Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Keſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buchés wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ür wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —..———— auf 1 Monat: 1 Mrk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „7— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſefigeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 —— Ausgewühlte Wlerte Lrau m. S. Schwartz Aus dem Schwed i ſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Gold und Uame. Eine Erzählung von Marie Sophie Schwartz. 5 Aus dem Schwediſchen 6 von Dr. Otto gen. Revenllow. ſ6 Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandl 1864. buchdruckerei Zu Guttenberg. — S Druck der K. Wir müſſen uns jetzt um ein Jahr weiter h⸗ Zeit verſetzen. Die Saiſon in London hat angefangen. Die Vergnügungen der eleganten und reichen Welt ſind in vollem Gange. Caſterton ſchen Hotel finden wir den jungen ord. Er iſt eben von einer Debatte im Unterhauſe zurückgekehrt, und hat ſich nach den anſtrengenden Strapazen in einen Schlafrock gehüllt. So ruht er auf einem Sopha in ſeinem Rauchzimmer, eine ächte Havannah⸗Cigarre ſchmauchend. Edwins Ausſehen iſt ernſt, faſt ſtreng; die Stirne hat ein gedankenvolles Gepräge und der glänzende Schmelz des Auges erſcheint etwas dunkler ols frü- her. Es ſieht aus, als wenn auf dem Grunde des⸗ ſelben ein Kummer läge, und dadurch der Blick ſo finſter geworden. Der Charakter von tiefem Ernſte, unerſchütter⸗ licher Feſtigkeit und düſterem Stolze, welchen ſein Geſicht jetzt beſaß, und welcher andeutete, daß die 3 Schmerzen des Lebens ihm nicht unbekannt ſeien, ſchien mehr mit den Geſichtszügen in Einklang zu ihez als der frühere leichtſinnige Ausdruck der⸗ elben. 3 6 Große Gedanken, ſtarke Paſſionen und eine feſte Entſchloſſenheit entſprachen dieſem Kopf und dieſem herkuliſchen Körper. Welche auch die Gedanken waren, die ihn in An⸗ ſpruch nahmen, von angenehmer Beſchaffenheit müſſen ſie gewiß nicht geweſen ſein; denn von Zeit zu Zeit fuhr er mit der Hand über die Stirne und blies den Rauch mit einer gewiſſen heftigen Ungeduld von ſich. — Guten Tag, Caſterton!— ſprach Sir Sidney und trat ein.— Es iſt heute heiß im Parlamente zugegangen und Du ſiehſt nach dem Kampfe noch finſter aus. Die Frage iſt ja indeſſen abgemacht; Du und Deine Partet haben geſiegt. — Es war die Stimme der Nation, welche ſiegte,— antwortete Caſterton;— aber dieſes beſchäftigte nicht meine Gedanken, ſondern etwas ganz Anderes. — Und das war?— fragte Sidney. — Die Erfolgloſigkeit aller meiner Verſuche, Lady Caſterton wieder zu ſehen.— Ich habe jetzt ein Jahr lang auf einen Schatten Jagd gemacht; ſo kommt es mir wenigſtens vor.— Lady Caſterton iſt in Paris; man ſpricht davon, daß ſie glänzende Feſte gibt; ſie brillirt in der großen Welt, ſie iſt in der Mode, man betet ſie an.— Kaum erfahre ich das, als ich mich auch dahin begebe; ich gehe in ihr Hotel und erhalte zur Antwort:„Die Lady iſt a gereist“; wohin, weiß man nicht.— Ich kehre nach England zurück, vertiefe mich in die Politik, ich komme vom Unterhauſe herein, man überreicht mir einige ausländiſche Zeitungen; was leſe ich: nun, daß Lady Caſterton in Wien dieſelbe Rolle wie in Paris ſpielt; ich reiſte über Hals und Kopf dort⸗ hin; als ich ſie aber aufſuchen will, hat ſie ſich be⸗ reits am Tage vorher aus der öſterreichiſchen Haupt⸗ ſtadt wegbegeben. Wieder iſt ſie eine Zeitlang wie todt, als ich ganz plötzlich erfahre, ſie ſei in Rom der Gegenſtand, um den ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit concen⸗ trirt. Ich reiſe Tag und Nacht; ich werfe Gold auf die Landſtraße, um vorwärts zu kommen; aber als ich anlange, iſt ſie fort. Eines Tages, als ich mich in's Parlament be⸗ gebe, gratulirt man mir, daß ich meine ſchöne und ihrer Liebenswürdigkeit wegea ſo viel beſprochene Frau nach London bekommen hätte.— Ich nehme die Glückwünſche entgegen, ohne etwas antworten zu können; ich eile nach meinem Hotel und laſſe nach Lady Caſterton fragen. Man antwortet, daß die Sachen und Dienerſchaft der Lady wirklich angekommen ſeien; ſie ſelbſt aber wäre nicht ſichtbar geworden. Drei Tage lang habe ich erwartet, daß ſie ſich hier einfinden würde, wo Alle ſie erwarten, aber verge⸗ bens; und doch kam es mir heute vor, als hätte ich ſie an mir vorbeifahren geſehen, als ich in meine Equipage ſtieg. Es iſt, als wenn dieſes Weib mich zum Narren haben wollte und beſchloſſen hätte, daß ich ſie für den Reſt meines Lebens hier auf der gänzen Welt ſuchen ſollte. — Aber warum ſuchſt Du ſie?— fragte Sid⸗ ney.— Du haſt unzählige Male verſichert, daß Du ſie verabſcheuſt. Nun gut, laß ſie denn in Ruhe und jage nicht nach einer Perſon, deren bloßer Name Dein Blut in Wallung bringt! — Ich ſuchte ſie, weil ich ſie finden mußte; weil ich geſchworen habe, ſie wiederzuſehen. Edwin ſtand heftig auf, begann im Zimmer auf⸗ und abzugehen und fügte dann hinzu: — Dieſes Weib kommt mir vor wie eine leben⸗ dige Verwünſchung für mich.— Sie iſt Zeugin, daß ein Caſterton für Gold ſeinen Namen hingab; ſie iſt für meinen Stolz eine lebhafte Demüthigung, ein Hohngelächter auf meine Achtung vor mir ſelber und ein offenbarer Spott auf meine Stellung als Ehemann. Ich habe jetzt das Spiel ſatt.— Es muß mir eines Tages gelingen, mit ihr zuſammenzutreffen und ihr zu zeigen, daß wenn ich auch bisher mit mir habe ſpielen laſſen, es mein Wille iſt, daß ſie künftig an meiner Seite bleibe.— Wenn ſie die Hölle, welche ſie während dieſer Monate geſchaffen, wieder gut machen ſollte, dann würde ihr ganzes Leben nicht dazu ausreichen. Sidney antwortete auf dieſe Ergüſſe nichts. Nach einer ziemlich langen Pauſe fragte er: — Gehſt Du auf den Ball des ſchwediſchen Mi⸗ niſters heute Abend? — Nein! Ich bin verhindert; ich bin verſagt. — Caſterton, gehe nicht dorthin, wo Du es ver⸗ ſprochen haſt,— fiel Sidney ein;— dieſe Beſuche erniedrigen Dich und werfen einen Schatten auf den Charakter und die Sitten des berühmten Parlaments⸗ mitglieds!— Du, welcher für alle moraliſche und ſittliche Veredlung eiferſt, Du überläßt Dich ſelber 9 einem erniedrigenden Liebesverhältniß, und gibſt dem Publikum das traurige Beiſpiel, wie ein hoch be⸗ gabter und geiſtreicher Mann ſich zum Sklaven elen⸗ der Begierden macht. — Lembourn, erweiſe mir die Freundſchaft, nicht hiervon zu ſprechen!— Wir ſind ja alle, mehr oder weniger, Sklaven unſerer Leidenſchaften, obgleich wir nicht Alle ſo unbedachtſam ſind, es Andere merken zu laſſen. Ich ſündige ſo, daß es die ganze Welt ſieht, und die Welt ſchreit über meine Sünden; An⸗ dere ſündigen ſchwerer, als ich, aber heimlich, und— die Welt ſchweigt. Glaube nur, wir Menſchen ha⸗ ben einander Nichts vorzuwerfen und auch nichts, womit wir uns rühmen können. — Möglich; aber wenn wir über eigene und Anderer Schwächen reflectiren können, ſo müſſen wir auch die Kraft beſitzen, ſie zu beherrſchen. Warum haben wir ſonſt unſeren Verſtand erhalten, wenn nicht, um mit demſelben unſere Triebe zu zügeln und uns durch Veredlung unſerer Gewohnheiten, unſerer Genüſſe und unſerer Wünſche über das Thier zu erheben? — Hübſche Worte, die ſich gut ausnehmen, aber in der Praxis nicht Stich halten!— ſiel Edwin mit einem bitteren Lächeln ein: — Du ſelbſt, Sidney, der Du dafür gehalten wirſt, und auch einer von denjenigen biſt, die es am weiteſten in der Kunſt gebracht haben, Deine Gefühle dem Verſtande unterzuordnen, iſt es Dir durch Hülfe dieſes letzteren gelungen, ein einziges derſelben zu vernichten? Haſt Du Dir ſelber gebieten können, dieſenige 10 nicht zu lieben, die Du liebſt, oder das nicht zu vermiſſen, was Dir Genuß gewährt?— Willſt Du wiſſen, in welchem Verhältniß der Verſtand eigentlich zu unſeren Leidenſchaften ſteht?— Nun, in dem des Kammer⸗ dieners zu ſeinem Herrn. Er putzt ſie mit den hübſcheſten Coſtümen aus, nachdem er ihre Befehle ausgerichtet. Der Verſtand findet die Mittel zu ihrer Befrie⸗ digung aus und tanzt nur nach der Melodie, welche die Gefühle ſpielen. Spreche deßhalb nicht mit ſo viel Stolz von unſerer intellectuellen Ueberlegenheit; ſie iſt, ſtreng genommen, nichts weiter als ein Feuer⸗ werk, durch welches wir unſere Mitmenſchen blenden und bethören. In Worten und darin Andern Vorſchriften zu achen, ſind wir ſtark; aber in den Handlungen n wir große Stümper. So tadelſt Du z. B. mit großer Strenge meine Nei⸗ gung zu Fräulein Stangenſtjöld; aber, mein Freund, biſt Du ebenſo ſtreng gegen Dich ſelbſt? — Ich ſchmeichle mir wirklich es zu ſein. — Und doch, mein lieber Lembourn, würde ich⸗ wenn ich im Stande wäre, einen Blick in Dein In⸗ neres zu werfen, auch dort dieſelben Schwächen ent⸗ decken, welche Du mir vorwirfſt. p Caſterton warf ſeine Cigarre von ſich und fügte inzu: — Aber i davon ſprechen?— Laſſe Du mich meinen Weg gehen; ich laſſe Dich ja ungehin⸗ dert den Deinigen gehen. Du beſuchſt den Ball des Miniſters; ich bringe, von Schönheit und Geiſt und Anmuth umgeben, den Abend in Marthas Salon zu. 11 — Und ſaugſt das moraliſche Gift ein, welches Dich zum Zweifler an Allem, ſogar an meiner Ehre und Redlichkeit gemacht hat,— fiel Sidney ein.— Es iſt wirklich dahin gekommen, Caſterton, daß Du und ich nicht mehr mit einander ſprechen können, ohne daß bittere Worte ſich einſchleichen, und es ſcheint Dir ein Bedürfniß geworden zu ſein, zu zeigen, daß Du nicht mehr an Sidney Lembourns Freundſchaft glaubſt. Mag das ſo ſein; dieſes wird mich indeſſen nich davon abhalten Dir offen meine Mißbilligung und meine Meinung auszuſprechen. Die Zukunft wird ſchon zeigen, ob ich, oder die Sirene Recht hat. Zweifle Du an Tugend und Menſchenwürde; glaube dagegen nur an ſie, und Du wirſt ſchon ſehen, wel⸗ ches Glück Du ernteſt. Lebwohl bis auf Morgen! Ich fahre zum Balle des Miniſters, fahre Du zu ihr, welche unter dem Gewande des Geiſtes und der An⸗ muth Dein Leben vergiftet. Sidney reichte Caſterton die Hand, welche dieſer ſchweigend drückte, worauf Erſterer ſich entfernte. Als er fort war, murmelte Edwin: — Ja, er hat Recht; dieſes Weib vergiftet mein Leben und verwandelt mich in einen Menſchen ohne Frieden und ohne Glauben. Die Thürvorhänge bewegten ſich und öffneten ſich langſam, worauf eine Dame zum Vorſchein kam. Sie trat ein. — Miſtriß Brow!— rief Edwin und ſprang auf.— Nun, endlich! fügte er hinzu und eilte ihr entgegen. 12 Die alte Dame legte den Finger auf den Mund und Edwin führte ſie ſchweigend in ſein Cabinet. Der Ball des ſchwediſchen Miniſters war glän⸗ zend. In dieſer ariſtokratiſchen Geſellſchaft gab es eine Frau, welche die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und welcher die Männer ihre ungetheilte Huldigung widmeten. Sie war jung, einnehmend, liebenswürdig und von einem feſſelnden Benehmen. Es war das Erſtemal, daß ſie in Londons faſhio⸗ nablen Kreiſen auftrat; aber ihr ganzes Auftreten zeigte, daß ſie an die große Welt gewöhnt ſei. Das Gerücht hatte ſchon lange von dem Auf⸗ ſehen geſprochen, welches ſie in den meiſten von Eu⸗ ropas Hauptſtädten gemacht, und Jedermann wußte, daß ſie, wo ſie aufgetreten ſei, den Thron als die Königin der Anmuth eingenommen hätte. Sie beſaß dabei einen Namen, welcher geachtet und für England durch die glänzende Art und Weiſe theuer geworden war, auf welche ihr Mann denſelben im Parlament zur Geltung brachte. Dieſes Weib, welches von dem duftenden Weih⸗ rauch der Schmeichelei und der Bewunderung um⸗ geben wurde, war— Lady Elvira Caſterton. Wenn Kummer und Wehmuth je ihren Schatten über ihre Stirne geworfen oder ihre Seele heimge⸗ ſo fand man jetzt wenigſtens keinen miner davon auf dieſem reizenden Geſichte. Das ganze Ausſehen Lady Caſtertons war ſo ſorgenfrei, ſo blühend, ſo lächelnd, daß man bei 13 ihrem Anblick meinte, ſie hätte auf ihrem Gang durchs Leben auf lauter Roſen gewandelt. Es ſchien, als hätte ſie mit Wohlgefallen die Vorzüge genoſſen, welche die Natur und das Glück ihr geſchenkt, ohne dabei hochmüthig zu werden, ſondern nur ſich darüber freuend, ſo ſchön und reich zu ſein und ſich in einer ſo hohen geſellſchaftlichen Stellung zu befinden. Als ſie auf dem Balle des Miniſters auftrat, war ſie von einem jungen Frauenzimmer begleitet das zwei, höchſtens drei Jahre älter ſein mochte als ſie ſelbſt. Dieſes ſei, ſo ſagte man, die intimſte Freundin und Vertraute der Lady, Fräulein Armida K—hjelm, Das Gerücht, welches ſo Vieles weiß, theilte auch mit, daß die Freundſchaft der Lady für Fräu⸗ lein K—hielm von Anfang an die Veranlaſſung zum Bruch zwiſchen dem Lord und ſeiner Frau geweſen. Der zweite Walzer war zu Ende, und als Elvira von demſelben zurückkehrte nahm ſie in einem klei⸗ nen Cabinet Platz. In demſelben Augenblick, wo ſie ſich ſetzte, ſtand Sidney vor ihr. Wenn Elviras Geſicht Freude und Zufriedenheit ausdrückte, ſo hatte dagegen Sidneys, als er ſie be⸗ grüßte, den Ausdruck der Strenge und des Ernſtes. ſie die erſten Höflichkeitsphraſen gewechſelt, agte er:. — Ein Jahr iſt verſchwunden, ſeit ich nicht das Glück gehabt habe, mit Ihnenzuſammenzutreffen, My⸗ lady; als wir uns trennten, glaubte ich nicht, daß wir uns unter ſolchen Verhältniſſen wie die gegen⸗ wärtigen wiederſehen würden. — Und warum nicht?— brach Elvira lächelnd 14 aus.— Mir ſcheint es, daß die Vegegnung auf ei⸗ nem Balle, die allergewöhnlichſte unter allen Be⸗ gegnungen iſt. Sie konnten doch wohl, beſter Sir Sidney, nicht annehmen, daß ich bei einem Alter von zwanzig Jahren darauf verzichten ſollte, ſolche Vergnügungen zu beſuchen? — Gewiß nicht; aber ich nahm damals an, daß wenn Sie dieſelben beſuchten, dieß an der Seite Ihres Mannes geſchehen würde. — Sir,— ſiel Elvira ein,— ſprechen Sie nicht, ich bitte Sie, von ſo feierlichen Dingen, wäh⸗ rend Alles um uns ausgelaſſene Fröhlichkeit athmet; das hieße ja die Freuden des Augenblicks in die Flucht zu jagen.— Seien Sie liebenswürdig, laſſen Sie die Wolke von Ihrer Stirne verſchwinden und verweiſen Sie den Ernſt von Ihren Lippen! Heute Abend können nicht einmal Sie mich bewegen, einer anderen Stimme, als der der Freude zu lauſchen. — Es iſt Ihnen alſo unangenehm, daß man mit Ihnen von Ihrem Manne ſpricht? — Ich will Ihre Frage mit einer anderen be⸗ antworten: wenn Jemand, während Sie mitten in einem berauſchenden Walzer ſind, zu Ihnen käme und Ihnen einige Worte aus der heiligen Schrift citirte, welchen Eindruck würde das auf Sie machen? — Einen peinlichen; weil ein Ballſaal nicht der Platz iſt, wo man ſo heilige Dinge berühren darf. — Sie haben jetzt ſelbſt die Frage an mich be⸗ antwortet. — Dank Mylady, für dieſe Worte; ſie beweiſen, daß Sie wenigſtens in der Tiefe Ihres Herzens et⸗ was von Ihrem früheren Ich übrig behalten haben. 15 — Haben Sie daran gezweifelt?— fragte Elvira. — Ich habe mehr als daran gezweifelt, ich habe gefürchtet, daß meine frühere Beurtheilung Ihres Charakters ein vollſtändiger Mißgriff geweſen. — Ah, Sir, ich hätte wirklich geglaubt, daß Sie ſich nicht ſo leicht würden irre leiten laſſen können⸗ — Jetzt beginnt die Muſik wieder und dort kommt mein Cavalier. Ich verlaſſe Sie, Sir. Das Leben gleicht einem Ball, und iſt wie dieſer, was es nicht zu ſein ſchein. — Elvira wurde von ihrem Tänzer fortgeführt. Sidney blieb ſitzen. Er merkte nicht, daß Fräu⸗ lein Armida ſich die ganze Zeit in ihrer Nähe be⸗ funden hatte. Sie und Sidney waren jetzt allein,— aber ohne daß Sidney bemerkte, daß außer ihm Jemand im Zimmer ſei. Er überließ ſich ſeinen Gedanken, ohne ſich da⸗ rum zu bekümmern, was um ihn herum vorging. Armida betrachtete den jungen Mann mit einem forſchenden Blick. Sie wünſchte im Stande zu ſein, in ſeine in⸗ nerſten Gedanken hineinzudringen. Lange konnte ſie dieſes ſtille Studium ſeiner Geſichtszüge nicht fort⸗ ſetzen. Das Eintreten einer dritten Perſon unter⸗ brach ſie daran.„ — Iſt ſie heute Abend hier?— fragte dieſe und ging gerade auf Lembourn zu. — Edwin!— rief Sidney und blickte auf. — Haſt Du Lady Caſterton geſehen? hob der Lord wieder ungeduldig an. — — Vor einigen Augenblicken ſprach ich ſie; ſie ſ tanzt,— antwortete Sidney. i Armida ſtand leiſe auf und ſchlich ſich fort. l In der Phüre zum Tanzſaale ſtanden während des noch übrigen Theiles der Galopade Sidney und Edwin und ſprachen, wie es ſchien, von indifferenten 1 Dingen während ſie den Tanzenden mit gleichgülti⸗ gen Blicken folgten. Die Galopade war zu Ende. Es entſtand, als die Cavaliere ihre Damen nach ihren Plätzen zurückbegleiten ſollten, eine große Be⸗ wegung, Während Flor und Seide um ſie herum⸗ wogten, verlor Caſterton Elvira aus dem Geſicht. Sie war unter der Menge verſchwunden. Er drängte ſich aus dem Tanzſaale hinaus, um über ſie Aus⸗ kunft zu erhalten, aber er fand ſie nicht. Edwin ging durch das ganze Stockwerk; aber Elvira war nirgends zu finden. Während er ſuchte, begegneten er und Sidney einander. — Haſt Du meine Frau geſehen?— fragte Ca⸗ ſterton mit zuſammengebiſſenen Lippen. — Nein, es ſieht aus, als hätte die Lady ſich nach dem Schluſſe des Tanzes entfernt,— antwortete Sidney. Edwin verließ den Ball, und jetzt flüſterte man ſich zu, daß er ſich nur deshalb eingefunden hätte, um Lady Caſterton zu zwingen, ſich zu entfernen. Ja, man hatte davon ſprechen hören, daß er es immer auf dieſelbe Weiſe mache, ſobald er nur erfahre, daß ſie in der großen Welt auſträte. Es wäre ja davon die Rede geweſen, daß er nach Paris gereist ſei, um ie d d n ch e⸗ e te 8⸗ in r 9 a⸗ ch te 17 ſie dazu zu bewegen, von dort abzureiſen. Als er in Wien erſchien, ſei ſie verſchwunden; das ſei eine bekannte Sache. Während die älteren Damen und Herren in die⸗ ſer Weiſe von dem gegenſeitigen Verhältniß der bei⸗ den Gatten flüſterten, rollte Edwins Wagen in gro⸗ ßer Eile zurück nach dem Hotel. — Iſt die Lady angekommen?— fragte er den Portier; erhielt aber zur Antwort, daß ſie nicht an⸗ gelangt ſei. 4. Am folgenden Morgen übergab ihm der Kam⸗ merdiener einen Brief. Derſelbe lautete folgender⸗ maßen: „Lord Caſterton! Sie haben Ihr Wort nicht gehalten, mich geſtern Abend zu beſuchen: ſtatt deſſen ſind Sie auf dem Balle des ſchwediſchen Miniſters geweſen. „Ich ſollte Ihnen zürnen; und ich würde es auch, wenn ich nicht Freundſchaft für Sie hegte. Dieſe Freundſchaft iſt es, welche mich bewegt, Sie über die Urſache aufzuklären, warum Ihre Frau gleich nach der Galopade verſchwand. „Sie war nach dem Balle gekommen, um Jeman⸗ den zu ſehen.— Dieſer Jemand waren Sie nicht. — Nachdem ſie einige Worte mit ihm gewechſelt, begab ſie ſich aus dem Tanzſaal, und als ſie von ihm erfuhr, daß Sie dort ſeien, entfernte ſie ſich ſchleunigſt. „Wie lange gedenken Sie vor dieſem Weibe, wel⸗ ches vor der ganzen Welt Spott mit Ihnen treibt, den Rarren zu machen? Merken Sie denn nicht, daß es durch ſein Betragen öffentlich erklärt, es verabſcheue Schwartz, Gold und Name. I. 2 18 Sie und daß der Name Alles ſei, was es haben will? .„Sagen Sie mir, welche Macht iſt es denn, die Sie an dieſe Frau feſſelt? „Liebe iſt es nicht; denn wenn Sie lieben kön⸗ nen, was ich höchlich bezweifle, ſo muß Ihre Liebe doch Etwas von dem beſitzen, was zu dieſem Ge⸗ fühle gehört. Sie würden dann von den Rechten Gebrauch machen, welche Sie ihr gegenüber beſitzen. „Das thun Sie nicht. „Sie wiſſen, daß ſie einen Andern liebt, oder rich⸗ tiger, Andere geliebt hat, und das laſſen Sie hingehen. „Sie hat gewünſcht, von Ihnen geſchieden zu wer⸗ den, und Sie haben ſich geweigert, darauf einzugehen. „Warum, kann nur Derjenige ſagen, welcher die Menſchenſeele ergründet. „Ich meinerſeits bin nicht fähig dieſes Räthſel zu löſen, und ich bin es müde geworden, einen Cha⸗ rakter wie den Ihrigen zu ſtudiren. „Einmal widmeten Sie mir Ihre Huldigung. „War es eine Laune des Augenblicks, welche da⸗ über Sie kam; war es Liebe, verletzte Eitelkeit, obe „Ich frage, aber ich verlange keine Antwort. „Ich will den letzten Gedanken nicht zu Ende denken; ich würde dann genöthigt, Sie zu verab⸗ ſcheuen, Sie, den ich als den erhabenſten und aus⸗ gezeichnetſten Mann, den ich kennen gelernt, bisher bewundert habe. „Hätte ich ein Herz zu verſchenken gehabt, ſo hätte es Ihnen gehört.— Jetzt danke ich Gott, wel⸗ cher mir den Schmerz erſpart hat, Sie zu lieben, 19 Sie ſind dazu geſchaffen das böſe Schickſal eines Weibes zu ſein. „Meine uneigennützige Freundſchaft ſchreibt mir indeſſen vor, Sie zu bitten, dem erniedrigenden Spiele ein zu machen, welches Ihre Gattin mit Ihnen treibt. „Machen Sie es wie Alexander mit dem gordi⸗ ſchen Knoten; geſtatten Sie aber nicht, daß ſie Sie in Banden gefeſſelt hält, welche eben ſo lächerlich wie erniedrigend ſind. „Ich wünſche nicht, daß Sie mich beſuchen. „Mögen Sie auf eigene Hand verſuchen, in ein beſſeres Verhältniß zu Ihrer Frau zu kommen, ver⸗ geſſen Sie aber dabei die Wahrheit nicht, daß der Liebhaber der Frau zu allen Zeiten der beſte Freund des Mannes war. „Morgen beſuche ich die italieniſche Oper. Sie haben mir Ihr Wort gegeben, dort hinzugehen und die neue Sängerin zu hören, für welche ich ein be⸗ ſonderes Intereſſe hege. „Vergeſſen Sie das Bouquet nicht, welches Sie auf dem Altar des Talents zu opfern ſich verpflich⸗ tet haben! „Uebrigens brauchen Sie keine Gedanken zu ver⸗ lieren an Martha.“ Den letzten Theil des Briefes blickte Edwin nur flüchtig durch; aber denjenigen Theil, welcher ſich um Elviras Auftreten auf dem Balle drehte, las er mehreremale. 6 In der italieniſchen Oper ſollte eine ausländiſche Sängerin, Madame M—, auftreten. Die Zeitungen hatten viel über ſie geſchrieben und die merkwürdigſten Anekdoten(ob wahre oder erfundene, laſſen wir dahin geſtellt) berichtet. Ge⸗ nug, das Intereſſe war erweckt und mit nicht un⸗ bedeutender Neugierde war man darauf geſpannt ſie zu hören. Endlich wurde ihr erſtes Debüt angekündigt.— Daſſelbe fiel auf den Tag nach dem Balle des Mi⸗ niſters. Die elegante Welt hatte es ſich zu einer Ge⸗ wiſſensſache gemacht, ſich an jenem Abend in der italieniſchen Oper einzufinden, um die vielbeſprochene Sängerin kennen zu lernen und ſich von der Wahr⸗ heit aller Gerüchte zu überzeugen, welche in Bezieh⸗ ung auf ihr Debüt im Umlauf waren. Lord Caſterton ſaß in ſeiner Loge zurückgelehnt. Sein ganzes Aeußere war ſo ernſt, daß es ausſah, als wenn er irgend eine Rede durchdächte, die er zu halten beabſichtigte und durch welche es ihm wieder gelingen würde die Herzen der Zuhörer für ſich zu gewinnen. Gleichgültig blickte er auf die vollbeſetzten Logen und ſchien ſich mit Fleiß ſoweit als möglich in ſeine Loge zurückgezogen zu haben, um ſich der Laſt zu entziehen, rechts und links grüßen zu müſſen. Neben ihm auf einem Stuhl lag ein prächtiges Bouquet. Als der zweite Act begann, trat in die Loge ge⸗ rade ihm gegenüber Fräulein Martha Stangenſtiöld. Sie richtete ſofort ihr Opernglas auf den Lord, ohne — 21 daß ſelbſt dieſes ihn veranlaßte, ſeine Stellung zu ändern. Im zweiten Akt ſollte die Sängerin auftreten. Einige Secunden, nachdem Martha ihren Platz eingenommen, wurde die Logenthüre des Lords ge⸗ öffnet und eine Dame trat ein. Edwin drehte ſich um. Die Dame flüſterte ihm ein paar Worte ins Ohr, worauf ſie ſich ſetzte. Was ſie dem jungen Edelmann ſagte, wiſſen wir nicht, ſondern nur, daß er eine Bewegung der Be⸗ ſuren und des Aergers machte und ſich fofort ent⸗ ernte. An den Thüren der Anziehungslogen ertönten die Glocken, um die Künſtler davon zu benachrichti⸗ gen, daß die Stunde gekommen ſei, wo ſie auf die Bühne müßten. In dieſem Augenblick ſchritt eine ſtattliche männ⸗ liche Figur über das Theater und auf eine der Sei⸗ tencouliſſen rechts zu. Veim erſten Klang der Glocken trat aus einer der Anziehungslogen ein junges Frauenzimmer in einem prachtvollen Coſtüme.— Sie war ſo bleich, daß die Wangen alabaſterweiß ausſahen. Sie ging langſam auf diejenige Couliſſe zu, nach welcher hin auch der ſtattliche Mann, obgleich von einer entge⸗ gengeſetzten Seite, ſeine Schritte gelenkt. Sie ſah nicht, daß er ſich näherte; ſie hatte die Augen auf den Boden geſenkt. Noch einige Schritte und er hielt ſie zurück, indem er flüſterte: Lady Caſterton! Die Angeredete fuhr zuſammen und blickte auf. Der Lord, ihr Mann, ſtand vor ihr. 22 — Sie haben es alſo ſogar bis dahin treiben wollen, daß. — Modame, jetzt geht der Vorhang auf!.— rief der Regiſſeur. 6 Caſterton hielt Elvira ſo feſt, als hätte ihr Am in einem Schraubſtock geſeſſen. Sich an den Re⸗ giſſeur wendend bemerkte er: 4 — Sie müſſen das Publicum in Kenntniß ſetzen laſſen, daß Madame plötzlich krank geworden ſei und nicht ſingen könne. — Mylord, das... — Muß geſchehen!— rief der Lord. † — Das iſt überflüſſig!— fiel eine klangvolle Stimme ein,— und die wirkliche Madame M—, eine italieniſche Sängerin, welche nicht früher in London aufgetreten war, ſtand da, in daſſelbe Co⸗ ſtüm gekleidet, welches Elvira trug. Eine Viertelſtunde darauf traten Lord und Lady Caſterton, zu nicht geringer Ueberraſchung eines großen Theiles der eleganten Welt, in die Loge des Erſtgenannten. Das Gerücht, dieſes geſchäftige Weſen, hatte in der That von einem großen Scan⸗ dal gejlüſtert, der ſtattfinden ſollte, und man hatte ſich eingefunden, um deſſelben Zeuge zu ſein. Es hatte verlautet, daß Lady Caſterton an Madame M—s Stelle auftreten würde. Aller Operngläſer richteten ſich auf das Ehe⸗ paar; man machte Bemerkungen darüber, daß ſie alle Beide ungewöhnlich bleich ausſahen und daß die Stirne des Lords einer Gewitterwolke glich. Beim Schluß des dritten Acts, als des Publi⸗ cum Madame M-s Geſang mit großem Applaus ———— 23 lohnte, lag zu ihren Füßen das Bonquet Lord Ca⸗ ſtertons. Einige Minuten darauf bot der Lord ſeiner Frau den Arm und ſie verließen die Loge. Miſtriß Brow blieb bis zum Schluß der Oper. Es gab indeſſen Niemanden, der bis zu einem ſolchen Grade von Edwins und Elviras Auftreten in der Loge überraſcht wurde, wie Martha. Sie hatte ſich darauf vorbereitet, einen Sieg zu feiern und jetzt wurde es eine Niederlage. Sie hatte kurz bevor Elvira in der Loge er⸗ ſchien ihre aufwartenden Cavaliere verſichert, daß ſie mit Sicherheit wiſſe, Lady Caſterton und die aus⸗ ländiſche Sängerin ſei dieſelbe Perſon. Wie graufam wurde ſie nicht in ihrem Trium⸗ Phe über eine verhaßte Rivalin getäuſcht, als Ma⸗ dame M—, ſtatt derjenigen, welche ſie zu ſehen er⸗ wartete, auf die Bühne trat. Madame M— entzückte das Publicum mit ih⸗ rem Geſang, ſo daß Diejenigen, welche um des Scandals willen gekommen, ihren Verdruß vergaßen und von ihren Tönen hingeriſſen wurden. Es gab indeſſen keinen Geſang oder überhaupt Etwas, welches Martha wegen der falſchen Rech⸗ nung, die ſie gemacht, zu tröſten vermochte. Als ſie den Lord und Elvira zuſammen ſah, hätte ſie große Luſt gehabt, nach Hauſe zu fahren, aber ſie blieb, um ſich nicht zu verrathen. Am Schluß des dritten Acts trat der ſchwediſche Miniſter in die Loge Marthas, um dieſe zu be⸗ grüßen. Er bat ſie um Erlaubniß, ihr einen Lands⸗ der Zeit zu trotzen ſcheinen. 24 mann und ausgezeichneten Maler, Capitain Ström, vorſtellen zu dürfen. Martha gab ihre Einwilligung dazu; als der Vorhang beim Schluß des dritten Acts fiel, fand ſich der Miniſter mit Capitain Ström ein, welcher in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Militär und aus⸗ gezeichneter Künſtler auf den zuvorkommendſten Em⸗ pfang von Martha rechnen durfte. Ström war hochgewachſen und ſchlank, mit einem im höchſten Grade militairiſchen Aeußern.— Im Knopfloch trug er das Band der Ehrenlegion. Der Miniſter hatte Martha mitgetheilt, daß Ström Capitain in franzöſiſchen Dienſten ſei und am Kriege in Algier theilgenommen hatte; als die⸗ ſer zu Ende geweſen, hätte er ſeinen Abſchied ge— nommen. Seit der Zeit widmete er ſich ausſchließlich der künſtleriſchen Laufbahn und hatte nicht allein in Frankreich, wo er anſäßig war, ſondern auch in Eng⸗ land und in dem übrigen Europa ſich einen großen Ruf als Schlachtenmaler erworben. Dieſe kurze Schilderung des Mannes, ſowie der Umſtand, daß er durch Marthas Schönheit ſo frap⸗ pirt geworden ſei, daß er deßhalb ihr vorgeſtellt zu werden wünſchte, bewirkte, daß Martha, trotz ihrer ſchlechten Laune, den franzöſiſchen Schweden mit ver⸗ bindlicher Artigkeit empfing. Es war unmöglich das Alter Ströms zu be⸗ ſtinmen: Er konnte ebenſo gut einige und dreißig wie einige und vierzig Jahre alt ſein, denn er hatte eines derjenigen Geſichter, welche den Verheerungen 25 Sein Ausſehen hatte etwas Ausgezeichnetes und war ein ſolches, daß man es nicht vergißt, wenn man es einmal geſehen hat. Man konnte, je nach der verſchiedenen Auffaſſungsweiſe, es hübſch oder häßlich nennen.— Es hatte etwas Unglückverheißen⸗ des, Imponirendes, und es lag in den großen Au⸗ gen mit ihren buſchigen Augenbrauen eine magiſch feſſelnde Macht, ohne daß jedoch der Blick Vertrauen einflößte. Sein Benehmen war ruhig, ſeine Bewegungen ungezwungen.— Wenn man nach ſeinen Manieren urtheilte, ſo würde man ihn für einen kalten Be⸗ obachter, für einen Künſtler gehalten haben, welcher nur für ſeine Kunſt lebte und für nichts Anderes, als für das, was damit zuſammenhing, Intereſſe hätte. Betrachtete man ihn genauer und ſtudirte dieſes Geſicht, welches Einem beim erſten Anblick ſo ſtarr vorkam, ſo meinte man, es gleiche einem ausgebrannten Vulcan. Es ſchien, als wenn Jahre verſchwunden wären, ſeit jener Vulcan irgend. einen Ausbruch gehabt; als wenn Jahre vergehen würden, bevor ein ſolcher ſtattfinden würde; aber ungewiß war es, ob das Feuer im Krater deßhalb ausgebrannt ſei. Als er Martha präſentirt wurde, ſagte er ihr auf ächt franzöſiſche Manier einige Artigkeiten, machte ihr Complimente wegen ihrer Schönheit, die auf ihn einen ſo lebhaften Eindruck gemacht ꝛc. Aus allem dieſem ſprach freilich ein ſehr großes Intereſſe; aber demohngeachtet kam es Martha vor, als wenn er daſſelbe jedem beliebigen hübſchen Mo⸗ dell hätte ſagen können. Es war das Erſtemal, 26 daß ſie Verdruß empfand, weil man ſie hübſch nannte.. — Wenn es ſeine Abſicht iſt, mich zu malen,— dachte Martha,— ſo ſoll das ihm nicht gelingen. Nein, Herr Künſtler, ich will Sie lehren, daß ich etwas mehr bin, als eine ſchöne Statue. Obgleich ſeine Artigkeiten Martha mißfielen, ſo vermochte ſie doch nicht gegen ihn jenen gleichgülti⸗ gen Ton anzunehmen, den ſie ſonſt gegen Männer, die ſie nicht leiden mochte, zu gebrauchen pflegte; er zwang ſie gleichſam, die Converſation von den ſchönen Künſten im Allgemeinen fortzuſetzen. Er ſprach von der Oper, welche aufgeführt wurde, und von Madame M—s Stimme und Talent mit einer Sachkenntniß, als hätte er nie etwas Anderes gethan, als ſich mit Muſik beſchäftigt. Als die Oper zu Ende war und Martha auf den Arm eines alten ſchwediſchen Edelmanns ge⸗ ſtützt, welcher weitläufig mit ihr verwandt war, in den Corridor hinaustrat, fand ſie Capitain Ström an ihrer Logenthüre. Er begleitete ſie nach dem Wagen und half ſowohl ihr wie ihrem Begleiter in denſelben mit der Bitte, ihr einen Beſuch abſtatten zu dürfen. ⸗ Wir verſetzen uns jetzt in das Caſterton ſche Hotel. führt. Während der Fahrt hatte er von der Oper kein Wort geſprochen, und als der Wagen vor dem Thore des Hotels hielt, hatte er ihr aus demſelben echweigend hatte Edwin Elvira nach Hauſe ge⸗ 27 herausgeholfen und ſie in ihre Wohnung hinaufbe⸗ gleitet; er nahm ihr ſelbſt den Mantel ab, und als dieß geſchehen, riegelte er die Thüre hinter ihnen zu. Elvira warf ſich in eines der kleinen Sophas des Salons, in welchem ſie ſich befanden. Das Zimmer war nur ſchwach erleuchtet und erhielt dadurch ein Ausſehen, welches vollkommen zu der Gemüthsſtimmung paßte. Jetzt ſollte ihr Schickſal entſchieden werden, das fühlte Elvira. Der Augenblick, den ſie ein ganzes Jahr vorbereitet, war gekommen, und doch empfand ſie eine heftige Reue über das, was ſie gethan.— Sie fühlte ſich durch ihre eigenen Handlungen ver⸗ nichtet und zitterte in Erwartung der Worte, welche von dem Manne ausgeſprochen werden würden, den ſie vorſätzlich und mit Ueberlegung beleidigt hatte. Es verſtrich eine lange Zeit, während welcher Edwin ſchweigend hin und her ging. Elvira wagte nicht aufzublicken, ſondern ſaß, den Kopf gegen eines der Kiſſen geſtützt, und lauſchte dem einförmigen Schall ſeiner Tritte. Endlich hör⸗ ten dieſe auf. Elvira athmete nicht. — Ich habe gewünſcht, ruhig ſprechen zu kön⸗ nen,— ſprach Edwin,— und habe deßhalb mei⸗ nes Zornes Herr werden wollen. Er ſchwieg wieder und machte wieder einen Gang im Zimmer herum, als wenn er noch nicht vollkom⸗ men ſicher ſei, mit der nöthigen Kälte ſprechen zu können. Elvira machte keine Bewegung. Als Edwin zum zweiten Male vor ihr ſtehen 28 blieb, hatte ſein Geſicht einen ſo ſtrengen Ausdruck angenommen, daß man daraus ſchließen konnte, er habe genau überlegt, was er ſagen wollte. — In erſter Linie wünſchte ich zu wiſſen, welche Abſicht Sie damit hatten, als Sängerin auftreten zu wollen?— ſagte er. Elvira vermochte nicht zu antworten; ſie drückte den Kopf noch tiefer in die Kiſſen. — Sie ſchweigen; aber Sie kennen ſchlecht den Mann, den Sie vor ſich haben, wenn Sie durch Schweigen eine Erklärung, die er zu fordern das Recht hat, umgehen zu können glauben. Haben Sie den Muth gehabt, ihn zu beleidigen, ſo haben Sie auch den Muth, ihm zu ſagen, warum Sie es gethan! Langſam erhob ſich Elvira, Sie war ſo bleich, daß ſie mehr einem Geſpenſt, als einem lebenden Weſen glich. — Lord Caſterton,— ſagte ſie,— ich wollte Sie durch dieſen Schritt zu einer Eheſcheidung zwin⸗ gen.— Ich kannte Ihre Vorurtheile gegen diejeni⸗ gen, welche auf der Bühne auftreten, und ich wußte, daß Sie eine Sängerin nie als Ihre Gattin aner⸗ kennen würden. — Sie wollten mich zwingen, Sie eines Na⸗ mens zu berauben, welchen zu tragen Sie ſich un⸗ würdig gemacht haben!— Nicht übel ausgedacht; nur Schade, daß der Plan ohne alle Kenntniß mei⸗ nes Charakters gelegt wurde!— Sie wünſchen alſo Ihre Freiheit wieder zu erlangen? — Ja, das wünſche ich!— antwortete Elvira beſtimmt. 29 — Aber wenn Sie dieſelbe wieder erlangen, verlieren Sie auch den Namen und die Stellung in der Geſellſchaft, welche Sie jetzt einnehmen. — Mylord,— rief Elvira,— Alles werde ich dahingeben, Reichthum, Rang und Namen, wenn ich nur dadurch dieſe unnatürliche Ehe auflöſen kann! — Dieſe Bande ſind ein Fluch für mein Leben und ich halte es nicht aus, ſie zu tragen. — Nicht! Sie werden alſo von einer ziemlich heftigen Leidenſchaft beherrſcht, da dieſelbe Sie da⸗ zu treiben kann, ſo zu handeln und zu ſprechen, wie Sie es thun. Sie lieben von Ihrer ganzen Seele? — Ja, ich liebe von meiner ganzen Seele,— antwortete Elvira und blickte zum Manne auf. — Und Ihr Glück, Ihre Seligkeit beſteht darin, frei zu werden? — Das Einzige, was ich jetzt wünſche, iſt, den Tag zu erleben, an welchem ich nicht mehr Ihre Frau bin. — Sie beſitzen eine unglückſelige Aufrichtigkeit, — fiel Edwin mit dumpfer Stimme ein und ging wieder einmal im Zimmer herum. Elvira folgte ihm mit den Augen. Sie ſchien mit Seelénangſt zu erwarten, was da kommen würde. Als Edwin wieder vor ihr ſtand, ſah er minder ſtreng aus. — Es iſt möglich,— ſagte er,— daß der Tag kommt, wo Sie nicht Lady Caſterton ſind; aber in dem Falle habe ich aufgehört zu leben;— ſo lange ich athme, bleiben Sie was Sie ſind,— meine Frau. Ich habe es geſchworen, meine Gnädige, und ich werde nie meinem Schwur untreu. 30 — Sie ſind grauſam, nicht bloß gegen mich, ſondern gegen ſich ſelbſt,— brach Elvira aus. — Wenn Sie mich jetzt ſchon grauſam nennen, wie werden Sie dann erſt Worte finden, um das auszudrücken, was ich bin, wenn ich Ihnen den Beſchluß, den ich gefaßt, mittheile?— Gewiß wer⸗ den Sie mich für einen Henker halten, und doch muß ich ſo handeln, wie ich es für meine Pflicht halte.— Sie und ich ſind vier Jahre verheirathet geweſen.— Mit vollkommenem Vertrauen zu Ihrer Ehre und mit Achtung vor Ihrer perſönlichen Un⸗ abhängigkeit, gab ich Ihnen die Freiheit, welche Sie wünſchten.— Sie haben dieſelbe mißbraucht.— Edwins Stimme wurde härter.— Sie haben auf alle erdenkliche Weiſe das Vertrauen getäuſcht, das ich Ihnen gezeigt, und haben mich einſehen gemacht, 6 Sie ein Weib ſind, welches keinen Begriff von —— 3 Halt, Mylord!— rief Elvira, und ſprang auf. — Bleiben Sie ruhig und hören Sie mich an! ſagte Edwin und zwang ſie ſich zu ſetzen.— Sie haben das Recht zu ſprechen verloren, ſo tief haben Sie mich beleidigt.— Ihre Pflicht iſt, mich ſchwei⸗ gend anzuhören.— Ich will keine Erklärung haben; diejenige, welche ich zu erhalten wünſchte, haben Sie mir gegeben, und ich nehme keine Entſchuldigung an, ſondern verlange, daß Sie ſich künftig darauf beſchränken, meinem Willen zu gehorchen. Elvira ſetzte ſich wieder und drückte die gefalteten Hände gegen die Bruſt. Edwin fuhr fort: — Sie ſind meine Frau geworden, um ſich an 31 Demjenigen zu rächen, welcher Sie betrog, oder auch ſind Sie es aus Hochmuth geworden,— ich laſſe es dahingeſtellt ſein, welches von dieſen Mo⸗ tiven Sie gekeitet hat und ich würde nicht davon geſprochen haben, wenn Lady Caſterton den For⸗ derungen der Ehre gemäß gehandelt hätte. Elvira machte wieder eine Bewegung, hielt ſich aber zurück. — Welche Beweiſe ich dafür habe, daß Sie das, was die Ehre erheiſcht, vergeſſen, werde ich nicht anführen; möge es genug ſein zu wiſſen, daß ich Ihre zärtlichen Verhältniſſe kenne, und daß es mir auch bekannt iſt, daß es die Perſon, die Sie jezt beherrſcht, war, welche Sie bewog, meinen Namen und meine Perſon dem Scandale und dem Gelächter Preis zu geben. Und wenn ich lebe bis meine aare ſo weiß wie Schnee werden, ſo werde ich doch nicht die Beleidigung meiner Ehre vergeſſen, welche Sie mir zugedacht hatten. dwin fuhr mit der Hand über die Stirne. El⸗ bückte ihren Kopf herab. Es entſtand eine Stille. — Was ich hinzuzufügen habe,— fuhr Edwin fort,— iſt nicht viel; es bezieht ſich nur darauf, mein Anſehen vor der Welt zu retten. Sie, welche die Abſicht gehabt haben, daſſelbe zu kränken, müſ⸗ ſen auch das, was Sie verbrochen haben, ſühnen. Das Gerücht, daß Lady Caſterton die Abſicht ge⸗ habt habe, auf der Vühne aufzutreten, wird morgen in allen Cirkeln Londons curſiren. an wird auf der Börſe wie überall davon ſprechen und hinzufügen, daß der Scandal durch meine 32 Dazwiſchenkunft verhindert worden ſei. Man wartet jetzt auf einen neuen ſolchen, welcher auf das popu⸗ läre Parlamentsmitglied, auf den ſtolzen Lord einen Schatten werfen und den Namen verdunkeln kann, den die Nation verehrt;— aber man wird vergebens warten.— Morgen fahren Sie mit mir nach Hyde Park. Die faſhionable Welt iſt dann dort und wird uns zuſammen ſehen. Morgen Abend beſuchen wir Lord D—s Soirée, nachdem wir uns vorher eine Zeit lang in der Italieniſchen Oper gezeigt haben.— Kurz, meine Gnädige, mein Wille iſt, daß Sie künf⸗ tig ebenſo beharrlich an meiner Seite bleiben⸗ wie Sie bisher davon entfernt geweſen waren.— Gibt es in Ihrer Bruſt irgend ein Rechtsgefühl, ſo müſſen Sie einſehen, daß Sie mir und dem Namen, nach welchem Sie geſtrebt, es ſchuldig ſind, vor der Welt die Rolle einer glückichen Gattin zu ſpielen. Elvira weinte. „Verſuchen Sie nicht mich dazu zu bewegen, unſere Ehe aufzulöſen; es wird Ihnen nie gelingen!— Sind Sie an meiner Seite unglücklich, ſo bin ich es nicht, weniger an der Ihrigen; aber demohngeachtet wer⸗ den Sie Lady Caſterton bleiben.— Stellen Sie deshalb nicht noch mehr Scandale an! Sie würden dadurch nur unſer nicht glückliches Zuſammenleben in eine wirk⸗ liche Hölle verwandeln.— Sie haben in mir einen ſtrengen Richter, welcher genau darüber wachen wird, daß Sie mir keinen Schimpf anthun.— Mit dieſem Abend nimmt Miſtriß Brow wieder ihren Platz als Ihre Geſellſchafterin ein; Fräulein K—hjelm mag bleiben, wenn ihr ſo beliebt; aber all Ihre übrige Bediemng 33 verabſchiede ich und wähle ſelbſt diejenigen Perſonen, mit welchen Sie umgeben ſein werden. — Jetzt habe ich weiter Richts hinzuzufügen. Sie haben meinen Willen gehört, richten Sie ſich darnach; dieſes iſt das Einzige, welches Ihnen zu thun übrig bleibt. — Ich werde es auch,— antwortete Elvira und erhob ihren Kopf. Der Thränenſtrom hatte aufgehört und das vor⸗ her ſo Aufgeregte in ihren Geſichtszügen war ver⸗ ſchwunden. Sie ſah den Mann mit einem faſt ruhi⸗ gen Blick an und fügte in ernſtem Tone hinzu: — Sie haben geſagt, Mylard, daß ich mich als eine Frau ohne Begriff von Ehre gezeigt habe.— Es iſt möglich, daß Sie Recht haben, ich will es nicht beſtreiten; aber ich werde künftig ſo handeln, daß Sie nicht noch einmal Grund bekommen, eine ſolche Anklage gegen mich zu erheben; daß ich jetzt alle die Beſchuldigungen, welche Sie gemacht, ſchwei⸗ gend hingenommen, iſt geſchehen, weil Sie mir Schwei⸗ gen aufgelegt hatten.— Ich habe Ihnen gehorcht, Mylord, und die Zukunft allein wird zeigen, ob ich alle die Vorwürfe, die Sie mir gemacht, verdient habe.— Wahr iſt es, daß ich mich in den rechten Mitteln geirrt; aber Derjenige, welcher in meinem und Ihrem Herzen lieſt, möge zwiſchen uns rich⸗ ten.— Jetzt bleibt mir nur übrig, Ihrem Willen zu gehorchen.— Verabſchieden Sie von meiner Umgebung welche Perſonen Sie wollen; nehmen Sie Andere an, die nach Ihrem Geſchmack ſind; ich werde nichts gegen das, was Sie beſchloſſen, einzuwenden haben. — Und darin handeln Sie am klügſten,— ſiel Schwartz, Gold und Name. II. 3 34 Edwin ein, und jetzt will ich Sie nicht länger auf⸗ halten,— fügte er hinzu. Dieſe Etage iſt die unſrige. Ihre Zimmer liegen links von dieſem Sa⸗ lon, die meinigen rechts. Sie mögen Befehl geben, daß Ihre Sachen von den Gemächern eine Treppe höher hierher gebracht werden. Edwin ergriff den Klingelzug und läutete. Sein Kammerdiener trat ein. — Die Lady hat einen Befehl zu ertheilen,— ſagte er und verließ das Zimmer. Während der Nacht, die darauf folgte, kam kein Engel des Schlafes, um ſich über die beiden Gatten zu erbarmen. Edwin wanderte, ein Raub der widerſtreitendſten Gefühle, raſtlos hin und her. Sein Stolz, Selbſt⸗ gefühl und Hochmuth waren auf eine ſo fühlbare Weiſe verletzt worden, daß der Zorn, den er empfunden, jetzt, wo er den Ausbruch deſſelben nicht zurückzu⸗ halten brauchte, wieder aufloderte. Die geballten Hände, die finſteren Augenbrauen, die zuſammengepreßten Lippen, Alles zeigte, daß der Sturm, welcher in ihm wüthete, ein gewaltiger ſei. Er konnte ſeine Gedanken von all den Gerüchten nicht trennen, die in Umlauf kommen— und von den Flüſtereien, die entſtehen würden, wenn er aufträte; und wenn er daran dachte, wie es geweſen ſein würde, falls er einige Minuten zu ſpät auf's Thea⸗ ter gekommen wäre, dann begriff er ſelbſt nicht, woher er ſo viel Gewalt über ſich bekommen, daß 1 — — 35 er im erſten Ausbruch ſeines Zornes nicht Diejenige tödtete, welche mit dem Heiligſten, was er beſaß, mit ſeinem Namen und Anſehen geſpielt.— Unter dem Einfluß ſeiner aufgeregten Gefühle kam es ihm vor, als wenn weder Zeit noch Verhältniſſe ihn wür⸗ den bewegen können, Elvira das Böſe zu verzeihen, welches ſie ihm zugefügt. Während Edwin das, was ſich zugetragen, in Gedanken durchging und auf dieſe Weiſe ſeine Er⸗ bitterung über Elvira's Benehmen unaufhörlich ſtei⸗ gerte, ſaß ſie in einen Lehnſeſſel zurückgelehnt und ging unparteiiſch die vergangenen Jahre durch. Es kam ihr vor, als wäre ſie aus einem ſchmerz⸗ lichen und fieberhaften Traume aufgewacht, welcher von der Stunde gedauert, wo ſie dem Geſpräche zwiſchen Sidney und Edwin auf Hartoncourt zuge⸗ horcht hatte. Alle die Gefühle, welche ſie ſeitdem abwechſelnd beherrſcht, alle die Eindrücke, die einander abgelöſt und ſie bewogen hatten ſo zu handeln, wie ſie es gethan, die ging ſie jetzt durch. Es herrſchte in ihrer vorher ſo aufgeregten Seele eine eigene ſchmerzliche Ruhe, welche zur Folge hatte, daß ſie Alles im rechten Lichte der Wahrheit be⸗ trachtete. Alle begangene Fehler grinsten ihr in ihrer Un⸗ verbeſſerlichkeit entgegen, um ihr zu zeigen, daß ſie ſelbſt diejenige geweſen, welche die Gegenwart ſo düſter und die Zukunft ſo hoffnungslos gemacht. Sie wünſchte ein Ziel zu haben; aber wie ein ſolches finden, ſeit ſie die Achtung ihres Mannes verſpielt? Das, was geſchehen, ungeſchehen zu machen, ſtand nicht in ihrer Macht, und Edwin hatte erklärt, daß er es nie vergeſſen würde. Was blieb übrig? Nur ſich ganz willenlos von den Ereigniſſen leiten zu laſſen und vor dem Willen desjenigen ſich beugen, den ſie beleidigt hatte. Elvira hatte in ihr Schickſal eingreifen wollen und es gewünſcht, die Entwicklung deſſelben zu um⸗ ſchaffen und zu beſchleunigen. Aber was hatte ſie gewonnen? Nichts, als daß ſie noch mehr allen Frieden von ſich entfernt. Ihre Abſicht war gewe⸗ ſen, Glück und Zufriedenheit hervorzuzaubern; ſie hatte das Gegentheil bewirkt. Elvira wurde von den bitterſten Selbſtanklagen, von der größten Unzufriedenheit mit ihrem vergan⸗ genen Leben verfolgt und würde Jahre ihres Lebens darum gegeben haben, um von vorne wieder anfan⸗ gen und Alles, was ſie jetzt bereute, zurücknehmen zu können. In demſelben Verhältniß, in welchem die Unzu⸗ friedenheit mit ihr ſelbſt zunahm, verminderte ſich diejenige, welche ſie mit Edwin empfunden. Wenn Elvira während dieſer langen und ſtillen Stunden hätte meinen können; wenn ihr Inneres heftig aufgeregt geweſen wäre, dann würde dieſes Blicken in den Spiegel der Wahrheit ihr weniger ſchmerzlich vorgekommen ſein; aber jetzt— jetzt— lag in dieſem beſonnenen Reflectiren etwas ſo Mar⸗ terndes, daß ſie einen unbeſchreiblichen Widerwillen mit ihrem eigenen Ich empfand und den innigen Wunſch verſpürte, ihren Fehlern und Unvollkommenheiten entfliehen zu können. 37 Als der Morgen herankam, ſaß ſie noch in dem⸗ ſelben Stuhl und mit demſelben Bilde begangener Verirrungen vor den Augen. Die Erſte, welche eintrat, war Armida. Sie öffnete ganz vorſichtig die Thüre zum Schlaf⸗ zimmer, ſtreckte den Kopf hinein und flüſterte: — Iſt Elvira wach? Beim Klange ihrer Stimme that Elvira einen tiefen Athemzug, und Etwas gleich Dankbarkeit gegen Armida, welche ſie aus ihrem traurigen Gedanken⸗ gang herausriß, durchflog ihre Seele. Kummer über ſich ſelbſt, Reue über begangene Fehler und Unzufriedenheit mit den Motiven, welche e geleitet, das ſind die ſchwerſten aller Seelen⸗ eiden! Man weint heute eben ſo bitter darüber, wie man es geſtern gethan und wie man es morgen thun wird. Jede, ſelbſt die geringſte Ableitung von dem. Brüten über das, was nicht zurückgenommen wer⸗ den kann, iſt eine Wohlthat, und man fühlt ſich dankbar gegen denjenigen, welcher die cllergeringſte Veränderung im Kreislaufe der Gedanken bewirkt. Elvira grüßte auch Armida mit aufrichtiger Herz⸗ lichkeit. — Wie ſteht es, Elvira,— ſagte Armida und ergriff ihre Hände,— Du biſt bleich und kalt; was iſt paſſirt und warum biſt Du hier und nicht auf der Villa? Sprich, ſage mir, was ſich zugetra⸗ gen hat! — Armida,— ſagte Elvira,— mache mir keine Fragen; ich werde ſie doch nicht beantworten! Alles iſt gut. Der Lord und ich haben uns erklärt. Ich 38 habe Unrecht gehabt, ich ſehe es jetzt ein und fühle mich zufrieden, daß ich es erkannt habe. Künftig werden mein Mann und ich zuſammenleben. Fräulein K—hjelms Augen ruhten auf Elviras Geſicht, um darin auszuforſchen, was vorgekom⸗ men ſei. — Deine Worte, meine gute Elvira, klingen be⸗ ruhigend,— ſagte ſie;— aber Dein ganzes Aeu⸗ ßere widerſpricht denſelben. Man lieſt darin, daß Du irgend eine ſchwere und ſchmerzliche Kriſis durch⸗ lebt haſt. Du willſt mir dieſelbe nicht anvertrauen, und ich— ich habe kein Recht, das, was ſich zuge⸗ tragen, ausforſchen zu wollen;— aber ich leide da⸗ durch mehr als Du glaubſt, daß ich in Deinen Zü⸗ gen leſe, daß Du namenlos unglücklich biſt.. — Wenn ich es bin,— fiel Flvira traurig ein,— ſo bin ich es durch mich ſelbſt und meine fehlerhaften Handlungen. In dieſen liegen mein Unglück und der Grund meines Kummers. — Ah, dieſer Mann iſt alſo nicht damit zufrie⸗ den, Dich auf alle erdenkliche Weiſe zu verletzen und zu demüthigen,— rief Armida unwillig, es iſt ihm auch gelungen die Verantwortung für ſeine Fehler auf Dich abzuwälzen! O, Du arme, ge⸗ liebte Elvira, wenn ich doch den Tag erleben könnte, wo Du frei und glücklich wäreſt; wo dieſer Lord Caſterton beſtraft würde für——— — Stille! Nicht ein Wort von ihm!— un⸗ terbrach ſie Elvira in beſtimmtem Tone.— Wenn er gefehlt hat, ſo habe ich es nicht minder. Meine Schuld wird es immer ſein, die Abſicht gehabt zu haben, ihn zu verletzen und zu demüthigen; daß mir 39 dieſes mein elendes Bemühen nicht gelang, dafür bin ich ihm zum Danke verpflichtet. Und jetzt, Ar⸗ mida, wenn Du Freundſchaft für mich hegſt, dann kein Wort mehr von meinem Manne! Ich will ſeine Schwächen nicht kennen lernen, wünſche nichts zu wiſſen, worauf dieſelben Bezug haben,— und Caſter⸗ tons Name darf nicht zwiſchen uns genannt werden; verſpreche mir das! Elvira reichte Armida die Hand. — Ich werde ihn nicht nennen,— antwortete Armida,— aber wenn ich auch gezwungen bin zu ſchweigen, ſo hält das mich nicht ab, ſein Benehmen zu mißbilligen und zu verabſcheuen. — Armida!— brach Elvira in warnendem Tone aus. — Werde nicht böſe!— bat dieſe und küßte Elvira. — Ich werde nichts ſagen und mein eigentlicher Zweck mit dieſem frühen Beſuch war, Dir dieſes zu übergeben. Sie reichte Elvira einen Brief und beztrachtete ſie zu gleicher Zeit mit ſpionirenden Blicken. El⸗ ii warf die Augen auf die Handſchrift und er⸗ röthete. — Ich täuſchte mich nicht,— dachte Armida,— der Brief iſt von Sir Sidney. Laut bemerkte ſie in gleichgültigem Tone: — Jetzt werde ich mich entfernen und Deine Kammerjungfrau hierher ſchicken, wenn Du es wün⸗ e oder vielleicht bedarfſt Du noch nicht ihrer ülfe* — Ich werde läuten, wenn ich ſie nöthig habe,— 6 antwortete Elvira, die Augen auf den Brief geheftet. — Wie Du wilſſt. Armida ging auf die Thüre zu. — Sage mir, bevor Du gehſt,— ſprach El⸗ vira,— wie kamſt Du dazu, mich hier aufzuſuchen? Wer hat Dir geſagt, daß ich die Nacht in dieſer Wohnung zubringen würde? — Der Lord. — Haſt Du ihn geſehen? — Rein, er ließ mir ſpät geſtern Abend dieſes Billet zuſtellen. Armida reichte Elvira einen geſchriebenen Zettel. Derſelbe enthielt folgende Zeilen: „Miß K—hielmi Ich erſuche Sie, morgen ge⸗ fälligſt die Villa zu verlaſſen und Lady Caſterton, welche jetzt in unſer Hotel in London gezogen iſt, zu beſuchen. Edwin Caſterton.“ Elvira gab das Billet zurück und Armida bemerkte indem ſie es einſteckte: — Dieſes lakoniſche Schreiben raubte mir allen Schlaf und verſetzte mich wegen Deiner in eine tödt⸗ liche Angſt. Ich bildete mir alles mögliche Traurige ein. Auch hatte der Tag kaum angefangen zu grauen, als ich hierher fuhr. Mit diefen Worten ſprang Armida auf Elvira zu, umarmte und küßte ſie und fügte hinzu: — Der Portier theilte mir mit, daß in der zwei Treppen höher liegenden Gtage ſich meine Zimmer befinden. Ich gehe jetzt, um ſie in Augenſchein zu nehmen. 41 Elvira war allein. Mit glühenden Wangen erbrach ſie das Siegel des Briefes, welchen Armida ihr übergeben, und las; „Lady Caſterton! Es iſt das zweite Mal in meinem Leben, daß ich die Feder ergreife, um Ih⸗ nen zu ſchreiben. Aber mit welchen ungleichen Ge⸗ fühlen und unter welchen ungleichen Verhältniſſen geſchieht nicht dieſes! „Iſt es denn möglich, daß ich mich ſo vollſtän⸗ dig in Ihnen geirrt habe, wie es den Anſchein ha⸗ ben will? „Wenn dem ſo iſt, dann habe ich Sie nicht ge⸗ liebt, wie Sie ſind, ſondern als die, für welche ich Sie gehalten. „Ich bin alſo gezwungen, einen Irrthum zu be⸗ klagen und eine der ſchönſten Illuſionen, die ich ge⸗ habt, zu beweinen. „Sie waren für mich das Bild der wahren, edlen Weiblichkeit. Sie beſaßen ein Herz, welches ebenſo rein wie gut, ebenſo erhaben wie liebend war, und einen Charakter, welcher ebenſo feſt wie hingebend, ebenſo entſagend wie wirklich ſtolz war. „An Ihrer Seite mußten, ſo ſchien es mir, Elück, Frieden und Segen blühen, wie widrig auch das Schickſal ſich ſonſt geſtalten möchte. „So war diejenige Elvira, für welche ich einſt zu leben und zu ſterben wünſchte. „Wir trennten uns;— aber wir begegneten uns wieder. Sie waren dann die Gattin meines beſten Freundes. „Schon damals gab es Vieles, das ich an Ih⸗ 42 nen mißbilligte; aber Sie waren jung, und ich dachte: ſie wird es lernen, auf eine würdige Weiſe die ſchwierige Aufgabe zu löſen, welche ſie übernom⸗ men hat. „Ich bezweifelte nicht, daß das Weib, das ich geliebt, eine ausgezeichnete Gattin werden würde; aber ich betrog mich.— Sie täuſchten meine Er⸗ wartung und verließen den Mann, welchen Sie frei⸗ willig gewählt. „Zwei Jahre vergingen, während welcher ich Sie nicht ein einziges Mal aus dem Geſicht verlor.— Sie führten ein eingezogenes Leben; aber Sie fuhren fort, von ihm, deſſen guter Engel Sie hätten ſein ſollen, getrennt zu leben!— Sie ſahen mit der größten Gleichgültigkeit zu, wie er ſich einer uner⸗ laubten Neigung hingab. Sie ſuchten nicht nach dem rechten Grund dieſes Uebels, ſondern klagten Ihren Mann an und erbitterten Ihr Herz gegen ihn. „Es war damals, wo ich Sie aufſuchte.— Ich hatte Sie ſo ſehr geliebt, daß jeder Fehler und Mißgriff von Ihrer Seite mich ſchmerzte. „Sie iſt jung und unerfahren und beſitzt keinen Freund, der ſie darüber aufklärt, wie ſie handeln muß,— dachte ich und ging, um mit Ihnen als mit meiner ergebenſten Freundin zu ſprechen. „Meine Eitelkeit war groß genug, um mir die Hoffnung einzuflößen, daß meine Worte und meine Rathſchläge nicht ohne alle Bedeutung für Sie blei⸗ ben würden. „Ich kam, vollkommen überzeugt, etwas Gutes wirken zu können; ich entfernte mich von Ihnen in der Ueberzeugung, es gethan zu haben. 43 „Einige Monate vergingen. Caſterton fuhr fort, in Schweden zu verweilen.— Ich glaubte jetzt, daß eine innige Annäherung zwiſchen Ihnen und ihm ſe und dieſe Ueberzeugung befriedigte mich. „Die Marquiſin ſtarb.— Noch einige Zeit blieb Caſterton in Ihrem Heimathlande; dann kehrte er ganz plötzlich nach England zurück, aber— ohne Sie. Um die Gedanken an die neuen Wunden zu ver⸗ ſcheuchen, welche Sie ihm zugefügt hatten, widmete er ſich einem thätigen Leben. „Ah, Mylady, ich will nicht von den Monaten ſprechen, während welcher Sie auf die herzloſeſte Weiſe Ihren Gatten zum Beſten hatten.— Seit über einem Jahre ſind Sie jedesmal, wenn er nach einem Orte, wo Sie ſich aufhielten, kam, ihm ent⸗ flohen, und Sie haben ihn offenbar zu irgend einem Schritt zwingen wollen, welcher mit ſeiner Stellung in der Geſellſchaft unverträglich war. „Während ſeine Landsleute mit Bewunderung ſeinen Kämpfen im Parlamente für den wahren Fortſchritt lauſchten und ſeine Zeitgenoſſen in ihm den Verfechter der Ideen der rechten Freiheit ver⸗ ehrten, machte ihn ſeine Frau zum Gegenſtand des geheimen Spottes und der Verläumdung.. „Während England ihm als einem ſeiner aus⸗ gezeichnetſten Talente huldigte, verhöhnten Sie ihn, als wäre er ein elender Narr. „Dachten Sie denn nicht daran, wie dieſe be⸗ ſtändigen Nadelſtiche der Schmähung, welche durch Sie hervorgerufen wurden, einen ſo ſtolzen Charakter reizen würden? Bedachten Sie nicht, daß Sie da⸗ 44 durch ganz andere Reſultate, als die, welche Sie wünſchten, erzielen würden? „Sie hatten jedoch noch nicht dem Werke die Krone aufgeſetzt.— Sie hatten nur den ſtillen Flü⸗ ſtereien Nahrung gegeben. Sie waren damit nicht zufrieden. Sie mußten einen öffentlichen Scandal haben. „Darum kamen Sie nach England. Sie traten dort wie überall mit dem Glanze auf, welchen Ihr Geld und Ihr Name Ihnen zu entwickeln er⸗ laubte,— aber immer Ihrem Manne ausweichend. „Nachdem Sie durch Ihren Beſuch des Balles vom ſchwediſchen Miniſter Gelegenheit erhalten hat⸗ ten, ſich der faſhionablen Welt Londons zu zeigen, hielten Sie den Augenblick für paſſend, denjenigen Scandal zu machen, den Sie Lord Caſterton zuge⸗ dacht, indem Sie ſeine Gattin auf der Bühne auf⸗ treten laſſen wollten. „Man kann in ſeinem Rachedurſt nicht weiter gehen, als Sie es gethan. „Daß Ihr Plan nicht gelungen, dafür müſſen Sie Ihrem Manne und einer höhern Macht danken; denn wäre er gelungen, dann würden Sie ſich ſelbſt ſo verächtlich gemacht haben, daß Sie nie mehr die allgemeine Achtung hätten gewinnen können. „Dieſes, meine gnädige Frau, iſt eine kurze Schil⸗ derung Ihrer Handlungen. „Wollten wir die Motive unterſuchen, dann fürchte ich, daß nichts übrig bliebe, was Sie entſchuldigen oder rechtfertigen könnte. „Ich will auch nur die Frage hinzufügen: Glau⸗ ben Sie, daß, wenn Sie von Lord Caſterton geſchie⸗ 45 den worden wären, das Glück Ihnen an der Seite des Mannes geblüht haben würde, um deſſen willen Sie ſich ſelbſt und den Namen, welchen Sie tragen, ſo ſchwer compromittirt haben?— Glauben Sie, daß ein Mann, welcher einer verheiratheten Frau räth, ihren Mann vor der Welt in ein ſchlechtes Licht zu ſtellen, ein Mann von Ehre iſt? „Nein, er iſt ein Schurke. Wenn Sie heute frei werden und ihm morgen Ihre Hand ſchenken könn⸗ ten, dann würden Sie übermorgen entdecken, daß Sie ſich mit Lord Caſtertons Rächer vermählt hätten. „Ich weiß nicht, was Caſterton über Sie be⸗ ſchloſſen hat; ich weiß nur, daß meine frühere Nei⸗ gung für Sie mich veranlaßt hat, die Feder zu er⸗ greifen und Ihnen die Warnung zu geben, daß Sie ſich künftig von den edleren Inſtincten in Ihrer Bruſt leiten laſſen möchten. Sie haben ſich viel 1 lange von dem ſchlimmern Menſchen beherrſchen aſſen. „Ich hoffe nunmehr nicht viel, ſondern ich fürchte in der That, daß ich meine Worte und Rathſchläge an derjenigen verſchwendet habe, welche keine Rück⸗ ſicht darauf nehmen wird. Nehmen Sie ſich indeſſen in Acht, noch einmal Ihren Gatten zu beleidigen; es gibt nicht immer eine Madame M—, die man zwiſchen ihn und das Publicum werfen kann, um ſeine Ehre zu retten; und er möchte, falls Sie ihn zum Aeußerſten treiben, Ihnen eine Freiheit wieder⸗ geben, welche mit ſeinem Blute befleckt wäre. „Leben Sie wohl, Lady Caſterton! Wir werden uns recht bald begegnen, aber Sie dürften entſchul⸗ 46 digen, wenn Sie nicht mehr in mir wiederfinden den früheren ergebenen Freund Sidney Lembourn.“ Elvira ließ den Brief auf die Kniee fallen und faßte ſich um den Kopf, indem ſie verzweifelt rief: — Auch er verurtheilt mich!— O, mein Gott, was habe ich gethan! Wie ſoll ich das Böſe wieder gut machen. Einige Augenblicke ſtürmiſchen Schmerzes folgten. Die Thränen, welche die ganze Nacht gehemmt ge⸗ weſen, brachen jetzt hervor. Es war, als wenn ein wilder Orkan losgebraust und verheerend über die düſtere Windſtille der Seele dahin gezogen wäre.— Ebenſo heftig, wie der Aus⸗ bruch geweſen, ebenſo raſch hörte derſelbe auf. Elvira trocknete die Thränen, nahm den Brief wieder auf und murmelte: — Wos ſchrieb er davon, daß ich frei werden wollte, um einem Andern meine Hand zu ſchenken? Sie las noch einmal dieſen Theil des Briefes; als ſie damit zu Ende war, faltete ſie die Hände, blickte nach der Höhe und flüſterte bei ſich: — Der da oben weiß, daß dieſe Anklage falſch iſt, daß es kein unreines oder unwürdiges Gefühl in meiner Bruſt gibt. Nachdem ſie dieſe Worte hervorgeſtammelt, ſprang ſie auf und rief ängſtlich: — Aber was, was meint er? Wen beſchuldigt er mich, daß ich liebe? Jemand klopfte an die Thüre: Elvira legte den Brief zuſammen und verbarg 47 ihn. Die Klopfende trat ein; es war ihre Kammer⸗ jungfrau. Sie übergab Elvira ein kleines Billet vom Lord. Daſſelbe lautete: „Ich wünſche,— hieß es in dem Schreiben,— daß Sie ſelbſt Ihre Bedienung verabſchieden, und das bevor wir uns im Speiſeſaale ſehen, um ge⸗ meinſchaftlich unſern Thee zu nehmen.— Dabei wünſche ich, daß Sie allen Briefwechſel aufgeben, der nicht beſtimmt iſt, von Ihrem Manne geleſen zu werden.— Sie dürften bei genauerem Nachdenken über die Vergangenheit dieſes in der Ordnung finden. „Mit dem heutigen Tage fangen die Rollen, die wir ſpielen ſollen, und die damit eine vollkommene Beſchränkung Ihrer früheren Freiheit ſind, an.— Suchen Sie vor Anderen ein lächelndes Geſicht zu zeigen! Sie entziehen dadurch uns beide der allge⸗ meinen Neugierde und werden vielleicht Sie und mich vor allen ehrenkränkenden Gerüchten retten, welche Sie hervorgerufen haben.— Sie haben bisher Ih⸗ rem Egoismus geopfert; Sie müſſen künftig dieſel⸗ ben Opfer dem Schein bringen. „In einer Stunde finde ich mich bei Ihnen ein, und hoffe dann, daß Sie mich von Ihrer gegenwär⸗ tigen Bedienung in meinem Hauſe befreit haben.— Ich habe bereits eine neue für Ihre Rechnung en⸗ gagirt. Edwin Caſterton.“ Als Edwin und Elvira ſich etwas ſpäter ſahen, fand er ſie äußerlich ruhig. Die bleichen Wangen, die verweinten Augen, der matte Geſichtsausdruck, 48 kurz Alles ſprach davon, wie das junge Weib ſeine Nacht zugebracht hatte; aber ſie war trotzdem ſorg⸗ fältig angezogen. Elviras ganzes Weſen hatte etwas Demüthiges, woraus Edwin ſchließen konnte, daß ſie ihren Ent⸗ ſchluß gefaßt und jetzt ſich ſeinem Willen zu fügen beabſichtigte. Edwins Benehmen gegen Elvira war kalt, ſeine Haltung ſtolz und ſein Geſicht ſo ſtreng, daß das Herz des jungen Weibes zitterte. Wir wollen nicht im Detail die Zeit ſchildern, welche jetzt folgte, nicht von all den ſchmerzlichen und bitteren Stunden, welche Elvira hatte, und nicht von der inneren Disharmonie ſprachen, welche in ihrer Seele obwaltete. Wir wollen nur erwähnen, daß ſie ihr Schickſal mit einer Seelenſtärke und einer Geduld ertrug, welche von ihrer Charakterfeſtigkeit in der That ein vortheilhaftes Zeugniß ablegte. Es würde verzeihlich geweſen ſein, wenn Elvira einmal die Geduld verloren, wenn die Hoffnungs⸗ loſigkeit ihres Lebens ſie niedergeſchlagen hätte, und wenn ſie verſucht hätte, ſich gegen den Willen desjeni⸗ gen aufzulehnen, welcher ſie ſo oft auf eine ſo drückende Weiſe ihre Abhängigkeit fühlen ließ. Lord Caſterton, welcher ſeit ſeiner Heirath ſehr wenig am eigentlichen geſellſchaftlichen Leben theil⸗ genommen und faſt ausſchließlich ſeine Zeit dem Parlamente, Studien oder Reiſen gewidmet hatte, fing jetzt eine ganz andere Lebensweiſe an.— Bei 49 allen Feſtlichkeiten, Bällen, Concerten und Schau⸗ ſpielen ſah man Lord und Lady Caſterton. Ihr eigenes Haus wurde ein Sammelplatz für die vor⸗ nehme Welt, und man wurde es bald müde, die Geſchichten, welche circulirten, zu wiederholen, um von der Pracht und dem Luxus zu ſprechen, mit welchem Lord Caſterton ſeine Frau umgab. Man ſprach auch allgemein von ihr, als von einer höchſt liebenswürdigen und einnehmenden Frau, welche auf ihre Weiſe es verſtand, wahre weibliche Würde mit derjenigen einnehmenden Herzlichkeit zu vereinigen, die Sympathie für ſich gewinnt. Niemals ſah man eine Wolke auf ihrer Stirne, oder etwas, das irgend etwas Launiſches in ihrem Temperament andeutete. Gewiß mußte dieſes Weib, das immer ein Lächeln auf ſeinen Lippen hatte, glücklich ſein. Gewiß mußte jetzt innere Harmonie zwiſchen dieſen Gatten obwalten, die immer zuſammen waren. So viel man auch zu forſchen ſuchte, ſo entdeckte man doch nicht eine Veränderung in ihrem Geſicht, welche die Behauptung gewiſſer Perſonen beſtätigte, daß der Lord und ſie nicht ſo ganz glücklich zuſam⸗ menlebten, ſondern daß er ein ſtrenger und herrſch⸗ ſüchtiger Herr in ſeinem Hauſe ſei. Es fand ſich indeſſen nicht ein Schatten von Furcht in dem Be⸗ nehmen Elvira's, und nichts Sclaviſches in ihren ewegungen, ſondern es ſchien, wenn Edwin einen Wunſch ausſprach, als hätte er nur das, was ſie dachte, in Worte gekleidet, ſo natülich fiel es ihr, ſeinen Willen zu thun. Schwartz, Gold und Name. II. 4 5⁰ Das war die Außenſeite der Medaille, welche die Welt ſah. Lord Caſterton hatte gewünſcht, daß Elvira die Rolle einer glücklichen Frau ſpielen ſollte; ſie that es auch, aber auf eine ſolche Weiſe, daß die Menge ſie wirklich dafür hielt. Edwin hatte geſagt, daß dieß das einzige Sühnopfer ſei, welches ſie ihm bringen könnte, und ſie that Alles, damit daſſelbe ein vollſtändiges werde. Niemand konnte die Fehler, welche ſie gemacht hatte, ſtrenger beurtheilen, als ſie ſelbſt.— Aber in dieſem Gefühl der Reue lag Etwas, welches den Glauben an die Zukunft entfernte. Sie wagte nicht an die Möglichkeit zu denken, daß es zwiſchen ihr und Edwin beſſer werden könne, als es ſei, ſon⸗ dern daß der Reſt ihres Lebens für ſie eine lange Buße werden müſſe. Edwin war entweder kalt und befehlend, oder kalt und artig, aber nie herzlich oder freundſchaft⸗ lich. Traf es ſich einmal, daß ſich ein Schimmer von Güte in ſeine Worte einſchlich, dann konnte Elvira ſicher ſein, daß er ſich nachher ſteifer und abgemeſſener als gewöhnlich benahm. Es ſchien, als wenn er dieſe Ausdrücke des Mitleids be⸗ reute, und Elvira empfand bei dieſen Proben der Unverſöhnlichkeit von Seiten des Mannes einen bittern Schmerz. Fügt man hier noch hinzu, daß es drei Perſo⸗ nen gab, mit welchen Elvira oft zuſammentraf, und von denen jede für ſich eine wirkliche Plage für ſie war, dann mußte man zugeben, daß die Rückſeite 51 der ehelichen Medaille durchaus nicht zu der Außen⸗ ſeite paßte, Dieſe drei Perſonen, welche ihre Leiden ver⸗ mehrten, waren Sidney, Martha und Carl Bro⸗ gren. Erſterer vermied es nunmehr ſorgfältig, in irgend eine eigentliche Berührung mit Elvira zu kommen. Wenn ſie ſich trafen, wechſelte er nie andere Worte mit ihr, als die gewöhnlichen Höflichkeitsphraſen. Wenn dieſe ausgetauſcht waren, zog Sidney ſich zurück, und es kam nicht mehr vor, daß er ſich mit Elvira in irgend eine Converſation einließ. Martha Stangenſtjöld ſchien ihn dagegen ſehr zu intereſſiren. Martha war ſeit einem Jahre in London. Unter dem Schutz einer Tante, Gräfin G—, lebte ſie'in den höheren geſellſchaftlichen Kreiſen und wurde all⸗ gemein für eine reiche Erbin gehalten. Ueberall, wo Elvira hinkam, begegnete ſie Martha. Ihren guten Vorſätzen und ihrem Entſchluß treu, nicht einmal durch eine Miene ihrem Manne Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben, konnte Elvira doch nicht ihrem Herzen gebieten, ruhig zu bleiben, wenn ſie mit jener Martha zuſammentraf, von der ſie meinte, daß ſie Edwin's Liebe beſäße und Sidney's Intereſſe erregte. Edwin benahm ſich zwar nicht mehr als Mar⸗ tha's Anbeter, aber doch kam es Elvira vor, als hätte Edwin, wenn ſie in Geſellſchaft zuſammen waren, nur für Martha Gedanken und Augen. Edwin lachte niemals und lächelte höchſt ſelten; aber wenn er mit Martha einige Worte 52 dann kam es recht oft vor, daß ein Lächeln ſeine Stirne aufklärte. Es ſchmerzte Elvira, daß Martha die Einzige ſei, welche einen Schimmer von Fröhlichkeit auf dieſem ſtrengen und ernſten Geſichte hervorzulocen vermochte. Armida ſprach nicht mehr von Martha und Edwin; aber ſie ließ über das Worte fallen, was ſie Sidney von der Erſteren hatte ſagen hören, und da kamen immer Ausdrücke vor, aus welchen Elvira ſchließen konnte, daß ihr Mann fortwährend Martha beſuchte. Dieſe immerwährenden und unzähligen Nadel⸗ ſtiche, welche die empfindlichſten Gefühle Elvira's trafen, machten die Rolle, welche ſie zu ſpielen be⸗ ſchloſſen hatte, mit jedem Tag ſchwerer und ſchwe⸗ rer; aber trotzdem führte ſie dieſelbe conſequent durch. Wahr iſt es, daß die Wangen bleicher und ſchmäler wurden, und daß der Morgen ſie mit ver⸗ weinten Augen und troſtloſer Miene fand; aber wenn ſie in den Speiſeſaal hinaustrat, um ihrem Monn zu begegnen, dann hatte das Geſicht die ruhige Maske vor, hinter welcher ſo viele Seelen⸗ leiden ſich verbargen. Der Kummer, welcher ſtille und ohne irgend einen Vertrauten auf dem Grund des Herzens lag, blickte nie öfter aus dem Spiegel des Auges hervor, als wenn ſie allein war. Von allen ihren Plagen, war wahrſcheinlich die⸗ jenige, welche Carl Brogren ihr bereitete, die größte, weil ſie einſah, daß er ihr ſchadete, indem er ihr * 53 eine zudringliche Aufmerkſamkeit zeigte und dabei unaufhörlich auf jenes Geheimniß hindeutete, welches finſter und undurchdringlich über Elvira's Geburt ſchwebte. Carl Brogren war bei der ſchwediſchen Legation in London engagirt.— Durch dieſe ſeine Stellung kam er in die Kreiſe, von welchen Elvira durch den Rang ihres Mannes ſelbſtverſtändlich Mit⸗ glied war. Elvira mußte alſo mit ihm zuſammentreffen. Außerdem fand ſie ihn immer in den Schau⸗ ſpielen und auf den Promenaden, welche ſie beſuchte, und bei allen dieſen Gelegenheiten wurde ſie von ſeinen Blicken verfolgt, und das auf eine Weiſe, daß Lord Caſterton argwöhnen mußte, es finde zwiſchen ihnen ein geheimes Einverſtändniß ſtatt. Sie verſuchte ihm auszuweichen; aber es gelang nicht. Sie fand ihn fortwährend auf ihrem Wege wieder. Sie zeigte ihm die augenfälligſte Verach⸗ tung; aber er erwiederte dieſes ihr Benehmen mit einer lächelnden Höflichkeit und ließ ſich dadurch weder verletzen noch abſchrecken. Er fuhr trotzdem fort, die Rolle ihres Schatten zu ſpielen. Elvira hatte aufgehört zu tanzen, nur um nicht mit Carl tanzen zu dürfen. Jetzt tanzte auch er nicht. Wäre ſie ihrer ſelbſt Herr geweſen, ſo würde ſie ſich eingeſperrt haben, um dieſen ihren Plage⸗ geiſt los zu werden. Jetzt mußte ſie Edwin folgen und ſich auch der dreifachen Pein unterwerfen, mit Carl, Martha und Sidney zuſammenzutreffen. Wenn es irgend einmal vorkam, daß Elvira an ihrer moraliſchen Kraft verzweifelte, ihre Rolle 54 ſpielen zu können, und zu lachen, wenn das Herz weinte, und es dann verſuchte, ſich dem geſellſchaft⸗ lichen Leben zu entziehen, ſo beſaß Edwin immer ein Mittel, um ſie zu bewegen, fortzufahren, das nämlich, ſie daran zu erinnern, daß ſie es ſeiner Ehre ſchuldig ſei, ſich in der Geſellſchaft zu zeigen. Er war in dieſem Falle unbeweglich. Elvira merkte ganz gut, daß es vorzugsweiſe dann geſchah, wenn die Rede von ſolchen Orten war, wo man ſicher war, mit Carl zuſammenzutreffen. Edwin ſchien ein Vergnügen daran zu finden, ſie zuſammen zu ſehen, obgleich er niemals Carls Na⸗ men nannte oder auf ihn hindeutete. Unter ſolchen peinlichen Verhältniſſen näherte ſich das Ende der Saiſon. Im Salon des ſchwediſchen Geſandten war eine kleine ausgewählte Geſellſchaft von intimen Bekann⸗ ten. Unter dieſen Gäſten befand ſich auch Martha. Sie und Sidney waren damit beſchäftigt, einige Kupferſtiche durchzuſehen, unter welchen ſich ein Blatt befand, das Magdalena darſtellte. Das Geſicht der ſchönen Büßerin war unbeſchreiblich hübſch und hatte den wehmüthigen Ausdruck und die feine Durchſich⸗ tigkeit, welche eine Folge von ernſten Betrachtungen oder heimlichen Sorgen iſt. — Können Sie mir ſagen, Sir, wem Magda⸗ lena ähnlich ſieht,— fragte Martha Sidney und blickte ihn an. In Sidneys Geſicht bemerkte man einen ganz flüchtigen Wechſel der Farbe. Er betrachtete das Bild einige Augenblicke und ſagte dann: 55 — Sie hat einige Aehnlichkeit mit Lady Caſter⸗ ton, obgleich dieſes Geſicht mehr Wehmuth und Kummer ausdrückt, als es mit demjenigen der Lady der Fall iſt. — Sir, Sie haben gewiß nie Lady Caſterton betrachtet, ſeit ſie verheirathet worden, da Sie ſo ſprechen.— Mir ſcheint es, als hätten die Thränen, welche ſie in der Stille vergoſſen, die Wangen ge⸗ bleicht. Sehen Sie denn nicht, welcher verzehrende Schmerz hinter der trügeriſchen und lächelnden Maske hervorblickt, die ſie trägt, um es zu verbergen, wie viel ſie leidet. — Ich fürchte, Miß Stangenſtiöld, daß Sie Ihr Urtheil durch Ihre Phaontaſie irreleiten laſſen;— fiel Sidney ein;— Lady Caſtertons Ausſehen iſt ruhig und es gibt nichts darin, das von irgend einem unterdrückten Schmerz ſpricht. — NRicht? nun dann ſeien Sie ſo gut und ſehen Sie ſie gerade jetzt an! Sidney wandte die Augen von dem Kupferſtich und richtete ſie auf Elvira, welche in einem kleinen Sopha ſaß und auf das Geſpräch eines älteren Herrn horchte.— Elvira blickte Sidney an, ſo daß ihre Augen ſich begegneten. Die ihrigen waren ſo traurig, daß Sidney ſofort die ſeinigen wegwandte. — Nun, ſieht ſie glücklich und froh aus?— fragte Martha. — Die Lady ſieht krank aus,— antwortete Sidney. — Wiſſen Sie, wem ſie ähnlich ſieht? Nun. einer Märtyrerin, welche beſchloſſen hat, mit dem 56 Lächeln auf den Lippen zu ſterben, um das Geheim⸗ niß, das ſie getödtet, mit ſich ins Grab zu nehmen. — Auch jetzt wage ich zu behaupten, daß Sie ſich durch Ihre Einbildung zu einer unrichtigen Be⸗ urtheilung des Leidens, welches ſich gegenwärtig im Geſichte der Lady Caſterton abſpiegelt, verführen laſſen.— Eine Erkältung, ein wenig Migraine oder Zahnweh, das wird es ſein, was die augenblickliche Bläſſe hervorgerufen hat. Gleich ſind Sie, mit der gewöhnlichen Erfindungsgabe des Weibes, bereit, daraus einen ganzen Roman zu machen. — Einen Roman; ein ſolcher iſt in der That ihr Leben,— meinte Martha. — Ja, es liegt in der That etwas Romantiſches darin, daß es, trotz der Gefahr, der ihr Mann durch den Umgang mit einer gewiſſen hübſchen Dame ausgeſetzt geweſen, ihr doch gelungen iſt, ſeine Liebe zu ihr zu erhalten,— ſagte Sidney mit einem feinen Lächeln. — Sir, Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß ſie die Liebe des Lords nicht beſonders hoch anſchlägt, und daß ſie nie den Verluſt derſelben beweint hat;— eher wird es das Glück ſein, an ſeiner Seite zu leben, welches ſie tödtet. — Sie ſind boshaft, Miß Stangenſtjöld,— ſagte Sidney,— und die Bosheit ſteht Ihnen nicht gut. — ch bin nicht boshaft, ich bin wahr. Von meinem ganzen Herzen beklage ich ſie; denn zu lie⸗ ben, und von dem, den man liebt, ſich getrennt zu ſehen, iſt eine irdiſche Hölle.. — Das gebe ich gern zu; aber dieß iſt' nicht der Fall mit Lady Caſterton; ſie liebt ihren Mann,— ſagte Sidney mit Beſtimmtheit. — Und das ſagen Sie mir!— rief Martha. — Wollen Sie mir vielleicht weiß zu machen ſuchen, daß Sie daran glauben? — Ich will Ihnen nichts weiß machen,— ver⸗ ſicherte Sidney kalt,— ich ſpreche bloß meine Ueberzeugung aus. — Iſt es wirklich möglich, daß Sie darüber in Unkenntniß ſind, wer das Herz der Lady beſitzt?— Ah, Sir, das wäre unverzeihlich von Ihnen, ſo blind zu ſein. — Miß Stangenſtjöld, erlauben Sie, daß wir dieſes Geſpräch abbrechen; es würde mir wehe thun, wenn ich bemerken ſollte, daß ſie auf Ihre Lands⸗ männin einen Schatten werfen wollten. Auch ich habe auf Lady Caſterton Acht gegeben und meine Beobachtungen gemacht, und ich verſichere auf Ehre und Gewiſſen, daß jede Anſpielung darauf, ſie habe zu irgend einem Andern als ihrem Mann eine Rei⸗ gung, eine niedrige Erfindung iſt, welche dadurch ent⸗ ſtanden ſein mag, daß ſie der Zudringlichkeit eines Narren ausgeſetzt iſt. Jetzt weiß ich, daß ſie die⸗ ſen Mann verachtet, welcher Alles thut, um ſich den Schein zu geben, als ſtände er auf einem vertrau⸗ lichen Fuße mit ihr. — Sie meinen Brogren,— brach Martha aus. — Kein denkender Menſch wird glauben, daß Lady Caſterton ſich für ihn intereſſirt; dazu zeigt ſie viel. zu deutlich, daß ſeine Zudringlichkeit ihr läſtig iſt. Es iſt ja klar wie der Tag, daß er, gerade weil er nicht mehr begünſtigt wird, ſie jetzt compromittiren und 5 58 ſeiner Huldigung ſo viele Oeffentlichkeit als möglich geben will. — Es freut mich, daß Sie wenigſtens in dieſem Falle die Stellung der Lady richtig auffaſſen,— ſagte Sidney. — Ja, Sir, ebenſo gewiß wie ich das thue, eben ſo gewiß iſt, daß ſie— Sie liebt. Wenn irgend Etwas auf der Erde einen dämo⸗ niſchen Charakter hat, ſo iſt es die Bosheit des Weibes. Martha hatte große Erfahrung in Beziehung auf die Männer, und wußte, wie entſetzlich ſchwach die Herren der Welt ſind, wenn es ſich darum han⸗ delt, ihrer Eitelkeit zu ſchmeicheln. Sie ſah ein, daß die Worte, welche ſie jetzt ausgeſprochen, in Sidneys Seele widerhallen und darin Gedanken und Wünſche erwecken würden, welchen es der ſtrengen Vernunft ſchwer fallen würde entgegenzuarbeiten. Sie wollte ſich auch entfernen, nachdem ſie dieſen Funken in ſein Herz geworfen; aber als ſie ſich er⸗ hob, ſtand Edwin hinter ihrem Stuhl. Die großen Augen leuchteten vor Freude, als ſie ihn ſah und aus ſeinen finſteren Blicken merkte, daß er wahrſcheinlich den letzten Theil des Geſprächs zwiſchen ihr und Lembourn aufgefangen habe. — Wiſſen Sie, Mylord,— ſagte ſie,— worüber ich und Sir Sidney disputirten? — Rein, meine Gnädige, ich habe nicht das Glück, es errathen zu können,— antwortete der Lord. — Es war über Ihre Gemahlin. Sidney betrachtete mit ungetheiltem Intereſſe 59 einen neuen Kupferſtich, welcher„Hagar in der Wüſte“ darſtellte. — In dieſem Falle dürften Sie mir erlauben zu erfahren, um was ſich der Disput drehte,— be⸗ merkte Edwin und ſtützte ſich auf den Stuhl, welchen Martha wieder eingenommen hatte. — Gern! Ich behauptete, daß Lady Caſterton ſich während der Zeit, die ſie in London iſt, ſehr ver⸗ ändert habe, daß ſie krank ausſehe. Betrachten Sie ſie ſelbſt und ſagen Sie, ob ich nicht Recht habe. Edwin ſah Elvira an, welche an jenem Abend in der That ein kränkliches Ausſehen hatte. Martha fuhr fort: — Ich ſagte, daß die engliſche Luft für Lady Caſterton nicht geſund ſei. — Und was war Lembourn's Meinung?— fragte Edwin die Augen auf Elvira geheftet. — Sir Sidney konnte nicht ſehen, daß die Lady bleich ſei, er hielt es für unmöglich, daß ſie von irgend einem Leiden verzehrt werde, und fühlte ſich darüber beleidigt, daß Englands Luft als ungeſund ange⸗ ſehen werden könnte. — Martha blickte Sidney an, welcher jetzt das Blatt von ſich legte. — Ich, für meinen Theil,— fuhr ſie fort,— beabſichtige, wenn die Saiſon zu Ende iſt, nach Schweden zurükehren, um reinere Luft einzuathmen und mich von allen den böſen Zufällen zu befreien, welche ich mir durch Englands Klima zugezogen habe. Nun, Mylord, wer von uns hat jetzt Recht gehabt, ich, oder Sir Sidney? Sieht Lady Caſterton krank oder geſund aus? 60 — Es will in der That ſcheinen, als wenn Sie Recht hätten,— meinte Edwin;— die Bleichheit der Lady iſt jedoch zufällig, wahrſcheinlich rührt dieſelbe von Hitze oder Müdigkeit her. — Sie wollen mit andern Worten ſagen, daß Sie dieſelbe früher nicht bemerkt haben,— fiel Martha ein. „— Ah, Mylord, das iſt nicht ehrend für Ihr Herz.— Ich habe ſchon lange bemerkt, wie ver⸗ ändert Ihre Frau ſei. Das Geſpräch wurde unterbrochen. Einige Da⸗ men kamen hin zu dem Tiſch, wo Martha ſaß, und man fing an von den letzten Debatten im Unterhauſe, von Krieg und Frieden, von Heſterreich und Rußland zzu ſprechen. Das Politiſiren der Damen intereſſirte weder Sidney noch Edwin, denn ſie verließen ſie, ſobald die Höflichkeit es erlaubte. Letzterer zog ſich mit einem Parlamentsgenoſſen in eine Fenſtervertiefung zurück, welcher etwas Wichtiges zu ſagen und nur den Augenblick abgewartet hatte, den Lord zu er⸗ wiſchen, wenn er ſich von den Damen entfernte. Sidney trat hin zu Elvira. Wochen und Monate waren vergangen, ſeit er ſich ihr genähert.— Er blieb eine Weile an der Seite des Sophas ſtehen, bis Elviras alter Ritter aufſtand, wo er dann ſeinen Plaz einnahm. — Wie befinden Sie ſich heute Abend, Mylady? — fragte Sidney.— Sie ſind bleich und das be⸗ unruhigt Ihre Freunde. — Meine Freunde, Sir?— ſagte Elvira mit einem bitteren Lächeln,— Habe ich denn einen Ein⸗ 61 zigen, der ſich darüber beunruhigt, ob ich krank, oder geſund bin? — Sie beſitzen vielleicht mehr als Sie glauben, Lady Caſterton,— verſicherte Sidney. — Und als ich weiß,— fiel Elvira ein.— Theilen Sie, Sir, in dieſem Falle meinen unbekann⸗ ten Freunden mit, daß ich mich vollkommen wohl be⸗ finde, und daß ſie ſich nicht wegen meiner Bläſſe zu beunruhigen brauchen. Dieſelbe iſt ſicherlich nicht größer heute, als geſtern und an anderen Tagen. Jetzt hörte man vom Salon nebenbei einige Ac⸗ corde. Man muſicirte.— Es ſollte ein Duett ge⸗ ſungen werden und Elvira ſtand auf. — Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen und mir erlauben, daß ich Sie ins Muſikzimmer begleite? — fragte Sidney. Elvira nahm ſeinen Arm und man paſſirte an der Fenſtervertiefung vorbei, in welcher Edwin in Discurs über eine der wichtigſten Fragen für das Land vertieft ſaß. So viel Intereſſe dieſe letztere auch hatte, ſo hinderte ſie ihn doch nicht, ſeiner Frau und Sidney mit den Augen zu folgen. Die Muſik hatte die Gruppe an dem mit Kupfer⸗ ſtichen bedeckten Tiſch zum Aufſtehen veranlaßt, um dem Rufe zu folgen und hineinzugehen, um dem Geſange zu lauſchen. Auch Martha erhob ſich; aber in demſelben Augenblick berührte Jemand ihren Arm ganz leiſe, und eine Stimme ſagte in ihrer Mutterſprache: — Sie, mein Fräulein, haben gewiß jenes Duett ſo viel Male gehört, daß Sie, ohne Etwas zu ver⸗ miſſen, heute Abend darauf verzichten können, es zu hören.— Bleiben Sie darum, und ſchenken Sie mir die Augenblicke, welche die übrige Geſellſchaft davon in Anſpruch genommen iſt. Martha hatte ſich bei der kecken Berührung ſo⸗ fort umgedreht. Capitän Ström ſtand an ihrer Seite.— Seine Augen ruhten auf dem ſchönen Weibe mit einem ſo beſtimmten Ausdruck, daß es ausſah, als hätte der Wunſch, den er ausgeſprochen, einen in ein Bitte ge⸗ kleideten Befehl enthalten. Martha nahm wieder ihren Platz ein. — Es iſt in der That wahr, daß ich dieſes Duett ſo oft gehört habe, daß ich recht froh bin, es über⸗ hoben zu werden, daſſelbe anzuhhren,— ſagte Mar⸗ tha;— aber jetzt beruht es auf Ihnen, ob Sie ſo intereſſant ſein können, daß das téte-Atéte mit Ihnen angenehm ſein wird. Im entgegengeſetzten Falle erhalten Sie meine Ungnade fürs ganze Leben. — Und verlieren die Gelegenheit, Ihr ſchönes Geſicht malen zu dürfen,— fiel der Capitain lä⸗ chelnd ein. — Die verlieren Sie unter allen Umſtänden. Ich habe Ihnen ja geſagt, daß ich Ihnen nie ſitzen werde.— Sprechen Sie deshalb nicht mit mir von Etwas, das nie geſchehen wird! Martha ſpielte mit ihrem Fächer und war in dieſem Augenblick ſo hübſch, daß ſie es wirklich ver⸗ diente gemalt zu werden. — Sie thun Unrecht, ſo zu ſagen.— Sie kön⸗ nen dadurch nur ein ſo heftiges Verlangen hervor⸗ rufen, Ihre Züge auf die Leinwand zu übertragen, 63 daß Sie mich ſogar dahin treiben können, Sie zu zwingen, meine Gattin zu werden. — Was war es, was Sie ſagten?— rief Martha lachend. — Eine Wahrheit, mein Fräulein!— antwortete der Capitän ſich verbeugend. — Wenn Sie nicht ein ſo unverbeſſerliches Ori⸗ ginal wären, wie Sie ſind, ſo würde ich über Ihre vermeſſenen Worte böſe werden. — Aber Sie werden es nicht, und Sie werden ſich auch nicht weigern, mir zu ſitzen, wenn ich Sie darum erſuche. — Doch, das werde ich. — Wollen Sie denn ſtatt deſſen meine Frau werden? — Herr Capitain!— unterbrach ihn Martha dießmal mit einem ſtrengen Blick. — Ich weiß Alles, was Sie ſagen wollen,— hob der Capitän wieder an, ohne auf den Ausdruck in Marthas Geſicht Acht zu geben. — Sie lieben mich nicht, weil Sie Lord Caſter⸗ ton lieben. — Mein Herr; ich glaube, Sie wagen mich zu beleidigen!— brach Martha aus und ſtand vom Stuhle auf. — Ich flehe Sie an, Fräulein Stangenſtzöld, hören Sie mich mit Ruhe an.— Sie wiſſen ja, daß ich ein unciviliſirter Wilder aus Afrika bin, der ſein halbes Leben auf dem Schlachtfelde und die andere Hälfte in ſeinem Atelier zugebracht hat. Sie müſſen alſo Nachſicht mit meiner Aufrichtigkeit haben, welche 64 im Salon nicht gewöhnlich iſt, aber Sie deshalb nicht verletzen darf. — Mit dieſer Aufrichtigkeit hat es eine Gränze, und Sie haben bereits dieſelbe überſchritten und ſind auf das Gebiet... — Der Wahrheit eingetreten,— unterbrach ſie der Capitain lächelnd;— aber es iſt gerade das, . ich thun muß, damit Sie und ich einander ver⸗ tehen. — Ich ſehe die Nothwendigkeit davon nicht ein. — Aber ich.— Sie, welche bereits eine ziem⸗ lich große Erfahrung beſitzen, haben wohl von An⸗ fang an eingeſehen, daß irgend ein mächtiges In⸗ tereſſe mich veranlaßte mich Ihnen vorſtellen zu laſſen. — Das des Malers für das Modell,— ſagte Martha;— ich begriff das von Anfang an und darum beſchloß ich, nicht ein Mittel zu werden, wel⸗ ches Ihren Intereſſen diente. — Mein Fräulein, wenn es nur der Wunſch des Künſtlers geweſen wäre, ein hübſches Geſicht zu co⸗ piren, ſo weiß ich eines, welches weit mehr als das Ihrige das Verlangen es zu copiren in mir rege gemacht hat, und das iſt Lady Caſtertons.— Sie ſind ſchöner, als ſie, das iſt wahr; aber ihr Aus⸗ ſehen iſt einnehmender und reizender. Sie würde ganz vortrefflich für das Schlachtengemälde paſſen, an welchem ich arbeite.— Wenn ich dem Mädchen welches an der Seite des ſterbenden Kriegers kniet, ihr Geſicht geben könnte, dann würde das meinem Bilde einen großen Effekt verleihen. — Nun, warum machen Sie nicht der Lady Ihre Aufwartung? Sie iſt vielleicht fügſamer als 65 ich,— ſagte Martha in einem Tone, welcher merken ließ, daß die Lobrede, die Ström über Elviras Ausſehen hielt, ihr nicht recht gefiel. ₰ — Hierüber bin ich der entgegengeſetzten Mei⸗ nung.— Sie zu porträtiren ſteht mir frei jeden Augenblick, wenn ich will, aber ſie niemals.— Sie werden alſo finden, daß ich Sie nicht als Künſtler aufgeſucht habe, aber als der Mann die Frau, die er kennen zu lernen wünſcht. — Und warum? — Um Ihre Gunſt zu gewinnen und Ihr Schick⸗ ſal mit dem meinigen zu vereinigen. — Aber noch einmal, ich fühle mich durch dieſe Sprache beleidigt. — Und warum? frage ich jetzt meinerſeits. — Darum, weil es vermeſſen iſt. — Iſt es vermeſſener, als wenn Lord Caſterton als verheiratheter Mann ſein Herz zu Ihren Füßen legt; iſt es wirklich vermeſſener, als die Sprache, welche alle dieſe Männer führen, die um Ihre Gunſt wetteifern? Ich glaube es nicht.— Und wenn es auch wäre, ſo glaube ich doch, daß ich Ihnen gegen⸗ über dieſelbe führen kann.— Ja, Martha, ich kenne zu gut Ihr Inneres, den Haß und die Intriguen, welche duſſelbe birgt, um nicht ohne Vorbehalt ſpre⸗ chen zu können.— Ich weiß Alles, was Sie gethan haben, damit Lady Caſterton von ihrem Manne ge⸗ ſchieden würde; ich weiß, welche Perſonen in Ihrem Solde ſind, und ich hätte nur nöthig, Ihnen die Maske abzureißen, um dieſem ſtolzen Engländer zu zeigen, wie er, ohne es zu ahnen, Ihrem Haß gegen ſeine Frau und Ihrer Leidenſchaft für ihn gedient hat⸗ Schwartz, Gold unb Name. M. 5 66 Ich könnte noch weiter in der Zeit zurückgehen, wenn ich Ihnen ſchaden wollte; ich würde Ihnen ſagen können, wie Sie den größten Theil vom Vermögen Ihres Vaters verſpielt haben, und wie Ihr Vater in Folge deſſen Skoghof nicht verlaſſen kann... Martha war todtenblaß geworden.— Die ſtolze und hochmüthige Miene war verſchwunden; ſie blickte den Sprechenden mit Beben an. — Alles dieß ſteht in meiner Macht zu thun, — fuhr Ström in gleichgültigem Tone fort;— aber ich mache keinen Gebrauch davon, weil alle meine Intereſſen auf Ihre Perſon concentrirt ſind. — In derſelben Stunde, in welcher das Schickſal unſere Wege zuſammenführte, war es mein Entſchluß, daß dieſe ſich nicht mehr trennen ſollten, ſondern daß Sie und ich durch ein unauflösliches Band ver⸗ einigt werden müßten.— Sie ſchrecken vor dem Ge⸗ danken zurück; aber Sie können verſichert ſein, daß ich kein Mittel unbenutzt laſſen werde, bis Sie mir Ihre Hand gegeben. — Eher werde ich mich tödten!— verſicherte. Martha. — Sie nicht, Martha, dazu beſitzen Sie nicht einen hinreichend ſtarken Charakter. Sie ſind keiner ungewöhnlichen Handlungen fähig, weder im Guten noch im Böſen.— Sie haben große Fehler ohne große Tugenden oder tiefe Gefühle zu beſitzen, und wenn Sie heute Lord Caſterton heiratheten, ſo würden Sie morgen aufhören, ihn zu lieben. Jetzt ſind es die Schwierigkeiten und der Sieg, den Sie gewinnen würden, falls es Ihnen gelänge, ihn von ſeiner Frau zu trennen, welche Sie reizen; aber ſo 67 wie die Fäden der Intrigue abgenutzt wären, ſowie Sie nicht mehr der Lady Caſterton einen Namen zu rauben hätten, dann würde der Lord alles Intereſſe für Sie verlieren, gerade ſo, wie es mit Ihrem Bräutigam der Fall war.— Um ihn zu fangen und Elvira ſeiner Liebe zu berauben, opferten Sie Geld und Gewiſſensſkrupel; und um es dahin zu bringen, daß Lord Caſterton von ſeiner Frau ge⸗ ſchieden würde, würden Sie ohne Bedenken den Reſt Ihres Vermögens wegwerfen. Lord Caſterton wird indeſſen nie ſeine Ehe auflöſen, nie Ihnen ſeinen Namen und ſeine Hand bieten. Der Zauber, den Sie auf ihn ausübten, iſt gebrochen. Er hat ſeit lange aufgehört Sie zu bewundern. Sie ſind ge⸗ wiß ein ſchönes und ſehr gefährliches Weib; aber Sie ſind nicht ein Weib, das die Kunſt verſteht, die Herzen feſtzuhalten, welche Sie gewinnen.— Und jetzt, nachdem ich Ihnen alles Dieſes geſagt habe, will ich nur hinzufügen: ich werde Ihnen überall folgen, alle Ihre Handlungen und geheim⸗ ſten Gedanken ausforſchen und nicht müde werden, bis es mir gelungen iſt, zu beweiſen, daß ich Sie ſo vollkommen in meinen Händen habe, daß Sie keine andere Wahl haben, als meine Frau zu wer⸗ den, um den Gefahren zu entgehen, welche Ihnen ſonſt drohen. Nehmen Sie jetzt meinen Arm, Fräu⸗ lein Stangenſtjöld, und laſſen Sie uns ins Muſik⸗ zimmer gehen! Die Erinnerung an Skoghof hat Ihre Wangen bleich gemacht; die Muſik wird Ihnen viel⸗ leicht Ihre Farbe wiedergeben. Martha ſtand auf und ging hinaus ins Muſik⸗ 5 68 zimmer, aber ohne den angebotenen Arm anzuneh⸗ men. Der Capitain folgte ihr. Ein unglückverkündendes Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. Die Nacht hielt die Erde feſt an ihren Buſen geſchloſſen, der Engel des Schlafes ſandte und ver⸗ breitete Dunkelheit und Vergeſſenheit über die Freu⸗ den und Quälen des Tages, und brachte Erholung den Leidenden, Ruhe den Müden und lächelnde Träume den Traurigen. In der größten Stadt Europas, in dem uner⸗ meßlichen London, gab es indeſſen Unzählige, welche nicht von dem Engel des Schlafes umſchwebt wur⸗ den, ſondern wachten, entweder um zu arbeiten, zu weinen, zu leiden, oder die Bahn des Verbrechens zu wandeln. Unter denjenigen, welche ſich nicht der Ruhe überließen, befand ſich auch Martha. Sie war von der Soirée nach Hauſe gekommen und hatte den Anzug, welchen ſie getragen, mit ei⸗ nem weißen Pudermantel vertauſcht. Sie ſaß jetzt und war eifrig mit Schreiben beſchäftigt. Sie ſchrieb an den Oberſt und wir benutzen die Gelegenheit, um über ihre Schulter zu leſen. Der Brief ſchien ſchon angefangen worden zu ſein, denn ſie ſchrieb auf der andern Seite des Bo⸗ gens. Wir leſen: Ich muß meine früheren unſere Geſchäfte abbre⸗ 69 chen, um mich mit Etwas zu beſchäftigen, das mich beunruhigt. „In ein paar von meinen vorhergehenden Briefen habe ich Dir von einem Capitain Ström geſprochen.— Du erinnerſt Dich gewiß, mein Vater, des Berichts von jenem Abend, wo er mir vorgeſtellt wurde, und ich brauche Dir nicht unſer erſtes Zu⸗ ſammentreffen zu beſchreiben. Es wird Dir auch im Gedächtniſſe ſein, daß ich in meinen folgenden Briefen erwähnte, daß der Mann mich mit der zu⸗ dringlichſten Aufmerkſamkeit verfolgte, welches er in⸗ deſſen auf eine weniger gewöhnliche Weiſe an den Tag legte. „Anfangs nahm ich ſeine ſonderbare Artigkeit,— denn ſonderbar war ſie,— als Etwas, das ſein künſtleriſches Intereſſe für meine Schönheit ihm die⸗ tirte; aber vor einigen Stunden iſt mir dieſer Irr⸗ thum benommen worden.— Seine Abſicht iſt keine geringere, als ſich mit mir zu verheirathen. „Ueber dieſes könnte ich lachen, wenn er ein Menſch gleich Andern wäre; aber er iſt ein gefähr⸗ licher Mann.— Er kommt Einem wie ein Dämon vor, welcher das Vermögen beſitzt, unſere geheim⸗ ſten Gedanken zu leſen und unſere verborgenſten Ge⸗ fühle auszuſprechen; aber nicht genug hiermit, er ſcheint auch Dein und mein Geheimniß zu kennen. Noch weiß ich nicht, wie weit er darüber im Klaren iſt, ob ſeine Worte blos ein Schreckſchuß geweſen oder ob ſie wirklich eine Kenntniß deſſen enthielten, was nur Du und ich wiſſen dürfen. „Ich habe indeſſen von Anfang an eine uner⸗ klärliche Furcht vor dieſem Manne gehabt, welcher 70 gerade damals auftrat, als mein ſo gut ausgedach⸗ ter Plan mißlang.— Es war gerade ſo, als wenn er gekommen wäre, um mich zu verhöhnen und ſich zwiſchen mich und den, welchen ich liebe, zu ſtellen. „Das Gefühl, welches er mir vom erſten Augen⸗ blick an einflößte, war ein Vorgefühl von irgend einem Schmerz oder von irgend einer großen Un⸗ annehmlichkeit, welche er über mein Haupt bringen würde. „Die einzige Art, dieſem Uebelſtand entgegen⸗ zuarbeiten, wäre, Aufſchluß über ſein früheres Leben zu erhalten. „Es muß irgend ein Geheimniß in demſelben eben. 8„Er hat überdieß Etwas erlebt, das ihn vom Vaterlande forttrieb, und es kann nicht fehlen, daß dieſer Mann der Sklave irgend einer heftigen und ſchlechten Leidenſchaft geweſen, welche ihn zu Hand⸗ lungen veranlaßt hat, die keine genauere Unterſuchung ertragen können. „Sein ganzes Ausſehen ſcheint davon zu reden. „Es liegt in ſeinem Blick ein Etwas, das zu glei- cher Zeit erſchreckt und doch zu erkennen gibt, daß dieſe dunkeln Augen nicht immer dieſen Ausdruck gehabt haben. „Es kommt mir vor, als wenn aus der Tiefe derſelben irgend ein düſteres Geheimniß hervor⸗ blickte. „Der Name des Mannes iſt Arvid Ström.— Er hat als ganz junger Menſch Schweden verlaſſen;* in welchem Johre, weiß ich nicht, und es iſt mir auch nicht gelungen, es ausfindig zu machen.— Er 71 iſt, glaube ich, in Schonen geboren; der Vater ſoll Gutsbeſitzer geweſen ſein. „Wo er ſtudirt hat, weiß ich nicht und im All⸗ gemeinen weiß man auch nicht viel von ſeinen frü⸗ heren Schickſalen oder von der Periode vor ſeiner Abreiſe von Schweden. „Gerade das hat mir den Gedanken eingegeben, daß er irgend einen beſonderen Grund gehabt hat, das Vaterland zu verlaſſen. „Du, mein Vater, der Du überall Verbindungen haſt, ſuche mir alle mögliche Aufklärungen über die⸗ ſen Capitain Ström zu verſchaffen und richte es ſo ein, daß ich ihn los werde, bevor ich zu Dir zurück⸗ kehre, was ich zu thun beabſichtige, ſofern Caſterton ſich nicht nach einer andern Gegend Europas begibt. Ich habe Caſterton wiſſen laſſen, daß ich mein Va⸗ terland zu beſuchen gedenke, und ich werde jetzt ſehen, ob die Macht, welche ich über den Engländer be⸗ ſeſſen, wirklich ſo vernichtet iſt, wie man behauptet. „Reist Caſterton nach Schweden, dann liebt er noch Deine Martha.“ Nachdem wir das, was die hübſche Martha ge⸗ ſchrieben, geleſen haben, ſchleichen wir uns aus ihrer Wohnung und nehmen unſern Weg nach Lord Ca⸗ ſtertons Hotel. Auch dort ſchimmern Lichter in verſchiedenen Fenſtern, welches beweist, daß man noch nicht zur Ruhe gegangen.— Wir überlaſſen jedoch den Lord und die Lady ſich ſelbſt, ſie mögen nun ſchlafen 72 oder wachen, und ſchleichen ſtatt deſſen in Armidas Zimmer.— Sie iſt auch mit Schreiben beſchäftigt und wir machen von demſelben Mittel Gebrauch, wie bei Martha. „Mein lieber Carl!“— ſchrieb das Fräulein. —„Es ſcheint wirklich, als wenn ein unſanftes Schickſal Dich verfolgte, denn es fehlt Dir an allen Ausſichten, daß Du mit Deinen Bemühungen reuſſirſt. „Als eine treue Bundesgenoſſin habe ich für Dein Beſtes zu wirken geſucht, und das ohne irgend einen Gedanken an mich ſelbſt und die Qualen, die es mir verurſacht, zu wiſſen, daß Deine Intereſſen niemals mit den meinigen zuſammenfallen werden, und daß Du nie begreifen wirſt, wie ſehr ich Dich geliebt habe. „Trotz Allem, was ich gethan, damit Du Dein Ziel erreichſt, wird es uns doch mißlingen, wenn Du nicht neue und wirkſamere Mittel, als die, welche Du bis jetzt angewandt haſt, ausfindig machen kannſt. „So lange Martha meinte, irgend einen Vor⸗ theil aus dem Verdacht ziehen zu können, welchen wir hervorriefen, fachte ſie denſelben an; aber jetzt hat ſie ihre Tactik geändert und mit ihrer gewöhn⸗ lichen Schlauheit es verſtanden, einen neuen Faden zu Erreichung ihrer Abſichten zu ſpinnen. „Der Faden, welchen ſie jetzt ergriffen hat, iſt gefährlich, und wird ſie möglich zu dem Ziele füh⸗ ren, wornach ſie ſtrebt, aber Dich für immer von dem Deinigen trennen. „Ich habe heute Abend einem Geſpräche zwi⸗ 73 ſchen Martha und Sir Sidney zugehorcht.— Dieſes Geſpräch betraf Elvira. „Du kennſt Mr. Lembourn; Du weißt, daß er während dieſer letzteren Zeit Martha viele Artigkeit erwieſen, aber ſich gänzlich von Elvira zurückgezogen hat.— Du haſt Dir ſchon mehreremale gratulirt, ihn nicht mehr zum Nebenbuhler zu haben, und haſt ſt Zurückgezogenheit für erloſchenes Intereſſe ge⸗ alten. „Du haſt Dich geirrt.. „Sir Sidney liebt die Frau ſeines beſten Freun⸗ des, und was mehr iſt,— er wird von ihr wieder⸗ geliebt. „Siehe da die Urſache, warum ſie Dich mit Kälte und Verachtung zurückwies, warum ſie Deinen Dro⸗ hungen und Deiner Beharrlichkeit widerſtanden hat. Ihr Herz iſt an Lembourn gefeſſelt. „Ganz London ſpricht davon, welch' ſtreng ehr⸗ licher Mann Sir Sidney iſt.— Er iſt es auch ge⸗ weſen, ſo lange ſein Ehrgefühl noch auf keine gar zu harte Probe geſtellt wurde, das heißt, ſo lange er die Ueberzeugung feſthielt, welche es mir gelun⸗ gen war, ihm auf indirecte Weiſe beizubringen, näm⸗ lich daß Elvira durch eine Jugendliebe an Dich ge⸗ feſſelt ſei. 66 „Er reſpectirte ſo lange die Pflichten, welche ſie gegen ihren Mann hatte, als er keine Hoffnung be⸗ ſaß, ſie dazu bewegen zu können, dieſelben zu ver⸗ rathen; aber ich fürchte, daß es ihm künftig ſchwie⸗ iſe werden wird, die Rolle eines Heiligen zu pielen. „Martha hat auch heute Abend gegen ihn die * 74 Behauptung aufgeſtellt, daß Elviras bleiches und verändertes Ausſehen von unglücklicher Liebe her⸗ ſtamme. „Sir Sidney that, als wenn er nicht daran glaubte, ſondern erklärte, daß Alles Einbildung von Martha ſei, weil, wie er ſich ausdrückte, es nicht denkbar ſei, daß Elvira einen ſolchen„Narren“ wie Brogren lieben würde. Martha antwortete auch ſo⸗ fort, daß ſie das nicht behauptet hätte, ſondern daß Elviras Herz Sidney gehörte. „Ich hatte meinen Platz ſo, daß ich, ohne daß die Sprechenden es merkten, Alles ſah und hörte. „Der Ausdruck in Lembourns Geſicht veränderte ſich und die Wirkung der Worte ließ nicht lange auf ſich warten, denn kurz darauf ging er hin, um mit Elvira zu ſprechen. „Den übrigen Theil des Abends war Sidney, wie Du ſelbſt bemerkteſt, die ganze Zeit an ihrer Seite. Man brauchte nicht beſonders ſcharfſichtig zu ſein, um zu merken, mit wie größerem Wohlge⸗ fallen ſie dem, was er ſagte, als Deinen Worten lauſchte. „Jeder Schimmer von Verdacht, als hegte ſie ein unterdrücktes Intereſſe für Dich, mußte verſchwin⸗ den, wenn man Gelegenheit hatte zu beobachten, wie ausſah, als ſie mit dem ſprach, der ihr efiel. .„Die Scheidung, auf welche wir Alle hingearbei⸗ tet, hat jetzt größere Ausſichten für ſich, als je, aber ohne daß Du oder ich den Vortheil davon ernten werden. 75 „Der Gewinn wird Marthas, Elviras und Sir Sidneys. „Wenn der Lord entdeckt, daß Elvira Lembourn liebt, ſo bin ich vollkommen überzeugt, daß er ſich dazu entſchließt, die Bande zu löſen, welche ihn an ſie feſſeln.— Die Folge dieſer wiedergewonnenen Freiheit wird, daß Sir Sidney und Elvira ſich ver⸗ heirathen und daß Lord Caſterton Martha zur Lady macht. „Du verlierſt Elviras Gold, wie Du einmal früher Marthas verlorſt, und ich verliere die Stelle, welche ich jetzt inne habe, und die mir ſo große Vortheile gewährt, daß ich hoffe eines Tages ein vollkommen unabhängiges, wenn auch eingezogenes, aber doch ſorgenfreies Leben führen zu können. „Die Trennung der beiden Gatten und alle Rei⸗ ſen, welche Elvira gemacht, ſind für mich Gold⸗ adern geweſen, die recht viel eingebracht haben. „Jetzt, Carl, muß ich ſchließen. Wende das, was ich Dir mitgetheilt, ſo an, daß Du daraus den größt⸗ möglichen Vortheil ziehen kannſt. Ich für meinen Theil werde mit derſelben Geſchicklichkeit wie bisher daran arbeiten, daß der Abſtand zwiſchen Frau und Mann ſo groß als möglich werde. „Elvira hat es mir verboten, den Lord zu nen⸗ nen. Sie will nichts von ſeinen Fehlern hören und ſie lebt wahrſcheinlich jetzt in dem Irrthum, daß ſie ſich in Unkenntniß von denſelben befindet. „Es gibt indeſſen keine Unbeſonnenheit oder irgend Etwas, das ſie überzeugen könnte, wie vollkommen nichts ſie für Caſtertons Herz iſt, welches ich ihr 76 nicht mittheile, aber ohne darum ſeinen Namen zu nennen. „Man iſt recht unkundig der Kunſt, die Wörter der Sprache zu benützen, wenn man es nicht ver⸗ ſteht, durch ſie gerade das, was man beabſichtigt, hervorzurufen, ohne daß man dabei angibt, was man damit beabſichtigte. „Ich habe es gelernt dieſe unſchuldigen Waffen zu handhaben, welche, wie man auch die Sache be⸗ trachtet, doch die allerfurchtbarſten ſind. „Nun ſchließe ich für heute Abend. Wenn ich Dir etwas Weiteres mitzutheilen haben werde, ſollſt Du von mir hören. Sei nur klug und vorſichtig, ſo daß Niemand argwöhnt, daß zwiſchen Dir und mir irgend ein geheimes Verſtändniß beſtehen kann. „Kannſt Du, ſo bezahle Sir Sidney dafür, daß er Dich einen Narren nannte und denke mit Freund⸗ ſchaft an Deine unveränderliche Jugendfreundin Armida.“ * Auf einem kleinen Sopha in ihrem Cabinet aus⸗ geſtreckt lag Elvira.— Sie war bleicher als am Abend vorher und das Geſicht trug nicht die täu⸗ ſchende und lächelnde Maske, ſondern auf demſelben ruhte ein ſo trauriger Ausdruck, daß es einen ſchmerz⸗ lichen Eindruck auf denjenigen machte, der ſie ſah. Sie hatte eben einen Brief geleſen, welchen ſie noch in der Hand hielt, und welcher, nach deſſen Ausſehen zu urtheilen, ziemlich alt war. In den Wimpern der geſenkten Augenlider hing 77 eine Thräne und an dem leiſen Zittern der Unter⸗ lippe merkte man, daß das Leſen ſie aufgeregt hatte. Die Thräne war noch nicht die Wange hinab⸗ gerollt, als die Thüre zu ihrem kleinen Heiligthum geöffnet wurde und Lord Caſterton eintrat. Während dieſer Monate, wo Elvira dieſelbe Etage wie Edwin bewohnte, hatte er nicht ein ein⸗ ziges Mal einen Beſuch in ihren Privatzimmern gemacht; dieſes war das Erſtemal. Sein Auftreten ſchien Elvira ebenſo ſehr zu er⸗ ſchrecken wie zu überraſchen. Sie erhob ſich haſtig von ihrer liegenden Stellung; aber Edwin eilte auf ſie zu und ſagte in einem freundlichen Ton: — Bleiben Sie ruhig, Elvira, und laſſen Sie ſich nicht ſtören! Er zwang ſie, ſich wieder aufs Sopha zu ſetzen. Als Elvira aufſtand, fiel der Brief, welcher ne⸗ ben ihr gelegen, ohne daß ſie es merkte auf den Boden. — Ich bin gekommen, um mich nach Ihrer Ge⸗ ſundheit zu erkundigen,— hob Edwin wieder an und ergriff ihre Hand. Einen ſo hohen Grad von Freundlichkeit hatte er während der ganzen verfloſſenen Zeit ihres Zu⸗ ſammenlebens in London noch nicht gezeigt. — Ihr Ausſehen,— fuhr er fort,— beun⸗ ruhigt mich. Ich fürchte wirklich, daß ich durch das fortwährende Nachtwachen Ihre Kräfte zu ſehr in Anſpruch genommen habe. Es würde mich tief grämen, wenn ich dadurch die Urſache zu jenem An⸗ ſtrich von Kränklichkeit wäre, welchen Ihr Ausſehen in letzterer Zeit angenommen hat. 78 — Ach, Mylord,— ſtammelte Elvira aufge⸗ regt.— Sie haben ſich wegen Nichts anzuklagen. Wenn ich bleich bin, ſo kommt es daher, daß mein Herz betrübt iſt, weil——— Sie konnte nicht fortfahren. — Weil Sie unglücklich ſind,— ſiel Edwin ein.— Er ließ ihre Hand los und ſein Geſicht nahm ſeinen gewöhnlichen, kalten Ausdruck an. — Jo, ich bin wirklich ſehr unglücklich,— flü⸗ ſterte Elvira, welche ihrer Bewegung nicht Herr werden konnte,— aber durch mich ſelbſt.— Es ſt ite über ſeine eigenen Fehler zu weinen U——— Elvira konnte nicht fortfahren. Sie wurde dar⸗ über erſchreckt, vielleicht Etwas geſagt zu haben, was Caſterton mißfallen könnte. Ach, wenn er ein ein⸗ ziges aufmunterndes Wort geſagt, wenn er ſie wie⸗ der in jenem freundlichen Tone angeredet hätte, dann hätte ſie Muth bekommen, ihr Herz zu öffnen und alle die Qualen auszuſprechen, welche daſſelbe barg! Elvira fühlte ein unwiderſtehliches Bedürfniß, ihre Seele auszuſchütten, und ihre innerſten Gedan⸗ ken und geheimſten Gefühle zu bekennen; aber als ſie jetzt Edwins kaltes und ſtrenges Geſicht anblickte, aus welchem nicht ein Schimmer von Güte oder 3n hervorleuchtete, da vermochte ſie es nicht. Warum ließ er ihre Hand gerade los, als ſie ſich dadurch aufgemuntert fuhlte, daß die ihrige in der ſeinigen ruhen durfte; warum blickte er ſie nicht mehr mit Güte an, ſie, welche des Wohlwollens ſo bedürftig war. 79 Es entſtand eine kurze Pauſe. Edwin unterbrach dieſelbe. — Ich habe daran gedacht, Elvira vorzuſchla⸗ gen, daß wir den Sommer in Schweden auf Ti⸗ maſjö zubringen,— ſagte er.— Die Luft der Hei⸗ math und der Aufenthalt auf dem Lande werden Ihnen gewiß wohlthun.— Was ſagen Sie zu die⸗ ſem Vorſchlag? gefällt er Ihnen? 8 — Mehr, als ich mit Worten ausdrücken kann. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihre Güte dan⸗ ken ſoll, Mylord. Elvira reichte ihm ihre Hand; er ſchloß ſie in die ſeinige und ſagte: — Wenn Ihnen Etwas Freude macht, ſo freut es mich, und meinen Sie mir irgend einen Dank ſchuldig zu ſein, ſo beweiſen Sie es dadurch, daß Sie das Wort„Mylord“ weglaſſen; es iſt mir peinlich. Elviras Hand zitterte in der ſeinigen. — Dank, Edwin!— flüſterte ſie kaum hörbar. Er ließ ihre Hand los, um ſich zu bücken und den auf dem Teppich liegenden Brief aufzuheben. In demſelben Augenblick, wo er Elvira denſelben reichte, fielen ſeine Augen auf die Handſchrift. Seine Stirne verfinſterte ſich. Edwin ſtand auf und ſagte: — Dieſer Brief gehört vermuthlich Ihnen.— Er überreicht ihn Elvira.— Nachdem ich mich nach Ihrer Geſundheit erkundigt, will ich nicht länger ſtbren. Sie waren vermuthlich damit beſchäftigt, dieſes Schreiben zu leſen, und es wäre grauſam, Sie davon abzuhalten, dieſes Geſchäft fortzuſetzen. S————— — —————— Werden Sie heute Abend in die italieniſche Oper gehen?— fügte er hinzu, als Elvira hoch erröthend den Brief entgegennahm und weglegte. — Das hängt von Ihnen ab,— antwortete Elvira.— Wünſchen Sie, daß ich dorthin gehe, dann werde ich es thun. — Mein Wunſch in dieſem Augenblick iſt, daß Sie Ihrer eigenen Reigung folgen.— Ziehen Sie es vor, zu Hauſe zu bleiben, ſo nehmen Sie keine Rückſicht darauf, was ich möglicherweiſe wünſchen könnte. Sie haben ſich ſchon viel zu viel meinen Anforderungen geopfert. Elviras Blicke ruhten auf Edwins Geſicht. Sie verſuchte es, daraus eine Anleitung zu holen, wie ſie handeln müßte, damit er zufrieden ſei. — Ich werde die Oper beſuchen,— ſagte ſie, vollkommen überzeugt, ſich zu Etwas entſchloſſen zu haben, welches ihm am meiſten gefiel. — In dieſem Falle dürfte Miß Brow oder Miß K—hjelm Sie begleiten. Ich ſelbſt kann nicht das Vergnügen haben. Er entfernte ſich, ohne etwas Weiteres hinzuzu⸗ fügen. Als die Thüre ſich hinter ihm ſchloß, hätte Elvira ihn zurückrufen mögen. Sie war zu glei⸗ cher Zeit unzufrieden und doch erfreut bei dem Ge⸗ danken, daß er Theilnahme für ihre Geſundheit ge⸗ zeigt und vorgeſchlagen hatte, daß ſie den Sommer in Schweden zubringen ſollten.. Er hegte alſo Wohlwollen für ſie, und er hatte ſie ja gebeten, damit aufzuhören ihn Mylord zu nennen. Dieß waren zu viele Strahlen von der Sonne 81 der Hoffnung auf einmal, und doch fühlte ſie ſich noch mehr beklommen, als ſie es geweſen, als Ed⸗ win eintrat. Warum ſie es eigentlich war, konnte ſie nicht erklären. Elvira kam ſich ſelbſt undankbar vor, daß ſie in dieſem Augenblick etwas Anderes, als Freude empfand. Sie fühlte doch inſtinctmäßig, daß ihre Unzufrie⸗ denheit daher kam, daß ſie nicht den Muth gehabt, ihm ihr Herz zu öffnen; aber es war, als hielte ſie, ſo oft ſie ſich dazu geneigt fühlte, eine unſichtbare Macht zurück. Um die Mittagszeit machte Elvira von Armida begleitet eine Spazierfahrt. Die letztere theilte ihr verſchiedene kleine Neuig⸗ keiten mit, welche ſie gehört hatte und bemerkte unter Anderem: — Man ſagt, daß Martha den Sommer in Schweden zuzubringen gedenkt; ſie behauptet, Eng⸗ lands Luft bekomme ihr nicht wohl. Die Worte machten einen ſchmerzlichen Eindruck auf Elvira. Darum war es alſo, daß ihr Mann ihr die Reiſe nach Schweden vorgeſchlagen; das war daher, daß ſeine plötzliche Sorgfalt für ihre Geſundheit kam!— Und ſie, welche an die Aufrichtigkeit der⸗ ſelben geglaubt, welche ſich ſo gerührt und dankbar gefühlt, daß ſie verſucht geweſen wäre, ſich an ſeine Bruſt zu werfen und ihr Herz vor ihm auszuſchüt⸗ ten! Nerger und Unwillen erfüllten jetzt ihre Seele, aber ohne daß ſie ſich im Geringſten merken ließ, was ſie empfand. Schwartz, Gold und Name. I. 6 82 — Haſt Du darauf Acht gegeben, wie beharrlich Capitain Ström Martha ſeine Aufwartung macht?— hob Armida wieder an.— Seine Beharrlichkeit iſt faſt ebenſo groß wie Sir Sidneys.— Martha ſchien ſich indeſſen nicht ſehr für die beiden Herren zu in⸗ tereſſiren; ſie behandelte ſie mit derſelben Gleichgül⸗ tigkeit und auf dieſelbe launiſche Weiſe, wie alle Andere; und das iſt natürlich, da ihr Intereſſe aus⸗ ſchließlich an Einen gefeſſelt iſt, und dieſer Eine kei⸗ ner von ihnen iſt. Armida ſchwieg und betrachtete Elvira, welche bleicher als gewöhnlich, in der Wagenecke zurückge⸗ lehnt ſaß. 6— Capitain Ström ſcheint mir ein reichbegabter Mann zu ſein,— ſagte Elvira. — Jo, als Künſtler iſt er ja kin großes Talent, obgleich ich geſtern Abend Jemanden behaupten hörte, daß ſein Talent ſeinem Rufe nicht entſpreche. Das war wohl Jemand, der ihn um ſeine Vorzüge beneidete,— meinte Elvira. — Beneidete derjenige, welcher dieſes Urtheil fällte, den Capitain um Etwas, ſo war es gewiß nicht um ſeinen Ruf als Künſtler,— verſicherte Ar⸗ mida,— denn es war Dein Mann, welcher ſein gro⸗ ßes Talent nicht anerkennen wollte. — Coaſterton iſt nicht auf der Ausſtellung ge⸗ weſen und hat das letzte Schlachtgemälde von dem Capitain nicht geſehen,— wandte Elvira ein. — Das iſt möglich. Armida nahm eine zurückhaltende Miene an und ſchwieg eine Weile; dann nahm ſie das unterbrochene Geſpräch wieder auf und ſagte: 83 — Martha, welche ſich die ganze Zeit ſehr un⸗ zugänglich gegen den Capitain benommen hat, gab ihm indeſſen geſtern einen großen Vorzug, indem ſie die ganze Zeit, während der Geſang dauerte, allein mit ihm im Salon blieb. — Ich gab nicht Acht darauf. — Es war nach ihrem téte-téte, daß der Dis⸗ put über Ströms künſtleriſches Talent entſtand. Ach ſieh, da haben wir Sir Sidney und Lord D—. Man muß einräumen, daß Lembourn ſich zu Pferd ſtattlich ausnimmt. Eine ſolche Haltung und dann ſo noble Geſichtszüge! Sidney und Lord D— ritten an den Wagen heran, um ſich nach Lady Caſtertons Geſundheit zu erkundigen, ob ſie die italieniſche Oper beſuchen würde ꝛc. 8 Nachdem Elvira dieſe Fragen beantwortet hatte, fuhren die beiden Herren doch fort, jeder an einer Seite des Wagens zu reiten, indem ſie ſich mit den beiden Damen von den Neuigkeiten des Tages unter⸗ hielten. Carl Brogren und der ſchwediſche Legations⸗ ſecretär ritten an ihnen vorüber. Erſterer ſchleuderte, indem er Elvira grüßte, einen wüthenden Blick auf Sidney. Die Engländer hinderten ihn daran, Elvira an⸗ zureden. Er war in der Abſicht ausgeritten, ſich durch ſeine Worte eine andere Behandlung zu er⸗ zwingen. Nach dem Empfang von Armidas Brief hatte Carl feſt beſchloſſen, die Verhältniſſe zwiſchen ſich und Elvira auf einen andern Fuß zu ninen und 84 entweder Elvira zu bewegen, ſeinen Wünſchen in irgend etwas nachzugeben, welches dazu benutzt werden konnte, den Lord zu compromittiren, oder auch ſeine Drohungen auszuführen; und dann, wenn nicht eher, müßten wohl die Bande berſten, welche jetzt Carl daran hinderten, in den Beſitz von Elviras Gold zu kommen. Er haßte Sidney, und als er ihn jetzt an El⸗ viras Seite ſah, empfand er bei der Frinnerung an das, was Armida geſchrieben, eine wirkliche Raſerei. — Ich und der Engländer, wir müſſen doch zuſammenſtoßen,— dachte Carl,— und dann ſoll er mir dafür bezahlen, daß er mich einen Narren ge⸗ heißen und mich während der ganzen Saiſon durch ſein hochmüthiges Benehmen gereizt hat. So viel iſt gewiß, daß er nie einen Vorzug genießen ſoll, den Elvira mir verweigert hat; darauf habe ich ge⸗ ſchworen. Er gab dem Pferde die Sporen und derſelbe flog davon mit ſeinem Reiter. Abends fuhr Elvira, von Armida begleitet, in die italieniſche Oper. Man gab dieſelbe Oper, in welcher Elvira hatte auftreten wollen. Sowie die junge Lady ihren Platz eingenommen, trat Sir Sidney in ihre Loge und in demſelben Augenblick erblickte Elvira Carl in der des ſchwediſchen Geſandten. Carl richtete ſofort ſein Opernglas auf Elvira und fuhr nachher fort, ſie mit einer Beharrlichkeit zu betrachten, welche Aufmerkſamkeit erregen mußte. 8⁵ Nachdem Sidney und Elvira ſich gegenſeitig be⸗ grüßt, ſagte Erſterer zu Elvira: — Caſterton iſt nicht hier heute Abend, und, um aufrichtig zu ſprechen, ſo glaubte ich nicht, daß Sie kommen würden, um eine Oper zu hören, welche für Sie wie für mich viele bittere Erinnerungen haben muß. — Den Grund, warum ich hier bin, würden Sie, wenn ich Ihnen denſelben mittheilte, nicht begrei⸗ fen,— ſagte Elvira;— aber da dieſe Oper nur unangenehme EFrinnerungen in Ihnen rege macht, warum gehen Sie denn doch hin und hören dieſelbe? — Aus dem einfachen Grunde, weil ich mit Ihnen zuſammenzutreffen wünſchte. Ich habe ein in⸗ niges Bedürfniß, mit Ihnen zu ſprechen, Mylady. — Sie, Sir?— fragte Elvira. — Ja, gerade ich. — Erlauben Sie mir, an der Wahrheit Ihrer Worte zu zweifeln.— Sir Sidney iſt mir den gan⸗ zen Winter viel zu ſorgfältig ausgewichen, als daß ich an die Aufrichtigkeit deſſen, was er jetzt ſagt, glauben könnte. — Glauben Sie, oder zweifeln Sie, wie es Ih⸗ nen beliebt, Mylady; wir wollen nicht darüber ſtrei⸗ ten. Sie werden mich jedenfalls verſtehen, wenn ich offen bekenne, daß ich wünſchte, Sie um Verzeihung zu bitten, weil ich, ſeit ich beim Anfang der Saiſon dieſe Oper gehört, Ihr Benehmen ſtrenger beurtheilt habe, als es verdiente.— Ich verabſcheue auch dieſe Muſik wegen all der Leiden, an welche ſie erinnert. — Und woher wiſſen Sie, Sir, daß Ihr Urtheil ſtrenger war, als es ſein ſollte?— fragte Elvira.— Sie haben ja nie nach den Motiven geforſcht, welche 86 mich leiteten; Sie können alſo nicht wiſſen, ob Ihr Endurtheil gerecht geweſen. — Sie haben Recht; aber ich weiß jetzt, daß, welche auch die Beweggründe waren, die Sie zu der allerübereilteſten Handlung verleiteten, ſie wenig⸗ ſtens nicht von der Natur waren, wie ich annahm. Auch ich habe mich irreleiten laſſen, und es war für mich nothwendig, Ihre Feindin kennen zu lernen, ſie ganz in der Rähe zu ſehen und in ihr Herz zu blicken, um klar zu ſehen, was es war, das Ihren Handlungen eine falſche Farbe gab. Ich wünſchte deshalb noch einmal Ihnen einen Rath zu geben Armida wandte ſich jetzt mit einer Frage an Sidney und nahm ihn mit ihren Erkundigungen derge⸗ ſtalt in Anſpruch, daß er das unterbrochene Geſpräch nicht fortſetzen konnte. Während ſie mit ihm ſprach, trat Martha in die Loge gegenüber. Sidney merkte ganz gut, daß ſie ſofort ihr Opern⸗ glas auf ihn und Elvira richtete, worauf ſie ſich nach dem Innern der Loge wandte und einige Worte an den Bedienten ſagte, welcher an der Thüre ſtand und ihre Befehle hörte. Marthas Worte am vorhergehenden Abend hall⸗ ten in Sidneys Ohren wieder, und er dachte mit innerem Zorn an all die Bosheit, welche in den⸗ ſelben lag. Welche Schlüſſe wird nicht jenes liſtige Weib aus meiner Gegenwart hier ziehen,— dachte Lem⸗ bourn;— wie wird ſie es nicht verſtehen, allen ich ſen Narren gegenüber, welche ſie umgeben, irgen 87 eine Andeutung zu machen, die recht verletzend für meine und Elviras Ehre iſt. Er fuhr indeſſen fort mit Armida zu converſiren. Beim Beginn des vierten Acts öffnete ſich die Logenthüre und Lord Caſterton trat ein. Er wakf einen finſtern Blick auf Elvira und Lembourn, ſagte aber deſſenungeachtet in einem ſcherzhaften Tone zum Letztern: — Ich muß Dir danken, Lembourn, daß Du meinen Platz bei Lady Caſterton erſetzt haſt. Ich erkenne daran Deine Freundſchaft für mich. Der Lord ſetzte ſich hinter Elvira, beugte ſich zu ihr herab und ſagte: — Mit Freuden bemerke ich, daß es Elvira nicht an einem Cavalier gefehlt hat, und da Sir Sidney es auf ſich genommen hat, Ihr Ritter zu ſein, ſo bin ich vollkommen zufrieden. Er iſt allgemein als ein ſo reich begabter Mann bekannt, daß ich es für ausgemacht halte, daß auch Sie ihn liebenswürdig finden werden. — Das wäre eine Annahme, welche Lady Ca⸗ ſterton, wie ich fürchte, beſtreiten wird,— fiel Sid⸗ ney lächelnd ein;— und ich dürfte in der That nur meiner Eigenſchaft als Dein Freund es zu dan⸗ ken haben, daß Mylady mir es erlaubt hat, in ihrer Loge zu bleiben. Der Lord gab eine ſcherzhafte Antwort, nahm darauf das Publicum in Augenſchein, fragte nach Miſtriß Brow, ſprach ſeine Mißbilligung über Herrn Brogrens Benehmen aus, unverwandt ſein Opernglas auf Elviras Loge gerichtet zu halten ꝛc. Elvira fühlte ſich beklommen. 88 L Edwins munterer Ton contraſtirte zu ſehr mit dem Ausdruck in ſeinen Augen, in welchen das Miß⸗ vergnügen deutlich zu leſen war. Nach dem Schluß des vierten Acts ſtand Ca⸗ ſterton auf und nahm mit den Worten Abſchied: — Ich bin gezwungen, Sie wieder zu verlaſſen, Elvira; aber ich hoffe, daß Lembourn mir die Freund⸗ ſchaft erweiſt, Sie nach dem Schluß der Oper zu dem Wagen zu führen. Sie könnten ſonſt irgend einer Zudringlichkeit jenes Brogrens ausgeſetzt ſein.— Ich vertraue Sie dem Schutz meines beſten Freun⸗ des an. Der letzte Satz wurde mit einer eigenthümlichen Betonung ausgeſprochen, welche Elvira entging, aber von Sidney ganz gut bemerkt wurde. Caſterton ging. Sidney ſaß ſtill da, die Augen auf Martha gerich⸗ tet, welcher Capitain Ström ſeine Aufwartung machte. Nach einer langen Pauſe ſagte Elvira zu Sid⸗ ney, während Armida damit beſchäftigt war, das Publikum in Augenſchein zu nehmen: — Es würde mir lieb ſein, wenn Sie mich darüber aufklären wollten, wen Sie für meinen Freund halten. — Nicht heute Abend, Mylady; von dieſen ſpä⸗ henden Ohren umgeben kann ich nicht offen mit Ih⸗ nen ſprechen,— ſagte Sidney,— und doch war es meine Abſicht, als ich hier eintrat. Seien Sie in⸗ deſſen auf Ihrer Hut gegen——— — Iſt das nicht die Herzogin**, welche jetzt in Lord H—s Loge Platz nahm?— fiel Armida ein und wandte ſich an Sidney. Er bejahte die Frage. 89 Alle weitere Privatunterhaltung zwiſchen Elvira und Sidney wurde von jetzt unmöglich, weil Armida den übrigen Theil des Abends eine lebhafte Conver⸗ ſation bald mit Elvira, bald mit Sidney fortſetzte. Dazu kam, daß einige Verwandte von Lady Caſter⸗ tons Mann ihr in der Loge einen Beſuchabſtatteten und ihr ihre Aufwartung machten. Endlich war die Oper zu Ende. Elvira nahm Sidneys Arm. In dem untern Corridor war ein ſo ſtarkes Ge⸗ dränge, daß ſie einen Augenblick ſtehen bleiben muß⸗ ten. In dieſem Moment paſſirten einige junge Männer vorbei.— Einer von ihnen hielt ſeine Schritte an, als er an Lady Caſtertons Seite ankam, und ſagte zu ihr in einem flüſternden Tone, aber doch laut genug, daß Sidney es hören konnte. — Guten Abend, Elvira! Was machſt Du mit dem engliſchen Narren zum Begleiter? Nachdem er dieß geſagt, eilte er ſeinen Kame⸗ raden nach, von welchen er ſich getrennt hatte. Elvira wurde vor Aerger purpurroth und Sid⸗ ney folgte dem Unverſchämten mit einem Blick, wel⸗ cher zeigte, daß er nicht beabſichtigte, die Naſeweis⸗ heit ungeahndet zu laſſen. Lady Caſtertons Wagen fuhr vor; der Bediente ſtand an der Wagenthuͤre; Sidney hatte Elvira hineingeholfen und gab gerade Armida die Hand, als ein Herr mit ſolcher Haſtigkeit an dem Wagen vorbeiſtürzte, daß er Armida, welche den einen Fuß auf den Wagentritt ſetzte, beinahe über den Haufen geworfen hätte. 90 — Geben Sie Acht auf Ihre Bewegungen, mein Herr!— ſagte Sidney und hielt den Unbeſonnenen an. Lembourn hatte ihn am Arme gepackt, erhielt aber dabei einen Schlag ins Geſicht, ſo daß ſein Hut herunterfiel; der Schlag wurde von folgenden Worten begleitet: — Ich dulde keine Zurechtweiſung von Männern ohne Ehre, welche die Liebhaber der Frauen ihrer beſten Freunde ſind. Elviras Bedienter hatte Mr. Lembourns Hut auf⸗ genommen und dieſer ſagte ganz kalt zu ſeinem An⸗ greifer: — Ich bin gleich zu Ihren Dienſten, Mr. Brogren. Dann half er Armida in den Wagen. Nur diejenigen, welche ſich ganz in der Nähe von Sidney und Carl befunden hatten, waren deſſen, was vorgefallen, Zeugen geweſen; an dem übrigen Publi⸗ cum, welches aus der Oper herauswogte, war der Vorfall unbemerkt vorübergegangen. „ Am folgenden Vormittag trat Lord Caſterton früher als gewöhnlich zu Elvira hinein, welche nach dem Auftritt zwiſchen Carl und Sidney eine ſchlafloſe Nacht zugebracht hatte. — Man hat mir ſoeben mitgetheilt,— ſagte Edwin,— daß ein wenig angenehmer Auftritt geſtern am Ausgange der italieniſchen Oper ſtatt⸗ gefunden hat. Vielleicht können Sie, Elvira, mir darüber einige Aufklärungen geben, wie es damit zuſammenhängt. 91 Man ſpricht von einer Schlägerei zwiſchen Sidney Lembourn und einem Schweden.— Iſt etwas Wah⸗ res daran. Mit etwas unſicherer Stimme berichtete Elvira ſo viel darüber, wie ſie wußte, und dieſes beſchränkte ſich darauf, daß Carl Armida beinahe umgeſtoßen, daß Sidney ihn aufgehalten und ihm dabei der Hut abgeſchlagen worden ſei. Die Worte, welche zwiſchen ihnen gewechſelt wor⸗ den, hatte Elvira nicht gehört und konnte ſie alſo nicht wiederholen. Edwin hörte den Bericht mit zuſammengezogenen Augenbrauen an und ſagte, als Elvira ſchwieg: — Es wäre wünſchenswerth geweſen, wenn Sie nicht ſo unbeſonnen geweſen wären, Herrn Brogren zu bewegen, bei der hieſigen Geſandtſchaft einzu⸗ treten. Sie haben ſich dadurch eine Unannehmlich⸗ keit zugezogen, welche durch den Streit zwiſchen ihm und Lembourn zu einer noch größeren führen kann. Der letztere gehört nicht zu denjenigen, die ſich be⸗ leidigen laſſen, ohne Genugthuung zu verlangen. — Ich verſtehe nicht,— fiel Elvira ein und ſah den Mann ganz verwirrt an,— was Sie da⸗ mit meinen, daß ich Carl Brogren veranlaßt habe, bei der hieſigen Geſandſchaft einzutreten. — Meine Worte ſcheinen keiner Erklärung zu bedürfen,— antwortete Edwin ſtolz,— dazu ſind ſie viel zu deutlich. Ich bin indeſſen vollkommen überzeugt, daß Sie in ſpäterer Zeit gewünſcht ha⸗ ben, daß Sie nicht die Urſache geweſen, daß er Eng⸗ lands Hauptſtadt zu dem Platz wählte, wo er ſeine diplomatiſche Laufbahn begänne. 92 Elviras Kammerjungfrau trat ein und ſagte: — Miſter Lembourns Jockey iſt da draußen und bittet, daß Mylord ſeinen Herrn beſuchen möchte, welcher ſchwer verwundet ſein ſoll.———— Edwin eilte augenblicklich aus dem Zimmer hinaus. — Sidney verwundet!— murmelte Elvira und drückte die Hände gegen die Bruſt. Es kam ihr vor, als wenn ſie dem Erſticken nahe ſei. Die Stunden, welche Elvira von der Zeit an zu⸗ brachte, wo Edwin ſich entfernte, bis er wiederkam, waren lang wie Jahrhunderte. Sie hatte den gan⸗ zen Tag am Fenſter geſeſſen und nach der Straße e hinausgeſpäht, um Edwin wiederkehren zu ſehen; aber er kam nicht. Sie wurde von allen Qualen der Ungewißheit heimgeſucht, und dort, wo ſie ſich befand, kam es ihr vor, als wenn die Minuten ſich in Stunden bit⸗ terer Leiden verwandelten. ——— Endlich— es hatte ſchon angefangen dunkel zu werden— erblickte ſie die ſtattliche Figur ihres Mannes. Er näherte ſich mit langſamen Schritten. Es lag Etwas in ſeiner ganzen Haltung, das Elvira ſchaudern machte; denn ſo ging nicht derje⸗ nige einher, welcher eine hoffnungverheißende Bot⸗ ſchaft brachte. Jetzt war er am Thore. Elvira ſprang zur Thüre und hinaus in das Zimmer. Sie flog durch das ganze Stockwerk und ſtand im großen Salon, als Edwin dort eintrat.— Sie eilte ihm entgegen, umfaßte ſeine Arme mit beiden Händen und rief: 93 — Um's Himmels willen, Edwin, ſage, wie ſteht es? Jeder Zug in ihrem Geſichte drückte Angſt aus. — Sidney Lembourn iſt todt,— antwortete Caſterton in düſterem Tone. Nicht ein Wort entfiel Elvira. Sie ſtarrte ihren Mann ein paar Minuten an, dann fielen die Hände herab, welche ſeine Arme um⸗ faßt hatten, und ſie lag leblos zu ſeinen Füßen. — Welcher ferneren Beweiſe bedarf ich, daß ihr Herz an ihn gefeſſelt war?— murmelte Edwin. Die Sonne und das Grün des hohen Sommers thaten Alles, um den Nordländer ſein hartes Klima vergeſſen zu machen und ihn träumen zu laſſen, er befinde ſich im Süden. Die Umgebungen von Timaſjö prunkten in all dem natürlichen Luxus, welchen der Sommer zu ent⸗ wickeln vermag. Schon zwei Monate lang war der ſtattliche Her⸗ renſitz bevölkert geweſen, Lord Caſterton mit Lady hatten dort den Som⸗ mer zugebracht, indem ſie ein im Ganzen eingezogenes Leben geführt. Der Lord hatte ſchon ſeit ihrer Ankunft dort El⸗ vira größere Freundlichkeit als zuvor gezeigt. Er erſchien freilich düſterer und verſchloſſener; aber das Steife und Strenge in ſeinem Benehmen war bedeutend gemildert. Elvira war durchſichtig bleich geworden. Sie 94 glich mehr einem Geiſte, als einem lebenden Men⸗ ſchen. Selbſt der milde und demüthige Ausdruck in ihrem Blick, der ernſte Zug um ihren Mund, kurz Alles trug dazu bei, ihr faſt ein verklärtes Ausſehen zu verleihen. Sie ſuchte in Allem die Wünſche Edwins zu er⸗ rathen, und ſo weit es in ihrer Macht ſtand, Alles wegzuräumen, was ihm mißfallen könnte; aber trotzdem hatte es den Anſchein, als wenn eine eiskalte Hand die Herzen der beiden Gatten ausein⸗ ander gehalten und jede Annäherung zwiſchen ihnen unmöglich gemacht hätte. Wenn z. B. Edwin Tage lang unter vier Augen mit Elvira zugebracht hatte und ſie während dieſer Zeit über irgend welche Ge⸗ genſtände geſprochen, die ſie intereſſirten, ſo daß et⸗ was wie Vertraulichkeit ſich in ihr Benehmen ein⸗ ſchlich, ſo war dieſes vergeſſen, ſobald ſie ſich wie⸗ der begegneten. Edwins Blick ſchien nach ſolchen Stunden finſter und der Elviras wurde traurig. Die Zeit, welche für ſie beide angenehm geweſen, war vergeſſen und ſie betrachteten einander mit Blicken, welche ein gegenſeitiges Mißtrauen aus⸗ drückten. Während dieſer fortwährenden Ebbe und Fluth war die eine Woche nach der andern vergangen, und jetzt befand man ſich in den letzten Tagen des Juni, ohne daß ſie einander weniger fremd waren, als wo ſie auf Timaſjö ankamen. Nachdem Elvira und Edwin an einem ſchönen Morgen Thee eingenommen, ſchlug er vor, einen Ritt zu machen. 95⁵ Elvira willigte jetzt wie immer ein, wenn Edwin Etwas wünſchte. Als ſie zu Pferde ſaßen, ſagte Edwin: — Beſtimmen Sie, wo wir hinreiten ſollen. — Das iſt mir vollkommen gleichgültig,— ver⸗ ſicherte Elvira und ſtreichelte den Hals des Pferdes. — Hat denn Elvira keine Lieblingsplätze?— fragte Edwin. — Nein, mir ſcheint es überall hier um Timaſjö hübſch zu ſein, und es hält ſchwer zu entſcheiden, welche Gegenden die hübſcheſten ſind. — Es gibt alſo keinen Fleck, an welchen Sie durch irgend eine Jugenderinnerung eine Anhäng⸗ lichkeit haben? — Nicht einmal das!— Die Erinnerungen, welche ich aus meiner Kindheit von dieſem Timaſiö habe, ſind nicht angenehmer, ſondern eher bitterer Natur, weil ſie mich daran mahnen, wie mein Hoch⸗ muth und mein Ehrgeiz zuerſt erwachten. — Und dadurch werden Sie auf die Erinnerung an den Mißgriff gebracht, den Sie damals begingen, als Sie dieſe Gefühle bei der Wahl eines Gatten einwirken ließen.— Nun ja, es liegt in der That etwas Troſtloſes in dem Gedanken, ein langes und unglückſeliges Leben dahinſchleppen zu müſſen;— aber man muß trotzdem ſuchen ſein Schickſal zu tra⸗ gen und es ſo erträglich als möglich zu machen. Ein Unglück, dem nicht abzuhelfen iſt, Elvira, kön⸗ nen wir in das Gegentheil verwandeln, wenn wir nur den Muth haben, das nicht zu vermiſſen, was wir verloren haben und nicht wiederbekommen kön⸗ nen. Die Reſignation iſt eine paſſive Tugend, wäh⸗ 96 rend dagegen die Fähigkeit, aus dem Boden der Leiden ſelbſt die Blumen der Freude hervorſprießen zu machen, etwas Heroiſches und Großherziges iſt. — Aber wie ſich dieſe Fähigkeit erwerben,— — ſiel Elvira ein,— wie ſich Muth und Hoffnung einflößen, wenn beide uns verlaſſen haben? Edwin drehte den Kopf um und blicte ſeine bleiche Begleiterin düſter an. — Sind wir von der Hoffnung verlaſſen, dann bleibt nur der Tod übrig. Es flog ein Schatten über Elviras Geſicht. — Aber der Tod läßt bisweilen ziemlich lange auf ſich warten,— ſagte Elvira mit einem bitteren Lächeln. — Sie haben Recht, und er nimmt ſeine Opfer, wo er ſchonend ſein ſollte, während er Andere leben läßt, für welche es ein Gewinn wäre, zu ſterben. — Es iſt wohl immer ein Gewinn, aufzuhören zu leben,— ſiel Elvira ein und blickte gerade vor ſich hin.— Das Leben iſt ein ſo ſchwieriges Räthſel, daß nur höchſt Wenige es verſtehen, daſſelbe auf eine befriedigende Weiſe zu löſen. Alles, was man in gewöhnlicher Rede Glück nennt, enthält ſo ſelten das, was es verſpricht. Wenn das Schickſal uns Alles zugeworfen hat, was wir wünſchen, ſo kommt doch ein Tag, an welchem wir mit Reue an die Zeit zurückdenken, wo wir uns von den falſchen Ver⸗ ſprechungen blenden ließen, welche ſtatt Segen und Freude nur Unzufriedenheit und Kummer mit ſich brachten. — Freilich,— ſagte Edwin;— aber hinter edem befriedigten Wunſche erwacht immer ein neuer⸗ 97 und unſer ganzes Daſein iſt, ſtreng genommen, nur eine Jagd nach dem, was wir nicht beſitzen. — Und in deſſen Beſitz wir nie gelangen,— meinte Elvira;— aber,— fügte ſie mit einem matten Lächeln hinzu,— was nützt es, über den Gang des Lebens zu philoſophiren? Wir vertiefen uns nur in endloſe Betrachtungen, welche doch da⸗ mit ſchließen, daß wir anerkennen müſſen,„daß Jeder ſeines eigenen Glückes Schmied iſt.“ Laßt uns ſtatt deſſen beſchließen, wo wir hinreiten ſollen. Die Allee iſt jetzt zu Ende und hier geht ein Weg rechts, einer links und einer gerade aus. Da ſind alſo drei zu wählen. — Vier, falls wir umkehren wollen,— ſfiel Ed⸗ win ein;— vielleicht daß Elvira dieſen letzteren Weg wählt, um der Promenade ein raſches Ende zu machen? — Durchaus nicht; vorwärts iſt meine Loſung! Sie gab dem Pferde einen leichten Schlag mit der Reitpeitſche und eilte den Weg gerade aus. — Dieſesmal haben Sie ſicherlich für den Weg geſtimmt, welchen ich vorſchlagen wollte,— bemerkte Edwin, als er ſie einholte. — Ihr Geſchmack, Edwin, war in dieſem Falle nicht ſchwer zu errathen. Elvira hatte jetzt, wahrſcheinlich in Folge des heftigen Ritts, eine friſchere Farbe auf den Wangen. — Ich ſchmeichle mir nicht, daß Sie ſich die Mühe gegeben haben, denſelben zu errathen; ich glaube vielmehr, daß Sie der Neigung Ihres eige⸗ nen Herzens gefolgt ſind. Schwartz, Gold und Name. M. 7 98 Edwin ſchlug mit der Reitpeitſche einige Blätter herunter und Elvira ſchwieg. — Hat Elvira heute nicht Luſt, Altorp mit mir zu beſuchen?— Man hat mir geſagt, daß das Gut zu verkaufen iſt. Elvira zog die Zügel haſtig an; das Pferd machte einen heftigen Satz, was Edwin veranlaßte, in den Zaum zu greifen. Nachdem das Thier wie⸗ der ruhig geworden, nahm Elvira das unterbrochene Geſpräch wieder auf. — Soll Altorp verkauft werden?— fragte ſie. — Jo, ſo behauptet man. Wenn das Gerücht wahr iſt, ſo denke ich es zu kaufen. — Sie, Edwin?— Elvira blickte ihn an. — Es würde ein hübſches Supplement zu Ti⸗ maſiö werden; oder was meinen Sie, Elvira? 8 — Altorp iſt wirklich ganz nett,— ſagte Elvira. Der Ton klang kalt. — Für dieſen Ort müſſen Sie doch ein wenig Vorliebe haben. — Und warum ſollte ich das haben? — Die Frage kann und will ich nicht beantwor⸗ ten,— meinte Edwin. Elvira blickte hinaus nach der See, welche man von der Höhe, wo ſie ſich befanden, erblickte.— Ihr Ausſehen war traurig; ſie dachte an die letzte bittere Zeit auf Altorp, an Martha, an Carl und an den todten Freund. — Wollen wir dorthin reiten?— fragte Edwin. Mein Wunſch iſt es wirklich, dort einen Beſuch zu machen, um das Gut in Augenſchein zu nehmen. Elvira ſchauderte bei dem Gedanken, Altorp zu — 99 beſuchen, und dort möglich mit Carl zuſammenzu⸗ treffen. — Wenn es Ihnen nicht zuwider iſt, ſo wünſche ich davon befreit zu ſein, dieſen Ort zu beſuchen,— ſagte ſie. Edwin warf ſein Pferd um und gab durch dieſe Bewegung Antwort auf ihren Antrag. Der Aus⸗ druck im Geſichte des Lords zeigte indeſſen, daß er nicht recht zufrieden ſei. Elvira merkte es, ſchwieg aber. Wieder entſtand eine eiſige Kälte zwiſchen den beiden Gatten; wieder ſah es aus, als wenn eine unerſteigbare Mauer ſie trennte. Sie ritten ſchweigend bis zum Kreuzwege, w der Lord links abbog. Nachmittags fuhr Edwin fort. Elvira blickte ſeinem davoneilenden Fuhrwerk vom Balkon nach, auf welchem ſie, Miſtriß Brow und Armida ſaßen. Dieſe letztere bemerkte: — Ich glaube eben, daß die Pferde des Lords von ſelbſt nach Skoghof werden finden können, ſo oft müſſen ſie den Weg gehen. Elvira antwortete nicht, aber Miſtriß Brow blickte von ihrer Stickerei auf und betrachtete die junge Frau. — Ich habe einen Brief von der Propſtin Bro⸗ gren an Dich,— hob Armida wieder an und reichte denſelben Ekvira indem ſie hinzufügte: ſie iſt ſehr betrübt, die arme Alte. Carls Geſundheitszuſtand fährt fort ihr Beſorgniß einzuflößen.— Du weißt doch, daß Carl vor ein Paar Tagen auf Altorp an⸗ gekommen iſt? 3 ——— 3 100 Auch jetzt gab Elvira keine Antwort. Sie nahm den Brief ſchweigend in Empfang, und übergab ihn, nachdem ſie ihn geleſen, Armida. Dieſe fuhr fort: — Die Propſtin denkt daran, Altorp zu ver⸗ kaufen, wie Du aus dem Briefe erſiehſt. Der Kum⸗ mer über Carl hat die Alte ſo mitgenommen, daß ſie zur Ruhe zu kommen wünſcht. Elvira ſtand auf und ſagte: — Weißt Du, wie viel die Propſtin für Altorp haben will? — Nein, ich weiß nur, daß ſie durch den Ober⸗ ſten Lord Coſterton das Gut hat anbieten laſſen. — So— o! war Alles, was Elvira ſagte. Sie verließ den Balkon. Miſtriß Brow und Armida blieben jetzt allein, etwas, das ſie im All⸗ gemeinen auf beiden Seiten vermieden. Armida pacte ſofort ihre Nähſachen zuſammen, um auch ihre Wege zu gehen. — Miß Khjelm, ich muß Sie bitten, daß Sie mir eine Unterredung von einem Augenblick gewäh⸗ ren. Ich habe ſeit einiger Zeit gewünſcht mit Ih⸗ nen zu ſprechen. — Ich kann nicht begreifen, was Sie mir zu ſagen haben können,— äußerte Armida.— Mir, in meiner Eigenſchaft als Freundin der Lady Caſter⸗ ton, dürften Sie verzeihen, wenn ich Ihnen ganz offen erkläre, daß Sie, die Spionin des Lords, und ich nichts miteinander zu ſprechen haben können. — Ich theile vollkommen die Ueberzeugung, daß Sie mir Nichts mitzutheilen haben; aber das hindert nicht, daß ich Ihnen Verſchiedenes anzuvertrauen 101 haben kann. Sie ſagten, daß Sie die Freundin der Lady wären, war es nicht ſo? — Ich ſage es nicht bloß, ſondern ich bin es auch. Armida blickte die Engländerin mit all der Zu⸗ verſicht an, welche ihre, wie ſie glaubte, in Caſter⸗ tons Haus jetzt geſicherte Stellung ihr einflößte. — Es iſt etwas über zwei Jahre her, daß Sie und ich unſer erſtes téte-töte hatten, und damals warnte ich Sie davor, die Freundin der Lady zu werden.— Ich wußte, welche gefährliche Freundin Sie waren. Sie haben nicht auf meine Warnung gehört; Sie haben Ihre Freundſchaft an die Lady verſchwendet, und es iſt Ihnen gelungen ſich unent⸗ behrlich für ſie zu machen. Sie glaubt an Sie; ſie iſt verſichert eine Freundin zu beſitzen, und ſie kann ſich die Möglichkeit nicht denken, wie die, deren Sie fähig ſind. — Ich bitte Sie, Miſtriß Brow, wägen Sie Ihre Worte,— rief Armida,— und glauben Sie nicht, daß Sie mich mit denſelben einſchüchtern kön⸗ nen! Ihr Plan iſt gar zu deutlich, als daß man nicht denſelben ſollte durchſchauen können. Sie wol⸗ len mich in ein falſches Licht ſtellen, wollen Miß⸗ trauen zu meinem Charakter einflößen und mich auf dieſe Weiſe wo möglich forttreiben; aber Sie ver⸗ geſſen, daß Ihre Stellung zu der Lady eine ſolche iſt, daß ſie Ihnen mißtrauen muß; Sie vergeſſen ferner, daß zwei Jahre tägliches Zuſammenleben, während welcher die Lady nichts als Anhänglichkeit von mir geſehen, zu ſehr für mich ſpricht, als daß es Ihnen gelingen wird, Zweifel gegen die Jugend⸗ freundin zu erwecken. 102 — Sie haben Recht, Miß K—hjelm, Sie haben wirklich viele Proben Ihrer Anhänglichkeit gegeben. Ein kaltes und höhniſches Lächeln kräuſelte die Lippen der Miſtriß Brow. — Ich kenne ſie alle,— fuhr ſie fort,— und ich habe zwei Jahre g ewartet, um ſie geſammelt zu haben, bevor ich Ihnen Etwas ſagen wollte. Falls ich mich an die Lady gewandt und geſagt hätte:„hüten Sie ſich vor Miß Khielm!“ dann würde ſie mich im Verdacht gehabt haben, daß ich im Auftrage des Lords handelte und hätte geglaubt, ich beabſichtigte das einzige anhängliche Weſen, das ſie in ihrer Nähe hätte, zu entfernen. Darum ſchwieg ich und und wartete den Augenblick ab, wo ich be⸗ weiſen Jonnte, wie Sie gehandelt.— Jetzt, Miß, kann ich beweiſen, welches Spiel Sie getrieben haben. — Wenn man ſo böſe iſt, wie Sie, dann muß man ſich davor hüten, zu ſchreiben.— Kennen Sie dieſes* Riſtriß Brow zog einen Brief hervor und hielt denſelben Armida entgegen. Das Fräuletn erbleichte und that einen Schritt gegen die Engländerin, welche ganz ruhig den Brief wieder in die Taſche ſteckte. — Mit dieſem Brief habe ich Sie in meinen Händen, und Sie haben jetzt keinen andern Aus⸗ weg, als ſich nach meinem Willen zu richten. — Miſtriß Brow, Sie handeln als eine unwür⸗ dige Perſon; dieſer Brief iſt heimlich entwendet worden!— rief Armida. — Mag ſein; derſelbe iſt jetzt im meinem Beſitz! — Die Zeit verläuft und ich muß kurz ſein. Die Lady hat Ihnen ja eine jährliche Penſion zugeſichert. 103 Sie müſſen vor nächſtem Sonnenuntergang von hier fort ſein.— Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stun⸗ den! aber ſind Sie nach dieſen noch hier, dann über⸗ gebe ich dieſen Brief dem Lord, und wenn er von dem Inhalt deſſelben Kenntniß genommen, wird er nicht erlauben, daß die Lady etwas für Sie thut. — Die jährliche Penſion dürfte dann eingezogen werden. Miſtriß Brow erhob ſich langſam von ihrem Platz und fügte hinzu: — Lebwohl für eine Weile, Miß, ich muß eine Promenade machen! Ganz gravitätiſch ſchritt Miſtriß Brow durch die Glasthüre und hinein in den Salon. Armida warf ſich in eines der Sophas und murmelte mit ver⸗ biſſenen Lippen: — Verrath, niedriger Verrath, und das gerade jetzt, wo Alles einen glücklichen Ausgang zu ver⸗ ſprechen ſchien! Jetzt von hier entfernt zu werden, wo er hier iſt!— Sie drückte die geballten Hände gegen die Stirne und ſprang ungeſtüm auf, um den Balkon zu ver⸗ laſſen, wurde aber von einer Stimme zurückgehalten welche Johann rief. Es war Elviras Kammerjungfrau, welche Befehl gab, daß die Droſchke angeſpannt werden ſolle. Armida blieb auf ihrem Platz. Eine Viertelſtunde verging, worauf die Droſchke 6 in den Hof hinauffuhr und Eivira fortfuhr, nachdem ſie dem Kutſcher Befehl gegeben, nach Altorp zu fahren. — Jetzt, oder nie werde ich gerächt werden,— murmelte Armida. 104 Eine Stunde ſpäter ſah man Armida ganz lang⸗ ſam die Allee hinuntergehen, um, wie es den An⸗ ſchein hatte, den ſchönen Abend zu genießen. Sie hatte gerade den Kreuzweg erreicht, als eine Staubwolke zeigte, daß ſich ein Fuhrwerk näherte. Es war Edwin, der von ſeinem Ausflug zurück⸗ kehrte. Als er Armida erblickte, befahl er dem Kut⸗ ſcher zu halten. — Wo fuhr Elvira hin?— fragte er haſtig. — Nach Altorp,— antwortete Armida, welche mit Mühe die Schadenfreude, die ſie empfand, ver⸗ bergen konnte. Edwin gab dem Kutſcher Befehl, nach Altorp zu fahren. Armida blickte ihm nach und dachte: — Dießmal hat der Zufall mich begünſtigt. Ah, Brow, morgen kann ich gern Timaſjö ver⸗ aſſen! Edwins Wagen fuhr in wilder Carriere vorwärts und bog nach Altorp ab. Als er ein Stück weit gekommen war, befahl Edwin, daß man halten ſolle, ſtieg ſelbſt aus und gab dem Kutſcher Ordre, nach Hauſe zu fahren. Er legte den Reſt des Weges zu Fuß zurück.— Als er an den Hof herankam, ging er nicht durch die Gitterthore, ſondern bog rechts ab, um in den Garten hineinzukommen. Er hatte ſeine Schritte gemäßigt. Eine Wolke von Kummer ruhte auf ſeiner Stirne und die Lip⸗ pen waren ſchmerzlich zuſammengepreßt. 105 Er blieb ein Paar Mal ſtehen, als wenn er zweifelhaft ſei, ob er weiter gehen ſollte. Die Sonne war untergegangen, und ein mildes Halblicht ſenkte ſich herab über den am Seeufer ſelbſt gelegenen Garten, welcher durch die tiefe, ſchmale Bucht eine hufeiſenartige Geſtalt erhielt, ſo daß man von der einen Seite deſſelben über die Bucht hinüber die andere Hälfte ſehen konnte. Es war ſo ſtille, ſo ruhig; die Blumen auf den gut in Stand gehaltenen Rabatten verbreiteten einen wohlriechenden Duft und die Wogen des Meerbuſens ſchlummerten, vom Halbzirkel des Gartens umarmt. Der Abend war idylliſch. Edwins Seelenzuſtand entſprach indeſſen nicht dem Frieden, welcher in der Natur herrſchte. Nachdem er in den Garten hineingetreten, blieb er eine Weile ſtehen und blickte um ſich. Mitten über der Bucht auf der entgegengeſetzten Seite des Ufers entdeckte man die Umriſſe von zwei Menſchengeſtalten, welche zur Hälfte von einem Strauche verborgen dort ſaßen. Es war ein Mann und eine Frau. Die letztere hatte den Kopf auf die Hände ge⸗ ſtützt. Es ſchien, daß ſie weinte. Der Abſtand war indeſſen groß genug, um es ihm unmöglich zu ma⸗ chen, bei der zunehmenden Dämmerung die Geſichts⸗ züge zu unterſcheiden. Während mehrerer Minuten blieb Edwin auch ſtille, um ſich zu überzeugen, daß die Frauengeſtalt diejenige ſei, welche er ſuchte. Ohne auf dem Wege zu irgend einem beſtimmten Reſultat kommen zu können, ſchlich er ſich auf dem buſchigen und ſchma⸗ 106 len Sandweg vor, welcher längs der See lief. Als er ſoweit gegangen war, daß er die andere Seite des Ufers erreicht hatte, blieb er wieder ſtehen. Der Klang von Stimmen, welche in leiſem Tone ſprachen, traf ſein Ohr. Sie ſprachen natürlich ſchwediſch, und Edwin verſtand ganz unbedeutend von dieſer Sprache, aber doch ſo viel, daß es ſich lohnte, dem, was ſie ſagten zu lauſchen. Wir wollen indeſſen nicht dem Beiſpiele des Lords folgen, ſondern uns entfernen und es ihm ſelbſt überlaſſen den Inhalt der Unterredung aufzu⸗ fangen. Die Nacht war ziemlich weit vorgeſchritten, als Edwin nach Timaſiö zurückkehrte. Es war dunkel in allen Fenſtern, ausgenommen in einem, und das war in Elviras Cabinet. — Sollte ich zu ihr gehen und ſagen, daß ich alles angehört habe,— ſollte ich——— Er unterbrach plötzlich ſeinen Gedankengang und fügte hinzu:— wozu nützen denn dieſe Scenen? nur dazu, ſie zu quälen, ohne daß ich Etwas dabei ge⸗ winne. Wie geduldig hat ſie nicht ihr Schickſal er⸗ tragen; und, ſtreng genommen, was für ein Recht habe ich, anzuklagen? ich, der ich ſie viele Male ver⸗ letzt und gedemüthigt habe, und aus beleidigtem Stolze nicht fähig war, etwas zu thun, damit unſer Zuſammenleben einen anderen Charakter annähme! Der Lord ſtieg die Treppe hinauf. Der Kam⸗ diener kam ihm mit Licht entgegen. Er nahm es 107 ſelbſt mit der Erklärung, daß er keine Hülfe haben wollte, und ging dann in den Saal hinein. Edwin ſetzte das Licht von ſich und näherte ſich der Thüre, welche nach dem großen Salon führte. Trotz Allem, was die Vernunft und das Mit⸗ leid ihm zuflüſterten, wollte er hinein zu Elvira; aber er blieb, durch eine Bewegung an einem der Fenſter zurückgehalten, halbwegs ſtehen. Es war eine Frauengeſtalt, welche ſich erhob und auf ihn zukam.— Er ſtutzte;— es war Elvira. — Lord Caſterton— ſagte ſie mit einer Stimme, die faſt lautlos klang,— ich habe heute Abend nicht zur Ruhe gehen können, ohne Sie erſt zu ſehen; ich habe Ihnen ein ſchmerzliches und bitteres Bekennt⸗ niß zu machen. Elviras Ausſehen war ſo traurig, ihre Haltung ſo demüthig und ihre Augen ſo verweint, daß ſie wie ein verkörpertes Bild des Schmerzes ausſah. — Ein Bekenntniß,— wiederholte Edwin,— und wozu ſollte das dienen? Ich weiß Alles, was Sie mir zu ſagen haben. — Nein, Mylord; ſo viel ich Ihnen auch abzu⸗ bitten habe, ſo habe ich es nicht einmal ſelbſt, bevor jetzt, gewußt, und ich fühle mich faſt vernichtet von dieſem Bewußtſein.— O, daß es einen Ausweg für mich gäbe, zu——— — Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche Elvira! — fiel Edwin mit klarer Stimme ein.— Sie wer⸗ den mich vollkommen verſtehen, wenn ich ſage: daß ich ein Geſpräch behorcht habe, welches zwiſchen einem Mann und einer Frau ſtatt fand, die am Strande in Altorps 108 Garten ſaßen.— Ich habe verſtanden, was ſie ſprachen, und ich verzeihe! Er verließ ſie mit raſchen Schritten und ging auf die Thüre zu, welche zu ſeinen Zimmern führte. — Edwin!— rief Elvira und ſtreckte ihre ge⸗ falteten Hände gegen ihn aus.— Mein ganzes Le⸗ ben wird nicht hinreichen, um mich Ihrer Güte würdig zu machen. Lord Caſterton betrachtete ſie mit einem langen Blick. Dann kehrte er zurück, drückte ſeine Lippen auf ihre Stirne, ergriff ihre gefalteten Hände und murmelte: — Armes Kind, der Morgen Deines Glücks wird auch einmal dämmern; ich hoffe es, und jetzt, El⸗ vira, gute Nacht!— Mit dieſen Worten eilte er fort. Elvira fiel auf ihre Kniee, hob die Hände in die Höhe und flüſterte: — Herr des Himmels, ich danke Dir!— Jetzt, jetzt kann ich es wagen, zu hoffen. Das Auge des Tages war, als es am folgenden Morgen auf die Erde hinabſah, von Nebel umhüllt. Ein feiner und dichter Thauregen fiel vom Himmel herab und gab der ganzen Landſchaft um Timaſiö ein melancholiſches Ausſehen. Später als gewöhnlich ertönte Elviras Glocke. Die junge Frau war in einen ſo tiefen Schlaf ge⸗ fallen, daß ſie zwei Stunden ſpäter, als ſie pflegte, erwachte. Als ſie endlich die Augen öffnete, brauchte 109 ſie lange Zeit, um ſich zu überzeugen, daß die nächt⸗ liche Scene zwiſchen ihr und ihrem Mann kein Traum, ſondern Wirklichkeit geweſen. Edwins Worte: „Armes Kind, der Morgen Deines Glücks wird auch einmal dämmern!“ klangen noch in ihren Ohren. Die Kammerjungfrau trat ein. Sie hielt einen Brief in der Hand, welchen ſie Elvira übergab. — Vom Lord! Ich habe Befehl erhalten, den⸗ ſelben abzugeben, ſobald Mylady erwachte,— ſagte ſie. Elviras Hand zitterte, als ſie den Brief in Em⸗ pfang nahm. Ein heftiger Schreck bemächtigte ſich ihres Herzens. Warum? konnte ſie nicht ſagen; aber es kam ihr vor, als wenn der Brief, den ſie in der Hand hielt, eine Pandorasbüchſe ſei, bei deren Heff⸗ nung ſie von irgend einem neuen Schmerz getroffen werden würde. — Warum dieſer Zweifel?— dachte Elvira.— Meine Einbildung iſt immer bereit, irgend ein neues Unglück in der geringſten Kleinigkeit zu ſehen. Er hat gewiß gewünſcht, ſich ſchriftlich über die Ent⸗ deckung, die er gemacht, auszuſprechen, um mir den zu erſparen, ſich mündlich darüber auszu⸗ aſſen. Jetzt war der Umſchlag zerriſſen und der Brief auseinandergefaltet. „Elvira!“ ſchrieb Edwin. „Hochmuth, Ehrgeiz und Egoismus, das ſind die gefährlichſten Feinde unſeres Lebens. „Sie haben in Ihrem und meinem Leben die Hauptrollen geſpielt und mich verleitet, ein ſtrenger Richter über Ihre Fehler zu ſein und Sie; meine 110 Gattin zu werden. Ihre Macht über meine Seele iſt zu Ende, und ich geſtehe Ihnen offen, daß ich in dieſem Augenblick finde, daß ich eine Rolle geſpielt, die meines urſprünglichen Charakters unwürdig iſt. „Warum habe ich in geradem Widerſpruch mit meinem beſſeren Ich und mit meiner Uebezeugung gehandelt?— Ich will es Ihnen in dieſer Stunde ſagen— die nie wiederkehren wird. „Ich mache Ihnen dieſes Bekenntniß, um mich zu rechtfertigen; ich erwarte nicht einmal, daß es Sie intereſſiren wird; ſondern ich thue es deßhalb, weil ich mir ſelber, meiner Ehre, und meinem beſſe⸗ ren Menſchen es ſchuldig bin, die Motive zu erklä⸗ ren, welche mich geleitet haben, und wie ich mich von zwei elenden Paſſionen habe beherrſchen laſſen.— „Um ein anſchauliches Bild von mir, wie ich bin, zu geben, muß ich etwas weit zurückgehen. „Als Erbe eines ſtolzen Namens, aber ohne Ver⸗ mögen geboren, wurde meine Stellung nach dem Tode meines Vaters die allerſchiefſte und unnatürlichſte. „Von Kindheit an hatte man mich gelehrt, den erſteren hoch zu achten, aber vergeſſen, mich darüber aufzuklären, daß ein großer Name keinen Werth hat, wenn er nicht von Reichthum begleitet iſt. „Ich hatte niemals darüber reflektirt, daß einer von Englands Lords den Mangel an dem letzteren empfinden könnte, ſondern es als ſelbſtverſtändlich angeſehen, daß Gold zu dem Namen als etwas da⸗ von Unzertrennliches gehöre. „Meine Kindheit, mein Jünglingsaltet verfloß in Ueppigkeit, ohne daß⸗ meinen Ausgaben irgend eine Grenze geſetzt wurde, und ich überließ mich ſorg⸗ 111 los meinen Reigungen und meinem Hang zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Forſchungen. „Lord Caſtertons Sohn konnte ja zu ſeinem eige⸗ nen Vergnügen, zu ſeiner eigenen Erbauung ſich mit den Wiſſenſchaften beſchäftigen; und da dieß mir ein Vergnügen war, ſo folgte ich meiner Neigung, bis der Tod meines Vaters mit Einemmale meine Stellung änderte. „Dieſelbe warf mich in Geſchäfte hinein, die ich nicht verſtand. „Ich war nicht auf irgend eine ökonomiſche Um⸗ wälzung vorbereitet, und ich konnte nicht recht be⸗ greifen, daß der Eigenthümer von ſo vielen Gütern, wie ich erbte, doch ohne alle Einkünfte ſei. Ver⸗ gebens ſagte man es mir. „Selbſtſtändig, an Verſchwendung gewöhnt, un⸗ beugſam und ſtolz, konnte ich mich nicht dazu be⸗ quemen mich von meiner Tante, der Marquiſin, be⸗ herrſchen zu laſſen. Ihre Behauptung, daß meine Mutter die Urſache des Ruins meines Vaters ſei, reizte mich dergeſtalt, daß ich mit dieſer Frau brach, welche aus Liebe zu meinem Vater es auf ſich neh⸗ men wollte, die Wohlthäterin des Sohnes zu wer⸗ den, aber unter der Bedingung, daß ich mich ihrem Willen unterordnen ſollte, was ſich mit meinem Stolze nicht vereinigen ließ. „Nach dem Bruche mit meiner Tante hatte ich beſchloſſen, mir ſelbſt eine Bahn zu brechen. Ich hielt es für eine leichte Sache, mußte aber bald er⸗ fahren, daß es einem Manne mit einem großen Na⸗ men ſchwerer fällt, ſich von Armuth zu einer ökono⸗ 112 miſchen Unabhängigkeit hinaufzuſchwingen, als einem einfachen Arbeiter. „Genug, die Marquiſin fand es für gut, noch einmal ihre Hand auszuſtrecken und mir ihre Hülfe anzubieten.— Ich ſollte mich verheirathen,— und ſie wollte mir all mein Eigenthum wieder zurück⸗ geben. „Ich will nicht den inneren Aerger beſchreiben, welchen ich empfand, als ich aus pecuniärer Ver⸗ legenheit genöthigt wurde nachzugeben und auf den Vorſchlag einzugehen. „In demſelben Augenblick, in welchem ich mich dazu veranlaßt fand, beſchloß ich, da ſie es zur Be⸗ dingung machte, daß ich keine Franzöſin nähme, daß ich ihr auch nicht die Freude bereiten würde, eine Engländerin zu wählen. „Mein gekränktes Selbſtſtändigkeitsgefühl ſuchte ſich ſchon damals dafür zu rächen, daß ſie mich ge⸗ zwungen, meine Freiheit zu opfern. „Ich wandte mich auch an einen Heirathsmäkler, um nicht nöthig zu haben, die Rolle eines Verlieb⸗ ten zu ſpielen, und mich ſogar bis dahin zu erniedri⸗ gen, daß ich betröge, um in den Beſitz von einem Vermögen zu gelangen, welches ich ſonſt nicht er⸗ halten würde. „Bekam ich eine Frau durch d'Orbeau, ſo er⸗ hielt ich auch eine Frau, die auf Liebe keine Rück⸗ ſicht nahm, und ich meinte ganz redlich gehandelt zu haben. „Man ſagte mir, daß Sie aus Ehrgeiz einen Mann von Rang haben wollten.— Nun gut, dachte ich, ſie heirathet aus Hochmuth, ich nothgedrungen. 113 Die Partie iſt gleich.— Sie waren außerdem eine Schwedin und gehörten weder der franzöſiſchen noch engliſchen Nation, ſondern einem mir und meiner Tante gleichgültigen Volke an. „Ich entſchloß mich, Sie zu ſehen. „Sie beſitzen, Elvira, ein Geſicht, welches Ein⸗ druck machen muß, und das machte es auch auf mich. Es erweckte meinen Verdruß, daß dieſe an⸗ muthigen und milden Züge, dieſe ſeelenvollen Au⸗ gen und dieſes einnehmende Aeußere einem Mäd⸗ chen angehörten, welches ſich aus Ehrſucht verhei⸗ rathete. Ich fühlte, daß ich Sie würde lieben kön⸗ neo; aber ich ärgerte mich über dieſe Schwäche, wenn ich erwog, daß Sie aller zarteren Gefühle ſo baar wären, daß Sie nur der Stimme der Eitelkeit gehorchten. „So die Motive, welche Sie zu meiner Frau machten, entſchieden mißbilligend, kam ich auf Harton⸗ court an. „Dort erwachte mein von der Marquiſin ver⸗ letzter Hochmuth, und in demſelben Verhältniß, wie ſie Ihnen Freundſchaft zeigte, entſtand in mir das Verlangen, meine wirklichen Gefühle zu verbergen und in mein Benehmen gegen Sie eine kalte Höf⸗ lichkeit hineinzulegen. „Es kam mir wie eine Demüthigung vor, wenn ich ihr gezeigt hätte, daß ich durch den Schritt, zu welchem ſie mich gezwungen, in den Beſitz einer Frau gekommen ſei, welche ich ſchon liebte. „Ich ſah es, mit welcher Geduld Sie alle die Stiche ertrugen, welche meine anderen Verwandten Ihnen verſetzten; aber ich hatte auch geſehen, wie Schwartz, Gold und Name. M. 8 114 glücklich Sie ſich in den erſten Tagen gefühlt hatten, geliebkost und gefeiert zu ſein. „Die Mißbilligung, welche dieß in meinem un⸗ verträglichen Herzen erweckte, machte, daß ich Ihr ſpäteres Benehmen verkannte und darin nur eine ſtlaviſche Unterwürfigkeit gegen den Stand erblickte, welchem Sie durchaus hatten angehören wollen. „Ich that Alles, um mich ſelbſt gegen Sie auf⸗ zureizen, und es gelang mir ſo gut, daß ich mir eher eine Kugel vor den Kopf geſchoſſen, als einzu⸗ geſtehen, daß ich, Edwin Caſterton, diejenige liebte, welche mir ohne Liebe ihre Hand gegeben. „Meine ganze Stellung zu Ihnen war von An⸗ fang an eine ſchiefe geworden, und ſollte es ſogar bis zu dieſem Augenblick bleiben. Ich war gegen Alle, welche in irgend einer Weiſe mit meinem Hei⸗ rathsentſchluß zu thun gehabt hatten, übel geſtimmt; und ſogar meine Freundſchaft für Sidney litt dar⸗„ unter, daß er der Botenträger der Marquiſin ge⸗ weſen. „Kurz bevor er ſich von Hartoncourt entfernte hatten er und ich eine Unterredung, in welcher er mich zu überreden ſuchte, daß Ihr Herz mir ge⸗ hörte.— Der Eindruck dieſer Behauptung war ein ſolcher, daß es mir mit Einemmale einleuchtete, es hätte des Lebens größtes Glück darin beſtanden, daß die Worte Lembourn's wahr geweſen wären; aber gerade darum fühlte ich eine um ſo größere Bitterkeit darüber, daß es nicht ſo ſei. Mein verletzter Stolz veranlaßte mich, ihm gegenüber die Möglichkeit zu läugnen, doß ich Sie lieben könnte. „Die Eiferſucht, welche ich empfand, als Sidney —— —— 115⁵ mir geſtand, daß er Ihnen in Liebe zugethan gewe⸗ ſen, verbarg ich unter der Maske der größten Gleich⸗ gültigkeit;— aber als ich allein war, als ich mir die Stunde dachte, wo Sie und ich Harton⸗ court verlaſſen würden, um uns nach Caſterton zu begeben, da empfand ich eine wirkliche Freude bei dem Gedanken, Sie zu beſitzen und zu wiſſen, daß Sie von der Nähe Lembourns entfernt wären. „Die Vorausſetzung, daß Sie möglicherweiſe Lembourn lieben könnten, hatte Sie für mich in ein neues und verſöhnliches Licht geſtellt, und ich vergaß die Beweggründe, welche Sie zu meiner Frau ge⸗ macht. „Nach dieſer Nacht, Elvira, kam der Morgen und das Billet mit der Einladung, mich bei Ihnen einzufinden. „Sie haben dieſe unſere Unterredung nicht ver⸗ geſſen. „Ich will nicht darüber reflektiren; aber Sie müſ⸗ ſen ſelbſt den Eindruck deſſelben beurtheilen können, wenn Sie wiſſen, daß der Stolz eine Hauptrolle in meinem Charakter ſpielt. „Ihr Wunſch, von mir getrennt zu werden, ver⸗ letzte nicht allein mein Selbſtgefühl, ſondern auch mein Herz, und ich ſchämte mich der Zärtlichkeit, die ich für Sie hegte. „Die Liebe zu einem Weibe, welches mich auf dieſe Weiſe behandelte, und ohne alles Verſtändniß der Pflichten war, die ſie übernommen, war eine Schwäche, die ich verachtete. „Feſt entſchloſſen, die Erinnerung an Sie aus 8* 116 meiner Seele auszulöſchen, gab ich mich demjenigen Ehrgeize hin, für welchen jeder Engländer empfäng⸗ lich iſt, nämlich darnach zu trachten, durch mein Ta⸗ lent meinem Vaterlande zu dienen.— Weder Ar⸗ beit, noch vaterländiſche Intereſſen vermochten es, Ihr Bild zu verſcheuchen; es kam unaufhörlich wie⸗ der, und gerade dieſer Umſtand erbitterte mich ſo gegen Sie, daß ich mich zu überzeugen ſuchte, daß es nur meine Verachtung und mein Unwille ſeien, welche die Erinnerung an Sie in mir wach riefen. „Während dieſer Gemüthsſtimmung ſahich Martha Stangenſtiöld. „Ihre blendende Schönheit frappirte mich, ihr lau⸗ niſches und piquantes Weſen amüſirte mich, und ich ergriff mit Begierde das Intereſſe, welches ſie er⸗ regte, als Etwas, welches meine Gedanken von Ih⸗ nen entfernen könnte. „In ihrem Verlobten erkannte ich den Mann wieder, welcher an meinem Hochzeitstage mit gar zu zudringlichen Blicken meine Braut zu betrachten wagte, als ſie am Fenſter ſtand. „Ich war nicht lange mit Martha bekannt ge⸗ weſen, als ſie mir mittheilte, daß ein zärtlicheres Verhältniß zwiſchen Ihnen und ihrem Verlobten ſtattgefunden, daß aber daſſelbe dadurch aufgehoben worden ſei, daß er ſich in ſie verliebte. „Ich verabſcheute dieſen Mann; ich haßte ihn, weil Sie ihn geliebt hatten, und ich ließ mich zu der elenden Handlung herab, ihm Marthas Zunei⸗ gung zu ſtehlen. 6 „Alle die wahnwitzigen Worte, welche ich ihr ſchrieb, alle die weniger ritterlichen Handlungen, 4— d.— * 117 welche ich beging,— Alles war eine Folge meiner Eiferſucht und meines verletzten Hochmuths. „Ich wollte Ihnen zeigen, wie wenig Sie für mich ſeien, und welche große Gewalt Martha über mein Herz beſaß, und darum gab ich meine Bewun⸗ derung für ſie ſo öffentlich als möglich zu erkennen. „So kam mein Beſuch auf Timaſjö und mein dortiges Zuſammentreffen mit Sidney, welches einen widrigen Eindruck auf mich machte, der ich durch und durch von Eiferſucht auf Alles und Alle be⸗ herrſcht wurde. „Ich fing darauf die Fragmente eines Briefes von Carl Brogren auf und erfuhr nebenbei, daß Sie vorher eine Zuſammenkunft mit ihm in der Wohnung Ihrer Amme gehabt, und endlich ſah ich es mit eigenen Augen, wie Sie und er Euch trennten, nach⸗ dem Ihr mit einander im Parke ein Stelldichein gehabt. „All die Bewunderung, welche ich für Sie wegen Ihres Benehmens während der Krankheit meiner Tante empfunden, wurde von einer wilden Eiferſucht in den Hintergrund gedrängt. „Sie kennen die letzte Unterredung, welche wir auf Timaſjö hatten. „Ihre heimliche, unerwartete Abreiſe goß Hel in das Feuer, welches in meiner Bruſt brannte, und ich hätte bei dem Ausbruch meines leidenſchaftlichen Verlangens, Sie wieder zu bekommen, die größten Thorheiten begehen können, wenn nicht eine warnende Stimme mir zugerufen hätte:„Nehme Dich in Acht vor Scandal!“ „Ihr Brief, Elvira, hatte mir Gedanken einge⸗ 118 geben, welche meine Bruſt mit Hoffnungen erfüllten und mir zuflüſterten: „Wenn ich ſie wiederfinde, werde ich ſagen, wie hoch ich ſie liebe, und die Freundſchaft, auf deren Beſitz ſie hofft, wird dann Wirklichkeit werden.— Sie muß mich lieben können, da ſie den Wunſch ge⸗ nährt hat, daß wir durch Liebe würden vereinigt werden, und da ſie ſich deshalb von mir getrennt hat, weil ſie ſich durch meine vermeintliche Untreue verletzt fühlte. „Sie verließen Schweden, bevor es mir gelang, Sie zu ſehen; und ich begab mich nach England, nachdem ich vergebens verſucht hatte, Ihre Spur zu finden. „Jetzt war ich entſchloſſen, ernſtlich meine Leiden⸗ ſchaft für Sie zu bekämpfen. „Ich vertiefte mich in die Politik, ich redete mir ein, daß die Angelegenheiten des Staates Alles für mich wären. Ich wurde ein ausgezeichneter Redner, aber ohne inneren Frieden und ohne im Stande zu ſein, Ihr Bild los zu werden. „Gerade während ich am Eifrigſten im Parla⸗ menke beſchäftigt war, traf Ihr Name mein Ohr; Sie waren in Paris.— Ich konnte Sie wieder zu ſehen bekommen und ich reiſte dorthin. Sie ſchlüpften mir aus den Händen, und ſo thaten Sie jedesmal, wenn ich Sie wiederzufinden ſuchte; endlich kamen Sie nach England. „Eines Abends beſuche ich die italieniſche Oper. Miſtriß Brow, welche Ihren Spuren gefolgt war, ohne daß Sie es argwöhnten, tritt in meine Loge und flüſtert mir ins Ohr: 119 „Lady Caſterton beabſichtigt heute Abend an Madame M—s Stelle hier auf der Bühne aufzu⸗ treten. „Elvira, Sie werden niemals begreifen können, was dieſe Worte für mich, einen Caſterton, einen Don Englands Lords, enthielten! „Liebe und Eiferſucht erbleichten vor dem tödtlich gekränkten Stolz. „Ich würde Sie haben tödten können, ohne daß meine Liebe im Stande geweſen, Ihr Leben zu ret⸗ ten, falls eine ſolche Handlung vom engliſchen Geſetz ungeahndet geblieben wäre, ſo entſetzlich fühlte ich mich beleidigt. „Ihre Erklärung, daß Sie ſich zu dieſem Schritt hätten bewegen laſſen, um mich zu einer Eheſcheidung zu zwingen, vermehrte nur Ihre Strafbarkeit in meinen Augen, und bewirkte, daß ich noch tiefer die Motive verachtete, welche Sie geleitet hatten. „Welches Motiv konnte es wohl ſein, wenn nicht die Liebe, die Sie für einen Anderen empfanden? „Eine Gattin, welche, von Leidenſchaft irre ge⸗ leitet, Schande und Demüthigung auf das Haupt desjenigen häuft, deſſen Namen ſie trägt, kann nicht ein moraliſches Weib genannt werden; ſie hat das Recht auf Achtung verwirkt. „Ich glaubte auch es meiner beleidigten Ehre ſchuldig zu ſein, Sie das Verbrechen, das Sie zu begehen beabſichtigten, ſühnen zu laſſen, und ich ſuchte alle Gerüchte, welche im Umlauf waren, zu nichte zu machen. Dieſes Letztere konnte nur dadurch ge⸗ ſchehen, daß Sie an meiner Seite lebten. „Ich hatte mir ſelbſt einmal den Schwur gethan, 120 daß Sie nie, ſo lange ich athmete, die Frau eines Andern werden ſollten, und ich bin nicht der Mann, welcher einen Schwur bricht. „Laſſen Sie uns über die Monate, welche darauf folhlen, und wo ich täglich mit Ihnen zuſammen war, hinweggehen;— wo ich zu gleicher Zeit bis zur Tollheit liebte und leidenſchaftlich haßte. „Die Hölle gebietet nicht über größere Qualen, als diejenigen, welche ich ausgehalten habe. „Ihre ſtille Unterwürfigkeit, Ihre paſſive Gleich⸗ gültigkeit, Ihre tiefe Trauer und der unterdrückte Schmerz, welcher Ihre Wangen bleichte: alles er⸗ regte und unterhielt meinen Zorn. „Auf der einen Seite ſagte man mir, daß Sie Lembourn liebten und daß Sie ſeinetwegen von den Banden, welche Sie feſſelten, befreit zu werden wünſchten. Auf der anderen Seite flüſterte man, daß Ihr Herz noch an dem hinge, welcher Ihre Ju⸗ gendliebe beſeſſen.— Mir war es bekannt, daß Sir Sidney Sie liebte; ich hatte Gelegenheit zu ſehen, wie Brogren Sie mit ſeiner Zudringlichkeit ver⸗ folgte. „Lembourn wich Ihnen freilich aus; aber ich ſah, daß Sie aufgeregt wurden, wenn er eintrat, und ich wußte nicht, wo mein unruhiger Verdacht ſich feſt⸗ haken ſollte. „Und wenn die Erde ſich in ein Paradies ver⸗ wondelte, und ich der Glücklichſte unter den Sterb⸗ lichen würde, ſo möchte ich doch nicht im Stande ſein, die Qualen, welche jene Monate mir gebracht, und all den Schmerz und Zorn zu vergeſſen, welcher dieſe doppelte Eiferſucht mir verurſachte. 121 „Ich liebte Sie heftiger als vorher, und es gab Stunden, in welchen ich Sie und mich hätte tödten mögen, um nicht nöthig zu haben, die Qualen, die ich litt, auszuhalten, und um die Gewißheit ins Grab mitbringen zu können, daß Sis die Liebe, welche ich entbehrt, an keinen Andern verſchwendeten. „Das Duell zwiſchen Lembourn und Brogren gab meinen Gefühlen eine neue Richtung. „Als ich, auf die Einladung meines ſterbenden Freundes zu ihm eilte, weil er mir Etwas anzuver⸗ trauen wünſchte, kam ich zu ſpät; er hatte bereits die Beſinnung verloren und ſtarb, ohne wieder zu ſich gekommen zu ſein, in meinen Armen. „Die Nachricht von ſeinem Tod war nahe daran, Ihnen das Leben zu koſten. „Ich glaubte jetzt Gewißheit darüber erhalten zu haben, wer Ihr Herz beſäße. „Der Kummer, welcher Ihre Seele erfüllte, ſchien zu beweiſen, daß der Verſtorbene von Ihnen geliebt geweſen. „Wir kamen hierher. „Hier hoffte ich, daß Sie ſich mit einem Schim⸗ mer von Freundſchaft mir nähern würden; aber ich hoffte vergebens. „Ich, dem Unrecht geſchehen war, der von An⸗ fang bis zum Schluß Beleidigte, konnte nicht den erſten Schritt thun. Ich verſuchte es, mein Beneh⸗ men zu mildern und durch ſtündlichen Umgang mit Ihnen Sie dazu zu bewegen, Ihre Aufmerkſamkeit denjenigen Zügen in meinen Charakter zuzuwenden, welche Ahtung und Liebe verdienen, aber umſonſt.— Alles, was ich gewann, war jene ſchwermüthige und — 122 ſtlaviſche Unterwürfigkeit, dieſes pflichtgemäße Be⸗ mühen, mir zu genügen, welches mich zu gleicher Zeit reizte und ſchmerzte, weil ich ſah, daß Ihr Herz nicht den geringſten Theil daran nahm. „Ich will mich jetzt auf die letzten Ereigniſſe be⸗ ſchränken. „Ich erhielt geſtern einen Brief, welcher Sie betraf. Um einige Erklärungen darüber einzuholen, begab ich mich nach Skohshof,— das Erſtemal ſeit meiner Ankunft hier. „Als ich von dort zurückkehrte, ſah ich Ihren Wagen, welcher den Weg nach Altorp nahm.— Ich hatte Vormittags vorgeſchlagen, daß wir dort hinreiten ſollten, um durch dieſen Vorſchlag heraus⸗ zufinden, ob Sie wußten, daß Carl Brogren im Hauſe ſeiner Mutter angekommen ſei. Ihre Wei⸗ gerung, einen Beſuch dort zu machen, gab mir die Ueberzeugung, daß Sie Kenntniß von ſeiner Ankunft hatten. Zu gleicher Zeit, als ich einſah, daß Sie Sidneys Mörder nicht ſehen wollten, ärgerte es mich, daß Sie Kenntniß von ſeiner Ankunft hätten, und neuer Verdacht erwachte in meiner Seele. „Die Eiferſucht bewog mich, Ihnen zu folgen. „Ich kam gereizt und wüthend nach Altorp; ich belauſchte ein Geſpräch und entfernte mich— ohne Zorn, ohne Erbitterung. „Sie enthüllten mir damals ein Geheimniß, wel⸗ ches unſere Scheidung in ſich ſchloß. „Sie erwarteten mich, als ich ſpät Nachts zurück⸗ kehrte. „Sie kamen mir entgegen, vollkommen entſchloſ⸗ 123 ſen, Alles zu bekennen;— aber ich wollte Ihnen die Demüthigung erſparen. „Ich glaubte, es ſei genug der Schmerzen; es müßte damit ein Ende gemacht werden. „Und darum entferne ich mich jetzt von hier. „Unſere Ehe kann nicht anders, als durch den Tod aufgelöſt werden, da ich mir jenen Schwur ge⸗ than; aber ich werde dorthin gehen, wo man den⸗ ſelben leicht zu finden pflegt. „Alles, was ich nunmehr wünſche, iſt, daß Sie und ich uns nicht mehr in dieſem Leben begegnen mögen. „Ich kann verzeihen; aber ich vermag nicht den Schimpf zu vergeſſen, den Sie mir angethan. Edwin Caſterton.“ Elvira ließ den Brief fallen, ſaßte ſich mit beiden Händen um den Kopf und rief: — Raſe ich, träume ich, oder iſt all dieſes wirk⸗ liche Wahrheit? Darauf eilte ſie durch die Zimmer, begegnete aber Miſtriß Brow im Cabinet. Sie verſperrte El⸗ vira den Weg mit den Worten: — Ich wünſchte Ihnen einige Worte zu ſagen. Lord Caſterton hat, als er dieſen Morgen abreiſte, mir einen Brief hinterlaſſen, welcher meinen Abſchied enthielt. — Iſt der Lord abgereiſt?— rief Elvira und ſtarrte die Engländerin an. — Ja, ſchon por Sonnenaufgang. Dringende Angelegenheiten haben ihn gezwungen, ſich ſofort nach England zu begeben. 124 Elvira warf ſich auf ein Sopha und murmelte: — O, Du milder Vater, ſtehe mir bei! — Gott ſteht nur demjenigen bei, welcher Kraft hat, ſich ſelbſt zu helfen,— ſagte die Eng⸗ länderin. Sie ging hin, um die Thüre zu verriegeln, damit keine ungehorigen Perſonen Zeugen deſſen würden, was zwiſchen ihr und Elvira vorkam. Da wir draußen vor der Thüre gelaſſen worden ſind, ſo wiſſen wir nicht, was darinnen verhandelt wurde. Eine Stunde ſpäter kam Miſtriß Brow aus dem Cabinet heraus. Im großen Solon fand ſie Armida. — Wenn Sie zu Lady Caſterton wollen, Miß K—hjelm, ſo iſt ſie im Bade, und Sie können ſie nicht vor der Mittagszeit antreffen, ſagte Miſtriß Brow. Armida würdigte die Engländerin keiner Ant⸗ wort, ſondern warf einen Brief auf den Divantiſch und wollte den Salon verlaſſen. — Wann reiſen Sie, Miß?— fragte Miſtriß Brow. — Das weiß ich nicht.— Armida drehte den Kopf um und fügte mit einem ſchadenfrohen Blick hinzu:— Lord Caſterton hat ſich nach England be⸗ geben, Miſtriß Brow.— Sie handelten Unrecht, daß Sie nicht geſtern von dem Brief Gebrauch machten, den Sie in Ihren Händen hatten. Der Lord wäre vielleicht nicht gereiſt, wenn Sie ihm den Inhalt mitgetheilt hätten. 8 — Ah, Miß, es iſt nicht zu ſpät, wenn er und ich uns in London begegnen,— verſicherte Miſtriß Brow. 6 — S 125 — Etwas, weil dèér Brief in meinem Beſitz iſt. Armida zog einen Brief aus der Taſche und fügte hinzu: — Welche Mittel werden Sie jetzt haben, Ma⸗ dame, um mich aus dieſem Hauſe zu jagen? Ich bezweifle, daß es Ihnen jetzt gelingen werde, und ich beklage, daß Sie des Triumphes verluſtig gegan⸗ gen ſind. — Miß K—hielm, antwortete die Engländerin lächelnd;— ich verſichere, daß Sie gerne in dieſem Hauſe bleiben können. Ich wünſche nichts höher, als daß Sie bleiben wo Sie jetzt ſind. — Unendlich verbunden!— ſagte Armida; ſie machte ein Compliment und verließ das Zimmer. Miſtriß Brows Ausſehen war unerſchütterlich ruhig. Sie ging hin zu dem Tiſch und nahm den Brief, welchen Armida dort hingeworfen. Er ſah aus wie ein Einladungsbrief und war an Lady Caſterton adreſſirt. Sie bog denſelben ſo, daß ſie ſehen konnte, was darin ſtand. Sie las: „Der Unterzeichnete hat die Ehre, die Verlobung ſeiner Tochter Martha Stangenſtjöld mit Capitain und Ritter Herrn Arvid Ström anzuzeigen. Skoghof, den 28. Juli 1854. Carl Fredrik Stangenſkjöld.“ Ende der zweiten Abtheilung. Dritte Abtheilung. Man ſchrieb den 20. September 1854. Ein merkwürdiger und erinnerungsreicher Tag. Der Krieg in der Krim nahm ganz Europas Aufmerkſamkeit in Anſpruch und exaltirte ſelbſt die trägſten Gemüther dergeſtalt, daß man mit geſpann⸗ tem Intereſſe den Ereigniſſen am Schwarzen Meere folgte und von ihnen große Reſultate für die Zu⸗ kunft erwartete. Die ganze civiliſirte Welt hoffte Rußlands Ueber⸗ muth zermalmt zu ſehen und daß die Aufklärung und die Freiheit auch im Oſten ihre ſiegreichen Fah⸗ nen erheben würden. Am 20. September hatten die alliirten Heere an der Alma einen glänzenden Sieg gewonnen und die Ruſſen ſo vollſtändig geſchlagen, daß Fürſt Menſchikoff mit dem Reſt ſeiner Macht ſich zurück⸗ ziehen mußte, um Verſtärkungen abzuwarten. S Es iſt indeſſen nicht nach dem Schauplatz dieſer großartigen Begebenheiten, bei deren Verkündigung ganz Europa vor Freude jubelte, daß wir den Leſer 127 führen wollen, ſondern einfach nach Tunaaakers Dorfkirche. Während die Alliirten ſiegend an der Alma vor⸗ gingen, wurde in der genannten Kirche eine ſtattliche Hochzeit gefeiert. Martha Stangenſtjöld und Capitain Ström ſoll⸗ ten am Fuße des Altars, während ein großer Theil der Gemeindebevölkerung als Zuſchauer zugegen war, den Bund beſiegeln, den ſie fürs Leben ein⸗ gingen. Magiſter Fredrik Brogren, der Adjunct und Vicepaſtor der Gemeinde, hatte den Auftrag, das Brautpaar zu trauen. Unter denen, welche hergekommen waren, um die Feierlichkeit mit anzuſehen, war Lotta. Sie hatte ſich bereits zeitig in der Kirche eingefunden, um ſicher zu ſein, einen guten Platz zu erhalten. Schon von der Zeit an, wo die Verlobung zwi⸗ ſchen Fräulein Stangenſtjöld und Capitain Ström bekannt geworden war, hatte ſie ein großes Intereſſe für die bevorſtehende Verbindung an den Tag gelegt. Sie pflegte unter Anderem zu ſich ſelbſt zu ſagen: — Man wird ſchon ſehen, daß nichts weiter daraus wird, als eine Verlobung, und daß ſie mit dieſem Bräutigam bricht, wie ſie es mit dem⸗ erſten gemacht hat, und das einzig und allein des⸗ halb, um wieder nach England zurückkehren und Elvira Schaden zufügen zu können. Ja, ja, ich kenne jenes Fräulein und ſeinen Vater, und ich würde nichts mehr wünſchen, als daß es einen recht ſtrengen Herrn zum Gemahl bekäme.— Elviras Kammerjungfrau und Fräulein Armida haben mir 128 erzählt, wie ſie ihre Angel nach dem Lord ausge⸗ worfen hat. 5 Nach jedem ſolchen Monolog betete Lotta mit Inbrunſt, daß es doch bald Hochzeit geben möchte. Während der zwei Monate, welche von der Ver⸗ lobung bis zur Trauung vergingen, hatte Lotta keine Ruhe, und als endlich der bedeutungsvolle Tag kam, trieb es ſie in die Kirche vor irgend einem Andern, damit ſie nicht des Vergnügens verluſtig würde, mit eigenen Augen Zeugin des feierlichen Acts zu ſein. Lotta war nebenbei neugierig, den Bräutigam zu ſehen. Alle Nachbarn, Freunde und Bekannte, ſowie nähere und entferntere Verwandte waren nach Skog⸗ hof eingeladen, um auf eine würdige Weiſe den Tag zu feiern, wo Fräulein Stangenſtjöld dieſen ſtolzen Namen gegen den anſpruchsloſen, den ſie jetzt erhalten ſollte, vertauſchte. Der Oberſt hatte all die Pracht entwickelt, wel⸗ cher den Eintritt eines reichen und vornehmen Mäd⸗ chens in den Eheſtand auszeichnen mußte. Gewiß hatten Freunde, Verwandte und Be⸗ kannte die Partie ſonderbar und den Namen Ström unbegreiflich einfach gefunden. Ja, man hatte ſich ſcharfe Bemerkungen über die Vorliebe erlaubt, welche Fräulein Martha vor plebejiſchen Namen an den Tag gelegt. Erſt fei ſie mit einem Herrn Brogren verlobt geweſen und jetzt verheirathete ſie ſich mit einem Herrn Ström. Das ſei ja ganz unbegreiflich. Je⸗ dermann wiſſe außerdem, wie hochmüthig und ahnen⸗ ſtolz der Oberſt immer geweſen. 129 Man vertiefte ſich in Vermuthungen und er⸗ ſchöpfte ſich in Staunen; aber es half der Sache nichts; ſie blieb doch unverändert, und die Hochzeit ſollte jetzt ſtattfinden trotz allem, was Tanten, On⸗ kel und Couſinen davon geſagt hatten. Die häßlichen Mädchen lachten darüber, daß die angebetete, gefeierte, hübſche, vielgeliebte und reiche Martha mit allen dieſen Eigenſchaften keinen beſſe⸗ ren Mann bekommen konnte, als einen bürgerlichen Militär in franzöſiſchen Dienſten. Die hübſchen Mädchen warfen den Kopf zurück und verſicherten, daß ſie ſich nicht dazu herabgelaſſen haben würden, Frau Ström zu werden; aber trotzdem fuhr Jedermann auf die Hochzeit und die Meiſten waren äußerſt neugierig, den bürgerlichen Herrn zu ſehen, welcher Martha bewogen hatte, ihm ihre Freiheit und ihren ſtolzen Namen zu opfern. Die Hochzeitsgäſte verſammelten ſich auf Skog⸗ hof und fuhren von dort zur Kirche, wo ſie ihre Plätze im Chor einnahmen, um die Ankunft des Brautpaars abzuwarten. Der Pfarrer trat vor den Altar und in dem⸗ ſelben Augenblick erſchien die Braut in der Kirche. Sie war von ihrem Vater begleitet und ihr folgte eine Schaar von Jungfrauen, unter welchen man Fräulein Armida K—hjelm bemerkte. . Lotta, welche ihren Platz in der Sacriſteithüre eingenommen, blickte Marthas Geſicht neugierig an. Es war ebenſo ſchneeweiß wie das Hochzeitskleid; aber ſie trug ihren ſchönen Kopf hoch empor und blickte ſtolz um ſich. Als ſie ihren Platz am Altar eingenommen, trat der Bräutigam auf; er war in Schwartz, Gold und Name. IH. 9 130 franzöſiſcher Uniform und mit dem Kreuz der Ehren⸗ legion auf der Bruſt⸗ Aller Augen richteten ſich auf ihn, den Gegen⸗ ſtand der Neugierde Aller. ⸗ Die Meiſten hatten erwartet, einen ganz jungen Mann zu erblicken, welcher wenigſtens ebenſo viel Schönheit beſäße, wie Marthas erſter Verlobter. Wie wurden ſie nicht in ihren Erwartungen ge⸗ täuſcht! Freilich hatte er eine ſtattliche Haltung, eine mit Orden gezierte Bruſt und eine hohe Geſtalt; aber er war weder jung noch ſchön, ſondern ſo ſehr von allem, was man ſich von ihm vorgeſtellt hatte, ver⸗ ſchieden, daß die Meiſten ſich verſucht gefühlt haben würden, in einen Verwunderungsruf auszubrechen, die Schicklichkeit ſie nicht davon abgehalten ätte. Der Capitain trat mit feſten Schritten vor den Altar. Er war vom franzöſiſchen Conſul begleitet, welcher die Rolle des Vaters des Bräutigams über⸗ nommen hatte. In demſelben Augenblick, in welchem Ström an Marthas Seite ſtehen blieb, hörte man einen durch⸗ dringenden Frauenſchrei. Man blickte nach der Sacri⸗ ſteithüre, von welcher derſelbe kam, und ſah, wie eine ohnmächtige ältere Frau aus der Kirche hin⸗ ausgeführt wurde. Dieſe Frau war Lotta. Auch das Brautpaar hatte unwillkürlich dorthin geblickt. Der Capitain zog die Augbrauen zuſammen und der Oberſt murmelte Etwas zwiſchen den Zähnen. 131 Der Pfarrer nahm das Wort, die feierliche Ceremonie ging ohne Unterbrechung vor ſich. Bei dem Worte Amen waren aus den Zweien Eines geworden. Die Orgel ſpielte, als die Hochzeitsſchaar ſich aus der Kirche begab, einen feierlichen Marſch. Die Braut und der Bräutigam traten zuerſt hinaus auf den Kirchenhügel. Ihrem Wagen ganz nahe ſtand Lotta.— Sie hatte ebenſo farbloſe Wangen wie die Braut. Als dieſe in den Wagen ſtieg, machte Lotta eine Bewegung gegen den Capitain, welche ihn veran⸗ anlaßte, einen Blick auf ſie zu werfen. Seine und Lottas Augen begegneten ſich. Des alten Weibes ſonſt ſo frommes und mildes Geſicht ſchien jetzt vor Zorn zu glühen, und die Augen ſprühten buchſtäblich Feuer. Lotta ſtürzte mehr einem wahnſinnigen als klu⸗ gen Menſchen ähnlich nach Hauſe, und Martha, welche den zornigen Blick bemerkt, welchen Lotta auf Ström geworfen, ſagte zu ihrem Mann, als er ſeinen Platz einnahm: — Kennſt Du jenes Weib? — Ganz wenig; ich glaube, daß es der Lady Caſtertons frühere Kammerjungfrau iſt.— Ich er⸗ innere mich, daß ich ſie an demſelben Tage geſehen habe, an welchem Lord Caſterton ſich verheirathete. — Aber nach dem Ausdruck in ihrem Geſicht ſchien es, als wenn——— — Sie nicht ſehr freundlich gegen mich geſinnt ſei,— ſiel Ström lächelnd ein.— Das iſt auch möglich.— Ich forſche nicht nach dergleichen Ge⸗ 9* 132 heimniſſen, wie die, in wie fern ſolche Weiber meine Freunde oder Feinde ſind. Die Sache iſt mir voll⸗ kommen gleichgültig. Martha ſchwieg; aber der ſtumme Auftritt zwi⸗ ſchen Lotta und ihrem Mann kam ihr doch ſonder⸗ bar vor. Während der Fahrt nach Hauſe war der Capi⸗ tain ſo liebenswürdig, wie ein neuvermählter Ehe⸗ mann es ſein kann. Er bewunderte Marthas Schön⸗ heit, ſprach davon, wie einnehmend ihr Ausſehen durch die zufällige Bläſſe geworden, und behauptete, daß ſein Glück bei den meiſten Männern Reid er⸗ regen müßte. Martha hörte ſchweigend alle die hübſchen Phra⸗ ſen an. Sie war bleich wie der Tod, kalt wie Marmor und ſaß in dem Wagen zurückgelehnt, als wenn ſie für Alles, was um ſie paſſirte, gefühllos ſei. Ström führte ein Paarmal ihre Hand an ſeine Lippen. Sie ließ auch das geſchehen, ohne daß es ſie zu rühren ſchien. Sie gab nicht darauf Acht, daß die Augen des Mannes ſie mit finſterem Ausdrucke an⸗ blickten, als ſie gegen Alles, was er ſagte oder that, gefühllos blieb. Endlich hielt der Wagen bei Skoghof, wo ein luculliſches Hochzeitsdiner die Gäſte erwartete. Man aß, man trank, man brachte Toaſte aus.— Es gab Ueberfluß an Fröhlichkeit und Wein. Ström genoß reichlich von beiden und Martha plauderte, ſcherzte und lachte, ſo daß man es ganz vergaß, irgend eine Notis pon ihrer ungewöhnlichen Bläſſe zu nehmen. Ein Hochzeitsdiner hat auch ein Ende; die Wa⸗ ₰ 133 gen der Gäſte rollten von dannen und bald blieben von der feinen Geſellſchaft nur noch einige wenige nähere Verwandte zurück, welche mehrere Tage dort verweilen wollten. Die Braut und der Bräutigam hatten ſich in ein kleines Cabinet zurückgezogen, wo ſie ungeſtört mit einander ſprechen konnten. Martha ſaß in einem Lehnſeſſel; Ström hatte ſeinen Platz neben ihr. — Martha, ich bin nicht mit Dir zufrieden,— ſagte er,— Du biſt meine Frau, und Du mußt Dich darein zu finden ſuchen, damit nicht die ganze Welt es ahnt, daß ich mein Glück habe erzwingen müſſen. — Mich in mein Schickſal finden,— brach Martha aus,— mich darein finden, mein Leben an der Seite eines Mannes dahinzuſchleppen, der mir verhaßt iſt,— niemals!— Es iſt wahr, daß ich jetzt Dir gehöre, daß ich an Deine Seite feſtgekettet und daß ich auf ewig von Allem getrennt bin, was man Glück und Freude nennen kann; aber ebenſo wahr iſt, daß ich nie etwas thun werde, um unſer Zuſammenleben erträglich zu machen.— Beabſich⸗ tigſt Du deshalb mein Benehmen zu tadeln und dem⸗ ſelben Geſetze vorzuſchreiben, dann vergeudeſt Du Deine Zeit. Du haſt Alles gewonnen, was Du gewinnen kannſt; aber hoffe nicht, von mir Etwas erhalten zu können, das Liebe ähnlich ſieht! — Ich ſtrebe auch nicht darnach,— ſagte Ström. — Was unſer Zuſammenleben betrifft, Martha, ſo muß daſſelbe werden, wie ich es haben will. Du müßteſt, mein Engel, ſchon meinen Charakter 134 ſoweit kennen, daß Du wüßteſt, ich ſei nicht der Mann, welcher mit ſich ſpielen läßt. — Arvid Ström, ich weiß, daß Du ein furcht⸗ barer Menſch biſt,— ſiel Martha ein und erhob ſich von ihrer zurückgelehnten Stellung; aber das hindert mich nicht, zu erklären, daß ich nie für Dich eine Neigung empfinden werde. Du ſagſt, daß Du auch nicht darnach ſtrebſt. Wenn das der Fall iſt, warum mich dann zwingen, Deine Frau zu werden? — Du liebſt mich nicht; Du fragſt nicht nach mei⸗ ner Liebe; was war es denn, das Dich veranlaßte, Deine Kenntniß von verſchiedenen Familienverhält⸗ niſſen zu mißbrauchen, um meines Vaters Einwilli⸗ gung zu dieſer Verbindung zu erzwingen? War es das Verlangen nach meinem Gold? Du wußteſt ja, daß ich nicht ſo reich ſei, als wofür man mich hält. War es das Bedürfniß, mit einer angeſehenen Familie lürt zu werden? Welchen Rutzen kannſt Du davon haben, da Du nicht mehr ſchwediſcher Unterthan biſt. Oder war es nur der elende Hochmuth, meinen Wi⸗ derſtand zu beſiegen? — Es war nichts von Alledem, Martha,— ſagte Ström,— ſondern es war mein feſter Entſchluß Dich von Lord Caſterton zu entfernen und mich zwi⸗ ſchen ihn und Dich zu ſtellen, damit Du nicht ferner dieſen Mann mit Deinen Intriguen umſpinnen konnteſt. — Und was ging das denn Dich an, wenn ich Caſterton liebte, wenn ich wünſchte, einſt ſeine Frau zu werden? — Das ging mich⸗ ſehr nahe an,— fiel der Capitain ein,— weil Deine Intriguen zum Zwec —— hatten, Kummer und Unglück über Caſtertons Gat⸗ tin zu bringen. — Arvid,— rief Martha und ſprang auf,— welches Intereſſe haſt Du für Elvira? — Ich liebe ſie— ſagte Ström mit tiefem Ernſt. — Und dieſes ſagſt Du mir an unſerem Hoch⸗ zeitstage! 4 — Wenn ich nicht Lady Caſterton geliebt hätte, dann würde dieſer Tag nie weder für Dich, noch für mich erſchienen ſein,— verſicherte Ström. — O Gott, iſt wirklich ſo viel Falſchheit mög⸗ — rief Martha und hob die Hände in die öhe. — Spreche nicht ſo laut,— bat Ström,— es iſt ja ganz überflüſſig, unſere Gäſte in das einzu⸗ weihen, was zwiſchen uns verhandelt wird. Laß uns in Ruhe und ohne alle Declamation mit ein⸗ ander ſprechen; ich verabſcheue alle Scenen. Ström ſprach mit der größten Kälte und ſeine Augen ruhten auf Martha, als wenn er gewußt hätte, daß ſein Blick ſie beherrſchte. Martha warf ſich ins Sopha zurück und murmelte: — Gibt es denn irgend ein ſo unglückliches Weib wie ich? — Joa, ich weiß eines, das weit unglücklicher iſt. — antwortete Ström— und das darum, weil es das beſitzt, was Dir abgeht,— ein Herz. Dieſes Weib iſt Lady Caſterton. — Nenne ihren Namen nicht, oder ich weiß nicht, was ich thue!— rief Martha. — Martha,— ſagte der Capitain,— ſtelle 5 und darum, Martha Stangenſtjöld, wurdeſt Du meine 136 nicht meine Geduld auf die Probe, ich beſitze nicht viel davon, und es würde Dir übel bekommen, falls Du dieſelbe zum Brechen brächteſt. Dann könnten die Verwandten leicht die Gelegenheit bekommen, zu berichten, wie ſchon am Hochzeittage eine Scene zwi⸗ ſchen mir und Dir ſtattgefunden. Willſt Du, daß dieſe Menſchen, welche Dich nicht lieben, Dich aus⸗ lachen ſollen, weil Du die Achtung vergaßeſt, welche Du mir, Dir ſelbſt und dem Urtheile der Welt ſchuldig biſt? Marthas Bruſt bewegte ſich unruhig. Sie wandte den Kopf weg, um Ströms Augen nicht zu begeg⸗ nen. Er ergriff ihre Hand, küßte dieſelbe und fügte mit einem feinen Lächeln hinzu: — Wenn man ſchön iſt wie Du, darf man ſich nicht dazu herablaſſen, durch das Wiederſpiegeln häßlicher Gefühle in ſo regelmäßigen Zügen das Meiſterwerk des Schöpfers zu zerſtören. Martha zog die Hand zurück. — Und jetzt, wo Du Dich beruhigt haſt, wollen wir von Lady Caſterton ſprechen,— fuhr Ström nach einer kurzen Pauſe fort. — Um ihres Glückes willen hätte ich mein Le⸗ ben opfern können und doch geglaubt, es nicht zu theuer bezahlt zu haben.— Nachdem ich Dir dieſes geſagt, kannſt Du vielleicht begreifen, welchen Ein⸗ druck es auf mich machen mußte, als ich entdeckte, daß Du Feindin ihres Glückes und Diejenige ſeieſt, welche durch ihre Intriguen jede Hoff auf eine Annäherung zwiſchen ihr und dem Lord zerſtörte. Ich beſchloß denn auch, dem ein Ende zu machen, + 1* 137 Frau, aber leider etwas zu ſpät.— Lord Caſterton hat ſich nach der Krim begeben, um an dem Kriege theilzunehmen, und wo die Lady ſich befindet, weiß man nicht. Ich hoffe indeſſen, daß der Lord vom Kriege zurückkehren wird, und daß die von Dir ſo bitter Verfolgte zum Genuß all des Glückes gelangen werde, welches ſie verdient. — Die Hoffnung wird nie verwirklicht werden,— unterbrach ihn Martha. Lord Caſterton wird, wenn er vom Kriege zurückkehrt, nie Elvira Bromeér wiederſehen. Er wußte, als er Timaſiö verließ, daß ein finſteres und entehrendes Geheimniß an ihre Geburt geknüpft ſei. Es war die Kenntniß davon, die ihn abzureiſen veranlaßte, um im Lärm des Kampfes zu vergeſſen, daß dieſes Weib es gewagt, ſeinen Namen zu brand⸗ marken. Capitain Ström kreuzte die Arme über die Bruſt und blickte düſter ſeine Frau an, welche in dem ſchneeweißen Anzug einem ſchönen Dämon glich, der ſich in ein Weib verwandelt hatte, um in dieſer Ge⸗ ſtalt die Herren der Schöpfung zum Beſten zu haben. Martha legte ihre Hand auf ſeine Schulter und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr, die ihn zuſam⸗ menfahren machten. — Und das haſt Du ihm geſagt!— rief Ström. Ja ich habe es nicht allein geſagt, ſondern ich habe es bewieſen.— Am Tage darauf verließ Caſterton Timaſjö. artha betrachtete ihren Mann mit einem trium⸗ phirenden Blick.— Es war ihr wirklich gelungen, einen Ausdruck des Schmerzes und der Niederge⸗ ſchlagenheit auf ſeinem Geſichte hervorzururufen, 138 welches gewöhnlich ausſah, als wenn es von Stein geweſen. Sie hatte demnach die empfindliche Saite in ſeinem Inneren getroffen. Er hatte alſo eine verwundbare Stelle in ſeiner Seele. Einige Sekunden ſchwieg er und blickte ſie nur an; dann ſtand er haſtig auf und ſagte in einem ſcherzenden Ton: — Die weibliche Bosheit hat keine Grenzen, und Du, Martha, haſt in der That dieſen Satz bewahr⸗ heitet; aber ſie iſt, wie Alles, was vom Weibe aus⸗ geht, planlos und macht ihre Angriffe, ohne ganz klar zu berechnen, was ſie thut. Die Folge davon iſt, daß man dieſelbe leicht zermalmen kann. Nehme meinen Arm und laß uns zu unſeren Gäſten gehen! — Wenn man, wie ich, zum Herrn eines ſchönen Weibes gemacht iſt, das von lauter ſchlechten Gefühlen beherrſcht wird, dann muß man ſuchen, die ſchwierige Aufgabe zu löſen, nicht allein dieſes, ſondern auch das Böſe, das ſie verurſacht, gut zu machen.— Darum, Martha, kann ich Dich verſichern, daß ich Alles, was Du gethan, um Elvirg Bromér zu ſchaden, an ihr wieder gutmachen werde, und wehe Dir und Deinem Vater, wenn es nicht gelingt, oder Du mir entgegen⸗ zuarbeiten wagſt!— Ich kaſſe dann die Welt wiſſen, welcher der Talisman war, der mir Deine Hand verſchaffte.— Komm, ich will nicht, daß man uns länger vermißt! Er reichte ihr die Hand und Martha ſtand auf. Sie folgte ihm ſchweigend, aber man ſah es ihr an, wie es ſie Mühe koſtete, es zu thun. Ström blickte ſie an⸗ — Du mußt, Martha, eine ruhigere Maske vor — 139 Dein Geſicht nehmen, denn es iſt unnöthig, daß die Welt in Deinen Zügen liest, was in Deiner Seele vorgeht. Um Dich mit Deinem Schickſal zu ver⸗ ſöhnen, denke Dir nur, daß Caſterton Dich nie ge⸗ liebt; daß Alles, was er Dir geſchrieben und ge⸗ ſagt, nur von der Laune dictirt war. Sein Herz iſt an Elvira gefeſſelt. Ich werde Dir ſpäter Be⸗ weiſe für die Wahrheit meiner Worte geben. Er legte Marthas Arm in den ſeinigen und fügte ſcherzend hinzu: — Das Glück, Martha, iſt eine Chimäre; daſſelbe eriſtirt nur in unſerer Einbildung; ſuche es Dir deßhalb einzubilden, daß Du die glücklichſte von allen Frauen hiſt. Glaube mir, nichts iſt thörichter, als nach einem Herzen zu ſtreben, das einem Andern gehört. Sie traten jetzt hinaus in den Salon; er mit lächelnden Lippen, während ſie ſo viel als möglich heiter zu ſein ſuchte. 6 Armida dachte, indem ſie Martha betrachtete: — Welche Macht hat dieſer Mann über ſie ge⸗ habt, daß er es hat dahin bringen können, daß ſie ihm ihre Hand gegeben? Worin liegt die Gewalt, die er ſowohl über Martha wie über den Vater ausübt? Es war Nacht, als Armidas Wagen in den Hof von Timaſjö hineinfuhr. Lotta erwartete ſie in der Hausflur. Die alte Dienerin ſah aufgeregt aus. Beim Anblick von Lotta erinnerte Armida ſich 140 der Ohnmacht in der Kirche, und das wißbegierige Fräulein beſchloß, den Verſuch zu machen, womög⸗ lich einige Aufklärungen über den Capitain aus Lotta herauszubekommen. Gewiß kannte Lotta ihn, weil ſie bei ſeinem Anblick geſchrieen und in Ohnmacht gefallen war. — O, mein Gott, biſt Du noch auf, Lotta?— ſagte Armida und lächelte ſo freundlich.— Das war ſehr hübſch von Dir, daß Du gewartet haſt. Lotta verzärtelt mich ganz. Armida klopfte ſie vertraulich auf die Achſel, ſo daß Lotta ganz verlegen die Augen niederſchlug und nicht wußte, was ſie auf dieſes unverdiente Lob ant⸗ worten ſollte. Sie gingen hinauf in Armidas Zimmer. Auf dem Wege fragte das Fräulein, wie Lotta ſich be⸗ fände, und ſprach von ihrem Schrecken, als Lotta in Ohnmacht fiel. — Es ſah ſo aus, als hätte Lotta beim Anblick des Bräutigams einen großen Schmerz empfunden und daß die Ohnmacht eine Folge davon geweſen, — meinte Armida.— Vielleicht kannte Lotta Ca⸗ pitain Ström?— fügte ſie hinzu. — Nein, das thue ich gewiß nicht. Er hat eine auffallende Aehnlichkeit mit einem Bruder, den ich gehabt, der aber geſtorben iſt, ſo daß ich vor Ent⸗ ſetzen in Ohnmacht fiel. — Das da glaube ich nicht, meine Alte,— dachte Armida.— Laut ſagte ſie:— Nun ja, ſolche Aehnlichkeiten kommen bisweilen vor. — Das thun ſie, ſtimmte Lotta bei;— man 141 kann es aber doch nicht laſſen, dabei verſtimmt zu werden. 5 — Ich möchte doch wiſſen,— dachte Armida, — warum die Alte eigentlich auf mich gewartet. Lotta begann jetzt eine Menge Fragen über die Hochzeit ꝛc. an das Fräulein zu richten, während ſie dienſtfertig Armida half, ihren hübſchen Anzug aus⸗ zuziehen. Mit der größten Bereitwilligkeit von der Welt klärte Armida ſie über Alles auf, was ſie zu wiſſen wünſchte. Endlich äußerte Lotta: — Was war das für eine Uniform, welche der Bräutigam trug, und was iſt er eigentlich? — Aha!— dachte Armida;— jetzt ſind wir auf das rechte Gebiet gekommen. Will mal ſehen, ob ich, während die Alte mich auszuholen ſucht, nicht etwas erfahren kann. Armida klärte Lotta darüber auf, daß der Capi⸗ tain in franzöſiſchen Dienſten geweſen, ein franzöſi⸗ ſcher Unterthan und großer Künſtler ſei, ſowie daß er, wenn der Frühling käme, ſeine Frau mit ſich zu nehmen und nach Frankreich zurückzukehren beab⸗ ſichtigte. — Ja ſo,— ſagte Lotta;— das heißt, er iſt kein Schwede, ſondern trägt nur einen ſchwediſchen Namen. Sie blickte Armida forſchend an. — Ich glaube, die Alte will die Schlaue gegen mich ſpielen,— dachte Armida;— aber da ſoll ſie den Kürzeren ziehen. — Er iſt in Schweden geboren, hat aber als ganz junger Menſch das Vaterland verlaſſen. Man 142 behauptet, er hätte das wegen wenig ehrenhafter Streiche gethan. — Und welche ſollten die ſein? Lotta zerdrückte ganz die hübſchen franzöſiſchen Blumen Armidas. — Möglicherweiſe Unterſchlagung von anderer Eigenthum oder dergleichen. Man ſagt, er ſei Comp⸗ toiriſt geweſen. Lottas Geſicht klärte ſich auf. Der unruhige Ausdruck darin verſchwand und ſie unterbrach jedes Geſpräch über den Capitain und ſagte ſtatt eſſen: — Hier iſt ein Brief von der Propſtin Bro⸗ gren an Fräulein angekommen. Derſelbe liegt auf dem Nochttiſch. Jetzt glaube ich, daß das Fräu⸗ lein meiner Hülfe nicht mehr bedarf; ich wünſche deshalb dem Fräulein gute Nacht. Lotta machte einen Knir und entfernte ſich, und Armida konnte ſich nicht rühmen, den allergeringſten Faden aufgefangen zu haben, der ſie auf ihren Nachforſchungen in Beziehung auf den Capitäin hätte leiten können. Durch die Hinweiſung auf den Brief kam ſie außerdem auf andere Gedanken. Was könnte die Propſtin ihr zu ſagen haben? — Sie hatten ja einander auf der Hochzeit geſehen und ſich lange und viel mit einander unterhalten. Armida nahm den Brief und ein höheres Roth färbte ihre Wongen. Derſelbe war nicht von der Propſtin; es war Carls Handſchrift. Sie erbrach ihn ſofort und las: „Armida! Vollkommen von den Folgen meiner 143 Wunden wieder hergeſtellt, habe ich, wenn Du die⸗ ſes Schreiben empfängſt, bereits Altorp verlaſſen, das am nächſten 14. März dem Eigenthümer von Timaſiö zufällt, von welchem es gekauft worden iſt. „Durch die Vermittelung einflußreicher Perſonen iſt es, trotz dem ungünſtigen Eindruck, den das Duell höheren Orts gemacht, mir gelungen, eine Stelle an der Geſandtſchaft in Conſtantinopel zu erhalten, wo⸗ hin ich unverzüglich abreiſen werde. „Wir trennen uns alſo und zwar auf lange Zeit, vielleicht für immer. „Ich wünſche Dir nun vorher einige Worte zu ſagen, die Du künftig im Gedächtniß behalten mögeſt. „Man iſt nicht, wie ich, mehrere Monate lang ein Raub von Qualen und von dem gräßlichen Be⸗ wußtſein verfolgt, an dem Tode eines Menſchen Schuld geweſen zu ſein, ohne auf ernſthafte Be⸗ trachtungen zu kommen. Unter ſolchen Verhältniſ⸗ ſen lernt man das Leben, die Menſchen und ſich ſelbſt in einem andern Lichte betrachten, als man es bisher gethan. „Je weiter ich zurückgedacht, deſto verächtlicher iſt mir Dein Bild geworden, und ich könnte die Hei⸗ math meiner Kindheit nicht verlaſſen, ohne Dir vor⸗ her zu ſagen, wie tief ich Dich verachte.“ Armida legte den Brief von ſich und ſtarrte ihn an. Sie ergriff ein Glas Waſſer und leerte es. Dann ſetzte ſie das Leſen fort: „Schon als Jüngling entdeckte ich, daß Du eine Neigung zu mir hatteſt, welche über die Grenzen der Freundſchaft hinausging. Dieſe Entdeckung ſchmeichelte meiner Eigenliebe; und es that meiner 8 144 Eitelkeit wohl, daß ich der Gegenſtand einer Liebe ſei, die zu erwidern ich gewiß nicht geneigt war, die mir aber trotzdem gefiel. „Ich mochte Dich, weil Du mich bewunderteſt; aber ich liebte ſchon von den Jünglingsjahren an Elvira. „Du ſahſt das und verſtandeſt es, meinen Hoch⸗ muth gegen meine Liebe in Harniſch zu bringen, während andererſeits meine Mutter, welche wünſchte, daß ich in den Beſitz von Elviras Vermögen ge⸗ lange, meine Neigung auf alle mögliche Weiſe un⸗ terſtützte. „So ſtanden die Sachen, als Du das erſte Mal Altorp verließeſt, um eine Zeit lang auf Timaſiö zu verweilen. „Dein Neid und Deine Eiferſucht gegen Elvira bewogen Dich, es zu veranlaſſen, daß ich bei des Oberſten Familie eingeladen wurde. „Du wollteſt Elvira einen Schmerz bereiten und berechneteſt ganz richtig, daß ich in meiner Eitelkeit mich geſchmeichelt fühlen, nach Timaſis eingeladen zu werden und durch Marthas Schönheit geblendet werden würde. „Daß Martha kein Mädchen für mich ſei, deſſen glaubteſt Du ſicher zu ſein und darum benutzteſt Du ſie, um Elvira die Bosheit anzuthun, daß mein In⸗ tereſſe von ihr weggezogen wurde. „So kam es auch. „Du erinnerſt Dich ganz gewiß, wie Du und Martha bei allen Gelegenheiten die Rede auf Pfand⸗ leiher, Kleiderhändler und Wucherer brachtet, die Ihr lächerlich machtet. Der Oberſt ſprach immer . 145 mit Verachtung von dergleichen Leuten, als gehörten ſie zu der Zahl derjenigen, mit welchen ehrliche Menſchen nicht in Berührung kommen könnten, ohne ihre eigene Ehre zu beſudeln. „Du und Martha erwecktet durch dergleichen Geſpräche etwas in mir, das Scham wegen des Ge⸗ genſtandes meiner Liebe ähnlich war, ſo daß ich mich ganz und gar von Marthas ſchönem Geſichte be⸗ thören ließ. „Als ich ſpäter als Cancelliſt meine Heimath beſuchte, war Elvira in jeder Beziehung ein der⸗ maßen einnehmendes Mädchen geworden, daß ich die Vorurtheile gegen ihren Vater vergaß und nur den Wunſch hegte, in den Beſitz dieſes reizenden Schatzes zu gelangen. „Ich hatte ihr das bereits geſagt, als Du und artha wieder auf Timaſiö auftratet. „Auf Verlangen meiner Mutter machte ich dort einen Beſuch. „Die erſte Frage, welche Martha an mich rich⸗ tete, war, ob ich noch für die Tochter des Wucherers chwärme. „Der Oberſt, welcher dieſen Scherz hörte, erzählte, daß es Herrn Bromer dadurch, daß er den jungen Graf** dazu verführt hatte, die Bürgſchaft ſeines Vaters auf einen Schuldſchein zu ſchreiben, gelungen ſei ein Geſchäft zu machen, das ihm auf einen Schlag 20000 Reichsthaler einbrachte. Der alte Graf ſei gezwungen geweſen, dieſe Summe zu zahlen, um die Ehre des Sohnes zu retten. „Bei dieſen und ähnlichen Geſchichten, die der Schwartz, Gold und Name. I. 146 Oberſt auftiſchte, begann mein Hochmuth wieder in Streit mit meiner Liebe zu gerathen. „Ich ſchämte mich der letzteren und es quälte mich, daß Martha immerwährend über meine be⸗ vorſtehende Verbindung mit Elvira ſcherzte. „Zu gleicher Zeit brachteſt Du mich und meine Mutter auf den Gedanken, daß Martha mich liebte, und daß es von mir ſelbſt abhinge, eine Frau zu bekommen, die ſowohl Gold als einen Namen beſäße. „Meine Mutter ſchlug jetzt in ihrer Anſicht um. „Sie, welche vorher zu Gunſten Elviras geſpro⸗ chen, wurde jetzt diejenige, welche am eifrigſten ge⸗ gen die Verbindung mit ihr arbeitete, und mir alle die Vortheile zeigte, welche es mit ſich brächte, in eine ſo reiche und angeſehene Familie hineinzukom⸗ men, wie die Stangenſtjöld'ſche, und wie unangenehm es ſei, eine Frau zu bekommen, die keinen geachteten Namen trüge. „Während Du auf dieſe Weiſe den Teufel des Egoismus in meiner Mutter und mir erweckteſt, ver⸗ ſtandeſt Du es, Martha zu reizen, dadurch mit mir eine Eroberung zu machen, daß ſie fortwährend da⸗ von ſprach, ich ſei für Elvira ſo eingenommen, daß ich nie eine Andere würde lieben können. „Du triebſt dieſes Spiel in der Vorausſetzung, daß wenn ich mit Elvira gebrochen und mich ver⸗ führen ließ, Martha zu freien, dieſe mir in ihrem Hochmuth den Korb gäbe und Du auf dieſe Weiſe Rache an Elvira, ſowie ſelbſt größere Ausſichten für die Zukunft erlangen würdeſt, weil ich dann bei Dir Troſt und Erſatz für die getäuſchten Hoffnungen ſu⸗ chen würde. „Dieſes war Etwas, das ich damals nicht arg⸗ wöhnte, ſondern ich fiel richtig in die mir gelegte Schlinge. „Der Verſuchung, welche darin lag, von Martha geliebt zu werden, vermochte ich nicht zu widerſtehen, und ich ſchämte mich jetzt beim Gedanken, mit Herrn romér verwandt zu werden. „Den Bruch zwiſchen uns rief indeſſen Elvira hervor, weil es mir an Muth fehlte, es zu thun, da mein Herz an ihr hing. „Als Elvira abgereiſt war, wurde mein erſtes Beſtreben, mich von den Gefühlen Marthas zu über⸗ zeugen. „Du weißt, welche Kämpfe jetzt eintraten; wie Martha im Geringſten wie im Größten einen Beweis nächſten wieder daran. „Ich argwöhnte nicht, daß Du dahinter ſtandeſt und jene Zweifel anfachteſt. „Endlich kam Deine Reiſe mit der Oberſtin nach der Hauptſtadt. Es war damals, daß ich die Be⸗ ſtätigung erhielt, Du hätteſt die Wahrheit geſprochen, als Du behaupteteſt, Martha liebe mich. Du warſt ſelbſt weit davon entfernt geweſen, dieſe Fabel zu glauben; aber das Schickſal trieb ſeinen Scherz mit Dir und verwandelte Deine Lüge in eine Wahrheit. „Martha liebte mich und verſprach mir ihre Hand. „Sie nahm es auf ſich, die Sn des 148 Oberſten auszuwirken, Etwas, das nicht ſo leicht ſchien, weil der Oberſt ein großer Ariſtokrat iſt; aber nichtsdeſtoweniger ſiegte ſeine Schwäche für die Tochter, ſo daß die erſte Rachricht, welche Euch traf, als die Oberſtin und Du nach Timaſſjö zurückkehrtet, die war, daß Martha und ich ein Paar werden ſollten. „Der Zorn und der Schmerz, welche Du blicken ließeſt, hätten mir für die Zukunft Mißtrauen ein⸗ flößen ſollen; aber ich war blind und fühlte mich nur geſchmeichelt, fortwährend von Dir geliebt zu ſein. „Ich will nicht von meiner Verlobungszeit und von all dem Streit und Uneinigkeit ſprechen, welche dieſelbe auszeichneten. „Du reizteſt mich zu einer inneren Mißbilligung des Benehmens von Wartha, und machteſt mich auf die Geringſchätzung aufmerkſam, mit welcher ſie ihren bürgerlichen Verlobten behandelte, dem ſowohl Ver⸗ mögen wie Namen abgingen. „Bei Martha erregteſt und unterhieltſt Du an⸗ dererſeits fortwährend Zweifel über die Motive, welche mich zum Freien bewogen hatten. „Du machteſt unſere Verlobungszeit zu einer wirklichen Zeit der Leiden. „Wir kamen nach Wiesbaden und dort gab ſich Martha der wildeſten Spielleidenſchaft hin. Ihr Gemüth wurde reizbar und wenn ſie verlor, entſtand immer zwiſchen ihr und mir eine Scene. „Unſere Verlobung hätte ſich gewiß ſchon damals aufgelöſt, wenn nicht meine Berechnung mich davon abgehalten, mit ihr zu brechen und das Schickſal El⸗ vira in meinen Weg geführt hätte. „Ich ſah ſie wieder, lieblicher und einnehmender 149 als da wir uns trennten. Meine nie erloſchene Jugend⸗ liebe erwachte wieder und ich empfand Eiferſucht, als ich Sir Sidney Lembourn immer an ihrer Seite ſah. „Martha, welche vorher launiſch, kalt und un⸗ ſanft geweſen, änderte ſich und wurde ſo liebenswür⸗ dig und voll Hingebung, daß man deutlich merkte, ſie fürchtete Elviras Gegenwart. „Sie zeigte ganz offen ihre Verachtung vor der niedrigen Herkunft derſelben und that Alles, um bei mir die Abneigung gegen die Tochter des Wucherers neu zu beleben. Sie gab ſich alle Mühe, um unter der Badegeſellſchaft das Gerücht zu verbreiten, daß Elviras Vater eine in Schweden ſchlecht angeſehene Perſon ſei, aber ohne daß dieß irgend einen Einfluß auf Elviras Verhältniſſe ausübte. „Sir Sidney blieb gleich treu ihr Cavalier und Madame d Orbeau fuhr fort ſie zu beſchützen. „Ich ſuchte indeſſen über Elviras Verhältniſſe zum Engländer ins Klare zu kommen, und erfuhr auch von Herrn dOrbeau, daß wahrſcheinlich ein Paar aus ihnen werden würde. Ja, man ſagte ſo⸗ gar, daß ſie von Wiesbaden abreiſen würde, um ſich mit ihm zu verheirathen. „Als dOrbeau, der über alle Partieen Beſcheid wußte, dieſes ausſtreute betrachtete ich die Sache als abgemacht und benutzte Marthas ſanfte Gemüths⸗ ſtimmung, um ſie dazu zu bewegen, unſere Hochzeit auf den Herbſt auszuſetzen. „Sie that es auch und wir reiſten einige Tage ſpäter als Elvira von Wiesbaden ab, denn die Kränklichkeit der Oberſtin hatte zugenommen und ſie wünſchte in Schweden ſterben zu dürfen. 150 „Wir kamen indeſſen nicht weiter als bis Copen⸗ hagen, wo die ſchwachen Kräfte der Oberſtin es uns unmöglich machten, weiter zu reiſen. „Der Zufall hatte es ſo gefügt, daß wir in demſelben Hotel abſtiegen, in welchem Elvira wohnte. Wir trafen dort an demſelben Tage ein, an welchem die Hochzeit von ihr und Caſterton gefeiert wurde. „Ich ſah ſie nach der Kirche fahren; ich ſah ſie wieder kommen und es kam mir vor, nachdem ich ſie, wie ſie am offenen Fenſter ſtand, betrachtet, als hätte ich ſie nie ſo hoch gelie, wie damals. „Gegen Abend reiſten die Neuvermählten von Copenhagen ab und Nachts hauchte Marthas Mut⸗ ter, nachdem ſie mir ein Geheimniß anvertraut und mir den Auftrag gegeben, den Oberſten zu bitten, ihren letzten Wunſch zu erfüllen, ihren letzten Seufzer in meinen Armen aus. „Der Tod der Oberſtin machte, daß die Hochzeit bis auf den Frühling verſchoben werden mußte. „Du benutzteſt den Winter, mit doppelter Kraft den Samen der Zwietracht zwiſchen mich und Martha auszuſtreuen; ſeit aber Elvira für mich verloren war, gehorchte ich faſt ausſchließlich der Stimme der Klugheit, welche mir gebot, Alles bis zu dem Tage zu ertragen, an welchem Martha meine Frau ge⸗ worden. „Der Frühling kam; aber Martha konnte ſich nicht dazu entſchließen, den wichtigen Schritt zu thun, ſondern derſelbe wurde auf den Herbſt verſchoben. „Es war ihr wieder ein Bedürfniß, eine Badereiſe zu machen und wir begaben uns nach Baden⸗Baden. „Es war dort, wo Caſterton auftrat. —— 151 „Armida, lege Deine Hand aufs Herz, denke an die Vergangenheit und ſage:kannſt Duohne Erröthen daran zurückdenken, wie Du Marthas Intereſſe für Elviras Mann ſteigerteſt, wie Du ſie gegen mich aufreizteſt, während Du als meine Freundin und aus Theilnahme für mich, mir bewieſeſt, daß Martha mich betrog? „Gereizt und gedemüthigt ſagte ich Martha, daß ich wüßte, ſie nähme die Huldigungen Caſtertons an, obgleich ſie verſprochen es nicht zu thun; daß ſie im Briefmechſel mit ihm ſtände, obgleich ſie meine Braut ſei. „Ihre Antwort war, daß ſie mir den Verlobungs⸗ ring zurückgab. „Daß ich demnach Caſterton haſſen mußte, iſt natürlich; daß meine Liebe zu Elvira wieder auf⸗ lodern würde, iſt auch natürlich; aber bevor ich mich an dem erſteren zu rächen und mit der letzteren aus⸗ zuſöhnen ſuchte, mußte ich indeſſen an meine Zu⸗ kunft denken, welche durch den Bruch mit Martha ein ganz anderes Ausſehen erhalten. „Ich benutzte das Geheimniß, welches die Oberſtin mir anvertraut, und der Oberſt wurde derjenige, welcher durch ſeine Beziehungen mir Gelegenheit verſchaffen mußte, wieder auf die diplomatiſche Lauf⸗ bahn hineinzugelangen. „Als dieß arrangirt war, kam der Gedanke an Rache. „Die Nachricht, daß Elvira nach Timaſiö gekom⸗ men ſei, führte mich nach Altorp, nachdem ich erſt Marthas Vater bewogen hatte, mir die Briefe zu verſchaffen, welche Caſterton an ſeine Tochter ge⸗ chrieben. 152 „Du und Martha hattet Euch unterdeſſen ge⸗ trennt. „Ich argwöhne jetzt, daß darunter eine Intrigue ſteckt; welche, laſſe ich dahingeſtellt. Nach den Er⸗ fahrungen zu urtheilen, die ich in Beziehung auf Euch mir erworben, haſt Du den Auftrag gehabt, Marthas Intereſſen zu dienen, welche darauf hinaus⸗ liefen, die Auflöſung der Ehe Caſtertons zu bewirken, damit ſie in den Beſitz des Namens und des Vermö⸗ gens, welches Lady Caſterton beſaß, gelangen könnte. „Wir wollen darüber hinweggehen, wie Du mich in Deine Intriguen mit hineinzogſt. „Während ich glaubte, daß Du aus Neigung zu mir meinen Intereſſen dienteſt, warich nichts als ein Mittel zur Beförderung von Euren Plänen. „Ich will dieſes Verzeichniß Deiner falſchen und treuloſen Handlungen damit ſchließen, daß ich Dich daran erinnere, wie Du mich gegen Sir Sidney aufreizteſt, bis Du mich endlich ſo aufgebracht mach⸗ teſt, daß ich aus verletzter Eitelkeit und aus Eiferſucht ihn beleidigte und mich herauszufordern zwang. „Deine Worte, daß er mich für einen Narren hielt, daß Elvira ihn liebte, und daß, falls eine Scheidung zwiſchen dem Lord und Elvira ſtattfände, Lembourn derjenige ſei, welcher die Früchte davon ernten würde, das Alles machte, daß ich mich auf dem Platz mit dem beſtimmten Entſchluß einfand, dieſen nicht zu verlaſſen, ohne daß wenigſtens Einer von uns auf demſelben geblieben ſei. „Der erſte Schuß gehörte mir. „Ich fehlte und ſchoß vorbei. 153 3 „Lembourns Kugel traf mich in die Hüfte. „Mein Gegner hatte mit Fleiß ſo gezielt, daß er mich nicht tödten würde. „Die Piſtolen wurden wieder geladen. Jetzt war die Reihe an mir. Mein Schuß traf Sir Sidney in die Bruſt; man brachte ihn tödtlich verwundet vom Platze fort und ich war— mit ſeinem edlen Blute beſchmutzt. „Die Qualen der Hölle können nicht größer ſein, als die Schmerzen, welche ich empfand, als man mir ſagte, daß er geſtorben ſei. „Mein Haß und meine Eiferſucht waren gleich Traumbildern verſchwunden, welche das Bewußtſein, einen Menſchen ermordet zu haben, verjagten, damit die bitterſten Selbſtanklagen und der tieſſte Abſcheu vor derjenigen übrig blieben, welche mich zu die⸗ ſen Handlungen getrieben hatte. „Wenn Du, Armida, mit Allem dieſem beabſich⸗ tigt haſt, meine Liebe von Elvira zu entfernen, ſo iſt es Dir mißlungen. Sie iſt mir heute lieber, als je, und ich fühle, daß ich niemals eine Andere ge⸗ liebt und niemals eine Andere lieben werde. Wenn Du hoffteſt, daß Du, nachdem Du mich für immer von Elvira getrennt, es dahin bringen könnteſt, daß ich Dir das Herz anbieten ſollte, welches Du weißt, daß ſie verſchmähen würde, ſo haſt Du Dich grau⸗ ſam getäuſcht; denn beſäßeſt Du auch Elviras Ver⸗ mögen und einen noch ſtolzeren Namen, als den⸗ jenigen, welchen ſie jetzt trägt, ſo würdeſt Du mich nie in die Verſuchung bringen können, mein Ge⸗ ſchick mit dem Deinigen zu verbinden. „Ich verabſcheue Dich wegen Deines ebenſo ſchlechten wie falſchen Charakters und treuloſen Her⸗ zens, und verachte Dich als das elendeſte Weib, das ich je gekannt. „Eine Liebe wie die Deinige iſt eine Erniedri⸗ gung für das Herz, welches ſie nährt, und ein 6 für Denjenigen, welcher der Gegenſtand derſel⸗ ben iſt. „Du haſt indeſſen die Zeit zu benützen verſtan⸗ den.— Du haſt dergeſtalt mit der Güte Elviras gewuchert, daß Du jetzt ohne Furcht vor ökonomi⸗ ſchen Bekümmerungen der Zukunft entgegenſehen kannſt. Glaube indeſſen nicht, daß Geld, welches man ſich durch die abſcheulichſte Falſchheit erworben hat, Freude und Glück mit ſich bringen wird. „Nein, Armida, die Stunde, in welcher die Reue kommt, wird auch für Dich ſchlagen, wie ſie geſchla⸗ gen hat für Carl Brogren.“ Das war alſo der Lohn für Alles, was Armida gethan; das war alſo das Ende vom Traume, den ſie, ſeit ſie Carl zu lieben angefangen, geträumt hatte; das war alſo das Reſultat des Duells mit Sidney, welches ihr die Hoffnung einflößte, daß Carl, jetzt ein Krüppel, ſie zu ſeiner Pflegerin fürs Leben wählen würde. Armida zerknitterte den Brief im Schmerz und Zorn, daß ſie auf eine ſolche Weiſe ſich für die Liebe belohnt ſah, die ſie zu ſo vielen und endloſen Intriguen verleitet und ſie veranlaßt hatte, alle mögliche Mittel anzuwenden, damit Carl, von El⸗ vira zum Beſten gehabt, und von Martha verlaſſen, — ——ꝛ, — 155 endlich einſehen würde, daß das Glück nur an Ar⸗ midas Seite zu finden ſei. O Nacht, nehme Armida mit allen ihren getäuſch⸗ ten Hoffnungen auf und hülle ſie in Deinen ſchwar⸗ zen Mantel ein; es fehlt uns die Luſt, ihre Qualen zu ſchildern. Am andern Tage konnte Armida ſich nicht auf Skoghof einfinden, um an einer Geſellſchaft theil⸗ zunehmen, welche die Neuverheiratheten für Freunde und Verwandte veranſtalteten. Armida war krank und verließ weder an dem Tage, noch an den darauf folgenden Tagen ihre Zimmer. Zwei Wochen waren verfloſſen, als eines Vor⸗ mittags ein Wagen in den Hof von Timaſjö hin⸗ einfuhr. Aus demſelben ſprang Capitain Ström. Er befahl ſeinem Bedienten, ihn bei Fräulein K—hielm anzumelden. Der Bediente kam mit dem Beſcheid zurück, daß das Fräulein ſofort die Ehre haben würde, den Capitain zu empfangen. Er wurde in den großen Salon eingeführt. Dort blieb er vor dem Portrait der Marquiſin Boiſſiers ſtehen, und betrachtete es mit einem Blick, als wenn der Anblick deſſelben irgend eine traurige Erinnerung in ihm erweckt hätte. — Du warſt doch ein hochherziges Weib,— murmelte er,— mit einem von allem Kleinlichen freien Herzen. Friede mit Deiner Aſche! 156 Armida trat ein und unterbrach alle weitere Be⸗ trachtungen. Es gibt Perioden im menſchlichen Leben, in wel⸗ chem die Jahre vorübergehen, ohne irgend eine Spur hinter ſich zu laſſen, und wo die Zeit es nicht einmal mit ihren Flügeln berührt zu haben ſcheint; und es gibt wieder andere, wo daſſelbe in einigen Tagen um ein ganzes Jahrzehnt älter zu werden ſcheint. Eine ſolche Periode hatte Armida durchlebt. Sie war in den eben verfloſſenen Wochen zehn Jahre älter geworden. Der Capitain ſchien indeſſen nicht zu bemerken, wie der Sturmwind der Schmerzen und vernichte⸗ ter Hoffnungen über Armidas Seele gezogen und in jedem ihrer Züge Spuren hinterlaſſen hatte. Er grüßte ſie höflich und beklagte, daß ſie Armida nicht bei ihrer Nachhochzeit geſehen; aber er hoffte, daß Armida, nachdem das Unwohlſein vorüber gegan⸗ gen, recht bald Skoghof beſuchen würde. Als er dieſe und verſchiedene andere hübſche Dinge geſagt, ohne ſich dabei um Armidas Antwort zu kümmern, bemerkte er: — Die eigentliche Urſache, welche mich heute hierhergeführt hat, iſt Lady Caſterton.— Ich wünſchte einige Aufklärungen in Beziehung auf ſie zu erhal⸗ ten, und da ich weiß, daß Sie die intimſte Freun⸗ din der Lady ſind, ſo dürfte ich mich nicht an die unrechte Perſon gewendet haben, indem ich mich an Sie adreſſirte. — Es kommt darauf an, Herr Capitain, welche Aufklärungen Sie verlangen,— ontwortete Ar⸗ 157 mida, welche bei Elviras Namen Schmerz und Zorn empfand. — Sie beſchränken ſich ganz und gar auf die letzte Abreiſe der Lady von hier. — In dieſem Falle ſtehe ich gern zu Ihren Dienſten. — Wiſſen Sie, ob zwiſchen dem Lord und ſei⸗ ner Frau etwas ſtattgefunden, welches ihren plötz⸗ lichen Aufbruch veranlaßt haben könnte? — Das kann ich kaum glauben,— antwortete Armida; ſie konnte es indeſſen nicht unterlaſſen, Farbe zu wechſeln, weil der Capitain ſie ſcharf anſah. — Seien Sie ſo gut und beſinnen Sie ſich!— hob der Capitain in höchſt gereiztem Tone wieder an.— Ich glaube mich zu erinnern,— fuhr er fort,— daß der Lord am Tage vor ſeiner Abreiſe wegen eines Briefes auf Skoghof war, den ihm meine Frau geſchrieben und Sie den Auftrag hat⸗ ten, ihm zu übergeben. Armida fühlte ſich durch die Augen des Capi⸗ tain im höchſten Grade genirt. — Wenn dieſes dem Capitain bekannt iſt, ſo begreife ich nicht, warum Sie mich deshalb fragen, — ſagte ſie. — Verſtehen Sie mich recht, ich bitte,— hob der Capitain wieder an;— mein Wunſch iſt, wo möglich darüber Auskunft zu erhalten, was ſich nach dem Beſuch des Lords auf Skoghof zugetragen, und ich werde Fräulein dankbar ſein, wenn ich darüber irgend eine Aufklärung erhalten könnte. 35 Es kam Armida vor, als wenn der Capitain ſie mit ſeinen Blicken gefangen gehalten hätte. —. 158 — Alles, was ich darüber weiß, iſt, daß ich dem Lord auf ſeiner Heimreiſe von Skoghof begeg⸗ nete; er fragte mich, ob ich ſeine Frau geſehen, und ich ſagte ihm, daß ſie nach Altorp gereist ſei.— Lord Caſterton befahl ſofort dem Kutſcher dorthin zu fahren.— Am Morgen darauf hatte er Timaſiö verlaſſen. — Er fuhr alſo nach Altorp und Sie waren es, die ihn dorthin wieſen,— bemerkte der Capi⸗ tain langſam. — Ich danke Ihnen für Ihre Aufklärungen,— fügte er nach einer Weile hinzu,— ſie ſind für mich von großem Gewicht. Armida, welche in Freude wie im Schmerz immer von einer brennenden Neugierde, von einem unwiderſtehlichen Verlangen, Anderer Geheimniſſe aus⸗ zuſpioniren, beherrſcht wurde, konnte ſich nicht ent⸗ halten zu äußern: — Ich wußte nicht, daß Sie ſich ſo lebhaft für Lady Caſterton intereſſirten. Ich glaubte, daß der Capitain ſie nur ganz oberflächlich gekannt. — Ach meine Gnädige, man irrt über ſo Vieles in der Welt,— fiel der Capitain ein.— Ich ſchmeichle mir wirklich, Lady Caſterton ſehr gut zu kennen, und ich kann verſichern, daß ich höchſt ſelten in meinem Leben ein ſo großes Intereſſe für irgend ein lebendes Weſen empfunden, wie für ſie; wür⸗ den Sie vielleicht deshalb Ihre Güte noch weiter gehen laſſen und mir ſagen, wie lange die Lady der Abreiſe ihres Mannes auf Timaſiö ver⸗ lieb? — Nur einen Tag.— Sie und Miſtriß Brow 159 fuhren am Tage nach der Abreiſe des Lords von hier ab. Vorher war ſie indeſſen ſo gut, mir vor⸗ zuſchlagen, daß ich hier bliebe, und es ſo anzu⸗ ſehen, als wenn ich in meinem eigenen Hauſe ſei. — Haben Sie keine Nachrichten von ihr gehabt? — Nicht von der Lady ſelbſt, aber von Miſtriß Brow, welche ſchreibt, daß die Lady eine längere Reiſe nach dem Süden zu unternehmen gedenkt und daß wir uns nicht zu beunruhigen brauchten, falls Nachrichten von ihr ausblieben. Der Capitain ſtand auf, um zu gehen, nachdem er Armida noch einmal gedankt hatte; aber gerade als er ihr Adieu ſagen wollte, bemerkte ſie: — Ein Brief von der Lady ſelbſt iſt in der That an Jungfrau Lotta angekommen. Er traf zur ſel⸗ ben Zeit mit demjenigen ein, welchen ich von Miſtriß Brow erhielt. Vielleicht kann der Capitain durch Lotta einige nähere Aufklärungen erhalten. Armida hatte die Augen auf den Capitain ge⸗ heftet, um zu ſehen, was für einen Eindruck Lottas ame auf ihn machen würde. — Jungfrau Lotta, was iſt das für eine Per⸗ ſonnage?— fragte der Capitain in einem gleich⸗ gültigen Tone und mit einer Miene, welche zeigte, daß er dieſen Namen zum Erſtenmal hörte. — Das iſt die Pflegerin der Lady; wenn der Capitain es wünſcht, ſo werde ich ſie rufen laſſen. Der Capitain dankte und Armida, welche mitten in ihrer Trauer von ihrer Neugierde beherrſcht wurde, befahl dem Bedienten, Jungfrau Lotta zu bitten hinaufzukommen. 160 Während Armida ihre Befehle austheilte, ging der Capitain hin zu einem der Fenſter und blickte hinab in den Hof. Ein ironiſches Lächeln kräuſelte ſeine Lippen Einige Augenblicke ſpäter trat Lotta in den Salon. Der Capitain, welcher am Fenſter ſtehen geblie⸗ ben war, drehte ſich haſtig um; aber der Anblick von ihm machte jetzt, zu Armidas Verwunderung, keinen Eindruck auf Lotta. Die Fragen, welche er über Elvira an ſie rich⸗ tete, beantwortete Lotta auf eine wenig befriedigende Weiſe, und ſie konnte keine weitere Aufklärungen geben, als die, welche Armida bereits gegeben. Die, Lady hatte von London aus geſchrieben, daß ſie eine längere Reiſe nach dem füdlichen Eu⸗ ropa zu unternehmen gedächte; ſie bäte Lotta, nicht unruhig zu ſein, falls ſie längere Zeit keine Nach⸗ richten erhalten ſollte ꝛc. Der Capitain fuhr von Timaſih ab, wie es ſchien, nicht viel klüger, als er dorthin gekommen; und demohngeachtet ruhte über ſeinem Geſicht ein Zug der Befriedigung. Er hatte Arinida gebeten, ſeine Frau nicht zu vergeſſen und ſich ſo zuvorkommend und verbindlich gezeigt, daß Armida nicht umhin konnte, ihn liebens⸗ würdig zu finden, trotz ſeinen buſchigen Augenbrauen und dem üppigen ſchwarzen Bart, welcher gleich einer finſteren Maske das ganze Geſicht bedeckte. Einige Tage darauf machte Armida bei Martha einen Beſuch. Sie beabſichtigte dieſe über den In halt von Carls Brief zu Rede zu ſtellen. — 161 Armida hielt Martha für Diejenige, welche ihn von dem doppelten Spiel, das Armida getrieben, in Kenntn iß geſetzt hätte. Der erſte, der ihr entgegenkam, war der Capitain. Er grüßte ſie höflich und führte ſie ſelbſt zu ſeiner Frau hinein; aber er blieb bei den beiden jungen Weibern, ohne ſich ein einzigesmal zu ent⸗ fernen. Er war an Marthas Seite wie feſtgekettet und ſchien ſo in ſie verliebt zu ſein, daß er ſie nicht ver⸗ laſſen konnte. Gegen den Oberſt war der Capitain kalt und ſo ſteif, daß es Armida in die Augen fiel. Etwas, das auch Armida Mücken in den Kopf ſetzte, war der Umſtand, daß der Oberſt, welcher im Allgemeinen ein hochmüthiges Benehmen hatte, gegen den Schwiegerſohn eine Unterwürfigkeit und Auf⸗ merkſamkeit zeigte, welche mit den Grundzügen ſeines Charakters in vollkommenem Widerſpruch ſtanden. Armida reiste nach Hauſe, ohne die Macht be⸗ greifen zu können, die der Lapitain auf ſeine Um⸗ gebung ausübte. Während der kurzen Zeit, welche Martha verlobt geweſen, hatten ſie und der Capitain ſich in Copen⸗ hagen aufgehalten und erſt als das Aufbieten ſtatt⸗ finden ſollte, waren ſie wieder gekommen. Nach dem erſten Aufgebot begaben ſie ſich nach Stockholm, wo ſie ſogar bis zum Tage vor der Hochzeit blieben, wo ſie in Skoghof eintrafen. Armida hatte alſo nicht die Gelegenheit gehabt ſie zu beobachten, während ſie Braut und Bräutignn waren. Schwartz, Golb und Name. I. 11 162 Die Verlobung war wie ein Donnerſchlag ge⸗ kommen. In der einen Woche trat der Capitain auf Skog⸗ hof auf und in der darauf folgenden waren er und Martha Verlobte. Martha hatte während ihres Aufenthalts in London dem Capitain gar keinen Vorzug gegeben, ſondern war ihm eher ſo viel als möglich ausge⸗ wichen. Was hatte nun ſie, die ſo ſchwierig zu ge⸗ winnen ſei und, wie Armida wußte, Caſterton liebte, dazu bewogen, dieſem ſonderbaren Mann, mit einem bürgerlichen Namen, ohne Jugend und ohne eine höhere Stellung in der Geſellſchaft, ihre Hand zu geben? Armida legte ſich alle dieſe Fragen vor, ohne im Stande zu ſein, dieſelben zu beantworten. Es gibt Menſchen, welche ein ſo lebhaftes In⸗ tereſſe für die Angelegenheiten des Nächſten haben, und dergeſtalt von dem Verlangen ſich um Anderer Verhältniſſe zu kümmern beherrſcht werden, daß dieſe ihre Wißbegierde eine wirkliche Leidenſchaft wird. Ueber dieſe vergeſſen ſie bisweilen Unannehm⸗ lichkeiten und Leiden. Es ſcheint ihre Lebensaufgabe zu ſein, die Fäden zu den Geheimniſſen ihrer Freunde und Bekannten zu ſammeln um nachher dieſe Fäden zum Anſpinnen von Intriguen zu verwenden, welche entweder zum eigenen Vortheil, oder zum Scandal führen können. Armida gehörte zur Zahl dieſer Perſonen. Ver⸗ muthete ſie irgend ein Geheimniß, ſo hatte ſie keine Ruhe, bevor ſie es herausgefunden. WVenn ihr dieß gelungen, ſpann ſie ihre Intri⸗ 163 guen auf eine ſolche Weiſe, daß ſie meiſtentheils Vor⸗ theil daraus zog. Sie hatte ſich immer über das, was ihre Bekann- ten betraf, Auskunft verſchafft, und ſpäter verwickelte ſie das Gewebe der Ereigniſſe ſo, daß daſſelbe nicht ohne Schwierigkeit entwirrt werden konnte. Dieß war ihr Vergnügen. Der bittere Kummer, welchen Armida bei der Vernichtung der Hoffnungen ihrer Jugend empfun⸗ den hatte, wurde gemildert, als ſie glaubte etwas ausforſchen zu können, das ihr Mittel gewährte, ſich an Martha zu rächen, welche ſie als die Urheberin des Schmerzes, der ſie getroffen, anſah. Die Anweſenheit des Capitains hatte es indeſſen Armida unmöglich gemacht ihren Aerger gegen Martha auszuſchütten. Einige Zeit verging, worauf Armida wieder Skoghof beſuchte. 8 Der Capitän empfing ſie wieder und verſicherte, daß es ihm große Freude mache ſie zu ſehen. — Jetzt werde ich wohl im Laufe des ganzen Tages Gelegenheit erhalten mit Martha zu ſprechen, — dachte Armida, indem ſie den Arm des Capitains nahm und ſich zu ſeiner Frau hinaufführen ließ. Aber auch dießmal leiſtete er den beiden Damen Geſellſchaft, ſo daß Armida abreiſen mußte, ohne ein ort unter vier Augen mit Martha zu ſprechen. Es ſchien deutlich zu ſein, daß der Capitain je⸗ dem Austauſch von Vertraulichkeiten vorbeugen wollte. Armida reiste mit ſeinen Höflichkeiten überhäuft ab, aber ſie war raſend darüber, ſich nice von 164 dem ſchlauen Capitain zum Beſten gehalten zu ſehen, was ſie ganz abſcheulich fand. Eine ganze Woche verging, während welcher Ar⸗ mida ſich auf Timaſjö zu Hauſe hielt. In der einen Stunde gab ſie ſich ihrem Kummer hin, in der an⸗ deren dachte ſie darüber nach, wie ſie an Martha, welche ſie als die Urheberin von jenem hielt, Rache nehmen konnte. Es war Ende Oktober. Armida fuhr aus, um friſche Luft zu ſchöpfen und nahm den Weg nach Skoghof. Sie begegnete einem von den älteren Bedienten des Oberſten. Armida befahl dem Kutſcher zu halten, und fragte den Bedienten, wie die Herrſchaft ſich befände. — Die Capitainin iſt etwas unpäßlich geweſen, befindet ſich aber jetzt wieder wohl,— antwortete der Diener — Die Capitainin,— wiederholte Armida.— Wird die Tochter des Oberſten nicht Ihre Gnaden genannt?* — Nein, das hat der Capitän verboten, und, das möge Fräulein glauben, jetzt befiehlt kein An⸗ derer auf Skoghof. Der Oberſt bedeutet durchaus nichts. Niemals hätte ich geglaubt, daß Jemand, mit Ausnahme von Fräulein Martha, eine ſolche Ge⸗ walt über meinen Herrn erlangen würde, wie ſie jetzt der Capitain beſitzt. — Nun, wie iſt der Capitain ſonſt?— fragte Armida. — D, er iſt ein galanter Mann, obgleich ſehr 5 165 ſtreng; aber er iſt nicht ſo unbändig und hochvor⸗ nehm wie der Oberſt, ſondern gerecht und beſtimmt; aber jetzt müſſen Sie erlauben, daß ich gehe, denn wenn der Oberſt von Altorp zurückkäme und ſähe mich hier ſtehen und plaudern, dann würde er ſehr unzufrieden werden. Der Bediente zog die Mütze ab, um zu gehen und Armida nickte ihm gnädig zu, indem ſie fragte: — Iſt der Capitain auf Altorp? — Joa, er ritt dorthin vor einer Stunde. — Allein? — Ganz allein. Der Kutſcher erhielt Befehl, Armida nach Skog⸗ hof zu fahren. Jetzt würde ſie doch Martha an⸗ treffen und ihre Herzensmeinung ſagen, ſowie auch Martha mittheilen können, daß der Capitain ſich der⸗ geſtalt für Elvira intereſſire, daß er nach Timaſjö gekommen, bloß um von ihr reden zu können. Jetzt ging es fort in fliegender Carriere. Armida ſprang bei der Ankunft aus dem Wagen und eilte hinauf zu Martha; ſie hatte aber kaum die Haus⸗ flur erreicht, als der Capitain in den Hof hineinga⸗ loppirte und vom Pferde ſprang. Er war augenblicklich an Armidas Seite und bot ihr ſeinen Arm. — Fräulein ſind wie gerufen gekommen,— meinte der Capitain,— um meine Frau zu zerſtreuen, 6 unpäßlich geweſen und ſehr der Aufheiterung edarf. Er half ſelbſt Armida Hut und Mantel abzu⸗ nehmen und verſicherte, daß ſie den ganzen Tag bei 166 Martha bleiben müßte. Er verſprach, ſie nach Hauſe zu fahren ꝛc. Armida ließ ſich nicht ſchwer überreden. Sie hoffte im Laufe des Tages Gelegenheit zu bekom⸗ men, mit Martha zu ſprechen. Als dieſe letztere ſie erblickte, zog ſie ganz unzu⸗ frieden die Augenbrauen zuſammen. Man merkte es, daß Martha nicht beſonders entzückt über den Beſuch ſei. Nachdem der Capitain ſeine Frau geküßt verließ er das Zimmer. Armida und Martha blieben allein. — Martha,— rief Armida,— durch welche niedrige Falſchheit iſt es Dir gelungen, Carl weiß zu machen, daß——— Die Thüre ging auf und der Capitain befand ſich wieder im Zimmer. Er kam, um den Damen vorzuſchlagen, ſich im Eckzimmer niederzulaſſen. — Es iſt dort weit freundlicher als hier,— meinte er.— Man hat eine ſchöne Ausſicht auf die See, und ich bin überzeugt, daß Sie es dort ge⸗ müthlicher finden werden, als in dieſem kleinen Ca⸗ binet oder im Salon.— Was meinſt Du, mein Engel?— fragte er Martha. — Ich bin vollkommen Deiner Meinung,— ant⸗ wortete Martha. Sie nahm ſeinen Arm und man begab ſich nach dem Eckzimmer. 8 In Gegenwart des Mannes hatte Marthas Aus⸗ ſehen etwas Gezungenes, etwas von unterdrücktem Aerger, der hinter der Maske der Freundlichkeit ver⸗ borgen lag. — 167 Das Eckzimmer, welches früher ein Bibliothek⸗ zimmer geweſen, war jetzt in ein Arbeitszimmer ver⸗ wandelt worden. Es gab dort ein Piano, einen Schreibtiſch, ein Repoſitorium mit Kupferſtichen, einen Nähtiſch, einen Bücherſchrank und eine Menge klei⸗ ner Sophas u. ſ. w. Martha ließ eines der letzteren nach einem Fenſter hinſchieben und nahm darin Platz. Armida ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, den der Capitain ihr hin⸗ ſtellte. Er ſetzte ſich an den Schreibtiſch, welcher ganz in der Nähe ſtand, wo die Damen ſaßen. Wiederum war es Armida unmöglich, ihren Zorn auszuſchütten und eine Erklärung zu fordern. Der Capitän ſaß den ganzen Tag und ſchrieb. Die Unterredung zwiſchen Martha und Armida verblieb ganz und gar auf neutralem Gebiete und war langweilig wie das Tröpfeln aus einer Dach⸗ rinne. Martha war ſo wortkarg wie möglich, Nachmittags hörte der Capitain mit dem Schrei⸗ ben auf. Er nahm Platz neben den Damen, ſcherzte mit Armida und zeichnete Carricaturen über ver⸗ ſchiedene ihrer Bekannten. Dieſe Zeichnungen waren ſo äußerſt drollig, daß Martha ſich des Lachens nicht enthalten konnte. Er zeigte darauf Armida verſchiedene Potraits, und erzählte dann, daß er im Begriff ſei, eines in Körpergröße zu malen, daß aber die Octobertage ſo ſehr ungünſtig dazu wären, daß er gezwungen wor⸗ den ſei, die Arbeit zu unterbrechen. Der Oberſt ſaß an einem anderen Tiſch etwas weiter davon enifernt und las die eben angekommenen Zeitungen. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick 168 hinüber nach ſeinem Schwigerſohn, welcher lachte und ganz heiter plauderte. Der Capitain nahm eine Zeichnung aus ſeiner Mappe nach der anderen und zeigte ſie Armida. — Von allen Entwürfen, welche ich gemacht, iſt dieſer indeſſen meinem Herzen der liebſte. Ich be⸗ klage es innigſt, daß ich nicht Gelegenheit bekommen, dieſen reizenden Kopf zu malen. Dieſen unvollen⸗ deten Entwurf hier machte ich eines Tages in Lon⸗ don in der italieniſchen Oper, wo es mir gelungen war, meinen Platz in einer Loge dem OHriginale ge⸗ genüber einzunehmen. Jetzt hielt er die Zeichnung Armida vor die Augen und fügte hinzu: — Haben Sie je ein einnehmenderes Geſicht, einen anmuthigeren Ausdruck, ein feineres Oval und ſanftere Augen geſehen? Ach dieſes Weib iſt ge⸗ ſchaffen, die Männer toll zu machen und den Kopf eines armen Künſtlers zu verdrehen. Ich werde nie den Eindruck vergeſſen, den ſie auf mich machte, als ich ſie zum Erſtenmale ſah. Armida hatte Elviras Bild vor ihren Augen. Martha neigte ſich tiefer über ihre Arbeit. Ar⸗ mida war es läſtig, Elvira ſo vor den Augen zu haben. — Sie werden zugeben,— hob der Capitain wieder an,— daß man ein Herz von Stein haben muß, um Kummer und Leiden über einen ſolchen Engel zu bringen, und daß man ſehr boshafter Na⸗ tur ſein muß, um dieſen Augen, welche ſo viel Her⸗ zensgüte wiederſpiegeln, Thränen zu entlocken. Sie zu ſehen und ſie nicht zu lieben, dazu muß man — 169 mehr als Mench ſein; um mit ihr zuſammenzuleben und ihr doch Böſes zu thun, dazu iſt es erforder⸗ lich, daß man ein Dämon iſt. Habe ich Recht, Fräu⸗ lein K— hjelm? Der Capitain legte die Zeichnung wieder in die Mappe. Armida bejahte die Frage; die Worte des Ca⸗ pitains waren ihr peinlich. — Apropos Lady Caſterton,— hob der Capi⸗ tain wieder an,— der Herr Brogren iſt nach Con⸗ ſtantinopel abgereist. — Das war eine ſonderbare Combination,— fiel Martha ein;— die ſieht aus, als wenn irgend ein Zuſammenhang zwiſchen der Lady und Herrn Brogren ſtattgefunden. — Ja der Zuſammenhang, welcher nur zwiſchen einer Frau und dem Manne ſtattfindet, welcher von ihr verſchmäht worden iſt.— Du, mein Engel, und auch das Fräulein wiſſet, daß die Lady die Zudring⸗ lichkeit Brogrens zurückgewieſen hat. Sie hatte da⸗ von die Unannehmlichkeit, daß er in ſeiner verletzten Eitelkeit ſie auf eine unedle Weiſe verfolgte und end⸗ lich das Duell zu Stande brachte, welches Sir Sid⸗ ney das Leben koſtete. Brogren iſt indeſſen geſtraft und wenn Lady Caſterton noch mehr Feinde hat, ſo hoffe ich, daß die auch werden geſtraft werden. Dieſe letzteren Worte ſprach er in einem drohen⸗ den Tone aus. Armida fühlte ſich ganz übel zu Muthe und Carl's Name hatte in ihrer Seele auf eine er liche Weiſe wiedergehallt. 17⁰ Der Oberſt, welcher die ganze Zeit über ſtill die Zeitungen geleſen hatte, bemerkte jetzt plötzlich: — Unterhält es Sie, aus einem Privatſchreiben an die Zeitungsredaction die Beſchreibung einer Scene vom Kriegsſchauplatz zu hören? — Ganz gewiß intereſſirt das die Damen,— antwortete der Capitain und warf ſich gegen die Lehne ſeines Stuhles zurück. Der Oberſt las: „Den meiſten unſerer Leſer iſt es bekannt, daß mehrere beherzte, der engliſchen und franzöſiſchen Nation angehörige Damen, den alliirten Truppen in den Krieg gefolgt ſind, um die Verwundeten zu pflegen. Bei dieſer Gelegenheit haben beſonders die engliſchen Damen ſich ausgezeichnet. Sie haben Heimath und Bequemlichkeit, üppige Gewohnheiten und heiteren Zeitvertreib verlaſſen, um ſich allen Mühen und Entſagungen zu unterwerfen, welche vom Kriege unzertrennlich ſind, und haben nur der Stimme gehorcht, welche ihnen gebot, die Beſchützerinnen der Verwundeten zu werden. Unter der Zahl der reichen Engländerinnen, welche die Rolle von barmherzigen Schweſtern übernommen, befand ſich eine gewiſſe Lady Caſterton——— Die drei Zuhörer ſtießen gemeinſchaftlich einen Ruf der Verwunderung aus. Der Capitain ſprang von ſeinem Stuhle auf und ging hin zum Oberſt; dort ſtellte er ſich hinter ſei⸗ nen Stuhl und las ſtill über ſeine Schulter, wäh⸗ rend der Oberſt laut zu leſen fortfuhr. „Ohne an ihre eigene Gefahr zu denken, zeigte ſie ſich während der Schlacht an der Alma mitten 17¹ im Feuer, um mit ihrer Hülfe bei der Hand zu ſein.— Der Ausfall der Schlacht war ſchon ent⸗ ſchieden; die Ruſſen begannen zu retiriren, als das heldenmüthige Weib ſich über einen Verwundeten bückte und dabei von einer Kugel, welche zwiſchen die Schulterblätter eindrang, und von zweien, welche den Kopf zerſchmetterten, getroffen wurde.“ Ein Seufzer, ſo tief, daß er einem dumpfen Schmerzensruf glich, hob die Bruſt des Capitains und machte den Oberſt auf dem Stuhle zuſammen⸗ fahren. Er blickte hinauf zu ſeinem Schwiegerſohn. Das Geſicht des Capitains war ſafrangelb. In demſelben Augenblick trat ein Bedienter ein, welcher einen Brief in der Hand hatte. — Ein reitender Bote aus Stockholm hat ihn mitgebracht; derſelbe iſt von dem franzöſiſchen Ge⸗ ſandten an den Herrn Capitain. Ström blieb lange Zeit ſtehen, als wenn er nicht gehört hätte, was der Bediente geſagt. — Wie ſteht es, mein Schwiegerſohn? Ich glaube, Du befindeſt Dich nicht wohl? Der Capitain antwortete nicht, ſondern ging mit ruhigen Schritten dem Bedienten entgegen und nahm ihm den Brief ab. — Soll eine Antwort darauf?— fragte er. — Nein, der Brief iſt mit der Cabinetspoſt ge⸗ kommen, und der Bote hatte nur den Befehl, den⸗ ſiei unverzüglich an den Herrn Capitain abzu⸗ geben. — Gut; gebe dem Knecht Trinkgelder!— be⸗ fahl der Capitain. — Er warf ſich in eines der Sopha und fuhr 3— 172 mit der Hand über die Augen, als wenn er den Blick klar machen wollte, damit er den Brief leſen könnte. Beim Anblick der Handſchrift ſah es aus, als wenn ſeine Züge ſich etwas aufklärten. Nachdem er einige Zeilen durchblickt hatte, hob wieder ein tiefer Seufzer ſeine Bruſt und er ſtützte die Stirne auf die Hand. Lange Zeit blieb er ſo ſitzen, fin⸗ ſter und düſter wie eine Gewitterwolke. Der Oberſt hatte das Leſen der Zeitung wieder aufgenommen. Martha lehnte ſich gegen eines der Sophakiſſen. Es ſah aus, als wenn ſie weinte. Armida ſaß wie verſteinert über die unglückliche Nachricht; bald blickte ſie den Capitain, bald den Oberſt und bald Martha an. Eine peinliche Stille herrſchte im Zimmer. Der Capitain ſtand endlich auf und trat hin zu ſeiner Frau. — Wie ſteht es, Martha, ich glaube Du weinſt? Der Ton klang hohl. — Schmerzt Dich der Tod Lady Caſtertons? — Ja!— antwortete Martha und blickte auf zu ihm. Marthas Geſicht fehlte das gewöhnliche Gepräge kalten Stolzes; es lag etwas darin, welches ver⸗ rieth, daß ihre beſſeren Gefühle in Bewegung ge⸗ rathen ſeien. Der Capitain blickte ſie an und wandte ſich dann an Armida. — Wenn Fräulein nach Hauſe zu fahren wün⸗ ſchen, ſo wird mein Kutſcher Befehl erhalten, anzu⸗ —— ⸗ 173 ſpannen; ſagte er⸗— Sie müſſen entſchuldigen, wenn ich Sie nicht begleite. Er verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Jetzt war Armida mit Martha allein, jetzt hätte ſie unbeläſtigt ſprechen können; aber in dieſem Au⸗ genblick hatte ſelbſt Armida ihre Gedanken auf nichts Anderes gerichtet, als auf den Tod Lady Caſtertons. Sie nahm auch ſofort Abſchied und kehrte nach Timaſjö zurück. Wie ſchlecht auch ein Menſch iſt, ſo gibt es doch immer gewiſſe Dinge, welche auf eine erſchütternde Weiſe in die Seele hineingreifen, und zu dieſen ge⸗ hört die Nachricht von dem unerwarteten Tode eines Menſchen. Armida konnte jene Nacht keinen Schlaf in ihre Augen bekommen; es war, als wenn ihr Jemand unaufhörlich zugerufen hätte, daß ſie an Elviras ſo frühem Hingang Schuld geweſen; daß ſie mit ihren Intriguen es bis dahin getrieben hätte, daß die junge Frau ſich unter die Gefahren des Kriegs begab. Wie ſie ſich auch auf ihrem Lager wendete und drehte, ſo war es doch, als wenn ſie Elviras kum⸗ mervolles Geſicht auf ſie hätte herabblicken geſehen und ſie fragen:„Warum bereiteteſt Du mir ſo vie⸗ len Kummer?“ Was hatte wohl Armida ſelbſt mit all ihrer Bosheit gewonnen?— Nun, Verachtung und Ab⸗ ſcheu von dem einzigen Weſen, das ſie liebte. Der Morgen kam heran ohne Sonne und mit 174 einer Luft, die ebenſo ſchwer und düſter war, wie die Stunden der Nacht es für Armida geweſen. Müde und niedergeſchlagen zog ſie ſich an und war gerade fertig, um in den Speiſeſaal zu gehen, als die Thüre zu ihrem Zimmer aufflog, und Lotta mit einer Zeitung in der Hand hereingeſtürzt kam. — Fräulein, Fräulein,— rief das arme Weib, — was iſt es, das hier in der Zeitung ſteht? Komm, komm——— O, nein, es iſt nicht wahr; ——— es iſt ein Druckfehler——— es iſt nicht möglich! Leſen Sie!— Leſen Sie! Sie reichte Armida die Zeitung und warf ſich dann ſchluchzend auf das Bett. Armida hatte die Zeitungen genommen und ſtarrte die kleine ſchwarzen Worte an, welche die Nachricht von dem Tode Lady Caſtertons enthielten. Nachdem Lotta von Armida ungeſtört ihrer wüthenden Heftigkeit Luft gemacht, ſtürzte ſie wie⸗ der auf, ergriff Armidas Arm und rief: — Sagen Sie, daß es nicht möglich ſein kann; daß die Zeitungen lügen, oder ich werde wahn⸗ ſinnig!— O, himmliſcher Vater, Du haſt nicht ſo ſtreng gegen Deine Dienerin ſein können; Du haſt ſie nicht wegnehmen können, bevor, bevor——— Das Schluchzen erſtickte ſie. Armidg ſuchte, ſo weit es möglich war, ſie zu beruhigen; aber Alles, was ſie ſagte, ſchien indeſſen Lottas Schmerz zu vermehren. Armida, welche nicht zu der Zahl derer gehörte, welche mit Anderen Mitleid empfinden, taugte auch nicht zur Tröſterin, und da ſie auf dem Wege nichts auszurichten vermochte, ließ ſie Lotta in ihr Zimmer 175 hinunterführen und ſchickte nach einem Arzt, um durch etwas nach ihrer Meinung beruhigende Medi⸗ cin und einen Aderlaß die Aufregung Lottas zu ſtillen. Der Bote war indeſſen noch nicht abgegangen, als ein Wagen mit einem jungen Manne in geiſt⸗ licher Tracht ankam, welcher nach Lotta fragte. Man führte ihn ſofort zu dem armen unglücklichen Weibe, welches ganz in Kummer und Verzweiflung aufgelöst war. Armida war bei ihr, als der Pfarrer eintrat. Er grüßte auf eine freundliche, aber fremde Weiſe Armida, welche ihrerſeits in einem etwas unſicheren Tone„Magiſter“ Brogren willkommen hieß. Fredrik Brogren(denn er war es) wünſchte mit Lotta allein gelaſſen zu werden, und Armida entfernte ſich, obgleich ſie es wenig geheuer fand, nach den andern Zimmern des großen Gebäudes zurückzukehren, wo alles an Elvira und an die Güte erinnerte, welche ſie Armida bewieſen. Was Armida nicht gelungen war, nämlich Lotta zu beruhigen, das vermochte indeſſen Fredrik. Er ſprach herzliche und tröſtende Worte, wie ſie ein Griſtlicher Prediger zu dem Betrübten ſprechen muß. Als er mit ſeiner Rede zu Ende war, hatte Lotta aufgehört zu weinen, und jetzt erklärte ſie, daß außer ihrem Kummer noch etwas da ſei, das ihr Herz beſchwerte. Sie hätte das Bedürfniß, ſich ihi an⸗ zuvertrauen. Der Beichte zu lauſchen, welche Lotta ablegte, wollen wir uns nicht erlauben.§ Es war ein Vertrauen, das ſie dem Diener des 176 Herrn ſchenkte, und ein ſolches muß heilig bleiben. Wir begnügen uns deshalb damit, über den ſpäte⸗ ren Theil der Unterredung zwiſchen ihr und Fredrik Auskunft zu geben. — Es kommt mir vor,— ſagte Lotta,— als hätte ich eine ſchwere Sünde begangen, weil ich nicht Elvira Alles in Beziehung auf ihre Herkunft vor ihrer Verheirathung mittheilte. Wenn ich mich erinnere, daß ſie am Abend vor ihrer letzten Abreiſe von hier zu mir hinunter kam und mich bat, ihr* Alles mitzutheilen, was auf ihre Mutter Bezug F hätte, welches Verbrechen ſie begangen ꝛc., ſo ſchien es mir, als hätte ich mich einer ſchweren Sünde ſchuldig gemacht, weil ich ſie ungehört von mir gehen ließ.— Als ſie abreiste, ſagte ſie zum Abſchied: „Lotta, Deine Liebe hatte Dich zu einer Schweig⸗ ſamkeit bewogen, die mir viel Böſes verurſacht hat. O, hätteſt Du, als ich im Begriff ſtand mich zu verheirathen, mir geſagt, daß ich die Tochter einer Frau ſei, die ein Verbrechen begangen, ſo würde ich nie Lord Caſtertons Namen angenommen, und nie nöthig gehabt haben, in Kummer und Verzweiflung meine Heimath zu verlaſſen!— Die Thränen ſtan⸗ den ihr in den Augen; ich ſah ſie abreiſen und ich ſagte ihr doch nicht, was ſie zu erfahren ein Recht hatte. Herr Magiſter, es iſt, als wenn ich keinen Frieden in meiner Seele bekäme, wenn ich daran denke!— Fredrik legte ſeine Hand auf das niedergebeugte Haupt des armen Weibes und ſagte: — Verſuche, Lotta, Dich der Worte zu erinnern⸗ welche ich Dir zuerſt ſagte, und glaube, daß wir 177 nur Werkzeuge eines höheren und mächtigeren Wil⸗ lens ſind. Lotta faltete die Hände, und als Fredrik eine Stunde ſpäter von ihr wegging, war ſie vollkom⸗ men ruhig und ergeben, indem ſie ſich vor dieſer neuen Prüfung demüthig beugte. Wir verſetzen uns jetzt nach Skoghof zurück und zwar an demſelben Abend, an welchem Armida von dort abreiste. Nachdem ſie ſich entfernt, befanden ſich der Oberſt und Martha allein im Eckzimmer. Das bleiche Ge⸗ ſicht der letzteren ſah traurig aus und ſie ſaß da in bittere Betrachtungen verſunken. — Martha,— ſagte der Oberſt,— nachdem er eine Zeitkang ſein einziges geliebtes Kind be⸗ trachtet hatte;— ſie iſt todt; das Schickſal hat uns mit Einemmale von ihr befreit. — Befreit!— wiederholte Martha und trat hin zu dem Vater. Sie legte ihre Hand auf ſeine Schulter und fügte mit tiefem Ernſte hinzu:— ſage lieber, daß es uns endlich gelungen iſt, es bis dahin zu treiben, daß der Tod ſie weggemäht hat. Martha fuhr mit der Hand über die Stirne und fügte hinzu: — Ich wollte wünſchen, daß ich ſie nie gehaßt, daß ich nie etwas gethan hätte, was ihr Schmerz hätte verurſachen können. 8 — Was, Martha,— bemerkte der Oberſt und faßte die Tochter um den Leib,— haſt Du Deinen Schwartz, Gold und Name. HM. 12 178 Charakter geändert? Biſt Du es wirklich, die in dieſem weichlichen Tone ſpricht? Merke Dir wohl, dieſe Elvira war, ſo lange ſie lebte, für uns eine gefährliche Feindin, die wir fürchten mußten.— Ihr Tod hat immer Etwas, worüber wir uns freuen müſſen, ſelbſt wenn derſelbe nicht mehr die Wünſche Deines Herzens fördern kann, weil Du ſelbſt an dieſen Mann gefeſſelt biſt, der——— Der Oberſt hielt inne und knitterte die Zeitung zuſammen. — Der einen eiſernen Willen beſitzt, und es auf ſich genommen hat, der Rächer Elviras zu ſein,— fiel Martha ein.— Du und ich, mein Vater, ſind ſeine Leibeigenen, und nichts weiter. Martha lächelte bitter und der Oberſt murmelte: — Ich möchte den Tag erleben, wo ich auf den Raſen treten könnte, der ſeinen Staub bedeckt; ſo lange er lebt. gibt es für uns keinen Frieden; aber laßt uns nicht von ihm, ſondern von Dir ſprechen, Martha! .— Uund was ſollen wir von mir ſagen?— fiel Martha ein.— Nichts!— Sie lehnte ſich gegen die Schulter des Vaters und fuhr fort: .— Ich las einmal von zwei Verbrechern, welche 11³ durch eine innige gegenſeitige Neigung mit einander 11 verbunden waren und daß, als der Eine zum Tode ging, der Andere einen Mord beging, um auf die⸗ ſelbe Weiſe zu enden, wie der Freund.— Ich dachte, als ich dieſe Erzählung las, an Dich und mich.— Wir haben uns beide Handlungen zu Schulden kom⸗ men laſſen, welche keine nähere Unterſuchung ver⸗ tragen und nicht Achtung einflößen können und ſind 179 doch durch die ſtärkſte Neigung an einander ge⸗ feſſelt.— Man ſagt, daß die Freundſchaft aufhört, wenn die Achtung verſchwindet. Ich habe nie Ach⸗ tung vor Dir gehabt; Du biſt mir immer wie ein Mann ohne ein eigentliches Herz vorgekommen, und doch liebe ich Dich, ſo daß ich, um Dich zu retten, dieſe verächtliche Ehe eingegangen bin, die mich in eine kränkliche Träumerin verwandelt hat, welche über die Vergangenheit brütet und die Zukunft fürchtet. — Der Mann, an deſſen Seite ich gezwungen bin mein Leben dahinzuſchleppen, gleicht einem unnach⸗ ſichtigen Rächer, welcher unbeweglich und beharrlich, und doch ohne ſtreng zu ſcheinen, mich zwingt zurück⸗ zuſchauen. Er hat meinen Muth gebeugt, mir die Energie geraubt, die meinem Charakter eigen iſt. Ich komme mir wie eine Löwin vor, die in einem engen Käfig eingeſperrt iſt. Jedesmal wenn ich es verſuche, einen kecken Schritt zu thun, ſtoße ich gegen das Gefängnißgitter an, und wenn ich verſuche das⸗ ſelbe zu zerbrechen, ſo habe ich bei dieſen ohnmäch⸗ tigen Verſuchen meine Kräfte erſchöpft. Bei ſolchen Gelegenheiten iſt es, daß ich Dich anklage, daß ich darüber zürne, daß ich Dich lieb habe.— Als Du die Nachricht von ihrem Tode vorlaſeſt, hätte ich aufſpringen und Dir zurufen mögen: Warum lehr⸗ teſt Du mich, dieſes Weib zu haſſen?— aber ich brach in Thränen aus. Martha erhob ihren Kopf und rief: — Bin ich es wohl, die ſtarke, die unerſchrockene Martha, die über den Tod einer Feindin Thränen vergießt!— In was hat denn dieſer Mann mich verwandelt* 37 180 Der Oberſt blickte die Tochter unruhig an. — Ja, wahrlich, Martha, ich kenne Dich nicht wieder.— Du, ſo ſchön und ſo reich begabt, läßt Dich von einem Manne beherrſchen, den Du verab⸗ ſcheuſt!— Mag ſein, daß die Nothwendigkeit Dich dazu zwang, ſeine Frau zu werden; aber dieſelbe zwingt Dich jetzt nicht, ſeine Sklavin zu ſein.— In demſelben Augenblick, in welchem er Dein und ſein Geſchick mit einander verband, beraubte er ſich auch ſelber aller Mittel Dir zu ſchaden. Aber nicht, ſeine Angriffe gegen Dich zu richten. — Martha, ich habe bereits lange gewartet!— klang eine Stimme von der Thüre. Martha drehte ſich um. Der Capitain ſtand dort. Einen Augenblick betrachtete die junge Frau ſein gelblich⸗bleiches Geſicht, als wenn ſie die Abſicht ge⸗ habt hätte keine Rückſicht auf ſeine Worte zu neh⸗ men; aber im Augenblick darauf reichte ſie dem Vater die Hand und ſagte: — Gute Nacht, mein Vater!— Dann ging ſie dem Manne entgegen, welcher ſich dem Oberſten näherte, auf den er ſeine dunkeln Augen heftete. — Gehe in Dein Zimmer, Martha,— ſagte Ström;— ich habe Deinem Vater etwas zu ſagen. Martha blieb ſtehen. — Woas Du mit meinem Vater zu verhandeln haſt, kann ſeine Tochter auch hören,— ſagte Martha. — Und ich verlaſſe dieſes Zimmer nicht, ohne daß Du mir folgſt! Ström betrachtete Martha, als wenn es ihn über⸗ raſcht hätte, daß ſie ſich opponirte. 181 — Martha,— ſagte er,— ich wünſche, daß Du gehſt.— Was ich in dieſem Augenblick Deinem Vater zu ſagen habe, iſt am beſten, daß es zwiſchen ihm und mir verhandelt werde;— gehe deshalb; meine Unterredung wird nicht lange dauern. Du biſt ein viel zu kluges Frauenzimmer, um Dich dem daß ich Dich aus dem Zimmer hinaus⸗ ühre. Martha blickte erſt den Vater, dann den Mann an und verließ darauf das Zimmer. Der Capitain ſchloß die Thüre hinter ihr, um es vorzubeugen, daß Jemand lauſchte, und kehrte dann zum Oberſt zurück, welcher ganz ſcheu ausſah, er da ſaß gegen die Lehne eines Fauteuil ge⸗ tützt. Die muskulöſe und kräftige Geſtalt des Capitäns contraſtirte ſtark gegen des Oberſten kleine, magere zuſammengefallene Figut.— Das Scharfe und und Beſtimmte in den Augen des Capitains bildete einen ſchneidenden Gegenſatz zu dem Unſicheren und Heimtückiſchen in denen des Oberſten. Eine Weile betrachtete Ström ſeinen Schwieger⸗ vater mit einer Miene, als wenn er ihn hätte ver⸗ nichten wollen, ſo viel Erbitterung drückte ſein Ge⸗ ſicht aus. — Oberſt Stangenſiöld,— ſagte er mit dumpfer Stimme,— Sie müſſen das, was Ihre Tochter zu meiner Braut machte, treu in Ihrem Gedächt⸗ niſſe bewahren, denn wenn Sie das nicht thun, ſon⸗ dern ſo mit ihr ſprechen, wie Sie es thaten, als ich hier eintrat, dann können Sie risquiren, daß ich die Verwandtſchaft zwiſchen uns vergeſſe und die Welt 182 wiſſen laſſe, was für ein elender Menſch Sie ſind. — Geben Sie deshalb auf Ihre Worte Acht; be⸗ halten Sie Ihre böſen Gedanken und Ihre Schaden⸗ freude bei ſich!— Sprechen Sie nicht den Namen Lady Caſtertons aus, wenn Sie nicht wollen, daß ich laut ausrufen ſoll, wer Sie ſind, und warum Sie Ihre Tochter gegen ſie aufgehetzt haben! Der Oberſt war aſchgrau geworden. Er gehörte nicht zu den Helden, und er kannte nichts Peinliche⸗ res als ein téte-Atéte mit dem Schwiegerſohn. Er beobachtete denn auch Schweigen. Der Capitain machte eine Runde im Zimmer, um ſeinen Zorn zu bemeiſtern. Als er wieder vor dem kleinen Oberſt ſtehen blieb, welcher nie in ſeinem Leben gegen Andere, als diejenigen, die er tyranni⸗ ſiren konnte, Muth gezeigt hatte, ſah es aus, als wenn der alte Militär einen Fieberanfall bekommen. — Ich verlaſſe morgen Skoghof.— hob Ström wieder an,— um eine lange Reiſe zu unternehmen. — Sie und meine Frau bleiben hier; aber Euer Geheimniß begleitet mich.— Die Reiſe, welche ich zu machen beabſichtige, iſt lang, und es könnte paſ⸗ ſiren, daß ich nicht wiederkäme, was ich indeſſen hoffe. Am beſten iſt es jedoch, daß ich es ſo ein⸗ richte, daß Ihr für den Reſt Eures Lebens Etwas habt, was Euch zurückhalten kann, falls Ihr als die Unglücksvögel Anderer ſolltet auftreten wollen.— Während ich fort bin, iſt es deßhalb mein beſtimm⸗ ter Wille, daß Sie und Martha hier bleiben. Be⸗ vor Sie etwas von mir gehört haben, darf weder Martha noch Sie den Aufenthaltsort wechſeln. Wenn auch von hier entfernt, ſo werde ich doch dafür ſor⸗ —— 183 gen, daß das geringſte Zuwiderhandeln gegen meine Anordnungen mir bekannt werde, und Sie wiſſen, was ich thun kann, um den Ungehorſam zu beſtra⸗ fen.— Sie brauchen nicht über all die ſchönen Ge⸗ ſchichten nachzudenken, welche Sie ausgeführt und auch nicht darüber, wie gut es Ihnen gelungen iſt, Ihre Tochter zu einem würdigen Abbild Ihres Va⸗ ters zu erziehen.— Sie beſitzt indeſſen, was Ihnen fehlt,— ein Herz, und das, obgleich Sie Alles ge⸗ than haben, um daſſelbe zu erſticken. Sie haben ſich über Lady Caſtertons Tod gefreut; denn wie die Thränen eines Engels das Verbrechen eines Teufels zu fühnen fähig ſind, ſo hätten ihre Für⸗ bitten mich milde gegen Sie ſtimmen können, und es möglicherweſe bewirkt, daß das Schickſal der Tochter erträglicher geworden wäre. Jetzt iſt das verſöhnende Band zerriſſen, und es wird der Tag kommen, wo Sie wünſchen würden, daß ſie aus ihrem Grabe aufſtehen könnte, um für Sie zu bitten. Der Capitän ging und der Oberſt ſtarrte wie ein durch ein Geſpenſt aufgeſchrecktes Kind vor ſich hin. In jedem menſchlichen Herzen gibt es immer ir⸗ gend ein gutes Gefühl, welches, ſo verdorben es auch ſein muß, davon zeugt, daß das Gute in die menſchliche Seele niedergelegt wurde, wenn auch die Leidenſchaften daſſelbe erſtickten. Auch in dem von Hochmuth, Egoismus und Ei⸗ telkeit beherrſchten Innern von Martha fanden ſich beſſere Gefühle und unter dieſen war die Liebe zum Vater das vornehmſte. 184 Von Natur dem Urheber ihres Lebens ſehr ähn⸗ lich, hatte Martha von Kindheit an ſolche Anlagen, welche durch die Erziehung, die ſie erhielt, ſie zu einem Weibe ohne Gefühl ausbilden mußten, zu einem Weibe, das kein Gefühl und kein Mitleid für Andere hatte und nur den Eindrücken und Paſſionen des Augenblicks gehorchte. Alles, was ihren Wün⸗ ſchen im Wege ſtand, mußte fort, und verlangte es ſie nach Etwas, es mochte noch ſo unſinnig ſein, ſo mußte ſie es erhalten. Zu Hauſe von einem Vater verzärtelt, der ſie vergötterte und von einer Mutter, die in ein voll⸗ ſtändiges Null in der Familie verwandelt war, hatte Marthas Egoismus ſich umfaſſender ausgebildet und ihr Hochmuth eine beſtändige Nahrung erhalten. Hübſch, mit einem guten Kopf begabt und früh⸗ zeitig ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit der Män⸗ ner, wurde ihre Eitelkeit geſättigt, ohne daß ihre Moral irgend eine Nahrung erhielt, und um ihre Intelligenz zu beſchäftigen, gab ſie ſich dem Ver⸗ gnügen des Intriguirens hin. Mitten unter dieſen ſchweren Fehlern ſtand die Liebe zum Vater wie ein von ihnen getrenntes Gefühl. Martha war gewiß nicht aufgewachſen in Ehr⸗ furcht vor dem Willen des Vaters oder der Mutter, ſondern war ihre und des ganzen Hauſes Tyrannin und Diejenige geweſen, nach deren Launen ſich Alle fügten; aber ſie war, ſo weit ſie zurückdenken konnte, derjenige Gegenſtand geweſen, an welchen die Zärt⸗ lichkeit des Vaters ausſchließlich gefeſſelt war. Eigenſinnig, heftig und ohne eigentliche Güte 185 war Martha nie von jemandem als dem Vater geliebt geweſen. Martha war ihm auch als ihrem liebſten Freunde zugethan. Sie konnte ohne Vorbehalt mit ihm ſprechen, ſich ihm anvertrauen, ohne zu befürchten, daß er ihre Handlungen tadeln würde, und ſie konnte ſich auf ihn verlaſſen, wenn ſie Hülfe und einer Stütze be⸗ durfte. Es lag alſo viel Egoismus in ihrer Zuneigung, aber ein Egoismus, welcher bewirkte, daß ſie ihrer⸗ ſeits für ihn Alles ſein konnte, was er für ſie war, und wenn es gälte, ſo würde Martha ohne Beden⸗ ken dieſelben Opfer für ihn bringen, welche er für ſie zu bringen im Stande wäre; denn Martha be⸗ ſaß mehr Muth und Seelenſtärke, als der Vater. Es gab noch ein anderes Gefühl in Marthas Seele, welches, wenn es gute eine Richtung erhalten, et⸗ was ganz Anderes aus ihr hätte machen können, als ſie war. Dieſes Gefühl war eine lebhafte Bewun⸗ derung alles Schönen und Hochherzigen, aller intellec⸗ tuellen Ueberlegenheit und Charaktergröße. Sie verſtand es nicht, Güte und ſtille Tugenden zu ſchätzen, ſie konnte nicht mit den Leiden des Her⸗ zens und moraliſchen Verdienſten ſympathiſiren; aber ſie konnte großartige Charakterzüge, Muth, Ent⸗ ſchloſſenheit und Hochherzigkeit bewundern und von ihnen eingenommen werden.— Von dem, was un⸗ gewöhnlich und geiſtreich war, konnte ſie geblendet und entzückt werden; aber ſie konnte nicht mit den Leidenden weinen und nicht von Aufopferungen ge⸗ rührt werden. Wenn dieſe Sympathie für das Große eine edle 186 Richtung erhalten hätte, ſo wäre Martha ein edel⸗ müthiger, wenn auch etwas egviſtiſcher Charakter ge⸗ worden; ihr Egoismus wäre dann nicht in Hoch⸗ muth, ſondern in wirklichen Stolz umgeſchlagen und ihre Eitelkeit wäre dann nicht conſequenter Neid gegen Alle, welche Vorzüge beſaßen, ſondern ein Ge⸗ fühl geworden, welches ſie zu ſchönen Handlungen getrieben, ſtatt daß dieſelbe ſie jetzt zu elenden ver⸗ leiteten. Der Sinn für das Erhabene war ohne alle Richtung geblieben und dadurch auf einen bequeme⸗ ren Wirkungskreis beſchränkt, ſo daß derſelbe nur dann in Bewegung kam, wenn er afficirt wurde. Dieſem Gefühle hatte Caſterton, als er in ihren Weg trat, zugeſagt, und durch dieſes war ſie an ihn gefeſſelt. Sie bewunderte den ausgezeichneten Redner; ſie liebte dieſes großartige und ſtolze Benehmen, und ſie betete ihn an, weil er ihr ſelbſtſtändiger und beſſer als alle Andere ſchien. Sie wollte ſeine Gattin und unumſchränkte Herrſcherin werden, und um zu dieſem Ziele zu gelangen, ließ ſie ſich herab zu allen jenen Intriguen, all jener moraliſchen Grauſamkeit, welche ihre Handlungen auszeichnete und welche der Haß gegen Elvira dictirte. Was kümmerte es Martha, ob dieſe litt, wenn ſie nur Lady Caſterton wurde. So war Martha, als die Verhältniſſe ſie zu Ströms Gattin machten. Aus Zwang war ſie es geworden und durch dieſe Gewalt, die ihren Wünſchen angethan wurde und dieſen erſten Eintrag, welcher ihrer ſelbſtſtändigen 187 Beſtimmung über ſich ſelbſt geſchah, hatte ſie ſich wie von einem Donnerſchlag getroffen gefühlt. Sie fühlte ſich zermalmt und unglücklich, gereizt und erbittert, aber ohne auf irgend eine Weiſe an dieſem Manne Rache nehmen zu können, welcher ruhig und kalt, aber ſyſtematiſch ſich zum Herrn über ihr und des Vaters Schickſal gemacht. Nachdem ſie einmal ſeine Gattin geworden, hatte ſie geglaubt ihm das vergelten zu können, was die⸗ ſes Opfer gekoſtet; aber auch das mißlang ihr. Ström hielt ſie innerhalb gewiſſer Gränzen wie gefangen und ermüdete ſie mit ſeiner unerſchütter⸗ lichen Ruhe und ſeiner unnachgiebigen Feſtigkeit. Er imponirte, ohne nöthig zu haben als Tyrann aufzutreten, und ſie fühlte, daß all ihre Neigung zum Widerſtand all ihre Luſt zum Streit erlahmt und daß ſie ſelbſt entwaffnet ſei während dieſes ſchwei⸗ genden Kampfes gegen einen Willen, der ſelten in Worten, aber fortwährend durch Handeln ſich geltend machte. Ström hatte während der Monate, die ſie ver⸗ heirathet geweſen, ſich niemals heftig drohend oder herriſch, ſondern immer beſtimmt gezeigt. Er hatte dadurch, daß er Martha täglich ihr vergangenes Leben und all die Herzloſigkeit, welches dieſes aus⸗ gezeichnet, vorhielt, ſie gezwungen zurückzuſchauen. Es gibt wohl kein menſchliches Herz, welches ſo vom Egoismus entſtellt iſt, daß es nicht einen bit⸗ teren Schmerz empfindet, wenn man deſſen weniger rühmliche Handlungen hervorhebt und auf ſie mit Fingern zeigt. Martha empfand auch bisweilen einen wirklichen 188 Eckel über die Vergangenheit und eine bittere De⸗ müthigung bei dem Gedanken, daß es außer ihrem Vater einen Menſchen gebe, welcher um das Böſe wußte, das ſie gethan. Das Philoſophiren Ströms über das, was nicht geändert werden konnte und ſeine Betrachtungen über das Schlechte in ihrem Charakter, waren für die an Schmeichelei, Bewunderung und Lob gewöhnte Martha eine beſtändige und langſame Tortur, und alles dieſes flößte ihr auch einen Eckel vor ihrem Daſein ein. Sie hatte während dieſer fortwährenden Plagen den Vater anklagen und alle Schuld für das was ſie litt auf ihn wälzen wollen; aber dann kamen die Anhänglichkeit und die Erinnerung an all ſeine Liebe und ſtellten ſich zwiſchen ſie und ihren Zorn. Es lag wenigſtens ein Troſt darin zu wiſſen, daß es Einen gab, der ſie liebte wie ſie war, während ihr Mann mit der ſkrupulöſeſten Genauigkeit ihre geringſten Fehler analyſirte. Man konnte ſagen, daß Martha nach fünfwöchent⸗ licher Ehe ſo verändert worden war, daß es ſchwer fiel, die Möglichkeit einer ſolchen Veränderung zu begreifen. Sie erſchien kalt, gleichgültig, ſchwer⸗ müthig und unzugänglich, ſowie ohne Sinn und ohne Intereſſe für irgend Etwas. Der Tag war eine endloſe Reihe von Stunden, welche ſie an der Seite eines diaboliſchen Gefäng⸗ nißwärters verlebte, der ſie nie aus dem Geſicht verlor und mit der vertraulichen Freundlichkeit des Gatten fortwährend in der Rumpelkammer ihrer Fehler herumſtörte, um ganz darüber ins Klare zu kommen, was dieſelbe Alles enthielte. 189 Es war kein gewöhnliches, gutmüthiges, eheliches Murren wegen Ordnung und Hekonomie. O nein; gegen ein ſolches würde Martha ſchon Muth zu kämpfen gehabt haben; es war ein fortwährendes Unterſuchen deſſen, was ſie that, dachte, fühlte und ſagte, ſowie ein unermüdliches Forſchen nach den Beweggründen ihrer Handlungen. Der eine Tag war in dieſer Beziehung dem an⸗ dern ſo gleich, daß Martha, wenn der Morgen kam, denſelben mit einem Gefühl der Unruhe begrüßte, indem ſie berechnete, wie lange es bis zum Abend ſei. So ſtanden die Sachen als die Nachricht von Lady Caſtertons Tod ſie traf, um ihr zuzurufen: „Das iſt dein Werk!“ Martha fühlte auch ein großes Bedürfniß, einige Worte mit dem Vater zu wechſeln, um wenn auch nicht ihm Etwas vorzuwerfen, ſo doch in Klagen Luft zu welche viel Aehnlichkeit mit Vorwürfen atten. Als Ström ihre Unterredung unterbrach und Martha erſuchte ſich zu entfernen, fürchtete ſie, daß er dem Vater irgend eine Demüthigung anthun würde und ſie verſuchte es, ſich zwiſchen ihn und ihren Mann zu ſtellen; aber ſie ſah bald ein, daß es vergeblich ſei und zog ſich auf ihre Zimmer zurück. Ström hatte geſagt, daß die Unterredung nicht lange dauern würde und er hielt Wort. Nach Verlauf einer Weile trat er zu Martha herein, welche am Fenſter in ihrem Schlafzimnler ſtand und in die Dunkelheit hinausblickte. Sie rührte ſich nicht, obgleich ſie ganz gut hörte, daß er ſich im Zimmer befand. N 190 Ich komme eigentlich, um Dir mitzutheilen, daß ich bereits morgen früh Skoghof verlaſſe und eine längere Reiſe unternehme,— ſagte der Capitain. Martha drehte ſich plötzlich mit einer Bewegung um, welche zeigte, daß die Nachricht einen vortheil⸗ haften Eindruck auf ſie machte. — Es ſieht aus, als wenn die Nachricht von meiner Abreiſe Dich freute,— hob Ström wieder an. — Das Gegentheil würde Dich gewiß noch mehr wundern— antwortete Martha und verließ ihren Platz am Fenſter. — Um aufrichtig zu ſprechen, muß ich es ein⸗ räumen; aber Du darfſt Dir indeſſen von der Zeit, die ich wegbleibe, keine falſchen Illuſionen machen. Du und Dein Voter bleibet hier. — Und was ſollte mich zwingen, das zu thun? — fragte Martha. — Mein Wille iſt der einzige Zwang, der in Betracht kommt. Dein Vater wird Dich übrigens über die Gefahren aufklären können, welche es mit ſich führt, denfelben zu brechen.— Er weiß, daß ich nicht allein reiſe, und daß es deshalb für uns Alle am beſten ſein wird, daß Ihr Euch meinen Anord⸗ nungen fügt. Der Capitain ſetzte ſich ins Sopha und blieb eine Zeitlang in Gedanken verſunken. Der Schein von der auf dem Tiſch ſtehenden Lampe ſfiel auf ſein Geſicht, auf welchem ein ſchwermüthiger, kummer⸗ voller und ſchmerzlicher Ausdruck ruhte. Martha ſtand mitten im Zimmer. Sie hatte ihre Augen auf den Mann geheftet und war darüber verwundert, daß dieſe Züge etwas, das Schmerz 191 ähnlich ſah, wiederſpiegeln könnten. Zorn und heftige Ausbrüche der Leidenſchaft wären für Sie natürlich geweſen; aber Schwermuth und Kummer ſchienen ſich nicht damit zu vereinbaren. — Iſt das ihr Tod, der ihn ſo tief ergriffen hat?— dachte Martha.— Und wenn dem ſo wäre, welche ſind denn die Gefühle, die ihn an ſie gefeſ⸗ ſelt haben?— Iſt es Liebe? Wie konnte er ſich mit mir verheirathen und ganz ruhig zuſehen, wie ſie einem Andern gehörte?— Liebt man denn auf mehrere verſchiedene Arten?— fuhr ſie fort.— Können wir uns enthalten, denjenigen zu haſſen, der zwiſchen uns und dem Gegenſtand unſerer Liebe ſteht.— Ich kann es nicht begreifen. — Du, Martha, weißt noch nicht was Liebe iſt, — ſagte der Capitain, als wenn es eine Antwort auf ihren ſtillen Gedankengang ſei.— Vielleicht wirſt Du es nie begreifen lernen, nie im Stande ſein es zu faſſen, was dieſes heilige und ernſte Ge⸗ fühl iſt.— Einmal war ich, wie Du, von einer heftigen Leidenſchaft ergriffen. Ich konnte, ſo ſchien es mir, nicht entſagen, und ich machte mich Hand⸗ lungen ſchuldig, welche unauslöſchliche und bittere Frinnerungen hinterlaſſen haben. Seit der Zeit ſind Jahre vergangen, und jetzt erſt habe ich es ge⸗ lernt, wie man lieben kann, wenn man ſich nicht zum Sklaven ſeines Egoismus macht. Er ſtreckte die Hand gegen Martha aus, welche ihm entgegenging und die ihrige in dieſelbe legte, als wenn es eine ganz mechaniſche Handlung ge⸗ weſen, woran ihr Wille keinen Theil nahm. — Wenn ich nicht in dieſer Stunde nur von 192 meinem Haß, nur von meinem Durſt nach Rache be⸗ herrſcht wäre,— hob der Capitain wieder an,— ſo würde ich wünſchen Dich lieb haben zu können; das würde für uns Beide ein großes Glück ſein. Martha lächelte bitter ohne zu antworten. — Du lächelſt dazu und denkſt, daß Du mir nie Liebe ſchenken könnteſt, weil Dein Herz Caſter⸗ ton gehört.— Martha dieſer Mann hat nie und wird Dich nie lieben! Ich habe Dir einmal ver⸗ ſprochen, Dir den Beweis dafür zu liefern, und ich werde Dir denſelben übergeben, wenn ich abreiſe.— Uebrigens ſagt ein Moraliſt: Jedes verbrecheriſche und unerlaubte Gefühl iſt ein Schandfleck für unſere Seele, welcher ſich ſelbſt tödtet.“ Der Moraliſt hat Recht.— Den Mann eines anderen Weibes zu Uig ben, heißt ſich ſelbſt einer erniedrigenden Schwä hingeben, welche ihren eigenen Tod in ſich trägt. — Und jetzt, Martha, gute Nacht und lebe wohl!— Er drückte einen Kuß auf ihre Stirne und fügte hinzu:— es iſt möglich, daß wir uns nie wieder ſehen, daß der Tod Dir die Plage erſpart, mich wie⸗ derzuſehen: aber das, Martha, wäre ein Unglück für Dich und Deinen Vater. Bitte darum Gott, daß ich wieder kommen möge!— Hier,— fügte er hin⸗ zu, lege ich einen Brief hin, welcher Dir beweiſen kann, was Du für Caſterton geweſen und es Dir klar machen wird, daß, wenn Du auch jetzt Deine Freiheit beſäßeſt, Du doch nicht ſeine Gattin gewor⸗ den wäreſt. Durch Bosheit, Martha, iſt man noch nie zum Glück und Segen gekommen.— Lebwohl; Vieles wird ſich verändert haben, wenn wir einander wiederſehen! 193* Er ging nach der Thüre. Martha folgte ihm mit den Blicken. Als er die Hand auf den Thür⸗ griff legte, fragte ſie: 3— Wann kommſt Du wieder, und wohin reiſeſt u? — Das letztere iſt mein Geheimniß; das erſtere weiß nur der Herr der Geſchicke;— aber wenn ich wiederkomme, dann ſiehe zu, daß Du Dich nicht eines Vergehens gegen meine Wünſche ſchuldig ge⸗ macht haſt; es möchte ſonſt ſchwer halten, mich zu beſänftigen. Die Thüre wurde geöffnet und im nächſten Au⸗ genblick war Martha allein. Auf dem Tiſch lag ein Brief, welcher beweiſen ſollte, daß ſie für Caſterton ein Spielball geweſen und daß ſie nie ſeine Liebe beſeſſen. Sie zögerte, bevor ſie ihn öffnete. Endlich ſtreckte ſie die Hand aus und murmelte: — Möge ich mit Einémmale den bittern Kelch leeren! Die Gewißheit, daß er ein unwuͤrdiges Spiel mit mir getrieben, wird mir wenigſtens Kraft ein⸗ flößen, ihn zu haſſen und zu verachten! Martha faltete den Brief auseinander. Es war daſelbe Schreiben, welches Edwin bei ii Abreiſe von Timaſjö an Elvira hatte abgeben aſſen. Die Wirkung deſſelben auf Martha wollen wir uns jetzt nicht erlauben zu ſchildern; ſondern wir verlaſſen ſie, damit ſie in der dunkeln Octobernacht ungeſtört von den Wunden zerfleiſcht werde, welche ihrem Herzen und ihrer Eitelkeit verſetzt worden. Schwartz, Gold und Name. II. 13 194 Wir verlaſſen jetzt Skoghof und die dortigen Er⸗ eigniſſe, um einen kurzen Beſuch auf Caſterton zu machen. Es iſt ein altes Gut an der engliſchen Küſte mit einem Park, einem Garten und einem Hauptgebäude, welches durch ſein Aeußeres zeigte, daß es nach Jahrhunderten zählte. Der Krimkrieg iſt ſchon längſt zu Ende. Englands tapfere Söhne, die der Tod geſchont, ſind zurückgekehrt, viele als Invaliden für den Reſt ihres Lebens, andere noch ungewiß, ob ſie Le⸗ ben und Geſundheit wieder erlangen würden, weil die Wunden während des Transports aufgegangen waren. Unter denjenigen, welche nach der Ankunft in England wieder das Schmerzenslager einnehmen muß⸗ ten, befand ſich Lord Caſterton. Er hatte an dem Krimkrieg als Amateur oder Freiwilliger theilgenommen und ſich durch eine Tapfer⸗ keit ausgezeichnet, die ihn hoch in der Achtung der Krieger ſtellte.— Er war immer unter den Vor⸗ derſten im Feuer und dort geweſen, wo der Kugel⸗ regen am ſtärkſten war; aber es paſſirte dem Lord, was oft den tapferſten Kriegern paſſirt, daß er meh⸗ rere ſeiner Kampfgenoſſen fallen ſah, während er ſelbſt unbeſchädigt blieb. s war in der Almaſchlacht am 20. September, wo Edwin, während die Ruſſen zu retiriren anfin⸗ gen, von zwei Säbelhieben und einer Kugel getrof⸗ fen wurde. Er wurde in einem ſo ſchlimmen, verwundeten Zuſtande vom Kampfplatze weggebracht, daß kaum — 5 eine Hoffnung für ſeine Wiederherſtellung vorhan⸗ den war. Der eine Säbelhieb hatte ihn quer über die Stirne getroffen, der andere im rechten Arm und die Kugel war in die linke Seite hineingedrungen. Es war ungewiß, ob der letzte Lord Caſterton, trotz der Geſchicklichkeit der Chirurgen, je wieder zum Leben zurückgekehrt wäre, wenn er nicht vom erſten Anfang an von einer barmherzigen Schweſter aus „La belle France“ gepflegt worden wäre. Schweſter Maria war es, welche dafür geſorgt hatte, daß der Verwundete vom Kampfplatze wegge⸗ bracht worden und ſofort ärztliche Behandlung er⸗ halten hatte, welche zur Rettung ſeines Lebens augenblicklich nothwendig war. Nachdem dieß ge⸗ ſchehen, war Schweſter Maria Caſtertons Wärterin geblieben und hatte ihn mit einer ſolchen Sorgfalt und Pünktlichkeit gepflegt, daß es die Bewunderung der Aerzte erregte und dieſelben ihr einen nicht un⸗ bedeutenden Theil an dem Verdienſte zuſchrieben, daß er dem Leben wiedergegeben wurde. Die Kugel war herausgenommen worden, das Fie⸗ ber wurde milder und der Patient kehrte nach und nach zur Beſinnung und zum Bewußtſein deſſen zurück, was um ihn herum vorging.— Er konnte indeſſen nicht diejenigen ſehen, die ihn umgaben, weil die Augen verletzt waren und der Arzt befürchtete, daß er blind werden möchte. Sobald ſein Zuſtand ſo war, daß er transpor⸗ tirt werden konnte, wurde er, ſeinem eigenen aus⸗ drücklichen Wunſche gemäß, an Bord von von * 196 Englands Transportſchiffen gebracht, welche Verwun⸗ dete nach dem Heimathlande führten. Während der ganzen Reiſe war die unermüd⸗ liche Maria an ſeiner Seite und wachte darüber, daß er nicht allzuſehr dadurch leiden möchte. Immer war ſie bei der Hand, ſeine Schmerzen zu mildern, und, wenn dieſe es erlaubten, ihm irgend Etwas aus einem franzöſiſchen Werke vorzuleſen. Maria weder ſprach noch verſtand eine andere Sprache. Wochen und Monate vergingen unter endloſen Qualen. Edwin ertrug ſeine Schmerzen wie ein Mann und mit einer Seelenſtärke, wie man ſie von einem ſolchen Manne erwarten konnte. Niemals entſchlüpfte ſelten; aber er ſchien immer, wenn das Fieber und die Schmerzen es erlaubten, mit einem gewiſſen Wohlbehagen dem melodiſchen Organe Marias zu lauſchen. So war ein Monat nach dem andern vergangen. Das Krankenbett wurde gegen ein Sopha umge⸗ tauſcht, und als der Frühling kam, war Lord Caſter⸗ ton im Stande, begleitet von Maria und mit der breiten ſchwarzen Vinde über die Augen, kürzere Promenaden im Park und im Garten zu unter⸗ nehmen. 5 Sie wählte während dieſer Promenaden einen ihm eine Klage. Er beobachtete ein düſteres Schwei⸗ gen und ſprach während dieſer Prüfungszeit höchſt Platz am Meeresſtrande aus, wo ſie ausruhen konnten. Caſterton blieb bisweilen mehrere Stunden ſchwei⸗ 197 gend daſitzen und lauſchte dem raſtloſen Rollen der Wogen gegen das Ufer und dem einförmigen Brau⸗ ſen der Brandung. Maria hatte dann immer ihren Platz zu ſeinen Füßen und mit dem Kopf auf die Hand geſtützt ſchien auch ſie ſich einem ſtillen Träumen hinzu⸗ geben. Das Schweigen wurde gewöhnlich von Caſter⸗ ton unterbrochen, welcher entweder die Hand aus⸗ ſtreckte, um diejenige Mariens zu ſuchen, die ihn führen ſollte, oder er pflegte ganz kurz zu ſagen: — Leſe mir Etwas vor! Mariä führte immer ein Buch mit ſich; ſie ent⸗ ſprach ſofort ſeinem Befehl. Die Unterhaltung zmiſchen ihnen war im Allge⸗ meinen kurz. Edwins Benehmen hatte etwas Kurzes und Herbes. Es ſah aus, als wenn der Lord gar nicht be⸗ griff, daß die Pflege, welche Maria ihm angedeihen ließ, nicht einzig und allein mit Geld bezahlt werden könnte, ſondern dachte, daß, wenn er ſie freigebig belohnte, er auch volles Recht hätte, ſo unzugäng⸗ lich und ſtolz zu ſein, wie es ihm beliebte. Unter den ſchwerſten Schmerzen hatte er indeſſen gezeigt, daß ſie ihm vollkommen unentbehrlich ſei; und es war dann vorgekommen, daß er ganze Stun⸗ den mit ihrer Hand in die ſeinige geſchloſſen hatte liegen können. Jetzt befand er ſich beſſer und hatte ſich auch hinter jenen Stolz zurückgezogen, welcher einen Lord auszeichnet, der den Abſtand zwiſchen ſich und ſeiner 198 Pflegerin fühlt. Er vertrug indeſſen keine andere als ſie; und wenn ſie ihn verließ, fragte er unauf⸗ hörlich nach ihr, und wurde nicht ruhig, bevor ſie wieder an ſeine Seite zurückgekehrt war. Eines Tages im Mai, als ſie die gewöhnliche Promenade am Seeufer gemacht und Edwin da ſaß und dem Geſang des Meeres zuhörte, bemerkte er plötzlich: — Man hat mir geſagt, daß Sie jung und ſchön ſind; wenn dem ſo iſt, wie kommt es denn, daß Sie ſich der traurigen Rolle einer Krankenwärterin ge⸗ widmet?— Hat denn das Leben nichts Lockendes für Sie? — Nein, Mylord, ich habe nur einen Wunſch, nämlich den, als Pflegerin meiner leidenden Mit⸗ menſchen das Böſe, das ich gethan, einigermaßen wieder gut zu machen,— antwortete Maria. — Alſo als Büßerin ſind Sie hingegangen, um Ihr Leben den Gefahren den Krieges bloßzuſtellen? — hob Caſterton wieder an und ſtützte den Ellbogen auf das Knie, während er die mit dem Verband bedeckte Stirne gegen die Hand lehnte. Maria blickte hinaus ins Meer. Eine leichte Röthe ſtahl ſich in ihre Wangen. — Das auch nicht,— ſagte ſie,— es war ein noch mächtigeres Gefühl, welches mich nach der Krim ührte. Als die Reue?— fiel der Lord ein.— Aber Sie ſagten ja, daß Sie das Böſe, das Sie gethan, zu ſühnen wünſchten? — Jetzt wünſche ich es; aber es war nicht die⸗ 199 ſes Verlangen, welches mich bewog, das Voterland zu verlaſſen und den Alliirten zu folgen. — Was war es denn?— Der Lord richtete die Binde. — Es war die Liebe, Mylord,— antworte Ma⸗ ria mit leiſer und zitternder Stimme. — Eine unglückliche, weil Sie den Tod ſuchten? — Nein, ich ſuchte ihn, den ich liebte; ich wollte in ſeinen Nähe ſein, um ihm beizuſtehen oder mit ihm zu ſterben. 8— Aber Sie leben und ſind doch nicht an ſeiner eite. — Ein ſprechender Beweis für die Art und Weiſe, wie das Weib gewöhnlich ſeine Vorſätze aus⸗ führt. Geben Sie mir Ihre Hand, uud laſſen Sie uns gehen!— Iſt der, den Sie liebten, todt? Edwin ergriff Maria's Hand; ſie zitterte, als ſie antwortete: — Ja, er iſt todt! Sie gingen ſchweigend weiter. Nach einer Weile hob der Lord wieder an: — Man hat mir mitgetheilt, daß die Kugel, welche Lady Caſterton tödtete, ſie gerade in dem Augenblick traf, als ſie, nachdem ich den Säbel⸗ hieb erhalten, ſich über mich bückte.— Iſt das wahr? — Ja, ſo hat man mir auch geſagt,— erwi⸗ derte Maria. — Begleiteten Sie ſie nicht? Ich meine, der Arzt habe erwähnt, daß es ſo ſei. — Caſterton blieb ſtehen; es fiel ihm ſchwer, zu athmen. — Ich kam etwas ſpäter an Ort und Stelle. — Sie ſahen ſie als Todte? Er ſchloß ihre Hand feſter in die ſeinige. — Ach, Mylord, erlauben Sie, daß wir das Thema verlaſſen!— flüſterte Maria. Der Lord ging weiter, ohne etwas zu ſagen. Als er in die große Bibliothek eintrat, wo er nach ſeiner Promenade auszuruhen pflegte, befahl er, daß man ein Sopha zu den offenen Glasthüren hinſchie⸗ ben ſollte. Nachdem er eine Weile ausgeruht, rief er Maria. — Komm und ſetze Dich hieher!— ſagte er, als ſie an ſeiner Seite ſtand. Sie ſetzte ſich auf einen Schemel neben dem Sopha. — Reiche mir die Hand!— befahl der Lord. Maria legte ihre Hand in die ſeinige. — Ich will jetzt, daß Sie erzählen, wie Lady Caſterton ſtarb. — Mylord!— bat Maria in einem Tone, wel⸗ cher Angſt verrieth. — Hörten Sie nicht, daß ich ſagte, daß es mein Wille ſei?— fiel Edwin heftig ein.— Meinen Sie denn, ich hätte ſo ſchwache Nerven, daß ich nicht den Bericht über ein Ereigniß anhören könnte, wel⸗ ches mir meine Freiheit wiedergab? Ich muß die Umſtände dabei kennen lernen, und wenn Sie ſie nicht erzählen wollen, dann rufen Sie James; er iſt an meiner Seite geweſen, als ich ſtürzte; er half, mich von dem blutigen Schauplatze wegzutragen; der hat es ſelbſt geſagt, und er muß es wiſſen, wit Lady Caſterton aus dem Leben kam. — 201 Maria zog ihre Hand von Edwins zurück und ſagte mild aber beſtimmt: — Ich kann Ihnen die Schilderung, die Sie wünſchen, nicht geben; aber ich werde James rufen, wenn Sie es befehlen. 2 — Thun Sie es! Maria ergriff den Glockenſtrang und läutete. — Der Verband über meiner Stirne iſt in Un⸗ ordnung gerathen,— ſagte Caſterton. aria war augenblicklich an ſeiner Seite und brachte den Verband wieder in Ordnung. Während ſie damit beſchäftigt war, trat James ein. — Jetzt, Mylord, iſt der Verband in Ordnung; und wenn Sie erlauben, entferne ich mich eine Weile, — ſagte Maria.— Sie brauchen mich nicht, da Ja⸗ mes bei Ihnen iſt. — Sie bleiben!— war Edwins Antwort, und er faßte ſie um den Arm.— Ich will, daß Sie hier bleiben! Maria ſetzte ſich; aus Furcht, daß ſie ihn un⸗ willig machen möchte, wagte ſie nicht zu wider⸗ ſprechen. Sie richtete ihre Augen auf Caſtertons halb von der Binde bedecktes Geſicht; es hatte eine lebhaftere Farbe als gewöhnlich, und dieſes war kein gutes Zeichen. — James,— ſagte der Lord,— Du ſollſt mir erzählen, wie Lady Caſterton ſtarb. — Gleich, Mylord,— antwortete dieſer.— Die Lady wurde in dem Augenblick, wo ſie ſich über Mylord bückte, von einigen Schüſſen, welche der fliehende Feind abfeuerte, getroffen; einer der Schüſſe 202 ging ihr durch den Rücken und die anderen zer⸗ ſchmetterten den Kopf.— Es war ein augenblick⸗ licher Tod, und Mademoiſelle Maria wäre gewiß das⸗ ſelbe Schickſal zu Theil geworden, wenn ſie nicht einige Minuten ſpäter auf dem Platze angelangt wäre. — Und der todte Körper der Lady, wo wurde der hingebracht?— fragte Edwin in demſelben kal⸗ ten Tone. — Der wurde mit den andern Todten begraben. — Du kannſt gehen! Edwin ließ Marias Hand los und führte ſie an die Binde. — Ah, Mylord,— rief Maria,— die Mit⸗ theilung hat Sie aufgeregt; die Wunde ſchmerzt, ich ſehe es! n Sie legte einen Finger auf den Puls und fügte inzu: — Sie haben Fieber bekommen. Auf dieſe Weiſe, WMylord, wird es nie gelingen, geſund zu werden. — Der Doctor hat ja geſagt, daß Sie ſich ruhig verhalten müſſen! — Ruhig!— wiederholte Edwin mit einer eige nen Betonung.— Glauben Sie, daß das möglich iſt? Glauben Sie, daß deßhalb Ruhe in dieſer Bruſt iſt, weil die Lippen ſchweigen. Uebrigens, welchen 3 Werth kann ich auf das Leben legen; Sie wiſſen j nicht, welchen bittern Kelch mich das Schickſal hat leeren laſſen! Maria war neben ihm auf die Kniee herabge⸗ ſunken. — Sie liebten Lady Caſterton recht ſehr, da der Gedanke an ihren Tod Sie ſo angreift?— ſagte Maria. Es war das Erſtemal, daß Maria ſich eine Frage über Etwas erlaubte, was den Lord betraf. — Ja, ich liebte ſie, und doch danke ich in die⸗ ſem Augenblick dem Schickſal für das, was ge⸗ ſchehen iſt. Maria ſtützte die Stirne gegen die Sophalehne. — War ſie Ihrer Liebe nicht werth?— flü⸗ ſterte ſie. — Geben Sie mir Ihre Hand, ich will auf den Balkon hinausgehen,— ſagte Edwin, ſtatt zu ant⸗ worten. Maria erhob ſich mit Mühe. Als ſie draußen auf dem Balkon ſtanden, ſagte der Lord: — Sie fragten mich, ob Lady Caſterton meiner Liebe werth ſei. Ich glaube es, weil ich ſie ſo hoch lieben konnte, wie ich es that; aber demohngeachtet hätte ſie, falls ſie gelebt, nie etwas Anderes für mich werden können, als das Geſchick meines Unglücks. Es gab Etwas, was uns für immer von eing trennte.— Ich liebe es, ſie als todt zu beweinen. Die Hand des Lords ruhte auf Marias Schul⸗ ter. Es war, als ſollte ſie unter der Laſt derſelben zuſammenſinken. Es entſtand eine Pauſe. Der Lord holte einige⸗ male tief Athem. Es war ihm ein Bedürfniß, die friſche Meeresluft einzuathmen. — Es friert Sie, Maria,— bemerkte er,— Ihr Körper zittert; befinden Sie ſich nicht wohl? Maria vermochte nicht zu antworten. 204 Er ſprach nicht in dem kurzen harten Tone, deſſen er ſich zu bedienen pflegte.— Wie ſteht es, Maria?— fügte der Lord hinzu. Maria machte eine heftige Anſtrengung, um Herr ihrer Gefühle zu werden und antwortete auf dieſe letzte Frage, welche mit Theilnahme an ſie gerichtet wurde. — Es war nichts, Mylord, nur ein vorüber⸗ gehender Froſt, der jetzt vorbei iſt. — Sie bedürfen vielleicht der Ruhe; Sie haben ſich zu ſehr angeſtrengt.— Der Lord ging hinein; und da Maria verſicherte, daß ſie ſich jetzt ganz wohl befände, ſo bat er ſie, etwas vorzuleſen. Dieſes wollte indeſſen nicht recht gehen. Marias Stimme war unſicher, und ihre Augen wurden von Zeit zu Zeit von Thränen getrübt, die ſie nicht zurückzuhalten vermochte. Endlich äußerte Caſterton: — Legen Sie das Buch weg, Maria, und ſa⸗ gen Sie mir, was es war, das Sie ſo aufregte?— Ich möchte viel darum geben, Ihre Geſichtszüge ſehen und darin den Ausdruck des Schmerzes leſen zu können, den Sie nicht zu beherrſchen im Stande ſind. — Und welches Intereſſe könnte das für Sie haben.— Mylord?— ſagte Maria und verbarg ihre thränenbenetzten Wangen in den Händen. — Glauben Sie wirklich, daß derjenige, der wie ich von Ihnen Wochen und Monate gepflegt worden iſt, ganz gefühllos gegen die Pflegerin bleiben kann? — äußerte Caſterton.— Begreifen Sie denn nicht, daß die Dankbarkeit mich an Sie bindet? — 205 — Nein, Mylord, das begreife ich nicht. Sie hatten mir als Erſatz für meine Mühe Gold ver⸗ ſprochen, wenn ich Sie nach England begleiten wollte; aber ich habe es gethan, ohne irgend eine andere Belohnung zu erwarten, als das Bewußtſein, Sie gewiſſenhaft gepflegt zu haben. Wenn ich gehe, werde ich nicht einmal Ihr Gold annehmen, denn ich habe es nicht nöthig. Meine einzige Belohnung wird die ſein, daß Sie wieder zum Leben zurück⸗ kehren. Irgend eine Dankbarkeit ſind Sie mir nicht ſchuldig. — Sie wollen alſo nichts von mir annehmen weder materielle noch moraliſche Erkenntlichkeit? — Ich will nichts haben, was ich nicht würde behalten können. — Und wer hindert Sie, ſowohl mein Gold wie meine Dankbarkeit zu behalten? — Das Erſtere habe ich nicht nöthig, und das Letztere mitzunehmen würde mich ſchmerzen, weil wir uns trennen. — Trennen,— wiederholte Edwin,— und warum ſollen wir das?— fügte er in einem Ton hinzu, der Maria ſich etwas zurückzuziehen machte. — Warum?— Ganz einfach darum, weil My⸗ lord in ein paar Wochen meiner Pflege nicht mehr bedürfen, Sie ſind bereits ſo wohl, daß meine Anweſenheit nächſtens hier überflüßig ſein wird. — Sie beabſichtigen alſo mich zu verlaſſen? — Ich werde ben, bis Sie vollkommen ge⸗ ſund ſind; nachher trennen ſich unſere Wege— — Sind Sie deſſen gewiß? Haben Sie daran gedacht, daß ich noch lange und vielleicht für immer 206 meines Geſichts beraubt ſein werde; haben Sie überlegt, welch' trauriges Schickſal es für mich ſein wird, einſam mit meinen bitteren Frinnerungen auf dieſem Caſterton oder anderswo meine Tage in ewi⸗ ger Nacht zu verleben, ohne Jemanden zu haben, der mich die Dunkelheit und den Kummer, den ich gemacht, für einige Augenblicke vergeſſen macht? Wenn Sie dieſem meinem Schickſale einen einzigen Gedanken ſpenden, ſo müſſen Sie auch einſehen, daß die Aufgabe der Krankenwärterin nicht been⸗ digt iſt, bevor ich den Gebrauch meiner Augen wie⸗ der erhalten. Maria ſchwieg. In Erwartung einer Antwort hielt Caſterton eine Zeitlang inne; da dieſe aber nicht erfolgte, hob er wieder in ſtolzem Tone an: — Sie haben auf alle Belohnung, auf allen Erſatz für Ihre Sorgfalt verzichtet. Sie haben damit bewieſen, daß Sie dem gefolgt, was Sie für Ihre Pflicht gehalten. Nun gut, wollen Sie Ihren Beruf gewiſſenhaft erfüllen, ſo müſſen Sie ſo lange beim Patienten bleiben, wie Ihre Anweſenheit für ihn nothwendig iſt, oder ſo lange Sie einen Schmerz lindern können. — So lange Sie von Schmerzen heimeſu wurden, blieb ich bei Ihnen; ſo lange Sie noch nicht ſicher ſein können, daß Sie von denſelben wie⸗ der angegriffen werden, buib gehe ich und dann müſſen Sie ſich eine paſſendere Geſell⸗ ſchaft wählen, eine Perſon, welche beſſer als ich die Dunkelheit hell machen und die Schatten der Erinne⸗ rung verwiſchen kann. 207 „ — Wiſſen Sie, ob es eine ſolche gibt?— fragte Caſterton und ſtreckte die Hand aus.„ — Ich hoffe es, und ich bin vollkommen über⸗ zeugt, daß Sie mich nicht vermiſſen werden, wenn Sie Ihre Körperkräfte wieder gewonnen haben. — Darin, glaube ich, haben Sie Recht,— fiel Caſterton kalt ein,— ich bitte Sie auch nicht zu bleiben.— Sie haben die Freiheit, zu thun was Ihnen beliebt. Der Doctor trat ein und Maria entfernte ſich. Am Morgen darauf, während Maria im Speiſe⸗ ſaale damit beſchäftigt war, den Thee des Lords zurecht zu machen, trat dieſer ein. Er war vom Doctor begleitet, welcher ihn nach einem Ruheſtuhl führte. Edwin bewegte ſich an jenem Tage ungewöhn⸗ lich lebhaft und trug ſeinen Kopf ſteifer als ſonſt. — Iſt mein Thee in Ordnung?— gab er Maria auf ihre Frage, wie er ſich befände, zur Antwort. — Ja, Mylord,— antwortete ſie. — Serviren Sie ihn dem Doctor und mir!— befahl Caſterton und wandte ſich an den Doctor, indem er äußerte: — uß Sie bitten, Miſter A—, die Ge⸗ fälligkeit zu haben heute die engliſchen Zeitun⸗ gen vorzuleſen; ich bin genöthigt geweſen, meinen Privatſecretär fortzuſchicken, welcher ſonſt damit be⸗ auftragt iſt. Es iſt mir eine Plage, fortwährend 208 Franzöſiſch zu hören. Meine Pflegerin kann kein Wort Fngliſch, was mich oft verdroſſen hat. Ich denke wirklich daran, ſie zu verabſchieden. Glauben Sie, Doctor, daß ich ihre Pflege entbehren kann. — Ja, Mylord, das können Sie. — Gut, wenn dem ſo iſt, dann werde ich an⸗ die Sache denken und mir eine Engländerin an ihrer Stelle anſchaffen. Maria hatte ſich nach einem offenſtehenden Fen⸗ ſter zurückgezogen. Sie beugte ſich aus demſelben hinaus und die Morgenluft ſpielte um ihre bleichen Wangen. Als der Bediente den Thee fortgetragen hatte, las der Doctor vor. Maria blieb am Fenſter ſtehen. Als die Zeitungen durchgegangen waren, ſtand der Doctor auf und verließ das Zimmer, nachdem er erſt Edwin davon in Kenntniß geſetzt, daß Maria ſich im Zimmer befinde, falis er Etwas bedürfte. Caſterton ſaß ſchweigend da, und Maria rührte ſich nicht von der Stelle. — Sind ſie hier, Maria?— fragte Edwin nach einer Weile. — Ja, Mylord,— antwortete das junge Weib, aber ohne ſich zu nähern.— Befehlen Sie Etwas? — fügte ſie hinzu. Kommen Sie hierher! Ich habe das Bedürfniß Ihre Stimme zu hören. 3 — Sie, Mylord!— n näherte ſich ganz langſam. — Wundert das Sie? Ich meine, ich hätte Sie 209 ſchon geſtern verſtehen laſſen, daß Sie mir unent⸗ behrlich geworden. — Ah, Mylord, Sie ſind mehr als gut; aber——— — Sie wollen mich nicht verſtehen,— fiel der Lord ein.— Ich merkte es ganz gut. Sie wünſch⸗ ten es mir klar zu machen, daß Sie Ihr Leben der Barmherzigkeit gewidmet, und daß alle perſönlichen Intereſſen Ihnen fremd ſeien. Und welchen An⸗ ſpruch könnte ich wohl darauf haben, daß Sie für mich ein beſonderes hegen ſollten? Wir wollen nicht weiter von der Sache reden.— Leſen Sie,— fügte er hinzu,— das wird mich zerſtreuen! Caſterton nahm eine ruhende Stellung ein und Maria ging hin zu dem Tiſch mit den Büchern. Sie blieb indeſſen dort ſtehen, ohne eines davon zu nehmen. — Nun, hörten Sie nicht, daß ich wünſchte, Sie möchten mir Etwas vorleſen?— ſagte Edwin. — Doch, ich hörte es,— antwortete Maria;— aber ich mußte eben daran denken, daß die franzöſi⸗ ſche Sprache Mylord zuwider geworden iſt, daß es eine Plage für Sie iſt, ſie zu hören; und es machte mich verdrießlich, daß ich Ihnen in keiner anderen Sprache vorleſen kann. — In der That; es ſcheint indeſſen, daß Sie die engliſche Sprache ganz gut verſtehen,— fiel Edwin ein Ein Lächeln,— das erſte, welches aria auf ſeinen Lißpen geſehen,— klärte ſeine ſtolzen Züge auf. — Ich wünſche mir ſelbſt Glück in dieſem Au⸗ genblick,— hob Maria wieder an,— mir ſo viele Schwartz, Gold und Name. I. 14 210 Kenntniſſe in derſelben erworben zu haben, daß ich es erfahren konnte, wie wenig angenehm es Mylord iſt, eine Franzöſin zur Pflegerin zu haben. Ich wünſche auch Ihnen zu ſagen, daß ich bereits heute, Sie von dieſer Plage zu befreien gedenke. Sie brauchen meine Pflege nicht mehr. Die Stimme zitterte leiſe. — Sie wollen mich der beſten aller Pflegerinnen berauben?— fiel Caſterton mit Herbheit ein. — Ich will Ihnen nur die Unannehmlichkeit erſparen, es nöthig zu haben, ſie zu verabſchieden. — Sie ſehnen ſich nach Frankreich,— ſagte Edwin,— und Sie wollen meine Worte benützen, um der Stimme Ihres Herzens zu folgen.. — Der Stimme meines Herzens!— wieder⸗ holte Maria in einem Tone, der Edwin den Kopf umdrehen machte. — Ja, es iſt natürlich, daß Sie Ihr Vater⸗ land wiederzuſehen wünſchen und daß Sie die Aus⸗ ſicht dazu mit Freuden ergreifen.— Sie haben den Muth nicht gehabt, mir das zu ſagen, ſo lange Sie meinten, daß ich Ihrer Hülfe bedurfte. — Ich würde nie dieſen Muth bekommen ha⸗ ben, wenn ich heute nicht gehört, daß meine Anwe⸗ ſenheit Ihnen eine Plage ſei. — Aber Sie ließen mich ſchon geſtern Ihre Ab⸗ ſicht merken, mich verlaſſen zu wollen,— ſiel Ca⸗ ſterton ein. — Ach, ich that es, weil, Sie ſchwieg. 8 Der Lord verlangte ein Glas Waſſer. Maria reichte es ihm. Als ſie ihm das Glas 211 aus der Hand nahm, ergriff er die ihrige und ſagte kurz und kalt: — Antworten Sie mir ehrlich, warum Sie mich ſchon geſtern darauf vorbereiten wollten, daß Sie die Abſicht hätten, in Ihr Vaterland zurückzukehren! — Ich wollte Sie nicht auf Etwas vorbereiten, welches niemals meine⸗Abſicht geweſen; ich wünſchte nur zu erfahren, ob Sie wollten, daß ich bleiben ſollte. — Das gab ich Ihnen zu verſtehen; aber trotz⸗ dem ſagten Sie, daß Ihre Gegenwart in meinem Hauſe nicht von langer Dauer werden könnte. — Ich hoffte, daß Sie mich bitten würden zu bleiben.— Maria ſtützte ihre glühende Stirne gegen die Sophalehne, als wenn ſie gefürchtet hätte, daß Ca⸗ ſterton ſehen möchte, wie das Blut ihr in die Wan⸗ gen ſtieg. — Und wenn ich das gethan, wenn ich geſagt hätte:„Maria, bleiben Sie bei mir, Ihre Gegen⸗ wart iſt mir ebenſo unentbehrlich wie die Luft, die ich athme;“ was würden Sie dann geantwortet haben? — O, Mylord,— ſtammelte Maria,— wenn Sie das geſagt hätten, dann würde ich gern die Stelle einer Ihrer geringſten Dienerinnen eingenom⸗ men haben und glücklich und dankbar dafür gewe⸗ ſen ſein, daß Sie es gewünſcht, ich bliebe in Ihrer Nähe; aber jetzt weiß ich——— — Daß ich zu verabſchieden beabſichtige, daß ich es nicht länger ertragen kann, eine fremde Sprache zu hören u. ſ. w. 3. 212 — Ja, und darum gehe ich. — Maria weinte. Das ſtille, unterdrückte Schluchzen berührte Ed wins Ohren; er bückte ſich über die Weinende und ſagte: Sie weinen? — Ja, ich weine!— ſagte Maria und ſchob ſeinen Arm zurück;— ich weine aus Schmerz darüber, daß ich nicht beſſer den Platz bei Ihnen ausgefüllt habe, als daß Sie wegen der Sprache, die ich ſpreche, mich los zu werden wünſchen.— Ich weine über meine Unfähigkeit, meine Pflichten gegen einen Patienten zu erfüllen, den ich ſo gepflegt zu haben wünſchte, daß Niemand mich hätte erſetzen können, und ich weine endlich, weil ich mich entfernen muß. O, Mylord, ich wollte in dieſem Augenblick ſterben, um nicht mit der Erinnerung leben zu müſſen, daß Sie mich von ſich gewieſen! — Und wenn Sie in dieſer Stunde ſtürben, was würde dann mein Schickſal werden?— fragte der Lord. Maria zitterte beim Tone ſeiner Stimme. Sie entzog ſich dem Arme, der ihren Leib umfaſſen wollte. — Die Befreiung von einer Plage,— flüſterte Maria. — Thörichtes Mädchen, ziehe Dich nicht zurück, ſondern höre mich an! Du haſt zu viel geſagt, um gehen zu können, ohne eine Erklärung zu erhalten. Nehme Deinen Platz wieder ein, und Du wirſt mich bald verſtehen.— Du haſt heute gezeigt, daß Du ein zu empfindliches Gemüth haſt.— Das iſt ein Unglück, Maria, welches nicht allein für Dich, 213 ſondern auch für Diejenigen, welche Du liebſt, un⸗ endliche Leiden mit ſich bringen kann. Der Lord ſchwieg. Mit einem Ausdruck der Müdigkeit lehnte er ſich gegen die Sophakiſſen zu⸗ rück. Als er zu ſchweigen fortfuhr, blickte Maria zum ihm hinauf. Sein Geſicht war farblos. — Mylord, Sie befinden ſich unwohl!— rief ſie erſchrocken, und wollte aufſpringen. — Nein, ich habe mich lange nicht ſo wohl ge⸗ fühlt, wie in dieſem Augenblick,— verſicherte Ca⸗ ſterton,— und ob ich fortwährend mich ſo wohl be⸗ finden ſoll, wie jetzt, das beruht auf Ihnen, Maria. — Auf mir! Ah, Mylord, dann wird Sie nie ein Schmerz heimſuchen! — Sind Sie deſſen gewiß? Sind Sie vollkom⸗ men ſicher, daß Sie mir keinen Kummer bereiten werden? — Ja, ebenſo gewiß, wie daß ich mich ſelbſt jedem Leiden, das Sie treffen könnte, unterwerfe, wenn ich Ihnen dadurch ein ſolches erſparen könnte. — Beweiſe, Maria, daß Du jetzt Wahrheit ſprichſt, dadurch, daß Du an meiner Seite bleibſt, bis ich mein Eeſicht wiedererhalten!— Bekomme ich es niemals zurück, ſo gehſt Du niemals von mir weg. — Du wirſt dann das Licht meiner Augen, mein Troſt und der gute Engel meines Lebens. Edwin fühlte, daß ein Paar Lippen gegen ſeine Hand gedrückt wurde und vernahm eine zitternde Stimme, welche flüſterte. — Ich bleibe, bis Sie mich fortjagen.— Dann hörte man leichte Tritte und daß eine Thür geöffnet und wieder geſchloſſen wurde. 214 Maria war aus dem Zimmer geeilt. Caſterton war allein. Als die Thüre hinter Maria geſchloſſen war, murmelte er: — Endlich! Dieſes einzige Wort wurde von einem tiefen Seufzer begleitet. Ein Paar Wochen vergingen, nachdem Maria Edwin das Verſprechen gegeben hatte zu bleiben. Man war zu den früheren Gewohnheiten zurück⸗ gekehrt, und der Lord hatte ſein ſtolzes und zurück⸗ gezogenes Weſen wieder angenommen. Daß eine Scene, wie die oben beſchriebene, zwi⸗ ſchen ihm und Maria ſtattgefunden, hätte man ſchwer⸗ lich glauben können, wenn man am Tage darauf und an allen darauf folgenden Tagen ſah, wie fremd er ſich gegen ſie zeigte. Es kam allerdings vor, daß er ſich in ein Ge⸗ ſpräch mit Maria einließ, aber ohne daß Etwas, das einer vertraulichen Freundlichkeit ähnlich ſah, ſich in ſein Benehmen einſchlich. Es ſah eher aus, als hätte Caſterton, nachdem er ihr Verſprechen erhalten, daß ſie bleiben wolle, das, was zwiſchen ihnen paſſirt, gänzlich vergeſſen und an daſſelbe gar nicht weiter dachte. Eines Tages, als Maria Etwas aus einem von Voltaires Werken vorgeleſen uit&win Schluß einige Bemerkungen über den geiſtreichen Franzoſen gemacht, ſuchte Maria ihm das Unbegründete derſel⸗ ben zu beweiſen. Es entſtand eine lange Diskuſſion, . 215 welche Caſterton zu intereſſiren ſchien. Er unterbrach dieſelbe kurz mit den Worten: — Die Bildung, welche Sie beſitzen, Maria, hat mich oft überraſcht. Sie müſſen die Tochter ange⸗ ſehener Eltern ſein. — Nein, Mylord, ich bin ein Kind aus dem Volke,— antwortete Maria. — Das iſt nicht wahrſcheinlich,— fiel Edwin ein. — Es iſt aber doch wahr,— verſicherte Maria. — Aber Sie müſſen trotzdem eine gute und ſorg⸗ fältige Erziehung erhalten haben. — Wenn man unter guter Erziehung verſteht, daß ich von Kindheit an in den gewöhnlichen Unter⸗ richtsgegenſtänden eingeübt wurde, ſo habe ich wirk⸗ lich eine ſolche erhalten. — Wie iſt das möglich, wenn ſie ein Kind aus dem Volke ſind?— fragte Caſterton. — Ich habe es Anderer Güte zu danken. Es entſtand eine Pauſe. Caſterton ſchien etwas zu überlegen und ſagte nach einiger Zeit. — Es würde mich intereſſiren, Etwas von Ih⸗ ren Eltern und von Ihren früheren Schickſalen zu erfahren. Sie ſagten einmal, wie ich mich erinnere, daß die Liebe Sie nach der Krim geführt. Sollten Sie mir nicht Ihre Lebensgeſchichte erzählen wollen. — Ja, Mylord, aber jetzt nicht— erſt ſpäter, wenn Sie Ihr Geſicht wieder bekommen und ich Ihnen Adieu ſagen werde. — Und wenn ich das erſtere nie erhalte, und wenn Sie mir das letztere nie ſagen werden? — Dann werde ich doch Ihren Wunſch erfüllen. 216 — Und warum nicht jetzt? — Weil ich nicht wahr ſein könnte und das Ge⸗ gentheil nicht ſein will. Caſterton wechſelte das Thema der Unterhaltung. Als Maria ein Paar Tage darauf zu ihm hin⸗ eintrat, bemerkte er: — Der Doctor hat mir eine Luftveränderung er⸗ laubt und daß ich im nächſten Monat eine Seereiſe unternehme. Sie bleiben wohl Ihrem Verſprechen treu und bleiben bei mir. — Ich breche nie mein Verſprechen; aber—— — Sie würden wünſchen, deſſelben enthoben zu werden; iſt es nicht ſo? — Ich würde wünſchen, daß Sie Caſterton nicht verließen; ich fürchte die Reiſe. — Sie ziehen es alſo vor, hier zu bleiben? — Ja, wenn Sie es thun,— antwortete Maria. Ein Bedienter trat ein und meldete Caſterton, daß ein Reiſender, ein franzöſiſcher Officier, ihn zu ſprechen wünſche, daß er aber Niemandem, als dem Lord ſelbſt, ſeinen Namen ſagen wolle. Er ſage,. daß er einige Mittheilungen zu machen haben, welche Lady Caſterton beträfen. Edwin befahl, daß der Fremde ſofort eingeführt werden ſolle. Im nächſten Augenblick trat Capitain Arvid Ström ein. Maria ſtand an einem der Fenſter. Der Capitain warf einen flüchtigen Blick auf ſie und ſchien bei ihrem Anblick frappirt. Maria wandte ſich haſtig weg, als wenn ſie durch 217 die kecken Blicke ſich verletzt gefühlt und verließ ſchleunigſt das Zimmer. Der Kammerdiener des Lords, welcher den Ca⸗ pitain eingeführt, ſagte, daß der Fremde ſich in ſei⸗ ner Nähe befände. Wir übergehen das Geſpräch zwiſchen dieſen Män⸗ nern, welche beide, obgleich auf ungleiche Weiſe, ein Intereſſe an Lady Caſterton hatten. Erſt nachdem der Capitain mit dem Lord zu Mittag geſpeist, reiste er von Caſterton ab. Während der ganzen Zeit, die er dort war, ſah man Maria nicht. Als Ström fort war, ließ Ed⸗ win nach ihr fragen; aber ſie befand ſich nicht auf ihren Zimmern, und die Bedienung fand ſie nicht, obgleich man rechts und links hinausſchickte, um ſie zu ſuchen. Der Abend war ziemlich weit vorgeſchritten, als ſie wieder in die Bibliothek eintrat. Man ſah es Caſterton an, daß er unruhig war; denn er ſchleppte ſich im Zimmer herum. Beim Schalle von Mariens Tritten rief er: — Sind Sie es, Maria? — Ja, Mylord! aber warum ſind Sie allein und promeniren auch noch ohne Jemanden, der Sie führt, ſagte Maria.— Das iſt unvorſichtig von Ih⸗ nen, ſo auf eigene Hand herumzugehen— fügte ſie vorwurfsvoll hinzu und ſtand an ſeiner Seite. Caſterton legte die Hand auf ihre Schulter. — Der Fehler iſt der Ihrige, Maria, antwortete er,— wo ſind Sie geweſen? Man hat Sie geſucht, ohne Sie finden zu können, und meine Ungeduld er⸗ laubte mir nicht, ruhig zu bleiben. 218 — Sie konnten ſich doch wohl nicht etwas ſo Unſinniges einbilden, als daß ich mich entfernt hätte? — Ich wußte nicht, was ich glauben ſollte. — Lord Caſterton, ich habe ja verſprochen bei Ihnen zu bleiben. Bevor Sie mich wegweiſen, gehe ich nicht. — Geben Sie mir Ihre Hand darauf! — Hier haben Sie ſie.— Maria legte ihre Hand in die ſeinige, und Caſterton ſagte mit einem traurigen Lächeln: — Sie haben ſich für das ganze Leben an mich gebunden; denn niemals werde ich Derjenige ſein, der Sie zu gehen bittet. Nachher verfloß wieder eine Zeit, während wel⸗ cher Caſterton ſein kurzes und kaltes Benehmen wie⸗ der annahm. Eines Tages gegen Ende Juli ſagte er zu Maria: — In einer Woche verlaſſen wir Caſterton.— Ich will nach Schweden, nach dem Gute meiner ver⸗ ſtorbenen Frau gehen. Sie werden mich begleiten. — Ich!— rief Maria erſchrocken. — Was, Sie ziehen ſich zurück und ſind nahe daran, zum Rückzuge zu blaſen? Es hieße indeſſen ſchlecht von Ihnen denken, falls ich das vorausſetzen würde.— Wir wollen jedoch keine Worte über die Sache verlieren. In acht Tagen reiſen wir. 4 Caſterton ſagte weiter nichts von ſeiner Reiſe; als er ſich ſo beſtimmt ausdrückte hatte Maria ganz de⸗ müthig ihren Kopf gebeugt. Eine Woche darauf verließen ſie auch Caſterton. Es war im Laufe des Frühlings deſſelben Jah⸗ 219 res, daß Caſtertons homme d'affaires in Schweden auf Timaſiö eintraf. Er hatte den Auftrag, im Namen des Lords die alte Dienerſchaft zu verabſchieden und ſie dafür zu entſchädigen, daß ſie ihre Stellen zur Unzeit ver⸗ laſſen mußten. Der Lord beabſichtigte nach Timaſjö zu kommen und wollte ſich den Anblick von allen denjenigen er⸗ ſparen, welche dort zur Zeit ſeiner Frau gedient. Der Inſpector und Lotta ſollten nach Altorp überſiedeln. Fräulein K—hjelm wurde erſucht, unter Bei⸗ behaltung der Penſion, welche Elvira für ſie ausge⸗ ſetzt, nach einem anderen Platze zu ziehen, da Ti⸗ maſiö ausgeräumt werden ſollte. Der Commiſſionär hatte außerdem einige wenige neue Diener engagirt, welche er von Stockholm mit ſich brachte. Caſterton wollte ſelbſt eine ganze An⸗ zahl ſolcher mit ſich bringen. Den Flügel des Inſpectors ſollten der Privat⸗ ſecretär und der Hofmeiſter des Lords bewohnen. Diejenigen der Lotta ſollten für Miſtriß Brow, die man täglich auf dem Gute erwartete, reſervirt werden. Die engliſche Dame hatte die Rolle der Haus⸗ frau bei dem reichen Engländer übernommen. Man machte auch nach ihrer und der engliſchen Bedienung Ankunft auf Timaſjö große Zurüſtungen und Veränderungen, damit Alles nach dem Geſchmack des Lords wurde, und es ſchien, als wenn er län⸗ gere Zeit dort zu verweilen gedächte. Man ſprach in der Gegend von Richts, als von —— 220 der erwarteten Ankunft des Lords und war verwun⸗ dert und erſtaunt über Alles, was vorging. Eines Abends gegen Ende Mai trat Capitain Ström wieder auf Skoghof auf, nachdem er etwas über ein halbes Jahr von ſeiner jungen Frau ab⸗ weſend geweſen. Martha hatte die Zeit, welche der Mann fort war, ununterbrochen auf Skoghof zugebracht. Nicht ein einzigesmal hatte ſie den Ort verlaſſen, um ei⸗ nen Beſuch in der Hauptſtadt oder bei den Nach⸗ barn zu machen. Die hübſche, prunkliebende Martha hatte wäh⸗ rend des Winters ein vollkommen iſolirtes Leben geführt. Sie weigerte ſich, diejenigen zu empfangen, welche zum Beſuch kamen, und ſie entfernte ſich nie öfters vom Hauſe, als wenn ſie ausfuhr, um friſche Luft zu ſchöpfen. Seit Martha verheirathet worden, verabſcheute ſie es, mit Fremden in Berührung zu kommen und mochte die Fragen nicht hören, welche dieſe wegen 3 der plötzlichen Abreiſe des Capitains einen Monat nach ihrer Heirath an ſie gerichtet haben würden. Sie konnte ſich deshalb nicht bequemen, Armida oder irgend Jemanden zu empfangen, und vergebens ſuchte der Oberſt ſie zu überreden, wenigſtens auf ein paar Tage eine Tour nach Stockholm zu machen, um ſch durch das Anhören guter Muſik zu erquicken. Martha widerſtand allen Verſuchen, ſie von ihrer abgeſonderten Lebensweiſe abzubringen, welcher ſie ſich mit Vorliebe hingegeben. Es ging in der That ſo weit, daß der Oberſt,* 6 221 wenn er, der durchaus nicht damit zufrieden war, mit ſeiner Tochter allein zu ſein, Geſellſchaft einlud, ſich darauf beſchränken mußte, nur Herren bei ſich zu ſehen, weil Martha erklärte, daß ſie ſich ſeinen Gäſten nicht zu zeigen gedächte. Verwandte und Freunde konnten ſich nicht genug über Marthas Benehmen aufhalten. Man verleum⸗ dete ſie von ganzem Herzen; man machte in Be⸗ ziehung auf die Urſache zu allen dieſen Sonderbar⸗ keiten allerlei Schlüſſe, gab ſeine eigenen Phanta⸗ ſien für Wahrheit aus und ſetzte die verrückteſten von Martha und ihrem Mann in Um⸗ auf. Das Geſchwätz kam bald dem Oberſten zu Oh⸗ ren und er theilte es Martha mit, um ſie zu einem anderen Benehmen zu bewegen, erhielt aber zur Antwort: — Laß ſie meinetwegen ſchwatzen, wenn ich nur von ihren neugierigen Fragen, ihren forſchenden Blicken und ihrem zweideutigen Lächeln befreit bin. So war der Winter dahingeſchwunden. Martha hatte nicht einen einzigen Brief von ih⸗ rem Manne erhalten. Sie wußte nicht, wohin er gereist oder wo er ſich aufhielt, und um aufrichtig zu ſein, müſſen wir einräumen, daß ſie nicht ſehr darüber grübelte.— Sie dachte freilich ſtündlich an ihn, aber ſo wie man an ein Unglück, an ein ſchweres Leiden denkt. Man kennt es, man wird davon gequält, man fürchtet es; aber man forſcht nicht darnach, wen es getroffen, oder wo es ſich während der Zeit befin, det, wo man ſelbſt davon befreit iſt— man zittert 222 nur davor, wieder ein Raub deſſelben zu werden, und man geht in Gedanken durch, was man gelit⸗ ten, was man leiden wird, wenn man wieder deſſen Opfer wird. Nachdem Ström abgereist und Martha den Brief Caſtertons an Elvira geleſen kam ſie ſich wie eine Gebrechliche vor, die eine ſchwere Operation durch⸗ gemacht. Es hatte ihr die Kraft, die Hoffnung und den Muth geraubt. Das Leben kam ihr wie eine Laſt vor, die ſie mit Mühe zu tragen vermochte. Der einzige Mann, den ſie wirklich geliebt, hatte ſie als ein Spielzeug, als ein Mittel, ſeine Eifer⸗ ſucht und ſeine getäuſchten Hoffnungen zu verbergen, benutzt. Er haite Comödie geſpielt, als er ſich ver⸗ liebt geſtellt, und ſie hatte, von der falſchen Ueber⸗ zeugung, daß ſie geliebt ſei, geleitet, intriguirt und. Ränke geſchmiedet. Hätte Martha Armidas oberflächliche Gefühle und ihren kleinlichen und eigennützigen Charakter beſeſſen, dann würde ſie ſich leichter mit ihren Illuſionen haben verſöhnen und darüber tröſten können, für Caſterton nichts geweſen zu ſein. Jetzt hatte aber Martha ein tieferes Gefühl, und mehr Stolz und Herrſchſucht. Alles dieß bewirkte, daß ſie ſich nicht ſo leicht mit ihrem Schickſal verſöhnen und ſich nicht über die Gewißheit tröſten konnte, daß ſein Herz nie für ſie geſchlagen und auch nicht darüber, daß ſie ſelbſt fürs ganze Leben an einen Mann gefeſſelt ſei, den ſie gehaßt haben würde, wenn ſie ihn nicht ſo ſehr gefürchtet hätte. 223 Als der Frühling kam, verließ Martha öfters ihre Zimmer und machte lange einſame Promenaden. Auf dieſen Wanderungen, welche mehrere Stun⸗ den dauern konnten, ſtreifte„die ſchöne Königin des Salons“, wie man ſie früher genannt, in den Wäl⸗ dern herum und wählte immer die einſamſten Punkte zu ihren Ausflügen. Oft konnte ſie Stunden lang auf einem noch nackten Hügel ſitzend zubringen und ſich entweder einer heftigen Verzweiflung oder trau⸗ rigen Klagen über ihr Schickſal überkaſſen, aber ohne den Verſuch zu machen, ſich mit letzterem zu verſöhnen. Auf dieſen einſamen Promenaden paſſirte es ein paar Mal, daß ſie und Magiſter Brogren zuſam⸗ mentrafen. Sonderbar genug war es Martha, welche, wenn ſie ihm in den Weg kam, ſich ihm näherte. Das Erſtemal, daß ſie zuſammenſtießen, war an einem milden Aprilabend. Martha ſaß auf einem Stein am Fuße eines Baumes, als ſie Fredrik er⸗ blicte. Er nahm den Hut ab und wollte an ihr vorübergehen; aber ſie ſtand auf und redete ihn an. Fredrik Brogren war einer jener liebenswürdigen jungen Pfarrer, welche in ihrem Benehmen natür⸗ liche Milde und Freundlichkeit mit einer Jugend⸗ friſche und Zufriedenheit vereinigen, die unwill⸗ kürlich Achtung einflößen. Man ſah es, daß er ſeinen Beruf liebte, daß er das Liebevolle der Lehre, welche er predigte, begriff, und daß dieſelbe ihn verträglich und nachſichtig gegen Andere, aber ſtreng gegen ſich ſelbſt machte. Warum Martha ſich ihm näherte, war ſchwer 224 zu ſagen; wir befürchten, daß es ihr ſelbſt nicht klar war. Das Zweitemal, als ſie mit ihm zuſammentraf, war an einem Morgen Ende Mai. Martha ging einen Hügel hinauf, von welchem man Ausſicht über die Bucht hatte. Als ſie hin⸗ aufgekommen war, fand ſie dort Fredrik ſtehen. Auch jetzt war Martha diejenige, welche die Con⸗ verſation einleitete. Fredrik begleitete ſie auf dem Wege nach Skog⸗ hof zurück und hatte dabei die Rede auf Elvira und die Schickſale gebracht, die ſie hatte durchmachen müſſen. Er hatte Elviras Charakter mit einigen wenigen Zügen gezeichnet und ſich mit ſo vieler Freundſchaft und Theilnahme über ſie ausgeſprochen, daß die Worte Martha peinlich klangen, und doch ſchien ſie, als der junge Pfarrer Adieu ſagte, gern die Unterhal⸗ tung fortgeſetzt haben zu wollen. Am Tage darauf verließ Martha ſchon früh Nachmittags ihr Haus und unternahm einen länge⸗ ren Streifzug. Als ſie mit müden Schritten die kurze Allee nach Skoghof hinaufwanderte, kam Jemand ihr ent⸗ gegen. Sie blieb beim Anblick der hohen Figur und der ſtattlichen Haltung derſelben ſtehen. Dann drückte ſie die Hände gegen die Bruſt und mur⸗ melte: — Alſo wiedergekommen. Noch einige Augen⸗ plicke und Capitain Ström ergriff die Hände ſeiner Frau und ſagte: 225 — So bin ich denn hier!— Ich kann es nicht ſagen, wie froh das mich macht. Aus Marthas⸗ Geſicht ſprach Alles, nur nicht Freude. Sie hatte indeſſen während dieſer Monate ein⸗ ſamen Meditirens eine andere Anſicht von ihrer Stellung bekommen und wußte, daß ſie nicht wie früher ihren Gefühlen die Zügel ſchießen laſſen durfte. Sie ſuchte deshalb jetzt, ſo gut es ſich thun ließ, das Unbehagen, welches ſie beim Anblick ihres Mannes empfand, zu verbergen, und grüßte ihn mit ſcheinbarer Freundlichkeit. Ström hatte indeſſen ein ganz ſcharfes Auge, und als er merkte, welche Gewalt Martha ſich an⸗ that, um ihn mit anſcheinender Freundlichkeit zu be⸗ grüßen, verſchwand ſofort die wenige Herzlichkeit, die in ſeinem Gruß lag und wurde von der gewöhn⸗ lichen kalten Miene abgelöst. Nachdem er einige Fragen an Martha gerichtet und ihr den Arm geboten hatte, ſagte er: — Ich habe meinen Vater mit hierhergebracht. Er wird, ſo lange wir uns in Schweden aufhalten, hier bleiben.— Ich hoffe, Martha, daß Du eine gute Tochter gegen ihn werden wirſt. Er hat viele 3h ſchwere Leiden erlebt, ſo daß er Deiner Pflege edarf. Martha ſtammelte einige unzuſammenhängende Worte. Das Thema ſchien ihr nicht zu gefallen und als der Capitain bei der Ankunft auf Skoghof ſie zum Vater hineinführen wollte, und deshalb vor der Thüre zu dem Zimmer, in welchem derſelbe ſich Schwartz, Gold und Name. H. 15 226 der faſt bittend klang: — Arvid, jetzt kann ich ihn nicht ſehen. Ich bedarf zu dieſer Begegnung der Vorbereitung. — Das iſt überflüſſig,— fiel der Capitän ein, — er weiß von Nichts, was Dich betrifft. Du kannſt ihn ohne allen Zwang begrüßen.— Er hat übrigens meinen Plan gebilligt. Der Capitän öffnete die Thüre und bewog Martha einzutreten. In einem großen Fauteuil ſaß ein alter Mann, welcher mehr einer Mumie als einem lebendigen We⸗ ſen glich, ſo gelblich bleich und ausgetrocknet war die Haut, ſo geſpenſterhaft die Geſichtszüge und ſo ſtarr blickte er vor ſich hin. Das kreideweiße, etwas lange und dünne Haar, welches um das Geſicht herabfiel, ſah einem zer⸗ lumpten Leichentuch ähnlich. Der Blick verrieth, daß das Licht für immer er⸗ loſchen und daß der Alte für den Reſt ſeines Lebens in ewige Nacht verſunken ſei. Der Capitain trat, Martha an der Hand füh⸗ rend, zu dem Alten hin. — Hier iſt meine Frau, Martha Stangenſkjöld, — ſagte Ström und berührte leiſe die Schulter des Vaters,— ſie wünſcht Dich willkommen zu heißen, mein Vater. Der Alte ſtreckte die Hände aus und ſagte mit ſchwacher, zitternder Stimme: „— Martha, Martha, ah, wie der Name erinne⸗ rungsreich für meine Ohren klingt und wie lieb iſt befand, ſtehen blieb, ſagte Martha in einem Ton, 227 er nicht meinem Herzen! Komm her, meine Toch⸗ ter, daß ich Dich umarmen und ſegnen kann. War es vielleicht die ſtolze, herzloſe Martha, die ſich in dieſem Augenblick über dieſe Ruine von einem Menſchen herabbeugte? Man würde es ſchwer be⸗ griffen haben, wenn man dieſes zitternde und bleiche Weib ſah, welches der Alte in ſeine Arme ſchloß. Martha führte die kalten Hände des Greiſes an ihre Lippen. Als ſie ſich wieder erhob und die Augen auf ihren Mann heftete, kam es ihr vor, als wenn er der unverſöhnlichen Gerechtigkeit mit dem nackten Schwerte ähnlich ſähe. Ström ſagte dem Alten Etwas und bat Martha bei ihm zu bleiben, während er hinausging und einige Befehle ertheilte. — Arvid,— flüſterte Martha und faßte Ström heftig um den Arm, ſei barmherzig und laß mich gehen! — Sprichſt Du von Barmherzigkeit?— ſagte Ström und blickte Martha an.— Hier iſt das Wort nicht an ſeinem Platz. Du dürfteſt bald Ge⸗ legenheit bekommen es zu wiederholen; Du bleibſt jetzt bei meinem Vater; ich will es. Ström ging und nahm den Weg zum Oberſt. Am Tage darauf reiste letzterer von Skoghof ab. Er hatte Geſchäfte in Stockholm abzumachen, ſollte aber im Laufe des Sommers nach Skoghof zurückkehren. 228 Män befand ſich im Anfang Auguſt, als der Capitain eines Tages von einem längeren Ritt zurückkehrte. Er fuchte ſofort Martha auf, welche er im Zelte auf dem Hofe ſitzend fand. Ström ſetzte ſich neben ſie und ſagte: — Du haſt wohl von all den Veränderungen ſpre⸗ chen gehört, die ſeit dem Frühling auf Timaſiö ge⸗ macht worden ſind? — Ja, Du haſt mir davon erzählt,— antwor⸗ tete Martha. — Vor einer Woche iſt Lord Caſterton dort ange⸗ kommen; haſt Du auch das gehört. — Nein, das iſt mir eine Neuigkeit. Martha war glühend roth geworden. — Der Lord ſoll von einer Franzöſin begleitet ſein, welche ihn ſchon ſeit der Schlacht an der Alma gepflegt hat,— hob der Capitain wieder an.— Als ſie ankamen, war ſie dicht verſchleiert, und wenn ſie bei Tage den Lord auf ſeinen Promena⸗ den begleitet, beobachtet ſie dieſelbe Vorſichtsmaß⸗ regel.— Sie leiſtet ihm fortwährend Geſellſchaft. Apropos, Du haſt wohl gehört, daß Lord Caſterton ſo ſchwer verwundet war, daß ſein Leben in Gefahr ſchwebte, und daß er— blind iſt? — Blind?— rief Martha und fuhr auf. Sie wi ebenſo bleich geworden, wie ſie vorher roth wurde. — Das Unglück des Lords ſchmerzt Dich, glaube ich,— ſagte Ström und ſah Martha an.— Nun ja, das iſt weniger zu verwundern, beſonders wenn 229 man bedenkt, daß Du als die eigentliche Urſache dieſes Unglück betrachtet werden kannſt. — Ich?— murmelte Martha und ſank wieder auf den Stuhl zurück. — Ja, wenn ich mich nicht irre, biſt Du und ein gewiſſes Fräulein K— hjelm es geweſen, welche daran arbeiteten und denen es auch gelang, ſie auf eine ſolche Weiſe zu entzweien, daß der Lord ſich nach der Krim begab. Dort war es, wo er das Geſicht und ſeine Frau das Leben verlor, und Alles in Folge Eurer unſchuldigen kleinen Intriguen. Ca⸗ ſterton hat indeſſen eine Tröſterin in ſeiner Couſine Gräfin Mourville erhalten, denn die verſchleierte Pflegerin ſoll keine Andere, als dieſe ſeine erſte Geliebte ſein, obgleich dieß ein Geheimniß iſt, das nur ich kenne. Ich ſah einen Schimmer von ihr, als ich vor meiner Rückkehr nach Schweden Caſter⸗ ton beſuchte. — Biſt Du auf Caſterton geweſen?— fiel Martha ein. Sie konnte die Stricknadel nicht ruhig halten, ſo zitterten die Hände. — Ja, es war mir gelungen, einige Notizen über Lady Caſtertons Eltern einzuholen, welche ich es für meine Pflicht hielt dem Lord mitzutheilen. Er war damals faſt ganz hergeſtellt und ich fund die hübſche Pflegerin bei ihm. Als ich eintrat ent⸗ fernte ſie ſich ſofort, aber nicht raſch genug, um ſich meinen Blicken zu entziehen. Ich erkannte die ſchöne Gräfin, mit welcher ich in Paris unzählige Male in Geſellſchaft geweſen. Mit welcher entſetzlichen Granſamkeit verſtand 230 es Ström nicht, die ſcharfe Waffe in Marthas ver⸗ wundetem Herzen umzudrehen und es vom heftig⸗ ſten Schmerz bluten zu machen! Er fuhr eine Zeitlang fort von Caſterton zu ſprechen und Alles zu berichten, was er von der hübſchen Pflegerin wußte. Wir überlaſſen es ihm indeſſen, nach beſten Kräf⸗ ten ſeine Frau zu plagen und wenden uns nach Timaſjö. Wir verſetzen uns etwas weiter hinaus in der Zeit. Es ſind einige Wochen her, daß Caſterton mit ſeinem Heer von engliſchen Bedienten, einem Pri⸗ vatſecretär, einem Arzt und Maria auf dem ſtatt⸗ lichen Gute angekommen iſt. Die Ueberfahrt von England nach Schweden war ihm gut bekommen. Edwins ganzes Weſen hatte die frühere Elaſticität wieder gewonnen. Er trug ſeinen Körper auf die ſtolze, kraftvolle Weiſe, die ihm eigen war und ſeine Bewegungen hatten ihre unſprüngliche Energie, obgleich er, weil er nicht ſehen konnte, ſich ſehr ſtille hielt. Die Farbe der Wangen war friſch, und wenn nicht die traurige ſchwarze Binde über den Augen geweſen wäre, ſo würde man kaum gemerkt haben, daß er Monate lang heftige Körper⸗ und Seelenleiden durchlebt hatte. Selbſt der Ausdruck in ſeinen Zü⸗ gen war etwas gemildert, und die Lippen hatten nicht mehr den ſtrengen Zug, welcher früher unzer⸗ trennlich von ihnen geweſen. 231 Freilich hatte das Geſicht ſein Gepräge unbeug⸗ ſamer Feſtigkeit beibehalten; aber es kam bisweilen vor, daß ein Lächeln es minder ernſt machte. Der Lord nahm keine Beſuche an und erlaubte nicht, daß ſeine Einſamkeit durch irgend Jemanden als Capitain Ström geſtört wurde. Der Park, der Garten und der Hof waren Plätze, welche kein Fremder betreten durfte und der Bedie⸗ nung war es unterſagt dort zu erſcheinen, wenn ſie nicht Befehl dazu erhielt. Früh Morgens und ſpät Abends war es den Gärtnern und Knechten erlaubt, dieſe Plätze zu bewäſſern, mit der Hacke zu bearbei⸗ ten und in Ordnung zu halten; aber in der Zwi⸗ ſchenzeit durften ſie nicht dort erſcheinen. Wenn ein neugieriges Auge, während der Lord mit ſeiner ſonderbaren Begleiterin promenirte, irgend einen Schimmer von ihnen erblickte, ſo ſah daſſelbe nur einen hochgewachſenen herkuliſchen Mann, wel⸗ cher ſich auf eine weibliche Figur ſtützte, die in einen einfachen dunkeln Anzug gekleidet war und einen breitkrämpigen Hut mit einem dichten Schleier trug, ſo daß man unmöglich unterſcheiden konnte, wie die Begleiterin des Blinden ausſah. Die Einzigen, welche ſich ſchmeicheln konnten ſie geſehen zu haben, waren die engliſchen Diener, denen es oblag ſie zu bedienen, ſowie Miſtriß Brow; der Privatſecretär des Lords und der alte Kammer⸗ diener. i Dieſe waren auch die Einzigen, welche in die Wohnung des Lords eintreten durften, wenn er ſich dort aufhielt. Wenn der Capitain Edwin beſuchte, war Maria 232 nie anweſend. Kam der Capitain während ſie pro⸗ menirten, ſo ließ er ſich anmelden; und wenn er dann auch nach dem Platze geführt wurde, wo Ca⸗ ſterton ſich aufhielt, ſo fand er den engliſchen Edel⸗ mann allein; ſeine weibliche Geſellſchaft hatte ihn verlaſſen. Gegen Maria behielt Edwin meiſtentheils ſeinen kalten und befehlenden Ton bei, und obgleich Alles zeigte, daß er nicht ohne ſie leben konnte, und daß er ſich nur dann wohl befand, wenn ſie an ſeiner Seite war. ſo ließen doch ſeine Worte und ſein Be⸗ nehmen nichts derartiges durchſcheinen. Eines Tages hatte Edwin ſich auf der Terraſſe niedergelaſſen, wo er in einem Lehnſtuhl bequem ausgeſtreckt ſaß. Maria ſaß auf einem Stuhl neben ihm. Der große Hut der jungen Franzöſin lag im Graſe und der Auguſtwind ſpielte um ihren unbe⸗ deckten Kopf. Sie war eben mit dem Leſen eines Romans von George Sand zu Ende gekommen. Das Buch lag noch auf ihren Knieen, und ſie ſchien ſich den Betrachtungen zu überlaſſen, welche der Inhalt deſſelben hervorgerufen. Es war eine ziem⸗ lich lange Pauſe enſtanden. — Sagen Sie mir, Maria,— ſagte Caſterton, — welches Gefühl iſt es, das Sie an mich feſſelt? — Anhänglichkeit, Mylord!— antwortete„ Maria. — Anhänglichkeit an den Mann oder an den Patienten?— hob Caſterton wieder an und legte die Hand auf die ſchwarze Binde. 1 Maria erröthete, obgleich kein menſchliches Auge ſie ſehen konnte. — Hege ich dieſelbe für den Patienten, ſo muß ich ja auch Freundſchaft für den Mann empfinden. Das Eine läßt ſich nicht vom Anderen trennen. — O ja, ganz gut.— Ich werde es Ihnen gleich beweiſen. Sie pflegen einen ſchwer Verwun⸗ deten; Sie tragen durch Ihre unermüdliche Sorg⸗ falt dazu bei, ſein Leben zu retten; Sie ſehen, wie er ſich nach und nach erholt, und ſeine Rückkehr zur Geſundheit iſt Ihr Werk, iſt das Ziel, wornach Sie Monate lang geſtrebt. Der ſchutzloſe Kranke, wel⸗ cher nur aus Ihrer Hand Hülfe und Linderung er⸗ hielt, iſt auf dieſe Weiſe ein Theil Ihrer ſelbſt ge⸗ worden und die Liebe zu ihm iſt die Liebe zu dem Werk, welches Sie vollbracht. Ob dieſer Patient jung oder alt, von Geiſt reich begabt oder ein be⸗ ſchränkter Menſch war, das hat nicht auf Sie ein⸗ gewirkt, Sie haben ihn gepflegt, weil er Ihrer Hülfe bedurfte und Sie haben ſich deshalb an ihn ange⸗ ſchloſſen, weil er der Gegenſtand war, um welchen Ihre ganze Sorgfalt ſich längere Zeit concentrirte. Für den Mann können Sie dagegen nur dann eine Zuneigung empfinden, wenn Sie bei ihm Eigen⸗ ſchaften entdeckt haben, die ihrer Achtung und Sym⸗ pathie würdig ſind. Jetzt iſt die Frage: würden Sie Lord Caſterton dieſe Freundſchaft geſchenkt ha⸗ ben, welche Sie jetzt für ihn zu hegen behaupten, wenn er nie krank geweſen, wenn Sie ihn als ge⸗ ſunden Mann kennen gelernt hätten? — Dann hätte ich Sie ja nicht kennen gelernt, Mylord,— ſtammelte Maria,— und ich fürchte, 6 234 6 daß ich nicht gewagt hätte, etwas Anderes als Hochachtung für Sie zu empfinden. — Sind Sie jetzt wahr? Edwin machte eine ſo heftige Bewegung mit der Hand, daß er die Binde verrückte. — Ich wage zu behaupten, duß Sie es nicht ſind! Maria ſchwieg. Ein ungeſtümer, aber unterdrückter Seufzer hob ihre Bruſt. Als Edwin keine Antwort erhielt, fuhr er fort: — Sie haben einmal geſagt, daß Sie ſich glück⸗ lich fühlen würden, wenn Sie als eine meiner ge⸗ ringſten Dienerinnen in meiner Nähe bleiben dür⸗ fen. Wie viel Anhänglichkeit läge nicht in jenen Worten, falls ſie vom Herzen kämen und nicht eine bloße leere Phraſe geweſen wären! Sie ſchweigen! Soll ich glauben, daß es das aufwallende Gefühl des Augenblicks war, welches ſie Ihnen dictirte, und daß Sie es jetzt bereuen mir dieſe Erklärung gegeben zu haben? — Ich bereue ſie nicht; ſie war aus dem In⸗ nerſten meines Herzen hervorgegangen und ſprach aus, was dieſes fühlte, was es in dieſem Augen⸗ blick fühlt und immer fühlen wird,— ſagte Maria mit milder und klarer Stimme. S — Dann, Maria,— ſagte der Lord und beugte ſich näher zu ihr— dann iſt es nicht Anhänglich⸗ keit, die Sie für mich empfanden, ſondern das iſt iche! Caſterton legte ſeine Arme um Marieng⸗Lei und fügte hinzu: ————————————— t b 235 — Du liebſt mich und es war eine Fabel, daß die Liebe Dich nach der Krim führte. Maria entzog ſich nicht ſeiner Umarmung, ſie zitterte nicht, als ſein Arm ſie umſchloſſen hielt, ſondern antwortete mit derſelben milden, klaren Stimme, wie vorher: — Es war Liebe und nur Liebe, die mich nach der Krim führte. — Und zu wem? Jetzt oder nie will ich ſeinen Namen wiſſen! — Edwin Caſterton,— flüſterte Maria. Edwins Arm ſchloß ſie feſter an ſeine Bruſt; aber in der nächſten Secunde ließ er ſie wieder los, denn eine Stimme an der Glasthüre meldete — Capitain Ström bittet, Mylord ſeben zu dürfen! Maria ſtand haſtig auf. Der Kammerdiener des Lords ſtand an der Thinſchwelle, welche nach der Terraſſe hinausführte. — In jedem anderen Augenblick würde er will⸗ kommen geweſen ſein; aber jetzt——— mur⸗ Edwin und warf ſich zurück in den Stuhl. Dann fügte er unwillig hinzu: — Bitte den Capitän hierher zu iommen Der Kammerdiener ging. — Sie entfernen ſich, Maria?— ſagte Caſterton. — Geben Sie mir Ihre Hand, bevor Sie gehen! Eine kleine Hand wurde in die ſeinige gelegt. Edwin führte ſie an ſeine Lippen. — Haben Sie Dank für dieſe Stunde! Sie ahnen nicht, wie viel dieſelbe für mich enthielt. Man hörte Tritte und Maria verſchwand. 236 Die darauffolgenden Tage war Edwin ſtill und verſchloſſen. Er ſchien ſtolzer und wortkarger, als je zu ſein. Eines Nachmittags, als er und Maria von einer Promenade zurückgekehrt waren, ſagte der Lord zu ihr: — Ich habe die Abſicht, heute eine wirkliche Probe Ihrer Anhänglichkeit zu verlangen. Wollen Sie mir die geben. — Steht es in meiner Macht, ja! — Sie geben mir dieſes Verſprechen, ohne zu wiſſen, um was ich Sie bitten will. — Lord Caſterton wird keine andere Bitte an nich richten, als eine ſolche, die ich erfüllen kann, — ſagte Maria ernſt. — Sie haben Recht; ich werde Sie nicht um Etwas bitten, das Sie verletzen könnte.— Mein Wunſch iſt Uebrigens leicht zu erfüllen und beſteht darin, daß Sie heute Abend, wo ich einige Gäſte empfange, im großen Salon bleiben. — Mylord, Sie haben verſprochen, daß—— e Unannehmlichkeit zu erſparen, mit Fremden zuſammenzutreffen. Ja,— und ich habe auch nicht die Abſicht mein Verſprechen zu brechen. Ich wünſche, daß Sie im Salon ſind, ohne daß Jemand Sie ſieht. Meine Gäſte kommen erſt, wenn die Zimmer beleuchtet ſind. Die dicken Seidengardinen vor den Fenſtern werden niederge⸗ laſſen, und Sie können Ihren Platz in einer der Fenſtervertiefungen einnehmen. Vou den herabge⸗ laſſenen Gardinen verborgen bleiben Sie unſichtbar und doch anweſend. Fragen Sie mich nicht, warum ich wünſche, daß Sie dort ſein ſollen.— Die Er⸗ ——— —.— 237 klärung des Räthſels erhalten Sie heute Abend.— Nun wollen Sie mir den Gefallen thun? — Ich habe ja bereits verſprochen, Mylords Wunſch zu erfüllen,— antwortete Maria. — Dank!— Wollen Sie vielleicht wiſſen, welche Gäſte ich erwarte? 42 Das iſt mir gleichgültig! ich kenne ſie doch nicht. — Noch eine Sache!— hob Caſterton wieder an, als Maria ihn verlaſſen wollte. — Tragen Sie heute Abend ein helles Kleid! — Aber, Mylord, ich begreife nicht——— — Wozu das dienen ſoll,— unterbrach ſie Ca⸗ ſterton.— Maria, das iſt eine Laune, ein Einfall. Ich möchte Sie mir denken, wie Sie den Blicken Aller verborgen da ſitzen mit all der Schönheit aus⸗ gerüſtet, welche die Natur Ihnen gegeben und in hellen heiteren Farben gekleidet. — Ich beſitze nur dunkle Kleider, antwortete Maria. Caſterton ſchwieg eine Weile und ſagte dann in nachläſſigem Tone: — Run ja, machen Sie wie es Ihnen beliebt! Es war nur ein Einfall von mir, auf den Sie keine Rückſicht nehmen müſſen. Schicken Sie Miſtriß Brow herauf und kommen Sie in einer Stunde mit mir im großen Salon zuſammen. Rach Verlauf einer Stunde trat Maria in den großen Salon. Sie trug ein helles Kleid von einem leichten Zeug, welches ſie wie eine Wolke umſchwebte. Als ſie vor den Lord hintrat, ſagte ſie: — Mylord, hier bin ich jetzt und obgleich Sie 238 mich nicht ſehen können, ſo habe ich doch Ihren Wunſch erfüllt und trage ein helles Kleid. Caſterton fühlte das Zeug an, ſtrich mit der Hand über ihre Haare und bemerkte dann in einem me⸗ lancholiſchen Ton: — Heute empfinde ich einen Schmerz darüber, daß ich Sie nicht ſehen kann.— Sie ſind gewiß ſehr hübſch. Ich möchte Sie gerade jetzt betrachten und ſehen, wie die Tracht Ihnen ſteht. Ich habe nur zwei Weiber gekannt, deren Geſichter ich nie habe vergeſſen können; das eine war meine Couſine, die Gräfin Mourville;— aber warum ziehen Sie ſich zurück? Das andere war noch reizender, es war— Lady Caſterton.— Sie müſſen unbe⸗ dingt einem von ihnen ähnlich ſein. — Die Wagen fuhren in den Hof hinauf, My⸗ lord,— ſagte Miſtriß Brow, welche jetzt eintrat. Maria nahm ihren Platz in der mittleren Fen⸗ ſtervertiefung ein; die Engländerin zog die Seiden⸗ gardinen vorſichtig vor. Als dieß eben geſchehen war, meldete man; — Oberſt Stangenſtjöld und Capitain Ström mit Gemahlin. Edwin erhob ſich, als ſein lauſchendes Ohr ihm ſagte, daß die Gäſte in den Salon eintraten. Der Capitain trat auf den Lord zu, indem er ſeine Frau bei der Hand führte. Marthas Haltung war ſtolz. All der Aerger, welchen ſie empfand, als ſie den Mann wiederſah, welcher ſie als ſeinen Spielball benutzt, ſpiegelte ſich in ihrem Geſichte ab. Nicht ein Schatten von Mit⸗ leid deutete an, daß ſie ſich durch das Unglück, wel⸗ 239 ches den Lord dadurch betroffen, daß er ſein Geſicht verloren, gerührt fühlte. Martha hatte nur ein Ge⸗ fühl, das nämlich, vor ſich einen Mann zu haben, welcher den Verliebten geſpielt und ihre Zuneigung erliſtet hatte. Mit einigen artigen Worten hieß der Lord ſeine Gäſte willkommen. Edwin und der Oberſt kamen, nachdem ſie die gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen ausgetauſcht, auf den Krieg und auf den raſch abgeſchloſſenen Frieden ꝛc. zu ſprechen. Martha nahm nicht Theil daran, ſondern ſaß da ſteif und gerade wie eine Bildſäule. Sie gab ein⸗ ſilbige Antworten, als Miſtriß Brow ſie anredete, und es ſchien, als wenn das ſtolze Weib ſich belei⸗ digt fühlte, unter dieſem Dache zu weilen, wo Edwin ſeine Tage an der Seite eines Weibes wie die er⸗ wähnte Franzöſin verlebte, deren Stellung einen mehr als zweideutigen Charakter hatte. Martha konnte ſich den Beweggrund nicht er⸗ klären, warum ihr Mann ſie ſo nach Timaſiö hin⸗ gelockt hatte, und zum erſten Male in ihrem Leben fühlte ſie ſich auf den Vater aufgebracht, weil er ſich dort befand und mit Ström gemeinſchaftliche Sache machte. Der Capitain hatte im Laufe des Nachmittags Martha gebeten ſich anzuziehen, um in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft einen Beſuch im Pfarrhofe bei der Wittwe des verſtorbenen Propſts zu machen. Der Oberſt ſollte ſie begleiten, fügte er hinzu. Martha hatte nichts dagegen, nach dem Pfarrhof zu fahren und kam dem Wunſche ihres Mannes nach. 240 Es wurden dort ein Paar Stunden zugebracht, während welcher der Capitain ſich faſt ausſchließlich mit Fredrik beſchäftigte. Nachdem die Propſtin den Kaffee hatte ſerviren laſſen, hatten Ström und der Magiſter ſich nach einem Fenſter zurückgezogen und dort in leiſem Tone mit einander geſprochen. Als ſie mit ihren Mit⸗ theilungen zu Ende waren, ſtand der Capitain auf und der Oberſt ſagte der Propſtin Adjeu, worauf Marthas Vermuthung nach Hauſe fahren würde. Dieſes wurde indeſſen nicht der Fall, ſondern der Wagen rollte nach— Timaſſö. Als der Wagen hielt, erklärte Martha, daß ſie nicht über die Schwelle dieſes Hauſes treten würde; als aber ein Paar Bedienten die Wagenthüre öff⸗ nete, ſprang der Capitain heraus, um Martha buch⸗ ſtäblich aus dem Wagen und in das Haus hinein⸗ zutragen. Der Oberſt folgte nach, und Martha mußte, um ſich nicht zum Gegenſtand der Neugierde der livréebekleideten Bedienten zu machen, den Arm ihres Mannes nehmen und ſich in das verhaßte Haus führen laſſen. Jetzt, als ſie dort war und die Herren von gleich gültigen Dingen ſprechen hörte, fragte ſie ſich unauf⸗ hörlich, was die Urſache ſein könnte, daß ihr Mann es haben wollte, daß ſie dem Lord einen Beſuch ab⸗ ſtatten ſollte. Wenn Ström itgend ein menſchliches Gefühl im Buſen gehabt, ſo würde er Martha nie mit dem Manne zuſammengeführt haben, von dem er wußte, 241 daß ſie ihn geliebt, und am allerwenigſten unter den Verhältniſſen, welche obwalteten es gethan haben. Nachdem Thee umgereicht worden war, bemerkte Ström ganz plötzlich, indem er das frühere Geſpräch unterbrach: — Der Augenblick dürfte jetzt gekommen ſein, meiner Frau und meinem Schwiegervater zu er⸗ klären, warum ich ſie überredet habe, mich zu Lord Caſterton zu begleiten.— Seien Sie ſo gut, Miſtriß Brow, die Thüren zu den angrenzenden Zimmern zu verſchließen!— ſagte er, indem er ſich an die engliſche Dame wandte.— Es iſt unnöthig, daß unbefugte Ohren die Erklärung, die ich zu geben habe, auffangen.— Die Urſache, aus welcher wir hier ſind, iſt— Lady Caſterton. Der Oberſt fuhr bei dieſem Namen von ſeinem Stuhle in die Höhe. — Der Zufall,— fuhr der Capitain fort,— hat mich mit Verſchiedenem, was ſie betrifft, bekannt gemacht, und da viele von den Familienverhältniſſen der Lady mit denjenigen von Oberſt Stangenſtjöld in Verbindung ſtehen, ſo habe ich dem Lord das, was ich weiß, nicht mittheilen wollen, ohne daß mein Schwiegervater und meine Frau zugegen wären. Ström ſchwieg. Der Oberſt drehte an ſeinem grauen Knebelbart während er fortwährend guf dem Stuhle hin und herrückte. — Ich geſtehe, mein Schwiegerſon,— ſagte er, daß Dein Benehmen im höchſten Grade—— — Sie freut, mein Schwiegervater,— fiel der Capitain ein.— Ich weiß es, und darum habe ich Schwartz, Gold und Name. II. 16 242 mir die Erlaubniß Lord Caſtertons ausgebeten, das, was ich weiß, in Ihrer Gegenwart mitzutheilen. Sie ſind der Einzige, der die Wahrheit deſſen, was ich ſage, bezeugen kann.— Ich ſelbſt bin nicht glück⸗ lich genug mit Sicherheit darüber urtheilen zu können, weil ich das, was ich weiß, von einer jetzt verſtor⸗ benen Perſon habe. — Dann— fiel Martha ſtolz ein,— kommt es mir unbedachtſam vor, das zu erzählen, für deſſen Wahrheit Du ſelbſt nicht bürgen kannſt. — Gewiß, wären es loſe Gerüchte, wäre es Et⸗ was, das einen Schatten auf Lady Caſtertons Andenken werfen könnte; aber jetzt habe ich nichts Anderes zu ſagen, als das, was ihre Eltern betrifft und einen Theil davon hat mir mein Vater mit⸗ getheilt. Bei dieſen Worten warf der Oberſt ſich in den Lehnſtuhl zurück und Martha fuhr mit dem Taſchen⸗ tuch über das Geſicht. — Daß Alles, was Lady Caſterton betrifft, mich auf das Lebhaſteſte intereſſiren muß,— ſag te Cde win,— werden gewiß der Oberſt und Sie, meine“ Gnädige, natürlich finden, beſonders wenn ich Ihnen daß ich nie ein Weib ſo hoch wie ſie geliebt abe Die Vorhänge am mittleren Fenſter bewegten ſich wie durch einen ſtarken Luftzug. Miſtriß Brow war indeſſen die Einzige, die es bemerkte. — Und da der Capitain in einem ſo geſ ſchloſſe⸗ nen Kreiſe, wie dieſer— fuhr der Lord fort.— die Familienverhältniſſe meiner Frau zu beleuchten 243 verſprochen hat, ſo dürften ſeine Mittheilungen nichts enthalten, was weder den Herrn Oberſt noch Frau Ström verletzen kann. Was zwiſchen dieſen Wän⸗ den geſagt wird, bleibt ja unter uns, die es mit an⸗ gehört haben. — Aber, Mylord,— bemerkte Martha, welche jetzt zum Erſtenmale Edwin anredete,— da mein Mann zu verſtehen gegeben hat, daß es ſich um Familienverhältniſſe handelt, bei welchen das Stan⸗ genſtjöldſche Geſchlecht betheiligt iſt, ſo ſcheint mir der Anſtand zu verlangen, daß Niemand, als Diejenigen, welche ſich zu Lady Caſtertons und un⸗ ſerer Verwandtſchaft rechnen, darin eingeweiht wer⸗ den dürfen.— Miſtriß Brow iſt, ſoweit ich weiß, weder ein Mitglied der Caſterton'ſchen noch der Stan⸗ genſtiöldſchen Familie, und doch——— — Iſt ſie hier!— fiel Edwin ein.— Ich bitte Sie, Frau Ström, daß Sie mir Achtung genug vor dem Andenken derjenigen Frau zutrauen mögen, welche meinen Namen getragen, daß ich nicht Fremde in ihre Familienverhältniſſe einweihe; aber Miſtriß Brow iſt keine Fremde, und ich wünſche, daß ſie an⸗ weſend ſei, weil ſie den verſtorbenen Vater meiner Frau gekannt hat. Der Oberſt ſtand vom Stuhle auf und ſetzte ſich wieder. Es war, als hätten die letzten Worte ihn gebrannt. — Sie dürften deßhalb entſchuldigen,— fuhr der Lord fort,— daß Miſtriß Brow bei dem Be⸗ richt des Capitains Zuhörerin bleibt. Es entſtand eine Pauſe. Finſter und zornig ruhten Marthas Augen auf Caſterton. 244 O, wie ſie ihn in dieſem Augenblick verabſcheute. Der Oberſt ſuchte eine gleichgültige und ſtolze Haltung anzunehmen; aber es wollte ihm nicht ge⸗ lingen, und ſeine aſchgrauen Wangen und unruhig herumirrenden Augen contraſtirten ſtark damit. Nach einer ziemlich langen Panſe nahm der Ca⸗ pitän wieder das Wort. „Vor ungefähr einigen und dreißig Jahren wurde dieſes Timaſjö vom Fabrikbeſitzer von Harlén gekauft, der vorher ſchon Beſitzer der großen Fabrik Forsvik war. Von Harlén war der Sohn von geachteten, aber unbemittelten Eltern und es war ihm durch Arbeit, kluge Spekulationen und große Geſchicklichkeit gelungen, ſich von einem armen Kna⸗ ben zu einem ſehr reichen Mann emporzuſchwingen. „Er war ſtolz auf ſein ſelbſterworbenes Vermö⸗ gen, ſtolz auf die allgemeine Achtung und auf das Anſehen, das er genoß; kurz, ſtolz auf ſich ſelbſt und auf die Reſultate ſeiner Arbeit. „Seine Jugend war ausſchließlich der Arbeit und dem feurigen Streben geweiht geweſen, zu ökonomi⸗ ſcher Unabhängigkeit zu gelangen. „Ein armer, noch ſo ehrlicher Mann iſt ein Sklave der pecuniären Verhältniſſe und kann nie ſelbſtändig ſein,— pflegte von Harlén zu ſagen, und er machte ſich von all ſolcher Abhängigkeit frei. „Dieſes raſtloſe Streben nach Vermögen, welche ſeine Jugend auszeichnete, kann es erklären, warum er erſt in dem vierzigſten Jahre an das Heirathen zu denken anfing. Er wollte ein reicher Mann ſein, bevor er das häusliche Glück zu koſten ſich erlaubte. „Fräulein Martha Stangenſtjöld wurde ſeine 245 Frau.— Sie war die Tochter eines Juſtizraths und gehörte einer Familie an, deren Namen im All⸗ gemeinen Achtung genoß; aber trotzddem brachte die zwanzigjährige Braut ihrem doppelt ſo alten Bräu⸗ tigam keine andere Mitgift, als ihre Jugend, ihre Schönheit und ihr Verlangen nach allen Genüſſen, welche der Reichthum gewährt. „Die Ehe des Fabrikbeſitzers wurde recht glück⸗ lich. Er betete ſeine junge Frau an und ſie genoß in vollen Zügen das Vergnügen, alle ihre thörichten Launen befriedigen zu können. „Der Winter wurde in der Hauptſtadt, der Sommer entweder auf Reiſen oder auf den Gütern des Fabrikbeſitzers zugebracht.— So vergingen drei Jahre, als Martha ihm eine Tochter ſchenkte, welche in der Taufe den Namen Agda erhielt; zwei Jahre ſpäter kam noch eine Tochter zur Welt; aber an demſelben Tage, an welchem ſie in der Taufe den Namen Nina erhielt, ſtarb die Mutter und hinter⸗ ließ dem trauernden Vater zwei zarte Kinder zu er⸗ ziehen. „Die Mädchen wurden ſofort nach Forsvik ge⸗ ſandt, um dort unter der Leitung der unverheira⸗ theten Schweſter des Fabrikbeſitzers aufzuwachſen; er ſelbſt unternahm eine Reiſe ins Ausland. Er blieb zwei Jahre fort, und als er wiederkam, gab er die Kaufmannsgeſchäfte auf und ließ ſich auf Forsvik nieder, um ſeine Zeit und ſein Intereſſe ausſchließlich dem Ackerbau und dem Fabrikweſen zu widmen. „Thätig und unermüdlich arbeitſam, wurde ſein Vermögen jährlich dergeſtalt vermehrt, daß die bei⸗ den Töchter alle Hoffnung hatten, ein paar ſehr reiche Erbinnen zu werden. „Sowie ſie das Alter erreicht hatten, wo ſie ſich Kenntniſſe erwerben ſollten, wurde eine franzöſiſche Gouvernante verſchrieben. „Der Fabrikbeſitzer fragte nicht darnach, was es koſtete, wenn nur die Mädchen eine Erziehung er⸗ hielten, welche dem Vermögen entſpräche, das er ih⸗ nen hinterlaſſen würde. „Seine Liebe zu den Töchtern war ſo einſeitig, daß er alle Zärtlichkeit an die ältere verſchwendete, weshalb für die Jüngere wenig übrig blieb. „Er war im Allgemeinen von ſtrengem und ſtol⸗ zem Charakter, und hielt diejenigen, welche er nicht leiden konnte, von ſich entfernt; und dieſes war auch mit Nina der Fall. Man konnte nicht ſagen, daß er je böſe oder hart gegen ſie war; aber er benahm ſich zurückhaltend, und das Mädchen bekam einen ſolchen Reſpekt vor dem Vater, daß ſie in ſeiner Gegenwart ſich nie zu bewegen oder zu ſprechen wagte. Seine Parteilichkeit für die ältere ſteckte auch alle Andern an: die Gouvernante, die Tante und die Dienſtboten. Agda war der Liebling Aller, wäh⸗ rend Nina es von Niemanden war. „Die Gemüther der Mädchen waren auch ver⸗ ſchieden und waren es noch mehr durch ihre ungleiche Stellung im Hauſe des Vaters. „Agda war munter, gut, unbeſonnen und offen⸗ herzig; Nina mürriſch, neidiſch, verſchloſſen, hochmü⸗ thig und von ſchwankendem Charakter. Beide wa⸗ 247 ren hübſch, obgleich Agda auch in dieſer Beziehung den Vorzug hatte. „Agda beſaß einen guten Kopf und eine ſchnelle Auffaſſungsgabe, aber ihre Gedanken waren flüchtig und ihr Gemüth excentriſch. „Nina war träg zum Lernen, träg und lang⸗ ſam zum Denken und ohne Neigung zu etwas, was ₰ Excentricität ähnlich ſah.— Für Geld hatte ſie eine entſchiedene Vorliebe, und während die Schweſter Alles, was der Vater ihr ſchenkte, verſchleuderte oder den Armen davon mittheilte, hob Nina ihr Geld auf und verwandte es nie zu etwas Anderem als zum Einkaufen von ſolchen Sachen, die ſie auf⸗ heben konnte und die einen Werth hatten. „Dem Verhältniſſe zwiſchen den Schweſtern ging alle Innigkeit ab. „Agda hatte von Kindheit an die ihr zugetheilte Rolle eines Lieblings als etwas acceptirt, das ihr gehörte, und Nina hatte, ſo lange ſie zurückdenken konnte, die Schweſter darum beneidet, daß ſie ſo be⸗ liebt war. „In den Kinderjahren war es Ninas größtes Vergnügen, ſich mit Agda zu zanken und Alles zu thun, was ihr nicht geſiel u. ſ. w.; auf dieſe Weiſe entſtand ſchon früh ein kaltes Verhältniß zwiſchen ihnen. Der Fabrikbeſitzer brachte den Winter auf Fors⸗ vik zu; aber im Sommer hielt er ſich faſt immer auf Timaſſö auf.— Er hatte die Eigenheit, dann nur ſeine Schweſter und ſeine Töchter mitzunehmen; Gouvernante, Lehrer, Kammerjungfrau und Diener⸗ 248 ſchaft mußten auf Forsvik bleiben, da er auf Ti⸗ maſjö ein beſonderes Dienſtperſonal hatte. „Während ſeines Aufenthalts auf Timaſiö ſah von Harlén viele Fremde und ſchien dieſe Monate dazu beſtimmt zu haben, ſich zu zerſtreuen. „Die Jahre waren dahingeſchwunden und die Kinder waren erwachſene Jungfrauen geworden „Agda war ſiebzehn und Nina fünfzehn Jahre, als ſie zum Erſtenmale zum Tiſch des Herrn gingen. „Als dieſer feierliche Act vorüber war, reiste der Fabrikherr mit ihnen und ſeiner Schweſter nach Timaſjö. „Den Herbſt vorher war ein neuer Inſpector an der Stelle des alten, der geſtorben war, angenom⸗ men worden, ſo daß der Fabrikherr bei ſeiner An⸗ kunft von einem fremden Geſichte begrüßt wurde. „Der neue Inſpector hieß Dahlſtröm; er war ein Mann von einigen und Vierzig, verheirathet und Vater einer Tochter und eines Sohnes. „Die Erſtere hielt ſich indeſſen nicht bei den El⸗ tern auf, ſondern war Gouvernante bei einer vor⸗ nehmen Familie, welche im Auslande lebte. „Der Sohn, welcher Zögling der Maleracademie war, hielt ſich den Sommer über im väterlichen Hauſe auf. „Inſpector Dahlſtröm war der Sohn eines Käth⸗ ners und hatte ſich durch ſeine Geſchicklichkeit und Zuverläſſigkeit erſt vom Gutsknecht zum Auf⸗ ſeher und vom Aufſeher zum Inſpector aufge⸗ ſchwungen. Achtundzwanzig Jahre hatte er bei Graf H— gedient, und von ihm kam er jetzt nach Timaſjö.— Graf H—s Tod und der Verkauf des Guts veranlaßte Dahlſtröm, wegzuziehen. 249 „Schon als Aufſeher hatte er ſich mit einer armen, aber hübſchen Käthnerstochter verhei⸗ . welche ein ſanftes und frommes Gemüth atte. „Als er vom Aufſeher zum Inſpector avan⸗ eirte, wurde die Aufſeherin in die Frau Inſpectorin verwandelt, und es wird behauptet, daß es Greta Dahlſtröm ſehr ſchwer hielt, ſich in dieſe Stan⸗ deserhöhung zu finden. „Sei dem, wie ihm wolle, ſo war ſie ein recht⸗ lich denkendes, gutes und arbeitſames Weib, welches ſein Haus beſorgte und ſeinen Kindern Liebe zu Gott und ihren Fzlichten einpflanzte. „Dahlſtröm war auch kein fein gebildeter Mann, ſondern er hatte einen guten Kopf und viel Am⸗ bition. „Es war freilich immer ſein Streben geweſen, unabhängig zu werden; aber obgleich er ein gutes Einkommen gehabt, ſo war er doch viel zu ehrlich, um eigentliche Erſparniſſe machen zu können. Viel hatte er auch auf ſeine Kinder verwendet, um ihnen eine ſorgfältige Erziehung zu geben. Das Mädchen war auch unter Fremden und ſorgte für ſich ſelbſt, und der Sohn würde bald daſſelbe können. Er war freilich erſt zwanzig Jahre, beſaß aber ungewöhn⸗ liche künſtleriſche Anlagen. „Auguſt war um dieſe Zeit ein lebhafter Jüng⸗ ling von heftig aufloderndem Temperament, vieler Keckheit und einem blinden Glauben an Alles, was er unternahm.— Er war leichtſinnig, verſchwende⸗ riſch und dachte durchaus nicht an die Folgen ſeiner Handlungen. 250 „Agda war nicht viele Tage auf Timaſjö ge⸗ weſen, bevor ſie und Auguſt ſich auf einer Prome⸗ nade begegneten. „Die Bekanntſchaft zwiſchen einem ſiebenzehnjäh⸗ rigen Mädchen und einem zwanzigjährigen Jüng⸗ ling wird leicht gemacht und nimmt raſch einen ge⸗ wiſſen vertraulichen Charakter an. „So ging es auch jetzt, und bevor ſie es ſelbſt wußten, wie es zugegangen, waren ſie ſo bekannt, als hätten ſie einander ihr ganzes Leben gekannt. „Als der Sommer ſich ſeinem Ende nahte,— war Auguſt ſo in Agda verliebt, daß er das Ge⸗ heimniß nicht bei ſich behalten konnte, ſondern ihr daſſelbe mittheilte, und Agda— ſchwur ihm ewige Treue. „An demſelben Tage, an welchem ſie ihm das Verſprechen machte, niemals die Gattin eines An⸗ dern als die ſeinige zu werden, hatte der Fabrikherr es mit dem Inſpector ausgemacht, daß der Sohn gewiſſe Stunden täglich mit den beiden Fräulein zeichnen ſollte. „Agda hatte plötzlich eine wahre Leidenſchaft für das Zeichnen bekommen und auch Nina ſchien ſich im höchſten Grade dafür zu intereſſiren. „Die beiden jungen Mädchen hatten freilich früher gezeichnet, aber jetzt ſollten ſie ſich auch mit Land⸗ ſchafts⸗ und Figurenzeichnen beſchäftigen. „Nina hatte mehr Anlage, aber Agda mehr Fleiß, und beide machten recht hübſche Fortſchritte. „Der Fabrikherr lobte den Lehrer und die Dis⸗ cipel, ohne einen Augenblick daran zu denken, daß 251 in dieſen Lectionen eine Gefahr für die jungen Leute läge. „Der Sohn des Inſpectors und ſein e Töchter könnten nicht für einander Zefährlich werden; ſo meinte der alte ſtolze Herr. „Die im Parke angefangene Liebesgeſchichte zwi⸗ ſchen Auguſt und Agda nahm während dieſer Un⸗ terrichtsſtunden einen feſteren Charakter an, und die gegenſeitige Reigung ſchlug immer tiefere Wurzel. „Auguſt war nie zum Fabrikherrn eingeladen wor⸗ den, wenn dieſer fremde Gäſte hatte; aber bei derglei⸗ chen Gelegenheiten kam es immer vor, daß Agda ſich aus der glänzenden Verſammlung fortſchlich, um mit dem Liebling ihres Herzens einige Worte zu wechſeln und ihm einige warme Verſicherungen ihrer Treue zu geben, weil er von Eiferſucht bei dem Gedanken verzehrt wurde, daß alle dieſe ele⸗ ganten Cavaliere um ihre Gunſt wetteiferten. „Das Band zwiſchen ihnen wurde dadurch feſter geknüpft, und als der Herbſt kam, fühlten ſie ſich ſeſter an einander gefeſſelt, als man bei ſolchen Kin⸗ dern, was ſie den Jahren nach waren, für möglich gehalten haben ſollte. „Als man nach Forsvik zurückgekommen war, ſchien Agda bedéutend verändert zu ſein.— Sie war ernſter geworden. „Zu Weihnachten kam unter anderen Gäſten ein Couſin mütterlicherſeits von Agda und Nina. Er war Capitain, und— ich will ihn bei ſeinem Tauf⸗ namen Carl nennen. „Er war zwanzig Jahre älter als Agda und hatte in ſeinem Aeußeren nichts Hervorragendes. 252 „Carl hatte freilich ein paar Mal früher einen Beſuch auf Forsvik abgeſtattet; aber damals waren die beiden Couſinen Kinder, und er hatte kein be⸗ ſonderes Intereſſe füv ſie empfinden können. „Jetzt war es anders. Agda war eine vollkom⸗ mene Schönheit von ſiebenzehn Jahren und beſaß ein Vermögen, das in der That einen armen Mili⸗ tär in Verſuchung bringen könnte. „Carl war von dem Mann ſeiner verſtorbenen Tante eingeladen worden, die Weihnachten und den Winter auf Forsvik zuzubringen. Er hatte ſchon, bevor er ſeine Couſinen geſehen, die Einkadung an⸗ genommen, indem er berechnete, daß ſie wenigſtens zu ein paarmal Hunderttauſend geſchätzt würden und alſo auch ſeine Huldigung verdienten. „Er wünſchte nichts höher als ſeinem klangvollen Namen ein großes Vermögen hinzuzufügen. „Hübſch war er nie geweſen und konnte durch ſeine äußeren Vorzüge durchaus nicht darauf An⸗ ſpruch machen, irgend ein Herz zu gewinnen; er rechnete auch ausſchließlich auf ſeinen Namen, auf ſeinen guten Kopf und auf von Harléns bekannte Schwäche gegenüber den Bekannten ſeiner Frau. „Es paſſirte indeſſen dem fiebenunddreißigjährigen Capitain der Verdruß, daß er ſich in Agda verliebte. „Nach einem zweimonatlichen Aufenthalt auf Forsvik rückte er auch mit einer Liebeserklärung und einer Freierei heraus. „Er wandte ſich unglücklicherweiſe an das Mäd⸗ chen und bekam einen— Korb. „Agda lachte ihm gerade ins Geſicht und ver⸗ 253 ſicherte, daß ſie nicht einen Mann haben wollte, der ihr Vater ſein könnte. „Carl ging jetzt zum Vater, erhielt aber die we⸗ nig tröſtende Antwort: —„Ich würde es innig wünſchen, daß Du mein Schwiegerſohn würdeſt, weil es mir lieb wäre. das Verhältniß zwiſchen der Familie meiner Frau und der meinigen noch enger zu knüpfen; aber ohne daß es Dir gelingt die Liebe des Mädchens zu ge⸗ winnen, vermag ich nichts. „Der Frühling kam und der arme Carl mußte abreiſen, ohne daß irgend Etwas in Agdas Beneh⸗ men ihm Hoffnung gab, daß ſie je den Korb, den ſie ihm einmal gegeben, zurücknehmen würde. „Die Familie des Fabrikbeſitzers ging nach Ti⸗ maſjö, und Agda ſah ihren Auguſt wieder, mit wel⸗ chem ſie den ganzen Winter correſpondirt. Der Briefwechſel war durch Agdas Kammerjungfrau Lotta gegangen; dieſelbe war ein Mädchen von ihrem Al⸗ ter und ſo gut wie mit Agda aufgewachſen. „Die Briefe von Auguſt waren an Lotta adreſ⸗ ſirt und die Antworten darauf durch ſie abgeſchickt worden. „Trotz ihrer Eigenſchaft als die intimſte Freun⸗ din des Fräuleins, durfte Lotta ſie doch nicht nach Timaſjö begleiten. „Die erſten Sommermonate ſchwanden den Lie⸗ benden dahin wie ein einziger haſtiger Tick im großen Uhrwerk der Zeit. „Der Fabrikbeſitzer zeigte ſich gegen Auguſt ſehr freundlich geſinnt und Fräulein Malin hatte den heiteren Jüngling wirklich lieb. Unter ſolchen gün⸗ 254 ſtigen Verhältniſſen hatte man den Monat Auguſt erreicht, als der Fabrikbeſitzer eines Tages in das Zimmer eintrat, wo die Fräulein unter Auguſts An⸗ leitung zu malen pflegten. Er fand Nina allein und fragte nach Agda. „Nina antwortete nicht, bevor der Vater ſeine Frage wiederholte, wo ſie dann ſagte: —„Agda und Dahlſtröm gingen hinunter in den Park, um eine Anſicht von der Bucht aufzu⸗ nehmen. —„Warum gingſt Du nicht mit?— fragte der Vater mit gerunzelten Augenbrauen. —„Weil ſie mich nicht mithaben wollten, wenn ſie nach der Natur zeichnen. „Der Fabrikbeſitzer ging hinunter in den Park. „Dort fand er die jungen Leute neben einander ſitzend, während ſie Luftſchlöſſer für die Zukunft bau⸗ ten und davon ſprachen, wie hoch ſie einander liebten. „Von Harléns Zorn kannte keine Grenzen, und er war nahe daran, auf eine handgreifliche Weiſe demſelben gegen Auguſt Luft zu machen, als Agda ſich dazwiſchen warf. „Am Tage darauf hatte er mit Familie Timaſjö verlaſſen, nachdem er vorher dem Inſpector geſagt, — daß er wegziehen müßte. „In Forsvik kamen ſie einen Monat früher, als gewöhnlich an, und von Harlén war in einer ſo aufgebrachten Stimmung, daß man ihn nie in einer ſolchen geſehen. „Zwiſchen ihm und Agda hatte eine ſtürmiſche Scene ſtattgefunden, bei welcher Gelegenheit der Vater erklärt hatte, daß er nie ſeine Einwilligung 255 zu der Verbindung zwiſchen ihr und Auguſt geben, daß er ſie enterben würde, falls ſie daran zu denken wagte u. ſ. w. „Die vom Vater verhätſchelte Tochter wurde jetzt ein Gegenſtand ſeines Zornes. Aller innere Friede war verſchwunden. „Agda liebte nach dieſem Auftritt Auguſt noch mehr als zuvor, und je härter der Vater wurde, deſto feſter wurde auch ihr Entſchluß, ihre Hand nie einem An⸗ deren, als dem, den ſie liebte, zu ſchenken. „Um das Maaß der Erbitterung voll zu machen, fand Carl ſich zur Weihnachtszeit ein und ſollte auch dieſen Winter auf Forsvik verweilen. „Nina theilte dem Couſin mit, was ſich zugetra⸗ gen hatte, und dieſer benutzte den Bruch zwiſchen Vater und Tochter, um den Erſteren zu überreden das Mädchen zu zwingen, auf ſeine Freierei einzu⸗ gehen. „Carl brachte es endlich ſo weit, daß der gereizte Vater Agda hereinrief und ihr ſagte, daß ſie da⸗ zwiſchen zu wählen habe, ſich entweder mit Carl zu verloben, oder aus dem Hauſe geſchickt zu werden. Er gab ihr einen Monat Bedenkzeit. „Als der Tag herankam, an welchem Agda ihre Antwort abgeben ſollte, war ſie verſchwunden.— Sie war aus dem Vaterhauſe geflohen.“ Der Capitain ſchwieg. Keiner der drei Zuhörer ſchien geneigt, der Pauſe, welche entſtanden war, ein Ende zu machen. Als der Capitain wieder ſeinen Bericht fortſetzte, hatte die Stimme etwas Schneidendes. „Ich habe vergeſſen, von einer Perſon etwas zu 256 ſagen, die bei der Entwickelung von Agdas Schickſal keine ganz unbedeutende Rolle ſpielte. Ich meine Aron Bromér. „Er war der Sohn einer armen Wittwe, welche arbeitete, ſtrebte und entſagte, um dem Sohne eine Erziehung zu geben; die aber noch zu rechter Zeit ſtarb, um nicht Zeuge des Kummers zu werden, welchen er ihr ſonſt verurſacht haben würde. „Bromér hatte früh eine Leidenſchaft fürs Spiel gefaßt, und gab ſich ſchon als Jüngling demſelben ohne Widerſtand hin. „Der Zuſall hatte es ſo gefügt, daß er immer Glück gehabt, und dieß machte, daß er davon träumte, wie es ihm durch Spiel gelingen würde zum Reich⸗ thum zu gelangen.— Kurz vor dem Tode der Mut⸗ ter erhielt er eine Stelle im Comptoir des damaligen Großhändlers von Harlén. „Er beſorgte ſein Geſchäft ganz ordentlich, brachte aber die Nächte damit zu, Haſard zu ſpielen. „Der Tod der Mutter machte eine Unterbrechung in ſeinen Gewohnheiten, denn er trauerte aufrichtig über ſie, und mehrere Monate lang ſpielte er nicht. „Als er wieder anfing, hatte das Glück ihm den Rücken gekehrt. „Weit entfernt, dadurch abgeſchreckt zu werden, wurde das Spielen jetzt zu einer wirklichen Raſerei bei ihm, und eines Tages, als er nicht mehr eige⸗ nes Geld hatte, nahm er von dem des Principals, wurde ertappt und zur Thüre hinausgejagt. „Von Harlén hatte indeſſen ſo viel Mitleid mit ihm, daß er ihn nicht wegen Diebſtahl belangen ließ⸗ 257 „Es gelang Bromér, eine Stelle als Dolmet⸗ ſcher bei einer Familie, die ins Ausland ging, zu erhalten.— Die Schickſale, welche er während ſei⸗ nes Aufenthalts im Auslande erlebte, kenne ich nicht, ſondern ich weiß nur, daß er bei der Spiel⸗ bank, welche d'Orbeau in Paris hielt, Croupier ge⸗ weſen, und daß er ſich wahrſcheinlich Verſchiedenes hat zu Schulden kommen laſſen, welches keine ge⸗ nauere Unterſuchung verträgt.— Alles in Folge der unglücklichen Spielpaſſion. „Nach zehnjähriger Abweſenheit kehrte er in einem ſo entblößten und elenden Zuſtande zurück, daß er, um ſeinen Verwandten, Inſpector Dohlſtröm, auf⸗ zuſuchen, der damals bei Graf H— in Dienſten war, ſich von Hof zu Hof durchbetteln mußte. „In dieſer Lage kam er eines Abends nach Forsvik. „Agda war zu jener Zeit vierzehn Jahre alt und gut und mitleidig. „Sie wurde durch das Ausſehen des armen elen⸗ den Menſchen gerührt. „Der Fabrilbeſitzer war verreist und Agda über⸗ redete die Tante, den armen Teufel einige Tage auf Forsvik ſich ausruhen und mit kräftiger Speiſe er⸗ quicken zu laſſen, bis ſie ihm warme Kleider ver⸗ ſönfft. „Fräulein Malin war ſelbſt mitleidig, und es hielt deshalb für Agda nicht ſchwer, ſie dazu zu be⸗ wegen, Barmherzigkeit zu üben. „In der erſten Nacht, welche Bromér auf Fors⸗ vik ausruhte, erkrankte er am Nervenfieber. Zwei Monate lag er ſchwer krank, während wel⸗ Schwartz. Gold und Name. II. 17 258 cher Zeit Agda mit der größten Güte ihren Schütz⸗ ling behandelte und dafür ſorgte, daß er alle mög⸗ liche Pflege erhielt. Er begann gerade ſich zu er⸗ holen, als der Fabrikbeſitzer von der Reiſe, die er unternommen, zurückkehrte. Er war damit unzufrie⸗ den, daß man einen ſolchen Abenteurer auf dem Hofe beherbergt und wollte ihn ins Armenhaus ſchicken.— Von Harlén ging indeſſen hin, um den Kranken zu ſehen, und erkannte in ihm ſeinen wegen Dieb⸗ ſtahl weggejagten Comptoiriſten. „Selbſt ein ſtreng rechtſchaffener Mann, der ſich nie einer ungerechten Handlung ſchuldig gemacht, war von Harken in der Beurtheilung der Verbrechen Anderer unnachſichtig. Als er jetzt Bromér wieder⸗ erkannte, wollte er, daß dieſer ſich ſofort vom Hofe wegbegeben ſollte. Er wollte nichts davon wiſſen, daß ein Menſch mit einem ſolchen Charakter auf dem Hofe verweilte. „Alles, was Agda und Fräulein Malin ſagten, um dieſes ſtrenge Urtheil zu ändern, blieb ohne alle Wirkung. Bromér mußte ohne allen Pardon fort, und das ſobald er ſo geſund wurde, daß er das Bett verlaſſen konnte. „Der Fabrikbeſitzer erlaubte Malin und Agda ihm eine kleine Geldunterſtützung zu geben, damit er von der Gegend wegkonnte. „Agda hatte indeſſen eine innige Theilnahme für ihren Schützling gefaßt. Nach dem Urtheil des Vaters begab ſie ſich nach dem Pfarrhof, um von dem menſchenfreundlichen und frommen Prediger einen Rath zu erhalten, wie ihr Schützling, wenn — 259 er von Forsvik fort mußte, die Mittel zu einem Un⸗ terkommen finden könnte. „Der Propſt beſuchte Bromér und ſprach lange mit ihm, worauf er Agda verſprach Bromér den Winter über zu ſich zu nehmen, und ihn die Aufſicht über den Hof führen zu laſſen u. ſ. w. „Jetzt war die herzensgute Agda zufrieden. „Bromér kam nach dem Pfarrhofe, aber nur mit dem Verſprechen, den Winter über dort bleiben zu dürfen. Als er ſich von Forswik wegbegab und von ſeiner jungen Beſchützerin Abſchied nahm, ſagte er: —„Wenn Fräulein je in ſeinem Leben Jemandes bedürfen ſollten, der ſich fürs Fräulein aufopfert, ſo denken Sie an Aron Bromér. „Sein Betragen im Pfarrhofe war untadelhaft, und als der Frühling kam, machte der Propſt ihm das Anerbieten, daß er bleiben könne und gab ihm einen kleinen Lohn. „Zu Allerheiligen und Weihnachten erhielt Bro⸗ mér von Agda irgend ein Geſchenk. Sie vergaß es nie, ſich gütig gegen Denjenigen zu zeigen, dem ſie zu helfen angefangen hatte. Jahre vergingen; Bromér fuhr fort bei dem Propſte Alles in Allem zu ſein, und Agda wuchs heran zu einer jungen Dame. „Kurz vor Agdas Verſchwinden von Forsvik, hatte Lotta eines Abends Bromér erblickt, wie er in der Allee hereinſchlich, ſichtlich befürchtend, bemerkt. zu werden. „Lotta, welche ein mitleidiges Intereſſe für den Schützling ihres Fräuleins hatte, eilte auf ihn zu, 1 — — — 260 bevor der Fabrikbeſitzer den armen Teufel zu ſehen bekäme. Bromér übergab dann Lotta einen Brief an Agda und bat ſie, denſelben ſchleunigſt in die Hände des Fräuleins abzuliefern. „Der Brief war von Auguſt Dahlſtröm und ſetzte Agda davon in Kenntniß, daß er ſich in ihrer Nähe befinde und ſich bei Bromér, dem Couſin ſei⸗ nes Vaters, aufhielte, ſowie daß er gekommen ſei, um ſie zu ſprechen. Er flehte darum, daß Agda im Parke mit ihm zuſammentreffen möchte, wenn es dunkel würde; wenn ſie das nicht thäte, dann könne Auguſt es nicht ertragen zu leben, ſondern hätte be⸗ ſchloſſen den Tod in den Wogen der Bucht zu ſuchen. „Agdas letzter Brief hätte ihn zur Verzweiflung gebracht, weil ſie darin erwähnt, daß der Vater ſie zwingen wolle, ſich mit ihrem Couſin Carl zu ver⸗ heirathen. „Agda fand ſich auf dem Rendezvousplatz ein. „Bromér war derjenige, der darüber wachte, daß die Liebenden nicht geſtört wurden, und es ge⸗ lang bei dieſer Zuſammenkunft Auguſt, das junge Mädchen zu überreden, daß es das Vaterhaus ver⸗ ließ, um mit ihm zu gehen. „Zwei Tage darauf war Agda verſchwunden. „Gewiß iſt es, daß der Fabrikbeſitzer durch den Brief, den Agda ihm am Tage darauf ſchrieb, ſich würde haben beſänftigen laſſen, wenn Carl nicht auf Forsvik geweſen und Alles gethan, um den õ Zorn des Vaters gegen die ehrvergeſſene Tochter aufzureizen, und ſich alle Mühe gegeben hätte, um das Gerücht von ihrer Flucht zu verbreiten. 261 „Alle Fürbitten des Fräulein Malin blieben ohne Wirkung, nachdem Vetter Carl dem Fabrikbeſitzer geſagt hatte, daß die ganze Gemeinde den Skandal kenne und daß man von nichts Anderem ſpreche, als daß Fräulein Agda mit dem Sohne vom Aufſeher ihres Vaters entflohen ſei. „Die Antwort des Vaters an die Tochter lautete, daß er ſie verſtoße. Dieſer unverſöhnliche Brief war von einer Anweiſung begleitet, welche Agda berech⸗ tigte, ihr mütterliches Erbe zu erheben, wenn ſie ſich verheirathete.— Dieſes betrug nach den Büchern 50,000 Reichsthaler. Harlén wollte dieſes Geld ſo verwalten, daß ſie als unverheirathet die Zinſen ge⸗ nießen und verheirathet das Capital erheben könnte. Er machte es zur Bedingung, daß er nichts mehr von ihr zu hören bekäme und erklärte, daß ſie auch weiter nichts von ihm zu erwarten hätte. „Nachdem ſie dieſen Brief empfangen, bereute Agda den Schritt, den ſie gethan. Sie reiste ſo⸗ fort nach Forsvik, um ſich zu den Füßen des Va⸗ ters zu werfen und ihn um Verzeihung zu bitten; aber von Harlén wurde durch Carl von ihrer An⸗ kunft in Kenntniß geſetzt, und er wollte ſie nicht ſehen. Er ließ ſie durch den Vetter wiſſen, daß, wenn ſie ſich nicht ſofort entfernte, er ſie Angeſichts der Dienſtboten davon jagen würde. „Von Hauſe begab ſie ſich nach dem Pfarrhof. Der milde Pfarrer reiste hinüber nach dem Herren⸗ hof; aber auch er bekam nicht den aufgebrachten Vater zu ſprechen, ſondern wurde von Vetter Carl abgewieſen, welcher in ſeiner Eiferſucht und in ſei⸗ eee eee— 2—— ner Wuth derjenige war, welcher jeder Verſöhnung zwiſchen Vater und Tochter vorbeugte. „Am Tage nach dem Beſuch des Propſten kam ein Brief an den letzteren vom Fabrikbeſitzer an, in welchem dieſer erklärte, daß alle Verſuche, ihn zu bewegen, ſeiner unwürdigen Tochter zu verzeihen, ver⸗ geblich ſeien, und daß er von Agda verlange, daß ſie ihn nicht länger durch ihre Gegenwart beſchimpfe. — Er rieth dem Proypſt, ſich nicht weiter in ſeine Familienangelegenheiten zu miſchen, und bat ihn, er möchte ſo bald als möglich Agda von einer Ge⸗ gend entfernen, wo ſie Anlaß zu einem offenbaren Skandal gegeben hätte. „Als der Propſt Agda dieſen Brief mitgetheilt, reiste das zerknirſchte Mädchen in Bromérs Beglei⸗ tung vom Pfarrhofe ab. „Bromér führte ſie zu der Wittwe zurück, wel⸗ cher Auguſt ſie damals anvertraut hatte, als ſie ſich in ſeiner Geſellſchaft vom Vaterhauſe entfernte. „Zwei Wochen darauf wurden Auguſt Dahlſtrém und Agda von Harlén in Copenhagen getraut. Von dort reisten ſie, von Bromér begleitet, welcher ſei⸗ nen Dienſt im Pfarrhofe aufgegeben, nach Paris, um ſich einige Zeit in Frankreichs Hauptſtadt auf⸗ zuhalten, wo Auguſt ſtudiren und ſein künſtleriſches Talent ausbilden wollte. „Während des erſten halben Jahres ihrer Ehe waren ſie ſo glücklich, daß Agda den Kummer dar⸗ über, vom Vater verſtoßen zu ſein, vergaß und ſich ganz und gar dem glücklichen Gefühle, zu lieben und geliebt zu ſein, hingab. „Bromér war ihr Rathgeber, ihr Freund und ——————— 263 Diener.— Er ordnete ihre Ausgaben und richtete ihre Oekonomie ſo klug und ſparſam ein als mög⸗ lich, ſo daß der Aufenthalt in Paris ihre Einnah⸗ men nicht zu ſtark mitnehmen möchte. „Nach Verlauf eines halben Johres las Agda eines Tages in einer ſchwediſchen Zeitung, daß der Major Carl und Nina von Harlén verheirathet ſeien.— Gleichzeitig erhielt ſie einen Brief von Tante Malin, in welchem dieſe mit betrübtem Her⸗ zen erwähnte, daß von Harlén an Ninas Hochzeits⸗ tage ihr Molin) ein Dokument mitgetheilt hätte, in welchem er Nina all ſein Vermögen zuſicherte und Agda gänzlich enterbte. „Tante Maolins Brief brachte Agda auf traurige Gedanken und die Vorſtellung, daß der Vater noch immer ſo aufgebracht auf ſie ſei, träufelte Galle in den Becher ihres Glücks. „Auguſt fand ſie oft in Thränen gebadet und als einen Raub des tiefſten Kummers, welcher ihn zu gleicher Zeit peinigte und anklagte. „Auch Auguſts Stimmung änderte ſich, und die Veranlaffung dazu war die Nachricht von dem Tode einer Mutter, welche gleichzeitig mit Fräulein Malins Schreiben eintraf und von einem Briefe von Auguſts Vater begleitet war. „Der alte Daohlſtröm klagte den Sohn an, Schuld an dem Tode der Mutter geweſen zu ſein, weil ſie ſich darüber gegrämt, daß er Agda verführt hätte, von ihrem Voter zu entfliehen und in Folge dieſes Kummers ſo ſchwermüthig geworden, daß ſie in ein Grübeln verfiel. In dieſem Zuſtande hatte ſie immer die Furcht ausgeſtanden, daß Auguſt, nach⸗ 264 dem er einmal den Fuß auf den unrechten Weg ge⸗ ſetzt, denſelben ſo lange fortwandeln würde, bis er ſich ins Verderben geſtürzt. „Die Arbeit war nicht mehr im Stande, Auguſt zu zerſtreuen und als Agdas Lippen ihm auch nicht mehr wie früher zulächelten, ſo beſaß er nicht ein⸗ mal in der Liebe den Erſatz und den Troſt, welchen er zur Verſcheuchung der Selbſtanklagen nöthig hatte. „Auguſt gehörte indeſſen nicht zu denjenigen, welche ein inneres Leiden zu ertragen vermögen, ohne ein Gegengift dagegen zu ſuchen, und durch neue Eindrücke das, was ſchmerzt, zu verſcheuchen. „Er hielt es für am beſten, eine Reiſe zu machen und durch Veränderung des Aufenthaltsorts und der Umgebung ſeine und Agdas Schwermuth zu ver⸗ ſcheuchen. „Es wurde ein Ausflug nach einem der deut⸗ ſchen Badeorte beſchloſſen, damit Agdas Wangen die friſche Farbe wieder erlangten, die ſie verloren atten. „Bromér rieth Auguſt davon ab und ſchlug an deſſen Stelle vor, eine Tour nach Italien zu machen; aber Auguſt antwortete, daß ſie erſt einen Badeori beſuchen und ſich dann durch die Schweiz nach Ita⸗ lien begeben müßten, um dort den Winter zuzu⸗ bringen. „Sie reisten nach Baden⸗Baden. „Sie waren nur ganz kurze Zeit dort geweſen, als der junge zweiundzwanzigjährige Chemann Frau und Alles vergaß, um ſich dem Reize des Spiels hinzugeben. 265 „Bromér war, als er in die Nähe des grünen Tiſches kam, von ſeiner alten Leidenſchaft, an dem⸗ ſelben ſein Glück zu verſuchen, ergriffen worden, und zog dadurch Auguſt in den wahnſinnigen Tau⸗ mel hinein, welcher den Spieler erfaßt. „Nach einem Aufenthalt von zwei Monaten in Baden⸗Baden hatte Auguſt nicht allein die Mitgift, die er mit Agda erhalten, verſpielt, ſondern außer⸗ dem noch ein Paar ziemlich bedeutende Summen, die ihm ſein Vater geſchickt, und es iſt zweifelhaft, ob er demohngeachtet hätte bewogen werden können, den Spieltiſch zu verlaſſen, wenn Agda ſich nicht in ihrer Verzweiflung an Bromér gewandt und ihn angeklagt hätte, daß er der Urheber der Verirrung ihres Mannes geweſen. Sie erinnerte ihn dabei daran, daß er einmal verſprochen hätte Alles für ihr Glück zu opfern und daß er im Gegentheil Alles gethan, um ſie ins Elend zu ſtürzen. „Die Thränen des jungen verlaſſenen Weibes brachten Bromér zur Beſinnung, wie ſchlecht er dieſelbe belohnt, indem er ſie durch ſeine Spiel⸗ paſſion an die Grenze der äußerſten Armuth gebracht. „Bromér wußte, daß alle Mittel Auguſts verſpielt ſeien und er dachte den übrigen Theil der Nacht mit Schaudern an ſein Betragen. 8 Am folgenden Vormittag, während Auguſt noch ſchlief, begab Bromér ſich noch einmal in den Spiel⸗ ſaal mit dem feſten Entſchluß, wenn das Glück ihm dieſes einzige Mal günſtig ſei, ſich dann nie mehr von demſelben in Verſuchung bringen zu laſſen. „Er ſpielte eine Stunde und gewann, worauf er nach Hauſe zurückkehrte. 266 „Er hatte ſo viel gewonnen, daß ſie die Rück⸗ reiſe nach Schweden antreten konnten; und nach ei⸗ nem heftigen Streit mit Auguſt, welcher durchaus nicht Baden⸗Baden verlaſſen wollte, bevor das Glück ihn begünſtigt, bewog ihn Bromér, darauf einzu⸗ gehen nach dem Vaterlande zurückzukehren. „Der alte Dahlſtröm hatte, ſeit er Timaſjö ver⸗ laſſen, ein kleines Anweſen in der Nähe der Haupt⸗ ſtadt gepachtet, und Bromeér ſtellte Auguſt vor, daß es in erſter Linie ſeine Pflicht ſei, Agda gegen Noth zu ſchützen. Der einzige Ausweg, den er dazu habe, ſei der, Agda zum Vater zu bringen, bis er ſich ſelbſt durch ſeine Arbeit eine unabhängige Stellung geſchaffen. „Ein Jahr, nachdem ſie Schweden verlaſſen hatten, kehrten ſie vollſtändig ruinirt zurück. „Auguſt hatte ſich auf der Heimreiſe über ſeine Handlungsweiſe gegrämt. Er ſchämte ſich vor ſich ſelbſt, und er glaubte, daß er ſich ſo entſetzlich gegen ſie verſündigt hätte, daß er es nicht wieder gut ma⸗ chen könnte. „Auch Bromér fühlte, daß er ein großes Ge⸗ wicht in die Wagſchale der früher begangenen Sün⸗ den gelegt hatte. „Je ſchwermüthiger Auguſt wurde, deſto zärtli⸗ cher und hingebender zeigte Agda ſich. Sie tröſtete ihn redete ihm Muth ein und verſicherte ihn, daß ſie jetzt, wo er genöthigt ſei, für ſie zu arbeiten, glücklicher als je werden würden. „Bei ihrer Ankunft in Stockholm kam ihnen Au⸗ guſts Vater entgegen. Als er den Sohn erblickte, war ſeine Stirne finſter und ſein Blick ſtreng; aber 267 er ſagte nichts, ſondern führte ſie hinaus auf ſeinen kleinen Pachthof Skälby, welcher ſo ganz in der Nähe der Hauptſtadt lag, daß man hineingehen konnte. „Es war ein kleines reizendes Anweſen. „Der Vater Auguſts hatte aus ſeinen ganz be⸗ ſchränkten Mitteln ein Paar Zimmer eine Treppe hoch im Wohnhaus einrichten laſſen.— Sie waren mit einem gewiſſen Luxus meublirt und mit allen kleinen Bequemlichkeiten verſehen, an welche ein reiches Mädchen gewöhnt iſt.— In dieſe Wohnung führte er die Frau ſeines Sohnes ein. „Er umarmte ſie und ſegnete ſie mit ſo vieler Herzlichkeit, daß man deutlich merkte, daß er es em⸗ pfände, wie groß die Schuld des Sohnes an das arme Kind ſei, und er verſprach ihr ſtets ein zärt⸗ licher Vater zu ſein. „Nachdem er auf dieſe Weiſe Agda willkommen geheißen, hatte er eine lange Unterredung mit dem Sohne, in welcher er Auguſt erklärte, daß er geſon⸗ nen ſei, Alles für das Weib zu thun. welches Au⸗ guſt bereits ſo unglücklich gemacht, aber nicht die Abſicht hätte, irgend etwas für den Sohn zu thun. Von ihm verlangte er Arbeitſamkeit und ein ernſtes Streben darnach, das, was er verbrochen, wieder gut zu machen. „Bromér hatte gleich nachdem ſie den Fuß auf ſchwediſchen Boden geſetzt, den jungen Leuten Lebe⸗ wohl geſagt, um ſich auf eigene Hand ſein Brod zu verdienen. „Kurz nach ihrer Ankunft in Skälby gebar Agda 268 einen Sohn, welcher die Mutter beinahe das Leben gekoſtet hätte. „Der alte Dahlſtröm ſchrieb jetzt an Fräulein Malin und bat ſie, den Fabrikbeſitzer davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen, daß Agda Mutter geworden und ſo bedenklich krank ſei, daß es ſich frage, ob ſie wieder das Krankenbett verlaſſen würde. „Er hoffte, daß die Nachricht hiervon den Vater ſtimmen und ihn bewegen würde, ihr zu ver⸗ zeihen. „Fräulein Malin paßte auch die Zeit ab, wo Major Carl und Nina abweſend waren, und trat dann als die Fürſprecherin der Verſtoßenen auf. „Es gelang ihr auch, den alten Vater dazu zu bewegen, auf ihre Worte zu hören, und ſchließlich rückte ſie mit der Bitte heraus, daß er die Kranke und ihr Kind ſehen möchte. „Auf Malins Darſtellung antwortete von Har⸗ lén, daß er über die Sache nachdenken wollte, worauf er ſich in ſein Zimmer einſchloß. „Ein Paar Stunden darauf gab er Befehl, Alles für eine Reiſe am andern Morgen in Bereitſchaft zu halten. „Malin ahnte, wohin die Reiſe ginge und ſie freute ſich darüber; aber ihre Freude war kurz. „Gegen Abend kam der Major mit ſeiner jungen Frau nach Hauſe. „Er war in der Hauptſtadt geweſen und hatte dort Neuigkeiten aufgefiſcht, die er jetzt mittheilte. „Sie betrafen Auguſt Dahlſtröm. „Dieſer habe in Baden⸗Baden Agdas ganze 269 Mitgift verſpielt und ſtreiche jetzt verlumpt in den Straßen Stockholms herum. „Agda ſei gegenwärtig bei dem alten Dahlſtröm, welcher ſich geäußert hätte, er hoffe, daß Agdas Vater dem Sohn und ihm helfen würde, wenn er erführe, daß Dahlſtröm die Frau ſeines Sohnes zu ſich genommen hätte. Agda ſelbſt ſollte die Aeuße⸗ rung gemacht haben, daß der Vater es unmöglich unterlaſſen könnte, ſie zu unterſtützen, wenn er er⸗ führe, daß Agda der Unterſtützung bedürftig ſei. „Malin war nicht anweſend, als der Major all dieſes erwähnte; aber ſie merkte, daß er auf ſeine gewöhnliche Weiſe von Harlén gegen Agda und ihren Mann aufgehetzt hatte, weil ſie hörte, wie der Fabrikbeſitzer die Reiſe contremandirte. „Am folgenden Morgen kam von Harlén hinein zu der Schweſter und überreichte ihr einen Wechſel auf 1000 Reichsthaler mit den Worten: „Malin, ſchicke ihr dieſes Geld, aber nicht von mir; ſondern thue als wenn es von Dir wäre; und höre jetzt, Malin, was ich Dir ſage: ich will nicht mehr ihren Namen nennen hören. Thuſt Du das, ſo ſind wir für immer Feinde. „Malin ſandte Agda das Geld, welches der Va⸗ ter ihr übergeben hatte, obgleich es mit ſchwerem Herzen geſchah. „Der alte Dahlſtröm ſchickte das Geld mit um⸗ gehender Poſt zurück, adreſſirte es an den Fabrik⸗ beſitzer und fügte die einfache Erklärung hinzu, daß es nicht das Gold des Vaters ſei, deſſen die Tochter bedürfte, ſondern ſeine Verzeihung, und da er ihr 270 dieſe letztere verweigere, ſo könne ſie das erſtere nicht annehmen. „Agda wurde wieder geſund. „Der kleine Sohn wurde ihre und Auguſts Freude. Das entflohene Glück ſchien wieder blühen zu wollen. „Auguſt arbeitete den ganzen Tag in der Stadt und kehrte gegen Abend in die einfache aber fried⸗ liche Heimath zurück, um dort die Abende mit ſeiner Frau und ſeinem Kinde zuzubringen. „Lotta, Agdas frühere Kammerjungfrau, hatte kaum von Fräulein Malin erfahren, daß Agda vom Auslande zurückgekehrt ſei, als ſie um Erlaubniß bat, ihren Dienſt auf Forsvik verlaſſen zu dürfen; ſie begab ſich nach der Hauptſtadt, wo ſie ihre junge Herrin aufſuchte und ihr ihre Dienſte anbot. Mit Freuden wurde Lotta von Agda begrüßt und der alte Dahlſtröm nahm ſie als Wärterin für den Enkel an. „Ein Jahr verging in Friede und Ruhe. „Einige Tage, nachdem Agdas kleiner Sohn ein Jahr alt geworden, erkrankte er an der Halsent⸗ zündung und ſtarb drei Tage darauf. „Die Trauer der Eltern über ſeinen Tod war ebenſo heftig als tief. „Nach dem Tode des Knaben begann eine Reihe von Widerwärtigkeiten. „Die Ernte ſiel ſchlecht aus für den alten Dahl⸗ ſtröm; Seuchen raubten ihm den größten Theil ſei⸗ nes Viehs, und das Handlungshaus, welchem er Korn lieferte, fallirte, ſo daß er ſein Geld nicht ekam. 271 „Die Folge war, daß er ſeine Pacht nicht be⸗ zahlen konnte, ſondern Hinſtand verlangen mußte. „Der Winter war trübe und voll Bekümmerungen für den alten Mann, und Auguſt, welcher mit Si⸗ cherheit darauf gerechnet hatte, ein Bild verkaufen zu können, an welchem er den größten Theil des Jahres gearbeitet hatte, ſah einen Tag nach dem anderen dahinſchwinden, ohne daß dieſe Hoffnung ver⸗ wirklicht wurde. „Unter dieſen traurigen und kummervollen Ver⸗ hältniſſen kam Auguſt auf einen vertrauten Fuß mit einem ſeiner Kameraden, einem jungen Carrica⸗ turmaler, Namens D—. „Eines Tages, als Auguſt bekümmerter als ge⸗ wöhnlich war, fragte ihn D— was es ſei, das ſein Gemüth ſo quäle. Er erzählte dann, wie ein Unglück dem andern gefolgt ſei, und daß ſein Vater künfti⸗ gen Herbſt die Pachtſtelle aufzugeben gezwungen ſein würde, wenn er nicht eine Abſchlagszahlung leiſten könnte. „D— ſchien ihm mit Intereſſe zuzuhören und ſagte, als Auguſt zu Ende war, daß er eine Manier gefunden hätte, ſchnell Geld zu verdienen; es hänge nur davon ab, ob Auguſt Muth hätte, Etwas zu wagen, um viel zu gewinnen. In dieſem Falle könn⸗ ten ſie in Compagnieſchaft gehen. „Auguſt beſaß ein Gemüth, dem es ſchwer hielt, Mißgeſchick und Prüfungen zu ertragen und ſetzte gern Alles aufs Spiel, wenn er nur die düſteren Begleiter, die man Geldſorgen nennt, loswerden konnte. Es fehlte ihm an Geduld, mit Noth und Armuth zu 272 kämpfen und er ergriff ohne Bedenken jede Ausſicht, die ſich ihm darbot, von dieſer Plage befreit zu werden. „D—8 Vorſchlag wurde auch angenommen und die beiden Compagnons arbeiteten zuſammen. „Nach einiger Zeit beſaß Auguſt mehr Geld, als er im Laufe des letzten Jahres gehabt. Er ſchaffte an, was im Hauſe fehlte und er verſprach dem Va⸗ ter, daß er, bevor die für die Ausbezahlung der Pacht be⸗ ſtimmte Zeit abgelaufen ſei, die zur Zahlung nöthige Summe erhalten würde. „Anfangs Auguſt machte er dem Vater den Vorſchlag, daß D— ein Zimmer auf Skälby ein⸗ miethen wünſchte. geräumt würde, weil er ſich auf dem Lande einzu⸗ „Auf Skälby gab es ein kleines Flügelgebäude mit zwei Zimmern; es war für D— ſehr paſſend, und da Dahlſtröm daſſelbe nicht benutzte, ſo hatte er keinen Grund, dem Sohne ſein Verlangen abzu⸗ ſchlagen. „D— zog nach Skälby. „Ganze Tage arbeiteten er und Auguſt und oft bis ſpät in die Nacht hinein. „Sie beſchäftigten ſich mit Zeichnungen, welche für ein illuſtrirtes Werk zu Weihnachten beſtellt ſeien,— hieß es, wenn Dahlſtröm und Agda fragten, was ſie machten. „Es kam indeſſen Agda vor, als ſei ihr Mann während dieſer Zeit beſonders unruhig, heftig und ungeduldig. „Die geringſte Kleinigkeit machte ihn böſe; jede Bagatelle beunruhigte ihn und er wurde wegen der gleichgültigſten Dinge unwillig. 273 „Eines Tages im October fuhr ein Wagen in den Hof hinein; Bromér ſtieg aus demſelben.— Weder Agda noch Auguſt hatten ihn geſehen, ſeit ſie ſich nach ihrer Ankunft in Schweden trennten. „Er war hübſch gekleidet und kam, wie er ſagte, um zu hören, wie die jungen Gatten ſich befänden. „Agda fragte ihn, wo er geweſen und er er⸗ zählte ihr, daß er während der verfloſſenen Jahre in einer Fabrik auf dem Lande gearbeitet, aber jetzt Buchhalter bei einem Miethskutſcher ſei. „Mit Auguſt hatte Bromeér eine längere Unter⸗ redung unter vier Augen, und als er von Skälby wegfuhr, bat er Dahlſtröm, ſobald als möglich, ja ſchon den folgenden Tag, D— fortzuſchicken. —„Ich weiß nicht, was es mit dem Manne iſt,— ſagte Bromér!— aber die Polizei hat ihre Augen auf ihn gerichtet. Er hat gewiß einen Spitzbuben⸗ ſtreich verübt und hier darf er nicht bleiben; es kann über Euch Alle Unglück und Elend bringen. „Obgleich der alte Dahlſtröm nicht viel auf das achtete, was Bromeér ſagte, ſo beunruhigten ihn doch die Worte und er kündigte D— an, daß er denſel⸗ ben Abend ausziehen mußte. „Am folgenden Morgen war D— von Skälby ſ und Auguſt arbeitete nicht mehr im kleinen ügel. „Einige Tage darauf machte Auguſt Agda den Vorſchlag ihn nach der Stadt zu begleiten. Er ſollte jetzt ſeinen Lohn erheben. Er war bei ſehr guter Laune und verſicherte ſeine Frau und ſeinen Vater, daß es jetzt beſſere Zeiten geben würde. Schwartz, Gold und Name. II. 18 274 „Agda fühlte ſich ganz heiter, als ſie das Ge⸗ ſicht des Mannes von Hoffnung ſtrahlen ſah. Er war ja die ganze Zeit ſo verändert und düſter ge⸗ weſen. „Es war an einem ſchönen und klaren Novem⸗ bertag, an welchem Agda und Auguſt Skälby ver⸗ ließen. Sie promenirten nach der Stadt hinein, ob⸗ gleich Dahlſtröm ihnen ſeine Droſchke angeboten . „Auguſt führte ſeine Frau in eine kleine hübſche Wohnung, wo er einzukehren pflegte, wenn er die Nacht i er in der Stadt blieb. „Etwas, das indeſſen Agda in Verwunderung ſetzte, war der Umſtand, daß er ſich Fries nennen ließ. Sie fragte ihn nach der Urſache. Er ant⸗ wortete dann, daß es deshalb geſchähe, weil er eine Menge Carricaturen gezeichnet hätte, welche zu Weih⸗ nachten erſcheinen ſollten, und er wollte nicht, daß der Verleger ſeinen Namen wiſſen ſollte; er hatte deßhalb einen anderen Namen angenommen, bis das Geſchäft abgemacht ſei. „Einige Stunden nach ihrer Ankunft in der Stadt gab er Agda einen 500 Reichsthalerſchein und bat ſie, einige Sachen für die Haushaltung einzukaufen, i dann mit dem Milchmann hinausgeſchickt werden ollten. „Agdas Einkäufe beliefen ſich auf ungefähr 50 Reichsthaler; die übrigen 450 Reichsthaler gab ſie ihm zurück.— Am Tage darauf ließ Auguſt ganz früh Vormittags einen verſchloſſenen Wagen holen und ſie fuhren aus, um einige is noth⸗ wendige Einkäufe zu machen. 275 „Der Wagen fuhr die weſtliche Langſtraße ent⸗ lang und hielt vor einem Kaufmannsladen. Auguſt gab auch dießmal Agda einen 500 Reichsthalerſchein; ſelbſt wollte er, während ſie im Laden ſei, hingehen und irgend ein Geſchäft beſorgen. Den Wagen ſollte Agda behalten und falls er nicht zurück ſei, bis ſie ihren Handel abgeſchloſſen, nach Hauſe fahren. Als Agda in den Laden hineintrat begegnete ſie Bromér, welcher aus demſelben hinausgehen wollte. „Agda grüßte ihn im Vorbeigehen und trat dann näher, um etwas Zeug zu Kleidern anzuſehen. „Während ſie ſich das, was ſie haben wollte, zumeſſen ließ, erblickte ſie einen kleinen Herrn, wel⸗ cher weiter vorn im Laden ſtand. Er hatte auch irgend einen Handel gemacht und war im Begriff das Geld, das er zurückerhalten, nachzuzählen, als ihre Augen ſich begegneten. „Agda erkannte ihren Vetter Carl und drehte ſich haſtig um, indem ſie dem Kaufmann den Schein reichte, den ſie von ihrem Manne erhalten. —„500 Reichsthaler, das iſt großes Geld!— ſagte der Kaufmann.— Haben Sie kein kleineres? —„Nein!— ſtammelte Agda, welche durch die Begegnung mit Carl ſich aufgeregt fühlte. —„Nehmen Sie keinen 500 Reichsthalerſchein an, ohne erſt denſelben zu unterſuchen!— bemerkte Carl und that, als wenn er ſie nicht kennte.— Es ſind ſeit geſtern zwei falſche Scheine an die Bank abgeliefert worden. „Agda ſchauderte, als ſie den Kaufmann den Schein gegen das Tageslicht halten ſah. „In einem Nu ſtanden die Worte Brnet⸗ an 276 Dahlſtröm über D— ſowie ſeine und Auguſts heimliche Arbeiten unten im Flügel vor ihren Augen. „Agda wandte ſich gegen den Ausgang des La⸗ dens und erblickte Bromér, der auf der Schwelle ſtand.— Sie trat ihm einen Schritt näher und ſagte: —„Retten Sie Auguſt! „Bei dieſer Bewegung von Agda ſprang auf einen Wink des Principals einer der Ladendiener über den Ladentiſch und verſchloß die Thüre. „Bromer hatte ſich indeſſen fortgeſchlichen. „Die Unterſuchung des Scheins war unbefrie⸗ digend ausgefallen. „Agda wurde in Vetter Carls Gegenwart ge⸗ fragt, wie ſie den Schein erhalten und was ſie ſei u. ſ. w. „Ein einziges Wort vom Maojor hätte ſie retten können, denn wenn er geſagt hätte: —„Dieſe Dame iſt meine Schwägerin, Tochter des Fabrikbeſitzers von Harlén,— ſo hätte der Kaufmann ſich gewiß damit begnügt, den Schein zu⸗ rückzugeben und kein Aufhebens von der Sache gemacht. „Auf alle die Fragen, welche man an das tod⸗ tenbleſche junge Weib richtete, gab ſie keine einzige Antwort. Es wurde nach Polizei geſchickt und in Begleitung von zwei Polizeidienern ſtieg ſie in den⸗ ſelben Wägen, welcher ſie nach dem Laden gebracht, um in die Wohnung zurückgeführt zu werden, wo ſie wohnte. Dort fand man mehrere Scheine von ungleichem Werthe, aber alle falſch, und das junge Weib wurde verhaftet. — „ 3 „ 277 — Der Capitain ſtand auf, ſchlug den Oberſten auf die Achſel und ſagte: —„Meinen Sie nicht, Schwiegervater, daß Carl es verdient, ſeine Strafe zu bekommen? Und gewiß würden Sie als ſein Richter unnachſichtig ſtreng ſein. Als ich dieſe Geſchichte hörte, dachte ich, daß er, wenn ich ihn träfe, zu beklagen ſein würde, und doch iſt das nur der Anfang von dem, was er ſich erlaubte. Der Capitain zog ſeine Hand von der Schulter des Oberſten zurück und machte eine Runde im Salon. Martha ſaß da ſteif und bleich mit ihren großen Augen auf den Voter gerichtet, gerade als wenn ſie gewünſcht hätte, ihm mit ihrem Blick zu ſagen, daß ſie, wie widerwärtig auch der Schluß der Erzählung ausfallen möchte, ihn doch nicht im Stich laſſen würde. Ja, ſie würde ihn lieben, ſelbſt wenn ſie genöthigt ſei, ſeine Handlungen zu verachten. Rachdem der Copitain ſich beruhigt hatte, nahm er die Erzählung wieder auf. „Während die Unterſuchung im Laden vor ſich ging, hatte Bromér nach den Worten, die Agda ihm zugeflüſtert, ſich fortgeſchlichen und war die Straße hinaufgeeilt. Er war nicht ſehr weit gekommen, als er Auguſt erblickte, welcher in einem Thore ſtand und ſpähte. Bromér ging hinein in den Thorweg und flüſterte ihm folgende Worte zu: —„Man hält Deine Frau feſt; der Schein iſt als ein falſcher erkannt; ſie hat mich geſchickt, um Dich zu bitten, daß Du Dich durch die Flucht retteſt. —„Aber Agda?— murmelte Auguſt. 278 —„Fliehe, ſage ich!— flüſterte Bromér.— Ihr Vater wird ſie retten; ich werde mich ſofort nach Timaſjö begeben. Erwiſchen ſie Dich, ſo iſt Alles verloren. „Auguſt ſtürzte aus dem Thore und ging direct nach dem Lübecker Dampfboot, welches an demſelben Tage um 12 Uhr abgehen ſollte. „D— mußte ſchon eine Woche früher Schweden verlaſſen haben. „Bromér nahm einen Wagen und fuhr direct nach Timaſjö. „Am erſten Tage war man nicht im Stande Agdas Namen oder wo ſie her ſei aus ihr heraus⸗ zubekommen. Die einzigen Aufklärungen, welche es zu erhalten gelang, waren diejenigen, welche die Wirthin gab, bei der ſie logirt hatte. Es war die⸗ ſer nur bekannt, daß Agdas Mann Fries hieße und aus Strengnäs ſei. Dieß ſchien auch durch einige Briefe an A. Fries in Strengnäs adreſſirt, die man unter anderen Papieren in einem zurückgelaſſenen Taſchenbuch fand, beſtätigt zu werden; aber wohin der flüchtige Fries ſelbſt ſich begeben, darüber konnte man keine Auskunft erhalten. „Am andern Tag erhielt der Polizeimeiſter einen anonymen Brief, in welchem Auguſts Name und Heimath angegeben, ſo wie auch die Vermu⸗ thung ausgeſprochen war, daß es dem Verbrecher gelungen ſei, mit dem deutſchen Dampfboot zu ent⸗ kommen. Es wurde ſofort nach Lübeck telegraphirt und der Polizeimeiſter begab ſich ſelbſt nach Skälby.— Er ſtellte ein Verhör mit dem alten Dahlſtröm an, welcher, in Unkenntniß von dem, was paſſirt war, — 279 einfache und wahre Antworten auf die ihm vorge⸗ legten Fragen gab. 3 „Der alte Dahlſtröm wurde indeſſen zum Ver⸗ hör am folgenden Tage geladen; dieſes mußte aber verſchoben werden. Agda war krank. „Bromér hatte ſich indeſſen nach Timaſijö bege⸗ ben, wo der Fabrikbeſitzer ſich noch aufhielt, um den Vater zu bewegen, ſeine Tochter zu retten. „Bromér hatte ſich nicht die Möglichkeit gedacht, daß von Harlén ſich weigern würde, Alles zu thun, um ſeinem unglücklichen Kind beizuſtehen; aber er verrechnete ſich! „Von Harlén empfing Bromér damit, daß er ihm die Thüre wies. „Vetter Carl war früher, als er angekommen und hatte erzählt, Agda ſei ſo tief geſunken, daß ſie Verbreiterin von falſchem Papiergelde geworden, welches der Mann fabricirt hätte. „Sie war alſo an dem Verbrechen betheiligt und von Harlén wbllte nichts mit ihr zu thun haben, obgleich Bromér ihn wiſſen ließ, daß Agda jeden Tag niederzukommen erwartete. „Nach Verlauf einer Woche hatte ſie denn auch innerhalb der Mauern des Criminalgefängniſſes Schmiedehof eine Tochter geboren, und war ſelbſt kurz darauf geſtorben. „Lotta, die treue Dienerin, erhielt Erlaubniß bei ihr zu ſein und Bromér hatte ſie beſuchen dürfen. Bei dieſer Gelegenheit verſprach er ihr Kind zu be⸗ ſchützen, und es nicht von Vetter Carl abhängig zu machen, ſondern es zu erziehen, ohne daß es das 280 traurige Ende der Mutter und das Verbrechen des Vaters erführe. „Als Bromér ihr dieſes Verſprechen gab, wußte er beſſer, als die arme Mutter, daß ihr Vater nie von dem Kinde des Fälſchers, als von ſeiner Tochter Kind, würde ſprechen hören wollen. —„Mylord,— ſagte Ström, indem er ſich an Edwin wandte,— es war Lady Caſterton, welche unter ſo unglückverheißenden Verhältniſſen das Licht der Welt erblickte. „Lotta hatte das zarte Kindlein aus den Händen der Richter empfangen; auch ſie hatte es verſprochen, die Kleine zu pflegen und zu beſchützen, ſo wie auch das Mädchen aufwachſen zu laſſen, ohne daß es er⸗ führe, wer ihre Eltern ſeien. „Nachdem ſie ihr Kind dem Schutz der treuen Dienerin anvertraut hatte, athmete ſie ihren letzten Seufzer aus, während ſie noch in der Todesſtunde für den Gatten betete, der ſie ſo unglücklich gemacht und ſo niedrig gehandelt hatte. „Fräulein Malin, welche vergebens verſucht hatte, den Bruder zur Barmherzigkeit zu bewegen, wurde über ſeine Härte ſo aufgebracht, daß ſie ihn verließ und nach der Hauptſtadt fuhr. Sie kam am Tage nach dem Tode Agdas an. Sie war es, welche dafür Sorge trug, daß die Verſtorbene auf Solna Kirchhof begraben wurde. Auguſts Vater war einige Tage vorher an einem Schlaganfall geſtorben, der ihn in Folge des heftigen Kummers über das Ver⸗ brechen des Sohnes getroffen hatte. Er und Agda wurden in daſſelbe Grab gelegt 281 und Fräulein Malin ließ auf demſelben ein einfaches Denkmal errichten. „So lange Fräulein Malin lebte, beſuchte ſie faſt täglich die kleine Elvira, um ſich zu überzeugen, daß es ihr nicht ſchlecht ging und daß ſie keine Noth litt. Malin hatte in einem Brief an den Fabrik⸗ beſitzer denſelben davon in Kenntniß geſetzt, daß Ag⸗ das Kind von demſelben Bromér als ſein eigenes angenommen worden ſei, welchen der Fabrikbeſitzer einſt wegen Diebſtahl fortgejagt und ſpäter nicht unter ſeinem Dach hätte dulden wollen. Fräulein Malin ſchloß ihren Brief mit folgenden Worten: „Dieſer verachtete Bromér hat geſagt: „Das Verbrechen des Vaters hat dem Kinde den Namen geraubt und der Vater ſeiner Mutter habe ihm das Vermögen genommen, aber ebenſo gewiß iſt es, daß ich, der arme, verachtete Dieb und Spie⸗ ler, nicht eher ins Grab hinabſteigen werde, als bis ich für Agda von Harléns Tochter ſowohl Gold als Name erworben habe! „Dieſer Brief gelangte indeſſen nie in die Hände des Fabrikbeſitzers, ſondern wurde von Vetter Carl unterſchlagen; und als von Harlén einige Zeit dar⸗ auf ſeinem Schwiegerſohn den Auftrag gab, ſich zu erkundigen, welches Schickſal der Enkelin zu Theil geworden, kam Carl von der Hauptſtadt mit der Rachricht zurück, daß das Mädchen wahrſcheinlich kurz nach dem Tode der Mutter geſtorben, weil es ganz ſpurlos verſchwunden ſei. „Alle Briefe, welche Fräulein Malin an den Bru⸗ der ſchrieb, ſchickte Carl unerbrochen zurück, um da⸗ 282 durch Malin alle Luſt zu benehmen, das Schreiben fortzuſetzen. „Ein halbes Jahr nach dem Bruch zwiſchen Bru⸗ der und Schweſter kam die Nachricht nach Forsvik, b milde und fromme Fräulein Malin geſtor⸗ en ſei. „Jetzt war das letzte Band zerriſſen, welches zwiſchen Agdas Kind und ihrem Vater exiſtirt hatte. „Carl konnte jetzt unbehindert ſein Spiel treiben. „Im Jahre darauf verließ der Fabrikbeſitzer Schweden, nachdem er dem Schwiegerſohne Timaſiö und Forsvik zu ſeiner Dispoſition geſtellt atte. „Während ſich dieſe Ereigniſſe in Schweden zu⸗ trugen, war es Auguſt gelungen, nach England zu entkommen, wo ſeine Schweſter ſich ſeit mehreren Jahren aufhielt. „Caroline Dahlſtröm hatte eine ſchwediſche Fa⸗ milie nach London begleitet und war dort mit einem Engländer verheirathet worden, der auf Hartoncourt, dem Gute der Marquiſin Briſſier, Verwalter war. „Die gebildete und ſanfte Caroline wurde bald ein großer Liebling der Marquiſin, in deren täglicher Geſellſchaft ſie war, wenn dieſelbe ſich auf Harton⸗ court aufhielt. „Zwiſchen der ſtolzen engliſchen Dame und der Frau des Verwalters entſtand eine ſo große Ver⸗ traulichkeit, wie es ihre ungleiche Stellung in der Geſellſchaft geſtattete; und Caroline hatte eine innige Anhänglichkeit an die Marquiſin. „Als die Nachricht von Auguſts Heirath ankam, und ſie von dem Vater davon in Kenntniß geſetzt 283 wurde, wie es zugegangen, erwähnte ſie die Sache gegen die Marquiſin; ſo wie auch, als ſie durch den Vater erfuhr, daß Auguſt die Mitgift ſeiner Frau verſpielt, und faſt ganz entblößt nach Schweden zu⸗ rückgekehrt ſei. „Dieſen traurigen Nachrichten aus der Heimath folgten einige beruhigendere. Auguſt ſchrieb faſt nie; aber der alte Dahlſtröm that es um ſo öfter.— In allen ſeinen Briefen beſchrieb er Agda als einen Engel von Güte und Liebe, ſo daß Caroline ihrer unbekannten Schwägerin mit wirklichem Intereſſe zugethan war. „Zwei Jahre waren vergangen, als Caroline eines Tages einen Brief mit ſchwarzem Siegel von Schweden erhielt. Er enthielt zwei von Bromeér ge⸗ ſchriebene Trauerkarten, welche den Tod des Vaters und der Schwägerin meldeten, aber ohne daß nähere Details hinzugefügt waren. „Sie ſchrieb ſofort nach Schweden, um etwas Näheres über dieſe traurigen Ereigniſſe zu erfahren; aber bevor ſie darauf Antwort erhalten, hatte der unglückiche Urheber derſelben ſich ſelbſt bei ihr ein⸗ gefunden. „Es war an einem düſteren Herbſtabend, als ein in Lumpen gehüllter Unglücklicher ſich auf Har⸗ toncourt einfand und nach ihr fragte. „Caroline hatte ihren Bruder ſeit ſeinem ſechs⸗ zehnten Jahre nicht geſehen. Seit der Zeit waren acht Jahre vergangen. Demohngeachtet erkannte ſie ihn in dem zerlumpten Bettler. „Ich will mich nicht bei dieſer Begegnung auf⸗ halten und nicht die Scenen ſchildern, welche folg⸗ 284 ten, nachdem er ihr Alles geſagt, ſondern nur das Reſultat davon erzählen. „Caroline ging zur Marquiſin, um ihr das trau⸗ rige Geheimniß mitzutheilen. Sie wagte nicht, es ihrem Manne anzuvertrauen, weil er ein ſtrenger und rechtſchaffener Mann war, den nicht einmal das Mitleid oder die Rückſicht auf ſeine Frau bewogen haben würde, einem entflohenen Fälſcher eine Unter⸗ ſtützung zukommen zu laſſen. „Auguſt war, von Allem entblößt, bei ſeiner Schweſter angekommen, ohne zu wiſſen, wohin er ſich wenden ſollte, wenn ſie nicht im Stande war, ihm zu helfen. „Er war einen laugen Weg gegangen, ohne Nah⸗ rung zu bekommen und befand ſich alſo in der trau⸗ rigſten Lage. „Als Caroline der Marquiſin die Ereigniſſe mit⸗ getheilt hatte, welche ihren Bruder in das verwan⸗ delt hatten, was er jetzt war, verſprach die Mar⸗ quiſin, daß ſie ihm helfen würde. Einige Wochen blieb Auguſt auf Hartoncourt; als aber Caroline durch einen Brief von Bromeér eine Schilderung des Todes von dem alten Dahlſtröm und Agda, und daß Agdas Tochter jetzt die Pflegetochter von Bro⸗ mér ſei, erhielt, da glaubte Auguſt, daß er wahn⸗ ſinnig werden müßte. „Er war alſo Schuld an dem Tode des Va⸗ ters und der Gattin und hatte es ſo weit ge⸗ bracht, daß die Zukunft ſeiner Tochter den Händen des verf——— Spielers Bromér anvertraut ſei. „Selbſt die kräftigſten Naturen können der Wir⸗ kung ſolcher moraliſchen Schläge nicht widerſtehen. 285 Das Bewußtſein der eigenen Schuld und der Fol⸗ gen, welche dieſe für diejenigen, die man liebt, ge⸗ habt, iſt entſetzlich. „Auguſt erkrankte auch an einer heftigen Hirn⸗ entzündung und es ſah aus, gls ſollte er den Sei⸗ nigen ins Grab nachfolgen; aber das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Er genas und wünſchte dann nach Frankreich hinüberzukommen, um mit der franzöſiſchen Truppen am Kriege in Algier Theil zu nehmen. „Die Marquiſin wandte ſich an Lord William Caſterton, und bat ihn, der durch ſeine Frau Ver⸗ bindungen in Frankreich hatte, er möchte ihrem Schützling helfen, daß ſein Wunſch erfüllt werde. „Von der Marquiſin mit Geld und Empfehlun⸗ gen an Lord Caſterton ausgeſtattet, reiste Auguſt von Hartoncourt ab, nachdem er feierlich verſprochèn, daß er nicht eher ſein Kind und das Vaterland wie⸗ derſehen würde, als bis er durch ein ehrliches und rechtſchaffenes Betragen das Verbrechen, welches er begangen, geſühnt hätte. „Die Marquiſin ſagte zum Abſchied: „— Ich habe Barmherzigkeit geübt, weil ich damit etwas Gutes wirken zu können glaubte.— Sie ſind jung und haben aus Begierde, Gold zu gewinnen, ſich gegen das Geſetz vergangen; machen Sie es dadurch wieder gut, daß Sie ſich einen ge⸗ achteten Namen verſchaffen, damit Sie denſelben einſt Ihrer Tochter an der Stelle desjenigen geben kön⸗ nen, den Sie ihr geraubt haben. „In Frankreich lernte ich Dahlſtröm kennen und wir gingen zuſammen nach Algier, wo wir als Ka⸗ 286 meraden dienten und an der Seite von einander kämpften. „Drei Jahre, nachdem Dahlſtröm flüchtig gewor⸗ den war, las man in den ſchwediſchen Zeitungen, daß der junge Fälſcher Auguſt Dahlſtröm, dem es gelungen war, zu entkommen, ſich nach Algier be⸗ geben hätte und dort gefallen ſei. „Ich befand mich an ſeiner Seite, als er fiel. Das kurze, aber traurige Drama ſeines Lebens war jetzt zu Ende; aber er hatte es mir als Erbſchaft vermacht, die Leiden Agdas zu rächen. Ich nahm das Teſtament an und ich glaube es ſo ziemlich voll⸗ zogen zu haben. „Es bleibt jetzt nur übrig, etwas darüber hinzu⸗ zufügen, wie die Ereigniſſe ſich für die Ueberlebenden ent „Der Fabrikbeſitzer fuhr fort, ſich beſtändig im Auslande aufzuhalten. Er ſchrieb ſelten an die Sei⸗ nigen und nie von etwas Anderem, als von Ge⸗ ſchäften.— Er hielt ſich in Italien auf und Vetter Carl erfuhr durch Schweden, welche mit von Harlén zuſammengetroffen waren, daß er einen andern Na⸗ men angenommen und auf einer einſamen Villa und mit einem einzigen Diener ganz und gar für ſich lebte. „Eines Tages(es war ein Jahr, nachdem El⸗ vira Frau Brogrens Penſion verlaſſen hatte) erhielt Carl einen Beſuch von von Harléns Commiſſionär in Schweden. Dieſer hatte einen Brief an Carl vom Fabrikbeſitzer, in welchem er einige Aufklärun⸗ gen über Bromér wünſchte. Er gab ſowohl Vetter Carl wie ſeinem Commiſſionär den Auftrag, ſich zu 287 erkundigen, wo Bromeér ſich aufhielte und ob er eine Tochter hätte. „Der Commiſſionär verſchaffte ſich auch alle die Aufklärungen über Bromér, die er erhalten konnte, und erfuhr, daß der bekannte Pfandleiher in Paris geweſen, aber von dort nach einem deutſchen Bade⸗ ort, man glaubte nach Wiesbaden, abgereist ſei. „Carl, welcher befürchtete, daß das Gewiſſen des Schwiegervaters in einer Weiſe ſich rühren möchte, die ſeinem Eigennutz ſchädlich werden könnte, fing auch an, Nachforſchungen zu machen und kam zu demſelben Reſultat. „Carls Frau, welche ſeit einigen Jahren an ei⸗ ner zehrenden Krankheit litt, wurde es von den Aerz⸗ ten vorgeſchrieben, einen deutſchen Badeort zu be⸗ ſuchen und Carl brachte die Familie nach Wies⸗ baden. „Selbſt gedachte er nicht länger dort zu verwei⸗ len, als bis er ſich überzeugt hatte, ob ſeine Furcht beſtätigt werden und von Harlön dort Bromér auf⸗ ſuchen würde, um Agdas Tochter von ihm zurück⸗ zufordern. „Er und ſeine Familie waren nicht viele Tage in Wiesbaden geweſen, als er herausfand, daß Bro⸗ mér und ſeine Töchter dort wären; aber noch hatte er nicht ſeinen Schwiegervater ausgekundſchaftet. „Als er eines Tages in das Leſezimmer ging, um die Zeitungen zu leſen, wurde ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf einen alten Mann gelenkt, welcher ganz plötzlich aufſtand, die Zeitung von ſich warf und in ſchwediſcher Sprache ausrief:„Welche niedrige Lüge!“ Der Alte eilte aus dem Leſezimmer hinaus. 288 Vetter Carl hob die Zeitung auf und eilte dem Alten nach. Er hatte nämlich ſeinen Schwiegervater erkannt. „Carl beeilte ſich, ihn einzuholen, begrüßte ihn mit wohl verſtellter Ueberraſchung und Freude, und fragte, ob der Schwiegervater den Brief erhalten, den er ihm Betreffs Agdas Tochter geſchrieben. Von Harlén hatte natürlich keinen erhalten, weil nie einer geſchrieben worden war; dieß gab aber doch Carl Anlaß, zu erzählen, was der Brief enthalten hätte, daß er ihn darin gebeten, Etwas für das un⸗ glückliche Mädchen zu thun, welches es Carl gelun⸗ gen war, ausfindig zu machen. Während er davon ſprach, daß es von Harléns Pflicht ſei, etwas für ſie zu thun, gelang es ihm, auszuforſchen, ob der Alte Gelegenheit gehabt, das wöchentliche Verzeich⸗ niß über die Badegäſte zu ſehen. Als er ſich ver⸗ gewiſſert hatte, daß dieß nicht der Fall ſei, war er ſchon mit einem Theile des Planes für ſeine Hand⸗ lungsweiſe fertig, obgleich der Zufall ihm noch för⸗ derlicher war. „Nachdem er ſeinen unwahren Bericht gemacht, fragte er, ob der Schwiegervater irgend einen be⸗ ſonderen Grund zu ſeiner Reiſe nach Wiesbaden ge⸗ habt; und als der Alte antwortete, er ſei gekom⸗ men, um die Enkelin ausfindig zu machen, theilte Carl ihm mit, daß Bromér und deſſen Pflegetochter wirk⸗ lich dort geweſen, daß ſie aber wieder abgereist ſeien, nachdem Bromér faſt Alles, was er beſaß, verſpielt hatte. „Carl ſagte, daß, wenn das Schickſal es nicht ſo gefügt hätte, daß er den Schwiegervater getroffen, —————— 289 er beſchloſſen hätte, Bromér nach Schweden nachzu⸗ reiſen und dem unwürdigen Pflegevater die Tochter Agdas wegzunehmen, mit deren Schönheit er gewiß jetzt, wo er bankerutt geworden, wuchern würde. „Kurz, Carl machte ſich zum Sachwalter des ar⸗ men Mädchens, und das mit einer Wärme, welche von Harlén vollſtändig irreleitete. „Er konnte dem Schwiegerſohn nicht gut miß⸗ trauen und verſprach, für Agdas Tochter zu thun, was er konnte. „Dieſes war es nur, was Carl nöthig hatte, um ſich zu einer neuen That zu entſchließen. „Das Vermögen hatte er bereits als das Sei⸗ nige betrachtet, und um in den Beſitz deſſelben zu gelangen, hatte er den Vater gegen die Tochter auf⸗ gehetzt und jede Verſöhnung zwiſchen ihnen unmög⸗ lich gemacht. Sollte er jetzt durch eine Laune des Alten es mit anſehen, daß die Hälfte dem Kinde des Fälſchers zufiele? Nein, das durfte nicht geſchehen; koſte es, was es wolle, ſo mußte er dem zuvor⸗ kommen. „Der Fabrikbeſitzer ſprach den Wunſch aus, ſchon am andern Morgen Wiesbaden zu verlaſſen und ſich nach Schweden zu begeben, um Bromér aufzuſuchen, weil Carl mit Sicherheit wußte, daß er ſich dorthin begeben.. „Nachdem er dem Schwiegerſohn dieſen Beſchluß mitgetheilt hatte, fragte er nach Nina und erhielt zur Antwort, daß ſie in Wiesbaden ſei. Carl wollte den Alten überreden, ein paar Tage zu warten, während er aber ganz gut wußte, daß er ſich nie Schwartz, Gold und Name. II. 19 290 überreben ließe, von einem gefaßten Beſchluß abzu⸗ weichen. „— Nein, ich reiſe morgen!— war ſeine Ant⸗ wort.— Ich bin mit Nina nicht ganz zufrieden; ſie war diejenige, welche zuerſt die Schweſter ver⸗ rieth. Grüße ſie indeſſen und ſage ihr, daß das Gerücht in den Zeitungen falſch ſei. Es war mein Bediente und nicht ich, den man ermordet hat. „— Ermordet!— Stand das in den Zeitungen* — Carl empfand eine heftige Freude. Es ſah aus, als wollten alle Mächte der Hölle ihm und ſeinem Plane dienen. „Früh am andern Morgen fand Carl ſich bei von Harlen ein und erbot ſich, ihn zu begleiten. Er hätte Alles für die Badecur ſeiner Frau arran⸗ girt, und deshalb weiter nichts in Wiesbaden zu thun; dagegen könnte er bei den Nachforſchungen nach Agdas Tochter für den Fall nützlich ſein, daß Bromér ſie ſollte verſtecken wollen. „Von Harlén reiste unter dem Namen, welchen er in Italien angenommen hatte, da er ſich in Schweden nicht eher zu erkennen geben wollte, als bis er ſeine Enkelin wiedergefunden. „Fünfzehn in Kummer zugebrachte Jahre hatten den achtundfünfzigjährigen, noch kraftvollen von Har⸗ len in einen gebrechlichen, grauhaarigen und ge⸗ beugten Greis von dreiundſiebenzig Jahren ver⸗ wandelt. „Es war gegen Abend, wo ſie nach Stockholm kamen und einen Wagen beſtiegen, welcher, nach Carls Rath ſie ſofort nach Altorp bringen ſollte, wo Agdas Tochter erzogen worden war. Durch die 291 Propſtin Brogren würde es ihnen leicht werden, zu erfahren, wo das Mädchen ſei und durch ihre Ver⸗ mittelung müßten ſie ohne alles Aufſehen Agdas Tochter von Bromér herausbekommen können⸗ „Genug, die Reiſe ging nach Altorp; aber da es etwas ſpät in der Nacht war, um einen Beſuch zu machen, ſo wollte man auf einem Gute ausruhen, welches Carl eine halbe Meile davon beſaß. „Es war ſpät, als ſie dort ankamen. „Carl führte ſeinen Schwiegervater hinauf in das Wohngebäude, deſſen Aufſeher ſeit mehreren Jahren ein alter Soldat war, den Carl von den Folgen irgend eines Spitzbubenſtreichs gerettet, und auf den er ſich deßhalb verlaſſen konnte, weil er ihn in ſeiner Gewalt hatte. Dieſer war alſo der Ein⸗ zige, der den Alten ſah, als er mit Carl auf dem Gute ankam. Der Soldat ſah freilich nicht, daß der Alte den Hof wieder verließ und argwöhnte, daß ſein Herr ihn dort verſteckt hielte, wagte aber nicht, etwas merken zu laſſen, weil er und ſeine Familie davon abhängig waren, daß ſie fortwährend auf Carls Schutz rechnen konnten. „Nachdem es Carl gelungen war, ſeinen Schwie⸗ gervater in einem Zimmer hinter dem ſeinigen ein⸗ zuſchließen, deſſen Fenſter er wiederum von innen mit Brettern vernagelte,— und nachdem er dem Fabrikbeſitzer geſagt, däß der geringſte Ruf nach Hülfe oder Verſuch, ſich mit der Außenwelt in Ver⸗ bindung zu ſetzen, ihn das Leben koſten würde, ließ er in den ſchwediſchen Zeitungen die Nachricht ein⸗ rücken, die bereits in den deutſchen mitge⸗ theilt war, daß der Fabrikbeſitzer von Harlén, wel⸗ cher eine Lilla im ſüdlichen Italien bewohnt, ermor⸗ det und ausgeplündet worden, und zwar, wie man glaubte, von ſeinem eigenen Bedienten, da dieſer ſei. „Die Nachricht vom Tode des Vaters hatte be⸗ reits Nina erreicht und die Entwickelung der Krank⸗ heit beſchleunigt, welche an ihr zehrte.— Sie ſtarb in Copenhagen, ohne ihren Mann wiederzuſehen, welcher ſein kleines Gut nicht mehr verließ. „Nina bat auf ihrem Todesbett Carl Brogren, daß er ihren Mann an ſeine Pflichten gegen ihre verſtoßene Schweſtertochter erinnerte, und ihm aufs Herz legte, daß er ihr'denjenigen Theil des Erbes aushändigte, welcher ihr mit Recht zukäme. „Daß er von dieſer Schweſtertochter Etwas wußte, gab Carl Brogren eine ſolche Macht über Ninas Gemahl, daß er ſich ſeinen Schutz erzwang und es ihm zu danken hatte, daß er auf der Lauf⸗ bahn, die er gewählt, weiter befördert wurde. „Zwei Jahre nach dieſen Ereigniſſen kam ich nach Schweden und ſuchte damals Agdas frühere Kam⸗ merjungfrau Lotta auf, um mir nach der letzten Bitte meines Freundes Auguſt Dahlſtröm, über Verſchie⸗ denes, das ſeine Tochter beträfe, Auskunft zu vez ſchafſen.* „An Elviras Hochzeitstag in Copenhagen hatte ich Bromér ausfindig gemacht und von ihm ver⸗ ſchiedene Aufklärungen erhalten. Er ließ mich auch noch eine kurze Zeit Elvira ſehen, welche am Fen⸗ ſter ſtand, und der Anblick von ihr feſſelte für im⸗ 6 293 mer mein Intereſſe an das junge Weib. Dieſes letztere veranlaßte mich, Lotta aufzuſuchen. „Während der Unterredung erwähnte ſie, daß der Vetter den kleinen Hof nie verließe, daß er Timaſiö verkauft ꝛc. „Ich haßte den Mann, weil er ſich gegen die liebenswürdige Frau von Dahlſtröm grauſam ge⸗ zeigt, und ich beſchloß die Urſache auszuſpioniren, warum er ſich auf dem kleinen Hof aufhielt. „Ich hielt mich einige Wochen in der Gegend auf, feſt entſchloſſen, das Geheimniß herauszubringen. „Das Volk ſagte, daß er nach dem Tode des Fabrikbeſitzers einen Schatz nach dem Hofe gebracht, daß er denſelben bewachte und Flink, der alte Sol⸗ dat, der Einzige ſei, den er in ſein Zimmer hinein⸗ kommen ließ. Er ſei geizig geworden, ſagte man, und ſo mißtrauiſch, daß er in jedem Diener einen Dieb ſähe. „Nachts wandere er im Hauſe herum und habe keine Ruhe. „Ich unterlaſſe es, die Art und Weiſe mitzu⸗ theilen, wie es mir durch Flink herauszubringen ge⸗ lang, daß Vetter Carl eines Abends mit einem alten Mann auf dem Hofe angekommen ſei, welcher ſeit der Zeit denſelben nicht verlaſſen hätte. „Ich reiste jetzt von Schweden nach Italien, wo ich meine Nachforſchungen fortſetzte und kam wirklich zu dem Reſultat, daß von Harlén nicht ge⸗ ſtorben ſei, ſondern von ſeinem Schwiegerſohne, der nicht den Muth hatte, den Alten. zu ermorden, aber wohl lebendig zu begraben gefangen gehalten würde. „Dieſe Kenntniß in Verbindung mit verſchiede⸗ ₰ 294 nem Anderem machte mich zum Herrn über Vetter Carls Freiheit, Ehre und zeitliches Wohl, ſowie zum Befreier des Alten. „Das einſame Gefängniß hatte indeſſen den Alten das Geſicht gekoſtet und dergeſtalt ſeine gei⸗ ſtigen Kräfte zerſtört, daß er wieder ein Kind ge⸗ worden war. „Um indeſſen keinen öffentlichen Skandal zu ver⸗ ₰ anlaſſen, gelang es mir ihn zu überreden, daß er,. wenn er aus ſeinem Grabe herausträte und ſich wieder unter Menſchen befände, für meinen Vater gelten ſollte. „Der inige Wunſch den er nunmehr hegte, war, ſeine Enkel zu umarmen und durch meine Ver⸗ mittlung Agdas Tochter in ihre geſetzlichen Rechte als Erbin der Hälfte ſeines Vermögens eingeſetzt zu ſehen. „Ninas Tochter hat er umarmt, aber Agdas hat der Tod weggerafft. Martha ſtützte den Kopf auf die Hände. Den Oberſt fror es ſo, daß es ihn ſchüttelte. Lord Ca⸗ ſterton hielt die Hand über die ſchwarze Binde. „Jetzt, Mylord,— fuhr Ström nach einer kur⸗ zen Pauſe fort,— bleibt nur noch übrig, einige Worte hinzuzufügen, welche Verſchiedenes in dem Betragen Ihrer Gemahlin zu erklären geeignet ſind. Doch wozu ſollte das nützen? Sie iſt todt und mit 6 ihr auch das Vergangene begraben.— Ich will mich alſo darauf beſräntene einen Brief zu übergeben, der für Mylord beſtimmt war, von einer geſchäftigen Hand aber unterſchlagen wurde.— f Derſelbe iſt von Sir Sidney und wurde in dem von ſeinem Hauſe wegfuhr, damit Sie den Brief, 295 Augenblick geſchrieben, wo er ſich zum Duell mit Brogren begab. Lembourn ſchickte ihn ab, als er wie auch das Duell ausfiele, jedenfalls erhalten möchten.„ Ström überreichte Edwin einen erbrochenen Brief. Martha verbarg ihr Geſicht im Taſchentuch. Hatte ſie gefehlt, ſo war ſie auch in dieſem Au⸗ genblick geſtraft. Ström hatte gleich nach ihrer Heirath ſich des Briefes ſo wie all ihrer anderen Papieren bemächtigt. „Es dürfte mir indeſſen erlaubt ſein,— hob der Capitain wieder an,— vor den wenigen hier Anweſenden Lord Caſterton zu ſagen, daß Lady Caſterton niemals einen andern Mann geliebt, als ihn; daß ihr ganzes Herz mit der ſtärkſten und tiefſten Liebe an ihn gefeſſelt war; daß ſie an dem Tage, an welchem der Lord und ſie ſich zum drit⸗ ten und letzten Male trennten, einen Brief von Fredrik Brogren bekommen hatte, in welchem er ſie bat nach Altorp zu kommen, um diejenigen Aufklä⸗ rungen zu erhalten, welche ſie bei ihrer Ankunft auf Timaſis dem jungen Pfarrer den Auftrag gegeben hatte, ihr über ihre Eltern zu verſchaffen. „Bei ihrer Ankunft auf Altorp traf ſie Fredrik im Garten, und er theilte ihr das mit, was er ausfindig gemacht hatte, und das war, daß der Va⸗ ter eine Fälſchung begangen, daß die Mutter aus Liebe zu ihm ſich dazu hergegeben die falſchen Bank⸗ ſcheine auszugeben, darauf aber verhaftet worden und im Gefängniß geſtorben ſei⸗ „Dieſes, Mylord, war die Urſache, daß Ihre 296 Gemahlin ſich nach Altorp begab. Sie hatten ſich einige Stunden früher nach Skoghof wegen eines Briefes begeben, welchen meine Frau Ihnen über die Geburt Lady Caſtertons geſchrieben.— Was ſich, als Sie ſich wieder begegneten, zwiſchen Ihnen und der Lady zugetragen hat, weiß ich nicht, ſondern nur, daß das Reſultat Ihre Abreiſe nach der Krim war.— Ich ehu indeſſen, daß meine Frau durch ihr Verlangen Sie über die Familienverhältniſſe der Lady aufzuklären irgend einen Bruch veranlaßt hat, welcher dieſe letzte Trennung zur Folge hatte. — Nein, Herr Fapitain,— ſiel Caſterton ein, — die Aufklärungen, welche Ihre Frau ſo gütig war, mir zu geben, waren vollkommen überflüſſig, weil meine verſtorbene Tante, die Marquiſin, auf ihrem Todtenbett mir die Geſchichte der Eltern El⸗ viras mitgetheilt hatte.— Eure Gnaden dürften ſich erinnern,— fügte der Lord hinzu,— daß ich mit meinem Beſuch auf Skoghof nur die Abſicht hatte, Ihnen zu ſagen, daß die Herkunft meiner Ge⸗ mahlin mir bekannt ſei. Ja,— fuhr der Lord fort, — ich nahm mir ſogar die Freiheit, die Angaben in jenem Briefe dahin zu verdolſſtänbigen, daß ich Fräulein Stangenſtjöld davon in Kenntniß ſetzte, Lady Caſterton ſei ihre Couſine. „Das da, mein Engel, haſt Du mir nicht ge⸗ ſagt,— fiel der Capitain ein;— doch, wir wollen nicht davon ſprechen, ſondern zum Schluß unſerer Zuſammenkunft ſchreiten, deren Zweck der war, daß wir einander gründlich kennen lernen ſollten; es bleibt nur noch übrig zu ſagen, daß Arvid Ström in Algier fiel, und daß Auguſt Dahlſtröm ſeinen —————— —— ——— 297 Namen annahm.— Ich bin alſo Agdas entflohener Mann, der Elende, der ſich ſogar bis dahin er⸗ niedrigte, daß er ſie für ſein Verbrechen verantwort⸗ lich machen ließ. Ich, Martha Stangenſtiölds Mann, bin kein Anderer, als der Fälſcher Auguſt Dahlſtröm! Eine Grabesſtille folgte. Martha ſaß mit hoch⸗ getragenem Kopfe, funkelnden Augen und todtblei⸗ chen Wangen. . Der Oberſt war ſo zuſammengefallen, daß er dem Schatten von ſich ſelber ähnlich ſah. — Da es nunmehr bekannt iſt, was ich bin, ſo bleibt mir noch übrig, Miſtriß Brow zu präſentiren. — Sie iſt meine Schweſter Caroline, die Tante Lady Caſtertons; und es war die nahe Verwandt⸗ ſchaft mit der letzteren, welche die Marguiſin ver⸗ anlaßte, Lord Caſterton den Vorſchlag zu machen, ſeine Frau zu überreden, daß Miſtriß Brow die Lady begleitete, damit die junge Frau eine zuver⸗ läßige und ihr ergebene Perſon an ihrer Seite hätte. — Durch die Beharrlichkeit meiner Schweſter, Elvira überall zu folgen, gelang es auch dem Lord, dem vorzu⸗ beugen, daß ſie als Sängerin auftrat; durch die Wachſamkeit meiner Schweſter erhielt ich auch Ge⸗ legenheit, die Intriguen kennen zu lernen, welche gegen meine Tochter geſponnen wurden; es war meine Schweſter, welche Elvira darüber aufklärte, wie Fräulein Armida aus Habſucht und Eiferſucht ihre Ränke geſchmiedet; es war ſchließlich meine Schweſter, welche Elvira ſagte, daß die Marquiſin 1 ihre Herkunft kenne, und welche ſie nach der Krim begleitete, als Elvira ſich dorthin begab, um die * 298 Gefahren ihres Mannes mit ihm zu theilen oder mit ihm zu ſterben.— Sie ſtarb, und die Ehe zu deren Zerſtörung Andere alles Mögliche beigetra⸗ gen, wurde aufgelöst.— Lord Caſterton hatte ſeine Freiheit wieder erhalten;— aber ob das Glück dieſelbe begleitete, das mag der Lord ſelber entſchei⸗ deu.— Jetzt habe ich weiter nichts hinzuzufügen. — Aber ich habe es!— fiel Edwin ein und erhob ſich in ſeiner vollen Länge.— Fort mit die⸗ ſer Binde; fort mit dieſer Rolle eines Blinden, die ich geſpielt!— fügte er hinzu und riß den ſchwar⸗ zen Verband von den Augen.— Der Herr des Schickſals iſt barmherzig; dieß hat er gegen uns hier Verſammelten bewieſen! Edwin ging mit feſten Schritten auf das Fen⸗ ſter zu, wo Maria verſteckt war. Er ſchob die her⸗ untergelaſſenen Vorhänge bei Seite, nahm die hell gekleidete Frau in ſeine Arme, trug ſie mitten ins Zimmer und rief, indem er ſie in ſeinen ſtarken Ar⸗ men hielt: — Lady Caſterton iſt nicht todt, ſie lebt, um ihren eigenen und ihrer Mutter Feinden zu ver⸗ geben.* Er ſetzte die leichte Laſt nieder und fügte, indem . ihre Hände mit Wärme an ſeine Lippen drückte, inzu: — Ah, Maria, ich habe vom erſten Augenblick Elvira erkannt; verzeih mir, daß ich mich blind ſtellte, um das Herz zu prüfen, das ich beſitzen wollte, um an einem Tage, wie dieſer, zu wiſſen, wie hoch es mich liebt.— Er drückte ſie an ſeine — 299„ Bruſt und führte ſie hin zum Capitain, den wir fortfahren werden Ström zu nennen. In dem Augenblick, wo der reuevolle Vater zum Erſtenmale ſeine Tochter in ſeine Arme ſchloß, mur⸗ melte der Oberſt, indem er Marthas Arm faßte: — Komm, laß uns gehen! Er ſtand auf, that einige Schritte vorwärts, wankte aber und fiel von einem Schlaganfall ge⸗ troffen rücklings nieder. Nacht iſt über die Erde verbreitet. In demſelben Zimmer, wo die Marquiſin Briſ⸗ ſier ihren letzten Athemzug that, lag jetzt Oberſt Stangenſkzöld. Der Doctor, Martha und Ström wachten bei dem Kranken, welcher ohne Bewußtſein und wie es ſchien ohne eigentliche Schmerzen dalag. Ströms Blicke drückten nicht mehr Strenge, ſon⸗ dern Theilnahme und Mitleid aus, als er ſie auf Martha heftete, welche in Schmerz aufgelöſt und von der Schwere all der Schläge, die ſie getroffen, gleichſam zerſchmettert war. Der Ausgang des Schlaganfalls war ungewiß; es konnte wieder beſſer, aber auch der Tod werden. Ström war von dem Augenblick an, wo der Oberſt davon getroffen worden war, wie ein ganz anderer geworden, ſo freundlich zeigte er ſich jetzt gegen den Kranken und gegen Martha.— Er hatte ſofort alle mögliche Hülfe geſchafft und dem Kranken all die Sorgfalt gewidmet, die ihm zu Theil werden konnte; 300 zu Zeit hatte er Martha beruhigt und ge⸗ tröſtet. Damit der Oberſt des Anblicks von Caſterton und Elvira überhoben würde, hatte er den Erſten gebeten, den Kranken in ein anderes Stockwerk brin⸗ gen zu laſſen, und auf dieſe Weiſe Alles von ihm entfernt, was ihn an die Ereigniſſe erinnern konnte, die ihn ſo tief ergriffen. Gegen Morgen erhielt der Oberſt wieder ſein Bewußtſein. Der Arzt gab jetzt Hoffnung, daß er leben, fürchtete aber, daß er lahm bleiben würde. Eine Woche nach dieſen Ereigniſſen, welche von Harlén ſeine Enkelin, Lotta ihr Pflegekind und El⸗ vira Mann und Vater wiedergaben, bereiteten Lord und Lady Caſterton ſich vor, Timaſiö und Schweden zu verlaſſen, um nach England zurückzukehren und dort in ungeſtörter Ruhe das Glück zu genießen, in deſſen Beſitz ſie jetzt endlich gelangt waren. Miſtriß Brow, die Tante Elviras, ſollte ſie be⸗ gleiten. Elvira wünſchte den blinden Vater ihrer Mutter mit ſich zu nehmen, aber der Alte wollte ſeine übri⸗ gen Tage auf Timaſjö bei Agdas Mann zubringen, dem er es zu verdanken hatte, daß er als ein freier Menſch ſtürbe. Mit Ström konnte er über ſeine Tochter ſprechen und darum wollte er nicht von die⸗ ſem getrennt ſein. Lord Caſterton ſchenkte Elviras Vater Timaſſö und all das Vermögen, welches Bromér für Elvira geſammelt. Armida durfte, auf Elviras Fürbitte, trotz allen — — 301 ihren Intriguen, die Penſion behalten, welche Elvira einſt für ſie ausgeſetzt hatte. Lotta erhielt als eine geringe Belohnung für all die Liebe, die ſie Agdas Tochter erwieſen, Altorp zum Geſchenk. Sie konnte außerdem wählen, ob ſie Elvira begleiten, oder auf ihrem kleinen Gute blei⸗ ben wollte. Sie wählte keins von beiden, ſondern bat ſich aus, ſo lange der Vater von Elviras Mut⸗ ter lebte, ihr Leben der Pflege dem alten blinden Manne widmen zu dürfen. — Gott hat,— ſagte Lotta,— meine Bitten erfüllt, indem ich den Tag erlebte, wo die Tochter meiner Herrin glücklich, geehrt und reich geworden; ich habe alſo nichts mehr zu wünſchen, als meine noch übrigen Tage dem Vater meiner geliebten Herrin zu widmen, da ihre Lochter meiner nicht mehr bedarf. Lotta bekam es, wie ſie es wollte, und die glück⸗ lich vereinigten Gatten ſagten darauf Schweden Lebewohl. Fräulein Armida, welche jetzt jede Gelegenheit verloren hatte, gegen ihre früheren Penſionskamerä⸗ dinnen zu intriguiren, legte ſich auf die Frömmelei, um als Proſelytenmacherin eine Gelegenheit zu er⸗ halten, eine Rolle zu ſpielen und neue Ränke zu ſchmieden. Auf Edwins Stammgut Caſterton wurden große Vorbereitungen gemacht, um den Lord und ſeine vom Tode auferſtandene Lady zu empfangen. 302 Es war nicht viel mehr, als acht Wochen her, daß er das Gut verlaſſen, und jetzt ſollte er wieder⸗ kommen, um dort den Winter zuzubringen. Der Lord hatte zuletzt geſchrieben und den Wunſch ausgeſprochen, daß man Lady Caſterton auf eine würdige Weiſe empfangen möchte, und einem Briefe an ſeinen Intendanten hatte er hinzugefügt, es ſei durch eine Perſonenverwechſelung geſchehen, daß das vom Tode der Lady Caſterton ſich verbreitet ätte. Die Septemberſonne ſchien heiter auf Caſterton herab, als die Familie des Lords in einem mit vier Pferden beſpannten Wagen in den Hof hineinfuhr, wo die feſtlich gekleidete Dienerſchaft aufgeſtellt war, um ihre Herrſchaft zu begrüßen. Die Hausflur und die Treppe waren mit Laub und Blumen geziert. Alles hatte ein feſtliches Aus⸗ ſehen und man konnte ſagen, daß Elviras zweiter Einzug in dieſe Wohnung mit ſo viel Herzlichkeit begrüßt wurde, daß dieſekbe ihr eine Zukunft zu ver⸗ ſprechen ſchien, die eben ſo reich an Freude und Glück werden würde, wie die Vergangenheit durch Kummer und Mißverſtändniſſe verduſtert geweſen. Mit nicht geringer Ueberraſchung erkannte die Dienerſchaft in der Frau des Lords die Kranken⸗ pflegerin Maria. Ein paar Stunden, nachdem ſie in Caſterton ein⸗ gezogen waren, finden wir die beiden Gatten in der⸗ ſelben Bibliothek, wo wir zuletzt den Lord und Ma⸗ 1 ria ſahen. Elvira hatte ihren früheren Platz auf dem nie⸗ drigen Stuhle an der Seite des Sophas und Edwin . 1 . Stellung war es, in welcher wir uns von Anfang 303 den ſeinigen auf dem letztgenannten eingenommen. Ihre beiden Arme ruhten auf ſeinen Knieen, und ſie blickte hinauf in ſein vom Säbelhieb decorirtes, aber trotzddem männlich ſchönes Geſicht. In den Blicken, womit ſie ihn betrachtete, lag eine ganze Welt von Liebe. Caſterton's Hand ruhte auf ihrem Scheitel und er blickt ihr in die liebevollen Augen, um recht in ihnen zu leſen. — Jetzt, meine theure, geliebte Elvira,— ſagte er,— werde ich Dir eine Erklärung geben, worauf Du ſchon lange haſt warten müſſen, und welche zu erhalten Du ſo eifrig gewünſcht haſt. — Ich habe mit Fleiß damit bis zum erſten Abend in unſerer Heimath gezögert. Wie ſchön klin⸗ gen nicht die Worte: unſere Heimath; wie lange habe ich nicht auf den Augenblick warten müſſen, wo ich ſagen konnte: jetzt biſt Du mein mit Leib und Seele! — Aber dieſe Liebe, Edwin, hat die immer in Deinem Herzen gewohnt,— fiel Elvira ein,— und gerade der Umſtand, daß ich Dich ſo liebte, wie ich es gethan, hatte alle die Mißgriffe, die ich gemacht, zur Folge. Edwin ſtreichelte ſie mit der Hand über die reine Stirne und ſagte mit tiefem Ernſt: — Nein, Elvira, es war nicht Deine Liebe, welche an dem Uebel Schuld war, ſondern die ſchiefe an zu einander befanden,— Du durch Dein kind⸗ liches Verlangen nach einem Namen, ich durch meine derangirte ölonomiſche Lage, die mich zwang, mich 304 dem Golde zu opfern.— Wäre nicht das Ultima⸗ tum der Marquiſin gekommen, ſondern ich hätte Dich als freier Mann kennen gelernt, ſo wären wir von Anfang an in den Beſitz des Glückes gelangt, das wir jetzt beſitzen. — Deſſen wir aber wahrſcheinlich damals nicht werth waren,— ſagte Elvira,— weil daſſelbe uns ſo lange geflohen hat. — Möglich! Ich will glauben, daß alles, was geſchieht, ſo am beſten iſt.— Edwin küßte ihre Stirne, nahm dann einen Brief aus der Bruſttaſche und fügte hinzu:— Die Cabalen Anderer haben indeſſen Alles gethan, um uns von einander zu ent⸗ fernen und es für unſere Herzen unmöglich zu machen. daß ſie in ſolcher Liebe mit einander vereinigt wer⸗ den konnten, wie die iſt, die in ihnen wohnt. Das wird am beſten durch dieſen Brief hier bewieſen.— Wäre derſelbe mir früher zu Handen gekommen, dann hätte eine Erklärung zwiſchen mir und Dir ſtattge⸗ funden, und ich würde nie an dem Krieg in der Krim theilgenommen haben.— Er faltete den Brief auseinander und reichte denſelben Elvira, indem er ſagte Du kennſt die Handſchrift, es iſt Sidneys. — Der gute, der edle Freund!— flüſterte El⸗ vira gerührt und führte den Brief an ihre Lippen.— Warum glaubte ich nicht mehr an ihn, als an mei⸗ nen verletzten Stolz, — Willſt Du ſein letztes Schreiben leſen? — Nein, leſe Du es!— bat Elvira und lehnte ihren Kopf gegen die hochgewölbte Bruſt ihres Mannes. demſelben Verhältniß, wie meine Liebe ſich entwickelte, merkte ich, daß er mich nicht liebte und ich hörte ihn es ſchließlich zu Ihnen ſagen. „Mein verletztes und gekränktes Herz, mein Ent⸗ ſchluß keine Laſt für den Mann zu werden, den ich liebte, mein Stolz und Alles bewog mich, unſere Wege zu trennen. „Nahe oder fern, im Leben wie im Tode, würde ich nie einen andern Mann lieben; aber eher als daß ich es ihm geſtehe, der mich nur aus eigen⸗ nütziger Berechnung gewählt hat, mag mein Herz berſten. Niemals wird es ſich dazu erniedrigen, ihm eine Liebe anzubieten, die er nicht erwiedern kann, und an dem Tage, an welchem er entdeckte, daß ich ihn liebe, würde ich aus Scham über meine Schwäche ſterben; wenigſtens würden wir uns in dieſem Leben nie wieder ſehen. „Dieß vertraute Elvira mir an, und ich verſprach ihr, das Geſtändniß treulich geheim zu halten. „Ich habe es jetzt verrathen; aber ich that es, weil ich dadurch zu nützen glaubte. „Noch Eines. „Als Deine Frau auf der italieniſchen Oper auf⸗ treten wollte, da geſchah es, um durch dieſe Hand⸗ lung Dich des Verſprechens zu entbinden, welches Du der Marquiſin gegeben: Das Band nicht zu löſen, das Euch an einander feſſelte. „Sie wollte dadurch bewirken, daß ſie unberech⸗ tigt würde, Deinen Namen zu tragen, ohne ſich deß⸗ halb deſſelben unwürdig zu machen. Unter dem Einfluß ihrer exaltirten Gefühle ſuchte ſie auf dieſe Weiſe, Dir zur Freiheit zu ehbelſe D 308 einſt an Marthas Seite das Glück würdeſt genießen können, von welchem ſie meinte, daß jene durch ſie aus⸗ geſchloſſen würde. „Es war alſo das Reſultat der meiſt excentriſchen Liebe und Selbſtverläugnung. „Bei demſchwediſchen Geſandten kam es, während das Duett geſungen wurde, zwiſchen ihr und mir zu einer Erklärung, und damals geſtand ſie mir dieß. „Jetzt, Caſterton, weißt Du, daß Deine Frau Dich liebt; daß Du mit einer eiferſüchtigen Leidenſchaft ihr zugethan biſt, das weiß ich. „Warum denn nicht ſich gegen einander erklären? „Glück und Segen liegen ſo nahe. Strecke die Hand aus und Du wirſt in den Beſitz derſelben ge⸗ langen. Was ich hinzuzufügen habe, betrifft Martha Stangenſtjöld. Sie iſt Elviras erbittertſte Feindin. „Sie hat mit ihrem erfahrenen Blick bemerkt, daß ich Elvira liebe, und ſie hat mich durch die Vorſpiegelung, ich ſei geliebt, dazu zu verführen ge⸗ ſucht, auf andere Stimmen in meinem Innern, als die der Ehre zu hören. „Der einzige Gewinn, den ſie davon zog, war indeſſen nur der, daß ich ihre Abſicht durchſchaute. Ich ſah ein, daß ich in letzterer Zeit Elvira falſch beurtheilt hatte, weil ich durch Fräulein Armida mich auf den Gedanken hatte bringen laſſen, daß Elvira's Jugendliebe zu Brogren wieder erwacht ſei. Ich näherte mich Elvira und ſie gab mir jene Er⸗ klärung, welche ich Dir gebe. „Wenn Brogrens Kugel morgen meine Bruſt trifft, ſo ſterbe ich zufrieden, indem ich das Bewußt⸗ ſein mit ins Grab nehme, als ein Mann von Ehre geliebt und meine Liebe an keinen unwürdigen Ge⸗ genſtand verſchwendet zu haben, ſondern daß das Weib, das mein Herz beſeſſen, würdig iſt, von mei⸗ nem beſten Freund geliebt zu werden. „Leb wohl, Lord Caſterton; grüße ſie, deren Bild mir im Tode folgen wird, und lebe Du, um ſie ſo glücklich zu machen, wie ich es gewünſcht hätte Elvira zu machen! Liebe ſie ebenſo heilig und tief, wie ſie geliebt geweſen iſt von Deinem redlichen Freund Sidney Lembourn. Stille folgte auf das Leſen dieſes Briefes, wel⸗ ches ihnen den edelſten und beſten Freund wieder ins Gedächtniß rief. — Jedes Wort in dieſem Briefe,— ſagte El⸗ vira,— iſt ein treues Spiegelbild ſeines erhabenen Charakters. Ach, mein Geliebter, Du weißt nicht, wie viel ich ihm zu danken habe; er war es, der zuerſt entdeckte, daß ich in der italieniſchen Oper auftreten wollte; er war es, der Miſtriß Brow einen Wink davon gab und ihre Nach⸗ forſchungen auf die richtige Spur leitete, und er war es endlich, der mit hee dame M— ſprach, ſo daß ſie in dem entſcheidenden Augenblick auftrat. Er war es alſo, der mich von dem Abgrund rettete, in welchen ich beinahe uns beide geſtürzt hätte. Ich hatte in meiner Verblendung Monate lang die⸗ ſen Schritt vorbereitet und auf daß er mir um ſo ſicherer gelänge, war ich in Paris, Wien, Rom und ſelbſt in London als die reiche Lady Caſterton auf⸗ getreten, damit Alle mich kennen möchten, und Du 310 gezwungen würdeſt, Dein der Marquiſin gegebenes Verſprechen zu brechen. Ach, ich war von den Wor⸗ ten, welche Du an Martha geſchrieben:„nehme die⸗ ſes Weib von meinem Leben weg und ich bin der Glücklichſte unter den Sterblichen,“ ſo ausſchließlich erfüllt, daß ich Alles gethan haben würde, was mich nicht als Weib erniedrigte, damit Du frei würdeſt. — Das war nicht ſo leicht, da ich es ſelbſt nicht wollte,— fiel Edwin lächelnd ein. — Das erfuhr ich, aber zu ſpät,— antwortete Elvira.— Doch iſt es mir noch unklar, warum Du in den Krieg zogſt. Daß die Urſache nicht, wie ich glaubte, die war, daß Du Kenntniß von meiner Her⸗ kunft erhalten, das ſehe ich ein; aber welche war es denn, und warum thateſt Du, als ob Du mich nicht kennteſt, obgleich Du, als ich Dich verwundet auf dem Schlachtfelde fand, mich ſofort erkannteſt? Ich wußte, daß dieß der Fall war; aber bevor Du mich das wiſſen ließeſt, blieb ich eine franzöſiſche barmherzige Schweſter, und ließ Dich glauben, daß ich nicht entdeckt hätte, daß Du wüßteſt, Du hätteſt Deine Gattin an Deiner Seite. Ach, Du weißt nicht, wie ſehr Dein Schweigen mich ſchmerzte! Ich ſah darin einen deutlichen Beweis dafür, daß Du es wünſch⸗ teſt, die Geſchichte von meinem Tode möchte wahr geweſen ſein, und daß Du die Krankenwärterin nicht als Deine Frau anerkennen wollteſt, weil ſie die Tochter eines Weibes ſei, das ihr das Leben in einem Gefängniß gegeben. — Die Erklärung iſt bald gegeben,— ſagte Caſter⸗ ton.— Als ich nach Armidas Anweiſung nach Al⸗ torp fuhr, ſah ich Dich an der Seite eines Mannes —— ——. 311 ſitzen, welcher in dem Zwielicht, von welchem Ihr umgeben waret, mir Carl Brogren zu ſein ſchien. Ich ſchlich mich näher heran, um zu lauſchen. Meine Kenntniß der ſchwediſchen Sprache war nicht groß, aber hinreichend, um es zu verſtehen, als Du dieſe Worte ausſpracheſt:„ich werde mich zu den Füßen meines Mannes werfen und ihm meine Schande be⸗ kennen. Er wird mich vielleicht verſtoßen, aber er wird mir verzeihen,“— Darauf ſagteſt Du Etwas von einer Liebe die zum Verbrechen geführt, wahr⸗ ſcheinlich mit Beziehung auf Deine Mutter, obgleich ich glaubte, daß es eine Anſpielung auf die Schande ſei. von welcher Du geſprochen.— Den Eindruck, den dieſes Geſpräch auf mich machte, will ich nicht ſchildern.— Ich irrte mehrere Stunden im Walde herum, und als ich Nachts nach Timaſið zurückkehrte, war mein Entſchluß gefaßt, ohne Zorn, ohne Skan⸗ dal, ohne irgend eine Anklage abzureiſen und Dich für immer zu verlaſſen.— Ich hatte während dieſer Stunden über die Vergangenheit nachgedacht und hielt mich nicht für berechtigt, Dir Vorwürfe zu machen.— Als ich in meinem verwundeten Zuſtande Dich wieder erkannte, glaubte ich, daß die Reue Dich zu mir geführt, und ich beſchloß, Dir es nicht zu ſagen, daß ich wüßte, wer Du ſeieſt, bevor ich darüber Gewißheit erhalten, welches Gefühl Dich nach der Krim geführt. Ich hatte, als die Entzün⸗ dung in den Augen gehoben war, die Aerzte über⸗ redet, Dich fortwährend glauben zu laſſen, daß mein Geſicht angegriffen ſei.— Von meinem Kammer⸗ diener und Miſtriß Brow, den Einzigen von mei⸗ ner Umgebung auf Caſterton, welche Dich kannten, erfuhr ich, daß Du es ihnen verboten hatteſt zu er⸗ wähnen, daß Du es ſeieſt, weil Du es geweſen, die geſagt hätte, die todtgeſchoſſene Krankenpflegerin ſei Lady Caſterton. k — Ja, ich benutzte ihren Tod, um Dich von einer Frau zu befreien, um deren willen Du den Tod geſucht. — Die ich aber gerade dort wiederfand, liebend und ſich ſelbſt aufopfernd, wie ich ſie mir geträumt! — ſagte Edwin und ſchloß Elvira in ſeine Arme. Das Glück, welches ſo lange von beiden Gatten fern geweſen war, wurde ihnen für den Reſt ihres „Lebens zu Theil, und war nie durch eine Wolke des Kummers geſtört. Edwin fuhr fort derjenige zu ſein als welchen er ſich bereits bekannt gemacht, nämlich einer von Englands vorzüglichſten Rednern, und Elvira wurde Mutter von zwei Söhnen, die der Stolz des Vaters waren und das Glück der Mutter erhöhten. — Sie beſuchten ein Paar Mal Schweden, um Elviras Vater zu begrüßen und hatten die Genug⸗ thuung zu erfahren, daß die Lahmheit des Oberſten, die mehrere Jahre bis zu ſeinem Tode anhielt, das Band wurde, welches eine Annäherung zwiſchen Ström und Martha herbeiführte, ſo daß wenigſtens Friede und Ruhe, wenn auch nicht wahres Glück, ſich in ihrem Hauſe einſtellten. Eben ſo ſtreng, wie Ström in ſeiner Rache ge⸗ weſen, eben ſo theilnehmend und gut wurde er ge⸗ gen die hart Beſtrafte, und das Wohlwollen, das er gegen Marthas Vater an den Tag legte, war es auch, welches zwiſchen ihr und ihm eine Annäherung 313 bewirkte, obgleich der Unterſchied im Alter und die bittern Erinnerungen immer eine Scheidewand zwiſchen ihnen bilden mußten. Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung Elviras mit Lord Caſterton ſtarb der Fabrikbeſitzer von Harlén. Er entſchlief ſtille und ruhig ohne Schmer⸗ zen und wurde auf demſelben Kirchhofe begraben, auf welchem der Staub der Marquiſin ruhte. Lotta zog nach ſeinem Tode nach Altorp, wo ſie ruhig und vergnügt lebte und täglich Gott für das Glück, welches Elvira genoß, und für das Loos, 6 ihr ſelbſt beſchert worden, ihren Dank dar⸗ rachte. (Ende des zweiten und letzten Bandes.) ſſ ſ ſ 9 10 11. 13 1 5 1 1