Der chwarzr Jäger oder Die Räuber in den Ruinen der Gleichenburg. Nach authentiſchen Quellen bearbeitet von Tr. Neumeiſter. Mit colorirten Pildern. Zweiter Band. Nenſalza. Druck und Verlag von C. A. P. Bornd 1857. XVi. Ein dreifaches Verhrechen.— Ein Rabenkind. Nachdem Lorenz in der unterirdiſchen Expedition des Forſthauſes ein Aſhl gefunden hatte, fuhren die drei Genoſſen mit ihrer Berathung in Bezug auf die Sicherung ihrer gefährdeten Zukunft fort. „Der Junge wird uns mit der Zeit läſtig,“ ſagte der Biebreſche Schreiber,„und es iſt mir gar nicht angenehm, daß er in meinem Schlupfwinkel ſtecktz er hat nun Gelegenheit gefunden, mir beſtändig auf die Hände zu ſehen, und dies kann uns einmal ſehr nachtheilig werden.“ 6 „Haſt Recht, Marbacher,“ ſigie Lhom, der Waldhüter,„es wäre am Beſten, wir ſuchten uns des Bubens zu entledigen; wir würden dadurch allen ferneren Befürchtungen ſchnell ein Ende machen.“ Jean Beg warf dem Sprechenden einen Blick des Unwillens zu. „Sprich mir nicht davon,“ ſagte er,„ſonſt wirſt du mich bald gegen dich aufbringen; ich werde es nicht zugeben, daß dem Burſchen etwas Böſes wider⸗ fährt, darauf kannſt du dich verlaſſen. Lorenz ſteht unter meiner Obhut, und das wird dir ge Thom, um jeden Anſchlag gegen ihn u e Der en Zäger. Lieferung 6. S 4 „Ich dachte nicht, daß dir der kleine Teufel ſo feſt ans Herz gewachſen wäre,“ bemerkte Thom in höhniſchem Tone.„Nun, ſei außer Sorge, ich will mich ſo gegen ihn benehmen, als ob er dein eigener Sohn wäre, und ihn mit keinem finſtern Blicke be⸗ leidigen. Uebrigens ſteht dir der Junge vielleicht näher, als mancher vielleicht glauben mag.“ Während er noch ſprach, erſchien Räuter auf dem freien Platze vor dem Forſthauſe, deſſen Eingange er mit ſchnellen Schritten zueilte. „Der bringt gewiß eine wichtige Nachricht,“ ſagte der Biebreſche Schreiber,„ich will boffen⸗ daß es nichts Schlimmes iſt.“ Räuter trat ein;z er grüßte ſeine Genoſſen mit eeinem etwas unterdrückten Tone. „Es handelt ſich um eine wichtige Rnlege heit,“ ſagte er. „Was iſts?“ fragte Jean Beg. „Ich ſah vorhin zwei Gensd'armen über die Höhe des Felſengipfels herabkommen; ſie haben den Weg hierher gewählt und werden in einer Viertel⸗ ſtunde beim Forſthauſe angelangt ſein.“ „Hierher ſollen ſie nicht kommen!“ rief Thom, der Waldhüter, indem er haſtig aufſprang.„das will ich den Schuften verwehren.“ ſuh hne Va annt d⸗ 1 5 epul 3 163 „Du haſt Recht,“ entgegnete Jean Beg; der ſchwarze Jäger,„wir wollen ihnen einen Hinterhalt legen und ſie für ihr Spioniren bezahlen. Kommt, wir wollen ſie im Fallgrunde erwarten.“ Die vier Männer machten ſich ſogleich zum Ab⸗ gange bereit, jeder hatte ſi ſich mit einem Gewehr und ein paar geladenen Piſtolen bewaffnet, und nachdem ſie auf verſteckten Fußwegen eine Strecke im Walde zurückgelegt hatten, lagerten ſie ſich in das dicke niedrige Gebüſch, und zwar in der Nähe der Straße, welche die beiden Beamten paſſiren mußten. Es waren dieſelben, welche bei der Wit twe des Egidius Mohr eine Hausſuchung vollzogen hutten.. Die vier Verbrecher konnten etwa fünf Minute in ihrem Hinterhalte gelegen haben, als ſich Pferde⸗ getrappel vernehmen ließ, welches ſchnell näher kam. „Aufgepaßt,“ flüſterte Jean Beg ſeinen Genoſen zu,„ſpannt die Hähne und nehmt jeder ſeinen Mann 35 auf's Korn, ſobald ſie ſich erblicken laſſen.“ Die Räuber machten ſich fertig. Bald darauf wurden die beiden Reiter ſi ꝙtar Nachdem die Argloſen in vie Schußweite gekommen 1464 Gensd'armen, tödtlich getroffen, von ihren Pferden herabſtürzten. „Die haben für immer genug,“ ſagte Räuter, „und wir ſind zwei von unſern ärgſten Feinden los. So ſoll es noch manchem von ihnen gehen,“ fügte er hinzu,„und wir wollen keinen ſchonen.“ Mit geringer Mühe wurden die Pferde der er⸗ mordeten Reiter aufgefangen und ſpäter nach Heſſen hinübergeſchafft, wo man ſie an die ſogenannte Heſſen⸗ bande verkaufte, welche ſich über einen großen Theil des Landes ausgebreitet hatte. Die Leichname wurden in die Felſenklüfte geworfen, wo ſie erſt nach einigen Wochen aufgefunden wurden. Der heutige Tag ſollte Zeuge von einem zweiten Verbrechen ſein, welches Jean Beg nebſt ſeinen Ge⸗ noſſen beging. Seben waren die Mörder mit dem Verbergen der todten Körper fertig geworden, als ein junges Mädchen die Straße daher kam. „Das iſt Beute für uns,“ rief der Biebreſche Schreiber,„und ſie ſoll nicht vorüberkommen, ohne uns Tribut zu bezahlen.“ Geſagt, gethan; das Mädchen war kaum an ver Stelle angekommen, wo der Doppelmord vollbracht worden war, als die Mörder über ſie herfielen. 4 5 4 der Treppe.“ 165 Man riß ihr einen Korb, welchen ſie auf dem Rücken trug, herab, ſchleppte ſie ins Gebüſch, wo ſie bis aufs Hemd ausgezogen und auf eine ſchaudererregende Weiſe gemißhandelt und geſchän⸗ det wurde. Nachdem die Böſewichter dieſe Unthat begangen, zog Räuter ein langes Meſſer heraus und ſtieß es der Unglücklichen in die ſo daß ſie den Geiſt aufgab. Man verſcharrte hierauf den Leichnam und be⸗ deckte die Stelle, wo er lag, mit ſchweren Steinen. Bei dieſer Gelegenheit wird erzählt, daß der Biebreſche Schreiber geweint haben ſoll, aus Mitleid für jenes unſchuldige Mädchen, welches die Ver⸗ brecher ihrer Mordſucht zum Opfer brachten. Gegen Abend t die Verbrecher nach ven Forſthauſe zurück. Daſelbſt angekommen, ſagte Thom nchend: „Ich muß doch ſehen, wie ſich meine Alte be⸗ findet; ich habe ſchon ſeit zwei Tagen nicht nach geſehen, ſie liegt noch immer in dem veſ Bei dieſen Worten ſchob er i und ſchaute in einen dunklen Raum. 166 „Heda, Mutter, ſchlaft Ihr denn noch immer? ſo wacht doch auf, ich will Euch ein Maaß Brannt⸗ wein zur Stärkung geben, das wird die Glieder feſt machen.“ Es erfolgte keine Antwort auf die frevelhafte Rede des herzloſen Sohnes, alles blieb ſtumm in dem abſchreckenden Raume, ſtumm wie in einem ver⸗ moderten Grabe. „Nun, wenn ſie nicht herauskommen will, ſo muß ich mich zu ihr hinein bemühen.“ in gebeugter Stellung auf einem Haufen dumpfen Strohes herum; bald hatte er mit der Hand einen Arm der alten Frau erfaßt, derſelbe war kalt und ſtarr. „Hu, hu, was iſt das!“ ſtammelte Thom er⸗ ſchrocken.„Eine Leiche!“ Und er zog und zerrte den entſeelten Körper ſeiner Mutter bis gegen die Thür. „Sie iſt todt,“ murmelte er, einigermaßen er⸗ ſchüttert bei dem gräßlichen Anblick des alten Weibes. Das Geſicht derſelben bot einen Anblick des Entſetzens dar; Mund und Augen ſtanden weit geöffnet, die worden war. Thom trat hierauf in den Stall und tappte 3 Backenknochen ſtanden entblößt heraus, indem von den Ratten das Fleiſch von Geſicht und Händen abgenagt 167 Das arme Weib! So hatte denn der Himmel Erbarmen an ihr bewieſen und ſie hinweggenommen aus dem Jammer und Elend dieſes Lebens, das ihr durch den Undank eines unnatürlichen Sohnes zur Qual gemacht worden war. „Was ſoll ich anfangen?“ ſagte Thom, ſit iſt nun einmal todt und das Erbe, welches mir zu⸗ fällt, wird meinem Beutel nicht beſchwerlich werden. Ich muß von ihrem Ableben Anzeige machen, ſonſt kann es kommen, daß mir die Gerichte noch auf den Hals gerathen.“ Das Begräbniß der alten Frau fand in einigen Tagen ſtatt und wurde, wie man ſich denken kann, ohne alle Feierlichkeiten vollzogen. Thom heuchelte dabei eine ſcheinbare Betrübniß, und es gelang ihm ſogar, das Mitleid der Begleiter in hohem Grade für ſich rege zu machen. Der Tod ſeiner Mutter war für Thom ein willkommenes Ereigniß; er war nun in jeder Be⸗ ziehung frei und ungebunden, ihn hinderte nichts mehr, ſeinem verworfenen Treiben nachzuhängen, und daß er dieſen Umſtand benutzte, brauchen wir kaum 33 hinzuzufügen. Sein Haus ſtand ſeinen Genoſſen 168 ſtets ein reger Verkehr in demſelben, und die zahl⸗ reichen Helfershelfer Jean Begs fanden ſets. ine willkommene Aufnahme. Thom hatte ſeinen Genuß davon, und von en geraubten Sachen, welche bei ihm aufgeſpeichert wurden, bekam er ſtets einen anſehnlichen Theil, ſo daß er be⸗ reits eine anſehnliche Summe zuſammengebracht hatte. Was den Abſatz der geſtohlenen Sachen betraf, ſo war dies ein Leichtes, dieſelben ins Geld zu ſetzen. Sie wurden größtentheils über die heſſiſche Grenze hinüber geſchmuggelt und von Juden und Mäklern aufgekauft, die ſie wieder weiter verhandelten und noch immer anſehnlichen Gewinn dabei machten. Der Biebreſche Schreiber fuhr fort, ſein Fälſcher⸗ handwerk, und zwar mit Erfolg, zu treiben; er ver⸗ fertigte Päſſe für ſeine Genoſſen, welche auf dieſelben nach allen Gegenden reiſten und ungehindert fortkamen. Sie verbanden mit dieſen Reiſen ſehr oft die glück⸗ lichſten Spekulationen, ihnen blieb nichts in der Um⸗ gegend unbekannt, ſie waren von Allem unterrichtet und wußten dann ihre Pläne ſehr oft zum Vortheil anzulegen. Lorenz fühlte ſich in dem Verſteck des Forſhauſes oft ſehr unbehaglich; er hätte lieber das Weite ge⸗ ſucht, allein man hütete ihn ſreng und ließ ihn ſelten uber die Schwelle des einſamen und unheimlichen Hauſes, deſſen Bewohner ihm nicht wohl wollte, und nur gezwungen ein freundliches Benehmen gegen ihn beobachtete. 3 Der Bube ging ſchon längſt mit dem Gedanken um, einen Fluchtverſuch zu wagen, und beſchloß, den⸗ ſelben um jeden Preis auszuführen. .„Es muß mir glücken,“ ſagte er zu ſich ſuß „ich vermag es nicht, noch länger hier auszuhalten.“ S 1. Die Rundſchaſter. Einige Tage waren ſeit dem letzterzählten Vor⸗ fall verfloſſen. 3 Es war gegen Abend eines rauhen Tages, als ſich in der Schenke des Fleiſcher Lewin ein reges S Leben zeigte. Das Gaſtzimmnr war mit Beſuchern angefüllt, welche, fleißig zechend, bei ihren Krügen ſaßen und die letzten Ereigniſſe der Umgegend be⸗ . ſprachen. Die Gäſte beſtanden größtentheils aus 8e welche von einem Jahrmarkte, der in der Nähe ab⸗ eben worden war, und ſich dab 170 mer erblickte man eine Anzahl ſtattlich gekleideter Männer mit betreßten Röcken; das Benehmen der⸗ ſelben war ſehr ſchweigſam, und ſie unterhielten ſich größtentheils nur in flüſterndem Tone mit einander. Einer von den Anweſenden, deſſen Kleidung höchſt fein und elegant wer, ſchien von hohem Stande zu ſein; er zeigte ein höchſt feines Benehmen, und ſeine linke Bruſt war mit einem Orden geziert, von deſſen Glanze den anweſenden Bauern die Augen geblendet wurden. „Es iſt ohnſtreitig ein Fürſt oder ſonſt ein großer Herr,“ ſagte einer zu ſeinem Nachbar in flüſterndem Tone. „Ich glaub's ſelbſt, Gevatter,“ verſetzte der Andere,„ſeine Begleitung iſt nicht weniger vornehm.“ „Es iſt vielleicht ein Miniſter,“ ſagte ein Dritter, „welcher im Lande umher reiſet, um Erkundigungen über das und jenes einzuziehen. Schade, daß er ſo wenig ſpricht, wir könnten ihm ſonſt einige kleine Geſchichtchen von dem Benehmen der Edelleute gegen uns erzählen. Es könnte doch ſein, daß es für uns von Nutzen wäre.“ 1 „Sei kein Thor,“ erwiderte der Erſtere. „Glaubſt du die Großen bekümmern ſich um unſere Lage Ho, ho! ich wette, der Herr Miniſter, oder 17¹ was er ſonſt iſt, hat auf ſeinen Gütern genug Bau⸗ e ern unter der Knute ſtehen, die eben ſo wenig muckſen dürfen, wie wir.“ Unterdeſſen hatten einige Begleiter des fremden Herrn(derſelbe hatte deren 6 bei ſich) das Gaſtzim⸗ mer verlaſſen, um nach ihren Pferden zu ſehen, welche 3 geſattelt in Meiſter Lewins Stalle ſtanden. Der Graf, wie wir ihn nennen wollen, beobachtete mit ſtolzer Miene ſeine gemiſchte Umgebung, die ihm durchaus nicht zu gefallen ſchien; zuweilen hob er mit einem gewaltigen Naſenrümpfen das Geſicht, ſetzte ein kleines Fernrohr an die Augen und muſterte die mit geringſchätzigen Blicken. Nach einiger Zeit traten noch mehrere Gaße, welche ſoeben angelangt waren, in die Stube herein; unter denſelben befand ſich Jean Beg nebſt Räuter und Georg Sturm, und nahmen in einer entgegenge⸗ ſetzten Ecke Platz und ſchielten zuweilen e nach den Reiſenden hinüber. Jean Beg war nicht durch blinden Zufall pirther gekommen, man hatte ihm vielmehr die Nachricht hinterbracht, daß Lewin heute vornehme Gäſte erhal⸗ ten habe. Dieſer Kunde zu Folge hatte er ſeine * Bande zuſammen kommen laſſen, und gegen 30 derſelben im Walde auf Poſten geſtellt, ur 172 Grafen aufzulauern, er ſelbſt begab ſich mit zwei von ſeiner Begleitung nach Lewins Schenke, um ſich Gewißheit über dieſe Angelegenheit zu verſchaffen. Sein Eintritt hatte nicht die geringſte Störung veranlaßt, die Unterhaltung der Gäſte war nicht geſtört worden und wurde fortgeſetzt, Niemand nahm weiter Notiz von ihm, und Jean fand Zeit genug, den Reiſenden nebſt ſeiner Umgebung mit der größten Muße in Augenſchein zu nehmen. Der Fremde richtete, wie von ungefähr, ſeine goldene Lorgnette auf Jean Beg und firirte denſelben längere Zeit durch ſcharfes Beobachten; er ſchien dabei etwas unruhig zu werden, der kecke Blick, mit welchem ihm Jener begegnete, machte ihn verlegen. „Der Fremde ſcheint ein fetter Vogel zu ſein, deſſen Federn wir rupfen müſſen,“ flüſterte Georg Sturm ſeinem Gefährten Räuter zu.„Sieh doch, die godlenen Ringe an ſeinen Fingern und die gol⸗ dene Uhrkette. Es iſt alles von echtem Gewicht, darauf will ich ſchwören, und wir weides einen guten Fang machen.“ „Bſt,“ flüſterte Räuter mit einigem Unwillen, „laß dergleichen Dinge unerörtert, hier iſt nicht der Ort, davon zu ſprechen; ſo etwas läßt ſich beſſer abmachen, wenn wir mit Sr. Geſtrengen unter vier 173 Augen, im Angeſicht unſerer Genoſſen, j kommen.“ 6 „Wahr geſprochen, mein Freund,“ vjt Georg Sturm,„der Zufall möge es fügen, daß es bald geſchieht, ich ſterbe faſt aus Sehnſucht und langer Weile. Es iſt doch recht unangenehm,“ fuhr er lauter fort,„und ich wollte, wir wären ſchon wieder fort von hier.“ Jean Beg hatte unterdeſſen auch ſeinerſeits den Fremden ſcharf beobachtet. „Ich habs,“ ſagte er,„und der Herr mit ſammt ſeiner Begleitung iſt mir nicht ſo unbekannt, wie er vielleicht glaubt.“ „Kennſt du ihn?“ fragte Räuter in leiſem Tone. „Ganz genau,“ war die Antwort,„doch ich will ihm ſein Incognito nicht verderben, es iſt noch Zeit, wenn dies ſpäter geſchieht. Ich will dir nur ſo viel bemerken, daß jener dicknäſige Fremde ein He über die Grenze gekommen iſt, um in Sa ſchäfte zu machen, was wir ihm jedoch Sul Das Dorf D„8, in welchem Meiſter ſowie jener Geiſtliche wohnte, deſſen Veraubung wir zu Anfang theilt haben, lag kaum 2 Stunden von der heffiſchen Grenze entfe 2 Die drei Genoſſen leerten noch einige Krüge, dann entfernten ſie ſich. Lewin folgte ihnen auf dem Fuße nach. „Nun, wie ſtehts,“ ſagte der ſchwarze Jäger, „werden deine Gäſte für dieſe Nacht bei dir bleiben?“ „Nein, ſie wollen fort,“ ſagte der Gefragte,„ich habe ihnen auch nicht abgeredet, in der Hoffnung, 3 daß ſie Euch gewiß in die Hände fallen werden. Es ſcheinen verteufelt reiche Kautze zu ſein, und ſind, wie ich glaube, durchaus nicht feig.“ „Laßt ſie noch ſo beherzt ſein, wir wollen ſchon mit ihnen fertig werden,“ verſetzte Jean Beg,„ich fürchte mich nicht vor ihnen, und wenn ſie es wagen ſollten, uns Widerſtand entgegenzuſetzen, ſo will ich es ihnen zeigen, was wir vermögen. Jetzt begieb dich wieder an deinen Poſten, Lewin,“ fuhr er fort, „damit dein Außenbleiben keinen Argwohn erregt.“ Lewin begab ſich wieder nach ſeiner Wohnung. ſchickten ſich mehrere Gäſte zum Aufbruch auern nahmen ihre Päckte und Säcke zur en ihre Wurzelköpfe in Brand, und ent⸗ ſich mit einem höflichen„Gott behüt Ihn, rr Reiſender,“ aus der verräucherten Spelunke. Der Graf war faſt nur noch nebſt ſeinen ſechs 175 „Habt Ihr jene drei Männer geſehen, welche vor den Landleuten die Stube verließen?“ ſagte er zu ſeinen Leuten. „Ja wohl, Herr Graf,“ verſetzte einer von den Gefragten,„ſie kommen mir faſt ein wenig verdäch⸗ tig vor.“ „Nun, dann haben wir einen Gedanken gehabt,“ verſetzte der Graf,„ich muß geſtehen, wenn dieſe Wohnung etwas beſſer wäre, ich würde ein Nachtlager in derſelben der Weiterreiſe für heute vorziehen.“ „Ew. Gnaden haben nichts zu fürchten,“ ent⸗ gegnete ein Zweiter,„wir ſind gut bewaffnet, unſere Piſtolen ſind ſcharf geladen, und die Klingen unſerer Schläger vermögen es, eine Bande kecke Strauchdiebe in Reſpeckt zu erhalten. Sie werden es nicht wagen, uns anzufallen, es möchte ihnen außer blutigen Köp⸗ fen wenig einbringen. Herr Wirth,“ fuhr er in übermüthigem Tone fort,„beſorgen ſie uns ſchnell noch eine friſche Auflage von Wein, wir wollen auf den Untergang aller Schufte des Thüringſchen Ge⸗ biets einige Gläſer leeren.“ „Sehr wohl, meine Herren,“ rief Lewin, indem er geſchäftig hinauseilte. Nach 3 S er zurück. 176 „Echten Rüdesheimer, meine Herren,“ ſagte er; „ich weiß, daß ich bei Ew. Gnaden Ehre damit einlegen werde.“ 5 „Wir laſſen gern jedem Menſchen Gerechtigkeit widerfahren,“ jagte der Graf,„und das ſoll auch bei Euch der Fall ſein, das heißt, wenn Ihr es ver⸗ dient. Schenken ſie ein, meine Herren, wir dürfen nicht länger ſäumen, und wollen uns bemühen, Stadt 3 Kr„g zu erreichen, wo wir gute Auſnahme finden werden.“ Die Reiſenden begannen den Wein zu koſten, 3 welcher ihnen auch vortrefflich ſchmeckte.— Es iſt ein leidlich guter Trank,“ ſagte der Graf, 6„und wir hatten es nicht erwartet, einen ſolchen in dieſer Taberne zu finden, wo man uns anfänglich mit einem Glaſe ſauern Biers zu regaliren ſuchte. Ich bitte, trinken ſie, meine Herren, damit wir weiter kommen.“ Die Gläſer klangen von Neuem und zwar ſo hell, daß dem Grafen ganz heimlich zu Muthe wurde. Auch ſeine Reiſebegleitung wurde bei jedem Glaſe ₰ lebhafter und fing an zu ſchwatzen und Witze zu machen. † „Sehen ſie ſich vor, meine Herren, und koſten ſie nicht zu viel von dem edlen Nektar,“ ſagte der Graf,„damit ſie auch feſt in ihren Sätteln ſitzen. — — 177 Wir haben noch einen weiten und gefährlichen Weg und Beſonnenheit thut uns vor allen Dingen noth.“ „O, befürchten Sie nichts,“ entgegnete einer von den Reiſenden,„je mehr wir trinken, deſto mehr gewinnen wir Muth, deſto lockerer ſitzen die Schwerter in den Scheiden. Beim Gott Bachus, ich wollte es heut mit einem vollen Schock jener Sachſenbande aufnehmen, es ſollte mir keiner davon entgehen.“ „Still geſchwiegen,“ ſagte der Graf,„ſprich nicht ſo laut, die Wände haben zuweilen Ohren, und —eine plauderhafte Zunge hat ſelten etwas Gutes verrichtet.“ Bald darauf brachen die Reiſenden auf, in ihrer Mitte ritt. der Herr Graf, und während die Roſſe ſchnell vorwärts trabten, unterhielten ſich Sr. Ge⸗ ſtrengen huldreichſt mit den ritterlichen Gefährten. XVIII. Der Neherfall. Nach einem ſchnellen Ritte erreichten die Reiſen⸗ den die ausgedehnten Waldungen, in welchen ſich einige Zeit zuvor Blondine verirrt hatte und von ihrem Geliebten getrennt worden war. Die üble Beſchaffenheit des Weges machte es nihweni daß Der ſchwarze Jäger. Lieferung 6. ———— 178 man die Pferde langſam traben ließ, um nicht Mann und Maus den Hals zu brechen. Der Graf ſchien ſich immer unbehagicher zu fühlen, je weiter man in den Wald hinein kam; ſeine Begleiter hingegen zeigten ſich luſtig und guter Dinge, ſie ſchwatzten, lachten und erzählten ſich allerhand Späße und Schnurren, ohne ſich in Bezug auf Sr. Gnaden zu geniren, welche zuweilen einen wilden Fluch ausſtieß, wenn das Pferd einen Fehltritt gethan hatte. Die Gemüthlichkeit der Reiſenden ſollte indeſſen ſehr bald ein Ende nehmen, indem dieſelbe durch einen höchſt unangenehmen Umſtand unterbrochen wurde. Soeben hatte der Graf einen abermaligen Fluch ausgeſtoßen und die Straße zu allen Teufeln gewünſcht, als plötzlich die nächſte Umgebung von zahlreichen Windlichtern erhellt wurde, bei deren Scheine man eine Bande wild ausſehender und bewaffneter Männer erkennen konnte, deren Anzahl ſich wohl auf einige dreißig Köpfe belaufen konnte. Die Reiſenden ſahen ſich im Nu von denſelben eingeſchloſſen und überzeugten ſich bald, daß ſie es mit einer Geſellſchaft verwegener Buſchklepper zu thun hallen, welche gewiß zu Allem entſchloſſen Wten⸗ um zu ihrem brabſichtigten Zwecke zu gelangen 179 „Hallo, Ihr Herren, gebt Euch gutwillig ge⸗ fangen!“ rief einer von den kecken Burſchen,„ſonſt wollen wir Euch hart zu Leibe gehen.“ Der Sprecher war Niemand anders als Jean Beg, der ſchwarze Jäger; er kam mit vorgehaltenem Piſtol und von einigen ſeiner Leute begleitet näher an den Grafen heran. „Sie werden uns ſofort Ihre Gelder, Uhren und ſonſtige Pretioſen überreichen, meine Herren, und uns zugleich Ihre Pferde abtreten.“ Der Graf zeigte i lebhaften Unwillen über dieſe Zumuthung. „Ich will Euch mein Geld und ſonſige Sachen von Werth übergeben,“ ſagte er,„aber man wird von dem Verlangen, mein Pferd zu beſitzen, gefäl⸗ ligſt abſtehen. Was ſollte ich denn dann anfangen?“ „Sie werden die Reiſe ſammt ihrer Begleitung zu Fuß fortſetzen,“ erwiderte Jean Beg in gleichgül⸗ tigem Tone. „Wie, ich ſollte zu Fuß gehen in dieſer a lichen Gegend, und zwar in dieſer Rabenfinſterniß? Das wäre doch ein wenig zu viel 3 gewiß abſtehen.“ ——— 180 ab, bevor ich meinen Leuten Beſehl gebe, ſie mit Gewalt aus dem Sattel zu heben.“ Die Begleitung des Grafen hatte dieſes Zwei⸗ geſpräch angehört, ohne ſich zu rühren; der bisher zur Schau getragene Muth war mit dem kurzèn Weinrauſche verſchwunden, ſie waren mit einem Male erſchrecklich nüchtern geworden und ſahen mit bangen, blaſſen Geſichern auf den gnädigen Herrn, welcher ihre Verlegenheit in vollem Maaße theilte. „Steigen ſie ab, meine Herren,“ wiederholte jetzt Jean Beg,„ich habe nicht Luſt, noch länger auf die Erfüllung meines Befehls zu warten. Sie, Herr Graf, werden güligſt den Anfang machen. Sie ſehen, daß wir dadurch Ihren Rang ehren.“ Der Aufgeforderte ſah ſich gezwungen, zu gehor⸗ chen; er ſtieg ab und überreichte dem Räuber Uhr und Börſe. „Ich möchte zugleich um dieſe ausgezeichneten Ringe bitten, welche ſie an Ihren Fingern tragen,“ fuhr der ſchwarze Jäger fort,„ich habe eine beſondere Vorliebe für dergleichen Dinge.“ Der Graf erfüllte dieſes Verlangen ebenfalls und übergab die goldenen Ringe, welche jener einſteckte. Dann wandte ſich Jean Beg gegen ſi Leute und fuhr fort: ſteigen nöthigen ließ. 181 „Es wäre hart, dem Herrn Grafen zu muthen zu wollen, für dieſe Nacht ſeine Reiſe fortzuſetzen; ich werde mir daher die Ehre geben, und Se. Gnaden in meiner Wohnung beherbergen. Ihr werdet daher für die Sicherheit unſeres Gaſtes bemüht ſein.“ „Wie, was ſagen ſie?“ rief der Reiſende,„ſie wollen auch noch meine Freiheit beſchränken, nachdem Sie mich völlig geplündert haben? das iſt ſchändlich!“ „Still, mein Herr, ereifern ſie ſich nicht,“ ver⸗ ſetzte Jean Beg,„es würde Ihnen wenig nützen, es bleibt dabei, Sie ſind für dieſe Racht in meiner Gewalt.“ Der Graf wurde jetzt von einer Anzahl rauher Burſche umringt und trotz ſeines Sträubens in den Wald hineingezerrt. „Nun, meine Herren, wollen ſie ſich nicht eben⸗ falls bemühen, die Füße aus dem Steigbügel zu ſetzen?“ fuhr der Häuptling gegen die ſechs Reiſegefährten des Grafen fort,„oder ſollen wir Ihnen dabei be⸗ vilflich ſein? Es möchte auf eine etwas unſanfte Weiſe geſchehen,“ ſetzte er hinzu,„indem wir8 nicht gewöhnt ſind, Stallknechtsdienſte zu verrichten.“ Die umſtehenden Räuber lachten höhniſch und machten allerlei Bemerkungen über den kläglichen Reitertrupp, welcher ſich nicht noch einmal zum es gewöhnlich in den höhern Ständen findetz 182 „Nehmt die Burſche gefangen, und laßt mir keinen von ihnen entwiſchen,“ befahl Beg,„wir wollen ſie gehörig examiniren.“ Die Fremden wurden in die Mitte genommen, während man die Pferde zuſammenkoppelte, dann trat die Bande den Marſch in das Dickicht des Waldes an. Nach einiger Zeit langte der Zug vor einer tiefen Felſenhöhle an, wo derſelbe Halt machtez man führte die Gefangenen hinein, und nahm ihnen beim Scheine der Fackeln die Waffen, ſo wie ſämmtliche Sachen von Werth ab, dann befahl man ihnen, ſich niederzulegen. „Wer es wagt, von ſeinem Lager ohne Erlaubniß aufzuſtehen, wird niedergeſchoſſen,“ ſagte Jean Beg in ſtrengem Tone,„meine Leute werden ſtrenge Wache halten und reſpektiren meine Befehle; dies wird hin⸗ reichend ſein, um von jedem Gedanken einer Flucht abzuſtehen.“ Mit dieſen Worten verließ er die Höhle und folgte mit einem Theil der Bande und den Pferden der Richtung, welche ſeine Leute mit dem gefangenen Grafen eingeſchlagen hatten.. „Mit dem Grafen ſcheint es ſein beſonderes Weſen zu haben,“ ſagte einer von der Bande,„er hat gar nicht das feine Benehmen ſo weg, wie man er ſcheint 183 überdies weder gut reiten noch fechten zu können, und fommt mir vor, wie ein ausgeputzter Gimpel, deſſen Federn die einzigen Vorzüge ausmachen.“ „Ich will dem Herrn Grafen gewiß auf den Zahn fühlen,“ verſetzte Jean Beg lachend,„und es ſoll eine Luſt ſein, ihm die geborgten Federn auszurupfen.“ „Wo haſt du ihn hinbringen laſſen?“ frug Räuter. „Nach Thoms Forſthauſe. Ich hielt dieſen Ort am zweckmäßigſten, um die Demaskirung vor⸗ zunehmen.“ „Das könnte uns Schaden bringen,“ meinte Georg Sturm. „O nein, wir haben nichts zu fürchten, die Be⸗ gleiter des geſtrengen Grafen ſind vorſichtige Burſche und werden gewiß die nöthigen Sicherheitsmaßregeln getroffen haben.“ Während dieſes Geſpräch unter den nächtlichen Geſellen ſtattfand, hatte der gefangene Graf nebſt ſeinen Begleitern bereits einen bedeutenden Vorſprung nach dem Forſthauſe gewonnen. Er ſah ſich von fünf Mann begleitet, die ihm jede Ausſicht au n Ent⸗ lommen benahmen. Diejenigen, welchen die Bewachung des Grafen 5 übergeben wurde, waren den Namen nach Sie nichts von uns zu befürchten, zuvor müſſen Sie 484 Dreß, Adam Burmann, Fritz von Mühlberg, Heinrich mit der Schmarre und Hans Nußbaum. Der Gefangene ging niedergeſchlagen inmitten ſeiner Wächter daher, die eine Unterhaltung in ihrem kauderwelſchen Diebsdialekt führten, wovon er kein Wort verſtand. Der Weg ſchien kein Ende nehmen zu wollen. Bald ging es durch Wald und Geſtrüpp, bald durch Felſenriffe und Thäler über Stock und Stein, ſo daß Se. Herrlichkeit mehrmals zu ſtraucheln begannen und unſanft hingefallen ſein würden, hätten ihn nicht die kräftigen Arme ſeiner Belgeiter aufrecht erhalten. Endlich erreichten ſie einen freien, von Waldung umgebenen Platz. Hier angekommen, blieben die Männer plötzlich ſtehen, einer von ihnen, Adam Burmann, zog eine Binde heraus und legte ſie dem Grafen über die Augen. „Was ſoll das?“ fragte er beklommen, in der Meinung, ſein letztes Stündlein habe geſchlagen,„man will mich tödten. Ach, ich bitte, ſchenkt mir das Leben!“ „Schwatzen Sie nicht ſo viel, mein Herr,“ unter⸗ brach ihn der rothe Dreß unwillig,„für jetzt haben — ——— —— 185 noch ein kleines Verhör beſtehen, wobei unſer Haupt⸗ mann zugegen ſein wird.“ „Und dann werde ich ſterben!“ ſtöhnte der Graf. „Das will ich nicht geſagt haben,“ verſetzte Dreß, „das kommt darauf an, wie Sie unſern Chef be⸗ friedigen. Doch wir haben nicht lange Zeit zum — ſchwatzen, wir müſſen uns ſputen, um an Ort und. Stelle zu kommen.“ 3— i Nach dieſer Bemerkung wurde der Marſch ſtill⸗ ſchweigend fortgeſetzt. 6 In kurzer Zeit hatten ſie den Eingang des Forſt⸗ 3 hauſes erreicht; der rothe Dreß ging an eins der geſchloſſenen Fenſter und klopfte dreimal und in eigen⸗ 3 thümlicher Weiſe, worauf ſich ein hohles Pfeifen im Innern des Hauſes vernehmen ließ, zugleich wurde der Schimmer von Licht in dem Hausflur ſichtbar. „Wer iſt draußen?“ erſcholl icht die rauhe Stimme des Waldhüters. „Der Nachtrabe,“ war die Antwort. 4„Kommt er allein?“ S„Nein, Eule und Uhn ſind ſeine Begleiter.“ Jetzt wurden die Riegel der Thür zurückgeſchoben, worauf Thom mit einer brennenden Lampe in d Oeffnung der Thür ſichtbar wurde. ——— —— 186 Der Waldbewohner zeigte ſich bei dem Anblick des Fremden überraſcht. „Wem bringt Ihr da mit Euch?“ flüſterte er in dem gewöhnlichen Diebsausdruck. „Einen Adoni'), mit welchem wir Celuka) machen wollen.“ „Er kann uns bezinken?) Dreß,“ ſagte Thom. „Oho, niemals wird er dies,“ antwortete Jener, „weiß er doch nicht, wo er ſich befindet; auch haben wir Mittel, ihm den Mund ſchweigend zu machen, er würde als Schwätzer von uns gekohnt“) werden.“ Eine Demasßirung. Nach kurzem Verweilen wurde der Gefangene der Wohnſtube des Forſthauſes geführt, wo ihn ſeine Begleiter fortwährend unter ſtrenger Auſfſicht behielten. So konnte faſt eine Stunde vergangen ſein, als Jran, der ſchwarze Jäger, anlangte. „Nun, Herr Graf, da bin ich endlich,“ ſagte er, ſich höſlich gegen den Genannten verbeugend,„ich 1. Herr. 2. Theilen. 3. Vrrrathen. 4. Gebrandmarkt wrden. — bedaure ſehr, daß ich auf mich warten laſſen mußte, * wichtige Geſchäſte hielten mich ab, mich früher nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Sie haben einen be⸗ deutenden Marſch gehabt,“ fuhr er fort,„und werden müde geworden ſein. Doch ich kann nicht umhin, mich noch einige Zeit mit Ihnen zu unterhalten. Bitte, rücken Sie näher an den Tiſch, Herr Graf.“ Der Aufgeforderte war während dieſer Rede, welche höchſt ironiſch betont wurde, bald roth, bald wieder bleich geworden; er ſetzte ſich dem Ränber⸗ häuptling näher und wagte es kaum, den ſtechenden Blicken deſſelben zu begegnen. Der ſchwarze Jäger weidete ſich mit ſichbarem Vergnügen an der Verlegenheit des armen Teufels, welchen er ſo ganz in ſeiner Gewalt beſaß. „Von woher kommen Sie, mein Herr?“: ahm er hierauf das Wort,„und darf ich fragen, Ziel Sie für Ihre Reiſe beſtimmten?“ 6 Der Gefragte ſchwieg einige Minuten. „Ich bin ein heſſiſcher Graf oder Baron, wie Sie wollen,“ ſagte er,„und ſtehe im Begriff, mit meiner Begleitung nach meinen Gütern, welche in B.„liegen, heimzukehren.“ „Sie führen ohne Zweifel Päſſe bei ſ ſo, Ho Graf,“ ſagte Jean Beg. 188 „Allerdings,“ verſetzte der Reiſende,„es wäre etwas ſehr gewagtes, in jetziger Zeit, wo es in dieſer Gegend von Spitzbuben wimmelt, ohne Päſſe zu reiſen; man würde auf dem erſten beſten Polizeiamte für verdächtig gehalten und aufgehoben werden.“ „Wollen Sie mir gefälligſt Ihre Papiere zur An⸗ ſccht erlauben, Herr Graf?“ ſagte der ſchwarze Jäger. „Mit Vergnügen, mein Herr,“ verſetzte Jener und zog ein Etui heraus, welches eine Anzahl Schrift⸗ ſtücke enthielt. Jean nahm dieſelben in Empfang und fing an, dieſelben beim Scheine der flackernden Lampe zu leſen. Zuweilen hielt er einen Augenblick an und be⸗ trachtete mit lebhaftem Zweifel die Papiere, endlich wandte er ſich gegen den Grafen, und ihn ſcharf an⸗ ſehend, ſagte er mit Beſtimmtheit: „Mein Freund, dieſe Päſſe ſind falſch, Sie ſind nicht, was Sie ſcheinen.“ „Ei, ei, was ſagen Sie da!“ rief der Graf, „meine Papiere falſch? das klingt höchſt lächerlich. Beweiſen Sie mir dieſe Unechtheit, wenn Sie können,“ fügte er hinzu. „Ich will und kann es,“ verſetzte Beg heftig. „Hallo, man hole den Biebreſchen Schreiber ſoſort zur Stelle.“ e Schriſtzie⸗ tdu die Menns 4b 8 — 189 Thom erhob ſich und verſchwand ſchweigend aus dem Zimmer. Nach einer Weile kehrte er in Begleitung des Genannten zurück. Beg winkte ihm, näher zu kommen. „Kennſt du dieſe Schriftzüge?“ fragte der Häuptling. „Jawol, ich kenne ſie genau.“ „Wer hat ſie geſchrieben?“ „Ich ſelbſt,“ war Marbachers Antwort. „Kannſt du das beſtimmt verſichern?“ „Ganz gewiß, Sn ich werde doch meine Handſchrift kennen.“ „Für wen haſt du dieſen Paß geſchrieben?“ fuhr Beg fort,„wenn und wo 2 „Ich habe ihn für einen gewiſſen Pföfchen aus⸗ gefertigt, welcher als Graf in Heſſen herumreiſte und Hauptmann der ſogenannten Haſenbande war. Es geſchah dies vor etwa einem Jahre in der W von Gotha.“ „Kennſt du jenen Mann?“ fuhr Beg fort, auf den falſchen Grafen zeigend.“ Der Biebreſche Schreiber fand jetzt erſt geih heit, ſich umzublicken, er ſah den Fe in ihn auch ſogleich erkannt. 190 „Es iſt derſelbe, für welchen ich den falſchen Paß fertigte,“ ſagte er,„ich kenne ihn genau wieder.“ „Nun Graf, was ſagſt du zu dieſem Beweiſe?“ fuhr der ſchwarze Jäger gegen den entlarvten Pföf⸗ chen fort,„willſt du nun noch länger das ſteife gräfliche Incognito beibehalten? Ha, ha, mein aller⸗ liebſter Graf, deine Rolle hat, wenigſtens bei uns, ausgeſpielt und du biſt nahe daran, von uns ausge⸗ pfiffen zu werden. Da nimm deine Papiere, ſie taugen hier nichts mebr und werden uns nicht länger ins Vockshorn jagen.“ Pföſchen ſah verlegen drein, er baute nun noch weniger auf ein günſtiges Auseinanderkommen mit den wilden Geſellen, die er mit ſammt ihrem Anfüh⸗ rer zu allen Teufeln wünſchte. „Ihr macht gute Geſchäfte drüben in Heſſen,“ begann Jean Beg,„man hört faſt alle Tage etwas Neues von der Grenze. Wie ſtark ſeid Ihr?“ „Alles in Allem machen wir eine Geſellſchaft von faſt über hundert Mann, Hehler und Mäkler mit eingerechnet,“ ſagte Pföfchen. „Das iſt ein hübſches Regiment,“ ſagte der ſchwarze Jäger, indem er den Anführer der Haſen⸗ 3 bande mit einem ſtaunenden Blick betrachtete,„und über „ dieſe Geſellſ chaft führſt du das ungetheilte Kommando?“ „Ganz und gar,“ ſagte Pföſchen,„ſie gehorchen ſämmtlich meinen Befehlen und ſind mir blindlings ergeben; ſie würden mich zu rächen wiſſen,“ fügte er hinzu,„wenn ich in einen Hinterhalt gerathen ſollte, der meinen Untergang zur Folge hätte.“ „Ich merke es, worauf du hindeuteſt, Freund,“ ſagte Jean Beg,„doch unter ſolchen Umſtänden haſt du nichts zu fürchten, im Gegentheil, wir wollen gute Nachbarſchaft halten und einander unangefeindet laſſen. Ja, ich würde es ſogar für zweckmäßig halten, wenn wir gemeinſchaftliche Sache mit einander machten;z iſt es in unſerm Lande nicht geheuer, ſo kommen wir zu Euch und ſo umgekehrt.“ Pföſchen ſah den Sprechenden verwundert an. „Ich weiß eigentlich noch nicht, wer du biſt, vb⸗ wol ich es faſt errathen habe, und es würde mich freuen, wenn mich meine Erwartung tich grich hätte.“ „Nun, für wen hälſt dumichwol?“ frug Jean Beg. „Du biſt ohne Zweifel der ſchwarze Jäger, ein Name, welcher überall mit Furcht genannt wird.“ „Du haſt es errathen,“ verſetzte Jean Beg⸗ „Es iſt mir angenehm, mit dir genauer bekannt zu werden; ich wünſchte dies ſo tiu abein 192 befriedigen.— Wir ſind ſonach Freunde mit einan⸗ der,“ fügte er hinzu. Ganz und gar, mein lieber Graf oder Baron, wie es dir gefällt, ich werde ſtets bemüht ſein, das Wohlwollen Ew. Geſtrengen zu erhalten,“ fügte er lachend hinzu,„und noch in dieſer Nacht ſollen deine Begleiter auf freien Fuß geſetzt werden.“ „Ich werde dir dafür dankbar ſein,“ ſagte Pföfchen,„die armen Teufel werden ſich gegenwärtig gewiß in der größten Verlegenheit befinden.“ „Du haſt vollkommen Recht,“ verſetzte Jean Beg,„und ſie machen höchſt trübſelige Geſichter, in der Meinung, daß ihre Zukunft eine kritiſche ſein werde, was wol auch der Fall geweſen ſein würde, wenn der Zufall es nicht gewollt hätte, daß wir unſere Bekanntſchaft machten.“ „Nun, und was würde mit ihnen ngt ſein?“ fragte der Anführer der Haſenbande,„geſetzt ich wäre wirklich ein Graf und jene Leute hätten mein Gefolge ausgemacht, was hätteſt du dann wol gethan 1 Der ſchwarze Jäger lachte. „ch hätte Euch Alle hängen laſſen und zwar den Herrn Grafen einige Schuh höher, als ſeine Wega 3 — 2 ———— nen und haben Gelegenheit manch einträgli 193 „Das wäre ein fatales Schickſal geweſen,“ be⸗ merkte Pföſchen,„und Dank meinem guten Stern, der ein ſolches Lvos glücklich von mir gewendet hat.“ Nachdem das Geſpräch noch eine Zeit lang ge⸗ dauert, ſchickte Jean Beg einige ſeiner Leute nach der Höhle ab, wo die Gefährten Pföfchens gefangen ge⸗ halten wurden, ſie wurden nach dem Forſthauſe gebracht und hier begann nun ein reges Leben ſeinen Anfang zu nehmen. Thom ſchaffte eine reichbeſetzte Tafel herbei und trug verſchiedene Speiſen und Getränk auf, im Ka⸗ mine loderte ein gewaltiges Feuer und große Wild⸗ braten wurden zubereitet. Das Gelag dauerte faſt bis zum Morgen. Endlich, mit dem Grauen des Tages machte ſich Pföfchen mit ſeinen Leuten zum Abzuge bereit, man verſprach ſich gegenſeitig bald wieder zu treffen, und ſie ſchieden endlich in der beſten Meinung von einander. „Dieſe Verbindung iſt für uns von großem Vortheil,“ ſagte Jean Beg zu ſeinen Genoſſen,„wir haben dadurch einen größeren Wirkungskreis 6 aft zu unternehmen.“ Der ſchwarze Jäger. Lieferung Beſuchen der Juſtiz und ihren Spüre ich muß im Gegentheil immer in Beſorgniß leben, 194 „Wie man's nimmt,“ ſagte Thom, der Wald⸗ hüter,„es wird auch ſein Unangenehmes dabei haben, es wird niemals an Zänkereien fehlen, und die beiden Partheien werden einander niemals ſo recht leiden können. Graf Pföfchen wird dann über uns Alle befehlen wollen, und das wird dir eben ſo wenig gefallen wie uns ſelbſt, und es wird der Fall ſein, daß wir die Patſche ſür ihn mit bezahlen müſſen, und dazu ſpüre ich verteufelt wenig Luſt. „Du ſiehſt von jeder Sache nur immer die ſchlimme Seite, alter Brummbär,“ verſetzte Jean Beg mit einigem Unwillen,„und dein mürriſcher Sinn wird den erſten Unfrieden in der Geſellſchaft erwecken. Das gefällt mir nicht von dir, was ich offen geſtehen muß, du haſt bisher immer hübſchen Nutzen von uns gezogen, ohne daß wir ſelten eine weitere Leiſtung, als die Benutzung deiner Wohnung beanſprucht haben. Das möchte dich doch veranlaſſen, etwas mehr Rückſichten gegen uns zu gebrauchen.“ „Ho, ho, das rechnet Ihr alſo für nichts, wenn ich eben durch dieſe Gewährung meinen Kopf ſehr nahe an die hanfene Schlinge halte?“ rief Thom ärgerlich.„Bin ich denn einen Tag ſicher vor den rn? O nein, — Pfeife und Bier einmal nach luſtiger ure iſe 195 und ich glaube ganz beſtimmt, daß es einmal einen Strauß ſetzen wird, wobei wir den Kürzeren ziehen. Das Treiben in der Umgegend wird von Tage zu Tage auffallender, und wenn es lange genug gedau⸗ ert haben wird, und unſer Stündlein geſchlagen hat, dann werden uns die Herren Schwarzröcke ſchon noch den Prozeß machen.“ Jean Beg erhob ſich, er wollte nichts mehr hören. „Predige ein ander Mal,“ ſagte er,„heute hab ich nicht Luſt dir zuzuhören,“ dann verließ er mit ſeinen Genoſſen das Forſthaus. XX. Eine Auflüſung. Es war gegen das Ende des Octobers, als in einem Gaſthauſe der alten, ehrwürdigen Stadt Erfurt eine Anzahl junger Leute bei vollen Bierkrügen ſaß. Die Zecher beſtanden ausſchließlich in einer Geſell⸗ ſchaft von Schülern der höhern Lehranſtalt, ſie hatten im Geheimen einen„Kneiptag“ arangirt, um bei ſpt zu ſein. 13 196 Zu dieſem Zwecke hatte Meiſter Fabian, Beſitzer der goldnen Gans, das verſteckteſte Zimmer ſeiner winkeligen Taberne hergerichtet, um jede unberufene Spürnaſe entfernt zu halten. Unter den anweſenden Zöglingen befand ſich auch der junge Bernhard, der Sohn des Predigers aus D. g, deſſen Beraubung wir oben mit⸗ getheilt haben. Bernhard hatte erſt vor Kurzem Nachricht von den Ereigniſſen in dem väterlichen Hauſe erhalten; ſeine Eltern hatten es ihm auf die ſchonenſte Weiſe mitgetheilt, um ihm nicht zu großen Kummer zu be⸗ reiten; zu dieſem Ende verſchwieg ihm der gute Paſtor den eigentlichen Hergang jener fürchterlichen Nacht, die ihm und ſeiner Gattin Zeit des ganzen Lebens nicht aus den Sinnen kommen mochte. Der junge Wiedebach hatte ſich unter dieſen Um⸗ ſtänden von ſeinem gehabten Schrecken bald wieder erholt, und ſein jugendlicher Sinn verweilte nicht länger bei dem Gedanken, an das Geſchehene. Vernhard war beſonders in der letzten Zeit lebhafter und aufgeweckter geworden; man hatte ihn zu einigen Gelagen eingeladen; es hatte ihm gefal⸗ len, und binnen kurzer Zeit zeigte ſich eine völlige ——————— + Veränderung in dem Weſen des ſonſt ſo ſtillen und fleißigen Schülers. Was die Perſönlichkeit Bernhards betraf, ſo war er von Geſtalt gut gewachſen, groß und ſtark, ſein Geſicht, wenn auch nicht ſchön, hatte dennoch etwas Einnehmendes. Man hatte ihn früher oft wegen ſeines ſtillen und eingezogenen Lebens gehänſelt und zum Beſten gehabt; dies änderte ſich jedoch, als er ſich dem be⸗ ſtehenden Klubb anſchloß, und ſeine Collegen bekamen einen gewiſſen Reſpekt vor ihm. Er hatte in der letzten Zeit fechten gelernt, und paukte ſich zuweilen mit ſeinen Freunden, und zwar mit gutem Erfolg, herum. Im Trinken konnte er auch bald etwas leiſten und es dauerte nicht lange, ſo war er einer der ausgelaſſenſten Burſche, die man ſich nur denken konnte. Nach der Schilderung, welche Lorenz Mohr dem Landprediger vom Bernhard entwarf, wird man ſagen: Nein, das iſt nicht möglich, daß ein junger Menſch binnen wenigen Wochen in ſeinem Weſen eine ſolche Veränderung annehmen kann. Aber wir erwidern darauf, daß es dennoch ſo warz aus dem ruhigen, fleißigen Schüler war ein leichter, überle⸗ gungsloſer Springinsfeld geworden, welcher eine 138 Auszeichnung darin ſuchte, im flotten Leben ſeinen Collegen zuvor zu kommen. Die Luſt zum Studium verringerte ſich in dem Maaße, als ſie zu Zerſtreuungen und Genüſſen zunahm. Alles Neue war ihm willkommen, das heißt, wenn es dem 16 jährigen Secundaner Burſchenmäßig genug erſchien.— Der erwachte Ehrgeiz des Knaben wurde durch die Aufforderung einer geheimen Verbinduug beizu⸗ treten, noch mehr geſtachelt, er war ſogleich dazu bereit, und die Verbindung wurde in der Nähe des Sybellenthürmchens*) geſchloſſen. Die Verbindung, welche höchſt geheim gehalten wurde, war bisher glücklich der Aufmerkſamkeit der Behörde entgangen. Die Betheiligten kamen wöch⸗ entlich ein oder zweimal zuſammen und zwar au Orten, wo ſie ſich vor den Aufpaſſern ſicher genug glaubten. Wir wollen nicht ſagen, daß auf dieſer Verbin⸗ dung das Wohl oder Wehe des Landes beruht habe, auf keinen Fall, wir würden uns ſogar lächerlich machen, wenn wir dies behaupten wollten. *) Ein Thurm außerhalb Erſurt, von uraltem und unbekanntem Urſprung. 190 An dem beutigen Abend ſahen wir demnach die ganze Verbindung, wie ſie iſt, und trinkt bei einander. Die lange Tafel iſt mit vollen Krügen, und die Burſchen fangen an übermäßig zu bügeln; Einer will es dem Andern zuvor thun, und nach einiger Zeit ſitzt ſchon mancher dieſer verſchworenen Ritter, den ſchweren Kopf auf die Stuhllehne ftützend da, das bleiche Geſicht dem Fußboden zugekebrt. Bernhard war einer von denen, welche ſich am tapferſten hielten und half die Kampfunfähigen tüchtig foppen, wobei ſich ein dicköpfiger Landjunker derge⸗ ſtalt beleidigt fühlte, daß derſelbe mit Herausforde⸗ rungen auf Rapiere um ſich warf. „Ich nehme dieſe Herausforderung an,“ ſagte Bernhard ſtolz,„und hoffe mit dir fertig zu werden.“ Der Tanz ging los, und als die jungen Hähn⸗ lein noch fürder mit einander fochten und ſich gar gewaltig gebehrdeten, da erſchien der Rächer ihres begonnenen mörderiſchen Frevels, in der Geſtalt eines ſtädtiſchen Bettelvvigts und gebot mit einer wahren Stentorſtimme, Ruhe. Der Anblick dieſes Popanzen machte den jungen Fuͤchslein die Schwänze hängen. Nicht allein, daß die Fechter ganz perpler wurden, die Zecher würden 200 es nicht minder, und die Schläfer und Träumer fuhren auf, gleich als würden ſie geweckt durch die Poſaunen. von Jericho. † Meiſter Urian muſterte mit einem gierigen Blick das von ihm unterbrochene Bachusfeſt und legte dann ſeine gewaltige Fauſt auf einen Schriftenpack, welcher 3 die Statuten ſo wie die Namen der Verbündeten enthielt. Einer der jungen Leute wollte dem unverſchämten Greifzu dieſen verrätheriſchen Pakt entreißen, allein Urian hielt die ſüße Beute ſo feſt, daß es pur un⸗ möglich wurde. K. † 3„Das bekommen Sie nicht wieder, ſo wahr ich Hippelmann heiße,“ ſchnurrte der Bettelvoigt,„ich will es ſofort andern Händen übergeben.“ Bei dieſen Worten ſchickte er ſich an, ſeine Beute in den groben Tuchmantel zu ſtecken, welcher ſeinen Corpus bereits ſeit 18 Jahren gegen Wind und Wetter beſchützt hatte. Noch hatte Hippelmann ſeinen Raub nicht in Sicherheit gebracht, als er ſich plötzlich von einer 8 kräftigen Hand ergriffen fühlte, die ihn von hinten gefaßt hielt.* „Wer wagt es, ſich gegen mich aufzuſetzen?“ rief der Voigt zornig. ———— 201 „Ich,“ ſagte eine trockene Stimme, welche Bern⸗ bard Wiedebach angehörte.„Geben Sie ſoſort die Papiere wieder heraus, die Sie ſich widerrechtlich anzueignen im Begriff ſtehen,“ fügte der Letztere in beſtimmtem Tone hinzu. „Daraus wird nichts,“ verſetzte Hippelmann ſtörriſch,„was ich hab, das hab und halt ich feſt, merken Sie ſich das, junger Fant. Hi, hi, damit bin ich noch lange nicht zufrieden,“ fuhr er fort,„ich werde Euch alle nach der Polizei bringen, Ihr über⸗ geſchnappten Sauſewinde, dort wird man Euch ein wenig in die Zugluft ſetzen, damit Euch der Schwindel aus den Köpfen fährt.“ Bernhard wurde durch dieſe höhniſche Bemerkung roth vor Zorn und Entrüſtung, er fuhr wie ein Blitz über Hippelmann her, entriß ihm die Papiere, welche er unter dem Mantel hielt, wobei noch ein Stück jenes unvergleichlichen Coſtüms zu Grunde ging. Der Bettelvvigt fing an Mordund Zeter zu ſchreien. Jetzt war keine Zeit zu verlieren. Mehre von den Zechern flohen, unter ihnen befand ſich Bernhard, welcher nichts Eiligeres zu thun hatte, als die wieder⸗ gewonnenen Statuten der Verbindung zu vernichten. Die Folgen dieſes Kneiptages waren in ihrem Verlauf ſehr unangenehm; die betheiligten Schüler — —— ——— Habſeligkeiten befanden. wurden von der Anſtalt fortgeſchickt und erhielten wo möglich ſehr ſchlechte Cenſuren, während ihre Zeug⸗ niſſe die verhängnißvolle Clauſel enthielten: Wegen ungeſetzlicher Verbindungen entlaſſen. Bernhard erſchien unter ſeinen Kameraden als der am meiſten gravirte, und wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß ſein Zeugniß nicht beſſer als das ſeiner Collegen war. Der Muſiklehrer Michael, bei welchem ſich Bern⸗ hard in Penſion befand, traute kaum ſeinen Augen, als er die Mittheilung Bernhards und deſſen Ent⸗ laſſung vernahm; der alte Mann und deſſen Ehehälfte waren ganz ſtarr vor Ueberraſchung. „Mein Gott, was ſoll nun geſchehen?“ rief er, „was werden Ihre guten Eltern dazu ſagen, und was wollen Sie nun anfangen, lieber Bernhard?“ „Ich weiß es noch nicht,“ ſagte der Gefragte trocken,„mir iſt es einerlei, was mit mir wird.“ „Das iſt gar nichts geſagt,“ verſetzte Michael, und ich kann es mir nicht denken, daß Ihnen dies alles wirklich einerlei iſt.“ Bernhard erwiderte nichts darauf, er verſank in tiefes Nachdenken; endlich verließ er die Wohnſtube und begab ſich nach ſeinem Stübchen, wo ſich ſeine 203 „Euch brauche ich nicht mehr,“ murmelte er, einen Stoß Bücher und Hefte über den Haufen werfend,„ihr ſollt noch heute in baares Geld um⸗ geſetzt werden, einerlei, was ich dafür erhalte, dann — ja, was mach ich dann? Nach Hauſe zu wandern, dazu hab ich keine Luſt, mein Alter würde mir keinen ſchlechten Sermon in die Ohren blaſen. Wenn ich wenigſtens zwei Jahr älter wäre, dann ließe ſich eher etwas unternehmen, ich ginge zum Militair; aber ſo mögen ſie mich nicht, weil ich noch zu bubenhaft ausſehe.“ Unterdeſſen tauſchte auch Michael die Gedanken mit ſeiner Ehehälfte aus. „Ich glaube, der Burſche läuft in alle Welt, bis ſie ihn auffangen und per Schub heimbringen; aus gutem Willen geht er ſo nicht.“ „Das iſt möglich,“ ſagte Regine,„Gott v mir's, der Bernhard fängt recht ſchlimm an.“ Am folgenden Tage war Bernhard mit Einbruch des Abends aus Erfurt verſchwunden. W1 XRI.. 1 Der Heimathloſe. † Mit einigen Kronthalern verſehen, ſein ſchlechtes. Zeugniß in der Taſche, ein Bündel mit dem Noth⸗ wendigſten auf dem Rücken, ſo war Bernhard in aller Stille durch das Thor von Erfurt gewandert, 4 ohne ein beſtimmtes Ziel gewählt zu haben. Der Vorſatz, nicht nach Hauſe zu gehen, blieb 5 3 feſt bei ihm ſtehen, lieber, beſchloß er, die halbe Welt 5 zu durchlaufen. Das war freilich ein wenig viel ge⸗ 3 ſagt, und das Erſcheinen eines einzigen Gensd'armen 4 konnte dieſen gewaltigen Vorſatz mit einem Male vernichten. . Der Gedanke an die Heimath fing indeſſen mit einer bisher noch nie gefühlten Stärke in ſeinem ſ Innern zu erwachen. „Ich will das ſtille Dörſchen ſehen, ohne vß ich geſehen werde,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„um viel⸗ leicht für immer Abſchied von demſelben zu nehmen; ich werde dann viel ruhiger ſein können.“ Geſagt, gethan; er wandte ſeine Schritte um und der Heimath zu. Es war, wie ſchon geſagt wurde, bereits Abend geworden. In einem Dorfe, das letzte, welches vor 205 einer anſehnlichen Waldung lag, welche er zu durch⸗ wandern hatte, kehrte er in einer Schenke ein, um ſich durch einen Imbiß für die nächtliche Reiſe zu ſtärken.* Bei ſeinem Eintritt bemerkte er, daß mehre Gäſte anweſend waren; unter ihnen befand ſich ein dicker, wohlgenährter Mann in bürgerlichen Kleidern, es war der Rittergutsherr des Dorfes, welcher zuweilen hier einſprach. Der Genannte betrachtete den An⸗ kömmling mit großer Aufmerkſamkeit, der Burſche ſchien ihm zu gefallen. Bernhard nahm an einem etwas entfernt ſtehen⸗ den Tiſche Platz und verlangte einen Krug Bier nebſt etwas zu eſſen. „Wohin wollen Sie noch, junger Mann?“ fragte der Gutsherr, Namens v. Rautenſtein. „Nach D... g,“ ſagte der Gefragte. „Sie wollen doch nicht heute Nacht weiter reiſen?“ fuhr Jener fort. „Ich will es,“ antwortete Jener. „Ei, das iſt Thorheit und überdies ein gewagtes Unternehmen; es iſt nicht ganz ſicher im Walde von R. und es könnte Ihnen leicht ein Unfall be⸗ gegnen; bleiben Sie lieber für dieſe Nacht hiet.“ 206 Bernhard zeigte wenig Luſt, den Vorſchlag an⸗ zunehmen. Der dicke Herr knüpfte nach einiger Zeit das abgebrochene Geſpräch wieder an; er fragte nach ſeinem Stande, ſeiner Herkunft ug dem Zwecke ſeiner Reiſe. Bernhard erzählte das, was er für rathſam hielt, und unterließ es, ſich in Bezug auf ſeine letzten Erleb⸗ niſſe in weitläuftige Einzelnheiten auszulaſſen. „Nun, wenn Sie auf der Schule etwas tüchtiges gelernt haben, ſo könnte ich Ihnen in meiner eigenen Familie eine Stellung gewähren; ich habe zwei muntere Jungens von 10— 11 Jahren und möchte ſie einem geſchickten Lehrer mit guten Sprachkenntniſſen anver mauen, damit immer der Grund zum weiteren Studium gelegt werde. Wenn es Ihnen annehmbar ſcheinen ſollte, ſo kommen Sie morgen auf's Schloß, wir wolleu dann die Sache weiter beſprechen.“* Vernhard dankte für dieſes freundliche Anerbieten und verſprach dem ſich Punkt 10 Uhr einzufinden. Nach einiger Zeit erhob ſich pe Dide uud em⸗ pfahl ſich mit einem wohlwollenden Lächeln von unſerm Reiſenden, welcher ſein Bündel für dieſe Racht in deu Winkel legte und bald darauf ſchlafen ging. 207 Am folgenden Morgen machte ſich Bernhard auf den Weg nach dem Schloſſe des Herrn v. Rautenſtein. Hier angekommen, wurde er von einem alten Diener nach dem Zimmer des gnädigen Herrn ge⸗ führt, welcher ihn dereits erwartet hatte. „Nun, da ſind Sie ja, mein lieber Freund,“ ſagte er in wohlwollendem Tone,„bitte, ſetzen Sie ſich.“ Er ſchellte hierauf und der Diener brachte Wein und Frühſtück, worauf der Gutsherr ihn Fieheeh zum Zulangen aufforderte. Nachdem das Frühſtück, welches Bernhard trefflich geſchmeckt hatte, abgeräumt worden war, wandte ſich der Dicke gegen ſeinen Gaſt, indem er fortfuhr: „Jetzt wollen wir von Geſchäften ſprechen; ich 3 geſtehe, Sie gefallen mir, und wir werden vortrefflich mit einander ſtimmen. Wollen Sie indeſſen ſo freund⸗ lich ſein, und mir Ihre Zeugniſſe vorlegen?“ Bernhard wurde ein wenig bleich, er langte mit einer ſtummen Bewegung des Kopfes in die Taſche, zog das Gewünſchte heraus und übergab es v Gutsherrn. Derſelbe öffnete es und fing an zu leſen. Plötz⸗ lich hielt er jedoch inne, indem er ſeinen Blick erhob. „Was iſt das?“ ſagte er, Sert anſchauend, dann las er langſam weiter: — 208 „Wegenungeſetzlicher Verbindungen ent⸗ laſſen. Hm, das iſt ein ſchlimmer Punkt, mein Freund; Sie in Ihrem Alter haben ſchon aufrühreriſche Verbindungen gepflogen. Hm, daß iſt doch etwas zeitig angefangen. Hätte das nicht erwartet.“ Und Bernhard das Papier zurückgebend, fügte er mit Kälte hinzu: „Es thut mir leid, daß ich mich unter ſolchen Umſtänden veranlaßt fühle, mein gegebenes Wort zurückzunehmen; ich würde einen Beweis von unver⸗ zeihlichem Leichtſinn und Gewiſſenloſigkeit geben, wenn ich meine Ktnder unter den Einfluß eines Menſchen ſtellen wollte, welcher wegen ungeſetzlicher Verbi dungen von der Anſtalt fortgeſchickt wurde.“ Bei dieſen Worten erhob ſich der Gutsherr. 8 Bernhard ſtand ebenfalls auf. Der arme Menſch befand ſich in einer höchſt nnangenehmen Lage, und jetzt erhielt er ſchon den erſten Beweis von den Folgen ſeiner unüberlegten Handlung. Er ſtammelte eine Entſchuldigung, allein ſein Wirth ſchien nicht darauf geachtet zu haben, ſondern machte eine Bewegung mit der Hand, welche etwa ſo viel ſagen mochte:„Empfehlen Sie ſich ſo ſchnell als möglich.“ * faſt hätte ich geglaubt, er wolle mich räuberi 209 Der Hoffnungsloſe unterließ es nicht, dieſer ſill⸗ ſchweigenden Aufforderung ſo ſchnell als möglich Folge zu leiſten; er ſchaute weder rechts noch links, und hörte und ſah faſt nichts von dem, was um ihn her vorging. In dieſer Stimmung rannte er pun gegen Jemand an, er ſchaute auf und erblickte eine Dame zu Pferde dicht vor ſich. „Aus dem Wege, dummer Menſch,“ ſagte die Amazone,„oder ſoll ich Sie mit Gewalt zu Boden reiten?“ Dieſe Worte wurden von einem empfindlichen chlage mit der zierlichen Reitgerte begleitet, ſo daß m verwirrten Burſchen die Wange brannte. „Wie abſcheulich, wie ſchändlich!“ rief er voll Ingrimm. Ha, könnte ich mich für dieſen Schlag jemals rächen, ich wollte viel darum geben.“ Die Reiterin, Frau v. Rautenſtein, war unter⸗ deſſen fort und in den Schloßhof hinein geſprengt, wo mehrere Diener herbeieilteu, um die ſtolze Sdel⸗ frau von ihrem Roſſe zu heben. „Ich möchte nur wiſſen, wer dieſer zgezogeſe Menſch ſein mochte, der mir vorhin in den We ian fallen, ſein finſteres Geſicht ſah ganz danach an Der an Lieferung 7. 14 —— — — höchſt vorſichtig in der Wahl eines Informators dann kehrte er nach der kleinen Schenke zurück, ſchnürte und hielt ſich nirgends lange Zeit auf, er hegte eine gewiſſe Scheu vor den Leuten und wählte am liebſten 21¹0 „Mein Kind,“ ſagte der Dicke,„ich will es dir mit kurzen Worten erzählen, damit du dich beruhigen kannſtz ich ſelbſt habe die Simmung jenes jungen Wühlers hervorgerufen, ich ſah es ihm an, daß er durch meine Erklärung den Kopf verlor.“ Und er erzählte ſeiner Gattin, was vorgefallen war. „Dem Himmel ſei Dank, daß dieſes Unheil von unſrem Hauſe abgewendet wurde!“ rief die Dame erſchrocken aus.„O Gott, ein ſolcher Menſch in unſrer Familie! Was hätte da nicht alles für Unheil entſtehen müſſen. Nun, wir wollen in Zukunft gewiß unſere Kinder ſein.“ Bernhard hatte ſich unterdeſſen ſeine Kleider v dem Schmutze gereinigt, welchen das Pferd vermöge ſeiner ſtampfenden Hufe auf ihn geſchleudert hatte, ſein Buͤndel, bezahlte ſeine Zeche und entfernte ſich. Der unentſchloſſene Pilger wählte die grade Straße nach der Heimath, er zog vielmehr die Kreutz und Quer im Thüringer Lande umher, die einſamſten Wege zu ſeiner Wanderung. 4 211 . Endlich eines Abends langte er nach langem ₰ Umherirren auf dem heimathlichen Boden an. Vor ſeinen umnebelten Blicken lag das ſtille Dörflein mit ſeinen Wohnungen, in deren Mitte das uralte Kirchlein ſtand, wo der rechtſchaffene Vater ſchon ſeit langen Jahren das Heil des Himmels lehrte und mit Eifer gegen die Laſterhaftigkeit der Menſchen predigte. Hier war er vor etwa zwei Jahren confirmirt worden, von hier hatte er ſeinen erſten Schritt in die Welt gethan, es war dies mit den größten Hoffnungen ge⸗ ſchehen; ach, und wie kam er jetzt heim! zerrüttet in ſeinem Innern, gepeinigt von Vorwürfen, niederge⸗ ſchlagen und erfüllt mit Schaam bei dem Gedanken 3 an ſeine Eltern, welchen er nicht unter die Augen u treten wagte. Sein Herz, welches noch zineswegs verhärtet war, unterlag den Eindrücken dieſes Augenblicks; es war mit tiefem Weh erfüllt, allein die falſche Schaam hinderte ihn, ſich ſeinen Gefühlen hinzugeben. Exr verbarg ſich in ein kleines Geſträuch, welches — neben dem Fußwege befindlich war, ſetzte ſich unter einen Lindenbaum und ſtarrte unverwandt nach dem 5 Dörflein hinab. — Da der Schall der wewotae 3 —— welchen er ſo oft gehört, aber er ſprach heute ſo mtch gleich dem verlornen Sohne heimführen. Gram erfäßt hat. O Himmel, 242 ernſt und traurig zu ſeinem Herzen, jeder Puls er⸗ ſchütterte ſein Gemüth und verſetzte ihn in eine faſt fieberiſche Beklemmung. Mit naſſem Auge ſaß er da, die Hände gefaltet und den Blick unverwandt nach dem Pfarrhauſe ge⸗ richtet. Da bemerkte er eine weibliche Perſon, wie ſie langſam heraus trat, im Begriff, nach dem Garten zu gehen. „D Gott, meine Mutter, es iſt meine Mutter!“ flüſtert ör mit angehaltenem Athem,„o, wenn ſie wüßte, daß ich mich hier befände, ſie würde zu mir eilen, und mich mit verzeihender Liebe umarmen, und dort um die Ecke des Hauſes kommt mein Vater, fuhr er fort,„wie langſam er geht, die Mutter tritt ihm entgegen, ſie führt ihn, er ſcheint ſehr ſchwach zu ſein, was mag ihm fehlen? vielleicht der Schrecken von jenem räuberiſchen Ueberfall, oder iſt die Kunde von meiner Entlaſſung bereits zu ihm gelangt und zu ſeiner Kenntniß gekommen, ſo ihn jetzt der velch ein Anblick, ich ertrag ihn nicht länger, nein, ich ertrag ihn nicht nger!“ und mit dieſem der Beeiſ eilte er eß m S 8 S S S — Abs ℳ „ Pernhard 2¹3 XRM. Line nächtliche Scene i m Waldhauſe. Der Flüchtling eilte mit ſchneller Haſt über die 5 verbſtlichen öden Feldflächen dem Walde zu und hörte nicht eher auf zu laufen, als bis er die hohen Bäume erreicht hatte, unter deren Schatten er verſchwand. Nachdem er längere Zeit im Walde weiter ge⸗ gangen war, führte ihn der Zufall neben dem alten verfallenen Gebäude vorüber, in welchem vor einigen Wochen Johannes durch die Werber aufgehoben und von Blondinen getrennt worden war. Das Gebäude Himmel zu ſchlafen. Endlich hatte er einen En Nacht wollte er hier Quartier machen ſus ejuht ſun ſah in der That höchſt unheimlich aus, und die wild⸗ romantiſche Umgebung gab ihm einen noch abenteuer⸗ licheren Anſtrich, der Herbſtwind ſpielte mit dem ein⸗ gefallenen Dache und die morſchen Schoben und Schindeln rauſchten und klapperten unaufhörlich. Lange Zeit ſtand Bernhard und betrachtete dieſes Aſyl, welches ſich ihm als den einzigen wohnlichen Ort darbot, wo er dieſe Nacht zubringen konnte, wenn er es nicht vorzog, lieber im Walde und unter fi ien dieſe — 2¹4 Er trat ſonach durch die offene Thür in den dunklen Raum hinein, ſeine Blicke ſchweiften ſchüchtern an den kahlen, zum Theil eingefallenen Wänden herum und blieben endlich auf dem Fußboden haften, auf welchem eine Menge Reiſer und Waldgras zuſammen⸗ gehäuft war; daſſelbe war zuſammengedrückt und Bernhard überzeugte ſich, daß dieſer Ort vor kurzem irgend Jemand zum Nachtlager gedient haben müſſe. DDieſe Ueberzeugung erregte mehrfache Bedenk⸗ lichkeiten in der Bruſt des jungen Flüchtlings.„Wer mag hier gehauſt haben?“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „vielleicht Spitzbuben und Verbrecher, möglicher Weiſe gar dieſelben, welche meine Eltern beraubten. Hu, hu, ein Zuſammentreffen mit jenen Schurken an dieſer Stelle, das wäre etwas höchſt ſchauerliches. Und doch könnte dies gar leicht der Fall ſein,“ fuhr er weiter fort,„Leute von dieſem Schlage ſuchen gewöhnlich dergleichen Oerter auf und benützen ſie als Schlupfwinkel, wo ſie ſi 6 ſind vor jeder Ent⸗ deckung.“ Bernhard trat hierauf an die Fenſteröffnung und fah mit düſtern Blicken in den Wald hinaus, welcher mehr und mehr von der hereinbrechenden S ver⸗ hüllt wurde. 21¹⁵ So konnte eine Stunde vergangen ſein. Es — war jetzt vollkommen Nacht geworden, der Wind fing kraͤftiger an zu pfeifen und fuhr klagend durch das Nadelholz, der Himmel war mit ſchwarzen Wolken bedeckt, es regnete jedoch nicht. Da deuchte es Bernhard, als ob in der Um⸗ gebung der zunächſt ſtehenden Waldbäume ſich mehrere Perſonen bewegten, er ſtrengte ſeine Augen an und es blieb ihm nicht länger zweifelhaft, daß dem alten 3 Gebaude ein zweiter Beſuch für dieſe Nacht bevor⸗ 8 ſtehe; von welcher Art derſelbe ſein werde, konnte er freilich nicht wiſſen, und da er eher eine feindliche Begegnung als eine freundliche erwartete, ſo beſchloß er, ſich vor den Augen derſelben zu verbergen. Zu dieſem Ende kroch er hinter ein großes Stück * von der herabgefallenen Lehmdecke, welches gegen die Wand gelehnt war und ſo einen Schlupfwinkel darbot, welcher nicht ſo leicht benutzt wurde; hier beſchloß er zu bleiben und dasjenige ruhig abzuwarten, was kommen würde. Er hatte ſich in ſeinen Erwartungen nicht ge⸗ täuſcht. Es dauerte nicht lange, ſo hörte er Fußtti von mehreren Männern, welche herein kamen un große Bürden auf ihren Schultern trugen; alles über einen Haufen zuſammen, und ſich ihrer Bürden entledigt hatten, machte einer von nächtlichen Beſuchern mit Hilſe einer Zündſchnur Licht. Bernhard fand jetzt Gelegenheit, von ſeinem Verſteck aus die Männer genauer zu beobachten, es waren deren drei und er ſtaunte nicht wenig, den Fleiſcher Lewin aus ſeinem Geburtsorte unter ihnen zu erkennen. „Was haben dieſe Männer hier zu thun unter dem Schutze der Nacht? es muß etwas geheimnißvolles im Werke ſein.“ Die Gefährten des Fleiſcher Lewin waren ihm jedoch unbekannt, es waren dies Genoſſen von Jean Begs Bande, und zwar Georg Sturm, Heinrich mit der Schmarre und Hans Nußbaum. Die vier Raubgeſellen ſetzten ſich auf den Haufen Haidegras, zündeten ihre kurzen Thonpfeifen an und ließen dieſelben tüchtig dampfen. „Was fangen wir nun damit an, wenn Vuſf nicht kommen ſollte?“ begann der Fleiſcher Lewin, indem er einen der gefüllten Säcke herbei zerrte und öffnete,„die Waaren ſind fein und werthvoll, die verfluchten Juden wollen nur ſo wenig dafür bezahlen.“ „Wir müſſen alles über die Grenze ſchaffen,“ ſagte Georg Sturm,„der Schneider Wolf in Freuden⸗ thal will uns dabei behülflich ſein, er hat es mir — S S — 4 1 217 verſprochen, daß er ſich heute hier einfinden will, um uns einen Theil von den Sachen ſogleich baar zu bezahlen.“ „Ich zweifle, daß er kommen wird,“ ſagte Hans Nußbaum,„er wird nicht ſoviel Muth beſitzen, ſich in der Nacht hierher zu wagen.“ „Ho, ho, da bin ich ja ſchon, meine Herren!“ rief plöttichzine naſelnde Stimme in kickerndem Tone, worauf ein winziges Männchen in dem Raume er⸗ ſchien, das in der That etwas Gnomenhaftes in ſeinem ganzen Anſehen beſaß. „Ei, ei, Freund Wolf, du biſt es wirklich!“ rief der Fleiſcher Lewin, nun ſprecht mir nicht mehr davon, daß die Schneider keine Courage beſitzen, im Gegen⸗ theil, es ſind ritterliche Leute.“ „Ei, das will ich meinen!“ rief Heinrich mit der Schmarre,„ſie ſind Helden ohne Gleichen, auf gehörntem Gaul, mit Scheere und Ellenmaß.“ Dann fing er in unterdrücktem Tone an zu ſingen: Schneideri, Schneidera, Schneiderum, Ich ſitz und ſeh mich um, Als ob ich Kaiſer wäre, Mein Secepter iſt die Scheere, Der Tiſch mein Kaiſerthum, Schneideri, Schneidera, Schneiderum „Halt dein Maul, du Hansnarr!“ rief der ſpindelbeinige Wolf,„oder ich jage dir allen Ernſtes mein Scepter, welches du ſoeben beſungen haſt, durch den fetten, faulen Wanſt. Das wäre mir noch ge⸗ legen, wenn ſo ein nichtswürdiger Tagedieb, ein Schuft ſondergleichen, auf unſere löbliche Schneider⸗ zunft Schimpflieder ſingen wollte. Oho, das wäre mir recht. Wenn du es noch dann fürchte meine Rache!“ Lewin ſah, daß der Schneider von Freudenthal WMiene machte, ernſtlich böſe werden zu wollen, er ſuchte daher ſeinen guten Humor wieder herzuſtellen, was ihm auch endlich gelang. Es war ihm nur darum zu thun, die hergebrachten Sachen ins Geld z ſetzen, und dazu war ihm nun eben Meiſter Wolf recht, welcher immer mit klingender Münze bezahlte. Hierauf fingen die Spitzbuben an ihre Waaren auszupacken; ſie hatten dieſelben bei einem Einbruche geraubt, welchen ſie unter ſich allein ausführten und zu Groß⸗Gottern in einer der vorhergehenden Nächte verübten. Meiſter Wolf beſah die Waarenballen, welche aus Wollenſtoffen feiner und grober Sorte beſtanden, mit prüfenden Kenneraugen, zuweilen zog er die — — 2¹9 Schulter und dabei eine Miene, welche den Verkäu⸗ fern nicht eben Hoffnung auf hohe Preiſe machte. „Nun, was willſt du mir für meinen Antheil geben,“ ſagte der Fleiſcher Lewin.„Mach's kurz, ich bin kein Freund von vielen Worten— kurz und gut.“ „Ich will dir 40 Kronen bezahlen, aber mehr keinen Heller, wobei ich mir noch bedinge, daß du mir die Waaren zur Nachtzeit bis zu meiner Woh⸗ nung beſorgſt; ich werde meinen Holzſtall unverſchloſ⸗ ſen laſſen, und dort hinein beſorgſt du mir die Sa⸗ chen, die ich dir heute zur Hälfte bezahlen will, die andere Hälfte erhälſt du, wenn du die geſtellte Be⸗ dingung erfuͤllt haben wirſt.“ Lewin ſchien mit dieſem Punkle nicht ſo ganz zufrieden zu ſein. „Du biſt ſchlimmer wie ein Jude,“ ſagte er, „und wirſt mit jedem Tage filziger. Der Henker ſoll mich holen, wenn Thom der Waldhüter nicht wenigſtens ein Dritttheil mehr dafür bezahlt.“ „Wenn du es glaubſt, ſo trage es ihm hin, und dann horche nach ſeinem Gebot,“ ſagte der Schneider. „Ich will deinen Verluſt nicht, kann aber au ich mehr für den Plunder geben.“ 220 Die Spitzbuben beſannen ſich jetzt nicht mehr länger und ſchloſſen den Handel mit dem Hehler ab, wobei ſie ſich verbindlich machten, die verkauften Gegenſtände bis in Wolſs Wohnung zu beſorgen. Die Männer erhoben ſich hierauf von ihrem Lager, nahmen die Päckte wieder auf ihre Schultern, löſchten das Licht aus und entfernten ſich in Beglei⸗ tung des Schneider Wolf, nach deſſen Wohnung ſie zu gehen im Begriff ſtanden. Nachdem ſie fort waren verließ Bernhard ſein Verſteck, worinnen er ſich höchſt unbehaglich gefühlt hatte. Die unbequeme Lage, welche er einzunehmen gezwungen worden war, hatte ſeine Glieder auf einige Zeit faſt unbrauchbar gemacht; er ſank auf das Lager nieder und verſank in dumpfes Hinbrüten. Wäre doch die ſchauerliche Nacht vorüber,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„ich wollte dieſen abſcheulichen Ort mit Vergnügen verlaſſen, was ich jetzt unmöglich thun kann, ich könnte mich zu tief in den Wald hinein verirren.“ Der Hunger fing jetzt an, ſich bei ihm einzuſtellen; da erinnerte er ſich, daß noch ein kleiner Vorrath von Lebensmitteln in ſeinem Ränzel befindlich i, er ſuchte daſſelbe, und nachdem er es geoffnet, zog er ein großes Stück Brot und Schinken ſowie ein Fläſch⸗ ergangen ſein, er Pachte noch immer nicht auf. 221 chen Wein heraus, um ſein einfaches Mahl zu halten. Seit langer Zeit hatte es ihm nicht mehr ſo vortrefflich geſchmeckt, als in dieſer Nacht. Er fühlte neue Kräfte in ſich; der Wein ſtärkte ſeinen geſunkenen Muth, und er wagte es, ſeine Hoffnungen auf die Zukunft wieder mit dem Leben zu verketten. Er begann von Neuem zu überlegen, was er thun wollie. Nach Hauſe zu gehen und ſeinen Vater wegen des Geſchehenen um Verzeihung zu bitten, das ihm geradezu etwas Unmögliches. „Was wird er ſagen, wenn er mich erblickt. Ich kenne ſeine Heftigkeit; er wird mich behandeln wie einen Buben von 10 Jahren, und das ertrag ich nicht, Wenn ich doch einen Weg fände, der mich zu einem Ziele führen könnte,“ fuhr er in ſeinem Nachdenken fort;„aber es iſt mir jede Ausſicht benommen. Das verdammte Atteſt mit ſeiner Klauſel ſchneidet mir faſt alle Hoffnung ab.“ Nach einiger Zeit kam der Schlaf. Bernhard ſchloß die Augen und verſank in tiefen Schlummer. Eine Stunde konnte während ſeinem Träumen — Da näherte ſich eine gebückte Geſtalt dem alten Gebäude und war im Nu in ſeinem Innern verſchwunden. XXIII. Eine erneuerte Rekanntſchaft. Die herbſtliche Sonne ſandte bereits ihre Strah⸗ len durch die Fenſteröffnungen des alten Gebäudes, als endlich der Schläfer erwachte und mit einem leichteren Gefühl den Tag begrüßte. Er richtete ſich empor, und wer beſchreibt ſeine Ueberraſchung, als er auf demſelben Lager, welches er für dieſe Nacht benutzt hatte, einen Menſchen, in tiefem Schlafe liegend, erblickte.* Der Fremde mußte erſt ſpäter und zwar dann hier angelangt ſein, nachdem Bernhard bereits in Schlummer gefallen war. Der Letztere begann den Schläfer mit Intereſſe zu betrachten, derſelbe ſchien mit ihm in einem Alter zu ſein, und je länger er ſein Geſicht anſah, deſto bekannter ſchienen ihm dieſe Züge vorzukommen. „Iſt das nicht derſelbe Menſch,“ dachte Bern⸗ hard,„welchen ich beim Hausmann der Lehranſtalt 223 in Erfurt kennen lernte, und welchem ich vor einigen Wochen einen Brief an meine Aeltern zur Beſorgung übergab, indem er auf ſeiner Reiſe nach Hildburgs⸗ hauſen durch meine Heimath zu kommen Gelegenheit fand.— Ja, ja, er iſt es,“ fuhr Bernhard nach einer kurzen Pauſe fort,„ich erkenne ihn genau wieder, obwohl er gegenwärtig beſſer gekleidet geht als dazumal.“ Bernhard irrte ſich in ſeiner Ueberzeugung nichtz es war wirklich der junge Lorenz Mohr, welcher in der vergangenen Nacht ſein Lager mit ihm getheilt hatte. Wie kam derſelbe hier her, da er doch, wie wir wiſſen, in dem alten Forſthauſe ſtreng bewacht wurde, 5 um ihn den Augen der Behörden zu entziehen, welche ihn durch die Gensd'armerie verfolgen ließ. Wir wollen in der Kürze darüber Auskunft geben. Der Waldhüter Thom ſowie der biebreſche Schreiber waren dem Burſchen Beide nicht gewogen, ſie würden ihn bei einer Hicklichen Gelegenheit suf die Seite geſchafft haben, wenn ſie nicht vor Jean Beg Reſpeckt gehabt hätten, welcher an dem Buben mit beſonderer Vorliebe ping, welche Thom indeſſen dadurch zu erklären ſuchte, indem er den ſchwarzen Jäger als den Vater des Lorenz betrachtete. Ein 224 umſtand, welcher, beiläufig geſagt, der Wahrheit ſehr nahe lag. In jener Nacht, wo der Anführer der Haſen⸗ vande, der ſogenannte Pföſchen, in dem Forſthauſe anweſend war und Jean Beg mit demſelben gemein⸗ ſchaftliche Sache machte, geſchah es, daß Lorenz Ge⸗ legenheit fand, ſein unfreiwilliges Verſteck zu verlaſſen und zwar in dem Moment, als Thom den biebreſchen Schreiber aus ſeiner unterirdiſchen Erpedition herauf holte, um den Beweis zu liefern, daß er Pföfchens Päſſe verfertigt habe. Beide hatten in der Eile das Kellergewölbe ver⸗ laſſen, ohne es hinter ſich zu verſchließen. Lorenz hatte dies nicht ſobald bemerkt, als er ſich erhob und den ſich Entfernenden auf den Zehen nachſchlich; er erreichte glücklich den Hausflur und gelangte ungeſehen ins Freie hinaus. „Hier ſollt Ihr mich nicht gleich wieder ſehen,“ ſagte er in höhniſchem Tone.„Wahrhaftig, ich möchte Euch lieber das alte Spitzbubenneſt über dem Kopfe anzünden.“ Dabei hob er drohend die Hand zu dem nächtlichen Himmel empor, worauf er eiligſt in den nahen Wald hineinlief. Hiſ Etwa eine Woche lang trieb ſich der Vagabond in der Gegend herum; er wählte meiſtentheils den 225 Wald zu ſeinem Aufenthalte, welchen er nur verließ, um ſich Lebensmittel zu kaufen, die er ohne Schwie⸗ rigkeiten erhielt, da er ziemlich mit Geld verſehen war. So kam es denn, daß Bernhard in der vergan⸗ genen Nacht mit dem Burſchen zuſammengetroffen war. Der Letztere hatte dieſen Ort ſchon oft zu ſei⸗ nem Aufenthalte gewählt; hier glaubte er am ſicher⸗ ſten zu ſein und die Aufmerkſamkeit ſeiner Verfolger entfernt zu halten. Nachdem Lorenz noch einige Zeit geſchlafen hatte, fing er endlich an, ſich zu regen, er rieb ſich die Au⸗ gen, dehnte ſich gemächlich, gähnte einige Mal und wurde nach und nach vollkommen munter. Seine Ueberraſchung, bei dem Anblick Bernhards war nicht gering, er ſchaute Jenen mit großen Au⸗ gen an und zeigte ein höchſt verlegenes Geſicht. Bald hatte jedoch der ſcharfſinnige Sr ſeinen Schlafgenoſſen erkannt. „Ach Sie ſind es, Herr Wiedebach, ſagte er voll Verwunderung, wie geht es zu, daß Sie hier übernach⸗ ten? Haben ſich gewiß in dem großen Walde verlaufen.“ „Allerdings ich habe mich verluufen,⸗ ſagte „Sie kommen von Erfurt und wollen rer Heimath, iſt es nicht ſo Herr Der ſchwarze Zäger. Lieferung S. 226 „Ja wohl, lieber Freund,“ verſetzte jener, „doch ich möchte nun lieber nicht nach Hauſe gehen,“ fügte er zerſtreut hinzu. „Nun wo wollen Sie denn ſonſt hin, ich will Sie, wenn es Ihnen recht iſt, auf die Straße nach D g begleiten.“ „Nein, nein, ich danke;“ unterbrach Bernhard den Sprecher,„ich mag nicht heimgehen,“ fügte er hinzu,„lieber will ich wer weiß wohin laufen.“ Nach einem längern Geſpraͤch, waͤhrend deſſen Bernhard mehr und mehr Vertrauen in den verſchla⸗ genen Lorenz ſetzte, theilte er ihm ſeine Lage mit, je⸗ ner hörte aufmerkſam vom Anfange bis zum Ende zu und als er fertig war, ſagte Lorenz: „Ja, mein lieber Freund, unter ſolchen Umſtän⸗ den rathe ich Ihnen ſelbſt ab, nach Hauſe zu gehen. Ihr Herr Vater, welchen ich zu kennen die Ehre hatte, ſcheint ein ausgemachter Eiſenfreſſer zu ſein, er hat mir eine ſchöne Strafpredigt gehalten, die mir noch immer in den Ohren ſchallt. Ha, ha, ich mag ſi ſie nicht zum zweiten Male mit anhören. „Du haſt demnach meinen Brief abgegeben. „Ei freilich,“ ſagte Lorenz,„ich that es Ihnen zu Liebe, weil Sie immer freundlich gegen mich wa⸗ 227 ren, während mich Ihre Collegen beſtändig neckten und beleidigten. Das Gefühl der Dankbarkeit war auch in die⸗ ſem ſehr verdorbenen Herzen noch nicht erloſchen und wir ſehen, daß Lorenz trotz ſeiner Verdorbenheit ei⸗ ner beſſern Regung fähig war. „Ich ſehe ſchon, lieber Wiedebach,“ ſagte er, „wir befinden uns ſo ziemlich in gleichen Verhält⸗ niſſen. Ich bin vogelfrei, ſo gut wie Sie,(doch ich bitte um Verzeihung, meine Lage iſt noch ſchlimmer als die Ihrige) wie wär es, wenn wir ſo lange es gehen will, bei einander bleiben wollten. Ein Un⸗ glück trägt ſich immer beſſer, wenn man es mit Je⸗ mand theilen kann, wir können uns, wenn einander auch nicht helfen, ſo doch gegenſeitig aufmuntern und Muth einflößen.“ Bernhard ſah den Buben mitleidig lächelnd an. —„Was wollen wir anfangen,“ ſagte er.„Es ſtchen mir nur noch geringe Hülfsmittel zu Gebote und wenn dieſelben erſchöpft ſind, was ſoll dann geſchehen, etwa betteln? ha, welch' ein Gedanke, oder ſtehlen? Gott bewahre vor einer ſe Handlung. Lorenz ſchwieg und unterließ die 15 228 Gefühle ſeines Gefährten durch eine grauſame Be⸗ merkung zu verletzen. „Nun deshalb iſt es noch immer nicht ſo ſchlimm, lieber Freund,“ ſagte er.„Ich habe Geld und ſo lange es ausreicht, ſteht Ihnen meine Börſe zur Verfügung.“ Bei dieſen Worten zog er einen wohlgefüllten Beutel aus der Taſche, deſſen Anblick bei Bernhard Staunen erregte. Zugleich aber wurde auch ſein Argwohn rege gemacht; woher hatte jener das viele Geld, er konnte es unmöglich durch ſeiner Hände„ Arbeit verdient haben.. „Ich habe es gefunden,“ ſagte Lorenz auf Be⸗ fragen. Das wollte Bernhard nicht einleuchten. „Es kümmert mich nicht länger, woher du es bekommen,“ ſagte er,„ſprechen wir von etwas anderem.“ „Mein Wunſch wäre, wir könnten in irgend einer entfernten Gegend ein Unterkommen finden. Allein dazu fehlen uns, Behuf des Weiterreiſens, die Päſſe.— Auf mein vermaledeites Zeugniß kann ich nicht fort und erhalte auch eben ſo wenig einen Poſten, man hält mich für einen Verräther am Va⸗ terlande und läßt mich lieber umkommen, trotz dem, „ 2 229 daß die Sache gar nicht ſo ßraffälig war, als ſie das Anſehen hatte.“ Lorenz lachte. „Ei, ei, lieber Freund,“ rief er,„aus dieſer Verlegenheit kann ich helfen. Bei meiner Flucht, nahm ich einem gewiſſen Malocher verſchiedene Ge⸗ genſtände mit fort, unter audern ein großes Petſchaft mit dem heſſiſchen Staatsſiegel, nebſt allem Zube⸗ hör, wie wäre es, wenn wir davon Gebrauch machten?“ „Zeig her,“ ſagte Bernhard,„wir wollen ſehen, es wäre famos, wenn wir es in Anwendung bringen könnten.“ Lorenz langte ein leinenes Säckchen aus der Taſche und zog ein großes Petſchaft aus demſelben, nebſt Siegellack und Oblaten. Bernhard betrachtete die Gegenſtände mit überraſchten Blicken. „Das Siegel ſcheint ächt zu ſein,“ ſagte er. „Einerlei, ob ächt oder unächt,“ verſetzte Lorenz,„ich weiß, daß es ſeinen Dienſt verrichtet, wir können getroſt mit dieſem Beglaubigungszeichen durch das Land reiſen, es wird keinem Menſchen, anzuhalten. 4 5 2 Die Sache erſchien Bernhard r 8 230„ „Wir wollen es auf gut Glück wagen,“ ſagte er,„ich habe in meinen Ränzel Papier und Schrei⸗ bezeug, ich will mit etwas verſtellter Hand für uns beide zwei Päſſe ausſtellen und dann wollen wir unſer Heil in der Ferne ſuchen, um zu ſehen, ob es uns wo anders vielleicht beſſer glück, als in der Heimath.“ Bernhard öffnete hierauf ſein Ränzel und ſuchte die benöthigten Gegenſtände heraus. Er war ein geläufiger Schreiber und es war ihm etwas Leichtes eine Legitimation von dieſem oder jenem Amte aus⸗ zuſtellen und als er damit fertig war, fügte er das Herzogliche Siegel bei, worauf die beiden Schrei⸗ ben ein ſo glaubhaftes und ehrliches Anſehen beka⸗ men, daß Niemand daran dachte, gegen die derſelben in Zweifel zu gerathen. „Jetzt kann es gehen,“ rief Lorenz ſich die Hände reibend.„Ei und wie ſchön Sie das Alles geſchrie⸗ ben haben, es iſt wie in Kupfer geſtochen. Ich wünſchte, ich hätte das auch gelernt.— Schon längſt hätte ich mir ſelbſt einen Paß geſchrieben, al⸗ lein ich durfte es nicht wagen, von meiner tölpiſchen, ungeübten Hand einen ſolchen Gebrauch zu machen, man würde die faulen Fiſche ſoßleic gerochen haben. 231 „Jetzt brauch ich auch mein Zeugniß nicht mehr S länger,“ ſagte Bernhard,„ich will es noch in die⸗ . ſem Augenblick den Flammen übergeben. Das Geſagte wurde auch bald darauf ausge⸗ führt. Das Atteſt loderte hell auf und war im Nu 5 zu Aſche verglommen. „Und nun wollen wir uns reiſefertig machen,“ ſagte Lorenz, indem er ſeine Siebenſachen zuſammen⸗ ſuchte, es iſt nur noch die Frage, wohin wir gehen. „Wir ſuchen vor allen Dingen die Landſtraße, das Uebrige wird ſich ſchon von ſelbſt finden.“ „Sie haben Recht, lieber Wi ſagte Lorenz. „Noch Eins,“ ſ der Erſtere.„Da wir nun einmal Reiſegefährten ſind, ſo wollen wir uns ei⸗ nander mehr nähern. Laß uns auf du und du zu⸗ ſammen leben, wir haben ein Alter und es fůͤllt noch weniger auf, als wenn dieſer gegenwärtige Unter⸗ ſchied zwiſchen uns ſtattfindet. „Mir iſt es recht,“ ſagte Lorenz, ſeinen Gefaht; ten die Hand reichend,„alſo auf gute Freundſchaft. „So ſei es,“ verſetzte Bernhard, indem er in die Hand des jungen Verbrechers einſchlug. 3 S Sturm,„daß wird ein Jeder von uns einſehen.“ 232 XXIV. Jean Reg in Hefahr. Die Flucht des jungen Lorenz aus dem Forſt⸗ hauſe verſetzte die Genoſſenſchaft des Jean Beg, ſo⸗ wie den Letzteren ſelbſt, in eine nicht geringe Verle⸗ genheit. Alle geriethen gegen den verrätheriſchen Buben in heſtigen Zorn und ſchwuren ihm Tod und Verderben, wenn ſie ihn jemals erwiſchen ſollten. „Ich hab's Euch ſchon früher geſagt!“ rief der lange Lips,„es war damals, als wir ihn einer kleinen Probe unterwarfen, wobei er laut aufſchrie, daß er uns einmal Alle verrathen wird, allein Nie⸗ mand hörte auf mich. Jetzt liegt die Wahrſcheinlich⸗ keit klar vor Augen; ſeine Schweſter ſitt noch immer in Unterſuchung, und wenn ſie ihn auch noch ein⸗ fangen, dann wird er Alles erzählen, was er nur immer weiß, und dann mögen wir uns auf eine Bekanntſchaft mit dem Galgen gefaßt machen. Es wird mancher aufgehangen werden, wenn Lorenz ge⸗ ſtanden hat, daß er ihn unter uns geſehen hat, und daß er bekennen wird, darüber herrſcht kein Zweifel.“ „Lips hat vollkommen Recht,“ ſagte Georg De. mnr das — daß der Burſche ſo plötzlich und ſu verſhwun⸗ „wie es mir vorkommt, hegſt du Verdacht gegen vermochte. ———— 233 „Ja wol,“ entgegnete Thom, der Waldhüter, „wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, ſo brauchten wir uns gegenwärtig nicht mit dergleichen Befürchtungen zu plagen; wir hätten der Kanaille ei nen Schlag ins Genick verſetzt und die Sache wäre abgemacht geweſen.“ „Wer weiß, was du gethan haſt,“ verſetzte Jean Beg.„Es iſt mir ſchon längſt aufgefallen, den iſt.“ „Was willſt du damit ſagen,“ erwiptent Thom, mich, als habe ich etwas gegen jenen Schuft unter⸗ nommen; dadurch könnteſt du mich nur um ſo beleidigen.“ 8 „Ich halte es nicht für nöthig, dir meine Meinung zurückzuhalten,“ verſetzte der ſchwarze Jäger trocken.„Ich kenne dich in dieſer Beziehung zu genau, du biſt ein ausgefeimter Hund und ſch 38 mer, als wir Alle zuſammen genommen.“ Thom heulte laut auf vor „Ha! beweiſe mir dies, du—“ Ein Schlag, von Jean Begs Fauſt 6 raf den Waldhüter ins Geſicht, daß er nicht auszi 234 „Ich will es dir beweiſen,“ fuhr Beg fort, dann wandte er ſich gegen die Umſtehenden: „Wer, wie dieſer gethan hat, ſeine Mutter einſperrt und verhungern läßt, wie einen räudigen Hund, der iſt doch wohl ſchlimmer, wie der Satan ſelbſt; in ihm iſt kein Gedanke mehr von Menſchlich⸗ keit zu finden, das werdet ihr mir gewiß Alle zugeben. Und hat ſich Thom nicht dieſer That ſchuldig gemacht, hat er ſich nicht derſelben ſogar in unſerm Beiſein gerühmt? Bei allem, was lebt, wir haben ſchlechte, ſchauerpolle Handlungen ausgeübt, aber einen Muttermord hat außer ihm, teiner von ns auf dem Gewiſſen.“ Die Umſtehenden hatten ſich bisher ſtumm ver⸗ aber aus ihren Mienen konnte man den Beifall erkennen, welchen ſie Jean Beg zollten. „Wer wird mich tadeln, wenn ich nun der Meinung bin, daß derjenige, welcher r ſeine Mutter umbrachte, vielleicht auch Hand an meinen Schützling legte, das wird keiner unter uns für etwas ſo ganz Unmögliches halten. Der Bube war mir lieb ge⸗ worden; er war, was ich nicht länger verhehlen will, mein Sohn, den mir die Wittwe des Egidius gebo⸗ atte. Ihr könnt euch nun meine Anhänglichteit ſelben um ſo leichter erklären.“ 1 3 — — 235 „Denke, was du willſt von mir,“ unterbrach ihn Thom,„aber ſei verſichert, daß ich an deinem Baſtard keine Hand angelegt habe; er iſt geflohen in der Nacht, wo Graf Pföffchen ſich in meinem Hauſe befand.“ Jean Beg machte Miene, ſich nochmals an dem Waldhüter zu vergreifen, au ſeine Leute hielten ihn davon zurück. „Zankt Euch nicht länger mit einander,“ ſagte Räuter.„Es kann zu nichts gutem führen; beräthſchla⸗ gen wir lieber, wie wir uns gegen den äußern Feind ſchützen, welcher uns von Tage zu Tage drohender erſcheint. Ich bin, ohne dir nahe treten zu wollen,“ fuhr er gegen Beg fort,„der Meinung, daß Lorenz wirklich geflohen iſt. Gelegenheit dazu hat ſich in jener Nacht dargeboten, und daß er ſie benutzte, läßt ſich bei ſeinem liſtigen Charakter leicht denken, und im Grunde genommen, konnte ich es ihm nicht ver⸗ argen, wenn er es vorzog, ſeinen beſchränkten Auf⸗ enthalt mit der Freiheit zu vertauſchen.“ Jean Beg war durch dieſe vermittelnde Rede etwas abgekühlt worden und benahm ſich ſchonend gegen den beleidigten Thom; allein der Letzte nicht ſo leicht wieder zu verſöhnen. Er bli 236 ganzen Abend hindurch ſtumm und vermied jede An⸗ näherung mit Jean. Dieſer kuͤmmerte ſich wenig um den Schmollenden. „Ich will dich binnen Kurzem unſchädlich ma⸗ chen,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„um nicht deiner Rache zum Opfer zu fallen. Eine Kugel ſoll dir werden, daß ſchwöre ich dir, ſo wahr ich Beg heiße.“ Noch vor Mitternacht brach die Geſellſchaft aus dem Forſthauſe auf und, nachdem man ſich für dieſe Nacht getrennt hatte, ſchlug der ſchwarze Jäger die Richtung nach Freudenthal ein, um Leonoren, der Wittwe des Egidius, einen Beſuch abzuſtatten, wobei er zugleich über Lorenz etwas zu erfahren hoffte. Bei ſeiner Ankunft bemerkte er noch Licht in der Wohnung Leonorens. „Was kann ſie noch vorhaben,“ dachte Beg,„ich muß ſehen, ob ich etwas erſpähen kann, vielleicht hat ſie gar einen Anbeter bei ſi ich aufgenommen. Beim Henker! wenn dies der Fall wäre, dann ſollte es Beiden ſchlimm genug ergehen; denn in ſolchen Dingen verſteht Jean Beg keinen Spaß.“ Er ſchlich bis unter die niedrigen Fenſter von evnorens Wohnüng und ſchaute verſtohlen durch L Spalte in die Stube hinein. Hier bemerkte er Mutter,„wer weiß, was ihr mit ihm gem⸗ du mußt es doch wol am Beſten wiſſen.“ 237 die Wittwe, ſie war allein und ſaß am Tiſche, wie es ſchien, in tiefes Nachdenken verſunken. Jean Beg gab nicht lange Zeit einen Beobachter ab, ſondern klopfte leiſe an den geſchloſſenen Fenſter⸗ laden, worauf nach wenig Augenblicken die Thür von Leonoren geöffnet wurde, welche durch das Zeichen ihres Beſuches ſogleich inne wurde, wer der Einlaß⸗ begehrende ſei. „Endlich läßt du dich doch ein Mal ſehen,“ ſagte die Wittwe in ſchmollendem Tone,„ich glaubte, du hätteſt Freudenthal ſchon längſt ganz und gar vergeſſen. Nun, es wäre dies nicht etwa ſchön von dir,“ fügte ſie hinzu,„und—“ „Setz dir keine Grillen in den Kopf,“ unterbrach Jean Beg ſeine Concubine,„wie könnte ich dich je⸗ mals vergeſſen. O nein, du bleibſt mir ſteis theuer, die Sorge um dich, ſowie um Lorenz, treibt mich noch heute ſo ſpät zu dir hierher; ſage mir, weiß du denn nicht, wo er ſich aufhält. Er iſt uns ent⸗ wiſcht und ich glaubte, er halte ſich im G bei dir auf.“ „Hierher iſt er nicht gekommen,“ vet „Ich ſage dir aber, daß ich es nt weiß und auch nicht wiſſen kann, indem die Beſtie, ohne meinen Willen und Wiſſen, die Flucht ergriffen hat. Wie leicht kann es geſchehen, daß ſie ihn auffangen, und dann ſind wir Alle in der größten Gefahr, aufgeho⸗ ben zu werdenz das heißt, wenn der Schlingel nur das Mindeſte geſteht, was ich von ihm erwarte, da er noch zu jung iſt, um das Kreuzfeuer eines Krimi⸗ nalverhöres ſtandhaft auszuhalten.“ 8 „Das fehlt noch,“ ſagte Leonore,„hätte ich ſo etwas von dem Rangen erwarten ſollen, dann würde ich ihn lieber im erſten Bade erſäuft haben, dann könnte man jetzt ruhig ſein. Nun, er 9 ſich da⸗ rauf verlaſſen, wenn ich ihn in meine Hände be⸗ komme, ſo will ich ihn dergeſtalt bearbeiten, daß ihm Hören und Sehen vergehen ſoll; doch er wird es blei⸗ ben laſſen, hierher zu kommen; er kennt mich nur zu gut und erinnert ſich noch daran, wie derb ich ihm die Ohren gewaſchen habe.“ Während dieſes Geſpräch ſtattfand, trat der Nachtwächter von Freudenthal in die S des Ortsrichters. err Schulz,“ ſagte er,„es iſt heute nicht ganz Luft im Dorfe; die Wittwe Egidius hat dieſe n in ihrem Hauſe; ich ſah durch eine ——— Spalte des Fenſterladens ins Zimmer und ſah einen Fremden bei ihr, es iſt vielleicht ein Mitglied jenes Gelichters, das ſich jetzt allenthalben herumtreibt.“ Der Richter vernahm mit lebhaftem Intereſſe die Nachricht. „Wir wollen ſehen, was Frau Egidius für Gäſte während der Nacht empfängt,“ ſagte er. „Ich will ſogleich meine Knechte und die Nachbarn wecken laſſen, dann wollen wir das Haus umzingeln.“ Der Vorſatz des Schulzen war bald ausgeführt; in aller Stille hatte ſich eine Schaar Bauern zuſam⸗ men gerottet, mit Heugabeln und Knitteln bewaffnet, dann zogen ſie geräuſchlos vor die Wohnung Leono⸗ rens. Der Nachtwächter ſchlich leiſe zum Fenſter und lugte durch die Ladenſpalte, dann kehrte er zu ſeinen Begleitern zurück. „Der Vogel iſt noch drin,“ ſagte er,„und ſitzt mit der feilen Vettel am Tiſch; ſie eſſen und trinken nach Herzensluſt mit einander.“ Auf dieſe Nachricht rückte der Richter von 66r denthal mit feiner Truppe näher und ſchloſſen die Wohnung von allen Seiten ein, dann u8b der Erſtere herzhaft an die Thür. Es erfolgte eine genhl vn Innern des Hauſes. i 240 Jean Beg ſah betroffen auf Leonore, welche er⸗ ſchrocken aufſtand, indem ſie ſagte: „Das ſind Fremde; ich habe es am Klopfen gehört; was iſt zu thun? Wenn man es erfahren hätte, daß du dich hier befindeſt, was ſollen wir thun?“ „Es weiß Niemand, daß ich hier bin,“ ſagte Beg,„es war bereits Nacht, als ich herkam.“ Das Klopfen von Außen wurde jetzt wiederholt, begleitet von einer lebhaften Aufforderung, die Thür zu öffnen. 3 „Das war die Stimme unſeres Richters!“ rief Leonore. Bei Gott! deine Anweſenheit iſt ihm ver⸗ rathen worden; man wird dich gefangen nehmen, und wir werden uns niemals wiederſehen.“ „Ich will es ihnen ſauer werden laſſen, bevor ſie ſich rühmen können, den ſchwarzen Beg gefangen zu haben,“ ſagte Jean, indem er ein paar geladene Piſtolen und einen Dolch hervorzog und in einen breiten Gurt ſteckte, welchen er um den Leib nug. „Aufgemacht!“ rief unterdeſſen die Stimme des Richters abermals von Außen. „Jetzt laß ſie nicht länger warten,“ ſagte Jean, „geh hinaus und öffne die Thür.“ Leonore entfernte ſich, und während ſie nach den ging, trat der Räuber an den Tiſch⸗ 241 löſchte das Licht aus, machte leiſe ein Fenſter auf, ſchob den Laden nach Außen zurück und ſtieg hinaus. Während dies in Zeit von wenig Augenblicken geſchah, parlamentirte der Richter mit Leonoren ein Langes und Breites über die Auslieferung ₰ Gaſtes. Die Heſangennahme. Leonore bot Alles auf, um die draußen Harren⸗ den zu täuſchen, ſie verſicherte auf die unbefangenſte Weiſe, daß Niemand in ihrer Wohnung anwe⸗ ſend ſei. „Das lügt Ihr grade zu von der Zunge za unter,“ verſetzte der Nachtwächter;„da hab ich beſ⸗ ſer geſehen und Gott ſei Dank, mein Augenlicht iſt noch ſo kräftig, wie daßjenige irgend eines andern, geſunden Menſchen.“* „Wir wollen nicht noch länger unnöthig mit einander verhandeln,“ bemerkte der Richter von Freu⸗ denthal in beſtimmtem Tone.„Ich werde ſofort eine ſtrenge bei Euch Fgidius.—“ Der ſchwarze Jäger. Liefezung S 242 In dieſem Augenblicke emſtand ein lebhaftes Ruſen und Schreien, es kam von der Hinterſeite des Hauſes her, zugleich fielen zwei Schüſſe. Meh⸗ rere Bauern ſahen nach der Stelle, wo eben fünf oder ſechs von ihren Freunden mit einem einzelnen Manne gewaltig rangen. „Wir haben ihn,“ riefen mehrere.„Laßt ihn nicht entkommen, es iſt gewiß ein wichtiger Fang. Man brachte mehrere Laternen und beim Scheine derſelben ſtellte ſichs heraus, daß der Gefangene Riemand anders als Jean Beg ſelbſt war. Der Letztere ſchlug wie ein Raſender um ſich herum, allein die zahlreichen Gegner bezwangen ihn endlich, er wurde niedergeworfen und entwaffnet, man entriß ihm den ſcharfen Dolch, womit er Ei⸗ nige verwundet hatte, band ihn mit Stricken, welche man in der Eile herbei brachte und führte ihn nach der Wohnung des Richters, wo er für dieſe Nacht unter ſtarker Bewachung bleiben ſollte. Die Flucht aus dem Fenſter war demnach mißlungen. Leonore wurde ebenfalls zum Richter gefordert und gefragt, ob nicht der Gefangene während der acht bei ihr geweſen ſei, ſie leugnete dies und er⸗ Härte den Arreſtanten gar nicht zu kennen. 243 „Nun das wird ſich ſchon finden.“ ſagte der Rich⸗ ter.“ Der Gefangene wird Morgen nach der Kreis⸗ ſtadt abgeführt, dort wird man ſchon reinen Wein von ihm erhalten. Die Kunde von der Gefangennahme Jetn Begs gelangte ſehr bald zu den Ohren ſeiner zahlreichen Genoſſen und zwar durch den Schneider Wolf, wel⸗ cher in Freudenthal wohnte und daſelbſt ein Haus beſaß. Der Genannte machte ſich zeitig am Morgen nach dem Forſthauſe auf, wo er einige Bekannte ſicher zu treffen hoffen durfte, er irrte ſich auch nicht. Thom hatte wie gewöhnlich Gäſte in ſeinem Hauſe. Bei ſeinem Eintritt machten die Anweſenden große Augen. Der Schneider gab ſich heute ein uberaus ern⸗ ſtes Anſehen. „Was bringſt du uns tiein Wolf,“ ſagte Thom, welcher eine Ahnung von irgend einem Er⸗ eigniß empfand, da es ſehr ſelten gſc daß ſich jener hier erblicken ließ. Ich bringe eine böſe Kunde,“ ſagte er.„Jean Beg iſt gefangen worden und zwar zu hret im Hauſe der Wittwe Egidius. 82 Bei dieſer Mittheilung zeigte ſich die le Ueberraſchung auf allen Geſichtern. 6 Man beſtürmte den Unglücksboten mit Fragen und wollte es faſt nicht glauben, was er darauf ant⸗ wortete: „Ich habs mit meinen Augen geſehen,“ ſagte Wolf„und kann demnach die beſte Verſicherung ge⸗ ben, daß es wahr iſt, man wird ihn heute noch an das Gericht zu Erfurt abliefern und wir können im Gedanken ſchon im Voraus für immer von ihn Ab⸗ ſchied nehmen, denn er wird wohl der erſte von ſei⸗ nen Freunden ſein, welcher die Nibehig S leiter zu beſteigen hat.“ „Es iſt wirklich ſchade um ſein junges Leben, er konnte noch ſo Vieles verrichten, aber was hat ihn in die Patſche hineingebracht? Nichts weiter, als ſeine verdammten Liebesgeſchichten, wäre er ge⸗ ſtern nicht zu Leonoren gegangen, ſo hätte er heute nicht ſeine verlorne Freiheit zu beklagen, um die es auf immer geſchehen iſt.“ „Wir müſſen ſuchen, ihn zu befreien,“ riefen Mehrere aus der Geſellſchaft. „Verſuchts nur,“ erwiderte der Schneider,„und der Erfolg wird ſich an Euren blutigen Köpfen dar⸗ thun. Die Freudenthaler Bauern haben es ſchon längſt gemerkt, daß ſie in der vergangenen Nacht einen guten Fang gemacht und ſie werden denſelben 245 nicht ſo teicht fahren laſſen. Jean Beg wird gewiß unter einer zahlreichen Bebeituns nach ir Ffihn werden.“ „So wollen wir ihn wenigſtens uen⸗ rief Räuter, und ich ſchwöre es, daß an dem Tage, wo Jean zum Tode geführt wird, ganz Freudenthal in Feuer aufgehen und in ein pures Jammerthal ver⸗ wandelt werden ſoll.“ „Ho, ho, mein lieber Freund,“ rief der Schneider, wenn du das im Willen haſt, dann werde ich eben⸗ falls mit darunter büßen, ſintemal ich in Freuden⸗ thal angeſeſſen bin.“ „Ich ſcheere mich nichts darum,“ verſetzte Räu⸗ ter,„mir iſt einerlei, ob der Henker dein zuſammenge⸗ 1 wuchertes Eigenthum auf dieſe oder jene Weiſe holt, vehalten wirſt du es doch nicht bis an dein Ende, 6 das vielleicht bald herankommt.“ „Sprecht, was ſollen wir thun, fuhr er hierauf zu ſeinen Genoſſen fort,„wollen wir denn gar nichts für die Rettung Jeans unternehmen?“ „Es wird uns Alles nichts nützen,“ ſagte der bibreſche Schreiber,„das was wir höchſtens thun k nen, iſt: ſeine Freiheit zu rächen, und das die vollſten Maaße geſchehe, vafür ſtimme ich ganz m Freudeuthaler ſollen ihres Triumphes nicht froh werden. „Nein, das ſollen ſie nicht, riefen alle Anweſen⸗ den, wie aus einem Munde,„wir wollen das ganze Neſt in Brand ſtecken und kein Schuppen davon ſoll übrig bleiben. Man rottete ſich in der Eile isſamm um den Zug mit dem Gefangenen an der Straße nach Erfurt zu erwarten und zu überfallen. Allein dieſer Plan wurde vereitelt, weil eine Abtheilung Dragoner be⸗ fehligt wurde, den Gefangenen in Frenden ab⸗ zuholen. Gegen dieſe Macht wagten die Verbündeten nichts anzufangen, ſie hätten dabei unbedingt den Kürzern ziehen müſſen und dies einſehend, unterließen ſie jeden weitern Anſchlag. Die Nachricht, daß Jean Beg, der ſogenannte ſchwarze Jäger, gefangen worden ſei, erhielt bereits in den erſten Tagen eine ſchnelle Verbreitung, von allen Orten ſtrömten Neugierige herbei, um jenen berüchtigten Verbrecher zu ſehen, welcher zu Erfurt, in einem offenen, mit ſtarken Eiſenſtäben vergitt⸗ terten Gefängniſſe zur Schau ausgeſtellt wurde. Unter denjenigen, welche ihn zu ſehen gelommen waren, befand ſich im Geheimen mancher, von ſei⸗ — 247 ——————— nen ehemaligen Genoſſen, er mochte dieſelben auch recht bald erkennen, allein er benahm ſich völlig fremd gegen ſie und verrieth auch während der viel⸗ fachen peinlichen Verhöre keinen von ihnen. Bald nach ſeiner Einbringung wurde auch Leo⸗ nore aus Freudenthal abgeholt und ebenfalls ins Gefü gniß gebracht, ſie geſtand längere Zeit durch⸗ aus nichts, endlich wurde ſie jedoch zum Bekenntniſſe bewogen und geſtand mehrere Thatſachen ein, welche zugleich den gefangenen Jean Beg noch mehr com⸗ promittirten. Um dieſe Zeit war es, daß zugleich eine Genoſ⸗ ſenſchaft des Jean Begs von 18 Mann in Gotha eingefangen wurden, wo ſie bei einem Kaufmann ein⸗ gebrochen hatten und wobei man ſie glücklich er⸗ wiſchte, es waren dies den Namen nach: Georg Engelhard, Chriſtian Schneider, Kaspar Hop, der kleine Lips, der dicke Johannes, Georg Balzar, Adam Baumann, Gotters Nickel, der rothe Dreß und Kunz v. Mühlberg. Sämmtliche Verbrecher waren der That über⸗ wieſen, und wurden zu 12jährigem Feſtungsbau ver⸗ urtheilt und unter ſtarker Bedeckung nach Dresden 248 Die Gefangenen waren mit Jean Beg confron⸗ tirt worden, ſie hatten mehrere von ſeinen verübten Verbrechen eingeſtanden, und ſo verging eine kurze Zeit, bis dahin, wo man ihm den Prozeß machte und zum Tode durch das Schwert verurtheilte. Während dieſer Ereigniſſe war faſt der No⸗ vember vergangen und es war beſtimmt Jean Begs Hinrichtung noch in den letzten des genannten Monats ſtattfinden ſollte. Zu dieſem Ende war es ihm drei Tage vor ſei⸗ nem Tode vergönnt, ſeine Verwandten noch einmal zu ſehen. Es erſchienen auch wirklich einige derſel⸗ ben, bei deren Anblick der Verurtheilte ſi ſich ſehr er⸗ griffen zeigte. Sie blieben jedoch nur kurze Zeit bei ihm, ſpra⸗ chen ihm Muth und Troſt und verließen ihn dann. agen Unterdeſſen ſaßen die Genoſen Jean Begs oft bei einander und beriethen ſich über das bevor⸗ ſtehende Schickſal ihres Oberhauptes, deſſen Rettung nach menſchlichem Erachten eine Sache der Unmög⸗ lichkeit geworden war. In einer dieſer Zuſ ammenkünſte im Forſthauſe, wobeb Räuter, Georg Sturm, der lange kipe, Hans —ꝛ — — —— 2³9 Nußbaum u. A. zugegen waren, wurde beſchloſſen, mit der Rache gegen die Bewohner von Freh thal nicht länger zu zögern.“ „Der Gefangene iſt nicht zu retten,“ darum wollen wir ihm wenigſtens einen Fackelzug zu Ehren bringen.“ „Es iſt heute Nacht ſtürmiſches Wetter und zu unſern Unternehmen alles wol geeignet. Während man noch berieth, erſchien der Schnei⸗ der Wolf im Forſthauſe. „Ich bin gekommen, um großes Unheil abzu⸗ wenden,“ ſagte er,„erlaubt mir, daß ich Euch eine Bedingung ſielle.“ „Laß hören, worin dieſelbe beſteht,“ verſetzte Räuter. „Verſprecht mir: Nichts unter drei Tagen ge⸗ gen die Bewohner von Freudenthal zu unternehmen, ſo will ich einen Verſuch machen, Jean Beg zu be⸗ freien,“ ſagte der Eingetretene.„Ich habe einen Plan erſonnen, deſſen Ausführung durchaus nichts Unmögliches iſt.“ Die Genoſſen Jeans ſahen den Schneider Geſichtern an. „Das klingt ſehr beſtimmt,“ ſagte Georg Sturm, „aber ich zweifle an einem glücklichen Erfolg, mein liebes Schneiderlein.“ „Bedenke doch nur, wie furz die Zeit geworden iſt.— Es ſind kaum noch drei Tage bis zu ſeinem Tode übrig und was könnte da wol noch Vieles geſchehen. „O noch bedeutend viel,“ verſeßte Wolf. könnt es jetzt gar nicht beurtheilen,“ fügte er hinzu, „aber ich ſage eucht, daß eben in dieſen drei Tagen mehr geſchehen kann, als früher in drei Wochen. „Nun meinetwegen,“ ſagte Räuter,„wir wol⸗ len uns gegen dieſen ſchwachen Schimmer von Hoff⸗ nung halten und unſern Plan gegen die Freudentha⸗ ler noch auf einige Tage verſchieben, ſie kommen uns ja noch immer zur rechten Zeit.— Und wenn der gefangene Beg frei werden ſollte, was indeſſen nicht geſchehen wird, ſo wollen wir es dir hiermit verſpro⸗ chen haben, keine Hand gegen die Bewohner von Freudenthal zu erheben. „Ich nehme Euch beim Worte,“ rief der Schnei⸗ der Wolf.„Ihr habts gehört und werdet Euer Verſprechen halten. „Unbedingt,“ riefen die ſämmtlichen Anweſenden, wenn du es vermagſt, den gefangenenen Jean Beg 8 ———— *— 251 frei zu machen, dann ſollſt du noch eine anſchnice Gratisfaktion von uns erhalten.“ „Schön, ſchön, meine Herren!“ rief der Schnei⸗ der,„ich gebe die Hoffnung darauf nicht auf. Ha, ha, denkt an die Maus, welche mit ihren ſcharfen Zähnlein die Banden des gefangenen Löwen ſprengte und ihn befreite, ehe die gierige Meute Zeit gewann ihn zu erwürgen. XXVI. Reue Bekanntſchaſten. Im Gaſthof zur goldnen Gans in Erfurt ging es an einem dieſer Abende höchſt lebhaft zu. Meiſter Fabian(ein ehemaliger, ehrſamer Strumpfwirker) ſah ſeine Stube mit Gäſten angefüllt, welche ſich von allen Neuigkeiten des Tages unterhielten. Das Geſpräch drehte ſich größtentheils um die bevorſtehende Hinrichtung des Jean Beg, ſowie die in Gotha aufgefangene Räuberbande, die nach Erfurt eingebracht worden war. „Ich wette, es ſind dieſelben, welche den Paſtor zu D. g im vergangenen October beraubten und mißhandelten„ ſagte der Ganswirth,„vielleicht geſtehen ſie es nicht bei der peinlichen Frage“ 252„ „Ich wünſchte, man könnte mit Jean Begs Kopfe, dicjenigen ſeiner ſämmtlichen Spießgeſellen herunterſchlagen,“ ſagte ein dicker Herr, welcher bei einer Flaſche Rothwein ſaß, in welchem wir den Freiherrn von Rautenſtein wiedererkennen, deſſen Bekanntſchaft der junge Bernhard Wiedebach auf ſeiner Flucht von Erfurt gemacht hatte. „Ja, Herr v. Rautenſtein, das wünſche ich auch, ſowie noch mancher unter uns; dieſe Teufelsrotte iſt für das Thüringer Land eine wahre Geißel gewerden, und Niemand iſt ſeines Lebens weder in der Woh⸗ nung noch auf der Landſtraße ſicher.“ Man ſprach noch lange über dieſe Angelegenheit. Da langte eine ſtattliche Reiſe⸗Karoſſe, mit vier Pferden beſpannt, vor dem Gaſthofe an. Dieſes Ereigniß brachte alles in Allarm. Fabian rannte wie beſeſſen auf und ab und jagte Hausknechte, Auf⸗ wärter, Küchen⸗ und Stubenmägde, alles bunt durch einander, während die angekommenen Reiſenden mit Ungeduld der Ankunft eines dienſtbaren Weſens ent⸗ gegen ſahen. Endlich erſchien Fabian ſelbſt am Wagenſchlage, welchen er mit unzähligen Bücklingen öffnete, worauf ein Herr und eine Dame herausſtiegen. ——— — „Grben Sie uns ſogleich ein zutes Zimmer fu dieſe Nacht,“ ſagte der Herr, indem er ſeiner Be⸗ gleiterin den Arm reichte und ſich anſchickte, in den Gaſthof einzutreten. „Sehr wohl, meine Herrſchaften, Sie ſollen das Beſte haben, was ich aufzuweiſen vermag; es iſt erſt gelüftet worden, indem der Herr Geheimrath von Ochſenbach und der Komerzienrath von Fett⸗ ſtein, nebſt dem Major von Langbein und deſſen Nichte, Fräulein Beate von Hohenrück, erſt geſtern abgereiſt ſind.“ „Hol' der Henker ihre Schwatzhaftigkeit!“ rief der Fremde ungeduldig aus,„was kümmern mich alle die Leute, deren Namen mich gar nicht intereſſi⸗ ren, bringen Sie uns lieber dafür unter Dach und Fach; es iſt kalt, und ich habe nicht Luſt, mich noch länger dieſer verdammten Zugluft auszuſetzen.“ Während das Zimmer in Bereitſchaft geſetzt wurde, ſahen ſich die Reiſenden veranlaßt, auf kurze Zeit in das allgemeine Geſellſchaftslokal zu begeben, wo ſie ſchweigend an einer Tafel Platz nahmen. Der dicke Herr von Rautenſtein konnte es, ver⸗ möge ſeiner natürlichen Leutſeligkeit, nicht lange aus⸗ balten, ohne mit den vornehmen Gäſten eine Unter⸗ baltung anzuknüpfen, in deren Verlaufe eine gegenſeitige Vorſtellung nicht ausbleiben konnte. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen,“ ſagte der Fremde zu dem dicken Freiherrn. „Mein Name iſt, Freiherr von Rautenſtein,“ war die Antwort.„Und Sie, mein Herr?“ „Ich bin der Oberforſtrath von Drachenhauſen auf Lauenfels,“ verſetzte jener. „Ein barbariſcher Titel,“ murmelte der Dicke. „Und dies da iſt meine Gattin, Kamelie von Funkenburg⸗Finſterwald, ein ſehr alter Adel, welcher ſich ſchon zur Zeit der Maccabäer in den Schlachten gegen die Philiſter auszeichnete.“ „Ich glaube, daß ich davon geleſen habe,“ ſagte der Freiherr;„ja, man glaubt es nicht, wie ſich manches Geſchlecht durch ſeine Thaten auszeichnete. Es iſt das jetzt weniger der Fall.“ „Sie haben Recht, mein lieber Freiherr,“ ver⸗ ſetzte der v. Drachenhauſen,„mancher wurde ſuperp ausgezeichnet und gehoben; ſo z. B. habe ich von einem meiner Ahnen geleſen, daß er von den Bür⸗ gern der Stadt Magdeburg an den Galgen gehangen wurde,— weil er ihre Straßen mit ſeinen ritterlichen Operationen gefährdete. Ich habe gegen die Mag⸗ deburger daher ſtets eine entſchiedene Abneigung S 3 und ich tann mich nie dazu erklären, auch nur eine Nacht in den Mauern W Stadt zu verbringen.“ Man ſprach noch Vieles über die Vorzüge des Adels. „Es würde mir zur größten Ehre gereichen, wenn Sie mir auf ihrer Weiterreiſe einen Beſuch in meinem Schloſſe abſtatten wollten,“ ſagte der Freiherr von Rautenſtein.„Sie würden einen höchſi freundlichen Wirth und eine höchſt leutſelige Wirthin daſelbſt finden; meine Gemahlin iſt ſtolz darauf, Perſonen von gutem Stande zu empfangen; ſie iſt, nebenbei bemerkt, eine große Liebhaberin von Pferden und Wettrennen, und reitet alle Morgen einige Stunden ſpazieren, während ich mich beim Frühſtück behaglicher fühle.“ „Ich werde mich beeilen, von Ihrer werthen Einladung Gebrauch zu machen,“ ſagte v. Drachen⸗ hauſen,„und Ihnen morgen meine Aufwartung machen.“ Das Geſpräch der Beiden wurde durch den Hinzutritt des Advokaten v. Finkenkiel unterbro⸗ chen, welcher zugleich der Anwalt des Freiherrn von Rautenſtein in allen ſtreitigen Punkten war. Der war ein langer, ſchmeidiger, dirrer Kerl⸗ 256 mit langem Geſicht und langen Armen; er trug eine gewaltige Perücke, und auf dem Rücken ſeiner gro⸗ hen, ſchiefen Naſe ritt eine ungeheuere, neuſilberne Brille, welche der Beſitzer bei jedem Anlaſſe hoch und niedrig ſtellte. „Ei, da ſind Sie ja auch noch, Herr v. Finken⸗ kiel!“ rief der Freiherr,„wollen ſich wol auch noch eine kurze Erholung gönnen.“ „Ja, ja, mein wertheſter Freiherr,“ verſetzte der Mann des Rechts;„es bleibt Einem oſt nur wenig Zeit zur Erholung übrig. Die Sachen meiner Kli⸗ enten drängen ſich jetzt ungeheuer, kaum daß ich einen derſelben vom Rade losgebracht und ſeine Strafe bis zum Köpfen, durch unerhörte Bemüh⸗ ungen, herabzubringen, ſo glücklich war, hab ich ſchon wieder ein halbes Dutzend Andere zu vertheidigen. Ich ſage Ihnen, das ſind Menſchen mit dem Galgen auf der Stirn, was ſoll man da wol anfangen.“ „Ich an Ihrer Stelle würde ſie alle noch tiefer in die Patſche bringen,“ ſagte der dicke Freiherr. „Ich kann das nicht thun, ohne Nachtheil davon zu haben,“ verſetzte v. Finkenkiel;„ich würde dadurch meine Kundſchaft beeinträchtigen. Ich ſehe das Alles ſehr gut ein,“ fuhr er fort,„mein Klient, der Jean Beg, hätte es verdient, er würde zweimal gerädert; —,——— ————— Finſterwald, indem er ſagte: 257 allein es war meine Pflicht, es zu verhindern, daß es nicht ein Mal geſchah.“ „Wer iſt dieſer Jean Beg?“ frug der Ober⸗ forſtrath von Drachenhauſen. „Mit Entſchuldigung, mein Herr,“ ſagte Finken⸗ kiel, indem er ſich tief verbeugte;„es iſt dies einer der verwegenſten Spitzbuben, die es jemals auf Got⸗ tes Welt gegeben hat. Er nannte ſich gewöhnlich den„ſchwarzen Jäger“ und trieb lange Zeit ſein Weſen hier herum, bis er endlich in dem Orte Freu⸗ denthal gefangen genommen wurde. Er iſt vor Kurzem zum Tode verurtheilt worden, und ſeine Hinrichtung ſoll in zwei Tagen ſtattfinden.“ „Mir deucht, als hätte ich von dem„ſchwarzen Jäger“, wie Sie ihn zu nennen belieben, ſprechen hören. Es muß ein abſcheulicher Burſche ſein.“ „Ei freilich, das iſt er!“ rief Finkenkiel;„ich wünſche nur, Sie nehmen ihn in Augenſch in. Es iſt der Beſuch an dem Gitter ſeines Gefängniſſes erlaubt, und es defiliren den Tag über viel hundert Menſchen an der Zelle vorüber, um ſich an dem Anblick dieſes Ungeheuers zu ergötzen.“ Der Oberforſtrath von Drachenhauſen wandte ſich jetzt zu ſeiner Gemahlin, Kamelie v. Der ſchwarze Jäger. Lieferung 9. 258 „Mein liebes Kind, würdeſt du Muth genug be⸗ ſitzen, den Anblick eines ſolchen Menſchen, eines Mörders zu ertragen? Wollen wir uns morgen dem Zuge der Neugierigen anſchließen und den Ver⸗ brecher in Augenſchein nehmen?“ „Wie du willſt, mein Theuerſter,“ verſetzte die Dame von der Funkenburg.„Ich weiß noch nicht, wie ein Mörder ausſieht, und wenn es unſerm Stande nicht nachtheilig iſt, ſo wollen wir hingehen.“ „Ich würde es mir zum Vergnügen machen, Ihnen meine Begleitung anzubieten, mein Herr,“ ſagte Finkenkiel in verbindlichem Tone. „O, warum das nicht, mein Herr,“ verſetzte der Oberforſtrath;„wir machen ſehr gern Gebrauch von Ihrem Anerbieten. Sie kommen morgen gegen zehn uhr hierher, frühſtücken mit uns, dann gehen wir mit einander nach dem Kriminalgefängniß, um den ſchwarzen Jäger zu ſehen.“ Die Sache war abgemacht, und nach einiger Zeit begab ſich der Oberforſtrath, nebſt ſeiner Ge⸗ mählin, nach dem beſtellten Zimmer, nachdem er ſich zuvor von Finkenkiel und dem Freiherrn von Rauten⸗ ſtein beſtens eupfohlen hatte, welchen letzteren er zum künftigg; Tage auf ſeinem Gute beſuchen wollte. — ————— S— ————— ſagte er;„ſehen ſie dort jenen Es iſt Punkt zehn Uhr des andern Morgens trat der Rechtsanwalt in das Zimmer des Herrn von Dra⸗ chenhauſen. Es wurde ein gutes Frühſtück aufgetragen, und nach Aufhebung deſſelben, begaben ſich die drei per⸗ ſonen nach dem Kriminalgefängui⸗ Die Frau Oberforſträthin hatte eine glänzende Toilette gemacht und hing mit gratiöſer Liebens⸗ würdigkeit an dem Arm ihres Gatten. Der Letztere unterhielt ſich fortwährend mit Finkenkiel und war mit demſelben, wie es ſchien, in einem wichtigen Geſpräch begriffen. In der Halle, welche an die Zelle des Gefang⸗ enen ſtieß, ſah man eine große Anzahl Menſchen verſammelt; ſie gehörten größtentheils den niederen Ständen an, und Frau von Drachenhauſen fing an die Naſe zu rümpfen; dann nahm ſie ein zierliches Blumenbouquet vom Buſen und begann an daſſelbe zu riechen. Plötzlich ſtand Finkenkiel ſtill. „Da ſind wir zur Stelle, Herr Oberforſtrath,“ der irze Jäger.“ 3 —— 260 Die Herrſchaſten ſchauten durch das Gitter hin⸗ durch, wo ſie den Gegenſtand ihrer Reugierde deut⸗. lich ſehen konnten. gean Beg war pöchß niedergeſclagen. In ₰ Angeſicht ſeines nahen Todes hatte ihn ſein trotziges Weſen verlaſſen; er ſaß gebückt auf einem Holzblock, woran die Ketten befeſtigt waren, die ſeine Hände feſſelten. Als er den vornehmen Beſuch gewahrte, richtete er ſich emporz ſein Blick blieb auf der ſchöngekleideten Dame haſten, welche erſchrocken einen Schritt zu⸗ rückrat. Der Gefangene ſtreckte ſeine aus und machte eine bittende Miene. „Schöne Frau,“ ſagte er dabei,„haben Sie die Gnade, machen Sie einem armen Menſchen, der keine Freude mehr auf der Welt hat, noch die ein⸗ zige, ſchenken Sie mir dieſes Bouquet. Es würtß mir während der nur noch kurzen Spanne Zeit mei⸗ nes Lebens als eine Erinnerung daran dienen, daß wenigſtens eine Seele Erbarmen gegen mich hegte.“ Die Frau Oberforſträthin war durch dieſes un⸗ erwartete Verlangen in die größte Verlegenheit ver⸗ ſetzt worden; ſie ſtand bewegunglos da, ihren Biic von dem Gefangenen abgewendet haltend. —— —„— » 261 „Gieb es ihm, liebes Kind,“ ſagte der Gemahl „es iſt die Bitte eines Sterbenden, und wir wollen ſie erfüllen, das heißt, wenn es erlaubt iſt, nach unſeren Gefühlen zu handeln.“ „In meinem Beiſein wird Ihnen hierin Nie⸗ mand hinderlich ſein,“ bemerkte Finkenkiel;„ich habe pier auch einigen Einfluß, und wer ſollte gegen dieſes zarte Benehmen etwas einwenden wollen.“ Die Dame trat hierauf einen Schritt näher an die Zelle heran und überreichte dem Gefangenen das Bouquet, und während er danach langte, fingen die ſtarken Ketten an zu raſſeln, daß es ſchauerlich in dem öden Raume wiederhallte. „Komm, komm hinweg,“ bat die Dame ihren Begleiter, indem ſie ſich ängſtlich an ſeinen Arm ſchmiegte; mir iſt ſo bang in dieſer ſchrecklichen Umgebung.“ Die Beſucher zözerten hierauf nicht länger und verließen mit ſchnellen Schritten dieſen hoffnungs⸗ loſen Ort, wo kein Troſt dem Unglücklichen lächelt und der Baum ſeines Lebens blüthenlos — verkümmert. Nachdem der Oberforſtrath in der golbn Gans 8 angelangt war(auf dem Wege dahin hatte ſich Herr Finkenkiel bereits empfohlen), wurde ihm durch ſeinen Diener John gemeldet, daß zwei Herren angekommen ſeien, welche Sr. Gnaden zu ſprechen wünſchten. Herr von Drachenhauſen befahl, die Angekom⸗ menen nach ſeinem Zimmer hinauf zu führen, wo er ſie ſogleich ſprechen wolle. John führte die Fremden, welche zu Pferde an⸗ gekommen und zwei gar ſtattliche Cavaliere waren, nach dem Gemache ſeines Herrn, und hier hatten ſie eine lange Unterredung mit einander, welche erſt gegen Mittag zu Ende ging. Man ſpeiſte in Geſellſchaft, dann verabſchiedeten ſich die beiden Herrn. Eine Stunde nach Tiſche traf auch der Ober⸗ forſtrath ſeine Anſtalten zur Abreiſe. Die vier Braunen wurden vorgeſpannt, und nach kurzem Verweilen fuhr die Equipage aus der goldnen Gans hinweg und zum Thore von Erfurt hinaus. „Schade, o wie ſchade, daß Sr. Gnaden nicht wenigſtens vierzehn Tage hier zu verweilen beliebten,“ ſagte Fabian.„Es war ein ganz charmanter Herr, dieſer Oberforſtrath von Drachenhauſen, und Geld hatte er und bezahlen that er wie ein Fürſt. Es iſt doch fatal, daß große Herren es nicht lieben lange ſtill zu liegen, während man von gemeinen Strolchen 6 3 263 tage⸗ ja wochenlang beläſtigt wird, ohne für ſeine Mühe etwas zu haben.“ XXVII. Ein Peſuch im Schloſſe des Freiherrn von Rautenſtein. Nachdem der dicke Freiherr in ſeinem Schloſſe angelangt war, hielt er es für die größte Nothwen⸗ digkeit, ſeine Gemahlin von dem nahe bevorſtehenden 2 Beſuche in Kenntniß zu ſetzen. Die Freifrau war entzückt über die Ausſicht, Gäſte von ſo hohem Anſehen bewirthen zu können; ſie gab mit dem anbrechenden Morgen Befehle, Alles zu ihrem Empfange vorzubereiten. 1 Die beiden jungen Herrn, von zehn und elf Jahren, tummelten ſich vergnügt im Zimmer herum. „Da bekommen wir doch einmal etwas Vernünf⸗ tiges zu ſehen,“ ſagte Mar zu ſeinem Bruder Franz. „Ich freue mich wie ein König auf die Ankunft des „ Herrn Oberforſtrath von Drachenhauſen, übrigens ein recht hübſcher Name; er klingt ſo recht forſch“ „Mir gefällt er nicht,“ ſagte Franz;„er erin⸗ nert mich jedes Mal an den Teufel; ich weiß nich wie das eigentlich kommt, und ich fürchte mich che 261 vor dieſem Drachenhauſen, als daß ich mich auf ſein Erſcheinen freuen könnte.“ Der Eintritt der Freifrau unterbrach das Ge⸗ ſpräch der beiden Brüder. „Meine Kinder,“ ſagte ſie,„wir erwarten heute ſehr vornehmen Beſuch, und ich hoffe, Ihr werdet bei Gelegenheit hübſch artig ſein.“ „Ganz gewiß, theuerſte Mama,“ ſagte der zehnjährige Mar;„wir wollen ſehr artig ſein, und dem Herrn und Frau von Drachenhauſen Kußbänd⸗ chen geben, und ihnen dann ſpäter unſere kleinen Pferdchen zeigen, woruͤber ſie ſich gewiß freuen werden.“ Zwei Stunden ſpäter rollte der vierſpännige Reiſewagen des Oberforſtraths von Drachenhauſen in den Schloßhof herein und hielt vor dem Hauptein⸗ gange des großen Gebaudes ſtill, neben welchem die ſämmtliche Dienerſchaft in Gallauniform aufgeſtellt war. Der Freiherr nebſt ſeiner Gemahlin empfing die Angekommenen auf der großen Treppe und führte ſie nach einem Salon, welcher auf das Prächtigſte eingerichtet worden war. Hier befanden ſich noch mehrere Gäſte, die der Freiherr hatte einladen laſſen. DDer Letztere ſtellte die Perſonen einander vor, und nach einiger Zeit begann die Unlerhaltung mehr ₰ —,. mindeſten befangen, obwohl er mit innerm Bedauern die 265 und mehr zwangloſer zu werden. Man ſprach von den Zuſtänden des Landes, von Bällen, Pferden, Hunden und Wettrennen, in welchem Artikel die Dame des Hauſes beſonders eingeweiht war, ſodaß ſie es mit den Männern ſo ziemlich aufnehmen konnte. — Später ging man zur Tafel. Das Diner war ausgezeichnet, und der Herr Oberforſtrath von Dra⸗ chenhauſen bewies dabei einen ausgezeichneten Appetit. Der Herr Forſtrath fand ſich ſpäter auf die Vorſtellungen des Frecherrn von Rautenſtein veran⸗ laßt, für die künftige Nacht im Schloſſe zu verblei⸗ ben und der Beſitzer nebſt ſeiner Gattin fühlten ſich durch dieſe Erklärung nicht wenig geſchmeichelt, die beſten Zimuer wurden für ſie in Bereitſchaft geſetzt und nichts unterlaſſen, um dem Herrn Forſtrath nebſt 1 deſſen Frau Gemahlin den Aufenthalt ſo angenehm 1 als möglich zu machen. Unter vielfachen Zerſtreuungen und den Freu⸗ den der Tafel, kam der Abend heran. Die Herren und Damen begannen Karte zu ſpielen und der Forſt⸗ rath bewies ſich als ein gewandter Liebhaber dieſer Unterhaltung, er gewann ſeinem Wirthe ein hübſche Sümmchen ab und der Letztere zeigte ſich darüber nichtim — 8 266 Wanderung ſeiner Goldfüchſe in die Taſchen ſeines glücklichen Gegners beobachtete. Gegen 11 Uhr erhob man ſich endlich und der Herr Forſtrath begab ſich nebſt ſeiner Gemahlin auf ſein Zimmer, nachdem er noch zuvor befohlen hatte, daß ſein Reiſewagen Punkt 4 Uhr bereit ſtehen ſollte. Es war eine finſtere unfrenndliche Nacht, und der Wind ſpielte unheimlich mit den alten roſtigen Wetterfahnen, welche ſich knarrend auf dem Dache des Schloſſes bewegten. Es erloſch ein Licht nach dem andern und nur in dem Zimmer des Forſtraths on Drachenhauſen bemerkte man einen gedämpften Lampenſchimmer. Es öffnete ſich leiſe ein Fenſter des Gemachs, worauf der Genannte vorſichtig ſei⸗ nen Kopf hinausſteckte und mit forſchenden Augen in die Finſterniß hinausſah. In dieſem Moment tauchte in einiger Entfer⸗ nung vom Schloſſe, ein Lichtſchein von bleicher Farbe auf, welches ein Signal zu ſein ſchien.. „Sie ſind in der Nähe,“ flüſterte der Lauſcher, † „es geht alles nach Wunſch.“ ein Geräuſch unter dem Fenſter unterbrach ſein Selbſigeſpräch, er vernahm ein leiſes„Bſt“, worauf er auf gleiche Weiſe antwortete. Es war der Diener — los, wie er gekommen war. von Pföffchen empfangen, welcher ſofort e John, deſſen Geſtalt ſich dicht an die Mauer drückte. „Iſt Alles in Ordnung?“ flüſterte ſein Herr. „Alles,“ verſetzte jener. Das Schloßgefinde iſt theils trunken und liegt in tiefem Schlafe, der Wäch⸗ ter ſchlummert ebenfalls ganz ſanft, ich habe ihm die Schlüſſel zum Thore abgenommen, welches bereits von mir geöffnet worden iſt, um unſere Leute ohne Rumor einzulaſſen.“ Der angebliche Forſtrath von Se welcher Niemand anders war als Graf Pföffchen, der Anführer der Heſſenbande, war mit den Anord⸗ nungen ſeines verkappten Genoſſen vollkommen zu⸗ frieden. „Unſere Leute befinden ſh in der Nähe des Schloſſes,“ flüſterte er.„Begieb dich ans Thor und laß ſie ohne Geräuſch herein, ich werde ſogleich yerabkommen und dann meine Befehle ertheilen.“ Der Spion entfernte ſich ſchnell und geräuſch⸗ Etwa eine Viertelſtunde ſpäter, langte eine Rotte düſterer Geſtalten vor dem Schloßthore an, welches blos angelehnt war und ſich ihnen ohne Ge⸗ räuſch öffnete, dann begaben ſie ſich in aller Sti nach dem Eingange des Schloſſes, hier wur ſi 268 licht anſteckte, wodurch der Vorplatz hell erleuchtet wurde, von da gings die Treppen hinauf und nach dem Eingange des freiherrlichen Schlafzimmers. Die Thür war verſchloſſen, allein ſie widerſtand nicht lange den Dittrichen der eingedrungenen Räuber. Der Freiherr von Rautenſtein erwachte zuerſt und erſchrack bei dem Anblick der fremden Männer, welche ſämmtlich mit ſchwarzen Masken bekleidet waren, er ſtieß einen ängſtlichen Schrei aus und wollte raſch das Bett verlaſſen, allein, ehe er dies thun konnte, hatten ihn bereits mehrere von den Räubern erfaßt und hielten ihn nieder. yföſſchen, der ſich ihm näherte, befahl ihm im drohenden Tone ſtill zu ſchweigen. 5 Hö Got,“ ſöhnle der Freiherr, der dem Sprechenden an der Stimme erkannt hatte,„wäre es möglich, es iſt ein Blendwerk der Hölle.“ „O nein, mein lieber Freiherr,“ verſetzte der Räuber hohnlachend,„es geht alles mit richtigen Dingen zu. Ich habe im Laufe der Nacht meine Rolle umgetauſcht und aus dem Forſtrath von Dra⸗ henhauſen iſt der Räuberhauptmann Pföffchen ge⸗ orden. Und ich kann mir unmöglich das Vergnü⸗ gen verſagen, Ihren vollen Geldkaſten ein wenig zu —— e An teeren. Geben Sir uns gefälligſt die Schlüſſel da⸗ zu, mein beſter Freiherr und zoͤgern Sie nicht, mei⸗ nem Verlangen zu willfahren, ich möchte ſonſt un⸗ geduldig werden und Sie mit Gewalt zur Erfüllung meiner Wünſche zwingen.“ Der Freiherr zitterte am ganzen Körper und fing an zu bitten, man möge ihn nebſt ſeiner Fa⸗ milie ſchonen, er wolle gern ſein Geld hergeben. „Es ſoll Ihnen nichts widerfahren,“ verſetzte Pfofſchen,„darauf können Sie ſich feſt verlaſſen, aber in Bezug auf Ihre Kaſſen werden wir durch⸗ aus keine Ausflüchte gelten laſſen.“ „Der geprellte Freiherr ſah wohl ein, daß hier nicht zu ſpaßen ſei. Er wagte dem Räuber keinen Widerſtand entgegen zu ſetzen und gab die Schlüſſrl zu ſeinen Secretären, welche ſämmtlich geöffnet wurden. Die Gemahlin des Freiherrn, welche in einem Nebenzimmer ſchlief, war durch das entſtandene Ge⸗ räuſch erwacht, ſie ſprang aus dem Bette und wollte nach dem Schlafgemach ihres Gatten eilen, allein ſie vermochte es nicht, die Thür zu öffnen, indem dieſelbe von den Plündernden verſchloſſen worden war, ſie lauſchte von Befürchtungen ergriffen, konnte aber, außer einem unterdrückten Gemurmel nichts verne 270 men, wie ſie nichts zu verſtehen im Stande war. Eine Stunde konnte vergangen ſein, als ſe end⸗ lich das Raſſeln eines davon fahrenden Wagens ver⸗ nahm und bald darauf hörte ſie Fnßtritte ſich der Thür nähern, dieſelbe wurde aufgeſchloſſen und mit leichenblaſſem Geſicht, ein Licht in der Hand alte trat der beraubte Freiherr herein. „Um Gotteswillen, was iſt dir, mein Kind,“ rief die Freifrau.„Was iſt geſchehen, Dein An⸗ blick erſchreckt mich unbeſchreiblich.“ Der Gefragte ſeufzte tief auf. „O mein Gott,“ ſtöhnte er,„das war eine ſchreckliche Nacht, eine Nacht des Unheils und des Entſetzens. Denke,“ fuhr er fort,„jener angeb⸗ liche Forſtrath von Drachenhauſen war Niemaud anders als— „Nun wer denn, ich bitte dich, ſprich.“ „War Niemand anders, als ein Genoſſe des gefangenen Jean Beg, welcher ſich zu Erfurt im Kerker befindet und in den nächſten Tagen hingerich⸗ tet werden ſoll. Wir ſind von jenem Schurken in dieſer Nacht beraubt worden, er hat ſeiner Bande das Schloß im Geheimen öffnen laſſen, und meine Kaſſen geplündert. Ach mein Geld, mein ganzes ½ wendet hatte, war fuͤr die Räuber von dem 274 Geld iſt fort, und in den Schuppſack jener nichts⸗ würdigen Spitzbuben gewandert, die ſich vor wenig Minuten mit ihrem Anführer aus dem Staube ge⸗ macht haben.“ Die Freiherrin von Rautenſtein wollte vor Schrecken in Ohnmacht fallen. Das Alles, was ſie aus dem Munde ihres Gatten vernahm, ſchien ihr ein Mährchen, eine Unmöglichkeit zu ſein. Allein es war nicht ſchwer für ſie, ſich von der Wahrheit des Ereigniſſes zu überzeugen, und die offenſtehenden, ausgeleerten Geldſchränke und Behälter gaben den beſten Beweis von der ſtattgefundenen Plünderung. Der Freiherr hatte ſich nach und nach von ſei⸗ nem gewaltigen Schrecken erholt und beeilte ſich, jetzt ſeine Dienſtleute im Schloſſe zuſammenzurufen, allein eine Bemühung, welche ihm nur ſchwer gelang. Die Meiſten von ihnen lagen in einem todesähnlichen Schlummer und es war unmöglich, ſie durch das heftigſte Schütteln und Rütteln aufzuwecken, ſie ſchie⸗ nen den ewigen Schlaf zu ſchlafen und der betäu⸗ bende Trank, welchen John der Diener des angebli⸗ chen Edelmann von Drachenhauſen bei ihnen ange⸗ Erfolg geweſen. —₰ — 272 Noch ehe der Morgen graute, war die Bewoh⸗ nerſchaft, des zum Schloſſe Rautenſtein gehörenden Dorfes in Bewegung, bewaffnet mit Knitteln, Stan⸗ gen und Dreſchflegeln, um dem ſchmucken Forſtrath von Drachenhauſen und deſſen liebenswürdige Gattin nachzuſetzen. Allein dieſe Bemühungen zeigten ſich in ihrem Erfolge fruchtlos. Graf Pföſſchen war nebſt ſeiner Bande ſammt ſeiner glänzenden Equi⸗ page verſchwunden und die Bauern kehrten heim, ohne eine Maus geſehen zu haben. Der Freiherr von Rautenſtein, welcher die guten Leute angeführt hatte, wobei ihn ſeine Gattin zu Pferde begleitete, fluchte und war höchſt aufgebracht über den ihm geſpielten, empfindlichen Streich, und ärgerte ſich mehr noch darüber, als über den dabei erlittenen Verluſt; er ſchwur, daß jene Schurken einſt gewiß alle hängen müßten, und nicht eher zu ruhn, bevor ſie nicht ſämmtlich gehangen ſein würden. Zu dieſem Zwecke ſandte er einen Bericht an das Kri⸗ minalamt von Erfurt und berichtete, was ſich in der letztvergangenen Nacht zugetragen hatte. 273 XXVII. Eine Zuſammenkunſt in den Ruinen der Hleichenhurg. Als am folgenden Morgen der Gefängnißwärter den Kerker Jean Begs öffnete, um dem Gefangenen, der nur noch einen Tag zu leben hatte, das Früh⸗ ſtück zu bringen, fand er zu ſeiner unbeſchreiblichen Ueberraſchung das Gemach leer. Die Eiſenſtangen an dem Fenſter waren durchſägt und zerbrochen, und durch die entſtandene Oeffnung hatte ſich der Delin⸗ quent einen Weg zur Flucht gebahnt, die ihm glück⸗ lich gelungen war. Man wollte die Nachricht von ſeiner Entfernnug nicht glauben und hielt ein ſolches Unternehmen rein für unmöglich und erſchöpte ſich ſpäter in Muth⸗ maßungen, auf welche Weiſe der Entflohene ſich die bei der Flucht bedienten Werkzeuge habe verſchaffen können. Das Letztere war jedoch in folgender Weiſe ge⸗ ſchehen: Jean Beg hatte in ſeinem Beſuche, unter dem Namen, der Oberforſtrath von Drachen⸗ hauſen und deſſen Gemahlin, ſogleich den ſche erwähnten Anſührer der Heſſenbande erkan Der ſchwarze Jäger. Lieferung 9. 18 274 * war durch geheime Zeichen aufmerkſam gemacht wor⸗ den, daß es ſich um ſeine Befreiung, um die Ret⸗— tung vom Tode handle. In dem Blumenſtrauße, welchen ihm die Gefährlin Pföffchens üͤberreichte, be⸗ fand ſich eine kleine ſcharfe, ſtählerne Säge ſo wie etwas Talg und vermöge dieſes Werkzeugs war es ihm gelungen, das Gitter ſeines Kerkers zu durch⸗ brechen. Jean Beg hatte tüchtig an ſeiner Befreiung ge⸗ arbeitet und die Hoffnung auf ein glückliches Gelin⸗ gen, ſo wie die Furcht vor dem nahen Tode durch 1 den Henker, verdoppelte ſeine Kraft. In dem erhaltenen Blumenbouquet hatte ſich zugleich ein zufammengerolltes Billet befunden, wel⸗ ches die Weiſung für Beg enthielt, ſich nach ſeiner Befreiung auf den Weg nach den Ruinen der Gleichenburg zu machen, wo er r einige ſeiner Leute finden werde. Der Befreite ſchlug demnach dieſe Richung ein und langte in der ſechſten Morgenſtunde bei den Trümmern der alten Burg an, in deren unterirdi⸗ ſchen Räumen er ſchon öfters mit ſeinen Genoſſen ne hatte. alte Schloßruine lag noch im düſtern eingehüllt, als Jean Beg ſich ihr näherte, werden würde. Hab ich meine Sache 275 er war durch die Anſtrengungen, welche ſeine Be⸗ freiung erfordert hatte, ſo wie durch den zwei Mei⸗ len langen Weg bis hierher ziemlich ermuͤdet wor⸗ den und hatte noch keinen Biſſen gegeſſen, weshalb er auch nur langſam die Anhöhe hinaufſtieg. Während dies geſchah, bemerkte Beg eine Ge⸗ ſtalt auf dem Berge, die ſich ihm vorſichtig näherte. Sie kam vollends herab und der Flüchtling erkannte jetzt ſeinen Genoſſen Reuter in derſelben, eine Ent⸗ deckung die ihm ſehr angenehm war. „Beg Du biſt es wirklich,“ rief der Genannte. 1 „Bei allen Teufeln, ich hätte es nimmer geglaubt, daß wir uns noch einmal die Hand reichen würden. 1 Sei willkommen,“ fuhr er fort und folge mir nach den Ruinen, dort ſind noch mehrere verſammelt.“ Beide machten ſich auf dem Weg dahin und in den düſtern Gewölben angekommen, bemerkte Jean Beg eine ganze Schaar ſeiner ruchloſen Gefährten. Unter denſelben befand ſich auch der Schneider Wolf aus Freudenthal, ſowie der Bibreſche Schreiber, Ge⸗ org Sturm, Hans Nußbaum und der lange Lips.. „Ha, ha, da iſt er ja,“ rief der Schneider Wolf im wichtigen Tone.„Hab ichs Euch denn nicht geſagt, daß aus dem Hängen oder Räd 5 276 macht. Oho, macht es mir einmal nach, wenn Ihr könnt. Hi, hi, mein lieber Beg,“ fuhr er grinſend fort, dem Genannten die Hand reichend.„Faſt hät⸗ ten ſie dir den Strick um den Hals, oder das Rad auf die geſunden Knochen gelegt, aber deine Freunde, unter welchen ich nicht der unthätigſte geweſen bin, haben nichts unangewendet gelaſſen, um dich zu befreien.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Jean Beg,„und faſt hätte ich alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben, da erſchien zu meiner Ueberraſchung Graf Pföfſchen und brachte mir die Freiheit. Ich muß geſtehen, er hat mir dadurch einen unzweifelhaften Beweis ſei⸗ ner Aufrichtigkeit gegeben und ich ſtaune faſt, wie es gelang, den Plan meiner Befreiung ins Werk zu ſetzen.“ „Ich werde im Stande ſein, dir hierüber den beſten Aufſchluß geben zu können,“ verſetzte der Schneider Wolf nicht ohne Pathos,„vernimm 6 wie die Sache zuſammenhing.“ „Als ich nach deiner Gefangennahme in Freu⸗ denthal nach dem Forſthauſe lief, um deine Freunde von deinem Unglücke zu unterrichten, da geriethen ſie alle in große Aufregung, ſie ſchwuren dich zu be⸗ ſteien und wollten ſogleich aufbrechen, um ihren Vor⸗ ſatz aus zuführen. Allein es wird nicht ſo heiß ge⸗ geſſen, wie man es ausſchüttet. Das Unterneh⸗ men, welches ohne Zweifel mißglückt ſein würde, unterblieb und die Anweſenden beſchloſſen, ſich an den Freudenthalern zu rächen, ſie wollten das ganze Reſt in Brand ſtecken und in Aſche legen, was mir nicht lieb ſein konnte, da ich doch ſelbſt in Freuden⸗ thal angeſeſſen bin und ein Häuschen daſelbſt be⸗ ſize. Ich bat die Erzürnten um eine kurze Friſt, während welcher ich einen Verſuch zu deiner Befrei⸗ ung unternehmen wollte, dieſelbe wurde mir auch endlich zugeſtanden und ich beeilte mich, von derſel⸗ ben Gebrauch zu machen. Noch an demſelben Tage traf ich meine Vorbe⸗ reitungen und machte mich auf dem Weg, nm den ſogenannten Räubergraf, Pfoffchen genannt, aufzuſu⸗ chen und begab mich nach Heſſen hinüber. Ich durfte nicht lange ſuchen und gerieth bald unter Einige ſei⸗ nes Gelichters, von welchen ich verlangte, ſoſort zu ihrem Anführer gebracht zu werden. Die wilden Burſchen erfüllten ohne Widerſtreben meinem Wunſch, und geleiteten mich nach einer abgelegenen Haidege⸗ gend, wo ſich ein Wirthshaus befand, deſſen Be⸗ 5 ſizer, Namens Salomo, mit Pföffchen gemeinſchaft⸗ liche Sache machte. Ich trat mit meinen Begleitern * hinein und fand den Geſuchten auch glucklicherweiſe anweſend. Nachdem er eihige Zeit mit mir geſprochen und mir derb auf den Zahn gefühlt hatte, theilte ich ihm den Zweck meiner Reiſe und deine gefährliche Lage mit, er hörte mir mit Spannung zu und als ich ihm geſagt hatte, was ich ſagen wollte und ſtill⸗ ſchwieg, da ſchlug er heftig auf dem Tiſch, das die nächſte Umgebung erzitterte, indem er ausrief: Alle Wetter, daß iſt eine verteufelt ſchlimme Lage, in welcher ſich unſer Jean Beg beſindet, und es wäre ſchade, wenn er dies Mal daran glauben ſollte. Nein, nein, es darf nicht geſchehen und wir alle wären keinen Schuß Pulver werth, wenn wir ſtill zuſehen wollten, wie ſie ihm bas Fell über die DOhren ziehen. Dieſe Worte berechtigten mich zu der Hoffnung, daß etwas gethan werden würde und ich ließ es auch nicht daran fehlen, den Entſchluß Pföffchens zur Ausführung zu bringen.. Du ſollſt ſehen, daß ich es ehrlich mit dem Ge⸗ fangenen meine, fuhr er fort, und daß mir etwas an ſeinem Schickſale gelegen iſt. Ich will meine Vorkehrungen jreffen und meinen Plan geſchickt an⸗ 279 ————— legen, gieb Acht, es wird uns ſchon gelingen, den armen Schlucker frei zu machen. Hierauf ſprach er ins Geheim mit dem Gaſt⸗ wirth Salomo, welcher zu mehreren Malen beifällig nickte und wie es ſchien, mit allem einverſtanden war, was Pföffchen mit ihm ſprach. Nach einiger Zeit wandte ſich der Letztere wie⸗ der zu mir. Kehre jetzt heim und ſage deinen Freunden, daß etwas geſchehen werden wird, und daß ſie ſich vie letzten drei Nächte, vor dem zu Jean Begs be⸗ ſtimmten Tage ſeiner Hinrichtung in den Ruinen der Gleichenburg einſinden möchten, dort würden ſie das Weitere hören. Ich begab mich hierauf ſchnell nach Hauſe zurück und beeilte mich, unſre Freunde von dem Bevorſteh⸗ enden zu benachrichten; wir thaten, was uns befohlen worden war, und ſind heute die zweite Nacht hier geweſen, und dein Erſcheinen hat uns in der That ganz in Verwirrung gebracht.— Dieſer Pföffchen iſt ein Teufelskerl, und wir müſſen ihn als deinen Befreier ehren.“ „Ja, ja, das müſſen, das wollen wir!“ riefen die Uebrigen aus.„Pfoffchen ſoll von nun an mit dem größten Reſpeckt behandelt werden“ 280 „Ich möchte nur wiſſen, wer ſeine ſchöne Be⸗ gleiterin geweſen ſein mag,“ ſagte Jean Beg nach einem längeren Geſpräch;„ich verſichere Euch, es war ein junges Weib von großer Schönheit, und ſchien mit Pföffchen in ſehr vertraulichen Verhältniſſen zu leben.“ „Ich will es dir ſagen,“ verſetzte der Schneider Wolf,„wer jene Amazone geweſen iſt. Der alte Salomo in der Haideſchenke, wo ich Pföffchen auf⸗ ſuchte, hat eine hübſche Tochter, und dieſe hält's mit dem netten Räubergrafen, der ihr, was ſich von ſelbſt verſteht, ſeine Beute ſammt ſeinem Herzen zu Füßen legt. Meiſter Salomo iſt ein alter, geiziger Schelm, und um des Vortheils Willen überläßt er das Mä⸗ del demjenigen, welcher ihm am Meiſten einbringt; und da Pföffchen ein hübſches Kerlchen iſt, ſo braucht man ſich nicht zu wundern, wenn die ſchöne Georgine „Ja“ dazu ſagt. Sie iſt dabei ein muthiges Kind, und hilft Pföffchen oftmals ſeine Pläne ausführen; kein Wunder, wenn es ihr eingefallen iſt, den ver⸗ kappten Oberforſtrath von Drachenhauſen, als Frau Kamelie von Funkenburg⸗Finſterwald, zu begleiten.“ „Nun, ich will ihr nächſtens meinen Dank dar⸗ bringen,“ ſagte Jean Beg.„Wahrhaftig, dieſes Unternehmen giebt den deutlichſten Beweis von ihrem ——— — — 281 Muthe, derſelbe verdient eine gute Belohnung, und die will ich Georginen gewiß nicht ſchuldig bleiben.“ Jean Beg beſchloß hierauf die Haideſchenke des alten Salomo in kurzer Friſt zu beſuchen, um wo⸗ möglich mit Pföffchen daſelbſt zuſammen zu treffen. Der Schneider Wolf ſollte ihn dahin begleiten. Man berathſchlagte hirauf, was man thun wollte. Der Bibreſche Schreiber ſchlug vor, den Waldhüter Thom aufzuſuchen, wohin Jean Beg jedoch keine Luſt hatte.. „Ich habe mich mit dem tückiſchen Schurken aufgeſetzt,“ ſagte er,„und will ihn nicht wieder be⸗ ſuchen; wir möchten ſehr übel mit einander ſtimmen, darum iſt es beſſer, wir meiden einander.“ „Aber hier können wir unmöglich bleiben,“ ent⸗ gegnete Räuter,„und deine kaum gewonnene Freiheit könnte von Neuem in Gefahr gerathen.“ „Du haſt recht,“ verſetzte Georg Sturm,„wir müſſen auf eine ſchleunige Entfernung denken und mein Vorſchlag wäre, wir gingen zu den Heſſen hin⸗ über. Die Geſellſchaft iſt ſtark und gefürchtet, wir dagegen ſind, wie in der letzten Zeit, ziemlich ſchwach geworden; wir würden gewiß eine gute Aufnahme finden, und wären ſicherer als in dieſer S man uns immer mehr zuſetzt.“ Jean Beg ſchwieg ein Weilchen ſtill. Der ge⸗ machte Vorſchlag ſchien nicht ganz nach ſeinem Sinne zu ſein. „Ich will es mir überlegen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und morgen ſollt Ihr meinen Entſchluß hören. Ich will zuvor noch ein Mal nach Freuden⸗ thal hinunter gehen, um Leonoren von meiner Frei⸗ heit Nachricht zu geben und zugleich nach Lorenz zu forſchen.“ „Der Höllenjunge iſt über alle Berge auf und vavon gelaufen,“ ſagte der Schneider Wolf aus Freudenthal.„Kein Menſch weiß, was aus ihm ge⸗ worden iſt, und ich wundere mich nur, daß es ihm gelingt, ſich ſo durchzuſchlagen, ohne der Polizei in die Hände zu fallen.“ „Das will ich dir erklären, wie das zugeht,“ ſe der Bibreſche Schreiber.„Der Bube hat bei ſeiner Flucht aus dem Keller des Forſthauſes mein nachgemachtes herzogliches Siegel mit genommen, das vem Wirklichen ſo ähnlich ſah, wie ein Ei dem an⸗ dern, und wenn vas einem Paſſe untergeſetzt iſt, vann hats mit dem Fortkommen keine Noth.“ Nach einer langen Berathung wurde deſchloſſen, ven Fleiſcher Lewin in D.„8 aufzuſuchen; war, wie wir wiſſen, ein Haupthehler der Thom dabei nicht zu nahe; der ſcheint ſchlimme Ab⸗ Spitzbuben, und bei ihm hatte die Bande e zu fürchten. Es war noch völlig finſter, als die unheimlichen Geſellen aufbrachen; ſie wählten die abgelegenſten Wege zu ihrer Wanderung und langten, ohne ange⸗ fochten worden zu ſein, in des Fleiſchers Wohnung an, der ſie mit freundlichem Grinſen empfing. „Es iſt nicht ſicher,“ ſagte er in geheimnißvollem Tone.„Die Dragoner ſind aufgeſeſſen und durch⸗ ſreifen alle Feld⸗ und Waldwege, um Jean Begs wieder habhaft zu werden.“ „Es ſoll ihnen nicht gelingen,“ verſetzte jener, „und ich will mich ſchleunigſt aus dem Lande hinaus begeben; doch zuvor will ich Leonoren noch ein⸗ mal ſehen.“ Der Fleiſcher Lewin nickte bejahend, dann er.„Ich rathe dir, lieber Beg, geh dem Waldhüter ——————— ſichten gegen dich oder auch gegen uns Alle zu haben. Er zieht ſich immer mehr zurück, und ein Bekannter von mir will geſehen haben, wie zwei Gensd'armes in Thoms Waldhauſe verkehrten. Ich glaube, dem Thom iß nicht mehr ſo recht in trauen.“ „Du kannſt recht haben,“ verſetztr Jean ve 284 „und ich habe den Schuft ſchon längſt mit Argwohn beobachtet, er iſt im Stande uns alle zu verrathen.“ „Das ſollte ihm ſchlecht bekommen!“ rief Georg Sturm,„und wenn ich den geringſten Beweis von ſeiner Falſchheit erhalten könnte, dann wäre es um ihn geſchehen.— Wir wollen ihn ein wenig beobach⸗ ten,“ fügte er hinzu,„und wenn Meiſter Lewin recht hat, ſo ſoll ihm nächſtens mein Meſſer zwiſchen den Rippen ſitzen.“ Die Gäſte Lewins hten hierauf noch länger, endlich machte ſich Jean Beg, begleitet von dem Schneider Wolf, auf den Weg nach Freudenthal. XXIX. Eine neue Keſahr. Bei ſeiner Ankunft daſelbſt erfuhr Jean Veg, daß Leonore im Gefängniß ſitze; eine Nachricht, die ihn nicht wenig in Verwunderung verſetzte. Seine Lage wurde jetzt eine bedenklichere, und er beſchloß nun ernſtlich, ſich der Heſſenbande anzu⸗ ſchließen; ein Vorſatz, welchen er bisher nicht zur Ausführung bringen wollte, weil es ihm nicht anſtand, ſich unter die Befehle eines Andern zu ſtellen. 6 285 Er begab ſich mit Wolf nach deſſen Wohnung, wo ſich die Frau des letzteren allein befand; ſie war ein langes, finſterblickendes Weib, und wie es ſich vald zeigte, führte Barbara das Regiment im Hauſe und Meiſter Wolf nahm eine gar demüthige Miene an. „Nun, du fauler Tagedieb, wo treibſt du dich wieder herun!“ rief Barbara;„das iſt faſt nicht mehr länger zum Aushalten. Es vergeht ein Tag nach dem andern, und du läßt die Arbeit liegen, um im Lande herumzulaufen. Ich werde dich nun bald mit Nachdruck an deine Pflichten erinnern.“ „Barbara, laß es gut ſein,“ verſetzte Wolf in beſänftigendem Tone.„Was ich gethan habe, iſt mir gut bezahlt worden, und hat mir mehr eingebracht, als wenn ich ein ganzes Vierteljahr Tag und Nacht mit der Nadel gearbeitet hätte. Sieh doch das ſchöne Geld an.“ Und der Schneider überreichte ſeiner grollenden Ehehälfte einen Beutel. „Behalts was du haſt, ich mags nicht winb ren,“ verfetzte Barbara,„es iſt Teufelsgeld und der Henker wird einſt ſeine Stempel draufdrücken. Wie lange denkſt du denn, daß dieſes Leben noch ſo fort gehen wird? Die Leonore haben ſie bereits is Ge⸗ fängniß abgeholt, ihre Tochter Blondine ſitz 256 noch ſeit der Geſchichte im Beyerhofe und wie lange wirds dauern, ſo ſtecken ſie dich auch noch ein. Herr Gott, wenn mir ſo etwas geſchehen ſollte, ich raufte mir aus Verzweiffung die Haare aus, und das kann Alles noch geſchehen. Run Gnade dir, Mann, wenn ich um deines geheimen Treibens wil⸗ len, einſt ſolche Schmach erleben ſollte.“ „Gebt Euch zu gute, Frau Wolf,“ ſagte Jean Beg,„es wird Euch Niemand etwas Schlimmes zufügen.“ „O, ho, das könnt Ihr eben ſo wenig wiſſen, als andere Leute,“ verſetzte Barbara,„und wenn ich die Gensdarmen durchs Dorf reiten ſehe, dann wird mir jedes Mal ſo bange, ſie ſcheinen etwas hier zu wittern, darum rathe ich Euch, macht Euch, ſobald wie Ihr nur könnt, wieder fort.“ „Ich werde nicht zögern, von dieſem wohlge⸗ meinten Rathe Gebrauch zu machen, verſetzte Jean Beg,„und will mit der hereinbrechenden Nacht Freu⸗ denthal verlaſſen. Bis dahin möchte ich zwar Eure Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen.“ Bei dieſen Worten überreichte er Barbara einige Geldßücke die ihm Reuter gegeben hatte. Barbara nahm ſie erſt nach längerem Zureden und verſprach pierauf, ihren Gaſt nach Möglichkeit zu ſchützen. — —, Während ſie noch mit einander redeten kamen zwei Dragoner das Dorf herauf geritten und beſa⸗ hen mit grinſenden Augen die zerſtreut ſtehenden Häuſer, wobei ſie die Pferde nur langſam weiter⸗ gehen ließen. Der Schneider Wolf und ſein Weib fingen an zu beben bei dem Anblick dieſer drohenden Gefahr. „Wenn es ihnen einfällt hereinzukommen, dann iſt unſer Gaſt verloren,“ ſagte Barbara im ängſtli⸗ chen Tone,„und es iſt wirklich nicht zu ſpaßen.“ „Was ſollen wir thun?“ ſagte Jean Beg. „Verbergt Euch in jener offenſtebenden Tonne,“ verſetzte das Weib.„Schnell, ſchnell,“ fügte ſie er⸗ ſchrocken hinzu,“ die Dragoner kommen auf das Haus zu.“ „Der Schneider Wolf ſetzte ſich raſch an ſei⸗ nen Nähtiſch und fing an zu arbeiten, während FJean Beg in eine leere Salztonne kroch, welche ne⸗ ben dem Ofen ſtand und nachdem er in deſelben ver⸗ ſchwunden war, warf Barbara eine Menge alter Lumpen, Schuhe u. ſ. w. hinein, ſo daß oben herausragten. Hierauf lief ſie zum Zimmer hinaus und eilte ie Treppe hinauf nach einer allen Kammer, wo ſich irgend etwas zu ſchaffen machte. 288 Unterdeſſen waren die beiden Dragoner nebſt dem Richter Urban von Freudenthal, ſowie einem Gerichtsbeiſitzer in Wolfs Wohnung angelangt. Der Schneider, welcher dem Anſcheine nach, rüſtig fortarbeitete, zeigte ſich nicht im mindeſtens be⸗ fangen und ſah die Eingetretenen mit ruhiger Miene an. „Wir ſind gekommen, um auf höhern Beſehl eine Hausſuchung in Eurem Hauſe vorzunehmen, degann der Richter,„und Ihr werdet uns ohne Einwand die Gelaſſe Eures Hauſes öffnen.“ „Sehr gern, Herr Urban,“ verſetzte Wolf,„ich ſtehe zu Dienſten und es ſoll kein Mäuſeloch un⸗ durchſucht bleiben. Ich möchte übrigens ſehr gern wiſſen, was die Herren bei mir zu finden hoffen,“ fügte er im höhniſchen Tone hinzu,„alte Lumpen und ſonſtiger Kram, der keinen W etwas nützen kann.“ „Nun wir werden ja ſehen,“ verſetzte der n. ter von Freudenthal.„Begleiket mich und den Ge⸗ richtsmann nach dem Oberhauſe,“ fuhr er, gegen Wolf gewendet, fort.„Die Herren Dragoner wer⸗ den unterdeſſen die Güte haben und das Wohnzim⸗ mer nebſt der Hausflur im Auge zu behalten, damit nicht Jemand hinein oder heraus ſpaziert.“ — 289 Rachdem er dies geſagt, ſtand der Schneider auf und führte den Richter und deſſen Betlehe nach der Treppe.. Die beiden Dragoner befanden ſich jetzt allein in den Wohnzimmer. Ich glaube nicht, daß wir in dieſem RNeſte et⸗ was fangen,“ ſagte einer zu den andern.„Der Schneider zeigt eine Unbefangenheit die mich vom Gegentheil deſſen überzeugt, was uns Geſtern der Waldhüter Thom von ihm ſagte. Hm, der Thom ſoll ſelbſt nicht der Beſte geweſen ſein, und wenn man ſo etwas weiß, dann traut man derglei⸗ chen Leuten nicht aufs bloße Wort.“ „Ich glaube nicht, daß uns der Waldhüter be⸗ logen hat,“ verſetzte der andere.„Seine Mitthei⸗ lungen klangen alle ſo wahrſcheinlich und ich zweifle nicht, daß alle Perſonen, welche er uns nannte, wirk⸗ lich vorhanden ſind, zudem hat er uns ausdrücklich geſagt, wir möchten ein wachſames Auge auf den Schneider Wolf in Freudenthal haben, weil derſelbe bisher ein Haupthehler der Bande geweſen ſei⸗ Kann man's denn wiſſen, ob nicht der Jran Beg, welcher geflohen iſt, ein Mal hierher kommt? Nun, es mag ſein, daß Thom ein Schurke iß, aber ven⸗ Der ſchwarze Jäger. Lieferung 10. 1 200 noch zweifle ich nicht, daß er uns die Wahrheit ſagte.“ Jean Beg, welcher regungslos in ſeiner Salz⸗ tonne ſteckte, hatte dieſes Geſpräch deutlich mit an⸗ gehört, es wurde ihm bald warm, bald kalt und er erwartete mit jeder Minute, daß man ihn entdecken werde. Das Geſpräch der beiden Dragoner hatte ihm zugleich die Ueberzeugung verſchafft, daß der Waldhüter Thom ein Verräther ſei und im Begriff ſtehe, die ganze Bande dem Gericht zu überliefern. Wenn ich nur noch dies Mal frei werden könnte, dachte er, dann ſoll Thom ſeinen Lohn für dieſen Schurkenſtreich erhalten, es ſollte ihm wahrlich ſchlecht bekommen, wenn ich Gelegenheit finde, mich an ihm zu rächen. Die beiden Dragoner gingen ein und aus, ohne auf den Einfall zu kommen, die alte Tonne zu un⸗ terſuchen und Jean Beg fand Gelegenheit, noch en ches von Intereſſe zu erfahren. Man wollte von Freudenthal aus nach d. 8 um den Fleiſcher Levin unverhofft zu überraſchen, welchen der Waldhüter Thom ebenfalls als ſehr ver⸗ dächtig bezeichnet hatte. Endlich kehrten die Gerichtsperſonen wieder zu⸗ c, etwas gefunden zu haben, zumal Wolf 201 liſtig genug war, die geſtohlenen und gekauften Sa⸗ chen in eine Kartoffelgrube hinter ſeinem Hauſe zu verbergen. Dieſe Grube gehörte ſeinem Nachbar, mit welchem er auf vertrautem Fuße ſtand, und auf deſſen Verſchwiegenheit er vollkommen rechnen konnte. Nach einer kurzen Raſt entfernten ſich die vier Perſonen und als ſie das Haus verlaſſen hatten, da athmete der Schneider nach langer Zeit wieder freier auf. „Alle Teufel, die haben mir heiß gemacht,“ keuchte er,„und ich kanns nicht ſagen, wie mir ei⸗ gentlich zu Muthe geweſen iſt; mir war, als ob ich unter dem Galgen ſtände und ich hörte nur immer, wenns unten los gehen würde. Ha, ha, lieber Beg, ich will wetten, es iſt dir um tit Haar beſſer it in deiner Tonne ergangen.“ „Du haſt vollkommen Recht,“ verſezte der Ge⸗ nannte, indem er ſein Verſteck verließ.„Ich hatte eine verwünſchte Nummer und wenn man mich ent⸗ deckte, ſo war es um meine Freiheit geſchehen. Ue⸗ brigens,“ fuhr er fort,„hat mich dieſe Gefahr auf ihren Urheber zurückgeführt. Ich habe aus dem Geſpräch der Dragoner die Gewißheit erhalten, daß der Waldhüter Thom an uns allen zum Verräther geworden iſt, er hat dich als einen 6 verſtockte⸗ — 292 ſten Hehler bezeichnet, ſo wie den Fleiſcher Lewin, welchen die Dragoner noch heute aufſuchen werden. Wir müſſen daher demſelben von dieſer Gefahr ſchleu⸗ nigſt Nachricht geben, ſonſt kann es unſern Feinden gelingen, die ganze Geſellſchaft daſelbſt bei einander zu treffen und aufzuheben.,, Geſagt gethan, Meiſter Wolf ſchickte ſich an, nach D g zu gehen und gelangte auf ver⸗ borgenen Wegen aus der Umgebung Freudenthals und verfolgte ohne Raſt die Straße nach dem bezeichne⸗ ten Dorfe. Er traf den Fleiſcher Lewin zu Hauſe und theilte ihm die heranrückende Gefahr mit. Zu⸗ gleich machte er ihn mit Thoms Verrath gegen ihn bekannt. Lewin gerieth in Wuth, bei Anhörung dieſer NRachricht. „Nun warte du Schuft dein Werk ſoll dir bit⸗ tere Früchte bringen,“ ſagte er. Du ſollſt dich da⸗ ran zu Tode würgen und deine Falſchheit foll heſtraft werden.“ „So wills auch Jean Beg,“ ſagte der Schnei⸗ der Wolf,„und er hat beſtimmt, daß wir uns in der dritten Nacht alle mit einander im ſogenannten Fall⸗ grunde einfinden ſollen, welcher Ort etwa eine Vier⸗ telſunde von Thoms Waldhauſe entfernt liegt, dort 293 ſoll über das Loos des Genannten entſchieden wer⸗ den und ich hoſſe du wirſt dabei nicht fehlen.“ „Ganz gewiß nicht, das ſchwöre ich dir,“ verſetzte der Fleiſcher Lewin.„Ich werde kommen uud wenn die größte Gefahr drohen ſollte.“ „Vergiß es nicht, fuhr der Schneider fort,„un⸗ ſere Freunde von dieſer Zuſammenkunft zu benach⸗ richtigen.“ „O nein, ſie ſollen noch heute davon in Kennt⸗ niß geſetzt werden,“ verſetzte Lewin. Meiſter Wolf zögerte nicht lange und machte ſich bald aus dem Staube, da die beiden Drago⸗ ner nun bald anlangen konnten, er ſchlug den Weg nach Freudenthal ein und gelangte glücklich daſelbſt an. Bei ſeinem Eintreffen fand er Jean Beg nicht mehr anweſend, derſeſbe hatte ſich nach den Wal⸗ dungen begeben, wo er ſicherer als in Freuden⸗ thal war. Die Hausſuchung vei Lewin, war ebenfalls er⸗ folglos und die Dragoner entfernten ſich nach einer äußerſt genauen Viſitation, um von der Erfolgloſig⸗ keit ihrer Bemühungen Bericht abzuſtatten. XXX. Die Rache. WDer Abend, als die Nacht darauf die Zuſam⸗ menkunft im Fallgrunde ſtattfinden ſollte, war heran⸗ dichter Nebel verhüllte die Waldung. Der Waldhüter Thom befand ſich allein in ſei⸗ ner einſamen Wohnung, er ſaß am Tiſche und auf demſelben ſtand eine Branntweinflaſche deren Inhalt dazu dienen ſollte, um die in ihm emporſteigenden Gewiſſensbiſſe in Bezug auf das an ſeiner alten Mutter begangene Verbrechen nieder zu drücken. Ich habe ihr ja nichts gethan, murmelte er vor ſich hin, ſie iſt geſtorben, während ich mich auswärts ihres hohen Alters. Hu, wie kommts doch, daß ich die finſtern Gedanken ſeit der letzten Zeit nicht los werden kann, ſie verfolgen mich wie Geſpenſter, bei Tag und Nacht, im Walde und daheim, im Wachen und Träumen. Ich kann ſie nicht los werden, ſie ſcheinen ſich unauflöslich an mich gefeſſelt zu haben. Thom ſchwieg ſtill und verſank in ein düſteres Hinbrüten, endlich erhob er die Arme empor, ſein Hände griffen nach der Branntweinflaſche. gekommen, das Wetter war unfreundlich und ein befand und ihr Tod war die natürliche Folge 295 So komm denn du, fuhr er finſter fort, du einziges Beruhigungsmittel, ich will meine Zuflucht zu dir nehmen, vielleicht, daß du mir das Vergangene vergeſſen machſt— doch es will mir mit dir auch nicht mehr gelingen.— Wenn ich ge⸗ trunken habe, dann fängts an zu brennen in meinen Eingeweiden, in meinem Hirn; es fängt an zu glü⸗ hen, ich fühle, ich ſehe dann nichts, als Feuer,— Feuer vor meinen erhitzten Augen, wie es die Ver⸗ dammten in der Hölle empfinden mögen, dann ſehe ich unheimliche Geſtalten, gräuliche Fratzen um mich herum, ſie fletſchen mich an und drohen mich zu zer⸗ reißen. Ha, das iſt ein Gefühl des Entſetzens und der Rauſch meines elenden Branntweins vermag dem⸗ ſelben nicht zu widerſtehen. Horch, was war das, fuhr er fort, ſich raſch emporrichtend und mit der Hand nach der düſtern Stirn fahrend, auf welcher dicke Schweißtropfen ſtanden. Es klopft— oder war es der Wind? Nein, es regt ſich kein Lüftchen draußen, und meine eigenen Gedanken, meine Einbildung war es, die mich erſchreckte, doch nein, ich habe mich nicht eifhe es klopft wirklich. Thom hatte ſich in der That nit. 296 vernahm jetzt genau das Pochen von außen und fuhr erſchreckt zuſammen. Endlich ſtand er auf und ging hinaus, um die verriegelte Thür zu öffnen. Nachdem dies geſchehen war, bemerkte er eine Männergeſtalt, neben dem Eingange, in welcher er dem Bibreſchen Schreiber, auch Malocher genannt, erkannte. „Nun, was bringſt denn du mir heute noch?“ ſagte Thom, ſcheinbar durch ſeinen Beſuch unange⸗ nehm berührt.„Ich glaube du wärſt mit Jean Beg wer weiß wohin gegangen, der, wie ich vernommen habe, wieder frei geworden iſt. Wie kommt es,“ fügte Thom hinzu,„daß Beg meine Wohnung meidet?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Malocher.„Er yat vielleicht bisher nicht Zeit dazu gehabt.“ Beide gingen hierauf in das Wohnzimmer. „Ich habe,“ begann der bibreſche Schreiber von Neuem,„in deiner Kellerhöhle, wo ich zu ſchreiben pflegte, ein Päckchen liegen laſſen, das ich nothwen⸗ dig bedarf. Du erlaubſt es doch, daß ich es holen darft „Das kannſt du,“ verſetzte Thom,„warte nur ſo lange, bis ich ein Licht angezündet habe, denn im Finſtern möchteſt du dich ſchwerlich zurechte finden.“ Der Waldhüter machte hierauf Licht und ſtellte eine brennende Lampe in die Hornlaterne, welche über der Stubenthür hing. „Willſt du heute Abend noch weiter gehen?“ frug er. „Ich muß nach Freudenthal hinüber,“ verſetzte der Schreiber. „Aha, du haſt gewiß eine Beſtellung mit Beg.“ Malocher verneinte dieſe Frage. Beide begaben ſich hierauf nach dem Keller des alten Forſthauſes; in demſelben hatte der Schreiber eine Summe Geld verborgen, und er war gekom⸗ men, um ſich ſeinen Schatz zu holen. Er trat zuerſt hinein, hinter ihm folgte Thom, welcher draußen vor der Thür ſtehen blieb und mit der Laterne in den gewölbten Raum hineinleuchtete; er ſah, wie der Schreiber begierig ſuchte, ſah, wie er ein Päckchen aus dem Boden wühlte. Das muß etwas von Wichtigkeit ſein, dachte Thom, und der Burſche ſoll mir nicht entrinnen. Dieſer Gedanke durchflog raſch ſeinen Kopf und eben ſo ſchnell folgte demſelben die That. 208 warf ſie zu, ſodaß das roſtige Doppelſchloß klirrte und krachte. Malocher war gefangen— gefangen, wie die Maus in der Falle. Nun ſollſt du mir nicht entrinnen, murmelte Thom; ich will dich hier feſthalten, bis dir die Seele aus dem Leibe fährt und ich dein Erbe bin. Er wollte fort. Doch da ließ ſich die Stimme des eingeſchloſſenen Schreibers vernehmen: „Mach auf, Thom, ich bitte dich, du wirſt mich hier nicht zurückhalten.“ „Dein Wunſch iſt vergebens,“ verſetzte der Waldhüter;„mach deine Rechnung mit der Welt, in die du nicht mehr zurückkehren wirſt.“ Und nachdem der Waldhüter dies geſagt hatte, kehrte er nach ſeinem verräucherten Wohnzimmer zurück. Hier hatte er noch nicht lange verweilt, als ſich ein lebhaftes Geräuſch von Fußtritten in der Nähe des Waldhauſes vernehmen ließ. Mehrere Stimmen wurden laut; es pochte wiederholt, und der Wald⸗ hüter ſah ſich genöthigt, die Thür aufzumachen, wo⸗ rauf Jean Beg, Räuter, Georg Sturm, Hans Rußbaum, der lange Lips und der Fleiſcher Lewin hereintraten. Thom erfaßte mit aller Gewalt die Thür und —— Thom war bei dem Anblick der Genannten, die ihn mit drohenden Geſichtern anblickten, nicht ſo ganz wohl zu Muthe. Eine gewiſſe Ahnung ſagte ihm, daß ſeine ehemaligen Genoſſen nicht in der Abſicht angelangt ſeien. Die Geſellſchaft begab ſich nach dem Wehnzin⸗ mer, wobei Thom von nicht aus i gelf wurde. „Nun Freund, da ſind wir wieder gei dir,⸗ ſagte Jean Beg, ſich gegen den Waldhüter wendend. „Wir haben uns lange nicht geſehen, und die Zeit hindurch hat ſich ſo manches geändert.“ „Hm, ja, es iſt wahr,“ ſagte Thom;„es hat ſich dies und jenes anders geſtaltet.“ „Sogar die Aufrichtigkeit unter Freunden iſt gewichen und hat dem Verrath Platz gemacht,“ fuhr Beg fort.„In der That, das iſt eim ſchlimme Er⸗ fahrung,“ fügte er hinzu,„meinſt du das nicht auch, Freund Thom?“ „Ich weiß nicht, was du damit ſagen willſt,“ verſetzte der Waldhüter, obwohl ſeine Miene einige Verlegenheit zeigte, die ſeine Bemerkung Lügen ſtrafte. „Du ſollſt es ſogleich hören, und um uns der Kürze zu befließen, will ich dich mit dem Zue un⸗ ſeres Erſcheinens bekannt whe 5 Hierauf fuhr der ſchwarze Jäger fort: „Es hat ſich herausgeſtellt, daß ein Verräther ſich unter uns befindet, deſſen Schuld klar bewieſen iſt. Derſelbe hat den Plan gefaßt, uns in die Hände des Gerichts zu liefern, und da ſein Verrath entdeckt wurde, ſo ſoll heute in deiner Wohnung über ſein Schickſal abgeſtimmt werden. Was meinſt du wol, Thom, was hat ein ſolcher Verräther verdient?“ Thom ſchwieg ſtill und ſein Geſicht wurde bleich. „Nun, ſo rede,“ ſagte Jean Beg. „Ich wüßte nicht, welche Strafe hart genug ſein tö nnte,“ ſagte Thom nach einer Weile.„Ans Leben müßte man ihm gehen, und ſeinen Hals in eine Schlinge ſtecken, die ihm für immer das Athmen benimmt.“ „Du haſt Recht, du haſt Wahrheit geſprochen, und dein Ausſpluch ſoll Geltung erhalten. Der Ver⸗ räther ſoll noch heute hängen; darnm vernimm es, Thom, daß wir den von dir gefällten Spruch an veiner eigenen Perſon vollziehen wollen, bevor die Sonne wiederkehrt.“ Thom wurde leichenblaß. „Was ſagſt du!“ rief er,„an mir wollteſt du dieſes Urtheil vollziehen laſſen.“ — 301 * „So iſt es,“ verſetzte Jean Beg;„du haſt nicht verdient, und dein Lohn ſoll dir heute werden. Knie nieder, Schurke!“ fuhr er fort;„wir wollen noch eine kurze Beichte hören, und ich frage dich, willſt du geſtehen, daß du mit den Dragonern ins Geheime verkehrteſt und ſie w Plänen. nachrichtigteſt?“ Während Jean dies ſagte, hatten ſi ſich ſeine Be⸗ gleiter in einen Kreis um Thom herum geſtellt.— Keiner von ihnen vg; unbewaffnet. Thom blieb ſtumm. „Sprich,“ fuhr Jean Beg fort,„dein Leugnen wird dir nichts nützen.“ „Nun denn, ſo will ichs bekennen,“ verſetzte Thom.„Ich war es, der die Dragoner auf Eure Spur lenkte.“—* „Geſtehſt du ferner, den. Schneider Wolf aus Freudenthal und den Fleiſcher Lewin aus D. 38 als unſere Hehler bezeichnet zu haben.“ „Ich geſteh es,“ war die Antwor⸗ S „Nun, ſo wäre das Gericht der Entſcheidung nahe gekommen,“ fuhr Jean Beg fort.„Ans Werk denn, Ihr Burſchen; gebt dem Verräther ſeinen Lohn.“ . 302 „Gnade, Gnade!“ ſtöhnte Thom unter den Fäuſten der Räuber, die ihn im Nu erfaßten und feſthielten, ſodaß er ſich nicht von der Stelle zu regen vermochte. Man brachte hierauf einen Strick herbei und legte ihm Thom. den Hals, der am ganzen Leibe zu zittern begann; dann zog man den Strick durch einen an der Decke befindlichen Haken. 4„Nimm deinen Lohn!“ rief Jean Beg;„er iſt ſür einen Muttermörder noch viel zu gering, und reicht kaum hin, um als Striht für deinen Verrath zu genügen.“ Und auf einen Wink zogen aller Hände an,— noch eine Minute— und der Waldhüter ſchwebte zappelnd in der Luft. Hierauf wurde das Waldhaus genau durchſucht und der Keller grbrochen, in welchem ſich der Bieb⸗ reſche Schreibek befand; er wurde ſogleich befreit und verließ frohen Herzens das unheimliche Gewölbe, welches Thom zu einem Grabe für ihn beſtimmt hatte. Nach einer kurzen Berathung wurde der Ent⸗ 3 ſchluß von den Spitzbuben gefaßt, die Thüringer Lande zu verlaſſen und nach Heſſen hinüber zu gehen, um nit en ſ Pföffchen 3ueßti S E ₰ mm Anen Es trat demnach eine wohlthätige Ruhe ein, und ſeltener hörte man in Thüringen von Räubereien und Einbrüchen, und man gab ſich der beſten Hoff⸗ nung hin, daß dieſes Unweſen nicht wiederkehren werde. XRRl. Die Heimſiehr und Aufnahme einer Verlaſſenen. Es konnte ein Monat ſeit den zuletzt erzählten Vorfällen verfloſſen ſein. Die Wittwe Egydius ſaß noch immer im Gefängniſſe, allein ſie geſtand nichts von allen dem, was mit ihrem Liebhaber, Jean Beg, zuſammenhing.. Ihre Tochter Blondine, die wir längere Zeit aus den Augen ließen, hatte ſich bisher ebenfalls in Haft befunden, doch die Befreiuug des armen Mäd⸗ chens ſollte bald ſchlagen. Eines Tages langte ſie mit ihrem Kinde auf dem Ruͤcken in Freudenthal an. Sie nahete ſich mit bangenden Herzen der Wohnung ihrer Mutter, die ſie verlaſſen hate, um mit ihrem Geliebten zu fliehen Es war gegen Abend, als ſie bei der Wohnung 304 — anlangte, deren Thür und Fenſter verſchloſſen waren. Vielleicht, vachte Blondine pei ſich ſelbſt, iſt meine Matter ins Dorf gegangen und kehrt bald zurück. In dieſer Erwartung ſetzte ſich die Ermü⸗ dete auf die Schwelle der Hausthür, um die Ent⸗ fernte zu erwarten. Allein ſie kehrte nicht zurück. Da näherte ſich ein Wetb der Harrenden, es war die Ehehälfte des Schneider Wolfs. Barbara hatte von dem Fenſter ihrer Wohnung, welche in der Nähe ſich befand, Blondinen bemerkt und kam jetzt um dieſelbe mit den Verhältniſſen ihrer Mutter be⸗ kannt zu machen. „Ei du liebe Zeit, du biſt es Blondine,“ rief Frau Barbara ſtaunend aus,„haben ſie dich endlich wieder freigelaſſen. „Wie Ihr ſeht, Frau Wolf,“ verſetzte Blondine. „Ich erhielt die Erlaubniß zu meiner heim⸗ zukehren.“ „Hm,“ murmelte Barbe.„Die wirſt Du nun freilich hier nicht finden.“ „Nun, wo iſt ſie denn?“ „Wo ſie iſt!“ rief Barbara.„Das weißt du nicht, hin, dann möchte ich es dir lieber nicht ſagen, 1 803 doch, was kanns helfen, du mußt es ja doch erfah⸗ ren und es iſt am Beſten, wenn ich es dir mittheile, kurz und gut Blondine, deine Mutter iſt dort, wo du herkommſt, mit andern Worten, ſie ſitzt im Ge⸗ fängniß.“ Blondine erſchrak heftig über Barbaras Mit⸗ theilung. Meine Mutter im Gefäͤngniſſe?“ rief ſie.„O Gott, was muß ich hören. Ach, Frau Wolf, ich bitte Euch, ſagt es mir, warum hat man ſi fortgeführt?“ „Hm, liebes Kind, da läßt ſich gar vieles da⸗ rüber ſagen, ſo daß man heute gar nicht damit fer⸗ tig würde. Ich will dir daher den Grund, ſo kurz wie möglich, begreiflich machen.“ Dann fuhr Barbe fort. „Seitdem du Freudenthal verlaſſen haſt, iſt hier gar manches paſſirt, dein Pflegevater Egydius iſt todt, man fand ihn erſchoſſen im Walde und ſein Ende iſt noch ein Geheimniß, obwohl man darüber im Klaren iſt, wer ſeinen Tod herbeiführte. Dein Bruder iſt geflohen, weil er ſich höchſt verdächtig ge⸗ macht hat, dem bekannten Jean Beg als Spion zu dienen.“ „Ach, ich weiß das Alles,“ ſtöhnte Blondine. Der ſchwarze Jäger. Lieferung 10. 20 306 „Nun ſo brauch ich es dir nicht erſt zu erzaͤh⸗ len,“ fuhr Barbe in keifendem Tone fort und ich will nur noch hinzufügen, daß deine Mutter in Folge der Gemeinſchaft mit Jean Beg verhaftet wor⸗ den iſt.“ Blondine athmete ſchwer auf. „Soweit hat es endlich kommen müſſen,“ ſeufzte ſie.„Ach mein Gott, was ſoll ich jetzt anfangen? Ich habe kein Obdach mit meinem Kinde, denn das elterliche Haus iſt mir verſchloſſen!“ „Da haſt du ganz Recht,“ verſetzte Barbe. „Das Haus iſt vom Gericht in Beſchlag genommen worden, und es wird dir nichts anderes übrig blei⸗ ben, als mit deinem Kinde ins Gemeindehaus zu wandern. Nun Gott geſegne es Dir, das iſt auch ſo angefüllt, wie ein Kaninchenſtall von Unten bis zum Dache, dort wirſt du nicht viel Troſt finden.— Es iſt aber auch grundſchlecht von deinem ſchmucken Johannes, daß er dich ſitzen läßt und über die Grenze gelaufen iſt,“ fuhr Barbe fort,„er ſollte ſich ſchämen.“ „Schweigt ſtill,“ ſagte Blondine, ei ihr blei⸗ ches Geſicht einen düſtern Ausvruck annahm,„läſtert nicht auf Johannes,“ fuhr ſie fort,„denn er verdient es nicht. Er hat mich weder ſitzen laſſen, noch iſt * . 5 — 307 er über die Grenze gelaufen. Rein, nein, ſeine Trennung von mir und ſeinem Kinde war eine ge⸗ zwungene. Die Werber riſſen ihn, in Folge von meines Bruders Verrath von meiner Seite und ſchleppten ihn mit ſich ſort. O Gott, wenn ich an jenen entſetzlichen Moment gedenke, dann erfaßt mich von Neuem die Verweiflung, welche meine Seele bei ſeinem Abſchiede von mir erfüllte.“ „Johannes war gut gegen mich,“ fuhr Blon⸗ dine fort, indem ſie ſich eine Thräne aus dem ge⸗ wübten Auge wiſchte.„Er würde mich nimmermehr verlaſſen haben, wenn ihn das Schickſal nicht dazu gezwungen hätte. Mein Vertrauen auf ſeine Treue hat bisher noch nicht gewankt, und Gott möge es ſchicken, daß es nicht zu Schanden wird.“ „Hi, hi, warte es nur ab, wenn dir die Zeit nicht etwa zu lange währt, erwiderte Barbara, in höhniſchen Tone.„Johannes iſt wie du ſagteſt un⸗ ter die Soldaten gegangen. Na, das iſt gerade der rechte Poſten, wo ſo ein luſtiger Burſche die Liebe gegen ſein Mädel bewahrt. O, armes Kind, da iſts aus, wer weiß wie vielen Mädchen der Springins⸗ feld ſchon wieder Liebe geſchworen hat.“ Blondine richtete den gekränkten Blick Sprechende. . 3 308 „Ihr ſcheint es darauf abgeſehen zu haben, mich 4 noch mehr nieder zu beugen,“ ſagte ſie,„und ich muß bitten, verſchont mich mit dergleichen Reden, ſie ſind nicht geeignet, meinen geſunkenen Muth auf⸗ zurichten.“ Bei dieſen Worten wandte ſich Blondine von Barbe hinweg. „Wo willſt Du hin,?“ fragte die Letztere. „Ins Dorf hinab!“ antwortete die Gefragte. „Ich will den Richter bitten, daß er mir für die ein⸗ brechende Nacht ein Obdach gewährt.“ „Ho, ho, dieſe Bitte wird ſchlechten Anklang* finden,“ verſetzte Barbe. Der Richter iſt ein ſtolzer harter Mann und kümmert ſich um dergleichen Bet⸗ telvolk nicht ein Haar und es kann leicht der Fall ſein, daß er dich mit ſeinen Hunden zum Hofe. aushetzen läßt. „Er wird ſo hart, ſo gefühllos nicht gegen mich ſein können,“ erwiderte Blondine,„und in dieſer Hoffnung will ich meine Wanderung fortſetzen.“ „Thue das, ich will dich nicht davon abhalten,“ ſagte Barbe,„und will dir noch bemerken, daß wenn dir der harte Mann den Schritt über ſeine Schwelle verwehrt, ſo ſoll doch die dir nicht eſas ſein⸗ e 8 60 „ e mm eh 309 „Ich danke Euch,“ erwiderte Blondine, indem ſie ſich mit ihrem Kinde hinweg wandte und einen Fußſteg einſchlug, welcher nach dem Gehöfte des Richters Urban führte. Der Genannte befand ſich in einem kleinen Ne⸗ benzimmer der Wohnſtube und als Blondine eintrat machte er große Augen. „Da kommt wieder ſo ein Stück von der raren Geſellſchaft an,“ ſagte er.„Nun das muß man ſa⸗ gen, die Familie des Egydius, oder beſſer bemerkt, diejenige Leonorens kommt nicht mehr vom Krimi⸗ nal herunter, während man die Tochter entläßt, vi⸗ gilirt man auf den Sohn und halt die Alte feſt, es iſt wirklich ein verteufeltes Pack dieſes Volk. Was willſt du,“ fuhr er fort,„gewiß eine neue Bettelei.“ „Herr Urban,“ ſagte Blondine in gefaßtem Tone, „Sie mögen recht haben in Bezug auf meinen Bruder und meine Mutter, aber ich muß Ihnen ſagen, daß ich nicht wegen eines begangenen Verbre⸗ chens im Gefängniß geſeſſen habe. Ein Schreiben vom Gericht wird Sie davon überzeugen.“ Blondine überreichte bei dieſen Worten dem Richter Urban eine Schrift, welche derſelbe ſchwei⸗ gend durchlas, worauf er ſie auf den Tiſch legte. 60 „Was willſt du jetzt e frug er nach einer kleiner Pauſe. „Ich will arbeiten, nähen und ſtricken und alles thun, um mir mein Brod ehrlich zu erwerben.“ Blondine hatte dies in einem Tone geſagt, wel⸗ cher ſelbſt das Herz des malitiöſen Dorfrichters be⸗ wegte, er ſah das Mädchen einige Augenblicke an und ſchien dann über irgend etwas nachzudenken. „Wo wirſt du wohnen?“ frug er. „Ja, Herr Richter, das iſt eine Frage, die ich ſelbſt nicht beantworten kann. Das Haus meiner Mutter iſt mir verſchloſſen und wird ſich wohl unſ⸗ rer Familie niemals wieder öffnen. Ich werde ins Gemeindehaus ziehen müſſen,“ fügte ſie niederge⸗ ſchlagen hinzu. Der Richter ſah das Mädchen abermals an. „Höre, Blondine,“ ſagte er hierauf. Du biſt zwar eine gefallene Dirne und haſt deine Uuſchuld einem leichſſinnigen Menſchen geopfert, aber du biſt deshalb noch nicht ſchlecht geworden, trotzddem daß du unter einer ſehr räudigen Heerde lebteſt. Du haſt dich bisher ehrlich genährt, haſt dich treu und ſleißig bewieſen, wie ich von Beyerhöfner und deſſen Gattin vernommen habe, welcher, nebenbei bemerkt, mein Gevatter iſt. Darum will ich etwas für dich — 8 ———— — thun, wenn du mir verſprichſt, mein Wohlwollen ge⸗ gen dich nicht mit Undank zu belohnen. „O, Herr Urban, dies werde ich nimmermehr,“ rief das Mädchen, indem ſie die Hand des Richters ergriff und lebhaft drückte.„Ich werde Alles tbun, wodurch ich Ihnen meine Dankbarkeit zu erweiſen im Stande bin. Ich will arbeiten, früh und ſpät und Sie ſollen ſehen, daß mein Inneres nicht ſo ganz verdorben iſt, obwohl ich tief— ſehr tief ge⸗ ſunken bin. Ich darf ſonach weder ins Gemeinde⸗ haus noch zu Barbara Wolf, die es mir anbot, mich bei ſich aufzunehmen, wenn ich mir keinen andern Ausweg wüßte.“ „Nun, dann wärſt du auch erſt recht in die beſte Geſellſchaft gekommen,“ ſagte der Richter. „Meiſter Wolf iſt ebenfalls ein ganzer Schwarzfuß und ſein Ruf iſt ehrlos und ſchlecht, wie derjenige ſeines Weibes, das von Niemand in Freudenthal ge⸗ achtet wird.“ Die Sache war jetzt abgemacht. Blondine blieb in der Wohnung des Richters und erhielt in einem Nebengebäude ein kleines Stübchen angewieſen. Hier richtete ſie ſich ein und fing an fleißig zu nähen und allerhand weibliche Arbeiten zu verrichten, wobei 312 zu können. Von Johannes hatte ſie bisher nichts wieder gehört, endlich kam die Nachricht, daß er nach Ame⸗ rika eingeſchifft worden ſei, um daſelbſt als Sol⸗ dat zu dienen. Er war demnach mit noch An⸗ deren von dem Kurfürſten nicht beſſer als verkauft worden. Blondine wurde ſehr niedergeſchlagen und faſt brach ihr das arme, liebende, verzeihende Herz bei dieſer Nachricht. „Ich werde ihn nie wiederſehen,“ ſagte ſie mit einem Blick auf ihren kleinen Sohn,„und mein armes Kind, mein Friedrich iſt vaterlos.“ Dergleichen Gedanken machten die arme Blon⸗ dine oft recht tranrig und manche Thräne entquoll ihrem Auge, bei Erwägung ihres dunklen Schick⸗ ſals, das ſie zum Theil der Verworfenheit und Rach⸗ ſucht ihres Bruders zuſchrieb, durch deſſen Verrath Johannes von den Werbern aufgehoben M fort⸗ gejührt worden war. ſie ſich ſoviel verdiente, um mit ihrem Kinde leben — —— — —— —— — * —— 313 XNXII. Der Prand.— Eine Trennung. Während dieſe Ereigniſſe vorfielen, waren die beiden Flüchtlinge, Bernhard und Lorenz immer wei⸗ ter hinabgegangen und gelangten eines Tages gegen Abend in einem kleinen Dorfe an, welches etwa zwei Stunden von Hildburghauſen enſfernt lag. Vermöge der Päſſe, welche ſie bei ſich führten, nah⸗ men ſie keinen Anſtand in die Schenke des Dorfes hineinzugehen um daſelbſt zu übernachten. In der kleinen niedrigen Stube waren mehrere Bauern anweſend, die bei einigen Krügen Bier die neueſten Geſchichten der Umgebung beſprachen, wo⸗ bei einer immer klüger oder dümmer als der andere war. Der Schmidt aus dem Dorfe, einer der Gröb⸗ ſten im ganzen Kreiſe, führte das Wort, nach dieſem kam der Bauer Wenzel, der ſeinem Nachbar an Grobheit nur einen geringen Grad nachgab und da⸗ bei ſchrecklich ſchielte und mit den Augen zwickerte, wie ein geſtochenes Kalb. „Es iſt erlogen,“ rief Wenzel.„Der Jean Beg iſt gefangen und gehangenworden und wer dagegen redet iſt ein Schafkopf. Ich weiß es ganz gewiß 8 314 und Ihr könnts mir glauben, es iſt ſo wahr, als ich Wenzel heiße.“ Der junge Lorenz konnte nach er kecken Weiſe nicht umhin dem Bauer zu bemerken, daß er mit ſeiner Behauptung unrecht habe. „Jean Beg iſt frei,“ ſagte er,„ſo frei, wie der Vogel in der Luft, uud wenn Ihr behauptet, daß er todt iſt, dann ſeid Ihr im Irrthum.“ Wenzel wandte ſich um und betrachtete die bei⸗ den jungen Burſchen mit mürriſchem Geſicht, die ſich ihm gegenüber an einen Tiſch geſetzt hatten.“ „Ich habe dich noch nicht über deine Meinung gefragt, du Gelbſchnabel,„ſagte er darauf,„und erſt dann, wenn man dich anredet, iſt es an dir, zu ant⸗ worten.“ Lorenz war keineswegs durch dieſe Bemerkung eingeſchüchtert worden; er zog dem Bauer ein höh⸗ niſches Geſicht und ſagte: „Da es hier Mode iſt, jeden Fremden mit„Du“ Slteten⸗ ſo mache auch ich von dieſer Mode Ge⸗ brauch. Alſo Freund Wenzel, oder wie du heißen magſt, ich ſage dir, daß mich dein Gepolter gar nicht in Verlegenheit bringt; ich ſage dir, daß du ein Grobian i den man nicht grob genug behandeln kann—. Der Bauer ſprang wüthend auf und eilte auf Lorenz zu, um ihn zu ergreifen. Die Uebrigen ka⸗ men ebenfalls herbei und umringten Lorenz lärmend und ſchreiend. Unter dieſen drohenden Umſtänden hielt es Bernhard für's Beſte, das Zimmer zu verlaſſen, was ihm auch gelang, ohne angefeindet worden zu ſein. Lorenz hingegen kam nicht ſo glücklich davonz er er⸗ hielt einige Püffe und Kniffe, und man zerzauſte ihm ein wenig ſein Haar, worauf er zu guter Letzt zum Hauſe hinausgeworfen wurde. Es ließ ſich bei der Rachſüchtigkeit des jungen Lorenz erwarten, daß er die erliltene Mißhandlung gewiß vergelten werde; dies geſchah auch, und zwar auf eine Weiſe, wie ſie nur von dem Sohne Jean Begs ausgeführt werden konnte. Um ſeinen Gefährten nicht zu verlieren, hatte ſich Bernhard eine halbe Viertelſtunde hinter dem Dorfe auf einen Stein geſetzt, welcher neben der Straße lag, die Lorenz nothwendig verfolgen mußte. Hier beſchloß er den letzteren zu erwarten. Nach einiger Zeit ſah er denſelben haſtig daher gelaufen kommen. Bernhard erhob ſi ich um mit ihm weiter zu gehen. *. 316 Nachdem Lorenz herangekvmmen war, blicd er einige Minuten keuchend ſtehen. „Ach!“ rief er aus,„wie bin ich gelaufen. Die Bauern haben mich faſt todt geſchlagen, doch dafür ſollen ſie bald ihren Lohn bekommen.“ Laß doch ſein,“ ſagte Bernhard,„die Leute ſind nun einmal nach ihrer Art grob und ungehobelt, hätteſt du dich nicht unter ſie gemiſcht, dann wäre der Streit unterblieben; es wäre mir gar nicht ein⸗ gefallen, mich in ihr Geſpräch einzulaſſen.“ Beide gingen hierauf auf der Straße nach Hil⸗ burghauſen weiter. Es war unterdeſſen bereits vunkel geworden. Da ertönte plötzlich hinter ihnen der heulende Ton von Kirchenglocken; er kam aus dem Dörfchen, welches ſie ſo eben verlaſſen hatten. Bernhard wandte ſich ſchnell um; er ſchaute rückwärts, und Gott, was erblickte er da?“— Eine blutrothe, flammenſprühende Feuerſäule ſtieg ſo eben zum Himmel empor, und fing an die Umgebung mit ihrem ſchauervollen Glanze zu er⸗ leuchten. „Herr Gott, das iſt Feuer!“ rief Bernhard er⸗ ſchrocken aus;„es brennt in dem Dorfe.“ ——— „Laß es brennen,“ verſetzte Lorenz kalt.„Was ſchadet es, wenn ſich die Grobiane ein wenig die Borſten verſengen.“ Bernhard ſchaute mit Entſetzen auf ſeinen Rei⸗ ſegefährten; ein furchtbarer Argwohn tauchte in ſei⸗ nem Innern gegen denſelben auf, und dieſer Argwohn wuchs gleich der immer größer werdenden Gluth und wurde ihm mehr und mehr zur Ueberzeugung. Er vermochte dieſelbe nicht zu verbergen und rief hän⸗ deringend: „Um des Himmels willen! Lorenz, was haſt du gethan; ich beſchwöre dich, ſage mir die Wahrheit.“ „Was willſt du von mir wiſſen?“ verſetzte Lo⸗ renz hohnlachend. „Ich will wiſſen,“ ſtotterte Bernhard,„ob,— ob du der Stifter jenes Unheils geweſen biſt.“ Während er dies ſagte, erfaßte er den Gofrag⸗ ten bei der Bruſt und ſchüttelte ihn voll innerer Erregung. „Hand weg,“ ſagte Larenz finſter;„ich will mich von dir weder halten noch hofmeiſtern laſſen. Was gehts dich an, wenn ich etwas für mich thue.“ „So iſt es denn wirklich, wie ich vermuthe!“ rief Bernhard erſchüttert.„Ach du ewiger Golt, 318 was ſoll mir geſcheben? Nun, ihm iſt es bewußt; ich habe keinen Theil an dieſen ſchwarzen Werke.“ und von Furcht und Entſetzen getrieben floh Bernhard auf der Straße vorwärts, ihm folgte ſein fürchterlicher Gefährte ſchnell nach, indem er ſich zu⸗ weilen umſchaute nach der wilden Gluth, welche immer mehr überhand nahm und den Himmel weit hin röthete. Es dauerte nicht lange, ſo entſtand nach allen Richtungen in den zerſtreutliegenden Dörfern großer Lärm, überall wurden die Sturmglocken gezogen und von der entgegengeſetzten Richtung vernahmen die Flüchtlinge das Herannahen vieler Menſchen, welche im Begriff waren, ihren Nachbarn zu Hülfe zu eilen. „Wir müſſen die Straße verlaſſen,“ ſagte Lo⸗ renz zu Bernhard,„damit wir von Niemand geſehen werden; dort jenes Gebüſch giebt uns Schutz, wir wollen daſelbſt verweilen, is es ruhiger geworden ſein wird.“ Bernhard beſann ſich einen Augenblick, dann bog er, ohne ein Wort zu ſagen, von der Straße ab— wobei er von dem brennenden Dorfe Pferdege⸗ trappel vernahm. Lorenz folgte dem Voraneilenden haſtig nach, und als ſie das Wäldchen erreicht hatten, lagerten —.—— 3¹9 ſie ſich unter den Stamm einer großen Eiche und lauſchten mit angehaltenem Athem. Das Pferdetrappel von dem brennenden Dorfe her war unterdeſſen nahe herangekommen, und auch die zu Hülfe eilenden Mannſchaften langten in der Nähe des Gebüſches an, ſodaß man Alles zu ver⸗ ſtehen vermochte, was gegenſeitig geſprochen wurde. Man fragte, wo und wie das Feuer ausgekom⸗ men ſei, und die Reiter, es waren deren drei, theilten den Fragenden mit, daß die Schenke in vollen Flam⸗ men ſtehe, und ohne Zweifel von zwei Landſtreichern angezündet worden ſei, die ſie zu verfolgen im Be⸗ griff ſtänden. Sie fragten hierauf, ob ihnen Niemand begegnet ſei. „Nein, Niemand,“ antwortete eine Stimme. „Hierher zu können die Verdächtigen wohl nicht ge⸗ gangen ſein, denn wir haben keinen Menſchen bisher wahrgenommen.“ „Nun, dann wäre es unnöthig, wenn wir noch weiterreiten wollten,“ ſagte einer von den Bauern, in welchem Lorenz den groben Wenzel zu erkennen glaubte,„wir wollen lieber umkehren. Ich bin ſelbſt der Meinung, daß die Schurken einen andern Weg als nach Hildburghauſen eingeſchlagen haben werden.“ 5 —— — 320 Die Reiter machten hierauf kehrt und ritten nach dem Dorfe zurück, wo ſie bald anlangten. Das Feuer brannte über und über, und die Schenke war unrettbar verloren. Es waren viel Menſchen zum Löſchen herbeigeeilt, und es gelang durch viele Mühe das Weitergreifen der Gluth zu verhindern. Bernhard verweilte in ſtummem Schweigzen neben ſeinem Gefährten, der ihm durch ſeine Verporſnheſz zu einem Gegenſtande des Abſcheues und der Ver⸗ achtung wurde. Seine Blicke waren unverwandt nach dem nächtlichen, gerötheten Himmel gerichtet, und mit Dank gegen Gott gewahrte er, wie ſich die Gluth nach und nach ſenkte. „Gvott, dir ſei Dank,“ flüſterte er, als endlich nur noch ein düſterer, neblicher Schimmer zu ſehen war.„Die Gefahr iſt vorüber und das Dorf iſt vom Untergange gerettet worden.“ Lorenz brummte unwillig. „Du biſt ein ſehr empfindſamer Menſch,“ wn er,„und haſt keine Courage, wenn es gilt etwas herzhaftes vorzunehmen. Ha, ha, unter ſolchen Um⸗ ſtänden weiß ich nicht, was geſchehen ſoll. Ich muß dir ſagen,“ fuhr er fort,„daß es nun bald nothwen⸗ dig ſein wird, auf irgend einen Erwerb zu denkenz ———— 4 ——— —— 8 X * k 321 meine Kaſſe iſt faſt bis auf den Böden geſchmolzen, und wenn die paar Kreuzer verlebt ſind, dann iſt es zu ſpät, erſt auf Erſatz denken zu wollen; im Gegen⸗ theil, wir müſſen handeln, bevor die letzten Hülfs⸗ quellen verſiegt ſind.“ „Ich ſehe,“ ſagte Bernhard,„du gehſt mit einem neuen Plane um, welcher in ſeiner Ausführung viel⸗ leicht nicht minder entſetzlich ſein wird, als der heutige.“ „Nun, was iſt denn da weiter,“ entgegnete Lo⸗ renz,„wir müſſen zu unſerer Erhaltung etwas thun; bisher habe ich es unterlaſſen, mit dir davon zu ſprechen, aber jetzt muß es geſchehen; es iſt Zeit, und unſere drohende Lage erlaubk keinen Aufſchub mehr.“ Bernhard ſah düſter vor ſich hin. 6 „Mag's kommen, wie es will,“ ſagte er darauf in dumpfem Tone;„ich werde nie etwas thun, was mich entehren könnte; nein, nein, das ſoll nimmer⸗ mehr geſchehen, lieber will ich mich von Dorf zu Dorf betteln.“ „Ho, ho, das iſt ein toller Einfall,“ ſagte Lo⸗ renz.„Ich kenne das Handwerk des Bettelns beſſir wie du und bin dabei nicht fett geworden, und du wirſt es bald ſatt bekommen.— Da lob ich mir einen herzhaften Griff, wo es lohnt, wenigſtens hälts länger aus, als eine ſchnöde Bettelgabe.“ Der ſchwarze Jäger. Lieferung 11. 21 . 322 „Aber es iſt auch um ſo ſchlechter, um ſo ge⸗ fährlicher,“ verſetzte Bernhard.„Bei Gott, Lorenz, du haſt ſchreckliche Grundſätze, ſie müſſen dich ins Verderben bringen, und derjenige, welcher ſie dir beigebracht hat, muß ein Teufel geweſen ſein.“ Lorenz lachte höhniſch. „Er war ein Meiſter in ſeinem Fache,“ verſetzte er hierauf ſtolz,„und ich hätte mich vor ihm ſchä⸗ men müſſen, wenn ſein h bei mir fruchtlos geweſen wäre.“ „Du ſcheinſt dir in der deine Schlech⸗ tigkeit etwas zu Gute zu thun,“ ſagte Bernhard „und das iſt ein ſicherer Beweis, daß du unverbeſ⸗ ſerlich biſt. Ich muß dir geſtehen, das gefällt mir nicht von dir. Ich meinte es aufrichtig mit dir und hoffte bisher, deine Geſinnungen würden ſich ändern, allein das iſt bei dir, wie ich überzeugt bin, etwas Unmögliches; du verfolgſt einen Weg, der mir nicht gefällt, deſſen Ziel einſt ein furchtbares ſein wird; ich will, ich kann ihn nicht mit dir wandeln, darum, Lorenz, wollen wir lieber von einander ſcheiden.“ Der Genannte fuhr überraſcht empor. „Was ſagſt du!“ rief er,„du willſt dich von mir trennen?“ habe.“ biſt ein feiger Haſe und haſt keinen Muth.“ „Ganz gewiß,“ verſetzte Bernhard mit ſeſter Stimme.„Wir haben uns durch Zufall getroffen und ſind ohne Verbindlichkeiten gegen etnander ge⸗ blieben; darum ßeht es jedem frei, zu thun, was ihm beliebt.“ „Nun, und was wiliſt du anfangen?“ frug Lo⸗ renz in bitterm Tone. „Ich will heimkehren und meine guten Eltern um Verzeihung bittenz ſie werden dem Verirrten, welcher reuevoll zurückkommt, vergeben. Ich will meinen Trotz beugen; denn nur auf dieſem Wege iſt dasjenige wieder gut zu machen, was ich böſe ge⸗ 3 macht habe, das habe ich einſehen lernen und dieſe Einſicht wird mich vor dem Abgrunde des Verder⸗ bens retten, neben welchem ich bisher geſtanden „Ei ſeht doch das Mutterſöhnchen an, wie es zirpt, gleich einer Grille, welche die Schnitter aus der letzten Ecke des Kornfeldes ttieben. Du „Ich danke Gott, daß ich den deinigen nicht beſitze,“ verſetzte Bernhard kurz. Mein Entſchluß iſt gefaßt, ich kehre zu meinen Eltern zurück.“ „Meinetwegen,“ verſetzte Lorenz,„ich will dich nicht daran hindern, da wir ſo nicht mehr mit — einander ſtimmen. Es ſoll dir ganz frei ſtehen zu thun, was du willſt. Was mich betrifft, ſo will ich noch in dieſer Nacht nach Hildburghauſen hinab wandern, du wirſt doch wohl nicht mit mir gehen.“ „Es kann mir nichts nützen, wenn ich mich im⸗ mer weiter von der Heimath entferne, darum iſt es beſſer, wir ſcheiden noch in dieſer Viertelſtunde von einander. Wir haben uns in der Nacht getroffen, wir wollen auch unter ihrem Schutze auseinander⸗ gehen.“ „Ganz wie du wrillſt,“ entgegnete Lorenz trocken.“ „Nun ſo lebe denn wohl, mein bisheriger Ge⸗ fährte,“ ſagte Bernhard.„Möge Gott dein Herz er⸗ wecken, damit du, wie ich, zur Erkennung deines großen Unrechts gelangſt. Sollten wir einander wiederſehen, ſo wünſche ich, das es auf dem Wege des Friedens geſchehe, auf welchen wir ſcheiden.“ Nach dieſen Worten ging Bernhard yinweg und war bald aus den Blicken, des ihm nachſtarrenden Lorenz verſchwunden. „ 325 XXXlII. Die Verſöhnung. Nachdem Lorenz einige Zeit ganz verblüfft da⸗ geſtanden und ſich nicht von der Stelle geruͤhrt hatte, fuhr ihn raſch der Gedanke durch den Kopf, ſeinem bisherigen Gefährten nachzueilen, um ihn mit Gewalt von dem gefaßten Entſchluſſe zurückzuhalten. Er fing hierauf an zu laufen und ihn bei ſeinem Na⸗ men zu rufen, allein Bernhard hörte nicht, derſelbe hatte die Richtung nach dem Dorfe eingeſchlagen, wo das Feuer geweſen war. Er wird doch kein Narr ſein und dorthin zu⸗ rückkehren, wo die größte Gefahr für ihn iſt, mur⸗ melte Lorenz. Ich mag ihm nicht dorthin ſolgen und will lieber meine Bemühungen, ihn einzuholen aufgeben. Dies ſagend, blieb er ein Weilchen ſtehen, dann ſuchte er die Landſtraße wieder auf und wanderte nach Hildburghauſen hinab. Unterdeſſen war Bernhard dem Dorfe immer näher gekommen und konnte dereits den glühenden Trümmerhaufen der eingeäſcherten Schenke erkennen, in welcher er mit Lorenz verweilt hatte. Es waren 2326„ noch viel Menſchen dabei beſchäſtigt, um einen neuen Ausbruch der Flamme zu verhindern. Berahard wagte es nicht nahe heranzugehen, ſondern blieb in einiger Entfernung ſtehen, hier be⸗ merkte er zwei bürgerlich gekleidete Männer die ſich mit einander unterhielten. „Herr Paſtor,“ begann der eine von ihnen. „Wollen Sie ſich nicht nach Hauſe begeben. Ich befürchte, Sie könnten einen Rückfall Ihrer Krankheit bekommen. Ich glaube,“ fügte der Sprechende hin⸗ zu,„die Gofahr iſt nun vorüber.“ „Ich danke Euch lieber Schulmeiſter,“ verſetzte der Geiſtliche.„Nun, dem lieben Gott ſei herzlich Dank geſagt, daß er unſere Gemeinde beſchirmt hat.“ „Da liegt das alte Sündenneſt in Schutt und Aſche,“ fuhr der Pfarrer fort.„Ja, ja, hier iſt ſo manches gottloſe Werk ausgeübt worden, beſonders bei dem frühern Beſitzer der Schenke. Hier hat mancher ſein Gut, ſeine Ehre verſoffen und verſpielt, ja ſogar ſein Leben durch den abſcheulichen Brannt⸗ wein verloren. Wiſſen Sie es noch, lieber Schul⸗ meiſter, wie der alte Säufer Deckwart im Pferde⸗ ſtalle todt gefunden wurde. Es war im ſtrengen 8 8 Winter, er hatte ſich vollgeſoffen, worauf ſie ihn in den kalten Stall aufs Stroh warfen, wo er am fol⸗ ————————— ————— e ——— ————— Fenden Morgen als Leiche gefunden wurde, ſeine grau kolte ſich den Entſeelten hierauf auf dem Schubkarren nach Hauſe.“ „Lieber Schulmeiſter,“ fügte der Pfarrer hinzu. „Das war ein böſes Werk und es wird an allen den⸗ jenigen gerächt werden, die es ausführten, dieſem Werke folgten noch mehrere nach, denn wenn der böſe Feind einmal den Faden angedreht hat, dann ſpinnt er einen Galgenſtrick daraus.“ Der Geiſtliche ſchwieg ſtill, er reichte dem Schul⸗ meiſter die Hand, um nach Hauſe zu gehen. Da trat plötzlich Bernhard aus dem Dunkel vor dem würdigen Manne hervor. „Verzeihen Sie mir, Herr Paſtor,“ ſagte der Flüchtling mit beengter Stimme.„Ich wollte einige Worte mit Ihnen allein ſprechen.“ Der Geiſtliche richtete ſeinen Blick auf den Sprechenden und betrachtete ihn aufmerkſam. „Wer ſind Sie, mein junger Freund,“ ſagte er hierauf. „Mein Name iſt Bernhard Wiedebach und mein Vater iſt Paſtor in D. „Wie, was hör ich!“ rief der Geiſtliche.„Sie wären der Sohn meines lieben Freundes Wiedebach? Ach, lieber Gott, du weißt es,“ fuhr er fort,„wie — ——— 328 theuer mir dieſer Freund immer geweſen iſt. Kom⸗ men Sie mit mir nach meiner Wohnung,“ fügte er hinzu,„ach wie freue ich mich, Sie bei mir zu ſehe Nach wenigen Minuten folgte Bernhard dem Geiſtlichen nach dem Pfarrhauſe. Die Gattin des Geiſtlichen befand ſich noch wach, und empfing den unerwarteten Beſuch auf das freudigſte. Der Prediger hatte unterdeſſen deu jungen Menſchen ſchärfer beobachtet und je länger er dies that, deſto mehr überzeugte er ſich, daß es mit je⸗ nem nicht ſo ganz in der Ordnung ſei. Er nahm ihn daher mit nach ſeinem Studirz immer und füylte ihn ein wenig auf den Zahn.“ „Bernhard fühlte ſein Inneres unbeſchreiblich bewegt, er beſchloß, ſein Geſchick in die Hände dieſes braven Geiſtlichen zu legen, vor welchem er als dem Freunde ſeines Vaters eine tiefe Ehrfurcht empfaud. Er wollte ſein Herz, von der ſchweren Laſt befreien, die es niederdrückte und nichts vor dem verſchwei⸗ gen, von welchem er Hülfe und treuen Rath erwar⸗ ten konnte. In dieſer Stimmung erfaßte Bernhard die Hand des Geiſtlichen und in Thränen ausbrechend rief er mit zitternder Stimme: ———— —.—— iieee — ——— lichen, einen elenden und verblendeten Menſchen vor ſich, der durch ſeinen eigenen ſtarren Sinn dem Verderben nahe teht. O helfen Sie mir, retten Sie mich vor dem Fluche meiner tiefgekränkten Eltern, welcher über meinem ſchuldvollen Haupte ſchwebt.“ und hard ſank zerknirrſcht vor dem Seel⸗ „welcher durch dieſes Benehmen höch⸗ überraſcht worden war. Er hoy den Flehenden auf, führte ihn zu ſeinem Stuhle und ſagte: „Ich ſehe nun wohl, daß ich eine ſehr kranke Seele vor mir habe, die des himmliſchen Arztes be⸗ darf, daß hier ein Herz ſchlägt, deſſen Ruhe verloren gegangen iſt in dem Geräuſch der Welt. Mein Sohn,“ fuhr er fort,„du haſt einen guten Anfang gemacht; denn die Reue iſt eingetreten, und ich will mich bemühen, dich auf den rechten Weg zurückzu⸗ führen; doch bevor dies geſchehen kann, mußt du mir dein Inneres erſchließen, und mich Alles wiſſen laſ⸗ ſen, was dich angeht, willſt du das nicht, ſo kann meine gute Abſicht ihren Zweck nicht erreichen.“ „Sie ſollen Alles wiſſen, Alles, Alles,“ verſetzte Bernhard;„ich will Ihnen nichts verſchweigen, nichts verhehlen oder zu beſchönigen ſuchen. Nein, nein, „Sit ſeyen in dieſem Augenblick einen unglück 850 mein Inneres ſoll ſich vor Ihner flehe Sie an, ſtoßen Sie mich ni es wol verdient hätte.“ Und Bernhard begann ſeine mit treuen Farben zu ſchildern und v vor dem Geiſtlichen. Nachdem er zu Ende war, ging einige Mal im Zimmer auf und ab. „Mein Gott,“ ſagte er i„de traurige Geſchichte.— Dieſe junge Seele war dem Verderben nahe; Dank dir, O Herr! für die Gnade, vaß du ſie mir zuführteſt. Mein Sohn,“ fuhr er fort,„deine Bewegung ſagt mir, daß du gfrichtig geweſen und mir nichts verſchwiegen haß, gieb mir die Hand darauf. F Hier iſt ſie,“ verſetzte Bernhard.„Got weiß es, daß ich Ihnen alles geſagt habe.“ „Ich werde ſchon morgen an deinen Vater ſchreiben,“ fuhr der Geißliche fort,„und meine Für⸗ ſprache wird nicht ohne gutem Erfolg ſein; für heute, mein Sohn, wollen wir zur Ruhe gehen.“ Am folgenden Morgen ſetzte ſich der Pfarrer in aller Frühe an ſein Pult, um an ſeinen Freund und Amtsbruder nach D.... g zu ſchreiben, welchen ſ keine Nachricht mehr von Bernhard und ſahen mit 331 er von der Ankunft ſeines Sohnes benachrichtigte. Der Brief ging noch an demſelben Tage ab. Es läßt ſich denken, mit welcher Erſchütterung der Pfarrer Wiedebach die Nachricht von der Flucht ſeines Sohnes aus Erfurt mochte vernommen haben. Er ſtand nebſt ſeiner Gattin wie vom Blitz getroffen, und konnte gar nicht zu Faſſung kommen. Seit dieſer Nachricht war alle Freude und alles Glück aus dem ſtillen Pfarrhauſe geflohen, und die Flucht Bernhards hatte das gute Ehepaar noch mehr in Entſetzen gebracht, als jener zu Anfange mitge⸗ theilte räuberiſche Ueberfall. Der Geiſtliche fing an zu kränkeln und härmte ſich unbeſchreiblich, und ſo ſehr ſich die Paſtorin auch bemühte, ihn durch Hoffnungen zu tröſten, er wollte doch nicht darauf hören. 5 „Ich überlebe die Schmach nicht, die mir mein Sohn zugefügt hat,“ ſagte er,„und Gott möge es mir verzeihen, wenn ſich mein Herz von dem Unge⸗ horſamen abwendet, der es nicht werth iſt, meinen Namen zu tragen, welchen er entehrt.“ In dieſer niedergeſchlagenen Stimmung verging dem betrübten Paare die letzte Zeit; ſie vernahmen bangem Herzen der Zukunft entgegen. 332 Da langte zu beider Erſtaunen ein Brief von Wiedebachs Freunde an, in welchem ihm derſelbe die Nachricht mittheilte, daß Bernhard ſich in ſeinem Hauſe befinde, und ſeine Eltern um fle⸗ hendlich bitten laſſe. „Mein lieber Bruder,“ ſchrieb unter anderem der Geiſtliche;„du wirſt, du mußt deinem Sohne verzeihen, welcher ſein begangenes Unrecht einſieht und bitter bereut. Wollteſt du ihn von dir zurück⸗ ſtoßen, ſo ſtände zu erwarten, daß er in ſeiner Nie⸗ dergeſchlagenheit zu einem ganz Verkehrten greifen würde, wodurch die Sache nur noch ſchlimmer wer⸗ den müßte. Nimm daher den Verirrten bei dir auf mitt Liebe, und vergieb ihm; er wird dir dafür durch ein tugendhaftes Betragen den beſten Dank zollen. Ich erwäkte mit umgehender Poſt einen Brief von dir, deſſen Inhalt geeignet iſt, dem armen ge⸗ beugten Jüngling einigen Troſt zu geben.“ Den Pfarrer hatten dieſe Nachrichten tief er⸗ ſchüttert, und er wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen; die Mutter weinte ebenfalls, ſie ſank dem Gatten an die Bruſt und flüſterte: „Verzeihung für ihn, lieber Mann. Ach! ich bitte dich, vergieb ihm die Schuld, und Gnade— Recht ergehen.“ — * 88 „Nun es ſei,“ ſagte der Pfarrer;„ich will es vergeſſen ſein laſſen, und er ſoll mit einer kräftigen, moraliſchen Predigt wegkommen. Das kann nichts helfen, eine Züchtigung muß er erhalten, wenn dies nicht geſchehe, ſo müßte ich mich ſelbſt für einen ſchlechten Vater halten.“ Eine halbe Woche war vergangen, da langte ein leichter Wagen vor dem Pfarrhauſe an, und herausſtieg der Paſtor aus**s, begleitet von Bern⸗ hard, der es nicht wagte, die Augen aufzuſchlagen. Beim Anblick ſeines Vaters war es Bernhard, als ſollte er in die Knie ſinken; er reichte bittend ſeine Hände demſelben entgegen und ſank an ſeine Bruſt, während ſeine Lippen ſtammelten: „Verzeihung! Ach Verzeihung, mein Vater.“ Der Geißiliche ſchwieg ſtill; es ging ihm unbe⸗ ſchreiblich nahe, das verloren geglaubte Schaaf wie⸗ der in ſeinen Armen zu haben. Er wandte den Blick auf das bleiche Geſccht ſeines Sohnes, dann auf ſeinen alten Freund, welchen er nun auch umarmte. „Komm herein, mein Bruder,“ rief er. „Nein,“ verſetzte jener,„ich werde deine Schwelle nicht eher überſchreiten, bevor du mir nicht verſpro⸗ chen haſt, deinem Sohne von ganzem Herzen zu ver⸗ — 334 geben. Ich habe ihn genau kennen gelernt,“ fuhr er fort,„und bin von ſeinem guten Herzen überzeugt; er hat gefehlt, was er tief bereut, und dem neuen Reuevollen ſoll verziehen ſein, ſo will es derjenige haben, deſſen heilige Lehren wir verkündigen; alſo mein Bruder, mein beſter Freund, ſprich das Wort Vergebung aus vollem Herzen aus und ich bin dein Gaſt für heute. Thuſt du das nicht, ſo wende ich noch in dieſer Viertelſtund mein Geſicht beimwärts.“ „Nein, v nein,“ rief die Paſtorin den heimge⸗ kehrten Sohn mit Thränen umarmend,„das Vrfe Sie nicht, nimmermehr.“. „Nun, ſo ſei es denn,“ ſagte der Pfarter Wie⸗ debach.„Ich verſpreche es dir, mein Freund, daß ich meinem Sohne alles das vergebe, was er mir und ſeiner Mutter zufügte. Ich wiederhole es,“ fügte er gegen Bernhard gewendet hinzu,„deine Vergehen ſind dir verziehen.“ „So iſt es vor Gott und Menſchen angenehm,“ rief der gute Prediger vergnügt aus,„und nun will ich von deiner Einladung mit Freuden Gebrauch machen.“ Die kleine Geſellſchaſt begab ſich hierauf in das Pfarrhaus, hinein, wo man ſich vollends aus⸗ ſöhnte. 335 „Hier darf mein Schützling nicht bleiben,“ der Geiſtliche aus***.„Ich werde dafür ſorgen, daß er auf eine andere Lehranſtalt gebracht wird, wo er ſein Studium fortſetzen kann. Jetzt iſt noch nichts verloren,“ fuhr er ſort,„und ich bin über⸗ zeugt, lieber Freund, daß dein Bernhard mit der Zeit noch ein tüchtiger Pfarrer werden wird“ 7 Am folgenden Tage ſchied der gute Prediger aus dem Pfarrhauſe und acht Tage ſpäter langte bereits ein Brief an, worin er ſeinem Collegen an⸗ zeigte, daß er für ſeinen Sohn die Aufnahme in die Lehranſtalt zu R. ausgewirkt habe. Bernhard ging mit Freuden dahin ab und be⸗ wrug ſich höchſt muſterhaft, ſo daß er die Liebe ſeiner Eltern wieder in gleichem Maaße erlangte, wie er ſie früher beſeſſen hatte, er ſtudirte ſpäter Jura und wurde ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter. XXXIV. Der Landſtreicher wird gefangen. Nachdem Lorenz ſeinen Reiſegefährten eingebüßt hatze, wanderte er wie ſchon geſagt wurde, auf der Straße nach Hildburghauſen vorwärts. 336 Erſt am andern Morgen(es war nach dem Berichte der Kriminal⸗Acten ein Sonntag) begab er ſich in die Stadt, um in irgend einer induſtriellen Weiſe, durch betteln oder ſtehlen, ſein Heil zu ver⸗ ſuchen. WMWit ſcheuen Blicken ſchlich ſich der junge Ver⸗ brecher in die Gegend des Schleſſes, wo er ſich hin⸗ ter einer Hecke verbarg, um zu lauſchen, ob es ihn vielleicht gelingen könnte, unbeachtet hineinzuſchleichen, 8 war die neunte Stunde herangekommen. Die Kirchenglocken ertönten und das Perſonal im Schloſſe ſchicke ſich an, dem Luſeß beizu⸗ wohnen. Es wurde immer ruhiger umher und Lorenz glaubte, daß jetzt der Augenblick gekommen ſei, ein kühnes Unternehmen zu wagen. Er verließ demnach ſeinen Schlupfwinkel, 3 ſich näher und immer näber; verſchwand endlich durch eine Seitenthür in dem Innern des weitläufigen Gebäudes, ohne von Jemand bemerkt worden zu ſein. Lorenz zog ſeine Schuhe aus und ſchlich über die langen Corridors hinweg, worauf er in die Kanz⸗ kei des Schloſſes gelangte, deren Thür offen ſtand. Mit gierigen Augen lugte Lorenz an den hohen Bücherſchränken empor, bemüht irgend einen Ort 337 ausfindig zu machen, wo Geld enthalten ſein konnte. Endlich glaubte er einen ſolchen geſunden zu haben. Es war ein hoher Schrank von dunkler Farbe, der Schlüſſel ſteckte im Schloſſe und ohne ſich noch einen Augenblick zu beſinnen, trat er näher, öffnete die Thür und fing an die zahlreichen Schubfächer her⸗ auszuziehen und umzuwühlen, ohne jedoch das Ge⸗ wünſchte zu finden. In dieſer Beſchäſtigung wurde der junge Spitz⸗ bube jedoch eben ſo unangenehm als unſanft unter⸗ brochen und zwar durch den Eintritt eines Beamten, welcher ſogleich auf Lorenz zukam und ihn beim S nick erfaßte. „Verdammter Schurke, was machſt du da? rief der Herr, indem er den unberufenen Viſitator höchſt unſanft ſchüttelte,„warte ich will dichs lehren, wie man mit dergleichen Leuten umgeht.“ Lorenz wollte entſchlüpfen, allein der Beamte hielt ihn feſt. „So leicht kommſt du nicht fort, Bube,“ ſagte er,“ und deine Mühe iſt vergebens.“ Bei dieſen Worten erfaßte er einen, in der Nähe befindlichen Klingelzug, welchen Lorenz noch gar nicht bemerkt hatte. Der Schall der Glocke durchhallte Der ſchwarze Jäger. Lieferung 14. 22 338 den nahen Corridor, worauf haſtig zwei Gerichts⸗ diener erſchienen. „Nehmt dieſen Menſchen in Gewahrſam,“ ſagte der Beamte zu den Angekommenen;„ſtecket ihn ins Inquiſiſoriat. Wir wollen ihn morgen vernehmen, weil ich ſogleich abreiſen muß.“ Lorenz ſah ſich jetzt gefangen und wurde trotz. ſeines Sträubens, Bittens und Flehens nicht freige⸗ laſſen. Man brachte ihn in eine kleine, ſtark vergit⸗ terte Zelle, welche hinter ihm feſt verſchloſſen wurde. Dieſer Raum hatte für den jungen Verbrecher freilich nichts angenehmes, und was hätte er nicht alles drum geben mögen, um wieder frei zu ſein. Der Gedanke an ſeine Unthat der letzten Nacht fing an, ihn hart zu ängſligen; wie leicht konnte es ſich herausſtellen, daß er der Brandſtifter geweſen ſei, und wenn dies geſchah, dann war er verloren. Er beſchloß jedoch alles zu leugnen. Er wollte keine Silbe eingeſtehen, dieſen Vorſatz faßte er durch⸗ aus, derſelbe ſollte ihn in ſeiner Ausführung von 8 lebenslänglicher Kerkerhaft retten. Unter ſolchen Entſchlüſſen verging der Tag und die Nacht. Am folgenden Morgen wurde die Thür ſeines Gefängniſſes aufgeſchloſſen und der Stockmeiſter, ein ee — — mürriſcher Mann, befahl ihm, aufzuſtehen und mit⸗ zugehen. Lorenz folgte ſtumm dieſer Auforderung und verließ! das Gemach. Der Ge angene wurde nach demſelben Zimmer gebracht, wo er am Tage zuvor ertappt worden war. Hier waren mehrere Herren von ernſtem Anſehen verſammelt, die ſeiner zu warten ſchienen. Einer von denſelben, welcher der Präſident war, legte Lorenz mehrere Fragen vor, ſeinen Namen und Stand betreffend. Lorenz antwortete jedoch auf alles das nicht, mit einem Worte, ſodaß man hatte glauben mögen, der Arreſtant ſei völlig taubſtumm. „Du willſt uns, wie es ſcheint, nicht auf unſere Frage Auskunft geben,“ ſagte der Richter,„das macht dich um ſo verdächtiger. Indeſſen werden wir ſchon Mittel finden, dich zum Sprechen zu bewegen.“ „Ich frage dich daher noch ein Mal in Güte oder ſoll dir der Stockmeiſter mit der Knute die Zunge löſen. Ganz wie du willſt,“ fügte er hinzu, „du wirſt dieſer Bekanntſchaft nicht zu leiſten vermögen.“ Lorenz grinſte und eſchte die on opue ₰ was zu „Nun wie wird es, willſt du mir antworten oder nicht?“ Der Gefragte blieb ſtumm. „Heda, Stockmeiſter!“ rief der Richter zornig, „wir wollen nicht länger die Zeit unnöthig ver⸗ ſchwenden. Man binde den Buben an die Prügel⸗ bank und gebe ihm zwanzig Hiebe.“ Dieſer Befehl wurde ſofort in Ausführung ge⸗ bracht. Lorenz ſah ſich von kräftigen Fäuſten ergrif⸗ fen und mit einem Riemen feſtgeſchnürt. Die Knute ſchwebte über ſeinem entblößten Rücken und fiel ge⸗ wichtig auf denſelben herab, ſo daß er bei den erſten Hieben bereits jämmerlich zu ſchreien anfing. „Ich will reden, ich will Alles geſtehen!“ rief er;„laſſen Sie mich los, geben Sie mir keine Schläge mehr. O weh, o weh!“— Man ſchnürte den Schreienden los und begann von Neuem das Verhör mit ihm. Hierauf nannte er ſeinen Namen und Geburtsort. „So biſt du derſelbe, welchen die Gensd'armen ſchon längſt ſuchten. Nun es iſt ſehr gut, daß wir dich haben, du wirſt im Stande ſein, uns über Vie⸗ les Aufſchluß zu geben.“ Lorenz konnte gegen dieſe Bemerkung nichts n und ſchwieg ſtill. Jetzt begann das Verhör einen ſtrengen Fortgang zu nehmen, und je länger es dauerte, deſto mehr ge⸗ rieth der Gefangene in Verlegenheit. Man drohte ihm mit harter Strafe, wenn er etwas verſchweigen wolle und ſicherte im Gegentheil eine gelinde Strafe zu. „Berichte uns alles genau,“ ſagte der Präſident, „und antworte der Wahrheit getreu auf unſere Fra⸗ gen. Das Leugnen hilft dir gar nichts; deine Mut⸗ ter, welche bereits im Gefängniſſe ſitzt, hat ſchon vieles eingeſtanden.“ Lorenz erbleichte. Seine Mutter im Gefängniſſe, dieſe Mittheilung war für ihn eine niederſchlagende Kunde. „Auf dein Bekenntniß wird es ankommen, ob ſie frei werden oder gefangen bleiben wird, überlege was du thuſt.“ orenz ſchien bald mit ſeinen Entſchlüſſen fertig zu 6 „Ich will Alles bekennen,“ ſagte er,„und nichts verſchweigen. Der verwünſchte Jean Beg iſt an unſerm Unglück ſchuld.“ „Wer iſt dieſer Jean Beg?“ frug der Richter. „Hm, wer kennt dieſen Jean Beg nicht,“ ſa Lorenz;„er iſt der größte Räuber, der größte Dieb — — im ganzen Thüringer Lande, und nennt ſich gewöhn⸗ lich den ſchwarzen Jäger.“ Jetzt hatte man den Burſchen, wo man ihn haben wollte. Und Lorenz erzählte auch jetzt Alles, was ſich ſeit dem Tode ſeines Pflegevaters in der Woh⸗ nung ſeiner Mutter zugetrazen hatte, wobei er be⸗ ſtimmt äußerte, daß Jean Beg ſeinen Pflegevater im Walde erſchoſſen habe. Nach dieſem geſtand er auch den Einbruch in das Pfarrhaus zu D... g, und nannte die Theil⸗ nehmer an jenem Verbrechen, wobei er des Fleiſcher Lewins nicht zu erinnern vergaß. Das Gericht nahm von dem Genannten ſogleich Notiz, und auf eine ſchleunige Verordnung wurde der Genannte in ſeinem Hauſe verhaftet und nach Ohrdruff gefangen abgeführt. Ein gleiches Schick⸗ ſal hatte der Schneider Wolf, welchen man bald darauf ebenfalls in ſeiner Wohnung aufhob. Beide wurden zu zehn Jahr Zuchthaus verurtheilt. Lorenz hatte ein langes Bekenntniß der verübten Verbrechen abgelegt, deren ſich Jean Beg und ſeine Anhänger ſchuldig machten. Man wollte ihn hierauf nach ſeinem Kerker zurückführen, bevor dies geſchah, wurden ſeine Kleider einer genauen Unterſuchung unterworfen. —— — ſeines offenen Bekenntniſſes bald wieder ei Bei dieſer Gelegenheit fanden die Gerichtsdiener das falſche heſſiſche Regierungs⸗Siegel, und auf die Frage, woher er das habe, bemerkte Lorenz, daß er es dem bibreſchen Schreiber kurz vor ſeiner Flucht aus dem Forſthauſe genommen. „Unter dieſem Siegel reiſen die Spitzbuben durch das ganze Land,“ ſagte Lorenz;„ſie haben Alle ihre Päſſe damit unterſiegelt, und kein Menſch zweifelt an der Echtheit derſelben.“ Dieſe Entdeckung war für das Gericht von gro⸗ ßer Wichtigkeit, und es erhielten ſofort in der Stille alle Gensd'armen und Sicherheitsbehörden die Wei⸗ ſung, Reiſende mit heſſiſchen Päſſen ohne weiteres feſtzuhalten, bis die Echtheit ihrer vai erwieſen ſein würde. Unter dieſem Befehl, welcher jedoch znn lich nöthig war, geſchah es, daß mancher Unſchuldige durch den Schuldigen leiden mußte; allein die Ver⸗ hältniſſe machten dergleichen Maßregeln zur Beding⸗ ung, um dem bisherigen Unweſen ein Mal gründlich auf die Spur zu kommen.“ Lorenz glaubte, er würde ſein Freiheit in Folge allein er täuſchte ſich hierin gar ſehr. 34⁴ Es verging ein Tag nach dem andern, und jeder Tag brachte neue Verhöre; doch das Schlimmſte unter allen ſollte noch kommen. Die Nachricht, daß man einen jungen Genoſſen von Jean Begs Bande eingefangen habe, gelangte auch nach dem Dorfe, wo Lorenz Feuer angelegt hatte, und es dauerte nicht lange, ſo erſchienen meh⸗ rere Bewohner deſſelben, unter andern der Schulze nebſt ſeinem Nachbar Wenzel, um ſich den Gefange⸗ nen zu beſehen, in welchem ſie ſogleich den verdäch⸗ tigen Finken erkannten, wie ſich Wenzel auedrückte. Es waren zwar ihrer zwei beiſainmen, aber der An⸗ dere hatte ein ſo ehrliches Geſicht, daß ich nicht glaube, er habe an jenem Verbrechen Theil genommen, der⸗ ſelbe hat es auch ſpäter unſerm Herrn Paſtor geſagt, daß dieſer Bube den Krug angezündet hat. etzt gab ſich Lorenz verloren; er überzeugte ſich, daß ſein ehemaliger Reiſegefährte Bernhard alles geſtanden habe, und daß ihm das Leugnen nichts nützen könne. Er geſtand demnach ſein verübtes Verbrechen ein, wobei er erklärte, däß Bernhard ſich durchaus nicht daran betheiligt habe. In Felge dieſes Bekenntniſſes blieb Bernhard von weiterer Unterſuchung befreit. Lorenz hingegen wurde zu 15jähriger Kerkerhaft verurtheilt, nachdem er nur zur Noth dem Beile des Henkers durch die Anſtrengungen ſeines Vertheidigers entgangen war, welcher ſich auf die Jugend ſeines Clienten ſtützend, ein ſo entſetzliches Schickſal von ihm abwandte. Das Bekenntniß des Gefangenen hatte das Schickſal ſeiner Mutter bedeutend verſchlimmert; ſie wurde nächſt den Diebshehlereien, die ſie ſich zu Schul⸗ den kommen ließ, zugleich der Mitwiſſenſchaft a an der Ermordung ihres Gatten Egidius gezichen, was ſie jedoch nicht einräumen wollte. Man drohte ihr mit der Folter, welches ſchauervolle Werkzeug vnas noch in Anwendung gebracht wurde, und nach dem man dieſe Drohung an ihr in crſiltuns bracht, ge ſtand ſie ihr Verbrechen ein. X Das Gericht verurtheilte ſie zum Tode, jedoch dieſer Spruch konnte nicht an ihr in n gebracht werden, weil ſich Leonore an ein B h bänder aufhing, welches ſie Zelle für die nefteßuenn Sh⸗ die Barmherzigkeit des ewigen Richters zu erflehen. XXRV. Die Jaide⸗Schenße. Der Dezember war herangekommen. ißer Salomo, der Haidewirth, ſaß, einge⸗ icheinen alten, weiten Fuchspelz, in der Ka⸗ ick ſeines verräucherten Schenkzimmers und enit unbeweglichen Augen in die öde, feſige⸗ hinaus, über welche ein — Sern war asgen 60 Jahr alt und dbei noch 8 immer liſtig, verſchlagen und im ſen P hab⸗ ſüchtig. Er ver 3 dieſe S ein an zu 6 ſuchen mußte. Nur Geduld, die Gäſte kommen ſobald der letzte . Strahl der Sonne hinter den neblichen, winterlichen Wolken erliſcht, und das kann nicht mehr lange dau⸗ ern, ſchon hebt die Uhr auf vier aus und in einer Viertelſtunde iſt es finſter. Da öffnete ſich die Thür und herein tritt ein junges, ſchlankgewachſenes Mädchen von großem Wuchſe, ihr Haar iſt rabenſchwarz und die Augen ſind von lebhaftem Feuer erfüllt, ſie leuchten wie ein paar Sterne am Himmelsbogen. Dies iſt Georgine, die Braut des Räub raß die ihren Geliebten, den ſogenannten Pföf en, be der Befreiung Jean Begs unterſtützte, indefm ſie die Rolle einer Forſträthin von Funkenburg⸗Fin übernommen hatte, die ſie ſo geſchickt ſßielte. „Georgine komm her,“ fagte der alte Sal indem er die, magere Rechte nach ſeiner Tochter ſtreckte;„ich will dich um etwas fragen.“ Gegrgine trat er — ſterwald 5. e S. e— 6 will meine Schenke vertau und du haben hier genug verdient, um irgend' einem andern Orte anſtändig leben zu können, es behagt mir hier nicht mehr.“ 318 Die Tochter des alten, grauköpfigen Schurken ſchien über dieſe Erklärung befangen. „Ich begreife nicht,“ ſagte ſie befremdet,„wa⸗ rum es Euch nun nicht mehr länger hier gefallen will, da Ihr doch ſchon mehr als 30 Jahr hier zu⸗ gebracht habt.— Wo wollen wir denn yinziehen?“ „Das iſt mein geringſter Kummer,“ erwiderte Salomo,„wenn wir nur erſt fort ſind, das Uebrige wird ſich ſchon machen. Ha, ha, wo Geld iſt, da iſt Alles 8 möglich. Nun, und daran fehlt es uns ja nicht— ir haben ein hübſches Sümmchen erworben.“ „Abſer warum wollt Ihr denn fortziehen?“ frug Georginel ungeduldig;„verzehrt doch lieber Euer Geld hier.“ „Weil ich einen Vogel habe pfeifen hören, deſſen die mir gar nicht gefiel. Weißt du, liebes Kind, aube, mit unſern. guten Freunden gehts bald ſie alle Tage dücher und man en Teufel konnten ſich ihrer Gefangen⸗ Ime nicht entziehen.“ „Weißt du ihre Nar troffen. nen?“ frug Georßine be⸗ 3¹9 „O ja, damit kann ich dir aufwarten; ſie beißen Hans Nußbaum und der lange Lips und gehör⸗ ten zu Jean Begs Bande.“ „Ich weiß es,“ ſagte Georgine,„doch erzählt weiter, Papachen, was giebt es ſonſt noch für Neu⸗ igkeiten.“ „Ich kann dir noch beſtimmt verſichern, daß wir heute Abend Gäſte erhalten werdenz du wirſt dich hübſch herausputzen, damit du deinem ſchmucken Galan gefällſt, der nicht mehr lange auf ſich warten laſ⸗ ſen wird.“ Georgine ſchien die letzten Bemerkungen ihres Vaters nicht vernommen zu haben; ſie war zum Fenſter getreten und ſah dem muntern Spiele der fallenden Schneeflocken, welche immer reichlicher 9ot dem dämmernden Himmel herabfielen. Plötzlich ſchien das Mädchen aufmerkſamer zu werden, ſie wandte ſich raſch den trüben Scheiben näher, ſah dann einen Augenblick kn und rief hierauf verwundert: 5 „Vater, es kommt ein Reiſewagen auf unſer Haus zu. Die Pferde laufen ſo viel ſie nur vermö⸗ gen. Die Equipage kommt mit Windese Der alte Salom erhob ſich ett vun ſet le näher% 350 in ſeinen abgetragenen Fuchspelz eingehullt, hunpelie er auf das Fenſter zu. „Meiner Sir, Mädel, du haſt Recht,“ ſagte er bald darauf.„Es iſt ein Reiſewagen und dazu ein recht ſtattlicher. Hm, ob ſie bei uns anhallen wer⸗ den. Es iſt doch ſchon ſpät, und bis in die Stadt haben ſie noch über zwei gute Meilen zu fahren.“ Während er dies ſagte, bemerkte Georgine, wie der Wagen langſamer zu fahren begann, und nach einiger Zeit, etwa 400 Schritt von der Schenke entfernt, ſtill hielt. „Da iſt gewiß etwas paſſirt,“ brummte der Haidewirth, indem er eine große Hornbrille aus dem Fuchspelze zog und auf die Naſe ſetzte.„Vielleicht iſt bei dem wilden Jagen eine Achſe gebrochen oder ein Pferd erlahmt. Hi, hi, mir wäre Beides recht,“ fügte er hinzu,„wenigſtens hätten wir Ausſict auf gute Einquartung.“ Georgine warf ihrem Vater einen düſtern Blick zu. „Ich wünſchte das Srs thee⸗ ſagte ſie,„denn wer bei Euch einkehrt—“ „Bſt, Mädel, was redeſt du da,“ ſagte der Alte;„haſt ja noch niemals ſo geſprochen. Hum — 351 was ſchadet es, wenn die Reichen von den Armen . ein wenig geſchröpft werden.“ „Ich möchte es nun ein Mal heute gerade nicht,“ verſetzte Georgine.“ „Und warum denn das?“ frug Salomo. „Nun weil Ihr es wünſcht.“ Salomo machte eine finſtere Miene. „Georgine,“ ſagte er,„du biſt heute ein wider⸗ ſpenſtiges Nickel, und findeſt Gefallen daran, mir zu widerſprechen, und du weißt es, daß ich dieſe Ma⸗ nier durchaus nicht dulden kann. Doch da ſteigt ſveben ein Herr aus dem Wagen.— Es folgt ihm eine Dame nach.— Sie kommen aufs Haus zu.“ Salomo ging vom Fenſter hinweg, und kaum daß er ſich ein wenig in Poſilur geſtellt hatte, ſo traten die Reiſenden herein, welchen bald darauf ein Diener mit Gepäck nachfolgte. Der Herr und die Dame wandten ſich hierauf gegen den alten Haidewirth und deſſen Tochter. Sie theilten denſelben mit, daß eine Axe ihres Wagens gebrochen ſei und ſie hier warten wollten, bis ein Bote, welchen ſie ſchleunigſt nach der Stadt ſchicken wollten, einen andern Wagen herbeibringen würde. „Hm, da wirds den Herrſchaften ziemlich ſpät werden,“ ſagte Salomo,„bis in die Stadt ſinds dann erſt Ihren Entſchluß aus.“ 352 gegen fünf Stunden. Fünf und fünf macht zehn, und da iſt die Nacht vergangen; bleiben Ew. Gna⸗ 8 den lieber ruhig bis zum nächſten Morgen und führen „Ach, ich kann hier nicht bleiben, lieber Mann,“ ſagte die Dame, welche ganz verſchleiert war,„es wäre etwas fürchterliches, für mich, hier übernachten zu müſſen.“ Der Begleiter der Dame ſchlug indeß ſeinen hohen Pelzkragen herab und wir finden zugleich Ge⸗ 5 legenheit dem Leſer zwei bekannte Perſonen ins Ge⸗. dächtniß zurückzurufen, die wir hier wiederfinden. Es waren dies der Herr v. Rautenſtein und deſſen Gemahlin, deren Beraubung wir oben mitge⸗ theilt haben. 4 Das CEhepaar hatte ſich von ſeinem Schrecken, welcher ihm durch die Gaſtrolle des verwegenen Pföffchens in dem eigenen Schloſſe bereitet wurde, erholt, ſie hatten den Sommer vollends daſelbſt ver⸗ lebt und ſtanden jetzt im Begriff, ſich in die Stadt zu begeben, um dort den Winter zuzubringen. Die Gemahlin Rautenſteins hatte ſeit jenem nächtlichen Auftritte einen großen Theil ihres frü⸗ rn Muthes verloren und fühlte ſich nicht mehr ſo wohl, wie früher auf dem Lande, ſie war durch die Reiſe ziemlich angegriffen worden und der unvorher⸗ geſebene Unfall übte einen nachtheiligen Einfluß auf ihr Gemüth. „Es iſt nur gut,“ ſagte ſie zu ihrem Gatten, daß unſere Kinder ſchon voraus ſind, wie würden ſich Mar und Franz ängſtigen. Ich muß geſtehen, lieber Mann,“ fügte ſie leiſe flüſternd hinzu,„hier ge⸗ fällt es mir nicht. Die ganze Wirthſchaft gleicht ei⸗ ner Gaunerſchenke.“ „Befürchte nichts, mein Kind,“ ſagte Herr von Rautenſtein, indem er ſich ſeiner Gattin gegenüber⸗ ſetzte, welche ſich unterdeſſen auf einen alten, hölzer⸗ nen Stuhle niedergelaſſen hatte.„Du biſt nicht an dergleichen Verhältniſſe gewöhnt. Die Leute leben hier gewiß ganz glücklich, während wir uns ſträuben, auch nur eine einzige Nacht unter ihrem Dache zu⸗ zubringen.“ „Der Alte mit ſeiner Spitzbubenphyſiognomie iſt mir höchſt zuwider,“ fuhr die Freifrau fort,„wollte Gott, daß ich mich in ihm täuſche.“ Unterdeſſen hatte der Diener die Reiſeeffecten abgelegt und ſich wieder nach dem verlaſſenen Wa⸗ gen begeben, welcher hierauf langſam unter Dach und Fach gebracht wurde. Es fing bereits an, finſter zu werden, als ſich der Kutſcher auf Befehl ſeines Herrn zu Pferde ſetzte, um den nächtlichen Ritt zu unternehmen. „Du wirſt es gar nicht nöthig haben, bis nach der Stadt zu reiten, vielleicht gelingt es dir, im näch⸗ ſten Dorfe ein Fuhrwerk aufzutreiben.“ Unterdeſſen war Salomo hinausgegangen und hielt mit ſeinem Stalltnecht Ruppert eine kurze Un⸗ terredung. Der Genannte entfernte ſich hierauf und Lieferung 1 Der ſchwarze Jäger. —.—— —.—————— i.41— 5—— —— —— —— der in tehrte nach dem Schenkzimmer urück. Eine Viertelſtunde ſpäter trabte der Kutſcher des Freiherrn, aus dem Hofe der Herberge hinweg, nach⸗ dem ihm ſeine Herrſchaft noch zu widerholten Ma⸗ len dringende Eile anempfohlen hatte. „Herr Wirth,“ ſagte der Freiherr zu Salomo, „können wir nicht ein eigenes Zimmer erhalten, wo meine Gemahlin ein wenig ausruhen kann, macht es möglich und wir wollen Eure Mühe gut bezablen.“ Salomo ſchien einen Augenblick zu überlegen. „Ich habe ein kleines Gemach in dem Dach⸗ raume meines Hauſes,“ ſagte er hierauf, es iſt das einzige, welches ich Ihnen anbieten kann und wenn es Ihrem Gefallen entſpricht, ſo ſteht es zur ſofor⸗ tigen Verfügung. Georgine,“ fuhr er gegen ſeine Toch⸗ ter gewendet fort;„geh zünde ein Licht an und führe die Herrſchaften hinauf, und wenn das Zimmer ge⸗ fällt, ſo mache Feuer in dem Kamine.“ Die Beſichtigung war bald geſchehen und die Freifrau erklärte, das Gemach benutzen zu wollen, der Diener trug daher die Sachen hinauf und die drei Perſonen blieben beieinander. „Georg,“ ſagte der Freiherr zu ſeinem Bedien⸗ ten.„Du wirſt auf deiner Hut ſein und auf Alles Achtung geben, was du wahrnimmſt. Wir glauben uns hier nicht ſo ganz ſicher, darum ſei auf deiner Hut, genicße weder Speiſe noch Trank in dieſer Speluncke. Wir haben Vorräthe bei uns und du wirſt keinen Mangel haben. Hier haſt du zwei Pi⸗ ſtolen,“ fuhr der Freiherr fort, ſie ſind geladen und wenn dir etwas Verdächtiges vorkommt, ſo biſt du berechtigt, Gebrauch davon zu machen.“ Georg machte große Augen. nem Fremden, welcher ſoeben eingekehrt war. Der junge Mann war unbemerft eingetreten und blieb im. Halbdunkel bei der Thür ſtehen, wo er das Geſpräch der Beiden belauſchte und ſich wieder entfernte. Er als er bei ſeinem Herrn eintrat, war er ganz leichen⸗ d blaß geworden. „Nun Georg, was giebts?“ fragte der Freiherr nebſt ſeiner Gemahlin, wie aus einem Munde,„was iſt dir, wie ſiehſt du aus?“— hört.“ BGeorg ſuchte ſich zu faſſen, und als er ſich 355 —— —. „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„wenn es da hi⸗ naus will, wo Ew. Gnaden glauben, dann werden wir wohl den Kürzern ziehen, was wollen zwei„ Mann gegen ein ganzes Rudel von Schurken, wenn 1 ſie es darauf abſeben, uns zu überfallen.“ „Ach mein Gott,“ verſetzte die Freifrau,„mir wird entſetzlich Angſt;„ich zittre wie ein Eſpenlaub.“ 4½ „Faſſe dich, mein Kind, es ſind nur Vermu⸗ 3 thungen,“ ſagte der Gemahl,„noch haben wir keine%½ Ueberzeuzung davon.“ Georg ging binab nach der Schenkſtube, um 8 noch einige Angelegenheiten mit Salomo zu beſpre⸗ chen, welcher beim Kamin ſaß, im Geſpräch mit ei⸗ 7 mußte etwas ſehr Wichtiges vernommen haben, denn „Ach, gnädiger Herr, wir ſind verloren,“ ſtam⸗ melte Georg,„ich habe gräuliche Dinge mit ange⸗ „Nun, und was denn, ſo ſprich doch!“ rief die Freifrau. „ etwas erholt hatte, theilte er den Fragenden mit, daß unten ein Kerl angekommen ſei, mit welchem der Haidewirth von einem zu unternehmenden Ueberfall der Reiſenden geſprochen habe. 356 ——— . Ihr werdet bald mit ihnen ſertig ſein, hatte Salomo geſagt. Herr und Diener ſind ſchnell auf⸗ geräumt, von der Dame nicht erſt zu reden. 3 Es iſt gut, punkt zwölf Uhr ſind wir da, und ſollſt deinen Antheil haben, hatte der Fremde erwidert. „Das iſt entſetzlich, das iſt gräßlich,“ ſtöhnte die Freifrau, wobei ſie ſich einer Ohnmacht nahe fühlte.„O Gott, rette uns aus dieſer Noth!“ Der Freiherr von Rautenſtein ging im ſtummen Nachdenken auf und ab, er ſann über ſeine Rettung nach, ohne jedoch einen Plan auszudenken, von wel⸗ chem er glücklichen Erfolg hoffte. „Ich hab's!“ rief Georg,„und das wird geben, ganz gewiß es geht, gnädiger Herr.“ „Nun mein lieber Georg, was willſt du thun?“ frug der Freiherr. „Laſſen Sie mich handeln,“ verſetzte der gute Burſche,„ich wette mein Leben, daß mein Plan ge⸗ lingen wird.“ XXXV. 68 Ein Anterpfand zur Sicherheit. Georg eilte hinweg und begab ſich abermals 4 das Schenkzimmer, wo der alte Salomo noch mi⸗ ſeinem Gaſte im Geſpräch begriffen war. Er machte bei ſeinem Eintreten abſichtlich viel Geräuſch, in Folge deſſen die Unterredung der Beiden ſofort ab⸗ gebrochen wurde. „Iſt Ihnen etwas gefällig, mein Freund?“ ſagte Salomo in näſelndem Tone. * 357 „Ach ja,“ verſetzte Georg,„meine ghieurin iſt erfrankt, und wünſcht eine weibliche Pflege. Wollt Ihr nicht Jemand herauf ſchicken, der ihr beim Aus⸗ kleiden behülflich iſt.“ „Ich habe Niemand, als meine Tochter,“ ſagte Salomo,„und die bedarf ich nothwendig unten.“ „Nun ſie mag ſogleich wieder gehen,“ verſetzte Georg,„das heißt, ſobald ſie die gnädige Freifrau zu Bett gebracht haben wird.“ Georgine erhielt jetzt von ibrem Vater Befehl, dem Diener nach dem Zimmer der Reiſenden zu folgen, was auch ſogleich geſchah. Oben bei der Thür angekommen, ließ Georg das Mädchen zuerſt eintreten, worauf er ihr folgte und die Thür hinter ſich verſchloß. Georgine wurde verlegen. „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte ſie ſi „Das ſoll ſo viel bedeuten, daß Sie, ſchöne Jungfrau, vor Tagesanbruch nicht wieder hier heraus kommen. Wir wollen offen gegen einander ſein,“ fuhr er fort,„alſo hören Sie. Ihr Vater,“ begann er nach einer kurzen Pauſe,„iſt, meiner Ueberzeugung nach, der ſchlechteſte Kerl auf Gottes Erde; er hat vorhin mit ſeinem bei ihm ſitzenden Genoſſen einen Plan zu unſerer Beraubung, ja zu unſerer Ermordung entworfen; dieſen Plan will ich ſcheitern machen, dadurch, daß ich Sie, ſchönes Kind, als Geißel für unſere Sicherheit hier zurückhalte. Ich ſchwöre es Ihnen zu, daß wenn Jemand es wagen ſollte ſich dieſer Thür zu nähern, ſo ſind Sie verloren, dieſe Piſtolen ſind geladen und werden ihr Ziel nach Ih⸗ rem Herzen nicht verfehlen; ſetzen Sie ſich dort in jene Ecke, Sie werden 2igi lbe nicht eher uſen —— —— 358 bis nicht Gottes Sonne zu den Fenſtern Ihrer nichts⸗ würdigen Mordhöhle herein leuchtet.“ Georgine ſtand wie aus den Wolken gefallen. „Bravo, bravo, mein lieber Georg!“ rief der Freiherr.„Gott ſei's gedankt, ich glaube, du haſt ein ſicheres Mittel zu unſerer Rettung getroffen.“ „Ich glaube es auch,“ verſetzte Georg,„der Erfolg muß günſtig ſein, ſofern der alte, graue Sünder nicht ein Rabenvater iſt.“ Georgine mußte jetzt gezwungen Platz nehmen. Georg machte ſeine Waffen fertig und poſtirte ſich neben die Thür. So war eine volle Stunde vergangen. Da ließ ſich das Krächzen des alten Haidewirths hören. „Georgine komm herunter,“ keuchte er auf der Treppe. Aber Georgine kam nicht und Salomo ſah ſich genöthigt, in das Zimmer zu treten, welches Georg ſchnell geöffnet hatte. Bei ſeinem Eintritt ſtaunte er nicht wenig, ſeine Tochter läſſig auf dem Stuhle ſitzen zu ſehen. „Haſt du meine Stimme nicht gehört,“ keuchte er. „O ja, Vater,“ verſetzte Georgine. „Und warum kommſt du denn nicht herab?“ „Weil ich nicht darf,“ verſetzte die Gefragte. „Wie? nicht dürfen!“ rief der Alte. Georg machte jetzt Salomo mit dem herrſchenden Verhältniß bekannt. „Wenn Ihr es wagt, uns Eure Genoſſenſchaft auf den Hals zu ſchicken, ſo iſt Eure Tochter ein Kind des Todes, das ſchwör ich Euch, ſo wahr ich ein ehrlicher Menſch bin.“ 2 3 Salomo erſchrak nicht wenig. 359 „Jetzt geht,“ fuhr Georg fort,„handelt wie Ihr 3 Luſt habt, wir ſind vorbereitet.“ Damit faßte er den Haidewirth und ſchob ihn zur Thür hinaus, welche er wieder vertieh Salomo gelangte ganz verblüfft unten an, wo ſich bereits mehrere Gäſte eingefunden attei unter welchen ſich auch der Anbeter Georginens, Graf 4 Pföffchen, befand; er theilte ihnen den Vorfall mit* und die Bande borchte mit offenen Mäulern zu. 4 — „Ich beſchwöre Euch, unternehmt nichts gegen die Reiſenden; mein Kind würde verloren ſein, ach! und das wäre mein Tod. Geht heim,“ fuhr er fort, f„und laßt die Fremden ruhig ihre Straße ziehen, geht ihnen keinen Schritt nabe; denn ſie haben ge⸗ — ſchworen, daß meine Tochter bei dem geringſten Ge⸗ 3 räuſch, welches in der Nacht entſteht, dem Tode . verfallen iſt.“ Pföffchen wollte außer ſich werden und beſchloß, das Zimmer der Fremden zu ſtürmen, allein der alte Salomo ſetzte ſich entſchieden dagegen. „Die Gäſte werden ihr Wort halten,“ ſagte er, .„ja die Verzweiflung würde ſie dazu antreiben, drum unterlaßt es, einen ſo wahnſinnigen Entſchluß in Ausführung zu bringen.“ „Es iſt zum Verwünſchen,“ ſagte Jan Beg, welcher ſich ebenfalls anweſend befand. Kut⸗ . ſcher iſt bereits mitſeinem Pferde aufgefangen worden.“ 3 „Laßt ihn ſchleunigſt los,“ bat Salomo dringend⸗ 8 „laßt ihn los; ich will Euch ſo viel für dieſe Ge⸗ währung bezahlen, als die heute erwartete Bete 5 betragen mag, die ſomit fehlgeht. Unter ſolchen Umſtänden war nichts zu nnhen, und nach einiger Zeit entfernten ſich die Galgen— wö e 360 Daß Pföfſchen zähneknirrſchend davon ging, braucht kuum bemerkt zu werden. 3 So verging eine Stunde nach der andern. Endlich gegen vier Uhr früh langte der Kutſcher des Freiherrn mit einem Wagen an; er erzählte, wie man ihn in einem Wäldchen angefallen, längere Zeit gefangen gehalten und dann wieder freigelaſſen habe. Die Urſache dieſes Benehmens war leicht zu erklären. Man beſchloß den hellen Tag zu erwarten, und als derſelbe angebrochen war, wurden Anſtalten zur Abreiſe getroffen, und um deſto ſicherer zu ſein, wurde Georgine veranlaßt, die Reiſe mitzumachen. Salomo wollte über dieſe neue Zumuthung au⸗ her ſich werden, allein es ſollte noch ſchlimmer kommen. Während der Wagen gepackt wurde, langten zwei Gensd'armen vor der Schenke an; ihr Erſchei⸗ nen war für die Freifrau eine unbeſchreibliche Erleich⸗ ierung. Man verſtändigte ſich bald mit einander und es kam ſo weit, daß der Haidewirth auf der Stelle verhaftet und nebſt ſeiner Tochter nach der Stadt geführt wurde. Der Wagen folgte langſam nach, und der Frei⸗ herr ſowie deſſen Gemahlin überſchütteten ihren bra⸗ ven Diener Georg mit herzlich gemeinten Bezeugungen ihres Dankes. Salomo wurde nebſt ſeiner Tochter ins Gefäng⸗ niß gebracht, und noch an demſelben Tage ging eine Abtheilung Militär nach der Haideſchenke hinaus, begleitet von einer Gerichts⸗Comiſſion, welche die Taberne des Gefangenen einer genauen Durchſuchung unterwarfen, wobei ſchwere Beweiſe von dem ver⸗ vrecheriſchen Treiben Salomo's aufgefunden wurdenz in einem alten Stalle fand man zwei Menſchenge⸗ 361 händlern angehörten, welche man während der Nacht ermordet hatte. Salomo hatte demnach gegen ſein Erwarten ſeine Wohnung ſehr ſchnell, und zwar fütimmer, verlaſſen, um den Lohn für ſeine Verbrechen zu em⸗ pfangen, der auch nicht lange mehr ausblieb; er wurde hingerichtet, und ſeine ſchöne Tochter erhielt den Staubbeſen und wurde Zeit Lebens ins Zucht⸗ haus geſperrt. Georg erhielt für ſeinen Dienſt eine anſehnliche Belohnung und wurde von ſeiner Herrſchaft für ſein ganzes fernes Leben gut bedacht; er beiratbete ſpäter und erhielt eine glänzende Mitgift und war glücklich. In Folge der Zerſtörung der Haideſchenke, welche auf Befehl der Regierung dem Boden gleich gemacht wurde, hatte die berüchtigte Heſſenbande einen argen Stoß erlitten. Man fing mehrere Mitglieder derſel⸗ ben und ſie löſte ſich endlich auf, nachdem, bei einem nächtlichen Raubanfalle, Räuter und Georg Sturm gefangen und auf Lebenszeit nach Dresden auf den Bau gebracht wurden. Jean Beg irrte mit Pföffchen noch lunge Zeit in den Fürſtenthümern herum, ſie waren nirgends mehr ſicher und der Muth fing an, den noblen Räu⸗ 3 bergrafen zu verlaſſen.. 3 Zu den beiden Verbrechern geſellte ſich noc Marbachſche Schreiber, Malocher genannt, d hatte von Neuem ſeine Kunſt im Päſſeverfertig verſucht, allein dies Mal gereichte dieſer Betrug und ſeinen Genoſſen zum Verderben. Das Kleeblatt wurde in einem Dorfe bei Arn⸗ rippe, und es ergab ſich, daß ſie zwei Schlachtvieh⸗ ſtadt, drei Meilen von Gotha, aufgepoben. 362 Bei dieſer Gelegenheit ſuchte ſich Pföfſchen mit einem Dolche zu vertbeidigen; allein er wurde nebſt ſeinen Collegen überwältigt und in Feſſeln geſchlagen, die er nicht wieder ablegen ſollte. Jeg Beg und der Marbachſche Schreiber wur⸗ den ein halbes Jahr ſpäter hingerichtet, und auf dem Wege zum Tode benahmen ſie ſich höchſt froh; ſie 4 ſuchten bis zum letzten Augenblicke ihrem Schickſal zu trotzen. Nach ſeinem Tode wurde das Land nicht länger beunruhigt, und die Bewohner deſſelben waren ſeoh, dieſe unheimlichen Rotten endlich los geworder zu ſein. XXXVII. Die Heimkehr. . Ein Zeitraum von drei Jahren war ſeit den zu⸗ letzt erzählten Ereigniſſen vergangen. Blondine lebte mit ihrem Söhnchen noch immer der Behauſung des Richters Urban. Der kleine riedrich war gegen vier Jahr alt geworden und die 7 junge, verlaſſene Mutter des Knaben fand durch den kleinen Liebling manche Erheiterung in ihrer Einſam⸗ keit. Sie liebte den kleinen Lockenkopf, wie ihr eige⸗ nes Leben, und bei ſeinem Anblick gedachte ſie oft mit Wehmuth an den entfernten Vater zurück. Johannes hatte Blondine aufrichtig geliebt; er atte ihr damals die Ehe verſprochen, und würde ſie ohne Zweifel geheirathet haben, wenn ihn nicht das durch Lorenzens Verrätherei herbeigeführte Schickſal von dem armen Mädchen getrennt hätte. 363 Sie hatte indeſſen von Jabr zu Jahr auf ſeine äctehr gehofft, und hatte bisher felſenfeſt auf ſeine 3 Treue gebaut, trotzdem, daß ſie ſo manche hohniſche Bemerkung von ihrer Umgebung darüber hören mußte. „Laß dich doch nicht auslachen,“ ſagte dieſer und jener,„und denke nicht daran, den Johannes noch ein Mal wiederzuſehen; wer weiß, ob er noch lebt, oder ob er gar noch an dich denkt. Er wird ſchon längſt ein anderes Lebchen gefunden und die Erinnerung an dich aufgegeben haben.“ Blondine ſchwieg gewöhnlich bei ſolchen Reden ſtill; ſie dachte ſich, was ſie wollte, und ließ alles geduldig über ſich ergehen. Der Richter Urban, ein böchſt braver, recht⸗ ſchaffener Mann, nahm das Mädchen oft gegen die Angriffe der Gegner in Schutz und vertheidigte ſie gegen diejenigen, welche ihr zum Nachtheil ſprachen. „Laßt mir das Mädel in Ruhe,“ ſagte er,„ſie iſt beſſer, als ibr es verſteht; ſie arbeitet fleißig und nährt ſich ebrlich, und daß ihr die unglückliche Liebe nicht aus dem Gedanken will, iſt ein Beweis, daß g ſie ein gefühlvolles Herz beſitzt.“ Es war an einem ſchönen Sonntage, zu End des Monats Mai. Blondine hatte mit dem tleinen 3 Friedrich die Wohnung verlaſſen und war mit ihm binausgegangen, um auf der Anhöhe vor dem Dorfe Blumen zu pflücken. Der Knabe hüpfte fröhlich ben der Mutter dahin und freute ſich in ſeinem kin liche Gemüth, bald über dieſen, bald über jenen Gegenſtand; er hüpfte jauchzend den Schmetterlingen nach und war ſo glücklich und vergnügt, während Blondine gedankenvoll weiterging. Der Knabe kehrte zuweilen zurück und zupfte die Mutter am Kleide und bat wiederholt, ſie moge ihm die ſchönen Blumen holen, welche über einem Abhange in voller Blüthe ſtanden. ₰. Blondine erfüllte den Wunſch des Kleinen; ſie pflückte die Blumen und ſetzte ſich nieder, um einen Kranz aus denſelben zu flechten. „Dieſen Kranz wirſt du für den guten Vater Urban mit nach Hauſe nehmen,“ ſagte ſie;„er hat morgen ſeinen Namenstag, und da wirſt du ihm ein bübſches Verschen ſagen. Er bringt dir ſo oft ein Stückchen Kuchen oder eine Zuckerdüte aus der Stadt mit, und da mußt du hübſch dankbar ſein.“. „Ja, Mama, das will ich auch,“ verſetzte der Knabe.„Vetter Urban(ſo nannte der Kleine den Richter gewöhnlich) iſt mir ſehr gut, er hat mich ſchon oft auf das ſchwarze Pferd gehoben und reiten laſſen; ach! wie feſt er mich da hält, daß ich ja nicht herunter fallen ſoll. Ich liebe den Vetter Urban aber auch gar ſehr und möchte immer bei ihm ſein.“ Eine Stunde war vergangen, und Blondine hatte einen wunderſchönen Kranz geflochten; ſie ſtieg noch ein Mal den Abbang hinauf, um noch etwas Moos zu einer Einfaſſung zu ſammeln. Während ſie damit beſchäftigt war, blieb der Knabe am Fuße der Anhöhe und pflückte Blumen, wobei er froh und heiter vor ſich hin plauderte. Während dies geſchab, waren zwei Männer Sen vom Dorfe hergekommen und hatten ſich dem Knaben genähert, dieſer richtete ſich von unge⸗ fähr empor und erkannte den Richter von Freuden⸗ thal z er lief ihm ſogleich entgegen und rief ein Mal über das andere: „Vetter Urban kommt, Mama, ſieh dich um, Vetter Urban kommt.“ „Unſer Friedrich,“ verſetzte Blondine. „Ja wol,“ fügte Urban hinzu,„der kteine Mann iſt Ihnen, Herr Johannes, wie aus den Auzen ge⸗ ſchnitten,— Doch kommt, wir wollen nach Hauſe zurückkehren und unſerm lieben Gaſte etwas vorſetzen.“ Auf dem Rückwege gab es nun gar viel zu er⸗ zählen. Ach, was hatte Blondine nicht alles mitzu⸗ theilen. Das Schickſal ihres alten Pflegevaters, ihrer eigenen Mutter u. ſ. w. „Und was iſt aus Lorenz geworden, der mich den Werbern ſo ſchnöde verrieth?“ frug Johannes, als Blondine zu Ende war. „Er ſitzt ſeit mehreren Jahren, wegen Brand⸗ ſtiftung und andern mit Jean Beg begangenen Ver⸗ brechen, im Gefängniſſe, um eine 15jährige Kerkerhaft abzubüßen.“ „Alſo ſo weit hat er es gebracht,“ ſagte Johan⸗ nes;„es iſt wahr, das Böſe beſtraft ſich ſelbſt und ſein Schickſal rächt ſich an ihm ſelbſt, wir haben nichts mehr von ihm zu fürchten.“ „Wenn er aber einſt zurückkommt, dann 3„O befürchte nichts, die Zukunft wird darüber entſcheiden, und wir wollen uns die glückliche Gegen⸗ wart nicht durch dergleichen Gedanken verbittern.“ Hierauf erzählte Johannes, was ihm ſeit ſeiner Entfernung aus Europa begegnet war: Er hatte ſich in den amerikaniſchen Kriegen tapfer ausgezeichnet, hatte Gelegenheit gefunden, in einem Geſecht ſeinen Major zu retten, und dadürch war ſein Glück begründet worden.— Der Mazor, ein ſehr reicher Engländer, hatte ihn für die Rettung ſeines Lebens glänzend belohnt, und ihn mit Reichthum und einem ausgezeichneten Atteſt, in Betreff ſeiner Dienſtzeit, verſehen. Er — S„ 368 ( batte ſeinen Abſchied erhalten und war nach Deutſch⸗ land geeilt, die Sehnſucht nach der armen Blondine hatte ihm weder Tag noch Nacht Ruhe gelaſſen. Jetzt, da er ſie gefunden, jetzt hatte er keinen Wunſch mehr übrig; jetzt wollte er die arme Dulde⸗ rin glücklich machen, und ſie war es werth. In der Wohnung angelangt, ſtaunte Blondine bei dem Anblick eines glänzenden Reiſewagens, wel⸗ cher dem Johannes gehörte. „Es kommt mir Alles wie ein Traum vor,“ ſagte ſie,„faſt muß ich an der Wirklichkeit alles deſſen zweifein, was ſich in ſo kurzer Zeit ereignet hat.“ „Zweifle nicht, liebe, gute Blondine,“ ſagte Johannes.„Ich habe dir die reine Wahrheit geſagt⸗ Wir ſind. jetzt glückliche Leute und beſitzen ein Ver⸗ mögen von 5000 Pfund Sterlingen*), damit läßt ſich in Deutſchland ſo gut etwas anfangen, wie ſonſt wo; du biſt fleißig und ſparſam; haſt die Wirthſchaft kennen gelernt, und ich werde daher für mein Geld ein bübſches Gut kaufen, und dann wollen wir recht glücklich leben.“ ſ Blondine ſtand wie angewurzelt vor Ueberra⸗ ſchung. „Ach mein Gott,“ ſagte ſie,„ſo viel Geld haſt du, wirſt du denn bei deinem Vermögen die arme Blondine noch lieben können?“ „Blondine, ſprich mir nicht in einem ſolchen Tone,“ ſagte Jobannes, wobei er die Sprechende umarmte.„Glaubſt du, Geld, Vermögen konnte mich von dir trennen, dann mußt du kein gutes Zutrauen gegen meine Treue hegen. Bin ich nicht ſo unaus⸗ ſprechlich glücklich, daß ich dich wieder habe,— daß unſer Kind noch lebt. O Blondine! ich muß es laut *) Gegen 30,000 Thaler. 3 369 und danfbar gegen Gott erkennen, daß er mir heute eine große Gnade widerfahren ließ; der Weg, wel⸗ chen er mir zeigte, war rauh und beſchwerlich, aber er brachte mich zu Ehren. Es konnte möglich ſein, wenn ich hier blieb daß auch aus mir eine ſchlimme Pflanze geworden wäre. Gelegenheit hätte ich dazu gefunden, denn es trieb ſich allenthalben ſchlechtes und verdächtiges Geſindel herum, und da ich von Anfang an auch ein armer Teufel war, ſo konnte es geſchehen, daß ich unter Jean Begs Kommando ge⸗ laufen wäre.— Gott ſei Dank dafür, daß ich ab⸗ weſend war, während der ſchwarze Jäger ſein un⸗ heimliches Drama ſpielte.“ „Da haben Sie ganz Recht,“ ſagte der Richter Urban.„Böſe Beiſpiele üben gar viel Unheil aus, das ſehen wir an dem jungen Lorenz, dieſer einge⸗ fleiſchte Teufel hats auch durch Verführung ſo weit gebracht; jetzt ſitt er im Gefängniſſe, wo er die ſchönſte Zeit ſeines Lebens zubringen muß. Sie glau⸗ ben gar nicht, wie unruhig es immer hier in Freu⸗ denthal geweſen iſt,“ fuhr Urban fort;„alle Ta kam Gensd'armerie ins Dorf, um zu forſchen, ob's böſe Vögel gäbe. Kam die Nacht, ſo mußte man ſich fürchten, daß einem das Gehöfte über dem Kopfe angezündet werde; ja, es ſoll auch ein Mal von der Rotte des Jean Beg beſchloſſen geweſen ſein, ganz Freudenthal in einen Aſchenhaufen zu verwandeln, wenns der Schneider Wolf nicht noch verhütet hätte. So gings tagtäglich, lieber Johannes. Man war ſeines Lebens niemals froh, und wenn ſie heute den verwünſchten Beg einfingen, ſo war er morgen wie⸗ der über alle Berge. Mit einem Worte, es war eine Zeit der Angſt und Furcht und Gott ſei Dank dafür, daß jene Friedensſtörer nun endlich zur Ruhe ge⸗ kommen ſind. 1½ Der ſchwarze Jäger Lieferung 12 24 XXXVIII. Die Ankunft des Johannes in Freudenthal er⸗ regte ein ungemeines Aufſehen. Alles ſteckte die Naſe über das Gatter, um den reichen Geliebten Blondinens zu ſehen, die jetzt im Stillen über alle ihre Feinde triumphirte. 3 Es herrſchten verſchiedene Meinungen im Dorfe. Während die Einen den Johannes noch reicher erſcheinen kließen, als er wirklich war, ſuchten die Andern ſeine Wohlhabenheit in Zweifel zu ſtellen. Kurz und gut, es war ſeit Jahren nicht mehr ſo viel geklatſcht und abgehandelt worden, als an dem einzigen Sonntage, an welchem Johannes im Dorfe angelangt war. „Laß die Leute reden, was ſie wollen,“ ſagte der letztere.„Das, was wir beſitzen, haben wir mit Recht, alſo hat ſich Niemand etwas darum zu bekümmern. Das Beſte wird es ſein, wir verlaſſen Freudenthal recht bald und wählen einen andern ert zu unſerm Aufenthalt. Binnen einem Monat eiern wir unſere Hochzeit und dieſen Zeitraum wollen wir zur Einrichtung unſerer Zukunft benützen.“ „Vor allen Dingen, will ich nun meine alte Mutter beſuchen, welche, wie ich hoffe, noch am Le⸗ ben ſein wird, es war mir bisher nicht möglich, etwas von ihr zu erfahren, aber nun läßt mir die Unge⸗ duld, ſie zu ſehen, keine Ruhe mehr. Ich muß eilen, um ihr auf die alten Tage noch Gutes thun zu können, da ich es nicht früher im Stande gewe⸗ ſen bin.“ Blondines Auge lächelte verklärt. „Du biſt doch recht gut, lieber Johannes,“ ſagte ſie,„und deine Vorſätze geben von deinem edlen Herzen einen vollkommenen Beweis. Ich „ 3 wünſchte, ich hätte auch eine ſo gute Mutter gehabt, leider war mir dies Glück nicht beſchieden. Die meinige hat mich ſtets gehaßt und iſt jetzt ihrem Geſchick verfallen.“ „Beruhige dich,“ ſagte Johannes.„Der El⸗ tern Schuld wird von den Kindern nicht gefordert. Setze dich darüber hinweg und gedenke nicht an die Vergangenheit zu rück.“ „Du begleiteſt mich zu meiner Mutter,“ fuhr er fort.„Sie iſt eine alte brave Frau und wird dich, und unſern kleinen Friedrich, welchen wir natürlich auch mitnehmen, wie mich ſelbſt lieben. Wir wollen heute noch nach R., einem kleinen heſſiſchen Dorfe, wo meine Mutter wohnt, abfahren.“ Blondine war es zufrieden, ſie kleidete ſich auf das Beſte an und während ſie ſich zur Abreiſe vor⸗ bereitete, unterhielt ſich Johannes mit dem Richter ſer⸗ in deſſen Hofe die Equipage des erſteren Die Gattin Urbans hatte unterdeſſen eine gu Mahlzeit angerichtet und Urban ſelbſt hatte ein Paar Flaſchen alten Wein aus ſeinem Keller geholt. 8 „Der iſt noch von meiner Hochzeit übrig ge⸗ blieben,“ ſagte der gutmüthige Mann,„und ich glaube, daß ſich keine beſſere Gelegenheit jemals finden wird, als heute, um ihn anzuſtechen. Wir wollen das treue Liebespaar leben laſſen. Na, das iſt wahr, der Johannes und die Blondine haben feſt an einander gehalten und ſich durch keinen Sturm erſchüttern laſſen. Ich wollte wetten, wenn ich nach Amerika gegangen wäre, meine Alte hätte keinen Monat gewartet und ſich ſofort einen andern angeſchafft.“ 3 den 372 „Schäm dich doch, Alter,“ ſagte die Frau Ur⸗ ban.„Wirſt doch im Beiſein des Johannes nicht ſo dummes Zeug plaudern, was muß er denn von uns denken.“ „Der denkt gar nichts von uns und iſt blos im Gedanken bei Blondinen. Doch da kommt ſie,“ fügte er hinzu.„Alle Wetter, wie hübſch hat ſie ſich heute angekleidet und wie ſchön ſie iſt, das muß man ſagen, Blondine iſt doch ein ſchmuckes Mädel, ſie eignet ſich in jedes Coſtüm und kann ſo gut eine Dame ſpielen, als in der Küche das Kommando mit dem Kochlöffel führen, ſie iſt ein Weſen, wie es Johannes eben braucht.“ Blondine trat ein und nach einiger Zeit ſetzte man ſich zu Tiſche, alle waren fröhlich und vergnügt. Nach einer Stunde fuhr der Wagen vor. Jo⸗ hannes und Blondine ſtiegen ein. Frau Urban hob kleinen Friedrich nach, noch einige warme Worte Abſchieds und des Dankes, dann gings fort. Ganz Freudenthal war in dieſem Moment auf den Beinen. So was hatte man hier noch nicht erlebt und den Bewohnern blieben vor lauter Ver⸗ wunderung die Mäuler offen ſtehen. Blondine nickte einigen ihren Bekannten freund⸗ lich zu, während der Wagen raſch durch die Gaſſe des Dorfes flog. Bald war man im Freien an⸗ gelangt. Nach einigen Stunden gelangten ſie in die Nähe des Beierhofes. Blondine zitterte beim Anblick dieſes Gehöftes, welche Erinnerungen mußten ſie nicht ergreifen, bei dem Gedanken an die Vergangenheit, die ſie hier erlebt, an die furchtbaren Momente, wo ſie einſt mit ihrem Kinde halb todt vor dem verſchloſſenen Thore meine Gattin, dann kaufen wir uns ein Grund 373 lag und um Gotteswillen bat, man möge ſich ihrer wegen des armen Wurmes annehmen und ihr ein Obdach gewähren. Hier war ſie Zeuge der Verbrechen während jener eben geſchilderten ſchauervollen Nacht geweſen. Hier hatte ſie ihren Bruder Lorenz unter Jean Begs Bande erkannt und hier war ſie verhaftet und als eine Verbrecherin nach dem Gefängniſſe abgeführt worden. Alle dieſe ſchrecklichen Ereigniſſe zogen in die⸗ ſem Augenblick an ihrer Seele vorüber und mit be⸗ benden Lippen ſchilderte ſie dem theuern Freunde, was ſie ſo heftig bewegte. „Das waren harte Prüfungen,“ fügte ſie hinzu, „und Gott ſei gelobet, der mir Kraft verlieh, ſie zu tragen, oft bin ich unter ihrer Laſt zuſammengeſun⸗ ken, allein das Gebet gab mir immer Kraft und Muth zur Ausdauer in meinen verhängnißvollen Verhältniſſen.“ Man war glücklich in dem kleinen Deorfe ange⸗ langt, wo Johannes Mutter noch immer wohnte. Die alte Frau konnte beim Anblick ihres Sohnes kaum zu Worten kommen, ſie lag ſchluchzend an ſei⸗ nem Halſe und hielt ihn feſt umſchlungen. Nachdem die erſte Freude vorüber war, ſtellte Johannes der Mutter ſeine Braut und ſein Kind vor.„Zürne mir nicht, Mutter,“ ſagte er,„wegen des begangenen Fehlers, ich will denſelben jetzt gut machen und die gute Blondine zur Gattin wählen. Ich habe ihr unendlich viel Weh und Schmerz be⸗ deitet und an mir iſt es, jetzt die Thränen der Dul⸗ derin zu trocknen, ſie wird binnen einem Monat 374 und du mein gutes Mütterchen ziehſt mit uns, Blon⸗ dine wird dich mit kindlicher Liebe pflegen und dir den Reſt deiner Jahre verſüßen.“ Die alte Frau weinte Freudenthränen. „Gott ſegne Euch, meine Kinder,“ ſtammelte ſie gerührt,„er wolle ſeine Gnade über Euch walten, und gluͤcklich mit einander leben laſſen.“ Dann hob ſie den kleinen Enkel auf ihren Arm, der kleine Burſche war ſo munter, das Fahren in dem ſchönen Wagen, die hübſchen Pferde, alles das hatte ihm ſo gut gefallen. Er war dem Manne mit den großen Schnurrbarte ſo gut geworden und nannte ihn bereits ein Mal über das andere ſeinen lieben Papa, was jenem unbeſchreibliche Freude machte. Er herzte und füßte ihn dann ſo derb, daß der kleine Mann zuweilen unwillig wurde und ihn beim Schnurrbarte zupfte, was dem andern nur noch mehr Ergötzung gewährte. Johannes erfuhr durch ſeine Mutter, daß ein ſehr ſchönes Freigut in der Nähe zu verkaufen ſei, er beſchloß daſſelde zu beſeben und fuhr am nächſten Tage nach W.. Das Gutgeſiel ihm und er kaufte daſſelbe nach drei Wochen für den Preis von 20,000 Thaler, worauf ihm noch immer ein anſehn⸗ Kapital zur vollſtändigen Einrichtung übrig lieb. 3 Acht Tage ſpäter war Hochzeit und da gings dann im Herrenhauſe zu W. 2. gar luſtig zu, die Dorfbewohner hatten von dem neuen Grundherrn einen freien Abend erhalten, das heißt, er hatte ſie zu einem frugalen Mahle eingeladen, wobei es an nichts fehlte. Kuchen und Bier, aber keinen Brand⸗ wein, denn Johannes wollte nüchterne Gäſte haben und das war ein vernünftiger Gedanke, es ging ſo —— 6 ℳ 375 heiter, ſo friedlich zu und es machte Vergnügen, die⸗ ſes Feſt mit anzuſehen. Oben an ſaß das Braut⸗ paar und mancher Toaſt wurde auf ihr Wohl ge⸗ bracht. Unter den Hochzeitsgäſten befand ſich auch Herr Urban, der Richter aus Freudenthal und an ſeiner Seite ſaß ſeine gute Ehehälfte, ſie waren eingeladen worden und Johannes freute ſich ungemein, über ihr Erſcheinen. Nächſt dieſen finden wir auch den Beyerhöfner nebſt Frau auf dem Feſte, dieſelben wa⸗ ren zugleich mit Urban gekommen und freuten ſich mit aufrichtigem Herzen an dem Glücke, das jetzt der guten Blondine nach ſo ſchweren Prüfungen lächelte. Die Hochzeit dauerte zwei volle Tage und nach dieſer Zeit kehrte jedes nach ſeiner Heimath zurück. Blondine nahm mit gerührtem Herzen von den Urban'ſchen Eheleuten Abſchied und verſprach itne ſie nächſtes Jahr ein Mal in Freudenthal zu beſuchen In gleicher Weiſe war die Trennung von dem. Beyerhöfner. Jetzt begann eine glückliche Zukunft bei dieſen beiden jungen Menſchen und gegen 8 Jahr hatten ſie froh gelebt. Blondine hatte ihren Gatten noch mit zwet muntern Buben und einer Tochter be⸗ ſchenkt, und wenn dann ver Vater die Blicke auf die Seinen richtete, dann geſchah es mit einem ſtillen Dankgebet zum Himniel, von woher all dieſer Se⸗ gen durch Gottes Huld gekommen war Eines Tags gegen Abend langte ein junger Menſch in dürftiger Kleidung vor dem ſchönen Her⸗ renhauſe an, die alte Großmutter befand ſich mit den Kindern auf einem freien Platze, während Blon⸗ dine unter einer Bedachung mit weiblichen Arbeiten 376 beſchäftigt war, ſie warf einen Blick auf den Frem⸗ den, welcher um Almoſen bat, kaum aber hatte ſie ihn genauer betrachtet, ſo erſchrak ſie heftig, ihr Ge⸗ ſicht wurde bleich. „Lorenz,“ ſagte ſie,„biſt du es wirklich?“ Der Genannte ſenkte den Blick zur Erde. „Ja, ich bin es!“ ſagte er. „Biſt du frei geworden? nicht möglich deine Zeit iſt noch nicht um.“ „Der Reſt iſt mir geſchenkt worden,“ verſetzte er.„Doch du wohnſt hier,“ fügte er fragend hinzu, „wie ſchön das Alles hier iſt?“ „Johannes iſt vor acht Jahren zurückgekommen,“ ſagte Blondine;„er brachte ein großes Vermögen mit, und wir haben dafür dieſes Gut gekauft.“ „Johannes iſt wieder da?“ rief er,„o, dann muß ich eilen; er würde es mir noch gedenken, wenn er mich ſehen ſollte! Schweſter,“ fuhr Lorenz fort, „gieb mir einen Zehrpfennig, dann will ich weiter gehen.“ „Nein, du ſollſt bleiben,“ verſetzte Blondine. „Ich gebe dir mein Wort, Johannes wird dich mit keiner Sylbe an die Vergangenheit erinnern. Du warſt das Werkzeug zu ſeinem Glücke. Komm herein,“ fuhr ſie fort,„ich will dir etwas zu eſſen geben, unterdeſſen wird Johannes heimkommen.“ Beide traten in das Haus. Lorenz ſtaunte über die brillante Einrichtung des Zimmers, wohin ihn Blondine führte, er ſagte jedoch nichts und verzehrte mit Heißhunger eine Schüſſel mit Braten, welchen ihm die gute Schweſter vorgeſetzt hatte. Da trat Johannes herein. — * Lorenz wurde blutroth im Geſicht, er legte das Meſſer hin und ſtand vom Tiſche auf. Das Wiedererkennen bedurfte nur eine Zeit von wenig Augenblicken. „So biſt du denn wieder frei geworden,“ ſagte Johannes,„nachdem dir faſt die Hälfte der Strafe geſchenkt worden iſt. Lorenz, ich frage dich jetzt im vollen Ernſte, willſt du nun endlich ein anderer, ein beſſerer Menſch werden, oder,“ fuhr er fort,„willſt du dein Lebelang ein Schurfe bleiben. Du biſt jetzt gegen 22 Jahre alt, biſt in den beſten Jahren und wenn Du willſt, ſo kannſt du die Verbrechen deiner Jugend durch eine beſſere Aufführung wieder gut machen, wenn du das willſt, ſo ſollſt du noch ein guter Menſch ein brauchbares Mitglied der Ge⸗ ſellſchaft werden. Iſt es jedoch dein Entſchluß auch künftighin dich ſelbſt und den Namen deiner Schwe⸗ ſter durch ſchlechte Handlungen zu ſchänden, dann wende dich hinweg und handle nach Gefallen, ver⸗ giß aber nicht, daß du einſt einem fürchterlichen Schickſale zum Opfer fallen wirſt, wenn du die Ge⸗ legenheit von dir ſtößt, Gott und Menſchen mit dir zu verſöhnen.“ Lorenz ſtand ſtumm vor dem Sprechenden, aus ſeinen Augen trat eine Thräne. „Johannes,“ ſagte er,„deine Worte haben mich tief getroffen. Du haſt wahr geſprochen und ich könnte es an jenem Tage nicht verantworten, wenn ich deiner Ermahnung kein Gehör geben wollte.“ „Ich gelobe es vor Gott und Euch,“ fuhr er fort,„daß ich mich beſſern will, ich will arbeiten und Gutes thun, der Umgang mit guten Menſchen wird auch in mir beſſere Gefühle erwecken, ſo wie 378 ich durch ſchlechte Beiſpiele ſchlecht geworden bin, ſo werde ich mich bemühen durch gute, vernünftiger zu werden. Johannes, guter Johannes,“ fügte er hinzu,„kannſt du vielleicht mir verzeihen, was ich dir früher zugefügt.“ „Ja, ich verzeihe dir vom Grunde des Her⸗ zens,“ verſetzte der brave Mann,„und verlange weiter michts von dir, als daß du das hältſt, wäs du mir ſoeben angelobet haſt.“ Blondine ſank dem Gatten an die Bruſt. „Lieber Johannes,“ ſagte ſie mit Thränen in den Augen.„Dieſe Handlung, deine Herzensgüte macht dich mir unausſprechlich theuer. O könnte ich dir genugſam dafür danken.“ Dann ergriff ſie die Hand des freigewordenen Sträflings uud ſagte: „Bruder, wenn du es veriöchteſt, dieſen edlen Freund zu taͤuſchen, dann begingeſt du einen Verrath gegen ihn, der dein ganzes Leben brandmarten würde. Nein, nein,“ fuhr ſie fort,„daß kannſt du nicht, daß iſt dir unmöglich, eine ſolche Sünde wirſt du nicht begehen.“ „Niemals, niemals!“ rief Lorenz betheuernd aus,„und wenn es geſchieht, ſo möge der allmäch⸗ tige Gott meiner vergeſſen in der Sterbeſtunde.“ Lorenz hielt Wort. Er wurde ein anderer Menſch, der Einfluß des Guten zeigte ſich bei ihm mehr und mehr, und Blondine ſchickte im Stillen manches heiße Gebet zu Gott, daß ſeine Beſſerung eine dauernde ſein möge. Johannes behielt Lorenz bei ſich, er ließ ihn die Oekonomie lernen, und der junge Mann zeigte viel Luſt und Geſchick dazu; er wurde ein tüchtiger Wirth⸗ ſchaftsverwalter, und wer ihn nach etwa 6 Jahren 379 wiederſah, würde es nimmermehr geglaubt haben, daß dieſer ruhige, ſolide Menſch in ſeiner früheſten Jugend ein ſolcher Auswurf geweſen war. urch dieſe erfreulichen Umſtände war Johannes und Blondinens Glück noch vollſtändiger geworden, und ſie fühlten jetzt einen Frieden in ihrer Seele, wie ihn nur gute, brave Menſchen zu empfinden vermö⸗ gen, die ſich bemühen, das Wohl anderer zu begrün⸗ den, und mit liebender Hand und verzeihendem Her⸗ zen den Gefallenen aufheben, um ihn auf den verlaſſenen Pfad der Tugend zurückzuführen.“ 8 ³ 3 Bemerkung für den Buchpinder. Die 12 Abbildungen zu vorliegendem were ſb an fol⸗ et Stellen einzukleben: 1 2 3 4. 5. 6 7 8 9 10. 1 12. Halt dein Maul, Dirne. Du ſollſt nicht ſehen ꝛc.. Wer biſt du? Hund, was haſt du Aufgepaßt! Spannt die Hähne!. Kennſt du dieſe Schriftzüge? Bernhards Abſchied. N. Ha! Beweiſe mir dies. Herr Gott! ſtöhnte des⸗ S Nimm deinen Lohn. Da kommt wieder ſo ein Stic. Du haſt keine Courage. Seite 33. 52. 107. 124. 163. 189. 212. 233. 268. 302. 309. 320. Der Titel am erſten Bogen iſt zu eaſſiren, dagegen der mit Bezeichnung„Erſter Band“ einzuſchalten. Der Titel zum zweiten Bande kommt vor den 11ten ünnuſſſſiſi 8 9 10 11 12 1 ſſiſ 16 1 18 0