Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.§ aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme nes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe terlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und öchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: W— W 2 F. . uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Eſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihez ieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darau fmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher ni i arf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von m ehen, auch dafür zu ſtehen haben. usgevite Werke von 7 Frun An. S. Schuattz A us dem Schwediſchen. ————— * Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. Gold und Uamr. Eine Erzählung von Marie Sophie Schwartz. Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Beventlow. Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. die beſtbeleuchtete Straße in Stockholm war. cErſte Abtheilung. Regen und Wind, ein bewölkter Himmel und ſchmutzige Straßen. verſtimmte Gemüther und dü⸗ ſteres Sinnen, das ſind die Begleiter des Herbſtes. Sünde und Verbrechen ſind gewiß in einer ſolchen Jahreszeit zur Welt gekommen. Der Herbſt 18— war regnigter und windiger, als gewöhnlich geweſen. Während des ganzen Oclober⸗Monats hatte der Himmel Ströme von Thränen geweint, der Sturm ununterbrochen geheult und die Sonne nicht ein einziges Mal die Rinde der Erde mit ihren beleben⸗ den Strahlen erfreut, ſondern ihr hübſches Geſicht hinter den ſchweren Wolkenſchleiern verborgen. Man befand ſich in den letzten Tagen des Octobers. Ein kalter Oſtwind zog pfeifend durch Stodholm und war von einem heftigen Regen begleitet, welcher die Rinnſteine in wirkliche Ströme und die Straßen in Seen verwandelte. Die Uhr der Adolph⸗Friedrichs⸗Kirche ſchlug ſieben. Es war ſo finſter, daß die knarrenden und hin⸗ und herſchwankenden Laternen kaum die Königinſtraße zu erleuchten vermochten, welche doch zu jener Zeit K Das ſchlechte Wetter hielt die Bewohner der gro⸗ ßen Stadt innerhalb ihrer vier Wände, und nur hie und da ſah man einen unglücklichen, armen Wan⸗ derer, welcher durch die Straßen ſtrich. Dieſe We⸗ nigen, welche Regen und Wind trotzten, gehörten zu den Auserwählten der Armuth. Beim letzten Glockenſchlag kam ein Mann aus dem Waiſenhauskeller heraus. Er war mit einem Ueberzieher angethan, deſſen Kragen aufgeſchlagen, und hatte eine Mütze auf dem Kopf, welche tief über die Stirne hinabgedrückt war. Seine Geſtalt war klein, ſchmächtig und krumm. Er trat wie es ſchien, ohne ſich durch Regen und Wind abſchrecken zu laſſen, mit raſchen Schritten heraus und bog eiligſt in das Schmiedehofsgäßchen ein. Dort herrſchte die vollkommenſte Dunkelheit. Die Beleuchtung hier war eben ſo düſter, wie der Ort, von welchem dieſes Gäßchen ſeinen Namen erhalten. Der Mann im Ueberzieher ſchien ſich indeſſen ſo⸗ wohl in der Dunkelheit heimiſch zu fühlen, als auch mit dem Wege vertraut zu ſein; er ging gerade aus, bis er ein Thor, welches nach dem Schmiedehof hinaufführte, erreicht hatte. Er blieb ſtehen und warf einen ſpähenden Blick um ſich herum. Alles war öde, und es kam Einem vor, als wenn der Regen hier dichter und ſchwerer fiel, und der Sturm wilder heulte, als anderswo. Der Wanderer drückte die Mütze tiefer in die Stirne, that einen Seufzer und lehnte ſich gegen das Thor, in der offenbaren Abſicht Sune — —ůꝓ mů˖ ˙ ˙ ˙ ũÜ—— „Jemanden zu Eine Minute nach der andern verſtrich. Endlich ſchlug die Uhr ein Viertel auf Achte, und noch ſtand der Mann da, gegen den Eingang zu dieſem trau⸗ rigen Verwahrungsort für die Kinder des Verbrechens gelehnt. In demſelben Augenblick hörte man Tritte von innen; der Schein einer Laterne bahnte ſich Weg durch die Ritzen; Schlüſſel raſſelten, das Schloß und die Angeln knarrten, das Thor ging auf, und ein Weib wurde herausgelaſſen. Sie war in einen großen Shawl gehüllt, und ſchien etwas darunter zu tragen. Als das Gefängnißthor wieder zugeſchloſſen wurde, trat der Mann, welcher ſich etwas auf die Seite ge⸗ ſtellt hatte, hervor. — Wie ſteht es,— fragte er. — Alles iſt überſtanden und auch zu Ende,— antwortete das Weib aufgeregt. — Komm, laß uns gehen!— murmelte der Mann, fügte aber, nachdem er einige Schritte gethan und dann ſtehen geblieben, hinzu: — Zu Ende,— ſagten Sie, Lotta, was meinen Sie damit? — Ich meine, daß ſie todt iſt. Der Mann ſetzte, von dem Weibe begleitet, ſeinen Weg fort, ohne etwas Weiteres hinzuzufügen. Als ſie in die Königinſtraße hineinkamen, fanden ſie dort eine Droſchke, welche grade an der Ecke neben dem Waiſenhaus hielt. — Steigen Sie in den Wagen!— bemerkte der Mann und half ſeiner Begleiterin, der Aufforderung nachzukommen, worauf er neben ihr Platz nahm und Thränen, daß ſie unauslöſchliche Spuren hätten hin⸗ terlaſſen müſſen.* dem Kutſcher nach der Baggensſtraße Nr. 0 zu fah⸗ ren befahl. Raſſelnd rollte der Wagen von dannen; aber bei dem Schütteln deſſelben hörte man ein Winſeln aus dem großen Shawl, welcher das Weib und den Ge⸗ genſtand, den dasſelbe darunter trug, umhüllte. Der Mann fuhr zuſammen, ſagte aber nichts. In unun⸗ terbrochenem Schweigen wurde die Fahrt bis zu der vorgeſchriebenen Stelle fortgeſetzt. Dort angekommen, ſtiegen ſie vier Treppen hinauf und befanden ſich endlich unter dem Dach. Der Mann öffnete eine Thüre. Drinnen war es finſter. Der Regen ſchlug unbarmherzig praſſelnd gegen die Dachziegel, und der Wind pfiff klagend an den Fen⸗ ſterladen vorbei. Das Zimmer, in welches ſie eintraten, war in⸗ deſſen warm, und einige Augenblicke darauf hatte der Mann ein armſeliges Talglicht angezündet, wel⸗ ches nur ſchwach die dürftige Wohnung erleuchtete. Das Weib warf einen haſtigen Blick im Zimmer umher. Dasſelbe war groß und reinlich, aber ſo ſpärlich möblirt, daß es kahl und leer ausſah. Sie ſeufzte und wandte ſich weg vom Manne, welcher mit dem Lichte in der Hand da ſtand und den Blick auf ſie heftete. Sie nahm den Shawl ab und beugte ſich über ein zartes Kind, das ſie in ihren Armen hielt. Ein Paar große Thränen fiel auf das Geſicht des kleinen Geſchöpfs. Sie waren ſo bitter, dieſe Der Mann hatte noch nicht ſeinen Rock und ſein 3 1 Mütze abgenommen, ſondern ſtand da vom Regen triefend und heftete unausgeſetzt ſeine Augen auf die Gäſte, welche er in ſeine Wohnung eingeführt hatte; von ſeinem Geſicht konnte man nichts mehr, als die Augen ſehen, welche jetzt einen wunderbaren Glanz beſaßen. — Iſt das Kind ein Knabe, oder ein Mädchen?— fragte er nach einer Weile und ſtellte das Licht weg. — Ein Mädchen,— war die Antwort. — Gottlob!— murmelte der Mann, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. Er nahm jetzt den Rock und die Mütze ab und ging dann in ein hinteres kleines Zimmer hinein. Das Weib hatte ſich auf einen Schemel geſetzt und hielt das Kind auf den Knieen, welche es in Schlaf lullten, während die Thränen immer reichlicher und reichlicher über die jungen und blühenden Wan⸗ gen floſſen. Der Mann hatte indeſſen Feuer angemacht, wor⸗ auf er ſich dem jungen Weibe gegenüber ſetzte. — Nun, Lotta, theilen Sie jetzt Alles mit!— ſagte er. — Ach, Herr Bromér, es gibt nicht viel zu er⸗ zählen. Zwei Stunden nach der Geburt des Mäd⸗ chens ſtarb die Mutter. Sie entſchlief ganz ſtill, ohne Schmerzen, und ihre letzten Worte waren: „Lotta, nehme mein kleines Mädchen in Deine Obhut und bitte Herrn Bromér, ſein Wort zu hal⸗ ten! Gott erbarme ſich meines unglücklichen Kindes und deſſen unglücklichen Vaters!“ Als ſie dieß geſagt hatte, ſprach ſie nicht mehr. Eine halbe Stunde darauf war es vorbei; vor⸗ cher Einen mit dem Eckigen und Abſtoßenden in d bei mit einem jungen Leben und das nur wegen einer unglücklichen Ehe. Du lieber Gott, wenn ich daran denke, daß ſie im.... im.... Schmiede⸗ hof ſtarb.... dann möchte ich mich zu Tod weinen. Sie 0 Herr Jeſus, es iſt ein Ge⸗ fühl, als wenn das Herz in tauſend Stücke gehen ſollte. Und das Mädchen hier.... das innerhalb jener ſchrecklichen Wände geboren iſt!... Himm⸗ liſcher Vater, ich kann das nie überleben nein, es iſt unmöglich;— ich kann den Gedanken nicht ertragen. Lotta, welche vorher ſtille geweint hatte, brach jetzt in ein ſo lautes Schluchzen aus, daß das Kind erwachte und zu winſeln begann. Bromér ſchien einige Minuten ſowohl gegen die Klagen der Kleinen, wie gegen die ihrer Wärterin gefühllos zu ſein. Er ſtarrte mit einem abwehren⸗ den Blick in das Feuer hinein, und wir benützen die Gelegenheit, ganz flüchtig dieſes Geſicht zu bezeich⸗ nen, welches Einem beim erſten Blick häßlich, ja ab⸗ ſtoßend vorkam. Aron Bromér war ein Mann von einigen und vierzig Jahren, von magerem und zerſtörtem Ausſehen, mit dünnem, dunkelem Haar, welches den Scheitel ganz kahl ließ, einer hervorſtehenden Stirne, die an den Schläfen etwas breit war, einer erhabe⸗ nen, ungewöhnlich langen Naſe, breitem Munde mit dünnen Lippen, großen Kinnladen und ditto Geſichts⸗ knochen, buſchigen Augönbraunen, unter welchen ein Paar klare, glänzende, obgleich kleine Augen hervor⸗ guckten. Es war der Ausdruck in jenem Blick, wel⸗ 11 übrigen Geſichtszügen verſöhnte. Wenn man in dieſe Augen blickte, die einer beſtimmten Farbe oder einer hübſchen Form entbehrten, ſo vergaß man, daß die Haut Pergament glich, daß die Naſe etwas vom Schnabel eines Raubvogels hatte, und daß der Mund an die Katze erinnerte. Nachdem Bromér lange Zeit in das Feuer ge⸗ ſtarrt, und Lotta und das Kind fortgefahren hatten, ihrem Schmerz auf laute Weiſe Luft zu machen, wandte er ſich plötzlich an Lotta und ſagte: — Hör' auf zu heulen, das nützt zu nichts! Sie kann damit nicht die Todten erwecken, und dieſem Kinde nicht Eltern und einen geachteten Namen ge⸗ ben, und weinte Sie auch Ströme von Thränen. Es iſt am beſten, daß man nicht mit unnützen Dingen verſchwenderiſch umgeht. Höre Sie ſtatt deſſen, was ich zu ſagen habe.— Ich habe verſprochen, mich des Kindes anzunehmen; ich werde auch mein Wort hal⸗ ten; aber Sie, wie alle Andern, weiß, daß ich ein armer Kerl bin.— Indeſſen beſitze ich ſo viel, daß ich das Kind und die Wärterin verſorgen kann; aber ſie müſſen Beide geringe Anſprüche machen. Dieſes Zimmer muß Lotta mit dem Kinde bewohnen. Ich ſekbſt werde mich an das kleine Gelaß da drinnen gewöhnen. Daß es Euch an dem Nothwendigen nicht fehle, dafür werde ich ſorgen. Das Mädchen muß bei den Nachbarn für das meinige gelten. Wenn ich auch nicht einen ſo ganz guten Ruf habe, ſo— nun ja, ſo iſt er doch immer beſſer als des⸗ jenigen, welchem die Kleine das Leben zu verdanken u.— Und jetzt, Lotta, muß Sie ſich beſtimmt ausſprechen: will Sie, als die Wärterin des Kindes, 12 ſich allen den Entſagungen unterwerfen, welche Sie erwarten, oder will Sie lieber das Mädchen ver⸗ laſſen und mir daſſelbe ganz und gar über⸗ laſſen und ſich einen beſſeren Dienſt verſchaffen, ſo thue Sie das. Faſſe Sie ihren Beſchluß bis morgen, denn zieht Sie es vor, das Kind zu verlaſſen, dann ſorge ich dafür, daß es eine andere Wärterin be⸗ kommt. Wenn Sie Ihre Wahl getroffen, dann will ich nichts mehr von der Herkunft des Kindes ſpre⸗ chen hören. Habe ich mich deſſelben angenommen, ſo will ich auch zu vergeſſen ſuchen, daß ein Anderer als ich der Vater deſſelben iſt. Ich werde auf eine ſolche Weiſe für es leben und wirken, als wenn es das meinige wäre. Verſteht Sie? Herr Bromer ſtand auf, um in ſein Zimmer hin⸗ einzugehen; aber Lotta hielt ihn mit den Worten zurück: — Ich brauche keine Bedenkzeit. Ich habe der Mutter verſprochen, das Kind zu pflegen, und ich gedenke auch das, was ich verſprochen, zu halten. Wo das Kind iſt, da bleibe ich. Jetzt hat Herr Bromér mein Wort. Lotta trocknete die Thränen und drückte das kleine Weſen mit einem Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit an ihre Bruſt. Eine Stunde ſpäter ſagte Herr Bromér Lotta gute Nacht und zog ſich in ſein Zimmer zurück. In dem Zimmer, welches es ſich vorbehalten, be⸗ fand ſich kein Ofen, ſondern er wurde von demſelben erwärmt, welcher in dem vorderen Zimmer die Feuer⸗ ſtätte ausmachte. Das Meublement beſtand aus einem ungehobelten Beit, einem hölzernen Stuhl und 13 einem großen Koffer. Durch eine Scheibe an der Thüre bekam es Licht von dem großen Zimmer. Als Bromér, nachdem er es für das Kind und deſſen Wärterin ſo bequem als möglich zu machen geſucht hatte, in dieſen Winkel eintrat, ſetzte er ſich aufs Bett, ſtützte den Kopf auf die Hände und fiel in Gedanken. Der Schein eines dünnen Talglichts, welches in eine Flaſche geſteckt war, warf ein melan⸗ choliſches Licht auf den Grübler und ſchien mit ſei⸗ nem langen, rauchenden Docht an den wenig ange⸗ nehmen Gedanken theilzunehmen, welche ſich in ſeiner geſenkten Stirne bewegten. Eine ganze Stunde verfloß, ohne daß er ſeine Stellung änderte. Endlich ſtand er auf und trat hin zu dem großen Koffer, den er öffnete, und aus welchem er ein Ta⸗ ſchenbuch herausnahm. Es war nicht beſonders dick. Bromer legte das Taſchenbuch auf den Stuhl, auf welchem das Licht ſtand, und fing dann an, auf der Bettkante ſitzend, den Inhalt nachzuzählen. Ob⸗ gleich er zweimal die Banknoten vor ſeine Augen ausbreitete, konnte er doch nicht eine höhere Summe als 540 Reichsthaler herausbekommen. Als er die beſchmutzten Papierlappen zum zweitenmale unter⸗ ſucht und genau geglättet hatte, legte er ſie wieder mit einem Seufzer in ſein Taſchenbuch und ſagte für ſich: — Wie vielen Entſagungen habe ich mich nicht unterworfen, um dieſe kleine Summe zuſammen zu bringen? Wie feſt war nicht mein Beſchluß, dieſelbe nicht anzurühren?— Jetzt ſcheint es indeſſen, daß 14 ich dazu gezwungen werde, um für das Würmchen ſorgen zu können. Aus der Bruſttaſche zog er ein anderes, ſehr mageres Taſchenbuch, von deſſen Geldinhalt man nicht lange in Ungewißheit zu ſchweben brauchte, denn der Betrag überſtieg nicht zwei Reichsthaler. Als er das Laſchenbuch zuſammenlegen wollte, fiel ein vom Alter gelb gewordenes Papier aus demſelben. Er nahm es auf und flüſterte:— Das Teſtament meiner Mutter!— Ein Zug ſchmerzlicher Bewegung, welcher mit Etwas vermiſcht war, das Jronie glich, glitt über ſein Geſicht, als er hinzufügte: — Dieſes Teſtament hat nicht die Gewinnſucht von irgend Jemanden reizen können. Laß mich mal ſehen, was es enthält, obgleich ich es ſollte auswen⸗ dig wiſſen können. Er las halblaut: „Mein Sohn, um ſich einen Namen zu erwerben, ſind ausgezeichnete Verdienſte und ein tadelloſer Wan⸗ del erforderlich; um Gold zu gewinnen, ſind Arbeit⸗ ſamkeit, Ausdauer und Verſchlagenheit nothwendig. Du biſt arm, fange damit an, zu arbeiten;— Du biſt ohne Namen, beſtrebe Dich eines tadelloſen Wandels. Durch Arbeit und Redlichkeit wirſt Du gewinnen, was Dir jetzt fehlt. Dieſe Rathſchläge machen das Teſtament Deiner Mutter aus.“ Langſam faltete Bromér das Papier wieder zu⸗ ſammen, legte es in das Taſchenbuch, aus welchem es gefallen, zurück, und vertiefte ſich wieder in Ge⸗ Sicherlich ging er ſein vergangenes Leben durch, und dieſe Unterſuchung ſchien ihm keine große Freude 8 15 zu machen, weil er haſtig den Kopf erhob und ganz laut äußerte: — Die Vergangenheit iſt wie ſie iſt und kann nicht anders werden. Die Möglichkeit, mir einen Namen zu erwerben, habe ich verſpielt, und ebenſo die Aus⸗ ſicht, mir durch Arbeit ein Vermögen zu verſchaffen; es bleibt mir alſo nur übrig, mich auf Speculatio⸗ nen zu legen. Ich muß reich werden; ſchon vor langer Zeit habe ich es beſchloſſen, und jetzt habe ich einen Grund, nach Gold zu ſtreben, damit ich es eines Tages dem Kinde geben kann. Ich beſitze 500 Reichs⸗ thaler, Mancher hat mit weniger angefangen. Es iſt ausgemacht; ich werde Kaufmann, aber Kaufmann auf meine Weiſe;— und jetzt, Aron Bromeér, gehe zur Ruhe, um morgen deine neue Laufbahn zu be⸗ ginnen! Dank, meine Mutter, Dein Teſtament hat mir bisher nichts genützt; künftig wird es Segen mit ſich bringen. Das Wort„Verſchlagenheit“ hat mir die Augen geöffnet. Bromer legte ſich ſchlafen. Vald herrſchten Dun⸗ kelheit und Stille in ſeinem Schlupfwinkel, aber nicht in dem großen Zimmer. Lotta hatte es nicht über ſich bringen können, zur Ruhe zu gehen. Sie ſaß neben dem Bett, welches ihr beſtimmt war, mit dem Kind auf ihren Knieen und die Hände wie zum Gebete gefaltet. Der Aus⸗ druck in ihrem Geſicht war traurig und unruhig. Ihr Blick war in die Höhe gerichtet, als wenn ſie in dem ſtillen Gebet Troſt und Ruhe zu finden ſuchte. Es war noch jung, dieſes Weib, welches ſich ma nich den ein Er mei wel glit von ſehe ſind biſt gew mach ſamt es g dank 6 und verpflichtet hatte, das Kind eines Andern zu pfle⸗ gen. Ihr Aeußeres war vortheilhaft und aus den großen hellbraunen Augen ſprachen Güte und Ehr⸗ lichkeit. Lange ſaß ſie im Gebet verſunken. Als ſie end⸗ lich die gefalteten Hände öffnete, blickte ſie herab auf das ſchlummernde Kind und flüſterte: — Niemals werde ich Dich verlaſſen, und wenn ich auch nichts mehr vermag, ſo werde ich Deinem Herzen Liebe zu Gott und zum Nächſten einpflan⸗ zen. Joa, das werde ich, wenn der Höchſte mich leben läßt. Lotta berührte leiſe die Stirne des Kindes, in⸗ dem ſie den Segen des Herrn auf deſſen Haupt herabflehte, worauf ſie in den Armen des Schlafes die Sorgen des Tages zu vergeſſen ſuchte. Als Bromér mit dem Vorfatz entſchlief, Geld für das Mädchen zu erwerben, ſchlummerte Lotta unter einem warmen Gebet zu dem Allgütigen ein, daß Er ihr Kraft und Fähigkeit geben möchte, ihren Schützling zu einem guten und frommen, Gott und Menſchen angenehmen Weibe zu erziehen. Ein Zeitraum von neun Jahren ſind ſeit dem obengenannten Abend verfloſſen. Es iſt Frühling.* Die Maiſonne vergoldet mit ihren Abendſtrahlen die Kirchen⸗ und Häuſerdächer der Hauptſtadt. Alle, welche Recht und Vermögen hatten, über ihre Zeit zu disponiren, hatten ſich vor die Stadt⸗ —„— 17 thore begeben, um dem Geſang der Vögel zu lau⸗ ſchen und den Duft der Frühlingsluft einzuathmen. Das Innere der Stadt ſelhſt mit ſeinen ſchma⸗ len, engen Gaſſen und hohen Häuſern kam Einem düſterer und ungeſunder vor als ſonſt. Das an⸗ muthige Lächeln des Frühlings vermochte nicht den⸗ ſelben ein traulicheres Ausſehen zu verleihen, ſon⸗ dern vermehrte nur das Unangenehme, das es hatte, gezwungen zu ſein, dort zu weilen. Trotz dem wenig Einladenden, welches jene Ge⸗ gend beſitzt, müſſen wir doch den Weg dorthin nehmen und durch das Bollhusgäßchen nach dem Kaufmannsmarkte wandern. Dort finden wir einen Kleiderhändlerladen, wel⸗ cher vor neun Jahren nicht exiſtirte, und wenn wir den erſten beſten Lehrjungen fragen, wem der Laden gehöre, erhalten wir ſofort zur Antwort: — Mein Gott, der gehört dem Kleiderhändler und Pfandverleiher Bromeér! Wenn er dieſen Beſcheid ertheilt hat, wird er einen verächtlichen Blick auf den Frager werfen, der eine ſo berühmte Perſönlichkeit wie Bromer nicht kennt, der alle alte und auch neue Kleider auf⸗ kauft; ihn, der außerdem den Armen damit dient, daß er ihnen gegen einen billigen Zins Geld auf Gold und Silber, Kleider und Ffandzettel leiht, und bei dem man ſich auch zu einem billigen Preis mit Möbeln verſehen kann, wenn man nur nicht zu große Anſprüche auf Lurus macht. Es gab keine Auction, bei welcher Herr Bromér i erſchien, und es gab wohl Niemanden unter kden verſchämten Armen, welche ſich nicht an Herrn Schwartz, Gold und Name. 1. 2 Bromér gewandt, um irgend eine Kleinigkeit, ein Kleinod oder ein Kleidungsſtück zu verſetzen oder zu verkaufen. Bmn ſeiner doppelten Eigenſchaft als Kleiderhänd⸗ ler und Pfandleiher hatte Herr Bromér fortwährend die Augen der Polizei auf ſich gerichtet, aber trotz der beharrlichſten Spionirerei ihrer Spürhunde, war es nicht gelungen herauszufinden, ob Herr Bromér ſich auch mit dem Einkauf von Diebsſachen beſchäf⸗ tigte.— Was indeſſen gewiß war, iſt, daß er nie damit betroffen wurde, oder auf irgend eine andere Weiſe mit der Polizei in Colliſion gerieth. Nachdem wir uns eine Weile, vor dem Laden Bromérs aufgehalten und über ſeine Geſchäftsver⸗ hältniſſe im Klaren ſind, nehmen wir den Weg nach der Baggensgaſſe und nach demſelben Hauſe, das wir einmal früher beſucht haben. Wir ſteigen vier Treppen hinauf und treten in das große Zimmer, deſſen Meublement ſo ziemlich daſſelbe iſt, wie damals, als wir es das letztemal ſahen, nur mit dem Unterſchied, daß es jetzt einen altmodiſchen Secretair und zwei Betten ſtatt früher einen, ſowie einige Stühle mehr dort gibt. Wir finden Lotta vor einem Tiſche ſitzend und eifrig mit Handarbeit beſchäftigt.— Am offenen Fenſter ſteht ein Mädchen von neun Jahren auf einem Stuhl, auf den es hinaufgeklettert iſt. Es ſtützt die Ellenbogen auf den Fenſterpfoſten und ruht mit dem Kinn auf den geballten Händen. Mit einem Blick der Unzufriedenheit, der Unge⸗ duld und der Sehnſucht folgt es den Wölkchen, welche über die tiefblaue Himmelsfeſte dahinſchweben. fiel das kleine Mödchen heftig ein und ihre bleichen 19 Das Geſicht des Kindes iſt weder hübſch noch häßlich. Es iſt eine dieſer gewöhnlichen Kinder⸗ phyſiognomien, von denen man nicht ſagen kann, ob ſie ſich zur Schönheit oder zu Etwas unter einem mittelmäßigen Ausſehen entwickeln werden. Das einzige Bemerkenswerthe an dem Aeußern des Mäd⸗ chens war ihre außerordentliche Bläſſe und das reiche, dunkle Haar, welches in langen, dichten Flechten den Rücken hinabhingen. Sie war einfach aber reinlich gekleidet. — Worüber verwundert Elvira ſich?— be⸗ merkte Lotta und blickte von ihrer Arbeit auf.— Komm her, mein liebes Kind, und erzähle mir, wo⸗ mit Du Deine Gedanken beſchäftigſt. Ich glaube, Du ſtandeſt und ſaheſt hinauf nach dem Himmel. Viel⸗ leicht, daß Du zu unſerer Aller Vater beteteſt. Elvira ſtieg vom Stuhle herab und näherte ſich Lotta mit zögernden Schritten.— Sie ſteckte das Kinn in die Bruſt und ſchielte ganz unzufrieden nach der Wärterin, als wenn ſie verdrießlich darüber wäre, daß ſie geſtört worden ſei. — Nun, Elvira, warum antworteſt Du nicht, wenn Dadda fragt?— Ich weiß zwar, mein Her⸗ zenskind, daß Du nicht etwas Anderes denken kangſt, als was fromm und Gott angenehm iſt, ſo daß Du Dich nicht zu ſchämen brauchſt, daß Du mit Deinen Gedanken bei ihm biſt, welcher.. — Stille Dadda, es gefällt mir nicht, daß Du ſo ſprichſt, das iſt langweilig. — Was ſagſt Du, iſt es langweilig, daß. — Daß Du immerwährend von Gott ſprichſt,— 1 Wangen wurden roth.— Ja, das meine ich. Es wäre beſſer, daß Du mit mir ſpielteſt, wenn ich nicht froh bin. Wenn ich nach dem Himmel hinaufſehe, werde ich verdrießlich, denn ich möchte auf den Wolken ſitzen und weit, weit von hier fortziehen; und da ich das nicht kann, ſo ſcheint es mir als wenn Gott, Papa und Du böſe wäret, weil Ihr mich einſperrt. — Die Kinder des Schuhmachers hier neben uns dür⸗ ſen fortgehen, auf der Straße ſpielen und ſich un⸗ terhalten; aber ich darf nie hinaus.— Es iſt nicht hübſch von Dir, daß Du mich nicht fortſpringen und mit den anderen Kindern ſpielen läßt. Es iſt nicht recht von Papa, daß er es mir verbietet dieſes häß⸗ liche Zimmer zu verlaſſen, und Gott iſt nicht gut, daß er es erlaubt, daß Papa und Dadda ſo böſe ſind. Das Mädchen fing an zu weinen. Lotta ſaß da ganz erſtaunt. Freilich war ſie an die Ungebuld des Kindes gewöhnt; aber nie früher hatte das Mädchen darüber geklagt, daß Gott nicht gut ſei. Lotta glaubte, daß ſie nicht recht ge⸗ hört. War es möglich, daß ihre kleine Elvira ſo gottloſe Worte ſprechen konnte? Lotta faltete die Hände, erhob ihren Blick gegen die Decke und mprmelte: — Herr da oben, verzeihe dieſem Kinde, wenn es nicht begreift, welche Sünde es begeht! — Wenn Du ſo ſprichſt, Dadda,— ſiel Elvira ein und ſtampfte mit dem Fuß in den Boden,— ſo gehe ich hin und werfe mich aus dem Fenſter“ hin— Ja, das thue ich, und dann magſt Duh dat weinen, daß Du daran Schuld geweſen, und Ms geſchähe Dir und Papa und Cott Recht. — 21 — Kind,— rief Lotta, und faßte das Mädchen an beiden Armen,— ſpreche nicht ſo von dem Höch⸗ ſten, denn dann weiß ich nicht, was ich thue! Meint Elvira, daß ſie ſich gut beträgt, daß ſie fromm und geduldig iſt, wenn ſie ſo ſpricht? Wie gut ſind nicht Alle gegen Elvira, und für wie viel hat ſie nicht ihrem himmliſchen Vater zu danken? Wüßte er es, dann.. — Wollte ja nur hinaus und ſpielen,— brach Elvira aus, welche, während Lotta ſprach, zu weinen aufgehört hatte und die Thränen mit der Rückeite der Hand abtrocknete.— Seit der Schnee geſchmol⸗ zen,— fuhr ſie fort,— haſt Du mich nur ein ein⸗ ziges Mal mit hinausgenommen, und niemals, nie⸗ mals darf ich wie die Anderen im Grünen herum⸗ ſpringen, und nie lachen und ſpielen, und das iſt grade das, was ich will.— Höre Du, ich will nicht im Zimmer ſitzen, ich will nicht allein mit Dir ſein, ich will nicht. Elvira kam nicht dazu, den Satz zu vollenden, ſondern wurde plötzlich von einer ſcharfen Mannes⸗ ſtimme unterbrochen, welche bemerkte: — Mein Gott, Vira, wie Du ſchreiſt! Das war ſehr, ſehr häßlich! Pſui! pfui! — Clvira drehte ſich um. Bromer ſtand da und ſah das Mödchen an, aber nicht mit Strenge, ja nicht einmal mit Ernſt, ſondern mit einem ſchelmiſchen Lächeln. Sie bückte ihren Kopf herunter. Bromér fuhr fort: Pat Dadda Dich jetzt wieder geärgert 8 war böſe von ihr; beſonders da ſie ſo du iſt,„ Veinetwegen Tag und Nacht zu arbeiten und immer ſo freundlich gegen Dich iſt und Dich ſo lieb hat. Ja, ja, Kindchen, ſie verdient es wohl, daß Du gegen ſie mit dem Fuß in den Boden ſtampſt.* Bromer ſchwieg, und Lotta beugte ſich herab, um ihre Bewegung zu verbergen. Die Kleine kaute an den Nägeln und blickte ſcheu von unten hervor. — Wenn Dadda nicht ſo böſe gegen Dich gewe⸗ ſen wäre,— fuhr Bromér fort,— ſo hätte ſie heute Abend Dich und mich nach Haga begleiten dürfen; aber jetzt wird ſie wohl zu Hauſe bleiben müſſen, während Du und ich fortfahren, und das mit Recht. Jetzt war es vorbei mit Elvira; ſie ſprang auf Bromér zu, warf ſich um ſeinen Hals und bat ihn, daß er nicht ſo ſprechen möchte, denn es wäre gerade ſie, Vira, welche ſich ſo ſchlecht betragen. Ja, ſie wäre ſehr, ſehr häßlich geweſen, und verdiente gewiß nicht, daß ſich Jemand um ſie kümmerte. Elvira war in dieſem Augenblick ebenſo liebens⸗ würdig, wie ſie im Augenblick vorher böſe und un⸗ erträgiich geweſen; und Bromérs Geſicht glänzte auch vor Vergnügen, als das Mädchen von ihm zu Lotta hinſprang, um ſie zu bitten, nicht verdrießlich zu ſein. Eine Stunde ſpäter hatte Lotta Elvira ihre al⸗ lerbeſten Kleider und einen neuen Nanking⸗Kragen angezogen, welchen Bromér mit nach Hauſe gebracht, worauf alle drei hinuntergingen, um in einem Wa⸗ gen Platz zu nehmen, der vor dem Thore hielt. Elvira war überglücklich. Sie klatſchte vor Ent⸗ zücken in die Hände, als ſie bei Haga ausſtiegen, und ſie dort frei und ungezwungen herumſpringen, Blumen pflücken und Schmetterlinge fangen durfte. Bromér hatte ſich auf eine Vont geſetzt und 23 folgte dem Kinde mit den Augen, während Lotta hingegangen war, um ſich mit Laub zur Ausſchmü⸗ ckung der Wohnung, wenn ſie nach Hauſe gekommen, zu verſehen. — Elvira!— rief endlich Bromér. Das Mädchen kam zu ihm hingeflogen. — Freuſt Du Dich?— fragte er und ſtreichelte die Wangen des Kindes. — Mehr als ich ſagen kann,— verſicherte die Kleine und reichte ihm den Mund zum Kuß. — Aber Morgen, wenn Du allein bei Lotta ſitzeſt, dann wirſt Du wohl wieder böſe und zankſt mit ihr?— hob Bromér wieder an. — Ach ja,— ſeufzte das Kind,— dann werde ich wohl wieder ſo verdrießlich! Wenn ich jetzt dort⸗ hin komme und allein mit Dadda bin, dann ſcheint es mir, als wenn Alle ſchlimm wären, und dann kann ich nicht gut ſein. Aber ſieh mal, hier da drauſen im Gruͤnen liebe ich Gott, Dich und Dav⸗ da ſehr. — Wenn Du beſtändig auf dem Lande ſein dürfteſt, würdeſt Du dann immer gut ſein?— frägte Bromér. — Ja, das würde ich gewiß, wenn Du mich auch nur im Walde ſein laſſen wollteſt und mich nicht einſperrſt, wie Du es jetzt thuſt. Sage nur, Papa, warum ich nicht ausgehen darf, wie andere Kinder? GFlvira ſah Bromér mit einem ſpähenden Be ins Geſicht. — Weil Du dann mit denjenigen zuſ kommſt, die nicht gut ſind; aber wir wol 24 davon reden, ſondern ich werde Dir eine Neuigkeit mittheilen, die Dich frohmachen wird. — Was kann das ſein? Sage es heraus!— bat Elvira und hüpfte hin zu Bromér. — Das iſt, daß Du und Lotta in ein Paar Tagen aus der Kammer zu Hauſe und auf das Land ausziehen ſollet, wo Ihr den Sommer bleiben werdet. — Und dann Du?— fragte das Mädchen mit funkelnden Augen. — Hm,— ich komme und beſuche Euch. Nun, mein Mädchen, biſt Du zufrieden? Elviras Augen ſtanden voll Thränen. Sie ſchlang die Arme um Bromérs Hals und flüſterte: — Gott und Du ſind doch recht gut gegen mich und Dadda. Vira wird nie mehr ſo böſe ſein. Darauf flog ſie fort zu Lotta, um ihr unter lau⸗ tem Jubel die große Neuigkeit mitzutheilen. Bro⸗ mér folgte ihr mit den Augen und dachte: — Ich habe Recht gethan, das Mädchen bedarf Freiheit und Landluft. Aber damit iſt nicht genug, 1 ſie bedarf auch Erziehung. Doch das wird erſt, wenn 1 der Herbſt kommt, daß ich an die Sache denken werde. Eine Woche darauf finden wir Elvira und Lotta„ bei der verwittweten Propſtin Sabina Brogren auf Altorp eingemiethet.. a Altorp hatte eine ungewöhnlich hübſche Lage, mit lusſicht auf eine der größeren Buchten des Mee⸗ k Der kleine Hof war von Fichtenwald, mit Bir⸗ wachſenen Hügeln, hohen Bergen und dazwi⸗ ünenden Wieſen umgeben. il ropſtin Brogren, welche erſt ſeit einigen 25 wenigen Jahren Wittwe war, hatte beſchloſſen durch Koſt⸗ und Wohnunggeben und durch Einrichtung einer Penſion für Mädchen ihre ökonomiſche Lage zu verbeſſern und ſo viel Zuſchuß zu ihren kleinen Ein⸗ künften zu gewinnen, daß ſie damit das Studiren ihrer beiden Söhne beſtreiten konnte. Elvira und Lotta waren die einzigen Penſionäre, welche ſie bis jetzt erhalten. Erſt gegen den Herbſt hatte ſie Ausſicht, durch die Empfehlung des Oberſten Stangenfkjöld auf Timaſjö nicht weniger als acht weibliche Penſionäre zu erhalten. Eine Lehrerin war auch gegen Ende des Sommers engagirt, und unſere Propſtin rechnete darauf, daß ſie noch mehr Zöglinge erhalten würde, wenn nur ihre Erziehungsanſtalt erſt bekannt wäre. Die Propſtin Brogren war ein ganz verſchmitz⸗ tes Frauenzimmer, dem Charakter nach weder beſſer noch ſchlechter, als die Mehrzahl ihres Geſchlechts. Die hervorſtechendſten Züge bei ihr waren Eigen⸗ nutz, Berechnung und Neugierde. Sie war ſo weit nöthig gut, geſchwätzig und thätig, aber nicht be⸗ nders heftig, ſowie im täglichen Leben freundlich gegen ihre Umgebung, aber ohne alle Liebe zu irgend Jemanden als zu ihren Söhnen und ſich ſelbſt. Die übrige Welt wurde von ihr uur ſo betrachtet, als wenn ſie dazu da ſei, damit ſie von ſo vielen Witgliedern derſelben als möglich Zehnten erheben önnte. ₰ at für Elvira und Lotta. ſie auch nicht viele Tage in hrem Hauſe gehabt, als ſie ihren Plan gelegt hatte, Vromér bezahlte gu te i ſie für beſtändig zu behalten. Sie beſchloß alſo, ſich gut Die Propſtin hat mit Lotta zu ſtellen, ſo daß dieſe Bromér den Rath geben konnte, Elvira bei der Propſtin bleiben zu iaſſen, um dort ihre Erziehung zu erhalten. Auch auf das Mädchen wurde mittelſt Bretzeln, Küchelchen und Backwerk eingewirkt. Dabei ſchmeichelte man ihr und lobte ſie, und es kam nie vor, daß die Propſtin der kleinen„ſüßen“ Vira etwas abſchlagen konnte. Als die Propſtin dahinter kam, daß Lotta ſehr got⸗ tesfürchtig ſei, war es die erſte Sorge der ſchlauen Pfarr⸗ frau, Morgens und Abends ordentliche Betſtunden einzu⸗ richten, Etwas, was Lotta ganz übereinſtimmend mit ihrer Auffaſſung eines wahren religiöſen Lebens fand. EClvira war froh und glücklich wie der Vogel, der aus dem Käfig entſchlüpft iſt. Sie ſprang draußen herum vom Morgen bis zum Abend und war nie öfters drinnen, als bei den Mahlzeiten, in den Bet⸗ ſtunden, und wenn ſie ſchlief. Das Gut des Oberſten Stangenſtjöld, Timaſſö, lag ganz nahe Altorp; aber der reiche Beſitzer war noch nicht hinausgezogen, und ſollte erſt gegen Ende des Sommers dorthin kommen, ſo daß Elvira in Ge⸗ ſellſchaft der Kinder des Küſters oder des Gerichts⸗ beamten in Timaſjö Park täglich Beſuche zu machen pflegte. Auf einer dieſer Ausflüge machte Elvira die Be⸗ kanntſchaft mit der Tochter des Inſpectors, einem Mädchen von demſelben Alter wie ſie. Hatte Elvira früher ein eingeſchloſſenes Leben ohne welche Spielkammeraden geführt, ſo genoß ſie jetzt die doppelte Annehmlichkeit der Freiheit und der Geſellſchaft von Altersgenoſſen. ——— ——— Bromér hatte Lotta ausdrücklich geſagt, daß ſie Elvira kein Band auflegen dürfe, ſondern daß das Kind frei und ungezwungen die Annehmlichkeiten des Landlebens genießen ſollte. Lotta, der es im Allgemeinen ſchwer fiel, zu ir⸗ gend Etwas, das Elvira wünſchte, nein zu ſagen, fügte ſich mit wirklicher Freude dieſem Befehle, und es gab nur einen Punkt, in welchem das Mädchen gehorſam ſein mußte, nämlich, daß es ſich nie ſchlafen legen und nie aufſtehen durfte, ohne ſein Gebet zu verrichten. Während Elvira in der Gegend herumſtreifte, pflegte Lotta auf der Plattform vor der Hausflur mit ihrer Arbeit zu ſitzen, und dann traf es ſich meiſtens, daß die Propſtin ſich neben„Jungfrau Lotta“ niederließ. Während der erſten Wochen beſtand ihre Conver⸗ ſation hauptſächlich in Fragen und Antworten. Es war eine ganze Menge Dinge, über welche die wißbegierige Propſtin Auskunft zu erhalten wünſchte, und obgleich Lotta's Mittheilungen nicht ſehr viel Aufklärung enthielten, ſo gaben ſie doch Gelegenheit zu Schlußſätzen. So hatte ſie z. B. Lotta gefragt: — Iſt Elvira Herrn Bromér's Tochter? Lotta's Antwort war ein einfaches Ja; aber wenn nun die Frage nach folgte, dann konnte die Propſtin nur ſo viel erfahren, daß ſie ge⸗ ſtorben ſei, und auf die Frage, wie viele Jahre es her ſeien, daß Herrn Bromér's Frau geſtorben ſei, hatte Lotta geſagt, daß ſie darüber keinen Beſcheid wüßte. Aber die Propſtin hatte als ganz ſicher eyfahren, Bromeér ſei nie verheirathet geweſen; ſie hatte ſich außerdem Verſchiedenes zu wiſſen verſchafft; und das Reſultat wurde, daß Niemand als Lotta Elvira's Mutter ſein konnte, obgleich es nicht bekannt werden! ſollte. Die Propſtin fand dieſes„lächerlich“, weil ſie der Meinung war, daß der Kleiderhändler Bromév ſich gern mit Lotta verheirathen könnte, Etwas, das ſie dieſer auf eine feine Weiſe begreiflich zu machen ſuchte; Lotta that jedoch, als wenn ſie es nicht ver⸗ ſtände. Als es nun der Propſtin Brogren klar geworden war, wie die Verhältniſſe ſtanden, ſo ging die Unter⸗ haltung zwiſchen ihr und Lotta auf die Nachbarn über. Eines Tages hatte ſie geäußert: — Einer meiner nächſten Nachbarn iſt der Beſitzer von Timaſjö.... Simaſiö, wiederholte Lotta und ſah von ihrer Arbeit auf;— liegt das hier in der Nähe? — Ganz dicht in unſerer Nähe; es iſt der Park von Timaſjö, der an meinen Birkenhain ſtößt. Kennt die Jungfrau das Gut? fragte die Propſtin und guckte über die. Brille auf Lotta, welche nicht ihre gewöhnliche Miene zeigte. — Ich habe davon ſprechen gehört, ſagte Lotta und nahm die Arbeit wieder auf. — Der Fabrikbeſitzer Harlen hat es früher ge⸗ habt, und damals waren einige Wochen im Sommer große Luſtbarkeiten dort. Der Fabrikbeſitzer mit ſei nen hübſchen Töchtern,— er war Wittwer,— pflegt 29 immer die Johanniszeit auf Timaſjö zu feiern; aber ſonſt wohnte er auf ſeinem Werke Fosvik in Ros⸗ lagen. Jetzt, ſeit der Fabrikbeſitzer ſich im Auslande niedergelaſſen, hat der Oberſt ſowohl Timaſjö als Fosvik übernommen.„ — Spricht die Propſtin von Oberſt Stangen⸗ ſtiöld?— fiel Lotta gin. — Gewiß; kennt Jungfrau Lotta ihn? Die Propſtin meinte, daß Lotta ganz ſonderbar — ie ausſehe, und es konnte nicht fehlen, daß ſie etwas über den Oberſt wiſſe. — Ich kenne nicht Oberſt Stangenſtjöld; aber ich habe von ihm ſprechen gehört,— antwortetè Lotta. — Ganz gewiß, als von einem ſehr ſonderbaren Menſchen. Iſt es nicht ſo? Lotta nickte bejahend mit dem Kopf. Die Propſtin fuhr fort, als ſie keine aufklärende Antwort erhielt: — Man ſagt, daß der Oberſt die beiden Töchter des Fabrikherrn gefreit habe; zuerſt die älteſte, und als Alle es für ausgemacht hielten, daß eine Partie aus ihnen werden würde, ging ſie ihrem Bräutigam durch, und, wie behauptet wird, mit einem Hausknecht. — Das iſt unwahr,— unterbrach ſie Lotta heftig.— Fräulein Marianne ging nicht durch, ſie verheirathete ſich. — Mein Gott, ich glaube, die Jungfrau weiß über die Harlen ſchen Geſchichten Beſcheid! Nun, es wäre ſehr intereſſant, etwas Näheres daxüber zu er⸗ fahren. Es ſind recht ſonderbare Gerüchte, welche von Fräulein Marianne im Umlauf ſind. Sie war wohl jevenfalls ein ſchlechtes und abenteuerliches Mädchen? Während die Propſtin ſprach, war Lotta dunkel⸗ roth geworden und ihre Augen blitzten; aber in der nächſten Minute hatte ſie ſich wieder erholt und ſagte im ruhigen Tone: — Ich weiß nichts Näheres über den Fabrikbe⸗ ſiter von Harlen; es iſt mir nur bekannt, daß Fräu⸗ lein nicht flüchtete und nie mit dem Oberſt Stangen⸗ ſtjöld verlobt war. Die Propſtin glaubte nicht der Verſicherung Lotta's, daß ſie die Harlen'ſche Familie nicht kenne; aber trotzdem die Alte faſt jeden Tag auf das Ge⸗ ſpräch von dem Fabrikbeſitzer und ſeinen Töchtern zurückkam, ſo konnte ſie doch nicht einen Buchſtaben mehr über die Sache aus Lotta herauslocken. So wie die Propſtin davon zu ſprechen anfing, ſchwieg Lotta, und endlich fand die würdige Frau es mehr nach ihrem Geſchmack auf die übrigen Nachbarn überzu⸗ gehen, um einige nette Kleinigkeiten von ihnen zu erzählen. Die Propſtin Brogren liebte vorzugsweiſe den er⸗ zählenden Styl, und es gefiel ihr ſehr, das zu wieder⸗ holen, was von ihren Mitmenſchen geſagt wurde. In Lytta hatte ſie immer eine Zuhörerin, wenn auch eine, die ſich ſtillſchweigend das erzählen ließ, was weder Lotta noch die Propſtin etwas anging. Indeſſen verfloß eine Woche nach der andern und man befand ſich bald in der Mitte des Sommers. Bromér war ein paar Mal da draußen geweſen, um nach ſeinem Kinde zu ſehen, und wollte jetzt die Feiertage auf Altorp zubringen. 31 Die Propſtin hatte beſchloſſen, dieſe Tage des Zuſammenſeins mit dem Kleiderhändler dazu zu be⸗ nutzen, um den Vorſchlag wegen der Erziehung El⸗ vira's zur Sprache zu bringen, damit es abgemacht werde, wie viel ſie für die Zukunft auf das Mädchen rechnen könnte. Für die Feſttage wurde gebacken und gewirth⸗ ſchaftet, da die Propſtin außerdem ihre Söhne er⸗ wartete. Elvira war gegen ihre Gewohnheit an dem Nach⸗ mittag zu Hauſe geblieben, um die jungen Herren zu ſehen, und es war ja möglich, daß auch Papa mit dem Dampfboot ankäme. Man wußte nicht be⸗ ſtimmt, wann er kommen würde; ob es an dem Tage oder am Johannisabend werden würde. Um vier Uhr herum ruderte das Boot von Al⸗ torp hinaus, um dem Dampfſchiffe zu begegnen, mit welchem die Gäſte erwartet wurden. Elvira nahm ihren Platz auf der Brücke, um die Erſte zu ſein, welche ſie begrüßte; ſie war begierig, ob die„Jungen“ gute Spielkameraden für ſie werden würden, oder nicht. Daß ſie doppelt ſo alt ſeien, wie ſie, war Etwas, woran ſie gar nicht dachte; ſondern ſie machte, wenn die Propſtin von ihren„Jungen“ ſprach, den Schluß, daß ſie von ihrem Alter ſein müßten. Endlich kam das Dampfſchiff zum Vorſchein. — Ach, wie luſtig!— dachte Elvira und blickte mit geſpanntem Intereſſe demſelben nach. Je näher das Boot kam, je mehr lehnte ſie ſich über die Barriere, um die„Jungen“ in Augenſchein zu nehmen. Jett waren ſie nur ein paar Faden entfernt, und das Boot war an der Brücke; aber bevor das geſchah, ſtand Mamſell Elvira auf dem Kopf in der See. Sie hatte ſich zu weit vorwärts gebeugt, ſo daß ſie das Uebergewicht bekam. Boot,„Jungen“, Alles war verſchwunden, und ſie von den Wogen verſchlungen. Elvira hielt es für ausgemacht, daß es mit ihr aus ſei; aber im nächſten Augenblick war ſie wieder über die Waſſer⸗ fläche gehoben und befand ſich im Boote. etzt ſchien es ihr, als wenn ſie für die Lungen Luft nöthig hätte; ſie fing alſo an, aus vollem Halſe und aus allen Kräften zu ſchreien. Den Schrecken, den ſie ausgeſtanden, glaubte ſie nicht bei ſich be⸗ halten zu müſſen, ſondern theilte denſelben Andern auf eine laute Weiſe mit. Lotta, welche auf der Plattform der Hausflur ſaß, kam nach der Brücke heruntergeſtürzt; auf den Ferſen folgte ihr die Propſtin, welche eine große, weiße Schürze voll eben geröſteter Zwiebacke trug. Beim Anblick der naſſen, ſchreienden Elvira ließ die Propſtin in der Beſtürzung die Schürze fahren, und die Zwiebacke ſtürzten in verzweifelter Fahrt hinab in's Boot und über den jüngſten Sohn, wel⸗ cher dort ſaß. So wurden die Herren Brogren empfangen, der eine Elvira herausfiſchend und der andere von Mamas Zwiebacken überſchwemmt; und beide höchſt ärgerlich über das ſchreiende Kind, welches Schuld daran war, daß die⸗hübſchen Sommerhoſen des Einen naß wurden, und daß Beide der wohlbekannten Zwis backe Mamas verluſtig wurden. Lotta, welche eben ſo erſchrocken war wie Elvi —ꝛ 33 ſelbſt, riß ihren Liebling an ſich und trug den⸗ ſelben hinauf, vollkommen überzeugt, daß das uner⸗ wartete kalte Bad gefährliche Folgen für das Leben des Mädchens haben würde. Elvira wurde ausgezogen und zu Bett⸗ gebracht. Die Propſtin füllte ſie mit Kamphertropfen, und Lotta zwang ſie, eine ganze Taſſe Fliederthee zu leeren, worauf ſie den ganzen Reſt des ſchönen Som⸗ merabends im Schweiß und nahe daran, vor Hitze zu ſterben, im Bett liegen bleiben mußte. Endlich kam der Schlaf und befreite Elvira von dem Be⸗ wußtſein aller dieſer Piagen. Am Morgen darnach erwachte ſie geſund und munter wie ein Nußkern. Die Propſtin dankte Gott in der Tiefe ihres Hetzens, daß der Vater nicht Zeuge von Elvira's Fall und Wiederauferſtehung geweſen. Sie hatte viel Mühe, Lotta zu überreden, daß ſie es dem Mädchen erlaubte, das Zimmer zu verlaſſen; denn Lotta war jetzt ſo von Angſt ergriffen, daß ſie glaubte, daß auf jenes Unglück, welches Elvira gedroht, ein noch traurigeres folgen würde. Im Laufe des Vormittags erhielt Elvira Gele⸗ genheit, mit Carl und Fredrik Brogren Bekanntſchaft zu machen. Zu ihrem unbeſchreiblichen Verdruß fand ſie, daß die ſogenannten„Jungen“ an Jahren und auch an Verſtand ihr weit voraus waren. Der älteſte, Carl, war ganze ſieben Jahre älter als ſie; er war lang und ſchlank und mit Vater⸗ mördern und Bonjour angethan. Er wär confirmirt, hatte das Gymnaſium abſolvirt und war gegenwär⸗ tig Informator. Man ſprach außerdem von Carl, als von einem Muſter von guten Sitten; er war Schwartz, Gold und Name. I. 3 ——— hübſch und ernſt, wie es ſich einem Jüngling ziemt, der die Verantwortlichkeit übernommen hat, Andere zu unterrichten. Der zwei Jahre jüngere Fredrik war groß und lang, aber nicht ſo hübſch, ernſt und reſpectabel wie Carl. Er blickte mit einem gewiſſen Veracht auf das neunjährige„Görchen“ herab, und ſchien nicht auf⸗ gelegt, ſich zu irgend einer Vertraulichkeit gegen ſie herabzulaſſen obgleich Mama Morgens ihren Söh⸗ nen eine kurze und paſſende Rede gehalten, wie ſie ſich gegen Jungfrau Lotta und Elvira zu benehmen hätten. Fredrik war taub gegen Alles, was Mama ſagte, 1 und behielt kein einziges Wort davon in ſeinem Ge⸗ 3 dächtniß. Er würdigte Lotta und Elvira keiner an⸗ deren Aufmerkſamkeit, als eines kurzen Grußes. Carl gab während des Frühſtücks auf beide Acht. 3 und als er darüber im Klaren geworden war, welche Art von Menſchen ſie wohl ſein könnten, fing er an ¹ mit Elvira über das Bad zu ſcherzen, welches ſie am Abend vorher erhalten, und vor Mittag waren er und Elvira richtig gute Freunde. Fredrik fuhr hinaus auf die See und überließ es Carl, mit dem ſchreihalſigen Mädchen Bekanntſchaft zu ſtiften. Elvira wurde mit dem ganzen Entzücken eines Kindes für Carl eingenommen. Er ſei ſo hübſch, meinte ſie, daß es keinen hübſchern, als er, auf der ganzen Erde gäbe, und dann war er ſo gut, freund⸗ lich und geſchickt.— Fredrik konnte ſie nicht aus⸗ ſtehen, Etwas, das auf Gegenſeitigkeit beruhte; denn et meinte, daß Elvira unausſtehlich ſei. 16 35 In der Dämmerung am Johannisabend kam Herr Bromér. Er hatte kleine Geſchenke für Alle, und dieſe durfte Elvira austheilen. Sie freute ſich unbeſchreiblich, Carl ein Taſchenbuch und eine ſilberne Feder geben zu dürfen; aber es verdroß ſie, daß der häßliche Fredrik auch ſo Etwas erhalten follte. Die Propſtin war lauter Liebenswürdigkeit.— Sie ſchmeichelte dem vermeintlichen Vater, rühmte das liebenswürdige Kind und hielt Lobreden über Lotta, die vermeintliche Mutter. Unſere Pfarrersfrau war ein kluges Frauenzim- mer. Sie wußte, daß Bromér weitläufige Leih⸗ geſchäfte machte, daß er mit vielen Leuten in Be⸗ rührung käme, und ſie hielt dafür, daß ein Mann, welcher an alle möglichen Claſſen Geld ausleiht, ihr nützlich werden müßte. Sie hatte beſchloſſen, daß Bromér ihr Zöglinge verſchaffen ſollte; aber erſt mußte ſie ſo weit kommen, daß ſie ſeine eigene Tochter behalten durfte. Bromer blieb drei ganze Tage auf Altorp. Er ſprach privatim mit Lotta, Elvira und der Prop⸗ ſtin. Das Reſultat dieſer Verathſchlagungen war, daß Elvira und Lotta bei der Propſtin bleiben ſollten. Der Unterricht Elvirens ſollte mit dem Herbſte ſei⸗ nen Anfang nehmen. Herr Bromér verſprach außerdem der Propſtin Zöglinge zu verſchaffen. Nach dieſem Arrangement reiste er ab. Carls Beſuch bei der Mutter dauerte nur zwei Wochen, wo er zu Elviras unausſprechlichem Kum⸗ mer Altorp Lebewohl ſagen mußte. Fredrit blieb 3 indeſſen; aber dieſes fand Elvira langweilig, weil er nie etwas anderes that, als ſie zu reizen. Es geſtaltete ſich indeſſen beſſer, als Carl fort war, und jetzt kam es bisweilen vor, daß Fredrik „das Junge“, wie er Elvira nannte, mit ſich zum Fiſchen hinausnahm, und ihr, ohne Lottas Wiſſen, aber in ſeiner Geſellſchaft, bisweilen erlaubte mit den Pferden auf die Weide zu reiten; Etwas, das Lotta gewiß einen Schlag verurſacht haben würde, falls ſie deſſen Augenzeuge geworden. So verliefen einige Wochen, als Fredrik durch ein unerwartetes Ereigniß von Altorp entfernt wurde. Im Anfang des Monats Auguſt kam Oberſt Stangenſkjöld nach Timaſiö.— Die reiche Familie hatte eine ganze Schaar von Gäſten mit ſich. Als die Neuigkeit von der Ankunft des Oberſten der Propſtin mitgetheilt wurde, war Lotta anweſend. Es kam der Propſtin vor, als wenn Lotta bei Nennung des Oberſten die Farbe gewechſelt hätte. Als die Tochter des Gerichtsbeamten, welche das große Ereigniß mitgetheilt, ſich entfernt hatte, be⸗ merkte Lotta: — Haben Oberſt Stangenſtjölds etwa Kinder? — Ja, eine einzige Tochter,— antwortete die Propſtin.— Das Mädchen iſt ein Paar Jahre äl⸗ ter als Elvira und bildſchön. Fräulein Martha hat es indeſſen nicht verſtanden, ſich beliebt zu machen. Schon als kleines Mädchen zeigte ſie Hochmuth und eine deſpotiſche Laune. Die Eltern ſind unſinnig ſchwach gegen ſie, muß ich der Jungfrau ſagen.— Das kommt wohl daher, daß ſie acht Kinder gehabt, aber nur Martha, das älteſte, haben behalten dürfen. . * 37 Alle die andern ſind als ganz kleine Kinder geſtor⸗ ben, und vier von ihnen haben ihr Leben auf Ti⸗ maſjö geendet. Die Propſtin erzählte jetzt alle Umſtände beim Tode der Kinder, welche Antipathie die Oberſtin ge⸗ gen Timaſjö hegte, und daß der Oberſt dagegen eine wirkliche Vorliebe für das Gut hätte. Als Lotta und Elvira Abends allein waren, be⸗ merkte Erſtere: — Weiß Elvira, daß die Herrſchaft auf Timaſjö heute dort angekommen iſt? — Ja, gewiß weiß ich das.— Die Töchter des Gerichtsbeamten und ich ſahen es, als ſie ankamen. Sie hatten ſo viele Sachen, und es waren ſo viele Wagen, Bedienten und Leute, daß es wirklich aus⸗ ſah, als wenn es der König geweſen wäre. Ach, wie luſtig es werden wird, die vielen Gäſte mit anſehen zu dürfen! Des Gerichtsbeamten Maja ſagte, daß es prächtige Unterhaltungen mit Feuer⸗ werk, Tänzen, Reitpartien, Jagd und Ausflüge auf der See geben wird. Der ganze Park, weißt Du Lotta, pflegt von farbigen Lichtern voll zu ſein, und auf jener Ebene im Garten, mit den künſtlichen Hecken ringsum, ſpielen ſie Theater, und dann ſind ſie in Gold und Silber gekleidet und über das ganze Ge⸗ ſicht gemalt. Ach, wie luſtig, Alles das zu ſehen zu bekommen! Elvira hüpfte im Zimmer herum und klatſchte in die Hände. Lotta hatte ihr mit einem Geſichtsausdruck zu⸗ gehört, als wenn die gute Seele nahe daran gewe⸗ ſen, in Thränen auszubrechen. X 1 Als das Mädchen ſchwieg, ſtrich Lotta mit der Hand über die Stirne des Kindes und ſagte mit milder und ernſter Stimme: — Aber jene Luſtigkeit wird Elvirchen nicht hin⸗ gehen und mit anſehen. — Und warum nicht?— das Mädchen blicte die Wärterin verwundert an. — Weil Dein Papa es nicht haben will. byr nun genau auf das, was ich ſage: Elvira darf nicht Timaſjö beſuchen; nicht herumſpringen und im Parke ſpielen; nicht die Kinder des Gerichtsbeamten beglei⸗ ten, um die Luſtbarkeiten mit anzuſehen; nicht das Mädchen des Inſpegtors begrüßen.— Wenn Elvira das thut, dann nöhme ich ſie mit mir und reiſe ſo⸗ fort nach der Stadt, und Du erhältſt nie mehr Er⸗ laubniß, aufs Land hinauszukommen. Vergeſſe nichts von dem, was ich geſagt, ſondern ſehe mich an, da⸗ mit Du verſtehſt, daß ich ernſt geſprochen, wenn ich ſage, daß ich Dich ſofort mit mir zu unſerer alten Wohnung führe, wenn Du gegen das Verbot verſündigſt. — Aber, liebe Dadda,— fiel Elvira ein. — Stille, Kind, gehe jetzt hin und lege Dich, und erinnere Dich, daß ich diesmal von keinem Un⸗ gehorſam etwas wiſſen will! Elvira war im Allgemeinen ein leicht zu regieren⸗ des Kind, obgleich ſie ein lebhaftes und bisweilen eigenſinniges Temperament hatte. Sie war nie vor⸗ ſätzlich ungehorſam. Obgleich Lottas Verbot jetzt einer von Elviras fröhlichen Hoffnungen galt, etwas Ungewöhnliches zu ſehen, und ſie ſich zu etwas recht Merkwürdigem — — 39 gefreut, ſo ging ſie doch ohne alle Unzufriedenheit zur Ruhe; aber ſie dachte bei ſich ſelbſt: — Dadda ſpricht etwas recht Dummes, daß ſie es mir verbietet, nach Timaſijö zu gehen. Sie wird ſchon nachgeben müſſen und jenes Verbot aufheben.— Ich muß jedenfalls die farbigen Lichter, die hübſchen Fräulein und all die Herrlichkeit ſehen, wovon die Kinder des Gerichtsbeamten geſprochen haben. Es iſt doch nichts Böſes, das mit anzuſehen, Gott hat mir das nicht verweigern können, und wenn ich nicht gegen Gott ſündige, hat Dadda kein Recht, es mir zu ver⸗ bieten, dorthin zu gehen. Ein Paar Tagen vergingen. Elvira enthielt ſich ganz richtig, Timaſjö zu beſucheng Sie hatte ſo viel Anderes zu thun. Am Sonntag Abend ſpielte ſie gerade mit den Kindern des Gerichtsbeamten, als das älteſte Mäd⸗ chen vorſchlug, daß ſie in Timaſjö Park hineingehen ſollten. Des Oberſts wären verreiſt, ſagte Maja, und die Gelegenheit günſtig, um das neue Zelt ge⸗ nauer in Augenſchein zu nehmen; ebenfalls könnten ſie jetzt in den herrlichen Pavillon hineingucken, da die Lucken weggenommen ſeien. Elvira wandte ein, daß Lotta ihr verboten hätte, nach Timaſjö zu gehen; aber dann erklärte Maja, daß das Verbot nicht gelten könnte, wenn des Ober⸗ ſten fort wären. Des Argument ſchien Elvira gut zu ſein, und ſie ließ ſich überreden mitzugehen. Bald waren die drei Kinder innerhalb des ſtattlichen Parks. Freilich waren die Gitterthore, welche von demſelben nach dem Birkenhain führten, verſchloſſen; aber der⸗ gleichen unbedeutende Hinderniſſe ſchreckten ſie nicht 40 ab. Mit der Gewandtheit von Knaben nahmen ſie den Weg über das Staket, und dann ging es fort nach dem Zelte. Dieſes war groß und ſah mit ſei⸗ ner ſchneeweißen Leinwand und purpurrothen Ein⸗ faſſung ſehr lockend aus. Die Mädchen des Gerichtsbeamten blieben jedoch in einiger Entfernung ſtehen und betrachteten ſtau⸗ nend und in ſtummer Entzückung das merkwürdige Haus von Leinwand. Elvira, welche lebhafter und mehr erpicht darauf war, zu ſehen, wie es inwendig ausſah, hob den Vorhang auf, welcher den Eingang verdeckte, und trat ein. Es war meublirt wie ein Zimmer, aber mit Stühlen und Tiſchgg von Rohr und mit einem Sopha von ſo eigenthümkicher Form, daß Elvira nie ein ähnliches geſehen. Unwillkürlich mußte ſie ſich auf jeden Stuhl ſetzen, und endlich ſchien es ihr, daß es höchſt nothwendig für ſie ſei, ſich auf dem intereſſanten Sopha auszu⸗ ſtrecken, und dadurch einen Begriff davon zu bekommen, wie ſich's fühle, darauf zu liegen. Elvira hatte nicht ſobald eine bequeme Stellung eingenommen, als ſie draußen Stimmen hörte; aber ſie hielt es für ausgemacht, daß es die Kinder des Gerichtsbeamten ſeien, welche mit einander in Streit gerathen; ſie beſchloß deshalb, ſtille liegen zu blei⸗ ben, bis ſie Frieden geſchloſſen und ihr nachkommen würden. In dem nächſten Augenblick wurde der Zeltvor⸗ hang bei Seite gezogen, und hereintraten, nicht Maja und ihre Geſchwiſter, ſondern ein Mädchen von ungefähr elf oder zwölf Jahren, und ein kleiner, 41 ſchmächtiger, älterer Herr, der von einem Hunde be⸗ gleitet war. Der Hund ſtürzte laut bellend auf El⸗ vira zu, welche erſchrocken in die Höhe fuhr. Bei dieſer Vewegung kriegte der Hund das eine Bein Elvirens zu packen und hinderte ſie zu entfliehen. Der Biß war ſo nachdrücklich, daß die Zähne ins Fleiſch hineindrangen. Das Mädchen erhob einen Schmerzensſchrei und 6⁸ der Herr rief: — Jei, Primus! Primus ließ Elvira fahren, hinterließ aber an ihrem ſchneeweißen Strumpfe purpurfarbige Flecken. Das Mädchen, welches zuerſt eingetreten, war auch auf Elvira zugeſprungen; jetzt rief ſie mit dem Zorne eines gereizten und verzärtelten Kindes: — Was thuſt Du hier? Wer hat Dir Erlaub⸗ niß gegeben, in mein Zelt einzutreten? Wie kannſt Du, ein ſolches Ding, es wagen, in unſeren Park zu kommen, wo wir es Anderen verboten haben zu gehen? Jetzt wandte ſie ſich an den kleinen Herrn und fügte hinzu: — Wird Paya ſie nicht dafür ſtrafen, daß ſie hereingeht und ſich auf mein Sopha legt?— ſun ich werde verdrießlich, wenn ſie nicht für ihre Unart Schläge bekommt. Elvita hörte zwar die gereizten Worte; aber ſie hatte nur Sinn für den Schmerz in ihrem Bein, und darum war ihre Antwort, daß ſie weinend und ſchreiend wiederholte: — Der Hund hat mich gebiſſen, der Hund hat mich gebiſſen! Der Herr erhob ſeinen Stock und ſagte in ſchar⸗ fem Tone: — Thäte ich Dir Dein Recht, ſo gäbe ich Dir wirklich eine gründliche Tracht Schläge, weil Du Dich hier hereingeſchlichen haſt, obgleich ich allen fremden Kindern es verboten habe, in den Park hineinzudrin⸗ gen.— So, fort mit Dir, wenn Du nicht mit mei⸗ nem Stock Bekanntſchaft machen willſt! — O, davon wird ſie ſchon freikommen!— ſchrie eine Knabenſtimme vom Eingang des Zeltes, und herein ſtürzte Fredrik. Er gab dem kleinen Fräulein einen Puff in die Seite, daß ſie gegen einen der Rohrſtühle hintaumelte, worauf Fredrik Elvira in ſeine Arme nahm, um ſie hinaus⸗ zutragen; aber der kleine Herr, deſſen Tochter ge⸗ ſtoßen worden war, ſchien nicht aufgelegt, den Be⸗ ſchützer Elviras unangetaſtet paſſiren zu laſſen. Er verſperrte ganz einfach dem Knaben den Weg mit den Worten: — Du Lümmel, wie kannſt Du es wagen, Hand an meine Tochter zu legen? weißt Du venn nicht, welche Leute Du vor Dir haſt, oder glaubſt Du viel⸗ leicht nicht, daß mein ſpaniſches Rohr den Weg zu Deinem Rücken finden kann? — Nun, der Herr mag es nur wagen!— ſchrie Fredrik und ließ Elvira los.— Der Herr wird ſich dann darnach befinden, ſage ich. Fredrik warf ſich augenblicklich über den erhobe⸗ nen Arm, riß mit einem Griff den Stock an ſich, und als der Hund bei dieſer Bewegung auf ihn losſtürzte, verſetzte Fredrik ſeinem Angreifer einen ſo kräftigen Schlag über die Naſe, daß Primus ſich —————— ———=— —— 43 laut heulend aus dem Spiele zurückzog. Fredrik ergriff dann Elvira mit der linken Hand, ſchwenkte mit der rechten den dicken ſpaniſchen Stock über ſei⸗ nem Kopf und ſo ging der fixre Junge dem Aus⸗ gange zu.. Der Eigenthümer des Stocks hatte ſich auf die Seite gezogen, um nicht von demſelben getroffen zu werden, und bevor er und das umgeſtoßene Fräulein zu ſich kommen konnten, waren Fredrik und Elvira aus dem Zelte herausgekommen. Als er aber im Freien war, warf Fredrik den Stock von ſich, nahm Elvira auf ſeine Arme, und war binnen wenigen Minuten auf der andern Seite des Geheges. Er war gerade ſoweit gekommen, als“ der Herr ein Paar Bedienten rief, welche Befehl erhielten, dem Küaben nachzuſetzen; aber bevor ſie aus dem Parke herauskamen, waren Fredrik und Elvira verſchwunden, und obgleich ſie den ganzen Birkenhain durchſuchten, konnten ſie dieſelben doch nicht finden. Am Morgen darauf ſaß Elvira in Kiſſen einge⸗ hüllt in ihrem Zimmer, und Lotta badete, während ſie eine Rede von den Folgen des Ungehorſams hielt, das gebiſſene Bein. Fredrik befand ſich bei Elvira und beſchäftigte ſich damit, einen Kahn zu ſchneiden, bis ihr Bein wieder gut würde. Er war jetzt freundlich und artig gegen ſie, und plauderte von allem Möglichen, um ſie dazu zu bringen, daß ſie nicht an den Schmerz vächte. Der Vormittag war nicht ſehr weit vorgerückt, als das Rollen eines Wagens Lotta veranlaßte, einen flüchtigen Blick durchs Fenſter zu werfen. — Herr Jeſus, das iſt— er!— rief ſie un⸗ willkürlich und ſprang vom Stuhle auf. — Welcher er?— fragten Fredrik und Elvira zugleich. Mit einem Sprung war Fredrik am Fenſter. — Der Oberſt!— ſtammelte Lotta und ſetzte ſich wieder, als wenn ſie einer Ohnmacht nahe ſei. — Ja ha, das iſt wirklich der kleine Oberſt,— bemerkte Fredrik lachend. Er iſt wohl hier, um ſich über mich zu beklagen. Das wird drollig anzu⸗ hören. 5 Hinaus aus der Kammer flog der Jüngling, wel⸗ cher auf die allerlauteſte Weiſe die Treppe hinunter⸗ polterte, ſo daß er gerade in der Hausflurthüre ſtand, als der Oberſt den Fuß auf die Treppe ſetzte. Der Oberſt hemmte beim Anblick des unverſchäm⸗ ten Knaben, welcher am vorigen Tage wie ein re⸗ guläres Gewitter hergefahren war, ſeine Schritte. Fredrik ſtrich die Haare aus der Stirne und verbeugte ſich vor dem reichen Manne mit einer Miene, als wenn er ihn jetzt zum Erſtenmale ſähe. Die kleinen, grauen Augen des Oberſten funkelten bei dieſer Unverſchämtheit, und es iſt ſchwer zu ent⸗ ſcheiden, wie dieſes Zuſammentreffen abgelaufen wäre, wenn nicht die Propſtin zu rechter Zeit herausge⸗ kommen wäre, um ihren Gaſt zu empfangen. Die gute Frau befand ſich in vollkommener Un⸗ kenntniß von dem geſtrigen Auftritt, und daß ihr Sohn ſich betragen, wie er es gethan. 3 45 6 Alles, was ſie von dem Freigniß im Parke wußte, war, daß Flvira vom Hunde des Oberſts ins Bein gebiſſen worden ſei. Sie hielt es deshalb für ausge⸗ macht, daß er kam, um ſich nach dem Zuſtand des Mädchens zu erkundigen. Als die Propſtin erſchien, zog Fredrik ſich etwas auf die Seite, damit Mama vortreten und ſich vor dem vornehmen Gaſt verneigen konnte. — Welchem glücklichen Umſtand habe ich es zu verdanken, daß der gnädige Oberſt in eigner Perſon mir die große Ehre erweist, mein geringes Haus zu beſuchen?— brach die Propſtin aus, indem ſie ſich wieder und wieder verneigte, ſo daß Fredrik ein tie⸗ fes Mitleid mit ihren Knieen empfand. — Glücklich!— brach der Oberſt mit bleichen Lippen aus.— Ich ſollte meinen, daß es ein ſehr unglücklicher Umſtand iſt,— fügte er brüllend hinzu und trat in das Haus der Propſtin. — Ich bin gekommen, um mich über jenen Lüm⸗ mel dort zu beklagen, und der Madame zu ſagen, daß wenn Sie ihm nicht eine wohlverdiente Züch⸗ tigung geben und dafür ſorgen, daß er ſofort von hier fortkommt, Madame es mit mir zu thun be⸗ kommen. Die Propſtin ſtarrte den Oberſten mit einer Miene an, als wenn ſie nahe daran war, rückwärts zu fallen. Sie vergaß ihn zu bitten, einzutreten, und es kam ihr vor, als wenn es ihr vor den Augen ſchwindelte, ſo erſchrocken wurde ſie bei dem Gedan⸗ ken, daß eines von ihren Kindern ſich den Zorn des Oberſten zugezogen haben ſollte; den Zorn von ihm, auf den ſie gerechnet hatte, daß er für die Zukunft 46 ihre Stiz werden und ihnen in der Welt forthelfen würde. Der Oberſt hatte indeſſen nicht die Einladung der Propſtin abgewartet, um in den Saal einzu⸗ treten, ſondern trat ein, während das arme Weib ſich von ihrer Beſtürzung zu erholen ſuchte. Sie folgte ihm ganz mechaniſch, und Fredrik, welcher meinte, gegenwärtig ſein zu müſſen, trat ebenfalls ein, um die Klage mit anzuhören; aber dieß gefiel nicht dem Oberſten. Er wandte ſich an den Schul⸗ digen und ſagte, indem er auf die Thüre deutete, in befehlendem Tone: — Du gehſt hinaus; ich bin hierher gekommen, um mit Deiner Mutter und nicht mit einem ſolchen Schlingel, wie Du, zu ſprechen. — Aber da es mich angeht,— meinte Fredrik, und ſah den Oberſten unerſchrocken an,— ſo ge⸗ denke ich hier zu bleiben und mich zu vertheidigen. Uebrigens hat Niemand das Recht, mich aus dem Hauſe meiner Mutter zu weiſen. — Kind, haſt Du den Verſtand verloren?— rief die Propſtin.— Hörteſt Du nicht, daß der Oberſt Dir befahl, hinauszugehen? — Ich brauche ihm nicht zu gehorchen,— ant⸗ wortete Fredrik. Niemals hätte die Propſtin ſich die Möglichkeit gedacht, auf eines ihrer Kinder ſo erzürnt werden zu können, wie ſie jetzt wurde. Sie, welche ſich nie erinnern konnte, je eines derſelben angerührt zu ha⸗ ben, ſie gab jetzt ihrem jüngſten und liebſten Sohn eine nachdrückliche Ohrfeige, öffnete dann die Thüre und ſtieß den jungen Herrn hinaus, welcher bei die⸗ * 47 3„ ſem Beginnen der Mutter ſo verblüfft wurde, daß er nicht wußte, ob er wache oder träume. Nachdem der junge Herr auf dieſe Weiſe aus dem Zimmer hinausgeführt worden war, gab der Oberſt der Propſtin eine farbenreiche Schilderung von dem geſtrigen Ereigniß, wie ſchwer ihr Sohn ſich vergangen, und welch moraliſch verdorbenes We⸗ ſen der Knabe ſei. Der Oberſt erklärte auf das Beſtimmteſte, daß Fredrik entweder vor ihm und ſeiner Tochter ſeinen Fehler abbitten müßte, oder auch ſolle die Propſtin ihn ſofort aus dem Hauſe ſchicken, ſofern ſie nicht haben wollte, daß er, der Oberſt, von ihr und dem älteren Sohne ſeine Hand zurückziehen ſollte. Die Propſtin erhielt nebenbei vom Oberſten eine ſcharfe Zurechtweiſung, weil ſie ihre Kinder ſo ſchlecht erzogen, daß etwas Derartiges, wie das, welches ſich jetzt zugetragen, ſich ereignen könnte. Fredriks Be⸗ nehmen wäre eine wirkliche Niederträchtigkeit. Der Oberſt erwartete, daß die Propſtin ſofort ihren Sohn rufen und ihm befehlen würde, um Ver⸗ zeihung zu bitten; aber die würdige Frau wußte zu wohl, daß es ihr nicht gelungen wäre, Fredrik dazu zu bewegen, darum that ſie es nicht⸗ — Herr Oberſt, ſchon morgen ſoll Fredrit das Haus verlaſſen,— ſagte ſie und ſeufzte tief,— und ich muß den Oberſten bitten, überzeugt zu ſein, daß ich über Alles, was paſſirt iſt, tief betrübt bin. Die Strafe des Knaben wird die werden, daß er nicht bei mir verweilen darf, wenn die Herrſchaft auf Timaſjö iſt.— Der Höchſte weiß, wie tief mich die⸗ * ſes Ereigniß grämt, und wie ſchmerzlich es für mich iſt, zu wiſſen, daß der Oberſt unzufrieden iſt. Jetzt nahm die Propſtin den Zipfel der Schürze, trocknete die Augen und ſprach auf die ſchmeichel⸗ hafteſte Weiſe von ihrer Anhänglichkeit, Dankbarkeit und Ehrfurcht gegen die ganze Stangenſkjöld'ſche Familie. Der Oberſt fand ſich auch veranlaßt, einige freund⸗ liche Worte zu ſagen, indem er ſie bat, auf die Kin⸗ der, welche ihr anvertraut würden, beſſer Acht zu geben, als ſie es mit ihrem eigenen Sohne gethan. erbaulichen Ermahnung verabſchiedete er ſich. Am Tage darauf fuhren Fredrik und die Propſtin nach der Stadt. Sie blieb ganze drei Tage fort; als ſie aber wiederkehrte, brachte ſie vier Mädchen und die engagirte Gouvernante mit. Noch eine Woche verging und die Propſtin hatte zwei weitere Zöglinge, alle durch Bromérs Vermitt⸗ lung. Der Unterricht nahm jetzt ſeinen Anfang. Elvira war ebenſo wenig ein Wunderthier von Fleiß oder Faſſungsgabe, wie von Dummheit oder Faulheit. Die Lehrerin hatte weder mehr noch weniger Arbeit mit ihr, als mit irgend einer von den an⸗ dern; das Einzige, wodurch Elvira ſich auszeichnete, war Herzensgüte. Gegen ihre Camerädinnen war ſie dienſtfertig und freundlich, konnte Alles, was ſie beſaß, weggeben, um ihnen ein Vergnügen zu bereiten, und wurde in Folge deſſen ein großer Liebling ſowohl bei dieſen, wie bei der Lehrerin und der Proypſtin. —— 4 Die Hoffnungen der Letztern auf die Recomman⸗ dation des Oberſten wurden nicht realiſirt, denn der mächtige Beſchützer hatte ihr nicht mehr als einen einzigen Zögling verſchafft, während Bromér da⸗ gegen ihr acht ſolche empfohlen. Es wurde ſomit eine Gewiſſensſache für die Propſtin, beſonders höf⸗ lich gegen die Tochter eines Mannes zu ſein, welcher ihr ſo nützlich geweſen und ſich immer freigebig zeigte, wenn es ſich um Elvira handelte. Es würde in den inneren Verhältniſſen auf Altorp auch die vollkommenſte Harmonie geherrſcht haben, wenn nicht die Elevin, welche der Oberſt der Propſtin verſchafft, als Antagoniſtin gegen die bei Allen liebte Elvira aufgetreten wäre. Fräulein Armida K— hjelm war die Einzige vom adligen Stande unter den Penſionärinnen der Propſtin; ſie war daneben die am meiſten Vorgeſchrittene und meinte Grund zu haben, ſich gegen die Anderen ſtolz zu zeigen. Elvira gehörte zu den am wenigſten Kenntniß⸗ reichen, und Armida, welche nicht viele Tage in der Penſion geweſen, bevor ſie entdeckte, daß Elvira ſehr gut bei Allen ſtand, beſchloß das Verhältniß dadurch auszugleichen, daß ſie bei jeder Gelegenheit ſie den Abſtand zwiſchen ihnen fühlen ließ. Anfangs rührte dieß Elvira nicht. Sie verſtand nicht die vornehmen Mienen; aber nach und nach lehrten ihre Cameraden ſie verſtehen, daß Armida mit der Benennung Kleiderhändlerstochter meinte, ſie ſei nicht von guter Herkunft, und daß Armida dafür hielke, ſie könne nicht mit Elvira auf einem vertrauten Fuße ſtehen. Das fiel Elvira e zu S Gold und Name. I.„ 4 50 3 verdauen, und ſie wurde jetzt ihrerſeits reizbar gegen Armida, etwas, was ſie ſonſt nicht zu ſein pflegte. Mit ſolchen Streitigkeiten zwiſchen ihnen ver⸗ ging die Zeit, und man näherte ſich Weihnachten.— An dieſen ſollten die Glücklicheren zu ihren Eltern reiſen. Elvira, Armida und zwei Camerädinnen blieben zurück. Elvira vergaß indeſſen den Aerger, daß Armida ihre Freude verbittern würde, über dem Vergnügen, welches ſie bei dem Gedanken empfand, daß Carl und Fredrik zum Beſuch kommen ſollten. Dießmal blieben die beiden jungen Leute während der Ferien zu Hauſe. Carl wurde bei allen Zänkereien zwiſchen Ar⸗ mida und Elvira Schiedsrichter, und Armida erhielt zur größten Zufriedenheit der Letzteren meiſtentheils Unrecht. Fredrik, welcher einen Abſcheu vor Allem hatte, was von Stangenſtzöld's ſtammte, machte ſich ein Vergnügen daraus, Armida fortwährend zu reizen und ihr Verdruß zu bereiten. Unfriede und Zank zwiſchen den jungen Mädchen gehörte zu der Tagesordnung. Schließlich mußten die Lehrerin und die Propſtin ſich in die Soche miſchen; Armida wurde es verboten, Elvira Kleider⸗ ſtandskleine zu nennen; und Elvira, Armida Fräu⸗ lein von Habenichts zu tituliren. 5 Fredrik mußte von Mama in Privatbeichte ge⸗ nommen werden, und auf dieſe Weiſe wurde ein äußerer Stillſtand zuwege gebracht, welcher indeſſen nicht die beiden Feinde hinderte, wenn ſie allein waren, zuſammenzuſtoßen und der ihnen innewohnen⸗ den Galle Luft zu machen. —— Armida würde, wenn ſie ihrer Neigung hätte folgen können, nicht in der Penſion geblieben ſein; aber ſie war ohne Eltern, mit einem ganz unbedeu⸗ tenden Vermögen, ſo daß der Vormund den Preis, welchen die Propſtin ſtellte, ſo mäßig fand, daß er von keinem Wechſel etwas wiſſen wollte. Elvira ihrerſeits gedieh ausgezeichnet auf Altorp, und wollte, trotz Armida's kleinen Verfolgungen, einen Ort nicht verlaſſen, wo alle Anderen ſo artig und freundlich waren. Lotta, welche ſich mehr als Elvira über Armida's Hochmuth ärgerte, würde gewiß für eine Aenderung von dem Aufenthaltsort für Elvira geſtimmt haben; aber ſie wurde durch zwei Gründe davon abgehal⸗ ten; erſtens ſchien es Lotta, daß Elvira ſchwerlich darauf rechnen konnte, irgendwo ein ſo frommes Haus zu finden, als das, in welchem ſie ſich jetzt befand, und zweitens befand das Kind ſich ja gut dort. Die natürliche Folge war, daß die Jahre ver⸗ gingen und daß die beiden Mädchen unter dem⸗ ſelben Dach blieben, und das mit unveränderten Gefühlen gegen einander. Sechs Jahre waren verfloſſen, ſeit Elvira der Obhut der Propſtin anvertraut worden war. Sie zählte jetzt fünfzehn Frühlinge. Aus dem kleinen, bleichen Kinde war ein hochaufgeſchoſſenes Mädchen mit friſcher Haut und hübſchem Haar geworden. Uebrigens glich ſie ganz anderen jungen Mädchen in dieſem Alter, nur mit dem Unterſchied, daß ſie etwas länger war, als die Fünfzehnjährigen zu ſein pflegen, und daß ſie einen fröhlicheren Geſichtsaus⸗ druck hatte, als gewöhnlich in dieſer Fei wo Körper und Seele noch nicht ganz einig geworden, zu welchem Alter ſie eigentlich gehören, zu dem der Jugend, oder dem der Kindheit. Armida war zwei Jahre älter als Elvira. Sie war bereits confirmirt und hatte die Ueberärmel abgelegt.— Sie war ein junges Frauenzimmer und konnte ſelbſt nicht begreifen, warum ihr Vormünder ſie jetzt in der Penſion bleiben ließ, wo ihre Erzie⸗ hung vollendet war. Während dieſer verfloſſenen ſechs Jahre war die Penſion der Propſtin recht in Aufnahme gekommen; es befanden ſich bei ihr fünf und zwanzig Penſio⸗ närinnen und drei Lehrerinnen, den Adjunct der Ge⸗ meinde nicht mitgerechnet, welcher Religion und Ge⸗ ſchichte las. Oberſt Stangenſtiölds waren die ganze Zeit im Auslande geweſen. Das Fräulein wurde in Paris erzogen. Es war Hochſommer. Die Penſion der Propſtin ſtand öde und leer; die meiſten waren nach Hauſe gereist, und nur die gewöhnlich Zurückbleibenden be⸗ fanden ſich auf Altorn.— Unter dieſen waren Ar⸗ mida und Elvira. Carl und Fredrik waren wohlbeſtallte Studen⸗ ten, und da es ihnen ſehr daran lag, bald mit ih⸗ rem Aufenthalt auf der Univerſität zu Ende zu kom⸗ men, ſo hatten ſie keine Anſtellungen angenommen, ſondern lagen den Sommer über zu Hauſe, um zu ſtudiren; Carl zum Canzleiexamen, Fredrik um den Grad zu nehmen. Armida war ein recht hübſches Mädchen in der. Blüthe der ſiebenzehn Jahre. — An einem ſchönen Abend ſaßen ſie und Carl auf Altorp Hof im lebhaften Geſpräch. — Glaubſt Du wirklich, daß Elvira hübſch wer⸗ den kann?— fragte Armida. — Ich bin vollkommen überzeugt, daß ſie in Deinem Alter ein ungewöhnlich nettes Mädchen wird,— verſicherte Carl. — Dieſe Ueberzeugung theile ich keinesweges; dann müßte ſie ja einer vollkommenen Metamorphoſe unterworfen werden.— Jetzt iſt ſie ja wirklich häß⸗ lich.— Es gibt keinen Zug in ihrem Geſicht, der paſſabel wäre. Dazu kommt, daß ſie ſo unange⸗ nehm iſt, daß man nicht umhin kann, ſich an ihrem Benehmen zu ſtoßen. Dumm und boshaft iſt ſie auch. Du wirſt ſchon Deine Worte zurücknehmen. daß ſie mit der Zeit eine glänzende Partie machen werde. —— Du vergißt Verſchiedenes, meine liebe Armida — fiel Carl ein,— und in andern Dingen weichſt Du von der Wahrheit ab. Erſtens iſt Elvira— reich, ſehr reich, das bedeutet Etwas, mußt Du glauben; zweitens iſt ſie ſchon ein recht einnehmen⸗ des Mädchen, unb wahrſcheinlich gibt es Niemanden außer Dir, welcher ſie unangenehm, dumm und bos⸗ haft findet. Dein Haß blendet Dich. — Mein Haß,— fiel Armida ein,— und wa⸗ rum ſollte ich ſie haſſen? — Weil Du neidiſch biſt. — Ich neidiſch auf das Kleiderhändlergoerchen! O nein, das kann mir nicht einfallen. Ich weiß gut genug, daß ſie, trotz all ihrem Gold, keinen Mann mit einem ſo angeſehenen Namen, wie der meinige — 54 iſt, bekommen kann. Fräulein K—hjelm kann die Tochter des Wucherers nicht beneiden, und das ſage ich Dir, daß, ſo gerne ich Dich ſonſt auch habe, ich Deine Nachſicht mit Elvira lächerlich finde. Ich meine, daß derjenige, der Sohn von einem Propſt iſt, ſich für zu gut halten ſollte, bei allen Gelegen⸗ heiten als der Vertheidiger eines ſolchen Mädchens aufzutreten. — Eines ſolchen Mädchens,— wiederholte Carl lachend;— bin begierig, was Du damit meinſt.— Elvira iſt, Dich ausgenommen, bei Allen beliebt, und ich prophezeihe, Armida, daß ſie, bevor Du noch einen Schatten von Freier geſehen, einen Grafen oder Baron zum Manne bekommen hat. — Prophezeihe, ſo viel Dir beliebt; aber doch kann ich darauf ſchwören, daß nicht einmal ein ar⸗ mer Edelmann ſie wird haben wollen. Das Fräulein warf den Kopf zurück und ſah ſehr beleidigt aus. — O, Du kannſt ruhig ſein, liebe Armida!— rief eine muntere Stimme hinter dem vornehmen Fräulein.— Das kann nie paſſiren. daß ich mich mit einem Grafen oder Baron verheirathe, wenigſtens muß es ein Marſchall von Frankreich, ein Grand von Spanien, oder ein Pair von England werden. Etwas recht Vornehmes muß er ſein und nicht von ſo einem Hungeradel, wie der, dem Du angehörſt.— Arm wie die Kirchenmäuſe und hochmüthig wie die Truthähne! Armida ſtand auf, um zu gehen, indem ſie mit der Würde eines ſiebenzehnjährigen Mädchens be⸗ merkte: — Ich laſſe mich in keinen Streit mit Kindern ein, und am allerwenigſten mit Dir.— Wenn man nicht wüßte, woher Du ſtammſt, ſo brauchte man nur Deine groben Worte zu hören, um zu wiſſen, daß Du ein Kind geringer Leute biſt, und das will ich Dir ſagen, daß der Pfandleiherurſprung gar zu ſehr bei Dir hervorguckt. Dein Vater ſollte nicht Geld an Deine Erziehung verſchwenden; es iſt weggeworfen, und Du wirſt immer nach den Lum⸗ pen einer Kleiderbude riechen. 7 Dieſe Worte wurden ganz ſchonungslos gegen Elvira geſchleudert, welche ſtrahlend und fröhlich aus⸗ ſehend aufgetreten war; aber jetzt änderte ſich ihre Miene. Ein flüchtiger Schatten fuhr über die Stirne, obgleich die Lippen noch lächelten. Als Armida, nachdem ſie ihre Meinung geſagt, gehen wollte, hielt Elvira ſie zurück und ſagte mit milder Betonung: — Wenn ich kraue, dann kratzeſt Du; aber mag es ſo ſein; ich wollte mich nicht beklagen, ſondern mich meines Auftrags entledigen, als ich hierher⸗ kam und hören mußte, daß Du glaubteſt, ich könnte nicht einmal einen armen Edelmann zum Manne be⸗ kommen. Ich wollte Dir dieſen Brief übergeben. welcher von Timaſjö angekommen iſt. Er enthält gewiß eine frohe Neuigkeit; denn der Bediente ſagte mir, daß die Pferde morgen Vormittag um 10 Uhr hier ſein würden, um Dich zu holen. Elvira eilte fort. — Weißt Du, Armida,— ſagte Carl,— ich finde Dein Benehmen gegen Elvira ſchlecht. Sie iſt viel beſſer, als Du, denn ſie hat ſich noch nie er⸗ laubt, ein einziges Wort über Deinen Vater zu ſagen; aber Du greifſt fortwährend den ihrigen an. Als Elvira von ihnen fortſprang, eilte ſie hinun⸗ ter nach der See. In der Bucht wehte ein friſcher Wind, und die mit weißem Schaum bedeckten Wogen rollten brau⸗ ſend gegen die felſigen Ufer, wo ſie ſich brachen. Elvira blieb ſtehen und betrachtete die Wogen. Sie ſetzte ſich auf einen Stein, verbarg das Geſicht in den Händen und verſank in Gedanken. „Tief im Meere auf den Demantklippen...“ ſang eine klare Stimme im Walde. Elvira erhob den Kopf und lauſchte.— Der Sänger kam näher. Sie blickte dorthin, woher er ſich näherte, und bald erſchien ein langer, ſchmächti⸗ ger Jüngling mit der Büchſe über die Schulter und die Jagdtaſche an der Seite. — Fredrik!— rief Elvira. Der Geſang ſchwieg und der Jäger blickte um ſich, um denjenigen zu entdecken, welcher ihn beim Namen genannt. — O, biſt Du es Elvira; was machſt Du hier ſo einſam und mit Thränen auf den Wangen?— declamirte er und warf die Büchſe von ſich.— Ich kann meinen friſchgeſchoſſenen Haſen darauf wetten, daß Du und Armida hinter einander geweſen ſeid; aber Du brauchſt gerade nicht Dir das, was ſie ſagt, ſo ſehr zum Herzen zu nehmen. Haſt Du wirk⸗ lich über die Worte des liebenswürdigen Fräuleins geweint? — Ja, Fredrik, und das iſt nicht das Erſtemal. Sie thun immer hier wehe;— Elvira legte die Hand F 57 aufs Herz,— und das, weil ſie gegen meinen Va⸗ ter gerichtet werden. Er, der ſo gut gegen mich geweſen iſt, und dann ärgert das mich ſo, daß ich weine. Es kommt mir vor, daß ich, zu welchem Preis es auch ſein möge, ein vornehmes Frauen⸗ zimmer werden muß. Ja, ich will und ich muß Gräfin werden, um Armida zu zeigen, daß... —... Du eine Närrin biſt,— fiel Fredrik la⸗ chend ein.— Ich weiß nicht, wie das der Mühe werth iſt, darnach zu trachten, Gräfin zu werden.— Nein, da weiß ich etwas Beſſeres, was Du werden müßteſt. Fredrik nahm an ihrer Seite Platz, und verſuchte, indem er ſeinen Kopf auf Elviras Knie ſtützte, eine ſo bequeme Stellung als möglich einzunehmen, wor⸗ auf er fortfuhr: — Willſt Du wiſſen, was Du werden mußt? — O nein, das iſt doch wohl nur etwas von Deiner gewöhnlichen Gaukelei, und ich bin nicht für dergleichen geſtimmt. — Ich beabſichtige ernſt zu reden,— verſicherte Fredrik— erhob ſeinen Kopf ein wenig und blickte Elvira an. Sein Geſicht ſah wirklich ernſt aus. — Nun, was willſt Du, daß ich werden ſoll, damit ich davon befreit werde, zu hören, daß ich die Tochter eines Kleiderhändlers und Pfandleihers bin. — Du ſollſt eine Heilige werden. — War es nicht, wie ich ſagte, daß Du bloß Narrenpoſſen machen wollteſt, und das iſt recht un⸗ zart von Dir, da ich verdrießlich bin. Elvira wandte den Kopf weg und war nahe daran, wieder in Thränen auszubrechen. — Du täuſcheſt Dich, ich ſcherze nicht mit Dir. Du mußt wiſſen, daß ich neulich von der heiligen Cecilie geleſen habe, und da dachte ich, daß jedes Weib eine Heilige werden müßte. Es kam mir vor, als wenn es für alle junge Mädchen nothwendig ſei, zur Frommheit erzogen zu werden, ſo daß ſie mit der Zeit Engeln ähnlich wären.— Wenn Du, CEl⸗ vira, recht fromm und mild würdeſt; wenn Du nie⸗ mals böſe würdeſt, oder Dich durch Armidas Worte gereizt fühlteſt, und ihr nicht ebenſo viele Wunden zurückverſetzteſt, wie ſie Dir verſetzt, ſondern ſtatt deſſen ihr alle möglichen Dienſte erwieſeſt, wenn ſie böſe gegen Dich iſt, dann würde ſie ihre boshaften Angriffe auf Dich nicht fortſetzen.— Nein, ſie würde gezwungen werden, Dich zu lieben, und Du wäreſt dann davon befreit, die Tochter des Kleiderhänd⸗ lers ꝛc. genannt zu werden. Fredrik ſchwieg. Elvira ſaß eine lange Weile ſchweigend; dann ſagte ſie ganz ſanft: — Du kannſt wohl Recht haben, und ich möchte wohl verſuchen wollen, zu thun wie Du ſagſt; aber tch glaube nicht, daß ich es kann. Weißt Du, daß des Oberſts nach Timaſjö gekommen ſind? — Des Oberſts!— rief Fredrik und fuhr auf, — dann reiſe ich morgen meiner Wege. Der Mann und ich dürfen uns nicht begegnen, bevor ich Mann geworden. — Sliehſt Du, Fredrik,— ſiel Elvira ein,— Du kannſt das Böſe nicht vergeſſen, das er Dir gethan; aber Du willſt, daß... — Du beſſer ſein ſollſt als ich; ja, das will ich! . 4* * * ze 5 4 59 — fiel er lachend ein.— Du biſt Weib, Du, und mußt als ſolches milder ſein; erinnere Dich deſſen! Am Tage darauf reiste Fredrik zu einem von ſeinen Cameraden. An demſelben Tage, an welchem Fredrik Altorp verließ, fuhr Armida nach Timaſjö, um dort einige Wochen als Geſellſchafterin bei Martha zuzubringen. Der Brief, welchen Elvira ihr übergeben hatte, enthielt eine Einladung von jener. Der Eindruck, welchen Fredriks Worte auf El⸗ vira gemacht, verdunſtete bald. Armidas Abweſen⸗ heit, weit entfernt verſöhnend auf den Aerger zu wirken, welchen ſie empfand, gab demſelben neue und vermehrte Nahrung, weil Carl einige Tage nach Ar⸗ midas Abreiſe von Altorp vom Oberſt nach Timaſiö eingeladen wurde. Carl war ein liebenswürdiger Jüngling, welcher die Kunſt ſich beliebt zu machen verſtand, und als der Oberſt, um Fredrik, den er zu Hauſe vermuthete, zu zeigen, daß deſſen Betragen gegen den Oberſt nicht vergeſſen ſei, Carl einlud, ſo verſtand der junge Student dieſen Vorgang dergeſtalt zu benutzen, daß ſowohl der Oberſt, wie die Oberſtin und Fräulein Martha ihn baten, den Beſuch recht bald zu er⸗ neuern. Während der Wochen, die Armida auf Timaſiö verweilte, verging kein Tag, wo Carl nicht dort war. Fräulein Martha, wegen ihrer Schönheit bekannt und an Jahren gleich mit Armida, befand ſich in demjenigen Alter, wo ein Mädchen ür einen feuri⸗ gen Jüngling am gefährlichſten iſt. Launiſch, verzärtelt, herrſchſüchtig, ſtolz und ta⸗ lentvoll, hatte ſie zu gleicher Zeit Etwas, das be⸗ rauſchte und ſchmerzte. Carl war binnen einer Woche ſo heftig in ſie verliebt, daß alles Andere, als Martha, vergeſſen wurde. Elviras Neid erwachte. Sie litt wirklich, als ſie ſah, daß Carl weder Gedanken noch Sinn für ſie hatte, und dieſes betrachtete ſie als ein Werk von Armida. Elviras Innere wurde erbittert. Sie beſaß nicht mehr Fredrik, dem ſie ſich anvertrauen konnte, ſon⸗ dern war gezwungen, ihre Qualen bei ſich zu be⸗ halten. Die Bitterkeit und die Eiferſucht ſind immer die Feinde der beſſeren Gefühle unſeres Herzens. So auch mit Elvira. Sie las freilich noch ihre Gebete, aber ohne daß der Gedanke den Worten folgte. Ihre Gedanken waren an Timaſjö gefeſſelt. Die Fröhlichkeit und der muntere Scherz waren entflohen, und es kam recht oft vor. daß Elvira Un⸗ geduld und ſchlechte Laune an den Tag legte. Der Gegenſtand dieſer Ausbrüche war immer Lotta, welche ihrerſeits nicht begreifen konnte, was dem Kinde“ fehle. Lotta ſchrieb an Bromér und bat ihn hinauszu⸗ kommen, um dem Kinde Vernunft einzureden. Lotta hatte zwar verſucht es zu thun, aber auf alle ihre Fragen, was Elvira fehle, hatte ſie nur Verdrießlich⸗ keiten zur Antwort erhalten. An demſelben Tage, an welchem Lotta jene Epi⸗ ſtel abſchickte,(welche in einem merkwürdigen Schwe diſch geſchrieben war) kam Elvira zu ihr hinein und — —— 61 ſchlug ihr vor, daß ſie zuſammen zu einem Käthner gehen ſollten, welchen Lotta ein wenig unterſtützte. Lotta ſtimmte ſofort bei und ſie begaben ſich auf den Weg. Elvira hatte einige Kleinigkeiten mit, welche ſie dem kleinen Mädchen des Käthners geben wollte, und das freute Lotta recht, daß Elvira jetzt, wie früher, an das arme Kind dachte. Ihr Weg führte ſie durch den Birkenhain. El⸗ vira hatte einen Vorſprung von einigen Schritten, ſo daß ſie vor Lotta auf der großen Landſtraße an⸗ langte. Sie war nicht viele Schritte geäangen, als ſie eine ganze Geſellſchaft ſich entgegenkommen ſah. Es war die Herrſchaft von Timaſiö. 8 Bisher hatte Elvira ſich ganz ſorgfältig gehütet, mit der Familie des Oberſten in Berührung zu kom⸗ men, da ſie ſich wohl des erſten und einzigen Zu⸗ ſammentreffens mit derſelben erinnerte. Jetzt ſpürte ſie indeſſen keine Neigung, ihr auszuweichen, ſon⸗ dern von einem unwiderſtehlichen Verlangen vorwärts getrieben, die ſchöne Martha an Carls Seite gehen zu ſehen. Elvira beeilte ihre Schritte, ſo daß der Abſtand zwiſchen ihr und Lotta noch größer wurde, als er geweſen. Ihr Herz ſchlug ſo heftig, ſo daß ſie dem Er⸗ ſticken nahe zu ſein meinte, als ſie an der fremden Geſellſchaft vorbei paſſirte. Martha ging, auf Armida's Arm geſtützt, und zu ihrer Linken promenirte Carl. Gerade als ſie an Elvira vorbeigingen, wandte Armida den Kopf weg, um nicht grüßen zu müſſen. Carl zog die Mütze ab und nickte ihr freundlich 62 etwas, das Fräulein Martha veranlaßte, einen for⸗ ſchenden Blick auf das junge Mädchen zu werfen. Elvira hörte, daß Martha Carl fragte, wer das ſei, die er grüßte, und Armida antwortete mit lauter Stimme: — O, das war des Kleiderhändlers Tochter, von der ich mit Dir geſprochen. Die übrige Geſellſchaft bemerkte Elvira nicht, ſolch einen Eindruck machten Armidas Worte auf ſie; und ſie hätte dieſelbe wahrſcheinlich vorbeipaſſiren laſſen, ohne auf ſie Acht zu geben, wenn nicht die Stimme des Oberſten ſie veranlaßt hätte, ſich umzu⸗ drehen. Er bemerkte: — Ich täuſche mich nicht, es iſt Lotta! Der Oberſt und ein älteres Frauenzimmer waren vor Lotta ſtehen geblieben, welche am Rande des Grabens ſtille ſtand. — Ja, es iſt wirklich Lotta,— ſtimmte die ältere Dame in einem Tone bei, welcher Elvira trau⸗ rig vorkam.— Das war intereſſant, Dich einmal zu ſehen,— fügte ſie freundlich hinzu.— Ich habe oft an Dich gedacht und war begierig zu wiſſen, wo Du hingekommen. — Cure Gnaden ſind zu gütig,— ſtammelte Lotta. — Nun, meine liebe Lotta, wo haſt Du Dich aufgehalten in den Jahren, welche vergangen ſind?— fragte der Oberſt. — Ich habe fünfzehn Jahre bei Herrn Bromér gedient,— antwortete Lotta und erhob den geſenk⸗ „ten Kopf. diſ,— Fünfzehn Jahre!— Das heißt, Lotta kam 63 dorthin drei Jahre, nachdem ſie den Dienſt bei meinem Schwiegervater verlaſſen,— fuhr der Oberſt fort. — Ja, ich kam zu Herrn Bromér in demſelben Jahre, in welchem die Schweſter Ihrer Gnaden ſtarb,— ſagte Lotta und ſah den Oberſten feſt an⸗ — Haſt Du es gut, wo Du biſt?— fragte Ihre Gnaden, das Geſpräch plötzlich unterbrechend. — Was iſt Dein Dienſtherr für ein Mann?— Der Oberſt wiederholte Bromers Namen mehrere Male, gleichſam, als wollte er ſich überzeugen, daß derſelbe ihm vollkommen fremd ſei. — Er iſt ein Kaufmann,— erwiederte Lotta und verneigte ſich. Sie meinte, daß das Verhör jetzt zu Ende ſei, was indeſſen nicht die Anſicht des Oberſten war, denn er hielt ſie mit einer neuen Frage zurück: — Wohnt Dein Dienſtherr hier in der Gegend? — Nein! Nur ſeine Tochter, welche auf Altorp in Penſion iſt. Mit dieſer Antwort eilte Lotta ihren Weg fort, ſo daß ſie Elvira erreichte. Elvira fing nun ihrerſeits an, Lotta zu verhören. Sie wollte wiſſen, wie Lotta den Oberſten kenne, warum ſie nie davon geſprochen, daß ſie bei ſeinem Schwiegervater im Tienſt geweſen, und wer die Schweſter Ihrer Gnaden ſei. Als Elvira alle dieſe Fragen gethan, drang ſie in Lotta, um Gott weiß was über die Familie des Oberſten zu erfahren. Endlich ſchnitt Lotta alle Fragen mit der Erklärung ab, daß ſie das Geſpräch nicht fortſetzen wollte, und 64 daß ſie, Lotta, meinte, das ſeien Sachen, die ganz und gar nicht Elvira angingen. Die Neugierde des jungen Mädchens wurde auch bald durch andere Gedanken verdrängt. Sie konnte nicht vergeſſen, wie blendend ſchön Martha ſei, und auch nicht den Ton, in welchem Armida ſich über Elvira geäußert. Sie kam ſich als das unglücklichſte Weſen auf der Erde vor, wenn ſie bedächte, daß Carl Martha lieber möchte, als ſie, daß man ſie verachte ihres Vaters willen, daß man ſie nicht grüße ꝛc. Sie trat in das geringe Haus des Käthners ohne irgend ein Intereſſe für die Armen, ſo ſehr war ſie von ihren eigenen Leiden in Anſpruch ge⸗ nommen. Ach,— dachte Elvira,— wenn ich den Tag erleben könnte, wo Carl mich für hübſcher hielte, als jenes Fräulein, wo ich vornehmer wäre, als ſie, und wo Armida es für eine Ehre anſehen würde, mich grüßen zu dürfen; dann, dann wäre ich recht glück⸗ lich! Ich würde nachher nichts mehr hier im Leben wünſchen. Am Tage darauf kam Herr Bromér, um darüber ins Klare zu kommen, was ſeinem Liebling fehle. Er ſprach unter vier Augen mit Elvira, und ſie vertraute ihm den Gram an, welchen ſie darüber empfand, daß Armida ihre Herkunft für gering hielte. Sie behauptete, daß ſie nichts auf der Erde mehr wünſche, als vornehm zu werden, und ſo einen hüb⸗ ſchen Namen wie Stangenſtjöld oder dergleichen zu bekommen. —— 65 Bromér hörte ihr ſchweigend zu. Als das Mäd⸗ en ſchwieg, ſagte er: — In zwei Jahren wirſt Du vielleicht das be⸗ ſitzen, was Du jetzt wünſcheſt; aber ob das Glück Deine Wünſche begleiten wird, iſt eine andere Sache. Habe indeſſen Geduld und ich glaube Dir verſpre⸗ chen zu können, daß Du das erhalten wirſt, wonach Du jetzt trachteſt. Ich bin reich genug, um Dir einen Mann und einen Namen zu kaufen. Niemals hat wohl Jemand ſein Kind höher und leidenſchaftlicher lieben können, als Bromér Elvira liebte; aber es fehlte ſeiner Liebe an Verſtand und ſie war mit der größten Schwäche verbunden. Je älter Elvira wurde, deſto blinder wurde auch Bromér gegen ihre Fehler; und hätte das Mädchen ſich die Schätze Perus gewünſcht, ſo würde er Alles gethan haben, um ihr dieſelben zu verſchaffen. Für Bromér gab es nur ein einziges Weſen in der Welt, und dieſes einzige Weſen war Elvira. Er ſelbſt und die übrige Menſchheit waren nur Mittel, durch welche ſie zum Reichthum und Glück gelangen ſollte. Elviras guten natürlichen Anlagen hatten ſie bisher davor bewahrt, von dieſer ſchiefen moraliſchen Erziehung zu viel Schaden zu nehmen, welche ſie, zwiſchen die Schwäche des Vaters und Lottais Ab⸗ götterei geſtellt, erhalten hatte. Ihr Religioſität beſtand darin, täglich ein Capi⸗ tel in der Bibel zu leſen, das Morgen⸗ und Abend⸗ gebet ordentlich zu verrichten und jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Aber es fehlte Eloira an dem lebendigen und durchdringenden Intereſſe für den Schwartz, Gold und Name. I.* 66 6 Geiſt im Worte und in der göttlichen chriſtlichen Lehre, welcher bewirkt, daß der Menſch ſeine welt⸗ lichen Gefühle und Wünſche zu beherrſchen ſucht. Lotta hatte niemals ihre Eltern gekannt und kannte deshalb auch nicht die Pflichten gegen dieſel⸗ ben. Sie konnte demnach auch nicht Elvira das beibringen, was ſie ſelbſt nicht begriff. Sie hatte das Mädchen gelehrt, immer gegen Andere ſo zu„ handeln, wie ſie wollte, daß dieſe gegen ſie handeln ſollten, ſich ſelbſt für das Recht zu opfern, und das Gute zu thun, um Gottes Segen zu verdienen; aber ſie hatte nebenbei von Elviras Kinderjahren an es beklagt, daß dieſe nicht zu Namen und Rang geboren ſei, und dadurch frühzeitig das Verlangen des Kin⸗ des nach dem, was es nicht beſaß, rege gemacht. Die Begierde nach einer glänzenden Stellung in der Geſeilſchaft, welche Lotta, ohne daran zu den⸗ ken, mit herangezogen hatte, wurde durch Armida's verletzende Worte zu einer Hauptleidenſchaft geſtei⸗ gert, und ſollte auch ſpäter eine entſcheidende Rolle in Elvira's Leben ſpielen. Der Neid, welchen ſie gegen Martha empfand, arbeitete auch nicht dieſem von der Kindheit an ge⸗ weckten und genährten Gelüſt entgegen. Wieder verging ein ganzes Jahr. Armida war jetzt Geſellſchaftsdame bei Fräulein Stangenſtiöld. Carl und Fredrik waren die letzten zwölf Monate nicht zu Hauſe geweſen. Im Frühling war Elvira confirmirt worden, und es war beſchloſſen, daß ſie den Sommer mit dem Vated eine Reiſe ins Ausland machen ſollte. 67 en e Herbſt die Reiſe antreten. . Bromer konnte indeſſen wegen Geſchäften erſt ge⸗ Seine Geſundheit war in letzterer Zeit hart an⸗ gegriffen worden, und die Aerzte hatten ihm gerathen, ſeinen Aufenthaltsort zu wechſeln, und ihm Ruhe von aller Arbeit empfohlen. In Folge deſſen beſchloß er, ſeine Pfandleih⸗ und Kleiderhandels geſchäfte abzu⸗ ſchließen und ſich nach einem Aufenthalt von ein paar Jahren im Auslande auf den Handel en gros zu legen. Juni war in Blumen gekleidet. Carl hatte jetzt ſein Canzelleiexamen gemacht und wurde zu Hauſe erwartet. Es war an einem hübſchen Nachmittag, daß El⸗ vira ſich nach derſelben Brücke begab, wo ſie das erſtemal die jungen Herren damit empfing, daß ſie im Waſſer auf dem Kopfe ſtand. Ein Gefühl von lnruhe und Sehnſucht erfüllte Elvira bei dem bloßen Gedanken an eine Begegnung mit Carl. Das Boot, ee den neuen Canzelliſt und ſei⸗ nen Bruder nach Altorp führte, näherte ſich, Elvira winkte mit dem Taſchentuch und das Herz ſchlug den Tact dazu. Sie ſollte Carl wiederſehen dürfen, welcher das Ideal ihrer Träume geweſen. Das ſechzehnjährige Mädchen, welches in Geſell⸗ ſchaft mit ihren Camerädinnen eine unzählige Menge Romane geleſen, war jetzt zu der Len ge⸗ kommen, daß es für ſein ganzes Leben an Carl ge⸗ ſeſſelt ſei. Glück und Unglück beruhten darauf, ob er ſie liebte. Wahr iſt es indeſſen, daß Elvira von 52 ganzer Seele und mit ihrem ganzen Herzen Carl liebte, und daß ihre Gefühle jetzt auf ihn concen trirt waren. 5 Das Boot legte an.— Aus demſelben ſprang erſt Fredrik.— Elvira bemerkte ihm kaum, ſondern ſtreckte beide Hände Carl entgegen, welcher gleich nachher auf die Brücke hinaufhüpfte. Er war ſo hübſch, daß Elvira vor lauter Entzücken kein Wort über ihre Lippen bringen konnte. — Mein Gott, Elvira, ich kenne Dich kaum wie⸗ der, ſo ein reizendes Mädchen biſt Du geworden!— rief Carl und küßte die kleinen Hände. Sie erröthete, lächelte und ſah glücklich aus. Juni und Juli Monate verfloſſen wie ein froher Traum. Elvira glaubte zu lieben und geliebt zu ſein. Carl und ſie hatten bereits nach den erſten Wochen es einander geſagt, und genoſſen jetzt das Glück, welches die Jugendliebe mit allen dieſelbe begleiten⸗ den Illuſionen ſchenken kann. Sie bauten Luftſchlöſſer. Carl ſollte, wenn El⸗ viras Vater ankäme, um ſie zu der Reiſe ins Aus⸗ land abzuholen, bei ihm um ihre Hand anhalten. Wenn Elvira wieder zurückkehrte, ſollten ſie ſich heirathen. Die Gedanken daran, die Frau eines vornehmen Mannes zu werden, waren jetzt aus El⸗ viras Seele verbannt, und ſie hatte nur einen Wunſch, nämlich den, als Carls Frau zu leben und zu ſterben. Ihr ſchöner Traum wurde indeſſen raſch durch die Rachricht zerſtört, daß Oberſt Stangenſtiölds auf Timaſis angekommen ſeien. 69 Am Tage nach der Ankunft des Oberſten dort machte Carl einen Beſuch auf Timaſſö. Elvira konnte ihre Gefühle nicht beherrſchen, ſon⸗ dern ſagte Carl, daß ſie befürchtete, Martha möchte ſie verdrängen. Carl lachte und verſicherte, daß wenn er je für Martha entbrannt geweſen, ſo ſei das eine Flamme, welche jetzt erloſchen ſei. Elvira ſei die Erſte und Einzige, die er liebe. Als Beweis für die Wahr⸗ heit ſeiner Worte wollte Elvira, daß er nicht mehr nach Timaſib ginge; aber dann bewies Carl, daß es unhöflich, daß es ein Opfer ſei, welches er der Convenienz brächte, und Elvira war gezwungen, an⸗ zuerkennen, daß er Recht hätte. Carl erneuerte den Beſuch auf Timaſjö. Zwei Wochen vergingen, welche für Elvira wirk⸗ liche Marter mit ſich brachten. Carl war freilich ebenſo zärtlich und verliebt; aber er konnte nicht dazu bewogen werden, von ſeinen täglichen Beſuchen auf Timaſſö abzuſtehen. Elvira brachte die Stunden, die er dort war, in der größten Unruhe zu und wurde von der bitterſten Eiferſucht verzehrt. Eines Tages kam ein Brief von Bromér. Der⸗ ſelbe theilte Elvira und Lotta mit, daß ſie ſchon in den erſten Tagen des September für die Reiſe ins Ausland bereit ſein ſollten. Mit dem Briefe folgte eine Menge Sachen und Zeug, welches für die lange Reiſe zugerichtet wer⸗ den ſollte. Das gab Lotta ſowohl wie Elvira alle Hände voll zu thun. Die letztere erhielt dadurch eine Ableitung für ihre Eiferſucht. 70 Nachdem Elvira Carl den Inhalt des Briefes vom Vater mitgetheilt hatte, blieb er drei ganze Tage zu Hauſe, ohne Timaſjö zu beſuchen. Er war fröhlich und liebenswürdig; als aber Elvira die Rede auf ihre Verlobung brachte, und darauf, daß Carl bei der Ankunft des Vaters um ihre Hand anhalten ſollte, ſprang Carl auf ein anderes Thema über. Eine ſelige Woche war verfloſſen, als Carl eines Morgens ſich ganz früh fortbegab, um, wie die Propſtin ſagte, zu jagen.— Elvira glaubte, daß es ſo ſei, und beſchloß, ihm im Laufe des Vormittags entgegen zu gehen, was ſie dann auch that; aber ſie kehrte von der Promenade mit betrübter Miene zurück. Sie hatte Carl nicht geſehen, aber von einem kleinen Bauernmädchen erfahren, daß er in Geſell⸗ ſchaft mit der Familie des Oberſten auf einer Luſt⸗ partie ſei. Elvira ging ſoſort hinauf in ihr Zimmer, warf ſich auf das Sopha und brach in ein heftiges Schluchzen aus. Während ſie ungehemmt ihrem Schmerz Luft machte, wurde ſie durch Stimmen, welche im Garten ſprachen, unterbrochen. Im Au⸗ genblick ſaß ſie aufrecht, um zu lauſchen. — Carls Benehmen iſt unwürdig,— bemerkte Fredrik mit Heftigkeit,— und es nützt nichts, es vertheidigen zu wollen. — Aber, mein lieber Junge,— fiel die Prop⸗ ſtin ein— Du beurtheilſt Deinen Bruder gar zu ſtreng, ſonſt würdeſt Du genöthigt ſein, anzuerken⸗ nen, daß die Klugheit ihm gebietet, zu handeln, wie er thut. 71 Elvira kann eine ganz gute Partie ſein, wenn ſich nichts Beſſeres darbietet; aber, hat er Ausſicht, eine zu machen, die vortheilhafter iſt, ſo wäre er doch toll, wenn er der Schwiegerſohn eines Wucherers und Pfandleihers würde. Es würde immer etwas Störendes an ſich haben, wenn Jemand früge,— wer eigentlich die Frau des königlichen Secretärs Brogren ſei. — Mama kann nicht ſo denken, wie Mama jetzt ſpricht!— rief Fredrik.— Das ſollte mich wirk⸗ lich ſchmerzen; denn das klingt ſo egoiſtiſch und herzlos. — Romangeſchwätz, Fredrik; ich kann doch nicht deßhalb egoiſtiſch erſcheinen, weil ich vernünftig ſpreche. — Wenn das Vernunft iſt, ſo iſt das eine ab⸗ ſcheuliche Vernunft. Carl dürfte gern die Partie mit Elvira für unpaſſend gehalten haben; aber dann hätte er nicht den Verliebten ſpielen ſollen. — Höre mal, Fredrik,— fiel die Propſtin ein, — laß uns einen Augenblick das Verhältniß um⸗ kehren; ſollteſt Du wirklich Herrn Bromérs Tochter heirathen wollen? — Jo, bei Gott, wenn ich ſie liebte. — Hat das Geld einen ſo großen Werth für Dich, daß Du wegen des Beſitzes davon Dich nicht um den zweideutigen Ruf kümmerſt, in welchem Bromeér ſteht? In dieſem Falle biſt Du ebenſo be⸗ rechnend wie Dein Bruder, obgleich Du nur auf den pecuniären Vortheil ſiehſt, während er auch auf denjenigen ſieht, welchen Rang und Verwandt⸗ ſchaft bringen können. 5 ——— ———— 72 — Mama, ich werde nie an Geld denken, wenn ich mich verheirathe, und ich weiß, daß ich an Carls Stelle Elvira nicht betrogen haben würde. Das junge Mädchen hörte nicht weiter. Sie brach in Thränen aus. Sie konnte das, was ſie gehört, nicht faſſen, und doch war es ihr ein Ge⸗ fühl, als wenn das Herz nicht ſchlagen könnte. Elvira athmete mit Mühe. Sie war ihrer aufgeregten Gefühle noch nicht Herrin geworden, als Jemand die Thüre aufmachte, mit raſchen Schritten auf ſie zutrat und rief: — Jetzt bin ich hier, mein reizendes Veilchen! Biſt Du mir ſehr böſe, weil ich mich ſo früh am Morgen weggeſchlichen habe? Ein Paar Arme wurden um Elvira geſchlungen, welche mit abgewandtem Kopfe daſaß. Cark fuhr fort: — Holder Engel, ſehe mich zu Deinen Füßen, wo ich Dir beichten will, daß ich einen großen Fehler. begangen habe, weil ich Dir nicht geſagt, daß ich es verſprochen hatte, heute Morgen mit dem Ober⸗ ſten auszufahren.— Ich hatte nicht den Muth, Dich zu beunruhigen, mein Mädchen, und zog es deßhalb vor, erſt dann von dem Ausflug zu ſprechen, wenn derſelbe bereits ſtattgefunden. Carl ſchwieg. Er erwartete, daß Elvira ihn an⸗ ſehen ſollte; aber ſie verblieb in derſelben Stellung und ohne zu antworten. — Was, Elvira, ſollteſt Du mir wirklich böſe ſein?— Geliebte, laß mich Dein mildes Geſicht ſehen! Du haſt keinen Grund, Dich über Deinen Carl zu grämen. — 73 — Meinen!— wiederholte Elvira. Jetzt ſah ſie ihn an. Sie blickte in ſeine Augen hinein, und fort flohen alle Zweiſel. Nein, das war nicht möglich, daß er ſie betrügen könnte. So ſähe nicht derjenige aus, der mit Herzen ſpiele. Sie hatte die Worte der Propſtin unrichtig aufgefaßt; oder auch hatte die Propſtin ihren Sohn unrichtig beurtheilt.— Ja, das war ein Mißverſtändniß. Elviras Eiferſucht auf Martha hatte ihre Begriffe verwirrt. Sie ſchlang ihre Arme um Carls Hals, lehnte ihren Kopf gegen den ſeinigen und flüſterte mit Purpurwolken auf ihren Wangen: — Ja, Du biſt mein und Du wirſt immer mein bleiben. Ich weiß es, und ich habe Unrecht gehabt, daß ich gezweifelt. — Gezweifelt,— wiederholte Carl und lächelte ihr zu,— an was haſt Du gezweifelt? — Daran, daß Du mich wirklich liebſt. — Närriſches Geſchwätz!— meinte Carl und drückte ſeine Lippen gegen ihre Wange; aber bei dieſem, obgleich flüchtigen Kuß zog Elvira ſich zurück, ſchob ihn haſtig von ſich und ſagte: — Setze Dich hierher, ich will mit Dir über Etwas ſprechen. Carl kam der Aufforderung nach. — Nun, mein Täubchen, worüber wollen wir ſprechen?— fragte er und ſah ſo fröhlich und glück⸗ lich aus, daß Elvira, um ihre feierliche Miene bei⸗ zubehalten, zum Fenſter hinausſehen mußte. — Ich wünſchte Dich ernſtlich zu fragen, ob Du es bereut haſt, daß Du ſagteſt, Du wolleſt mich zur Gattin haben 5 Elviras Augen ruhten auf Carl. Er wurde dunkelroth und ſah unzufrieden aus. — Du haſt einen Fehler, Elvirchen,— ſagte er, — und der iſt, daß Du Dich viel zu viel mit der Zukunft beſchäftigſt.— Wir ſind beide ſo gut wie Rinder, warum ſollen wir denn weiter denken, als der gegenwärtige Augenblick reicht? — Carl, noch vor drei Wochen warſt Du es, welcher von der Zukunft ſprach und ſagte, daß Du ungeduldig darüber wäreſt, nicht ſofort meinen Vater um ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung bitten zu können. — Nun ja, das war natürlich, und ich weiß nicht, warum Du mir jetzt ſolche Fragen machſt? — Aus dem einfachen Grunde, weil ich zu glau⸗ ben angefangen habe, daß Du nicht mehr dieſelben Gedanken haſt. Wenn dem ſo iſt, Carl, ſo ſage es mir ehrlich; ich bitte Dich darum! Carl biß ſich in die Lippen. Er warf den Kopf zurück und antwortete mit einer verletzenden Nach⸗ üſſigkeit: — Nun gut, da Du es durchaus willſt, ſo will ich Dir ſagen, daß ich mich bei einem Alter von zwei und zwanzig Jahren und Dich bei 16 Jah⸗ ren für viel zu jung halte, um an eine eheliche Ver⸗ bindung zu denken; ich möchte wünſchen, daß wir erſt nach Deiner Reiſe ins Ausland dieſes Thema berührten. Und jetzt laß uns nicht mehr von der Sache reden, ſondern uns an der Gegenwart freuen und glücklich ſein. Carl wollte Elviras Hände ergreifen; aber ſie zog dieſelben zurück und ſtand auf. 75 — Du würdeſt mich eben ſo wenig bei meiner Rückkehr von meiner Reiſe ins Ausland haben wol⸗ len, wie jetzt,— wiederholte Elvira.— Du findeſt mich zu gering; ja, ich weiß es; ich habe Deine ei⸗ gene Mutter es ſagen hören, und dieſes, Carl, iſt abſcheulich von Dir. Du beabſichtigſt Dich mit Martha zu verheirathen; aber ich werde es ihr ſa⸗ gen, welch' ein elender und treuloſer Menſch Du biſt, und dann wird ſie ſich nicht um Dich kümmern. Elvira eilte gegen die Thüre; aber Carl umfaßte ſie und ſagte mit aufgeregter Stimme: — Du darfſt nicht gehen, und Du ſollſt nicht mit Martha ſprechen, ſondern Du ſollſt mich hören. Gebe Dir indeſſen ſelbſt Schuld, wenn ich Worte ſagen werde, welche ich Dir, ſie zu hören, und mir ſie auszuſprechen, zu erſparen gewünſcht hätte. Ich liebe Dich wirklich, Elvira; ich habe nie Martha ſo lieb gehabt, wie Dich. Es wäre mein Glück gewe⸗ ſen, Dich jetzt Frau zu nennen; aber, ſiehſt Du, ich muß damit warten, bis man vergeſſen hat, was Dein Vater geweſen; ſonſt würde meine Verbindung mit Dir ein Hinderniß für meine künftige Beförderung werden.— Wenn Dein Vater und Du ein Paar Jahre da draußen geweſen, dann wird der Name Bromér nicht ſo lebhaft an Pfandleiher, Kleiderbude und Wucher erinnern;— beſonders wenn Du und ich uns auswärts verheiratheten, und Dein Vater, über⸗ einſtimmend mit dem, was Du geſagt, mit ſeinem jetzigen Gewerbe aufhörte.— Für uns bedeutet es nichts, ein paar Jahre zu warten; am wenigſten, da damit ſo viel gewonnen wird. — Es iſt alſo der Name meines Vaters, deſſen Du Dich ſchämſt?— ſtammelte Elvira. — Glvira, Dein Vater hat während der letzten Jahre ſolche Geſchäfte gemacht, daß er freilich damit viel Geld gewonnen hat; aber ſie haben ihm auch als Gewinn die Verachtung aller ehrlichen Leute ein⸗ gebracht. Dieſes hat man mir bei Stangenſtjölds mitgetheilt. Bevor das Publikum dieſe pecuniären Genieſtreiche vergeſſen, wird ſchwerlich irgend ein Mann, der um ſeine Ehre beſorgt iſt, mit ihm ver⸗ wandt werden wollen. Dieſes iſt ein Unglück, wel⸗ — Stille!— rief Elvira.— Sage nicht ein Wort mehr von meinem Vater, ſondern höre Du nun mich an: Und wenn Du eines Tages kommen würdeſt und zu meinen Füßen um meine Hand bet⸗ teln, ſo würde meine Antwort ſein:— wir können nie ein Paar werden!— Der Name meines Vaters hat uns getrennt; nun gut, nichts in der Welt wird mich das vergeſſen und vergeben machen.— Gott iſt gerecht, Carl, er wird Dich ſtrafen, ich bin deſſen gewiß. Elvira öffnete die Thüre und eilte die Treppe hinunter. Carl warf ſich ins Sopha und murmelte: — Ganz verdammt verdrießlich; aber es war ſo gut, daß der Bruch geſchah, bevor der Vater kam.— Schade, daß es jetzt zu Ende iſt! Elvira iſt jeden⸗ falls das netteſte Mädchen, das ich kenne, und dasjenige, welches ich am beſten leiden mag; aber Pfui Teufel, Herrn Bromér zum Schwiegervater zu bekommen! 77 Dazu hätte ich nicht Muth, und wenn er doppelt ſo viel Geld beſäße. Eine halbe Stunde darauf ſah man Carl ſich nach Timaſiö begeben. In dem kleinen Luſthaus der Propſtin befand ſich Elvira, ein Raub des heftigſten und bitterſten Schmerzes. Fredrik ſuchte ſie dort auf. Er hatte vom Gar⸗ ten aus dem Geſpräche von ihr und Carl zugehört, und kam jetzt, um zu verſuchen das arme Mädchen zu tröſten. Er ſprach freundliche und ermunternde Worte zu ihr; aber dieſe verklangen, ohne im Stande zu ſein, ſie zu tröſten oder zu beruhigen. Nach vierzehn Tagen waren Elvira und Lotta nicht länger auf Altorp. Während dieſer zwei Wochen war Carl von Mor⸗ gen bis Abend auf Timaſjö geweſen. Elvira hatte ihr Zimmer nicht öfter verlaſſen, als wenn ſie ſicher war, Carl nicht zu ſehen. Ihr ganzes Aeußere war verändert. Sie lächelte nicht mehr. Die Augen waren roth und ausgeweint, die Wangen bleich und der Blick traurig. Lotta bat und bettelte ihren Liebling, ihr zu ſagen, was ihm fehle; aber Elvira gab fortwährend zur Antwort, daß es nichts ſei. Sie arbeitete ſtill und eifrig und beeilte ſo viel als möglich ihre Ab⸗ reiſe aus dem Hauſe, welches ſieben Jahre lang ihre Heimath geweſen. Im Jahre darauf, Anfangs Juli, war Wies⸗ baden von Brunnen⸗ und Badegäſten überfüllt. Leute om Badeorte lebten, diejenigen, welche ihr von allen Nationen hatten ſich dort verſammelt, der Luxus war groß und die Vergnügungen unzählig. Man ſpielte hoch; man tanzte; man hatte Schau⸗ ſpiele und Concerte, Luſtpartien und ſowohl private wie öffentliche Unterhaltungen tauſenderlei Art. Es ſchien, als wäre der eigentliche 3 6 prächtigen Badeortes der geweſen, auf e Alle zu verſammeln, welche dem Vergn Genuß und der Verſchwendung huldigt welche Geld verdienen wollten, ſpeculirter menſchlichen Thorheiten; und man machte mit menſchlichen Laſtern. Geſundheit und Vermögen, zeitliches ur Glück waren auf dieſem Marktplatz Klein welche man nicht in Anſchlag brachte; hier nur drei Claſſen von Menſchen: Diejenig Badeorte verſchleuderten, und diejenigen, wele. kommen waren, um ihrer Geſundheit zu pflegen. Dieſe letzteren waren ein Raub der Hotels und der Aerzte; aber die zweite Claſſe beſaß eine unzählige Menge, welche von ihnen Steuern erhob und auf die ſchamloſeſte Weiſe auf ihre Mittel Beſchlag zu legen ſuchte. Eines Morgens beim Anfang der Saiſon finden wir alle Promenaden von Leuten wimmelnd. Schön⸗ heit, Jugend, Reichthum und Geburt waren hier aus allen Ecken Europas verſammelt. Wir verlaſſen jedoch die Promenirenden und tre⸗ ten ein in den großen Salon des Curhauſes. Zur Linken von dieſem Salon hatte man die Spielſäle, und dort konnte man ſagen, daß am grünen Tiſche 79 alle Laſter ſich ein Rendezvous gegeben, um ihren Raub zu verſchlingen. In dem großen prachtvollen Salon, welcher au⸗ genblicklich leer war, wanderten über die gebohnten und glänzenden Parquets zwei junge Männer im eifrigen Geſpräch. Von dem Platz außerhalb dem Curhauſe hörte man die Muſik des Orcheſters und das Getöſe von unzähligen Menſchenſtimmen. Ohne ſich davon ſtören zu laſſen, ſetzten jedoch die beiden Männer ihren Gang auf und ab ununterbrochen fort. Wir wollen ſie, bevor wir dem, was ſie ſagen, lauſchen, einen Augenblick genauer betrachten: Der Eine war von langer Statur und ſtarkem Körperbau, mit hochgewölbter Bruſt und breiten Schultern.— Sein ganzes Aeußere trug das un⸗ verkennbare Gepräge von Kraft und Geſundheit.— Sein Kopf war groß, das Haar üppig, braun und kraus, die Stirne breit, die Augen tief und glänzend, die Kinnlade ſtark und die Haut friſch; er hatte ge⸗ ſunde, weiße Zähne, volle Lippen, mit einem Zug von Güte und Entſchloſſenheit, welcher in Verbindung mit der graden Naſe dem Geſichte einen beſtimmten Charakter der Männlichkeit gab. Ein hübſcher, wohl⸗ gepflegter Backenbart, ſowie ein raſirtes Kinn und Oberlippe deuteten auf etwas Engliſches. Die blen⸗ dend weißen Hände waren zu groß für einen Dandy. Derjenige, mit welchem er ſprach, iſt dagegen ein wirklich hübſcher Typus eines Ariſtokraten. Seine Geſtalt iſt lang und ſchlank, die Geſichtszüge regel⸗ mäßig, die Hände und Füße klein. Sein ganzes Aeußere verräth den fein gebildeten Weltmann. Das Haar und der Backenbart ſind etwas zu hellbraun, und die Haut ſo roth und weiß, daß ſie einem fünf⸗ zehnjährigen Mädchen anſtehen würden. Auch er trug Kinn und Oberlippe raſirt. Die tiefblauen, ernſten Augen ſchienen unmöglich einem Andern, als einem Britten angehören zu können. — Lord Caſterton, ich ſage es Dir in vollem Ernſt, daß die Marguiſin mich nach Coblenz hat rufen laſſen, und ich habe ſie nachher hierher beglei⸗ tet,— bemerkte der Lange und Schlanke. Falls Du noch zweifelſt, ſo gehe nach dem Hotel Phoenix, und Du wirſt dort Deine Tante finden. — Aber aus welchem Grund kommt ſie hier⸗ her?— fragte Edwin Caſterton: — Willſt Du mich nicht darüber aufklären, mein beſter Lembourn? — Gern, weil ich einzig und allein zu dieſem Zweck Dich aufgeſucht habe; aber Du haſt meinen Worten nicht glauben wollen, ſondern es vorgezogen, ſie ſo zu nehmen, als wenn ſie im Scherz geſagt wären, um nicht durch Etwas beunruhigt zu werden, was nicht nach Deinem Geſchmack iſt. — Und Du, Sidney, haſt noch nicht Deine alte Gewohnheit abgelegt, moraliſche Vorträge zu hal⸗ ten,— ſiel Edwin Caſterton lachend ein.— Laß indeſſen dieſe Gewohnheit und beſchäftige Dich aus⸗ ſchließlich mit der Marquiſin. t Sie will, daß Du Dich ſofort verheirathen ollſt. Edwin blieb plötzlich ſtehen und betrachtete Sir Sidney Lembourn mit einer Miene, welche beide veranlaßte, in ein Gelächter auszubrechen. 3 81 — Ich will wohl glauben, daß die Marquiſin den Verſtand verloren hat,— bemerkte Edwin, als er zu lachen aufgehört hatte.— Ihr Wunſch, daß ich mich verheirathen ſoll, klingt wirklich ſo, als wäre ihr eine Schraube los geworden. Laß mich nun den Grund hören, warum ich mir das Ehejoch auf⸗ legen ſoll. — Um Deine Angelegenheiten zu verbeſſern. Sie hofft, daß Du zum klaren Bewußtſein gekommen biſt, wie es mit Deinem Vermögen ſteht. — Ja, bei meiner Ehre, mein Banquier hat mich ſchon lange darüber aufgeklärt, und dieß be⸗ wegte mich auch, England zu verlaſſen. Alle meine Güter ſind verpfändet, und ich glaube nicht, daß es mir gelingen wird, auch nur ſo viel wie ein Pfund auf meinen Namen zu erhalten; aber wenn die Mar⸗ quiſin deshalb glaubt, daß Edwin Caſterton ſich ver⸗ heirathen wird, um ſeine Affairen zu ordnen, dann täuſcht ſie ſich. Ich habe das Vermögen nicht zer⸗ ſtört, es war zerſtört, bevor ich die Lordſchaft erbte. Ich bin alſo nicht verpflichtet, durch den Verkauf meiner Freiheit und meiner Ehre daſſelbe wieder herzuſtellen. — Die Marquiſin will nicht, daß Du Dir Geld erheiratheſt; Du haſt das Recht, ein armes, ein ein⸗ faches Mädchen zu wählen, nur keine Franzöſin. — Wirklich, meine gute Tante hat noch immer ihren Abſcheu vor den Franzoſen beibehalten, merke ich; aber laß mich jetzt erfahren, welchen Gewinn eine ſolche Heirath mit ſich bringen würde. — Siehe hier den Willen der Marquiſin!— Sie iſt, wie wir Alle wiſſen, unermeßlich reich; Du Schwartz, Gold und Name. I. 6 kennſt auch ihre leidenſchaftliche Anhänglichkeit an Deinen verſtorbenen Pater, welche den Jahren, ja ſelbſt dem Tode getrotzt hat; aber das hindert nicht, daß Du nur das Kind ihres Vetters biſt und alſo nicht, ohne Teſtament, ihr Univerſalerbe werden kannſt.— Die Marquiſin will indeſſen, daß Du, und tein Anderer, in den Beſitz ihres Geldes und ihrer Güter kommen ſollſt; aber ſie will weit mehr, ſie will die Wiederherſtellung des Anſehens der Familie Caſterton und den Namen Deines Vaters von dem Schatten befreien, eine Menge Menſchen dazu ver⸗ führt zu haben, ihm Geld zu leihen, damit er es verſchleuderte, ohne ſie bezahlen zu können. Sie ver⸗ pflichtet ſich auch, alle ſeine Schulden zu zahlen, alle verpfändeten Güter einzulöſen und Dir jene großen Beſitzungen zurückzugeben, deren Einkünfte jetzt ledig⸗ lich von den Creditoren erhoben werden. Genug, ſie will Dich zu einem würdigen Reprä⸗ ſentanten unter Englands älteſten und ſtolzeſten Fa⸗ milien machen. Zu gleicher Zeit, wo ſie Alles dieß zu thun wünſcht, tnüpft ſie jedoch eine Bedingung daran, und die iſt, daß Du binnen des erſten Septem⸗ bers dieſes Jahres mit einem jungen und liebenswür⸗ digen Mädchen verheirathet biſt; mit ihr kehrſt Du nach England zurück und beſuchſt auf einige Monate Hartoncourt, das Familiengut der Marquiſin. Sidney ſchwieg. Edwins Geſicht hatte einen ernſt⸗ hafteren Ausdruck angenommen. Er ging ſchweigend an der Seite des Freundes und überlegte den Vor⸗ ſchlag, welchen derſelbe ihm gemacht. Als die jungen Männer ein Paar Mal herumgegangen waren, ohne daß Edwin etwas geſagt, hob Sidney wieder an: — 83 — Willſt Du, daß ich dieſer Mittheilung meine Anſicht hinzufüge? — Ja, und um ſo eher, als dieſelbe immer mit Ehre, Gewiſſen und Verſtand in Harmonie zu ſein pflegt. — Meine Beurtheilung der Sache beſchränkt ſich nur darauf, wie Lord Caſterton handeln muß, um den Glanz eines Namens aufrecht zu halten, welcher ſo ehrenhaft in Englands Geſchichte verzeich⸗ net iſt.— Es iſt ein Flecken für dieſen Namen, daß der letzte Abkömmling geſtorben iſt, ohne dasjenige zurückbezahlen zu können, was er ſchuldig war, und auf dieſe Weiſe gleich einem Betrüger aus der Welt gegangen iſt, nachdem er durch wahnſinnige Ver⸗ ſchwendung ſich ſelbſt und auch mehrere von denen ruinirt, welche im Vertrauen zu ſeinem Namen ihm die Mittel vorgeſtreckt hatten, ein Leben voll Ver⸗ gnügen und Genüſſen fortzuſetzen. Es iſt eine Schande für die Familie, daß ſeine Güter an Wucherer verpfän⸗ det ſind, und daß die Untergebenen von Menſchen ohne Gewiſſen und Herz abhängig ſind, welche für ſich den größtmöglichen Ertrag herausſchinden. Wären Sir Sidney Lembourns Güter in der Gewalt von der⸗ gleichen Perſonen und das Andenken ſeines Vaters auf eine ſolche Weiſe gebrandmarkt, ſo gäbe es kein Opfer, womit er nicht das Uebel gut zu machen ſuchen würde. Wieder ſchwieg Sidney. Edwin fuhr fort, ſchwei⸗ gend an der Seite des Freundes zu gehen; endlich bemerkte er: — Wie lange bleibt meine Tante in Wies⸗ baden? 6 84 — Bis ſie Dir das mitgetheilt, was ich Dir jetzt geſagt, und Deine Antwort erhalten hat. Am erſten September mußt Du verheirathet ſein, oder auch iſt es zwiſchen Euch für immer vorbei. — Aber, was hat meine Heirath eigentlich mit der Sache zu thun? Wenn es das Andenken Wil⸗ liam Caſtertons iſt, das ſie retten will, ſo muß ſie es ohne alle Bedingungen thun können. Ich kann nicht begreifen, warum ich zu heirathen brauche. Sidney ſchwieg. — Du kennſt das Motiv, welches meine Tante veranlaßt ſo zu handeln,— fuhr Edwin fort,— und ich bitte Dich, es mir zu ſagen. — Mag es ſein!— Der erſte Grund iſt wahr⸗ ſcheinlich Deine Paſſion für die Gräfin Mourville; der andere Deine Reigung zu einem herumirrenden Leben, und der dritte, daß ſie hofft, Dich durch die ehelichen Bande dahin zu bringen, ein ordentliches Leben zu führen, ſo daß die Maonie für wiſſenſchaft⸗ liche Speculationen verſchwindet. Sie glaubt, daß Du, falls Du Dich dieſem Hang hingibſt, Dich in einen Narren ohne allen praktiſchen Verſtand ver⸗ wandeln wirſt; und endlich glaubt ſie, daß Du als verheirathet, und im Beſitz Deiner väterlichen Güter ein geſetzter Mann mit den patriotiſchen Intereſſen eines Engländers werden wirſt.— Mit wenigen Worten, die Marquiſin betrachtet die Ehe für Dich als ein Mittel, Dich in ein nützliches und thätiges Mitglied der Geſellſchaft zu verwandeln, welches ſeine Ge danken auf das Allgemeine, Nützliche richtet und ſi dadurch von leidenſchaftlichen und bizarren Launen entfernt. ————,— 85 — Die Summe alles deſſen, was Du geſagt haſt, mein lieber Lembourn, iſt:— die Marquifin haßt Gräfin Mourville, ſie opfert gern ihr ganzes Vermögen, um der Gräfin einen Schmerz zu berei⸗ ten, und ſie glaubt, daß dieß am erſten dadurch ge⸗ ſchieht, daß ſie mich von ihr trennt.— Ah, meine Tante iſt eine ebenſo fürchterliche Feindin wie be⸗ wundernswürdige Freundin. Edwin blieb an den offenen Thüren ſtehen und blickte hinaus auf die von Spaziergängern wimmeln⸗ den Plätze. Auch Sidney ſtand ſtill. — Nun, Caſterton, welchen Entſchluß faſſeſt Du? — fragte dieſer. Edwins Geſicht war ernſt, die Augenbraunen zu⸗ ſammengezogen und die Lippen hatten einen Zug von Stolz und Schmerz. — Haſt Du den Auftrag erhalten, mir den Vor⸗ ſchlag der Marquiſin mitzutheilen?— fragte Edwin. — Ja, das habe ich; aber ſie wünſcht außer⸗ dem ſelbſt mit Dir zu ſprechen. — Dieſes iſt wieder Etwas, was ich uns beiden erſparen wollte. Wenn wir mit einander zuſammen⸗ träfen, würde ich ebenſo wenig jetzt, wie das letzte⸗ mal, wo wir uns trennten, mich bitterer Worte enthalten können, und ſpäter das, was ich geſaßt, mißbilligen; denn wenn die Marquiſin auch meine Mutter gehaßt hat, ſo hat ſie dagegen mei⸗ nen Vater ohne alle Rückſicht auf ſich ſelbſt geliebt. Sie hat mir nebenbei ſo viel Beweiſe ihrer Anhäng⸗ lichkeit gegeben, daß ich das Recht verloren habe, bitter gegen ſie zu ſein. Es iſt deßhalb beſſer, daß Du meine Antwort bringſt. Sdwins hohe Bruſt wurde von einem tiefen Seuf⸗ zer gehoben. — Und dieſe Antwort,— fragte Sidney,— wie lautet die? — Daß ich am nächſten erſten September mit meiner Frau auf Hartoncourt ſein werde.— Jetzt kein Wort mehr über den Gegenſtand!— Ich ſehe dort die Gräfin und ich muß mit ihr ſprechen. Edwin drückte die Hand des Freundes und eilte fort zu einer Gruppe, welche um ein hübſches Frauen⸗ zimmer verſammelt war. Sidney drehte ſich um auf dem Abſatz, um den andern Weg aus dem Salon hinauszugehen, befand ſich aber bei dieſer Bewegung gerade einem älteren Herrn und einem ganz jungen Frauenzimmer gegen⸗ uͤber. Der Mann war klein, ſchmächtig und unan⸗ ſehnlich ſeiner ganzen Geſtalt nach. Sidneys Augen glitten auch an ihm vorüber und richteten ſich auf das unbeſchreiblich einnehmende Geſicht des jungen Mädchens. Es glich einer halb aufgeſprungenen weißen Heckenroſe;— etwas ſo Anmuthiges, ſo Mil⸗ des und ſo Feſſelndes hatte es. Das Auge genoß und das Herz freute ſich bei dieſem Anblick; und doch würden dieſe Züge vor dem Blick eines Kunſt⸗ richters für viel zu unregelmäßig befüͤnden worden ſein, um den Namen von ſchön zu erhalten. Das Mädchen und deſſen alter Begleiter paſſir⸗ ten an dem Engländer vorbei, welcher, von der hüb⸗ ſchen Erſcheinung ganz überraſcht, unfreiwillig um⸗ kehrte und ihnen folgte. Er horchte auf das, was ſie ſagten; aber ſie ſprachen eine für ihn vollkommen — —— ——— 87 2 fremde Sprache, und doch kannte er die meiſten Spra⸗ chen Europas. Der Anzug der jungen Dame war bis in ſeine Details ganz einfach, aber trotzdem koſtbar und zeugte von einer glücklichen ökonomiſchen Stellung in der Geſellſchaft. Sidney vertiefte ſich in Vermuthungen über ihr Vaterland und die geſellſchaftliche Claſſe, zu welcher ſie gehören mochten. Der alte Herr kam ihm vor, als hätte er noch nie Zutritt zu der höheren Geſellſchaft gehabt; aber die Bewegungen ſeiner Begleiterin beſaßen eine An⸗ muth, welche dagegen von verfeinerten Lebensge⸗ wohnheiten zeugte. Wir überlaſſen indeſſen Sidney ſeinen Nachfor⸗ ſchungen und begeben uns nach einem andern Theile von Wiesbaden. Die Wilhelmsſtraße mündet in den Theaterplatz ein. Es iſt eine lange, gerade Straße, welche ſo⸗ wohl mit neuen wie alten Häuſern bebaut iſt. In der Mitte dieſer Straße lag ein neuer ſtattlicher Palaſt, welcher vier Stockwerk hoch, mit blumenbe⸗ deckten Balkons verſehen und aufs beſte mit allen Zierathen der Baukunſt ausgeſtattet war. Dieſes Haus gehörte einem Franzoſen, Herrn d'Orbeau. Was d'Orbeau urſprünglich für ein Geſchäft ge⸗ habt, durch welches er das Vermögen geſammelt, welches er jetzt beſaß, war Etwas, das man nicht ſo genau wiſſen konnte. Daß er jetzt reich war, war wiederum Etwas, das Jedermann wußte. In ſeinem Hauſe ging es freigebig her; er gab glänzende Feſte und war der höflichſte von allen höflichen Wir⸗ then. Dabei hatte er eine junge hübſche Frau, und in ſeinem Salon ſah man immer hübſche reiche Mädchen und Männer von Geburt. Der eine und der andere ältere Franzoſe erzählte zwar, aber ohne daß es im Mindeſten das Anſehen, dOrbeaus ſtörte, daß Monſieur dOrbeau aus An⸗ jou und ein Abenteurer ſei, welcher ſein Vermögen durch Spiel und Heirathsmäklerei verdient habe. Nachdem er auf dieſe Weiſe ein kleines Vermögen erworben, verließ er Frankreich und begab ſich nach verſchiedenen deutſchen Badeorten, wo er das Spiel fortſetzte; wurde aber nachher Intereſſent der Spiel⸗ bank ſowohl in Wiesbaden wie in Baden⸗Baden. Im erſtgenannten Orte ließ er ſich ein prächtiges Hotel bauen, verheirathete ſich mit einer hübſchen Franzöſin und ließ ſich dort nieder. Man wollte ſerner wiſſen, daß er fortwährend in aller Heimlich⸗ keit Heirathen für die reiche und elegante Welt ar⸗ rangirte; denn wenn irgend eine reiche häßliche Eng⸗ länderin nach Wiesbaden kam, um einen Mann zu bekommen, ſo brauchte ſie nur in das Haus des Monſieur d'Orbeau eingeführt zu ſein, und man konnte ſicher ſein, daß ſie den Badeort nicht verließ, ohne ver⸗ lobt zu ſein. Gab es irgend eine Mutter, die hübſche Töchter ohne eigentliches Vermögen hatte, gleich reiste ſie nach Wiesbaden, machte Bekanntſchaft mit dOr⸗ 89 beau, und ehe die Badeſaiſon zu Ende war, waren die Töchter auch mit reichen Männern verheirathet. Nachdem wir nun über Monſieur d'Orbeau Aus⸗ kunft erhalten haben, wollen wir einen Beſuch in ſeinem Hauſe machen, Die ganze erſte Etage des Hotels bewohnte er ſelbſt, die übrigen Stockwerke waren an Badegäſte abgegeben, welche es vorzogen, in einem Privathauſe zu wohnen und enorm zu bezahlen. Es war die Vormittagszeit. Man war mit Brunnentrinken und Promeniren fertig. Jeder, der nicht ſeinen Vormittag dem grünen Tiſche widmete, war in ſeine Wohnung zurückgekehrt. So war es auch mit Monſieur d'Orbeau. In einem gut meublirten, mit Bücherſchrank und Schreibtiſch verſehenen Zimmer ſaß der verſchlagene Franzoſe. Von Zeit zu Zeit blickte er nach der Uhr. Es ſchlug zwölf. Man hörte Tritte im Vorgemach, die Thürvor⸗ hänge wurden bei Seite geſchoben und ein von Goldgalonen bedeckter Bedienter meldete: — Lord Caſterton! Edwin trat ein. Er begrüßte den tief ſich ver⸗ beugenden Wirth mit einem nachläſſigen Verneigen des Kopfes, warf ſich in einen Lehnſeſſel und ſagte, indem er nach ſeiner Uhr ſah: — Sie haben eine ganze Stunde auf mich war⸗ ten müſſen; aber ich kann dem nicht helfen. — Mylord, es iſt immer eine Ehre für mein Haus, daß Sie über meine Schwelle haben treten wollen, und es iſt mir ſo lieb geweſen, einen ſo ausgezeichneten Beſuch zu empfangen, daß ich mit Vergnügen gewartet habe,— antwortete der artige Franzoſe. — und ich, Monſieur— ſiel Edwin ein,— be⸗ fürchte, daß Sie nie das Glück gehabt haben wür⸗ den, wenn ich nicht den Einfall bekommen hätte, mich über Hals und Kopf zu verheirathen. Als ich Sie bat, mich in Ihrem Hauſe zu erwarten, geſchah es, weil ich Ihrer Hülfe bedurfte, um zu einer Frau zu kom⸗ men. Ich will, daß Sie mir Anweiſung auf irgend ein paſſendes Subject geben. — Möglich, daß ich es thun kann, wenn.. — Einen Augenblick.— unterbrach ihn Edwin. — Ich verſpreche, daß das Geſchäft für Sie ein⸗ träglich werden wird, wenn Sie mir ein Mädchen verſchaffen, wie ich es haben will. — Mylord, ich habe das nie in Zweifel geſtellt; aber es wundert mich, daß Sie meiner bedürfen, um das zu finden, was Sie ſuchen. — Wundern Sie ſich über nichts, Monſieur, ſon⸗ dern haben Sie die Güte, auf meine Worte zu hö⸗ den; ich habe nur eine Stunde Ihnen zu ſchenken. Um zwei Uhr muß ich auf einem Rendezvous ſein. — Ich bin lauter Ohr,— verſicherte der Fran⸗ zoſe. Ich will ein Mädchen von ſiebenzehn höchſtens achtzehn Jahren, von tadelloſem Rufe und achtungsw erthen Sitten haben.— Sie braucht nicht von Geburt zu ſein, darf keine Franzöſin oder Engländerin und kann gern ohne Vermögen ſein. — Wirklich!— rief d'Orbeau und ſah den jungen Lord an. Er wußte, daß Caſterton ruinirt war. — Ja, Monſieur, ſie darf ebenſo arm ſein, wie —————. ——— 91 Lord Edwin Caſterton es in dieſem Augenblick iſt, da letzterer an demſelben Tage, an welchem der Pfarrer ſein und ihr Geſchick vereinigt, ebenſo reich werden wird, wie ſeine Vorväter es geweſen. S — Aber das Mädchen muß wohl hübſch ſein,— fiel d'Orbeau ein. — Sie muß ein angenehmes Ausſehen haben, ſo daß ich mich nicht der Lady Caſterton zu ſchämen nöthig habe. Das iſt übrigens eine gleichgültige Sache. — Mylords Anſprüche ſind ſo klein, daß ich mir wirklich zutraue, mit der größten Leichtigkeit Mylords Wünſchen entgegenkommen zu können. Sie beziehen ſich ja nur auf Tugend und Jugend. — Dieſe zwei Eigenſchaften ſind unerläßlich, ſagte Edwin lächelnd und erhob ſich.— Binnen ei⸗ nigen Tagen muß ich verlobt, und binnen zwei iMo⸗ naten verheirathet ſein. — Schon heute Abend werde ich die Ehre ha⸗ ben, Mylord drei Damen zu präſentiren, welche allen geſtellten Forderungen entſprechen. Mylord hat dann zu wählen. — Mich präſentiren,— wiederholte Edwin und zuckte die Achſel,— ich würde am liebſten ſehen, daß es ohne meine Einmiſchung abgemacht würde. — Ich hatte beſchloſſen, nicht eher, als im entſchei⸗ denden Augenblick aufzutreten, wo wir den Ehecon⸗ tract unterzeichnen ſollen. — Aber Mylord. — Ich weiß, was Sie ſagen wollen, und ich werde die jungen Damen ſehen, aber nicht in Ihrem Salon, und nicht vor morgen. Es wird dann Don 92 Juan gegeben. Richten Sie es ſo ein, daß Sie im Theater ſind; ich werde dort hingehen, und Sie kön⸗ nen ſie mir dann zeigen. A propos, noch eine Be⸗ dingung, ſie muß eine gute Erziehung erhalten ha⸗ ben. Adieu, wir ſehen uns morgen im Theater. Edwin nahte ſich der Thüre. — Ein Wort, Mylord, es thut wohl nichts, wenn ſie Vermögen beſitzen ſolltes Der Engländer drehte ſich um und blickte d'Or⸗ beau an. S — Warum thun Sie die Frage?— fragte er. — Weil ein junges, achtbares und wohlerzogenes Mädchen, die Tochter eines Kaufmanns, hier ange⸗ iſt, welches aus Ehrgeiz einen Mann von Namen wünſcht. Der Vater iſt fehr kr die Mutter iſt todt, und das junge Mäd⸗ chen hat keine Verwandte. Sie wird von der bren⸗ nendſten Begierde nach den Vorzügen des Ranges beherrſcht.— Der Vater hat mit mir geſprochen und mir geſagt, daß er um des Glücks ſeines Kindes willen ſich einen vornehmen Schwiegerſohn wünſcht, und das je eher je lieber, weil die Aerzte ihm ge⸗ ſagt haben, daß er nicht mehr lange aufs Leben zu rechnen habe. — Will das Mädchen ſich ohne Liebe verheira⸗ then, einzig und allein um einen Namen zu be⸗ kommen? — Gewiß. — In dieſem Falle iſt die Partie ganz paſſend. Der Eine wird dem Anderen nichts vorzuwerfen haben.— Mag es ſein; ich will ſie ſehen.— Ihr Gold mag ſie behalten; ich brauche es nicht; aber 93 ich werde meinen Namen dafür in Tauſch gebe daß ich zur beſtimmten Zeit eine Frau bekomme.— Das iſt ja ganz vortrefflich.— Jetzt bleibt nur übrig, zu erfahren, von welcher Nation ſie iſt. — Sie iſt eine Schwedin. — Gut! Morgen ſehe ich ſie alſo im Theater; gefällt ſie mir, ſo ſorgen Sie dafür, daß ich präſen⸗ tirt werde. — Edwin grüßte nachläſſig zum Abſchied und ging.— Am Abend darauf war der Theaterſalon mit Damen in leichten, luftigen und eleganten Toiletten und Herren, welche ſie beäugelten und kritiſirten, voll beſetzt. Unter den letzteren befand ſich Edwin, aber ohne daß er mit ſeinem Opernglas die Runde machte. Die Arme über die Bruſt gekreuzt blickte er ganz gleichgültig vor ſich hin. Eine leichte Berührung ſeiner Schulter machte indeſſen, daß er ſich haſtig umdrehte. Monſieur d'Orbeaus Phyſiognomie lächelte ihm entgegen. — In der zweiten Loge links vom Theater,— flüſterte der Franzoſe, zog ſich zurück und nahm ſei⸗ nen Platz ein Paar Bänke davon. Edwin erhob die Hand mit dem Opernglas und richtete daſſelbe auf den angegebenen Gegenſtand. In der Loge ſaßen zwei Perſonen, ein älterer, klei⸗ ner, krummrückiger, magerer und gelblich bleicher Herr und ein junges, ſchlankes, gerades, blühendes Mädchen, deſſen Ausſehen einem ſchönen Frühlingsmorgen glich. 94 Geſicht deſſelben war ſanft und liebenswürdig, riſch und lächelnd, und hatte einen Ausdruck von Unſchuld und Keuſchheit, welcher ihm etwas im höch⸗ ſten Grade Feſſelndes verlieh. — Sie iſt recht einnehmend, hat eine hübſche Haltung und eine reine, ſchuldloſe Stirne,— dachte Edwin, als er ſie lange betrachtet hatte. Jetzt begann die Ouvertüre. Er ſetzte ſich und fuhr in Gedanken fort: — Schade, daß das hübſche Kind ein ſo ver⸗ ſchrumpftes Herz beſitzt, daß Eitelkeit und Hochmuth darin die Hauptrollen ſpielen! Aber was bedeutet das? Ich verheirathe mich, um meine Angelegen⸗ heiten zu verbeſſern und dem Namen Caſterton all ſeinen vorigen Glanz wiederzuſchenken. Was iſt wohl das anders, als Eitelkeit und Hochmuth? Zwiſchen dem zweiten und dritten Act wurde Cdwin von Monſieur d'Orbeau dem Herrn und der Mademoiſelle Bromér vorgeſtellt. D'Orbeau, welcher dieſen Abend viele Eiſen im Feuer hatte, verließ gleich nach dem Präſentiren die Loge. Edwin blieb und ſprach mit den beiden Schwe⸗ den. Herr Bromér ſprach ein höchſt mittelmäßiges Franzö⸗ ſiſch; aber die Tochter drückte ſich leicht und eben ſo gut in dieſer Sprache, wie in der engliſchen aus. Sie wählte ihre Worte gut und konnte von den all⸗ täglichſten Gegenſtänden ſo ſprechen, daß das Tri⸗ vielle ſein trivielles Gepräpe verlor. Nachdem Edwin während des ganzen Zwiſchen⸗ acts in ihrer Loge verweilt, ſtand er auf und ſagte zu Bromér: — Hat Monſieur nicht Luſt, an einer Reitpar⸗ tie nach Johannisberg theilnehmen zu wollen, welche morgen von Madame d'Orbeau arrangirt wird? In dieſem Falle würde es mir ſehr angenehm ſein, der Cavalier der Mademoiſelle und derjenige zu fein, die Pferde für beide Herrſchaften herbei⸗ ſchafft. Herr Bromér dankte; er ritt nie; aber er nahm indeſſen für ſeine Tochter das Anerbieten an, da Ma⸗ dame an der Spitze der Unterhaltung ſtand. Gleich nach dem Schluß des am Tage darauf ſollte Edwin auf dem beſtimmten Zuſammenkunftsplatze ſein. Nachdem dieſes abgemacht war, nahm Edwin Abſchied. Er wollte hingehen und Sidney aufſuchen, um zu hören, ob derſelbe mit bei der Luſtpartie ſein wollte. Im Hotel, wo Sidney wohnte, erfuhr er, daß Herr Lembourn die Marquiſin Briſſier nach Coblenz begleitet habe, wohin er dieſen Morgen abgereist ſei. Am folgenden Tage um Neune herum galoppirte die junge Reiterſchaar fort von Wiesbaden⸗ Edwin und Elvira bildeten den Nachtrab. Sie plauderten von tauſend verſchiedenen Dingen, und Elvira fand den jungen Lord im höchſten Grade intereſſant, ob⸗ gleich er, ſtreng genommen, kein einziges Wort ſagte, was der Erinnerung werth ſei, ſondern von den all⸗ täglichſten Dingen redete. Die Luſtpartie war öndeſſen höchſt angenehm. Alle waren fröhlich, und gewiß iſt es, daß das Schickſal von manchem jungen⸗Mädchen an dem Tage entſchieden wurde. 96 Endlich mußte man an die Rückreiſe denken. Der Abend war herrlich. Edwin ritt ſchweigend an El⸗ viras Seite. Ganz plötzlich äußerte er: — Hat Monſieur d'Orbeau den Grund erwähnt, warum ich Ihre Bekanntſchaft zu machen wünſchte? Edwin richtete feine Augen auf Elvira. Das Blut ſtieg dem jungen Mädchen in die Wangen. Eine augenblickliche Unſchlüſſigkeit be⸗ mächtigte ſich ihrer Seele. Sollte ſie die Wahrheit geſtehen, oder nicht? Elvira war indeſſen noch zu ſehr Naturkind, um den Vortheil des Lügens zu ver⸗ ſtehen. Sie antwortete deßhalb nach einigen Se⸗ cunden: — Monſieur d'Orbeau hat es mir geſagt. — Dank für dieſe Antwort; ſie iſt ein wirk⸗ liches Zeugniß für die Redlichkeit Ihres Charakters. Jetzt, da Sie mir dieſe Probe der Redlichkeit Ihres Charakters gegeben, werden Sie gewiß nicht Beden⸗ ken tragen, mit derſelben Aufrichtigkeit meine zweite Frage zu beantworten, nämlich die, ob Sie Ihre Zukunft meinen Händen anvertrauen, Ihren Namen gegen den meinigen austauſchen und mir Ihre Hand ſchenken wollen? Mit wenigen Worten, haben Sie den Muth, Ihr Schickſal an das meinige zu feſſeln? — Mylord, ich kenne Sie ja erſt ſeit einigen Stun⸗ den,— wandte Elvira ein. — Glauben Sie denn, daß Sie mich in ein Paar Monaten beſſer kennen?— fragte Edwin. — Ich hoffe es,— ſtammelte ſie. — Sie irren ſich; mein Charakter mit ſeinen Tehlern und Verdienſten wird Ihnen dann ebenſo d ſein, wie jetzt. Haben Sie jetzt nicht Muth, 97 ſich zu entſcheiden, ſo werden Sie es auch nicht in einem Jahre haben. Ich muß heute Ihre Antwort haben, oder wir ſehen einander nie wieder. In zwei Tagen bin ich von Wiesbaden fort. 3 Elvira ſchwieg. Sie war aufgeregt. Was ſollte ſie wohl antworten? In dieſem Augenblick wünſchte ſie ſich weit, weit weg von dem Platz, wo ſie ſich befand. Als ſie fortfuhr zu ſchweigen, hob Edwin wieder an: — Wie ſoll ich Ihr Schweigen erklären? Sind Sie unſchlüſſig, ob Sie ein entſcheidendes Ja oder ein ausſprechen ſollen? Seien Sie das nicht; eines von dieſen Wörtern muß ich heute Abend, bevor wir uns trennen, von Ihren Lippen hören. Heute halte ich um Ihre Hand an, und werde Ihnen ohne Bit⸗ terkeit Lebewohl ſagen, falls Sie mir dieſelbe ver⸗ weigern; aber Sie müſſen ſich ſofort entſcheiden. Die Ehe iſt immer ein Hazardſpiel; den Gewinn oder den Verluſt beſtimmt der Zufall. — Ich verſtehe es nicht, ob Ihre Worte eine Wahrheit enthalten, oder nicht,— ſagte Elvira und wandte den Kopf weg;— aber ich fühle, daß ich ein paar Tage zum Ueberlegen mit mir ſelbſt ha⸗ ben muß. — Wenn Sie es nöthig haben, zu überlegen, dann müſſen Sie ſofort eine abſchlägige Antwort geben. Sagen Sie dann eben ſo gern gleich ein ehr⸗ liches Nein! — Aber, Mylord, ich habe ja nicht nein ſagen wollen,— ſiel Elvira unwillkürlich ein Sie hielt plötzlich inne und ſchien nahe daran, vor Ver⸗ legenheit zu ſterben. Schwartz, Gold und Name. T. 1 — Iſt es denn ſo ſchwer, das kleine Wort ja auszuſprechen?— fragte Edwin lächelnd. — Das nicht; aber ich fühle mich zu muthlos; ich habe das Bedürfniß, mit meinem Vater zu reden, bevor ich mich entſcheide,— flüſterte Elvira.— Morgen ſollen Sie meine Antwort haben. Elvira ſetzte das Pferd in Galopp im nächſten Augenblick war ſie an der Seite von Madame d'Or⸗ beau. Als ſie ſich etwas ſpäter trennten, bemerkte Ed⸗ win gegen Elvira: — Morgen an der Quelle erhalte ich alſo Ihre Antwort. Elvira nickte bejahend mit dem Kopf. Am Morgen darauf erwartete Edvin, daß er Elvira ſehen würde. Sie kam indeſſen nicht, ſon⸗ dern Madame d'Orbeau fand ſich ein, von drei jun⸗ gen Deutſchen begleitet, welche durch Madame d'Or⸗ beau davon befreit zu werden hofften, ihr Leben un⸗ verheirathet dahinzuſchleppen.. Als Modame dOrbeau an Edwin vorbeipaſſirte, blieb ſie einen Augenblick ſtehen und reichte ihm ein zuſammengefaltetes Papier mit den Worten: habe verſprochen, Ihnen dieſes von Ma⸗ demviſelle Bromér zu übergeben. dwin empfing das Papier und faltete es aus⸗ einander; auf demſelben ſtand ein Ja Die ganze Bedeutung dieſes einzigen Wortes kannte er, und ging ſofort hin, um BGräfin Mour⸗ ville aufzuſuchen, mit welcher er eine lange und leb⸗ hafte Unterhaltung hatte. Der Lord begleitete die Grüfin nach dem Hotel, wo ſie wohnte, und als die 99 ſchöne Frau ihm die Hand zum Abſchied reichte, waren ihre Augen voll Thränen und in einem Tone reizender Hingebung ſagte ſie: — Mon ami, ich werde vielleicht vor Trauer ſterben, aber ich will Ihnen demohngeachtet mit kei⸗ nem Worte von dem Schritt abrathen, den Sie ge⸗ than.— Werden Sie glücklich und verſuchen Sie mich zu vergeſſen. Edwin ſchloß die kleine Hand feſter in die ſeinige und murmelte: — Darf ich nicht vor meiner Abreiſe Ihnen ein letztes Lebewohl ſagen? — Wozu ſoll das dienen? Unſere Wege trennen ſich jetzt. Mein kurzer Glückſeligkeitstraum iſt zu Ende. Er iſt für ewig entflohen. Meine Gebete werden Sie begleiten. Die hübſche Franzöſin zog ihre Hand aus der Edwins und verſchwand. . Mit zögernden Schritten und mehr für die Grä⸗ fin eingenommen, als er es in den letzten Wochen geweſen, ging er von dannen. Thränen in den Augen einer hübſchen Franzöſin, milde und zärtliche Worte von ihren Lippen, das ſind ſo gefährliche Waffen, daß die männlichſte See⸗ lenſtärke nahe daran ſein kann, zu weichen. Edwin machte auch nach dem Geſpräch mit der Gräfin eine längere Promenade, um ſeine Ruhe voll⸗ kommen wiederzugewinnen, bis er Elviras Vatek be⸗ ſuchen ſollte. Nachdem dieß geſchehen, brächte er eine Stunde mit Elvira zu, ſagte ihr Adieu, weil er genöthigt war, dengächſten Morgen von Wies⸗ baden abzureiſen.. . 100 Nach dem Schluß der Babeſaiſon ſollten ſie ſich in Kopenhagen treffen, wo die Hochzeit gefeiert wer⸗ den ſollte; ſo war es zwiſchen Edwin und Bromér ausgemacht worden. Der Lord wünſchte indeſſen, daß ſeine beabſich⸗ tigte Verbindung ſo lange ein Geheimniß bleiben ſollte, bis er und Elvira wieder einander begegneten. Am Morgen darauf war Edwin Caſterton nicht mehr in Wiesbaden. Bei ſeiner Abreiſe hinterließ er einen Brief an Sir Sidney Lembourn folgenden Inhalts: „Sidney Lembourn, mein Freund, theile der „Marquiſin mit, daß ich bereits die Wahl einer „Gattin getroffen. In der beſtimmten Zeit bin ich „verheirathet, und ich werde dann mit meiner jun⸗ „gen Frau auf Hartoncourt eintreffen.— Ich habe „jetzt meine Freiheit geopfert, um meinem Namen „das Anſehen wiederzukaufen. Die Marquiſin muß „zufrieden ſein. Das Opfer, welches ich meiner „Familie gebracht, iſt ſo groß, daß es ſie mit den „Leiden verſöhnen muß, welche meine Mutter ihr „verurſacht. „Nur die Zukunft wird zeigen, ob meine Tante „durch die geforderte Verbindung die Schöpferin „von meines Lebens Glück oder Unglück wird.⸗ „Der Edelmann hat den Menſchen geopfert, der „Stolz die Liebe. Unſere verkünſtelten Rechtsbe⸗ „griffe ſind Schuld daran, und gewiß freut ſich jetzt „Asmodeus über einen neuen Sieg. Er weiß am „beſten, daß die Ariſtokratie nicht recht zum Bettel⸗ „ſtabe paßt, und darum verſucht er uns mit der „Mocht des Goldes. 101 „Ein einziges Gute hat das Ultimatum der Mar⸗ „quiſin mit ſich gebracht, und das iſt, daß ich ange⸗ „fangen habe, über das Leben nachzudenken. „Es ſtand in der Gewalt der Marquiſin, dem „letzten Caſterton wieder Vermögen zu ſchenken; „aber mir kommt es jetzt zu, mein Leben ſo einzu⸗ „richten, daß dieſer Name in mir einen würdigen „Repräſentanten hat. Ich werde dahin ſtreben, daß „er einſt von der Mit⸗ und Nachwelt rühmlichſt ge „nannt werde. „Ich mache jetzt eine Tour nach England, um „dort die weiteren Befehle der Marquiſin abzuwar⸗ „ten. Wir treffen einander auf Hartoncourt, wo „Du die Gattin kennen lernen wirſt, welche gewählt „worden iſt von Deinem redlichen Freund Edwin Caſterton.“ Am Tage nach Edwins Abreiſe von Wiesbaden war Sidney wieder dort. Er blieb dort. Sowie er die Marquiſin losge⸗ worden, war ſeine erſte Sorge, die Eigenthümerin des reizenden Geſichtes wiederzufinden, welches ihm ſo lebhaft aufgefallen war. Es war am Abend des zweiten Tages nach ſei⸗ ner Rückkehr. Sidney war zwei ganze Tage im Parke herum⸗ gewandert, und hatte die Straßen, den Markt und die Gallerien durchſtreift, um womöglich die verlo⸗ rene Schöne zu ſehen. Am obengenannten Abend begah er ſich in den Spielſaal, und wollte, nach⸗ dem er einige Gulden auf der Roulette gewagt und verſchwinden geſehen, ſich entfernen, als ein Weib von blendender Schönheit eintrat. Ihr Anzug war prachtvoll. Sie wurde von einem Herrn begleitet, welcher in Beziehung auf männliche Schönheit faſt eben ſo reich ausgeſtattet war wie ſie. Das hübſche Paat ging an Sidney vorüber und hin zum Rou⸗ lettetiſch.. Sidney blieb ſtehen, überraſcht über das regel⸗ mäßige Aeußere der Dame. Sie nahm einen Platz am Spieltiſche ein, der eben leer geworden. Der Begleiter des ſchönen Wei⸗ bes blieb hinter ihrem Stuhl ſtehen. Neugierig, zu ſehen, wie ſich während des Spiels ihr ſchönes Geſicht verändern würde, kehrte Sidney zum grünen Tiſche zurück. Die Dame ſpielte, wie es ſchien, mit Leidenſchaft. Sie warf unbeſonnen und übermüthig das Gold auf den Tiſch und folgte dann mit einem leiden⸗ ſchaftlichen Geſichtsausdruck dem Ausgang des Spiels. Während Sidneys ganze Aufmerkſamkeit auf die Spielerin gerichtet war, tamen drei andeère Perſo⸗ nen in den Saal. Es war ein älterer Mann, ein junges Mädchen und Monſieur d'Orbeau. Alle drei gingen hin zum Spieltiſch und blieben ganz in der Nähe von Sidney ſtehen. Der ältere Herr drängte ſich vor, um über die Schultern der Sitzenden ein Paar Gulden auf den Tiſch zu werfen. Er hatte die erſten Münzen dort von der Welt: — Komm näher, Glvira, damit Du ſehen kannſt, hingelegt und ſagte mit der gleichgültigſten Miene wie es zugeht, ſein Geld auf einen ſo elenden Zeit⸗ vertreib zu verſchleudern. Elvira richtete einen neugierigen Blick auf den Tiſch. Ihr Vater hielt auf Ungerade und gewann. Bromérs Geſicht wurde jetzt lebhafter. Er hielt wieder auf Ungerade und gewann wieder; ſo auch das dritte, vierte und fünfte Mal. Je mehr er gewann, deſto höher ſteigerte ſich ſein Intereſſe. Elvira, deren Hand im Arme des Vaters ruhte, fühlte jetzt, daß ein nervöſes Zittern ſeinen Körper ſchüttelte. Sie blickte auf zu ihm. Sein Ausſehen war ganz verändert. Die Augen brannten, die Lip⸗ pen bebten, und jede Muskel ſchien ſo geſpannt, daß ſein Geſicht etwas Krampfhaftes bekam. Der Blick folgte dem Golde, welches auf dem Tiſche lag, und dis Hand, die es einſammelte, that dieß mit einer krampfhaften Heftigkeit. Erſchrocken drückte Elvira heftig ſeine Hand und flüſterte: Komm, laß uns gehen! Ich habe genug geſehen. Bromér hörte ſie nicht. Er machte nur eine ewegung, um ſich von dem Griff zu befreien, wel⸗ chen ſie in ſeinen Arm gemacht. Elvira wieder⸗ olte in noch dringenderem Tone ihre Bitte, aber ohne glücklicheren Erfolg. Sie wandte ſich jetzt an d'Orbeau und ſagte ganz unuhig: — WMonſieur, verſuchen Sie meinen Vater von hier fort zu bekommen. Das Spiel regt ihn auf, und die Aerzte haben ihm jede Gemüthsbewegung aufs Strengſie verboten. Obgleich ſe leiſe ſprach, ſo hatte ihr Pon doch ———— 104 einen ſo angſtvollen Ausdruck gehabt, daß derſelbe Sidneys Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Er wandte den Blick von der hübſchen Spielerin, und richtete ihn auf ſeine Nachbarin. Er hatte diejenige wieder gefunden, welche er zwei ganze Tage vergebens geſucht. D Orbeau flüſterte Bromér ein Paar Worte ins Ohr; aber er war ebenſo taub gegen dieſe, wie ge⸗ gen die Aufforderung ſeiner Tochter. Elviras Au⸗ gen füllten ſich mit Thränen und ſie ſtammelte: — Um des Himmels willen, Monſieur, machen Sie, daß mein Vater von hier fortkommt, ſonſt wird er gewiß einen von ſeinen Nervenanfällen bekommen. Sidney berührte jetzt Bromérs Schulter: — Monſieur, Ihre Tochter befindet ſich nicht wohl!— ſagte er.. Im Augenblick wandte Bromér den Kopf um und ſah Elvira an. Sie war todtenblaß. Der Zauber des Spiels war gebrochen. Er that einige Schritte, um ſich zu entfernen; aber in dem⸗ ſelben Augenblick wankte er und wäre rücklings zu Boden geſtürzt, hätte Sidney ihn nicht in ſeinen Armen aufgefangen. Bromérs Geſicht verzog ſich; der Schaum ſtand ihm auf den Lippen und er zitterte unter krampf⸗ haften Zuckungen. Es gab eine große Bewegung. Die Zuſchauer, darunter auch weniger intereſſirte Spieler, verſammelten ſich um den Kranken, welcher indeſſen durch Sidneys Fürſorge binnen einigen Minuten fortgebracht wurde. Der Begleiter der hübſchen Dame war unter 105 denen geweſen, welche vom Spieltiſche weggingen, um einen neugierigen Blick auf den Kranken zu werfen. Er kehrte jedoch ſofort nach ſeinem Platz zurück. — Fiel Jemand in Ohnmacht?— fragte die Dame, ohne ihre Augen vom Spiel wegzuwenden. — Es war ein alter Mann, der Convulſionen bekam,— antwortete der Gefragte. — Weiß man, wer er iſt?* — Er iſt ein Schwede und ein Landsmann von uns. — Sein Name? — Bromér. Die Dame, welche keine Secunde die Blicke von den Nummern auf dem grünen Tuche weggewandt, drehte ſich ganz plötzlich um, und ſah ihren Beglei⸗ ter mit einem finſtern Blick an. — Ja ſo, der Vater von jener Elvira, der Wucherer und Pfandleiher! Ich glaubte, daß man hier der Unannehmlichkeit überhoben wäre, mit der⸗ gleichen geringen Leuten zuſammenzutreffen. In demſelben Augenblick, in welchem ſie dieſe orte in ihrer Mutterſprache ausſprach, trug man Bromer hinaus. Die tief betrübte Elvira ging an der Spielerin vorbei. Die Worte trafen Elviras Ohr. Sie blickte dorthin, wo die verletzenden Ausbrücke über ihren armen Vater herkamen. Ihre Augen fielen auf die ſchöne Spielerin. Sie erkannte— Martha wieder. Eine Minute darauf war Elvira aus dem Zim⸗ mer, ohne bemerkt zu haben, wer der Mann ſei, welcher Fräulein Stangenſtjold begleitete. Einige Tage mußte Bromeér ſich zu Bett halten. Vergebens ſuchte er und Lotta Elvira zu überreden mit Madame d'Orbeau nach dem Brunnen zu gehen. Elvira verließ den Vater nicht, bevor er ſo ge⸗ ſund war, daß er das unterbrochene Brunnentrin⸗ ken wieder aufnehmen konnte. Sidney, welcher auf eine ſo unvermuthete Weiſe ihre Bekanntſchaft gemacht, beſuchte täglich den Kranken. Er lernte auf dieſe Weiſe Elvira von ihrer lie⸗ benswürdigſten Seite, das heißt als Tochter, kennen. Man konnte ſich kein zärtlicheres Kind, keine mildere Krankenwärterin denken. Sie hatte nur einen Gedanken, dem Kranken und ihm die Zeit zu verkürzen und ſeine Schmerzen zu lindern. Rach Verlauf einiger Tage war Bromér auch wieder auf und konnte nach der Quelle gehen. Als Sidney das Erſtemal nach Bromérs Krank⸗ werden Elvira auf der Promenade begegnete, be⸗ grüßte ſie ihn fröhlich lächelnd mit den Worten: — Sir, heute bin ich wirklich glücklich; Papa iſt jetzt von ſeinem ſchweren Anfall wieder hergeſtellt und kann promeniren! Von dem Tage an war Sidney Elviras beſtän⸗ diger Cavalier. Einige Zeit darauf beſuchten Elvira, Madame dOrbeau und Sidney die Bibliothek, um Zeitungen zu leſen. Als ſie von dort weggingen, nahmen ſie den Weg durch den Spielſaal. — — — fuhr Sidney fort. kam hierher in der Hoffnung, dem Tode zu ent⸗ 107 Am Spieltiſch ſaß die ſchöne Spielerin, wie Sid⸗ ney Martha nannte. Auch jetzt war ſie von dem⸗ ſelben hübſchen Cavalier begleitet. Elviras Augen ſielen auf ſie. Sie blieb plötz⸗ lich ſtehen, ergriff Madame d'Orbeaus Arm, und konnte ſich einige Secunden nicht vom Flecke rühren. Der Herr, welcher hinter Marthas Stuhl ſtand, heftete die Augen auf Elvira. Auch er machte eine Bewegung der Ueberraſchung, verbeugte ſich aber darauf tief. Im nächſten Augenblick war Elvira aus dem Rouletteſaale. Sidney hatte ſowohl Elviras, wie des fremden Herrn Vewegung bemerkt. — Miß Bromér,— bemerkte er,— erlauben Sie mir, Ihnen eine Frage zu machen, die vielleicht etwas zudringlich erſcheinen könnte; wer war der junge Mann, den Sie grüßten? — Ein Landsmann, Namens Brogrén,— ant⸗ wortete Elvira mit wiedergewonnener Faſſung. 4 — Und die hübſche Dame, iſt das ſeine Frau? — Das weiß ich nicht, ſondern nur, daß es die Tochter eines Oberſten Stangenſtiöld iſt. — Ah, Monſieur, Sie ſprechen von den beiden hübſchen Schweden,— fiel Madame d'Orbeau ein, — ſie ſind zwei Neuverlobte. Sie iſt ſehr reich 8 und von Geburt. Er dagegen beſitzt keinen von dieſen Vorzügen; aber demohngeachtet iſt es ihm gelungen, die Hand der Schönen zu gewinnen. Die Oberſtin Stangenſtiöld, welche ſehr kränklich iſt, rinnen, aber ich fürchte, daß dieſe Hoffnung nicht verwirklicht wird. — Stangenſtjöld!— wiederholte Jemand hin⸗ ter ihnen. Alle Drei drehten ſich um. Ein alter Mann mit ſchneeweißen Haaren eilte vorbei. Elvira hatte ſchweigend der Madame d'Orbeau zugehört. Sie hatte ein ſonderbares Gefühl in ihrem Innern, und es kam ihr, als ſie wegging, vor, als hätte Jemand unaufhörlich die Worte Marthas, als der Vater krank wurde, wiederholt:„Ich glaubte, daß man hier von der Unannehmlichleit befreit ſein würde, mit dergleichen geringen Leuten zuſammen⸗ zutreffen.“ Der Schmerz darüber, daoß Carl mit Martha verlobt ſei, war ganz und gar der Erbitterung unter⸗ geordnet, welche der gekränkte Stolz und die ge⸗ kränkte Eitelkeit erzeugten. Elvira fand indeſſen einen Troſt in dem Gedan⸗ ken, daß ſie binnen einigen Wochen in Rang und Reichthum weit über Martha ſtehen und eine polche Stellung in der Geſellſchaft einnehmen würde, daß dieſelbe Marthas Neid erregen mußte. Wenn ſie ſich dazu noch erinnerte, daß ſie an ihrer Seite und zu ihrem beſtändigen Cavalier Sir Sidney Lembourn, einen der beliebteſten Cavaliere des Bade⸗ orts, hatte, ſol fühlte ſie ſich faſt nicht weniger ſtolz, und empfand eine kindliche Freude bei dem Gedan⸗ ken, daß es gewiß Martha ärgern würde, wenn Lembourn Elvira auszeichnete. Unſere Heldin war in dieſer Periode ein ganz gewöhnliches Mädchen mit der kindlichen Eitelkeit 109 einer Siebenzehmjährigen, ohne irgend eine beſtimmte Vorſtellung von dem Ernſt des Lebens. Während der Zeit, die Elvira in Wiesbaden ver⸗ weilte, nahm ſie indeſſen durch den täglichen Um⸗ gang mit Sidney bedeutend an Intelligenz zu; und man konnte ſagen, daß ſie in dieſen Wochen mehr Fortſchritte gemacht hatte, als in allen ſeit ihrer Kindheit verfloſſenen Jahren. Sidney impfte, ohne daß er daran dachte, Elvi⸗ ras Seele ſeine moraliſchen und religiöſen Begriffe ein. Dieſe waren nicht kleinlicher und beſchränkter Natur, wie bei den Alltagsmenſchen, ſondern erha⸗ ben und edel, wie ſie bei einem denkenden Weſen ſein müſſen. Sidney hatte ein beſonderes Vergnügen daran, zu ſehen, wie die Blume der Ideen ſich aus einer unbedeutenden Knoſpe zu einer üppigen Roſe in Elviras Seele entwickelte. Er wußte, daß er es war, welcher ſie auf dem Wege der wahren Bildung nit ſich zog; und je mehr er die gute Natur Elvi⸗ ras kennen lernte, deſto größer wurde ſein Intereſſe für ſie. Er dachte recht oft: — Gewiß hat das Schickſal ſie in meinen Weg geführt, um mir zu zeigen, daß die rechte Hälfte meiner Seele nicht unter den Kindern der Ariſtokra⸗ tie geboren wurde. Es iſt eine Strafe für meine ariſtokratiſchen Begriffe; aber was bedeutet das! Das Weib, welches Sidney Le mbourn liebt, iſt auch würdig ſeine Gattin zu werden, und wäre es in der geringſten Hütte geboren. Es iſt die Liebe des Mannes, welche das Weih er⸗ hebt, und ihr Nome, Rang und Stellung 110 im geſellſchaftlichen Leben gibt. Sie braucht nur Tugend und Sittlichkeit als Mitgift zu beſitzen. Dieſe Schätze beſitzt Elvira. Was ſollte mich denn hindern, ihr meinen Namen zu geben, falls ſie mir ihr Herz gibt? Nichts. Sidney hatte nie zu denen gehört, welche beim Anblick eines ſchönen Geſichts entflammen, entbren⸗ nen und in Entzückung gerathen. Er hatte als arti⸗ ger und ritterlicher Cavalier dem Weibe ſeine Hul⸗ digung dargebracht, aber nie auf dem Altare der Eitelkeit deſſelben geopfert, oder ſich von deſſen An⸗ muth überrumpeln laſſen. In London und Paris hatte er den Ruf gehabt, einer der eleganteſten Männer in den höheren ge⸗ ſellſchaftlichen Kreiſen und mit den liebenswürdigſten Eigenſchaften zu ſein; aber die Schönen nannten ihn„herzlos“. Wie weit er Anlaß zu dieſer Benennung gab, oder nicht, können wir nicht entſcheiden; ſondern nur den Leſer verſichern, daß wenn Sidney ſich je in ſeinem Leben dem Rauſche der Leidenſchaften hinge⸗ geben, ſo hatte er doch nie dieſe eine ſolche Macht über ſich bekommen laſſen, daß er dadurch einen Zoll breit weiter geführt worden wäre, als Wille und Verſtand geſtatteten. — Das Thier, nicht der Menſch, muß Sklave ſeiner Lüſte ſein,— pflegte er zu ſagen.— Der Vor⸗ zug des letzteren vor dem erſteren liegt gerade darin, daß er durch den Verſtand ſeine niedrigen Begierden beherrſcht. So war der Mann, welcher Elvira eine ſo ernſte Zuneigung widmete. 111 Hätte das junge Mädchen ihn gleich nach der Zeit kennen gelernt, wo ihre kindliche Neigung für Carl Schiffbruch gelitten, ſo iſt es ganz wahrſcheinlich, daß ſie ſich nicht ihrem kindiſchen Verlangen nach Rame und Rang hingegeben hätte. Nun war dieſes Verlangen das einzig Herrſchende in ihrer Seele geweſen, ſeit ihre Gefühle von dem verletzt worden waren, wel⸗ chem es gelungen war, ihre erſte Liebe zu gewinnen. Eine vornehme Dame zu werden, einen glänzen⸗ den Namen zu erhalten, eine hohe geſellſchaftliche Stellung, das war das Ideal, nach welchem das unerfahrene, mit dem Leben und ſich ſelbſt unbe⸗ kannte Mädchen ſtrebte. Sie war nach Wiesbaden mit dem Entſchluß gekommen, eine glänzende Partie zu machen. Schon nach Verlauf einer Woche fing ſie an un⸗ geduldig zu merden, als ſich kein Freier meldete. Bromér ſelbſt beſuchte Wiesbaden ſeiner Ge⸗ ſundheit wegen, und um wo möglich Elviras Traum von einem vornehmen Manne zu realiſiren. Am Tage nach ihrer Ankunft theilte Bromér d'Orbeau ſeine Pläne wegen der Zukunft ſeiner Tochter mit, und der Franzoſe verſprach, Elvira einen Mann nach ihrem Wunſche zu verſchaffen. DOrbeau und Bromér waren alte Bekannte. Sie hatten einander zu der Zeit kennen gelernt, wo Bromeér ſich als junger Mann in Paris aufhielt. In den letzten Jahren waren ſie in Geſchäftsver⸗ bindungen geweſen, und als Bromer in Wiesbaden ankam, war es natürlich, daß er ſeine Wohnung bei dem geſchliffenen Franzoſen wählte. Die Bekanntſchaft mit Sidney hatte indeſſen ſo gewirkt, daß Elvira bisweilen anfing, ſich über den Schritt zu beunruhigen, welchen ſie gethan; dieſe Augenblicke des Nachdenkens waren indeſſen ſehr flüchtig; aber die weibliche Eitelkeit und die ge⸗ ſchmeichelte Eigenliebe behielten das Uebergewicht. Bisweilen empfand Elvira, wenn Sidney von den Pflichten der Menſchen gegen einander ſprach, ein großes Verlangen, ſich ihm anzuvertrauen, und ihm mitzutheilen, wie ſie die Verbindung mit Lord Caſterton geknüpft, ſowie Sidney zu bitten, ihr zu ſagen, ob dieſe Handlung mit dem, was Recht ſei, im Widerſpruch ſtände. Elvira fühlte inſtinctmäßig, daß ſie ihren Fuß auf den unrechten Weg geſetzt; aber jedesmal wenn ſie verſucht war, Sidney Etwas zu ſagen, wurde ſie durch das Verſprechen zurückgehalten, welches ſie Edwin gegeben, nicht eher von ihrer bevorſtehenden Verbindung zu ſprechen, als wenn dieſe unauflös⸗ lich geſchloſſen war. Tiefer als je fühlte Elvira, ſeit ſie Sidneys Be⸗ kanntſchaft gemacht, das Bedürfniß eines Freundes und Führers, denn durch ihre Unterhaltung mit ihm wurde ſie auf ernſthaftere Betrachtungen gebracht, als die, welche bisher ihren kleinen Kopf beſchäftigt. Sie meinte, daß Alles gut geweſen wäre, wenn jenes ärgerliche Verſprechen nicht ihre Zünge gebun⸗ den. Aber dann tröſtete ſie ſich damit, daß wenn ſie verheirathet ſei, würde ſie in England wohnen und oft mit Sidney zuſammentreffen. Er würde ihr beſter Freund werden, ihr ſagen, wie ſie handeln, und ihr den Weg zeigen, den ſie gehen ſollte. Ach ja, das würde Alles ſehr gut werden, wenn ſie 113 nur wohl verheirathet wäre! Eine liebe und gute Frau würde ſie ſchon werden; das müßte nicht ſo beſonders ſchwierig werden, da es ganz und gar auf ihr ſelbſt beruhte. Ein anderes Mal, als ſie an die Zukunft dachte, verjagte ſie alle Bedenklichkeiten mit der Einbildung, daß Caſterton eine heftige Leidenſchaft für ſie em⸗ pfinde; und liebte er ſie, dann würde ſie ganz ſicher glücklich werden. Sie hatte in allen Romanen ge⸗ leſen, daß die höchſte Liebe das höchſte Glück mit ſich bringe; und ihren Mann würde ſie ſchon lieben, das fühlte ſie. Wenn man ſiebenzehn Jahre alt und hübſch iſt, ſo iſt es verzeihlich, wenn man unbedingt an ſeine Fähigkeit glaubt, Liebe erwecken zu können. Elvira vermeinte auch, daß ſie Edwin eine der heftigſten und unbezwinglichſten aller zärtlichſten Paſſionen ein⸗ geflößt habe. Sie überſah indeſſen, daß Sidneys Gefühle für ſie mit jedem Tage einen wärmeren Charakter annahmen; aber wie konnte ſie das merken, da ſie ihn ja von Anfang an nur als einen Freund, einen Bruder betrachtet hatte? Sie verknüpfte ſo aus⸗ ſchließlich alle Gedanken an Liebe mit dem Gedanken an ihren künftigen Mann, daß es ihr nicht einfiel, daran zu denken, daß Sidney lieben könnte⸗ Von der Badeſaiſon war nur noch eine Woche übrig. Eines Tages ſagte Sidney zu Elvira, wie leer Schwartz Gold und Name. 1. 8 Dergleichen Bekanntſchaften erkennt man nicht, wenn 114 es ihm vorkommen würde, wenn der Augenblick der Trennung käme und ſie einander nicht mehr ſehen ſollten. — Und warum werden wir uns nicht mehr ſehen? — fiel Elvira ein. — Darum, weil es ganz und gar auf Ihnen be⸗ ruht,— antwortete Sidney. — In dieſem Falle werden wir uns recht bald wieder ſehen. Ja, fügte ſie mit kindlichem Lächeln hinzu,— ich kann verſichern, daß wir nicht lange getrennt bleiben werden! Mit dieſen Worten ſagte ſie Sidney für den Tag Lebewohl. Als ſie zum Vater eintrat, überreichte dieſer ihr einen Brief mit den Worten: — Von Deinem künftigen Mann! Er trifft be⸗ reits in drei Tagen in Kopenhagen ein, wo er unſere Ankunft abwartet, um die Hochzeit zu feiern. Wir reiſen alſo morgen von hier ab. Elvira nahm den Brief in Empfang. Sie wurde zu gleicher Zeit froh und erſchreckt. Die Zeit er⸗ laubte jedoch nicht, Betrachtungen anzuſtellen, da die Vorbereitungen zur Reiſe ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen.. Nachmittags fand Elvira ſich zum letzten Male an der Quelle ein. Die erſten Perſonen, welchen ſie begegnete, waren Carl und ſeine Braut. Sie gingen an ihr vorbei, und als Carl grüßte, hörte Elvira Martha be⸗ merken: — Ich habe Dir ja geſagt, mein Geliebter, daß es mich ſchmerzt, wenn Du jenes Mädchen grüßeſt. man das Unglück hat, mit ihnen zuſammenzu⸗ treffen. Elvira fühlte, daß das Blut ihr in die Wangen ſtieg und das Herz vor Aerger ſchwoll. Sie flüſterte bei ſich: — Noch eine kurze Zeit, und ich kann dann mein Haupt ebenſo hoch, ja höher tragen, als jenes Fräulein, welches jetzt ein Vergnügen darin findet, mich zu verletzen. In denſelben Augenblick kam Sidney auf ſie zu. Nachdem ſie einander gegrüßt, fragte er, wie Elvira ſich befinde; ſie käme ihm ſo aufgeregt vor. — Ich habe einige verletzende Ausdrücke ge⸗ hört,— antwortete ſie,— aber es lohnt ſich nicht, davon zu ſprechen. Ich habe mich eigentlich hier eingefunden, um Ihnen Adieu zu ſagen, Sir; wir reiſen bereits morgen nach Berlin. — Was hat dieſen plötzlichen Aufbruch veran⸗ laßt?— fragte Sidney. — Eiin Brief, den mein Vater heuke erhalten, und welcher unſere Abreiſe entſcheidet. — Sie ſcheinen Wiesbaden zu verlaſſen, ohne die Empfindung zu haben, etwas zu vermiſſen? Sidney blickte das junge Mädchen an. — Nun, Wiesbaden vermiſſe ich nicht, aber Sie. Es ſchmerzt mich, daß ich plötzlich genöthigt ſein ſoll, Sie zu verlaſſen,— fügte ſie hinzu und lächelte ihm freundlich zu, der aber ausſah. Sidney warf einen Blick auf Madame d'Orbeau, welche neben Elvira ging. Er ſah aus, als wenn er gewünſcht, daß ſie auf dem Wege nach Berlin 8* oder nach dem Ende der Welt, nur nicht, daß ſie dort ſei, wo ſie jetzt war und ihn verhinderte, mit dem jungen Mädchen zu ſprechen. Sie ſind ſehr gütig, Miß Bromér,— bemerkte Sidney, welcher jetzt ganz plötzlich die Sprache um⸗ tauſchte und Engliſch ſprach.— In dieſem Augen⸗ blick fürchte ich jedoch, daß Wohlwollen das einzige Gefühl iſt, welches Sie für mich hegen. Ich hatte indeſſen etwas mehr gehofft! — Sie beſitzen meine Freundſchaft, Sir; was ich ſagte, wurde von dieſer dictirt. Ich werde die kurze Zeit, die wir getrennt ſein werden, Sie ſehr vermiſſen. — Kurze Zeit!— wiederholte Sidney.— Wo⸗ her wiſſen Sie, daß das eine kurze Zeit wird. — Ach, Sir, in einigen Wochen werden wir uns wiederſehen! Ich glaube es! — Und wenn wir uns dann ſehen, falls es ge⸗ ſchieht, wie werden Sie mich dann grüßen? — Mit eben ſo großer Freude, wie ich mich jetzt ungern von Ihnen trenne. — Mon ami,— fiel Madame d'Orbeau ein,— ich glaube, Sie erlauben ſich die Tactloſigkeit zu begehen, eine Sprache zu ſprechen, welche ich nicht verſtehe.— Monſieur, dieß iſt ein Vergehen wider die Seit das ich Ihnen nie zugetraut hätte. m Verzeihung, Madame, ich werde ſofort wandte ſich aber demohngeachtet an Elvira und fügt im Engliſchen hinzu: — Sie müſſen mir erlauben, Ihnen zu ſchreiben und dazu noch ſo gütig ſein, mein Schreiben Fehler corrigiren,— verſicherte Sidney, — — beantworten, bevor Sie Wiesbaden verlaſſen. Ihre Antwort, Miß Elvira, wird entſcheiden, ob ich Ihnen nach Berlin folgen oder mich direct von hier nach England begeben werde. Nachdem er dieß geſagt, begann er mit Madame d'Orbeau eines jener gleichgültigen Geſpräche, welche die Salondame liebt, und welche für den denkenden Menſchen ſo widerlich ſind. Früher als gewöhnlich trennte Elvira ſich von Madame dOrbeau und der Promenade. Gegen Abend kam Sidney Lembourns Bedienter mit einem Brief an Elvira. Etwas ſpäter ſollte er die Antwort holen. Elvira nahm ſelbſt den Brief in Empfang. Sie ſtand eine Zeitlang da und wiegte ihn in der Hand, bevor ſie das Siegel erbrach. Sie überdachte jetzt die Worte, welche zwiſchen ihm und ihr gewechſelt worden, und es kam ihr vor, als wenn ſie ihn den Blick auf ſie mit demſelben traurigen Ausdruck heften ſähe, welchen dieſer gehabt, als er ſagte, daß ſie gütig ſei. Langſam brach ſie das Siegel, und noch lang⸗ ſamer faltete ſie den Brief auseinander.— Das Schreiben lautete: „Miß Elvira! Schon lange hatte ich gewünſcht, „Ihnen mein Herz zu öffnen und Ihnen die Schrift „leſen zu laſſen, welche dort für Sie geſchrieben „teht. Dieſe iſt nicht lang; ſie iſt in drei Worten zuſammengefaßt. Sie haben dieſe bereits errathen. „Ich brauche ſie nicht niederzuſchreiben. Sie „wiſſen, wie ſie lauten. „Daß ich meine Gefühle nicht erklärt, Ihnen „nicht geſagt habe, wie lieb und theuer Sie für „mein Leben ſind, iſt daher gekommen, daß ich keine „Kenntniß davon gehabt habe, ob die Gefühle, welche „Sie für mich hegten, Wohlwollen, Freundſchaft „oder Liebe ſeien. Ich befürchtete, davon überzeugt „zu werden, daß es nicht dieſes letztere war, wäh⸗ „rend es dieſes war, welches ich für mein Lebens⸗ „glück wünſchte, daß Sie mir ſchenken würden. „Ich würde noch fortwährend geſchwiegen haben, „noch eine Zeitlang geſucht haben, das Räthſel zu „löſen, welches Ihr Herz birgt, wenn nicht Ihre „plötzliche Abreiſe von Wiesbaden mich gezwungen „hätte, Sie um ein entſcheidendes Wort anzuflehen. „Ich will es nicht beſchreiben, wie lieb ich Sie „habe; ich will nicht von der Hingebung reden, „welche ich für Sie hege. Alles, was ich Ihnen „darüber ſagen könnte, blieben ja doch nur Worte, „welche nicht im Stande ſein würden, das wiederzu⸗ „geben, was mein Herz birgt.— Ich will Ihnen „nur ſagen, daß mein Gefühl kein Kind des Augen⸗ „blicks iſt; daſſelbe iſt Etwas, das in mein Leben „eingreifen ſoll. Es iſt wahr und ſo ernſt, daß es „nur ein Ziel hat— Ihr Glück. „Was nicht dieſes mit in ſich befaßt, kann mir „kein Glück bringen. „Darum, wenn ich jetzt frage: Elvira, lieben „Sie mich hoch genug, um Ihre Zukunft meinen „Händen änzuvertrauen, ſich fürs Leben an mich zu „binden und meine Gattin zu werden?— ſo bitte „ich: denken Sie allein an ihr eigenes Glück und „thun Sie nichts aus Rückſicht auf das meinige! 119 „Um es zu wagen, theures, geliebtes Mädchen, „die Frau eines Mannes zu werden, iſt es erforder⸗ „lich, daß Sie ihn ebenſo lieb haben, wie ich Sie.— „Um Ihr Geſchick mit dem eines Andern zu ver⸗ „einigen, müſſen Sie ernſt und tief lieben, ſonſt „wird das eheliche Band eine ſchwere Bürde. Nur „die Liebe vermag es, aus Zwei Eins zu machen. „Wir kennen nicht die Wechſelfälle des Schick⸗ „ſals; und um ihnen als Gatten ruhig entgegen⸗ „treten zu können, müſſen die Menſchen durch das „heiligſte und mächtigſte aller Bande vereinigt ſein, „durch das der Liebe. „Meine Frage, ob Sie meine Gattin werden „wollen, jchließt alſo in ſich: Liebſt Du mich ſo „hoch, daß Du an meiner Seite mit ebenſo leichten „Schritten den dornigen Weg gehen kannſt, wie den „blumenbeſtreuten an der eines Andern; bin ich „Alles für Deine Seele, wie Du Alles für die „meinige biſt? „Und jetzt, Elvira, erwarte ich Ihre Antwort.— „Iſt es Liebe, welche Sie an mich feſſelt, dann „werden wir uns nicht mehr trennen; iſt es dagegen „nur Wohlwollen, dann werden unſere Wege nie⸗ „mals zuſammengeführt werden von Sidney Lembourn.“ Elvira las wiederholt dieſen Brief, welcher ihr auf Einmal ſo kalt und doch ſo warm, ſo ernſt und doch ſo zärtlich vorkam. Elvira weine wie alle Mädchen, wenn ſie nicht wiſſen, wie ſie daran ſind. Sie weinte, weil ſie bereits ihre Hand verſchenkt hatte; ſie weinte, weil Sidneys Btief einen ergrei⸗ fenden Eindruck auf ſie gemacht, und ſie weinte endlich, weil Sidney nicht früher gefreit. Sie würde ja dann durch ihn zum Rang, Namen und Glück gekommen ſein. Nachdem Elvira eine lange Zeit geweint, las ſie Sidneys Brief nochmals, drückte denſelben an ihre Lippen und flüſterte bei ſich: — Ich kann weder, noch werde ich ſeine Gattin werden; aber ich kann und werde ſeine Worte in meinem Herzen bewahren, und darnach ſtreben, daß ſie gute Früchte für die Zukunft tragen. Die Thränen wurden getrocknet; Elvira ergriff die Feder und ſchrieb: „Sir! Wenn Sie mich vor ſechs Wochen gekannt „und geliebt hätten, dann würde ich glücklich gewe⸗ „ſen ſein, Ihren Brief empfangen zu haben.— Jetzt „— iſt meine Antwort— wir müſſen uns trennen! „Mein künftiges Schickſal iſt bereits entſchieden, und „darum reiſe ich jetzt ab. „Leben Sie glücklich und vergeſſen Sie mich. „Haben Sie Dank für die vergangene Zeit; ha⸗ „ben Sie Dank dafür, daß Sie mich geliebt haben; „haben Sie Dank für all das Gute, Schöne und „Edle, das Sie mich bewundern gelehrt haben! Das „Andenken daran wird mir ſtets als eine Erinnerung „an den beſten und edelſten Mann zur Seite ſtehen. „Denken Sie mit Freundſchaft an Elvira Bromér.“ Früh am folgenden Morgen reisten Elvira, Bromeér und Lotta von Wiesbaden ab. Als Elvira in den Wagen ſteigen ſollte, welcher vor dem Hotel hielt, ſtand Sidney an der Wagen⸗ N „ 121 thüre. Schweigend half er ihr in das Fuhrwerk; und als Elvira ihm ganz aufgeregt die Hand zum Abſchied reichte, ergriff er dieſelbe und ſagte: — Möge der Herr der Geſchicke über Sie wa⸗ chen und Sie ſo glücklich machen, wie ich wünſche! Er ließ ihre Hand los, überreichte ihr ein hüb⸗ ſches Bouquet und fügte hinzu: Möchte Ihr Leben ſtets reich werden an den Blumen der Freude! Sidney entblößte ſein Haupt und verſchwand, bevor Elvira, welche in Thränen aufgelöst war, ein einziges Wort hatte hervorſtammeln können. Ein Paar Stunden nach ihrer und Bromérs An⸗ kunft in Kopenhagen ſtattete Lord Caſterton einen Beſuch bei ſeiner künftigen Braut ab. Edwin grüßte Elvira verbindlich und erkundigte ſich, wie die Reiſe abgelaufen ſei, wie ſie ſich be⸗ fände ꝛc. Eine Zeitlang ſprach er von gleichgültigen Din⸗ gen, richtete aber dann an Bromer die Frage, ob er den Tag beſtimmt, an welchem der Ehecontract unterzeichnet werden ſollte. Elviras Herz drohte die Bruſt zu ſprengen. Sie wagte nicht die geſenkten Augenlieder zu er⸗ heben. Bromér beſtimmte den Sonnabend, ſo daß er an demſelben Tag Abends von Kopenhagen abreiſen konnte; aber Edwin ſchien es ſehr eilig zu haben und drang darauf, daß der wichtige Act ſchon am morgenden Tage ſtattfinden ſollte. Als Bromeér nicht dazu geneigt war, äußerte Cdwin gegen Elvira: — Ich wage es, die Entſcheidung der Frage „ meiner Braut anheimzuſtellen. Dem Urtheile, welches ihre Lippen ausſprechen, unterwerfe ich mich. Clvira blickte auf. Sie begegnete den Augen des Vaters, welche ſie mit einem Ausdruck anblick⸗ ten, als wenn er hätte ſagen wollen: — Beeile Dich nicht zu ſehr, mich zu verlaſſen! Elvira verſtand den Ausdruck in ſeinem Blick und antwortete: — Mein Wunſch iſt, daß es ſo wird, wie mein Vater beſtimmt hat. Sie blickte jetzt Edwin an; ſeine Augen waren klar und glänzend, aber ſo kalt, daß Elviras Herz ſich krampfhaft zuſammenzog. — Am Sonnabend alſo!— ſagte er und ſtand auf, indem er hinzufügte: — Ich werde mich morgen bei Zeiten darnach erkundigen, wie Sie den Tag zuzubringen wünſchen. — Ich vermuthe, daß Sie jetzt Ruhe bedürfen, und darum entferne ich mich. Er küßte Elvira's Hand und ging.. Als die Thüre ſich nach ihm ſchloß, hätte ſie in Thränen ausbrechen mögen. Warum, wußte ſie ſelbſt nicht; aber es kam ihr vor, als wenn ſie ihn jett mit anderk Augen anſähe, als vor ihrer Be⸗ kanntſchaft mit Sidney.— Eine eigene Schwermuth beſchlich nach Edwins Auftreten ſowohl ſie, wie den Vater. Als Bromér ihr gute Nacht wünſchte, ſagte er: — Biſt Du vollkommen ſicher, als Lady Ca⸗ ſterton glücklich zu werden? Ach ja; gewiß war Elvira es. Unmöglich konnte ſie als eine reiche Lady und als die Frau eines ſo —— 123 ſtattlichen, hübſchen Mannes, welcher ſie aus Liebe gewählt, unglücklich werden. Obgleich die Lippen Elviras dieſe Verſicherung gaben, und ſie ſelbſt von der Wahrheit derſelben überzeugt war, ſo hätte ſie ſich doch an die Bruſt des Vaters werfen mögen, um zu weinen; aber ſie that es nicht, ſondern lächelte ihm vertrauens⸗ voll zu. Einſam in ihrem Zimmer weinte ſie dagegen ohne Rückhalt. Als der Thränenſtrom zu fließen aufhörte, fing ſie an, Vergleiche zwiſchen Edwin und Sidney anzuſtellen. — Dieſes iſt immer gefährlich und Einer der⸗ jenigen, welche man vergleicht, kommt meiſtentheils ſchlecht dabei weg.— Freilich war Elvira davon überzeugt, daß Edwin ſie liebte, und das noch dazu zentſetzlich viel“, obgleich er kein Wort von ſeiner Liebe geſprochen, aber es war nicht mit Sidney's Zärtlichkeit! Elvira fühlte Furcht vor demjenigen, welcher ihr Gatte werden ſollte.— Er kam ihr ſo überlegen vor, und ſein ganzes Aeußere hatte Etwas von einem Herrſcher, das ſie erſchreckte. Um bewundert, aber nicht um geliebt zu werden, ſchien Edwin geſchaffen zu ſein. Je mehr ſie an Edwin und Sidney dachte, deſto inniger wurde ihre Sehnſucht nach dem letzte⸗ ren, deſto größer ihr Reſpect vor dem Erſteren. Als ſie endlich gegen Morgen einſchlummerte, träumte es ihr, daß Edwin ſie auf ſeine ſtarken Arme nahm und ſie in die Höhe hob, aber ſie nachher rückſichtslos von ſich gegen einen tiefen Abgrund ſchleuderte. Gerade als ſie in dieſen hinabſtürzen ſollte, fühlte ſie ſich von ein Paar Armen umſchloſſen; und als ſie den anblickte, welcher ſie am Falle gehindert, war es Sidney. Bevor ſie noch am folgenden Tage mit ihrem Morgenanzug fertig geworden war, wurde ihr von Lord Caſterton ein prächtiges Bouquet und ein Etui übergeben, welches eine koſtbare Garnitur von Ju⸗ welen enthielt. Man konnte nicht ein artigerer Bräutigam ſein, und Elviras düſtere Gedanken und Träume ent⸗ flohen. Später Vormittags fand er ſich ſelbſt ein, um zu erfahren, wie Elvira den Tag zuzubringen wünſche. Er hatte einen Plan gemacht, welchen er ihr mit⸗ theilte. Elvira nahm denſelben ſofort an, und Edwin bot alle ſeine Kräfte auf, um ſie die drei Tage, welche der Hochzeit vorangingen, zu zerſtreuen. Endlich er⸗ ſchien der merkwürdige Tag. Am Morgen kamen von Lord Caſterton einige Cartons, die einen koſtbaren und prachtvollen Braut⸗ ſtaat enthielten. Selbſt beſuchte er Bromér, um ihm das Dokument mitzutheilen, durch welches Ca⸗ ſterton Elvira eine ſehr anſehnliche Morgengabe ſchenkte.— Bromer ſetzte bei dieſer Gelegenheit den Lord davon in Kenntniß, daß er ſeiner Tochter ein eben gekauftes Gut und ein größeres Capital als Mitgift gebe. — Ich wünſche keine Mitgift mit meiner Frau, — wandte Caſterton ſtolz ein.— Das, vz Sie dafür beſtimmt haben, mag Ihre Tochter als i ₰ 5 125 Privatvermögen behalten; ich für meinen Theil will nichts damit zu thun haben, ſondern ich bitte, die Mitgift der Morgengabe beizufügen, welche für Lady Caſterton beſtimmt iſt. Alle Einwendungen von Bromérs Seite waren vergebens. Edwins Antwort blieb: — Ich verheirathe mich nicht mit Ihrer Tochter, um in den Beſitz ihres Vermögens zu gelangen, und ich darf ihr in der Weiſe für nichts zu danken haben. Als Edwin ſich entfernt hatte, theilte Bromer Elvira ihr Geſpräch mit. Sie fühlte ſich wirklich glücklich und froh; denn jetzt durfte ſie doch wohl vollkommen ſicher ſein, daß Edwin ſie gränzenlos liebte. In Gegenwart von vier Zeugen wurden Lord Edwin Caſterton und Mamſell Elvira Bromér in der Kirche unſeres Erlöſers in Kopenhagen getraut. Als das Brautpaar nach dem Hotel zurückkam, um zu diniren, und darauf die Reiſe nach England anzutreten, theilte der Garcon Bromér mit, daß ein err ihn zu ſprechen wünſche. Mit einigen Entſchuldigungen an die Gäſte und den Bräutigam entfernte Bromer ſich. Eine halbe Stunde verging, ohne daß er wieder zum Vorſchein kam, und dann trat er mit einem ſo veränderten Ausſehen herein, daß Elvira auf ihn zueilte und rief: 4 — Wie ſteht es, mein Vater, iſt Ihnen etwas ie paſſirt, oder befinden Sie ſich nicht o iſt nichts, mein Kind! Er nahm ſie bei der Hand, führte ſie zum Fenſter und fagte: 126 — Betrachte den Mann in dem blauen Rock, welcher da unten am Strande neben dem Laternen⸗ pfahl ſteht! Sehe ihn genau an und ſuche Dir ſeine Züge ins Gedächtniß zu prägen! Falls Du je mit ihm zuſammentreffen ſollteſt, ſo erinnere Dich ſeines Geſichts! Elviras Augen folgten der Anweiſung Bromérs. Am Quai und gerade ihnen gegenüber ſtand ein Mann, in einen blauen Rock gekleidet, welcher bis an den Hals zugeknüpft war. Seine Augen waren unausgeſetzt auf das Fenſter gerichtet, an welchem Elvira und Bromeér ſich befanden. Elvira kam indeſſen nicht dazu, den Mann ge⸗ nauer zu betrachten, denn Lord Caſterton trat ans Fenſter und ſagte in etwas ſcharfem Tone: — Wenn Sie erlauben, Lady Caſterton, ſo ma⸗ chen wir die Fenſter zu. Elvira drehte ſich um. Edwin ſchloß die Fenſter und fügte hinzu: — Kennen Sie den jungen Mann dort, der Sie mit ſo großem Intereſſe betrachtet? Elvira, welche Niemanden als den Blaurock be⸗ merkt hatte, warf bei dieſer Frage wieder einen Blick auf den Platz, und ihre Augen fielen auf Carl Brogren. Er ſtand nahe dem Manne am Laternen⸗ pfahl und blickte zu Elvira hinauf. Bei dieſem An⸗ blick wechſelte ſie Farbe und ging haſtig vom Fen⸗ ſter weg. — Sie werden mich entſchuldigen, Mylord,— bemerkte Bromér,— wenn ich Elvira neugierigen Blicken bloßgeſtellt; aber ich wünſchte ihr ingun 127 zu zeigen, deſſen Aeußeres mit einer mir verwandten Perſon Aehnlichkeit hat. Eine Stunde ſpäter ſaß man am Mittagstiſch. Die Marquiſin Lydia Briſſier war eine geborene Engländerin, Couſine des William Caſterton, des Vaters von Edwin. Sie hatte zu ihrem Vetter eine jener kindlichen Neigungen gefaßt, welche ſehr häufig für das ganze Leben dauern. Reich, hübſch und mit William Caſterton ver⸗ wandt, hatte ſie keinen Augenblick gezweifelt, daß die Freundſchaft, welche William ihr ſchenkte, Liebe ſei, und ſie hielt es bereits als Kind für ausge⸗ macht, daß ſie ein Paar werden würden. Die unermeßlich reiche Erbin irrte ſich indeſſen, Caſterton verliebte ſich nicht allein in eine junge, hübſche Franzöſin, ſondern verheirathete ſich auch mit ihr. Miß Lydia hatte ſich vor Verzweiflung beinahe das Leben genommen, aber ſie zog es doch vor, ſich mit dem Marquis Briſſier zu verheirathen, einem ann, welcher von einer franzöſiſchen Emigranten⸗ familie herſtammte, aber jetzt naturaliſirter Britte war. 5 Lydias Ehe war weder glücklich noch unglück⸗ ich, denn ſie dauerte ganz kurz. Drei Jahre, nach⸗ em ſie Marguiſin Briſſier geworden, war ſie eine kinderlge Wittwe. Jung und unermeßlich reich, wurde ſie mit Freiern überhäuft; aber nicht einem Einzigen gelang es, ihren Vorſatz, Wittwe zu blei⸗ ben, zum Wanken zu bringen.— Die Liebe zu Ca⸗ ſterton, welche der Aerger darüber, nicht geliebt zu ſein, zum Schweigen gebracht hatte, loderte mit er⸗ neuerter Heſtigkeit auf, beſonders da ſie wußte, daß William mit ſeiner franzöſiſchen Frau Alles, nur nicht glücklich war. Seine ſchöne Frau führte ein verſchwenderiſches Leben, und Lydia ſah ein, daß das Vermögen, welches bereits bei Williams An⸗ tritt der Erbſchaft mitgenommen war, bald verſchleu⸗ dert ſein würde. Sie beſchloß ebenſo ſparſam zu werden, wie die Frau des Vetters verſchwenderiſch war, um für ſeinen Sohn ihr vorher ſchon ſo großes Vermögen zu vermehren, und wenn es gelte, Wil⸗ liam von ökonomiſchem Untergang zu retten. In demſelben Maße, wie ſich ihre Liebe auf William und ſeinen Sohn concentrirte, wuchs ihr Haß und Abſcheu gegen Caſtertons Gattin, welche ſie als ſein böſes Geſchick betrachtete. Die Franzöſin hatte auch nur ein Ziel, und das war, durch die Pracht ihres Anzugs, durch ihre Feſt⸗ lichkeiten und ihre große Zahl von Anbetern alle An⸗ deren zu verdunkeln. Lydia, welche William wegen ſeiner ausgezeich⸗ neten Geiſtesgaben anbetete, welche ſeinen Witz und das Großherzige ſeines Charakters bewunderte, konnte es nicht verzeihen, daß eine Fremde, welche ſeine Frau war, nicht dieſe Eigenſchaften ſchätzte, ſondern das ausgezeichnete Parlamentsmitglied Lord Caſterton als einen Spielball ihrer Launen betrachtete. Als Lady Caſterton nach zwanzigjähriger Ehe in Folge einer heftigen Erkältung ſtarb, ich ſich 129 wieder die Hoffnung in Lydia's Seele ein, und ſie dachte:. — Jetzt werde ich den Lohn für meine treue Liebe erhalten;— aber auch jetzt täuſchte ſie ſich. Ein Jahr, nachdem William Wittwer geworden und entdeckt hatte, daß ſein Vermögen vergeudet ſei, ſchoß er ſich eine Kugel vor die Stirne.— Man ſagte zwar, daß er durch ein unglückliches Freigniß auf der Jagd umgekommen ſei; aber die Marquiſin wußte am beſten, daß es nicht ſo ſei.— William hatte in einem Brief an ſie, welchen ſie an demſel⸗ ben Tag erhielt, an welchem er ſich das Leben nahm, ihr ſeinen Entſchluß anvertraut, i Liebe, welche ſie für ihn gehegt, auf Edwin zu über⸗ tragen. en konnte, war ihr erſter Gedanke Edwin. Er be⸗ fand ſich damals in Orford und ſtudirte. Die Ab⸗ ſicht der Marquiſin war, ihn als ihr eigenes Kind zu adoptiren, und auf ihn ihr Geld und ihre Liebe zu verſchwenden; aber ſchon bei i terung der Marquiſin gegen Edwin's verſtorbene Mut⸗ ter veranlaßt wurde. Die Spannung wurde immer größer und größer, da Edwin ſich in keiner Hinſicht nach der Manquiſin richten wollte, und ihr über⸗ haupt keine Einmiſchung in die Beſtimmung ſeiner künftigen Laufbahn geſtattete. ie Marquifin, welche ſeit ihrem Schwartz, Gol und Name. 1.„9 130 Jahr ihr eigener Herr geweſen, und von Natur einen herrſchſüchtigen Charakter beſaß, fand ſein Betragen undankbar. Sie trennten ſich als weniger gute Freunde; und die Marquiſin beſchloß, daß Edwin mit ökonomiſchen Verlegenheiten zu kämpfen haben ſollte, bis ſein Hochmuth erſtickt ſei. Edwin verließ England und lebte ein Paar Jahre auf Reiſen. Er wurde jedoch aus ökonomiſchen Gründen gezwungen nach England zurückzukehren, um die Güter zu verpfänden, welche noch nicht an die Creditoren des Vaters verpfändet waren. Als dieß geſchehen, verließ er wieder das Vaterland und begab ſich nach Frankreich. Hier lernte er die Schweſtertochter ſeiner Mutter, die Gräfin Mourville, kennen. Der Zweck ſeiner Reiſe nach Frankreich, dort durch die Familie ſeiner Mutter ſich Mittel zu ver⸗ ſchaffen, auf wiſſenſchaftliche Weiſe ein Unter⸗ kommen zu finden, wurde vergeſſen und er überließ ſich allen beſinnungsloſen Schwärmereien einer heftigen Liebe.— Er liebte die Gräfin mit der ganzen Thor⸗ heit der Leidenſchaft. In ihrer Nähe zu leben, war Leben, von ihr getrennt zu ſein, Tod. Er begleitete ſie auch nach Italien, nach Tyrol, und auf allen den Reiſen, welche ſie während eines Jahres unternahm, und begab ſich endlich nach Wiesbaden, fortwährend ſie begleitend.. Die Marquiſin Briſſier, welche von ſeiner Liebe zur Gräfin Kenntniß erhalten, ſowie, daß die Gelder, über welche Edwin disponiren könne, zu Ende waren, und daß Wiesbaden zu ſpielen angefangen, um dispo ble Mittel zu erhalten, reiſte ſofort von 131 ½ England ab, um mit Einemmale lichen Lebensweiſe und ſ ein Ende zu machen. Es gab, nach der Anſicht der Marquiſin, nur eine Art, auf welche Edwin gerettet werden konnte, und die war, daß er ſich ſofort verheirathe, nach England zurückkehrte, ſeine Familiengüter übernähme und in ein regelmäßiges Leben hinein käme. Die Marquiſin ſchrieb an Edwins Jugendfreund und Vertrauten, Sidney Lembourn, und bat ihn an einem beſtimmten Tage in Coblenz einzutreffen, wo die Marquiſin ihm begegnen wollte. Sidney und Edwin waren ſo gut wie mit einan⸗ er auferzogen. Ihre Väter waren Jugendfreunde geweſen, und die Freundſchaft, welche ſie verband, ging auf die Söhne über, obgleich ſie durch Tempe⸗ rament und Charakter verſchieden waren. Edwin war ercentriſch und heftig, mit lebhaften und leidenſchaftlichen Gefühlen, wißbegierig und mit ungewöhnlich glänzenden intellectuellen Gaben aus⸗ geſtattet; aber unbeſonnen in ſeinen Handlungen, offen, ſtolz und ſelbſtſtändig, gehörte er zu denjenigen, welche nicht leicht zu beherrſchen ſind. Bei Sidney war wieder Alles Verſtand; unter dieſen beugten ſich alle ſeine Gefühle; und wenn ſie noch ſo heftig waren, mußten ſie doch dieſem Herr⸗ ſcher gehorchen.— Stolz ohne Uebermuth; hochher⸗ zig ohne das Verlangen zu glänzen; regelmäßig ohne zedanterie, war Sidney in Edwin's Augen ein Ideal der Ritterlichkeit, der Gewiſſenhaftigkeit und der Eh⸗ renhaftigkeit. Er war auch der Eirzige, welcher irgend eine wirkliche Macht über Fr 2 ſeiner abenteuer⸗ einem Verhältniß zur Gräfin Die Marquiſin hatte ſich alſo nicht an die un⸗ richtige Perſon gewandt, als ſie Sidney den Auf⸗ trag gab, Edwin den Beſchluß mitzutheilen, welchen ſie betreffs der Zukunft des letzteren gefaßt. Wahrſcheinlich iſt es indeſſen, daß der Vorſchlag der Marquiſin nicht durchgegangen wäre, wenn Ed⸗ win nicht ſelbſt angefangen hätte, es als verletzend für ſein Ehrgefühl zu finden, vom Spiel zu leben und auch recht oft darüber reflectirt hätte, daß es kränkend für einen Mann mit ſeinem Namen ſei, in Armuth zu gerathen. Edwins von der Leidenſchaft eingeſchläferte Vernunft erwachte, und die Nothwendigkeit, aus der gegenwärtigen Lage herauszukommen, ſtand klar vor ſeinem Verſtand. Sidney hatte den Vorſchlag der Gräfin in einem Augenblick vorgebracht, wo Edwin nach einer am Spieltiſche zugebrachten Nacht tiefer als je erkannte, daß er dem magiſchen Zauber, durch welchen er an die Gräfin gefeſſelt ſei, ein Ende machen und auch ſeine Lebensweiſe ändern müſſe. Das erſtere hatte ja ſchon den letzten Caſterton in einen Mann ver⸗ wandelt, welcher Alles vergaß, was er der Achtung vor ſich ſelbſt, ſeinem Namen und ſeiner Stellung in der Geſellſchaft ſchuldig war. Der Vorſchlag der Marquiſin öffnete ihm eine Ausſicht, auf eine ehrenhafte Weiſe ſeine Angelegen⸗ heiten zu ordnen und dann ſein Leben irgend einer nützlichen Thätigkeit zu widmen, wenn derſelbe auch auf der andern Seite im Widerſpruch mit der Rea⸗ liſirung ſeiner Jugendträume ſtand. Man befand ſich am Ende des Auguſt. 132 133 Die Marquiſin Briſſier hatte ſich bereits einige Wochen auf Hartoncourt aufgehalten und dorthin verſchiedene Verwandte der Caſterton'ſchen Familie eingeladen, aber ohne ſie auf die Urſache vorzuberei⸗ ten, warüm ſie eingeladen wurden.— Sie hatte außerdem ungewöhnliche und in Anbetracht ihres bekannten Geizes extraordinäre Ausgaben gemacht. Einer der Stockwerke hatte neue Möbeln erhal⸗ ten; mehrere Diener waren angenommen und ſämmt⸗ lich mit neuer Livrée verſehen worden. Selbſt hatte ſie die ſchwarze Tracht abgelegt. welche ſie ſeit William Caſtertons Tod getragen, und ſtatt derſelben ſich eine graue angeſchafft. Das düſtere und an Bewohnern arme Hartoncourt war heiterer geworden; es gab Jugend und Leben innerhalb der Mauern, im Parke und im Garten deſſelben. In den letzten Tagen zeigte die Marquiſin eine augenfällige Unruhe, und als endlich der letzte Au⸗ guſt kam, ſchien ſie nicht mehr an einer und derſel⸗ ben Stelle ruhig bleiben zu können. Es war un⸗ möglich für irgend einen Bedienten, es ihr recht zu Sie war ungeduldig und unzufrieden mit em. Den ganzen Tag erwartete ſie einen Reiſewagen in den Hof auffahren zu ſehen; aber ſie wartete vergebens. Der Tag verging und der Abend kam, ohne daß irgend neue Gäſte erſchienen. an hatte ſich in dem neuen Salon im Par⸗ terre verſammelt, wo Lichter angezündet waren, und wo man ſich nach beſten Kräften zu zerſtreuen ſuchte. die Marquiſin ſelbſt hatte, unbekümmert um ihre 134 Gäſte, ſich in einem kleinen Cabinet niedergelaſſen und leiſtete ſich ſelbſt Geſellſchaft. Endlich hörte ſie das Rollen eines Fuhrwerks, welches in den Hof hinauffuhr. Augenblicklich war die Maxquiſin am Fenſter; aber draußen war es finſter; ſie konnte nichts unterſcheiden. Sie klingelte und gab Befehl, ihr mitzutheilen, wer gekommen ſei. Der Bediente kam indeſſen nicht hinaus, bevor ſich die Thüre wieder öffnete und Sidney Lembourn eintrat. Er eilte auf die Marquiſin zu, bat um Verzei⸗ hung, daß er ſo ſpät käme, aber er ſei an einer der Ei ſenbahnſtationen aufgehalten worden ꝛc. Die Marquiſin ließ ihn indeſſen nicht zu Ende reden, ſonden unterbrach ihn mit der Frage: — Haben Sie Etwas von Lord Caſterton ge⸗ hört? — Nichts ſeit ſeiner Ankunft in Copenhagen, wo er ſchrieb, daß wir uns am erſten September treffen würden. — Wir haben heute den letzten Auguſt. Er ſollte alſo bereits hier ſein,— fiel die Marquiſin heftig ein. — Lord und Lady Laſtetton kamen jetzt eben an,— lautete die Stimme des Bedienten von der Thüre. Die Marquiſin drehte ſich haſtig um. Der Be⸗ diente fügte hinzu: — Mylord hat gewünſcht, ſofort nach den Zim⸗ mern geführt zu werden, welche für ihn beſtimmt ſind. 135 Morgen wird Mylord die Ehre haben, der⸗ Frau Marquiſin ſeine Aufwartung zu machen. 5 Das Geſicht der Marquiſin klärte ſich auf. Sie that einen tiefen Athemzug. Es war für ſie eine Erleichterung. Als der Bediente ſich entfernt, nö⸗ thigte ſie Sidney Platz zu nehmen und ſagte: — Es würde mir lieb ſein, etwas von Lady Caſterton zu hören, bevor ich mit ihr zuſammen⸗ treffe. — Frau Marquiſin, in dieſem Falle kann ich Ihren Wünſchen nicht entgegenkommen.— Ich kenne ſie nicht, und weiß nur, daß ſie jung iſt. — Sie wiſſen doch, wer ſie eigentlich iſt?— fiel die Marquiſin lebhaft ein.— Sie iſt doch keine Franzöſin? Frau Marquiſin, es wäre nicht gut möglich, daß Edwin eine ſolche hätte ſollen wählen können, da es eine der Bedingungen war, daß ſeine Frau nicht von franzöſiſcher Herkunft ſein durfte,— ſagte Sid⸗ ney lächelnd.— Was ihren Namen anbetrifft, ſo bin ich darüber ebenſo in Unkenntniß, wie über ihren Stand und ihr Ausſehen. Alles, was ich weiß, be⸗ ſchränkt ſich auf den Inhalt dieſes Briefes. Sidney übergab der Marquifin einen Brief. Sie las: „Mein Freund! Zwei Monate ſind verfloſſen, ſeit wir uns in Wiesbaden über Hals und Kopf trennten. Ich reiſte von dort ab, nachdem ich mir eine Braut erkohren, die nach dem Geſchmacke der Marquiſin ſein wird. Mein eigener kommt natür⸗ lich nicht in Betracht, da ich mich nach dem Willen mei⸗ ner Tante verheirathe.— Daß Lady Caſterton nicht 136 eine Franzöſin ſein dürfe, habe ich mich genau erinnert; daß ſie jung ſein ſollte, ebenfalls, und daß ſie eine reſpectable Perſönlichkeit ſein ſollte, welche meinen Namen nicht compromittiren wird, iſt Etwas, das ich auch nicht vergeſſen habe.— Die Wahl, welche ich gezwungen getroffen, halte ich für gut, und jetzt kein Wort mehr von meiner Braut, bevor wir uns ſehen. „Ich werde am erſten September auf Hartoncourt ſein, und dann treffen wir uns.— Ich habe Dir Vieles mitzutheilen, das ſich auf meine Pläne für die Zukunft bezieht; jetzt will ich nur ſagen, daß der Schritt, den die Marquiſin mich zu thun gezwungen, einen großen Einfluß auf meinen Charakter ausgeübt hat.— Sie hat die Leidenſchaft mit der Wurzel ausreißen wollen, welche mich an Gräfin Mourville feſſelte; ich fürchte, daß ſie damit auch manche edle Gefühle ausgeriſſen hat, ſo daß in demſelben Boden jetzt andere emporgeſproſſen ſind, welche aus mir das Gegentheil von dem machen werden, was ich zu werden beſtimmt war.— Aber was hat das zu bedeuten? Die Caſterton'ſche Familie wird wieder aufblühen, und ſie kann immer ſicher ſein, daß ich dem Namen keine Flecken anhefte. „In zwei Tagen bin ich an ein Weib gekettet; in zwei Tagen ſind die Flügel meiner Seele be⸗ ſchnitten und alle meine Träume von Freiheit und einem Leben, das ausſchließlich Forſchungen, Reiſen und Unabhängigkeit gewidmet war, zerſtört worden. „Ich werde nach Altengland zurückkehren; ich werde mich auf meinen Gütern niederlaſſen, meine Aufmerkſamkeit der Politik widmen, Parlaments⸗ 137 mitglied werden, und gleich allen Andern vom Caſter⸗ ton'ſchen Geſchlecht meine Kräfte und meine Intelli⸗ gens auf Discuſſionen und Reden ohne Nutzen und Vortheil für die Menſchheit vergeuden. „Ah, Lembourn! welches große Opfer habe ich nicht meinem Stolz und meinem Namen gebracht, als ich dem Glanze deſſelben meine Freiheit opferte und dem kosmopolitiſchen Leben und des Natur⸗ forſchers weit ausgedehnten Reiſen um die Welt ent⸗ ſagte! Dieſe Ketten, welche häusliches Glück ge⸗ nannt werden, ſind nicht für einen Mann wie ich, und es kömmt mir vor, als wenn ich im Begriff wäre, ſie zu genießen, ſchon bevor ſie nur angelegt worden ſind. „Die Würfel ſind jedoch geworfen. Die Marquiſin hat die Caſterton'ſchen Schulden bezahlt und mich zu einem der reichſten Lords Englands gemacht, und das verdient wohl, daß ich mich für das Leben an ein Weib binde. „Mein Freund, ich bin indeſſen der Meinung, daß ich Alles geopfert; denn ich würde nicht einmal aus Liebe im Stande geweſen ſein, in den ehelichen Stand einzutreten. Geld hat jedoch das Unmögliche mög⸗ lich gemacht. „Leb wohl und beklage das Schickſal, welches be⸗ ſcheert worden iſt Deinem Freunde Edwin Caſterton.“ Die Marquiſin faltete den Brief zuſammen und agte: — Erlauben Sie, Sir, daß ich dieſen Brief be⸗ halte? 138 — Gern, Frau Marquiſin, aber unter der Bedin⸗ gung, daß Sie mir ſagen, welchen Gebrauch Sie davon zu machen gedenken. — Ich wünſche den Inhalt im Gedächtniß zu behalten; beſonders ſind es ein paar Punkte in dieſem Brief, welche des Nachdenkens werth ſind. Ich werde ihm den Inhalt zeigen, wenn er ſelbſt ſein Glück ſchätzen und einſehen gelernt hat, daß er mit dem Schickſal zufrieden ſein muß.... — Welches Sie ihm bereitet,— ſiel Sidney ein;— in dieſem Falle behalten Sie den Brief, Frau Marquiſin!— Vielleicht findet ſich auch der eine und der andere Punkt darin, über welchen Sie reflectiren müſſen. — Was meinen Sie, Sir? — Daß es immer gewagt iſt, in das Schick⸗ ſal eines Anderen einzugreifen und über daſſelbe zu entſcheiden.— Ich bat Sie, Frau Marquiſin, es wohl zu überlegen, bevor Sie mich zwangen, Caſter⸗ ton Ihren Entſchluß mitzutheilen. Sie wollten nicht auf meine warnenden Worte hören, und ich vollzog den Auftrag, welchen ich erhielt, weil Sie nicht unter andern Bedingungen Caſterton vor ſeinem ökonomiſchen Untergang retten wollten; aber ich fürchte, daß Sie durch dieſen an zweier Menſchen Unglück Schuld werden. Die Marquiſin ſchwieg lange. Darauf äußerte ſie: — Seien Sie ruhig, Sir; das Glück liegt in der Einbildung und wird leicht genug gewonnen.— Ich bin jedenfalls der Anſicht, klug, recht und ſo gehandelt zu haben, daß ich es verantworten kann. 139 Sollte ich einen Mißgriff gemacht haben, dann möge die Strafe mich treffen! In dem großen Speiſeſaal auf Hartoncourt waren alle Gäſte verſammelt, um einen„Lunch“ oder Vormittagsimbiß einzunehmen. Die Marquiſin befand ſich jedoch noch im kleinen Salon und unterhielt ſich mit Sidney. Zu dem beſtimmten Glockenſchlage, wo man die Mahlzeit zu beginnen pflegte, trat Lord Caſterton ein, ein junges Weib am Arme führend. Er nahm den Weg durch den Saal nach dem kleinen Salon. Die Marquiſin und Sidney ſtanden an einem der Fenſter und blickten hinaus in den Hof, wo einige Veränderungen in der Anpflanzung von Bäumen gemacht wurden, worüber die Marquiſin ſich aus⸗ ſprach. Caſterton und ſeine Frau traten ein, ohne daß weder die Marquiſin noch Sidney ſie eher bemerkte, als bis Edwins Stimme die Begrüßungsworte an die Marquiſin richtete. Jetzt drehten ſich beide um. Sidney trat einen Schritt zurück und ſtarrte Elvira an, deren erſter Blick auf ihn ſfiel. Sie ſtieß einen ſchwachen Ausruf der Verwunderung aus und wurde purpurroth. Elvira war ſo aufgeregt, daß die Worte, welche die Marquiſin an ſie ſprach, ihr wie ein verworrenes Sauſen vorkamen.— Erſt nach der Umarmung be⸗ grif ſie, daß ſie einen Willkommensgruß enthalten hatte. 140 Edwin rief ſie indeſſen vollkommen zu ſich ſelbſt zurück, als er bemerkte: — Es dürfte überflüſſig ſein, Herrn Lembourn Lady Caſterton zu präſentiren. Aus der Ueberra⸗ ſchung, welche Ihr Beide bei dieſem Zuſammentreffen empfandet, ſchließe ich, daß Ihr einander früher geſehen. Elvira blickte zu ihrem Manne auf. Seine Lippen lächelten, aber dieſes Lächeln that ihr weh. — Du haſt Recht, Caſterton,— antwortete Sidney und verbeugte ſich vor Elvira;— es iſt nur eine ganz kurze Zeit her, daß ich die Ehre hatte, Mylady in Wiesbaden Adieu zu ſagen. Es überraſchte mich auch wirklich, in Lady Caſterton Miß Bromér wiederzufinden; aber wie unerwartet dieſes auch war, ſo hindert es mich nicht, Dir aus ganzem Herzen zu der Wahl Glück zu wünſchen, welche Du gethan, und ich hoffe, daß Sie, Mylady, ſo glücklich werden mögen, wie ich es wünſche und Sie es verdienen! Sidney führte Elviras Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen und drückte dann ganz treuherzig die⸗ jenige Edwins. Man begab ſich darauf hinaus zu den übrigen Gäſten, welchen die Marquiſin Lady Caſterton vorſtellte. Edwin erſchien während der Mahlzeit etwas wortkarg und abgemeſſen in ſeinem Benehmen gegen die Marquiſin. Elviras anmuthiges Aeußére! Alle für ſie ein und bewirkte, daß ſowohl Damen wie Herren ihr ihre Aufmerkſamkeit ſchenkten. Wenn man dieſes kindlich hübſche Geſicht zh 141 ſo konnte man nicht anders, als die Eigenthümerin davon lieb haben, obgleich ihre Art und Weiſe ſich zu benehmen, noch nicht diejenige Sicherheit hatte, welche man mit Recht von Lady Caſterton fordern konnte. Sie war ja ſo jung, und man hatte Nachſicht mit den kleinen Fehlern, wenigſtens für den Au⸗ genblick. Lord Caſterton war artig und aufmerkſam gegen ſeine junge Frau. Er war der ritterlichſte Ehe⸗ mann; aber bei alle dem lag etwas Fremdes in ihrem Benehmen gegen einander. Sie ſenkte immer das Auge, wenn er zu ihr ſprach, und wagte faſt nie, es zu ihm zu erheben, und das, obgleich er höchſt ſelten den Blick auf ſie richtete. Es gab nicht einen Schatten von Intereſſe in ſeiner Miene, nicht einen Schimmer von Wärme in ſeinem Weſen, nichts von Zärtlichkeit im Tone oder in Worten; Alles war Artigkeit. Der erſte Tag, an welchem die Neuvermählten auf Hartoncourt verweilten, kam Elvira ganz ange⸗ nehm vor. Die Marquiſin war für ſie eingenom⸗ men, und ſie war der Gegenſtand, um welchen die Artigkeiten aller Verwandten ſich concentrirten. Wenn Schmeichelei und übertriebene Höflichkeit einen Men⸗ ſchen höflich machen können, ſo mußte Elvira es be⸗ ſonders jetzt geweſen ſein, wo ſie Alles beſaß, was ſie wünſchte: einen ſtolzen und edlen Namen, eine glänzende geſellſchaftliche Stellung und hochgeborene anbtei welche ihr alle mögliche Achtung ſpen⸗ eten. Wir müſſen auch ehrlich geſtehen, daß ſie mit vollen Zügen den Reiz genoß, welchen ſie empfand. 142 Elvira fühlte ſich glücklich an dieſem Tage ihres Aufenthalts auf Hartoncourt.. Die Kühlheit Edwins, welche wie ein kalter Reif ihr an Zärtlichkeit gewohntes Herz berührte, wurde jetzt weniger gefühlt, wo ſie von fremden Perſonen umgeben waren. Als Elvira ſich Abends wieder allein in ihrem„„ Zimmer befand, meinte ſie, daß der verfloſſene Tag der glücklichſte geweſen, den ſie ſeit ihrer Verhei⸗ rathung gehabt. Sie dachte: — Es iſt doch recht luſtig, eine vornehme Dame zu ſein, und ich wäre gewiß beneidenswerth glück⸗ lich, wenn mein Mann Sir Sidney Lembourn gliche. 1 Die Septemberſonne ſchien ſanft und mild auf Hartoncourt und deſſen grüne Umgebungen herab, als Elvira erwachte. Ihren Gewohnheiten von der Kindheit an gemäß, zog ſie ſich haſtig an und be⸗ gab ſich dann auf eine Morgenpromenade. Sie ging in den Park, um die friſche Morgen⸗ 3 luft einzuathmen und mit vollen Zügen ihr Daſein zu genießen. Ohne irgend ein beſtimmtes Ziel wanderte ſie weiter und kam an einen hübſchen Pavillon in japa⸗ neſiſchem Styl. Die Thüren ſtanden offen; trat ein. Nachdem ſie in dem kleinen Gebäude herumgegangen war, nahm ſie den Weg eine Wendeltreppe hinauf, und befand ſich in einem achteckigen Zimmer, von welchem aus ſie eine Ausſicht auf die ganze Nachbarſchaft hatte. 145 auf Sie gemacht, ſo wird es mir ein Vergnügen machen, ſie zu hören. — Sie lauten folgendermaßen:„Ein Loben ohne Liebe an der Seite eines Mannes, welcher nicht im Stande iſt etwas Anderes zu bieten, als kalte Artigkeit, wird eine düſtere Zukunft für ein ſieben⸗ zehnjähriges Weib.“ Nun, wundert es Sie, daß ich mich derſelben erinnere, und daß ich es wiſſen will, ob Sie es ſind, welcher dieſe Worte ausgeſprochen? Elviras Augen ruhten auf Sidney. Er runzelte die Augenbrauen, als wenn ein ſchmerzliches Gefühl ſein Inneres durchzuckt hätte. — Ich kann nicht begreifen, daß in dem, was Sie geſagt, etwas Denkwürdiges liegt; aber ich ver⸗ ſichere, daß ich heute nicht in der Nähe des japane⸗ ſiſchen Pavillons geweſen bin. Elviras Geſicht klärte ſich auf und ſie reichte Sidney die Hand. Sidney verbeugte ſich ſchweigend und Elvira fügte hinzu: — Ich würde mich ſehr unglücklich gefühlt haben, enn Sie dieſes Urtheit über meine Zukunft ausge⸗ ſprochen hätten. — Behüte mich Gott, Ihnen, wenn auch nur indirect, je einen Schmerz zu bereiten!— ſagte Sidney.— Ich würde mir das nie verzeihen. .— Dank, Sir, Sie ſind doch der Beſte von Allen, welche ich gekannt.— Elvira lächelte ihm heiter zu. 5 Sie fühlte ſich wieder glücklich. Es kam ihr vor, s wenn ſie einer Gefahr entgangen ſei, welche ſie ſchon ſeit ihrer Heirath gefürchtet. 6 Scwartz, Gold und Name. r. 10 146 Vier Wochen waren verfloſſen, ſeit Elvira Lord Caſtertons Gattin geworden. Ausgenommen die Reiſe nach England, hatte ſie dieſe Zeit auf Hartoncourt zugebracht. Während der erſten Tage, die ſie bei der Mar⸗ quiſin weilte, war ſie ein Gegenſtand des Wohl⸗ wollens Aller; das dauerte indeſſen nicht lange; denn als Lady D—, Mrs. K. und Mrs. K. erfuhren, daß ihre junge Verwandte eine einfache Bürgers⸗ tochter ſei, entdeckten ſie plöthlich, daß ſie nicht die feine Lebensart und den Tact beſaß, welchen man von ihr zu fordern ein Recht hatte. Elvira wurde jetzt ein Gegenſtand allerlei Bemerkungen. Dieſe wurden freilich in einem artigen und verbindlichen Tone, aber dennoch ſo ausgeſprochen, daß ſié un⸗ willkürlich verletzen mußten. Man erlaubte ſich in⸗ deſſen nicht, dieſelben in Edwins Gegenwart zu ma⸗ chen; aber er brachte den größten Theil des Tages auf der Jagd zu, und da erhielt man manche Ge⸗ legenheit, Elvira zu erziehen. Die Drei begnügten ſich jedoch nicht damit, das arme Kind mit ihren Vorleſungen über das Schick⸗ liche, den guten Ton, den feinen Tact ꝛc. zu bedie⸗ nen, ſondern hielten ſich auch vor Allen, welche es hören wollten, über ihre bürgerlichen und ſchlichten Gewohnheiten auf. Beſonders war Lady D— die ſtrengſte. Der Grund dazu lag ſicherlich darin, daß ſie für ihre Tochter, ein bleiches, mageres Mädchen von einigen und zwanzig Jahren und ein Muſter einer wohler⸗ zogenen Engländerin, auf Edwin gerechnet hatte. Auch pflegte Lady D—, wenn ſie Elvira irgend 147 einen Verſtoß gegen das Schickliche vorhalten wollte, zu ſagen: — Man merkt ſofort, daß ſie nicht von Familie iſt; man braucht ſie blos neben meiner Tochter zu ſehen, und der Unterſchied zwiſchen einer Ebeldame und einem Bürgermädchen fällt gleich in die Augen. Eine ſonderbare Phantaſie von Lord Caſterton, eine Aus⸗ länderin, und dazu noch eine ohne Geburt, zu wählen! Ich fühle mich ein wenig genirt durch dieſe Ver⸗ wandtſchaft. Wenn Edwin nicht ſo viel gejagt hätte, ſo wären die Tanten gezwungen geweſen, mit ihrer Kritik zu⸗ rückzuhalten, und ſämmtliche Verwandte, welche auf Hartoncourt waren, hätten bei allen Gelegenheiten ſich ſo gegen Elvira benehmen müſſen, wie wenn Caſterton anweſend war. Jetzt dagegen mußte Elvira auf eine fühlbare Weiſe erfahren, daß ſie es als eine Ehre für ſie betrachteten, daß ſie mit ihnen verwandt geworden ſei. Die Marquiſin Briſſier war die Einzige auf Hartoncourt, welche ſich gleich blieb, wie ſie es von Anfang an geweſen; aber das Weſen der Marquiſin hatte im Allgemeinen etwas Stolzes und Befehlendes, ſo daß ſie nicht zu den älteren Frauen gehörte, zu welchen eine junge und unerfahrene mit Liebe und Vertrauen ihre Zuflucht nimmt, um einige freund⸗ liche Rathſchläge zu erhalten. Die Marquiſin flößte Reſpect ein. Man fühlte, daß ſie herrſchſüchtig, aber auch gerecht und frei von all der elenden Kleinlich⸗ keit ſei, welche unbeſchäftigte Damen auszeichnet, bei welchen die Klatſcherei, der Skandal und die Kritik 10* ihrer Mitmenſchen den Hauptgegenſtand ihrer Ge⸗ danken und Geſpräche ausmachen. tigkeit und die unaufhörlichen Bemerkungen über ihre Elvira ſah ganz wohl ein, daß die Marquiſin Wohlwollen für ſie hegte; aber ſie begriff eben ſo gut, daß ſie nicht Elvira verſtanden haben würde, falls ſie ſich an ſie gewendet hätte, um alle die Stiche, die man ihr täglich verſetzte und den Schmerz, den ſie empfand, zur Sprache zu bringen. Ob die Marquiſin merkte, daß ihre Verwandten ſich der Erziehung Elviras angenommen, iſt unmög⸗ lich zu entſcheiden, denn ſie ſagte weder etwas für noch gegen ſie. Die Marquiſin hatte außerdem vollauf mit den Caſtertonſchen Angelegenheiten zu thun, damit ſie ganz in Ordnung kämen, da Edwin ſie nach Verlauf eines Monats übernehmen ſollte. Bei der Nachricht von Edwins Entſchluß, auf ih⸗ ren Vorſchlag ſich zu verheirathen einzugehen, löste die Marquiſin ſofort die beiden verpfändeten Fidei⸗ commiſſe ein und ſtellte eine größere Geldſumme zu ſeiner Dispoſition; aber es blieb noch übrig, die übrigen Angelegenheiten zu ordnen; die kleinern Gü⸗ ter freizumachen, diejenigen wiederzukaufen, welche verkauft worden waren, ſowie verſchiedene Dispoſi⸗ tionen zu machen, ſo daß Edwin nach ihrem Tode in ausſchließlichen Beſitz all ihres Vermögens gelange. Das Glück und die Freude, welche Elvira im Anfang ihres Aufenthalts auf Hartoncourt empfun⸗ den, verbleichten während ihres fortgeſetzten Aufent⸗ halts dort. Edwins fortwährende Abweſenheit, ſeine kalte Ar⸗ 149 bürgerlichen Manieren, hinterließen tiefere Wunden in ihrem Herzen, als Jemand ahnte. Aus einem heiteren und lebhaften Kinde, wie ſie unter den Verwandten ihres Mannes aufgetreten war, über ihre kleinen Triumphe ſich freuend und das Glück genießend, einen edlen Namen zu beſitzen u. ſ. w., wurde Elvira nach und nach wortkarg, ſchweigſam und ſcheu. Sie wagte nicht mehr ihren Gefühlen irgend Luft zu machen, oder in der aller⸗ geringſten Kleinigkeit der Eingebung des Augenblicks zu folgen, weil ſie fürchtete, daß ſie zu hören be⸗ kommen würde: — Meine Theure, es ziemt ſich nicht für Lady Caſterton, ſo zu handeln. Es war dieſen pedantiſchen Menſchen gelungen, auf Elviras Aeußere den Stempel des Stolzes und der Schwermuth zu drücken, was ihr Benehmen un⸗ natürlich machte. ie Veränderung war ſo augenfällig, daß ſie auch von Edwin hätte bemerkt werden müſſen, aber er ſchien ſie nicht zu bemerken, und die Marquiſin that, als wenn ſie nicht ſähe, daß das ungezwungene und muntere Weſen eine die Einſamkeit liebende Träumerin geworden.* Es gab indeſſen Eine n, gegen welchen Elvira ſich ſelbſt gleich blieb. Dieſer Eine war Sidney. Gleich einem zärtlichen und klugen Bruder ſtand er ihr zur Seite, veranlaßte ſie zur Mäßigung, wenn ſie in ihrem Aerger Diejenigen zurechtweiſen wollte, die Bemerkungen über ſie machten, und hielt ſie da⸗ von ab, wenn ſie ſich in ihrer Ungeduld bei der Marquiſin beklagen wollte. Er lehrte Elvira auf 150 ſich ſelbſt Acht zu geben, wenn ſie in Geſellſchaft war, und zu thun, als wenn ſie nichts merkte, ſtatt verletzten Stolz an den Tag zu legen. Sidney kannte die Welt, in welcher ſie leben ſollte, und ſah ein, daß das Unglücklichſte für ſie ſei, ſich Feinde zu ſchaffen. Er wußte, daß die beſte Art, die Tadelſucht zu entwaffnen, die ſei, ſich nicht darüber zu ärgern, und er zeigte Elvira die Noth⸗ wendigkeit ihren Aerger zu beherrſchen, ihrer Aufrich⸗ tigkeit Feſſeln anzulegen und danach zu trachten, ſich etwas von dem engliſchen Stolz in ihrem Weſen anzueignen. Der Lehrcurſus war peinlich für das junge Weib; aber Sidney hielt denſelben für nothwendig. Er machte ſo viel möglich Elvira mit den An⸗. forderungen bekannt, welche man an. ſie zu machen hatte, und ſtand ihr bei, während ſie ſich daran zu gewöhnen ſuchte, vor der Welt einen ganz, anderen Charakter als denjenigen zu zeigen, welchen ſie wirk⸗ lich beſaß. eSidney war für Elvira ein wirklicher Freund und eine wirkliche Stütze, und das ohne daß je zwiſchen ihnen von Lord Caſterton die Rede war. Man befand ſich am Ende September. Die letzte Woche war Edwin nicht auf der Jagd herum⸗ geſtreift, ſondern hatte die Tage mit der Marquiſin und zwei Notaren zugebracht. Der erſte October war zur Abreiſe von Harton⸗ court beſtimmt. Elviras drei Plagegeiſter waren zu gleicher Zeit mit den übrigen Gäſten abgereist. Sidney allein blieb noch zurück. Es ſah aus, als wenn es ihm W — ſchwer fiel, ſich von dem Hauſe der Marquiſin zu trennen. Elvira hatte den ganzen Tag allein auf ihren Zimmern zugebracht als die Marquiſin gegen ſechs Uhr zu ihr hereintrat, und ganz freundlich ſagte⸗ — Jetzt, mein Kind, ſind wir mit unſern Ge⸗ ſchäften fertig, und ich komme, um vor dem Mittag⸗ eſſen eine Stunde mit Dir zu plaudern. Die Marquiſin faßte Elvira am Kinn und hob ihren Kopf in die Höhe. — Was, ich glaube, daß Lady Caſterton ſich mit Weinen beſchäftigt. Gibt es Etwas, das Dich betrübt? N Elvira erröthete und ſchwieg. Die Marquiſin fuhr fort: — Du willſt mir nur nicht Deinen Kummer anvertrauen und vielleicht thuſt Du darin recht. Ich paſſe nicht zu der Vertrauten eines ſo jungen Kindes; aber ich will Dir einen Rath geben: Weine nie, wenn Dein Mann es ſieht. Männer, wie Ed⸗ win, verabſcheuen Thränen. In zwei Tagen wer⸗ det Ihr, Du und er, von hier abreiſen, und dann wirſt Du anfangen, die Gattin eines Lords zu re⸗ präſentiren. Laß mich ſehen, meine Freundin, daß Du das auf eine würdige Weiſe thuſt. Caſterton wird von ſeiner Frau in erſter Linie Seelenſtärke, Macht über ſich ſelbſt und ein edles Weſen fordern. — Ach,— fiel Elvira ein, welche deutlicher als je fühlte, daß ſie nicht recht glücklich ſei,— ich ehie daß er Alles fordern wird, ohne Etwas zu geben. — Er hat ja Dir ſeinen Namen und damit 6 152 ſeine Ehre und ſein Anſehen gegeben. Verſtehſt Du nicht, daß ein ſolcher Schatz von dem Weibe, welches in deſſen Beſitz gelangt, viele Opfer ver⸗ langt? — In Ihrem Lande, meine Tante, liebt alſo der Mann nicht ſeine Frau?— fiel Elvira ein. Die Thränen ſtanden ihr in den Augen. — Wenn er es thut, muß ſie dankbar dafür ſein; wenn er es nicht thut, muß man thun, als wenn man nicht ſeinen Mangel an Liebe merkte. Ein ſtolzes Weib, welches weiß, was es ſich ſelbſt ſchul⸗ dig iſt, erlaubt ſich keine Klagen über getäuſchte Hoffnungen. Hat der Herr der Geſchicke ihr das Glück geraubt, geliebt zu werden, ſo wird das eine Ent⸗ deckung, welche zwiſchen Gott und ihr bleibt. Mit Trauer und Thränen wurde noch nie das Herz eines Mannes warm gemacht. Sollteſt Du darum einſt entdecken, daß Dein Mann Dich nicht liebt, ſo be⸗ trachte die Sache als Etwas, das ſich nicht ändern läßt, und begnüge Dich damit, die Hüterin ſeiner Familienehre zu werden. Vergeſſe niemals, daß Du ihm Rechenſchaft ſchuldig bleibſt für den Namen, welchen Du trägſt. Sei angenehm, niemals zärt⸗ lich; ſei eine anmuthige Geſellſchafterin im Hauſe und eine würdige Repräſentantin vor der Welt; aber verſchone ihn mit aller Empfindelei. Wenn der Mann ſeine Frau nicht liebt, dann iſt jede Aeußerung der Zuneigung von ihrer Seite ihm zu⸗ wider. Wenn die Liebe bei ihm fehlt, dann iſt es erforderlich, daß die Frau klug genug iſt, darnach zu ſtreben, daß ſie ſich für ſein Wohlbefinden unent⸗ behrlich macht, und ſich in ſeine Gewohnheiten hin⸗ einlebt. Auf dieſe Weiſe baut ſie einen Tempel des häuslichen Friedens und des Wohlbefindens auf der Grundlage auf, auf welcher die Liebe einen Thron von Glück und Seligkeit aufgeführt haben müßte, und ſie ſpielt nicht bankerott, ſondern verſchafft ſich eine Ernte, welche ſie tröſten wird für das, was ſie nicht beſeſſen. Elvira ſtützte die Stirne auf die Hand. Ihr Verſtand begriff, aber das Herz wollte nicht ver⸗ ſtehen, was die Marquiſin ſagte. — Warum ſpricht ſie ſo mit mir?— fragte Elvira ängſtlich. Als die Marquiſin ſchwieg, flü⸗ ſterte ſie: — Iſt es, um mich auf mein künftiges Schick⸗ ſal vorzubereiten, daß Tante mir dieſes ſagt? — WVelches Schickſal Dir bevorſteht, weiß weder Du, noch ich; aber gerade darum wünſchte ich Deine Gedanken darauf zu lenken, daß, wie ſehr wir auch in unſeren Hoffnungen getäuſcht werden können, wir uns doch mit unſerem Schickſal zu verſöhnen ſuchen müſſen. Die Ehe iſt ein großes Hazardſpiel; man weiß im Anfang deſſelben nie, welcher der Gewinnſt wird. Ich habe Gatten geſehen, welche in den erſten Monaten ihrer Ehe überſchwenglich glücklich waren und einander bis zur Thorheit liebten. Ein Paar Jahre,— und ſie hatten ſich in ein Paar Weſen verwandelt, welche unter der Laſt einer drückenden Feſſel ſeufzten, und den gegenſeitigen Wunſch nähr⸗ ten einander quitt zu werden; ich habe Andere ge⸗ ſehen, deren Verhältniß im Anfang kalt war, aber nach einigen Jahren ſind ſie ſo innig vereint und 5 der Beſchaffenheit ſeiner Gefühle gegen ſie zu beſitzen. ſo glücklich geweſen, wie es ein Paar Sterbliche werden können. Alles beruht darauf es zu verſtehen, ſeine Stel⸗ lung richtig zu beurtheilen, und in ſeinem Verhal⸗ ten den Satz zu befolgen: daß der eine Gatte ſich nie dem Andern läſtig macht. Verläßt Dein Mann wegen anderer Vergnügungen das Haus, ſo bleibſt Du dort; aber begegne ihm, wenn er wiederkehrt, ſo, daß Du ihn nicht merken läßt, Du hätteſt ſeine Abweſenheit bemerkt. Zeige der Welt ein ſorgloſes Geſicht, ſo daß Du Deine Stellung in der Geſell⸗ ſchaft aufrecht erhältſt und nicht Andere in Deine Privatverhältniſſe einweihſt. Was zwiſchen zwei Gatten ſtattfindet, davon darf ein Dritter keine Ahnung haben. Und jetzt habe ich Alles geſagt, was über den Gegenſtand zu ſa⸗ gen iſt. Moraliſche V Vorträge ſind nicht meine ſchwache Seite, und Du darfſt das, was ich geſagt, nicht als ſo etwas betrachten, ſondern als eine einfache Ehe⸗ philoſophie, mit welcher jede Frau, die eine höhere geſellſchaftliche Stellung einnimmt, ſich vertraut machen muß.— Die Uhr zeigt jetzt auf ſieben; das Mittageſſen wartet; komm, laß uns gehen! Elvira folgte der Marquiſin. Die einzige Wirkung, welche die Worte der letzte⸗ ren auf Elvira übten, war die, ein heftiges Verlan⸗ gen hervorzurufen, ſich zu vergewiſſern, in wie weit Edwin ſie liebte. Mit Beben dachte ſie daran, von Sidney ge⸗ trennt zu werden und ihr Leben ganz allein mit Edwin zuzubringen, ohne irgend eine Gewißheit von % 5 15⁵5 Sie beſchloß alſo, ſich Gewißheit zu verſchaffen⸗ Es durfte ſo nicht fortgehen, wie es bis jetzt gewe⸗ ſen. Sie mußte die Decke wegreißen, welche die Wahrheit verbarg, um derſelben gerade ins Geſicht zu ſchauen. Es iſt immer gewagt, zu verſuchen, den Gang der Ereigniſſe zu beſchleunigen, und dieſes führt ſel⸗ ten etwas Anderes als Unglück mit ſich. Während des Mittageſſens kam die Rede auf Caſtertons und Sidneys Studentenzeit. Das Thema amüſirte Edwin. Er wurde lebhaft und bald war man von den glücklichen Jahren in Orford in die⸗ jenigen verſetzt, wo Edwin das Erſtemal ins Aus⸗ land reiste. — Ach, das war eine herrliche Zeit,— brach er aus,— als ich frei und glücklich ohne ein be⸗ ſtimmtes Ziel herumſtreifte, nur den Eingebungen der Laune folgend, und dort ausruhend, wo ich Nahrung für meine Forſchungsbegierde fand, oder dort, wo es Ausſicht zu einem piquanten Abenteuer gab.— Ich würde meine halbe Lebenszeit darum geben, um wieder dieſe Jahre durchleben zu dürfen; aber ſie ſind verſchwunden und werden nie wieder⸗ kehren. — Warum nicht?—Magte Elvira. Edwin drehte den Kopf um und betrachtete ſie mit einem kalten Blick. — Wenn man ſich verheirathet, ſo entſagt man einer herumirrenden Lebensweiſe; wenn man von einem armen Edelmann in einen reichen Mann veérwandelt wird, dann hat man Pflichten übernommen, welche Einen an die Scholle feſſeln, die man Vaterland 156 nennt, und man hat in dieſen zwei Eigenſchaften ſeine Freiheit verloren. — Und Edwin beklagt den Verluſt davon?— fiel Elvira mit glühenden Wangen ein. — Ich beklage immer die Verluſte, welche ich gemacht,— antwortete Edwin. Elviras Augen funkelten. Sie öffnete den Mund, um Etwas zu ſagen, wurde aber von Sidney daran gehindert, welcher gegen Edwin bemerkte: — Apropos, Verluſte, Du weißt vielleicht nicht, daß ich meine Iſabella verloren habe. Die Marquiſin fing jetzt an, von dem hübſchen Thier zu ſprechen, und Sidney lenkte das Geſpräch ſo, daß Elvira keine Gelegenheit bekam, das abge⸗ ſchnittene Thema wieder aufzunehmen. Als man von dem geſtorbenen Pferde genug ge⸗ ſprochen, wandte die Marquiſin ſich an Elvira und ſagte: — Ich kenne ein ausgezeichnet nettes Mädchen, welches bei der Herzogin von— ſhire Kammerjung⸗ frau geweſen iſt, und ich wünſche ſie bei Dir zu re⸗ commandiren.— Die ſchwediſche, welche Du haſt, iſt zu alt, um eine ſolche Stelle verſehen zu können; Du mußt ſie Ruhe haben laſſen.— Sie iſt ja Deine Wärterin von Kindheit an geweſen? — Ja, und darum würde es mich tief ſchmerzen, wenn ich genöthigt werden ſollte, mich von ihr zu trennen,— antwortete Elvira. — Das finde ich natürlich und ich dringe auch nicht darauf, ſondern wünſche nur, daß Du Dir eine junge Kammerjungfrau nimmſt und die ältere ihr Alter ganz ſorgenlos in Deinem Hauſe zubringen X——— 3* 157 läßt.— Alle von der Familie Caſterton haben für ihre alten Diener geſorgt. Die Marquiſin ſtand vom Tiſche auf. Elvira folgte ihrem Beiſpiel. Edwin und Sidney blieben nach alter engliſcher Sitte ſitzend. Als Elvira und die Marquiſin in das kleine Cabinet hineinkamen, erklärte die letztere, daß ihr nicht recht wohl ſei. Sie fühlte ſich müde, und Elvira überredete ſie, Ruhe zu ſuchen. Die Marquiſin zog ſich auch in ihre Privatzimmer zurück, und Elvira wollte ſich nachher nach der Bibliothek begeben, um ſich irgend ein intereſſantes Buch aus⸗ zuwählen. Die Marquiſin war kaum aus dem Zimmer her⸗ aus, bevor Elvira, ſtatt den Weg nach der Biblio⸗ thek zu nehmen, in den großen Salon hineinging, welcher an den Speiſeſaal gränzte. Sie hatte beſchloſſen, das Geſpräch zwiſchen Sid⸗ ney und Edwin zu belauſchen. Vielleicht würden ſie von ihr ſprechen und ſie in der Sache, welche jetzt ihre Gedanken beſchäftigte und ihre Seele plagte, Ge⸗ wißheit erhalten. Sie ſchlich ſich hin zur Thüre, welche zu dem Speiſeſaal führte. Dieſer war vollſtändig erleuchtet; aber in dem großen Saal, in welchem ſie ſich be⸗ fand, herrſchte vollkommene Finſterniß. — Deine Art die Handlungen der Marquiſin aufzufaſſen, iſt falſch,— hörte ſie Sidney äußern, — und wenn Du glaubſt, ſie nicht billigen zu kön⸗ nen, ſo darfſt Du doch nicht ſo weit gehen, daß Du derſelben unedle Motive beilegſt, als wenn ſie ſich einzig und allein von ihrem Haß zu der Gräfin 158 Mourville, der Verwandtin Deiner Mutter, hätte leiten laſſen. So kleinlich iſt ſie nicht. Du mußt Dich erinnern, daß ſie ihr ganzes Leben lang dem Gefühle treu geweſen, welches ſie an Deinen Vater feſſelte. Diejenige, welche ſo geliebt, kann ſich un⸗ möglich von einem ebenſo dummen wie lächerlichen Unwillen beherrſchen laſſen. Der Eindruck, welchen Dein unregelmäßiges Leben auf ſie gemacht, mußte Dich darüber aufklären, daß ſie nur ein Ziel gehabt hat,— Dein Glück. — Ich würde undankbar ſein, falls ich das Ge⸗ gentheil behauptete,— fiel Edwin ein;— aber nichtsdeſtoweniger hat ſie einen großen Mißgriff ge⸗ macht. Das Glück und ich ſind durch ihre Fürſorge für immer von einander getrennt. — Wie kannſt Du ſo ſprechen, Caſterton!— rief Sidney.— Von dem, der wie Du ein hübſches, liebenswürdiges und reichbegabtes Kind zur Frau erhalten, iſt das eine Sünde. Es iſt nicht einmal möglich, ſich neben einem Weibe, wie Lady Caſter⸗ ton, das Unglück zu denken. Du wirſt früher oder ſpäter ſie unbedingt lieben müſſen. — Was, ich?— fiel Edwin in ſpöttiſchem Tone ein.— Aber ich thue es doch nicht. Mein höchſter Wunſch iſt, in dieſem Augenblick die Bande zerreißen zu können, welche mich an ſie feſſeln.— Daß ſie hübſch iſt, will ich nicht beſtreiten, weil ihr Geſicht mir ſelbſt ſo vorkam, als ich ſie das Erſtemal ſah; daß ſie lie⸗ benswürdig iſt, habe ich jedoch nicht bemerken können; ob ſie reich begabt, iſt Etwas, das ich mir nie die Mühe geben werde zu ergründen. Für mich iſt Recht hat von mir zu fordern. Wird mir dieſer 5 159 ſie nur die Kette, welche Caſterton mit dem Vermö⸗ gen vereinigt hat, außer welchem die Lordſchaft eine ebenſo närriſche wie drückende Laſt iſt. Sie lieben, kann ich nicht; aber Du kannſt deſſen gewiß ſein, daß, als ich mich aus Stolz dazu verurtheilte, mein Leben an der Seite eines Weibes dahinzuſchleppen, ich auch mir ſelbſt das Verſprechen that, dieſes Weib mit all der Ritterlichkeit zu behandeln, welche es ein Zwang gar zu drückend, dann.... — Ach, Caſterton, wie bitter bereue ich jetzt, daß ich in Deiner Heirathsgeſchichte nicht ein Wort mit⸗ zuſprechen gehabt habe. Es peinigt mich, wenn ich daran denke, daß ich die Urſache geweſen, daß Du Dein Schickſal an das ihrige geknüpft, und daß ich auf dieſe Weiſe, wenn auch unfreiwillig, mit Schuld an dem unglücklichen Looſe bin, welches ihr zugefallen. An der Seite eines Mannes zu leben, welchen ſie liebt, der aber nicht wiederum ſie liebt, muß bitter werden. — Du brauchſt Dich nicht zu beunruhigen, denn ſie liebt mich ebenſo wenig, wie ich ſie. — Ein reiches, junges und hübſches Mädchen verheirathet ſich nicht anders, als aus Liebe. — Es paſſirt jedoch bisweilen.— Meine Frau hat mich deßhalb gewählt, weil ſie ein vornehmes Frauenzimmer zu werden wünſchte. Wäre ich alt, häßlich und obſcheulich geweſen, ſo hätte das nichts zu bedeuten gehabt, wenn ich nur Lord war.— Unſere Rechnungen ſind alſo vollkommen gleich.— Gſvira Bromér, Tochter eines weniger angeſehenen Kaufmanns, nahm Edwin Caſterton zum Manne, einzig und allein, um Lady zu werden,— ich ver⸗ heirathete mich mit dem ehrſüchtigen Mädchen, um dem Befehle der Marquiſin zu gehorchen.— Jetzt frage ich, glaubſt Du wirklich, daß ein Weſen, wel⸗ ches aus Eitelkeit eine Verbindung fürs Leben ein⸗ geht, den Mangel an Liebe empfinden kann? RNein, ebenſowenig wie Du den Genuß des Mordens ver⸗ miſſeſt. Wäre ich eines dieſer normalen Gemüther, welche zu Hauſe am häuslichen Heerde gedeihen, ſo würde unſer Zuſammenleben ein erträgliches gewor⸗ den ſein; jetzt iſt dieſes nicht denkbar, weil es eine Laſt für mich ſein muß, unter welcher ich ſeufzend mein Leben dahinſchleppe. In dieſem Falle wirſt Du Dich gewiß nicht beſinnen, Deine Ehe aufzulöſen? — Es ſcheint, mein Freund, als wenn Du meinen Charakter nicht kenneſt.— Durch mich wird unſere Che niemals aufgelöst. Meine ganze Hei⸗ rath würde dann nur eine Betrügerei geweſen ſein, durch welche ich mir den Reichthum der Marquiſin zu erſchwindeln geſucht hätte. Nein, hat ſie mich dazu gezwungen, ſo bin ich wirklich ehrlicher Mann genug und auch hinreichend ſtolz, um vor ihr und der Welt die Rolle eines glücklichen Ghemanns zu ſpielen. Das Haltloſe in meinem häuslichen Ver⸗ hältniſſe braucht weder die Marquiſin noch Andere zu kennen. Ich hoffe außerdem, daß meine Frau, obgleich mit den Sitten der höhern Kreiſe unbekannt doch Achtung vor dem Namen hegen wird, nach wel chem ſie geſtrebt. Dieſes iſt auch das einige ich von ihr fordere.— — Aber vielleicht wird dieſes Cinzige zien 161 ſchwer werden,— wandte Sidney ein.— Wenn ſie das Glück der Liebe vermißt, ſo wird es leicht ver⸗ zeihlich, wenn ſie dieſe Achtung vergißt, um die Se⸗ ligkeit zu erhaſchen, welche ſie vergebens an Deiner Seite geſucht. Die Zärtlichkeit, welche Du ihr ver⸗ weigerſt, werden Andere auf das ſchöne Weib ver⸗ ſchwenden. — Du vergißt, daß diejenige, welche ſich aus Hochmuth verheirathet, nicht gut ein Herz beſitzen kann. Glänzen und verdunkeln, das iſt ihr Verlangen! Wenn ſie im Beſitz derjenigen Vorzüge iſt, durch welche ſie dieſen ihren Wunſch befriedigen kann, ſo wird ſie, unbekümmert um alles Andere und gleichgültig gegen alle Anſprüche des Herzens, ſich glücklich fühlen. In ein Paar Jahren hat ſie es vielleicht dahin gebracht, ihre bürgerlichen Manieren abzulegen und ſich das Benehmen angeeignet, welches ihrem Stande anſteht. Im geſellſchaftlichen Leben wird ſie dann gefeiert werden und in vollen Zügen alle die Vortheile ge⸗ nießen, für welche ſie ſich aufgeopfert hat. — Du beurtheilſt ſie eben ſo ungerecht, wie Du vor einer Stunde die Marquiſin beurtheilteſt. Lady Caſterton hat mehr Herz, als die meiſten andern Weiber.. — Du willſt Dir alſo durchaus einbilden, daß ſie mir ihre Hand aus Liebe geſchenkt? In dieſem Falle entſtand ihre Neigung ganz plötzlich, da wir nicht mehr als dreimal zuſammengeweſen waren, als ich ihr Ja erhielt. — Sie hatte Dich wohl vother geſehen und war von Deinem Aeußern eingenommen worden; denn, wenn es nur des Namens wegen geweſen wäre, Schwartz, Gold und Name. I. 11 162 warum nahm ſie dann nicht mich, als ich ihr meine Hand anbot?— bemerkte Sidney mit feſter Stimme. — Haſt Du Elvira Deine Hand angeboten?— rief Edwin. — Ja, das habe ich, aber ſie ſchlug mein An⸗ erbieten aus. entſtand eine Pauſe. Edwin unterbrach die⸗ ſelbe. — Und warum thateſt Du das?— fragte er. — Weil ich ſie liebte. Und jetzt, Caſterton, da ich Dir das geſagt habe, ſo mußt Du einſehen, daß ein mächtigeres Motiv als Eitelkeit und Hochmuth ſie an Dich feſſelt. Ich bin vollkommen davon über⸗ zeugt, daß ſie Dich liebt, daß ſie von einer heim⸗ Unruhe, nicht geliebt zu werden, geplagt wird. — Du täuſcheſt Dich; es iſt nur eine Rolle, die ſie ſpielt,— ſiel Edwin ein;— aber auch ange⸗ nommen, daß es ſo wäre, was dann noch! Ich werde ſie doch niemals lieben. — Etdwin, gebe Acht auf Deine Worte, und merke Dir, daß noch nie eine junge, reizende Frau verge⸗ bens ihren Mann geliebt hat! Früher oder ſpäter bemächtigt ſie ſich ſeines Herzens. — Möglich; aber niemals wird es mit mir der Fall; und jetzt laß uns ſchließen. Von meiner ganzen Seele beklage ich, daß das Weib, welches Du geliebt, meine Frau ſein muß, und daß ich 145 meinen Willen Dich um Dein Glück beſtohlen abe. Die Stühle wurden vom Tiſche weggeſchoben, und in demſelben Augenblick trat ein Bedienter ein wel⸗ — 163 cher Mylord bat, die Güte zu haben, die Marquiſin zu beſuchen, da ſie ihn zu ſprechen wünſche. Gleich darauf trat Lord Caſterton in den Salon und paſſirte, als er ſich zur Marquiſin begab, an El⸗ vira vorbei. Still wie ein Geiſt ſchlich Elvira hinauf auf ihre Zimmer. Edwins Kammerdiener war am folgenden Mor⸗ gen gerade damit beſchäftigt, das Haar ſeines Herrn zu ordnen, als ein Billet von Mylady dem Lord übergeben wurde. Etwas darüber verwundert, daß ſeine Frau ihm ſchrieb, weil ſie wußte, daß er ſeiner Gewohnheit gemäß eine halbe Stunde vor dem Lunche ſich bei ihr einzufinden pflege, entfaltete Edwin den Brief und durchlief die Zeilen. „Mylord,“— ſchrieb Elvira,—„ich erſuche Sie, mir die Artigkeit zu erweiſen, mich, ſobald Sie die⸗ ſes empfangen, zu beſuchen. Ich habe Ihnen Etwas mitzutheilen, bevor wir mit der Marquiſin zuſam⸗ mentreffen. Flvira.“ Edwin betrachtete die Handſchrift, ſteckte den Brief in die Taſche und dachte: — Was kann ſie mir zu ſagen haben? Itgend eine Bagatelle, die in ihren Augen von Wichtig⸗ keit iſt. Einige Minuten darauf trat Edwin zu ſeiner Frau ein. Er fand Elvira in ihrem Bondoir trachten? ſchäftigt, die Juwelen in ihre Etuis zu legen. Bei Edwins Eintritt verließ ſie dieſe Beſchäftigung, um ihn zu begrüßen. — Sie müſſen entſchuldigen, daß ich Sie be⸗ müht habe, Mylord,— ſagte ſie;— aber es iſt nothwendig, daß es zwiſchen uns zu einer Erklärung komme, da wir das Haus Ihrer Tante verlaſſen ollen. Elvira ſchob Edwin einen Fauteuil hin, welcher ſich darüber wunderte, daß ſie ihn Mylord nannte. — Ich betheure, daß ich mit Vergnügen der Aufforderung nachgekommen bin,— verſicherte Ed⸗ win artig.— Die Einladung von einer jungen, ein⸗ nehmenden Frau iſt immer willkommen. — Ich ſlehe Sie an, verſchwenden Sie nicht ſo viele artige und ſinnliche Phraſen!— unterbrach ihn Elvira.— Das, was ich zu ſagen habe, wird in dieſem Falle gar zu ſehr mit Ihren Worten con⸗ traſtiren.— Es iſt die Sprache der Wahrheit, welche ich zu ſprechen gedenke. — Ein keckes Unternehmen,— meinte Edwin. — Ich habe jedoch das gewagt, was noch ge⸗ fährlicher war, ſagte Elvira mit einem eigenthüm⸗ lichen Lächeln.— Doch, das gehört nicht hieher. Es war unſere Abreiſe von hier, die ich zu verhan⸗ deln beabſichtigte. Sie gedenken nach Caſterton zu gehen, iſt es nicht ſo? — Ja, ich habe gedacht, daß wir dort einige Zeit zubringen würden. — Wir, Mylord; es war alſo Ihre Abſicht unſere Verbindung als eine wirkliche Ehe zu be⸗ 165 — Ich habe ſie doch nicht als etwas Anderes betrachten können, als ſie iſt,— bemerkte Edwin, und blickte Elvira mit einem Ausdruck ſteigender Verwunderung an. — Sie irren ſich, Mylord. Sie iſt nicht, was ſie zu ſein ſcheint,— denn wir ſind nicht ein Paar Gatten, ſondern nur ein Paar Perſonen, welche aus weltlicher Berechnung unſere Geſchicke vereinigt ha⸗ ben.— Sie, um die Wünſche Ihrer Tante zu er⸗ füllen, ich, um einen Namen zu erhalten. Wir ha⸗ ben außer dieſem letzteren nichts Gemeinſchaftliches; aber übrigens trennen ſich unſere Wege, und es wäre ein grauſamer Zwang auf beiden Seiten, wenn wir zuſammenleben würden.— Meine Abſicht iſt deßhalb auch, Ihnen den Vorſchlag zu machen, daß ich nach Schweden zurückreiſe, um meinen Vater wieder zu ſehen, welcher nach einem Briefe, den ich heute empfangen, ſehr krank ſein muß.— Sie rei⸗ ſen nach Caſterton, oder wohin es Ihnen beliebt, und wir ſehen uns nächſtes Jahr, Ende Auguſt, in London, um, nach dem Wunſche Ihrer Tante, einen Monat dort zuzubringen und unſere Rollen als Mann und Frau zu ſpielen. — Iſt das der Wunſch Ihres Herzens?— fragte er. — Sonſt würde ich denſelben nicht vorgebracht haben. — Und der Grund?. — Mylord, der liegt zu nahe, als daß es noth⸗ wendig ſein ſollte, ihn genauer anzudeuten. Ich abe einen Namen erhalten, Sie eine Frau, oder richtiger ein Mittel, um zum Vermögen zu gelangen. ſammenleben, 166 Wir haben nichts dadurch zu gewinnen, daß wir zu⸗ aber Alles zu verlieren. Ich werde gewiſſenhaft den Namen in Ehren halten, welchen Sie mir anvertraut, und Sie werden Lady Caſterton wieder bekommen, wenn Sie es für nöthig halten, mit ihr bei der Marguiſin aufzutreten; aber es wäre eine Grauſamkeit gegen uns beide, wenn wir ge⸗ zwungen würden, Jahr aus Jahr ein das Leben an der Seite von einander fortzuſchleppen, indem wir uns daſſelbe verbitterten und uns gegenſeitig eine drückende Laſt würden. Jetzt dagegen ſind Sie frei und können um die Welt herumreiſen, ein kosmopo⸗ litiſches Daſein genießen und ſich Ihren Launen überlaſſen, während ich mich in meinem lieben Va⸗ terlande, oder wo ich ſonſt mag, aufhalten kann. Edwin ſchwieg lange. An den gerunzelten Au⸗ genbrauen und den zuſammengekniffenen Lippen merkte man zu deutlich, daß Elviras Worte ſeinen männ⸗ lichen Stolz verletzten. Er brauchte auch einige Mi⸗ nuten, um Herr des Aergers zu werden, welchen er empfand, damit derſelbe ihn nicht verleite, Worte auszuſprechen, welche er in einem ruhigeren Augen⸗ blick nicht ſollte gewünſcht haben, daß ſie über ſeine Lippen gekommen wären. Elvira ſah, daß ſie ſicher getroffen hatte, und wir ſind zu unſerem Bedauern gezwungen zu ge⸗ ſtehen, daß etwas von Freude ſich darüber in ihrem Innern regte. — Ich erwarte Ihre Antwort, Mylord,— äu⸗ ßerte ſie, als Edwin zu ſchweigen fortfuhr. — Meine Antwort kann wohl nur eine werden 167 — ſagte Edwin kalt,— und die iſt, daß ich Ihren 4 Wünſchen entgegenkomme. Elviras Hand ruhte in dieſem Augenblick ſchwer auf dem Etui. Sie hatte gehofft, daß Edwin nicht auf ihren Vorſchlag eingegangen ſein würde, und Gott allein weiß, ob ſie ihn je gemacht haben würde, wenn ſie dieß im Voraus gewußt. — Dann bleibt mir nur übrig, Ihnen dieſe Schmuckſachen zurückzugeben,— hob ſie wieder an. — Sie haben mich geziert, ſo lange ich Ihre Frau vorgeſtellt, aber ſie können mir niemals gehören, und ich werde ſie nimmer als mein Eigenthum be⸗ trachten.— Sie deutete auf die rothen Maroquins⸗ welche die Juwelen enthielten und fuhr ort: — Ich kann von Ihnen kein Geſchenk anneh⸗ men, und darum mache ich es ſo mit dieſem Doku⸗ ment, welches Lady Caſterton die Morgengabe zu⸗ ſichert, welche Sie ihr geſchenkt haben. Elvira hatte ein Papier hervorgezogen, welches ſie in tauſend Stücke zerriß und hinzufügte: — Ihre Artigkeit, Mylord, weiß ich zu ſchätzen und werde mich auch derſelben erinnern; aber das iſt auch Alles, was ich annehmen kann und will. Und jetzt habe ich nur hinzuzufügen: Beim Lunche theile ich der Marquiſin mit, daß die Krankheit meines Vaters mich nach Schweden ruft. Sie wird aus meiner Abreiſe nicht das rechte Verhältniß zwi⸗ ſchen uns ahnen können.— So viel ich kann, wet ich auf das Urtheil der Welt Rückſicht nehi ie können immer auf mich rechnen, wenn Lady Caſtertons Anweſenheit erforderlich ſein ſollte, um vorzubeugen, daß man irgend einen Schatten auf Sie wirft. Jetzt werde ich Sie nicht länger auf⸗ halten. — und ich, Mylady, will Ihnen nicht länger be⸗ ſchwerlich werden,— ſagte Edwin und ſtand auf. Er ergriff Elviras Hand und fügte hinzu:— Ich wünſche Ihnen Glück dazu, ſo handeln zu können, wie Sie es gethan. Es erfordert viel Entſchloſſen⸗ heit und Kaltblütigkeit, um das thun zu können. Die Beſitzerin dieſer Eigenſchaften bedarf keiner Stütze an ihrer Seite, aber möglicherweiſe der Warnung, daß ſie auch gegen andere Männer ebenſo baar zärt⸗ licher Gefühle bleiben möge. Wenn man nach einem edlen Namen geſtrebt, wie Sie es gethan, und für denſelben das Weib aufgeopfert, dann iſt es wohl möglich, daß man künftig den Namen der weiblichen Schwäche opfern wird. Sie ſind viel zu ſtolz, um das Vertrauen zu täuſchen, welches ich Ihnen zeige, wenn ich darein willige, daß wir getrennt leben. Elvira war bleich. Edwin ließ ihre Hand los und wandte ſich weg, um aus dem Zimmer hinaus⸗ zugehen; aber in demſelben Augenblick flog die Thüre auf und Lotta ſtürzte herein. Ohne auf die Anwe⸗ ſenheit des Lords Acht zu geben, flog ſie auf El⸗ vira zu, reichte ihr einen Brief mit ſchwarzem Rande und rief: — Hier iſt ein Trauerbrief aus Schweden.— Ums Himmelswillen, öffne ihn; leſe! Elviras Hand zitterte, als ſie den Brief entge⸗ gennahm. Sie riß das Couvert auf. Beim erſten Blick auf den Inhalt ſtieß ſie einen durchdringenden Schrei aus und wankte. Zweite Abtheilung. Eines der kleineren Dampfboote, welche von Stockholms Scheeren ausgehen, hielt gerade an einem der Binnenwaſſer ſtill, um Paſſagiere und Fracht⸗ gut auszuladen, als ein Dampfer aus Schonen vor⸗ beipaſſirte. Ein Herr am Bord des Schoninger Dampſſchiffs folgte mit den Augen dem Boote, welches mit den abgeholten Paſſagieren gegen das Land ruderte. Er wandte ſich darauf an ein Frauenzimmer, welches ſich ganz in ſeiner Nähe befand, und ſagte: — Haben Sie die Güte mir zu ſagen, was das für ein prächtiges Gut iſt, das dort liegt.— Er deutete auf einen ſtattlichen Herrenſitz, gegen welchen das Boot hinruderte. Derſelbe ſpiegelte ſich ſtolz in den Wogen der Bucht. — Das iſt Timaſiö,— ſagte die Gefragte. — Und gehört Oberſt Stangenſtjöld? ſiel der Frager ein. — Hat ihm gehört,— ſagte die Dame mit einer ſo freundlichen Miene, daß dieſelbe zeigte, wie ihr ſei, ſprechen zu dürfen.— Der Oberſt es, nachdem die Nachricht von dem Tode 171 ſeines Schwiegervaters, des Fabrikbeſitzers von Har⸗ len, in Schweden eingetroffen war. Der Fabrik⸗ beſitzer ſtarb im Auslande. Man kann ſich nicht wundern, daß der Oberſt ein Gut los ſein wollte, wo die meiſten ſeiner Kinder ihre Tage beſchloſſen. Ja, Timaſjö iſt wirklich ein Haus der Betrübniß für die Familie Stangenſtjöld geweſen. — Wer beſitzt es jetzt?— fragte der Herr. — Lady oder Gräfin Caſterton. Sie erbte es nach ihrem Vater, Herrn Aron Bromér, dem be⸗ kannten Wucherer, welcher viel Geld hinterließ. Bro⸗ mér hatte Timaſjö kurz vor ſeinem Tode gekauft und 500000 Reichsthaler dafür bezahlt. Ja, ja, es lohnt ſich ſchon, Wucherei zu treiben!— Der Oberſt hat ſich indeſſen ein kleines Gut, Skohof genannt, vorbehalten, welches früher unter Timaſiö gehörte, aber jetzt davon getrennt wurde. Warum der Oberſt das behielt, iſt unmöglich zu erklären, beſonders da das Gut weder hübſch iſt, noch eine hübſche Lage hat, ſondern ſehr öde und wenig einladend ausſieht. — Wie heißt die Eigenthümerin von Timaſjö? — wiederholte der Herr, ein Mann in mittleren Jahren von militäriſchem Ausſehen. — Sie heißt Caſterton. Sie verheirathete ſich vor zwei Jahren mit einem engliſchen Grafen oder ord, wie man es in England nennt.— Ich mei⸗ nestheils kenne ſie ſehr gut, da ſie bei mir auf meinem Gute Altorp, welches ganz nahe bei Timaſiö liegt, erzogen worden iſt. Als der Vater ſie zu mir in die Penſion that, konnte ſie kaum leſen, und als ſie nach Verlauf von drei und einem halben Jahr mich verließ, war ſie ein ſo gebildetes und wohlerzogenes 172 Mädchen, daß ſie kaum das Ausland erreicht hatte, als der Engländer um ihre Hand anhielt. Es ſcheint indeſſen eine etwas ſonderbare Bewandtniß mit jener Heirath zu haben. Das Mädchen liebte einen An⸗ dern, der nicht ſo vornehm war; aber der Vater überredete ſie, den Lord zu nehmen.— Nach einer ſechswöchentlichen Ehe entdeckte ſie, daß der Mann verrückt ſei, und mußte von ihm gehen. Bei ihrer„ Ankunft hier in Schweden traf ſie die Nachricht von dem Tode des Vaters. Sie blieb hier den Winter über und war in tiefe Trauer verſunken. Den Frühling reiste ſie wieder ins Ausland, um, wie man ſagt, nach ihrem tollen Manne zu ſehen. Sie iſt ein ganzes Jahr fortgeweſen und neuerdings, wie ich gehört habe, nach Schweden zurückgekehrt. Während ihrer Abweſenheit iſt das alte Schloß um⸗ ebaut worden, ſo daß man es nicht mehr wieder erkennt. Es iſt vollkommen moderniſirt worden, und ſieht aus, als wenn es ganz neu ſei. Ich vermuthe, daß ſie jetzt auf Timaſjö iſt; obgleich ich es nicht beſtimmt weiß, weil ich ſeit einigen Wochen bei meinen Verwandten in Schonen geweſen bin. Die Propſtin Brogren, denn ſie war es, holte Athem, und ihr Zuhörer, welcher gewiß ein ſehr neugieriger Menſch war, benützte die Gelegenheit, um aufs Neue eine Frage an ſie zu richten: — Hatte Bromér mehr Kinder, als die Gräfin Caſterton? — Nein, das hatte er gewiß nicht.— Er war niemals verheirathet, ſondern ſie war von der Seiten⸗ linie und wurde von ihm adoptirt. Ich meines⸗ theils meinte, daß er ſich mit der Multer hätte hei⸗ eeeeae 173 rathen können, ſn ſie war ein prächtiges Weib, arbeitſam und tüchtig; aber demohngeachtet wurde ſie nie ſeine Frau. — Kennen Sie die Mutter?— fragte der Herr und blickte die Propſtin mit einer höchſt ſonderbaren Miene an. — So gut, wie ich mich ſelbſt kenne. Mein Name iſt Brogren, mein Mann war Propſt, und ich etablirte als Wittwe eine Penſion für Mädchen. In meiner Erziehungsanſtalt war die Gräfin Caſter⸗ ton eine meiner erſten Elevinnen. Als Herr Bromér ſie mir übergab, wurde ſie von ihrer Wärterin, die Bromér Lotta nannte, begleitet. Die ganze Zeit, wo das Mädchen bei mir blieb, verweilte Jungfrau Lotta in meinem Haus, und es wurde auch für ſie bezahlt. Es fiel mir nicht ſchwer, das wirkliche Verhältniß herauszufinden, nämlich daß die Wär⸗ terin die Mutter des Kindes ſei. Ich verſuchte ge⸗ wiß, ſo viel ich konnte, auf Bromer einzuwirken; aber es half nichts. Das Einzige, was ich gegen die liebe Gräfin habe, iſt, daß ſie ihre Mutter, Jungfrau Lotta, die Stelle einer Dienerin in ihrem Hauſe einnehmen läßt. Sie mußte es doch ſo einrichten, daß Lotta es anders hätte. Sie iſt freilich noch eine junge Perſon, höchſtens einige vierzig Jahre alt; aber das durfte die Gräfin nicht hindern, es ſo einzurichten, daß ſie eine eigene Heimath bekäme, und es über⸗ boben würde, die erſte Dienerin im Hauſe ihrer Tochter zu ſein. — Das heißt, daß Lotta ſich noch immer bei der Gräfin aufhält. ₰ 174 — Das thut ſie freilich. Sis iſt eine Art Vor⸗ ſteherin der inneren Hekonomie und richtet dieſelbe nach ihrem Gutdünken ein. Die Gräfin und ſie ſind, ſoweit ich weiß, nur einmal von einander ge⸗ trennt geweſen, und das war während dieſer letzten Jahre, wo die erſtere mit ihrer engliſchen Kammer⸗ jungfer ganz allein ins Ausland reiste. Die Ur⸗ ſache, warum Lotta damals nicht mitfolgte, war vermuthlich die, daß ſie dafür Sorge tragen ſollte, daß Ordnung auf Timaſiö würde und darnach ſähe, ſowie es ſo einrichtete, daß Alles ſei, wie es ſein ſollte, wenn die Gräfin zurückkehrte. — Die Propſtin, welche die Gräfin ſo viele Jahre in ihrem Hauſe gehabt, kennt wohl ihr Ge⸗ müth und ihren Charakter? Wie iſt ſie?— fragte der Herr. O ſie iſt ein wahrer Engel, und man kann ſich kein lieblicheres Kind denken, als ſie es war. Freilich hatte ſie auch ihre kleinen Launen; aber ſonſt beſaß ſie ein gutes und ſanftes Herz, und es war unmöglich ſie nicht zu lieben. Ich habe nie Jemanden ſo geliebt, nicht einmal meine eigenen Kinder, wie ich die kleine Elvira liebte. Die Propſtin hatte die letzten Worte in einem bewegten Tone ausgeſprochen, worauf ſie ſehr gründ⸗ lich von dem Taſchentuch Gebrauch machte, um der Verſicherung ihrer Zuneigung noch einen weiteren Ausdruck hinzuzufügen. Das Geſpräch wurde jetzt von dem fremden Herrn unterbrochen, welcher aufſtand und hinging um mit dem Capitän zu ſprechen. 3 175 Die Propſtin, welche die Ohren offen hatte, fing folgende Worte auf, welche der letztere äußerte: — Ich will es verſuchen. Wenn wir irgend einem Fiſcherboot begegnen, dann geht es leicht. Eine Stunde darauf begegnete man wirklich einem ſolchen. Der Capitän rief dem Boote zu, an der Seite des Fahrzeugs beizulegen. Die Maſchine wurde angehalten, und der vorwitzige Frager ſprang in das Boot, welches in der Richtung von Timaſſö mit ihm fortruderte. 3 Das Dampfſchiff mit der Propſtin ſetzte ſeine Fahrt nach Stockholm fort. Timaſjö war in der That ſo verändert, daß der⸗ jenige, welcher es ein Paar Jahre früher geſehen, es unmöglich erkannt haben würde, daß es derſelbe Ort ſei. Gleich nachdem Bromér das Gut gekauft, ließ er eine Zeichnung für den Umbau des ſogenannten Schloſſes und der um daſſelbe liegenden Gebäulich⸗ keiten anfertigen. Er kam auch wegen der Ausfüh⸗ rung deſſelben mit einem Baumeiſter überein. Als der Contrakt zwiſchen ihm und Bromér abgeſchloſſen war, ſtarb Bromér. Es war jetzt Lord Caſterton, welcher, in ſeiner Eigenſchaft als Flviras Mann, Eigenthümer von dem Bromérſchen Vermögen wurde. Durch die beſondere Uebereinkunft zwiſchen Elvira und dem Lord übernahm jedoch ſie allein die Ver⸗ waltung. Elvira veränderte nichts in dem Plan, welchen * der Vater entworfen, ſondern Timaſiö wurde nach demſelben umgebaut. Der alte Herrenſitz wurde auf dieſe Weiſe in eine der hübſcheſten und prachtvollſten Wohnungen nach dem Geſchmacke der gegenwärtigen Zeit verwandelt und mit Marmorpfeilern, Marmor⸗ treppen, Balkons, Galerien, Vergoldungen und Orna⸗ menten verſehen. Die Baukunſt hatte Alles gethan, um dieſen Mauern, welche Jahrhunderte alt waren, ein ju⸗ gendliches Ausſehen zu geben und jede Erinnerung an vergangene Zeiten zu verwiſchen. Der alte Ritterſaal war jetzt ein prachtvoller Speiſeſaal, über deſſen Kamin das Caſterton ſche Wappen in erhabener Arbeit prunkte. Die Portrait⸗ galerie war ein prachtvoller Salon, in welchem ſich nur zwei Portraits befanden. Das eine ſtellte den Lord Caſterton als Jüngling, das andere die Mar⸗ quiſin Lucie Briſſier dar. Es iſt indeſſen nicht in einem der Prachtzimmer, wo wir zu verweilen gedenken, ſondern wir gehen weiter, bis wir in ein großes, helles Arbeitszimmer eintreten. Hier finden wir alle die tauſend kleinen Lurus⸗ artikel, welche den Geſchmuck des Weibes auszeich⸗ nen, und all dieſen Ueberfluß von Sophas, Lehn⸗ ſeſſeln und Ruheſtühlen, welche andeuten, daß man ſich in dem Lieblingscabinet einer reichen Dame be⸗ findet. Die Wände waren von koſtbaren, von großen Meiſtern ausgeführten Gemälden bedeckt; die Eta⸗ geren bogen ſich unter der Laſt unzähliger Kunſt⸗ 177 ſachen und die Tiſche waren von Zeichnungen und Büchern überfüllt. An einem der Fenſter ſtand ein Schreibtiſch, welcher an ſich ein ſo ausgezeichnetes Kunſtwerk war, daß man unwillkürlich ſtehen bleiben mußte, um es zu betrachten und zu bewundern. An der einzigen freien Stelle der Wand, die es gab, und mitten unter den ſeltenen Bildern hing eines, welches durch ſeinen einfachen Rahmen auffiel. Das Bild war das eines Mannes, welcher nach dem Tode portraitirt worden war. Man erkannte jedoch, Aron Bromér. Wir finden Elvira Caſterton vor dieſem Bilde ſtehend, und es mit einem ernſten und traurigen Blick betrachtend. Weitere drei Jahre waren vergangen, ſeit wir ſie das letztemal geſehen. Das ſiebenzehnjährige Kind war jetzt ein zwanzigjähriges Weib gewor⸗ den, aber mit demſelben anmuthigen und reizenden Aeußern wie vorher, obgleich der frühere kindliche Ausdruck verſchwunden war, und ihr Geſicht jetzt einen Zug von Ernſt und Nachdenken angenommen, welchen man damals darin vermißte. Dort, wo ſie jetzt ſteht, mit dem grübelnden Blick auf dem Por⸗ trait ruhend, iſt ſie ſo lieblich und einnehmend, daß das Auge mit Wohlgefallen auf dem jungen Weibe verweilt. Das Eintreten eines Bedienten veranlaßte ſie ſich umzudrehen, um zu erfahren, was der Störer ihrer Betrachtungen wolle. — Es iſt ein Frauenzimmer da, welches darum Schwartz, Gold und Name. I.* 12 178 bittet, die Gräfin ſehen zu dürfen,— ſagte der Bediente. — Wie iſt ihr Name?— fragte Elvira. — Sie wollte ihn nicht nennen, ſondern ſagte nur, daß ich ſie als eine Jugendbekanntin von der Gräfin anmelden ſollte. — Eine Jugendbekanntin?— wiederholte El⸗ vira.— Laß ſie hereinkommen!— fügte ſie hinzu und warf ſich in eines der Sophas. — Wer kann das ſein?— fuhr ſie in Gedanken fort.— Gewiß iſt es irgend eine von meinen Pen⸗ ſionskamerädinnen. Ein großer Theil derſelben hat mich bereits aufgeſucht Die Tochter des Pfand⸗ leihers iſt jetzt eine Perſon, der ſich zu erinnern es Allen angelegen zu ſein ſcheint.— Alle, ſagte ich. — O nein, noch gibt es Eine, die meine geringe Herkunft nicht vergeſſen kann, und es war gerade dieſe Einzige, welche meine Eigenliebe dergeſtalt reizte und verletzte, daß ich in meinem kindlichen Unverſtand mich ſelbſt und mein ganzes Leben opferte, um einen klingenden Namen zu bekommen. O, daß ich dieſen Schritt zurücknehmen könnte, welcher mich zur Lady Caſterton machte, daß ich doch noch einmal frei werden könnte! Die Thürvorhänge wurden bei Seite geſchoben und der Bediente ſagte: — Seien Sie ſo gut und treten Sie ein, die Gräfin iſt da. Elviras Blick richtete ſich auf die Eintretende; es war— Armida. Das Schwermüthige in Elviras Geſicht ver⸗ 3 ſchwand augenblickich; ein Strahl von Freude klärte 179 ihre Züge auf; ſie erhob ſich haſtig und mit einer Bewegung als wenn ſie dächte: — Endlich! Nachdem Armida über die Schwelle des luxuriö⸗ ſen Arbeitszimmers Elviras getreten und der Be⸗ diente ſich entfernt hatte, blieben die jungen Weiber einige Secunden ſtehen und betrachteten einander. Armidas Anzug hatte dasjenige Gepräge armer Eleganz, welches gewiſſen Perſonen eigen iſt. Ihre Wangen waren bleich und ihr ganzes Aus⸗ ſehen zeugte von bitteren Bekümmerniſſen. Die Jahre, welche verfloſſen, ſeit Elvira und ſie ſich trennten, ſchienen reich an Sorgen und Wider⸗ wärtigkeiten geweſen zu ſein.„ Elvita trug ihrerſeits ihr hübſches Haupt hoch, in dem ſtolzen Bewußtſein, daß ſie in dieſem Augen⸗ blick alle Vortheile über ihre frühere Feindin beſäße. Nachdem beide einige Secunden lang gleichſam mit einem einzigen Blick ihre verſchiedene Stellung aufzufaſſen geſucht hatten, verſchwand der ſtolze Zug aus dem Geſichte Elviras. Sie that einige Schritte gegen Armida. — Welcher Fügung des Schickſals habe ich es zu danken, daß Armida K— hjelm mich aufſucht?— fragte ſie und reichte Armida die Hand.— Kann ich auf irgend eine Weiſe meiner früheren Penſions⸗ camerädin von Nutzen ſein, ſo wird es mich innig freuen. Armida ergriff Elviras Hand und brach in einem pathetiſchen Tone aus: — Ach, ich ſehe, daß ich mich nicht verrechnet hatte, als ich zu dem guten und zärtlichen Herzen 180 der Jugendfreundin meine Zuflucht nahm. Ja, ich war überzeugt, daß es unverändert geblieben und im Vertrauen darauf wagte ich mich hieher. Theure, geliebte Elvira, erlaube, daß ich ſo diejenige nenne, welche ich immer in meinem Herzen geliebt, obgleich mein Benehmen oft das Gegentheil auswies. Armida bedeckte Elviras Hand mit Küſſen. Auf dieſe machten ihre Worte und ihr Ausſehen einen peinlichen Eindruck. Sie zog ihre Hand zurück und bemerkte in einem kalten Tone: — Armida, wir ſind nie Freundinnen geweſen; Du haſt nie etwas Anderes, als Unwillen gegen mich gehegt; warum denn jetzt eine Zuneigung er⸗ lügen, welche nicht exiſtirt hat? Glaubſt Du, daß ich mich dadurch geſchmeichelt fühlen kann, oder daß Deine Worte aus meinem Gedächtniß die Wunden verwiſchen können, welche Du mir beigebracht haſt? — Nein, ſie wirken nur peinlich und machen mein Herz bitter. Unterlaſſe deßhalb alle Verſtellung, alle Schmeichelei und alles Reden von einer Freundſchaft, welche nichts weiter war, als eine offene Feindſchaft. Du brauchſt ja nur zu ſagen: Ich bedarf Deiner Theilnahme, und Du kannſt überzeugt ſein, daß ich Dir dieſelbe ſchenken werde, ohne im Entfernteſten das Vergangene auf mich. einwirken zu laſſen. Sage deshalb ohne Unſchweife: was kann ich für Dich thun? Elviras Ausſehen war ſo edel, daß es unwill⸗ kürlich Armida imponirte, welche ſich aus ihrer ge⸗ wöhnlichen Faſſung gebracht fühlte. Sie hatte in⸗ deſſen einen Ausweg, um wieder in ihre Rolle hin⸗ einzukommen, und das war: anzufangen zu weinen. —,—— —,——— 181 Elvira konnte nie Jemanden betrübt ſehen, ohne davon gerührt zu werden. Sie legte denn auch ihre Hand auf Armidas Schulter und hob in einem mil⸗ den und freundlichen Tone wieder an: — Was iſt paſſirt?— Iſt es irgend eine Be⸗ kümmerung, der ich abhelfen kann, ſo ſpreche ohne Verſtellung; es wird mir ein Vergnügen machen, Dir zu dienen. — Ich bin arm, Elvira,— brach Armida aus; — ich bin von meinen Freunden und Beſchützern verlaſſen; ohne Stelle und ohne Heimath. Der Ton, in welchem ſie dieß ſagte, war ſo trau⸗ rig, daß man hörte, ſie ſpräche eine ſchmerzliche Wahrheit aus. — Das iſt ja kein größeres Unglück, als daß demſelben abgeholfen werden kann,— fiel Elvira ein und liebkoste ſie.— Für den Anfang bleibſt Du bei mir den Sommer. Während der Zeit werden wir ſchon etwas für Deine Zukunft erſinnen. — Elvira!— rief Armida und blickte hinauf in das Geſicht der ſo oft Geſchmähten. Darin waren nur Güte und Theilnahme zu leſen. Elvira blickte auf Armida, welche ihr in den Kinderjahren ſo oft Thränen aus den Augen ge⸗ preßt, mit einem ſo freundlichen Ausdruck herab, daß es ſchien, als wenn ſie alle Beleidigungen vergeſſen. Armida ſtammelte eine Dankſagung, welche dieß⸗ mal aufrichtig war. Eine Weile ſprachen ſie mit einander, worauf Elvira läutete und Befehl gab Fräulein K—hielm in das Gaſtzimmer zu führen, welches das grüne Dublett — 182 genannt wurde. Sie drückte Armida's Hand und ſagte mit einem hübſchen Lächeln: — Jetzt bedarfſt Du Ruhe; aber in einer Stunde komme ich und hole Dich zum Mittagstiſch. Den Nach⸗ mittag werden wir eine Promenade im Parke machen. Du mußt wiſſen, es ſind hier große Veränderungen vor ſich gegangen. Jetzt adieu auf ein Stündchen! Elvira nickte Armida zu, welche ſich entfernte und ſich vom Bedienten ihr Zimmer zeigen ließ. Als ſie in daſſelbe eintrat, wurde ſie noch immer von der Bewegung beherrſcht, welche ſie bei der Freundlichkeit Elviras empfunden; aber während ſie ihren Anzug zu ordnen ſuchte, fing ſie an zwi⸗ ſchen ſich und Elvira Vergleiche anzuſtellen. Es ärgerte ſie, daß ſie, ein Fräulein K— hielm, gezwungen ſein ſollte, ihre bitterſte Feindin um Hülfe anzugehen.— Wenn ſie an Elviras Be⸗ reitwilligkeit dachte, ihr ihr Haus und ihre Hülfe onzubieten, ſo ſah ſie darin nicht einen Beweis der Güte des Herzens, ſondern ein Mittel, Rache zu nehmen und Armida fühlen zu laſſen, wie es ſchmecke, von der Tochter des Pfandleihers abhängig zu ſein. Ja, Armida fand Elviras Benehmen, ſie auf ihr Zimmer hinaufzuſchicken, tactlos und betrachtete es als einen Beweis, daß ſie nicht von Armida genirt ſein wollte. Daß Elvira es gethan, um der ſpannenden und gezwungenen Situation bei ihrem erſten Begegnen ein Ende zu machen, und damit Armida davon be⸗ freit werde, ihre Dankbarkeit ausſprechen zu müſſen, das war etwas, das Armida gar nicht verſtehen wollte, weil ſie dann gezwungen wäre einzugeſtehen, 183 größere Menſchenwürde beſitze, als ſie ſelbſt. 5 Es traf jetzt das ein, was ſchon recht oft ein⸗ getroffen, daß Elviras Edelmuth, weit entfernt Ar⸗ mida in eine Freundin zu verwandeln, dieſelbe noch erbitterter machte. Um ihrem eigenen Gewiſſen ge⸗ genüber ihre unfreundlichen Gefühle zu vertheidigen, mußte ſie ſuchen, den Handlungen Elviras ein un⸗ edles Motiv zu unterlegen. Die Stunde welche Elvira ihr zur Ruhe gege⸗ ben, wandte ſie dazu an, ihren Anzug ſo zierlich als möglich zu machen. Wie viel koſtete es nicht ihren Hochmuth, daran zu denken, daß Elvira gewiß das Abgetragene ihres ſeidenen Kleides bemerkt. Konnte wohl irgend eine Freundlichkeit in der Welt es ſühnen, daß Armida zu Elvira als eine Art beſ⸗ . ſere Bettlerin gekommen? Es ſei wohl nicht mehr als billig, daß ſie jetzt ihrerſeits Elvira einen Schmerz em⸗ pfinden ließe. Armida beabſichtigte denn auch bei erſter paſſen⸗ der Gelegenheit es Elvira zu bezahlen, daß ſie gut gegen ſie geweſen. Der Alltagsmenſch kann es nicht verzeihen, daß man ihn zum Dank verpflichtet, und es paſſirt alle Tage, daß derſelbe gerade diejenige Hand beſchmutzt, welche ihm gereicht wurde, um ihn aus dem Ab⸗ grund des Unglücks, der Erniedrigung oder der Ar⸗ muth emporzuheben. Die Undankbarkeit folgt meiſtens der Wohlthat 5 dicht auf den Ferſen, und ein Thor iſt der, welcher etwas Anderes erwartet.. Armida hatte ſich über eine Woche auf Timaſjö 6 . 184 aufgehalten. Während dieſer Zeit hatte Elvira ihr auf die feinſte Weiſe Präſente gemacht, ſo daß ihre Toilette in eine etwas beſſere Ordnung gekommen war. Elvira hatte das gethan, ohne Armida nach dem Unglück zu fragen, durch welches ſie in Armuth gerathen. An einem ſchönen Vormittag ſaßen die beiden Penſionscamerädinnen auf der mit einem Zelt be⸗ deckten Brücke, welche an der Bucht lag. Sie ſpra⸗ chen von Armida. Sie hatte Elvira mitgetheilt, daß ihr Vormünder geſtorben ſei, und däß das kleine Capital, welches ſie bei ihm ſtehen gehabt, verloren gegangen, weil ſeine Hinterlaſſenſchaft dem Coneurſe verfiel. Dieß ereignete ſich gleich nachdem ſie die Penſion der Propſtin verlaſſen hatte. Sie fuhr freilich fort eine Art Geſellſchaftsdame bei Martha zu ſein; aber da ſie ganz abhängig war, ſo wurde ihre Stellung ſehr demüthigend. Als die Krankheit der Obriſtin zunahm, wurde Armida in eine Krankenwärterin verwandelt. Sie war einige Zeit nach dem Tode der Obriſtin im Stangenſtjöld⸗ ſchen Hauſe geblieben;— als aber Martha die Verlobung mit Carl aufhob, wurde ſie ganz plötzlich verabſchiedet. Alle Verſuche, welche ſie nachher machte, um ſich eine andere Stelle zu verſchaffen, mißglückten, und Fräu⸗ lein K— hielm erhielt trotz ihrem vornehmen Namen keine ſolche. Ihre kleinen Einnahmen ſchmolzen im⸗ mer mehr und mehr zuſammen. Sie mußte, um exiſtiren zu können, die wenigen Koſtbarkeiten ver⸗ kaufen, welche ſie beſaß, und durchlebte auf dieſe —— 185 Weiſe die ganze Reihe von Demüthigungen, welche die Armuth mit ſich bringt. Die Bekannten, welche ſie gehabt, wichen ihr aus; die Verwandten, die ſie hatte, waren nicht an⸗ zutreffen, wenn ſie dieſelben ſuchte, und auf ihre Briefe antworteten ſie nicht. Sie hatte bereits, bevor ſie das Stangenſkiöld⸗ ſche Haus verließ, erfahren, daß Elvira mit einem engliſchen Lord verheirathet worden und jetzt reich und vornehm ſei. Lange überlegte Armida mit ſich ſelbſt, ob ſie Elvira aufſuchen ſollte, und ſo lange Elvira ſich in der Hauptſtadt aufhielt, kam das ihr unmöglich vor. Endlich beſchloß ſie, als alle Hülfsquellen erſchöpft waren und die Noth ihr entgegengrinste, ſich ein Dampſſchiffsbillet zu kaufen, und nach Timaſjö zu reiſen, um ihre Hülfe anzuflehen. Ohne alle Affectation hatte ſie Elvira von ihrem Mißgeſchick erzählt, und es ſchien dabei, als wenn ſie ſich von der Stangenſtiöldſchen Familie für ver⸗ folgt hielt. — Aber,— fiel Elvira ein, als ſie zu Ende war, — was iſt die Urſache dieſer Verfolgungen? Sie Fen doch nicht ohne eine Veranlaſſung entſtehen önnen? — Darin haſt Du vollkommen Recht,— ant⸗ wortete Armida,— und der Veranlaſſungen ſind viele.— Das ganze letzte Jahr, das ich im Hauſe war, oder gleich nach dem Tode der Obriſtin, be⸗ gannen die Streitigkeiten zwiſchen mir und Martha. Sie drehten ſich um die Verſtorbene und um Carl. Martha war nicht gut gegen ihre Mutter und wurde 186 förmlich häßlich gegen Carl, nachdem die Erſtere von hinnen gegangen. Sie behauptete, daß er gleich von der Zeit an, wo er erfahren, daß Du verhei⸗ rathet ſeieſt, ſein Benehmen gegen ſie geändert habe, und auf Grund deſſen hob ſie die Verlobung auf. Wir waren damals in Baden⸗Baden. Nachdem ſie mit Carl gebrochen, kündigte ſie mir an, daß ich meine Stelle verlaſſen ſolle. Sie ertrug nicht mei⸗ nen Anblick, weil derſelbe ſie an die Dummheit er⸗ innerte, die ſie begangen, als ſie ſich mit Brogren verlobte. Carl reiste ſofort von Baden⸗Baden ab; aber die Freiherrin B— machte mir das Anerbie⸗ ten, daß ich bei ihr bleiben könnte, bis die Saiſon vorbei ſei. Das Reiſegeld, welches ich von Martha erhielt, war völlig unzureichend für mich; ich wäre auch nicht nach Hauſe gekommen, wenn die Freiher⸗ rin mir nicht eine kleine Summe geſchenkt, als wir uns trennten. In Stockholm angekommen, ſah ich mich nach einer Stelle um, aber vergebens, denn überall ſtellte der Oberſt ſich mir entgegen, welcher alle ſeine und meine Bekannten warnte, mich ins Haus zu nehmen. — Und Du weißt nicht die Urſache, warum er es that?— fragte Elvira. — Wahrſcheinlich weil Martha mich nicht in dem geſellſchaftlichen Kreiſe ſehen wollte, welchem ſie angehört, und auch nicht wünſchte, daß ich Verſchie⸗ denes erwähnte, welches für ſie weniger rühmens⸗ werth wäre. Der Oberſt iſt eigentlich nichts, als der Bediente Marthas, und handelt nur auf ihren Antrieb. Ich räume gern ein, daß es minder an⸗ ——— 187 genehm für die hochmüthige Familie wäre, wenn ich dieſes und jenes in Betreff Marthas mittheilte. Armida ſagte das in einem Tone, welcher etwas Drohendes hatte. — Aber das ſollſt Du nicht thun,— fiel El⸗ vira ein,— das wäre ſchlecht von Dir gehandelt. Wir dürfen nicht Dinge von unſern Feinden ſagen, welche wir, während wir Freunde waren, zu verſchwei⸗ gen gelobten. — Das iſt wahr, und darum ſchweige ich,— ſagte Armida;— aber doch hat es mir entſetzlich weh um Carl gethan, und Martha muß es ſchon auf ihr Gewiſſen nehmen, wenn es ihm ſchlecht geht; denn ihn ſo wegen einer neuen Liebe entlaſſen, nach⸗ dem ſie ſo verliebt und ſo eiferſüchtig geweſen, wie ſie es war, das iſt und bleibt Unrecht. Armer Carl! Armida ſeufzte und ſchielte nach Elvira. Sie erwartete, daß dieſe einige Fragen an ſie richten ſollte; aber ſtatt deſſen fing Elvira an von Armidas Zukunft und von den Plänen zu ſprechen, welche ſie gemacht ꝛc. — Bis Mitte Auguſt bleibe ich hier,— ſagte Elvira;— aber dann reiſe ich nach England, um mit meinem Manne zuſammenzutreffen, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ich auch dieſen Winter im Auslande bleibe.— So lange ich auf Timaſjö ver⸗ weile, bleibſt Du hier; aber wenn ich abreiſe, möchte ich gern das Bewußtſein mit mir nehmen, daß Du ein Feld für Deine Wirkſamkeit hätteſt, welches Dir ein unabhängiges Leben verſchaffte. Was ſagſt Du dazu, eine Penſion zu etabliren? Ich werde Dir 188 gern die Mittel vorſtrecken und es ſo arrangiren, daß Du das erſte Jahr Dich nicht zu beunruhigen brauchſt. Armida zeigte ſich natürlich ganz entzückt von dem Vorſchlag. Sie ergoß ſich in endloſe Dankes⸗ bezeugungen. Als man richtig darüber einig geworden, und Elvira geſagt hatte, daß ſie an denjenigen ſchreiben würde, welcher ihre Geſchäfte in den Händen hatte, um ihn zu bitten, das Arrangement der Sache zu übernehmen, bemerkte Armida: — Du wirſt alſo dieſen Sommer Deinen Mann ſehen? — Ja, wir werden uns in London Ende Auguſt treffen, um zuſammen einen längeren Beſuch bei der Marquiſin Briſſier zu machen,— antwortete Elvira. — Gibt es noch einen Lord Caſterton?— fragte Armida. — Mein Mann iſt der einzige männliche Repräſen⸗ tant von dem alten Geſchlecht. — Das iſt merkwürdig,— fuhr Armida mit einer ſonderbaren und geheimnißvollen Miene fort. Elvira öffnete die Lippen, um eine Frage zu thun, aber ſchloß ſie wieder und ſagte nach einigen Augenblicken, indem ſie auf einen Haufen Inſeln deutete, welcher dalag und ſich in der ruhigen klaren Waſſerfläche ſpiegelte: — Unſer Schweden iſt doch recht hübſch und mir ſo lieb, daß ich meine Heimath nicht auf einem andern Fleck der Erde haben möchte. — Ja, es muß Dir ſehr lieb ſein, da Du hier ———— 189 von Deinem Manne getrennt weilſt,— ſagte Ar⸗ mida. — Du wirſt zugeben,— fuhr Elvira ſtatt zu antworten fort,— daß Timaſjö bedeutend verſchö⸗ nert worden iſt! Sollte man glauben, daß jenes hübſche, prachtvolle Gebäude daſſelbe ſei, welches früher ſo grau und düſter ausſah? Weißt Du, Armida, ich mag nicht ſo recht die alten Schlöſſer leiden; ſie kommen mir vor wie wohlerhaltene Ruinen, welche eines Tages über das Haupt deſſen zuſammenſtürzen müſſen, welcher ſich unter ihr Dach wagt. Nein, ich liebe die Zeit, in welcher wir leben, und es fehlt mir an allem Geſchmack für die Ueberreſte aus der Vorzeit. Mag ſein, daß es daher kommt, daß ich ſelbſt von einer Menſchenclaſſe herſtamme, welche nicht nach Ahnen rechnet, ſondern in und für die Gegenwart lebt. Der Kaufmann, der Krämer, der Kleiderhändler gehören mehr als irgend ein Anderer zu den Kindern der Zeit. Elvira lächelte ganz heiter und fuhr fort: — Du haſt wohl Deinen Abſcheu vor dieſen letz⸗ teren nicht vergeſſen? — Elvira!— fiel Armida bei der Erinnerung an die Demüthigungen ein, welche ſie Elvira hatte fühlen laſſen. — Du brauchſt nicht zu erröthen,— ſagte El⸗ vira lachend;— denn wenn Du mich wegen der Beſchäftigung meines Vaters geſchmäht haſt, ſo war es meine eigene Schuld, weil ich es nicht laſſen konnte, mich von Dir reizen zu laſſen. Jetzt bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß ich, wenn ich ein geborenes Fräulein geweſen, gewiß die Burgen 190 meiner Väter und deren Namen und Wappen geliebt haben würde; jetzt bin ich die Tochter eines Man⸗ nes, welcher nicht angeſehen war, aber Geld hatte; darum liebe ich es, mich mit dem Luxus zu umge⸗ ben, welchen man ſich für Geld ſchaffen kann.— Es gefällt uns vorzugsweiſe das, was unſere eigene Stärke ausmacht.— Meine Stärke iſt das Geld; durch dieſes habe ich das alte Timaſjö in ein mo⸗ dernes und geſchmackvolles Haus verwandelt, darum gefällt es mir, wie es jetzt iſt.— Was kann Jo⸗ hann wollen? Er kommt direct hierher. — Er kommt gewiß, um Fremde anzumelden, — meinte Armida. Johann trat hin vor ſeine Herrin. — Ein reiſender Herr, welcher nicht ſchwediſch ſpricht, hat mir dieſe Karte gegeben, damit ich ſie der Gräfin einhändige,— ſagte Johann und reichte eine Karte hin. — Welche Freude!— brach Elvira aus und eilte fort, ohne ſich Zeit zu laſſen, Armida ein Wort zu ſagen, oder ſich wegen ihres plötzlichen Verſchwin⸗ dens zu entſchuldigen. . Im großen Salon ſtand vor Lord Caſtertons Portrait ein ſchlanker und hochgewachſener junger Mann, als die Thüren aufgingen und Elvira vor Freude ſtrahlend auf ihn zueilte und rief: — Willkommen, willkommen, Sir Sidney! O, wie ich mich nach Ihnen geſehnt habe; wie froh bin ich, daß ich Sie wieder ſehe, und wie herrlich iſt es, 191 Sie in meinem eigenen Hauſe willkommen heißen zu dürfen! Es kommt mir wie eine ganze Ewigkeit vor, daß ich Sie nicht geſehen. Elvira reichte ihm die Hand, welche er mit einer für ihn ungewöhnlichen Lebhaftigkeit ergriff. Sidney drückte dieſelbe zwiſchen ſeine Hände und ſagte mit einer Stimme, die leiſe zitterte:. — Wie ſoll ich Ihnen für dieſen Willkommgruß danken, welcher mich ſo glücklich machte, daß ich ei⸗ nen Augenblick im Begriff war zu vergeſſen, ich hätte denſelben von Lady Caſterton ausſprechen hö⸗ ren.— Haben Sie Dank für dieſe freundſchaftlichen Verſicherungen; ich werde nicht vergeſſen, wie viel Vertrauen ſie enthielten. Er drückte Elviras Hand an ſeine Lippen und ließ ſie dann los. Sidney's Worte hatten Elvira von der Freude, die ſie empfand, zu der Rolle zurückgebracht, welche jetzt die ihrige war. Sie empfand, daß ſie in der Aeußerung ihrer Gefühle zu weit gegangen ſei. Die Benennung Lady Caſterton erinnerte ſie an die Kluft, welche zwiſchen ihr und Sidney lag. Die vom Purpur der Freude eben bedeckten Wangen wurden ſchnee⸗ weiß, und als Sidney ihre Hand küßte, kam es El⸗ vira vor, als hätte ſie in Thränen ausbrechen müſ⸗ ſen,— ein ſolch' heftiger Schmerz ſlog durch ihre Seele. — Ach,— ſagte ſie ganz traurig,— ich habe ſo lange einen Freund vermißt, daß ich, als ich den einzigen wiederſah, welchen ich beſitze, meine Freude nicht zu beherrſchen vermochte. Ich habe mich ſo 192 ſehr nach Ihrem Rath, nach Ihrer Freundlich⸗ keit und Leitung geſehnt, weil ich fürchte, die rechte Spur verloren zu haben, und auf einem Weg wan⸗ dern möchte, den ich gehen ſollte. — Gerade darum bin ich hier, Mylady. Ich bin hierher gekommen, um Ihnen eine Strafpredigt zu halten, und um Sie zu fragen: was iſt aus Ca⸗ ſtertons Glück geworden? Was iſt aus ſeiner Gattin Seligkeit geworden? Elvira ſchwieg und neigte den Kopf.— Ein Paar Thränen ſchlichen ſich über ihre Wangen hinab. — Verzeihen Sie mir, wenn meine Worte Sie verletzt haben,— hob Sidney wieder an;— aber wenn das, was ich jetzt geſagt, Sie verletzt hat, wie werden Sie dann im Stande ſein, von mir die Sprache der ungeſchminkten Wahrheit zu hören, und doch muß ich, als ein ehrlicher und redlicher Freund von Ihnen und Caſterton, ſie ausſprechen. — Schelten Sie mich nur, ſeien Sie ſtreng und unſanft gegen mich— ſagte Elvira mild,— aber laſſen Sie mich hinter dieſer Strenge einen Schimmer von Zuneigung, von wirklicher Theilnahme erblicken, und ich werde Sie ſegnen. Ich bin ja ſo arm an Freundſchaft, daß ich Niemanden als meine Wärterin beſitze, die mich liebt. — Und weſſen iſt der Fehler?— fragte Sid⸗ ney, welcher der ganzen Macht ſeines Verſtandes und der ganzen Kraft ſeines Willens bedurfte, um die äußere Ruhe beizubehalten. — Der meinige iſt es nicht,— fiel Elvira leb⸗ haft ein und richtete ſich empor.— Alle haben mich verrathen; Niemand hat darnach gefragt, ob ich ein 193 Herz beſäße, oder ob dieſes Herz aus Mangel an Zärtlichkeit ſterben würde;— aber warum davon zu ſprechen? Warum das erſte Wiederſehen verbittern? — Ja, Sie haben Recht, Mylady; jetzt iſt es nicht der rechte Augenblick, denn in einigen Minuten haben wir den engliſchen Legationsſecretär mit der Familie hier. Wir ſind zuſammen von Stockholm gereiſt, obgleich ich raſcher fuhr und darum früher hier bin. Wie ich weiß, iſt Mr. B— mit Familie einge⸗ laden worden, einige Zeit bei Ihnen zuzubringen. — Ja, ich habe ſie eine ganze Woche jeden Tag erwartet,— antwortete Elvira;— aber bevor Sie kommen, ſagen Sie mir, ob... ob... Sie.. — Ihren Mann geſehen?— ſiel Sidney ein.— Ich bin nur einmal, ganz flüchtig mit Lord Caſter⸗ ton zuſammengetroffen, da ich die zwei letzten Jahre auf Reiſen geweſen bin. — Wo ſind Sie mit ihm zuſammengetroffen? — In London; aber wann ſahen Sie zuletzt Ihren Mann?— fragte Sidney. — Vergangenes Jahr im September,— flüſterte Elvira. Sie verbarg das Geſicht in den Händen.— O, ich bin recht unglücklich!— ſtammelte ſie. Wäreſt Du auch ein Cato, mein werther Leſer, ſo würdeſt Du nicht ruhig mit anſehen können, wie das Weib weint, das Du aus Deiner ganzen Seele liebſt. Deine ernſteſten und ſtärkſten Vorſätze, ſtreng gegen ſie zu ſein, würden bei dieſem Anblick wan⸗ ken, und Du würdeſt unwillkürlich das thun, was Sidney that, ihre Hand ergreifen und mit einigen herzlichen Worten ſie zu tröſten ſuchen. Schwartz, Gold und Name. I. 13 194 Die Gefahr, welche in dieſer Situation lag, dauerte jedoch nicht lange. Mr. B— mit Gemahlin, Tochter und Domeſtiken kam an. Elvira bekam vollauf zu thun, um auf eine würdige Weiſe die engliſche Familie zu empfan⸗ gen, der ſie verpflichtet zu ſein glaubte. Beim Mittagstiſch, welcher etwas ſpät ſervirt wurde, trafen die neuangekommenen Gäſte mit den Bewohnern von Timaſjö zuſammen, welche außer Elvira aus einer älteren engliſchen Dame, Miſtriß Brow und Armida K—hjelm beſtanden. Miſtriß Brow war ein Frauenzimmer von fünf⸗ zig Jahren und hielt ſich ſeit einem Jahre bei El⸗ vira auf. Die Urſache, weshalb ſie ſich dort be⸗ fand, werden wir ſpäter erfahren; aber jetzt iſt es hinreichend zu wiſſen, daß ſie eine Dame mit ein Paar klugen, immer wachſamen Augen, eleganter Toi⸗ lette und feinem geſellſchaftlichem Ton war. Es ſah indeſſen bisweilen aus, als hätte Miß Brow eine beſondere Miſſion gehabt, und als wenn ſie fortwährend damit beſchäftigt ſei, Beobachtungen zu machen. Sidney und ſie waren alte Bekannte, und wenn es ſie auch gegenſeitig wunderte, ſich in Schweden zu begegnen, ſo erlaubten ſie ſich doch nicht eine Aeußerung darüber; ſondern Miß Brow richtete an Sidney, nachdem ſie ſich begrüßt, Fragen über ſeine Reiſen, mit welchen er ſie auch bei der Mittagstafel unterhielt. — Nachdem ich anderthalb Jahre in Griechen⸗ land und der Türkei umhergeirrt, kehrte ich nach England zurüc, kam aber nachher auf den Einfall, 195 Schweden zu beſuchen. Ich wollte Lady Caſtertons Landsleute und Vaterland kennen lernen. — Und Sie haben nicht die Marquiſin geſehen,— fiel Elvira ein, welche ſich mit Mr. B— unterhal⸗ ten, aber demohngeachtet nur für Sidney Ohr ge⸗ habt hatte. — Doch, das habe ich. Ich war auf Harton⸗ court, bevor ich aufs Neue England verließ. Ich kann Sie von der Marquiſin grüßen, Mylady. Sie befindet ſich wohl und munter und erwartet Sie bei ſich im September. Miſtriß Brow, welche ſich lebhaft für das zu in⸗ tereſſiren ſchien, was ſich auf ihrem Teller befand, ſah von demſelben auf und blickte Sidney an. Der Abend war gekommen und nickte der Nacht zu, ihm auf den Ferſen zu folgen. Rings um das ſtattliche Timaſijö herrſchten Stille, Schweigen und Friede. Wie es in deſſen Mauern ausſah, laſſen wir da⸗ hin geſtellt. Wir Fiiſſen nur, daß Jeder ſich in ſeine beſondern Zimmerbegeben. Auf dem Hofe gab es zwei neu aufgebaute Flügel. Wir werden in dem zur Linken einen Beſuch machen, wo wir Lotta in der Veranda, welche nach dem Walde zu lag, ſitzen finden. Mit gefalteten Händen und den Blick zum Himmel gerichtet, war ſie in ſtille Andacht verſunken. Auf ihren Knieen ruhte eine aufgeſchlagene Bibel. * 196 Sie hatte geleſen, ſo lange es der Tag erlaubte; jetzt lagen die Schatten des Abends über die Blät⸗ ter des Buches ausgebreitet. Ein Zug der Traurigkeit ruhte über ihrem ſonſt friedlichen Geſichte, und es ſchien als wenn irgend ein ſchmerzlicher Gedanke ſie beunruhigte. Tief im Walde ſchlug die Fichtendroſſel ihre Triller und das Laub in der neben der Veranda ſtehenden Eſpe nickte ſeinen Beifall zum Geſange. Die Droſſel ſchwieg, das Eſpenlaub wurde ſtill, und Tritte wurden im Walde gehört. Es näherte ſich Jemand. Ein Mann kam zum Vorſchein. Er blieb am Ausgang des Waldes ſtehen und betrachtete die in ihrem ſtillen Gebet begriffene Lotta. Endlich öffnete er die Lippen und über dieſelben glitt der Name: Lotta! Die Angeredete ſtand auf und ſtarrte ganz be⸗ ſtürzt auf den Friedensſtörer. Er trat heran an die Veranda. — Betrachte mich genau,— ſagte er;— aber thue keinen Schrei; bleibe ſtill, ich muß mit Dir reden! Lotta faltete die Hände und murmelte Etwas zwiſchen den Zähnen. Die gute Frau glaubte beſtimmt, daß ſie ein Ge⸗ ſpenſt vor ſich habe. — Kennſt Du mich nicht wieder?— hob der Mann wieder an und trat näher.— Sollte das Ge⸗ dächtniß Dich verlaſſen haben? — Die Erinnerung an Sie iſt unauslöſchlich in meine Seele eingegraben,— murmelte Lotta;— 197 aber warum kommen Sie hierher? was ſuchen Sie hier? O, mein Gott, Ihre Anweſenheit wird nur Unglück mit ſich bringen, und ich, die ich ſeit meh⸗ reren Jahren Gott gedankt, daß Sie todt wären! — Ich bin auch todt für die ganze Welt, ausge⸗ nommen für Dich und noch für Eine. — Sie ſind es auch für ſie,— brach Lotta aus.— Ja, Sie müſſen es ſein, ſonſt wird nur lauter Elend daraus. Lotta fing an zu weinen. — Still, Weib, und höre mich an!— Sie wird mich nie kennen lernen; ich habe Dich nicht aufge⸗ ſucht, um ſie wieder zu erhalten, ſondern um von Dir Verſchiedenes zu erfahren, was Bromér ſich weigerte mir zu ſagen. — Und wenn ich Ihnen das geſagt, was Sie zu wiſſen wünſchen, gehen Sie dann und kommen nicht wieder?— fragte Lotta. — Ich werde gehen und nicht mehr wieder kom⸗ men,— ſagte der Mann mit dumpfer Stimme. Er ſtieg die Treppe zur Veranda hinauf. — Komm; hier könnte irgend ein lauſchendes Ohr die Worte auffangen, welche wir wechſeln, und das müſſen wir vermeiden. Lotta und er traten in das Gebäude. Die Thüre zur Veranda wurde nach ihnen geſchloſſen. Als ſie verſchwunden waren, guckte ein Kopf über einen Strauch ganz in der Nähe der Veranda hervor, eine ſchlanke männliche Geſtalt kam zum Vor⸗ ein. Er betrachtete genau den Flügel, that dann ein paar raſche Schritte gegen denſeiben und war in 198 der nächſten Minute an der Veranda. Einen Augen⸗ blick verweilte er dort, worauf er vorſichtig die Thüre öffnete und eintrat. Als Lotta vom äußeren Zimmer ins innere hineingegangen war⸗ trat Elvira vom Hofe aus ins letztere, zog ſich aber ſofort zurück, denn die ſchlanke männliche Geſtalt ſtand auf der Schwelle zur Ve⸗ randa. Er hatte nicht bemerkt, daß die Thüre gerade vor ihm raſch geöffnet und wieder zugeſchloſſen wurde. Er ſchlich ſich vor zu derjenigen, welche hinter Lotta und dem Fremden geſchloſſen worden war, legte das Ohr an die Ritze und blieb ſo ſtehen. Eine ziemlich lange Zeit verlief, während wel⸗ cher er nicht ein einziges Wort, ſondern nur ein ver⸗ worrenes Halbgemurmel unterſcheiden konnte. Endlich erhob einer der Sprechenden die Stimme und rief: — Und der Vater, der Vater, hat er nichts gethan? — Alles, was er that, beſtand darin, daß er dafür ſorgte, daß ihr Körper beerdigt wurde,— ant⸗ wortete Lotta, welche jetzt auch lauter ſprach.— Das Schickſal des Kindes wäre wahrſcheinlich das gewor⸗ den, daß man es in das Waiſenhaus eingekauft hätte, wenn nicht der unermüdliche Bromér geweſen wäre.— Während der erſten Jahre nach dem Tode der Mutter fürchtete ich, daß man verſuchen würde, es herauszufinden, was aus dem Kinde geworden; aber meine Furcht war ungegründet; und ich hätte nicht nöthig gehabt, das Kind eingeſperrt zu halten. Es wurde indeſſen als Bromérs Tochter erzogen. Alle hielten ihn für den Vater deſſelben, ſelbſt hat —————— 199 ſie keine Ahnung davon, daß ſie innerhalb der Marern des Schmiedhofes geboren wurde und daß ſie die Frucht einer der unglücklichſten Ehen auf der Erde ſei. — Und Bromér, wurde er ein zärtlicher Vater gegen ſie?— fragte die männliche Stimme. — Zürtlicher und gefühlvoller, als wenn ſie die⸗ jenige geweſen wäre, welche ihm das Leben zu ver⸗ danken gehabt. Er arbeitete und unterwarf ſich allen möglichen Entſagungen, um für ſie all den Reich⸗ thum zu ſammeln, den ſie jetzt beſitzt. Als ſie mit Lord Caſterton verheirathet wurde, äußerte er gegen mich: Jetzt kann ich zufrieden ſterben; ich habe Elvira Alles verſchafft, was man ihr genommen, Namen und Reichthum. Ich habe meine Schuld an den Vater bezahlt und durch die Liebe zur Tochter das Böſe geſühnt, das ich gethan. — Und Sie, Lotta, ſind die einzige Beſitzerin der Documente, welche beweiſen, weſſen Kind Elvira iſt?— fragte der Mann. — Jo, das bin ich.— Jetzt wurden die Stim⸗ men wieder gedämpfter, und der Lauſcher konnte nur einzelne Worte auffangen. Als die Bewegung inner⸗ halb der Thüre den Aufbruch andeutete, ſchlich er fort ebenſo unbemerkt, wie er gekommen. Bevor noch Lotta am folgenden Morgen voll⸗ ſtändig angezogen war, ſtand Glvira in ihre Zimmer. — Von wem hatteſt Du ſo ſpät geſtern Ahand Beſuch?— fragte ſie.— ————— — Ich?— ſtammelte Lotta feuerroth im Ge⸗ ſicht.— Ich hatte keinen Beſuch. — Lotta, was bedeutet das, daß Du, welche die Unwahrheit verabſcheuſt, jetzt eine ſolche ausſprichſt?— fiel Elvira ein.— Nachdem man ſich getrennt, wollte ich zu Dir und als ich die Thüre zum Saale hier öffnete, trat dort von der Veranda ein — Ein älterer Herr trat ein,— unterbrach ſie Lotta heftig.— Nun ja, was iſt denn darüber zu wundern? Es war übrigens ein alter Bekannter von Bromér, welcher mich aufgeſucht hatte, um Et⸗ was von den letzten Stunden des Verſtorbenen zu erfahren. So viel dürfte ich wohl mein eigener Herr ſein,— fuhr Lotta mit ſteigender Hitze fort,— daß ich in meinem Zimmer empfangen kann, wen ich will, ohne nöthig zu haben, dafür Rechenſchaft abzulegen, oder Spionerie unterworfen zu ſein; nie⸗ mals hätte ich glauben können, daß das Kind, wel⸗ ches ich erzogen und geliebt habe, ſich zum Vormün⸗ der über meine Handlungen machen würde. Nein, das wäre zu viel. Ob ich die Wohrheit ſpreche oder lügen will, dafür werde ich ſelber zur Verantwortung gezogen werden, und däs iſt recht hart, auf eine ſolche Weiſe cujonirt zu werden, daß — Biſt Du närriſch geworden, Lotta!— rief Elvira.— Ich glaube, Du wirſt mir geradezu we⸗. gen gar nichts böſe. — Btöſe, böſe, ſtammelte Lotta und fing an zu weinen— o, Du lieber Gott, wie ſie ſpricht! Kann ich doch nicht böſe auf die Gräfin ſein; 201 glauben, daß ich Dir irgend ein Band anlegen, oder Dein Vormünder ſein will; das iſt mir nie einge⸗ fallen; auch habe ich nicht die Abſicht gehabt, auf Dich zu ſpioniren. Ich kam ja nur, um, nach mei⸗ ner Gewohnheit, Dir gute Nacht zu ſagen. — Liebes Herz, ſpreche nicht ſo, das thut mei⸗ nem Herzen ſo weh, welches% ℳ — Schweige jetzt und höre“mich an!— ſagte Elvira mild kächelnd.— Als ich die Thüre zum Saale öffnete, wen ſah ich bon der Veranda herein⸗ kommen? Nun, Carl Brogrehl Kannſt Du Dich jetzt darüber wundern, daß ich hiſſen wollte, warum er Dich ſo ſpät Abends beſuchte? — Aber er iſt nicht hier Fen ich habe ihn nicht geſehen, ſondern es war ein Anderer, welchen... welchen.. ich nicht nennenwill, den die Gräfin nicht kennt, und deſſen Name der Gräfin fremd iſt. O, ich bin ſo unglücklich, ſo unglicjch!/„ Lotta ſchluchzte. — Beſte Lotta, warum weinſt Du? ich will Dich nicht nach dem Namen des Fremden fragen; aber ich kann Dich demohngeachtet heilig verſichern, daß Carl auf der Schwelle da draußen ſtand, als ich die Thüre zur Hausflur öffnete. — Nein, das kann und darf nicht ſo ſein; das war eine Täuſchung; er, mit dem ich ſprach, war von derſelben Geſtalt. Ja, das iſt er. O Herr, Du milder Vater, wenn es wirklich Carl war, wenn er gehört hat, was wir da drinnen ſagten! Ja, dann würde es mein Tod werden. Lotta war ganz außer ſich, und Elvira hatte viel Mühe, ſie zu beruhigen. Dieß konnte indeſſen — 202 nicht auf andere Weiſe geſchehen, als dadurch, daß Elvira auf ihre Anſicht einging, daß ſie ſich geirrt, und daß es nicht Carl geweſen ſei, den ſie zu ſehen geglaubt. Als Elvira endlich von Lotta wegging, war ſie gedankenvoll. Sie konnte ſich Lottas Benehmen und Heftigkeit nicht erklären. Sie fand Alles zuſammen ſonderbar und dachte: 5 — Gewiß ſteckt darunter irgend ein Geheimniß. Indeſſen kam die Frühſtückſtunde, und die Sorge um das Wohlbefinden der Gäſte nahm jetzt Elvira in Anſpruch, welche die kleine Schwäche hatte, gern eine liebenswürdige Wirthin ſein zu wollen. Während man frühſtückte, betrachtete Miß Brow Elvira mit einem langen und eigenthümlichen Blick. Armida lächelte und ſah zufrieden aus. Es hatte den Anſchein, als hätten die beiden Damen irgend eine Entdeckung gemacht, welche für ſich zu behalten, jeder derſelben ſehr ngelegen war. Miſtriß Brow machte, während ſie ihren Thee trank, eine Bemerkung darüber, daß der Flügel, in welchem Jungfrau Lotta wohne, ziemlich abgelegen ſei. Armida meinte, daß das eine recht gute Eigenſchaft wäre. Ja, ſie beneidete Lotta um ihre reizende Woh⸗ nung mit dem ganz nahen Walde und der Veranda, welche nach demſelben hinausging. Elvira wurde zerſtreut, während ſie von Lottas Wohnung ſprachen, und ſo bald als möglich brach ſie das Geſpräch ab. Nach dem Frühſtück trennte man ſich. Die eng⸗ liſche Familie ſollte einen Beſuch bei Graf E— nachen, welcher eine halbe Meile von Timaſiò . — Se —— 203 wohnte. Elvira hatte ihre Equipage zu ihrer Ves fügung geſtellt.* Sidney hatte Elvira gebeten, ihm eine Stunde Unterredung zu ſchenken, während ihre Gäſte fort wären. Er wollte ſchon an demſelben Abend nach der Hauptſtadt zurückkehren. Elvira gab Miß Brow den Auftrag, Armida zu unterhalten, und ging dann mit Sidney hinein in ihr Arbeitszimmer. Armida und die Engländerin wurden auf dieſe Weiſe allein gelaſſen. Miß Brow ſpzach von gleichgültigen Dingen und führte die Converſation auf Franzöſiſch. Armida verſuchte das Geſpräch auf die Familie Caſterton und auf Elviras eheliche Verhältniſſe zu lenken; aber ſie hätte ebenſo gut verſuchen können, Timaſjös Wände zum Sprechen zu bringen, wie ein ein⸗ ziges aufklärendes Wort über die Lippen der Miſtriß Brow zu bekommen. Als alle Verſuche auf dieſem Wege mißlangen, fing Armida an, von Lotta und dem Flügel zu ſprechen, welchen dieſe bewohnte; aber auch jetzt beſchränkte ſich Miſtriß Brow auf einſyl⸗ bige Antworten. Armida ſah auch bald ein, daß ſie von der zu⸗ rückhaltenden Engländerin keine Aufklärung erlangen konnte, und ſie beſchloß deshalb auf eigene Hand, ſo gut es ginge, das zu erfahren, was ſie für nöthig hielt. Bevor ſie Miſtriß Brow verließ, welche mit unerſchütterlicher Ruhe an ihrer Stickerei ar⸗ beitete, warf ſie einige Fragen in Betreff Sid⸗ neys hin. — Iſt Mr. Lembourn ein alter Bekannter von * 204 Lady Caſterton?— fragte Armida in gleichgültigem Tone. — Ich vermuthe es,— war die Antwort. — Doch nicht ein älterer als Lord Caſterton? — Das iſt mir nicht bekannt. — Kennen der Lord und Sir Sidney ein⸗ ander? — Sie ſind Freunde von der Kindheit an. — Dann hat er wohl irgend einen Auftrag von dem Lord, welcher ihn hierher geführt hat? — Wahrſcheinlich. — O, das iſt wohl außer allem Zweifel; Lady Caſterton wurde ſo erfreut, als ſie ſeine Karte zu ſehen bekam, daß man daraus deutlich ſah, er ſei ſehr willkommen.— Vielleicht will der Lord hierher kommen? — Das iſt möglich.— Miſtriß Brow erhob jetzt ihre Augen von der Arbeit und heftete ſie auf Armida.— Sie, Miß K—hjelm, kennen ja Miß Stangenſtjöld?— fragte ſie ihrerſeits. — Ja, ich bin mehrere Jahre in dem Hauſe ihrer Eltern geweſen. 6 Sie waren ihre Freundin, wenn ich mich recht erinnere. Armida ſah Miſtriß Brow mit einem Blick an, welcher zu gleicher Zeit Unruhe und Verwun⸗ derung ausdrückte. 3 — Ich habe wirklich geglaubt, es geweſen zu ſein,— antwortete Armida;— aber wie wiſſen Sie etwas von mir und Martha? — Das iſt mein Geheimniß.— Ein kaltes Lächeln 3 * 205 über Miſtriß Brows Lippen und ſie fügte inzu: 5 — Ich möchte Ihnen einen Rath geben: glauben Sie nicht Lady Caſtertons Freundin zu ſein! — Und warum nicht? Hat die Lady einen ₰ ſolchen Unwillen gegen mich, daß ich mich nicht auf ihre Freundſchaft verlaſſen kann? — Wir ſprechen nicht von der Lady, ſondern n Ihnen, Miß.— Sie müſſen nicht glauben, daß Sie Freundſchaft für ſie hegen können. Sie würden darin ſich ſelbſt betrügen. Miſtriß Brow erhob ſich langſam vom Stuhle, legte ihre Stickerei in den Korb und machte ſich ganz gemächlich bereit, das Zimmer zu verlaſſen. Armida folgte ihren Bewegungen mit den Augen; als ſie aber auf die Thüre zuſchritt, äußerte Armida; — Ein paar Worte, bevor Sie mich verlaſſen! Die Engländerin blieb ſtehen und wandte ſich gegen Armida. — Was iſt Ihre Meinung?— Wollen Sie vielleicht bei Lady Caſterton Zweifel an meine Dank⸗ barkeit und Ergebenheit erwecken; wollen Sie mich der Stütze und Hülfe berauben, welche ich von ihr habe?— In dieſem Falle werden Sie gewiß von einem eigennützigen Motiv geleitet. Sie meinen vielleicht, ich ſtehe Ihnen im Wege.— Ich kenne nicht Ihre Stellung hier im Hauſe, aber ich weiß, daß für mich die Güte und die Hülfe meiner Jngend⸗ freundin Alles ſind, worauf ich für die Zukunft zu hoffen habe. e Und die Hoffnung wird Sie gewiß nicht trügen, denn die Lady iſt gut, ſowohl gegen Freunde wie gegen Feinde.— Ich werde Sie auch nicht ihrer Hülfe berauben; ich bin wenig mittheilſam und kann Manches ſehen, ohne davon zu reden. Adieu für eine Weile, Miß K—hielm, und ſeien Sie ruhig; nicht mich brauchen Sie zu fürchten, ſondern ſich ſelbſt. Miß Brow ging mit ruhigen Schritten aus dem Zimmer und Armida blickte ihr nach, indem ſie bei ſich murmelte: — Das Weib und ich ſind Feinde; das fühlte ich bei unſerem erſten Begegnen. Sie wird jede Gelegenheit benützen, um mir zu ſchaden; aber ich werde ihr zuvorkommen, und ich will mal ſehen, ob es mir nicht vor dem Herbſt gelingt, ſie aus dem Hauſe zu bringen und mich auf den Platz zu ſetzen, welchen ſie jetzt einnimmt. Platz, wiederholte Ar⸗ mida; aber was hat ſie denn eigentlich für ein Amt? Ein ſichtbares hat ſie ja nicht. Sie iſt ſelten in Geſellſchaft mit Elvira, hält ſich faſt den ganzen Tag auf ihren eigenen Zimmern auf, hält ihre eigene Kammerjungfrau und nimmt eine Stellung ein, als wäre ſie eine ältere Verwandte, nur mit dem Unterſchied, daß es keinen Schatten von Ver⸗ traulichkeit zwiſchen ihr und Elvira gibt. Es ſieht eher aus, als wenn ſie ſich gegenſeitig auswichen und ſo wenig als möglich mit einander in Berüh⸗ rung zu kommen ſuchten. 3 Armida warf einen Blick im Zimmer umher und fuhr in Gedanken fort: — Es iſt etwas Sonderbares in Elviras Ver⸗ hältniß, und ich muß ſuchen herauszufinden, worin das liegt, ſonſt wird es nie gelingen, mich an ihre 207 Perſon feſtzuhaken und es ihr unmöglich zu machen, ſich von mir zu trennen. Um damit anzufangen, in welchem Verhältniß ſteht Elvira zu dieſem Sidney? Alle meine Erfahrung und bekannte Gabe, Beob⸗ achtungen zu machen, wären Null und ohne Werth, wenn hier nicht Liebe mit im Spiel iſt. Es iſt ein Etwas, welches mir das ſagt. Armida trat hin zu einem der Spiegel, ordnete ihr Haar und betrachtete ihr Bild, welches, in Pa⸗ rentheſe geſagt, ganz angenehm war. Armida war nie hübſch geweſen, aber ſie hatte ein Ausſehen, für welches das Wort angenehm das paſſendſte iſt. Sie war gut gewachſen und verſtand die Kunſt, durch alle Hülfsmittel der Coquetterie ihr Aeußeres ſo vortheilhaft als möglich zu machen. Nachdem ſie eine Weile ihr Bild vor dem Spie⸗ gel ſtudirt, fuhr ſie in Gedanken fort: — Niemals hätte ich geglaubt, daß jene auf⸗ geſchoſſene und unangenehme Elvira hübſcher gewor⸗ den wäre als ich, und verheirathet werden würde, noch ehe ich einen Freier gehabt, und dazu mit einem ſolchen Mann, wie der iſt, den ſie be⸗ kommen hat. Dieſe Vorzüge ſoll ſie mir ſchon be⸗ zahlen. Wenn ſie hübſcher iſt, als ich, ſo habe ich doch mehr Kopf als ſie, und es wäre recht ärgerlich, wenn ich damit nichts ſollte ausrichten können. Um mir ſelbſt nützen zu können, muß ich in erſter Linie ausſpioniren, in welchem Verhältniß jener Sidney zu Elvira ſteht. Die Entdeckung eines Geheimniſſes oder einer Intrigue kann mich zum Glück führen, wenn ich nur klüger handle, als ich bei Martha . 208 that; aber da kamen andere Gefühle ins Spiel. Die Eiferſucht iſt eine ſchlechte Rathgeberin. Armida fuhr mit der Hand über die Stirne und murmelte: — Ich haſſe Alle, welche er geliebt hat, und er hat einmal Elvira geliebt. Fort mit allen Gedan⸗ ken an ihn! Ich werde jetzt in die Bibliothek hin⸗ eingehen, um mir ein Buch zu holen. Mag ſein daß ich auf dem Wege dorthin das eine oder das„ andere aufklärende Wort auffangen kann. Elvira und der Engländer ſind vermuthlich im Cabinet, und obgleich ich der engliſchen Sprache nicht ſehr kundig bin, ſo verſtehe ich doch ſo viel, daß ich aus dem, was geſagt wird, auf den Sinn ſchließen kann. Armida nahm den Weg in die Bibliothek: aber zu ihrem großen Verdruß hatten Elvira und Sidney nicht im Cabinet, ſondern im Arbeitszimmer Platz genommen. Wir, welche uns unſichtbar machen können, be⸗ nützen dieſen Vorzug, ſchleichen hinein in das kleine Vorgemach und ſtellen uns an die Thüre zum Ar⸗ beitszimmer. Die Thürvorhänge ſind bei Seite ge⸗ ſchoben, ſo daß wir ungehindert hineinſehen können. In einem kleinen Sopha finden wir Elvira und. Sidney ſitzend. Die Erſtere ſpricht. Ihre Stimme klingt klar. — Jetzt, nachdem ich Ihnen geſagt, welche Ge⸗ fühle mich veranlaßten, Lord Caſterton meine Hand zu geben,— ſagte ſie,— werden Sie die Urſache begreifen, warum ich ihn von der Laſt befreite, ſein 209 Leben an meiner Seite dahinzuſchleppen. Als ich, nachdem ich Ihrem und ſeinem Geſpräch zugehorcht hatte, den Beſchluß faßte, ihm ſo viel von ſeiner Freiheit zu laſſen als möglich, hegte ich jedoch die Hoffnung, daß er nicht auf den Vorſchlag eingehen würde. Ja, Sir, wenn er damals im Entfernteſten den Wunſch geäußert hätte, daß ich an ſeiner Seite bleiben ſollte, dann würde ich in England geblieben ſein. Nun willigte er ſofort ein; und als die Trauerpoſt vom Tode meines Vaters anlangte, ließ er mich reiſen, ohne mir das Anerbieten zu machen, mich zu begleiten. Er ſah jedoch, wie niederge⸗ ſchmettert ich war, und daß ich Zärtlichkeit und Theil⸗ nahme ſehr bedurfte. Er hatte aber nichts der Art für mich, ſondern ließ mich reiſen. Sie ſagen, daß ich Unrecht gehandelt, daß ich das Glück meines Mannes meinem Hochmuth geopfert habe. Ah, Sir, ſprechen Sie nicht zu mir davon, daß ich zu dem Glück Caſtertons habe beitragen können, oder daß ich irgend welche heilige Pflichten gegen ihn habe, der in mir nur ein Mittel ſieht, durch welches er zum Vermögen gekommen iſt. Hätte er als ein Mann von Ehre gehandelt, dann hätte er mir ge⸗ ſagt: ich bedarf einer Frau, um in Beſitz von Ver⸗ mögen zu gelangen; wollen Sie das Mittel dazu werden? Er hätte mir dann Freiheit gelaſſen, über mein Schickſal zu beſtimmen; aber jetzt——— — 6 Macht Ihre verletzte Eigenliebe Sie unverſöhn⸗ lich. Sie haben ſich auf eine fühlbare Weiſe gerächt. — Rein, Sir, ich habe mich nicht gerächt, denn dann würde ich vorausgeſetzt haben, daß ich „ Schwartz, Gold und Name. I. — 210 beſäße, ihm einen Schmerz zu bereiten; aber dieſes war nicht der Fall. Ich habe nur übereinſtimmend mit den Lehren gehandelt, welche Sie und die Mar⸗ quiſin mir beigebracht. Sie haben geſagt:„es iſt nicht mehr unſer eigenes Glück, ſondern das des Gatten, woran wir denken müſſen.“ Ich habe nur an das ſeinige gedacht. Und die Marquiſin äußerte: „merkt ein Weib, daß der Mann es nicht liebt, ſo muß es ſo weit als möglich ſuchen, ſich nicht zu einer Laſt für ihn zu machen.“ Ich habe Lord Caſterton nicht zur Laſt fallen wollen. Eine Frau, welche nicht geliebt iſt, wird natürlich zu einer Plage für den Mann. — Aber er kann dahin gelangen, daß er ſie liebt, falls ſie an ſeiner Seite bleibt,— fiel Sid⸗ ney ein. — Sie irren ſich. Er hat ſelbſt geſagt, daß er mich niemals lieben wird. Er hat es zu Ihnen geſagt. Wenn ich noch letztes Jahr einige Illuſionen und Hoffnungen hatte, daß wir während des Monats, den wir zuſammen verbrachten, auf einen freundſchaftlicheren Fuß zu ſtehen kommen würden, ſo war dieſer Monat auf Hartoncourt hinreichend, um mich zu überzeugen, daß der Tag eher Nacht und die Nacht Tag werden, als daß Edwin Caſtertons Herz mir gehören kann. — Und doch war es gerade während Sie auf Hartoncourt waren, daß Edwin einen Brief an mich über Sie ſchrieb; und man merkte es an ſeinem Brief, daß er ſich ſehr viel mit Ihnen in ſeinen Ge⸗ danken beſchäftigte. S — Möglich! Aber dann war es nur ſo, wie 211 der Gefangene ſich mit dem Gefängnißgitter be⸗ ſchäftigt, welches ihn von der Freiheit ausſchließt. Ich will nicht von Ihnen verlangen, daß Sie mir ſeinen Brief zeigen, ſondern ich will nur erzählen, wie der Lord handelte. Sechs Wochen nach unſerer Verbindung wurden wir getrennt, wie Sie wiſſen. Der Tod meines Vaters gab eine gültige Veran⸗ laſſung zu meiner Reiſe nach Schweden. Während der zehn Monate, welche vom October bis Auguſt im Jahre darauf verliefen, erhielt ich zwei Briefe von der Hand meines Mannes. Der eine betraf Geſchäfte und enthielt eine Vollmacht für mich, in Allem, was ſich auf die Erbſchaft von meinem Vater bezog, an ſeiner Stelle zu handeln; den anderen Brief erhielt ich im Anfang Auguſt, und darin wurde ich benachrichtigt, daß er in Kopenhagen mit mir zuſammentreffen wollte, ſo daß wir die Reiſe nach England zuſammen machen und zu beſtimmter Zeit bei der Marquiſin eintreffen könnten. Bei unſerem Wiederſehen nach einer Trennung von zehn Monaten zeigte er mir die eiskalteſte Artigkeit. Nicht eine einzige Frage that er über Etwas, das mich betraf. Wie ich meinen Kummer getragen, wo ich jene Monate zugebracht ꝛc., das waren Dinge, die ihn nicht zu intereſſiren ſchienen; auch hielt er es nicht für nothwendig, mit einem einzigen Worte Etwas zu berühren, das ihn ſelbſt betraf. Es war bei der Marquiſin, daß ich erfuhr, er hätte ſeine Zeit zwi⸗ ſchen die Ordnung der Lage ſeiner Untergebenen und die Politik getheilt. Daß er im Parlamente aufgetreten und durch ſeine energiſchen Reden Popu⸗ larität gewonnen hätte, das theilte Mar⸗ 212 quiſin mit. Während meines Aufenthalts auf Har⸗ toncourt jagte er und wich ſorgfältig jeder Gelegen⸗ heit aus, mit mir unter vier Augen zu ſein. Die Stunden, in welchen wir vor Andern uns zuſammen befanden, war er äußerſt zuvorkommend; aber in ſeinem Weſen fand ſich nicht ein Funken von Etwas, das Freundlichkeit oder Wohlwollen ähnlich ſah. Als jener Monat, welcher für mich eine Reihe end⸗ loſer Qualen war, endlich zu Ende war, begleitete er mich nach London, wo wir uns eine Woche auf⸗ hielten. Er wünſchte mich ins Theater zu führen und Lady Caſterton einigen mit ihm verwandten Familien vorzuſtellen. Am Tage, bevor wir uns trennten, führte er Miſtriß Brow zu mir und ſprach in ihrer Gegenwart den Wunſch aus, daß Lady Caſterton, welche gar zu jung ſei, um allein im Weltgetümmel ſtehen zu können, Miſtriß Brow an ihrer Seite haben möchte. Er legte beſonderes Ge⸗ wicht auf die Worte„Lady Caſterton“, und ich ver⸗ ſtand ihn ganz gut. Er wollte in meiner Nähe eine Perſon haben, welche darüber wachte, daß ich ſeinen Namen nicht compromittirte. Meine Antwort be⸗ ſtand darin, daß ich die Engländerin mich begleiten ließ. Ich brachte den Winter in Italien zu. Durch einen Brief erfuhr ich, daß der Lord ein paar Mo⸗ nate im Auslande geweſen, und daß er bei ſeiner Rückkehr nach England zur Reiſegeſellſchaft eine ſchwediſche Familie hatte. Für die Tochter ſoll er ſich ſo intereſſirt haben, daß dieſe Neigung die Mar⸗ quiſin etwas beunruhigte. — Kennen Sie den Namen dieſer ſchwediſchen Familie?— fragte Sidney. „——— — —————— 213 — Ja, die Marquiſin theilte mir denſelben mit. — Nun gut, hat es Sie nicht beunruhigt zu erfahren, daß er ſich ſo lebhaft für ein anderes Weib intereſſirte, daß er demſelben offen ſeine Huldigung darbrachte? Iſt es Ihnen nicht eingefallen, daran zu denken, daß Sie die Urſache davon ſeien? Caſterton würde ſich nie erlaubt haben, der Sklave einer un⸗ erlaubten Paſſion zu werden, wenn er ſeine Frau an ſeiner Seite gehabt hätte. — Sir, ein Temperament wie das ſeinige be⸗ darf der Abwechſelung. Meine Gegenwart würde in dieſem Falle nicht irgendwie haben wirken können. Er liebt mich nicht; es gibt alſo nichts, was ihn hindern kann, eine Andere zu lieben. — Sie beurtheilen Caſterton ungerecht. Hätten Sie ſich nicht von Ihrer Eigenliebe leiten laſſen, ſondern der Stimme Ihres Herzens gefolgt und es ſich zur Aufgabe geſtellt, ihm Glück und häus⸗ liches Wohl zu bereiten, dann würde Caſterton aus Ehr⸗ und Pflichtgefühl geſucht haben, Ihnen das Leben ſo angenehm als möglich zu mochen. Mag ſein, daß er Anfangs ſo gehandelt hat, weil er das für ſeine Schuldigkeit hielt; aber das Ende würde geworden ſein, daß Sie in den unbeſchränkten Beſitz ſeines Herzens gekommen wären. Sie ſind es alſo, Mylady, an welcher der Fehler von Anfang an liegt. Sie würden ſich ſeine Liebe aneignen können. Sie haben es nicht gethan und alſo das, was eingetroffen iſt, hervorgerufen, näm⸗ lich daß er ſich einer ebenſo heftigen wie unedlen Leidenſchaft hingegeben hat. Noch kann Alles gut werden, wenn Sie ſich nur von anderen Gefühlen 214 leiten laſſen wollen, als die ſind, welche bisher Ihre Handlungsweiſe dictirten. Sie werden Caſterton wiederſehen und einen ganzen Monat mit ihm auf Hartoncourt leben. Begleiten Sie ihn in ſeine Hei⸗ math und entfalten Sie dort Ihr anmuthiges und einnehmendes Weſen, ſo daß Sie ihn mit der Güte und Milde des Weibes feſſeln! — Was fordern Sie von mir?— rief Elvira.— Nun, daß ich einem Manne meine Zärtlichkeit auf⸗ dringen ſoll, welcher——————— — Sonſt bei Andern ſuchen wird, was er nicht bei ſeiner Frau findet. Ja, Mylady, ich flehe Sie an, daß Sie nicht nach den Eingebungen Ihres Stolzes, ſondern nach dem, was Ihnen das Gefühl gebietet, handeln mögen. Ich habe Sie nur auf⸗ geſucht, um Sie darum zu bitten; ich bin einzig und allein hierher gekommen, um Ihnen zu ſagen: Lieben und Vergeben iſt der Beruf der Weiber; verläugnen Sie dieſen nicht, und Sie werden in der Erfüllung derſelben Ihr Glück finden! Sidney ſchwieg. Auch Elvira ſchwieg lange Zeit. Seine Mißbilligung that ihr weh und ſeine Bitte verletzte ſie. Als Elvira zu ſchweigen fortfuhr, bemerkte Sidney: — Haben meine Worte Ihnen Gram verurſacht? Nein, das iſt nicht möglich. Sie haben ſich nicht ſo ändern können, daß die Worte der Wahrheit und der Freundſchaft Ihnen mißfallen können. Merken Sie ſich, Mylady, es iſt der beſte Freund Ihres Gat⸗ ten, welcher zu Ihnen geſprochen hat, und wenn ich zu aufrichtig geweſen, ſo verzeihen Sie mir das! —— — 215 Erinnern Sie ſich nur, daß ich für den abweſenden, den verkannten Freund, das Wort geführt habe! — Ja, der ſeinige, aber nicht der meinige,— flüſterte Elvira. Ihre Freundſchaft für ihn hat Sie parteiiſch gemacht und Sie Ihr Intereſſe für mich vergeſſen laſſen. O, Sir Sidney, ich glaubte trotz⸗ dem, daß Sie mir zugethan wären, aber ich ſehe, daß es nicht ſo iſt. Mich liebt Niemand; Alle ver⸗ laſſen mich und klagen mich an. Elvira neigte den Kopf und weinte. Sidney ergriff haſtig ihre Hände und drückte ſie feſt in die ſeinigen. — Elvira, wiſſen Sie, was Sie jetzt ſagen?— äußerte er aufgeregt. Elvira blickte zu ihm auf, ſenkte aber ſofort den Blick. Sidney ließ ihre Hände los und ſtand haſtig auf. — Das Ungerechte in Ihren Worten werden Sie gewiß ſelbſt empfinden,— ſagte er mit einiger Anſtrengung;— und ich brauche deßhalb nicht ſie zu widerlegen. Sie werden, deſſen bin ich ge⸗ wiß, jetzt Zärtlichkeit und Liebe gewähren, da Sie wiſſen, daß Sie nur dadurch das Glück gewinnen können, das Sie vermiſſen. Laſſen Sie mich jetzt, wo ich Ihnen Adieu ſage, die Hoffnung mitnehmen, daß ich nicht vergebens geſprochen, ſondern daß Sie den Rath eines Freundes befolgen werden. — Ich werde es verſuchen,— ſtammelte Elvira ganz aufgeregt. — Dank!— Sidney küßte ihre Hand.— Und Lebewohl!— fügte er hinzu und wandte ſich gegen die Thüre, um zu gehen. — 216 Auf der Schwelle ſtand eine hochgewachſene Ge⸗ ſtalt. — Caſterton!— rief Sidney. Elvira erhob ſich haſtig; ein heftiges Zittern durchflog ſie. Edwin trat auf ſeine Frau zu. — Um Vergebung, Mylady, daß ich unange⸗ meldet zu Ihnen hereintrat; aber als man mir ſagte, daß ich hier meinen beſten Freund finden würde, ſo nahm ich kein Bedenken, ohne alle Cere⸗ monie über die Schwelle Ihres Heiligthums zu tre⸗ ten. Ihre Einſamkeit würde ich nicht gewagt haben zu ſtören. Die Worte, der Ton, die Miene, Alles wirkte peinlich auf Elvira. — Sie, Mylord, brauchen ſich wohl nicht anzu⸗ melden, wenn Sie das Weib beſuchen, welches Ih⸗ ren Namen trägt,— ſagte Elvira;— ich bin Ih⸗ nen außerdem beſonders verbunden, daß Sie ſich endlich dazu emſchloſſen haben, dieſes Haus aufzu⸗ ſuchen.— Elvira reichte ihm die Hand. Edwin verbeugte ſich ganz kalt, ohne dieſelbe zu ergreifen, und ſagte, indem er ſich an Sidney wandte: — Es freut mich, Dich wieder zu ſehen, obgleich ich, um aufrichtig zu ſein, es am allerwenigſten er⸗ wartet hatte, hier mit Dir zuſammenzutreffen. Ich hoffe indeſſen, daß Du Dich nicht verſcheuchen läßt, ſondern hier bleibſt, obgleich ich Dich das Lebewohl ausſprechen hörte.* Sidneys ruhige Blicke ruhten auf Caſterton, als er ſagte: 217 — Meinen Entſchluß, heute Abend von hier ab⸗ zureiſen, ändere ich wirklich, um mit Dir zu ſprechen, das heißt, wenn Mylady erlaubt, daß ich hier noch einige Stunden bleibe. — Lady Caſterton wird es gewiß mit Vergnügen ſehen,— ſiel Caſterton ein.— Ich bin überzeugt, daß mein Jugendfreund alle mögliche Gaſtfreund⸗ ſchaft genoſſen hat; oder ſollte ich mich vielleicht in Ihrer Güte verrechnet haben, Mylady? — Sie können ſich nie in mir verrechnen, am allerwenigſten, wenn davon die Rede iſt, gegen Sir Sidney Gaſtfreundſchaft zu zeigen,— ſagte Elvira ungekünſtelt. — Ich danke Ihnen!— Wollen Sie die Güte haben, meinen Arm zu nehmen, damit ich Sie zur Marquiſin führe, welche auf ſie wartet. — Die Marquiſin!— riefen Elvira und Sidney zu gleicher Zeit.— Sie hier! — Wenn es nicht geweſen wäre, um meine Tante zu begleiten, würde ich mich gewiß nicht erdreiſtet haben, Sie in Ihrer Freiſtätte aufzuſuchen. Ich würde nicht vermeſſen genug geweſen ſein, Ihre Ruhe mit meiner Gegenwart ſtören zu wollen; aber die Marquiſin hat den Einfall gehabt, hierher zu reiſen, und nicht genug damit, ſie wollte nothwendig meine Geſellſchaft haben. Ich konnte es ihr nicht ver⸗ weigern, ſie zu meiner Gattin zu begleiten. Während Edwin ſprach, hatte Elvira ſeinen Arm genommen, und beide traten, von Sidney begleitet, aus dem Arbeitszimmer. Jedes der Worte Edwins verletzte Elvira. 218 Im großen Salon ſaß die Marquiſin ganz al⸗ lein. Elvira ließ ſofort den Arm ihres Mannes los und eilte auf die alte Dame zu, deren Aeußeres ſich etwas geändert hatte. Sie war ziemlich abge⸗ fallen und hatte ein kränkliches Ausſehen bekommen. — Willkommen! Willkommen!— rief Elvira mit unverſtellter Freude und drückte ihre Hände an ihre Lippen. Elvira liebte wirklich die Marquiſin; deſſenohn⸗ geachtet war es das Erſtemal, daß ſie ihrer Anhäng⸗ lichkeit Ausdruck zu geben wagte. Elviras ganzes Ausſehen hatte auch ein ſolches Gepräge der Auf⸗ richtigkeit, daß die Wolke auf der Stirne der Mar⸗ quiſin ſich aufklärte, und ſie der reizenden Niece freundlich entgegenlächelte. — Dank!— mein Kind,— ſagte ſie und ſtrei⸗ chelte Elvira.— Ich fing an, mich zu langweilen, allein auf Hartoncourt zu ſitzen und habe deßhalb Dich aufgeſucht. Ich wollte das Land ſehen, wo Du geboren biſt.— Ah, Sir Sidney, Sie hier! Das war eine Ueberraſchung. Hat die Neugierde Sie auch nach Schweden getrieben? — Ja, Frau Marquiſin; nachdem ich in der Türkei und Griechenland herumgeſtreift, habe ich jetzt meinen Curs nach dem Norden genommen, um Land, Sitten und Leute dort zu ſtudiren,— ant⸗ wortete Sidney. — Und Sie haben Ihre Studien hier ange⸗ fangen? Die Marquiſin bemerkte dieß in einem etwas ſcharfen Tone. ₰ — Ich habe ſie überhaupt noch nicht angefangen 219 — verſicherte Sidney lächelnd,— weil ich es für eine ebenſo liebe als heilige Pflicht betrachtete, vor⸗ her einen Beſuch bei Lady Caſterton zu machen. — Das entgegengeſette Benehmen würde einen totalen Mangel an Ritterlichkeit verrathen haben,— meinte Caſterton. Elvira machte der Marquiſin einige Fragen we⸗ gen ihrer Geſundheit ꝛc., worauf dieſe erklärte, daß ſie der Ruhe bedürfte. f Sofort gab Elvira einige Befehle und begleitete die Marguiſin auf die Zimmer, welche dem vorneh⸗ men Gaſt zur Dispoſition geſtellt wurden. Elvira gab auch Befehl, die Sachen des Lords in diejeni⸗ gen Zimmer auf der andern Seite des Speiſeſaals hineinzutragen, welche für ihn in Bereitſchaft gehal⸗ ten wurden. Als die Marquiſin und Elvira ſich entfernten, blieben Edwin und Sidney einige Secunden ſtehen und betrachteten einander. Endlich brach Erſterer in ein Lachen aus und bemerkte ganz heiter: — Bei meiner Ehre, mein lieber Lembourn, ich glaube, Du haſt mich im Verdacht, eiferſüchtig zu ſein? Ach, mein Freund, das würde nur beweiſen, daß ich Deiner Ehre mißtraute und befürchtete, daß die meinige in Gefahr ſei. Das Herz würde in dem —— Falle nicht die geringſte Rolle ſpielen. — Dann wäre es nicht Eiferſucht, ſondern nur Furcht, daß Deine Frau auf die Idee kommen könnte, Dir mit derſelben Münze zu zahlen, welche Du ihr gibſt. Eine ſolche Vorſtellung wäre auch ganz natür⸗ lich, und wegen der kann ich Dich wirklich im Ver⸗ dacht haben, aber durchaus nicht wegen Eiferſucht. 220 um eine ſolche zu hegen, iſt es erforderlich, daß man ſeine Gattin liebt. — Nun ja, das iſt eine bekannte Sache, daß ich es nicht thue; aber zu fürchten, daß Du einen Flecken auf meine Ehre ſetzen könnteſt, das hieße vorauszu⸗ ſetzen, daß Du nicht länger Sidney Lembourn wä⸗ reſt. Du hältſt Deine eigene Ehre viel zu heilig, daß Du vergeſſen könnteſt, was Du derjenigen An⸗ derer ſchuldig biſt.— Alſo, mein Freund, ich fürchte nichts; ich finde nur unſer Zuſammentreffen lächer⸗ lich und jene vertrauliche téte-Atéte zwiſchen Dir und Lady Caſterton etwas unbeſonnen.— Mit Dei⸗ ner Erlaubniß verlaſſen wir das Thema. Nun, was ſagſt Du zu meinem Hierſein? — Durchaus nichts, ſo lange ich nicht das Motiv kenne, welches es veranlaßt hat,— antwortete Sidney. — Das Motiv bringe ich ja bei lebendigem Leibe mit mir; es iſt— die Marquiſin. — Du kamſt alſo hierher, nur um ſie zu be⸗ gleiten. — Ganz gewiß!— Ich wollte ſie nicht in das wirklich zärtliche Verhältniß einweihen, welches zwi⸗ ſchen mir und meiner Gattin herrſcht. Als darum die Marquiſin ganz plötzlich und ohne alle Umſchweife mir den Vorſchlag machte, daß wir meine Frau hier in Schweden überraſchen ſollten, konnte ich mich nicht weigern ſie zu begleiten, und um den Schein auf⸗ recht zu erhalten, reiste ich mit. — Das iſt ſehr niederſchlagend, Dich ſo ſprechen zu hören,— ſiel Sidney ein.— Es fällt mir ſchwer, 56 wiederzuerkennen. 221 — Du bildeſt Dir vielleicht ein, daß unſer letz⸗ tes Zuſammentreffen irgend eine Veränderung in meiner Denkweiſe hervorgebracht hat.— Nein, mein Freund, Du haſt nicht das Allergeringſte in meinen Anſichten wankend gemacht.— Lady Caſterton und ich leben am glücklichſten, je größer die Entfernung zwiſchen uns iſt.— Wir ſind Antipoden; und es iſt unmöglich uns zu vereinigen.— Sie hat es be⸗ kommen wie ſie es wünſcht, und ich bin ihr für dieſes Arrangement verbunden.— Daß ſie ſich wohl da⸗ bei befindet, iſt mehr als klar. Mit jedem Jahre, ſeit wir getrennt ſind, iſt ſie hübſcher geworden. — Mylords Zimmer ſind in Ordnung,— mel⸗ dete Edwins Kammerdiener welcher eintrat— Ed⸗ win reichte Sidney die Hand mit den Worten: — Ich muß mir den Reiſeſtaub abwaſchen. In einer Stunde ſehen wir uns wieders Es wird recht intereſſant ſein zu ſehen, wie ich logiren werde. Schlecht, vermuthlich; denn meine Frau wird ſich die Möglichkeit nicht gedacht haben, einen Beſuch von ihrem Mann zu bekommen. Der Lord ging und Sidney blieb allein im Sa⸗ lon. Er murmelte vor ſich hin: — Zwei Antipoden können nicht vereinigt wer⸗ den. Ich fürchte, daß er die Wahrheit redet.— Arme Elvira, welches iſt dein Schickſal geworden! Der Mittagstiſch wurde an dem Tage zwei Stunden ſpäter als gewöhnlich ſervirt, ſo daß der lare und lächelnde Sommerabend die Erde umgrmte, ls man auf Timaſſö ſich vom Tiſche erhob. 222 Alle Mittagsgäſte verſammelten ſich nach der Mahlzeit auf der Terraſſe. Edwin näherte ſich, ſowie man den Tiſch ver⸗ laſſen und ſich ins Freie begeben hatte, Armida. Elvira hörte ihn zu ihr ſagen: — Dieſer iſt ein Tag der Ueberraſchungen, denn das Schickſal iſt ſo gnädig geweſen, mir zwei ſolche 6 zu bereiten. Die zweite, die mir begegnet, iſt das Zuſammentreffen mit Ihnen. Ich verſichere indeſſen, daß dieſe letztere die angenehmſte war. Es freut mich Sie wiederzuſehen; ich hoffe, daß Sie ſich wohl befinden. Armidas Augen leuchteten auf eine eigene Weiſe. Der Blick hatte etwas von dem der Katze, welche auf ihren Raub lauert. Es ſchien, als wenn ſie eine wirkliche Freude empfand, in dieſem Manne, den ſie unter ganz eigenthümlichen Verhältniſſen ken⸗ nen gelernt, Elviras Gatten wiederzufinden. Er ſagte ihr auch einige verbindliche und ſchmeichelhafte Worte. Miſtriß Brow hörte auf mit dem Sticken und ihre Blicke flogen hinüber zu der Marquiſin, worauf ſie ihre Arbeit ganz ruhig wieder aufnahm. Sidney runzelte die Augenbrauen und Elviras Haltung wurde etwas ſteif. Edwin ſchien indeſſen über die Begegnung mit Armida ſehr erfreut zu ſein. Er gab weder Acht auf die bewölkte Stirne der Marguiſin, noch auf Sidneys gerunzelte Augenbrauen, noch auf Elviras kalte Miene. Er ließ ſich neben Armida nieder und begann mit ihr eine lebhafte Converſation über Paris Baden⸗Baden und die Schweiz. Er erinnerte ſie an alle die vergnügten Stunden, welche ſie zuſamme 223 verlebt, und intereſſirte ſich den ganzen Abend aus⸗ ſchließlich dafür, ſich mit ihr zu unterhalten. In wiefern Elvira ſich durch ſein Benehmen ver⸗ letzt fühlte, oder nicht, laſſen wir dahin geſtellt. Sie ihrerſeits begann ein lebhaftes Geſpräch mit Miſtriß Brow, Sidney und der Marquiſin. Sie ſchien kaum zu bemerken, daß Lord Caſterton ſich in der Nähe befand, ſo ſehr war ſie von ihren Gäſten in Anſpruch genommen. Die Marquiſin kannte zu wohl die Anforderungen des guten Tons, als daß ſie den Verdruß hätte mer⸗ ken laſſen ſollen, welchen ſie empfand, und ſie nahm deßhalb ganz unbefangen an der Unterhaltung Theil. Ein paar Mal, als Elvira herzlich lachte, be⸗ merkte Miſtriß Brow, daß der Lord ſeine Frau an⸗ ſah, und daß er ſogar ſeinen Blick auf ihrem reizen⸗ den Geſicht lange ruhen ließ. Nachdem man Thee getrunken, zog ſich die Mar⸗ quiſin in ihre Zimmer zurück, und die übrigen Gäſte boten der Wirthin gute Nacht. Edwin und Elvira waren jetzt allein im großen Salon. Der Erſtere kam auf ſie zu und ſagte: — Wie ſoll ich meine Erkenntlichkeit für die Sorgfalt beweiſen, welche Elvira dem Abweſenden bei der Ordnung ſeiner Wohnung gewidmet hat! Ich wagte wirklich nicht, mir damit zu ſchmeicheln, daß Sie ſich ſo viel mit mir beſchäftigten, daß Sie ein ganzes Stockwerk meublirten, um es für mich bereit zu halten.— Dieſes iſt von Ihrer Seite eine ſo große Güte, daß ich mich dadurch ganz überraſcht — Ah, Mylord, das hieße von ſehr wenig über⸗ . raſcht zu werden und eine Bagatelle überſchätzen.— Es war ja natürlich, daß ich bei der Ordnung die⸗ ſes Hauſes eine Wohnung einrichten ließ, welche für Sie beſtimmt war, obgleich ich, aufrichtig ge⸗ ſprochen, nicht glaubte, daß ſie je benutzt werden würde. Es würde übrigens ganz ſonderbar auf Ti⸗ maſiö ausgeſehen haben, wenn ſich nicht für Sie eingerichtete Zimmer dort befunden hätten. — Sonderbar ausgeſehen haben!— wieder⸗ holte Edwin.— Sie legen viel Gewicht auf das Aeußere und opfern alſo ausſchließlich dem Scheine. — Ich hatte kein Recht an etwas Anderes zu denken. Da ich Ihren Namen trage, ſo iſt es ja meine Pflicht, ſehr beſorgt zu ſein, daß nicht der geringſte Schatten darauf geworfen werde. — Obgleich ich Ihnen für dieſe Sorgfalt danke, ſo würde ich doch in dieſem Augenblick wünſchen, daß Ihre Handlung einen andern Beweggrund ge⸗ habt. Es wäre mir lieb geweſen zu denken, daß gleichgültig was, nur nicht, daß die Woh⸗ nung, welche als die meinige bezeichnet wird, des Scheines halber eingerichtet worden wäre. Elvira ſchwieg. Sie wagte indeſſen nicht die geſenkten Augen zu erheben, und doch hätte ſie viel darum gegeben, zu wiſſen, was ſein Geſicht aus⸗ drückte. — Wie lange hat Elvira ſich hier aufgehalten? — hob Edwin nach einer ziemlich langen Pauſe wieder an.. — Seit Anfang Mai.— Ich kam von Italien in den erſten Tagen des April. — Ja, das iſt wahr, Sie ſind den ganzen Winte 225 in Italien geweſen und haben Ihre Zeit ausſchließ⸗ lich muſikaliſchen Studien gewidmet. — Wer hat Ihnen das mitgetheilt?— fragte Elvira.— Ah, ich verſtehe, Sie wiſſen es durch Miß Brow. Wieder eine Pauſe, die Edwin auch diesmal un⸗ terbrach. — Wie gefiel es Ihnen in Italien?— hob er wieder an. — Gut; ich befinde mich immer dort wohl, wo ich von einer hübſchen Natur und Muſik umgeben bin. — Ein grünes Land und melodiſche Töne ſind alſo das, was Sie lieben.— Was mich indeſſen verwundert hat, iſt die eingezogene Lebensweiſe, die Sie führen.— Ich hatte geglaubt, daß Sie den Lärm der großen Welt und deren Feſte und Triumphe, welche ſie einem Weibe zu ſchenken hat, das, wie Sie, im Beſitz von Jugend, Schönheit, Reichthum und Rang iſt.— Ich hätte wirklich erwartet, Lady Caſterton als eine Dame erwähnen zu hören, welche in Frankreich, Italien und in jedem Lande, wo ſie aufträte, eine bedeutende Rolle dadurch ſpielen würde, daß ſie alle Weiber verdunkelte. — Und wenn ſie es gethan, würde das Sie ge⸗ freut haben, Mylord? — Ja, bei meiner Ehre, das würde mir ein großes Vergnügen gemacht haben; ich würde es dann gewagt haben Sie aufzuſuchen, um Zeuge Ihrer Siege zu werden.— Auf der anderen Seite wagte ich jetzt nicht, ein ſo abgeſondertes Leben zu ſtören, welches nur den Studien gewidmet war.— Ich un⸗ terſtand mich nicht, in Ihre Nähe zu kommen, um 15 Schwartz, Gold und Name. I. eine Stimme zu hören, die ich nur wenige Male gehört, und von welcher Alle entzückt ſind. Elvira blickte auf zu Edwin. — Wiſſen Sie, Mylord, was mich wundert, wenn ich Sie höre?— Nun, daß Sie Ihre Ge⸗ danken mit mir beſchäftigt haben. Ich glaubte wirklich, daß Sie ſich nicht öfters meiner erinnerten, als wenn der erſte September kommt. — Iſt es nach Ihnen ſelbſt, daß Sie mich jetzt beurtheilen?— fragte Edwin und ergriff Elviras Hand. — Ich urtheile nach Ihrer Handlungsweiſe,— 3 antwortete Elvira, ohne die Hand zurückzuziehen. 3— Nach Meiner? Warum nicht lieber nach Ihrer eigenen? Laſſen Sie uns beſinnen. — Ich bitte um Verzeihung— ſprach eine weiche Stimme, und Armida kam in den Salon hereinge⸗ — aber ich habe gewiß ein Notizbuch hier ver⸗ oren. 1 Caſterton ließ Elviras Hand los und beide ſtan⸗ den auf. Es gab ein allgemeines Suchen. Armida war über den Verluſt troſtlos und äußerte in ihrer Verzweiflung, indem ſie ſich an Caſterton wandte: 2— Ich möchte nicht um Vieles das Buch ver⸗ loren haben.— Daſſelbe gehört nicht mir, ſondern iſt unverſehens in meinen Beſitz gekommen und ich habe eben jetzt die Abſicht gehabt, daſſelbe ſeiner Eigen⸗ thümerin zuzuſtellen. Es war ein kleines Notizbuch, welches Sie Martha gaben, und welches ſie aufzu⸗ heben verſprach, bis Sie und ſie ſich in Schweden begegnen würden. Ach, ich werde mich nicht tröſten können, wenn ich daſſelbe nicht wiedererhalte, weil 3 227 es ausſehen wird, als hätte iches mir aus Bosheit angeeignet. Ich war feſt enſſchloſſen, es morgen nach Skogshof zu ſchicken. Nartha kam geſtern dort an.. Lord Caſterton warf einer unzufriedenen Blick auf Armida. Elvira bückte ſich noch tiefer, um ihr ſuchen zu helfen, und vielleicht auch, um die Be⸗ wegung zu verbergen, welche ſie ergriffen. Raſch erhob ſich Elvira und hielt in der Hand ein Kleines, ausgeſucht elegantes Notizbuch. — Iſt es dieſes?— fragte ſie und reichte Ar⸗ mida das Buch hin. — Ach ja! Dank, tauſend Dank, Du gute Elvira! — brach Armida aus.— Ich fühle mich ganz glück⸗ lich, es wieder gefunden zu haben;— denn Mylord hat in daſſelbe einen Vers geſchrieben, welchen ich nicht wollte, daß irgend ein Unberufener leſen ſollte. — Jetzt kann ich mich ganz ruhig ſchlafen legen.— Armida drückte Elviras Hand, verbeugte ſich vor Edwin und eilte aus dem Zimmer. Wieder waren Elvira und Edwin allein; aber wenn bei ihrem früheren Zuſammenſein unter vier Augen Etwas gleich einer Annäherung vorhanden geweſen war, ſo hatte das Auftreten Armidas dieſe Gemüthsſtimmung gänzlich geſtört. Elviras Ausſehen war wieder ſteif und Edwins gedankenvoll. — Es dürfte Zeit ſein, Mylord, daß Sie zur Ruhe gehen,— ſagte Elvira;— ich muß Ihnen deshalb eine angenehme Nacht wünſchen.— Ich hoffe, daß unter dieſem Dache nur fröhliche und lächelnde k Träume Sie heimſuchen werden. — Was, Sie wollen mich ſchon verlaſſen?— fragte Edwin, wie aus einem Traume erwect. F Wir haben Vitternacht, es iſt alſo nicht zu rüh. Elvira machte eine Verbeugung mit dem Kopf und reichte Edwin die Hand. Er ergriff ſie und wollte ſie feſthalten; aber ſie zog ſie zurück und ging mit haſtigen Schritten ge⸗ gen die Thüre. Möglich hoffte ſie, daß er nachkommen und ſie zurückzuhalten ſuchen ſollte; aber Elvira irrte ſich. S⸗ nicht dieſes ſtolze und unbeugſame Ge⸗ üth. Cdwin ließ ſie unbehindert aus dem Zimmer hinausgehen. Als er ſich allein befand, warf er ſich in einen Fauteuil. — Thorheiten,— murmelte er,— den Verſuch zu machen, auch nur für einige flüchtige Augenblicke ihre und meine Stellung zu verändern! Sie will es nicht, und ich— ich wünſche es auch nicht.— Ich habe indeſſen jetzt verſucht es zu thun, um nur ſel⸗ ber ſagen zu können, daß ich gethan habe, was von mir abhängig war. Es ſcheint, daß ſie nicht duldet, daß ich die Grenze überſchreite, die ſie gezogen. Mag es denn ſo ſein;— niemals werde ich der⸗ jenige ſein, welcher ſich vor einem Weibe demüthigt, und am allerwenigſten vor einem, welches mich ſo tief verletzt hat, wie ſie.— Eine hübſche Mißgeburt iſt ſie, aber ohne Herz, ohne einen Begriff davon, was Gewiſſen und Gefühl gebieten, ſondern nur ihrem Hochmuth und ihrem unbeugſamen Selbſtge⸗ 229 fühl gehorchend. Wenn ſie nicht ein ſo einnehmen⸗ des Aeußere hätte, ſo würde ich ſie ebenſo ſehr ver⸗ abſcheuen, wie ich ſie verachte. Ja, ich verachte ſie von meiner ganzen Seele, und ich kann ihr niemals das ebenſo elende wie gefühlloſe Benehmen ver⸗ zeihen, welches ſie gegen mich gezeigt.— Fort darum mit allen Gedanken an dieſes Weſen welches ver⸗ gißt, daß es die Pflichten einer Gattin gegen ſeinen Mann hat!wWw Edwin entfaltete ein kleines Papier, welches er in der Hand hielt, und fügte in Gedanken hinzu: — Laß ſehen, was das enthält! Armida ließ es in meine Hand ſchlüpfen, während wir nach dem Notizbuch ſuchten. Edwin warf ſeine Augen darauf; aber er hatte kaum den Inhalt durchblickt, als er von ſeinem Platz aufſprang und rief: — Wenn dieſe Anklage wahr wäre;— wenn ——— ah, dann würden wir bald werden, was wir immer für einander hätten ſein ſollen! Edwin ging haſtig aus dem Salon durch den Speiſeſaal in ſein Zimmer hinein. Es war Morgen. Noch ſchliefen die Gäſte auf Timaſjö; aber die Herrin des ſchönen Gutes hatte bereits lange ihr Schlafzimmer verlaſſen und war im Begriff, ein 5 ziemlich dickes Briefpaquet aufzubrechen, welches man ihr eingehändigt hatte. Sie entfaltete ein zuſammengelegtes Papier, wel⸗ hes zu oberſt lag, und las: — 230 „Schöner Traum meiner Jugend!— Ich weiß „kaum, ob ich die Feder ergreifen darf, um an Dich „zu ſchreiben,— an Dich, die ich geliebt und ewig „lieben werde— von der ich einſt geliebt war, und „die ich aus wahnſinnigem Hochmuth verrieth, um „den falſchen Rathſchlägen einer thörichten Eifer⸗ „ſucht und einer geſchmeichelten Eigenliebe zu lauſchen. „Wenn ich wagen könnte, vor Dir aufzutreten, „um alles das zu berichten, was ich ſeit der Stunde „gelitten, wo ich Dich als Braut in Copenhagen „geſehen, dann würdeſt Du mich vielleicht verſtehen. „Du verheirathet, verheirathet mit einem Andern „als mit mir! Siehe, das iſt es, was mich Nacht, „und Tag plagt. Der Schmerz, welchen ich empfand, „machte es mir faſt unmöglich, die Bande zu ertra⸗ „gen, welche mich an Martha feſſelten. Das Schick⸗ „ſal hat es ſo gefügt, daß ich Deinen Mann kennen „lernte. Wo, und wie, wirſt Du etwas weiter unten „erfahren. „Als ich dieſen ſtattlichen und hochgebornen Edel⸗ „mann ſah, hielt ich es für ausgemacht, daß Du „ihn liebteſt, und daß die Liebe zu mir nur ein „vorübergehendes, flüchtiges Gefühl geweſen. „Erſt litt ich alle Marter der Eiferſucht, dann „fühlte ich den bitterſten Verdruß über das Betra⸗ „gen Deines Mannes; denn er brachte meiner da⸗ „maligen Braut ſeine Huldigungen dar, und das „auf eine ſo aufdringliche Weiſe, daß es verletzend „für Dich und beleidigend für mich wurde.— Das „Reſultat war, daß meine und ihre Verlobung auf⸗ „gehoben wurde. Wir trennten uns. „Ich kehrte nach Schweden zurück. Sie beglei⸗ 231 „tete ihren neuen Anbeter, Deinen Mann, nach „England. „Nun erhielt ich den Frühling einen Brief von „Martha, in welchem ſie vorſchlägt, daß wir die „Briefe, die wir gewechſelt hatten, austauſchen ſoll⸗ „ten.— Sie ſchrieb, daß ich die meinigen bei ihrem „Vater zurückerhalten könnte, wenn ich ihm diejenigen „übergäbe, welche ſie geſchrieben. „Ich ſuchte den Oberſt auf. Er gab mir ein „verſiegeltes Paquet, welches, wie ich glaubte, meine „Briefe enthielt, und ich gab ihm Marthas eben⸗ „falls verſiegelt, worauf ich nach Hauſe zurückkehrte. „Ich erbrach den Umſchlag und wollte den ganzen „Bündel ins Feuer werfen, als mein Blick zufälli⸗ „gerweiſe auf einen der Briefe fiel. Es war nicht „meine Handſchrift; nicht einmal meine Sprache war „es, ſondern eine fremde. Ich faltete das Schrei⸗ „ben auseinander; daſſelbe war von Lord Edwin „Caſterton. „Martha hatte mir die zärtlichen Ergüſſe des „Lords ſtatt der meinigen geſandt. „Ob dieß durch einen Mißgriff oder mit Ab⸗ „ſicht geſchehen war, war mir für den Augenblick „ſchwer zu entſcheiden. Ich wurde indeſſen bald „davon überzeugt, daß es ein Mißgriff geweſen; „denn ich erhielt nicht allein einen Brief von Martha, „in welchem ſie mich bat, die Briefe, welche ich er⸗ „halten, auszutauſchen, ſondern der Oberſt beſuchte „mich, um diejenigen des Lords zu erhalten. „Jach meinem Geſchmad war es indeſſen nicht, „dieſelben zurückzugeben. Ihr Inhalt hatte mich „über Manches aufgeklärt, und ich beſchloß ſie zu „behalten. „Durch dieſe Briefe erfuhr ich, daß Du Dich „nicht aus Liebe geheirathet, und ich glaubte jetzt „einzuſehen, daß Du, theure, geliebte Elvira, aus „Verdruß über mein Betragen die Gattin Caſtertons „geworden. „Wie glücklich dieſe Entdedung mich machte, „mußt Du ſelbſt begreifen können, wenn ich Dir „ſage, daß ich während dieſer vier Jahre, welche „verfloſſen ſind, nicht eine einzige Secunde aufge⸗ „hört habe, mit Liebe und Sehnſucht an Dich zu „denken, die ich bei unſerem Begegnen in Wiesbaden „reizender fand, als je. „Mein Entſchluß betreffs der Briefe war bald „gefaßt. Ich wollte ſie Dir ſchicken und Dir zeigen, „welchen Gatten Du Dir gewählt. Ein Mann, „welcher mit Leidenſchaft für ein anderes Weib „ſchwärmt, und welcher nicht den Edelſtein, den er „in Dir beſitzt, zu ſchätzen weiß! „Elvira, angebeteter Engel, welches Schickſal hat „nicht dieſe Martha Dir und mir bereitet! „Mich bethörte ſie ſo, daß ich meiner erſten und „einzigen Liebe untreu wurde; Dich verletzte ſie ſo, „daß Du die Gattin dieſes ehrvergeſſenen Mannes „wurdeſt. „Jetzt frage ich Dich: kannſt Du, nach dem Le⸗ „ſen der beifolgenden Briefe, noch glauben, daß Du „irgend Pflichten gegen Lord Caſterton haſt? Un⸗ „möglich! Ach, Elvira, Glück, Seligkeit und die „Verwirklichung aller unſerer Träume können noch 233 „erblühen, wenn Du mir nur eine Stunde Unter⸗ „redung bewilligſt. „Ich halte mich jetzt auf Altorp auf und es iſt „von dort, daß ich Dir ſchreibe. Ich warte in die⸗ „ſer meiner Heimath Deine Erlaubniß ab, einen Be⸗ „ſuch auf Timaſiö machen zu dürfen. Dieſe Gunſt „wirſt Du mir nicht verweigern, wenn Du noch eine „nur ſchwache Erinnerung an die Freundſchaft be⸗ „ſitzeſt, welche ich Dir von der Kindheit an ge⸗ „widmet. „Zwar ſagte man in Wiesbaden, daß zwiſchen „Dir und einem gewiſſen Sir Sidney ein zärtliche⸗ „res Verhältniß ſtattgefunden haben ſolle; aber Deine „Heirath mit Lord Caſterton wiederlegt vollkommen „dieſe Gerüchte, und ich kann mir nichts Anderes „denken, als daß Du Deiner erſten Liebe treu blei⸗ „ben wirſt. „Elvira, auf meinen Knieen flehe ich um eine „Stunde Unterredung. Dein treuer Carl.“ Als Elvira mit dem Leſen dieſer merkwürdigen Cpiſtel zu Ende war, ſchleuderte ſie dieſelbe weit von ſich. Die ganze Niederträchtigkeit in dem Cha⸗ rakter desjenigen, welcher dieſe Zeilen geſchrieben, ſtand deutlich vor ihrer Seele. Sie empfand Etwas gleich Eckel bei den zärtlichen Verſicherungen, welche er verſchwendete. Nächſt dem Gefühle der Verach⸗ tung fühlte ſie ſich von einer tiefen Erbitterung er⸗ griffen. Sie ſtarrte dieſe Briefe an, welche man ihr ge⸗ 8 ſandt, dieſe Beweiſe, daß ihr Mann mit leiden⸗ ſchaftlicher Zärtlichkeit Martha geliebt, dieſelbe Martha, welche gleich einem finſtern Schatten zwi⸗ ſchen ihr und der Freude des Lebens geſtanden, den erſten glücklichen Jugendtraum ihres Lebens ver⸗ bitternd. Ihr Zuſammentreffen in der Kindheit, als Elvira von dem böſen Hunde überfallen wurde, und das Fräulein ſeinen Vater aufforderte, Elvira zu ſchla⸗ gen;— alle dieſe Qualen, die Elvira erlitten, als Carl ſie wegen der hübſchen und reichen Martha ver⸗ gaß— Alles, Alles lebte wieder auf und vermehrte das Gefühl der Erbitterung, die ſie empfand. Sie ſtreckte die Hand aus, um einen der Briefe zu nehmen; aber ſie zog ſie wieder zurück, verbarg das Geſicht in den Händen und brach in Thränen aus. — Erlauben Mylady, daß ich eintreten darf?— ſagte Miſtriß Brow und hob den Vorhang auf. Elvira trocknete raſch die Thränen. — Aus welchem Anlaß ſuchen Sie mich ſo früh Morgens auf?— fragte Elvira in heftigem Tone. — Ich hatte wenigſtens gehofft, in meinen Privat⸗ zimmern in Frieden ſein zu dürfen, ohne bewacht zu werden. Riſtriß Brow trat, trotz den wenig einladenden Worten Elviras, ein.— Sie heftete einen ruhigen Blick auf das junge Weib und ſagte kalt: — Es iſt das Erſtemal, daß ich über die Schwelle Ihrer Privatzimmer getreten, Mylady, und ich würde es auch jetzt nicht gethan haben, wenn nicht die Marquiſin mich gebeten hätte, Sie aufzuſuchen⸗ — Sie iſt unwohl und wünſcht Sie zu ſprechen. 8 235 — Seien Sie ſo gut und ſagen Sie der Mar⸗ quiſin, daß ich mich ſofort bei ihr einfinden werde, — antwortete Elvira, welche die Briefe zuſammen⸗ ſammelte und in eine Chiffoniere einſchloß. Als Elvira zu der Marquiſin hineinkam, wurde ſie durch ihr kränkliches Ausſehen überraſcht. Die Marquiſin lächelte demohngeachtet Elvira entgegen und winkte Miſtriß Brow ſich zu entfernen.— Als letztere ſich auf ihre Zimmer begeben wollte, kam Lord Caſtertons engliſcher Kammerdiener ihr entge⸗ gen und ſagte: — Mylord bittet, daß Miſtriß Brow ſo gut ſein möchte, zu ihm hinunter zu kommen. Er iſt im Pavillon. Die Frühſtücksglocke hatte noch nicht die Gäſte auf Timaſiö zu der erſten Mahlzeit gerufen, als Sidney unten im Park promenirte und den Weg nach dem Pavillon nahm. Er hatte die Dienerſchaft nach dem Lord gefragt und den Beſcheid erhalten, daß Edwin ſich dort befände. Er wollte gerade ein⸗ treten, als er ſeinen Namen nennen hörte. Es war Miſtriß Brow, welche äußerte: — Jetzt habe ich meine Meinung über Sidney Lembourn und die Lady geſagt.— Es iſt möglich, daß ich Unrecht habe; indeſſen glaube ich es nicht, und ich bitte Sie, Mylord, nicht zu übereilt zu n Sie dürften eines Tages gezwungen Sidney, welcher es für unverträglich mit ſeiner Ehre fand zu lauſchen, blieb nicht länger ſtehen, als — 6 bis er herausgefunden, wer die Sprechenden waren, und als er ſich davon überzeugt hatte, hielt er es für überflüſſig ſich zu geniren, ſondern trat ein und unterbrach das Geſpräch. — Ich bin gekommen, mein lieber Caſterton, um Dir mitzutheilen, daß ich Pferde habe beſtellen laſſen und in einer Stunde mit Mr. B— nach Stockholm reiſe,— ſagte Sidney und reichte Edwin die Hand. — Und warum willſt Du nicht hier bleiben?— fragte Caſterton.— Iſt es meine Anweſenheit, die Dich fortjagt?. — Die hat mich achtzehn Stunden länger auf⸗ gehalten, als ich beſchloſſen hatte. Wäreſt Du nicht geſtern eingetroffen, ſo wäre ich jetzt in Stockholm. Ah, guten Morgen, Miſtriß Brow,— fügte Sidney hinzu und verbeugte ſich vor der engliſchen Dame, indem er in einem ſcherzenden Tone hinzufügte: Ich glaube, bei meiner Ehre, daß ich ein anmuthi⸗ ges téte à téte zwiſchen Ihnen und dem Lord unter⸗ brochen habe. Wenn dem ſo iſt, dann bin ich un⸗ tröſtlich. — Ich gebe Ihnen die Verſicherung, Sir,— fiel Miſtriß Brow ein,— daß die Unterredung zwi⸗ ſchen mir und Lord Caſterton ſchon längſt auf dem Punkt angelangt war, daß ſie nicht fortgeſetzt zu werden uchte. Miſtriß Brow machte ein Compliment vor den beiden Herren, und Edwin bemerkte, als ſie fort war: — Geſtern überraſchte ich Dich unter vier Augen mit Lady Caſterton; heute biſt Du es, welcher mich 237 überrumpelt; ich hoffe indeſſen, daß die Gefahr geſtern nicht größer für Dich war, als die heutige für mich geweſen. — Das war eine einfältige Hoffnung,— meinte Sidney,— und durchaus nicht motivirt. Der Un⸗ terſchied zwiſchen einer Unterredung mit einer Dame von fünfzig Jahren und einem reizenden Weibe von zwanzig iſt— viel zu groß, um einen Vergleich zu geſtatten. — Willſt Du damit ſagen, daß Du geſtern einer Gefahr ausgeſetzt warſt? — Ja! Caſterton betrachtete Sidney und brach dann in ein herzliches Lachen aus. — Ah, mein Freund, Du willſt beſtimmt, daß ich von Eiferſucht heimgeſucht werden ſoll; aber das iſt vergeblich, mich damit anſtecken zu wollen. Ich kann nicht auf meine Frau eiferſüchtig werden. — Und Du haſt auch keinen Grund dazu. Wenn ich aufrichtig bekenne, daß jede Stunde unter vier Augen mit Lady Caſterton für mich gefährlich iſt, ſo habe ich darum nicht die geringſte Veranlaſſung zu hoffen, daß meine Gegenwart im Entfernteſten gefährlich für ſie ſei. Ich will indeſſen nicht gar zu ſehr meine Seelenſtärke in Verſuchung bringen, ſondern ergreife deßhalb die Flucht. Es iſt gewagt, in der Nähe derjenigen zu ſein, die man liebt, zu wiſſen, daß ſie von ihrem Manne vernachläßigt wird und doch ein gleichgültiges und kaltes Aeußere bei⸗ zubehalten, ohne ſich verlocken zu laſſen, ihr zu ſa⸗ gen, wie hoch man ſie liebt. — Du wirſt zugeben, Lembourn, daß die Er⸗ 238 klärung, die Du jetzt machſt, höchſt eigenthümlich iſt!— ſiel Edwin mit gerunzelten Augenbrauen ein. — Sie iſt ehrlich und ſo, wie Du ſie von mir erwarten durfteſt.— Ich gebe gerne zu, daß es minder gewöhnlich iſt, daß ein Mann dem Ehegatten ſagt: ich liebe Deine Frau. Gewöhnlicher iſt es, daß er es ihr hinter dem Rücken des Mannes ſagt; — aber ich konnte nicht anders handeln, als ich thue.— Und jetzt Lebewohl!— Bringe Lady Ca⸗ ſterton meinen verbindlichſten Gruß. Ich nahm ge⸗ ſtern, als Du Dich einfandeſt, von ihr Abſchied, und ich wünſche mir den Schmerz zu erſparen, es noch einmal zu thun. Sidney drückte Edwins Hand. — Willſt Du mir, bevor wir uns trennen, auf eine Frage antworten?— hob Caſterton wieder an. — Gern! — Warum beſuchteſt Du meine Frau, da Du wußteſt, daß Du mich hier nicht antreffen würdeſt? — Aus dem einfachen Grunde, weil ich ſie wie⸗ derſehen wollte. Ich wollte mich davon überzeugen, wie ſie ihr Schickſal ertrüge. Ich habe das jetzt ge⸗ than und die Erfahrung gemacht, daß es nicht gut für mich iſt, in ihrer Nähe zu weilen, beſonders ſeit ich weiß, wie wenig Werth Du auf ſie legſt, und wie unwürdig Du biſt, einen ſolchen Schatz zu be⸗ ſitzen. Lebewohl, mein lieber Caſterton! Ich hoffe, daß, wenn wir uns nächſtens wiederſehen, das Ver⸗ hältniß zwiſchen Dir und Elvira ein beſſeres ſei; daß Du wenigſtens dann zu der Anſicht gekommen biſt, daß wir Männer, um Treue von unſern Frauen 239 fordern zu können, uns ſelbſt vor dem Schmutz un⸗ edler Begierden und Leidenſchaften hüten müſſen. Caſterton legte ſeine Hand auf Sidney's Schulter. — Liebt Elvira Dich?— fragte er und blickte dem Freund ins Auge. — Edwin Caſterton, ich ſagte Dir bereits vor zwei Jahren, wen ſie liebt. — Aber Du ſprachſt nicht die Wahrheit; ich be⸗ wies es damals, und ich will es jetzt noch weiter beweiſen. Würde ſie, wenn es in ihrem Herzen nur einen Schatten von Neigung gegeben hätte, mir vor⸗ geſchlagen haben, daß wir getrennt leben ſollten? Hochmuth, und nur Hochmuth hat ſie an mich ge⸗ feſſelt! Sie bedurfte meines Namens, um damit zu glänzen; aber ſie wollte nicht von einem Manne be⸗ ſchwert ſein. — Hat ſie denn geſucht, mit dieſem Namen zu glänzen?— fragte Sidney.— Nein, ſie hat ein ſtilles und eingezogenes Leben geführt und iſt ängſt⸗ lich geweſen, daß Jemand die Aufmerkſamkeit auf ſie und den Namen, den ſie trägt, richten möchte. Wenn Du nicht ſo verblendet geweſen, wie Du biſt, ſo würdeſt Du bemerkt haben, daß ſie mit der größten Sorgfalt es vermieden hat, auf dem Welttheater irgend eine Rolle zu ſpielen. Du biſt zu ſehr von derjenigen eingenommen geweſen, welche Dich bethört hat, als daß Du auf die Handlungen Deiner Frau hätteſt Acht geben können. — Du meinſt Martha Stangenſtjöld? — Ja, Deine unglückliche Paſſion für dieſes Weib hat einen erniedrigenden Eindruck auf Deine Seele ausgeübt. 240 — Erniedrigenden!— rief Edwin.— Nein, Lembourn, ſie iſt der Sonnenſtrahl in meinem ge⸗ genwärtigen Leben geweſen. Durch ſie habe ich ge⸗ fühlt, daß ich gelebt, und wäre ich frei geweſen, ſo hätte ich mich keinen Augenblick beſonnen, ihr meine Freiheit zu opfern. Sie mit ihrer Schönheit, ihrem Geiſte und ihren bezaubernden Eigenſchaften würde eine würdige Lady Caſterton geweſen ſein. — Du liebſt ſie alſo? — Ich vergöttere ſie,— fiel Edwin lebhaft ein. — Wenn dem ſo iſt, warum denn nicht mit El⸗ vira wegen einer Scheidung eine Uebereinkunft tref⸗ fen?— Frei könnt Ihr beide glücklich werden, während Ihr dagegen jetzt ein Unglück für einan⸗ der ſeid. Edwins Hand ruhte ſchwerer auf Sidneys Schul⸗ ter, und ſein Blick wurde finſterer, als er langſam äußerte: — Wenn Lady Caſterton keinen Fleck auf mei⸗ nen Namen ſetzt oder ſich eine Handlung erlaubt, welche mit ihrem Range unvereinbar iſt, werden wir nicht geſchieden. — Das heißt, daß Du durch Deine Treuloſigkeit ſie zwingen willſt, daß ſie. Das Rauſchen eines ſeidenen Kleides und der Schall von ieichten Tritten, welche ſich näherten, machte Sidney innehalten. Elvira kam auf ſie zu. Sie war ſehr bleich und ſah aufgeregt aus. — Die Marquiſin iſt ſehr heftig erkrankt,— ſagte Elvira,— und ſie wünſcht mit ihrem Neveu zu ſprechen.— Sie will, daß man ſofort Aerzte ruft, 241 und ich habe Befehl gegeben, daß ein Bote nach der Stadt reiten ſoll, um einen ſolchen zu holen. — Ich reiſe ab,— fiel Sidney ein,— und ich werde ſofort Doctor** herausſchicken. — Dank, Sir, und Gott ſegne Sie für all Ihre Freundſchaft!— flüſterte Elvira. Edwin war gleich bei der Nachricht, daß die Marquiſin ihn zu ſehen wünſche, nach der Thüre ge⸗ eilt. Als Elvira in aufgeregtem Tone Sidney dankte, warf er einen Blick zurück. Niemals war Elvira ihm ſo reizend vorgekommen, wie in dieſem Mo⸗ ment. Die Augen ſtanden ihr voll Thränen und über ihrem Geſicht ruhte ein Schatten von milder, trauriger und tiefer Bewegung. — Iſt es der Abſchied von Lembourn, der ſie aufregt?— dachte Edwin und eilte hinaus.— Wenn das der Fall wäre,— fuhr er fort, ſo be⸗ weist es, daß ſie lieben kann, und dann iſt ſie zu beklagen, denn nur der Tod kann ihr die Freiheit wieder geben. Sie iſt meine Gattin geworden, um einen Namen zu bekommen; ſie wird es bleiben, ſo lange ich lebe. Sidney war von Timaſiö abgereist. Der Lord brachte mehrere Stunden allein mit der Marquiſin zu, und Elvira hielt ſich auf ihren Zimmern auf. Als ſie ſie ſchließlich verließ, gab ſie Befehl, daß ein Bote mit einem Brief nach Altorp hinübergehen ſollte. Armida ſtand auf der Treppe und hörte dieß. — Ein Bote nach Altorp, dachte das ſchlaue Mädchen,— was ſoll das bedeuten? Schwartz. Gold und Name. I. 242 Armida begab ſich die Treppe hinunter und be⸗ gegnete dem Bedienten, welcher einen Brief in der Hand hielt. — Soll Johann hinüber nach Altorp?— fragte Armida mit der unſchuldigſten Miene von der Welt. — Ja, ich ſoll einen Brief an den königlichen Secretär Brogren tragen,— antwortete Johann. Armida fuhlte, daß ſie feuerroth wurde. — Was kann ſie an ihn zu ſchreiben haben? — dachte Armida.— Ich muß es wiſſen, es koſte was es wolle. Laut äußerte ſie: — Sei ſo gut und warte einen Augenblick, ich wünſchte auch einen Brief nach Altorp hinüber zu haben.— Wenn Johann ſo gut ſein wollte, einen Augenblick zu mir hinaufzukommen, ſo würde er gleich fertig ſein. Johann war ein wohlerzogener Herrſchaftsdiener, der im Auslande geweſen war und die Welt ge⸗ ſehen hatte, weshalb er auch verſprach, alsbald hin⸗ aufzukommen und den Brief des Fräuleins abzu⸗ holen. Ein Wagen ſtand vor der Treppe, als Johann in die Hausflur hinunterkam. Es war der Doctor, der von der Hauptſtadt an⸗ gekommen war. Johann eilte wieder hinauf, um ſofort ſeine Herrin von der Ankunft des Arztes in Kenntniß zu ſetzen. Im nächſten Augenblick wußte das ganze Haus, daß die Marquiſin krank ſei, und als Johann ſich bei Armida einfand, ſagte er: — Wenn Fräulein ſo gut ſein wollte, mir den W — 243 Brief zu geben, denn ich muß mich gleich fortbege⸗ ben. Ich muß nach der Stadt reiten, um Medica⸗ mente für die Marquiſin zu holen, welche ſehr krank ſein muß. — Iſt die Marguiſin krank?— rief Armida. — Ja, Herr Lembourn hat den Doctor heraus⸗ geſchickt, und ich erhielt jetzt den Befehl, unverzüg⸗ lich nach Arzneimitteln zu fahren. — Aber dann wird es ja ein Umweg, über Altorp zu gehen,— wandte Armida ein. — Dem iſt nicht abzuhelfen,— meinte Johann. — O ja, dem iſt ſehr leicht abzuhelfen. Ich vermuthe, daß die Gräfin bei der Kranken iſt, und den ganzen Tag dort bleibt; ich habe deßhalb die Abſicht, vor Mittag eine Promenade nach Altorp zu machen und ſelbſt mit der Propſtin zu ſprechen, ſtatt zu ſchreiben. Gebe mir den Brief, ſo werde ich ihn beſorgen, dann kann Johann den geraden Weg nach Stockholm fahren, und es geht ſo raſcher. Johann war ſehr dankbar und Armida nahm dos Schreiben an Carl in Empfang. Als ſie wieder allein war, betrachtete ſie die Auf⸗ ſchrift mit eiferſüchtigen Blicken. Sie ſchloß die Thüre ab, zündete ein Licht an, und nachdem es ihr gelungen war, das Siegel warm zu machen, ſo daß es aufgemacht werden konnte, nahm ſie den Inhalt aus dem Couvert heraus. Es waren zwei Briefe. Einer davon war von Carls Hand, der andere von Elviras. Armida faltete den letzteren auseinander und las: „Carl Brogren! um nicht einen allzu ſchlechten „Begriff von Ihrem Ehrgefühl zu benn„muß „ich annehmen, daß der mitfolgende Brief, welchen „Sie ſich erlaubt haben, mir zu ſchicken, in einer „Gemüthsſtimmung geſchrieben worden iſt, in wel⸗ „cher Sie ſich deſſen, was Sie thaten, nicht voll⸗ „kommen bewußt waren. Sollten Sie dagegen mit „Ueberlegung gehandelt haben, ſo haben Sie mich „ſo tief beleidigt, daß Sie nie die mir angethane „Schmach ſühnen können. Ich ſende Ihnen Ihren „Brief zurück und bitte Sie, denſelben ſelbſt durch⸗ „zuleſen, damit Sie klar einſehen mögen, daß ein „Mann von Ehre nicht ſo an eine Frau ſchreibt, „der er Achtung ſchuldig iſt. „Ich habe Ihnen nie ein Recht gegeben, die Ach⸗ „tung zu vergeſſen, auf welche jedes ehrenhafte Weib „Anſprüche machen kann; aber Sie haben trotzdem „dieſelbe ganz vergeſſen, indem Sie eine Sprache zu „führen wagen, wie die in dem beigelegten Schreiben. „Die Achtung vor meinem Gemahl bewegt mich „die Briefe zu behalten, welche Sie mir zugeſtellt. „Wenn Sie glaubten, mit denſelben einen Bruch „zwiſchen uns herbeiführen zu können, ſo irrten Sie „ſich. Dieſe Briefe werden an der gegenſeitigen Stel⸗ „lung von mir und meinem Manne nichts ändern. „Ich will nur noch hinzufügen, daß ich Sie nie⸗ „mals in meinem Hauſe empfangen werde und daß „jedes Schreiben von Ihrer Hand ungeleſen zurück⸗ „geſchickt werden wird von . Elvira Caſterton.“ Armidas Geſicht drückte nach dem Leſen dieſes Briefes zu gleicher Zeit den bitterſten Perdruß und die ungeſchminkteſte Schadenfreude aus. ————— ————— 24⁵ — Ach,— murmelte ſie,— ich bin alſo ſchon gerächt! Er, der allen Andern ſeine Liebe opfert, aber mich vergißt, er iſt beſtraft worden.— Dieſe Andern verſchmähen den, für deſſen Beſitz ich mein Leben geben würde. O, wie ich ſie verabſcheue! Sie ſtreckte die Hand nach Carls Brief an El⸗ vira aus. Wir kennen den Inhalt deſſelben, und wollen nur anführen, daß Armida, als ſie den Brief an Carl wieder zuſiegelte, es vergaß, denjenigen hineinzulegen, welchen Elvira als Antwort darauf geſchrieben. Sie verbarg ihn, wahrſcheinlich durch einen Irrthum, in ihrem Schreibtiſch, worauf ſie nach Altorp wanderte. Bei ihrer Rückkunft auf Timaſjö hatte Alles ein feierliches Gepräge angenommen. Man ging ganz leiſe auf den Treppen, ſprach mit leiſer Stimme und ſah ängſtlich aus. Miſtriß B— theilte Armida mit, daß ſie von dem Arzte erfahren hätte, die Marquiſin ſei bedenk⸗ lich krank, was ſie veranlaſſe, am folgenden Tage mit ihrer Familie Timaſjö zu verlaſſen. — Es muß immer peinlich für Lady Caſterton ſein,— meinte ſie,— Fremde in ihrem Hauſe zu haben, während ihre Tante zwiſchen Leben und Tod ſchwebt. Am Tage darauf war die Familie B— fort. Auf Timaſjö gab es jetzt keine anderen Fremden, als Armida, und ſie beabſichtigte keinesweges ihre gegenwärtige Heimath zu verlaſſen, weil die Mar⸗ quiſin erkrankt war. Nein, ſie hatte den Plan ge⸗ faßt, ſich womöglich unentbehrlich zu machen, und das nicht allein während der Krankheit der Mar⸗ ——— Kranke zu pflegen, a 246 quiſin, ſondern auch nachher, ſo daß ſie ſo lange in Elviras Haus würde bleiben können, wie ihr be⸗ liebte. Armida ſpürte durchaus keine Neigung, eine Penſion zu etabliren, und Schulvorſteherin zu werden. Als ſie merkte, daß Elvira ſich zu der Kranken„⸗ Geſellſchafterin und Pflegerin machte, war ihre erſte Sorge, auf eine einfache, aber herzliche Weiſe Elvira ihre Hülfe anzubieten. Dieſe nahm freilich das An⸗ erbieten nicht an, ſondern antwortete, daß ſie hoffte, die Marquiſin würde bald wieder wohl werden, und daß es ihr jetzt eine viel zu liebe Pflicht ſei, die ls daß ſie, dieſelbe an Jemand anders ſollte abtreten wollen. Sie dankte indeſſen Armida dafür, daß ſie ſich ſo freundlich angeboten hatte, ihre Mühe zu theilen, und Armida ſah. daß ihr Anerbieten einen vortheil⸗ haften Eindruck auf Elvira gemacht. Die Krankheit der Marguiſin wurde mit jedem Tag bedenklicher. Die ärztliche Kunſt vermochte faſt nichts gegen das Uebel, von welchem ſie ergriffen war, und die Aerzte gaben auch keine Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang, ſondern ſahen voraus, daß ihr Leiden langwierig werden würde. Langwierige Schmerzen,— welche widrige Vor⸗ ſtellung! Sie iſt widriger, als der Tod. Elvira war von der erſten Stunde, wo die Mar⸗ quiſin erkrankte, an ihrer Seite geblieben, um über ſie zu wachen und ſie zu pflegen. Das Amt einer Krankenwärterin wurde in dieſem Falle ſchwieriger, als mon ſich ſollte vorſtellen können. Die Patientin wurde von einer ſortwährenden — 247 Ungeduld beherrſcht. Die Schmerzen machten ſie heftig, unverträglich und ungerecht. Es fiel ihr ſchwer, ſich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ſie vielleicht gezwungen werden würde, dieſen bittern Kampf Monate lang auszuhalten. Es reizte ſie, daß die Aerzte nichts thun konnten, um ihre Leiden zu mildern, und ſie mochte weder ſich ſelbſt, noch Andere. Es gibt Gemüther, welche Leiden, körperliche oder moraliſche, demüthig und ſanft machen, und wieder andere, welche dadurch gereizt und erbittert werden. Die Marquiſin gehörte zu den Letzteren. Als ſie noch jung in ihren liebſten Hoffnungen ge⸗ täuſcht worden war, wurde ihr Gemüth herb, ihr Cha⸗ rakter unheugſam, und ihr Herz voll Haß gegen dieje⸗ nige, welche ihr die Liebe geraubt, nach der ſie ſo eifrig geſtrebt.— Jetzt kamen die Schmerzen, die ſie lange geahnt, denn ſie hatte mehrere Jahre an dem Anfang des Uebels gelitten, welches ſie jetzt auf das Krankenbett hinſtreckte, und ſie wurde von jenen ſo gereizt, daß ſie keine Nachſicht und kein Mitleid mit denen hatte, welche ſie pflegten. An dieſem Krankenbette war es, wo Elvira zuerſt anfangen ſollte über die Pflichten eines Chri⸗ ſten nachzudenken. Freilich gab es noch Manches im Leben, welches das junge Weib noch nicht erfahren hatte; aber ſie kam während dieſer Zeit zu der Erkenntniß, wie viel innere Befriedigung darin liegt, ſich ſelbſt zu vergeſſen und für ſeine Pflichten zu leben. Und wenn Elvira die Tochter der alten Dame 248 gewéſen wäre, ſo würde ſie ſich nicht nachſichtiger, theilnehmender und verträglicher gezeigt haben kön⸗ nen. Elvira war auch die Einzige, welche die Mar⸗ quiſin ertragen konnte, obgleich ſie auch gegen ſie bitter und ungerecht war. Mit jedem Tage ſteigerten ſich die Anſprüche der Marquiſin an Eſvira, ſo daß ſie nicht duldete, daß dieſe ſie, und wenn es für noch ſo kurze Zeit war, ver⸗ lief. Wenn dieß geſchah, ſo wurde die Kranke im höchſten Grade gereizt und ließ Elvira unter dem Ausbruch ihrer Heftigkeit verſtehen, daß es nicht zu viel ſei, wenn Elvira ſie pflegte. Sie, die Mar⸗ quiſin, hätte ja Lord Caſterton aus einem armen Abenteurer in einen der reichſten Lords Englands verwandelt. Konnte ſie dann nicht von ſeiner Frau alle mögliche Aufopferungen fordern?. Oft klagte die Kranke über Mangel an Zärt⸗ lichkeit und behauptete, daß ſie unmöglich beſſer wer⸗ den könnte, daß es Niemanden gab, der ſie ſo pflegte, wie ſie gepflegt zu werden nöthig hatte. Dieſe Kla⸗ gen fanden jeden Morgen ſtatt, wenn Elvira ſich im Krankenzimmer einfand, um den Tag dort zuzubrin⸗ gen. Das Reſultat war, daß Elvira auch die Nächte bei ihr zubrachte. Ohne alles Erbarmen ließ die Marquiſin Elvira bei der geringſten Kleinigkeit wecken. Elvira ertrug dieſes, wie alles Andere und war und verblieb die⸗ ſelbe aufmerkſame und zärtliche Tochter gegen die Marquiſin. Wenn man das junge Weib im Krankenzimmer ſah, hätte man glauben können, daß es eine arme von der Marquiſin abhängige Perſon ſei. welche —— 249 dieſe in Folge pdeſſen auf die rückſichtsloſeſte Weiſe behandelte; aber ſchwerlich hätte man ſich vorſtellen können, daß dieß die reiche Lady Caſterton ſei, welche ſo vollkommen Allem entſagte, was man Bequemlich⸗ keit, Ruhe und Friede nennen kann. Miſtriß Brow hatte ſchweigend und ohne ein Wort zu ſagen, ſich bei der Kranken eingefunden und ſie zu pflegen geholfen; aber die Marquiſin konnte den Anblick der engliſchen Dame nicht ertragen, und Miſtriß Brow wurde aus dem Zimmer der Kranken ausgewieſen. Sie blieb jedoch im Ca⸗ binet außen vor demſelben, wo ſie den Tag und oft auch die ganze Nacht zubrachte, während ſie fleißig ſtickte und kein Wort ſprach. Die Einzige, welche Elvira irgend eine größere Aufmerkſamkeit zu zeigen ſuchte, war Armida.— Sie durfte ihre Mühen nicht theilen; aber ſie be⸗ reitete ihr mehrere kleine Ueberraſchungen. So ſtan⸗ den z. B. immer auf dem Tiſch neben Elviras Bett, welches in dem Zimmer außerhalb dem Schlafcabinet der Marquiſin ſeinen Platz hatte, jeden Morgen friſche Blumen. Als die Beeren⸗ und Obſtzeit kam, fand Elvira jeden Vormittag auf demſelben kleinen Tiſch einen kleinen Korb mit friſchem und ausge⸗ wähltem Obſt. Elvira lächelte Armida gar freund⸗ lich zu für dieſe Proben ihrer Aufmerkſamkeit. Wir wiſſen nicht, ob Armida es zu ahnen ver⸗ mochte, welchen Schmerz es jedesmal Elvira verur⸗ ſachte, wenn ſie dieſe Freundlichkeit von ihr ſah und dabei dachte, daß er, welcher ihr dieſelbe hätte er⸗ weiſen ſollem, nichts that, um ihr die Bürde zu er⸗ 250 leichtern, welche ſie ſich ſeinetwegen freiwillig auf⸗ erlegt hatte. Wie betrug ſich Lord Caſterton? Gab er Acht auf Elviras bewunderungswürdiges Benehmen, und verſtand er es zu würdigen?— Seine Art und Weiſe ſich zu betragen gab darüber keine Aufklärung. Gegen die Marquiſin war Edwin ein zärtlicher Sohn, welcher geduldig ihre Bitterkeit ertrug und im Krankenzimmer ſo lange blieb, wie ſie es erlaubte. Er beſuchte ſie⸗ mehrere Male täglich. Wenn die Schmerzen der Marquiſin etwas Ruhe ließen, war es Edwin, welcher aus einem engliſchen Werke laut vorlas oder ihr durch ſein Geſpräch die langen Stun⸗ den zu verkürzen ſuchte. Bei dergleichen Gelegen⸗ heiten zog Elvira ſich in das äußere Zimmer zurück, oder ſaß, wenn die Marquiſin dieß nicht erlaubte, ſtill und ſchweigend an der Kranken Seite. Selten, faſt nie, wurden ondere als einſilbige Worte zwiſchen den Gatten gewechſelt. Niemals machte Edwin eine Bemerkung, welche Bezug darauf hatte, daß Elvira ihre Kräfte ſchonen, friſche Luft ſchöpfen oder unterlaſſen ſollte, ſich ſo ſehr anzuſtren⸗ gen. Auch entfiel ihr kein Wort, welches andeutete, daß er es merkte, wie ſie ſich für ſeine Tante auf⸗ opferte. Es ſah aus, als wenn der Lord, falls er darauf Acht gab, Elviras Benehmen ganz natürlich gefunden hätte. Wenn auch die Marquiſin in ſeiner Gegenwart noch ſo krittelig und ungerecht gegen Elvira war, ſo kam es doch nie vor, daß Edwin auf irgend eine Weiſe den Eindruck der verletzenden Worte zu mil⸗ 251 dern ſuchte. Edwins Augen folgten nur beharrlich Elvira, als wenn er beſchloſſen hätte, ihr Aeußeres zu ſtudiren, damit er daraus auf das ſchließe, was ſich in ihrem Innern bewegte, oder die Motive ihrer Handlungen herausfinden könnte. Wenn Edwin nicht im Krankenzimmer war, pflegte er lange Promenaden, theils zu Fuß, theils zu Pferd zu machen, oder er ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Während Edwin dergeſtalt Elvira verſäumte, that Armida ihrerſeits Alles, um ihr ihre Ergebenheit und Dankbarkeit an den Tag zu legen. Sie bat Elvira, friſche Luft zu ſchöpfen, Ruhe zu ſuchen, und ſie erſchien als ein guter und freundlicher Genius, welcher das junge, reiche und vornehme Weib mit ihrer Fürſorge und Theilnahme umgab. Elvira fühlte ſich auch dadurch gerührt, weil Ar⸗ mida und Lotta die einzigen Weſen waren, welche ihr irgend eine Zuneigung zeigten. Eines Morgens, als Armida lange und verge⸗ bens Elvira zu überreden geſucht hatte, eine kleine Promenade zu machen, ſagte ſie endlich: — Gute Elvira, Du thuſt Dir und Deiner Tante einen ſchlechten Dienſt, daß Du daran arbei⸗ teſt, Deine Geſundheit zu untergraben und übrigens biſt Du es doch Deinem Manne ſchuldig, Dich etwas um ihn zu kümmern und den Lord nicht ſo ganz und gar gehen zu laſſen, ſondern auf ſein Wohlbefinden bedacht zu ſein.— Die Folge, Elvira, kann ſonſt werden, daß er auf Skoghof Zerſtreuung für die Langeweile ſucht, welche ihm ſein eigenes Haus bie⸗ tet. Ich bitte Dich deshalb, mache Morgens um Deiner Geſundheit willen eine Promenade und 252 beſchäftige Dich, wenigſtens eine Stunde täglich, mit Deinem Mann. Heute, Elvira, laſſe ich Dich nicht, wenn Du nicht wenigſtens eine Tour im Parke machſt. Du biſt blaß, Dein Blick iſt matt, und Dein ganzes Aeußere deutet darauf hin, daß Du es nöthig haſt, Dich ein wenig in der friſchen Luft zu erquicken. Elvira ließ ſich überreden, und Armida verſprach im Zimmer vor dem Schlafcabinet zu bleiben, um Elvira davon in Kenntniß zu ſetzen, wenn die Mar⸗ quiſin aus dem Schlummer erwachte, in welchen ſie jetzt verſenkt war. Elvira wanderte langſam den Park hinunter. Die Sonne warf ihre glänzenden Strahlen auf den grünen Mantel der Erde, welcher von Thauperlen ſtimmerte.— Ein friſcher Seewind blies von der Bucht her und ſpielte eigenmächtig mit den Kelchen der Blumen und den Wipfeln der Bäume. Es waren Wochen, nein, Monate her, daß El⸗ vira irgend eine Promenade unternommen. Man befand ſich jetzt im Auguſt und die Marquiſin er⸗ krankte im Juni. Sie wanderte mit gebeugtem Kopf vorwärts und durchging in Gedanken die Vergangenheit und die Gegenwart. In welcher ganz andern Gemüthsſtim⸗ mung war ſie nicht als Kind durch dieſe Gänge geeilt; wie hatte ſie nicht als erwachſenes Mäd⸗ chen ſo manches Mal die Arme ſehnſuchtsvoll gegen Timaſjö ausgeſtreckt und aus der Tiefe ihres Herzens gerufen: — O, wie glücklich würde ich ſein, wäre ich die 253 Beſitzerin dieſer ſtolzen Heimath und eines glänzen⸗ den Namens! Jetzt beſaß ſie dieſe Heimath und auch einen Namen;— aber das Glück,— wohin war das ge⸗ flüchtet? Nachdem ſie dieſe Vergleiche zwiſchen dem, was geweſen, und dem, was ſei, angeſtellt hatte, verweil⸗ ten ihre Gedanken bei einigen Worten Armidas: „Die Folge kann werden, daß er auf Skoghof Zerſtreuung für die Langeweile zu Hauſe ſucht.“ Was konnte ſie meinen?— Martha ſei auf Skoghof. Könnte Caſterton ſich wirklich erlauben Ach, warum ſollte er es nicht thun, da er ja Alles das an Martha geſchrieben, was Elvira geleſen! Unter derartigen Gedanken kam Elvira an den⸗ ſelben Plaz, wo das hübſche Zelt geſtanden, wel⸗ ches einſt ihrer Reugierde gereizt, und wo ſie zum Erſtenmale mit Martha Bekanntſchaft machte. Jetzt waren dort Anpflanzungen und unter den Bäumen ſtanden grüne Bänke. Der Platz war ſich nicht mehr gleich. Elvira ſetzte ſich auf einen der Bänke. Sie ſtützte die Stirne auf die Hand, und einige Thränen ſchli⸗ chen ſich über ihre Wangen.— Nur Gott weiß, wie namenlos bitter dieſe Thränen waren; denn nur er las in dem jungen Herzen und ſah den Schmerz, welcher dieſelben hervorpreßte. So verſunken war Elvira in ihre innere Welt, daß ſie, als ſie auf den freien Plan hinaustrat, nicht darauf Acht gab, wie ein junger Mann aus einem der Seitengänge hergegangen kam. Bei El⸗ viras Anblick blieb er plötzlich ſtehen und folgte ihr 254 mit den Augen. Als ſie ſich auf die Bank geſetzt, ſtand er lange Zeit und betrachtete ſie; dann trat er mit vorſichtigen Schritten näher, und ſtand bald, ohne daß ſie ihn bemerkte, an ihrer Seite. — Elvira!— ſagte er mit leiſer und zitternder Stimme. Das junge Weib flog erſchrocken auf und blickte den an, welcher ſie beim Namen gerufen. — Carl!— rief ſie unwillkürlich, blickte ihn aber dann ganz ruhig und ernſt an und fügte hinzu: — Was führt den königlichen Secretär Brogren hierher? — Mein Wunſch, Dich wiederzuſehen und Dich zu ſprechen. O, Elvira, wie haſt Du ſo grauſam ſein können, mir eine Unterredung von einem Augen⸗ blick zu verweigern?— Ich bin nahe daran gewe⸗ — Herr königlicher Secretär, fahren Sie nicht fort, eine Sprache zu ſprechen, welche weder Ihnen noch mir ziemt!— unterbrach ihn Elvira.— Sie haben mir nichts zu ſagen und ich nichts anzuhören. Unſere Wege ſind getrennt und dürfen ſich nie mehr begegnen.— Und jetzt, mein Herr, ſehen Sie wohl ein, wie vergeblich es iſt, mich mit dem Ausdruck eines Gefühls zu verfolgen, welches eine Beleidigung in ſich trägt, und welches mir nur Verachtung ein⸗ flößen kann. — Elvira that einige Schritte, um ſich zu ent⸗ fernen. — Ein Wort, Gräfin,— ſagte Carl mit ge⸗ dämpfter Stimme;— Sie glauben wirklich unge⸗ ſtraft ſagen zu können, daß Sie mich verachten;— —,— 255 Sie hegen alſo dié Illuſion, daß Sie mich mit Fü⸗ ßen treten und meine Liebe verhöhnen können; aber Sie täuſchen ſich. So hoch Sie auch in Rang und Reichthum gekommen ſind, ſo ſtehen Sie doch nicht ſo hoch, daß meine Rache Sie nicht erreichen kann. Sie hätten Grund vorſichtig zu ſein und ſich nicht noch einen Feind zuzuziehen.— Ich brauche ja nur zu rufen: jene vornehme Dame iſt in dem Gefäng⸗ niß des Schmiedhofes geboren; ihre Mutter war eine Weibsperſon, welche ein Verbrechen begangen, und das Kind wurde von dem Pfandleiher Bromér als Pflegetochter angenommen. Ich werde indeſſen damit bis auf Weiteres warten; aber ſeien Sie auf Ihrer Hut, Lady Caſterton, und reizen Sie nicht denjenigen, welcher Ihren Hochmuth zermalmen kann! Carl nahm den Hut ab und verbeugte ſich mit einer artigen und ironiſchen Miene. Als er fort war, ſetzte Elvira ſich wieder auf die Bank. Ihr Geſicht war farblos. Es ſchien, als wenn Carls Worte eine lähmende Wirkung auf ſie gehabt, ſo unbeweglich ſaß ſie, mit dem Blick gerade vor ſich hinſtarrend. Endlich ſtrich das junge Weib mit der Hand über die Stirne und murmelie: — Nein, das kann nicht ſo ſein! Sie ſtand auf und eilte ſchleunigſt dem Gute zu. Carl war nicht ſehr weit von Elvira weggekom⸗ men, als er Lord Caſterton begegnete. Eein Hohnlächeln kräuſelte Carls Lippen, als er ihn gewahr wurde. Mit ſtolzer Miene und hochge⸗ tragenem Kopfe paſſirte er an Edwin vorbei, als wenn er ihn nicht bemerkt hätte. Dieſer ſcheinbaren Gleichgültigkeit ungeachtet be⸗ merkte Carl, daß das Geſicht des Lords ſtreng aus⸗ ſah, und daß jede Muskel darin einen ihm inne⸗ wohnenden Zorn ausdrückte. — Er wird Elvira antreffen, dachte Carl,— und er wird keinen Augenblick zweifeln, daß ſie und ich eine Zuſammenkunft gehabt.— Gut, Mylord, Sie können jetzt daraus kennen lernen, was ich fühlte, als Sie ſich zu Marthas Anbeter machten. Sie war damals meine Braut; ich hatte ein Recht auf ihre Treue.— Sie beſtahlen mich darum. Ich habe nicht daſſelbe mit der Ihrer Frau thun können; aber ich werde es wenigſtens ſo einrichten, daß Sie glauben, betrogen zu ſein. Während Carl in Gedanken dieſen erbaulichen Monolog hielt, hatte Edwin ſeine Schritte beſchleu⸗ nigt und den freien Platz erreicht. Elvira entfernte ſich gerade von dort.— Er ſah ſie forteilen. — Armida hatte alſo Recht!— murmelte Edwin.— Sie haben Stelldichein. Er, welcher be⸗ reits am Hochzeitstage Elviras ſie mit Blicken zu betrachten wagte, die ich beleidigend fand, beabſich⸗ tigt alſo ſich zu dem Liebhaber Lady Caſtertons zu machen. Iſt dieſes Weib toll, daß es glaubt, ich werde ihm erlauben, einen Schatten auf meinen Na⸗ men zu werfen, und das, nachdem es mein Selbſtge⸗ fühl auf eine ſo heilloſe Weiſe verletzt? Hüten Sie ſich, Elvira, die Rechnung zu machen, ohne darin auf mich Rückſicht zu nehmen. Obgleich Edwin raſch ging, ſo konnte er doch — 257 nicht Elvita einholen. Als er im Hofe ankam, ſah er ſie die Treppe hinaufeilen. Ein Bedienter, welcher ihr begegnete, hatte einige Worte geſagt, welche ihre Schritte zu beſchleunigen und ſie zu veranlaſſen ſchienen, in das große Gebäude hinaufzugehen, obgleich ſie auf dem Wege nach Lottas Flügel war. Sobald der Lord erſchien, theilte Johann ihm in ſchlechtem Franzöſich mit, daß der Zuſtand der Marquiſin ſich ſo verſchlimmert habe, daß der Doctor während der kurzen Zeit, die er und Elvira fort geweſen, mehrere Male nach ihnen habe fragen laſſen. Edwin eilte in das Krankenzimmer, wo er Elvira an der Seite der Marquiſin fand, während die Kranke ſich in heftigen Schmerzen wand. Dieſe waren von einer ſolchen Natur, daß Edwin es nur mit Mühe aushielt, ſie mit anzuſehen. Welche Wirkung dieſes Leiden auf Elvira übte, ſtand freilich auf ihrem aufgeregten Geſichte zu leſen; aber demungeachtet wich ſie nicht aus dem Kranken⸗ zimmer. Dieſer Zuſtand dauerte Stunden und endlich Tage, ohne daß die Aerzte irgend eine Linderung verſchaffen konnten. Alle Mittel, welche angewendet wurden, um den Schmerz zu betäuben, blieben faſt ohnmächtig, und wenn ſie auch hier und da etwas Ruhe ſchenkten, ſo vermochten ſie doch nicht, ihr wirkliche Linderung zu geben. Während dieſer entſetzlichen Tage war Elvira ſaſt die Einzige, welche aushielt. Sie gönnte ſich keine Ruhe, als während der Minuten, wo die Mar⸗ guiſin in einen kurzen Schlummer fiel. Schwartz, Gold und Name. I. 17 Alle Gedanken an eigene bannt, und ſie hatte nur eine Aufgabe, nämlich die, ſo weit als möglich Alles zu entfernen, was der von Schmerzen ſo ſehr Heimgeſuchten mißfallen konnte. ſie und der Doctor zuletzt die Einzigen waren, welche, mit Ausnahme Edwins, ſich im Kranken⸗ zimmer befanden. Die Marquiſin verabſcheute den Anblick von allen Andern. So waren neun endlos lange Tage und Nächte vergangen, als endlich am Abend des neunten die Schmerzen der Marquiſin aufhörten und ſie in einen ruhigen Schlaf fiel. Der Doctor ſchien mit Befriedigung dieſer Ver⸗ änderung zuzuſehen und äußerte gegen Elvira und Edwin, daß ſie mit vollkommener Ruhe zu Bett gehen könnten, da die Marquiſin wahrſcheinlich die ganze Nacht ſchlafen würden. Miſtriß Brow erbot ſich zu wachen und verſprach, bei der geringſten Bewegung der Kranken ſowohl Ed⸗ win wie Elvira davon in Kenntniß zu ſetzen. Das Ausſehen der Letztgenannten war ſo, daß ſie mehr einem Geſpenſt als einem lebenden Weſen glich, und da ſie trotzdem ſich nicht überr⸗den laſſen wollte, zur Ruhe zu gehen, ſagte der Doctor: — Mylord, Sie müſſen die Lady bewegen, etwas Ruhe zu genießen, ſonſt ſtehe ich nicht für den Aus⸗ gang. Die Kräfte ſind ſo erſchöpft, daß ich bereits die Folgen dieſer unnatürlichen Ueberanſtrengungen fürchte. Cdwin hatte während dieſer neun Tage und Intereſſen waren ver⸗ Dieſes Beſtreben brachte es auch mit ſich, daß 259 Nächte nicht ein einziges Mal Elvira angeredet, ſondern ſie nur mit einem bisweilen gereizten, bis⸗ weilen mitleidigen Ausdruck betrachtet. Jetzt äußerte er indeſſen: — In dem Falle, daß meine Worte irgend eine Bedeutung oder irgend einen Werth haben, ſo bitte ich— folgen Sie dem Rathe des Doctors! Elvira blickte ihn an. Es lag Etwas in dem Blick des jungen Weibes, das Edwin weh that. Ja, es kam ihm vor, als wenn jener Blick ſagte: — Bitteſt Du mich wirklich, daß ich meine Kräfte ſchonen ſoll.— Mein Tod wäre ja ein Ge⸗ winn für Dich. Edwin vergaß für einen Augenblick all den Groll, den ſein Inneres barg, welchen er während dieſer Zeit empfunden, und fühlte ſich durch den Ausdruck in ihren Augen ganz gerührt. Er ergriff Elviras und ſetzte in einem etwas wärmeren Tone hinzu: — Elvira, es iſt die erſte Bitte, die ich an Sie richte, Sie werden ſie nicht abſchlagen.— Sie werden Erbarmen mit ſich ſelbſt und mit mir haben. — Ich werde thun, wie Sie wünſchen,— flü⸗ Elvira, zog ihre Hand zurück und ſchlich ort. Es war Mitternacht.— matt im Krankenzimmer. Die Margquiſin, welche ruhig geſchlummert hatte, fing jetzt an unruhig zu werden. Die Lampe brannte ganz 17* 260 ſprach den Namen William aus. Endlich rief ſie ganz laut: — Miſtriß Brow! Dieſe, welche, ſeit der Doctor und Edwin ſich entfernt hatten, ihren Platz in einem Lehnſtuhl ge⸗ habt, erhob ſich raſch aus der bequemen Stellung und lehnte ſich über die Kranke. Die Marquiſin ſchlug die Augen auf. Eine Weile betrachtete ſie die Engländerin, als wenn ſie mit ihrem hohlen und ſcharfen Blick in ihr Innerſtes einzudringen ſuchte. — Sind wir allein?— fragte die Marquiſin. — Ja!— war die Antwort. — Gib mir das Getränk, welches dort ſteht, und ſage mir dann das, was ich wiſſen muß! Ich fühle, daß meine Stunden gezählt ſind. Ich will nicht fortgehen, ohne das gut zu machen, was gut gemacht werden kann. Miſtriß Brow beugte ihre Kniee auf einen Sche⸗ mel, der neben dem Bett ſtand, bückte ſich dann über die Marquiſin und ſprach, indem ſie ihren Mund dem Ohre der letzteren näherte, ſo leiſe, daß wir nicht einmal verſtehen konnten, was ſie ſagte. Aus dem Tone, den kurzen Sätzen und dem be⸗ ericht erſtattet hatte. Als ſie ſchwieg, lag die Marquiſin lange ſtill, ohne irgend ein Zeichen zu geben oder irgend ein Wort vernehmen zu laſſen. WMiſtriß Brow ſetzte ſich ganz ruhig in den Fau⸗ ig Flüſtern ſchien hervorzugehen, daß ſie einen teuil, den Augenblick abwartend, wo die Marquiſin das Wort ergreifen würde. Dieſes und jenes unklare Wort entfiel ihr. Sie = . Nach Verlauf einiger Minuten ſagte die letztere: — Dank für das, was Sie mir geſagt haben! — Noch kann Alles gut werden, laſſen ſie Elvira rufen. — Frau Marquiſin, ſie bedarf der Ruhe; ich will ſie nicht wecken, wandte Miſtriß Brow mit Be⸗ ſtimmtheit ein. — Sie müſſen; denn bevor der Morgen graut, habe ich aufgehört zu leben. Miſtriß Brow ſchritt auf die Thüre zu; gerade als ſie dieſelbe erreicht hatte, rief die Marquiſin in kurzen, abgebrochenen Sätzen:. Halt, laß den Lord hierherrufen. Ich muß zuerſt mit ihm ſprechen.... ja eile! Erſt will ich Alles.... Williams Sohn. anvertrauen. Miſtriß Brow eilte hinaus. Der Morgen fing an zu grauen, als Elvira, die keinen Schlaf in die Augen hatte bekommen können, ihr Zimmer verließ und zu der Marquiſin hinauf⸗ ſchlich⸗— Eine peinliche Unruhe hatte den Schlaf ver⸗ jagt und trieb ſie, nach dem Zimmer der Kranken zurückzukehren. Es war, als hätte eine innere Stimme ihr unaufhörlich zugeflüſtert: — Die Marquiſin ſtirbt und Du biſt nicht Ganz ſtille trat Elvira in das Cabinet, welches vor dem Krankenzimmer lag. Sie fand dort Miſtriß Brow ſitzend und in tiefen Schlaf verſenkt, wie es 262 ſchien.— Elvira ging mit lautloſen Tritten an ihr vorbei und machte vorſichtig die Thüre zum Schlaf⸗ zimmer auf. Dieſelbe ging auf, ohne irgend welchen Lärm zu machen. Sie faltete den Vorhang zuſam⸗ men, welcher vorgefallen war. Das Zimmer wurde ſchwach von einer Nacht⸗ lampe erleuchtet, welche den mittelſten Theil deſſelben, wo Elvira ſtand, vollkommen im Dunkel ließ. Der matte Schein derſelben fiel auf das Bett. Ueber daſſelbe gebückt und auf die flüſternde Stimme der Marquiſin horchend, ſaß Edwin. Einen Augenblick blieb Elvira ſtehen und heftete die Augen auf die Gruppe, dann zog ſie ſich zurück, um das Zimmer zu verlaſſen, wurde aber durch Ed⸗ wins Stimme zurückgehalten, welche ſprach: — Meine Tante, ich gebe Ihnen in dieſem Augenblick die heilige Verſicherung, daß ich für ihr Gluͤck Alles thun will, was ich vermag; ich ver⸗ ſpreche, Ihre Wünſche zu erfüllen, und daß die Bande, welche uns vereinigen, niemals von mir werden aufgelöst werden, ſofern ſie nicht ſich und mich auf eine unrettbare Weiſe compromittiren ſollte. — Dank!— ſtammelte die Marquiſin.— Laß' jetzt ſie, meine Tochter, rufen Ich will will... ſehen.... Elvira. Edwin hatte ſich in der Minute aufgerichtet; aber als er ſich umwandte, fand er Elvira an ſeiner Seite. Sie ſank neben dem Bett auf die Kniee nieder, ergriff die abgezehrte Hand der Mar⸗ quiſin und flüſterte: — Hier bin ich! — — Als die Strahlen der Sonne Timaſiö beleuchtete, hatte die Marquiſin aufgehört zu leben. In ihrem Schlafzimmer gab es kein anderes lebendes Weſen, als— Elvira. Sie lag noch in der betenden Stellung mit der Verſtorbenen kalten Hand feſt in die ihrigen geſchloſſen und den Kopf gegen die Bettkante gelehnt. Die Thüre öffnete ſich. Edwin ſtand auf der Schwelle. — Clvira!— flüſterte er ganz leiſe und trat auf ſie zu. Sie bewegte ſich nicht. Er legte ſeine Hand auf ihre Schultern; aber ſie blieb in derſelben Stellung. Erſchrocken hob er ihren Kopf in die Höhe. Sie war in Ohnmacht gefallen. Edwin nahm ſie auf ſeine Arme und trug ſie aus dem Zimmer. Es wurde nach dem Arzt geſchickt, und Armida übernahm es, ihre Krankenwärterin zu ſein. Ueberanſtrengung und Seelenangſt hatten ihre Kraft ſo angegriffen, daß der Doctor Anfangs ganz unruhig war. Elviras von Natur ſtarke Conſtitu⸗ tion ſiegte indeſſen und bewirkte, daß ſie, bevor der Arzt zu hoffen wagte, ſich erholte. Während der Zeit, wo ſie das Bett nicht ver⸗ laſſen konnte, war Armida beſtändig bei ihr. Auch Edwin war die beiden erſten Tage bei ihr geblieben; da aber Elvira, ſo wie er eintrat, zu weinen anfing, ſo entfernte er ſich und beſchränkte ſich darauf, ſich durch den Arzt Kenntniß darüber zu verſchaffen, wie ſie ſich befände. Als Elvira wieder geneſen war, waren einige Wochen an dem Grabe der Marquiſin vorüberge⸗ ſchritten, welche dem gegen Edwin ausgeſprochenen Wunſche gemäß auf dem Kirchhofe von Tunaaaker, wozu Timaſjö gehörte, beſtattet worden war. Die Marquiſin hatte geäußert: — In England will ich nicht, daß mein Staub ruhen ſoll. An der Seite Deines Vaters liegt ſeine Gattin. Ich bin deshalb hieher gereist, um zu ſterben.— Dort in der Heimath gibt es kein Herz, welches mich liebt; Du, Edwin, haſt es nie gethan; aber hier gibt es Eine, welche nicht mit Gleichgül⸗ tigkeit an meinem Grabe vorübergehen wird, und darum will ich den ewigen Schlaf in der Erde ihrer Väter ſchlafen. September Monat war weit vorangeſchritten, als Elvira zum Erſtenmale ihre Zimmer verließ. Sie war jetzt vollkommen geſund und hatte meh⸗ rere Tage die Erlaubniß des Doctors gehabt, eine Promenade zu machen, aber trotzdem es mehrere Tage aufgeſchoben. Es war, als wenn es Elvira an Muth fehlte, Caſterton wiederzuſehen. Sie hatte ihn ſeit den erſten Tagen ihrer Krank⸗ heit nicht geſehen. Sie wußte, daß Oberſt Stangen⸗ ſtöld mit Tochter einen Beſuch auf Timaſjö abge⸗ ſtattet hatten. Sie hatten ihre Karte zu ihr hinein⸗ geſchickt; aber als bettlägerig konnte ſie ſie natürlich nicht empfangen. Edwin hatte es ſtatt ihrer gethan, und Armida theilte ihr mit, daß ſie den Beſuch ſo viel als mög⸗ lich verlängert hätten. Dieſes und vieles Andere bewirkte, daß Elvira mit einem eigenen unangenehmen Gefühl dem Zu⸗ ſammentreffen mit ihrem Manne entgegen ſah. Sie ſagte es freilich Niemanden; aber als Armida wollte, daß ſie, dem Wunſche des Doctors gemäß, ihre Zim⸗ mer verlaſſen ſollte, antwortete ſie jeden Tag: — Noch nicht! Ich will ein wenig warten. Elvira wünſchte und hoffte, daß Edwin, ſeit er vom Doctor erfahren, daß ſie beſſer ſei, zu ihr hin⸗ einkommen würde. Sie hoffte und wartete vergebens. Fragen, welche auf den Lord Bezug hatten, that ſie nie, und Armida brachte auch keinen Gruß von ihm. Der Doctor that es freilich; aber das war ja nur eine Formalität. Armida fuhr fort, Elvira mit der größten Er⸗ gebenheit entgegenzukommen. Sie ſchmückte ihr Krankenzimmer mit Blumen, ſchaffte ihr intereſſante Lectüre, die ſie ihr laut vorlas und gab ihr tau⸗ ſend Proben ihrer Zuneigung und Freundſchaft. Es war endlich Armida, welche durch ihre Be⸗ harrlichkeit Elvira bewog, dem Rathe des Arztes gemäß eine Promenade im Park zu machen. Die Mittagsſonne ſchien ſo ſanft, und die Luft war ſo warm und mild, daß man ſich im hohen Sommer wähnen konnte. Elvira wanderte, auf Armidas Arm geſtützt, nach dem Strande. Dabei paſſirten ſie über den Platz wo Elvira und Carl ihre letzte Unterredung gehabt hatten. O, wie viele bittere und ſchmerzliche Augenblicke hatte nicht dieſe letzte Unterredung ihr veturſacht! Gedanken an die Worte geplagt worden, welche Carl gefleht, ihr eine Erklärung derſelben zu geben, aber ohne daß Lotta ihr eine andere Antwort gegeben, als daß das, was Carl geſagt, eine niedrige Erfindung ſei. Lottas verwirrtes und aufgeregtes Ausſehen, ihre Angſt, wenn Elvira das, was Carl geſagt, erwähnte, ihre heftige Verſicherung, daß es eine Unwahrheit ſei, alles dieß hatte die Wirkung gehabt, daß Elvira, weit davon entfernt, ſich davon zu überzeugen, daß Carl eine Unwahrheit geſprochen, es eher als eine Bekräftigung anſah, daß er die Wahrheit geſagt. Elvira war zu der Ueberzeugung gekommen, daß irgend ein widerliches Geheimniß an ihr Leben ge⸗ knüpft ſei. Sie hatte in Gedanken die Vergangen⸗ heit durchflogen und ſich dann Worte erinnert, die Bromér in unbewachten Augenblicken hatte fallen laſſen und die jetzt Bedeutung gewannen und ihrer Wie war ſie nicht während ihrer Krankheit von dem * Furcht eine vermehrte Wahrſcheinlichkeit verliehen, daß es etwas gäbe, das Lotta vor ihr verberge. Da indeſſen alle Verſuche Elviras, Lotta zu bewegen, ihr etwas von ihrer Mutter zu erzählen, fruchtlos blieben, ſo hörte Elvira auf zu flehen und ſprach nicht mehr davon. Es kam ihr indeſſen vor, als hätte irgend ein drohendes und unheilbringendes Ge⸗ ſpenſt ſich auf ihren Pfad geſchlichen, um ſie eines Tages zu ergreifen und in den Abgrund der Er⸗ niedrigung hinabzuſchleudern. Sie, welche ſo viel geopfert, um ſich eine ge⸗ achtete Stellung im Leben zu verſchaffen! Die Marquiſin, die einzige Stütze Elviras, war 6 ausgeſprochen, und wie innig hatte ſie nicht Lotta ————————— —, — — ſtand.— Sidney, der redliche und unbeſtechliche Freund, befand ſich nicht mehr in Schweden, und Edwin, ihr Gatte, fragte nicht darnach, ob ſie lebe oder ſterbe, ſondern überließ ſie ganz unbekümmert Armidas Pflege und Miſtriß Brows Bewachung. — Schon ſeit dem Tode der Marquiſin war Elvira der Raub einer unerklärlichen Angſt. Sie fürchtete die Zukunft und fühlte ſich unglücklich durch die Ge⸗ genwart. Als Edwin während der erſten Tage ihrer Krank⸗ heit eine ungewöhnliche Freundlichkeit zeigte, hatte Elwira bei ſeinem Anblick unaufhörlich gedacht: — Wenn Carl die Wahrheit geſprochen und ich wirklich das in einem Gefängniſſe geborene Kind eines erniedrigten und verbrecheriſchen Weibes bin, o, dann,. dann... bin ich ja nicht würdig ſeinen Namen zu tragen, und er wird mich ſicherlich von ſich jagen. Bei dieſem Gedanken brach Elvira in Thränen aus. Es waren dieſe Thränen, welche Edwin von ihrem Krankenzimmer entfernte. Jetzt, wo ſie ſich zum Erſtenmale in der freien Natur befand, fühlte ſie ſich einſamer und verlaſſe⸗ ner als je. Eine düſtere Schwermuth ergriff ihre Seele. — O, daß ich geſtorben wäre!— dachte Elvira, als ſie und Armida ſich auf eine Bank am Strande niederließen.— Das Leben iſt ja ſo leer und finſter, fuhr ſie in Gedanken fort, während Armida von ih⸗ rer Freude ſprach, Elvira endlich ſo weit bekommen fort, Lotta, ihre treue Pflegerin, war in dem Beſitz eines Geheimniſſes, welches zwiſchen ihr und Elvira 268 zu haben, daß ſie ſich dazu bequemen konnte, ein wenig friſche Luft einzunehmen. Armidas Worte waren freundlich und der Ton herzlich; aber trotzdem vermochten ſie nicht die tief betrübte Elvira aufzumuntern. Als ſie eine Stunde geruht, erklärte Armida, daß ſie es nicht wage, Elvira länger ſtill ſitzen zu laſſen, ſondern machte den Vorſchlag, daß ſie nach Hauſe zurückkehren ſollten. Elvira gehorchte und ließ Armida ſich führen, wohin es ihr beliebte. Sie gingen den Strandweg. Als ſie ein Stück weit gekommen waren, hörten ſie Stim⸗ men von Sprechenden, die ſich nahten. Armida blieb plötzlich ſtehen und ſagte in einem unruhigen Tone: — Beſte Elvira, laß uns umkehren. Elvira war wie mit Einemmale aus ihrer Schwermuth herausgeriſſen. Sie hielt Armida zurück. — Und warum ſollten wir das thun?— fragte ſie. — Ganz einfach darum, weil wir ſonſt Perſonen begegnen, von welchen ich zu wiſſen glaube, daß Du nicht gern mit ihnen zuſammentriffſt.— Es würde außerdem Dich nur anſtrengen, mit ihnen zu ſprechen. — Nicht im Geringſten,— fiel Elvira mit Be⸗ ſtimmtheit ein. Die bleichen Wangen wurden von einer lebhaften Röthe gefärbt. Komm, laß uns die Promenade in derſelben Richtung fortſetzen! Ich glaube nicht, daß man dadurch irgend einen Vortheil erntet, daß man von dem Wege umkehrt, den man ſich vorgenommen hat zu gehen. Armida machte noch einige Einwendungen. Sie 1 X 269 hatte eine tief betrübte Miene; aber weder ihre Worte noch Geſichtszüge vermochten Elviras Ent⸗ ſchluß zu ändern. Die Stimmen kamen näher. Elvira hatte ſie beim erſten Laut erkannt. Sie würde ſie erkannt haben, wenn ſie noch entfernter geweſen. Noch einige Schritte und die Sprechenden kamen zwiſchen den Bäumen zum Vorſchein. Es war ein Herr und ein Frauenzimmer. Noch einige Minuten und Elvira befand ſich Angeſicht zu Angeſicht mit Martha Stangenſtzjöld und Lord Caſterton. Das Ausſehen des letzteren zeugte von allem, nur nicht von Wohlgefallen. Er blieb jedoch ſofort ſtehen, ſagte Elvira einige verbindliche Worte und präſentirte dann Lady Ca⸗ ſterton dem Fräulein Martha. Die letztere becomplimentirte Elvira und ſagte in einem Athemzug eine ganze Maſſe jener Artig⸗ keiten, welche die Weltdame nie auszuſprechen un⸗ terläßt. Sie hatte die lebhafteſte Theilnahme für den Kummer, der Elvira getroffen; ſie hatte mit Be⸗ dauern erfahren, daß Elvira ſelbſt erkrankt geweſen, und freute ſich über die Herſtellung ihrer Geſundheit, während ſie zu gleicher Zeit ſich beglückwünſchte, ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Elviras Antwort auf alle dieſe netten Phraſen war kalt und höflich. Das Fräulein ſagte ihr dann Adieu, ſich vor⸗ behalteng daß der Lord ſeine Frau begleiten und nicht aus Höflichkeit mit ihr gehen möchte. Sie bat * — 27 270 ſich aus, recht bald Elvira ihren Beſuch abſtatten und die gemachte Bekanntſchaft fortſetzen zu dürfen. Marthas Manieren beſaßen die ausgeſuchte Ge⸗ fälligkeit, die elegante Einfachheit und die Unge⸗ zwungenheit, welche eine glückliche Verbindung von Natur, Erziehung und Gewohnheit ſind, in der gro⸗ ßen Welt zu ieben. Sie war von idealer Schönheit und alſo mit allen den Vorzügen ausgerüſtet, welche dazu beitru⸗ gen, daß ſie alle andern Weiber verdunkeln und den Männern, mit welchen ſie in Berührung kam, den Kopf verdrehen mußte. Edwins Augen fielen auch auf das ſchöne Mäd⸗ chen, als es ſich entfernte, aber ohne daß er eine Miene machte, ihretwegen ſeine Frau zu verlaſſen. Er bot Elvira den Arm, welchen ſie ſchweigend annahm, und nachdem der Lord ihr einige Fragen gethan, wie die Luft ihr bekäme, wandelten ſie, von Armida gefolgt, ſtillſchweigend an der Seite von einander. Beim Mittagstiſch war Elvira zum Erſtenmale ſeit dem Tode der Marquiſin anweſend.— Ihr Ausſehen hatte das Gepräge der Niedergeſchlagen⸗ heit und Hoffnungsloſigkeit verloren, welches daſſelbe beim Anfang der Promenade ausgezeichnet hatte. Ihr Geſichtsausdruck war entſchloſſen, und es ſchien, daß die Energie wieder in ihrer Seele erweckt wor⸗ den ſei. Miſtriß Brom war wie gewöhnlich ſtill. Sie aß unn ſchwieg; aber es kam Zeit zu Zeit vor, daß ſie einen langen Blick auf Armida richtete, welche lauter Liebenswürdigkeit war und die Converſation in Gang zu halten verſtand. Als man vom Tiſche aufſtand, zog Elvira ſich in ihre Zimmer zurück. Am Morgen darauf ließ Lord Caſterton anfra⸗ gen, ob Elvira ihn empfangen wollte. Der Bediente hatte kaum ſeinen Auftrag aus⸗ gerichtet, als der Lord ſelbſt eintrat, und dieß bevor Elvira noch eine Antwort gegeben. Die junge Frau ſaß an ihrem Schreibtiſch; ſie hatte neben ſich einen Bündel Briefe. Als ſie Ed⸗ win erblickte, ſtand ſie ſofort von ihrem Platze auf. — Ich habe nicht die Erlaubniß abgewartet, Sie beſuchen zu dürfen;— ſagte Edwin, als der Bediente ſich entfernt,— weil ich überzeugt war, daß Sie ſich nicht weigern würden, mich zu empfan⸗ gen.— Die Unterredung, welche ich verlangt, habe ich ſchon lange zu erhalten gewünſcht, aber aus Furcht, daß Ihre Geſundheit zu ſchwach ſei, habe ich mir dieſelbe nicht ausbitten wollen. Ich hoffe jedoch, daß Sie jetzt Kraft genug beſitzen, um mit mir irgend welches Thema verhandeln zu können. — Ich bin deſſen ſelbſt vollkommen gewiß,— antwortete Elvira und trug ihren reizenden Kopf ſo hoch wie eine Königin, welche einem Unterthanen eine Audienz gewährt.— Auch ich, Mylord,— fügte iePhinit,— hätte Ihnen Etwas zu ſagen, und als Sie eintraten, war ich gerade im Begriff, es ſchriftlich zu thun. 272 — Wenn dem ſo iſt, ſo bitte ich die Zeilen leſen zu dürfen, welche für mich beſtimmt waren. — Jetzt iſt es überflüſſig, eine ſchriftliche Mit⸗ theilung zu machen, da es mündlich geſchehen kann. — Elvira nahm den bereits fertig geſchriebenen Brief und zerriß ihn. Dann fügte ſie hinzu:— Ich warte indeſſen jetzt ab, daß Sie, Mylord, mir erſt das mittheilen, was Sie zu ſagen haben; dann mag die Reihe an mich kommen. Elvira ſetzte ſich in ein kleines Sopha, Edwin blieb ſtehen.— Er lehnte ſich an ein Piedeſtal, auf welchem eine Büſte Guſtav des Erſten ſtand. Dann ſagte er in ernſtem Tone: — Mag es ſein, weil Sie es wünſchen!— Es dürfte auch nicht zu früh ſein, wenn wir nach zwei⸗ jähriger Ehe gegenſeitig unſere Gedanken ausſpre⸗ chen und klar einſehen, in welcher Stellung wir uns zu einander befinden. — In welcher Stellung, Mylord? Das wiſſen wir ja ſchon,— fiel Elvira lebhaft ein.— Wir ſind Gatten vor der Welt, vor einander aber Fremd⸗ linge. — Ja, ſo haben Sie unſer Schickſal entſchieden; aber iſt es deßhalb ſo vollkommen ausgemacht, daß ich dieſes Arrangement billige? — Sie haben nie eine Einwendung dagegen ge⸗ — Das iſt wahr, und ich mache es auch jetzt nicht; aber ich glaube doch einige Rechte zu beſitzen welche Sie erlauben, daß ich erwähne. 8 4 — Rechte, Mylord?— rief Elvira und blickte ihn ſtolz an. 273 — Sie werden gleich genöthigt ſein, ſie anzuer⸗ kennen,— verſicherte Edwin.— Sie tragen meinen Namen.— Nun gut; ich beſitze alſo das Recht, von Ihnen darüber Rechenſchaft zu verlangen, wie Sie denſelben repräſentiren, und auch die Beweggründe kennen zu lernen, welche Sie bewogen, auf das An⸗ erbieten meiner Hand einzugehen. — Das Motiv, welches mich zur Lady Caſter⸗ ton macht, kennen Sie ja; wer wird denn darnach fragen? Elviras Lippen waren, als ſie dieß äußerte, farblos. — Einen Augenblick, ich bitte!— unterbrach ſie Edwin und verbarg die Stirne in der Hand.— Nehmen Sie an, daß ich es für Hochmuth, Ehrgeiz oder Begierde nach einer höheren Stellung in der Geſellſchaft gehalten, daß ich aber jetzt entdeckt habe, dieß ſei ein Irrthum geweſen, und daß Sie ſich von einem ganz andern Gefühl haben leiten laſſen. — Ich!— rief Elvira und ſtand auf.— Wel⸗ ches ſollte denn das ſein? — Die Liebe,— ſagte Edwin. Elvira warf ſich ins Sopha zurück und verbarg ihr Geſicht in den Händen. — Ihre Lippen brauchen nicht das zu bekräftigen, was ich bereits weiß,— fuhr Edwin fort;— denn Ihre Bewegung hat es bereits gethan.— Sie ha⸗ ben damit anerkannt, daß Sie aus Verdruß darüber, daß Sie in Ihrer erſten Liebe getäuſcht wurden, meine Frau geworden.— Sie wollten nicht, daß er wiſſen ſollte, wie tief es Sie ſchmerzte, daß er Schwartz, Gold und Name. 1. 18 einſt verlaſſen anzuhören, wenn es ihm gefällt, die Sprache der Liebe mit ihr zu reden. voll ſein, wenn ich mir den geringſten Fehler hätte 274 eine Andere wählte, und Sie gaben mir Ihre Hand, um ſich an ihm zu rächen. Bei dieſen Worten hob Elvira den Kopf in die Höhe. Ihr Ausſehen war vollkommen ruhig und der Blick kalt, als ſie denſelben auf Edwin heftete. — Sie hatten vollkommen recht, ſo gegen mich zu handeln,— fuhr er fort;— denn ein Mann, welcher einem Weibe ſeine Hand unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen anbietet, wie die, welche mich veranlaßten, es zu thun, der hat kein Recht auf Liebe und An⸗ hänglichkeit zu rechnen; aber, meine Gnädige, er hat Recht zu fordern, daß die Gattin nicht die Ach⸗ tung, welche ſie ſeiner Ehre ſchuldig iſt, vergißt, um Gefühlen Gehör zu ſchenken, die ſie in der Tiefe ihres Herzens verbergen muß. Sie hat, ſeit ſie ſich verheirathet, nicht das Recht, den Mann, welcher ſie — Habe ich mir dieſes erlaubt?— fragte El⸗ vira. — Ich überlaſſe es Ihrem eigenen Gewiſſen, die Frage zu beantworten; ich will Sie nicht da⸗ durch verletzen, daß ich es thue. — Ah, Mylord, Sie würden nicht ſo rückſichts⸗ zu Schulden kommen laſſen, der auf Ihre Ehre Be⸗ zug haben kann,— ſiel Elvira ſtolz ein. Ich for⸗ dere Sie indeſſen heraus, die Behauptung daß ich mich je einer Handlung ſchuldig gemacht, die Sie oder mich ſelbſt kränken könnte.— 2 eweiſen Sie es, wenn Sie können! — Hat zwiſchen Ihnen und Carl Brogren keine 275 zärtliche Neigung ſtattgefunden? Wollen Sie ſo gut ſein, mir es zu ſagen. 8 Elvira wechſelte die Farbe, antwortete aber ſo⸗ fort ohne alles Beſinnen:? — Ja, als ganz junges Mädchen bin ich ihm ſehr gewogen geweſen. Elvira erzählte einfach und wahrheitsgetreu von ihrer Liebe zu Carl, und wie ſie beide geträumt hätten, ein Paar zu werden. 4 Edwin hörte ihr zu, ohne durch eine Miene oder eine Bewegung dieſe prunkloſe Schilderung der erſten kindlichen Liebe eines jungen Mädchens zu unterbrechen. Als Elvira ſchwieg, ſagte Edwin: — Sie haben alſo diefen Mann geliebt? — Er war der Erſte, für welchen ich eine Nei⸗ gung hegte,— antwortete Elvira. 8 — Und dieſe Neigung iſt jetzt wieder erwacht. Sie ſind als verheirathet mit ihm zuſammengetrof⸗ fen; Sie haben einen Brief von ihm empfangen und auch beantwortet? — Ein einziges Mal habe ich mit ihm geſpro⸗ chen und einen einzigen Brief habe ich beantwortet. — Das war ſchon eines zu viel!— rief Edwin ſtreng.— Lady Caſtertons Handſchrift und Name in den Händen ihres erſten Liebhabers iſt eine Schmach für ihren Mann. Wenn Sie wüßten, was Sie mir und ſich ſelbſt ſchuldig ſind, dann würden Sie ſich nie erlaubt haben, mit Herrn Brogren Stelldichein zu haben, um von einer Liebe zu flüſtern, die ebenſo verletzend für Sie wie für mich iſt. Sie haben— — Lord Caſterton,— unterbrach ihn Elvira und richtete ſich gerade in die Höhe,— erwägen 18* 276 Sie Ihre Worte und vergeſſen Sie nicht die Ach⸗ tung, welche ich ein Recht zu fordern habe! — Ich vergeſſe ſie ebenſo wenig wie diejenige, die ich meinem Namen ſchuldig bin.— Sie haben gewünſcht, getrennt von mir zu leben; ich bin dar⸗ auf eingegangen; aber die Bedingung war, daß Sie wohl über meine Ehre wachen ſollten. Sie ſa⸗ gen, daß Sie nicht mehr als einmal mit Herrn Bro⸗ gren zuſammengetroffen ſind. Sie ſind ihm indeſſen eines Abends bei Ihrer Amme begegnet, und ich habe ſelbſt mit meinen eigenen Augen geſehen, als er ſich von der zweiten Zuſammenkunft mit Ihnen entfernte.— Trotzdem habe ich während der Krank⸗ heit meiner Tante nichts davon ſprechen wollen, und habe auch nichts geſagt, ſo lange Sie ſelbſt krank waren; aber jetzt dürften Sie entſchuldigen, daß ich Ihnen meinen Wunſch ausſpreche, Sie möchten künf⸗ tig weniger unbeſonnen ſein. Elvira betrachtete ihn mit einem kalten Blick. Sie hatte ihn bis zum Ende reden laſſen; aber an dem Auf⸗ und Abwogen ihrer Bruſt ſah man, daß es darin nicht ſo ruhig ſei, wie es der Blick zeigte. — Was iſt Ihre Abſicht, indem Sie mir das ſagen, was Sie mir jetzt geſagt?— fragte ſie. — Sie zu bitten, in der Zukunft vorſichtiger zu ſein, falls Sie entſchloſſen ſind, fortwährend von Ih⸗ rem Manne getrennt zu leben ünd zwiſchen ihn und Sie Länder und Meere zu legen,— antwortete Ed⸗ win in einem weniger harten Ton.— Den Gefüh⸗ len kann man nicht gebieten, aber wohl den Hand⸗ lungen, ſo daß ſie nicht mit Ehre und Pflicht in Streit gerathen. . — 277 — Wahr, und ich glaube wirklich in Allem ſo gehandelt zu haben, daß ich mich in dieſem Falle keiner ſtrafbaren Handlung ſchuldig gemacht;— aber, Mylord, Sie, der Sie mich ſo ungerecht an⸗ klagen, ohne dem wahren Verhältniſſe nachzuforſchen, Sie, der Sie ſo große Anſprüche machen, daß Sie mit der größten Strenge Fehler aburtheilen, welche nicht begangen worden ſind, haben Sie immer der Stimme der Ehre und der Pflicht gehorcht? Ich werfe dieſe Frage auf, aber ich mache keiſe Ankla⸗ gen und fälle kein Urtheil über Sie. Mögen Sie ſelbſt urtheilen, wenn Sie in einem ruhigeren Au⸗ genblick dieſe Briefe durchleſen. Glira ging hin nach ihrem Schreibtiſche, nahm ein Paquet Briefe, das dort lag, und reichte ſie Ed⸗ win, indem ſie hinzufügte: — Der Inhalt dieſer Briefe iſt mir bekannt ge⸗ weſen ſeit dem Tage, wo die Marquiſin krank wurde. Ich habe durch dieſelben erfahren, daß Sie ein an⸗ deres Weib liebten, daß das Band, welches Sie mit mir vereinigt, eine Verdammniß für Sie iſt und daß Sie an mich nicht ohne Bitterkeit denken können. Ich weiß, daß das größte Glück, welches Sie ſich wünſchen, das wäre, frei zu werden, damit Sie eine Verbindung ſchließen könnten, welche mehr mit den Wünſchen ihres Herzens übereinſtimnte.— Dieſes haben Sie niedergeſchrieben. Ich fühle alſo, falls ich es nicht früher gefühlt, daß, wenn ich, als ich jetzt krank war, geſtorben wäre, mei Tod die Be⸗ förderung Ihres ues geweſen, und dann das einzige Hinderniß aus dem ege geräumt ſein würde, welches zwiſchen Ihnen und dem Glück ſteht. Sobald die Marquiſin ihren letzten Seufzer aus⸗ geathmet und ich mich von dem Schmerz erholt hatte, war auch mein Entſchluß gefaßt. Elvira hielt inne. Das leiſe Zittern ihrer Lip⸗ pen zeigte, daß ſie deßhalb ſchwieg, weil die innere Bewegung im Begriff war ſich Luft zu machen. — Und dieſer Entſchluß, worauf bezieht er ſich? — fragte Edwin, welcher mit unerſchütterlicher Be⸗ harrlichkeit Elvira betrachtete. — Ihnen eine Eheſcheidung vorzuſchlagen. Edwin ſchwieg. Als Elvira keine Antwort erhielt, hob ſie wie⸗ er an: — Die Marquiſin iſt todt und damit das einzige wirkliche Band, welches uns vereinigte, zerriſſen.— Aus Scham vor ihr ertrugen wir beide die Kette, die uns an einander feſſelte, obgleich wir gleich nach den erſten Wochen unſerer Ehe einſahen, daß wir auf beiden Seiten einen entſetzlichen Mißgriff ge⸗ macht, als wir aus weltlichen Beweggründen unſere Geſchicke vereinigten. Jetzt, Mylord, ſehe ich nicht ein, warum wir fortfahren ſollen, die Rolle von Gatten zu ſpielen. Laßt uns lieber dieſer unwürdi⸗ gen Comödie ein Ende machen. Dadurch, daß wir die Freiheit erlangen, haben wir ja beide die Mög⸗ lichkeit vor uns, doch noch einmal glücklich wer⸗ den zu können. Sie ſind jetzt in ausſchließlichem Beſitz von dem Vermögen der Marquiſin und brau⸗ chen mich nicht mehr;— ich meinerſeits habe Ih⸗ ren Namen beſeſſen und gebe Ihnen gern denſelben zurück, nachdem ich die Erfahrung gemacht, daß der Name nicht im Stande iſt, Glück zu bringen. 279 — Sind Sie zu Ende?— fragte Edwin. — Ja, ich habe nichts hinzuzufügen. — WMeint Antwort, Lady Caſterton, lautet: Sie werden nie einen anderen Namen als den meinigen tragen;— ich werde nie auf eine Eheſcheidung eingehen. — Dieſe Antwort iſt eine Folge des Verſpre⸗ chens, welches Sie der Marquiſin auf ihrem Sterbe⸗ bett gegeben; aber es kann nicht bindend ſein, da unſere Herzen vollkommen getrennt ſind. Hätte die Marquiſin eine Ahnung davon gehabt, dann würde ſie nicht darauf gedrungen haben, daß Sie und ich fortfahren ſollten, als Gatten zu leben. Der Lord zog die Hand zurück, womit er die Stirne geſtützt und richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf. — Sind unſere Geſchicke einmal vereinigt wor⸗ den,— ſagte er in feſtem Tone,— ſo ſollen Sie es auch bleiben, bis Eines von uns aus dieſer Welt gegangen iſt.— Wir mögen glücklich oder unglück⸗ lich, in der Nähe oder weit von einander entfernt leben, ſo werden Sie doch nie einem anderen Manne gehören und ich nicht eine andere Frau beſitzen. Dieß iſt mein unerſchütterlicher Entſchluß. Elvira ſank ins Sopha zurück. Sie lehnte den Kopf gegen das Kiſſen, als wenn ſie von irgend ei⸗ nem Schmerz niedergedrückt ſei. Edwin trat einige Schritte auf ſie zu, blieb aber wieder ſtehen und fügte hinzu: — Ihnen überlaſſe ich es, zu beſtimmen, ob wir fortfahren ſollen, jedes für ſich, oder ob wir zuſam⸗ % 280 menleben ſollen. In dieſem Falle haben Sie zu be⸗ ſchließen. Auch jetzt ſagte Elvira nichts. Sie ſaß da mit niedergebeugtem Kopfe. Einige Thränen rannen langſam über ihre Wangen herab. — Sie fühlen ſich ſehr unglücklich,— bemerkte Edwin in einem faſt ſpottenden Tone;— aber war⸗ um ſollten ſie ſich unglücklicher fühlen, als ich es thue?— Wenn Sie den Mann nicht bekommen können, den Sie lieben, ſo theile ich daſſelbe Schick⸗ ſal.— Sie werden antworten, daß Sie mehr ent⸗ ſagen müſſen, als ich, weil Sie darauf verzichten müſſen, ihn zu ſehen; aber, was thut das? Das Leben iſt voll von anderen Genüſſen und beſitzt ſo viele Annehmlichkeiten; ſuchen Sie einen Erſatz für das, was Sie verloren haben, in irgend Etwas, das Ihnen erlaubt iſt, und verſuchen Sie zu begreifen, daß Lord Caſterton aus Achtung vor ſeinem Rang den Skandal nicht machen kann, ſich von ſeiner Frau zu ſcheiden. Sie ſind jetzt aufgeregt; ich will Sie verlaſſen und erwarte bis morgen zu erfahren, was Sie beſchloſſen haben. Der Lord entfernte ſich, ohne daß Elvira ihn zurückzuhalten verſuchte.— Als er fort war, ver⸗ barg ſie ihr Geſicht tief in einem der Sophakiſſen und weinte. Als der Lord durch den Salon paſſirte, fand er S dort ſtehen. Sie kam ihm entgegen und agte: — Ich wollte Sie bitten, Mylord, mir den Brief — 281 zurückzugeben, welchen ich Ihnen gegeben. 8 Abſicht damit war, Ihnen zu beweiſen, daß Elviras Glück und Friede darin beſtanden, frei zu werden. — Sie haben jetzt dieſen Brief geleſen und brauchen ihn nicht länger. — Der Brief war an meine Frau,— antwor⸗ tete Edwin ſtolz,— und gehört alſo ihr, nicht Ih⸗ nen.— Derſelbe wird in meinem Beſitz blei⸗ ben.— Uebrigens, Miß K—hjelm, ſind es ja nur die Fragmente von einem zerriſſenen Briefe, und dieſe hätten ebenſo gut von mir wie von Ihnen auf⸗ gefunden werden können.— Wir werden deßhalb nicht mehr davon ſprechen, daß Sie das zurückhaben müſſen, was Ihnen nicht gehört; das hieße an Et⸗ was Worte verlieren, das nicht geſchehen wird; aber können Sie mir darüber Aufklärung geben, von wel⸗ chem wohlwollenden Menſchen Elvira die Briefe er⸗ halten hat, die ich an Martha geſchrieben? — Hat ſie die erhalten?— rief Armida mit wohl geſpielter Ueberraſchung. — Ja!— Nach Ihrer Miene zu urtheilen, ſcheint es nicht, daß Sie ihr dieſelben verſchafft ha⸗ ben.— Ich glaubte jedoch einen Augenblick, daß Sie, welche ein ſo großes Intereſſe dafür an den Tag gelegt haben, daß ich mich von Elvira ſchiede, ihr den Triumph bereitet hätten, jene Waffe gegen mich in der Hand zu haben, um die Verhandlung wegen der Scheidung zu erleichtern. — Warum ſollte ich das gethan babe ief Armida. — Was weiß ich? Ihre Anhänglichkeit an Lady Caſterton hätte Sie ja dazu bewegen können, wie dieſelbe Sie ja auch veranlaßt hat, mich von dieſem und jenem in Kenntniß zu ſetzen. Edwin lächelte ironiſch. — Sie haben Recht, Mylord,— fiel Armida ein,— meine unbegrenzte Ergebenheit macht, daß ich gelitten habe, ſie ſo unglücklich zu ſehen, wie ſie iſt, und dabei denken zu müſſen, daß dem Allem ab⸗ geholfen werden könnte, wenn Sie ihr die Freiheit wiedergäben. — Ja ſo, Sie glauben, daß ſie dann glücklich werden wird?— ſagte Edwin mit zerſtreuter Miene. — Wenn ich nicht deſſen gewiß wäre, ſo würde ich wohl nicht ſo gehandelt haben, wie ich es ge⸗ than, um Sie zu veranlaſſen einzuſehen, daß Sie ihrem Glücke im Wege ſtehen. Wahrlich, Mylord, man muß ein Mann ſein ohne Herz, um ſich das zu erlauben, was Sie thun! Selbſt ſind Sie in Martha verliebt. Sie haben ihre Liebe von dem Manne weggelockt, mit welchem ſie verlobt war, und als ſie mit ihm bricht und er Elvira frei findet, weigern Sie, ſich von der Frau zu ſcheiden, welche Sie verlaſſen haben. Sie haben ja tauſendmal Martha verſichert, daß es Ihr Glück ſein würde, ſie Ihre Gattin nennen zu dürfen. Sagen Sie mir, meinen Sie wirklich, daß dieß von Ehrgefühl zeugt? Edwin trommelte einen Marſch an der Fenſter⸗ ſcheibe, und als Armida zu Ende war, ſagte er: — Lady Caſterton hat ihre Sache keinen unrech⸗ ten Händen anvertraut, als ſie Sie zu Ihrer Für⸗ ſprecherin wählte; aber Sie thun Unrecht, daß Sie ſo viele Beredtſamkeit an einem ſo undankbaren 4 —— 4 Thema verſchwenden. Verſuchen Sie es, die Ma ren, noch Elviras, noch Marthas Wünſchen entge⸗ genkommen. Herr Brogren wird niemals Lady tie heirathen, wenigſtens nicht, ſo lange ich lebe. Edwin entfernte ſich und unternahm einen län⸗ geren Ritt. Armida begab ſich zu Elvira. Sie fand das junge Weib mit Schreiben be⸗ ſchäftigt. Armida ſchlug ihr eine kleine Promenade vor; aber Elvira lehnte den Vorſchlag ab, und er⸗ klärte, daß ſie nicht dazu aufgelegt ſei. — Nun, ſo fahre eine Stunde aus!— bat Ar⸗ mida; aber auch deſſen weigerte Elvira ſich, und Armida mußte an dem Tage gehen, ohne ſie über⸗ redet zu haben, friſche Luft zu ſchöpfen. Edwin kam vor Mittag nicht zurück. Als er in ſein Arbeitszimmer eintrat, fand er dort einen Brief auf ſeinem Schreibtiſch liegen. Er erkannte ſofort Elviras Handſchrift und dachte: — Es ſieht aus, als hätte ſie eine gewiſſe Paſ⸗ ſion für das Schreiben. Er faltete den Brief auseinander und las „Lord Caſterton! „Sie haben erfahren wollen, wie ich es wün⸗ ſche, daß unſer künftiges Leben werden ſoll.— Mein Wunſch kann in dieſer Beziehung nicht gut mehr quiſin wieder von den Todten zu erwecken, und ich werde mich von meiner Frau ſcheiden.— Bevor Sie das nicht im Stande ſind, kann ich weder Ih⸗ als einer ſein,— der nämlich, Ihnen ſo wenig als möglich mit meiner Gegenwart zur Laſt zu fallen. „Es iſt wahr, daß ich, als Sie hierher kamen, die Hoffnung hegte, wir würden ein Paar Freunde werden, welche durch gegenſeitige Freundſchaft ſuchen würden, das Zuſammenleben möglich zu machen. Ich hatte ſogar beſchloſſen, daß ich, wenn ich die allergeringſte Freundlichkeit auf Ihrer Seite fände, Alles, was von mir abhinge, thun würde, damit Sie und ich das werden könnten, was wir vor der Welt ſind, ein Paar Gatten. „Gott iſt mein Zeuge, daß das mein feſter Ent⸗ ſchluß war. Ich wußte, daß Sie Martha Stan⸗ genſtjöld liebten; aber ich erſtickte mein verletztes Selbſtgefühl und gelobte heilig, Alles das zu wer⸗ den, was eine zärtliche und gute Frau für ihren Mann ſein kann. Ich hatte die Plane meiner Zu⸗ kunft gelegt, ohne zu bedenken, daß Sie möglich die⸗ ſelben kreuzen würden. So kam es denn auch. „Ich will nicht von der Költe und der Gleich⸗ gültigkeit ſprechen, welche Sie mir während der kangen Krankheit der Marquiſin zeigten. „Die zwölf Wochen, welche dieſelbe dauerte, hat⸗ ten Sie kein einziges freundliches oder wohlwollen⸗ des Wort für mich. „Dieſes Ihr Betragen hätte hingereicht, mir zu zeigen, wie vollkommen Nichts ich für Sie bin; und doch ſollte ich dazu noch ſolche Beweiſe erhalten, wie die Beweiſe, welche ich Ihnen geſtern übergab. Ich will nichts ſagen von dem ſchließlichen und ſprechendſten Beweis dafür, wie vollkommen werth⸗ los das Weib Ihnen iſt, welches Ihren Namen — trägt; dieſes lag in Ihrem Benehmen während mei⸗ ner Krankheit. „Mylord, denken Sie nach!— Drei ganze Wo⸗ chen dauerte ſie, und Sie hatten keine einzige Stunde übrig, Ihre Frau zu beſuchen. „Als ich geſund worden, wurde ich von einer entſetzlichen Muthloſigkeit ergriffen. Mein Gemüth war von dem Bewußtſein, allein in der Welt zu ſtehen, gleichſam zermalmt, und vergebens ſuchte ich mir Hoffnung auf die Zukunft einzureden. Die Vor⸗ ſätze, welche ich bei Ihrer Ankunft hier gefaßt, waren über den Haufen geworfen; es fehlte mir an Muth und auch an Seelenſtärke, gegen Ihre Gleichgültigkeit zu ſtreiten und den Verſuch zu machen, mir Ihre Zuneigung zu erkämpfen. „In mein Gedächtniß waren die Worte einge⸗ graben, welche Sie in den meiſten von Ihren Brie⸗ fen an Martha wiederholen, nämlich:„daß das Weib, welches Ihren Namen trüge, die Zerſtörerin Ihres Glückes und die Mauer ſei, welche Sie von der Seligkeit trennte.“ „Sie ſchrieben, Mylord:„nehme weg dieſes Weib von meinem Leben, und ich werde der Glück⸗ lichſte unter den Sterblichen ſein!“— An einer andern Stelle hieß es:„Meine Ehre ſchmiedet mich feſt an ſie. Ich wollte wünſchen, daß ſie meines Namens nicht würdig wäre, daß es einen Flecken an ihrem Leben gäbe, der eine Scheidung von ihr möglich machte.“ „Ich habe während meiner Krankheit dieſe Worte wieder und wieder wiederholt; ſie ſind, nachdem ich geſund geworden, vor mein Gedächtniß getreten, und 286 haben mich überzeugt, daß das Einzige, welches übrig blieb, das ſei, Ihnen vorzuſchlagen, die Bande zu zerreißen, welche uns an einander feſſeln. „Sie haben es nicht gewollt.— Die Urſache Ihrer Weigerung glaube ich zu kennen und werde meine Handlungsweiſe darnach richten. „Klarer und beſtimmter ſehe ich nach unſerer letzten Unterredung ein, daß Sie und ich nicht für einander geſchaffen ſind.— Sie haben mich ange⸗ klagt; Sie haben den Muth gehabt, über meine Handlungen ein ſtrenges Urtheil zu fällen, während Ihre eigenen ſo wenig tadellos ſind. Sie haben ſich erlaubt darauf aufmerkſam zu machen, was Ehre und Gewiſſen gebieten, und das, ohne daß Sie ſich Zeit gaben zu unterſuchen, ob ich dieſe Vorwürfe, dieſe Beurtheilung verdiente. Sie ſind demnach in demſelben Augenblick ungerecht, wo Sie ſich ſelbſt Vergehen zu Schulden kommen laſſen. „Ich habe nicht Ihre Vorwürfe verdient; ich habe mir nie Etwas zu Schulden kommen laſſen, das vom Wege des Rechten abwiche.— Eyrlich habe ich Ihnen geſagt, daß Carl Brogren meine Jugendliebe geweſen; aber ebenſo ehrlich ſage ich Ihnen jetzt: daß dieſe Liebe nur in dem Gedächtniß übrig iſt; Carl Brogren iſt für mein Herz nichts. — Ich habe weder Ihre Ehre aus Liebe zu ihm verletzt, noch kann ich dazu kommen es zu thun. „Ihr ebenſo übereilter wie unbedachtſamer An⸗ griff auf mein Pflichtgefühl, hat ein Gutes mit ſich gebracht. Derſelbe weckte mich aus der tiefen Nieder⸗ geſchlagenheit, welche mich beherrſchte, und gab mir die Energie wieder, welche ich vermißt, und die ich ſo 287 ſehr nöthig habe. Doch ich will vieſes Schreibe nicht gar zu lang machen, und werde deshalb zum Hauptzweck deſſelben übergehen. „Sie haben der Marquiſin auf ihrem Sterbebett verſprochen, ſich nicht von mir zu ſcheiden. „Sie ſind zu ſtolz, um nicht Wort zu halten, und dieſes iſt die Urſache Ihrer Weigerung. Es zu verweigern war Ihr Recht.— Das meinige iſt, zu beſtimmen, ob wir geſchieden oder zuſammen leben ſollen. Sie haben geſchrieben:„Nimm dieſe Frau weg von meinem Leben, und ich werde der Glück⸗ lichſte unter den Sterblichen.“ Sie wollen ſich nicht von ihr ſcheiden, und ſie— ſie kann ihre Tage an Ihrer Seite nicht fortleben, ſeit ſie weiß, welche Laſt ſie für Sie iſt. „Mögen Meer und Land uns von einander trennen;— das iſt mein Wunſch. „Ich habe während unſerer letzten Unterredung viel gelitten; ich bin nicht reich genug mit morali⸗ ſchem Muthe ausgerüſtet, um mich noch einmal freiwillig dem Schmerze eines Zuſammentreffens mit Ihnen zu unterwerfen, ſondern ich habe darum Timaſjö verlaſſen, wenn Sie dieſes erhalten. „Leben Sie wohl, Lord Caſterton!— Möge Gott mein Gebet hören; dasſelbe gilt Ihrem Glück; — ich werde thun was in meiner Macht ſteht, da⸗ mit Sie in den Beſitz des Glückes gelangen, wel⸗ chem Sie jetzt entſagen zu müſſen glauben. 6 „Ich reiſe ganz allein. „Miſtriß Brow beſitzt das Recht, auf Timaſjð zu bleiben oder nach England zurückzukehren, wie ihr beliebt.— Fräulein K— hjelm erhält einen Brief 3 288 ir, welcher auf meinem Schreibtiſch liegi.— Ich habe Alles zu ordnen geſucht, ſo daß ich die Ver⸗ 9„ Verſprechen welches Sie der Mar⸗ quiſin auf ihrem Sterbebette gaben, ein bedingtes war. Es kann ja ſein, daß an meinem Leben ein Makel haftet, welcher zu einer Scheidung beiträgt, und es kann ja auch paſſiren, daß ich, ohne Pflicht und Gewiſſen zu verletzen, mir Handlungen erlaube, welche mit der geſellſchaftlichen Stellung der Lady Caſterton unvereinbarlich ſind; in dieſem Falle ſind Sie von Ihrer Verpflichtung gegen die Todte los. „Man ſagte mir einmal: die Frau muß über das Glück des Mannes wachen.— Dieſe Worte ſind unauslöſchlich in das Gedächtniß eingegraben von 5 Jetzt, wo ich die Feder niederlegen will, wird mei i i griffen.— Ich werde gehen, um Sie nie wieder zu ſehen.— Dieſes Schreiben iſt alſo ein Abſchied fürs Leben. Wenn man ſo Etwas i zu ſchenken.“ erſchienen Spuren von 289 Den Eindruck zu beſchreiben, welchen dieſer Brief auf Edwin machte, wollen wir uns nicht erlauben. Der Bediente hatte dem Lord zweimal gemeldet, daß der Tiſch bereit ſei, ohne daß Edwin darauf Acht gab, und als er ſich das drittemal zeigte, um daſſelbe zu wiederholen, erklärte Edwin, daß er nicht diniren wollte. Er gab Befehl, daß Miſtriß Brow ſich ſofort bei ihm einfinden ſolle. — Wann reiste die Lady?— fragte Caſterton, als die engliſche Dame ganz langſam eintrat. — Iſt die Lady abgereist?— fragte Miſtriß Brow und ſperrte die Augen auf. — Sie, die Sie dieſes Haus nicht verlaſſen haben, müſſen doch darüber Beſcheid wiſſen,— rief Caſterton.— Sie hat doch nicht durchs Fenſter hinausfliegen können, ſondern Sie müſſen es geſehen haben, wann ſie fortfuhr. — Die Lady iſt den ganzen Vormittag auf ih⸗ ren Zimmern geweſen, und ein Wagen iſt weder angekommen, noch von hier fortgefahren,— antwor⸗ tete die Engländerin;— ich habe den Vormittag im blauen Salon zugebracht, und würde es unbe⸗ dingt bemerkt haben, wenn die Lady irgend einen Ausflug gemacht hätte. — Wo iſt Fräulein K—hjelm? — Sie dinirt. — Ich will mit ihr ſprechen. Edwin ging gegen die Thüre; aber Miſtriß Brow ſchritt ihm mit kautloſen Schritten nach und berührte ſeinen Arm. 4 — Seien Sie vorſichtig, Mylord!— meinte ſie. Edwin blickte ſie an.* Schwartz, Gold und Name. 1. 19 . 290 — Stellen Sie keine Fragen an das Fräulein; — ſie iſt eine Feindin, welche lange genug ihr Spiel mit Ihnen getrieben hat. Suchen Sie die Lady auf ihrem Zimmer; — befahl Edwin in kurzem Tone, warf ſich in einen Ruheſtuhl und riß Elviras Brief, welcher auf dem Tiſche lag, an ſich. Miſtriß Brow ging, kam aber nach kurzer Zeit wieder. — Die Lady hat ihre Zimmer verlaſſen und iſt die Wendeltreppe hinabgegangen, ſo daß ſie in den Park hinuntergelangte. Am Ende deſſelben hat ein Fuhrwerk gewartet und mit dieſem iſt die Lady fort⸗ gefahren. — War ſie ganz allein? folgte ihre Kammer⸗ jungfrau nicht mit? — Sie war allein; Johann fuhr ſie. — Wohin hat ſie ſich begeben? — Das weiß ich nicht. — Aber ich muß es wiſſen; ich muß ſie wieder⸗ finden!— rief Edwin. Miſtriß Brow ſagte nichts, ſondern wollte ſich entfernen. — Wohin gedenken Sie Ihren Weg zu neh⸗ men?— fragte Edwin und ergriff den Klingelzug. — Der Lady nach. Der Lord klingelte. — Was wollen Sie thun, Mylord? fragte Mi⸗ ſtriß Brow ihrerſeits. ch fahre nach der Hauptſtadt, und das ſott — Warten Sie bis morgen, und laſſen Sie i 13 7 8 9 10 11 ſilt 17