ſi Leihbibt deutſcher, engliſcher und franziſiſche⸗ Literatur Cduard Otinänn in Gießen, 256. Schloßgaſſ ſe Lit. A. Nr. 2 Ceih und Feſchedingungen. 1 0fensein der ßipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pſciguahmt und Rückgabe! 6 Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends Uhr oſf 2. Losebre Bei Kuſhe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. Sehte Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Monnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat:— f 1 Mt. 50⁰ Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräcſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersat?z. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deis Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werd Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo i der eſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe ſ auf 14 Tage feſtgeſeßt id peſonbers varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weien teihen ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ausgewühlte Werke * von Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Ztuttgart. Frandh'ſche Verlagshand 1865. Die Leidenſchaften. Eine Erzählung von Marie Sophie Schwartz. ½——— Aus dem Schwediſchen von Dr. Btto gen. Reventlow. Stuttgart. Frantkh'ſche Verlagshandlung. 18665. Erſte Abtheilung. Es liebt ſich ſelbſt, Genuß und ſeine Ehr', Der Mann; dafür er Alles opfert hin; Das Weib hat nicht für ſolche Opfer Sinn; Für ihn ſie opfert ſich— und das iſt mehr. Tegndr. In München in der Steinhauſer Straße liegt ein großes Haus von finſterem Ausſehen. Die immer heruntergelaſſenen Fenſtervorhänge und das fort⸗ während verſchloſſene Thor gaben zu der Vermuthung Anlaß, daß daſſelbe verlaſſen oder ſeit Jahren nicht bewohnt geweſen ſei. Fühlte aber Jemand ſich durch Neugierde verſucht, ſich darüber Auskunft zu ver⸗ ſchaffen, ſo erhielt er die unerwartete Aufklärung, daß die Eigenthümerin des Hauſes, eine reiche Wittwe ſeit mehreren Jahren dort allein wohne. Im Frühling des Jahres 18— trug ſich in dem Schlafzimmer der Eigenthümerin Folgendes zu: Dieſes Zimmer, welches ſorgfältig möblirt war, hatte doch ein ſchwerfälliges und ſteifes Ausſehen. Im Bette mit den dicken, dunkeln Vorhängen lag ein Weib von ungefähr einigen und vierzig Jahren. Ihr Geſicht und Hände waren abgezehrt, ſ denen eines Skeletts glichen. Sie wü . Leiche als einem lebenden Weſen ähnlich geſehen haben, wenn nicht das Feuer der großen, ſchwarzen Augen verrathen hätte, daß in dieſer zerbrechlichen Hülle eine Seele wohne, welche noch der Stürme und Qualen der Leidenſchaften fähig ſei. An ihrem Lager ſaß ein bildſchöner junger Mann, welcher aufmerkſam, aber betend auf das horchte, was die Kranke ſprach. Nachdem ſie mit einem langen und, wie es ſchien, ſchmerzlichen Bekenntniß zu Ende gekommen, ruhte ſie einige Augenblicke; dann fuhr ſie aber wieder fort: „Du ſiehſt, mein Sohn, aus dieſer peinlichen Beichte, daß ich eine große Sünderin bin, daß auf meinem Gewiſſen Verbrechen von entſetzlicher Art laſten; aber es war für Dich und Deine Unab⸗ hängigkeit nöthig, daß ich ſie beging. Du wirſt alſo auch Alles das vergeben können, wozu mich meine grenzenloſe Mutterliebe verleitete.“ Der Sohn neigte ſein bleiches Geſicht über ihre Hand und führte dieſe ſtillſchweigend an ſeine beben⸗ den Lippen. „Schwöre mir, daß Du die Unglückliche und ihr Kind ausfindig machſt und ihnen denjenigen Theil von Deinem Vermögen übergibſt, den ich für ſie be⸗ ſtimmt habe. Schwöre mir es beim Bilde des Er⸗ löſers!“ ſprach die Mutter und reichte ihm ein kleines Crucifir, welches innerhalb des Bettes hing. „Ich ſchwöre es Dir, meine Mutter; aber wo und wie ſoll ich ſie ſuchen?“ „In Schweden! Dorthin gelang es ihr während des Prozeſſes ſich zu flüchten.“ 5 „Woher weißt Du das?“ „Caſpar, welcher während des Prozeſſes der ſie am meiſten belaſtende Zeuge war, theilte mir unter einem Anfall von Gewiſſensbiſſen, während welcher er nahe daran war, ſich ſelber anzugeben, mit, daß er es geweſen, der nach Verkündigung des Urtheils ihr und dem Kinde Gelegenheit zur Flucht verſchaffte. Wie Du aus dem Vorangeſchickten weißt, ließ ich ihn die Welt verlaſſen, bevor mein Geheimniß über ſeine Lippen gekommen,“ fügte die Mutter in düſterem Tone hinzu. „Weißt Du, daß ſie lebt?“ „Ich hoffe es; denn als ich nach Caſpar's Tod nach Schweden reiste, um ſie aufzuſuchen und unſchäd⸗ lich zu machen———“ „O, meine Mutter, wollten Sie auch ſie tödten?“ fiel der Sohn ſchaudernd ein. „Sie ſtand auf meiner Lebensbahn als eine drohende Gefahr, welche ich aus dem Wege räumen mußte. Ich entdeckte auch ihren Aufenthaltsort; aber am folgenden Tage war ſie verſchwunden. Ich ſetzte auch meine Nachforſchungen fort, jedoch vergebens. Meine Krankheit trieb mich nach München. Was Du übrigens als Anleitung zu wiſſen brauchſt, findeſt Du in dem Aufſatz, den ich Dir übergab, und in den Aufzeichnungen, welche Caſpar nach ihrer Flucht im Gefängniß fand. Sobald ich aufgehört habe, von meinen Gewiſſensbiſſen und von den ſchrecklichen Bildern verzehrt zu werden, welche bis zu meinem Tode meine Seele quälen verden, ſo machſt Du Vor⸗ bereitungen zu Deiner Abreiſe und verſchaffſt Dir ſo viele Kenntniſſe in der ſchwediſchen Sprache, daß Du ohne Dolmetſcher Deine Nachforſchungen anſtellen kannſt. Ol wenn die Menſchen wüßten, welche ent⸗ ſetziche Leiden das Verbrechen mit ſich bringt, ſie würden gewiß nie mit einem Fuß dieſe gefährliche Bahn betreten. Jahre lang habe ich auf meinem Lager gelegen, von den Anklagen und drohenden Geſtalten meiner Opfer verfolgt, welche nach Rache riefen, ohne daß ich um ein Ende meiner Qualen zu bitten wage; denn welche entſetzliche Rechenſchaft ſteht mir noch auf der andern Seite des Grabes bevor! Ich müßte wenigſtens den Troſt mit mir nehmen, daß ich einen kleinen Theil deſſen wieder zu ſühnen verſuchte, der noch gut zu machen war. Meine Schuld iſt noch ſo groß, daß ich nicht hoffen kann, Abſolution zu erhalten.“ Es trat eine Pauſe ein. Der Sohn ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand; auf ſeinem Geſichte wechſelten Abſcheu und Schmerz. Die Mutter be⸗ trachtete ihn mit ihren düſtern Augen; der Ausdruck von Reue, welcher ſich einige Augenblicke vorher in denſelben gezeigt, verſchwand und ſie blickte wieder ſtolz vor ſich hin. „Morgen, mein Sohn, kommt für Dich der wichtige Tag, an welchem Du Beſitzer eines fürſtlichen Vermögens wirſt, und durch Deine näheren Ver⸗ wandtſchaftsverhältniſſe zu einer mächtigen Familie eine Bahn betrittſt, welche Dich zur Ehre und zum Ruhme führen wird.“ Ein ſchwerer Seufzer hob die Bruſt des Soh⸗ — nes; aber er erhob ſich, ſchaute mit einem kecken und ſtolzen Blick empor und ſagte: „Ja, morgen werde ich eines großen Reichthums theilhaftig und habe eine glänzende Zukunft vor mir.“ „Möchte ich, doch dieſen Tag erleben! Schicke nach meinem Beichtvater,“ ſprach ſie mit matter Stimme. Er ſtand auf. In der Thüre begegnete er einem Manne im mittleren Alter, von hoher, gerader Geſtalt und von einem edlen, aber ſtrengen Aeußeren. Dieſer ging, ohne ein Wort zu ſagen, an dem jungen Manne vorbei. „Gehe, mein Sohn, ich will mit Triſtan allein ſein,“ gjagie die Mutter, als jener ſtehen blieb. Der Sohn ging. „Das Bekenntniß, welches Du vor Deinem Kinde abgelegt, habe ich Ich horchte hinter den Thürvorhängen verſteckt. „Nun gut?.. Die Kranke zitterte. „Ich bin nicht Dein Richter und auch nicht Dein Beichtvater; ich habe Dir nichts zu ſagen.“ „Du biſt mein Bruder.“ „Leiderl“ „Du kannſt Dein Verſprechen an meinen Sohn nicht zurücknehmen wollen. Er kann ja nicht für meine Verbrechen.“ „Nein,— aber meine Tochter kann nie die Schwiegertochter einer Giftmiſcherin werden.“ „Aber die Hochzeit iſt ja auf morgen feſtgeſetzt. Du kannſt nicht zurücktreten,“ rief die Kranke in Verzweiflung. „Ich kann und werde thun, was ich muß,“ ant⸗ wortete der Bruder unbeweglich kalt und verließ das Zimmer. Als er fort war, ſtand die Schweſter auf und murmelte: „Noch lebe ich, und noch einmal muß das Schick⸗ ſal mir gehorchen.“ Jeder ihrer Züge drückte etwas Unheilverkünden⸗ des und Entſchloſſenes aus. Sie ſtreckte die Hand aus und läutete. Ein Bedienter trat ein. „Gehe und bitte meinen Sohn, daß er mich ſo⸗ fort beſuche.“ An einem ſchönen Sommernachmittag wanderten zwei junge Mädchen die Logaardstreppe hinunter und ſtiegen in eines der Böte, welche nach dem Thiergarten fahren. In dieſem ſaß vorher ſchon ein junger Mann am Ruder. „Alſo, liebe Thora, bekomme ich jetzt jenes Wun⸗ derthier zu ſehen,“ bemerkte die Aelteſte, ein langes und ſchlankes Mädchen von ungefähr neunzehn Jah⸗ ren, mit einem lebensfriſchen und beweglichen Geſichte, lebhaften, aber grauen Augen, einem roſenrothen und immer lächelnden Mund, glänzend weißen Zähnen und blendender Haut. .. 11 „Ja, heute Abend ziehen Onkel und e hin⸗ aus nach dem Thiergarten,“ antwortete die andere, die höchſtens ſiebzehn Jahre alt war. Aber ihr Aeuße⸗ res verdient eine nähere Beſchreibung. Auch ſie war von hohem Wuchs, aber außerordentlich ſchlank. Das Geſicht vom feinſten Oval zeichnete ſich durch eine hohe, gewölbte und breite Stirne, ſowie durch ein Paar große dunkle Augen aus. Die Farbe derſelben konnte man jedoch nicht näher beſtimmen, denn ſie waren weder ſchwarz, braun oder blau, ſondern ſpiegelten wech⸗ ſe lweiſe alle dieſe Farben wieder; aber der Ausdruck in ihnen enthielt eine ganze Welt von noch ſchlum⸗ mernden Gefühlen. Die Naſe war fein und gerade; der Mundkl ein, mit ſchwellenden purpurrothen Lippen, und zeigte zwei Reihen hübſcher weißer Zähne. Die Haut war rein und weiß wie Alabaſter, aber von jener matten Bläſſe, welche nicht Kränklichkeit, ſondern ein heroiſches Temperament andeutet. Dieſe regel⸗ mäßigen Züge wurden von einer Fülle rabenſchwar⸗ zer Locken eingefaßt. Im Geſichtsausdruck lag etwas Veränderliches und Launiſches, welcher es immer in einem neuen und reizenden Lichte erſcheinen ließ. Fügt man noch hinzu, daß Hände, Füße, Hals und Schultern wie nach einer Antike geformt waren, ſo muß ſie ſchön geweſen ſein, wie der Schöpfer ſich das Urbild des Weibes dachte, damit dieſes durch ſeine Reize den Mann feſſeln konnte. Laſſen Sie uns das unterbrochene Geſpräch wieder aufnehmen. „Aber, liebe Thorä,“ fragte die uer„wie iſt er in Tante's Haus gekommen?“ 12 „Das theilte ich in meinem Briefe an Dich mit, Nina.“ 4 „O nein, damit befaßteſt Du Dich gar nicht; Du ſchriebſt nur:„Komme, komme, dann wirſt Du eine große Neuigkeit erfahren. Jetzt bin ich hier, voll Erwartung all' des Außerordentlichen, was Du mir zu erzählen haſt.“ „Aber doch nicht hier im Boote,“ meinte Thöra lächelnd. „Nein,“ ich werde wohl meine Neugierde im Zaum halten müſſen. „Du bleibſt doch jetzt bei uns den Sommer über?“ „Nur auf unbeſtimmte Zeit, bis das Aufzeichnen der Fahrniſſe meiner Großmutter ſtattfinden ſoll, wo ich dann nach Ektorp hinausfahren muß.“ Die Mädchen plauderten ſo fort, bis ſie durch einen heftigen Stoß geſtört wurden, welchen das Boot durch einen der Pfähle an einem der Schiffsholme erhielt. Der junge Steuermann hatte ſeine Augen ausſchließlich auf Thora gerichtet gehabt, ſo daß er vergeſſen, auf den Cours Acht zu geben, welchen das Boot nahm. Bei der Verwirrung, welche daraus erfolgte, wand⸗ ten ſich die Augen Aller nach ihm. „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſprach er zu den Mädchen;„aber der Fehler war nicht allein der mei⸗ nige,“ fügte er lächelnd hinzu. Thora lächelte auch bei dieſer Erklärung und dachte:„Mein Fehler war es wenigſtens nicht;“ aber ſie irrte ſich. Nachdem das Boot wieder in Gang gekommen, 7 13 ging die Fahrt ohne weitere Unterbrechung fort, bis zum allgemeinen Kreuzweg. Die Mädchen ſetzten von dort Arm in Arm ihren Weg bis zur Blockhaus⸗Landſpitze fort. In einer Entfernung von einigen Schritten folgte ihnen der junge Mann. Sie gingen durch das Gitterthor zu einem kleinen reizenden Landſitz, deſſen Namen nicht hierher gehört; wir können ihn deßhalb Roſenhügel nennen. Nachdem ſie im Wohnhauſe verſchwunden waren, flüſterte ihr zurückgebliebener Begleiter: „Sie iſt es! Denn hier wohnt die Majorin Alm. Alles, was man von ihrem Aeußeren ſagt, wird von ihr ſelbſt übertroffen. Morgen mache ich einen Beſuch bei ihnen.“ Darauf wanderte er ein Stück weiter nach und ging hinein in eines der neueren Häuſer, welche hier aufgeführt worden ſind. Wir verlaſſen ihn dort und folgen ſtatt deſſen den Mädchen. Ein kleiner, eleganter Salon war das erſte Zimmer im Parterre von Roſenberg. Rechts befand ſich ein kleinerer Speiſeſaal und links ein kleines, nettes Cabi⸗ net. Die Wohnung, eine Treppe hoch, beſtand aus den Schlafzimmern der Majorin Alm und der Mäd⸗ chen, ſowie aus einem Arbeitskabinet mit einem großen Balkon davor. Im Salon ſaß, als Thora und Nina eintra⸗ ten, am offenen Fenſter ein älteres Frauenzimmer mit noch hübſchen Geſichtszügen und einer ſtolzen und edlen Haltung. Ihr Aeußeres verrieth eine jener Glücklichen, welche wenig oder gar nicht die verheerenden Wirkungen von Mißgeſchich und Fs erfahren haben. Mit einem herzlichen Nicken grüßte ſie die Mädchen. „Willkommen, Nina!“ ſagte die Majorin;„das war hübſch von Dir, daß Du zu Thora hinauskamſt; ſie hat ſich ſo ſehr nach Dir geſehnt. Wo iſt Karin? Ich ſchickte ſie mit, um Deine Kleider zu holen und Euch zu begleiten.“ „Beſte Tante! Ich hielt es nicht aus, auf ſie zu warten, ſondern bat, Deine Karin nachkommen zu laſſen,“ antwortete Thora und warf ſich ganz ungenirt in einen Lehnſtuhl. „Mein liebes Kind, was Du warm biſt! Warum beſtandeſt Du darauf, zu gehen, als ich haben wollte, daß Du fahren ſollteſt?“ ſagte die Majorin und ging auf Thora zu, deren Locken ſie bei Seite ſchob und ihre ſchneeweiße Stirne küßte. Das Mädchen ſchlang ſeine Arme um den Leib der Tante und verſicherte lachend, daß es mit ihr keine Gefahr habe. Eine Stunde darauf ſaßen Thora und Nina im Graſe draußen auf dem Hügel und plauderten. „Nun, Thorachen, rücke denn doch vor allen Dingen heraus mit jenem deutſchen Lieutenant. Ich befinde mich ordentlich unwohl, wenn ich nur an ihn denke, ſo neugierig bin ich.“ Mag es denn ſein, um es überhoben zu werden, Dich leiden zu ſehen,“ antwortete Thora lächelnd. Wie Du weißt, war Onkel Anton den ganzen ver⸗ floſſenen Wint er nach dem Auslande verreist. Im Frühling, das heißt im Mai, erhielt die Tante einen Brief, datirt Hamburg, in welchem er ſie von ſeiner nahe bevorſtehenden Rückkehr in Kenntniß ſetzte und ihr zu gleicher Zeit mittheilte, daß er mit einem Lieu⸗ tenant Behrend Bekanntſchaſt gemacht, welcher in einer Familienangelegenheit nach Schweden zu gehen beabſichtige und ſich wahrſcheinlich längere Zeit hier aufhalten werde. Der Lieutenant hätte den Wunſch geäußert, es überhoben zu werden, in einem Hotel zu wohnen, und dann hätte der Onkel mit ſeiner gewöhnlichen Dienſtfertigkeit ihm unſer Haus ange⸗ boten. Jetzt bat der Onkel die Tante, die kleine Woh⸗ nung zwei Treppen hoch in Ordnung zu bringen, welche der Onkel ſonſt ſelbſt bewohnte, die er aber jetzt, mit Ausnahme eines einzigen Zimmers, dem Lieu⸗ tenant abtrat. Sie waren eine Woche nach der An⸗ kunft des Briefes zu erwarten. Ich that Alles, was ich konnte, zur Verſchönerung des Zimmers des erwarteten Ausländers, indem ich dort ein Paar meiner beſten Oelgemälde aufhing. Am Tage, an welchem das Dampſfſchiff Gauthjod ankommen ſollte, war Alles zum Empfange des Fremden bereit; aber es war ein Sturm ausgebrochen, ſo daß das Schiff erſt am Montag ankam. Mittlerweile hatte ich vor lauter Neugierde Fieber.— Der Onkel brachte ſeinen Reiſekameraden und deſſen Bedienten nach den Zim⸗ mern, welche für ſie beſtimmt waren, und ich wurde zu mehrerer Stunden weiterem Warten verurtheilt. Niemals iſt die Zeit mir ſo lang vorgekommen; ſie glich einer ganzen Olympiade. Gegen Abend kamen einige Damen zum Beſuch bei der Tante. In ganz 16 ſchlechter Laune ſetzte ich mich an eine Stickereiarbeit und beſchuldigte in meinem Innern den Lieutenant, welcher ſo lange auf ſich warten ließ, des Mangels an Lebensart u. ſ. w. Endlich um ſieben Uhr kam der Onkel mit ihm und ſtellte ſeiner Schweſter, der Majorin Alm, und ſeiner Nichte Thora Falk den Herrn Lieutenant Behrend vor. Ich erhob meine Augen zu dem neuen Gaſt. O, Nina! Wie ſoll ich Worte finden, um ſein Aeußeres zu beſchreiben!— Du weißt, daß ich in Phantaſie und Herz eine Künſtlerin bin; gber niemals, nicht einmal in meinen Träumen, habe ich etwas ſo vollkommen Schönes, wie ſein Geſicht geſehen. Stelle Dir ein Paar Augen vor, welche ſchwarz wie die Nacht und glühend wie die Sonne ſind, eine Stirne, auf welcher der Geiſt thront, eine römiſche, edel gebogene Naſe, ein tief ſchwarzes Haar, eine ſtolze, männliche Haltung und eine Apollogeſtalt— dann haſt Du doch nur einen ſchwachen Begriff von ſeinem Aeußern; denn wie ſollte man den lebhaften und feurigen Ausdruck in ſeinen Zügen wiedergeben können? Sein Ausſehen iſt bis auf die etwas dunkle Haut ein rein ſüdländiſches.“ „Ich höre zwar aus Deiner unvergleichlichen Beredtſamkeit, daß Du das Menſchenkind wunderſchön findeſt; aber daraus folgt keineswegs, daß ich daſſelbe thue,“ fiel Nina lächelnd ein. Thora fuhr in ihrem Bericht fort: „Zu unſerer Ueberraſchung ſprach er leidlich ſchwediſch, obgleich ziemlich gebrochen. Nachdem er 17 eine Weile mit meiner Tante converſirt hatte und dabei, wie ich glaube, ſeine Augen auf mich gerichtet gehabt, ſtand er auf, trat an's Fenſter, an welchem ich ſaß, und nahm mir gegenüber Platz.“ „Ich bin der Güte und dem ungewöhnlichen Talent der Mamſell Falk meine wärmſte Erkenntlichkeit für das Vergnügen ſchuldig, welches die Gemälde in meinem Zimmer mir gewährt. Kapitän Ahlrot hat mich davon in Kenntniß geſetzt, daß ſie von Ihrer Hand ſind. Sie zeugen von einer Geſchicklichkeit, die man keineswegs Ihrem Alter zutrauen ſollte,“ be⸗ merkte der Lieutenant. „Niemals hatte ich mich früher ſo glücklich ge⸗ fühlt, dieſes Talent zu beſitzen, niemals von Jemandes Lob ſo geſchmeichelt gefunden, wie von dem ſeinigen. Während er ſprach, waren meine Augen auf die ſeinigen gerichtet und meine Bewunderung über die Schönheit derſelben war ſo groß, daß ich zu antworten vergaß. Was er dabei dachte, weiß Gott allein; aber ſein Blick bekam einen Ausdruck, den man unmöglich aushalten konnte. Ich ſchlug erröthend meine Augen nieder. Wir ſchwiegen Beide. Nach Verlauf einiger Augenblicke fing er an von gleichgiltigen Dingen zu ſprechen. Die Nacht darauf tanzten der Lieutenant und ſeine ſchwarzen Augen in meinem Kopfe herum und verjagten allen Schlaf. Seitdem ſind wir täglich zuſammen geweſen, und er hat ſich immer ſehr zuvor⸗ ommend und artig gezeigt. Vor einer Woche reisten er und der Onkel nach Upſala; wir erwarten ſie aber heute zurück und daß ſie gegen Abend hier ſein werden. Schwartz, Die Leidenſchaften. 18 Den Sommer über, während die Tante hier draußen geweſen, haben der Onkel und der Lieutenant das Haus unterhalb des Hügels gemiethet. Jetzt kennſt Du die großen Ereigniſſe.“ Nina ſchwieg eine Weile und ihr heiteres Geſicht ſah ſehr nachdenklich aus, als ſie endlich antwortete: „Es gefällt mir nicht, daß die Tante jenen Fremden in ihr Haus aufnahm; denn man hört zu gut, daß Du in vollem Zuge biſt, Dich in ihn zu verlieben, und Gott allein weiß, ob er Dir Glück bringen kann.“ „Liebſte Nina, ſpreche nicht ſo ernſt— ganz wie die ſelige Tante es zu thun pflegte. Tante weiß beſſer als Jemand, was ſie thut; aber ſieh', da haben wir Cordula.“ Ein junges Mädchen von einigen und zwanzig Jahren kam von der Landſpitze her und ging den Hügel hinauf, wo Thora und Nina ſaßen. Sie war klein von Wuchs, aber ſtark gebaut. Die breiten Schultern und die hohe, gewölbte Bruſt gaben ihr etwas Männ⸗ liches. Das Geſicht fiel beim erſten Anblick durch ſeine ſcharfen Züge auf. Die großen und dunklen Augen lagen wegen des ſehr ſtark hervortretenden Untertheils der Stirne, die mit ein Paar gewölbten ſchwarzen Augenbraunen geziert war, etwas tief. Der kleine Mund hatte einen harten Ausdruck. Die Haut war bleich und das Haar dunkel. Das Ganze hatte das Gepräge eines entſchloſſenen und düſteren Charakters. Selten ſchlich ſich ein Lächeln über die ernſt geſchloſ⸗ ſenen Lippen, und niemals öffneten ſie ſich zu einem heiteren Scherz. Es hatte den Anſchein, als wäre das „ 19 Geſicht während irgend eines entſetzlichen Ereigniſſes verſteinert; jedoch lag darin kein Schmerz, ſondern nur eine kalte und verſchloſſene Düſterkeit, welche einem wolkenbedeckten Himmel in einer Herbſtnacht vor dem Ausbruch eines Sturmes glich. Ihr Ausſehen con⸗ traſtirte auf eine auffallende Weiſe mit dem heiteren, jugendlichen und ſorgloſen Weſen der anderen Mädchen. Nachdem Cordula Nina gegrüßt, nahm ſie ſtill⸗ ſchweigend neben ihr Platz. „Wo biſt Du geweſen, Cordula, ich vermißte Dich bei meiner Heimkehr?“ fragte Thora freundlich. „Oh, das glaube ich kaum,“ antwortete Cordula mit einer gewiſſen Bitterkeit im Tone;„warum ſoll⸗ teſt Du mich vermiſſen? Uebrigens bin ich da unten im Hauſe geweſen und habe Papa's Zimmer in Ord⸗ nung gebracht. „Und auch Lieutenant Behrends?“ „Das glaubte ich, daß Du ſelbſt thun wür⸗ deſt, liebe Thora.“ Hier wurde das Geſpräch durch zwei Herren zu Pferd unterbrochen, welche die Allee im Galopp hinauf⸗ kamen. Hinter ihnen fuhr eine Droſchke, in welcher ein Paar Damen ſaßen. „Siehſt Du, Nina, dort kommt er mit Onkel.“ Nina richtete ihre Augen auf die Reiter, welche am Ende der Allee ihre Pferde anhielten. Niemand gab in dieſem Augenblick auf Cordula Acht; aber ihr Geſicht nahm, als ſie ihren Blick auf die Ankommenden heftete, einen faſt n Schmerzensausdruck an. Mit einer gewaltſamen An⸗ merkte, 20 ſtrengung führte ſie die Hand über die Stirne, als wollte ſie irgend eine widrige Erſcheinung verſcheu⸗ chen. Sie athmete kurz und raſch; aber dieſer aufge⸗ regte Zuſtand dauerte nur einige Sekunden, dann ſtand ſie auf und bemerkte in einem entſchloſſenen Tone gegen Thora: „Ich gehe, um Tante davon in Kenntniß zu ſetzen, daß wir Fremde bekommen, denn in der Droſchke ſehe ich Frau H. und ihre Schweſter.“ Sie ging den Hügel hinunter nach dem Wohn⸗ hauſe. Eine Stunde ſpäter war die ganze Geſellſchaft im Hofe unter den großen Lindenbäumen verſammelt, wo einige Erfriſchungen von Cordula ſervirt wurden. Kapitän Ahlrot, der Bruder der Majorin, war ein kleiner Mann mit röthlichem Geſichte, wohlwollend, jovial und beweglich, im Alter von ungefähr einigen und fünfzig Jahren; er war dienſtfertig, mitleidig und ohne Mißtrauen. Lieutenant Axel Behrend entſprach vollkom⸗ men dem Bilde, welches Thora von ihm entworfen. Er converſirte eine Weile mit der Majorin und den übrigen Damen; näherte ſich aber bald Thora, welche in einiger Entfernung von den Andern auf einem Gartenſtuhl ſaß. „Mit Worten läßt es ſich nicht ſchildern, wie unendlich lang dieſe Tage geweſen, welche ich zugebracht habe, ohne Sie zu ſehen,“ ſagte der Lieutenant und ſetzte ſich. 3 a erröthete, ſchlug die Augen nicder und bes irgend etwas zu ſagen: 7 21 „Iſt die Gegend hier nicht ſchön?“ „Daran habe ich noch nicht gedacht,“ antwortete der Lieutenant. Nina, welche den Wechſel in Thora's Geſicht und den Ausdruck in des Lieutenants Augen beobachtete, ahnte, daß dieſes Geſpräch unterbrochen werden mußte; ſte ging deßhalb hin zu ihnen und ſagte in ſcherzen⸗ dem Tone: „Ich habe einen Unwillen gegen den Lieutenant gefaßt.“ „Das wäre ein weniger chriſtlicher Einfall einem Fremden gegenüber, welcher noch nie das Glück gehabt, Sie früher zu ſehen. Auf welche Weiſe habe ich denn ſolche Gefühle bei Mamſell Adler hervorrufen können?“ „Der Herr Lieutenant iſt weder Schuld daran, noch haben Sie es verdient; derſelbe entſtänd nur da⸗ durch, daß Sie einen Brief mitbrachten, welcher mich zwingt, ſchon in ein paar Tagen den Roſenhügel zu verlaſſen. Ich halte Sie deßhalb für einen Unglücks⸗ propheten. Uebrigens iſt ja auch der Haß eine Phan⸗ taſie, und es amüſirt mich, der meinigen zu folgen.“ „Ich fordere Sie heraus, mich zu haſſen,“ und dabei heftete der Lieutenant einen eigenen Blick auf Nina. „Grade dann thue ich es am meiſten,“ rief Nina lachend. 2 „Ich glaube, Ihr erklärt einander Krieg?“ fiel Thora ein. „Warum nicht? Vielleicht gilt der Streit Mam⸗ ſell Thora,“ antwortete der Lieutenant.„Ich bin es nicht, der den Handſchuh hingeworfen, ſondern Maniſell Adler; aber als n gebietet mir die Ehre, denſlben — aufzuheben; beſonders da die Feindſeligkeit von einer ſo hübſchen Dame eröffnet worden iſt.“ „Es iſt alſo abgemacht, daß wir unſer Beſtes thun ſollen, einander zu haſſen?“ 3 Durchaus nicht! Ich behaupte, daß Mamſell Ad⸗ ler mich nicht haſſen kann, und Sie das Gegentheil; darauf bezieht ſich der Streit. Aber iſt es wirklich wahr, daß der Brief, den ich Ihnen von Doktor Adler überbrachte, Sie zu einem ſo raſchen Aufbruch ver⸗ anlaßte?“ „Oh, es iſt nur die Rede von einer Reiſe aufs Land von einigen Tagen,“ antwortete Nina. Spät Abends ſaßen die drei Mädchen zuſam⸗ meu in ihrem gemeinſchaftlichen Schafzimmer. „Nun, Mina, wie gefällt er Dir?“ fragte Thora eifrig. „Er iſt wirklich hübſch; aber mein Ideal würde er trotzddem nie werden, denn unter dem ſchönen Aeu⸗ ßeren wohnt eine egoiſtiſche Seele.— Er hat etwas Unheilverkündendes.“ „Wie doch Nina ſchwätzt!— es wohnen Treue und Ghre in ſeinem Blick,“ rief Thora hitzig;„oder was meinſt Du, Cordula?“ „Er iſt mehr als hübſch; denn er iſt ganz ge⸗ fährlich, Thora!“ antwortete Cordula mit Nachdruck. „Iyr ſeid alle beide närriſch.“ 23 „Ach, daß Du niemals von ihm betrogen werben mögeſt. Ich werde es nicht wagen an das Feuer in ſeinen Augen zu glauben; aber Du biſt ſchon von der Leidenſchaft verblendet, und es iſt nicht der Mühe werth mit Dir zu reden,“ ſagte Nina. Am folgenden Morgen wanderten zwei junge Leute längs dem Ufer des Thiergartenkanals. In dem einen erkennen wir den Steuermann der Mädchen auf dem Fährboot wieder; ſeine Züge waren regelmäßig; aber der Ausdruck in den dunkelblauen Augen verriethen ein veränderliches Gemüth. Die volle Breite der Stirne nach oben zeugte von einem ercentriſchen Charakter. Das Haar fiel in einer Menge dunkler Locken um die Schläfen hinab; und der wohler⸗ haltene Bart deutete auf eine aufmerkſame Fürſorge für den äußeren Menſchen. Sein Kamerad war ein junger Mann von alltäglichem Ausſehen. „Nun komme,“ äußerte der Erſtgenannte,„Du verſprachſt mir ja eine kleine Mittheilung über Deine Verwandten auf dem Roſenhügel, denen ich heute Abend vorgeſtellt werden ſoll. „Mehr als gern, Brüderchen, die ſollſt Du ſofort haben: Wie Du weißt, ſo bin ich ein Schweſterſohn von dem Manne der Majorin Alm; meine Mutter iſt auch eine intime Freundin von ihr.— Die Majorin iſt meh⸗ rere Jahre Wittwe geweſen, lebt von den Zinſen eines bedeutenden Vermögens und zuſammen mit ihrem Bru⸗ der, dem Capitain Ahlrot, in ihrem gemeinſchaftlichen Hauſe in der Regierungsſtraße. Sie hat drei Schwe⸗ ſtern gehabt, die alle geſtorben ſind; aber ihre Geſchichte kenne ich nicht genau. Die älteſte war mit einem Baumeiſter verheirathet und ſtarb vor zwölf Jahren, nachdem ſie ein Jahr Wittwe geweſen. Sie hinterließ einen Sohn, den jetzigen Doltor Heinrich Adler und eine Tochter Nina. Dieſe beiden Kinder wurden von der Großmutter, der Stiefmutter der Tante Alm und des Kapitäns erzogen. Die andere Schweſter war die Mutter von Thora Falk; obgleich Niemand recht darüber Beſcheid weiß. Sei nun dem wie ihm wolle, das Sichere an der Sache iſt, daß der Graf Falken⸗ hielm der Vater des Mädchens iſt. Die Majorin läßt ſich nie auf eine Erklärung darüber ein, ſondern beantwortet alle Fragen mit: Thora iſt die Tochter meiner Schweſter; und das in einem Tone, welcher alles weitere Fragen verbietet. Die nahe Verwandtſchaft des Grafen mit Thora muß jedoch ein Geheimniß zwi⸗ ſchen mir und Dir bleiben. In einem Alter von zwei Jahren und ſchon vor dem Tode des Majors wurde Thora von meiner Tante als ihr eigenes Kind aufgenommen; obgleich die vermeintliche Mutter, die unverheirathet war, damals noch lebte und ſich bei des Majors aufhielt. Sie ſtarb einige Jahre darauf. Der Graf hat mit fürſticher Freigebigkeit für ihr⸗ Erziehung geſorgt. Das Schickſal der dritten Schweſter kenne ich gar nicht; nur das weiß ich, daß ſie gegen den Willen der Mutter von Hauſe abreiſte. Sie wird von den Verwandten nie erwähnt. Außerdem hat ** „ „ 25 auch Kapitain Ahlrot eine Adoptivtochter, welche ſich ſeit drei Jahren im Hauſe der Majorin aufhält. Sie heißt Cordula. Siehe, da haſt Du das ganze Ge⸗ ſchlechtsregiſter.“ „Dieß iſt indeſſen nicht genug; Du mußt mir auch einen Begriff von dem Charakter dieſer Perſonen geben, ſonſt würde meine Vorſtellung von ihnen eine höchſt unvollſtändige werden.“ „So gut ich kann, ſoll das auch geſchehen: Die Majorin hat einen ſtolzen, etwas herrſchſüchtigen Cha⸗ rakter. Sie wird von Allen gefürchtet und man fühlt ſich nie geneigt ihr zu wiederſprechen. Uebrigens iſt ſie freigebig, beſtändig in der Freundſchaft, von einem vortheilhaften Aeußeren und imponirendem Benehmen. Sie hat zwei Schwächen, die eine für ihren Bruder und die andere für die Tochter ihrer Schweſter Thora, deren Wünſche ſie alle erfüllt. Der Bruder, Capitain Ahl— rot iſt ein frommer, heiterer, gutmüthiger und vielleicht etwas einfältiger Mann, welcher aber gegen ſeine Adoptivtochter keine übertriebene Zärtlichkeit an den Tag legt; dagegen vergöttert er Thora ganz und gar. Dieſes von Allen verzärtelte Mädchen iſt ſchön wie ein Engel, verzogen wie ein hübſches Kind, unbe⸗ ſtändig wie Aprilwetter, geiſtreich und lebhaft, wie eine glücklich von der Natur begabte Franzöſin und hat viel verſprechende Anlagen, eine ausgezeichnete Künſtlerin zu werden, welcher Aufgabe ſie ſich auch ausſchließlich zu widmen gedenkt. Ihre Bilder zeugen von einem außerordentlichen Talent. Füge noch zu all dieſer Herrlichkeit bei ſiebzehn Jahren, daß ſie mit einem bedeutenden Vermögen als Mitgift ſo gut wie Du ſie à preudre— vater⸗ und mutterlos iſt, ſo haſt falls es Dir gelingt, ihr Herz zu gewinnen.“ „Die Beſchreibung iſt lockend genug; aber noch einnehmender iſt ſie ſelbſt; ich habe ſie bereits geſehen.“ „Oh was! Wo denn?“ „Wir waren geſtern fern von der Stadt auf„ einem Fahrboot zuſammen, und haben dann den⸗ ſelben Weg hierher gemacht. Als ſie auf dem Roſen⸗ hügel einkehrte, ahnte ich, wer ſie ſei, un „Und Du wurdeſt ſofort in ſie verliebt?“ „Grade nicht verliebt; aber....“ „Aber beinahe?“ „Setze Deine Charakterſchilderungen fort; denn noch bleiben übrig: Doktor Adler mit Schweſter und Mamſell Cordula.“ „Heinrich Adler, mit ſeiner Schweſter von ſeiner Großmutter erzogen, iſt ein ernſter und ſtrenger Kamerad und ſieben Jahre älter als Nina. Sein Charakter iſt entſchloſſen, feſt und ſtolz; er beſitzt aber auch einen klaren und ausgebildeten Verſtand. Seine Studien hat er ungewöhnlich raſch gemacht und iſt jetzt Arzt an einem der Krankenhäuſer der Hauptſtadt. Nina hielt ſich bei der Großmutter bis zum letzten Frühling auf, wo die alte Frau ſtarb, und verteilte vor der Erbſchafts⸗Auseinanderſetung rc. auf Ektorp, wird aber ſpäter zum Bruder ziehen und von der kleinen Erbſchaft leben, welche die Alte ihr hinterlaſſen hat. Er wird auf dem Roſenhügel erwartet, wenn er nicht ſchon da iſt. Nina hat ein offenes, heiter und weibliches Weſen, einen gewiſſen Stolz, ein ſcharfes Urtheil und ein warmes, feſtes und durch die * 27 Erziehung unerſchütterlich gewordenes religiöſes Gefühl, welches ihr künftig Muth und Kraft verleihen wird, um ſowohl das Unglück zu ertragen wie den Ver⸗ ſuchungen zu widerſtehen. Außerdem iſt ſie gut und treu und dem, an den ſie ſich angeſchloſſen, ergeben; auch beſitzt ſie eine wunderſchöne Stimme.“ „Nun, und dann Cordula?“ „Lieber Emil, die kann ich nicht ſchildern. Mein Herz wird zwar zu ihr hingezogen, wie von einem Magneten; aber mein Verſtand ſagt mir, daß wir ebenſo von einander getrennt ſind, wie die beiden Pole. Ihr abgeſchloſſenes Leben iſt wie ihr Charakter in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. Während der drei Jahre, wo ſie im Hauſe der Tante geweſen, iſt nicht ein Wort über die Zeit vor dieſer Periode über ihre geſchloſſenen Lippen gekommen. Sie iſt kalt, wortkarg, unzugänglich; aber doch....“ „Findeſt Du ſie reizend?“ „Gewiß nicht; aber mein aufrühreriſches Herz will ſie durchaus lieben....“ „Und das kalte Aeußere beleben.— Aber noch eine Sache: Weiß Thora, wer ihr Vater iſt?“ „Im vorigen Jahre ſcheint der Graf, welcher ſich damals in Stockholm aufhielt, ſich in dieſer Eigenſchaft ihr zu erkennen gegeben zu haben; aber kurz darauf unternahm er eine längere Reiſe in's Ausland.“ „Iſt der Graf verheirathet?“ „Er iſt ſeit neunzehn Jahren Wittwer.“ Am Abend deſſelben Tages ſaß die Majorin Alm in dem hübſchen Hofe, als ihre Schwägerin, die Frau Kämmerin Grill mit ihrem Sohn Knut und einem fremden jungen Mann zum Beſuch kam. err Emil Liljekrona, Künſtler und agregirt bei der Akademie der freien Künſte ꝛc. wurde von Frau Grill vorgeſtellt. Nachdem verſchiedene Complimente gewechſelt und einige Erfriſchungen ſervirt worden waren, wandte ſich Liljenkrona an Nina und Thora und ſagte: „Ich muß Sie um Verzeihung bitten für die unge⸗ ſchickte Weiſe, auf welche ich geſtern das Fährboot ſteuerte.“ „Aber Herr Liljenkrona konnte ja nichts dafür,“ antwortete Thora lächelnd. „Mamſell Falk deuten auf die unpaſſende Weiſe, auf welche ich mich entſchuldigte, und doch lag einige Wahrheit darin; denn der Fehler war nicht der mei⸗ nige allein.“ „Weſſen denn?““. „Der Ihrige, meine Gnädige!“ antwortete Liljen⸗ trona lachend zu Thora's Verwunderung. „Der meinige? Aber, mein Gott, ich hatte ja nichts mit dem Steuerruder zu thun.“ „Sie waren dort, und dieſer Umſtand war Schuld an der ganzen Unordnung; denn wie war es möglich, die Augen nur auf den Curs zu richten, den das Boot nehmen ſollte.“ „Das iſt eine Entſchuldigung, die durchaus nicht angenommen werden kann,“ antwortete Thorg erröthend, und hüpfte fort und zu Knut hin. 29 „Warum ſtehſt Du hier gleich einer Statue und betrachteſt das Haus?“ fragte Thora und gab ihm einen leichten Schlag auf die Achſeln. „Weil ich müde wurde, Dich anzuſehen,“ ant⸗ wortete er verdrießlich und ging ſeiner Wege. „Wie aufgeregt Falk doch iſt,“ klang die Stimme des Lieutenants Behrend hinter Thora. Sie wandte ſich um und begegnete ſeinem Blicke; derſelbe war aber ſo finſter, daß es Thora übel zu Muthe wurde.. „Ein hübſcher Mann, der Herr Liljekrona,“ fügte er hinzu,„und mit einer beſonberen Fähigkeit, Freude um ſich zu verbreiten. Ich bin nie ſo glücklich geweſen, Sie früher ſo heiter zu ſehen.“ „Im Gegentheil, ich bin immer heiter,“ fiel Thora ein, welche ſich durch den Ton verletzt fühlte. „Nicht immer ſo von ganzem Herzen.“ Thora wurde purpurroth und antwortete mit einem leichten Anſtrich von Humor: „Dann iſt der Herr Lieutenant nicht beſonders ſcharfſehend.“ „Wirklich? Sie finden ihn vielleicht langweilig.“ „Nein, unterhaltend, heiter und....“ „Liebenswürdig?“ „Nein!“ Thora blickte auf zu ihm; ſchlug aber ſofort ihre Augen vor dem Blitz nieder, welcher aus den ſeinigen keuchtete. Beide ſchwiegen. 7„Werden Sie nicht böſe,“ flüſterte der Lieute⸗ pint und beugte ſich zu ihr herab. Thora eilte von ihm fort, ohne zu antworten. mutter nothwendig war. Einige Tage darauf verließ Nina den Roſenhü⸗ gel, um nach Ektorp zu fahren, wo ihre Anweſenheit wegen der Erbſchaftsangelegenheiten nach ihrer Groß⸗ Emil Liljekrona miethete ſich für den Sommer bei Frau Grill, der Mutter ſeines Freundes Knut, ein. Ein Monat verging, während welcher Zeit die Familie Grill und Alm täglich zuſammen waren⸗ Nina war nur auf einen kurzen Beſuch draußen im Thiergarten geweſen. Emil Liljekrona's Aeußeres verrieth eine beſtändige Unruhe. Cordula war verſchloſſener und düſterer als gewöhnlich, und Thora lebte nur in den Stunden, in welchen Axel in ihrer Nähe war; in der Zwiſchenzeit träumte ſie. Aber wie ſtand es mit Lieutenant Axel? Sein Blick wurde mit jedem Tag bedeutungsvoller und verweilte immer länger auf Thora. Seine ganze Seele mit allen Leidenſchaften derſelben ſchienen in ſeinen Augen zu liegen, wenn ſie denjenigen Thora's begeg⸗ neten, oder auf dem ſchönen Mädchen ruhten. Es war ein Monat verfloſſen, ohne daß Axel daran zu denken ſchien, daß es außer dem Roſenhügel und deſſen Be⸗ wohner irgend einen anderen Ort in der Welt gäbe. Nur ſelten machte er einen flüchtigen Beſuch in Am 14. Juli war Thora's ſiebzehnter Gebu 31 tag. Die Majorin feierte denſelben mit einem Ball, welcher im Pavillon arrangirt wurde. Arel engagirte Thora zum erſten Walzer. Von ſeinen Armen umſchlungen ſchwebte ſie durch den Sa⸗ lon nach den reizenden Melodien von Strauß. Während des Tanzes bat Axel: „Sehen Sie mich an, Thora. O, ſehen Sie mich ein einziges Mal an!“ Thora ſah auf zu ihm mit einem ſtrahlenden und heißen Blick. 8 „Walzen Sie nicht mit irgend einem Anderen. Verſprechen Sie mir das?“ bat Axel weiter. „Ich verſpreche,“ ſtammelte Thora. „Danke, angebeteter Engel!“ Jetzt war der Walzer zu Ende. Halb beſinnungslos ließ Thora ſich neben Frau Alm nieder. „Mein füßes Kind, wie Du entſetzlich echauffirt biſt,“ ſagte die Tante und führte das Taſchentuch über ihr glühendes Geſicht. „Ach ich bin ſo heiß, ſo heiß, ich muß friſche Luft ſchöpfen,“ antwortete Thora und eilte hinaus. Indem ſie ſich auf eine Bank im Garten nieder⸗ warf, ſuchte Thora ihre Gedanken zu ſammeln; aber ihre aufgeregten Gefühle machten es ihr unmöglich. Den Kopf zurückgelehnt und mit verſchloſſeneu Augen ſaß ſie in einen inneren Chaos verſenkt, als ſich Schritte näherten. Das Herz wollte die Bruſt ſprengen bei dem Gedanken, daß er es ſein könnte; ſie wagte nicht die Augen aufzuſchlagen. Aber der Klang eines rein ſchwediſchen Organs traf ihr Ohr und benahm ihr den Irrthum. Emil ſtand ganz bleich vor ihr und fragte ganz ernſt, ob er die Ehre haben könnte, die nächſte Francaiſe mit ihr zu tanzen. Thora ant⸗ wortete ja und ſtand auf. „Ein Wort, Mamſell Thora, nehmen Sie ſich in Acht, ſich von jenem Fremden bethören zu laſſen,“ ſagte Emil und ergriff ihre Hand. „Warum eine ſolche Warnung gerade von Herrn Liljekrona, welcher eine neuere Bekanntſchaft iſt?“ ant⸗ wortete Thora etwas ſtolz. „Mag es ſo ſein, aber ich bin doch Ihr Lands⸗ mann und darum ein zuverläſſigerer Freund.“ Emil begleitete Thora nach dem Pavillon. Sie walzte nicht mehr. Nina kehrte im Laufe des Abends von ihrem Brüder Doktor Adler begleitet nach der Stadt zurück; aber ihre Seele war voll Unruhe wegen Thora. Ver⸗ gebens hatte ſie Frau Alm's Aufmerkſamkeit auf die Neigung geleitet, welche, wie Jedermann ſah, zwiſchen Thora und Arxel im Entſtehen war. Die Majorin hatte Nina geantwortet, daß Lieutenant Behrend ſehr reich und alſo eine ganz gute Partie für Thora ſei. Als Thora ſpät Abends in ihr und Cordulas Zimmer eintrat, fand ſie dieſe weinend auf ihrem Bette liegend. Ein ſolcher Gefühlsausbruch war etwas höchſt Ungewöhnliches bei dem verſchloſſenen Mädchen; 33 deßhalb ging Thora, der Stimme ihrer Herzens fol⸗ gend, hin zu ihr und fragte zärtlich: „Was iſt es, meine kleine Cordula, hat ſich et⸗ was Unangenehmes ereignet, daß Du weinſt?“ Cordula erhob ſich heftig, ſchlang ihre Arme um Thora's Leib und ſagte: „Ich weinte über Dich, Thora, und über Deine Liebe, welche Dich in das größte Unglück ſtürzen wird, weil Du ſie für ihn hegſt. Ol wenn Du wüßteſt, was er iſt!— Eine Zuſammenſetzung von allem Grauſamen und Abſcheulichen. Fliehe ihn, Thora! Sein bloßer Athem iſt ein Gift, welches ent⸗ ſetzliche Qualen mit ſich bringt. „Raſeſt Du?“ rief Thora erſchrocken. „Nein, ich raſe gewiß nicht; ich entſetze mich bei dem Gedanken, daß Du vielleicht einſt ſeine Gattin werden könnteſt.“ „Aber, mein Gott, was veranlaßt Dich, ſo von Axel zu ſprechen?“ antwortete Thora und machte ſich von ihr los. „Thora, ich bin weder ſchwach noch weich, das weißt Du wohl; aber in dieſem Augenblick bitte ich Dich darum, mir zu glauben. Lieutenant Behrend's Liebe wird Dein, wird unſer Aller Unglück; fliehe, während Du noch kannſt.“ „Warum ſollte ich Deinen Worten glauben; ſie haben ja keinen Grund für ſich; Du kennſt ihn nicht mehr als ich?“ „Aber ich ſehe weiter als Du; ich leſe in ſeiner Seele. Es iſt das Erſtemal, Thora, daß ich mich Schwartz, Die Leidenſchaſten. 3 34 Jemandem nähere; verachte nicht meine wohlgemeinte Warnung.“ „Nein, gewiß nicht; aber ich finde ſie lächerlich,“ antwortete Thora freundlich,„und ich bitte Dich, Cordula, dergleichen Grillen aus dem Kopf zu ſchlagen. Schlafe Du ruhig und glaube mir, daß alle Deine Einbildungen in Betreff Axels nur eitel Hirngeſpinnſte ſind.“ „Du kümmerſt Dich alſo nicht um das, was ich geſagt habe?“ „Ja, ſo ſehr, daß ich Dir für Deine wohl⸗ wollende Abſicht danke; aber.. „Aber Du glaubſt an ihn 24 „Ja, freilich. Gute Nacht, Cordula!“ „Gute Nacht! Du erwachſt doch einmal aus Deinem goldenen Traume,“ antwortete Cordula in einem ſo düſter ſpöttiſchen Tone, daß derſelbe Thora ſchaudern machte. Einige Augenblicke darauf ſchlief Thora den ruhigen Schlaf eines Kindes und träumte, daß ſie mit Axel walze. Aber Cordula wachte, die Seele voll von düſtern Bildern. Am Tage darauf fuhren die Majorin, Cordula und Axel nach der Stadt. Onkel Anton und Thora plieben allein auf dem Roſenhügel zurück. ₰ * Nachdem ſie zu Mittag gegeſſen, fragte der Onkel: „Willſt Du mich zum Fiſchen begleiten?“ „Nein, ich danke; laß mich um Alles von jener Quälerei verſchont ſein, wozu mir alle Geduld fehlt,“ antwortete Thora lachend. „Wie Du willſt, liebes Kind; amüſire Dich auf eigene Hand; denn ich rudere hinaus.“ Damit richtete der Kapitän ſeinen Cours nach dem Seeufer, wo. ſein Boot lag und ſchaukelte. Thora nahm eine Zeichenmappe, und ſetzte ſich in den Pavillon, um zu zeichnen. So war eine Stunde verfloſſen, als ſie ein Pferd in der Allee galoppiren hörte. Die Wangen brannten ſchon hochroth, als ſie nach der Thüre eilte, um zu ſehen, wer es ſei; aber die Krümung des Weges hinderte ſie daran. Sie blieb jedoch eine Weile ſtehen und lauſchte. Einen Augen⸗ blick ſtand Axel von Befriedigung ſtrahlend vor ihr. Endlich,“ rief er, und ergriff ihre Hände,„treffe ich Thora allein. O! wie ſehr habe ich mich nach dieſer Stunde geſehnt, wo ich ſagen darf, wie hoch, wie grenzenlos ich Dich liebe; nicht wahr, meine Blicke und jeder meiner Seufzer haben Dir geſagt, daß Du mein Leben, mein Glück, mein Alles biſt! Thora, jage, daß ich mich nicht betrogen habe, daß Du auch mich liebſt, mit einer ebenſo heißen und glühenden Liebe liebſt, wie die meinige iſt; daß unſere Gefühle ſich zu einem einzigen aus einem gemeinſamen Herzen entſprungenen Gefühle vereinigt haben! Er bedeckte Thora's Hände mit ſeinen Küſſen. Von der Ueber⸗ raſchung, von ſeinen Worten und von ihrem eigenen Herzen hingeriſſen, lehnte ſie ſich gegen ſeine Bruſt und flüſterte ſchüchtern: Fa, P Dich!“ Arme ra! hätteſt Du in dieſem Augenblick geahnt, welche Qualen und endloſe Leiden Dir Deine Liebe zuziehen würde, dann wäreſt Du gewiß von dieſem Manne geflohen, obgleich er ſchön war wie ein ver⸗ körpertes Ideal. Axel war von Charakter egoiſtiſch, feſt und un⸗ beugſam, mit einem Herzen voll der heftigſten Nei⸗ gungen. Wurde er von einer Begierde, von einer Leidenſchaft ergriffen, dann mußte dieſelbe befriedigt werden. Mit einer Beharrlichkeit, welche niemals er⸗ müdete, ſuchte er alle ſeine Wünſchen zu befriedigen, ohne zu berechnen, oder auch nur darnach zu fragen, was Andere dabei leiden oder opfern mußten. Thora dagegen, von Natnr ſchwach und nach⸗ giebig, feurig und ſchwärmeriſch, mit einem reinen, unſchuldigen Herzen, überſpannter Phantaſie und mit einer Schönheit begabt, die jeden Mann entzücken und feſſeln mußte, war gerade ein Weib wie Arxel ſich das Ideal einer Geliebten geträumt. Mit den reinen Ge⸗ 5 fühlen der erſten Liebe ſchloß ſie ſich wie ein unbe⸗ ſonnenes Kind ohne Mißtrauen an ſein Herz, und überließ ſich ohne Widerſtand der Macht der Lei⸗ denſchaft. Madame Staél ſagt irgendwo:„Die Mutier kann ihr Kind, das Kind die Mutter ver⸗ geſſen; aber niemals kann das Weib ſeine erſte Liebe vergsſſen“ So war es mit Thora. — — 37 Sie gehörte zu denjenigen, welche in ihrer erſten Liebe ihre ganze Seele mit den edelſten Gefühlen vollſtändig erſchöpfen. Es hing von dem Gegenſtand derſelben ab, ob ſie durch eine falſche Liebe verlöſchen oder unter dem Schutz einer treuen 5 und Früchte tragen ſollte. Einmal betrogen, mußte das Vermögen, zu lieben, in deſſen höherer Bedeutung, bei Thora ſterben. Es hing von den Verhältniſſen ab, in welche ſie ſpäter gerathen würde, ob Thora ein hochherziges Weib mit einem aufopfernden und hingebenden Charakter, oder eine Perſon werden ſollte, welche das Leben mit Gleich⸗ giltigkeit betrachtete und, aus Mangel an Feſtigkeit, leichtſinnig Trauer und Elend um ſich ſchuf, indem ſie blind den Eindrücken des Augenblicks oder den Forde⸗ rungen ihrer Leidenſchaften nachgab; denn Thora gehörte zu jenen unglücklichen Kindern der heutigen Zeit, welche, durch eine nachläßige religiöſe Erziehung verdorben, niemals in der Religion Kraft oder Zuflucht in der Stunde der Verſuchung finden werden. Welchen von dieſen Charakteren ſollte Axels Egoismus bei Thora entwickeln? Der Verlauf dieſer Erzählung wird es zeigen. 3 An einem hübſchen Sonntag im Auguſt finden wir die Familien Alm und Grill unter den Linden vor dem Wohnhauſe auf dem Roſenhügel verſammelt. Die Eltern, ſowie Knut und Cordula, ſaßen um einen Tiſch, voll von Obſt und Körben. Thora lag, auf den Ellbogen geſtützt, auf dem Raſen und an ihrer Seite befand ſich Axel. Man kann ſich unmöglich eine ſchönere Gruppe denken, als dieſe beiden Liebenden. Ihnen gegenüber ſaß auf einer Bank Nina und unterhielt ſich mit Lilje⸗ krona. „Thora, ich werde von Sehnſucht und Eiferſucht verzehrt. Ich leide, ich bin unglücklich, weil ich Dich nicht beſitze; ich kann nicht zu mir ſelber ſagent jetzt iſt ſie die Meinige, einzig und allein die Meinige. Wann, o wann wird der Tag kommen?“ Mit einer von der Leidenſchaft bewegten Stimme flüſterte Axel dieſe Worte. „Wie, mein Axel, bin ich nicht Dein von meiner ganzen Seele? Gibt es denn irgend einen Winkel in meinem Herzen, der nicht ausſchließlich Dir gehört?“ fragte Thora und ſah ihn mit einem reinen, zärtlichen Blicke an. „Ach, Thora, Deine Liebe iſt doch nicht glühend wie die meinige, weil Du nicht begreifſt, daß ich noch viel zu wünſchen und Du viel zu geben haſt. Man kann viel mehr lieben, als Du, und das thue ich.“ „Gott weiß es, daß es mir doch bisweilen ſo vor⸗ kommt, als wäre Deine Liebe mehr egoiſtiſch, als die meinige. Gibt es denn Etwas, das Du von mir fordern könnteſt, welches ich Dir nicht ſofort gewähren würde, ſofern es in meiner Macht ſteht.“ Ein Blitz der Leidenſchaft leuchtete bei dieſer Ant⸗ wort Thora's aus Axel's Augen und verbreitete eine Gluth über ſein ganzes Geſicht; als er aber ihrem unſchuldigen und vertrauensvollen Blick begegnete, zog * eine düſtere Wolke über ſeine Stirne und er ſenkte den ſeinigen. Die Worte ſtarben auf ſeinen Lippen. Es war ein Augenblick, in welchem ſein beſſeres Gefühl ihm zurief:„Halt!“ Seine Handlungsweiſe trat in ihrer ganzen Nichtswürdigkeit vor ſeine Seele. Nach⸗ dem er eine Weile geſchwiegen, hob Axel wieder an: „Verzeihe mir, Thora— ich bin wahnſinnig.“ „Sage, was iſt es, das Dich plagt?“ „Was anders denn, als daß Du nicht meine Gattin biſt!“ „Warum ſprichſt Du aber nicht davon mit Tante? Gewiß wird ſie Dir nicht meine Hand verweigern,“ antwortete Thora naiv. Eine dunkle Röthe verbreitete ſich über Axel's Ge⸗ ſicht, er neigte die heißbrennende Stirne gegen Thora und fuhr mit der Hand darüber. „Thora, es gibt einige Familienverhältniſſe, die erſt geordnet ſein müſſen, bevor ich mit Deinen Ange⸗ hörigen ſprechen kann. Gebe Gott, daß ich bald ſo handeln könnle, wie mein Herz es wünſcht.“ „Werde nicht traurig, mein Axel. Die Deinige bin ich, wie es auch das Schickſal fügt, und warte„ geduldig.“ Während Axel und Thora ſo ſprachen, hatte Nina ihre Augen auf ſie gerichtet, that aber, als wenn ſie auf das hörte, was Emil ſagte. „Es iſt mir unmöglich, mir das Benehmen der Majorin zu erklären. Sie kann ſo wenig wie wir Andern blind für ihre gegenſeitige Reigung ſein, und doch läßt ſie Alles ſeinen Gang gehen, ohne von dem Lieutenant irgend eine Erklärung zu verlangen, oder 40 auch nur ſie zu überwachen. Alle Andern denken ebenſo, wie ich, obgleich Niemand es wagt, ihr ein Wort varüber zu ſagen. Sie dürften die Einzige ſein, die den Muth dazu hätte. Wenn dieſer Fremde es ehrlich meint, warum erklärt er ſich nicht als Freier der Mamſell Thora, ſtatt ihr heimlich ſeine Liebe zuzu⸗ flüſtern?“ „Das Betragen des Lieutenants kann unmöglich von einer Unbekanntſchaft mit unſeren Sitten herrühren; aber für ſo ſchlecht, wie Sie es vorausſetzen, halte ich ihn nicht. Thora iſt ſo reich begabt, daß es ihm Nie⸗ mand verdenken kann, wenmer ſich in ſie verliebt hat; und daſſelbe kann man auch umgekehrt ſagen.“ „Es iſt nicht ihre Liebe, welche ich tadle, ſondern nur, daß dieſelbe hat heranwachſen dürfen, bevor man ſich vergewiſſert hat, wiefern dieſelbe realiſirt werden kann. Glauben Sie mir, Niemand erkennt mehr als ich den Zauber an, welchen Mamſell Thora ausübt.“ „Ich gehe jetzt hin, um ihr téte— à— téte zu un⸗ terbrechen.“ Nina ſtand auf und ging hin zu Axel und Thora. „Darf ich es wagen zu fragen, was die Herr⸗ ſchaften mit ſo vielem Eifer verhandeln?“ ſagte Nina, und nahm Platz neben Thora. „Die Zukunft,“ antwortete Axel. Thora ſchwieg und blickte nieder. „Darf ich nicht bei der Verhandlung eines ſo wichtigen Thema's dabei ſein?“ Meine Zukunft, wie dieſelbe ſich auch geſtalten —— 41 möge, wird, glaube ich, Mamſell Nina nicht voraus⸗ ſagen können,“ antwortete Axel. „Wer weiß?“ „Thora, Thora!“ rief Frau Alm, und Thora beeilte ſich, der Aufforderung nachzukommen. Nina und Axel befanden ſich zum Erſtenmale allein. Aus innerem Inſtinkt hatte Axel es vermie⸗ den, mit Nina unter vier Augen zuſammenzutreffen; aber jetzt war es unmöglich. „Nun, mie wird meine Zukunft ausſehen, Mam⸗ ſell Nina?“ fragte Axel und verſuchte einen ſcherzen⸗ den Ton anzunehmen.. „Ich weiß nicht,“ entgegnete Nina, welche plötz⸗ lich ernſthaft wurde.„Ich habe etwas ganz anders dem Herrn Lieutenant zu ſagen, da der Zufall mir nun die Gelegenheit dazu verſchafft hat. Erinnern Sie ſich meines Scherzes bei unſerem erſten Zuſam⸗ mentreffen?“ „Sehr gut.“ „Ich bin nahe daran, ein ſolches Gefühl gegen Sie zu hegen, wie das iſt, von welchem damals die Rede war.“ „Und ich errathe die Urſache,“ antwortete Arel ernſt.„Aber erſparen wir uns alle Um⸗ ſchweife, was wünſcht Mamſell Adler von mir?“ „Eine Erklärung.“ Nina betonte das Wort. „Ueber was?“ „Ueber Ihre Gefühle gegen Thora. Lieben Sie ſie?“ 6 „Von meinem ganzen Herzen!“ 42 „Was folgt daraus? Welche ſind Ihre Abſichten, da Sie nur heimlich mit Thora davon ſprachen?“ „Meine Abſichten kennt Thora; übrigens hat Niemand außer ihre Tante das Recht, eine Erklärung von mir zu fordern. So lange ſie ſchweigt, bin ich nicht verpflichtet, jemand Anderem zu antworten,“ antwortete Arel ſtolz. „In dieſem Falle werden Sie es verzeihen, Herr Lieutenant, wenn ich ſie dazu auffordere.“ Nina ſtand auf, um zu gehen. „Einen Augenblick,“ bat Arxel.„Was Sie zu thun beabſichtigen, kann höchſt traurige Folgen haben, weil ich nicht als der Freier Thora's auftreten kann, bevor ich zu Hauſe in meinem Vaterlande geweſen. Glauben Sie mir, wenn ich anders handeln könnte, dann thäte ich es auch.“ „Dann, Herr Lieutenant, hätte Ihre Ehre Sie davon abhalten ſollen, Thora etwas zu ſagen, bevor Sie es Ihren Angehörigen ſagen konnten. Welche auch Ihre Verhältniſſe in Ihrem Vaterlande ſind, ſo müſ⸗ ſen Sie dieſelben Thora's Tante anvertrauen können, ſofern dieſelben nicht unehrenhafter Natur ſind; und in dieſem Falle muß Thora gerettet werden.“ Nina entfernte ſich. „Du willſt ſie mir rauben, aber wenn Du Dir zutrauſt, das zu können, dann kennſt Du mich nicht.“ Karin erſchien jetzt von Kapitän Ahlrot begleitet, mit einem Präſentirteller voll von Gläſern und Fla⸗ ſchen. Die Gläſer wurden mit Wein gefüllt, und Onkel proponirte einen Toaſt darauf, daß Arel in die Familie als Mitglied aufgenommen werden ſollte; etwas, was Onkel auch hoffte, daß er bald werden werde, und daß in Folge deſſen alle Titel wegfielen. Der Toaſt wurde von Mehreren gefällig aufge⸗ nommen. Als aber Cordula ihr Glas an die Lippe bringen ſollte, ließ ſie es fallen. Mit einigen herzlichen und verbindlichen Worten beantwortete Axel den Toaſt, worauf er ſich der Ma⸗ jorin näherte, ihre Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lip⸗ pen führte und mit leiſer Stimme ſagte: „Durch die Worte veranlaßt, welche dem Kapi⸗ tän entfielen, wage ich meine gnädige Tante zu er⸗ ſuchen, ihr einige Worte unter vier Augen ſagen zu dürfen, während wir eine kleine Promenade im Garten machen.“ „Gern,“ antwortete die Majorin, nahm ſeinen Arm und wanderte den Hügel hinab. „Ich bekam nämlich von Mamſell Nina ſcharfe Vorwürfe, weil ich mich noch nicht gegen meine gnädige Tante über meine Abſichten in Beziehung auf Thora erklärt hätte, und ich befürchte in der That ſelbſt, daß mein Schweigen Tante ſonderbar verkommen möchte; ich wünſche deßhalb daſſelbe zu brechen, bevor eine we⸗ niger wohlwollende Perſon die Sache auf eine ſchiefe Weiſe darſtelle und mir dadurch ſchade.“ „Lieber Axel, etwas Detartiges brauchſt Du gar nicht zu fürchten. Ich ſchmeichle mir, genügende Menſchenkenntniß zu beſitzen, um, ohne den Beiſtand Anderer, meine Umgebung und folglich auch Dich be⸗ urtheilen zu können.“ „Ich fühle mich bei dieſem edlen Vertrauen glücklich, und will nur noch hinzufügen, daß ich, ſobald ich im Herbſt auf einen kurzen Beſuch zu Hauſe in München geweſen bin, bei meiner Rückkehr hier ſofort um die Hand Thora's anhalten werde, welches ich, we⸗ gen der Beilegung eines Familienzwiſtes, bis dahin verſchieben muß. Darf ich es wagen, zu hoffen, daß Tante dieſen Aufſchub meiner theuerſten Hoffnungen zugeben werden?“ „Ueberzeugt, daß Thora mit Dir vollkommen glücklich werden kann, halte ich es für meine Pflicht, Deinem Wunſche entgegenzukommen,“ antwortete die Majorin ganz ſanft. Als Axel und die Majorin zu den Uebrigen zu⸗ rücktehrten, ging Erſterer hin zu Nina und bemerkte: „Jetzt ſteht es Ihnen frei mit der Majorin zu ſprechen.“ „Gott gebe, daß ich Unrecht hätte; ich wünſche nichts höher, als Ihnen trauen zu können; aber eine heimliche Ahnung ſagt mir, daß Sie das Unglück Thora's ſind.“ Hier wurde das Geſpräch von Arel's Bedienten unterbrochen, welcher meldete, daß ihn Jemand ſuche. Arel entſchuldigte ſich und eilte fort. In ſeinem Zimmer angekommen, fand Axel dort einen hochgewachſenen Mann in mittlerem Alter, mit einem ernſten und ſtrengen Geſichte. Es beſtand jedoch 45 zwiſchen ihnen eine große Aehnlichkeit. Arxel begrüßte den Fremden faſt furchtſam. „Du haſt Dich drei Monate in Schweden aufge⸗ halten; ſind Deine Nachforſchungen Dir noch nicht ge⸗ glückt?“ fragte der Fremde auf deutſch. Axel erröthete bei dem Gedanken, daß er während dieſer Zeit nichts ausgerichtet, ſondern ſie nur dazu benutzt habe, ſich ſeiner Leidenſchaft für Thora hinzu⸗ geben. „Du ſchweigſt— vielleicht willſt Du aus ſchmutzi⸗ ger Habſucht gleich Deiner Mutter das arme Weib um ihr Recht beſtehlen? Du haſt indeſſen jetzt weit mehr, als Du bedarfſt.“ „Meine Nachforſchungen ſind bis jetzt ohne Er⸗ folg geweſen. Auf den gegen mich gerichteten Verdacht glaube ich nicht nöthig zu haben zu antworten,“ fiel Axel bleich vor Zorn ein. Die Arme über die Bruſt gekreuzt betrachtete ihn der Fremde. Ein bitteres Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. „Willſt Du von mir erfahren, womit Du dieſe drei Monate Deine Zeit hingebracht haſt? „Das wäre amüſant genug,“ antwortete Axel trotzig. „Damit, daß Du einem jungen Mädchen die Cour machteſt, um es wo möglich zu verführen.“ „General!“ rief Axel. „Beruhige Dich,“ fuhr der General fort, und legte ſeine Hand auf ſeine Schulter.„Du ſtehſt ſo tief in meiner Achtung, daß Deine Handlungen mir gleichgiltig ſind. Ich komme nicht, um im Ramen 46 einer andern Perſon Rechenſchaft zu fordern, ſondern nur um Dir vorzuſchlagen, mir den Auftrag zu über⸗ laſſen, den Du ſelbſt vernachläßigt haſt. Ich hoffe, ſie dann bald ausfindig zu machen. Nun, gehſt Du darauf ein?“ „Aber mein gegebenes Verſprechen, es ſelbſt zu hun „Bah, Du ſcheinſt ſonſt nicht viel auf Deine Verſprechen zu halten— warum gerade in dieſem Falle mehr? Uebrigens bleibt es ſich ja gleich, wenn man nur zum Ziele kommt. Ich wünſche, daß es bald geſchehen möge.“ „Wir können ja, obgleich auf verſchiedene Weiſe, die Nachforſchungen anſtellen.“ „O ja, warum nicht? Dein Feld wird dieſer Ort hier, das meinige weit von hier, überall. Ich gehe darauf ein.“ Der General nahm ſeinen Hut. „Gehen Sie bereits?“ bemerkte Axel mit einem Seufzer und erleichtert. „Warum ſollte ich bleiben?“ Gib mir nur die Aufzeichnungen.“ „Sie gehören mir allein.“ „Knabe, ich will, daß man mir gehorche!“ rief der General heftig.„Du weißt zu gut, daß ihr Inhalt mir bekannt iſt; aber ich muß ſie haben, damit es mir möglicher Weiſe gelinge.“ Axel öffnete eine Schatulle und überreichte ihHm ein Packet Papiere, welches er aus derjelbet genommen hatte. „Leb wohl, Du wirſt von mir Kr 47 Der General ging nach der Thüre und Arxel begleitete ihn ſtillſchweigend hinunter zum Wagen. Nachdem der General ſich in denſelben hinein⸗ geſetzt hatte, ſprach Axel vor ſich hin: „Man fängt an, zu Hauſe ungeduldig zu werden.“ Damit rollte der Wagen von dannen. S„ An demſelben Abend ſaßen, nachdem Alle zur Ruhe gegangen, Frau Alm und Nina noch im Salon, in einem lebhaften. Geſpräch begriffen. Die Majorin ſagte hitzig: „Du trauſt Dir alſo mit zwanzig Jahren zu, ſcharfſichtiger zu ſein, als ich mit meinen fünfzig? Du ſcheinſt auch zu meinen, daß Du mehr Menſchen⸗ kenntniß beſitzeſt, als ich, und auch beſſer als ich ſelbſt zu wiſſen, was meine Pflicht iſt; denn das iſt der Inhalt von Allem, was Du geſagt haſt.“ „Gute Tante! Wie kann ich ſo mißverſtanden und meine Worte auf eine ſolche Weiſe ausgelegt werden, da es mir nicht einen Augenblick eingefallen iſt, Tante's Verſtand, Takt und Zärtlichkeit für Thora zu verkennen? Ich ſprach auch nicht davon, ſondern nur von Axel's Redlichkeit, welche ich bezweifle; eben⸗ falls finde ich ſein Benehmen ſonderbar, und darauf wollte ich Tante's Aufmerkſamkeit lenken.“ Nina ſprach ruhig und gelaſſen. „Liebe Nina! Laß mich allein die Sache beſorgen und ſei ohne Unruhe. Thora's Wohl liegt mir zu ſehr am Herzen, als daß ich daſſelbe unbeſonnen blosſtellen ſollte,“ antwortete Frau Alm in ruhigerem Tone und ſtand auf.„Gute Nacht, mein Kind!“ fügte ſie hinzu, und entfernte ſich. „Möge Gott Alles zum Beſten lenken!“ ſeufzte Nina andächtig. „Gott, antwortete ihr eine ſpottende Stimme hinter dem Fenſtervorhang,„Gott miſcht ſich gewiß nicht in unſere kleinlichen Angelegenheiten,“ und Cordula trat vor.„Siehſt Du nicht in all dieſem den Finger des Schickſals? Sowohl Tante wie Papa arbeiten mit Händen und Füßen darauf hin, ihren Augapfel den Händen jenes Deutſchen zu überliefern. Nun, Glück zu! Aber ich begreife nicht, was unſer Herrgott mit der Sache zu thun haben ſollte. Wenn er den Gang der Ereigniſſe lenkte, dann ſähe es ganz anders aus. Jetzt erregen die Thorheit und die Blindheit der Menſchen nur Lachen.“ „Deine Rede, Cordula, athmet Bitterkeit und Zweifel; warum willſt Du Dich ſolchen Gefühlen hingeben, welche Dein Leben und Dein Herz ver⸗ zehren werden?“ ſagte Nina und ging zu ihr hin. „Darum, weil ich das Leben in ſeinem wahren Lichte ſehe; darum, weil ich fühle, wie elend eich Menſchen ſind, welche die Welt bevölkern, und endlich darum, weil mein eigenes Daſein ein Geheimniß iſt, ſo dunkel wie die Nacht. Glaube Du nur an Gott und an das, was gut iſt; ich kann es nicht. Viel⸗ leicht kommt einſt der Tag, wo au ² 49 lichkeit in ihrer ganzen Bitterkeit erblicken wirſt; komme dann auch und ſpreche von Deinem Vertrauen zum Lenker der Welt,“ bemerkte Cordula und ging ihrer Wege. Wir verſetzen uns in den Wonaleytenber und führen den Leſer in das Haus der Majorin in der Regierungsſtraße ein. In dem kleinen Vorgemach ſißen die Majorin und die drei Mädchen. „Nun, Nina, wie befindeſt Du Dich bei Hein⸗ rich?“ fragte Frau Alm. „Sehr wohl, gute Tante, beſonders ſeit mein Engagement beim Königl. Theater eine abgemachte Sache iſt.“ „Was ſagſt Du?“ rief die Majorin und ſchlug die Hände zuſammen,„wirſt Du Sängerin werden, Du ſcherzeſt wohl?“ „Nein, meine geliebte Tante, in vier Wochen debütire ich.“ „Aber bedenke doch, daß Du Actrice wirſt!“ „Hat nichts zu bedeuten, wenn man ſonſt eine ehrüche Perſon iſt“ „Wie ehrenhaft Du auch ſein magſt, ſo biſt Du doch ohne alles Anſehen vor der Welt; denn Du gehörſt zu der Anzahl derjenigen Men⸗ Schwartz, Die eidenſchaften. 4 5 50 Publikum für's Geld amüſiren.— daß Du Deine Verwandten der That, einiges ſowie daß Du ſchen, welche das Mir ſcheint es doch, zuerſt fragen ſollteſt. Ich meine in Recht auf Dein Vertrauen zu haben, mir die Demüthigung einer ſolchen Ueberraſchung „ erſpart haben würdeſt.“ i iel Thora ein;„was „Nina hat Recht gethan,“ f wäre ſonſt aus ihrer ſchönen Stimme geworden, wenn ſie 3 und ſich ſelbſt begraben hätte? Das wäre ungefähr daſſelbe, als wenn ich meine Gemälde in einen Schrank einſchlöſſe, damit das Publikum ſie d möglicherweiſe daran ein Ver⸗ nicht zu ſehen bekäme un gnügen fände. Wie kann Tante ſo voll von Vorur⸗ theilen ſein?“ orn, ich die Majorin etwas ſcharf. „Verzeihe mir, gute Tante, wenn ich eigenmächtig gehandelt; aber ich wollte nur allein für mich be⸗ ſchließen, damit nur mir allein die Folgen zugemeſſen 3 werden können.“ „Unſere Familie wird ganz voll von Künſtlern,“ bemerite Cordula ironiſch.„Thora wird Malerin, Nina Sängerin; es fehlt nur noch, daß ich Schrift⸗ ſtellerin werde.“ „„Ja, warum nicht, Du ſiehſt wahrhaftig aus, als wenn Du über irgend eine Tragödie brüteſt,“ antwortete Thora lachend. „Es iſt vielleicht wahrer als Du glaubſt, Cor⸗ dula, ſervire Thee,“ unterbrach ſie die Majorin in augenſcheinlich übler Laune. 4 ———— preche jetzt mit Nina!“ antwortete 51 Einige Tage darauf erkrankte Thora an einem heftigen Katarrhfieber, welches ſie an's Bett feſſelte. hora lag auf einem Sopha in ihrem Zimmer; Doktor Adler hielt ihre Hand in der ſeinigen, wäh⸗ rend er den Puls fühlte. Die Majorin betrachtete ſie mit Unruhe. „Wie befindeſt Du Dich heute Abend, Thora?“ fragte ſie.— „Das Fieber hat zugenommen.“. „Darf ich mit auf Kapitän Kroks Hochzeit am Mittwoch?“ fiel Thora mit Heftigkeit ein. „Ja, mein Engel, wenn es Dir beſſer wird,“ antwortete die Tante. „Und um das zu werden, mußt Du ruhig ſein, denn daß das Fieber ſtärker geworden, kommt von Deiner unruhigen Gemüthsſtimmung her,“ fügte der Doktor hinzu. „Wie willſt Du, daß ich ruhig ſein ſoll, da ich nicht— geſund.. werden darf?“ ſchloß Thora etwas mißmuthig. „Nina und Cordula reiſten heute nach Warholm, und wir hoffen, daß Du bis Mittwoch beſſer wirſt,“ ſagte Frau Alm in einem tröſtenden und ſchmeicheln⸗ den Tone. Die Unruhe, welche Thora bei dem Gedanken, nicht bald geſund zu werden, an den Tag legte, kam theils daher, daß ſie während ihrer Krankheit Axel nicht zu Geſicht bekam, und theils daher, daß Alle, Arel mit eingerechnet, eingeladen waren, der Hochzeit eines Verwandten, des Kapitän Krok auf Warholm, beizuwohnen. Mit Entzücken hatte Thora der Reiſe 52 und dem. Zuſammenſein mit Arel entgegengeſehen; aber jetzt kam die Krankheit und ſtellte ſich wie höhnend zwiſchen ſie und die erwartete Freude. Als Heinrich von der Majorin begleitet Thora verlaſſen hatte, brach ſie in ein heftiges Weinen aus und ſeufzte „Es iſt jetzt bald eine ganze Woche her, daß ich Axel nicht geſehen!— O Gotti— Laß mich lieber ſterben, als getrennt von ihm leben!“ „Weiſten Sie nicht, Mamſell Thora,“ flüſterte Lotta, das Kammermädchen, und alles in allem bei der Majorin, welches unbemerkt hereingekommen war. „Ich habe etwas, was Sie beruhigen wird.“ Sie zog ein kleines Billet aus der Taſche. Thora ſchrie laut 4 vor Freude und riß das⸗ ſelbe an ſich. „Zeigen Sie es nicht der Majorin!“ warnte Lotta und ging ihrer Wege. Der Brief war von Axel und mit Sehnſucht,, Liebe, Verzweiflung und Gott weiß mit was allem angefüllt. Während Thora, den Brief an ihrem Herzen, von Arxel träumte, ſaß er ſelbſt in ſeinem Kabinet, den Kopf auf die Hand geſtützt, und blickte düſter auf einen vor ihm liegenden Brief. Sein Geſicht war bleich, die Augen flammten 3 liebt h 53 vor Zorn, die Lippen waren feſt zuſammengepreßt. Seine Bruſt bewegte ſich unruhig. Endlich knitterte er den Brief zuſammen und begann in einer aufge⸗ regten Gemüthsſtimmung auf⸗ und abzugehen, während er in Gedanken folgenden Monolog hielt: „Alſo binnen einem Monat zurückgerufen!.... Außerdem eine beſondere Drohung von.. Ach, ich werde raſend bei dem Gedanken daran.. ſoll ich Thora verlaſſen?. Niemals! Sie nuß mir ge⸗ hören... es gibt beim Himmel und be der Hölle keinen andern Ausweg, als ſie zu entführen... Dumme Skrupeln haben mich bisher abgehalten... ferner, wer kann es wagen, zu behaupten, daß meine Liebe ihr nicht Glück bringt?!. Dieſe wird das Leben zu einer einzigen Kette von Glückſeligkeit machen.— Egoismus Enrd der pedantiſche Mo⸗ raliſt ſagen. Nun gut, gibt es denn irgend einen unſerer Wünſche oder eine unſerer Begierden, welche nicht egoiſtiſch iſt?— Die Natur ſchuf uns ſo.— Genug, ich thue nichts Schlimmeres, als was jeder Andere in meiner Lage thun würde— ſie aufopfern? bah!— man opfert nicht auf, wenn man hora wird mich alſo begleiten— in einem Monat reiſen wir.. Hier wurde Axel vom Bedienten geſtört, welcher den General anmeldete.— Arel verzog die Augen⸗ braunen; aber bevor er Zeit bekam zu antworten, ſtand der General vor ihm. „Wann reiſeſt Du?“ fragte er. „In einem Monat.“ 54 „Gut; Du biſt von der Regierung zurückgerufen „Jät „Nun, welche Aufklärung haſt Du eingeholt?“ „Keine.— Ich glaubte, daß.... „Daß es mir gluͤcklicher gegangen ſei, wilſſt Du ſagen; aber noch iſt das nicht der Fall geweſen.— Ich wünſchte erſt Dich nach Hauſe zurückkehren zu ſehen „Meine Perſon, der Du für die Abberufung nach Hauſe zu danken haſt? Ja!“ antwortete der General kalt und ſetzte ſich. „Ich vermuthete es,“ rief Axel und trat dem General einen Schritt näher;„aber warum?“ fragte er. *. „Weil ich es ſo wollte,“ antwortete dieſer,„oder glaubſt Du, daß ich nicht weiß, wie weit meine Macht reicht?— Du wirſt alſo nach Hauſe zurückkehren!“ „Wenn ich es nicht thue?“ antwortete Axel trotzig. „Du würdeſt dann von einem Kriegsgericht ver⸗ urtheilt und ich würde jenes Mädchen, welchem Du den Hof machſt, fragen, wie ſie mit einem... Liebesintri⸗ guen haben mag.“ „Nicht ein Wort! Ich reiſe!“ fiel Axel ein, und blickte ſcheu im Zimmer herum. „Du fürchteſt Dich ſehr, ſehe ich, daß man hier im Hauſe erfahren möchte, daß... Der General hielt inne und blickte Arel an. Dieſer ſchwieg. „Du verläugneſt nicht Dein früheres Leben, wenn 55 Du.... verführſt. Das Blut Deiner Mutter offen⸗ bart ſich fortwährend in Dir.“ Es entſtand eine Pauſe. „Der Taufſchein des Kindes fehlte unter den Pa— pieren, welche Du mir gabſt, hob der General wieder an. „Dieſes Papier wünſche ich für meine eigenen Nachforſchungen zu behalten.“ „Kannſt Du denn jetzt noch ſolche anſtellen, nach⸗ dem Du die Zeit leichtſinnig vergeudet haſt?“ „Aber der Auftrag wurde mir allein anvertraut.“ „Und Du vernachläßigteſt denſelben wegen einer wenig ehrenhaften Liebesgeſchichte. Oder willſt Du Alles der Vergeſſenheit übergeben?“ Der Mittwoch kam, und damit auch die Reiſe nach Warholm; Thora aber, welche noch nicht geſund war, wurde von Heinrich verurtheilt, zu Hauſe zu bleiben. Alle Bitten und Thränen Thora's halfen nichts. Die Majorin wollte ebenfalls von der Reiſe ab⸗ ſtehen; aber auf die vereinigten Bitten des Onkels Anton und der Thora hin reiste ſie, vom Kapitän und Axel begleitet, am Mittwoch acht Uhr mit dem Dampf⸗ ſchiff ab. „Am Freitag ſind wir zurück, mein Engel,“ ſagte die Majorin und küßte Thora.„Wache nun gut über ſie,“ fügte ſie, an Lotta gewendet, hinzu. Kurz darauf rollte der Wagen von dannen. „Sind ſie Alle abgereist?“ fragte Thora die am Fenſter ſtehende Lotta. „Ja, und in einer halben Stunde geht das Dampf⸗ boot ab.“ 56 „Fuhr der Lieutenant mit?“ Die Thränen Thora's floſſen jetzt reichlich. „Nein, er ging vor Kurzem fort und wollte mit ihnen an der Logardslandung zuſammentreffen, hörte ich den Kapitän ſagen.“ 3 „Du haſt keinen Brief für mich?“ ſchluchzte Thora. „Nein.“ Heinrich beſuchte ſie ſowohl Vor⸗ als Nachmittags; aber ohne ſie tröſten zu können. Gegen acht Uhr Abends ſchlief Thora ein, nach⸗ dem ſie ſich buchſtäblich in den Schlaf geweint. Sie wurde indeſſen bald durch das heftige Oeffnen der Thüre des Schlafzimmers und durch raſche Schritte, welche ſich ihrem Zimmer näherten, das innerhalb des Schlaf⸗ zimmers lag, geweckt. Eine heimliche Ahnung ſtieg raſch in Thora auf; es war nicht der langſame, ſchwere Gang Lotta's und auch nicht die abgemeſſenen Schritte Heinrichs, es war irgend ein Anderer, könnte er es wohl ſein?— Thora wagte kaum zu athmen— die Thüre flog auf und ſie rief: „Axel!“ „Ja, Dein Axel! welcher lieber ſein Leben dahin gegeben hätte, als länger ſo leben, ohne Dich zu ſehen. O, Thora, mein göttliches Mädchen! Wie konnteſt Du denn glauben, daß ich von Dir fortreiſen würde!“ So ſprach Axel, an Thora's Seite niederknieend, während ſie glückſelig lächelnd ſeine ſchwarzen Locken ſtreichelte. Nachdem die erſten Ausbrüche des Entzückens ſich gelegt, ſprach Axel: 57 „Ich bin ganz unvermuthet von meiner Regierung nach Hauſe berufen worden, und muß innerhalb eines Monats auf dem Wege nach München ſein. Aber wie ſollte ich mich von Dir entfernen können?— Unmög⸗ lich! Du haſt ſo oſt verſichert, daß Deine Liebe zu jedem Opfer fähig ſei; würdeſt Du auch feſt dabei ſtehen bleiben, wenn ich einen großen Beweis für die Wahr⸗ heit Deiner Worte verlangte?“ „Ganz gewiß werde ich das.“ „Nun gut, warum uns trennen, wenn wir es nicht nöthig haben?“ „Was meinſt Du?“. „Du weißt, daß ich durch Familienverhältniſſe verhindert bin, mich jetzt, wie es mein Wunſch wäre, mit Dir zu verbinden. Ich muß zuerſt nach Hauſe; aber was zwingt uns denn, unſer Glück etwas ſo Imaginärem, wie einer leeren Formalität, zu opfern; denn was iſt wohl eine Trauung anders?— Dein Herz gehört mir, und wir Beiden würden grauſam darunter leiden, wenn wir mehrere Monate getrennt von einander leben müßten.— Sei ſtark in Deiner Liebe, meine Thora, und zeige, daß Dir dieſe genügt.“ Axel hielt inne; es war, als wenn die Worte nicht heraus gewollt hätten. „Nun, Axel?“ fiel Thora ein, als er ſchwieg. Folge mir!“ rief Arel haſtig, und führte ihre Hände an ſeine Lippen. „Mein Gott! Was ſagſt Du?“ Thora zog erſchrocken ihre Hände zurück. „O, Thora! Iſt das Dein Muth? Iſt das Deine Liebe, wenn Du vot meinen bloßen Worten zurückbebſt? Höre und verſtehe mich recht: Gleich nach unſerer An⸗ kunft in München bin ich mit aller Sicherheit im Stande, ſo zu handeln, wie es mir mein Herz vor⸗ ſchreibt, und laſſe dann unſern Bund vor Gott und Menſchen beſiegeln.— Siehſt Du denn nicht ein, daß dieſer Schritt uns unverzüglich zum Ziele unſerer Wünſche führt? Was thuſt Du damit Böſes?— Vor Gott nichts! Die eine oder die andere tadel⸗ ſüchtige Zunge wird Dich während einiger Wochen verdammen; aber iſt denn das Urtheil ſolcher es werth, daß wir Monate von Glück opfern? Sie ſchweigen jedenfalls, wenn Du meine Gattin wirſt.“ Den Ellbogen auf den Kiſſen und den Kopf auf die Hand geſtützt, hörte Thora ihm todesbleich zu. Ihre Bruſt bewegte ſich unruhig und in dem heftig klopfenden Herzen entſtand ein gewaltiger, aber kurzer Kampf zwiſchen ihrer Liebe, ihrem Gewiſſen und ihrem Stolze. Thora hätte in dieſem Augenblicke ſterben mögen, ſo ſchmerzlich kam ihr die Entſagung jenes reizenden, aber gefährlichen Glückes vor, welches Axel ihr in ſo nahe Ausſicht ſtellte. Ohne das geringſte Zögern begriff Thora klar, daß ſie darauf verzichten ſollte und mußte. Ihre Thränen floſſen reichlich und ſie verſuchte vergebens, ein einziges Wort über die zit⸗ ternden Lippen zu bringen. „Du ſchweigſt und weinſt; wie ſoll ich Dein Schweigen deuten? Sollte ich denn die Kraft Deiner Liebe überſchätzt haben?“ fiel Axel mit düſterem Blick und aufgeregter Stimme ein. „Axel, ich leide von Deinen Worten; denn unter ſolchen Bedingungen kann ich nie Deine Gattin werden. — — Ich werde Dir nicht folgen, denn ich muß auf den Ausweg verzichten, welchen Du mir jetzt zeigſt, und Deine Rückkunft abwarten.“ Thora weinte heftig. „Und warum?“ rief Axel leidenſchaftlich, indem er ihre beiden Hände ergriff, welche er heftig drückte. „Ach! Liebe iſt alſo nur ein Blüthenduft im Sonnen⸗ ſchein des Glücks; aber ſie verſchwindet bei der erſten Prüfung!“ „O, ſpreche nicht dieſe grauſame Sprache in einer ſo bittern Stunde! Du weißt nicht, wie viel es mich koſtet, meine Liebe der Pflicht zu opfern; aber, mein Arel, ich kann vor Gott und Menſchen nicht anders handeln. Soll ich denn Alle, die mich von Kindheit an geliebt haben, in Trauer verſetzen können?“ „Nein, Du kannſt es nicht; denn Deine Liebe iſt dafür allzu ſchwach, weil Du etwas in der Welt höher ſtellſt, als ſie. Indem Du die Wahl haſt zwiſchen jenen und mir, wählſt Du...“ „Dich!“ rief Thora leidenſchaftlich und führte ſeine Hände an ihre Lippen;„denn ich verzichte ja nicht auf Dich, ich warte nur.“ „Leb wohl, Thora; Du biſt nicht diejenige, die ich mir vorſtellte!“ antwortete Axel bitter.„Ich reiſe allein.“ Dabei machte er ſeine Hände los und ging auf die Thüre zu. „O, Axel, Axel! Verlaſſe mich nicht ſo!“ flehte Thora verzweifelt und ſtreckte die Arme nach ihm aus. Er drehte ſich um. Jeder Zug im Geſichte Thora's ſpiegelte den herzzerreißendſten Schmerz in Verbindung mit der aufrichtigſten Hingebung wieder. 60 Axel ſtürzte auf ſie zu, fiel auf die Kniee und rief in leidenſchaftlicher Verblendung: „Jetzt biſt Du mein, und keine Macht der Erde ſoll uns trennen!“ Aber gleichſam, um ihn zu verhöhnen, ſtürzte Lotta mit den Worten herein: „Fort von hier, Herr Lieutenant, der Doktor kommt!“ Axel eilte hinaus— Heinrich trat ein. Als der Doktor, nachdem er ſich kurze Zeit aufge⸗ halten, ging, traf er Axel auf der Treppe, welcher ihm mittheilte, er ſei von ſeinem Advokaten ſo lange aufgehalten worden, daß das Dampfboot, als er bei der Schiffsbrücke ankam, bereits abgegangen ſei. Auf Heinrich machte dieſe Mittheilung einen un⸗ angenehmen Eindruck; aber er ſchwieg und kehrte zu Thora zurück, von wo er Lotta nach ſeinem Hauſe ſchickte, um ſeine alte Amme Dora zu holen, welche den Auftrag bekam, bei Thora zu bleiben. Durch dieſe Vorkehrung wurde es Arel unmöglich, eine fernere Zuſammenkunft mit ihr zu haben, denn Dora war treu, ſtreng und unbeſtechlich. 1 Jetzt vergingen einige Tage ſehr unruhig für Thora, nachdem ſie geſund geworden. Durch den heftigen Kampf mit ihrer eigenen Schwäche und Axels immer heftiger werdenden Forderungen, ihn zu begleiten, ging 61 Thora's Gemüthsſtimmung in eiuen Zuſtand der Ueber⸗ reiztheit über, welcher den Sieg immer mehr und mehr auf Arxel's Seite hinüberlenkte. Das ſchwache Herz flüſterte: Folge ihm!— aber das Gewiſſen: Fliehe ihn! Einſam, ſich ſelbſt überlaſſen, rief Thora: „Hl daß ich nicht mehr dieſe drei Monate leben müßte, während welcher ich ihn nicht ſehen ſoll! Ich halte nicht länger ſeine Zweifel an meiner Liebe aus! O, wie ſoll ich meinem eigenen Herzen entfliehen?“ Thora vergaß ihre Zuflucht zu Gott zu nehmen. Eines Tages flüſterte nach einem ſolchen Ver⸗ zweiflungsausbruch ihr eine Stimme ihres Innern zu: „Du ſollſt Dich der Kunſt hingeben, während Du auf ſeine Rückkehr warteſt.“ Thora ergriff dieſen Gedanken mit der ganzen Heftigkeit ihrer Seele und widmete ſich jede Stunde, welche ſie Axel nicht ſah, der Malerei. Sie machte Entwürfe und arbeitete ununterbrochen an einem Phan⸗ taſieſtück: Der Abſchied eines Kriegers von ſeiner Ge⸗ liebten. Wie daſſelbe gelang, werden wir ſpäter er⸗ wähnen. Der Tag, an welchem Nina's Debut auf dem königlichen Theater ſtattfand, kam. Alle ihre Ver⸗ wandten hatten verabredet, das Schauſpielhaus zu be⸗ ſuchen. Aus dem Opernhauſe ſtrömte eine Menge Menſchen heraus; die Vorſtellung war zu Ende. Nina hatte ein glänzendes Debut gemacht. Sie war applaudirt, hervorgerufen und mit ſtürmiſchem Veifall begrüßt worden. Nina fühlte ſich glücklich, aber betäubt von ihrem Triumph. Heinrich hatte zur Feier des Erfolgs der Schwe⸗ ſter die Verwandten zu einem kleinen Souper einge⸗ laden. Die kleine Geſellſchaft wanderte jetzt nach der neuen Königsholmsbrückenſtraße, wo die beiden Ge⸗ ſchwiſter wohnten. Auf Axel's Arm geſtützt, ging Thora mit ihm zuletzt. „Gehe etwas langſamer, damit die Anderen uns etwas vorauskommen, ich muß mit Dir ſprechen,“ flü⸗ ſterte Axel. Thora kam ſeinem Wunſche nach. „In drei Tagen reiſe ich ab,“ ſagte Axel kurz und kalt. „Mein Gott, was ſagſt Du?“ rief Thora und blieb ſtehen. Ihr ganzer Körper zitterte. „Die Wahrheit, Thora.“ „Was ſoll aus mir werden?“ Thora vermochte kaum zu gehen. „So wollteſt Du es ja haben, daß unſer Schickſal ſein ſolle.“ „Wie kannſt Du ſo kalt zu mir ſprechen, da Du doch ſiehſt, daß ich leide?“ „Oh, Du wirſt Dich ſchon tröſten.“ „Axel,“ fiel Thora mit Schmerz ein,„wozu dieſe grauſamen Worte?“ „Spreche nicht zu mir von Grauſamkeit, Thora, da es doch die Deinige iſt, die mich zur Verzweiflung gebracht hat. Deine Gefühle ſind Thautropfen gegen die meinigen, welche ſiedender Lava gleichen. Du biſt es, welche den Stab über unſer Glück bricht, und daſ⸗ lbe auf eine unbeſtimmte Zukunft verſchiebſt; denn wiſſen wir denn, ob der Frühling uns beide am Leben ſehen wird? Du biſt es, welche bei der Wahl zwiſchen mir und dem Vorurtheil dem letzteren den Vorzug ein⸗ räumſt. Du biſt es endlich, welche mich zu den Qua⸗ len der Entbehrung und der Eiferfucht verurtheilſt und meine glühenden Wünſche dadurch erwiederſt, daß Du die Erfüllung derſelben bis auf meine Rückkehr ver⸗ ſchiebſt.“ Arxel hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Aber warum davon ſprechen?— Du biſt Weib, und Deine Gefühle ſind beengt durch allerlei kleinliche Empfindeleien. Ich habe Unrecht gehabt, als ich glaubte, daß Du beſſer und hingebender als die Anderen ſeieſt.“ „Halt Axel, weißt Du denn, wozu ich fähig bin?“ „Oh ja, in Worten biſt Du ſtark, aber im Han⸗ deln ſchwach; ſonſt würdeſt Du Alles vergeſſen und — mit mir gehen! Glaubſt Du auf der anderen Seite, daß es Etwas auf der Erde giebt, das mich bewegen könnte Dir zu entſagen?“ fragte Axel und blickte Thora mit ſeinen viel zu gefährlichen Augen an. „Aber weißt Du denn ſo beſtimmt, daß ich nicht auf dieſelbe Weiſe denke und fühle?“ flüſterte Thora, ſich kaum deſſen bewußt, was ſie ſagte. „Du gehſt alſo mit mir! nicht wahr?“ Arxels Stimme war voll Leidenſchaft. Nein, nein! ich kann nicht,“ antwortete Thora, bei dem Gedanken an das Ungerechte eines ſolchen Schrittes zuſammenſchaudernd und dadurch wieder aus ihrem Rauſche aufgeweckt. Axels Geſicht veränderte ſich. Sein Blick wurde kalt und ſtarr, wie die Schneide eines Schwertes; ſeine Lippen zitterten und mit einer Stimme ſo un⸗ beweglich wie der Tod fuhr er fort, indem er Thoras Arm losließ: „Lebe wohl, Thora, wir haben nichts mehr ein⸗ ander zu ſagen! Ich komme nicht mehr' auf dieſes Thema zurück.— Deine pflichtgemäße Liebe genügt nicht meinem ſiedenden Herzen. Ich reiſe ab, aber ich kehre niemals wieder zurück.“ In demſelben Augenblick that er einige Schritte vorwärts, um die Anderen einzuholen; aber mit einem Sprung ſtand Thora wieder an ſeiner Seite. Sie war unnatürlich bleich und ihre Bruſt bewegte ſich keuchend. Mit krampfhafter Heftigkeit ergriff ſie ſei⸗ nen Arm und ſtammelte faſt lautlos: „39 gehe mit Dir!“ „Du ſpielſt mit mir; morgen wirſt Du Deine Worte zurücknehmen.“ „Nein, niemals!“ „Schwöre mir das!“ „Bei unſerer Liebe!“ Sie ſtanden jetzt am Thore vor Nina's Wohnung. Man war von Nina nach Hauſe zurückgelehrt und Frau Alm ſchlief bereits ruhig auf ihrem Ohre aber in Thora's Zimmer brannte noch Licht. Vor dem Bilde ihres Vaters kniete Thora unter Thränen und Gebet zum Vater der Verirrten; aber ohne weder Ruhe noch Troſt finden zu können. Leiſe wurde die Thüre von Cordulas Zimmer, welche ſich auf der andern Seite von Thora's befand, aufgemacht, und die Erſtere trat ein. Sie blieb auf der Thürſchwelle ſtehen und ſah das betende Mädchen mit finſterem Blicke an. „Thora!“ rief ſie endlich. Thora fuhr erſchrocken auf und wandte ihr leidendes, verweintes Geſicht ge⸗ gen Cordula. „Ich wollte Dich um einen Dienſt bitten, aber da Du traurig biſt, ſo thue ich vielleicht am beſten, wenn ich damit ſchweige,“ ſagte Cordula und trat näher. Thora trocknete ihre Thränen, und fragte freundlich: „Und um was wollteſt Du mich bitten?“ „Komme erſt und ſetze Dich,“ antwortete Cor⸗ dula, und ſie nahmen Platz auf einem kleinen Sopha. „Würdeſt Du wohl, wenn es in Deiner Macht ſtände, mich für's ganze Leben heiter und glücklich machen wollen?“ begann Cordula. „Wie kannſt Du daran zweifeln? Ach, von meinem ganzen Herzen will ich das; ſpreche, ſage mir's!“ „Aber Du darfſt keine Fragen an mich richten, ſondern nur auf meine Forderung antworten.“ „Das verſpreche ich.“ 5 Ich weiß zu gut, daß Du die einzige biſt, welche meinen Wunſch wird erfüllen wollen; denn wer fragt Schwartz, Die Leidenſchaften. 5 ſonſt nach mir? Ich brauche 200 Reichsthaler Banko, und die mußt Du mir verſchaffen. „Aber, mein Gott! wie und auf welche Weiſe?“ rief Thora beſtürzt. „Du ſchlägſt es alſo ab.“ Cordula ſenkte ihren Kopf. „Nein, Cordula, ich ſchlage es Dir gewiß nicht ab, aber ich weiß nur nicht, wie ich es machen ſoll.— Von Onkel oder Tante eine ſolche Summe zu verlan⸗ gen, wäre umſonſt; weil ſie dann würden wiſſen wollen, wozu ich dieſelbe anwenden wolle.“ Beide ſchwiegen eine Weile. „Und doch beruht die Ruhe und der Frieden meiner ganzen Zukunft darauf, daß ich dieſelbe er⸗ halte,“ fuhr Cordula fort. „Stille, Cordula, jetzt weiß ich, wie ich die Summe bekommen kann,“ rief Thora und liebkoſte ſie. „Auf welche Weiſe denn?“ „Meine Garniture, welche ich von Onkel zu Weih⸗ nachten belam, iſt doppelt ſo viel werth; nehme ſie und verkaufe ſie.— Keine Einwendung! wenn Dein Glück dävon abhängig iſt, dann entbehre ich ſie ſehr gerne.— Aber vielleicht handelſt Du am klügſten, wenn Du Dich Onkel vertrauteſt; denn er iſt ſo gut.“ „Gegen Dich?— Ja... „Nein, gegen Alle.“ „Nicht gegen mich. Aber ſchon reut es Dich, ſehe ich. Mit Papa kann ich nicht ſprechen, und will Dich auch nicht Deines Schmuckes berauben. Wahrlich, ich bin doch wahrlich recht unglücklich!“. Cordula verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. 67 Thora eilte hin zu ihrem Secretair, und nahm dar⸗ aus ein Etuis von Maroquin, welches ſie Cordula über⸗ reichte. „Halte mich nicht für ſo kindiſch, daß ich ſolche Lapalien vermiſſen ſollte, wenn es ſich um eine gute That handelt. Nehme es, Cordula, ſonſt machſt Du mich unglücklich.“ Noch eine Weile ſtritten ſich die beiden Mädchen, und wir werden ſpäter ſehen, welche von beiden ſiegte. Am Tage darauf ſtrömte der Regen die Straßen hinab und der Sturm heulte um die Häuſerecken. Es war einer jener naßkalten Abende, an welchen Stock⸗ holm blos Schmutz und Schlamm aufzuweiſen hat. Die Wohnung der Majorin Alm kam Einem auch gerade jetzt doppelt heimlich vor, denn man fühlte ſich ſehr wohl darin. Im Salonkamin brannte ein munteres Feuer, und in dem weichen Sopha ſaßen, die Majorin, Frau Grill und einige ältere Damen. Kapitän Ahlrot politiſirte vor dem Kaminfeuer mit einem alten Herrn. Rings um einen kleineren Tiſch, welcher etwas weiter weg ſtand, hatten Thora, Nina und Axel Platz genommen. Heinrich ſaß neben ſeiner Schweſter in einem Lehnſtuhl und betrachtete Thora mit einem gedankenvollen, aber doch men Blick. „Nun, Nina, findeſt Du nich Huldigung, welche Dir geſtern vom Publikum dargebracht wurde, berauſchend?“ fragte Thora. „Nicht berauſchend, aber freudebereitend. Die⸗ ſelbe machte im erſten Augenblick einen größern Ein⸗ druck auf mich, als meine Vernunft billigen konnte. Du kennſt, liebe Thora, meinen Naturfehler, daß ich von Allem mich hinreißen laſſe, was ich nicht früher gekannt,“ antwortete Nina lächelnd. „Vielleicht reut es Dich ſchon, daß Du Sängerin geworden biſt?“ rief Thora. „Im Gegentheil, ich bin jetzt damit zufriedener als vor meinem Debüt.“ „Ach! Ich fühle es lebhaft, daß falls mein Herz von irgend einem Kummer getroffen werden ſollte, ich einen Troſt in der Bewunderung ſuchen würde, welche mein Talent möglicherweiſe erregen könnte.“ Thora ſprach mit Wärme. „Du, Thora, gehörſt nicht zu denjenigen, welche ihr Glück im Lob der Welt finden könnten; für Dich würde es nur ein augenblicklicher Rauſch ſein, der eine entſetzliche Leere hinterließe, welches mit jedem Gefühle der Fall iſt, das ſich zur Leidenſchaft ſteigert,“ fiel Heinrich ein. „Und warum?“ „Du biſt noch viel zu jung, als daß ich Dir das ſollte klar machen können; aber reife erſt heran zum Weibe und Du wirſt mich verſtehen.“ „Ich meinerſeits glaube, daß alle Gefühle, welche eine poetiſche Seite haben, ein ſo lebhaftes Gemüth wie Thora's entzücken würden,“ bemerkte Axel. „Herr Lieutenant, die Ehre— iſt nur ein leerer — Mcn 65 Schatten, dem nur Thoren nachjagen, und noch hat Niemand während der Jagd nach derſelben ſein Glück gefunden,“ antwortete Heinrich. „Sie iſt nicht ein leerer Schatten; ſondern eine der mächtigſten Leidenſchaften der Seele. Was wäre die Welt ohne dieſe Triebfeder!— Die Menſchen würden in einen gleichgültigen Winterſchlaf verfallen, ohne daß irgend Jemand einen Trieb zu Thaten ver⸗ ſpürte. Ich fühle lebhaft, was der Ehrgeiz heißen will; die Stimme desſelben mahnt auch mich zur Thä⸗ tigkeit und fordert mich auf nicht eher zu ruhen, bis ich den Anforderungen desſelben Genüge gethan. Mit einem ſtarken und feſten Willen wie der meinige wird es mir auch gelingen, mir einen Namen zu verſchaf⸗ fen,“ ſagte Axel mit großer Lebhaftigkeit. „Wenn man nur nicht findet, daß der Ehrgeiz des Lieutenants künftig dem Rathe des Hermokates an dem Macedonier Pauſanias entſpreche: tödte denjenigen, welcher die größten Thaten verrichtet hat; denn wenn der Ermordete in der Erinnerung der Nachwelt lebt, ſo wird man ſich auch ſeiner Mörder erin⸗ nern. Wie bekannt wurde auch Pauſanius unſterb⸗ lich durch den Mord des Philipp von Macedonien. Es gibt alſo viele verſchiedene Arten, ſich einen Na⸗ men zu machen.“ einrich ſprach mit Jronie.—„Der einzige Ehrgeiz, welcher in der Bruſt des Mannes wohnen darf, iſt ſeiner Mitwelt durch etwas Nützliches und Gutes Gewinn gebracht zu haben; unbekümmert dar⸗ 70 um, ob er dabei Tadel oder Lob erntet und nur den Forderungen der Gerechtigkeit gehorchend.“ Hier wurde das Geſpräch durch Lotta unterbro⸗ chen, welche meldete, daß ein Herr den Capitän ſuche. Dieſer ging hinaus in den Saal.— Man hörte ihn dort ſagen: „Gehorſamer Diener, Herr Graf! Seien Sie beſtens willkommen bei Ihrer Rückkehr nach Schweden. Iſt dem Herrn Grafen nicht gefällig, hereinzutreten? Es wird eine höchſt angenehme Ueberraſchung werden. „Der Graf!“ rief Thora mit freudeſtrahlenden Augen und ſprang auf. „Thora, Thora!“ warnte die Majorin. In demſelben Augenblick trat ein Herr mit ari⸗ ſtokratiſcher Haltung, hoch empor gehobenem Haupte, ein Paar großen, blauen, durchdringenden Augen, braunem Haare und einer gewölbten, von Intelligenz zeugender Stirne, herein. Sein Alter war zwiſchen 40 und 50 Jahren. Thora blickte ihn mit wie Roſen glühenden Wan⸗ gen voll Bewunderung an. „Graf Falkenhjelm ꝛc.,“ ſo ſtellte ihn der Capitän Ahlrot vor. Der Graf plauderte mit der Majorin, während er unabläſſig ſeine Augen auf Thora gerichtet hatte. Nach einer Weile näherte er ſich ihr. „Was doch Thora gewachſen und hübſch gewor⸗ den iſt,“ bemerkte der Graf und blickte ſie mit väter⸗ licher Zärtlichkeit an. „Ach! Wie glücklich es ſich trifft, daß der S — jetzt zurückgekommen iſt!“ ſagte Thora mit einer vor Bewegung zitternden Stimme. „Hat Thora während dieſer Zeit an mich ge⸗ dacht?“ fragte der Graf. „Jeden Tag!“ verſicherte Thora entzückt, obgleich nicht ganz der Wahrheit gemäß. Der Graf wandte ſich mit einigen verbindlichen Worten an Nina und endlich auch an Axel, indem er fragte: „Wenn ich recht hörte, ſo war der Name des Herrn Lieutenant Behrend?“ „Ja, mein Name iſt Behrend.“ „Aus welchem Lande?“ „Aus Bayern.“ „Vielleicht ein Sohn des General Behrend?“ Der Graf fixirte Axel ſcharf.. Eine dunkle Röthe verbreitete ſich über Arel's Geſicht, als er antwortete: „Nur ein Verwandter.“ „Ich kann Grüße bringen von den Verwandten des Herrn Lieutenant in München; ich war bei dem Grafen Schek mit Allen in Geſellſchaft; ebenfalls vom General, den ich bereits hier in Stockholm ge⸗ troffen habe.“ Der Graf ſprach dieſe Worte mit ſtarker Betonung aus, und betrachtete Axel's von Ge⸗ müthsbewegung aufgeregtes Geſicht. Darauf ſtand er auf und ging hin, um ſich mit dem Kapitän zu unter⸗ halten. Als Arel ſich unbemerkt glaubte, beugte er ſich zu Thora herab und flüſterte: „Du biſt ziemlich intim mit dem Menſchen, da er — 72 es wagt, Dich auf eine ſolche familiäre Weiſe anzureden. — Welches Recht hat er dazu? Ich weiß nicht, wen ich verächtlicher finden ſoll, Dich oder Ihn. Ihn, welcher vor einer ganzen Geſellſchaft ſich einer ſolchen Sprache gegen Dich bediente,— oder Dich, welche lachend ant— wortete.“ Arel erhob ſich, um zu gehen; aber Thora ergriff angſtvoll ſeine Hand und blickte ihm in ſein bleiches ent⸗ ſtelltes Geſicht. Sie war ſo aufgeregt, daß die Worte auf ihren geöffneten Lippen erſtarben. Nina, ein ſtummer aber aufmerkſamer Zeuge, ſprach leiſe und ernſt zu Arel:„Vergeſſen Sie ſich nicht, Axel; beſinnen Sie ſich, wo Sie ſind, und geben Sie keinen Anlaß zu einem Auftritt vor den Augen des Vaters der Thora, des Grafen Fal⸗ kenhjelm.“ „Was ſagen Sie, er— Thora's Vater?“ ant⸗ wortete Arel erſtaunt und ſetzte ſich. „Ja, Thora's Vater! Im Fall, daß ſie Ihnen nichts davon geſagt hat, ſo thue ich es jetzt, und ich hoffe, daß er, welcher ſie liebt, auch über das künſ⸗ tige Glück Thora's wachen wird.“ „Stille, Nina, ich bitte: Sie ſehen ja, daß ich leide,“ unterbrach ſie Arel und beugte ſich nachher zu Thora herab und flüſterte in flehendem Tone: „Verzeihe mir, mein Engel; wer weiß es beſſer als ich, wie rein und unſchuldig Du biſt! O ſprech' es aus, daß Du mir verzeihſt!“ Thora lächelte ihm durch ihre Thränen entgegen, und antwortete:„Das iſt ſchon vergeſſen.“ Nina ſaß beſtürzt da; ſie war auf einmal in —— das Verhältniß zwiſchen Thora und Axel eingeweiht worden. Thora's Liebe hatte ungehemmt eine ſolche Höhe erreicht, daß Axel mit einem Blick, mit einem freundlichen Wort, ſie eine Beleidigung vergeſſen machen konnte. Nina dachte mit beklommenem Herzen daran, wie unverantwortlich leichtſinnig die Majorin gehan⸗ delt. Der Graf hatte auch das, was ſich zwiſchen Thora und Axel zugetragen, bemerkt und aufgefaßt. Kurz darauf verabſchiedete er ſich. Als Kapitän Ahlrot ihn hinausbegleitete, be⸗ merkte er gegen ihn:„Ich wünſche Thora morgen um zwölf Uhr zu Hauſe zu ſehen.“ Bevor wir in unſerer Schilderung und den Er⸗ eigniſſen des Abends weiter gehen, wollen wir ſehen, was während dieſer Zeit Cordula und Knut vor⸗ hatten. Sie ſaßen an einem der Fenſter des etwas dunklen Saales.. „Cordula, Du verſchmähſt alſo ſowohl mein Herz als meine Hand,“ ſprach Knut. „Ich muß es, weil mein Gefühl für Dich nie⸗ mals etwas anders werden kann, als das einer Schwe⸗ ſter. Ueber meinem Daſein ruht ein düſterer Schatten, welcher es mir unmöglich macht, Frieden oder Glück in der Ehe ſuchen oder finden zu können. Mein Lebensziel iſt nicht das der Freude.“ „Aber, Cordula, das iſt doch kein ſtichhaltiger 74 Grund für Dich, einen treuen Freund und ein unab⸗ hängiges Leben von Dir zu weiſen. Als ich um mein väterliches Erbe Bjursdal kaufte, und aus Neigung mich der Landwirthſchaft widmete, da ſtand in der Perſpektive der Zukunft immer Dein Bild vor mir. Haſt Du das Herz, aus bloßer Laune dieſen meinen einzigen Traum zu vernichten?“ „Sollteſt Du lieber wollen, daß ich mit einem kalten und bittern Gefühl im Herzen Deine Frau würde und Dich dann durch's ganze Leben an meiner Seite fröſteln ließe? Nein, lieber Knut, mein Gemüth iſt nicht ſehr weiblicher Ratur, und ch würde mich niemals unter das Joch der Ehe beugen können, ohne daß ſie damit endete, Dich und meine Pflichten zu haſſen. Mein Selbſtgefühl ſträubt ſich gegen den Zwang, welchem ich mich unterwerfe, indem ich ab⸗ hängig werde; ich empfinde Groll ſtatt Dankbarkeit, wenn ich Almoſen empfange, welche mir aus Mitleid, aber nicht als ein mir von Rechtswegen gehöriges Eigenthum hingeworfen werden. Ich haſſe alle Bande, verabſcheue Alle, welche mir ſolche auferlegen, und werde ſie einſt alle mit Füßen treten.“ Cordula ſprach in verächtlichem Tone, und Knut hörte ihr mit Beſtürzung zu. In demſelben Augenblick trat der Graf aus dem Salon. Cordula flüſterte Knut zu: „Wäre ich die gefeierte und ſchöne wh ves reichen Grafen Falkenhjelm, dann, dann.. Hier ſchwieg ſie und entfernte ſich. Cordula war von Knut eine ruhige, unabhän⸗ gige und geachtete Stellung im Leben angeboten wor⸗ ⸗ — 7 den, aber ſie entſagte derſelben, um ſich der Gewalt einer düſteren Leidenſchaft, welche ſie beherrſchte, hin⸗ zugeben. Wer kann wohl leugnen, daß der Menſch in einem ſolchen Falle den Faden ſeines eigenen Schickſals ſpinnt? Nach dem Souper ging Arel zu Nina und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Ich habe eine Bitte an Nina.“ „Welche denn?“ fragte ſie kalt. „Antworten Sie mir aufrichtig; beabſichtigt Nina es zu verrathen, auf welchem Fuße Thora und ich miteinander ſtehen.“ „Verrathen!— Nur derjenige braucht ſich davor zu fürchten, welcher ſich bewußt iſt, etwas Böſes gethan zu haben.“ Nina wandte ſich von ihm weg. „Bleiben Sie, ich bitte! Das war keine ehrliche Antwort.“ „Ich will denn eine geben, die deutlich ſein wird; morgen weiß Thora's Vater Alles, was ich in Beziehung auf Sie und ſie weiß.“ „Ich bitte um Erlaubniß, ein paar Worte ſagen zu dürfen. Sie müſſen um Thora's Willen mich an⸗ hören. Kommen Sie an dieſes Fenſter, ich werde nicht weitläufig werden.“ „Mag es ſein, um Thora's willen.“ Nina näherte ſich dem angedeuteten Fenſter. Die 766 Uebrigen gingen, von Thora begleitet, in das Arbeits⸗ zimmer derſelben, um einige Zeichnungen einzuſehen. „Unterlaſſen Sie es, Graf Falkenhjelm etwas zu ſagen, das ihn veranlaſſen könnte, von mir eine Erklärung in Beziehung auf meine Abſichten auf Thora zu verlangen; denn ich kann jetzt eine ſolche nicht geben, ſondern es würde nur zu einem unan⸗ genehmen Auftritt führen. Wollen Sie dadurch mich von Thora trennen, ſo ſagen Sie mir doch, wozu das nützt, da ich binnen achtundvierzig Stunden auf dem Wege nach München bin? Mir ihr Herz zu entreißen, ſteht weder in Ihrer noch in des Grafen Macht. Mich zwingen zu wollen, daß ich aufhöre, ſie zu lieben, iſt ebenſo vergeblich, denn ich habe ge⸗ ſchworen, daß ſie früher oder ſpäter mir gehören muß. Noch hat keine menſchliche Macht es vermocht, zwiſchen mich und das Ziel meines Willens zu treten; der erſte Verſuch, es zu thun, würde unheilbringend werden. Betrachten Sie mich genau und ſagen Sie mir, ob Sie glauben, daß meine Worte leere Dro⸗ hungen ſind.“ Nina blickte zu ihm auf; ſein Geſicht hatte einen harten und unbeweglichen Ausdruck; Sie ſchauderte zuſammen. „Warum können Sie ſich denn nicht mit Thora verheirathen?“ Arel beugte ſich über ſie herab und flüſterte ihr einige Worte in's Ohr. Sie machte dabei einen Schritt zurück, und rief mit vor Abſcheu flammenden Augen: „Sie ſind ein Elender!“ — 77 Damit wandte ſie ſich von ihm ab, um fort⸗ zugehen. „Nina, Sie müſſen ſchweigen, bis ich ſelbſt mit Thora's Vater geſprochen, wenn ihr Leben Ihnen lieb iſt,“ bemerkte Axel und ergriff ihre Hand, welche er krampfhaft drückte. „Sie ſind einem Kampfe mit mir nicht ge⸗ wachſen,“ fügte er mit einem entſetzlichen Ausdruck hinzu.„Nehmen Sie ſich in Acht, meine wilden und düſtern Leidenſchaften zu erregen; denn in demſelben Augenblick, in welchem Sie mir Thora's Liebe rau⸗ ben, tödte ich ſie. Ich verlange nur, daß Sie vier⸗ undzwanzig Stunden ſchweigen. Nun, Ihre Ant⸗ wort?“ Axel war bleich und kalt wie Marmor; Nina fuhr mit der Hand nach der Stirne; ſie athmete haſtig und unruhig. Es war ein entſetzlich peinlicher Augen⸗ blick für die gute und rechtlich denkende Nina; endlich ſprach ſie: „Ich verſpreche denn zu ſchweigen, aber nur unter einer Bedingung.“ „Und die iſt?“ „Daß Sie mir dagegen ſchwören, nichts gegen Thora zu unternehmen, oder ſie zu einer Handlung zu überreden, welche für ſie und ihre Angehörigen Unheil bringen könnte. Schwören Sie mir bei Ehre und Gewiſſen, daß Sie abreiſen werden, ohne ſich noch mehr gegen dieſes Haus zu Schulden kommen zu laſſen.“ „Ich ſchwöre es bei Ehre und Gewiſſen!“ Nina entfernte ſich, ohne ein Wort mehr z. Axel blieb ſtehen und lehnte ſeine kalte Stirne gegen die Fenſterſcheibe. Seinem Gedächtniß ſchweb⸗ ten Lyſanders Worte vor: Kinder ſpielen mit Würfeln; Männer mit Eiden. Die Nacht war bereits vorgerückt, und noch ſaß Axel in ſeinem Zimmer in Gedanken von wenig angenehmer Natur verſunken. Nur ein einziger Tag trennte ihn von dem Tage, an welchem er glaubte, daß er Thora entführen könnte, und doch wie viele Hinderniſſe erhoben ſich jetzt nicht gegen die Ausfüh⸗ rung ſeines Planes. Thora's Vater! Beim Ge⸗ danken an ihn knirſchte Axel mit den Zähnen vor Zorn. Der Graf trat vor ſeine Einbildung wie ein böſer Geiſt, welcher ſich drohend zwiſchen ihn und Thora ſtellte. Aber Axel gehörte nicht zu denjenigen, welche ſich aufhalten laſſen, wenn ſie auf einen Widerſtand ſtoßen, oder darum dem Erfolge ihrer Unternehmung mißtrauen. Er verließ ſich blind auf ſeine eigene Fähigkeit, die Ereigniſſe zu beherrſchen, und wog durch⸗ aus nicht die Mittel, wenn ſie ihn nur zum gewünſch⸗ ten Ziele führten. Er war ſchon mit ſeiner Hand⸗ lungsweiſe im Klaren, wie er der drohenden Gefahr entgehen könnte. Er wollte ſelbſt zum Grafen gehen, und ihm zeigen, daß Thora's Ruhe es verlange, daß er über das, was er wiſſe, ſo lange ſchweige, bis 79 Axel fort ſei. Mit dieſem Vorſatz erhob er ſich, um zur Ruhe zu gehen, und murmelte dabei vor ſich hin: „Ich beſuche alſo den Grafen morgen ganz früh, bevor er noch mit Thora zuſammengetroffen, und beuge dadurch einer Erklärung zwiſchen ihnen vor; denn, daß er wußte, was er nicht wiſſen durfte, das las ich in ſeinem Blick.“ Darauf nahm er das Licht; erhielt aber in dem⸗ ſelben Augenblick einen leichten Schlag auf die Schul⸗ ter. Ueberraſcht wandte er ſich um und befand ſich Angeſicht zu Angeſicht mit— Cordula. „Sie wollen Thora mit ſich wegführen; aber ohne mich ſoll es nicht gelingen,“ begann Cor⸗ dula kalt. Ueber Axel's Lippen glitt ein eigenes Lächeln, als er antwortete: „Sie irren ſich, Cordula.“ „Glauben Sie das nicht, ich ſehe ſchärfer und weiter als die Andern. Ich habe gewacht und ſpio⸗ nirt, und Sie durchſchaut.“ Cordula's Ton war beſtimmt. „So— o! Aber bedeuken Sie, wenn ich Ihnen denſelben Dienſt leiſtete, wenn ich Ihnen den Grund Ihrer Scharfſicht erklärte?“ Der Ton Axel's war ſpottend. „Nun, laſſen Sie einmal hören, ich ford're Sie heraus!“ „Eiferſucht!“ Dieſes einzige Wort, welches in einem Tone voll Ironie ausgeſprochen wurde, machte die Wangen — 80 Cordula's vor Verdruß erröthen; ſie maß Axel mit einem Blick voll Zorn. „Sie ſind ein Narr, Herr Lieutenant! Aber laſſen wir das, denn Ihre Gedanken ſind mir in dieſer Beziehung gleichgültig. Antworten Sie nur: Wollen Sie, daß es Ihnen gelinge, Thora zu ent— en, oder wollen Sie, daß es Ihnen mißlinge?“ „Laſſen Sie uns des Spaßes halber annehmen, daß ich eine ſolche thörichte Abſicht hätte, dann ver⸗ ſtände es ſich von ſelbſt, daß ich wünſchte, daß es mir gelinge; aber was könnten Sie dabei machen?“ „Alles!“ „Oh, charmant! Aber auf welche Weiſe?“ „Laſſen Sie ab von dieſem ſpottenden Ton, ich finde keinen Spaß daran, und hören Sie ſtatt deſſen, wie ich Ihren Plan vernichten kann. Morgen ganz früh gehe ich zu Graf Falkenhjelm und ſage: Nehmen Sie Ihre Tochter in Acht, man beabſichtigt, ſie dazu zu verlocken, von Hauſe zu entfliehen und mit Lieu⸗ tenant Behrend abzureiſen. Nun, was glauben Sie wohl, was der Graf dann thut?“ „Das weiß ich nicht, aber die Denunciation wäre falſch.“ Are war ernſt geworden. „Hat nichts zu bedeuten. Der Graf wird doch daran glauben, weil er Ihnen mißtraut, und wird mit ſeiner Tochter aus der Stadt fortreiſen, bis Sie wohl fort ſind. Nun ſagen Sie, wollen Sie mich zu Ihrem Verbündeten haben?“ „Ob ich es will? Unter welchen Ledingungent 81 „Unter der Bedingung, daß ich Thora nach München begleiten darf, nachher verlaſſe ich Sie.“ „Warum wollen Sie nach München?“ „Das gehört durchaus nicht hieher; genug, ich will und muß dorthin. Gehen Sie auf meinen Vorſchlag ein, dann verpflichte ich mich, ohne Auf⸗ ſehen zu erregen, Thora am Donnerſtag um zwölf Uhr an Bord zu führen und darüber zu wachen, daß ſie nicht in ihrem Entſchluß wankend wird. Nun gut, Ihre Antwort?“ Arel ſtützte ſich an den Tiſch und betrachtete Cordula ſcharf; er hätte ein Jahr ſeines Lebens dar⸗ um geben wollen, um in ihrer Secle leſen, um die Beweggründe dieſer wenig ehrenhaften Handlungs⸗ weiſe erklären zu können. Aber vergebens; ihr Inne⸗ res war und blieb für Alle ein verſchloſſenes Buch. „Wenn ich darauf eingehen würde, wer garan⸗ tirt mir dafür, daß Sie mir nicht eine Schlinge legen?“ „Mein eigener Wunſch, hinauszukommen.“ „Deſſen Motive ich nicht kenne.“ „Nun, thun Sie, wie Sie wollen. Gehen Sie darauf ein, dann helf' ich Ihnen; weigern Sie ſich aber, dann können Sie auch darauf rechnen, daß ich Sie verrathe.“ „Ich nehme Ihren Plan an, an welchen ich indeſſen früher nie gedacht,“ antwortete Axel nach einigem Bedenken; aber unter der Bedingung, daß ich meinem Bedienten läuten darf, damit er Ihnen begegnet, wenn Sie von hier fortgehen.“ Schwartz, Die Leidenſchaften. „Was iſt Ihre Abſicht damit?“ „Wenn Sie mich täuſchen, dann räche ich mich dadurch, daß ich ſage, daß die Eiferſucht Ihnen die Anklage diktirt hatte, weil Sie meine Geliebte ge⸗ weſen. Mein Bedienter kann die Wahrheit meiner Worte bezeugen, da er Sie bei Nachtzeit bei mir ge⸗ ſehen hat,“ antwortete Axel lächelnd.„Ich liebe es nicht, mich mir nichts dir nichts in die Gewalt von irgend Jemanden zu begeben; uan muß immer einen Ausweg haben, um die Verrätherei zu beſtrafen, oder wenigſtens zu verhindern.“ Eine Secunde flammte die Röthe des Zorns auf den Wangen Cordula's. Darauf ergriff ſie ſelbſt den Glockenzug und läutete. Nachdem dieß geſchehen, näherte ſie ſich der Thüre und ſagte: „Leben Sie wohl; wir verſtehen uns vollkom⸗ men. Schaffen Sie Plätze und Päſſe ſowohl für mich wie für Thora.“ Sie öffnete die Thüre und begegnete in derſelben dem Bedienten von Axel, welcher mit einem zweideu⸗ tigen Lächeln auf die Seite trat, und ſie vorbeipaſ⸗ ſiren ließ. „Kein Wort von derjenigen, welcher Du begeg⸗ neteſt, Gotthard, ſofern Dein Dienſt Dir lieb iſt! Am folgenden Tage um zwölf Uhr trat der Graf Falkenhjelm in Thora's Arbeitszimmer. Ein Zufall 83 hatte den Grafen veranlaßt, ſchon ſo früh ſein Haus zu verlaſſen, ſo daß er, als Axel ihn um zehn Uhr Morgens beſuchen wollte, bereits ausgegangen war. Bei der Ankunft des Grafen ſtand Thora vor dem faſt vollendeten Bilde„Der Abſchied,“ einem kleinen Helgemälde. Man konnte kaum etwas Vol⸗ lendeteres ſehen, als dieſes Bild. Der Ausdruck des Geſichtes war ſo ſprechend und lebhaft, daß derſelbe Alles wiedergab, was das Herz an Wärme beſitzt. Ein Ausruf der Bewunderung entſchlüpfte dem Grafen, als er an Thora's Seite vor der Staffelei ſtand. „Mein Kind, Du kannſt ſtolz auf dieſe Arbeit ſein. Wenige von Deinem Geſchlecht haben etwas ſo Vollkommenes hervorgebracht, und wahrſcheinlich in ſo jungen Jahren Niemand,“ bemerkte der Graf. „Dieſes hier iſt indeſſen nur ein Porträt,“ fügte er hinzu, indem er auf den Krieger deutete, welcher eine gar zu treue Copie von Axel war. Thora erröthete und ſchwieg. Der Graf ſprach eine Weile von den künſtleri⸗ ſchen Anlagen ſeiner Tochter und von der ruhm⸗ vollen Zukunft, welche ſich dadurch für ſie eröffnete. Er erkundigte ſich nach dem Unterrichte, welchen ſie in ſeiner Abweſenheit genoſſen, ſowie nach der Ent⸗ wicklung, welche ſonſt ihre intellektuelle Bildung er⸗ alten. „Du biſt talentvoll und ſchön geworden; aber biſt Du auch verſtändig? Sage mir Eines: Du ſcheinſt Dich in jenen hübſchen Deutſchen verliebt zu haben?“ „Ja, ich liebe ihn, mein Vater,“ antwortete Thora erröthend. 2 „Und er?“ Bei dieſen Worten runzelte der Graf die Stirne. „Blicke mich nicht ſo an,“ flehte Thora und ergriff des Vaters Hand.„Auch er liebt mich aus ſeiner gan⸗ zen Seele. Wenn er den Frühling wieder hierher zu⸗ rückkehrt, beabſichtigt er bei Dir um Thora's Hand an⸗ zuhalten.“ „Und während der Zeit hat er Dir das Verſprechen abgelockt, ihm zu gehören, nicht wahr?“ rief der Graf hitzig. „Werden Sie nicht böſe, ich habe ihm in der That Liebe und Treue verſprochen. Ach! mein Vater, werfen Sie einen Blick auf dieſes Bild und ſagen Sie, ob Sie nicht finden, daß man grenzenlos lieben muß, um ledig⸗ lich aus dem Gedächtniſſe jeden Zug ſo treu wiedergeben zu können, daß das Bild deſſen, welchen man mit ſo vie— ler Sicherheit auf die Leinwand überträgt, alle unſere Gefühle, Gedanken und Wünſche beherrſchen muß?“. „Aber weißt Du denn nicht, daß er verheira⸗ thet iſt?“ PVerheirathet!“ ſchrie Thora und ſtürzte auf den Grafen zu, indem ſie verzweifelt und ſchaudernd ſeinen Arm ergriff.—„O nein, nein, es iſt nicht ſo, es kann unmöglich ſo ſein!“. Thora's Ausſehen wurde entſetzlich, die Augen hatten einen irrſinnigen Ausdruck und ihr Körper bebte. Mit Schrecken ſah der Graf die Wirkung ſeiner Worte, und er fürchtete, daß der Schlag, wenn er ſie ſo unvorbereitet träfe, ihr den Verſtund rauben würde. Er beeilte ſich deßhalb hinzuzufügen: Komme wieder zu Dir ſelbſt, Thora, ich weiß nichts Beſtimmtes, vielleicht verwechsle ich ihn mit ir⸗ gend einem ſeiner Verwandten. Sei indeſſen ruhig, ich werde mir darüber nähere Aufklärung verſchaffen, und morgen ſelbſt mit ihm ſprechen.“ „Ach ja, es iſt gewiß ein Irrthum!“ antwortete Shre und führte die Hand an die Stirne, um ihre Hedanken zu ſammeln. Sie hatte ein Gefühl, als wenn ein glühendes Eiſen durch ihr Hirn gefahren wäre. „Er hat ſowohl mir wie meiner Tante ſelbſt geſagt, daß er einen verheiratheten Bruder hat,“ fügte Thora nach einer Weile hinzu. „Der Schurke hat keinen Bruder,“ dachte der Grafß, ſagte aber nichts, ſondern ſuchte nur Thora zu beruhigen und ſie zu bewegen, über Alles, was Apel betraf, Auskunft zu geben. Beim Abſchiede fragte er: „Was gedenkſt Du heute zu thun?“ „Ich bin bei meiner Couſine Nina Adler ein⸗ geladen.“ „Dann wünſche ich, daß Du die Nacht bei ihr bleibſt. Ich werde Dich ſelbſt morgen abholen, wenn ich mit dem Deutſchen geſprochen habe. Jetzt habe ich nur einige Worte Deiner Tante zu ſagen.“ Der Graf küßte mit einem wehmüthigen Seufzer die Stirne der Tochter. Was zwiſchen dem Grafen und der Majorin verhandelt wurde, wiſſen wir nicht; als ſie aber Alle bei dem Mittagstiſche verſammelt waren, lag etwas Kaltes und Fremdes in ihrem Benehmen gegen Axel. Dabei beſchäftigte ſie Thora auf eine ſo geſchickte Weiſe, daß dieſe unmöglich Gelegenheit bekommen 86 konnte, ein einziges Wort mit ihm zu wechſeln. Der Mittagstiſch war langweilig und einförmig. Nach dem Schluß desſelben eilte Axel auf ſeine Zimmer. Thora's verweinte Augen und das abgemeſſene Be⸗ nehmen der Majorin ſagten ihm, daß irgend etwas vorgefallen ſei. Kurz darauf ſlüſterte Cordula Thora zu: N „Arxel bittet mich, Dir zu ſagen, daß er Dich nothwendig ſprechen muß.“ „Antworte ihm, daß er mich um 5 Uhr an den rothen Krämerläden treffen kann,“ ſagte Thora und ging jetzt hinauf, um ſich anzuziehen. Eine Stunde ſpäter waren ſie und Cordula be⸗ reit ſich zu Nina zu begeben. „Ich habe Deinem Vater verſprochen, daß Du bei Nina bleiben würdeſt, bis er Dich abholt,“ be⸗ merkte die Majorin.„Adjeu, mein geliebtes Kind, amüſire Dich jetzt und ſei heiter.— Um 10 Uhr ſchicke ich Lotta nach Cordula.— Jetzt könnt ihr fahren;“— und damit küßte Frau Alm die ſeufzende Thora. Der Wagen hielt am Thor von Nina's Haus an und die beiden Mädchen hüpften hinaus. „Geh Du hinauf, Cordula, ich komme gleich nach,“ bat Thora, als der Wagen fort war. „Sei ruhig, ich finde ſchon irgend einen Vor⸗ wand für Dein Ausbleiben,“ antwortete dieſe und ſprang die Treppe hinauf. Mit leichten Schritten und klopfendem Herzen eilte Thora hinunter zu den rothen Läden, wo Arxel, in einen Mantel gehüllt, ſie bereits erwartete. 87 „Mein Gott! was hat ſich zugetragen?— ich habe Deine verweinten Augen geſehen.— Du, meine geliebte Thora, weinen— und weßhalb?“ rief er ihr entgegen. Thora nahm ſeinen Arm und beide ſchlugen die Richtung nach der Königsholmsbrücke ein.— Thora theilte ihm jetzt ihr Geſtändniß an den Vater, ſowie deſſen Entſchluß am folgenden Tage Axel ſprechen zu wollen mit. Schließlich fügte ſie wehmüthig lächelnd hinzu: „Was meinſt Du,— er behauptete, daß Du verheirathet ſeieſt.“ Axel ſchwieg, aber Thora fühlte, daß ſein Arm zitterte. Eine Todeskälte durchſchauerte ihr Herz. Sie war ſo überzeugt geweſen, daß er dieſe Beſchuldigung mit Lachen erwiedern würde, daß ſein Schweigen ſie gleich einem Donnerſchlage traf.— Ein heftiger Schmerz fuhr durch ihren Kopf und mit unbeſchreib⸗ licher Angſt fragte ſie: „Axel! kann das wahr ſein?— Biſt Du wirk⸗ lich verheirathet?“— Thora's Augen ſahen faſt wild aus und ihre Wangen waren ſchneeweiß. Mit abgewendetem Geſichte und zitternder Stimme antwortete Axel: „O meine arme, geliebte Thora! Ich habe Dich betrogen;— ich bin verheirathet.“ Nicht ein Laut kam über Thora's Lippen, einen Augenblick blieb ſie aufrecht ſtehen, dann ſchwankte ſie aber und würde zu Boden geſtürzt ſein, wenn Arel ſie nicht in ſeinen Armen aufgenommen und ſie 88 zu einem Haufen Bretter hingeführt hätte, auf welche er ſie niederſetzte. Vergebens verſchwendete Arxel zärtliche Bitten und Schmeicheleien, ſeine Worte gingen an ihren Oh⸗ ren vorbei, ohne daß ſie dieſelben hörte, und doch war Thora nicht in Ohnmacht gefallen, denn ein kurzes und heftiges Athmen bewegte ihre Bruſt. Die großen dunklen Augen ſchienen größer und dunkler als ge⸗ wöhnlich zu ſein, aber das Leben und das Feuer in denſelben war ausgelöſcht. Der Blick war kalt und klar wie der Mond, welcher das arme, durch eine zügelloſe Leidenſchaft um ihr ganzes Lebensglück be⸗ ſtohlene Mädchen mit ſeinem matten Schimmer be⸗ leuchtete. Noch fanden ſich indeſſen in Thora's Kopf einige dunkle Gedanken, denn ſie erhob ſich und ſprach mit faſt lautloſer Stimme:„ „Fort von hier, ich will zu meinem Vater.“ Ein einziges Mal flüſterte Thora während der Wanderung nach Nina's Haus, die Arxel wie ein Vor⸗ geſchmack des Fegefeuers vorkam, mit ihrer tonloſen und traurigen Stimme: „Er iſt verheirathet!“ Axel trug ſie die Treppe hinauf zu Nina und fragte bei ſeinem Eintreten heftig: „Iſt der Doktor zu Hauſe?— Thora iſt krank, helfen Sie ihr, Nina.“ „Heinrich findet man beim Doktor M.,“ ant⸗ wortete Nina und führte Thora nach dem Sopha. Arxel ſtürzte hinaus. 5 89 „Ich will ſchlafen,“ flüſterte Thora und ſtrich mit der Hand über die Stirne. Von Cordula unter⸗ ſtützt brachte Nina ſie zu Bette. Axel kam mit Doktor M. wieder, ohne Heinrich getroffen zu haben. Als dieſer Thora ganz ruhig gegen die Wand gekehrt, liegen fand, ſagte er: „Sie ſchläft, es iſt am beſten, ſie ungeſtört zu laſſen, bis ſie von ſelbſt erwacht. Nachdem der Doktor ſich entfernt hatte, erzählte Axel, was vorgefallen ſei. Ein paar Stunden darauf kam Heinrich nach Hauſe. Nachdem er von dem Vorgefallenen unter⸗ terrichtet worden war, ging er hinein zu Thora, beugte ſich über ſie herab und betrachtete ſie lange. Weiß wie Schnee, die Augen offen und gegen die Wand gerichtet, lag Thora da, ohne irgend ein anderes Le⸗ benszeichen, als daß die Bruſt durch das Athmen ſich hob und ſenkte. Als Heinrich ſich wieder erhob, war er faſt ebenſo bleich wie ſie. Nina wagte keine Frage an ihn zu richten. Mit langſamen Schritten ging er in das Zimmer hinaus, in welchem Arel ſich befand. „Wie ſteht es mit Thora?“ fragte dieſer voll Angſt. „Heute Abend kann ich nichts ſagen; aber mor⸗ gen werde ich dem Herrn Lieutenant antworten.“ Heinrich's Stimme war ſcharf und kalt. Kaum ſich deſſen bewußt, was er that, kehrte Axel, ein Raub der quälendſten Gemüthsbewegungen nach Hauſe zurück. Garz früh am folgenden Morgen wurde an Graf 90 Falkenhjelm geſchickt und er erfuhr, als er bei Heinrich ankam, daß Thora— irrſinnig geworden ſei. Nachdem er ſich eine Stunde bei ſeiner unglückli⸗ chen Tochter aufgehalten, warf der Graf ſich ſehr auf⸗ geregt in ſeinen Wagen und befahl dem Kutſcher ihn nach dem Hauſe der Majorin Alm zu fahren. Er trat bei Axel ein, gerade als dieſer im Begriff war zu Heinrich zu gehen, um ſich nach dem Zuſtande Thora's zu erkundigen. Was zwiſchen dieſen beiden Herren,— welche beide, obgleich auf verſchiedene Weiſe, mit den Frauen⸗ herzen geſpielt,— geſprochen wurde, das iſt überflüſſig zu erwähnen. Beide waren ſogenannte Männer von Ehre, welche gegen jeden eine blutige Rache genommen haben würden, der es gewagt hätte irgend einen Zweifel über ihre Ehrenhaftigkeit laut wer⸗ den zu laſſen, und doch wie ehrlos hatten ſie nicht gegen dieſe Frauen gehandelt, deren größter Fehler darin beſtand— daß ſie dieſelben geliebt hatten. O, ihr Männer von Ehre!— wie wenig findet ſich bei euch von wahrem Ehrgefühl! „Wenn Sie nicht, wie Sie beabſichtigten, heute abreiſen,“ ſagte der Graf,„dann finde ich mich veran⸗ laßt, bei Ihrem König einen Bericht darüber zu erſtat⸗ ten, wie ein bairiſcher Militär bei uns die Unverletzlich⸗ keit der Gaſtfreiheit verletzt hat.“ „Ich reiſe,“ antwortete der Lieutenant.„Ich ſchwöre es bei meiner Ehre.“ Er ſprach noch von Ehre;— denn was thut nicht die Gewohnheit? „Ich bin zufrieden,“ ſagte der Graf und ging; er glaubte auch aus Gewohnheit an das Ehrenwort jenes Mannes. Kurz nachdem ſich der Graf entfernt hatte, er⸗ hielt Axel folgendes Billet: „Reiſen Sie ruhig ab und verlaſſen Sie ſich auf mich. Man täuſcht Sie, um Sie von hier fort⸗ zubekommen. Thora iſt bereits wieder hergeſtellt. Wir werden uns auf dem Dampfſchiffe treffen. Cordula.“ Am folgenden Tage wurde auch die Majorin von Thora's Unglück in Kenntniß geſetzt; man hatte bis dahin damit gewartet; der Kummer darüber war nahe daran, ſie das Leben zu koſten. Sie mußte jetzt, obgleich ſpät genug, einſehen, daß ihre Hand⸗ lungsweiſe unverantwortlich leichtſinnig geweſen ſei. Axel war abgereiſt und Cordula— war ver⸗ ſchwunden. Zu welchen Vergehen können nicht die Grau⸗ ſamkeit des Egoismus und die verblendete Liebe, ſowie die ungezügeltén Leidenſchaften den Menſchen führen!— Zweite Ibtheilung. „Verlaſſ'nes Herz, Du Tempel meiner Liebe Und meiner Schmerzen, hülle Deine Triebe In Wolken ein, kleid' Dich als Opfer jetzt! Die Menſchen richten ſpät; doch Gott zuletzt.“ Nybom. Drei Jahre ſpäter. Es iſt zu Anfang der Theaterſaiſon.— Wir führen den Leſer in die Oper ein. Man gab Lucia di Lam- mermore, in welcher Oper die allgemein beliebte Nina Adler nach einer längeren Reiſe im Auslande jetzt auftreten ſollte. Alles, was in Stockholm auf Fleganz und Reichthum Anſpruch machen konnte, hatte ſich in dem überfüllten Hauſe verſammelt, um dem Wiederauftreten der berühmten Sängerin beizuwohnen. In der erſten Rangloge ſaß eine Dame von ungewöhnlicher Schönheit. In ihrem Blick lag ein Feuer, welches ihrem Geſichte etwas Magiſches und Feſſelndes verlieh. Die Augen waren groß, dunkel, flammend, leidenſchaftlich und doch ſo ſchwärmeriſch träumend, daß ſie den Zuſchauer in eine unruhige Ge⸗ müthsſtimmung verſetzte. Ihre breite, weiße Stirn war von rabenſchwarzen Locken unfloſſen. Ihr kleiner 6 6 Dann fügte er hinzu! 93. Mund mit den ſchwellenden Lippen hatte einen ausge⸗ prägten wehmüthigen Zug.— Sie war in ein pariſer⸗ blaues Seidenkleid gekleidet, welches eng an die ſchlanke Taille anſchloß; ein ächter Spitzenkragen, von einem Ru⸗ binenſchmuck zuſammengehalten, bedeckte den ſchönen Hals und die marmorweißen Schultern, ohne ſie zu ver⸗ bergen. Ein Tizian würde mit Entzücken dieſen rei⸗ zenden Kopf gemalt haben. An ihrer Seite ſaß eine ältere Dame mit regel⸗ mäßigen Zügen und ſtolzer Haltung. Auf dem Sitz hinter ihnen finden wir Doktor Heinrich Adler und Emil Liljekrona. Im Amphietheater ſitzen Frau Grill und ihr Sohn Knut. Sie grüßen heiter und freundlich die Geſellſchaft im erſten Rang; aber kaum war dieß geſchehen, als Knut ſpürte, daß Jemand ſeine Schulter berührte. Als er ſich umdrehte, bemerkte ein junger elegantgekleideter Mann: „Bitte um Verzeihung, Herr Grill, wären Sie wohl ſo gefällig, mir zu ſagen, wer die junge Dame im erſten Range iſt, die Sie ſoeben begrüßt haben?“ „Es iſt die Künſtlerin Mamſel Thora Falk. Der Herr Baron werden wohl ſchon von ihr ſprechen gehört haben?“— antwortete Knut. „Verſteht ſich.— Ihre Arbeiten haben im Aus⸗ lande ein gewiſſes Aufſehen erregt.— Man hat mir geſagt, daß ſie in Frankreich anſäſſig ſei?“ „Sie kehrte von dort vor drei Wochen zurück.“ „Sie iſt eine Schönheit erſten Rangs,“ bemerkte der Baron, und betrachtete Thora durch ſein Opernglas. —— ——— S — Ich danke verbindlich für die Mittheilung,“— und nahm wieder ſeinen Platz etwas höher oben im Amphietheater ein, wo er ſeinen Nachbarn erzählte, wer das hübſche Mädchen ſei. Man betrachtete ſie jetzt mit doppeltem Intereſſe. Wie manches Frauenherz klopfte nicht im Stillen vor Neid über die Vorzüge Thoras, ohne zu ahnen, wie wenig beneidenswerth ſie in der Wirklichkeit war! Auf der entgegengeſetzten Seite in einer Proſce— niumsloge ſaß ein junger Mann, welcher ſich nachläſſig zurücklehnend, ſeine Augen mit einer gewiſſen gedan⸗ kenloſen Gleichgültigkeit auf Thora richtete. Jeder Zug in ſeinem offenen Geſicht war ein rein nordiſcher; die klaren, ernſten, leidenſchaftsloſen blauen Augen, das blonde Haar, die hohe freie Stirne,— alles er⸗ innerte an die Worte des Dichters: „Auf einer Stirne, die gewölbt iſt wie die Sein'ge, da können Treue nur und Ehre wohnen.“— Das hoch emporgerichtete Haupt, die ungenirte und behagliche Haltung ſchien anzudeuten, daß er nicht allein von Geburt, ſondern auch von Herz und Seele ein Edelmann ſei. Thora unterhielt ſich mit Heinrich, deſſen Geſicht ſehr lebhafte Gefühle wiederſpiegelte. „Erinnerſt Du Dich heute⸗Deines Verſprechens gegen mich in Hamburg?— es ſcheint, als wenn Du nach Deiner Rückkehr es ganz und gar vergeſſen hät⸗ teſt, flüſterte Heinrich ihr zu. „O nein, ich verſprach voriges Jahr Emil etwas Aehnliches in Florenz,“ antwortete Thora mit einem eigenen Lächeln. S N „Du biſt grauſam, Thora;— wie iſt es mög⸗ lich, daß Du mit meinem treuen Herzen Spott treiben kannſt?— Wenigſtens ſollte ich doch auf Dein Zartge⸗ fühl rechnen können.“ „Stille, wecke nicht das in mir auf, welches hier ſchläft;“ ſprach Thora und führte ihre Hand an das Herz.„Wir ſind ja im Theater, um uns zu amü⸗ ſiren und hier darf man nichts Vernünftiges ſprechen. — Siehſt Du, wie man uns beobachtet und Dich um das Glück meiner Nähe beneidet; obgleich ich, gewiſſen⸗ haft geſprochen, der Meinung bin, daß dieſes Glück ein ſehr geringes iſt, oder was denkſt Du ſelbſt dar⸗ über?“ Um Thora's Lippen ſpielte ein bitteres Lächeln. „Du biſt heute Abend verſtimmt.“ „Glaubſt Du das?— O nein, jetzt bin ich niemals anders,— ich verachte die Welt und michſelbſt; während andere uns beiden huldigen; ſiehe da Alles. Der Zufall hat mich das gelehrt,— was kann ich dafür?“ „Deine Rede, Thora, athmet Bitterkeit und nicht Hingebung.“ „Iſt das zu verwundern? Bedenke, daß ich jetzt in mein Vaterland und— an das Grab meines Glückes zurückgekehrt bin; laſſen wir aber das, lieber Heinrich.— Laß uns uns an der Muſik berauſchen, und die Vergangenheit ſowohl wie die Zukunft vergeſſen. Aha! ſieh, dort ſitzt der Graf Hugo Hernhjelm; er iſt eigentlich ein Vetter von mir. Ein hübſcher nordiſcher Typus; aber mit einem fügte Thora hinzu und lorgnettirte ihn. „Tu haſt es alſo werſucht, ſein Herz zu erwei⸗ chen?“ fragte Heinrich in einem unwilligen Tone. 96 „Mein Gott, ja; aber es mißlang mir.“ Thora lachte. „Du biſt fürchterlich.“ „Durchaus nicht:— ich bedarf der Zerſtreuung und ſuche ſie,— das iſt alles.“ Der Vorhang ging auf, jedes Geſpräch hörte auf. — Nina's Geſang als Lucia war entzückend, ihr Spiel vollendet. Unbewußt ſchwebte ihr Blick, während ſie ſang, von Zeit zur Zeit hinauf zur erſten Loge und begegnete dort ein paar Augen voll wahrer Bewun⸗ derung. Am Schluß der Oper wurde Mamſell Adler ge⸗ rufen und bei ihrem Hervortreten mit Händegeklatſch und Bravourrufen begrüßt.— Graf Oernhjelm machte, als ihre Augen ſich beim Fallen des Vorhanges eine Sekunde begegneten, eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Jeder war nach Hauſe zurückgekehrt. Nina und Heinrich fanden ſich in dem Ihrigen zuſammen. Sie war aber gedankenvoll und er düſter. „Dein Auftreten auf der Bühne war ja ein wirk⸗ licher Triumph,“ bemerkte Heinrich und reichte der Schweſter die Hand. „Thora kam mir geſtern Abend ſchöner vor als je; ich ſah ſie von der Scene aus,“ antwortete Ning lächelnd. S 97 „Aber auch unbegreiflich wie ein Räthſel.— Wa⸗ rum liebe ich dieſes Mädchen, da ſie mich doch nie we⸗ der verſtehen noch lieben wird?“ „Weil ſie ſo gut und ſchön iſt, vielleicht auch deßhalb, weil Du glaubſt, daß ſie durch Dich wieder aufleben wird. Jedenfalls hat ſie es Dir zu danken, daß ſie wieder zu ihrem Verſtande gekommen.“ „Mag ſein, daß ich in meinem Innern ſo denke; aber erkennt ſie es denn an?— Ich zweifle daran. Es liegt in ihrem Benehmen etwas ſo kaltes und launen⸗ haftes, daß ich daraus deutlich ſehe, daß ſie für mich kein Gefühl hat. Wie hat ſie nicht meiner Liebe ge⸗ ſpottet; wie meine Hoffnungen zum Beſten gehabt, wie mit meinem Schmerz geſpielt und trotz alledem— doch meine Vernunft bethört! Aber das muß ein Ende ha⸗ ben, ſchon morgen ſoll ſie mir eine beſtimmte Ant⸗ wort geben, damit ich aus dieſem Zauber herauskomme, welcher jetzt meinen Willen lähmt und mein Gefühl verweichlicht.“ Heinrich ging mit haſtigen Schritten auf und ab. „Aber Heinrich, iſt ſie wirklich eine Frau für Dich, oder wirſt Du nicht durch Deine Leidenſchaft irre ge⸗ leitet? Ich glaube das Letztere.— Du weißt, wie viel ich auf Thora halte, wie ſehr ich ihren Geiſt und ihr Talent bewundere; aber doch denke ich mit Angſt an eine Verbindung zwiſchen Dir und ihr. Thora iſt nicht mehr diejenige, welche ſie war, und wird es nie mehr werden. Weil ſie als Weib tief und entſetzlich gekränkt wurde, wünſcht ſie dieſes dadurch zu vergeſſen, daß ſie die abhängige und untergeorbnete Stellung Schwartz, Die Leidenſchaften. 98 ihres Geſchlechts verläugnet. Sie will ſich mit Gewalt die Rechte des Mannes erkämpfen. Der enge Kreis des unbemerkten Lebens einer Gattin wird nunmehr für Thora's ſelbſtgeſchaffenen Freiheitsſinn und für ihr raſtloſes Temperament immer zu klein bleiben, und ſie wird früher oder ſpäter die Grenze deſſelben überſchrei⸗ ten. Du, Heinrich, ein ſtrenger, ernſter, tief fühlen⸗ der, aber unerſchütterlich feſter Charakter, wirſt das Leben an der Seite einer Frau, welche Dir nicht die Rechte eines Mannes zuerkennen will, läſtig finden. Glaube mir, Du kannſt weder ihr Glück, noch ſie das Deinige ſchaffen.“ „Und warum?“ „Weil Thora Niemanden mehr lieben kann oder wird, und Du eines Tages nach einer ſolchen Verbin⸗ dung aus Deinem Rauſche erwachen und finden wirſt, daß Du das Opfer der Leidenſchaft Deines Herzens warſt. Wäreſt Du gleich Axel ihre erſte Liebe und Alles auf der Welt geweſen, dann wäreſt Du ſicher⸗ lich glücklich geworden, und Thora würde unter Deiner Leitung alle ihre guten Eigenſchaften entwickelt haben; aber jetzt ſind bei ihr alle zärtlicheren Gefühle ausge⸗ ſtorben. Sie gleichen verwelkten Blumen, die keine Sonne wieder zum Leben zu erwecken vermag.“ „Zum Theil haſt Du Recht; aber doch in Vielem Wnrecht. Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche ſich unbeſonnen der Macht der Leidenſchaft hingeben. Nein, ich habe mit meiner Vernunft mein Herz und Thora's Stellung geprüft. Hier haſt Du das Reſultat: Um das Glück betrogen, von welchem ſie in ihrer erſten Jugend geträumt, hat Thora mit zwanzig 99 3 Jahren im Leben mehr gelitten und erſahren, als Andere Weiber während ihres ganzen Lebens. Sie kennt die gefährliche Macht der Gefühle, wenn ſie ſich zur Leiden⸗ ſchaft ſteigern, ſie ſieht ein, wie nichtsſagend der Weih⸗ rauch iſt, womit man ihre Eitelkeit zu befriedigen ſucht. Nicht einmal der Name einer ausgezeichneten Künſtlerin, den ſie ſich erworben, kann ihre Seele befriedigen; ſie ſchaut mit müdem Blick nach einem beſſern Ziele für ihre Zukunft. Sie bedarf eines Freundes, eines Be⸗ ſchützers, dem ſie ihren Schmerz anvertrauen und bei dem ſie ſich Troſt für ihre Leiden holen kann.— Nun gut, Nina, wo wird ſie ein treueres Herz finden, als das meinige? Wo eine heißere Liebe? Wo einen Mann, welcher ſie beſſer verſteht, als ich?— Sage, kann denn Emil, kann Stallmeiſter Gyllenfeldt Thora etwas Aehnliches bieten?“ „Alles dieß hätte in der That die Wahrſcheinlichkeit für ſich, falls Friede und innere Harmonie das wären, was Thora ſucht. Laß uns aber die Fortſetzung dieſer Unterredung verſchieben, bis ich morgen Abend wieder von ihr zurückkehre; ſie hat mich zu ſich eingeladen. Siehe hier, leſe dieß Billet, welches ich beim Schluß des Theaters erhielt.“ Nina reichte dem Bruder den Brief mit folgen⸗ dem Inhalt: „Meine liebe Nina! Nachdem ich mich drei Jahre in fremden Ländern aufgehalten, und nach allem dem, was früher paſſirt iſt, fühle ich ein ſtarkes Bedürfniß, bevor ich einen neuen Schritt auf der Bahn des Lebens thue, Dir mein . Komme morgen zu uns zum Mit⸗ kann ich ungeſtört über mich verfügen. Herz zu öffnen. tageſſen, dann Bitte Heinrich, noch einen Tag zu warten. Wenn ich mit Dir geſprochen und mein Leben durchgegangen habe, dann wird es mir auch klar ſein, wie ich han⸗ deln muß. Deine ergebene Thora.“ Es wurden noch einige Worte zwiſchen den Ge⸗ ſchwiſtern gewechſelt, bevor ſie ſich trennten. Als Nina die Hand auf den Thürgriff zu ihrem Zimmer legte, drehte ſie ſich um und fragte: „Weißt Du, wer es war, welcher in der erſten Loge, gerade vor der Direktionsloge, ſaß?“ „Der Hofmarſchall F—.“ „O nein, der Andere. „Der Neffe des Grafen Falkenhjelm, Graf Hugo Hernhjelm, ein ſehr reicher Cavalier und Fideicom⸗ miſſär von Bredahof. Aber warum fragſt Du darnach?“ „Sein Geſicht intereſſirte mich.— Gute Nacht!“ Und damit war Nina fort. Am folgenden Tage führen wir den Leſer um vier Uhr bei Thora ein. Die Majorin Alm hatte ihr Haus in der Regie⸗ tungsſtraße verkauft und bewohnte jetzt ein anderes, — 101 8 welches ſie auf dem Königshügel erworben. Den erſten Stock hatten Frau Alm und Thora inne. Wenn man in das Entree hinein kam, ſo fand man zwei Thüren einander gegenüber. An der einen ſteckte eine Viſitenkarte mit dem Namen der Majorin, an der andern las man: Atelier. Durch dieſes letztere treten wir ein. Ein Atelier iſt ein Zimmet, welches mit unvoll⸗ endeten und unfertigen Gemälden, Gypsſiguren, Mo⸗ dellen, Zeichnungen, Staffeleien, Paletten und Pinſeln angefüllt iſt, und alles dieſes unharmoniſch durchein⸗ ander gemiſcht. Daſſelbe iſt die Werkſtätte und die Rumpelkammer der Kunſt; denn dort trifft man oft eine Flöte und einige Gedichte unter Kreidebruchſtücken und Bleiſtiften herumliegen. Die Genies wie die Gelehrten geben ſich ſelten Zeit zur äußeren Ordnung. Der Eine lebt von ſeinen Idealen und der Andere von ſeinen Ideen; die äußern Dinge haben wenig Bedeutung. Wenn aber der Eine nur einen Platz hat, wo er ſeinen Traum zur Ausführung bringen kann, und der Andere einen, um dort ſeinen Studien obzu⸗ liegen, dann ſind ſie zufrieden und vergeſſen alles Andere. Thora's Atelier glich allen andern, und wir paſſiren deßhalb durch daſſelbe, ohne auch nur unſere Aufmerkſamkeit den vielen ſchönen Sachen zuzuwenden, welche daſſelbe enthielt. Innerhalb deſſelben befand ſich ein kleiner einfacher Salon, und dort finden wir ſie und Nina, jede in einem Lehnſtuhl. Thora ſprach mit milder und klangvoller Stimme: „Ich kann nicht viel von jenen ſechs Monaten ſagen, die mein Irrſinn dauerte. Du kennſt ſie, während ich dagegen keine Erinnerung an jene Zeit habe. Auch brauche ich nicht gegen Dich Heinrichs unermüdliche Sorgfalt zu erwähnen, die ich immer in meinem dankbaren Herzen bewahren und auch niemals vergeſſen, werde, daß es Heinrich iſt und er allein, dem ich es zu danken habe, daß ich in dieſem Augen⸗ blick nicht eine arme Blödſinnige bin. Mein ganzes Leben würde nicht hinreichen, um die Schuld zu be⸗ zahlen, in welcher ich zu ihm ſtehe— und doch... Aber laſſen wir das. Wir kommen ſpäter darauf zurück.— Tante's lange Krankheit, die Verzweiflung des Grafen und Cordula's unbegreifliches Verſchwinden kennſt Du beſſer, als ich. Du mußt mir jedoch ver⸗ ſprechen, mich mit Geduld anzuhören, obgleich ich viele Dinge wiederholen werde, die Dir bekannt ſind; aber es iſt nothwendig, um ein vollſtändiges Bild von mei⸗ nem Unglück zu bekommen.— Wie Du Dich erin⸗ nerſt, gelang es Heinrich, durch Douchebäder nach und nach meine Seele aus dem Winterſchlafe zu erwecken, in welchen ich verſunken war. Jene lichten und ver⸗ nünftigen Augenblicke treten noch dunkel vor mein Gedächtniß, ohne daß ich mir Rechenſchaft zu geben vermag, was während derſelben meine Gedanken be⸗ ſchäftigte. Desjenigen Tages, an welchem ich zum vollen Bewußtſein erwachte, erinnere ich mich ganz wohl. Tante, Du und ich fuhren nach der Bade⸗ anſtalt; die Sonne ſchien klar und die Luft war mild; es war Frühling. Ich erinnere mich, daß das herr⸗ liche Wetter einen recht angenehmen Eindruck auf mich 103 machte und daß ich mich glücklich fühlte. Irgend eine Erinnerung an das, was ſich vor meiner Gemüths⸗ krankheit zugetragen, oder von der Beſchaffenheit der⸗ ſelben hatte ich nicht. Die ganze Vergangenheit war aus meinem Gedächtniß verſchwunden. Es kam mir nur vor, als wäre ich lange krank geweſen.— Nach dem Bade ging ich, auf Deinen Arm geſtützt, an den Wagen; Tante kam nach. An demſelben angekommen, ſah ich einen Herrn, die Hand am Thürgriff, ſtehen, welcher uns erwartete.— Ein ſonderbares Gefühl durch⸗ zuckte mich, als ich die ſchlanke, hübſche Geſtalt ſah; das Geſicht war weggewandt. Das ſchlummernde Ge⸗ dächtniß erwachte in mir; mein Herz klopfte heftig. In demſelben Augenblick wandte er ſich gegen uns. Der Anblick jenes unvergeßlichen Mannes erhellte meine Seele gleich einem Blitze. Ich ließ Deinen Arm los und ſtürzte auf ihn zu, indem ich rief: Ael Tante theilte mir ſpäter mit, daß er, als ich in Ohnmacht fiel, mich in ſeine Arme aufnahm und in den Wagen trug; darauf half er Tante und Dir hin⸗ auf und nahm, trotz allen Einwendungen, auch ſelbſt Platz in demſelben. Als wir heimkamen, trug er mich hinauf und blieb, obgleich Tante unter bitteren Vor⸗ würfen ihn bat, ſich zu entfernen.— Es wurde nach Heinrich geſchickt; derſelbe erklärte, daß der Anblick von Arel bei meinem Erwachen nothwendig ſei, weil die Seelenerſchütterung, welche ich dadurch empfinden werde, das einzige wirkſame Mittel ſei, den Nebel zu zer⸗ ſtreuen, welcher meinen Verſtand umgab. Als ich wieder zur Beſinnung kam, ruhte ich an einem laut 104 klopfenden Herzen.— Heinrich hielt meinen Arm, aus welchem das Blut floß. Ich erhob langſam mei⸗ nen ſchweren Kopf und meine Blicke begegneten— Axels.— Thora machte eine Pauſe, einige Thränen rannen über ihre Wangen und ſie drückte die Hand gegen ihr Herz, indem ſie mit tiefem Schmerze fortfuhr: „O Gott! wie hoch habe ich ihn nicht geliebt,— wie liebe ich ihn noch in dieſer Stunde.— Warum ver⸗ urtheilte mich ein unſanfles Schickſal zu dieſen grenzen⸗ loſen Leiden?“ „Thora, gehe an dieſer Periode Deines Lebens vorüber und reiße nicht jene Wunde auf.— Ich weiß ja Alles, was paſſirt iſt.“ „Nein, Nina, nein, ich muß einmal die traurige Geſchichte meines Herzens durchgehen; einmal recht deut⸗ lich die Schwächen und Leiden desſelben durchmuſtern, um nachher niemals mehr dieſes Thema zu berühren,“ antwortete Thora und ſetzte nach einer Weile die Erzäh⸗ lung fort: „Meine Augen begegneten den ſeinigen. Ich lehnte mich laut weinend an jenes Herz, welches mich ſo grauſam betrogen hatte. Es waren damals acht Monate ſeit ſeiner Abreiſe verfloſſen. Acht Monate waren ſeit jenem entſetzlichen Abend dahin geſchwun⸗ den, und jene Thränen waren die erſten, welche mei⸗ nem gebrochenen Herzen Linderung verſchafften.— Ich weinte,— weinte lange an ſeiner Bruſt und fühlte wie dabei auch einige heiße Thränen aus ſeinen Augen auf meine Stirne fielen. Warum durfte ich nicht ſter⸗ ben in jener bittern und doch ſo ſeligen Stunde, als — — 105 noch nicht die Wirklichkeit in ihrer ganzen ſchrecklichen Wahrheit klar vor meiner Seele ſtand? Warum ſollte ich verurtheilt ſein, ein Leben dahin zu ſchleppen, dem alle Freude geraubt und deſſen ganzes Daſein durch das Andenken an die grauſamſte Täuſchung, die man ſich denken kann, verbittert iſt?— Und doch, doch vermag ich nicht das Bild von dieſem Manne aus mei⸗ nem Herzen zu verdrängen, welcher mich um alles be⸗ trog, was dem Menſchen heilig iſt: Um meine Liebe und um meine Treue.“ Wieder ſchwieg Thora; denn ſie war zu aufgeregt, um zu ſprechen. Die Hingebung des Weibes, welche in einem we⸗ niger berechnenden Gefühle ihren Urſprung hat, geht ſchließlich in ein blindes Inſtinkt über, während da⸗ gegen die des Mannes überwiegend mehr von Ver⸗ ſtand und Egoismus geleitet wird, und darum leichter der Veränderung und dem Wechſel ihres Gegen⸗ ſtandes unterworfen iſt. Wir kehren wieder zu Thora's Erzählung zurück. „Die Ankunft meines Vaters zwang Arel mich zu verlaſſen. Ich habe ihn ſeit der Zeit nie wieder ge⸗ ſehen.“ Thora holte tief Athem. Heinrich hatte Recht; die heftige Gemüthsbewegung gab mir das Bewußtſein und die Erinnerung an die Vergangenheit wieder— ſo wie auch an das, wozu Arel mich hätte machen wollen, als er in ſeiner egoiſti⸗ ſchen Liebe mir das Verſprechen ablockte, mit ihm zu fliehen, obgleich er— verheirathet war;— das 106 ganze Weſen Thora's erbebte beim Ausſprechen dieſer letzten Worte.— „Auch ſtand es lebhaft vor meiner Seele, was ich jetzt ſei!— Drei Wochen vergingen, während welchen ich litt, ſehr viel litt.— Eines Tages wurde mir von Lotta folgender Brief übergeben: „Meine geliebte Thora! Meine!— verſtehſt Du die Bedeutung von dieſem einzigen Worte?— Du biſt die Meinige,— die Meinige für Zeit und Cwigkeit, denn was auch kom⸗ men mag, ſo gehört Dein Herz mir und nie wirſt Du im Stande ſein, die Bande zu löſen, welche Dich an mich feſſeln.— Meere und Länder mögen uns von ein⸗ ander trennen und Jahre im unermeßlichen Raume der Zeit verſchwinden; aber Du wirſt bis zu Deinem Tode mich, einzig und allein mich lieben.— Dieſes, Thora, iſt der Wille des Schickſals— und wer kann demſelben wiederſtehen? Ich verließ Schweden, auf eine entſetzliche Weiſe getäuſcht, nachdem unſer Unglück Dich in ſeiner ganzen Hoffnungsloſigkeit getroffen hatte, ohne daß ich damals die heilloſen Folgen davon ahnen konnte.— Ich kehre hieher zurück, um zu Deinen Füßen um Verzeihung zu bitten. Ich habe Dich armer Engel! und— — F K das, obgleich ich als Katholik, wußte, daß nur der Tod die Feſſeln lößt, welche mich binden und uns trennen.— Aber, Thora! meine Entſchuldigung liegt in den glühenden und unabweisbaren Forderungen der Liebe.— Du, die Du ſelbſt mit der Wärme des, Südens liebſt, mußt mich auch lieben und mir ver⸗ 107 zeihen können.— O Thora! glichen Deine Gefühle den meinigen, die ſtark wie eines Vulkans und bereit ſind, alle Schranken zu durchbrechen, welche das Vor⸗ urtheil zwiſchen mir und Dir errichtet, dann würde das Leben noch einmal uns zulächeln.——— Ich reiſe jetzt von hier ſort; aber nicht nach meiner Heimath.— Nein,— nach Algier, um dort die Ehre oder den Tod zu ſuchen.— Was iſt denn das Leben für mich ohne Thora?— und was bin ich jetzt für Thora? ich habe gelitten und leide grauſam; denn ich liebe noch bis zur Raſerei und doch— miß ich Dir entſagen. Muß?— aber warum müſſen wir das?— ſage mir, Thora, warum?——— 8 Bevor ich Dich vielleicht für immer verlaſſe, gönne mir einen ungeſtörten Augenblick, eine Unterredung unter vier Augen, Du— die Braut meiner Gedan⸗ ken! Auf den Knieen, Thora, flehe ich um eine Viertel⸗ ſtunde, nur um eine einzige Viertelſtunde, um Dir ein langes, vielleicht ewiges Lebewohl zu ſagen und ſelbſt von Deinen Lippen zu hören, daß Du verziehen haſt Deinem unglücklichen Axel.“ Ich würde nicht im Stande ſein, Dir meine Ge⸗ fühle beim Leſen dieſes Briefes zu ſchildern, deſſen kecke und verborgene Wünſche ich leider zu gut erkannte. Derſelbe riß auch alle Wunden auf, an welchen mein Herz blutete und zeigte mir mit vernichtender Klarheit meine ganze Stellung zu Arel.— In meiner Einbildung ſah ich ſeine Gattin: unglücklich, verzweifelnd und ver⸗ laſſen— um meinetwillen;— und mich ſelbſt den einen Fuß über einen Abgrund erhoben, den man 108 Schande und Chebruch nennt. Bei dieſen Gedan⸗ ken wurde mein Herz von einem Schmerz erfüllt, wel⸗ cher viel zu bitter iſt, als man denſelben beſchreiben kann. Ich empfand faſt ein Entſetzen vor Axel, welcher mich an den Rand eines ſchrecklichen Abgrundes gebracht; noch einen Schritt weiter und ich wäre verloren ge⸗ weſen.— O, wie manchesmal habe ich nicht, in allem meinem Unglücke auf meinen Knieen Gott gedankt, daß ich ohne Schamröthe auf mein trauriges Leben zurück⸗ blicken kann, und jetzt, nach allem, was ich bereits ge⸗ litten, wagte er es gegen mich Wünſche auszuſprechen, welche, obgleich dunkel, doch eine doppelte und offenbare Beſchimpfung enthielten. Unter der Macht dieſer Ein⸗ ric⸗ ſchrieb ich folgende Worte: „Verziehen habe ich Dir ſchon lange, Axel, weil das Herz denjenigen nicht haſſen kann, den es einſt innig geliebt hat;— aber mit uns iſt es vorbei— für ewig vorbei! Kehre zurück zu Deiner Gattin und mache das wieder gut, was ich unfreiwillig, Du aber mit Vorſatz gegen ſie verbrochen haſt— Thora erxiſtirt nicht mehr für Dich, und erinnere Dich, daß ſie es niemals verzeihen wird, wenn Du, zu den Qualen, die ſie bereits ausgeſtanden, auch noch die entehrende Be⸗ leidigung fügen würdeſt, fortwährend als verheira⸗ theter Mann Wünſche der Gegenliebe zu hegen, welche ſie als ein Verbrechen anſieht. Mein Fehler, Arel, iſt der geweſen, daß ich der Reinheit Deiner Gefühle unbedingten Glau⸗ ben ſchenkte, und darum hatte ich eine harte Strafe erleiden müſſen. 3 — 1 1 109 Lebe wohl und ſei ſo glücklich, wie mein Herz es wünſcht. Thora.“ Lotta brachte folgende Antwort von ihm: „Lebe wohl, Thora!— Frei oder niemals ſiehſt Du mich wieder.— Ich werde Dich nicht mit meiner treuen Liebe beleidigen; aber erinnere Du Dich auch, daß Du doch die meinige bleibſt. Dein Herz gehört mir für ewig.— Glaube mir, ohne mich wirſt und kannſt Du keine Stunde Glück finden.— Nein, meine Liebe wird mit all ihrer wilden Leiden⸗ ſchaft gleich einer Flamme zwiſchen Dich und jeden andern Mann treten, und Dir zeigen, daß ſeine Ge⸗ fühle lau und nichtsſagend ſind. Dann wirſt Du unfreiwillig einen Seufzer nach dem Süden ſenden, wo ich, mitten im Getümmel des Krieges, das, was ich verloren habe, zu vergeſſen ſuche. Kehre zurück zu Deiner Gattin, ſagſt Du,— das kann ich niemals!— Steht ſie nicht zwiſchen mir und Dir?— Mein letzter Seufzer wird ein Sehnſuchtsſeufzer nach Thora! Dein Axel.“ H! Du heillos ſchwaches Herz; wie laut klopf⸗ teſt Du doch nicht beim Leſen dieſes Briefes! Nach Axels Abreiſe verſank ich in eine Schwer⸗ muth und in eine Niedergeſchlagenheit, welche nicht zu überwinden war. Ich liebte mit einer Leidenſchaft, welche mich zur Verzweiflung brachte, und nahe daran war, mir wieder den Verſtand zu rauben. In meinem Zimmer ein⸗ geſchloſſen rief ich in wahnſinniger Raſerei ſeinen Na⸗ men und ſtreckte meine Arme in dem leeren Raume nach ihm aus; während ſowohl Vernunft wie Stolz meiner Schwäche Hohn ſprachen! O! welche entſetz⸗ liche Qualen habe ich ausgeſtanden!“ cẽhora fuhr dabei mit der Hand über ihre bleiche ⸗ Stirne.„Damals war es, Nina, daß Heinrich mei⸗ nem Vater vorſchlug, daß er eine Reiſe in's Ausland mit mir unternehmen ſolle.“ Der Graf, die Tante und ich reisten nach Kiſ⸗ ſingen ab, wo wir uns, um meiner Geſundheit willen, ſechs Wochen aufhielten. Die Reiſe, der Wechſel des Aufenthaltsorts, ſowie die Entfernung von Allem, mich an ihn erinnern konnte, trug etwas dazu bei, meinen Schmerz zu mildern und mein Gemüth zu zerſtreuen. Die Liebe zur Kunſt erwachte wieder und damit auch meine Träume von Ruhm und Auszeich⸗ nung. Ich glaubte meinen Kummer im Becher des Ruhmes ertränken zu können; aber ach! Heinrich hatte Recht: das ſollte mir nicht gelingen. Im Herbſt reisten wir nach Paris. Tante und ich mietheten eine kleine Wohnung am Place Vendéme. Den Win⸗ ter über malte ich die Familie im Thale und die„ Reue, welche beide auf der Ausſtellung im Luxem⸗ burger Palaſt Aufſehen erregten. Ich koſtete jetzt den Neckar, welchen man Auszeichnung nennt; aber die Wunde meines Herzens konnte doch nicht geheilt wer⸗ den. Bald vergaß ich auch den Erfolg, welchen ich errang, um mich ausſchließlich der Betrachtung und dem Studium all' der Kunſterzeuguiſſe zu widmen, welche man in Paris und auf den königlichen Schlöſſern 111 6 in deſſen Nähe ſehen kann. Ich war mit Leib und Seele Künſtlerin und lebte nur für die Kunſt, welcher ich mich jetzt widmete. Den Sommer darauf gingen wir nach Italien. O, du ſchönes, herrliches Land, die Heimath der Phantaſie und der Kunſt. Erſt hier konnte ich meinen Schmerz vergeſſen! In Rom trafen wir mit Emil zuſammen. Wir brachten hier als Künſtler manche genußreiche Stunde zu, indem wir gemeinſchaftlich die Reiſe nach Florenz und Neapel machten. Im Herbſte kehrten wir wieder nach Paris zurück; Emil blieb in Italien; bei unſerer Trennung hielt er um meine Hand an; ich aber, die damals nicht daran dachte, mich zu verheirathen, ſagte ihm dieſes aufrichtig und bat ihn, nicht daran zu denken, bis wir einander in Schweden treffen würden, falls dann ſeine Gefühle dieſelben wären, und die meinigen ſich verändert hätten. Du wunderſt Dich wahrſchein⸗ lich darüber, daß ich ihm nicht eine beſtimmte abſchlä⸗ gige Antwort gab; aber Du wirſt bald den Grund erfahren. Den folgenden Winter vollendete ich ein Bild, das ich vor meiner Abreiſe nach Italien ange⸗ fangen hatte. Es war das preisgekrönte La Vallières Einkleidung. Mit vollen Zügen athmete ich den Weihrauch ein, den man meinem Talent und meiner Schönheit anzündete. Ich war jetzt nicht mehr nur ſchlecht und recht ein ſchönes Weib, ich war etwas weit Beſſeres: eine verdienſtvolle Künſtlerin. Ah! Es hat der Rauſch befriedigten Ehrgeizes etwas Ent⸗ zückendes; aber wie alle Räuſche, ſo war auch dieſer von kurzer Dauer. Dieſen Frühling unternehmen wir eine Reiſe nach X Deutſchland. Von einer unglückſeligen, aber unwider⸗ ſtehlichen Sehnſucht getrieben, wollte ich München be⸗ ſuchen. Glaube doch nicht, liebe Nina, daß irgend ein Wunſch, Arxel wiederzuſehen, mich dazu veranlaßte. O nein, ich wußte ſehr wohl aus den franzö⸗ ſiſchen Zeitungen, daß er ſich in Algier aufhielt und in dem dortigen Kriege ſich durch Tapferkeit ausge⸗ zeichnet hätte, ſowie auch befördert worden ſei. Ich wollte nur die Frau ſehen, welche ſeinen Namen trug und ein Recht beſaß, von ihm geliebt zu werden. In München angekommen, beſuchten der Graf und ich eines Tages die Pinakothek. Wir ſtanden vor„Marias Himmelfahrt“ von Guido Reni. Ich war verſunken in das Anſchauen von Maria's ver⸗ klärtem Ausſehen, als der Klang einer Stimme, welche mir bekannt vorkam, mich zuſammenfahren und hor⸗ chen machte. Ich vernahm dann die folgenden Worte, welche leiſe in gebrochenem Deutſch ausgeſprochen wur⸗ den:. „Sie ſteht dort vor„Mariä Himmelfahrt.“ Ich wandte meinen Kopf nach der Richtung um, von welcher die Stimme kam; aber ich ſah nur unbe⸗ kannte Geſichter. Die eigenthümliche Betonung in⸗der Ausſprache hatte ich zu oft gehört, um mir nicht Rechenſchaft darüber geben zu können, von wem ſie käme. Gerade in demſelben Augenblick bemerkte ich eine kleine, blonde Dame mit feinen, lebhaften und hübſchen Geſichtszügen; dieſelbe wurde von einer an⸗ deren begleitet, die ihr Geſicht wegwandte. Die Blon⸗ dine betrachtete mich mit einem Blick, der Unwillen, ja 113 faſt Haß ausdrückte; die andere aber trennte ſich jetzt von ihr und eilte mit hurtigen Schritten der Thüre zu. Ich vergaß darüber die Blondine, weil der Wuchs der Fortgehenden meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Die geraden, breiten Schultern und der ungleiche Gang erinnerten mich an Jemanden, die ich früher ge⸗ kannt. Dabei ließ ich den Arm des Grafen los und eilte ihr nach. Auf der Treppe holte ich ſie ein, und berührte ihre Schulter. Sie wandte ihren Kopf un⸗ willkürlich halb um; als aber ihre Augen durch den her⸗ untergelaſſenen Schleier mir begegneten, eilte ſie mit unglaublicher Haſtigkeit die Treppe hinunter. Ich hatte indeſſen genug geſehen; es war— Cordula. „Cordula!“ rief Nina ſie unterbrechend,„aber wie in aller Welt iſt ſie nach München gekommen?“ „Dieſelbe Frage that ich auch mir ſelbſt, ohne daß es mir gelang, ſie zu beantworten. Dieſes unbegreifliche Zu⸗ ſammentreffen war geeignet, ein ganzes Heer von Ver⸗ muthungen in meiner Seele wach zu rufen, aus denen ich indeſſen mich nicht herausfinden konnte; aber die darauf folgenden Ereigniſſe ſollten ſie in noch bitterere Leiden verwandeln. Ueber mein plötzliches Weggehen verwundert, war der Graf mir nachgefolgt; wir kehrten darauf in die Gallerie zurück. In der Thüre begegnete uns diejenige Dame, welche Cordula mit ſich gehabt hatte. Ihre Augen hingen voll von Haß an meinem Geſichte, und als ich vorbeipaſſirte, fühlte ich, daß ſie mir einen Pa⸗ pierſtreifen in die Hand ſteckte. Aus Neugierde nahm ich denſelben, blickte aber in demſelben Augenblick zum Schwartz, Die Leidenſchaften. 8 114 Grafen hinauf, welcher ſeine Schritte bedeutend be⸗ ſchleunigt hatte; ſein Geſicht war bleich und unruhig. „Kennt mein Vater jene Dame dort?“ fragte ich, von ſeinem Aufſehen überraſcht. TNein, Thora! Nehme meinen Arm und laſſe uns weiter gehen,“ antwortete er; aber es lag etwas in ſeinem Weſen, welches mich die Wahrheit von dieſem Nein bezweifeln machte. Und ſtatt ihm den Papier⸗ ſtreifen zu zeigen, den ſie mir in die Hand geſteckt, ſchwieg ich darüber. Sowie ich auf meinem Zimmer angekommen war, las ich folgende mit einem Bleiſtift auf deutſch geſchrie⸗ bene Worte: „Morgen Vormittag um elf Uhr wünſcht eine Dame ſie allein zu Hauſe zu ſehen.“ Unwillkürlich wurde ich auf den Gedanken ge⸗ bracht, daß Cordula ſie erſucht hätte, mir dieſe Bitte zu überbringen, weil ſie vielleicht mit mir ſprechen wollte, ohne daß Tante etwas davon erführe. Was ich mir indeſſen nicht erklären konnte, das war der Blick, den die Unbekannte mir zuwarf. Mit dieſen Gedanken be⸗ ſchäftigt, beſchloß ich zu ſchweigen, und Tante ſowie den Grafen zn bewegen, ohne mich ein paar Beſuche zu machen, welche wir einigen merkwürdigen Punkten ab⸗ zuſtatten beabſichtigten. Alles ging nach Wunſch. In geſpannter Erwartung erwartete ich ungedul⸗ dig die feſtgeſetzte Stunde. Beim letzten Schlag der elften Stunde öffnete ſich die Thür, und— nicht Cor⸗ dula, wie ich erwartete, ſondern die unbekannte Dame trat ein. Etwas überraſcht ſtand ich auf, um ſie zu be⸗ grüßen; ich wurde aber von ihr zurückgehalten, denn ſie ſprang auf mich zu, ergriff meine Arme und ſchleuderte mir dabei folgende Worte mit einer Erbitterung entge⸗ gen, die nicht zu be ſchreiben iſt. „Stehen Sie ſtill, daß ich Sie recht betrachten kann. Sie ſind es alſo, welche mich um ſeine Liebe beſtohlen haben, welche mir meinen Mann und dem Kinde ſeinen Vater geraubt haben! Sie ſind es, welche mein Leben zu einem Fluch gemacht haben, die mein Glück zerſtört, und mich Qualen geweiht haben, die bit⸗ terer ſind, als die des Todes! Ah!l wahrlich, ihr Ge⸗ ſicht iſt zu ſchön, um ſo viel Niedrigkeit zu verbergen. Wiſſen Sie denn nicht, wie hoch er mich liebte, wie glücklich wir waren? Aber jetzt, jetzt iſt Alles vorbei, denn er hat mich verlaſſen! Sagen Sie, gibt es wohl eine Strafe, welche für Ihr Verbrechen grauſam genug wäre?“ „Nein, nein,“ rief ſie mit Raſerei, und ſchüttelte meine Arme.„Auf Ihr Haupt rufe ich alle Verwün⸗ ſchungen des Himmels und der Erde herab; Sie wer⸗ den doch nicht meinem Haſſe genügen, denn ich bin Heyſes, durch Sie jetzt ſo namenlos unglückliche Gat⸗ tin. Ich hörte nichts mehr, denn ich fiel in Ohn⸗ macht. Thora hielt inne; ihre Bruſt bewegte ſich heftig. „Heyſe?“ fiel Nina ein,„was bedeutet dieſer Names“ „Arel heißt Heyſe; aber auf ſeiner Reiſe in 116 Schweden nahm er, ich weiß nicht warum, den Namen ſeiner Mutter an.“ „Wie lange ich ohnmächtig war, weiß ich nicht; denn als ich wieder zu mir kam, war das Zimmer leer, und ich lag auf dem Boden.— Aber, welches Erwachen! Ihre Verwünſchungen klangen in meinen Ohren wieder.— O! was ich damals empfand, war entſetzlich, und kann nie vergeſſen werden.“ Thora ſchwieg wieder einige Augenblicke. „Aber, wie wußteſt Du, daß Arel Heyſe hießs“ fragte Nina. „Der Graf hatte mich davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt.— Er erkannte gewiß Axels Frau in der Pina⸗ kothek; denn er war, während Arels Aufenthalt in Schweden, ſchon früher mit ihr in München zuſam⸗ mengetroffen. Auf meine dringenden Bitten, reisten wir ei⸗ nige Tage darauf von München ab... 4 „Und Cordula?“ fiel Nina ein. „Sah ich nicht wieder.“ „Aber, mein Gott— wie und auf welche Weiſe war ſie mit Arxels Frau in Berührung gekommen?“ „Dieſe Fragen haben mich vergebens gepeinigt. ⸗ Ich kann keine genügende Antwort auf ſie finden.— Alles was ich weiß, iſt, daß Cordula kurz vor ihrem Verſchwinden zweihundert Reichsthaler Banko von mir verlangte, wozu, ſagte ſie nicht.— Ich beſaß ſie nicht; aber ich gab ihr meine Amethyſt Garniture. Wahr⸗ ſcheinlich hat ſie das Geld, welches ſie dafür bekam, dazu angewendet, nach München zu kommen. „Aber in welcher Abſicht?“ 17 „Das weiß Gott allein.“ „Und warum zeigte ſie Dich der Frau von Axel?“ „Ach! Nina, ich habe mich in endloſe Vermu⸗ thungen vertieft, ohne das Räthſel löſen zu können.“ Es entſtand eine Pauſe. Endlich nahm Thora den Faden ihrer Erzäh⸗ lung wieder auf: „Wir reisten durch Tyrol nach Italien. Meine Gemüthsſtimmung war eine Zeit lang eine entſetzlich niedergeſchlagene. Der Graf ſah mit Unruhe dieſen Rückfall zur Schwermuth.— Er kam jetzt auf einen Vorſchlag zurück, welchen er mir bei ſeinem erſten Aufenthalt gemacht, nämlich, daß ich mich verheirathen ſollte.— Ich hatte damals mich faſt mit Beſtimmt⸗ heit geweigert; aber doch war dieſer ſein Wunſch die Urſache meiner Antwort an Emil. Jetzt beſchränkte ſich der Graf nicht mehr darauf, dieſes in der Geſtalt eines Vorſchlags vorzubringen, ſondern ſuchte mir die Nothwendigkeit dieſes Schrittes zu beweiſen, indem er vollkommen überzeugt ſei, daß es mir durch eine ehe⸗ liche Verbindung gelingen würde, meine Gedanken von dem Gegenſtand abzulenken, welcher mich jetzt peinigte. — Ach! er kannte nicht die Beſchaffenheit der Wun⸗ den, welche mein Herz empfangen! Aber müde und gleichgültig gegen alles, begann ich wirklich an die Erfüllung des Willens meines Paters zu denken. Es war ja gänzlich einerlei, ob ich verheirathet wurde, oder unverheirathet blieb; mein Unglücksloos war ein für allemal aus der Urne des Schickfals gezogen, und konnte deßhalb nicht geändert werden; aber ich 118 erfüllte damit einen Lieblingswunſch des Grafen, und das war immer ein Gewinn. In Rom trafen wir mehrere Landsleute, unter welchen ſich ein Neffe meines Vaters, Graf Hugo Hernhjelm befand. Mein Gemüth war zu jener Zeit zu einem anderen Ertrem übergegangen. Ich überließ mich einer faſt wilden Fröhlichkeit und ſuchte durch ein unaufhörliches Jagen nach Vergnügungen und beſtändige Abwechslung den Schmerz zu vergeſſen, welcher an meinem Inneren nagte.— Während dieſer, wie es der Tante und dem Grafen ſchien, glückli⸗ chen Veränderung, wurde ich von Beiden mit Bitten beſtürmt, ernſtlich an eine cheliche Verbindung zu denken. Aus den Worten meines Vaters konnte ich entnehmen, daß er es gerne ſehen würde, wenn Oern⸗ hjelm und ich ein Paar würden. Nun ja; ihn ſo gut, wie irgend einen Anderen, dachte ich, und ver⸗ ſuchte das gewöhnliche Mittel des Weibes: die Co⸗ quetterie; aber mein Herz empfand einen Eckel an dem thörichten Gauckelſpiel, und die vergeblichen Verſuche, welche ich machte, Hugo Oernhjelm für für mich einzunehmen, ermüdeten mich. Einem zwei⸗ ten Carl dem Zwölften gleich, verblieb er gleich⸗ gültig ſowohl bei meiner Schönheit wie bei meinen übrigen Vorzügen. Obgleich wir täglich zuſammen waren, erwies er mir nur die Zuneigung eines Bruders und die Hand auf's Herz kann ich verſichern, daß das mich mehr freute als verletzte.— Er hatte einen viel zu edlen und erhabenen Charakter, als daß ich ihm das traurige Loos hätte bereiten mögen, mich zur 119 Gattin zu bekommen; denn einen Anderen als Arxel werde ich niemals lieben können. Im Laufe des Herbſtes verließen wir Italien, und nahmen unſeret Weg durch Oeſterreich. In Wien trafen wir mit Heinrich und einem anderen Landsmann, dem Stalkmeiſter Gyllenfeldt zu⸗ ſammen. Letzterer wurde bald mein unterthäniger Sklav und opferte auf dem Altar der Eitelkeit all' diejenigen Schmeicheleien, welche er für nöthig hielt, um mein Herz zu gewinnen.— Wenn die Männer ahnten, wie ſehr die Frauen von Verſtand und Herz unter ſolchen Artigkeiten leiden, mit welchen ſie den⸗ ſelben zu huldigen glauben, aber ſie nur zu Thörin⸗ nen erniedrigen, dann würden ſie ſich nicht über den Stolz wundern, womit ſie behandelt werden. Vor unſerer Abreiſe von Wien hatte der Stallmeiſter, in vollem Vertrauen zu ſeinem Erfolg, um meine Hand angehalten; da ich aber betreffs dieſes Schrittes nicht recht mit mir ſelber einig war, ſo verſprach ich ihm Antwort zu geben, nachdem wir nach Stockholm zu⸗ rückgekehrt ſein würden; und ſo trennten wir uns für einige Wochen.“ Heinrich machte die Reiſe nach Hauſe mit uns zuſammen. Erſt jetzt ſprach auch er zu mir von Liebe. Er ſagte mir, wie hoch er mich liebe; daß ich von ſeiner früheſten Jugend an ſeine Phantaſie beſchäftigt hätte.. Ach! Nina, ich kann nicht ſeine Worte wie⸗ derholen; genug, ſie drückten eine ſo wahre und heiße Neigung aus, daß ich einſah, daß vielleicht niemals ein menſchliches Herz treuer und ſanfter für mich ge⸗ ſchlagen, als das ſeinige. Und doch.. 2 — 120 „Und doch ſtößt Du ihn von Dir und ſpielſt mit ſeinem Frieden und ſeinem Glück?“ fiel Nina in inne⸗ rem vorwurfsvollem Tone ein. „Nein, Nina, und Du wirſt mich vielleicht ver⸗ ſtehen. Bei dieſer Mittheilung von Heinrich war mein erſter Gedanke, ihn vor allen Anderen zu wählen; aber mein zweiter Gedanke verwarf den erſten als elenden Egoismus. Ich liebe Axel; liebe ihn in dieſem Augenblick eben ſo hoch, wie früher. Er iſt und wird meine einzige Liebe bleiben. Meine Neigung zu ihm wird, wie er ſelber ſchrieb, ſich zwiſchen mich und jeden Anderen ſtellen, und bei der Erinnerung an ſeine glühende Liebe werden alle anderen Eindrücke erblei⸗ chen. Falls ich mich verſündigt habe, dann iſt meine Strafe die ausſchließliche Zuneigung zu ihm, welche mich verfolgt und mein Leben verbittert. Kann ich denn, nach Allem, was Heinrich gethan, ihn dazu ver⸗ urtheilen, ſein Leben an der Seite einer Gattin dahin⸗ zuſchleppen, welche er wirklich liebt, die aber nicht die Macht beſitzt, ihm einen Winkel in ihrem widerſtrebenden Herzen einzuräumen? Nein, Nina, das kann und wird nie geſchehen. Nicht damit genug; meine und ſeine Begriffe vom Weibe ſind ſo verſchieden, daß ſie ſich nicht miteinander vereinigen laſſen. Meine Eigenſchaft als Künſtlerin und die Unab⸗ hängigkeit, welche ich bereits dadurch genieße, haben bei mir eigene Anſichten von den Rechten meines Ge⸗ ſchlechts erzeugt; und ſiehe hier, zu welchen Schlußre⸗ ſultaten ich gekommen bin. Seitdem die rohe Kraft, welche ehemals den Mann zum Alleinherrſcher über das ſchwächere Weib machte, den electuellen Fähig⸗ 121 keiten, welche jetzt den Menſchen Macht und Anſehen verleihen, hat weichen müſſen, liegt etwas Barbariſches darin, das Weib dazu verurtheilen zu wollen, daß ſie auf ſeinem niedrigen Standpunkt ſtehen bleiben, oder auf einen eigenen, beſtimmten, engen Wirkungskreis beſchränkt ſein ſoll. Blicken wir um uns in der Welt, ſo finden wir, daß ſie ſowohl wie der Mann mit einem hervorragenden Verſtande einer ſchöpferiſchen Einbil⸗ dungskraft und mit eben ſo vielem Kunſtſinn, wie er, begabt ſei. Wir brauchen nur daran zu denken, daß Sophie Germain in Frankreich eine ausgezeichnete Mathematikerin, daß Madame Stahl, Madame Dude⸗ vant, Miß Martineau und andere ſich durch ihren Geiſt hervorgethan haben. Nun gut, warum denn dem Weibe diejenige Selbſtſtändigkeit verweigern, zu welcher zu gelangen daſſelbe würdig iſt? Es muß eine Zeit kommen, wo dieſe ganz unſinnige und ernied⸗ rigende geſellſchaftliche Ordnung, welche die Frau in einen kleinen Wirkungskreis einſchließt und an denſel⸗ ben ankettet, über den Haufen geſtürzt werden wird. Warum ihr nicht, gleich dem Manne, die Macht ein⸗ räumen, ihre geiſtigen Fähigkeiten anzuwenden und gleich ihm denjenigen Lebensberuf frei und ſelbſtſtän⸗ dig wählen zu laſſen, der für ihre Anlagen paſſend iſt. Mögen die Frauen, welche die Natur nicht mit hervorragenden Geiſtesgaben ausgerüſtet hat, gleich den Männern, denen es an Intelligenz fehlt, auf ihrem niedrigen Standpunkte ſtehen bleiben, und auf ihre kleinlichen Geſchäfte beſchränkt bleiben, aber möge auch diejenige Frau, die Geiſt und Kraft beſitzt, aus denſelben heraustreten und nicht begraben werden in dem vergoldeten Gefängniſſe der Häuslichkeit!“ „Aber, liebe Thora, dieſe Gedanken, welche ſo manche geiſtreiche Frau bethört haben, ſchließen doch in ſich eine große und unerhörte Verirrung. Sie ſind Träume, welche gegründet ſind in der t emit der Natur. Sage mir, haſt Du nie ernſtlich daran gedacht, wozu die Frau, der deutlich ausgeſpro⸗ chenen Naturordnung gemäß, von der Vorſehung beſtimmt worden iſt? Vergleiche die beiden Geſchlech⸗ — im Allgemeinen, ohne Dich an einzelne Ausnah⸗ men zu halten, und Du wirſt einen merkwürdigen Unterſchied zwiſchen ihnen finden. Die Frau iſt von Körperbau viel ſchwächer und hat für gröbere Arbeiten keine Ausdauer und keine Kraft; ſie eignet ſich in dieſer Beziehung nur für häusliche Geſch äfte. Aber auch ihre geiſtigen Fähigkeiten nicht weniger denen des Mannes unähnlich. Merke Dir wohl, daß ſie einen kleineren Kopf, d. h. ein kleineres Gehirn hat, als er, welches bewirkt, daß ſie in geiſtiger Bezie⸗ hung beſchränkter, einſeitiger, kleinlicher und kindiſcher in allen ihren Anſichten und in ihrem Zeitvertreib iſt, als er. Dieſer Mangel war jedoch für den Beſtand des Geſchlechts eine große Wohlthat; denn nur da⸗ durch kann die Frau gedeihen und ſich im häuslichen Leben, im Kreiſe ihrer Kinder, ſich wohl befinden. Wenn die Frauen, ſtatt von Freiheit zu träumen, ihre müßigen Stunden der Veredlung ihres Verſtandes widmeten, um eine angenehme Geſellſchaft für ihre Männer, und würdige Mütter für ihre Kinder ſein zu können, dann würden ſie damit mehr Ehre ein⸗ „ e 123 legen, denn als Künſtlerinnen.— Meine Freundin, die Frau iſt nicht dazu geſchaffen, ſich in einen Wett⸗ kampf um Ruhm mit dem Manne einzulaſſen, oder ſich mit ihm auf das Feld der Oeffentlichkeit zu drän⸗ gen; ſondern nur dazu, ſeine Gefährtin, ſowie da⸗ zu die Mutter und FPflegerin ihrer Kinder zu ſein. Um ihre Beſtimmung würdig zu erfüllen, muß ſie allem Ehrgeiz fremd ſein, und niemals ihm auf der Bahn, welche er gewählt, in den Weg treten, um ſich Unabhängigkeit und Anſehen zu verſchaffen. Sie ſoll an ſeiner Seite ſtehen wie ein Weſen des Friedens und der Liebe, welches ſein Leben erheitert. Sie ſoll ihre Kinder erziehen, ſie an das Gute gewöhnen und mit ihrer ſanften Hand die erſten Schritte derſelben im Leben leiten. Merke Dir, daß es beſonders die Frau iſt, auf welcher die Gottesfurcht und die darauf gegründete Sittlichkeit beruht. Möge ſie dieſem wichti⸗ gen Berufe ihre ganze geiſtige Kraft und ihre hervor⸗ ragenden Fähigkeiten widmen; denn ſie iſt es, welche im Herzen des Kindes die erſten Begriffe von Gutem und Böſem entwickelt. Und dieſe edle Beſtimmung nennſt Du kleinlich! Ach! was iſt denn Dein thörich⸗ ter Kampf mit der Natur werth?— derſelbe führt nur zum Unglück und zum Leiden; während es da⸗ gegen keine ſchönere Rolle für uns gibt, als die einer Gattin und Mutter, das Einzige, welches nöthig hätte von Vorurtheil, Einbildung und Thorheit emancipirt zu werden, iſt eigentlich— der Verſtand der Frau.“ „Du haſt aber doch ſelbſt das freie und un⸗ 124 abhängige Leben einer Künſtlerin gewählt,“ fiel Thora ein. „Ja, aber nur für ſo lange, als ich allein bin: aber in derſelben Stunde, in welcher ich mich verhei⸗ rathe, hört meine künſtleriſche Laufbahn auf. Man dient immer ſchlecht zwei Herren zu gleicher Zeit,“ antwortete Nina lächelnd. „Beſte Nina, laß uns nicht miteinander ſtreiten. Ich werde mit meinem Charakter doch niemals etwas ſo Ungereimtes verſtehen lernen, wie alle dieſe un⸗ ſinnigen Anſprüche auf Entſagung, welche der Mann zu einem Geſetz für uns gemacht hat. Ich werde mich niemals verheirathen, wenn ich damit mich darauf beſchränken müßte, lebenslänglich die erſte Dienerin meines Mannes zu ſein, denn etwas anderes iſt die Frau nicht, wie die Sachen jetzt ſtehen.— Gerade weil Heinrich in allen Punkten Deine Anſichten theilt, oder richtiger die Deinigen von den ſeinigen ausgehen, ſehe ich die Unmöglichkeit einer Verbindung zwiſchen uns ein. Er gibt mir ſein Herz, fordert aber von mir mein ganzes Leben, welches nach ſeinen Wünſchen und nach ſeinem Willen zur Sclaverei verurtheilt wird. um ein ſolches Opfer zu bringen, iſt eine ſo ſtarke und blinde Liebe nothwendig, wie diejenige, welche ich für Axel empfinde; aber jetzt wäre dies durchaus un⸗ thunlich.— Heinrichs ernſte und unerſchütterliche Ueberzeugung von der unerbittlichen Strenge der Na⸗ turgeſetze gegen die Unabhängigkeit der Frauen würde in einen offenen, durch das ganze Leben fortgeſetzten Streit mit meiner nach Freiheit dürſtenden Seele ge⸗ rathen. Ich verabſcheue den Zwang; er ſieht denſelben 125⁵ für unſere Rettung an. O! das Leben würde dann nur ein langer und ſchwerzlicher Kampf werden, wel⸗ cher gewiß bittere Leiden hervorrufen müßte.— Ich hätte gewünſcht, daß Heinrich dieß ſelbſt eingeſehen, und mir den Schmerz erſpart hätte, ihm daſſelbe zu ſagen. Indeſſen habe ich meinem Vater und der Tante verſprochen, ihrem Wunſche gemäß einen Mann zu wählen, und die Wahl muß jetzt entweder auf den Stallmeiſter oder auf Emil fallen.— Der Erſtere iſt einer von jenen wenigen Menſchen, von welchen man weder ſagen kann, daß ſie ehrliche Burſchen noch Schurken ſind. Sinnlich in ſeinen Neigungen, ein angenehmer Geſellſchafter, ein gewandter Polkatänzer, ein vortrefflicher Whiſtſpieler, ein guter Sänger, ein ausgezeichneter Jäger und ein vorzüglicher Reiter; aber ohne Reflexion und Kunſtſinn. Eine Alltagsſeele, unfähig zu lieben und zu leiden, hat er blos einen Wunſch,— durch eine reiche Heirath ſeine liederlichen und leichtſinnigen Neigungen befriedigen zu können; ich bin eine gute Partie— und das iſt der Grund, warum er um meine Hand anhält. „Aber, mein Gott, Du wirſt doch nicht den Menſchen wählen?“ rief Nina. „Nein, denn wenn ich das thäte, dann würde er in einigen Jahren mich zur Sclaverei der Armuth verurtheilt haben. Es bleibt alſo nur noch Emil übrig. Er iſt ſeiner Phantaſie nach Künſtler, und von Herzen ein dichteriſches Gemüth.— Er liebt das Schöne und hält mich für hübſch. Er träumt von Lei⸗ denſchaft— ich bin lebhaft, und er hofft jene bei mir 3 zu finden. Da er von Charakter ſchwach, unbeſtändig und ohne alle Feſtigkeit iſt, ſo iſt ſeine Liebe nur ſo lange heftig, als ſie auf Widerſtand ſtößt. Bei ſeinem exaltirten und phantaſtiſchen Gemüth ſind ſeine Leiden und Freuden nur Kinder des Augenblicks. Er iſt bis zur Narrheit für Beifall empfänglich, und vergißt Alles über dem Gluck äußerlicher Auszeichnung— ſiehe, da haſt Du Emil's Innere treu und wahr ge⸗ ſchildert.“ „Und ſeinen Händen gedenkſt Du Deine Zukunft anzuvertrauen?“ fragte Nina. „Ja!— Höre meine Gründe: Emil liebt mich; aber nicht mit einer ſo ſtarken und dauernden Liebe, wie Heinrich, ſondern eher mit ſeiner Phantaſie. Seine Leidenſchaft wird, ſobald er verheirathet iſt, gleich jeder andern Illuſion verſchwinden. Aber als Künſtler werden wir als Mann und Frau nicht in den drücken⸗ den abhängigen Verhältniſſen zu einander zu ſtehen kommen, ſondern nur zwei Freunde werden, welche zu⸗ ſammen arbeiten und ſich bei den beiderſeitigen Erfol⸗ gen wohl befinden. Der Eine wird in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Mann den Andern nicht unterdrücken. Um kurz zu ſein: Wir werden ein Paar ſelbſtändige Compagnons ſein, welche nur deßhalb zuſammen ſind, weil wir es wünſchen; aber in der Zwiſchenzeit lebt jeder für ſich, jeder in ſeinen Zimmern. Nur auf dieſe Weiſe iſt es mir nunmehr möglich, eine Verbindung ohne Liebe einzugehen.— Emil wird ſich in ſeiner Freiheit glücklich befinden und mich als eine liebe Geſell⸗ ſchafterin betrachten, während dagegen Heinrich unbe⸗ dingt darüber unglücklich werden würde, in mir keine 127 Gattin, kein ſchwaches Weſen zu finden, welches nach ſeinen Begriffen ohne ſeinen Rath nichts unternehmen könnte.“ „Gott gebe, Thora, daß Du Dir jetzt nicht einen grauſamen Mißgriff zu Schulden kommen läſſeſt, wel⸗ cher Dich Deine ganze Zukunft koſten wird; denn mir kommt Dein eheliches Gebäude ſo unnatürlich und auf einen ſo wunderlichen Grund geſtellt vor, daß es bei der leiſeſten Berührung zuſammenſtürzen und in ſeinem Fall Dich ſelbſt mit begraben muß.“ „Aber doch iſt daſſelbe, trotz allen ſeinen Mängeln, das einzige, welches ich auf den Trümmern meines ge⸗ brochenen Herzens errichten kann. Ach! Nina, meine Ehe mit Heinrich würde einem Hauſe gleichen, das man auf einem Vulkan gebaut hat.“ Ein Bote der Majorin brachte ihnen die Nachricht, daß der Thee auf ſie warte. Am Tage darauf ſaß Thora in ihrem Atelier und arbeitete. Sie blickte ungeduldig nach der Wanduhr und ihr Geſicht zeigte eine peinliche Unruhe. Die langſamen zwölf Schläge der Uhr, das raſche Oeffnen der Thüre und Heinrichs Eintreten ſchien mit einem Male jener Unruhe ein Ende zu machen. Vielleicht wäre es nicht unpaſſend, einige Worte über das Aeußere des Doktor Adler zu ſagen. Er war ein Mann von mittlerer Geſtalt, mit etwas ſteifer Haltung und ſcharfen Geſichtszügen, die Stirne war ſehr gewölbt und trug ein unverkennbares Gepräge der Intelligenz, ſeine Augen waren klein, durchdringend und ernſt, die Naſe ſtark gebogen und der Mund mit den etwas dünnen Lippen hatte einen ziemlich ſtrengen Ausdruck. Man las in jedem Zug einen Charakter, bei welchem Energie und Feſtigkeit vorwaltend ſeien; betrachtete man aber in einem unbewachten Augenblick ſeinen Blick etwas aufmerkſamer, dann merkte man deutlich, daß unter dem kalten, ruhigen Aeußern ein warmes Herz ſchlug. „Willkommen, Heinrich!“ ſagte Thora und reichte dem Vetter ihre Hand. „Stimmt auch Dein Herz dieſem Willkommen bei? Ich glaube, es kaum hoffen zu können,“ ant⸗ wortete Heinrich und hielt ihre Hand in der ſeini⸗ gen feſt. „Jetzt und immer biſt Du mir willkommen. Du bleibſt ja unter allem Wechſel der Verhältniſſe ein Bruder und ein Retter meines Lebens.“ Thora's Blick drückte Dankbarkeit aus. „Alſo nur ein Bruder!— O, Thora! Bedenke Dich einen Augenblick, bevor Du mich verſtößeſt. Du biſt das einzige Weib, welches ich geliebt, das einzige, welches ich je lieben werde, mein Glück, Thora, biſt Du; ohne die Hoffnung, Dich zu beſitzen, wird das Leben für mich eine unerträgliche Einöde. Meine Studien und mein Beruf werden mir nicht eine liebe und für meine Neigung theure Beſchäftigung, ſondern eine mühſame und ſchwere Pflicht ſein. Aber mit Dir an meiner Seite, wie ganz anders wird das Leben ſich 129 für mich geſtalten!— Ich weiß, daß Du mich jetzt nicht liebſt, daß Deine Gefühle an Axel hängen; aber ich werde Dich wie eine Kranke betrachten, und mein Beſtreben wird es ſein, die Wunde zu heilen, an welcher Du leideſt.— Was will ich denn für Dich ſein? Deine Stütze, Dein Freund und Tröſter. Dir Frieden und Ruhe zu verſchaffen, für Dich zu leben, das wird mein ganzer Wunſch und mein ganzes Glück ſein.— Sage, kannſt Du mich auch jetzt ver⸗ ſtoßen?“ Heinrich ſprach mit Wärme; aber Thora hörte ihn ſtillſchweigend und mit einem ſchmerzlichen Aus⸗ druck an. „Wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich darunter leide, daß ich Dir all den Schmerz bereite, den ich Dir jetzt bereiten muß, dann würdeſt Du finden, wie viele wahre Neigung ich für Dich empfinde.— Ich werde niemals irgend eine Freude über Dein Leben ver⸗ breiten können; denn all Deine Zärtlichkeit vermag nicht meine erſte Liebe und deren Gegenſtand aus meinem Herzen zu verwiſchen. Es iſt mir nicht mehr möglich, das Glück in einem ſtillen häuslichen Leben zu finden. Ich würde nur noch unglücklicher werden, falls ich dazu verurtheilt würde, an meiner Seite einen Gatten zu ſehen, der zärtlicherer Gefühle werth wäre, ohne daß ich ihm ſolche widmen könnte. Deine Leiden würden mir eine Plage ſein, weil ich wüßte, daß Du alle die edelſten Kräfte Deiner Seele mir opferteſt, ohne daß mein undankbares Herz Dir etwas zurückgeben könnte.— Endlich, wer weiß, zu Schwartz, Die Leidenfchaften. 130 welchen Verirrungen mein Freiheit liebendes und veränderliches Temperament mich verleiten könnte, wenn die Liebe nicht die ewige Feſſel zu einem Roſen⸗ band macht? Von Deinen und meinen Sorgen nie⸗ dergedrückt, würde ich vielleicht uns Beide rückſichtslos in's Unglück ſtürzen.— Nein, ein ſo trübes Loos werde ich Dir nie bereiten, daß Du Dein Leben mit einem Weibe dahinſchleppen müßteſt, welches Deiner in keinem Falle würdig wäre.“ „Wozu dieſe Schilderung, welche ſich niemals verwirklichen wird, wenn Du die Meinige werden ſollteſt? Du mußt mich wahrlich ſehr haſſenswerth finden, da Du ſolche Mittel aufbieteſt, um mich abzu⸗ ſchrecken. Ich unterwerfe mich dieſem eingebildeten Schickſal und werde es wie ein Mann tragen; wenn Du nur die Meinige wirſt! Beraube Dich nicht aus Thorheit eines treuen und ergebenen Freundes und mich meines einzigen irdiſchen Glücks, ſelbſt wenn daſſelbe in den Augen Anderer wie ein Unglück ausſehen ſollte. Thora, ich bitte Dich, um unſer Beider Zukunft willen, ſtoße nicht die Stütze gegen die Stürme des Lebens von Dir, deren Du ſo ſehr bedarfſt und welche Du allein bei mir finden wirſt.“ „Verlängere nicht dieſe bittere Stunde und ſtelle nicht meinen Muth auf eine härtere Probe, da ja doch unſere Stellung niemals eine ſolche werden kann, wie ſie Dein entſagendes Herz wünſcht. Glaubſt Du, daß ich lächelnd eine ſolche Liebe von mir weiſe, wie die „Deinige? Nein, ich leide grauſam und doch, Heinrich, kann ich nicht die Deinige werden. Die Qualen, welche meine Wigerung Dir jetzt bereitet, ſind keine im Ver⸗ 131 leich mit der Reue und der Qual eines ganzen Lebens, wie ich ſie im entgegengeſetzten Falle uns Beiden be⸗ reiten würde.— Heinrich, ich flehe Dich an, höre auf, mich zu bitten; denn mit Ehre und Gewiſſen kann ich nicht anders handeln.“ „O! Du biſt grauſam— grauſam gegen uns Beide; möge es Dir Gott verzeihen, was Du jetzt thuſt!“ rief Heinrich und ſtürzte hinaus. „Ja, möge Gott über meine Handlungsweiſe urtheilen,“ flüſterte Thora mit Schmerz und faltete die Hände, als Heinrich fort war. Am Nachmittag deſſelben Tages erhielt Emil folgenden Brief: „Beſter Emil! Nach dem erneuerten Antrag, den Du mir durch Tante machſt, muß ich Dir jetzt meine Antwort geben. Falls Du wünſcheſt, daß mit meiner Hand auch mein Herz Dir gehören ſoll, dann muß ich Nein ant⸗ worten; genügt es Dir aber, in mir eine Geſellſchaf⸗ terin, eine Freundin und eine Mitarbeiterin als Künſt⸗ lerin zu haben, dann will ich Deine Gattin werden.— Ueberlege dieß genau und beſinne Dich, daß ich ein⸗ mal ſo geliebt habe, daß ich niemals mehr den Gegenſtand meiner Liebe wechſeln kann. Ich warte Deine Antwort bei der Tante ab, welche heute Abend Beſuch empfängt. Immer Deine Freundin Thora Falk.“ Abends fand Emil, jubelnd vor Freude, ſich ein Ddenn welcher Mann hätte wohl an ſeiner eigenen Liebenswürdigkeit oder an ſeiner Fähigkeit, Liebe zu erwecken, gezweifelt? Die Männer halten ſich immer für unwiderſtehlich und Emil machte davon keine Ausnahme. „Wird Thora nur die Meinige, dann werd ich ſie ſchon lehren, mich zu lieben,“ dachte unſer Künſtler, und dieſe Hoffnung machte ſein Glück vollſtändig. Die ſchöne und ausgezeichnete Thora ſollte jetzt ſeine Gattin werden!— Es gab keinen Preis, um wel⸗ chen Emil ſich nicht ein ſolches Glück erkauft haben würde. Ein paar Tage darauf ſaß Graf Falkenhjelm in ſeiner Wohnung in der Gartenſtraße und unterhielt ſich mit ſeinem Neffen, Graf Hugo Hernhjelm. „Du wunderſt Dich darüber, daß ich nicht ſchon lange dieſen Schritt gethan, und Du haſt Recht; aber es iſt nicht ſo leicht, ſeiner ganzen Familie den Handſchuh hinzuwerfen,“ bemerkte Graf Falkenhjelm. „An Onkels Stelle wäre ich keinen Augenblick unentſchloſſ en.“ . „Möglich, und ich bin es auch nicht länger, nachdem Du mich von dem Charakter in Kenntniß ge⸗ ſetzt haſt, den man meinem Verhältniß zu Thora hat aufdrücken wollen.— An ihrem Verlobungstage werde ich ſie als meine Tochter anerkennen und nachher auf geſetzlichem Wege die Adoption ordnen.— Du ſcheinſt zu vergeſſen, daß es der Hochmuth Deiner Mutter ſein wird, gegen welchen ich am meiſten zu kämpfen haben werde.“ „Gewiß nicht; aber um der Schwäche meiner ſonſt vortrefflichen Mutter willen dürfen wir als Männer nicht unſere Pflicht opfern.“ „Damit ſie nicht vor Schrecken ſterbe, will ich ſie doch darauf vorbereiten; begleiteſt Du mich?“ „Ich halte es für am beſten, daß Onkel allein hingeht.“ „Du haſt Recht; denn das iſt gewiß, daß wir uns ereifern werden.“ Graf Falkenhjelm ſtand auf. „Was iſt die Uhr?“ „Eins,“ antwortete Graf Hugo und ſah auf ſeine Uhr. „Es wird gerade die rechte Zeit ſein.“ Damit gingen ſie. In einem prachtvollen Kabinet in ihrer Woh⸗ nung ſaß die Wittwe ſeiner Excellenz Hernhjelm, 134 die Mutter Hugo's, und die Schweſter des Grafen Falkenhjelm.* Die Gräfin war ungefähr fünfzig Jahre alt, und noch hübſch. Die Zeit hatte mit leichter Hand, die ſtolzen, kalten, regelmäßigen Züge berührt. Je⸗ des Gefühl ihrer Seele war ariſtokratiſch, und mit einem hohen Gedanken von den Vorzügen, Ver⸗ dienſten und Rechten des Adels vereinte ſich eine gren⸗ zenloſe Verachtung alles Deſſen, was man bürgerlich nennen kann. Dieſer ihrer Leidenſchaft hatte die Gräfin Manchen geopfert, und das mit einer un⸗ beweglichen Strenge, ja man könnte ſagen Grau⸗ ſamkeit. Sie ſaß jetzt im Leſen vertieft, als der Bediente den Grafen Falkenhjelm anmeldete. „Willkommen, Henning!“ begrüßte ihn die Grä⸗ fin und reichte dem Bruder ihre Hand. Man ſprach kurze Zeit über gleichgültige Dinge. „Mein eigentlicher Zweck war, Dir einen Ent⸗ ſchluß, den ich gefaßt, mitzutheilen,“ begann der Graf. „Welchen denn?— aber bevor Du weiter gehſt, erlaube mir eine Bemerkung, die auf das Anſehen unſerer Familie Bezug hat. Ich habe gewiß kein Recht mich in Deine Privatverhältniſſe zu miſchen, und chue es auch nicht; wenn Du aber durch dieſelben auf irgend eine Weiſe unſeren Namen compromittiren kannſt, dann bin ich gezwungen zu ſprechen. Du ſtehſt, wie ich weiß, mit einer gewiſſen Mamſell Falk in Verbindung, und dabei habe ich nichts zu bemerken; daß Du aber mit ihr reiſeſt, Dich bei öffentlichen Ver⸗ gnügungen und an öffentlichen Plätzen ſie am Arme 135 führend zeigſt, das iſt unvorſichtig und unrecht, und weil ein ſolches Benehmen den Leuten Anlaß zu der Vermuthung gibt, daß,— daß— oh, ich kann kaum das Wort ausſprechen, ſo demüthigend iſt es„ „Oh, verſuche es doch,“ fiel der Graf ſpottend ein. „Daß Du Dich mit jenem Mädchen zu verheirathen beabſichtigſt. Du ſiehſt wohl ein, daß ein ſolches Ge⸗ rücht nicht allein für Dich, ſondern auch für mich und für Alle, die zu unſerer Familie gehören, verletzend iſt.“ „Wirklich?— übrigens wollte ich gerade dar⸗ über ſprechen.— Haſt Du den Namen der Majorin Alm vergeſſen?“ „In der That kommt es mir vor, als wenn ich ihn einmal gehört hätte, kann mich aber nicht erin⸗ nern, wannz übrigens erinnere ich mich nie ſolcher Leute.“— „Das Mädchen iſt die Tochter von mir und Amalia Heyſe, und die Majorin die Schweſter Ama⸗ liens.— Jetzt erinnerſt Du Dich gewiß des Namens Alm?“ Bei dieſen Worten fuhr die Gräfin zuſammen; eine dunkle Röthe bedeckte ihre Wangen. Mit einer ſtolzen, hochmüthigen Miene warf ſie den Kopf zurück und blickte den Bruder an, indem ſie ſagte: „Oh, jenes Weib, um deſſen Willen Du zweimal nahe daran warſt, Dich ſogar ſoweit zu vergeſſen, d 4 Daß ich es zu meiner Frau nehmen wollte. Als Du mir die Mutter raubteſt, vergaßeſt Du, daß ſie ein Kind hinterließ. Nicht wahr, Bertha, wir ha⸗ ben Beide vieles gegen die Todte gut zu machen?“ 136 „Wir?!“ „Ja, gerade wir! Ich, der Urheber ihrer Leiden; Du, die Henkerin, die Du ſie verfolgteſt und in Land⸗ flüchtigkeit jagteſt, und es mir dadurch unmöglich machteſt, mein Vergehen wieder gut zu machen.“ „Du nennſt das Dein Vergehen wieder gut machen, eine Familie zu entehren? Nein, ich 5 wahrhaftig, ganz Recht gehandelt zu haben, als ich eine ſolche ſtandalbſe Verbindung vernichtete.“ „So— o7“— die Stimme des Grafen zitterte vor Zorn;„aber ich denke ganz anders— und da⸗ rum will ich jetzt Amalias Tochter adoptiren.“ „Was ſagſt Du?“ rief die Gräfin. „Daß morgen die Tochter jenes Weibes ein Fräulein Falkenhjelm iſt.“ „Dießmal, meine liebe Bertha, mn weder Dein Hochmuth, noch Deine Intriguen mei e Pläne kreuzen, oder mich daran hindern meine Schuldigkeit zu thun.“ Der Graf nahm ſeinen Hut, um zu gehen. „Henning, bleibe, und höre mich an!“ rief die Gräfin beſtürzt und faßte den Arm des Bruders. „Was willſt Du?“ „Erniedrige nicht ſo tief einen der ſchönſten Na⸗ men Schwedens, daß Du dem unbefleckten Stammbaum desſelben eine Perſon von niedriger Herkunft ein⸗„ impfeſt!“ „Wann, Bertha, ſahſt Du mich je ein Wort zurückzunehmen, oder einen auf vernünftige Gründe hin gefaßten Entſchluß ändern?— Niemals!— Un⸗ ſeren Namen ehren wir am beſten dadurch, daß wir unſere Pflichten erfüllen. Lebewohl! Deine Vorſtel⸗ 137 lungen ſind unnütz, denn mich kann man nicht über⸗ reden.“ Der Graf ging. „Hl es iſt entſetzlich, daß ich, nach ſo vielem Kampfe für die Ehre unſeres Namens, genöthigt bin, twas zu erleben!“ rief die Gräfin und ſank in das ha zurück. Einige Tage darauf war die Wohnung der Majo⸗ rin Alm glänzend erleuchtet, und ſie ſelbé ging, ele⸗ gant gekleidet durch die Zimmer, um zu ſehen, ob alles ſei, wie es ſein ſollte. Sie trug heute ihren Kopf etwas höher und hob ihre Bruſt vor Zufrie⸗ denheit; denn das Dunkel, welches bisher über Thoras Geburt geruht, ſollte jetzt verſchwinden, und ſie ſelbſt eine Genugthuung erhalten, welche den Stolz jeder Frau befriedigen konnte. Außerdem ſollte auch Tho⸗ ra's Verlobung heute gefeiert werden. Nachdem die Majorin Alles überſchaut hatte, kehrte ſie nach dem Salon zurück, wo Thora gerade in demſelben Augenblick eintrat. „Mein Gott, Kind, woran denkſt Du, daß Du Dich ſchwarz gekleidet haſt?“ rief die Majorin unzu⸗ frieden. „Die Farbe paßt am beſten für mein Herz,“ antwortete Thora und warf ſich in einen Armſtuhl. Sie trug ein ſchweres ſchwarzes Atlaskleid, welches „ 138 7 in reichen Falten um ihre ſchlanke Figur herabfiel. Das Haar wogte in üppigen und langen Locken über Hals und Schulter. Kein Schmuck und keine Blume gab dem ernſten Anzug ein heitereres Ausſehen. Thora glich, wie ſie da faß, dem Engel der Tr ter, welcher vom Himmel herabgeſtiegen war, um— am Grabe der Freude zu weinen. „Aber, meine kleine Thora, man wird Deinen Anzug ſonderbar finden, und Du ſelbſt wirſt ein Ge⸗ genſtund von Bemerkungen werden.— Erinnere Dich, daß wir außerdem Ball haben; wie kann es da an⸗ gehen, daß Du wie zu einem Begräbniß gekleidet biſt?“ „Tante,“ rief Thora heftig,„es iſt ja auch ein ſolches, wenn man die Sache recht überlegt.“„Ich will und werde ſo bleiben wie ich bin; was frage ich nach dem Gerede der Leute.“ Die Zeit erlaubte keine weitere Discuſſion über das Thema; denn die Gäſte fingen an anzukommen. Ein Paar Stunden darauf war der Ball im vollen Gange. Thora tanzte nicht und ſchützte ein zufälliges Uebelbefinden vor. In einen Lehnſtuhl zu⸗ rückgeſunken, unterhielt ſie ſich mit Graf Hernhjelm. „Ich ſehe nicht Deine Couſine, Mamſell Adler,“ bemerkte der Graf. „Nina kommt etwas ſpäter; ſie ſingt heute Abend in W— 8 Concert.“ „Findet das heute ſtatt?— und ich war der Meinung, daß es erſt morgen gegeben werden würde.“ „Du intereſſirſt Dich für Nina?“ fragte Thora matt lächelnd. „. — 139 „Ihr Geſang iſt entzückend; aber übrigens kenne ich ſie nicht.“ „Vielleicht würdeſt Du doch wünſchen ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen?“ „Ja, von ganzem Herzen.“ „Ich werde Euch einander vorſtellen,“ ſeufzte Thora. „Du biſt nicht heiter, Thora?“ Der Graf blickte ſie fragend an. „Nei. „Und doch ſteht Dir eine angenehme Ueberra⸗ ſchung bevor.“ „Du meinſt die Proklamation meiner Verlobung. Ach! das iſt eine Ueberraſchung, von welcher ich be⸗ reits weiß.“ Nina trat von Heinrich begleitet in den Saal. Thora grüßte ſie herzlich,— und ſtellte Graf Dern⸗ hielm vor, worauf ſie ſich an Heinrich wandte, und ſich mit ihm unterhielt. „Du tanzeſt nicht,“ bemerkte Heinrich in einem ruhigen faſt gleichgültigen Tone und ſetzte ſich. Auf dem Geſichte des Doctors ſah man keine Spur von Gemüthsbewegung. „Nein, ich ſinde es langweilig,“ antwortete Thora und zerpflückte das Bouquet, welches ſie von Emil erhalten. „Thora, gönne mir dieſen Walzer, welcher jetzt geſpielt wird,“ bat Heinrich mit einer gänzlich ver⸗ änderten Stimme, und beugte ſich über ſie herab. Thora blickte auf.— Sein Ausſehen war auf⸗ 140 geregt, und ſeine Bruſt bewegte ſich raſcher als ge⸗ wöhnlich. „Verweigerſt Du mir auch dieſe Bitte?“ fragte er, als Thora ſchwieg. „Nein, nicht wenn Du mich darum bitteſt,“ antwortete Thora mit einem Seufzer. Heinrich führte ſie in den Tanzſaal. „Der Herr Graf behaupten alſo, daß ich die Partie der Alice nicht richtig aufgefaßt habe,“ gab Nina zur Antwort auf irgend eine vorhergehende Bemerkung. „Ich meinte, es bemerkt zu haben, aber Sie werden vielleicht mit Grund einwenden, daß der ſtürmiſche Beifall des Publikums den Beweis liefert, daß ich Unrecht habe,“ ſagte der Graf. „Nachdem der Herr Graf mir den Einwurf etwas deutlich in den Mund gelegt haben, ſo laſſe ich denſelben paſſiren; erſuche Sie aber doch, mich ihre Gründe hören zu laſſen, welche Sie gegen mich und das Publikum anführen.“ „Es iſt der Sängerin Mamſell Adler, welcher man Bravo zuruft; weil ihre kräftige und ſchöne Stimme Alle hinreißt; aber es iſt nicht Alice, welche die Bezauberung hervorruft.“ „Das bedarf einer näheren Erklärung.“ 141 „Dieſelbe iſt ſehr einfach: Sie ſind nicht Alice, Sie ſind Sie ſelbſt.“ Nina ſchwieg eine Weile; fiel aber dann ſchließ⸗ lich ein: „Wie aber dieſem Fehler abhelfen?“ „Werden Sie Alice!“ Jetzt kamen einige Cavalire, welche Nina zum Tanze engagirten, und ſie vom Grafen wegführten. Der Walze war zu Ende. Heinrich führte Thora zu ihrem Platze zurück und flüſterte dabei: „Leb wohl, mein geträumtes Glück!“— und verließ den Ball. Du tanzteſt mit dem Doktor, nachdem Du es mir ausgeſchlagen haſt,“ ſagte Emil, welcher neben Thora Platz genommen hatte. In ſeinem Tone lag eine unterdrückte Unzufriedenheit. „Darum, weil ich beſondere bindende Gründe dazu hatte; aber wenn Du es willſt, ſo tanze ich auch jetzt mit Dir.“ „Nein Thora, nicht einmal beim Tanzen möchte ich der Zweite in der Reihe bei Dir werden wollen; lieber verzichte ich ganz darauf.“ Er ging von ihr fort. Zwiſchen den Tänzen finden wir wieder Graf Hugo und Nina ſich mit einander unterhaltend. „Wenn Manſell Adler es mir erlaubt, Ihnen 142 einen Beſuch abzuſtatten, ſo werden wir auf das Thema zurückkommen; aber hier iſt es unmöglich, den Charakter zu beleuchten, welchen Alicen's Geſang haben muß.“ „Es wäre unrecht von mir, eine ſolche wohl⸗ wollende Bemerkung außer Acht zu laſſen, und der Herr Graf wird mich ſehr verbinden, wenn Sie mich mit einem Beſuche beehrten.“ „Aber haben Sie die Güte, der Thürſteherin Befehl zu geben, mich einzulaſſen; denn fonſt wird es nicht auszuführen ſein. Sie gleicht einem Drachen, welcher einen Schatz hütet,“ ſagte der Graf lächelnd. „Beurtheilen Sie ſie nicht ſo ſtreng, denn ſie folgt nur den Befehlen,“ antwortete Nina lachend. „Im Gegentheil, ich reſpektire ihre Pünktlichkeit, und achte die Beweggründe hoch, welche den Befehl veranlaßt haben. Schon morgen werde ich mir die Freiheit nehmen, einen Beſuch abzuſtatten.“ Der Graf verbeugte ſich. Die Tanzmuſik ſchwieg,— aber die Geſellſchaf hatte ſich im großen Salon verſammelt, die Bedienten trugen Champagner herein, und Graf Falkenhjelm, Thora an der Hand haltend, ſprach mit lauter Stimme: „Ich habe die Ehre den Anweſenden die Ver⸗ lobung meiner Tochter, Thora Falkenhjelm mit Herrn Emil Liljenkrona mitzutheilen.“ Weit unten von den Thüren her, ertönten in demſelben Augenblick folgende Worte in ſchlechtem Schwediſch: „Das uneheliche Kind der Giftmiſcherin Amalia Heyſe.“ 2 143 Alle blickten mit Beſtürzung dorthin.— Eine kleine, junge blonde Frau ſtand auf der Schwelle; aber ſie ging langſam auf Thora zu, welche ſie mit bleichen Wangen und entſtellten Geſichtszügen anſtarrte. „Gnädige Frau, Sie vergeſſen ſich, wenn Sie es wagen, hier mit einer ſtandalöſen Unwahrheit auf den Lippen aufzutreten, um damit eine Todte zu be⸗ flecken.“ „Der Herr Graf hat Recht; dieſe Frau vergißt ſich ſelbſt und die Wahrheit; denn Amalia Heyſe war vollkommen unſchuldig,“ antwortete ebenfalls in ſtark gebrochenem Schwediſch eine ernſte Stimme. Der Graf drehte ſich um. Ein hochgewachſener älterer Mann ſtand vor ihm. „General Behrend!“ rief der Graf. Dieſer verbeugte ſich, ergriff dann die Hand der jungen Frau und fagte: „Komm, Unglückliche!“ Aber ſie riß ſich los, ſtürzte hin zu Thora, und ſprach auf deutſch folgende Worte: „Fluch über Euere Che; möge ſie ebenſo wer— den, wie die meinige es durch Euere Schuld gewor⸗ den.“ „Thora ſank ohnmächtig zu Boden. Bei der allgemeinen Verwirrung, welche dieſer Auftritt her⸗ vorrief, entfernte ſich der General mit der Unbe⸗ kannten.“ So endete der Verlobungstag Thora's; und jetzt verlaſſen wir ſie für einige Zeit. „ 144 Am Tage darauf machte Graf Hernhjelm einen Beſuch bei Nina. Er erneuerte denſelben nachher oft und kam nach und nach, ohne daß Jemand daran dachte, täglich. Aber obgleich ſie meiſtentheils allein waren, ſo miſchte ſich doch kein einziges Wort in ihre Geſpräche, welches eine Galanterie enthalten hätte. So verfloß die Zeit, und Monat März war heran⸗ gekommen. Eines Vormittags erhielt Nina eine Einladung von der Gräfin Hernhjelm, um mit ihrem Geſang das Souper zu verherrlichen, welches die Gräfin einige Tage darauf zu geben beabſichtigte. Das Blut Nina's ſtürmte nach dem Herzen bei dem Gedanken, daß ſie bei Hugos Mutter gleich einem anderen In⸗ ſtrumente behandelt werden würde. Von dem Augenblick an, wo Nina die Bühne betrat, hatte ſie auch ihren Lebensplan feſtgeſetzt, und ſich es zur Regel gemacht, niemals Beſuche oder Billete anzunehmen, welche an die Schauſpielerin ge⸗ richtet waren; und ſich niemals als Sängerin in größeren Geſellſchaften einladen zu laſſen, um ſolche Feſtlichkeiten glänzender zu machen. Als ſie den Brief von der Gräfin empfing, war ihre Antwort bereits beſchloſſen, und ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ließ Nina ſagen, daß ſie nicht die Ehre haben könne. Manches ſchmerzliche Gefühl durchbebte Nina bei dem Gedanken, daß vielleicht Hugo die Mutter auf die Idee gebracht hätte, ſie einzuladen. „Er betrachtet mich alſo nur als eine öffentliche Sängerin, dazu geſchaffen, mit meiner Stimme die — — Hochgeborenen zu unterhalten, wenn dieſe ſich herab⸗ laſſen, mir ihre Salons zu öffnen. O! wenn dem ſo wäre. dachte Nina, währe ndihre Bruſt vor Zorn wogte.* Wie Du ſiehſt, mein lieber Leſer, hatte Nina einen ziemlich bedeutenden Stolz. In demſelben Augenblick meldete Thora den Grafen Hernhjelm. Nina war einen Angenblick unſchlüſſig, ob ſie ihn nunmehr empfangen ſollte; aber bevor ſie einen Entſchluß gefaßt, ſtand der Graf bereits in der Thüre. „Ich komme wohl nicht ungelegen?“ fragte die⸗ ſer, nachdem ſie einander begrüßt hatten. Nina reichte ihm ſchweigend den Brief der Mutter. Nachdem er denſelben durchgeleſen, richtete er ſeine Blicke auf Nina und ſagte: „Ach! Sie hatten mich vielleicht im Verdacht, daß ich irgend dabei betheiligt ſei; aber ich kann Ihnen die heilige Verſicherung geben, daß ſowohl das Souper wie dieſe Einladung hier, mir vollkommen fremd ſind. Trauen Sie mir nicht einen ſolchen Mangel an Takt zu?“ „Herr Graf, ich fühle mich glücklich, es überhoben zu ſein.“ „Sie werden zugeben, daß Ihre Zweifel nahe daran waren, mir das Glück zu rauben, Sie heute ſehen zu dürfen; und daß jener Brief Sie vielleicht hätte veranlaſſen können, mir die Thüre zu verſchließen.“ Schwartz, Die Leidenſchaften. 10 . 146 „Es kann ſich jedenfalls ereignen, daß ich genöthigt wäre Sie zu bitten, Ihre ſo häufigen Beſuche einzuſtellen.“ „So grauſam können Sie gewiß nicht werden!— habe ich denn Sie auf irgend eine Weiſe, ohne daß ich es wollte, verletzt? oder ſollten denn Sie, aus bloßer Furcht vor Tadel, mir einen ſolchen Schmerz zufügen können?“ Dabei ergriff der Graf Nina's Hand. „Ach! Herr Graf, was hat denn ein Mädchen wie ich, nachdem mein Ruf, wenn auch unverdient, einen Flecken bekommen hat? Auch kann ich nicht verlan⸗ gen, daß man mich für unſchuldig hält, wenn der Schein gegen mich iſt. Wie wollen Sie, daß man Ihre fleißigen Beſuche erklären ſoll, wenn nicht auf eine für meine Ehre verletzende Weiſe? Kann ich als Theaterſängerin verlangen, daß man beſſer von mir denkt, als von irgend einem andern jungen Weibe, welches täglich die Beſuche eines jungen Man⸗ nes empfüngt? Wären Sie mir ebenbürtig, dann würde es vielleicht weniger zu bedeuten haben; aber jetzt, Herr Graf!— urtheilen Sie ſelbſt.“ „Es liegt leider in Ihren Worten eine bittere Wahrheit; aber gerade darum verlangen Sie eine Erklärung, welche jedoch vielleicht mit einemmale dem Glücke, das ich genoſſen, ein Ende machen wird.— Von den beſten und edelſten Gefühlen meines Herzens zu Ihnen hingezogen, Nina, ſuchte ich Ihre Belannt⸗ ſchaft zu machen und fand bald, daß Sie das einzige Weib ſeien, welches ich lieben könnte.— Sie wurden die unumſchränkte Herrſcherin über alle meine Ge⸗ danken und Gefühle. ⁰ 147 „Ich vergaß die Sängerin und bewunderte nur das erhabene Weib. Aber meine Liebe iſt zu tief und ernſt geweſen, als daß ich in ihrer verzehrenden Gluth es gewagt haben ſollte, die Sprache der Leiden⸗ ſchaft zu ſprechen. Sie war zu heilig, um in Ihnen etwas anderes ſehen zu können, als diejenige, welche mein Herz zur Gattin gewählt.— Ninal ich lege mein Herz und mein Leben zu Ihren Füßen. Werden Sie Ihr Geſchick mit dem meinigen verbinden wollen?— Auf Ihrer Antwort beruht mein Lebensglück.“ „Ich bin nicht gewohnt, zu heucheln und kann es am wenigſten jetzt.— Wäre ich ein Mädchen mit einem ſo glänzenden Namen wie der Ihrige, ſo würde ich mich für glücklich halten, mit allen heißen Gefühlen meines Herzens, Ihre Liebe erwiedern zu dürfen;— aber kann und darf ich es jetzt?“ „Nina, antworte mir nur aufrichtig: Liebſt Du mich?“ fragte der Graf mit Wärme und ergriff ihre Hände. 5. Tief erröthend, aber ſanft lächelnd flüſterte Nina: „Ja! von meiner ganzen Seele.“ „Dank, geliebte angebetete Nina! denn Deine Antwort ſchließt mein ganzes irdiſches Glück in ſich.“ Hugo drückte ſie feſt an ſein redliches Herz. „Aber Deine Mutter?“ Nina's Stimme zitterte. „Meine Mutter iſt ſtolz, das iſt wahr; aber ſoll ich deßhalb mein ganzes Lebensglück opfern?— Du liebſt mich, was bedarf ich denn mehr zu wiſſen, um ſelbſt meine Handlungsweiſe beſtimmen zu können? Keine Macht kann uns jetzt mehr trennen.“ 148 Schon am folgenden Tage wollte er bei Nina's Bruder um ihre Hand anhalten; aber ſie wünſchte, daß er damit warte, bis die Theaterſaiſon und ihr Kontrakt beim Theater zu Ende ſei. Hugo fügte ſich, obgleich ungern ihrem Willen. Wieder verging einige Zeit ruhig und glücklich für die beiden, welche im Schatten einer reinen und erhabenen Liebe ihr Leben zubrachten. Das Gerücht ſprach bald davon, daß Nina Adler die Bühne zu verlaſſen beabſichtige. Als Heinrich eines Tages Graf Hugo begegnet war, als dieſer von Nina herauskam, ſagte der Doktor zu ihr: „Die Beſuche des Grafen ſcheinen mir viel zu häufig zu ſein; ſie werden gewiß Veranlaſſung zu Ge⸗ rede geben; Du mußt es ihm ſagen.“ „Dein Rath, lieber Heinrich, kommt zu ſpät; ich habe ihm jetzt ſelbſt mein Herz gegeben, und er beabſichtigt, bei Dir um meine Hand anzuhalten.“ „Nina! weißt Du denn, welch' ſtolzes und un⸗ beugſames Weib ſeine Mutter iſt? ſie wird bittere Leiden über Dein Haupt heraufbeſchwören. Haſt Du an alle die Demüthigungen gedacht, welche eine ſolche Partie Dir zuziehen können?“ „Zu wohl!— und ich glaube ſie geduldig er⸗ tragen zu können, da es meiner Liebe zu Hugo gilt.“ „Haſt Du auch Thora's Verlobungstag und die Rache vergeſſen, welche die Gräfin OHernhjelm an ih⸗ rem Bruder nahm, weil er ſein Kind adoptirte?“ „Du glaubſt alſo, daß jenes fremde Weib von der Gräfin geſchickt war, um Thora durch eine Be⸗ 149 ſchuldigung gegen ihre Mutter zu entehren? Das wäre entſetzlich!“ Ich bin vollkommen davon überzeugt, denn ich weiß, daß die Gräfin Thora's Mutter verfolgt hat.“ „Aber General Behrend,— was hatte er mit der Sache zu thun?“ „Das weiß Gott allein; hat Thora ſich nie dar⸗ über geäußert?“ „Niemals;— ſie ſcheint die ganze Begebenheit vergeſſen zu haben und ich nehme mich ſehr in Acht, das Thema zu berühren.— Weiß der Graf, wer das Weib war?“ „Ich glaube gewiß, daß er es weiß, aber es vielleicht nicht merken laſſen will.— Vielleicht aus Rückſicht auf General Behrend.“ Oft wünſchte Nina während der Zeit, welche verſtrich, den Lauf dieſer Zeit aufhalten zu können, denn ſo glücklich fühlte ſie ſich.— Giebt es denn auch irgend eine Zeit in unſerem Leben, welche mit derjenigen verglichen werden kann, wo wir lieben und geliebt werden,— wo dieſe Liebe, frei von den Sorgen der Leidenſchaften, über alles, was uns umgibt, ein ſchönes Licht verbreitets— Nur ganz wenige Menſchen wiſſen, was eine ſolche Liebe in ſich ſchließt; aber diejenigen, die ſie kennen gelernt haben, rufen gleich einem ausgezeichneten Schriftſteller: 150 Es gibt nur eine reine Liebe!— obgleich die Nachbildungen derſelben unzählig ſind. Nina's letztes Auftreten fand ſtatt gegen End Mai.— Thora ſaß in Geſellſchaft ihrer Tante und ihres Bräutigams im erſten Rang. Nach dem Schluß der Vorſtellung gingen Thora und Emil hinunter auf's Theater, wo ſie mit Graf Hugo und Heinrich zuſammentrafen. „Ich glaube, daß auch Hugo auf unſere ausge⸗ zeichnete Sängerin wartet,“ bemerkte Thora mit einem feinen Lächeln. „Nein, ich warte auf meine Braut,“ antwor⸗ tete er. „Mein Gott! was ſogſt Du, iſt es möglich, daß eine zukünftige Gräfin Oernhjelm ſich auf dem Theater unter Schauſpielerinnen, Lampenputzern und Cuuliſſen aufhält? Das gibt ja einen Flecken an Deinem ade⸗ ligen Wappenzeichen!“ rief Thora ironiſch. „Deine Ironie gleitet an meinem Ohre vorbei, ich werde ſofort das Vergnügen haben, ſie vorzuſtellen.“ „Auf dem Theater?“ „Gewiß.“ „Da ich jetzt Mitglied Deiner ſtolzen Familie bin, ſo habe ich Luſt— in Ohnmacht zu fallen,“ ſcherzte Thora. In demſelben Augenblick kam Nina aus ihrem Ankleidezimmer heraus. Der Graf eilte auf ſie zu, ergriff ihre Hand und trat Thora und Emil mit den Worten entgegen: „Ich habe die Ehre, meine Braut vorzuſtellen.“ Thora erbleichte und mit Schmerz begriff ſie 151 jetzt den Unterſchied zwiſchen der wahren Liebe und dem verworrenen und unzuverläſſigen Gaukelſpiel der Leidenſchaft.— Die erſtere macht den Menſchen zu einem Ideal von allem Großen und Schönen; die letztere befleckt die Seele und erniedrigt das Herz. Emil ſprach, ſich verbeugend, einige Worte; Hein⸗ rich aber reichte dem Grafen ſeine Hand. Darauf ging man zuſammen nach Hauſe zu Nina, wo Thora's Vater, Capitän Ahlrot und die Majorin ſie bereits erwarteten. Man ſoupirte heiter und ſcherzend, und trank dabei auf das Wohl der neu Verlobten. Viele bittere und qualvolle Erinnerungen plagten Thora. Wie ganz anders war nicht alles jetzt gegen den Abend, an welchem Nina debütirte; auch damals waren ſie bei ihr verſammelt; aber damals lächelte das Leben voll anmuthiger Hoffnungen Thora ent⸗ gegen;— jetzt dagegen war dieſes Leben alles beraubt und ihr Herz unheilbar verwundet. Während dieſe Erinnerung Thora peinigte, lächelten doch ihre Lippen und ihre Unterhaltung zeichnete ſich durch Witz und Geiſt aus.— Thora ſuchte durch eine hyſteriſche und übertriebene Heiterkeit den Schmerz in ihrem Innern zum Schweigen zu bringen. Aber das dunkle Feuer in den großen ſchwarzen Augen glich einer verkörperten Verſuchung. „Thora, Du ſcheinſt ſehr heiter und glücklich zu ſein. Ich würde mich mit meinem Schickſale ausgeſöhnt fühlen, falls Deine Freude wahr wäre,“ bemerkte Heinrich leiſe. „Spreche nicht zu mir von Wahrheit. Was iſt 152 mein ganzes Leben anders, als eine Unwahrheit?“ ant⸗ wortete Thora. Ein dunkler Blick ſchoß aus ihren Augen. Am Tage darauf ließ Graf Hugo ſich bei ſeiner Mutter anmelden; aber bevor wir über dieſen Beſuch Bericht abſtatten, dürfte es nöthig ſein, einige Worte über ſeinen Charakter zu ſagen. Hugo war das einzige Kind ſeiner Eltern, Fidei⸗ kommiſſarius und einziger Erbe des ganzen Oernhjelm⸗ ſchen Vermögens.— Von ſeiner zarteſten Kindheit an ſuchte die Mutter ihm ihre ariſtokratiſchen Ideen ein⸗ zuprägen; aber ein rächendes Geſchick wollte, daß der junge Graf trotzdem Anſichten huldigte, welche den ibrigen entgegengeſetzt waren. Er konnte niemnls einen Stolz und einen Uebermuth begreifen lernen, welcher einzig und allein ſeinen Grund in ererbten Auszeich⸗ nungen hatte. Seiner Seele waren die Worte un⸗ ſeres humoriſtiſchen Dichters eingeprägt: „Wenig helfen Dir die Ehren, Die den Ahnen nur gebühren; Von den Thaten, von den hehren Keine Dich zum Ruhme führen.“ Als Hugo zum Manne herangewachſen war, ging er ſeinen eigenen Weg. Er wählte zu ſeinen Freunden und Kameraden nur verdienſtvolle und aus⸗ gezeichnete Männer und dabei war keine Rede von 153 der Geburt.— Hugo hatte niemals eine glänzende Geliebte gehabt und niemals große Summen auf Spiel und Schmauſereien verwendet; er hatte kein armes Mädchen verführt, oder den Frieden irgend einer Fa⸗ milie geſtört. Kurz, er hatte nichts von alle dem gethan, wodurch junge reiche Cdelleute ſich ſo oft aus⸗ zuzeichnen pflegen, oder was unter ihnen zur Tages⸗ ordnung gehört. Er galt auch bei denſelben für einen Pedanten. Die Zeit des jungen Grafen wurde auf Studien, Reiſen und auf diejenigen Genüſſe verwendet, welche die ſchönen Künſte uns bieten. Mit wirklichem Aerger betrachtete ſeine Mutter die Entwickelung dieſer Sitten und Gewohnheiten ihres Sohnes. Sie hätte es weit lieber geſehen, wenn er ſeine Einkünfte auf eine ausſchweifende Lebensweiſe und andere gewöhnliche Vergnügungen in Geſellſchaft von Seinesgleichen verſchleudert hätte, wenn auch dieſe Vergnügungen, in moraliſcher Beziehung, weniger edel geweſen wären.— Aber wir kehren jetzt zum Beſuch des Sohnes bei der Mutter zurück. Die Gräfin blätterte in einem eben angekommenen Modejournal. „Willkommen, Hugo!— warſt Du geſtern im Theater?— Ich ſah Dich nicht,“ ſagte die Gräfin. „Ich war im Theater, meine Mutter,“ antwor⸗ tete Hugo und küßte ehrfurchtsvoll die Hand der Mutter. „Ja ſo, wie fandeſt Du die Sängerin? Sie ſingt charmant, jenes Mädchen da. Weißt Du, ob es wahr iſt, daß ſie beabſichtigt, von der Bühne 154 abzutreten? Man behauptet ſogar, daß Du dabei etwas betheiligt ſein ſollſt.“ „Meine Mutter beſtürmt mich mit Fragen. Ich werde jedoch verſuchen, ſie zu beantworten. Ihr Ge⸗ ſang war, wie immer, der Erguß einer ſchönen Seele.“ „Du biſt viel zu hochtrabend.— Solche Per⸗ ſonen ſingen nur für's Geld, weil ſie von der Natur eine Stimme erhalten;— ſiehe, das iſt Alles!“ „Sie irren ſich, meine Mutter. Nina Adler iſt nur deßhalb Künſtlerin und Sängerin, weil ſie die Muſik liebt.— Sie iſt ein wahrer Engel!“ „Ja, ein Theaterengel, s'il vous plait,“ corrigirte die Gräfin mit Ironie. „Laß uns nicht um Worte ſtreiten, ſondern zu der anderen Frage, ihr Abtreten von der Bühne be⸗ treffend, übergehen, worauf ich beſtimmt antworten kann: daß es geſtern das letztemal war, daß ſie das Publikum mit ihrem Geſang entzückte.“ „So—0!— es iſt vielleicht auch nicht unbe⸗ gründet, was man ſich von Deinen häufigen Beſuchen bei ihr zuflüſtert. „Was flüſtert man denn?“ „Daß Du jenen bürgerlichen Baſtard, die Couſine der Fräulein Thora zu Deiner Geliebten zu machen gedenkſt.— Nicht ſo übel, mein Sohn; das kann als eine gerechte Strafe für meinen ehrvergeſſenen Bruder gelten.“ „Das iſt eine ſchändliche Verläumdung.— Wohl iſt es wahr, daß ich Nina von ganzem Herzen liebe, aber gerade darum iſt eine ſolche Handlung unmög⸗ lich.— Ich beabſichtige im Gegentheil ihr meinen Namen zu geben, ich. „Hugo! wie kannſt es wagen, ein ſo un⸗ verſchämtes Gaukelſpiel mit Deiner Mutter zu treiben?“ rief die Gräfin und wße mit einem vor Zorn flammendem Geſichte. „Verzeihe mir, wenn meine Rede ſo wenig den Stempel der Wahrheit an ſich trägt, daß das, wel⸗ ches mein feſter unabänderlicher Entſchluß iſt, für einen unpaſſenden Scherz aufgenommen werden kann.“ „Biſt Du denn thöricht genug zu glauben, daß ich es Dir erlauben würde, eine öffentl iche Sängerin, ein Mädchen aus dem großen Haufen, ein Weib, wel⸗ ches auszuziſchen oder hervorzurufen jeder Matros für zwölf Schillinge das Recht hat, und deſſen Ehrgeiz nicht weiter hat gehen können, als Deine Geliebte zu werden,— kurz ein Weſen ohne Namen und An⸗ ſehen— zu heirathen.— Du haſt Dich grauſam getäuſcht, falls Du einen ſolchen Gedanken gehegt haſt. Nein, als Deine Mutter befehle ich Dir, ſolchen Grillen zu entſagen. O, mein Gott! haben wir denn nicht hinreichenden Schimpf dadurch erlitten, daß Dein Onkel ſein uneheliches Kind adoptirt hat, ohne daß Du nöthig haſt, denſelben noch zu ver⸗ größern?“ „Zum Erſtenmale in meinem Leben bin ich ge⸗ zwungen, ungehorſam zu ſein.— Ich liebe dieſes edle und erhabene Mädchen mit einem Gefühl, welches ebenſo ſtark und warm iſt wie mein Leben und dann, meine Mutter, muß ich handeln, wie mein Herz und meine Ehre es gebieten.— Es gibt keine irdiſche 156 Macht, welche mich bewegen kann, meinen Entſchluß zu ändern.“ Die Gräfin erbleichte. „Du willſt alſo durch dieſe Che Deine Ahnen entehren und Deine w tödten?“ „Meine Mutter iſt ei mit feinem Gefühle und Takt die Sache auffaſſen. Den Namen meiner Ahnen ehre ich am beſten dadurch, daß alle meine Handlungen eines Ehrenmannes würdig ſind. Aber niemals wird dieſer Name mich daran hindern, irgend welches Weib zu meiner Gattin zu wählen, das mein Herz für würdig hält; möge es ſeiner Geburt nach noch ſo gering ſein, wenn nur ſein Charakter und ſeine Sitten rein ſind.“ „Sind dieß Deine letzten Worte?“ fragte die Gräfin mit zitternder Stimme. „Ja, das iſt mein feſter Entſchluß,“ antwortete der Graf in ruhigem Tone. „Höre denn auch den meinigen: Wenn Du es wagſt, jenes lumpige Weſen zu Deiner Gattin zu machen, dann verfluche ich Dich.“ Mit emporgehobenem Haupte, mit ſtolzer Miene und in kaltem Tone ſprach die Mutter dieſe entſetz⸗ lichen Worte, welche ihr ein grenzenloſer Hochmuth dictirte. Hugo's Geſicht ſpiegelte einen bitteren Schmerz wieder und ein krampfhafter Seufzer arbeitete ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Er blickte die Mutter ernſt an, und ſprach dann mit Entſchiedenheit: „Nein, meine Mutter, das können Sie nicht, denn ich habe kein Recht auf den glänzenden Namen Dern⸗ Frau und wird als ſolche —— — ——— hjelm.— Gleich Thora bin ich auch nur ein— Ba⸗ ſtard; obgleich ich heimlich dem ſtolzen Stammbaum eingeimpft worden bin. Die Gräfin ſtarrte den Sohn beſtürzt an. „O, meine Mutter, verzeihen Sie mir, daß ich Sie vor Ihrem eigenen Kinde demüthige.“ „Gehe, verlaſſe mich!“ befahl die Mutter mit eiſiger Kälte. „Sage erſt, daß Du Deinem Sohne ver⸗ ziehen haſt.“ „Gehe, ſage ich!— morgen werden wir uns ſprechen.“ Hugo entfernte ſich. Als der Graf fort war, rief die Gräfin in Raſerei: „Wie kennt er denn mein Geheimniß?— Ah, ich muß mich an dieſem Weibe rächen, welches mir eine ſolche Demüthigung verurſacht hat.— Eine Gräfin Oern⸗ hielm und ſolches erdulden müſſen— wegen einer Schauſpielerin. Ich werde ſie, eben ſo gut wie die Amalie Heyſe, lehren, meinen Intereſſen nicht zu nahe zu treten.“ Die Gräfin läutete, und befahl, daß ihr Wagen vorfahre. Ganz unbekannt mit dem Auftritt zwiſchen Hugo und ſeiner Mutter, ſaß Nina in dem kleinen einfachen Salon, welcher für ſie und ihren Bruder gemeinſchaft⸗ 158 lich war, als Dora eine ältere Dame anmeldete, welche ſie zu ſprechen wünſche; bevor aber Nina antworten konnte, ſtand ſie bereits in der offenen Thüre. „Nina erkannte ſofort die Gräfin OHernhjelm, welche ſie ſo oſt im Theater geſehen. Bei ihrem An⸗ blick ſchauderte Nina unwillkührlich zuſammen, denn ſie ſah voraus, daß dieſe hochmüthige und kalte Dame gekommen ſei, um den Gegenſtand ihrer Liebe zurück⸗ zufordern. Aber Nina's Herz empörte ſich gegen ein ſolches Opfer, welches nur von Standesvorurtheilen diktirt wurde. Sie fühlte ſich vollkommen würdig, Hugo's Gattin zu werden. In dieſem Gefühle be⸗ gegnete Nina mit erhobener Stirne und mit ruhigem Blicke den verächtlichen Blicken der Gräfin und be⸗ grüßte ſie mit einem würdevollen und ehrfurchtsvollen Kompliment. „Sie ſind es alſo, Manſell, die Ihren Ehrgeiz nicht dadurch befriedigt finden, die Geliebte des Grafen Oernhjelm zu ſein, ſondern nähren noch die thörichte Hoffnung, ſich ſeinen Namen erſchleichen und die Stelle einer Gattin an ſeiner Seite einnehmen zu kön⸗ nen?“— begann die Gräfin in einem unbeſchreiblich verächtlichen Tone. „Frau Gräfin, Sie irren ſich; ich bin nie und kann nie die bloße Geliebte des Grafen werden.“ „Welchen Namen wollen Sie denn Ihrem gegen⸗ wärtigen Verhältniſſe zu ihm geben?— Doch ich bin nicht hieher gekommen, um mich mit Ihnen in einen Wortſtreit einzulaſſen, ſondern um in meiner Eigen⸗ ſchaft als Mutter von ihm, zu erklären, daß Sie wahn⸗ ſinnig ſind, wenn Sie einen einzigen Augenblick ernſt⸗ — —— lich den Gedanken gehegt haben, mit Graf Oernhjelm verheirathet zu werden. Wenn es Ihnen auch durch Liſt und Koketterie gelungen iſt, meinen Sohn ſoweit zu bethören, daß er in wahnwitziger Raſerei Ihnen ein ſolches Verſprechen gegeben hat, ſo iſt dieß doch nicht mit mir, ſeiner Mutter, der Fall. Oder glauben Sie wirklich, daß ich es zugeben würde, daß eine Schauſpielerin, ein Theatermädchen ſich mit meiner Familie verbände?“ „Frau Gräfin, obgleich ich Schauſpielerin und Theaterſängerin bin, ſo findet ſich kein Flecken an meiner Ehre; nichts, weder in meinem früheren noch in meinem gegenwärtigen Leben, das mich Ihres Soh⸗ nes unwürdig machte.— Nein, Frau Gräfin, in die⸗ ſem Augenblick fühle ich mich ſeiner vollkommen wüpdig,“ ſprach Nina mit einem ſo edlen Selbſtver⸗ trauen, daß es die Frau Gräfin zum Aeußerſten brachte. „Sie, meines Sohnes würdig!“ rief ſie mit flammenden Augen.„Sie, welche einer dem Ver⸗ derben geweihten Klaſſe angehören. Sie, ein Weib, welches Jedermann das Recht hat, mit entehrenden Anerbietungen zu erniedrigen. Sie ſprechen von Ehre; wann haben denn Schauſpielerinnen eine ſolche ge⸗ habt?— Ihre Keckheit iſt wahrhaft beiſpiellos.“ „Gnädige Frau, Sie vergeſſen ſich, und ich bitte Sie, mit Ihren Beleidigungen aufzuhören, welche nur diejenige erniedrigen, die ſie ausſpricht.— Sie haben mich beſucht, was wünſchen Sie, Frau Gräfin?“ Nina's Sprache war eine ruhige, aber ihre Wan⸗ gen wurden bleich. 160 „Und das fragen Sie?— Iſt denn nicht mein unglücklicher Sohn ſo verblendet worden, daß er Sie zu ſeiner Gattin nehmen will,— und Sie fragen noch, was ich will!— Ich will Ihnen ſagen, daß dieſe Che nie weder ſtattfinden kann, noch ſoll, noch darf.“ „Sie wollen es nicht, Frau Gräfin; aber aus welchen Gründen?“ „Weil mein Sohn damit unſeren Namen einen unauslöſchlichen Schandfleck anthun würde.“ „Mein Leben iſt rein, meine Ehre unbefleckt; ich kann alſo niemals den Namen von irgend Jemanden erniedrigen.“ „Mamſell,“ fuhr die Gräfin mit künſtlicher Ruhe ſort.—„Verſuchen Sie, mich zu verſtehen, Hugo iſt jetzt durch Ihre Jugend, durch Ihren Geſang und Gott weiß durch was geblendet, und ſein gnge⸗ borner Stolz iſt augenblicklich durch ſeine Neigung zu⸗ rückgedrängt worden, wenn Sie aber einmal ſeine Gattin geworden ſind, dann wird er von ſeiner ganzen Familie ſo vielen Unwillen erfahren, daß das verletzte Ehrgefühl ſchließlich ſeine Liebe verwiſchen wird.— Sie haben dann ſein ganzes Leben der Demüthigung, der Reue und dem Unglücke geweiht. Und es wird der Tag kommen, wo er ſeine Verirrung und— Sie verfluchen wird.“ Nina zitterte, antwortete aber mit Wärme: „O nein, Frau Gräfin; Sie kennen nicht den edlen und erhabenen Charakter Ihres Sohnes, wenn Sie glauben, daß er aufhören könnte, mich zu lieben, ſo lange ich ſeiner würdig bleibe. Hochmuth gedeiht nicht in einer Seele wie die ſeinige und niemals, Frau S— — 161 Gräfin werd' ich aufhören, an ſeine großmüthige Denk⸗ weiſe zu glauben.“ „Sie bleiben alſo feſt dabei, ſeine Gattin werden zu wollen?“ Die Stimme der Gräfin zitterte. „Ja,— er beſitzt meine Liebe und meine Preue; nur der Tod, oder er ſelbſt können mich meines Gelübdes entbinden.“ „Sie wollen unter der Maske der Liebe und der Treue ſich in eine der vornehmſten Familien unſ'res Landes hineindrängen.“ „Wozu nützt es denn, daß ich hierauf antworte, Sie werden mich doch nicht verſtehen.— Ich bin ſogar bereit mich der erniedrigenden Beſchuldigung auszuſetzen, daß ich es aus Ehrgeiz thue; denn ich liebe ihn von meinem ganzen Herzen.“ „Einer ſolchen erniedrigenden Beſchuldigung kön⸗ nen Sie entgehen und auch mir einen tödtlichen Schimpf erſparen, wenn Sie als die Geliebte Hugo's nur Ihrer Liebe leben. Sie werden dann immer auf meine Erkenntlichkeit und Freigebigkeit rechnen können... „Halten Sie ein! gnädige Frau und ſprechen Sie nicht einen Vorſchlag aus, der Ihre Lippen erniedrigt. Hätte Ihr Sohn mich einer elenden Leidenſchaft opfern und mein Leben der Schande weihen wollen, dann, Frau Gräfin, hätte ich ihn niemals lieben können und Sie nie Gelegenheit bekommen, mit Ihren Worten mein Herz zu verletzen. Aber jetzt gebieten mir mein Verſtand und meine Liebe, daß ich nicht wegen eines Schwartz, Die Leidenſchaſtn. 11 162 unbedeutenden, nichtsſagenden Vorurtheils das künftige Glück von Hugo und mir opfere.“ „Iſt das Ihre einzige Antwort?“ „Ach! gnädige Frau! mein Herz wünſchte eine andere Sprache gegen Sie zu führen; aber Sie wollen es nicht;— ich habe alſo nichts mehr hinzuzufügen.“ „Nun gut, wenn Sie nicht von dieſer Verbindung abſtehen, dann werde ich— den Fluch einer Mutter auf das Haupt meines Sohnes ſchleudern.“ Mit einem Ausruf des Schmerzes verbarg Nina das Geſicht in Ihren Händen. „Den werden Sie nicht ausſprechen kön⸗ nen, meine Mutter!“ tönte Hugo's Stimme durch die offene Thüre. Er trat auf Nina zu und ſagte in Tone: „O, Du meine treue Nina! welche mit einer ſo edlen Standhaftigkeit für unſere Liebe geſtritten, weine nicht, meine Mutter kann ihren Sohn nicht verfluchen, weil er das edelſte Weib liebt, das er je gekannt.“ „Kann ich nicht?“ rief die Gräfin. „Nein!“ antwortete Hugo beſtimmt; und indem er ſich ſeiner Mutter näherte, flüſterte er ihr zu: „Ich würde dann dem Namen Oernhjelm entſa⸗ gen, den meines Vaters annehmen und landflüchtig werden.“ Die Gräfin wurde blaßgelb und verließ ſchwei⸗ gend, äber mit ſtolzer Haltung das Zimmer. Nina war in ein Fauteuil hingeſunken; einige langſame aber bittere Thränen floſſen über ihre Wan⸗ gen; Hugo ergriff eine ihrer Hände, welche er ehrfurchts⸗ voll an ſeine Lippen führte und ſagte: — —,— d 163 „Geliebte Nina, verzeihe mir, daß ich Dir nicht dieſen ſchmerzlichen Auftritt habe erſparen können.“ „Ich weiß ſehr gut, daß Du, wenn Du dem, was vorgekommen iſt, hätteſt vorbeugen können, es auch ge⸗ than haben würdeſt; aber mir war dieſe Prüfung be⸗ ſtimmt.“ Nina fuhr fort zu weinen. „Jede Deiner Thränen, Nina, brennt mir auf dem Herzen, wie ein Vorwurf; denn es iſt um meinet⸗ willen, daß Du leideſt.“ „Hugo, dieſe Stunde iſt bitter; aber ſie würde früher oder ſpäter gekommen ſein. Höre mich deßhalb ruhig an. Wir müſſen uns auf einige Zeit trennen! Unterbreche mich nicht, ſondern laſſe mich bis zum Schluß ausreden, mein Geliebter. Wenn ein Tag kommen ſollte, an welchem Du mich nicht mehr liebteſt: wenn Deine Liebe nur eine Geburt Deiner Phantaſte und nicht ein in Deinem Herzen wurzelndes Gefühl wäre, dann würdeſt Du auch eines Tages aus dieſer Illuſion erwachen, und vielleicht es ſchmerzlich empfin⸗ den, daß Du mit einer Sängerin verheirathet ſeiſt. Dieſes Erwachen würde für uns Beide entſetzlich ſein. Darum mußt Du Dein Inneres genau prüfen, wäh⸗ rend wir einige Zeit getrennt leben. Ich mache eine Reiſe nach Italien, Du bleibſt hier, ohne daß wir wäh⸗ rend dieſer Zeit auch nur Briefe mit einander wechſeln.“ „Nina, Nina! Welche entſetzliche Rache nimmſt Du an mir um meiner Mutter willen!“ rief Hugo ſchmerzlich. „Rache?— Nein, Hugo, Du kannſt nicht an ſo etwas denken, denn das Gefuhl iſt mir gänzlich fremd; .* 164 aber ich will nicht, daß ein Mißgriff uns einem lan⸗ gen und reuevollen Leben weihen ſoll. Dieß iſt mein einziger Beweggrund.“ „Und wozu eine ſolche Prüfung, die ja ganz über⸗ flüſſig iſt? Haſt Du nicht ſo viel Vertrauen zu mir, daß Du weißt, daß ich, bevor meine Lippen die Gefühle meines Herzens ausſprachen, es auch genau geprüft hatte. Glaubſt Du denn, daß ich, welcher nur immer nach meinem eigenen Gutdünken gelebt, mir auf eine Ehre etwas einbilden würde, welche nur eine ärm⸗ liche iſt und woran ich ſelbſt gar keinen Antheil habe? Oder glaubſt Du nicht, daß mein Verſtand mir ſagt, daß Du weit mehr meiner Liebe, meiner Bewunderung und meines Namens würdig biſt, als irgend ein ande⸗ res Mädchen, welches, von aufmerkſamen Eltern be— wacht, wegen Mangel an Verſuchung tugendhaft iſt. Nein, Nina, ich kann es nicht bereuen, denn in Dir habe ich ein ſo edles Weib gefunden, daß jeder Mann mit Grund ſich glücklich ſchätzen könnte, Dir ſein Leben anbieten zu dürfen. Warum denn uns eine zweckloſe Entſagung auflegen, welche uns nur lange Zeit unſeres Glückes berauben wird?“ „Ich glaube feſt und vollkommen an jedes Dei⸗ ner Worte, und darum bin ich auch ſtark. Aber aus Achtung vor Deiner Mutter müſſen wir unſ're Ver⸗ bindung verſchieben und weit von einander leben. Sie bedarf dieſer Zeit, um ſich zu beruhigen und an eine Verbindung zu gewöhnen, die ihr ſo verhaßt iſt. Du wäreſt nicht der Hugo, den ich ſo hoch liebe, wenn Du nicht ein Jahr deines Glückes um Peinet Mutter willen opfern könnteſt.“ „ 165 Noch lange ſtritten Hugo und Nina miteinander; aber ſie trug den Sieg davon. Drei Wochen darauf reisten Nina und Kapitän Ahlrot nach Italien. Ein Jahr war ſeitdem verfloſſen. Es iſt im Frühling, wo wir den Leſer wieder in das Haus der Majorin Alm einführen. Wenn man in das Entree eintritt, blickt man vergebens nach dem Namen der würdigen Dame auf dem Namensſchild. An deſſen Stelle prangt in vergoldeten Buchſtaben: Emil Lilje⸗ krona. Würde aber der Leſer nach der Majorin fragen, ſo wohnt ſie eine Treppe höher, in einer geräu⸗ migen und eleganten Wohnung. Wir unſeres Theils machen einen Beſuch im Atelier.. Thora ſaß vor ihrer Staffelei und arbeitete. Die friſche Röthe auf ihren Wangen verbreitete einen an⸗ muthigen Glanz über das Geſicht, die Augen leuchte⸗ ten voll Inſpiration und Geiſt. Auf der andern Seite des Ateliers ſaß Emil ebenfalls vor einem Gemälde; aber er malte nicht. Die Arme über die Bruſt gekreuzt, betrachtete er ſeine junge, ſchöne Frau mit einem Blick, welcher viele ein⸗ ander widerſtreitende Gefühle verrieth. Derſelbe drückte Zärtlichkeit, Bitterkeit und Neid abwechſelnd mit Be⸗ wunderung und Schmerz aus. Thora war ſo ausſchließlich von ihrer Veſchäf⸗ 166 ligung in Anſpruch genommen, daß ſie gänzlich zu vergeſſen ſchien, daß er anweſend ſei. Endlich ſtand Emil auf und trat leiſe hinter Thora und betrachtete ihre Arbeit. Ein tiefer, krampfhafter Seufzer arbeitete ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Thora fuhr zuſammen, drehte ſich um und fragte: „Iſt es Dir unwohl?“ „Nein,“ antwortete Emil trocken. „Was fehlt Dir denn, mein Freund?“ Thora ſtand auf. „Mir fehlt Alles,“ antwortete Emil mit Bitter⸗ keit,„mir fehlen Gluͤck, Frieden nnd vor allem Ehre. Du haſt Alles an Dich geriſſen und mir nichts ge⸗ laſſen.“ „Wieder dieſe Sprache, welche ich nicht verſtehe. Habe ich Dir denn mehr verſprochen als das, was ich zu erfüllen im Stande war? Ich glaub' es nicht.“ „O nein, Du haſt im Gegentheil das erfüllt, was Du nie verſprochen hatteſt. Wir ſind jetzt bald Von einer blinden, thörichten Liebe getrieben, verband ich mein Geſchick mit dem Deinigen. Ich hoffte, an Deiner Seite das höchſte irdiſche Glück zu finden; aber was habe ich denn gefunden?— Mein Unglück, mein Verderben. Ich liebte Dich bis zur Tollheit, und Du ſchenkteſt mir eine Neigung, die ſo launenvoll war, wie Dein ganzes Weſen. Ich wollte in Dir das Weib, die Gattin anbeten, fand aber ein Weſen, welches ſich von ſeinen Pflichten losgetrennt hatte, und von Selbſt⸗ 167 2 ſtändigkeit und Emancipation träumte. Wir arbei⸗ teten zuſammen; deine Bilder machten Aufſehen und wurden preisgekrönt; aber die meinigen blickte man nicht an. Du wurdeſt die Meiſterin, ich nur der Pfuſcher. Ach, Thora! begreifſt Du denn nicht mei⸗ nen Abſcheu vor einem ſolchen Leben: Von einem Weibe, von ſeiner eigenen Frau übertroffen zu werden, das iſt die höchſte Erniedrigung. Daß ich in meiner Liebe getäuſcht wurde, das hätte ich er⸗ tragen können; aber daß mein Ruf als Künſtler durch Dich gelitten hat, das verzeihe ich Dir niemals.“ „Emil, Du biſt hart und ungerecht. Vielleicht haben mich meine Anſichten über die Stellung der Frau geirrt und dieſelbe von einem viel zu erhabenen Geſichtspunkt betrachtet. Darin habe ich möglicher⸗ weiſe Unrecht gehabt; obgleich ich es noch nicht ein⸗ ſehe. Was aber unſere Beſtrebungen als Künſtler betriſſt, welche Du zum Gegenſtand eines Streites ge⸗ macht haſt, ſo iſt der Fehler gewiß nicht der meinige geweſen, es war ja Dein eigener Wunſch, daß wir uns Beide um den Preis bewerben ſollten. Warum mir die Folgen von dem vorwerfen, was Du ſelbſt vorgeſchlagen haſt? Und übrigens, was beweist denn der Umſtand, daß man mich ausgezeichnet hat? Daß die Forderungen, welche man an eine Frau ſtellt, ge⸗ ringer ſind, während ich, wäre ich ein Mann geweſen, vielleicht niemals bemerkt worden wäre. Deßhalb we⸗ der darfſt, noch kannſt Du mir zürnen.“ „Dein Bemühen, Dein eigenes Talent herabzu⸗ ſetzen, erniedrigt mich nur. Glaubſt Du denn nicht, daß ich ſelber einſehe, daß Du mir überlegen biſt? Betrachte dieſe Winterlandſchaft, die Du malſt, und diejenige, die ich in der Arbeit habe, und Du wirſt ſofort finden, wie kränkend Deine Entſchuldigungen ſind,“ erwiederte Emil heftig. Thora ſtellte ſich ſchweigend vor Emil's Bild. Sie bemerkte die großen und unverbeſſerlichen Mängel an demſelben, und ſeufzte: „Es mißlingt Dir nur deßhalb, Emil, weil Du ein Genre wählſt, welches nicht das Deinige iſt. Verlaſſe daſſelbe und werde das, wozu Dich die Natur beſtimmt hat: Porträtmaler. Siehe hier Dein Meiſterſtück,“ fügte ſie hinzu, und zog einen Vorhang zurück, welcher ein Bild verbarg. Es war ein Por⸗ trät von Thora, aber ſo ähnlich, ſo gelungen, daß man glaubte, ſie ſelbſt zu ſehen. Emil betrachtete es ſchweigend. Seine Züge wurden weich und ein zärt⸗ licher Ausdruck verdrängte für einige Augenblicke das Bittere und Unruhige in denſelben. „Thora! Es iſt ja Dein Bild, wie wäre es da möglich, daß es mir nicht gelungen wäre?“ Darauf fuhr er mit Bitterkeit fort: „Siehſt Du nicht, daß Du und immer Du es biſt, welche mir den wenigen Glanz verleiht, der mich umgibt?“ „Emil, ich werde aufhören, zu malen, wenn es eine Quelle von Leiden für Dich iſt,“ und Thora faßte jetzt freundlich die widerſtrebende Hand des Mannes. „Wozu nützt ein ſolches Opfer? Kann das aus meiner Seele das Bewußtſein entfernen, daß Du mir überlegen biſt? Kann das den Durſt nach Ruhm ſtillen, welcher mich verzehrt, deſſen Befriedigung Du 169 aber unmöglich machſt? Kann das Deine Meiſter⸗ ſtücke ungeſchehen machen? Kurz, wird das mir jetzt mehr nützen? Nein, Thora, ich bin dazu verurtheilt, in meinem Herzen den unauslöſchlichſten Neid, den bitter⸗ ſten Haß gegen Dich zu nähren, obgleich ich Dich be⸗ wundern muß als mein ſchönſtes Modell.“ Thora warf mit einer verächtlichen Bewegung den Kopf zurück. Ueber ihre Stirne glitt eine dunkle Wolke, der Blick wurde kalt und um die Lippen ſpielte ein bitteres Lächeln. „Alles das hätteſt Du bedenken ſollen, bevor Du unſere Verbindung ſchloßeſt; der Werth meiner Arbeiten war damals ſchon ſo hinreichend bekannt, daß Du es hätteſt müſſen beurtheilen können, ob Dü meinem Ta⸗ lente gewachſen ſeieſt, aber nicht unſer Leben in einen ewigen Wettſtreit verwandeln. Dein Modell bin ich nicht geweſen, und habe mich auch nicht als ſolches verheirathet.“ Thora's Ton war eiskalt. „Du warſt das Ideal meiner Träume, Du warſt dazu beſtimmt, meine Gattin zu werden; aber Du wurdeſt meine Rivalin, und biſt jetzt die Feindin mei⸗ nes Rufes. Siehe, das iſt die Rolle, die Du geſpielt, das iſt das Schickſal, welches Du mir bereitet haſt,“ antwortete Emil langſam und betonte jedes Wort.„Ich beſuche in einer Stunde die Ausſtellung und will, daß Du mich begleiteſt,“ fügte er hinzu, und ging in den angrenzenden Salon. Als Thora allein war, drückte ſie ihre beiden Hände an ihre Bruſt und dachte: ₰ „Dein Ehrg eiz hat Deine Liebe verjagt, derſelbe 17⁰ wird auch das ſchwache Band der Neigung zerreißen, welches mich an Dich gefeſſelt hat, und dann..... 4 In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre zum Atelier und ein junger Mann, welcher in einen eleganten Mantel gekleidet war, trat ein. „Komme ich ungelegen? Störe ich Eure Gna— den?“ fragte der Eintretende. „Durchaus nicht, Herr Baron! Aber bleiben Sie vor allen Dingen einen Augenblick ſtill ſtehen, ich muß Ihren Mantel zeichnen; derfelbe iſt vortrefflich drapirt,“ ſagte Thora lachend. Mit einigen flüchtigen Strichen brachte ſie den ganzen Mantel auf's Papier. Als dieß geſchehen war, fragte ſie: „Was führt den Herrn Baron heute hierher?“ „Ihre Weigerung geſtern gegen mich bei der Ma⸗ jorin, den morgigen Ball bei Oberſt Kſtjerna zu be⸗ ſuchen. Warum wird meine Tante nicht die Ehre ha⸗ ben, Sie zu ſehen? Sie hatten doch verſprochen, zu kom⸗ men. Ich könnte nicht leben, ohne mich zu vergewiſſern, daß Ihre Weigerung nur ein Scherz ſei.“ „Ich war zwar geſtern entſchloſſen, den Ball nicht zu beſuchen, aber ich habe mich eines anderen beſonnen, und werde mich einfinden. Entſchuldigen Sie, Herr Baron, daß ich mich jetzt anziehen muß, um mit mei⸗ nem Manne die Ausſtellung zu beſuchen.“ „Auch ich beabſichtige, dorthin zu gehen. Eure Gnaden werden mir doch morgen den erſten Walzer gönnen?“ Der Baron ergriff Thora's Hand und führte ſie an ſeine Lippen. „Gern! Leben Sie wohl, Herr Baron.“ 171 Thora zog ihre Hand zurück, und der Baron ent⸗ fernte ſich. Als Thora ſich in ihr Toilettenzimmer begab, dachte ſie: „Das Schickſal hat alſo beſchloſſen, daß ich mein Leben in dieſen geiſtesarmen gaukleriſchen Träumen dahinſchleppen muß, um meinen Erinnerungen und mei⸗ ner Heimath zu entfliehen. O Arxel! zu welchem trau⸗ rigem Loos haſt Du mich nicht verurtheilt? Und ich ſelbſt, ich arme Thörin, welche die aufrichtige Reigung Heinrich's um des Traumbildes der Selbſtſtändigkeit willen von mir ſtieß, während ich ganz und gar ver⸗ gaß, daß die Frau niemals Frieden finden kann, wenn ſie mit ihrem eigenen Manne wetteifert. Nachdem ich jetzt um meine Liebe, um meine Ehe betrogen worden bin, was bleibt mir denn jetzt übrig?“ Diejenigen Zimmer in Prinz Guſtav's Palaſt, welche für die Ausſtellung geöffnet waren, wimmelten von Leuten. Beſonders zogen zwei hiſtoriſche Ge⸗ mälde die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Eine Gruppe von Perſoneu hatte ſich vor denſelben verſam⸗ melt, als Emil und Thora eintraten; er näherte ſich der Gruppe, obgleich Thora ihn bat, nicht hinzugehen und ſie beide der Gefahr auszuſetzen, ein unſanftes Ur⸗ cheil über ihre eigenen Arbeiten hören zu müſſen.“ „Liljekrona's Bild iſt nicht ohne Verdienſt; aber neben dem von ſeiner Frau verſchwindet es gänzlich und hat keinen Werth,“ bemerkte einer der Zuſchauer. „Es iſt ein lächerlicher Egoismus von ihm, wel⸗ chen nur ein mittelmäßiges Talent beſitzt, ſeine Arbeit in eine Reihe mit der ihrigen ſtellen zu wollen Er müßte doch einſehen können, daß er ihr gegenüber eine untergeordnete Stelle einnimmt,“ ſagte ein Anderer. „Er iſt ein Narr, daß er auch nur den Verſuch macht, mit ihr zu wetteifern,“ ließ ſich ein Dritter ver⸗ nehmen.„Und übrigens, meine Herren, wer weiß, ob nicht die Frau ſeiner Pfuſcherei noch gehörig nach⸗ geholfen hat; denn bevor ſie Liljekrona zum Manne nahm, hörte man niemals von ihm als Künſtler ſpre⸗ chen. Das iſt mehr als wahrſcheinlich. Von dieſem künſtleriſchen Paare kann man alſo ſagen: Daß ſie ihn, und nicht er ſie genommen hat. Denn in Beziehung auf Geiſt, Talent und Fähigkeiten ſteht ſie weit über ihm,“ bemerkte ein kleiner Herr, welcher Emil ganz nahe ſtand. Es wäre unmöglich, den wechſelnden Ausdruck in Emil's Geſicht zu ſchildern. Mit krampfhafter Heftig⸗ keit drückte er Thora's Arm und flüſterte: „Hörſt Du? Komm, ich will fort von hier.“ Beim Ausgehen begegneten ſie dem Baron Lin⸗ den, demſelben, welcher kurz vorher Thora in ihrem Atelier beſucht hatte. Er grüßte. „Wollen der Herr Baron die Güte haben, meine Frau zu begleiten? Ein plötzhliches Unwohlſein zwingt mich, ſie für kurze Zeit zu verlaſſen,“ ſagte Emil in aufgeregtem Tone. „Mein Freund, ich begleite Dich und enthebe den — — 173 Herrn Baron der Mühe, mein Begleiter zu ſein,“ ant⸗ wortete Thora. „Mein Wu nſch iſt, daß Du hier bleibſt,“ fiel Emil in einem faſt befehlenden Tone ein. Thora wandte ſich langſam gegen den Baron, ſie heftete dabei einen ſo ſchmerzvollen Blick auf ihren Mann, daß derſelbe Emil eine Sekunde zurückhielt; dar⸗ auf ſtürzte er aber hinaus. Als er verſchwunden war, ſprach Thora zum Baron; „Haben Sie die Güte, mich nach Haufe zu be⸗ gleiten?“ „ „Aber, meine Gnädige, wir haben heute die letzte Ausſtellung; es wäre doch Schade, wenn Sie dieſelbe verſäumten. Gönnen Sie mir das Glück, während einer Stunde Ihr Cavalier ſein zu dürfen.“ „Heute nicht, aber morgen auf dem Ball.“ Thora nähe Binnen wer rte ſich der Thüre mit raſchen Schritten. igen Stundenſtand ſieinihrem Hausein⸗ gang, wo ſie den Baron dankend verabſchiedete. Leicht wie ein Geiſt ſchlich ſie in's Atelier, wo ſie ihren Mann vor ihrem Porträt ſtehend fand. Leiſe legte Thora ihre Hand auf ſeine Schulter. Emil wandte ſein bleiches, ent ſtelltes Geſicht gegen ſie um. „Was willſt Du? Iſt es Deine Abſicht, mich zu verfolgen und zu verhöhnen, um ſogar in meiner Ein⸗ ſamkeit die Triumphe zu feiern, welche Du auf meine Koſten genoſſen Lächeln. „O nein, i zu theilen...... haſt?“ fragte Emil mit einem bittern ch komme, um als Freundin mit Dir „Meine Freude!“ fiel Emil hohnlachend ein.„Ach, ich begreife vollkommen Deine edle Theilnahme. Du ſagteſt ja, daß dieſes Bild mein Meiſterſtück ſei?“ Emil deutete auf Thora's Porträt. „Daſſelbe wiederhole ich noch! Gewiß hätte das Publikum Deinem wirklichen Talente Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, wenn Du das Bild auf die Ausſtellung gebracht.“—„Willſt Du von mir hören, was man dann geſagt haben würde? Man hätte es natürlich gefun⸗ den, daß es mir gelungen ſei, weil dieſe ſchönen Züge die Deinigen ſind. Ich will nicht einem Weibe, und am allerwenigſten einem ſolchen Weibe wie Du, irgend einen Dank ſchuldig ſein, und darum mache ich es jetzt mit meinem Meiſterwerke ſo,“ ſchrie Emil und ſchlug in demſelben Augenblick mit der ge⸗ ballten Fauſt ſo heftig gegen das Bild, daß die Lein⸗ wand zerſprang. „Mein Gott, Emil! was thuſt Du?“ rief Thora, indem ſie ſich zwiſchen ihn und das Bild warf. „Ich mache dieſem verhaßten Bilde und dem Zauber ein Ende, welcher mich noch heute an Dich feſ⸗ ſelte. Ol das iſt mehr, als ein Mann ertragen kann, um einer ehrgeizigen Frau willen ſo gekränkt und beſchimpft zu werden. Dieſer elende Haufen, welcher Dich blind bewundert, und von Deinen lumpigen Bildern entzückt wird, weiß nicht, daß ich mich mit einem Weibe verheirathet habe, welches, nachdem es zwei Gatten von einander getrennt, aus Liebe zu einem verheiratheten Manne wahnſinnig geworden iſt.“ Ein Ausruf grenzenloſen Schmerzes entſchlüpfte Thora und ſie ſtürzte aus dem Zimmer heraus. Emil hatte die immer blutende Wunde ihres Herzens ge⸗ troffen. „Ich bin doch ein elender Menſch, daß ich mich auf eine ſolche Weiſe räche,“ dachte Emil, als er allein daſtand und wieder zur Beſinnung gekom⸗ men war. Thora hielt ſich den ganzen Tag auf ihrem Zimmer eingeſchloſſen. Als Emil am folgenden Morgen in ihr Atelier eintrat, ſaß Thora bereits dort und malte. Sie war bleich wie Marmor; aber auch ruhig und kalt wie dieſer. „Verzeihe mir, Thora, duß ich, von meinem Schmerze hingeriſſen, Dich ſo tief verletzte,“ ſprach Emil und ergriff ihre Hand. „Du haſt nichts abzubitten. Du ſprachſt nur eine Wahrheit aus! Das war alles.“ „Deine kalte Sprache bringt mich zur Verzweif⸗ lung. O! wenn Du wüßteſt, was ich leide, dann würdeſt Du mich beklagenswerth finden.“ „Lieber Emil, laß uns nicht davon ſprechen. Ich weiß, daß Du von Deinem unbefriedigten Ehrgeize viel leideſt und leiden wirſt;— dem iſt nicht mehr zu helfen.— Begleiteſt Du mich heute Abend auf *ſtjernas Ball?“ „Nein, ich würde doch nur mitleidigen Blicken begegnen, welche Deine Vorzüge hervorrufen.— Statt deſſen gedenle ich unſerm gemeinſchaftlichen Leiden ein Ende zu machen.— Ich weiß jetzt, was mir fehlt; es iſt Schule; darum trete ich am Donnerſtag eine Reiſe nach Italien an, und werde eifrig arbeiten und ſtudiren, um mich zu einem ausgezeichneten Künſtler auszubilden. Als ein ſolcher kehre ich ſpäter nach Hauſe zurück, um Freude und Ruhm zu erndten. Ich werde dadurch wenigſtens Deines Gleichen, und brauche nicht, wie jetzt, zu Dir hinauf zu blicken: was immer in einer Ehe ein Unglück iſt, wo die Frau in dem Manne ein überlegenes Weſen beſitzen ſollte.“ „Du willſt mich alſo nicht einmal mit Dir haben?“ „Deine Gegenwart wird mich nur ſtören, und mich an Deinen Erfolg und an meine Nieder⸗ lage erinnern.— Außerdem, liebe Thora, was bin ich denn für eine ſo ſelbſtſtändige und von allen häuslichen Pflichten emancipirte Frau, wie Du biſt?“ „Emil, Du biſt der Mann, deſſen Namen ich trage, deſſen aufrichtige Freundin ich immer hatte ſein wollen.— Du könnteſt etwas mehr ſein, aber Du willſt es nicht.— Nun gut, reiſe und werde glücklich; ich denke nicht daran, Dich daran zu hin⸗ dern, oder Dich zu begleiten.“ Es lag in Thora's Ton ein Anſtrich von Bit— terkeit.— Es that ihr leid, daß ſie ſo gar nichts für ihren Mann ſei, und ſie erkannte mit Schmerzen, obgleich zu ſpät, daß ſie viel glücklicher geweſen wäre, wenn ſie ſich auf die ſchönſte und edelſte Beſtimmung eines Weibes, auf die nämlich, eine zärtliche Gattin zu ſein, beſchränkt, und nicht auf eine Selbſtſtändig⸗ keit Anſpruch gemacht hätte, welche die Natur ſelbſt ihr verweigert zu haben ſchien. 177 Warum träumen die Frauen von Emancipa⸗ tion, welche ihnen ihre ſchönſten Eigenſchaften als Gattinen und Mütter rauben würde? Haben ſie denn nicht in dieſen Verhältniſſen Gelegenheit genug zu einer reichen und edlen Wirkſamkeit? Kann denn das Weib der Nachwelt ſchöner dargeſtellt werden, als durch das Ideal der Mutterliebe, wovon Raphael uns in ſeiner Madonna ein ſo ausdrucksvolles Bild gegeben? Gewiß wird es ſich niemals mit Schwert, Feder oder Bleiſtift einen ehrenhafteren Ruf erwerben. denn es iſt als Amazone, Dichterin oder Künſtlerin doch nicht das, wozu eine höhere Macht es be⸗ ſtimmt hat. Oberſt Fſtjerna's Haus war feſtlich eingerichtet und vor dem Thore drängte ſich eine Menge Equi⸗ pagen, welche Ballgäſte dorthin brachten. Das Entree war mit Dienerſchaft angefüllt und die Zimmer wim⸗ meiten von eleganten Damen und parfümirten Ca⸗ valieren. Im erſten Salon befand ſich Baron von Linden in einem Geſpräch begriffen mit einigen andern Löwen des Tages. „Weißt Du, Bruder Linden, ob Frau Liljekrona kommt?“ fragte ein ſchmächtiger Kammerjunker. „Ganz ſicher!— Ich habe ihr Verſprechen,“ Schwartz, Die Leidenſchaſten. antwortete der Baron mit einem bedeutungsvollen Lächeln. „Man wird ſehen, daß Linden uns Andern das Herz der ſchönen Dame wegfiſcht,“ fiel ein junger Lieutenant ein. „Bah, da verſchießt er ſein Pulver vergebens,“ ſprach ein junger Mann mit keckem und ſtolzem Blick.— „Sei nicht gar zu ſicher, mein Bruder,“ fuhr der Baron fort.„Mein geringes Aeußere iſt derge⸗ ſtalt nach ihrem Geſchmack, daß ſie mich porträtirt hat;— ich habe ſie nur deshalb überredet hieherzu⸗ kommen, weil ſie bereits beſchloſſen hatte, es nicht zu thun.— Geſtern war ich ihr Cavalier auf der Ausſtellung und heute Abend tanze ich den erſten Tanz mit ihr.“ Der Baron blickte die Umſtehenden mit ſelbſtzu⸗ friedener Miene an. „Er iſt ein Teufel in ſeinem Glück bei Damen,“ bemerkte der Lieutenant. „Geſchwätz— eine ſo ſchöne und geiſtreiche Frau, wie Frau Liljekrona verliebt ſich nicht in Lin⸗ den,“ verſicherte der Herr mit dem kecken Blick. „Stille, da haben wir ſie! ich habe niemals ein ſchöneres Weſen geſehen!“ betheuerte der Kammer⸗ junker.— „Der Mann iſt nicht mit,“ flüſterte der Baron; „ſie iſt eben ſo ſchlau, wie hübſch.“ Thora war wirklich blendend ſchön. Mit einem weißen Atlaskleide, mit weißen Spitzen und mit einer Garnitur von Juwelen angethan, während das üppige 0 ſchwarze Haar in reichen Locken herabfiel und nur mit einer rothen Granatblume geziert war, glich ſie einer idealen Erſcheinung aus dem Reiche der Dich⸗ tung. Sie wurde von Doktor Adler begleitet. Der erſte Walzer war zu Ende und Thora ſaß von Cavalieren umringt, welche ſie mit Einladungen zum Tanze beſtürmten, als der Baron plötzlich fragte: „Haben Euer Gnaden bereits bemerkt, daß mein Onkel heute Abend durch die Anweſenheit eines aus⸗ gezeichneten Fremden geehrt wird?“ „Der Name ſolcher Seltenheiten ſollte gleich einem Programme mit der Einladungskarte folgen. Es iſt vermuthlich ein grundgelehrter Profeſſor von irgend einer deutſchen Univerſität, deſſen Ruf dadurch gewinnt, daß man ihn nicht zu ſehen bekommt,“ ant⸗ wortete Thora lachend. „Mit dem, von welchem hier die Rede iſt, glaube ich, daß daß Verhältniß ein ganz entgegen⸗ geſetztes iſt.“ „Sie wollen alſo behaupten, daß der gelehrte Profeſſor ein nettes Aeußere hat. Erlauben Sie mir doch, daß ich an Ihren Worten zweifle. Vor meiner Phantaſie ſchwebt ſchon etwas à lw Kant.“ Alle Umſtehenden und der Baron fragten, ob er die Ehre haben dürfte, die muthmaßliche Copie von Kant vorzuſtellen. „Unendlich gern, meine Neugierde iſt aufs Höchſte geſpannt!“ verſicherte Thora. „Wenn Euer Gnaden die Augen aufſchlagen, ſo ſteht er ſchon in der Thüre gegenüber und be⸗ trachtet Sie mit Blicken, welche beweiſen, daß die 180 Schönheit auch auf ihn einen lebhaften Eindruck macht,“ fiel der Kammerjunker ein. Thora blickte auf und begegnete den Augen des Fremden.— Jeder Blutstropfen ſchwand aus ihren Wangen und ein nervöſes Zittern ſchüttelte ihre Glieder; das Herz hörte auf zu klopfen und gleich einer ſteinernen Bildſäule ſtand Thora da, ihren Blick feſt auf ihn geheftet. Langſam ging er auf ſie zu und ſtand bald an Baron Lindens Seite.— Ganz inſtinktmäßig und ohne zu wiſſen, was ſie that, ſtand Thora auf und führte, verwirrt ausſehend, die Hand an ihren Kopf. Der Baron präſentirte: „Frau Liljekrona und— Oberſt Heyſe!“ Ob Thora ſeine Worte hörte oder nicht, wiſſen wir nicht; denn in demſelben Augenblick ſank ſie ohnmächtig in den Chaiſelong. Ohne an die Umſtehenden zu denken, eilte der Oberſt zu ihr hin, hob ſie in die Höhe und trug ſie nach einem angrenzenden Kabinet, indem er nur fol⸗ gende Worte ſprach: „Schaffen Sie einen Arzt her, meine Herrn!“ „Frau Liljekrona iſt krank geworden!“ ertönte es von allen Lippen, und' einen Augenblick darauf ſtand Heinrich zugleich mit der Obriſtin ſtjerna an ihrer Seite. Mit einer ſtummen Verbeugung verließ der Oberſt das Kabinet. Im Salon plagte man ſich damit, das plötzliche Unwohlſein von Thora beim Anblick des Oberſten zu errathen. 181 Indeſſen ſchickte Heinrich nach einem Wagen und ließ Thora nach Hauſe führen. Die ganze Nacht jagte ein ſtarkes Fieber das Blut mit geſteigerter Raſchheit durch Thora's Adern und verſcheuchte den Schlaf von ihren Augen. Arels Bild und die Erinnerung an ihr unvermuthe⸗ tes Zuſammentreffen riefen alle ſtürmiſchen Gefühle in ihr wach. „Er liebt mich noch!“ ſagte ſie während der Fieberphantaſie zu ſich ſelber;„ich las es in ſeinen Augen!— O, Gott! Wie ſoll ich einer Schwäche entfliehen, welche eine Erniedrigung in ſich ſchließt?“ Am nächſten Morgen war das Fieber noch ſtärker. Thora wünſchte eine Unterredung mit ihrem Manne; er war aber bereits ausgegangen. Schweigend und bekümmert ſaß die Majorin an Thora's Krankenbett. Manche unbemerkte, aber bit⸗ tere Thräne rollte über ihre Wangen hinab, während ſie die lieben, aber von inneren Leiden und ſtarkem Fieber angegriffenen Geſichtszüge Thora's betrachtete. Heinrich beſuchte die Kranke und verſchrieb ihr ein beruhigendes Mittel. „Haſt Du Emil geſehen?“ fragte Thora. „Nein,“ antwortete Heinrich lakoniſch; aber es lag etwas Ausweichendes in ſeinem Tone, welches nicht das Gepräge der Wahrheit an ſich trug. 182 Erſt um die Mittagszeit trat Emil in Reiſeklei⸗ dern eu ſeiner kranken Frau herein. „Es war recht unangenehm, Thora, daß Du Dich geſtern erkälteteſt, beſonders da ich gezwungen bin, abzureiſen; aber Du biſt in ſo guten Händen— in denen der Tante und des Heinrich— daß Du mich gewiß nicht vermiſſen wirſt,“ ſprach Emil und küßte Thora auf die Stirne. „Emil, Du reiſeſt doch jetzt nicht von mir fort, wo ich krank bin?“ rief Thora angſtvoll. zOtgleic ungern, ſo muß ich es doch; denn das Billet iſt gekauft und meine Sachen an Bord; das Schiff geht in einer halben Stunde ab.“ „Iſt es denn möglich, daß Du daran denſſt, von Deiner kranken Frau fortzureiſen?“ fiel die Majorin ein. „Thora's Krankheit, beſte Tante, iſt ein vorüber⸗ gehendes katarrhaliſches Fieber. Darum leb wohl, meine geliebte Thora!— Werde bald geſund und amuſire Dich dann recht gut. Von Yſtadt aus ſchreibe ich Dir,“ ſagte der unbeſonnene Ehemann, welcher jetzt nur von ſeinem unbefriedigten Ehrgeize beherrſcht wurde. Ein ſchmerzliches Lächeln glitt über Thora's Lippen, als er ſie küßte. Sie ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und flüſterte mit ſichtbarer An⸗ ſtrengung: „Du weißt wahrſcheinlich nicht, daß Axel in Stockholm iſt und daß ich geſtern mit ihm bei Oberſt ſtjerna's zuſammengetroffen bin.“ S— 183 „Heinrich hat mir dieſen Morgen etwas Der⸗ artiges geſagt,“ antwortet Emil leicht erröthend. „O, mein Gott! Du reiſeſt doch von mir fort? Du warteſt nicht, und läſſeſt mich Dich nicht be⸗ gleiten?“ Thorn ſchaute beſtürzt in den kalten Blick des Mannes. „Ich habe volles Vertrauen zu Deinem hervor⸗ ragenden Verſtande und zu Deinem Ehrgefühl, welche auch in meiner Abweſenheit Dir ſagen müſſen, was Deine Pflicht Dir gebietet,“ und damit ſtand er auf. Thora ließ ihren Arm herabſinken und hielt ihn nicht mehr zurück. „Du beträgſt Dich ſowohl herzlos als leicht⸗ ſinnig,“ ſagte die Majorin und zog ihre Hans zurück, welche Emil ergreifen wollte. „Ich vertraue ja Thora der umſichtigen Pflege der Tante an,“ antwortete Emil mit einem höhni⸗ ſchen Anſtrich und entfernte ſich. Thora verfiel in ein heftiges, faſt krampfhaftes Weinen. Etwas über eine Woche war verfloſſen und Thora noch nicht hergeſtellt. Heinrich und ſie ſaßen zuſammen im Boudoir und unterhielten ſich lebhaft. „Du willſt alſo nicht meinem Rathe folgen, auf's Land zu gehen, und auch nicht mir das Ver⸗ 184 ſprechen geben, ihn unter keiner Bedingung in Deinem Hauſe zu empfangen?“ ſprach Heinrich. „Wozu würde das nützen? Wo ich auch hin⸗ reiſen möchte, würde er mich aufſuchen, falls es ſeine Abſicht iſt, mich zu ſehen.— Ein Verſprechen, das ich heute gäbe, würde ich morgen brechen.— Lieber Heinrich, mein Leben iſt ein für allemal verloren, und was hat es denn zu bedeuten, ob ich einen Tag früher oder ſpäter von dem Schickſal erreicht werde, das mir beſtimmt iſt? Hätte Emil mich nicht rück⸗ ſichtslos in dem Augenblick verlaſſen, wo er ſah, daß mir eine Gefahr drohte, welche zu bekämpfen mein ſchwaches Herz nicht die Kraft hat, dann würde ich mich zu ihm geflüchtet haben, als zu meiner Stütze, zu meiner Schutzwehr; aber jetzt....“ „Jetzt gedenkſt Du jenen Mann wieder zu ſehen, welcher in ſeinem infernaliſchen Cgoismus mit Deinem Herzen ſein Spiel getrieben, und Dich betrogen hat.“ „Ich denke weder daran, ihn zu ſuchen, noch ihn zu fliehen; möge der Zufall mein Schickſal entſcheiden, merke Dir, Heinrich. Er liebt mich noch; aber Emil — verabſcheut mich ſowohl wie— das Band, welches uns mit einander verbindet.“ „Aber doch haſt Du ihn aus freier Wahl vor⸗ gezogen, und ſelbſt dieſes Band geknüpft, welches jetzt nicht mehr gelöst werden kann; darfſt Du denn Deine Schwüre mit Füßen treten, und Pflicht und Ehre verrathen?“ „Ich verrathe nicht meinen Mann, weil ich da bleibe, wo er mich gelaſſen hat.— Fragte er nach mir und ſeinen eigenen Pflichten, als er von einer 185 kranken und leidenden Frau fortreiſte?— Willſt Du vielleicht behaupten, daß ich es allein bin, welche Ver⸗ pflichtungen gegen ihn, er aber nicht gegen mich, zu erfüllen hat.— Er hat erſt die ſeinigen vergeſſen, und ich— bin ihm nichts ſchuldig.“ „O Thora! warum beſitze ich nicht das Recht, Dich gegen Dein eigenes Herz zu beſchützen? „Jetzt ſind meine Rathſchläge und Warnungen unzureichend, und,— meine Hingebung in Deinen Augen ſo wenig werth, daß Du keine Rückſicht darauf nimmſt.“ Es lag in Heinrichs Stimme ein Ausdruck des Schmerzes. Er ſtand auf, um zu gehen. „Spreche nicht ſo, Heinrich; denn wie ich auch bandeln möge, ſo werde ich mich doch niemals Deiner Freundſchaft unwürdig machen,“ ſprach Thora und. reichte ihm die Hand. „Dank für dieſes Gelübde,“ antwortete Heinrich, und beugte ſich über die kleine, bildſchöne Hand, welche er in der ſeinigen hielt. Als aber ſeine Augen auf dieſelben fielen, ſtrömte ihm das Blut zum Herzen, und vermehrte den Pulsſchlag;— Er ließ ſie los, und ſtand mit Anſtrengung auf.— Heinrich fühlte da⸗ bei die ganze Gefahr dieſes vertraulichen Geſprächs mit ihr, welche er ſo hoch und ſo heiß liebte. „Leb wohl, ich muß Dich verlaſſen,“ ſagte er in einem Tone, der viel zu kalt war, um natürlich zü ſei „Haſt Du Briefe von Nina gehabt?— Wann kommt ſie nach Hauſe?“ rief Thora ihm nach, als er in der Thüre ſtand. 186 „Ende Juli reiſt ſie von Rom ab,“ antwortete Heinrich, ohne Thora anzublicken. „Du trinkſt wohl Thee bei mir heute Abend?“ „Ich weiß es nicht gewiß, ob meine Zeit es mir erlaubt.“ Damit ging Heinrich. Ein paar Stunden darauf kam die Kammer⸗ jungfer mit einer Viſitenkarte, und übergab ſie Thora mit folgenden Worten: „Der Herr wartet ſelbſt auf die Antwort, Euer Gnaden.“ Auf der Karte ſtand: Oberſt Heyſer und in einer der Ecken in franzöſiſcher Sprache mit Blei⸗ ſtift geſchrieben: Gönne ihm einen Augenblick! Thora's ganzer Körper zitterte, und die Wangen nahmen eine höhere Röthe an. Sie hielt die Karte ſchweigend in der Hand. „Derſelbe Herr hat ſich jeden Tag nach dem Befinden Eurer Gnaden erkundigt,“ erdreiſtete ſich die Kammerjungfer zu ſagen, als ihre Herrin Brze einer Antwort verlegen zu ſein ſchien. Bei dieſen Worten fuhr Thora zuſammen, watf einen ſcharfen Blick auf das Mädchen, und ant⸗ wortete: „Sage dem Herrn Oberſten, daß ich nicht die Ehre haben kann, ihn zu empfangen.“ 187 Liſette wandte ſich um, und ging, ſicht⸗ lich unzufrieden. Als Thora allein war, ſtand ſie 3 ſtrich die Locken mit einem unendlich leidenden Ausdruck von der Stirne, und führte dann die Hand heftig an das Herz. Einen Augenblick blieb ſie ſo ſtehen; ſank aber dain in's Sopha zurück, ſchloß die Augen, und ſtützte ihren Kopf gegen die Sophalehne. Ueber die bleichen Wangen floßen Thränen, ohne daß eine einzige Muskel des Geſichts ſich be⸗ wegte, oder irgend ein Seufzer ihre Bruſt hob. So vergin eine ziemliche Zeit. Der Thürvorhang zum Vorgemach wurde vor⸗ ſichtig bei Seite geſchoben, und ein junger Mann von ungefähr 30 Jahren, und ganz ſchwarz gekleidet, ſtand auf der Schwelle. Er ließ den Vorhang hinter ſich herunterfallen, und blieb mit über die Bruſt ge— kreuzten Armen ſtehen, indem er aufgeregt Thora betrachtete. Es waren vier Jahre her, ſeit er ſie geſehen hatte; ſie war aber ſchöner, als früher. Je länger er Thora anſah, deſto heftiger klopfte ſein Herz und deſto mehr flammte das Feuer in ſeinen Blicken. Endlich arbeitete ſich ein Seufzer aus ſeiner Bruſt hervor. Als Thora denſelben hörte, blickte ſie auf. Wie von einer Schlange gebiſſen, ſtand ſie bei ſeinem Anblick haſtig auf und blieb ſtehen. Die Hand ver⸗ blieb noch feſt gegen das Herz gedrückt. Beide ſchwiegen. Thora's Augen lächelten nicht mehr voll Liebe und Unſchuld, ſondern es brannte in denſelben ein 188 düſteres Feuer, welches das Herzklopfen Axels ver⸗ mehrte, und rief noch einen leidenſchaftlichen Seufzer hervor. Thora ſah vor ſich denjenigen Axel, den ſie ausſchließlich geliebt, ebenſo männlich ſchön, aber von dem Glanze umgeben, welchen ein durch Tapferkeit ausgezeichneter Name verbreitet; und auch ſie ſeufzte unwillkürlich. Axel brach zuerſt das Schweigen und ſprach: „Thora! Warum willſt Du mir auf eine ſo grauſame Weiſe eine Unterredung verweigern, nach⸗ dem Du Deinem Schwure untreu geworden und mich ſo unglücklich gemacht haſt? Erinnerſt Du Dich Deiner Worte: Dir oder Niemanden werde ich ge⸗ hören. Wie haſt Du ſie gehalten?“ „Ja, zu gut erinnere ich mich jener Worte, welche zu dem geſprochen wurden, deſſen Verſpre⸗ chungen ich blind vertraute; aber, Herr Oberſt, ich kaufte mich frei von dieſem Gelübde mit dem Verluſt meines Verſtandes!“ antwortete Thora mit einem Blick voll Schmerz und Stolz. „Derjenige, gnädige Frau, welcher einſt ſchwur, daß Thora ſeine Gattin werden follte, ſteht jetzt hier, um ſein Verſprechen zu halten.— Einſt ſchrieb ich: frei— oder niemals wirſt Du mich wieder ſehen. Nun gut, mein Anzug muß Thora ſagen, daß ich Wort gehalten.“ „Frei?“ wiederholte Thora, ſprang auf ihn zu und ergriff ſeinen Arm.„Frei?“ wiederholte ſie in herzzerreißendem Tone.„Nein, Du betrügſt 189 mich wieder,“ fügte ſie hinzu und ließ ſeinen Arm zugleich los. „Nein, meine Thora, nein, meine geliebte Gattin, nein!“ rief Arel leidenſchaftlich, ſchlang ſeinen Arm um Thora's Leib und drückte ſie an ſein heftig pochendes Herz.„Ich bin frei, frei wie der Vogel in der Luft, und Du biſt jetzt die Meinige; die Meinige, wenn auch alle Mächte des Himmels und der Hölle ſich zwiſchen uns ſtellen würden, Du biſt...“ „Verheirathet!“ antwortete Thora und riß ſich von ihm los. „Ich bin verheirathet, ſagteſt Du mir einmal und mir brach dabei das Herz.— Jetzt bin ich es, welche dieſe Worte gleich einer Scheidewand zwiſchen uns hinſtellt.“ „Du würdeſt alſo jenen Mann lieben, welcher Dich ſo gleichgiltig verlaſſen hat?“ Arxel erbleichte vor Eiferſucht. „Ich liebe Niemanden.— Ich bin um Alles und — von Allen betrogen worden.“ Der Ton war eiskalt. „Thora, es iſt nicht ſo!— In demſelben Augen⸗ blick, in welchem Du aufhörſt, zu lieben, würde auch Dein Herz aufhören, zu ſchlagen.— Deine Augen reden eine wahrere Sprache, als Deine Lippen. Ich habe in ihnen geleſen, daß Du mich noch ebenſo heiß liebſt, wie ehemals.“ Während Axel ſo ſprach, heftete er ſeine Augen auf ſie; Thora wandte ſich aber heftig weg von ihm und eilte nach der Kabinetsthüre. 190 Arel ſtürzte ihr nach und ergriff mit einem unendlich ſchmerzlichen Ausdruck ihre Hand. „O, nehme Deine Worte zurück und glaube nicht, daß ich mich durch dieſelben irre leiten laſſe. Eine Liebe wie die meinige iſt unerſchütterlich; ſie ſtirbt nie, ſondern kann nur in Haß übergehen. Thora! lege Deine Hand auf mein treues Herz und zähle deſſen Schläge. Es hat von dem Tage an, an wel⸗ chem ich Dich zum erſten Male ſah, ausſchließlich für Dich geſchlagen. Im Wachen oder im Traume, in Europa oder in Afrika, überall trug ich Dein Bild und meine alles Andere verdrängende Liebe mit mir. Sage, kannſt Du noch die Deinige verläugnen? Sei, ich bitte Dich darum, wahr!— Laß mich nach ſo vieler Jahre Treue und nach ſo raſenden Leiden zu Deinen Füßen die Worte hören, welche alle die Qualen verwiſchen werden, die ich ausge⸗ ſtanden habe. O! einen Blick, ein einziges Zeichen des Mitleids zum Troſt für den marternden Gedanken, der mir faſt den Verſtand geraubt hat; der Gedanke, daß Du, der theuerſte Schatz meines Lebens, einem Andern gehörſt.“— Arel hatte Thora's Hände ergriffen und kniete zu ihren Füßen. Arme Thora! Du warſt einem ſolchen Kampfe nicht gewachſen. In ſeinen Anblick verſunken ſtand Thora da. Alle Vorſätze, ſich wegen des Böſen, das er gethan, an ihm zu rächen, wankten und nur die Liebe blieb zurück, um ihr Herz zu erfüllen. Zur Antwort auf ſeine Bitten beugte Thora ſich unwill⸗ kürlich herab und drückte ihre Lippen auf ſeine Stirne. 191 Bevor er es aber verhindern konnte, war ſie durch die Thüre des Kabinets verſchwunden und hatte die— ſelbe hinter ſich verſchloſſen. Dieſes geſchah ſo plötzlich, daß Axel mit ſammt ſeiner Beſtürzung ſich allein auf der Schwelle knieend befand. Er küßte das Schloß und ſprach ſo laut, daß Thora es hören konnte: „Dank, ewig Dank, angebeteter Engel!“ Darauf verließ er das Zimmer. In ein Sopha hingeſunken, lauſchte Thora mit zurückgehaltenem Athem den Worten Azels und dem Schalle ſeiner Tritte. Als ſie nachher verhallten, brach Thora in ein heftiges Weinen aus. Sie rief ihn bei den zärtlichſten Namen.— Sie drückte ihre glühende Stirne gegen die Sophalehne und wieder⸗ holte unter Freude und Schmerz ſeine Worte. So verging die Zeit. Gegen Abend ließ ſie ſich anziehen. Es war an einem jener Tage, an welchen, einem Uebereinkommen gemäß, einige Freunde ſich bei Thora zu verſammeln pflegten. Als Liſette die letzte Hand an ihre Toilette legte wandte ſich Thora an ſie und fragte: „Wie konnteſt Du es wagen, den Oberſten her⸗ einzulaſſen, nachdem ich erklärt hatte, ihn nicht em⸗ pfangen zu wollen?“ 192 „Eure Gnaden, ich war gänzlich unſchuldig; ich leiſtete lange Wiederſtand, aber endlich ſchob er mich bei Seite und drang mit Gewalt ein.“ „So—07“ Thora blickte dabei gedankenvoll in den Spiegel und hatte keinen Muth das Mädchen zu ſchelten, ſondern fügte hinzu:„aber laſſe ſo etwas nicht ein andermal paſſiren,“ und damit ging ſie hinaus in den Salon. Liſette lächelte vor ſich hin und dachte: meine zehn Reichsthaler waren leicht verdient; ich werde es nicht verſäumen, mir noch zehn zu verſchaffen; ich ſah es Ihre Gnaden an, obgleich ſie ſich natürlich unzufrieden ſtellte. Es hat keine Gefahr, ſie war durchaus nicht böſe.— Nun, davon ſage ich auch nichts, denn hübſch war er.— Wollen mal ſehen, ob er nicht heute Abend hieherkommt.... Arel hatte Thora bereits in ein zweideutiges Licht geſtellt und vor ihrer Dienerſchaft einen ſchlim⸗ men Schatten auf ſie geworfen. Es fanden ſich bald einige Bekannte ein; aber Arel erſchien noch nicht; man ſprach von Thora's plötzlicher Krankheit auf dem Balle, von Emil's Ab⸗ reiſe u. ſ. w. Baron Linden war auch dort, ſah aber ſchwermüthig aus. Er hatte für dieſen von ihm ſpeciell beabſichtigten Beſuch ſeine Locken in eine eigene melancholiſche Unordnung gebracht. Etwas ſpäter fand Heinrich ſich ein. Thora's anfänglich lebhafte und exaltirte Ge⸗ müthsſtimmung wich indeſſen bald einer kränklichen Mattigkeit, die ſich vermehrte, je weiter der Abend 193 vorrückte und je ſchwächer die Hoffnung wurde, Axel wiederzuſehen. In einem Fauteuil zurückgelehnt, hörte ſie nur der Converſation zu, als der Bediente an⸗ meldete: „Obriſtin**Sſtjerna und Oberſt Heyſe!“ Thora erhob ſich mit Heftigkeit; begegnete aber dabei dem vorwurfsvollen Blicke Heinrich's und es gelang ihr durch eine kräftige Anſtrengung ſich eini⸗ germaßen zu beherrſchen. Einen Augenblick darauf trat die Obriſtin unter einem Schwall von theilnehmenden Worten ein. „Meine ſüße Thora,“ ſprach ſie weiter,„Du mußt verzeihen, daß ich ohne Deine Erlaubniß Oberſt Heyſe mitbringe; aber er hat mich ſo dringend gebeten, ihn Dir nach jenem traurigen Ereigniſſe vorzuſtellen, welches mir daſſelbe auf dem Balle unmöglich machte, ſo daß ich, auf alle Gefahr hin, die Verantwortung dafür übernommen habe. Er iſt jetzt hier.“ Der Obriſt verbeugte ſich tief vor Thora und ſagte mit einer Stimme, welche von Gefühlen vibi⸗ rirte, die nur ſie allein zu verſtehen vermochte: „Ich wagte nicht, ohne eine ſo beredte Fürſpre⸗ cherin, wie die Obriſtin, mich ſelbſt Ihnen in Erinne⸗ rung zu rufen, gnädige Frau; obgleich das Andenken an meinen frühern Beſuch in Schweden und an die Gaſtfreundſchaft, welche ich damals genoß, ewig in meinem Herzen zurückbleiben wird.“ Erröthend antwortete Thora mit einigen ver⸗ bindlichen Worten. Die Converſation war bald all⸗ Schwartz, Die Leidenſchaften. 13 194 gemein und recht lebhaft, nur Heinrich blieb verſchloſ⸗ ſen und ſtill. „Den eigentlichen Zweck meines Beſuchs, ſüße Thora,“ begann Obriſtin*B5ſtjerna,„war, Dich zur Theilnahme an einer Luſtparthie zu überreden, welche wir morgen nach Skokloſter unternehmen wollen.“ „Es werden nur einige Verwandte, Obriſt Heyſe und wir ſelbſt ſein.“ „Dazu ſag' ich gleich ja.“ „Mir in meiner Eigenſchaft als Dein Arzt er⸗ laubſt Du wohl, daß ich mich in die Sache miſche und dagegen proteſtire,“ fiel Heinrich ernſt ein. „Warum das? Ich bin ja vollkommen geſund,“ antwortete Thora; aber ohne es zu wagen, die Augen zum Doktor außzuſchlagen. „Nein, Thora, Du kannſt nicht an einer ſolchen Luſtparthie Theil nehmen, ohne Dein Leben und Deine Geſundheit zu gefährden.“ „Es ſcheint mir, daß der Herr Doktor etwas zu ſtrenge iſt, da die Patientin ſich ſelber wohl fühlt. Sind die Aerzte in Schweden ſolche Tyrannen?“ fiel Axel ein. „Mein Beruf, Herr Obriſt, gebietet mir, wenn Sie ſo wollen, ein unbeweglicher Deſpot zu ſein, wenn der Patient ſein eigenes Wohl vergißt. Gewiß wird man meinem Rathe gehorchen.“ Heinrich ſprach in einem beſtimmten Tone; als er ſchloß, begegneten Thora's Blicke den ſeinigen. In denſelben lag etwas, daß das Lächeln von ihren Lip⸗ 195 pen verſcheuchte, und eine flammende Röthe auf ihren Wangen hervorrief. „Nun, Thora, was thuſt Du?“ fragte die Obriſtin. „Ich muß wohl gehorchen, da mein Arzt darauf beſteht, mich für krank zu halten.“ antwortete Thora. „Wir werden uns alſo nicht Deiner Geſellſchaft zu erfreuen haben?“ „Gute Julie, der Fehler liegt nicht an mir, ſondern am Doktor.“ Thora wandte ſich hierauf an den Baron. Axel wurde düſterer Laune und Thora ver⸗ ſtimmt. Kurz darauf ſtand ſie auf und ging hinaus in den Saal, während die Andern dann ſich von den Moden der Sommerſaiſon unterhielten. Thora ſtellte ſich an eines der Fenſter, in wel⸗ chem ein hoher Nerium ſeinen Platz hatte und gleich einem Baume ſeine Aeſte über ihrem Haupte aus⸗ breitete. „Thora!“ flüſterte eine Stimme auf der andern Seite der Blume und jede Fiber in Thora's Herz zitterte. Sie blickte auf und begegnete Axel's Auge. „Thora, Du gehſt alſo morgen nicht mit?“ Ein Blit ſchoß aus den Augen Axel's hervor. „Nein.“ Thora blickte nieder. „Du wagſt es nicht?“ Thora ſchwieg. „Nein, Du wagſt es nicht wegen Heinrich.“ Axel's Stimme verrieth einen unterdrückten Zorn. was aus, geliebt.“ des Südens. „Dann gehſt Du mit?“ 196 „Glaubſt Du nicht, daß ich nicht vollkommen die Blicke begriff, welche Ihr mit einander wechſeltet? Sie enthielten ein ganzes Bekenntniß. O Thora, ich habe alſo vier Jahre geliebt und gewartet, um zu meinem Schmerz Dich erſt verheirathet zu ſehen, und dann...“ „Und dann?“ wiederholte Thora, leicht zuſam⸗ menſchaudernd. „Daß Heinrich das iſt, was ich geweſen und Dein Mann für Dein Herz ſein ſollte.“ Bei dieſen Worten blickte Thora ihn blos an. Arxel war bleich und ſeine Augen ruhten düſter auf ihr. „Glaube doch nicht, daß ich vergeſſen oder ver⸗ zeihen kann; ich kann nur haſſen und mich rächen,“ fügte er hinzu. „Ja, falls Du— einen Andern liebteſt.“ „Du täuſcheſt Dich, ich habe niemals Heinrich „Und der Beweis dafür?“ „Welchen forderſt Du?“ Thora's Geſicht drückte jetzt ſo viel Hingebung daß Axel ſich vorbeugte, um ſie zu betrachten. „Gehe morgen mit.“ Thora's Bruſt bewegte ſich haſtig; ſie ſchwieg und ſpielte mit den Blättern des Neriums. „Thora, liebſt Pu mich?“ 4 Sie ſah ihn mit einem Blick an, wie die Sonne 197 „Aber meine bereits ausgeſprochene Weigerung,“ ſtammelte Thora. „Nun gut, ich bleibe auch zu Hauſe.“ Axel faßte hinter den Blumen ihre Hand.. „und ich ſehe Dich morgen?“ Thora ſchwieg; ließ aber ihre Hand in der ſei⸗ nigen ruhen. „Morgen um zwölf Uhr, nicht wahr— dann darf ich kommen?“ In demſelben Augenblick kam Heinrich hinaus in den Saal. Arxel ließ Thora's Hand los, fügte aber leiſe hinzu: „Gib mir ein Zeichen, daß Du einwilligſt. Laſſe die Blume aus Deiner Schärpe fallen und ich bin zufrieden.“ „Thora, Du vergißt Deine Gäſte,“ ertönte Hein⸗ rich's Stimme plötzlich hinter ihr. Thora fuhr dabei zuſammen und ſteckte die Blume, welche ſie bereits aus der Schärpe genommen, wieder an ihren Platz, worauf ſie zu den Fremden hinauseilte. Axel und Heinrich blieben einander gegenüber ſtehen, während ſie Blicke mit einander wechſelten, die von allem, nur nicht von Freundſchaft zeugten. „Herr Obriſt, haben Sie den Herbſt vor vier Jahre vergeſſen?“ begann Heinrich bitter. „Gerade weil ich denſelben nicht vergeſſen kann, finden Sie mich hier.— Ich bin Wittwer.“ „Aber jetzt iſt Thora verheirathet.“ „Ihre Ehe kann aufgelöst werden.“ „Sie gehen ziemlich weit, Herr Oberſt, gibt es 198 denn nichts Heiliges für Ihren Egoismus?— Seien Sie zufrieden mit dem Unglück, das Sie bereits an⸗ gerichtet, und glauben Sie mir: Auf die Ruinen eines Ehebruchs kann nicht das Glückir⸗ gend eines Menſchen gegründet werden.“ „Den Herrn Doktor brauche ich wohl nicht dar⸗ über zu belehren, daß die Natur und die Liebe keine conventionelle Vorurtheile kennt,“ antwortete Axel mit einem verächtlichen Lächeln. „Wie glauben Sie, daß Thora's Tante Sie em⸗ pfangen würde, falls ſie heute Abend hier geweſen wäre?“ „Als einen Gaſt in Thora's Haus.“ „Bedenken Sie, Herr Oberſt, was Sie jetzt thun wollen; denn ich werde Thora's Ehre mit meinem Leben vertheidigen.“ Das Blut ſtieg Axel in den Kopf, es ſchwoll ſeine Stirnader und jede⸗Muskel in ſeinem Geſicht verrieth einen inneren Sturm. Er trat Heinrich einen Schritt näher, und ſprach mit gedämpfter Stimme: „Stellen Sie ſich nicht zwiſchen Thora und mich, denn dann iſt Ihr Leben verloren.— Vor vier Jahren ſchwur ich, daß ſie die meinige werden ſolle und nicht einen Augenblick im Laufe dieſer Zeit bin ich von meinem Vorſatze abgeſtanden. Jetzt würde keine Macht der Welt mir ſie entreißen können, und wenn ich um ihres Beſitzes willen über eine Reihe von Leichen gehen müßte.— Ich will und ſie wird mir gehören.“ 199 „Nicht ſo lange ich lebe,“ antwortete Heinrich mit flammenden Augen. „Sie lieben Thora, Doktor; aber ſie liebt mich. Mein Spiel iſt bereits gewonnen, bevor ich es an⸗ fange, Sie werden das Ihrige nie gewinnen.“ Axel ſprach dieß in kaltem Tone und verließ Heinrich. Kurz darauf brach die Geſellſchaft auf. „Du biſt alſo nicht zu überreden, dem Doktor ungehorſam zu werden?“ fragte die Obriſtin. „Zeige, daß der Doktor Unrecht hat, wenn er behauptet, daß Frau Liljekrona krank iſt,“ fiel Axel ein und heftete einen ſprechenden Blick auf die Schärpe. „Ich bin überzeugt, daß Thora mir Recht gibt,“ ſprach Heinrich. „Ich muß wohl zu Hauſe bleiben, um mich nicht der Gefahr auszuſetzen, daß ich, wenn ich krank werde, ohne die Hilfe Heinrich's liegen bleibe,“ ant⸗ wortete Thora mit etwas unſicherer Stimme. Noch war die Blume an ihrem Platze. „Sie ſind grauſam, gnädige Frau,“ ſprach Arel, nachdem die Obriſtin Abſchied genommen und er im Begriff war, ſich zu verbeugen. „Mich oder Heinrich,“ flüſterte er mit aufge⸗ regter Stimme und einem glühenden Blick auf die Roſe in der Schärpe. Thora blickte ihn an und ließ die Blume fallen. Als Arel dieſelbe aufnahm, ſtrahlte ſeine Stirne. Er entfernte ſich ſiegestrunken. Doch war ſein Jubel zu voreilig; denn er hatte einen Feind, der gefähr⸗ licher war, als Heinrich und weit ſchwerer zu peſiegen. 200 Die oben genannte kleine Scene hatte ſich ſo raſch zugetragen, daß Niemand dieſelbe bemerkte. An einem hübſchen Julitage und ſechs Wochen nach Emil's Abreiſe von Schweden, promenirte Nina und Kapitän Ahlrot in Rom auf dem Corſo, als ſie Stimmen von Landsleuten, welche hinter ihnen gin⸗ gen, vernahmen. Onkel Anton und Nina wandten ſich um und riefen beide überraſcht: „Emil!“ „Onkel! Nina!“ antwortete Emil heiter und eilte auf ſie zu. 1 „Wann ſeid Ihr anglul wo iſt Euer Logis?— Das wird eine wirkliche Freude, Thora umarmen zu dürfen,“ bemerkte Onkel Anton. Etwas verlegen antwortete Emil: „Ich kam geſtern nach Rom und bringe herzliche Grüße von Thora aus Schweden.“ „Was? biſt Du allein hier?“ fiel Nina und der Kapitän zu gleicher Zeit ein. „Ja, ich bin nur nach Italien gereiſt, um mich auszubilden und meine Kunſt zu ſtudieren und beab⸗ ſichtige wenigſtens ein Jahr hier zu bleiben.“ „Was bedeutet denn das, daß Du nach einer zehnmonatlichen Ehe von Deiner Frau wegreiſeſt? Hätte ſie Dich nicht begleiten können? Das ſieht ziemlich ſonderbar aus,“ brummte der Kapitän, ohne auf Emil's Begleiter achtzugeben. 201 „Ja, das kommt mir wunderlich vor, beſonders da Thora oft gewünſcht hat, noch einmal dieſes ſchöne Land beſuchen zu dürfen,“ ſtimmte Nina ein. „Es mag ſich ausnehmen, wie es will, ſo iſt die Hauptſache die, daß ſie zu Hauſe geblieben iſt, unterbrach Emil ſie ungeduldig.„Aber ich ver⸗ geſſe, Euch unſern ausgezeichneten Landsmann, Pro⸗ feſſor B. vorzuſtellen,“ fügte er hinzu und wandte ſich an dieſen, welcher in einiger Entfernung ſtand. Die beiden Herren begleiteten Nina und den Kapitän bis zu ihrer Wohnung, wo man ſich trennte. „Was ſagſt Du davon, Nina?“ fragte der Ka⸗ pitän, als ſie allein waren. „Ich kann mir Emil's Benehmen nicht anders erklären, als daß irgend eine Mißhelligkeit zwiſchen den Gatten entſtanden iſt,“ antwortete ſie gedankenvoll. „Das Sonderbarſte iſt, daß er uns nicht auf⸗ geſucht und keinen Brief von Hauſe mitgebracht hat; da doch Guſtava weiß, daß wir hier bis zum Auguſt bleiben. Ich werde, hol mich der T—, dem gnädigen Herrn heute Abend zu Leibe gehen.“ Der ſonſt ſo fromme Onkel war jetzt ganz auf⸗ gebracht. Alle Erilärungen wurden indeſſen überflüſſig denn gerade in demſelben Augenblick kam ein Brief an Nina aus Schweden an. Sie erkannte ſofort die Hand Heinrich's und erbrach denſelben ſehr eifrig. Hieraus erfuhr man die Urſache zu Emil's ſchleuniger Abreiſe, ſowie zu ſeiner Abneigung gegen Thora, Axel's Ankunft und 202 alles, was der Leſer bereits weiß. Heinrich ſchloß dieſen Abſchnitt ſeines Briefes mit folgenden Worten: „Du mußt ſuchen, Emil zu ſehen, denn ſeine Reiſe ging nach Rom. Wende alle Mittel an, welche ihn zur Vernunft und zum Bewußtſein deſſen bringen können, was ſeine Ehre fordert, damit er ohne Verzug hieher zurückkehre, bevor es gänzlich vergebens iſt. Nur ein Thor opfert das, was der Menſch für heilig hält, den Anforderungen eines klein⸗ lichen Ehrgeizes. Er wäre doch niemals als Künſtler den hervorragenden Talenten Thora's gewachſen ge⸗ weſen, und wenn er dieſem zweckloſen Streben ſein ganzes Leben widmete. Dagegen überläßt er jetzt Thora's Frieden und ſeinen eigenen Namen dem alles verzehrenden Cgoismus Arel's und ſetzt die blinde Hingebung, welche Thora zu einem ſchwachen Rohre macht, das von den Stürmen der Leidenſchaf⸗ ten leicht gebeugt und vielleicht gänzlich getnickt wird, allen Gefahren aus.“ „Ach, Nina, betrachte das Leben der Menſchen und Du wirſt bei einer unparteiiſchen Prüfung fin⸗ den, daß unſer Charakter der wahre Grund all' un⸗ ſeres Unglückes iſt. Denke Dich hinein in Thora's, Arel's und Emil's Leben, und ſage mir, was hat denn bei jedem von ihnen die Ereigniſſe hervorge⸗ rufen, die ihnen wiederfahren ſind, wenn nicht ihre eigenen Leidenſchaften und der Umſtand, daß ſie Gott und die Religion vergeſſen? Du wirſt auch aus der Vergangenheit ſchließen können, welche ihre Zukunft werden wird„ Nina wandte alle Mittel an, um Emil zu zeigen, 203 welch' hohes Spiel er mit ſeiner Ehre und ſeiner 6 Zukunft wagte, ſie ſtellte ihm vor, wie unverantwort⸗ lich ſeine Handlungsweiſe und wie nothwendig es ſei, daß er unverzüglich wieder abreiſe; aber— alles vergebens. Nina konnte ihn nicht einmal dazu be⸗ wegen. Unter dieſen vergeblichen Bemühungen von Sei⸗ ten des Kapitäns und Nina's vergingen Wochen. Als Nina und Emil eines Tages allein ſaßen und davon ſprachen, brach er erbittert aus: „Höre auf, Nina!— Ich werde niemals jenes Weib wiederſehen, bevor ich, weit von ihr entfernt, der Welt zeigen kann, daß ich ein größerer Künſtler bin, als ſie!— Es gibt Augenblicke, wo mein Haß zu Thora mich zu dem Wunſch verleitet, daß ſie ihrer Pflichten vergeſſen und ſich ſo tief erniedrigen möchte, daß ſie für immer in der allgemeinen Meinung ver⸗ loren wäre; denn weder Talent noch hervorragende Vorzüge können den Ruf⸗ einer in ſittlicher Hinſicht gefallenen Frau wieder herſtellen.“ „Du biſt unverzeihlich ſchlecht, weil Du aus ver⸗ letzter Eitelkeit ſolche abſcheulichen Gefühle hegen lannſt, da Du Deiner Gattin nichts vorzuwerfen haſt. Sie hätte mit ihrem Geiſte und ihrem reichbegabten Her⸗ ke ein beſſeres Loos verdient, als mit Dir verbun⸗ en zu werden!“ „Das meinſt Du wirklich? Aber laß uns die Sache ruhig prüfen. Ich habe nichts gegen ſie als Frau zu bemerken, ſagſt Du. Und doch Alles: Iſt ſie denn meine Gattin geweſen? Niemals. Nein, frei und unabhängig vernachläſſigt ſie die häuslichen Pflich⸗ 204 ten einer Frau und lebt ausſchließlich in ihrem Ate⸗ lier, während ſie es vergaß, daß es ihre Beſtimmung ſei, durch ihre Zärtlichkeit das häusliche Leben zu ver⸗ ſchönern, ſtatt die Welt durch ihr Talent in Erſtau⸗ nen zu ſetzen, oder ſich mit mir auf einen Wettkampf um Auszeichnung einzulaſſen. Haben wir Männer nicht auf der Bahn des Ruhms Rivalen genug, ohne daß wir es nöthig haben, ſie in unſerem Familien⸗ leben, in unſeren Frauen, wiederzufinden? Du ver⸗ gißt auch, daß die geiſtreiche und heißblütige Thora aus Liebe zu einem verheiratheten Mann irrſinnig geweſen iſt.“ Emil warf dabei einen höhniſchen Blick auf Nina. „Es iſt verächtlich, ſolche Sachen auf's Tapet zu bringen; machte denn Thora vor Dir irgend ein Ge⸗ heimniß aus ihrer Liebe und ihrem Unglück? Gab ſie Dir nicht volle Freiheit über Dein Schickſal zu beſtimmen, als ſie Dir ehrlich ihre Vergangenheit an⸗ vertraute und Dir ſagte, auf welche Weiſe ſie als derheirathete Frau zu leben gedächte. Bethörteſt Du ſie nicht ſelbſt mit der Vorſpiegelung eines von Euch der Kunſt gewidmeten Lebens? Und jetzt wirfſt Du die ganze Schuld auf ſie.“ „Möglich, daß ich es that, weil ſie ſchön und ich verliebt war; nachdem ich aber gleich einem ge⸗ hetzten Krieger mit Thora um Ruhm gekämpft, habe ich während des Kampfes meine Liebe verloren. Die Verblendung iſt verſchwunden, und ich ſehe jetzt, nach⸗ dem ich aufgewacht bin, ein, daß ſolche Weiber un⸗ verheirathet bleiben ſollten. O! wenn Thora Deinen 205 weiblichen Sinn und wahrhaft tugendhaften Charal⸗ ter beſeſſen hätte, wie hoch würde ich ſie nicht noch in dieſer Stunde lieben!“ „Das Lob, welches Du auf Koſten Deiner Frau mir ſpendeſt, enthält eine Beleidigung, die ich mir verbitte. Bei Thora würde weit mehr wirklicher Edelſinn und weibliche Entſagung zu finden ſein, als bei mir, wenn ſie einen Gatten hätte, der ihr mit Liebe entgegen käme, und nicht wie jetzt, einen eit⸗ len Egoiſten.“ Die Zeit verſtrich und brachte für Nina den Tag näher, an welchem ihre freiwillige Landflüch⸗ tigkeit aufhören ſollte. Emil brachte faſt ausſchließlich ſeine Zeit bei Nina zu, und das trotz all' der Kälte, welche ſie ſowohl, wie der Kapitän, der äußerſt erbittert auf ihn war, ihm gegenüber an den Tag legten. Auf alle Mahnungen des Kapitäns, daß Emil nicht nach Rom gekommen ſei, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, ſondern um zu arbeiten, entgegnete er, daß er Zeit genug haben würde, wenn ſie abgereist ſeien. Emil's Phantaſie, welche unaufhörlich nach Traumbildern jagte, machte jetzt ſein leicht entzünd⸗ liches Herz von einer neuen Neigung klopfen, deren Gegenſtand Nina war. Sein glühender Ehrgeiz war etwas abgekühlt; und je eifriger er ſich ſeiner neuen Leidenſchaft hingab, deſto mehr wuchs ſein Haß zu Thora. Dieſe war jetzt die Feſſel, welche, ſeiner Ueberzeugung gemäß, ihn daran hinderte, Nina ſeine Hand und ſein gar zu unbeſtändiges Herz anzubie⸗ ten. Emil dachte in ſeinem Leichtſinn keinen Augen⸗ 206 blick daran, daß Nina bereits mit Hugo verlobt ſei. Er betrachtete im Gegentheil ihre Verbindung als aufgelöst, nachdem Nina ſo plötzlich Schweden ver⸗ laſſen hatte. Zwiſchen Nina und Hugo war das Ueberein⸗ kommen getroffen, daß ſie, falls Hugo's Gefühle nach einer Trennung von fünfzehn Monaten dieſelben ge⸗ blieben ſeien, ſich gegen Ende Auguſt im Hotel*** in Hamburg treffen ſollten. Als Nina am Tage vor ihrer Abreiſe aus Rom mit Packen beſchäftigt war, trat Emil ein. „Die Abreiſe geht alſo Morgen vor ſich?“ fragte er und warf ſich in einen Stuhl. Der Onkel Anton war ausgegangen. „Eine ſonderbare Frage, da Du es doch die ganze Zeit über gehört haſt,“ antwortete Nina. „Nina, ich begleite Euch; es iſt für mich nicht mehr möglich zu leben, ohne Dich zu ſehen; ich liebe Dich aus meiner ganzen Seele, ich „Höre auf, falls Du Dich nicht in meinen Augen wirklich verächtlich machen willſt,“ fiel Nina heftig ein. „Wie ungerecht wäre trotzddem Deine Verach⸗ tung? Iſt es denn ein Fehler, daß ich, von Thora's Schönheit geblendet, auch gegen Deinen höheren Werth blind war? Iſt es denn ein Fehler, daß ich gezwungen bin, in Dir das Edle und Vollkommene anzubeten, oder iſt es nicht eher ein entſetzliches Ge⸗ ſchick, welches mich mit der gefährlichſten Feindin 3 eines geträumten Ruhms verbunden und mir dadurch 65 1— 207 das Glück geraubt hat, Dich die Meinige nennen zu dürfen?“ „Gleich allen andern ſchwachen Naturen ſchiebſt Du die Schuld für dasjenige auf das Schickſal, was Du dir ſelber zugezogen haſt. Nachdem Du, von ver⸗ letzter Eitelkeit getrieben, eine Gattin verlaſſen haſt, auf welche Du hätteſt ſtolz ſein müſſen, haderſt Du mit dem Schickſal; und endlich glaubſt Du wohl, daß ich, ſelbſt wenn mein Herz frei wäre, einen Mann ohne Charakter und Grundſätze ſollte lieben können, welcher unbedachtſam den Eindrücken des Augenblicks nachgibt, ſie mögen nun gute oder böſe ſein; welcher liebt und haßt ohne Beſtändigkeit, und ehrgeizig iſt, ohne die Kraft und die Fähigkeit zu beſitzen, ſich ſelbſt einen Namen zu ſchaffen; ein Mann, deſſen Gefühle alle ein Produkt einer überreizten Einbildung und Phantaſie iſt? Nein, Du hätteſt bei mir nie irgend welche Achtung, ſondern höchſtens Mitleid erwecken können.“ „Du verhöhnſt mich? Nun gut, ich werde Dir zeigen, daß meine Liebe nicht ein leeres Nebelbild einer überſchwenglichen Phantaſie, ſondern einer tiefen Leidenſchaft iſt. Ich werde Dich begleiten, wohin Du auch Deine Schritte lenken mögeſt.“ „Lieber Emil, höre auf mit dergleichen Phra⸗ ſen, welche mich nur ermüden und langweilen. Du kannſt doch mich nie dazu bewegen, Dir eine andere Aufmerkſamkeit zu ſchenken als diejenige, welche man einer lächerlichen Perſon ſchenkt, weil ich noch immer die Braut des Hugo Dernhjelm bin. Sollteſt Du trotzdem thöricht genug ſein, mich zu verfolgen, dann . . ——— ———— 208 werde ich darin nur einen Schimpf ſehen, welchen ich Thora's Mann nie verzeihen werde.“ Am Tage darauf reiste Nina mit dem Kapitän ab, und Emil blieb freilich in Rom. Ein Jahr nach Nina's Abreiſe von Schweden ſaß die Gräfin Hernhjelm an einem hübſchen Juni⸗ Abend in ihrem Salon auf der niedlichen Villa am Thiergarten. Ein junges, armes Mädchen von adeligem Ge⸗ ſchlecht leiſtete ihr Geſellſchaft. Das Fräulein las der Gräfin laut vor aus Mémoires des Contempo- raIns. „Ich habe niemals Jemanden mit ſo ſchlechter Betonung wie Conſtanze vorleſen hören, Ich fühle mich durch ihre Ausſprache gänzlich ermüdet,“ bemerkte die Gräfin mit einem deutlichen Anſtrich von übler Laune. „Meine gnädige Gräfin......“ ſtammelte das Fräulein. „Sie braucht ſich nicht zu entſchuldigen, lege das Buch weg; ich will nichts mehr hören.“ Das Fräulein legte das Buch weg und nahm eine Handarbeit. „Was iſt die Uhr?“ fragte die Gräfin. „Es iſt ſieben Uhr, Frau Gräfin.“ ——————,— 209 In demſelben Augenblick hörte man einen Wa⸗ gen vor das Haus fahren, und an der Treppe an⸗ halten. „Irgend ein Beſuch,“ bemerkte die Gräfin, und ihre ſtolzen Züge klärten ſich ein wenig auf, denn all ihr Hochmuth konnte doch nicht die Langeweile verſcheuchen, welche ſie dabei empfand, ſelbſt ein täg⸗ licher Gaſt in ihrem eigenen Hauſe zu ſein. Ein Bedienter meldete Graf Oernhjelm, und gleich darauf ſtand Hugo, ſich ehrfurchtsvollſt verbeu⸗ gend, vor der Mutter. Ueber ihr Geſicht glitt ein Schimmer von Röthe. Graf Hugo war es ſeit dem Auftritt bei Nina verboten geweſen, ſich vor der Mutter zu zeigen, ſo⸗ fern er nicht ſeiner Liebe zu der Erſteren entſagte. „Wie befindet ſich meine Mutter?“ fragte Hugo und küßte die Hand der Gräfin. „Gut, wie Du ſiehſt; aber was führt Dich hie⸗* her, da Du meinen Willen kennſt?“ „Wenn es meiner Mutter gefällig iſt, mir eine Privatunterredung zu gewähren, ſo wird Alles er⸗ klärt werden,“ antwortete Hugo. „Verlaſſe uns, Conſtanze,“ befahl die Gräfin; und mit ſichtbarem Vergnügen kam dieſe der Auf⸗ forderung nach. „Jetzt ſind wir allein,“ fuhr die Gräfin kalt ort. „Meine Mutter! warum jetzt dieſe kalte Sprache gegen Ihren Sohn, wo er kommt, um Sie zu bitten, as zu vergeben und zu vergeſſen, was zwiſchen uns Schwartz, Die Leidenſchaften. . 1 ———— * —— 2¹⁰ paſſirt iſt. Ich brauche nicht zu ſagen, wie tief die⸗ ſes Mißverhältniß mich geſchmerzt hat!“ „Es freut mich, daß es Dich reute; denn es liegt darin eine ſtillſchweigende Anerkennung, daß Du auch die Unmöglichkeit einer Verbindung mit jener Schauſpielerin einſiehſt.“ „Meine Mutter belieben, mich mißzuverſtehen. Ich ſtehe hier vor Ihnen, um Sie demüthig um Ver⸗ zeihung für das zu bitten, was zwiſchen uns vorge⸗ fallen iſt; aber nicht dafür, daß ich ein Weib zur Frau nehme, welches ich für deſſen würdig halte.“ „Du gedenkſt alſo?... Die Gräfin ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen. „Bleibe, meine Mutter, ich bitte, wir müſſen uns jetzt recht verſtehen.— Während meines Aufent⸗ haltes in Paris vor 3 Jahren, empfing ich von Marquis Datincourt, bei welchem ich durch eine Em⸗ pfehlung von Ihnen eingeführt worden war, am Sterbe⸗ bette desſelben dieſe Briefe. Es würde überflüſſig ſein, ihren Inhalt zu wie⸗ derholen, da ſie von Ihnen geſchrieben ſind. Genug, Sie beweiſen meine uneheliche Geburt. Ich bin nicht Graf Hernhjelm, ſondern Marquis Da⸗ tincourts Sohn.— Dieſes Geheimniß würde mit mir geſtorben ſein, wenn Sie nicht, meine Mutter, mich ſelbſt gezwungen hätten, dieſes Thema zu berühren, um das unrechtmäßige von Standesanſprüchen zu be⸗ weiſen, welche nicht einmal die Wahrheit für ſich haben.— Als Sie durch eine moraliſche Tyrannei mich zwingen wollten, gleich einem elenden Betrüger gegen — 211 Diejenige zu handeln, welche ich von ganzem Herzen liebe, da ſchmerzte es mich tief, es nöthig zu haben, eine ſolche Waffe zur Vertheidigung meiner heiligſten Intereſſen zu gebrauchen; aber nicht zufrieden mit den Wunden, welche Sie aufgeriſſen hatten, beſuchten Sie Nina.— Ich will nicht bei jenem Auftritte ver⸗ weilen, nicht mehr daran denken, daß Sie ſelbſt, meine Mutter, ihr einen entehrenden Vorſchlag machten.— Ich will alles vergeſſen, und ſtehe jetzt vor Ihnen als ein ergebener Sohn, mit der Bitte, das zu ver⸗ geſſen, was ich Ihnen zu Leide gethan, und übergeh in Ihre eignen Hände jene unglücklichen Briefe, welche ich auch in dieſem Augenblick wünſchte, nie geleſen zu haben. Meine Mutter, meine geliebte Bhtter, auf den Knieen, zu Ihren Füßen, flehe ich um Ihren Se⸗ gen zu der Ehe, welche ich zu ſchließen im Begriff bin.— Nur noch einige Worte und ich bin zu Ende. — Nina verlangte, um Ihretwillen— merken Sie ſich das wohl— daß unſere Verbindung um ein Jahr verſchoben werden ſollte. Sie wünſchte, daß ich, von ihr getrennt, die Gefüßle meines Herzens prüfen ſollte.— Ich habe ihr Verlangen erfüllt; aber jetzt,— jetzt gibt es nichts in der Welt, das mich ſollte bewegen lönnen, meinen Entſchluß zu ändern. — Meine Gefühle haben während dieſes Jahres nur an Stärke zugenommen. Meine Mutter, machen Sie aus der Nothwendigkeit eine Tugend, und ver⸗ folgen Sie nicht meine Gattin mit einem unverdienten Haß. Das iſt die heiße Bitte meines Herzens.“ In das Sopha zurückgelehnt, und den Kopf auf die Hand geſtützt, hörte die Gräfin Hugo an ——FYÜ““Ü˖ ————— ———— 212 Es wäre unmöglich geweſen, in den kalten Zügen zu leſen, welche Gefühle ihre Bruſt bewegte; nur ein leiſes Zucken der Augenbraunen zeigte, daß ſie nicht ſo gefühllos war, wie die unbeweglichen Geſichtszüge andeuteten. Nachdem Hugo geſchloſſen, betrachtete ſie ihn ein Weile, und ſprach dann mit unerſchütterlicher Kälte: „Meinen Fluch haſt Du durch Deine Drohung von Dir abgewendet; glaube jedoch nicht, daß Du deßhalb durch Deine Bitten, meinen Segen zu jener verhaßten Ehe erhalten kannſt, oder daß ich, ſo lange mein Herz ſchlägt, aufhören werde, jenes Weib zu haſſen, das ſich in meine Familie hineingedrängt hat.— Das iſt jetzt mein unerſchütterlicher Entſchluß, mein letztes Wort.“ Die Gräfin ſtand auf, um den Salon zu ver⸗ laſſen. „O, meine Muttery warum dieſe Härte gegen ein Kind,— und dieſer Haß zu einem tugendhaften Mädchen?“ rief Hugo. „Ihre Tugenden ſind mir gleichgültig; aber ihre Geburt und geſellſchaftliche Stellung erregen meinen Abſcheu.— Ich ſollte eine frühere Schauſpie⸗ lerin meine Tochter nennen?— RNein, niemals! — behalte Du meine Briefe; ſie beweiſen nichts, eine edle Geburt verhüllt manches.“ Die Gräfin entfernte ſich, und Hugo ſtürzte aus dem Zimmer. In ihr Kabinet eingeſchloſſen, hörte jetzt die ſtolze und unbeugſame Mutier den Wagen von dannen 213 rollen. Die Hand auf das ſtolze Herz gedrückt, flü⸗ ſterte ſie: „O, mein Sohn, Du biſt jetzt todt für mich, und das durch Amalias Geſchlechtl“ Heiße Thränen floßen über die bleichen Wangen. Einige Tage darauf reiste Graf Hugo nach Hamburg, um dort Nina zu begegnen,— und die Gräfin unternahm vollkommen in Trauer gekleidet, wie wenn ein Verwandter geſtorben wäre, eine Reiſe nach Kopenhagen. „ Eines Tages im September befand Thora ſich allein in einem kleinen Pavillon, welcher in dem Gar⸗ ten der Villa am Thiergarten lag, die ſie während der ſchönen Jahreszeit bewohnte. Thora lag halb ausgeſtreckt auf einem Sopha. Das üppige ſchwarze Haar wallte frei herab über Hals und Schulter. Mit einem melancholiſchen Aus⸗ druck betrachtete ſie eine Copie von Feonardo da Vinci's Abendmahl, welche ihr gegenüber an der Wand hing. Es war einer jener Augenblicke, wo der Menſch zum ruhigen Nachdenken aufgelegt iſt; wo die Leiden⸗ ſchaften und Illuſionen vor ernſthaften Reflerionen ſchweigen; wo die Vergangenheit in ihrer ganzen Wahrheit vor unſern inneren Blick tritt, und wir mit Beben, Schmerz und Reue uns ſelbſt fragen: Wie — 214 habe ich die Schätze angewendet, welche die Vorſehung mir zu meinem eigenen und anderer Glück gegeben hat?— Wie viele Mißgriffe, Verirrungen und Fehler haben wir nicht zu beweinen: und wie ſchlecht haben wir nicht meiſtentheils das Gute begriffen, das Gott an uns verſchwendet hat! Thora war ſo in ihre Gedanken verſunken, daß ſie nicht bemerkte, wie die Thüre ſich öffnete, und Axel eintrat. Er ſtand ſtille und betrachtete ſie. So wunderbar ſind die Wirkungen unſerer inneren Natur, daß es kaum Jemanden gibt, er möge noch ſo leicht⸗ Finnig ſein, welcher nicht durch ein Geſicht, das in tiefe Gedanken verſunken iſt, ergriffen wird,— ſtehen bleibt, und womöglich in die Myſterien eindringen will, die ſich im Inneren jener Welt bewegen, welche wir die Seele nennen; in dieſe Welt, welche von Natur die unbegrenzteſte, obgleich durch Gewohnheit und Vorurtheile oft eine ſehr beſchränkte iſt. Auch Axel wurde von einem ſolchen Gefühl er⸗ griffen, als er Thora in ihr Inneres verſunken fand er hätte einen Blick in ihr Herz werfen und leſen mögen, was darin vorging. Ein tiefer Seufzer Tho⸗ ra's veranlaßte ihn indeſſen näher zu treten. „Woran denkeſt Du, meine Thora?“ fragte Axel und küßte mit Wärme ihre Hand. „An das Bild dort,— an die Verſöhnung,— an die wahre Liebe,“ antwortete Thora und ließ ihre Hand in der ſeinigen ruhen. Ihre Stimme zitterte vor Schmerz und Sanft⸗ muth. „Was dachteſt Du dabei?“ 215 Arel ſetzte ſich an ihre Seite. „Du wirſt mich gewiß nicht verſtehen; als ich aber den himmliſchen Ausdruck in dem Antlitz des Erlöſers betrachtete, da kam es mir vor, als wenn ich dann erſt recht begriffen, was Liebe Werde nicht böſe, aber ich zweifelte an der Deinigen.— Es drängte ſich mir der Gedanke auf' daß Deine Liebe uns veredeln und nicht verſchlechtern muß,— daß, wenn man wahr und aufrichtig liebt, es unmöglich ſei, den Gegenſtand unſerer Neigung erniedrigen, oder dazu verleiten zu wollen, daß er Ehre und Pflicht mit Füßen trete.— Dann dachte ich an mich ſelbſt, an meine Leiden und meine Fehler: an meinen Mann und an die Treue, welche ich ihm ſchuldig bin. Mein Gewißen fragte darnach, ob meine Handlungen ſich mit dem Eid vereinigen ließen, den ich vor Gott abgelegt?“ Thora's Stimme war aufgeregt. „Wozu dieſe Phantaſieen und dieſe unnöthigen Zweifel an meinen Gefühlen?“ Lege die Hand an mein Herz und zähle die ſtürmiſchen Schläge des⸗ ſelben, und Du wirſt Dich von der Stärke meiner Liebe überzeugen.— Aber ich, Thora, wie viel mehr Grund habe ich nicht zu Zweifeln, Schmerz und Ra⸗ ſerei?— Während der jüngſt verfloſſenen Monate, wo ich, durch eine nie erlöſchende Liebe an Dich ge⸗ feſſelt, Dich um Gegenliebe gebettelt, was haſt Du mir da gegeben?— Nur Hoffnung und Ungewiß⸗ heit.— Richt eine Sekunde haſt Du um meinetwillen die Welt vergeſſen, welche Dich umgibt.— Wenn Du einen Augenblick, von dem Feuer meines Herzens . ————— 6—ne 216 hingeriſſen, ſoweit zu ſein ſchieneſt, meine Treue zu belohnen, und ich dann die Arme ausſtreckte, um meine ganze Welt zu umarmen, dann— flohſt Du mich, und ich ſtand da, von Deinem Eigenſinn zum Beſten gehalten. Wahnſinnig vor Schmerz ſtürzte ich fort, um Dich nie wieder zu ſehen; aber am nächſten Tage fandeſt Du mich wieder treu und an⸗ betend zu Deinen Füßen. So ſind Tage, Wochen und Monate unter einem fortwährenden Kampfe ver⸗ gangen, der mich faſt wahnſinnig gemacht hat.— Wann, o wann, wirſt Du die Meinige werden?— Was iſt das für eine Macht, welche, wenn Deine Liebe am heißeſten iſt, Dich fliehen macht, ſowie ich Dich an meine Bruſt drücken und dankbar zum Him⸗ mel rufen will: jetzt iſt ſie die meinige! Was iſt es, das, obgleich Dein Herz an das meinige gefeſſelt zu ſein ſcheint, Dich fortjagt und mir das Glück raubt, von welchem ich Jahre lang träume?— O! nenne mir jenen Feind, welcher uns trennt.“ „Er heißt Mißtrauen!“ antwortete Thora rnſt. „Wenn ich, von Deiner Liebe und Deinen Wor⸗ ten hingeriſſen, nahe daran bin Alles, außer Dich, zu vergeſſen, dann Axel, tritt plötzlich, wie der Schat⸗ ten eines Todten, die grauſame Täuſchung vor mein Gedächtniß, die Du einſt an mir begangen, und ich rufe: Verrätherei!— Meine Entzückung ver⸗ ſchwindet und ich fluche Dich wie mein böſes Geſchick. Du ſprichſt von Leiden. O, Axel, was empfinde ich denn in ſolchen Augenblicken, wo ich, nachdem ich von Dir geflohen, auf meinem Zimmer einge⸗ ——————————— 217 ſchloßen, es bedenke, daß Du jetzt wieder mich ver⸗ leiten wollteſt, meine Pflichten als Gattin zu ver⸗ geſſen; wie Du ehemals wollteſt, daß ich ſie als Tochter und Weib vergeſſen ſollte.“ „Wie kannſt Du davon ſprechen, Pflichten zu vergeſſen, welche die Vorurtheile der Menſchen geſchaffen, wenn die Liebe ſpricht, welche von Gott geſchaffen iſt? Weißt Du nicht, daß die Natur derſelben ego⸗ iſtiſch und gebieteriſch iſt, daß ſie Alles ford ert, wie ſie auch Alles opfert. Sie gleicht einem ſtar⸗ ken Strome, welcher, allen Hinderniſſen trotzend, ſich dadurch den Weg bahnt, daß er Alles verſchlingt, das ſich ihm entgegenſtellt. Ich weiß wohl, daß es Naturen gibt, welche entſagen können, aber ihre Liebe iſt lau und ihre Gefühle Traumgebilde ohne Leben und Kraft; ſie fühlen nicht wie ich.— Die Liebe iſt bei ihnen eine ſtille bleiche Flamme, nicht ein wilder verzehrender Brand. Siehſt Du, mein guter Engel, das Schickſal führte uns zuſammen, damit ich in Dir mein geträumtes Ideal anbeten durfte. Es war nicht möglich, daß der Eid, welcher mich an eine andere band, für meine ganze Lebenszeit ein bindendes Ge⸗ ſetz für die Forderungen meines Herzens ſein könnte. Ich ſah und liebte Dich, und betrog Dich, weil ich nicht mehr ohne Dich leben konnte. Das Schickſal hielt mich in dem Augenblick zum Beſten, wo ich mich Deines Beſitzes, und meines Glückes ſicherer glaubte. Daß ich jetzt, nach Jahre langem Warten, verlange, daß Du um meinetwillen einen elenden Narren verlaſſen ſollſt, iſt ja natürlich.— Wenn man treu und warm liebt, ſo hat man alles ge⸗ 218 ſühnt; man hat ſich das Recht erkauft, ſelbſt vom Fuße des Altars das Weib wegzureißen, um deſſen⸗ willen man das gelitten, was ich gelitten!— Thora zweifle an allem, an Gott, wenn Du willſt; aber nicht an den Gefühlen meines Herzens für Dich. O, ſage doch, wann ſoll dieſes Herz den Lohn bekommen, von welchem es ſo viele Jahre geträumt?— Siehe mich an, Thora, und antworte wann....7 Arel beugte ſich über Thora herab, ſie athmete kurz und unruhig ſeine Augen ruhten voll Liebe und flehend auf ihr. Thora ſchwieg; aber der Wechſel der Farbe ihrer Wangen verrieth einen inneren Kampf. Axel ſchlang leiſe ſeinen Arm um Thoras Leib. Sanft ſchob Thora ihn von ſich, und flüſterte: „Wenn Du aufhörteſt mich zu lieben, wie Du es jetzt thuſt,— dann würde ich ſterben; aber doch kann ich, Axel, nie die Deinige werden, bevor ich Deinen Namen trage.“ Arel ſprang auf, ergriff und drückte mit krampf⸗ hafter Heftigkeit Thora's Hand, und ſagte: „Warum glaube ich, armer Thor, noch daran, daß es ein Herz in Deinem Marmorbuſen gibt?— Warum will ich nicht Einmal begreifen, daß es nur ein grauſames Spiel iſt, welches Du mit meiner wahnſinnigen Leidenſchaft triebſt. Leb wohl, Thora, und ſei überzeugt, daß ich Morgen nicht zurückkehre; dieſes abſcheuliche Gaukelſpiel mit meinen Gefühlen muß ein Ende haben.“ Axel eilte nach der Thür. ——— 219 „Axel, bleibe!“ ertönte Thora's Stimme hin⸗ ter ihm. Er wandte ſich um. Auch Thora war aufgeſprungen, und ſtand jetzt mitten im Zimmer, bleich, aber ſchön, und mit„einem Blick, ein Königreich werth.“ Zu ihren Füßen ſtürzend, ſchlang Axel ſeinen Arm um ihren Leib, und ſprach leidenſchaftlich: „O Thora, Du machſt mich wahnſinnig!“ und dabei drückte er ſeine brennend heiße Stirne gegen ihre Bruſt. Ein Klopfen an die Pavillonsthüre veranlaßte Axel aufzuſtehen; eine Wolke des Mißvergnügens ſammelte ſich auf ſeiner Stirne, als er in einem Fauteuil Platz nahm. Thora rief dem Klopfenden ein Herein zu. Es war Liſette. „Hier iſt ein Brief aus Rom; die Majorin hat ihn mit Friedrich hierher geſchickt,“ ſagte das Mäd⸗ chen, und übergab ihn Thora, worauf ſie ſich ent— fernte. Axel war wieder an Thora's Seite und ergriff den Brief. „Du gedenkſt doch wohl nicht, in Deiner Ver⸗ träglichkeit ſo weit zu gehen, daß Du dieſen Brief liest. Bedenke, daß er Dich verlaſſen hat, als Du krank warſt, und ſich ſpäter mit keinem Wort nach Dir erkundigt hat.“ „Axel, gib mir den Brief; er iſt in allen Fällen mein Mann.“ „Dein Mann? Er, der Elende?“ „Stille; weder Du noch ich haben ein Recht, 22⁰ ihn zu ſchimpfen, gib den Brief her, ich will und muß ſehen, was er ſchreibt.“. Mit einer haſtigen Bewegung nahm Thora den Brief zurück. „Aber ich will es nicht,“ rief Arxel heftig und ergriff die Hand, in welcher ſie denſelben hielt. „Wozu dieſen zweckloſen Streit, Du ſollteſt doch einſehen, daß ich wiſſen muß, was er zu ſagen hat. Vielleicht fordert er ſeine Freiheit zurück, und ſchenkt mir die meinige.“ Axel ließ Thora's Hand los und küßte ſie. Thora las laut: „Meine ewig geliebte, tiefbeleidigte Thora! Vergebens verſuche ich es, mit Worten meine Reue zu beſchreiben und meine Handlungsweiſe zu entſchuldigen. Ich würde doch keine finden, mit wel⸗ chen ich mich rechtfertigen könnte, und ich will es nicht einmal, weil ich dann gezwungen werden würde, von der Wahrheit abzuweichen. Ich muß oft einge⸗ ſtehen, daß, wenn Du ſtreng wäreſt, ich alles Recht auf Verzeihung verwirkt hätte; aber im vollen Vertrauen zu Deinem Edelmuth bitte ich Dich, das, was ich geweſen bin, zu vergeſſen; denn ich will ſuchen, es wieder gut zu machen. Wie ſoll ich auch Dir meine Dankbarkeit dar⸗ bringen für die großmüthige Art und Weiſe, auf welche Du alles erlittene Unrecht zu rächen verſucht haſt. Ach, Thora! gewiß wohnt ein Engel in Dei⸗ nem Herzen. Ich erhielt von Graf Hernſpiel einen Brief, in welchem er mir mittheilte, daß es Dir gelungen ſei, eine von mir gemalte Winterlandſchaft an die Dres⸗ Zeitung, in welcher mein Name erwähnt wird, als der eines eben erſt aufgetretenen, aber ungewöhnlich — 221 benet Gallerie zu verkaufen, und daß dieſelbe allge⸗ mein gefallen habe. Er ſandte mir auch eine deutſche viel verſprechenden Talentes. Meine Verwunderung beim Empfange dieſes Briefes und der Zeitung läßt ſich nicht denken; aber einige Augenblicke des Nachdenlens reichten hin, um mir den ganzen Zuſammenhang zu erklären. Du warſt es, Du allein, welcher ich die Glückſeligkeit zu danken hatte, die während dem Leſen der Lobes⸗ worte, die man an mich verſchwendete, meine Bruſt höher hob. Wie und wann ſoll ich Dir dieſes mein Glück vergelten können? Ich ſehe jetzt klar ein, daß ich, ohne Dich an meiner Seite zu haben, immer ein unbemerkter und mittelmäßiger Künſtler bleiben werde. Voll Hoffnung kehre ich deßhalb zurück, und das Leben lacht mir mit den Freuden der Ehe und der Liebe entgegen. Ich weiß jetzt, daß Du mich liebſt; denn ſonſt hätteſt Du nicht für die Förderung meines Glückes gearbeitet. Nur die Liebe kann den Menſchen ſo voll zarter Rückſicht machen. Faſt gleich⸗ zeitig mit dieſem Briefe hoffe ich perſönlich zu Dei⸗ nen Füßen meine Liebe und meine Bewunderung ausſprechen zu können. Ewig Dein Emil.“ Als Thora mit dem Leſen dieſes Briefes zu Ende war, ſaß ſie ſtumm da. Axel maß den Fußboden mit haſtigen Schritten 222 und eine dunkle Wolke nach der andern lagerte ſich auf ſeiner Stirne. Endlich blieb er, die Arme über die Bruſt gekreuzt und mit blitzenden Augen, vor Thora ſtehen. „Thora, Du haſt mich grauſam betrogen;, wie er ſelbſt ſchreibt, ſo muß man denjenigen lieben, deſſen Schwäche man mit ſo ausgeſuchter Zuvorkom⸗ menheit befriedigt. Es waren keine traurigen Erinnerungen, welche mich von Dir ſcheuchten, es war Liebe zu dieſem Narren, welcher ſich glücklich fühlt bei einer geliehenen Ehre, die Dich meiner Zärtlichkeit entfliehen machte. Wahrlich, ich muß den Geſchmack der geiſtreichen Thora bewundern. Da⸗ durch, daß ſie ſeiner Eitelkeit ſchmeichelt, erbettelt ſie ſich ein klein wenig von ſeiner Reignng. Ach, meine Gnädige, Sie ſind unübertrefflich.“ „Höre auf mit dieſem Hohn,“ rief Thora hef⸗ tig.„Die geiſtreiche Thora, wie Du Dich ausdrück teſt, trägt jetzt Liljekrona's Namen und ſie weiß auch, wie ſchlecht ſie die Pflichten einer Frau erfüllt hat. War ich es nicht, welche ſein Leben durch meinen Ehrgeiz verbitterte. Wen ich liebe, das weißt Du zu gut; jeder Zweifel daran, der von Deiner Lippe ausgeſprochen wird, iſt eine Deiner Stellung zu mir unwürdige Spötterei.“ „Du haſt recht,“ antwortete Axel in düſterem Tone;„aber, Thora, wenn ich bedenke, daß dieſer Mannn Rechte über Dich beſitzt, die ich niemals ge⸗ habt habe, daß Du ihm gehört haſt, während ich meine Zeit mit Reue und Hoffnung vergeudet habe, ab, worauf er wieder vor Thora ſtehen blieb. 2 223 dann erfaßt mich ein grenzenloſer Haß zu ihm, und eine tiefe Erbitterung degen Dich.“ Es entſtand eine Pauſe. In Thora's Zügen ſpiegelten ſich Schmerz Unruhe. Arxel ging einigemal im Zimmer auf un „Gedenkſt Du ſeine Rückkunft abzuwarten fragte er⸗ „Was ſoll ich denn ſonſt thun?“ „Du wollteſt Dich ja von ihm ſcheiden laſſen; wenigſtens haſt Du es mir verſprochen. Was iſt denn einfacher, als daß Du ſofort mit mir abreiſeſt? Er wird nach Dir ſuchen laſſen, und wenn Du nicht binnen einem Jahr Dich einfindeſt, ſo iſt Eure Ehe aufgelöst und Du biſt mein für Zeit und Ewig⸗ keit. „Du willſt alſo, daß ich gleich einem verbreche⸗ riſchen und leichtſinnigen Weibe mit meinem Liebha⸗ ber von dannen fliehen ſoll,“ rief Thora und ſprang auf, indem ſie ſtolz den Kopf zurückwarf.„Es iſt jetzt das zweitemal, Axel, daß Du mir vorſchlägſt, durch eine ſolche Handlung meine Ehre zu brandmar⸗ ten. Kannſt Du denn diejenige lieben, welche Du ſo tief erniedrigen willſt? Gehe, Axel, gehe, ich werde mir niemals durch einen entehrenden Schritt das Recht erkaufen, Deine Gattin zu werden.“ Die Thrä⸗ nen ſtürzten aus Thora's Augen und erſtickten ihre Stimme. „Ach, Du furchtſames und leicht zu erſchrecken⸗ des Kind!“ ſagte Axel mit ſanfter Stimme, und z. ſie zärtlich neben ſich aufs Sopha hinab.„Wäre 224 ich, meine Thora, ebenſo mißtrauiſch gegen Dein Herz, wie Du es gegen das meinige biſt, ſo würde nnen. Man denkt nicht an das Urtheil anderer Menſchen, und opfert ſich nicht leeren, nichtsſagenden orurtheilen, wenn man liebt. Die ganze übrige Welt iſt dann verſchwunden; es gibt nur ein ein⸗ ziges Weſen, und dieſes allein iſt unſere ganze Welt. So, Thora, liebe ich. Was frag' ich denn nach der Ehre ohne Dich; und was hat ſelbſt die Schande zu bedeuten, wenn Du die Meinige biſt? Wie kannſt Du denn unſere Zukunft einem ſo un⸗ Laune eines exaltirten und eitlen Thoren, deſſen tereſſe es jetzt geworden iſt, Dich in ſeiner Gewalt zu behalten. Iſt es möglich, daß Du unſere Liebe und Wiedervereinigung einem ſo unſicheren Reſultate ausſetzen willſt?“ Mit zurückgehaltenem Athem lauſchte Thora die⸗ ſen gefährlichen Worten, welche ihren Ohren ſchmei⸗ chelten wie Zaubermuſik. Als Axel ſchwieg, that ſie einen tiefen Seufzer. Thora fühlte ſich in den Wir⸗ bel der Leidenſchaft hineingezogen und von ſeinen verbrecheriſchen Sophismen beherrſcht; aber noch lei⸗ ſtete die Stimme der Ehre Widerſtand, obgleich die⸗ ſelbe matter zu ertönen begann. Thora ergriff leb⸗ haft die Hand Arels, ſchloß ſie in die ihrige und ſprach in einem flehenden Tone: „Sei großmüthig und edelmüthig, Axel; mache nicht Gebrauch von der gefährlichen Macht, welche Du über mein ſchwaches Herz beſitzeſt, um mich, gegen ſicheren Würfelſpiel ansſetzen wollen, wie das der mit vollem Grunde an Deiner Treue zweifeln 9 — — ,— 8 * 225 alles beſſere Gefühl, dazu zu bringen, ſchlecht und elend zu handeln. Laß mich Emil ehrlich ſagen, daß ich nicht ohne Dich leben kann, daß er und ich ge⸗ ſchieden werden müſſen. Es wird dann ein freundliches Uebereinkommen, und unſere Scheidung kann ohne allen Skandal ſtattfinden. Nur unter der Bedingung wage ich es, mit Hoffnung der Zukunft entgegenzuſehen. Erinnere Dich, was ich bereits ge⸗ litten, daß ich noch rein und fleckenlos bin. Ol raube mir nicht dieſen meinen letzten und einzigen Troſt.“ „Bitte mich nicht um ein Opfer, das wahnſin⸗ nig wäre! Was iſt er denn eigentlich, das Dir ſo ge⸗ fährlich vorkommt? Nur den Augenblick beſchleuni⸗ gen, wo Du meine Gattin werden wirſt. Daß Du mich begleiteſt, was liegt denn eigentlich darin? Nur, daß Du mich über alles Andere liebſt! Wenn Du dann nachher meinen Namen trägſt, muß jeder Tadel verſtummen. Jetzt bin ich es, Thora, welcher zu Deinen Füßen eine Gnade für unſere Liebe bet⸗ telt,“ fügte Axel mit hinreißender Wärme hinzu. „Axel, ſtehe auf, ich kann unmöglich eine Be⸗ trügerin werden,“ antwortete Thora, beugte ſich über ihn und weinte. „Mache mich nicht wahnſinnig, Thora, mit Dei⸗ ner Halsſtarrigkeit. Ich wäre geneigt, eher uns beide zu tödten, als ſeine Rückkunft abzuwarten,“ rief Axel wild und ſtand auf.. Thora ſtreckte die Hand gegen ihn aus und flü⸗ ſterte mit weicher Stimme: 8 Schwartz, Die Leidenſchaften. 15 226 „Sei nicht hart, Arel! Weiß ich denn ſelbſt, wozu meine Schwäche und meine Liebe mich verleiten könnten?“ Des langen Zwiſtes müde, begann Thora ſchon zu wanken, und in dieſem Kampfe würde gewiß Arel's unerſchütterlicher Wille über ihr ſchwaches und eraltirtes Gemüth den Sieg davon getragen ha⸗ ben, wenn nicht Stimmen aus dem Garten ſie unter⸗ brochen hätten. „Haſt Du Dich nicht abweſend melden laſſen?“ fragte Axel und verzog die Augenbraunen, als die Spre⸗ chenden näher kamen. „Ja, ich erwartete ja Dich,“ antwortete Thora und warf einen Blick durch die Sproſſen der Fen⸗ ſterläden. „Ach, mein Gott, Nina!“ rief ſie und flog hinaus. „Verdammt! Dem Siege ſo nahe zu ſein und ihn doch verlieren; aber, bei meiner Ehre, ſie muß mit mir gehen. Ah, Nina, dießmal ſollſt Du nicht meine Pläne durchkreuzen!“ murmelte Axel. Gleich darauf traten Nina, Graf Hugo, Kapi⸗ tän Ahlrot und Heinrich in den Pavillon, wo Axel ſie kalt und ſtolz begrüßte. Thora zeigte ſo viel Anmuth und Freundlich⸗ keit, daß ſie dadurch einigermaßen die Spannung be⸗ ſeitigte, welche das Zuſammentreffen mit Axek bei ihren Verwandten hervorrief. Eine ziemlich unge⸗ zwungene Converſation kam auch bald in Gang. Graf Hugo, welcher mit Axel's und Thora's fruͤ⸗ heren Verhältniſſen gänzlich unbekannt war, betrach⸗ —,— —————— 2 tete dieſen nur als einen ausgezeichneten Fremden und unterhielt ſich deßhalb lebhaft mit ihm. Der Abend verging dem Anſcheine nach heiter, und man trennte ſich erſt nach dem Souper. Als Heinrich Abſchied nahm, ſagte er zu Thora: „Nina nimmt Nachtquartier bei Dir, und ich glaube, daß Du am klügſten daran thuſt, ſie morgen nach der Stadt zu begleiten.“ „Warum das?“ fragte Thora mit lalter Zu⸗ rückweiſung. „Weil Graf Falkenhjelm heute von Wien an⸗ kommt und Dich wahrſcheinlich morgen beſucht. Er wird gewiß nicht dieſelbe Begegnung wünſchen, die wir heute Abend gehabt.“ Thora antwortete erröthend, daß ſie nach der Stadt fahren wollte. Axel fuhr von Thora mit dem Omnibus und befand ſich bald in ſeinem Zimmer im Hotel de Ruſſie. Bei ſeinem Eintritt in den Salon außerhalb des Schlafgemachs befand ſich dort in einem Lehn⸗ ſtuhl liegend ein junger Burſche in Jockeylivrée. Seine Geſichtszüge hätte man hübſch nennen können, wenn ſie nicht einen harten und düſtern Ausdruck gehabt hätten. In den dunkeln Augen wohnte eine ganze Welt von unterdrückten, aber unheilverkündenden Lei⸗ 228 denſchafteu. Um die dünnen Lippen ſpielte ein Zug bitteren Hohnes. 3 Als Arel hereintrat, erhob der Burſche den Kopf, änderte aber nicht ſeine Stellung, ſondern blickte ihn nur an. Ueber ſein Geſicht zog eine Wolle von Unzufriedenheit. „Warum biſt Du hier? Warum warteſt Du auf mich?“ fragte Axel in einem etwas harten Tone. „Weil ich Dich ſehen wollte; weil ich jeden Abend daſſelbe thue,“ war die Antwort. „Aber Du weißt ja, daß es mir mißfällt, mich peinigt und ärgert, Dich unaufhörlich in meinem Weg zu finden.“ „Ich bin ja Dein Diener,“ antwortete der Burſche ſpottend. „Ja, aber gegen meinen Willen.“ „So— o!“ „Laß doch die Comödie endlich einmal ein Ende nehmen. Warum übernahmſt Du dieſe Rolle und erzwangſt Dir die Erlaubniß mich begleiten zu dürfen?“ „Weil ich Dich liebte!— Du wendeſt Dich weg von mir, Du biſt mit dieſer Erklärung nicht zufrie⸗ den, welche ich Dir tauſendmal gegeben.— Kann ich denn dafür, daß meine Liebe ſtärker iſt, als Dein Widerwillen, daß ſie mich zu dieſem Schritte zwingt; obgleich ich ganz gut weiß, daß Du ſie niemals ge⸗ theilt haſt, oder theilen wirſt. Ich verlange ja auch nichts von Dir;— wenn ich nur in Deiner Nähe ſein darf.“ Arel betrachtete den Burſchen prüfend. „Nein, es wohnt keine Liebe, es wohnt Haß in 229 Deinem Blick. Du kommſt mir wie ein Geiſt des Unglücks vor. Eine innere Ahnung ſagt mir, daß Du etwas Böſes im Schilde führſt. Wir müſſen uns trennen.“ „Müſſen, ſagſt Du.— Nein, nicht eher, als mit dem Tode,“ antwortete der Burſche langſam, und ſtand auf. „Und warum müſſen wir?— Hab ich Dir nicht treu gedient?— Laßt uns das, was ſeit der Zeit, daß unſere Wege ſich berührten, paſſirt iſt, uns in's Gedächtniß zurückrufen. Als Du nach Deinem Auf⸗ treten in Lübeck von mir wegreiſteſt, folgte ich Dir nach, und holte Dich in München ein.— Warum that ich das? § Nun, weil ich ſeit unſrem erſten Begegnen geſchwo⸗ ren hatte, nur für Dich zu leben. Ich habe Dich treu wie ein Schatten begleitet, und Deine Schritte bewacht; weil ich für Dich die glühendſten Ge⸗ fühle empfand. Du nahmſt meine ganze Seele in Anſpruch, Du beſchäftigteſt alle meine Gedanken. Durch Trotz und Drohungen erzwang ich mir eine Stelle bei Deiner Frau. Nun, warum that ich das? Kur, um Deines künftigen Glückes willen! Ich ſah im Voraus ein, daß Sie Dich mit Leidenſchaft lieben mußte, und ich wußte auch, wie ich ſie dann würde tödten können. Oh, erbleiche nicht,— höre mich an bis an's Ende! Ich wiederholte ihr ſo oft, wie hoch Du Thora liebteſt, wie ſchön ſie ſei, wie aus⸗ ſchließlich ſie Dich beherrſchte, und daß Deine Liebe zu ihr Dich bewogen hatte, im Getümmel des Krieges Vergeſſenheit oder Tod zu ſuchen, Ich zeigte ihr 230 klar, daß Du niemals, ſo lange ſie lebte, von Algier zurückkehren würdeſt. Kurz, ich ſchilderte es mit ſo lebhaften Farben, daß ich mir ſagen könnte, jede ſolche Schilderung, habe ihr ein Jahr ihres Lebens geraubt. Drei und ein halb Jahr darauf war ſie auch todt!“ „Es iſt indeſſen entſetzlich!“ rief Axel zuſammen⸗ ſchaudernd. „Entſetzlich? ſagſt Du.— Ah, und doch weiß ich etwas, das noch entſetzlicher iſt,“ fiel der Burſche düſter ein.„Sie gehörte einem Geſchlechte, das... hier hielt er an ſich, und fuhr mit der Hand über die Stirne. Ds 7 wiederholte Axel, indem er den Burſchen aufmerkſam firirte. „Mit welchem verbunden zu ſein, Dein Unglück war,“ fuhr Letzterer ruhig fort. Ich wollte nur Dein Glück, das war die Triebfeder zu meinen Handlungen. Ohne der Natur irgend eine phyſiſche Gewalt anzuthun, habe ich Deine Feſſeln gelöst, und war auch der Erſte, welcher Dich davon in Kenntniß ſetzte, daß Du— frei ſeieſt,— daß der Weg zu Thora Dir jetzt geöffnet ſei,— und doch mußte ich wieder durch Drohungen mir das Recht erzwingen, Dich wieder begleiten zu dürfen. Siehe, das iſt der Lohn für meine Bemühungen, Dir Dein Glück zu be⸗ reiten, deſſen Zeuge zu ſein, und welches mit zu ge⸗ nießen ich geſchworen habe.“ „Stille, Geiſt der Hölle, Du bringſt mich wieder auf Gedanken, welche mich raſend machen. Du wollteſt Zeugin meines Glückes ſein, und Du wußteſt doch, daß ſie bereits— verheirathet ſei. Elen⸗ v— —— v— —— 231 der, Du betrogſt mich nur,“ rief Arel, und faßte den Burſchen heftig am Arme. Begreifſt Du, daß ich bei der Erinnerung daran Dich verabſcheuen muß, und daß Du von meinen Augen fort mußſt.“ „Niemals!— Ich würde mich dann dadurch rächen, daß ich Dich um Thora's Liebe brächte; denn ich brauche nur zu ihr zu gehen, und ihr zu ſagen, daß Du, nachdem ſie wahnſinnig geworden, mich verführteſt, mit Dir durchzugehen, weil Du, wäh⸗ rend der ganzen Zeit, wo ſie glaubte ausſchließlich von Dir geliebt zu ſein, in einem intimen Verhältniß zu mir geſtanden hätteſt. Als Zeuge für die Wahr⸗ heit meiner Worte würde ich mich auf Deinen eige⸗ nen Bedienten berufen, welcher mich bei Pochtzeit Deine Zimmer verlaſſen ſah. Ich benützte dann die Waffe, von welcher Du nicht gegen mich Gebrauch machen wollteſt. Begreife alſo, daß wir bis zu dem Tage unzertrennlich ſind, an welchem Thora die Dei⸗ nige iſt, und Du nicht nöthig haſt, mich mehr zu fürchten.“ Axel ging in aufgeregter Gemüthsſtimmung ei⸗ nige male im Zimmer auf und ab. Der Burſche folgte ihm mit den Augen. „Aber wozu dieſes ewige Mißtrauen zu mir?“ fuhr er fort;„da alle meine Handlungen Dir be⸗ weiſen müſſen, daß ich nur für Dein Glück, und Dei⸗ nen ſiegreichen Eyfolg lebe.“ „Sage mir, warum verſchwiegſt Du mir in München, daß Thora verheirathet ſei?— Warum unterhielſt Du, und ſchürteſt Du meine ungeſtüme Freude darüber, daß ich frei war, und ihr mein Le⸗ 3 2 ²— 232 ben und meinen Namen anerbieten konnte, da Du doch wußteſt, daß ſie einem Anderen gehörte? Sage mir, wozu dieſe Schweigſamkeit?“ „Ich wußte durchaus nicht, daß ſie verheira⸗ thet ſei.“ „Du vergißſt denn Laura's Aufträge bei der Verlobung, welche ſie Dir gegenüber bei ihrer Rück⸗ kehr nach München erwähnte. Der General hat mir das Ereigniß mitgetheilt.“ „Aber Verlobung iſt ja keine Heirath.“ „Wenn ich an Dein ganzes Benehmen denke, dann werde ich faſt wahnſinnig vor Raſerei. Als ich von Oberſt***ſtjerna's Ball zurückkam, kam es mir vgr, als wenn Du an meinen Qualen einen Genßhätteſt. „Du täuſchteſt Dich, ich litt dagegen dabei. Arel! befehle, und ich werde gern für die Förderung Deiner Liebe mein Leben hingeben.“ Als jener ſon⸗ derbare Burſche dieſes geäußert hatte, ſtützte er ſeinen Kopf auf die Hand. „Vielleicht thue ich Dir Unrecht,“ fuhr Arel fort.„Die Zukunft wird es zeigen.“ „Ja, der Tag wirs bald kommen, wo ich nach Jahre langem Warten Dir zeigen werde, wie ich Dich liebel“ Hätte Axel jetzt den kleinen Jockey an⸗ geſehen, dann würde er über den von Haß flam⸗ menden Blick erſtaunt geweſen ſein. „Gute Nacht, Axel; wann reiſen wir?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Axel gedan⸗ kenvoll. 233 Eine Woche verging, ohne daß Thora mit Axel zuſammentreffen konnte. Graf Falkenhjelm brachte den ganzen Tag bei ſeiner Tochter zu, und Abends wurden Luſtparthieen unternommen. Hierzu kam, daß die Majorin und Nina ſich ununterbrochen bei Thora am Thiergarten aufhielten, ſo daß ſie keine einzige unbewachte Stunde hatte. Thora litt darunter. Jeden Abend ſchrieb ſie an Axel, und jeder ſolche Brief bewies, daß ſelbſt die Trennung, mehr als irgend etwas anderes, Axel dem Siege über ihr Herz näher brachte. Sie meinte jett alles überleben zu können, nur das nicht, von ihm getrennt zu ſein. So ſtanden die Sachen am Tage vor dg Ab⸗ reiſe des Grafen nach Schonen. Als Thora um die Mittagszeit von einem Aus⸗ flug mit ihrem Vater, der Tante und Nina, zurück⸗ kehrte, theilte Liſette ihr mit, daß der Bediente des Oberſten mit einem Briefe warte. Thora eilte in ihr Kabinet, und befahl, daß man ihn dorthin führen ſolle. Einige Augenblicke darauf las ſie folgendes: „Thorat Wozu dieſes Spiel mit meinem Her⸗ zen? wozu dieſe leeren Worte und Phraſen, da Du mir doch keine einzige Stunde widmeſt? Sage es ehrlich, daß Du mich nicht ſehen willſt, und ich kehre in's Feld zurück, um— zu ſterben. Liebſt Du mich aber noch, dann muß ich Dich, wenn auch nur auf einen Augenblick heute Abend ſprechen. Bewil⸗ ligſt Du mir nicht dieſe Zuſammenkunft, dann reiſe ich ab, um niemals mehr zurückzukehren. Dein unglücklicher Axel.“ 234 Hierauf antwortete Thora in einem Billet: „Auch ich vermag nicht länger, getrennt von Dir zu leben. Tod und Schande lieber, als das Leben ohne Axel! Komm heute Abend in den Pavillon. Für ewig Deine Thora.“ In einiger Entfernung von der Villa, in wel⸗ cher Thora wohnte, wartete Axels Jockey auf den Bedienten. „Gib mir den Brief,“ ſagte er zu dem Letzteren. „Aber der Oberſt befahl mir, ihm ſelbſt den⸗ ſelben zu übergeben,“ antwortete dieſer. „Gotthard, er hat mich hieher geſchickt, um Dir zu begegnen, und gab mir den Befehl, daß Du mit dieſem Brief zum Baron 4.... gehen ſollteſt.“ Obgleich etwas zögernd, ſo überreichte Gotthard doch Thora's Antwort dem Burſchen, und dieſer ſchwang ſich auf ein Pferd, welches an einem Baume angebunden ſtand, und ritt ſpornſtreichs von dannen. Früh am Abend ſagte der Graf ſeiner Tochter Lebewohl, weil er am andern Morgen abreiſen ſollte. Die Majorin und Nina blieben jedoch bei Thora. Dieſe ſchützte jedoch ein heftiges Kopfweh vor, ſo daß man ſich früher als gewöhnlich trennte, und zur Ruhe begab. Um eilf Uhr Abends ſchlich Thora ſich ſtill aus dem Hauſe hinaus in den Garten. Es war ein dunkler und ſtürmiſcher Abend, der Wind praſſelte in dem abgefallenen Laub, und jagte es wirbelnd um Thora's Haupt. Kein Stern ſchimmerte herab von dem wolkenbedeckten Himmel, und nur das N — 235 Licht, welches ſie im Pavillon hatte anzünden laſſen, zeigte ihr den Weg. Während ſie den kurzen Weg zurücklegte, bemächtigten ſich eine düſtere Angſt und traurige Ahnung des Herzens Thora's. Die Ver⸗ nunft flüſterte ihr ein warnendes kehre um! zu; die Liebe aber und die Schwäche trieben ſie vor⸗ wärts. Es kam ihr vor, als wenn Jemand hinter ihr herſchliche; wenn ſie aber ſtehen blieb, um zu lauſchen, ſo hörte ſie nur das Brauſen des Windes in dem dürren Laube. Unruhig, und von ihrer Ein⸗ bildung geängſtigt, erreichte Thora endlich das Ziel, und fand zu ihrer unbeſchreiblichen Freude Arel be⸗ reits dort. Thora warf ſich an ſeine Bruſt mit den Worten: „Gottlob, mein Axel, daß ich Dich wieder ſehe!“ Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, und ſchmiegte ſich zitternd an ihn. „Hl was ich gelitten habe, wie ich dieſe ewig langen Tage, die wir getrennt waren, mich unglücklich ge⸗ fühlt habe,“ ſprach Axel, und drückte ſie feſt an ſein Herz. „Auch ich habe jetzt klar begriffen, daß nur der Tod uns trennen kann; ohne Dich zu ſehen, kann ich nicht länger leben.“ „Du gehſt mit mir, iſt es nicht ſo, mein ange⸗ beteter Engel?“ Und Arel bedeckte dabei Thora's Hände mit ſeinen glühenden Küſſen. „Ich gehe mit Dir, wohin es auch ſein mag,“ antwortete Thora, ohne ſich zu beſinnen. „Treuloſes und meineidiges Weib, Du ſollſt ihm in den Tod folgen!“ erſcholl eine zornige Stimme. 236 Erſchrocken rißen Thora und Arxel ſich aus ihrer Umarmung, und richteten ihre Blicke beſtürzt dort⸗ hin, woher die Stimme kam. Was ſahen Sie?— Emil! mit bleichen, von Raſerei entſtellten Zügen, und neben ihm ſtand— Cordula mit einem vor Rachgier ſtrahlenden Antlitz. Bei ihrem Anblick fuhr Axel zuſammen. Sie trat einige Schritte an Emil vor, und ſprach zu Axel folgende Worte: „Jetzt, mein Herr, iſt der Augenblick gekommen, wo ich zeigen kann, wie ſehr ich Sie liebe. Emil wird auf eine würdige Weiſe meine Gefühle aus⸗ ſprechen, und darum übergebe ich meine Rache in ſeine Hände. Sollten Sie zufälliger Weiſe wiſſen wollen, wer ich bin, und warum ich Ihnen Jahre lang gefolgt, um eines Tages die zermalmende Waffe der Strafe mit Sicherheit gegen Sie ſchleudern zu können,— ſo wiſſen Sie, daß— ich die Tochter des unglücklichen Weibes bin, welche ihre Mutter als Giftmiſcherin anklagen und verurtheilen ließ. Ich bin Amalia Heyſes Kind mit Ihrem Onkel, demſelben Onkel, deſſen Vermögen es Euch dadurch gelang an Euch zu reißen, daß er ermordet, meine Mutter unſchuldig verurtheilt und ich fälſch⸗ lich für ein uneheliches Kind erklärt wurde. Nehme jetzt den Lohn, welchen das Verbrechen er⸗ zeugt. Dieſer Augenblick gibt mir Erſatz für Alles, was Sie mir geraubt haben; denn Sie werden ſterben, ſterben weg von Liebe, Ehre, Tu⸗ gend und Reichthum; ſterben gerade, wo ein Leben voll Genuß, Glück und Glanz Ihnen — 237 entgegenlacht. Ah! in dieſem Augenblick gäben Sie gerne für Thora und Ihr Leben das ganze Vermögen hin, um welches Sie mich beſtohlen ha⸗ ben; aber Sie werden ſich nicht retten können. Ver⸗ ſtehen Sie? Nichts vermag mehr ſie oder Sie zu retten,“ rief Cordula mit wilder Freude und ſtürzte hinaus. Emil ſchloß die Thüre ab und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche; worauf er ſich an Thora mit folgen⸗ den Worten wandte: „Es iſt alſo auf eine ſolche Weiſe, daß Du meine Ehre und Deine Pflichten wahrnimmſt,— ſo entſprichſt Du alſo meinem Vertrauen. Konnteſt Du aber denn nicht begreifen, daß ich einſt meine ge⸗ kränkte Ehre und Deinen Eidbruch blutig rächen würde?“ „Aber was gibt Ihnen denn ein Recht diejenige Frau, die Sie ſelbſt verlaſſen haben, auf eine ſolche Weiſe anzureden? Sie ſprechen von Rache, Sie!“ ſprach Axel in einem unbeſchreiblich verächtlichen Tone. „Was mich dazu berechtigt— fragen Sie? Nun, das Recht, welches das Geſetz mir über jenes Weib gibt.. 4 „Das haben Sie durch Ihr elendes Betragen ſchon längſt verwirkt,“ unterbrach ihn Axel.„Thora ſteht noch in dieſem Augenblick vollkommen rein und ſchuldlos vor Ihnen; aber ſie ſowohl wie ich haben keinen höheren Wunſch, als daß ſie durch eine geſetzliche Scheidung von den Banden befreit werde, welche ſie an einen ſolchen Mann, wie Sie es ſind, feſſeln.“ „Rein und ſchuldlos?— Welche unvergleichliche 238 Schamloſigkeit! Sie haben viel zu große Eile gehabt, als Sie Ihre Rechnung machten und dabei mich— vergaßen. Ich werde indeſſen nicht die paſſive Rolle ſpielen, welche Sie mir zugetheilt haben,“ antwortete Emil mit fürchterlicher Kälte und Spott. In dem⸗ ſelben Augenblick zog er zwei Piſtolen hervor.„Be⸗ trachten Sie dieſe Waffen, mit denſelben werde ich Recht ſprechen und Rache fordern. Ich gehöre nicht zu jenen frommen Seelen, welche ſich ungeſtraft um ihre Frau und Ehre beſtehlen laſſen, und nachher! ſtumme Zuſchauer des Glückes werden, das man ihnen geraubt hat. Nein, möget Ihr beide den mir angethanen Schimpf und meine zerſtörte Zukunft mit Eurem Leben entgelten.— Stille, Thora! das erſte Wort das über Ihre Lippen kommt, koſtet ſein Le⸗ ben.— Bleiben Sie ſtehen, Oberſt, die geringſte Be⸗ wegung, und ich tödte ſie.— Sie ſind beide in meiner Gewalt; höret deshalb ruhig die Worte an, welche ich hinzuzufügen habe, denn nachher iſt es vorbei zwiſchen uns.“ „Ich will und werde Sie nicht auhören!“ ſchrie Axel und trat einen Schritt auf Emil zu. „Zurück!“ rief dieſer und erhob die Piſtole ge⸗ gen Thora's todtenbleiches Geſicht;„noch einen Schritt, und ich drücke ab.“ Axel ſtieß einen Schrei ohnmächtiger Raſerei und der Verzweiflung aus. Sein Geſicht wurde blaßgelb, der Blick wild; er biß ſich ſo heftig in die Lippen, daß dieſe bluteten. „An demſelben Tage, an welchem ich meinen Brief an Sie, meine Gnädige, von Rom abſandte,* 239 erhielt ich ſelbſt einen andern von unbekannter Hand aus Schweden. Ich wurde darin davon in Kenntniß geſetzt, daß Sie, Herr Oberſt, nachdem Sie die ſchöne That vollbracht, meine Frau zu verführen, es jetzt beabſichtigten, ſie zur Flucht zu verlocken. Mich, der ich einige Augenblicke vorher durch die Komödie Thora's mit deren Bilde überſchwenglich glücklich und vollkommen getäuſcht war, verſetzte jener Brief in einen raſenden Zorn. Ich begriff jetzt klar, daß Sie dadurch, daß Sie mich erſt empfinden ließen, was Sie für mein Glück und meinen Ruf hätten ſein können, mich den ganzen Verluſt fühlen laſſen wollten, den ich an Ihnen in dem Augenblicke erlitt, in welchem ich Ihre Unentbehrlichkeit einſah; aber ich ſchwur, mich zu rächen!— Ich bin Tag und Nacht gereiſt, um hieher zu kommen, bevor es zu ſpät und es Ihnen gelungen war, mir zu entkowmen. Ich kam endlich geſtern hier an. Als ich ans Land ſtieg, begegnete mir ein kleiner Jockey. Welcher mich darum erfuchte, mir einige Worte ſagen zu dürfen. Der Burſche war Cordula. Ich nahm ein Zimmer in einem Hotel und wartete dort den Augenblick ab, in welchem mein Zorn, gleich einem zermalmenden Don⸗ ner, Euch treffen würde. Heute um die Mittagszeit erhielt ich von Cordula die Nachricht, daß Thora heute Abend hier mit Ihnen zuſammentreffen würde.“— Emil fuhr mit der Hand über die Stirne.„In dieſem Augenblicke, Thora, wo keine Macht der Welt Dein Leben retten kann, ſiehſt Du gewiß ein, daß Du mit Deiner warmen und treuen Liebe, wie Du ſie an ihn verſchwendet haſt, mich mit unauflöslichen Banden an Dich gefeſſelt haben würdeſt; während Du mir dagegen nie eine wahre Zärtlichkeit gewidmet, ſondern mich durch Deine Lauheit und durch Deinen Ehrgeiz in Landflüchtigkeit gejagt und mein Leben zu einer Plage gemacht haſt. Hätteſt Du mich wenigſtens meinen Haß und meinen Neid hehalten laſſen, ſo würde Deine Treuloſigkeit mir ein willkommener Vorwand geweſen ſein, Dich los zu werden; aber jetzt, nach⸗ dem Dein geheuchelter Edelmuth mich wieder auf Liebe und Glück hat hoffen laſſen, jetzt gibt es keine Strafe, die groß genug für Dich iſt.— Nehme mit Dir ins Grab meinen ganzen Abſcheu und den Lohn, welchen Dein unbeſonnenes Leben verdient.“ In demſelben Augenblicke wurde der Schuß ab⸗ gefeuert und Thora fiel, in der einen Seite getroffen, in ihrem Blute gebadet, zu Boden. Beim Abfeuern des Schuſſes hörte man heftige Schläge an die Pavillonsthüre, auf welche indeſſen keiner von denen darinnen Acht gab; denn als Thora von Emil's Kugel fiel, ſtürzte Axel mit wahnſinnigem Gebrülle auf dieſen los, wurde aber dabei von Emil's zweitem Schuß im Kopfe getroffen. Beim Knalle des⸗ ſelben wurde die Thüre geſprengt und zu gleicher Zeit, wo Arxel rücklings fiel, ſtürzte— General Behrend, Eordula mit ſich ſchleppend, herein. Er blieb bei dem Anblicke, der ihm hier begegnete, wie verſteinert ſtehen, und rief Cordula, deren Arme er faßte, voll Entſetzen zu: Unglückliche! was haſt Du gethan? er war— Dein Bruder!“ —— Dritte Abtheilung. Unter allen Thieren übt der niedrig geſinnte Menſch ſeine Rache mit der größten Grau⸗ ſamkeit aus! Drei Jahre ſind eine lange Zeit, wenn wir in die Zukunft blicken, aber eine ſehr kurze, wenn wir zurückblicken.— Und doch, wie mancher Schmerz wird nicht vergeſſen, wie manche Wunden werden nicht geheilt, wie manche Freude entſteht und ver⸗ ſchwindet nicht im Laufe dieſer Zeit? Drei Jahre waren ſeit dem oben beſchriebenen blutigen Ereigniſſe verfloſſen. Wir führen jetzt den Leſer bei Graf Hugo Oernhjeln auf dem ſtattlichen Bredahof im ſüdlichen Schweden ein. An einem dunkeln Oktoberabend ſaßen in einem kleinen aber geſchmackvollen Gemach eine junge Dame und ein Herr von einigen und dreißig Jahren von einem faſt düſteren Ausſehen. Auf dem Fußboden ſpielte ein hübſcher und luſtiger Junge von ungefähr zwei Jahren. „Nun, meine gute Nina, fühlſt Du Dich fort⸗ während eben ſo glücklich, wie damals, als wir uns zuletzt ſahen?“ Schwartz, Die Leidenſchaften. 16 242 — ſonders da ich, ſeit Du hier Provinzialarzt geworden biſt, für mich ſelbſt keinen Wunſch mehr habe, der nicht erfüllt wäre. Oft kommt es mir vor, als ob das Glück mich egviſtiſch gemacht hätte, weil ich für meinen Theil mich ſo vollkommen glücklich fühle, ob⸗ gleich Perſonen, welche ich kiebe, ſo grenzenlos un⸗ glücklich ſind. „Aber Du haſt ja keine Schuld an ihrem Un⸗ glücke.“ „Thoras Leiden ſind doch ſo aufregender Natur geweſen, daß man ſie nie darf vergeſſen können.— Bedenke, daß ſie zu allen ihren übrigen Verluſten noch den Tod der Tante Alm hinzuzufügen hat, welche bei den gräulichen Ereigniſſen am Thiergarten vom Schlage getroffen wurde. Auch athmen ihre Briefe, obgleich ſie kurz ſind, eine Gemüthsſtimmung, welche beweiſt, daß ſie nicht vergeſſen kann. Wie fandeſt Du ihre Geſundheit?“ „Leider kann ich mich gar nicht darüber äußern, weil Thora alle Fragen, die darauf Bezug haben, unbeantwortet läßt, und gleichſam zu fürchten ſcheint, daß man argwöhnen möchte, ſie ſei nicht geſund. Ich meines Theils fürchte viel von den Roſen, welche jetzt ſo verrätheriſch auf Thora's Wangen blühen.“ E Ach, Heinrich, womöglich noch glücklicher; be⸗ Die Wunde, welche ſie durch den Schuß Emil's erhielt, hat alſo keine ſchweren Folgen hin⸗ terlaſſen?“ Nicht im geringſten, denn keiner der edleren Theile wurde verletzt.“ „Es freut und ſchmerzt mich zu gleicher Zeit, ₰ 243 nach einer Trennung von drei Jahren Thora wieder zu ſehen,“ bemerkte Nina gerührt. Jetzt trat Graf Hugo, einen offenen Brief in der Hand haltend, herein. „Wir können jeden Augenblick Onkel und Thora erwarten. Er ſchreibt, daß ſie zu gleicher Zeit mit dieſem Briefe abreiſen,“ ſagte der Graf und küßte Nina. Einige Augenblicke darauf meldete der Bediente, daß zwei Reiſende eine Privatunterredung mit Doktor Adler wünſchten. Heinrich bat den Bedienten, die Fremden auf ſeine Zimmer zu führen und ging ſelbſt kurz darauf fort, nachdem man ſeine Berwunderung über dieſen Beſuch geäußert, da Heinrich ſeine Stelle noch nicht angetreten hatte. Als der Doktor in ſeine Zimmer hinaufkam, fand er dort einen älteren Herren und eine Dame, deren Antlitz durch eine tief über daſſelbe herunter⸗ gezogene Reiſehaube verborgen wurde. „Entſchuldigen Sie, daß wir kommen und Sie ſtören; aber Kummer und Gewiſſensbiſſe verſtehen es ebenſo wenig, wie eine Krankheit, die paſſende Gele⸗ genheit abzuwarten,“ ſagte der Fremde.„Ich hoffe,“ fügte er hinzu,„daß Sie, obgleich wir uns nur ein paarmal geſehen, doch mich wieder erkennen werden, denn unſer erſtes Zuſammentreffen war mit Ereig⸗ niſſen von ſo aufrührender Natur begleitet, daß ſie nie vergeſſen werden können.“ „Herr General, Sie ſind mir unauslöſchlich in der Crinnerung geblieben. Aber, auf welche Weiſe kann 244 ich irgendwie zu Dienſten ſein?“ fragte der Doktor, und lud ſeine Gäſte ein, Platz zu nehmen. „Es ſind bloß einige Aufklärungen, um welche ich Sie erſuchen möchte; weniger für mich ſelbſt, als um einen Auftrag ausrichten zu können, welchen ich auf mich genommen habe.“ „Ich ſtehe zu des Herrn Generals Dienſten.“ „Wo hält ſich Frau Liljekrona auf, und wie kann ich mit ihr zuſammentreffen?“ Bei dieſer Frage fuhr Heinrich zuſammen. „Herr Doktor, ich muß ſie treffen, und ihr Auf⸗ enthalt kann Ihnen nicht unbekannt ſein,“ fiel der General ein. „Zuletzt hat ſie ſich in Kopenhagen aufgehalten, aber ſie iſt von dort abgereiſt,“ antwortete Heinrich. „Wohin?“ „Herr General, ich halte mich nicht für berech⸗ tigt, es zu ſagen; weil eine Begegnung mit Ihnen zu ſehr die Wunden aufreißen würde, an welchen ihr Herz blutet.“ „Beweinen wir nicht eine und dieſelbe Perſon? was kann denn mein Anblick Entſetzliches für ſie ha⸗ ben?— Herr Doktor, ich muß unter allen Umſtän⸗ den mit ihr ſprechen. Ich habe einem Sterbenden verſprochen, ſelbſt ſeiner noch lebenden Gattin ſeine letzten Worte zu überbringen.“ „Emil?“ rief Heinrich. U. 3 Der General fuhr dabei mit der Hand über die gefurchte Stirne, und fügte hinzu: „Er ſtarb vor einigen Wochen in München, bei —.,—————— — 245 mir. Noch mehr. Ich habe der Urheberin von all dieſem Kummer, der ſo manches Herz vernichtet hat, verſprochen, daß ſie, bevor ſie vor einen höheren Richter tritt, zu den Füßen der unglücklichen Frau Liljekrona um Verzeihung betteln darf.“ Der General machte dabei eine Bewegung mit der Hand und deutete auf ſeine Begleiterin, die mit geſenktem Haupte in einiger Entfernung ſaß; ihr Geſicht wurde ſo vollkommen beſchattet, daß Heinrich die Züge nicht unterſcheiden konnte. „Und endlich,“ fuhr der General fort,„habe ich ſelbſt einige Mittheilungen zu machen.“ In demſelben Augenblicke trat ein Bedienter ein und ſagte: „Die Frau Gräfin befahl mir, dem Herrn Doktor zu ſagen, daß Graf Falkenhjelm und Frau Liljekrona eben jetzt angekommen ſind.“ Heinrich warf einen unruhigen Bück auf den General. Die fremde Dame ſprang auf und rief: „O, mein Gott, Thora!“ und dabei hob ſie ihren Kopf ſo weit in die Höhe, daß der Lichtſchein auf ihre Züge fiel. Der Doktor trat ihr überraſcht ein paar Schritte entgegen und ſtammelte, kaum ſeinen eigenen Augen trauend: „Cordula! iſt es möglich?“ „Herr Doktor,“ fiel der General ein,„laſſen Sie Ihre Verwunderung bei Seite, es wird Ihnen bald Alles klar werden. Erweiſen Sie mir die aus⸗ gezeichnete Güte, bei Graf Oernhjelms Familie um 246 Gaſtfreiheit für uns auf ein paar Tage zu bitten, da ich einſehe, wie unpaſſend es iſt, gleich bei Frau Liljekrona's Ankunft, ihr mit unſeren Fragen entge— genzutreten; aber es muß doch geſchehen, und darum finde ich mich gezwungen, durch Sie um ihre Gaſt⸗ freundſchaft zu bitten.“ „Ich gehe ſofort, um den Wunſch des Herrn General meiner Schweſter und meinem Schwager vorzutragen, und ich begreife vollkommen, daß das am Sterbebette gegebene Verſprechen erfüllt werden muß,“ antwortete Heinrich ſich verbeugend und ging. Am Tage nach der Ankunft Thora's auf Breda⸗ hof ging Nina ganz früh Morgens zu ihr hinein. Thora's Aeußeres hatte ſich bedeutend verändert; jedoch ohne daß man ſagen konnte, daß ſie etwas an ihrer feſſelnden Anmuth verloren hätte. Sie war zwar nicht mehr jene blendende Schönheit, welche ſtürmiſche Leidenſchaften erregte, aber ihr feines, lei⸗ dendes Geſicht, mit den großen, kummervoll träumen⸗ den Augen, war ſo edelſchön, daß man unwillkürlich dafür eingenommen wurde. Die reine Röthe auf den abgemagerten Wangen ſchien mit ihren Roſen es ver⸗ bergen zu wollen, daß der Tod ſich in ihr Herz ein⸗ geſchlichen. Thora reichte Nina die Hand mit einem freund⸗ lichen, obgleich traurigen Lächeln. 247 „Wie befindeſt Du Dich, Thora? Dein Huſten geſtern Abend beunruhigte uns,“ bemerkte Nina herz⸗ lich und ſetzte ſich. „O, liebe Nina, der hat nichts zu bedeuten, ich merke ihn ſelbſt nicht,“ antwortete Thora und ging auf ein anderes Thema über. „Es iſt eine Perſon zum Beſuch bei uns ange⸗ kommen, welche mit Dir zu ſprechen wünſcht; aber ich bin in großer Verlegenheit, wie ich dich darauf vor⸗ bereiten ſoll,“ begann Nina. Ein leichtes Zittern fuhr durch Thora's Körper, als ſie ſagte: „Nina, es gibt nur eine Perſon, deren An⸗ blick zu ertragen ich nicht Kraft genug zu beſitzen fürchte; es iſt Emil!“ „Er iſt es nicht, ſondern....“ Nina ſchwieg. „Ach! dann ſind alle Andern mir gleichgültig.“ „Alle? denke genau nach!“ „Ja, alle, alle!“ Thora's Stimme zeugte von der Wahrheit ihrer Worte. „Auch General Behrend?“ „Er?— O, mein Gott! Du haſt mich alſo erhört.— Weißt Du, Nina, in dieſen Jahren, während welchen ſich mein Vater in fremden Ländern herum⸗ geſchleppt hat, habe ich blos einen Wunſch gehabt, den nämlich, daß das Schickſal mich mit dem General zuſammenführen möchte; aber es fehlte mir an Muth, denſelben gegen meinen Vater auszuſprechen. Jetzt werde ich denn endlich, vor meinem Tode, in all die Dunkelheit, welche mich umgibt, klar hineinblicken.“ 248 Angenehm von der Freude überraſcht, welche Thora bei dem Gedanken an dieſe Begegnung an den Tag legte, beeilte Nina ſich, dem General mit⸗ theilen zu laſſen, daß Thora auf ſeinen Beſuch vor⸗ bereitet ſei und ihn mit Vergnügen empfangen würde. Etwas ſpäter fand er ſich, von Heinrich begleitet, bei Thora ein. Der General blieb einige Augenblicke ſtehen und betrachtete ſie, während eine Thräne der Rührung in ſeinem ſonſt ſo ſtrengen Auge ſchim⸗ merte. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, mein ſonderbares Benehmen; aber Ihr Aeußeres erinnert mich zu leb⸗ haft an das einzige Weib, welches ich geliebt— an Ihre Mutter,“ ſprach der General. Thora ergriff ſeine Hand und ſagte: „O, was habe ich nicht Alles bei Ihnen abzu⸗ bitten!— Ich, welche, ohne es zu wiſſen, Ihrer Tochter ihren Mann, und Ihnen— ſie geraubt habe. Können Sie der Urheberin aller dieſer Lerden ver⸗ zeihen? Ich war nicht vorſätzlich eine Verbrecherin. Und wie ſchrecklich bin ich nicht beſtraft worden!“ Thora vermochte nichts mehr zu ſagen. „Gnädige Frau, der einzige Schuldige war Arxel; aber der iſt jetzt todt.“ „Ja— gemordet! durch mich!“ rief Thora mit einer Verzweiflung, welche zeigte, daß die Zeit es nicht vermocht hatte, den Schmerz zu mildern, welcher ſie verzehrte. In Thora's Geſicht ſpiegelten ſich Qua⸗ len ab, welche zu groß waren, als daß man ſie mit Worten ſollte beſchreiben können. 249 „Armes Kind!“ flüſterte der General und führte ihre Hände an ſeine Lippen.“ Als es Thora nach Verlauf einiger Minuten gelungen war, ſich zu beruhigen, fuhr ſie fort: „Herr General! während dieſer letzten Jahre, die ſo traurig dahingeſchwunden ſind, habe ich mich nur mit der Vergangenheit beſchäftigt, ohne damit in's Reine zu kommen; ich bin aber dagegen voll⸗ kommen überzeugt, daß Sie Licht über manches ver⸗ breiten können, welches ſowohl mich ſelbſt, wie meine mir gänzlich unbekannte Mutter betrifft. Sollten Sie mir meinen Wunſch erfüllen wollen, damit ich einiges über ihr Schickſal erfahre?“ „Dieſes Verlangen entſpricht vollkommen meiner eigenen Abſicht; weil ich dann Gelegenheit bekomme, zu erklären, wie ich, ein Fremder, mich in Ihre Fa⸗ milienverhältniſſe habe miſchen können.“ Der General ſetzte ſich und Heinrich machte Miene weg zu gehen; aber auf Thora's Verlangen blieb er. Endlich begann der General: „Wahrſcheinlich wiſſen Sie, gnädige Frau, daß Ihr Großvater, der Kronenvogt Ahlrot, in ſeiner zweiten Ehe mehrere Kinder Se „Ja,“ antwortete Thora,„Tante Alm und Onkel Anton waren Kinder aus der erſten Ehe.“ „Ihre Tante, eine ſtrenge und unbeugſame Frau, hatte, ſoweit ich gehört, drei Töchter; iſt das ſo?“ „Ja, man hat es mir geſagt und ebenſo auch, daß ſie, nach Onkel's Tod, längere Zeit auf ihrem Hofe lebte, welcher zum Gute des Grafen Falkenhjelm gehörte und daß ſie dort ihre Töchter erzog.“ 250 „Auch ich habe dieſe Nachrichten von dem Gra⸗ fen, Ihrem Vater, eingeholt, obgleich erſt in ſpäteren Jahren. Den Namen ihrer Familie oder den Ort, wo ſie erzogen worden war, nannte Ihre Mutter niemals. Eine Frage dürften Sie ſo gut ſein, zu beantworten, bevor ich fortfahre: Wie haben die Ma⸗ jorin Alm und ihr Bruder ein ſo anſehnliches Ver⸗ mögen beſitzen können, da Ihr Großvater ein ſo un⸗ bedeutendes hinterließ?“ „Sie beſaßen daſſelbe nach den Großeltern ihrer Mutter, welche ſie nach dem Tode der Mutter erzog.“ „Und Sie wiſſen nichts von dem Schickſal Ihrer Mutter?“ „Nichts, Herr General. Man hat meine Fragen in dieſer Hinſicht nie beantwortet.“ „Nun gut, dann fahre ich fort: Amalia, Ihre Mutter, war die jüngſte von den drei Schweſtern. Mit einer Schönheit begabt, deren bezaubernde Eigen⸗ ſchaft ſich auf Sie verpflanzt hat, hatte die Natur ſie auch mit einem glühenden Herzen und einer lebhaften Phantaſie ausgerüſtet, welches bewirkte, daß das faſt öſterliche und gar zu regelmäßige Leben, das die Mutter zum Prinzip bei der Erziehung der Mädchen gemacht hatte, Amalia als eine drückende Sclaverei vorkam. Die anhaltende Arbeitſamkeit, welche zum Geſetz im Hauſe geworden war und niemals durch etwas anderes, als durch Andachtsübungen unterbro⸗ chen wurde, ſchien Amalia's lebhafter Seele einer Tortur zu gleichen. Dieſe freudenleere Lebensweiſe erregte ihren Abſcheu und machte, daß ſie die Hei⸗ math als den unerträglichſten Ort auf der Erde be⸗ 251 trachtete. Sie ſehnte ſich davon, wie der gefangene Vogel nach der Freiheit. So erreichte ſie ihr 17. Jahr, als die Hochzeit der Majorin Alm Anlaß zu einer Reiſe nach der Hauptſtadt gab, wo dieſelbe gefeiert werden ſollte. Unbeſchreiblich glücklich reiſte Amalia mit ihrer Mutter und ihren Schweſtern von Yſtad mit dem Dampſſchiff nach Stockholm ab.— Als die andern während der Reiſe ſeekrank wurden, hielt Amalia ſich allein auf dem Deck auf, weil der Qualm in dem Salon ihr läſtig war. DerKapitän an Bord, ein alter Bekannter von ihrer Mutter, ſtellte Amalia dem jungen Grafen Falkenhjelm vor, welcher ein Sohn des Eigenthümers von Ljungſtadt war, unter deſſen Herrſchaft der Pächterhof Ihrer Mutter gehörte. Der Graf war liebenswürdig und hübſch und ſo un⸗ ſchuldig Amalia auch war, ſo ſah ſie doch bald ein, daß ihr Aeußeres auf ihn Eindruck machte. Auſ der Reiſe macht man leicht Bekanntſchaften und bald unterhielten ſich die beiden jungen Leute, als wenn ſie ſich ſchon lange gekannt hätten. Bei der Ankunft in Stockholm wußte ſie in Folge deſſen, daß der Graf ſich nur einige Wochen dort aufhalten und dann nach Lungſtadt hinunterreiſen würde; ſowie auch, daß er jetzt von einer Reiſe nach dem Continent zurückkäme u. ſ. w. Während die Familie ſich in der Hauptſtadt aufhielt, traf Amalia auch einigemale mit ihrem Reiſekameraden zuſammen. Nach der Hochzeit ſchlug die verheirathete Halbſchweſter vor, Amalia bei ſich zu behalten, was die Mutter zugab; aber zu aller Ueberraſchung erklärte das Mäd⸗ chen nach Hauſe zurücktehren zu wollen. Genug, ſie 2 252 reiſte und ihre ältere Schweſter blieb. Der Sommer ging vorüber; zwiſchen Amalia und dem jungen Gra⸗ fen, welcher ſich jetzt auf Ljungſtadt aufhielt und ſich mehreremals Gelegenheit verſchafft hatte, mit ihr zu⸗ ſammen zu kommen, entwickelte ſich eine heftige Liebe. Die Schweſter des Grafen, eine verheirathete Gräfin Hernhjelm, welche ſich auch auf dem Lande bei den Eltern aufhielt, entdeckte die Verbindung der jungen Leute und theilte ſie dem alten Grafen mit.— Es fand eine Erklärung zwiſchen Vater und Sohn ſtatt, wobei der Letztere unvorſichtig genug äußerte, daß er beabſichtigtige, ſich mit Amalia zu verheirathen. Es hätte beinahe ein Auftritt ſtattgefunden, als die Gräfin OHernhjelm dazwiſchen trat und dem Vater verſprach, ſich der Sache anzunehmen. Es vergingen einige Wochen. Die Liebenden ſahen einander ſeltener.— Endlich gelang es der Gräfin Hernhjelm, den Bruder zu einer Reiſe nach der Hauptſtadt zu bewegen, da⸗ mit ſie während der Zeit die Einwilligung des Vaters zur Verbindung mit Amalia auswirken könnte. Der Bruder ging vollſtändig in die Schlinge, die ſie ihm legte und— reiſte. Jetzt wandte ſich die Gräfin direkt an Amalia und ſpiegelte ihr vor, daß, wenn ſie die Gräfin auf eine Reiſe in's Ausland begleitete, welche auf den Herbſt beſtimmt war und ein Jahr dauern ſollte, ſo würde es nachher leichter ſein, den ſtolzen Vater zu ſeiner Einwilligung zu bewegen. Viel zu jung und zu verliebt, um Mißtrauen zu der Schweſter von ihm hegen zu können, welcher ihr Herz beſaß, nahm Amalia den Vorſchlag mit Entzücken an. Die Gräfin beſuchte auch ihre Mutter, aber ohne ein 253 Wort von der Liebe der Amalia und des Bruders zu ſprechen, ſchlug ſie ihr bloͤs vor, die Tochter auf eine Reiſe in's Ausland mitnehmen zu dürfen; aber die ſtrenge und um ihr Kind beſorgte Mutter verweigerte dieſes auf das Beſtimmteſte. Der Kummer Amalias war grenzenlos; alle die hübſchen Luftſchlöſſer, welche ſie gebaut, ſtürzten zuſammen vor der Unbeweglichkeit ihrer Mutter. Die vornehme Familie, die ein zu großes Intereſſe daran hatte, ſie aus dem Wege zu ſchaffen, machte ſich dann einer wirklich niedrigen Hand⸗ lung ſchuldig. Man brachte die Tochter auf den Ge⸗ danken, ohne Erlaubniß ihrer Mutter ihre Heimath zu verlaſſen. Drei Wochen darauf reiſte Gräfin Oern⸗ hjelm mit ihrem Manne ab und an demſelben Tage verſchwand auch Amalia. Sie hinterließ jedoch einen Brief an die Mutter, in welchem ſie um Verzeihung für den Schritt bat, den ſie gethan und erwähnte auch, wohin und mit wem ſie reiſte; dabei flehte ſie um einige Worte, als einen Beweis, daß die Mutter ihr nicht gar zu ſehr zürne. Graf Dernhjelm, welcher in irgend einer ſpeciellen Miſſion nach Bayern reiſte, nahm den Weg direkt nach München. Dort angekommen, erhielt Amalia einen Brief von ihrer Mutter, welchem ein an⸗ derer an die Gräfin beigeſchloſſen war. Dieſer Brief befand ſich unter Amaliens Papieren. Hier folgt der Inhalt deſſelben: „Ein Kind, welches— wie Du— aus ſeinem elterlichen Hauſe flieht, hat dadurch ſein Recht auf daſſelbe verwirkt. Du haſt es ohne meine Erlaubniß aus freien Stücken verlaſſen, nachdei Du durch einen 254 Liebeshandel Deine Ehre befleckt hatteſt. Nun gut, trage jetzt auch allein die Folgen davon. Kehre nie⸗ mals mehr zu mir zurück; denn ich erkenne Dich nicht mehr an, und werde nicht einmal erlauben, daß Dein Name in meiner Gegenwart von Deinen Geſchwiſtern genannt werde. Hoffe nicht auf Verzeihung; Du iannſt ſie niemals erhalten. Habe darum ſelbſt Ehre genug in Deiner Bruſt, um nicht unſern ehr— lichen Namen dadurch zu erniedrigen, daß Du den⸗ ſelben trägſt und laſſe auch nicht ein Wort aus Dei⸗ nem Munde kommen, welches andeutet, daß Du mir das Leben zu danken haſt; ich werde es nie zugeben. Du biſt und verbleibſt todt für mich, ſowohl wie für Deine Geſchwiſter und ich verlange, daß Du auch uns als todt für Dich betrachteſt. Dein Verführer, der junge Graf, iſt hier geweſen, um von mir zu erfahren, wohin ſein Opfer den Weg genommen; aber ich habe ſeinen Eltern, welche da⸗ durch, daß ſie Dich fortgeſchafft und auf dieſe Weiſe die Folgen Deines Fehltrittes verborgen, mir eine offene Schande erſpart haben, verſprochen, es ewig zu verſchweigen, wo Du Dich befindeſt. Irgend einer Unterſtützung von mir oder einer Erbſchaft nach meinem Tode, bedarfſt Du nicht; denn Deine Schande hat Dir ja eine ſolche von ſeiner Familie verſchafft. Agatha A—. p. S. Schreibe mir nicht; Du gewinnſt dadurch nichts, da ſowohl ich, wie Deine Geſchwiſter Deine Briefe unerbrochen zurückſchicken.“ „Sie ſehen hieraus, gnädige Frau, welche Farbe 255 die Eltern des Grafen der unſchuldigen Liebe des Sohnes und Amalia gegeben. Durch jene abſcheuliche Erfindung gelang es ihnen, ſich ſelbſt zu entſchuldigen und ihren Handlungen einen Schein von Edelmuth zu verleihen.“ Der ariſtokratiſche Egoismus iſt furcht⸗ bar; denn für ihn gibt es nichts heiliges— und nichts, was niedrig genug wärel Die Verzweiflung der armen Tochter zu ſchildern, als ſie den faſt grauſamen Brief der Mutter las, wäre vergebens. Sie hatte ſich durch eine Vorſpie⸗ lung blenden laſſen, deren ganze Unzuverläſſigkeit ſie erſt jetzt einſah; denn die Gräfin Oernhjelm hatte ihr Benehmen gegen ſie gänzlich verändert. Nachdem ſie weit genug entfernt waren, um es wagen zu können, erklärte die Gräfin, daß eine Verbindung zwiſchen dem Bruder und Amalia gänzlich unmöglich ſei, ſowie auch, daß man ſie nur mitgenommen hätte, um einen ſol⸗ chen Scandal vorzubeugen u. ſ. w. Nebenbei ließ die Gräfin alle ihre Handlungen ſtreng bewachen und ausſpioniren, ſo daß Amalia ohne ihr Wiſſen nicht das Allergeringſte unternehmen konnte. Indeſſen hiel⸗ ten ſie die Hoffnung und der Glaube an ihn, den ſie ſo innig liebte, noch aufrecht. In vollem Ver⸗ trauen, daß der junge Graf endlich ihr zu Hilfe kom⸗ men würde, wenn er nur erführe, wo ſie ſei, ſchrieb ſie heimlich einen Brief an ihn; aber dieſer wurde wahrſcheinlich von der Gräfin aufgefangen, denn der⸗ ſelbe kam ihm nie zu Handen und Amalia wurde ſeit der Zeit noch genauer bewacht.— Aus Achtung vor dem Willen der Mutter ließ Amalia ſich von der Zeit an Ahl nennen und nahm nie mehr den Na⸗ men der Familie an. Als Mamſell Ahl lernte ich ſie auch kennen.“ Der General hielt einen Augenblick inne. „Ich war zu jener Zeit Adjutant des Thron⸗ folgers und kam in dieſer Eigenſchaft oft in Berüh⸗ rung mit der Oernhjelm'ſchen Familie, wo ich jenes ſchöne, aber ſo tief betrübte Mädchen ſah und liebte, welches als Geſellſchaftsdame und Vorleſerin bei der Gräfin in Dienſten ſtand. Etwas über ein Jahr war verfloſſen. Eines Tages kam von Schweden die Nachricht von der Hei⸗ rath des jungen Grafen Falkenhjelm mit einem rei⸗ chen, hochgeborenen Fräulein. Die Gräfin ließ dann Amalia zu ſich rufen und theilte ihr ohne alle Vor⸗ bereitung mit, daß der Bruder jetzt verheirathet ſei; ſie fügte ferner hinzu, daß ſie für ſie eine jährliche Penſion ausgeworfen habe, ſo daß es von Amalia ſelbſt abhänge, ob ſie in Bayern bleiben, oder nach Schweden zurückkehren wolle; daß aber die Gräfin wünſchte, daß ſie je eher je lieber ihr Haus verließe. Der Schlag traf das arme Mädchen ſo ſchonungslos, daß ſie leblos zu Boden ſtürzte. Als Amalia wieder zur vollen Beſinnung erwachte, lag ſie allein in ihrem Zimmer auf einem Sopha. Gänzlich zerſchmettert von Schmerz bei dem Gedanken an die Treuloſigkeit, deren Opfer ſie geworden, und daß ſie auch von ihm verrathen worden ſei, den ſie ſo innig liebte, wurde Amalia's Herz von Verzweiflung ergriffen. Verlaſſen und verſtoßen von allen, blieb ihr nichts übrig als der Tod. Sie wollte fort aus dieſem Hauſe, aus —— 257 dieſer Welt, wo ſie bereits ſo viel gelitten, und be⸗ ſchloß ihrem Daſein ein Ende zu machen. Ohne ſich zu beſinnen, eilte ſie auf die Straße und lenkte ihre Schritte nach dem Iſarfluß. Um dieſelbe Zeit promenirte ich mit dem Regie⸗ rungsrath Heyſe längs dem Ufer des Fluſſes, als wir plötzlich ein Weib nach demſelben hinunter eilen ſahen. Heyſe ſtand nächſt dem Rande, als ſie, ohne auf ihn Acht zu geben, vorüber eilte. 6s gelang ihm gerade in dem Augenblick, ſeine Arme um ihren Leib zu ſchlingen, als ſie ſich in das Waſſer ſtürzen wollte. Nach einem faſt raſenden Kampfe von ihrer Seite, um ſich loszureißen, bekam ſie Krämpfe, die mit einer Ohnmacht ſchloßen, wo⸗ rauf wir ſie nach Heyſes Wohnung am Iſarthore brachten. „Achl gnädige Frau, dieß iſt nur ein kleiner Tropfen aus dem bitteren Kelche, welchen Amalia zu leeren verurtheilt war. Aber bevor ich weiter gehe, muß ich über einige von meinen eigenen Familien⸗ verhältniſſen Rechenſchaft ablegen, weil ſie nachher mit den Ihrigen in Berührung kommen. Ich bin aus einer alten adeligen, aber armen Familie in Baiern. Wir waren zwei Kinder, eine Schweſter, Leona, und ich. Leona wurde mit einem jüngeren Bruder des Regierungsraths Heyſe verheirathet, wel⸗ cher Kapitän in einem Huſarenregiment war und nur ein mittelmäßiges Vermögen beſaß. Der Regierungs⸗ rath war dagegen als älteſter Sohn ſehr reich. Leona hatte nur ein Kind, einen Sohn von Schwartz, Die Leidenſchaften. 17 258 vier bis fünf Jahren, welchen ihr reicher Schwager, der unverheirathet war, zu ſeinem Univerſalerben auserſehen hatte. Ich war auch verheirathet, aber mit einem Mädchen, das einem der reichſten und mächtigſten Häuſer Baierns angehörte. Vor mir lag eine ruhmvolle Laufbahn, Königsgunſt und Aus⸗ zeichnung. Ich kehre jetzt zu Amalia zurück. Als wir ſie in Heyſe's Wohnung geſchafft hat⸗ ten, entdeckte ich, daß es die ſchwediſche Geſellſchafts⸗ dame der Gräfin ſei, und theilte es Heyſe mit. Bei ihrem Wiedererwachen phantaſirte ſie und legte dabei ein wahrhaſtes Entſetzen vor der Gräfin an den Tag. Alle Mittel, ſie zu beruhigen und zur Ver⸗ nunft zurückzubringen, waren vergebens. Sie er⸗ krankte an einem heftigen Nervenfieber. Ich ſchlug jedoch vor, daß man ſie zu Hernhjelm's zurückbringen ſollte; aber Heyſe wollte nichts davon hören, weil ſie einen ſolchen Abſcheu vor ihnen zeigte, ſondern gab zur Antwort: Wenn Amalie geſund geworden, ſollte ſie die Gräfin beſuchen, aber bis dahin bliebe ſie unter ſeinem Schutz. Tage und Woche vergingen, während Leben und Tod um das junge Mädchen kämpften; aber das Leben ſiegte und ſie wurde nach und nach geſund. Man hätte jetzt mit ihr davon ſprechen können, zur Gräfin zurückzukehren; aber es war zu ſpät, denn Hernhjelms hatten bereits München verlaſſen. Sechs Monate darauf war Amalia mit dem Regierungsrath verheirathet. Bei dieſen Worten fuhr der General mit der Hand über die Stirne. Heyſe, ein Mann von em⸗ 259 pfindlichem und mißtrauiſchem Gemüth, aber won einem treuen und edlen Charakter, liebte ſeine junge, ſchöne Frau mit der glühenden Leidenſchaft eines Junglings, und Amalia ſchien, während der zwei erſten Jahre ihrer Ehe, Troſt und Erſatz für ihre Leiden gefunden zu haben. Doch entfiel ihr nie ein Wort von dem Namen, oder der geſellſchaftlichen Stellung ihrer Verwandten, ausgenommen gegen ihren Mann, dem ſie treulich eine vollſtändige Schilderung ihres vergangenen Lebens gegeben hatte. Sie war und blieb für alle, ausgenommen für ihn, Amalia Ahl. Ich führe dieſes an, um die Schwierigkeiten zu erklären, mit welchen ich bei den Nachforſchungen zu kämpfen hatte, die ich ſpäter anzuſtellen genöthigt war. Nach zweijähriger Ehe gebar Amalia einen Sohn, er ſtarb aber kurz nach der Geburt. Der Kummer über dieſen unvermutheten Verluſt griff ihre Geſundheit an. Die Aerzte riethen Heyſe, daß ſie ſich einer Gräfenberger Kur unterwerfen laſſen ſollte, und ſie reisten beide dorthin, von meiner Schweſter Leona begleitet. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß Amalia dort mit dem Grafen Falkenhjelm zuſammen⸗ traf, welcher mit ſeiner jungen Frau ebenfalls die Bäder benutzte. Die faſt erloſchene Flamme loderte wieder bei beiden auf, und es kam zu einer Erklä⸗ rung, welche nur Oel in's Feuer goß. Obgleich da⸗ bei Keiner von ihnen ſich eines andern Fehlers ſchuldig machte, als desjenigen der Untreue des Her⸗ zens, ſo wurde doch Heyſe's Eiferſucht rege gemacht, und er reiste plötzlich mit Amalia nach München ab. Die Harmonie zwiſchen dem Gatten war jetzt geſtört. 260 Er litt an der Eiferſucht, und ſie an einer un⸗ glücklichen Liebe. Leona, welche von einem faſt lei⸗ denſchaftlichen Eigennutz beherrſcht wurde, hatte mit heimlichem Abſcheu den reichen Schwager eine Ehe ſchließen ſehen, welche ihren Sohn um die Erbſchaft brachte, auf welche ſie für ihn gerechnet; ſie weckte zuerſt die Eiferſucht in Heyſe's Herz und ſchürte die⸗ ſelbe mit einer infernaliſchen Geſchicklichkeit, ohne daß eine der beiden Parteien es ahnte. Die Folge war, daß Heyſe Amalia ungerecht und mit Härte behan⸗ delte. Alles, was ſie that, um ihn zu beruhigen, und die Schuldloſigkeit Amalia's zu beweiſen, ſchei⸗ terte an den geheimen Intrignen der Leona. Ich ſprach Amalia ſelbſt, und ſie verſicherte mich unter Thränen, daß ſie zwar den Grafen liebe und es ihm auch geſtanden habe; daß aber nie einen Augenblick ein Gedanke an Betrug gegen dieſen Mann, dem ſie ſo viel Dankbarkeit ſchuldig ſei, in ihrer Seele ent⸗ ſtanden ſei. Ach, gnädige Frau, wenn je die Züge eines Menſchen das Gepräge der Wahrheit trugen, ſo war es bei ihr in dem Augenblicke der Fall, wo ſie dieſe Verſicherung gab. Ich, welcher auch in meinem Innerſten eine thörichte Liebe für ſie nährte, ich hatte nicht weniger als der Mann, von den Qualen der Eiferſucht gelitten; als ich es aber ſie ſagen hörte, da war es unmöglich, an ihren Worten zu zweifeln. Nach dieſer Unterredung gelang es mir, Herſe zu bewegen, gegen Amalia ſelbſt alle ſeine Zweifel auszuſprechen, und das Verhältniß wurde dadurch etwas beſſer. Es ſah jetzt aus, als wenn wieder ſröhliche Tage für ſie beginnen, ja ihnen ent⸗ * 261 gegenlächeln ſollten; aber es war eine Ruhe, welche Sturm verkündete. Als Heyſe eines Tages ſeinen Bruder beſuchte, und Amalia zu Hauſe geblieben war, ließ Graf Fal⸗ tenhjelm ſich anmelden. Amalia antwortete, daß ſie den Grafen nicht empfangen könnte; aber es war zu ſpät, denn er war gleich nach dem Bedienten inge⸗ treten, ohne die Erlaubniß abzuwarten. Sie Jerden ſpäterhin erfahren, durch welche teufliſche Intrigue die Anweſenheit des Grafen in München veranlaßt worden ſei. Während der Graf gegen den Willen Amalia's zu ihr hineindrang, unterhielten ich und Heyſe uns mit Leona. Plötzlich bemerkte ſie: „Weiß Jemand von ihnen, daß Graf Falken⸗ hjelm ſeit einer Woche ſich hier aufhält?“ Heyſe wurde unnatürlich bleich und erhob ſich von ſeinem Platz. Ich konnte nur mit Mühe ein Nein herausbringen. „Das wäre ſonderbar,“ fuhr Leona fort; er ging eben vorüber, und bog in die Theatinerſtraße hinein. Zur Aufklärung muß erwähnt werden, daß Heyſe ſeit ſeiner Heirath in der genannten Straße Alle Furien des Verdachts erwachten mit voller Raſerei in Heyſe's, und, warum es verbergen, auch in meiner Seele. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm er ſeinen Hut und entfernte ſich. Ich wurde durch die Anweſenheit meiner Frau zurückgehalten. Als ſe zu Amalia hereintrat, fand er den Grafen auf en zu ihren Füßen. Alle ihre Schwüre und 262 Verſicherungen von ihrer Unſchuld dienten jetzt zu nichts; er glaubte beſtimmt, daß ſie ſchuldig ſei, daß ſie von dem Aufenthalt des Grafen in München ge⸗ wußt und ſchon früher mit ihm zuſammengetroffen ſei. Der Graf reiste und Amalie blieb zuruͤck, um Buße zu thun für die Gefühle ihres Herzens. Einige Zeit darauf entdeckte die Unglückliche, daß ſie Mutter werden würde. Obgleich vollkommen ſchuldlos, wurde ſie doch von ihrem Manne auf eineent⸗ ſetzliche Weiſe vertannt. Er wollte das Kind, welches ſie gebären ſollte, nicht für das ſeinige anerkennen. Leona heuchelte mit der beiſpielloſeſten Falſch⸗ heit die wärmſte Theilnahme für Amalia, und die größte Anhänglichkeit für ihren Schwager; ſie wurde deßhalb von Beiden als eine Freundin empfangen, in deren Schoß ſie ihre Sorgen niederlegten. Abſicht⸗ lich und ohne daß Heyſe es merkte, vertheidigte ſie Amalia auf eine ſolche Weiſe, daß ſein Verdacht ſich in eine beſtimmte Ueberzeugung von der Strafbarkeit ſeiner Frau verwandelte. Inzwiſchen ermunterte und tröſtete ſie Amalia. Eines Tages nach einem bitte⸗ ren Auftritt der beiden Gatten kam meine Schweſter bei ihnen an. Heyſe ließ Leona mit Amalia allein. Etwas ſpäter meldete ihnen ein Bedienter, daß der Regierungsrath einen ſchweren Anfall von ſ Krampfhuſten bekommen hätte. Sie eilten beide zu ihm hinein. Mit Mühe konnte er von ſeiner Frau die Tropfen verlangen, welche er bei dergleichen Ge⸗ legenheiten zu nehmen pflegte. Sie holte ſie vorher, und befahl dem Bedienten, nach einem Löffel zu gehen. Während Amalia wartete, ſetzte ſie die Flaſche von —, — 263 ſich, ging hin zu Heyſe, ergriff ſeine Hände und führte ſie mit den Worten an ihre Lippen: „O! glaube mir, wenn ich Dich bei Gott ver⸗ ſichere, daß ich gänzlich unſchuldig bin.“ Gerade als ſie dieſe Worte ausſprach, kam der Bediente wieder zurück und hörte dieſelben. Amalia beeilte ſich, die Tropfen abzuzählen, gab aber nicht darauf Acht, daß die Flaſche vertauſcht worden war. Lährend ſie damit beſchäftigt war, trat Heyſe's Pri⸗ vatſekretär Kaſpar Stolz ein; er ſowohl wie der Bediente und Leona ſahen ſie ihrem Manne von den Tropfen geben. Zwei Stunden darauf war Heyſe todt. Er ſtarb an Gift. Am Tage darauf war Amalia als ſeine Mörderin angeklagt. Man obdu⸗ cirte die Leiche und fand den Verdacht beſtätigt. Man ſtellte eine Nachſuchung im Hauſe an und fand dabei in Amalia's Chiffonière eine Flaſche, welche ein raſch⸗ tödtendes Gift enthielt. Das unglückliche Weib wurde verhaftet. Der General ſchwieg, Heinrich war vor Ent⸗ ſetzen ſtumm, und Thora weinte. „Ich habe niemals,“ fuhr er fort,„jenen Augen⸗ blick vergeſſen können, wo ſie als Gefangene aus ihrem Hauſe gebracht wurde. Verzweifelt rief ſie mir zu: Triſtan! verlaſſe mich nicht, ich bin gänzlich unſchuldig! Ach, gnädige Frau! Ich ſelbſt war faſt wahnſinnig vor Schmerz, und doch glaubte ich, daß ſie die Urſache von Heyſe's Tod ſei. In's Gefängniß eingeſchloſſen, wartete ſie den Ausgang der Gerichts⸗ verhandlungen und ihre Niederkunft ab. Man machte alles zur Anklage gegen Amalia, ja ſogar ihre letzte 264 Verſicherung gegen ihren Mann von ihrer Unſchuld. Meine Schweſter und mein Schwager verfolgten den Prozeß mit fanatiſchem Eifer, das noch ungeborne Kind wurde von ihnen als eine Frucht ihrer Untreue erklärt, welches auch der Verſtorbene nie als das ſei⸗ nige habe anerkennen wollen. Man häufte einen Scandal auf den andern, um es wahrſcheinlich zu machen und den Beweis zu liefern, daß Amalia, aus Furcht vor ihrem und des Kindes künftigem Schick⸗ ſal, ſich den Mann vom Halſe geſchafft. Auch Kaſ⸗ par bezeugte, daß Heyſe Amalia und ihren Liebha⸗ ber überraſcht hätte. Es würde für mich unmöglich ſein, all' die Niederträchtigkeit wieder zu erzählen, welche bei dieſer Gelegenheit angewendet wurde. Dieſe eifrige Verfolgung erregte bei mir Zweifel daran, daß Amalia wirklich ſchuldig ſei, und ich beſuchte ſie dar⸗ um kurz vor ihrer Niederkunft im Gefängniß. Die Unterhaltung, welche ich mit ihr hatte, überzeugte mich vollkommen, daß ſie unſchuldig ſei, aber leider gab es nichts, womit man das juridiſch beweiſen konnte. Sie gab zu, das keine andere als ſie ſelbſt die Flaſche in der Hand gehabt, durch deren Inhalt ihr Mann den Tod erlitten, ſowie auch, daß dieſelbe ſich ſpäter in ihrer Chiffonisre verſteckt vorgefunden habe; obgleich ſie ſich es nicht erklären konnte, auf welche Weiſe ſie dorthin gekommen ſei.— Sie von dem Geſetze freigeſprochen zu bekommen, war und blieb eine Unmöglichkeit; das ſah ich ein. Ich machte deßhalb nur den Vorſchlag, daß ich ihr Kind, wenn es zur Welt käme, zu mir nehmen und er⸗ 265 ziehen wollte; aber mit edler Feſtigkeit ſchlug ſie mein Anerbieten aus und ſagte: „Nein, Triſtan, dieſes Kind, deſſen Geburt man durch eine doppelte Schande hat brandmarken wollen, werde ich nie, ſo lange mein Herz ſchlägt, von mir laſſen. Der Verluſt deſſelben würde mir die Kraft rauben, mein unglückliches Schickſal zu ertragen; aber wenn ich zum Tode verurtheilt werde, werde dann ein Vater für mein armes, verlaſſenes Kind. Ich ging von Amalia fort, das Herz von den peinigendſten Qualen erfüllt, und lenkte meine Schritte zu meiner Schweſter. Leona hatte am Tage vorher eine Tochter bekommen. Da ſie noch ſehr ſchwach war, beſuchte ich nur ihre Kinder, deren Zimmer ſich im untern Stockwerk befanden. In traurigen Ge⸗ danken verſunken ſetzte ich mich an der Wiege des kleinen Neugeborenen, als Arxel, Leonas Sohn zu mir hinkam, und mit der Naivität eines 7jährigen Verſtandes ſagte: „Weißt Du was, Onkel? jetzt bekomm ich all' Onkel Heyſes Geld.“ Es ſchauderte mich unwillkürlich bei dieſen Wor⸗ ten; ich hob aber den Jungen auf meine Kniee und fragte: „Wer hat Dir das geſagt?“ „Mama,“ antwortete der Junge.„Sie ſagte neulich, als ſie mich küßte: jetzt wirſt Du ſehr reich, mein Junge.“ Ich fragte, was das ſei. Dann ſagte Mama, daß ich alles, alles Geld des Onkels bekommen würde. „Denke Dir den Spaß, wenn ich den Fußboden ganz 266 damit belegen, und auf lauter, läuter hübſchen Gold⸗ ſtücken tanzen darf.“ Dabei klatſchte der Junge in die Hände. Ich ſetzte ihn von mir mit wirklichem Entſetzen; denn ich hatte bereits einen ſchrecklichen Verdacht und den Beſchluß gefaßt, mich an dieſem abſcheulichen ₰ Eigennutz zu rächen. Am Tage darauf gebar Amalia eine Tochter, und Leona's kleines Mädchen war verſchwunden. Der General lehnte ſich zurück in den Stuhl und athmete ſchwer. An demſelben Tage, an welchem Amalia's Tochter das Licht erblickte, kam auch meine Frau mit einem Kinde nieder, welches einige Stunden darauf ſtarb. Ich ließ jetzt das kleine Mädchen der Erſteren den Platz des todten Kindes einnehmen, ohne daß Jemand, außer meiner Amme, es wußte. Aber, da⸗ mit es gelänge, ohne zu gleicher Zeit die bereits hin⸗ reichend unglückliche Amalia gänzlich zu vernichten, mußte die Tochter meiner Schweſter die Stelle des geraubten Kindes einnehmen... „General,“ rief Thora entſetzt,„Ihre Tochter war alſo meine Schweſter!“ „Ja,“ antwortete der General. „O mein Gott!“ ſchluchzte Thora, und verbarg das Geſicht in ihren Händen. „Ach, gnädige Frau, ich glaubte gerecht gehan⸗ delt zu haben; vergaß aber dabei, daß es den Menſchen immer mißlingt, wenn er ſich die Rollen der Vorſehung anmaßen will. Ich rief durch dieſe meine Handlung nur Ereigniſſe 267 hervor, welche keine menſchliche Vorausſicht vorher hätte berechnen können. „Leona und mein Schwager, welche beide aus ſchmutzigem Geize mit ſo großer Feindſeligkeit Ama⸗ lia verfolgten, um für ihre Kinder ein Vermögen zu rauben, welche dem der letzteren gehörte, wurden jetzt von der Strafe getroffen, eines der ihrigen verlieren zu müſſen; ein Verluſt, der um ſo entſetzlicher war, weil ſie nicht das Schickſal deſſelben kannten. Ich hoffte durch dieſen Kummer ſie zum Nachdenken dar⸗ über zu bewegen, wie ſchlecht ſie gegen Amalia und ihr Kind gehandelt hätten; aber eine ſolche Hoffnung war ein thörichter Irrthum und zeigte nur, daß ich nicht die niedrige und elende Leidenſchaft in Anſchlag gebracht, welche ſie beherrſchte. Selbſt hatte ich das tief in ſeinen Rechten gekränkte Kind in ein Vermö⸗ gen und eine Stellung eingeſetzt, welche weit diejenige übertraf, welche man ihm geraubt. Einige Wochen darauf ſtarb meine Frau und nach ihrem Tode wurde Amalias Tochter die einzige Erbin eines fürſtlichen Vermögens, welches, weil es ein Fideikommiß wat, auf ihr älteſtes Kind überging. Meine Schweſter und mein Schwager waren in tiefe Trauer verſunken; als alle ihre Nachforſchungen ſich als erfolglos erwieſen; das Mädchen war und blieb fort. Endlich fiel nach Verlauf eines Jahres das Urtheil über Amalia.“ Der General ſchauderte zu⸗ ſammen. „Sie wurde veruheit, das Leben zu verlieren, und ihr Kind, als ein e oller Sſchaft nach für verluſtig erklärt.. * 268 Der General hielt inne, und ein trauriges Schweigen trat ein. „Am Tage darauf,“ fuhr der General fort, „waren ſowohl Amalia wie ihr Kind aus dem Ge⸗ fängniſſe verſchwunden, ohne daß ich, oder ſonſt Je⸗ mand wußte, wohin. Wer ihr zu der Flucht behilf⸗ lich war, ſollte ich erſt 20 Jahre darauf erfahren. „Die Jahre ſchwanden mir nachher dahin, ohne irgend eine andere Unterbrechung, als diejenige, welche Avancements und Auszeichnugen mir ſchenkten, während mein Inneres von Kummer zerfleiſcht wurde; denn ich beweinte das Weib, welches mein Herz ſo hoch liebte, und auch das Kind, welches ich eigenmäch⸗ tig aus den Armen meiner Schweſter geriſſen, und in die Welt hinausgeworfen, einer ungewiſſen, und vielleicht unglücklichen Zukunft entgegen gehend. „Alle meine zärtlichen Gefühle concentrirten ſich in einer gränzenloſen Anhänglichkeit an die von mir angenommene Tochter. Vier Jahre nach der Flucht Amalia's ſtarb mein Schwager, und gleich nach ihm Kaſpar Stolz, welcher in der Anklageverhandlung gegen Amalia die Hauptrolle geſpielt hatte. Er nahm ſich, wie man damals glaubte, ſelbſt das Leben durch Gift. Leona machte kurz darauf eine unver⸗ muthete, und für mich unerklärliche Reiſe nach Schwe⸗ den. Ihren Sohn, Arxel, einen lebhaften, hübſchen und vielverſprechenden Jungen, nahm ich während der Abweſenheit der Mutter in mein Haus. Die Vorliebe, welche ich immer für ihn gehegt, erhielt jetzt eine beſtimmte Richtung, und ich wünſchte für die Zukunft eine Verbindung zwiſchen ihm und Laura, 269 der Tochter Amaliens. Ach, gnädige Frau, zum Zweitenmale wollte ich den Gang der Ereig⸗ niſſe lenken, und über das Schickſal Ande⸗ rer entſcheiden; aber auch dafür ſollte ich grau⸗ ſam beſtraft werden. Ich meinte damals, daß ich auf eine ganz vollkommene Weiſe, das Unrecht gegen Amaliens und Heyſes Tochter wieder gut gemacht hatte; denn ſie kam dadurch ſowohl in den Be⸗ ſitz des Namens, wie auch des Vermögens des Va⸗ ters. Axels kindiſche Laune und Charakter hatte ich leider viel zu wenig Zeit zu ſtudieren, weil mein Dienſt als militäriſcher Befehlshaber mir nur wenige Augenblicke für das Familienleben übrig ließ. Einige Monate nach Leonas Abreiſe erkrankte Arel an einem heftigen Fieber; die Nachricht davon bewog die Mutter, ſchleunigſt zurückzukehren, da ſie in der ganzen Welt nie Jemanden geliebt hatte, als ſich ſekbſt und ihr Kind. Die Zeit verfloß, die Kinder wuchſen auf bis zur Mannbarkeit, und ich ſah mit Befriedigung eine zärtliche Neigung ſich zwiſchen denſelben entwickeln, welche meine Pläne zu begünſtigen verſprach. Bei Laura mit ihrem war⸗ men und glühenden Herzen wurde dieſe Neigung zu einer durch das ganze Leben gehenden Leidenſchaft; bei Axel dagegen war ſie aber wahrſcheinlich ſchon damals eine Rolle, die aus Ehrgeiz und Eigennutz geſpielt wurde? Das ſind Zweifel, welche ich nicht zu löſen vermag. Meine Schweſter fiel einige Zeit nach der Verlobung in eine langſame und zehrende Krankheit, welche Schuld daran war, daß die Heirath um ein paar Jahre aufgeſchoben wurde, um ihre 270 Wiederherſtellung abzuwarten; als aber die Ausſichten dazu immer ſchwächer wurden, ſo überredete ſie mich, die Hochzeit ſtattfinden zu laſſen. Am Tage vor der⸗ ſelben ging ich zu Leona, um einige Angelegenheiten mit ihr zu beſprechen, welche auf die bevorſtehende Feier Bezug hatten. Als ich aber in das Schlaf⸗ zimmer hineintreten wollte, ſagte mir die Kammer⸗ jungfrau, daß die gnädige Frau befohlen habe, Niemanden hineinzulaſſen. Ich ſchob das Mädchen bei Seite, weil ich meinte, daß das Verbot mir nicht gelte, und lenkte meine Schritte durch ein größeres Gemach, welches außerhalb ihrem Zimmer lag. Der Schall von meinen Tritten erſtarb auf den weichen Teppichen. Bei den heruntergelaſſenen Thürvorhän⸗ gen angekommen, ſtreckte ich bereits die Hand aus, um ſie in die Höhe zu heben, als die Stimme meiner Schweſter, welche Amaliens Namen ausſprach, mich veranlaßte, dieſelbe zurückzuziehen, und mich auf dem Flecke feſtnagelte. Welche gräßliche Entdeckung ſollte ich jetzt nicht machen!“ Der General ſchwieg; ſeine Bruſt bewegte ſich unruhig. Nach einer Weile fuhr er wieder fort: „Meine Schweſter legte vor ihrem Sohne eine grauenhafte Beichte ab; der Inhalt derſelben war folgender: durch Heyſes Heirath mit Amalia hatte Leona, welche in ihrer eigennützigen Berechnung ge⸗ täuſcht wurde, einen unauslöſchlichen Haß zu derjeni⸗ gen gefaßt, welche ihr alle Ausſicht auf die Erbſchaft nach dem Schwager geraubt. Sie ſchwur, daß ſie nicht eher ruhen würde, bevor ſie dieſelbe wieder für ihren Sohn zurückgenommen hätte. Als Amalia ihr 271 erſtes Kind gebar, war es Leona, die es durch Gift aus dem Wege räumte. Als Heyſes Familie, von Leona begleitet nach Gräfenberg reiſte, und dort mit Graf Falkenhjelm zuſammentraf, war ſie es, welche die Liebe des Grafen und der Amalia ausſpionirte, und Heyſe entdeckte, ſowie auch derſelben einen verbreche⸗ riſchen Anſtrich gab, obgleich ſie recht wohl wußte, daß Amalia ihre Treue unbefleckt bewahrt hatte. Sie unterhielt und nährte Heyſes ungerechten Verdacht. Um endlich das Verſtoßen Amaliens bewirken zu können, ſchrieb ſie einen anonymen Brief an Graf Falken⸗ hjelm und ſchilderte darin mit empörenden Farben die Stellung Amaliens, und die Grauſamkeit, mit welcher Heyſe ſie angeblich behandelte. Sie ſchloß damit, den Grafen aufzufordern zu Amaliens Rettung herbeizu⸗ eilen. Von Unruhe und Angſt getrieben, fand der Graf ſich in München ein, um ſich nach dem wahren Sachverhalt zu erkundigen, und trat darum gegen Amaliens Willen zu ihr herein, als er gerade in dem Augenblick von Heyſe überraſcht wurde, wo er von den verneinenden Antworten, die ſie ihm gab, getrie⸗ ben, ſie auf ſeinen Knieen bat, einen harten und ungerechten Mann zu verlaſſen, und mit ihm nach ihrem Vaterland zurückzukehren. Der Ausgang wurde indeſſen nicht ſo, wie Leona ihn berechnet; denn Heyſe liebte Amalia zu hoch, um ſie verſtoßen zu können. Raſend ſah Leona ein, daß alle ihre Pläne in dieſer Beziehung an Heyſes Neigung ſcheitern würden, welche es ihm nicht erlaubte, ſeine Frau der allge⸗ meinen Verachtung preiszugeben. Leona faßte darum den Entſchluß, mit einem Schlage den Streit wegen 8 272 der Erbſchaft abzumachen, und dieſe der Amalia und ihrem ungeborenen Kinde auf eine andere Weiſe zu entreißen. Sie beſchloß eben Heyſe zu vergiften, und die Schuld auf Amalia zu wälzen.... Heyſes Pri⸗ vatſekretär, ein Menſch von elendem, und geizigem Charakter, wurde unter der Vorſpielung einer freige⸗ bigen Belohnung in dieſe niederträchtigen Intriguen gegen ein wehrloſes Weib eingeweiht. Lange ſuchte ſowohl Leona wie ihr Mitſchuldiger nach einer gün⸗ ſtigen Gelegenheit für die Ausführung ihrer That, als endlich das Ereigniß mit den Tropfen Leona eine ſolche verſchaffte. Während Amalia mit ihrem Manne ſprach, vertauſchte Leona die Flaſche, und machte da⸗ durch die unſchuldige Gattin zur Mörderin ihres Mannes...... 4 „O Gott! das war ja entſetzlich!“ rief Thora und ſchauderte vor Grauen zuſammen. „Und dieſe Furie war— meine Schweſter — die Folgen davon kennen wir— Kaspar, wel⸗ cher durch ſein Zeugniß Amalie und ihr Kind ge⸗ ſtürzt, hatte doch nicht den Muth, das arme Opfer hingerichtet zu ſehen, ſondern half ihr zu der Flucht, nachdem es ihm gelungen war, den Gefängnißwärter zu beſtechen. Bevor aber Kaspar ſich von ihr trenute, mußte ſie ſchwören, daß ſie niemals nach München zurücktehren, oder die Familie nennen würde, welche ſie verfolgt hatte. Vier Jahre darauf theilte Kaspar in einem Anfall von Gewiſſensbiſſen alles dieß Leona mit. Mit ſeinem Tode beſiegelte Leona ihre Sicher⸗ heit, und ließ ihn ihren übrigen Opfern folgen. Dar⸗ auf reiste ſie nach Schweden, um auch Amalia aus 273 dem Wege zu räumen; aber mehr davon im Ver⸗ laufe der Erzählung. Dieß war der Inhalt des Be⸗ lenntniſſes, welches ſie, zitternd vor dem Gedanken an den nahe bevorſtehenden Tag der Abrechnung vor Arel ablegte. Sie wollte jetzt noch gut machen, was gut zu machen ſei. Arel ſollte in Schweden Amalia oder ihr Kind aufſuchen, und ihnen etwas von dem geraubten Vermögen zurückgeben. Solcher Beſchaffen⸗ heit war das Bekenntniß, welches ich, von dem Vor⸗ hange verborgen, mit anhörte. Daß ich jetzt un⸗ möglich mehr Laura mit dem Sohne der Mörderin ihres Vaters verbinden konnte oder wollte, das kann Jeder leicht begreifen. Ich ging hinein zu Leona, die Seele von Grauen erfüllt, und ſagte ihr, daß meine Tochter niemals Axels Gattin werden würde⸗ Erſchüttert und erbittert kehrte ich nach Hauſe zurück, und erfuhr dort, daß meine Schwiegerältern, Graf Scheks, von ihren Gütern angelangt wären, um am Tage darauf der Hochzeit ihrer Enkelin beizuwohnen. Meine Lage war eine peinliche; aber mit einem un⸗ widerruflichen Entſchluß in der Seele grüßte ich ſie, und theilte ihnen nach einigen kurzen Vorbereitungen mit, daß die Verbindung zwiſchen Axel und Laura nicht ſtattfinden könne. Die Worte waren kaum aus⸗ geſprochen, als Laura aus einem benachbarten Zim⸗ mer hereinſtürzte, in der heftigſten Verzweiflung zu meinen Füßen niederkniete, und um Gnade für ihre Liebe bettelte; die Alten unterſtützten ſie hierin erſt mit Bitten, und dann mit Drohungen und Befehlen; aber ich mußte unbeweglich ſein, und verließ ſie alle Schwartz, Die Leidenſchaften. 18 274 in einer aufgeregten Gemüthsſtimmung, um mich mit dem grauenhaften, noch in meinen Ohren klingen⸗ den Bekenntniſſe, in meinem Zimmer einzuſchließen. Der Tag verging, ohne daß ich den Muth hatte, Laura wiederzuſehen, oder irgend einen entſcheidenden Schritt vorzunehmen. Die Racht brach herein, ohne daß ich auch nur Ruhe ſuchte. Ungefähr um 1 Uhr klopfte es an meine Thüre, ich öffnete, und mein Kammerdiener ſtand vor mir. „Was willſt Du?“ fragte ich etwas rauh. „Herr General, Mamſell Agatha(Laura's Kam⸗ merjungfrau) führte um 10 Uhr Lieutenant Heyſe hinauf auf das Zimmer des Fräuleins, und er iſt noch nicht wieder herausgekommen; ich hielt es für meine Pflicht, dieß zu melden.“ „Ich ſtürzte auf den Burſchen los, faßte ihn am Kragen, und rief: „Du lügſt!“ „Der Herr General kann ſich ſelbſt von der Wahrheit überzeugen. Ich bin außerdem nicht der Einzige, der es geſehen hat; die Dienerſchaft des gnä⸗ digen Grafen, und die Thorwache können dasſelbe bezeugen.“ Ohne ein Wort hinzuzufügen, nahm ich den Weg nach Laura's Zimmer durch dasjenige der Kam⸗ merjungfer. Freilich machte ſie einen ſchwachen Ver⸗ ſuch, mich daran zu hindern; aber ich riß die Thüre auf.. Gnädige Frau, ich kam, um Zeuge des erſten Schurkenſtreichs Axels, und des Falles des von ihrer Leidenſchaft irre geleiteten Mädchens zu ſein. Gott allein weiß, wozu mein raſender Zorn mich 1 275 hatte verleiten können, wenn nicht meine Schwieger⸗ eltern auf die Angabe einiger ihrer Domeſtiken hin, ſich ebenfalls eingefunden hätten, und den Schuldigen zu Hülfe gekommen wären. Nach einem Strome von Vorwürfen von Seiten der Alten, welche meinen halsſtarrigen Entſchluß, die Verbindung außzuheben, als die Urſache von allem betrachteten, forderte Graf Schek, daß die Trauung am folgenden Tage ſtatt finden ſollte. Laura lag zu meinen Füßen in Thränen gebadet, aber Axel ſtand vor mir, mit Trotz auf ſeiner Stirne, und Keckheit im Blicke. Ich hatte keine Wahl mehr; denn ich ſah zu gut ein, daß ein fortgeſetztes Weigern nur die unrettbare Schande Laura's mit ſich bringe. Endlich ſprach ich mit hef⸗ tiger Anſtrengung: „Nun gut, unglückliches Kind, mögeſt Du ihn bekommen; aber bedenke, daß das Glück, welches Du Dir dadurch erzwungen haſt, daß Du Deinen Vater gekränkt und rückſichtslos verletzt haſt, niemals von Dauer werden kann, und Sie, Arel, welcher mich durch eine niederträchtige Handlung haben beſiegen wollen, Sie erregen in meiner Seele eine ſo tiefe Verachtung, daß ich Sie niemals als einen Verwand⸗ ten betrachten kann oder will. Ich bin nicht mehr für Sie Laura's Vater, nicht mehr ein Bruder Ihrer Mutter; ich bin nur General Behrend,— und ver⸗ biete Ihnen mich als einen Verwandten in Anſpruch zu nehmen, weil ich nichts davon wiſſen will, daß es in meiner Familie einen Mann gibt, der ſo ganz und gar ohne alle Ehre iſt wie Sie.. Die Hochzeit fand alſo gegen meinen Willen 276 ſtatt; aber keine Macht der Welt konnte mich bewe⸗ gen, derſelben beizuwohnen. Ich reiste von München fort und Graf Schek vertrat meine Stelle. Zwiſchen mir und Axel fand keine weitere Er⸗ klärung ſtatt. Doch ſah ich deutlich ein, daß die In⸗ trigue in dem Kopfe meiner ſterbenden Schweſter ent⸗ ſtanden war, um mir die Einwilligung zu der Hei⸗ rath abzunöthigen und dabei gab ſie noch einmal ihrem grenzenloſen Eigennutz nach. Die Angabe meines Kammerdieners in der Nacht,— alles war eine wohlgelegte Schlinge, in welcher ich hängen bleiben mußte. Drei Monate darauf ſtarb Leona, und ein Jahr ſpäter reiste Axel nach Schweden, um das Gelübde zu erfüllen, welches er der Mutter ge⸗ geben. Er war damals ſchon bedeutend kälter gegen ſeine Frau geworden. Auf dieſer Reiſe und für ihren ſpeziellen Zweck nahm er den Namen ſeiner Mutter an, weil er mit Grund befürchtete, daß es ihm unter ſeinem wirklichen Namen ſchwer fallen würde ſich denjenigen zu nähern, welche er ſuchte. Nachdem ich Axels Charakter beobachtet, zweifelte ich an ſeiner Redlichkeit bei der Ausführung ſeines Auftrags, und ließ ihn durch ſeinen Bedienten Gott⸗ hard ausſpioniren. Auf dieſe Weiſe erhielt ich Kennt⸗ niß davon, daß er ausſchließlich mit ſeiner Reigung zu Ihnen, Gnädige Frau, beſchäftigt geweſen. Wäh⸗ rend er ſich ſolchergeſtalt dem Rauſche der Leiden⸗ ſchaft hingab, ohne an die Plichten zu denken, welche er mit Füßen trat, ſtand Laura alle Qualen getäuſch⸗ ter Liebe aus, ohne von ihrem Manne eine einzige 1 Zeile zu ihrem Troſte zu erhalten. Oft kam ſie und warf ſich zu meinen Füßen, indem ſie mich wei⸗ nend anflehte, ihr den Verlorenen wieder zuzuführen, oder ſie zu begleiten, damit ſie ihn ſelbſt aufſuche. Ach, meine Gnädige Frau, ich war hart gegen das arme Kind; aber ſie hatte ja auch meine Gefühle tief verletzt, indem ſie durch ihre Schande mich zu einer Einwilligung gezwungen, welche ich verabſcheute. Hätte Laura nicht ihr kleines nur einige Monate al⸗ tes Kind gehabt, ſo wäre ſie ſicherlich allein abgereist, um denjenigen wieder zu finden, der ſie jetzt gänzlich vergeſſen hatte.— Endlich reiste ich ſelbſt nach Schweden, weil ich von Gotthard wußte, daß Arxel nichts weiter that, als ſich ſeiner zügelloſen Liebe hinzugeben. Ich kam nach Stockholm und bewog Axel, mir die Sache zu überlaſſen. Da er aber fortfuhr, ſich hier aufzuhalten und Laura in ihren Briefen mich auf die allerrührendſte Weiſe daran mahnte, ihn zu ihr zurückzuführen, ſo erwirkte ich im Herbſte einen Befehl von der Regierung, welcher ihn innerhalb einer beſtimmten Zeit nach München zu⸗ rückrief. Dieſer Befehl ſchien mir um ſo nothwen⸗ diger, als Axel ſich alle Mühe gab, es zu verbergen, daß er verheirathet ſei; welches bewies, daß er nicht ehrlich gegen die Familie handelte, in deren Schooß er ſich aufhielt.. Als Axel mir den Auftrag betreffs Amalia überließ, folgten einige Aktenſtücke und Aufzeichnungen mit, welche jene während ihrer Gefangenſchaft gemacht und die durch die Fürſorge Caſpers in die Hände meiner Schweſter gerathen. Daraus entnahm ich 278 das, was ich am Beginn meiner Erzählung mitge⸗ theilt habe; da ſie aber an keiner Stelle ihren Fa⸗ miliennamen niedergeſchrieben hatte, ſo waren ſie mir leider von wenigem Nutzen. Ich beſuchte freilich Gräfin Hernhjelm; ſie that aber, als wenn ſie nichts wüßte.— Erſt im Herbſt erhielt ich bei der Rücktehr ₰ des Grafen Falkenhjelm Nachricht von ihrem ſpätern Schickſal und— Tod. Nach ihrer Rückkunft in Schweden war es Amalia mit vieler Mühe gelungen, Graf Falkenhjelm auszu⸗ kundſchaften, welcher ſich damals in der Hauptſtadt aufhielt und eben Wittwer geworden war.— Ihn, den eigentlichen Urheber all ihrer Leiden, wählte ſie auch zu ihrem Beſchützer, weil ſie es nicht wagte, ſich an ihre Verwandten zu wenden, da die Mutter noch lebte und ſie ſich nicht vor ihr ſehen laſſen wollte, nachdem ſie als Mörderin angellagt und verurtheilt worden war.— Zwei Jahre darauf erblickten Sie das Tageslicht und weitere zwei Jahre waren ver⸗ floſſen, als der Graf beſchloß, ſich mit Amalia zu verheirathen. Um dieſe Zeit kam meine Schweſter nach Schweden. Sie ſuchte die Gräfin Oernhjelm auf, ₰ welche ſich auf Bredahof, einige Meilen von Ljung⸗ ſtad, aufhielt, auf welchem letzteren Hofe Graf Fal⸗ kenhjelm wohnte und Amalia bei ſich hatte.— Leona kam am Tage darauf bei der Gräfin an, wo dieſe erfahren hatte, daß der Bruder Amalia zu heirathen beabſichtigte, und fand ſie im höchſten Grade aufge⸗ bracht, und in Folge deſſen auch im höchſten Grade bei der Nachricht von der Criminalgeſchichte entzückt, 279 in welcher es gelungen, Amalia's Verurtheilung zu bewirken. Da die Gräfin wußte, daß der Bruder ſich augenblicklich in Malmoe aufhielt, ſo reiste ſie, vovn Leona begleitet, nach Ljungſtad und traf dort Amalia, welche beim Anblick ihrer erbittertſten Feindinnen ſofort in Ohnmacht fiel. Als ſie wieder zur Beſin⸗ nung kam, befand ſie ſich allein mit der Gräfin, welche durch die Drohung, ſie als eine verurtheilte und flüchtige Verbrecherin auszuliefern, ſie zwang, ſie fort von Ljungſtadt zu begleiten u ſich eidlich verbindlich zu machen, weder je mehr Graf Falken⸗ hielm wieder zu ſehen, noch ihn wiſſen zu laſſen, wohin ſie gegangen ſei. Nachdem Amalia alles dieß verſprochen, machte die Gräfin ſich verbindlich, ſie hinzubringen, wohin ſie wolle und für ihren Unterhalt eine gewiſſe jähr⸗ liche Summe zu bezahlen.— Von Ihnen, meine gnädige Frau, war nicht die Rede; die Gräfin hatte in ihrem Eifer, Amalia fortzuſchaffen, vergeſſen, daß Sie exiſtirten.— Nur eine Stunde wurde Amalia zur Ordnung ihrer Abreiſe eingeräumt. Die Unglück⸗ liche benützte dieſelbe dazu, einen Brief an den Grafen zu ſchreiben und Sie ſeinem Schutz mit dem Erſuchen anzuvertrauen, daß Sie bei ihrer Halbſchweſter, der Majorin Alm, etzogen werden möchten. Darauf reiste ſie, von einem der Gräfin ergebenen Diener begleitet, nach Stockholm, und Leona ſtand nun als die Betrogene da, weil die Gräfin verſprochen hatte, Amalia an ſie auszuliefern. In der Hauptſtadt wurde ein bequemes, aber abgelegenes Logis für ſie und ihre 280 Tochter Cordula gemiethet.— Kurz darauf ſuchte ſie ihren Bruder, Kapitän Ahlrot, auf, und vertraute ihm, ohne jedoch den Namen der Familie zu ver⸗ rathen, welche ſie ſo grauſam verfolgt hatte, ihre Sanze traurige Geſchichte an. S Der Kapitän übernahm die Koſten für ihren Unterhalt und ſchickte der Gräfin das Geld zurück, welches dieſe für ſie ansgeſetzt hatte. Zum zweiten WMale hatte alſo die Gräfin Amalia zum Opfer ihrer Hauptleid ft: des Fe gemacht. Amalia lebte in cher Eingezogenheit, ohne mit der Welt in Berührung zu kommen, und ohne andere Geſellſchaft als die ihrer älteſten Tochter, ihres Bruders und ihrer Erinnerungen. Sie ſah nie Graf Falkenhjelm wieder, und hielt alſo das der Schweſter gegebene Verſprechen. Durch den Kapitän hörte er oſt von Ihnen ſprechen. Bei ihrem Tode hinterließ ſie die achtzehnjährige 3 Cordula, welche der Kapitän als ſein eigenes Kind annahm. Dieß, meine gnädige Frau, iſt die Geſchichte Ihrer Mutter, welche ich theils ſelbſt kannte, theils von Graf Falkenhjelm erfahren habe. Die Genugthuung, welche meine Schweſter ihr zu geben gedachte, kam zu ſpät. Jetzt blieb indeſſen diejenige übrig, welche ich dem vertauſchten Kinde ſchuldig war; aber auch dieſe kam zu ſpät; denn Cordula war, ohne daß man wußte wohin, aus der Heimath geflohen, welche ſie nach dem Tode Ama⸗ lia's erhalten. 281 I†ch kehrte alſo, über die Reſultatloſigkeit meiner Reiſe niedergeſchlagen, nach München zurück.“ Der General ſchwieg, und auch Thora ſchwieg, denn ſie war heftig aufgeregt. Heinrich bemerkte endlich: „Aber auch in Beziehung auf Cordula dürfte. der Herr General einige Aufklärungen geben können.“ „Gewiß, aber leider nur um die Erfahrung zu beſtätigen, daß eine verbrecheriſche Mutter meiſtentheils entartete Kinder gebärt⸗ Dieſe entſetzliche Erbſchaft von den Gebrechen der Eltern legte ſchon vor der Geburt bei dem Kinde den Grund zum Charakter und Schickſal des her⸗ anwachſenden Menſchen. Von einer ſo grauſamen, egoiſtiſchen, eigennützi⸗ gen und herzloſen Mutter, wie meine Schweſter war, konnten nur Kinder mit Axel's und Cordula's Natur geboren werden. Und Sie, gnädige Frau, ſo gut wie Laura, mußten mit allen Schwächen Ihrer Mutter als Erbſchaft, wie ſie, ſich nothwendig ein Leben voll Leiden ſchaffen.“ „Ach, Herr General, Sie vergaßen die entſet⸗ liche Rolle, welche der Zufall, oder das Schickſal in unſerem Leben ſpielt.“ „Was man Zufall nennt, gnädige Frau, iſt nur die Berührung unſeres Lebens mit den äußeren Ereigniſſen, welche zufällig mehr oder weniger glück⸗ lich auf uns einwirken; aber unſere Fähigkeit, uns von dieſen das Gute anzueignen, hängt im Allge⸗ meinen weſentlich von unſerem Charakter, das heißt, von unſeren angeborenen Naturanlagen und 282 von der Richtung und Uebung ab, welche ſie durch unſere Stellung und unſere Erziehung erhalten. Nur dann, wenn der Menſch keinen beſtimmt ausgeſprochenen Charakter hat, hängt ſein Leben vom Zufall ab. Unſere Geſchicke werden beſonders durch unſere größeren oder geringeren Fähigkeiten, unſere Leiden⸗ ſchaften mit unſerer Vernunft zu beherrſchen, gere⸗ gelt; obgleich wir in unſerer Einbildung oft ſo weit gehen, auch diejenigen Fälle Zufall oder Schickſal zu nennen, in welchen wir aus Schwäche, Mangel an Charakterfeſtigkeit, oder. aus Gedankenloſigkeit uns von den Ereigniſſen haben überrumpeln laſſen. Doch, wozu dieſe Erklärungen? Sie, als Frau, werden doch niemals im Stande ſein, eine ſolche Wirklichkeitslehre zu begreifen, welche eben dar⸗ auf hinausläuft, daß ein vernünftiger und mo⸗ raliſch guter Menſch die Ereigniſſe ſelbſt mehr in ſeiner Gewalt hat, als der große Haufe ahnt, und es verſteht, ſelbſt das Unglück zu ſei⸗ nem Vortheil und ſeiner Veredlung zu benützen. Aber laſſen Sie uns zu dem übergehen, was ich noch meinen Mittheilungen hinzuzufügen habe, das ſich ausſchließlich um Cordula dreht. Als ich im Frühling, nachdem Axel nach Mün⸗ chen zurückgerufen worden war, dort hinkam, traf ich ihn nicht mehr, ſondern nur Laura in Trauer ver⸗ ſunken, und bei ihr eine junge Schwedin, Namens Mamſell Ström, als Geſellſchafterin. Arel hatte ſeinen Abſchied aus dem Kriegsdienſt 283 genommen und ſich nach Algier begeben, um an dem afrikaniſchen Kriege Theil zu nehmen. Manſell Ström war von einem ſchwediſchen Chargé d'affaires Laura rekommandirt worden, welche ſich an dieſelbe ſehr angeſchloſſen zu haben ſchien. „Und dieſe Dame war....?“ fiel Thora ein.“ „Cordula,“ antwortete der General.„Es war ihr, unter der Vorſpiegelung zu Ihrer Flucht mit Arel beitragen zu wollen, gelungen, ihn zu überreden, daß ſie Sie begleiten dürfte. Axel war, als er abreiste, der vollkommenen Ueberzeugung, daß Cordula Sie mit ſich gebracht; aber bereits auf der Rhede von Calmar, wo das Dampſfſchiff ſich aufhielt, erfuhr er, daß nur die Erſtere am Bord ſei. Nach einem heftigen Auftritt zwiſchen Axel und Cordula trennten ſie ſich in Lübeck, aber die letztere, welche durch den Verkauf einer Garniture von Ju⸗ welen ſich ſelbſt mit Geld verſehen hatte, ſetzte die Reiſe nach München fort. Zwei Tage nach ihrer Ankunft ſchrieb ſie an Arel und drang darauf, bei ſeiner Frau als Geſell⸗ ſchaftsdame angenommen zu werden. Er beſuchte ſie und ſchlug ihr auf's Beſtimm⸗ teſte ihr Begehren aus. Cordular drohte dann damit ſeiner Frau ſeine Liebe zu Thora mitzutheilen, und nach einer heißen Debatte gab Arel nach. Damit es nicht ſchiene, als wenn Axel mit ihrer Anſtellung bei Laura etwas zu thun hätte, bat er einen ſchwediſchen Diplomaten, ſie zu empfehlen. 284 Auf dieſe Weiſe kam ſie in meine Familie. Durch das Geſchenk der Garniture hatten Sie eine entſetzliche Feindin gegen ſich ſelbſt und uns gewaffnet. Bevor ich weiter gehe, werde ich mit einigen „Worten Cordula's Motive beleuchten. Mit der Er⸗ innerung an ihre freudeleere Kindheit erwachte in ihrem Herzen ein verzehrender Neid gegen alle, welche glücklicher waren, als ſie. Das Ungluck, welches ſonſt jedes zärtliche Kind ſeiner Mutter näher bringt, rief bei Cordula nur Kälte und Bitterkeit hervor. Ihr egoiſtiſches Herz ſah in der Mutter nur die Urhebe⸗ rin ihres freudeloſen Lebens. Am Tage nach dem Begräbniß derſelben ſuchte ſie Morgens die Ver⸗ ſchlüſſe der Todten durch und ſtieß dann auf Ama⸗ lien's Trauſchein und verſchiedene Briefe von Graf Falkenhjelm, welche an Amalia nach ihrer Flucht von München geſchrieben waren, während ſie ſich in Yſtadt aufgehalten hatte. Aus ihrem Inhalt ent⸗ nahm ſie genug, um einzuſchen, daß die Mutter unſchuldig des Mordes angeklagt geweſen ſei. In dieſen Briefen kam auch der Name Behrend vor. Cordula zerſtörte ſie, ohne Jemanden von ihrem Inhalte etwas wiſſen zu laſſen. Nach dieſen Ent⸗ deckungen wurde ſie noch kälter und bitterer. Der Gedanke, daß das Urtheil, welches über ihre Mutter gefällt war, ihr Name und Vermögen geraubt, legte den Grund in ihrer Seele zu einem unauslöſchlichen Haß gegen diejenige Familie, welche die Urſache bavon war. Sie wurde von Kapitän Ahlrot wie ſein eigenes Kind behandelt; aber dieß befriedigte nicht ihren Hoch⸗ muth. Sie beneidete alle, vor allem aber die ſchöne, reiche 285 und vergötterte Thora; ohne eine Ahnung davon zu haben, daß ſie nahe Verwandte ſeien; denn als der Graf Sie, gnädige Frau, der Pflege der Majorin übergab, hielt man Sie allgemein für die Tochter der unverheiratheten Schweſter, welche ſie in ihrem Hauſe bei ſich hatte, und welche kurz darauf ſtarb. Der Name Behrend rief gleich bei Axel's Ein⸗ tritt in Ihre Familie alle Cordula's finſtere Charak⸗ terzüge wach. Behrend war der Name des Bruders von demjenigen Weibe, welche in den Briefen des Grafen als die Urheberin von allen ihren größten Leiden galt. Cordula's Haß nahm jetzt den Charakter einer heftigen Leidenſchaft an. Als ſie Verdacht ſchöpfte, daß Arel die Abſicht hatte, Sie mit ſich zu nehmen, benutzte ſie dieſen Plan als ein Mittel, um ihren heimlichen Wunſch zu befriedigen, nach München zu kommen, und Licht in der dunklen Geſchichte zu erhalten, in welche das Leben ihrer Mutter gehüllt war— und ſich dann zu rächen. Dieſes, gnädige Frau, waren die Motive; die Wirkungen wurden ſolche, wie die ſind, zu welchen eine lange und brennende Rachgier ſie entwickeln kann. In München erhielt ſie Kenntniß von Amalia's Criminalgeſchichte und von dem Ur⸗ theil, welches ſie ſelbſt zu einem unehlichen Kinde ſtempelte. Obgleich ſie durch Graf Falkenhjelm's Briefe wußte, daß dieß eine niedrige Erfindung ſei, ſo bekam doch ihr Haß dadurch eine größere Entwick⸗ lung; derſelbe richtete ſich gegen den Grafen, als die eigentliche Urſache dieſes Urtheils,— gegen Thora, als ſeine Tochter und gegen mich und Laura, als Verwandte von Leona. Sie wollte ſich an mir und „ 286 dem Grafen durch unſere Kinder rächen, und das gelang leider zu gut. Sie nährte in Laura's Bruſt eine faſt wahnſinnige Eiferſucht, welche die Arme der⸗ geſtalt quälte, daß ſie drei und ein halbes Jahr dar⸗ rauf ſtarb. Ein halbes Jahr vor ihrem Tode unter⸗ nahm ich eine Reiſe nach Schweden, dazu von meiner Sehnſucht veranlaßt, die verſchwundene Tochter Leona's wieder zu finden; aber dießmal brachte ich Laura mit mir, weil ihr Seelenleiden und ihre ſchwache Ge⸗ ſundheit es mir nicht erlaubten, daß ich mich von ihr trennte. Sie war mir durch ihren Kummer wie⸗ der lieb geworden. Wir reisten ab, ließen aber Cor⸗ dula zurück. Im Laufe des Herbſtes trafen wir in Stockholm ein. Ich machte einen Beſuch bei Kapitän Ahlrot, traf ihn aber nicht zu Hauſe, ſondern ließ meine Karte und meine Adreſſe zurück. Am folgenden Tage beſuchte er mich. Obgleich während meines Geſprächs mit dem Kapitän ich die Thüre zwiſchen meinem und Laura's Zimmer verſchloß, ſo fing ſie doch genug davon auf, weil daſſelbe deutſch geführt wurde, um daraus ſchließen zu können, daß Sie die Tochter derſelben Amalia ſeien, welche in München als Giftmiſcherin verurtheilt worden war. Auch hörte ſie, daß Ihre Verlobung ein paar Tage darauf gefeiert werden ſollte. Wir logirten in der Königsſtraße, und die Wirthin des Hotels ſprach ge⸗ läufig Franzöſiſch. An demſelben Tage, an welchem die Verlobung ſtattfand, ging ich für einige Augen⸗ blice aus, und Laura blieb allein zu Hauſe. Als ich zurücktam, war ſie mit der Hotelwirthin ausge⸗ gangen. Ich fragte die Aufwärterin, wohin ſie ge⸗ 287 gangen ſeien; aber ſie wußte es nicht, denn ſie hat⸗ ten franzöſiſch geſprochen; das einzige, was ſie ver⸗ ſtanden, war das Wort„Königshügel“, welches ſie ſie öfters hatte nennen hören. Eine unruhige Ahnung ergriff meine Seele, und obgleich es mir nicht bekannt war, daß Laura etwas von Axel's und Ihrer Liebe wußte, ſo eilte ich doch nach Ihrer Wohnung und trat in demſelben Augenblick in dieſelbe ein, als ſie die abſcheuliche Beſchuldigung gegen Ihre verſtor⸗ bene Mutter ſchleuderte. Sechs Monate darauf hatte Laura aufgehört zu lieben und zu leiden; ſie ſtarb bei unſerer Rückkunft nach München. Ohne mein Wiſſen hatte Cordula Axel von ſei⸗ ner wiedergewonnenen Freiheit in Kenntniß geſetzt. Er kehrte nach München zurück, hielt ſich aber nur kurze Zeit dort auf, um ſeine eigenen und ſeines Sohnes Angelegenheiten zu ordnen. Nachdem er mir Laura's Kind anvertraut hatte, reiste er nach Schwe⸗ den, überzeugt, dort ſein Glück zu finden. Cordula, welche ein eifriges Intereſſe für ſeine Reiſe und für ſeine Wiedervereinigung mit Ihnen an den Tag legte, gelang es ihn zu überreden, daß ſie ihn hierher begleiten durfte. Sie wußte indeſſen, daß Sie verheirathet ſeien; war aber jetzt überzeugt, daß Axel ſich ſowohl wie Sie in's Verderben ſtüͤrzen würde. Es verging einige Zeit, als ich eines Tages im Herbſt einen Brief erhielt, unterzeichnet: Cordula Heyſe. Dieß überzeugte mich, daß ſie in meiner Nähe geweſen, ohne daß ich es geahnt. Jedes Wort darin athmete Haß und eine verſteckte, boshafte Dro⸗ 288 hung gehn Arel. Sie klagte mich und meine ganze Familie als die Urheber ihrer Leiden an. Ich reiste ſofort nach Schweden, um ihr zu ſagen, daß ſie die Tochter meiner Schweſter ſei, und um dadurch wo möglich dem Böſen, das ſie im Sinne hatte, vorzu⸗ beugen. Mit demſelben Dampfſchiff, auf welchem ich in Schweden ankam, traf auch Liljekrona dort ein. Ich ſuchte ſofort Axel auf; aber ein unglücklicher Zu⸗ fall wollte, daß ich ihn nicht antraf. Ich ſchrieb ihm einige Worte mit der Bitte, daß er mich ſofort be⸗ ſuchen möchte; aber Cordula unterſchlug das Billet. Am folgenden Abend um eilf Uhr ward mir folgen⸗ der Brief übergeben: „Wenn General Behrend erfahren will, wie Cordula Heyſe ſich rächt, dann möge er morgen die Villa der Frau Liljekrona am Thiergarten be⸗ ſuchen.“ Ohne einen Augenblick zu verlieren, nahm ich' ſchleunigſt einen Wagen und fuhr, von einem Be⸗ dienten begleitet, zu Axel. Gotthard ſagte mir, daß, er bereits vor einer Stunde nach dem Thiergarten geritten ſei. Ich befahl ihm mit uns zu fahren, und 3 uns den Weg nach Frau Liljekrona's Sommerwoh⸗ nung zu zeigen. Als wir in der Allee ankamen, ſahen wir Licht im Pavillon, und dorthin lenkte ich meine Schritte; traf aber ganz in der Nähe ein Weib, welches vor mir fliehen wollte. Gotthard packte ſie indeſſen und ſagte: „Das iſt, bei Gott, die ſchwediſche Mamſell.“ „Licht her, befahl ich meinem Bedienten, welcher eine Wagenlaterne trug. n 8 9 10 11 12 13 1 — 135 ſſ 16 17