗ hielteſt Du ja alle möglichen Beweiſe, daß ſie nicht 147 blos treulos mit ihrer Ehre geſpielt, ſondern auch ihre Neigung einem Andern geſchenkt hatte.“ „Ja, ich erhielt alle Beweiſe davon, nur nicht die Beſtätigung aus ihrem eigenen Munde, da ich mit ihr nicht perſönlich zuſammentraf.“ „Aber, Jacobo, was iſt deine Abſicht? doch wohl, wieder anzuknüpfen, was ſie zerriſſen at?“ „Niemals!— Sie und ich, wir ſind unwider⸗ ruflich geſchieden. Ich gehöre nicht zu den Leuten, welche um die Gunſt einer Frau betteln oder mit der Fluth ihrer Launen dahin treiben; aber ich will wiſſen, ob ſie der Erinnerung unwerth iſt, ob ſie wirklich ſo verächtlich iſt, wie man ſie ihrem Thun gemäß zu betrachten Grund hat.“ „Aber nach dem Thun eines Menſchen beurtheilt man doch wohl ſeinen Charakter?“. „Nicht immerdar, Stephana, denn hinter den Handlungen liegen die Beweggründe, und dieſe kön⸗ nen oft von der Art ſein, daß die Handlungen ein ganz anderes Gepräge erhalten, wenn man die Be⸗ weggründe kennen lernt.“ „Du haſt wiederum Recht; und ich kann nur die Ruhe und die vollkommene Gerechtigkeit be⸗ wundern, welche allen deinen Handlungen zu Grunde liegen. Du biſt und bleibſt mein unvergleichlicher Jacobo. Als Jacobo bei der Ankunft zu Kungsborg Ste⸗ phana aus dem Sattel half, ſagte er: „Du haſt blos einen Handſchuh.“ Ich habe den andern unterwegs fallen laſſen, als ich dem Grafen Bermann Lebewohl jagte er⸗ 148 wiederte Stephana mit traurigem Lächeln und wandte ſich nach dem großen Salon. Jacobo folgte ihr. „Nun, Stephana,“ ſagte er und reichte ihr ſeine beiden Hände. Stephana legte die ihrigen hinein und ſprach mit tiefem Ernſt, ihm in die Augen ſehend: „Jetzt ſollſt Du einen klaren Blick in mein ver⸗ floſſenes Leben thun und hernach über mich urtheilen.“ „Ich habe ſchon lang auf dieſen Augenblick ge⸗ wartet und ahnte, daß er nicht eintreten würde, ehe er fort wäre und Du ſelbſt die Nothwendigkeit empfändeſt, klar in deine Seele ſchauen zu können.“ „Komm'!“ ſagte Stephana und zog ihn neben ſich auf den Sopha herab. Die eine Hand auf ſei⸗ ner Schulter ruhend, die andere in ſeine Hand ge⸗ ſchloſſen, begann Stephana mit einer vor Bewegung zitternden Stimme eine Erzählung, die wir nicht wiederholen wollen, weil wir damit den Ereigniſſen vorgreifen würden, und darum laſſen wir jetzt Ste⸗ phana und Jacobo allein. XIV. Zwel Wochen ſind vergangen. Es war gegen die Mitte des Sommers. Die Sonne ſchien klar und lächelnd über Berg und Thal, und die ganze Natur um Kungsborg herum in ihrem blumengeſchmückten Gewande. Man hatte auf die Veranda hinaus einen Sopha getragen, worauf die Gräfin ruhte. Stephana und 149 Helfrid ſaßen mit ihren Arbeiten bei ihr. Jacobo las vor. Als er einen Augenblick anhielt, bemerkte Ste⸗ phana: „Es hat ſechs Uhr geſchlagen; ich fürchte, die Luft wird für die Frau Gräfin zu kalt.“ „Sie haben Recht, Madame, und ich glaube, es es iſt das Klügſte, wenn Sie die Güte haben, die Diener zu rufen.“ Stephana klingelte und die Gräfin wurde hin⸗ eingetragen. Helfrid ſtand auf, um Ihrer Mutter zu folgen; aber Jacobo faßte ihre Hand mit den Worten: „Verziehen Sie noch einen Augenblick; Stephana begleitete ja die Frau Gräfin.“ Helfrid blieb. „Habe ich mich in Ihrem Charakter geirrt, oder habe ich denſelben richtig aufgefaßt? Werde ich in Ihnen die künftige Freiherrin Sjöld ſehen?“ „Sie haben mich richtig beurtheilt; ich werde nie⸗ mals die Gattin des Barons; er hat geſtern eine entſchieden abſchlägige Antwort erhalten,“ entgegnete Helfrid ruhig. Jacobo führte ehrerbietig die Hand des jungen Mädchens an ſeine Lippen, indem er ſagte: „Ich danke Ihnen, Fräulein Helfrid, daß Sie nir den Glauben an das Wahre und Edle in Ih⸗ rem Charakter gelaſſen haben.“ Damit ließ er ihre Hand wieder los, und es trat eine Pauſe ein. ie werden ſich gewiß darüber wundern, daß ich mich ſo ſchnell entſchloſſen habe, den theuerſten 150⁰ Wunſch meiner Mutter zu opfern,“ begann Helfrid wieder. „Nicht im Mindeſten, denn ich konnte nicht einen Augenblick glauben, daß Sie dafür das Glück und den Frieden zweier Menſchen opfern würden.“ „Aber es war gleichwohl meine Abſicht. Ich hatte feſt beſchloſſen, dem Baron meine Hand zu reichen, denn er war mir in Rang und geſellſchaft⸗ licher Stellung gleich, und ich betrachtete eine Ver⸗ bindung mit ihm als durchaus paſſend, um ſo mehr, als ich damit meiner Mutter die einzige Freude, welche ihr das Leben noch bieten konnte, bereitet hätte, aber.. „Brechen Sie nicht ab, ich bitte.“ „Aber die Unterredung mit Ihnen machte einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß es mir vorkam, als ob ich jetzt erſt erwacht wäre und meine eigene Stellung und den Schritt, welchen ich zu thun be⸗ abſichtigte, klar aufzufaſſen vermöchte. Ich fand, daß Sie Recht hatten, wenn Sie ſagten, eine ſolche Verbindung wäre eigentlich nichts Anderes, als ein Kauf. Ich ſtand wirklich im Begriff, mich als Frau zu verkaufen, und der Gewinn davon wäre gewe⸗ ſen, daß meine Mutter den Troſt gehabt hätte zu wiſſen, ihre arme Tochter würde, wenn ſie ſelbſt mit Tod abgegangen, die reiche Freiherrin Skjöld ſein. Dieß, Herr Lange, war eine Handlung des Eigen⸗ nutzes, die ich, eine Gräfin Romarhjerta, mir nicht zu Schulden kommen laſſen wollte. Ich bin Ihnen alſo für die ſtrengen Worte, welche Sie geſprochen verpftichtet; ſie haben mich vor einem Schritt be⸗ wahrt, deſſen Folge geweſen wäre, daß ich die Ach⸗ — * 151 tung vor mir ſelbſt verlieren mußte. Ich danke Ihnen darum, Herr Lange.“ Helfrid reichte ihm mit dieſen Worten die Hand. „Wenn Ihr eigenes Herz mir Recht gibt, ſo bin ich reichlich belohnt,“ antwortete Jacobo freundlich. „Es würde mich geſchmerzt haben, wenn ich an Sie als ein gewöhnliches engherziges, ariſtokratiſches Mädchen hätte denken müſſen, welches der Kraft ermangelte, den wichtigſten aller Schritte des Le⸗ bens, die Schließung eines Chebündniſſes, richtig zu beurtheilen.“ „Dieſer wichtige Schritt wird nun wahrſcheinlich niemals ſtattfinden.“ „Sie ſind noch jung, Fräulein, und Ihre Ge⸗ fühle einer beſtändigen Metamorphoſe unterthan. Das Ideal, welches Sie ſich ſelbſt geſchaffen haben, und welches Sie heute lieben, verwandelt ſich bei näherer Betrachtung in etwas höchſt Gewöhnliches.“ „Für den, welcher Ideale liebt, ja; aber nicht für den, welcher das wirklich Cdle und Gute liebt. — Sehen Sie, Herr Lange, mein Gefühl für Sie wird immer daſſelbe bleiben, denn unaufhörlich ſtei⸗ gen Sie in meiner Achtung. Aber wenn Sie ſogar daſſelbe getheilt hätten, ſo liegen zwiſchen uns unſere gegenſeitigen Vorurtheile, ſo daß wir immerdar bleiben müſſen, was wir jetzt ſind— Freunde, und ich kann deßhalb niemals die Gattin eines Andern werden.“ „Die Wege des Schictſals weiß Niemand, und der Tag möchte kommen, wo Ihr Gefühl für mich wird, was das meinige für Sie iſt, eine aufrichtige 152 Freundſchaft, während eine andere Perſon ein wär⸗ meres erweckt.“ „Möglich; aber ich glaube es nicht, denn ich werde niemals einen Mann finden, den ich in mo⸗ raliſchem und intellektugllem Werth über Sie ſtel⸗ len kann.“ In dieſem Augenblick rollten zwei Reiſewagen in den Hof; und als Jacobo ſeinen Blick darauf richtete, ſagte er: „Die Gräfin Elin Romarhjerta und Lord Charter.“ Im nächſten Augenblick war Helfrid verſchwun⸗ den, und Stephana, Jacobo und Jane hießen die Reiſenden willkommen. KV Vierzehn Tage ſind in den unermeßlichen Ocean der Zeit verſunkem, und Elin befand ſich nun ſeit zwei Wochen als Gaſt auf Kungsborg. Hermann war einen ganzen Monat fort, und es ſah aus, als ob man ihn ganz und gar vergeſſen hätte, denn ſein Name wurde niemals genannt, ſelbſt nicht von Helfrid, welche oft und viel in der Ge⸗ ſellſchaft der Uebrigen verweilte, beſonders wenn die Nachbarn Beſuche machten, was ſehr oft geſchah. Die Gräfin wurde für Elin niemals ſichtbar, was aber weniger zu verwundern war, da Elin den Pavillon bewohnte und nie in dem Garten zu der Zeit ſich einfand, wo die Gräfin ſich in denſelben hinaustragen ließ, um friſche Luft zu ſchöpfen. Es war ein glühendheißer Julinachmittag. Elin 153 und eine junge Deutſche, Manſell Weißhaupt, welche die junge Gräfin begleitet hatte, um eine Tour durch Schweden zu machen, waren mit Jacobo, Helfrid, Jane und Lord Charter zu der Freiherrin T. gefahren. Stephana blieb, Kopfweh vorſchützend, zu Hauſe; als aber alle abgegangen waren, ging ſie zu der Gräfin und brachte der Nachmittag damit zu, ihr vorzuleſen. Der Abend war ſchon ſo weit vorgerückt, daß die Gräfin ſich aus dem Garten in ihren Salon hatte tragen laſſen, als Eklund mit einigen Briefen auf einem Präſentirteller eintrat. Der Gutsver⸗ walter hatte ſie gebracht; ſie waren mit Poſt ange⸗ kommen. Einer war von London an die Gräfin, mit dem Romarhjerta'ſchen Wappen geſiegelt. Ste⸗ phana bekam auch einen mit demſelben Poſtſtempel und Siegel. „Entſchuldigen Sie, Madame,“ ſagte die Gräfin und erbrach das Siegel. „Mit Ihrer Erlaubniß, Frau Gräfin,“ erwiederte Stephana und trat an das Fenſter, um den Brief zu leſen. Die kleine, zarte Hand zitterte, als ſie das Sie⸗ gel erbrach, und ſie ſchlug den Brief langſam aus⸗ einander, als fürchtete ſie, einen Blick auf den In⸗ halt zu werfen. Während des ganzen verfloſſenen Monats hatte ermann nur ein einziges Mal an ſeine Mutter, aber nicht eine Zeile an Stephana geſchrieben. In Geſchäftsangelegenheiten hatte der Gutsverwalter zwei Priefe empfangen, aber dieſe hatten nicht mit 154 einem Buchſtaben, wann er heimzukehren beabſich⸗ tigte, angedeutet, überhaupt auf Nichts, was ſeine Perſon betraf, Bezug genommen. Nachdem Stephana lang gezögert hatte, ſich von dem Inhalt näher zu überzeugen, entſchloß ſie ſich endlich dazu, war aber nicht wenig erſtaunt, nur einige Zeilen darin zu finden. Dieſelben lauteten: „Madame! „Sie ſagten: ich rechne die Tage bis zu Ihrer Wiederkehr. Dieſe Worte haben mich auf meiner ganzen Reiſe begleitet. Sie haben auf meiner Seele gelaſtet und Stunden in Tage, Tage in Jahrhun⸗ derte verwandelt, und dennoch werde ich bei meiner Heimkehr nach Kungsborg dem bitterſten, ich möchte faſt ſagen, dem verhaßteſten Anblick begegnen, wel⸗ chen die Erde für mich hat. Ach! Sie, die Sie mich bisher ſo ganz und gar nach Ihrem Willen gelei⸗ tet haben, erzeigen Sie nun demjenigen, der Ihre Wünſche zum Geſetz für ſeine Handlungen gemacht hat, die Großmuth und ſeien Sie die erſte Perſon, welche ihn bei ſeiner Ankunft willkommen heißt. Sie werden mir die Gunſt nicht verweigern, mich zuerſt von Ihnen begrüßt zu ſehen. An demſelben Tage, da Sie dieſen Brief erhalten, treffe ich Abends in Kungsborg ein. Erſparen Sie mir den Anblick jeder andern Perſon, als der Ihrigen— darum bittet Hermann Romarhjerta.“ Stephana lehnte die heiße Stirne an die Fen⸗ 14 ſterſcheibe und beharrte eine Zeit lang in dieſer 15⁵ Stellung. Gott allein weiß, wie es in dem Innern der jungen Frau ausſah, aber ihre Wangen waren weiß wie Schnee, und dennoch weilte eine glühende Röthe auf ihrer Stirne. Die eine Hand war feſt geſchloſſen, und darin hielt ſie den zuſammengeknitterten Brief; die andere ſtützte ſich auf den Fenſterpoſten. Wie ſie ſo daſtand, glich ſie einem Bilde des ſtillen Kampfes in unſerem Innern, wenn nämlich der beſſere Theil unſeres We⸗ ſens im Widerſtreit mit unſerem Herzen und unſern Leidenſchaften begriffen iſt. Die Stimme der Gräfin weckte ſie aus dieſem Tumult der Gefühle, welchen Hermann's Brief her⸗ vorgerufen hatte. Sie fuhr zuſammen, und die Worte der Gräfin ſchwirrten undeutlich an ihrem Ohr vor⸗ über, als dieſe ſagte: „Mein Sohn wird wohl heute Abend oder in der Nacht hier zu erwarten ſein. Haben Sie Ihren Brief gleichfalls geleſen, Madame?“ „Ja!“ antwortete Stephana, indem ſie ſich mit der Hand über die Stirne fuhr, und trat wieder zu der Gräfin.„Der Herr Graf ſchreibt, daß er zugleich mit dem Briefe hier zu ſein hoffe.“ pi Dann ſah Stephana nach der Uhr und ſetzte inzu: „Ich verlaſſe Sie jetzt, Frau Gräfin, und hoffe, daß Sie die Nacht recht wohl ruhen werden.“ Sie drückte die dargebotene Hand der Gräfin und hielt ſie eine Weile in der ihrigen geſchloſſen. as war es für ein wunderbarer Ausdruck von Zärtlichkeit und Schmerz in Stephana's Blick, der die Gräfin rührte? Sie wußte es ſelbſt nicht, aber 156 ohne ſich davon Rechenſchaft zu geben, zog ſie Ste⸗ phana zu ſich nieder und drückte einen Kuß auf die bleiche Stirne, indem ſie flüſterte: „Gute Nacht!“ Stephana drückte ſchweigend die Hand derſelben an ihre Lippen und verließ das Zimmer. Langſam wanderte ſie durch den Park hinauf nach dem Hauptgebäude. Auf der Veranda ange⸗ kommen, klingelte ſie und ein Diener kam aus dem rechten Flügel. „Bitte Herrn Eklund, zu mir heraufzukommen,“ ſagte ſie und ging in den Salon. Einen Augenblick darauf ſtand Eklund vor ihr. „Sind die Zimmer des Grafen in Ordnung?“ fragte Stephana. „Ja, ich habe ſie jeden Tag ausgelüftet,“ war die Antwort. „Er kehrt heute Abend zurück.“ „Dann werde ich Sorge tragen, daß auch das Schlafzimmer gerichtet werde.“ „Und daß hier im Saal ein Souper ſervirt werde. Sagen Sie dem Grafen, daß ich ihn hier erwarte.“ „Soll geſchehen, Madame.— Wann werden die Gäſte heimkommen?“ fragte Eklund weiter als er gehen wollte, und Stephana las einen Ausdruck von Unruhe in dem Angeſichte des Alten. „Nicht vor Mitternacht. Sie können ruhig ſein, Herr Eklund, der Graf weiß, wer bei mir zu Be⸗ ſuch iſt.“ „Er iſt alſo darauf vorbreitet, die Gräfin Elin zu treffen?“ 157 „Ja, mein Freund.“ Eklund verließ den Saal mit einer Verbeugung. Stephana nahm auf einer Pompadour vor der offenen Glasthüre Platz, genau an derſelben Stelle, wo ſie bei Hermann's erſtem Beſuch geſeſſen, und gleichfalls ſchwarz gekleidet wie damals. Vor ihren Augen hatte ſie die untergehende Sonne, den lachenden Garten und weit im Hinter⸗ grunde die unermeßliche See und ringsherum Chöre von den befiederten Sängern der Lüfte. Der Abendwind ſchaukelte ſich träumend auf den Blumenkelchen, und Alles war ſo ſtill, ſo ſchweig⸗ ſam und ſo glühend, daß die ganze Umgebung zu⸗ ſammenzuwirken ſchien, um das Herz zu Liebe und Leidenſchaft zu ſtimmen. Ein ſolcher Abend mit ſeiner Stille, ſeinen Blu⸗ mendüften und ſeiner milden Luft erweckt auch in der kälteſten Bruſt eine Sehnſucht man weiß nicht wornach— ſo ſchmerzlich und doch ſo ſüß! Selbſt die Natur ſcheint die weichern Gefühle anzuſchlagen, und der Menſch ſtreckt die Arme unwillkürlich nach Herzen aus, welches von derſelben Sehnſucht ägt. Stephana empfand den ganzen magiſchen Ein⸗ fluß dieſes Abends, während ſie ſo allein daſaß und träumte; aber ſie ſah auch ein, daß dieſer Einfluß eine Gefahr in ſich ſchloß, welcher ſie durch ihren illen entgegenarbeiten mußte, wenn ſie ſich nicht von ihrer Schwachheit beherrſchen laſſen ſollte. Mehrmals hatte ſie im Sinne, aufzuſtehen und ſich durch Bewegung von dem eigenthümlich ent⸗ zucenden Gefühl, das ſich ihrer bemächtigt hatte, 158 zu befreien. Aber ſie blieb wieder ſitzen, wie an ihren Platz gefeſſelt und horchte mit wehmüthig lächelnden Lippen auf den Buchfinken, welcher ſeine Gefährtin lockte. Und die Sonne ſank in Purpur hinab und ließ jene berauſchende Dämmerung zurück, welche der Sommernacht im Norden ſo eigenthümlich iſt, und noch immer beharrte Stephana unbeweglich auf ihrem Platz. Der helle Klang einer Uhr, welche Zehen ſchlug, und das Geräuſch eines Wagens, welcher auf den Hof fuhr, weckte ſie gleichzeitig aus dieſen ebenſo traurigen als ſüßen Träumereien, welchen ſie ſich überlaſſen hatte, und mit einem:„Das iſt er!“ raffte ſie ſich aus ihrer halb liegenden Stellung empor und ſtrich mit beiden Händen das Haar von den Schläfen zurück. Jetzt hörte ſie haſtige Schritte gegen den Saal her, und im nächſten Augenblick trat Hermann ein. Stephana ging ihm mit einem heitern Lächeln, das keine Spur jener zärtlichen Träumerei wies, die ſich ſo eben noch in ihrem Angeſicht kund gege⸗ ben hatte, entgegen und rief, ihm ihre beiden Hände reichend: „Herzlich, herzlich willkommen, mein Ritter!“ Hermann hatte die beiden dargereichten Hände ergriffen und mit leidenſchaftlicher Heftigkeit zuerſt an ſeine Lippen, dann an ſein Herz gedrückt, ohne ein einziges Wort hervorzubringen; aber ſeine Au⸗ gen redeten eine ſo warme Sprache, daß Stephana mit einem eigenen Ton in ihrer Stimme hinzu⸗ ſetzte: 159 „Sie kommen ja wieder, wie Sie abgegangen ſind, ein zweiter Sir Edward.“ „Ja, aber in dieſem Augenblick bin ich nur ein glücklicher Thor, der den Gegenſtand ſeiner heißeſten Sehnſucht vor ſich ſieht. Verzeihen Sie daher, wenn meine Freude, mein augenblickliches Glück allzu groß iſt, um es ganz und gar in meiner Bruſt verſchlie⸗ ßen zu können.“ „Ihre Freude, Graf Hermann, findet ihren Wi⸗ derhall in meinem eigenen Herzen. Auch ich bin glücklich, Sie wieder zu ſehen; auch ich habe mich nach dieſem Moment geſehnt und die Stunden ge⸗ zählt, aber nun iſt der erſte frohe Augenblick durch⸗ lebt und.. „Der glückliche Thor muß Platz machen für...“ „Sir Edward,“ fiel Stehana mild lächelnd ein. Hermann führte noch einmal Stephana's Hände u ſeine Lippen und ſetzte mit tiefer Bewegung inzu: „Ich danke Ihnen für den entflohenen Augenblick; ich danke für den gegenwärtigen; ich danke dafür, daß Sie meine Bitte erfüllt haben.“ Mit dieſen Worten ließ er ihre Hände los. Stephana ſetzte ſich wieder auf die Pompadour, und der Graf in einen Fautenil, ganz wie bei ihrer erſten Begegnung. „Iſt Ihre Reiſe angenehm geweſen?“ fragte tephana. „Wahrhaftig, ich vermag darauf keine Antwort zu geben, ich habe nur einen Gedanken gehabt, ſo ſchnell als möglich von den Geſchäften mich los zu machen und wieder heimkehren zu können.— Nur zwei Dinge 160 tröſteten mich,“ fuhr er fort, Stephana's Handſchuh aus der Bruſttaſche hervorziehend,„und ſie beſtanden in dieſem hier und in der Blume, welche Sie mir gaben. Die letztere war ein Geſchenk von Ihnen, dieſer ein Fund.“ „Verloren, um von Ihnen entdeckt zu werden,“ bemerkte Stephana. Hierauf begann ſie von der Geſundheit der Grä⸗ fin und von andern Dingen zu reden, welche Her⸗ mann intereſſiren und erfreuen konnten, hütete ſich aber wohl, das Geſpräch auf das Gebiet der Gefühle hinüberzuführen.„ Hermann horchte mehr auf die klangvolle, melo⸗ diſche Stimme, als auf die Worte. Er ließ ſie reden, während er ſich dem Genuſſe hingab, dieſes Angeſicht zu betrachten, welches ſchon bei der erſten Begegnung einen ſo unauslöſchlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Nach einer halben Stunde ließ ſich Eklunds Stimme vernehmen, welcher meldete, daß die Tafel ſervirt ſei. Hermann und Stephana nahmen nun unter vier Augen das Souper ein, und als daſſelbe zu Ende war, reichte ſie ihm die Hand zum Abſchied. „Der Zauber iſt gebrochen, morgen begrüßt mich die Wirklichkeit,“ ſagte Hermann. „Es war kein Zauber, Herr Graf, ſondern Wirk⸗ lichkeit, und dieſe muß es dahin bringen, daß der morgende Tag Sie der Achtung und Zuneigung werth findet, welche Sie heute Abend gewonnen haben. Glauben Sie mir, Sie werden mir eines Tags für die Begegnung danken, welche Ihrer morgen wartet.“ „Unmöglich! Dazu wäre erforderlich, daß Sie 161 ſich ſelbſt und die Erinnerung an meine eige⸗ nen Verirrungen aus meinem Gedächtniß vertilgen könnten.“ „Davor werde ich mich wohl hüten. Gute Nacht, Herr Graf. Stephana verſchwand, und Hermann zog ſich in ſein Zimmer zurück. XVI. Als der Graf am folgenden Morgen erwachte, überreichte Eklund ihm ein kleines Billet folgenden Inhalts: „Elin wünſcht, Graf Hermann möge bei dem Zuſammentreffen mit ihr auf keine Weiſe andeuten, daß er mit ihr vermählt iſt. Vor der Welt iſt ſie eine weitläufige Verwandte von der Familie, und nichts weiter.. Elin.“ „Gut, ſie iſt mir zuvorgekommen,“ murmelte Hermann und kleidete ſich an, worauf er hinabging, um ſeine Mutter und Schweſter zu begrüßen, und das von Elin erhaltene Billet mitnahm. Stephana hatte einige Nachbarn zum Diner ein⸗ geladen; ſie benachrichtigte Hermann davon und ließ ihn zugleich bitten, ſich ſammt den andern Gäſten in dem großen Salon einzufinden, was Hermann auch that. N Als er eintrat, trug ſein ganzes Weſen jenes ſtolze und hochfahrende Gepräge, welches ihn in üngern Jahren kennzeichnete. Er war ganz der⸗ Schwartz, Der Mann von Geburt z. I. 11 162 ſelbe, wie er ſich einſt zu Ljungſtafors präſentirt hatte. Als er im Salon erſchien, ſuchte er wie gewöhn⸗ lich nur einen Gegenſtand. 4 Dieſer Gegenſtand war Stephana. Er bemerkte, daß noch mehrere Perſonen im Zimmer waren, aber er ging, ohne dieſelben zu beachten, auf die Wirthin zu, um dieſelbe zu begrüßen. Wer ihn jetzt ſah und ihn damals geſehen hatte, konnte ſich zu glauben verſucht fühlen, die Zeit ſei ſtill geſtanden, ſo unverändert gab er ſich zu er⸗ kennen, und es hielt ſchwer, zu begreifen, daß eilf Jahre zwiſchen der verfloſſenen und gegenwärtigen Zeit lagen. Ueberſehen und vergeſſen war Elin damals, über⸗ ſehen und vergeſſen ſchien ſie auch jetzt. Nachdem Hermann Stephana begrüßt hatte, wandte er ſich zu einer andern Dame, welche auf einem kleinen Sopha ſaß und beim Anblick des Grafen außerordent⸗ lich bleich geworden war. „Elin Romarhjerta,“ ſagte Stephana. Elin erhob ſich, um Hermanns kalte, ſtolze Be⸗ grüßung zu beantworten; aber ſie mußte ſich auf die Sophalehne ſtützen, ſo ſehr zitterte ſie. Des Grafen Blick fiel auf die junge Frau und er machte eine Bewegung des Erſtaunens, aber es lag nichts Angenehmes in demſelben, vielmehr ver⸗ rieth ſeine Miene geradezu etwas Bitteres. Stephana beeilte ſich, Lord Charter und Fräu⸗ lein Weißhaupt vorzuſtellen. 5 Hermann wechſelte einen kalten Händedruck mit Jacobo und betheiligte ſich dann an dem Geſpräche 163 welches dieſer und der Lord führten; dabei betrach⸗ tete er mit der gleichgültigſten Miene von der Welt Elin, an deren Seite Stephana ſich niedergeſetzt hatte. Wir wollen nun auch Dir, mein lieber Leſer, von der äußern Erſcheinung der jungen Gräfin einen Vegriff geben. Du wirſt Dich wohl erinnern, daß Elin zu Anfang unſerer Erzählung noch jenes Aus⸗ ſehen einer unbefiederten Elſter hatte, welches bei körperlich noch nicht ausgebildeten Mädchen oft ſo eigenthümlich iſt und zur Folge hat, daß man, wenn man ſie einige Jahre ſpäter zu Geſicht bekommt, auszurufen pflegt: das iſt doch nicht die kleine Z. oder die kleine Z., die wir früher gekannt haben. Ja, zuweilen erkennen wir in der blühenden Dame, die vor uns ſteht, gar nicht mehr das hagere Ding von einem Mädchen, das wir bei ſeinem Aufwachſen geſehen haben. Die Gräfin war hoch und ſchlank von Geſtalt, von einem Wuchs, mehr ſtattlich als geſchmeidig, mehr regelmäßig als üppig. Sie trug den Kopf mit einer eigenthümlich nachläſſigen Würde, wenn man ſich ſo ausdrücken darf. Ihr Teint war weiß und blühend, ihr Auge groß und lebhaft, beinahe allzu lebhaft, denn man konnte ſich kaum anders vorſtellen, als daß ſie damit ko⸗ kettirte, ſo blitzte es, wenn ſie ſprach. Die Naſe war gerade, der Mund etwas groß, aber friſch, mit ſchwellenden Lippen und blendend weißen Zäh⸗ nen. An dem Zuge um den Mund erkannte man, de ſie mehr zur Heiterkeit als zum Ernſt geſchaffen ar. 112 165 „Iſt es möglich, daß dieß dieſelbe Elin iſt? Da findet ſich ja kaum ein Zug von ihr, wenn ich die hohe Stirne und das hellbraune Haar abrechne. Ich glaube, ſie gefiel mir damals, ſo weit ich mich ihrer noch erinnere, ſo häßlich und unharmoniſch ſie auch war, noch mehr als jetzt.“ Sein Auge haftete auf Stephana. „Welch' ein unermeßlicher Unterſchied!“ dachte er. Der kalte, ſtolze Ausdruck verſchwand, und in ſeinem Blicke lag eine unverſtellte Bewunderung. Der Unterſchied war wirklich groß. Stephana mit ihrem äußerſt ſchlanken und doch üppigen Wuchs, ihren beinahe plaſtiſchen, bei jeder Abweſenheit von Affektation zugleich ſo ausdrucksvollen und doch ſo ruhigen Bewegungen; dieſes bleiche Angeſicht mit ſeinen wunderbaren Augen und ſeiner magiſchen Schönheit— Alles hatte etwas ſo idealiſch Feſſelndes, daß man des prachtvollen Reizes, welcher Elin eigen war darüber faſt gänzlich vergaß. Ahnte Jacobo, daß der Graf eine Parallele zog, oder war er ſelbſt von der großen Verſchiedenheit frappirt? Wir wiſſen es nicht, aber als Lord Char⸗ ter ſich den Damen näherte, und der Graf und Ja⸗ cobo allein am Fenſter ſtanden, bemerkte Jacobo: „Man muß Stephana neben einer andern reizen⸗ en Frau ſehen, um recht klar zu erkennen, daß ſie ſchön iſt.“ „Ja, von Madame Stephenſen kann man ſagen, daß ſie ſchön iſt, aber nicht von der Gräfin Ro⸗ machjerta.“ Die Ankunft anderer Gäſte unterbrach das Ge⸗ ſpräch, und der Graf fand von Neuem Gelegenheit 166 zu ſehen, mit welcher glänzenden Lebendigkeit Elin die Unterhaltung einleitete und fortſpann. Ihr Witz feſſelte, ihre Heiterkeit ergötzte und ihre ſprühende Lebhaftigkeit riß einen Jeden hin, welcher ſich mit ihr in ein Geſpräch einließ. Während des Diners war es eigentlich ſie, welche die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Selten ſtand man ſo heiter von einer Tafel auf, wo man ſich ſo gut amüſirt hätte, als es heute durch Elins angenehme Unterhaltung geſchehen war. Ste⸗ phana betheiligte ſich nur ſo weit daran, als es nöthig war, und überließ Elin das Feld allein. Am Nochmittag zerſtreute ſich die Geſellſchaft im Garten. Elin ſammelte aber bald wieder da, wo ſie unter den großen Linden ſaß, einen Kreis um ſich herum. Stephana hatte Helfrids Arm genommen, um in ihrer Begleitung der Gräfin einen kurzen Beſuch zu machen. Als ſie wieder in den Garten zurück⸗ kehrte, begegnete ſie dem Grafen. 1. Mehr ſagte Stephana nicht. „Nicht für mich!“ antwortete Hermann ernſt. „Warum nicht? Findet ſich in ihrer ganzen Per⸗ ſon etwas, das nicht dem Weſen einer Edeldame angemeſſen wäre 2 „Nein, Nichts; ſie iſt eine wirkliche Dame, aber ſie iſt nicht für mich. Um mich mit dieſer widrigen Verbindung auszuſöhnen, müßte ſie Ihre Macht beſitzen, das Herz zu gewinnen.“ 6 eie haben dieſelbe erſt einige Stunden geſehen. Halten Sie Ihr Urtheil noch zurück, bis Sie dieſes 167 warme Herz kennen gelernt haben, welches hinter dieſer luſtigen Oberfläche ſchlägt. Man gewinnt ein Herz nicht in der kurzen Zeit, da Sie dieſelbe vor Augen haben; aber es gelingt ihr vielleicht in ein paar Wochen damit. „Sie irren ſich, Madame; es iſt der erſte Ein⸗ druck, welcher über unſere Gefühle entſcheidet. Das wiſſen Sie am beſten, denn Ihnen fällt der Sieg augenblicklich zu, ſobald man Sie nur ſieht.“ „Glauben Sie das?“ ſagte Stephana, indem ſie traurig vor ſich hinblickte.„Ich erinnere mich eines Herzens, das ich gewinnen wollte, aber ich gewann es doch nicht.“ „Blieb dieſes Herz wirklich kalt?“ fragte der Graf, und ihre Augen begegneten ſich. „Nein, ich hatte Unrecht, ich habe es gewonnen.“ Sie wandte das Geſicht weg, und ſchweigend gingen ſie neben einander her. „Warum haben Sie ſich mit Elin vermählt?“ fragte Stephana plötzlich.„Sie haben es mir noch nie geſagt.“ „Wiſſen Sie es nicht?“ „Laſſen wir, was ich weiß oder nicht weiß. Ich möchte aus Ihrem Munde die Gründe hören, welche Sie zu dieſem Schritte bewogen haben.“ „Madame, nur Elin kann Ihnen das erzählen, nicht ich.“ „Warum Sie nicht?“ „Darum, weil ich einmal Elin das Verſprechen gab, gegen Niemand den Namen der Perſon zu nennen, welche in das Ereigniß verflochten war. Als ich Elin jenes Verſprechen gab, da ahnte weder 168 ſie noch ich, daß wir gezwungen werden ſollten, einander zu heirathen.“ „Sie wollen alſo nicht einmal mir die Urſache dieſer unbegreiflichen Handlung entdecken?“ „Nicht einmal Ihnen, denn ich würde damit dem Verſprechen, das ich gegeben habe, untreu werden.“ „Ach, Herr Graf, Sie ſind ein wirklicher Gentle⸗ man.“ Damit ging Stephana weiter, um ſich der Gruppe anzuſchließen, welche ſich um Elin gebildet hatte. Hermann folgte ihrem Beiſpiel, um Elin recht gründlich beobachten zu können. Er erſtaunte über die Leichtigkeit, womit ſie den Ideen und dem Ge⸗ dankengang von Allen ſich anzubequemen und für Jeden, der mit ihr ſprach, das rechte Wort zu finden wußte. 3 Aber ihr ganzes Weſen ſtellte ſie wie eine glän⸗ zende Fläche dar, hinter der ſich nur mit Mühe, was wahr oder falſch wäre, entdecken ließ. Sie konnte in einer und derſelben Minute gerührt ſein und lächeln, Scherz und Ernſt zur Anwendung brin⸗ gen, ohne daß man mit Sicherheit etwas davon für das, was es war, nehmen mochte. XVII. Alles hatte ſich nach Hauſe begeben und wir finden nur noch Elin und Stephana allein im Salon. Ich habe mich für eine beſſere Schauſpielerin Wirklichkeit bin,“ bemkrkte Elin f auf die Hand geſtützt, aum 169 Fenſter ſaß. Ueber das vor wenigen Augenblicken noch ſo lebhafte, funkenſprühende Antlitz hatte ſich ein Trauerflor gelegt. „Als ich in den Salon trat, hätte ich ein Jahr meines Lebens dafür gegeben, wenn es mir vergönnt geweſen wäre, vorzüſtürzen und mich in ſeine Arme zu werfen. Ach, Stephana, ſoll ich jemals dieſer Freude theilhaftig werden?“ Die großen Augen ſtanden voll Thränen. „Das wirſt Du, Elin, aber noch iſt es zu früh. Verſcherze nicht Alles durch Ungeduld, ſondern hoffe und warte auf die rechte Zeit.“ Elin reichte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand und ſagte: „Du biſt mein guter Engel. In welcher unend⸗ lich großen Schuld ſtehe ich nicht bei Dir; aber auch wenn er mir einen Platz in ſeinem Herzen gäbe, würde ich ihn doch niemals umarmen als....“ „Niemals?“ fiel Stephana ein. „Niemals, bevor er der verſtoßenen Gattin alle die Genugthuung geſchenkt, welche ſie zu fordern das Recht hat. Ah, Stephana, es liegt eine ſchwere Schuld auf ſeinem Gewiſſen.“ „Laß uns nicht mehr davon reden; die Liebe gleicht Alles aus.— Du haſt mir noch nicht geſagt, wie Dir Helfrid gefällt.“ „Sehr, gar ſehr, obwohl ſie mir faſt zu voll⸗ kommen erſcheint. Selbſt ein Kind der Unvoll⸗ kommenheiten, fürchte ich mich vor dem Hohen und Untadeligen in Helfrids Charakter. Ich fühle mich klein an ihrer Seite, und dieß iſt Etwas, das mich quält; beſonders, da ich niemals dieſe Empfindung bei 170 Dir gehabt habe; aber das kommt daher, daß Du ſo gut biſt.“ „Ich erinnere mich jetzt, daß Du denſelben Fehler auch bei Jacobo ſehen wollteſt.“ „Ah, das iſt noch der Fall.— Vor ihm zittere ich ordentlich,“ ſetzte ſie lachend in dem gewöhnlichen leichten Ton hinzu.„Wenn er ſeine klaren, ſtrah⸗ lenden Augen auf mich richtet, ſo iſt es mir, als ſähe er gerade in meine Seele hinein, und ich fürchte mich, denn ich weiß, daß ſich darin Vieles findet, was beſſer ſein könnte.“ „Aber Jacobo iſt mild und nachſichtig.“ „Nicht gegen mich,“ erwiederte Elin und wurde wieder ernſt;„er hält mich für eine Schauſpielerin auf dem Welttheater, welche in ſo vielen und ver⸗ ſchiedenen Rollen auftritt, daß mein eigenes Gefühl abgenützt wurde und Alles bei mir nur Schein iſt.“ „Nein, ſo urtheilt er nicht; aber Jacobo iſt ſelbſt ſo vollkommen wahr, daß er Mißtrauen gegen Alle empfindet, die es nicht ſind.“ „O, und ich bin nicht wahr, ich weiß es; aber iſt das wirklich mein Fehler?“ „Elin, dieſe Frage ſtellſt Du an mich? Ich weiß ja, daß, was Du biſt, Du nur durch die Umſtände geworden biſt. Hätte es ſich anders verhalten, ſo wäreſt Du auch ein anderer Menſch geworden. Von Kindheit an Dir bewußt, zurückgeſetzt zu ſein, er⸗ zeugte in Dir das erlittene Unrecht den Wunſch, zu vergeſſen— und das hat Dich oberflächlich gemacht, aber Du wirſt wohl noch anders.“ „Niemals, Stephana; ich werde immer die Scla⸗ vin meiner Launen und meiner Eitelkeit bleiben 17¹ denn dieſe haben die Oberhand gewonnen, und man legt nicht ſo leicht einen Fehler ab, wie man ſich denſelben angewöhnt.“ Eine Weile darauf trennten ſich Elin und Stephana. „ XVIII. Einige Zeit verfloß. Alles ging ſeinen gewöhn⸗ lichen Gang. Hermann benahm ſich gegen Elin wie gegen eine vollkommen fremde Perſon; aber er gab dennoch genau auf alle ihre Bewegungen Acht, beſonders wenn ſie ſich unbemerkt glaubte. Es dauerte nicht lang, ſo meinte er über EFlins Charakter völlig im Klaren zu ſein. Er beſtand in einer Miſchung von edlem Stolz und von unbe⸗ grenzter Gedankenloſigkeit, von Eitelkeit, Launenhaf⸗ tigkeit und bezaubernder Güte, von Streben nach Beifall auf der einen, und von abſoluter Verachtung gegen das Urtheil der Welt auf der andern Seite. So ſchnell ſich eine Laune oder eine Begierde ihrer Seele bemächtigte, vergaß ſie Alles, warf jedes Hin⸗ derniß über den Haufen, opferte unbedenklich, was ihr im Wege ſtand, und gab ſich blindlings dem Eindruck hin. In Folge des Wunſches, zu gefallen, Andern voranzuſtehen, geſchah es oft, daß ſie nicht allein von der ſtrengen Wahrheit abwich, ſondern auch jede Rolle ſpielte, welche ihr für die betreffende Veranlaſſung von dem beſten Erfolg begleitet zu ſein ſchien. Aber das im Grunde Edle und Stolze ihres * 172 Charakters bewirkte, daß ſie ſich niemals zu einer an ſich unrechten oder ſchlechten, wohl aber zu man⸗ cher unbedachten und leichtſinnigen Handlung ver⸗ leiten ließ. Sie hatte einen Abſcheu vor Allem, was unangenehm war, und, um einer Sorge zu ent⸗ fliehen, warf ſie ſich irdend einer Thorheit in die Arme. Um einem kleinen Verdruß auszuweichen, zog ſie ſich oft einen größern zu, und um die Freude des Augenblicks zu genießen, opferte ſie das auf, was, ſtreng genommen, ihre Pflicht geweſen wäre. So war Elin. Begabt mit einem reichen, warmen und guten Herzen, einer lebhaften und regſamen Phantaſie, et⸗ was exaltirt und leicht ſich hingebend, hätte man viel aus ihr machen können, wenn ſie von Kindheit an einer richtigen Behandlung theilhaftig geworden wäre. Jetzt erſchienen die guten und ſchlimmen Anlagen gleichſam unter einander gerührt und wirk⸗ ten ohne einige Harmonie, ſo daß ſie öfters, ſelbſt wenn ihre Abſichten gut und rein waren, ſich als eine thörichte Egoiſtin darſtellte. Hermann hatte Stephana verſprochen, Elin's Charakter unparteiiſch zu prüfen, und er hielt Wort. Er machte es ſich zum Vorwurf, daß er der Retter der jungen Frau, oder vielmehr des Kindes hätte ſein können, wenn er gewiſſenhaft und recht gegen ſie gehandelt haben würde. Unwillkürlich gedachte er des Augenblicks, da ſie ihn aufforderte, das Verhältniß mit ihrer Stief⸗ mutter abzubrechen. Er glaubte noch die ernſte, bit⸗ tende Stimme zu hören, obwohl er die unregel⸗ mäßigen Züge beinahe ganz vergeſſen hatte, und bei . 173 dieſer Vorſtellung ſprach eine Stimme in ſeinem In⸗ nern: ſie hätte etwas ganz Anderes werden können. Aber deſſen ungeachtet empfand Hermann einen unüberwindlichen Widerwillen gegen jede Annähe⸗ rung an Elin. Ja gegen ſein beſſeres Gefühl und gegen ſeine Abſicht tauchte unaufhörlich die Erin⸗ nerung in ihm auf, daß ſie die Mitwiſſerin ſeines verbrecheriſchen und wenig ehrenhaften Verhältniſſes zu Selma war, daß ſie, die Tochter des Schiffers Martenſon, in ihrem Herzen ihn, Hermann Romar⸗ hjerta, verachten mußte. Sobald er an Flin dachte, beſchlichen ihn un⸗ willkürlich ſeine Standesvorurtheile, und jede Be⸗ rührung mit ihr wurde für ſeinen Stolz um ſo un⸗ möglicher, als er fühlte, daß er zu ihr in einer unauslöſchlichen Schuld ſtand und daß dieſe ſo viel größer war, als er durch ſein unverzeihliches Be⸗ nehmen zur Minderung derſelben nicht das Geringſte beigetragen hatte. Der Umgang zwiſchen Hermann und Stephana hatte ſich durch die beſtändige Gegenwart von Gä⸗ ſten und durch die häufigen Ausflüge wieder auf einen abgemeſſenern Fuß geſtellt, ohne daß ſich je⸗ doch dabei Hermanns Bewunderung für Stephana in irgend einem Maße geändert hätte. Dadurch, daß er ſie neben Elin ſah, ſtieg ſie immer höher und höher in ſeiner Achtung. Während Elin lebte, um ſich das Leben ſo an⸗ genehm als möglich zu machen, und gleichſam mit Gewalt jeden unbehaglichen Gegenſtand verſcheuchte, verſtand Stephana ſelbſt die Freude zu Etwas zu machen, das ihren Mitmenſchen zu gut kam. Arran⸗ 174 girte ſie ein Feſt, eine Waſſerfahrt oder ſonſt eine Unterhaltung, ſo richtete ſie es ſo ein, daß die Ar⸗ men dabei irgend einen Vortheil, entweder durch Ar⸗ beit oder durch milde Gaben, davon trugen. Sie machte die Freude zur Begleiterin der Barmher⸗ zigkeit. Ohne daß Jemand darauf ochtete, widmete Ste⸗ phana ihre Zeit einer nützlichen Thätigkeit, indem ſie mehre neue Einrichtungen für ihre Untergebenen ins Daſein rief, ſo daß dieſelben ſich mancherlei Kenntniſſe einthun und am Sonntag ſich Unterhal⸗ tungen verſchaffen konnten, wodurch ſie von dem Wirthshausleben abgerufen wurden. In dem kurzen Zeitraum eines Jahres, da Ste⸗ phana ſelbſt die Hinterſaßen von Kungsborg unter ihrer Obhut hatte, war mit deren Sitten und Wohl⸗ ſein eine bedeutende Veränderung vor ſich gegangen, ſo daß Jedermann darüber erſtaunte. Dieß war Stephana's Werk. Dem oberflächlichen Beobachter ſchien es, als ob Stephana nur ihrer Bequemlichkeit und dem Genuß des Daſeins lebte, ſo unbeſchreiblich wenig Weſens machte ſie aus dem, was ſie unternahm, und ſo gut wandte ſie jeden Augenblick ihrer Zeit an, daß ihr immerdar noch ſo viel übrig blieb, um an ihrer ei⸗ genen Fortbildung zu arbeiten und ſich dem Um⸗ gang mit Andern widmen zu können. Hermann, welcher ſie täglich ſah, welcher von den Gutsangehörigen Alles erfuhr, was ſie zu deren Wohlfahrt in Ausführung brachte, hatte ſomit auch viele und gewichtige Gründe, ſie über Elin zu ſtellen. Eines Abends, gegen Ende Juli's, da Jane, 175 Elin und die Andern auf einige Tage zu einem Be⸗ ſuche bei Baron Skjöld aufgebrochen waren, trat Stephana in das Zimmer der Gräfin. Hermann und Helfrid waren bereits da. „Wie, Madame, Sie haben ſich der Partie zu dem Baron nicht angeſchloſſen?“ „Nein, ich befinde mich nicht recht wohl und deß⸗ halb ließ ich mich entſchuldigen.“ Stephana redete die Wahrheit, denn ſie ſah et⸗ was angegriffen aus. „Sind Sie krank?“ fragte die Gräfin mit un⸗ gewöhnlicher Theilnahme. „Ich bin nicht krank, Frau Gräfin, aber ich habe einen Kopf, welcher zuweilen mich fühlen läßt, daß er einmal ſehr krank geweſen iſt; doch es verlohnt ſich nicht der Mühe, davon zu reden, es iſt ohne alle Bedeutung. Ich habe von etwas viel Wichtigerem zu reden, das die Herrſchaften ſelbſt angeht.“ „Und dieß iſt?“ „Ich habe mit der Poſt heute einen Brief aus Paris erhalten, welcher mir aufträgt, den Herrn Grafen zu erſuchen, bei der franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft Dokumente in Empfang zu nehmen, welche dorthin übermacht worden ſind und auf Erbſchafts⸗ angelegenheiten ſich beziehen.“ Erbſchaftsangelegenheiten?“ wiederholten die Gräfin und Helfrid. Hermann blieb ſtill und betrachtete bloß Ste⸗ phana, welche einen Brief herauszog. „Das Schreiben, welches ich bekommen habe, iſt von der Pflegetochter des Grafen Runa, von Frau Elina Wicker.“ 176 Stephana hielt an und betrachtete die Gräfin, welche die Farbe wechſelte. „Meines Oheims Pflegetochter war ja ſeine Un⸗ verſalerbin,“ fiel Hermann ein. „Das Teſtament war ein bedingtes, und die Pflegetochter ſollte die Zinſen von dem hinterlaſſe⸗ nen Vermögen nur ſo lang beziehen, als der Vater ihres Mannes noch am Leben war. Nach dem Tode deſſelben, wenn ſie ihren Schwiegervater beerbte, ſollte das Vermögen des Grafen Runa auf ſeinen Schweſterſohn, das heißt, auf Sie, Herr Graf, über⸗ gehen. Nun iſt der alte Wicker geſtorben und hat ſeine Schwiegertochter zur alleinigen Erbin einge⸗ ſetzt, und ſomit geht das Vermögen des Grafen Runa auf Sie über. Ueberdieß ſteht Frau Wicker. im Begriff, ſich in ein Kloſter zurückzuziehen.“ Richt einen Augenblick hatte Stephana das An⸗ geſicht der Gräfin aus dem Auge gelaſſen. Als ſie ſagte, daß des Grafen Pflegetochter ſich in ein Kloſter zurückziehen würde, bemerkte ſie ein heftiges Zucken in den Geſichtszügen der Gräfin. Hermann ſagte mit etwas erregter Stimme: „Aber ſo viel ich mich erinnere, war ja mei⸗ nes Oheims Pflegetochter von lutheriſcher Con⸗ feſſion.“ „Sie haben Recht, Herr Graf, aber ſie wur katholiſch, als ſie ſich mit dem Sänger Wicker ver⸗ ehelichte, welcher der katholiſchen Kirche angehörte. Sie haben doch wohl von ihrer Verheirathung reden gehört?“ Ich glaube davon gehört zu haben,“ erwiederte der Graf. 177 Die Gräfin blieb unbeweglich, und es trat eine Pauſe ein. „Fräulein Helfrid ſieht ſo bleich aus,“ ſagte endlich Stephana.„Ich glaube, die Frau Gräfin ſollte derſelben zureden, einen Spaziergang zu machen. Ich will inzwiſchen hier bleiben.“ Es lag Etwas in Stephana's Ton, was Her⸗ mann ſagte, daß ſie mit der Gräfin allein zu ſein wünſchte; deßhalb drang er gleichfalls in Helfrid, mit ihm einen Gang durch den Park zu machen. Die Gräfin küßte zerſtreut ihre Tochter auf die Stirne und forderte ſie auf, friſche Luft zu ſchöpfen. Hermann und Helfrid gingen. Die Gräfin und Stephana blieben allein. „Madame,“ ſagte jetzt die Gräfin mit etwas un⸗ ſicherer Stimme,„haben Sie die Güte, ſich zu mir zu ſetzen.“ Stephana vollzog ihr Begehren und nahm auf S kleinen Schemel neben der Chaiſe longue atz. „Kennen Sie die Pflegetochter des Grafen Runa näher?“ fragte die Gräfin, eine von Stephana's guteiſe⸗ und ſetzte hinzu:„antworten Sie mir aufrichtig.“ „Ich antworte ſtets aufrichtig, oder gar nicht. Ich kenne Graf Runa's Pflegetochter ſehr gut; ich bin mit ihr verwandt.“ „Sie?“ „Ja, durch meinen Mann.“ „Ich verſtehe; Ihr Gatte und der Mann, mit welchem ſie ſich verheirathete, waren mit einander verwandt.“ Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. H. 12 178 Stephana verneigte ſich wie bejahend. „Iſt es wirklich die Wahrheit, daß ſie in ein Kloſter zu gehen beabſichtigt?“ „Schon als ſie Wittwe wurde, faßte ſie dieſen Entſchluß, führte ihn aber damals nicht aus. Wenn ſie ihn vollzieht, ſo dürfte man die Urſache darin zu ſuchen haben, daß es ihr bis jetzt noch nicht gelun⸗ gen iſt, eine lang erflehte Verſöhnung mit ihrer Mutter zu Stande zu bringen.“ „Sie würde ſomit todt für die Welt.“ „Ja, Elina Wicker kann ſagen, ſie iſt todt für die Welt.“ Die Gräfin warf ſich unruhig auf den Kiſſen hin und her; man konnte auf dem abgezehrten Antliz einen innern, ſchmerzlichen Kampf leſen. Es entſtand eine lange Pauſe. Stephana hatte den Kopf auf die Hand geſtützt, während ihre Bruſt ſich unruhig hob. Endlich nahm ſie wieder mit kangſamer Stimme und mehr mit ſich ſelbſt, als mit der Gräfin re⸗ dend, das Wort: „Vor vielen Jahren war einmal eine junge, ſchöne und hochgeborne Frau, welche ſich mit einem Edelmann erſten Rangs vermählte. Man glaubte allgemein, ſie habe das Band der Ehe aus Liebe geſchloſſen, aber man täuſchte ſich. Die junge Frau hatte ſich im Gegentheil mit dem hochge⸗ bornen Herrn vermählt, weil ſie einen Bürger⸗ lichen liebte, einen reich begabten jungen Mann, deſſen Name und ere jedoch zu den glän⸗ ze zenden Verhältniſſen des n Mädchens nicht paßte. Um nicht in Verſuchung zu kommen, aus 179 Liebe eine Partie unter ihrem Stande zu machen, vermählte ſie ſich ohne Liebe mit demjenigen, welchen ſie als ihresgleichen betrachtete. „Einige Jahre vergingen, und Niemand ahnte, daß die ſtolze Gräfin in ihrem Herzen einen ſtillen Kummer, eine unglückliche Liebe herumtrug, welche ſie ſelbſt zum Tode verurtheilt hatte. Ich habe Unrecht zu ſagen, daß Niemand es ahnte, denn ihr Bruder n daß ſie ihr Glück ihrem Hochmuth geopfert hatte. „Die Gräfin gebar nach zweijähriger Ehe einen Sohn, und die ganze Gegend pries das Glück des jungen Paares. Sie beſaß ja Alles, was das Leben gewähren kann: Reichthum, Geburt und Schönheit; aber deſſen ungeachtet begann der Gräfin Geſundheit zu wanken. Ein hartnäckiger Huſten, eine zuneh⸗ mende Mattigkeit erregte die Beſorgniß der Aerzte, und man verordnete einen einjährigen Aufenthalt in einem wärmern Klima. Es gab einen harten Kampf, denn die Gräfin wollte nicht ohne ihr erſt einige Wochen altes Kind abreiſen; endlich ſiegten die Bitten ihres Gatten, und von ihrem Bruder begleitet, reiste ſie nach Italien. „Das Schickſal, welches ſo unbarmherzig mit uns Sterblichen ſpielt, fügte es ſo, daß die Gräfin in keapel mit dem Mann zuſammentraf, den ſie ge⸗ liebt und den ſie geopfert hatte, obwohl ſie wußte, daß er dieſe Liebe theilte. „Geſchieden vom Norden und ihren ſtolzen Ver⸗ wandten, unter Rec warmem und berauſchendem immel, allein mit den Gefühlen ihres Herzens und den täglichen Verſuchungen, denjenigen, 165 ihr 180 Herz beſaß, zu ſehen und mit ihm in Berührung zu kommen, war ſie in Italien nicht ſo ſtark, wie ſie in Schweden geweſen. Dort hatte ſie ihre Liebe dem Hochmuth geopfert, hier opferte ſie ihre Pflichten der Liebe. Stephana fühlte, wie eine kalte und feuchte Hand ſie feſt am Arm faßte, und die Gräfin ſprach in dumpfem Tone: „Madame, was erzählen Sie mir da?“ Stephana ſah auf; ihr Blick war ruhig, ihre Stimme beinahe mild, als ſie antwortete. „Ich erzähle Ihnen die Geſchichte von Elinas Mutter. Wer ſie war, welchen Namen ſie trug, iſt mir unbekannt; aber ich wünſchte Ihnen dadurch zu beweiſen, daß man ſehr oft mit einem glänzenden Namen ſich Fehler oder ſogar Grauſamkeiten zu Schulden kommen läßt, vor welchen wir Niedrigge⸗ bornen zurückſchaudern. „Geſtatten Sie mir, daß ich fortfahre. Der Bruder der Gräfin, welcher in Neapel eine bezau⸗ bernde Franzöſin fand, in welche er ſich verliebte, war mit ſeiner eigenen Leidenſchaft viel zu ſehr beſchäftigt geweſen, als daß er darauf achtete, was in ſeiner Nähe vorging. Eines Tags entdeckte er gleichwohl Alles. Der Liebhaber und der Bruder druellirten ſich und der Erſtere fiel, worauf Bruder und Schweſter plötzlich nach Schweden zurückkehrten⸗ „Acht Monate nach ihrer Heimkehr gebar die Gräfin eine Tochter, welche vor der Zeit zur Welt kam. Der Bruder war mit weile nach Frankrei gereist, wo er ſich mit der einnehmenden Franzöſin ch vermählte und in Paris ſeinen Wohnſitz aufſchlug. 181 „Die Gräfin, welche ihren Sohn bis zur Ab⸗ götterei liebte, zeigte von dem erſten Momente an, da die Tochter das Licht der Welt erblickte, einen entſchiedenen Widerwillen gegen dieſes Kind, deſſen Anblick ſie in Verzweiflung ſtürzte. Um der Stimme ihres Gewiſſens und ihrer Erinnerung zu entfliehen, ſtürzte ſich die Gräfin in einen Wirbel von Ver⸗ gnügungen, und einige Jahre eilten dahin, ohne daß ſie ihr einen Augenblick zum Nachdenken ließen. Der Sohn, ein ſchönes Kind, erſchien auf allen Pro⸗ menaden an der Mutter Seite und in ihrem Salon; die Tochter dagegen lebte vergeſſen und verſchwunden in der Kinderſtube. „Das Mädchen war ſechs Jahre alt, als der Bruder der Gräfin, welcher gleichzeitig Gattin und Kind verloren hatte, einen Beſuch im Vaterland machte. War er vorher ein froher und vielleicht etwas leidenſchaftlicher junger Mann geweſen, ſo er⸗ ſchien er jetzt als ein milder und ſchwermüthiger Schwärmer, welcher überall von der unheimlichen Erinnerung an das Duell verfolgt wurde. Das bleiche Antlitz und die gebrochenen Augen des er⸗ ſchoſſenen Gegners ſtarrten ihm entgegen, wohin er ſich auch wandte, und träufelten Wermuth in den Becher ſeines Glücks und riefen, als dieſes Glück durch den Tod vernichtet wurde, ihm höhniſch zu: „Empfange deine Strafe.“— Als der Bruder wäh⸗ rend ſeines Beſuchs bei der Schweſter erfuhr, wie völlig ſie ihre Tochter vernachläſſigte, ſchlug er ihr vor, er wolle dieſes Kind, gegen das er in ſo großer Schuld zu ſtehen ſich bekannte, mit nach Frankreich nehmen und es als ſeine eigene Tochter adoptiren. Der Gemahl der Gräfin wollte nicht darauf eingehen, mußte aber endlich den dringenden Vorſtellungen und Bitten des Schwagers nachgeben. Von ihrem Oheim übernahm Graf Runa hernach Elina und räumte ihr gleichfalls die Rechte einer Tochter ein.“ „Und Sie erfuhren niemals den Namen von..“ „Von Elinas Mutter und ihrem Oheim, meinen Sie wohl, Frau Gräfin?“ a 1 Die Gräfin holte mit großer Beſchwerde Athem. „Graf Runa, welcher mir mittheilte, was ich Ihnen ſo eben erzählt habe, nannte mir niemals den Na⸗ men von Elina's Verwandten, ſondern bemerkte blos: ich übernahm das Mädchen als Erbtheil von deſſen Oheim, und wie Sie ſehen, habe ich ihr zu erſetzen geſucht, was ſie an ihren Angehörigen verloren hat.“ Die Gräfin athmete leichter, und Stephana fuhr in ihrer Erzählung fort, während ſie den Kopf auf die Hand ſtützte, als wollte ſie durch dieſe Haltung den Blicken der Gräfin ſich entziehen. „Einige Jahre verfloſſen, nachdem Elina von dem Grafen Runa aufgenommen war. Eines Tags er⸗ hielt er die Nachricht, daß die Mutter des Mädchens ſich mit ihrem Gatten in Paris aufhielt. Graf Runa hatte Elina einige ſchwediſche Volkslieder ge⸗ lehrt, darunter auch eines, das er von dem jungen Schweden, welcher, wie er wußte, der Vater des Mädchens war, ſingen gehört hatte. Er lud die Gräfin und deren Gemahl zu ſich ein. Elina war damals zwölf Jahr alt und verſprach ſchön zu werden. Sie war ein liebenswürdiges Kind, voll Anmuth und im höchſten Grade einnehmend. Die 6 183 Gräfin kam, aber der Anblick ihrer Tochter ſchien nur bittere und unfreundliche Gefühle hervorzurufen, ſo daß, als das Mädchen mit tiefer Bewegung auf die Mutter zueilte, um ſich ihr in die Arme zu wer⸗ fen, die ſtolze, ſtrafbare Frau ſie von ſich ſtieß, und daß das weinende Kind ſtatt deſſen an die Bruſt des Mannes gezogen wurde, welcher ihrVater zu ſein glaubte. „Graf Runa, welcher jedoch einige mildere Ge⸗ fühle in der Mutter Bruſt wecken zu können hoffte, forderte das Mädchen auf, jenes Lied zu ſingen, von welchem er wußte, daß des Mädchens Vater in den Tagen ſeiner Liebe es der Gräfin vorgeſungen hatte. Er glaubte, die Erinnerung an denjenigen, welcher ſeine Liebe mit dem Leben bezahlt hatte, würde der Mutter Herz zur Liebe gegen das Kind ſtimmen, aber er täuſchte ſich. Die einzige Wirkung war die, daß die Gräfin das Haus des Grafen Runa ver⸗ ließ und während ihres Aufenthalts in Paris ſich beharrlich weigerte, ihre Tochter wiederzuſehen. Der Gatte der Gräfin überhäufte dagegen das Mädchen mit der größten Zärtlichkeit und erklärte, daß, ob⸗ wohl Graf Runa ſie adoptirt hätte, das Mädchen dennoch ſeines Vaters Namen tragen ſollte, denn für die⸗ ſen ſah er ſich an— ein Wunſch, den Graf Runa erfüllte. „Elina, von liebendem Herzen, war untröſtlich, daß die Mutter ſie nicht ſehen wollte, und konnte niemals an dieſe einzige Begegnung mit derjenigen, welche ihr das Leben gegeben hatte, denken, ohne lebhaft aufgeregt zu werden. „Sechs Jahre ſpäter faßte Elina eine leiden⸗ ſchaftliche Zuneigung zu dem deutſchen Sänger Wicker, dem Sohn eines vermöglichen Kaufmanns in Frank⸗ 184 furt, einem ausgezeichnet liebenswürdigen und durchaus achtungswerthen jungen Mann. Graf Runa billigte anfänglich dieſe Liebe durchaus nicht, aber da er Wickers ungewöhnlich rechtſchaffenen Charakter kennen lernte, gab er ſeine Zuſtimmung, denn er wollte nicht, daß ſeine Pjlegetochter gleich ihrer Mutter weltlichen Vorurtheilen ihr wirkliches Glück auf⸗ opfern ſollte. „Der Graf unterrichtete Elina's Mutter von der Heirath ihrer Tochter. Jetzt hatte die hochmüthige, ahnenſtolze Frau auch vor der Welt einen Grund, ihre Tochter zu verſtoßen. Sie, die Mutter, welche ſo viel zu ſühnen hatte, welche aus Hochmuth ſich ohne Liebe verehelicht, aus Liebe ihre Treue gebro⸗ chen hatte, und hernach wieder aus Hochmuth eine Antipathie gegen ihr Kind empfand, weil es ſie daran erinnerte, daß ſie Ehre und Treue mit Füßen getreten, und hauptſächlich, weil in den Adern der Tochter bürgerliches Blut fioß. Sie verleugnete nun dieſe Tochter und gab ſie für todt aus, weil das Mäd⸗ chen demjenigen, der ihr Herz gewonnen, auch ihre Hand zu reichen gewagt hatte. 2. „Ach, Frau Gräfin,“ fuhr Stephana fort und ſah auf,„ich glaube, daß dieſe hochgeborne Dame viel eher verdiente, von ihrer Familie verſtoßen zu wer⸗ den, als die tugendhafte und unglückliche Gunilla. Habe ich nicht Recht? Und dennoch bin ich völlig überzeugt, daß wenn die Verbrecherin der Familie Romarhjerta angehört hätte, ſie die erſte geweſen ſein würde, welche der edeln Gunilla, deren Leben rein und ſpiegelhell ſich zeigte, mit Verachtung begegnet wäre. Sagen Sie mir, gibt es etwas Moraliſches — 185 oder nur Vernünftiges in der Auffaſſung, welche der Adel von unſerer Menſchenwürde hat?— Jahre ſind vergangen. Elina hat Gatten und Schwieger⸗ eltern verloren. Sie hat bittern Kummer durchlebt, und mehrmals inzwiſchen, da ihr Herz blutete, hat ſie ſich an die Mutter gewendet, um ein Wort der Verzeihung und Verſöhnung zu erhalten; aber Alles vergeblich. Der Hochmuth hatte das Herz der Mut⸗ ter ſo verſchloſſen, daß ſie, nicht einmal der unſchul⸗ digen Tochter gedenkend, in ihr Grab hinab⸗ ſteigen und Elina, ohne ihr nur ein einziges Wort der Liebe zu ſchenken, leben und ſterben laſſen würde. Und wäre dieſe Mutter eine kalte, eine harte und abſolut herzloſe Frau, dann, Frau Gräfin, würde man ſagen:„ſie verſteht die Sprache des Herzens nicht“; aber ihr ſchwaches Herz hat ſie ja verleitet zu fallen, ihr Herz hat Gefühle für die Kinder, welche ſie ihrem Gatten geboren, und ihr Herz hatte auch Gefühl für dieſen Mann, weil ſie durch ge⸗ wiſſenhafte Beobachtung ihrer Pflichten darnach trach⸗ tete, den Fehlttitt, welcher Elina das Leben gegeben, zu ſühnen und vergeſſen zu machen. In allen Din⸗ gen, wo ihr Stolz nicht mitredet, hat ſie bewieſen, daß ſie Gefühl beſitzt; aber überall, wo ihr Stolz in Frage kam, war ſie nicht blos gefühllos, ſondern ſelbſt moraliſch grauſam.— Worauf war ſie eigent⸗ lich ſtolz? Nicht auf einen höhern moraliſchen Werth, denn dieſen hatte ſie verleugnet; mt auf den Na⸗ men, der ihr als Erbe zugefallen war, ujn den Rang. den ſie bekleidete. Aber, mein Gott! Wie iſt es möglich, ſich auf ſolche Vorzüge, zu denen man ſelbſt nicht das Mindeſte beigetragen hat, Etwas einzu⸗ 186 bilden, wenn man nicht ausgezeichnete Tugenden und Sitten dazu legen kann, welche uns als Chriſten ebenſo hoch ſtellen, als die Geſellſchaft uns in bür⸗ gerlicher Beziehung erhoben hat? Iſt es denn der ererbte Titel, welcher uns Werth gibt? Oder muß es nicht vielmehr unſer höherer und edlerer Charak⸗ ter ſein, welcher jener zufälligen Auszeichnung erſt die rechte Bedeutung verleiht? Vor dem Richterſtuhl des Höchſten gilt kein Rang, außer dem, welchen wahre Tugend gewährt. Dort wird nicht gefragt, was wir geweſen ſind, ſondern wie wir die von Gott geſchenkten Gaben angewendet, und ob wir damit ſo viel Gutes, als in unſern Kräften ſtand, ausgerichtet haben. Wenn wir an der Pforte des Todes ſtehen, da müſſen wir zuſehen, daß wir nicht mit einer ungeſühnten Schuld über die Schwelle der Ewigkeit treten. Stephana ſchwieg. Die Gräfin lag geraume Zeit unbeweglich da. Endlich legte ſie ihre Hand auf Stephana's ge⸗ ſenktes Haupt und ſprach mit einer Stimme, welche durchaus keinen Nachklang von dem ihr ſonſt ge⸗ wöhnlichen kalten Stolz verrieth: „Sehen Sie mich an, Madame, und ſagen Sie mir, warum Sie mir dieſe Geſchichte erzählt haben. Bedenken Sie, daß Sie jetzt mit einer Sterbenden reden, welche in einigen Wochen vor den Richterſtuhl des Höchſten Rechenſchaft abzulegen hat.“ Stephana faßte die beiden Hände der Gräfin und küßte ſie, während ihr die Thränen über die Wangen rannen. Dann ſchaute ſie zu der Gräfin 187 mit einem Blicke auf, ſo mild bittend, daß er dem eines Engels glich, und ſagte: „Darum, weil ich Ihr Herz zu rühren wünſchte.“ „Mein Herz? Und warum ſollte das Ihnen durch eine Erzählung gelingen, welche— welche auf fremde Perſonen Bezug hat?“ Stephana glitt vor der Gräfin auf die Kniee nieder, faßte abermals ihre beiden Hände, legte ſie an ihr Herz und ſprach mit einem Ton, welcher zu⸗ gleich etwas Rührendes und doch Feſtes hatte: „Frau Gräfin, ich weiß, daß Ihr Herz, wenn Sie ſprechen, gut, empfindſam iſt.— Ich weiß auch, daß Sie ein ſtrenges Rechtsgefühl' haben, und deß⸗ halb wünſchte ich durch dieſe Erzählung beide zu afficiren und Ihnen zu beweiſen, daß die Geburt uns nicht berechtigt, uns über Andere zu erheben, ſofern wir nicht im Beſitze von Tugenden ſind, welche unſern Anſprüchen an Größe gleich kommen. Frau Gräfin, würden Sie auch jetzt zu Elin, im Fall ſie zu Ihren Knieen um ein Wort der Zärtlichkeit flehte, ſagen können: Gehen Sie, ich kenne ſie nicht und werde Sie niemals als meines Sohnes Gattin anerkennen?“ Würden Sie auch jetzt dieſelbe, nie⸗ dergedrückt von dem Zorn ihres Vaters und ver⸗ ſtoßen von Ihnen und Ihrem Sohne, von ſich gehen laſſen können? Nein, Frau Gräfin, ich leſe in Ih⸗ rem Blick, duß Sie es nicht könnten. Ich fühle es an dem Zittern Ihrer Hände.“ Die Gräfin zog ihre Hände zurück und ſprach mit matter Stimme: „Sie ſind eine gefährliche Frau, Madame! Ver⸗ 188 laſſen Sie mich, ich muß allein ſein. Sie haben mich in eine heftige Aufregung verſetzt.“ „Dann geſtatten Sie mir, Sie auch wieder zu beruhigen,“ erwiederte Stephana ſchmeichelnd und bedeckte ihre Hände mit Küſſen. „Beruhigen!“ wiederholte die Gräfin mit einem bittern Lächeln.„Für mich gibt es keine Ruhe.“ Ohne eine Antwort zu geben, ging Stephana an einen Tiſch und nahm ein kleines Buch, welches auf demſelben lag. Sie ſetzte ſich wieder auf den nie⸗ drigen Schemel zur Seite der Gräfin und begann zu leſen. Es handelte von Chriſtus, als man die Ehebrecherin vor ihn führte. Mit einer tief zu Her⸗ zen gehenden, klaren und ernſten Stimme las ſie die Worte: „Wer ſich ohne Sünde weiß, der werfe den erſten Stein auf ſie.“ Und hernach, als ſie ſagte:„ich will Dich nicht verdammen, gehe hin in Frieden und ſündige hinfort nicht mehr“— da zitterte Stepha⸗ na's Stimme. Darauf redete ſie aus ihrem eigenen Herzen Worte voll Liebe und Verſöhnung. Die Gräfin würde geglaubt haben, ſie leſe, wenn jie nicht die ſchmeichelnden und liebevollen Worte wieder erkannt hätte, welche ſchon einmal vor ihren Ohren erklungen waren. Jetzt ebenſo wie damals wirkte der Geiſt wahrhaften Chriſtenthums und wahrhafter Verſöh⸗ nung, welcher darin lag, wie heilender Balſam auf eine Wunde. Der qualvolle Ausdruck im Angeſicht der Gräfin verſchwand und wurde von einer ſtillen Wehmuth verdrängt. 189 Als Stephana ſchwieg, lag die Gräfin unbeweg⸗ lich da; endlich flüſterte ſie: „Dank! Gehen Sie nun zu den Andern; ich muß allein ſein und wünſche, daß meine Kinder mich eine Zeit lang nicht ſtören.“ Stephana erhob ſich; aber als ihre Augen auf das jetzt beinahe demüthig bekümmerte Antlitz der Gräfin fielen, ließ ſie ſich noch einmal auf die Kniee nieder und küßte ihre Hände, auf welche einige Thrä⸗ nen fielen. Als ſie aufſtehen wollte, fühlte ſie, wie die Lip⸗ pen der Gräfin ihre Stirne berührten. „Ich danke,“ flüſterte Stephana beinahe lautlos und eilte dann mit leichten Schritten aus dem Zimmer. XIX. Stephana ſuchte Helfrid und Hermann auf und unterrichtete ſie davon, daß die Gräfin ungeſtört zu ſein wünſchte. Man nahm den Weg nach dem gro⸗ ßen Salon, während das Geſpräch ſich um gleich⸗ gültige Dinge bewegte. Plötzlich ſagte Helfrid: „Mama ſprach davon, daß Sie ſingen, aber weder Hermann noch ich haben jemals ein Lied von Ihnen gehört. Wollten Sie uns nicht heute Abend dieſes Vergnügen bereiten?“ „Gern, wenn ich in einer andern Gemüthsſtim⸗ mung wäre,“ antwortete Stephana mit einem trau⸗ rigen Lächeln.„Heute Abend würde mein Geſang nur ein Seufzer unermeßlichen Schmerzes werden.“ 190 Hermann betrachtete Stephana. Sie ſetzte ſich auf die Pompadour vor der Glasthüre. Es lag gleichſam ein Trauerflor über ihr ganzes Leben aus⸗ gebreitet, aber es kam ihm vor, als ob hinter dem⸗ ſelben warme und zugleich peinliche Gefühle glühten. Er glaubte die heftigen und doch ſchmerzvollen Schläge ihres Herzens zu fühlen. „Singen Sie, Graf Hermann!“ bat Stephana in mattem Tone. Hermann ſetzte ſich an das Inſtrument und ſang; „Und nun leb wohl, leb wohl, mir ſo unendlich werth, „Das weiß ich, daß dieß Herz auf ewig nach Dir ſteht, „Und wirſt Du hier nicht mein, wie ich ſo ſehr begehrt, „Der Wunſch in Gottes Reich doch in Erfüllung geht.“ Als er die letzten Worte ſang, drehte er den Kopf um und ſchaute auf Stephana. Ihr Auge weilte auf ihm. „Und wirſt Du hier nicht mein,“ ſang Hermann mit einem Blick auf ſie. Stephana ließ den Kopf ſinken und verbarg das Angeſicht in den Händen. War es eine Einbildung, oder That und Wahr⸗ heit, als er einige Thränen auf das ſchwarze Ge⸗ wand herabfallen zu ſehen glaubte? Er ſtand von dem Inſtrumente auf, nachdem er den letzten Vers geſungen hatte, und näherte ſich Stephana. Er wollte um jeden Preis ſich überzeugen, ob er recht geſehen hätte. Sie ſaß unbeweglich da, und der Blick des Gra⸗ fen fiel auf ein paar feuchte Flecken, welche die ge⸗ fallenen Thränen zurückgelaſſen hatten. 191 Er blieb eine Weile ſtehen und betrachtete ſie, wurde aber aus ſeinen Träumen von Helfrid geweckt, welche bemerkte: „Lieber Hermann, Du biſt nicht glücklich in der Wahl deiner Lieder; mich haſt Du verſtimmt und nicht minder Frau Stephenſen. Sing' noch Etwas, das erheiternder Natur iſt.“ Hermann kehrte zu dem Inſtrumente zurück und ſang einige jener ſo allgemein beliebten Lieder von Gunnar Wennerberg. Die heitere, lebhafte Muſik brachte die gewünſchte Wirkung hervor. Stephana fuhr mit der Hand über die Stirne, und als ſie aufſchaute, war ihr Ange⸗ ſicht wieder ruhig. Eine Stunde ſpäter ging Stephana in den Park hinab. Hermann und Helfrid begaben ſich zu der Gräfin. Stephana war noch nicht weit gegangen, als der Graf ſie einholte. „Sie haben ſich nicht lang bei der Frau Gräfin aufgehalten,“ bemerkte ſie. „Meine Mutter war ſchon eingeſchlafen. Uebri⸗ gens wünſchte ich Ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen?“ Hermann that wie immer, wenn er Stephana den Arm bot; er faßte denſelben und legte ihn in den ſeinigen. „Sie ſind heute Abend ſo traurig geweſen,“ be⸗ gann Hermann. „Ja,“ antwortete Stephana und ſah zu ihm auf, „und doch bin ich wiederum heiter geworden.“ 192 „Haben Sie irgend eine beſondere Veranlaſſung zu Freude oder Kummer gehabt?“ „Zur Freude, ja.— Das Glück hat Ihnen zu⸗ gelächelt, und dieß iſt ein wirklicher Grund zur Freude für mich, aber...“ „Aber was?“ „Ich war einen Augenblick Egoiſtin,“ erwiederte Stephana lächelnd.„Bemerken Sie wohl, ich ſage: ich war, das heißt, ich bin es nicht mehr.“ „Egviſtin, Sie!— das bezweifle ich. In wel⸗ cher Beziehung?“ „Ich dachte daran, daß Kungsborg künftig ohne Herrſchaftsverwalter ſein würde.“ „Und das glauben Sie?“ rief Hermann, indem er ſich zu Stephana niederbeugte. „Sie ſind nun wieder reich,“ bemerkte Stephana, und ihre Wangen erglühten vom reichſten Purpur. „Und würde ich auch noch ſo reich, werde ich doch Kungsborg und mein Amt hier niemals ver⸗ laſſen, ſo lang Sie wünſchen, daß ich darin verblei⸗ ben ſoll.“ „Dann geſchieht es niemals,“ flüſterte Stephana. „Stephana!“ Abermals wurde dieſer Name mit einer eigen⸗ thümlichen Betonung ausgeſprochen. „Sir Edward!“ antwortete Stephana und ſah mit ihrem ruhigen Blick auf, welcher wirkte, wie der Zügel auf ein feuriges Roß. Sie gingen ſchweigend neben einander her. wieder. „Laſſen Sie hören.“ „Ich habe eine Bitte an Sie,“ begann Hermann 193 „Sagen Sie, wollten Sie mir nicht Gelegenheit verſchaffen, mit der Pflegetochter des Grafen Runa zuſammenzutreffen?“ „Sie beabſichtigen alſo, nach Paris zu reiſen?“ „Ja, ich glaube die teſtamentariſche Dispoſition nicht annehmen zu können, ohne daß ich mindeſtens mit ihr darüber geſprochen habe.“ „Eine Reiſe nach Paris, Herr Graf, würde Sie Nichts nützen. Sie würden dieſelbe dort nicht tref⸗ fen. Das Einzige, was ich thun kann, iſt, einen Brief zu beſorgen, wenn Sie mir einen ſolchen anver⸗ trauen wollen. Ich habe mich eidlich verpflichtet, ohne eine beſondere Veranlaſſung deren Wohnort nicht zu verrathen.— Was die teſtamentariſche Beſtimmung betrifft, ſo iſt dieſelbe dem Geſetz ge⸗ mäß, und Elina hat damit nur ihres Pflegevaters ausdrücklichen Wunſch vollzogen.“ „Aber, Madame, ich beraube ſie dadurch eines Vermögens, das eigentlich ihr gehört.“ „Graf Hermann, Elina bedarf deſſen nicht, denn das Erbe, welches ſie von ihrem Schwiegervater er⸗ halten hat, iſt ſehr beträchtlich und entſpricht voll⸗ kommen dem, welches Ihnen zufällt. Uebrigens iſt es nicht der Reichthum, den ſie vermißt; es iſt etwas Anderes, und das...“ „Würde ich mit dem Verluſt alles deſſen, was ich beſitze, ihr wieder ſchenken.“ „Thun Sie es, wenn Sie können. Schreiben S und laſſen Sie dieſelbe wiſſen, daß ſie hoffen ann.“ „Sie wiſſen alſo, Madame, wer Elina iſt?“ Hermann ſtockte. Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. I. 13 194 „Machen Sie keine Fragen an mich; ich kann dieſelben nicht beantworten, ohne einem gegebenen Verſprechen untreu zu werden. Glauben Sie nur, daß, was ich auch wiſſen mag, in mir verſchloſſen bleiben wird. Thun Sie zu Elina's Glück, was Sie können; aber ſuchen Sie mit ihr nicht eher ein Zuſammentreffen, als bis Sie ihr ſagen können: komm'!“ „Ich danke Ihnen, Madame; ich ahnte, daß Sie Alles wiſſen.— Morgen ſchreibe ich an die franzö⸗ ſiſche Geſandtſchaft.“ „Gedenken Sie ſelbſt in die Hauptſtadt zu reiſen?“ „Nein, Madame, ich werde dem Baron C. Voll⸗ macht ertheilen, in meinem Namen zu handeln.“% „Sie haben mir nicht mit einem Wort geſagt, was Sie von Elin halten.“ 3 „Habe ich nicht? Ich glaubte doch, ich hätte ſchon bei unſerem erſten Zuſammentreffen Ihnen ge⸗ ſagt, ſie wäre nicht für mich.“ „Und das denken Sie noch?“ „Kann Stephana wirklich dieſe Frage an mich richten?“ „Ja, denn einer von Stephana's innigſten Wün⸗ ſchen iſt es geweſen, eines Tags Elin mit den Lei⸗ den ausſöhnen zu können, welche Sie ihr geſchaffen haben, und es dahin zu bringen, daß ſie die ihr ge⸗ bührende Genugthuung erhält.“ „Und dieſe Genugthuung ſoll darin beſtehen, Rp 5t „Sie derſelben Ihr Herz geben und ſie als Ihre Gattin anerkennen.“ „Madame, einen Augenblick angenommen, doß 195 ich meinen tief eingewurzelten Widerwillen gegen dieſelbe überwinden könnte, daß ich ihr ſogar alle Rechte einer Gattin, ſelbſt mein Herz und mein Le⸗ ben ſchenken könnte, wer ſagt Ihnen, daß es für ſie ein Glück wäre, mit mir wieder vereinigt zu wer⸗ den? Sie glauben vielleicht, daß ſie mir aus Liebe die Hand gereicht hat. Sie irren ſich, ſie that es aus Mitleid, aus... gleich viel was, aber auch nicht ein Funke von Liebe iſt dabei mituntergelau⸗ fen. Wäre es nicht das Beſte für uns beide, die Freiheit wieder zu erlangen? Sie könnte dann eine Wahl nach ihrem Geſchmack treffen, und ich...“ „Nun, warum reden Sie nicht aus?“ „Ich könnte wagen, wieder auf Glück zu hoffen.“ „Aber, Herr Graf, dieſe tief beleidigte, nieder⸗ getretene und vernachläſſigte Elin hat, ſo weit ſie zurückdenken kann, nur einen Gegenſtand ihrer Liebe gehabt.“ „Um ſo mehr Grund, daß ſie dieſem Gegenſtand getreu bleibt und durch Wiedergewinnung ihrer Frei⸗ heit in die Lage verſetzt wird, glücklich zu werden.“ „Aber dieſer Gegenſtand ſind— Sie! Stephana's Wangen flammten, und ihre Augen deuteten auf tiefen Ernſt, als ſie dieſe Worte aus⸗ ſprach. Hermann fuhr zurück. „Was ſagen Sie da, Madame?“ rief er. „Die Wahrheit.“ „Unmöglich. Sie und ich, wir ſind ja kaum ſo viel zuſammen geweſen, daß ich mich nur noch ent⸗ ſinnen kann, wie ſie ausſieht, und wie ſollte ſie dem⸗ nach mich lieben können?“ 196 „Herr Graf, Sie vergeſſen, daß dieſelbe ſchon als Kind Sie ſah und auch das Jahr vor ihrer Ver⸗ mählung bei Ihrem Aufenthalt in Strömſtad mit Ihnen zuſammen war, obwohl Sie ihr keine Auf⸗ merkſamkeit ſchenkten. Es iſt wahr, daß ſie ſchon als Kind Sie liebte und daß ſie niemals einen andern Mann geliebt hat.“ „Das wäre ſchrecklich, und meine Schuld gegen ſie würde dadurch noch größer.“ Hermann ging eine Weile nachdenklich an Ste⸗ phana's Seite weiter. „Ach, Madame, Sie haben zwar mein Mitleid für ſie erweckt, ſind aber darum doch dem Ziel um Nichts näher gekommen; jede andere Frau außer i würde mich vielleicht aus Pflicht⸗ und Ehrgefühl vermocht haben, ihr die Genugthuung, welche ſie verdiente, zu gewähren und ihr mein Leben zu wid⸗ men; aber zwiſchen mir und Elin liegt Etwas, das jede Annäherung zwiſchen uns unmöglich macht.— Mag ſein, daß ſie mich geliebt hat, aber jetzt thut ſie es wenigſtens nicht, denn vergeblich ſuchen Sie bei dieſer eiteln, muthwilligen Frau Etwas, das ei⸗ nen geheimen und verzehrenden Kummer andeutet, welchen ſie unwillkürlich empfinden würde, wenn ſie von dem Mann, den ſie liebte, ſo tief gekränkt, ſo übel behandelt worden wäre. Ein ſolches Benehmen von mir, unter ſolchen Verhältniſſen, hätte eine un⸗ heilbare Wunde in ihrer Seele zurücklaſſen müſſen, und niemals würde daraus Leichtſinn und Thorheit hervorwachſen. „Ja, Sie haben Recht, Ihre Handlungsweiſe hat eine unheilbare Wunde in dem Herzen der Ar⸗ 197 men zurückgelaſſen,“ erwiederte Stephana düſter.— „Und dieſe Jahre endloſer Qual ſoll ſie alſo ver⸗ geblich durchlebt haben?“ „Wollen Sie denn behaupten, daß Elin unglück⸗ lich iſt, oder daß ſie an der Seite eines Mannes, der niemals ſie lieben kann, dem es im Herzen ſchwer fallen würde, ſie auch nur neben ſich zu dulden, glück⸗ lich ſein wird?“ „Graf Hermann, hören Sie auf, Ihre Worte ſchmerzen mich,“ antwortete Stephana mit bebender Stimme. Hermann ſah ihr ins Geſicht, denn der ſchmerz⸗ liche Ton derſelben machte einen tiefen Eindruck auf ihn. In Stephana's Miene war ein ſchweres Leiden ausgeprägt, und die Wirkung davon auf Hermann war eine unmittelbare. „Stephana,“ ſagte er mit leiſer und bewegter Stimme,„Sie wiſſen ja, daß ich mich lieber für mein ganzes Leben in einen Abgrund von Qual ſtür⸗ zen, als Ihnen nur eine Stunde Leidens verurſachen würde.“ „Eine Stunde Leidens!“ wiederholte Stephana mit einem Ton, der ein ganzes Leben von Qual in ſich ſchloß. „Ja, bei Gott!“ „Sie wären alſo mir zulieb im Stande, Ihr und Elins Leben zuſammenzuknüpfen?“ „Madame, ein ſolches Opfer werden Sie von mir nicht verlangen.“ „Und wenn ich es thäte?“ 198 „Kann Stephana wohl Herrmann zu lebensläng⸗ lichem Unglück verurtheilen?“ „Nicht verurtheilen, wohl aber zu beweiſen ſu⸗ chen, daß Ehre und Gewiſſen von ihm erheiſcht, für ſeine Pflicht ſich zu opfern und zu ſühnen, was ſein Hochmuth verbrochen hat. Soll dieſe Sühne einen Werth haben, ſo muß ſie freiwillig geſchehen. Aber laſſen wir dieſen Gegenſtand; eines Tags, Herr Graf, werden Sie mir Recht geben und die Pflicht zum Geſetz Ihres Lebens machen. Sie ſind ja ſtolz dar⸗ auf, ein Edelmann zu ſein. Nun wohl, ſo zeigen Sie ſich auch edel in Ihren Handlungen.“ „Ich bin auf Nichts ſtolz, Madame, als daß ich des Beſitzes Ihrer Achtung verſichert ſein darf.“ „Sie beſitzen mehr— Sie beſitzen meine Zu⸗ neigung.“ „Dieß macht auch mein einziges Glück aus.“ XX. „Stephana,“ ſagte Jacobo ein paar Tage ſpä⸗ ter,„wirſt Du mich vermiſſen, im Fall ich nach Eng⸗ land reiſe?“ „Dich vermiſſen? Das geſchieht allezeit, Du biſt ja ein Theil meines beſſern Ichs; aber deſſen ungeach⸗ tet ſage ich: reiſe.“ „Ich danke Dir; in einer Woche reiſe ich ab.“ „Und wenn Du zurückkehrſt, biſt Du geneſen?“ „Ich hoffe es; denn Alles wird für mich dann klar ſein.“ „Wann kehrſt Du heim?“ 199 „In einigen Wochen.“ „Wie wird es dann ſein?“ fragte Stephana, den Kopf an Jacobo's Schulter lehnend; dann ſetzte ſie hinzu: „Ich fürchte für Alles, wenn Du nicht an meiner Seite biſt.“ „Du kannſt die Zukunft nicht fürchten, da Du von ſo edeln und reinen Motiven geleitet wirſt. Glaube mir, Stephana, Du bedarfſt keiner Stütze, Du biſt ſtark genug, um Dich auf deine eigene Kraft verlaſſen zu können.“ „Gott gebe, daß Du Recht haſt.“ Das Geſpräch wurde durch Elin unterbrochen, welche haſtig eintrat. Sie war beinahe todesbleich und ſtieß faſt hervor: „Die Gräfin hat einen ſchweren Blutſturz be⸗ kommen; der Graf iſt ſelbſt nach dem Doktor gerit⸗ ten, und Helfrid bittet Dich, ſogleich zu ihnen zu kommen.“ Kaum hatte Elin das letzte Wort ausgeſprochen, ſo war Stephana durch die Thüre verſchwunden. Elin warf ſich in einen Fauteuil und verbarg das Angeſicht in den Händen. Sie weinte. Jacobo ſtand auf und näherte ſich ihr, indem er mit theilnehmender Stimme ſagte: „Was fehlt Dir, Elin?“ Elin hob das Angeſicht empor und ſprach lang⸗ ſam, mit tiefer Betrübniß: „Sie ſtirbt vielleicht.“ „Wir wollen hoffen, daß Gott uns den Schmerz erſpart, ſie ſterben zu ſehen, bevor Alles geſühnt iſt.“ „Gott! Jacobo, was kümmert ſich Gott um mich 200 oder um das Gewürm, das hier auf Erden kriecht? Nein, wir müſſen uns alle ſelbſt helfen und in der Qual, die wir uns zuziehen, untergehen, ohne daß er uns zu Hülfe kommt.“ Jacobo betrachtete ſie eine Weile ſchweigend; dann ſetzte er ſich an ihre Seite und ſagte: „Vom Ueberglauben zum Unglauben iſt der Schritt leicht. Erinnerſt Du Dich, Elin, daß ich Dir das ſagte, als Du katholiſch wurdeſt?“ „Ja, Du hatteſt Recht. Jetzt habe ich gar keinen Glauben.“ „Auch wieder eine Uebertreibung, welche keinen Beſtand haben kann. Der Fehler, Elin, iſt, daß Du niemals Dir klare Rechenſchaft gegeben haſt, worauf dein Glaube beruhen muß, ſondern daß Du blos die Eingebung des Augenblicks auf deine Phantaſie einwirken ließeſt. Stützt ſich dein Glaube nicht auf eine feſte Ueberzeugung, ſo iſt er unächt und kann Dir niemals einigen Troſt gewähren.“ Wir verlaſſen Elin und Jacobo, um uns zu un⸗ terrichten, wie es mit der Gräfin ſteht. Als Stephana in den Salon trat, kam ihr Hel⸗ frid mit verweinten Augen entgegen und ſagte: „Mama wünſcht mit Ihnen zu reden; es geht ſehr ſchlecht mit ihr.“. Stephana drückte Helfrid die Hände und ging zu der Gräfin hinein, welche mehr einer Todien als Lebenden gleich dalag. Als ſie Stephana gewahr wurde, machte ſie eine Bewegung mit der Hand, als wollte ſie ihr dieſelbe reichen.* Stephana eilte an das Bett und faßte ſie. 201 „Ich habe mich ſehr nach Ihnen geſehnt,“ flü⸗ ſterte ſie. Dann wandte ſie ſich zu Helfrid mit den Wor⸗ ten:„Verlaß uns, mein Kind, ich wünſche mit Frau Stephenſen zu reden.“ Helfrid entfernte ſich. Die Gräfin legte ihre Hand auf Stephana's ge⸗ ſenktes Haupt und ſagte mit beinahe lautloſer Stimme: „Ich werde bald die lange Reiſe antreten und in Kurzem vor dem Richterſtuhl des Höchſten ſtehen. Aber ich habe vorher noch viel zu ſühnen. Wollen Sie mir beiſtehen und meine letzte Stunde mir er⸗ leichtern?“ „Gebieten Sie! Mein ganzes Leben gehört Ih⸗ nen,“ erwiederte Stephana. „Wie viel Zeit wird Elina brauchen, um hieher zu kommen?“ „Wollen Sie dieſelbe bei ſich ſehen?“ at Eine Weile vermochte Stephana nicht zu ſprechen, ſondern bückte ſich auf der Gräfin Hand und weinte. Ein leichtes Pochen an der Thüre ſtörte ſie. Es war der Doktor. „Wie lang werde ich es noch treiben?“ fragte die Gräfin, nachdem ſie Helfrid und Hermann gebe⸗ ten hatte, ſie mit dem Arzt und Stephana allein zu laſſen. Bei vollkommener Ruhe kann die Frau Gräfin noch auf einige Wochen rechnen; bei der gegenwär⸗ tigen Gemüthsunruhe können die Wochen ſich nur in Tage verwandeln.“ 202 „Ich danke Ihnen, Herr Doktor; ich werde mich bemühen, noch einige Wochen zu leben.“ Der Arzt verſchrieb etwas Beruhigendes, und einen Augenblick ſpäter befanden ſich die Gräfin und Stephana wieder allein. „Ich verſpreche Ihnen, wenn Sie es wünſchen, daß Sie Elina wiederſehen ſollen. Aber Sie müſſen mir gleichfalls Eins verſprechen— daß es nicht in Gegenwart Ihrer Kinder geſchieht.“ „Das verſpreche ich um ſo gerner, weil es auch mein Wunſch iſt. Sehen Sie,“ fuhr die Kranke mit unruhiger und fieberiſcher Stimme fort:„Ich bin Elina's Mutter. Aber ich will nicht vor mei⸗ nen geliebteſten Kindern auf meinem Sterbebett be⸗ kennen, daß ich ſie und mich einer falſchen Idee auf⸗ geopfert habe. Hermann iſt der Meinung, Elina's Heirath allein ſei die Urſache meines Widerwillens gegen ſie geweſen; er ahnt nicht, daß ſie ein leben⸗ diges Zeugniß von der Pflichtvergeſſenheit der Mut⸗ ter gegen ſich ſelbſt iſt. Helfrid dagegen hat ſie für todt gehalten, denn ich gab ſie von dem Augen⸗ blick an, da ſie ſich verehelichte, dafür aus. Ich will überdieß nicht im Tode verlengnen, wofür ich gelebt habe, und dadurch meiner Kinder Achtung ver⸗ wirken. Ich will ſterben, getreu meinen Grundſätzen: daß Jedermann, in deſſen Adern veredeltes Blut fließt, ſich enthalten muß, durch Verbindung mit Bürgerlichen unedle Reiſer auf ſeinen Stammbaum zu pfropfen; aber ich will auf der andern Seite nicht von hinnen ſcheiden, ohne mein armes Sünden⸗ kind an mein Herz geſchloſſen und deſſen Verzeihung für die Härte, die ich geübt, erhalten zu haben. 203 Auf meinem Grabe mögen die drei Geſchwiſter wie⸗ der vereinigt werden. Ich bin dann von hinnen und habe noch im Tode bewieſen, daß ich in meiner ariſtokratiſchen Denkart unerſchütterlich geblieben bin.“ „Sie wollen alſo Ihre Kinder nicht wiſſen laſ⸗ ſen, daß Sie Ihrer Tochter verziehen haben?“ fragte Stephana, indem ſie die Gräfin mit einem eigen⸗ thümlichen, kummervollen Blick betrachtete. „Verziehen! Ja, daß ich es gethan habe, werde ich ihnen ſagen, aber nicht, daß ich ſie wiedergeſehen habe; denn einmal, als Hermann für ſie bat, er⸗ klärte ich, daß ich die Frau des Sängers Wicker niemals als meine Tochter umarmen würde, und dieſem Gelübde will ich vor ihm getreu bleiben.“ „Und Elin,“ flüſterte Stephana;„haben Sie nicht ein Wort für dieſelbe?“ „Sie iſt nicht mein Kind; ſie iſt meines Sohnes unglückliches Geſchick; ich verzeihe ihr das Böſe, das ſie gethan hat; mehr kann ich nicht.“ „Sie wollen alſo in Ihrer Todesſtunde nicht zu vereinigen ſuchen, was Ihr Stolz getrennt hat?“ „Nein; ich werde meine Grundſätze nicht ver⸗ leugnen.“ Stephana ſeufzte. „Weiß Niemand weiter von Elina's wirklicher Hertunft?“ fragte die Gräfin mit ſcheinbarer An⸗ ſtrengung. „Nein, Niemand. Graf Runa vertraute mir auf ſeinem Sterbebett, was ich Ihnen geſagt habe, und übertrug mir Elina als Erbe, indem er mich zugleich bat, derſelben Ihre Verzeihung und Ihren Segen auszuwirken.“ 204 „Und was Sie wiſſen, wird mit Ihnen ſterben?“ „Ja, bei Gott! Es wird niemals über meine Lippen kommen.“ „Ich danke Ihnen, mein Kind.“ XXI. In der Nacht hatte die Gräfin ſchweres Fieber, und Stephana wachte an ihrer Seite, nachdem ſie Helfrid durch vieles Bitten dahin gebracht hatte, ſich zur Ruhe zu begeben. Die Gräfin war eben eingeſchlummert, nachdem ſie ein Opiumpulver genommen hatte, als die Thüre des Salons aufging und Elin mit furchtſamen Schritten hereinſchlich. Sie war ſo bleich, daß ſie mit der Sterbenden wetteiferte. Stephana ſchaute erſchrocken auf und flüſterte, als ſie dieſelbe gewahr wurde: „Welche Unvorſichtigkeit!“ „Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. O Stephana, mein Herz will brechen. Es kommt mir vor, als habe ich dieſe Wochen her, welche ich unter demſelben Dach mit ihr zubrachte, eine ſo gräßliche Tortur durchgemacht, daß ich ganz alt geworden bin. Laß mir den armſeligen Troſt, hier hinter den Gar⸗ dinen ihres Bettes zu ſitzen.“ „Armes Kind,“ flüſterte Stephana,„ſetze Dich hieher, aber verhalte Dich ſtill.“ Elin gehorchte und nahm auf einem Fauteuil 205 am obern Ende des Bettes, verborgen durch die Gardinen, ihren Platz. „Ich traf Hermann im Salon, dort ſitzt er;“ bemerkte Elin, während ihre Bruſt ſich von einem tiefen Seufzer hob. „Was ſagte er?“ „Er trat mir mit den Worten entgegen: was wollen Sie, Madame?“ „Ich gehe, um einen Platz an dem Krankenbette der Gräfin einzunehmen.“ Elin ließ den Kopf ſinken und ſchwieg. „Nun, ließ er Dich gehen?“ „Nein, er erwiederte mit Ernſt: das darf nicht geſchehen'; darauf ergriff er meine Hand, um mir es zu verwehren; ich aber machte mich los und trat hier ein, ohne ihm eine Antwort zu geben.— Ach, Stephana, jetzt fängt die Hoffnung an mir zu ſchwinden, und dann— was ſoll dann aus mir werden?“ „Muth, Elin, ich hoffe ja.“ Stephana war aufgeſtanden und ſchlich ſich auf den Zehen zu Elin hin. Ihr den Arm um den Hals legend, ſprach ſie in leiſem, flüſterndem Tone mit ihr, und je länger ſie ſprach, deſto ruhiger wurde der Ausdruck in Elin's Angeſicht. Plötzlich rief die Gräfin mit einem Schmer⸗ zenslaut: „Elina, mein Kind, wo biſt Du?“ „Hier!“ antwortete eine bebende Stimme, und im nächſten Augenblick kniete eine der jungen Frauen am Lager der Gräfin. Die Andere hielt ſich hinter der Bettgardine ver⸗ 206 borgen, und wir laſſen über der Scene, die jetzt folgte, den Vorhang fallen. Eine Woche ſpäter wurde die Gräfin Romarhjerta mit all dem ihrem Range gebührenden Pomp zur Erde beſtattet. Im Allgemeinen wegen ihrer ſtrengen Sit⸗ ten und ihrer ungewöhnlichen Tugenden gerühmt, wurde ſie von ihren Kindern tief betrauert, von ihren frühern Untergebenen wenig vermißt. XXII. Zwei Monate ſpäter, am Schluß des Septem⸗ bers, ſaßen Stephana und Helfrid ganz allein im Salon. „Bleibt Elin lange fort?“ fragte Helfrid. „Ich hoffe, daß ſie mit Jacobo zurückkommen wird. Sie beabſichtigte, ſich nur ein paar Wochen aufzuhalten, denn, wie Du weißt, begleitete ſie Mam⸗ ſell Weißhaupt nach Stockholm blos, um ihr dort ein ſchließliches Lebewohl zu ſagen. Nach einem Briefe von Jacobo dürfen wir ſie ſehr bald hier erwarten, denn er und Elin gedenken die Reiſe hie⸗ her gemeinſchaftlich zu machen. „Ich werde niemals die Zärtlichkeit und Für⸗ ſorge vergeſſen, womit ſie Mama in ihren letzten Tagen warten half. Wäret ihr, ſie und Du, mei ner Mutter eigene Kinder geweſen, ihr hättet der⸗ ſelben nicht mehr Liebe beweiſen können. HBelfrid ſaß auf einem Schemel zu Stephanas * 207 Füßen und lehnte ihr Haupt an deren Knie, wäh⸗ rend ſie ſchmeichelnd ihre eine Hand ſtreichelte. „Ach, Helfrid, ſprich nicht davon; glaube mir, wir folgten nur dem Rufe unſeres Herzens. 4 „Aber, Stephana, Du ahnſt vielleicht nicht, in wvelcher großen Schuld wir bei Elin ſtehen; wie viel Brund ſie hat, uns nicht zu lieben, und dennoch dieſes rührende Vergeſſen alles erlittenen Unrechts 3 4 Sterbende.“ Elin hat ſomit in deinen Augen geſühnt, daß ſie von geringer Geburt iſt.“ 3 „Wie wäre es möglich, daran zu denken, wenn 1 man ſie einen Beweis ſo großer Güte ablegen ſeht Wohl hätte ich gewünſcht, daß ſie einer angeſt Familie angehörte, denn dann würde niemals die 3 unnatürliche Verhältniß zwiſchen uns und ihr, wel⸗ ches jetzt ſtattfindet, eingetreten ſein; aber niemals kann ich ihre wirklich edle Aufopferung gegen Mama vergeſſen oder ihre Menſchenwürde unterſchätzen, weil ſie nicht von Adel iſt.“ 6„Ich ſehne mich, Jacobo wieder zu ſehen,“ ſagte Stephana nach einer Pauſe.„Es ſind jetzt drei WMonate, daß er fort iſt.“ 3„Ja, Herr Lange reiste ab, ehe Mama von uns ſchied. War es ein wichtiges Geſchäft, das ihn zur Reiſe veranlaßte?“ „Gewiſſermaßen, ja. Er reiste nach England, um ſeine Ruhe wieder zu finden.“ Stephana fühlte, wie Helfrid eine Bewegung machte „Seine Ruhe?“ wiederholte ſie. „Jacobo hat ein junges Mädchen in England 208 geliebt, oder liebt ſie vielleicht noch. Schon vor fünf Jahren, während ihre Eltern in Barthen wohn⸗ ten, wurden ſie verlobt. Eliſe Jonker war damals achtzehn Jahre alt, ein einnehmendes und bezaubern⸗ des Kind, nicht eigentlich ſchön, aber unbeſchreiblich liebenswürdig.— Sie und Jacobo ſind verwandt, und da er zur Zeit, wo er in Barthen arbeitete, bei ihrer Mutter ſeine Wohnung hatte, war es natürlich, daß zwiſchen ihnen eine warme und ju⸗ gendfriſche Zuneigung entſtand. Sie verlobten ſich miteinander. Eliſe und ihre Mutter, welche in ſehr beſchränkten ökonomiſchen Umſtänden lebten, erhiel⸗ ten einen Brief aus England, worin der dort an⸗ ſäßige Bruder von Frau Jonker ſie aufforderte, zu ihm zu kommen. Er war reich und unverheirathet. Jacobo und Eliſe waren ein Jahr verlobt geweſen, als ſie ſich demzufolge mit dem gegenſeitigen Ver⸗ ſprechen trennten, einander treu zu bleiben, bis Jacobo durch ſeine Arbeit ſich eine unabhängige Htonomiſche Stellung geſchaffen hätte und ſeine Braut aus England heimholen könnte.“ „Jacobo arbeitete— nein, das iſt zu wenig ge⸗ ſagt— er ſtrengte jede Fiber ſeines Körpers, jeden Gedanken ſeiner Seele, jede Minute ſeines Lebens an, um zum Ziele, das er ſich vorgeſetzt hatte, zu gelangen, das heißt, mit ſeiner Braut ſich vereini⸗ gen zu können. „Nach drei Jahren der Sclaverei und des Kamp⸗ fes hatte er ſeinen Zweck erreicht; er war Beſitzer eines Kapitals, das ihn in den Stand ſetzte, mir hieher zu folgen und ein Fabrikgeſchäft gründen zu können.— Fliſens Briefe waren in dem letzten 209 Halbjahr ausgeblieben, und einer von ihrer Mutter, kurz vor unſerer Abreiſe von Amerika, war von einem Inhalt, der bei Jacobo große Unruhe erregte, denn er verrieth deutlich, daß Eliſe im Begriff ſtand, ihre Treue zu brechen. Bei unſerer Ankunft in Eng⸗ land war Eliſe mit ihrem Oheim nach dem Conti⸗ nent abgegangen, und Jacobo erhielt die ſchmerzliche Nachricht, daß Eliſe ſich mit einem reichen Kaufmann verlobt hatte, und dieß, ohne vorher mit Jacobo ge⸗ brochen, oder nur mit einem einzigen Wort ihn in Kenntniß geſetzt zu haben, daß ſie ihrem Gelübde untreu geworden. Ja, er hatte ſogar noch ihren Verlobungsring.“ „Ohne gegen die Mutter ein einziges anklagen⸗ des Wort zu äußern, verließ er mit mir England, man kann ſagen, mit einer unheilbaren Wunde in ſeinem redlichen und treuen Herzen.“ „Und nun iſt er wieder hingereist, um ſie zu ver⸗ mögen, ihr Gelübde gegen ihn zu erfüllen?“ fragte Helfrid mit etwas unſicherer Stimme. „Nein, Helfrid, ſo iſt mein edler Jacobo nicht. Die Frau, welche mit ihm geſpielt, hat Richts mehr von ihm zu hoffen, ſelbſt wenn ſie auf ihren Knieen ihn um Vergebung bäte; aber Jacobo liebte von ganzer Seele und beſitzt eine gewiſſe Hartnäckigkeit in ſeinen Gefühlen, welche bewirkt, daß ihm die Er⸗ innerung an jenes bezaubernde Kind noch theuer iſt, welches ſo oft und viel ihm liebevoll zulächelte und deſſen Lippen gegen ihn ſo manche zärtliche und warme Verſicherung ausſprachen. Der entzückende und entflohene Traum kehrt unaufhörlich wieder, und deßhalb will er ſeiner dadurch los werden, daß er Schwarts⸗ Der Mann von Geburt zc. H. 210 ſie ſieht, ſo wie ſie jetzt iſt, und aus ihrem eigenen Munde vernimmt, ſie habe ihren Eid gebrochen und ihre Liebe ſei nur ein Spiel geweſen. In England erzählte man, ſie ſei während der drei Jahre, da Jacobo und ſie getrennt waren, ſchon einmal verlobt geweſen, habe aber auch dieſes Verlöbniß zu Gun⸗ ſten deſſen, welches ſie nunmehr eingegangen, auf⸗ gelöst. Hat ſie wirklich ein ſolches Gaukelſpiel mit den Gefühlen Anderer getrieben, ſo iſt ſie ein ver⸗ ächtliches Weib, und Jacobo kann nicht mehr eine Perſon lieben, die er verachten muß. Hat ſie da⸗ gegen zwingenden Umſtänden nachgegeben, ſo wird er mitleidig an ſie denken; aber in beiden Fällen war es für ſeine Ruhe nothwendig, ſie zu ſehen und mit ihr zu ſprechen, nachdem Alles zwiſchen ihnen zu Ende iſt, um durch dieſen letzten Eindruck das gefährliche und liebenswürdige Bild zu verwi⸗ ſchen, welches bis jetzt vor ſeiner Frinnerung ſtand, und dem ſeine Phantaſie unaufhörlich Nahrung gab.“ „Aber wird das Wiederſehen nicht eher ſeine Liebe fördern als vermindern?“ „Nein, wenn er die Wahrheit klar erkennt und nicht mehr zu zweifeln braucht, dunn wird er mit⸗ telſt ſeines eigenen Willens ſich von Gefühlen los⸗ reißen, die er mißbilligen muß; denn niemals wird Jacobo ſie überreden, das Wort zu brechen, welches ſie jetzt gegeben hat, und ſollte ſie ſelbſt dazu ge⸗ neigt ſein, ſo würde er es nicht geſtatten. Sie würde dadurch nur noch tiefer in ſeiner Achtung ſinken.“ „Iſt dieß ſeine erſte und einzige Neigung?“ „Ja, ſeine erſte wirklich tiefe und ernſtliche Neigung iſt es.— Wohl gab es eine Zeit, wo er 211 mit der Lebendigkeit des Jünglings ſich dem Ge⸗ fühle hingab, welches ich erweckte, und wo er einen kurzen Traum von Glück an meiner Seite träumte, aber es war eine Jugendilluſion, welche ſich in eine innige und unauflösliche Freundſchaft verwandelte. „Wie iſt es möglich zu lieben, wenn man Dich einmal recht kennen gelernt hat?“ „Das geht leicht, wenn man die Liebe in Freund⸗ ſchaft verwandelt. Jacobo's Liebe zu mir hätte übrigens nie etwas Anderes, außer ein ſehr lebhaftes Intereſſe werden können, als die Umſtände es zu dem machten, was es jetzt iſt und immerdar verblei⸗ ben wird.“ Hier wurde das Geſpräch durch Eklund unter⸗ brochen, welcher eintretend meldete, daß die Frau Gräfin, der Lord und Herr Lange ſo eben ange⸗ kommen wären. Einen Augenblick darauf trat Elin ein. Sie umarmte Stephana und Helfrid und rief lachend: „Was denkt ihr von Lord Charter, dem unaus⸗ ſtehlichen Menſchen, der bei meiner Ankunft in Stock⸗ holm ſchon vor mir dort iſt, obwohl ich denſelben in Kungsborg zurückließ? Aber was noch ſchlimmer: als ich hier die Allee herauffahre, wer glaubt ihr wohl, daß an mir vorüberfährt, als ich ſchon an Ort und Stelle zu ſein glaube? Wiederum Mylord. Und ich gebrauchte doch die Vorſicht, ihn von mei⸗ ner Abreiſe aus der Hauptſtadt Nichts wiſſen zu laſſen, damit ich der Escorte von ihm überhoben würde.“ „Meine Gnädige,“ bemerkte der Lord, welcher ge⸗ rade eintrat,„wäre es Ihr ernſtlicher ge⸗ . 212 weſen, daß ich in Unkunde über Ihre Abreiſe bliebe, ſo würden Sie Mamſell Weißhaupt, als Sie von ihr Abſchied nahmen, Nichts davon mitgetheilt haben.“ Der Lord begrüßte lächelnd Stephana und Helfrid. „Geſteht,“ rief Elin, ſich in einen Fauteuil wer⸗ fend,„daß ich mehr als beklagenswerth bin, da ich einen engliſchen Lord auf Lebenszeit zu meinem Schatten bekommen habe.“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt, Frau Gräfin; warum alſo dergleichen Redensarten im Widerſpruch mit Ihren wahren Gedanken?“ „Sind Sie ſchon wieder in vollem Kampf be⸗ griffen?“ ſagte Stephana lachend.„Elin iſt kaum dazu gekommen, uns zu begrüßen, und noch weniger Mamſell Weißhaupts Abſchiedskompliment uns aus⸗ zurichten, denn ich vermuthe, daß ſie uns ein ſolches b „Eines!“ fiel der Lord ein, indem er ſich be⸗ quem in der Sophaecke zurecht ſetzte;„nein, ein gan⸗ zes Dutzend höchſt pathetiſcher deutſcher Herzenser⸗ gießungen über Ihre Liebenswürdigkeit, Schönheit und Anmuth, von welchen ſämmtlichen Eigenſchaften ſie mit Thränen in den Augen ſprach. Mit der Rede über ihre Sehnſucht und ihren Trennungsſchmerz will ich Sie verſchonen. Da ſie mit der in Deutſch⸗ land allgemein herrſchenden Krankheit, nämlich der Schreibſucht, behaftet iſt, ſo dürfen Sie darauf rech⸗ nen, in ihrem nächſten Roman eine der Hauptfigu⸗ ren zu bilden. Alles dieß vergaß die Frau Gräfin Ihnen zu ſagen, aus eitel Freude darüber, mich hier zu finden.“ „Freude!“ wiederholte Elin. 213 „Laſſen Sie uns nicht um Worte ſtreiten, Frau Gräfin; wir verſtehen einander.— Sehen Sie, da kommt Ihr Ritter auf der Heimreiſe. Auf meine Ehre, man könnte ſich geneigt fühlen, Mr. Lange für einen Briten zu nehmen.“ „Und warum?“ „Weil er ſich wie ein wirklicher Gentleman und nicht wie ein Yankee benimmt.“ Jacobo begrüßte Stephana mit der gewöhnlichen Herzlichkeit; darauf näherte er ſich Helfrid. Sein ganzes Antlitz drückte die innigſte Theilnahme aus, und ihre Hand faſſend, ſagte er: „Brauche ich Ihnen zu ſagen, Fräulein Helfrid, wie tief und innig ich Ihren Kummer mit empfun⸗ den habe? Sie fühlen und wiſſen, daß er mir ebenſo zu Herzen gegangen iſt, wie wenn es mein eigener geweſen wäre.“ „Und doch verließen Sie uns, eben als meine Mutter den letzten bittern Kampf auskämpfte und..“ Helfrid hielt an. „Und wo ich wußte, wie ſehr Sie eines theil⸗ nehmenden Wortes bedurften, wollen Sie ſagen.“ „Ja „Ach, ich war zu gut mit dem Schmerz bekannt, um zu wiſſen, daß jede Bemühung, in dem erſten Augenblick, da wir davon betroffen werden, Troſt zu bringen, von dem Herzen abprallt. Meine Er⸗ gebenheit gegen Sie würde nicht gehörig verſtanden, wenn ſie der Worte bedürfte, um ihre Theilnahme auszudrücken. Ich hatte ja kein Recht, Ihren Kum⸗ mer zu theilen, und denſelben zu ſehen und nicht wie ein Bruder Ihnen zur Seite ſtehen zu dürfen, 214 wäre mir noch peinlicher erſchienen als von Ihnen getrennt zu ſein. Ich reiste mit der Ueberzeugung ab, daß Sie fühlten, nah oder fern, wären meine Gedanken doch bei Ihnen.“ „Das that ich auch; überdieß vernahm ich, daß ein mächtiges Intereſſe Sie nach England zog.“ „Mächtig!“ wiederholte Jacobo in traurigem Ton.„Nein ich kann mich nicht einmal rühmen, daß dieſes Intereſſe ein mächtiges geweſen. Es war eine Schwäche, Fräukein Helfrid, folglich Richts, was meine Abreiſe hätte entſchuldigen können, im Fall ich in der Meinung geſtanden wäre, daß ich hier eini⸗ gen Troſt zu bringen vermöchte. Glauben Sie mir, wäre ich mir der Kraft bewußt geweſen, Ihren Schmerz zu lindern, ſo hätte kein perſönliches Intereſſe von meiner Seite mich beſtimmen können, von hier abzugehen. Nun wußte ich, daß meine Gegenwart oder Abweſenheit an Ihrem Schmerz Nichts ändern würde. Ueberdieß war Stephana an Ihrer Seite, und wo ſie iſt, da gibt es auch wahr⸗ haften Troſt. Meine Gedanken waren unaufhörlich hier. Als ich Sie wiederſah, dünkte es mir, als ſähe ich einen Theil meiner Seele wieder, den ich auf der Reiſe vermißt hatte.“ Helfrid erröthete bei dieſen Worten, aber Jacobo ſetzte mit derſelben unnachahmlichen Ruhe, welche bewirkte, daß auch die wärmſten Verſicherungen von ſeiner Seite etwas rein Freundſchaftliches erhielten⸗ was jedem Gedanken an deren Urſprung aus einer wärmeren Empfindung zurückdrängte, hinzu: „Sie haben mich daran gewöhnt, Sie als eine jüngere Schweſter zu betrachten, in deren ſpiegelkla⸗ 215 rem Innern ich jeden reinen und edeln Gedanken, der in mir aufſteigt, gern wiederfinde. Sie ſind ein Kind, Fräulein Helfrid, in deſſen unerfahrnem und unſchuldigem Herzen ich die ſchöne und glückliche Zeit wieder zu ſehen mir einbilde, welche wir, Ste⸗ phana und ich, hinter uns gelaſſen haben, und Sie führen mir die Erinnerung an die goldenen Tage meiner erſten Jugend zurück, da Leiden und Sorgen mir Fremdlinge waren.“ „Sind denn dieſe mir etwa fremd?“ „Ja, die Leiden, welche von falſcher Berechnung des Lebens und der Menſchen ausgehen, welche aus getäuſchten Illuſionen und bittern Erfahrungen ent⸗ ſpringen, ſind Ihnen unbekannt; mir aber haben dieſelben, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, die Ju⸗ gend meiner Seele geraubt.“ „Das merkt man nicht, wenn man Sie mit glühender Wärme von der Entwicklung und den Fortſchritten der Menſchheit reden hört. Da ſind Sie noch ſo jung an Seele wie an Jahren.“ „Ja, ich bin dieß in Allem, außer in dem Glau⸗ ben an die Träume des Lebens. Ich gehöre nicht zu denen, welche Miſanthropen werden, darum weil ſie unglücklich geweſen ſind. Nein, das Leben iſt voll Werth für mich, die Menſchen umfaſſe ich noch mit demſelben Intereſſe; ich denke im Allgemeinen, wie Rückert ſagt.*) Wenn Du Gott wollteſt Dank für jede Luſt erſt ſagen, Dn fändeſt gar nicht Zeit, noch über Weh zu klagen.“ — *) In ſeinen Gedichten unter dem Titel: Angerkihte 2 216 „Und ich liebe das Leben, wie der, welcher es in ſeiner wirklichen Geſtalt kennt, ohne davon alle jene überſpannten Begriffe zu haben, welche Ihnen noch in Ihrem Alter eigen ſind.“ „Ihre Reiſe ſcheint Sie nicht gut geſtimmt zu haben,“ bemerkte Helfrid und betrachtete Jacobo's bleiches und kummervolles Angeſicht.“ „Im Gegentheil, ich gleiche einem Patienten, welcher eine ſchwere Operation durchgemacht hat und wieder hergeſtellt iſt. Obwohl er nach derſelben noch nicht recht zu Kräften gekommen, iſt er dennoch kurirt.“ „Vollkommen?“ fragte Helfrid. „Ja, vollkommen. Ich habe nur noch die Er⸗ innerung an den Schmerz, aber nicht mehr den Schmerz ſelbſt. Jetzt bleibt nur übrig, einen neuen Grund zu ſuchen, um das Gebäude meines Glücks darauf zu errichten; aber dießmal will ich es nicht auf lockerem Sand aufführen.“ In dieſem Augenblick fiel ſein Auge auf Ste⸗ phana. Helfrid folgte der Richtung ſeines Blicks und ſagte: „Wer ſeine Hoffnung auf dieſe ſetzt, der baut nicht auf Sand.“ „Nein, bei Gott, erwiederte Jacobo, während ſeine Augen die wärmſte Anhänglichkeit ausdrückten, „er hat auf einen Fels gebaut. An ihrer Seite wandeln Liebe und Treue. Der Beſitz ihres Her⸗ zens würde eine ganze Welt aufwiegen.“ Helfrid unterdrückte einen Seufzer und verließ ihn. 217 XXII. Am Abend, als Alles ſich getrennt hatte, ſaßen Jacobo und Stephana allein im Salon. „Ich brauche Dich kaum zu fragen, ob Du ge⸗ heilt biſt. Ich habe es bei dem erſten Blick geſehen,“ begann Stephana und fuhr ihm mit der Hand über die Stirne. „Sie iſt alſo treulos geweſen?“ „Ja, und zwar bis ins Herz hinein,“ erwiederte Jacobo langſam.„Es lag kein bewegender Grund vor, der ſie ſo zu handeln zwang, wie ſie gethan. Im Gegentheil, ihre Mutter, ihr Oheim, alle ſuch⸗ ten ſie zu überreden, ihrem Gelübde gegen mich treu zu bleiben, aber getrieben von der Begierde, in eine glänzendere Lebensſtellung zu gelangen, verlobte ſie ſich zuerſt mit einem jungen Engländer, welcher für ſehr reich galt; aber als ſein Vater kurz hernach ſtarb und ſich fand, daß kein Vermögen da war, gab ſie ihn auf und ließ ſich in ein Verhältniß mit dem ein, welchem ſie nun ihre Hand reichen wird.“ „Hat ſie Dir das ſelbſt geſagt?“ „Ja, obwohl mit andern Worten. Höre, wie ſie raiſonnirt: Ich kann mir kein Glück ohne Reich⸗ thum denken, und ich beſitze nicht die Kraft, einzig und allein von der Liebe glücklich zu ſein. Meine Seele dürſtet darnach, die Freuden des Lebens zu genießen, und ich bin der Entſagung nicht mächtig.“ — Dieß ſind ihre eigenen Worte. Sie verſicherte mich, ſie habe unſere Liebe nie anders als eine Kinderei, als ein Spiel betrachtet und ſelbſt ge⸗ — 218 glaubt, ich würde meinerſeits auch ſo klug geweſen ſein und darauf gedacht haben, eine vortheilhafte Partie zu machen. Was iſt die Liebe, beſter Jacobo, als die letzte unſerer Kinderfreuden ſagte ſie. Wir überlaſſen uns dem Reize derſelben, bis der Verſtand zur Reife gekommen iſt; aber wenn wir ein klares Bild vom Leben erhalten, ſo werfen wir dieſen letz⸗ ten Ueberreſt unſerer Kindheit von uns.— Du ſiehſt wohl ein, daß die Eliſe, welche ſo redete, ganz dazu angethan war, das Andenken an die, welche ich eh⸗ mals liebte, auszutilgen. Sie riß auch die letzte Erinnerung an meinen entflohenen Jugendtraum aus meinem Herzen, und ich ſchleuderte weit von mir die Schwäche, welche mich an die Zeit gefeſſelt hatte, die nun dahin iſt und mir verhaßt erſchien, ſeitdem ſich jene in ihrer wahren Geſtalt mir dar⸗ ſtellte.“ „Du biſt alſo ganz und gar kurirt?“ „Ja, ganz und gar“ „Und dein Herz wird wieder. „Zur Thätigkeit zurückkehren. Meine Seele wird mit ihrer frühern vollen Energie die Arbeit um⸗ faſſen und ſich derſelben widmen. Ich machte auch eine Reiſe durch alle Manufakturſtädte Englands, nahm alle Fabriken in Augenſchein, und bereicherte auf dieſe Art meine Kenntniſſe mit neuen Ideen und meine Seele mit neuen Intereſſen.“ „Und neuen Hoffnungen auf das Leben?“ „Ja, aber ſie beruhen nicht auf einer Frau.“ „Davon wollen wir ein anderes Mal ſprechen.“ Jacobo ſtand auf, um Stephana gute Nacht zu ſagen. 23 219 „Ich habe den Grafen noch nicht geſehen; hat er Kungsborg verlaſſen?“ „Nein, er hat nur eine Reiſe angetreten, um in dem ehemaligen Grafenſchloſſe eine mechaniſche Werkſtätte einzurichten. Seine Gegenwart bei dieſem Geſchäft iſt nothwendig geweſen.“ „Nun, was hielt er von dem Teſtamente des Grafen Runa?“ fragte Jacobo lächelnd. „Ach, Jacobo, was ihm vor zwei Jahren als ein Schimpf vorgekommen wäre, das betrachtet er jetzt mit ganz andern Augen. Derſelbe Hermann Romarhjerta, welcher in ſeiner ſrüheſten Jugend es als eine Entehrung angeſehen hätte, wenn er ge⸗ nöthigt worden wäre, durch materielle Arbeit ſich einen Verdienſt zu ſchaffen, ergreift jetzt mit war⸗ mem Intereſſe die im Teſtamente ausgeſprochene Idee, daß das Vermögen zu materiellen Zwecken angewen⸗ det werde. Er ſieht ein, daß die getrennten Stan⸗ desintereſſen die größten Hinderniſſe für den nationalen Lohlſtand ſind, und daß, wenn man eine Nation auf der Bahn der Civiliſation und Veredlung vorwärts bringen will, die Intereſſen von den höchſten bis zu den niedrigſten gemeinſam ſein müſſen. Desgleichen hat er jetzt vollkommen klar erfaßt, daß die Arbeit nicht erniedrigt, ſondern, daß ſie es iſt, welche das Ge⸗ meinweſen aufrecht erhält, und daß ein Staat da⸗ durch in materieller und intellektueller Hinſicht ſteigt. wenn jedes Glied deſſelben ſich durch Betriebſamkeit zu vervollkommnen ſucht. Es iſt alſo Pflicht der Reichen, ihre Schätze ſo anzuwenden, daß ſie, den Arbeitern Mittel zum Verdienſt bietend, zu einer Ouelle des Segens für das Allgemeine werden. 220 Bisher hat der Adel den verzehrenden Theil der Bevölkerung ausgemacht, und jeder hochgeborne Faul⸗ lenzer es für ſeine Pflicht gehalten, die Hände in den Schooß zu legen und das zu verſchwenden, was der Unterthan mit Schweiß und Mühe für ihn zu⸗ ſammen raffte; dabei nur daran gedocht, den größt⸗ möglichen Gewinn von dem Arbeiter gegen möglichſt geringe Bezahlung zu ziehen. Alles das Unglückliche und Naturwidrige in dieſem Verhältniß hat Hermann nun einſehen gelernt, ſeitdem er ſelbſt die Probe an ſich gemacht hat, wie elend der daran iſt, welcher kein anderes Erbe als den Grafentitel und einen prunkenden Namen beſitzt, wenn die Noth an ſeine Thüre klopft. Es war niemals Herz und Verſtand, woran es Hermann fehlte; ſie waren beide nur durch Gewohnheit und Vorurtheil mißleitet.“ „Und Du glaubſt nun, daß er in Allem als ein Mann von Ehre und Herz ſich zeigen wird?“ „Ja, Jacobo, ich glaube ſo feſt daran, daß ich ſterben würde, im Fall ich mich verrechnet hätte.— Gute Nacht, mein Freund!“ Sie reichte ihm die Hand und ſie trennten ſich. XXIII. Einige Tage ſpäter waren Alle im großen Salon verſammelt. Jacobo hatte mit beſonderem Intereſſe über die amerikaniſche Selbſtſtändigkeit geſprochen, und davon war man zu den ariſtokratiſchen Prin⸗ cipien übergegangen. „Es läßt ſich unmöglich beſtreiten, daß in der 221 Grundidee des Adels ein erhabener Gedanke liegt,“ ſagte Helfrid,„denn er ſtützt ſich auf das Beſtreben, den Menſchen zu veredeln. Wenn wir annehmen, daß die Eigenſchaften der Seele ſich durch Gewohn⸗ heiten veredeln und zu einer höhern Entwicklung gelangen, ſo iſt das Princip des Adels wahr und richtig.“ „Ja, wenn durch den Adel die höhern und edlern Eigenſchaften der Seele geübt würden,“ entgegnete Jacobo,„aber der Fehler liegt eben darin, daß es das rein Egoiſtiſche iſt, was von den Kinderjahren an bei ihm Nahrung findet. Eine hohe Meinung von dem eigenen Werthe, ein thörichter Stolz auf ererbten Titel, großer Anſpruch auf Vorrechte im öffentlichen wie im Privatleben, ſammt einem hohen Grad von Geringſchätzung gegen diejenigen, welche niedriger ſtehen:— ſehen Sie, das ſind die Eigen⸗ ſchaften, welche bei dem Adelsſtande eingeübt werden. Derjenige, welche durch Fleiß und Arbeit ſich Unab⸗ hängigkeit und Selbſtſtändigkeit verſchafft hat, wird von dem Müſſiggänger über die Achſel angeſehen, welcher nur vergeudet, was er ererbt hat, ohne es durch Arbeit zu Etwas zu bringen. Bedenken Sie nur, Fräulein Helfrid, wie Sie von Kindheit an gewohnt waren, mit einer gewiſſen Verachtung alle die Perſonen zu benennen, welche ſich durch Arbeit zu einer Stellung im Leben emporgeſchwungen hatten.“ „Ja,“ fiel Elin ein,„erinnern Sie ſich nur, wie man den Kapitän Martenſon immer nur den Emporkömmling nannte, und dennoch, wie viel Männer haſt Du wohl gekannt, welche einen ſo 222 durchaus redlichen und achtungswerthen Chararakter beſaßen? Hatte er es nicht verdient, als ein Mann angeſehen zu werden, welchem ein Jeder ſeine Ach⸗ tung ſchenken mußte?“ „Das thaten ja aber alle,“ antwortete Helfrid mit einem Ton, welcher verrieth, daß ſie dieſes Thema peinlich fand. „Nein, Du irrſt Dich, nicht ſein Charakter, ſon⸗ dern ſein Geld war es, welchem man Achtung ſchenkte; vor dieſem verbeugte ſich auch der ſtolzeſte Mann; aber dieß hinderte nicht, daß derſelbe Mann, im Fall er dem höhern Adel angehörte, ſeine Ehre und ſeinen Frieden mit Füßen trat.“ Elin hatte mit einem Ausdruck von Strenge ge⸗ ſprochen, welche ihrer Stimme etwas Scharfes gab. Stephana wechſelte die Farbe. Hermann's Stirne verfinſterte ſich. Jacobo gab dem Geſpräch eine andere Wendung, indem er es wieder auf das Gebiet des Allgemeinen zurückführte. „Frau Gräfin,“ fiel Lord Charter plötzlich ein, welcher bis jetzt ſtill dageſeſſen war und in einem Buch geblättert hatte,„war das nicht ein Verwand⸗ ter von Ihrer Miſtreß Martenſon?“ „Ja, Mylord.“„ „Sie war eine ſehr ſchoöne Dame. Schade, daß ſie ſo jung ſtarb.“ Der Lord, ein Mann von ſechs⸗ bis ſiebenund⸗ dreißig Jahren von einem ächt angelſächſiſchen Aus⸗ ſehen, war ein vollkommen ſchöner Mann, hochge⸗ wachſen, ſchlank und ſteif, wie es einem Briten an⸗ ſteht. Seinem ganzen Charakter nach Gentleman, 223 aber von verſchloſſener und eigenſinniger Gemüths⸗ art, hatte er einen ſtarken Anſtrich von jener Manie, welche man ſo oft bei Engländern antrifft. Er hätte wie einer ſeiner Landsleute zehn Jahre lang hin⸗ ſitzen und einen verfallenen Kirchthum anſtarren kön⸗ nen, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, ihn völlig einſtürzen zu ſehen. Etwas Aehnliches war es, das ihn nach Kungs⸗ borg geführt hatte und bewirkte, daß er dort ver⸗ weilte, ohne viel Weſens aus ſich zu machen, oder zu wünſchen, daß es von Seiten Anderer geſchah. Er wartete— worauf, werden wir bald erfahren. Stephana ſchlug vor, ein wenig Muſik zu ma⸗ chen; und während Helfrid und Jacobo ein Duett ſangen, trat Hermann zu Lord Charter und ſagte: „Sie ſind alſo, Mylord, mit Frau Martenſon zuſammengetroffen. Wie und wann?“ „Es war in demſelben Jahre, wo ich zum erſten Mal die Gräfin ſah, das heißt, vor eilf Jahren. Ich hielt mich damals in Piſa auf, und dort machte ich die Bekanntſchaft von Mr. Martenſon und ſeiner Frau. Sie war ſehr krank und ſtarb, ſo lang wir noch in Piſa waren.“ „Woran ſtarb ſie?“ „Aus Gram, möchte ich ſagen, denn ſie ſah wie ein Bild des Kummers aus.“ „Frau Martenſon ſtarb an der Lungenſchwind⸗ ſucht,“ fiel Elin ein, welche hinter Hermann ſaß. Als der Graf ſich dem Lord näherte, hatte Elin auf der andern Seite des Zimmers ſich niedergelaſ⸗ ſen, und dem Grafen war es entgangen, daß ſie ihren Platz wechſelte. 224 „Sie haben Recht, Frau Gräfin, ſie ſtarb an der Schwindſucht, aber die Schwindſucht war eine Folge von Kummer,“ entgegnete der Lord, ohne von dem Buche, worin er blätterte, aufzuſchauen. „Woher wiſſen Sie, Mylord, daß ſie vor Kum⸗ mer die Lungenſchwindſucht bekam?“ fragte Elin mit gerunzelter Stirne. „Weil alle unglücklich liebenden, ſchlecht verhei⸗ ratheten, von ihren Liebhabern aufgegebenen Frauen lungenkrank werden. Noch niemals iſt jemand, der ſich in normalem Gemüthszuſtande befand, davon befallen worden. Sie, Frau Gräfin, werden niemals dieſer heilloſen Krankheit ausgeſetzt.“ „So—, woher wiſſen Sie das?“ „Weil Sie viel zu launenhaft ſind, um einer ſolchen Schwäche wie einem unheilbaren Kummer zu verfallen.“ Hermann hatte ſich zurückgezogen, und Elin ſetzte ſich auf den Sopha neben den Lord. „Alſo ich bin launenhaft?“ „Unendlich.“ „Sie ſind nicht artig Mylord.“ „Das haben Sie ſchon ſeit zehn. Jahren geſagt, Frau Gräfin.“ „Und dennoch beſſern Sie ſich nicht.“ „Ich mache es wie Sie— ich bleibe mir gleich.“ Der Lord ſah Elin mit einem Lächeln an, das etwas Humoriſtiſches hatte. „Und wenn ich ſo unendlich launenhaft bin, warum folgen Sie mir denn wie mein Schatten?“ fragte Elin, indem ſie ganz gleicgůltig mit einigen Blumen ſpielte. 3 „Mein Gott, weil ich Sie liebe. Das habe ich Ihnen ſchon zehn Jahre lang geſagt.“ „Eine launenhafte Liebe!“ „Gerade darum liebe ich Sie. Zudem ſind Sie ſehr kokett, bis zu einem Grade, daß Sie einen wahnſinnig machen können.“ „Und doch lieben Sie mich?“ „Ja gewiß, denn wären Sie nicht launiſch, un⸗ beſtändig und kokett, ſo würden Sie mich nicht pla⸗ gen; und plagten Sie mich nicht, ſo hätte ich uner⸗ trägliche Langeweile, und dann wäre es für mich unmöglich, Sie zu lieben. Ich fand niemals Ge⸗ fallen daran, Engel zu Frauen und Lämmer zu Pferden zu haben.“ „Von Pferden und Frauen zuſammen zu reden! Wiſſen Sie was, Mylord, ich verbiete Ihnen, in meiner Nähe zu weilen.“ „Das mögen Sie thun, aber ich denke nicht daran, Ihnen zu gehorchen. Das wiſſen Sie.“ „Aber ſagen Sie mir doch, warum verfolgen Sie mich?“ „Ich folge Ihnen blos, ich verfolge Sie nicht.“ „Warum?“ „Sie wiſſen es; weil ich beſchloſſen habe, daß Sie Lady Charter werden ſollen.“ „Wirklich! Dann rechnen Sie darauf, mir noch zehn Jahre nachzureiſen.“ „Mag ſein, und wenn es zwanzig wären.“ „Sie ſind unverbeſſerlich.“ „Ganz wie Sie, nur mit dem Unterſchiede, daß ich niemals von dinem Vorſatz abgehe, Sie aber immerdar.“ Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. I. 15 langweilig finden, wie ich, wenn wir von einander Ph pien, das iſt mein Recht.“ „Und das meinige, auszuführen, was ich beſchloſ⸗ ſen habe.“ Der Lord ſchlug das Buch zu und nahm mit der größten Ruhe von der Welt ein anderes. Glin' hetrachtete ihn halb lächelnd, halb ver⸗ † drießlich.“ „Ich kenne keinen Menſchen, der mich ſo erzürnt, wie Sie,“ nahm Elin wieder das Wort. „Und ich keinen, der mich ſo plagt wie Sie, Frau Gräfin.“ „Aber können Sie denn nicht nach Ihrem lang⸗ weiligen England reiſen und mich von einem unauf⸗ hörlichen Aerger, ſich ſelbſt von einer Plage be⸗ freien?“ „Davor werde ich mich wohl hüten, denn eben dieſe Plage iſt es, welche ich ſuche.“ „Aber ich ſuche nicht den Aerger; dieſen verur⸗ ſachen Sie mir, ohne daß ich ihn häben will.“ 4. „Sie irren ſich, Frau Gräfin, Sie würden es ebenſo ſchieden.“ „Am Ende behaupten Sie gar, daß ich in Sie verliebt ſei?“ „Ach nein, Sie können nicht lieben, ſo wenig als Sie ſich grämen können; dazu ſind Sie zu un⸗ beſtändig.“ „Ich kann mich nicht grämen?“ „Ganz und gar nicht; denn den einen Tag ſind Sie in Thränen aufgelöst, verzweifelnd und troſt⸗ los, den andern Tag iſt der Gram vergeſſen und 227 die Freude an deſſen Stelle getreten. Aber gerade dieſes Flüchtige in Ihrer Gemüthsart gefällt mir.“ Während Lord Charter und Elin in dieſer Weiſe fortplauderten, hatte Hermann neben Stephana Platz genommen. „Glauben Sie, Madame, daß eine Frau, welche einen Mann liebt, ganz ungeſcheut im Geſpräch einen Gegenſtand berührt, der für ihn zu den uner⸗ träglichſten gehört?“ „Ich glaube, wenn ſie es thut, ſo geſchieht es darum, weil ſie weiß, daß dieſer Mann ſich ſchwer verſündigt hat.“ „Jetzt ſind Sie nicht gerecht. Finden Sie Elins Benehmen zartfühlend?“ „Sie ſprach eine Ueberzeugung aus; das war Alles.“ „Ach, Madame, was wollte ich nicht geben, wenn ich aus meinem vergangenen Leben eine ein⸗ zige Handlung austilgen könnte; und gerade von dieſer haſſenswerthen und ſchlechten Handlung weiß ſie.“ Hermann fuhr ſich mit der Hand über die Stirne. . Stephana betrachtete ihn mit einem zärtlichen ick. „Eine ſchlechte Handlung, ſagen Sie. Sollte Hermann Romarhjerta einer ſolchen fähig ſein?“ „Hermann's Auge richtete ſich auf Stephana, während er antwortete: „Ja, Madame, dieſer ſtolze Hermann Romar⸗ hierta hat wirklich eine ſolche Handlung begangen, und Sie wollen, daß er ſich mit der einzigen Perſon verbinden ſoll, welche davon Kenntniß hat, um täg⸗ lich vor ihr erröthen zu müſſen und ſh das 228 Bewußtſein mit ſich herumzutragen, daß ſie ihn ver⸗ achtet.“ „Die Liebe vergißt und verzeiht,“ flüſterte Ste⸗ phana. „Die Liebe?“ „Ja, oder glauben Sie, daß die Frau, welche von den Kinderjahren an denſelben Mann geliebt hat, nicht alle ſeine Fehler vergißt und verzeiht?“ „Was fehlerhaft iſt, liebt man nicht,“ erwiederte Hermann ernſt. „Dann würden wir niemals lieben, denn ein Vollkommenes gibt es nicht. Sie ſelbſt, Herr Graf, können nicht ſagen, daß Sie nur das geliebt haben, was nicht fehlerhaft geweſen.“ „Ich habe nur einmal geliebt, und da...“ „Nun?“ „Sah ich keinen Fehler.“ „Aber Sie entdeckten dergleichen?“ „Das iſt noch nicht geſchehen, und ſollte es eines Tags der Fall ſein, ſo weiß ich doch, daß die Feh⸗ ler von den Tugenden überwogen werden.“ „So denkt Elin von Ihnen.“ „Elin und immer Elin! Betrachten Sie dieſelbe nur, wie ſie dort ſitzt und mit dem Lord ſich unter⸗ hält;— ſieht ſie aus, als ob ſie eine unglückliche Liebe im Herzen bärge?“ „Darauf vermag ich keine Antwort zu geben. Was ich weiß, iſt, daß Elin von ganzer Seele, mit jedem Schlag ihres Herzens Sie geliebt hat und noch liebt.“ Stephana's Stimme bebte, ihr Angeſicht hatte 229 einen wunderbaren Ausdruck, und ihre Augen füll⸗ ten ſich mit Thränen. „Elin lächelt, Sie weinen, und Flin's Sache iſt es, die Sie führen. Um ihretwillen ſollte ich verſuchen...“ „Sie ſind Elin Ihr Leben ſchuldin,“ ſagte Ste⸗ phana ernſt.„Dieß will ich Ihnen dadurch bewei⸗ ſen, daß ich Ihnen erzähle, was ſie gelitten hat.“ XXIV. Einige Tage ſpäter hatte Elin Kopfſchmerz und hielt ſich auf ihrem Zimmer. Helfrid und Jane hatten ſich zu ihr begeben, um ihr vorzuleſen. Lord Charter ritt Mittags nach Akersnäs, um die Stunden bis zum Abend bei Jacobo zuzu⸗ bringen. Als Eklund die Lichter im Salon angezündet hatte, trat Stephana ein, und als der alte Diener fragte, wo der Thee ſervirt werden ſollte, antwor⸗ tete ſie: „Den andern Damen laſſen Sie ihn bei der Grä⸗ fin ſerviren; ich trinke ihn hier. Seien Sie ſo gut, zu dem Grafen hinunterzugehen, und bitten Sie ihn, zu mir zu kommen, ich wünſche ihn zu ſprechen.“ „Soll geſchehen. Der Herr Graf trinkt alſo auch hier?“ „Ja,“ erwiederte Stephana und ſetzte ſich auf einen der Sopha's, vor welchem ein Tiſch mit einem Kandelaber ſtand. —————————FGñ—mᷓᷓ,— 230 Eine Weile hernach trat Hermann ein. „Heute Abend habe ich beſchloſſen, Herr Graf, daß Sie ſich mit meiner Geſellſchaft begnügen ſollen,“ äußerte Stephana und reichte ihm die Hand, ohne aufzuſtehen. „Sie wiſſen wohl, Madame, daß dieß eine Ge⸗ ſellſchaft iſt, welche ich jeder andern vorziehe,“ ant⸗ wortete der Graf, indem er die dargebotene Hand küßte und ſich in einen Fauteuil neben dem Sopha ſetzte. „Wiſſen Sie, warum ich Elin verlaſſen habe, um ſo hier unter vier Augen in Ihrer Geſellſchaft zu ſein?“ „Nein, aber ſicherlich haben Sie einen triftigen Grund dazu, denn ich weiß nur zu wohl, daß....“ „Daß— was?“ „Daß Ihr Gefühl Sie nicht hieher führt.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Graf, Sie ge⸗ rathen da in Widerſprüche. Erinnern Sie ſich, daß Sie einmal behaupteten, wir Menſchen handeln im⸗ merdar unter der Eingebung unſerer Gefühle.“ „Das iſt wahr, und bei dieſer Behauptung bleibe ich auch jetzt noch; aber mit dem Gefühle meinte ich die Stimme des Herzens.“ „Und auf dieſe Stimme, glauben Sie, vermag ich nicht zu hören?“ „Die Elemente, von welchen Sie regiert werden, ſind Verſtand und Güte. Jeden andern Einfluß ver⸗ werfen Sie, und jedes andere Gefühl erſticken Sie.“ „Herr Graf, wenn ich Ihnen eines Tags meine Geſchichte erzählen wollte, würden Sie genöthigt ſein, ſich ſelbſt Unrecht zu geben. Ich bin ganz und 231 gar nicht das Muſter von Vollkommenheit, wofür Sie mich anſehen.— Doch wozu von mir reden, da es etwas ganz Anderes war, was ich zum Gegen⸗ ſtand unſeres Geſprächs zu machen wünſchte. Ich möchte mir nämlich Ihre Aufmerkſamkeit für eine Erzählung erbitten, welche ich Ihnen mitzutheilen beabſichtige. Wollen Sie mich anhören?“ „Ja, Madame,“ antwortete Hermann mit einem beinahe kalten Blick auf Stephana. Sie bemerkte die Veränderung, welche in ſeiner Miene vorging, ſehr wohl, ſtellte ſich aber, als ob ſie dieſelbe nicht gewahr würde. „Vor ein paar Abenden hatten wir, Sie und ich, einen Streit über Elin, ohne daß wir zu einem kla⸗ ren Reſultat über die künftige Stellung von ihr und Ihnen gelangten. So viel iſt gewiß, daß Sie nie⸗ mals dieſelbe zu verſtehen lernen werden, bevor Sie klar einſehen, wie unglücklich jene geweſen. Ich bin ſogar vollkommen verſichert, daß Sie keinen Augen⸗ blick mit ſich in Zweifel ſein werden, wenn Sie erſt Kenntniß von den Leiden haben, welche dieſelbe durch⸗ gemacht hat; denn es gibt viel, was Sie nicht ah⸗ nen, und was grauſam erſcheinen muß, wenn man bedenkt, wie jung und unerfahren ſie in jenes ganze ſchiefe Verhältniß geworfen wurde, welches für ſie das Leben ſo bitter machen ſollte. Verzeihen Sie daher, wenn ich in meiner Erzählung Dinge wieder⸗ hole, welche Sie bereits kennen; aber dieß iſt noth⸗ wendig, ſofern mir darum zu thun iſt, daß Sie ein klares Bild von der Vergangenheit erhalten. Ver⸗ ſprechen Sie mir zugleich, meine Worte ohne ein Gefühl von Bitterkeit anzuhören. Vergeſſen Sie, daß 232 — ich von der Enkelin des Hammerſchmids rede, und denken Sie blos daran, daß es das traurige Gemälde von dem Leiden einer Frau iſt, welches ich vor Ih⸗ nen entrolle.“ „Elins Geſchichte iſt, wenn ich mich ſo ausdrü⸗ cken darf, ein Dacapo im Kleinen von der Unbarm⸗ herzigkeit des Adels gegen das Volk. Auf der einen Seite ſteht ein Mann von Geburt, welcher in ſeiner ſtolzen Verachtung gegen die Stände unter ihm eine Frau aus dem Volk die ganze Liſte öffentlicher und geheimer Demüthigungen und Leiden durchgehen läßt, einzig und allein deßhalb, weil er ihre Her⸗ kunft verachtet. Und dieß, Herr Graf, findet ſtatt in der aufgeklärten Zeit des neunzehnten Jahrhun⸗ derts.“ Stephana reichte Hermann die Hand, indem ſie hinzuſetzte: „Es iſt der übermüthige Hermann Romarhjerta, welcher in meiner Geſchichte die Hauptrolle ſpielt, nicht der wirkliche Edelmann, den ich kennen und achten gelernt habe, der mich beinahe mit dem Adel ausgeſöhnt und Vieles vergeſſen gemacht hat, was ich niemals vergeſſen zu können mir. einbildete. „Habe ich Sie mit dem Adel verſöhnt, ſo haben Sie dagegen mich denſelben gering zu ſchätzen ge⸗ lehrt,“ antwortete Hermann mit einem bittern Lä⸗ cheln.„Ja noch mehr, Sie haben mich gelehrt, mei⸗ ₰ nen eigenen Uebermuth zu verachten.“ „Dann habe ich über Ihren ſchlimmern Menſchen geſiegt, und der beſſere wird hinfort der Leiter Ih⸗ rer Handlungen ſein.“ „Madame, die Sonne ſchmelzt das Eis, aber ver⸗ ——————— 233 wandelt es niemals in Feuer; und doch iſt es dieß, was Sie zu Stande bringen wollen, indem Sie von meinem verſchwundenen Hochmuth hoffen, daß ein Gefühl ſo warm und mächtig entſtehen ſoll, um die getrennten Bande wieder zuſammenzuknüpfen. Ueber⸗ dieß wiſſen Sie, was für einen gewaltigen Feind dieſes Sieges Sie in meiner eigenen Bruſt haben? Wiſſen Sie, wie aufrühreriſch mein Herz iſt?“ „Ich weiß es; aber jener Sir Edward, mit wel⸗ chem ich Sie zuſammenſtellte, hat für ſeine Pflicht die wärmſten Gefühle ſeines Herzens geopfert.“ „Sir Edward hatte Sie niemals geſehen und kennen gelernt.“ „Laſſen wir davon ab, um wieder auf Elins Ge⸗ ſchichte überzugehen.“ „Sie wiſſen vielleicht, daß dieſelbe, gleich nach ihres Vaters Verheirathung mit Selma Fries, nach der Hauptſtadt in eine Penſion gebracht wurde. Was Sie aber nicht wiſſen, iſt, daß Elin zwei, alle andern verſchlingenden Gefühle dahin mitnahm. Das Eine war ihre an Abgötterei grenzende Liebe zu dem Va⸗ ter, das Andere eine kindliche und ſchwärmeriſche Bewunderung für den Grafen Hermann.“ „Elin war mit vierzehn Jahren ein ſchweigſames und träumeriſches Kind, verſchloſſen und unzugäng⸗ lich, mit einem vor der Zeit gereiften Denkvermögen und dem Saamen zu tiefen und heftigen Leidenſchaf⸗ ten. Es war, als ob die allzu ſchnelle Entwicklung ihrer Seele unvortheilhaft oder vielmehr abzehrend auf ihre phyſiſche Natur wirkte, denn ihr ganzes Aeußere ſtand in ſeiner Ausbildung ſtill und fand während des eingeſchloſſenen Penſionslebens auch 234 keine paſſende Gelegenheit zu einer wohlthätigen Förderung von Geſundheit und Kraft. Sie glich einem Topfgewächs, deſſen Stengel in die Höhe treibt, deſſen Blätter aber klein und dünn bleiben, denn die Wurzel iſt in einem allzu engen Raum einge⸗ zwängt.“ „Wenn es dagegen Elin in der Penſion an genü⸗ gender Luft, Bewegung und Freiheit gebrach, ſo er⸗ hielt ſie eine deſto gefährlichere Nahrung für ihre ohnedieß frühreifen Gefühle und Gedanken. Ihre Penſionskamerädinnen verſahen ſie nämlich mit Ro⸗ manlektüre, welche ohne alle Beurtheilung gewählt wurde, denn ſie machte eine Contrebande aus, welche die Mädchen ohne Erlaubniß der Lehrerinnen ſich zu verſchaffen wußten. Während ſie all das Gift ein⸗ ſog. welches ſolche Lektüre einem jungen Herzen un⸗ vermerkt beibringt, verwandelte ſich Elins urſprüng⸗ lich kindliche Bewunderung für Hermann in einen Traum, den ſie romanhaft zu geſtalten ſuchte. In ihrer Einbildung wurde er der Held, und ſie ſelbſt ſpielte die Rolle der Heldin.“ „Während ſie in der Schule arbeitete, an ihrem Schreibpulte oder Stickrahmen ſaß„führte ſie einen Roman nach dem andern auf, welche ſich alle darum drehten, daß ſie und der Graf in einigen Jahren zuſammentreffen würden. Dann würde ſie ſchön ſein und er ſich heftig in das einnehmende Mädchen ver⸗ lieben u. ſ. w., u. ſ. w.“ „Sie ſehen leicht ein, daß dieſe ſtille Träumerei, welche ſie völlig in ſich verſchloß, ohne einem der andern Mädchen von ihren kindlichen Phantaſien Et⸗ was zu ſagen, eben ihre Einbildung um ſo höher 235 und bis zum Uebermaß ſteigerte, je mehr ſie ſich einſam und von Jedermann verlaſſen fühlte, denn ihr Vater erfreute ſie höchſt ſelten mit einigen Zeilen.“ „Sie beweinte den Verluſt von ihres Vaters Liebe, während ſie ohne Widerſtand ihren Phantaſien in Bezug auf den Grafen ſich hingab.“ „So verfloſſen zwei Jahre, und im Alter von ſechszehn wurde Elins ganzes Herz von einem Ge⸗ fühl beherrſcht, welches ſie zu Etwas wie Leiden⸗ ſchaft hinaufgetrieben hatte. Es war damals, als ſie in Geſellſchaft ihrer Stiefmutter mit Ihnen zu Strömſtad zuſammentraf.“ Stephana hielt an. Sie lehnte ſich in den So⸗ pha zurück und ſchloß eine Weile die Augen, als ob ſie einen heftigen innern Schmerz unterdrücken wollte. Hermann ſaß da, den Kopf auf die Hand ge⸗ tützt. Nach einer Pauſe nahm Stephana wieder das ort: „Sie wiſſen ſelbſt, mit welcher heftigen Leiden⸗ ſchaft Sie Elins Stiefmutter liebten, und wie ſchwach dieſelbe gegen Sie war. Elin war noch zu jung, um ſich Rechenſchaft von dem, was um ſie herum vorging, oder von der Natur des Verhältniſſes, welches zwi⸗ ſchen Selma und dem Grafen ſtattfand, geben zu können. Alles, was ſie verſtand und einſah, war, daß Sie die Stiefmutter liebten. „Wollte ich Ihnen erzählen, welche Qualen, ſtumm und ungeahnt, in Elins Bruſt tobten, Sie würden das arme Kind tief beklagen, welches aus Mangel an gehöriger Aufſicht und Pflege einer frühreifen 236 Neigung zum Opfer fiel. Man konnte ſagen, daß die ſechs Wochen, welche die Badezeit dauerte, eine ganze Cwigkeit unermeßlicher Leiden für das junge Herz in ſich ſchloſſen, um ſo gefährlicher, als ſie durch ihre Einbildungskraft noch vervielfältigt wurden, denn ſie hatte Niemand, an deſſen Bruſt ſie ihr Haupt legen, und dem ſie den Schmerz ihrer uner⸗ wiederten Liebe und zurückhaltungsloſen Eiferſucht anvertrauen konnte.“ „Jeden Augenblick des Tags in jenen ſechs Wo⸗ chen wiederholte ſie ſich: Er kiebt ſie, er weiß kaum, daß ich auf Erden bin. Dann drückte ſie ihre Hände feſt auf die Bruſt und hätte in Thränen zerſchmel⸗ zen mögen. Sie fürchtete, es möchte Jemand ihren Schmerz ahnen, deßhalb verbarg ſie ihn in ihrem Kinderherzen.“ „Endlich ging man von Strömſtad ab, und Elin blieb wieder in der Penſion zurück, mit dem erſten Keim zu einem Seelenleiden, welches durch ihr gan⸗ zes Leben hindurchgehen ſollte.“ „Den einſamen Träumereien innerhalb der Wände des Penſionslokals überlaſſen, begann Elin aus ih⸗ rer unglücklichen Neigung einen neuen Roman zu machen, worin ſie ſelbſt wieder die Hauptrolle ſpielte.“ „In ihrer Phantaſie führte ſie aus, daß der Graf, ihrer Meinung zufolge, unglücklich in die Stief⸗ mutter verliebt und demnach jeder Hoffnung beraubt, in künftiger Zeit, wenn ſie, Elin, ſchön wäre, Zärt⸗ lichkeit zu ihr faſſen und dieſe ihn mit den Leiden ausſöhnen würde, welche ihm aus der Liebe zu Sel⸗ ma erwuchſen. Richt einen Augenblick hatte ſie dem 237 +— Gedanken Raum gegeben, daß die Stiefmutter die Neigung des Grafen theilte. Nein, ſie hielt es für eine Unmöglichkeit, daß diejenige, welche ihres Va⸗ ters Herz beſaß, ſich an einen andern Mann hängen „ könnte. Nach Elins Meinung war ihr Vater ein ſo unerreichbares Ideal männlicher Vollkommenheit, daß nicht einmal Graf Hermann ſich mit ihm meſſen konnte.“ „Ein Jahr verging, dann holte die Stiefmutter Elin aus der Penſion und brachte ſie nach Hauſe. Kaum war Elin unter ihres Vaters Dach getreten, ſo fanden auch Sie daſelbſt ſich ein. Einige Stun⸗ den Zuſammenſeins mit der Stiefmutter klärten die arme Elin darüber auf, daß die Gefühle des Grafen erwiedert wurden, der Vater verrathen und ſie ſelbſt um alle Hoffnung gebracht war. Was ſie am mei⸗ ſten peinigte, war der Gedanke an ihren Vater; ihr eigenes Leben, ihr ganzes Wohl— Alles hätte ſie darum gegeben, um den grauſamen Schmerz, zu lie⸗ ben und ſich betrogen zu ſehen, ihm zu erſparen. „Gerade während Elin ihrer eigenen Qual gänz⸗ lich vergaß und nur an den Vater dachte, trat die⸗ ſer in ihr Zimmer und warnte ſie vor jedem Ver⸗ ſuch, ihrer Mutter behülflich zu ſein, im Fall dieſe auf einen Betrug gegen ihn ſänne. Er ſchloß mit den Worten: Zuerſt würde ich den erſchießen, der 4 mich um mein Glück beſtohlen hat, und mir dann ſelbſt eine Kugel durch den Kopf jagen.“ „Damit verließ er das arme Kind, welches noch nicht im Stande war, in dieſen verwickelten Um⸗ ſtänden ſich zurecht zu helfen. Dieſe Liebe, ſchon zuor eine doppelte Plage für das arme Mädchen, 238 wurde nun zu einem grauenhaften Schreckbild, hinter welchem ſie die blutigen Geſtalten jener beiden We⸗ ſen ſah, der einzigen, welche ſie liebte und für welche ſie gern ihr ganzes Leben und jeden Tropfen ihres Blutes aufgeopfert hätte.“ Aus Furcht vor den Folgen, womit der Vater gedroht hatte, ließ Elin nicht einen Augenblick Selma und den Grafen aus den Augen und fing ſo jene Worte auf, welche bezüglich des im Pavillon bevor⸗ ſtehenden Stelldicheins gewechſelt wurden.“ „Als man ſich getrennt hatte, ging ſie zu ihrer Stiefmutter, bat und drohte, um ſie zu dem Ver⸗ ſprechen der Auflöſung ihres Verhältniſſes mit dem Grafen zu bewegen; aber da dieſelbe ſich weigerte, wurde Elin auf einen Augenblick von einem ſolchen Gefühl der Erbitterung ergriffen, daß ſie ſich ein⸗ bildete, ſie wäre eher im Stande, Selma das Leben zu nehmen, als das ihres Vaters und des Grafen bloßzuſtellen.“ „Gerade in dem Augenblick, als dieſer verzwei⸗ felte Gedanke ſich ihrer bemächtigte, fuhr es ihr durch den Kopf, ſich an Sie zu wenden und wo möglich Sie zu überreden, des Vaters Haus zu ver⸗ laſſen und die Stiefmutter nie mehr zu ſehen. Sie wiſſen, wie dieß gelang.“ Abermals hielt Stephana an, und an dem Zit⸗ tern ihrer Augenwimpern und Lippen ließ ſich er⸗ kennen, daß die Erzählung ihr große Mühe koſtete. Hermann ſaß unbeweglich da. Als ſie wieder fortfuhr, war ihre Stimme noch etwas unſicher. „Gezwungen, zumeiſt von der Beſorgniß, durch 239 eine Weigerung das wahre Verhältniß aufzudecken, mußte Elin gegen ſeinen Willen ſich dazu verſtehen, die Gattin des Mannes zu werden, den ſie bis zum Fanatismus geliebt hatte.“ „Es war ein ſchrecklicher Augenblick, als der Vater über ihr Leben den Stab brach, und ſie kam ſich ſelbſt wie eine Verurtheilte vor, als ſie ſich al⸗ lein auf der Stelle ſah, wo ſie ſo unglücklich ge⸗ worden war. Mit Verzweiflung im Herzen warf ſie einen Blick in dem Zimmer umher, und der erſte Gegenſtand, worauf ihr Auge fiel, war der unglück⸗ ſelige Brief, welcher über ihr Leben entſchieden hatte.“ „Sie kannte deſſen Inhalt nicht, aber ſie be⸗ griff, daß darin von ihrer Stiefmutter Schande ge⸗ ſchrieben ſtand, welche ſie nun auf ſich geladen hatte. Sie liebte noch dieſen Mann, welcher der Verführer ihrer Stiefmutter war, ſo von ganzer Seele, daß ſie die Zeilen nicht leſen wollte, welche das Zeugniß ſeines Verbrechens enthielten.“ „Gehorchend dieſer Eingebung der Liebe, welche bewirkt, daß wir Frauen Alles opfern, um dem Mann, welchen wir lieben, eine Erniedrigung zu er⸗ ſparen, hielt ſie den Brief ungeleſen an das Licht und zerſtörte die Zeilen, welche das, was niemals hätte Form gewinnen ſollen, in Worte und Gefühle kleideten.“ Stephana holte einen tiefen Seufzer und ſetzte mit ganz verändertem, leiſem, beinahe bebendem Tone hinzu: „Sie müſſen Selma ſehr heftig geliebt haben, daß Sie lieber ſich ſelbſt und das arme Mädchen aufopferten, als jene bloßſtellten?“ 240 Langſam hob der Graf den geſenkten Kopf in die Höhe und ſagte: „Madame, ich hatte wenige Augenblicke zuvor Elin bei meiner Ehre verſprochen, mein Verhältniß zu Selma niemals zu verrathen. Uebrigens konnte ich wirklich bei der Gewißheit der Folgen meiner letzten Handlungsweiſe ein Verhältniß kund machen, welches Elin ihres Vaters beraubt und einen Fluch auf das Leben der Frau geworfen hätte, deren Feh⸗ ler darin beſtand, daß ſie in ihrer Schwachheit mei⸗ ner zügelloſen Leidenſchaft nachgegeben hatte?“ „Zügelloſen Leidenſchaft!“ wiederholte Stephana bedeutſam. „Ja! Vor der Frau, welche ein Mann wirklich liebt, hegt er eine ſo hohe Achtung, daß er niemals ſie zum Opfer ſeiner Wünſche macht,“ erwiederte Hermann mit tiefem Ernſt. „Sie wollen damit ſagen, daß Sie Selma nicht liebten?“ fragte Stephana, während ihr Auge auf Hermann mit einem wunderbaren Ausdruck weilte. Es lag darin ein unerklärliches Etwas, das zu er⸗ kennen gab, daß die Frage einen ſehr empfindlichen Punkt in ihrem innerſten Herzen berührte. „Stephana,“ flüſterte Hermann und faßte ihre beiden Hände, welche er mit beinahe leidenſchaftli⸗ cher Heftigkeit an ſeine Lippen führte,„diejenige, welche in meinem Herzen eine wirkliche Liebe er⸗ weckt, könnte ich niemals auch nur mit meinen Wünſchen erniedrigen.— Sie wiſſen das, nicht wahr?“ „Aber Sie glaubten, dieſelbe zu lieben?“ fragte Stephana weiter, indem ſie ihre Hände in den ſei⸗ 241 nen ruhen ließ und das Auge nicht von thm ab⸗ wandte. „Ja, es war eine heftige Leidenſchaft, die mich hinriß, aber....“ „Fahren Sie fort, ich bitte. Sie ahnen nicht, welches große Gewicht ich darauf lege, daß Sie ganz aufrichtig ſind.“ „Nun wohl, mein Gefühl für ſie war von der rt, wie ein Edelmann für einen Gegenſtand hegt, der unter ihm ſteht und den er ſeiner Anſicht nach niemals zu ſich erheben kann. Ich hatte alle jene leichtſinnigen Ideen eingeſogen, welche im Kaſernen⸗ leben und in der Kaſte, der ich angehöre, zu Hauſe ſind. Dieß hatte zur Folge, daß ich Selma als eine anziehende, bezaubernde Frau betrachtete, auf welche Verzicht zu leiſten ich weder Luſt noch Urſache hatte. Selbſt zur Zeit, da meine Gefühle für ſie am glühendſten waren, kam es mir niemals in den Sinn, dieſelbe mir als eine Perſon zu denken, an deren Seite ich mein Leben hinzubringen wünſchte oder welche meine Gattin zu nennen, ich mich ſtolz und glücklich geſchätzt haben würde.“ „Lag dieß nicht darin, daß Sie deren Stellung gering achteten? und wäre ſie frei und Ihresglei⸗ chen geweſen, glauben Sie auch dann, daß Ihre Ge⸗ fühle für Selma dieſelben geweſen wären?“ „Meine Gefühle wären dieſelben geweſen, aber ich hätte dann wahrſcheinlich im Rauſche der Leiden⸗ ſchaft, welchen ihre Schönheit erregte, unſer Schick⸗ al vereinigt, um bei dem Erwachen zu finden, hat ich einem Irrlicht mein ganzes Leben geopfert ( Schwartz, Der Mann von Geburt c. II. 16 242 „Sind Sie niemals für eine Andere als Selma ſo lebhaft eingenommen geweſen?“ „Bis zu dem Tage, da ich mein Herz ernſtlich gefeſſelt ſah, war ich niemals ſo entzückt und be⸗ thört geweſen, wie von ihr. Sie war meiner Ju⸗ gend erſte, größte und mächtigſte Verirrung, obwohl ſie einem kurzen, verführeriſchen Traum glich, wel⸗ Verachtung, Bitterkeit unv Kälte hinter ſich läßt.“ „Ich danke, Herr Graf, für Ihre Aufrichtigkeit,“ bemerkte Stephana, ihre Hände aus denen Her⸗ manns zurückziehend, und nahm die Erzählung wieder auf. „Die drei Wochen, welche zwiſchen der Scene im Pavillon und Elins Trauung verfloſſen, will ich nicht zu ſchildern verſuchen. Jeden Tag ſchleppte ſich die von ihrem Vater verſtoßene Elin zu deſſen Füßen, um Verzeihung für einen Fehler zu erhalten, welchen ſie niemals begangen hatte, und jeden Tag wandte ſie ſich unerhört von ihm.“ „Wäre Elin's Liebe zu dem Vater ruhig und ſtill geweſen, ſo hätte ſie beſſer ſich in ihr Schickſal ergeben können; aber alle Gefühle in der Bruſt des armen Kindes ſtreiften an Uebertreibung, und ihre Liebe zu dem Vater athmete Leidenſchaft. Sie glaubte, unmöglich ohne ſeine Verzeihung leben zu können.“ „Das arme Kind, es ſollte dieſelbe niemals erhalten.“ „Endlich brach der Tag an, welcher ſie zu der Gattin des Grafen machen ſollte. In ihr Zimmer eingeſchloſſen, brachte ſie denſelben in Gebet zu und 243 that Gott ein heiliges Gelübde, ergeben, demüthig und fromm zu bleiben. „Kein freundliches Wort, keinen milden Blick er⸗ hielt ſie von dem Vater. Als ſie das Brautkleid angelegt hatte, ließ der Vater des Grafen ſich bei ihr anmelden. Zum erſten Mal in dieſen Wochen hörte ſie eine ſanfte und liebevolle Stimme zu ihr reden.“ „Der alte Graf ſagte ihr, er wiſſe Alles— er wiſſe, daß ſie das ſchuldloſe Opfer für eine be⸗ gangene Sünde ſei. Er verſprach ihr gerührt, ihr ein Vater zu ſein, und ſchloß ſie an ſeine Bruſt mit der Verſicherung, auch wenn ſein Sohn nicht ſeine ganze Schuld gegen ſie fühlte, werde der⸗ ſelbe ihr doch immerdar mit Achtung begegnen u eines Tages auch ſeine Dankbarkeit zu erkennen geben.“ „Wieder ſchimmerte ein Strahl der Hoffnung aus der Finſterniß, welche die ſiebzehnjährige Braut umgab, und ſie trat vor den Prieſter mit einem Gefühl angſtvoller Erwartung, wenigſtens von dem, welcher ihr Alles war und für welchen ſie ſich ge⸗ opfert hatte, einen Blick zu erhalten, welcher ihr ſagte: Armes Kind, ich will Dir eine Stütze ſein, wenn ich Dir auch ſonſt nichts werden kann.“ „Aber nein, er ſah ſie nicht einmal an, die bleich und zitternd an ſeiner Seite ſtand. Glauben Sie mir, es war ein grenzenlos bitterer Augenblick für Elin, und als der Prieſter das Amen ſagte, dünkte es ihr, als reiße eine Saite in ihrem Herzen, ſo verlaſſen und grenzenlos unglücklich fWue 244 „Sie hatte indeſſen nur den erſten Tropfen des bittern Kelches gekoſtet, welchen ſie vom Schickſal zu leeren verurtheilt war. Bisher hatte ſie bloß unter individueller Verachtung gelitten, eine Viertelſtunde nach der Trauung ſollte ſie auch von der öffentlichen getroffen werden. In dem Augenblick, da Ihr Wa⸗ gen fortrollte, und Sie vor der Welt erklärten: Die Frau, welcher ich meinen Namen zu geben gezwun⸗ gen wurde, ſteht ſo niedrig in meiner Schätzung, daß ich ihr nie weiter geben will“ da war ihre Kraft gebrochen, und ſie ſtürzte ohnmächtig am Fen⸗ ſter nieder. Es kam ihr vor, als ob die Räder Ihres Wagens ihr über das Herz gingen. Ach! wie oft hat ſie gewünſcht, daß ſie niemals ins Leben zurückgekehrt wäre.“ Stephana hielt an. Einige Minuten vergingen, während welcher das Stillſchweigen nur durch das Ticktack der Uhr unterbrochen wurde. Sie betrach⸗ tete aufmerkſam Hermann, welcher den Kopf zurück⸗ gelehnt ganz unbeweglich daſaß. Auf ſeiner blei⸗ chen Stirne ſtand geſchrieben, daß Stephana's Er⸗ zählung einen tiefen und peinlichen Eindruck ge⸗ macht hatte. Der Diener, welcher den Thee hereinbrachte, unterbrach die Stille, und der Graf bemerkte, mit der Hand ſich über die Stirne fahrend: „Sie beſitzen eine ſeltſame Kraft, mit Ihren Worten alle Saiten des Herzens anzuſchlagen.“ „Wenn ich dieſe Kraft beſitze, ſo entſpringt ſie davon, daß meine Worte aus dem Herzen kommen,“ antwortete Stephana ſanft. WMan trank den Thee ſchweigend. Aus Her⸗ 245 manns ganzem Weſen war erſichtlich, daß er unter dem Einfluß peinlicher Gefühle ſtand. „Vielleicht ſoll ich meine Erzählung nicht fort⸗ ſetzen?“ begann Stephana wieder. „Im Gegentheil, Madame, ich wünſche lebhaft, ſie bis zum Schluß zu hören. Es iſt gewiß eine harte Lection, die Sie mir ertheilen, denn es gibt kaum etwas Bittreres, als einen Andern die Hand⸗ lungen darſtellen zu hören, die man bei ruhiger Prüfung ſelbſt mißbilligen muß. Ein ſolches Ge⸗ mälde iſt heilſam zu betrachten; man fühlt da erſt die ganze Unvollkommenheit in ſeinem Charakter.“ „Wohlan, dann fahre ich fort. Als Elin wie⸗ der zur Beſinnung kam, hatte man ſie in ihr Zim⸗ mer geführt. Ueber ſie gebeugt ſtand ihres Vaters Schweſter, welche an einen Diſtriktsgerichtsbeiſitzer aus dem Bauernſtande verheirathet war. „Wie iſt es Dir, Kind?“ fragte ſie, ihre Nichte mit Thränen in den Augen betrachtend. Elin griff mit der Hand an den Kopf. Sie konnte ſich keine klare Rechenſchaft von dem, was geſchehen war, geben; aber als ſie mit der Hand an den Brautkranz ſtieß, kehrte auch die Erinnerung an das, was geſchehen war, zurück. „Tante,“ rief ſie,„wo iſt er? Habe ich geträumt oder iſt er wirklich abgereist?“ „Liebes Kind, er iſt allerdings fort,“ erwiederte die Tante und ſtrich mit ihren groben Händen Elin über das geſenkte Haupt. Sie hatte das Angeſicht in den Händen verborgen; weinen konnte ſie nicht. —„Aber er kommt gewiß wieder, mein Herzchen,“ ſetzte die Alte tröſtend hinzu. Elin's Vater trat in das Zimmer der Tochter. Mit kalter und ſtrenger Miene ging er auf ſie zu. Nachdem er ſeine Schweſter gebeten hatte, ſich zu entfernen, ſprach er: „Ein entehrtes Weib iſt in den Augen deſſen, der ſie entehrt hat, das verächtlichſte Weſen, und davon biſt Du der größte Beweis. Dein Mann ver⸗ läßt Dich eine Stunde nach der Trauung, indem er dieſe Zeilen Dir zum Abſchied zuwirft. Lies!“ „Der Kapitän reichte der Tochter einen Brief. Ihre Hände zitterten, ſo daß ſie ihn kaum zu halten vermochte. Nicht einen Laut konnte ſie über die Lippen bringen.“ „Als ſie in ihrem Stillſchweigen beharrte, ſagte der Vater in noch ſtrengerem Ton: „Lies, ſage ich; begreifſt Du nicht, daß ich Ge⸗ horſam haben will?*“ „Elin heftete die Augen auf den Brief und las die erſten Zeilen. Der Vater unterbrach ſie: „O nein, Du ſollſt laut leſen. Ich will es.“ Mit undeutlicher und bebender Stimme las Elin: „Madame! „Ich habe nun meine Pflicht gegen Ihren Va⸗ ter erfüllt, indem ich Ihnen meinen Namen gab, das Einzige, womit ich meine Schuld gut machen kann; aber dieß iſt auch Alles, was ich Ihnen zu bieten vermag. Sie tragen jetzt dieſen Namen, ſu⸗ chen Sie ihn mit Ehren zu tragen; ich muß das Ihnen überlaſſen. Sie ſehen ſelbſt ein, daß wir einander niemals als Ehegatten betrachten können, daß Sie nicht meine Frau ſind, ich nicht Ihr Mann 247 bin. Wir haben Nichts gemeinſchaftlich, als den Namen, und darum müſſen auch unſere Lebenswege ſich ſcheiden, um niemals wieder zuſammenzuſtoßen. Leben Sie wohl, ich reiſe ins Ausland. So weit es von mir abhängt, ſollen Sie niemals zuſammen⸗ treffen mit Hermann Romarhjerta.“ Stephana legte ihre Hand auf den Arm des Grafen und ſagte mit ruhiger Stimme: „Begreifen Sie, Herr Graf, welchen Eindruck dieſe Zeilen auf das Herz der ſiebzehnjährigen Elin machen mußten? Begreifen Sie, daß der Schlag viel zu hart, viel zu ſchonungslos geführt war, daß ihn zu ertragen über ihre Kräfte ging. Auch war es ihr, als ob ihr ganzes Weſen aus einem einzi⸗ gen, unermeßlichen Schmerz beſtände.“ „Sie blieb geraume Zeit, nachdem ſie den Brief geleſen, unbeweglich ſitzen. Der Laut von ihres Va⸗ ters Stimme jagte ihr einen Schauder ein. Sie klang ſo hart und unbeugſam, daß es ihr vorkam, als gliche ſie einem ſcharfgeſchliffenen Schwerte.“ „Er ſagte: Du glaubſt vielleicht, ich werde ge⸗ gen eine Tochter Nachſicht üben, welche ſich ſo tief erniedrigt hat, daß nicht einmal ihr Verführer ſie würdig erachtet, ſie zu ſeiner Frau zu machen, ſon⸗ dern ganz offen durch die eine Stunde nach dem Trauungsakt erfolgte Verſtoßung vor der Welt er⸗ klärt: Ich bin gezwungen worden, dieſes Mädchen zu ehelichen, aber ſie iſt in meiner Achtung ſo tief geſunken, daß ich ihr den Platz einer Gattin an mei⸗ ner Seite nicht einräumen mag.“ Begreifſt Du, Un⸗ glückliche, daß Du mich entehrt haſt, und daß ich mit noch größerem Rechte als er Dich verſtoßen muß? Noch dieſen Abend ziehſt Du nach Hilleſta, das dein mütterliches Erbe ausmacht. Bleibe dort, reiſe oder thue was Du willſt; nur verſuche nicht, deines Va⸗ ters Schwelle zu betreten, ehe dein Mann Dir we⸗ nigſtens einen Schein der Achtung dadurch, daß er als Ehegatte mit Dir zuſammenlebt, vor der Welt Dir wiedergeſchentt hat. Er hat ſich öffentlich von Dir losgeſagt. Nun wohl, ich thue daſſelbe. Ich habe Befehl gegeben, die Pferde anzuſpannen, und Du ziehſt alsbald von hier ab, ſo lang die Gäſte ſich noch hier befinden. Bedenke, daß ich ein Sohn des Volkes bin, mit noch höheren Begriffen von Ehre, als jeder Edelmann, und ich will nicht, daß man ſage, Martenſon habe ungeſtraft ſein Kind mit ſeiner Ehre ſpielen laſſen, oder mit der Bezahlung eines gräflichen Namens, den man ſeiner Tochter hingeworfen, ſich zufrieden gegeben. Ha! elendes Kind, man wird ſagen, der Emporkömmling habe den Grafen erkauft, ſich mit Dir zu vermählen, um damit in die vornehme Familie ſich einzudrängen; aber ich will der Welt zeigen, daß ich mich für zu gut halte, um mit dem hochgebornen Lumpenpack in verwandtſchaftlichen Verhältniſſen zu ſtehen. Die verſtoßene Gräfin Romarhjerta iſt nicht mein Kind und findet keinen Aufenthalt in meinem Hauſe!“ „Herr Graf,“ ſetzte Stephana mit ergreifendem Ernſt hinzu,„es war Elins über Alles geliebter Vater, welcher alſo zu ihr redete.“ Es zuckte in den Geſichtsmuskeln Hermanns und „ 249 er fuhr mit dem Taſchentuch über die Stirne, indem er mit bewegter Stimme ſagte: „Und Selma, Selma ließ ihn die Tochter ver⸗ ſtoßen, ohne ſich ihm zu Füßen zu werfen und zu bekennen, daß Elin unſchuldig war?“ „Selma liebte Sie,“ antwortete Stephana mild, „und opferte lieber Alles, um Sie nicht ihres Man⸗ nes Raſerei auszuſetzen.“ Hermann ſtützte den Kopf in die Hand, ſo daß ſeine Augen dadurch verdeckt wurden; man konnte ſehen, wie ſchwer dieſe Erinnerung auf ihm laſtete. „Ich will,“ fuhr Stephana in traurigem Tone fort,„Sie mit Schilderung der Scene verſchonen, welche erfolgte, als Elin, außer ſich vor Schmerz und Verzweiflung, ſich zu den Füßen ihres Vaters hinſchleppte und um die Gnade bettelte, wenigſtens unter demſelben Dach mit ihm bleiben zu dürfen; Alles vergebens, er ſtieß ſie mit Härte, ja mit Ab⸗ ſcheu von ſich, und eine halbe Stunde ſpäter rollte der Wagen nach Hilleſta fort mit der von Gatten und Vater verſtoßenen Elin, an deren Seite nur die Grundgute, einfache Bauersfrau, ihre Tante, Mutter Greta, ſaß, die Einzige, welche Mitleid mit dem armen Kinde hatte.“ „Als der Wagen in Hilleſta hielt, war Elin—“ Stephana ſchwieg. Sie war ſo bleich geworden, daß ihre Lippen ganz weiß waren. Hermann blickte erſchrocken auf und rief: „Sind Sie unwohl, Madame?“ „Nein.“ „Bitte, ſo fahren Sie fort!“ bat Hermann, bei⸗ nahe ſo bleich wie ſie. „War Elin wahnſinnig,“ ſprach Stephana mit tonloſer Stimme. „Ha! das iſt gräßlich!“ rief Hermann und ſprang auf. Es erfolgte eine Pauſe, während welcher er einigemal mit haſtigen Schritten im Zimmer auf⸗ und abging. Endlich blieb er vor Stephana ſtehen und ſagte: „Wie iſt es möglich, daß Sie anderes als Ab⸗ ſcheu vor mir, dem Schöpfer von ſo großem Elend, empfinden?“ „Graf Hermann, ich habe Sie nur beklagt,“ erwiederte Stephana mit bezaubernder Güte, indem ſie ihm ihre beiden Hände reichte.„Sie verſtanden in Ihrem blinden Hochmuth nicht, daß des Hammer⸗ ſchmieds Tochter ein eben ſo zärtliches und gefühl⸗ volles Herz beſaß, das aus nicht minder feinen Fa⸗ ſern, als jenes der reichen Grafentochter zuſammen⸗ geſetzt war. Sie glaubten, wenn dieſe Menſchen Etwas empfingen, was deren Eitelkeit ſchmeichelte, das heißt, wenn Sie derſelben Ihren Namen zu⸗ würfen, ſo würden ſie die Schmach der Erniedrigung und Verachtung nicht fühlen. Sehen Sie, Herr Graf, die Grundſätze, worin Sie erzogen wurden, ſchließen auch die Vorſtellung in ſich, daß wir, die wir vom Volke ausgehen, nicht Ihre Gefühle haben, folglich auch jede beliebige Behandlung, ohne darun⸗ ter zu leiden, uns gefallen laſſen müſſen. Aus die⸗ ſem Grunde haben viele Ihres Standes die heilig⸗ ſten und erhabenſten Gefühle der niedrigeren Klaſſen mit Füßen getreten.— Sollte ich Sie deßhalb verabſcheuen? Nein, Herr Graf, es iſt nicht das 251 Individuum, ſondern der ganze Stand, welchen ich verabſcheue. Das Prinzip des Egoismus, welches bei dem Edelmann zu Grunde liegt, mißbillige und verachte ich. Daß Elins Leben und Leiden nicht geeignet war, dieſe Verachtung zu mildern, ſehen Sie leicht ein, aber nicht einen einzigen Augenblick habe ich dieſelbe ſpeciell auf Sie übergetragen. Die perſönliche Bekanntſchaft mit Ihnen hat mich übri⸗ gens die vielen edeln und erhabenen Eigenſchaften, welche ich an Ihnen entdeckte, ſchätzen gelehrt, wäh⸗ rend ich zugleich wünſchte, durch den Einfluß, welchen ich bereits bei unſerem erſten Zuſammentreffen, wie mir bemerklich wurde, auf Sie ausübte, Ihr beſſe⸗ res Ich zu beſtimmen, den ganzen egoiſtiſchen Hochmuth, welcher Sie früher beherrſchte, von ſich zu werfen. Ich wußte, Herr Graf, daß, wenn ich eines Tages Elins unglückliches Schickſal, deren unverdientes und bitteres Leiden erzählte, ich Ihren Augen Thränen entlocken und Sie dahin bringen würde, mit Schrecken an all das Böſe, welches Sie ihr zugefügt hatten, zu denken.“ „Sie haben mich richtig beurtheilt, Madame,“ ſagte Hermann und führte ihre Hände an ſeine Lippen.„Fahren Sie fort, ich bitte.“ Er ſetzte ſich wieder. „Zwei Monate blieb Elin ihrer Sinne beraubt und wurde indeſſen von Kapitän Troberg und ihrer Tante, Mutter Greta, gepflegt. Man hatte ſie nach der Hauptſtadt gebracht und die geſchickteſten Aerzte beigezogen. Die Jugend, dieſe mächtige Bundes⸗ genoſſin der Medicin, unterſtützte die Bemühungen der Doktoren, ſo daß Elin nach zwei Monaten voll⸗ kommen hergeſtellt wurde, aber in eine unüberwind⸗ liche Schwermuth verſunken war. Die Aerzte ver⸗ ordneten eine Reiſe ins Ausland, aber Elin hielt es für eine Unmöglichkeit, ohne ihres Vaters Ver⸗ zeihung von dem heimiſchen Boden zu ſcheiden. Sie ſchrieb, aber ihr Brief kam unerbrochen zurück.“ „Dieſe Verachtung, dieſe Härte von dem ſtolzen Vater warf ſie beinahe wieber in die frühere Ge⸗ müthsverfaſſung zurück.“ „Gerade damals ſuchte Ihr Vater ſie auf. Er hatte gehört, daß Elin von einer Krankheit befallen war, wie man ihre Geiſtesſtörung nannte, denn Elins Vater hatte ausdrücklich gewünſcht, daß man ſie geheim halten ſollte. Er wollte der Demüthigung vorbeugen, daß man ſagen ſollte, ſeine Tochter ſei wahnſinnig geworden, weil der gräfliche Gemahl ſie verſtoßen habe.“ „Als Ihr Vater hörte, daß Elin verordnet wor⸗ den war, eine Reiſe ins Ausland zu machen, über⸗ redete er ſie, dieſelbe auszuführen, und bot ſich ihr zur Begleitung an. Trotz des Verdruſſes ſeiner gräflichen Gemahlin und ihres ausgeſprochenen Be⸗ ſchluſſes, unter keinen Umſtänden⸗ die Tochter des Schiſſers Martenſon als ihre Sohnsfrau anzuerkennen oder zur Familie zu rechnen, trat Ihr Vater mit Elin die Reiſe nach Deutſchland und Frankreich an.“ „Ueberall ſtellte er ſie als ſeine Schwiegertochter vor und bewies ihr all das Wohlwollen und die Zärtlichkeit, welche eine Tochter von ihrem Vater erwarten kann. Späterhin, wenn Elin daran dachte, hat ſie auch ſeine edelherzigen Bemühungen, ſie mit 253 ihrem bittern Geſchick zu verſöhnen, in ihrem vollen Werthe zu ſchätzen gewußt.“ „Nach der Reiſe durch Deutſchland langten ſie in Paris an. Ein paar Tage nach der Ankunft daſelbſt, als Elin in das Zimmer Ihres Vaters treten wollte, blieb ſie ſtehen, ohne im Stande zu ſein, den Thürvorhang bei Seite zu ſchieben, denn der Laut einer Stimme, die ſie niemals vergeſſen konnte, ſchlug an ihr Ohr. Sie horchte. Sie hörte den alten Grafen mit ſtrengem Ernſte ſagen: „Du glaubſt alſo vollkommen recht gehandelt zu haben, als Du auf ſolche Weiſe das arme Kind öffentlich beſchimpfteſt und den Zorn eines rohen und übermüthigen Vaters auf ſie lenkteſt?““ „Papa,“ antwortete die Stimme ſtolz,„ich war Elin nicht mehr ſchuldig, als was man von mir forderte, nämlich meinen Namen, und dieſen gab ich ihr. Dagegen habe ich meiner Mutter verſprochen, niemals mich ſo tief zu erniedrigen, um Martenfons Tochter als meine Lebensgefährtin anzuerkennen. Ein Verſuch, mich zu überreden, mit dieſer Frau als Ehemann zuſammenzuleben, wäre nutzlos. Ich habe meinen Namen genugſam erniedrigt, als ich ihr denſelben gab; ich will mich ſelbſt nicht noch weiter dadurch erniedrigen, daß ich ſage: Dieß iſt meine Gattin, die Tochter von meines Vaters ehemaligem Schütenführer. Ueberdieß wird Papa wohl zugeben, daß meine Mutter über ihren Sohn ſo viel Recht hat, um fordern zu können, daß er nicht das Ge⸗ lübde, welches er ihr feierlich gegeben hat, breche.“ „Du haſt alſo wirklich im Vorſatz auszuführen und dein gegenwärtiges Verhältniß nicht zu ändern?““ 6. „Selbſt wenn ich verlange, daß Du es thun ſolleſt?“ „Du weißt, Vater, wie gern ich Dich habe, aber ich bin nun ein Mann und kein Jüngling mehr; ich verabſcheue dieſe Verbindung, und ſo beklagens⸗ werth ſie auch ſein mag, ſo iſt mir ſchon die Nen⸗ nung ihres Namens zuwider. Wie wäre es alſo möglich, auch nur den Verſuch zu machen, mit ihr täglich zuſammenzuleben? Verdiene ich wirklich, daß ich mein eigenes Leben, ſammt dem ihrigen, zu einer Hölle mache und, was noch mehr iſt, den Kummer, welchen dieſe Verbindung meiner Mutter verurſacht hat, vergrößere? Iſt dieſes Mädchen wirklich werth, daß ich auf den Segen meiner Mutter verzichte, und daß ſie mich nie mehr Sohn nenne?““ „Du biſt alſo für Dich ſelbſt nicht hochmüthig genug geweſen, ſondern bedurfteſt hiezu auch noch der Unterſtützung deiner Mutter? Ah! ich glaube, lieber Hermann, daß deine Thorheit mit Frau Mar⸗ tenſon uns Alle ſehr theuer zu ſtehen gekommen iſt. Nicht blos der Friede jener Menſchen iſt zerſtört, ſondern auch der in meiner Familie. Deine Mutter wird niemals dieſe deine Verbindung mir verzeihen, und in ihrer Feindſeligkeit hat ſie deinen Abſcheu gegen den Stand des Mädchens noch mehr angefacht.“ „Nicht angefacht, ſie hat blos gethan, was ſie mußte, nämlich geſagt: Die Gräfin Romarhjerta kann Elin Marthnſon nicht zur Schwiegertochter haben, und anem Tage, da meiſ Sohn mir eine 255 ſolche Frau zur Tochter aufdringen will, hat er auf⸗ gehört, mein Kind zu ſein.“ „Wohlan, wir wollen nicht weiter davon reden. Weißt Du, wer mich begleitet und ein paar Zimmer von hier wohnt?“ „Meine Mutter kann es nicht ſein, ihre Geſund⸗ heit geſtattet ihr nicht zu reiſen, und Helfrid iſt es wohl auch nicht?“ „Nein, deine Frau.“ „Vater! Du erkennſt ſie alſo vor der ganzen Welt als deines Sohnes Gattin an?““ „Ja, denn da ſie es iſt, ſo werde ich es wohl thun. Wir ſind ſeit ein paar Monaten in Paris.“ „Ich verlaſſe Paris morgen,“ antwortete Graf Hermann. „Elin hatte genug gehört; ſie ſchlich zermalmt auf ihr Zimmer zurück.“ „Der alte Graf kehrte einen Monat ſpäter nach Schweden zurück, hatte aber Elin bei ſeinem Schwa⸗ ger, dem Grafen Runa gelaſſen, und ſie blieb ein ganzes Jahr in Paris und hätte gewiß noch länger dort verweilt, wäre ſie nicht durch verſchiedene Er⸗ eigniſſe gezwungen worden, Frankreich zu verlaſſen. Der Schmerz hatte in ihrer Seele Bitterkeit zurück⸗ gelaſſen, und ſie begann an allem Guten und Edeln zu ſie an dem Grafen Runa und an Elina Perſonen beſaß, deren edler und er⸗ habener Charatter ſowie ihre Denkart und Zärtlich⸗ keit ſie mit den Menſchen hätte verſöhnen ſollen.“ „Sie war gefühllos für deren Mit dem unverſöhnlichſten Haß im Herzen gegen den Stand, dem ſie angehö ten, blieb ſie kalt und gleich⸗ gültig gegen alle die Beweiſe von Theilnahme, die ſie von ihnen empfing. Sie warf ſich in den Stru⸗ del der Vergnügungen und jagte von einer Zerſtreu⸗ ung zur andern, um mitten in dieſem Taumel allem Denken, Fühlen und Erinnern zu entgehen.“ „Im Laufe des Jahres, da ſie auf ſolche Weiſe Vergeſſenheit Ihrer Qual ſuchte, war mit ihrem ganzen äußern Menſchen eine bedeutende Verände⸗ rung vorgegangen. Das während ihrer Geiſtes⸗ krankheit abgeſchnittene Haar war wieder gewachſen und hatte eine dunkle Farbe angenommen; ihr Teint war ins Weiße, die Augenbrauen waren in tieferes Braun übergegangen; ihr Wuchs hatte ſich ausge⸗ bildet, und man ſagte nunmehr: wie ſchön ſie ge⸗ worden iſt.“ Stephana lächelte wehmüthig, indem ſie hinzu⸗ ſetzte: „Ihr Aeußeres erblühte, während die Seele von Bitterkeit, Kummer und Haß verzehrt wurde. Son⸗ derbare Erſcheinung, welche den Beweis liefert, was für eine Macht die Jugend ausübt, da nicht einmal Leiden wie die ihrigen es vermochten, auf den Kör⸗ per einzuwirken. War Elin beim Beginn ihres Auf⸗ tretens in Paris ihrem Aeußern nach eine unbeach⸗ tete und unanſehnliche Perſon geweſen, ſo wurde ſie im Laufe ſo weniger Monate, als ſie ihr achtzehn⸗ tes Jahr zurückgelegt hatte, ein Gegenſtand der Auf⸗ merkſamkeit, und man konnte nicht begreifen, wie es möglich geweſen, ſie für häßlich zu halten. Sie war ja wirklich ſchön.“ „Eines Abends, am Ende vom März, wohnte ſie einer Vorſtellung in der italieniſchen Oper bei. „ 2 Elina war damals ſchon mit Herrn Wicker verlobt. Er ſang dieſen Abend, ſo daß die liebende Braut eitel Aufmerkſamkeit war.“ „Elin dagegen fühlte ſich dieſen Abend von ihrer innern Qual niedergedrückt, und die Muſik vermochte nicht, die ewig zum Vater und zur Heimath zurück⸗ kehrenden Gedanken zu zerſtreuen. Ihr Blick fiel zufällig, während ihre Seele weit weg war, auf einen jungen Mann, welcher im Parterre ſaß, und deſſen Augen beharrlich auf ſie gerichtet waren.“ „Sein Aeußeres war ſo ungewöhnlich ſchön, daß Elin eine Weile ihn gleichfalls betrachtete. Es lag etwas ſo Intelligentes, Lebensfriſches und Offenes in ſeinen Zügen, daß das Auge unwillkürlich auf ihm weilen mußte; aber bald wandte ſie den Kopf wieder ab, und in wenigen Minuten war er ver⸗ geſſen.“ „Als die Vorſtellung zu Ende war und Flin, nachdem ſie auf den Arm des Grafen Runa geſtützt, ihre Loge verlaſſen hatte, auf die Gallerie hinaus⸗ kam, erblickte ſie den jungen Mann im Geſpräche mit einem hochgewachſenen, ſchwarzgekleideten Herrn, welcher Elin den Rücken kehrte. Im Vorbeigehen ſtreifte ſie ein wenig an ihm an, ſo daß er etwas bei Seite trat und nun Elin das Geſicht zuwendete. Ohne zu wiſſen, was ſie that, ließ Elin den Grafen los, ſtürzte auf den ſchwarzgekleideten Herrn zu, faßte ihn am Arm und rief:„Mein Vater! Er zog ſich zurück und ſagte laut auf Franzöſiſch:. „Dieſe Dame iſt gewiß krank!“— Elin hatte kaum dieſe Worte gehört, ſo fiel ſie beſinnungslos Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. II. 17 um, wurde aber von dem erwähnten jungen Mann noch aufgefangen und in den Wagen hinunter ge⸗ tragen.“ „Einige Tage war Elin die Beute eines wilden Fieberwahnſinns, welcher zuletzt in eine bedenkliche Schwäche überging. Eines Tags meldete ihr der Diener, daß ein Herr Lange ſie zu ſprechen wünſchte. Als ſie in den Salon trat, fand ſie den jungen Mann aus der italieniſchen Oper. Er begrüßte ſie mit einer ungeſuchten Einfachheit, welche ſogleich zu erkennen gab, daß er kein Franzoſe war, was man auch alsbald hörte, da er zu ſprechen anfing.“ „Verzeihen Sie, Frau Gräfin, daß ich Sie ſtöre,“ ſagte er auf Schwediſch,„aber ich habe einen Auf⸗ trag an Sie, welchen ich zu vollziehen verſprochen habe, nämlich von einem Schweden, deſſen Namen ich nicht nennen darf, Ihnen eigenhändig dieſen Brief zu übergeben.“ „Er überreichte Elin einen Brief, worauf er ſich entfernte. Elin zitterte am ganzen Körper; ſie hatte ihres Vaters Handſchrift erkannt. Der Inhalt war nicht lang; er lautete: „Sie werden ſich erinnern, Madame, daß die Gräfin Romarhierta keine Anſprüche an mich beſitzt und das Recht verwirkt hat, mich öffentlich oder privatim Vater zu nennen. Die Fürſprecherin, welche Sie bisher in meiner Frau beſaßen, iſt auch dahin, denn ſie iſt todt, und ich ſtehe ſomit einſam da; aber lieber einſam bleiben, als diejenige Toch⸗ ter nennen, welche einen unvergänglichen Schatten auf meinen ehrlichen Namen geworfen hat. Wenn Ihr Mann vor der Welt erklärt;„Das iſt meine — 259 ℳ Fraus, dann, aber nicht eher, haben Sie das Recht, mich Vater zu nennen. „Wenn Sie dieſe Zeilen erhalten, bin ich abge⸗ reist, um Ihnen und mir eine abermalige Begeg⸗ nung zu erſparen. Pehr Martenſon.“ „An demſelben Tage erhielt Elin die Nachricht von dem Tode Ihres Vaters. Einige Wochen darauf hatte ſie Paris verlaſſen und ſich wieder nach Schwe⸗ den begeben.“ „Bei ihrer Ankunft in Stockholm ſuchte ſie ſogleich ihren väterlichen Freund, den Kapitän Troberg auf. Auch er war todt und ſie ſtand jetzt ganz allein da. „Von ihrer Tante, an welche ſie ſchrieb, erfuhr ſie, daß der Vater in Ljungſtafors ſich aufhielt, aber krank war. Elin reiste ſchnell nach Hilleſta und ſuchte durch die Tante um die Erlaubniß bei dem Vater nach, ihn zu ſehen, aber er antwortete: „Wenn ſie, begleitet von ihrem Mann, als eine achtungswerthe Frau kommt, dann mag ſie über meine Schwelle treten.“ „Elin ſchrieb an den Grafen, bat ihn, ſie blos einige Stunden an ſeiner Seite zu dulden und ihr ſomit Gelegenheit zu verſchaffen, ihren Vater vor deſſen Tod noch zu ſehen und ſeine Verzeihung zu Der Graf ſchickte ihren Brief unerbrochen zurück.“ „Ich!“ rief Hermann und blickte lebhaft auf. „Sie irren ſich, Madame; ich erhielt niemals einen Brief von ihr, weder vor noch nach ihres Vaters Tod. Glauben Sie mir, ſo herzlos ich gegen war, 260 hätte ich doch bei Gott niemals ſo ohne alle Um⸗ ſtände handeln können, um deren Briefe zurückzuſen⸗ den oder auf eine ſolche Aufforderung hin eine Zu⸗ ſammenkunft zu verweigern.“ Stephana richtete ſich auf und betrachtete Her⸗ mann mit einem Ausdruck freudiger Ueberraſchung, indem ſie ſagte: „Sie waren es alſo nicht, der den Brief zurück⸗ ſandte?“ „Nein; auf Ehre und Gewiſſen.“ „Aber Sie hielten ſich damals in Kungsborg auf und dahin hatte Elin den Brief adreſſirt.“ „Wahrſcheinlich kam er an, während ich in Ge⸗ ſchäften zu Kopenhagen war. Als ich von dort zu⸗ rückkam, empfing man mich mit der Nachricht, daß Elins Vater todt ſei.“ „Es war alſo die Gräfin,“ murmelte Stephana und ſenkte den Kopf. „Meine Mutter, welche wußte, daß Elin zu Hilleſta wohnte, hatte wohl aus dem Poſtſtempel geſchloſſen, daß der Brief von ihr kam, und ihn deß⸗ halb zurückgeſchickt.“ Stephana ſaß eine Weile ſchweigend da, den Kopf auf die Hand geſtützt, wie in Gedanken ver⸗ ſunken. Es dauerte nicht lang, ſo nahm ſie wieder das Wort, jedoch ohne ihre Haltung zu verändern. „Getrieben von ihrer Verzweiflung bei dem Ge⸗ danken, der Vater könnte ſterben, ohne daß ſie ihn gefehen oder ſeine Verzeihung erhalten hätte, und des Geſprächs ſich erinnernd, welches ſie zwiſchen dem alten Grafen und Ihnen gehört hatte, wobei Sie äußerten, Ihre Mutter habe von Ihnen ver⸗ 261 langt, Elin niemals als Ihre Gattin anzuerkennen, reiste ſie ſofort nach Kungsborg und kam an einem ſtürmiſchen, rauhen Novemberabend daſelbſt an.“ „Ohne ihren Namen zu nennen, äußerte ſie den Wunſch, mit der Gräfin zu ſprechen, und wurde nach einigem Warten in daſſelbe Zimmer eingeführt, wel⸗ ches ſpäter der Gräfin, als ſie nach dem Brand von Furuhof hieherzog, als Schlafzimmer diente. Hier traf ſie die Gräfin. Eine Lampe brannte auf dem Tiſch und warf ihren matten Schein auf Ihrer Mut⸗ ter ſchönes, ſtolzes Angeſicht.“ „Ich will Ihnen die Schilderung der Scene, welche erfolgte, als Elin ihren Namen nannte, er⸗ ſparen. Ich will nicht alle die harten, ehrenrührigen Anklagen wiederholen, welche Ihre Mutter gegen Elin ſchleuderte; Nichts von der Verachtung reden, womit ſie dieſelbe behandelte, von dem Haß, welchen ihre Worte athmeten.“ „Zermalmt und verzweifelnd vor Schmerz, nie⸗ dergedrückt unter der Laſt ſo vieler Ungerechtigkeit, hörte Elin ſie an; und als dieſelbe geſchloſſen hatte, da warf ſich die junge Frau ihr zu Füßen und flehte ſie an, nur ein gutes Wort bei dem Grafen einzu⸗ legen, daß er ihr ein paar Stunden ſeines Lebens ſchenken, und ſie ſomit in den Stand ſetzen möchte, ihren Vater zu ſehen; aber Ihre Mutter hatte kein Mitleid mit dem armen Kinde, ſondern wies deren Thränen und Bitten mit Hohn und Verachtung ab und verließ ſie mit den Worten: „Auch nicht eine Stunde ſoll mein Sohn Sie ſeine Gattin nennen und niemals ſollen Sie von mir den Namen einer Tochter erhalten. Verlaſſen weder war, noch ſein wollte?“ 262 Sie darum dieſes Haus und verlieren Sie kein Wort, keine Bitte mehr an mich; ich werde Ihren Ehrgeiz, ſich vor der Welt als ein Glied unſerer Familie betrachtet zu ſehen, niemals befriedigen. Sie ſind ein Fremdling für mich. Sie ſind ein Feind meines Friedens und der Ehre meiner Fami⸗ lie, und wir können nicht eine Nacht unter demſelben Dache weilen. Ich hoffe darum, daß Sie ſogleich wieder verlaſſen, ſonſt müßte ich es thun.“ „Elin reiste mit dem Tod im Herzen ab, denn ein einziges, unendliches Gefühl vvn Haß und Ab⸗ ſcheu erfüllte ihre Seele.“ „Vierzehn Tage ſpäter ging Elins Vater mit Tod ab, ohne ſeine Tochter vor ſich gelaſſen zu ha⸗ ben. Dennoch hatte er in ſeiner letzten Stunde das Teſtament zerriſſen, welches in geſunden Tagen, zum Zwecke, Elin zu enterben, von ihm aufgeſetzt worden war. Dieſe letzte Handlung im Augenblick des Todes ſchien zu beweiſen, daß er ihr verziehen hatte.“ Stephana ſchwieg. „Dieß war damals, als ſie in einem Schreiben mich aufforderte, nach dem Recht des Geſetzes die Verwaltung des bedeutenden Vermögens zu über⸗ nehmen.“ „Ja, und Sie beantworteten dieſes Schreiben mit Zuſendung eines in geſetzlicher Form abgefaßten Dokumentes, worin Sie allen Anſprüchen auf daſſelbe — entſagten und Elin volle Freiheit einräumten, es ſelbſt zu verwalten.“ „Konnte ich anders handeln, da ich deren Mann 263 „Nein. Auch war dieß ein Zug von Ihnen, der.. Stephana lächelte wehmüthig—„ſeine Wirkung auf Elin nicht verfehlte, obſchon ſie glaubte, ihre Liebe zu Ihnen habe an den Klippen des Lei⸗ dens und der Demüthigung völlig Schiffbruch gelit⸗ ten. Sie irrte ſich; unter dem Abſcheu, der Bitter⸗ keit und dem Haß in ihrer Seele lag noch ein an⸗ deres Gefühl und glühte mit unverminderter Wärme und ſollte eines Tags in ſeiner ganzen Stärke zu einer Flamme auflodern, die alle andern Empfin⸗ dungen erſtickte.“ „Als Elin mit Hülfe von Rechtsgelehrten ihre Affairen geordnet hatte und auch die herzensgute Tante durch den Tod ſich entriſſen ſah, beſchloß ſie nach Paris zurückzukehren, was ſie auch that.“ 3 „Elina war mit Wicker verheirathet und ſo glücklich, daß ſie nicht einmal durch den Gedanken, von ihrer Mutter verſtoßen zu ſein, ſich niederbeu⸗ gen ließ.“ „Meine Freundſchaft für Elin datirt aus jener Zeit. Sie machte mit mir eine Reiſe nach Amerika, und während ihres Aufenthalts in meiner Heimath wurde ich ihre Vertraute, und ſchon damals faßte ich den Entſchluß, dieſelbe eines Tags mit dem er⸗ littenen Unrecht auszuſöhnen und für deren Glück zu wirken.“ „Damit iſt Elin's Geſchichte geſchloſſen. Jetzt nicht ein Wort mehr von ihr Spricht nicht deren Leiden zu Ihrem Herzen, und ſagt Ihnen nicht Ihr Gewiſſen, wie Sie handeln müſſen, ſo bleibt auch jede Bemühung von meiner Seite fruchtlos.“ „Sieh da,“ ſetzte ſie hinzu, als der Thürvor⸗ 264 hang zur Seite geſchoben wurde,„da haben wir Lord Charter und Jacobo.“ Stephana reichte dem Lord die rechte, Jacobo die linke Hand, indem ſie in ihrem gewohnten herz⸗ lichen Ton bemerkte: „Ei, meine Herren, Sie haben es nicht mit einan⸗ der ausgehalten, da Sie nicht den ganzen Abend zu Akersnäs geblieben ſind?“ „Unmöglich, Madame,“ antwortete der Lord, in⸗ dem er ſich auf den Sopha neben Stephana ſetzte. „Wie wollen Sie, daß man es getrennt von Ihnen aushalte, wenn es Einem frei ſteht, Ihre Geſell⸗ ſchaft zu genießen?“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Mylord; Ihre Worte 2 Treuloſigkeit. Gedenken Sie Ihrer firen Idee.“ „Ich brauche deren nicht zu gedenken, denn ich werde beſtändig daran erinnert, was mich indeſſen nicht hindert, in Ihnen die liebenswürdigſte Dame zu finden, welche ich kenne.“ Der Graf hatte ſich erhoben und wechſelte, in einiger Entfernung ſtehend, ein paar Worte mit Jacobo.— Da Stephana und der Lord engliſch redeten— eine Sprache, deren Hermann nicht mächtig war, ſo konnte er an der Unterhaltung nicht Theil nehmen, ſelbſt wenn ſie ſich um einen andern Ge⸗ genſtand gedreht hätte. „Wenn ich die liebenswürdigſte Dame bin, was iſt dann ſie?“ „Die launenhafteſte, meine Gnädige.“ „Sie ſind ein Original.“ 1 265 „Möglich, der Fehler iſt nicht mein, wenn es ſich ſo verhält.“ „Wenn ſie nicht liebenswürdig iſt, wie geſchieht es dann, daß Sie dieſelbe lieben?“ „Es iſt gerade die Menge ihrer Launen, ihre Unbeſtändigkeit, was mich feſſelt. Selbſt von träger Gemüthsart, unvermögend, mich aus meiner ange⸗ bornen Lethargie emporzuraffen, muß ich ein Weſen an meiner Seite haben, welches mich beunruhigt, reizt und plagt. Dadurch werde ich gleichſam zu Leben und Empfindung erweckt, ohne mich unter eine ſo gewaltige Leidenſchaft beugen zu müſſen, wie diejenige, welche Sie in mir anzufachen im Begriff ſtanden.“ „Und welche acht Tage dauerte,“ bemerkte Ste⸗ phana lachend. „Acht Jahrhunderte, Madame, und hätte ſie noch eine Woche gedauert, ſo hätte ich mir gewiß eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen.“ „Sie thaten etwas Klügeres.“ „Ja, ich reiste nach Frankreich und begann wie⸗ der meinem Plagegeiſt zu folgen, welcher mich wäh⸗ der Ewigkeit jener endloſen acht Tage verlaſſen atte.“ 3 Der Lord fuhr ſich mit dem Taſchentuch über die Stirne und ſetzte mit einem beinahe komiſchen Ernſte hinzu: „Sie ſind eine furchtbare Frau; habe ich nicht Recht, Herr Graf?“ rief er auf Franzöſiſch. „Worin?“ „Daß Mrs. Stephenſen zu der Zahl der Frauen 266 gehört, vor deren Begegnung man Gott bitten muß uns zu bewahren.“ „Das gebe ich nicht zu; im Gegentheil, man iſt dem Schickſal für ein ſolches Glück Dank ſchuldig,“ antwortete der Graf. Der Lord warf ſich in den Sopha zurück und bemerkte phlegmatiſch: „Graf, Sie haben gewiß kaltes Blut in Ihren Adern. Als ich zum erſten Mal Miſtreß Stephen⸗ ſen ſah, dachte ich: Gott bewahre mich, eine ſolche Frau zur Gattin zu bekommen.“ „Mylord,“ ſagte Stephana lächelnd,„Sie ſind nicht ſehr artig.“ „Artig, Miſtreß! Ich rede die Wahrheit. Wären Sie meine Gattin geworden, ſo hätten Sie mich zu einem Rarren gemacht.“ Der Lord ſprach mit einem ſolchen Ausdruck un⸗ erſchütterlichen Ernſtes, daß Stephana, Jacobo und der Graf lachen mußten, ſo wenig Hermann auch zur Heiterkeit aufgelegt war. „Sie machen mich ja zu einem ordentlichen Un⸗ geheuer,“ ſagte Stephana. „Ganz und gar nicht. Sie ſind ja ein Engel, und darin liegt das Unglück. Denken Sie nur, wie wahnſinnig man ſein müßte, einen Engel zu lieben. Es gibt keine menſchliche Geiſteskraft, welche dieß aushalten könnte; es würde damit enden, daß man den Verſtand verlöre.“ Alle lachten. Helfrid und Jane traten jetzt auch ein, und bald nach ihnen erſchien Elin. Sie war ſehr bleich und ſah leidend aus. So hatte Hermann ſie noch nie geſehen. 267 Der Lord ging ihr entgegen und ſagte mit aller Ruhe: „Sie haben Migräne gehabt?“ „Ja,“ antwortete Elin und begrüßte mit einer Neigung des Hauptes den Grafen und Jacobo. „Und wie befinden Sie ſich jetzt?“ fragte Hermann. Es war das erſte Mal, daß er Elin direct an⸗ redete. Sie wechſelte die Farbe und ſah zu ihm auf. Er ſtand auf die Lehne der Cauſeuſe geſtützt, wo ſie Platz genommen hatte. „Das Kopfweh iſt jetzt vorüber, und ich befinde mich wohl,“ antwortete Elin mit einem milden Lä⸗ cheln.„Sie und Stephana haben den Abend allein mit einander zugebracht, glaube ich?“ fragte ſie. „Ja, und was halten Sie davon, Frau Gräfin,“ fiel der Lord ein, indem er neben Elin ſich nieder⸗ ſetzte,„und dennoch hat der Graf den Verſtand dabei behalten!“ „Etwas, das mit Ihnen nicht geſchehen wäre, Mylord, wenn Sie ſich an der Stelle des Grafen befunden hätten.“ „Darin haben Sie Recht, Gräfin. Sie erin⸗ nern ſich wohl noch, wie ſchlimm es in Barthen mit mir ſtand.“ „Das würde nur beweiſen, daß Sie einen ſchwa⸗ chen Verſtand haben.“ „Ganz und gar nicht, ſondern bloß, daß das Blut des Grafen nicht Blut, ſondern Waſſer iſt, ſo wie, daß Miſtreß Stephenſen eine unwiderſtehliche, ſchöne und einnehmende Dame iſt, welche ſelbſt die Gefühle eines Briten zum Ueberſprudeln bringen kann.“ Der Lord ſpielte mit ſeiner Lorgnette, und Her⸗ maun bemerkte, wie Elin mißvergnügt und mit un⸗ ruhigem Stirnrunzeln die Farbe wechſelte. „Servirt!“ ertönte es von der Thüre her, und man begab ſich in den Speiſeſaal. XXV. Der folgende Morgen war ein klarer und kalter Oktobertag. Es hatte in der Nacht gefroren, ſo daß die Wege trocken und mit einem leichten Anflug von Reif belegt waren. Am Fuß der Treppe von Kungsborg hielt ein Diener zwei geſattelte Pferde. Stephana und Jacobo traten heraus. Gerade als der letztere Stephana in den Sattel geholfen hatte, kam der Graf von dem Seitenflügel und fragte, nachdem er gegrüßt hatte: „Wohin wollen die Herrſchaften ſo früh ſich be⸗ geben?“ „Nach dem Pfarrhofe, wegen des Armenhauſes, das errichtet werden ſoll.“ „Dann reiten Sie nicht auf der Landſtraße hin,“ ſagte der Graf, es wird dort eine Brücke gebaut, ſondern nehmen Sie den Weg über den Wald, ſonſt kommen Sie nicht an Ort und Stelle.“ Er nahm den Hut ab und trat bei Seite. Es war wirklich etwas Schönes, Stephana und Jacobo zu Pferde neben einander zu ſehen. Sie beſaßen beide eine ſo ungewöhnliche Anmuth, daß das Auge mit unwiderſtehlicher Macht gefeſſelt 269 wurde, und man einen unauslöſchlichen Eindruck da⸗ von bekam. „Er iſt ungewöhnlich hübſch, und ſie iſt ſchön,“ ſ Hermann und ging ſeufzend nach dem Stall inab. Jacobo und Stephana ritten in friſchem Trab die Allee hinab; am Ende derſelben bogen ſie in den Wald ein. „Wohin hat der Lord heute ſich gewendet?“ fragte Stephana.„Ich hörte von Eklund, daß er ſchon ausgeritten ſei.“ „Er und der Rittmeiſter D. haben ſich auf die Jagd begeben. Der Rittmeiſter holte ihn hier ab. Run, haſt Du geſehen, Stephana, welche Wirkung die Worte des Lords auf Elin hervorbrachten?“ „Allerdings.“ „Es leuchtete ihr Neid daraus hervor.“ „Jacobo, wir ſind alle neidiſch, wenn wir lieben.“ „Beſte Stephana, ſprich nicht in einem Athem von Liebe und Elin.“* „Und warum nicht, oder welchen Namen willſt Du ihrem Gefühl für den Mann geben?“ „Leidenſchaft, Phantaſie oder was Du willſt, nur nicht Liebe. Erinnere Dich der Worte Bulwers: Es gibt nur eine Liebe, aber viele Kopien derſelben.⸗ — Elins Herz kann nur kopiren. Es gibt nichts Tiefes und nichts Beſtändiges in ihrem Gemüth. Sie gleicht einem Irrlicht.“ Stephana und Jacobo waren jetzt an eine Stelle gekommen, wo der Waldweg ſo ſchmal wurde, daß ſie nicht neben einander reiten konnten, weßhalb Ja⸗ cobo ſein Pferd anhielt und Stephana einige Schritte vorausließ. Das Geſpräch wurde dadurch unterbrochen. Plötz⸗ lich hörte man heftiges Hundegebell in dem Wald, das immer näher kam. „Das ſieht aus, als ob die Herren hier der Jagd oblägen,“ bemerkte Stephhana zu Jacobo gewendet. In demſelben Augenblick ſprang ein Fuchs, von einer Koppel Hunde verfolgt, vor den Reitern quer über den Weg. Gleich darauf knallte ein Schuß, Stephana's Pferd ſtürzte, und Jacobo war, einen Angſtſchrei ausſtoßend, mit einem Sprung aus dem Sattel und auf dem Boden an Stephana's Seite. Bei dem Sturze des Pferdes war Stephana un⸗ ter daſſelbe zu liegen gekommen und hatte in Folge der Contuſion und der Laſt des Thieres die Be⸗ ſinnung verloren. Lord Charter, welcher den Schuß gethan hatte, war bei Jacobo's Ruf herbeigeeilt und half ihm mit der ganzen Geiſtesgegenwart eines Briten Ste⸗ phana von der Laſt des Pferdes zu befreien. Eine Weile hernach ritt Jacobo nach Kungsborg zurück, die beſinnungsloſe Stephana vor ſich auf dem Sattel haltend. Der Lord begab ſich zu dem in der Nähe wohnenden Arzte. Auf Kungsborg entſtand großer Aufruhr, als Stephana leblos heimkam. Elin, Helfrid und Jane beeilten ſich wetteifernd, ihr alle mögliche Pflege an⸗ gedeihen zu laſſen, aber es ſah wirklich aus, als ob das Leben völlig entflohen wäre. Hermann war ausgeritten. Da der Doktor lange ausblieb und Stephana's 271 Beſinnungsloſigkeit trotz allem, was man verſuchte, noch fortdauerte, ſo ergriff Jacobo ihren Arm, trennte den Aermel auf und öffnete ihr mit ſeinem Feder⸗ meſſer eine Ader. Helfrid hielt den Arm, und als Jacobo mit dem feinen Stahl die Ader aufrizte, murden beide von dem hellen Blutſtrahl beſpritzt. „Gott ſei gelobt!“ rief Jacobo und legte ſeine Hand auf Stephana's Herz. Ein ſchwacher, mühſam hervorgeſtoßener Seufzer gab zu erkennen, doß das Leben zurückkehrte, und der Schlag des Herzens wurde allmälig immer fühlbarer. Als der Athem etwas freier wurde, legte Jacobo einen Verband an und beugte ſich über ſie, um zu erfahren, wie ſie ſich befände. „Wie iſt Dir, geliebte Stephana?“ flüſterte er ängſtlich. „Schlecht, mein Liebling,“ erwiederte ſie leiſe. Helfrid hatte die beinahe lautloſen Schmeichel⸗ worte gehört und zuckte zuſammen, als ob ſie von einem ſcharfen Stahl getroffen worden wäre. Wieder kam ihr der Gedanke:„Jacobo liebt ſie.“ Der Doctor erſchien und Stephana wurde in ihr Schlafzimmer gebracht. Jacobo ſah jetzt erſt auf Helfrid und rief: „Mein Gott! Sie ſind blutig.“ Er war ſo ganz und gar mit Stephana be⸗ ſchäftigt geweſen, daß er nicht darauf Acht gegeben hatte, wer neben ihm ſtand, als er die Ader öffnete. „Es hat Nichts zu ſagen, es iſt ihr Blut. Ihre Stirne trägt auch die Spuren davon.“ 272 Jocobo warf ſich mit einer Miene heftiger Un⸗ ruhe in einen Fauteuil. Er war ſehr bleich und ſah leidend aus. Helfrid betrachte ihn eine Weile ſchweigend. Ein qualvolles Gefühl beſchlich ſie, als es ihr klar wurde, wie ausſchließlich ſeine Gedanken an Stephana ge⸗ feſſelt waren. Es enſtand eine Pauſe. Plötzlich äußerte Jacobo, als ſein Blick wieder auf Helfrid fiel, welche mit ihrem Taſchentuch die Blutflecken von ihren Händen wiſchte: „Geben Sie mir Ihr Taſchentuch, Fräulein Helfrid.“ „Gern; aber es iſt mit Blut befleckt,“ erwiederte Helfrid, indem ſie ihm das Taſchentuch reichte. Er fuhr ſich damit über die Stirne und ſagte dann: „Darf ich es behalten?“ Die Stimme war beinahe weich; aber der Blick hatte denſelben unruhigen Ausdruck. „Ja, es iſt mit ihrem Blut gefärbt und muß Ihnen deßhalb theuer ſein,“ ſagte Helfrid bedeutungs⸗ voll. Behalten Sie es.“ „Ja, mir theuer, Sie haben Recht. Das Blut iſt von Stephana, das Taſchentuch von Ihnen, und darum verberge ich es hier.“ Er ſteckte es unter die Weſte auf der linken Seite. Darauf erhob er ſich und trat an das Fenſter. In dieſem Augenblick trat Hermann ein. Er hatte bei ſeiner Heimkehr von dem Unglücksfall Kunde erhalten. „Was ſagt der Doktor?“ fragte er mit ſo ver⸗ 273 ſtörter Miene, daß man deutlich die Alles überwie⸗ gende Angſt darin leſen konnte. „Er iſt noch bei ihr drinnen,“ antwortete Hel⸗ frid. Hermann warf ſich auf den Sopha und Hel⸗ frid dachte: „Das ſieht aus, als ob Beider Leben auf Ste⸗ phana beruhte.„Ach, ſie iſt ja auch ein Engel.“ Jetzt erſchien der Doktor, welcher, mit Fragen beſtürmt, zur Antwort gab: „Wir wollen hoffen, daß Frau Stephenſen dieſen Unfall glücklich durchmacht, obwohl die Lunge dabei ſchwer verletzt worden iſt.“ Einige Tage allgemeiner Unruhe und Angſt ver⸗ gingen. Helfrid hielt getreulich an Stephana's Bett aus und pflegte ſie wie die zärtlichſte Schweſter. Elin weinte, rang die Hände und war außer ſich. Jacobo's ganze Seele ſchien bei der Kranken zu ſein, und Hermann verbrachte die größte Zeit des Tages in dem kleinen Salon, um von denen, welche aus⸗ und eingingen, eine Nachricht zu erhaſchen. Der Lord hatte ſich in ſein Zimmer mit einer geladenen Piſtole eingeſchloſſen, feſt entſchloſſen, wenn Miſtreß Stephenſen durch ſeine Schuld ſtürbe, ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. In der dritten Nacht ſaßen Helfrid und eine von Stephana's Kammermädchen in deren Zimmer. Hel⸗ frid lauſchte mit Freude und Hoffnung auf den un⸗ gewöhnlich freien Athemzug, denn der Arzt hatte S er fände Stephana um ein Bedeutendes eſſer. Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. II. 18 274 Die Zofe war, auf den Rand des Bettes geſtützt, eingeſchlafen, und ringsum herrſchte eine tiefe Stille. Da fiel es Helfrid plötzlich ein, daß ſie ſich in Gunilla's Schlafzimmer befänden, und da die Uhr eben zwölf ſchlug, wandelte Helfrid Etwas wie ein leichter Schauder an. Alle jene unheimlichen Ge⸗ ſchichten, welche ſie in den Kinderjahren von dieſem Zimmer gehört, tauchten vor ihrer Phantaſie auf. Plötzlich klopfte es dreimal leiſe an die Thüre. Helfrid fuhr auf und war in einem Augenblick an der Seite der ſchlafenden Zofe. Hier blieb ſie ſtehen und ſtarrte nach der Thüre. Alles blieb ſtill; Helfrid hatte ſich wieder etwas beruhigt und war eben im Begriff, nachzuſehen, wer es wäre, als es wieder klopfte, und dießmal ſtärker. Jetzt ging Helfrid und öffnete. Vor ihr ſtand — nicht die Gräfin Gunilla— ſondern Hermann. Helfrid trat hinaus. „Schläft das Mädchen?“ fragte Hermann. „Ja! Aber was in Gottes Namen willſt Du zu dieſer Zeit hier?“ „Helfrid, ich will Stephana ſehen.“ „Was begehrſt Du?“ „Daß Du mich eine Minute ſie ſehen läſſeſt.“ Als Helfrid noch zögerte, ergriff er ihre beiden Föt und ſagte in einem eigenthümlich flehenden one „Helfrid, ich verlange blos, ſie eine Sekunde zu ſehen, um leben zu können.“ „Hermann, Du liebſt ſie,“ flüſterte Helfrid, vei nahe todesbleich. „Ich liebe ſie!“ wiederholte Hermann langſam, 275 ſchob Helfrid bei Seite und trat leiſe in das Zimmer. Er ging bis an das Bett und betrachtete Ste⸗ phana einen Augenblick. Gerade in dieſem Moment ſchlug ſie die Au⸗ gen auf. „Hermann!“ flüſterte ſie mit einem matten Lächeln. „Stephana!“ ſtammelte Hermann, und neigte ſich zu ihr. Sie reichte ihm die Hand und ſetzte ruhig hinzu: „Ich glaubte, ich würde ſterben, und wünſchte, Sie vorher noch einmal zu ſehen. Ich danke Ihnen alſo, daß Sie kommen. Ich werde beſſer werden und geneſen, nun ich Sie geſehen.“ „O Stephana, dieſe Ihre Worte machen mich k. vergeſſen, was ich in dieſen Tagen gelitten abe.“ „Gehen Sie nun,“ bat Stephana; aber da Her⸗ mann zögerte und ſie mit einem Blick betrachtete, welcher bewies, daß er nicht Willens ſchien, ſich ſo⸗ gleich zu entfernen, ſo ſetzte ſie mit dem ihr eigen⸗ thümlichen ruhigen und ernſten Ausdruck nur die Worte hinzu: „Sir Edward.“ Hermann zuckte zuſammen, drückte ihre Hände und verließ ſchweigend das Zimmer. XXVI. Einige Tage darauf lag Stephana, in ein leich⸗ tes Morgengewand gekleidet, auf einem Sh 8 Jacobo kniete neben dem Sopha und hielt Ste⸗ phana's Hände in die ſeinigen geſchloſſen. „Es iſt mir unmöglich, Stephana, auch nur zu verſuchen, mein Herz an irgend eine Frau zu feſſeln, und jede derartige Bemühung von meiner Seite wäre unmächtig, denn die Erinnerung an das, was ich gelitten, ſteht noch friſch vor meiner Seele. Nimm' hiezu, daß mein Glaube an dein Geſchlecht bedeu⸗ tend erſchüttert worden iſt, ſo mußt Du begreifen, daß ich weder Wunſch, noch Willen habe, Erfatz für das Paradies, das ich verlor, zu ſuchen.“ „Aber, Jacobo, mit deinem Gemüth und deinem Charakter iſt und bleibt es unmöglich, einſam dazu⸗ ſtehen. Du brauchſt Etwas, wofür dein idealer Menſch ſchwärmen kann. Du bedarfſt einer Häus⸗ lichkeit, eines Herzens, an welches Du Dich in ſchwa⸗ chen Augenblicken anlehnen kannſt, und wo ſollteſt Du dieſes finden, als in der Bruſt einer Gattin? Darum, mein Liebling, mußt Du Dir ein Weſen ſuchen, an welches Du dein Leben heften kannſt, und welches liebend und mild an deiner Seite ſteht. „Wahr, daß ich es früher bedurfte; jetzt—“ Jacobo drückte ſeine Stirne auf Stephana's Hände —„jetzt, wo ſollte ich eine Frau finden, die mich verſtände, die zu ſchätzen wüßte, was Edles und Rei⸗ nes an mir iſt?“ „Fragſt Du noch, wo?“ „Helfrid.“ „Ich erwartete dieſen Namen. Vielleicht würde ich ſie geliebt haben, wenn ich früher nie geliebt, oder wenn ich nie....“ 277 Jacobo lächelte. „Nun, warum fährſt Du nicht fort?“ „Siehſt Du, Stephana, wenn ich niemals Dich gekannt hätte, ſondern blos an Fliſe gekettet gewe⸗ ſen wäre, dann wäre möglicher Weiſe Helfrid mei⸗ ner Ruhe bedrohlich geworden, denn ihre ruhige, oft beinahe kalte, ſtets anſpruchsloſe und ungeſuchte Art und Weiſe hätte mich in Gefahr verſetzt, wenn nicht dein Bild an meiner Seite geſtanden und die Wunde in meinem Herzen noch friſch geweſen wäre. Nun kann Helfrid nichts Anderes, als eine liebe Schwe⸗ ſter für mich ſein, ein Kind, welches ich leiten und erziehen möchte, deſſen Geiſt ich ſo zu entwickeln wünſchte, daß er zu einer ebenſo hohen Stufe der Ausbildung gelangte, wie der deinige. Aber die Frau, mit welcher ich jetzt mein Schickſal vereini⸗ gen könnte, muß mir gleich und nicht ein Kind ſei⸗ nem intellektuellen Weſen nach ſein. Der Traum, an meiner Seite ein holdes, liebliches Kind zu ſehen, iſt verſchwunden, und ich will in meiner Frau meine beſte Freundin haben. Dazu findet ſich aber zwiſchen mir und Helfrid noch nicht die genügende Ueberein⸗ ſtimmung. RNein, die einzige Frau, an der ich nach dem auf der Gefühle Ocean erlittenen Schiffbruch mit unbegrenzter Ergebenheit hängen kann und hänge, iſt Stephana.“ „Aber ich kann nicht werden, was Du rauchſ.“ „Ich weiß es, und darum, meine Freundin, bleibt Jacobo allein,“ antwortete Jacobo, indem er ſich er⸗ hob.„Ueberdieß liegen zwiſchen mir und Helfrid die Vorurtheile des Hochmuths, ihrer⸗ wie meiner⸗ ſeits. Meine Braut wurde nicht Stephana, wurde 278 nicht Eliſe. Nun wohl, ich habe mir darum eine andere geſucht, und dieſe heißt Arbeit.“ Jacobo küßte Stephana auf die Stirne, indem er hinzuſetzte:„mein Herz wird ſeiner erſten Flamme getreu verbleiben.“ „Und dieſe bleibt deine treueſte Freundin.“ „Dank! Weißt Du, Stephana, daß ich oft mich frage, warum das Schickſal es nicht ſo gefügt hat, daß wir, Du und ich, ein Paar wurden?“ „Wahrſcheinlich deßwegen, weil wir allzu wohl zuſammengepaßt hätten, und in dem Verhältniß der Menſchen zu einander treffen wir höchſt kten eine vollſtändige Harmonie.“ „Es ſollte aber dennoch eine ſolche herrſchen, wenn wir bedenken, wie vollkommen ſie in der ganzen Schöpfung iſt. „Und warum hier? Deßhalb, weil die Schöpfung ein Werk Gottes iſt, aber die menſchlichen Verbin⸗ dungen ein Produkt des Menſchen ſelbſt ſind.“ „Wahr; und darum denke ich: da ich die nicht fand, welche zu mir paßte, ſo will ich auch gar keine haben.“ „So denke auch ich,“ flüſterte Helfrid, welche an den Thürpfoſten des Salons gelehnt ſtand und durch die Gardine verborgen war, bei ſich ſelbſt. Sie hatte das Geſpräch gehört. Ueber die blei⸗ chen Wangen des ſtolzen Mädchens ſchlichen ein paar Thränen— der hoffnungsloſen Liebe bittere Thränen. 279 XXvn. Einige Tage darauf erfolgte eine Einladung von der Freiherrin T. Dieſelbe war krank geweſen und wollte nun zur ſe ihrer Wiedergeneſung ihre Freunde um ſich ehen. Stephana fühlte ſich noch allzu ſchwach, um ei⸗ nen ſolchen Ausflug zu wagen, beſonders da der Arzt ihr Ruhe und Stille vorgeſchrieben hatte. Die Uebrigen, welche keinen annehmbaren Grund zu einer abſchlägigen Antwort hatten, verſprachen, ſich einzufinden. Nicht lange, nachdem der Bote der Freiherrin mit der Antwort abgefertigt war, trat Hermann bei Stephana, welche auf einem Sopha in ihrem Bou⸗ doir ruhte, ein.. „Gehen Sie heute zu der Freiherrin?“ fragte er. „Nein, ich bleibe daheim.“ „Wollen Sie mir dieſen Nachmittag ſchenken?“ „Gern, aber warum bleiben Sie von der Frei⸗ herrin weg? Man wird Sie dort vermiſſen.“ „Erlauben Sie mir, dieß zu bezweifeln. Und wenn dem auch ſo wäre, ſo iſt es mir unmöglich, heute mich dort einzufinden. Auch ich habe eine Erzählung mitzutheilen, und dann, Madame, wird nein Schickſal ſich entſcheiden.“ „Ich habe, Herr Graf auf dieſe Ihre Erzählung gewartet. Ich wußte, daß Sie mir eine ſolche mit⸗ theilen würden. Sie ſind mir heute Nachmittag willkommen.“ † 280 Hermann ging, aber ſogleich darauf trat Elin ein. Sie warf ſich neben Stephana auf die Kniee nieder, faßte ihre beiden Hände und legte ſie ſich auf das Haupt, indem ſie ſagte: „Stephana, wann?“ „Schon morgen,“ antwortete Stephana und ſtrich mit ihren Händen über Elins glänzendes Haar. „Ich hatte ſchon voraus den morgenden Tag be⸗ ſtimmt.“ „Wann wirſt Du mit ihm ſprechen?“ „Heute Nachmittag.“ „Nun wohl, ſo höre. Ich reiſe morgen nach der Hauptſtadt. Ich habe Lord Charter mein Wort gegeben, mit ſeiner Mutter in Stockholm zuſammen⸗ zutreffen. Jetzt beſchloß ich, mit einigen Worten Hermann zu unterrichten, daß er über ſein und Elins Geſchick entſcheiden könne, denn davon wird es ab⸗ hängen, ob ich von Stockholm direkt mich nach Eng⸗ land begebe, oder hieher zurückkehre. Schlag eilf Uhr habe ich mir vorgenommen, abzureiſen. Gott Sbe daß „Elin, ich fühle hier,“ ſagte Stephana, ihre Hand auf's Herz legend,„daß er meinen Glauben an ſeine Ehre und ſein Pflichtgefühl nicht täuſchen wird.“ „Und dieſes Herz betrügt ſich ſelten, das weiß ich. Er findet dann beide Gattin und Schweſter.“ „Die letztere wird de Lohn für die erſtere.— Wie lang gedenkſt Du ahen zu bleiben?“ „Einige Wochen.“ Stephana begann von andern Dingen zu reden. Eine Stunde ſpäter, als Alle zu der Freiherrin abgegangen waren, trat Hermann bei Stephana ein. 281 „Willkommen, Herr Graf; ich habe ſchon eine ganze Stunde auf Sie gewartet.“ „Entſchuldigen Sie, dieß kommt daher, daß ich mir ſelbſt wie ein Menſch vorkam, der in einen Streit auszieht, worin er, wie ſein Gefühl ihm ſagt, unterliegen wird.“ „Ach, Herr Graf, Sie werden mich doch nicht als Ihre Feindin betrachten,“ lächelte Stephana. „Ich habe mich ſelbſt für Ihre Freundin, Ihre Bundesgenoſſin gehalten.“ „Sie ſind eine Bundesgenoſſin alles Rechten und Guten, aber eine Feindin meines Glücks.“ „Ich glaube nicht, daß man von dem Rechten und Guten abweichen und hernach glücklich ſein kann; darum, Herr Graf, bin ich auch die Bundes⸗ genoſſin Ihres Glückes.“ „Madame, nennen Sie nicht das Glück und mich in einem Augenblick zuſammen,“ erwiederte Graf Hermann in einem bittern Lächeln und ſetzte ſich in einen Fauteuil neben Stephana.„Sie er⸗ zählten mir Elins Geſchichte und Leiden. Ich will Sie nun meinerſeits einen Blick in meine Seele werfen laſſen, und hernach mögen Sie die Größe des Opfers beurtheilen, welches ich bringe, indem ich mein und Elins Geſchick wieder zuſammenknüpfe. Sie hat heute mich ſchriftlich davon unterrichtet, daß ſie morgen von Kungsborg abreist, und daß es von mir abhängen wird, ob ſie es für immer verläßt, weil— ſo lauten ihre Worte— ſie, wenn ich noch einmal die Gattin verſtoße, die mich zwölf Jahre geliebt hat, Schweden auf immer verlaſſen wird. Sie reist, wie Ihnen wahrſcheinlich bekannt iſt, morgen Schlag eilf Uhr ab, und habe ich nicht bis dahin mich entſchloſſen, ſo iſt jede Ausſicht, was ich verbrochen habe, wieder gut zu machen, verwirkt.“ „Und Sie beabſichtigen?“ „Elin alle die Genugthuung zu geben, die in meinen Kräften ſteht. Haben Sie daran gezweifelt, wie ich handeln werde, nachdem ich Alles hörte, was die Arme durch mich gelitten?“ „Graf Hermann, ich habe keinen Augenblick ge⸗ zweifelt, daß in Ihrer Bruſt ein edles Herz ſchlägt, ber „Sie haben es bei mir nicht für möglich gehal⸗ ten, den Widerwillen, welchen Elin mir einflößte, zu überwinden.“ „Oder richtiger Ihren Eckel vor der niedrigen Herkunft derſelben, als der Enkelin von Ihres Va⸗ ters Hammerſchmied, der Tochter von Ihres Vaters vormaligem Schütenführer.“ „Die Zeit iſt längſt verſchwunden, wo ich auf die Geburt eines Menſchen Gewicht legte. Sie ha⸗ ben mich beinahe meinen eigenen Stand verachten gelehrt. Doch nicht davon wollte ich reden.“ Er faßte Stephana's Hand und unmſchloß ſie mit den ſeinen, indem er hinzuſetzte: „Verſprechen Sie, mich geduldig anzuhören, ſelbſt wenn ich in meinen Worten die Grenzmarke, welche Sie zwiſchen Ihnen. und mir gezogen haben, über⸗ ſchreiten und in meinen Ausdrücken nicht immer Sir Edwards Phlegma bewahren ſollte.“ „Ich verſpreche es, denn ich kenne Sie jetzt und weiß, daß Sie doch niemals Sir Edwards Selbſt⸗ beherrſchung verleugnen werden.“ 283 „Ich danke Ihnen.“ Hermann küßte ihre Hand und ließ ſie nur zö⸗ gernd wieder fahren. Darauf lehnte er ſich in ſei⸗ nen Fauteuil zurück und begann mit einem tiefen Ernſt in Ton und Miene: „Als ich nach meiner Reiſe im Ausland Selma wieder ſah, erwachte bei mir von Reuem das leb⸗ hafte Intereſſe, welches ich ſchon bei deren erſtem Auftreten in unſerer Familie empfunden hatte. Aber ſie war deſſen ungeachtet in meinen Augen die eh⸗ malige Gouvernante, welche um Lohn in meiner Eltern Hauſe gedient hatte, und ich betrachtete ſie niemals als meinesgleichen, obwohl ſie alle meine Gedanken und Gefühle in Anſpruch nahm.“ Sie war eine ſchöne Blume, die ich zu pflücken wünſchte, um ſie eine Stunde in meinem Knopfloch zu tragen und hernach in das Grab der Vergeſſen⸗ heit zu werfen.“ „Meine Begriffe waren von den Kinderjahren her von der Art, daß ich das Volk und ſelbſt den Mittelſtand als einen Haufen untergeordneter We⸗ ſen betrachtete, welche nur für Bedürfniß und Nutzen der Höhern da waren. Mit denſelben Gefühlen, wie die Menſchen im Allgemeinen auch die edelſten Thiere betrachten, das heißt, als Weſen, über welche ſis herrſchen können und dürfen, und welche ſie zur Befriedigung ihrer Bedürfniſſe und ihrer Luſt zu benützen das Recht haben, mit beinahe denſelben Gefühlen betrachtet der wirkliche Ariſtokrat die Maſſe des Volks. Daher kommt jene Abneigung her. welche der Adel zu allen Zeiten gegen die Aufklärung und intellektuelle Entwicklung des Volkes bewieſen hat. Um es beherrſchen und für ſeine Wünſche, zur Auf⸗ rechthaltung ſeiner Macht anwenden zu können, war es erforderlich, daß das Volk ohne Aufklärung blieb. Der Bauer braucht nicht leſen zu können, um ſei⸗ nen Acker zu pflügen, und der Handwerker braucht Nichts zu lernen, als das Gewerbe, womit er ſei⸗ nen Unterhalt erwirbt, und für deſſen Erzeugniſſe die Höhern ihn bezahlen!“ „So denken die Ariſtokraten, auch wenn ſie durch den Zeitgeiſt ſich abhalten laſſen, dieſer Vorſtellung Worte zu geben. Daß dieſe von Jahrhunderten zu Jahrhunderten ſich forterbende Denkart den Grund zu Uebermuth und gedankenloſem Leichtſinn legen muß, wenn es ſich um die höhern Claſſen handelt, iſt natürlich und hat jenes ſittenloſe Spiel mit den bürgerlichen Frauen hervorgerufen, welches zu allen Zeiten den Edelmann kennzeichnete, und welchem ich ſelbſt als Opfer fiel.“ „Dieß wird Ihnen erklären, wie es mir möglich war, mich, während ich in leidenſchaftlicher Heftig⸗ keit Selma mit meiner Liebe verfolgte, dennoch mit dem Gedanken einer Verbindung mit dem jungen, reichen Fräulein W. zu beſchäftigen— einer Partie, welche meine Mutter nicht nur mit beſonderer Vor⸗ liebe umfaßte, ſondern auch zu Stande zu bringen ſuchte.“ „Fräulein W. gehört, wie Sie vielleicht wiſſen, einer der angeſehenſten Familien unſeres Landes an und iſt zu gleicher Zeit ſehr reich. Es war mir ge⸗ lungen, das Herz des jungen Mädchens zu gewiſinen, obwohl, ich geſtehe es aufrichtig, mein eigenes voll⸗ kommen gleichgültig gegen ſie war und blieb.“ 285 Ich war gewohnt, die Ehe nur als eine con⸗ ventionelle Affaire zu betrachten, wo zwei Perſonen von gleichem Rang und Vermögen ſich vereinigen, um zu ihrem beiderſeitigen Weiterkommen im Le⸗ ben beizutragen, gerade damals als ich, von meiner Phantaſie für Selma angetrieben, meinen Vater nach Ljungſtafors zu begleiten beſchloß, um... um das züärtliche Verhältniß zwiſchen ihr und mir, welches wie ein berauſchender Traum vor meiner Frinnerung ſtand, wieder anzuknüpfen. Nach unſe⸗ rem Aufenthalt in Strömſtad hatte ich meiner Mut⸗ ter verſprochen, bei der Rückkehr von Ljungſtafors mich gegen Fräulein W. zu erklären und von ihren Eltern, welche ſehr für unſere Verbindung ihre Hand zu begehren. „Sie kennen die Ereigniſſe, welche folgten. As ich Ljungſtafors verließ, geſchah es mit einer tiefen Erbitterung gegen das Schickſal, welches mich zwang, von der Verbindung, welche durchaus meinem Stolze ſchmeichelte, abzuſtehen und eine andere, die mir ver⸗ ächtlich vorkam, zu ſchließen. Der Auftritt, welchen es bei der Mittheilung von meiner bevorſtehenden Heirath mit Elin zwiſchen mir und meiner Mutter gab, war von der Art, daß er nur meinen Abſcheu vor dem Zuſammenleben mit einer Frau ſteigerte, welche meiner Anſicht nach ſo unermeßlich tief unter mir ſtand, wie Elin.“ „Dieſes weh ſehn das Gepräge einer tiefen Erbitterung an, als ich mit Fräulein W. zuſam⸗ mentraf und betachte, daß ich nun genöthigt wäre, einer Gattin zu entſagen, an deren Seite mein Ehr⸗ geiz alle mögliche Ausſicht auf Befriedigung gewon⸗ nen hätte. Ja, die vereitelten Träume einer glän⸗ zenden Zukunft verwiſchten jede Spur meiner Nei⸗ gung zu Selma, und ich beſchuldigte ſie nun in meinem Innern, daß ſie durch ihre Schwachheit und ihren Leichtſinn die Schöpferin meines unglücklichen Geſchicks geworden wäre! Ich klagte Elin und den Kapitän an, daß-ſie dieſen ganzen Auftritt ange⸗ ſtellt hätten, um dadurch den Grafen Romarhjerta ſich zum Gatten und Schwiegerſohn zu erzwingen. Ich ſah darin eine Schlinge, in welche ich gefallen war, um dem Ehrgeiz dieſer Menſchen Vorſchub zu leiſten.“ „Dieſe meine Ueberzeugung wurde von meiner Mutter unterſtützt, und die Folge davon war mein feſter und unbeugſamer Entſchluß, weder Elin noch ihren Vater ihres Zweckes froh werden zu laſſen; der ganzen Welt zu beweiſen, daß, wenn ich gezwun⸗ gen würde, Elin meinen Namen zu geben, ich den⸗ noch niemals ihr die Rechte einer Gattin einräumen würde, und durch meinen alsbaldigen Abzug nach der Trauung zu erklären, daß ich ſie eines Platzes an meiner Seite nicht für würdig erachtete.“ „Ach, Madame, es war ein elender, ſchändlicher Uebermuth, welcher dieſe Handlungsweiſe mir dik⸗ tirte und die Ueberzeugung eingab, die Tochter des Schiffers Martenſon würde ſich ganz zufrieden ge⸗ ben, wenn ſie nur Gräfin hieße.“ „Aber ſie entſagte ſowohl ihrem Namen, als dem Grafentitel, als ſie an der Leiche ihres Vaters kniete und den Entſchluß faßte, weder den einen noch den andern wieder anzunehmen, ehe Sie ihr die —— 237 Rechte einer Gattin eingeräumt und Ihr Herz ge⸗ ſchenkt hättenee. „Gleichwoht trägt ſie jetzt beides, und iſt ſomit ihrem Vorſatz nicht treu geblieben.“ „Laſſen Sie uns jetzt nicht davon reden, Herr Graf, ſondern fahren Sie in Ihrer Erzählung ſort es thut mir wohl, Sie mit vollkommener Aufrichtig⸗ keit von ſich ſelbſt ſprechen zu hören.“ „Nach der Trauuug reiste ich direkt nach Deutſch⸗ land, durch die Schweiz und endlich nach Frankreich, um meine Schweſter Elina wieder zu ſehen. Mein Oheim und Elina hatten eine Tour nach England hinüber gemacht, ſo doß alſo mein Wunſch uner⸗ füllt blieb. Nach dem Zuſammentreffen mit meinem Vater verließ ich ſchnell Paris und kehrte hieher zurück. Auf ſeinem Sterbebett nahm mir mein Va⸗ ter das Verſprechen ab, niemals durch den Vor⸗ ſchlag einer Eheſcheidung Elin noch tiefer zu ernie⸗ drigen und zu verwunden, ſondern erſt, wenn ſie eine Löſung des Bandes, das uns feſſelte, haben wollte, darauf einzugehen.“ „Nach meines Vaters Tod kam der Kampf mit ökonomiſchen Bedrängniſſen, und dieſe nahmen im Laufe mehrer Jahre meine ganze Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ich beinahe nur dann an Elin dachte, wenn meine Gläubiger Beſchlag auf das Vermögen meiner Gattin zu legen drohten— eine Drohung, welche mich endlich nach hartem Kampfe veranlaßte, Kungsborg zu verkaufen.“ „Ich war ein armer Edelmann mit einem großen und glänzenden Namen, deſſen Würde ich nicht auf⸗ recht zu halten vermochte, und als ich mit den 288 Meinigen mich nach Furuhof zurückzog, da fluchte ich beinahe dem Geſchick, welches m½ an Elin ge⸗ feſſelt und eine Verbindung mit Fräulein W., wo⸗ durch ich ein reicher Mann geworden wäre, vernich⸗ tet hatte.“ „Elin war aber völlig ebenſo reich wie Fräu⸗ lein W.,“ fiel Stephana ein. „Wahr; konnte ich aber von ihrem Vermögen Gebrauch machen, da ich ſie nie als meine Gattin anerkannt hatte? Ich würde ja damit der ganzen Welt das Recht gegeben haben, zu ſagen: er hat die Tochter von dem Schiffer ſeines Vaters gehei⸗ rathet, um in den Beſitz ihres Geldes zu gelangen.“ „Daſſelbe hätte man auch in Bezug auf Fräu⸗ lein W. ſagen können.“ „Nein, Madame; fürs Erſte wußte man, als die Partie zur Sprache kam, noch nicht, daß die Grafen Romarhjerta ruinirt waren und man hätte niemals Kunde davon bekommen; fürs Zweite war ſie meinesgleichen, und man hätte mich nicht beſchul⸗ digen können, aus niedrigem Eigennutz eine Mes⸗ alliance eingegangen zu haben.“ „Nach einjähriger Unthätigkeit und bitterm Grü⸗ beln über die Zukunft, in Folge deſſen ich mich von der Welt ganz zurückgezogen hatte, traten Sie hier auf.“— Hermann hielt einen Augenblick an, dann nahm er wieder das Wort. „Ihre erſte Annäherung an mich ſchloß eine Demüthigung für meinen Stolz ein. Ich beſuchte Sie, um Ihnen meinerſeits dieſelbe zurückzugeben.“ Er ergriff lebhaft Stephana's Hände. — 289 „Ich werde niemals den beinahe elektriſchen Eindruck vergeſſen, den Sie auf mich machten, als ich hier eintrat und Sie vor mir ſtanden. Ich weiß nicht, Stephana, ob man im Allgemeinen Sie für ſchön hält; ich weiß kaum, ob Sie es ſind; aber Eins weiß ich, daß niemals Etwas einen ſo magiſch feſſelnden Eindruck auf mich gemacht hat, wie Sie.“ „Von dem erſten Augenblick an beherrſchten Sie gleichſam meine Seele, und mit einer unwiderſteh⸗ lichen Macht zogen Sie mich an ſich. Dieſe Ge⸗ walt, welche Sie gegen meinen Willen und meinem Stolze zum Trotz ausübten, war es, welche mich, den übermüthigen, unbeugſam ſtolzen Hermann, be⸗ ſtimmte, Ihr erſter Diener zu werden. In Ihrer Nähe zu ſein, dieſelbe Luft mit Ihnen zu athmen, einen Blick des Beifalls, einen Beweis der Achtung von Ihnen zu gewinnen,— ſehen Sie, das machte meinen Lebenszweck, mein Streben und meinen höch⸗ ſten Wunſch aus. Ich war lieber, mit der Mög⸗ lichkeit zum Lohne dafür Sie zu ſehen und zu hö⸗ ren, Ihr Diener, als daß ich getrennt von Ihnen in Reichthum und Unabhängigkeit hätte leben mö⸗ gen. Mit einem Wort: ich liebte Sie, nicht mit jener thörichten und zügelloſen Leidenſchaft, welche meine frühere Neigung kennzeichnete, ſondern mit einem tiefen, ernſten, beinahe heiligen Gefühl, welches weder Begierden noch Wünſchen Zutritt ge⸗ ſtattet. Ich ſah in Ihnen ein Weſen, höher, edler und reicher begabt als andere, und ich betete in Ihnen den Adek an, vor welchem man allein mit Ehrfurcht ſich beugen kann und darf.“ Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. I. 19 290 „Sie ſind ein Kind aus dem Volle, ich weiß es, ausgegangen von derſelben Klaſſe, wie Elin, deren Herkunft ich einſt mit Abſcheu und Geringſchätzung betrachtete; dennoch haben Sie durch Ihre unge⸗ wöhnlichen und erhabenen Eigenſchaften mich ge⸗ zwungen, Sie zu bewundern und zu verehren. Ich fühle meine ganze Niedrigkeit, wenn ich Ihren und meinen Menſchenwerth vergleiche. Ihre Zuneigung verſöhnte mich mit meinem vergendeten Leben, und der Gedanke, einmal. „Fahren Sie fort,“ ſlüſterte Stephana. „Der Gedanke, einmal Ihrer Liebe würdig zu werden, ſchloß für mich des Lebens höchſte Glück⸗ ſeligkeit in ſich. Dennoch kam mir der Gedanke ſo vermeſſen vor, daß ich ihm nur dann den Zutritt zu geſtatten wagte, wenn Sie Etwas durchſchimmern ließen, das. Hermann lehnte ſich in den Seſſel zurück und fuhr mit der Hand über die Stirne. „Dä wiederholte Stephana. „Das wie ein Blitz mich umleuchtete und mich eine Sekunde glauben ließ, daß. „Sie geliebt würden,“ fiel Stephana ruhig ein. Es entſtand eine Pauſe. Auch Stephana hatte ſich zurückgelehnt und ſchien einige Minuten in Gedanken verſunken. Der Graf ſeufzte tief auf und fuhr fort: „Aber dieſes ſo glänzende, verblendende Licht ging nicht von Ihnen aus ſondern war eher der Widerſchein meines eigenen Innern; denn gerade in dem Augenblick, da ich es zu erhaſchen wähnte, ver⸗ 291 ſchwand es, und Sie waren wieder dieſelbe, ohne auch nur durch den geringſten Farbenwechſel in Ih⸗ rem Angeſicht, oder ein Beben der Stimme zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß ich Urſache hatte, an ein ſol⸗ ches Glück zu glauben, welches ich ſchnell als ein leeres Dunſtgebilde erkannte, das mein krankes Herz geſchaffen hatte. Wenn in Ihrem Herzen nur ein Schatten von Liebe vorhanden geweſen wäre, wie hätten Sie dann ſo unermüdlich an einer Wieder⸗ veteinigung zwiſchen Elin und mir arbeiten können? Würden Sie, wiſſend, ſehend und verſtehend, wie ich Sie von ganzer Seele liebte, den Muth gehabt ha⸗ ben, unaufhörlich meine Gedanken zu Elin zurück⸗ zuführen, ſich zu deren Fürſprecherin zu machen und nmit aller Kraft dafür zu eifern, daß ſie die Stelle einer Gattin an meiner Seite einnehmen ſollte? Unmöglich! Einmal hatte Ihr Muth Sie doch ver⸗ luaſſen, einmal hatte ich einen Ausdruck zurückgehal⸗ tenen Schmerzes geleſen; aber nein, nur für das, was ſie duldete, hatten Sie Thränen, nur für ſie empfanden Sie Mitleid. Mir hielten Sie bloß vor, was meine Pflicht war, und dieß, obſchon Sie la⸗ ſen, wie viel dieſes Opfer, das Sie von mir for⸗ derten, mich koſten würde. Ich hätte auch nicht die Rraft gehabt, es zu bringen. „Nicht? Herr Graf, Sie ſagten doch „Daß ich es bringen würde; aber dieß geſchieht darum, weil, wie ich nun klar einſehe, meine Schuld gegen Elin ſo groß iſt, daß, wenn ich dieſelbe nicht nit dem unglükklichen Geſchick, das ich ihr geſchaffen habe verſöhnen würde, ich für immer die Achtung von Ihnen verwirkt hätte. Aber, Stephann, wenn 19* * ich gehe, mein noch übriges Leben ihr zum Sühn⸗ opfer zu weihen, ſo müſſen Sie mir dagegen ver⸗ ſprechen, daß ich in Ihrer Nähe leben, Sie ſehen, dieſelbe Luft mit Ihnen einathmen und durch dieſes Glück, das einzige, welches das Leben für mich hat, es mir möglich machen darf, meine Pflichten zu er⸗ füllen.“ „Graf Hermann, was wünſchen Sie? Als Mann einer andern Frau, wollen Sie in der Nähe derje⸗ nigen leben, welche Sie lieben, aber welche zu lieben Ihre Pflicht Ihnen verbietet! Ich würde mich ja zu Ih⸗ rer Mitſchuldigen machen, wenn ich, um dieſe Liebe wiſſend, welche ein Verbrechen gegen Ihre Gattin iſt, Ihnen geſtattete, mit mir an demſelben Orte zu weilen, dieſelbe Luft zu athmen. Nein, Hermann, weit getrennt von Stephana, nur auf Ihr Ehr⸗ und Pflichtgefühl ſich ſtützend, werden Sie als Elin's Gatte ihr alle die Liebe, welche dieſelbe für Sie ge⸗ hegt, alle die Leiden, welche ſie durchgekämpft hat, vergelten. Dann wird Stephana mit Achtung, ja mit Bewunderung an den Hermann denken, deſſen Freundin ſie geweſen iſt und immerdar bleiben wird. Weit, weit fort von mir müſſen Sie, wenn Sie wirklich verſöhnen wollen, was Sie verbrochen haben.“ „Stephana, wie iſt es möglich, die Grauſamkeit ſo weit zu treiben, daß Sie mir nicht einmal einen einzigen Strahl des Lichtes auf meinem dunkeln Pfade gönnen?“ „Grauſam!“ lächelte Stephana traurig.„Nein, nicht grauſam, Hermann, ich wünſche bloß, daß Sie niemals ſich vom rechten Weg verirren, und das ————— 293 thäten Sie, im Fall Sie ſich dem Glauben hingä⸗ ben, Ihr eigenes oder Elin's Glück ſchaffen zu kön⸗ nen, während Sie in Ihrem Herzen ein Gefühl nähren, das in geradem Gegenſatz mit Ihren Pflich⸗ ten ſteht. Auf dem Boden des Unrechts wird nie⸗ mals Ruhe und Zufriedenheit erbaut. Seien Sie ein Mann, Herr Graf, und gebieten Sie Ihrem Herzen zu ſchweigen, erſticken Sie deſſen Wünſche und beherrſchen Sie deſſen Schwachheit, opfern Sie ſich ganz und gar für Ihre Pflicht, oder....“ „Warum fahren Sie nicht fort?“ „Oder laſſen Sie das arme Opfer Ihres Hoch⸗ muths ihr Leben wie bisher hinſchleppen.“ „Ach, Madame, was begehren Sie?“ „Es handelt ſich jetzt darum, ob Ehre und Pflicht über die Schwäche des Herzens ſiegen werden. Sind Sie ein Mann von wirklicher Ehre, dann wer⸗ den Sie dieſelbe nicht zum zweiten Mal verſtoßen. Siegt Ihre Pflicht, dann werden Sie ihr folgen und weit, weit von hier wegziehen; aber gehorchen Sie den Eingebungen der Schwachheit, welche aus Ihrer Liebe entſpringt, ſo laſſen Sie Elin allein abreiſen; denn wollen Sie gut machen, was Sie verbrochen haben, ſo muß das Opfer vollkommen und des Grafen Hermann Romarhjerta würdig ſein. Und nun kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand, wenn es Ihnen gefällig iſt. Beſchließen Sie ſelbſt! Be⸗ urtheilen Sie ſelbſt, unparteiiſch und recht, den Schritt, welchen Sie thun müſſen, und laſſen Sie Stephana hoffen, daß der Mann, welcher ſo hoch und ſo heilig ſie zu lieben verſichert, auch ſeinem 294 ganzen Charakter und ſeinen Handlungen nach edel und erhaben iſt.“ „Und den Lohn für dieſes Edle und Erhabene, wo finde ich den?“ „In Ihrer eigenen Bruſt.“ Es trat ein langes Schweigen ein. Hermann war aufgeſtanden und ging eine Weile im Zimmer auf und ab; endlich ſetzte er ſich an das Piano. Stephana lehnte ſich in die Sophaecke zurück. Sie war bleich, und ein Schatten von Schmerz ruhte auf ihrem Angeſicht. Plötzlich ſang Her⸗ mann: „Und führt' an's End' der Welt mich das Geſchick, Mein Herz, es folgte doch beſtändig Dir; Und käm' ich nach Jahrhunderten zurück, Dieſelbe Treue fändeſt Du bei mir.“ Es war daſſelbe Lied, welches ſchon einmal Ste⸗ phana's Augen Thränen entlockt hatte, und auch jetzt rieſelten die klaren Perlen über die Wangen herunter und blieben auf der ſchwarzen Seide ſtehen. Als Hermann ausgeſungen hatte, ſprang er auf und ſtellte ſich vor Stephana hin. „Du weinſt?“ ſagte Hermann mit leiſer, zit⸗ ternder Stimme. Ein leichter Schauder wandelte Stephana an, aber ſie blieb unbeweglich. Er deutete auf die Thränen, welche noch auf dem ſchwarzen Zeuge lagen, indem er hinzuſetzte: „Einmal hätte ich ein Jahr meines Lebens da⸗ für gegeben, zu wiſſen, von welchem Gefühle dieſe köſtlichen Perlen hervorgerufen wurden.“ 295 „Welche auf das Gewand des Kummers fal⸗ len,“ flüſterte Stephana. „Jetzt gäbe ich mein ganzes Leben darum, wenn ich nur eine Sekunde in Ihrem Herzen leſen und ſehen könnte, für wen dieſe Zähren gefloſſen ſind. „Für ihn, der mich in Wittwentracht gekleidet hat,“ antwortete Stephana und erhob das geſenkte Haupt. „Ihn! Es gibt alſo Einen, der Ihre Ge⸗ danken in Anſpruch nimmt?“ rief Hermann, indem er ſie mit düſterem Blick betrachtete. Stephana warf mit einer beinahe ſtolzen Be⸗ wegung den Kopf zurück und ſagte: „Ja, meinen Gatten.“ „So ſehr liebten Sie ihn.“ „Ach, Herr Graf, ich liebte ihn mit meinem ganzen Weſen, mit jedem Tropfen meines Blutes, mit jeder Fiber meines Herzens.“ Stephana hatte ſich aus ihrer zurückgelehnten Haltung wieder aufgerichtet; das bleiche Antliz glühte und in ihrem Auge lag eine ganze Welt von Hingebung und Liebe. „Und Sie haben niemals einen Andern geliebt?“ „Niemals!“ „Nicht einmal Jacobo?“ „Nein, nicht einmal ihn.“ „Wird Ihr Herz ewig dieſer Liebe treu bleiben?“ „Ja, ewig.“ „Sie ſagten doch einmal; wenn ich mich ver⸗ mähle, ſo geſchieht es aus Liebe, und dann werde ich die Wittwentracht ablegen.“ „Ja, ſo ſagte ich.“ „Wie erklären Sie dieſe Ihre Worte?“ „Sie erklären ſich ja ſelbſt; denn da ich nie⸗ mals wieder lieben kann, ſo werde ich auch nicht die Gattin eines andern Mannes. 4 „Und niemals dieſe ſchwarze Tracht ablegen?“ „Wozu dieſe Fragen, Herr Graf? Warum be⸗ ſchäftigen Sie ſich mit mir?“ „Weil Sie das ganze Leben für mich ſind.“ „Stephana und Sie müſſen ſcheiden. EFlin und Sie müſſen hinfort einander zur Seite gehen. Mor⸗ gen ſchon hat ja Stephana aufgehört, etwas An⸗ deres als eine Erinnerung in Ihrer Seele zu ſein.“ „Ach, Stephana, Gott allein weiß, was ich mor⸗ gen beſchließe; jetzt weiß ich es ſelbſt nicht.“ Er drückte Stephana die Hände und ſetzte in leidenſchaftlichem Ton hinzu: „Wenn ich den verlockenden Irrthum feſthalten dürfte, der manchmal meine Phantaſie umgaukelt, daß. daß Sie mich liebten.“ „Herr Graf, Stephana kann nur den lieben, welcher dem, was die Pflicht von ihm fordert, ſein Glück zum Dpfer bringt und die Kraft beſitzt, ſelbſt wenn die Seligkeit ihm entgegenlächelt, ihr Lebe⸗ wohl zu ſagen, um der Stimme ſeines Gewiſſens Folge zu leiſten.“ Stephana erhob ſich und ſetzte hinzu: „Gute Nacht!“* Hermann küßte heftig Stephana's Hände und verließ ſchnell den Salon. Stephana ging ihm einige Schritte nach, blieb aber dann ſtehen und murmelte: 297 „Keine Schwäche! Der morgende Tag wird zei⸗ gen, ob er ebenſo ein Mann von wahrer Ehre, wie ein Mann von Geburt iſt.“ XXVIII. Stephana brachte den größern Theil des fol⸗ genden Morgens bei Elin zu. Als ſie das Zimmer derſelben verließ, ſtieß ſie auf Eklund, welcher meldete: „Der Herr Graf wünſcht Sie zu ſprechen.“ Stephana ging in den Salon, und Elin's Kam⸗ merjungfer gab Befehl, mit dem Wagen der Gräfin vorzufahren. Als Stephana in den Salon trat, ſtand Her⸗ mann, bleich und mit einer Wolke tiefen Grams auf der hohen Stirne, an den Kamin gelehnt. Stephana ging auf ihn zu. Sie war ebenſo bleich, wie er. „Herr Graf, Sie haben mit mir zu ſprechen ge⸗ wünſcht,“ ſagte ſie mit bebender Stimme und reichte ihm die Hand. „Ja, ich komme, Ihnen Lebewohl zu ſagen.“— Er ergriff die dargebotenen Hände und bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen.—„Wir müſſen ſcheiden; ich werde Sie niemals wiederſehen, Stephana, Sie, deren Anblick mein Leben ausmachte; aber Sie und die Pflicht gebieten es.“ Er kniete vor ihr nieder und fuhr fort: „Wenn man mir geſagt hätte: Du ſollſt auf Rang, Reichthum und Anſehen verzichten und als 298 gemeiner Soldat das Gewehr auf der Schulter tra⸗ gen und Wache ſtehen, aber nach dem niedrigen Dienſt des Tages an Stephana's Seite ſitzen, auf ihre Stimme lauſchen, in ihren Blicken Dich ſonnen, ſo hätte ich ohne Bedenken Alles von mir geworfen, was Größe und menſchlicher Vorzug heißt, um mir ein ſolches Glück zu erkaufen, ohne auch nur mehr für mich zu wünſchen, als Sie zu ſehen und zu hö⸗ ren. Wenn man mir geſagt hätte: Du ſollſt in Armuth und Niedrigkeit für dein tägliches Brod arbeiten und mit dem Mangel und der Noth käm⸗ pfen, aber in deiner dürftigen Häuslichkeit ſollſt Du Stephana begegnen, ſo würde ich mein Glück nicht mit dem Himmelreich vertauſcht haben. Wenn man mir geboten hätte, Vaterland und Familie zu verlaſſen und Alles zu vergeſſen, um mit Ihnen landesflüchtig zu werden, ich würde meine gräfliche Krone mit Füßen getreten und niemals mich wieder nach der heimathlichen Erde oder nach irgend Etwas, das mir theuer geweſen, umgeſehen haben, glücklich und ſtolz, Ihnen zu folgen. So hoch über Alles liebe ich Sie, und nun....“ Hermann drückte ihre Hände an ſein Herz und an ſeine Augen, indem er mit einem Ausdruck ver⸗ zweifelten Schmerzes hinzuſetzte: „Und nun ſage ich Ihnen dennoch Lebewohl. Ich gehe, meine Liebe, mein ganzes Leben, alle meine Hoffnung ihr zu weihen. Ich bringe mich ſelbſt zum Sühnopfer dar für die Schuld, welche mein Hochmuth mir aufgebürdet hat.— Sind Sie zu⸗ frieden, Stephana?“ Jo,“ flüſterte Stephana, und ſtrich ihm mit 299 beiden Händen die Locken zurück; dann drückte ſie ihre Lippen auf ſeine Stirne mit den Worten: „Ich bin nicht nur zufrieden— ich bin glücklich!“ „Glücklich!“ rief der Graf und ſprang auf. „Glücklich, wenn ich mit dem Tod im Herzen mich dem Unglück weihe?“ „Ich bin glücklich, darum weil ich ſtolz auf Sie ſein kann. Gehen Sie, Hermann, und wiſſen Sie, daß— daß ich Sie liebe.“ „Ach, Stephana!“ Der Graf ſtreckte die Arme aus, als wollte er ſie an ſeine Bruſt drücken, ließ ſie aber wieder ſin⸗ ken, indem er ſtammelte: „Dank, Engel! Lebe wohl!“ Und ſomit ſtürzte er aus dem Zimmer. In demſelben Augenblick rollte ein Wagen die Allee hinunter. Es war Elin, welche allein abreiste. Die Hände auf das unruhig klopfende Herz ge⸗ drückt, ſtand Stephana an den Fenſterſtock gelehnt. Eine Minute verging, welche ihr wie eine ganze Ewigkeit vorkam; dann hörte ſie Schritte im Salon. Es waren die ſeinigen. Gleich darauf ſtand er vor ihr, bleich und düſter. „Flin iſt fort. Es iſt zu ſpät, um das Verbro⸗ chene wieder gut zu machen.“ „Du irrſt Dich, Hermann,“ flüſterte Stephana und ſtreckte die Arme gegen ihn aus;„ſie iſt noch da— ich bin Elin!“ „Du!“ Hermann ſtürzte auf ſie zu. auf dem kleinen Sopha in dem Spiegelkabinet vor 300 Die zwölf Jahre lang getrennten Gatten ruhten nun zum erſten Mal einander an der Bruſt. Es war eine lange Umarmung, die einen ganzen Himmel in ſich ſchloß. Die Erde mit ihren flüchtigen Freuden, ihren bittern Schmerzen war vergeſſen für dieſe beiden in das Glück des Augenblicks verſun⸗ kenen Menſchen. „Ah, ich athme wieder auf!“ rief eine frohe Stimme von der Thüre her.„Meine Rolle iſt nun ausgeſpielt, und ich kann auch Theil an eurer Freude nehmen.“ Dieſe Worte riefen die beiden in die Wirklichkeit zurück. Stephana wandte ihr von Thränen der Seligkeit befeuchtetes Angeſicht der Sprechenden zu und reichte ihr die Hand, während ſie mit dem an⸗ dern Arm noch Hermanns Hals umſchlungen hielt. „Komm, Elina, und umarme deinen Bruder.“ 6 Dann wandte ſie ſich zu dem Grafen und ſetzte inzu: „Hermann, hier iſt deine Schweſter, welche Dich nicht Bruder nennen wollte, ehe Du Elin dein Herz gegeben hätteſt.“ Die nun folgende Scene läßt ſich eher denken, als beſchreiben. Wir wollen nur beifügen, daß Hel⸗ frid im nächſten Augenblick die Freude der Wieder⸗ vereinigung mit den Uebrigen theilte. XXIX. Am Abend finden wir Hermann und Stephana 301 dem ehemaligen Schlafzimmer der Gräfin Gunilla. Der Graf hatte ſeinen Arm um Stephana's Leib geſchlungen, und ihr Haupt ruhte an ſeiner Schulter. „Damit ich es recht wagen kann, an mein Glück zu glauben, welches mir unfaßlich vorkommt, mußt Du, meine wiedergefundene Braut, Elin's Geſchichte durch diejenige Stephana's vervollſtändigen.“ Hermann drückte ſeine Lippen auf ihre Stirne, indem er hinzuſetzte: „Erzähle mir ſie jetzt, während ich Dich an mein Herz geſchloſſen halte, damit der Vorhang über die Vergangenheit mit dem heutigen Tage fallen möge und der morgende Tag in meinem Herzen nur meine Seligkeit finde.“ „Ja,“ ſagte Stephana und ſchaute mit liebevol⸗ lem Blick ihrem Gatten in die Augen,„laß uns dieſen Abend die Vergangenheit mit allen ihren Schatten begraben und hernach nur der Zukunft leben.“ „Wirſt Du aber auch alle dieſe lange und bit⸗ tere Qual vergeſſen können?“ „Ob ich ſie werde vergeſſen können? Ach, Her⸗ mann, Du verſtehſt nicht, wie ich Dich liebe, wenn Du nicht weißt, daß ich bereits Alles außer meinem gegenwärtigen Glück vergeſſen habe.“ „Dank!“ mehr ſagte Hermann nicht; aber der warme Kuß, welchen er auf die Lippen ſeiner ſchönen Gattin drückte, war der Dolmetſcher ſeiner ganzen Dankbarkeit. Einige Augenblicke darauf begann Stephan die verlangte Erzählung. „Als ich nach meines Vaters Tod Schweden 302 verließ, nahm ich den Namen Martenſon wieder an, mit dem feſten Vorſatz, niemals den Namen Romar⸗ hijerta wieder zu führen, ehe Du mich als deine Gattin anerkannt hätteſt.“ „Kurz nach meiner Ankunft in Paris erhielt ich einen Brief von meinem Oheim, Kapitän Stephenſen, welcher in Amerika anſäßig war. Wir hatten ſeit mehreren Jahren keinen Brief von ihm erhalten, aber bei meines Vaters Tod hatte ich an ihn ge⸗ ſchrieben und von dem Verluſt, der mich betroffen, ihn unterrichtet. Jetzt antwortete er mir und lud mich ein, nach Boſton zu kommen und ihm, da er allein und kränklich wäre, ſeine letzten Lebenstage zu erheitern. Er bat mich, im Fall ich ſeinen Wunſch erfüllen wollte, an einen Verwandten ſeiner verſtor⸗ benen Frau, Herrn Jacobo Lange, welcher ſich in London aufhielt, zu ſchreiben, ihn von der Zeit mei⸗ ner Abreiſe in Kenntniß zu ſetzen und ihm, da er ſich gleichfalls nach Amerika zu begeben beabſichtigte, mich anzuſchließen.“ „Da kein Band mich in Paris zurückhielt, ſo erfüllte ich ſogleich ſeinen Wunſch und traf in Lon⸗ don mit Jacobo zuſammen. Zu meiner großen Ue⸗ berraſchung erkannte ich in ihm denſelben jungen Mann, welcher mir meines Vaters Brief, als ich zum erſten Mal in Paris war, überbrachte.“ „Während wir in London verweilten, beſchrieb mir Jacobo meinen Oheim als ein Original, aus allen möglichen Widerſprüchen zuſammengeſetzt. Er war zweimal verheirathet geweſen, jetzt aber Witt⸗ wer. Sechs Kinder, die er gehabt, waren alle wie⸗ der geſtorben, und jetzt ſtand er völlig allein da, — — 303 ein gebrechlicher Siechling, Beſitzer von einem ganz enormen Vermögen. Von heftiger, mißtrauiſcher und herrſchſüchtiger Gemüthsart, hatte er kein Weſen, welches mit Theilnahme und Zärtlichkeit in ſeinem Alter ihn pflegte, und dadurch war bei dem alten Mann der lebhafte Wunſch hervorgerufen worden, ſeiner Schweſter Kind zu ſich zu nehmen, um Je⸗ mand zu haben, der ihm durch Bande der Verwandt⸗ ſchaft angehörte.“ „Jacobo erzählte mir weiter, er ſelbſt ſei der Sohn von meines Oheims Schwägerin aus zweiter Ehe, der Tochter eines nach Amerika übergeſiedelten Schweden. Jacobo war von ſeiner frühzeitig ver⸗ wittweten Mutter erzogen worden; aber mit ſiebzehn Jahren verlor er auch ſie und ſtand nun ganz ein⸗ ſam da, ohne Vermögen und ohne einen Verwand⸗ ten, außer meinem Oheim, der ſich erbot, ihn zum Aufſeher auf einer von ſeinen Plantagen zu machen.“ „Der nach Freiheit und Aufklärung dürſtende Jüngling wies dieſes Anerbieten, das ſeinem freien Geiſte zuwider war, entſchieden ab. Mein Oheim, welcher niemals einen Widerſpruch gegen ſeinen Willen ertragen konnte, wurde darüber böſe und erklärte in deutlichen Worten, daß Jacobo nunmehr niemals von ihm Etwas zu erwarten hätte.“ „So trennten Sie ſich und Jacobo ging in die weite Welt, um ſich ſelbſt ohne den Beiſtand ande⸗ rer Menſchen Bahn zu brechen. Mit tauſend Schwie⸗ rigkeiten kämpfend und frühzeitig von materiellen Bedrängniſſen verfolgt, konnte man ſagen, daß Ja⸗ cobo's Geiſt unter dieſem Kampfe die reichen und * 304 ungewöhnlichen Fähigkeiten, welche die Natur in ihn gelegt hatte, entwickelte.“ „Zu ſeinem Berufe wählte er die Mechanik und was damit zuſammenhing. Bei Tag arbeitete er in Werkſtätten, und wenn andere junge Männer ihre Freiſtunden zu Vergnügen und Zerſtreuung anwen⸗ deten, beſchäftigte ſich Jacobo mit Studien, legte ſich auf Zeichnen und Malen, beſuchte gelehrte Vor⸗ träge, ſo daß er ſich durch praktiſche Tüchtigkeit und allſeitige Bildung vor allen ſeinen Altersgenoſſen auszeichnete.“ „Aber dieſes anhaltende Arbeiten, dieſer früh⸗ zeitige Kampf mit Widerwärtigkeiten und Sorgen hatten allmälig die urſprüngliche Heiterkeit und friſche Lebhaftigkeit in ſeinem Gemüthe verſcheucht, ſeinen Verſtand ſo ſchnell gereift, ſeine Denkkraft ſo ent⸗ wickelt, daß das jugendliche Feuer ſich in einen tief eingreifenden Ernſt verwandelte.“ „Nach dreijähriger Arbeit war es Jacobo ge⸗ lungen, ſich ſo viel zu erſparen, daß er zu ſeiner — Vervollkommnung in den Berufszweigen, die er ſich zu eigen gemacht hatte, eine Reiſe nach England und Frankreich antreten konnte. Er verweilte ein Jahr in Frankreich, während welcher Zeit er mit ungewöhn⸗ lichem Fleiße arbeitete und durch ſeine Tüchtigkeit und ſein mechaniſches Genie ſich leicht den Unter⸗ halt verſchaffen konnte. Sein einfaches, anſpruch⸗ loſes Weſen, ſein redlicher von aller Charlatanerie freier Charakter hatte zur Folge, daß er es nicht über ſich vermochte, mit Zuverſicht und Dreiſtigkeit ſich einen Weg vorwärts zu bahnen. Ehe Jacobo ic zu einem einzigen Schritt herabgelaſſen hätte 305 welchen ſeine ſtrenge Gewiſſenhaftigkeit ihm unter⸗ ſagte, wäre er lieber geſtorben.“ „Dieß iſt die Urſache, daß Jacobo nicht das glänzende Glück gemacht hat, welches ſich mit Grund von ſeinen herrlichen Gaben erwarten ließ. Jetzt hatte er blos nach einer anſpruchloſen Unabhängig⸗ keit geſtrebt, und dieſe erlangte er durch ſeine Ar⸗ beit, ſeinen Fleiß und ſeinen redlichen Charakter. Obſchon an Jahren noch ein Jüngling, hatte er doch Niemand als ſich ſelbſt zu verdanken, was er war und was er konnte.“ „Mein Oheim hatte ſeine Plantagen verkauft und wohnte jetzt in Boſton. Der alte Mann faßte für mich die wärmſte Zuneigung, und ich wurde ſein Augapfel. Aber leider war mein Herz ſo wenig für Wohlwollen und Liebe empfänglich, daß ich ſeine Zärtlichkeit nicht ſo vergalt, wie ich ſollte.“ „Jacobo wohnte in meines Oheims Hauſe, be⸗ zahlte aber für ſich. Der alte Mann hatte einmal geſagt, daß er Nichts für Jacobo thun wollte, weil dieſer ſich geweigert hatte, ſein Plantagenaufſeher zu werden, und der wirklich edelſtolze Jacobo ließ ſich unter keiner Bedingung beſtimmen, von dem Verwandten ſeiner Mutter Etwas anzunehmen. Von dem Anerbieten, in unſerem Hauſe ſeine Wohnung aufzuſchlagen, hatte er nur unter dem Vorbehalt, daß er dafür bezahlen dürfte, Gebrauch gemacht.“ „Die nähere Bekanntſchaft mit Jacobo wirkte wohlthuend auf mein verbittertes und von Kummer niedergedrücktes Gemüth. Bei ihm dagegen erweckte das tägliche Beiſammenſein und der vertrauliche Umgang zwiſchen uns eine Zuneigung, die durch Schwartz, Der Mann von Geburt ꝛc. U. 0 306 ſeine Jugend und ſeine Lebhaftigkeit einen wärmern Charakter annahm, aber gleichwohl niemals in wirk⸗ liche Liebe überging, weil ich durch die Mittheilung, daß ich ſchon verheirathet wäre, dieſelbe in eine treue Freundſchaft verwandelte. Als ich ihm ent⸗ deckte, daß mein Gatte noch am Leben wäre, warf Jacobo ein: „Der Oheim hat mir geſagt, Du wäreſt Wittwe.“ „So glaubt er,“ war meine Antwort. „Du haſt ihn alſo mit Unwahrheit berichtet?“ erwiederte Jacobo, und in ſeinem Blick lag etwas entſchieden Mißbilligendes. „Jacobo!“ rief ich,„eher würde ich mich tödten laſſen, als daß ich Jemand die traurige Geſchichte meines Lebens erzählte. Was iſt Wahrheit für den, welcher an Nichts glaubt?“ „Jacobo ſchwieg; aber von dieſem Tage an wurde er der Arzt meiner Seele. Er war es, der mich zu vergeſſen und verzeihen, Böſes mit Gutem zu vergelten und nicht blos dem Namen nach, ſon⸗ n in allen meinen Hondlungen ein Chriſt zu ſein ehrte.“ „So verfloß ein Jahr. Da unternahm mein Oheim mit mir eine Reiſe nach Europa. Jacobo und ich wurden getrennt. In der Zwiſchenzeit be⸗ gann er ſein Herz an ſeine junge Couſine zu hängen.“ „Als mein Oheim und ich nach Amerika zurück⸗ kehrten, geſchah es nur, um uns auf ewig zu tren⸗ nen. Einen Monat ſpäter ſtarb er und hinterließ mich als alleinige Erbin eines unermeßlichen Ver⸗ mögens. Ich wollte mit Jacobo theilen, aber es war vergeblich. Das Einzige, wozu ich ihn über⸗ —————— 307 reden konnte, war, ebenſo wie zur Zeit meines Oheims, in dem mir von dieſem zugefallenen Hauſe ſeine Wohnung zu behalten.“ „Jane Smith war, um mich ſo auszudrücken, ein Erbſtück von meinem Oheim. Ihre Mutter war zu der Zeit, da er noch ſeine Plantagen beſaß, eine Art Hausverwalterin bei ihm geweſen, und Jane hatte durch die Fürſorge meines Oheims eine ſehr tüchtige Erziehung erhalten. Gleichwohl hatte er zu ihren Gunſten keine teſtamentariſche Verfügung ge⸗ troffen, ſondern ſie meiner Berückſichtigung anver⸗ traut. Ich ließ ihr die Wahl, entweder auf eigene Fauſt das Kapital, welches ich ihr ausſetzte, zu genießen, oder als völlig unabhängige Perſon auch fernerhin bei mir zu bleiben. Sie zog das Letz⸗ tere vor.“ „Fünf Jahre verfloſſen, während welcher Jacobo's geiſtige Anleitung darauf hinarbeitete, meine Seele in ihrer intellektuellen und geiſtigen Entwicklung immer weiter zu fördern.“ „Gegen das Ende des vierten Jahres erhielt ich einen Brief von dem Grafen Runa, worin er mich unterrichtete, daß er in Folge ſeiner derangirten Ver⸗ mögensverhältniſſe die Abſicht habe, nach Amerika überzuſiedeln und Elina meiner Obhut anzuvertrauen, weil er ſeiner Meinung nach dieſen neuen Schlag, der ihn mit dem Ruin ſeines Vermögens betroffen, nicht lang überleben könnte, und zudem noch in Erfah⸗ rung gebracht hätte, daß Elina's Mutter und Bru⸗ der in gleicher ökonomiſcher Bedrängniß ſich befänden. „Ich reiste in Jacobo's Begleitung nach Frank⸗ reich ab, um den Affairen des Grafen zu 308 aufzuhelfen. Kaum war dieß abgethan, ſo ſtarb der Graf, nachdem er mir Elina teſtamentariſch über⸗ geben und das Verſprechen abgenommen hatte, ſie mit ihrer Mutter wo möglich auszuſöhnen. Ebenſo mußte ich ihm die Zuſage geben, im Fall die Noth Dich zwänge, Kungsborg zu verkaufen, das Be⸗ ſitzthum an mich zu bringen und nicht aus der Ro⸗ marhjerta'ſchen Familie kommen zu laſſen. Er ver⸗ traute Elina's und deine Zukunft meinen Händen, und ich übernahm das Vermächtniß.“ „Als der Graf begraben war, kehrte ich nach Amerika zurück, begleitet von Elina und Lord Char⸗ ter, der ihr wie ihr Schatten folgte.“ „Graf Runa hatte von deinem Vater meine Ge⸗ ſchichte gehört und ſie Elina mitgetheilt.“ „Eines Abends, auf der Reiſe nach Amerika, als Jacobo und Elina auf dem Deck ſaßen, kam das Geſpräch auf den Adel, und Elina erzählte, ohne mich mit Namen zu nennen, Jacobo meine Ver⸗ mählung mit dem Grafen Romarhjerta und wie Du mich verſtoßen hatteſt. Während ſie ſo ſprach, kam ich herauf; Riemand bemerkte mich, und ſo blieb ich hinter Elina ſtehen und hörte die Schilderung mei⸗ ner eigenen Geſchichte. Ich war vorher ſchon von Schmerz niedergedrückt und in einer ſehr düſtern Stimmung, welche mich ſeit dem Tode des Grafen Runa und meiner Unterredung mit ihm auf ſeinem Sterbebette verfolgt hatte.“ „Jezt, während ich auf Elina hörte, erwachten alle meine ausgekämpften Leiden mit wunderbarer Stärke. Die Erinnerung an meinen Vater und Dich ammt Allem, was ich verloren hatte, ſtieg vor mir 309 auf und ergriff mein Gemüth mit furchtbarer Ge⸗ walt, ſo daß ich kurz nach unſerer Ankunft in Bo⸗ ſton erkrankte und dabei einen Anfall von Geiſtes⸗ ſtörung oder Fieberwahnſinn erlitt, der mehrere Tage andauerte.“ „Als ich wiederhergeſtellt war und klar denken konnte, nahm ich Elina das Verſprechen ab, niemals zu verrathen, daß ich die Gattin des Grafen Ro⸗ marhjerta wäre.“ „Einige Tage darauf äußerte Jacobo gegen Elina, oder wie wir ſie nannten, Elin: „Sage mir, kennſt Du die verſtoßene Gattin des Grafen Romarhjerta?“ „Allerdings.“ „Nun ſo ſage mir ihren Namen.“ „Sie heißt Elin, antwortete Elina, indem ſie mich mit unruhigem Blick anſah.“ „Iſt es wahr, Stephana?“ fragte Jacobo mich betrachtend.“ „Ja! war meine Antwort.“ „Jacobo ſagte weiter Nichts.“ „Als ich, nach dem durch meinen Sachwalter erfolgten Ankauf von Kungsborg, beſchloſſen hatte, hieher zu ziehen und meines Oheims Namen an⸗ zunehmen, damit Du nicht ahnen möchteſt, wer ich wäre, kam ich mit Elina überein, daß ſie Elin's Rolle ſpielen ſollte, damit ich ſähe, wie Du handeln würdeſt. Jacobo ließ ſich jedoch durch dieſe Maske⸗ rade nicht täuſchen, denn während meiner Geiſtes⸗ ſtörung hatte ich Alles verrathen, aber er ſagte mir nicht eher Etwas davon, als bis ich ihn ſelbſt auf⸗ forderte, dieß zu thun. Als Du nach England reis⸗ X — — 310 teſt, und ich klar und beſtimmt vor meiner Seele eine Vorſtellung deiner und meiner Gefühle haben wollte, da erſt erzählte ich Jacobo die Geſchichte meines Lebens, und nachdem er mit ſeiner Alles verſöhnenden Lebensphiloſophie zu mir geſprochen hatte, fühlte ich, daß ich wieder Muth bekam, eine zärtliche Tochter gegen deine Mutter zu ſein und ge⸗ duldig zu warten, bis ich mir ſelbſt ſagen könnte: Hermann iſt werth, innig geliebt zu werden, wie ich ihn liebe, denn er hat mir den Beweis des höch⸗ ſten Grades von Seelenſtärke und Gewiſſenhaftig⸗ keit gegeben, als er auf Koſten ſeines eigenen Glücks wieder gutmachen wollte, was ſein Hochmuth ver⸗ brochen hatte.“ „Und deßhalb ließeſt Du mich die Prüfung bis aufs Aeußerſte durchmachen?“ fiel Hermann ein. „Ja, mein hochherziger Liebling,“ erwiederte Ste⸗ phana, indem ſie ihren Arm um ſeinen Hals legte; „das Herz würde mir gebrochen ſein, im Fall Du nicht beſtanden wäreſt, denn es hätte ſich in ſeinem Glauben an dein ſtarkes Pflicht⸗ und Ehrgefühl ge⸗ täuſcht.“ — „Wenn ich mir Alles, was geſchehen iſt. übet⸗ lege, kommt es mir wie ein Traum vor, aus wel⸗ chem ich zu erwachen fürchte,“ bemerkte Hermann und beugte ſich nieder zu Stephana.„Bedenke, daß ich Dich anderthalb Jahre an meiner Seite hatte, Dich bis zum Wahnſiün liebte und doch die Arme nicht auszuſtrecken wagte, um Dich an mein Herz zu ſchließen, Dich, welche ich vor Gott und Menſchen das Recht hatte, mein zu nennen.“ „Nein, Hermann; dieſes Recht hatteſt Du ver⸗ 311 wirkt. Elin war einmal verſtoßen worden, und nur durch deine Liebe konnteſt Du ſie wieder gewinnen.“ „Nicht Elin, ſondern Stephana iſt es, die ich liebe. Für mich biſt Du ewig Stephana; unter dieſem Namen haſt Du mein Herz erobert und be⸗ herrſcht. Als Stephana haſt Du mich gelehrt, Dich zu bewundern und anzubeten.“ Hermann bedeckte das einnehmende Angeſicht mit ſeinen Küſſen; dann ſetzte er, ſie betrachtend, hinzu:“ „Wie iſt es möglich, daß eine ſolche Veränderung mit Dir vorgehen konnte, daß Du ſo ſchön, ſo über⸗ legen, ſo edel und ungewöhnlich wurdeſt; Du, das unanſehnliche und häßliche Kind, an welches ich mit ſo vielem Widerſtreben mein Schickſal gefeſſelt hatte?“ „Wenn ich überlegen, edel und ungewöhnlich bin, ſo iſt es Jacobo's Werk. Wenn ich ſchön bin, ſo iſt es die Natur, welche mich alſo formte, nach⸗ dem ich zu meiner phyſiſchen und moraliſchen Ent⸗ wicklung gelangt war.“ „Aber ſage mir, woher ſchöpfteſt Du die Kraft, ſo ſtark zu bleiben, wie Du es dieſe Zeit her ge⸗ weſen?“ „War ich wirklich ſtark? Ich glaube es nicht; denn es gab ja Augenblicke, wo... „Wo ich hinter dem Reif, der dein Aeußeres verhüllte, dein Herz hindurchglühen zu ſehen glaubte. Ja, es iſt wahr, daß mir zuweiken ein Stückchen vom Himmel entgegenſchimmert, aber Du ſchloßeſt ſogleich die Pforte wieder und überließeſt mich der Qual der Ungewißheit.“ „Damit ich zu dem Hermann, der nicht blos 312 mein ſchwaches Herz, ſondern auch meine ganze Hoch⸗ achtung und Bewunderung gewonnen hatte, ſagen könnte: ich bin Dein.“ „Ja, nun biſt Du mein,“ flüſterte Hermann. XXX. Am folgenden Morgen, als man frühſtücken wollte, war der Lord der Erſte, welcher in den Speiſeſaal trat. Er ſah verdrießlich aus und warf ſich nachläſſig in einen Schaukelſtuhl. Einen Augenblick ſpäter trat Elina ein. Als ſie ſah, wie der Lord ſich ganz verzweifelt ſchaukelte, brach ſie in ein ſchallendes Gelächter aus und rief: „Aber mein Gott, Mylord, ſind Sie denn nicht unterwegs nach Stockholm, um dort mit Ihrer Mutter zuſammenzutreffen?“ „Wie wäre das möglich, wenn Sie hier bleiben?“ erwiederte der Lord und fuhr in ſeiner Beſchäftigung unbeirrt fort. „Aber Sie reisten ja geſtern morgen ab?“ ſagte Elina, indem ſie ſich auf einen kleinen Sopha ſetzte. „Gerade wie Sie; und ſo konnte mich Nichts hindern, gleich Ihnen wieder umzukehren.“ „Ich hatte einen Grund, warum ich umkehrte.“ „Ich auch“ „Und welchen, wenn ich fragen darf?“ „Den, daß ich Ihnen nicht von der Seite weiche, bevor Sie mir Ihre Hand gereicht haben.“ *— 313 „Und wenn ich Ihnen dieſe Gabe ganz vorent⸗ halte?“ „Dann folge ich Ihnen durch's ganze Leben hin⸗ durch.“ „Hübſche Ausſichten, einen excentriſchen Englän⸗ der ſein Leben lang auf den Ferſen zu haben.“ „Dem wird dadurch abgeholfen, daß Sie den⸗ ſelben Ihnen zur Seite gehen laſſen. Können Sie wirklich ſagen, warum es Sie ſo ſchwer ankommt, ein ſo einfaches Wort wie Ja auszuſprechen?“ „Darum, weil ich mich geneigt fühle, Nein zu ſagen.“ „Sie irren ſich, Gräfin; hätten Sie Luſt hiezu, ſo würden Sie mich längſt durch ein beſtimmtes Nein verabſchiedet haben.“ „So, Sie wollen alſo behaupten, ich muntere Sie auf?“ 5„Das iſt vollkommen wahr, Sie haben es ge⸗ than.“„ „Sie ſind abſcheulich, Mylord, habe ich nicht hundertmal Sie gebeten, mich zu verlaſſen, und ge⸗ ſagt, Sie würden niemals mein Gatte werden?“ „O ja; aber Sie haben es auf eine Art und Weiſe geſagt, daß ich ganz wohl einſah, der Sinn war, ich ſollte bleiben, wenn Sie mich abreiſen hießen, ich ſollte hoffen, wenn Sie mir die Hoffnung benah⸗ men; ergo, Gräfin, bleibt Ihnen weiter Nichts übrig als mir die Hand reichen und zu ſagen: Nimm hier den Lohn für deine thörichte Liebe. Dieß müſſen Sie aber jetzt ſogleich thun, ſo daß Alles abgemacht iſt, bevor Ihr Bruder, Ihre Schweſter und Ihre Schwägerin hereinkommen.“ zu finden.“ 314 „So, glauben Sie? Sie wiſſen alſo bereits, daß der Graf mein Bruder iſt?“ 2„Ich weiß Alles. Der Graf hat heute morgen mir geſagt, daß er der Gatte der bezauberndſten Frau iſt, die ich geſehen habe, der Bruder der thö⸗ richtſten von allen, die ich gekannt habe; und ich weiß auch, daß Sie ganze vier, fünf Monate ſeine verſtoßene Gattin vorſtellten,— eine Rolle, die Sie übrigens elend ſchlecht geſpielt haben, denn Sie ließen mich, welcher doch nur ein uneingeweihter Zu⸗ ſchauer ſein ſollte, zwiſchen die Couliſſen gucken, und ich ahnte ſeit unſerer Ankunft hier, daß Sie irgend etwas Dramatiſches für ſich übernommen hatten, weil Sie ſich nicht mehr Madame Wicker nannten, ſon⸗ dern Ihren Familiennamen Romarhjerta ſich wieder beilegten. Zugleich kam es mir verdächtig vor, daß Sie beſorgten, ich möchte von Ihrer Verwandtſchaft mit dem Grafen Runa reden u. ſ. w. Ich ſchwieg; denn uns Engländern fällt es nicht ſchwer, zu ſchwei⸗ gen; aber ich nahm mir vor, zu beobachten, und merkte bald, wie es ſich hier um eine Myſtification handelte, deren endliche Aufklärung darin beſtehen würde, daß— Sie mir Ihre Hand reichten. Nun, habe ich Unrecht?“ „Ich muß Ihnen wohl Recht geben, um Ihren Verfolgungen zu entgehen,“ antwortete Elina lachend und reichte dem Lord die Hand;„aber ſpitzen Sie ſich nicht etwa auf ein ſtilles Gück.“ „Nein, Gräfin,“ erwiederte der Lord, indem er mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit die kleine Hand küßte.„Ich rechne darauf, an Ihrer Seite eine Hölle 5 — 315 „Eh bien, dann bin ich zufrieden.“ Im nächſten Augenblick waren Alle außer Ste⸗ phana im Saale verſammelt. „Bekommen wir die Königin des Tages nicht zu ſehen?“ fragte der Lord den Grafen Hermann. „Ja, Sie wird wohl ſogleich kommen,“ antwor⸗ tete der Graf. Jacobo näherte ſich Elina und ſagte leiſe mit ſeinem ſchönen, ernſten Lacheln: „Ich habe Dir ein Unrecht abzubitten.“ „Wirklich; dann gewähre ich Dir meine Ver⸗ zeihung ſchon zum Voraus.“ „Stephana hat mir mitgetheilt, daß Du ent⸗ ſchloſſen wäreſt, im Fall der Graf ſeine Probe nicht beſtände, ihn niemals als deinen Bruder anzuer⸗ kennen. Seine Vereinigung mit Stephana war für Dich der Maßſtab, wornach Du ſeinen Menſchen⸗ werth beurtheilen wollteſt, und dieß, Elina, beweist, daß ich Unrecht hatte, als ich in Dir eine Schau⸗ ſpielerin ohne Herz und Gefühl ſah.“ „Ach, mein beſter Jacobo, Du haſt vollkommen Recht gehabt, als Du nich für oberflächlich hielteſt, denn ich war eine unverbeſſerliche Thörin; aber ſiehſt Du, Stephana iſt nicht blos meine, ſondern auch meines edeln Oheims Wohlthäterin geweſen. Als er durch Unglücksfälle Alles verlor, was ſein eigen war, übertrug ſie auf ihn die Hälfte von dem, was ihr Vater ihr hinterlaſſen hatte, ſo daß das Erbe, welches Hermann nach unſeres Oheims Tode zufiel und auf das ich verzichtete, weil ich die Verwandten meines verſtorbenen Mannes beerbte, eigentlich Ste⸗ phana's Vermögen iſt. Eine Frau, welche mich mit, 316 Zärtlichkeit und Wohlthaten überhäuft, ſich zur Für⸗ ſprecherin bei meiner Mutter gemacht und mir die lang verſchloſſenen Arme derſelben geöffnet hat, beſitzt ein Recht auf die edelſten und wärmſten Gefühle meines Herzens.“ Hermann hatte Elina's Worte aufmerkſam an⸗ gehört. Als ſie ſchloß, trat Stephana ein. Allen entſchlüpfte ein Ausruf der Ueberraſchung, ſo entzückend ſchön war ſie in dem hellgrauen, mit einem hellrothen Bande beſetzten Seidenkleide und mit dem Schmuck einer hellrothen Roſette in dem dunkeln Haare. Niemand von den Anweſenden hatte Stephana jemals anders als ſchwarz geſehen, mit Ausnahme von Hermann; aber da diefer ſie als Elin Marten⸗ ſon kannte, war ihre Erſcheinung von der gegen⸗ wärtigen ſo verſchieden, daß auch er wohl ſagen konnte, er habe ſie niemals anders vor Augen be⸗ kommen.. Er ging ihr entgegen und ſagte mit ſtrahlen⸗ dem Blick: „Die Wittwentracht iſt verſchwunden.“ „Elins Kummer iſt durch Stephana's Seligkeit ausgetilgt,“ antwortete ſie, ihm die Stirne zum Kuß reichend. „Geſtatten Sie mir, Sie als Gräfin Romarhjerta zu begrüßen und zu beglückwünſchen,“ ſagte Lord Charter, indem er Stephana's Hand küßte. „Und geſtatten Sie mir, Mylord, Ihnen zu gra⸗ tuliren, daß es Ihnen gelungen iſt, Elina Wicker in Lady Charter zu verwandeln,“ erwiederte Ste⸗ lächelnd. 317 „Heute iſt ein Tag für Glückwünſche,“ bemerkte Jacobo leiſe gegen Helfrid,„nur für Sie und mich gibt es keine.“ „Nicht Alle ſind zur Glückſeligkeit geſchaffen; ich ſuche ſie auch nicht, ſondern will Ihrem Rath folgen und für die Veredlung meiner Seelenkräfte leben. Ich beabſichtige, Elin nach England zu be⸗ gleiten.“ „Und ich will leben, um zu arbeiten und Ihrer zu gedenken;“ entgegnete Jacobo;„ich werde meinen Adel in der Arbeit ſuchen.“ „Ja, das iſt ein Ihrer würdiges Ziel,“ be⸗ merkte Helfrid mit Ernſt.„Wir haben nun ge⸗ ſehen, daß der Mann von Geburt ſich ſtolz und glücklich fühlen darf, eine Tochter aus dem Volk ſeine Gattin zu nennen, wenn ſie, gleich Stephana, ſich durch wahrhaft chriſtliche Tugenden geadelt hat.“ 3 Wir werden in einem folgenden Werke: Arbeit adelt den Mann Jacobo wieder finden und ſehen, wie weit es ihm mit ſeinen Bemühungen gelungen iſt. Ende. ———— In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Nerzeit. Erſter Band: Georg Stephenſon, 2. Auflage. 80. 32 Bogen mit einem Holzſchnitt. Zweiter Band: James Watt, 21 Bogen mit 8 Holzſchnitten. Preis in engliſchem Einband mit Goldſtempeln jeder Band Thlr. 1— fl. 1. 45 kr. Sicherlich ſind die Anfänge und Endziele der jetzigen Induſtrie⸗Epoche nie großartiger aufgefaßt worden, als in beiden vorſtehenden Biographien. Wo ließe ſich auch dem Scharfſinne und der Beharrlichkeit eines James Watt, eines Georg Stephenſon gleich Großes an die Seite ſtellen! So unwiderſtehlich iſt der eigenthüm⸗ liche Reiz, welcher dieſe Lebensbeſchreibungen umgibt, daß jeder Roman daneben erblaßt. Der Geiſt, ſtets in die Schranken des wirklichen Lebens gebannt, gewinnt an innerer Spannkraft, der Charakter des Jünglings wird geſtählt durch ſo edle Beiſpiele; und endlich ſind über das innere und äußere Leben der beiden großen Männer ſo viele und intereſſante Aufſchlüſſe gegeben, do dieſe Biographien als endgültige angeſehen werden önnen. Nicht leicht wird es ein Buch geben, das geeigneter wäre, die ſtrebſame Jugend unſeres deutſchen Vater landes auf der Bahn praktiſcher Bildung zu befeuern und zu edlem Nacheifer anzuſpornen, als obige Bio⸗ graphien. Erzählungen von Hermann Kurz, Verfaſſer von„Schiller's Heimathjahre.“ Neue vermehrte Sammlung. 3 Bände eleg. broch. à Band Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr. Inhalt: Eine reichsſtädtiſche Glockengießerfamilie. — Wie der Großvater die Großmutter nahm.— Das Wittwenſtüblein.— Bergmärchen.— Das weiße Hemd. — Den Galgen! ſagt der Eichele.— Die Zaubernacht. — Das Schattengericht.— Das Arkanum.— Die blaſſe Apollonia.— Neun Bücher Denk⸗ und Glaubwürdig⸗ keiten.— Wiederfinden.— Ein Herzensſtreich.— Das Horoſcop.— Das gepaarte Heirathsgeſuch.— Der Feu⸗ dalbauer.— An der Wiege.— Ein Donnerwetter im Hornung.— Ingenderinnerungen. Jeder Band bildet ein ſelbſtſtändiges Ganzes und wird einzeln verkauft. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. M ſſ ſ 8 1 ſſi