e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 6 binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet I wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für iſ 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.“ 7——— Ausgeihltr Wlerke Frau M. S. Schwartz. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franth'ſche Verlagshandlung. 1865. — 1 ₰ „ 3 — — Druck von Aug. Wörner, vorm. J. G. Sprandel, in Stuttgart. Ein kind der Arbeit. Erzählung von Marie Hophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Biüchele. eeBnd Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1865. E I. Als Gerda am folgenden Morgen die Mutter mit einem Kuß begrüßte, war das Ausſehen des jungen Mädchens ſehr verändert. Das Wehmüthige und Bekümmerte, das in ihrem Antlitz zu erkennen geweſen war und demſelben ein Gepräge der NRie⸗ dergeſchlagenheit aufgedrückt hatte, fand ſich nicht mehr vor; an deſſen Stelle war vielmehr etwas ſo Be⸗ ſtimmtes und Entſchloſſenes getreten, daß es ausſah, als ob ſie allen weichlichen Klagen Lebewohl geſagt und ſich vorgenommen hätte, mit Muth und Kraft den Ereigniſſen entgegenzugehen, ohne ſich durch das Mißgeſchick beugen zu laſſen. „Du ſcheinſt ja wieder ganz munter zu ſein, mein Kind,“ ſagte Marianne, indem ſie der Tochter die Wan⸗ gen ſtreichelte.„Es thut mir im Herzen wohl, dich anzuſehen und in deinem Blicke nicht jenen ſtummen Kummer zu leſen, welcher in letzter Zeit daraus her⸗ vorſchaute. „Ich danke dir, liebe Mama, für deine Worte. Ich will hinfort dafür ſorgen, daß ich nicht mehr in die wehmüthige Weiſe verfalle,“ antwortete Gerda, indem ſie die Hände der Mutter mit Küſſen bedeckte. „Es iſt bei mir, wie bei den Menſchen im Allge⸗ 6 meinen: ſo lang ſie nicht ein großer Kummer, oder eine große Gefahr bedroht, überlaſſen ſie ſich dem Schmerze, welchen geringeres Mißgeſchick verurſacht, und man findet gleichſam einen Genuß darin, ſich ſelbſt zu quälen; bekommt man aber plötzlich etwas vor ſich, welches wirklichem Unglück gleicht, ſo erwacht die ſchlummernde Seelenſtärke, und jede Schwachheit wird beſeitigt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Marianne unruhig. „Einzig, daß ich hinfort den Fabrikbeſitzer Ström⸗ berg als einen Feind betrachten kann. Er iſt reich, ich bin arm. Er ſteht in großem Anſehen, ich bin ein geringes, unbedeutendes Mädchen. Der Kampf iſt ſomit ſehr ungleich, im Fall ich einen ſolchen mit ihm zu beſtehen habe. Er kann mir ſchaden— etwas, das ich bei ihm nicht verſuchen könnte, auch wenn ich wollte.— Alſo Muth und Seelenſtärke, im Fall eine unerwartete Gefahr ſich zeigt! Gott hilft denen, welche ſich ſelbſt helfen wollen; und nun zur Arbeit.“ Es lag ein ſo getroſtes Vertrauen in Gerda's Ton und Blick, daß Marianne ſich wie davon ange⸗ ſteckt fühlte, obwohl ſie ſich gleichzeitig einer unbe⸗ ſtimmten Beſorgniß vor der Zukunft nicht zu erwehren vermochte. Der Tag ging zu Ende, ohne daß Etwas von der äußern Welt ſtörend auf Gerda und ihre Mutter einwirkte. Während der kurzen Feierſtunde zur Zeit der Dämmerung ſaß Gerda auf einem Schemel vor der Mutter und begann ihr den Plan mitzutheilen, den ſie ſich in ihrem Kopfe ausgedacht hatte. 7 Gerda beſaß von dem Gehalt, der ihr im Hauſe des Fabrikbeſitzers Strömberg bezahlt worden war, die Summe von hundertundfünfzig Reichsthalern, welche ſie für ſich erübrigt und in der Sparkaſſe angelegt hatte. Jetzt wollte Gerda ſie zur Erlernung von irgend etwas anwenden, das ihr eine mehr geſicherte ökono⸗ miſche Lage verſchaffen könnte. Sie hatte es ſich reif⸗ lich überlegt, Unterricht im Zeichnen zu nehmen. Sie beſaß ihrer Meinung nach keine geringe Anlage dazu und empfand große Luſt, ſich ein Talent anzueignen, welches ihr einen guten Verdienſt verſchaffen konnte. Mit Nähen und Sticken konnte ſie ſelbſt bei vier⸗ zehnſtündiger noch ſo eifriger Arbeit ſich täglich doch nicht mehr als etwa anderthalb Reichsthaler*) ver⸗ dienen; aber es gab auch Zeiten, wo ſie bei aller Anſtrengung doch nicht mehr als einen Thaler heraus⸗ ſchlug. So lang ſie keine andere Beſchäftigung fand, war es ihr nicht möglich, mehr als was für das augenblickliche Bedürfniß eben zureichend war, zuſam⸗ menzubringen: von einer Erſparniß konnte ſomit niemals die Rede ſein. Stellten nun Alter und Krank⸗ heit ſich ein, ſo ſtand ſie ohne Brod da. Sie ſah an ihrer Mutter Beiſpiel, wie emſiges Arbeiten und beſtändiges Stillſizen vor der Zeit ihre Geſundheit untergraben hatte, und obwohl Marianne ſeit der Operation an dem Beine wieder ziemlich zu Kräften gekommen, war ſie doch zeitweiſe dagegen krank, daß ſie nicht arbeiten konnte. Daß Marianne jetzt Jahr um Jahr wieder ſchwächer wurde, blieb eine unbe⸗ ſtrittene Wahrheit, und Gerda ſah mit Unruhe der *) Ein ſchwed. Thaler Reichsmünze= 11 ¼ Gr. Crt. 8 Zeit entgegen, wo die Mutter zur Arbeit ganz un⸗ tüchtig würde und ſie ſelbſt dann allein für beide zu ſorgen hätte. Die Näharbeit wurde dann ungenügend; ſie war deßhalb genöthigt, ſich irgend einige Kenntniſſe zu erwerben, wodurch ſie ſich ſo viel zu verdienen vermochte, daß ſie ohne Unruhe an den morgenden Tag denken durfte. Mutter und Tochter waren gerade darüber einig ge⸗ worden, daß Gerda ihre Erſparniſſe zu dieſem Zweck an⸗ wenden ſollte, als es an die Thüre klopfte und Carl Guſtavsſon eintrat. Gerda erklärte es unbezweifelt für eine glückliche Fügung des Schickſals, daß er gerade dieſen Augen⸗ blick erſchienen wäre, nachdem ihre Gedanken den ganzen Tag ſich ihm zugewendet hätten. Calle lächelte und erröthete bei dieſer Aeußerung aus dem Munde eines ſtrahlenden, ſchönen Mädchens. Gerda kam ihm reizender als je vor. Ihre Augen ſchimmerten von wunderbarem Glanze. Er fragte ſie, aus welchem Grunde ſie an ihn gedacht hätte, und Gerda gab zur Antwort, das wäre aus reinem Egoismus geſchehen. Nachdem ſie und ihre Mutter beim Schein der Lampe die von der Dämmerung unterbrochene Arbeit wieder aufgenommen hatte, erzählte Gerda, wie ſie an dem Tage ihrer Begegnung auf dem Kirchhofe auf dem Wege zu dem Paſtor Z. begriffen geweſen, um ſich bei demſelben bezüglich ihrer Zukunft Raths zu erholen. Sie wünſche nämlich etwas zu lernen, wodurch ſie mehr als jetzt verdienen könnte. Der Tod habe ihr in Paſtor Z. einen Rathgeber geraubt, aber das Schickſal anſtatt ſeiner ihr Calle in den + * 8 Weg geführt. Sie wende ſich nunmehr an ihn, um zu erfahren, ob er ihr Jemand zu nennen wüßte, von dem ſie Unterricht im Zeichnen erhalten könnte, ſo daß ſie hernach in den Stand geſetzt würde, für irgend einen Lithographen zu arbeiten. Gerda ſetzte noch hinzu, ſie ſei nach Calle's letztem Beſuche, wo er von dem Medaillenmodelliren geredet hätte, auf dieſen Gedanken gerathen. Sie entwickelte ihre Pläne und glaubte der Ueberzeugung ſich hin⸗ geben zu dürfen, daß ſie natürliche Anlage zum Zeichnen beſäße, da ſie ohne alle Unterweiſung darin ſchon von ihren Kinderjahren her eine große Leich⸗ tigkeit gehabt hätte, Muſter aus dem Gedächtniſſe nachzu⸗ bilden und ſogar für Stickereien, die ſie verfertigte, ſolche ſelbſt zu komponiren. Das Reſultat von den Erwägungen der jungen Leute war, daß Calle für den Anfang ſich erbot, ſelbſt ihr Lehrer zu werden und ihr die erſten Ele⸗ mente des Zeichnens beizubringen. Sodann ſollte Gerda bei irgend einem geſchicktern Meiſter Lektionen nehmen, meinte Calle, welcher mit großer Anſpruchs⸗ von ſeinem eigenen außerordentlichen Talente prach. Als Calle aus der Wohnung der Wittwe ſich entfernte, ließ er in Gerda's Seele die vielverſprechend⸗ ſten Hoffnungen für die Zukunft zurück. Das junge Mädchen ſchlief heute unter dem Gebete zu Gott ein, daß er ſie in ſeinen Schutz nehme und zugleich dem, welchen ſie liebte, Segen bringen möchte. Sie betete auch für ihren verbrecheriſchen Vater. Wäre Gerda's Glaube minder ſtark und ihr Ver⸗ trauen auf die Vorſehung minder warm und innig 10 geweſen, ſo hätte der folgende Tag ſie leicht dahin bringen können, an Gottes Güte zu zweifeln; aber bei Gerda hingen die Liebe zu Gott und der Glaube an ſeinen Schutz nicht von den Umſtänden ab, ſon⸗ dern waren ſo Eins mit ihrer Seele geworden, daß keine Prüfung, ſo hart ſie auch ſein mochte, dieſelben zu erſchüttern im Stande war. II. Der Vormittag war noch nicht weit vorgeſchritten, als die Thüre zu der Wohnung der Wittwe aufging und der Fabrikbeſitzer Strömberg eintrat. Gerda empfand bei ſeinem Anblick ein peinliches Gefühl von Unruhe; aber es verſchwand augenblick⸗ lich, als ſie ſich erinnerte, daß er wahrſcheinlich ge⸗ kommen ſei, um die Rechnung von der neulich an Frau Holm für die kleine Eliſe gelieferten Arbeit in Richtigkeit zu bringen. Strömbergs Benehmen gegen Gerda und Marianne war weder kälter noch ſtolzer, als ſonſt. Er kam, um ſeine Schuldigkeit zu bezahlen, und nachdem er mit Marianne die Sache abgemacht hatte, erkundigte er ſich nach Frau Ahrnells Geſundheit und ertheilte ihr einige gute Rathſchläge in Bezug auf das nervöſe Wechſelfieber, an welchem Marianne im Herbſt und Frühjahr zu leiden hatte. Gerda's Unruhe vermehrte ſich, je länger der Fabrikbeſitzer blieb. Eine Ahnung flüſterte ihr zu, es geſchehe nicht ohne Abſicht, daß er ein längeres Geſpräch über Marianne's Kränklichkeit einleitete. 11 Es peinigte ſie, daß er ſeine Augen beharrlich auf ſie richtete, und es wurde ihr ganz bang ums Herz, als er ſich zu ihr mit den Worten wandte: „Ich kann Sie, Mamſell Ahrnell, von Eliſe grüßen; ſie iſt geſtern nach Weſteras abgegangen.“ Gerda nickte ein wenig mit dem Kopfe, um ihm ihren Dank dadurch auszudrücken. Der Fabrikbeſitzer fuhr fort: „Bei unſerer letzten Unterredung vergaß ich die eigentliche Urſache, warum ich mit Ihnen zu ſprechen wünſchte; ſo intereſſirt war ich, zu erfahren, ob Sie in der Sache, um welche es ſich damals handelte, zu einem unwiderruflichen Entſchluß gekommen wären. Ich muß aufrichtig geſtehen, es fällt mir noch ein wenig ſchwer, zu glauben, daß Sie ſich in vollem Ernſte entſchieden haben, wie ſie damals ſagten.— Vielleicht haben Sie ſich, Mamſell Ahrnell, die Sache überlegt und fühlen ſich jetzt geneigt, die vorgeſtern gegebene Erklärung zurückzunehmen. Für dieſen Fall können Sie im Leben und Tod auf mich bauen.“ Marianne's Augen flogen mit einem eigenthüm⸗ lichen ängſtlichen Ausdruck von dem Fabrikbeſitzer zu der Tochter hinüber. „Ich werde die Erklärung, welche ich Ihnen bei unſerem letzten Zuſammentreffen gegeben, niemals zurücknehmen,“ verſicherte Gerda. „Nicht? Sind Sie deſſen gewiß?“ „Vollkommen.“ „In dieſem Fall wollen wir nicht mehr von der Sache reden, ſondern zu dem Briefe hier übergehen, welchen ich von Mr. Bernard erhalten habe.“ Strömberg zog langſam einen Brief aus der 12 Taſche. Gerda erblaßte. Sie erhob ſich ſchnell mit den Worten: „Es iſt doch wohl nicht Ihre Meinung, den In⸗ halt davon mir jetzt mitzutheilen?“ „Es war meine Abſicht nicht, iſt es aber jetzt. Sie haben es ſo gewollt. Die Schuld liegt einzig an Ihnen.“ Die Stimme des Fabrikbeſitzers hatte einen har⸗ ten Klang. „Wie, meine Tochter,“ rief jetzt Marianne,„haſt Du ein Geheimniß vor deiner Mutter?“ „Madame,“ fiel Strömberg mit einem bittern Lächeln ein,„ich fürchte, Ihre Tochter hat nicht blos eines, ſondern deren mehrere.“ „Gerda, wer iſt dieſer Bernard, von deſſen Brief Du willſt, daß ich den Inhalt nicht erfahren ſoll?“ fragte Marianne ihre Tochter mit einem ſtrengen Blick. Die Hände der nervenſchwachen Frau zitterten, ſo erregt war ſie. „Nun, Mamſell Ahrnell, haben Sie doch die Güte und klären Sie Ihre Mutter darüber auf, wer der Mann iſt, und in welchem Verhältniß Sie zu dem⸗ ſelben ſtehen,“ bemerkte der Fabrikbeſitzer.„Sie wollen mich doch nicht zwingen, es ſelbſt zu thun.“ Gerda ſchwieg. Die Adern auf ihrer Stirne ſchwollen; ein heftiger aber ſtummer Kampf ging in ihrem Innern vor. War es Strömbergs Abſicht, ſie in die ſchreckliche Alternative zu verſetzen, entweder in einem ungünſtigen Lichte vor ihrer Mutter dazu⸗ ſtehen, oder Marianne die zermalmende Kunde zu geben, daß ihr Daniel, der ihr ſo theuer war, ſie verrathen, ſich mit einer andern Frau verheirathet 6 13 und ſich eines Verbrechens gegen Geſetz und Gewiſſen ſchuldig gemacht hatte. Gerda ſuchte ſich augenblick⸗ lich klar zu machen, welches wohl der härteſte Schlag für ihre Mutter ſein würde. Nachdem einige Augenblicke verfloſſen waren, ohne daß Gerda ſeine Antwort gegeben hatte, faßte Ma⸗ rianne die Stuhllehne und richtete ſich auf, indem ſie mit der bei nervöſen Perſonen ſo gewöhnlichen Hef⸗ tigkeit ausrief: „Gerda, ich fordere, daß Du dich ſogleich erklärſt. Ich muß wiſſen, wie Du dieſen Mann, deſſen Namen Du mir niemals nannteſt, kennen gelernt haſt, und warum Du fürchteſt, daß ich von dem Inhalte ſeines Briefes Kunde erhalte.“ „Mama, ich kann Dir nichts von Herrn Bernard ſagen. Ich kann Dir keine Aufklärung über den Mann geben, und ſollteſt Du auch noch ſo böſe dar⸗ über werden und mich völlig verkennen.“ „Du weigerſt dich alſo, mich wiſſen zu laſſen, in welchem Verhältniſſe Du zu ihm ſtehſt?“ Marianne zitterte ſo, daß ſie mit Mühe ſich auf⸗ recht erhalten konnte. „Ich ſtehe in keinem Verhältniß zu ihm und ich beſchwöre Dich, Mutter, auf meinen Knieen, frage mich nicht. Meine Zunge würde mir nicht gehorchen, wenn man mich zwingen wollte, etwas über ihn auszuſagen. Du mußt mich kennen und mir ver⸗ trauen, wenn ich Dich heilig verſichere, daß deine Tochter ſich nie etwas zu Schulden kommen ließ, weßhalb Du ihr zu zürnen nöthig hätteſt.“ „In dieſem Fall mußt Du auch ohne Rückhalt reden können. Willſt Du, daß ich dir Glauben 14 ſchenken ſoll, ſo gibt es nur ein Mittel hiezu, und dieß iſt— aufrichtig zu ſein.“ „Und gerade dieß Eine iſt mir unmöglich, weil ich Dir dadurch Schmerz verurſachen würde.“ Marianne zog mit Heftigkeit ihre Hände zurück, welche Gerda gefaßt hatte, und wandte ſich zu Ström⸗ berg mit den Worten: „Mein Herr, ich fordere jetzt von Ihnen, als einem ehrlichen Mann, daß Sie mir den Brief zeigen, welchen Sie meiner Tochter mitzutheilen beabſichtigten. Ich muß das Geheimniß kennen lernen, welches ſie mir verbergen will, und ſollte mir auch das Herz darüber brechen.“ Strömberg ſah Gerda mit einem Blick an, wel⸗ cher ſagte: „Noch iſt es Zeit. Ein Wort, und Du retteſt deine Mutter vor dem Schlage, welchen ſie nicht zu ertragen vermag.“ In dieſem Augenblick fand blos ein Gedanke in Gerda's Seele Raum, und dieſer galt ihrer Mutter. „Sie haben geſiegt,“ murmelte Gerda.„Ich bin überwunden. Laſſen Sie uns den Kampf enden. Ich gehe lieber auf Ihren Vorſchlag ein, als daß ich denſelben fortſetze.“ Der Fabrikbeſitzer zog die Hand zurück, worin der Brief ſich befand, um ihn wieder für ſich zu behalten. Aber gerade in dem Augenblick, da er denſelben in die Bruſttaſche ſtecken wollte, wurde er ihm heftig aus der Hand geriſſen. Marianne hatte ſich ſeiner bemächtigt. „Madame,“ rief Strömberg,„dieſes Schreiben gehört mir, und ich geſtatte nicht, daß Sie es leſen. — 15 Jeder unedle Verdacht gegen Ihre Tochter iſt unge⸗ recht, und ich verlange, daß Sie mir den Brief zurückgeben.“ „Nein, mein Herr, Sie ſind hieher gekommen, um mir deſſen Inhalt mitzutheilen; er betrifft meine Tochter, und ſelbſt wenn Sie Gewalt brauchen, er⸗ halten Sie ihn nicht zurück.— Bei dem erſten Ver⸗ ſuch, mir denſelben zu rauben, rufe ich um Hülfe,“ erklärte Marianne.„Wenn Gerda ſich von Ihnen Stillſchweigen erkauft hat, ſo ſoll ſie doch damit Nichts gewinnen. Ich will und muß den Inhalt dieſes Papiers kennen lernen.“ Der Fabrikbeſitzer betrachtete Marianne mit einem Ausdruck, als ob er ſie in Stücke reiſen wollte, um nur den Brief wieder zu bekommen, denn er ſah wohl ein, daß das von Gerda ſo eben gegebene Ver⸗ ſprechen ohne Werth war, ſobald er das Schreiben verloren hatte, welches ihm Macht über ſie gewährte. Gott weiß, zu welchem Aeußerſten ſich Strömberg hätte verleiten laſſen, wenn nicht eine alte Frau, für welche Gerda zu ſticken pflegte, ins Zimmer ge⸗ treten wäre. Sie hatte einige Kleinigkeiten zum Nähen und Gerda war gezwungen, von Muſtern zu reden und ganz umſtändlich dieß und jenes ſich vor⸗ ſchwatzen zu laſſen. Marianne war beim Eintritt der alten Frau in den Lehnſtuhl zurückgeſunken, und der Fabrikbeſitzer trat an das Fenſter, wo er ſtehen blieb. Während Gerda die Muſter hervorſuchte und mit zitternder Hand der Frau aus einander legte„ſchlug Marianne den eroberten Brief aus einander. Bei dem erſten Blick auf denſelben ſtieß ſie einen ſchwa⸗ 16 chen Ruf aus, ſo daß der Fabrikbeſitzer ſich haſtig umdrehte und Gerda auf die Mutter zuſtürzte. Ma⸗ rianne ſtieß dieſelbe heftig zurück, worauf ſie buch⸗ ſtäblich den Inhalt des Briefs verſchlang. Als ſie damit fertig war, entſchlüpfte ein durchdringender Schrei ihren Lippen, und ſie ſank in den Seſſel zurück. Das Angeſicht war bläulich und entſtellt. Die Unglückliche war von einem Nervenſchlage getroffen worden. Die Frau, welche die Muſter ſich betrachtet hatte, ſtürzte zur Thüre hinaus, und Gerda warf ſich über die Mutter, indem ſie Strömberg zurief: „Sie haben ſie getödtet! Wehe Ihnen!“ II. Bei dem ſchwachen Schein einer Lampe ſaß Gerda mit verweinten Augen und arbeitete. Die Uhren der Stadt verkündeten, daß es Mitter⸗ nacht ſei. In dem ſchneeweißen Bette ſchlummerte die Mutter. Die durch Marianne's plötzliche Ohnmacht in Schrecken geſetzte Frau hatte noch ſo viel Beſonnenheit behalten, um zu einem Arzte zu eilen und denſelben zu der Kranken zu ſchicken. Dieſer verordnete ihr, nachdem ſie wieder zum Bewußtſein gebracht worden, ein be⸗ ruhigendes Mittel, und ſie lag jetzt in tiefen Schlaf verſunken, der ſeine wohlthätig betäubende Wirkung über ihre Sinne ausübte, während Gerda wachte und arbeitete. Dieſe hatte ſo viel geweint, daß ihre Augen faſt 17 geſchwollen waren und ihr der Kopf ſchwer wie Blei ſchien; aber ſie wagte nicht, zur Ruhe zu gehen. Klarer als jemals leuchtete ihr jetzt ein, daß ſie jede Minute, die ihr vergönnt war, arbeiten mußte, um ſich vor drohender Noth zu bewahren. Wir wollen die Gemüthsſtimmung des jungen Mädchens, die Gefühle des bittern Schmerzes, der Selbſtvorwürfe, welche ihre Bruſt durchzogen, nicht näher beſchreiben; ſondern ſtatt deſſen einen Blick in den unheilvollen Brief werfen, welcher die arme Marianne aufs Krankenlager niedergeſtreckt hatte. Er lag noch offen vor Gerda auf dem Tiſche, und wir können, während ſie näht, nähere Einſicht von dem Inhalt deſſelben nehmen. Er lautete wie folgt: „Bruder Strömberg! „Dein letztes Schreiben hat mich wirklich in Erſtaunen verſetzt, denn Drohungen von deiner Seite müſſen mir unerklärlich erſcheinen. Wir ſind ja alte Freunde, alſo— iſt es überflüſſig, mit andern als verſtändigen Worten auf einander einwirken zu wollen. Du ſprichſt von denjenigen, welche ich in der Heimath zurückgelaſſen habe. Ich bin bereit, denſelben jähr⸗ lich eine Summe von tauſend Reichsthalern zum Unterhalt auszuſetzen. Dieſe Summe wird vollkom⸗ men genügen, ſie vor Noth zu ſchützen, und es ihnen möglich machen, ein ſtilles und eingezogenes Leben zu führen. Du kannſt dieſelbe ihnen als eine edel⸗ müthige Gabe von Dir ausbezahlen und mir in Rechnung bringen. Auch halte ich es für das Klügſte, Du läſſeſt ſie auf dem Glauben, daß ich nicht mehr Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. II. 2 18 am Leben ſei, denn Eins iſt gewiß, daß ich ſie nie⸗ mals aufſuchen werde. „Einmal ſind ſie mir theuer geweſen, aber nun⸗ mehr kann ich nicht begreifen, daß es ſich ſo ver⸗ halten hat, und es erregt mir immer großes Unbe⸗ hagen, wenn ich an ihre Exiſtenz erinnert werde. „Die Noth und Trübſal, welche ich durch meine Ehe mir zuzog, hat mich aus einem ehrlichen Kerl in das, was ich jetzt bin, verwandelt. Es darf Dich alſo nicht verwundern, wenn ich, nach Verfluß von neun Jahren und mit einer jungen, ſchönen Frau verheirathet, den Wunſch hege, daß die Erde jene zwei Weſen decken möge, welche mir Alles, was das Leben an Mißgeſchick beſitz, ins Gedächtniß zurückrufen. „Verwende die Gelder, welche ich für ſie ausge⸗ worfen habe, nach deiner beſten Ueberzeugung, aber erſpare mir jede weitere Erinnerung an dieſe Frau und ihr Kind. „Dein Freund „John Bernard.“ Marianne würde niemals auf den Gedanken ge⸗ rathen ſein, daß dieſer Brief von ihr und Gerda handelte, hätte ſie nicht die Handſchrift erkannt, dieſe Handſchrift, welche ſie ſo unzählige Male geſehen, daß ſie dieſelbe niemals vergeſſen konnte; dieſe Hand⸗ ſchrift, welche ſie neun Jahre lang in einem Briefe zu ſchauen erwartet hatte, der ihr einen geliebten Gatten und ihrem Kinde eine ſorgenfreie Zukunft wieder ſchenken ſollte.— Dieſe Frau— wie ſchrecklich wurde ſie jetzt in ihren Hoffnungen getäuſcht, als ſie endlich nach ſo langem Warten die theuren Schriftzüge wie⸗ der erblickte, aber nur, um dadurch aus einem ſchwäch⸗ lichen, indeſſen noch arbeitsfähigen Weibe in ein armes, lahmes Geſchöpf verwandelt zu werden. Tage vergingen, während welcher Gerda für ihren gemeinſchaftlichen Unterhalt zu arbeiten und gleich⸗ zeitig den Dienſt einer Krankenwärterin zu verſehen hatte. Der Kummer, welchen die Krankheit der Mutter mit ſich brachte, mußte durch die Anſtrengung niedergehalten werden, wenigſtens ſo viel zu ver⸗ dienen, daß die nothwendigſten Ausgaben beſtritten werden konnten. Gerda hatte, wie ſich wohl ſagen ließ, nicht einmal Zeit, die ganze Größe ihres Un⸗ glücks zu überſehen. Mit Marianne beſſerte es ſich indeſſen, allein nach der Ausſage des Arztes ſollte ſie auf der rechten Seite gelähmt bleiben, ſomit nicht mehr im Stande ſein, zu arbeiten. Als der Arzt Gerda dieſe traurige Mittheilung machte, behielt das junge Mädchen ihre äußere Ruhe bei und bemerkte mit feſter Stimme: „Ich muß wohl hinfort für uns beide arbeiten,“ und wirklich ſetzte ſie auch jede Nacht zwei bis drei Stunden weiter daran. Als Marianne ſo weit, als es eben die Umſtände erlaubten, wieder hergeſtellt war, äußerte ſie eines Tags gegen Gerda: „Ich habe mich ſchwer gegen Dich vergangen, mein Kind; kannſt Du mir verzeihen?“ Es war das erſte Mal, daß Marianne ſich über die Veranlaſſung zu ihrer Krankheit ausſprach. Gerda hatte ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, dieſelbe würde den Entſtehungsgrund hiezu vergeſſen haben. Jetzt 20 gab ſie der Mutter die liebevollſte Verſicherung, daß ſie ihr nichts zu verzeihen habe. Mutter und Tochter begannen hierauf von dem Briefe zu reden. Daß Gerda die Handlungsweiſe des Vaters in dem möglichſt vortheilhaften Lichte darzuſtellen ſuchte, verſteht ſich von ſelbſt; darum verſchwieg ſie auch ſorgfältig, daß ſie von dem Ver⸗ brechen, welches er begangen, einige Kenntniß hatte. Marianne und Gerda empfanden einen gleich⸗ mäßigen Widerwillen dagegen, etwas von Bernard zu ihrem Unterhalt anzunehmen. Gerda ſchauderte bei dem Gedanken zurück, irgend einen Theil von dieſem Blutgelde ſich aneignen zu müſſen. Eines Tags, als Gerda wie gewöhnlich die Nodel ohne Raſt und Ruhe in Bewegung ſetzte, und Ma⸗ rianne unthätig auf dem Sopha lag, langte ein Brief von dem Fabrikbeſitzer Strömberg an. Er hatte während der Zeit, da Marianne krank darnieder lag, öfters hergeſchickt und ſich nach ihrem Befinden erkundigt und auch einige Mal ſchriftlich alle Hülfe, deren ſie bedürfen möchte, angeboten. Der Brief, welchen Gerda jetzt empfing, enthielt zweihunderifünfzig Reichsthaler oder, wie er ſchrieb, den Betrag des erſten Quartals von der Penſion, welche Mr. Bernard für Frau Ahrnell ausgeſetzt atte. Weiter erinnerte er Gerda an die Worte, welche ſie ſich hatte entſchlüpfen laſſen, als ſie den Wunſch ausdrückte, den Streit zwiſchen ihnen beiden beendigt zu ſehen. „Sie wiſſen,“ ließ er ſich unter Anderm ver⸗ nehmen,„durch welche Mittel Sie denſelben zum Schluß bringen können; aber Sie ſollten mich auch 21 genugſam kennen gelernt haben, um einzuſehen, daß ich nicht der Mann bin, mit welchem ſich ſpielen läßt. Ich fühle mich gewiß tief betrübt über den Eindruck, welchen Bernards Schreiben auf Ihre Mutter her⸗ vorgebracht hat, aber ich muß dennoch die Frage an Sie richten, ob Sie ſich nicht ſelbſt als die eigentliche Urheberin von Frau Ahrnells Krankheit zu betrachten haben, da Sie um einer ebenſo hoffnungsloſen als unverſtändigen Neigung willen Ihre eigene und Ihrer Mutter Zukunft geopfert haben.— Ich bitte Sie, ſich noch einmal zu beſinnen, denn ich kann nicht da⸗ für ſtehen, was noch weiter folgen wird, im Fall Sie mir ferner noch Ihre Hand verweigern.“ Gerda las den Brief ihrer Mutter vor, und als ſie fertig war, rief dieſelbe: „Sende das Geld zurück, Gerda; ich will lieber ſterben, als etwas von— ihm— ihm— annehmen. Was Strömbergs Drohungen betrifft, ſo ängſtige Dich darum nicht. Strömberg hat uns wahnrſcheinlich ſo viel Böſes angethan, als er vermochte; und ein Mann, der wehrloſen Frauen ſchaden will, taugt nicht zum Gatten für Dich.“ Gerda ſagte nichts, aber ſie empfand eine ſo tiefe Erbitterung gegen Strömberg, daß ſie eher jedes Leid über ſich genommen, als zwangsweiſe zu einer ver⸗ haßten Ehe mit ihm ſich hergegeben hätte. Sie ſchrieb deßhalb folgende Zeilen zur Antwort: „Herr Strömberg! „Als es noch in meiner Macht ſtand, meine Mutter vor dem bittern Schmerz, welcher ſie nunmehr be⸗ troffen hat, zu ſchützen, fühlte ich mich geneigt, meine Perſon zu opfern, um einen unedlen Kampf, welcher 22 gegen ſie gerichtet war, zum Schluß zu bringen.— Jetzt, Herr Fobrikbeſitzer, iſt meine zuvor ſchon un⸗ glückliche Mutter ſo beklagenswerth, daß ſie es kaum noch in höherem Grade werden kann. Ich vermag alſo auch nicht dem Mann meine Hand zu reichen, welcher aus niedriger Rachbegier eine vorher ſchon gebrechliche Frau lahm und arbeitsunfähig gemacht hat.— Gott iſt gut und er wird uns auch gegen die Verfolgungen böſer Menſchen beiſtehen; ſomit, Herr Strömberg, lautet mein unwiderrufliches Wort: die arme Gerda Ahrnell wird niemals Ihre Gattin werden. „Hiebei ſende ich Ihnen Herrn Bernards Geld zurück. Haben Sie die Güte und klären Sie ihn darüber auf, daß Ahrnells Frau und Tochter ohne ſeine Hülfe ſich fortzubringen hoffen. Und nun, Herr Fabrikbeſitzer, erwarte ich in vollkommener Faſſung, was kommen ſoll. „Gerda Ahrnell.“ An demſelben Tag, da Gerda vorſtehenden Brief an Strömberg abſandte, ſchrieb ſie einige Zeilen an Mr. Bernard in London. Der Brief, welcher von Bernard an den Fabrik⸗ beſitzer gekommen war, trug den Londoner Poſtſtempel. Der Inhalt war nicht lang, verdient aber gleich⸗ wohl hier angegeben zu werden, und lautete: „Ahrnells Tochter hatte das Unglück, bei ihrem Zuſammentreffen mit Mr. Bernard zu erkennen, wer er war. Dieſes Wiedererkennen würde jedoch ein Ge⸗ heimniß geblieben ſein, welches ſie getreulich in ihrem Herzen bewahrt hätte, wenn nicht durch den Zufall oder durch Veranſtaltung Ihres Freundes Strömberg 23 der Gattin Ahrnells ein Brief von Mr. Bernard unter die Augen gekommen wäre. Sie wird ihn jedoch nicht verrathen, aber ſowohl ſie als deren Tochter wünſchen Ihnen klar zu machen, daß Beide niemals eine Unterſtützung von Mr. Bernard an⸗ nehmen werden. „Eine Warnung will ich noch beifügen: kehren Sie niemals nach Schweden zurück und hüten Sie ſich vor demjenigen, welcher mit dem von Ihnen be⸗ gangenen Verbrechen bekannt iſt. Hoffen Sie nicht, auf irgend eine Hingebung von Ahrnells Tochter rechnen zu dürfen. Sie wird ſich niemals für einen Vater opfern, welcher ſich ihrer Achtung und Liebe unwürdig gemacht hat.— Suchen Sie durch Men⸗ ſchenliebe und Güte gegen Unglückliche das Böſe, welches Sie gethan, wieder gutzumachen. „Für Sie zu beten, iſt Alles, was diejenige ver⸗ mag, welche den Namen trägt „Gerda Ahrnell.“ W. Frau Ahrnell lag in einen todesähnlichen Schlummer verſenkt, als Gerda dieſe Worte ſchrieb. Nachdem ſie den Brief zuſammengelegt und die Adreſſe darauf geſetzt hatte, ging die Thüre auf und Calle trat ein. Er hatte während der Krankheit von Frau Ahrnell ſeinen frühern Nachbarinnen die größte Anhänglich⸗ keit und Theilnahme bewieſen. Die lahme und ſehr geſchwächte Frau erwachte bei Calle's Eintritt nicht; dieſer nahm leiſe neben . E 24 Gerda Platz und zwiſchen Beiden entſpann ſich nun ein flüſterndes Geſpräch. Calle nahm es auf ſich, am nächſten Tage den Brief auf die Poſt zu befördern, und darnach wurde ausgemacht, daß Gerda am folgenden Sonntag mit den Lektionen im Zeichnen beginnen ſollte. Der junge Künſtler, welcher Erfahrung und einen ſichern Blick beſaß, ſah ein, daß es für Gerda Jahre bedurfte, um es zu einer eigentlichen Geſchicklichkeit im Zeichnen zu bringen, und darum ſchlug er ihr vor, in der Zwiſchenzeit Unterricht in der engliſchen Sprache zu ertheilen. Sie hatte dieſelbe ja während ihres Aufenthalts in England gelernt und konnte un⸗ bedingt damit mehr als durch Nähen verdienen. Es kam nur darauf an, ihr Schülerinnen zu verſchaffen. Calle ſollte inzwiſchen die Sache ſich überlegen und am Sonntag wieder kommen. Gerda fühlte ſich nach Calle's Beſuch ruhiger, als ſie es ſeit dem Erkranken ihrer Mutter geweſen war. Die Zukunft kam ihr minder dunkel vor, und die Hoffnung, die freundliche Begleiterin des Armen und des Arbeiters, lächelte ihr von Neuem ſo tröſtend entgegen. Sie hatte jedoch in der Nacht einen ſehr unheil⸗ verkündenden Traum. Es kam ihr vor, als wäre ſie ſehr arm, gerade wie zu der Zeit, da ihr Vater da⸗ von gegangen, und ſähe ſich genöthigt, um ihre Mut⸗ ter vor dem Hungertode zu ſchützen, auf den Straßen betteln zu gehen. Aber Alle, an welche ſie ſich wandte, kehrten ihr den Rücken, mit den Worten: „So lang dein Vater frei herumgeht und der Unſchuldige Strafe für ihn leidet, ſollſt Du arm ver⸗ 25 bleiben und wir wollen dir nicht helfen, denn deine Armuth iſt eine Strafe Gottes.“ Bei Menſchen mit lebhafter Einbildungskraft ſpielen die Träume eine große Rolle, und ſo war es auch bei Gerda. Als ſie erwachte, laſtete die Erinnerung an den Traum bleiſchwer auf ihrem Gemüth und es dünkte ihr, als hätte ſie Antheil an dem von ihrem Vater begangenen Verbrechen. Gerda hatte niemals früher die Worte in Betracht gezogen: „Die Miſſethaten der Väter ſollen an den Kin⸗ dern geſtraft werden bis ins dritte und vierte Glied,“ aber jetzt kam es ihr vor, als ſeien dieſe Worte ihr in die Seele eingegraben. Auf ein ſchwaches und weiches Gemüth würde eine ſolche Vorſtellung einen niederſchlagenden Ein⸗ fluß ausgeübt haben; auf Gerda hingegen, wirkte ſie wie eine Mahnung, durch ein untadelhaftes Leben und eine genaue Beobachtung deſſen, was die Pflicht gebot, die Schuld, welche der Vater auf dem Gewiſſen hatte, abzuwaſchen. V. Calle's Stellung zu Profeſſor Schneider war noch immer die eines Arbeiters zu ſeiyem Herrn. Er zeichnete, goß in Gyps, modellirte Ornamente u. a. m. und wurde dabei als der Geſchickteſte von des Pro⸗ feſſors Arbeitern betrachtet. Er erhielt einen guten Lohn und bekam die Kleinigkeiten, welche er in Holz ſchnitzte, gut bezahlt, weil ſie in der That kleine Kunſtwerke waren. ——— 26 Profeſſor Schneider zog wirklich großen Nutzen von Calle und hätte ihn um Vieles nicht verlieren mögen, aber er blieb hartnäckig bei ſeinem Entſchluß, aus ihm nichts anderes als einen kunſtmäßig gebil⸗ deten Arbeiter zu machen. Nachdem Calle vergeblich ſeinem Meiſter klar zu machen verſucht hatte, daß er nicht beabſichtige, bei der Ornamentenbildhauerei ſtehen zu bleiben, war er zu dem Entſchluß gelangt, auf eigene Hand die höhere Skulptur und Malerei zu ſtudiren. Er hatte ſeine Erſparniſſe dazu verwendet, ſich, was zu dieſem Stu⸗ dium erforderlich war, anzuſchaffen, und ſicherlich würde der Profeſſor in nicht geringes Erſtaunen gerathen ſein, wenn er eine Ahnung von der Selbſtſtändigkeit und Beharrlichkeit gehabt hätte, womit der ſtille und anſpruchsloſe Calle an ſeiner eigenen künſtleriſchen Entwicklung arbeitete. Es konnte jedoch bei dem gewiſſenhaften jungen Mann niemals geſchehen, daß er ſich zu irgend einer auch der unbedeutendſten Handlung hätte hinreißen laſſen, welche den Verdacht erregen mochte, als ſei er ſeiner Stellung gegenüber von dem Profeſſor, als dem Manne, welcher ihm Gelegenheit gegeben, ſich zu dem, was er war und eines Tags noch zu werden hoffte, heranzubilden— auch nur ſcheinbar uneinge⸗ denk geworden. Der Profeſſor hatte ſeit dem letzten Jahre ſeinen Gehalt nach Maßgabe davon, wie viel er arbeitete, firirt; und dieß war von dem Profeſſor darum ge⸗ ſchehen, weil Calle bei ſeiner Ausdauer viel mehr als die andern Arbeiter leiſtete und in Folge deſſen, ſelbſt wenn er ihm den doppelten Lohn von dieſen . 27 bezahlte, noch immer nicht das erhielt, was ihm in Wirklichkeit gebührte. Calle erhielt bei dieſem Arrangement Gelegenheit, ſehr viel Geld zu verdienen, und da er ſparſam und ordentlich war, legte er ſich allmählig ſo viel zurück, um damit die Koſten einer künftigen Kunſtreiſe zu beſtreiten. Calle bewohnte in des Profeſſors Hauſe ein ziem⸗ lich großes Zimmer. Daſſelbe glich mehr einem Ma⸗ gazine von allerlei Kunſtkram und Kunſtwerkzeug, als einer menſchlichen Behauſung. Da fanden ſich Staffe⸗ leien, Modelle, Pinſeln, Marmorſtücke, Meißel, Palskken, Gypsfiguren und Gemälde, Entwürfe zu Gemälden, halbfertige Statuetten, in Marmorfragmenten ausge⸗ hauen, und eine kleine Sammlung Bücher. Ein paar Stühle, ein Bett in einer Ecke, drei Tiſche ſammt einem kleinen Schreibpulte und einem winzigen Spiegel bildeten das Meublement. Und dieſes war zugleich in dem dunkelſten Winkel des Zimmers unterge⸗ bracht und zwar ſo, daß es den möglichſt geringen Raum einnahm. „Hinter einem großen Schirm, welcher vor einer andern Ecke des Zimmers aufgeſtellt war, befand ſich Etwas, woran Calle in aller Stille arbeitete, ohne daß Jemand mit einem Blick in dieſen abgeſchloſſenen Raum dringen durfte. So lang der Burſche, welcher ſein Zimmer in Ordnung zu halten berufen war, dieſer wichtigen Funktion oblag, blieb Calle ſtets an Ort und Stelle, ſo daß es demſelben nicht geſtattet war, auch nur in die Nähe des myſtiſchen Schirmes zu gelangen.— Beſuche empfing Calle niemals. Er ſtand in keiner weitern Berührung mit ſeinen Kameraden, als daß 28 ſie eben in der Werkſtätte zuſammenarbeiteten. Der Profeſſor ließ ſich niemals in dem Zimmer des Ar⸗ beiters ſehen, und der einzige, welcher hin und wieder die Schwelle von Calle's Wohnung überſchritt, war ſein Bruder Niſſe. An einem Samstagmorgen ſtand Calle frühe auf, aber nicht um zu arbeiten, wie er ſonſt zu thun pflegte, ſöndern um ſich zu Niſſe zu begeben und mit ihm über dieſes und jenes zu berathſchlagen. Calle hatte die ganze Nacht darüber gegrübelt, wie er Gerda einige Schülerinnen in der engliſchen Sprache verſchaffen könnte, ſo daß ſie zu einer ge⸗ nügenden Einnahme gelangen und mehr Zeit zur Uebung im Zeichnen erübrigen möchte. Er hatte gerade ſeine Toilette vor dem kleinen Spiegel beendigt und war im Begriff, ſeinen Ueber⸗ rock anzuziehen, als ſein Blick auf den Schirm in der Ecke fiel. Er legte das Kleidungsſtück wieder bei Seite und trat in die geheimnißvolle Ecke, indem er bei ſich ſelbſt murmelte: „Ich muß ſie ſehen, bevor ich ausgehe, da eich heute den ganzen Tag mich doch nicht mit ihr beſchäftigen kann.“ Er ſchob den Schirm zurück und zog eine rothe Decke hinweg, welche über einen auf erhöhtem Platze befindlichen Gegenſtand geworfen war. Auf einem grobbehauenen Piedeſtal von Holz ſtand ein in Thon geformtes Modell eines betenden Kindes. Es war ein Mädchen in jenem holden, einneh⸗ menden Alter, wo es die Kinderjahre nicht über⸗ ſchritten hatte, aber an der Grenze derſelben ange⸗ 29 kommen war. Die ganze Geſtalt hatte etwas von einer Knospe, das dieſes Alter charakterifirt, und ſelbſt dem phyſiſchen Menſchen einen gewiſſen poeti⸗ ſchen Duft verleiht. Die knieende Stellung, die er⸗ hobenen, zuſammengelegten Hände, der gebeugte Nacken und das aufwärts gerichtete Antlitz trugen ein ſo unverkennbares Gepräge von Andacht, Ver⸗ trauen und Demuth, daß man die Worte, welche über die halbgeöffneten Lippen kamen, zu hören glaubte. Das Angeſicht ſelbſt war in Form und Zügen von idealer Schönheit, im Ausdruck ſo belebt, daß man ſich zu glauben verſucht fühlte, es klopfe ein Herz in dieſer Bruſt. Unſchuld und Glauben ſprachen aus dieſer Miene und zwangen gewiſſer⸗ maßen den Beſchauer, mit ſeinen Gedanken der Betenden zu Gott zu folgen. Der junge Schöpfer dieſer ſchönen Erſcheinung betrachtete ſein Werk mit einem Blick, wie ihn ein leidenſchaftlich Liebender auf den Gegenſtand ſeiner innigſten Neigung heftet. „Wenn ich ſie in Marmor hätte, wenn ich nur meiner Hand eben ſo gewiß wäre, wie meine Liebe zur Idee warm und tief iſt, ſo könnte ſie mir einen unſterblichen Namen verſchaffen; aber es wird mir vielleicht niemals gelingen, dem Marmor Leben und Seele zu geben, auch wenn ich es dahin bringe, aus demſelben die untadelhafteſten Formen herauszuar⸗ beiten. Wie Schade, wenn meine Inſpiration den Meißel nicht ſo weit zu beherrſchen vermöchte, daß er das wiedergibt, was ich als das Schönſte ge⸗ dacht habe.“ Calle warf die rothe Decke wiederum über das — ——— — 30 Modell; in demſelben Augenblick klopfte Jemand an die Thüre. „Iſt Janne ſchon da?“ murmelte er, ſchob den Schirm vor und ging, um zu öffnen; aber er wich ein paar Schritte zurück, denn vor ihm ſtand der Profeſſor ſelbſt. Schneiders lebhafte und ſcharfe Augen machten eine ſchnelle Runde durch das Zimmer, während er eintretend ſagte: „Ich war überzeugt, Guſtavsſon, daß ich Sie zu Hauſe finden würde, und da ich ſelbſt einen Ausgang zu machen habe, wollte ich Ihnen nur mittheilen, daß es dringend nöthig iſt, heute morgen das Apollo⸗ modell zu formen und drei Abgüſſe davon zu neh⸗ men; auch muß ich die Entwürfe hier gezeichnet haben, ſo daß ſie zu Studien dienen können. Sie wiſſen, Guſtavsſon, wie wichtig es für mich iſt, meine Studienſammlung vor dem Frühjahr komplett zu bekommen, ſo daß ich ſie herausgeben kann.“ Schneider war, während er ſo redete, an einen der großen Tiſche getreten, auf welchem eine Maſſe von Entwürfen und Zeichnungen rings herum zerſtreut lagen. Er legte die Papiere, welche er in der Hand hielt, weg; ſein Auge fiel dabei auf einen Brief, welcher ſich gleichfalls daſelbſt befand. Die Adreſſe deſſelben lautete an Mr. Bernard in London. „Was iſt das?“ fragte er, ſich zu Calle wendend, welchen das Erſcheinen des Profeſſors in ſeiner Wohnung ſo verblüfft hatte, daß er an der Thüre ſteben geblieben war. „Es iſt ein Brief, welchen ich auf die Poſt zu geben übernommen habe,“ antwortete Calle, nachdem er ſich von ſeiner Ueberraſchung ſo weit geſammelt hatte, daß er an den Tiſch vortreten konnte. Der Profeſſor betrachtete den Brief mit ſichtbarem Intereſſe. „Von wem rührt die Aufſchrift her?“ fragte er weiter, ohne Calle, welcher bei dieſen Worten die Farbe wechſelte, anzuſehen. „Von einer Mamſell Ahrnell, welche ſonſt für Fräulein Hjort zu nähen pflegte,“ erwiederte Calle, um, wie er hoffte, mit einem Mal der Nothwendig⸗ keit, weitere Aufklärungen zu geben, überhoben zu werden. „Für meine Schwägerin nähte,“ wiederholte der Profeſſor. „Ja,“ entgegnete Calle, welcher vollkommen wußte wie gering der Profeſſor von aller Näharbeit dachte. Schneider warf auch alsbald den Brief mit einer verächtlichen Bewegung und den Worten von ſich: „Eine Näherin alſo, eine lebende Maſchine und nichts weiter.“ . Dann ſchaute er ſich noch einmal ringsum und ſetzte hinzu. „Es ſieht aus, Guſtavsſon, als ob Sie auch in Ihren freien Stunden zu arbeiten pflegten. Hier ſind ja Dinge beiſammen, als ob man ſich in einem Atelier befände.“ Schneiders Augen richteten ſich auf den Schirm. Calle ſah, daß ſie auf demſelben weilten, und das Herz des jungen Mannes ſchlug ſo unruhig, als ob er eine Geliebte hinter demſelben verborgen gehabt hätte. Der Profeſſor trat ein paar Schritte vor, wie wenn ſeine Abſicht wäre, nachzuſehen, was ſich hinter dem⸗ 32 ſelben befände, änderte aber ſeine Richtung und drehte ſich wieder gegen die Thüre, während er einen ſchnellen Blick auf den jungen Mann warf, welcher ſo aufgeregt erſchien, als fürchtete er auf einem Verbrechen ertappt zu werden. Dieß entging auch Schneider durchaus nicht, aber es lag zur Zeit nicht in ſeinem Intereſſe, dieß merken zu laſſen, beſonders da ſein Beſuch bei Calle durch einen Argwohn ver⸗ anlaßt worden war. EChe der Profeſſor davon ging, wandte er ſich noch einmal zu Calle und bemerkte: „Wie kommt es, daß eine Frau mit einer ſo ſchönen Hondſchrift, wie die hier auf dem Briefe, ſich keinen andern Nahrungszweig als das Nähen ge⸗ wählt hat?“ „Sie war und iſt ſehr arm,“ erwiederte Calle, und hat nicht viel mehr gelernt, als die Nadel zu führen.“ „Sie kann ja ſchreiben; was hindert ſie, ſich mit Reinſchrift zu befaſſen? Das iſt viel lohnender und minder geiſttödtend.“ „Vermuthlich kommt es daher, daß ſie noch keinen ſolchen Auftrag erhalten, oder auch nur daran ge⸗ dacht hat, etwas der Art übernehmen zu können,“ erwiederte Calle, welchem es bei den Fragen des Profeſſors gar nicht wohl zu Muthe war. Er hatte gleich allen Andern von Schneider als einem Mann ſprechen gehört, welcher, wenn es ſich um Frauen handelte, nichts weniger als gewiſſenhaft war. Im Laufe der letzten Jahre hatte er allerdings ſein In⸗ tereſſe ausſchließlich der Kunſt zugewendet; allein es war Calle deſſen ungeachtet im höchſten Grade zu⸗ wider, mit ihm von Gerda auch nur zu reden. „Kennen Sie die Näherin genauer, Guſtavsſon?“ nahm der Profeſſor wieder das Wort! „Zu der Zeit, da ich bei meinem Bruder in der Lehre ſtand, waren wir Nachbarn,“ entgegnete Calle. „So, da können Sie dieſelbe fragen, ob ſie mir Etwas abſchreiben will. Ich bedarf für den Augen⸗ blick einer Perſon, welche eine ſchöne Handſchrift be⸗ ſitzt, um mir den Text zu dem Bilderwerk, welches ich herauszugeben beabſichtige, ins Reine zu ſchreiben. Ich werde für daſſelbe bezahlen, was ich einem ge⸗ wöhnlichen Kopiſten gebe, und da meine Concepte deutlich genug ſind, wird es ihr keine Schwierigkeit machen, damit fertig zu werden. Sie bekommt vier⸗ undzwanzig Schilling per Bogen.“ Jetzt entfernte ſich der Profeſſor. Calle ſetzte ſich nieder, um bei ſich zu überlegen, ob er das Anerbieten des Profeſſors annehmen ſollte oder nicht. Nach einer Weile ſprang er auf und rief: „Am beſten, ich ſpreche mit Niſſe. Er iſt aller⸗ dings nur ein ſimpler Schuhmacher, aber beſitzt einen unfehlbaren Inſtinkt, wenn es ſich um Recht oder Unrecht handelt, ſo daß er den heilſamſten Rath geben kann.“ Im Augenblick war der Ueberrock wieder ange⸗ zogen, und einige Minuten darauf wanderte er nach Süden. Der Profeſſor hatte von ſeinem Fenſter aus Calle fortgehen geſehen. Er ſchaute dem jungen Mann nach und dachte: „Sollte es möglich ſein, daß der Junge mich be⸗ trügt, daß die Ausſagen gegen ihn gegründet ſind? as wäre zum Teufel.“ Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. II. 3 34 Schneider trat vom Fenſter zurück und fuhr in Gedanken fort: „Ich will gerne glauben, daß die Behauptung ſeines Laufburſchen falſch iſt; aber ich fürchte dennoch, es liegt der Sache etwas Wahres zu Grunde. Warum wurde er ſo verwirrt, als ich in ſein Zimmer trat? Warum ſpiegelte ſich der größte Schrecken in ſeinem Angeſicht ab, als ich mich dem Schirme näherte? Dahinter ſteckt etwas. Ich muß Gewißheit darüber haben. Hat er, wie man behauptet, für ſeine eigene Rechnung von meinen Modellen Abgüſſe zu machen gewagt, ſo iſt das ein Diebſtahl von ihm, und mit Dieben habe ich kein Erbarmen.“ Der Profeſſor nahm einen Bund Schlüſſel aus ſeinem Schreibtiſche und begab ſich nach der Thüre von Calle's Zimmer. Er wählte einen derſelben und das Schloß ging auf. Schneider trat in das Heiligthum des Jünglings. Er verſchloß die Thüre hinter ſich und ging auf den Schirm zu. Nachdem er denſelben bei Seite ge⸗ ſchoben, riß er mit einer Bewegung der Ungeduld die Decke von dem darunter ſtehenden Modell ab. Schneider blieb lang mit unverwandtem Blick vor der ideal⸗ſchönen Figur ſtehen. Endlich murmelte er: „Der Teufel ſteckt in dem Jungen; aber das ſind ja Sylvia's Geſichtszüge, verſchönert und idealiſirt. Hat er ſie hier ganz allein modellirt, dann... Der Profeſſor begann das Modell von allen Seiten zu prüfen. Er ſchob das auf Rollen gehende Geſtell in das Zimmer vor, ſo daß er die Figur in richtiger Beleuchtung ſehen konnte, und blieb aber⸗ mals geraume Zeit ſtehen, um ſie genugſam zu be⸗ trachten. Dann begann er eine genaue Unterſuchung von Allem, was ſich in Calle's Zimmer vorfand; und da er nicht das Geringſte entdeckte, was der Anklage Raum gab, daß der junge Mann ſich eines Dieb⸗ ſtahls in künſtleriſcher Beziehung ſchuldig gemacht habe, durchſtöberte er Calle's Papiere, Zeichnungen, Entwürfe und Notizen, ſowie ſeine Rechnungen über Einnahmen und Ausgaben. Aus den letzteren er⸗ kannte er, daß Calle nicht einmal Materialien, wie Thon und dergl. von ſeinem Herrn genommen, ſon— dern ſich aus eigenen Mitteln angeſchafft hatte. Der Profeſſor ſchien mit ſeiner Viſitation ſehr zufrieden und ſuchte, ſo viel wie möglich, jede Spur davon zu verwiſchen. Von den Leuten im Hauſe hatte Niemand den Profeſſor in Calle's Stube ein- und ausgehen geſehen. Als Schneider ſich wieder in ſeinem Arbeitszim⸗ mer befand, begann er an einem Entwurf, welchen er wahrſcheinlich modelliren zu laſſen beabſichtigte. Er arbeitete den ganzen Vormittag daran, und wer ihn bei dieſer Beſchäftigung wahrgenommen hätte, dem würde es nicht wenig aufgefallen ſein, wie das Angeſicht eines alten Mannes ſo viel Leben und Feuer abzuſpiegeln vermochte. VE Unbekannt damit, daß ſein Heiligthum betreten und ſein Ideal forſchenden Blicken ausgeſetzt worden war, hatte Calle ſeine Wanderung nach Süden fort⸗ geſetzt und war vor einem hübſchen, gelbangeſtriche⸗ nen Holzhäuschen in der Schwarzengaſſe angelangt. Die ganze Gebäulichkeit beſtand aus drei Zim⸗ mern und einer Küche. Hier wohnte der Schuhmachermeiſter Guſtavsſon. Er hatte jetzt zwei Geſellen und einen Lehrjungen, nachdem er ſeit einigen Wochen Meiſter geworden war. Das größte der drei Zimmer machte die Werk⸗ ſtätte aus; das zunächſt anſtoßende hatte Guſtavsſon für ſeinen eigenen Gebrauch beſtimmt. Stina wohnte in einer Kammer neben der Küche. Sie war ebenſo zankſüchtig wie immer, obwohl ſie etwas mehr als früher ſich Zaum und Zügel an⸗ legen mußte. Niſſe zeigte ſich allerdings ſehr verträglich gegen ſie, aber geſtattete ihr durchaus nicht, ſich in das Thun und Treiben der Geſellen einzumiſchen, oder in der Werkſtätte ihrer böſen Zunge den Lauf zu laſſen. Daß Niſſe noch immer unverheirathet war, kam ihm ſelbſt ohne Zweifel am unbegreiflichſten vor, beſonders da er Louiſe nach neun Jahren ebenſo warm wie beim Anfang ihrer Bekanntſchaft liebte. Louiſe war nicht minder Niſſe von Herzen zuge⸗ than. Woher kam es nun, daß noch immer keine Hochzeit erfolgte? Louiſe hatte früher, ſo oft der Gegenſtand zur Sprache kam, ſich dahin geäußert: „Lieber Niſſe, es hilft nichts an Hochzeit u. dergl, zu denken, bevor Du Meiſter geworden biſt.“ Als Niſſe es endlich dahin gebracht hatte, war ſeine erſte Frage: „Nun, Louiſe, wann ſoll nun unſere Hochzeit ſein?“ Louiſe hatte eine ausweichende Antwort gegeben. Niſſe wurde mißvergnügt, erklärte, lang genug gewartet zu haben, behauptete, Louiſe ſpiele mit ſeinen hei⸗ ligſten Gefühlen und ging in einer ſehr aufgebrachten Stimmung davon. Stina hatte bei ſeiner Heimkehr einige ſeltſame Worte fallen laſſen, welche darauf hinausliefen, Louiſe werde ſchon ihre Gründe haben, warum ſie nicht heirathen wolle. Sie werde, meinte Stina, wohl ſo ſehr gebunden ſein, daß ſich die Sache eben nicht machen laſſe, und den Kopf zu hoch tragen, als daß ſie Niſſe ihre Jugendſchwachheiten eingeſtehen möchte. Niſſe wurde wild darüber und gebot Stina, zu ſchweigen; aber wie es nun war, die böſen Worte ließen doch einen beunruhigenden Eindruck zurück. Schon oft hatte er ſich vergeblich Louiſe's Be⸗ nehmen zu erklären verſucht; ſo kam er unaufhörlich auf Stina's Aeußerungen zurück, und es konnte nicht fehlen, daß er, von Natur rechtſchaffen und redlich⸗ denkend, dennoch auf die Bahn des Zweifels gedrängt wurde. Louiſe mußte mit der Farbe herausrücken; der Qual mußte ein Ende gemacht werden. Somit begab er ſich alſo zu Louiſe und forderte ſie auf, ihm zu ſagen, warum ſie ſich nicht deutlich ent⸗ ſcheiden wollte. Riſſe war jetzt in gereizter und hef⸗ 38 tiger Stimmung; er erlaubte ſich alſo Worte, welche Louiſe verletzten, ſo daß ſie in Thränen ausbrach und verſicherte, ſie fühle ſich jetzt weniger als je ge⸗ neigt, ihm zu ſagen, was ſie von einer Heirath ab⸗ hielte, ungeachtet ſie neun Jahre ihn treu geliebt hätte. Zum zweiten Mal trennte ſich Niſſe von Louiſe, und zwar mit der Erklärung, wofern dieſelbe ihm den Grund ihrer Weigerung nicht angeben wollte, wäre es zwiſchen ihnen aus und vorbei. Dieſer Auftritt hatte Tags zuvor ſtattgefunden, ehe Calle ſich zu ſeinem Bruder begab, um mit dem⸗ ſelben über Eines und das Andere ſich zu berath⸗ ſchlagen. Calle trat in die Werkſtätte ein. Es war darin geputzt und aufgeräumt. Nur einer der Geſellen ſaß da und arbeitete auf eigene Rechnung. „Iſt mein Bruder zu Hauſe?“ fragte Calle. „Ich glaube nicht. Er ging dieſen Augenblick, wie mir dünkt, in die Kirche.“ „Dann iſt wohl Stina daheim,“ bemerkte Calle 1 näherte ſich der Thüre, welche zu Niſſe's Zimmer führte. „Darauf kann der Herr ſich verlaſſen. Sie geht nicht in die Kirche, denn wenn der Meiſter aus dem Wege iſt, da hat ſie ihre Feierſtunde und kann nach ihrer Weiſe hantiren, ſo daß es eine wahre Luſt iſt, der Alten dabei zuzuhören.“ „Ja, ja, ich kenne dieſe Luſtbarkeiten,“ meinte Calle und lächelte bei der Erinnerung an alle die Püffe, womit Stina in dergleichen Feierſtunden ihm aufge⸗ wartet hatte. Er begab ſich in ſeines Bruders Zimmer. Dort 39 war gewöhnlich Alles ſauber und aufgeräumt, denn Niſſe beſaß einen großen Ordnungsſinn; heute aber ſah es hier ſehr wüſte aus. Die Kleider lagen rings⸗ herum zerſtreut, das Waſſer war auf dem Tiſche ver⸗ ſchüttet, und ein Stuhl lag umgeworfen auf dem Boden. Calle blieb eine Weile und murmelte um ſich ſchauend: „Sollte es irgend einen ſchwereren Zuſammen⸗ ſtoß zwiſchen Stina und Niſſe gegeben haben, daß er ſeines Wegs gegangen, ohne hier Alles an ſeinen rechten Ort zu bringen? In dieſem Fall wird wohl Stina ihre üble Laune an mir auslaſſen. Mag ſein! Ich habe mich nicht ſonderlich gefürchtet, da ich noch Lehrjunge hier war; viel weniger jetzt. Schade in⸗ deſſen, daß Niſſe ſich nicht entſchließen kann, Louiſe zur Frau zu nehmen und Stina nach einer Kammer zu ſchaffen, wo ſie ſich an ihrer eigenen Bosheit er⸗ götzen kann.“ Calle hatte unter dieſen Erwägungen ſich der Thüre genähert, welche dieſes Zimmer von demjenigen Stina's trennte. Er blieb jedoch ſtehen, ohne die⸗ ſelbe zu öffnen, denn von innen heraus ließ ſich hef⸗ tiges Schluchzen vernehmen. „Was mag das bedeuten?— Sollte Stina ſich auf's Weinen verlegt haben?“ Er lauſchte; eine halb erſtickte Stimme äußerte ſich folgendermaßen: „Nein, Stina, das ſage ich Ihr, ich halte es nicht länger aus, zu ſchweigen und mich von Niſſe ver⸗ kennen zu laſſen; ich bin durchaus gezwungen, mein 40 Wort zu brechen und ihm Alles zu ſagen, wenn Sie, Stina, es nicht thun will.“ „Ah,“ dachte Calle,„Louiſe iſt die Weinende. — Wir wollen doch ſehen, ob Stina nicht irgend eine Teufelei vorhat.“ Sein Intereſſe war bedeutend geſteigert. Jetzt ließ ſich Stina's gellende unharmoniſche Stimme hören. „Ah ſo, auf dieſe Weiſe hält man ſein vor Gott gegebenes Verſprechen und will doch ein gottesfürch⸗ tiges Menſchenkind ſein. Pfui über ſolche Frömmig⸗ keit! Geh' Sie nur hin und ſage Sie Niſſe, was Sie weiß; es wird Ihr nicht viel nützen, kann ich ſagen, denn Riſſe iſt nicht der Mann, der es duldet, daß man um ſeine Geheimniſſe weiß. Das ſage ich, ohne daß ich mich für eine gottſelige Frau anſehen laſſe, aber ſo viel Gewiſſen habe ich, daß ich nicht einen Mann heirathen würde, der das gethan hätte, was Niſſe ſich zu Schulden kommen ließ, bevor nicht Alles wieder gut gemacht wäre; und das dürfte noch lang anſtehen, ſollte ich glauben.“ „Das mag ſein; aber ſieht Sie, Stina, während der letzten Jahre ſind mir Zweifel an der Wahrheit jener Geſchichte aufgeſtiegen, und es will mir über⸗ haupt ſcheinen, als ob ich unrecht gethan hätte. Zu Anfang, als Sie mir davon erzählte, dachte ich: im Fall Niſſe in einem ſchwachen Augenblick gefehlt hat, ſo kann ich ihn deßhalb doch lieben, und ſo ſparte ich und ſuchte etwas Geld zuſammenzubringen, um auch damit anzuhelfen, daß die armen Leute, die durch ihn gekränkt worden ſind, zu dem Ihrigen kämen. Ich meinte damals, es wäre das beſte, wenn es 41 Niſſe niemals zur Kenntniß käme, daß ich etwas von der Sache wüßte, ſondern derſelbe durch Arbeit und ſittliches Betragen das, was er verbrochen hat, ſühnte. Ich war froh und vergnügt bei jeder kleinen Summe, die ich Ihr für die arme Frau geben konnte, und tröſtete mich damit, daß es auf alle Fälle am gerathen⸗ ſten ſein würde, wenn wir, Riſſe und ich, mit unſerer Heirath ſo lang warteten, bis er Meiſter wäre.— Ich betete zu Gott für ihn und dankte dem Herrn dafür, daß Niſſe ein ſo braver und wackerer Arbeiter geworden war. Aber es kam doch zuweilen vor, wenn ich ihm in die treuen Augen ſah, daß ſich mir das Herz in der Bruſt umdrehte, und ich ſprach bei mir ſelbſt: wenn ich von Stina belogen worden wäre, wie ſchweres Leid und Unrecht hätte ich dann dem armen Niſſe angethan!“ „Ich ſollte gelogen haben!“ rief Stina mit einer Art von Gewimmer, welches ſo lauten ſollte, als ob ſie ihrer Stimme einen recht weinerlichen Tonfall geben wollte.„Ich ſollte meinen eigenen Bruder, auf den ich ſo viel halte, verleumdet haben? Ich, die ich keinen andern Menſchen liebe, als ihn. Und das ſagt Sie mir, Louiſe, ins Geſicht. Rein, das iſt zu viel, allzu viel, muß ich ſagen.“ Darauf folgten einige unartikulirten Laute, welche etwas wie Schluchzen vorſtellen ſollten, aber eher einem Gebrülle glichen. Calle's Geduld wurde auf eine ſchwere Probe geſtellt; er machte eine Bewegung mit dem einen Fuß, welche faſt ein Stampfen zu nennen war. „Liebe Stina, nimm Sie das nur nicht ſo gar übel auf,“ bat Louiſe,„aber ſeh Sie, als Sie kurz 42 ehe Niſſe Meiſter wurde, zu mir kam und ſagte, derſelbe habe nichts gethan, um die Wittwe zu be⸗ zahlen, da zweifelte ich an Ihren Worten, und ob⸗ wohl ich verſprach, ihm bezüglich der Hochzeit keine beſtimmte Antwort zu geben, bevor er ſeine Schuld wieder gut gemacht hätte, beſchloß ich auf eine andere Art mir Gewißheit darüber zu verſchaffen, wie ſich die Sache verhielte. Jetzt hat aber Niſſe ſich ſehr ſeltſume Dinge von mir in den Kopf geſetzt, weil ich mich weigere, ſeine Frau zu werden, und ich will nicht, daß er mich länger mißkenne; ſondern er mag in Gottes Namen erfahren, daß ich um ſeinen begangenen Fehler weiß, und zuerſt ſeiner Schuldigkeit Genüge leiſten, ehe er daran denkt, mich zur Frau zu nehmen. Will Sie mich von meinem Verſprechen nicht entbinden, ſb „So will Sie es ſelbſt thun!“ kreiſchte Stina, „aber ehe das geſchieht, drehe ich Ihr den Kragen um.“ „Das wirſt Du wohl bleiben laſſen!“ rief Calle, und die Thüre, welche die beiden Zimmer von ein⸗ ander trennte, flog auf. Stina war auf Louiſe zugeſtürzt, welche den An⸗ griff mit ausgeſtreckten Händen von ſich abzuwehren ſuchte. Wenn der Blitz neben ihr eingeſchlagen hätte, wäre Stina's Beſtürzung unmöglich größer geweſen, als jetzt, da Calle plötzlich vor ihr ſtand. Sie ſtarrte ihren jüngern Bruder mit einer Miene an, als hätte ſie ihn verſchlingen mögen. „Was ſind das für Ränke und Kniffe, die Du hier vorhaſt, Stina?“ ſprach der junge Mann und ging auf das kleine, weibliche Ungeheuer los.„Es 43 ſieht aus, als ob Du einen ſchweren Stand mit Niſſe und mir bekommen ſollteſt. Du kannſt überzeugt ſein, daß ich ihm jedes Wort von deinem Geſpräche mit Louiſe erzähle; und wie Du es dann verant⸗ worten willſt, daß Du auf Niſſe gelogen haſt, das iſt eine Sache, welche wohl der Ueberlegung bedarf.“ „Habe ich gelogen?“ fuhr Stina heraus,„wagſt Du das zu behaupten?“ Dabei rückte ſie ihrem Bruder nahe auf den Leib. Er faßte ſie aber an beiden Armen und ſtieß ſie von ſich, indem er ſagte: „Laß' das Schreien und beſinne Dich, daß ich die Knabenjahre hinter mir habe. Ich bin nicht Niſſe und theile auch nicht deſſen Nachſicht mit Dir und deiner Bosheit. Ich habe übrigens nichts mit Dir zu reden, ſondern will blos einige Worte mit Louiſe im Vertrauen reden. Schrei' und lärme ſo viel Du willſt, aber komm' mir nur nicht zu nahe.“ Ueber Stina's blaue Lippen ſtrömten Worte, welche zu wiederholen wir uns nicht befugt fühlen. Sie überſchüttete buchſtäblich den jüngern Bruder mit einer Maſſe von Titeln, wie ſie nur von Höckerweibern an Hafenplätzen gebraucht werden. Dieſer Platzregen von Schimpfworten machte aber ſo wenig Wirkung auf ihn, als Waſſer auf die Gans; er ließ ſich in ſeiner Ruhe nicht im Mindeſten ſtören. Er nahm Louiſe bei der Hand und führte ſie mit ſich in des Bruders Zimmer, worauf er die Thüre verſchloß, ehe Stina, welche mit Gewalt eindringen wollte, ihm dahin folgen konnte. Als der Riegel vor⸗ geſchoben war, begann Stina in voller Raſerei auf die Thüre loszupoltern und ſchlug einen ſolchen Lärm 44 auf, daß der Geſelle, welcher in der Werkſtätte ar⸗ beitete, hereingeſtürzt kam, um ſich zu erkundigen, was es gäbe. „Es iſt nur Stina, welche ihre üble Laune aus⸗ läßt,“ erklärte Calle, und der Geſelle entfernte ſich, indem er meinte, ſie möge immerhin die Thüre in Trümmer ſchlagen, wenn ihr das einiges Vergnügen mache. Endlich waren Calle und Louiſe allein. Der erſtere begann von Niſſe zu reden, ohne daß er ſich durch das Unweſen, welches Stina verführte, ſtören ließ. Er forderte Louiſe auf, ihm zu ſagen, was Stina ihm vorgeſchwatzt habe, und erklärte aufs be⸗ ſtimmteſte, Niſſe habe ſich niemals einer unrechtmäßigen Handlung ſchuldig gemacht, ſondern ſei der redlichſte, ehrbarſte Arbeiter unter der Sonne. Louiſe erzählte nun unter Thränen, wie Stina, kurz bevor Niſſe zum erſten Mal von Heirath ge⸗ ſprochen, ſehr betrübt zu ihr gekommen wäre und, nachdem ſie ihr ein heiliges Gelübde des Stillſchweigens abgefordert und auch erhalten, ihr erzählt hätte, daß Niſſe von einem Schiffskapitän eine größere Summe Geldes für eine Frau Ahrnell empfängen, aber der armen Wittwe nur ein paar Reichsthäler zu Han⸗ den von Paſtor Z. gegeben, das Uebrige für ſich behalten habe, um damit die Schulden, in welche er während ſeiner Krankheit gerathen ſei, zu bezahlen. Außerdem habe er für ſich und Calle Kleider ſammt Material zur Arbeit gekauft.— Stina berichtete ferner, Niſſe habe ihr, als ſie entdeckte, daß er das Geld ſich an⸗ geeignet, das Verſprechen gegeben, er wolle der armen Wittwe jedes Jahr etwas daran abzahlen. Sting † 45⁵ habe ſofort Louiſe aufgefordert, ſie möchte Niſſe's Bitten, ſeine Frau zu werden, kein Gehör geben, be⸗ vor er Meiſter wäre und die ſchwere Schuld, in welcher er gegen die Wittwe ſtünde, abgetragen hätte. Stina hatte Louiſe deutlich zu verſtehen gegeben, daß Niſſe, wenn er ſich jetzt verheirathete, nicht mehr verdienen könnte, als was zum Lebensunterhalt für Frau und Kind erforderlich wäre, und dann bliebe die Schuld unbezahlt und Niſſe's Gewiſſen fortwährend mit einem Diebſtahl belaſtet. Louiſe war ein frommes und gutes Mädchen und liebte Gott und die Ehrlichkeit. Sie wollte für Niſſe zu keinem Hinderniß werden, einen begangenen Fehler zu fühnen, ſondern wünſchte ihm zu letzterem Zwecke behülflich ſein zu können. Sie hatte deßhalb von ihren Erſparniſſen zu verſchiedenen Malen Stina kleinere Summen für Rechnung von Frau Ahrnell übergeben, ſie ſelbſt eingepackt, die Adreſſe darauf ge⸗ ſchrieben und Stina bis zu der Thüre des Hauſes begleitet, wo die arme Frau, welcher das Geld be⸗ ſtimmt war, wohnte und, obwohl gebrechlich, für ihren Unterhalt arbeiten mußte. Calle hörte die infame Geſchichte, welche zum Zweck hatte, eine Heirath zwiſchen Niſſe und Louiſe zu verhindern, mit gerechter Entrüſtung an. Er ſchauderte über ſo viel Bosheit. Er theilte Louiſe den wahren Sachverhalt in Bezug auf das Geld mit und rieth ihr, ſich nunmehr zu entfernen, bevor Niſſe heimkehrte, indem er ihr verſprach, Alles in Ordnung zu bringen. 46 VII. Calle argwohnte ganz richtig, Stina hatte auch bei Niſſe dieſes und jenes Geſchichtchen über Louiſe anzubringen gewußt. Stina hatte inzwiſchen mit ihrem Lärm aufgehört, und als Louiſe fort war, begab ſich Calle zu ſeiner Schweſter, um ſie zur Vernunft zu bringen. Sie glich einem bösartigen Hunde, dem ein Maulkorb an⸗ gelegt worden, und der deßhalb am beißen gehindert iſt. Der Inſtinkt der Selbſterhaltung zwang ſie, Calle anzuhören, welcher ihr erklärte, ſie müſſe nicht allein Louiſe das Geld zurückgeben, welches ſie em⸗ pfangen und niemals an Frau Ahrnell überliefert hätte, ſondern zugleich eingeſtehen, daß der Bruder von ihr auf eine ganz obſcheuliche Weiſe verleumdet worden wäre. Im Foll ſie Niſſe etwas Nachtheiliges über Louiſe geſagt hätte, müſſe ſie die Unwahrheit davon bekennen; im andern Fall wäre es ſeine Ab⸗ ſicht, Niſſe zn entdecken, wie ſchändlich ſie auf denſel— ben gelogen hätte, und dann dürfte ſie gewiß ſein, daß er ſich nicht das Mindeſte mehr um ſie kümmern würde. Es bliebe ihr dann nichts übrig, als in ein Spital zu gehen oder ſich durchzubringen, wie es ihr beliebte. Stina kannte Niſſe. Sie wußte, daß er gut war, ſo lang er nicht auf eine ſchwere Weiſe beleidigt wurde. Sie wußte, wie ſchwer es ihm geworden war, zu vergeſſen, daß ſie ihm gerathen hatte, Frau Ahrnells Geld für ſich zu behalten, und ſah nun 47 ein, wenn Riſſe erführe, daß ſie ihn bei Louiſe ver⸗ leumdet hätte, ſo würde er ſeine Hand von ihr ab⸗ ziehen. Stina mußte ſomit dem jüngeren Bruder ver⸗ ſprechen, auf alle ſeine Forderungen einzugehen, denn nur unter dieſer Vedingung ſollte ihre Ausſage gegen Louiſe für ihn ein Geheimniß bleiben. Während ſie aber auf ſolche Weiſe zum Nachgeben genöthigt war, wurde ſie ſich zugleich bewußt, daß der Widerwille, den ſie von jeher gegen Niſſe gehegt hatte, den Cha⸗ rakter eines gründlichen Haſſes annahm. Von dem Augenblick an, da Niſſe heirathete, ſollte ſie nur noch einen Wunſch haben, nämlich den, an Calle Rache zu nehmen. Calle und Stina hatten gerade ihr Uebereinkom⸗ men geſchloſſen, als Niſſe von der Kirche heimkehrte. Calle ging ſogleich zu ihm hinein. Auf dem Ange⸗ ſicht des redlichen Schuhmachers ſtand deutlich zu leſen, daß er Gedanken und Empfindungen zum Raube geworden, welche ſehr ſchmerzlicher Natur waren. „Gut, daß Du kommſt, Calle, begann er;„ich dachte an dich und mußte mir dabei ſagen, daß ich dich ſchon lange nicht geſehen hätte.“ Calle erwiederte etwas von dringenden Geſchäften und dergleichen und brachte dann das Geſpräch ohne alle Einleitung auf Louiſe. Er hatte ſie ſeiner Ausſage nach getroffen und ſuchte nun, ſo gut es gehen wollte, ohne ſeinem Ver⸗ ſprechen gegen Stina untreu zu werden, Louiſe's Benehmen zu erklären. Er erzählte von Stina's Geſtändniß, ſie habe ohne allen Grund Worte über 48 Louiſe fallen laſſen, welche der Wahrheit gänzlich ent⸗ behrten. Nachdem er eine Stunde mit dem Bruder geſprochen, hatte Calle die Genugthuung zu bemerken, daß deſſen Stirne ſich aufklärte und ein Ausdruck von Freude auf deſſen Antlitz ſich abſpiegelte. Niſſe hatte jetzt nur noch einen Wunſch, nämlich Louiſe zu ſprechen und wäre ohne Bedenken nach dem Hauſe des Bankkommiſſärs, wo Louiſe noch diente, geeilt, um ihr von ſeiner Reue vorzureden und ſeine Liebe zu bezeugen, wenn Calle ihn nicht durch die Verſicherung, daß Louiſe am Nachmittag wieder kom⸗ men würde, zurückgehalten hätte. Ueberdieß gab es für Calle noch Vieles mit dem Bruder zu verhandeln, ſo daß Niſſe ſeine Ungeduld bezähmen mußte. Calle berichtete ſofort, wie er die Bekanntſchaft mit Frau Ahrnell und deren Tochter erneuert hätte, erzählte von der Krankheit der erſtern und von den Planen und Hoffnungen, welche Gerda iu Bezug auf ihre Zukunft mit ihm verabredet hätte, im Fall ſie Gelegenheit fände, ſich im Zeichnen zu üben. Her⸗ nach kam Calle auf das Projekt des Profeſſors, Gerda Abſchreibarbeit zu geben, und auf ſeinen eigenen Vor⸗ ſchlag zu ſprechen, welcher dahin abzielte, daß ſie Unterricht im Engliſchen ertheilen ſollte. Riſſe, fuhr er fort, müſſe ihm alſo rathen, wie er zu handeln hätte, um hiebei dem armen Mädchen von einigem Nutzen zu ſein. Niſſe war der Meinung, da der Profeſſor Calle ſo gute Dienſte geleiſtet hätte, könnte er auch Gerda vorwärts helfen, und fand ganz in der Ordnung, daß ſie das Abſchreiben übernehme. Er raiſonnirte fol⸗ 3 49 gendermaßen: wenn der Profeſſor mit Gerda's Ar⸗ beiten zufrieden wäre, ſo könnte ſie mit Sicherheit darauf rechnen, daß er ſie weiter empfehle. Durch die Beziehungen, worin er ſtände, vermöchte er der⸗ ſelben Lektionen zu verſchaffen, etwas das für Niſſe und Calle eine völlige Unmöglichkeit wäre. Bei Niſſe's einfacher Weiſe, den Gegenſtand zu behandeln, ſchwand jedes Bedenken Calle's, und er ſah jetzt nur noch die Vortheile, welche in dem An⸗ erbieten des Profeſſors lagen. Als die Brüder ſich bei Louiſe's Ankunft trennten, war entſchieden, daß Calle mit Gerda ſprechen ſollte. Weiter hatte Calle mit Niſſe ſich dahin verſtändigt, daß Stina, wenn Niſſe ſich verheirathete, nicht mehr bei ihm bleiben, vielmehr letzterer dafür Sorge tragen ſollte, daß ſie anderswo untergebracht würde. Calle entfernte ſich von Niſſe in der heiterſten Stimmung, denn er hatte die Befriedigung, Louiſe und Niſſe mit einander verſöhnt zu ſehen. Jene hatte in Calle's Gegenwart Niſſe das Verſprechen gegeben, im Frühjahr ſeine Frau zu werden. Sie wollte noch die Zeit ausdienen, welche ſie bei dem Bankkommiſſär zu verbleiben ſchuldig war. VIII. Es mochte um ſechs Uhr Sonntagabends ſein, als Calle die Wohnung von Frau Ahrnell betrat. Dieſe lag in demſelben Halbſchlummer, welcher gewöhnlich bei Annäherung der Nacht ſich ihrer bemächtigte. Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. II. 4 50 Gerda ſaß, ungeachtet es Sonntag war, an ihrer Arbeit und nähte. Sie lächelte Calle, dem einzigen Freunde, den ſie nunmehr ſeit dem Tode von Paſtor 3. hatte, herzlich zu. Es kam derſelben in ihrer Einſamkeit minder öde vor, wenn er ihnen einen Be⸗ ſuch machte. Jetzt erſchien Calle mit guten Neuigkeiten. Gerda könnte, meldete er, Arbeit erhalten, welche ſich beſſer als das Nähen lohnte, und ſo wollten ſie nun die erſte Lektion ihrerſeits beginnen. Allerdings hätte dieſelbe ſchon Vormittags ſtattfinden ſollen, und Gerda werde ihn auch erwartet haben; aber dießmal müſſe ſie Nachſicht eintreten laſſen, daß er erſt am Abend komme, da es für ihn heute ſo gar viel zu thun gegeben hätte. Es ginge gar wohl an, auch bei Licht zu zeichnen— und ſo ſchritt man denn zum Werke. Die Schülerin beſaß eine ſchnelle Auffaſſungsgabe und erſtaunliche Gelehrigkeit,— etwas, das ihm ſchon bei der erſten Lektion die größten Hoffnungen einflößte. Frau Ahrnell war, während Calle und Gerda zeichneten, erwacht und wieder eingeſchlummert. Sie hatte dem erſtern einige freundliche Worte geſagt und hernach von Neuem die Augen geſchloſſen. Als Calle ungefähr um acht Uhr Abends ſich ent⸗ fernte, kam er an einem Herrn vorüber, welcher vor der Thüre ſtand und ſcheinbar auf Jemand wartete. Calle betrachtete ihn, konnte aber deſſen Geſichts⸗ züge nicht unterſcheiden, da derſelbe den Rockkragen hinaufgeſchlagen und den Hut tief über die Stirne niedergedrückt hatte. Calle achtete indeſſen nicht ſonderlich auf dieſe Er⸗ 51 ſcheinung, ſondern ſetzte ſeinen Weg fort, und der Mann trat in das Haus, wo er auf dem Gang einem alten Weibe begegnete, welches ihn, wie es ſchien, erwartet hatte. Sie äußerte, ehe er noch das Wort nehmen konnte: „Die Frau oben wird ſeit einigen Tagen ſchwächer.“ „Was ſagt der Doktor?“ fragte der Fremde. „Er behauptet, ſie werde nicht ſobald ſterben, ſon⸗ dern die Lähmung nur noch weiter um ſich greifen. Das arme Geſchöpf, es wäre beſſer für ſie, wenn ſie ſtürbe, und dann bekäme es auch das Mädchen leich⸗ ter. Jetzt hält es ungemein hart für das unglück⸗ liche Kind, ſich ſelbſt und die kranke Mutter fortzu⸗ bringen.“ „Kann Sie mir ſagen, Frau, wer der junge Mann iſt, welcher eben das Haus verließ?“ fragte der Fremde, welcher an ſolchen Reflexionen kein beſonderes Wohl⸗ gefallen zu finden ſchien. „Ja wohl. Er kommt öfter zu uns. Es iſt ein alter Bekannter von Mamſell Gerda, und ich kenne ihn überdieß noch von frühern Zeiten her. Er iſt ein Bruder von dem Schuhmacher Guſtavsſon und Lehrling bei demſelben geweſen; nun aber befindet er ſich bei einem Profeſſor in der Lehre, welcher allerlei Figuren aus Thon, oder wie es ſonſt heißt, verfertigt.“ „Was thut er bei Frau Ahrnell?“ „Ha, er macht eben ſeinen Beſuch, und das muß ich ſagen, daß es für die arme Mamſell Gerda recht gut iſt, wenn ſie Jemand hat, der bei ihr ein Bischen hineinguckt; aber es geſchieht in aller Ehrbarkeit, dafür kann ich gutſtehen. Als ich mit der Waſſerflaſche 52 drinnen war, da ſaßen ſie am Tiſche und zeichneten auf Papier, und das ſo emſig, daß ſie nicht einmal aufſahen. Den Fleiß, den Mamſell Gerda hat, den wird man weit und breit vergeblich ſuchen. Sie be⸗ müht ſich ſo viel wie möglich die Armuth fern zu hal⸗ ten, aber es wird dem armen Kinde nicht gelingen. Sie müſſen wiſſen, daß....5 „Ich brauche von der Sache nichts zu wiſſen, ſondern wünſche nur ſtatt deſſen zu erfahren, wie der Profeſſor heißt, bei welchem der Burſche arbeitet. Wenn Sie mir darüber Auskunft geben könnte, ſo wäre es mir ſehr lieb.“ Damit drückte der Mann der Alten etwas in die Hand, und die Folge davon war, daß ſie die Ver⸗ ſicherung gab, es würde ſich ihrer Meinung nach ſchon möglich machen laſſen, der Sache auf die Spur zu kommen. Der Fremde nahm nun ſeinen Weg nach der Gothenſtraße hinab, während er bei ſich ſelbſt ſprach: „Der Beſuch des jungen Herrn gefällt mir gar nicht. Ich muß demſelben vorbeugen, ohne daß ich ſcheinbar dabei die Hand im Spiele habe. Ich ließ mich bereits von meiner Leidenſchaft hinreißen, etwas zu ſchreiben, das im höchſten Grade unbedacht war. Das Mädchen muß ganz einſam und ohne alle Freunde daſtehen, fonſt wird es mir nicht gelingen, ihren Trotz zu brechen. Ich möchte doch wiſſen, ob ſie ſich weigert, meine Frau zu werden, wenn ihr alle Mittel, ſich zu verſorgen, abgeſchnitten ſind. Wir werden ja wohl ſehen, werden ſehen.“ 53 IX. In Profeſſor Schneiders Werkſtätte waren am Montage alle Arbeiter verſammelt und auf ihr Ge⸗ ſchäft bedacht. Calle, mit einer Blouſe und Lederſchürze ange⸗ than, war eben im Begriff, eines' der Modelle des Profeſſors abzuformen. Die andern Gypsarbeiter warfen ihrem Kameraden neidiſche Blicke zu, weil er immer das zu thun bekam, was der Profeſſor einem andern nicht auftragen zu können glaubte. Vielleicht war ihre Schelſucht gerade deßhalb um ſo größer, weil derſelbe mehr als jeder andere das Vertrauen, welches er genoß, verdiente; denn keiner von ihnen war im Stande, ſo pünktlich und geſchickt, wie er, zu arbeiten. „Ich möchte den Alten ſehen,“ äußerte einer der Arbeiter,„wenn Guſtavsſon bei dem Abguß an dem Modell etwas verderben würde. Da wäre es, dünkt mir, mit aller Gunſt aus und vorbei.“ „Und das mit Recht,“ antwortete Calle ganz ruhig.„Es iſt nicht ebenſo leicht, ein Modell zu machen, als es abzuformen, und ich glaube wohl, ich würde den als meinen Feind betrachten, der mir ein Modell zerſtörte.“ „Ha, das lautet ja,“ fiel ein anderer Arbeiter in„als ob Guſtavsſon ſelbſt ſchon Modelle gemacht hätte.“ „Gewiß hat er das,“ unterbrach ihn ein Anderer, „oder vergiſſeſt Du die von den Ornamenten und dem Medaillon? Mit der Zeit wird ſicherlich ein wackerer 54 Bildhauer, wenn auch nicht ein Künſtler, wie der Alte, aus ihm. So ſtarke Schwingen hat Guſtavsſon nicht bekommen.“ „Wer weiß,“ meinte Calle lachend,„ob ich nicht eines Tags Ornamente und dergleichen bei Seite ſchiebe und mich darauf verlege, in Marmor zu hauen.“ „In Stein hauen, willſt Du ſagen. Steinhauer magſt Du werden, aber nicht Bildhauer, und zudem wird ſich der Alte wohl hüten, aus einem armen Sperling einen Adler zu machen; das verſteht er beſſer.“ „Wenn der Profeſſor meinte, es könnte ein Adler aus mir werden, ſo würde er es auch geſchehen laſſen,“ entgegnete Calle, indem er mit ſeiner Arbeit fortfuhr, ohne eine weitere Antwort auf die mehr oder minder ſinnreichen Bemerkungen zu geben, in welchen ſich ſeine Kameraden ergingen, während ſie mit grö⸗ ßerem oder geringerem Fleiße arbeiteten. In dem großen Atelier, welches an die Werk⸗ ſtätte grenzte, hatte ſich noch kein Zögling eingefunden; aber ganz unbemerkt von den Arbeitern war der Pro⸗ feſſor dort eingetreten. Er hörte einen Theil des obigen Geſprächs mit an, ohne daß er durch irgend eine Bewegung ſeine Anweſenheit zu erkennen gab. Der ſchlaue und argwöhniſche Mann ſuchte ſich allzeit Kunde von der Stimmung zu verſchaffen, welche unter denen herrſchte, die mit ihm zu thun hatten und von ihm abhängig waren. Als das Geſpräch der Arbeiter eine gleichgültige Richtung genommen hatte, machte er ein Geräuſch, 55 als ob er gerade in das Atelier träte und begann darauf ſelbſt zu arbeiten. Er war ſeit einiger Zeit damit beſchäftigt, eine ſchlummernde Venus in Marmor zu meißeln. Beim erſten Laut im Atelier wurde es ſtill in der Werkſtätte. Jeder der Arbeiter hütete ſich vor unnöthigem Geplauder. Alle wußten, daß der Pro⸗ feſſor dergleichen nicht duldete, und er war als ein Mann bekannt, bei dem es nicht ſo leicht hielt, ſeinen Platz zu behaupten, was aber alle wünſchten, da er ſie gut bezahlte. Gegen zehn Uhr erſchienen die Zöglinge. Als die⸗ ſelben an ihrer Arbeit waren, ließ ſich die Stimme des Profeſſors vernehmen. Er rief Calle. „Iſt der Abguß fertig?“ fragte der Profeſſor, ohne den Angeredeten anzuſehen. „Eben bin ich damit zu Ende gekommen,“ lautete die Antwort, und Calle ließ ſein Auge auf den ideal⸗ ſchönen Formen ruhen, welche der Profeſſor aus dem Marmorblock geſchaffen hatte. „In dieſem Fall gehen Sie ſogleich an die Zeich⸗ nungen, Guſtavsſon.“ Calle wollte ſich entfernen, um die Schürze, welche er bei dem Abguß gebraucht hatte, abzulegen, und dann zum Beginn des Zeichnens in das Atelier zu⸗ rückkehren. „Ah, richtig,“ nahm der Profeſſor wiederum das Wort,„ich habe hier einen Entwurf, welchen ich von Ihnen zuerſt gezeichnet haben möchte.“ Der Profeſſor legte den Meißel aus der Hand und trat zu einem großen Tiſch, welcher mitten in dem Atelier ſtand. Er winkte den Zöglingen heran 56 und deutete auf ein dort liegendes Papier mit den Worten: „Was halten die Herren davon, iſt das nicht eine ſchöne Idee. In Marmor ausgeführt, muß es ſich ungewöhnlich ſchön und poetiſch machen. Ein beten⸗ des Kind. Ich habe es längere Zeit in meinem Kopf gehabt, aber erſt geſtern ſiel mir ein, den Entwurf zu machen. Ich will es modelliren und in Marmor aushauen.“ Die beiden Zöglinge beugten ſich auf den Entwurf nieder und drückten ihre Bewunderung darüber aus. Nachdem ſie ihr Urtheil ausgeſprochen hatten, nahm der Profeſſor den Entwurf von dem Tiſche und reichte ihn Calle mit den Worten: „Nun, was ſagen Sie zu dem Entwurf hier, Gu⸗ ſtavsſon? Sorgen Sie, daß er mit Ihrem gewöhn⸗ lichen Talente gezeichnet wird.“ Calle ſtarrte mit einer Miene darauf hin, als hätte er das Haupt der Meduſa vor ſich. Er ver⸗ mochte nicht ein Wort über ſeine Lippen zu bringen. Es war ſein betendes Mädchen, dasſelbe, woran er ſo lang gearbeitet, dasſelbe, welches er mit ſo großer Sorgfalt vor jedem menſchlichen Auge verborgen hatte. War es wohl möglich, daß eine und dieſelbe Idee in ſeinem und des Profeſſors Kopf auftauchte, oder ſtand er unter dem Einfluß eines quälenden Trugbildes? „Was fehlt Ihnen, Guſtavsſon?“ fragte der Pro⸗ feſſor,„befinden Sie ſich unwohl, oder woher kommt es, daß Sie den Entwurf ſo ſeltſam anſtarren? Wa⸗ rum nehmen Sie das Papier nicht, ſondern laſſen mich ſo daſtehen und es Ihnen hinhalten?“ 57 „Herr Profeſſor,“ begann endlich Calle mit bleichen Lippen,„ich kann dieſen Entwurf nicht zeichnen.“ „Und warum?“ „Meine Hand würde ſich weigern, den Bleiſtift zu führen,“ erwiederte Calle, indem er ſich über die Stirne fuhr, und ſetzte dann hinzu:„ich möchte Ihnen gern den Grund ſagen, Herr Profeſſor, aber dieß kann nur geſchehen, wenn Sie mir eine Bitte bewilligen.“ „Laſſen Sie hören.“ Der Profeſſor zog ſich auf die Seite, was von den Zöglingen ſo gedeutet wurde, daß ſie wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren könnten. Calle und der Profeſſor blieben ſomit in dieſem Theile des Ateliers allein. „Ich wollte den Herrn Profeſſor bitten, die Güte zu haben, mich einen Augenblick in mein Zimmer zu begleiten. Dort findet ſich die Erklärung zu meinem ſeltſamen Benehmen.“ Ohne eine Antwort zu geben, wandte ſich Schneider nach der Thüre. Calle folgte ihm. Sie ſtiegen ſchweigend die Treppen hinauf und traten in Calle's Kammer, ohne daß zwiſchen beiden eine Silbe ge⸗ wechſelt wurde. Calle eilte auf den Schirm zu, ſchob ihn mit einer haſtigen Bewegung zurück und riß die rothe Decke von dem Modell. Der Jüngling war in dieſem Momente ſo blaß, daß es ausſah, als ob er keinen Tropfen Blutes in den Adern hätte. Ein bedeutungsvolles Stillſchweigen herrſchte im Zimmer. 58 Des Proſeſſors Auge weilte mit künſtleriſchem Wohlgefallen auf der ſchönen Figur. Calle ſchaute den alten Mann mit einem Ausdruck peinlicher Angſt und Erwartung an. „Wer hat das Mädchen hier modellirt?“ fragte Schneider. „Ich.“ „Dann haben Sie entweder die Idee von mir, oder habe ich dieſelbe von Ihnen geſtohlen. Das letztere vürfte wohl ſehr unwahrſcheinlich ſein.“ Der Profeſſor ſchaute den Jüngling an. Calle's Angſt ſchien ihn zu amüſiren. Ein paar Sekunden vergingen, ohne daß Calle eine Antwort hervorzu⸗ bringen vermochte. Darauf kehrte das Blut wieder in ſeine Wangen zurück, ein Blitz leuchtete aus ſeinen Augen hervor, als ob ein großer Gedanke in ſeinem Haupte aufgeſtiegen wäre. Er ſeufzte tief auf, und die Augen flogen von dem Profeſſor zu dem betenden Mädchen hinüber. „Daß ich die Idee zu dem betenden Mädchen nur aus meinem eigenen Innern geſchöpft habe, iſt eine Wahrheit, welche Gott weiß, und ebenſo unbeſtreit⸗ bar, daß ich die Geſichtszüge von der ſchönſten Er⸗ ſcheinung, die ich in Kindesgeſtalt geſehen, nämlich, von des Herrn Profeſſors Tochter, geſchöpft habe. Daß ich im Laufe der Zeit, da ich hieran arbeitete, manchen herrlichen Traum von Namen, Unabhängig⸗ keit und Ehre geträumt habe, iſt nicht minder wahr; aber dabei wandelte mich längſt die Beſorgniß an, die Ausführung möchte dem ſchönen Gedanken, der in meiner Idee log, nicht entſprechen. Nun, Herr Profeſſor, will ich alle egoiſtiſchen Intereſſen von 59 meiner künſtleriſchen Eingebung ausſcheiden und nur die Liebe zu derſelben feſthalten. Mag nun ſie von eines Meiſters Hand ausgeführt werden; mag ſie Leben, Form und Geſtalt durch den Herrn Profeſſor erhalten, und möge ich, der erſte Schöpfer davon, verſchwinden als etwas, das den Werth des Kunſtwerks ſelbſt weder vermindert noch erhöht. Ich liebe von ganzer Seele dieſes Weſen von Thon; mag es in einer verſchönerten und verherrlichten Geſtalt unter Ihrer Hand in Mar⸗ mor erſtehen; ich werde bei deſſen Anblick allen den Träumen mich hingeben, in welche ich meine Seele einwiegte, als ich mein Ideal aus Thon formte.— Nun, Herr Profeſſor, bitte ich von ganzer Seele mich ſo anzuſehen, als habe ich die Idee von Ihnen ge⸗ ſtohlen.“ „Das heißt, Guſtavsſon, Sie ſchenken dieſelbe Moritz Schneider,“ fiel der Profeſſor ein.„Sind Sie ein Narr, oder glauben Sie, ich laſſe mich durch Ihre ſchönen Worte bethören? Man hat mir ſchon lang geſagt, Sie formen meine Modelle für Ihre Rechnung ab und erlauben ſich verſchiedene Kunſt⸗ griffe; jetzt habe ich den ſprechenden Beweis vor Augen. Geſtehen Sie alſo, ohne alle unnöthigen Phraſen, daß Sie das Mädchen nach meinem Ent⸗ wurfe modellirt haben.“ Calle ſah den Profeſſor an und entgegnete in aller Ruhe. „Sie wiſſen, Herr Profeſſor, daß dem nicht ſo iſt, und deßhalb kann ich gern bekennen, was nicht wahr iſt, aber was Sie von mir fordern. Die Idee zu dem betenden Mädchen iſt nicht mein; ſie iſt von Pro⸗ feſſor Schneider.“ 60 Ein paar Sekunden betrachteten Meiſter und Lehr⸗ ling einander. Der letztere war vollkommen ruhig; der erſtere ſchien in des Jünglings innerſte Gedanken dringen zu wollen, um ſie auszuforſchen. Der Profeſſor entfernte ſich, und der junge Künſt⸗ ler ſtürzte vor dem Modell auf die Knie und lehnte den Kopf an das Piedeſtal, indem er Worte ſtammelte, als ob er zu einem geliebten Gegenſtand ſpräche, von dem er jetzt Abſchied nahm, und für deſſen Glück er ſich aufopferte. Eine halbe Stunde darauf trat er wieder in das Atelier. Sein Aeußeres verrieth nichts von den ſtürmiſchen Bewegungen, welche wenige Augenblicke zuvor ſeine Seele in Aufruhr verſetzt hatten. Er zeichnete den ganzen Vormittag. Als die Mittagsſtunde ſchlug und man ſich an⸗ ſchickte, das Atelier zu verlaſſen, blieb Calle zurück, nachdem die andern ſich entfernt hatten. Eine Weile blieb er allein; dann kam ein Bote von dem Pro⸗ feſſor mit der Aufforderung, ſich bei demſelben ein⸗ zufinden. Calle gehorchte dem Rufe. „Haben Sie ſchon zu Mittag gegeſſen, Guſtavs⸗ ſon?“ fragte der Profeſſor. „Ich arbeite während der kurzen Tage gern, ſo lang ich ſehe, und eſſe hernach,“ antwortete Gu⸗ ſtavsſon. „In dieſem Fall können Sie heute mit mir ſpeiſen; 61 ich habe verſchiedenes mit Ihnen zu beſprechen. In einer halben Stunde geht es zu Tiſche. Es war das erſtemal in neun Jahren, daß der Profeſſor eine ſolche Einladung an ihn ergehen ließ. Wir müſſen jedoch geſtehen, Colle's Gedanken waren von dem Auftritt am Vormittag allzu ſehr in Anſpruch genommen, als daß er über ein ſolches Er⸗ eigniß ſich ſonderlich verwunderte. Zu der beſtimm⸗ ten Zeit fand er ſich im Speiſezimmer ein, mit der feſten Ueberzeugung, daß, was der Profeſſor ihm zu ſagen hätte, auf das Modell Bezug nehmen würde. Calle irrte ſich aber. Nicht ein Wort davon kam über des Profeſſors Lippen. Er redete ausſchließlich von der ihm wichtigen Reinſchrift, wollte wiſſen, ob Guſtavsſon ſeinen Auftrag ausgerichtet hätte, und als er hierauf eine bejahende Antwort erhielt, ſprach der Profeſſor den Wunſch aus, Calle möchte noch heute dafür Sorge tragen, daß Gerda die Arbeit er⸗ hielte. Der Profeſſor nahm, als das Mittagsmahl vor⸗ über war, das Manuſcript zur Hand, deutete Calle Verſchiedenes an, worauf er Gerda aufmerkſam machen ſollte, und trug dem jungen Mann auf, ſich damit nach der füdlichen Vorſtadt zu begeben. Der Pro⸗ feſſor ſchlug ihm vor, ſeinen Wagen zu nehmen, da es ſo ſchneller ginge, im Fall er mit der Beſorgung der Sache allzu viel Zeit zu verſäumen dächte. Calle erklärte, er ziehe vor, ſich zu Fuß auf den Weg zu machen, und dabei blieb es.„ Eine ungewöhnliche Betrübniß weilte auf dem Antlitz des jungen Künſtlers. Bei Gerda's Anblick verſchwand jedoch dieſelbe. 62 Als das junge Mädchen ihm fröhlich erzählte, daß es mit der Mutter beſſer zu gehen ſcheine, und Frau Ahrnell ihn lächelnd begrüßte, fühlte er ſich wieder heiter und zufrieden, beſonders als Gerda vor Freude weinte, als Calle die mitgebrachte Arbeit ihr übergab. Gerda vertraute ihm in aller Stille an, ſie ſei in große Unruhe gerathen, da mehre ihrer gewöhn— lichen Kunden ſie aufgegeben hätten, weil es ihr während der Krankheit der Mutter unmöglich ge— weſen, ſo pünktlich wie gewöhnlich zu arbeiten. Wenn das Geſchäft, welches ſie gegenwärtig unter den Hän⸗ den habe, fertig wäre, hälte ſie kein anderes in Aus⸗ ſicht gehabt; deßhalb erſcheine ihr das Abſchreiben als eine wahre Rettung in der Noth. Allerdings fühle ſie ſich etwas unruhig darüber, daß ſie es micht ſo gut und ſchnell machen könnte, wie ſie wünſchte, aber ſie werde alle ihre Kräfte aufbieten. Calle und ſie durchgingen nun das Manuſcript, und Gerda wandelte ein kleines Fieber an, bevor ſie zu ſchreiben begann und alſo zu beurtheilen ver⸗ mochte, wie viel dieſe neue Arbeit ihr eintragen möchte. Gerda hatte, mit Ausnahme von ein paar Fällen zu Lebzeiten von Paſtor Z., noch nie dergleichen verſucht. Jetzt blieb ſie bis Nachts ein Uhr ſitzen und ſchrieb in einem fort und fand dieſe Beſchäf⸗ tigung viel angenehmer als das Nähen. 3 Sie betrachtete das Manuſeript des Profeſſors mit einem ganz eigenthümlichen Intereſſe, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, wenn ſie bedachte, daß es Richards Vater war, für welchen ſie arbeitete. Am folgenden Morgen war Gerda wieder früh auf und ſchrieb abermals. Es kam dem ſchwärme⸗ 63 riſchen Mädchen vor, als wäre ſie durch dieſe Arbeit in eine Berührung mit Richard getreten, und während ſie die Gedanken des Vaters kopirte, war es ihr zu Muthe, wie wenn ſie in ihrem Innern das leiſe Flüſtern des Geliebten vernähme. XI. Als Calle am Abend nach Hauſe zurückkehrte, ſchlug es zehn Uhr. Alles war ruhig und ſtill in des Pro⸗ feſſors Wohnung, wo man, ſeitdem Schneider älter geworden, zeitig zur Ruhe ging. Calle ſtieg ganz leiſe die Treppe hinauf. In ſeiner Kammer angekommen, war es ihm nicht mög⸗ lich, das Feuerzeug außzufinden. Die Folge war, daß er im Finſteren ſich niederlegte und ſomit ſeiner Ge⸗ wohnheit, noch eine Weile vorher zu leſen, für heute entſagen mußte. Am Morgen fand ſich, ehe Calle noch ſein Bett verlaſſen hatte, der Laufburſche mit einer Botſchaft von dem Profeſſor ein. Sie war ſehr dringender Art, und lautete dahin, Calle ſollte ſogleich in die Werkſtätte hinunter kommen, wo der Profeſſor ihn erwartete. Schneider war in ſehr aufgeregter Stimmung, als Calle eintrat. Er ſtand vor dem Gypsabguß, welchen Calle Tags zuvor ausgeführt hatte. Er be⸗ hauptete, es wäre dabei ſo ſchlecht verfahrenworden, daß das Modell nothwendig dadurch gelitten haben müßte. Calle erhielt Befehl, denſelben ſogleich ab— zunehmen— eine Arbeit, welche viel Zeit erforderte 64 und nichts weniger als angenehm war, wenn man einen Menſchen zur Seite hatte, welcher bei jedem Stücke rief: „Ja, es geht, wie ich geſagt habe, ſowohl mit Form, als Modell zum Teufel. Wie in aller Welt haben Sie, Guſtavsſon, es in ſo großen Abtheilungen machen können?— Dadurch mußte ja Alles zu Grunde gerichtet werden.“ Endlich nach zwei Stunden Arbeit war die Form abgenommen und wieder zuſammengefügt, ohne daß das Modell Schaden gelitten. Die Arbeiter und Zöglinge hatten ſich inzwiſchen eingefunden, und als Calle mit ſeinem Werke fertig war, begab er ſich in das Atelier, um mit dem Zeichnen zu beginnen. Der Profeſſor war einen Augenblick zuvor dort eingetreten. Mitten im Saal erblickte man ein Piedeſtal, welches Tags zuvor noch nicht an dieſem Platze geweſen; und auf demſelben ſtand eine Figur, die mit einer dunkeln Decke verhüllt war. Calle legte kein beſonderes Gewicht darauf, der⸗ gleichen Ereigniſſe kamen ſo gewöhnlich vor, daß kein Grund vorhanden war, ſich deßhalb zu verwundern. Es vergingen einige Augenblicke; dann bemerkte der Profeſſor, zu dem älteſten der Zöglinge gewendet, auf welchen er große Hoffnungen ſetzte: „Haben Sie, Herr F., die Geſchichte von dem Sclaven Murillo's ſchon gehört?“ Herr Profeſſor hat ſie uns bereits er⸗ zählt.“ „So— das hatte ich vergeſſen. Sie kam mir wieder in den Sinn aus Veranlaſſung eines Falls, der kürzlich in der Kunſtwelt ſich zugetragen hat.“ 65 „Vielleicht etwas Aehnliches?“ fragte Herr F. „Beinahe. Es iſt Ihnen wohl bekannt, wie Fried⸗ rich der Große es mit Voltaire und einem ſeiner Gedichte gemacht hat?“ „Ja, er ließ einen Mann, welcher durch ſein außerordentliches Gedächtniß bekannt war, ſich hinter einer Gardine verbergen, ſo daß er ein Gedicht, welches der franzöſiſche Dichter ſofort dem Könige vorlas, mit anhören konnte. Als Voltaire fertig war, erklärte Friedrich, das Gedicht ſei nicht von ihm, denn er habe es ſchon Tags zuvor von dem wirklichen Verfaſſer gehört. Voltaire gerieth außer⸗ ſich, betheuerte, daß er es geſtern verfaßt habe, die Behauptung des Königs alſo auf einer Unwahrheit beruhen müſſe. Friedrich ging in das nächſte Zim⸗ mer und kehrte mit dem Lauſcher zurück, welcher zu Voltaire's Beſtürzung Wort für Wort das Gedicht herſagte, von welchem Voltaire keinem Menſchen als dem König Mittheilung gemacht hatte. „Die Geſchichte iſt nicht übel, und nach der Kenntniß, die man von Friedrich's Charakter beſitzt, dürfte ſie auch wahr ſein. Sie hat eine auffallende Aehnlichkeit mit dem, was ich den Herrn erzählen will.“ Der Profeſſor warf einen Blick auf Calle. Der junge Mann hatte den Bleiſtift ruhen laſſen und horchte mit geſpanntem Intereſſe. Nach einer Pauſe nahm Schneider wieder das Wort: „Es war ein ausgezeichneter Bildhauer, welcher zum Arbeiter und Lehrling einen Knaben znahm, der natürliche Anlage zum Zeichnen u. dek zeigte. Er hatte den jungen Menſchen zu einem Arbeiter in Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. H. 5 66 der Kunſtwelt beſtimmt, glaubte aber nicht, daß er zum Künſtler tauge, weil der Bildhauer einen Ab⸗ ſcheu vor allem Mittelmäßigen in dieſem Berufe hatte. Alles ging nach dem Wunſche des letztern. Der Knabe bildete ſich zu einem Kunſtarbeiter aus, und obwohl er zu verſchiedenen Malen den Wunſch zu erkennen gab, auf das artiſtiſche Gebiet übertreten zu dürfen, hielt ihn der Bildhanuer davon zurück, weil er zu dieſem Zweck Niemand Vorſchub leiſten wollte, welcher der Kunſt nicht Ehre zu machen im Stande wäre. Er betrachtete das Verlangen des jungen Menſchen, einen ſo hohen Flug zu nehmen, als eine Eitelkeit ohne entſprechende Anlagen. Eines Tags ſagte man ihm, derſelbe mache, während er die Modelle ſeines Meiſters abformte, für ſeine Rechnung Kopien davon, in der Abſicht, auf ſolche Weiſe ſich einen induſtriellen Erwerb zu verſchaffen. Man gab ihm zugleich zu verſtehen, derſelbe habe verſchiedene ſolcher Kopien in ſeinem Zimmer ver⸗ borgen. Als der junge Mann fort war, trat der Bildhauer dort ein, und welche Entdeckung hat er dort gemacht? Ja, hinter einem, in dem Zimmer ſtehenden Schirm findet er ein Modell von idealer Schönheit. Es war keine Kopie von dem Bildhauer, ſondern eine Schöpfung des jungen Mannes ſelbſt. Er hatte in aller Heimlichkeit daran gearbeitet. Eine Strafe verdiente dieſe Geheimthuerei, und der Bild⸗ hauer erinnerte ſich der Aneldote von Voltaire. Er nahm e Zeichnung von dem Modell und wies ſie Ihnen geſtern als den Entwurf einer neuen Mee. Run wird es den Herrn vielleicht Vergnügen machen 67 das Original zu ſehen, von welchem der vorgebliche Entwurf genommen war.“ Der Profeſſor zog die Decke hinweg, womit die Figur verhüllt war. „Die Idee und Ausführung in Thon iſt von Carl Guſtavsſon,“ fuhr der Profeſſor fort,„und ich glaube, daß die Herrn gezwungen ſein werden, dem jungen Künſtler im Atelier einen Platz einzuräumen. Was die Inſpiration anbelangt, iſt er Ihr Meiſter.— Hinfort ſoll er in Marmor arbeiten. Wenn man zu einem Adler geboren iſt,“ ſetzte der Profeſſor mit Kachdruck hinzu,„braucht man nicht unter Sperlingen zu weilen. Ich hoffe nun, daß, wenn ich einmal den Meißel niederlege und in Marmor zu ſchaffen aufhöre, Guſtavsſon ein würdiger Nachfolger von mir ſein wird.“ Wenn man einundzwanzig Jahre zählt, iſt man auch für eine ſolche Anerkennung eigener Tüchtigkeit in hohem Grade empfänglich. Alsdann faßt man auch eine ſolche Handlungsweiſe ſo auf, wie ſie ver⸗ ſtanden ſein muß, und legt vielleicht derſelben nur ein höheres Maaß von Großmuth bei, als ſie in Wirklichkeit in ſich ſchließt. Calle hatte am Schluſſe von des Profeſſors Er⸗ zählung den Bleiſtift bei Seite gelegt, und als Schneider die letzten Worte ausſprach, wollte der junge Mann, nur der Stimme ſeiner Empfindung fol⸗ gend, dem Profeſſor zu Füßen ſtürzen, aber Schneider lehnte es mit den Worten ab:„ „Keine Kindereien zwiſchen Männern!“— Ich habe nichts Anderes gethan, Guſtavsſon, als Ihnen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ich hoffe, daß 68 aus demjenigen, welcher die Kunſt ſo ohne alle Selbſt⸗ ſucht liebt, wie es bei Ihnen der Fall iſt, eines Tags ein ausgezeichneter Künſtler wird. Wir wollen nun ſehen, ob die Hand ebenſo ſicher bleibt, wenn ſie den Marmorblock behandelt, als der Kopf reich an guten Ideen iſt. Mit dem heutigen Tage ſchließen Sie, Guſtavsſon, alle Arbeiten in der Werkſtätte ab und widmen ſich hinfort der Ausbildung Ihres Talentes. Da aber auch das größte Genie exiſtiren muß, ſo wird es wohl das Beſte ſein, wenn Sie über Ihre Zeit ſo beſtimmen, daß Sie einen Theil davon auf die Brodarbeit verwenden, und zu dieſem Zweck können Sie die Zeichnungen zu meinem Werke vollenden. Dieß gewährt Ihnen eine angemeſſene Einnahme, und ich wüßte Niemand, der die Arbeit beſſer zu Stande brächte.“ Der Profeſſor verließ ſchnell das Atelier, und Jedermann nahm ſeine Arbeit wieder auſ. XII. Tage, Wochen, Monate waren verfloſſen. Der Frühling hatte ſich eingeſtellt, und noch war es dem reichen Fabrikbeſitzer Strömberg nicht gelungen, durch größere oder kleinere Infamien, welche er ſich in aller Stille erlaubte, Gerda zu bezwingen oder zur Nach⸗ giebigkeit zu nöthigen. Er war ein paar Mal mit ihr auf der Straße zuſammengetroffen. Er war ihr in den Weg ge⸗ treten, wenn ſie in Geſchäften einen Ausgang machte, 6 etwas, das jedoch höchſt ſelten jetzt geſchah. Er hatte ihr geſagt, er werde nicht ruhen, bis ſie ſeine Frau würde. Hätte nicht ein freundliches Geſchick Gerda eben in dem Augenblick, da ſie ihren einzigen Wohlthäter verlor, den jungen Guſtavsſon in den Weg geführt, ſo würde Strömberg möglicher Weiſe den traurigen Triumph gehabt haben, die lahme Frau und das für ihr beiderſeitiges Auskommen muthig kämpfende Mädchen in wirkliches Elend zu ſtürzen; nun aber hatte er es nicht einmal ſo weit gebracht, denn das Abſchreiben war dazwiſchen gekommen. Gerda hatte ſeit Mo⸗ naten ununterbrochen Arbeit für Profeſſor Schneider gehabt, und dieß, ohne daß ſie mit ihm in irgend eine perſönliche Berührung gekommen war. Schneider hatte ſich mit der Arbeit zufrieden gezeigt und im Uebrigen ſich nicht darum bekümmert, ob die Abſchreiberin jung oder alt war. Es ging ihm ſo vieles Andere während dieſer Zeit im Kopf herum. Ihn intereſſirte es nur, daß die Schrift ſchnell und pünktlich ausgeführt wurde. Eines Tags, zu Anfang des April, erhielt der Profeſſor einen Brief von Edith mit der für ihn ſehr erfreulichen Nachricht, daß ſie ſeinem Wunſche gemäß nach Schweden heimkehren würden. Er war gerade mit dem Leſen deſſelben fertig geworden, als man einen Herrn anmeldete, welcher mit ihm zu ſprechen wünſchte. Der Fremde wurde eingeführt und von dem Künſtler mit verbindlicher Artigkeit als ein Mann begrüßt, vor welchem er beſondere Achtung zu hegen ſchien. „Es iſt mir ſehr angenehm, einen Beſuch von 70 dem Herrn Fabrikbeſitzer zu empfangen,“ äußerte der Profeſſor und lud ſeinen Gaſt ein, Platz zu nehmen. „Ich habe mir die Freiheit genommen, Herr Profeſſor, Ihnen beſchwerlich zu fallen, um mich bei Ihnen nach irgend einem jungen Künſtler zu erkun⸗ digen, welcher geneigt wäre, den Sommer auf einem Landgut zuzubringen und ſich mit der Reſtauration einer großen, daſelbſt befindlichen Gemäldeſammlung zu beſchäftigen. Die Gemälde ſind von hohem Werthe, aber zu Schaden gekommen, und ich wünſche dieſelben in ordentlichen Stand geſetzt zu ſehen. Wahrſcheinlich wiſſen Sie, Herr Profeſſor, von einem angehenden Künſtler, welcher die Einnahme, die dabei heraus⸗ kommt, brauchen könnte.“ Der Profeſſor ſchlug ein paar junge Männer vor, die er kannte, und eine halbe Stunde ſprachen die Herren nur davon. Der Fabrikbeſitzer war als ein Mann bekannt, welcher großes Intereſſe für die freien Künſte hegte und junge Talente gern aufmunterte. Er war ein Ehrenmann, ſo hieß es, er leiſtete den Armen immer⸗ dar Beiſtand und bezeigte die lebhafteſte Theilnahme bei Allem, was unter die Rubrik des allgemein Nützlichen gehörte. Wie viel moraliſche Schlechtigkeit, wie viel Eigennutz und herzloſer Egoismus ſich unter der ſchönen Maske verbarg, welche Strömberg be⸗ ſtändig zu tragen pflegte, das ahnte das Publikum nicht, wenn es in den Zeitungen las, daß er ſo und ſo viel für die Armen hergegeben, eine ſo und ſo große Summe für dieſen oder jenen wohlthätigen Zweck gezeichnet hatte. Derſelbe Mann, welcher mit verſchwenderiſcher 71 Freigebigkeit Wohlthaten um ſich herum ausſtreute, wenn ſie ihm öffentlichen Beifall einbrachten, gab nicht das geringſte Almoſen im Stillen und benützte jede Ge⸗ legenheit, ſich zu bereichern, wenn keine Entdeckung zu beſorgen war. Strömberg hatte nur Eins, wofür er lebte, und dieſes war ſein eigenes Ich, ſein Glück, ſein Wohl⸗ befinden. Er hatte niemals Anhänglichkeit an einen andern Menſchen empfunden, und wenn ihn einmal eine vorübergehende Bewegung von Mitleid anwan⸗ delte, ſo war dieſelbe mit ſeinem perſönlichen Vortheil ſo eng verknüpft, daß es ſich nur ſchwer hätte ent⸗ ſcheiden laſſen, ob etwas von wirklicher Theilnahme dabei mit unterlief. Strömbergs Liebe zu Gerda war das erſte Ge⸗ fühl geweſen, wodurch ſein eigenes Ich in Ab⸗ hängigkeit von einem andern Weſen geſetzt wurde. Er hatte zu dem jungen Mädchen eine jener gründ⸗ lichen Neigungen gefaßt, welche meiſtens erſt in rei⸗ ferem Alter bei Männern entſtehen, die ihre Jugend ausſchließlich der Anſtrengung, Reichthum und Un⸗ abhängigkeit zu erwerben, gewidmet haben. Hätte Gerda dieſe Neigung ſo weit erwiedert, daß ſie es über ſich vermochte, demſelben ihre Hand zu ſchenken, ſo würde ſie unbeſchränkte Herrſcherin über ſein Herz geworden ſein. Die Macht einer Frau über einen Mann in Strömbergs Jahren, welcher zum erſten Mal der Gewalt der Liebe unterworfen iſt, erſcheint meiſtens ſehr groß. Jetzt hatte Gerda's abſchlägige Antwort ihn ſo gereizt, daß ſein Egoismus in volle Wirkſamkeit gerieth. Er mußte ſich an ihr rächen, dafür, daß ſie es 72 wagte, ihm ein Leid zuzufügen, und hoffte endlich, ſie zu überwinden. Kehren wir jedoch zu ihm und dem Profeſſor zurück. Nachdem dieſer verſprochen hatte, dem Fabrik⸗ beſitzer ein paar junge Künſtler zuzuweiſen, brachte Strömberg das Geſpräch auf die Skulptur, und dieß ſchloß damit, daß der Profeſſor denſelben in ſein Atelier führte. Das war es, was der Fabrikbeſitzer gewünſcht hatte. In dem Atelier befand ſich zur Zeit nur eine Perſon, und dieſe war Calle. Er arbeitete an ſei⸗ nem betenden Mädchen. Strömbergs erſter Blick fiel auf den jungen Mann; er ſtellte ſich aber, als ob er denſelben gar nicht bemerkte, ſondern blieb vor Schneiders ſchlafender Venus ſtehen, über welche er ſeine Bewunderung ausſprach. Nachdem er verſchiedenes Andere in Augen⸗ ſchein genommen hatte, trat er zu Calle's Modell. Er betrachtete es, äußerte einige ſchmeichelhafte Worte, und wandte ſich darauf zu Calle mit der Frage nach ſeinem Namen. Der junge Mann nannte denſelben. „Guſtavsſon....“ wiederholte Strömberg, als ob er bei dem Laute dieſes Namens ſich wieder an Etwas erinnerte, das ihm in Vergeſſenheit gerathen war. „Da fällt mir,“ bemerkte er,„ein junger Hand⸗ werker ein, in deſſen Hände ich einmal, ohne ihn zu kennen, eine Summe Geldes niederlegte, um es zum Beſten einer armen Frau zu verwenden. Er war ein Schuhmacher und wohnte in der Bauerngaſſe.“ „Das war mein Bruder,“ antwortete Calle.„Ich befand mich damals in der Lehre bei ihm.“ —2 63 „Da ſind Sie gewiß der Herr, welcher der Tochter von der armen, kranken Frau Ahrnell Lektionen im Zeichnen gibt?“ Calle wurde purpurroth, aber bejahte die Frage. „Ich habe mich ſehr darüber gewundert, womit das junge Mädchen ſich und ihre Mutter erhält,“ nahm der Fabrikbeſitzer wiederum das Wort;„es muß Jedem unbegreiflich erſcheinen, wenn man bedenkt, daß die alte Frau lahm iſt und durchaus nichts zu ihrem Unterhalt beitragen kann. Ich habe ihnen allerdings zu verſchiedenen Malen geholfen, aber wollte ſie um der Tochter willen, welche recht hübſch iſt, nicht beſuchen. Der Ruf eines armen Mädchens iſt ſo leicht befleckt.“ „Was Mamſell Ahrnell betrifft,“ fiel Calle ein, der ſich unerklärlicher Weiſe von des Fabrikbeſitzers Worten gereizt fühlte,„ſo glaube ich nicht, daß Je⸗ mand einen Mackel ihr anzuheften vermag. Alle, welche ſie kennen, die wiſſen auch, wie arbeitſam und wie untadelhaft ſie in ihrem ganzen Wandel iſt.“ „Sehr möglich; aber wie tadellos auch ihr Leben ſein mag, muß ſie doch immer Etwas haben, wovon ſie ſich ernähren kann.“ „Das hat ſie auch, ſie ſchreibt ab, nachdem die Näharbeit ihr auszugehen anfing, und dadurch ge⸗ winnt ſie den Unterhalt für ſich und ihre Mutter. Wer arbeiten will und Beharrlichkeit hat, dem fehlt es ſelten an dem täglichen Brode.“ Der Profeſſor hatte mit ſeinem Falkenauge den Fabrikbeſitzer, wie den jungen Mann beobachtet und war in ſeinen Gedanken der Wahrheit ſo ziemlich nahe gekommen. 74 Die beiden Herrn verließen das Atelier und waren kaum zur Thüre hinaus, als Calle ſofort Alles liegen und ſtehen ließ und auf ſeine Kammer eilte. Als Strömberg und der Profeſſor ſich wieder in dem Zimmer des letztern befanden, äußerte jener: „Iſt der junge Guſtavsſon ſchon lang bei Ihnen, Herr Profeſſor?“ „Neun Jahre.“ „Er iſt ein vielverſprechendes Talent.“ „Ja wohl.“ Der Profeſſor hatte ſich vorgenommen, nur ganz kurze Antworten zu geben, um den Fabrikbeſitzer zum Sprechen zu bringen. Wenn zwei ſchlaue Köpfe zuſammenkommen, ſo ſuchen ſie natürlich mit einander Schach zu ſpielen; ſo auch jetzt. Dem Profeſſor war der Verdacht auf⸗ geſtiegen, Strömberg habe ſich einzig und allein um Calle's willen bei ihm eingefunden, und er wünſchte jetzt, dieſe Vermuthung von Seiten des Fabrikbeſitzers durch einige weitere Fragen beſtätigt zu ſehen. „Es wäre wirklich Schade, wenn er vor der Zeit ſich an eine Frau hinge,“ fuhr Strömberg fort; „dergleichen Verbindungen, namentlich wenn ſie Aus⸗ gaben mit ſich bringen, wirken gewöhnlich hemmend auf die Entwicklung eines Künſtlers.“ „Allerdings, aber damit hat es keine Gefahr.“ „Erlauben Sie mir, das Gegentheil zu behaupten. Der junge Guſtavsſon iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach in Mamſell Ahrnell ernſtlich verliebt. Die Verbin⸗ dung mit ihr muß ihn ſehr viel koſten. Er iſt ohne Zweifel genöthigt, zu der Exiſtenz des Mädchens und der Mutter beizutragen.“ 75 „Wiſſen Sie das beſtimmt, Herr Fabrikbeſitzer?“ fragte der Profeſſor. „Allerdings, und ich beklage von Herzen den jungen Künſtler. Er hat mit der Verbindung nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch dem Mädchen geſchadet. Daß ſie von ihm unterhalten wird, hat zur Folge gehabt, daß ſie nicht nur ihre frühere Arbeit, ſondern auch ihren guten Namen und Ruf verlor.“ Der Fabrikbeſitzer ſah am Geſichte des Profeſſors, daß er für dieſes Mal genug geſagt hatte; deſſen ungeachtet fügte er noch einige moraliſche Anmer— kungen bei und ſtellte die Anſicht auf, er betrachte es als eine Pflicht älterer Perſonen, jüngere Leute auf die Unbeſonnenheiten, welche ſie ſich erlaubten, aufmerkſam zu machen. Nachdem er ſich dahin aus⸗ geſprochen hatte, nahm er Abſchied. XIII. Der Profeſſor wanderte geraume Zeit in ſeinem Zimmer auf und ab, ſcheinbar von einem Gedanken, der ihm verdrießlich war, in Anſpruch genommen. Er ſelbſt hatte auf eine ſehr leichtſinnige Weiſe der Schönheit ſeine Huldigungen dargebracht, war aber in Bezug auf Andere kein ſehr milder Richter. Was Calle insbeſondere anging, ſo ärgerte es ihn, zum Auskommen für die Geliebte des jungen Mannes durch Abſchreiben in eigener Perſon beigetragen zu haben. Er war ſomit ein Werkzeug geweſen, wodurch Calle Gelegenheit bekommen hatte, die Verbindung mit der Geliebten zu unterhalten. Der Profeſſor vergaß 76 gänzlich, daß der Vorſchlag, Gerda ſolle für ihn abſchreiben, von ihm ſelbſt ausgegangen. Nachdem er eine Stunde auf- und abgegangen war, griff er zu Hut und Ueberrock und verließ ſeine Wohnung. Er ſetzte ſich in eine Droſchke und ließ ſich nach dem Habichtsgäßchen führen. Er wollte das Mädchen ſehen und ſelbſt entſchei⸗ den, ob ſie zu der Zahl jener Frauen gehörte, welche dazu geſchaffen ſind, einem jungen Mann den Unter⸗ gang zu bereiten. Vielleicht war es, die Sache genau betrachtet, eine ſehr ſchlechte Perſon. Der Profeſſor ſtieg die drei Treppen hinauf und klopfte an die niedrige Thüre, welche ſogleich geöffnet wurde, und zwar von— Calle. Dieſer ſah bei einem ſolchen Zuſammentreffen nichts weniger als freudig überraſcht aus. Auch der Profeſſor hatte kein ſonderliches Wohlgefallen an der Begegnung. „Iſt Mamſell Ahrnell zu Hauſe?“ fragte er. Calle trat auf die Seite, und vor dem Profeſſor ſtand ein hochgewachſenes, ſchlankes und ſchönes Mädchen. Ja, ſie war ſo ſchön, daß das Angeſicht des alten Künſtlers eine angenehme Verwunderung ausdrückte. Seine Augen glänzten, und die barſche Miene, welche bei Calle's Anblick zum Vorſchein ge⸗ kommen war, entſchwand augenblicklich. Er verbeugte ſich artig vor dem Mädchen und brachte durch eine tiefe Neigung ſeines Hauptes der Schönheit die Huldigung dar, zu welcher er ſtets in ſolchen Fällen geneigt erſchien. Der Profeſſor nannte ſeinen Namen— etwas, das ganz überflüſſig war, denn Gerda hatte ihn zur 77 Zeit, da ſie für Edith arbeitete, geſehen, obgleich der Alte nicht mit dem jungen Mäbchen zuſammengetroffen war. Gerda's Herz ſchlug heftig, als er ihr einige verbindliche Worte über ſeine Zufriedenheit mit der von ihr gelieferten Abſchrift ſagte. Gerda dachte nur daran, daß ſie jetzt vor Richards Vater ſtand. Sie erholte ſich jedoch ſchnell von ihrer Verlegenheit und ſagte, auf Marianne deutend: „Meine Mutter.“ Die lahme Frau ſaß in Kiſſen eingebettet da. Sie war ein Bild der Krankheit und des Leidens, aber nicht in häßlicher, abſchreckender, ſondern rührender und zu Herzen gehender Geſtalt. Schneider hatte auch für ſie einige verbindliche Worte, und nachdem er mit Theilnahme von ihrer Krankheit geſprochen, wandte er ſich an Gerda und erklärte, er ſei deßhalb hieher gekommen, um zu fragen, ob ſie die Abſchrift von einer andern Arbeit für ihn übernehmen wollte. Sie würde etwas mühevoller und beſchwerlicher ſein, als diejenige, womit ſie dem⸗ nächſt zu Ende käme, allein es ſollte auch eine beſſere Bezahlung dafür geleiſtet werden. Der Profeſſor erklärte ſofort, er ſei entſchloſſen, ſeine Reiſeſkizzen herauszugeben, welche in kunſthiſtoriſcher Beziehung für jüngere Künſtler von Nutzen ſein würden. Während er alſo ſprach, heftete er zufällig die Augen auf eine Zeichnung, welche auf dem Tiſche lag. Sie war in Bleiſtift ausgeführt und ſtellte ein Portrait von Frau Ahrnell dar. Der Profeſſor un⸗ terbrach ſich ſogleich, um zu fragen, wer das Bild ge⸗ zeichnet hätte. Hoch erröthend antwortete Gerda, es ſei von ihr. 78 Hatte das Aeußere des jungen Mädchens den Schönheitsſinn des Künſtlers angeſprochen, ſo gewann ſie durch den letztern Umſtand noch ein erhöhtes In⸗ tereſſe in ſeinen Augen. Er prüfte die Zeichnung, erſtaunte über die treffende Aehnlichkeit und ſchloß mit der Frage, wer ihr Lehrer geweſen ſei. Sie nannte Calle. „Wenn man ſolche Anlagen beſitzt,“ erklärte der Profeſſor,„ſo begeht man eine Sünde, wenn man ſeine Zeit mit Nähen und Abſchreiben verſchwendet. — Sie können eine gute Portraitmalerin werden und müſſen ſich mit Fleiß und Eifer auf die hiezu erfor⸗ derlichen Studien verlegen.“ „Ich kann nur ſehr wenig Zeit darauf verwenden,“ entgegnete Gerda,„denn ich habe kein anderes Ka⸗ pital als meine Arbeit.“ Der Profeſſor wünſchte einige ihrer Zeichnungen zu ſehen und beſchäftigte ſich eine Stunde damit, ſeine Bemerkungen darüber auszuſprechen, ihr guten Rath zu ertheilen und den Weg zu bezeichnen, welchen ſie einſchlagen mußte, um aus einem unbedeutenden Mädchen eine Künſtlerin zu machen. So lang der Beſuch des Profeſſors dauerte, war Calle neben dem Sopha, auf welchem Frau Ahrnell ruhte, ſtehen geblieben. Nicht mit einem einzigen Wort hatte er ſich in das Geſpräch gemiſcht, war aber bald blaß, bald roth dabei geworden. Den einen Augenblick dachte er, es könnte für Gerda nur zum Glück ausſchlagen, wenn der Profeſſor ſich für ihre künſtleriſchen Anlagen intereſſirte, den andern gerieth er in den heftigſten Zorn bei dem Gedanken, der Profeſſor möchte ſich ſofort ſeiner Schülerin annehmen 79 und ihn damit des Glücks berauben, derjenige geweſen zu ſein, der ihre Naturgaben ausbildete. Calle war eiferſüchtig in Bezug auf Gerda; warum, davon gab er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft. Endlich nahm der Profeſſor Abſchied. Er wollte wiederkommen, ſagte er, um mit einigen guten Rath— ſchlägen dem keimenden Talente vorwärts zu helfen. Nachdem er ſowohl der Mutter als der Tochter ein verbindliches Lebewohl geſagt hatte, wandte er ſich zu Calle mit den Worten: „Begleiten Sie mich, Guſtavsſon?“ Dieſer gab vor, er wolle noch mit Gerda zeichnen, und blieb. Calle konnte unmöglich nach allem, was während des Beſuchs von dem Profeſſor in ſeinem Innern vorgegangen war, die Wohnung ſchon jetzt ver⸗ laſſen. Er verweilte alſo noch und zeichnete mit Gerda, aber nie war der junge Lehrer ſo ungeduldig geweſen, wie dießmal. Als er die Lektion geſchloſſen hatte, wollte er ſich entfernen, kam aber durchaus nicht da⸗ zu, Abſchied zu nehmen, und fragte endlich Gerda, ob ſie am folgenden Tag vielleicht einen Ausgang vor hätte. Gerda wollte allerdings nach dem Königs⸗ holm, und Calle bat ſomit um Erlaubniß, ſie beglei⸗ ten zu dürfen. Er verſprach in dieſem Fall, um fünf Uhr Nachmittags ſie abzuholen. Der Ton, womit er ſein Begehren ausſprach, verrieth Gerda, daß der junge Mann etwas Beſon⸗ deres haben müßte, was er ihr ſagen wollte. Ge⸗ nug, ſie bewilligte ſeine Vitte, und ſo trennten ſie ſich. XIV. Am folgenden Tage trat, als es fünf Uhr ſchlug, Calle bei Frau Ahrnell ein. Gerda war bereits angekleidet, und nachdem ſie die Mutter der Obhut der alten Sjöberg anvertraut hatte, welche während der Abweſenheit der Tochter bei der Kranken bleiben ſollte, verabſchiedeten ſich die eiden jungen Leute bei Marianne, um an dem ſchönen Frühlingsnachmittag einen Spaziergang nach dem Königsholm zu machen. Das Aeußere Gerda's war blühend und die Miene trug das Gepräge froher Hoffnung; Calle dagegen erſchien ernſt, beinahe düſter. Sie zogen das Habichts⸗ gäßchen hinab, ohne daß Calle ein Wort äußerte. Gerda hatte einmal eine Bemerkung gemacht, aber keine Antwort erhalten, worauf ſie gleichfalls ſchwieg, in ihrem Herzen ein wenig gereizt dadurch, daß Calle ſo ſtumm neben ihr herging und ſo langweilig ausſah. „So hätte es Richard nie machen können,“ dachte ſie, und fort zu dem ſo treu Geliebten flog ein Seufzer der Sehnſucht, die nicht ohne eine ſtarke Beimiſchung von Schmerz war. „Sie ſeufzen, Mamſell Ahrnell,“ ſagte Calle, „und das iſt nicht zu verwundern; ich muß Ihnen ſo langweilig vorkommen, und doch möchte ich es nicht ſein, aber ich fühle mich tief betrübt.“ „Iſt Ihnen etwas Widriges begegnet, Herr Gu⸗ ſtavsſon?“ fragte Gerda theilnehmend. „Nicht mir, aber es hat den Anſchein, als ob ich * 81 zu Unannehmlichkeiten für Sie die Urſache abgeben ſollte. Dabei machte Calle eine gar klägliche Miene. „Für mich?“ fragte Gerda lächelnd.„Sie ſind wohl für mich nichts Anderes geweſen, als ein Troſt im Kummer, ein Beiſtand im Leid und ein Retter, wo Alles ſo finſter um mich ausſah. Wären Sie nicht geweſen, wie würde es jetzt mit mir und meiner Mutter ſtehen? Wie vielmal haben Sie mich nicht die finſtere Wirklichkeit vergeſſen laſſen, und ſind nicht Sie es, der mir Arbeit verſchaffte und mich ſomit in den Stand ſetzte, für meine Mutter zu ſorgen?“ Gerda war ſo einnehmend, als ſie ſich in dieſer Weiſe äußerte. „Ich danke Ihnen für das, was Sie eben ſagten; es hat meinem Herzen wohl gethan; aber leider wird das Böſe dadurch nicht weniger ſchlimm.“ Calle ſeufzte. „Aber ſo reden Sie doch,“ bat Gerda lächelnd; „es wird wohl nicht ſo gar gefährlich ſein, möchte ich glauben.“ „Meine Worte könnten möglicher Weiſe verletzen.“ „Das denke ich nicht, denn ich bin überzeugt, daß Sie nicht die Abſicht haben, es zu thun.“ „Nein, das weiß Gott; wenn ich Ihnen irgend eine Unannehmlichkeit erſparen könnte, ſo würde ich meine ganze Exiſtenz dafür zum Opfer bringen.“ Es entſtand eine Pauſe. Calle unterbrach ſie, indem er in ſcherzhaftem Ton bemerkte: „Wenn ich ſo fortfahre, wie ich begonnen, ſo er⸗ reichen wir den Königsholm, ohne daß ich Ihnen ent⸗ Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. II. 6 82 deckte, was ich auf dem Herzen habe, noch weniger was mich jetzt plagt; darum iſt es wohl am beſten, wenn ich gerade auf die Sache losgehe.“ Calle richtete nun an Gerda einige Fragen in Be⸗ zug auf den Fabrikbeſitzer Strömberg; er wollte wiſſen, ob er ein braver Mann wäre, und wie er ihr während des Aufenthalts in ſeinem Hauſe gefallen hätte. Gerda's Antworten waren zuerſt ausweichender Art, endlich aber geſtand ſie, Strömberg ſei kein Mann, zu dem ſie großes Vertrauen habe; auch liegen hiezu keine beſondern Gründe für ſie vor, wenn ſie auch während des Aufenthalts in ſeinem Hauſe keine be⸗ ſondere Veranlaſſung gefunden, ſich über ihn zu be⸗ klagen. Calle erzählte nun Gerda von dem Beſuch des Fabrikbeſitzers bei dem Profeſſor und von dem, was er mit ihm ſelbſt geſprochen. Er fügte bei, der Ein⸗ druck davon ſei ſo peinlich für ihn geweſen, daß er ſich alsbald zu ihr begeben habe, um ſie vor dem reichen Mann zu warnen, obwohl er durch die Erſchei⸗ nung des Profeſſors daran verhindert worden. Er erzählte ferner, als er Abends von Gerda heimgekehrt ſei, habe der Profeſſor ihn zu ſich gerufen und ihm erklärt, ſeine Beſuche ſchaden Gerda's gutem Rufe; ſo laute wenig⸗ ſtens die Behauptung des Fabrikbeſitzers Strömberg. Der Profeſſor meinte, es ſei Calle's Pflicht, die⸗ ſelben einzuſtellen und bis auf weiteres jeden Um⸗ gang mit ihr abzubrechen. „Ich kann Ihnen nicht ſagen,“ fuhr Calle fort, „welche ſchreckliche Nacht ich gehabt habe. Daß irgend ein Menſch von meinen Beſuchen ein böſes Wort ſagen könnte, iſt etwas, das ich noch dieſen Augen⸗ 83 blick gar nicht faſſen kann, und ich bitte Sie, überzeugt zu ſein, daß ich niemals über Ihre Schwelle getreten wäre, wenn ich ſo etwas auch nur hätte ahnen können. „Das weiß ich,“ unterbrach ihn Gerda in einem Tone, welcher deutlich verrieth, wie gereizt ſie im Innern war.„Aber ſagen Sie mir jetzt, was be⸗ abſichtigen Sie zu thun?“ Sie ſchaute den jungen Mann an, welcher ihrem Blick mit treuem und offenem Auge begegnete. „Für mich gibt es kaum eine Wahl,“ antwortete er;„ich muß natürlich darauf verzichten, Sie zu ſehen, obwohl es mir vorkommt, als ob ich dann nicht mehr leben könnte. Meine Anhänglichkeit iſt jedoch ſo groß, daß ich lieber alles Mögliche über mich ergehen laſſen, als Ihnen das geringſte Leid zu⸗ fügen möchte.“ „Sie haben es auch nicht gethan, und Sie dürfen nicht ſo handeln, wie Sie es jetzt für recht anſehen, denn das iſt es in Wirllichkeit nicht;“ fiel Gerda lebhaft ein.„Wenn Sie wüßten, warum Strömberg dieſe Geſchichte da aufgebracht hat, ſo würden Sie auch deutlich einſehen, daß ich jetzt mehr als je Ihrer Freundſchaft bedarf. Ich begreife nicht und will nicht begreifen, was die Welt Böſes davon ſagen kann, daß Sie uns beſuchen; aber Eines weiß ich, daß, wenn man ſich vollkommen ſchuldlos fühlt, man auf das, was böſe Menſchen reden, kein Gewicht legen darf. Der Fabrikbeſitzer iſt gewiß der Einzige, welcher Etwas von Ihren Beſuchen ſagt, und ſeiner Eidichtungen wegen finde ich mich nicht geneigt, meinen Lehrer und Freund von mir zu laſſen.“ Als Gerda dieſe Anſicht von der Sache ausgeſprochen 84 hatte, lächelte ſie Calle freundlich zu; aber demjenigen, der Gerda kannte, entgieng es nicht, daß etwas Weh⸗ müthiges in dieſem Lächeln lag. „Wollen Sie,“ ſetzte ſie hinzu,„mich des Unter⸗ richts, den ich genieße, berauben und mir dadurch alle Hoffnungen auf die Zukunft entreißen?“ „Nein, Mamſell Ahrnell, das will ich nicht,“ antwortete Calle;„aber wenn ich durch Fortſetzung der Lektionen dem Geſchwätz von dem Fabrikbeſitzer Vorſchub leiſte, ſo fürchte ich, wird der Nutzen davon den Schaden, welchen ich Ihnen anthue, nicht auf⸗ wiegen. Als der Profeſſor geſtern mit mir ſprach, glaubte ich, jedes Wort von ihm enthalte die voll⸗ kommenſte Wahrheit, und beſchloß, Ihnen heute auf einige Zeit Lebewohl zu ſagen.“ „Und dem Fabrikbeſitzer den Sieg einzuräumen, welchen er ſicher zu gewinnen hofft?“ fiel Gerda ein⸗ Sie erzählte ihm nun in der Kürze von Ström⸗ bergs Brautwerbung und von dem feindſeligen Treiben, zu welchem Gerda's abſchlägige Antwort ihm Anlaß gegeben. Sie bewies Calle, daß jedes Wort des Fabrikbeſitzers von dem Verlangen diktirt war, ihr zu ſchaden und die einzige Stütze, welche ſie beſaß, zu rauben. Gerda war ſtolz und konnte nicht begreifen, daß derjenige, welcher an ſich rein und makellos ſei, durch die Vosheit ein anderes Ausſehen erhalten könne. Eine Nachgiebigkeit hierin wurde von ihr als Schwach⸗ heit betrachtet. Das Reſultat war, daß Calle ſeine Lektionen fort⸗ ſetzen ſollte. Wer war leichter zu überreden als er! Sie trennten ſich vor der Wohnung von Gerda, 85 nachdem ſie ſich gegenſeitig die Hand darauf gegeben hatten, ein paar treue Freunde zu bleiben. „Freunde!“ was für ein ſchönes Wort; wie manche haben ſich dadurch bethören, wie viele dadurch betrügen laſſen! XV. Als Calle ſich allein auf ſeinem Zimmer befand, dachte er über das Geſpräch mit Gerda nach, und es ſchien ihm dabei, als hätte ſie vollkommen Recht gehabt; aber es gab doch etwas, das ſein Herz be⸗ unruhigte. Er hatte ihr nämlich nicht Alles, was er von dem Profeſſor vernommen, mitgetheilt, näm⸗ lich, daß man behauptete, Calle trage das Seinige zum Unterhalt von Gerda und deren Mutter bei. „Wenn ſie das wüßte,“ ſprach Calle bei ſich,„ſo würde ſie die Fortſetzung meiner Lektionen nicht ge⸗ wünſcht haben. Ich hätte ihr Alles ſagen ſollen, aber wie war das möglich, ohne ſie zu verletzen?“ Calle verbrachte eine unruhige Nacht, voll quälen⸗ der Gedanken. Kaum war der Morgen angebrochen— es war ein Sonntag, ſo begab er ſich zu ſeinem Bruder, um mit ihm zu reden. Niſſe war nicht zu Hauſe, und Stina, welche gegen Calle einen größern Grimm als gegen irgend einen Menſchen empfand, kam ihm mit kreiſchender Stimme entgegen. „Herr Gott, haſt Du auch noch Zeit, hieher zu kommen? Biſt Du nicht bei deiner Schönen im Habichtsgäßchen? Du glaubſt vielleicht, man weiß 86 nichts davon, wie die Sachen ſtehen? Oho, die ganze ſüdliche Vorſtadt ſpricht davon, kann ich wohl ſagen, und man wundert ſich nur darüber, wie viel der Fabrikbeſitzer Dir wohl geben mag, daß Du ſeine Dame nimmſt, nachdem er ihrer müde geworden iſt. Pfui über das närriſche Geſindel. Ja, die Mamſell, ſie war gerade ſo ein feines Stück, und ich, ich habe ſo meine Gedanken auch von dem Vater. Aus Teufelseiern kommt nur eine Teufelsbrut; aber das ſage ich, geräth mir einmal die Ahrnell'ſche Dirne in den Weg, und wäre es auf offener Straße, ſo will ich ihr ſagen, wo ſie her iſt, ich.... 2 „Du wirſt ſchweigen!“ rief Calle mit funkelnden Augen und geballten Fäuſten.„Erfreche dich, mit deiner unſaubern Zunge noch ein einziges Wort von Gerda Ahrnell zu ſagen, und ich ſtehe nicht dafür, was ich thue.“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Niſſe trat ein. Stina ſtürzte auf den ältern Bru⸗ der zu und rief, Calle habe ſie zu mißhandeln ge⸗ droht. Dabei ſtieß ſie die gröbſten Schmähungen gegen Gerda aus. Wie Calle dieſen Sturm ver⸗ letzender Worte gegen Gerda aufgenommen haben würde, iſt zweifelhaft, wenn nicht Niſſe dazwiſchen getreten wäre, denn es ſah wirklich einen Augenblick aus, als ob Calle das kleine, boshafte Ungethüm zermalmen wollte. Niſſe hatte indeſſen Stina durch einen Macht⸗ ſpruch zum Schweigen gebracht und ſie aus dem Zimmer geſchafft. Als die beiden Brüder allein wa⸗ ren, ſtieß Calle mit Anſtrengung die Worte hervor: „Was ſoll das heißen, daß Stina auf ſo gemeine 87 Weiſe über Gerda Ahrnell herfällt? Von wem hat ſie dieſe niederträchtigen Geſchichten?“ „Das weiß ich nicht,“ erwiederte Niſſe,„und wüßte ich es auch, ſo biſt Du nicht in der Stimmung, daß es mir einfallen könnte, davon zu reden.“ „Niſſe!“ rief Calle ganz außer ſich,„Du machſt alſo gemeinſchaftliche Sache mit denen, welche ein armes, einſames und verlaſſenes Mädchen verleumden!“ Calle ſtürzte auf den Bruder zu, als wolle er gegen dieſen dem Zorne Luft machen, welcher in ihm kochte. „Nun, nun, Calle, nimm einen andern Leiſten ſtatt meiner zur Hand, wenn er in die groben Stiefel der Verleumdung paſſen ſoll,“ bemerkte Niſſe.„Be⸗ ruhige Dich vorerſt ein wenig, dann könnte es wohl geſchehen, daß ich Dir etwas ſagte, das ebenſo gut wäre, wie ein Paar neue Halbſohlen. Da, ſetz' Dich her, ſo wollen wir mit einander reden.“ Calle ſchämte ſich ſeiner Heftigkeit und reichte dem Bruder die Hand mit den Worten: „Stina hat mich verrückt gemacht.“ Er ſetzte ſich auf einen Stuhl, und ſagte, den Kopf auf die Hand ſtützend: „Seit vorgeſtern kenne ich mich ſelbſt nicht mehr.“ „Es geht ſchon vorüber, ſagte der Bauer, und fuhr in den Fluß hinein, ſo iſt es auch mit dieſem Unweſen hier, meinte Niſſe.„Du weißt wohl, Calle, wie viel Du mir von jeher geweſen biſt, und es iſt nicht anders geworden, nachdem Du mir aus dem verwirrten Handel, den es zwiſchen mir und Louiſe gab, herausgeholfen haſt.— Nun, vor einigen Tagen geſchah es, während ich hier ein Paar Stiefel 88 zuſchneiden wollte, daß die Geſellen draußen mit ein⸗ ander ſchwatzten. Ich gab nicht darauf Acht, was ſie ſagten, bevor ich einen von ihnen deinen und Mamſell Ahrnells Namen nennen hörte; und da ſpitzte ich die Ohren, beſonders da ſie mit einander zu kichern anfingen; was ſie ſagten, iſt einerlei, und es verlohnt ſich nicht der Mühe, davon zu reden; es war ſo nichtsnutzig, wie ein Paar abgetragene Ga⸗ loſchen. Die Worte lauteten jedoch kränkend für das Mädchen; und darum ging ich hinaus und fragte, woher ſie die Geſchichte hätten. Von Jungfer Stina, lautete die Antwort, und da ſie über ihren eigenen Bruder dergleichen Dinge ausſagte, meinten ſie, müßte es wohl wahr ſein. Ich rückte nun Stina auf den Hals, und das feſt. Sie wollte anfänglich nicht mit der Farbe heraus; endlich aber erfuhr ich, daß ein altes Weib, welches bei Frau Ahrnell in Dienſten ſteht und mit Stina bekannt iſt, bei dieſer nach dem Namen des Profeſſors ſich erkundigte, bei welchem Du arbeiteſt. Sie ſchwatzte dazwiſchen viel von den Ahrnells, rühmte das Mädchen, erzählte, daß Du oft hinkämſt u. ſ. w., lauter Dinge, welche Stina beſtimmten, dem Ganzen eine ihrer Bosheit entſprechende Deutung zu geben. Es wäre wohl nicht ſo gefähr⸗ lich geweſen, wenn nicht ein Herr, welchen Stina nicht kannte, ein paar Mal in der Dämmerung ſie angeſprochen und nach den Ahrnells gefragt hätte. Er theilte ihr mit, Ahrnell habe wegen Diebſtahls ſich aus dem Staube gemacht, ſeine Tochter werde von einem Fabrikbeſitzer unterhalten, welcher ſie nun Dir anſchwatzen wolle.— Ich beſchloß zuerſt Kund⸗ ſchaft einzuziehen, wer der Herr wäre, und Dir ſo⸗ 89 fort zu ſagen, was für ein Gerede ging, damit Du einer Verunglimpfung des Mädchens vorbeugen könnteſt. Eins, ſiehſt Du, Calle, iſt gewiß, nämlich, daß Du nicht mehr zu den Ahrnells gehen darfſt, im Fall Du nicht im Sinn haſt, Dich mit Gerda zu verloben. Du biſt einundzwanzig Jahre alt und ſie achtzehn. Ihr könntet in aller Ehrbarkeit als Brautleute ein⸗ hergehen, bis ihr zu heitathen im Stande ſeid. Dann gibt es für die Leute nichts mehr von euch zu reden. Willſt Du dich aber nicht an das Mädchen binden, ſo gehe nicht mehr hin, denn wenn Stina's und des Herrn Geſchwätz weiter um ſich greift, ſo iſt es mit ihrem Rufe nicht mehr viel werth, kann ich Dir ſagen. Leidet dieſer einmal Schaden, ſo geht es nicht mehr ſo leicht, ihn wieder herzuſtellen.“ Calle war es in ſeinem Innern, als ob die Worte des Bruders wie Feuer wirkten. Er bedurfte der Einſamkeit, um ſich Alles klar zu machen, was er empfand. Er entfernte ſich darum und verſprach Riſſe, was er geſagt hatte, ſich zu überlegen. Allein in ſeiner Kammer, kam er unaufhörlich auf Niſſe's Worte zurück:„Im Fall Du dich nicht mit dem Mädchen zu verloben gedenkſt.“— Niſſe hatte es demnach für etwas ganz Natürliches ange⸗ ſehen, daß er Gerda's Hand begehre, und ihm ſelbſt kam es unbegreiflich vor. Er hatte ſich niemals darüber Rechenſchaft gegeben, ob er Gerda liebe, oder ob es bloße Anhänglichkeit ſei, was ihn zu ihr hin⸗ zöge. Er gelangte indeſſen im Laufe des Tages zu einer klaren Auffaſſung davon. 90 XVI. Der Fabrikbeſitzer Strömberg ſaß in ſeinem Ka⸗ binet und rauchte ſeine Cigarre, während er ſeinen Nachmittagskaffee ſchlürfte und in einigen ausländi⸗ ſchen Zeitungen blätterte, als der Diener eintrat und ſeinem Herrn meldete, ein ſauber gekleideter Mann wünſche ihn zu ſprechen. Nach der Ausſage des Dieners ſah derſelbe wie ein ehrbarer Handwerker aus. Strömberg hatte gleich allen, bei denen es nicht rein im Gewiſſen iſt, eine unbeſtimmte Furcht vor jedem Beſuche eines Fremden. Er ließ indeſſen nie⸗ mals Jemand abweiſen, denn er raiſonnirte ſo: iſt es ein Menſch, der mir ſchaden kann, ſo dürfte es am beſten ſein, mich ſelbſt davon zu überzeugen und nicht der Möglichkeit auszuſetzen, daß er gegenüber von der Dienerſchaft ſich eine ungünſtige Aeußerung erlaube.— Dieſem Grundſatz zufolge gab er dem Diener Befehl, den Mann vorzulaſſen, ungeachtet es Sonntag wäre und er demnach mit Beſuchen ver⸗ ſchont bleiben ſollte.— Eine Weile darauf trat der Schuhmachermeiſter Niſſe Guſtavsſon zu dem Fabrikbeſitzer Pehr Ström⸗ berg ein. Niſſe machte eine höfliche Verbeugung und be⸗ gann, ſeine klare Augen auf den Fabrikherrn heftend: „Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich an einem Sonntagnachmittag da herkomme und Sie ſtöre; aber was ich zu ſagen habe, duldete keinen Aufſchub, und darum dachte ich, es wäre am beſten, das Eiſen ¹ S zu ſchmieden, ſo lange es warm iſt.— Ich heiße Guſtavsſon, wohne in der ſüdlichen Zollpfortenſtraße, und bin Schuhmacher.“ Niſſe ſchwieg und blickte den reichen Herrn an, um zu ſehen, ob ſeine Worte einigen Eindruck machten. „Ah, nun erinnere ich mich. Sie wohnten früher in der Bauerngaſſe und nahmen es auf ſich, in meinem Auftrage für Ahrnells Frau, welche krank war, Sorge zu tragen. Paſtor Z. hat mir zu ſeinen Lebzeiten noch geſagt, daß Sie die Geldmittel, welche ich Ihnen für die arme Frau gab, in ſeine Hände niedergelegt hätten.“ Der Fabrikherr ſchaute den geringen Schuhmacher mit herablaſſender Freundlichkeit an. „Sie ſind ein achtungswerther Mann, hat man mir geſagt,“ fuhr er fort,„und wenn ich für Sie Etwas thun kann, ſo....“ „Für mich braucht nichts gethan zu werden,“ fiel Niſſe ihm ins Wort;„ich habe ein paar geſunde Arme, Arbeit und ein gutes Handwerk; alſo erſcheine ich nicht, um für mich etwas zu erbitten, ſondern es ge ſchieht um Anderer willen, daß ich mich hier einfinde.“ „Nun, ſo laſſen Sie hören; es iſt mir immer lieb, wenn ich helfen kann.“ „Es handelt ſich, Herr Fabrikbeſitzer, eigentlich nicht darum, Jemand zu unterſtützen, ſondern viel⸗ mehr, ihn nicht zu Fall zu bringen. Sie ſind ein reicher Mann, aber ſo iſt es nicht immer geweſen, und Sie müſſen darum Achtung vor denen hegen, welche durch Arbeit ſich fortzubringen ſuchen.“ „Das thue ich auch,“ fiel der Fabrikbeſitzer ein, 92 und bin immer bereit, einem betriebſamen Manne beizuſtehen.“ „Hm, hi,“ ſtammelte Niſſe, während er ſeine Augen immer feſter und beharrlicher auf Strömberg heftete. Er fühlte ſich augenſcheinlich von deſſen Art und Weiſe etwas genirt; aber zugleich war nicht zu verkennen, daß er den feſten Entſchluß geſaßt hatte, ſich nicht abhalten zu laſſen, die Wahrheit auszuſprechen. Nachdem er ein paar Sekunden in Verlegenheit da⸗ rüber, wie er die Sache anfangen ſollte, geſchwiegen hatte, begann er ganz freimüthig: „Der Zweck, warum ich eigentlich hier bin, iſt, den Herrn Fabrikbeſitzer zu bitten, von Frau Ahrnells Mann und Tochter hinfort meiner Schweſter, der buckeligen Stina nichts mehr vorzuſchwatzen.“ „Wer, ich?“ rief Strömberg mit gutgeſpieltem Erſtaunen. „Ja, mit Verlaub, Sie, Herr Fabrikbeſitzer. Stina iſt bösartig und redet gern Schlechtes von den Leuten. Wenn man derſelben etwas ſagt, kommt es gleich herum, und es kann nicht Ihre Abſicht ſein, ſchlechte Gerüchte über das Mädchen auszuſprengen. Sie wiſſen ſelbſt wohl, daß nichts Wahres daran iſt, wenn man ſagt, ſie.... Riſſe hielt an; ſeine Augen ſchoßen Blitze, und er that ſich Gewalt an, um von dem Zorn, der in ihm aufſtieg, nicht fortgeriſſen zu werden. „Sind Sie von Sinnen, Burſche, daß Sie be⸗ haupten, ich habe mit Ihrer Schweſter von der Tochter der Näherin Ahrnell geſprochen? Glauben Sie, daß ein Mann, wie ich, ſich damit befaßt, der⸗ 93 gleichen Perſonen aufzuſuchen, um arme Leute zu verleumden?“ „Ich glaube nicht etwas, ſondern ich weiß, was ich ſage,“ fiel Niſſe mit unerſchütterlicher Sicherheit ein.„Als Sie geſtern mit Stina ſprachen, ſtand ich unter der Thüre und horchte. Ich vermochte Ihr Geſicht nicht zu ſehen, aber ich erkannte Ihre Stimme. Ich hatte beſchloſſen, ausfindig zu machen, wer der nied⸗ rige Verleumder von des Mädchens Ehre ſei. Sie trennten ſich von Stina und ich folgte Ihnen bis hieher an die Thüre. Als Sie eingetreten waren, fragte ich den Portier, wer der Herr ſei, den er eben eingelaſſen habe. Er ſagte mir, es ſei der Fabrik⸗ beſitzer Strömberg, und ich nahm mir nun vor, ein Wörtchen mit Ihnen zu ſprechen; aber zuvor hatte ich noch Verſchiedenes ins Reine zu bringen, und bin nun hier erſchienen, um Ihnen die beſtimmte Erklä— rung abzugeben, daß, wenn der Fabrikbeſitzer nicht verſpricht, Mamſell Ahrnell mit ſeinen gemeinen Redensarten in Frieden zu laſſen, ich mich gezwungen ſehe, das was ich von dem frühern Schiffskapitän Strömberg weiß, auszuſagen, und ſehen Sie, deſſen iſt ſo viel, daß Alles davon aufgewogen wird, was man über ein junges Mädchen zuſammendichten kann.“ Strömberg ſprang auf, ſeine grauen Augen wurden grün und Etwas von der Grauſamkeit der Katze leuchtete daraus hervor. „Was? Sie wagen zu drohen, wagen mich an⸗ zuklagen, und zwar in meinem eigenen Hauſe? Trei⸗ ben Sie es nicht weiter, das ſage ich, ſonſt könnte es wohl geſchehen, daß ich Sie zur Thüre hinaus⸗ werfen laſſe. Was ſind das für gemeine Geſchichten, 94 womit Sie mir daher kommen? Hoffen Sie Geld damit zu erpreſſen, daß Sie den Spion hinter mir machen? Aber glauben Sie nicht, daß es Ihnen ge⸗ lingen wird. Für ſolche Genieſtreiche gibt es die Polizei, und wenn Sie ſich nicht ſogleich packen, ſon „So werden Sie mich ſchon noch hier ſtehen und ausſprechen laſſen, was ich auf dem Herzen habe, und ſich ſogar entſchließen, in meine Forderungen zu willigen,“ fiel Niſſe ein;„im andern Fall brauche ich blos zu wiederholen, was ein gewiſſer Storm von dem 1. Mai 18— weiß.“ Der Fabrikbeſiter, welcher den Augenblick zuvor Ton und Haltung eines Beleidigten angenommen hatte, erbleichte und ſank in den Fauteuil zurück. „Storm iſt nicht geſtorben, wie Sie hoffen; er lebt und kann ſomit erzählen, wie Sie gleich dem Satan einen armen Wicht verleiteten, Mord und Diebſtahl zu begehen, und hernach den Raub mit ihm theilten. Es geht darum nicht wohl, daß Sie alten Klatſchweibern und dergleichen Volk erzählen, Ahrnell ſei ein Dieb; denn es könnte leicht geſchehen, daß ich ſagte, wer ihn dazu gemacht hat. Sie müſſen, Herr Fabrikbeſitzer, eidlich geloben, weder mit Worten noch Werken Ahrnells Tochter ſchaden zu wollen, darum, weil ſie nicht Ihre Frau werden will. Sie ſollten wenigſtens ſo viel Gewiſſen haben, um nicht von dem Mädchen zu verlangen, daß ſie den Mann heirathe, der ihren Vater zum Verbrecher ge⸗ macht hat. Sollten Sie ſich weigern, mir die Zuſage zu geben, die ich fordere, oder auf irgend eine Weiſe ihr ein Leid anzuthun ſuchen, ſo dürfen Sie über⸗ —— 95 zeugt ſein, daß die Hengelſche Mordgeſchichte nach Verfluß von neun Jahren wieder aufgefriſcht werden ſoll, und wenn Sie auch nicht von dem Gericht verur⸗ theilt werden, ſo iſt doch ſicherlich Ihr Anſehen von Grund aus zerſtört.— Jetzt habe ich meine Ge⸗ danken ausgeſprochen und erwarte, daß Sie mir Antwort geben. Wollen Sie mir geloben, das Mäd⸗ chen in Frieden zu laſſen, kein Wort über den Vater zu äußern, überhaupt zu thun, als ob weder Ahr⸗ nells Frau noch Kind exiſtirten, ſo verſpreche ich meinerſeits, daß Sie von Storm nichts zu beſorgen haben ſollen. Strömberg war mit der Hand über den Augen dageſeſſen und hatte lauernde Blicke auf Niſſe ge⸗ worfen. Mit ſeiner natürlichen Verſchlagenheit über⸗ legte er ſich die Sache und erkannte ſogleich, welche ſchmählichen Folgen es haben könnte, wenn die Hengelſche Mordgeſchichte wieder aufgenommen würde. Er berechnete in einem Augenblick alle Gefahren davon und es konnte ihm nicht verborgen bleiben, daß es dann mit der Achtung, deren er jetzt genoß, plötzlich aus und vorbei wäre. Beſſer alſo, dem drohenden Unheil aus dem Wege zu gehen und bis auf Weiteres auf eine zwangsweiſe Erlangung von Gerda's Hand zu verzichten. Dieſer Zweck konnte leichter wieder aufgenommen werden, wenn er Zeit gefunden hatte, ſich Riſſe vom Halſe zu ſchaffen und auszuforſchen, wo Storm ſich befände, um dieſen ſo⸗ fort unſchädlich zu machen. Strömberg verwünſchte ſeine Unbedachtſamkeit, ſich mit Stina in ein Geſpräch eingelaſſen zu haben. Unter dem Einfluß der durch Gerda erregten Leiden⸗ 4 96 ſchaft war er von ſeiner gewöhnlichen Vorſicht ganz abgewichen. Jetzt blieb nichts übrig, als auf die Bedingungen einzugehen, welche ihm von Niſſe ge⸗ ſtellt wurden, und es kam nur darauf an, dieß ſo zu thun, daß es das Ausſehen hatte, als ob es nie⸗ mals in Strömbergs Abſicht gelegen wäre, Gerda irgend etwas zu Leide zu thun. Seine Antwort ſiel alſo auch demgemäß aus. „Ich verſtehe Ihre Drohungen nicht,“ ſagte er, „und es liegt mir auch nichts daran, in deren Sinn einzudringen; was ich dagegen verſtehe, und worauf ich mit Vergnügen eingehe, iſt ſoviel als daß ich auf keine Weiſe Mamſell Ahrnell ſchaden will. Sie haben mein Wort darauf, und das breche ich niemals. Ich werde gern ſo thun, als ob weder ſie noch ihre El⸗ tern in der Welt wären, im Fall dieß ihr von eini⸗ gem Nutzen ſein kann.“ Der Fabrikbeſitzer ging in ſeiner Herablaſſung ſo weit, daß er dem Schuhmacher die Hand reichte. Dieſer nahm ſie jedoch nicht an. „Ich will bis auf Weiteres an Ihr Wort glau⸗ ben, entgegnete Niſſe,„und bedarf Ihres Hand⸗ ſchlages nicht; das wäre gar zu viel. Sie und ich, wir ſtehen auf allzu verſchiedenen Seiten im Leben, als daß wir einen Händedruck austauſchen könnten. Meine Hand iſt grob und rauh von der Arbeit; die Ihrige iſt fein und weich. Die meinige hat nie ge⸗ wußt, daß ſie zu etwas Anderem, als ehrlicher Arbeit dienen kann; die Ihrige hat an allzu vielen Hand⸗ lungen ſich betheiligt, welche das Tageslicht nicht ver⸗ tragen. Sie haben damit Geld geſammelt, welches auf minder redliche Weiſe in Ihren Beſitz kam; Sie — — 97 haben die Arbeit verachtet und durch andere Mittel zu Reichthum und Ehre zu gelangen geſucht. Ihre weiße Hand iſt beſchmutzt worden, die meinige iſt rein geblieben. Ich habe mein Brod im Schweiße meines Angeſichts verdient und niemals höher geſtrebt, als mir mein Auskommen zu erwerben und mein Ge⸗ wiſſen unbeſchwert zu erhalten. Meine Fauſt gehört ſomit dem redlichen Arbeiter, welcher zu ſtolz iſt, um damit die Hand eines reichen Mannes zu drücken, der das Vermögen, das er beſitzt, mit dem Ver⸗ luſt ſeiner Ehre bezahlt hat. Jetzt, Herr Fabrik⸗ beſitzer, können wir ſcheiden. Sie können meinet⸗ halben ruhig leben, ſo lang Sie Ahrnells Tochter in Frieden laſſen.“ Niſſe machte einen Kratzfuß und entfernte ſich, ohne daß der Fabrikbeſitzer auf die von demſelben zwiſchen beiden gezogene Parallele eine Antwort zu geben wußte. XVII. „ Am Montag Abend, nachdem Frau Ahrnell von ihrer Tochter zu Bette gebracht worden war, kam die alte Sjöberg zu Gerda herein, mit einem Brief in der Hand, welchen ihrer Ausſage nach Herr Guſtavsſon an ſie abgegeben hatte. Die Alte, von Natur wohl⸗ wollend, obwohl zum Schwatzen geneigt und froh, wenn ſie einen Stüber erlangen konnte, wenn es auf ehrliche Weiſe geſchah, hegte für Gerda keinen ge⸗ ringen Grad von Anhänglichkeit. Sie hatte es ſich Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. I. 98 auch in ihrem Kopf ausgemacht, daß Gerda und Calle ein Paar werden ſollten, und als ſie nun das Schrei⸗ ben von Calle übergab, lächelte ſie in ſich hinein und dachte: „Wir wollen nun ſehen, ob es nicht geht, wie ich immer glaubte, und die Leutchen ſich zuſammen⸗ thun. Ich möchte nur wiſſen, was die boshafte Stina, die immer ſo viel zu prophezeien hat, dazu ſagen wird. Ein ſchreckliches Weibsbild iſt ſie ſchon, und Gott be⸗ wahre einen armen ſündigen Menſchen vor einer ſolchen Zunge wie die ihrige. Ich will ſchon mit ihr ausfahren, wegen des Geſchwätzes von ihrem Bruder und dem Mädchen hier; denn ſeitdem ich ſie nach dem Namen des Profeſſors fragte, iſt ſie ganz be⸗ ſeſſen, aber wir werden eines ſchönen Tages wohl noch mit einander ſprechen.“ Während die Alte in dieſem Selbſtgeſpräch ſich erging, öffnete Gerda das ihr eingehändigte Schreiben. Es war etwas Beſonderes, daß Calle ſchrieb, da er doch, ſo oft er wollte, mit ihr ſprechen konnte. Der Brief lautete: „Ungewohnt, meine Gedanken und Empfindungen in Worte zu kleiden, habe ich mich entſchloſſen, ſie ſchriftlich Ihnen auszudrücken. Gewiß werden Sie meine Handlungsweiſe richtig auffaſſen und mein Inneres verſtehen, wenn ich mit klopfendem Herzen die Worte niederſchreibe: Gerda, ich liebe Sie. „Ja, ich liebe Sie; aber nicht wie der Künſtler ſein Traumbild, nicht wie der Dichter ſeine Illuſionen, ſondern wie der Mann die Frau, welche er verehrt, anbetet und vor Allem am höchſten bewundert. „Ohne daß ich darüber reflektirt habe, ſind Sie „ ————— Natur meiner Gefühle für Sie gelebt haben, wenn 99 in der letztverfloſſenen Zeit ein weſentlicher Theil meiner Seele geworden, der mir bis dahin gefehlt hat. Ich habe keine Freude als Menſch und als Künſtler anders als durch Sie zu fühlen vermocht, und es war mir ein werthes Bedürfniß, Sie in die⸗ ſelbe Welt einzuführen, in welcher ich lebte und meine größten Genüſſe fand. „Sie ſind nicht eine Offenbarung aus dem idealen Leben; Sie ſind weit mehr. Sie ſind eine Wirklich⸗ keit, und ich finde es unmöglich in meinen Gedanken, Sie von meiner Exiſtenz zu trennen. Allzu jung und allzu geneigt, in dem Augenblick und für den⸗ ſelben zu leben, ſah ich in Ihnen von meinem den⸗ kenden und fühlenden Menſchen den beſten Theil, ohne daß ich mich fragte: „Liebſt du ſie? „Ich bin einundzwanzig Jahre alt. Ich habe nur für die Kunſt gelebt. Ich habe nur ein Weſen geliebt, bevor ich Sie ſah; aber nicht mit dem Herzen, ſondern mit der Phantaſie. Sie war eine Offen⸗ barung des Ideals, welchem ich Form geben wollte; ſie war die Inſpiration in den Jdeen, welche unent⸗ wickelt in mir lagen; ſie war mit kurzen Worten die Seele in dem Schöpfungstriebe des Künſtlers. Aber dem Gedanken an ſie geſellte ſich keine Vorſtellung von Glück, Freude und Seligkeit hier auf Erden bei. Sie war ein Traum, keine Frau, die ich liebte, an deren Seite ich hätte leben mögen, um ſterbend zu deren Füßen ihren Namen zu ſegnen. Dieß, Gerda ſind Sie. „Noch lang würde ich in Unkenntniß über die 100 nicht andere Menſchen in den Gang der Ereigniſſe eingegriffen und die Entwicklung der Leidenſchaft, welche mich an Sie feſſelt, beſchleunigt hätten. „Es war die Bosheit der Welt, in welcher wir leben, die mir zeigte, wie ich Sie von ganzer Seele anbetete. „Gerda, wenn in Ihrer Bruſt einige Neigung zu mir ſich findet, wenn Ihr Herz ein Gefühl birgt, welches ſich Zärtlichkeit nennen läßt, ſo fragen Sie ſich ſelbſt, ob Sie glauben, daß Sie eines Tags mich lieben können, ob Sie glauben, im Stande zu ſein, an meiner Seite ein Daſein voll wechſelnder Geſchicke zu verleben und mit mir auf der Bahn der Kunſt zu arbeiten und vorwärts zu ringen. Sagt Ihr Herz, daß Sie das vermögen, dann geben Sie mir ihr Jawort und laſſen Sie uns vor der Welt bekennen, daß wir eines Tags, wenn unſere ökonomiſche Verhältniſſe es geſtatten, unſer Schickſal vereinigen werden. „Als meine Verlobte geben Sie mir das Recht, Sie zu beſchützen'und zu vertheidigen und vor der ganzen Welt Ihnen alle die Zärtlichkeit, Liebe und Bewunderung, welcher mein Herz fähig iſt, zu weihen, ohne daß die Bosheit es wagen darf, Ihren Ruf noch ſo leiſe anzutaſten. Noch kann und darf ich dieß nicht thun, ſondern muß, im Fall wir das Ge⸗ lübde der Treue nicht austauſchen, ſelbſt darauf ver⸗ zichten, Sie zu ſehen. „Ich will in einer Angelegenheit, wo Ihr Gefühl allein den Ausſchlag geben muß, mich nicht aufs Bitten verlegen. Ich beſchwöre Sie, verſtoßen Sie mich nicht, wenn Sie glauben, daß Sie eines Tags mich lieben können. Wie auch Ihre Antwort aus⸗ fallen mag, ob unſere Wege ſich trennen oder ver⸗ 101 einigen werden, ſo verbleibe ich unter allem Wechſel und bis in den Tod „Ihr ergebener „Carl Guſtavsſon.“ Ihr jungen Mädchen alle, die ihr Worte der Liebe leſet oder höret, welche von Jemand an euch gerichtet ſind, den ihr hochſchätzet, den ihr ſehr gut leiden könnet, aber doch nicht liebet, ihr vermögt zu faſſen und zu verſtehen, was Gerda empfand. Sie konnte ihrem eigenen Herzen nicht untreu werden, welches an Richard gefeſſelt war. Mochte es auch ſein, daß er ſie vergeſſen hatte, daß er eine andere liebte, daß ſein Gefühl für ſie nur die flüch⸗ tige Gluth des Augenblicks geweſen,— dieß war etwas, das auf Gerda's Handlungen nicht einwirken konnte. Sie liebte ihn, und hatte aus Liebe zu ihm es über ſich vermocht, zu entſagen. Eben darum, weil ihr Gefühl über allen Egoismus jetzt wie ehmals erhaben war, vermochte ſie demſelben nie untreu zu werden. „Das Glück, Richard anzugehören, war mir nicht beſcheert; das Glück, ihn bis zu meinem letzten Athem⸗ zug zu lieben, ſoll mir verbleiben,“ dachte Gerda. „Ich kann nie einem Andern mein Herz ſchenken; und könnte ich es auch, ſo wollte ich es nicht. Er war meine erſte, und ſoll meine einzige Liebe bleiben, und wenn wir einander einmal im Leben begegnen, ſo will ich ihm zurufen: als ich noch ein Kind war, bateſt Du mich, deiner zu gedenken; ich verſprach es und habe niemals aufgehört, Dich zu lieben.“ So hatte Gerda während der verfloſſenen Zeit gedacht; ſo dachte ſie noch jetzt, als ſie mit einem tiefen Seufzer Calle's Brief wieder zuſammenfaltete. 102 Sie wußte, daß ſie dem theilnehmenden Freunde Lebewohl ſagen müſſe, daß er nicht wiederkehren würde, um mit ſeinen Geſprächen, ſeinen Lektionen und Schil⸗ derungen der Zukunft ihr die Gegenwart zu erheitern und die Schatten, welche über ihrem Leben ausge⸗ breitet waren, in Vergeſſenheit zu bringen. Aber ſie mußte entſagen; ſie konnte ſeine Verlobte nicht werden; konnte ihm nicht eine Hand zuſagen, welche nicht von ihrem Herzen begleitet war, und ſomit ging es zu Ende mit Allem, was geweſen. Sie ſchrieb: „Meine Anhänglichkeit an Sie, Carl, iſt groß, ſie iſt die einer Schweſter; aber nicht von der Art, um mich vergeſſen zu machen, daß mein Herz unwider⸗ ruflich an einen Andern Sſe iſt. Mit dieſer Er⸗ klärung, Carl, habe ich Alles geſagt. Sie enthält die Antwort auf Ihr Begehren meiner Hand und meiner Liebe. „Sie ſollen aber deßhalb nicht der Betrübniß Raum geben, nicht um den Verluſt eines Glückes ſich grämen, welches nur in der Einbildung lag; ſondern Sie ſollen alſo denken: ein Künſtler muß frei ſein, frei von allen Banden, welche mit ſo viel weltlichen Sorgen vereint ſind. Seine Gattin iſt die Kunſt, ſeine Familie bilden die Kunſtwerke, und ſein Glück beſteht in ſeiner Arbeit. „Sie ſind jung, Sie lieben mich und glauben, Ihr Glüc liege in dem Beſitz von mir. „Sie haben Unrecht dieß zu glauben. „Einmal von den Pflichten gebunden, welche Sie jetzt ſo bereitwillig ſich aufzulegen geneigt ſind, würden dieſelben in der Zukunft ſich zu Feſſeln geſtalten, L welche einen ſchweren Druck auf Sie ausüben müßten, ſo daß Ihr Genius nicht den Flug nehmen könnte, welcher für einen großen und ausgezeichneten Künſtler ſo nothwendig iſt. „Sie ſtehen auf den erſten Stufen der Leiter, welche zu Ruhm und Ehre für Sie führen wird. Knüpfen Sie Ihr Geſchick an eine Frau, und Sie werden auf demſelben Platze bleiben, wo Sie jetzt ſtehen. „Sie ſagen, wir werden gemeinſam arbeiten. „Arbeit iſt der Vortheil des Lebens, Arbeit iſt des Menſchen Größe; aber machen Sie nicht die Arbeit der Kunſt zu einem peinlichen Kampf mit der Noth, laſſen Sie nicht die blaſſe Armuth mit ihren verzerrten Zügen an der Seite des Modells Platz nehmen, welches Sie in Marmor aushauen wollen; denn Sie werden dann Gefahr laufen, niemals das wieder geben zu können, was Sie ſich am ſchönſten gedacht und geträumt haben. „Die Noth in Geſtalt einer kranken Frau, eines ausgehungerten Kindes iſt etwas Entſetzliches. Von ihr thut der Künſtler nichts ein, was ihn zu Ruhm und Unabhängigkeit erheben kann, ſondern wird von jenen unheimlichen Bildern in den Abgrund der Sünde und des Verbrechens hinabgezogen. „Bleiben Sie frei; bleiben Sie Künſtler, lieben Sie Ihre Ideale, Ihre Traumbilder; aber lieben Sie nicht eine Frau ſo, daß Sie ſich an dieſelbe zu feſſeln begehren. Sie werden ſich dann nur die eigene Bahn verſperren und ſich nicht zu einem Arbeiter in der Kunſtwelt, ſondern zu einem Arbeiter für des Tages Nothdurft verwandeln. 104 „Gedenken Sie der Armuth, welche Sie als Kind durchzumachen hatten; gedenken Sie des Gemäldes von Elend und bitterer Noth, welches die Wohnung meiner Eltern damals darſtellte, und vergeſſen Sie nicht, daß es dieſe Noth war, welche meinen Vater in einen kalten und gleichgültigen Menſchen verwan⸗ delte und Frau und Kind, unbekümmert um deren künftiges Schickſal, zu verlaſſen beſtimmte. „Und nun, Carl, das Gelübde meiner ſchweſter⸗ lichen Freundſchaft lege ich Ihnen hiemit ab; aber reden Sie nicht von Liebe. Ich habe eine ſolche nicht zu geben und bitte Sie, verſuchen Sie es, nur mit der Anhänglichkeit eines Bruders zu denken an „Gerda.“ XVIII. Am nächſten Morgen wurde Frau Sjöberg mit dem Briefe an Calle abgeſandt. Sie wurde in das Atelier gewieſen, aber der junge Künſtler war nicht da; der Profeſſor forderte ſie auf, den Brief zurück⸗ zulaſſen, und verſprach, ihn an Herrn Guſtavsſon zu überliefern, wenn er nach Hauſe käme. Es war Frau Szöberg allerdings verboten wor⸗ den, den Brief an Jemand anders als Calle abzu⸗ geben, aber ſie glaubte, nicht wohl anders als nach den Worten des Profeſſors thun zu dürfen, und ſo ließ ſie alſo denſelben in ſeinen Händen. Der alte Künſtler hatte nicht gefragt, von wem er wäre. Der erſte Blick auf die Adreſſe war ihm 105 genug geweſen, um ihm Gewißheit darüber zu ver⸗ ſchaffen, daß er von ſeiner Abſchreiberin kam. Als ihm Frau Sjöberg aus dem Geſicht war, drehte er den Brief um, begierig zu ſehen, wie er zuſammengelegt worden, und ob es nicht möglich ſei, von dem Inhalt deſſelben, ohne ihn zu erbrechen, ſich Kenntniß zu verſchaffen; dieß ging jedoch nicht wohl an. Der Brief war mit einer Oblate verſchloſſen und auf dieſe ein Fingerhut gedrückt worden. Schneider erinnerte ſich, während er die Adreſſe betrachtete, an Alles, was der Fabrikbeſitzer Ström⸗ berg geſagt hatte, beſonders daß Calle theilweiſe das Mädchen unterhalte; und nun erwachte der Argwohn des Profeſſors. Wenn dieſe Behauptung gegründet wäre, woher bekam Calle die Mittel dazu? Es konnte doch immer⸗ hin möglich ſein, daß er heimlich von des Profeſſors Modellen Kopien nahm und dieſelben in der Stille verkaufte. Wenn der Brief, welchen der Profeſſor in der Hand hielt, ihm hierüber einigen Aufſchluß geben würde?“ Schneider hatte nach dem Beſuch bei Gerda viel an ſie gedacht. Er wäre geneigt geweſen, für die Entwicklung ihrer Anlagen etwas zu thun, allein mancherlei Umſtände hatten ihn übel geſtimmt, und vor Allem, daß er ſeinen eigenen Lebenserfahrungen nach die Möglichkeit einer uneigennützigen Freund⸗ ſchaft zwiſchen zwei jungen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts nicht begreifen konnte; er ſah darin viel⸗ mehr nur ein Verhältniß minder reiner Natur. Viel— leicht ärgerte es ihn auch, daß ſeiner Ueberzeu⸗ gung nach Calle eine Geliebte von ſolcher Schönheit 106 haben ſollte. Genug, er glaubte, nichts für das junge Mädchen thun zu können, im Fall ſie wirklich auf dem Fuß mit ſeinem Schüler ſtand, welchen Strömberg angedeutet hatte, und welchen der Pro⸗ feſſor, nachdem er geſehen, wie ſchön Gerda war, für eine ausgemachte Sache hielt. „Allerdings intereſſire ich mich für jedes nutz⸗ bringende Talent,“ dachte der Profeſſor,„aber doch nicht in dem Grade, daß ich der Geliebten meines Schülers vorwärts helfe. Es bedarf noch reiflicher Ueberlegung, ehe ich etwas thue, und ich will ver⸗ ſuchen, mir von dem Mädchen ſelbſt Aufklärung über das Verhältniß mit Guſtavsſon zu verſchaffen.“ So hatte Schneider raiſonnirt. Jetzt kam der Vrief und verſchaffte dem nicht ſehr ſcrupulöſen Mann die Gelegenheit, mit einem Mal über das, was er wünſchte, ins Reine zu kommen. Nachdem er die Oblate unterſucht hatte, befeuchtete er ſie vorſichtig, und es gelang ihm nach einer kleinen Weile den Brief auf eine Weiſe zu öffnen, daß es nachher leicht möglich wurde, jede Spur von dem, was geſchehen war, zu verwiſchen und Calle auch nicht zu dem leiſeſten Argwohn Anlaß zu geben. Als er den Brief geleſen hatte, murmelte er: „Ein Teufelsmädchen, wie das ſich ausdrücken kann. Und die iſt bis zu ihrem achtzehnten Jahre Näherin geweſen. Unbegreiflich! Noth und Mangel haben hier nichts vermocht, wie ich merke. Sie ſcheint indeſſen ſo reich begabt zu ſein, daß....“ Der Profeſſor vollendete ſeinen Satz nicht, ſon⸗ dern legte den Brief wieder zuſammen, verſchloß ihn 5 v 107 ſorgfältig, legte ihn auf das Piedeſtal von Calle's Modell und verließ das Atelier. Tag's darauf erſchien Calle nicht in dem Atelier, und als es Mittag wurde, ohne daß der junge Mann ſich ſehen ließ, beſchloß der Profeſſor, ſich zu erkun⸗ digen, ob er zu Hauſe wäre. Er lag auf ſeinem Bette und befand ſich unwohl. Zwei Tage darauf hatte die Krankheit ſo überhand genommen, daß er ſeinem eigenen Wunſche gemäß in das Krankenhaus gebracht wurde. Er hatte ſich eine ſchwere Bruſtentzündung zuge⸗ zogen, wahrſcheinlich in Folge von Erkältung oder heftiger Gemüthsbewegung. Calle gehörte zu den Menſchen, welche zwar mit einem friſchen und geſunden Körper begabt ſind, aber wegen ihres ſanguiniſchen Temperaments und der ungewöhnlichen Erregbarkeit des Bluts große Neigung zu Inflammationskrankheiten beſitzen. XIX. Drei Tage waren vergangen, ſeitdem Gerda den Brief abgeſchickt hatte, ohne daß ſie etwas von Calle vernahm. Das junge Mädchen war in großer Unruhe. Ihre lebhafte Einbildungskraft ſpiegelte ihr tauſend unheimliche Scenen vor, welche ihre abſchlägige Ant⸗ wort bei Calle zur Folge gehabt haben mochte. Vielleicht hatte er in der Verzweiflung ſich ein Leid angethan; vielleicht hatte er ſich eine Kugel 108 vor den Kopf geſchoſſen; vielleicht war er in die weite Welt gegangen, um nie wieder heimzukehren. Als der dritte Tag zu Ende ging, ohne daß irgend eine Nachricht erfolgte, beſchloß Gerda am nächſten Morgen zu Niſſe zu gehen und bei ihm ſich zu erkundigen, wie es mit Calle ſtände. Sie war eben darüber mit ſich ins Klare gekommen, als Frau Sföberg mit einer Flaſche Waſſer eintrat. Die Alte ſah düſter⸗geheimnißvoll aus, blinzelte unaufhörlich mit dem einen Auge und machte eine ausdrucksvolle Bewegung mit dem Kopf nach der Küchenthüre hin. Gerda verſtand, daß ſie ihr etwas zu ſagen hatte, womit ſie Marianne nicht beunruhigen wollte. Nachdem die Alte die Betten zurecht gemacht hatte, legte Gerda ihre Arbeit bei Seite und ging hinaus. In der nächſten Sekunde war jene gleichfalls in der Küche. „Ach mein himmliſcher Vater, liebe Mamſell Gerda, wie ſchlimm es mit dem jungen Guſtavsſon ſteht,“ begann die Alte, welche der Verſuchung, ſich ein wenig tragiſch zu geberden und ihrer Erzählung einen gewiſſen Charakter des Großartigen zu geben, nicht widerſtehen konnte. „Was iſt ihm geſchehen?“ rief Gerda und wurde ſo bleich, daß die Alte in der Beſorgniß, ſie möchte in Ohnmacht fallen, auf ſie zueilte. „Er liegt im Krankenhaus,“ fuhr ſie ruhiger fort, als es nicht bis zu der Ohnmacht kam. „Im Krankenhaus?— Und warum?“ „Er wurde heute morgen dorthin gebracht, und man ſchätzt ihm nicht mehr viel; man glaubt, daß er 109 fort muß, denn er hat ſo eine Lungen⸗Infuſion oder Inmagination, wie man es heißt. Er wurde den Tag, nachdem ich mit dem Briefe dort geweſen, krank, und Sie glauben nicht, Mamſell Gerda, wie ſein Bruder es ſich zu Herzen nahm. Er war eben hier und ſagte mir, ich ſollte es der Mamſell melden, und bat mich, Ihnen mitzutheilen, daß er morgen einen Augenblick hereingucken würde, da er ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen hätte. Gerda konnte ſich unmöglich des Gedankens er⸗ wehren, der Brief ſei die Urſache von Calle's Krank⸗ heit, und fühlte ſich ſo beklemmt, daß ſie gerne durch Thränen ſich Luft gemacht hätte, wenn ſolche ihr zu Gebot geſtanden wären. „Ich kann mir wohl denken, daß es ihnen ins Herz greift, Mamſell Gerda,“ ließ ſich die Szöberg weiter vernehmen,„und das ſage ich, einen beſſern Burſchen, als der junge Guſtavsſon iſt, ſuchen Sie weit und breit vergeblich, ſo ehrlich und beſcheiden, wie er immer geweſen iſt. Sie können nicht glauben, Mamſell, wie ſchön er letzten Sonntag mit mir redete, als er von ſeinem Bruder kam, und die gottloſe Stina dieß und jenes von Ihrem Vater geſprochen hatte, was nicht zum beſten lautete. Wiſſen Sie, was Herr Guſtavsſon mir ſagte? Ja, ſo iſt es. Frau Szöberg, ſagte er,„Sie iſt eine allzu ver⸗ ſtändige Perſon, als daß Sie Stina's ſauberen Ge⸗ ſchichten von Herrn Ahrnell Glauben beimeſſen ſollte. Ich kenne die Ahrnell's ſchon von Alters her,“ ſagte er weiter,„und ich weiß, doß alles Lug und Trug iſt, was Stina ſchwatzt, und darum bitte ich Sie, Frau Sjöberg, rede Sie nicht weiter aus, was Sie 110 gehört hat, das muß Sie mir verſprechen. Und ich verſprach es ihm auch, und das ſage ich, daß ich nicht diejenige bin, welche wiederholt, was Stina er⸗ zählt, nämlich, daß Ihr Vater, Mamſell Gerda, ſich aus dem Staube gemacht habe, weil er im Komplot mit dem Matroſen an dem Kämmerer Hengel Mord und Diebſtahl begangen. Nein, von ſolchen Dingen glaube ich nichts, und thäte ich es auch, würde ich es doch nicht ausſchwatzen; dazu habe ich Mamſell Gerda und Herrn Guſtavsſon viel zu lieb.“ „Die Miſſethaten der Väter werden an den Kin⸗ dern geſtraft,“ dachte Gerda und ließ den Kopf ſinken, wie niedergedrückt von den Worten des gutmüthigen, aber gedankenloſen Weibes. Sie beſaß nicht die Kraft, ihr Schweigen zu gebieten; ſie beſaß nicht den Muth, weiter zu hören, weßhalb ſie langſam von der Sprechenden ſich abwandte und der Thüre näherte. „Ach Gott, das geht nicht, beſte Mamſell Gerda, daß Sie mit einem ſolchen Geſicht, bleich wie der Tod, zu Ihrer Mutter hineingehen. Frau Ahrnell könnte ſo erſchrecken, daß ſie nie mehr ein Menſch würde, das heißt ſo ein Menſch, wie ſie eben jetzt iſt. Sie ſollten es auch nicht ſo ſchrecklich aufnehmen, denn es kann ja immer noch geſchehen, daß er wieder aufkommt. Unſer Herr Gott kann viel thun, was wir ſündhafte Menſchen nicht vorausſehen können, und der Doktor iſt nicht Gott ſelber, der über Leben und Tod beſtimmen kann. Trinken Sie jetzt ein Glas Waſſer und reiben Sie ſich dann das Geſicht mit den Händen, daß Sie nicht ſo ſchrecklich blaß ausſehen. Ich will morgen in das Krankenhaus gehen und mich erkundigen, wie es dort ſteht.“ ² —————————— 111 Die Alte reichte Gerda ein Glas Waſſer, und als dieſe es geleert hatte, nahm die geſchwätzige Frau wieder das Wort: „Um nun auf etwas Anderes zu kommen, ſo will ich Ihnen nur berichten, daß der Fabrikbeſitzer, welcher bei Mamſell geweſen, auch darnieder liegt. Er er⸗ krankte am Sonntag Abend, und dieß ſo ſchwer, daß man glaubt, es ſei mit ihm im Kopfe nicht ganz richtig. Die Köchin, welche ich kenne, ſagte mir, drei Männer müſſen ihn halten. Er ſoll von dem Uebel befallen worden ſein, kurz nachdem er mit einem Handwerker ſich beſprochen hatte. Nun, er iſt reich er, ſo hat er die Mittel dazu, krank zu ſein. Es iſt nur ſeltſam, daß ihm die Krankheit im Kopfe ſtecken ſoll; aber was war das? Mir kam es gerade ſo vor, als ob drinnen in der Stube etwas umgefallen wäre.“ In einem Augenblick war die Thüre aufgeriſſen, und Gerda ſammt der Alten eilte hinein. Marianne lag auf dem Boden; ſie hatte einen neuen Schlag⸗ anfall bekommen. Die Ereigniſſe ſind zuweilen von der Art, daß ſie in die Saiten der Menſchenſeele eingreifen, als wollten ſie dieſelben durch und durch reißen. So ſchien es auch im gegenwärtigen Fall. Hätte Gerda nicht ſolche Charakterſtärke gehabt, wie ſie ihr wirklich in ſeltenem Grade eigen war, ſie würde dieſen neuen Prüfungen unterlegen ſein. — 112 XX. Tage und Wochen folgten, während welcher die Krankheit der Mutter Gerda nur ſehr wenige Stun⸗ den zur Arbeit frei ließ. Um die Noth von ihrer kleinen Wohnung fern zu halten, begann Gerda den größten Theil der Nacht zu arbeiten, da ſie bei Tag hiezu ſo wenig Zeit hatte. Profeſſor Schneider war den Tag nach der Er⸗ krankung ihrer Mutter mit dem neuen Manuſcript dageweſen; aber er hatte große Eile damit, und ſo konnte Gerda die Arbeit nicht annehmen, da ſie an das Lager der Mutter gefeſſelt war. Schneider hatte ihr einen kleineren Theil deſſelben dagelaſſen, allein auch hiemit wurde ſie nicht auf die beſtimmte Zeit fertig. Der Profeſſor hatte überdieß eine Reiſe nach Kopenhagen vor, und dieſe und was mit ihr zuſam⸗ menhing, gaben ihm ſo viel zu denken, daß er Gerda keine beſondere Aufmerkſamkeit widmen konnte. Er hatte ihr nur geſagt, ſobald es mit ihrer Mutter beſſer würde, ſollte ſie es ihn wiſſen laſſen, und ſie könnte dann wieder Arbeit genug bekommen. Die Kleidungsſtücke von einigem Werthe, welche Gerda beſaß, mußten verkauft oder verſetzt werden, und doch wollte es nicht ausreichen. Ohne Arbeit, ohne Zeit zur Arbeit, mit einer kranken Mutter, welche an Arzneimitteln und Nahrung bedeutend mehr als im geſunden Zuſtande koſtete, war Gerda der Verzweiflung nahe gebracht. Sie ſah mit Zittern ein, daß ſie, um die Mutter von all dem Elende zu 113 retten, welches ſie noch einmal heimſuchte, dem Rathe ihrer Nachbarn folgen und darauf denken mußte, die Leidende in das Krankenhaus zu bringen. Gerda konnte ſich jedoch hiezu noch nicht entſchließen und wollte zuerſt mit NRiſſe reden, dem einzigen Men⸗ ſchen, welcher ſeit Calle's Erkrankung ihr einige Theil⸗ nahme erwies. Niſſe pflegte, ſeitdem Marianne wieder aufs Krankenlager geworfen worden war, jeden Abend bei Gerda vorzuſprechen, um ſich zu erkundigen, wie es mit Frau Ahrnell ſtände, und jener zugleich Mittheilung zu machen, wie es Calle erginge. 4 Es war an einem Samstag Abend, als Gerda, nachdem ſie des letzten ihrer Kleidungsſtücke ſich ent⸗ äußert hatte, mit Niſſe von dem Schmerz redete, den ſie darüber empfand, daß ſie ſich gezwungen ſehe, ihre Mutter wo möglich in das Krankenhaus bringen zu laſſen. Gerda weinte bitterlich bei dem bloßen Gedanken daran, daß die ſo ſchwer geprüfte Marianne nicht einmal den dürftigen Troſt haben ſollte, in ihrer eigenen kleinen Behauſung zu ſterben. „Haben Sie mit dem Doktor von der Sache ge⸗ ſprochen, Manſell?“ fragte Niſſe. „Nein, noch nicht, weil ich ſo lang als möglich mich dagegen ſträubte, meine arme Mutter von hier fortſchaffen zu laſſen.“ „In dieſem Fall können wir ja noch einige Zeit damit warten,“ meinte Niſſe und ſah dabei etwas verlegen aus,„und wenn Sie es mir nicht übel nehmen, Mamſell, ſo könnte ich Ihnen vielleicht von einigem Nutzen ſein. Fürs Erſte könnte ich Ihnen Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. M. 8 . 114 fünfundzwanzig Reichsthaler vorſchießen, und dann, dünkt mir, Ihnen zu einiger Arbeit verhelfen, wenn ſie auch nicht ſehr feiner Art iſt; aber etwas iſt beſſer als nichts. Ich meine, Sie könnten Schuhe einfaſſen, Mamſell. Ich ſelbſt habe dergleichen Ar⸗ beit, und würde Ihnen ſolche auch von ein paar andern Schuhmachern anſchaffen. Und wenn Frau Sjöberg wöchentlich um ein Weniges beſſer bezahlt wird, ſo hilft ſie Ihnen bei der Kranken, und dann gibt es vielleicht ſo viel zuſammen, daß Sie Ihre Mutter nicht in das Krankenhaus zu ſchicken brauchen. Von mir können Sie das angebotene Geld wohl auf Borg annehmen, denn es iſt ehrlich verdient. Wenn die Frau und Calle wieder geſund ſind, ſo werden Sie mir die Freude machen und auf meine und Louiſe's Hochzeit kommen; es würde mich recht freuen, wenn Sie es thäten.“ Noch einmal und durch ein Kind der Arbeit, wie ſie ſelbſt eines war, wurde Gerda aus der Noth des Augenblicks geholfen. Sie bekam jetzt mit Schuhein⸗ faſſen vollauf zu arbeiten, und mittelſt der kleinen Summe, welche Niſſe ihr vorſtreckte, konnte ſie von Neuem ſich der Hoffnung hingeben, die Kranke mög⸗ lichſt zu verſorgen. Calle war inzwiſchen geneſen. Zu Ende Mai's wurde er aus dem Krankenhaus entlaſſen. Auch für ihn war dieſe Zeit nichts weniger als glücklich ge⸗ weſen. Er mußte als Reconvalescent einige Wochen bei ſeinem Bruder bleiben, da ihm zu arbeiten unter⸗ ſagt war. Sobald er ſoweit hergeſtellt ſchien, daß er die drei Treppen hinaufſteigen konnte, begab er ſich zu Gerda. 115 Es war ein ſchöner Sonntagmorgen. Die Vögel ſangen ihr Frühlingslied in dem Ge⸗ hölze auf dem Moorhügel, und alle Inſeln Stock⸗ holms lagen grünend da, unſchloſſen von der blauen Waſſerfläche. Die Stadtglocken hatten eben zum Gottesdienſt zu läuten aufgehört, als Calle die Hand auf das Schloß zu der Wohnung legte, wo er ſo glücklich geweſen war, und wo ſeit ſeinem letzten Schritt über dieſe Schwelle ſo manches bittere Leid ſich eingeſtellt hatte. Drinnen herrſchte eine Grabesſtille. Nicht ein Laut ließ ſich vernehmen. Calle drückte leiſe auf das Schloß, die Thüre ging auf und er trat ein. Ein paar Minuten blieb er wie vom Blitz getroffen ſtehen und ſtarrte auf das Gemälde hin, welches ſei⸗ nen Augen ſich darbot. Auf dem Bette lag Marianne, unbeweglich, bleich und kalt, mit dem Todeskuß auf ihren Lippen; aus⸗ geſtreckt auf dem Boden vor dem Bette lag Gerda, gleich unbeweglich wie die Mutter. Es ſah aus, als ob ſie zu Boden geſtürzt wäre und gleichzeitig mit derjenigen, welche ihr das Leben geſchenkt, den letzten Seufzer ausgehaucht hätte. Nachdem Calle ein paar Sekunden mit Schrecken auf die dem Anſchein nach todten Frauen geblickt hatte, eilte er auf Gerda zu, warf ſich auf die Kniee neben ihr und ſuchte ſie zur Beſinnung zurückzurufen. Ein Schmerzensſeufzer gab endlich zu erkennen, daß das arme Mädchen zum Bewußtſein deſſen, was ge⸗ ſchehen, wiederkehrte. Ihr erſter Blick, als ſie die Augen öffnete, ſiel auf Calle, der nächſte auf der 116 Mutter bleiches Angeſicht, und eine Fluth von Thrä⸗ nen ergoß ſich über ihre Wangen.. Wir wollen uns nicht bei der nunmehr folgenden Scene aufhalten. Freud und Leid, wenn es vom Herzen ausgeht, läßt ſich nicht ſchildern. Zwei Tage von demjenigen an, wo Frau Ahrnell ein Leben beſchloſſen hatte, welches eine einzige un⸗ unterbrochene Kette von Arbeit und Entſagung ge⸗ weſen war, trat Calle nach zweimonatlicher Abweſen⸗ heit wieder in das Atelier, wo er von den Kameraden mit einem herzlichen Willkommen begrüßt wurde. Sein bleiches, abgezehrtes Ausſehen, ſein müder und bekümmerter Blick, ſo verſchieden von dem Ausdruck, den ſein Auge ſonſt hatte, zeigten deutlich genug, daß die zwei Monate reich an phyſiſchen und moraliſchen Leiden geweſen waren. Man theilte ihm mit, der Profeſſor ſei vor eini⸗ gen Wochen nach Kopenhagen gereist, aber gerade am Abend zuvor wieder heimgekehrt und ſeine erſte Frage habe Calle gegolten. Als er hörte, daß der⸗ ſelbe aus dem Krankenhauſe entlaſſen worden ſei und daheim bei ſeinem Bruder weile, habe er dieſe Nachricht mit großer Freude aufgenommen, unter Anderem auch gegen einen der Zöglinge geäußert, es würde ihm ſehr leid geweſen ſein, wenn ein ſo vielverſprechender Künſtler, ehe er ſich zu dem, was ſich von ihm hoffen ließ, entwickelt hätte, vom Tode hinweggerafft worden wäre. „Es ſah aus,“ bemerkte Herr H., der älteſte der Zöglinge,„als ob der Alte Dir eine freudige Bot⸗ ſchaft zu verkündigen gehabt hätte. Wir wollen ſehen, 117 ob er ſich nicht darum umgethan hat, daß Du ein Reiſeſtipendium erhältſt.“ Calle hatte keine Zeit zu antworten; die Thüre ging auf und der Profeſſor trat ein. Er begrüßte die Zöglinge mit einem kurzen Kopf⸗ nicken und ging direkt auf Calle zu. „Sie ſehen ja verteufelt ſchlecht aus, mein lieber Guſtavsſon; man könnte glauben, Sie ſeien im Grabe gelegen,“ ſagte der Profeſſor.„Aber mir dünkt, die Luft im Atelier hier iſt nicht geſund; Sie müſſen hinaus und ſich nach dem Aufenthalt im Kranken⸗ haus Bewegung in der freien Luft machen. Aber darüber können wir ſpäter noch reden. Wie geht es mit meiner Abſchreiberin? Bei meiner Abreiſe war die Mutter krank; iſt die Alte wieder geſund?“ „Sie iſt todt,“ antwortete Calle. „Deſto beſſer für die Tochter; ſie kann ſich jetzt eine ſchöne Zukunft gründen. Wann ſtarb die Mutter?“ „Vorgeſtern.“ „Erſt ſo kurz? Sie iſt ſomit noch nicht begraben?“ „Das Begräbniß findet morgen ſtatt.“ „Gut, dann verlohnt es ſich nicht der Mühe, mit der Tochter zu ſprechen, ehe jene aus dem Hauſe iſt.“ Der Profeſſor fügte einige Worte hinzu, daß Calle noch an keine Arbeit in Marmor denken dürfe, lud ihn aber ein, heute bei ihm zu Mittag zu ſpei⸗ ſen, wobei ſich Verſchiedenes noch beſprechen ließe. Darauf begab er ſich in die Werkſtätte hinaus. 118 XXI. In einer Ecke des Katharinenkirchhofs war ein anſpruchsloſes Grab aufgeworfen, und zu dieſem wurden die irdiſchen Ueberreſte von Marianne Ahr⸗ nell getragen. Das ganze Leichengefolge beſtand aus dem Geiſtlichen, Calle und Niſſe Guſtavsſon ſammt dem Küſter. Als der Sarg in das offene Grab geſenkt wurde, und der Geiſtliche über der Todten die üblichen Ge⸗ bete las, blieb ein Mann, welcher gerade über den Kirchhof wollte, ſtehen und wohnte aus der Ferne dem Begräbniſſe bei. Das Angeſicht des Mannes war bleich; er ſah aus, als ob er noch nicht lang von einer Krankheit geneſen wäre. Der Ausdruck ſeiner Züge war hart, und ſein Anzug gab zu erkennen, daß er den beſſern Ständen angehörte. Als die Beerdigung vorüber war, wandte er ſich an eine Frau, welche neben ihm ſtand, mit den Worten: „Wer iſt hier begraben worden?“ „Ach Gott, die alte Ahrnell, welche im Habichts⸗ gäßchen wohnte und ein hölzernes Bein hatte, ſo viel ich weiß; ſie verdiente ſich mit Nähen ihren Unter⸗ halt, konnte aber ſeit einem halben Jahr nicht ar⸗ beiten, denn ſie war lahm.“ Der Mann entfernte ſich, indem er murmelte: „Die Mutter todt, das Mädchen einſam in der Welt. Mich gelüſtet zu erfahren, wie ſie jetzt ihr Leben einzurichten gedenkt.“ / —— 119 Der Fabrikbeſitzer Strömberg, denn er war es, begab ſich nach dem nördlichen Thore des Kirchhofs, wo eine Equipage ihn erwartete. Er ſtieg ein, indem er bei ſich dachte: „Vielleicht iſt der Augenblick jetzt da, wo Gerda den Werth und Vorzug des Reichthums einſehen lernt.— Noch einmal will ich mit ihr reden, denn zu vergeſſen iſt mir nicht möglich. Es ſieht aus, als ob die Tochter die Rächerin des Vaters würde.“ „Jetzt dürfte es der rechte Zeitpunkt ſein, dem jungen Mädchen Gelegenheit zu geben, ihren Kampf auf der Bahn der Kunſt zu beginnen,“ dachte in demſelben Augenblick Profeſſor Schneider und ent⸗ fernte ſich von dem Kirchhofe durch das entgegen⸗ geſetzte Thor. Auch er war durch die Beerdigung aufgehalten worden, als ſein Weg ihn über die Ruheſtätte der Todten führte.—„Morgen,“ ſetzte er hinzu,„wollen wir uns die Sache überlegen.“ Dieſer Morgen war der erſte Juni. Der Sommer hatte ſeinen Einzug mit einer ſtrahlenden Sonne und einem klaren, blauen Himmel begonnen. Die Luft war warm, und der Wind ſchlummerte ſtill in den Blumenkelchen. In dem kleinen Stübchen im Habichtsgäßchen, wo Gerda jetzt bald neun Jahre gewohnt hatte, ſaß ſie jetzt ganz allein. Sie arbeitete nicht, ſon⸗ dern hatte ſich vor das offene Fenſter geſetzt, den Kopf auf die Hand ſtützend, die Augen ins Weite ſtarrend. Das ganze Weſen des Mädchens verrieth ein Gepräge von Ermüdung und Riedergeſchlagenheit, welche etwas Peinliches hatten. Es ſchien, als ob —— 120 ſie in ihrem Kummer gleichgültig gegen Alles gewor⸗ den wäre, und man las in dem matten Blick, daß ſie ſich völlig verlaſſen fühlte und es kaum der Mühe werth hielt, zu arbeiten. Es war Montag, und die fleißige Gerda hatte nicht einmal etwas vorgenommen, das einer Arbeit glich, ſondern ſich in die traurigſten Gedanken ver⸗ ſenkt. Das Geräuſch der aufgehenden Thüre beſtimmte ſie, den Kopf umzudrehen. Es war Calle. Gerda reichte ihm ſchweigend die Hand. Calle's Wangen waren minder bleich, als ſie es ſeit ſeiner Krankheit geweſen, und aus ſeinen Augen leuchtete der frühere zuverſichtliche Ausdruck. „Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen, Gerda, und das auf ein oder zwei Jahre,“ ſprach er, ihre Hand in der ſeinigen behaltend.„Ich reiſe in zwei Tagen nach Italien.“ „Alſo verlaſſen auch Sie mich,“ flüſterte Gerda; „nun ja, es iſt gut ſo, und ich bin dann ganz ein⸗ ſam; einſam mit meinem Kummer, einſam mit meiner Sehnſucht, mit dieſer entſetzlichen Leere, welche macht, daß mir das Leben wie ein Grab vorkommt.“ „Iſt es aber recht, ſo zu denken?“ fiel Calle ein.„Wir dürfen uns nicht unſerem Schmerz ſo weit hingeben, daß wir vergeſſen, welchen Werth das Leben hat.“ „Sagen Sie mir, kann es einen ſolchen für mich haben, die ich allein daſtehe, ohne ein Weſen, das ich lieben könnte? So lang meine Mutter lebte, war mein Leben für ſie unentbehrlich. Ich arbeitete für 121 ſie, und meine Arbeit war mir lieb, weil ſie zu einem Segen für ſie gereichte. Wenn ich davon ausruhte, begegnete ich ihrem liebevollen Blick, und da war ich für alle Entſagungen und für alle Mühen belohnt; jetzt— für wen ſoll ich arbeiten? Wer theilt mit mir Freude oder Schmerz?— Niemand. Es liegt etwas Bitteres in dem Gedanken, einſam dazuſtehen, und es iſt, als ſollte ich niemals mehr meine frühere Emſigkeit und Genügſamkeit wieder finden. Was liegt auch daran, wenn ich in meiner Einſamkeit Hungers ſterbe?“ „Es thut mir wehe, Gerda, Sie alſo reden zu hören, denn Ihre Worte ſind ſelbſtſüchtig,“ entgegnete Calle.„Wenn wir alle ſo dächten, ſobald irgend ein Kummer uns niederbeugt, wie würde es dann in der Welt ausſehen? Wie würde es in dieſem Augen⸗ blick um mich ſtehen? Auch ich habe einen großen Verluſt erlitten: den Verluſt meiner ſchönſten Hoff⸗ nungen, meiner liebſten Wünſche, und dennoch ſehe ich ein, daß es ein Verbrechen gegen Gott wäre, wenn ich mich der Muthloſigkeit überließe. Als ich ein Kind war und Stina mich ſchlug, fühlte ich kaum den Schmerz von den Schlägen, weil ich immer dachte: wenn ſie mich plagt, ſo habe ich doch Riſſe, der mich liebt. Als Gerda ihre Hand mir entzog, dachte ich: ſie verſchmäht meine Liebe; die Arbeit und die Kunſt ſollen die Engel werden, welche mich tröſten. In dieſem Augenblick bin ich ſo einſam wie Sie. Mein Bruder verheirathet ſich, er bedarf meiner nicht. Sie haben mich verſtoßen; ich kann ſomit Nichts für Sie ſein, und ich dürfte gleich Ihnen ausrufen: Welchen 122 Werth hat das Leben für mich?“ aber ich thue es nicht, denn Eins bleibt mir, Arbeit: die Arbeit, um mir das Leben werth zu machen, die Arbeit, um meinen Beruf zu erfüllen, die Arbeit, um zu exiſtiren, und Arbeit endlich, um einſt in der Stunde der Rechen⸗ ſchaft dem Richter dort oben antworten zu können: „Du gabſt dem Menſchen eine Loſung für ſein Leben und dieß war die Arbeit, ich habe dir nach beſtem Vermögen zu gehorchen geſucht, und hoffe jetzt auf dein Erbarmen mit meiner Unvollkommenheit, im Fall ich den Pflichten, welche das Leben auferlegt, nicht entſprochen habe. Arbeit iſt Leben, und derjenige, welcher nicht arbeitet, iſt ein Selbſtmörder und Ver⸗ brecher gegen Gott. Der, welcher das Leben leer, bitter und beſchwerlich findet, hat ja die Arbeit. Der, welchen Kummer verfolgt, beſitzt einen Troſt in ihr; der, welcher am Verzweifeln iſt, hat ſeine Hoffnung und Freude in ihr. Sie klagen darüber, daß Sie einſam daſtehen. Wie vielmal wurden Sie von der Angſt gequält, daß Sie Ihre Mutter nicht vor Armuth ſchützen könnten. Sie ſtarb, ohne Etwas zu ent⸗ behren; ſtarb, behütet von Ihrer Zärtlichkeit; ſtarb, ohne daß die Noth ihr entgegengrinste, und Sie— Sie können zu deren Grabe hintreten und bei ſich ſagen: ich habe ſie vor Mangel beſchützt und die letzten Stunden ihres Lebens ruhig gemacht. Iſt dieß nicht ein Grund, Gott zu danken? Müſſen Sie nicht froh ſein, wenn ſie nun heimgegangen iſt, ohne daß das wechſelnde Geſchick ihr von Neuem jenen bittern Kelch reichte, den ſie ſchon einmal geleert hat? Sie hat genug gekämpft und die Ruhe verdient. Sie ſind d zurückgeblieben und müſſen mit jugendlichem Muth und friſcher Kraft in Ihr eigenes Schickſal eingreifen und demſelben die Geſtalt geben, welche es annehmen muß, jetzt da Sie frei daſtehen und nur an ſich ſelbſt zu denken haben. Sie ſind es der Vorſehung ſchul⸗ dig, welche ſo gnädig Ihnen beiſtand, Ihre Gaben ſo anzuwenden, daß Sie es auch verdienen, dieſelben erhalten zu haben.— Ach, verzeihen Sie mir, daß ich ſo zu Ihnen rede, aber ich wünſchte, wenn ich von Ihnen ſcheide, die Gewißheit mitzunehmen, daß Sie mit Seelenſtärke Ihren Kummer tragen, daß Sie den Grund zu legen begonnen haben, auf welchem eine neue Zukunft für Sie erſtehen wird.— Sie wiſſen, Sie fühlen es, daß jedes Wort, das über meine Lippen kommt, nur von der lebhafteſten An⸗ hänglichkeit diktirt iſt; Sie werden auf daſſelbe hören und eine Gleichgültigkeit von ſich abthun, welche Ihrer unwürdig iſt.“ „Ja, ich will es verſuchen,“ flüſterte Gerda, auf welche die Worte des jungen Künſtlers einen tiefen Eindruck machten. „Und es wird Ihnen gelingen, davon bin ich überzeugt.“ Gerda zwang ſich zu einem Lächeln gegen den jungen Mann, welcher in dieſem Augenblick ſeiner ſelbſt ganz vergaß, während er die ſchlummernde Energie in ihrer Seele wieder zu beleben ſuchte. „Ich habe einen Auftrag an Sie,“ nahm Calle nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort,„und wenn Sie noch einmal die Arbeit zu Ihrer Beglei⸗ terin machen wollen, ſo kann dieſelbe Sie zu Namen 124 und Anſehen führen. Wollen Sie dieſe Vortheile durch Ihre eigene Kraft gewinnen?“ „Ja.“ 5 „In dieſem Fall hat Profeſſor Schneider mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, daß Sie jeden Vor⸗ mittag zu Herrn W. dem Porträtmaler gehen können; von ihm werden Sie unentgeldlichen Unterricht er⸗ halten, ſomit im Stande ſein, ſich zu einer geſchickten Porträtmalerin auszubilden. Weiter bekommen Sie auf Empfehlung des Bankkommiſſärs x. von einem Bezirksrichter Stoff zum Abſchreiben; damit mögen Sie ſich Nachmittags beſchäftigen und dadurch ein wenn auch knappes Auskommen ſich verſchaffen, bis Sie Ihren Unterhalt als Künſtlerin erwerben. Auch der Profeſſor hat Mehres zum Abſchreiben, ſo daß Sie ſich wegen Ihres Auskommens nicht zu beunruhigen brauchen— und nun, theure, geliebte Gerda, hängt Alles von Ihnen ſelbſt ab. Darf ich, von Ihnen ſcheidend, auf die lange Fahrt den Troſt mitnehmen, Sa Sie „Daß ich ein Kind der Arbeit verbleibe,“ fiel Gerda ein, indem ſie ihm die Hand reichte.„Jo, ich werde niemals dieſe Eigenſchaft verleugnen. Ich danke Ihnen für Alles, was Sie gethan und geſagt haben; wenn wir uns wieder begegnen, werden Sie keinen Grund haben, mit mir unzufrieden zu ſein.“ „Unzufrieden mit Dir,“ flüſterte Calle, indem er ihre Hand an ſeine Lippen drückte und einen leiſen Segen über ſie ſtammelte, die er in dieſem Augen⸗ blick inniger als je liebte. 125 Er ging. Wie ganz anders ſollten die Ereigniſſe ſich ge⸗ ſtaltet haben, als ſie einander wiederum trafen. Es war Calle, da er die drei Treppen hinab⸗ ſtieg, als ob er auf immer von Allem ſich trenne, was im Leben Glück und Freude genannt werden konnte. Es war ihm, als ob er ſein Herz hier zu⸗ rückließe und niemehr die belebende Wärme, welche von deſſen Freud oder Leid ausgeht, in ſich empfinden ſollte; Ehre und Unabhängigkeit, Arbeit und Liebe zur Kunſt war Alles, was ihm geblieben, und was ihm jetzt kalt und trocken erſchien. Sein Weg ging nach Schneiders Haus. Als er durch die Thüre eintrat, wurde er von einer ungewöhnlichen Rührigkeit überraſcht. Leute gingen aus und ein, welche Reiſekoffer und dergleichen herbeibrachten. Er fragte den Portier, ob Fremde bei dem Pro⸗ feſſor angekommen wären, und erhielt zur Antwort, Fräulein Hjort und Fräulein Sylvia ſeien eben an⸗ gelangt. Bei dieſer Nachricht begann Calle's Herz lebhafter zu ſchlagen; er fühlte ſich wahrhaft erfreut, Edith noch einmal zu ſehen; denn in dieſem Augenblick dachte er nur an die kluge und verſtändige Frau. Mit einigen Sprüngen war er die Treppe oben und trat in den Saal. Mitten in demſelben ſtand ein junges, ſchlankes Mädchen, beinahe noch ein Kind. Als Calle die Thüre aufriß, drehte ſie das An— geſicht ihm zu. Der junge Künſtler ſchien von ihrem Anblick wie geblendet und eilte auf ſie zu. 126 Ohne ſich zu bedenken, beugte er das Knie und murmelte: „Sylvia, mein ſchönes Ideal!“ Ob er in dieſem Momente wohl dachte, ſein Herz ſei bei Gerda zurückgeblieben? Wir vermögen dieſe Frage nicht zu beantworten. Dritter Theil. T Auf einem der Dampſſchiffe, welche zwiſchen Stettin und Stockholm gehen, befanden ſich zwei Paſſagiere, welche ſich um die übrige Bevölkerung an Bord nicht ſonderlich zu intereſſiren ſchienen, ſondern ſo aus— ſchließlich von ſich ſelbſt in Anſpruch genommen waren, daß ſie ihre Reiſegefährten nicht einmal eines Blickes würdigten. Der Eine war ein junger Mann von dreißig Jahren, von ſchönem, obwohl nicht ſehr hohem Kör⸗ perbau und einem im höchſten Grad originellen und geiſtvollen Ausſehen. Sein ganzes Weſen war un⸗ gezwungen; ſeine Bewegungen hatten etwas Lebhaftes und ſo Angenehmes, daß ihm das Auge mit beſon⸗ derem Vergnügen folgte. Man dachte unwillkürlich: „Das iſt kein gewöhnlicher Menſch, ſondern be⸗ ſtimmt eines von jenen Ausnahmsweſen, welche die Natur mit einer gewiſſen Sparſamkeit jeder Nation 128 geſchenkt hat, das heißt, ein Genie, welches entweder ein Denker, ein Dichter, ein Staatsmann oder ein Künſtler iſt.“ Während der erſten Stunden der Reiſe hatten die übrigen Paſſagiere es ſich ſehr angelegen ſein laſſen, zu erfahren, wer derſelhe wäre. Man hatte ihn mit einer gewiſſen Neugierde betrachtet, wenn er entweder ſchnell auf dem Verdeck auf⸗ und abgieng, oder in Lektüre vertieft auf einem der grünen Sophas ſich niedergelaſſen hatte. Nachdem man eine Weile hin⸗ und hergefragt und gerathen, beſchloß ein alter Baron, welcher von ſeinen Renten lebte und nichts weiter zu thun als ſich mit den Angelegenheiten ſeines Nebenmenſchen zu beſchäftigen hatte, durch den Kapitän und die Paſſagierliſte ſich über deſſen Perſon Kunde zu ver⸗ ſchaffen. Einige Augenblicke darauf ließ er ſich auch bei einer Gräfin nieder, die mit zwei Töchtern ge ſegnet war, deren Augen gleichfalls auf den Gegen⸗ ſtand all dieſer Neugierde gerichtet waren. Indem er ſeine goldene Tabaksdoſe hervorzog, begann er: „Es iſt ſo, wie ich ſagte, meine Gnädige, der Mann iſt nicht von Familie. Wenn Sie ſich denſelben näher betrachten, ſo finden Sie, daß ich Recht habe. Es liegt allzuviel Rückſichtsloſes und Unbekümmertes in ſeinem Weſen, als daß er aus einem unſerer edeln Geſchlechter ſeinen Urſprung haben könnte.“ „Möglich,“ erwiederte die Gräfin, welche in bür⸗ gerlichem Stande geboren war und nun eine ſehr vornehme Miene angenommen hatte:„was aber das ungenirte Benehmen angeht, ſo dünkt mir, Graf D., welcher dort auf dem Sopha liegt und die Füße auf 129 die Lehne davon ſtützt, thut es dem Unbekannten noch zuvor. Der letztere hat wohl, ungeachtet er kein Edelmann iſt, einen Namen und gehört, trotz dieſes Mangels, irgend einer Nation an.“ „Gewiß, und obwohl der Name äußerſt einfach lautet, iſt er doch als einer von denen, worauf wir ſtolz ſein dürfen, bekannt und berühmt.“ „Wir?— Er iſt alſo ein Schwede?“ fiel das jüngſte der Fräulein ein und betrachtete den Fremden durch ihre Lorgnette. „Allerdings, es iſt, der Bildhauer Carl Guſtavsſon.“ Die Gräfin ſtieß einen Ruf freudiger Ueberraſchung aus, die Fräulein errötheten vor Entzücken darüber, den ausgezeichneten Künſtler zu Geſicht zu bekommen und ſomit unter andern Merkwürdigkeiten, die ihnen auf ihrer Reiſe ins Ausland aufgeſtoßen waren, be⸗ ſchreiben zu können. Der Ausruf der Gräfin hatte einen Herrn, welcher in einiger Entfernung von ihr ſaß und zu leſen ſchien, veranlaßt, aufzuſehen. Es war der Andere von den beiden oben er⸗ wähnten Paſſagieren. Einen Augenblick hörte er dem Schnickſchnack des nobeln Quartettes über den berühmten Künſtler zu; dann zuckte er verächtlich die Achſeln und nahm ſeine Lektüre wieder auf. In dieſem Augenblick äußerte das älteſte der Fräulein: „Ich möchte wiſſen, wer der dunkle Herr da iſt?“ „Ein Franzoſe oder Italiener,“ antwortete der Baron.„Man ſieht es ihm an, daß er kein Schwede iſt.“ Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. U. 9 130 Der Baron verließ die Damen, um den übrigen Paſſagieren mitzutheilen, daß man den berühmten Bildhauer Guſtavsſon an Bord hatte. Inzwiſchen benützen wir die Gelegenheit, um uns den angeb⸗ lichen Franzoſen zu betrachten. Er war mehr klein als groß von Wuchs, ſein gebaut, aber von ſtolzer Haltung. Sein Geſicht war ſcharf markirt. Die dunkeln, braunen Augen, mit dem bald eiſigen, bald vulkaniſchglühenden Aus⸗ druck, die gebogenen Brauen, der beinahe ſchwarze Schnurrbart und das dunkle Haar— kurz Alles gab ihm das Ausſehen eines Abkömmlings aus dem Sü⸗ den. Auf dem Kopfe trug er einen hellen Sommer⸗ hut, welcher ſchwarz ausgefüttert war, ſo daß hievon das Geſicht noch einen tiefern Schatten erhielt und das ſüdliche Kolorit dadurch noch ſtärker hervortrat. In dem Knopfloch des Rocks ſteckte ein Ordensband. Während man damit beſchäftigt war, die mehr oder minder wahrſcheinliche Geſchichte von Guſtavsſon ſich zu erzählen, welche dem ſchwediſchen Theile der Paſſagiere bekannt war, warf der Mann mit dem Ordensband hin und wieder einen Blick auf den Künſtler, welcher ſeine Cigarre fortrauchte und auf dem Deck promenirte, ohne darauf zu achten, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren. In dem dunkeln Blick des Fremdlings lag etwas Eigenthüm⸗ liches, wenn er ſich dem Künſtler zuwandte, welcher ſeinerſeits die Miene ſorgloſer Gleichgültigkeit an ſich trug. Als derſelbe eine gute Weile ſeine Wande⸗ rung fortgeſetzt hatte und die Cigarre zu Ende war, warf er den Stumpen davon in die See und ließ » 131 ſich auf derſelben Bank nieder, wo der Mann mit dem dunkeln Teint ſaß. Dieſer erhob ſich ſofort und ging auf den Ka⸗ pitän zu, um ihm mit einigen Worten den Wunſch auszudrücken, daß ſein Name nicht genannt werden ſollte, im Falle Jemand aus Neugierde ſich darnach erkundigen würde. Er hätte ſich wirklich dieſe Mühe erſparen können, denn man intereſſirte ſich nicht für ihn, weil er trotz ſeines ſchönen Angeſichtes einen allzukalten Ausdruck hatte, als daß der düſtere Fremdling die Aufmerk⸗ ſamkeit feſſeln konnte Carl Guſtavsſon genoß indeſſen nicht lang das Vergnügen ſeiner eigenen Geſellſchaft; denn einer nach dem andern von den anweſenden Schweden ſtellte ſich ihm vor, und bald war er ohne eigenes Zuthun mit allen ſeinen Landsleuten bekannt und in deren Unterhaltung hineingezogen. Unſer neu⸗ gieriger Baron hatte mittlerweile ſo viel zu fragen, daß es Carl, als er endlich dem Verhör entgangen war, vorkam, als hätte er einen Vorſchmack vom Fegfeuer gehabt. Als der Abend anbrach, war der auf ſein Talent und ſeinen Namen ſo wenig ſtolze Künſtler aller der Schmeicheleien und der Verſicherungen des Vergnü⸗ gens von Seiten derer, welche ſeine Werke zu be⸗ wundern das Glück gehabt hatten, herzlich müde. Er zog ſich endlich in das Vordertheil des Schiffs zurück. Nachdem er eine Cigarre angezündet hatte, blieb er hier ſtehen und ſchaute, an die Rehling gelehnt, in die ſpiegelklare Flut hinab. Der Abend war ſtill, und der Dampfer brauste auf der ruhigen 132 Fläche dahin, wie die Leidenſchaften des Menſchen, wenn ſie ein junges, mit ihnen noch unbekanntes Herz in Aufregung verſetzen. „Ein ſchöner Abend, mein Herr,“ äußerte eine Stimme dicht neben ihm in fließendem Franzöſiſch. Calle drehte ſich um, und der dunkle Fremdling ſtand neben ihm. „Er gleicht einem ſtillen Schlummer, ſüß und friedlich wie dieſer, aber mit einem Erwachen, welches unruhig und ſtürmiſch werden kann.“ „Allerdings, aber es kann auch ebenſo ruhig ſein, wie der Schlaf geweſen; das hängt von der Natur des Schlafenden und von den Umſtänden ab.“ „Der Menſch gleicht der See; er iſt aus lauter Launen zuſammengeſetzt. Er iſt wie ſie treulos gegen ſeinen eigenen Frieden und verräth denſelben häufig genug,“ bemerkte Calle;„er trägt ſomit wie dieſe den Urſprung der Unruhe und des Sturms in ſei⸗ nem eigenen Schooße.“ Die Oberfläche der See wurde in dieſem Augen⸗ blicke plötzlich von einer leichten Briſe gekräuſelt, und durch den Raum zog ein Seufzer, welcher ebenſo raſch erſtarb, als er ſich hatte hören laſſen. Wiederum lag die See klar und ſtill da. „Dieſer Windſtoß,“ fuhr der Fremdling fort, in⸗ dem er ſich auf einen Tauſtapel ſetzte,„glich, wenn wir Ihr Bild verfolgen wollen, den erſten Regungen in unſerer Seele, welche dafür zeugen, daß in ihr Elemente vorhanden ſind, die eines Tags ſie ver⸗ heeren und nur Trümmer von den Schätzen, welche wir einmal beſaßen, zurücklaſſen werden.“ „Man merkt, daß Sie ein Südländer ſind,“ ent⸗ 133 gegnete Calle lächelnd;„wir Nordländer ſind nicht aus ſo vulkaniſchen Elementen zuſammengeſetzt. Der Sturm in uns kann eine oder die andere Pflanze auf dem Boden unſerer Seele beſchädigen, oder auch zerſtören; aber er vermag ſie nicht ganz zu vernichten. Er erhöht unſere Seelenkräfte und ſtärkt unſern Geiſt, ſo daß wir in den Stand geſetzt werden, uns des Genuſſes der Ruhe und des Glückes zu erfreuen.“ „Sie ſind vermuthlich Dichter, mein Herr,“ fiel der Fremdling ein,„und als ſolcher empfinden Sie nur die Stürme des Lebens durch Ihre Einbildungs⸗ kraft. Dichter und Schriftſteller faſſen Alles mit der Phantaſie und Nichts mit dem Herzen. Wie ver⸗ heerend die Leidenſchaften ſein können, darüber ver⸗ mag ſomit ein ſolcher nicht zu entſcheiden, ſondern nur derjenige, welcher in der Wirklichkeit gelebt, ge⸗ kämpft und gelitten hat.“ „Sie irren ſich,“ entgegnete Carl,„ich bin nicht Dichter, ſondern Arbeiter.“ Der Fremdling lächelte zweifelnd. Carl fuhr fort: „Mein Glück, mein Leid und meine ganze Exi⸗ ſtenz ſind mit der Arbeit verknüpft geweſen, und ich glaube, daß für den, welcher ihr ſich weiht, die Stürme der Leidenſchaft nie verheerend werden kön⸗ nen. Sie wecken uns nur zum Bewußtſein von dem, was wir ſind.“ „Darf ich Sie um Feuer bitten?“ ſagte der Fremde und zündete ſeine Cigarre an, ohne auf jenen Einwurf eine Antwort zu geben. Als er ſie in Brand geſetzt hatte, fragte er: „Haben Sie ſich einige Zeit im Süden von Eu⸗ ropa aufgehalten?“ 134 „Ich komme gerade aus Italien, wo ich dießmal drei Jahre verweilt habe.“ „Wie gefallen Ihnen die Leute in Italien?“ „Oh, ganz wohl, aber ich ſetze den Nordländer über den Italiener wie über den Franzoſen, was Sie mir zu gut halten werden, da ich ein Schwede bin.“ Die beiden jungen Männer kamen nun auf den Charakter der verſchiedenen Nationen zu reden, und der Fremdling leitete das Geſpräch ſo allmälig auf die freien Künſte. „Sind Sie in Schweden reich an Jüngern der freien Künſte?“ „In Verhältniß zu der Größe unſerer Bevölkerung allerdings,“ antwortete Carl. Er nannte einige der hervorragendſten Männer, welche, was man ſagen konnte, europäiſchen Ruf hatten. Es gewährte Carl beſonderes Vergnügen, ſich mit dem Fremden zu unterhalten, weil er eine ſo überlegene Bildung beſaß, daß er mit Leichtigkeit über alle möglichen Gegenſtände ſich auszuſprechen vermochte. Redete er von der Malerei, ſo geſchah dieß mit einer Sachkenntniß, als ob er ſich niemals mit etwas Anderem befaßt hätte. Sie unterhielten ſich lang von Frankreichs aus⸗ gezeichnetſten Künſtlern, und der Fremde erzählte ver⸗ ſchiedene Anekdoten von einigen derſelben. „Am höchſten unter unſern ſchwediſchen Portrait⸗ molern ſteht gegenwärtig eine Frau,“ ſagte Carl. „Alle unſere Künſtler in dieſem Fache erkennen an, daß ſie nicht im Stande ſind, ein Portrait zu malen, welches mit den ihrigen eine Vergleichung aushält./ „Da müſſen ſie nicht ſonderlich geſchickt ſein“ —— — 135 wandte der Fremde ein,„denn ich habe kein ſehr großes Vertrauen zu Frauen, welche ſich der Kunſt widmen.“ „Darin haben Sie Unrecht. Ich kann Sie ver⸗ ſichern, wenn Sie ein von Mamſell Ahrnell gemaltes Portrait ſehen, werden Sie anerkennen müſſen, daß dieſelbe den Vorzug vor allen Ihnen bekannten Por⸗ traitmalern verdient.“ Der Fremde beugte ſich über die Rehling hinaus und bemerkte in ſcherzendem Tone: „Wenn meine Zeit es geſtattete und die Dame ſich in Stockholm befände, würde ich mich wirklich von ihr malen laſſen; aber leider habe ich nur über wenige Tage zu verfügen. Iſt die ausgezeichnete Künſtlerin eine Schwedin?“ „Ja, und ich glaube nicht, daß ſie im Auslande geweſen iſt.“ „Nicht?— Ein Künſtler, der ſich in Schweden zu etwas Großem entwickelt.— Geſtehen Sie mir, daß dieß unglaublich klingt. Iſt ſie alt?“ „Erſt einige zwanzig Jahre.“ Der Fremde erhob ſich aus ſeiner vorgeneigten Haltung. Es war inzwiſchen ſehr ſpät geworden und er ſagte Carl gute Nacht. Am folgenden Morgen rollte und ſtieß das Fahr⸗ zeug ganz verzweifelt. Es ſtürmte und regnete. Die Paſſagiere lagen faſt alle krank darnieder. Nur der Vefehlshaber und die Beſatzung waren auf dem Ver⸗ deck ſichtbar. Unter einem Platzregen kam das Schiff ſpät an einem Samstagabend in Stockholm an. Jedermann ſuchte ſich einen Wagen, wenn ein ſolcher nicht zu 2 136 ſeinem Empfang bereit ſtand, zu verſchaffen und mög⸗ lichſt ſchnell in ſeine Wohnung zu gelangen. Carl verließ das Schiff, ohne ſeine intereſſante Bekanntſchaft vom vorangehenden Abend wieder zu ſehen. Er befahl dem Kutſcher, welchen er noch glücklicher Weiſe bekam, nach der Rothhausſtraße zu der Wohnung des Profeſſors Schneider zu fahren. Es war zu Anfang Juni's. Sieben Jahre waren vergangen, ſeitdem Carl, damals ein Schüler mit vielverſprechenden Anlagen, dieſe Wohnung verlaſſen hatte, in welche er nun als ein ausgezeichneter Künſtler zurückkehrte. Profeſſor Schneiders Haus ſtand jetzt öde und leer; in der Werkſtätte war es ſtill und im Atelier arbeiteten weder Meiſter noch Zöglinge. Der erſtere war vor einem Jahre abgeſchieden, um ſeine Arbeit in einem beſſern Atelier fortzuſetzen. Moritz Schneider war geſtorben, wie er gelebt hatte, mit Leib und Seele der Kunſt zugethan, ohne Intereſſe oder Anhänglichkeit für irgend etwas An⸗ deres. Als Menſch ein Egoiſt, opferte ſich der Künſtler für die Kunſt und arbeitete für ſie. Selbſt zu groß, um Andere um ihr Talent zu beneiden, war er voll Eifer und Thätigkeit, wenn es ſich darum handelte, dem Arbeiter auf dem Gebiete der Kunſt Gelegenheit zur Entwicklung und Ausbildung zu ver⸗ ſchaffen. Der Portier in des Profeſſors Hauſe war noch derſelbe, welcher ſeit ſieben Jahren den Eingang be⸗ wachte; er begrüßte Carl mit einer ſcheinheiligen Freundlichkeit, welche etwas Trauriges haben ſollte, obwohl er niemals einiges Leid darüber, daß der ſtrenge Alte abgeſegelt war, empfunden hatte. Er fand es ja nunmehr viel bequemer, ſeitdem Werkſtätte und Atelier geſchloſſen waren. Er meldete Carl, welchen er beim erſten Anblick nicht wieder erkannte, ehe derſelbe ihm ſeinen Namen ſagte, die Frau Profeſſorin habe für ihn drei Zim⸗ mer im zweiten Stock einrichten laſſen; ſie ſelbſt aber und Fräulein Sylvia wohnen zur Zeit im Thiergarten. 5 Damals lag in der Nähe des ſogenannten Block⸗ hausthores eine Villa, beſtehend aus zwei Gebäuden; das eine enthielt drei, das andere zwei Zimmer. In dem größern wohnte Edith Schneider, geborne Hjort, mit ihrer Stieftochter, der um ihrer ungewöhnlichen Schönheit willen vielgeprieſenen Sylvia Schneider. Das kleinere war von einer ſehr berühmten Künſt⸗ lerin, Mamſell Ahrnell, gemiethet. Seit zwei Jahren war Gerda Ahrnell als die geſchickteſte und ausge⸗ zeichnetſte Portraitmalerin bekannt. Es war ein ſchöner Sonntagnachmittag. Am Morgen hatte es ſtark geregnet. Jetzt warf die Sonne ihre warmen Strahlen auf die Erde nieder, welche noch die diamantenen Regentropfen auf ihrem grünen Gewande trug. Auf der großen, mit Schlingpflanzen bewachſenen Veranda, von welcher man die Ausſicht auf die See hatte, ſaßen drei Damen. Die jüngſte war ein Mädchen von neunzehn Jahren 138 mit einem ſo bildſchönen Angeſicht, ſo reinen und und regelmäßigen Zügen, daß ſie einer Offenbarung aus der Welt der Künſte glich. Man wäre zu glauben verſucht geweſen, ſie ſei eine der griechiſchen Göttinnen, die durch irgend eine Zauberkraft Leben bekommen hatte und nunmehr mit aller jener körperlichen Har⸗ monie auftrat, welche nur in der Kunſt ihre Form wieder findet. Sie las den beiden andern vor. Es war Sylvia. An ihrer Seite ſaß eine ſchöne Dame in mittlerm Alter. Sie war eine jener ſtattlichen Frauen, an welchen die Zeit vorübereilte, ohne eine Spur ihres Schrittes zu hinterlaſſen. Sie erſchien friſch und blühend, die Wange voll, das Haar üppig. Nicht eine einzige Falte oder Linie in ihrem Angeſicht ſprach von den vierzig Jahren, welche ſie zurückgelegt hatte. Dieſe Dame war Profeſſor Schneiders Wittwe, ſeine vor⸗ malige Schwägerin Edith, welche ein Jahr vor ihres Schwagers Ableben ſich hatte überreden laſſen, ſeine Frau zu werden. Die Dritte war eine Frau im Sommer des Lebens, einige zwanzig Jahre alt, ſchlank und fein gebildet, mit etwas bleichem Teint und ein paar Augen, aus welchen reiche Begabung hervorleuchtete. Sie war ſchön, aber weniger durch die Regelmäßigkeit ihrer Züge, als durch den wunderbaren Ausdruck in ihren Augen und durch die reizenden, feinen Formen ihres Angeſichtes. Es war Gerda Ahrnell. Ihr früher ſo energiſches Ausſehen, das beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit erregt hatte, weil man darin eine Seele er⸗ kannte, welche die von Armuth und Noth ihrer Ent⸗ wicklung in den Weg gelegten Schranken zu durch⸗ 139 brechen wünſchte, hatte jetzt einen andern Charakter angenommen, und man las in jedem Zuge, daß ſie in einen Wirkungskreis, welcher mit ihren natürlichen Anlagen harmonirte, eingetreten war. Es wollte jedoch beinahe ſcheinen, als ob das Herz einiges Leid durchgemacht hätte, und dieſes nunmehr über die roſigen Träume der Phantaſie einen leichten Trauerflor würfe. Sie ſaß in einen Schaukelſtuhl zurückgelehnt, und aus ihrer unbeweglichen Haltung ließ ſich abnehmen, daß ſie mit geſpanntem Intereſſe der Vorleſung zuhörte. Für einen Künſtler war die Gruppe auf der Veranda des Zeichnens werth: das leſende Mädchen, noch in des Lebens Frühling, die aufmerkſame Zu⸗ hörerin im Sommer deſſelben, und die ſtickende Edith, kaum im Herbſt der Jahre angelangt. Die drei ver⸗ ſchiedenen Stufen im Frauenleben ließen ſich auf keine ſchönere Weiſe repräſentiren. Alle Poeſie des Jugend⸗ lenzes ſammt der Unbekanntſchaft mit den Kämpfen der Seele war in Sylvia's jungfräulicher Geſtalt wiedergegeben. Der Sommer der Jugend, zum Ge⸗ fühl und zum Bewußtſein ſeiner ſelbſt erwachend, mit jenem keuſchen und holden Gepräge, welches nur der Frau vorbehalten iſt, weilte über Gerdas Perſon. Die Ruhe des Frühherbſtes, aus der Gewißheit ent⸗ ſpringend, die Erndte der Erfahrungen früherer Jahre eingethan und glücklich die Rechnung mit den Illu⸗ ſionen des Lebens abgeſchloſſen zu haben, ſprach aus Ediths Weſen, welcher man deutlich anſah, daß ſie ohne Furcht dem Winter entgegenging und ohne Un⸗ ruhe auf die zurückgelegte Bahn zurückſchaute. In einen Rahmen von Grün, welchen das Geisblatt der Veranda bildete, eingeſchloſſen, ſchien die Gruppe durch 140 die Phantaſie des Künſtlers hervorgezaubert zu ſein. Um den Effekt des Ganzen zu erhöhen, funkelten Millionen Regentropfen auf den üppigen Blättern. Rings um die Villa herum war Alles ſtill und ſchweigſam. Die Wogen der See lagen ſchlummernd am Strande. Auf der mit Eichen bewachſenen Anhöhe vor der Villa ſtand ein elegant gekleideter Mann, wie gefeſſelt von der Gruppe auf der Veranda. Er betrachtete ſie lange Zeit; hierauf entfernte er ſich ganz unbemerkt, als fürchtete er, die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſeine Perſon zu ziehen. Er machte einen Umweg, ſo daß er hinter der Villa herum auf das kleinere Wohngebäude zukam. Auf einer kleinen Treppe, welche vermuthlich zur Küche führte, ſaß eine ältere Frau und ſtrickte, während ſie dann und wann nach dem ſich nahenden Fremden aufſchaute. „Wohnt Mamſell Ahrnell hier?“ fragte er, mit einem Accent, welcher verrieth, daß er ſchwediſch zu ſprechen nicht gewohnt war. „Ja,“ antwortete die Alte und betrachtete den Mann durch ihre großen Brillengläſer.„Aber ge⸗ genwärtig iſt ſie bei ihrer Nachbarin, der Frau Pro⸗ feſſor Schneider.“ „Könnte ich nicht einige Worte mit ihr reden? Ich bin ein Ausländer und habe ihr eine wichtige Mittheilung zu machen?“ nahm der Fremde wieder das Wort. Die Alte bekam jetzt ein Ordensband im Knopf⸗ loch zu Geſicht. Sie erhob ſich auf der Stelle, bat ihn einzutreten und erklärte, ſie wolle ſogleich ihre Gebieterin holen. —— 141 Die alte Dienerin, welche niemand anders als Frau Brigitte Sjöberg war, machte einen Knicks und zeigte ſich nach der von ihr gemachten Entdeckung ſo artig als ſie nur konnte. Sie erklärte mit geläufiger Zunge, ſie werde mit ihrer Gebieterin im Augenblick wieder zurück ſein, da dieſelbe nur im nächſten Hauſe ſich befände; und nachdem ſie den Fremden in einen kleinen Salon geführt und einen Fauteuil vorgeſchoben hatte, bat ſie ihn Platz zu nehmen und entfernte ſich ſofort in aller Eile. Der ordengeſchmückte Herr, kein Anderer, als unſer Bekannter vom Dampfſchiffe, welcher Tags zuvor in der Hauptſtadt angelangt war, ſetzte ſich indeſſen nicht, ſondern trat an eines der Fenſter und blieb vor dem⸗ ſelben ſtehen. Nach der beinahe nervöſen Haſt zu urtheilen, womit er einmal nach dem andern mit dem Taſchentuch über die Stirne fuhr, ſchien er mit großer Ungeduld den Augenblick zu erwarten, wo er der Beſitzerin dieſer Wohnung zuſammentreffen ollte. Er war an das Fenſter getreten, ohne nur einen Blick auf die Einrichtung in dem kleinen Salon zu werfen. Es ſchien ihm ganz gleichgültig zu ſein, ob die Wohnung möblirt war oder nicht, ob ſir von Geſchmack zeugte, oder nicht. Was hatte er mit dieſen kleinen Sophas, bequemen —Seſſeln, Blumentiſchen, Gemälden und Marmorfiguren zu thun. Für ihn handelte es ſich um weit mehr. 142 III. Die Thüre ging auf. Ein heftiges Zittern fuhr durch den Körper des Fremden. Es dauerte mehre Sekunden, ehe er den Muth faßte, ſich umzudrehen. Endlich that er es. Gerda war an der Thüre ſtehen geblieben. Sie hatte dieſelbe haſtig geöffnet, aber ſogleich Halt ge⸗ macht, denn beim Anblick der feinen, faſt ſchmächtigen Geſtalt am Fenſter begann ihr Herz ſo heftig zu klopfen, daß ſie ſich nicht von der Stelle zu rühren vermochte. „Richard!“ rief Gerda und ſtreckte ihm die Arme entgegen, ließ ſie aber ſogleich wieder ſinken. Er war ja verheirathet. „Ja, Richard, welcher gekommen iſt, um zu fragen, ob Gerda ſich des gegebenen Verſprechens, ihn nie⸗ mals zu vergeſſen, erinnert,“ ſagte der junge Mann und trat vor, indem er ihre Hände faßte und in die ſeinigen ſchloß.„Gedenkſt Du noch, welche heiligen Schwüre Du mir gegeben haſt? Ach, Gerda, Gerda, wie viel Leiden haſt Du nicht über mein Haupt ge⸗ bracht? Weßhalb konnteſt Du mir alſo die Treue brechen?“ „Ich habe die Treue nicht gebrochen, kann ſie nicht brechen, und am allerwenigſten Dir,“ erwiederte Gerda.„Wenn ich es könnte, dann, Richard, ſtände ich nicht heute frei vor Dir; aber mein Herz konnte mit ſeiner Treue nicht feilſchen.“ „Hat das meinige es gethan?“ rief Richard mit Wärme;„habe ich aus meiner Seele dein Bild ver⸗ tilgen können? Du warſt meine erſte, Du bliebeſt meine einzige Liebe, ungeachtet alles Leidens, welches Du mir verurſachteſt. Du haſt mich zu einem ſtolzen und kalten Egoiſten gemacht, welcher nur eine edle Empfindung ungeſchwächt erhielt, die Liebe zu Dir.“ „Richard, Du vergiſſeſt, daß deine Treue einer Andern verpfändet iſt.“ „Wäre dem ſo, glaubſt Du, ich ſtände in dieſem Augenblicke vor Dir, um Rechenſchaft von deinem Benehmen zu fordern? Glaubſt Du, über meine ſtolzen Lippen würde ein Wort von Liebe zu Dir kommen, wenn meine Ehre mich an eine Andere feſſelte? Rein, der Tod hat das Band gelöst, welches mein über dein Benehmen tief gekränkter Stolz mich zu knüpfen zwang, und heute, Gerda, ſtehe ich vor Dir, vollkommen be⸗ rechtigt, Dir eine Erklärung abzufordern, und aus deinem eigenen Munde muß ich erfahren, ob Du eine hochherzige Frau biſt, wie meine Phantaſie Dich mir vorſtellte, oder eine Miſchung von Widerſpruch und Heuchelei, wie man Dich mir gemalt hat.— Gerda, mein Inneres iſt in den vergangenen Jahren ſo ver⸗ bittert, mein Herz ſo verhärtet worden, daß Du mir eine Erklärung nicht verweigern darſſt.“ „Und ich werde es auch nicht thun,“ antwortete Gerda und lächelte ihm voll Liebe und Zuverſicht zu. Sie zog ihn auf einen der Sopha's zu ſich herab, und an Gerda's Seite ſitzend hörte Richard auf die wahrheitsgetreue Erklärung, welche ſie ihm von ihrem Benehmen gab. Sie ſagte ihm, ſie habe in England ihren Vater wiedergeſehen und zugleich die traurige Entdeckung 144 gemacht, daß an ſeinem Leben ein Schatten hafte der ſich zwiſchen ſie und Richard ſtellte. Sie habe bei dieſer Gelegenheit ihre Stellung zu Richard über⸗ dacht und beſchloſſen, eher ſich ſelbſt zu opfern, als auf ſein Haupt etwas von der Schmach zu wälzen, welche möglicher Weiſe ſie treffen konnte. Die Er⸗ innerung an die Armuth und unglückliche Ehe ihrer Eltern ſei ihr vor Augen getreten, und ſie habe nicht die Urſache dazu abgeben wollen, daß vielleicht Richard demſelben Schickſal wie ihr Vater als Opfer verfallen ſollte. Hätte Richard bei ihrer letzten Unter⸗ redung ſie nicht ſo plötzlich verlaſſen, ſo würde ſie es ihm noch entdeckt haben. So ſei ſie genöthigt ge⸗ weſen, es dem Briefe anzuvertrauen, den ſie bei ihrer Abreiſe zurückgelaſſen. Sie habe auf einige Zeilen zur Antwort von Richard gewartet, aber vergebens. Endlich ſei ihr erzählt worden, daß er ſich mit Milly verheirathen werde, ſomit ſie vergeſſen habe.“ „Aber Gerda, ich erhielt niemals einen Brief von Dir,“ fiel Richard ein.„Du erinnerſt dich,“ fuhr er fort,„unſeres letzten Geſpräches und weißt, daß ich mich in einer heftigen und aufgeregten Stimmung entfernte. Die Nacht brachte ich unter peinlichen Zweifeln an der Treue deines Herzens zu, und als der Morgen anbrach, war ich entſchloſſen, von Dir eine beſtimmte Erklärung über die Beweggründe deines Benehmens zu verlangen, aber ich mußte dieſelbe verſchieben, weil ich gezwungen wurde, über Hals und Kopf eine Reiſe für die Fabrik, welche keinen Aufſchub litt, zu unternehmen. „Früh am Morgen fand ſich Mr. Smith der 145 ältere bei mir ein, um auf die Nothwendigkeit, ſo⸗ gleich dieſelbe anzutreten, mich aufmerkſam zu machen. „Ich reiste. „Meine Pflicht gegen den Fabrikherrn erheiſchte dieſes, und ich habe niemals mit meiner Schuldigkeit gefeilſcht. „In einigen Tagen bin ich wieder zurück,“ dachte ich, feſt entſchloſſen, ſobald es mir möglich wäre, wieder heimzukehren.„Mein Gemüth wird auf der Reiſe ruhiger,“ ſprach ich bei mir ſelbſt,„und dann werde ich ohne alle Heftigkeit mit Gerda reden können. „Vier Tage war ich fort und hatte in denſelben ausgerichtet, was ſonſt dreimal ſo viel Zeit erfordert hätte. „Ich trat in Mr. Smith's Salon mit hochklopfen⸗ dem Herzen. Ich ſollte Dich wieder ſehen, und wollte nicht von Dir gehen, bevor Du das Wort, welches Du im Park ausgeſprochen, zurückgenommen hätteſt. Ich wollte nicht ablaſſen, bis Du unwiderruflich ver⸗ ſprochen hätteſt, meine Gattin zu werden. Ich glaubte ſo gewiß es dahin zu bringen, daß mir das Gegen⸗ theil eine Unmöglichkeit dünkte. „In Mr. Smith's Salon befand ſich Niemand als Milly. „Meine erſte Frage war nach Dir. „Milly wechſelte die Farbe und antwortete, Du habeſt an demſelben Tag, da ich von Lislehitl ab⸗ reiste, England verlaſſen. „Dieſe Nochricht kam mir ganz unerwartet. Hoff⸗ nung und Glauben hatten aufs Neue meine Seele erfüllt, und der Schlag traf mich völlig unvorbereitet. Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. IH. 10 146 „Ich, der ſtarke und ſtolze Richard, ſuchte nicht einmal meinen Kummer zu bemänteln, ſondern warf mich auf einen Sopha, das Angeſicht in den Händen begrabend. Ich war von Schmerz zermalmt. „Ein erſticktes Schluchzen bewirkte, daß ich nach einer Weile den Kopf erhob. „Es war Milly, welche weinte. Der Ausbruch ihres Schmerzes erinnerte mich an den Mangel an Seelenſtärke bei mir ſelbſt. Ich trat auf ſie zu mit den Worten: „Verzeihen Sie, Miß Milly, im Fall mein Be⸗ nehmen Sie erſchreckt hat.“ „Sie wandte ihr thränenfeuchtes Angeſicht mir zu und flüſterte: „Erſchreckt? Nein, es hat mich unglücklich gemacht. Es iſt alſo wahr, daß Sie dieſes Mädchen lieben?“ „Ich habe ſie höher als mein Leben geliebt und werde niemals eine Andere lieben,“ erwiederte ich. „Armuth an ihrer Seite wäre mir ein Glück geweſen, während das Leben ohne ſie eine Verdammniß iſt. Erlauben Sie, daß ich mich entferne; ich bin allzu un⸗ glücklich, um ein erträglicher Geſellſchafter zu ſein.“ „Einen Augenblick,“ bat Milly.„Wiſſen Sie denn nicht, daß Sie Ihr Herz einer Perſon geſchenkt haben, welche es verwirft, um eines reichen Mannes Frau zu werden. Miß Ahrnell hat meinem Schwa⸗ ger ihre Hand verſprochen. Um ſchnell in den Stand der Ehe zu treten, haben ſie ſo eilig als möglich England verlaſſen.“ „Miß Milly,“ rief ich aufs Aeußerſte gebracht, „Sie lügen, das iſt nicht möglich. Gerda hat nicht X 147 ſo handeln können, wie Sie ſagen; wäre dem ſo, ſo würde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen.“ „Milly zog aus der Taſche einen Brief und reichte mir denſelben, ohne ein Wort zu ſagen. Er war von Strömberg und an Mr. Smith den ältern gerichtet. Ich las ihn in einem Gemüthszu⸗ ſtande, welcher an Wahnſinn grenzte. Er lautete ungefähr folgendermaßen: „Mein beſter Schwiegervater! „Im Augenblick, da ich im Begriffe bin, von England abzugehen, halte ich es für Pflicht, Sie von dem Schritte zu unterrichten, den ich gethan habe, und der Eliſe die Pflege einer zärtlichen Mutter ſichern ſoll. Ich habe nämlich nach reiflicher Ueber⸗ legung mich wieder zu verheirathen entſchloſſen. Be⸗ ſitzer eines großen Vermögens, brauche ich bei einer Gattin nicht auf ſolches zu ſehen, und ſo iſt denn meine Wahl auf ein armes Mädchen gefallen. Meine Hkünftige Frau iſt Gerda Ahrnell. „Ich hegte vor meinem Abgang von Lislehill den Wunſch, Sie hievon in Kenntniß zu ſetzen; ich wollte es aber nicht eher thun, als bis mir Gerda eine beſtimmte Zuſage gegeben hätte. Dieß iſt nun ge⸗ ſchehen. „Ich ſchreibe dieſe Zeilen in dem Augenblick, da ich an Bord des Dampſſchiffes gehe. „Sobald ich in Schweden ankange, wird meine Hochzeit mit Gerda gefeiert werden. Ich rechne auf Ihren Segen hiezu und verbleibe wie immer „Ihr ergebener Schwiegerſohn „Pehr Strömberg.“ „Konnte ich wohl zweifeln? Das frage ich Dich. 148 „Deine Worte, deine plötzliche Abreiſe ohne einen Abſchiedsgruß— Alles verlieh dem Briefe Ström⸗ bergs das Gepräge der Wahrheit. Nachdem ich denſelben geleſen hatte, ſtürzte ich auf die Thüre zu, ohne zu wiſſen, was ich thun wollte, nur von dem Gefühle beherrſcht, daß ich das Leben nicht zu ertra⸗ gen vermöge, nachdem die Gewißheit, Dich verloren zu haben, demſelben allen Werth geraubt hatte. Ich kam jedoch nicht aus dem Salon hinaus; Milly warf ſich mir zu Füßen und umfaßte meine Kniee. Sie beſchwor mich bei Allem, was heilig war, ſie in ſolcher Gemüthserregung nicht zu verlaſſen. In dieſem Augenblick trat Mr. Smith ein. „Seine Tochter auf den Knieen zu meinen Füßen, ich in ſo leidenſchaftlicher Stimmung, daß nicht ein⸗ mal ſeine Gegenwart mir das Sonderbare meiner dermaligen Lage zum Bewußtſein brachte. „Ich hatte auch keine Worte zu einer Erklärung gefunden. Ich war nicht im Stande, meine Ge⸗s danken ſo weit zu ordnen. „Milly that es an meiner Stelle. Nachdem ſie ihrem Vater Alles geſagt hatte, verließ ſie uns. „Du kannteſt den alten Gentleman, Du weißt auch, wie viel wahrhaft Edles in ſeinem Weſen lag. Er ſprach ruhig und ernſt mit mir; er appellirte an meinen Stolz und zeigte mir, wie unwürdig es mei⸗ ner als Mann wäre, mich in ſolchem Grade vom Schmerz beherrſchen zu laſſen. „Ich trennte mich von ihm mit der Ruhe des Todes in meiner Seele. Dieſe letzten Stunden ſchienen mein Inneres verwandelt und meine Gefühle ver⸗ ſteinert zu haben. 149 „Zwei ganze Tage blieb ich auf meinem Zimmer. „Ich bedurfte dieſer Zeit, um mich in meinem neuen Verhältniſſe zurechtzufinden und mit dem er⸗ littenen Verluſte, nämlich der Vernichtung all meines irdiſchen Glückes zu verſöhnen. Freude und Glück⸗ ſeligkeit im Leben hatte ich mit Dir verloren, und ich brauchte Zeit, um mich an den Gedanken daran einigermaßen zu gewöhnen. „Am dritten Tage nahm ich meine Thätigkeit in der Fabrik wieder auf. Die Frauen hatten aufge⸗ hört für mich Etwas zu ſein, und jeder Gedanke an irgend ein Weſen oder Ding, das meinen Pfad mit Blumen noch beſtreuen könnte, war aus meiner Seele verſchwunden. „Ich wollte leben, weil es feig geweſen wäre, zu ſterben. Ich wollte arbeiten, weil ich mir ſelbſt das Gelübde gethan hatte, durch Arbeit mir einen Namen zu verſchaffen.“ „Ich gab mich,“ fuhr Richard fort,„Wochen lang einer überſpannten Thätigkeit hin und geſtattete weder mir noch denen, die unter mir ſtanden, einige Erholung. Die Folge war, daß ich nach dreimonat⸗ licher ununterbrochener Arbeit, ohne eigentliche Ruhe bei Nacht und ohne Raſt bei Tag, in eine Krankheit verfiel. Ich hatte um dieſe Zeit zwei neue chemiſche Erfindungen gemacht, für welche ich von der engli⸗ ſchen Regierung einen Preis erhielt. Während da⸗ durch mein Name unter den chemiſchen Ingenieurs 1 150 bekannter wurde, erhielt in Folge davon auch die Smith'ſche Fabrik eine erhöhte Bedeutung. „An demſelben Tage, da ich von der Regierung auf die angegebene Weiſe ausgezeichnet wurde, mußte ich das Krankenlager ſuchen, und zwar unter ſo hoffnungsloſen Umſtänden, daß die Aerzte an meinem Aufkommen zweifelten. „Zwei Monate dauerte meine Kranlheit, zwei Monate war die reiche und gefeierte Milly meine Wärterin. „Ich ſah ihre Anhänglichkeit, ohne davon gerührt zu werden; ich beklagte ſie nur. Ich war der Gegen⸗ ſtand ihrer aufopfernden Zärtlichkeit, ohne daß dieſe mir auch nur ein Gefühl von Freundſchaft einzu⸗ flößen vermochte. Ich wurde mir bloß dunkel be⸗ wußt, daß ich eine Verpflichtung gegen ſie hatte. „Oft wenn ſie an meinem Lager ſaß und traurig mich anblickte, wandte ich mit einem Seufzer den Kopf weg und dachte: „O, warum kann ich ſie nicht lieben? Warum wird mein Herz immer an Gerda gefeſſelt ſein? „Eines Tags— ich befand mich auf dem Weg der Beſſerung— empfing Milly einen Brief aus Schweden. Ich kannte Strömbergs Handſchrift, und das Blut brannte mir wie Feuer in den Adern. Mit einer kräftigen Willensanſtrengung verſuchte ich, in meine Stimme die möglichſte Ruhe zu legen, und fragte ſofort, ob Strömbergs Hochzeit ſchon ſtattge⸗ funden hätte „Noch nicht,“ antwortete Milly,„aber da ſchreibt er mir eben, daß ſie über drei Wochen feſtgeſetzt ſei.“ „Es verging einige Zeit. 151 „Eines Tags, da Milly mir vorlas, äußerte ich. „Sie lieben mich, Milly?“ „Sie ſah mich an. In ihren Augen lag die Antwort. „Ihr Vater weiß; daß dem ſo iſt, und darum hat er, der Sie vergöttert, Ihnen geſtattet, mich zu pflegen?“ „Milly nickte bejahend mit dem Kopfe. „Und Sie, Sie haben mir beweiſen wollen, wie theuer ich Ihnen ſei?“ „Ein wehmüthiges Lächeln diente ſtatt der Ant⸗ wort. „Aber,“ begann ich wieder,„Sie wußten ja, daß ich Sie nicht lieben konnte, und daß mein Herz an eine Andere gefeſſelt war und iſt.“ „Ich habe noch keine Gegenliebe von Ihnen be⸗ gehrt,“ ſtammelte Milly, den, Kopf ſenkend. „Es entſtand eine Pauſe. „Ich betrachtete ihr von einer warmen Röthe erglühendes Antlitz, auf welchem ſo viel Kummer und Ergebenheit zu leſen war. Ich dachte an die Schuld, worin ich bei dem ſchönen Kinde ſtand, das Alles beſaß, um glücklich zu ſein, und doch, bei ſeiner Liebe zu mir, es nicht war. Sie, welche mit ihrem Reichthum und ihrer Schönheit einen Mann unter den beſten Familien Englands wählen konnte, ſaß als Krankenwärterin an meinem Bette. Ich, der nichts Anderes, worauf ich ſtolz ſein konnte, als meine Kraft und meine Arbeit beſaß, wurde von ihr gepflegt. „Sie liebte mich, ſie, dieſes Mädchen, für welches mein Herz keine Zärtlichkeit beſaß, und Gerda, der ich jedes edle Gefühl gewidmet hatte, ſie verheirathete 152 ſich mit einem Andern, weil er reich war. Sie opferte mich auf, um nicht mit mir die Prüfungen, welche ſie befürchtete, theilen zu müſſen. „Sie waren ſehr niederſchlagender Art, die Paral⸗ lelen, die ich daraus zog, und das Reſultat davon blieb, daß ich nichts Beſſeres thun zu können glaubte, als den Beweis zu liefern, wie ich Milly's Anhäng⸗ lichkeit ihrem ganzen Werthe nach zu ſchätzen wußte und mich dankbar dafür verpflichtet fühlte. „Nach einem langen Stillſchweigen nahm ich das Wort: „Würden Sie, Milly, die Hand eines Mannes annehmen, deſſen Herz dem Anerbieten derſelben nicht folgen kann? Könnten Sie, wenn Sie dieſen Mann liebten, mit ihm glücklich werden, obwohl er Ihnen nichts weiter als ſeine Achtung und Freundſchaft zu ſchenken vermöchte? Wenn Sie es können, dann würde ich Ihnen mein Leben weihen und hinfort nur für Ihr Glück leben.“ Milly lehnte weinend den Kopf auf mein Kiſſen. „Sie reichte mir ſchweigend die Hand. „Als ich vollkommen hergeſtellt war, erfolgte un⸗ ſere Verlobung und einige Wochen darauf fand unſere Hochzeit ſtatt. „Mr. Smith hielt ſich für den glücklichſten aller Väter. Er freute ſich ungemein, Zeuge von der Vereinigung ſeiner Tochter mit dem Manne, den ſie liebte, zu ſein, um ſo mehr, als dieſer Mann auch das Gedeihen der Fabrik fördern und die Firma immer bei ihrem Anſehen erhalten würde. „Ich war ungefähr einen Monat verheirathet und eben von einer kürzern Reiſe, welche ich nach 153 der Hochzeit unternommen hatte, zurückgekehrt, als einige Schweden die Fabrik beſuchten. „Ich lud meine Landsleute zugleich mit mehren hervorragenden engliſchen Fabrikanten und Kaufleuten zum Diner ein. „Meine Frau war dabei nicht zugegen. „Beim Eſſen erwähnte einer der Engländer, ein alter Bekannter Strömbergs, des Namens von ihm, und ſo fiel das Geſpräch auf denſelben. „Ich fühlte mich nicht geneigt, an der Konver⸗ ſation Theil zu nehmen, denn für mich war Ström⸗ berg ein Mann, der mich um mein Glück beſtohlen hatte. Es gab jedoch Etwas, das ich zu hören er⸗ wartete, nämlich, daß er verheirathet ſei; aber wie⸗ wohl man von Verſchiedenem, das ſein Privatleben betraf, redete, gedachte keiner der Schweden auch nur mit einem Worte des Umſtandes, daß er verheirathet wäre, oder ſich verheirathen würde. Endlich, nachdem ich vergeblich gewartet hatte, fragte ich: „Mr. Strömberg hat ſich ja kürzlich wieder ver⸗ heirathet?“ „Er?“ rief einer der Schweden,„das iſt voll⸗ kommen unrichtig; ich glaube nicht einmal, daß er daran gedacht hat.“ „Das Blut wallte mir nach dem Herzen. Hatte man mich betrogen? „Ich fuhr mit meinen Fragen fort und erfuhr nun, er habe ſo wenig an eine neue Ehe gedacht, daß er ſeine Tochter in eine Penſion gethan und Haushalt auf einen Junggeſellenfuß geſtellt abe. „Derjenige der Schweden, welcher am vertrau⸗ * 154 teſten mit ihm ſtand, wußte ſehr wohl, daß Gerda ſeine Frau und Tochter nach England begleitet hatte und mit der letztern auch von dort heimgekehrt war, aber er verſicherte, gleich nach der Ankunft in Schwe— den habe dieſelbe ihre Stelle als Erzieherin des Mäbchens verlaſſen. „Als die Fremden ſich entfernt hatten, begab ich mich zu meiner Frau, um über den wahren Sach⸗ verhalt Erkundigung einzuziehen. Ein ſchwerer Arg⸗ wohn war in meiner Seele aufgeſtiegen. „Ich fragte, ob ſie oder ihr Vater kürzlich Brieſe aus Schweden erhalten hätte. Milly erklärte er⸗ röthend, ſie wiſſe nicht, ob dieß bei ihrem Vater der Fall wäre. „Du weißt ſomit auch nicht, ob Strömbergs Hoch⸗ zeit ſtattgefunden hat? fragte ich. „Nein, ich weiß es nicht, aber ich vermuthe es. „Wirklich. Ich glaubte in der That, du wäreſt deſſen völlig gewiß. „Milly ſchwieg. Ich meinte in ihrem Geſicht eine gewiſſe Unruhe zu leſen, welche mich nicht zum Beſten ſtimmte. Genug, ich ſagte ihr, einer der Schweden hätte erzählt, Strömberg habe ſich nicht verheirathet und gedenke es auch nicht zu thun. Ich wünſchte mit einer gewiſſen Heftigkeit zu erfahren, was es mit dem von Strömberg geſchriebenen Briefe, den ſie mir vorgewieſen, für eine Bewandt⸗ niß habe. „Milly begann zu weinen, und es erfolgte eine Scene, ohne ein anderes Reſultat, als daß Milly mich der Härte und Ungerechtigkeit anklagte. Sie war ihrer Ausſage nach die unglücklichſte aller 15⁵ Frauen, da meine Liebe zu einer andern mich die Rückſicht vergeſſen ließ, welche ich meiner Gattin ſchuldig war. „Bei dieſen Beſchuldigungen entfernte ich mich. Ich mißbilligte meine Heftigkeit; ich hatte ja das Verſprechen gegeben, ein guter Gatte zu ſein, und ich gedachte es auch zu halten, wofern ich nicht ent⸗ deckte, daß ich von Milly betrogen worden war. Roch hegte ich bloßen Argwohn, und darnach hatte ich kein Recht, Jemand zu verurtheilen. „Mehrere Tage folgten, ohne daß ich den Gegen⸗ ſtand wieder aufnahm. Ich war zu der Anſicht ge⸗ langt, daß es nichts nütze, die Wahrheit zu erfor⸗ ſchen, da mein Schickſal doch unwiderruflich entſchie⸗ den wäre. „Milly hatte inzwiſchen als verzogenes Kind die Beleidigte ſpielen zu müſſen geglaubt und nahm eine ſtolze und kalte Miene an. „Dieß war nicht die rechte Art und Weiſe. Wenn Milly nach dem erſten Auftritt zwiſchen uns zu mir gekommen wäre und die Wahrheit bekannt hätte, ſo würde ich ihr gewiß verziehen und mich mit dem geſchehenen Betrug zu verſöhnen geſucht haben. Jetzt reizte mich ihr ſtolzes Weſen, und ich ſetzte Kälte gegen Kälte. „Mr. Smith, welcher uns täglich beſuchte, ſah bald, daß es zwiſchen ſeiner Tochter und ihrem Gatten nicht ſo war, wie es ſein ſollte; aber der alte Mann ſagte gleichwohl nichts, ſondern wartete nur ab, daß es anders würde. „So war eine Woche verfloſſen, als mir eines 156 Tags ein Brief aus Schweden eingehändigt wurde. Er kam von Strömberg. „Als ich das Kouvert erbrochen hatte, fielen einige Briefe heraus, welche die Handſchrift meiner Frau trugen. Außerdem lag ein Schreiben von Ström⸗ berg ſelbſt darin, und dieſes lautete folgendermaßen: „Mein beſter Schwager! „Es wird mir erlaubt ſein, Ihnen meine Glück⸗ wünſche zu der Vereinigung darzubringen, welche von Ihnen geſchloſſen worden iſt und genügend alle Wünſche der Kontrahenten befriedigen muß. Sie haben eine reiche Frau bekommen, welche durch ihr großes Ver⸗ mögen Ihnen eine glänzende ökonomiſche Stellung ſichert, und ſomit iſt Ihr Wunſch erfüllt. Milly hat den Mann bekommen, den ſie liebte, und mein Schwiegervater den Eidam, den er für die Intereſſen ſeiner Fabrik als den paſſendſten betrachtete. Somit ſind alle glücklich. Ich fürchte jedoch, daß ich bei dem Arrangement dieſer Heirath mich durch meine Schwach⸗ heit für Milly zu einer Handlung habe verleiten laſſen, welche Ihnen möglicher Weiſe zum Schmerz Veran⸗ laſſung gegeben. „Um begreiflich zu finden, wie ein Mann mit meinen Grundſätzen ſich zu Etwas, das von dem ſtrengen Rechte abweicht, verleiten laſſen konnte, muß man wiſſen, wie ſehr ich meine hingeſchiedene Frau ge⸗ liebt, und wie viel ich nicht nur auf deren Vater, ſondern auch auf deren Schweſter gehalten habe. Ich halte es jedoch für meine Pflicht, den wahren Sach⸗ verhalt vor Ihnen zu bekennen.. „Bei meiner im Frühling erfolgten Ankunft in England vertraute mir Milly an, ſie liebe Mr. Schneider, 157 fürchte aber, ſeine Neigung ziehe denſelben zu Mamſell Ahrnell hin. Sie flehte mich an, ihr Beiſtand zu leiſten, da es ihr unmöglich wäre, ohne Sie zu leben. Ich gab ihr das Verſprechen, alles was in meinen Kräften ſtände, für die Förderung ihres Glücks zu thun. Eine Heirath mit Gerda Ahrnell, mein beſter Schwager, wäre immer für Ihre Zukunft nachtheilig geweſen. Ich glaubte ſomit auch Ihnen einen Dienſt zu thun, wenn ich Milly's Wunſche gemäß, Gerda eiligſt aus England entfernte. Bei der Abreiſe von dort ſchrieb ich an meinen Schwiegervater ein paar Zeilen, worin ich auf die Hand des ſchönen Mädchens zu ſpekuliren vorgab. „Da dieß keine genügende Wirkung hatte, ſchrieb ich auf Milly's Bitten einen weitern Brief, worin ich meldete, daß meine und Gerda's Hochzeit nunmehr feſtgeſtellt ſei. „Die Folge war, wie Milly berechnet hatte, die Heirath zwiſchen Ihnen beiden. Sie können ſomit ſagen, daß wenn auch meine Theilnahme an Milly's kleinen Maßregeln Ihnen einen vorübergehenden Kum⸗ mer verurſachte, dieſelbe Sie auf der andern Seite zum Glück geführt hat, denn Reichthum iſt Glück. „Jetzt, da weder Ihr noch Milly's Wohl die Fort⸗ ſetzung der Rolle, welche ich geſpielt habe, erfordert, nehme ich mir die Freiheit, die von Milly an mich geſchriebenen Briefe Ihren Händen anzuvertrauen. Mögen Sie zugleich die Güte haben, meinem Schwieger⸗ vater auf eine ſchickliche Weiſe zu erklären, warum aus meiner vorgeblichen Heirath mit Gerda nichts ge⸗ worden iſt; aber thun Sie das ſo, daß er hinter das wahre Verhältniß nicht kommt, weil Mr. Smith ſeiner 158 Tochter dieſe unſchuldige Intrigue, welche zur Er⸗ füllung ihres Herzenswunſches führte, nur ſchwer ver⸗ zeihen würde. „Im Fall Sie ſich auf irgend eine Weiſe Mamſell Ahrnells wegen beunruhigen ſollten, will ich Ihnen anzeigen, daß dieſelbe ſich getröſtet hat. Ein junger Künſtler, Namens Guſtavſon, ein Bekannter von ihr aus den Kinderjahren her, hat es auf ſich genommen, dieſelbe mit dem Verluſt von Ihnen auszuſöhnen. Guſtavsſon iſt Zögling Ihres Vaters, des Profeſſor Schneider, und durch den letzten habe ich erfahren, daß Guſtavsſon aus der jungen Näherin eine Künſt⸗ lerin zu machen beabſichtigt. Wie weit dieß gelingen wird, iſt eine Sache für ſich. Ich weiß indeſſen nichts Näheres darüber und kann Ihnen blos verſichern, daß Mamſell Ahrnell ganz vergnügt iſt und blühend und ſorglos ausſieht. Indem ich es Ihrer Klugheit überlaſſe, die Sache ſo einzuleiten, daß Milly's Vater keinen Grund bekommt, ſich über ſeine Tochter zu ärgern, zeichne ich mit Achtung und Freundſchaft „Pehr Strömberg.“ 5 „Den Eindruck, welchen dieſes Schreiben auf mich machte, will ich nicht ſchildern. „Ich las die Briefe meiner Frau an ihren Schwager. Es fanden ſich darin verſchiedene Sätze, welche aus⸗ geſtrichen waren, und dieß ſo ſorgfältig, daß ich un⸗ möglich herausbringen konnte, wie ſie gelautet hatten. Die Briefe handelten ausſchließlich von den Mitteln, durch welche Milly meine Neigung zu Dir erſticken zu können hoffte. „Die Intrigue ging, wie es ſchien, von ihr aus und war mit ſehr großer Schlauheit ausgedacht. Sie bewies, daß Milly's Kopf dazu geſchaffen war, mit den menſchlichen Schwachheiten ihr Spiel zu treiben, deutete aber zugleich auf einen völligen Mangel an Herz hin. Trotz der ausgeſtrichenen Stellen trug es den Anſchein, als ob ſie und Strömberg ein gemein⸗ ſames Intereſſe verfolgt, und er ſich nicht blos dazu hergegeben hätte, ihr zu Dienſten zu ſein, ſondern auch auf Förderung ſeiner eigenen Zwecke bedacht ge⸗ weſen wäre. „Ohne mich lang zu bedenken, ging ich zu meiner Frau und übergab ihr die Briefe, welche Strömberg mir zugeſchickt hatte. Milly wurde zuerſt verlegen, brach dann in Heftigkeit aus und fragte, durch welche niedrigen Mittel es mir gelungen wäre, mir dieſelben zu verſchaffen. Es fielen nun Worte von beiden Seiten, welche ich nicht wiederholen will, und da Milly ſich auf keine andere Weiſe entſchuldigen konnte, äußerte ſie unter dem Einfluß ihrer Heſtigkeit: „Wenn man Dich hört, iſt man zu glauben ver⸗ ſucht, Du habeſt aus Barmherzigkeit mich zur Frau genommen. Du darfſt jedoch nicht denken, ich betrachte die Sache auch ſo. Wenn man eines ſo reichen Fa⸗ brikanten Tochter iſt, wie ich, und ſich einen Gatten nimmt, der nichts hat, ſo weiß man recht wohl, was man von einem Edelmuth halten darf, welcher ein beinahe fürſtliches Vermögen eingebracht hat. Ohne mich wäreſt Du ein Lohndiener, von meinem Vater 160 und Bruder engagirt, um deren Fabrik zu führen; mit mir biſt Du ein vermöglicher Mann, vergiß das nicht.“ „Man muß ſtolz ſein, wie ich, um zu begreifen, wie dieſe Worte mir auf die Seele brannten. Augen⸗ blicklich ſtand es klar vor mir: ich hatte bei der Hei⸗ rath mit Milly den Umſtand vergeſſen, daß ſie viel Geld beſaß. Ich war ſomit von der Bahn, welche ich ſchon als Jüngling mir vorgezeichnet hatte, näm⸗ lich Alles durch eigene Arbeit, Nichts durch Anderer Hülfe zu werden, dadurch abgewichen. „Ich fand jedoch keine Zeit, eine Antwort zu geben. Kaum waren die übereilten Worte ausgeſprochen, ſo ſtand Mr. Smith vor ihr. Des alten Mannes An⸗ geſicht war ſtreng. „Was ſoll das heißen, Milly, daß Du mit deinem Mann alſo redeſt?“ fragte er. „Milly erbleichte. Sie kannte ihren Vater als einen rechtſchaffenen Mann, welcher niemals eine un⸗ gerechte Handlung vergab, niemals den Uebermuth entſchuldigte. „Ich bin lang,“ fuhr er fort,„hinter der Thür⸗ gardine geſtanden und habe gehört, was geſprochen wurde. Ich wünſche nun zu wiſſen, wovon die Rede iſt, und will die Briefe ſehen, welche dein Mann Dir übergeben hat.“ „Die Briefe lagen auf dem Tiſch. Ich nahm ſie, indem ich in ſo ruhigem Tone als möglich ſagte: „Der ganze Auftritt betrifft eine Affaire, welche nur Milly und mich angeht; Sie werden alſo er⸗ lauben, Schwiegervater, daß ich die Briefe vernichte. „Der Beweis gegen Milly wurde in tauſend 161 Stückchen zerriſſen. Mr. Smith betrachtete mich und wandte ſich ſofort nach der Thüre mit den Worten: „Ich wünſche, mein lieber Schwiegerſohn, Sie mögen ſich nicht darüber zu beklagen haben, daß Ihnen eine böſe Frau zugefallen iſt. Daß Sie ein Mann von Ehre ſind, haben Sie mir eben bewieſen. „Er ging, und auch ich entfernte mich. „Tags darauf reiste ich von Lislehill ab. „Ich mußte ungeſtört für mich in Erwägung ziehen, wie ich es für die Zukunft zu halten hatte. „Ich wollte nicht länger als Theilnehmer in der Fabrik bleiben; ich wollte mir nichts von dem Vermögen, das meine Heirath mir zubrachte, aneignen; und ich konnte nicht an der Seite einer Frau leben, von welcher ich beleidigt worden war. „Ich wußte wohl, wie viel ich als Chemiker für die Gewerbe zu leiſten vermochte, und es ſtand klar vor mir, daß ich, ſofern ich mich denſelben wid⸗ mete, größern Nutzen ſtiften könnte, denn als Fabrik⸗ beſitzer. „Das Feld für meine Thätigkeit war London. Ich konnte dort Vorleſungen halten und mich mit Auffindung neuer Mittel beſchäftigen, meine Wiſſen⸗ ſchaft dem praktiſchen Leben dienſtbar zu machen. „Als ich mit dieſem Plan im Reinen war, kehrte ich nach Lislehill zurück, wo ich ſogleich meinen Schwiegervater aufſuchte. Er lag krank darnieder. „Einige Wochen darauf war er todt. „In ſeinen letzten Augenblicken theilte er mir mit, er habe an Strömberg geſchrieben und ihn auf⸗ gefordert, Nachricht darüber zu geben, was die Briefe Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. I. 11 162 enthielten, die mir zugeſandt worden wären und von Milly herrührten. Mr. Smith hatte an die bekannte Rechtlichkeit ſeines Schwiegerſohns appellirt und von ihm verlangt, die Wahrheit auszuſprechen, weil der alte Mann an ſeiner Tochter zu zweifeln anfing. „Mit umgehender Poſt antwortete Strömberg und legte die ganze Kabale dar, welche Dich und mich getrennt hatte und Milly in ein nicht ſehr vor⸗ theilhaftes Licht verſetzte. „Der redliche Smith hatte ſich über ſeiner Toch⸗ ter Benehmen gegrämt, und es war zu einer Scene zwiſchen ihm und Milly gekommen. Jetzt bat er mich, ihr zu verzeihen, was ſie gefehlt hatte, und ihm zu verſprechen, ihr ein milder Gatte zu ſein. Ich gelobte dem Mann, den ich hoch ſchätzte, ſo viel in meinen Kräften ſtände, nachſichtig und ver⸗ träglich gegen Milly zu ſein. Mr. Smith hegte die Beſorgniß, Milly möchte, wenn ich ihr nicht Güte bewieſe und ſie in meiner Anhänglichkeit einen Schild gegen ihre eigene Natur fände, ſich ohne Rückhalt der Neigung zum Intriguiren, die in ihrer Gemüths⸗ art zu liegen ſchien, überlaſſen. Ich verſicherte ihn, ſo weit es mir möglich wäre, dieſer Neigung ent⸗ gegenarbeiten zu wollen und ſeine Tochter ſo zu behandeln, daß ſie ſich nicht mehr zu einem Thun verſucht fühlte, das ihrer unwürdig wäre. „Mr. Smith ſtarb nun ruhig und ſegnete ſeine weinende Tochter, nachdem er noch in einfachem und ernſtem Tone ihr zugeredet hatte. Als er beerdigt war, erfolgte die Erbtheilung. Strömberg lag krank in Schweden darnieder und konnte nicht nach London kommen, ſondern beauftragte einen bekannten Juriſten, ſein Intereſſe zu wahren. „Ich trennte mich von der Fabrik, in welcher Milly's Vermögensantheil ſtehen blieb. Wir zogen nach London, hier aber richtete ich mich nicht als ein Mann von Vermögen, ſondern von beſcheidenem Einkommen ein. Ich erklärte Milly, ſie müſſe ſich in eine eingezogene Lebensweiſe ſchicken, weil meine Mittel mir nicht weiter geſtatteten. „Was ſoll ich von den fünf Jahren ſagen, die ſeitdem verfloſſen ſind. „Nun, durch Arbeit und Studium ſchwang ich mich aus meiner unbemerkten Stellung als ehemali⸗ ger Diſponent einer chemiſchen Fabrik, der ſich reich verheirathet hatte, empor. Ich wurde Profeſſor der Chemie, und durch meine neuen Erfindungen gewann ich Orden, Ruf und Vermögen, ohne daß ich einen Schilling von dem Gelde meiner Frau anzurühren brauchte. Mein Name wurde in der wiſſenſchaftlichen Welt bekannt, und der unbedeutende Färbergeſelle verwandelte ſich durch eigene Kraft und Arbeit in einen Mann, welcher ſich alle möglichen zeitlichen Vortheile erwarb, aber leider kamen Glück und Frie⸗ den nicht in deren Gefolge. „Meine Ehe war unglücklich. „Milly beſaß einen jener unheilbringenden Cha⸗ raktere, welche ohne zu intriguiren nicht keben können und niemals bei der Wahrheit bleiben. Ihre Liebe zu mir war heftig und leidenſchaftlich geweſen, ſo lang ſie in Ungewißheit über den Erfolg ſchwebte. Als ſie ihren Zweck erreicht hatte, erloſch dieſelbe, 164 und ſie mußte nun andere Mittel aufſuchen, um ihre Neigung zur Intrigue zu befriedigen. „Mein Streben und meine Intereſſen verſtand ſie nicht; mein Stolz, der ſich weigerte, etwas von ihrem Vermögen anzunehmen, wurde von ihr als Bosheit betrachtet, und ſie ſchlug tauſend Auswege ein, dem eingezogenen Leben, das ich führte, ſich zu entziehen. Sie erregte mir wirkliches Aergerniß, und da nichts ſie von der hinter meinem Rücken ſtatt⸗ findenden Heimlichthuerei abzuhalten vermochte, ließ ich ihr die Freiheit, alle die Vergnügungen zu ge⸗ nießen, an denen ſie Gefallen zu finden ſchien; aber da verloren ſie ihren Werth. Sie verlegte ſich nun auf die Eiferſucht. Da meine Zeit von Vorleſungen und Laborationen in Anſpruch genommen war, blieb mir nicht viel Zeit für Familienleben übrig, und die Wahrheit zu ſagen, liebte ich mein Heimweſen auch nicht. Unordnung herrſchte überall. Nimmt man hiezu eine Frau, welche ſich mir niemals mit Ver⸗ trauen oder Freundlichkeit näherte, ſondern bei jeder Veranlaſſung mich zu betrügen ſuchte und die Wahr⸗ heit zu ſagen unmöglich fand, ſo iſt klar, daß ein Mann von meinem Charakter dadurch abgeſtoßen werden mußte. „Milly hatte, als ſie es mit der Eiferſucht pro⸗ birte, ausgerechnet, die Urſache, warum ich ſo wenig zu Hauſe wäre, müſſe in irgend einer zärtlichen Ver⸗ bindung liegen. Eine Reihe von Quälereien folgte. Dieſe waren von der Art, daß ſie beinahe zu einem Bruch zwiſchen uns führten, wenn ſie nicht plötzlich ſich in den Kopf geſetzt hätte, ihre Schwägerin, Mrs. Smith, auf einer Reiſe nach dem Kontinent begleiten —— 165 zu wollen. Sie wäre wahrſcheinlich niemals auf dieſen Gedanken gekommen, wenn ſie nicht der Ueber⸗ zeugung gelebt hätte, daß ich niemals hiezu meine Einwilligung geben würde. Im Fall ich es ver⸗ weigerte, hatte ſie Ausſicht zu einer großartigern Komödie, in welcher ſie durch Ränke und Umwege doch zu ihrem Ziele zu gelangen hoffte. Nun kam der Vorſchlag zu dieſer Reiſe als eine Rettung für uns beide, und ich gab ſogleich meine Zuſtimmung. Milly verlor in Folge hievon alle Luſt zu dem beab⸗ ſichtigten Ausflug und begann nun darauf hin zu intriguiren, daß ſie zu Hauſe bleiben könnte; aber Bruder und Schwägerin ſahen die Nothwendigkeit ihrer Entfernung von London ein, und dieß hatte zur Folge, daß ſie vergeblich arbeitete. Am Schluß der Saiſon reiste ſie mit ihnen nach Paris; ich unternahm eine Tour nach Deutſchland. „In Wien erhielt ich einen Brief mit der Nach⸗ richt, daß meine Frau unvermuthet in Paris geſtorben ſei. Sie war gleich nach ihrer Ankunft daſelbſt in Folge einer heftigen Erkältung von einer Krankheit befallen worden. Bei ihrem gewöhnlichen Wider⸗ ſpruchsgeiſt vermochte ſie es nicht über ſich, die von dem Arzt verſchriebenen Arzneimittel zu gebrauchen, wußte vielmehr, da ihr alle kalten Getränke unter⸗ ſagt waren, heimlich ihre Wärterin zu überreden, daß ſie ihr gerade ſolche verſchaffte. Die Medika⸗ mente, welche ſo übel ſchmeckten, nahm ſie nicht ein, und das Reſultat war, daß ſie nach acht Tagen im Sarge lag.. „Ich war jetzt frei. 166 „Das hierauf folgende Jahr verbrachte ich auf Reiſen. „Meine Erfindungen hatten mich zu einem ver⸗ möglichen, von dem Gelde, das ich erheirathete, un⸗ abhängigen Mann gemacht. „Kurz nach Milly's Tod erhielt ich die Nachricht, daß mein Vater mit Tod abgegangen war. Meine Stiefmutter forderte mich auf nach Schweden zu kom⸗ men, aber ich antwortete, dieß ließe ſich nicht thun. Indeſſen ſuchte ich durch Edith Erkundigungen ein⸗ zuziehen, wie das Leben ſich für Dich geſtaltet hätte, und erfuhr ſomit, daß Du unverheirathet wäreſt und Dich von einer unbedeutenden Räherin zu einer be⸗ rühmten Künſtlerin emporgearbeitet hätteſt. „Dem bei meinem Vater von mir in den Jüng⸗ lingsjahren ſo bitter getadelten Intereſſe für alle die⸗ jenigen, welche künſtleriſche Anlagen beſaſſen, hatteſt Du es zu verdanken, daß Du in den Stand geſetzt wurdeſt, dich zu dem, was Du jetzt biſt, zu entwickeln. Ich beſchloß nun, nach Schweden zu reiſen, Dich aufzuſuchen, um von dir eine Erklärung der Worte, welche Du bei unſerer letzten Zuſammenkunft geäußert, zu verlangen und den Grund zu erfahren, warum Du bei deiner Abreiſe mir nicht ein Wort des Ab⸗ ſchiedes geſchrieben hatteſt. „Als ich nach ſechszehnjähriger Abweſenheit den Fuß wieder auf ſchwediſchen Boden ſetzte, war meine Abſicht, im Fall Du mich noch liebteſt und meine Gattin werden wollteſt, mein Leben da, wo meine Wiege geſtanden war, zu beſchließen, oder wenn Du mich abwieſeſt, nie mehr dahin zurückzukehren.— 167 Nun, Gerda, haſt Du noch einmal über meine Zu⸗ kunft zu beſtimmen.“ Gerda legte ihre Hand in die Richards.„Jetzt, Richard, kann ich deine Gattin werden,“ ſagte ſie, „denn weder Armuth noch Unehre ſtehen zwiſchen uns. Ich habe ſelbſt mir einen geachteten Namen geſchaffen und hoffe durch meine Arbeit den Schatten, welcher am Leben meines Vaters haftet, vertilgt zu haben, ſo daß er niemals auf den Namen meines künftigen Gatten zurückfallen wird. Ich glaube, das Recht erkauft zu haben, nicht nur den Mann, den ich von meinem neunten Jahre an treu geliebt habe, glücklich zu machen, ſondern auch ſelbſt die Wonne der Liebe zu genießen.“ Was auf dieſe Worte folgte, iſt nicht nöthig zu erzählen. Ihr, die ihr liebet, wißt es. Die Abenddämmerung war bereits angebrochen, als Richard endlich Gerda Lebewohl ſagte. Jahre waren vergangen, welche ſie getrennt ver⸗ lebt hatten, Jahre der Trauer, der ſtillen, innern Qual; aber jetzt waren ſie vergeſſen, und die Zu⸗ kunft lächelte ihnen ſo hoffnungsvoll entgegen. Sie ſollte ihnen Erſatz für alle Entſagungen bringen. a Frau Sjöberg, zur Zeit von Gerda nur Brita genannt, brummte und murrte, als ſie nach Richards Entfernung zu ihrer jungen Gebieterin eintrat. Sie redete von dem Unpaſſenden, Unſchicklichen und Un⸗ 168 chriſtlichen, welches darin liege, daß der fremde Mann ſo lang bei einer unverheiratheten Dame ſitzen ge⸗ blieben. Frau Schneider hatte mehrmals herüber⸗ geſchickt und fragen laſſen, ob der vornehme Aus⸗ länder noch nicht ſeines Wegs gegangen wäre; ſie, Brita, ſei genöthigt geweſen, die Antwort zu geben, er ſei noch da, obwohl es ſie nicht wenig genirt hätte, dieß zugeben zu müſſen. Gerda hörte nicht auf das Geplauder der Alten, ſondern trat auf die Veranda hinaus, welche gleichfalls die Ausſicht nach der See bot, um in der ſchönen Sommernacht einen frohen Augenblick zu verträumen. Das Glück, dieſer ſeltene Feiertagsgaſt, war für Gerda ſo gut wie ein Fremdling. Sie hatte Jahre lang geliebt, ohne daran zu denken, daß dieſe Liebe etwas Anderes als ein Traum bleiben würde. Jetzt ſchien dieſelbe ihr entgegenzulächeln als Lohn für den Muth und die Kraft, welche ſie in den Kämpfen des Lebens bewieſen hatte. Sie, ein Kind der Arbeit, welches durch ſeinen Fleiß und untadelhaften Lebenswandel ſich Anſehen, Unabhängigkeit und einen geachteten Namen erworben hatte, durfte ſich nun auch der Hoff⸗ nung hingeben, die Freuden des Lebens zu genießen. Gerda fühlte ſich in dieſem Momente ſo dankbar gegen Gott, daß ſie demüthig das Haupt neigte und mit gefalteten Händen einen Seufzer zu dem allgü⸗ tigen Geber alles Guten emporſandte. Als ſie die gefalteten Hände wieder ſinken ließ, huſchte ein dunkler Schatten an der Veranda vorüber, und ein beinahe lautloſer Schritt ſchlich ſich heran. Gerda's Augen fielen auf eine Geſtalt, welche auf 169 der oberſten Stufe der zu der Veranda führenden Treppe ſtand. Die junge Frau fuhr zuſammen und war nahe daran, einen Schreckensruf auszuſtoßen; aber ſie ſchloß die geöffneten Lippen wieder und drückte die Hand auf das Herz. Vor ihr ſtand ein hochgewachſener Mann, den Rock bis an das Kinn zugeknöpft und den Hut in die Stirne gedrückt. Gerda erhob ſich. „Still,“ ſagte der Mann,„keinen Lärm gemacht, ſondern höre mich aufmerkſam an. Deine Zeit iſt koſtbar, und mein Name wird genügen, um dich über deine Pflicht aufzuklären. Ich heiße Bernard. Gerda ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Sie hatte ihn bereits wieder erkannt. „Du mußt mich hier bleiben laſſen. Niemand hat mich hereinkommen, und Niemand wird mich hin⸗ weggehen ſehen. Du mußt ſogleich dieſen Brief in Strömbergs Hände ſchaffen; aber Du mußt ſelbſt hin⸗ gehen und darfſſt ihn Niemand anders übergeben. Sobald er ihn geleſen hat, wird er mir von hier forthelfen, ehe die Sonne wieder aufgegangen iſt. „Von hier forthelfen,“ murmelte Gerda;—„Sie haben ſomit ein neues Verbrechen begangen,“ ſetzte e in ſo leiſem Tone hinzu, daß er wie ein Flüſtern lang. „Was ich begangen habe, kommt hier nicht in Frage; es handelt ſich nur darum, daß Du Strömberg triffſt, und daß Niemand mich zu ſehen bekommt,“ antwor⸗ tete Bernard. Gerda begab ſich in den kleinen Salon, ſchickte Brita unter irgend einem Vorwand hinweg und führte 170 Bernard in ihr Schlafzimmer. Dieß alles that ſie mit einer beinahe furchtbaren Ruhe. Sie vermochte kein Wort mit dieſem Mann zu reden, und doch hielt ſie es für ihre Pflicht, ihm den geforderten Schutz zu gewähren. Mit der einen Hand deutete ſie auf die Thüre zum Schlafzimmer, während ſie mit der andern den Brief, welchen er in der ſeinigen hielt, zu ſich nahm. Bernard war einen Augenblick auf der Schwelle zu der Tochter Heiligthum ſtehen geblieben. Er be⸗ trachtete ſie mit einem Blick, welcher etwas wie Zärt⸗ lichkeit verrieth, ſagte aber nichts, ſondern verſchloß die Thüre hinter ſich mit den Worten: „Strömberg muß unverzüglich den Brief haben, damit ich ſo ſchnell als möglich hinwegkomme.“ Gerda ſenkte den Kopf, ſchloß die Thüre zu und murmelte, mit der Hand über die Stirne fahrend: „O Gott! Dieſer Mann iſt mein Vater, und ich — ich wagte mich glücklich zu fühlen.“ Sie ſank auf die Knie nieder und blieb eine Weile, die gefalteten Hände an die Stirne drückend, liegen. Darauf erhob ſie ſich haſtig und ging zu Brita hinaus. „Du mußt mich in die Stadt begleiten, aber ohne weiter Fragen und Bemerkungen zu machen. Schnell, wirf deinen Shawl über und laß uns gehen.“ Brita ſchaute ihre junge Herrin an. Die Lippen bewegten ſich allerdings, aber ohne daß ein Wort über dieſelben ging. Sie wickelte ſich in einen großen Shawl; auch Gerda ſchlug einen ſolchen um und ſetzte ihren Hut auf; dann zogen ſie von der Villa ab, 171 gn ſie ſorgfältig die Thüre hinter ſich verſchloſſen hatten. Als die beiden Frauen durch das Gitterthor gingen, welches auf die Straße führte, duckte ſich ein Mann von widerlichem Ausſehen hinter der Hecke nieder. Er blickte ihnen lang nach, und als ſie ihm aus dem Geſicht entſchwunden waren, murmelte er: „Sie ſind aus dem Käfig ausgeflogen; deſto beſſer für mich; ſo kann ich einen guten Fang machen, ohne das Meſſer gebrauchen zu müſſen.“ Er blieb indeſſen noch eine gute Weile in ſeinem Verſteck und horchte nach allen Seiten hin; aber es war ſtill wie im Grabe. Als er ſich völlig überzeugt hatte, daß ſich kein lebendes Weſen in der Nähe fand; kroch er hervor und gelangte, ſich an die Hecke an⸗ ſchmiegend zu dem Gebände, in welchem Gerda wohnte. Er ſchlich auf die Veranda hinauf und zu der Glas⸗ thüre, deren Fenſter er zu unterſuchen ſchien. Plötz⸗ lich hörte man in der Nacht einen ſchwachen, klingen⸗ den Laut von einer zerſpringenden Scheibe. In der nächſten Minute waren die Riegel zurückgeſchoben, und die lumpige Geſtalt trat in Gerda's kleinen Salon. VII. Ehe wir weiter gehen, wollen wir darüber Aus⸗ kunft geben, was Carl Guſtavsſon bei ſeiner Heim⸗ tehr nach Schweden vornahm. Taß er denſelben Tag, wie Richard anlangte, wiſſen wir; daß er am Abend vor dem Tage, da Richard in der Villa erſchien, ſeine Wohnung in 172 Profeſſor Schneiders Hauſe bezog, iſt uns gleichfalls bekannt; und daß er noch keinen Beſuch bei Gdith abgeſtattet hatte, können wir ebenſo für ausgemacht annehmen. Wo hatte er nun dieſen Tag ſich aufgehalten? Dieß iſt es, wovon wir Rechenſchaft zu geben haben. Derjenige, welchen Carl zuerſt zu beſuchen für Pflicht erachtete, war Niſſe. Er wußte, daß der redliche Bruder ſich mit Un⸗ geduld nach der Freude des Wiederſehens ſehnte, be⸗ ſonders da Carl bei der Meldung von ſeiner Abſicht, nach Schweden zurückzukehren, keine Zeit hiefür be⸗ ſtimmt, ſondern nur ſo bald als möglich zu kommen verſprochen hatte. Carls Erſcheinen mußte ſomit zu einer frohen Ueberraſchung werden, und darum hatte er über ſeinen Tag folgendermaßen beſtimmt: den Vormittag wollte er bei ſeinem Bruder zubringen, am Nachmittag Edith und Gerda beſuchen. Durch einen Brief von der letztern hatte er er⸗ fahren, daß ſie und Schneiders Wittwe mit einander eine Villa im Thiergarten gemiethet hatten. Er ſollte alſo den Gegenſtand ſeiner erſten Liebe und nicht minder ſein Künſtlerideal, Sylvia wieder ſehen. Wir müſſen geſtehen, daß Carl am Sonntagmorgen, als er ſich zu Niſſe begab, einen Blick der Sehnſucht nach den Thiergarten⸗Booten warf, welche trotz des Regenwetters eine lebhafte Kommunikation zwiſchen der Hauptſtadt und jenem Lieblingsplatz der Stock⸗ holmer Kinder hielten. Es ging jedoch nicht wohl an, daß er um ſeiner Sehnſucht willen, Gerda wieder 173 zu ſehen, es verſäumte, ſeinen Bruder, welcher Eltern⸗ ſtelle bei ihm vertreten hatte, zuerſt zu umarmen. Als er die Nordbrücke paſſirt hatte, nahm er ſeinen Weg nach der Weſterlangſtraße. Er hatte dieſelbe etwa zur Hälfte zurückgelegt, als er in ein ſchönes Haus trat. Inzwiſchen blieb er, im Zweifel, ob er recht gegangen wäre, unter der Thüre ſtehen, wo er einem ſaubern Lehrjungen begegnete. „Iſt dieß Schuhmacher Guſtavsſons Haus?“ fragte Carl. „Ja, antwortete der Burſche.„Der Meiſter ſelbſt wohnt zwei Treppen hoch, und die Werkſtätte iſt im dritten Stock; aber da findet ſich gegenwärtig keiner der Geſellen, und der Meiſter ſelbſt nimmt Sonntags keine Beſtellungen an; dazu iſt er ein viel zu gentiler Kerl,“ muß ich dem Herrn ſagen. „Ich danke für die Belehrung,“ ſagte Carl lächelnd und ſtieg die beiden Treppen hinauf, indem er bei ſich ſprach: „Wie kann ſich eines Menſchen Stellung verän⸗ dern?— Niſſe, welcher als ein armer und unbe⸗ merkter Schuhflicker anfing, welcher knapp das täg⸗ liche Brod verdiente, beſitzt nun ein ſchönes Haus und iſt ein wohlgeborgener Handwerker. Fleiß iſt Fortſchritt; ohne ihn gibt es keinen Segen, wenn man auch noch ſo große Gaben von Gott empfangen hat.“ Carl ſtand nun vor einer Doppelthüre mit Glocken⸗ zug. Er klingelte. Innen vernahm man Schritte. Das Herz des Bildhauers ſchlug lebhafter bei der Vorſtellung, daß er im nächſten Momente Auge in Auge Niſſe gegenüber ſtehen würde, welcher gewiß den unbärtigen Calle nur mit Mühe in dem mit 174 einem üppigen Bart ausgeſtatteten Mann wieder erkennen würde. Die Thüre ging auf.— Es war nicht Niſſe, der vor ihm ſtand, ſondern ein ſchwarzbrauner Burſche mit einem ſcheuen und unruhigen Blick. Carl konnte ſich nicht entſinnen, ihn früher geſehen zu haben, und dennoch erinnerte er ſich noch dunkel dieſes Angeſichts. „Iſt Herr Guſtavsſon zu Hauſe?“ fragte Carl. Der Mann gab keine Antwort, ſondern machte eine Bewegung mit dem Kopfe, welche andeutete, daß er eintreten könnte, worauf er ſelbſt durch die Thüre, zu welcher Carl hereingekommen war, hin⸗ ausging. Nachdem er ein Vorzimmer paſſirt hatte, trat Carl in ein großes Gemach, deſſen Möblirung einfach war, aber das Gepräge von Ordnung und Sauber⸗ keit trug, was immer den vornehmſten Schmuck eines Zimmers ausmacht. Es befanden ſich hier eine Reihe Rohrſtühle, ein Doppelſchrank, eine Wanduhr in hüb⸗ ſchem Kaſten und ein Speiſetiſch, deſſen eines Blatt aufgeſchlagen war, weil man zum Frühſtück gedeckt hatte. Der Boden war weiß; vor dem Kachelofen lagen friſch abgehauene Tannenzweige, und im Fenſter prangten große Syringenbouquets, welche im Zimmer eine Atmosphäre von Blumenduft verbreiteten. Am Frühſtücktiſch, den Rücken gegen den Ein⸗ tretenden gekehrt, ſtand ein Mann in hübſchem, äußerſt ſauber gehaltenem Anzug. Er war eben da⸗ mit beſchäftigt. ſich ein Butterbrod zu ſtreichen. „Niſſe!“ dachte Calle. Der Mann drehte ſich um. 175 Es war wirklich Niſſe, jetzt ein Mann von etlichen vierzig Jahren, aber mit demſelben ehrlichen und freundlichen Geſicht, demſelben heitern und freimüthi⸗ gen Ausdruck und denſelben treuen Augen. Ein paar Sekunden blieben die Brüder ſtil. Niſſe betrachtete den Fremden mit verwunderter, for⸗ ſchender Miene; darauf warf er Meſſer und Brod, das er in der Hand hielt, von ſich und rief: „Bei Gott! iſt das nicht Calle?“ Im Augenblick hatten die Brüder einander mit ſtummer, aber warmer Umarmung begrüßt. „Louiſe! Calle! Anna!“ rief Riſſe, nachdem die erſten Begrüßungen gewechſelt waren; beeilt euch, ihr wißt nicht, was für einen raren Gaſt ich habe. Heiſa! jetzt ſol's ein Leben geben, beeilt euch!“ Und in das Gemach herein trat Louiſe, geſolgt von einem fünfjährigen Knaben und einem dreijäh⸗ rigen Mädchen. Louiſe war eine gemüthliche Hausmutter von fünfunddreißig Jahren, Heiterkeit und Zufriedenheit aus jedem Zuge ſprechend. Die beiden Sprößlinge waren ganz neue Bekanntſchaften für Calle, welcher von Louiſe nicht minder herzlich wie von dem Bruder will⸗ kommen geheißen wurde. Es ſchien, als ob Guſtavsſon und ſeine Frau ebenſo froh und glücklich als ſtolz darüber wären, den berühmten Bruder in ihrem Hauſe zu haben. ſiſſe jubelte und ſuchte ſeinen Kindern begreiflich zu machen, daß der Oheim hier kein gewöhnlicher Oheim wäre. Erſtens ſei er Niſſe's Bruder und zweitens ein großer Mann. Louiſe lächelte und nickte Beifall zu; ſie war ſo glucklich, die Freude ihres Mannes mitanzuſehen. Carl ſollte mitfrühſtücken und Wein ſollte ge⸗ trunken werden, um deſſen Wiederkehr zu feiern. Als man gegeſſen und getrunken hatte, wurde Carl in das anſtoßende Gemach, das Gaſtzimmer ge⸗ führt. Hier wollte man ſich niederlaſſen und von Altem und Neuem ſprechen. Niſſe hatte Vieles zu fragen; er wollte über Vieles Auskunft haben, um ſich klar zu machen, wie aus ſeinem kleinen Bruder ein ſolcher Mann gewor⸗ den ſei, ein Mann, von dem die Zeitungen redeten, von dem ſie ſagten, es ſei eine Ehre für das Vater⸗ land, ihn unter ſeine Söhne rechnen zu dürfen. Niſſe konnte es nicht recht begreifen, wie es zuge⸗ gangen, daß ſein Bruder etwas ſo mächtig Großes geworden. Er erinnerte ſich, als ob es von geſtern her wäre, wie dumm Calie geweſen, da er das Schuhmacherhandwerk lernen ſollte, und rief ihm ins Gedächtniß zurück, wie er die Hinterflecke an Stina's Halbſtiefeln ſtatt auf den Abſatz, auf die Zehen ge⸗ ſetzt habe. Niſſe konnte nicht faſſen, wie Calle ge⸗ lernt habe, ſo ſchöne Marmorbüſten zu machen, der⸗ gleichen er aus Italien heimgeſchickt hatte, da es ihm ſchwer geworden war, es nur ſo weit zu bringen, um einen Stiefel zu ſohlen. Außerdem wollte Niſſe noch erfahren, was Carl in fremden Ländern geſehen und durchgemacht habe,— etwas, das auch Louiſe im höchſten Grade intereſſirte; aber Carl verſicherte, das müſſe vor der Hand noch aufgeſchoben werden, da er gleichfalls Verſchiedenes habe, worüber er zu⸗ vor Auskunft zu erhalten wünſchte. Vorerſt wollte er wiſſen, wie es mit Stina ginge. Niſſe hatte allerdings in ſeinen Briefen geäußert, ſie befinde 177 ſich wohl, ſich aber niemals weiter darüber ausge⸗ laſſen. „Nun, von ihr iſt gerade nicht viel zu ſagen,“ meinte Niſſe, und ein Schatten zog über ſein Ange⸗ ſicht;„ſie iſt fromm geworden und wohnt mit einem andern alten Weibe zuſammen, ebenſo boshaſt wie ſie ſelbſt, aber zu der Zahl der Erweckten gehörig. Hieher kommt ſie niemals, denn ſie machte mir im erſten Jahr meiner Ehe ſo viel Aerger und Verdruß, daß ich ihr mein Haus verbot. Ich ſchaue einmal in der Woche nach ihr, thue es aber nur deßwegen, weil ich es den Eltern verſprochen habe, denn es iſt mir eine Plage, ſie nur zu ſehen oder zu hören. Ueber ihre Lippen kommt nie etwas Anderes, als böſe Worte. Seit einiger Zeit hat ſie zu predigen angefangen und ſucht die zu bekehren, welche nicht auf dem ſogenannten rechten Wege gehen. Unglück⸗ licher Weiſe hat ſie einen meiner Arbeiter daran bekommen, der etwas wunderlichen Gemüthes iſt, und ich fürchte, daß ſie den Kerl nicht nur zu einem förmlichen Narren macht, ſondern auch durch ihn Dinge auszuforſchen ſucht, womit ſie Andern Schaden thun kann.— Apropos, ich möchte wiſſen, wohin Sjöquiſt gegangen iſt. In meiner Freude über Cal⸗ le's Wiederſehen habe ich ganz vergeſſen, daß er da war. Ich glaubte, er nahm hier das Frühſtück ein?“ — Die letztere Frage war an Louiſe gerichtet. Sie hatte ebenſo wenig an Szjögquiſt gedacht, glaubte ſich aber noch zu entſinnen, daß er die Thüre geöffnet habe, als es klingelte. Carl erklärte, der Mann, der ihm aufgemacht habe, ſei hinweggegangen. Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. II. 12 178 Niſſe ſah ein wenig bekümmert darein, ſchlug ſich jedoch ſchnell den ehrenwerthen Sjöquiſt aus dem Sinn und nahm das abgebrochene Geſpräch wieder auf. Carl wollte wiſſen, ob Niſſe etwa mit Gerda zuſammengetroffen wäre. „Erſt kürzlich,“ antwortete Niſſe.„Sie iſt eine meiner Kunden und, ich will es gern geſtehen, die Urſache zu meinem eigentlichen Aufkommen. Es war in der Zeit, da ſie für mich einfaßte; da kamen wir auf dieſes und jenes zu ſprechen, und ſie meinte, ich ſollte mich darauf verlegen, recht ſchöne Frauen⸗ ſchuhe zu machen. Ich ſollte mir einen geſchickten Zuſchneider und einen Laden in guter Lage anſchaffen. Als Du abgereist wareſt und Manſell Ahrnell bei Herrn W. zu arbeiten anfing, trafen wir uns nicht ſo oft, aber ich dachte daran, daß ſie einmal geäußert hatte: Es iſt nicht genug für uns, zu arbeiten, wir müſſen auch unſere Arbeit zu vervollkommnen und zu verbeſſern ſuchen, ſo daß das Handwerk, welchem wir uns widmen, an Vollendung gewinnt.— Schuhe ſind Schuhe, kann man ſagen, aber ich ſah wohl ein, daß man beſſere und ſchönere machen könnte, daß ſich an der Fagon dieß und jenes anbringen ließe, wo⸗ durch ſie ein hübſcheres Ausſehen bekämen und ſich zweckmäßiger trügen, als die gewöhnlichen. Ich grü⸗ belte eine Zeit lang, bis ich zu dem Entſchluß kam, mir einen Zuſchneider einzuthun, welcher bei einem unſerer Großmeiſter gelernt hatte. Es koſtete mich allerdings Geld. Anfangs ſchien der Verſuch nur zum Schaden auszufallen. Louiſe wurde unruhig, denn ich hatte mich in Schulden geſtürzt, um einen Laden in der Weſterlangſtraße zu miethen, Ledervor⸗ 179 rath und geſchickte Arbeiter anzuſchaffen, ſo daß ich eine elegante Fußbekleidung zur Schau ausſtellen konnte. Ich brachte Alles in Ordnung, aber es gab keinen Abſatz, und da ſaß ich nun mit Schulden und einem Lager, von dem Nichts verkauft wurde. Schon im erſten Jahre wäre es in die Brüche ge⸗ gangen, wenn ich nicht von meinen alten Kunden Arbeit gehabt hätte, welche mir ſo viel einbrachte, daß ich mich durchſchlagen und meine Leute ablohnen konnte; aber es wollte zu den Zinſen auf das ge⸗ machte Anlehen nicht reichen, noch weniger zu irgend einer Abbezahlung. Louiſe überredete mich, den theu⸗ ren Werkführer und die Geſellen, welche nur feinere Arbeit machten, zu verabſchieden. Ich verſprach end⸗ lich, es zu thun, und ging meines Wegs von Louiſe hinweg, welche im Laden ſaß. Kaum hatte ich mich entfernt, ſo kam eine feingekleidete Dame dahin und fragte, ob hier Arbeiten von Guſtavsſon verkauft würden, und begehrte, ein Paar Satinſtiefelchen zu ſehen. Sie forderte meine Frau auf, ſie der Frei⸗ herrin D., welche im Schloß wohnte, zu ſchicken. Louiſe that, wie ihr geſagt war, und die Freiherrin kaufte drei Paare. Die folgenden Tage kam Eine nach der Andern, um ſich mit Stiefelchen zu verſehen. Sie wollten gerade ſolche haben, wie die Freiherrin D. Im Laufe von einer Woche waren alle, die im Laden ſich fanden, verkauft, und ich hatte noch eine Menge Beſtellungen. Einige Zeit darauf war meine Fuß⸗ bekleidung in der Mode. Ich mußte mehrere Ar⸗ beiter einſtellen, verlegte mein Geſchäft hieher in die Stadt und hatte ſo viel zu thun, doß wir nicht fertig wurden. Mein Glück war gemacht. Fünf Jahre 180 nach deiner Abreiſe hatte ich mir das Haus hier gekauft, und jetzt habe ich eine der größten Schuh⸗ macherwerkſtätten in Stockholm. Ich habe den Laden aufgegeben, weil ich kaum die beſtellte Arbeit liefern kann, und indeſſen ſogar eine Reiſe nach Frank⸗ reich gemacht, um zu ſehen, wie man dort arbeitet, und die daſelbſt vorkommenden Verbeſſerungen kennen zu lernen, ſo daß ich jetzt als ein ſehr geſchickter Schuhmacher angeſehen werden kann.— Siehſt Du, Calle, auch ein Mann vom Leiſten kann zur Unab⸗ hängigkeit gelangen und ſich die Achtung ſeiner Mit⸗ menſchen gewinnen, wenn er es nur darauf anzulegen weiß, ein tüchtiger Mann in ſeinem Fache zu werden. Nun will ich Dir noch erzählen, wie die Freiherrin in meinen Laden kam. „Sie war bei dem Maler W. geweſen, um ſich portraitiren zu laſſen. Mamſell Ahrnell lernte dort und war eben damit beſchäftigt, Kleidungsſtücke und dgl. zu zeichnen. Sie hatte von mir ein ſchönes Paar Satinſtiefelchen entlehnt, welches ſie ſammt einem ſeidenen Kleid, einem Shawl und Kopfputz auf das Papier bringen ſollte. Ich glaube, ſie nannte es Studienzeichnen. Aber das wirſt Du wohl beſſer verſtehen. Die Freiherrin wird auf die gutgemachten Stiefelchen aufmerkſam, fragt, woher ſie ſeien, erhält meine Adreſſe und gibt nun Veranlaſſung zu meinem Aufkommen.“ „So hilft meiſtens ein Arbeiter dem andern.“ Die Brüder ſprachen nun von Gerda. Niſſe erzählte, wie ſie angefangen habe, Portraits mit Bleiſtift, zu vier Thalern das Stück, zu zeichnen, und wie ſie hernach in Hel malte. Während der 181 erſten Jahre ihrer künſtleriſchen Laufbahn hatte ſie ein ſo eingezogenes und arbeitſames Leben geführt, daß Niſſe meinte, es wäre ſchade um ſie; aber ſie war gleichwohl friſchen Muths geweſen und ihr ganzes Ausſehen hatte zu erkennen gegeben, daß die Arbeit ihre Freude ausmachte. Nach Verfluß von vier Jahren war ihr Talent ſo ausgebildet, daß ihre Portraits gut bezahlt wurden, und jetzt begann ſie, ſich in der Welt umzuſehen. Sie theilte ihre Zeit ſo ein, daß ſie Vormittags malte und die übri⸗ gen Stunden des Tags der Lektüre und anderer Beſchäftigung widmete. Sie ließ ſich in Geſellſchaften ſehen und hörte mit ihrer iſolirten Lebensweiſe auf; aber die Arbeit war ihr ein Bedürfniß und ſie liebte dieſelbe über Alles. „Jetzt, fuhr Niſſe fort,„wohnt ſie in dem Thiergarten; aber ſie fährt jeden Morgen in die Stadt, iſt von neun bis drei Uhr in ihrem Atelier, begibt ſich dann wieder in ihre Sommerwohnung hinaus und bringt dort die Nachmittage zu.“ „Hat man nichts davon gehört, daß ſie ſich ver⸗ heirathen wird?“ fragte Carl, ohne verhindern zu können, daß ihm das Blut in den Kopf ſtieg. „Nein, das ſind Dinge, welche ſie, ſcheint es, ſolchen Mädchen überläßt, welche an nichts Anderes zu denken haben,“ antwortete Niſſe. „Wie hat ſich der Fabrikbeſitzer Strömberg be⸗ nommen? Läßt er Gerda jetzt mit ſeinen Heiraths⸗ anträgen in Ruhe?“ „Das darfſt Du nicht glauben; der Kerl hat an⸗ deres Leder an ſich, als daß es ſich von einem ein⸗ zigen Fehlgang abnützen ließe; aber ſiehſt Du, er hat ein Paar Galoſchen bekommen, welche ihn daran hindern, ſich ſo ungenirt, wie er es wünſchte, zu be⸗ wegen.— Aber wo zum Teufel mag der Sjöquiſt ſtecken?“ unterbrach ſich Niſſe und warf einen unruhi⸗ gen Blick auf die Wanduhr. „Goloſchen?— was meinſt Du damit?“ fragte Calle. „Nichts weiter, als daß es Jemand gibt, der ihm den Daumen auf's Auge hält, ſo daß er ge⸗ zwungen iſt, ſich ſtill zu verhalten. Du weißt, daß er eben von einer ſchwerern Krankheit geneſen war, als Frau Ahrnell ſtarb. Als Du fort wareſt, ging er eines Tags zu dem Mädchen hin und ſchwatzte ihr davon vor, daß es in ihrer Macht ſtände, ihn aus einem ſteinharten Geſchöpfe in einen edeln und guten Menſchen zu verwandeln, wenn ſie nur ſeine Frau werden wollte. Er ſetzte aus einander, wie verliebt er in ſie wäre, und wie glücklich ſie ihn machen würde; ja, ich glaube, der Elende ſtellte ſich, als weine er, nur um ſie zu erweichen. Du mußt wiſſen, ich ſtand in Gerda's Küche und hörte Alles mitan. Aber es waren verlorene Worte bei Gerda, denn ſie gab ihm ein ſo beſtimmtes Nein zur Ant⸗ wort, daß es ſchnell zu Ende ging. Jetzt wurde der Kerl wie wahnſinnig, verſteht ſich, und drohte, es ihr zu gedenken; aber da richtete ich es ſo ein, daß ich, als er hinabging, ihm in der Hausflur begegnete, und da wechſelten wir ein paar Worte mit einander. Einige Wochen darauf reiste er ins Ausland und blieb etliche Jahre fort. Bei ſeiner Rücktehr bekam er wieder einen Krankheitsanfall; dieſer hatte den Kopf getroffen; und als er wieder hergeſtellt war, verordnete ihm der Arzt den Gebrauch eines Geſund⸗ brunnens. Er war jetzt drei Jahre fort. Bei ſeiner Heimkunft hatte Gerda ſich bereits eine ſichere öko⸗ nomiſche Stellung errungen; aber das konnte er nicht recht verſchmerzen, und jetzt wurde ein ſchrecklicher Lärm in den Sonntagszeitungen über eines von Gerda's Portraits, welches in der Ausſtellung ge⸗ weſen war, äufgeſchlagen. Ich argwohnte, woher das Unweſen kam, und ging hin, um mit dem Bur⸗ ſchen zu reden. Er hatte ſich nicht enthalten können, Stina aufzufuchen, und mir ſtieg der Verdacht auf, er habe ihr Geld gegeben, um dieß und jenes zu erfahren, was ihm für ſeine Zwecke von Nutzen ſein könnte. Nach der, letzten Zurechtweiſung, die er von mir erhielt, ſtellten die Sonntagsblätter ihre Unver⸗ ſchämtheiten ein, und ich bekam keinen Grund mehr zur Vermuthung, daß er ſich mit Gerda beſchäftige, bis eben vor kurzer Zeit, und deßhalb bin ich etwas unruhig darüber, wo Sjöquiſt ſein mag.“ „Was hat Sjöquiſt mit dem Fabrikbeſitzer Ström⸗ berg zu thun?“ fragte Carl. „Nicht viel; aber daß dieſer ihn gern aufſtöbern möchte, davon bin ich überzeugt, und bekäme er ihn unter ſeine Hände, ſo hätte Gerda ſicherlich keine Ruhe mehr.“ „Ich begreife nichts davon,“ fiel Carl ein. „Das iſt auch nicht nöthig; ich weiß, was ich weiß, und daran mag es genug ſein; nun reden wir nicht mehr davon, und wie Du ſiehſt, iſt der Vormittag über unſerem Geplauder unverſehens dahingegangen. — Doa ſteht ja der Mittagstiſch ſchon gedeckt.“ 184 VI. Niſſe hatte nach Champagner geſchickt, welcher zur Feier von des Bruders Heimkehr ausgeſtochen werden ſollte, und Louiſe ein Mahl zubereitet, welches jedem Tiſch zur Ehre gereicht haben würde. Die kleine Familie hatte das letzte Glas des ſchäumenden Getränkes geleert und war vom Tiſche aufgeſtanden, als es auf der Hausflur klingelte. In dem Augenblick, da der kleine Calle ſein Tiſchgebet geendet hatte, wurde die Thüre weit aufgeriſſen, und herein marſchirte ein kleines buckeliges Weib von ab⸗ ſtoßendem Aeußern und einer angenommenen ſchein⸗ heiligen Miene. „Gottes Gericht kommt über Freſſer und Säufer!“ rief ſie und ging gerade auf Niſſe zu.„Du lebſt im Vollauf und läſſeſt deine alte Schweſter Mangel leiden; aber der Tag iſt gekommen, da der Herr den Ungerechten ſtraft, welcher vergißt, was zu des Menſchen Frieden dient und dann.... Er belohnt den, welcher ſeine Wege geht.“ Niſſe war beim Eintritt der Schweſter ganz blaß geworden; die freundlichen Augen verfinſterten ſich und drückten einen hohen Grad von Zorn aus. „Wie kommſt Du hieher, Stina?“ fragte er in ſtrengem Ton.„Es iſt Dir verboten, über meine Schwelle zu treten, wenn Du anders willſt, daß ich für deinen Unterhalt ſorgen ſoll.“ „Daß Du für meinen Unterhalt ſorgen ſollſt,“ wiederholte Stina mit einem Blick boshafter Schaden⸗ 185 freude.„Ich bin gekommen, Dir zu ſagen, daß ich nicht länger ein Brod eſſen will, das in Sünde ge⸗ taucht iſt, ſondern daß ich fortan ohne Dich leben kann.“ Nun folgte eine Maſſe von Titeln, welche gegen Louiſe geſchleudert wurden und Niſſe beſtimmten, ſeine Frau zu bitten, daß ſie ſich mit den Kindern entferne. In demſelben Momente fielen Stina's Augen auf Carl. Sie hemmte den Strom der Scheltworte und Bibelſprüche, die unter einander über ihre Lippen kamen, und ihre kleinen bösartigen Augen bohrten ſich in ihn wie hinein. Niſſe hatte das augenblickliche Stillſchweigen, wel⸗ ches der Anblick von Carl hervorbrachte, benützt, um ihr aufs beſtimmteſte zu erklären, daß ſie ſogleich ſein Haus verlaſſen ſollte; aber die krüppelhafte Schweſter ſchien auf dieſem Ohre gar nicht zu hören; ſie ließ ihn reden, ohne Miene zu machen, ihm zu gehorchen und als er endlich ſie am Arm faßte, um ſie hinaus⸗ zuſchaffen, rieß ſie ſich los und rief, zu Carl gewendet: „Ja, jetzt kenne ich dich, du Schlangenbrut, die mich gebiſſen hat!“ und ſofort wurde Carl mit einem gleichen Strom von Grobheiten überſchüttet, wie ge⸗ rade vorher Niſſe. Sie würde wahrſcheinlich damit fortgefahren haben, ſo lang der Athem ihr nicht aus⸗ ging, wenn Niſſe nicht der Faden der Geduld ge⸗ brochen wäre und er ihr mit Donnerſtimme geboten hätte, zu ſchweigen und ihres Wegs zu gehen, denn ſonſt, ſetzte er hinzu, könnte er nicht dafür ſtehen, was geſchehen würde. Sting ſchwieg und wandte ſich gegen die Thüre. 186 Vor derſelben blieb ſie aber noch einmal ſtehen, ſah Niſſe an und ſagte in triumphirendem Tone: „Du glaubſt vielleicht, ich ſei in dieſes Haus der Sünde eingetreten, nur um Dem da und dem elenden Weibe, das Du geheirathet haſt, die Wahrheit zu ſagen? Nein, ich würde meinen Fuß nicht mit dem Sünden⸗ ſtaub hier beſchmutzt haben, wenn ich Dir nicht eine Botſchaft zu verkündigen hätte. Du haſt Szjöquiſt von dem rechten Weg abzuhalten verſucht, Du haſt ihn feindſelig gegen einen rechtſchaffenen Mann ſtimmen wollen; nun aber kannſt Du es nicht mehr, denn Sjöquiſt iſt jetzt bei jenem Mann, um ſich zu be⸗ kehren und zu beſſern, und jener Mann gibt jetzt deiner Schweſter, was ſie bedarf. Jetzt iſt der Augen⸗ blick gekommen, wo Gerechtigkeit geübt und die Tochter des Verbrechers für die Miſſethat des Vaters geſtraft werden ſoll, denn geſtern iſt der mit Sünde und Ver⸗ brechen befleckte Ahrnell in Schweden angekommen und morgen ſoll er vor Gericht geſtellt werden. Gott hat mich aufgeklärt, wie ich handeln ſoll, damit der Verbrecher ſeine Strafe erleide. Während Du ſchwelgteſt und deinen Bauch füllteſt, habe ich Gelegenheit ge⸗ funden, Sjöquiſt in die Hände deſſen zu überliefern, der ihn bekehren wird, ſo daß er nicht hingeht und falſches Zeugniß gegen Jemand ablegt. Gehe nun auch zu dem Fabrikbeſitzer und führe das große Wort, wenn Du es wagſt; ich denke, Du und der da“— ſie deutete auf Carl—„euch wird jetzt das Böſe vergolten, das ihr mir angethan habt, und von dem Namen und Ruf der Malerin wird nicht viel mehr übrig bleiben, wenn ihr Vater auf der Diebsbank ſitzt, uceteh 187 darf ich ſagen, und ich bin nicht diejenige, welche ihrer ſchonen wird.“ Stina öffnete die Thüre, um zu gehen, aber Niſſe hielt ſie zurück. Er wollte ſie beſtimmen, ſich deut⸗ licher auszuſprechen; aber ſie machte ſich von ihm los und erklärte, wenn er ſie nicht gehen laſſe, werde ſie um Hülfe rufen. Mit dieſer Drohung entfernte ſie ſich. „Calle!“ rief Niſſe,„ich muß herausbringen, wo⸗ hin Sjöquiſt gekommen iſt. Er war der einzige Zeuge gegen den Fabrikbeſitzer Strömberg, und hat dieſer ihn in ſeine Gewalt bekommen, ſo fürchte ich alles Böſe von dem reichen Sünder. Gott allein weiß, welches Schickſal Gerda's und des armen Sjöquiſts wartet. Du mußt mir helfen. Nimm' deinen Hut und laß uns gehen.“ Eine Weile darauf verließen die beiden Brüder ſiſſe's Wohnung. An der Mönchsbrücke nahmen ſie eine Droſchke und fuhren nach Süden. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne ſchien jetzt hell. Während der Fahrt machte Niſſe ſeinem Bruder folgende, auf den ſogenannten Sjöquiſt bezügliche Mittheilungen. Derſelbe war, als Riſſe bei dem Schuhmacher Bergſtröm arbeitete, dort gleichfalls Geſelle geweſen, hatte ſich aber faul und unordentlich benommen, ſo daß er dem Meiſter manchen Grund zur Unzufrieden⸗ heit gab und ſicherlich den Laufpaß bekommen hätte, wenn er nicht im Geſchäft ſehr brauchbar geweſen wäre. Aber das Arbeiten erſchien ihm als eine Plage, und da ſeine Einnahme in Folge davon zu ſeinen Aus⸗ ſchweifungen nicht reichen wollte, gerieth er, wie alle 188 Faulenzer, auf den Gedanken, da zu nehmen, wo etwas war, und es dorthin zu legen, wo es fehlte. Du mußt Dir Eins merken, daß aus einem fleißigen und nüchternen Arbeiter noch nie ein Dieb oder Schelm geworden iſt; ſondern immer ſind es die Faulenzer, welche dieſen Weg einſchlagen. Genug, der Meiſter entdeckte, daß er Leder ſtahl und verkaufte. Bergſtröm war ein wackerer Burſche, welcher nicht gern Jemand unglücklich machte, und darum nahm er Sjöquiſt ins Privatverhör, bewog ihn die Wahr⸗ heit zu geſtehen und erklärte, er wolle wegen des Diebſtahls keinen Lärm machen, aber nur unter der Bedingung, daß Sjöquiſt zur See ginge. Der Meiſter ſprach ſelbſt mit einem Kapitän, und dieſer nahm ihn in ſeine Dienſte. Jetzt legte er ſich den Namen Storm bei. Als Matroſe machte er ſich bei dem Kapitän wie bei der Mannſchaft beliebt. Er ſchien zum Seemann wie geſchaffen. Frech und ausſchweifend, wenn er ſich am Lande befand, war er nüchtern und zuverläſſig an Bord. Vier Jahre lang ſegelte er mit demſelben Kapitän; da ſtarb dieſer, und nun ließ ſich Sjöquiſt an Bord der Brigg Ellida, geführt von Kapitän Strömberg, anwerben. „Es war im Frühjahr 18—. Du erinnerſt Dich vielleicht noch, daß wir damals ſchon im April offene See bekamen. Die Ellida wurde in Stockholm be⸗ frachtet und ſollte in den letzten Tagen des April abgehen, blieb aber noch länger und wartete auf günſtigen Wind, um die Anker zu lichten. Am erſten Mai morgens hatte der Wind umgeſchlagen, ſo daß der Kapitän gegen Abend die Rhede verlaſſen zu können hoffte. 189 „Die Matroſen Anderſon und Storm baten in⸗ zwiſchen am Morgen um Erlaubniß, an's Land zu gehen, was ihnen auch bewilligt wurde, jedoch mit dem Bemerken, daß ſie ſchlag ſechs Uhr Abends an Bord ſein müßten und ſich nicht voll ſaufen dürften. Storm kleidete ſich ſauber an und begab ſich nach dem Thiergarten, wo er ein Mädchen hatte, auf das er ziemlich viel hielt. Sie diente in einer franzöſi⸗ ſchen Reſtauration. Storm wurde von ſeiner Liebſten in ein leeres Gaſtzimmer eingelaſſen und mit Speiſe und Trank bewirthet, indeſſen ſie zu gleicher Zeit einige Gäſte bedienen mußte. Während er es ſich hier ſchmecken läßt, hört er im Nebenzimmer reden. Er erkennt die Stimme ſeines Kapitäns und hält ſich ſtill wie ein erſchrecktes Mäuschen. Er horcht, Strömberg entwirft den Plan zu einem Diebſtahl, welchen ein Anderer ausführen ſoll. Der andere wurde Ahrnell genannt. Storm dachte: das iſt ein wahrer Fund für mich und der ſoll mir nicht ſo wenig eintragen; ich werde bei Gelegenheit den Ka⸗ pitän anbohren und er ſoll mir mein Schweigen be⸗ zahlen, ſo daß ich ein freier und unabhängiger Kerl werde und nicht zu arbeiten brauche.“ „Strömberg und Ahrnell entfernten ſich. Storm ſchleicht ihnen nach, um ſich zu überzeugen, daß es wirklich Kapitän Strömberg war. „Zur beſtimmten Stunde war Storm an Bord, aber der Kapitän kam erſt ſpät in der Nacht und brachte einen Burſchen in Seemannstracht mit ſich, ganz wie Andersſon ausſehend. Gleich darauf lichtete die Brigg Anker und ſtach in See. Als ſie an der Blockhausſpitze vorüber waren, begehrte Storm mit dem Kapitän zu 190 reden und forderte von ihm eine anſehnliche Summe Geldes, ſammt dem Zugeſtändniß, an der engliſchen Küſte an's Land zu gehen. Wenn der Kapitän ſich darauf einließ, wollte er ſeine Mitwiſſenſchaft um den bei dem Kämmerer Hengel verübten Diebſtahl verſchweigen. Weigerte derſelbe ſich, ſein Stillſchwei⸗ gen zu erkaufen, ſo drohte Storm, ihn bei der Mann⸗ ſchaft zu verrathen, und die Folge mußte ſein, daß er an's Land geſchickt und die Brigg, bis weitere Ordre von den Rhedern einging, vor Anker gelegt wurde. Strömberg verpflichtete ſich, die begehrte Summe zu bezahlen. Storm erhielt eine ſchriftliche Beſcheinigung hierüber, ſo wie zur Sicherheit dafür, daß er in dem erſten engliſchen Hafen ausgeſetzt würde. „Man kam auf der Höhe von England an. Storm und der Kapitän begaben ſich an die Küſte, und nachdem Storm den bedungenen Preis für ſein Stillſchweigen erhalten hatte, trennten ſie ſich. Storm war mehrmals an dieſem Orte geweſen. Er ſuchte ſich alſo eine Wohnung auf und beſchloß, ſich einen recht vergnügten Tag zu machen. Mit der Summe, welche er in Händen hatte, hielt er ſich für reich. Er begab ſich alſo an einen Ort, wohin die Matroſen gern gingen, um ſich mit einem Trunk gütlich zu thun und, wenn es darauf ankam, zur Kurzweil eine Schlä⸗ gerei anzufangen. Als er ſeinen Kours dahin nahm, merkte er, daß ein Kerl von ſchofelm Ausſehen ihm folgte; als er aber ſtehen blieb, um ihn näher in Augenſchein zu nehmen, wich derſelbe nach einer an⸗ dern Richtung aus. „Storm trat in die Schenke. Er nahm ziemlich 191 viel zu ſich, aber er fühlte ſich doch nicht recht auſ⸗ geräumt, denn es kam ihm immer vor, als ſäße der Kerl, welcher ihm nachgefolgt war, in einem Winkel der Schenke und betrachtete ihn unausgeſetzt. Mitten in ſeinem Rauſche erinnerte er ſich, daß er viel Geld bei ſich hatte. So dachte er nun:„der hat vielleicht aufgeſchnappt, daß Geld bei mir zu finden iſt, und lauert nun darauf, es mir abzunehmen. Am beſten, ich bleibe hier nicht länger. Er bezahlte, was er verzehrt hatte, merkte aber dabei, daß er nicht mehr feſt auf den Beinen war. „Durch den Dunſt, der ſeine Sinne umgab, tauchte die Furcht auf, ſein Geld zu verlieren. Storm verließ alſo die Schenke, welche ganz nahe am Hafen lag. Dicker Nebel umgab ihn, als er heraus kam, und er nahm ſeinen Weg nach dem Kai, damit es, wenn Jemand ihm folgte, den Anſchein hätte, als begebe er ſich an Bord von einem der dort liegenden Fahrzeuge. Er blieb hier ſtehen und ſah ſich rings um. Im Hafen war es öde und leer, nicht ein lebendes Weſen ſichtbar. Folglich war der Mann, auf den er einen Argwohn geworfen, in der Schenke zurückgeblieben. Er glaubte alſo ohne alle Gefahr bis zu ſeiner Wohnung kreuzen zu können und machte demnach eine Wendung. Aber in denſelben Augen⸗ blick wurde er von Jemand am Halſe gepackt, ſo daß er nicht einen Laut von ſich zu geben vermochte. Er ſtrengte ſich an, loszukommen, aber die Unſicherheit in ſeinen Beinen bewirkte, daß er zu Boden ſtürzte. Die Hand, welche ihn an der Kehle gefaßt hatte, verlor allerdings dabei ihren Halt; aber der An⸗ greifer warf ſich ſogleich auf Storm, und ehe dieſer 192 eine Bewegung machen konnte, um ſich aufzurichten, hatte ihn der Andere wieder mit furchtbarer Stärke an der Gurgel gepackt. Es entſpann ſich ein ſtummes Ringen, wobei Storm des Angreifers Bart in die Hand bekam. Dieſer gab nach und er hatte Kapitän Strömbergs Antlitz vor ſich. Dieß war die letzte Erinnerung, die er von dem Streit hatte, denn in demſelben Momente umklammerte die Hand ſeine Kehle ſo feſt, daß er das Bewußtſein verlor. Als er wieder zu ſich kam, lag er in einer kleinen Kammer, wo ſich eine Menge Leute um ihn beſchäftigten. Er war von einem Matroſen, welcher Jemand vom Kai hatte hinabfallen ſehen, aus dem Waſſer gezogen worden. Der Matroſe hatte einen Mann, der ſich in der Nähe befand, zu Hülfe gerufen, aber dieſer war raſch ſei⸗ nes Wegs gegangen, ſo daß der Seemann für ſich allein den Verunglückten auffiſchen mußte. „Es dauerte einige Zeit, ehe Storm ſo weit her⸗ geſtellt war, daß er daran denken konnte, was nun anzufangen ſei. Das Geld, das er in ſeiner Bruſt⸗ taſche gehabt hatte, war dahin, und er beſaß nicht einen Schilling. Das Glück wollte inzwiſchen, daß er auf einem amerikaniſchen Schiff einen Platz fand, und ſo ſegelte er nach der neuen Welt ab. „Die Luſt zum Seemannsgewerbe war verſchwun⸗ den, und er wünſchte jetzt nichts ſehnlicher, als heim⸗ zukommen, um wieder zum Leiſten zu greifen und gleichzeitig zu erfahren, was Andersſons Schickſal geweſen ſei. „Fünf Jahre gingen inzwiſchen zu Ende, ehe er in die Heimath zurückkehren konnte. Als er wieder in Stockholm war, ſuchte er mich auf und erhielt 193 Arbeit. Er verſchaffte ſich hernach Kunde darüber, daß Andersſon von der Anklage des Mordes an Hengel freigeſprochen worden; weiter erfuhr man nur, daß derſelbe nach dem Schluß der gerichtlichen Unterſuchung einen Platz auf einem Schiff erhalten hatte und von Stockholm abgeſegelt war. Storm oder Sjöquiſt— er nahm jetzt ſeinen rechten Namen wieder an— arbeitete bei mir ungefähr zwei Jahre, und Du haſt ihn öfters in meiner Werk⸗ ſtätte geſehen. Er war ſchweigſam, nüchtern und fleißig, aber beſtändig düſter. Es ſchien, er habe Etwas auf dem Herzen, das ihn quälte. „Eines Tags las man in den Zeitungen, daß der ehemalige Schiffskapitän, nunmehr Großhändler Ström⸗ berg ein großes Gut ſammt Fabrik in Wärmeland und ein ſtattliches Haus in Stockholm gekauft habe und nunmehr mit den ſeit ſieben Jahren in Eng⸗ land geſammelten Kapitalien nach Schweden zurück⸗ zukehren beabſichtige, um einen Platz unter unſern reichſten Geſchäftsleuten einzunehmen. Ein ſeltſamer Zufall wollte, daß Sjöquiſt an dieſem Tage die Zei⸗ tungen in die Hand bekam. Er wurde von da an ganz wunderlich von Gemüth und konnte eine gewiſſe Furcht nicht los werden. „Ein halbes Jahr verging, da kam er eines Tags heim und erzählte mir unter einem Ausbruch der größten Angſt, er habe Strömberg geſehen und halte es für das Beſte, Stockholm zu verlaſſen, denn wenn dieſer erfahre, daß er noch am Leben ſei, ſo werde er Sorge tragen, daß es damit bald zu Ende gehe. Dieſe Aeußerungen veranlaßten mich zu fragen, was Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. I. 13 * 194 er eigentlich meine, und endlich erzählte er mir unter dem Siegel der Verſchwiegenheit die ganze Hengel'⸗ ſche Mordgeſchichte und den Antheil, den Strömberg und Ahrnell daran hatten. Ich erinnerte mich, daß Du als Knabe gleichfalls Ahrnell aus Hengels Hauſe, und zwar am erſten Mai, da der Alte ermordet wurde, kommen zu ſehen geglaubſt hatteſt. „Sjöquiſt wollte unter keinerlei Bedingung in Stockhoim verbleiben, aus Furcht, der jetzt reiche Mann möchte ihm auf die Spur kommen und ihn umbringen laſſen. Ich ſchickte ihn alſo nach N—köpng zu unſerem Oheim, und dort blieb er mehre Jahre. Bei einer be⸗ ſondern Veranlaſſung ließ ich mittlerweile den Fa⸗ brikbeſitzer Strömberg wiſſen, daß ſein Geheimniß nicht todt war und Storm noch lebte. Dieß legte ſeiner Bosheit gegen Gerda den Zügel an. Mir konnte er nicht beikommen, weil ich ein ehrlicher und untadelhafter Arbeiter war, welcher auf freiem und eigenem Boden ſtand. Er that inzwiſchen alles Mög⸗ liche, um herauszubringen, wo Storm wäre, aber da er weder vorangehendes Leben noch Namen von ihm kannte, ſo blieben ſeine Nachforſchungen fruchtlos. „Vor einem Jahr kam Storm wieder nach Stock holm. Er war noch düſterer als früher geworden, und bat um Arbeit bei mir, weil ich doch der Ein⸗ zige wäre, der ihm Wohlwollen bezeigte. Nach kurzer Zeit erkrankte er, lag im Krankenhaus und war, als er wieder heraus kam, ein förmlicher Grübler ge⸗ worden. Nun bekamen einige der Frommen, zu welchen Stina gehört, Gewalt über ihn, und die Folge war, daß er alle freien Stunden mit Bibel⸗ leſen u. dgl. und zwar gewöhnlich bei Stina zubrachte. 195 Ich begann zu argwöhnen, daß der Fabrikbeſitzer die Hand dabei im Spiele hatte und dahinter gekommen war, daß Sjöquiſt und Storm eine und dieſelbe Per⸗ ſon ſeien. Daß Strömberg mehrmals Stina auf⸗ geſucht hatte, um Barmherzigkeit an der gebrechlichen Perſon zu üben, war mir bekannt, und jetzt bin ich gewiß, daß er durch Stina ſich Sjöquiſt's verſichert hat. Ich habe die letzten Wochen Szöquiſt ſorgfältig gehütet und von jedem Ausgang, außer in meiner Begleitung abgehalten, weil ich Gefahr für den armen Wicht, der jetzt nicht mehr recht bei Sinnen iſt, fürch⸗ tete. Daß meine Beſorgniß nicht unbegründet war, zeigt ſich jetzt, und damit Sjöquiſt oder Gerda kein Unglück widerfahre, halte ich es für das klügſte, daß ich herauszubringen fuche, ob Szjöquiſt bei Stina ge⸗ weſen iſt, und hernach dem reichen Schurken ins Haus ſteige, um dahinter zu kommen, was aus Sjöquiſt geworden iſt. Du wirſt deinerſeits, nachdem ich das mit Stina zuſammenwohnende Weib geſprochen habe, dir Auftlärung darüber verſchaffen, was daran Wah⸗ res iſt, daß Ahrnell hieher gekommen. In dieſein Fall darf man ſicher ſein, daß der teufliſche Fabrik⸗ beſitzer die Gelegenheit benützen und durch die Drohung, ihren Vater anzugeben, ſich Gerda's Hand erzwingen wird. Dieß, Calle, darf nicht geſchehen, und ich, der Schuhmacher Guſtavsſon und der Fabrikbeſitzer Strömberg, wir werden noch hierüber ein Wort mit einander reden. Die Hauptſache iſt, daß wir Ahrnell ausfindig machen und ſo ſchnell als möglich von hier fortbringen, ſomit Gerda von der Gegenwart des Vaters befreien, die für ſie unheilbringend werden muß. Es iſt möglich und ſogar höchſt wahrſcheinlich, 196 daß Ahrnell ſich einen andern Namen beigelegt hat. Dadurch wird es ſchwierig genug, ſeiner habhaft zu werden. Es muß uns jedoch gelingen.“ Die Droſchte hielt vor einem kleinen Hauſe in der Schwarzengaſſe. Niſſe ging hinein und kam nach einer Weile mit den Worten zurück: „Es hat ſeine Richtigkeit. Sjöquiſt iſt hier ge⸗ weſen und dann mit Stina fortgegangen, welche da⸗ bei äußerte, es könne ihr jetzt nicht mehr fehlen, reich zu werden. Die Alte erzählte weiter, Stina habe geſtern von einem Verbrecher geredet, dem ſie auf die Spur gekommen ſei, und der müſſe jetzt ſeine Strafe erleiden. Mein Weg geht alſo zu dem Fabrik⸗ beſitzer.“ Riſſe ſtieg wieder in die Droſchke und fuhr nach dem Hauſe von Strömberg. M. Für Carl handelte es ſich jetzt um die Zukunft der Frau, welche ihm theuer war, welche er mit ſei⸗ nem ganzen warmen Herzen liebte. Jeder Gedanke an das Glück des Wiederſehens mußte für den Augen⸗ blick in den Hintergrund treten, und er hegte nur einen Wunſch, nämlich eine große Unannehmlichkeit von ihr abzuwenden. — Carl hatte ſich ſchnell einen Plan entworfen, wor⸗ nach er bei ſeinen Nachforſchungen verfahren wollte, um Ahrnell ausfindig zu machen und zu ſchleunigem Abzug aus Schweden zu zwingen. 197 In dieſer Abſicht ging er an Bord des zuletzt angekommenen deutſchen Dampſſchiffes. Es ſtand leer. Der größere Theil der Mannſchaft befand ſich am Lande. Er konnte für den Augenblick keine Aufklä⸗ rung erhalten und wollte bereits das Fahrzeng wie⸗ der verlaſſen, als Jemand aus dem Salon heraufkam. Es war eine der Aufwärterinnen. Sie trug einen Rock auf dem Arm. „Pehrsſon!“ rief ſie. Ein Schiffsjunge kam auf den Ruf herbei. „Bürſte den Rock aus und bringe ihn hernach dem Engländer hinab, denn ich gedenke ans Land zu gehen; ſo magſt Du ihn bedienen; ich thue es nicht.“ „Habt ihr einen Engländer an Bord?“ fragte Carl. Ja, einen langweiligen Menſchen, der in ſeiner Kajüte geblieben iſt, weil er am Mittwoch nach Stet⸗ tin zurückzureiſen im Sinne hat,“ antwortete das Mädchen.„Das iſt ein närriſcher Kauz,“ fuhr ſie fort;„geſtern langte er in Stockholm an und am Mittwoch geht er wieder fort. Dabei iſt er ein Murr⸗ kopf und man hat ſeine wahre Plage mit ihm, be⸗ ſonders da der abſcheuliche Menſch kein Wort Schwe⸗ diſch verſteht.“ „Wie heißt er?“ fragte Carl. „Bernard, ſo ſteht auf ſeiner Reiſetaſche.“ Carl ſchlug das Herz bei dem Laute dieſes Na⸗ mens heftiger, denn es fiel ihm die Adreſſe des Briefs wieder ein, welchen Gerda ihm einmal auf die Poſt zu tragen gegeben hatte. „Beabſichtigt er ans Land zu gehen?“ „Ja, deſſen kann der Herr gewiß ſein, und darum 198 hat er jetzt drei verſchiedene Röcke ausbürſten laſſen, und ſicherlich gibt er, wenn Pehrsſon mit dieſem da hinabkommt, ihm einen vierten. Schon eine ganze Stunde bringt er damit zu, ſein Halstuch umzubinden. Hu, iſt das ein unerträglicher Kerl!“ Das Mädchen entfernte ſich. Carl nahm auf einem der grünen Sopha's Platz, um Mr. Bernard zu ſehen, wenn er ans Land ginge. Er ſuchte ſich Ahrnells Ausſehen und Haltung ins Gedächtniß zurückzurufen. Er hatte große Augen, üppiges Haar, regelmäßige, obwohl abgezehrte Geſichts⸗ zuge; ſoweit konnte er ſich noch ſeiner Perſon entſinnen. Es verging etwas über eine halbe Stunde; da ließen ſich ſchwere Tritte auf der Treppe, welche nach dem Verdeck führte, vernehmen. Einige Sekun⸗ den darauf kam ein hochgewachſener Mann von etwa fünfzig Jahren mit grau geſprenkeltem Haare und ſtolzer Haltung zum Vorſchein. Kinn und Wangen waren mit einem ſtarken Bart geſchmückt, welcher aber gleich dem Haupthaar ziemlich grau erſchien. Die Stirne war, ſo viel der Hut davon ſehen ließ, gefurcht; die Wangen, obwohl voll, hatten eine bleiche Farbe. Die Augen waren groß und glänzend. Der Mann blieb einen Augenblick ſtehen und ſchaute Carl an. Es ſchien, als wollte er mit ſeinem ſtolzen Blick den Fremdling fragen, was derſelbe an Bord eines Fahrzeugs, auf dem er ſich befand, zu thun hätte. „Wenn dieſer Mann Ahrnell iſt,“ dachte Carl, weiche Veränderung haben dann dieſe ſechszehn Jahre hervorgebracht! Nichts als die Augen, die gerade Naſt und die ſtolze Haltung iſt ſich gleich geblieben. 199 Ich wage kaum anzunehmen, daß Mr. Bernard und Ahrnell ein und dieſelbe Perſon ſind. Man muß jedoch herauszubringen ſuchen, ob es ſich ſo verhält. Während Carl dieß bei ſich erwog, war der Mann über das Verdeck gegangen. Carl ſtand auf und be⸗ fand ſich an ſeiner Seite, als derſelbe den Fuß auf die Landungstreppe ſetzte. Der Engländer warf einen Blick rückwärts auf den ihm folgenden Mann. Jetzt ſtanden ſie auf dem Kai an der Schiffbrücke. „Um Vergebung, Herr Ahrnell, aber ich habe einige dringende Worte mit Ihnen zu reden.“ Carl redete ihn ſchwediſch an. Die Miene des Engländers zeugte von heftiger Ueberraſchung; er wurde dunkelroth, antwortete aber auf Engliſch: „Mein Herr, ich verſtehe Ihre Sprache nicht.“ Carls Augen hafteten unverrückt auf dem Geſicht des Mannes; er ſah die Bewegung darin und ſchloß hieraus, daß es mit ſeiner Behauptung, er ſei der von Carl geredeten Sprache unkundig, nicht richtig war. „Er iſt es,“ dachte Carl. „In dieſem Fall,“ fuhr er fort,„wollen wir engliſch ſprechen. Obwohl ich darin nicht ſonderlich geſchickt bin, wird es mir doch gelingen, mich Ihnen verſtändlich zu machen. Ich glaubte jedoch nicht, Herr Ahrnell, daß Sie Ihre Mutterſprache ſo vollkommen vergeſſen hätten und nicht verſtänden, was darin ge⸗ ſagt würde, beſonders wenn ein Mann, der es gut mit Ihnen meint, in dieſer Sprache Ihnen eine Warnung zukommen laſſen will.“ Carl bediente ſich immer des Schwediſchen, und obwohl der Engländer deſſelben unkundig zu ſein vor⸗ 200 gab, brachten jene Worte doch einen beſtändigen Wechſel in ſeinem Geſichtsausdruck hervor. Er hütete ſich je⸗ doch eine Antwort zu geben. Nach einer kurzen Pauſe fuhr Carl fort, dießmal in engliſcher Sprache:. „Da ich weiß, daß Sie, Mr. Bernard, auch Mr. Ahrnell kennen, ſo wünſche ich, Sierriethen demſelben, nicht nach Schweden zu kommen, denn es finden ſich hier Perſonen, welche bezeugen können, daß der Matroſe Andersſon nicht der Mörder von Kämmerer Hengel war, ſondern vielmehr Daniel Ahrnell. Die ſechszehn Jahre alte Frevelgeſchichte dürfte von Neuem aufgenommen werden, und Ahrnell liefe große Ge⸗ fahr, ſich deßhalb belangt zu ſehen. Befindet er ſich in Schweden, ſo rathe ich ihm, ſogleich abzureiſen, und bitte ihn, vor dem Mann, der ein unſichtbarer Theilnehmer ſeines Verbrechens war, auf ſeiner Hut zu ſein.“ „Sir, ich kenne Mr. Ahrnell nicht,“ antwortete Bernard kalt,„und weiß nicht, weßhalb Sie ſich an mich wenden. Ich bin ein Fremder, welcher zum erſten Mal Ihr Land beſucht; ich brauche mich folg⸗ lich nicht darum zu bekümmern, was ſich vor ſechszehn Jahren hier zugetragen hat.“ „Sie haben Recht, Mr. Bernard iſt das erſte Mol in Schweden, aber dieß hindert nicht, daß Sie dieſes Land recht wohl kennen und inſonderheit wiſſen, was in Stockholm vor ſechszehn Jahren geſchehen iſt. Damals befand ſich in demſelben Hauſe, wo Ahrnell wohnte, ein Schuhmacherjunge, Namens Calle; er richtete manchen Auftrag für Herrn Ahrnell aus. Dieſer Junge, Sir, bin ich. Sechszehn Jahre haben 5 201 nicht vermocht, die Erinnerung an Sie aus meiner Seele zu verwiſchen, namentlich nicht an den Zeit⸗ punkt, da ich Sie zum letzten Mal ſah. Es war damals, als Sie ſpät am Abend des erſten Mai 18— aus dem Hauſe von Kämmerer Hengel kamen.“ Bernard ſah, während er an Carls Seite dahin⸗ ſchritt, ganz aus, als ob er auf glühenden Kohlen ginge. Er blieb ſtehen, als Carl ſchwieg, und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Was iſt Ihre Abſicht? Etwa ein Verſuch, von einem Fremdling Geld zu erpreſſen?“ „Mein Herr,“ fiel Carl nachläſſig ein,„ich bin der Bildhauér Guſtavsſon. Sie haben wahrſcheinlich meinen Namen gehört, da die Königin von England zwei Marmorgruppen von mir gekauft hat, deren in den engliſchen Zeitungen vielfache Erwähnung geſchah. Es kann alſo nicht meine Abſicht ſein, Ihr Gold zu verlangen, ſondern ganz einfach, Sie zu beſtimmen, eiligſt Schweden zu verlaſſen. Sie beabſichtigen am Mittwoch abzureiſen. In einer Stunde kann viel geſchehen, wie viel mehr in zwei Tagen. Sie ſind reich; gehen Sie mit einem der Kanalboote nach Go⸗ thenburg, und von da nach Kopenhagen. Sollten Sie Morgen noch hier ſein, ſo glaube ich Sie darauf vorbereiten zu müſſen, daß Sie angeklagt werden. Merken Sie wohl, es bleiben Ihnen nur die Stun⸗ den bis ſieben Uhr noch frei. Um dieſe Zeit bin ich an der Ritterholmsbrücke; und befinden Sie ſich nicht unter den Paſſagieren, ſo weiß die Polizei morgen, welchen herrlichen Fang ſie machen kann, wenn ſie ſich des Mörders von Kämmerer Hengel bemächtigt.“ Carl lüftete den Hut vor dem aſchgrauen Mr. 202 Bernard, welcher ſo ausſah, daß man deutlich merken konnte, er ſuche eine heftige Erregung von Furcht und Zorn zu bemeiſtern. Er ließ Carl abziehen und beſchleunigte ſeine Schritte, indem er ſich nach der Königinſtraße wandte, wo er in ein Haus trat, über deſſen Thüre geſchrie⸗ ben ſtand: Hotel für Reiſende. Um ſieben Uhr war es ſehr lebhaft an der Ritter⸗ holmsbrücke. Eines der Kanalboote ſollte abgehen. Carl ſtellte ſich auf demſelben ein und ſchaute in jede Kajüte, ohne Mr. Bernard unter den Paſſagieren zu finden. Das Dampfboot ging ab, aber der ſoge⸗ nannte Engländer war nicht an Bord deſſelben. 3 Carl begab ſich nun an die Schiffsbrücke, um ſich zu erkundigen, ob Bernard ſein Gepäck noch auf dem Fahrzeug hätte, mit dem er angekommen war. Man hatte ihn ſeit ſeinem Abgang am Nachmittag nicht geſehen. Alle ſeine Reiſeeffekten waren noch da. Carl beſchloß nun ſeine Rückkehr abzuwarten und ihn nicht eher aus den Augen zu laſſen, als bis er von Stockholm abgezogen wäre. X. Am folgenden Morgen in aller Frühe hüpfte Sylvia die kleine Anhöhe hinauf, welche zwiſchen, den beiden Gebäuden lag, und ſtand vor dem Ein⸗ gang zur Küche. Sie drückte auf das Schloß, allein es gab nicht nach. „Sollte die alte Brita verſchlafen ſein, oder hat ſie ſchon einen Ausgang gemacht?“ dachte das junge 5 —.— 203 Mädchen und klopfte auf die Thüre los, indem ſie in Gedanken hinzuſetzte: „Ich muß Gerda wohl wecken, denn es iſt un⸗ verzeihlich, einen ſo ſchönen Sommermorgen zu ver⸗ ſchlafen.“ Aber Sylvia mochte noch ſo viel klopfen und rufen; drinnen blieb alles ſtill und ruhig. „Gerda iſt wahrſcheinlich ausgegangen, um irgend eine Anſicht zu zeichnen,“ ſprach Sylvia weiter; „es iſt nicht ſchön von ihr, daß ſie es mir nicht ge⸗ ſagt hat.“ Sylvia ſchritt nun rings um das Haus herum und auf die Veranda hinauf, um zu ſehen, ob auch hier die Thüre verſchloſſen wäre. „Was ſoll das bedeuten?“ rief Sylvia, als ſie eine Scheibe eingeſchlagen und die Thüre geöffnet fand. Die Wangen des jungen Mädchens wurden ſchnee⸗ weiß. Eine Ahnung von Gewalt und Diebſtahl be⸗ ſchlich ſie. Die Jugend hat bekanntlich eine leicht erregbare Phantaſie. Etwas zögernd ſtieß ſie die Thüre auf. In dem kleinen Salon ſah es gar nicht aus wie ſonſt. Ein Fauteuil war umgeworfen, und ein kleiner Tiſch, worauf gewöhnlich eine Vaſe mit Blumen ſtand, lag gleichfalls am Boden. Sylvia näherte ſich der Thüre, welche zu dem Schlafzimmer führte. Dieſelbe war ongelehnt, und ſie irrte ſich nicht, an dem Schloſſe fanden ſich Blut⸗ flecken. Bei dieſem Anblick ſchrie Sylvia laut auf. Im nächſten Momente war die Thüre aufgeſtoßen, und das junge Mädchen ſchaute hinein. Nun aber 204 wurde ſie von ſolchem Schrecken ergriffen, daß ſie keinen Laut über die blaſſen Lippen zu bringen vermochte. Es war ihr, als müßte ſie vor Entſetzen zu Boden ſinken. Auf Gerda's kleinem ſchneeweißem Bette lag ein Mann, den Kopf über das Kiſſen herabhängend, mit einer breiten klaffenden Wunde am Halſe. Der Fuß⸗ boden und ein Theil des Bettes waren mit Blut bedeckt. Sylvia wollte fliehen, aber ſie vermochte es nicht; der gräßliche Anblick wirkte ſo auf ſie, daß ſie wie eingewurzelt ſtehen bleiben mußte. „Was iſt da geſchehen?“ äußerte in demſelben Augenblick eine Stimme hinter ihr. Sie drehte ſich um, und ein älterer Mann von mittlerer Größe ſtand hinter ihr. Es war der Fabrikbeſitzer Strömberg. „Ein Mann, ermordet in Mamſell Ahrnells Woh⸗ nung,“ ſagte er, als ſein Blick auf den blutigen Leichnam fiel, und dabei wurde er ſo bleich wie der Todte. „Gerda! Gerda!“ rief Sylvia und eilte hinweg, ohne die Fragen des Fabrikbeſitzers zu beantworten. Strömberg trat auf den Todten zu und murmelte: „Der Schluß iſt ſeines Lebens würdig. Er hat mit ſeinem Tod die Tochter gerettet, und man wäre anzunehmen verſucht, es gebe eine Gerechtigkeit im Leben.“ Er wandte ſich ſchaudernd ab, während er alſo fortfuhr: „Es iſt alſo des Schickſals Wille, daß das Mäd⸗ chen nicht mein werden ſoll. Das Klügſte iſt jetzt, 205 an ſeine eigene Sicherheit zu denken. Heute er, morgen ich.“ Einige Minuten hernach war Gerda's Wohnung mit Leuten angefüllt. Die Geſchichte hatte ſich rings herum verbreitet. Man erſchöpfte ſich in Vermuthungen, man begann ſogar Gerda zu beargwohnen, denn ſie war ja ver⸗ ſchwunden. Strömberg hatte ſich in die Stadt begeben, um ſeiner Ausſage nach das Geſchehene zur Meldung zu bringen. Edith und Sylvia waren über das unheimliche Ereigniß in höchſter Beſtürzung und voll Angſt über Gerda. Während dieſer Aufregung, und noch bevor die Polizeibehörde angelangt war, hielt eine Equipage vor dem Gitterthore, und ein kleiner ſchwarz gekleideter Herr ſtieg aus. Er gedachte nach dem größern Gebäude zu gehen, änderte aber ſeinen Entſchluß, als er eine Maſſe Menſchen vor dem kleinen verſammelt ſah. „Was gibt es da?“ fragte er einen Burſchen in grauem Friesrock, der daſtand und mit einer Bäuerin ſchwatzte. „Ach, nichts weiter, als daß ein Herr ermordet worden iſt,“ antwortete der Burſche. „Ein Herr, und wo iſt der Mord begangen worden?“ „Da!“— Er deutete auf Gerda's Wohnung. „Bei Mamſell Ahrnell?“ rief der junge Mann. „Jo, ja, ſo iſt es. Man hat ihn todt in ihrem Bette, mit einer großen Wunde am Halſe gefunden.“ * 3 * 206 „Und Mamſell Ahrnell, was.... was.. iſt aus ihr geworden?“ „Ja, ſehen Sie, das weiß man nicht, und die Leute meinen, ſie könne es wohl ſelbſt geweſen ſein, die den Mann umgebracht hat, denn ſie und ihre alte Magd ſind auf und davon gegangen.“ Der junge Mann ſah auß, als wollte er den Graurock in Stücke reißen.* „Ach, was ſchwatzt Er da?“ fiel eine Frau ein, ſich zu dem Graurock wendend;„wer den Mord be⸗ gangen hat, das weiß Gott; aber die Malerin hat es nicht gethan, das kann ich ſagen. Es iſt wohl der gemeine Kerl, der geſtern hier herumſtrich, und den ich an dem Gitterthor ſah, gerade als die Mam⸗ ſell und Brita von hier weggingen. Ich ſaß da unten am Strande, um mir die Füße zu waſchen, als ich ſie nach der Stadt gehen ſah. Es mochte um zwölf Uhr ſein, glaube ich. Als ſie da zum Gitter⸗ thor hinausgingen, kroch der Lumpenhund hinter die Hecke. Ich bekam jetzt ſelbſt Angſt und ging meines Wegs. Nun begreift ſich doch leicht, daß es kein Anderer war, als der Vagabund.“ Richard vernahm wenig von dem, was geſagt wurde; er wandte ſich ab, um zu Edith zu gehen, befand ſich aber Ange in Auge vor Gerda. „Mein Gott, Richard, haben.... haben.... ſie... ihn ergriffen?“ ſtammelte Gerda, dermaßen zitternd, daß ſie nach Richards Arm greifen mußte, um ſich aufrecht zu halten. In demſelben Augenblick ſchrie Brita mit gellender Stimme: „Seid ihr närriſch? Ein Mann ermordet in dem „ 207 Schlafzimmer meiner Herrin? Das iſt eine Lüge, eine niedrige Lüge!“ Gerda ließ Richards Arm fahren. Er wollte ſie zurückhalten, aber ſie riß ſich los und war in der nächſten Minute im Schlafgemach. Die Leute hatten ihr Platz gemacht. Richard folgte nach. „Mein Vater!“ rief Gerda und ſtieß einen durch⸗ dringenden Schrei aus, als ſie den Ermordeten ge⸗ wahrte, und griff mit einer Geberde der Verzweiflung an ihren Kopf. „Ihr Vater?“ murmelte Richard und eilte herzu, um ſie zu unterſtützen; er fürchtete, ſie möchte leblos umſinken, aber er irrte ſich. Die junge Frau blieb aufrecht ſtehen, aber kein weiterer Laut kam mehr über ihre Lippen. „Ihr Vater?“ flüſterte man ringsherum. Richard führte Gerda von dem traurigen Anblick hinweg und in den Salon hinaus. Sie folgte ihm mechaniſch und ſchien wie betäubt von dem Schlage, der ſie betroffen. Das Auftreten der Polizeibehörde gab indeſſen der traurigen Scene einen andern Charakter. Gerda war drüben bei Edith. Dort begann der Polizeiin⸗ ſpektor das erſte Verhör mit ihr, nachdem man ver⸗ ſchiedene Nachforſchungen in der Wohnung angeſtellt hatte, wo alles Silberzeug, Geld, alle Nippſachen und Koſtbarkeiten verſchwunden waren. Alles bis auf eine große ſilberne Uhr, welche Brita gehörte, war geraubt. Gerda hatte jetzt die Geiſtesgegenwart und Seelen⸗ ſtärke, welche einen bemerkenswerthen Zug ihres Charak⸗ ters ausmachten, wieder gewonnen. Sie erzählte der Wahrheit gemäß, ihr Vater habe vor achtzehn Jahren *. — 2 208 das Vaterland verlaſſen, ſich nach Weſtindien begeben, und dort den Namen Bernard angenommen. Am ver⸗ gangenen Abend ſei er bei ihrerſchienen und mit dem Auftrag herausgerückt, einen Brief, welcher nach ſeiner Ausſage Dinge von Wichtigkeit enthielt, an den Fa⸗ brikbeſitzer Strömberg zu überbringen. Begleitet von ihrer Magd ſei ſie um halb ein Uhr Nachts vor dem Hauſe des Fabrikbeſitzers angekommen und habe dort zur Antwort erhalten, er wäre verreist und würde erſt am Morgen wieder erwartet. Sie habe nicht gewagt, in den Thiergarten zurückzukehren, ehe ſie den Freund ihres Vaters getroffen, und darum beſchloſſen, deſſen Heimkehr bei dem Portier abzuwarten. Am acht Uhr Morgens ſei Strömberg in ſeinem Hauſe angelangt. Er habe ſie genöthigt, da zu bleiben, bis er aus dem Thiergarten, wo er mit ihrem Vater ſprechen wolle, zurücktäme. Um neun Uhr habe er ſich wieder eingefunden und ihr durch einen ſeiner Domeſtiken ſagen laſſen, es ſei ein Unglück geſchehen, und er rathe ihr, ſich nicht nach dem Thiergarten zu begeben. Der Fabrikbeſitzer ſelbſt ſei von dem Ereigniß ſo be⸗ troffen geweſen, daß er ſich in ſeinem Zimmer einge⸗ ſchloſſen habe. Sie ſei nun nach der Villa hinausgeeilt, um ſich von dem Vorfall zu unterrichten, und habe ihren Vater ermordet in dem Schlafzimmer gefunden. Gerda's Bericht ſtimmte vollkommen mit dem, was der Fabrikbeſitzer angegeben hatte, überein; nur in dem Punkte wich er ab, daß Gerda den Ermor⸗ deten Daniel Ahrnell nannte, Strömberg hingegen „* 209 deſſelben nur als eines alten Bekannten aus der Zeit ſeines Aufenthalts in England gedachte. Der Polizeiinſpektor wollte eben noch einige wei⸗ tere Fragen ſtellen, als man ihm meldete, ein paar Polizeidiener haben einen entlaufenen Feſtungsſträf⸗ ling Namens Andersſon gepackt, welcher der Be⸗ ſchreibung nach wohl Niemand anders als die Perſon ſei, den man am Tage vor dem Mord um die Villa habe herumſchleichen ſehen. Am Dienſtag las man in allen Stockholmer Zei⸗ tungen von dem gräßlichen Mord, welcher begangen worden war. Gleichzeitig folgte eine kleine Geſchichte von dem Ermordeten, welche folgendermaßen lautete: „Vor einer Woche langte in Stockholm eine Dame von dunkelm Teint an, welche ſich Miſtreß Owenſon nannte. Sie ſtieg in einem der vornehmſten Hotels in der Königinſtraße ab, und ihre erſte Sorge war, Erkundigungen über einen ehemaligen Schreiber, Da⸗ niel Ahrnell, und deſſen Verwandtſchaftsverhältniſſe einzuziehen; inſonberheit war ihr ſehr daran gelegen, zu erfahren, ob ſeine Frau noch lebte, im andern Fall, wann ſie geſtorben wäre. Es ſchien indeſſen keine ſehr leichte Sache, ſich über die Verhältniſſe der fraglichen Perſonen Auskunft zu verſchaffen. Endlich gelang es dadurch, daß Gerda Ahrnells Name wohl bekannt war. Man vermochte auszukundſchaften, daß die Künſtlerin, Mamſell Ahrnell, die Tochter des erwähnten Daniel Ahrnell, und daß deſſen Frau vor ſieben Jahren mit Tod abgegangen war. Miſtreß Owenſon hatte ſich zum Zweck ihrer Nachforſchungen an einen geſchickten Juriſten gewendet, und da ſie Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. I. 14 210 reich war und mit vollen Händen Gold ausſtreute, ſo wurde es ihr leicht, deſſen Hülfe und Stillſchwei⸗ gen zu erkaufen; denn ſie wollte es vor Ahrnells Tochter geheim halten, daß ſie die Verhältniſſe ihres Vaters auszuforſchen wünſchte. Sie hatte gerade oben genannte Aufklärungen erhalten, als am Samstage vor dem Mord Mr. Bernard ſich im Hotel einfand und nach Miſtreß Owenſon erkundigte. „Ein heftiger Wortwechſel hatte bei ihrer Begeg⸗ nung ſtattgefunden, ſchien jedoch mit einer freundlichen Uebereinkunft zu endigen. Am Sonntag Nachmittag war Bernard wieder bei Mrs. Owenſon eingetroffen; ſie hatte ſich mit ihm eingeſchloſſen, und man konnte im Hotel nicht angeben, wann er ſich entfernt habe. Um zehn Uhr Abends hatte die Engländerin geklingelt und eine Zeitung begehrt; hernach Befehl gegeben, Alles zu ihrer Abreiſe auf den folgenden Tag in Ordnung zu bringen, da ihre Abſicht wäre, um zwölf Uhr nach Gothenburg abzugehen und ſich von dort nach England einzuſchiffen. Am Montag Morgen fand ſich der Juriſt bei ihr ein und meldete, der Ahrnell, nach welchem ſie geforſcht habe, ſei in der Nacht ermordet worden. Auf Miſtreß Owenſon hatte dieſe ſchreckliche Nachricht tiefen Eindruck gemacht. Ihre Reiſe mußte aufgeſchoben werden; und aus den Papieren des Ermordeten erfuhr man, daß Miſtreß Owenſon die Gattin des ſich Bernard nennenden Mannes ſei. „Warum ſie den Namen Owenſon angenommen hatte und ſo großes Intereſſe für Ahrnells frühere Ehe an den Tag legte, wußte man nicht, glaubte aber darauf mit Recht aus dem Unſtande ſchließen zu 211 dürfen, daß ſich nun herausſtellte, Bernard ſei ſchon neun Jahre mit ſeiner zweiten Frau verheirathet geweſen, während die erſte vor kaum ſieben Jahren mit Tod abgegangen war.“ Weiter las man, daß der wegen des Mordes an Kämmerer Hengel verdächtige Andersſon, welcher ſeitdem wegen Diebſtahls angeklagt und beſtraft wor⸗ den war, wahrſcheinlich auch der Mörder Bernards ſei. Die Zeitungsreferenten hatten ſo zart als mög⸗ lich Gerda's Hereinziehung in die tragiſche Geſchichte berührt, aber doch die Erwähnung ihrer Verwandtſchaft mit dem Todten nicht ganz zu umgehen vermocht. Die Skandalblätter waren jedoch ganz erfreut darüber, ſich auf einen berühmten und geachteten Namen werfen und denſelben in den Schmutz ziehen zu können, und ſie thaten ſomit auch ihr Möglichſtes, um des Vaters minder untadelhaftes Leben als einen dunkeln Schatten auf die Tochter zurückfallen zu laſſen. Carl, welcher vergeblich darauf gewartet hatte, Bernard zu dem deutſchen Dampfſchiff zurückkehren zu ſehen, war erſt ſpät am Abend von da nach Hauſe aufgebrochen, feſt entſchloſſen, am folgenden Morgen in aller Frühe ſich wieder an Ort und Stelle einzufinden und Bernard zu beſtimmen, daß er wenigſtens mit dem Dampfboot, welches Mittags von Stockholm nach Gothenburg abging, ſeine Abreiſe bewerkſtelligte. Es hatte L nicht ſieben Uhr geſchlagen, als er wieder an Vord war und nach Mr. Bernard fragte. Derſelbe hatte aber, lautete die Antwort, nicht auf dem Schiff übernachtet. Carl begab ſich nach dieſem Beſcheid zu Niſſe. Der ehrliche Schuh⸗ macher war ſchon ausgegangen. Wohin, wußte Louiſe nicht; nur ſo viel konnte ſie angeben, daß er ſpät heim⸗ gekommen ſei und ſich wieder frühe aufgemacht habe. Er hatte bekümmert ausgeſehen, meinte Louiſe. Carl blieb bei Louiſe, um auf den Bruder zu warten und mit ihm zu berathſchlagen, was weiter geſchehen ſollte, damit Gerda vor einem neuen Unglück geſchützt würde. Ein paar Stunden vergingen, ohne daß Niſſe erſchien. Carl hielt es darum für das Klügſte, ſich wieder nach dem Dampfſchiffe zu begeben und nach Bernard zu erkundigen. Unter der Hausthüre ſtieß er auf Niſſe. „Weiß Du ſchon, was heute Nacht ſich zugetragen hat?“ fragte Niſſe. „Hat Gerda irgend ein Unglück betroffen?“ rief Carl. „Nein, ich möchte es eher ein Glück nennen, wenn man es wagen dürfte, ein ſchreckliches Ereigniß mit dieſem Namen zu bezeichnen. Ahrnell iſt ermordet worden, und zwar in der Tochter Hauſe, in deren Abweſenheit.“ „Ermordet?“ wiederholte Carl, den Bruder an⸗ ſtarrend.. „Komm', laß uns hinaufgehen, und ich will Dir dann erzählen, was vorgefallen iſt.“ Niſſe und Carl ſtiegen wieder die Treppe hinauf, und nachdem jener Frau und hatte, ſchloß er ſich mit Carl im Gaſtzimmer ein, um un⸗ geſtört mit ihm reden zu können. „Wie Du weißt,“ begann er,„war ich geſtern auf der Jagd nach Sjöquiſt. Bei dem Fabrikbeſitzer erfuhr ich, daß er den Morgen Beſuch von einem Engländer ge⸗ habt und mit ihm gefrühſtückt hatte. Nach beendigtem Frühſtück mar ein altes buckeliges Weib erſchienen, mit dem Begehren, den Fabrikbeſitzer zu ſprechen. Sie hatte vorgegeben, er habe ihr ein Almoſen ver⸗ ſprochen. Man meldete ſie an. Sie wurde ſogleich zu Strömberg vorgelaſſen, entfernte ſich aber wiederum nach Verfluß von einigen Minuten. „Eine Weile hernach ging der Fabrikbeſitzer mit dem Engländer fort. Kurz hernach erſchien aber der Erſtere von Neuem und gab Befehl, ſeinen kleinen Jagdwagen anzuſpannen. Er fuhr ganz allein in demſelben ab, und bemerkte gegen den Portier, wenn Jemand nach ihm frage, ſolle er zur Antwort geben, er ſei auf die Jagd gefahren und werde am folgen⸗ den Morgen um ſechs oder ſieben Uhr wieder heim⸗ kehren. Ich erkundigte mich, in welcher Richtung er abgegangen ſei und folgte ihm nach bis vor das Schanzenthor; hier aber verlor ich ſeine Spur. Einer hatte ihn dahin, ein Anderer dorthin ſich wenden ſehen u. ſ. w. Endlich vermuthete ich, derjenige, den die Leute geſehen, ſei gar nicht der Fabrikbeſitzer ge⸗ weſen, und zog nach dieſem Herumſtreifen wieder in die Stadt hinein, ſo klug wie zuvor. Ich begab mich zu Stina. Sie war zu Hauſe, und ich ſuchte von ihr etwas herauszubringen, das mich auf die rechte Spur bringen könnte; aber Alles, was ich gewann, lautete nur dahin, daß Szjöquiſt durch irgend einen * 214 Kunſtgriff in die ihm gelegte Schlinge gerathen, und daß Stina dabei behilflich geweſen war. Sie hatte jetzt vollauf Geld und erklärte, ſie bedürfte des Bettel⸗ pfennigs, den ich ihr hinwerfe, nicht mehr. Miß⸗ vergnügt und ärgerlich verließ ich Stina. Es war ſchon ſpät am Abend; ich nahm den Weg durch die Glashüttenſtraße, ſtieg die Treppe zum Stadthof hinab, um mir eine Droſchke zu nehmen; aber gerade da ich in der Nähe des Platzes war, wo ſie ſtanden, ſah ich zwei Männer in eine derſelben ſteigen. Der eine derſelben ſchien völlig betrunken zu ſein. Durch die vereinten Bemühungen des Kutſchers und ſeines Kame⸗ raden gelang es endlich, ihn in das Fuhrwerk zu bringen. Der, welcher ihm half, war ein kleiner, nicht ſehr ſtark gebauter Mann, mit einem großen, faſt allzugroßen Bart, in einem Seemannskittel und mit einem breitkrempigen Hut. Meine von Argwohn geſchärften Augen glaubten in dem Seemann den Fabrikbeſitzer zu erkennen, und der Betrunkene war wohl kein Anderer als Sjöquiſt. Ich hielt mich je⸗ doch in einigem Abſtand, und als der Kutſcher die Zügel faßte, um abzufahren, warf ich mich in eine andere Droſchke und gebot dem Kutſcher, jenem zu folgen, aber ſich in einiger Entfernung zu halten. Sie fuhren bis nach der Biſchofsſpitze am Thiergarten. Hier hielten ſie in der Nähe der Brücke; ich war eine Strecke davon ausgeſtiegen und hieß den Kut⸗ ſcher warten. Der Seeman bezahlte den ſeinigen, ſchleppte den Berauſchten aus der Droſchke und warf ihn ins Gras, worauf er nach der Brücke ging und ein Schiff, welches vor Anker lag, um ein Boot an⸗ „ 2¹5 rief. Ich erachtete es jetzt an der Zeit, vorzutreten, bevor das Boot am Strand angekommen wäre. „Der Seemann ſtand auf der Brücke und ſchien in höchſter Ungeduld auf daſſelbe zu warten. Ich näherte mich vorſichtig dem Berauſchten, welcher ſchlafend eine Strecke davon auf dem Boden lag. Ein einziger Blick auf ſein Geſicht genügte, um mich zu überzeugen, daß ich mich nicht betrogen hatte. Ich faßte ihn am Kragen, rüttelte ihn tüchtig und rief ihm ins Ohr: „Storm, wache auf! Du biſt in Feindes Gewalt; jetzt wird er Dich im Ernſt erwürgen, wenn Du nicht machſt, daß Du davon kommſt.“ „Sjöquiſt ſchlug ſogleich die Augen auf. Der Schrecken ſchien ihn nüchtern zu machen; denn er er⸗ hob ſich ſchnell. Der Seemann wandte ſich plötzlich um. „Es war ein heißer Augenblick, der jetzt folgte. Das Boot ſtieß von dem Schiffe ab, und Alles kam darauf an, daß Sjöquiſt fort war, ehe es anlegte. Es war ja möglich, daß die Leute im Solde des Fabrikbeſiters ſtanden. Ich führte nun das große Wort und drohte um Hülfe zu rufen und den reichen verkleideten Mann anzugeben, und der Schluß war, daß wir, Szjöquiſt und ich, freien Abzug erhielten. Strömberg konnte und durfte keinen Widerſtand leiſten. „Ich brachte Sjöquiſt an einen ſichern Ort und begab mich dieſen Morgen zu dem Fabrikbeſitzer, um den Kerl zur Vernunft zu bringen. Er war nicht zu Hauſe, als ich bei dem Portier nach ihm fragte; ich wartete alſo. Endlich langte er an. Als er mich gewahrte, ſagte er: „Daniel Ahrnell iſt heute Nocht in ſeiner Tochter 216 Wohnung ermordet worden, während ſie von dort abweſend war; dieſes Ereigniß hat mich in ſolche Aufregung verſetzt, daß ich jetzt nicht mit Ihnen ſprechen kann.“ „Ich ließ den Elenden gehen, ohne ihm ein Wort zu ſagen. Die Nachricht von dem Mord hatte mich gleichfalls ergriffen. Jetzt, mein lieber Calle, weißt Du, was ich ausgerichtet habe, und das Beſte iſt, daß Du dich zu Gerda aufmachſt. Der Mord iſt bereits allgemein bekannt. Mir dünkt, das arme Kind hat ſchwere Prüfungen durchgemacht, ſo daß ſie jetzt der Theilnahme aller ihrer Freunde bedarf. Es iſt Dir allerdings kein fröhlicher Empfang widerfahren, Calle, aber wenn der Anfang ſchwer war, ſo wollen wir hoffen, daß der Schluß um ſo angenehmer wird. Des Herrn Wege ſind unerforſchlich, und ich vermag mit meinem Schuſtergehirn nicht herauszubringen, wozu all das Böſe gut ſein mag. „Noch ein Wort, bevor wir ſcheiden,“ ſagte Carl tief ſeufzend.„Weiß man, wer den Mord began⸗ gen hat?“ „Man hat einen Lumpenkerl in Verdacht, der ſich in der Gegend ſehen ließ. Der Mörder hat Alles mit ſich genommen, was ſich von Werth vorfand.“ „Und Gerda— wo iſt ſie während des gräßlichen Ereigniſſes geweſen?“ „Der Polizeibeamte, welcher mir die gewünſchten Aufklärungen gab, ſagte mir, Mamſell Ahrnell ſei“ die Nacht über in der Stadt geweſen.“ „In dieſem Falle, Niſſe, bemerkte Carl ernſt, „kann man allerdings ſagen, des Herrn Wege ſind wunderbar. Wäre ſie zu Hauſe geweſen, ſo würde 217 ſie vielleicht auch als Opfer von dem Meſſer des WMörders gefallen ſein; jetzt...“ Carl vollendete den Satz nicht, aber Niſſe ergänzte ihn mit den Worten: „Jetzt erhielt Ahrnell ſeine Strafe, willſt Du ſoagen. Die Schrift lehrt ganz richtig: Wer Menſchen⸗ blut vergießt, des Blut ſoll wieder vergoſſen werden.“ Carl drückte Niſſe die Hand und verließ ihn, um ſich unverzüglich zu Gerda zu begeben. XII. Gerda war, wie wir wiſſen, nahe daran geweſen, bei dem Hingang der Mutter alle ihre geiſtige Energie zu verlieren; aber bei dem jetzigen düſtern Ereigniß ſchien ſie alle die Kraft und Seelenſtärke, welche das Unglück verleiht, gewonnen zu haben. Sie hatte während der ganzen gerichtlichen Unter⸗ ſuchung eine vollkommene Ruhe beibehalten, aber bei⸗ nahe alle Zeit eingeſchloſſen in ihrem Zimmer zugebracht, ohne irgend Jemand, ſelbſt Richard, Edith, Sylvia oder Carl zu empfangen. Der zarten Anhänglichkeit, welche dieſelben ihr erzeigten, entzog ſie ſich. Es war ihr allzu peinlich, Jemand zu ſehen, in deſſen Blick ſie eine Theilnahme leſen mußte, welche für ſie nunmehr, nachdem des „Vaters Doppelehe bekannt war, nur ſchmerzlich und demüthigend ſein mußte, und jeden Augenblick be⸗ fürchtete ſie, daß auch ſein anderes Verbrechen an den Tag kommen würde. Für Richard, welcher Gerda mehr als je liebte, 218 wurde dieſes ihr Benehmen eine Quelle bitterer Klage, aber Edith, welche den feinen Inſtinkt des Herzens beſaß, begriff wohl, daß Gerda der Zeit und Ein⸗ ſamkeit bedurfte, um ſich mit dieſer neuen Prüfung auszuſöhnen, welche das ſchreckliche Ende des Vaters und ſeine völlige Pflichtvergeſſenheit gegen Frau und Kind für das ſtolze Mädchen mit ſich bringen mußten. An demſelben Tage, da die gerichtliche Unter⸗ ſuchung als geſchloſſen betrachtet werden konnte und von Andersſon das Geſtändniß erfolgt war, daß er Bernards Mörder ſei, hatte Gerda, welche ſeit des Vaters Tod ihr Logis in der Stadt bewohnte, einen längern Spaziergang unternommen, um unter Gottes freiem Himmel ihre Gedanken zu ſammeln und ſich über ihre gegenwärtige Stellung und die Folgen da⸗ von, daß ihr Name in eine Mordgeſchichte hereinge⸗ zogen worden war, eine klare Ueberſicht zu verſchaffen. Als ſie wieder nach Hauſe kam, traf ſie Richard, der ihre Heimkehr erwartete. Gerda hatte ihn ſeit dem gräßlichen Morgen, da er ſie von dem Leichnam ihres Vaters hinweg führte, nicht mehr geſehen. Richard kam ihr mit den Worten entgegen: „Gerda, was iſt aus unſerem Glück und unſerer Liebe geworden? Wochen ſind vergangen, voll Kummer und Leiden für Dich, und ohne daß Du mir das Recht einräumteſt, ſie zu theilen. Ich habe erkannt, daß dein Herz kein Geſühl für mich hatte, aber jetzt— jetzt Gerda, frage ich Dich, wirſt Du nicht geſtatten, daß deine Sorgen hinfort auch die meinigen werden? Sie ſind es ja doch. Wenn Du leideſt, gibt es keinen Frieden für Richard. O, mein holdes, geliebtes Mädchen, laß mich jetzt vor der ganzen Welt Dich 219 mein nennen und deine Intereſſen zu den meinigen machen. „Ach, Richard, ich fürchte, das wird niemals der Fall ſein,“ ſagte Gerda mit einem ſo traurigen Lächeln, daß es ſchien, als ſpreche ſie aus Ueberzeugung. „Niemals?“ wiederholte Richard heftig,„und wa⸗ rum? Iſt alſo deine Liebe erloſchen?“ „Nein, Richard, ſie wird nicht einmal mit meinem Leben erlöſchen, aber gerade darum kann ſie mir auch niemals irdiſches Glück bringen, weil ich auf dein Haupt alle die Demüthigung herniederziehen würde, welche an meines Vaters Namen ſich heftet. „Und wie könnteſt Du, meine ſtolze, meine hoch⸗ geſinnte Gerda das thun?“ „Richard, erinnere dich der uns nächſtliegenden Ereigniſſe. Mein Name iſt in eine Mordgeſchichte ver⸗ wickelt. Ich bin die Tochter eines Mannes, von dem Jedermann weiß, daß er in Doppelehe gelebt, und von dem mir bekannt iſt, daß er ſich noch eines gröbern Verbrechens ſchuldig gemacht hat.“ Gerda verbarg das Angeſicht in den Händen und ſetzte in erregtem Ton hinzu: „Bei der Kunde davon, wie ſchuldbelaſtet er war, hieße es ein Verbrechen gegen Dich, der durch eigene Kraft und eigene Arbeit ſich emporgeſchwungen hat, wenn ich mein Schickſal mit dem deinigen vereinigen wollte. Der Schatten des Verbrechens iſt auf meine Perſon gefallen; all mein Streben, alle aufgewendete Arbeit, mir einen geachteten Namen zu erwerben, iſt vergeblich geweſen, denn die Miſſethat des Vaters hat das Gebäude, das ich aufgeführt, niedergeriſſen. Es iſt ein großes Unglück, aber ein Unglück, das ich 220 allein tragen muß, ohne es Dir auf deiner glänzen⸗ den Laufbahn anzuhängen.“ „Deine Handlungsweiſe Gerda, iſt entweder der Kulminationspunkt von Hochherzigkeit oder von Kalt⸗ ſinn. Wie kann man lieben und für dergleichen welt⸗ liche Dinge des Lebens größtes Glück aufopfern wollen? Biſt Du nicht ſchon einmal früher im Begriff geweſen, mein Leben zu zerſtören? Willſt Du es zum zweiten Mal thun, aber dießmal ſo vollkommen, daß nicht einmal die Trümmer davon zu retten ſind? Begreiſſt Du nicht, daß wenn ein Mann wie ich liebt, es für das ganze Leben geſchieht? An dich allein iſt mein Gefühl ausſchließlich gefeſſelt worden. Zu Dir allein ſteht mein Glaube und meine Hoffnung. Brich dein Wort um ſolcher exaltirten Phantaſien willen, und Du haſt mir Alles geraubt, was dem Leben Werth gibt. Höre mich an, Gerda! Eine Frau, welche gleich Dir unter Armuth, Mißgeſchick und tauſend Schwierigkeiten ſich zu einer Stellung im Leben, wie die deinige, emporgearbeitet und die Achtung und das Anſehen gewonnen hat, dergleichen Du genießeſt, kann dieſer Güter nicht durch Fehler oder Miſſethaten ver⸗ luſtig gehen, deren dein Vater ſich ſchuldig gemacht hat. Siehſt Du, Gerda, der Name, den wir durch eigenes Verdienſt uns gemacht, die Achtung, die wir durch unſere Tugenden erworben haben, kann uns auf keine Weiſe entriſſen werden, ſo lang wir ſelbſt ſie durch ein untadelhaftes Leben aufrecht erhalten. Somit haftet an Dir kein Schatten, denn Du biſt von der Glorie umgeben, welche Arbeit und Tugend verleihen. Glaubſt Du denn, daß meine Liebe er⸗ ſterben kann, darum weil dein Vater ein ſchuldbe⸗ 221 laſteter Mann iſt? Welchen Theil haſt Du an ſeinem Verbrechen? Keinen. Siehſt Du denn nicht ein, daß ich ſelbſt, ein Kind der Arbeit, ſtolz darauf ſein werde, zur Gatttin eine Frau zu haben, welche durch ſich ſelbſt über Armuth und ein trauriges Geſchick ſich emporgeſchwungen hat? Nein, Gerda, vor der Welt biſt und bleibſt Du immer die ausgezeichnete Künſt⸗ lerin, mir gegenüber eine ungewöhnliche und liebens⸗ würdige Frau. Fort alſo mit allen Skrupeln, fort alſo mit Allem, was ſich zwiſchen uns und unſer Glück ſtellt.“ Die Liebe beſitzt immer die Macht, ſiegreich aus dem Streit mit unſern Bedenklichkeiten hervorzugehen. All die Glückſeligkeit, welche ſie verſpricht, erſcheint ſo ſicher, daß wir nicht den Muth beſitzen, ſie von uns zu ſtoßen. Gerda hatte allzu innig, allzu treu und ausſchließlich geliebt, als daß nicht das Gefühl ſich zum Herrn über ihre Bedenllichkeiten hätte machen ſollen. XIII. Am Tage darauf ſtellte Richard ſeine Verlobte Edith vor. In dem kleinen Familienkreiſe wurde eine jener glücklichen Stunden gefeiert, wo alle der Freude des Augenblicks genießen, ſo daß die düſtern Ereigniſſe, welche vorgefallen waren, vor dem Frieden, der das Herz erfüllte, gewiſſermaßen erbleichten und in Ver⸗ geſſenheit geriethen. Es wurde beſchloſſen, Richard ſollte in der nächſten Woche nach England gehen, auf den Herbſt zurück⸗ 222 rehren und dann ſeine Hochzeit mit Gerda halten. Nach derſelben wollten ſie eine Reiſe nach Italien unternehmen und ein Jahr fort bleiben. Während man in dem alten, wohlbekannten Salon ſaß, wo Richard zum erſten Mal die kleine Gerda geſehen hatte, und von der Zukunft redete, trat Carl ein, welcher von Edith als ein Verwandter betrachtet und behandelt wurde. Der berühmte Bildhauer ſchien auch die Freundſchaft, deren er von Seiten Ediths und Sylvia's ſich zu erfreuen hatte, höher als alle Auszeichnungen und Triumphe zu ſchätzen, welche ſein Talent ihm verſchaffte. Sein Angeſicht drückte bei allen den Feſten, die man ihm zu Ehren arrangirte, niemals ſo viel Wohlbehagen und Zufriedenheit aus, als in dem Augenblick, da er bei Edith eintrat und von ihr und Sylvia mit einem herzlichen Willkommen begrüßt wurde. Die im Grunde milde Gemüthsart, friſche Laune und lebendige Geiſtesthätigkeit des Bildhauers be⸗ wirkte, daß, wenn auch ſein Herz die zerſtörte Hoff⸗ nung auf die Freuden des Lebens in ſich barg, er dieß gleichwohl ertrug, ohne den Kummer darüber aus ſeinen ſeelenvollen Augen hervorſchauen zu laſſen. Die einzige Perſon, gegen welche Carl eine gewiſſe innere Abneigung zu hegen ſchien, obwohl er dieſelbe immerdar bemeiſterte und ſtets die Achtung, welche man einem ausgezeichneten Manne ſchuldig iſt, an den Tag legte, war Richard. Auch dieſer hatte eine ge⸗ wiſſe Zurückhaltung beobachtet, welche indeſſen nie⸗ mals auf ſeine Artigkeit gegen den berühmten Künſt⸗ ler einwirkte. Carls ganzes Weſen hatte jedoch mehr Anziehen⸗ 223 des und Hriginelles als das Richards, und man konnte ſagen, daß das Geniale ſeiner Natur ſich in allen ſeinen Bewegungen und in ſeinem ganzen Aeußern abſpiegelte. Man ſah, daß ein großer Geiſt in dieſer irdiſchen Hülle wohnte, Carl ſelbſt aber ſeiner Ueber⸗ legenheit völlig unbewußt ſchien und das Leben und die Menſchen ohne alle Anſprüche, als ob ſie ſeine höhern Geiſtesgaben ſchätzen ſollten, auffaßte. Er war froh darüber, ſie zu beſitzen, dankbar dem Geber und fern von jeglicher Anmaßung gegen ſeine Neben⸗ menſchen, wie das wahre Verdienſt es immer iſt. Richard dagegen beſaß etwas Stolzes, Gebieteriſches, Selbſtbewußtes, welches bewies, daß, wenn er ſich Zoll um Zoll zu dem Standpunkt hatte emporkämpfen müſſen, welchen er jetzt einnahm, eben dieſer Kampf ihm auch die Gewißheit, er ſei der Schöpfer ſeiner eigenen Erfolge, beigebracht und ihn ſtolz auf ſich ſelbſt gemacht hatte. Als Carl in Ediths Salon eintrat, rief ſie ihm entgegen: „Ich habe mehrmals zu Dir geſchickt, um fragen zu laſſen, ob Du nach allen den erlebten Kümmer⸗ niſſen nicht ein Freudenfeſt mit uns feiern wollteſt; aber ſtets erhielt ich zur Antwort, Du ſeieſt nicht zu Hauſe. Es iſt indeſſen recht ſchön, daß Du kommſt.“ Sie reichte ihm die Hand, auf welche er einen Kuß drückte, indem er bemerkte: „Gleich bei meiner Heimkehr ſagte man mir, Tante, daß Du mich zu ſprechen wünſcheſt, und hier bin ich, gehorſam dem Rufe. Kummer oder Luſt, Freude oder Leid theile ich gern mit meinen Freunden.“ Er begrüßte die Andern, küßte Gerda die Hand, 224 drückte die von Richard und behielt die Sylvia's eine Sekunde in der ſeinigen, während er ihr Angeſicht mit dem Blick betrachtete, welchen der Künſtler auf das ſchönſte Kunſtwerk, das er geſehen hat, heftet. Das junge Mädchen erröthete und lächelte. Sie verſtand den Ausdruck in ſeinem Blicke nicht recht und nahm ſeine Bewunderung für ein ganz anderes Gefühl, welches ihrer Einbildung mehr ſchmeichelte. „Nun,“ ſagte Carl, indem er ſich neben Edith niederließ,„was iſt es denn für ein Freudenfeſt, dem ich anwohnen ſoll?“ „Eine Verlobung,“ antwortete Edith. Carl wechſelte die Farbe, fuhr aber in ſcherzhaftem Tone fort; „Es iſt doch nicht die Tante, die ſich wieder zu verheirathen beabſichtigt?“ „Ach nein, ich bleibe mein Leben lang Wittwe, nachdem ich erſt im Herbſt der Jahre in die Ehe ge⸗ treten bin.“ „Warum räthſt Du nicht auf mich, Carl?“ fiel Sylvia ſchelmiſch lächelnd ein. „So etwas konnte ich gar nicht vorausſetzen,“ antwortete Carl. Jetzt fielen ſeine Augen auf Gerda. Ihre Wangen waren purpurroth; ſie hatte ſich tief auf ihre Arbeit niedergebeugt. Richards Auge weilte mit einem eigenthümlichen, unruhigen Ausdruck auf ſeiner Braut. „Haſt Du nicht errathen, weſſen Verlobung ich Dir zu verkündigen habe?“ fragte Edith. „Ich erlaube mir keine Vermuthungen in einem 225 ſolchen Falle,“ verſicherte Carl in einem Tone, der viel von ſeiner Heiterkeit verloren hatte. „Und um allen fernen vorzubeugen,“ fiel Richard ein,„möchte ich mir erlauben, meine Braut vorzu⸗ ſtellen.“ Richard hatte Gerda's Hand gefaßt. Carl erhob ſich bleich wie der Marmor, in welchem er ſeine ſchönſten Inſpirationen auszuhauen pflegte. Aller Blicke waren auf Carls Angeſicht geheftet. Endlich holte er tief Athem, ergriff Gerda's Hand und ſagte mit bewegter Stimme: „Wie ſehr ich von ganzer Seele an Gerda's Glück Theil nehme, brauche ich nicht zu ſagen, und ebenſo wenig, wie aufrichtig ich alle Wonne, welche die Liebe ſchenken kann, Dir wünſche. Meine Anhänglichkeit, Gerda, iſt und bleibt unverändert, wie ſie war, als wir einander Lebewohl ſagten, und darum iſt dein Glück das meinige.“ Er küßte ihre Hand nicht, aber er drückte ſie feſt. Sein Auge ſtrahlte von wunderbarem Glanze. Nach⸗ dem er Gerda's Hand hatte fahren laſſen, drückte er ſchweigend die Richards und nahm hernach ſeinen Platz an Ediths Seite wieder ein. Er erklärte ihr mit einigen Worten, wie ſehr er ſich ihr verpflichtet fühlte, daß ſie ihn zur Theilnahme an Gerda's Verlobung eingeladen habe. Edith mit ihrem geſunden Verſtande und guten Herzen begriff leicht, daß dieſe Verlobung für Carl einen bittern Schmerz in ſich ſchloß. Sie begann ganz ungenirt von andern Dingen zu ſprechen, und bald war eine allgemeine Converſation im Gange. Sylvia nahm Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. I. 15 226 nicht daran Theil, ſondern verließ das Zimmer, ſobald es unvermerkt geſchehen konnte. Der Abend verfloß dem Anſchein nach ganz angenehm. Carl entfernte ſich allerdings etwas zeitiger als gewöhnlich, und ohne ſich von Sylvia zu verabſchieden, welche nicht mehr in den Salon zurückkehrte, ſo lang er da war. Am folgenden Morgen erhielt Edith ein Billet von Carl, worin er ihr anzeigte, daß er für einige Tage aufs Land gereist ſei. Die Zeit zwiſchen Richards Verlobung und Abreiſe verging ſehr ſchnell. Es war ein ſchöner Septem⸗ bertag, als er nach England ſich auf den Weg machte. Er hoffte in den erſten Tagen des Oktober wieder zurückzuſein. Am Schluſſe dieſes Monats ſollte die Hochzeitsfeier ſtattfinden. XV. Einige Tage nach Richards Abreiſe fielen Gerda's Augen, als ihr die Zeitungen überreicht wurden, auf folgende Zeilen: Einige Aufklärungen über die Hengel⸗ ſche Mordgeſchichte. Ein leichter Schauder ging ihr durch die Glieder, ſie las jedoch den Artikel. Derſelbe lautete dahin, Ahrnells Mörder, der im Gefängniß erkrankt ſei, habe unter dem Einfluß ſeiner Leiden und in der Vermu⸗ thung, daß er ſterben müſſe, ein ſehr bemerkenswerthes Geſtändniß abgelegt und dieſem zufolge vor ſechszehn Jahren den Kämmerer Hengel ermordet. Anderſon's Angabe in Bezug auf dieſen Mord lautete ungefähr folgendermaßen: 227 „Er hatte mit ſeiner Geliebten, welche bei Hengel diente, ausgemacht, das Geld, welches demſelben am letzten April eingegangen war, in ihre Gewalt zu bekommen. „Zu dieſem Zweck hatte er den Kapitän um Er⸗ laubniß gebeten, bis zum Abend am Lande zu bleiben. Der Kapitän hatte ſie gewährt, mit dem Bemerken, er ſollte Nachts eilf Uhr an der Rentmeiſterstreppe, wo das Boot von dem Schiffe lag, um den Kapitän aufzunehmen, ſich einfinden. „Als Andersſon und Suſanna am erſten Mai aus dem Thiergarten kamen, begab ſich letztere nach Hauſe und forderte Anderſon auf, nachzukommen, was dieſer auch that. Bei ſeinem Eintritt in Hengels Wohnung wurde er von heftigem Geſchrei empfangen. „Es war der alte Wucherer, welcher Suſanna an der Kehle gepackt hatte und ſie zu erwürgen drohte, wenn ſie nicht auf der Stelle geſtehen würde, wohin ſie das ihm geſtohlene Geld gethan habe. „Andersſon, welcher der nung war, Suſanna wäre auf friſcher That von ihrem Herrn ertappt worden, ergriff eine Art, welche vor der Thüre zu dem Schlafzimmer des Kämmerers ſtand, und gab dem wahnſinnigen Alten damit einen gewaltigen Hieb über den Kopf, ſo daß er todt zu Boden ſtürzte. Nachdem er dieſe gräßliche That verübt hatte, ſchritt er zur Unterſuchung der Kaſſe. Sie war offen und leer. „Suſanna erzählte, als ſie in die Küche getreten, ſei der Kämmerer ihr entgegengekommen und habe ſie an den Haaren gepackt und unter dem Geſchrei, er ſei von ihr beſtohlen worden, in ſein Schlafzimmer geſchleppt, wo das Schloß zu der Kaſſe offen ſtand. 228 „Andersſon, dem nun jedes Mittel, ſich gehörig zu bereichern, benommen war, raffte von Koſtbar⸗ keiten zuſammen, was ſich vorfand, und ſtürzte damit nach der Rentmeiſterstreppe; aber Boot und Schiff waren auf und davon. Er begab ſich nun nach der Blockhausſpitze, in der Hoffnung, die Brigg anrufen zu können; aber vergeblich. Jetzt vergrub er die Gold⸗ und Silberſachen, welche er ſich angeeignet hatte, damit er nicht des Mordes verdächtigt werden könnte.“ Was weiter folgte, wiſſen wir. Andersſon war, nachdem man ihn freigelaſſen hatte, ein paar Jahre zur See geweſen. Als er zurückkehrte, traf er wie⸗ der mit Suſanna zuſammen, und eines ſchönen Tages wurde das Paar wegen eines Diebſtahls, den ſie ge⸗ meinſchaflich begangen hatten, von der Polizei gepackt. Wer einmal den Fuß auf die Bahn des Verbrechens geſetzt hat, geht gewöhnlich darauf weiter. So geſchah es auch mit Andersſon. Er war auf der Feſtung ge⸗ ſeſſen, und ſollte jetzt das Schaffot beſteigen. Nachdem Gerda dieß geleſen hatte, faltete ſie die Hände und ſandte ein Dankgebet zu Gott empor, daß der Vater ohne eine Blutſchuld auf ſeinem Ge⸗ wiſſen aus dem Leben gegangen war. Es dünkte ihr, als ob ſie jetzt ohne Unruhe es wagen dürfte, das Glück, welches die Liebe verhieß, und die Ge⸗ nugthuung, welche ein der Arbeit gewidmetes Leben gewährt, zu genießen. 229 XV. Zwei Tage darauf, während ſie in ihrem Atelier arbeitete, trat Niſſe ein. Carl war noch nicht von der Reiſe zurückgekehrt, welche er den Tag nach Gerda's Verlobung ange⸗ treten hatte. „Guten Morgen, Mamſell Ahrnell,“ begann Riſſe und reichte ihr ſeine nicht ſehr zierliche Hand.„Heute komme ich mit guten Nachrichten, und das iſt nach allem dem Elend, das geſchehen, wohl nöthig.“ Niſſe ſchüttelte herzlich Gerda's Hand, und ſie ſagte ihm einige freundliche Worte zum Willkommen. „Ich bin hier, um Ihnen zu melden, daß der Fabrikbeſitzer Strömberg abgezogen iſt, und das auf immer. Er gedenkt, den Reſt ſeiner Tage in Frank⸗ reich zuzubringen, wohin er ſich mit ſeiner Tochter begeben hat. Ja, ja, daheim iſt es nicht ſo recht geheuer, und ſeit Herrn Ahrnells Tod hat der Fabrik⸗ beſitzer keine rechte Ruhe mehr im Herzen gehabt. Jetzt ſind Sie indeſſen, Mamſell Ahrnell, dieſes Menſchen los. Geſtern Abend kam er zu mir mit dieſem Brief und bat mich, ihn an Sie abzuliefern. Er ſagte, derſelbe enthalte Verſchiedenes über Ihren Vater, was für Sie von Intereſſe ſein müſſe. Ich glaube dem Burſchen gerade nicht, aber dachte ſo: nehme ich den Brief nicht, ſo findet er ſchon Jemand, der ihn übergibt, und da iſt es beſſer, ich thue es, im Fall darin etwas ſteht, was nicht wahr iſt, ſo daß ich es gleich widerlegen kann.“ 230 Niſſe reichte Gerda einen Brief und bat ſie, den⸗ ſelben zu leſen. Er lautete: „Gerda Ahrnell! „Wir werden einander hier im Leben nicht mehr begegnen, aber bevor wir für immer ſcheiden, will ich Ihnen einige Worte zum Abſchied ſagen und noch einige Mittheilungen in Bezug auf Ihren verſtorbe⸗ nen Vater machen. „Im Fall es Etwas gibt, was man Recht nen— nen kann, und wenn ich vielleicht dagegen gefehlt haben ſollte, was noch nicht bewieſen iſt, ſo könnte man ſagen, daß ich durch Sie beſtraft worden bin. Ich habe niemals ein lebendes Weſen außer mir ſelbſt geliebt, ehe ich Sie ſah. Ich verheirathete mich deßhalb, weil meine Frau reich war. Sie bildete für mich nur ein Mittel, zu erhöhtem Wohlſtand zu gelangen. Ich habe das Geld geliebt, das iſt wahr; aber ich that es darum, weil ich die Arbeit verab⸗ ſcheute. Ich habe nach den Genüſſen des Lebens geſtrebt, aber ich wollte nicht durch Mühen und Be⸗ ſchwerden mir die Mittel dazu erwerben, und ich habe deßhalb andere Auswege geſucht, um reich zu werden. „Mein eigenes Behagen, Anſehen und Wohlbe⸗ finden waren es, wornach ich getrachtet habe, bis ich Sie ſah. Ich hatte alle Männer verhöhnt, welche aus Liebe zu einer Frau ihr Leben aufs Spiel ſetzten. Ich ſah Sie und würde zur Befriedigung der Leiden⸗ ſchaft, welche mich an Sie feſſelte, gern allen meinen Reichthum geopfert und für mein Brod zu arbeiten angefangen haben. „Sie hätten aus mir machen können, was die —— 231 Welt einen guten Menſchen nennt; aber Sie wollten es nicht, und ich wurde— ihr Feind. „Ich würde es noch dieſen Augenblick ſein und Ihr Glück anfechten, im Fall nicht die Ermordung Ihres Vaters ſolche Wirkung bei mir hervorgebracht hätte, daß ich fort muß. „Muß, weil meine Leidenſchaft für Sie mich zu Unbedachtſamkeiten verleiten könnte, deren Folgen außer aller Berechnung liegen. „Sie ſind zweimal nahe daran geweſen, mein zu werden, und beide Male mir entgangen. „Warum mußte das Meſſer des Mörders Ihren Vater gerade treffen, da es mir durch ihn gelungen wäre, Ihre Zuſage mir zu erzwingen? Wenn ich könnte, wäre ich verſucht, an eine göttliche Gerechtig⸗ keit zu glauben. „Nun, da Sie für mich verloren ſind, will ich Ihnen eine Erklärung der Urſache geben, welche Ihren Vater in ſein Heimathland zurückführte, und wie ich ſeine Anweſenheit mir zu Nutzen zu machen hoffte. „Seine Frau, Miſtreß Alice Owenſon, wie ſie hier in Schweden ſich nannte, hatte eine heftige Zu⸗ neigung zu einem jungen Engländer gefaßt, den ſie zu heirathen wünſchte. Sie ſchlug Ihrem Vater eine Scheidung vor. Er wollte nicht darauf eingehen. Miſtreß Alice war von gemiſchtem Blute, mit ſtarken Leidenſchaften, beharrlichem Willen und großer Schlauheit begabt. Sie hatte ſich vorgenommen, ihren Mann zu einer gerichtlichen Scheidung zu beſtimmen, und ſie wollte es auch ausführen. Zu der Zeit, da ſie in Ahrnell noch verliebt war, hatte ſie in Folge heftiger Eiferſucht ſo viel Schwediſch gelernt, daß ſie, 232 wenn Ahrnell ſich dieſer Sprache bediente, wenigſtens den Sinn ſeiner Worte verſtand. Dieſe Kenntniß ſollte ihr zu Statten kommen. Sie haffte ſich Schlüſſel zu ihres Mannes Bücherſchrank, Schreibtiſch und Chiffonisre. Sie durch⸗ ſtöberte ſeine Papiere, um herauszubringen, ob er nicht irgend ein Geheimniß hätte, wodurch es ihr gelingen möchte, ihn zur Eheſcheidung zu zwingen. Sie hatte alle ſeine Papiere durchſucht, ohne nur einen Streifen davon zu finden, der ihren Wünſchen förderlich war, und ſie verzweifelte bereits daran, auf dieſem Wege zu ihrem Ziele zu gelangen, als ſie in ſeinem Schreibtiſch ein verborgenes Fach ent⸗ deckte. Sie konnte es auf keine andere Weiſe öffnen, als indem ſie es erbrach, und dieß that ſie auch. „In dieſem Fache fanden ſich ein paar Briefe von mir; der eine war nach Ihrer Mutter Tod, der andere etwas früher geſchrieben. In dem erſtge⸗ nannten kamen die Worte vor: Mit dem Hingang deiner ſchwediſchen Frau iſt eine Gefahr verſchwun⸗ den, und man wird nunmehr Marianne Ahrnells Gatten nicht in Mr. Bernard ſuchen.“ „Alice ſchloß das Fach wieder, ſo gut es eben ging, und ließ vor ihrem Mann nichts merken. Zwei Tage darauf reiste ſie von London ab, und Mr. Bernard wußte nicht, wohin ſich ſeine Frau begeben hatte. Er erhielt jedoch kurz nach ihrer Entfernung einige Zeilen, worin ſie ihn unterrichtete, daß ſie nach Schweden gereist ſei, um Erkundigungen darüber einzuziehen, ſeit wie lang ſeine erſte Frau geſtorben wäre. Vielleicht, ſetzte ſie hinzu, könne ſie in ſeinem 20 23 Vaterlande einige Aufklärungen erhalten, wodurch die Löſung ihrer Ehe herbeigeführt werden dürfte. „Sobald Bernard den Brief ſeiner Frau empfing, telegraphirte er an mich, ich ſollte herauszubringen ſuchen, unter welchem Namen ſie in Stockholm an— gekommen wäre. Er ſelbſt machte ſich unvorzüglich auf den Weg dahin. „Ich brachte wirklich in Erfahrung, daß Alice unter den Namen Owenſon hier angelangt war und in der Königinſtraße wohnte. „Ich hütete mich indeſſen wohl, ſie ahnen zu laſſen, daß ich Kenntniß davon hätte, weil ich für den Fall eines Skandals nicht in denſelben hinein⸗ gezogen werden wollte. Der erſte Beſuch, den Ahr⸗ nell machte, war bei mir, der andere bei ſeiner Frau. Bei dieſem Zuſammentreffen blieb ſie unbeweglich. Sie wollte einen Proceß gegen ihn anhängig machen. Alles, was er gewann, war, daß ſie ſich bis Nach⸗ mittag zu bedenken verſprach; aber ſie bereitete ihn darauf vor, daß ſie feſt bei ihrem Vorſatz beharren würde. Eben da er zum zweiten Mal zu ihr gehen wollte, trat der Künſtler Guſtavsſon auf und rieth ihm dringend, auf der Stelle Schweden zu verlaſſen, wofern er nicht am folgenden Tage wegen des Hengel'ſchen Diebſtahls belangt ſein wollte. Als er zu Alice kam, war ſie ausgegangen; er fand aber ein Billet vor, wornach er ihre Rückkehr erwarten ſollte. Es ſchlug fünf, ſechs Uhr, ohne daß Alice heimkam. Ahrnell war es nicht wohl zu Muth, da er zu gleicher Zeit Strafe für das Vergangene wie für das Gegenwärtige befürchtete. Endlich um halb ſieben Uhr erſchien Alice; ſie ließ ſich nicht erweichen; 231 das Gericht ſollte ihn wegen ſeines Verbrechens zur Strafe ziehen: dieß war ihr Beſchluß. Einer Verabredung zwi⸗ ſchen ihm und mir zufolge trafen wir uns um zehn Uhr im Süden der Stadt. Hier theilte er mir das Reſultat des Beſuches bei ſeiner Frau und das Auftreten des Künſtlers Guſtavsſon mit. Seine Lage war ſehr bedenk⸗ lich, und ich verſprach ihm, die Sache mit ſeiner Frau und auch mit Herrn Guſtavsſon wo möglich ins Reine zu bringen, unter der Bedingung, daß er ſich zu Ih⸗ nen begebe und Sie zu mir ſchicke. Ich erklärte ihm, wenn es mir nicht gelinge, die Zuſage Ihrer Hand zu erhalten, ſo habe ich kein Intereſſe, ihm Beiſtand zu leiſten. Er ſollte Ihnen deßhalb zu verſtehen geben, daß er in irgend einer Gefahr ſchwebe, wor⸗ aus ich allein ihn retten könnte. Er ging darauf ein. „Sie wiſſen, was darauf folgte; Sie wiſſen, daß Sie mir, als ich Ihnen bewies, welche Gefahren ihn bedrohten, das Verſprechen Ihrer Hand gaben, im Fall ich ihn retten würde. „Andersſon's Meſſer entſchied indeſſen die Sache zu Ihrem Vortheile. „Auch die Gelder abgerechnet, welche Ihrem Vater ſeine Frau, Alice zubrachte, hinterläßt er ein großes Vermögen. Zu dieſem Vermögen wurde mit dem Raube aus der Kaſſe des Kämmeres Hengel der Grund gelegt. Sie ſind ſomit diejenige, welcher die Frucht jenes Diebſtahls zugut kommt. „Ich nehme jetzt meinen Wohnſitz in Frankreich, um der Erinnerung an die Vergangenheit mich zu entſchlagen und wo möglich das Andenken an Sie aus meiner Seele zu verwiſchen, aber wenn ein Mann in meinen Jahren liebt, ſo geht es mit dem Vergeſſen 235 nicht ſo leicht. Ich möchte den Augenblick verfluchen, da ich Sie ſah, denn Sie ſind der einzige Menſch auf Erden, welcher die Macht beſaß, mir Leiden zu ſchaffen. Stände es in meiner Gewalt, Galle in den Becher Ihres Glücks zu träufeln, ich thäte es, nur um mich zu rächen. 5„Pehr Strömberg.“ Dieſer Brief gab Anlaß zu einer Erklärung zwiſchen liſſe und Gerda in Bezug auf Carls Auſtreten und Drohung gegenüber von ihrem Vater. Gerda erhielt nun Kenntniß davon, daß der Mann, welcher nach ihrer Hand geſtrebt hatte, derjenige war, welcher ihren Vater zur Abweichung vom Pfade des Rechts verleitete. Niſſe erzählte ferner, daß es Stina unter reli⸗ giöſen Redensarten und Vorſtellungen gelungen war, aus Sjöquiſt das, was er von Ahrnells und Ström⸗ bergs Theilnahme an dem Diebſtahle wußte, heraus⸗ zulocken, und die Gewißheit davon, daß der gute Name und Ruf des Fabrikbeſitzers in Stina's Händen war, beſtimmte ihn ohne Zweifel, Schweden den Rücken zu kehren. Während der letzten Monate, die er noch zur Ordnung ſeiner Angelegenheiten daſelbſt verweilte, hatte er buchſtäblich Stina mit Geld überſchüttet, und dieſe ſchwieg, ſo lang ſie einen Gewinn davon hatte, dagegen benützte ſie jede Gelegenheit, um aus⸗ zuſchwatzen, was ſie von dem ermordeten Ahrnell wußte. Sjöquiſt war nach dem mißglückten Verſuch, ihn zu entführen, erkrankt. Als er ſeine Geſundheit wieder erlangt hatte, ſchickte ihn Niſſe nach N—köping zurück, wo er bei deſſen Oheim wieder Arbeit fand. XVI. Der September nahte ſich ſeinem Ende. Es war einer der letzten Tage, und die Sonne ſchien hell und die Luft war mild, als Richard ſeinen Fuß wieder auf vaterländiſchen Boden ſetzte und dießmal am Strande von Stiefmutter, Schweſter und Braut em⸗ pfangen wurde. Glück und Freude leuchteten aus allen Geſichtern; das von Sylvia zeigte jedoch verhältnißmäßig am wenigſten Heiterkeit, denn hinter dem freundlichen Lächeln verſteckte ſich eine gewiſſe Wehmuth, und auf die bildſchönen Züge war ein leichter Schatten von Kummer gefallen. Edith hatte bemerkt, daß ihr Liebling nicht ſo munter wie vordem war, aber ſie machte keine Fragen, wohl wiſſend, daß Mädchen in Sylvia's Alter nicht gern mit ihren Herzensleiden herausrücken. Die kluge und aufmerkſame Edith ahnte, wodurch dieſe Verän⸗ derung bei Edith hervorgebracht wurde, und eben darum ſchwieg ſie. Carl reiste noch immer in Schweden herum. Er ſchrieb oft an Edith, bisweilen auch an Sylvia, ſchil⸗ derte die verſchiedenen Gegenden, welche er beſuchte, ſprach aber nie davon, wann er zurückkehren würde, und erwähnte ebenſo wenig Gerda's Namen. In dem letzten Briefe hatte er jedoch derſelben gedacht. Er fragte, wann ihre Hochzeit gefeiert würde. Einige Tage nach Richards Heimkehr ſchrieb Sylvia an Carl. Sie theilte ihm mit, daß Gerda 237 am nächſten Sonntage zum erſten Mal aufgeboten würde und den Wunſch geäußert hätte, Carl vor ihrer Abreiſe aus Schweden noch einmal zu ſehen. „Sollteſt Du nicht im Sinne haben, ſchloß Sylvia ihren Brief,„zu Gerda's Hochzeit zu kommen und derſelben anzuwohnen, um mit uns andern für ein Glück zu beten, das ſie ſo ſehr verdient hat? Ich weiß, Carl, daß deine Gegenwart bei dieſer Ver⸗ anlaſſung Gerda eine wahre Freude bereiten würde, und deßhalb kehre ſchnell zurück; darum bittet. „Sylvia.“ An dem darauf folgenden Sonntag wurden in der St. Jakobskirche aufgeboten: Profeſſor, Ritter Richard Schneider und die tugendſame Jungfrau Gerda Ahrnell. An einem Pfeiler der Kirche lehnte ein junger Mann von bleichem und genialem Ausſehen und lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit jedem Worte aus dem Munde des Geiſtlichen, als derſelbe die Namen verlas und den Segen ausſprach. Es war, als ſuche er die Worte ſeiner Seele einzuprägen, um ſich damit zu verſöhnen. Als der Geiſtliche ſchwieg, ſeufzte der junge Mann und ſprach bei ſich: „Fahr wohl, mein Traum von Glück, den ich ſieben Jahre feſtgehalten habe. Fahr wohl, Du trügeriſche Hoffnung, die mich verleitete, an die Zu⸗ kunft und an einen Wechſel ihrer Gefühle zu glauben! Mag ſie glücklich werden, das iſt die Hauptſache.“ Die Orgel ertönte, die Leute zogen aus der Kirche ab. „Guten Tag und willkommen!“ flüſterte eine ſanfte 238 bebende Stimme hart neben dem jungen Mann. Er fuhr zuſammen und ſchaute auf. Junger Künſtler, erinnerſt Du dich noch, wie Du von deinem erſten Ideal träumteſt und demſelben Form gabeſt? Wie ſchön fandeſt Du es nicht? Wie ſchwärmteſt Du dafür und liebteſt das betende Mäd⸗ chen, welches Du in Thon modellirteſt? Wie über⸗ irdiſch mild, demuthsvoll und fromm hatteſt Du es nicht in deiner Phantaſie dargeſtellt? Und dennoch hatte deine Einbildungskraft ſelbſt in jenen idealen Momenten nicht vermocht, ihm jenen entzückenden Ausdruck zu verleihen, welchen das Angeſicht hatte, das jetzt vor deinen Blicken ſich zeigte. Es lag ein Himmel von Güte, Liebe und Theil⸗ nahme in dieſen Augen, welche zu ihm aufſahen, und des Frauenherzens ſchönſte und heiligſte Geſchichte ſtand in dieſem Lächeln voll Wehmuth, welches jene Worte begleitete, zu leſen. „Sylvia!“ ſtammelte Carl, faßte des jungen Mäd⸗ chens Hand und legte ſie unter ſeinen Arm.„Der Engel des Troſtes erſcheint ſtets im Tempel des Herrn. Habe Dank dafür, daß Du kommſt.“ Sie gingen aus der Kirche, ohne daß ein weiteres Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde. Als ſie unter das Portal traten, das zu ihren verſchiedenen Wohnungen führte, fragte Sylvia: „Speiſeſt Du heute zu Mittag bei uns und trinkſt auf Gerda's Geſundheit?“ Carl ſah ſie einen Augenblick an. „O, Du mein ſchönes Ideal, welche neuen In⸗ ſpirationen gibſt Du mir nicht ein!“ ſagte er, nur mit ſich ſelbſt ſprechend.„Du, und immer Du biſt — 239 es, welche den Künſtler zur Liebe der Kunſt zurück⸗ führt, wenn der Menſch ihn verleitet, ſie zu ver⸗ laſſen.“ „Du kommſt ſomit?“ flüſterte Sylvia erröthend. Carls einzige Antwort war ein Händedruck. Die Mittagstafel prangte in aller Pracht von Blumen und Kryſtall, welche beſagt, daß das Mahl einen feſt⸗ lichen Charakter hat. Noch war keiner der Gäſte da. Sylvia ſtand an einem der Fenſter, mit einer Blume ſpielend, welche ſie aus einer der Vaſen ge⸗ nommen hatte. Das Blut floß auf ihren Wangen ab und zu. Sie horchte und erröthete, wenn Schritte auf der Treppe ſich vernehmen ließen. Verlor ſich das Geräuſch derſelben, ſo wurde ſie wieder weiß wie Schnee. „Wenn er nicht kommt, dann gibt es keine Hoff⸗ nung für mich,“ dachte ſie. Jetzt ging die Thüre auf. Carl ſtand auf der Schwelle, aber mit hellleuchtenden Augen und mit einem Ausdruck, als wenn alle irdiſchen Sorgen vor den Gedanken und Inſpirationen, welche in der Seele des Künſtlers ſich bewegten, entflohen wären. Sylvia ſagte NRichts, ſondern reichte ihm die Hand, welche er ſchweigend küßte. Eine halbe Stunde darauf waren die Gäſte ver⸗ ſammelt. Die Profeſſorin Edith Schneider ſah heute viele Leute an ihrem Tiſche, die Freude war allgemein, und Jedermann bemühte ſich, in dem Kreiſe von ausgezeichneten Perſönlichkeiten ſo liebenswürdig als möglich zu ſein. 240 „Es war,“ wie ein Redner ſich ausdrückte, als die Geſundheit der Gatten ausgebracht wurde,„ein Bund, welchen die Wiſſenſchaft mit der Kunſt ſchloß.“ „Oder richtiger,“ ergänzte Carl,„ein Bund, welchen die Ehre der Arbeit mit dem Gewinn der Arbeit ſchließt, um das Glück der Arbeit zu genießen. Durch Arbeit iſt Profeſſor Schneider ein Schmuck ſeines Landes, durch Arbeit iſt Fräulein Ahrnell eine Zierde deſſelben geworden, und das Glück, welches der Lohn der Mühe und des Fleißes werden muß, wird ſicherlich ihnen folgen. Ein Hoch auf ſie und auf Alle, welche für und durch die Arbeit leben!“ Drei Wochen darauf wurden die Beiden ein Paar. Sie verließen die Mälarſtadt und reisten nach Italien, um ein Jahr lang der Wonne zu genießen, welche Liebe, Kunſt und Natur zu ſchenken vermögen. Gerda hatte an ihrem Hochzeittage das hinter⸗ laſſene Vermögen ihres Vaters zur Bildung eines Fonds für Aufmunterung von Fleiß und Arbeitſam⸗ keit beſtimmt. An demſelben Tage, an welchem ſie die Haupt⸗ ſtadt verließen, wurde das Ateliex von Profeſſor Moritz Schneider wieder geöffnet, und dort begann jetzt der ſo beliebte Bildhauer Carl Guſtavsſon ſeine Thätigkeit. Ein Artikel in Moritz Schneiders Teſtamente hatte feſtgeſetzt, daß ſein Haus nicht verkauft; daß Atelier und Werkſtätte ſammt ſeiner Privatwohnung zur freien Verfügung von Carl Guſtavsſon geſtellt und von Niemand anders gemiethet oder benützt werden dürften. 241 XVII. Der Winter war verſchwunden, und der Früh⸗ ling hatte den alten Thron eingenommen, um gleich einem muthwilligen Kinde Blumen und Hoffnungen um ſich auszuſtreuen. In Profeſſor Schneiders Werkſtätte und Atelier herrſchten Leben und Rührigkeit. Es ſah aus, als ob des alten Künſtlers raſtlos unruhiger Geiſt noch immer die Kraft wäre, welche die Arbeiter antrieb und ihnen Fleiß und Beharrlichkeit eingab. Der Mann, welcher nun an der Stelle des Ab⸗ geſchiedenen regierte und gebot, wirkte jedoch durch andere Eigenſchaften, als der verſtorbene. Carl Guſtavsſon war ebenſo mild, wie jener ſtreng ge⸗ weſen; ebenſo offen und frei von allem Argwohn, wie Schneider ſchlau und mißtrauiſch; aber ſie waren einander gleich an Liebe zur Kunſt, an Geiſt und Genialität. Es lag jedoch in Guſtavsſon Schöpfungen mehr Poeſie, als in denen Schneiders, und es mochte ſcheinen, der junge Nachfolger ſei eine veredelte, neue Auflage des heimgegangenen Meiſters. Die Maiſonne ſchien heiter über Stockholms Häuſer und Kirchen. Auf der St. Klarakirche ſchlug es ſechs Uhr und noch arbeitete Carl in ſeinem Atelier, das er den ganzen Tag nicht verlaſſen hatte, ſo eifrig war er beſchäftigt geweſen. Jetzt hatte er ſein Werk⸗ zeug von ſich gelegt und ſtand, die Arme über der Bruſt gekreuzt, vor einem von ihm in Marmor ge— hauenen Frauenkopf. Schwartz, Ein Kind d. Arbeit. II. 16 242 Er war ſchön, dieſer Kopf mit ſeinen entſchloſſenen und doch milden Zügen. Es lag darin ſo viel Cha⸗ rakter, daß man ſagen konnte, er enthalte eine ganze Geſchichte. Die Ruhe, Sanftmuth und das Gepräge von Ernſt, jetzt auf demſelben ruhend, ſchienen die Frucht manches durchgemachten Kampfes und einer unerſchütterlichen Feſtigkeit, welche endlich die Seele durch die ſtürmiſchen Klippen des Lebens zu dem Hafen, nach dem ſie geſtrebt hatte, führten. Während der Künſtler ſein Werk betrachtete, trat ein junges Mädchen in das Atelier. Sie gelangte bis an ſeine Seite, ohne daß er ihre Anweſenheit merkte. Dort blieb ſie ſtehen. Auch ihre Augen hefteten ſich auf den Marmorkopf, und ein wehmüthiges Lächeln zog über ihre Lippen. Sie ſeufzte. Der Laut dieſes leiſen Seufzers, welcher ſich der Bruſt des jungen Mädchens entwand, weckte Carl aus ſeinen Träumen. „Sylvia,“ ſagte er, ſie anſehend und die Hand ausſtreckend, während die Stirne, welche vorher von einer leichten Wolke beſchattet geweſen war, ſich auf⸗ klärte;„was hältſt Du von meinem Minervakopfe? Iſt er nicht ſchön?“ „Er gleicht ihr,“ antwortete Sylvia. Carl lächelte. „Sie iſt es, und doch wieder nicht,“ ſagte er. „In wiefern iſt ſie es nicht?“ fragte Sylvia, und ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz. „Dieſes Geſicht gleicht dem Gerda's, wie ſie aus⸗ ſehen mußte, als ſie durch ihre Arbeit Auszeichnung und Unabhängigkeit errungen, und bei ſich ſelbſt fühlte, daß ſie den Sieg über Mangel, Armuth und —— 243 Erniedrigung gewonnen hatte. Der Kampf mit den Schwierigkeiten iſt zu Ende, der Sieg gehört ihr; aber die geträumte Seligkeit des Herzens fehlt. Es iſt nicht Gerda— die glückliche Gattin, ſondern Gerda, die ausgezeichnete Künſtlerin.“ „Du liebſt die letztere,“ fiel Sylvia ein,„und willſt dich ihrer erinnern, aber nicht der erſtern.“ „Die glückliche Gattin iſt nicht die meinige, und ich habe kein Recht, ihrer zu gedenken oder ſie zu lieben. Die arbeitende, nach ihrer Unabhängigkeit ſtrebende Gerda, ſie iſt meinem Herzen bekannt, und es wird niemals aufhören, ſie zu lieben.“ „Niemals!“ wiederholte Sylvia und ſah ihn an. „Iſt es wohl möglich, daß man das zu lieben aufhört, was einmal uns theuer war? Glaubſt Du, Sylvia, daß jemals Zeit oder Verhältniſſe aus meiner Seele die ſchwärmeriſche Anbetung verwiſchen können, welche ich für mein erſtes Ideal von edler, reiner weiblicher Schönheit und Anmuth empfand und bis zu meinem Tode empfinden werde?“ Er ergriff Sylvia's Hand, ſetzte ſie feſt in die ſeinige ſchließend, hinzu: „Zeit und Jahre werden ihre kühlende Hand auf meine Gefühle legen, die Phantaſie wird weniger lebhaft, das Herz kälter, der Gedanke matter; aber keine Zeit vermag aus meinem Gedächtniß zu tilgen, wie ich mein betendes Mädchen liebte. Sie war, ſie iſt des Künſtlers reinſte und ſchönſte Offenbarung.“ „Des Künſtlers, ja, aber ſie war doch für des Mannes Herz nichts.“ Sylvia ſchwieg. „Warum Dich unterbrechen, Sylvia? Sollteſt Du 244 nicht wie früher die Gedanken deiner Seele auf⸗ richtig ausſprechen können? Ich leſe gern in dem Herzen, welchem ich in Marmor Ausdruck zu geben vermochte.“ „Aber dieſes Herz iſt ein ſchwaches Herz,“ fiel Sylvia ein und lächelte ihm durch die Thränen zu, welche über ihre Wangen rollten. „Du weinſt, Engel,“ flüſterte Carl und beugte ſich zu ihr nieder. „Ja, ich weine aus Freude und aus Schmerz. Aus Freude darüber, daß ich dein Ideal war, aus Schmerz darüber, daß ich deine Liebe nicht beſitze. Du haſt in meinem Herzen zu leſen gewünſcht; es ſoll geſchehen. Als Du in mir blos die ſchönſte Offenbarung an Form und Geſtalt ſaheſt, welche dem Auge des Künſtlers ſchmeichelte, lernte mein Herz deine Seele und deinen Geiſt lieben. Ich reiste hinweg, ein Kind, aber dein Bild folgte mir; ich kam wieder, noch ein Kind, und Du warſt beinahe Alles für mich. Wir ſchieden. Jahre vergingen, da wir einander nicht ſahen, aber deine Seele redete zu der meinigen durch deine Briefe; Du warſt, Du bliebſt der unbeſchränkte Herrſcher über mein Herz, das nur durch dich lebte und ſeine Freude an deinen Erfolgen hatte. Ich wurde meinerſeits geliebt, ich konnte unter 8 Männern wählen, welche eine Frau hätten glücklich machen können; aberfür mich gab es nur einen Mann, und der warſt— Du. Sieben Jahre vergingen. Wir ſahen einander wieder. Ich verſtand nicht, daß die Huldigung, welche Du mir darbrachteſt, von dem Künſtler nur der Schönheit galt; ich ſah darin Zärt⸗ lichkeit und war glücklich— glücklich, bis es ſich auf⸗ 245 klärte, daß die Verlobte meines Bruders die Frau war, welche Du liebteſt. Der Verluſt von ihr machte Dir Kummer. Dein Kummer wurde mein größter Schmerz. Mein Leben hätte ich für deine Freude hingegeben. Ich vergaß, daß ich ſelbſt Alles ver⸗ loren hatte, da ich den Glauben an deine Liebe ver⸗ lor, und leiſtete Dir Geſellſchaft bei der Arbeit, ſuchte die Qualen des Herzens bei Dir zu verſcheuchen und die Liebe zur Kunſt anzufachen. Ach Carl, vielleicht lag lauter Egoismus dabei zu Grunde, denn da Du die Kunſt liebteſt, da ſchwärmteſt Du auch für dein erſtes Ideal; aber heute, Carl, heute— möchte ich zu deinen Füßen ſterben, zufrieden, wenn ich damit eine Stunde der Liebe von Dir erkaufen könnte. Ich möchte aufhören, dein Ideal zu ſein, um dein Glück zu werden.“ Sylvia ſchwieg. Carls Arm ſchlang ſich um ihren Leib.„Von Dir geliebt zu werden und dieß zu wiſſen, heißt Dich lieben!“ rief er.„Du warſt des Künſt⸗ lers Traum, Sylvia, in dieſem Augenblick biſt Du des Mannes Glück, ſeine einzige wahre Freude, das Ideal hat er zu hoch geſtellt, um es lieben zu können; es iſt zu ihm herabgeſtiegen und hat den Verluſt, den er mit Gerda zu erleiden glaubte, in Seligkeit verwandelt. Werde des Mannes guter Engel, wie Du des Künſtlers Leitſtern geweſen biſt.“ Sylvia lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt, und in dieſem Augenblick konnte man ſagen, daß der Künſtler mit ſeinem Ideal Eins geworden war. Welche Tage, Wochen und Monate von Glück⸗ ſeligkeit! Welcher Sommer voll Liebe, Poeſie und Künſtlerträume! Endlich kam der Herbſt und mit 246 ihm erfolgte Richards und Gerda's Heimkehr, ſammt Carl Guſtavsſons und Sylvia's Hochzeit. Der frühere Zögling von Profeſſor Schneider ver⸗ heirathete ſich mit der Tochter des Meiſters, nachdem er ſelbſt einen ebenſo geachteten und berühmten Namen wie jener gewonnen hatte. XVIII. Was iſt ein Jahrzehend? Die Schwingung eines Augenblicks am Rade der Zeit. Und dennoch bildet es einen langen Abſchnitt in dem kurzen Lebenslauf des Menſchen. Zehn Jahre ſind verſchwunden, ſeitdem der ehe⸗ malige Schuhmacherlehrling, ſpätere ausgezeichnete Bildhauer ſich mit Sylvia verheirathete. Zehn Jahre ſind vergangen, ſeitdem der ehe⸗ malige Färbergeſelle, ſpätere Profeſſor der Chemie, Richard Schneider, mit ſeiner Gattin, der ehemaligen Näherin, ſpätern ausgezeichneten Porträtmalerin, Gerda Ahrnell, von ſeinem Aufenthalt in Italien heimkehrte und ſeinen Wohnſitz in Schweden aufſchlug. Carl Guſtavsſon bewohnte fortan das Haus des Profeſſors, welches jetzt ihm zugehörte, und hatte in dieſen zehn Jahren ein ſo ungeſtörtes Glück genoſſen, daß die Jahre wie Tage verſchwunden waren. Auch er war jetzt Profeſſor und ſeine ſchöne Gattin zugleich das Ideal, von welchem vorzugsweiſe er ſeine poeti⸗ ſchen Inſpirationen entlehnte. Richard wohnte mit ſeiner Frau auf dem Lande. 247 Er hatte ein großes Gut, Brofors, gekauft, und dort führten ſie ein glückliches Leben. Es war Herbſt und im Monat November. Vor dem kniſternden Kaminfeuer im Salon zu Brofors ſaß Gerda Schneider und erzählte ihrem achtjährigen Knaben einige Scenen aus ihrer Jugend, wie ſie durch Arbeit und Fleiß ſich hatte durchkämpfen müſſen. Auf ihren Knieen ſaß ein kleines dreijähriges Mädchen, welches mit verwunderten Augen die Mutter anſah, während dieſe redete. Der achtjährige Knabe horchte mit geſpanntem Intereſſe auf der Mutter Worte. Draußen windete und regnete es. Sturm und Un⸗ wetter vor dem Hauſe; Frieden und Ruhe daheim. Plötzlich rief das kleine Mädchen: „Papa kommt! Papa kommt!“ Sie hüpfte von der Mutter Schooße herab und eilte auf die Thüre zu. Auch Gerda erhob ſich und ging dem Ankommenden entgegen. „Gott ſei gelobt, daß Du wieder da biſt, mein Geliebter,“ ſagte ſie und reichte ihm die Lippen zum Kuſſe.„Ich bin deinethalb etwas ängſtlich geweſen, das Wetter iſt ſo ſchlecht.“ „Ich fuhr ja in dem bedeckten Wagen,“ erwiederte Richard, ſeine Frau küſſend. „Aber Du biſt ſo bleich, Du ſiehſt ſo aufgeregt aus!“ rief Gerda unruhig.„Biſt Du krank?“ „Nein, meine Gerda, ich befinde mich vollkommen wohl, aber es iſt etwas vorgefallen, was mich an⸗ gegriffen hat. Unterwegs habe ich zwei Bettler ge⸗ troffen, einen alten Mann und ein junges Weib. Der erſtere war krank und vermochte nicht zu gehen; ſie ſaßen am Rande des Wegs in Sturm, Regen und 248 Schnee. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ſie in meinen Wagen nahm und hieher brachte. Der Alte iſt krank und bedarf der Pflege, das Weib iſt aus⸗ gehungert und bedarf der Nahrung.“ „Wer ſind die Armen,“ rief Gerda und eilte nach der Thüre. „Einen Augenblick, Gerda,“ bat Richard;„ich habe ſie in das gelbe Gaſtzimmer führen laſſen; aber ehe Du hingehſt, muß ich Dich darauf vorbereiten, daß Du ein paar alte Bekannte in ihnen wieder finden wirſt.“ Gerda ſah ihren Mann an. „Der Alte iſt der ehemalige Fabrikbeſitzer Ström⸗ berg, das Weib ſeine Tochter Eliſe.“ „O mein Gott! Er ein Bettler!“ rief Gerda und flog in das gelbe Gaſtzimmer hinab. Richard hatte, ehe er zu ſeiner Frau hinaufging, den Alten auskleiden und in ein warmes Bett brin⸗ gen laſſen. Als Gerda eintrat, ſtand vor demſelben ein bleiches, mageres aber junges Mädchen in ſchmutzi⸗ gen, von Regen durchnäßten Kleidern. Sie weinte, denn der alte Mann athmete nur mit großer Be⸗ ſchwerde. Als Gerda eintrat, öffnete er die geſchloſſenen Augen, ſchaute die ſchöne Frau mit einem ſtarren, faſt erſchrockenen Blicke an und murmelte: „Gerda, kommſt Du, mich zu verfluchen? Bin ich nicht geſtraft genug? Iſt der Frevel, daß ich deinen Vater zum Verbrechen verleitet habe, nicht genugſam gerächt? Erbarmen! Erbarmen!“ Gerda näherte ſich dem Beklagenswerthen und redete ihm mit ſanfter Stimme zu. Sie kam als 249 ein Engel des Friedens, um zu verkündigen, daß Alles vergeſſen und vergeben war. Richard gab Befehl, Eliſe trockene Kleider zu ver⸗ ſchaffen; und während Gerda an dem Bette des von Gewiſſensqualen verfolgten und von körperlichen Schmerzen verzehrten Strömberg ſaß, um ihm Ruhe einzuſprechen, wechſelte Eliſe die Kleider. Als ſie wieder eintrat, war mit dem Angeſicht ihres Vaters eine ſolche Veränderung vorgegangen, daß man ſah, der Tod hatte ſeinen Stempel darauf gedrückt. Bevor der Arzt, nach welchem Richard geſchickt hatte, ankam, hatte der arme Bettler, ehemals ein reicher Mann, ſeinen letzten Seußzer ausgehaucht, indem er Gerda's Verzeihung und das Verſprechen, daß ſie für ſeine Tochter Sorge tragen werde, mit ſich ins Grab nahm. Der vormals reiche Fabrikbeſitzer wurde einfach und in der Stille beerdigt, und Eliſe, die reiche Erbin, bei welcher Gerda einſt als Pflegemutter an⸗ geſtellt geweſen, hatte von nun an ihre ganze Exiſtenz der Tochter des Mannes, welcher von Strömberg auf die Bahn des Verbrechens verleitet worden war, zu verdanken. Es war eine chriſtliche, Gerda's würdige Rache. Sollteſt Du nun, mein lieber Leſer, wiſſen wollen, auf welche Weiſe Strömberg in ſolches Elend ge⸗ rathen war, ſo brauche ich nur beizufügen: was mit Unrecht gewonnen, iſt bald in Kummer zer⸗ ronnen. Strömberg, welcher bei ſeiner Abreiſe aus Schwe⸗ den ſein ganzes Vermögen zu Geld machte, begann bei ſeiner Ankunft in Paris an der Börſe zu ſpielen. Eine Zeit lang ging Alles gut, aber das Glück hatte 250 lang genug ſeine Gaben an einen Unwürdigen ver⸗ ſchwendet; es drehte ihm den Rücken zu und das gründlichſte Mißgeſchick verfolgte ihn. Er verlor eine Summe nach der andern. Endlich, da ſein Vermögen bis auf ein Unbedeutendes zuſammengeſchmolzen war, begab er ſich nach England, um von ſeinem Schwager Unterſtützung zu erlangen und wieder als Kaufmann zu beginnen. Der Schwager wollte aber Nichts für ihn thun, und ſo ging der letzte Reſt in England darauf. Die Krankheit kam und er wurde ſo arm, daß er Niemand mehr als die Tochter hatte, die ſich um ihn kümmerte. Sie litten bereits an dem Noth⸗ wendigſten Mangel. Endlich gab ihnen Mr. Smith ſo viel Geld, daß ſie nach Schweden reiſen konnten; dort, meinte er, würden ſie ſich ſchon Mittel zu ihrem Auskommen zu verſchaffen wiſſen. Bei der Ankunft in Gothenburg erkrankte Strömberg von Neuem; aber nach ſeiner Geneſung war er ein Bettler. Er hatte nun die ganze Stufenleiter von Jammer durch⸗ zumachen, welcher Ahrnell auf die Bahn des Ver⸗ brechens getrieben hatte. Sie waren auf der Wan⸗ derung nach Stockholm begriffen, als der alte Ström⸗ berg wieder von heftigen Schmerzen befallen wurde, und in dieſem gräßlichen Augenblick, da das Elend ſeinen Höhepunkt erreicht hatte, ſtieß Richard auf ſie und rettete den Mann, der ſo viel Böſes angeſtellt« hatte, vor der ſchrecklichen Gewißheit, in einem Graben an der Landſtraße zu ſterben. Eliſe's Dankbarkeit und Ergebenheit gegen Gerda hielt gleichen Schritt mit deren Güte und Freundlich⸗ keit gegen ſie. Gerda behandelte dieſelbe wie eine liebe Schweſter, und als deren kleine Tochter in das 251 gehörige Alter gekommen war, wurde Eliſe deren erſte Lehrerin. Und nun lebe wohl, mein lieber Leſer. Wir können dich von dem rechtſchaffenen und arbeitſamen Niſſe grüßen. Er iſt nun ein reicher Mann— und in ſeinem Fache ein ausgezeichneter Handwerker, froh, thätig und glücklich. Er trägt fortwährend Sorge für die gottloſe Stina, welche jetzt mit ihrer Bosheit keinen eigentlichen Schaden mehr anrichten kann und ſich darum begnügen muß, von ihrem Rächſten Uebles zu reden. Glück, Unabhängigkeit, Achtung und Anſehen ſind die Gaben, welche die Arbeit ſchenkt, und deßhalb iſt Liebe zur Arbeit unſer größter Segen. Ende. In gleichem Verlage ſind erſchienen und in allen Buchhandlnngen zu haben: cmilie Ilygare-Carléns ſämmtliche Romane. Ieder Roman wird einzeln verkauft. Ein Jahr. 24 Sgr.— fl. 1. 12 kr.— Ein launenhaftes Weib. 2 Bde. Thlr. 1. 26 Sgr.— fl. 2. 48 kr.— Das Fideicommiß. 2 Bde. Thlr. 1. 16 Sgr.— fl. 2. 18 kr.— Der Einſiedler auf der Johannisklippe. 3 Bde. Thlr. 2. 5 Sgr.— fl. 3. 15 kr— Guſtav Lindorm. Thlr. 1.— fl. 1. 36 kr.— Die Milchbrüder. Thlr. 1.— fl. 1.36 kr.— Die Braut auf dem Omberg. 15 Sgr. 45 kr.— Waldemar Klein 12 Sgr.— 36 kr.— Der Profeſſor und ſeine Schützlinge. 22 Sgr.— fl. 1. 6 kr.— Der Stellvertreter. 28 Sgr.— fl. 1. 24 kr.— Die Kircheinweihung von Hamarby. Thlr. 1. 4 Sgr.— fl. 1. 42kr.— Der Skutsjunge. 22 Sgr.— fl. 1. 6 kr.— Kamerer Laßmann als Junggeſelle. Thlr. 1.— fl. 1. 30 kr.— Der Jungferthurm. 3 Bde. Thlr. 2. 12Sgr. — fb 3. 36 kr.— Die Erkerſtübchen. 20 Sgr.— fl. 1.— Eine Nacht am Bullarſee. 3 Bde. Thlr. 2. 20 Sgr.— fl. 4. — Ein Handelshaus in den Scheeren. 3 Bde. Thlr. 3.5 Sgr. — fl. 4. 45 kr.— Paul Wärning. 22 Sgr.— fl. 1. 6 kr.— Die Roſevon Tiſtelön. 2 Bde. Thlr. 1. 6 Sgr.— fl. 1. 48 kr. — Ein Gerücht. 3 Bde. Thlr. 2. 12 Sgr.— fl. 3. 36 kr.— Die Romanheldin. 25 Sgr.— fl. 1. 15 kr.— Der Vor⸗ mund. 2 Bde. Thlr. 1. 28 Sgr.— fl. 2. 54 kr.— Die Familie im Thale. 10 Sgr.— 30 kr.— Eine glückliche Parthie. 8 Sgr.— 24 kr.— Binnen ſechs Wochen. 9 Sgr. — 27 kr— Bis in den Tob. 5 Sgr.— 15 kr. 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