——— 36 2 A e, Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher öſiſcher Literatur Ednard Olimunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und geſebedingungeſ. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 MWonat: 1 Wer.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 wer.— Pf. Auswärtige onnenten baben für Hin— und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Seei verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 Vie Räuber in den Ruinen der 8 BGleichenburg. Eine Erzählung aus den Lhringer Wane Nach uheuſth Quellen e — Phi Tr. Neu meiſter. Mlt colorirten Zildern Erſter Band. Neuſ u Druck und Verlag von C. 1557 — F 7 S2 * Der Landſtreicher. p unſer Michel trug einen Roa, wov p ein Fetzen dem andern 2 6 Etwa vier Stunden ſuͤdweſtlich von . zwiſchen Gotha und Arnſtadt die . Burgen Gleichen, welche man gewöhnlich Namen, die S benannt i Bei eringer Entfernung von dem eigentlichen ndersleben; etwas weiter davon liegt das ſoge⸗ Freudenthal, und von hier gelangt man in eine waldige Gegend, gewöhnlich der Fällgrund ge⸗ nannt; der ſich in früheren Zeiten beſonders dadurch auszeichnete, daß ſich zahlreiche Gauner- und Die⸗ besbanden darin aufhielten, und einen ſichern Schlupf⸗ winkel darin fanden. Tief im Gebüſch, und etwa eine Viertelſtunde von der bezeichneten Gegend, ſtand zu damaliger Zeit ein altes Forſthaus. Der Beſitzer deſſelben führte den Namen Thomas und ſtand in der Umge⸗ gend nicht im beſten Rufe; man nannte ihn gewöhn⸗ lich den ſchwarzen Thom und ſeine düſtere Behau⸗ ſung führte den allgemeinen Namen:„das Forſthaus,“ worin er ſeit langen Jahren als Waldhüter des Landgrafen wohnte. uuſere Geſchichte beginnt im Herbſt des Jahres 174— und zwar in dem kleinen Dörfchen D. g. Das Grün der Wieſen und Bäume zeigte nicht mehr ſeine lebhafte Farbe, und der kühle Wind fing an mit den herabfallenden Blättern zu ſpielen; der Ge⸗ verſtummte, und erſcholl nicht länger ſo ſhuc, u d die muntern Sänger ſammelten ſich Schloſſe Gleichen, befinvet ſich der anſehnliche Flecken Spaziergang zu erholen. Um ſich dieſer geih brennende Pfeife im Munde, in den Ga in großen Schaaren, um für dieſes Bn und Feld zu verlaſſen. Am Ende des Dorfes hatte ſch ein Schwarm jener befiederten AusWalderer in den Zweigen der vielen alten ehrwürdigen Eichen ver⸗ ſammelt, welche die auf einem kleinen Hügel ſtehende Kirche, mit ihren ſtarken Aeſten, wie mit ſchützenden Armen umſchlungen hielten, während auf dem grünen 3 Schindeldache des hölzernen Thurmes eine Anzahl tückiſcher Krähen ſaßen, die mit neidiſchen Augen d fröhlichen Abſchied der ſcheidenden Sänger anzuh e ſchienen. Zuweilen erhob ſich einer von zärſtigen Vögeln und ſchoß, wie voll Ingrimm, um das Dach des Gebäudes, verfolgt von den andern Vögeln, die dem Rabengelichter den Platz ſtreitig zu machen ſuchten, und endlich daſſelbe zwangen, ſich zu erheben und das Weite zu ſuchen. Die herbſtliche Sonne leuchtete Jeie ſ6 warm und freundlich aus dem blauen Himmel herab, daß es eine Luſt war, ſich in freier Luft durch einen, . —— Erholung zu erfteuen, erſchien kurz darauf d liche des Dörfleins vor der Thür ſeiner Wohnung; er trat im Schlafrock und 5 Pfe en phin gewirkt und ſein kränkelnder Zu⸗ ſtand, woran er in früherer Zeit viel gelitten, hatte ſich gegenwärtig vollkommen gehoben; ſeine Gattin, das Bild einer geſchäftigen Martha, hatte dieſen wohlthätigen Wechſel mit dankbarem Herzen gegen die Vorſehung wahrgenommen. Sie liebte ihren Mann herzlich, und ein ſchöneres Band der Eintracht konnte nirgends ein glücklicheres Paar umſchließen, als dieſe beiden Ehegatten. Der Himmel hatte ihre Liebe mit einem einzigen Sohne geſegnet, derſelbe konnte etwa 16 Jahr alt ſein, und war vor einem Jahre nach Erfurt gegangen, um ſich in einer der daſelbſt beſtehenden Lehranſſalten zu weiterem Studium vorzubereiten, und ſeine bisber gute Aufführung berechtigte die Eltern zu den ſchön⸗ ſten Hoffnungen. Der Paſtor unterhielt bisher einen regelmäßigen iefwechſel mit ſeinem Sohne, der auch von dem teren Stlich beantwortet zt es Fs war, ohne daß derſelbe eine Antwort darauf gen ließ. „Ich begreife nicht, was unſern Bernhatt abhält, uns Nachricht von ſeinem Befinden zu geben,“ ſagte die Mutter in beſorgtem Tone, während ſie an dem Arme des Pfarrers langſam durch den Garten wan⸗ delte;„ich muß dir geſtehen, lieber Mann, ſein Still⸗ ſchweigen macht mir von Tag zu Tag mehr Unruhe, beſonders da du ihn doch ausdrücklich aufſorderteſt, ſofort an uns zu ſchreiben, auch glaube ich, daß er verſchiedene Bedürfniſſe an Kleidern, Wäſche und andern Sachen haben wird, da doch der Herbſt her⸗ angekommen iſt.“ „Ich forderte ihn allerdings auf, uns bald zu antworten,“ ſagte der Pfarrer,„und ich hoffe gewiß, daß er nun bald etwas wird von ſich hören laſſenz daß ihm ein Unfall zugeſtoßen ſein ſollte, kann ich mir nicht denken und ich halte es für unnöthig große Beſorgniſſe zu hegen, beſonders da wir unſern Bern⸗ hard in guten Händen wiſſen.— Denn der i Muſiklehrer Michael, bei welchem wird gewiß eben ſo gut für ihn So als ob es durch uns ſelbſt geſchehe. Der iſ vielfach erfahren und wird gewiß Sohn ſorgfältig wachen.“ 8 Dieſe tröſtlichen Bemerkungen ſchienen die Be⸗ ſorgniſſe der liebenden Mutter zu zerſtreuen, ſie zeigte ſich weniger bekümmert und fing an, über die Ange⸗ iegenheit ihrer kleinen Wirthſchaft zu ſprechen; eine unterhaltung, die dem ehrlichen Paſtor manches hei⸗ tere Lächeln entlockte. Da wurde mit einem Male die Aufmerkſamkeit des letzteren durch die Erſcheinung eines Fremden erregt, der eben auf die Pfarrwohnung zuſchritt, und ohne zu zögern, durch die angelehnte Thür in das Haus hineintrat. Das Aeußere des Fremden befand ſich nicht in dem beſten Zuſtande, ſeine Kleidung war ſehr zerriſſen und ſchmutzig, ſeine Füße bedeckten weder Strümpfe noch Schuhe, trotz der vorgerückten Jah⸗ reszeit. Ueber ſeiner Schulter hing ein abgetragener Rock, und unter demſelben konnte man die zerriſſenen irnel pennlich ſehen, welche er nachläſig um die ſchmutzigen Handgelenke ſchleuderte. Der Pfarrer hatte die verdächtige Geſtalt keine Minute aus den Augen gelaſſen; er folgte derſelben hierauf ſchnell nach dem Hauſe, und ſchlich ſich durch eine Hinter⸗ thür in den Flur, wo er den Kommenden ſillſtehend raf der Fremde ein noch junger Menſch von kaum 16 Vei Annäherung bemerkte der Geiſtliche, daß 9 Jahren ſei, deſſen Anblick jedoch eher Abſcheu und Argwohn als Zutrauen erwecken mußte. „Woher Freund!“ begann der Pfarrer im ernſten Tone,„und was willſt du hier?“ „Ich komme von Erfurt, und will hinunter nach Hildburghauſen gehen,“ verſetzte der Burſche mit kecker Miene,„und da ich an Ew. Ehrwürden einen Brief abzugeben habe, ſo konnte ich unmöglich vorübergehen, ohne mich meines Auftrages zu ent⸗ ledigen.“ „Wie? du kommſt von Erfurt und bringſt einen Brief?“ rief der Paſtor voll Erwartung,„ich ver⸗ muthe, daß es eine Nachricht von meinem Sohne iſt.“ „Ew. Ehrwürden können es errathen haben,“ erwiderte der Burſche, indem er ein altes, zerriſſenes Tuch hervor zog und einen Brief aus demſelben wickelte, den er dem Geiſtlichen übergab. Der Letztere nahm das Schreiben und betrachtete die Handſchrift mit prüfendem Auge,„es iſt ſo,“ ſagte er dann,„und ich freue mich ſehr, nun endlich Nachricht zu erhalten;— warte ein wenig, guter Freund,“ fuhr er gegen den Fremden fort,„ich will meine Frau davon in Kenntniß ſetzen, ſie mag dir etwas zu Eſſen und einen Zehrpfennig auf den Weg geben.“ 3 10 Der Geiſtliche entfernte ſich und kehrte bald mit ſeiner Gattin zurück. Der Bote mußte jetzt mit näch dem Wohnzimmer gehen, wo ihm die gute Frau einen Stuhl gab; dann beſtürmten ſie ihn mit Fragen, die er auch größtentheils zur Zufriedenheit der be⸗ ſorgten Mutter beantwortete. „Aber ſagt mir doch,“ fuhr ſie mit Fragen fort, „wie kam es, daß Ihr meinen Bernhard kennen gelernt habt?“ „Hm, das geſchah auf eine ſehr einfache Weiſe,“ erwiderte der Burſche.„Ich befand mich den Sommer über bei dem Hausmann der Lelranſtalt, der die Ordnung des Hausweſens zu beſorgen hatte, ich mußte hm dabei zur Hand gehen und hatte vollauf zu thun, mit Waſſer tragen, Holz hacken, den Hof kehren u. ſ. w. Auf dieſe Art lernte ich viele von den jungen Leuten kennen, ja ich habe ſogar einige von ihnen mit mei⸗ nem Beſenſtiele tüchtig durchgeprügelt.“ „Waos ſagt⸗Ihr!“ rief die Paſtorin,„durchge⸗ prügelt?“ „Ja, ja, das habe ich gethan, denn eher fand ich vor den übermüthigen Burſchen keine Ruhe. „ Wenn es ihnen nur irgend möglich war, ſo ſpielten . mir einen Schabernack, bald warfen ſie aus dem Fenſter mit verdorbenem Obſte nach mir, oder wenn ich Waſſer ſchöpfte, platſch, da flog etwas in den Waſſerbehälter, ſodaß ich über und über wie gebadet daſtand und kein Auge aufmachen konnte— aber dafür habe ich ſie einigemal gehörig gebläut, und ſie unterließen bald ihre Späße; der Reſpect vor meinen Fäuſten hielt ſie zurück, mich noch ferner zu foppen.“ Mit dieſen Worten ballte er die ſchmutzige Rechte, ſodaß die Paſtorin erſchrocken einige Schritte zurücktrat. „Fürchten ſie ſich nicht, Frau JPaſtorin,“ fuhr jener unterdeſſen fort,„ich habe Ihrem Sohne kein Haar gekrümmt; er war immer freundlich gegen mich, und hat mich niemals beleidigt, er mochte dergleichen Unſinn nicht mitmachen und ſeine Collegen hatten alle Achtung vor ihm, trotzdem, daß er einer der Jüngſten unter ihnen war.“ „Hörſt du es, liebes Weib, bemerkte der Pfarrer mit zufriedenem Lächeln,„unſer Bernhard benimmt ſich lobenswerth und macht uns Freude. Ja, ja! er war immer etwas ernſten Charakters, was mir eine gute Vorbedeutung zu ſein ſchein.“ Nachdem der Bote geſpeiſt,(er erwies der Mahlzeit alle Ehre) überreichte ihm die Paſtorin ein genügendes Trinkgeld, auch ſchenkte ſie ihm ein Hemde, nebſt einem Paar von ihrem Manne abgelegter 12 Stiefel, die noch ganz gut waren und dem Burſchen ganz gut paßten. „Was wrillſt du eigentlich in Hildburghauſen während des Winters anfangen,“ ſagte der Pfarrer. Haſt du ſchon Hoffnung, dort ein Unterkommen zu finden?“ „Das weniger,“ verſetzte der Gefragte,„ich gehe auf gutes Glück dorthin, und muß erſt ſehen, was ſich findet,— bei Plage wird's einmal bleiben,“ fügte er hinzu,„denn jetzt habe ich ſehr üble Aus⸗ ſichten in die Zukunft. Der Geldbeutel iſt leer und ich ſehe keine Gelegenheit, für den Augenblick etwas zu verdienen, um ihn füllen zu können.“ „Nun, wenn du Luſt haſt, ſo kannſt du bei mir Gelegenheit finden, ein Paar Thaler zu verdienen,“ ſagte der Pfarrer,„draußen in meinem Stalle liegen 10— 12 Klaftern Holz, die ich klein hacken laſſen will, und da du dergleichen Arbeit bereits verrichtet haſt, ſo würde es dir weniger beſchwerlich fallen, du heute noch damit anfangen.“ Der Burſche zog ein verlegenes Geſicht, das Anerbieten des gutmüthigen Paſtors ſchien ihm nicht gelegen zu ſein. wenn du dich darüber her machteſt— auch kannſt * 13 3 „Ich kann mich nicht ſo lange unter Wegs auf⸗ halten,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe;„auch bin ich müde von der Reiſe, um ſchwere Arbeiten ver⸗ richten zu können, dazu ſind meine Kleider ſehr . ſchadhaft geworden, und ich würde mir dieſelben 8 vollends vom Leibe reißen, wenn ich die Arbeit übernehmen wollte.“ õ Der Pfarrer vernahm mit einigem Unwillen die leeren Entſchuldigungen des Faullenzers.„Ich ſehe es ſchon, du haſt nur nicht Luſt zu arbeiten,“ ſagte er ohne Rückhalt; denn er war gewöhnt jedem ſeine Meinung ins Geſicht zu ſagen, was ihm ſchon oft Gegner und Feinde zugezogen hatte.„Nichtsthun iſt des Laſters Anfang,“ fuhr der eifrige Mann fort, „dies merke dir, und bringe deine Zeit künftig beſſer zu, als in der Welt umherzuſtreifen, wie bisher, wähle lieber eine beſtimmte Beſchäftigung und wende deine Kräfte zum Guten an, aus Dankbarkeit gegen Gott, der dir geſunde Glieder gegeben hat; dann würde dein Erſcheinen nicht Anſtoß erregen, wie es unter den gegenwärtigen Umſtänden geſchieht— ich habe dir dieß in der beſten Abſicht geſagt und de Nutzen wird dein ſein, wenn du mein Rathe folgſt.“ 7 14 Der Landſtreicher fletſchte die Zähne, wie ein er⸗ grimmter Affe, der ſich beim Tanzen am Feuer ver⸗ brannte. Die Arznei, welche ihm der Pfarrer zu koſten gegeben hatte, ſchmeckte ihm bitter; er wurde ſchaamroth im Geſichte und fühlte ſich in dieſer Um⸗ S. gebung höchſt unbehaglich; er ſchaute verſtohlen nach der Thür, befürchtend, der Geiſtliche könne noch zu guter Letzt auf den fatalen Einfall kommen, den Bettelvoigt herbei holen zu laſſenz allein dies geſchah nicht, und wie froh war er, nachdem er das Haus verlaſſen und in Hildburghauſen anlangte, ohne daß man ihm ein Hinderniß in den Weg legte. Wir verlaſſen das Pfarrhaus und folgen dem Fremden nach dem Innern eines Gebäudes, welches am andern Ende des Dörſchens lag. II. Der Fleiſcher Lewin. Der junge Burſche lief raſch hinter den Woh⸗ und Gärten des Dorfes hinab, und nachdem er das Ende des letzten erreicht hatte, huſchte er, ſchnell wie der Wind, durch die Hinterthüre eines alten baufälligen Gebäudes, über deſſen Eingange ein großes, vom Wind und Wetter vernichtetes Schild ————— —— 1 6 dunkle Haar hing in zierlichen Locken herab, Kleidung befand ſich in guten Umſtänden; 15 hing, auf welchem nur noch mit Mühe ver Name „Adam Lewin“ zu leſen war, rechts und links bemerkte man auf dem Schilde die Umriſſe von zwei gewaltigen Och⸗ ſenköpfen, welche als Wahrzeichen des Hauſes gelten mochten und zugleich andeuteten, daß der gegenwär⸗ tige Beſitzer ein Mitglied der löblichen Metzger⸗ Zunft ſei. Lewin war in der That ein ſtämmiger Fleiſcher und beſaß, bei ſeinem unterſetzten Körperbau, die Kraft eines Rieſen. Da mit ſeinem Handwerk vorzüg⸗ lich die Schankgerechtigkeit verbunden war, ſo geſchah es nicht ſelten, daß ſein Haus zum Schauplatz roher Exceſſe wurde, indem ſeine Gäſte meiſtentheils aus tüchtigen Raufern und Branntweintrinkern beſtanden. Auch an dem heutigen Tage finden wir ſeine Wohnung nicht leer von Gäſten; an einem Ziſche des umfangreichen Zimmers ſaßen zwei Perſonen verſchiedenen Geſchlechts, mit welchen wir den Lehr näher bekannt machen wollen. Die erſte von den Beiden war ein junger Mann von kaum zweiundzwanzig Jahren; ſein Geſicht war ſchön, obwohl ſehr bleich und etwas hager; de 1⁰ Rock, welchen er trug, war faſt noch neu und neben ihm lag ein ſtarkes ſpaniſches Rohr, ſowie ein auf⸗ gekrämpter Filzhut— beides ihm gehörend.— Der Fremde ſprach wenig, und ſein lebhafter Blick ſchweifte wiederholt zum Fenſter hinaus, er ſchien auf irgend Jemanden zu warten, deſſen Zögern ihn wahrſcheinlich abhalten mochte, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Dem Fremden gegenüber ſaß ein junges Mäd⸗ n·rnen ruhte ein Kind, das im Schlummer lag; auch ſie folgte oft mit den Augen der Br und dem Blick ihres Gefährten. Endlich ging die Thüre auf, und herein trat der junge Burſche, welchen wir oben verließen. Das Mädchen erhob ſich raſch bei ſeinem Erſcheinen, und ging ihm mit dem Ausdruck der größten Erwartung entgegen. „Willtommen, Lorenz,“ ſagte ſie in freudigem Lone,„ach Gott, du haſt recht lange auf dich warten laſſe nun wie ſteht es,“ fuhr ſie ſchüchtern fort, „haben wir etwas zu befürchten, oder läßt ſich ſ von ihnen vernehmenk“ Gefragte zog eine höhniſche wobei 1 Zhne zeigte. chen in leichter faſt ländlicher Kleidung, in ihren en Tag über erbettelte. Heda, Meiſter Lew 17 „Nein, Schweſterchen, ich habe wahrlich nichts bemerkt,“ ſagte er darauf,„nichts gehört, noch ge⸗ ſehen,“ ſetzte er hinzu,„es iſt keine Spur von einem Soldat enin der Gegend zu erblicken, und ich glaube, daß auch ſpäter keine hierher kommen werden.“ Wäyrend der Dauer dieſes Geſpräches war der junge Mann ebenfalls aufgeſtanden, er wandte ſich vom Fenſter hinweg, und näherte ſich dem eingetre⸗ tenen Lorenz mit freundlichem Geſicht, indem er bemerkte: „Man ſagte es mir für ganz gewiß, daß es hier nicht ſo ganz ſicher ſei; ein Korporal mit 10 Mann ſoll in dieſer Gegend angelangt ſein; entweder haben ſie eine andere Richtung genommen, oder ſie erſche nen erſt in den nächſten Tagen; beſſer iſt es auf jeben Fall, wir gehen und warten es nicht ab, bis ſie n. tommen, dann wäre es zu ſpät an, die Freiheit zu denken— und es könnte leicht geſchehen, daß wir überrumpelt würden.“ Lorenz ſchien mit dieſem Vorſchlage nicht einver⸗ ſtanden zu ſein, er warf dem Sprechenden einen düſtern Blick zu,„ich gehe jetzt noch nicht,“ ſagt darauf,„bin ich doch kaum eingetreten, zuvor vill ich dasjenige in Branntwein umſetzen, was Der ſchwarze Jäger. Lieferung 1 18 mir einen Krug Bier und ein Stück Speck, Brot habe ich ſelbſt genug bei mir, ich will erſt eſſen und trinken, bevor ich weiter gehe und damit holla.“ Auf den Ruf des ungeſtümen Burſchen trat Lewin in die Stube herein.„Ho, ho! du junger Hahn,“ ſagte er,„du krähſt ja gewaltig hier herum, ſprich! woher bringt denn dich Satanas, wo haſt du dich herum getrieben, deine Geſellſchaft hat lange genug auf dich gewartet.“ „Wenn's ihnen zu lange dauerte, dann wären ſie doch lieber ihres Weges gegangen,“ entgegnete der Burſche trotzig,„ich finde mich auch ohne ſie zu Rechte, und mir iſt die Gegend auf zehn Meilen in der Runde bekannt, daß ich mich auch bei dem größten Hinderniß nicht verirren würde. Ich glaube indeſſen, die Beiden da(er zeigte auf den jungen Mann und ſeine Schweſter) werden ſich ſchon darüber zu helfen gewußt haben. Glaubt mir, Lewin, ich habe mich noch mehr gelangweilt, und machte in der Umgebung mitunter ſchlechte Geſchäfte, beſonders in Eurem Dorfe. Der hieſige Pfarrer iſt ein hitziger Mann, er gab mir eine derbe Lektion mit auf den Weg, die mir eben ſo übel mundete als dem Hunde das Gras, das er frißt, wenn übles Wetter eintreten ſoll. Die 3 Paſorin gab mir zwar eine Kleinigkeit, da habt Ihr das Geſchenk ihrer Wilde, nun gebt mir einen Schluck Branntwein dafür.“ „Hi, hi, du kleiner Teufel!“ rief Lewin,„du biſt noch immer nicht geſcheut genug, bei all deinem ausgefeimtem Witze, du mußt dein Handwerk auf eine andere Manier betreiben; die Menſchen wollen be⸗ trogen ſein, das darfſt du niemals vergeſſen, und wenn du thuſt, was ich dir ſagen werde, dann wirſt du gewiß deine Rechnung dabei finden.“ „Nun, ſo ſagt es mir doch,“ entgegnete Lorenz, „ich werde gewiß Euern guten Rath befolgen.“ „Du mußt nicht ſo grade einhergehen,“ fuhr Lewin fort,„ſtelle dich lieber krank und lahm, krieche gebückt von einem Hauſe zum andern, und verbirg 3 deine kecke Miene unter dem Mantel der Demuth⸗ erzähle dabei den Leuten glaubhafte Geſchichten von erlittenem Unglück, von Feuer und Waſſersnoth, und wenn du es ſo machſt, dann wird deine Ernte reich⸗ 1 licher ausfallen, und du wirſt von Niemandem mehr Vorwurſe hören dürſen, wegen deines Herumtreibens.“ „Das iſt alles ganz gut,“ verſetzte Lorenz, der Teufel wird es mir glauben wyollen, d ſind gar nicht ſo dumm, um nicht einen G —.— 20 den Betrug entdeckten, dann würde mir der Spaß theuer zu ſtehen kommen.“ „Sei nicht dumm und ſei verſichert, daß man dir es glauben wird, ich möchte dafür bürgen; verſuche es einmal und du wirſt dich von der Wahrheit meiner Behauptung bald überzeugen.“ Während die Beiden noch über dieſen Gegenſtand mit einander ſprachen, hatte das junge Paar ſich fort⸗ während in flüſterndem Tone unterhalten. „Johannes,“ ſagte das Mädchen,„laß uns lieber vorausgehen, als noch länger hier zu warten, Lorenz wird uns gewiß nachfolgen, ſobald er mit ſeiner Mahlzeit fertig geworden iſt.“ Der junge Mann war damit einverſtanden, er bezahlte ſeine ſowie Lorenzens Zeche, dann entfernte er ſich in Begleitung ſeiner Geliebten, die ihr Kind in ein Bettchen hüllte, und vermittelſt eines großen Umſchlagetuches auf den Rücken hing. eewin hatte den Hinausgehenden, mit einem fra⸗ genden Blick gegen Lorenz, nachgeſchaut, und als ſie fort waren, wandte er ſich gegen den zurückgebliebenen S indem er ſagte: „Ei ei, deine hübſche Schweſter Blondine hat ſich einen ſllien Burſchen zum Geliebten erkoren, 8 2 — 1 und ich welte, daß du ſtolz auf eine ſolche Schwa⸗ gerſchaft biſt.“ „Meine Schweſter iſt eine dumme Gans, die es 3 zeitig genug einſehen wird, daß ſie ins Elend hinein⸗ läuft,“ verſetzte Lorenz.„Johannes iſt ein üppiger und ſtolzer Burſche, und ſpielt lieber den Gemäch⸗ lichen, als daß er etwas unternehme, das ihm Ge⸗ winn brächte. Ich kann ihn nicht leiden, und wenn es nicht wegen meiner Schweſter geſchehe, ſo würde ich mir andere Geſellſchaft ſuchen.“ „Wo iſt denn der Burſche her, und wie kam es, daß er die Bekanntſchaft deiner Schweſter machte?“ fragte Lewin. „Das iſt mit wenigen Worten erzählt,“ verſetzte der Gefragte,„meine Mutter wohnt, wie Ihr wißt, im Fallgrunde unweit Wandersleben, und iſt zum zweiten Male verheirathet; ſie konnte ſich eben ſo wenig mit Blondine vertragen, als es mit meinem Stiefvater geſchieht, und um ſich nicht fortwährend ſchinden zu laſſen, verließ ſie unſere Hütte und begab ſich nach Wandersleben in Dienſte, w ſie ihren zurück zu kommen, ſo wartete ſie ihre Eubin Wandersleben ab. Seit jener Zeit ſind fünf 22 vergangen und jetzt ſteht ſie im Be griff, mit Johannes das Land zu verlaſſen;— was ſie anfangen wollen, weiß ich nicht; ich habe ſie bis hierher begleitet und werde bald wieder heimkehren, um der Mutter die Nachricht von der Flucht Blondinens und ihres Ge⸗ liebten zu bringen.“ „Das ſind üble Ausſichten für die beiden Lie⸗ benden,“ ſagte Lewin,„und ich glaube, ſie werden einander recht bald herzlich ſatt bekommen;“ es kann dem jungen Manne unmöglich lange gefallen, mit dem Mädchen und dem Kinde in der Welt herumzuziehen, und es kann kommen, daß er ſie an einem ſchlechten Wochentage einmal ſitzen läßt, und was ſoll das arme Geſchh dann anfangen?“ „Ich kann ihr nicht helfen,“ erwiderte Lorenz, „und ſi ſie mag ſehen, auf welche Weiſe es am beſten gehen wird; zur Mutter darf ſie nicht heimkehren, wenn ſie es thut, da wird ſie mit blauem Rücken wieder hinausgehen. Ja, ja, WMeiſter Lewin, Ihr könnt es glauben, meine Mutter iſt ein Stück vom ſelbſt; und ich habe noch kein Mannsbild ge⸗ ſehen, das ſich rühmen könnte, ſi ſie bezwungen zu haben. Mein Stiefvater iſt ein alter Mann und muß nach hrer Pfeife tanzen, wenn er Ruhe haben will.“ ————— Seen † Lewin, und wenn ich wieder in tomme, „O, ich weiß es wohl, daß ſie ein Blitzweib i erwiderte Lewin,„nun, der Apfel fällt nicht weit vom Stamme; denn du biſt auch kein Chriſtkind und kannſt es noch weit bringen, ſo hoch wie Mancher in unſerm Lande. Hüte dich, es iſt ſchon mancher ſchmeidige Stamm unter dem Galgen verdorrt, wenn er noch in der beſten Blühte war.“ „O, habt deshalb keine Sorge— dahin wird es nicht ſo leicht kommen, es geſchehe denn, daß ſie alle Spitzbuben zuſammen nehmen, die in Heſſen und Thüringen ihr Geſchäftchen treiben, und ſie an einen einzigen Strick aufhingen,“ verſetzte Lorenz behende. „Nun, da würdeſt du deinen Antheil gewiß dabei finden,“ ſagte Meiſter Lewin.„Teufelsjunge,“ fuhr er fort,„aus dir wird einſt etwas rechts werden, wir müſſen nur erſt die Zeit erwarten.“ Lorenz war unterdeſſen mit ſeiner Mahlzeit ſertig geworden.„Ich muß gehen,“ ſagte er,„damit ich das verliebte Paar deſto eher einhole; mein gutes einfältiges Schweſterchen könnte ſonſt über die Grenze laufen, ohne daß ich ſie nochmals geſehen hätte, und das ſollte mir doch leid thun. Lebt wohl, Meiſter Nachdem er dieß geſagt, nahm er ſeinen zerſetzten Rock wieder auf die Schulter und entfernte ſich, um den beiden Vorausgegangenen zu folgen, die unter⸗ deſſen einen bedeutenden Vorſprung gemacht hatten. I. Die Werbung. Die zwei Gefährten hatten bisher die Haupt⸗ ſtraße nach** verfolgt, als ſie jedoch längere Zeit auf derſelben fortgegangen waren und ein anſehnliches Gebüſch erreichten, da verließen ſie dieſelbe und ſchlu⸗ und ſich endlich in den nahen Waldungen verlor. Die Urſache, weshalb Johannes die Straße ver⸗ ließ, war, um einer Begegnung mit den Soldaten auszuweichen, welche in kleinen Patrouillen in der Gegend umherzogen, um die diesjährigen Werbungen Nähe eines alten Gebäudes an, deſſen verfallenes Aeußere deutlich bewies, daß es unbewohnt ſei; die hür des einzigen Einganges war aus den Angeln geriſſen, und die Oeffnungen in der Lehmwand ent⸗ ielten keine Spur mehr von den ehemals vorhan⸗ en geweſenen Fenſtern. gen einen Feldweg ein, der über eine Ebene hinging zu unterſtützen. Nach einiger Zeit langten ſie in der bleiben,“ rief der junge Taugenichts in keck ſic gegen den Geliebten ſeiner Stt n Johannes blieb nebſt Blondine längere Zeit vor dem Hauſe ſtehen und fing an mit ſeiner Begleiterin zu überlegen, ob man weitergeben oder den Abend und die Nacht hier zubringen wollte; das Mädchen überließ dies ihrem Geliebten, der ſich auch dazu ent⸗ ſchloß, Quartier zu nehmen, weil er nach ſeiner Mei⸗ nung hier ſicher genug und ein Zuſammentreffen mit den Werbern nicht zu befürchten ſei. Unterdeſſen hatte der junge Lorenz ſchnell den Weg hierher verfolgt und er erreichte ſoeben das Ge⸗ bäude, als jene im Begriff ſtanden, in daſſelbe hinein⸗ zugehen; er folgte ihnen ſogleich nach, und die drei Wandernden nahmen Beſitz von dem Aſyl, deſſen Inneres nicht die geringſte Bequemlichkeit darbot. Lorenz warf einen Blick des Unbehagens auf die unwirthliche Umgebung; es befand ſich weder ein Tiſch noch Gefäß in dem öden Raume, und die Oeff⸗ nungen in den Wänden geſtatteten dem Unwetter ſeinen Eingang. Der Herbſtwind pfiff kühl herein und trieb das dürre Laub über den Fhe boden nach allen Winkeln. „Hier alſo wollen oder ſollen wir 26 um es vor dem ſchneidenden Winde zu ſchützen, der mit hohlem Pfeifen ins Gemach drang.„Ich für meine Perſon habe verteufelt wenig Luſt dazu,“ fuhr er fort,„und wenn ich das Ziel der heutigen Wan⸗ derung gewußt hätte, dann würde ich mich dafür be⸗ dankt haben und lieber in der Schänke des Meiſter Lewin geblieben ſein.“ „Nun, wenn es dir nicht gefällt, ſo kehre wieder um, und gehe wieder hin, woher du gekommen biſt,“ verſetzte Johannes, mit verdrießlicher Miene.„Ich und Blondine werden hier bleiben,“ fuhr er fort, ſich gegen die Genannte wendend;„⸗ Nacht wird es ſchon gehen, und wenigſtens ſind wir außer Gefahr, von unwillkommenen Beſuchern aufgehoben zu werden.“ „Das kann man nicht wiſſen,“ bemerkte Lorenz; „überhaupt wird es ſo nicht lange mit Euch gehen,“ fuhr er fort,„und der Beutel—“ „Halt dein Maul, du ungewaſchener, vielkluger Schnabel,“ unterbrach Johannes den Sprechenden, mit wachſendem Unwillen,„du haſt dich darum nicht zu befümmern; und es iſt meine Sache allein, für unſer Fortkommen zu ſorgen.“ „Das iſt eher geſagt, als gethan,“ verſetzte Lo⸗ renz,„und möchteſt du meinetwegen anfangen, was du wollteſt, wenn es mir nicht um meine arme —— Schweſter wäre, die dir wie eine blinde Gans nach⸗ läuft, und der du einſt den Lohn in Schlägen dafür auszahlen wirſt; ich kenne dich gut genug, magſt du auch noch ſo galant und gemeſſen gegen die Leute ſein, das kommt alles daher, weil du einen ſchönen Rock auf dem Leibe und einige Thaler Geld in der Taſche haſt— o ich weiß es ſchon, wo du das alles her genommen haſt, du kamſt billig dazu, ein Schnitt und ein Griff war genug des Kaufgeldes.“ „Ein Griff und ein Schlag iſt auch für dich hinreichend, um dir das Maul zu ſtopfen!“ rief Jo⸗ hannes;„beim Henker, wenn ich nicht Rückſichten gegen dich gebrauchen wollte, ich würde dir mein ſcharfes Meſſer durch die Rippen jagen und dich zum Schweigen bringen.“ Bei dieſen Worten packte er den fühlloſen Lorenz beim Halstuch, und ſchnürte ihm die Gurgel dergtſtalt zuſammen, daß ihm faſt hören und ſehen verging und ſein Geſicht braun unterlief, endlich ließ er ihn wieder los, indem Blondine ängſtlich herbeieilte, und durch lautes Bitten die Freilaſſung ihres Bruders aus den Händen des erzürnten Schwagers bewirkte. Lorenz war von Charakter ein verworfener Bube, und eine ſolche Be 28 bei ſich ſelbſt, den Johannes dafür empfindlich zu be⸗ zahlen. Von Haß und Wuth erfüllt, hob er ſeir kleines Bündel vom Boden auf, und ohne ein Wort zu ſagen, ſchwang er ſich über die Fenſterbrüſtung ins Freie hinaus und verſchwand in dem dunklen Buſch⸗ werk, von welchem das Haus nach allen Richtungen umgeben wurde. ohannes machte keinen Verſuch, den Fliehenden zu verfolgen, er ließ ihn vielmehr laufen, wohin der⸗ ſelbe Luſt hatte und ging ſchweigend in dem Raume auf und ab, während Blondine ihren Blick traurta zu Voden ſenkte, in Gedanken an den Vorfall verſunken, der ihr Unruhe zu machen ſchien; ſie kannte die Ge⸗ ſinnung ihres Bruders, und wußte nur zu gut, daß e jetzt für Johannes ein unverſöhnlicher Sih ge⸗ worden war. „Dein Bruder iſt ein nichtswürdiger Schhche, ſagte Johannes, ſich gegen das Mädchen wenvend, „und ſeine Keckheit erſtreckt ſich über alles Maaß; er wird mit der Zeit ein echter Schwarzfuß werden und man wird ihm zeitig genug einen Platz an dem drei⸗ beinigen Monument anweiſen. Nun, ich wünſche ihm S eine glücktiche Höllenfahrt.“ 5„„Johannes, ich befürchte Unheil für mich 8 um vio Blondine i in ängſtlichem Tone,„mein ———— Wald fort, n er 8 ſeiner e wärts eilte, und bie nach dem Dorfe 29 Bruder iſt böſe, und gleicht meiner Mutter auf ein Haar, wir haben ihn uns zum Feinde gemacht, und er wird keine Gelegenheit unbenutzt vorüber laſſen, uns zu ſchaden; er iſt zu Allem fähig, und nichts iſt ihm zu ſchlecht, wenn er nur für ſeinen digung zu erlangen vermag.“ „Beruhige dich deshalb, Blondine,“ entgegnete der junge Mann,„ich befürchte wenig von ſeiner Seite, was kann er uns im Grunde genommen an⸗ haben, wie lange dauerts, ſo ſind wir über die Grenze, die wir noch in dieſer Nacht zu erreichen ſuchen wollen; die Hitze wird ſich wol unterdeſſen in ſeinem Gehirn gelegt haben, und wenn er auch wirklich nicht günſtig gegen mich geſinnt iſt, ſo wird er doch um deinetwillen nichts was uns Nachtheil bringen könnte.“ Unterdeſſen hatte Lorenz ds Gebäude längſt aus dem Geſichtskreiſe verloren, er war ſchnell gelaufen, um der etwaigen Verfolgung Johannes ſich zu ent⸗ ziehen, und erſt ſpäter begann er langſam zu gehen. Der Weg führte ihn etwa eine Stunde durch den Meiſter Lewin's Schenke befindlich war. 3 30 Der Burſche konnte ungefähr noch eine Stunde von dem Dorfe entfernt ſein, als er eine Anzahl Männer daher kommen ſah, die ihm raſch entgegen ſchritten, und deren Aeußeres ihm bekundete, daß es Soldaten waren, die unter der Leitung eines Gefrei⸗ ten, die Gegend recognoscirten, da es ſeit einiger Zeit nicht mehr ſo recht ſicher umher erſchien und manche Raubanfälle ſtattgefunden hatten. Lorenz wanderte den Heranmarſchirenden muthig entgegen, er konnte unmöglich irgend von Intereſſe für dieſelben ſein, und ſchaute ſo mit keckem Auge umher, während er ein luſtiges Stückchen vor ſich hin pfiff, und gar nicht auf dasjenige zu achten ſchien, S ihn umgab. „Heda, ſtill geſtanden, Bube,“ rief ihm ganz hitzig die rauhe Stimme des Zugführers zu,„wo kommſt du her, und wohin willſt dus“ „Ich kann Euch eigentlich auf dieſe Frage nicht antworten,“ verſetzte Lorenz;„wo ich her komme, weiß ich nicht; denn der Ort iſt, ſoviel mir bekannt iſt, ohne Namen, wohin ich gehe, kann ich eben ſo wenig ſagen, weil ich noch unſchließig bin, wohin ich gehen ſoll.“ „Wo biſt du her?“ frug jener weiter. — blickte, wurde der verrätheriſche Führer e 31 „Aus dem Fallgrunde bei Wandersleben,“ er⸗ widerte der Gefragte. „Haſt du nichts in der Umgegend von einem jungen Manne wahrgenommen, der in Geſellſchaft einer Weibsperſon hier herum ſtreift,“ begann der Anführer nach einer kleinen Pauſe,„man ſagte mir in dem letzten Orte, ſie befänden ſich in dieſer Gegend.“ Der Bube zog ein höhniſches Geſicht, dann ſagte er, dem Frager einen verſtohlenen Wink gebend: „Wie ich vermuthe, iſt Euch an jenem Burſchen etwas gelegen.“ „Das verſteht ſich,“ erwiderte der Unteroffizier, „ich würde ein Paar Gulden nicht anſehen, wenn ich die Spur des Schurken dadurch erlangen könnte.“ Nachdem er dieß geſagt, zog ihn Lorenz bei Seite und flüſterte lange Zeit mit ihm, dann zog der Kriegsmann ſeine Börſe heraus und übrreichte dem Burſchen einige Silberſtücke. „Nun vorwärts,“ kommandirte der Unteroffizier, während ſich Lorenz anſchickte, den Weg in Beglei⸗ tung der Soldaten nach dem Waldhauſe, oder bis in die Nähe deſſelben zurück zu legen, und als man den zerzauſten Giebel deſſelben in einiger Entfernu 32 Johannes befand ſich nebſt Blondine noch immer in dem alten verwitterten Hauſe, keines von den Beiden ahnte etwas von dem Ereigniſſe, welches ihnen bevorſtand, und eine ſo ſchnelle Umänderung ihres Schickſals herbeiführen ſollte. Man kann ſich daher ihre Ueberraſchung venken, als plötzlich das Haus von Soldaten umringt wurde, und jeder Ausweg zur Flucht verſchloſſen war. Jo⸗ hannes trat erblaſſend zurück, während das Mädchen einen krampfhaften Ruf des Schreckens ausſtieß. „Blondine, wir ſind verloren!“ rief der junge Mann,„ich ahne, es iſt das Werk deines Bruders, er hat ſchnell Gelegenheit gefunden, ſich an i i „Habe ich es nicht geſagt,“ verſetzte Blondine, in Erwartung ihres neueintretenden Looſes. „Ach, er iſt ein Teufel, und ſeine Seele brennt ſchon jetzt bei Lebzeiten in der Hölle.“ Bald darauf trat der Anführer in Begleitung von vier Mann Beſatzung herein, welche ſofort ihren Poſten neben der Thür und den Fenſteröffnungen arauf wandte ſich der Sohn des Mars gegen den düſterblickenden Johaynes, indem er, i i Viſhe betrachtend, ſagte: — , S Johannes wurde in die Mitte der Soldaten genom⸗ dine fing an laut aufzuſchreien, ſie rannte den St lda jammernd nach, ihr Haar begann im ich meinem Schickſale wie kam es, daß vii unſern Schlupfwinkel aufzufinden vermochte? Sie ſchweigen! o ich weiß Alles, ein Verräther war es, der Sie begleitete und Ihnen den Weg zeigte nach dem Orte, wo das gehetzte Wild ſicher zu ſein wähnte; ſprechen Sie, ein Verräther war es, dem es als Be⸗ friedigung ſeiner Rache galt, mich in Zhre Hände zu ſpielen.“ „Wie kannſt du auf einen ſolchen Gedanken kommen 7 erwiderte Jenerz„i nun, ich will es nicht leugnen, daß es ſo eine Art von jungen Landſtreicher war, der uns den Ort angab, wo du geniſtet.“ „So wahr ich lebe, meine Ahnung iſt zur Wahr⸗ heit geworden!“ rief Johannes voll Entrüſtung, indem er ſich gegen Blondine wandte,„nun, ſein Schurken⸗ ſtreich ſoll einſt für ihn Früchte tragen. 36 din fertig,“ ſetzte er hinzu,„leb wohl, Blondine, ich muß fort und mache mir das Herz nicht durch deine Thränen weich.“ Der Abſchied war kurz 2 um ſo ehrefene men, dann ging der Marſch ſchnell vorwärts. und eine Verzweiſee 5 ſ ie 36 allein es half kein Bitten noch Flehen, man drückte ſie mit Gewalt zurück und als ſie endlich keine Ret⸗* ung für den Geliebten ſah, da ſank ſie ohnmächtig im Walde nieder. Endlich kam ſie wieder zur Be⸗ ſinnung, ſie eilte nach der Hütte, wo ſie ihr Kind zu⸗ rückgelaſſen hatte, um von dieſem Orte zu entfliehen, deſſen Beſuch ſo verhängnißvoll für ſie geworden war. w. Jean Beg.— Während ſich die in dem vorhergehenden Kapitel beſchriebene Scene ereignete, hatte Lorenz die Nähe des Schauplatzes ſeines geſpielten Verraths noch nicht erlaſſen, er war von ferne Zeuge jenes Auftrittes geweſen, und ein Gefühl von Reue und Bangigkeit erfaßte ihn, je ruhiger er wurde und über ſein Werk nachdachte. Er ſuchte jedoch die milderen Gedanken, welche ſich für Johannes in ſeiner Seele zu regen begannen, dadurch zu verdrängen, daß er ſich alle die von demſelben erfahrenen Beleidigungen ins Ge⸗ dächtniß zurückrief, um ſich ſo die Ueberzeugung zu bewahren, daß Johannes den geſpielten Streich ver⸗ anlaßt habe. Vielleicht, dachte er weiter, iſt dieſer Vr al nicht auch für meine Schweſter von beſonderm 5 gegen mich zeigen,“ verſetzte Lorenz 37 ——— Nutzen; das arme Ding, ſie thut mir leid, was ſon ſie anfangen, ſie iſt jetzt ohne einen Beſchützer und die hartherzige Mutter erlaubt es ihr nicht, heimzu⸗ kommen. Ich möchte ihr gerne beiſtehen, und will zu ihr in das alte Gebäude zurückkehren und ſie zu beruhigen ſuchen. Und der junge Verräther machte ſich auf den Weg nach dem verfallenen Hauſe, worin ſich ſeine Schweſter noch mit ihrem Kinde befand; Lorenz dachte nicht im Geringſten daran, daß ſein geſpielter Verrath Johannes oder Blondinen bekannt die Schwelle in die verödete Stube hinein. Blondine kniete neben ihrem Kinde, welches in „ geworden ſein könne und ſchritt ohne Bedenken über einem Winkel des elenden Raumes lag, ſie weinte heiße Thränen und bemerkte anfänglich ihren Bruder nicht in ihrer tiefen Bekümmerniß; endlich erblickte ſie ihn und mit einem Blick der Verachtung rief ſ mit empörter Stimme:„Fort, elender Verräther! wie kannſt du es wagen, mir in dieſem Augenblick noch⸗ mals vor die Augen zu kommen? Du biſt der ſchlech⸗ teſte Menſch auf dem Erdboden. Schäme dich und 3 entferne dich von einem Orte, der Zeuge von dein⸗ Nichtswürdigkeit geweſen iſt.“ „Schweſter, wie kannſt du dich ſ 38 bemühte, ſo unbefangen als möglich zu erſcheinen, „ich weiß nicht was du willſt und ich vermuthe, daß hier ein Mißverſtändniß obwaltet.“ „Was ſagſt du, ein Mißverſtändniß?“ rief Blon⸗ dine, noch mehr aufgebracht durch dieſe Worte;„horcht doch, wie der Schurke bemüht iſt, ſich hinter ſeine teufliſche Larve zu verbergen. Nun, bei Gott, das iſt mir zu arg!“ Und mit dieſen Worten ſprang ſie raſch vom Boden auf, erfaßte den Bruder mit Blitzes⸗ 5 Backen, ſo daß das Blut hervordrang. Lorenz war auf ein ſolches Manöver nicht gefaßt geweſen, und nur mit Mühe gelang es ihm, ſich aus der keines⸗ wegs zärtlichen Umarmung ſeiner Schweſter heraus⸗ zuwinden. 3„Ich weiß Alles,“ rief das arme Mädchen,„und der Unterofſizier hat es im Beiſein des Johannes ſelbſt geſtanden, daß du ihm unſern Aufenthalt ange⸗ zeigt habeſt, und dabei beſchrieb er dich ſo genau, daß wir dich aus ſeiner Schilderung gleich erkannten. Doch dafür wirſt du einſt den verdienten Lohn er⸗ halten, was der arme Johannes geſchworen hat, und gewiß halten wird.“ ſchnelle und grub ihre ſcharfen Nägel tief in ſeine ₰ℳ du kannſt dich darauf verlaſſen, daß er ſein Wort 39 „Meinetwegen mag er es immer halten,“ ent⸗ „ gegnete Lorenz trotzig, der jetzt einſah, daß es un⸗ nöthig erſcheinen mußte, noch länger den Unbefangenen ſpielen zu wollen.„Johannes iſt vielleicht zu deinem Glücke von dir hinweggegangen, und wenn dich die Vernunft wieder zu dir ſelbſt wird gebracht haben, da wirſt du vielleicht anders denken lernen.“ „Nimmermehr werde ich das,“ verſetzte Blondine, „das, was du heute an mir gethan, werde ich dir niemals vergeſſen; du haſt mich durch deinen abſcheu⸗ lichen Verrath ins Elend geſtürzt und ich habe nun keinen Troſt mehr. Von was ſoll ich mein Kind nähren? Johannes hat ſeine Baarſchaft mit ſich ge⸗ nommen und ich habe nur noch wenige Groſchen in meinem Vermögen, die bald aufgezehrt ſein werden; ich habe dann keinen andern Weg vor mir, als ent⸗ weder von Ort zu Ort durch Betteln mein Leben zu friſten, oder durch einen Sprung ins Waſſer dem elenden Daſein ein Ende zu machen.“ Lorenz empfand in dieſem Augenblicke wirklich ungeheucheltes Mitleid für ſeine Schweſter, er zog . ſchweigend die von dem Korporal erhaltenen Silber⸗ münzen aus ſeiner Taſche und wollte ſie Blondinen überreichen, allein das Mädchen hatte dieſelben kaum erblickt, als ſie ihm das Geld mit einem ——— 40 Schlage aus den Händen ſchleuderte, daß es über den unebenen Fußboden rollte und nur mit Mühe wieder aufgefunden werden konnte. „Hinweg mit deinem Judasgelde!“ rief ſie dabei, von Neuem in den größten Unwillen ausbrechend, „Gott ſoll mich bewahren, auch nur einen Heller davon anzurühren; ſuche es dir zur eigenen Schande wieder zuſammen und dann entferne dich, ich kann deinen Anblick nicht länger ertragen und deine Gegen⸗ wart iſt mir höchſt zuwider. Geh und kehre niemals wieder zurück.“ „Nur Geduld, Schweſter, ich gehe,“ verſetzte Lorenz höhniſch,„ich will dir mit den Bezeugungen meines Mitleidens nicht länger läſtig fallen; ich will mir nur noch den halben Gulden ſuchen, den Du ſo unſanft zurückgewieſen haſt, du ſollſt dich dann nicht laͤnger über meine Anweſenheit zu beklagen haben.“ Nach einigem Suchen fand er das Geldſtück wieder, und nachdem er es in die Taſche geſteckt hatte, wandte er ſich nochmals gegen ſeine Schweſter, indem er ſagte:„Nun, ſo leb' wohl, ich wünſche pi ückliche Reiſe, wohin du auch immer gehen . magſt; ich kehr' zur Mutter heim, um ihr zu ſagen, einer Lage du dich i und —— ——— — — —— — — — 41 ſaueren Geſichte dem Kalbfelle gefolgt iſt. Nun, es ſchadet ihm nichts, daß er die Muskete mit dem Rohrſtocke vertauſchen muß, ich gönne es ihm vielmehr von ganzem Herzen, und wenn er einſt als Offizier wieder zurückkommt, dann wollen und werden wir alle große Augen machen.“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus und lief in den Wald hinein, ohne ſehr darauf zu S wohin ihn ſein Pfad führte. Nachdem er längere Zeit ziemlich fortge⸗ gangen war, langte er bei einem anſehnlichen, mit Waldung umgebenen Hügel anz er ſtieg denſelben hinan, um ſich in der Gegend umzuſehen. Rings herum war nichts als Wald zu erblicken und nirgends zeigte ſich eine menſchliche Wohnung, er ſchaute ver⸗ gebens nach einem menſchlichen Weſen umher, und 5 da die Dämmerung einzutreten begann, da war ihm 3 denn doch nicht ſd ganz wohl zu Muthe in der un⸗ wegſamen Einöde. Ermüdet von den Anſtengungen des zu em gehenden Tage ſtreckte ſi 5 einen hohen 42 entſagen, ohne die Entbehrung, welche damit verbun⸗ den war, ſehr zu fühlen. Ein heftiges und wiederholtes Rütteln weckte jedoch plötzlich den Schläfer aus ſeinen Träumen ziemlich unſanft auf, er öffnete die Augen und erſchrak bei dem Anblick einer hohen Männergeſtalt, die eben im Begriff ſtand, ihm mit den Füßen eine abermalige Aufforderung zum Aufſtehen zu geben. Lorenz betrachtete den Fremden mit einer zwei⸗ felhaften Mienez er glaubte anfangs einen von den Soldaten in demſelben zu erkennen, welche den Jo⸗ hannes mit fort genommen hatten, allein die Kleidung des Mannes belehrte ihn bald von der Unwahrſchein⸗ lichkeit ſeiner Vermuthung. „Wer biſt du?“ fragte der Mann in einem rauhen Tone, nachdem ſich Lorenz aufgerichtet und eine ſitzende Stellung angenommen hatte,„was ſuchſt du hier?“ Der Gefragte ſah den Fremden mit ſeinem ge⸗ wöhnlich kecken Blicke an, das Jenem zu gefallen ſchien.„Ich habe mich in der Waldung verirrt,“ ſagte er darauf,„und da ich nicht weiter konnte, ſo ergab ich mich in mein Schickſal und wollte hier mein Fe aufſchlagen.“ fragte Jener. „Du wollteſt alſo hier die Nacht 3 43 „Ja wol,“ verſetzte Lorenz,„es blieb mir, wie geſagt, kein anderer Weg übrig.“ „Nun, dann würdeſt du ziemlich ſteif geworden ſein,“ bemerkte der Fremde.„Komm lieber mit mir,“ fuhr er fort,„ich will dich an einen beſſern Ort bringen; du kannſt unmöglich hier bleiben.“ „Nun, wenn Ihr wollt und es ſein ſoll, ſo gehe ich einen Tauſch ohne Zögern ein,“ ſagte Lorenz, indem er ſich vollends in die Höhe richtete,„ich bin fertig und folge Euch, wohin es auch gehen mag. Ich habe Hunger,“ ſetzte er hinzu,„und wenn ich ein wenig Brot bekommen könnte, ſop würde ich Euch dankbar dafür ſein.“ „Ich will für dich Sorge tragen während dieſer Nacht,“ ſagte Jener,„es ſoll dir an nichts mangeln und wenn du Luſt haſt, ſo kannſt du dir ſogar noch ein hübſches Stück Geld verdienen und zwar ehe der Morgen zu grauen anfängt. Willſt du das?“ „Ich ließ mir noch niemals eine Gelegenheit entgehen, wenn es galt, nur einen Kreutzer zu ge winnen,“ erwiderte Lorenz,„und ich bin bereit, alles zu thun, was man von mir verlangt.“ Der Mann war über dieſe Erklärung ne und Beide ſtiegen in das Thal hinab, der Fremde ging voraus, Lorenz folgte ohne Furcht ſi inem u ——— E — 44 kannten Fuhrer, und es dauerte nicht lange, ſo waren ſie in der ſteigenden Dämmerung verſchwunden. Nach einiger Zeit nahten ſie einem felſigen Thale mit Buſchwerk dicht umgeben, und hier bemerkte Lorenz eine Anzahl von 10—12 Männern, welche um ein Feuer herumlagerten und aus kleinen Pfeifen Tabak rauchten. Bei dem Erſcheinen des Fremden erhoben ſich die meiſten ſchnell von dem Boden und gingen den Ankommenden entgegen. „Ho, ho! was ſoll das bedeuten. rief Emer aus der wilden Schaar, ein langer rüſtiger Kerl im Tone des Unwillens, während er den jungen Lorenz einige Augenblicke mit grimmiger Miene betrachtete, „Beg, wen haſt du da mitgebracht? Nimm dich in Acht, ich traue nicht ſo leicht, und wir müſſen auf der Hut ſein, daß wir nicht bezinkelt!) werden.“ Sei unbeſorgt, Marbacher?), der Burſche wird gewiß Kochen) er muß nächſtens ausfahren“), weil kein Klejess) in der Fuhres) hat.“ Lorenz verſtand den Sinn dieſer Sprache nicht und er blieb in Unkenntniß deſſen, was über ihn be⸗ 2. Ein Dieb, auch unter dem Namen 3. ein Mitglied, 4. ſtehlen gehen, tung längere Zeit durchwandert hatten, erreichten ſie 4⁵ rathen wurde. Das Geſpräch wurde in der bis⸗ herigen Weiſe fortgeſetzt, endlich forderte man iu auf, ſich niederzulaſſen, und der Burſche gehorchte,. indem er ſich auf einen in der Nähe liegenden Baum⸗ 6 ſtamm kauerte und mit Intereſſe dem Kauderwälſch dieſer ſonderbaren Geſellſchaft zuhörte. „Dieſe Lene¹) wird eine tüchtige Schwärze,“*) ſagte der genannte Marbacher nach einer Weile, in⸗ dem er ſeinen Pfeifenſtummel ausklopfte,„es wird Zeit, daß wir gehen. Ich muß noch Finkeljochen*) haben, ehe wir den Gallog“) beſuchen.“ Die andern gaben ihren Beifall durch ein ſtum⸗ mes Nicken zu verſtehen, ſie erhoben ſich und Lorenz verließ in ihrer Begleitung das Felſengebiet, er wurde in ihre Mitte genommen und die Wanderung durch den Wald ging ſchnellen Schrittes und ohne Zögern von Statten. Nachdem ſie den Wald in mitternächtlicher Rich⸗ ein großes langes Thal, und eine Stunde ſpäter b fanden ſie ſich in einer Gegend, welche für Lore nicht länger fremd blieb, und mit Verwun merkte er jetzt, wie ſeine Gefährten gera 1. Nacht. 2. Zuſternik. 3. Branntwein. 46 Dörfchen zuſchritten, wo er am vergangenen Nach⸗ mittag gebettelt und in Geſellſchaft ſeiner Schweſter und des angeworbenen Johannes geweſen war. Unterdeſſen war es völlig finſter geworden, und die Männer begaben ſich nach der Wohnung des Meiſter Lewin. Die Thüre des Hauſes ſtand offen und der Fleiſcher empfing die Geſellſchaft, wie alte Bekannte.— Er brachte Branntwein, Fleiſch und Brot, und bei geſchloſſenen Fenſterläden und verrie⸗ gelten Zugängen fing die unheimliche Rotte an tüchtig zu zechen. Dabei wurde die Unterhaltung in der für den jungen Lorenz unverſtändlichen Gaunerſprache fortgeführt, ſodaß er nicht verſtehen konnte, um was es ſich eigentlich handelte, daß es jedoch etwas wich⸗ tiges ſein mußte, war dem Benehmen der Bande nach nicht in Zweifel zu ſtellen. Nachdem die Geſellſchaft lange Zeit gezecht hatte, (Porenz erhielt dabei auch ſeinen Theil am Eſſen und Trinken) fingen die Männer an Karten zu ſpielen, wobei auch der Bierkrug nicht vernachläſſiget wurde d Lorenz, der den Kopf ein wenig ſchwer fühlte, ſetzte ſich dicht an den Kamin, zog die Mütze über die Ohren und fühlte ſich höchſt behaglich in Bedacht ſeiner früheren Lagerſtätte unter den hohen Bäumen * von den Tiſchen. unterziehen, worauf er den Befehl erhielt. 47 Unterdeſſen hatte ſich das Wetter draußen geän⸗ dert; der Himmel war mit Wetterwolken umzogen, die ſich nach und nach zu entladen begannen; es er⸗ hob ſich ein ſtarker Wind, welcher den Regen heftig gegen die Fenſter trieb. Lorenz gedachte ſeiner armen Schweſter und ein verſtohlener Seufzer entfuhr un⸗ willkürlich ſeiner gedrückten Bruſt. Die Geſellſchaft ſpielte jedoch ohne Unterbrechung fort, und hörte auch nicht eher auf, als bis die hoͤlzerne Wanduhr die Witternachtſtunde angab. Wie von einem Gedanken ergriffen, warfen die Spieler plößlich ihre Karten weg und erhoben ſich „Es iſt Zeit!“ rief der Führer Lorenzens,„macht Euch fertig!“ Meiſter Lewin brachte hierauf eine Büchſe von Blech herbei, welche mit geſtoßener Holzkohle ange⸗ füllt war; hierauf fingen die ſämmtlichen Mitglieder der Genoſſenſchaft an, ſich die Geſichter zu ſchwärzen, und es waren wenig Minuten verfloſſen, als Loren zu ſeinem Entſetzen die Bande in eine Geſelſchaft ſi chtlicher Mohren verwandelt ſah, doch da nicht genug, auch er mußte ſich dieſer M Hand zu ſein. —n———— 48 „Haltet die Funkſchnur(Feuerzeug) bereit, und nehmt den Buben in die Mitte,“ ſagte der Anführer, unter dem Namen Beg vollkommen in jener Gegend bekannt, obwohl er noch andere Namen führte, und von ſeiner Bande gewöhnlich der ire Jäger genannt wurde. Man verließ das Haus des unin durch di Hinterthür, und gelangte auf dieſe Wege ſogleich ins Freie hinaus, dann ſchlugen die Räuber einen nach der Kirche führenden Pfad ein, und bei dem Pfarrhauſe angelangt, faßte Beg den zweifelnden Lorenz beim Arm, und zog ihn haſtig einige Schritte nit ſich fort. 4 „Zittere nicht,“ murmelte er,„ich kenne dich, alte aus— es bringt dir Gewinn— ſpäter nirt n mich genauer kennen lernen.“ ——————— Nachdem er dieß geſagt⸗ kehrte er wieder zu ſeinen Gefährten zurück, welche ſich dem Pfarrhauſe deſſen Bewohner im tiefen Schlafe lagen und keine Ahnung von den Schrecken hatten, die ihnen bei ihrem Erwachen in dieſer Nacht noch be⸗ 8.. Der Einhruch.— Ein Meuchelmord. Indem Lorenz mit einiger Bangigkeit dem finſtern Beg Folge zu leiſten verſprach, waren auch die Ge⸗ noſſen des Letzteren nicht unthätig gehlieben; Einige von ihnen brachten Leitern und lange Stangen herbei, woran eiſerne Haken befeſtigt waren, die ſie an den Fenſtern des Oberſtockes anlegten, um auf dieſe Weiſe in das Innere des Hauſes hinein zu ſteigen, andere„ hingegen ſchlichen geräuſchlos in der Umgebung des Hofraumes umher, lauſchend, ob auch alles ſicher für 3 das Unternehmen ſei. Unter der letzten Abtheilung befand ſich auch Lorenz; er hatte den Auftrag er⸗ halten, auf dem Wege nach dem Dorfe zu Wache zu halten und ſeinen Poſten nicht zu verlaſſen, bis man ihm würde ein Zeichen geben, wol aber gab man ihm 5 den Anſtrag, aufmerkſam zu ſein und die Uebrigen egleich zu benachrichtigen, wenn ſich etwas Leih zeigen ſollte. Die Thurmuhr ſchlug eben halb Eins 3 erſte von den Ränbern auf der Leiter emp i drch das eingedrückte Fenſter hineinkroch. ind klapperte unheintich mit den offenſte 3 gewöhnlich unverſchloſſen gelaſſen wurt De⸗ ſchwarze Jäger. Lieferung 2 50 Fahne auf dem nahen Kirchthurme ſchwirrte und ächzte darnieder in klagendem Tone durch die finſtere Nacht. Die Bewohner des Hauſes lagen im tiefen Schlummerz plötzlich geſchah ein heftiger Knall, von deſſen Echo das ganze Haus von einem Ende bis zum andern wiederhallte; die Paſtorin wurde durch das Geräuſch zuerſt aufgeſchreckt und in der Angſt ihres Herzens rief ſie, ihren Gatten aufweckend: „Lieber Mann, wach auf, wir Hauſe! 1%, Der Geiſtliche ſprang raſch un Sis von feinem Lager auf und langte nach einem geladenen Piſtol, welches unter ſeinem Bette lag, ehe er jedoch pas Gewehr zu ergreiſen vermochte, wurde auch ſchon die Thür von den eindringenden Räubern aufgeſprengt, worauf etwa 8 Mann von ihnen mit Licht verſehen in das Schlafzimmer hereinſtürmten. Der ſchwarze Jäger ging ſogleich auf das von Entſetzen ergriffene Chepaar los, er erfaßte den Geiſtlichen und drückte ihn mit dem Geſicht aufs Bette, wobei ihm ſpäter auch ſeine fürchterlichen Genoſſen behülflich waren. verlangte man das vorhandene Geld, uhd als de Pfarrer verſicherte, er habe keins in ſein uſe, banden ſie ihm die Hände, drückten ihm —————— a man ihr den Mund mit einem Tuche zu warf ſie in die Kammer, wo ſich die beide Kehle zuſammen und drohlen unter wilden Flüchen, ihn ſammt ſeiner Gattin zu ermorden; zum Beweiſe, daß ſie dazu entſchloſſen ſeien, zogen ſie ihre Meſſer 6 und Hirſchfänger blank, während Beg den Geiſtlichen 7 an den Haaren erfaßte und ihm den ſcharfen Dolch auf die Bruſt ſetzte. Der entſtandene Rumor hatte die beiden Mägde der Paſtorin ebenfalls aus dem Schlafe geweckt, ſie kamen aus ihrer Kammer geſtürzt, um zu ſehen, was ſich mitten in der Racht ereignet habez kaum hatten„ ſie jedoch den oberen Saal erreicht, als ſie von den Spitzbuben wieder zurückgetrieben und dann in hm Schlafgemach ſtreng bewacht wurden. Andere von der Bande polten unterdeſſen eine bejahrte Frau aus dem Bette; ſie war aus Langenſalza und war noch ſpät an dem vergangenen Abend zum Beſuch hier eingetroffen, man ſchleppte die Unglückliche im Zimmer herum und forderte ſie auf, den Ort anzugeben, wo der Geiſtliche ſein Geld aufbewahrte. Die gepeinigte Frau ſchwieg lange Zeit, der Schreck hatte ihre Zunge gefeſſelt, und als ſie endlich zu ſchreien anfin darauf die Hände mit einem Stricke zuſamn 52 Vittlerweile wurden alle Thüren, Schränke, Koffer und Behältniſſe gewaltſam erbrochen und ge⸗ ſprengt, dann verlangte man von dem Pfarrer, er ſolle aufſtehen, wozu ſich derſelbe auch gleich bereit⸗ willig zeigte, allein da er hart gebunden war, konnte er ſich ohne Unterſtützung nicht aufrichten; er wurde daher mit Gewalt aus dem Betke geworfen, und nachdem er endlich auf den Füßen ſtand, verſetzte ihm Marbacher oder der ſogenanſte Biebreſche Schrei⸗ Boden ſtürzte. Jetzt ſchloſſen die Böſewichter einen is um ihn, worauf Beg zur Paſtorin ſagte, ſie it dem Kopfe unter das Deckbette drückend: S ſollſt es nicht ſehen, wie ſie ihn kaput Dieſe Bemerkung, welche dem Prediger nicht engangen war, ließ ihn nicht mehr länger an ſeinem er die inen To erwartete. Thür des Zimmers haſtig aufgeriſſen und ſes Creigniß iſt genau nach dem wörtlichen Bericht 3 . müſſen. Sber einen heſtigen Schlag auf den Kopf, das er ze eſem für das Ehepaar ſo ſchrecklichen Moment geſchildert, der ſeine Angabe vor dem Gericht i Su 7 nA nnt shem „Vu s. — . als die Paſtorin ſah, daß ſie auch den 53 ein Räuber, ſchwarz wie Satanas, trat herein; es war Fleiſcher Lewin, der ſich ebenfalls mit unter der Bande befand, und ſeine abſcheuliche Larve ſchützte ihn vor jeder Entdeckung. Lewin ſprach kein Wort, um ſich nicht zu ver⸗ rathen, aber bei dem Anblick des halbtodten Pfarrers ſchien er nicht ohne Gefühl zu bleiben und ſein Ge⸗ wiſſen mochte einige Reue empfinden; wie ein Blitz war er unter ſeinen Genoſſen, ſchleuderte einen in dieſen, den andern in jenen Winkel, und gab durch verſchiedene Geberden ſeinen Unwillen gegen das Verfahren mit dem Prediger zu verſtehen, dann winkte er dem ſchwarzen Jäger mit der Hand und zog ihn mit ſich nach einem Nebenzimmer, wo er auf einen 5 leinen, mit Blech beſchlagenen Schrank zeigte, i welchem ſich eine bedeutende Summe Geld befinden ſollte. Das Behältniß wurde wie die übrigen mit Gewalt aufgebrochen, die Räuber fanden ſich in ihrer Erwartung nicht getäuſcht, ſi ſie fanden eine Summe von 3000 Thalern an baarem Gelde und in ver ſchiedenen Münzſorten in den Schubfächern, die ſie rein ausplünderten. Der gemachte Raub wurde zuſamme man ließ ſogar die Kommunionbecher nicht zur 54 mit fortnehmen wollten, da wagte ſie es, um die Rückgabe deſſelben zu bitten, was auf ein Zeichen Lewins geſchah. „Ei was, warum ſollen wir ihn nicht nehmen!“ rief ein Genoſſe der Bande voll Unwillen,„es iſt gutes 16löthiges Silber!“ damit riß er ihn der Bit⸗ tenden wieder aus der Hand. Lewin ſchüttelte voll Unwillen den Kopf gegen den Sprechenden, und endlich gelang es ihm, die Zurückgabe des Bechers zu bewirken, dafuͤr mußte die geängſtigte Frau ihre goldenen Ohrringe und der Ffarrer die ſilbernen Hemdeknöpfe hergeben. Das Gebäude war nun vollkommen durchſucht und ge⸗ plündert und die Bande entfernte ſich; die Wache⸗ haltenden wurden durch den Ruf einer Pfeife von dem bevorſtehenden Abzuge der Räuber unterrichtet, die Bande ſammelte ſich eiligſt und zog dann hinter dem Dorfe hinab, ohne auf irgend eine Art beun⸗ ruhigt zu werden.„ Der Marſch ging nach der alten Burgruine Bleich en, welche auf einem hohen Bergkegel ganz gt; hier wurde der Eingang eines Kellers und die Bande begab ſich hivein, um hier während der Nacht den gemachten Raub einzutheilen. —— im Geheimen einen Umgang. Beg hatts de 8 0 Lorenz hatte ſich ebenfalls mit hierher begeben, und der berüchtigte Beg gab ihm einen Antheil von 6 Ducaten, ein Geſchenk, das ihn ermuthigte, auf dem betretenen Wege fortzugehen. Die Bande zer⸗ ſtreute ſich noch in derſelben Nacht, es konnte unge⸗ fähr des Morgens gegen 4 Uhr ſein, als dieſelbe auseinander ging. Beg und Lorenz, ſo wie der Biebreſche Schreiber, blieben jedoch in dem Gewölbe der alten Burg zurück, um auch noch den anbrechenden 6 Tag hier zu verweilen; Lorenz beſchloß indeſſen, während des Vormittags nach Freudenthal zu gehen, wo, wie ſchon erwähnt, ſein Stiefpater wohnte. Er brach gegen 9 Uhr des Morgens dahin auf, und als er zu Hauſe anlangte, fand er ſeine Mutter allein in der Hütte anweſend. Die Mutter des Burſchen war ein noch rüſtiges Weib von hübſchem Aeußern und etwa 36 Jahre alt, ſie hatte ſich vor mehreren Jahren zum zweiten Male verheirathet und zwar mij einem gewiſſen Egidius Mohr, mit welchem ſie jedoch faſt in beſtändigem Unfrieden und Streite lebte. Zum Theil trug die Gattin die Schuld dieſes ehelichen Zwiſtes; ſie verachtete ihren Mann und hegte dem berüchtigten Beg, dem Anführer der Rau Lorenz bei ſeinem Zuſammentreſſen mit 8 Walde gar wohl erkannt, und er hatte es nur aus Rückſichten gegen ſeine Genoſſen unterlaſſen, ſich gegen den Buben vertraulich zu zeigenz ſpäter jedoch, als er ihn in der Nähe der Pfarrwohnung mit ſich hin⸗ wegzog, geſchah es, daß er ſich näher mit ihm ver⸗ ſtändigte. „Ich kenne dich,“ hatte Beg zu Lorenz geſagt, „und zwar beſſer, als du glauben magſt. Beweiſe Muth und laufe nicht von dem Poſten, den ich dir anweiſen werde; er iſt leicht und ich gönne dir eine keine Belohnung.“ vorenz hatte den Wink benutzt und erhielt bei der Theilung von Beg den genannten Betrag, den er mit ſich nach Hauſe genommen hatte. . Lorenzens Mutter empfing den Herumtreiber mit einer Fluth roher Verwünſchungen und Flüche, die ihn jedoch ſehr wenig zu kümmern ſchienen; er war eine ſolche Behandlung von Jugend auf gewöhnt, und nachdem ſich die Mutter endlich erſchöpft hatte, ſagte er in ruhigem Tone, der Zankenden einige überreichend: 8 nehmt, es kommt aus guten Händen, und 2 enh der mir das Geld ſchenkte, läßt Euch 6 3 urißen „Und wer könnte es wol ſein?“ fragte Mutter. „Er nannte ſich Jean,“ erwiderte Lorenz. 5 Die Mutter erröthete verlegen, bald jedoch nahm ſie ihr bisheriges Weſen wieder an, ſie fragte ihren Sohn nach allen Umſtänden, die ihn mit Beg zuſam⸗ mengeführt hatten, und nachdem er zu Ende gekom⸗ men war, begann er auch von ſeiner Schweſter Er⸗ wähnung zu thun. „Schweig ſtill,“ befahl die gefühlloſe Mutter „ſprich mir nicht von ihr und dem Wechſelbalge, welchen ſie mit ſich in der Welt herumſchleppt; ich mag nichts von ihr hören, und wenn ſie mir je wieder ₰ ins Haus kommt, dann werf ich ſie zur Thür hinaus. 3 Und nun erſt ihren Liebhaber,“ fuhr das Weib in grimmigem Tone fort,„ich könnte ihm die Augen auskratzen, wenn er jemals in meine Hände kommt.“ „Es wird ſo leicht nicht geſchehen,“ verfetzte Lorenz,„ich habe dafür geſorgt und während wir hier ſprechen, tanzt vielleicht der Stock des Korporals 3 auf ſeinem Rücken herum.“ Levnore ſtaunte bei der auchinde Sreigniſte, Lorenz jetzt folgen lief Brut, die jetzt in den beſten Jahren war, um zum. Schurken geſtempelt zu werden. † Und nun erzähle mir noch etwas von den hüb⸗ ſchen Geſchichten von Beg, der ſich immer ſo freund⸗ lich bewieſen hat,“ fuhr das laſterhafte Weib nach einiger Zeit fort;„ich höre gern von ihm ſprechen, und jetzt haben wir gerade Gelegenheit, es ungeſtört thun zu können, indem der alte Narr nicht zu Hanſe iſt,— wenn er doch nimmer wieder heimkehrte.“ Es läßt ſich leicht denken, wenn die Gattin ſo von dem Gatten im Beiſein der Kinder ſpricht, daß z dann die Achtung der letzteren gegen denſelben nicht groß ſein kann. Zudem waren Franz und ſeine Schweſter nur die Stiefkinder des Egidius, und das Betragen ihrer Mutter gegen ihn mußten den letzten eſt von Reſpekt vollends vernichten. 6 Egidius war ſeinem Stande nach ein alter Sol⸗ vat und nährte ſich durch Betteln und Zitherſpielen. erzog oft Wochen lang im Lande umher, wobei ihn orenz früher begleitet hatte. Da jedoch in der letz⸗ 5 n Zeit ſeine erhaltenen inn wieerhol erungr Finzuſtellen, was für ſeine Fran öchſtt un⸗ wurde, da ſie das Verhältmiß mit be da⸗ 6 —— —,— ————— daher endlich das verbrecheriſche Paar 50 Das jetzt erfolgende beſtändige Zuſammenleben der Eheleute ſteigerte den bisherigen Groll nur noch höher; Levnore konnte den alten Mann nicht mehr leiden, ſie haßte ihn immer mehr, während ihm ſeine beiden Stieftinder, beſonders Lorenz, alle nur mög⸗ liche Beleidigungen zufügten, wobei ſie von der Mut⸗ ter unterſtützt, ſtatt abgehalten wurden. Sie ſprach in ihren Beiſein nur verächtlich von ihm und die Ge⸗ ſchwiſter ſtimmten damit überein, ſodaß dem armen Egidius das Leben zur höchſten Qual gemacht wurde. Die Anweſenheit des alten Soldaten mußte für die ſtattfindenden Zuſammenkünfte Leonorens und Jean Beg's oft hinderlich werden, beſonders da Egi⸗ dius ſeine Hütte von nun an ſelten, und wenn es geſchah, nur auf kurze Zeit verließ; und ſo war es am heutigen Morgen nur ausnahmsweiſe der Fall, 6 daß er bis nach dem nächſten Theile des Waldes gegangen, um Blaubeerkraut zu holen, woraus e kleine Beſen zu machen pflegte. Leonore hatte bisher vergebens auf den Tod ihres Mannes gehofft. Beg hegte ein gleiches Verlangen, um dann die rüſti Wittwe heirathen zu können, allei i wollte durchaus nicht in Erfüllung gehen dius lebte zum Aergerniß Beider fort. D 60 ſchluſſe, den langen Lebensfaden des verhaßten Gatten mit Gewalt zu durchſchneiden, und der heutige Tag gab, nach der Meinung Leonorens, die beſte Gelegen⸗ heit zu dem längſt beſchloſſeneu Bubenſtück. 5„Lorenz,“ ſagte ſie in ſchmeichelndem Tone zu dem tückiſchen Burſchen,„du weißt es und biſt Zeuge geweſen von dem unangenehmen Leben, das wir bis⸗ her geführt haben, und es wird auch nicht beſſer, ſo lange der alte Krüppel nicht die Augen ſchließt; ich habe mir daher vorgenommen, Egidius zu verlaſſen. Mag er hier allein wohnen, ich werde mir einen an⸗ dern Ort ſuchen, um Ruhe zu haben und nach Ge⸗ fallen leben zu können. Erfülle mir daher zuvor noch einen Auftrag an Jean Beg, deſſen Aufenthalt Du tennſt und den er heute noch nicht Wſen haben wird.. „Er wird den ganzen Tag auf dem Berge blei⸗ 5 ben,“ bemerkte Lorenz,„und will erſt morgen Nacht . aufbrechen.“ „Nun, ſo laß es noch,“ ſagte die Mutter,„es ſo noch nichts verſäumt und wir haben noch Zeit, um gehörig überlegen zu können. Ich werve ein Brieſchen an Beg ſchreiben, das du ihm beſtimmt und ohne Zeugen übergeben wiſſt 3 . † Au—„— —— Lorenz verſprach, die Sache pünktlich zu beſor⸗ gen. Hierauf ſetzte ſich Leonore an den Tiſch und fing an, ein Billet zu ſchreiben, welches eine ziemliche Zeit erforderte, und als ſie damit fertig geworden, ſiegelte ſie es mit einem Stückchen Baumharz zu, dann überreichte ſie es dem wartenden Boten, der bereit war, ſich nochmals nach den Ruinen zu bege⸗ ben, welche etwa eine Stunde entfernt lagen. Der Weg war bald zurückgelegt, und keuchend langte Lorenz an dem Fuße des Berges an. Hier ſetzte er ſich ein wenig nieder, um Luft zu ſchnappen, dann ſtieg er vollends den Berg hinauf und ver⸗ ſchwand in einem der punkeln Kellergewölbe. . Jean Beg zeigte ſich bei ſeinem unvermutheten Erſcheinen einigermaßen verwundert, und da der . Biebreſche Schreiber ſich auf einige Minuten entfernt hatte, ſo fand Lorenz Gelegenheit, den Brief an den Gaunerhäuptling gelangen zu laſſen. Dieſer griff haſtig danach, und nachdem er ihn geöffnet, las er Folgendes vor ſich hin: „Lieber Jean! Mein Mann iſt heute in den Wald gegu auch ich befinde mich allein in der Wohnun Egidius wird in der Gegend von** zu ſein. Suche ihn auf— die Gelegenheit iſ „ 8 62 ſtig— und wenn du ihn getroffen haſt, dann be⸗ eile dich und komm in die Arme deiner Leonore. Beg las das Billet einige Mal; der Inhalt ſchien für ihn von großer Bedeutung zu ſein. „Es iſt gut,“ ſagte er nach einer Pauſe, wäh⸗ rend Lorenz ſchweigend vor ihm ſtand;„kehre jetzt wieder heim, ehe mein Gtfahrte dich erblickt, und ſage deiner Mutter, daß Alles beſorgt werden wird und daß ich ſie noch heute und zwar mit Einbruch ver Nacht beſuchen wolle. Und du, Burſche,“ fuhr er fort,„balte reinen Mund, ſprich gegen Niemanden ein Wort von dem, was wir jetzt abgemacht haben, es wuͤrde ſonſt für uns Alle Verderben bringen.— Geh, geh! und richte deine Botſchaft pünknich aus.“ Lorenz machte ſich bald wieder auf den Heim⸗ weg und berichtete ſeiner Mutter Wort für Wort, was ihm Jean Beg geſagt hatte. Gegen Abend fand man den unglücklichen Egidius Mohr ermordet im Gebüſch; eine Kugel hatte ihm die Bruſt durchbohrt. Er lag in der Nähe des ſoge⸗ ten Forſthauſes, und ſein Körper, welcher kein ichen mehr von ſich gab, wurde von einigen Ar⸗ beiter ach ſeiner Hütte getragen.— Der Meuchel⸗ r war vollhracht und die Wünſche erfüllt. —— von ſeinem Tode; Gewiſſensbiſſe und innere Vor⸗ ung ſtatt, und da ſie während derſelbeni i 63 Jean Veg hatte, nach der Weiſung Leonorens, den verhaßten Gatten aufgeſucht und— getroffen⸗ Die Wittwe vernahm mit Grauen die Nachricht würfe wurden in ihrem Herzen laut, allein der Ge⸗ danke an den bevorſtehenden Geliebten zerſtreute ihre Bedenklichkeiten bald wieder und vor ihren Augen ſchwebten die täuſchenden Bilder einer beſſeren Zukunſt. vVI. Der Waldhüter Thom. Bei Begräbniſſe des unglücklichen gidins wurden wenig, ja, wir können ſagen, faſt keine Zäh⸗ ven vergoſſen außer einigen Krokodilsthränen, weſche ſein Weib mit Mühe vergoß. Lorenz ging eben ſo gleichgiltig hinter dem elenden Sarge her, und in Gedanken wünſchte er ſich Glück zu der Freiheit, dir er durch den Tod ſeines Pflegevaters gewonnen hatte. Von dieſer Zeit an betrachtete ſich Zean Beg Hausgenoſſe in der Wohnung ſeines Opfers. Was den Tod des E Egidius betrifft, Bezug auf die Wittwe eine einzige gerichtlich 7 64 bare Unſchuld zu bewahren vermochte, po wurde ſie ungehindert entlaſſen. Bisher haben wir noch wenig über Jean Beg geſagt und wollen deshalb jetzt das Nöthige nach⸗ holen. Wir geben dem Leſer eine kurze Schilderung über den Charakter jenes Verbrechers, die vollkommen der Wahrheit angehört und treu nach den gerichtlichen Mittheilungen entworfen wurde. Jean Beg, etwa 40 Jahre alt, war von niti Größe und ſtarkem, unterſetztem Körperbau. Sein Geſicht war voll und ſchwärzlich und wurde von einem ſtarken, ſchwarzen Backenbarte umſchloſſen, den er jedoch zuweilen entfernte, um ſich unkenntlich zu machen und auf dieſe Weiſe den ernh der Behörden zu entgehen. Die Kleidung des Häuptlings war gewöhnlich ſauber und gewählt; ein lichter Ueberrock war ſeine Bekleidung, unter welchem er ein zierlich mit Schnu⸗ ren beſetztes Jagdkleid mit einem Gürtel um die Hüften trug, worin gewöhnlich ein paar kleine Pi⸗ ſtolen und ein Dolch ſteckten. Jean hatte bereits ſchon mehre Male harte Strafe erlitten; zunächſt bei Burg⸗ tv atte er fünf Jahre in. Ketten unter der Erde geſchmachtet, worauf er nach Abbüßung ſeiner St zeit wieder freigelaſſen wurde. Ein halbes Jahr ———— geſonderte Hälften, deren jede ihren eigenen An hre 65 ſpäter kam er jedoch wegen abermaliger Räubereien nach Dresden als Baugefangener. Mit ihm ſaßen damals zu gleicher Zeit zwei ſeiner Mitgenoſſen und zwar ſein Pathe, Guſtel genannt, ſo wie der ſchon oben genannte Marbacher, auch unter dem Namen der Bibreſche Schreiber bekannt. Nachdem ſie ihre Strafe gebüßt, kamen die drei Verbrecher, und zwar im Laufe eines und deſſelben Jahres, wieder auf freien Fuß; ſie begaben ſich nach Thüringen und fingen ihr früheres Treiben wieder ſo an, wie ſie es ver⸗ laſſen hatten, zugleich bildeten ſie eine förmliche Räuberbande, deren Anzahl in kurzer Zeit zu einer bedeutenden Höhe ſtieg, ſo daß dieſelben nach gericht⸗ lichen Angaben eine Körperſchaft(die Hehler mit eingeſchloſſen) von 140—50 Mann bildeten; die wald⸗ reichen Gegenden Thüringens gewährten en allent⸗ halben Schutz, und es verging eine lange Zeit, ehe dieſem neuen überhandnehmenden Unfug ein gemacht werden konnte. Die Räuberbande theilte ſich unnn beſaß, man nannte die eine die Sachſen⸗ und die andere die Hoſenbande. Wovon die erſtere der Leitung Jean Begs, die andere jedoch einem gewiſſen Pföſchen ſtand; der Letztere der ſchwarze Jäger. Lieferung Z. 66 nach ſeiner Angabe vom Adel, und gab ſich öfters für einen Grafen oder Baron aus. Er beſuchte die Güter in der Umgebung, und kundſchaftete dabei für ſeine Leute Gelegenheit aus, um Geſchäfte zu machen. Graf Pföſchen, wie man ihn gewöhnlich nannte, war von Perſon ein hübſcher und ſchön gewachſener Mann, von einigen dreißig Jahren; er trug ſeine Kleider mit großem Beſatz, und trug zuweilen auch einen Stern auf der Bruſt, in ſeiner Begleitung be⸗ fanden ſich gewöhnlich 6—8 Spitzbuben, die ihn als Bedienung umgaben; er hatte öfters Pferde bei ſich, und operirte nur durch ſeine Leute, er Eſer nie eine Hanvlung. Jedes Mitglied der Bande beſaß ſeinen namen„um ſich nicht zu verrathen, und wir wollen ſpäter einige, und zwar nach ihrer wahren Benennung angeben, die ſich, beiläufig bemerkt, unter der Anführung 3 Jean Begs befanden. Nachdem wir dieſe nöthige Bemerkung voraus geſchickt haben, kehren wir zu der abgebrochenen Er⸗ zählung zurück, indem wir den Leſer nach dem gleich zu zu Anſuig erwähnten Forſthauſe führen, welches, wie bekannt, etwa eine Viertelſtunde von dem genannten Suunde entfernt lag. . —————— 67 Dieſer Ort nebſt ſeiner nächſten Umgebung galt für die Bande Jean Begs als einer der beſuchteſten Punkte; die Gegend war waldig und höchſt einſam, und nur ſelten verirrte ſich der Fuß des Wanderers hierher. . Es waren ungefähr 8 Tage ſeit dem Einbruche in das Pfarrhaus zu s, ſowie der Ermordung des armen Egidius vergangen, die zerſtreute Bande hatte ſeit jener Zeit nichts unternommen und hielt ſich bei ihren Helfern auf, wo ſie ſicher genug waren, wenn auch wirklich die ſtrengſten Nachforſchungen erfolgten. Gegen Abend des neunten Tages war jedoch eine Zuſammenkunft im Forſthauſe verabredet worden, wwobei Keiner fehlen wollte noch ſollte. Thom, der Beſitzer des alten Gebaͤudes, war bei Zeiten davon unterrichtet worden und hatte ſeine Wohnung zum Empfang ſeiner Gäſte vorbereitet. Das alte Haus des Waldbewohners bot von Außen einen traurigen Anblick darz das Dach deſſelben war ſchadhaft ge⸗ 5 worden und zeigte an vielen Stellen das nackte Lat⸗ tenwerk, die Sie der S war von W ———— — lieferte auf den erſten Blick den ſi Zrri Ben der Hausherr ein liederlicher und t ig ſein mußte. — Thom bewohnte das Haus in Geſellſchaft ſeiner alten Mutter, einer verſtandesſchwachen Perſon von heinahe 70 Jahren; zum Theil hatte ſie das hohe Alter kindiſch gemacht, obwol ſie von jeher ziemlich ſchwach in ihren Begriffen geweſen war. Gegen⸗ wärtig nahm ſie faſt an nichts mehr Theil, mochte auch in ihrer Nähe vorgehen was immer wollte, ſie ſchien für Alles unempfindlich geworden zu ſein, aus⸗ genommen die Brandweinflaſche, die ſie noch immer ſehr liebte und ihrem Sohne, der ein tüchtiger Trinker war, nach Verhältniſſen wenig nachgab. Wir werfen jetzt einen Blick in das Innere dieſer Waldwirthſchaft. Auß einem alten, mit Leder überzogenen Armſeſſel, veſſen Farbe längſt unkenntlich geworden war, ſaß Thomas, der Waldhüter des landgräflichen Forſtes; er war ein Mann von wildem Anſehen, und das Leben in der Einſamkeit hatte einen Menſchenfeind aus ihm gemacht, ſein ſtruppiges Haar hing unordent⸗ lich über die tiefgefurchte Stirn und der vernachläſſigte Vackenbart gab ihm das Anſehen eines echten Gurgel⸗ abſchneiders; ſeine Bekleidung beſtand aus einem alten ſchwarzen Rocke, nach Jägerſchnitt gefertigt, und an den Beinen trug er lange Waſſerſtiefeln, die er jedoch auszog, um die Füße in ein Pam ungeheure 6 Strohſchuhe zu ſtecken, welche unter dem gebrechlichen — — N Liſche lagen, dann ſetzte er ſich wieder in ſeinen „ Armſtuhl und fing an, einer gefüllten Schnapsflaſche fleißig zuzuſprechen, die vor ihm ſtand. Hinter dem gewaltigen Kachelofen ſaß unter⸗ deſſen, oder beſſer geſagt, kauerte die alte, halbwahn⸗ . ſinnige Mutter des Waldhüters, eingehüllt in elende und ſchmutzige Lumpen; ſie ſchaute mit ſtumpfen Ge⸗ fühlen und gläſernen Augen nach ihrem Sohne herüber, der ſoeben im Begriff ſtand, das geleerte Glas von Neuem zu füllen. Dieſer Anblick ſchien ſie jedoch heftig aufzuregen, ihre Lüſternheit nach der Flaſche ließ ihr nicht länger Ruhe in dem erbärmlichen Winkel; ſie erhob ſich leiſe mit der Liſt des Irrſinnigen und erreichte den Tiſch, ohne daß Thom es bemerkt hatte; als derſelbe daher im Begriff ſtand, das Glas an den Mund zu führen, da haſchte ſie mit den dürren Händen darnach, um ſich des köſtlichen Trankes zu bemächtigen, allein ihre Abſicht wurde nicht erreicht, indem ſie von Thom nnſanft zurückgeſtoßen wurde. „Hinweg, Alte!“ rief der rauhe Sohn in lieb⸗ 6 loſem Tone,„halte deine Knochen fern von der Die Alte grinſte und ſchlug ein wildes hi, mein Junge, mein kleines einen einzigen, ſage ich, es iſt ja der letzte Troſt, den 3 deine Herberge!“ Und der finſterblickende Sohn hob drohend die Fauſt gegen die Mutter empor, daß ſie erſchreckend zurück wich und heulend hinter den Ofen flüchtete, um ſich in ihrem elenden Lager zu verkriechen, 8½. von Stroh und Lumpen gebildet wurde. Thom trank fort. Bald darauf ließ ſich 1 eigenthümliches Klopfen an dem verſchloſſenen Fenſter⸗ iben vernehmen, der Bewohner ſtand 6 und trat in den Hausflur hinaus.. „Wer iſt da?“ fragte er mit trjigem Tone. 1 „Nergeſcher,“*) erwiderte eine fremde Stimme mit tiefem Baß,„ich will mit dir platten.“**) Der Waldhüter beſann ſich nun nicht länger, die Thüre aufzumachen und ſeinen Beſuch einzulaſſen, worauf er bald mit einem Manne nach dem Wohn⸗ zimmer zurückkehrte, deſſen hohe Geſtalt in einen ich mit aus der Welt nehme;z wie lange wird es* noch dauern, ſo modern meine Knochen im dunklen Grabe.“ 8„Nein, ich will nicht!“ rief Thom ärgerlich, S S hinweg oder ich ſchleudere dich wie einen Wiſch in *) Guten Abend. *) Sprechen. Ladung in den Rucken, daß er ſogleich niederßürzte; ich konnte ihm unter ſolchen Umſtänden keinen Bei⸗* nachgeſchickt wurden und dicht bei mei ne 71 grauen Mantel gehüllt war, und nachdem derſele 1 ſeinen Hut abgenommen und die Hülle bei Seite 3 legt hatte, da ſchien Thom von einem gewaltigen Staunen ergriffen zu werden, und dem Eingetretenen die Hand reichend, rief er voll Ueberraſchung: „Alle Wetter, Räuter, biſt du es wirklich? Hätte ich doch eher ſonſt etwas vermuthet, als dich heute hier zu empfangen; ich hielt dafuͤr, du ſäßeſt noch in dem Kerker zu Eiſenach.“ „Es würde allerdings nicht anders ſein,“ ver⸗ ſetzte der Genannte,„wenn ich nicht ſelbſt für meine Befreiung Sorge getragen hätte. Sie haben mich lange genug gepeinigt, und ich mußte über zwei Jahre in dem verdammten Käfig brummen und ſchmachten. Ich ſaß noch mit einem Bekannten dort gefangen und es gelang uns, eine Oeffnung durch die Mauer des Gefängniſſes zu brechen, und als wir im Freien an⸗ gelangt waren, da gewahrte uns die Wache. Man gab Feuer und mein armer Kamerad erhielt eine volle ſtand leiſten, ſondern hatte nur für meine eigene Rettung Sorge zu tragen. Es gelang mir, gtüct⸗ lich zu entkommen, obwol mir noch me 72 beipfiffen. Ich blieb unbeſchädigt, auch begünſtigte die Nacht meine weitere Flucht. Ich gelangte in den Wald, wo ich nach einigem Umhertreiben endlich wohlbehalten bei dir angelangt bin. Das iſt meine ganze Geſchichte,“ fügte er hinzu,„und du wirſt ein⸗ geſtehen müſſen, daß dieſelbe eben ſo kritiſch als abenteuerlich iſt.“ „Das iſt in der That der Fall,“ verſetzte Thom, „und ich freue mich über deine glückliche Flucht und ich heiße dich nochmals herzlich willkommen; ich will dich ſicher hier verbergen, und Niemand ſoll dich dort ſuchen, wohin ich dich bringe, und wenn man Alles in dem alten Hauſe von unten nach oben kehrte. Setze dich,“ fuhr er fort,„mache dir es bequem und koſte meinen Branntwein, es iſt echter Nordhäuſer und es geht nichts über denſelben.“ Die beiden Männer ſetzten ſich nun an den Tiſch, und während die Unterhaltung fortgeführt wurde, begann der Inhalt der Flaſche mehr und mehr zu ſchwinden, bis dieſelbe envlich leer geworden war. 1„Es hat ſich ſehr viel verändert, ſeitdem du entfernt warſt,“ ſagte Thom,„es ſind viele abge⸗ kommen von uns und neue angeworben worden;z Jean Beg ſteht jett an der Spitze, der Bibreſche Schreiber iſt auch bei uns und leiſtet der Bande gute — 73 Dienſte; er iſt ein geſcheuter Burſche und verſteht es gründlich, falſche Päſſe für die Geſellſchaft auszu⸗ fertigen, ſo daß die berüchtigſten von uns ohne Ge⸗ fahr das Land durchziehen können, ſo täuſchend ſind die Papiere nachgemacht.“ „Ei, das iſt ja prächtig,“ verſetzte Räuter,„dann wäre ja gleich ein Mittel gefunden, um meinen Ver⸗ folgern zu entgehen. Weißt du nicht, wo ich den Schreiber treffen kann?“ 17 „Er wird noch dieſen Abend hierher kommen,“ ſagte Thom,„und ich glaube, daß es nicht mehr lange dauern kann. Kommen muß er,“ ſetzte der Waldhüter hinzu,„denn es warten wichtige Geſchäfte auf ihn, die erledigt werden müſſen. Ueberhaupt werden ſie in dieſer Nacht noch Alle hierher kommen,“ bemerkte er geheimnißvoll,„Jean Beg will etwas unternehmen, und da er ein flinker Burſche iſt, ſo läßt er gewiß nicht mehr lange auf ſich warten.“. 2 „Horch!“ rief Räuter, durch ein plötzliches Ge⸗ 5 räuſch aufgeſchreckt, das ſich von Außen vernehmen ließ,„es iſt Jemand am Eingange. Es pocht,“ fügte er flüſternd hinzu,„wir werden doch ſcher hier ſein,“ inem Mantel langte. n, bemerkte Thom,„befürchte nicht ußen iſt, ſo gehört er zu den Un verborgene Thüre, welche, in der Wand gebraht 74 Es pochte hierauf auch wirklich einige Mal an der Thüre, und Thom öffnete den Fenſterladen ein wenig mit der Frage, wer draußen ſei. „Linke Fleppe,“*) war die Antwort. „Es iſt der Schreiber,“ flüſterte Thom ſeinem Gaſie zu,„wir haben nichts zu fürchten,“ damit ging er hinaus, um den Angekommenen einzulaſſen. Einige Minuten ſpäter trat der ſchon oft genannte Marbacher in das verräucherte Zimmer herein. VII. Die Räuberbunde. Dn effen zweier Bekannten, wie Räuter und der Schreiber es ſchon längſt waren, mußte für die beiden ein angenehmes Ereigniß ſein, und ſie begrüßten einander mit einer Herzlichkeit, wie ſie nur immer unter Gaunern und Spitzbuben . kann. Nachdem die drei Männer einige geit mit ein⸗ te geſprochen hatten, öffnete der Schreiber eine war, die den Hausflur von dem Von hier gelangte man auf eine 5 Baſcher Paß⸗ — — 2 — K„Ich ſtaune,“ ſuge Kunte wihrens er en. E 75 in ein tiefes Kellergewölbe hinab, worin Marbacher gewöhnlich hauſte. Hier in dieſem untsrirdiſchen Raume hatte er ſein Bureau aufgeſchlagen, und beim Scheine einiger Lampen arbeitete der verſchlagene Fälſcher zum Trotz aller Behörden und befreite da⸗ durch manchen Schurken von dem verdienten Galgen. Als Genoſſe und Helfershelfer wurde Rauter in das Geheimniß dieſer verborgenen Werkſtätte ein⸗ geweiht, der Schreiber winkte ihm und Beide ſtiegen mit einander in den Keller hinab, deſſen Raum be⸗ deutend erſchien und durch einige Lichter erleuchtet wurde, deren Schein der ganzen Umgebung einen unheimlichen und düſtern Ausdruck verlieh. „Das iſt meine Expedition,“ bemerkte Marbacher, indem er liſtig lachte;„Niemand hat hier außer mir zu gebieten. Hier fabrieire ich Titel für alle Stände, bald Grafen, bald Barone, oder wie man will, und kein Menſch vermag ein Makel an meiner Arbeit zu entdecken, meine Siegel ſind ſo gut gegraben, daß es der Polizei nicht einfällt, an der F zu zweifeln.“ in dem Gewölbe um 76 ect war.„Bei meiner Seele, Ihr habt Euch gut verſehen,“ ſetzte er noch hinzu,„dergleichen ſah ich nie, ſelbſt unter den berühmteſten Verbindungen nicht.“ Marbacher lächelte abermals wohlgefällig, dann ſetzte er ſich an den Tiſch und nahm Feder und Pa⸗ pier zur Hand. „Du ſollſt ſogleich eine Probe meiner Kunſt er⸗ halten,“ ſagte er dann,„und du wirſt ſehen, daß ich . Meiſter bin. Dein Beifall wird mir gewiß die Ar⸗ beit lohnen.“ RNach dieſen Worten fing er an zu ſchreiben, und es dauerte nicht lange, ſo war für den harrenden Rauter ein falſcher Paß zu Stande gebracht und zwar in Gemäßheit aller geſetzlichen Formen, worauf das. fürſtliche Siegel auf das täuſchendſte nachgemacht wurde. Räuter empfing das falſche Papier und las es luhend: „Franz Walter, Kauf⸗ und S aus Frankfurt am Main.“ 8 „Gut gemacht!“ rief der entlaufen dem dieſes Latisnan ſich über ſeine Anweſenheit und forderten ihn auß baum. Bald nach dieſen kamen die Letzten vollends an und zwar Georg Wolf, der Fleiſcher Lewin, der ſogenannte Zopfheinrich, die Haſenſcharte und der ſtumpfſinnige Kaspar. Zuſammen 35 Mann, alles berüchtigte Verbrecher, deren Thaten noch jetzt in den Gegenden von Thüringen mit Schauer erzählt werden. Nachdem nun die Bande beiſammen war, ging man zu verſchiedenen Anſchlägen und Berathungen über, und nach langem Rathſchlagen vereinigte man ſich dahin, einen Ueberfall auf den ſogenannten Beier⸗ hof zu wagen, es war dies ein entlegenes Vorwerk, mitten im Walde, auf die Beſitzer ſelten anweſend waren, indem die Verwaltung des Gutes einem erfahrenen Pächter überlaſſen wurde, der hier mit einigen Dienſtleuten ein ruhiges und ſorgenloſes Leben führte. Wir dürfen nicht unbemerkt laſſen, gekommene Räuter von der ſämmtlichen Genbſſenſchaft mit Enthuſiasmus begrüßt worden warz alle freuten — an dem beabſichtigten Zuge dieſer Nacht Theil zu nehmen. Räuter war damit einverßundet zit ſein Entſchluß machte ihn der Geſellſchaft noch angene Es konnte ungefähr um die 11. Stun als die Bande ausrückte; ſie waren ſämmt 80⁰ Waffen verſehen, und nachdem ſie im Freien ange⸗ langt waren, ſchlugen ſie, Jean Beg an der Spitze, die Richtung nach dem genannten Beierhofe ein. VMII. Eine Seele ohne Hoffnung. Ehe wir in unſrer Erzählung fortfahren, müſſen wir den Leſer zu der verlaſſenen Blondine zurückfüh⸗ ren, welche wir unter ſehr traurigen Verhältniſſen in der alten verfallenen Wohnung verlaſſen haben. Das arme Mädchen befand ſich nach der Ent⸗ ihres gehäſſi igen Bruders gänzlich ohne Schutz in der großen, ihr unbekannten Waldung, das Kind fing an zu weinen und die geängſtigte Mutter gerieth bei dem Jammer des Säuglings nur noch mehr in 8 Kummer und Sorge, ihre Thränen vereinigten ſich mit den ihres Söhnchens, das ſie mit zitternden An dieſem hilfloſen Orte tonnte ſie nn bleiben, was ihr klar genug einleuchtete, daher be⸗ ſchloß ſie, den unheimlichen Ort zu verlaſſen und die Landſtraße aufzuſuchen, welche nach ihrer Meinung 33 nicht zu weit von hier entfernt liegen konnte. Händen an ihre bebende Bruſt drückte, um es zu beruhigen. 81 Blondine nahm hierauf ihr Kind in die Arme und machte ſich zur Wanderung bereit, ſie warf noch einen Blick des Schmerzes auf das Gebäude und wandte ihm den Rücken zu. Die erſte Zeit fühlte ſie weniger die Cruutung ihrer durch Schrecken und Angſt ſehr angegriffenen Kräfte, und die Hoffnung, bald aus dem Walde heraus zu kommen, gab ihr Much; ſie ſchritt raſch über Berg und Thal und achtete nicht darauf, daß ſich ihre Füße an den Steinen und Wurzeln der Bäume blutig ritzten, es war nur ein Gedanke, der ihre bangende Seele erfüllte— der Gedanke an ihr Kind, deſſen Wohl ihr ſchwer auf dem dein lag. Die Hoffnung der Pilgerin ſchien jedoch nicht 2 in Erfüllung gehen zu wollen, der Wald nahm kein 3 Ende, Berg und Thal reihten ſich aneinander und immer dichter wurden die wilden romantiſchen Stämme umher! Blondine gerieth in die Irre und wußte nicht mehr, wo ſie ſi ſich befand, noch wohin ſie ihre ver⸗ wundeten Füße wenden ſollte. In dieſer troſtloſen Lage empfand die nriaſere einen unbeſchreiblichen Schmerz, die Racht war vor der Thür und was ſollte ſie beginnen? D Vrſuch, weiter zu kommen, wurde mit Anſtrengungen ihrer Kräfte gemacht; Der ſchwarze Jäger. Lieferung Z. Mühe eine ſfelfige Anhöhe hinauf, die ihren nackten Scheitel hoch über die Waldung erhob, um von hier aus nach einem Orte zu ſpähen, der ihr in ihrer Noth Zuflucht gewähren könnte. 3 Mit ſtarren Blicken ſchweifte ihr von Thränen genäßtes Auge über die unheimlichen düſtern Wald⸗ ſtrecken umher, lange bemerkte ſie nichts von dem, was ſie ſo ſehnlichſt wünſchte, doch da plötzlich tauchte ein Licht in einiger Entfernung vor ihr auf, deſſen Schein eine unveränderte Stellung behielt, obwol es zuweilen lebhafter zu leuchten begann. Mit einem freudigen Ruf und einem dankenden Blick zum Him⸗ mel hatte Blondine F. Entdeckung wahrgenommen, ſie fühlte von Neuem ihre geſchwundenen Kräfte wiederkehren, und ſchnell verließ ſie den Felſen, um die Wanderung nach dem Orte anzutreten, von wel⸗ chem ihr das Licht entgegenſchimmerte. Die Entfernung war nicht ſo ſehr beträchtlich, und es konnte etwa eine halbe Stunde vergangen ſein, als ſie vor einem unanſehnlichen Gehöſt anlangte, deſſen Zugänge, weil es ſchon ſpät am Abende war, feſt verſchloſſen waren. Blonvine ſuchte ihre Anweſenheit am Thore durch wiederholtes Anklopfen bemerkbar zu machen, was ihr jedoch anfänglich nicht gelingen wollte; ſie erblickte Riemanden auf dem weiten Hofraume und — fuhr mit Klopfen fort, bis endlich Jemand an einem Fenſter des Gebäudes ſichthar wurde und mit barſcher Stimme fragte, wer da ſei. „Ich bin eine arme Unglückliche,“ ſagte Blondine, „und habe mich verirrt; Sein Sie ſo gut und gönnen Sie mir für dieſe Nacht ein Plätzchen bei Ihnen, ich bin müde und mein Kind iſt durch die harten An⸗ ſtrengungen krank geworden.“ „Ei was,“ verſetzte die Stimme ungeduldig, „hier herein könnt Ihr nicht kommen, wir halten kein Wirthshaus, um nächtliche Herumtreiber auf Treu und Glauben einzulaſſen. Gehe weiter, etwa zwei Stunden von hier befindet ſich das erſte Dorf, und dort wird man Euch ſchon behalten. Geht, geht, und verliert durch unnützes Warten nicht noch mehr Zeit.“ „Zwei Stunden Weges für ein zum Umſinken ermüdetes Weib durch Wald und Nacht, großer Gott, das vermag ich nicht mehr!“ ſtöhnte Blondine, wäh⸗ rend ſich ihre Haͤnde krampfhaft an das verſchloſſene Gitterthor anklammerten.„Habt Erbarmen!“ flehte ſie,„um meines Kindes willen, deſſen Elend mich tödtet. 29„ihr könnt nicht ſo hartherzig ſein und mich wie einen Hund von Eurer Sch vielleicht habt Ihr ſelbſt vie Ibr li zu ebener Erde geführt. Hier befanden ſich eine An⸗ 84 deren Unglück Euch Schmerzen bereiten würde, darum um ihrer und meines Säuglings willen öffnet mir die verſchloſſene Pforte. Die Stimme ſchwieg, aber zu Blondinens Ver⸗ zweiflung hörte ſie, wie das Fenſier klirrend zuge⸗ worfen wurde, worauf die frühere Ruhe wieder ein⸗ rat. Das arme Mädchen harrte mit angchaltenem Athem, allein es ließ ſich nicht das geringſte Geräuſch vernehmen.* „Nun ſo will ich zu eurer Schande an der Schwelle eurer Thüre ſterben!“ jammerte ſie,„ich vermag mich kaum Kir zu ſchleppen, und mein Tod ſo wie der meines Kindes wird einſt über euch kommen.“ So ſollke es jedoch nicht geſchehen, denn noch in dieſem Augenblicke wurde Lichterſchein bemerkbar, eine Laterne näherte ſich dem Thore, es erſchien⸗ein Mann und ſchloßtz eine Seitenpforte auf, dann trat er aus dem Bereiche der Mauer heraus. Blondine näherte ſich mit dem Kinde auf dem Ruͤcken dem Herbeigekommenen, der ſie nun genauer vom Kopf bis zum Fuß beleuchtete und ihr dann be⸗ fahl, ihm in das Haus zu folgen.* Die Ermüdete wurde nach einem großen Zimmer 85 zahl Knechte und Mägde, und Blondine fühlte die wohlthätige Wärme in der Geſindeſtube mit innigem Danke gegen ihr Schickſal, das ſie nebſt ihrem Kinde vor dem augenſcheinlichen Verderben errettet hatte, welches gewiß ihr Loos geweſen ſein würde, wenn ſie die naſſe, kalte Herbſtnacht unter Gottes freiem Himmel hätte zubringen müſſen. Das anweſende Geſinde zeigte Mitleid gegen die arme Pilgerin, man räumte ihr den beſten Platz an dem warmen Ofen ein, ſie erhielt eine Schuſſel mit Eſſen, die Reſte der Abendmahlzeit enthaltend, und ſtillte damit den nagenden Punger, der ſie hefi zu peinigen anfing. Nachdem ſo auf das Beſte für Blondinen voht war, wurde ihr in dem gegenüberliegenden Kuhſtall ein Lager angewieſen, welches mit Decken und einem guten Deckbette verſehen wurde, das die Pächterin herunter geſchickt hatte; ſie vermochte jedoch nur wenig zu ſchlafen, die Pflege ihres Kindes ſo wie die Er⸗ müdung an dem vergangenen, für ſie ſo unglücklichen Tage raubte ihr die Ruhe und der i ſt wachend wieder. Nach dem Frühſtück erhielt ſie den ufer zur Pächterin herauf zu kommen; ſie folgte Weiſung und trat ſchüchtern in das Zimmer 86 Die Frau, von Charakter freundlich und mitleidig, ſragte Blondinen über ihre nähern Umſtände, und Jene verſchwieg ihr in der Hauptſache nichts, ſie entwarf eine traurige und rührende Schilderung ihres unglücklichen Schickſals, ſo daß ſich die gute Pächterin zum tiefſten Mitleid bewogen fühlte. „Du haſt allerdings gefehlt, armes Mädchen, ſagte ſie, nachdem Blondine zu Ende war mit ihrem Berichte,„allein es iſt jetzt zu ſpät, dir deshalb Vorwürfe machen zu wollen, und es kann nichts nützen, dir jetzt noch lange Bußpredigten zu halten, ſchnelle Hilfe iſt hier nothwendig und ich will thun, was in meinen Kräften ſteht. Sage mir, verſtehſt du vielleicht etwas von der Wirthſchaft?“ 5 Blondine bejahte dieſe Frage.„Ich habe kochen gelernt und kann auch in Nähen und andern Arbeiten etwas leiſten,“ ſagte ſie. „Nun, das iſt ſchön,“ töſce die Pächterin, „und ich will dir Gelegenheit geben, dich noch mehr in dieſen Arbeiten zu vervollkommnen. Wie geſagt⸗⸗ du kannſt bei uns bleiben, und wenn du dich gut be⸗ nimmſt, fleißig, treu und ehrlich biſt, ſo ſoll es dir und deinem Kinde gewiß nicht an dem Röthigen fehlen.⸗ Gott, Sie ſind wie ein Engel in meiner Fenl rief Blondine voller Freuden,„ich will gewiß 6. 3 ———— 87 Alles thun, was mich würdig macht, dieſe Ihre Gute zu verdienen. O, laſſen Sie mich die Hand küſſen, welche mich nebſt meinem Kinde vem Verderben entzog.“ Und Blondine erfaßte die Rechte der Pächterin, und während ſie dieſelbe küßte, rollten einige Thränen des Dankes über ihre gebleichten Wangen herab. Von dieſem Tage an wurde Blondine als eine aufgenommene Bewohnerin des Beierhofes von den übrigen Dienſtboten des Pächters betrachtet. KR. Eine Abendunterhaltung im Peierhoſe. Acht Tage waren ſeit der Aufnahme Blondinens bei der Pächterin vergangen. Der Beierhof ſtand, wie ſchon geſagt, in einer einſamen Gegend des Thüringer Waldes, und war von jeder andern menſch⸗ lichen Wohnung abgeſondert, indem das nächſte Dorf gegen zwei Stunden Weges davon entfernt lag. Es war am Abende der von den Räubern zum Einbruch beſtimmten Nacht, die Bewohner der Pächterei ſaßen in harmloſer und muntrer Unterhaltung bein tinander und ſie ahnten nichts vvn dem grauſamen witter 88 ſett und genoß das einfache ländliche Abendeſſen mit geſundem Appetit. Blondine befand ſich abermals unter den jungen Leuten, und ihr zuvorkommendes Weſen hatte Alle um ſie her gewonnen, ſie wurde von Jedermann gern geſehen und freundlich behan⸗ delt. Nach vollendeter Mablzeit nahmen die Dienſt⸗ knechte verſchiedene kleine Arbeiten vor, um mit einer nützlichen Beſchäftigung den Abend auszufüllen, wäh⸗ rend die Mägde ſpannen oder das Hausweſen vollends in Ordnung brachten. „Ich möchte doch wiſſen, wo heute der Jäger wieder einmal bleibt,“ ſagte der Wüthſchaftsvoigt, . ein alter Mann von 60 Jahren, welcher ſich hinter den warmen Ofen geſetzt hatte und ſein Pfeifchen rauchte,„der flinke Heinrich bleibt doch ſelten ſo lange weg, ohne es bei ſeinem Fortgehen zu ſagen. Es iſt heute Abend beſonders recht finſter, und man muß 8 draußen im Walde kaum zwei Schritte weit vor ſich können.“ „Ei freilich, Vater Berger,“ verſetzte einer von den Knechten, der dem alten Manne zunächſt ſaß und damit beſchäftigt war, eine zerriſſene Pferdehalfter wieder auszubeſſern.„Ich wuͤrde mich bedanken, jetzt im Walde herumzuſtöbern in einer ſolchen Finſternih „ — — ——————————————— ——— riefen die Mädchen, während ſie ihre S ruhrn 89 „Ja wol, du haſt recht,“ verſetzte ein Anderer, „und wie leicht kann er in eine der vielen verdeckten Wildgruben hineinfallen, die ſo entſetzlich tief ſind und aus welchen er ohne fremde Hilfe unmöglich wieder herauskommen würde.“ „Nun, das wäre ſo eigentlich eine kleine Wie⸗ dervergeltung,“ ſagte ein Dritter,„es he ßt ja doch, wer andern eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein; nun denke ich, unſer Heinrich hat ſchon manchen ſtolzen Hirſch durch ſeine Fallgruben zum Stürzen gebracht, und es wäre deshalb kein ſo großes Wunder, wenn die Erfüllung des Sprichworts einmal an ihm ſelbſt in Erfüllung ginge und er eine Nacht darin zubringen müßte.“ Man lachte über den Einfall des gutmüthigen Burſchen, der alte Vogt winkte jedoch bedeutſam mit der Hand, und nachdem es wieder ruhig geworden war, ſagte er mit ernſter Miene: „Dieſe Bemerkung erinnert mich an ein ſehr trauriges Ereigniß aus meiner Jugendzeit, das ſich in der Gegend von Ohrdruff begab, und ich denke noch jetzt, nach einer ſo langen Zeit, mit einem Ge⸗ fühl des Entſetzens daran zurück.“ „Ach, Vater Berger, erzähle uns die geſcicte⸗ 90 ließen und mit Blicken der Erwartung nach dem Alten hinüber ſchauten, der ſich auch dazu bereitwillig finden ließ, und nachdem er ſein Pfeifchen von Neuem geſtopft und angezündet hatte, fing er in folgender Weiſe an: —„Als ich noch ein junger Burſche von etwa zwanzig Jahren war, befand ich mich auf dem land⸗ gräflichen Vorwerk ohnweit Ohrdruff in Dienſten⸗ Hier lernte ich einen jungen Menſchen kennen, der durch ſein gutes Betragen bald meine Achtung und Freundſchaft gewann; er war mit mir von gleichem Alter und es dauerte nicht lange, ſo waren wir die heſten Freunde mit einander. Egidius, dies war ſein Name, hatte nur noch eine Mutter und einen Bruder, der ziemlich aus der Art geſchlagen war und der alten Frau, bei der er ſich beſtändig aufhielt, genug Kummer und Aergerniß bereitete. Franz war ein böſer Bube und konnte etwa 22 Jahr alt ſein, er war der älteſte von den beiden Brüdern und konnte ſich zu einer beſtimmten Beſchäſtigung nicht verſtehenz er ſtrich meiſtentheils im Lande umher; handelte mit Geflügel und fing zuweilen ein Stück Wild mit ein, das er verkaufte, um den dafür gelöſten Betrag in Geſellſchaft liederlicher Burſchen durchzubringen. Die Smahnung der Mutter gegen die ungeregelte Leben —————— trachtung der Linien vertieft, endlich er 91 weiſe ihres entarteten Sohnes fruchtete nichts, er hörte eben ſo wenig auf ſeinen Bruder Egidius und trieb ſein Leben fort wie bisher, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß er es immer ärger zu machen begann. Man fam ihm bald auf die Spur und es blieb kein Geheimniß mehr, daß Franz Wilddieberei trieb und den Förſtern in der Umgegend Schaden anrichtete. Eines Sonntags forderte mich Egidius auf, ihn nach der Wohnung ſeiner Mutter zu begleiten, die etwa zwei Stunden von dem Gute, wo wir Beide dienten, entfernt war; ich war bereit dazu und wir gingen. Unterwegs kehrten wir in einem Wirthshanſe ein, welches hart an der belebten Straße lag. Bei unſerm Eintritt fanden wir mehrere Gäſte und unter Andern auch ein altes Zigeunerweib anweſend, die dem lachenden Publikum für einige Heller wahrſagte; ſie betrachtete uns Beide ſehr genau und bot uns ihre Künſte an; ich habe auf dergleichen Dinge nichts gehalten und lehnte ihr Anerbieten ab, Egidius dagegen ließ ſich bereden und reichte der alten Sthu n ſeine kräftige Rechte hin. Das Weib ſtand einen Augenblick in 92 braune Geſicht gegen meinen Freund, indem ſie in ernſtem Tone ſagte: „Junger Mann, dir droht eine große Gefahr und wol gar binnen einer kurzen Spanne Zeit, ein blutiger Tod, nimm dich in Acht, du haſt einen Feind, der dir ſehr nahe angeht. Ueberhaupt,“ fuhr ſie düſter fort,„wirſt du nicht auf dem Krankenbette ſterben, ſondern einſt in einem mit Blut befleckten Grabe ruhn.“ „Halte dein Maul, alte Hexe!“ rief ich, ärger⸗ rich über eine ſo unverſchämte Prophezeihung,„du hätteſt den Staubbeſen für dergleichen unſinniges Ge⸗ ſchwätz verdient. Komm,“ fuhr ich gegen Egidius fort, der ordentlich blaß geworden war,„wir wollen nicht länger auf ſolches tolles Zeug hören.“ Freund,“ ſagte die Alte zu mir,„dein Unwillen gegen mich ändert nicht einen Strich in dem Buche des Schickſals, was uns beſtimmt wurde, dem können wir nicht entgehen.“ Damit wandte ſie ſich voll Unwillen von uns ab, und nachdem wir etwas weniges genoſſen hatten, entfernten wir uns und langten nach einer glücklichen Wanderung und unter Geſprächen über den erzählten Vorfall bei der Mutter meines Freundes an, die uns mit Fröhlichkeit empfing und nach Vermögen auftrug. Egidius verſchwieg ihr überhaupt den ſonderbaren — ——— ſo daß ich ihn endlich unbeachtet ſitzen ließ. 93 Auftritt, wir waren recht vergnügt und würden es auch noch länger geweſen ſein, wenn nicht Franz durch ſeine Heimkehr eine düſtere Stimmung in dem kleinen Kreiſe verbreitet hätte. Dieſer Menſch war im Weſen ſo wie in Geſtalt ganz das Gegentheil von ſeinem Bruder Egidius, ſein Geſicht hatte etwas ſo tückiſches und war von einem häßlichen Ausdruck, und ſein Blick war finſter wie die Nacht, während ſein jüngerer Bruder mik ſeiner angenehmen Geſtalt, Offenheit und Ehrſinn verband, weshalb man ihn auch überall lieb gewann. Franz ſpielte heute den ſchweigenden Beobachter, er ſprach wenig und die Mutter machte ſich auch nicht viel zu ſchaffen, er war ihr ja alle Tage zur Plage, während Egidius nur ſelten einmal heimkehren konnte, es blieb daher ziemlich einſilbig zwiſchen den drei Perſonen, obwol wir unter uns genug ſchwatzten, wodurch die eigentliche Stimmung in der Familie nicht ſo deutlich bemerkt und niedergedrückt wurde. Ich ſuchte mit Franzen ein Geſpräch anz zuknüpfen, allein er ſchien an meiner Geſellſchaft keinen Gefallen 3 zu finden und blieb ziemlich ſchweigſam gegen Ich hatte auf einige Augenblicke das H laſſen, und bei meiner Rückkehr fand ich 94 Brüder auch ſchon in heftigem Wortwechſel mit einander. Egidius machte Franzen gerechte Vorſtel⸗ lungen, und Jener antwortete dafür mit Schimpf⸗ worten, bis es endlich die Mutter ſo weit brachte, daß Egidius ſtill ſchwieg, worauf Franz haſtig das Zimmer verließ, die Thür hinter ſich zu warf und verſchwand. Der Tag neigte ſich zu Ende und wir verließen bald darauf die gedrückte Mutter, welche ſich jetzt in Klagen gegen den ungehorſamen Sohn ergoß und dabei manchem ſchweren Seufzer Raum ließ; Egidius ſuchte ſie zu tröſten, verſicherte ihr ſeine fernere Liebe, und dann gin⸗ gen wir, nachdem eine rührende und herzliche Abſchieds⸗ ſcene zwiſchen Mutter und Sohn ſtattgefunden hatte⸗ Wir beſchleunigten jetzt unſere Schritte, und als wir den Wald erreichten, welcher zwiſchen der Heimath meines Freundes und unſerm Dienſtorte lag, da war es ſchon etwas dunkel geworden; wir gingen ſchnell vorwärts. Da plötzlich ſiel ein Schuß aus dem Ge⸗ büſch am Wege und eine Kugel ſauſte neben mir vorüber meinem Freunde durch die Kopfbedeckung. Wir erſchraken Beide heftig und ſtanden in dem erſten wie am Boden gewurzelt. „Das kam von der Hand meines Bruders,“ fluſterte Egidius voll Angſt, indem er ſich an mich bereintrat; ſie ſchien ſehr betrübt zu ſein und ihr anſchloß,„ach, laß uns ſchnell eilen, damit fein An⸗ ſchlag gegen mich nicht gelingt. Denke an die Zi⸗ geunerin,“ ſetzte er hinzu,„ſie hat meinen Tod aus⸗ geſagt, und er wird mich durch meinen eigenen Bruder erreichen. Es iſt ſchrecklich!“ Und der arme Freund ſtrengte ſeine ganzen Kräfte an, um aus dieſer verderbenbringenden Umgebung herauszukommen, und wir erreichten auch ohne weitern Unfall das Landgut. Egidius vermochte die Erinnerung lange Zeit nicht aus dem Gedächtniß zu bringen, und mir ging es ebenfalls nicht beſſer, um aber ſeine Mutter nicht in Schrecken zu ſetzen, ſchwiegen wir und ließen ſie von dem ſchauderhaften Anſchlage Franzens(wer hätte es ſonſt ſein ſollen) ununterrichtet. Dieſe Bosheit betrübte den guten Egidius ſehr, und ich habe es oft bemerkt, wie er ſich eine⸗ verſtohlene Thräne von den Wangen wiſchte, und da ich es aufrichtig mit ihm meinte, ſo werdet ihr mir es glauben, daß ich an ſeinem Kummer den größten Antheil nahm. Eine Woche war ſeit jenem für uns unvergeß⸗ lichem Sonntag vergangen, als die Mutter des Egidius eines Morgens zeitig durch das Hofthor angegriffenen Augen zeigten noch Spuren 96 vergoſſenen Thränen. Wir gingen ihr Beide ent⸗ gegen und führten ſie nach unſerer Kammer, wo ſie ſich ermüdet auf eine alte Kiſte ſetzte, und nachdem ſie ein wenig ausgeruht war, ſagte ſie, ihr kummer⸗ volles Geſicht an der Bruſt ihres Sohnes verbergend, indem ſie heftig zu weinen anfing: „Ach, mein Sohn, ich habe dir eine traurize Nachricht zu hinterbringen.“ „Nun und was iſt es denn, arme, gute Mutter?“ ſagte Egidius in angſtvoller Erwartung, ich ſehe es dir an, daß ein großes Unheil geſchehen ſein muß,“ und er ergriff antheilvoll die Hand der Bekümmerten und hielt ſie in der ſeinigen. „Gott hat ein ſchweres Gericht über Deinen Bruder ergehen laſſen,“ fuhr ſie traurig fort,„Franz iſt nicht mehr am Leben und ſein Tod iſt ein ſchreck⸗ licher geweſen.“ „Todt?“ rief Egidius und ich zugleich wie aus einem Munde,„Franz iſt todt?“ Die Mutter bejahte es mit einer ſtummen Be⸗ wegung des Kopfes und fuhr hierauf fort: „Wie du noch wiſſen wirſt, verließ er uns voller Grimm an dem Tage deines Beſuches. Ich fragte ihn niemals wohin er ging, denn er ſagte mir doch die Wahrheit niemals, ſo hatte ich es auch damals ———————— 97 unterlaſſen. Nachdem du auch fort warſt, da erfaßte mich bald darauf eine entſetzliche Angſt, die ich dir nicht zu beſchreiben vermag, es war mir, als ob eine grähliche Gefahr in dieſem Augenblicke über mir ſchwebte; ich rang mit der größten Angſt— endlich vermochte ich mich zu faſſen, und ich ſuchte meine Zuflucht in einem inbrünſtigen Gebete zu Gott, und mein Herz erhob ſich getröſtet; die Gefahr ſchien vorüber gegangen zu ſein.“ „Ja, ſie ging vorüber, gute Mutter,“ ſagte Egi⸗ dius,„der Himmel erhörte dein Flehen, und wandte ſie ab von uns, doch ſprich, ich bin voller Erwartung.“ Die Mutter erzählte nun weiter. „Die Nacht am Sonntage zum Montage, ſo wie die ganze Woche verging, ohne das Franz heim⸗ kehrte. Niemand hatte ihn während der Zeit geſehen, und ich fühlte oft drückenden Kummer in meinem Gemüth. Ich dachte mehr an den Ungehorſamen als an dich, lieber Egidius. Ach Gott, das Herz einer Mutter iſt ja immer voll von Liebe und Sorgen für ihre Kinder, und wie könnte ſie, den Gedanken an das Schlimmſte derſelben aus ihrer Seele ver⸗ hannen, ohne den tiefſten Schmerz zu empfinden?“ Das arme Weib weinte dabei endlich fuhr ſie ſort: Der ſchwarze Jäger. Lieferung 4. 98 „Als ich nun geſtern Abend bei meiner Spindel ſaß, mit Gedanken an Franzen erfüllt, da trat unſer Nachbar herein und ſagte in ſtockendem Tone zu mir: „Gute Frau, erſchreckt nicht, es wartet großer Jammer auf Euch, ſoeben haben ſie Euren Franz leblos nach dem Dorfe gebracht. Die Förſter haben ihn in einer der tiefſten Fallgruben gefunden, in welche er wahrſcheinlich aus Unvorſichtigkeit geſtürzt iß, und wie es den Meiſten ſcheint, ſo iſt er in derſelben erhungert.“ „Ihr könnt Euch unſern Schrecken denken,“ ſagte der alte Vogt zu ſeiner Umgebung, welche mit ge⸗ ſpannter Erwartung zuhörte,„ja, ja, es war ſo,“ fuhr er fort,„Franz war erhungert, was auch die herbei geholten Aerzte beſtätigten.“ „Und überdieß,“ ſagte die Mutter,„hatte man einen vollgeſchriebenen Zettel neben dem entſeelten Leichname gefunden, hier iſt er,“ fuhr ſie fort, den⸗ ſelben Egidius übergebend,„ach, er iſt von entſetzli⸗ chem Inhalt, lies ihn, und das Herz deines Bruders wird ſich in ſeiner ganzen Bosheit vor deinen Blicken erſchließen.“ 6 Egidins hatte das Papier entfaltet, er fing an zu leſen und ſein Geſicht wurde leichenblaß, und nach 99 dem er fertig war, überreichte er es mir mit einem innern Schauer. Ich durchlief das Billet. Die Schriſt war in Eile und großer Aufregung geſchrieben und enthielt folgendes: „Ich ſchmachte rettungslos in einem offenen Grabe und ſeufze vergebens nach Erlöſung. O, hätte ich einen Biſſen Brot und einen einzigen Trunt Waſſer. Meine Stimme iſt durch den Ruf um Hilfe erſchopft, ich vermag nur noch zu ſtöhnen, meine faſt erloſchenen Augen ſtarren mit Entſetzen aus der Tieſe nach der Oeffnung hinauf, welche durch mein Herab⸗ ſtürzen entſtanden iſt, und wodurch ein ſchwacher Sonnenſtrahl dringt, der es mir geſtattet, meine Dualen nieder zu ſchreiben. Ich ſehe meinen Tod vor Augen, und ſein fürchterlicher Anblick treibt mich an, ein Bekenntniß, eine Schuld abzulegen, die mich jetzt mit den Qualen der Hölle martert. O Mutter! vernimm es; ich ſterbe vielleicht als der Mörder meines Bruders. Ach, könnte ich jetzt um Vergebung bitten; doch ich darf mein ſchuldbeladenes Auge nicht emporrichten, der Anblick meiner armen Mutter, die ich ſo tief gekränkt, ſchleudert mich zu Boden. „Doch mein Bekenntniß will ich zu machen mich entſchließen, ehe ich mein verworfenes Leben ende —r— 100 Ich verließ an jenem Sonntage mit ſchwarzen Ge⸗ danken die Wohnung der Mutter; der hölliſche Geiſt hatte mir einen Anſchlag in die Seele gegeben, wie ihn nur immer der Satan zu entwerfen vermag. Ich hatte aus Rache beſchloſſen, meinen Bruder zu er⸗ morden, weil er der Bevorzugte war, und weil ihn die Mutter mehr liebte, als mich; dabei dachte ich aber nicht daran, daß er dieſe Liebe verdiente, wäh⸗ rend ich nicht werth war, den Namen meiner recht⸗ ſchaffenen Mutter zu nennen. Ich eilte in den Wald und lauerte an der Straße bis er kam, was auch nicht zu lange währte. Der Anblick meines Bruders brachte ein ſonderbares Gefühl in mir hervor, meine Hand, welche den Hahn des Mordgewehrs ſpannte, itterte, ich weiß nicht wie es kam, ſie bebte, trotz meines wilden Haſſes, wie noch niemals. Wenn ich auch noch ſo ſehr gegen Egidius aufgebracht geweſen war, meine Beſinnung ſchien mich verlaſſen zu wollen, 1 allein die Fußtritte der Herankommenden brachten mich wieder zu mir ſelbſt. Der Böſe flüſterte mir zu, ich legte. an und zielte nach dem eigenen Bruder, nach ihm, dem einzigen Troſte meiner Mutter, ich drückte ab, der Schuß ging los und ſein unzähliges Echo ſchallte rings umher und tönte wie eine Stimme des jüngſten Gerichts in meinen Ohrenz dann ſchleu⸗ „— 101 derte ich mein Mordgewehr hinweg und ftürzte for, ohne jedoch die beſtimmte Gewißheit mit zu nehmen, daß mein beabſichtigtes Opfer gefallen ſei. „Nach jenem fürchterlichen Moment erfaßte mich eine Angſt, die ich nicht zu ſchildern im Stande bin, meine Augen ſchienen die Sehtraft verloren zu haben; ich ſah und bemerkte nichts mehr um mich her, aber pinter mir deuchte ich das hohle Lachen der Hölle zu vernehmen; ich lief immer fort, ohne darauf zu ach⸗ ten wo ich war, noch wohin ich kam; da plötzlich ſchien die Erde unter meinen Füßen zu brechen; der Boden wich unter mir, ich ftürzte nieder und ſank mit einem verzweiſelten Rufe in eine gähnende Tiefe, die hich in dem nächſten Augenblicke verſchlang. „Ich verlor die Beſinnung. „Wie lange ich gelegen haben mochte, weiß ich nicht, und als ich erwachte, da ßel ein heller Son⸗ nenſtrahl zu mir herab, ich richtete das matte Auge empor und ſchaute mich dann ängſtlich um und ge⸗ wahrte, daß ich mich in einer tiefen Fallgrube beſand, in die ich während meiner haſtigen Flucht 8 war. „Nach einiger Zeit begann ich 83 Hilfe u fen, allein niemand hörte mich über mir, her herrſchte die Stille des Todes. Ni 102 Geräuſch ließ ſich vernehmen, das mir Hoffnung ge⸗ macht hätte auf Erlöſung aus dieſem ſchauerlichen Gefängniſſe. Tag und Nacht begannen mit einander zu wechſeln, Hunger und Durſt fingen an, mich ent⸗ ſetzlich zu quälen; ich nagte an meinen Kleidungs⸗ ſtücken und kaute die dürren Holzreiſer, welche um mich herlagen.— Schon ſchmachtete ich Tagelang; und die Hoffnung auf Befreiung hatte mich verlaſſen, kein menſchliches Weſen näherte ſich dem Rande mei⸗ nes ſchreckenvollen Grabes. Ich muß ſterben— ſter⸗ ben in der Nähe Derjenigen, die ich ſo bitter kränkte und die mich gewiß retten würden, wenn ſie wüßten, wie ich ſchmachte. Aber es ſoll nicht ſein! der meiner Schuld beſtimmt mein gräßliches Loos. Bleiſtift nicht mehr halten, ich zittere, und Beſinnung was ich noch zu ſagen vermag.“ Der alte Vogt ſchwieg ſtill. „Hier endete der Inhalt des Billets,“ ſagte er, nach einer kurzen Pauſe,„es folgten nur noch un⸗ zuſammenhängende Silben, deren Sinn man nicht verſtehen konnte. Egidius und ich ſtanden traurig „Meine Kräfte verlaſſen mich, ich kann den ſchwindet, Gnade— Vergebung, daß iſt das Letzte, neben der betrübten Mutter, die den unglücklichen Sohn beweinte. Mein Freund erzählte ihr hierauf 6 ——— —— 7 103³ den Vorfall im Walde und war bemüht, die Trau⸗ ernde zu tröſten.„Gott wird ihm vergeben, ſowie auch wir ihm verzeihen,“ ſagte er,„und er wird dort oben gewiß einen gnädigen Richter finden.“ „Ich dachte noch oft an die Prophezeihung des alten Zigeunerweibes,“ fuhr Vater Berger fort,„und konnte dieſen Vorfall niemals vergeſſen. Mein Freund Egidius wurde im nächſten Jahre Soldat, und wir wurden von einander getrennt. Seine Mutter ſtarb bald nach Franzens Tode, und wir ſahen und hörten ſehr lange Zeit nichts von einander; endlich kam er als abgedankter Invalide zurück; er heirathete in dem ſogenannten Fallgrunde eine Wittwe, und beſuchte mich einigemal. Es geht dem armen Manne übel auf ſeine alten Tage; ſein Weib iſt ein wahrer Drache und ſie bereitete ihm ein Schickſal, das. nicht verdient hat.“ Der Alte ſchwieg— ſeine Erzählung hatte aut die lauſchenden Zuhörer einen tiefen Eindruck gemacht. In demſelben Augenblicke wurde die Klingel aum Hofthor gezogen. „Es iſt Heinrich, der Jäger!“ riefen Einige zu⸗ gleich, dann beeilte man ſich den Snßelomegr i zulaſſen. Der Erwartete trat bald nach Büchſe auf dem Rücken und von einem Ja 104 ——— begleitet, in der Stube herein; er grüßte freundlich und ſetzte ſich, nachdem er das Gewehr und die Jagd⸗ taſche abgenommen hatte, neben den alten Vogt, während Blondine größtentheils in der Küche beſchäf⸗ tiget geweſen war und das Abendeſſen für den Ver⸗ ſpäteten auftrug. „Nun, giebt es nichts Neues im Lande,“ ſagte der Greis zu dem jungen Waidmann,„wir hören gern etwas, und draußen in der Welt macht man an einem Tage genug Erfahrungen, um für den Abend eine Unterhaltung daraus zu gewinnen.“ „Ei, da habt Ihr vollkommen Recht,“ verſetzte Heinrich,„ich habe wirklich eine Neuigkeit erfahren. Vor wenigen Tagen haben die Förſter eines entfern⸗ ten Reviers einen alten Mann todt im Gebüſch ge⸗ funden; es war ihm eine Kugel durch die Bruſt gegangen und man vermuther, daß er meuchlings gemordet wurde; er iſt im Fallgrunde bei Wanders⸗ leben wohnhaft und heißt Egidius Mohr.“ „Was, Egidius Mohr!“ rief der alte Vogt in einer gewaltigen Aufregung.„Mein Gott, was muß ich hören, der arme Egidius! Bei meiner Seele! ſo hätte das Zigeuner⸗Weib wahr geredet?“ Biondine, welche gerade zugegen war, hätte faſt vor Schrecken die Schüſſel mit ſammt dem Eſſen in „ 105 die Stube fallen laſſen, und nur mit Mühe konnte ſie ſich faſſen, um ihre Herkunft nicht zu verrathen, welche bisher dem Dienſtperſonal unbekannt geblie⸗ ben war. ² Der junge Schütze, der gleichſam den Schluß zu der Erzählung des alten Mannes geliefert hatte, ſah ſich verwundert um, ſein fragender Blick ſchien eine Erklärung zu verlangen. „Erlaſſe es mir heute,“ ſagte der alte Vogt, „du ſollſt es einen andern Tag erfahren, es iſt ſpät geworden, und ich ſehne mich nach meiner Kammer,“ damit ſtand er auf und entfernte ſich. Das Schickſal der beiden Brüder, Egidius und Franz, beſchäſtigte die Zurückbleibenden noch lange Zeit, endlich begab man ſich zu Bette. Blondine ſah einer höchſt unruhigen Nacht entgegen. Das Loos ihres armen Stiefvaters ging ihr zu Herzen, und ein Gefühl der Reue miſchte ſich in ihre Erin⸗ netungen, wenn ſie daran dachte, wie verächtlich der Unglückliche von ihrer Mutter ſtets behandelt worden war, die ihm ein Lops bereitet, das er nicht verdient hatte. XN. Der nächtliche Ueberfall. Es konnte gegen Mitternacht ſein, als die Raͤu⸗ berbande in der Nähe des Beierhofes anlangte, ſie näherte ſich in drei verſchiedenen Abtheilungen, Beg führte die erſte, Räuter die andere, und der bibreſche Schreiber kam mit der dritten langſam nach. Unweit des Gutes wurde Halt gemacht. Die Bande ſammelte ſich hierauf, und man ſchickte eine Anzahl voraus, um in der Nähe zu ſpähen, ob die Gegend umher auch ſicher ſei. Jean Beg und Lorenz befanden ſich mit unter dieſer Abtheilung, welche nun raſch dem Pachthofe zuſchritten, während die Bande nachfolgte. Als die Spitzbuben näher kamen, wurden ſie durch das Gebell der im Pachthof befindlichen Hunde ſtutzig gemacht. „Es wird ein herzhaftes Stück Arbeit geben,“ ſagte Lorenz, in flüſterndem Tone zu dem neben ihm ſiehenden Guſtel, und wenn es nur nicht etwa übel abliefe.“ „Die verdammten Hunde! Schaners), halt dein Maul,“ murmelte Guſtel unwillig,„ich habe Lude⸗ ⸗ 7 — — 107 5 menk') bei mir, und will ſchon dafür ſorgen, daß † uns die Kielufs) nicht kappen. †) Mit dieſen Worten ging Guſtel ohne Begleitung 8 nach der Hofmauer, kletterte mit leichter Mühe an einem neben derſelben ſtehenden Obſtbaume hinauf, und konnte nun in das Innere der Pächterei hinein ſchauen, wobei er zugleich bemerkte, daß ſich unten zu ſeinen Füßen die Hundeſtälle befanden, an welchen die Thiere an Ketten lagen. Guſtel warf venſelben —— einige große Stücke vergifteten Speck hinab, die u . gleich aufgefangen und verzehrt wurden. In dieſem Augenblicke erſcholl in der Nähe eine herzhafte Stimme.„Heda, wer iſt da!“ rief ſie herzhaft. Der betroffene Spitzbube ſtand unbeweglich auf der Mauer, er bemerkte jetzt eine Geſtalt im Hofe, die ſich ſchnell näherte, auf einer inwendig angebruch⸗ ten Treppe zu ihm hinauf ſtieg und den Räuber zu faſſen ſuchte, wgs ihr auch wirklich gelang. 5 „Wer biſt du,“ ſagte der kecke Ankömmling, in 4. welchem wir einen Knecht aus der Meierei erkennen, und der den ſchweigenden Guſtel an der Kehle ackte. *) Krähenaugen, wymit die ſtärkſten Hunde in kurzer t wurden. 1) Hunde. 1i) verrathen. **) Siche Abbildung. 108 Der Letztere ſuchte ſich zu wehren, er langte raſch ein kurzes ſcharfes Meſſer heraus, das er dem jungen Manne bis an den Heft in den Leib ſtieß, daß der⸗ ſelbe zu wanken anfing, und bald darauf von der Mauer herab und auf die Hundeſtälle ſtürzte. Kaum war dieß geſchehen, als die ganze Bande anlangte, und mit Hülfe einiger angelegten Leitern die Mauern überſtieg, dieſes Werk war in wenig Angenblicken geſchehen. Der Körper des unglücklichen Knechts wurde ergriffen und auf die Seite geſchleppt, nachdem man den Unglücklichen vollends ermordet hatte. Jetzt wurde mit aller Gewalt auf die Eingänge des Hauſes losgedrungen, mehrere Fenſter wurden eingeſchlagen, und mit den Waffen in der Hand ſtie⸗ gen die Räuber in die Zimmer des Erdgeſchoſſes. In Folge dieſer gewaltſamen Maßregel waren faß alle Bewohner des Pachthofes auf einmal, und zwar zu ihrem größten Schrecken, aus dem Schlafe worden, Siiſvol ſtürzten ſ aus 8e ſper S Alin blieb ihnen wenig Zeit ite D und wurden e ee ehe 100 belte ſie feſt zuſammen, ſtopſte ihnen Tücher in den Mund, und ängſtigte ſie mit den entſetzlichſten Droy⸗ ungen. Die Unglücklichen hatten der grauſamen Schaar nicht die mindeſte Gegenwehr entgegen zu ſetzen ge⸗ wagt, und daher verſchonte man ſie auch mit den gewoͤhnlichen Mißhandlungen, überdieß waren es Leute, die keine Schätze verbargen. Schlimmer ging es jedoch in dem Zimmer der Herrſchaft zu; man hatte den Pachter nebſt ſeiner Gattin aus den Betten geſchleppt und fing an, ſie durch allerhand angewandte Worte, die wir jedoch nicht erwähnen wollen, zur Herausgabe ihres Geldes zu zwingen; ſie nagelten den Mann mit einem Ohr an die Wand, und preßten ihm mit kleinen Zangen die Fingerſpitzen, bis ſie bluteten; andere hatten die Pachterin gefaßt und mißhandelten ſie auf kine ent⸗ ſetzliche Weiſe. Mittlerweile brachten einige von den Räubern die bebende Blondine bei den Haaren nach dem Zimmer ihres Brotherrn geſchleift. Das Mädchen ſchlief auf einem der obern Säle des Hauſes, u man vermuthete, daß ſie über das und jenes Ausfu geben im Stande ſein werde; ſie ſchaute mit ck des Entſetzens auf die Barbaren, welche —zzz————— 1¹⁰ das ganze Haus füllten, und ihr Kopf begann zu ſchwindeln bei den Scenen, deren ſie Zeuge war. „Wo hat der dicke Hund ſein Geld verborgen,“ ſagte Jean Beg, der Räuberhauptmann, während er ihr einen ſcharfen, geſchliffenen Dolch auf die Bruſt ſetzte.„Geſteh', oder du biſt verloren ohne Barm⸗ herzigkeit.“ Blondine rang nach Athem in dieſem fürchter⸗ lichen Augenblick; ſie wollte ſprechen, aber die Angſt drückte ihre Zunge wie ein Zentnergewicht, ſie warf einen flehenden Blick auf den Drohenden, während ſie die Hände rang, und dann voll Verzweiftung auf die wilden Geſichter ſchaute, die ſie wie Geß der Hölle entſtiegen, angrinſten⸗ Da bemerkte ſie unter ihnen ein Geſicht, deſſen guge neues Entſetzen in ihre Seele brachte.„Großer Gott!“ ſtammelte ſie, noch immer die Geſtalt ihres Bruders anſtarrend;„iſt es ein Trugbild meiner Seelenangſt. Rein, nein!“ ſchrie ſie dann plötzlich, er iſt es, er iſt es wirklich,“ und mit dieſen Wor⸗ ten ſtürzte ſie ohnmächtig zu den Füßen Jean Begs nieder. und in der That, das arme Mädchen hatte ſich nicht getäuſcht; Lorenz war es, der ihr in dieſen ſchrecklichen Moment gegenüberſtand, ſie hatte ———— 111 genau erkannt, und eine ſolche Entdeckung war hm reichend, ihr die Beſinnung zu rauben. Lorenz hatte jetzt erſt ſeine Schweſter nommen, und das Zuſammentreffen, unter ſolchen Umſtänden, würde ſelbſt einen noch größern Böſewicht, wenn auch nur im Augenblick überraſcht und verlegen gemacht haben, um ſo mehr mußte dieſer Vorfall auf den jungen Buben wirken, der doch in ſeinem Hand⸗ werke noch ein Neuling war. Er fühlte einen Schauer durch ſeine Glieder rieſeln und blickte mit banger Erwartung nach ſeiner ohnmächtigen Schweſter, die trotz ihres Zuſtandes, neue Mißhandlungen erdulden ſollte. Zwei von den Räubern riſſen ſie empor, um ſie nach einer anſtoßenden Kammer zu ſchleppen. Dieſe Art erweckte die Gefühle des jungen Verbre⸗ chers, er empfand eine noch nie gezeigte Wuch in ſich empor lodern, und ſtürzte den beiden Genoſſen, wie vom Wahnſinn erfaßt, nach, um ihnen das S ihrer Lüſte zu entreißen. „Laßt ſie los!“ rief er, ſeinen Dolch ſynnen, „oder bei dem hölliſchen Geiſte, ich ſtoße zu.“ „Was, du Gelbſchnabel!“ rief Guſtel, welcher ſich dabei befand,„du willſt mir hinderlich ſein, packe ich, oder ich gebe dir mein ſ 2 112 „Verſuche es!“ ſchrie Lorenz, ohne Furcht vor dem wilden Geſellen zu empfinden,„du ſollſt ihr nichts zu Leide thun, und mag da kommen, was da wolle.“ Der Gefährte Guſtels, der kleine Lips, unter⸗ ſtützte den Vorſatz des jungen Lorenz keineswegs, er war vielmehr auf Guſtels Seite, und ehe es der Bube verſah, erhielt er einen Fauſiſchlag ins Geſicht, daß ihm das Blut zum Munde und Naſe herausfloß. In dieſem Augenblicke trat Jean Beg in das Zimmer, er hatte im Vorübergehen den Wortwechſel ernommen und fragte, was man hier vorhabe. „Rette meine arme Schweſter!“ rief Lorenz in voller Aufregung, bemüth, das herabfließende Blut zu ſtillen,„man will das arme Mädchen vollends zu Grunde richten.“ „Deine Schweſter?!“ rief Jean Beg ve „Ja, ſie iſt es,“ erwiderte Lorenz,„es iſt das Fi meiner Mutter, die du kennſt.“ „Laßt ſie los!“ befahl der Hauptmann, ſich gegen die beiden Genoſſen, Guſtel und Lips, wendend. „Folgt mir, wir müſſen uns ſputen, damit wir Ende kommen mit unſerer Arbeit.“ Die Gauner wagten dem des vwan . —,— ——— —— ———— 113 ſchweigend hinaus, und Lorenz war der Letzte, welcher zurück blieb. Blondine lag noch immer ohne Beſinnung am Boden, ihre ſtarren Augen waren geöffnet, und die Hände krampfhaft in einander geſchloſſen. Lorenz betrachtete ſeine Schweſter mit ſteigendem Mitleid. „Alſo hier ſollte ſie ein ſchützendes Obdach ge⸗ funden haben mit ihrem Kinde,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„und jetzt muß ich vielleicht zum zweitenmal die Urſache ihres Unglücks ſein; ich ſah gar wohl, wie der geſchundene Pachter betroffen ſchien bei ihrem Ausrufe, den man im ganzen Zimmer hören konnte. Ich will fort,“ ſagte er;„denn wenn ſie erwacht, würde gewiß ein Auftritt zwiſchen uns Beiden ſtatt⸗ finden, der mir keinen Vortheil bringen kann.“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus, warf die Thür der Kammer hinter ſich zu, und miſchte ſich unter die geſchäftige Bande, welche in voller Arbeit war, die zuſammen gebrachten Sachen einzupacken und nach dem Hofe hinabzuſchaffen. Hier ſtand ein Leiterwagen in Bereitſchaft, be⸗ ſpannt mit zwei der beſten Pferde des Pachters; ſogar die Gänſe⸗ und Hühner⸗Ställe wurden nicht unge⸗ plundert gelaſſen, Alles wurde aufgeladen, und nach⸗ dem die Vorrathskammern aufgerãumt und die be Der Zäger. Lieferung 4. 1¹4 Sachen aufgeladen waren, ſetzten ſich zwei von den Räubern auf den beladenen Wagen, hieben in die Pferde, und fuhren davon. — Die Bande theilte ſich wieder in mehrere Züge, und gelangte nach einem ſchleunigen Marſche, durch die dichten Waldungen, ungehindert in der Wohnung Thoms des Waldhüters an, von wo ſie den Raub⸗ zug unternommen hatten. Blondine war unterdeſſen aus ihrer Ohnmacht erwacht, ſie richtete ſich erſchrocken auf und horchte; es war umher ruhig, und es ſchien ihr Alles wie in einem ſchweren Traume vorgekommen zu ſein. End⸗ lich ſtand ſie auf, um hinauszugehen; das Zimmer war verſchloſſen, und nur mit Mühe gelang es ihr, den inwendig befindlichen Riegel des Schloſſes zu⸗ rückzuziehen. DDie noch brennenden Lichter, ſowie die in allen Gemächern herrſchende Unordnung belehrte jetzt Blon⸗ dinen, daß ſie nicht geträumt, ſondern die traurige Wirklichkeit vor ihr lag. Das arme Mädchen fing an mit zitternder Stimme die verſchiedenen Ramen der Bewohner zu rufen, gllein nichts ließ ſich ver⸗ nehmen, Niemand gab Antwort auf ihre Stimme, endlich hörte ſie ein Geräuſch in dem Zimmer der Schaafſtalle, und ſeine Lagerſtelle hing wie 1¹⁵ Herrſchaft, ſie eilte haſtig hinein und fand die beiden Ehegatten faſt todt in demſelben. Blondine machte unter lautem Weinen den Ge⸗ peinigten Luft, zog ihnen die Knebel aus dem Munde, und machte ſie frei von den Stricken, welche tief in die Hand⸗ und Fußgelenke eingedrungen waren; dann erlöſte ſie den Pachter aus ſeiner ſchmerzlichen Stel⸗ lung, worin er ſich noch immer befand. In Begleitung des Letzten gingen ſie nun nach den übrigen Theilen des Hauſes, wo ſich das Geſinde befand, auch hier war ſchnelle Hilfe nöthig, und nach einiger Zeit hatte man alle Perſonen, den Jäger ausgenommen, gefunden und von ihren Banden frei gemacht. Als der Morgen graute ſuchten die Bewohner vereint nach dem vermißten Knechte, und es durfte dazu nur einige Zeit verwendet werden; man fand ihn leblos am Fuße der Mauer, und in ſeiner Nähe lagen die armen Hunde, ſämmtlich getödtet, und ihre Leiber waren von dem genoſſenen Gifte bis zum Zerſpringen aufgetrieben. Der alte Vogt war, während dieſer Nacht, am Beſien weggekommen; er ſchlief für gewöhnlich im Schwalbenneſt, hoch oben, an einen Pfeiler k 116 Bei der beginnenden Plünderung der Räuber hatte er ſchnell die heraufführende Leiter auf die Seite gezogen, und ſomit war eine Komunication zwiſchen den Spitzbuben und ihm unmöglich geworden. Der ausgeführte Raub betrug eine ſehr hohe Summe, und die Kunde dieſer Greuelthat ſetzte die ganze Umgebung in Furcht und Schrecken. Man traf die angeſtrengſten Maaßregeln, um den Verbrechern auf die Spur zu kommen, allein ſie waren, wie von der Erde verſchwunden, und nir⸗ gends bemerkte man auch nicht das Mindeſte, was eine Entdeckung pätte herbei zu führen vermocht. Blondine war ſeit jener ſchrecklichen Nacht völlig niedergeſchlagen, die Gewißheit, daß ihr Bruder mit unter der Räuberbande geweſen war, hatte ſie gleich⸗ ſam zu Boden geſchmettert, und ſie weinte oft bittre Thränen darüber, und als ein unverhoffter Umſtand, ihr und ihres Kindes Loos wieder in eine hoffnungs⸗ loſe Zukunft verſetzte, da glaubte ſie ihrem Kummer unterliegen zu müſſen. Der Pachter hatte die Worte Blondinens deutlich verſtanden, welche ſie bei dem Anblick ihres Bruders ausgerufen hatte, und der Gedanke, daß ſie einen Bekannten unter der Räuberbande bemerkt habe, wurde ihm bei ihrem Zuſtande um ſo einleuchtender; „ — . 117 — er hatte dieſe Bemerkung bei ſeiner Angabe vor Ge⸗ richt mit erwähnt, und dieſer Umſtand war, wie ſich denken läßt, nicht von geringer Wichtigkeit. 5 um jedoch Blondine nicht argwöhniſch zu machen, hatte weder der Pächter, noch ſeine Frau eine Frage deshalb an Blondine gerichtet. Das Mädchen beſorgte, 5 obwol niedergeſchlagen, ihre Arbeit und ahnte nichts 6 von dem, was ihr bevorſtand. An einem der friſchen Herbſttage, als es noch 3 dunkel war, langten unverhofft zwei berittene Gens⸗ d'arme vor dem Thore der Pächterei an. Sie wurden eingelaſſen, und nachdem ihnen der Hausherr entgegen gekommen war, überreichten ſie ihm einen Verhafts⸗ 3 befehl für die ſich hier aufhaltende Blondine. Die Letztere, welche in der Wirthſchaft beſchäftigt war, wurde gerufen, worauf man ihr eine Erklärung gab, daß ſie eine Gefangene ſei und ſie aufforderte, ſich ſogleich fertig zu machen, um nach dem nächſten Ge⸗ richt zu folgen. Blondine erſchrak heftig bei dieſem neuen Unheile, das ihr jetzt nahe getreten war; ſie war höchſt be⸗ ſtürzt darüber und brach in ein S Pa⸗ nen aus. „Ach Gott, habe ich denn een 118 * anklagen könnte; ich kann nicht damit gemeint ſein, und ein Irrthum muß hier zu Grunde liegen.“ „Nein, nein,“ verſetzte einer von den Gensd'ar⸗ men,„es iſt ein ſolcher Irrthum nicht, ſondern wir wiſſen ganz wohl, wohin wir geſchickt werden, und wen wir bringen ſollen. Mache dich fertig, und wenn du, wie du vorhin ſagteſt, unſchuldig biſt, dann brauchſt du dich nicht zu fürchten; ein ehrliches Ge⸗ wiſſen darf vor dem Richter nicht zittern.“ „Aber mein Kind, was ſoll aus meinem Kinde werden,“ fuhr Blondine fort. „Das müſſen wir auch mitnehmen,“ ſagte de 8 Beamte.„Der Herr Pachter wird einen Wagen. bereit machen laſſen, und du mußt dich mit dem hinein ſetzen.“ Und ſo geſchah es auch, während die Pferde B angeſpannt wurden, begab ſich Blondine zu ihrem Kinde nach der Kammer hinauf, was in Begleitung 5 ensd'armen geſchah. Unter Thränen hüllte den armen Wurm in ein Betichen, ſchlang ihr altes abgetragenes Tuch wieder um denſelben und folzte nach dem Wagen, wo ihr die Pächterin mit abge⸗ wandten Geſicht einige alte Kleidungsſtücke zuwarf. Das Dienſtperſonal ſtand mit offenen Mäulern fe umher. Man hielt die Unglückliche nun —,— 11¹⁰ —— auf einmal für ſchuldig, und als ſie langſam zum Thore hinaus fuhr, da ſchallten ihr hin und wieder halbunterdrückte Verwünſchungen nach. Eine Viertelſtunde ſpäter war das Fuhrwerk aus dem Bereich des Pachthofes verſchwunden. XI. Eine ſchnelle Zuſtiz. Die Beute aus dem Beierhofe war getheilt, Pferde und Wagen des Pächters durch Georg Sturm . über die Grenze gebracht und verkauft worden, und dasjenige, was noch vorhanden war, wurde bei nächtlicher Weile nach den Kellern Gleichenburg gebracht. Bei der Theilung des Raubes geſchah es jedoch zuweilen, daß die Bande unter ſich ſelbſt uneinig wurde, wobei es oſt zu blutigen Auſtritten kam, e nur mit Mühe durch die Vermittelung Jean Begs geſchlichtet wurden. Die Haupturſache von dergleichen Vorfällen waren die häufigen Unterſchleife, welche die Räuber gezen einander trieben, und wenn eine Entdeckung dieſer Art gemacht wurde, dann wurde rückſichtslos geha 120 und gekämpft, bis dem Betrüger ſein Recht wider⸗ fahren war, wobei ſogar ein Mitglied der Bande auf dem Platze blieb. Ein ähnlicher Fall fand in der zweiten Nacht nach der Beraubung im Beierhofe ſtatt, welcher durch folgende Umſtände herbeigeführt wurde. ——— Jean Beg bevorzugte unter ſeinen Genoſſen be⸗ ſonders den ſchon mehr erwähnten Guſtel, deſſen Pathe er war, Viele hielten ihn indeſſen für ſeinen e Sohn, der ihm in wilder Ehe geboren ſein ſollte. Guſtel begleitete den Hauptmann auf allen ſeinen Zügen, und hatte bereits die ſchwerſten Unternehmungen mit ihm getheilt. Der Genannte beſaß indeſſen genug heimliche Feinde unter der Rotte, die ihn haßten, und daß auch der junge Lorenz unter dieſelben ge⸗ hörte, läßt ſich leicht denken; er konnte den erhaltenen Schlag im Beierhofe nicht vergeſſen und die Miß⸗ handlung, welche ſich Guſtel gegen Blondine erlaubt hatte, ſteigerte ſeinen Haß noch mehr. 3 Guſtel hatte nach ſeiner Behauptung zu vin von der letzten Beute erhalten, zugleich gab er an, daß Adam Burmann ins Geheim eine Schatulle er⸗ brochen und das darin befindliche Geld zu ſich geſtect den Raub verſchwiegen habe. ——— 12¹ Dieſe Anſchuldigung reizte den Angeklagten zu heftigem Zorn und er beſchloß, ſich an ihm zu rächen.— Es traf ſich, daß Beide noch an demſelben Tage mit einander nach Freudenthal zurückkehrten, wo ſich Burmann gewöhnlich aufhielt, und welcher Ort etwa eine Stunde von Thoms, des Waldhüters, Hauſe ent⸗ ſernt war. Beide waren einige Zeit mit einander fortgegangen, plötzlich blieb Burmann ſtehen und 3 erfaßte den Guſtel derb am Arme, worauf er ihm einen Schlag ins Genick verſetzte, daß derſelbe nie⸗ erſtürzte. Guſtel lag ſchwer getroffen am Boden, „ und ohne ſich lange zu beſinnen, kniete Burmann auf ihn nieder und ſtach ihm ſein Meſſer durch die Gurgel, worauf der Verwundete bald ſeinen Geiſt aufgab. ₰ Burmann ſtand jetzt im Begriff ſeinen Weg 3 allein fortzuſetzen; er war jedoch nicht 10 Schritte von dem Orte ſeiner blutigen That entfernt, als ihn zwei Männer einholten, in welchen er Jacob Zingel⸗ fleiſch und den kleinen Lips, zwei von ſeinen Mitge⸗ noſſen, erkannte, die im Begriff ſtanden, nach Wan⸗ dersleben hinabzugehen, wo ſie Verbindungen hegten⸗ und waren gerade zur rechten Zeit gekommen, um Zeuge der Mordthat zu ſein, und den zu bemerken. 122 Die zwei Gefährten ſtellten Burmann über ſein Verbrechen zur Rede; Jener leugnete es auch nicht und meinte, dem Guſtel ſei ganz recht geſchehen, wo⸗ rauf Jene zugleich eine billigere Meinung gegen den Mörder blicken ließen, und nach einer kurzen Unter⸗ haltung war man über die Sache vollkommen einig, alle drei kehrten nach dem Platze zurück, wo der blutige Leichnam lag, und man plünderte denſelben nun noch gemeinſchaftlich bis aufs Hemde aus, wobei noch eine koſtbare Uhr in dem Unterfutter ſeines Rockes gefunden wurde, dann warfen ſie den Körper ins Holz und gingen mit einander nach Freudenthal zu einem Schneider, den ſie ſchon ſeit längerer Zeit kannten, der es im Geheimen mit der Bande hielt und bisher als Hehler von großem Nutzen für ſie geweſen war. Als ſie in der Wohnung deſſelben anlangten, ſagte er ihnen, daß es heute bei ihm nicht ſicher genug ſei.„Die Nacht im Beierhofe hat Alles in Flammen geſetzt,“ ſagte er,„und die Gensd'armen reiten und laufen zu Dutzenden herum, und es könnte ſehr leicht der Fall ſein, daß ſie Euch als eine gute Prieſe aufhalten.“ „Wo Teufel ſollen wir bleiben?“ ſagte Burmann, „geht es nicht, daß du uns auf deinem S ver⸗ — kannſt?“ . —— 123 „Es ginge wol, aber ich traue dem Winde nicht, er pfeift verdammt hohl und ein Strohdach iſt ein 5 ſchlechtes Schutzmittel gegen die Gerichtsdiener. Ich weiß ein anderes Mittel,“ fuhr er fort,„es iſt ſicher, und wir wollen es benutzen. Sobald es dunkel iſt, führe ich Euch nach dem alten Gemeinde⸗Backofen, welcher außerhalb der Häuſer ſteht; dorthin verkriecht Ihr Euch und ich ſchwöre darauf, daß Ihr dort voll⸗ kommen ſicher ſein werdet.“ Die drei Spitzbuben waren damit einverſtanden, und mit der einbrechenden Nacht krochen ſie in das Verſteck hinein; der Schneider ſchloß die Oeffnung mit ein paar großen Steinen wieder zu und ging nach ſeiner Wohnung zurück. Mitten in der Nacht hörten ſie in der Nähe Pferdegetrappel, und den drei Dieben war dabei nicht wohl zu Muthe.. „Wenn ſie uns gewahr werden, dann ſind wir verloren,“ ſagte Burmann zu ſeinen Gefährten,„und ſie werden uns herausholen, wie der Kramer die Heringe aus ſeiner langt; der verdammte Backofen, lieber will ich auf dem ſtzen⸗ als noch einmal hier hineinfriechen.“ Das Geräuſch von Außen verſtummte, die vor einer Entdeckung verſchwand und nach Verlauf — 12⁴ * 5 einer Stunde verließen ſie das unbequeme Verſteck, um nach dem Walde zurückzukehren. Hier angekommen, trennten ſie ſich und Burmann kehrte allein nach der Wohnung des Waldhüters zurück, wo ſich eben Jean Beg eingefunden hatte. Kaum erblickte der Hauptmann den angekommenen Burmann, gls er wie ein Raſender auf ihn zukam, und ihm ein Piſtol auf die Bruſt ſetzend, in wüthen⸗ dem Tone ſchrie: „Hund, was haſt du gemacht! wo iſt Guſtel? „ 3 geſeh es, ich weiß alles; er liegt draußen im Walde, von deiner Hand ermordet!“ Burmann zeigte trotz der Wuth des Hauptmanns ine volltommene Ruhe, er blickte ihm ernſt ins Ge⸗ ſicht, indem er ſagte: „Ich darf nicht länger daran zweifeln, daß dir nicht alles genau bekannt iſt; wenn es der Fall wäre, ſo würdeſt du nicht ſo aufgebracht gegen mich ſeinz Guſtel ſelbſt war der Betrüger, bei ihm fanden ſich Gegenſtände, die ihm unmöglch durch die Theilung konnten zugefallen ſein. Sieh her, gehört ihm dieſe mit Recht?“ Und bei dieſen Worten zog er die rſ uyr heaut die man bei gefunden 125 „Donnerwetter, iſt das Wahrheit, was du ſagſt? Bei meiner Seele, wenn du es beweiſen kannſt, ſo ſind wir wieder gute Freunde.“ „Ich kann es vollkommen,“ entgegnete Burmann, „Jacob Zipfelfleiſch und der kleine Lips haben es † geſehen, wie ich die Uhr aus ſeinem Rocke hervorzog; 1 ſie war eingenäht, ein Beweis, daß er Urſache hatte, dieſelbe gegen uns geheim zu halten.“ „So hat er ſein Schickſal verdient,“ ſagte Jean 5 Beg,„obwol ich ihn liebte, ſo ſehr wie irgend einen andern unter euch, ſo darf ich doch nicht gegen dich zürnen und es ſei genug davon geſprochen.“ Der erzürnte Räuber ließ bei dieſen Worten die Hand mit der Waffe herabſinken, dann wandte er ſich von Burmann hinweg, der ihn betroffen anſchaute, ohne ein Wort zu erwidern. Der Streit war ſonach geſchlichtet und die Ruhe und Einigkeit wieder hergeſtellt, im ſtillen aber freuten ſich die meiſten, daß Guſtel auf immer aus dem Wege 6 geſchafft worden war. B Lorenz, welcher Zeuge dieſes Auftrittes geweſen war, freute ſich nicht minder über die Snſen ſeines verhaßten Gegners. S „Ich würde ihm nicht wieder zum Leben Fr⸗ helfen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„und wenn ich ſein 126 Leben durch das Zerſchneiden eines Fadens retten könnte. Wie froh bin ich, daß er todt iſt, und Jean Beg wird von nun an ſein bischen Wohlwollen un⸗ getheilt auf mich übergehen laſſen.“ XlI. Der Sprachmeiſter. Einige Tage nach Guſtels Tode begab ſich Beg nach der Wohnung Leonorens, der Wittwe des un⸗ glücklichen Egidius. Die Letztere hatte ſich, wie wir wiſſen, um den Tod ihres Mannes nicht eine Minute gegrämt, und ſein Abſchied von der Welt gereichte ihr zur Erlangung einer ungebundenen Freiheit, nach der ſie ſich ſchon längſt geſehnt hatte. Die Wittwe empfing ihren Beſuch, welchen Sr bereits angemeldet hatte, mit einem vergnügten Ge⸗ ſicht; ſie bewirthete ihn auf das Beſte und ließ es an nichts fehlen, und was Egidius nur zur Noth bekam, das erhielt Beg im Ueberfluß, Wein und Braten mangelten nicht, und die fetten Gänſe aus dem Beierhofe in der geſtohlenen Butter geſchmort, ſchmeckten vortrefflich. Leonore hatte eine wichtige Angelegenheit Wandersleben zu beſorgen; ſie wollte daher an dem viel, bevor du den Geringſten in unſerer deh „bin ich feig oder unentſchloſſen?“ 127 heutigen Tage dorthin gehen, und es wurde verab⸗ redet, daß ihr Jean Beg um die Abendzeit entgegen kommen ſollte; bis dahin ſollte er nebſt Lorenz in der Wohnung bleiben, wobei ſie nicht unbemerkt ließ, daß man das Haus wohl verſchloſſen halten folle. Leonore entfernte ſich hierauf, und die beiden Spitzbuben befanden ſich allein in der Hütte. um ſich die Zeit zu vertreiben, zog Beg ein paar alle verroſtete Piſtolen heraus und fing an ſie blank zu putzen, während Lorenz Kugeln goß und dieſelben ſchußfertig machte. Auf dieſe Weiſe war eine lange Zeit vergangen; endlich warf Jean die Waffen in einen Winkel und Lorenzen einige Minuten mit Aufmerkſamkeit betrach⸗ tend, ſagte er: „Du biſt ein rühriger J Junge, was dir der Neid laſſen muß, aber dennoch fehlt dir immer noch ſehr ——PY gleichkommſt.“ 3 Lorenz ſchien durch dieſe Bemerkung wenig 3 ſchmeichelt zu ſein, er zog eine verdrießliche Miene und warf ſeinem Hauptmann einen düſtern Blick zu. „Und warum,“ ſagte er nach einer 5. vu 128 „Keines von Beiden,“ erwiderte Jean Beg, „du biſt noch nicht eingeweiht in unſere Sprache, und wer derſelben unkundig iſt, wird von uns als ein Laie betrachtet. Wenn dir daher etwas daran liegt, in unſrer Anſicht gegen dich zu gewinnen, ſo übe dich in dieſem, für uns höchſt wichtigen und eben ſo nothwendigem Studium. Niemand von uns hört es gern, wenn die Gegenſtände, mögen ſie ſein und heißen wie ſie immer wollen, mit ihren wirklichen Namen genannt werden.“ „Ich möchte es gern lernen, aber ohne amweiſung iſt es ja doch nicht möglich.“ „Nun, dafür laß mich ſorgen,“ verſetzte Jean „höre auf mit deiner Arbeit, wir wollen eine Lektion vornehmen und einen Anfang damit machen. Wie viel Kugeln haſt du gegoſſen?“ „Siebzig,“ antwortete Lorenz, dem Frten ein kleines Käſtchen zuſchiebend, worin ſeine heutige rbeit befindlich war. „Es iſt genug,“ verſetzte Beg,„trage die Sachen nebſt den Piſtolen in die Kammer, dann wollen v anfangen. 6 Beg ging hierauf zu einem Wantſchrante und nh ein kleines Päckchen heraus, dann kehrte er an den Tiſch ee und nachdem Lorenz wieder in 1²9 das Zimmer getreten war, forderte ihn Jean auf, ſich neben ihn zu ſetzen. Der Gaunerhäuptling brachte hierauf ein ge⸗ ſchriebenes Heft zum Vorſchein, deſſen Inhalt in einer Wörterſammlung der berüchtigſten Diebsſprache be⸗ ſtand; das Verzeichniß war nach dem Alphabet ge⸗ ordnet, und jedem der kauderwelſchen Ausdrücke war die Benennung im Deutſchen beigefügt. Das Studium dieſes ſonderbaren Gemiſches von Schlauheit und roher Erfindung bereitete dem jungen Lorenz manche Verlegenheit. Das Lernen war niemals ſeine Sache geweſen, und er fing ſchon in der erſten Viertelſtunde an, ſeinen Lehrmeiſter mit ſammt dem Hefte zum Teufel zu wünſchen, und Jean Beg er⸗ kannte bald aus der grämlichen Miene ſeines 3og⸗ lings, daß die Beſchäftigung nicht nach dem Geſchmacke deſſelben ſei. Jean, der nicht lange mit ſich ſpaßen ließ, forderte ihn zur Aufmertfamteit auf, und als Jener darüber trotzig wurde, erfaßte er ihn bei den Ohren und ſchüttelte ihn ein wenig ab. „Verdammter Lümmel!“ rief er erzürnt,„wns bildeſt du dir denn ein; biſt doch weiter nichts⸗ als ein dummer Junge, kaum der Ruthe des ul⸗ meiſters entlaufen iſt; ich will mit dir keine unſünde Der ſchwarze Jäger. Lieferung 5. 130 machen, ich haue dich windelweich, wenn du nicht begreifſt, du fauler Windſtock, willſt du nicht glatt werden? Jetzt wiederhole noch einmal, was ich dir vorhin geſagt habe, und wenn du es nicht gemerkt haſt, ſo ſollſt du für jeden Fehler einen derben Hieb ins Ge⸗ nick erhaltenz gieb mir die Benennung der folgenden. Wörter im Deutſchen wieder: 1. Adoni. 2. Aiſchebel. 3. Amtskehrſpieß. 4. Amtsſchoder. 5. Gekohnt. 6. Beganfen. 7. Beß. 8. Bezinkt. 9. Blathekinth. 10. Blinkſchieben. 11. Einſchobern. 12. Caffler. 13. Capreſche. 14. Chates. 15. Caluke. 16. Cheluke. 17. Dalme. 18. Ganf. Lorenz wußte die Erklärung ſo ziemlich aus⸗ wendig und gab ſie in folgender Weiſe wieder: 5 Herr. 2. Brennende Lunte. 3. Ein Amthaus. 4. Amtsbote. 5. Gebranntmarkt. 6. Beſtehlen. Haus. S. Verrathen. 9. Eine Diebsherberge. 10. Ausziehen. 11. Der Scharfrichter. 12. Die Diebsbande. 13. Schelm. 14. Die Theilung. 15. Mit den Dieben gehen. 16. Der Galgen. 17. Einbrechen. 18. Ein Dieb.*) Jean Beg war damit zufrieden und ſein Unwille gegen den Schüler verſchwand, den er für die er⸗ in Hilbburghaufen gezeigt wird, es enthält 56 Quartſeiten. 5 Die Bande beſaß ein derartiges Wörterbuch, welches noch iett. 131 haltenen Püffe durch einen blanken Gulden zu ent⸗ ſchädigen ſuchte, womit Lorenz auch vollkommen ein⸗ verſtanden war. Die Lehrſtunde war vorüber, Jean machte ſein Buch zu und Beide machten ſich über eine Schüſſel Braten her, den Leonore zurecht geſetzt hatte, und der gehabten Mühe wurde während der angenehmen Beſchäftigung nicht mehr länger gedacht. Der Tag verging vollends unter verſchiedenen Zerſtreuungen, und als endlich der Abend nahte, machte ſich Beg bereit, um Leonoren entgegen zu gehen, während Lorenz ihre Rückkehr in der Wohnung erwarten ſollte, was Jener auch zu thun verſprach, worauf ſich Jean entfernte. Leonore hatte bereits den Rückweg nach Hauſe angetreten, und weil die Tage kurz waren, ſo hatte ſie ſich demnach etwas verſpätet, um noch bei Son⸗ nenlichte den Wald zu paſſiren; ſie wal jedoch ein rüſtiges Weib, überdies hatte ſie ja weniger zu fürch⸗ ten, als andere ehrliche Leute; ſie kannte einen großen Theil der Genoſſen ihres Anbeters, und war ordentlich ſtolz darauf, in Jean Beg einen ſo titetlihen Kavolier zu beſitzen. Mit dergleichen Gedanken beſchäftigt, vne unterwegs die Zeit nicht lang, und hatte. Hälfte des Waldes erreicht, als ein Mann ſchnell aus dem Buſche herausſprang und auf dem ſchmalen Fußwege ſtehen blieb, welchen ſie verfolgte und den ſie weder zur Rechten noch zur Linken wegen der Waldung verlaſſen konnte. Der Wartende war der Herankommenden durchaus fremd, ſie blickte ihn nicht ohne Furcht in das bärtige Geſicht, und ihre Herzhaftigkeit fing an zu ſchwinden bei dem Gedanken, daß ſie mit dem Unbekannten allein in dem weiten Walde zuſammentraf. „Wohin des Weges?“ ſagte derſelbe, nachdem Leonore bis auf einige Schritte nahe gekommen war. „Nach dem Fallgrunde,“ verſetzte die Gefragte, ₰ ſie ſich bemühte, ſo gefaßt als möglich zu ſcheinen. „Was wollt Ihr dort?“ fragte der Fremde. „Nun, was werde ich wollen, es iſt mein Wohn⸗ ort und ich kehre von Wandersleben dahin zurück.“ „Das kann nicht auf direktem Wege geſchehen,“ rwiderte der Unbekannte, indem er Leonoren bei den Armen faßte,„wir wollen zuvor eine Promenade Lih den Wald mit einander machen.“ Das geſchieht nicht,“ ſchrie Leonore aufgebracht, indem ſie ſich aus ſeinen Händen loszureißen ſuchte, was ihr jedoch nicht gelang. Der kräftige Mann zog ſie vom Wege ab, im Begriff, ſie in den Wald 133 hineinzuzerren, allein in demſelben Augenblicke nahte Jean Beg mit ſchnellen Schritten, der den Auſftritt ſchon von ferne geſehen hatte. Ein donnerndes Halt aus ſeinem Munde erſchreckte den Fremden, während es der ringenden Levnore ihren verlorenen Muth zurückbrachte. Das Dazwiſchenkommen des unerwarteten Störers veranlaßte den Unbekannten, von ſeiner Beute abzu⸗ ſtehen; er warf einen flüchtigen Blick auf Jean Beg, der indeſſen Gelegenheit gefunden hatte, ihn genauer zu betrachten, und rannte dann über Hals und Kopf in das Dickicht hinein. Leonore ging jetzt haſtig und mit klopfendem 1 Herzen ihrem Befreier entgegen, der den Entflohenen eben ſo wenig wie ſie ſelbſt gekannt hatte; ſie erzählte ihm hierauf das Zuſammentreffen mit demſelben und bezeugte dabei die Freude über das Glück ſeines Hinzukommens. „Wenn ich den Burſchen wiederſehe, dann ſoll er mir Rede deshalb ſtehen,“ ſagte Jean mit mendem Auge,„wehe ihm, er ſollte gewiß urſa genug erhalten, ſeine Kühnheit zu bereuen.“ 8 Leonore ſtimmte in das Verlangen nach Geug. thuung mit ein, und ſie wünſchte nur, daß es ge⸗ 134 länge, den Kerl zu erwiſchen, der ihr einen ſo ge⸗ waltigen Schreck in die Glieder gejagt hatte. Beide erreichten den Fallgrund ohne weiteren Unfall. XII. Die Prohen. Es geſchah jetzt, daß Lorenz ſehr häufig in Ge⸗ ſellſchaft Jeans herumſtreifte und auf Kundſchaft— ausging, um eine Gelegenheit zu neuen Raubzügen zu erſpähen. Die ganze Gegend des Thüringer Waldes wurde durchſtrichen, und die Bande wanderte in allen Richtungen umher, verſehen mit falſchen Päſſen, die von der Hand des Biebreſchen Schreibers gefertigt wurden und hei den Behörden wegen ihrer Echtheit ſelten Zweifel erweckten. Eines Tages, es war kurz nach dem Vorfall mit Leonoren und dem Fremden, wanderte Beg mit Porenz nach dem Walde und zwar demſelben Orte zu, wo der Letztere zum erſtenmal in die Geſellſchaft äuber eingeführt worden war, welches an dem 2 nde vor der Beraubung des Pfarrers zu** ge⸗ ſchah. Dieſer Platz wurde zu beſondern Zwecken als Sammelplatz erwählt, und da verſelbe mitten in einer der wildeſten Gegenden des Waldes lag, beſchützt — 135 durch hohe Felſenmaſſen, ſo wurden zuweilen ſelbſt bei Tage kurze Berathungen abgemacht. Es war ein ſchöner Herbſttag, als die beiden erwähnten dem bezeichneten Punkte zuwandelten, und nachdem ſie ſchnell vorwärts gegangen, erreichten ſie bei guter Zeit den Felſenkeſſel, wo bereits ein Theil der Bande beiſammen war. Nachdem Beg unter ſie getreten, näherte ſch ihnen der bekannte Räuter mit der Nachricht, daß drei Männer anweſend ſeien, die das Verlangen trügen, in ihre Geſellſchaft aufgenommen zu werden. „Ich überlaſſe es der Geſellſchaft, ob ſie die Aufnahme für nöthig hält,“ verſetzte Jean,„wir müſſen in dieſer Beziehung behutſam handeln.“ „Wir haben nichts dagegen,“ erſcholl es hin und wieder,„allein die Aufnahme kann nur unter den beſtehenden Bedingungen ſtattfinden.“ Jean Beg hatte hierüber keine Sitsb zu machen. ² „Führt die Burſchen vor,“ bef 1 er dann. Die drei Angemeldeten traten it verbundenen Augen in den geſchloſſenen Kreis, und wie ſehr fühlte ſich der Anführer überraſcht, als er in dem einen der Wahlkandidaten den Unbekannten zu erblicken glaubte, der Leonoren auf dem Wege von Wandersleben nach 66 dem Fallgrunde angefallen hatte. Sein böſes Herz zuckte vor Freude bei dieſer Entdeckung, und er ſchwur bei ſich ſelbſt, ſein Leonoren gegebenes Verſprechen, Rache an dem kecken Burſchen zu nehmen, in vollem Maaße zu erfüllen. Er ließ jedoch kein Wort deshalb laut werden, da überhaupt dieſe Angelegenheit mit dem Intereſſe der Bande nichts gemein hatte. .„Wo ſeid Ihr her?“ fragte der Hitn einen nach dem andern, ohne die Binde von ihren Augen nehmen zu laſſen. 5 Die Antwort erfolgte ſogleich, dann fuhr Zener fort:„Was habt Ihr bisher getrieben?“— ch erſuchte manchmal einen Zug auf den . Zahrnärften,“ ſagte ver Erſtere in wichtigem Tone. „Und ich habe auch ſchon dergleichen Arbeit ge⸗ than,“ bemerkte der Zweite,„weshalb ich ein halbes Jahr ſtillſitzen mußte, und zwar bei Waſſer und Brot.“ „Das ſind Kleinigkeiten,“ bemerkte Jean Beg verächtlich,„es giebt nichts erbärmlicheres, als in die Bude eines Dorfkrämers zu langen,“ damit wandte er ſich gegen den Dritten, der ſchon beim 6 rege gemacht hatte. erſten Erblicken ſeinen Haß durch den St um⸗ 6 3 137 „Nun und was haſt du denn bisher getrieben?“ fragte er in höhniſchem Tone,„wer wie du in ſolcher Geſellſchaft erſcheint, als die gegenwärtige iſt, muß ein Held über alle Helden ſeinz ich ſehe es dir ſchon an, du gehörſt einem außergewöhnlichen Menſchenſchlage an.“ „Ich gehörte früher zur Hoſenbande,“ verſetzte der Angeredete,„und weil ich mit einem Genoſſen Streit bekum, ſo machte ich mich fort und kam hierher, um mich anwerben zu laſſen.“ „Hm,“ brummte Jean mit einem finſtern Blick auf den Sprechenden,„was macht Graf Pfoſchen,“ fuhr er fort,„iſt ſeine Geſellſchaft ſatt „Einige Vierzig ſi nd beiſammen,“ verſehte Jener. „Nun gut,“ ſagte der Hauptmann zu ſeinen Leuten gewendet,„bringt die erſten zwei hinweg, wir wollen bei dem dpritten mit der Probe heginnen. Wan hole die Schrauben herbei.“ Die beiden wurden nach einer Hihte gefihet wo man ſie bewachte, dann brachte der lange Lips ein Käſtchen herbei, worin ſich eine Anzchl eiſerner Werkzeuge befanden, die er heraus nahm und auf einem neben Beg liegenden Felsblocke ausbreitete Hierauf wurde der entlaufene ſe näher zu treten. 138 Einer von den Räubern ergriff ſeine Hand, legte ſie in kine Art Schraubſtock und fing an zu drehen, bis das Blut aus den Fingerſpitzen hervorrann. Trotz der wüthenden Schmerzen verzog der Ge⸗ peinigte dennoch keine Miene, er blieb ſtumm und die Augen der umherſtehenden Räuber ſchauten mit Ver⸗ wunderung auf den ſtandhaften Burſchen. „Es iſt der höchſte Grad,“ bemerkte der lange Lips,„und er hält vollkommen aus.“ „Er iſt unſer,“ ſagte der Hauptmann,„mache ihn los und gieb ihm den Namen.“ „Er ſoll Grünwedel heißen,“ ſagte Lips.„Hörſt 6 dies iſ nun an die Lvoſung. welhe dir 3 den Augen,„der wird nicht geſtehen, und wenn ihm die Folterknechte alle Glieder ausreißen,“ ſetzte er hinzu,„er ſcheint ein tüchtiger Burſche zu ſein.“*) Hierauf wurde der zweite von den Burſchen herbeigeholt und auf gleiche Weiſe mit ihm verfahren; *) Durch dergleichen Proben wollte man wahrnehmen, ob Einer bor Gericht durch die Folter leicht zum Geſtändniß gebracht werden könne. Hielt nun der Betreffende die Schmerzen aus, dann vermuthete man, daß er ſchweigen werde. Ein gewiſſer Hans Schink, welcher ſpäter hingerichtet wurde, geſtand, man habe ihm die bloßen Finger zwiſchen den Hahn einer Piſtole geklemmt und ihn dergeſtalt gepreßt, vaß er phnmächtig geworden ſei. Hielt nun der Bewerber nicht aus, ſo wurde er ohne Weiteres auf die Seite gebracht, oder auch nach infi den wieder frei gelaſſen. urde, da erblickte er zu ſemem größten Sch 139 kaum aber hatte Lips die Schrauben angeſezt⸗ Jener laut zu wimmern begann. „Hierher, Burſche, nehmt Euren Antheil in Empfang,“ ſagte Beg,„der Kerl iſt nicht einen Schuß Pulver werth.“ Auf ſein Geheiß traten drei von der Bande hervor, nahmen das Opfer in Empfang und ſchleppten es nach den Felſenklüften. Jetzt kam der Dritte an die Reihe. „Du willſt dich der Probe unterwerfen?“ flüſterte ihm Lips ins Ohr,„bedenke, daß es dein Ende iſt, wenn du durchfällſt; dein Gefährte zappelt bereits in dieſem Augenblicke zwiſchen Erde und Himmel.“ Der arme Teufel fing an zu zittern wie ein Espenlaub. „Ach,“ ſtöhnte er,„ich will es nicht, es war nicht mein Entſchluß, und nur mein Gefährte iſt Schuld, daß ich hier bin. Habt Mitleid.“ „Jagt ihn zum Teufel, er iſt eine elende Memme!“ rief Jean Beg,„er iſt es nicht verh⸗ daß man ſich die geringſte Mühe mit ihm nimmt.“ Auf dieſe Bemerkung führte man ihn hinweg, und als er aus dem Bereich der Felſen hinausg men war und die Binde von ſeinen Augen genot 140 den Leichnam des Gefährten an einem hohen Baume hängen. Er glaubte, ſein Stündlein ſei gekommen, und fing in der Herzensangſt an laut zu beten, wo⸗ rüber ſich ſeine entſetzlichen Führer tobt lachen wollten. Nachdem man ihn lange genug geängſtigt hatte, er⸗ hielt er vie tröſtliche Erklärung, daß er frei ſei; er hatte der Probe entſagt und es geſchah ihm nichts deshalb. „Aber hüte dich, davon zu iee was du heute geſehen haſt, du biſt verloren, wenn du ein Wort davon erzählſt, und ſei es deinem nächſten Freunde oder Anverwandten, wir würden dich gewiß ſ und deine elende Seele.“ Nach dieſen Worten wurde er mit einigen derben Hieben entlaſſen, und mit der Schnelligkeit des Rehes nahm der arme Burſche Reißaus, um aus dieſer fürchterlichen Umgebung zu kommen. Unterdeſſen hatte ſi ch ein neuer Auftritt in den Stnien ereignet. Jean Beg nahm den jungen Lorenz bei der Hand ſagte mit lächelnder Miene zu ihm:„Komm, laß ſehen, Burſche, ob in deiner Bruſt auch ſo ein Haſenherz ſchlägt; es hat weiter nichts auf ſich, wenn uch ein wenig wimmerſt und dabei ein paar Tropfen von deinem Blute vergießt.“ 1 Lorenz bezeigte keine Luſt zu dieſer Exekution, und er ſträubte ſich dagegen mit Händen und Füßen, allein es half ihm alles nichts, er wurde von einigen kräftigen Burſchen gepackt, die ſeine Däume in die abſchäuliche Quetſche legten, und es dauerte wenig Minuten, ſo fing der Bube an zu ſchreien, als ob er an einem Spieße ſteckte. „Das wird einmal eine Verrächerpflanze!“ rief der lange Lips ſeinen Gefährten zu,„gebt Acht, ich habe es geſagt, und meine Vermuthung wird mich nicht betrügen. Heule zu, du kleine Beſtie,“ fuhr er höhniſch fort,„indem er die Schraube noch mehr drehte,„deine Mutter hört es noch lange nicht, eher kannſt du dich heiſer ſchreien. „Macht ihn frei,“ befahl Beg,„wir müſſen auf ſeine Jugend rechnen, und wenn er nur erſt mit unſerm Leben wird vertrauter geworden ſein, dann wird er gewiß mehr Muth beweiſen.“ „Er wird es nicht,“ verſetze Lips,„darauf will ich wetten, er hat dazu viel zu wenig Entſchloſſenheit. und wenn ich ihn nicht frei gelaſſen hätte, ſo wurde er uns heute ſchon und zwar durch ſein Geſchrei verrathen. Es wäre beſſer, man etwns mit dem Jungen.“ 142 Lorenz ging mit verbiſſenem Grimm hinweg, und die erlittene Verachtung regte ſeine Galle heftig auf; er kehrte nach der Wohnung ſeiner Mutter zurück. und verſchwieg ihr den Vorfall des heutigen Tages. Auch die Bande ging hierauf auseinander und Guſtels Stelle war durch den neu aufgenommenen Grünwede wieder beſetzt worden. „Nunn, er ſoll ſie nicht lange behalten,“ murmelte Beg,„und obwol er die härteſte Probe des heutigen Tages beſtand, ſo ſoll er dennoch von mir eine Nuß zu knacken bekommen, die für ſeinen Schädel zu har ſein wird.“ 3 Mit dieſen Gedanken wanderte der Fezn mann der Wohnung des Waldhüters Thom zu, deſſen Gaſt er für dieſe Nacht zu bleiben beſchloſſen hatte. XIV. Die Hefangene. Wir wollen jetzt die Begebenheiten mit Blondinen wieder aufnehmen und zu dem unglücklichen Mädchen zurückehren. Fraurig und niedergeſchlagen ſaß die Gefangene, 15 Kind auf dem Schooß wiegend, in dem Wagen, welcher von der nebenherreitenden Bedeckung begleitet wurde. Der Weg durch den Wald war in einem ſehr übeln Zuſtande, weshalb die Fahrt nur langſam von Statten gehen konnte. Als man jevoch die Land⸗ ſtraße erreicht hatte, begannen die Pferde etwas ſchneller zu traben, wobei der Arreſtantin mit jedem Schritte das Herz heftiger zu ſchlagen g. Ueberall, wo der Wagen hindurch kam, erregte ſein Erſcheinen Staunen und Verwunderung, man machte lange Hälſe und erſchöpfte ſich in allerhand Vermuthungen über die Gefangene, die nicht aufzu⸗ blicken wagte und das thränenfeuchte Auge zu Boden gerichtet hielt. Gegen Mittag erreichte das Fuhrwerk den Ort, wo Blondine dem daſelbſt beſinvlichen Gericht über⸗ geben werden ſollte; ſie verließ mit ihrem Kinde den Wagen und wurde von ihren Begleitern nach einem Gaſthofe gebracht, wo ſie bis nach Tiſche bleiben ſollte, um da vor den Richter geführt zu werden. Nachdem ſie ein kleines Zimmer eingenommen, ihr Kind geſtillt und nur wenig genoſſen hatte, über⸗ ließ ſie ſich ihren Gedankenz ſie ſann hin und her, was wohl eigentlich die Urſache ihrer Verhaftung ſein könne, obwol es ihr Inneres ſagte, daß es m Bezug auf die Vorgänge im geſchehen ei 144 Nach Verlauf von zwei Stunden wurde die Ge⸗ fangene nach dem Gerichtszimmer gebracht. Bei ihrem Eintritt erblickte ſie mehrere ſchwarz gekleidete Männer, welche an einem mit Aeten belegten Tiſche ſaßen und die Angekommene ſcharf beobachteten. Man forderte ſie auf, näher zu kommen, und nachdem dies geſchehen war, begann der ein Mann von freundlichem und milden Weſen, in gewöhnlicher Weiſe nach ihren Verhältniſſen zu fragen, worauf er auf das Eigentliche der Sache einging. „Was iſt dir von den Vorfällen im Beierhofe bekannt?“ frug der Vorſitzende,„ich ermahne dich, die Wahrheit zu ſagen, denn was du uns darüber mittheilen wirſt, mußt du ſpäter mit einem Eide an 8 Gerichtsſtatt bekräftigen. Darum überlege wohl, was du thuſt. Der Eid iſt, wie du wiſſen wirſt, eine höchſt wichtige Handlung, und ein rechtſchaffner Chriſt wird ſich nie verleiten laſſen, den allmächtigen Richter zum Zeugen einer Unwahrheit anzurufen; ein ſolches Verbrechen wird ſchwer gerügt und zieht nicht nur wellliche, ſondern auch ewige Strafe nach ſich. Daher ermahne ich dich nochmals, rede ſo, wie du es vor Gott und Menſchen zu verantworten vermagſt. Es handelt ſich darum, einer Bande entſetzlicher Verbrecher auf die Spur zu kommen, und dazu fannſt du, wie —— — wir hoffen, gewiß etwas beſonderes beitragen. Erzähle uns jetzt, was du in jener Nacht geſehen und vernommen haſt.“ Blondine wechſelte die Farbe, ſie fing an und wurde blaß, denn jetzt mit einmal ſah ſie ſich in eine Lage verſetzt, die ihr unbeſchreibliche Qual bereitete. Wahrheit oder Lüge, Beides war hier von Bedeutung und Folgen, vor welchen ſie zu zittern begann. Das unglückliche Mädchen war keineswegs von einer ſolchen Charakterloſigkeit, wie ihr Bruder Lorenz, ſie hatte ſich bisher ihr Gewiſſen durch keine Uebelchat beſchwert, und ein milder Blhrtheiler konnte ihr die Verirrung, in deren Folge ſie Mutter wurde, nicht zu einem Verbrechen rechnen, obwohl viele darüber klügelten, die ſich jedoch in Hinblick auf ihre rung, bei der eigenen Naſe hätten ziehen mögen. Der Unterſchied zwiſchen Blondine und jenen Sitten⸗ richtern beſtand nur darin, daß die Erſtere für ihren Fehltritt büßen mußte, während die Letzteren unge⸗ „ſraft blieben und wotz des äußern Scheines, in ihrem Innern doch noch zehnmal ſchlimmer waren. Anfänglich vermochte ſie keine Erwiderung zu geben. Die Sprache ſchien ſie verlaſſen zu haben, und ſie blickte mit einem Ausdrucke nach den Männern, denen ihre Angſt nicht unbemerkꝭ ie Der ſchwarze Jäger. Lieferung 5 10 14⁴6 „Du ſagſt mir nichts, auf die Frage,“ bemerkte der Richter,„und ich fordere dich nochmals auf, zu ſprechen, und uns von dem Vorfall im Beierhofe zu erzählen, ſo viel du davon weißt.“ Blondine wankte auf ihren Füßen, endlich fing ſie an zu ſprechen, indem ſie Folgendes ſagte: „Ich ſchlief in einer Kammer des obern Stocks, und als ich erwachte, durch das Geräuſch in der Nacht, ſtand ich auf, um nach der Urſache zu ſehen. Allein es dauerte nicht lange, ſo wurde ich durch den Eintritt einiger Räuber davon abgehalten; ſie faßten mich, und ohne auf mein Flehen zu achten, wurde ich mit Gewalt hinaus geſchleppt und nach dem Zimmer meiner Herrſchaft geſchleift, welche man un vielen Martern zur Heraus gabe ihres Geldes aufforderte.⸗ „Nun, und was ſaheſt du hier noch weiter,“ fuhr der Richter fragend fort;„beſinne dich und rede die Wahrheit.“ 3 Blondine bebte von Neuem.„Mein Herr/ ſagte ſie dann,„ich war in einem völlig aufgeregten Zuſtande, ſodaß ich in meiner Angſt nicht im Stande war, Alles das feſt und genau ins Auge zu faſſen, was um mich her vorging. Ich ſah viel, und möchte doch auch ſagen, ſehr wenig. Der Schreck hatte mein 147 7— ganzes Weſen erfüllt, und ich kann nichts weiter mit Gewißheit ſagen, noch behaupten.“ „Wir wollen dies glauben,“ ſagte der Richter, „auch ſoll deine Wahrnehmung in jenem Moment nicht als eine untrügliche Behauptung betrachtet wer⸗ den; wir wurden davon unterrichtet, du ſeiſt mit einem lauten Ausrufe, und zwar mit den Worten: „Gott, er iſt es wirklich!“ niedergeſtürzt. Nun ſage uns, wem vermeinteſt du in jenem Augenblicke zu erkennen?“ Die Gefangene ſenkte die Stirn in die Hand. „Habe ich ſo gerufen?“ ſagte ſie dann.„O Gott, ich kann mich nicht mehr darauf beſinnen; es war ein ſchrecklicher Auftritt und kein Wunder, wenn einem die Beſinnung verging; ich muß erſt darüber nach⸗ denken, ehe ich zu antworten vermag.“ Endlich fuhr ſie fort: „Meine Herren, das was ich ſah oder vielmehr zu ſehen glaubte, iſt eine Perſon, die mir nahe an⸗ geht, und ich zittre, wenn ich daran denke, ihren Namen zu nennen. Ich werde dies nimmermehr thun, und wenn man mich auch in den tiefſten Kerter würfe; ich kann nicht ſagen, daß ich ihn n oder nicht geſehen 2 3 „ 1¹8 „Deine Rede giebt uns den Beweis, daß du nicht aufrichtig geſprochen haſt, und ich vermuthe nicht ohne Grund, daß du mehr Wiſſenſchaft um dieſe Sache beſitzeſt, als wir dir anfänglich zugetraut haben,“ ſagte der Richter.„Deine Ausſage enthält nichts, und dennoch iſt ſie nöthig für uns, weil wir darin einen Faden finden, der uns der Sache näher leitet, wir dürfen denſelben nicht fallen laſſen, und müſſen dich ſo lange auf Geſtändniß ins Gefängniß bringen, bis du uns angiebſt, wer die Perſon war, welche in jener 3 zu erblicken glaubteſt.“ „36 ſon ins Gefaͤngniß,“ jammerte Blondine, „obwohl ich unſchluldig bin. O mein Herr, das tönnen ſie mit guten Rechte nicht beſtimmen,“ fuhr ſie weinend fort;„ich habe Niemandem etwas Böſes zugefügt, obgleich mich Alles ohne Liebe und Erbar⸗ men behandelt. Niemand hat ſich meiner angenommen, und wenn es geſchah, dann jagte mich mein feindliches Schickſal wieder von dannen; ſo iſt es mir bisher gegangen. Ich wurde aus dem Vater⸗Hauſe, wie ein Hund, von meiner eigenen Mutter hinaus getrie⸗ ben, und nach unſäglichen Leiden kam ich zu dem guten Pachter, deſſen Haus ich jetzt mit dem Kerker zu vertauſchen im Begriff ſtehe.— 35 Gott! dies 149 Schickſal iſt zu hart für mich und ich vermag kaum ſolchen Schmerz noch länger zu ertragen.“ Der Richter zuckte die Achſel. „Ich muß dasjenige vollziehen, was das Geſetz von mir erheiſcht,“ ſagte er dann,„und ich würde unrecht gegen die allgemeinen Wahlrechte handeln, wenn ich beſondere Milde bei Berückſichtigung deines unglücklichen Schickſals walten laſſen wollte.— Ich erkläre dir nochmals, daß du zur Geſtändnißhaft zu bringen biſt, und es wird auf dich ankommen, ob du deine Freiheit bald wieder genießen willſt, oder den Kerker zu einem längeren Aufenthalt zu wählen gedenkſt.“ Blondine wurde hierauf abgeführt und nach einem kleinen erwärmten Gemach gebracht, deſſen einziges Fenſter vergittert war, in dem reinlichen Raume befand ſich ein Schemel, ein Tiſch und eine Bettſtelle, die mit warmen Decken belegt war. „Das alſo ſoll von nun an meine Wohnung ſein,“ ſtammelte das arme Mädchen, indem ſie die Hände rang und vor die Stirn preßte.„Hier ſoll ich bleiben— und mein Kind, ach Gott, mein Kind!“ Der Gefangenwärter, welcher noch anweſend war, warf einen mileidigen Blick die bekümmerte Mutter. 150 „Das wirſt du hier nicht ſehen,“ ſagte er,„denn eine Andere iſt beſtimmt, es zu ſtillen und zu pflegen.“ „Eine Andere!“ ſchrie Blondine;„man will mir mein Kind nicht laſſen, das iſt ja entſetzlich für ein Mutterherz, und erbarmungslos gehandelt.“ Mit dieſen Worten floh ſie, wie von einem böſen Feinde getrieben, von einem Winkel des Ge⸗ fängniſſes zum andern; ihre Glieder bebten, und die letzte Faſſung hatte ſie verlaſſen. „Du handelſt wie eine Thörin,“ ſagte der Ge⸗ fängnißwärter,„es kommt ja nur auf dich an, dieſem Schickfale, das dir ſo viel Kummer macht, zu ent⸗ gehen, wenn du nur ein einziges Wort ſprichſt; du würdeſt da mn frei ſein und dein Kind wiedererhalten. „Mein Kind!“ ſagte Blondine,„Jja, Ihr habt recht, ich werde es dann gewiß wiederſehen, und ich wäre eine Rabenmutter, wenn ich es der liebloſen Pflege einer Fremden überlaſſen wollte.— Geht und meldet es dem Richter, daß ich Alles ſagen will.“ Noch an demſelben Tage wurde Blondine zum zweiten Mal ins Verhör geführt. „Ich will ihn nennen, den Namen!“ rief ſie, „und mag für mich daraus entſtehen, was immer will; aber ich flehe um die einzige Gewährung, mir mein Kind zu laſſen, deſſen Entfernung mich bis zur . Verzweiflung bringen würde.“ „Dein Verlangen ſoll erfüllt werden, Blondine,“ ſagte der Richter,„und überhaupt wird deine Haft nur noch von einer ſehr geringen Dauer ſein. Doch jetzt erfülle dein Verſprechen!“ Blondine nannte den Namen ihres Bruders. „Und kannſt du es beſchwören, daß dir etwas dergleichen vorgekommen iſt und daß du uns die Wahrheit geſagt haſt?“ Die Gefragte bejahte es mit einem Seufzer. „Nun denn, ſo wollen wir zur Vereidung ſchrei⸗ ten.“ Bald darauf erhielt Blondine ihr Kind, obwol ſie noch nicht frei gelaſſen wurde. Noch in derſelben Stunde wurden zwei Gens⸗ d'armes abgeſchickt, um den jungen Lorenz in der Wohnung ſeiner Mutter zu verhaften. XV. Eine glückliche Aucht. Leonore, die Wittwe des Egidius, befand ſich mit Lorenz allein in ihrer Wohnung. Der Letztere 152 wagte es nur verſtohlen, ſeine Mutter aufzuſuchen. Beide hatten ſoeben ein Geſpräch von Wichtig⸗ keit angefangen, welches die Sene mit Blon⸗ dine betraf. „Du haſt Blondine alſo wirklich im Beierhofe geſehen?“ ſagte die Mutter.„Ich kann es faſt nicht glauben.“ „Wahr und gewiß, ich habe ſie geſehen!“ ver⸗ ſetzte Lorenz.„Auch ſie hat mich erkannt.“ „Das könnte ſchlimme Folgen haben,“ erwiderte die Mutter;„durch Blondine könns Alles verrathen werden.“ „Sie wird kein Wort davon ſ u Lorenz fort,„und muß mir im Gegentheil noch dankbar dafür ſein, daß ich ſie aus den Händen der Leute Jean Begs befreite.“ Während Lorenz dies ſagte, ſtand er auf, zog ſeinen Rock an und machte ſich fertig⸗ die Wohnung zu verlaſſen. „Wo willſt Du hin?“ fragte die Muiter. „In den Fallgrund zum Wäldler Thom,“ ſagte er.„Ich hoffe, Jean dort zu treffen.“ Während er noch ſprach, näherten ſich zwei Gens⸗ d'armes dem Hauſe. Lorenz ſich; er eigte ſich ängſtlich. „Mutter, verbergt mich, ſonſt bin ich gewiß am längſten frei geweſen,“ ſagte er.„Die Beamten kommen wahrſcheinlich nicht in der beſten Abſicht hier⸗ her. Seht nur, ſie kommen auf die Thüre zu. Ich will in den kleinen Stall hineinkriechen, welcher an den Hausflur ſtößt, und während ſie eintreten, will ich durch die Oeffnung deſſelben ins Freie hinaus⸗ ſpringen und entfliehen.“ „Die Mutter beeilte ſich, den Sohn in ſeinem Vorhaben zu unterſtützen. Schnell hatte ſie die Thüre geöffnet, der Bube huſchte wie der Wind über den Flur und in den Stall hinein, deſſen Eingang Leonore verſchloß. Dann begab ſie ſich nach dem Wohnzim⸗ mer zurück. Es dauerte nicht lange, ſo traten die beiden Gensd'armes ein. Auf deren Fragen nach Lorenz gab ſie zur Antwort, ſie wiſſe nicht, wo ſich derſelbe umhertreibe, indem er ſchon ſeit längerer Zeit vom Hauſe abweſend geblieben ſei. Die beiden Beamten ſchienen dieſer cunn wenig Glauben ſchenken zu wollen. „Wir kennen Euch nur zu gut,“ ſagte einer vvn ihnen zu Leonoren,„und wiſſen, was wir von de gleichen Reden zu halten haben. Wir wollen fort eine Hausſuchung anſtellen, vielleicht gin irgend einen Beweis ausfindig zu machen, welcher unſern Argwohn rechtfertigt.“ „Das können Sie, meine Herren,“ verſetzte die Witwe in gleichgültigem Tone und in der Vermuthung, daß Lorenz unterdeſſen Gelegenheit zur Flucht genom⸗ men haben werde, öffnete ſie bereitwillig die Thüren und überließ es den Gensd'armes, das Haus nach Gefallen zu durchſuchen. Ohne etwas gefunden zu haben, kehrten dieſe nach einiger Zeit ins Wohnzimmer Leonorens zurück, die ſie mit einem ſchadenfrohen Lächeln empfing. „Sie ſehen, meine Herren, daß ich Ihnen die Wahrheit geſagt habe,“ begann die Witwe,„und Sie werden mich nicht länger mit Ihrem Mißtrauen be⸗ leidigen.“ „Wie es ſcheint, haben wir Euch ſehr beleidigt,“ ſagte einer von den Beamten;„doch das ſoll uns wenig kümmern.„Es kann ſchon noch geſchehen, daß wir Euch auf dem faulen Pferde finden, denn, unter uns geſagt, ſo unſchuldig, wie Ihr ſein wollt, ſeid Ihr nicht, und was den landſtreicheriſchen Buben betrifft, ſo wollen wir ihm ſchon noch auf die Fährte kommen, wenn es ihm auch glücken ſollte, noch einige Zeit umherzuſchwärmen.“ ringſten. Die Beamten entfernten ſich hieranf, und wäh rend ſie fortgingen, unterließen ſie es nicht, die Um⸗ gebung der verdächtigen Wohnung mit ſcharfen Blicken zu beobachten. „Er iſt glücklich entkommen,“ ſagte die verbre⸗ cheriſche Mutter mit höhniſchem Lächeln,„und ſie mußten mit langen Naſen wieder abziehen. Sie hät⸗ ten mir gern einen Prozeß an den Hals werfen mö⸗ gen, wenn es möglich geweſen wäre. Nun, ich will von nun an gewiß auf der Hut ſein.“ Unterdeſſen hatte Lorenz die Nähe des alten Forſthauſes erreicht, das wir als die Wohnung des Waldhüters Thom kennen gelernt haben und etwa eine Viertelſtunde von dem berüchtigten Fallgrunde entfernt lag. Das düſtere Gebäude lag in tiefer Ruhe begraben und in ſeiner Umgebung war Viemand zu bemerken. Der Knabe beſchloß, hineinzugehen, um den Waldbewohner von dem Beſuche im Hauſe ſeiner Mutter Nachricht zu geben, damit er ſich vorſehen möge, im Fall ihm eine ähnliche Ueberraſchung zu Theil werden ſollte. Thomas kannte ihn bereits und ſein Erſcheinen befremdete ihn S im Ge⸗ „Was bringſt du mir, Bube?“ fragte Thom, nachdem der junge Verbrecher eingetreten war. „Ich ſuche Jean Beg,“ antwortete der Gefragte, boffte ihn bei Euch zu treffen.“ wird kommen,“ ſagte der Waldhüter Thom, varte ihn mit jeder Minute. Doch was he du für ein Anliegeg zu ihm, darf ich's denn nicht wiſſen?“ ſagte Lorenz,„Ihr ſollt es ebenfalls erfahren; ſeid ja auch ein guter Freund des ſchwar⸗ zen Jägers, und wer es mit ihm hält, iſt nach mei⸗ nem Sinne. Ich will es Euch daher ſagen, was 1 nih hergeführt hat.“ Der Bube erzählte jetzt dem Bewohner des Forſt⸗ hauſes den Vorfall im Hauſe ſeiner Mutter. Thom machte dabei große Augen und zeigte ein ſehr bedenkliches Geſicht. „Zum Kukuk!“ rief er überraſcht,„das iſt eine“ böſe Nachricht für Jean Beg, ſowie für uns Alle. Wenn die Herren Gensd'armes einmal Wind gerochen haben, dann gehen ſie nicht ſo leicht von ihrem Poſten; ſie werden uns von nun an ſcharf aufs Korn nehmen und jede Gelegenheit benutzen, um uns in ihren n zu fangen, welche ſie uns im⸗Geheimen legen.— Du ein Lottjunge/ fuhr er gegen S fort, 137 „und deine Vorſicht hat uns a lich gemacht. Du ſollſt dafür b kannſt du dich verlaſſen.“ Ich verlange weder Dan renz, ich handelte aus freiem Wiklen und rechnete dabei auf nichts weiter, als daß Eure Geſellſchät künftig etwas mehr Vertrauen gegen mich faſſen möchte. Sie nennen mich nur immer den kleinen Verräther, weil ich bei den Proben im Walde ſo laut geſchrieen habe, und necken mich beſtändig, ſo daß ich oft recht böſe darüber werden könnte.“ „Laß es gut ſein, Lorenz,“ ſagte Thom,„ſie ſollen dich von nun an nicht mehr hänſeln, das ver⸗ ſpreche ich dir. Dafür will ich Sorge tragen und ſie Alle werden dich mit Freundlichkeit behandeln.“ Ein Geräuſch von Fußtritten ſtörte das Geſpräch der Beiden. Die Thüre ging und der Bibreſche Schreiber, Malocher genannh trat herein; ihm folgte nach wenigen Augenblicken Jean⸗Beg, der ſchwarze Jäger.— Der Waldhüter Thom winkte behentſam mit der Hand. Die Eingetretenen betrachleten ihn mit einigem ſi Veg nach kurzen Zöber 158 4 „Böſe Kunde,“ ſagte Thom,„die Gensd'ar⸗ merie iſt uns auf den Ferſen. „Ho, ho, ſo ſchlimm wird es wol nicht ſein!“ rief der Bibreſche Schreiber lachend,„du haſt gewiß wieder einmal Grillen im Kopfe und willſt uns damit ſchrecken.“ 4 O nein,“ verſetzte Thom, S iſt keineswegs eine blinde Einbildung; im Gegentheil, es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß man binnen kurzer Zeit eine tüch⸗ tige Hetzjagd auf uns macht.“ „Wer hat dir Wind davon gegeben?“ frug Jean Beg;„als ich geſtern bei dir war, haſt Du kein Wort davon geſagt.“ .„Geſtern wußte ich eben ſo wenig davon, wie du,“ entgegnete Thom.„Ich habe erſt durch Lorenz Nuchricht erhalten.“ Jean Beg ſah jetzt den Buben mit fragenden Blicken an.„So hätteſt Du Gelegenheit gefunden, etwas Wichtiges für uns auszukundſchaften? Erzähle ſchnell, was Du in dieſer Beziehung anzugeben weißt.“ Lorenz theilte jetzt dasjenige mit, was vorgefallen war. Es ſchien auch auf den ſchwarzen J Jäger keinen guten Eindruck zu machen. 5 nur ſe wie ſ ie gerade * * Mohr, eine Hausſuchung zu unternehmen, die doch der Sache ſo ziemlich fern ſteht,“ ſagte Thom. „Wir haben doch in der letzten Zeit wenig mit ihr im Verkehr geſtanden.“ „Sie haben bei meiner Mutter nichts gewollt,“ ſagte Lorenz, ſondern nur nach mir gefragt, um mich zu arretiren.“ Dieſe Bemerkung ſune die Verbrecher näher auf die Spur. „Jetzt iſt es mir klar und titſachii geworden,“ ſagte Jean Beg.„Dieſer Umſtand hängt mit der Geſchichte im Beierhofe zuſammen, dort hat Lorenz ſeine Schweſter Blondine getroffen, ſie hat ihn eben⸗ falls erkannt, und da ſie verhaftet worden iſt, ſo hat ſie wahrſcheinlich die Ausſage gethan, ihren Bruder unter der Bande geſehen zu haben. Das iſt's ge⸗ wiß, und aus dieſem Grunde vigiliren 6 ſo W auf dieſen Buben.“ „Potz Wetter! der Jean kann Recht paben!“ rief der Waldhüter befangen, indem er ſeinen Ge⸗ fährten mit einer verlegenen Miene anſah.„Nun das ſind ſchöne Ausſichten, und wenn ſie den Jungen faſſen, ſo haben ſie uns Alle bei den Ohren. Was iſt da zu thun? Wir müſſen ernſtlich darüber nach „Das Beſte iſt, Lorenz bleibt bei uns tt kehrt 6. nicht mehr zu ſeiner Mutter heim, welcher wir von der Urſache ſeines Verſchwindens Kunde geben,“ ſagte Jean Beg. „Was ſoll mit ihm geſchehen?“ frug Thom. „Malocher nimmt ihn mit ſich in ſeine Expedition hinab, dort iſt er am Behe fachoben⸗ antwortete Beg. „Das iſt in der Lhut ein guter cni⸗„ent⸗ gegnete Thom.* „Ihr werdet mich doch nicht für immer einſper⸗ ren wollen?“ verſetzte Lorenz in kläglichem Tone; „hätte ich ſo etwas ahnen ſollen, dann wäre ich ge⸗ wiß nicht hierhergekommen.“ „Sei kein Thor,“ ſagte Jean geg„„Du ſollſt * keine Noth haben und ſicher ſein, ſollſt auch Freiheit haben, im Walde umherzuſtreifen. Nur nach Hauſe varfſt du nicht zurücktehren, und zwar im Intereſſe für uns Alle. Von dieſem Tage an war Lorenz längere Zeit nicht mehr in der W ſeiner Mutter zu er⸗ blicken. ſſſſſſ 5 16 17 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1