Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hi welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet . Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: rBücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 eit. Dieſelbe iſt auf 14. Tage feſtgeſetzt und wird ſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Sieſenigen, welche die⸗ lben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. oensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Fgrehe und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f auf 1 Monat: 1 W.— bf. 1 W Pf 2 R 5 ausürtige Abonnenten haben fült Hin- ind Zuräckſendung ſt ſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, e . 1 .— Mu 3, —— e—e.— 2 . 6 Erſter Abſchnitt. die hochſte Stufe erreicht hatte, als jeder Ritter, der nur das Schwert fuͤhren konnte, mit Gewalt er⸗ preßte, was man ihm gutwillig verweigerte, und der Mönche Macht noch die Macht der Ritter über⸗ wog, da war hochberuͤhmt im Schwabenlande das ben die Sprößlinge dieſes Stammes ihr Haupt, denn die edelſten Ritter des Landes nannten ſich ihre Va⸗ ſallen, und wetteiferten um die Ehre, unter Roßburgs Roßburgs ſtolze, unuberwindliche Veſte eine der bedraͤngten Unſchuld. 1 Zu der Zeit, als in Deutſchland das Fauſtrecht Geſchlecht der Wildgrafen von Roßburg. Stoiz etho⸗ 6 Panner ſtets makelloſer und ſiegreicher zu kämpfen⸗ Roßburgs Name war das Schrecken der Raͤuber, Drei Jahrhunderte lang hatte nun ſchn 6 3 kräftige Stamm herrliche Fruchte getragen, doch jett kam eine Zeit, da es leider ſchien, als ſei dieſes rit⸗ terliche Geſchlecht ſeinem Erloͤſchen nahe. Wildgraf Wolfram von Roßburg war noch die letzte Stuͤtze deſſelben; der aͤlteſte ſeiner Bruͤder im Zweikampfe gefallen, der zweite im jugendlichen Alter verſchie⸗ den. Nur er allein hatte ſich ſtandhaft erhalten un⸗ ter allen Stuͤrmen eines thatenreichen Lebens. Doch ſchon zaͤhlte er der Jahre funfzig, ſein Haar fing an zu grauen, und noch hatte er keine Hofſnung, ei⸗ nen Stammhalter zu ethalten. Sein liebes Weib Maria lag hart darnieder an einer ſchweren Krank⸗ heit; Niemand vermochte ſie zu heilen. Tiefſinnig ſchlich da oft der Wildgraf in den hochgewolbten Gängen ſeiner Burg umher, wenn er an die nahe Verloͤſchung ſeines Stammes dacht⸗; duͤſtrer noch wurde ſein Blick, wenn er Anderer Bu⸗ ben wacker herumtummeln und ſie ritterliche Spiele uͤben ſah. Traurig wandte er ſich da oft ab, mit aller Macht drängte ſich ihm der Gedanke auf: du biſt der Letzte der edeln Roßburger, dir werden die Wappenſchilder deiner wackern Ahnen in die ſtille Gruft nachgeworfen, und bald wird die Erinnerung — 4 Kälte heulend lagen die Ruͤden auf dem Burghofe, — 3— an dich aus den Herzen der Einwohner des e bengaues verdrngt ſein!“— 3 Es war ein kalter, ſtuͤrmiſcher gehelbtnbite furchterlich heulte der Wind durch die weiten Ge⸗ wölbe der Burg, duͤſtere Schneewolken hingen an dem Himmel und verdunkelten ihn gleichder Mitternacht. Klirrend drehten ſich die hellſchimmernden Fähnlein der hohen Wartthuͤrme um ihre Angeln; vor und tief in ſeine Kutte gehuͤllt ſchritt der wandernde Pilgrim raſch furbaß auf der Heerſtraße, um bald ein wirthliches Obdach zu erreichen— da ſaß in der tiefen Fenſterbruͤſtung ſeines Gemachs Herr Wolf⸗ ram, und ſtarrte in die ſchwarze Nacht. Ihn ſtörte nicht die tobende Windsbraut, welche mit dem flok⸗ kigen Schnee draußen ihr wildes Spiel trieb, denn truͤbe Ahnungen einer freudenoſen Zukunft beſtuͤrm⸗ ten die bewegte Seele. Sein treues Weib hatte ſich heute kraͤnker als je gefuͤhlt, und der Gedanke, ſe zu verlieren— machte ihn erbeben. unwillkürlich falteten ſich des Ritters Hände zum inbruͤnſtigen Ge⸗ bet, vom allbarmherzigen Vater im Himmel Fr⸗ ſtung dieſes ihm ſo theuren Kl S 2 —,— — Ein eintretender Knappe unterbrach des Burg⸗ herrn ſtille Andacht mit der Meldung: ein Pilgrim harre an der Pforte und bitte um Einlaß. „Um Gott! bei ſolchem Unwetter,“ fuhr Herr Wolfram auf.—„Fort! ſäume nicht, den Armen ſchleunigſt einzulaſſen, und ihn reichlich mit Speiſ und Trank zu laben.“— Nach Verlauf einer halben Sunde ließ der Gaſt den geſtrengen Wildgrafen um eine muͤndliche Zwieſprach bitten. Der Gebieter befahl ihn herauf zu fuͤhren. Und bald darauf wankte ins Gemach ein al⸗ ter Mann im Pilgergewande, hoch von Geſtalt, doch tief gebeugt. Sein edles Antlitz trug die Spuren des Elendes und Grams, gleichwohl verrieth ſein Auge Seelengröße und Standhaftigkeit im Un⸗ glück; ehrwürdig floß das wenige ſchneeweiße Haar herab auf die Schultern. Mit bewegter Stimme hub er an:„Habet Dank, edler Herr, fuͤr Obdach und Nahrung. Ach, ſeit lange iſt's mir nicht ſo wohl geworden— und ich bin jetzt ſchwach, 6 ſchwach!“ „Sebt Euch, alter Mann,“ entgegnete der Wilb⸗ — — 5 graf gütig, ihm ſelbſt einen Lehnſtuhl bietend.„Seid willkommen! Verweilt auf meiner Burg, ſo lange es Euch beliebt. Man wird Euch wohl verpflegen.“ „Gott lohn's Euch und Euren Kindern!“ dankte der Pilger in ſonderbarer Aufwallung. Der Wildgraf ſchwieg duͤſter, einen tiefen Seuf⸗ zer unterdrückend. Nach langer Pauſe nahm er wie⸗ der das Wort:„Woher des Landes?“ „Ich habe keine Heimath!“ klagte der alte WMann,„Unſtät irrte ich viele Jahre umher, mit Bann und Fluch der Kirche belaſtet, ein hart Buͤ⸗ ßender!— bis es mir endlich vor Kurzem gelang, in Rom vom heiligen Vater freigeſprochen und in den Schoos der Chriſtenheit wieder aufgenommen zu werden. Ach, manchrs Verbrechen belaſtete meine Seele.“ „Nun ſeid F ja wieder verſoͤhnt mit Gott und Menſchen!“ troſtete der edle Wildgraf. „Der innere Richter ſchweigt doch nicht,“— ſeufzete der Ungluͤckliche.„Mit grauendem Morgen wilt ich wieder fort, die wildeſten Einsden auffuchen, um dort mein ſchuldbeflecktes Leben in tieſſter Ein⸗ ſamkeit unter ſtrengen Kaſteiungen zu beſchließen.“— „Nicht alſo, alter Mann!“ fiel der Burgherr ſchnell ein;„auch unter redlichen Menſchen konnt Ihr ein gottgefälliges Leben fuͤhren, und der Welt noch nutzlich ſein. Ich biete Euch meine Burg zur Freiſtatt an. Bei Eurer vielfältigen Erfahrung wer⸗ det Ihr mich oft mit guten Rathſchlägen erfteuenz auch ſoll man Eure ſrommen Bußuͤbungen nie ſtö⸗ ren.“ v Greis verhuͤllte ſein Angeſicht, druͤckte die Rechte krampfhaft auf die Bruſt und ſchwieg. Verwundrungsvoll ſah ihn der Wildgraf an, in⸗ dem er alſo ſprach:„Mein Antrag ſcheint Euch ſehr aufgeregt zu haben? Er bommt aus gutem Herzen, verwerft ihn nicht. Doch wuͤnſcht' ich wohl Euren Namen und fruhorn Lebenslauf zu erfahren.“ Meinen Namen?!“ rief der Pilger heftig aus; „odelſter der Ritter! dieſen kann ich Euch nicht nen⸗ nen; und doch,— wenn Todes⸗Nacht mir das Auge bereits verdunkelt— dann ſollt Ihr ihn erfah⸗ ren! Ich war Freiherr und Ritter, reich durch den Beſitz einer prachtvollen Veſte. Unter ro⸗ hen Geſellen aufgewachſen, nur wilden Leidenſchaften fröhnend, trat ich bald die heiligen Geſetze der Rit⸗ erſchaft— von mir bei Empfang der goldenen Spo⸗ ————————— —— —— —— ————— un ſo ſaich beſchnorun— veichtich mit pljen; ward der Wüſtlinge Waffenbruder, ihr unzertrennlichet Gefährte. Wir zogen aus mit Heeresmacht auf manchen Sttauß, warfen Pilger und Kaufleute nie⸗ der, beraubten Kirchen und Kloſter. Was kümmer⸗ ten uns die Thränen der Ungluͤcklichen!— wir ver⸗ lachten ſie, und erhoben ſtolz unſer Haupt. Viele Jahre lang wurde ſolch' Unweſen getrieben. Ein edler Juͤngling, den ich vorſätzlich beleidigt, fiel im Zweikampfe durch mein Schwert— Ha, Fluch die⸗ ſet That!— Die Rache bald dafuͤr ereilen.“ „So war es kein Zweikampf nach aum wu und väterlicher Sitte?“ fragte der Ritter. Er war es nicht,“ entgegnete ſeufzend der Alte. „Von jener unheilbringenden Stunde an floh mich das Glück.— Kurz darauf zog ich mit allen mei⸗ nen Knechten aus, ein reiches Kloſter zu berauben, und wider mein Vermuthen ſtellte ſich mir der Schirm⸗ vogt deſſelben mit einem anſehnlichen Kriegsvolk entgegen— dieß uͤbertraf bei weitem meine Macht, und doch wehrte ich mich verzweiflungsvoll, gleich ei⸗ nem gereizten Loͤwen. Schon hattenmeine v 3 3 ——— bränds in das Kloſter geworfen, als ylöblich eine große Schaar der Feinde aus dem Zwinger hervotſtuͤrzte und meine Getreuen zur Flucht zwang— nuch ich floh, zum erſten Mal in meinem Leben!— Auf mei⸗ nem Gebiet ſammelten ſich endlich meine verſpreng⸗ ten Reißige wieder, und eben war ich abgeſeſſen und ließ mir eine tiefe Halswunde verbinden, als mein Leibknecht herbei ſtuͤrzte.„Ihr ſeid im Bann, Rit⸗ ter,“ donnerte er mir zu, indem ſeine Augen wie Feuerballen umher rollten, ſein Antlitz der höchſte Zorn entbrannte.„Im Bann!“ ſchrien entſett alle Knechte, und ein dumpfes Gemurmel brach aus un⸗ ter ihnen. Da rat hervor der Aelteſte:„Löſe Dich vom Bann, und wir werden Dir furder dienen, jetzt ver⸗ moͤgen wir es nicht, um Leben und Seligkeit wil⸗ len!“ Er ſprach's, warf Schwert und Lanze weg, und ging; ihm folgten Alle. Nur mein Leibknecht blieb und ſchwur bei allen L mich un zu verlaſſen.“ 72 Fr „Traun, in ſolchen gilen wird ddie Treue er⸗ probt,“ bemerkte der Wildgraf. „Und redlich hat er bei mir ausgehalten, der treue Leuthold!“ fuhr der Erzaͤhler fort.„Mein Zu⸗ ſtand war fuͤrchterlich; faſt bewußtlos lag ich da, den Elenden nachſtarrend. Endlich ſprang ich auf entblößte verzweiflungsvoll mein Schwert und wollte mich hineinſtuͤtzen. Da entriß es mir mein Leut⸗ hold, ermahnte mich mit ſanften Worten zur Stand⸗ haftigkeit, und gab Rathſchläge zu unſter Lebensſi⸗ cherung. Meiner Guter verluſtig, welche dem Kloſter als Entſchädigung zugeſprochen wurden, vo⸗ gelfrei und verhaßt im Vaterlande, blieb mir nichts uͤbrig, als Flucht in fremdes Land. Leuthold verließ mich nicht. Wir ſchloſſen uns an einen Zug Kreuz⸗ bruͤder, folgten ihnen nach Paläſtina, als gemeine Lanzenknechte unter fremden Namen dienend. Mein frommer Leibknecht, der mir in Fahr und Noth ſiets zur Seite blieb, fand bald ſeinen Tod unter den Saͤ⸗ beln der Sarazenen. Ich gerieth in Gefangenſchaft, trug als Sclave des Chriſtenfeindes ſchmachvolle Feſ⸗ ſein an dreißig Jahre lang. Endlich gelang es mir zu entfliehen, ein Schiff, nach Welſchland ſegelnd, nahm mich auf, und durch Schilderung meiner vie⸗ len Leiden erwarb ich mir jetzt die Losſprechung vom Banne, um noch einmal vor meinem Ende den va⸗ terlaͤndiſchen Voden frei betreten zu knnen dann—— Da erſchlen ein Edelknecht und zeigte dem Burg⸗ herrn an: ſein Gemahl, Frau Marn, 9* zu ſprechen. 3 „Sie iſt doch nicht kränker— dieſer beſorgt. m „Mein, die geſtrenge Frau fuͤhlt ſc etwas n kautete erfreulich die Antwort. Pni „Gelobt ſei Gott!“ rief der S und ſi„ is Pilger wendend ſprach er: „Auch mich druckt ſchwerer aumi guter Al⸗ ter; meine wackere iſt S und — „Mit Verlaub, edler girt etwiederte uſen „ſollten da nicht heilſame Krauter anzuwenden ſein?— Ich habe in der alten Aegypter Lande gar mancher⸗ lei erfahren und gelernt, krftige Tränke zu bereiten.“— Guter Alter,“ unterbrach ihn der Wildgraß mit leuchtenden Augen,„könnteſt du ihre Geneſung bwerkſtelligen, Du wuͤrdeſt mir ein Engel des Him⸗ mels ſein! Morgen ſollſt Du die Kranke ſehen; fuͤr heut Abend begieb ₰ du deren be⸗ duͤrfen.“ 5 — Er entließ uͤberaus gnädig den Giſt un ging —————— —— — — ————— hlerauf zu ſeiner Hausfrau, ſie auf den morgen⸗ den Beſuch des neuen Arztes vorzubereiten. Am Lager der Leidenden warf ſich der Greis auf ſeine Knie nieder, als ihn den Tag darauf der Wildgraf in das Krankengemach eingefuͤhrt hatte. Er betete lange fuͤr das Wohl der edlen Frau, dann reichte er ihr einen Trank, bereitet aus köſtlichen Ge⸗ wächſen, die ihm einſt ein griechiſcher Arzt uͤberlaſ⸗ ſen hatte. Die Kranke verfiel bald darauf in einen wohlthätigen Schlummer, und fihte, als ſie ſpät wieder erwachte, ſich ſehr geſtärkt. Ein wunderbares Traumbild hatte ihre Phantaſie gar mächtig aufg⸗ regt, außerordentlich das matte Herz geſtärkt. Ich plgerte mit Euch, meinem Herrn und Gemahl, und dem guten alten Manne dort zu dem zwölf Meilen Weges von hier gelegenen, wunderthätigen Marien⸗ bilde, barfuß und barhaupt, in heiliger Ordenstracht, mit brennender Wachskerze in der Hand. Als wir dort ankamen, war viel Volk verſammelt, das machte uns ehrerbietig Platz, daß wir niederſinken konnten vor der heiligen Mutter Gottes. Als nun unſere Lippen uͤberſtrömten, von dem, 5 2 die bedrängten Herzen voll waren,— ſiehe, da neigte 5 ſich die Gebenedeiete gar holdſelig zu uns herab und ich wiegte ein bildſchoͤnes Buͤblein, das mir freundlich zulächelte, in meinen Armen, und uͤber meinem Haupte glanzte unſer Waffenſchild in herrlicher Pracht. Hierauf erwachte ich plotzlich und mein er⸗ . ſter Blick fiel auf Euch, mein Wolfram und den gu⸗ ten Alten, der mir den Trank gereicht hat.“ So erzůhlte Frau Maria mit ungewöhnlicher Heiterkeit. „Das iſt Gottes Wint᷑ rief der Wildgraf in ſtürmiſcher Freude,„o Maria laß uns alſo thun, und dieſe Walfahrt unternehmen, ſobald es deine Rift erlauben.“ „Ich bin Euer Begleiter,“ 6 dr Alte, „doch kann noch eine geraume Zeit vergehen, ehe die edle Frau dazu tuͤchtig ſein wird,“ bemerkte er noch ſorgſam.— Und wirklich hatte der weiſe Mann ſehr wahr geſprochen. Das Uebel der Kranken war zu tief ein⸗ gewurzelt; zwar gewann ſie täglich mehr an Kriften. doch mußte der Arzt noch manches Hilfsmittel an⸗ wenden, manche Nacht an ihrem Lager wachen, um jeden Ruͤckfall zu verhuͤten. Die raſtloſe Thaͤtigkeit dieſes Greiſes, der ſt bei der rauheſten Witterung ausging in dichte Wild⸗ niß, unter Schnee und Eis wirkſame Wurzeln her⸗ vor zu ſuchenz der Nächte lang ſich den ihm ſo no⸗ thigen Schlaf abbrach, um der Herrin hilfreich bei⸗ zuſtehen, dieß Alles ruͤhrte den Wildgrafen ſehr, und als endlich Friſche der Geſundheit Frau Marias Wangen wieder röthete, als ſie das Krankengemach völlig hergeſtellt nun verlaſſen konnte— da um⸗ armte uud dankte er herzlich dem Retter ſeiner an⸗ gebeteten Gemahlin, und drang ihm das Verſprechen ab, die Burg nie mehr zu verlaſſen, den Reſt ſei⸗ nes muͤhevollen Lebens hier in ungeſtörter Ruhe zu beſchließen.— In Allem war der von jedem Burg⸗ bewohner hochgeachtete Gaſt ſo offen, ſo freimuͤthig, nur zu Nennung ſeines Familiennamens ließ er ſich nie bewegen. „Ich bin Bruder Martin,“ ſo lautete jedesmal ſeine kurze Antwort, und eines Tages, da Ritter Wolfram ſeine oft gethane Frage wiederholte, ſagte er tief aufſeufzend:„Ich habe große Ahnen! aber leider bin ich ihrer unwuͤrdig. Mein Vater war ein har⸗ ter Mann,/ unerſchůtterlich ſein Wille/ feſt ſeine Entſchluͤſſez er wankte nimmerz ſtets war er groß und tugendhaft— und ich——“ Die ſchmerzlichſten Erinnerungen ſchie⸗ nen ihn nieder zu donnern, er ſchritt ſchneebleich fort nach ſeinem Kaͤmmerlein, und ward zwei Tage lang keinem Menſchen wieder ſichtbar. 7 Milde Frühlingsluͤfte belebten die aus ihrem Winterſchlafe wieder erwachte Naturz die Veilchen bluhten, die Waldvögelein ſangen, ein gruͤnender Teppich deckte Wieſ⸗ und Flur. Da ſchritten auf der Heerſtraße gen Schwaͤbiſch⸗Hall zum wunder⸗ thätigen Marienbilde zwei Wallfahrer, in ihrer Mitte eine bildſchone Frau fuͤhrend. Sie waren ge⸗ kleidet in ſchwarze Kutten, doch barfuß und barhaupt; alle drei trugen brennende Wachskerzen in der Rech⸗ ten, in der Linken den Pilgerſtab mit Kuͤrbisflaſche. In einiger Entfernung folgten ihnen noch funfzig Reißige wohl geruͤſtet, mit ſich ein Saumroß fuͤh⸗ rend, welches präͤchtige Geſchenke trug, zur Spende fuͤr das Kloſter zu Schwäbiſch⸗Hall. Als die Pil⸗ ger das Ziel ihrer Reiſe gluͤcklich erreicht hatten, fan⸗ den ſie alldort der Wallfahrer viele, die ſchon in den Pochallen der Kirche auf den Knien lagen, ſich geißelten und Buße thaten— um von der gnadenrei⸗ chen Mutter Gottes Erhoͤrung ihrer Anliegen und Wuͤnſche zu erlangen. Ehrfurchtsvoll wich ein Jeder zu⸗ ruͤck, beim Eintritte der vornehmen Pilger in die Kirche. Prieſter und Laienbruͤder wetteiferten aͤmſiger als je in Ausuͤbung ihrer heiligen Pflichten. Der köſtlichſte Schmuck ward der heiligen Maria angelegt, hell von Perlen und Rubinen ſtrahlte das Gewand des hol⸗ zernen Gebildes; alle Reliquien waren ausgeſtellt. Im reichſten Meßgewande zeigte ſich der Abt des KFloſters, ſeit vielen Jahren wieder zum erſten Male das Hochamt verrichtend. Doch irdiſche Pracht wirkte wenig auf die from⸗ men Wallfahrer; ihre Augen waren gen Himmel gerichtet, ihre Herzen zum allbarmherzigen Gott ge⸗ wendet; drei Tage weiheten ſie der hochſten heiligſten Andacht, ohne die Kirche zu verlaſſen. Als am letzten Abend ihnen der Prieſter die Hoſtie gereicht und ſeinen Segen gegeben hatte, ge⸗ dachte Frau Maria ihres ſeltſamen Traumbildes und ————— —— 6— obgleich die Mutter Gottes ſich nicht wie dort zu ihr herabgeneigt hatte, auch ſie kein goldgelocktes Buͤblein im Arme wiegte, ſo fuhlte ſie ſich gleich⸗ wohl wunderbar geſtarkt im Glauben, und die ſeligſten Hoffnungen ſchwellten ihre keuſche Bruſt. Mit ſtiller Wuͤrde führte der Wilbgraf ſeine Gemahlin aus dem Gotteshauſe; ihnen nach folgte ihr Begleiter, der Greis, deſſen heiße Thraͤnenſtroͤme des Hochaltares Stufen genetzt hatten. Nachdem die Mönche nun ihre Dankſagungen fuͤr die reich empfangenen Geſchenke abgeſtattet und den großmuͤthigen Spender berſelben faſt mit Segenswuͤn⸗ ſchen uͤberſchuttet hatten, verließen die Wallfahrer vas Kloſter, erquickten ſich durch Speiſ' und Trank, heiter und wohlgemuthet ihren Ruͤckweg antre⸗ tend.— Es zeigte ſich bald, wie wohlthätig dieſe Pil⸗ gerreiſe fur Frau Maria geweſen ſei. Mögen nun die Gebete der frommen Mönche, das gnadenreiche Marienbild zu Schwäbiſch⸗Hall— oder die ſchone heitere Fruͤhlingsſonne ihren Geiſt und Körper wun⸗ derbar geſtürkt haben— genug— die roſenwangige Frau fuͤhlte nach drei Monden, daß ſie Mutter wer⸗ —— den wuͤrde. Welch eine unbeſchreibliche Freude fuͤr den edeln Wildgrafen, als ihn ſeine theure Maria zuͤchtiglich davon benachrichtigte. Sein Gluͤck zu ver⸗ ſchweigen wäre dem entzuͤckten Gemahl unmoͤglich ge⸗ weſen!— Glaͤnzende Feſte gab er ſeinen Vaſallen, und mancher Becher wurde ſchon geleert auf die gluͤck⸗ liche Ankunft des ſehnlich erwarteten Stammhalters. In allen umliegenden Kirchen und Kloͤſtern betete man taͤglich um gluͤckliche Niederkunft der geſegneten Frau Wildgräfin, wofuͤr der freigebige Ritter die habſuͤchtigen Pfaffen denn auch reichlich bezahlte. Es war am erſten Feiertage des heiligen Oſter⸗ feſtes in aller Fruͤhe, als Frau Maria ihren Ehe⸗ gemahl mit einem jungen Sohne beſchenkte. In ſtuͤrmiſchem Freudentaumel druckte der uͤberſelige Va⸗ ter das kräftige Bublein an ſein Herz, und zwolf Trompeter verkuͤndeten vom Sööller herab ſchmetternd —— allen Burgmannen ſein Gluͤck. Mutter und Kind befanden ſich ſo wohl, daß ſchon am dritten Tage das Tauffeſt gefeiert werden konnte. Drei ehrenveſte Ritter vertraten Pathenſtelle und nach dem — 2 — aͤlteſten derſelben erhielt das Knäblein den Namen Siegmund. Nach Sitte damaliger Zeit folgte dem Kirchgange ein ſchwelgeriſches Mahl, wobei ſo weid⸗ lich gezecht wurde, daß nicht allein die Herren Ge⸗ vattern, ſondern auch die uͤbrigen zahlreichen Gäſte maͤnnlichen Geſchlechts, welche dazu eingeladen waren formlich ihrer Sinne beraubt, unter der reich beſetz⸗ ten Tafel lagen. Die Damen hatten ſich fruͤher ſchon ſittſam in das Frauen⸗Gemach zuruckgezo⸗ Tage der Ruhe traten wiedet ein. Vaterfreu⸗ den genoß nun der edle Wildgraf in reicher Fuͤlle; denn ſein Siegmund erſtarkte und wuchs immer mehr herauf zum ſtattlichſten Buben. Fruhzeitig ward er der Obhut der Frauen entriſſen und einem maͤnnli⸗ chen Erzieher uͤbergeben. Wen konnte der Ritter wohl dazu beſſer waͤhlen, als ſeinen alten, an viel⸗ fältiger Erfahrung reichen Hausfreund?— denn dieß war ihm ſein Gaſt, dem er die Wiederherſtellung ſei⸗ ner Gemahlin, ja faſt ſein ganzes jetziges Gluͤck zu danken hatte, geworden. Bruder Martin, wie man ihn gewoͤhnlich nannte, uͤbernahm freudig dieſen Auf⸗ trag. Des heitern Knaben kindiſche Spiele verſcheuch 4 etzhlen ließ; ſchilderten ſie dann — ten gewoͤhnlich den Trbſinn, in den er leider nur zu oft verfiel; und wenn der kleine Siegmund ihm die důſtern Falten von der Stirn ſtrich, ſich trau⸗ lich anſchmiegt⸗ und fragte: Biſt du boͤſe, Bruder Martin? da laͤchelte der Greis gewiß wieder, und lieb⸗ koſete freundlich den muthwilligen Wildfang, rict wohl gar mit ihm um die Wette auf dem hoͤlzer⸗ nen Pferde herum. Indeß war er auch ſtreng, ei⸗ ferte uͤber alle Unart, und ſtreute bei jeder Gelegen⸗ heit durch weiſe Lehren den Samen des Guten in das jugendliche empfüngliche Hetz. Als aber der Bube großer ward, unt es ihn freilich hinunter in den Burghof zu den Ctelene⸗ ten, die bei ſeinem Vater die Ritterſchaft etlernten. Sein einziges Verlangen wurden ſchoͤne Waffen und muthige Roſſe. Ganze Tage uͤbte er ſich mit den Knappen im Schwertkampfe und Lanzenbrechen; die wildeſten Gäule beſtieg der Wagling und tummelte ſie wacker, was ihm keiner ſeiner Geſellen nachzu⸗ thun vermochte. Suchte ihn der Vater, ſo fand er ſei⸗ nen Sohn gewiß im Stalle bei alten graubärtigen Knech⸗ ten, von denen er ſich ihre Abenteuer und Sträuße „ ein morderiſches ſtegreiches Gefecht, da ward er ganz Feuer und Flamme, und weder Bitten noch Drohungen vermochten den eifrigen Zuhoͤrer von dem Sprecher fortzubringen— er begriff ihn beſſer, als den Unterricht des Bruders Martin, der ihm Schreiben und Leſen, die 68 ſt der Pfaffen, lehren wollte. Eines Tages übte ſich Junkherr Stnund Burghofe im Armbruſtſchießen. Der Wildgraf ſtand dabei und freute ſich ſehr uͤber die Fertigkeit, mit welcher er faͤſt jedesmal das Ziel traf; da kam ein Knappe und rief den Gebieter in die Pfalz ab. Wie erſtaunte dieſer nicht, als man ihn benachrichtigte, Bruder Martin ſei plötzlich ſehr erkrankt uud ver⸗ lange ihn ſehnlich zu ſprechen. Er eilte ſogleich in deſſen Kaͤmmerlein, welches eine duͤſtere Lampe nur ſparſam erleuchtete. ſeinem Sterbebette der Greis. „Guter Martin, wie uf i Dich⸗ uf ſni 8 ergriffen der Wildgraf. „Nahe an den pßtent des Todes,“ erwiederte dieſer mit ſchwacher Stimmeʒ„ich fuͤhl es, meine Laufbahn iſt nun vollendet— wenig Angenblice und ich athme nicht mehr!“ — „und welch uebel hat Euch ſo ſchnell u fallen?“ fragte der beſorgte Burgherr. „Die natuͤrliche Schwäche des Alters,“ lächelte ſanft der Greis.„Unſere Tage ſind dort oben ge⸗ ² zählt; mein Stundenglas iſt abgelaufen. Habt Dank⸗ edler Herr, fuͤr alle von Euch empfangene Wohl⸗ chaten und reicht mir die Hand zum Abſchiede von dieſer Welt auf immerdar. Dann will ich meine letzten Augenblicke Gott weihen.——“ „Und ohne Nennung Eures wahren Namens von mir ſcheiden?“ mahnte ſanft der Wildgraf. „Neinz Ihr ſollt ihn erfahren, und werdet mir in meinem letzten Stuͤndlein kein zu ſtrenger Rich⸗ ter ſein!“ ſeufzete der Sterbende mit ſichtbar innerm Kampfe.„Wißt! ch den Ihr geſpeiſet und gepflegt, war einſt Eures Hauſes größter Feind!—— bin e von Auma—— der Euren Bruder er⸗ ſchlug!———“ 5 1n „Moͤrder meines Bryuders!“ donnerte der ploͤtz⸗ lich entſtammte Ritter mit durchbohrendem Blick auf den kraftlos Zuruckgeſunkenen,„Du entgingſt meiner Rache,— doch ich verzeihe Dir, Stben⸗ der.— Gott ſei deiner armen Seele — „ — — 22— „Amen!“ lallte der Greis in ſ Todes⸗ kampfe, neigte das Haupt, und verſchied. Mit allen einem Edelherrn und Ritter gebuͤh⸗ renden Wuͤrden ließ der edle Wilbgraf den Verewig⸗ ten in der nächſten Kirche beerdigen, auch ihm ein eh⸗ renveſtes Denkmal ſetzen. Frau Maria und ihr Sohn Siegmund weinten dem ſo liebgewordenen Bruder Martin manche Thrane nach; der Burgherr gedachte ſeiner ſet im Beſten. An den Hof des Herzogs von Schwaben ſandte der Wildgraf von Roßburg ſeinen Sohn fruͤhzeitig, um dort Courtoiſie zu erlernen, ſich in ritterlichen Ue⸗ bungen zu vervollkommnen, und Flbſt die goldenen Sporen zu verdienen. An adeliger Sitte und Wiſ⸗ ſenſchaft uͤbertraf er bald alle ſeine Mitgeſellen, und kaum achtzehn Jahr alt ward ihm ſchon die ſeltene Ehre zu Theil, bei einem glänzenden Tourniere, im Angeſicht des vornehmſten ſchwaͤbiſchen Adels vom Herzog ſabſt den Ritterſchlag zu empfangen. Bald darauf kehrte der junge Ritter nach der vaͤterlichen Stammveſte zuruͤck, Seine Ankunft ward — 23— ein Freudenfeſt. Jedermann bewillkommte den bild⸗ ſchoͤnen Siegmund mit ſtaunender Bewunderung; als er herabſprang von dem ſtolzen Roſſe der hohe ſchlanke Juͤngling, ſich die goldenen Locken aus der erhabenen Stirn ſtrich, dann mit koniglichem Anſtande auf die Anweſenden zuſchritt, ihnen freundlich die kraftige Rechte bot, und ſein Feuerauge mit Wohl⸗ gefallen die alten Bekannten anblitzte— da flogen ihm alle Herzen zu, und ſelbſt der rohſte Kriegs⸗ knecht drängte ſich ehrſuchtig in ſeine Nähe.— Ach nur er allein, der zärtlichſte der Väter, Wildgraf Roßburg, konnte den Anblick ſeines edeln Sohnes nicht genießen; ſeit einem Jahre ſchon war er des Lichts ſeiner Augen beraubt, erblindet, ſchwach und hinfällig geworden. Doch ſchlug ſein Herz noch hoch auf in ſtolzer Freude, wenn die tapferſten Ritter des Gaues ſeinen Sohn ein leibhaftiges Conterfei des heiligen Georgs ſelbſt nannten, und ihn zum Lan⸗ zenbrechen herausforderten. Als Ritter Siegmund ſein zwanzigſtes Jahr angetreten hatte, uͤbergab ihm der Vater alle ſeine Beſitzungen. Laut jubelnd huldigten die Vaſallen und Saſſen dem neuen Lehnsheren, von deſſen Feuergeiſte „ bald ein regeres Leben zu erwarten war, als bisher unter Wildgraf Woilframs Regiment, der ſeit vielen⸗ Jahren ſchon nur am heimathlichen Herde ſein Gluͤck fand. Dieſer Wunſch aller Kampfluſtigen ſollte auch bald in Erfuͤllung gehen, und der neue Gebieter ſie den verhaͤngnißvollſten thatenreichſten Abenteuern entgegen fuͤhren.— Eines Tages kam ein Waffenbruder des jun⸗ gen Wildgrafen, Erkanner von Honek, auf die Roß⸗ burg, und lud ſeinen Freund Siegmund ein, mit ihm zu einem Lanzenſtechen zum Ritter Hans von Giesheim zu ziehen, deſſen Veſte nur einige Meilen Weges entfernt lag. Siegmund, mit dem Ritter noch nicht bekannt, ergriff dieſe guͤnſtige Gelegenheit, nach⸗ barliche Freundſchaft zu ſchließen, und willigte ſogleich ein. Sie gelangten bald auf Giesheims Burg an. Siegmund erkannte in Ritter Hans einen Bieder⸗ mann, empfing traulichen Handſchlag und gaſtfreund⸗ liche Aufnahme. Es fanden ſich mehrere Ritter ein, um an dem Kampfſpiele Theil zu nehmen. „Liebe Herrn und Freunde,“ hub der Burgherr an, als die Gäſte im Ritterſaale verſammelt waren, heute hat mich zum erſten Male der edle Wildgraf von Reßburg mit ſeinem Beſuche behth etſtütt bi her, daß, bevor wir zur Tafel gehen, ich meinen werthen Nachbar auf meiner Veſte herumfuͤhre, um ihm meine größten Schätze zu zeigen.“ Nach dieſen Worten ergriff er Siegmunds Hand und geleitete ihn in das untere Familien⸗Zimmer. 5 „Seht hier meinen hoͤchſten Reichthum!“ ſ Herr Hans von Giesheim, mit ſtolzem Wohlgefallen dem jungen Ritter einen ſtattlichen Juͤngling und eine Jungfrau von bewundrungswürdiger Schoͤnheit vorſtellend.„Lernt meine Tochter Mathilde und mei⸗ nen Sohn Hermann kennen.“ Siegmund verbeugte ſich tief. Solch einen Eindruck hatten noch nie weibliche Reize auf ihn gemacht. Dieſe zarten Formen, dieſes wunderlieb⸗ liche Engelsantlitz dieſes ſeelenvolle blaue Augenpaar, in welchem die Wonne des ganzen Himmels lag— Alles vereinigte ſich, des feurigen Juͤnglings empfůng⸗ liches Herz mit dem allmächtigen Zauber der erſten Liebe zu beſtuͤrmen. Wie ein elektriſcher Schlag durchbebte es ihn und hoͤher gluͤhten ſeine Wangen, da er der Jungfrau ſchöne Hand beruͤhrte, die ſie ihm ſittig und verſchämt erröthend zur Betilkom⸗ 3 —— mung darbot. Ach, die Liebliche ſelbſt fuhlte ſich ſo ſonderbar bewegt, höher hob ſich ihr jungfräulicher Buſen; ein leiſer Seufzer entfloh den roſigen Lip⸗ Faſt verlegen um Worte ſtand das ſchöne Paar ſich lange gegenuͤber, bis endlich Hermann, Mathit⸗ dens Bruder, dieß ſeltſame Stillſchweigen unterbrach, ſich dem Wohlwollen des Wildgrafen mit ehrerbie⸗ tiger Reverenz empfehlend. „Wohl habt Ihr köſtliche Schätze! Herr Nach⸗ bar,“ rief dieſer wie begeiſtert aus, indem er den jungen Giesheim umarmte,„einen lieben Sohn, ſei⸗ nes edeln Vaters werth, und eine Tochter, ſchoner als die Koͤnigin des Himmets! Erlaubt Ihr wohl, mein liebenswurdiges Fräulein,“ wandte er ſich dann mit dem ihm eigenen königlichen Anſtande zu Ma⸗ thilden,„bei dem morgenden Stechen Eure Farbe zu tragen?“ Die Jungftau verneigte ſich, und Purpurröthe uͤbergoß ihre feinen Wangen. „Dank fuͤr Eure gutige Bewilligung,“ fiel der feurige Gaſt ſchnell wieder ein; hierauf ſprach es — zu Hermann:„Und Euch, edler Junker von Gies⸗ heim, bitte ich um einen Speer.“ „Es ſoll mir zur groͤßten Ehre gereichen, mit einem ſo tapfern Ritter eine Lanze zu brechen,“ ent⸗ gegnete jener verbindlich. Noch eine kurze Unter⸗ haltung— und die Ritter begaben ſich, von Her⸗ mann begleitet, zu den uͤbrigen Gäſten zuruͤck. Sieg⸗ mund verließ Mathilden mit Amors Pfeil tief im Herzen. Am Nachmittag deſſelben Tages noch ließ der Wildgraf von Roßburg den Ritter Hans von Gies⸗ heim um eine Unterredung bitten. Wie ſehr er⸗ ſtaunte der alte Herr, als der Juͤngling mit aller Foͤrmlichkeit ſeines Zeitalters um die Hand ſeiner Tochter anhielt.„Und habt das Mägdlein heute zum erſten Mal geſehen?“ wendete der uͤber ſolchen Antrag innerlich hochentzuckte Vater ein. „Um ihr vom erſten Augenblicke auf ewig an⸗ zugehoͤren“— O verſagt mir nicht das hochſte Gluͤck meines Lebens mahnte der Stuͤrmiſche. „Es ſei fern von mir, die großte Ehre, welche meinem Hauſe durch dieſe Vermählung begegnen kann, abzulehnen,“ ſagte verbindlich Ritter Gies⸗ heim.„Mit Freudenthränen druͤck' ich Euch, Herr Wildgraf, an mein Herz, und ſegne Eucht als künf⸗ tigen Schwiegerſohn. Doch iſt Nachibe noch zu jung zur ehelichen Hausfrau; Ihr muͤßt ſie zuvor naͤher kennen lernen, und folglich muß Eure Verbin⸗ dung noch lange verſchoben werden.“ „Soll ich um die Geliebte dienen, ſieben Jahre, wie weiland Vater Jakob um die ſchoͤne Rahel?“ rief der ungeduldige Freiwerber. 4 „Nicht doch,“ lenkte der Vater ein,„geben Eure alten ehrwürdigen Eltern ihre Einwilligung da⸗ zu, ſo moͤget. Ihr das Maͤgdlein heimfuhren nach Jahresfriſt, als Euer ehelich Geſpons.“ Und lä⸗ chelnd ergriff er Siegmunds und ihn ſelbſt zu ſeiner Tochter. Die Allmacht der Liebe uͤberwand gar bald die Schoͤchternheit des deutſchen Juͤnglings; zu ihren Fuͤßen lag er und von ſeinen Lippen ſtromten die ſüßeſten Worte. Ach, und ſie, überwältigt von un⸗ usſprechlicher Wonne, ſank an ſein edles Herz, dem ſie von nun an mit ewiger Treue angehoͤren ſollte!— Des Vaters Segen weihete ihren Bunds doch nahm er zugleich dem jungen Ritter Wort und Hand⸗ ſchlag ab dieſe ſtille ſo lange geheim zu halten, bis die Einwilligung ſeiner Eltern, deren oͤffentliche, feſtliche Bekanntmachung erlauben wuͤrde. Schwer ward dem feurigen Juͤngling dieß Verſpre⸗ chen, denn— wie gern hätte er der ganzen Welt laut verkuͤndet: Ich bin der Gluͤcklichſte aller Menſchen! 15 23 Der Tag des Tourniers brach an, und der Wildgraf hoffte, dieſer wuͤrde einer der heiterſten ſeines Lebens werden. Er ttug ja Mathildens Farbe, himmelbl au mit Silber, und mußte alſo den erſten Preis erringen!— Wie ſehr bettog ſich der zu gluͤck⸗ liche Siegmund nicht— dieſer Tag ſollte truͤbe und unheilvoll fuͤr ihn enden. Das Stechen begann; wackere Maͤnner ritten in die Schranken; die Mei⸗ ſten ſetzte der geubtere Roßburger federleicht in den Sand; werfen konnt ihn Keiner. Sechs Ritlet hatten ſich, bereits von ihm beſiegt, beſchämt zurück gezogen, und männiglich jauchzte dem jungen Hel⸗ den Beifall zu, als Hermann, Mathildens Bruder, vom Balkon herabeilte, ſein Streitroß beſtieg, in die Schranken ſprengte, Roßburgs Wappenſchild mit ſei⸗ nem Speer beruͤhrte, und dadurch den Siegreichen an die verſprochene Lanze mahnte. Siegmund nahm die Herausforderung an, ſich ſtracks dem kuͤhnen Junker mit eingelegtem Speer entgegen ſtellend. Jetzt gaben ſchmetternde Trompe⸗ ten das Zeichen zum Angriff. Schrecklich ſprengten die Kaͤmpfer auf einander zu, Hermanns Lanze zerkrachte praſſelnd an des Wildgrafen Bruſtſtuͤck, ohne daß dieſer wankte— doch zugleich ſtuͤrzte Je⸗ ner donnernd zur Erde, und Ströme von Blut uͤber⸗ goſſen ſeine Ruͤſtung. Siegmunds ſchwerer Speer, obgleich ohne Eiſenſpitze, indeß mit aller Kraft gefuͤhrt, war dem Unglͤcklichen durch den locker befeſtigten Helmkragen in den Hals gedrungen. Erſchrocken eilte Alles in die Schranken, man riß dem Gefalle⸗ nen die Ruͤſtung ab, ſuchte ihn durch möglichſte Hilfreichungen noch zu retten— doch jede Bemuͤ⸗ hung war vergeblich— der toͤdtlich Verletzte ſtarb wenig Minuten darauf in den Armen ſeines Vaters⸗ Vom Roß herabgeſprungen, uͤber den Sterben⸗ den gebeugt und wie von Gottes Donner geruͤhrt, ſtand der beklagenswerthe unſchuldige Mörder, Sieg⸗ mund von Roßburg. Dunkle Nacht wars vor ſei⸗ — weit der Burgban rb war es wie ausge⸗ ſtorben. napnthet Daß an eine Verſhnung mit dem alten Rit⸗ ter von Giesheim wieder zu denken ſei, bezweifelte ſelbſt Siegmunds friedliebender Vater, ja er hatte ſogar eine Herausforderung ſeines Sohnes, auf Le⸗ 6 ben und Tod im öffentlichen Kampfgericht, von ihm erwartet; da dieſe indeß nicht erfolgte, vermuthete 3 er wohl, daß Siegmunds damalige Kampfgenoſſen 6 bei dem ungluͤcklichen Lanzenſtechen die Sache ge⸗ ſchlichtet und keine offne Fehde mit Sirsheim zu 3 fuͤrchten ſei. Jetzt kam dem jungen, in ſeinem Gram ver⸗ ſunkenen Wildgrafen oft zu Sinn, joden, ſelbſt den kuͤhnſten Verſuch zu wagen, auf Burg Giesheitn die Geliebte wieder zu ſehen— doch ſtets wendele ſein großmuͤthiges Herz ſchnell dagegen ein? es ſei unedel, und nicht ritterlich, ohne des Vaters Bewil⸗ ligung um det Tochter Minneſold zu buhlen.— Dieſe lebendigſten Phantaſie ſollten indeß bald, wauf lange Zeit, durch einn its hielin S des Schickſals verdräͤngt werden. Sinunds alter Vater erkrankte eines nbs w 3— nach wenig Stunden folgte er ſeiner ihm ſchon — 34— üngſt vorangegangenen Maria in die Ewigkeit nach. Des verwaiſten Sehnes Prauer war grenzenlos; laut weinend, bleich und abgezehrt, gleich einem Schattenbilde wankte er dem Sarge deſſen nach, dem er ſein Leben zu danken hatte, ſah ihn hinabſenken in der Ahnen Gruft— und ſchrie im hochſten Schmerze laut auf: Mein Vater!— doch in dem Augenblicke vergingen ihm die Sinne— bewußtlos ſank er in die Arme ſeiner Getreuen zurück. — Auch Burg Giesheim war ein Trauerhaus⸗ Deren ſonſt ſo heiterer noch lebens⸗ und thatenlu⸗ ſtiger Gebieter, Ritter Hans, hatte ſich nach dem plötlichen gewaltſamen Todesfalle ſeines hoffnungs⸗ vollen einzigen Sohnes in einen ſtörriſchen Murr⸗ kopf verwandelt, mit Gott und Menſchen zurnend. Gleichgültig gegen Alles, ſeloſt gegen ſeine unſchul⸗ dige Tochter, uͤberließ er die durch den Verluſt des Bruders„0 des Geliebten zweifach erſchutterte Jursran einer mehr als kloͤſterlichen Einſamkeit⸗ die nicht geeignet war, dieſes weiche Herz wieder auf⸗ zurichten. Hier floſſen Mathildenz heiße Thrůnen Vaters zaͤrtlich geliebtes Kind. Doch nie durfte man Kunſt ſchier ſcheitern. ungeſtört. Troſtlos ſaß ſie da, das Leben ihrer Wan⸗ gen war vom S chmerz, vom Gram hinweggehaucht;= dieß Zimmer, in welchem ihr Siegmund ewige Liebe ſchwur, ward Mathildens heiligſter Tempel!— Was indeß Menſchen nicht vermochten, be⸗ wirkte die Alles lindernde Zeit. Auch das ſtete An⸗ 3 denken Giesheims an ſeinen verewigten Soöhn ver⸗ ringerte ſich, und Mathilde kam wieder in den vol⸗ len Beſit der väterlichen Gunſt, ward wieder des ihn an den Wildgrafen Siegmund erinnern; dußerſt 3 ſtreng, mit zornſpruͤhendem Auge herrſchte er dann Jeden an: Schweigt von dem Märder meines Soh⸗ Dieſen Bemitteidenswůcdigen verließen wit,„ als er bei Beerdigung ſeines Vaters an deſſen 3 Gruft ohnmaͤchtig barnieder ſank. Des Kapelhans, der zugleich Arzt der Veſte war, Hiffreichungen 6 gelang es, ihn wieder ins Loben zu tufen; an einer lebensgefihriſchen Kruntpei⸗ die Folge von Siegmunds heftigen Gemüthsbewegungen war, wollte indeß ſeine Jebermann zwef lte an — 36— dem Wieberaufkommen des rallgemeig geſchätzten und geliebten jungen Wildgrafen. Die Sage verſchlim⸗ merte, wie gewöhnlich, des Leidenden Zuſtand, und aus den benachbarten Gauen eilten Freunde und Be⸗ kannte herbei, ſich auf der Roßburg nach S Be⸗ finden zu erkundigen. Unter den Wenigen, welchen der Zutritt in das Krankengemach geſtattet ward, befand ſi ich Graf Ubald von Thurmfels, Siegmunds Jugendfteund und ſpäterer Waſſenbruder; ein Ritter ſchlicht und gerad', bieder und tapfer. Beide hatten ſchon im Flügelkleide ſich Freundſchaft geſchworen, und im reifern Alter die Hoſtie darauf genommen„ treu bei einander auszuhalten im Kampf⸗ und Tod!— Graf Ubald war es werth, der Vertraute ſei⸗ nes Freundes zu ſein, auch ſchloß ihm Siegmund ſein ganzes Herz auf, ſobald die gefährliche Kriſis der Krankheit uͤberſtanden, und neue Lebenskraft ihn zu beſeelen anfing. Obgleich nun der ſchlichte Rit⸗ ter von Thurmfels kein Arzt war, und ſich auf die Heilkunde herzlich ſchlecht verſtand, ſo ſah er den⸗ noch ein, daß Zerſtreuung und Thätigkeit den Sie⸗ — 37— chen am erſten wieder herſtellen wuͤrden, folglich tieth 3 er friſchweg zum Ausritt und Jagdvergnügen. Der Kapellan dieß mit anhoͤrend, fuhr hitig auf:„Was, Herr Ritter! wollt Ihr meinen ge⸗ ſtrengen Herrn Wildgrafen mit Gewalt in des To⸗ des Rachen jagen? er kann jn leider noch nicht. nen Schragen verlaſſen!“—— 5 „Ach, bah!“ lachte Thurmfels, zbi ſrei Natur iſt ihm heilſamer als Euer Kraͤutergemengſel, und der ſchöne Maienduft draußen wirkt 6 tiger, denn Eure Säͤftchen.“* Mit einem giftigen Blick auf den Si der ſeine hohe Wiſſenſchaft herabzuwuͤrdigen wagte, verließ der ſchwerbeleidigte Kapellan das Zimmer. Siegmund ſtimmte ſeinem Freunde vollkommen bei, verſprach auch wirklich, naͤchſtens eine kleine in den Bugetetn mit ihm zu e⸗ — Als völlig wieder hergeſtellt, zwar etwas enß und eingefallen, finden wir nach Verlauf etlicher Wochen unſern Wildgrafen mit ſeinem Freund Ubald auf der Jagd. Sie hatten bereits die S entlaſſen, welche das gefällte Wild fortſchleppten, und Beide, feurige Waidmänner, fuͤhlten ſich durch die hitzigſte Verfolgung mehrerer Hirſche, die ſie heute erlegt, ziemlich ermuͤdet, deßhalb wurde einſtimmig beſchloſſen, nach Roßburg zuruck zu reiten und dort auf dem Balkon die Kuͤhlung des herrlichen Abends zu genießen. Dieſer Vorſatz war hald ausgefuͤhrt. Die Freunde genoſſen ein frugales Abendmahl und ergotzten ſich an der reizenden Ausſicht in die weite Ferne. Der Tag neigte ſich allmaͤhlich ſeinem Un⸗ tergange, ein glaͤnzendes Ahendroth uͤberzog den Himmel, ein leiſes Luftchen wehete und kuͤhlte des Tages Hitze. Immer tiefer ſank die Sonne hin⸗ ab— noch einmal gluͤhte ſie in hoher Roͤthe am Horizonte hervor— dann verſchwand ſie gänzlich. Naſſer Thau netzte nun die gruͤnen Auen, das laute Zwitſchern der Voͤgel verſtummte, ein Abendlied blies der Hirte im Thale, und trieb ſeine blökende Peerde nach dem Stalle zu. Immer düſterer wurden nach und nach die Gegenſtände— nur der ſchoͤne Abend⸗ ſtern blitzte hell am Himmel.— Ganz hingeriſſen von Gefuͤhlen ſaßen die jun⸗ gen Ritter und bewunderten dieß prachtvolle Schau⸗ —— . auf und bemerkten bei einem neu euchtenden Bi daß er ſich wirklich nicht getaͤuſcht habe. Haſtig eilten die Durchnäßten der Gegend zu, und gelangten bald an dem Fuße des Felſens an, auf dem dieſes Schloß erbaut war. Aber der Aufgang zu demſelben ſchien ſo ſteil, daß es keiner der Knappen wagte, ihn zu erklettern. Siegmund lachte dieſer Furcht; er befahl den Zaghaften, ſeiner hier zu warten, und fing muthig an, den Felſen zu erklimmen. Ubald folgte ihm nach. Nachdem ſie mit der groͤßten Lebensgefahr in dieſer Dunkelheit manche Kluft uͤberſprungen, manches abſchuͤſſige Fel⸗ ſenſtuͤck uͤberſtiegen hatten, gelangten die Ritter end⸗ lich auf der obern Flaͤche an. Wie ſehr erſtaunten ſie jedoch, als ſie ſtatt des eingebildeten ſchönen Schloſſes nur ein altes unbewohntes Raubneſt, huth in Truͤmmern liegend, erblickten. Sie überſtiegen die niedergeſtürzten Ringmauern, und gelangten in dem alten verwuͤſteten Burghofe an. Dumpf tön⸗ ten die Tritte der Geharniſchten in den verödeten Hallen, und durch die ungewoͤhnliche Storung auf⸗ geſchreckt erwachten Fledermaͤuſe und Eulen gus ihren ſonſt ruhigen Wohnſiten, und ftterten ſchwir⸗ rend um die Helme der Ritter. VNoch immer regnete es heftig, deßhalb eilten dieſe, ſchnell unter ein Obdach zu kommen. Sie fanden in der erſten Halle eine Treppe, und zögerten nicht, deren ſchadhafte Stufen zu erſteigen; es gelang ihnen wirklich; ſie gelangten in einen großen gewoͤlb⸗ ten Saal, doch erlaubte ihnen die Dunkelheit der Nacht nicht, etwas zu erkennen. Sie forſchten auch nicht weiter, ſondern waren froh, einen Schutz für den heftigen Regen gefunden zu haben. Die furchtloſen Männer ließen ſich auf dem ſueien Fußboden nieder, und ſuchten unter trau⸗ lichen Geſprächen ſich die Zeit zu verkützen, bis ſie ie endlich, ermuͤdet von den Beſchwerlichkeiten dieſes Tiges, ſunft einſchummerten. Doch bald wurden die Schiafenden durch ein dumpfes Gemurmel wie⸗ der erweckt; ſie fuhren auf und ſahen mit Erſtaunen, daß drei ſchwarzverhuͤllte Geſtalten mit brennenden Fackeln in der Mitte des Saals ſtanden, die in Geſpräche vertieft, ſie nicht zu bemerken ſchienen. „Was iſt das?“ rief der Wildgraf ohne Furcht aus. — —— ſchallende Gewölber, bis er ſich endlich wieder ftei gelaſſen fuͤhlte. Die Decke fiel von ſeinen Augen— und wie groß war ſein Erſtaunen, als er ſich in einem ſchwarz ausgeſchlagenen Saale befand, den viele Ampeln erleuchteten. Rings umher ſtanden Ritter, in ſchwarzer Ruͤſtung, ganz einem Todten⸗ ſtkelet ähnlich. Ihre Helme bildeten Todtenköpfe mit ſchwarzen hohen Federn, ſchwarze Schaͤrpen trugen ſie uͤber die Harniſche, die Griffe ihrer Schwerter bildeten zwei Todtenknochen, und auf ihren Schildern flammete mit goldener Schrift: Denk an den Tod!— In ihrer Mitte ſaß auf einem erhabenen Throne ein ehrwürdiger Greis mit unbedecktem Haupte. Sein Antlitz glich dem eines Helden aus der graue⸗ ſten Vorzeit; ſilberweiße Locken ringelten ſich in tei⸗ cher Fuͤlle faſt bis auf den Bruſtharniſch herab. Auch er trug die nůmliche ſchwarze Todtenräſtung, doch prangte auf ſeiner Bruſt noch ein großes gold⸗ nes Kreuz. In der Rechten hielt er ein Schwert und ſeine Linke ruhte auf einem Todtenkopfe. Vor ſeinem Sitze ſtand ein ſchwarz behangener Altar und eine Fahne; ein Schwert und ein Dolch lagen auf demſelben.— Todesſtille herrſchte in der gan⸗ . zen zahlreichen Verſummlung.— Jetzt unterbrach ſie der Greis mit feierlicher Stimme.„Sagt an, meine Broͤder! iſt es an Zeit und Stunde, daß wir dürfen hegen und handhaben unſer rechtliches Ge⸗ richt, zum Wohle der leidenden Menſchheit? Alle Todtenritter. Es iſt volle Mitter⸗ nacht, die Todten verlaſſen ihr Grab, die Gerechten ſtehen uns bei— es an Zeit und richten! 16 Greis. Wohlan, ſo beginne—(mit einem Blick auf Siegnund) bich nus nilt 3 Sreming 3 Sein voriger(hat die Verkuppung abgeworfen und iſt den Uebrigen gleich geharniſcht). Bieſer Verwegene war eingedrungen in unſer Heilig⸗ thum. Wir trafen ihn im oberſten Gemach⸗ als man uns ausgeſendet hatte zur Weihe. Greis. Habt Ihr ihn ſeinen Frevel fühlen laſſen? Ritter. Wir chiten es; doch nn vic der Ritter und folgte mir muthig. zu 66 Greis⸗ Wohl ihm! ſo wird er auch in ſei⸗ 5 — 5— muthigen Siegmund. Ein Donnerſchlag erfolgte, welcher ſelbſt die Grundveſten des alten Schloſſes erſchutterte— praſſelnd ſtuͤrzten Altar und Thron zuſammen— alle Ritter waren verſchwunden. In der Mitte des Saals, mit untergeſchlage⸗ nen Armen, ſtand der muthvolle Wildgraf, feſt ent⸗ ſchloſſen, Allem, was ihm hier noch begegnen könne, kuͤhn die Stirn zu bieten. Da fing der Fußboden an unter ſeinen Füßen zu wanken und zu ſinken; umſonſt verſuchte Siegmund, den nächſten Pfeiler zu erreichen, um ſich daran zu klammern— die Sinne vergingen ihm— und vom heftigſten Schwindel er⸗ griffen ſtuͤrzte er in eine ſich öffnende, tiefe Gruft hinab. Lange hatte indeſſen Graf Thurmfels in ſeiner Betäubung gelegen, bis endlich die Beſinnungskraft ihm nach und nach wiederkehrte Wie ſehr erſtaunte er aber nicht, als er ſich ganz entkleidet ſeiner ſcho⸗ nen Ruͤſtung beraubt ſahs neben ihm lag ein ſchlech⸗ mende Strahlen tes Wams. Der Tag war bereits angebrochen, der Regen hatte aufgehoͤrt, und wär — 8 2 B die aufgehende Sonne durch die hohen gothiſchen Fenſter des Saals. Thurmfels hatte Muͤhe, ſich zu faſſen— alles ſchien ein böſer Traum zu ſein— wenn ihn nicht ſeine fehlende Kleidung und des Freundes Abweſenheit von der traurigen Wirklichkeit uͤberzeugt häͤtten. Was wollte er nun anfangen?— Unbekleidet konnte er nicht bleiben; ein heftiger Hun⸗ ger fing an ihn zu quälen; er mußte ſich alſo ent⸗ ſchließen, die nebenliegende Kleidung anzuziehen, dann zu ſeinen Knechten zuruckzukehren und vereint mit ihnen das Raubneſt zu durchſuchen, um Siegmunds Aufenthalt auszuſpähen. Mit möglichſter Geſchwindigkeit ſuchte der Rit⸗ ter ſeinen Entſchluß auszufuͤhren. Das Wams ward angelegt, doch knirſchend des Kriegers Zier, ſein Schwert, vermißt.— Nicht das geringſte Geräuſch tieß ſich hören, und neugierig ſpähte er im Saale umher. Groß und geräͤumig war es hier, nichts zeigte inwendig von Spuren der Verwäſtung. Reiche Tapeten ſchmuckten die Waͤnde, Conterfeis von Rittern und Damen hingen in langer Reihe an denſelben. Eine Seitenthur öffnend trat er in ein prächtiges Spiegelzimmer, und betrachtete ſich unwillig in ſeiner neuen Bekleidung, die keinesweges einem ſtattlichen Ritter geziemte. Ein kräftiger Fluch daruber entfuhr eben ſeinen Lippen, als er einen gräßlich langbärtigen Rieſen hinter ſich erblickte, wel⸗ cher grimmig einen gewaltigen Dolch zog, um ihm denſelben meuchlings in den Ruͤcken zu ſtoßen. Mit einem Schrei des Entſetzens und Abſcheues ſprang Thurmfels zuruͤck, wollte ausweichen— doch plötz⸗ lich erſchien eine große Anzahl ſchwarzer Geſtalten an allen Enden des Zimmers, die mit hochgeſchwun⸗ genen Keulen anf den Wehrloſen eindrangen. Die⸗ fer wehrte ſich wie ein Verzweifelnder, ſchlug mit kräftiger Fauſt Viele zu Boden, mußte aber endlich doch der Uebermacht weichen, ward in den Saal zuruck gedräͤngt und hier— von einer wunderſchoͤ⸗ nen Jungfrau mit ausgebreiteten Armen empfangen, deren Anzug köſtlich, indeß frech und äußerſt wol⸗ tuͤſtig war. Sie umſchlang liebevoll den faſt Athem⸗ loſen, druͤckte ihn zärtlich an ihren hochwallenden ſchönen Buſen, mit Flötentönen lispelnd:„Sei mir willkommen, tapfrer Ritter, hier finbeſt Du Schutz!“ „Wer ſeid Ihr, zauberiſche Jungftaus“ keuchte in grenzenloſer Verwirrung der ſo ſeltſum Ueberraſchte. ————— Jungfrau. Ich bin Lea, eine Tochter aus dem Stamme Iſraels. Willſt Du mein Gemahl werden, ſo mach' ich Dich zum Herrn dieſer Burg mit unſäglichen Schaͤtzen. Thurmfels.(mit Abſcheu zuruͤckprallend) 56! der Gemahl einer Judin? ich, ein Ritter und from⸗ mer Chriſt, ſoll meinen Jeſus verlaugnen, indem ich einer Feindin ſeiner Lehre mit Liebe und Treue zugethan wäre— verachtet von den gemeinſten mei⸗ ner Troßbuben! ausgeſtoßen aus dem Kreiſe freiſa⸗ mer Ritter— ha, verfluchter Antrag!— weich', verlorene Seele!— ich bin bereit zum Kampfe auf Leben und Tod gegen Deine feilen Judenknechte! Ein hölliſches Hohngelaͤchter ertönte, die ſchwar⸗ zen Geſtalten erſchienen wieder, nahmen die ver⸗ ſchmähete Jüdin in ihre Mitte und führten ſie ab. Jetzt trat ein Ritter, hoch und kräftig von Ge⸗ ſtalt, im Harniſch des Todtenbundes herein, ſchritt auf Thurmfels zu, warf dieſem ſeinen Eiſenhand⸗ ſchuh klirrend vor die Fuͤße, und ſprach mit hohler Stimme:„Ich fordere Dich zum Zweikampfe auf Leben und Tod! „Weshalb?“ ftagte kalt und ruhig der Furchtloſe. ——— — „Um Deine Kraft zu erproben, Du frommer Glaubensheld!“ hoͤhnte ſpöttiſch der Ritter. Raſch hob Thurmfels den Handſchuh auf; ſtolz 3 erwiedernd:„Sie ſoll ſich bewaͤhren! Gieb mir Schwert und Waffen!“ 6„Alles liegt bereit— folge mir in die Schran⸗ ken!“ Nach dieſen Worten wendete ſich der Ritter gegen die Eingangsthuͤr— Thurmfels folgte ihm raſch, mit feurigem Muthe. Unterdeſſen hatten Siegmunds Knappen, ſobald ſie ihre Herren verlaſſen, mit angezuͤndeten Kienfak⸗ keln den Felſen genauer unterſucht, und zu ihrer großen Freude eine geräumige Hoͤhle, welche Alle faſſen konnte, gefunden. Sie banden die Roſſe an Baume, begaben ſich, um geſchuͤtzt vor dem Gewit⸗ ter zu ſein, in ihren Zufluchtsort, und bald ſchloß ein fe⸗ ſter Schlaf der Ermuͤdeten Augenlieder. Fruͤh am Mor⸗ gen erwachten die Neugeſtaärkten; es wurde einſtim⸗ mig beſchloſſen, den Felſen zu erklettern, um ihr⸗ Gebieter abzuholen. Heiter war nun zwar das Wet⸗ ter, doch hatte der Regen alle Zugänge ſo ſchlupfrig — 56— gemacht, daß nur mit größter Lebensgefahr dieß Wagſtuͤck ausgefuͤhrt werden konnte. Keiner war muthig genug, ſein Leben uuf's Spiel zu ſetzen, deß⸗ halb unterblieb es, und man begnuͤgte ſich damit, den Felſen ringsum zu beſetzen, und die Ritter ge⸗ duldig hier zu erwarten. Wir verließen den muthvollen Siegmund in der groͤßten Gefahr, als er beſinnungslos in eine tiefe Gruft hinabſtuͤrzte, die wahrſcheinlich ſein frü⸗ hes Grab werden mußte, und unſere Erzählung mit einem Male endigte, wenn nicht der Zufall, oder abſichtliche Vorbereitung ſein Leben geſichert und ihn auf weiches Moos gebettet hätte. Nachdem ihm Regſamkeit und volle Beſinnungskraft wiederkehrken, fuͤhlte er ſich ganz unverletzt, doch ſtarrten ſeine weit geoffneten Augen lange vergeblich in die dichte Fin⸗ ſterniß, die ihn umgab; kein Gegenſtand ließ ſich er⸗ kennen. Indeß mahnte ihn die Beſorgniß, hier vielleicht dem grauſamſten Hungörtode preisgegeben zu werben, an naͤhere Unterfuchung ſeines Aufenthalts, wohin ihn nur eine Zaubermacht verſetzt haben konnte. Er ſtand auf, und tappte an den Wänden umher, nichts als kalte, dumpfige Mauern.— ——— — 57— Jetzt verſank ſein ſonſt nie zagendes Herz in bange Ahnungen. Er dachte an Mathilden, und ein tiefer Seufzer ſchwellte des Jünglings Bruſt.„Werd' ich ſie je wiederſehen?— Warum folgte mir Thurm⸗ fels, der treue Freund, nicht nach, als mich der ge⸗ ſpenſtige Unhold in die Verſammlung ſeiner Teufels⸗ geſellen fuͤhrte? Er, der Tapfere, blieb zaghaft zu⸗ rück, da es galt!— Hat er wohl dabei gewon⸗ nen?— Ach, vielleicht iſt ſein Leben ſchon ausge⸗ haucht unter den Dolchen der Morder!—“ Dieß Selbſtgeſpraͤch ſchnell abbrechend, ſprang der Ritter auf, er hatte in dem entfernteſten Winkel einen mat⸗ ten Lichtſchimmer bemerkt. Freudig darauf zueilend, fuhlte er nach genaueſter Unterſuchung, daß hier ehe⸗ mals eine kleine Thur, wahrſcheinlich zum Ausfall, geweſen ſei, welche zwar vermauert, doch die Steine durch den Zahn der Zeit wieder locker geworden, kräftigen Stoßen bald weichen muͤßten. Sonder Säu⸗ men wurden bdieſe volffuͤhrt; auch lohnte bald ber glücktchſte Erfolg ſeine Anſtrengungen. Die Mauer ſtuͤrzte zuſammen. Schon zeigte ſich eine ziemliche Oeffnung, und eben wollte der Ritter nur noch ei⸗ nige Steine ausbrechen, um auch ſicher durchzu⸗ — —— ——— S — — kommen, da vernahm er hinter ſich mit Entſetzen klirrende Fußtritte. Jetzt ſtand Leben und Freiheit auf dem Spiel, der kuͤhne Wagling zwang ſich mit unſůglicher Muͤhe durch das Loch, und gelangte nach einem Sprunge von beträchtlicher Höhe am pu⸗ des Felſens bei ſeinen an. Die Freude Aller uber ihres Gebieters glück⸗ liche Zuruͤckkunft war groß. Doch wollte es Vielen gar ſeltſam duͤnken, daß der geſtrenge Herr durch dieſe kleine Oeffnung mit gewaltigem Sprunge wie⸗ der herabkommen mußte, und man beſtuͤrmte ihn mit neugierigen Fragen. Der Wildgraf erzählte, was er den plauderhaften Knappen anzuvertrauen fuͤr gut fand; indeß konnte nicht verſchwiegen bleiben, daß ſein Freund Thurmfels ſich noch in dem Raubneſte befinde, und wenn nicht ſchon todt, doch wenigſtens in der hochſten Gefahr ſei. Zu deſſen Rettung mußte jetzt Alles gethan, durchaus nicht geſaͤumt werden. Ho aber ihre gnich zu gering zu eatng und „ Eil nach Roßburg zuruͤckzukehren, dort ſeinen Heer⸗ bann aufzubieten, und mit ihm vereint den Pflich⸗ ten der Freundſchaft und Rache Gnuͤge zu leiſten und dieſen Moͤrderſitz von Grund aus zu zerſtoͤren⸗ 6 —— Nach manchem fruchtloſem Herumtreiben in der dichten Waldung gelang es erſt dem Daheimziehen⸗ den, die offne Heerſtraße wieder zu erreichen, und im ſchaͤrfſten Trott ſprengten die Reiter jetzt fort. Sie waren noch nicht lange geritten, als ſich ein Knappe hoch aus dem Sattel ſeines Gauls erhob, indem er ſeinen Kameraden erſchrocken zurief: Schaut dort auf dem ſchmalen Feldwege das Geſpenſt!'s iſt 4 wahrlich der leibhaftige Satan in ſchwarzer Todten⸗ rüſtung auf ſchwarzer Mähre.— Gott ſei uns Sün⸗ dern gnadig! er ſchlug ängſtlich das Kreuz. Der Wildgraf, dieſe Aeußerung hörend, blickte 1 auf und bemerkte wirklich, zwar noch ziemlich ent⸗ fernt, einen Ritter des ihm ſo verabſcheuungswür⸗ digen Todtenbundes. gorngluth ubergoß ſein Antlitz im geſtreckten Galopp flog er dem Feind entgegen, und forderte ihn, den Weg verrennend, jum Kam⸗ 2 pfe auf.— — —— — 60— „Ich kämpfe nicht mit dem Wildgrafen von Roßburg!“ entgegnete der Ritter kalt und ruhig. „Du kennſt meinen Namen, Elender?“ fuhr dieſer wild auß,„wohlan, ſo lerne auch meinen Muth kennen. Zieh Dein Schwert!“ „Wozu unnuͤtz edles Blut wergießen,“ lächelte Jener, und fuhr ſchnell in gebrochenem Deutſch fort: „Ich bin ein Franzmann, Jean de Hais geheißen, bin luſtig, ſchlau, galant und tapfer, doch arm wie eine Kirchenmaus! Selbſt Roß und Ruͤſtung ſind nicht mein, hab ſie den famoͤſen Todtenrittern, die Gott verdammen moge, mitgenommen.“ Der Wildgraf ward aufmerkſam und blickte ihn miftrauiſch an. Der Franzmann ließ ſich nicht ſtoͤren.„Freute mich herzlich, als Ihr, ſtreitbarer Held, Euch gegen den alten Großmeiſter ſo trotzig benahmt in unſerer Bundesverſammlung, jene kalte Verachtung des To⸗ des zeigtet, die dem ehrenveſten Ritter ziemt, und dann gluͤcklich Eurem Gewahrſam entkommen ſeid. Auch mir gelang es, wegen einiger kleinen Verſuͤn⸗ digungen gegen die ſtrengen Ordensregeln gleich nach Euch in ein Gefängniß geworfen, zu entfliehen, mit — — — 6 Roß und Ruͤſtung. Beim heiligen Georg! mich ſol⸗ len ſie nicht wieder in ihre Klauen bekommen.“ „Welcher Biedermann koͤnnte ſich auch mit Schurken vereinigen, die göttliche und menſchliche Geſetze verſpotten?“ rief Siegmund. „Wahr, auf Ehr' und Seligkeit!“ ſtimmte der Ritter lebhaft bei.„Indeß hätt ich eine Bitte an Euch, Herr Wildgraf.“ „Laſt horen!“ erwiederte dieſer. „Seht tapfrer Held,“ fuhr der Franzmann fort, „ich habe Nichts, bin fremd im Lande, und koͤnnte wohl zu Reichthum gelangen, wenn Ihr mir jetzt mit Eurem ſtarken Arm und Euren reißigen Knech⸗ ten dort beiſtehen wolltet.“ „Recht gern in einer Ehrenſache!“ verſicherte ſogleich der Wildgraf gutmuͤthig. „s betrifft nur eine kleine Wegelagerung,“ laͤ⸗ chelte der Franzmann.„Seht, heute noch kommen Kaufleute mit ihren Schätzen mit beladenen Wagen eine halbe Meile Wegs von hier vorüber, deß hab' ich ſichere Kunde.— Laßt uns die ſchwache Bedeckung derſelben zuſammenhauen, die immerchen K niederſtoßen——“ ———————— „Was? mir ſolchen Antrag!“ donnerte der Wild⸗ graf im hoͤchſten Zorn.„Weich! oder ich will Dir Dein Schandmaul ſtopfen und Dich durchpeitſchen laſſen von dem ſchlechteſten meiner Troßbuben! Schon drängte der Beſchimpfte ſein Roß zuruͤck. „Flieh!“ herrſchte ihn nochmals der Entru⸗ ſtete an.— „Ich entferne mich, Euren ächten Ritterſinn verehrend!“ rief der Franzmann plötzlich voller Ernſt und Würde, ſenkte ehrerbietig ſeinen Speer und ſprengte davon. — Nach faſt raſtloſem Ritt und nur der noth⸗ wendigſten Einkehr hielt der Wildgraf mit ſeinem Gefolge bei einbrechender Nacht vor der Zugbruͤcke ſeiner Roßburg. Das wohlbekannte Horn des Gebieters ertöntes der Thurmwart konnte kaum glauhen, daß der ge⸗ ſtrenge Ritter ſchon wiederkehre,— doch die Zug⸗ brücke fiel, und dieſet ſprengte herein. Er ward neu⸗ gierig umringt von allen Burgmannen, die ihn ſchier auf baierländiſchem Boben vermutheten. Noch mehr ſtieg aber ihr Erſtaunen, als er eiligſt vom Roſſe ſprang und Befehle ertheilte, die auf eine plötzliche Fehde ſchließen ließen. Mit nächſten fruͤhen Mor⸗ gen ſollten alle Lehnsleute im vollen Ruͤſtzeug, ſchleu⸗ nigſt aufgeboten, die Waffenkammern geleert, Schwer⸗ ter, Lanzen und Harniſche in die untern Hallen ge⸗ ſchafft, genau gemuſtert, auch verſchiedene Gaule neu beſchlagen werden. Nachdem dieß alles ſtreng ange⸗ ordnet, ließ ſich der Wn erſt entwappnen, ge⸗ noß Speiſ' und Trank und begab ſich dann zur Ruhe, um mit anbrechendem Tage wieder wach und 3 cchätig zu ſein. Als dieſer kaum daämmerte, ward es ſchon le⸗ bendig auf der Burg. Knappen ritten fort, andere kamen wieder. Schadhafte Ruͤſtungen wurden aus⸗ gebeſſert, Schwerter geſchliffen, Lanzen vorgerichtet. Dezu ſangen die Knechte froͤhliche Lieder, Troßbu⸗ 3 ben ſchleppten ſchwere Mauerbrecher auf den Hof, oder ordneten die Harniſche der Ritterpferde. Viele Fremde, rauhe bäͤrtig Männer von rieſigem Anſehn, 3. wohl bewaffnet, trafen gegen Abend auf der Veſte* 3 ein, und lagerten ſich im geraͤumigen Hofe, wo 8 reichlich bewirthet wurden —— So geräuſchvoll, ſo kriegeriſch war es ſeit vie⸗ len Jahren nicht auf der Roßburg geweſen. Doch es galt ja Thurmfels Befreiung, den Untergang der Todtenritter, und Siegmunds Hetz ſchlug hoch auf in ſtolzer Freude beim Ueberblick des ſtattlichen Heerbanns, der morgen ſeiner Fahne folgen ſollte⸗ Die Sonne ging zu Ruͤſte, der Abend ward kalt, ſtuͤrmiſch und finſter. um Nitternacht ſchien der Himmel ein ſchwarzes vn uͤber den Erdball ausgebreitet zu haben. Der Wildgraf ſtand noch am hohen Erkerfenſter, ſich weidend an den Kriegern verſchiedener Waffengattungen, die auf dem Burg⸗ hofe um ihre Wachtfeuer lagen; da bemerkte er eine plotzlich aufſteigende Rothe am Horizonte, die ein großes Feuer anzeigte. „Was iſt das fuͤr ein Schein nach Oſten?“ rief er, das Fenſter aufteißend, dem Wächter auf der Warte zu. „Truͤgen mich meine Augen nicht,“ erwiederte dieſer,„ſo brennt's auf der Veſte Siesheim lich⸗ terloh!“ „Auf Giesheim?“ wiederholte Siegmund im heftigſten Schreck;—„auf Giesheim— wo Ma⸗ thilde weilet!“ und ſchnell ſich ermannend herrſchte er mit gewaltiger Stimme nach dem Burghofe hinun⸗ ter:„Auf, Ihr Maͤnner, auf zu Gaule! Alles, was ein Glied regen kann! Burg Giesheim ſteht in Flammen! Laßt uns helfen! laßt uns retten, was noch moglich iſt“ n iin Und hinunter im leichten Hauskleide ſtuͤrzte der Wildgraf, warf ſich auf ein ungeſatteltes Roß, und Ritter, Knappen, Knechte und Troßbuben folgten ſeinem Beiſpiele. Donnernd flogen ſie uͤber die Zug⸗ bruͤcke in der ſchwarzen Nacht auf Giesheim zu.— MNäher kommend ſahen ſie bald eine Feuer⸗ ſäule, welche fuſt himmelhoch ſtieg. Hell erleuchtete dieſe eine ſchauderhafte Scene, die ſich ihren Augen darſtellte, als ſie Giesheims Gebiet etreicht hatten.— Ringsum lagen Erſchlagene oder tödtlich Verwundete in fuͤrchterlichem Gemiſch unter einandet, dumpfes Aechzen der Sterbenden ertoͤnte, verzweiflungsvoll ſtuͤrzten hier Weiber, Kinder und Greiſe umher, laut weinend warfen ſie ſich aufmie Beichen ihrer Gatten und Soͤhne darnieder, beſtrebten ſich vergeblich, ſie dem Tode zu entreißen, und ihre Klage und Schmer⸗ zenslaute erfullten die Luͤfte.— Dort vernahm man 5 gräͤßliche Fluͤche und Verwuͤnſchungen. Alte ehrwuͤt⸗ dige Greiſe hoben ihre zitternden Haͤnde gen Him⸗ mel und ſchrieen mit gepreßter Stimme um Rache, In vollen Flammen ſtand die Veſte. Schon praſſelten und krachten mehrere Gebaͤude zuſammen, immer heftiger fraß das Feuer um ſich, ſtärker ward die Glut. Vom Roſſe ſprang der Wildgraf, mit gewaltiger Stimme ſeinen Leuten Befehle ertheilend, zur ſchnellſten nothwendigſten Hilfteichung.— Da erſchien auf dem höchſten noch unverſehrten Wart⸗ thurm ein alter Mann, rang verzweiflungsvoll die Hände und deutete durch Zeichen an, daß er um Rettung flehe. Schon leckte auch die Flamme an dieſem Thurme, doch Siegmund eilte ſo nahe, als es Hitze und Rauch nur erlaubten. Wer beſchreibt“ ſein Entſotzen, als er jetzt deutlich den alten Gies⸗ heim erkannte. Seiner Sinne kaum maͤchtig ſtuͤrzte er ſich mit dem Austuf: Vater meiner Mathilde!“ in das Feuermeer, und man ſah ihn in dem ſchwar⸗ zen Qualme verſchwinden) Ein Schrei des Erſtau⸗ nens, der hochſten Bewunderung entfuhr den Lippen aller Umſtehenden, als ſie den kuͤhnen Wägling gluͤcklich auf dem Thurme erblickten, wie er den al⸗ — 69— Da verhuͤllte dieſer ſein Angeſicht und r ſchmerzlich bewegt:„Thurmfels! Thurmfels! waru haſt Du mir das gethan?“— Dann wendete er ſich mit noch naſſem Auge zu Giesheim: Wißt, Ritter, ich habe einen Freund, einen Waffenbruder, den Liebling meiner Jugend auf ewig verloren!— hat Leib und Seligkeit verkauft an jene Schan ben, wahrſcheinlich um ſein Leben zu retten, als er vor zwei Tagen mit mir in ihre Raubhoͤhle gerathen war. Wir wurden getrennt, ich entfloh ſtandhaft den gleisneriſchen Verfuͤhrern; er, zu ſchwach, ihnen zu widerſtehen, ſchwur zu ihrer Fahne, und iſt jetzt der Räuber Eurer Tochter!— Aber, bei dem drei⸗ einigen Gott und meiner Ritterehre! Du ſollſt dein Kind wieder haben, und räch' ich Dich und mich nicht furchterlich, ſo falle ſiebenfacher Fluch auf mein Haupt, und ſchimpflich verlöſche mein Name!“ Mit uͤberſtroͤmenden Augen breitete der alte Giesheim ſeine Arme aus, den Begeiſterten an ſein wieder verſöhntes Herz zu druͤcken.„O, edler Juͤng⸗ ling,“ ſprach er liebevoll,„vergieb, wenn ich Dich je verkannte;— vergieb, daß ich damals, bei dem unglücklichen Falle meines Sohnes, hart egen Dich —= Dieſer Mord haftet nicht auf Deiner reinen le! Du haſt Dich herrlich gerechtfertigt, mir mein Leben mit eigner Todesgefahr gerettet!— Nimm meinen Dank, meinen herzlichſten Dank! nimm ihn im Angeſicht meiner noch wenig lebonden treuen nner, und zugleich das Verſprechen, findeſt Du thilden noch unentweiht burch die Raͤuber, und be⸗ freieſt Du ſie aus ihren Händen, ſo ſei Dein ihre Hand, Dein Alles, was ich noch beſitz.“ Zu danken vermochte der uͤberſelige Siegmund nicht; ſprachlos kußte er des großmuͤthigen Alten Hand. Doch bald riß ihn ſtürmiſche Ungeduld wie⸗ der auf.„Laßt brennen, was zhier nicht mehr zu ret⸗ ten iſt!“ gebot er ſeinen Mannen;„ubergebt die Sorge fur die Verwundeten den Weibern und Grei⸗ ſen, und mir folge, was nur ein Schwert fuͤhren kann, zu ſiegen oder zu ſterbrn fuͤr Mathilden von Giesheim“ „Nimm mich mit!“ flehte der Vater raſch auf⸗ ſpringend,„denn noch iſt mein Arm nicht erlahmt!“ Da wurden die Roſſe vorgeführt, alle Mann⸗ ſchaft ſammelte ſich marſchfertig und der Trompete Ruf mahnte ſie zum Abzug. — —— —— Blte, wohlerfahrene Krieger ſchuͤttelten nach⸗ denklich das graue Haupt und konnten die unbeſ nene Verfolgung eines laͤngſt ſich zurückgeʒogenen Feindes bei noch dunkler Nacht nimmer gut heißen Sie hatten ganz recht. Es galt einen großen Wald wild verwachſen, zu durchreiten, wo auf hohem ſchlechterdings nicht durchzukommen war. Man mußte* abſitzen, langſam fortſchreiten, ſich durch Kienfackeln leuchten, indeß die Fuͤhrer, Wildgraf Siegmund und Ritter Giesheim, von Liebe und Rachſucht begeiſtert alle Schwierigkeit uͤberwindend, feurig voran eilten. Weit blieb der Heerbann hinter ihnen zurlch, und als ſie bei Anbruch des Tages einen lichten, freien Platz im Walde erreicht hatten, beſchloſſen die wirklich Erſchopften abzuſteigen, hier ihr Volk zu erwarten und indeß auszuruhen; die Roſſe ließen ſie graſen.— Auf weiches Moos gebettet fiel der alte Gies⸗ heim ſogleich in einen feſten Schlaf. Auch Sieg⸗ mund entſchlummerte, doch bald wieder durch den kläglichen Ausruf erweckt:„Heilige Mutter Gottes, ſteh mir bei!“ Er fuhr jach auf, und ſah ein liebliches, zar⸗ — 21— Mägdlein vor ſich, das handeringend ihn zum zum Erbarmen aufforderte. „Sagt, ſchoͤnes Fraͤulein, was kann, was ſoll ich fuͤr Euch thun?“ fragte der Wildgraf. Fuͤr mich kampfen, fuͤr mich ſiegen!“ erwie⸗ „ das Mägdlein mit leuchtenden S,„Euch, oder Keinem wird er unterliegen—“ „Ihr ſprecht Räthſel, die ich nicht zu tsſen vermag,“ unterbrach ſie der Juͤngling, leicht errothend. Ach ja,“ lächelte die Liebliche durch ihre Thrz⸗ nen,„Ihr wißt ja freilich nicht, fremder Ritter, wer ich bin und was die arme Thusnelde von Euch will. Poͤrt alſo: Ich begehre Euren ſtarken Arm, fuͤr mich eine Lanze zu brechen und einen Schwert⸗ kampf auszufechten.“ „Hat es Zeit, ſo ſteh' ich Euch vielleicht in acht Tagen ſchon zu Dienſten,“ lautete des Wild⸗ grafen feſte Antwort;„doch jetzt hab' ich einen Strauß zu beſtehen, der durchaus nicht aufgeſchoben werden kann. Mein bald hier an langendes Kriegsvolk wird 6 Euch deſſen uͤberzeugen.“ „Ihr braucht. nur einen halben Tag dazu anzuwenden. Dieſen knnt Ihr der bedrängten Sh — nelde ſchon aufopfern,“ bat das ſuͤße Mägblein. „Nicht wahr, mein hoher lieber Hert, Ihr ſchlagt es nicht ab?— Ach, ich bin ſehr, außerordentlich ungluͤcklich. Mein Vater, der Schenk von Geiers⸗ buͤhl, liebt nichts als Waffenſpiel und Becherklang. Da hat ihn ein abſcheulicher Kampf⸗ und Trinkge⸗ ſelle, der häßliche Hans von Eberfeld, bei einem Trink⸗ gelage um meine Hand gebeten, und der boͤſe Vater, gewiß damals ſtark benebelt, hat ihm mit Handſchlag und Ritterwort verſprochen, daß, wenn er binnen drei Wochen, neun Ritter im Speer⸗ und Schwert⸗ kampfe hinter einander beſiege, ich ſeine Hausfrau werden ſolle. Nun denkt Euch meinen Jammer! heute iſt die beſtimmte Friſt abgelaufen, und wenn nicht dieſen Vormittag bis Glockenſchlag Zwölf der neunte Ritter dem ſtarken Simſon die Sieger- und Bräutigamskrone entriſſen hat, bin ich dem leibhafti⸗ gen Satan, Gott ſei bei uns! verfallen.“ Der Wildgraf blickte von herzlichem Mitleid und der innigſten Theilnahme bewegt, auf das un⸗ ſchuldige Kind, das geopfert werden ſollte, doch wie⸗ derholte er nochmals feſt:„Ich kann jetzt nicht, es iſt unmoͤglich!“ —— „O guter Ritter,“ rieß Thusnelde, und neue heiße Thränen netzten ihre ſchoͤnen blaſſen Wangen, „ich mahne Euch an Eure Pflicht! beſchwöre Euch bei allen Heiligen! nur dießmal folgt——“ „Wohin? wie weit?“ unterbrach ſie dieſer;„wir befinden uns ja in einer Wildniß, wie ſeid Ihr, ſchwaches Kind, hierher gerathen?“ „O, ganz in der Nähe liegt unſer Schoß, belehrte ihn Thusnelde.„Seht, uns zur linken Hand, dort hinter jener himmelhohen Felſenkette, die ſich weit, ſehr weit erſtreckt, iſt es in gruͤner Au' erbaut; von hier kann und wird es kein Menſch weder ſehen noch vermuthen.“ „und Ihr habt die Felſen, gleich dem kühnſten Gemſenjäger, uͤberſtiegen?“ ftagte der Wildgraf faſt zweifelhaft. „Nicht doch,“ antwortete das Mägdlein;„wir Bewohner dieſer Gegend kennen eine Schlucht durch das Geſtein,“ und koͤnnen alſo bald hier ſein. Ach, es iſt mein lieber Zufluchtsort!— hier fließen ja ungeſtött meine Thränen, und des Waldes Echo giebt mir meine Klagelieder wieder.— Nun, ohne Säumen folget mir, mein Ritter!“ Sie exgrift ſein: — — — Hand. In dieſem Augenblick trat ein leibhaftiger Rieſe in Jägertracht, mit Wurfſpieß und Armbruſt verſehen, aus dem Walde. Sein haͤßliches, von Weingeiſt geröthetes Antlitz war der treue Spiegel einer wild bewegten Seele. Brandroth Kinn⸗ und Schnauzbart, und das ſtruppige Paupthaar, ſeine gruͤnen Augen ſchoſſen tödtende Blicke auf das un⸗ ſchuldige Paar. Ha, ſchoͤne Behut, treff ich Euch hier, bei einem Buhlen?“ grinſete er mit höhniſchem Gelächter. „Wer iſt der Fant? ſoll ich ihn niederſchießen gleich einem tollen Hund?“ Emport trat der beleibigte Wildgraf dem Rie⸗ ſen entgegen.„Auf Deinen Kopf den Hund, Bube!“ „Du erfrechſt Dich, Burſchchen,“— bruͤllte dieſer, und ſtieß mit der Armbruſt ſeinen kühnen Gegner ſo heftig vor die Bruſt, daß er taumelte. „Ha, dieß fordert Butn ſchrie der Beſhinpſt im Ausbruch der unbändigſten Wuth. „Biſt Du mir ebenbuͤrtig, Milchbart?“— fragte ſpöttiſch der ſich ſtolz aufblähende Rieſe,„ſo folge mir in die Schranken!“ 3 ———— — 6— „Siegmund, Wildgraf, von Roßburg folgt Dir in die Schranken, zum Kampfe auf Leben und Tod!“— Und Mathilden, den alten Giesheim, ſeine Verfolzung Todtenritter, Alles in der hoͤchſten Leidenſchaft vergeſſend, ſtuͤrzte er fort mit ſeinem ro⸗ hen Gegner, nach der dieſem bekannten Felſen⸗ ſchlucht zu. Thusnelde folgte, die zarten Haͤnde auf ihe weiches Herz gedruͤckt, das ſturmiſch zu zerſpringen drohte. In einer der ſteinernen Hallen des geraumigen Schloßhofes, das langbärtige Kinn auf die Fauſt ge⸗ ſtuͤtzt, in ernſtes, finſtres Nachdenken verſunken, ſaß der alte Schenk von Geiersbuͤhl, Thusneldens Va⸗ ter, als Beide durch die Pforte hereinſtuͤrmten. „Da bring ich Dir, Kumpan, den neunten Grasbeißer! ſteh auf!“ Mit dieſen Worten herrſchte der Rieſe den alten wohlbeleibten Schenk an, der nach ſchwerfülligem, muͤhſamem Auftichten im hirſch⸗ ledernen Wams, ungeheuern Reiterſtiefeln und einen gewaltigen Haudegen an der Seite, jetzt vor ihnen ſtand.„Sieh,“ fuhr der Prahler fort,„nun wird die Zahl voll, das iſt der Letzte! Ehe wir noch zum ——— ner dein Andern einen Fuß breit. Gräßliche Flüche ertönten durch das Pelmgitter des Rieſen, keinen Laut gab der Wildgraf von ſich. Da ſprang nach einem der kräftigſten Streiche deſſen Schwertklinge vom Hefte, und wehrlos ſtand der junge Held. Sol⸗ ches, ußritterlich benutzend, wollte ſein ehrlöſer Geg⸗ ner dennoch geimmig auf ihn einhauen, aber dieſer, mit bewundernswürdiger Gewandtheit ausbeugend, um⸗ faßte ihn plötzlich und ſtuͤrzte ihn zu Boden, daß die Erde bebte. Schon blinkte der Dolch in der Hand des Sieggekroͤnten, zum Todesſtoß des Ueberwunde⸗ nen, doch glorreicher noch behauptete des edeln Jüng⸗ lings beſſeres Selbſt plotzlich ſeine Uebermacht uͤber des Sturms wilde Leidenſchaft, und ſein gri trug den ſchoͤnſten Sieg davon.“ nn „Ich ſchenke Dir Dein Leben, Elender! das mir verfallen war,“ ſo ſprach er ſtolz, den Mord⸗ chl von ſich werfend, und Alles, was die Lippen gen konnte, jauchzte ihm Beifall zu und die Trom⸗ pnen⸗ chmettetten, die Pauken wirbelten. Jetzt ſchritt de Sieger aus den Schranken, auf den Schenk von Gersbüͤhl zu, der ſich ſogleich vom Sitz erhebend, ih faſt ehefurchtsvoll entgegen trat.„Ich btinge Euch die Freiheit Eurer kiebenswuͤrdigen Tochter, alter Herr und ehrenveſter Ritter, hub er ernſt an, „und hoffe, daß, da Ihr nun Eures Wortes ledig, auch erlauben werdet, daß ſie kunftig nur der Wahl ihres Herzens folge“ „Ach, tapfter Held,“ unterbrach ihn der Alte fluͤſternd,„ich danke Gott, von dem Wuͤthrich dort, der ſich noch im Sande kruͤmmt, befreit zu ſein⸗ Er fuͤhrte mich, armen Mann, ganz am Gaͤngel⸗ bande; ich mußte nach ſeiner Pfeife tanzen, ſein Wort war mir Befehl, aber ſeht!“ Er deutete nach dem Kampfplatze.— 80*3 n Dort ſtand der von ſeinen Knappen muhſam wieder anfgerichtete Rieſe, todtenbleich, erſchöpft von Anſtrengung und Blutverluſt; et ballte knirrſchend die gepanzerten Fäuſte, ſchlug ſich mit der Linken kra⸗ chend an ſeine Bruſt, und ſtreckte die Rechte fre⸗ velnd gegen den blauen Himmel, und uͤber ſeine blauen Lippen ſtrömte:„Ha, Fluch dieſer Stunde! Fluch allen Augenzeugen meiner Schande! Fluck der ganzen Welt!“ Mich ſelbſt ſollen neuntauſend Teufel holen, wenn Ihr mich je wiederſcht“ Er winkte einem ſeiner Knappen, det außerhalb der Schranken auf einer Stute ſaß.„Deine Mähre, Maulaffe!“ Roß beim Stechen unbrauchbar geworden, jetzt auf allen Vieren lag, ließ ſich auf die Stute, obgleich es fuͤr einen Ritter ſchimpflich war, ſolche zu reiten, bennoch hinauf helfen, und man ſah ihn, umgeben von allen ſeinen Leuten, in moͤglichſter Eil fortziehen und bald auf der nahen Heerſtraße verſchwinden. Alle Anweſende hatten ſich entſetzt uber die tol⸗ len Ausbruͤche ſeiner Raſerei, und nun erſt wagte der alte Schenk, den tapfern Wildgrafen öffentlich zu umarmen und ihm laut fuͤr die Befreiung von ſei⸗ nem Peiniger zu danken. Dieſe Scene wurde durch Thusnelden unterbrochen, welche mit fliegendem Haar, hoch vom Winde bewegten Gewande, laut jubelnd herzuſturzte, ſich vor ihrem Retter, ehe es dieſer hin⸗ dern konnte, niederwarf, ſeine Knie umfaßte und dankbar ſeine Hand kuͤßte. Der beſcheidene Sieg⸗ mund wollte ſie augenblicklich aufheben, doch ſeine Kräfte, auch durch Blutverluſt und Kampfanſtren⸗ gung erſchoͤpft, erlaubten es nicht; halb ohnmaͤchtig 6 Der Knappe gehorchte zitternd und fuͤhrte ihm das Pferd vor. Sein wilder Gebieter, deſſen eignes ———— N — 82— ſank er in die Arme des ihn auffangenden alten Schen⸗ ken. Thusnelde war außer ſich, der Schrecken raubte ihr plotzlich Farbe und Spruch. 3 Solches gewahrend lispelte ihr der ſchwache Jüngling, ſo viel als möglich ſich ermannend, mit ſchwacher Stimme Beruhigung zu; dann ſagte er, von einem Gedanken plötzlichergriffen, ſehr haſtig: „Mein Gott, draußen im Walde wird Giesheim in größter Beſorgniß um mich ſein, ich habe ihn ſo unvorſichtig verlaſſen, und mein Heerbann, man wird mich ſuchen—— o, ich bitte dringend, ſendet eiligſt Knappen, ſie zu benachrichtigen, wo ich mich befinde!“ Er vermochte nicht weiter zu ſprechen. Dem alten Schenken waren dieſe Worte Räth⸗ ſel, indeß konnte ihm ſeine Tochter, die wieder et⸗ was Faſſung erhalten hatte, vollen Aufſchluß dar⸗ uͤber geben. Natuͤrlich flogen ſogleich Boten ab, des ſo werth gewordenen Gaſtes Wunſch zu erfuͤllen. Jetzt ſetzte man den Schwachen in einen Lehnſtuhl, welcher herbeigeſchafft worden war, und die Die⸗ ner trugen ihn ſanft nach dem Schloſſe. Der Abend dieſes verhängnißvollen Tages war beteits angebrochen, auf weichem Ruhebette lag der ————— —— edle Wildgraf im ſanften Schlummer. Zu ſeines Lagers Fuͤßen ſaß Thusnelde, ängſtlich ſorgſam jeden ſeiner Athemzuge belauſchend; der Schenk, ihr Va⸗ ter, ging leiſen Tritts, ſo viel ſeiner Schwerfällig⸗ keit möglich, ab und zu, um Erkundigung uͤber deſ⸗ ſen Befinden einzuziehen. Leider hatte er ihm beim Erwachen keine erfreuliche Nachricht zu verkuͤnden. Alle ausgeſandte Knappen und Knechte waren zu⸗ ruͤckgekehrt, ohne weder den alten Ritter Giesheim, noch den ganzen reiſigen Zug gefunden zu haben. Zwei Meilen Weges im Umkreiſe hatten ſie den Wald durchſtrichen, und keine menſchliche Seele an⸗ getroffen. Zwar war an vielen Stellen der Erdbo⸗ den von Roſſeshufen zerſtumpft, doch dieſe verloren ſich wieder, und weiterhin kamen Moräſte, die jede Spur verſchwinden ließen. Der alte Hert wollte erſt den Schlummernden wecken, um ihm dieſe Be⸗ tichte mitzutheilen, doch ſein Hauspfafß, zugleich Arzt, verbot es durchaus, indem er bei ſeinem heiligen Schutzpatron betheuerte, ſolch eine Ruhe des Schwa⸗ chen ſei mehr als Goldes werth.— uebtigens hatte ſich bei Unterſuchung und Verband der Wunden er⸗ geben, daß ſie keineswegs gefüͤhrlich, meiſt Quet⸗ 6* „ ſchungen, oder leichte Fleiſchverletzungen waren, und die Schwäche mehr Folge der größten Aufregung und angeſtrengteſten Koͤrperkraft ſei. Des Wildgrafen Schlummer war zum feſten Schlafe geworden, der bis den andern Morgen an⸗ hielt. Hoch ſtand bereits die Sonne wieder am Him⸗ mel, als er die voll neuen Feuers wieder glaͤnzen⸗ den Augen aufſchlug, ſich aufrichtete und verwunde⸗ rungsvoll umherblickend, anhub:„Wo bin ich?“ „Unter Menſchen, die mit Freundſchaft und Liebe Euch umfangen, mein hoher Herr und Rit⸗ ter,“—— hauchte ſanft errothend die ſchone Thus⸗ nelde, welche ſeit einer Stunde ſchon, nach ſchlaflo⸗ ſer Nacht, ſich eingefunden und wieder Platz genom⸗ men hatte. „Da muß ich mich ja wohl befinden!“ lächelte der galante Ritter, indem er ihr die zarte Hand kuͤßte. „Ach ja, Ihr ſeid das ſchone Fräulein, geſtern im Walde.“—— Doch ſchnell ſich unterbrechend und im Begriff aufzuſpringen, rief er:„O Gott! wo iſt Vater Giesheim? habt Ihr ihn hierher rufen laſ⸗ ſen, liebes Kind?“ Was ihm nicht verſchwiegen werden konnte⸗ ——— — 85— mußte der Wilbgraf natürlich ohne Zogerung erfah⸗ ren, und Thusnelde trug es mit moͤglichſter Scho⸗ nung vor. Dennoch wurde er ſehr betroffen dar⸗ uͤber, wollte fort, augenblicklich fort. „Und Euer koſtbares Leben daran wagen?“— wendete die Jungfrau zärtlich und zugleich ängſtlich beſorgt ein;„Ihr ſeid ja verwundet, tapfrer Held, habt fur Thusnelden Euer edles Blut verſprizts ach, die Arme wuͤrde ſterben, wenn ſie— die Urſache Eures Todes, Euch ſo verlieren ſollte. Nein, Ihr durft nicht fort! ich will Euch warten, pflegen, ich zeig Euch meinen kleinen Garten, wenn es beſſer geht; wir luſtwandeln, beſuchen mein Lieblingsplaͤtz⸗ chen, und keine Flagelieder ſollen des Waldes Voög⸗ lein wieder von mir yören!“— So plauderte das ſuͤße Kind. Der Ritter indeß, von peinlicher Unruhe getrie⸗ ben, erklaͤrte bei ſiner Ehre, daß er ſich vollkom⸗ men wohl fuͤhle, jetzt auf jeden Fall die Seine aufſuchen muͤſſe, aber ſpäter gewiß wiederkehren wuͤrde. „Um Thusneldens Grab auf Geiersbuͤhl zu beſuchen,“ ſagte ſie traurig; ihre ſchoͤnen blauen Au⸗ — 85— gen umflorten ſich und die Gemiit vit erſten Liebe behauptete ihre Rechte uber dieß reine jungfraͤuliche Herz.— „Mußt Du jetzt fort, Grauſamer“ rief ſie plötzlich voller Feuer,„ſo nimm mich mit! ich will Dir als Magd dienen; der leiſeſte Deiner Wuͤnſche ſoll mir heilig ſein, ich folge Dir auf jedem Wege der Gefahr, ſelbſt in den Tod;— denn Dankbar⸗ keit und Liebe feſſeln mich an Dich auf ewig!“ „Thusnelde!“ rief der ſchmerzlich ſuß uberraſchte Jüngling, und die Jungfrau ſank an ſeine hochſchla⸗ gende Bruſt und ihre feinen Wangen ſchienen mit Purpur uͤbergoſſen, und züärtlich leiſe lispelte ſie: „Nicht wahr, Du verachteſt Dein Mägdlein nicht?“ „Mein ſuͤßes, liebes Mädchen!“ wiederholte er in der feurigſten Aufwallung, indem ſein heißer Kuß auf ihren roſigen Lippen brannte. Da rauſchte es plötzlich draußen, man vernahm ſchwere Fußtritte, die Thuͤr ward langſam bedächtig geöffnet und herein trat der Hauspfaff in ſeinen Holzſchuhen, den Kranken zu beſuchen. Er hatte von der Umarmung des jungen Paars nichts bemerkt; Thusnelde war in den Fefſterbogen zuruckgetreten, und Siegmund ſaß heiter, mit bluͤhen⸗ den Wangen, die Geſundheit ſelbſt, auf ſeinem La⸗ ger. Der ehrliche alte Pfaff freute ſich daruͤber ſehr⸗ pries die Kraft des aufgelegten Wunderbalſams und machte Anſtalt, den Ritter aufs Neue zu verbinden. Alsbald verließ die Jungfrau das Gemach. Unter den Haͤnden des langſamen wohlbedächtigen Alten mußte ſich ja wohl der Sinnenrauſch des ſo angenehm Aufgeregten wieder verlieren; die Macht der erhitzten Phantaſie, der geſchmeichelten Eitelkeit entwich dem ernſtern Nachdenken, und bald zerfloß das zarte Bild der liebreizenden Thusnelde in ſanfte Regenbogenfar⸗ ben, und Mathilde ſtand in voller Himmelsglorie wieder vor ſeiner Seele.— Nachdem der Arzt ſein Geſchaͤft beendigt, ihn fuͤr vollig gefahrlos erklaͤrt⸗ und nun verlaſſen hatte, ging er, von einem raſchen Entſchluß ergriffen, im Zimmer auf und nieder.„Ja es kann nicht anders ſein,“ ſprach der Großherzige,„ich muß fort! augenblicklich ihr entfliehen, die mit ganzer Seele an mir hängt. Zwar wirſt Du klagen, trau⸗ ern armes Mädchen, indeß Undert die Zeit jeden Schmetz, auch Du wirſt den Mann vergeſſen, der nur Dein Freund, doch nie Dir mehr ſein, nimmer Dir ganz angehoͤren kann! Mich ruft ja meine Pflicht und Mathilde, meine Ma⸗ thilde!“— und augenblicklich ordnete er ſeinen leich⸗ ten Anzug, ſchlich ſich dann behutſam leiſe aus dem Gemach, uͤber den langen Gang, die Wendeltreppe hinunter, und gelangte unbemerkt, da es noch ſehr fruͤh war, bis in den Schloßgarten. Hier fand er fteilich das Pförtchen, durch welches man zur Fel⸗ ſenſchlucht gelängen konnte, und durch das er vorge⸗ ſtern mit ſeinem Gegner hereingekommen war, feſt verſchloſſen„ doch der von Eil Getriebene ließ ſich deßhalb nicht abſchrecken. Behend erſtieg er die hohe Mauer, da ihm zufällige Luͤcken in derſelben —— zu fußen erlaubten, ſprang dann muthig hinunter in das hohe Gras, ſchritt nach kurzer Erholung, zwar noch ſehr erſchuͤttert, durch den Felſengang, und hatte nun ſeine erwuͤnſchte Freiheit wieder. Noch einmal wandte ſich der Scheidende, rief ein ſchmerz⸗ liches:„Leb wohl, Thusnelde!“ und verſchwand dann in dem Walde. Ach, er ſollte das arme verlaſſene Maͤgdlein erſt nach langer Zeit wiederſehe ad wie wiederfinden! 5 Wir überlaſſen jetzt den Wildgrafen ſeinem Schickſal, und kehren zu dem alten Giesheim zu⸗ ruͤck, welchen wir im Walde ſchlafend verließen. Schon war der Tag angebrochen, als Siegmund, ſei⸗ ner ganz vergeſſend, von ihm eilend, dem Feinde folgte. Der ermattete Alte traͤumte eben von ſeiner wiedergefundenen Tochter, da ruttelte ihn Jemand heftig. Er erwachte, ſchlug die Augen auf und vor ihm ſtand ein kleiner Mann in einer braunen Kutte. Voller Runzeln war ſein ſonnengebraͤuntes Antlitz, ein langer Bart reichte ihm bis an den Güͤrtel hin⸗ ab; auf ſeiner Schulter hing eine Harfe. Der Mann. Gott gruß Euch! edler Ritter. Giesheim.(ihn neugierig muſternd) Ich danke ſchoͤnſtens! Der Mann. Wie es ſcheint, Ritter Gies⸗ heim, ſo habt Ihr eine große Reiſe vor? Giesheim. Du kennſt meinen Namen? Der Mann. Ein ſo tapfrer, edler Ritter iſt ja bekannt in ganz Schwabenland. Ich weiß auch das Ziel Eurer Reiſe. Giesheim.(ſtaunend) Biſt Du ein Seher, gotterleuchteter Prophet, oder ein Zauberer? — 90— Der Mann.(lächelnd) Keins von Beiden! und dennoch weiß ich es. Ihr zieht aus, Eure Tochter aus Räuberhaͤnden zu befreien. nen Begleiter, wo iſt er hin? Der Mann. Siegmund, Wildgraf von Roß⸗ burg(zußerſt erſchrocken) Gott! wenn er es gewe⸗ ſen wäre.—— Giesheim. Wie? was iſt's? was war mit ihm? 5 Der Mann. Heute, mit dem Fruͤhſten, wan⸗ 1 derte ich jenſeits dieſes Waldes, und traf da einen erſchlagenen Ritter. Noch friſch bluteten ſeine Wun⸗ BGiesheim. So iſt es wirklich!(indem er. 1 aufſteht und unruhig umherſchaut) Aber ich hatte ei⸗ .. den; er trug uͤber ſeinem adeligen Leibrock eine* weiße Binde. Giesheim.(in höchſten Schmerz ausbre⸗ chend) Gott im Himmel, ſo iſt er ermordet! Wo, wo fandeſt Du ihn? wo liegt ſein Leichnam? Dor Mann. Es jammerte mich, den Un⸗ gläcklichen, preisgegeben wilden Thieren und gieri⸗ gen Raubvögeln, in dieſer Wildniß liegen zu laſſen; indeß waren meine Haͤnde zu ſchwach, ihm ein Grab in der Mutter Erde zu graben. Ich ſchleppte alſo den Leichnam an einen nahen Fluß und ſtuͤrzte ihn hinein. Giesheim winkte dem Alten zu ſchweigen, ſaß lange in ſtummen Schmerz verſunken da, bis er endlich in die Worte ausbrach:„O Heiland der Welt! mein Siegmund, der theure Retter meines Lebens iſt todt, und mit ihm verſchwindet mit alle Hoff⸗ nung, meine ungluͤckliche Tochter je wieder frei zu ſehen.“ Der Mann. Nicht doch, edler Ritter, beru⸗ higt Euch! Eure Mathilde iſt in guten Händen, ihr geht es ſehr wohl. Viel Freude wartet Euer. Folgt mir, ich will Euch zu ihr fuͤhren! Giesheim. Iſt's moöglich!(faßt ungeſtum des Mannes Hand) O ſo wollen wir unſerm Heer⸗ bann entgegen, die Seinigen zur Eil mahnen und dann vereint mit ihnen meiner Tochter entgegen ſigen. Der Mann.(ächelnd) Gemach, ungeſi⸗ mer Herr, des Heerbanns beduͤrfen wir nicht; er wuͤrde uns ſchier hinderlich ſein. Erlaubt, daß ich mich des Wildgrafen ledigen Roſſes bediene. Sie ſahen ſich darnach um, es war Ver⸗ ſchwunden. 5 — „Wahrſcheinlich hat es ſein Herr mit ſi ic g nommen“ troͤſtete der Mann. „So mußt Du Dich entſchließen, auf dem meinigen mit fortzukommen,“ rieth Giesheim unge⸗ duldig, und da der kleine Alte hierzu beifaͤllig nickte, half er ihm ſogleich in den Sattel. Der Ritter nahm vor dem Gefaͤhrten Platz und fort gings in vollem Traben, bis man nach langem Ritt eine Heer⸗ ſtraße wieder erreichte. Doch kaum waren ſie eine Strecke darauf fort geſprengt, als der Alte ein jämmer⸗ liches Geſchrei ausſtieß und dem Ritter geſtand, er könne das ſchnelle Reiten nicht vertragen, und wuͤrde gewiß vom Roſſe ſturzen. Indeß ließ ſich der eilende Giesheim, nur an das Wiederfinden ſeiner Tochter denkend, dadurch nicht irren; bald hatte er die Bik⸗ ten ſeines Begleiters rein vergeſſen und ritt noch ſchaͤr⸗ fer. Eben hatten ſie wieder einen Wald erreicht, da gingen des Mahners Worte in Erfullung; er ſtuͤrzte ruͤcklings vom Roſſe. Erſchrocken hielt ſogleich der Ritter an, ſich nach dem Gefallenen umſehend, freute ſich indeß ſehr, als dieſer ſogleich in ein heftiges Ge⸗ lächter ausbrach, und nach einem mächtigen Sprunge wieder auf den Beinen ſtand.„Aber nun, geſtren⸗ — 93— ger Ritter,“ ſprach er etwas ernſter,„erlaubt mir zu Fuße neben Euch herzugehen. Ich möchte mich doch nicht mehr der Gefahr ausſetzen, den Hals zu brechen.“ Giesheim mußte es, wiewohl ungern, be⸗ willigen, und weit langſamer, als vcher⸗ ſetzten ſie ihre Reiſe fort. Der Mittag war tteß angebrochen, der Wald wurde immer dichter und wilder. Ein hefti⸗ ger Hunger fing an den alten Herrn zu quälen; er fragte den kleinen Mann, ob hier keine e 3 der Nahe ſei? „Nein,“ erwiederte dieſer,„wohl aber Raub⸗ thiere in Menge; wollt Ihr darauf Jagd machen? Doch ſoll es uns auch ohnedieß an Nahrung nicht mangeln, wenn Ihr mit mir vorlieb nehmen wollet.“ Nach dieſen Worten zog er ein kleines Ränzchen unter ſeiner Futte hervor, nahm ein weißes Brot daraus und reichte die Hälfte deſſelben dem Ritter. Beide ruheten jetzt ein wenig und hielten eine treff⸗ liche Mahlzeit. „Wer biſt Du denn eigentlich, ſonderbarer Freund?“ fragte jebt der neugierige Giebheim. — 94— kurze Antwort. „Und wann und wo werden wir ſie finden?“ fuhr Jener fort. „Noch ein wenig Geduld, bald!“ verſicherte der kleine Mann, indem er ſich's wohlſchmecken ließ. Weiter war auch Nichts aus ihm zu bringen⸗ Bei fernern Fragen des Ritters legte er den Finger auf den Mund, loͤſete dann ſeine Harfe, die er an des Roſſes Sattel befeſtigt hatte, griff in die Saiten und ſang mit wohltönender Stimme: Die Tapferkeit hat hohen Werth, Den jedes große Herz begehrt, Nur Edelmuth und Tapferkeit Den Mann zum aͤchten Ritter weiht! Wenn Felſen ſich entgegen thuͤrmen, Wenn Mauern feſte Burgen ſchirmen, Wenn tauſend Schwerter blend drohn, Erringt der Held doch ſeinen Lohn! Den höchſten Lohn, das hoͤchſte Gluck, Der Frauen holden Liebesblick, „Ein Fuhrer zu Eurer Tochter!“ lautete die — 6 Den Lorbeer fuͤr das Heldenhaupt, Den ihm kein feiger Weichling raubt. O Tapferkeit, du ſchonſte Tugend, Begeiſtre unſres Ordens Jugend; Dem Todtenbund ſei Tapferkeit Ein Wahlſpruch fuͤr die Ewigkeit! Noch einige raſche Akkorde, und der Sänger hing ſeine Harfe wieder an den Sattel und mahnete zum Abzug. Giesheim war alsbald hierzu bereitwil⸗ lig, doch warf er vorher die Frage auf:„Was iſt das fuͤr ein Todtenbund, deſſen Du in Deinem ſchoͤnen Liedlein gedachteſt? Sind es vielleicht jene beruͤchtigten Räuber in den ſchwurzen Rüſtungen?— O dann haſt Du Dich gewaltig mit dem Edelmuthe verrechnet. Tapfer moͤgen ſie wohl ſein, aber Schur⸗ ken ſind es, die ihres Ordens Iugend zu allen La⸗ ſtern, aber fürwahr nicht zur Rittertugend erziehen. Mordbrenner! die mir meine Veſte bei Nacht in Brand ſteckten, meine wehrhaften Männer erſchlu⸗ gen, und mir meine Mathilde raubten; Gott ver⸗ damme ſie Ale dafür!“— ſo eiferte der Sunn flammte. — 6 Lächelnd hoͤrte ihm ſein Gefaͤhrte zu, dann be⸗ gann er ernſt:„Ihr ſeid in großem Irrthum, lie⸗ ber Ritter! Nur Wahnwitzige oderFeiglinge, welche die ſchweren Pruͤfungen dieſer Tugendhelden bei der Aufnahme in ihren Orden nicht uͤberſtehen konnten und willig den Reizungen zu Suͤnd' und Laſter ſich ergaben, koͤnnen alſo ſprechen! Auch ſind alle Be⸗ ſchuldigungen, deren Ihr ſie anklagt, falſch!“ „Du willſt mich doch nicht Luͤgen ſtrafen?“ fuhr der Ritter hitzig auf,„was ich mit eignen Au⸗ gen geſehen——“ „War dennoch falſch;“ fiel der Mann ein.„Ja⸗ Ihr könnt die edeln Todtenritter wohl geſehen ha⸗ ben, doch ſie waren nicht als Eure Feinde da, ſie kamen vielmehr, die Graͤuel zu verhindern, die Raͤu⸗ ber zu ſtrafen. Leider zu ſpät!— Jene Ruchloſen hatten bei ihrer Ankunft die Flucht ergriffen, und des Ordens Ritter zogen ſich in ihre Verborgenheit zuruͤck.— Doch, ich habe ſchon zu viel geſprochen, mehr als ich verantworten kann.“—— Er ver⸗ ſtummte und ſprach lange kein Wort wieder. Der alte Giesheim verſank in tiefes Nachden⸗ ken. Die ganze Sache wollte ihm doch nicht recht 5— klar ſcheinens er fing an mißtrauiſch gegen ſeinen 6 Gefährten zu werden. Mancherlei Hinderniſſe legten ſich ihnen von nun an in den Weg und hemmten ihre Reiſe. Bald hatten ſie die rechte Straße verloren und mußten ſich durch das wildverwachſene Gehoͤlz einen Ausgang bahnen; bald kamen ſie an moraſtige Stellen, wo nur zu Pferde durchzukommen war, Der kleine Mann ſah ſich dann genöthigt wieder mit aufzuſitzen; dieß verurſachte jedes Mal unangenehmen Aufenthalt, oder man gerieth wieder dahin, wo man vor mehreren Stunden ſchon geweſen war. „Sind wir denn verzaubert in dieſen verdamm⸗ ten Wald?“ rief der Ritter unwillig aus,„oder re⸗ giert der böſe Feind hier?“ Sein Begleiter zuckte die Achſeln und ſchwieg. Die Nacht brach an, unheimlich und finſter. Giesheim verſchlief auf hartem Erdboden das Grauen, welches ihn uͤberfiel, aus wirklicher Ermuͤdung. Der kleine Mann hingegen ſchien indeß viel Wacht zu halten und nur wenig zu ſchlummern. Den Tag darauf erfolgte daſſelbe zweckloſe Herumirren.„Mir deucht, wir bewegen uns immer in einem großen — 98— Kreiſe und ſind behert,“— bemerkte mit gerunzel⸗ ter Stirn der Ritter. Sein Begleiter zuckte abermals die Achſeln und ſchwieg; doch erfreute er den Hungrigen durch ein friſches Brot aus ſeinem Ränzchen, das dann auch ſogleich nebſt einigen genießbaren Waldwurzeln ver⸗ zehrt ward. Ehe der Abend wieder eintrat, bemerkten die Wanderer durch eine lichte Stelle die Thuͤrme einer uuf hohem Felſen gelegenen Burg.„Gelobt ſei Gott!“ rief der Ritter freudig aus,„ort winkt uns ein gaſtliches Obdach!“ „Nein, nein, nein!“ wendete der Gefaͤhrte hef⸗ tig ein,„der Tod! ſobald wir dieſes Raubneſt be⸗ treten. Geſchwind, laßt uns fliehen, daß wir hier voruͤber kommen!“. „Ei bewahre!“ entgegnete Giesheim ärgerlich; „da will ich doch lieber mit den verworfenſten Schnapp⸗ hähnen zu thun haben, als noch eine Nacht in ſol⸗ cher Wildniß unter Zauberern zubringen. Willſt Du mir nicht folgen, ſo bleib hier; ich habe Nichts dagegen!“ Er machte wirklich Anſtalt nach der Veſte aufzubrechen. „Seid Ihr ein Ritter! und könnt ſo wenig Beſchwerlichkeiten ertragen?“ ſpottete der klene Mann;„ſeid Ihr ein zärtlicher Vater, der morgen Abend ſeine Tochter wieder umarmen kann, und ſie dennoch aus kleinlicher Furcht unbarmherzig fremden Haͤnden uͤberlaſſen will, aus denen ſie dann nie mehr zu retten iſt?“— 5 Dieß wirkte.„Ich folge Dir!“ rief Giesheim entſchloſſen,„und fuͤhrte uns der Weg durch die Höoͤlle ſelbſt.“ Sie zogen raſch weiter. Groͤßtentheils hatte der Ritter ſein Pferd fuͤhren muͤſſen, jetzt ward der Pfad etwas lichter, und man konnte wieder aufſitzen. Doch bald uͤbereilte ſie die Nacht, es wurde alſo be⸗ ſchloſſen, auf einer kleinen Anhoͤhe zu raſten. Die Finſterniß, welche den ohnedieß ſchon bewoͤlkten Him⸗ mel ſchneller als gewöhnlich deckte, lud zum Schlaf ein. Giesheim konnte ſich deſſen wenig erfteuenz er ſchlummerte nur ſehr unruhig. Witternacht mocht' es ſein, da hoͤrte der Halbwachende ein gtohes Ge⸗ räuſch und Roſſeshufſchlag. Sich tiſch auftichtnd Ritter und Knechte mit brennenden Fucke 5 und ins Thal hinabblickend, gecahrte er bald vile — 100— Der darüber Betroffene ſah ſich nach ſeinem Gefährten um, ihn darauf aufmerkſam zu machen, doch dieſer war verſchwunden. Seine Augen wurden indeß ſogleich wieder an die wunderbare Seene gefeſſelt, die ſich ihm jetzt darſtellte. Die Ritter und Knechte ſchloſſen einen Kreis, führten einen gefeſſelten Juͤngling in denſel⸗ ben, und ein ganz Geharniſchter zuckte eben einen Dolch auf deſſen Bruſt, als Giesheim, den Gefeſ⸗ ſelten naͤher betrachtend, nun beim hellen Fackelſchein ſein Antlitz genau erkennen konnte. Plötlich von einem herzerſchuͤtternden Schrecken getroffen, wie erſtarrt, wie vernichtet ſaß er da, wollte rufen, und vermocht' es nicht.— Es war Sieg⸗ mund, Wildgraf von Roßburg, ſein Freund, ſein Retter, den der Geharniſchte niederſtoßen wollte, und es ward ſchwarz vor des alten Mannes Augen, die Sinne ſchwanden ihm, er it ohnmaͤchtig auf die Erde zuruͤck. Lange mußte der ſo tief Ergriffene gelegen ha⸗ ben, denn die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, als Leben und Beſinnung ihm wiederkehrien. Sein Gefährte, nichts von dieſer Ohnmacht —— ahnend, ſaß an ſeiner Seite, und ſchien ſehnlich ſein Erwachen zu erwarten.„Haſt Du geſehen?“— fragte der Ritter ſchnell, indem ſeine Augen nach der Stelle ſtarrten, wo vorige Nacht das Grauenvolle vorgefallen. „Was ſoll ich geſehen haben?“ fragte Jener gleichgultig;„die Königin des Tages leuchtet freund⸗ lich, drum laßt uns aufbrechen! Ihr habt lange ge⸗ ſchlafen.“ Da ihm nun Giesheim Alles erzählte, was ihn in todtenähnliche Ohnmacht verſetzt, lachte der kleine Mann laut auf und ſchalt jene Schreckensbil⸗ der einen böſen Traum, doch ohne den Ritter davon uͤberzeugen zu koͤnnen. Dieſer, ſich des Ganzen zu genau bewußt, verſiel in eine finſtre Schwermuth und folgte dem voraus eilenden Gefährten tief ſeuf⸗ zend und traurig nach. Den Ritter aufzuheitern, ſuchte der kleine Mann jetzt mancherlei hervor.„Wir ſind nun ſchon ſeit etlichen Tagen Reiſegefährten,“ ſagte er unter andern„„und Ihr wißt noch nicht einmal meinen Namen. Nennt mich Wallram! Auch wird nöthig ſein, Euch kund zu thun, daß ich Euch heute einige Mal verlaſſen t— muß. Wollt Ihr mich indeß bei irgend einer Ge⸗ fahr wieder haben, ſo ruft nur meinen Namen in die⸗ ſes Horn, es giebt einen ſtarken Schall, um es weit und breit zu hören.“ Er zog das Erwähnte aus ſei⸗ ner Kutte, und reichte es ihm. „Deine Vorbereitungen gefallen mir nicht,“ ſagte Giesheim finſter.„Sollen wir uns denn noch länger hier herumtteiben?“ „Heut Abend iſt Alles überſtanden, und wie ſind am Ziele,“ verſicherte der Troͤſter, öffnete ſein Raͤnzchen und brachte wieder ein friſches Brot hervor⸗ „Biſt Du ein Zauberer?“ rief der ſtaunende Ritter,„bei allen Heiligen! es kann nicht anders ſein⸗ Und iſt dieß,“ das Brot betrachtend,„auch reine Gottesgabe, geniesbar fuͤr gute Chriſten?“ Wallram ſchlug ein Kreuz, brach das Brot mit den Worten: Gelobt ſei Jeſus Chriſt!“ und reichte ihm dann die Hälfte. Der Zweifler nun, uͤberzeugt es mit einem guten Geiſte zu thun zu haben, ließ ſich's trefflich ſchmecken. Bald nachher, beim Umbeugen um eine Wald⸗ ecke, war der kleine⸗Wallram plotzich verſchwunden. Der alte Ritter, ſeiner frühern Worte eingedenk⸗ — 103— blieb ganz ruhig, langſam weiter ziehend. Da kam aus der Ferne ein Ritter in praͤchtiger voller Ruͤ⸗ ſtung, doch zu Fuß, ihm entgegen geſchritten. Gies⸗ heim machte Halt, und erwartete den Näherkommen⸗ den.„Ha, Du kommſt mir wie gerufen, Grau⸗ kopf!“ herrſchte ihn dieſer an,„ollſt mir einen Dienſt erzeigen und etwas dabei verdienen.“ „Ich bin kein Soͤldner, der um Lohn dient!“ erwiederte der alte Ritter ſtolz;„doch kann ich Euch behuͤlflich ſein mit Rath und That, in einer Ehren⸗ ſache,— ſo bin ich's gern erbötig.“ „s iſt nur ein galanter Strauß,“ lachte der Gegner,„woran mir aber viel gelegen. Seht, alter Herr: ich liebe bis zur Raſerei die Braut eines jun⸗ gen Laffen, und, ſtraf mich Gott! ich muß ſie be⸗ ſitzen. Jetzt bietet ſich die geſ Gelegenheit da⸗ zu dar.——“ Während des Zuhörens vetſitete⸗ Gies⸗ heims Angeſicht immer mehr; er maß mit verächtli⸗ chem Blick den Sprecher, welcher fortfuhr:„Auf dieſem Wege wird das Pärchen in einer Viertelſtunde daherkommen. Sie reitet einen weißen Zolter und trägt auf der Schwanenhand den Falken; er bläht — 104— ſich auf ſchwarzem Roſſe, im grünen Jagdwamms. Wir fallen ſie an; den Fant hau' ich in Kochſtuͤcken, Ihr ergreift das Liebchen, nehmt es vor Euch auf's Roß, und reitet mit Eurer Beute bis zur verfallenen Koh⸗ lerhuͤtte dort, wo Ihr meine Ankunft zu erwarten habt.“ Giesheim knirſchte und ballte die Fauſt. „Drauf ſtoß' ich in's Horn, rufe meine jenſeits lagernden Knechte herbei, und erklaͤre ihnen, der Er⸗ mordete habe mich durch freche Rede zum Zorn ge⸗ reizt, wofuͤr ich ihm denn ſeinen Lohn gegeben, was mir ſelbſt im Gottesurtheil zu behaupten leicht wird, dieweil kein Augenzeuge dieſer That gegen mich auftreten kann.—“ Giesheim ſpie aus vor Abſcheu. Der Böſewicht ließ ſich nicht ſtören.„Nun finden wir Euch, wie zufallig, in der Koͤhlerhuͤtte. Ich habe vorher meinen Harniſch, den hier Niemand kennt, dieweil ich ihn erſt ſeit kurzem einem wel⸗ ſchen Abenteurer im Wuͤrfelſpiel abgewonnen, gegen einen ſchlechtern verwechſelt, und fange an recht zärt⸗ lich mit dem Taͤublein zu ſcherwenzeln. Welch Wei⸗ berherz tonnte wohl ſuͤßen Schmeicheleien widerſte⸗ ——— * —— hen? Sie wird mir freundlich zulächeln, ich unter⸗ handle jetzt mit Dir, ihrem Raͤuber! biete fuͤr das Kleinod zehn wichtige Goldguͤlden, Du ſagſt ja und ſtreichſt fur die leichte Muhe das ſchwere Sůmm⸗ chen ein.“ „Abſchaum der Hölle!“ brüllte Giesheim faſt raſend;„mir das?!“— und ſein Schwert blitzte uͤber des Teufels Haupte. Der feig Zuruͤckweichende ſtieß in ſein Horn, und ſiehe, der Wald belebte ſich ploͤtzlich, von allen Seiten ſtuͤrzten Kriegsknechte hervor.„Dieſen da greift mir,“ donnerte der Beſchimpfte,„und bringt ihn lebendig! er ſoll im eiſernen Kaͤfig an der hoͤch⸗ ſten Thurmzinne meiner Burg aufgehůngt werden, ſein Leben lang!“ Dieſe Drohung erfullte den alten, ſonſt unver⸗ zagten Ritter mit Entſetzen. Hoch ſtraͤubte ſich ſein graues Haar, zum erſten Mal, am Abend eines thatenreichen Lebens, wendete er ſich zur Flucht vor den Lanzenknechten, die ihn bis zu einem breiten, den Weg obſchneidenden Fluſſe trieben. Jetzt galt's!— entweder ſich hineinſtuͤrzen, oder gefangen werden. Der Verfolgte waͤhlte das Erſtere, ſprang —— kühn in die Fluthen, und erreichte gluͤcklich das jen⸗ ſeitige Ufer. Schnell wollte er weiter eilen, denn die Furcht ließ ihn die Feinde ſchon wieder hinter ſich erblicken,— doch ein naher hoher Felſen hemmte ſeinen Lauf. Von Angſt gefoltert rannte er umher, bemerkte eine Hoͤhle, ſtuͤrzte hinein, und ſank vor Ermattung nieder. Er horchte lange auf den Fuß⸗ tritt der ihm nachkommenden Feinde; das lauſchende Ohr vernahm nichts, man mußte alſo ſeine Spur verloren haben. Doch bald fing ein neuer Feind an, den Armen zu guälen, der heftigſte Hunger.„O+ Wallram, hilfreicher Freund, wo biſt Du mit Dei⸗ nem lieben Ränzchen“ rief der Seufzende.„Ob er wohl kommen kann, wenn ich ihn rufe in meiner Noth?“— Er griff raſch nach dem ihm um die Schul⸗ ter hangenden Horne, ſchrie hinein, und es gab ei⸗ nen ſchrecklichen lauten Ton von ſich, daß er ſelbſt daruber erſchrak. Da erhob ſich üͤber ihm ein Ge⸗ 1 raſſel wie im ſtärkſten Hammerwerke; Alles ſchien zuſammenſtuͤrzen zu wollen. Plötzlich fuhr klirrend ein ſtarkes eiſernes Gitter am Eingange der Höhle herun⸗ ter, und der ungluͤckliche Giesheim war gefangen. ſi. —— Zweiter Abſchnitt. 3 Wo iſt Siegmund, der großherzige ſtreitbare Held, dieß Muſter deutſcher Ritterſchaft? Dort finden wir ihn im Walde ſtandhaft entflohen dem gaſtfreundli⸗ chen Schloſſe, den Liebkoſungen der zaͤrtlichen Thus⸗ nelde, um den Freund und ſeinen Heerbann ſehn⸗ ſuͤchtig aufzuſuchen und dann zu vollbringen, was Liebe, Pflicht und Ehre ihm gebieten. Alle ſeine Nachforſchungen, ſeine ängſtlichen Bemuhungen deß⸗ halb blieben leider fruchtlos; kein Menſch war zu hoͤren noch zu ſehen; ein boͤſer Dämon ſchien ihm die Krieger durch Zaubermacht entfuͤhrt zu haben. Nach langem Herumirren traf der Wildgraf einen Köhlerburſchen; auch dieſer konnte ihm keine Aus⸗ kunft geben, bemerkte indeß, daß der Zug ſich wahr⸗ ſcheinlich linker Hand nach dem goßen Fluſſe ge⸗ —— wendet, dort den Furth gefunden habe, und uͤberge⸗ ſetzt ſei.„Und wo gelangt man dann hin?“ fragte Siegmund. „Ei nun, kaum tauſend Schritte davon iſ ja die breite Heerſtraße nach dem Baiernlande,“ lautete die erfreuliche Antwort. „Ha gut!“ nickte der Befriedigte,„jetzt weiß ich, was mir noͤthig; ſicher ſind meine Leute dorthin, und in der Hoffnung, ich habe den Ritter, aus Schonung fuͤr ſein Alter, abſichtlich heimlich verlaſſen und ſei ihm vorausgeeilt, ruhlg fortgezogen, in der Hofſnung, mich bereits am Ziele wieder zu finden.“ So troͤſtete ſich der Wildgraf, und der Koͤhlerbur⸗ ſche mußte ihn ſogleich bis zum Fluſſe leiten und ihm den Furth zeigen. Unterweges bemerkten ſie wohl, daß kuͤrzlich mehrere Reiter hier geweſen ſeien, denn die Erde war ſehr zerſtampft. „Hobt keine Furcht, lieber Herr,“ ſagte der Bur⸗ ſche noch beim Fortgehen,„die Stelle iſt nicht tief, geht ja den Gaulen kaum bis an die Steigbuͤgel; wetdet ſie alſo leicht durchwaden koͤnnen.“ Dieß hatte ſeine Richtigkeit. Bald befand ſich der Held am jenſeitigen Ufer, nun raſch auf die be⸗ ———— zeichnete Heerſtraße zuſchreitend. Sie war erreicht als ein Wirthshaus dicht am Wege den ſehr Erſchopften — 109— und auf derſelben eine ziemliche Strecke zurückgelegt, zur Einkehr mahnte. Nachdem er ſich einen Be⸗ cher Wein und etwas Imbiß hatte geben laſſen, forſchte der Wildgraf nach ſeinen Kriegern bei dem Schenkwirth. „Seit acht Tagen,“ berichtete dieſer,„iſt's ſehr leer auf der Straße geweſen. Außer einem Minne⸗ ſanger, drei Pfaffen, mehreren Kaufherren mit Ge⸗ leit, und etlichen Abenteuerern habe ich nichts be⸗ merkt. Ein reiſiger Zug entgeht unſern Augen nicht, 's muͤßte denn das wüthende Heer ſein, vor welchem Spuk uns der Herrgott gnaͤdiglich bewahren wolle!“ Eine außerordentliche Unruhe bemächtigte ſich Siegmunds bei dieſer unangenehmen Nachricht. Jetzt waren ſeine freudigen Hoffnungen mit einem Male wieder vernichtet. Wo in aller Welt koͤnnen ſie nur hingerathen ſein? dachte der Beſorgte; Speiſe und Trank blieben unangeruͤhrt, ſo ſehr er beides auch bedurfte. Seine Aufmerkſamkeit ſolte bald auf einen andern Gegenſtand gelenkt werden. In Wirthshaus ſtürmte ein Ritter mit vielen Gewaſt⸗ — 110— neten; die geräumige Gaſtſtube ward gedrängt voll von ihnen. Sie warfen Helm und Eiſenhandſchuh ab, und nahmen an den langen Tiſchen Platz, beim vollen Humpen. Waͤhrend ihr Anfuͤhrer demſelben weidlich zuſprach, muſterte er mit Falkenblicken den Wildgrafen. Schon ſtark benebelt, ſprang er haſtig auf und donnerte ſeinen Gewaffneten zu:„Ergreift und feſſelt mir den Elenden! er iſt's, den wir ſuchen, bei meiner Ehre!“ Plitzſchnell ſtand der Bedrohte den Angreifen⸗ den gegenüber, doch dieſe, da er ganz ohne Ruͤſtung war, erdruͤckten ihn bald durch ihre Uebermacht. Man riß den Wehrloſen rucklings zu Boden, belaſtete ihn mit ſchweren Feſſeln und die Ergrimmten luden ih⸗ ren edeln Gefangenen auf ein Roß, zuͤndeten, da die Nacht ſchon angebrochen, Fackeln an, und zogen mit ihm auf naͤherem Wege, als er heute gekommen, wie⸗ der nach der Waldung zu. Siegmund, ergrimmt uͤber ſolch' unritterliche Behandlung, brach in bittre Vorwuͤrfe gegen den Anfüͤhrer, der ihm zur Seite ritt, aus. Dieſer fuhr wuthend auf:„Was? Du ſchaͤndlicher Bube, Du niedertraͤchtiger Verführer meiner unſchuldigen „ ———— — — 111— ter, willſt meinen gerechten Zorn gegen Dich noch mehr reizen? „Ich der Verfuͤhrer Eurer Tochter!“ fiel der Wildgraf heftig ein.„Bei Gott und meiner Ehre, Ihr verkennt mich! Nie ſah ich weder Euch noch Euer Kind.“ „Freilich mußte der ſchlaue Burſch mein Ange⸗ ſicht vermeiden,“ ſportete der ergrimmte Gegner,„um mit meinem Maͤgdlein im Geheim zu koſen, es zu entfuͤhren, Tod und Teufel! dank' es meiner Gnade, Schurke! daß ich Dich nicht ſogleich auf offner Heer⸗ ſtraße an den Schandpfahl knuͤpfen ließ, ſondern mit eigner Hand den Dolch der Barmherzigkeit in Dein ruchloſes Herz ſtoßen will!— Auf! ſputet Euch, Knechte! um bald die Gerichtsſtätte auf meinem Grund und Boden zu erreichen.— Bereite Dich zum Tode! ein ehrlich Grab ſoll Dir werden, dieß zu Deinem Troſte.“ Er ſetzte ſeinem Roſſe die Spo⸗ ren ein und ſprengte vor an die Spitze. Siegmund ergab ſich ſtandhaft, doch von jetzt an ſchweigend, in ſein trauriges Geſchick. Als man nun den Wald entlang zu einem ziemlich geraͤumigen Platz gekommen war, ſaßen Alle ab. ———————— S „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſprach der An⸗ fuͤhrer,„und ich will richten! Zuͤndet neue Fackeln an, ſchließt einen Kreis, dann fuͤhrt den Gefange⸗ nen hinein. Ohne des Prieſters Troſt, ohne Beichte und Sakrament ſoll er zur Hoͤlle fahren!“ Es geſchah, wie er befohlen, umter duͤſterm Schweigen. Siegmund ſtand da, kalt und ruhig, ein un⸗ ſchuldiger Maͤrtyrer, deſſen Gewiſſen rein iſt von der angeklagten Schuld, ſtandhaft ſeinem letzten Au⸗ genblick entgegen ſehend. Da trat vor ihn der Ge⸗ waltige mit blitzendem Dolche; ſchon ſchwang er den Arm, des Unſchuldigen Bruſt zu durchbohren, doch plötzlich warf er den Mordſtahl zur Erde, lachte graäß⸗ lich auf und ſprach:„Nein, dieſe Strafe wäre zu mild für Dich! die jetzige Todesangſt ſoll nur das Vorſpiel ſein der Martern, welche Deiner noch war⸗ ten. Ein Jährchen buͤße vorher im ſcheußlichen Ver⸗ ließ meiner Burg, dann kommſt Du an den Schnell⸗ galgen Zeit genug!“— Und hier, in dem naͤmlichen Walde, war da⸗ mals Giesheim Augenzeuge dieſer gräßlichen Scene, —— 3₰— deren ſonderbaren Ausgang er freilich in ſeiner plöt lichen Ohnmacht nicht mehr wahrnehmen konnte. Empört uͤber ſolch unerhörte Grauſamkeit brach hier des gemißhandelten Wildgrafen Grimm in die heftigſten Worte aus, aber die rohen, frechen Krieger ſpotteten des Gefeſſelten und ihr harter Gebieter wůr⸗ digte ihn keiner Antwort.„Zu Gaule!“ donnerte er,„ich habe des Poſſenſpiels genug und ſehne mich nach dem heimathlichen Dache, um mir dort guͤtlich zu thun auf dem Faulbett beim vollen Humpen.“ Er beſtieg ſeinen Hengſt, der Zug ordnete ſich, nahm den Gefangenen in die Mitte, und fuͤrbaß ging's in möglichſter Eile. Nach kurzem Wege ſchon errteichte Kurt von Wildburg, ſo nannte ſich Siegmunds Peiniger, mit ſeiner Schaar, die nah am Walde gelegene Stamm⸗ burg. Ein widriges Ruͤdengeheul erhob ſich beim Eintritt in den Schloßhof; Knechte rannten fluchend und tobend wider einander, fuhren Ruſtwagen bei Seite, räumten Pferdekrippen und anderes Geräth hinweg, kurz es ſchien hier eine Unordnung zu herr⸗ ſchen, die wenig Zucht und Sitte verrieth. Welch eine Ausſicht fuͤr den armen Gefangenen!—„Hier, 8 unter dieſen Barbaren werd' ich wahrſcheinlich durch Nachläſſigkeit in meinem Ketker bald vergeſſen ſein und dem ſchmählichſten Hungertode preis gegeben werden.— O ewige Barmherzigkeit, warum mußte er den Dolchſtoß nicht vollbringen und mein qualvol⸗ les Leben mit einem Mal endigen?“ ſo feufzte der ungluͤckliche, und tiefe Schwermuth erfullte ſeine Seele. p „Geſtrenger Herr,“ nahte ſich eben der alte Burgvoigt, ſeinem vom Roſſe ſteigenden Gebieter demuͤthig herab helfend:„Geſtern Abend fingen un⸗ ſere Knechte einen Freihart, der wahrſcheinlich, aller Beſchreibung nach, der niederträchtige Verfuͤhrer Eu⸗ rer ſchoͤnen Tochter iſt, unten im Forſte.“ „Was? wie?“ erfolgte deſſen haſtige Antwort.— „Sollte der Schwarze mir ein& für ein U gemacht haben?— Wo, wo habt Ihr ihn?“ „Zum Teufel iſt er wieder, wo er hin gehoͤrt,“ erwiederte der achſelzuckende Burgvoigt.„Leider lie⸗ hen ihn die Memmen an der Zugbruͤcke wieder ent⸗ wiſchen, weil er ihnen grimmig die Zähne wies. Ein abſcheulicher Fluch entfuhr den Lippen des erzurnten Gebieters.„Gleichviel!“ fuhr er dann ſich — 115— ſelbſt beſänftigend fort:„Dieſer oder Jener,— Ei⸗ ner muß buͤßen!“— Indeß brachte dieſer Vorfall, den Kurt von Wildburg bei kälterm Blute dennoch beruckſichtigt zu haben ſchien, dem Wildgrafen ein beſſeres Ge⸗ faͤngniß nebſt leidlicher Koſt. Was nuͤtzte ihm je⸗ doch aus vergittertem Thurmfenſter ſeines Kerkers die ſchöne Ausſicht in Gottes freie Natur?— er mußte ja hinaus zu ſeinen Lieben, mußte ſeine Ma⸗ thilde befreien aus den Haͤnden eines treuloſen Waf⸗ fenbruders, mußte den Todtenrittern Verderben brin⸗ gen, dem thatenreichſten Leben entgegen eilen.— Ach, und ſaß hier gleich dem gemeinſten Suͤnder, belaſtet mit Ketten, des Schimpfes, der Schande!— und unſaͤglicher Schmerz zerriß die junge Heldenbruſt. Die erſten drei Tage brachte der alte Burg⸗ voigt ſelbſt dem Gefangenen regelmäßig ſeine Nah⸗ rung, doch ohne ein Wort mit ihm zu ſprechen⸗ Nachher kam zuweilen ſtatt ſeiner eine einfach, doch ſehr ſauber gekleidete Dirne von auffallender Schoͤn⸗ heit. Sie ſchien unter fremder Zone geboren, die Glut des Suͤdens blitzte aus dem ſchwarzen Auge, und rabenſchwarzes, langes Haar in geflochtnen Z6⸗ . 8 — 116— pfen um die erhabene Stirn gewunden, gab dem ovalen feinen Antlitz ein faſt griechiſches Anſehen. Sich tief und ſittſam zuͤchtig verneigend, ſetzte ſie dann Speiſe und Trank hin, verweilte manchmal mehrere Augenblicke, den Ritter recht theilnahmvoll und wehmuͤthig mit ihren Flammenaugen betrachtend, wobei man aber wohl ſah, daß nur ſtrenges Ver⸗ bot ihr den roſigen Mund verſchloß. Siegmund, zu ſehr in ſeinen Gram verſun⸗ ken, nahm wenig Ruͤckſicht auf das ſiebenzehnjaͤhrige Maͤdchen, das, deſſen gewaltſam unterdruͤckte Seuf⸗ zer wohl bemerkend, vom herzlichſten Mitleid ergrif⸗ fen, einen Entſchluß faßte, der weit ihren Jahren voranging, und ſeltene Kuͤhnheit und Charakterfe⸗ ſtigkeit erforderte. Ihm, deſſen leidendes Bild Tag und Nacht vor ihrer lebendigen Phantaſie ſtand, die Freiheit wieder zu geben, gelobte ſich die mik ſtarker Seelenkraft ſo reich Begabte, und gewiß, es mußte gelingen! 355 Acht fuͤr den beklagenswuͤrdigen Gefangenen qulvolle Tage waren nun bereits voruber und die Nacht war wieder angebrochen. Schlaflos warf er ſich auf dem duͤrftigen Lager herum, bis des Waͤchters — 11— Horn im Burghofe die eilfte Stunde verkuͤndete und erſt jetzt ein unruhiger Schlummer ſeine brennenden Au⸗ gen ſchloß. Da erweckte ihn ploͤtzlich aus wilden, verworrenen Traͤumen ein ſeltſames Geraſſel an ſei⸗ nes Kerkers Thuͤr. Er fuhr in die Höhe— richtig, es ward aufgeſchloſſen. „Ha, was ſtört Ihr meinen Schlaf!“ rief der Wildgraf heftig;„wollt Ihr bei dunkler Nacht, da⸗ mit man Eure Schamroͤthe nicht gewahre, einen Un⸗ ſchuldigen zur Schlachtbank fuͤhren? Macht's kurz, ich bin bereit!“ Die Thur offnete ſich, und es trat herein mit einer Blendlaterne kein Henker, wohl aber die ſchoͤne Klara, ſo nannte man des Burgvoigts mit⸗ leidige Tochter. Behutſam leiſe, dabei hocherröthend kam ſie näher und lispelte:„Nicht zur Schlachtbankt werd' ich Euch fuͤhren, werther Herr, wohl aber Euch die Freiheit wiedergeben.“ „Will man mit einem Mal alles Uebel, was ſie mir angethan, wieder gut machen, daß man mir einen Engel ſendet, die froͤhliche Botſchaft zu über⸗ bringen?“ fragte der freudig ſtaunende Wigtahei in⸗ dem er des Mägdleins Hand ergriff. —— „Ei bewahre, werther Herr,“ ſprach ſie, wie in Purpur getaucht, ſittſam ſich zuruͤckziehend,„wie könnt Ihr alſo denken? Eure Magd hat viel geweint uͤber Euer Ungluͤck, denn Ihr ſeid unſchuldig, mir ſagt's mein Herz! Jener freilich hat viel Jammer und Leid gemacht dem alten Vater, und zu dieſem böſen Menſchen wuͤrd' ich mich nie in das Gefäng⸗ niß wagen, um ihn frei zu machen.“ „Alſo Du willſt mir die Freiheit wieder geben, nicht der Burgherr?“ fragte der noch mehr Staunende. Sie nickte bejahend.„Aber um aller Heiligen willen verrathet meine Kuͤhnheit nie, ſo lang' Ihr lebt; verſprecht es mir! Auch můßt Ihr genau be⸗ folgen, was ich Euch jetzt ſagen werde, ſonſt ſind wir Beide verloren.“ Der Wildgraf bot ihr ſeine Rechte zum Hand⸗ ſchlag; ſie nahm ſie an, ſchlug ein und fuhr ſchnell fort:„Seht, lieber Herr; ich bin des Burgvoigts Tochter, Klara, und habe meinem Vater alle uns nö⸗ thigen Schluͤſſel heimlich entwendet, und mich in der Geiſterſtunde, wo Jedermann ſich vor Geſpenſtern furchtet, zu Euch hierher gewagt. Aber nun duͤrft auch Ihr nicht furchtſam ſein, doch Ihr ſeid ein — 119— Mann, gewiß auch ein Held! und Euern R möcht' ich wohl wiſſen, ehe wir ſcheiden.“ „Man nennt mich Siegmund, Wildgraf von Roßburg.“ „Ei dann ſeid Ihr ein gewaltiger Herr,“ ent⸗ gegnete ehrerbietig Klara. „In Feſſeln!“ laͤchelte der Ritter, ſeine Ketten ſchuttelnd. „Sie ſollen ſogleich geloͤſet werden,“— ſiel die Befreierin ein, ſuchte am großen Schlüſſelbunde, den ſie trug, einen Schluͤſſel, und die Banden waren geſprengt. Jetzt müßt Ihr mir muthig folgen; ich fuͤhre Euch weit, weit hinunter, in einen großen Keller, und geleite Euch durch dieſen zu dem unter⸗ irdiſchen Gange. Er iſt zwar lang und unheimlich, doch Ihr fuͤrchtet Euch ja nicht, nehmt auch mein Laternchen mit, nicht wahr?“ „Wie willſt Du, gutes Kind, aber ohne Licht wieder zurückkommen?“ wendete der Wildgraf ein⸗ „Meinetwegen habt keine Sorge,“ antwortete die Laͤchelnde.„Ich bin ja bekannt, ſchteiche mich im Finſtern wieder herauf, lang⸗ unbemerkt in mei⸗ ——————„ ven — * —— — nem Kämmerlein wieder an, huſch lieg' ich im Bett⸗ chen und will für Euch beten.“ „Was wird aber mit dem Schluſſelbunde?“ „Ach ja, den häng' ich zuvor wieder an den Nagel, ſeinen gewöhnlichen Platz in meines Vaters Gemach; deßhalb ſeid außer Sorgen, der ſchläft feſt. Nun weiter, was Euch noch zu wiſſen nothwendig:„haht Ihr das Ende des Ganges glücklich erreicht, ſo fin⸗ det Ihr eine Fallthuͤr, die man ohne große Mühe aufſtoßen kann, denn ſie iſt nur mit Moos kuͤnſt⸗ lich bedeckt, damit Fremde den heimlichen Ausgang nicht entdecken. Wir Burgbewohner kennen ihn zwar alle, benutzen ihn aber ſelten, nur bei außerordent⸗ lichen Fällen. Er hat ſchon ſollen verſchuͤttet wer⸗ den, doch unſere Leute ſind nachläſſig, und jetzt ein Gluͤck fuͤr Euch, hoher Herr Wildgraf, daß es noch nicht geſchehen iſt, er fuͤhrt Euch zur Freiheit am Eingange des Waldes. Nun haben wir Mondſchein, da könnt Ihr bald die Heerſtraße erreichen, weiter füehen, auch—— doch ich werde zu weitſchweifig,“ unterbrach ſich die liebe Plauderin.—„Was dann zu chun, wißt Ihr wohl ſelbſt! und mit dem Glok⸗ kenſchlag zwolf muß unſer vpra den, da ſind wir am ſicherſten vor Entdeckung.“ „So iſt es nothwendig, noch eine halbe Stunit hier zu vekweilen, bis zur vollen Mitternacht,“ be⸗ merkte der Wildgraf.„Und dieſe Zeit könnteſt Du, meine ſchöne Mitleidige, benutzen, mir zu ſagen, weß⸗ halb ich von dem grauſamen Burgherrn eigentlich ſo widerrechtlich gefangen und ſo unmenſchlich behandelt wurde. Man beſchuldigt mich, der Verführer ſeiner Tochter zu ſein!— Ich kenne ja weder ihn, noch ſein Kind, bin ein Fremdling in dieſer ganzen Gegend,— löſe mir ſolches Raͤthſel, dann nehme ich, ein Rit⸗ ter, den nie Furcht vor dem Tode zur heimlichen Flucht aus unverſchuldetem Gewahrſam je bewogen könnte, dankbar an, was Du mir bieteſt, die Freiheit!“ „Im Bewußtſein reiner unſchuld iſt dieß ſo⸗ gar Euch Pflicht! und ich danke es der heiligen Jungfrau, daß ſie mich zu Eurer Rettung erkor,“ verſicherte Klara ernſt⸗feierlich.„Unſer Herr, Ritter Wildburg, iſt ein tapfrer, edler, aber zuweilen har⸗ ter, aͤußerſt jaͤhzorniger Mann. Sein Weib, laͤngſt geſtorben, hinterließ ihm eine einzige Tochter. Ach, großen Jammer brachte dieß ſchöne Fräulein über N 0 22 —— das alternde väterliche Haupt. Bis in ihr achtzehn⸗ tes Jahr war ſie das liebevollſte, traulichſte Mägd⸗ lein Schwabens, und nur von da an wurde ſie gar tiefſinnig und verſchloſſen. Die Röthe ihrer Wangen erbleichte, halbe Nächte ſchlich ſie ſich davon in den Garten, und oft wollten die Wächter das Fräulein mit einem jungen Ritter vertraulich haben koſen ſe⸗ hen, der Beſchreibung nach, Euch ähnlich;— doch hatte Niemand ſein Angeſicht genau beobachten kön⸗ nen, denn ſcheu floh er jedes Mal, wenn Einer ſich nahete. Nach einiger Zeit bemerkte man nur zu deutlich, daß mein ungluͤckliches Fräulein—— ei⸗ nen Fehltritt begangen, die Schande ließ ſich nicht mehr verbergen. Denkt Euch den Schmerz ihres Vaters!— Schrecklich war der Jammer des alten Mannes, als er ſein einziges Kind, das letzte zarte Blütchen ſeines beruͤhmten Stammes, ſo entehrt ſah; fuͤrchterliche Rache ſchwur er dem Verfuͤhrer ſeiner Tochter; doch dieſer war entwichen, hatte die ver⸗ fuͤhrte, troſtloſe Agneſe verlaſſen. Die Normſte ver⸗ ſiel bei dieſer Nachricht in wilde Raſerei, und entfloh auch, aller Aufſicht ungeachtet, in einer Nacht. Troſt⸗ los wuͤthete der arm⸗ verlaſſene Vater gegen den lie⸗ — — 123— ben Gott und alle Menſchen, zerraufte wild ſein graues Haar und gelobte bei Ehr' und ewiger Se⸗ ligkeit, nicht eher der Ruhe zu genießen, bis der Boͤſewicht entdeckt und den ſchmählichſten Martern Preis gegeben ſei. Hierauf ritt er aus mit großem Gefolge, bei Tag und Nacht umherſpähend, da hat ein ungluckliches Geſchick Euch ihm in die Hände gefuͤhrt und boͤſe Leidenſchaft blendete ſeine Augen, daß——₰ doch das Uebrige habt Ihr ja leider zu ſchmerzlich niedergebeugt erfahren;“— ſie verſtummte mit thränenfeuchten Augen. „Um jetzt deſto erfreulicher durch Dich wieder aufgerichtet zu werden, trautes Herz,“ ſchmeichelte der Ritter, indem er ſie liebkoſend umſchlang, und die herabrollenden Zähren von der Wange kuͤſſen wollte. Ein Geräuſch an des Kerkers Thuͤr ſchreckte ihn zu⸗ ruͤck. Auch Klara vernahm es, bebte und betete lei⸗ chenblaß mit gefalteten Händen:„Alle gute Gei⸗ ſter.“—— Leiſe öffnete ſich die Thuͤr; vor Bei⸗ den, die heftiger Schrecken faſt in ſtarre Bildſaͤulen verwandelte, ſtand eine hohe, ſchwarze Geſtalt, be⸗ leuchtet durch ein magiſches Licht vorn am Gürtel des langen Talars. „Wie kommſt Du hierher, Dirnet“ fragte ſie mit hohler Stimme. Dieſe vermochte nicht zu antworten, ſondern ſank halb ohnmachtig an die kalte Mauer. Statt ihrer, ſogleich wieder ermannt, nahm der Wildgraf das Wort:„Weßhalb dieſ⸗ Jungfrau hierher ge⸗ kommen, darüͤber brauchen wir Niemandem Rechen⸗ ſchaft S Wer fie antaſtet, hat es mit mir zu thun!— „Ihr Ruf iſt rein und fleckenlos,“ murmelte die Geſtalt kaum hörbar.„Alſo nur in guter Abſicht? es ſei darauf gewagt!“ und zum Ritter gewendet, ſprach ſie gebieteriſch:„Ueberlaß die Dirne ihrem Schickſat, und folge mir!“ „Wohin?“ fragte der Ritter ſchnell. „Zur Freiheit!“ lautete die feſte Antwört. Siegmund.(aufmerkſam) Biſt Du ein gu⸗ ter oder boͤſer Geiſt? Geſtalt. Dein Freund! ein Menſch wie Du. Folge mir, ehe der Feind vom bleiernen Schlaf er⸗ wacht und Dich in neue Feſſeln ſchmiedet! Siegmund.(entſchloſſen) Ich folge Dir. „Um aller Heſtigen willen thut es nicht!“ flehte ängſtlich Klara, kaum noch zur vollen Beſinnung gekommen, vor Furchtund Schrecken zitternd und bebend, ſeine Knie umfaſſend:„Nehmt mich wenigſtens mit!“ „Mein Kind!“ wendete ſich der Wlggf ihr freundlich zu,„geh' Du getroſt auf Dein Kůmmer- lein zuruͤck und ſchlaf ſanft und ſuß. Mir ſteht kein Ungluͤck bevor, wenn ich mit dieſem gehe. Lebe wohl, Gott ſegne Dich! Nimm den Abſchiedskuß von Dei⸗ nem ewig dankbaren Schuldner.“ Er druͤckte ihn heiß auf des Mägdleins Stirn und ſchritt dann mu⸗ thig mit dem Fuͤhrer, der ihm bedeutſam winkte, leiſe aufzutreten, aus ſeinem Gefaͤngniß.— Das magiſche Licht des Vermummten ließ den Ritter deutlich erkennen, welchen Weg man nahm. Erſt ſtiegen ſie zwei kleine Treppen hinab, gelang⸗ ten dann in eine lange Gallerie, wo zwei Waäͤchter, ihre Spieße angelehnt, ſchnarchend ſchliefen. An die⸗ ſen kaum vorbei oͤffnete der Fuͤhrer mit ſeinem Schluͤſſel die Thuͤr eines großen Saales, der auch ſchnell durchſchritten ward. Hierauf wieder eine Gal⸗ lerie und Treppe in dem Hinterhofe, dort wieder zwei Wachtknechte, eben ſo feſt wie jene ſchlafend. Jetzt ſchlug eine Ruͤd an; der Vermummte ſchritt in ge⸗ — 126— flügelter Eile nach dem nahen Gewölbe, welches zur Kellertreppe führte. Da hinab ging's ſehr tief; unten mußten noch drei Thuͤren aufgeſchloſſen wer⸗ den, und jetzt zeigte ſich ein niedriger, dumpfiger Erd⸗ gang, wahrſcheinlich derſelbe, den ſchon Klara be⸗ zeichnet hatte. Stets gebuͤckt, faſt eine halbe Stunde lang, war dieſer Weg der beſchwerlichſte, doch das endlich erreichte Ziel deſto entzuckender. Der Fuͤhrer ſtieß eine Fallthuͤre auf, und hell leuchtete uͤber ih⸗ nen der prächtige Vollmond mit ſeinem glänzenden Sternenheer. Noch etliche Stufen erſtiegen, ſie ſtan⸗ den am Eingange des Waldes, und hochauf ſchlug Siegmunds Herz im wonnigſten Gefuhl der Freiheit. „Wir ſind am Ziele,“ ſagte der„und muͤſſen ſcheiden!“ „Willſt Du mich nicht Freund?“ ſagte der Wildgraf ſehr freundlich,„um reichen Lohn in meiner Heimath, mit großem Dank von mir zu empfangen.“ „Ich darf nicht!— doch wir ſehen uns wie⸗ der.“ So ſprach der Fuͤhrer, wendete ſich nach dem Waide zuruck und war bald im S ver⸗ ſchwunden. Der dankbare Siegmund rief ſeinem Befreier noch ein herzliches Lebewohl nach.— Da ſtand nun der zum zweiten Mal Entflo⸗ hene und wußte nicht, wohin er ſich wenden ſollte. Durchaus unbekannt in dieſer Gegend ſchlug r end⸗ lich den erſten beſten Weg ein, in der Hoffnung, auf Menſchen zu ſtoßen, die ihn entweder zuruͤck nach ſei⸗ ner Burg, oder in die nächſte Stadt leiten koͤnn⸗ ten, denn er bedurfte das Nothwendigſte: Geld, Klei⸗ dung und Waffen. Bilder der Vergangenheit, Pläne fuͤr die Zukunft verſenkten ihn in tiefes Nachdenken. Am lebendigſten trat das juͤngſt Erlebte wieder grau⸗ ſend vor ſeine Seele, und tauſend Vermuthungen durchkreuzten ſich, wem er wohl ſeine Rettung zu danken habe, die ſo geheimnißvoll ausgeführt ward. „Ha, gewiß hat mich mein Peiniger freiwillig wie⸗ der frei gegeben!“ rief endlich der Sinnende.„Er wird ſein Unrecht, das er mir angethan, zuletzt wohl eingeſehen haben, und hat, um ſich die Abbitte zu erſparen, den Schleier des Geheimniſſes gewählt und jenen Vermummten geſendet, mich in der Stille fortzuſchaffen. Gleichviel!— Aber Klara!— wie wih ie wegkommen?— MNatüͤrlich iſt nun das — 128 Vorhaben der ſchönen mitleidigen Seele entdeckt, und ſie dem Jaͤhzorn, der Wuth ihres grauſamen Gebie⸗ ters preis gegeben,— armes, armes Mädchen, o hätt' ich dieß ahnen können, keine Gewalt der Erde wuͤrde mich aus dem Kerker gebracht haben; fuͤr Dich koͤnnt' ich mein Leben“—— Dieß Selbſtgepräch ward durch drei Reiter unterbrochen, die ploͤtzlich ſeine ganze Aufmerkſamkeit feſſelten. Sie kamen die Straße herauf, das helle Mondlicht ließ ihre Ruͤſtungen deutlich erkennen; es waren Todtenritter. Der Wildgraf erbebte, ſein Auge ſprühte, er flammte auf:„Ha, Raubvögel! treff' ich Euch— iſt vielleicht Euer Neſt hier in der Naͤhe?“ „Mäßigt Eure Rede, Hetr Wildgraf von Roß⸗ burg,“ ſagte der Erſte ruhig. „Folgt uns!“ der Zweite. „Man erwartet Euch!“ der Dritte⸗ „Ha, mir Wehr und Waffen! und ich wollt Euch meine Antwort knirſchend auf die Schädel don⸗ nern!“ entgegnete der Wildgraf. „Sie ſollen Euch werden,“ ſprach der Erſe wieder.„Folgt uns! und findet Ihr dort, wo Euch Erfteuliches erwartet, noch fuͤr nöthig, uns herauszu⸗ — 129— fordern, ſo wird ein Jeder Euch gern auf Schwert und Lanze zu Dienſten ſtehn.“ Der Wehrloſe, wohl fuͤhlend, daß hier weder Flucht noch Widerſtand moͤglich ſei, gab im finſtern Unmuthe ſeine Einwilligung. Sogleich ſtiegen die Reiter ab, und ihre Roſſe am Zaum, den Wildgra⸗ fen in ihrer Mitte, gings fort querfeldein ziemlich weit, bis zu einem Tannenwalde, in welchem bald ein hoher Felſen den Pfad abſchnitt. Bis hierher hatte man kein Wort geſprochen. In kalter Reſi⸗ gnation uͤberließ ſich Siegmund der Tucke ſeines feind⸗ ſeligen Schickſals, die er leider jetzt zu vielfach er⸗ fahren. Ganz gleichguͤltig war es ihm daher, als der erſte Ritter bei einer Höhle des Felſens ſagte: „Hier durch gehrs nun, zum Ziele!“ „Zum Tode!“ murmelte der Wildgraf, und folgte dem Voranſchreitenden, welcher bald in der darin herrſchenden Dunkelheit verſchwand, feſten Trit⸗ tes. Doch kaum ſechs Schritt vorwärts, da ſank der Boden unter ihm, und, o Entſetzen! tauſend Dolche ſchienen ſeine Bruſt zu zerfleiſchen, als er ſich wieder in der Mitte der verhaßten Todtenritter befand. Sie waren in derſelben Stellung, wie er 9 — 130— ihre Verſammlung das erſte Mal traf. Der alte Greis ſaß wieder auf ſeinem Throne und ſchien eben Gericht gehalten zu haben. Rache und Verzweif⸗ lung kochten in dem Herzen des ungluͤcklichen Ge⸗ fangenen, ihre ſchrecklichen Spuren äußerten ſich auf ſeinem bleichen Antlitz. Der Greis bemerkte es, und nahm das Wort:„Edler Juͤngling, ſei uns will⸗ kommen! Du haſt ſchwere Prufungen mit männli⸗ chem Muthe uͤberſtanden, und es wird nun Zeit, daß wir den Schleier heben und Dich unſere Ge⸗ heimniſſe durchſchauen laſſen.“ Siegmund. Ich mag nichts von Euch hoͤ⸗ ren, Raͤuber, bin zum zweiten Mal in Eurer Ge⸗ walt, und verlange den Tod! Greis. Aller Anſchein iſt wider uns, Du kannſt uns freilich fuͤr nichts Beſſeres halten!— Doch ſoll ſich jetzt die Maske wenden, die dunkle Schattenſeite der hellen Lichtſeite weichen und dieſe Dir in ganzer Glorie entgegen ſtrahlen! Siegmund. Zu was unnuͤtz Wortſpiel, das ich nicht verſtehe. Zeugt nicht die Thatſache ſelbſt wider Euch, Mordbrenner! willſt Du ehrlicher Leute Zeugniß Lügen ſtrafen, ſcheinheſliger Böſewicht? „ — —ůů — 131— Waret Ihr es nicht, die des alten redlichen Gies⸗ heims Veſte in der Nacht überrumpelten, ſie im Brand ſteckten, ſeine Leute erſchlugen, meuchlings morde⸗ ten?!— und wer raubte die unſchuldige Mathilde? Greis.(lächelnd) Du haſt Recht, ſo mußte man glauben. Indeß verhält es ſich ganz anders. Hoͤre mich ruhig an, unterbrich meine Worte nicht, und ich bin uͤberzeugt, Du wirſt dann Thränen der Reue und Scham weinen, Männer verkannt und geläſtert zu haben, die Dir wohlwollen; Siegmund von Roßburg wird die Stunde ſegnen, welche ihn in unſere Mitte fuͤhrte. Siegmund.(feſt) Rede! Greis. Der Bund der Todtenritter ward im Jahr 902, nach einer mörderiſchen Schlacht mit den Hunnen, die damals das deutſche Vaterland hart bedraͤngten, von einigen alten in den Waffen ergrau⸗ ten edeln Kriegern geſtiftet. Hundert Jahre lang er⸗ hielt er ſich in voller Reinheit; die ſtrengen Ordens⸗ regeln wurden puͤnktlich befolgt, kein Mackel haftete an einem Todtenritter. Leicht ward es jedem tapfern Mann, in dem Bund aufgenommen zu werden, denn die damaligen Ritter hatten Gott vor Augen und „⸗ 9* — 132 beſtrebten ſich ſtets edel und rechtſchaffen zu handelh. Aber jetzt kam eine Zeit, wo das Fauſtrecht ſehr uͤberhand nahm, wo jeder auf ſeiner Burg tyran⸗ niſch herrſchte und die Ritter anfingen, boͤſe, ja oft ſogar zaghafte, nur im Hinterhalt lauernde Raͤuber zu werden. Nun wurde es nothwendig, die Edelſten und Tapferſten zu Bundesbruͤdern herauszuſuchen; wie konnte es anders geſchehen, als durch viele ſchwere Pruͤfungen? Siegmund ward aufmerkſamer. Der Greis fuhr fort: Hatte man in einem Gaue Schwabenlands den Ritter gefunden, deſſen Herz und Arm des Ordens Beruͤckſichtigung verdiente, ſo brachte man ihn in unſere Mitte bei feierlicher Ver⸗ ſammlung. Zuerſt verlangte man von ihm eine That, die jeder Rechtliche verabſcheuen mußte. Man drohte ihm mit dem qualvollſten Tode, wenn er ſich weigere, ſie zu vollbringen. War er ſchwach genug, ſich dadurch ſchrecken zu laſſen, ſo wurde er ſogleich entlaſſen, man ſah ihn nie wieder. Dem Stärkern verſprach man Aufnahme in den Orden, und ent⸗ huͤllte ihm deſſen Zweck und Grundſätze. Der Zweck war Genuß, die Grundſatze: Suche Dir ihn zu verſchaffen, gleich viel, auf welche Art; die Bruder * —.— — —.— — werden Dich unterſtutzen. Ließ er ſich blenden, dann war ſein Urtheil geſprochen, er fuͤr uns verloren und fuͤr immer verächtlich abgewieſen. Mit dem Stand⸗ haften, auf dem Wege der Tugend feſt Beharrenden⸗ dem angedrohten Tode muthig Trotz Bietenden, ward jetzt zur zweiten Probe geſchritten. In viele Gefah⸗ ren, ſelbſt dem Anſchein nach uͤbernatuͤrliche Lagen ſtuͤrzten wir ihn, erlag hier ſeine Kraft und Aus⸗ dauer in den letzten ſchwerſten Pruͤfungen, dann ward er zwar in unſern Orden aufgenommen, konnte aber nie die erſten Grade deſſelben erreichen. Du haſt ſie alle ritterlich uͤberſtanden, groß wird Dein Gluͤck, uͤberſchwaͤnglich Dein Lohn ſein! Siegmund. Ihr habt mir Vieles erklärt, aber noch iſt mir Alles ſehr dunkel. Ich weiß Be⸗ gebenheiten, wo Ihr Euch nicht rechtfertigen koͤnnt, und Eure Laſter Euch brandmarken. Doch dieß jetzt bei Seite. Sagt mir zuerſt: Aus welcher Abſicht wurde der Todtenbund errichtet? Greis. Zu ſchuͤtzen jeden Bedraͤngten, ſ ſtehen den Armen; Witwen und Waiſen zu bewah⸗ ren vor Verfolgungen; jedem Ungluͤcktichen huͤlfreiche Hand zu leiſten, und auszurotten die Ranbritter, ——— — 134— welche das Reich unſicher machen. Seht, junger Mann, mein vom höchſten Alter gebleichtes Haar, meine eingefallenen Wangen, ſchon ſteht der Greis mit einem Fuße im Grabe, doch freudig kann ich hinuber blicken in das namenloſe Jenſeits, ruhig meine zitternde Rechte gen Himmel emporheben, denn 1 kein unſchuldiges Blut befleckte ſie, keine geraubte Habe der Witwen und Waiſen hat ſie je beſchwert und kein Fluch gekraͤnkter Unſchuld laſtet auf mei⸗ nem Haupte. O Siegmund! geliebter Sohn! auch Du wirſt durch Deine Tugenden groß werden, Deine unerſchuͤtterliche Standhaftigkeit Dich fuͤhren zum glänzendſten Ruhm in unſter Mitte, zum höchſten Erdengluͤck des Gerechten! Siegmund. Ich glaube es, daß Du kein Heuchler biſt, alter Mann, doch waren es nicht Deine eben geprieſenen Ordens⸗Bruͤder, die ſich an Giesheim ſo ſchwer verſuͤndigten, war es nicht der von Euch uͤberliſtete Thurmfels, der ſo ſchaͤndlich mir treulos gewordene Freund, welcher in Eurer Mitte die unſchuldige Mathilde raubte, die edelſte der Jungfrauen ſchmachvoller Entehrung ausſetzte?— * —— — 135— Vertheibigt Euch gegen dieſe Anklage, wenn Ihr es vermoͤgt! Greis.(lächelnd, aber feſt.) Auch dieſes koͤn⸗ nen wir wohl. Vor ſchier zehn Jahren kaufte in dieſer Gegend ein reicher Ritter eine feſte Burg. Fauſt von Strahlau, ſo ſein Name, handelte ſchein⸗ bar wie der ehrenfeſteſte Ritter. Er that viel Gu⸗ tes, bekriegte die Raubgrafen und zerſtoͤrte ihre Ne⸗ ſter. Dieß blendete Jedermanns Augen, man nannte ihn nur den Tugendhelden; doch heimlich trug der Boͤſewicht den Schalk im Nacken, erlaubte ſich die groͤbſten Ausſchweifungen. Auch wir wurden von ihm getäuſcht und beſchloſſen, den tapfern Fauſt in unſere Mitte aufzunehmen. O waͤr' es nie geſche⸗ hen!— Kaum eingeweiht in des Ordens Geheim⸗ niſſe ließ er die Maske fallen; der Teufel ſtand in ſeiner wahren Geſtalt da, uns Verderben und Un⸗ tergang drohend. Vor längerer Zeit ſchon ſollten ihn die Todtenritter ſchwer beleidigt haben, und laͤngſt kochte Rache in ſeinem unverſoͤhnlichen Herzen, die er jetzt zu befriedigen hoffte, da er eingedrungen war in unſer Heiligthum. Er ſtürzte davon und hielt Wort!— Bald ſah man Todtenritter, welche un⸗ beſchreibliche Niederträchtigkeiten ausuͤbten, Jungfrauen raubten, Kaufleute auspluͤnderten, Pilger niederwar⸗ fen. Fauſt von Strahlau war es mit ſeiner Bande, in Ruͤſtungen, ganz den unſrigen gleich. Natuͤrlich kam auf des Ordens Rechnung, was er nicht verſchuldet. Man haßte, verfolgte uns von jener Zeit an.— Auch Fauſt war es, der Raͤuber, welcher den edeln Giesheim in jener Nacht uͤberfiel. Wir bekamen lei⸗ der zu ſpaͤt davon Nachricht, ſonſt waͤr das Ungluͤck mit ganzer Macht verhuͤtet worden. Siegmund. Gott im Himmel! ſo iſt meine Mathilde auf immer fuͤr mich verloren?—— Greis. Zage nicht, Juͤngling! der Ewige hat aus großen Gefahren Dich getettet, er wird auch jetzt Dir gnädig ſein. Doch hoͤre auch eine Rechtferti⸗ gung fuͤr Deinen Thurmfels. Du weißt, er traͤgt ſtets eine rothe Binde und weißen Helmbuſch aus be⸗ ſonderer Vorliebe, und hat Dir oft geſagt, dieſe Leibfarbe wuͤrde er nie ablegen, ſie tragen in jeder Ruͤſtung, bei jedem Kampfe. Auch Fauſt von Strah⸗ lau hatte zufällig damals eine rothe Binde und wei⸗ ßen Helmbuſch, wahrſcheinlich um ſich von ſeinen Untergebenen, —— die gleich uns ſchwarze Feldzeichen, — ——% ſchwarze Buͤſche auf den Helmen, tragen, bei Nacht auszuzeichnen. Daher Dein plötlich erwachter Arg⸗ wohn gegen den makelloſen Thurmfels, von dem Du jetzt feſt uͤberzeugt warſt, er ſei der Unſtigen Einer. Siegmund. O heilloſe Verblendung!— ſo hab' ich Dir Unrecht gethan, rechtſchaffner Freund? Wo iſt der Edle, daß ich ihm Abbitte——— Greis. Bald ſollſt Du ihn umarmen; nur noch einige Augenblicke hoͤre mich ruhig an. Ein fuͤr uns guͤnſtiger Zufall fuͤhrte Dich mit Deinem 1 Freunde in unſere halbverfallene Veſte. Wir kann⸗ ten Euch Beide, Eure Namen waren langſt aufge⸗ zeichnet in unſerm Regiſter. Es wurde ſogleich be⸗ ſchloſſen, Euren Muth zu erproben. Durch ſeltſame Maſchinen, die einſt ein erfinderiſcher Mönch dem Orden verehrte, ſind wir faͤhig, Donner und Blitz ſehr taͤuſchend darzuſtellen; mit kunſtreichen Geräthen 1 Dinge auszufuͤhren, die Jedermann, beſonders bei Nacht, fur ubernatuͤrlich halten muß. So geſchah „ Euch. Ein verkappter Bundesritter nahte ſich Dir, und Du warſt muthig genug ihm zu folgen. Er führte Dich in unſere Mitte, wir drohten Dir mit dem Tode, ſuchten Deine Tugend wankend zu ma⸗ chen, Dein reines Herz blieb ſtandhaft, Du beſtan⸗ deſt ritterlich die erſte Probe. Der Boden verſank unter Dir, Du konnteſt nicht beſchäͤdigt werden, es war dafür geſorgt. Bald ſollte zur zweiten Probe geſchritten werden, Du entflohſt uns durch die ſchlecht verwahrte Mauer. Nun ſandten wir Späher aus, auf alle Deine Handlungen Acht zu haben. Wo Du warſt, waren auch ſie. Ritter Giesheims Ret⸗ tung aus den Flammen, Hans von Eberſteins De⸗ muͤthigung im Zweikampfe erfullte unſere Hehen mit hoͤchſter Achtung und Liebe fuͤr Dich. Siegmund. Davon nichts, alter Mann, was ich that, war nur Pflicht. Greis. Uns blieb nicht verborgen, daß die ſchoͤne Thusnelde Dich liebte, und wir zitterten zum erſten Mal fuͤr Dich. Thörichte Furcht! Dein Herz war zu groß, um die geliebte Mathilde zu vergeſſen. Da verſchwandeſt Du plötzlich, und leider— hier ging uns Deine Spur verloren. Nach raſtloſem Nachforſchen erſt fanden unſere Späher Dich wieder als Gefangenen des grauſamen Furt auf Wildburg. Mit Gewalt Dich zu befreien, war nicht rathſam, es mußte alſo zur Liſt geſchritten werden. Daß dieſe — gelang, haſt Du erfahren, unſer Abgeſandter brachte Dich gluͤcklich durch den unterirdiſchen Gang in Freiheit. Siegmund.(ſtaunend) Alſo Euch, edle Maͤnner, dankt' ich meine Rettung? Greis. Sehnſucht und Verlangen, den Mann, der ſo viel Ungluͤck mit unerſchutterlichem Muthe er⸗ tragen, wieder in unſerer Mitte zu ſehen, bewog uns zu Abſendung der drei Ritter, die auch voll⸗ bracht, was wir wuͤnſchten, Dich hierher fuͤhrten. Sei uns herzlich willkommen, Wildgraf Siegmund von Roßburg! wir begruͤßen Dich mit Freundſchaft und Liebe! Alle Ritter. Sei uns herzlich willkommen, Wildgraf Siegmund von Roßburg! wir begrußen Dich mit Freundſchaft und Liebe! Siegmund.(ſich tief verbeugend) Dank!. renwerthe Maͤnner! Ihr habt Euch vollkommen ge⸗ rechtfertigt! und Du, wůdiger Greis, hatteſt Recht, mit Thraͤnen der Schant muß ich um Verzeihung bitten, daß ich durch böſen Schein verblendet, einen ſo achtbaren Bund läſtern kongte. Wolltet Ihr, edle Ritter, mich in Euren Oiden aufnehmen, dann „ 140 wuͤrde Siegmund von Roßburg ſich ſehr glucklich ſchätzen. Greis.(ſich erhebend) Du kamſt unſerm Wunſch zuvor. Keiner von uns kann ſich rühmen, ſo vielfältig gepruͤft zu ſein, als Du. Heil Dir, Standhafter! Alle Ritter. Heil unſerm Bundesbruder! Greis. Dir, Siegmund von Roßburg, ge⸗ bührt auch die großte Ehre! Meine Laufbahn iſt vollbracht, ich ſteh am Ziele; der zitternde Arm ver⸗ mag kein Schwert mehr zu regieren; hiermit leg' ich mein Amt, als Großmeiſter der Todtenritter nieder, und uͤbergeb' es dem Wuͤrdigen. Wildgraf! tritt näͤher; ſei Du mein Nachfolger!(er winkt, Sieg⸗ mund kniet nieder) Mit dieſem Schlage weih' ich Dich zum Todtenritter!(ein Ritter nahet ſich und bringt auf einem ſchwarzſammtnen Kiſſen einen Tob⸗ tenkopf) Dieſer Todienkopf erinnere Dich ſtets an die Nichtigkeit des Menſchen, denke immer daran, daß Du ihm einſt gleich wirſt, und dann der größte Richter Deine Thaten hienieden richten wird!(ein zweiter Ritter nahet, und bringt ein Schwert, deſ⸗ ſen Griff zwei Todtenknochen bildet) Da nimm die⸗ ————————— 1 — 141— ſes Schwert; dieß Zeichen des Todes an demſelben, erinnere Dich ſtets an Gerechtigkeit! Prufe zuvor ſtreng, ehe Du es zieheſt; denn das Blut eines Un⸗ ſchuldigen könnte es beflecken. Trag es immer, doch nur Buben laß die Schärfe deſſelben fuͤhlen; zieh es nie gegen Rechtſchaffene oder Wehrloſe und laß es allein fur gute Sache geſchliffen ſein— dann wird Dich Jedermann ehren und Du wirſt groß ſein, vor Gott und Menſchen!(ein dritter Ritter bringt den Dolch.) Auch dieſes Kleinod bewahre, doch brauch' es mit Maͤfigung! zuck' es nie gegen Gottgeweihte. Findeſt Du entartete Prieſter, welche ihrem heiligen Berufe zuwider handeln— ſo verachte ſie! uberlaß die Strafe dem allwiſſenden Richter uͤber den Sternen. (Indem er des Knieenden Rechte faßt.) Siegmund von Roßburg! im Angeſicht der Dreieinigkeit beſchwör⸗ ich Dich— handle ſtets nach dieſen Geſetzen, da⸗ mit wir den Tag nicht verfluchen muͤſſen, an dem wir Dich in unſere Mitte aufnahmen. Fuͤhlſt Du Dich ſtark genug dazu? Siegmund.(mit feſter Stimme) Ja!— Verletz' ich jemals meine Pflicht, ſo ſei mein Name verflucht, der Henker zerbreche mein Wappen, der — 142— Pfuffe leſe die letzte Meſſe uͤber mich, und ewige Schande ruhe auf meinem ſchuldbelaſteten Haupte! Tiefe Stille herrſchte in der ganzen Verſamm⸗ lung, Alle erbebten bei des Wildgrafen fürchterlichem Schwure. Doch dieſer ſtand ruhig lächelnd auf und der Greis drückte ihn ſprachlos an ſein Herz. Jetzt naheten ſich einige Ritter, ſie trugen eine ſchwarze Todtenruͤſtung mit allen Ehrenzeichen des Bundes und fingen an den Wildgrafen zu wappnen. So⸗ bald es geſchehen, er nun im vollen Schmucke da ſtand, jauchzten alle Ritter: Empfange unſere Hul⸗ digung, neu erwählter Großmeiſter!— Nein! edle Männer, wendete der beſcheidene Held ein, als er wieder zu Worten kommen konnte,„Euer Großmei⸗ ſter kann der Aufgenommene jetzt noch nicht ſein, dieſe Wurde muß erſt verdient werden!“— Da ward des Greiſes Antlitz finſter wie die Nacht, trube Wol⸗ ken auf der hohen Stirn ſprach er faſt unwillig zu dem Wildgrafen:„Willſt Du jetzt ſchon als ein Ungehorſamer gegen des Ordens Beſchluͤſſe auftre⸗ ten?— Er duldet keinen Widerſpruch!— Man hat Dich einſtimmig zum Großmeiſter erwählt, Du mußt es bleiben“— Siegmund neigte unterwuͤrfig — 143— ſein Haupt, und dieſer ſtummen Einwilligung folgte lauter Jubel. Alle Ritter umringten ihn, ihrem neuen Gebieter den treuen Handſchlag zu geben. Dann nahm Arnold von Hagen, ſo nannte ſich der ehrwuͤrdige Greis, wieder das Wort:„Du haſt uns bewilligt, edler Wildgraf, was wir wuͤnſchten— jetzt werde Dir dafuͤr reicher Lohn!““ Bei dieſen Worten öffnete er eine entgegenge⸗ ſetzte Thuͤr— und herein ſtuͤrzten Mathilde, der alte Giesheim, ihr Vater, und Thurmfels. Siegmund war außer ſich vor Ueberraſchung, Freude und na⸗ menloſem Entzuͤcken. Welch' eine Scene!—„Meine Mathilde!“„Mein Siegmund!“ mehr vermochten die Ueberglucklichen nicht auszuſprechen, mit Freu⸗ denthraͤnen ſanken ſie einander in die Arme. Gies⸗ heim und Thurmfels umſchlangen das ſchöne Paar. Eine Stunde der hochſten reinſten Erdenſelig⸗ keit verflog nur im Genuß der ſchönen Gegenwart, dann erſt ſtiegen den ſo lang Getrennten die Bilder der traurigen Vergangenheit wieder auf und Sieg⸗ mund fragte zuerſt ſeine Mathilde, durch welch' glͤckichen Zufall ſie hier in die Mitte der edeln Manner gekommen ſei? ——————. —— Mathilde. Ach, mein Geliebter, noch grauſt es mir, wenn ich an jene ſchreckliche Begebenheit denke, wie ich der väterlichen Burg entriſſen ward⸗ Es war eine dunkle Nacht, wir Alle im tiefſten Schlafe, als plotzlich ein fürchterlicher Lärm und Waffengetöſe uns aufſchreckte. Feuer! ſchrieen mit einem Mal viele Stimmen; zitternd wankte ich nach dem Fenſter zu und ſah mit Entſetzen einen Theil der Burg ſchon brennen. Da ftürzte ein geharniſch⸗ tr Mann in mein Gemach, packte mich wuͤthend an, und ſchleppte mich aus der Veſte, den Berg hinab. Welch' ein grauſendes Bild bot ſich hier meinen Augen im hellen Feuerſchein dar. Ringsum lagen Erſchlagene in ſchrecklichem Gemiſch unter ein⸗ ander, fremde Krieger wutheten in meines Vaters Gebiet. Die Grauſamen ſchleiften wehrloſe Maänner bei den Haaren umher, ermordeten Weiber und Kin⸗ der. Eben wollte mich der Geharniſchte auf ſein Roß heben, als ſo ein Barbar einen zitternden Greis daher ſchleppte und niederwatf. Erbarmen! flehte der Aermſte zitternd; der Knecht lachte und ſtieß ihm kaltblätig ſein Schwert in die Bruſt, daß das Biut mir ins Geſicht ſpritte.(ſich an ihn ——— ————————— — 45— ſchmiegend) Hu, mein Siegmund, wie mir da grgu⸗ ſte! ich ward halb ohnmachtig, und nur durch einen ſtarken Lärm aufgeſchreckt ſammelten ſich meine Sinne wieder. Man hatte mich indeß auf das Roß gebunden, ich vernahm neues Waffengetöſe, da⸗ zwiſchen mehrere rauhe Stimmen; die Unſrigen ſind uͤberwunden! Fort, was fliehen kann!— Kaum hoͤrte es auch mein Räuber, als er mich los machte, vom Roſſe warf und wie raſend davon ſprengte. Der heftige Fall brachte mir eine todähnliche Ohnmacht; als ich wieder erwachte, befand bei dieſen tapfern Rittern, die mich in hierauf befallener ſchwe⸗ ren Krankheit väterlich warteten und pflegten, bis Du, mein Geliebter, die völlig Geneſene wiederfan⸗ deſt. Auch ſie waren es, welche die ſchaͤndlichen Raͤuber zur Flucht zwangen und mich aus ihren Häͤn⸗ den retteten. Siegmund.(begeiſtert) Dank dieſen Helden! wie ſoll ich ihnen je vergelten, was ſie fuͤr mich ge⸗ than? Greis.(ihm die Hand bietend) Durch Aus⸗ dauer auf dem Pfade der Tugend bis zum Tode! Siegmund.(feſt einſchlagend) Amen! 10 — ſicht zur Rettung. Wallrams Horn hatte ich in der eküht, ich fählte natürtich vom ſchnellen i — 146— Es erfolgte hierauf eine lange Pauſe. Siegmund wendete ſich dann an Giesheim mit der Bitte, doch nun auch kund zu thun, was ihm begegnet, ſeit er ihn damals im Walde eiligſt verlaſſen, und von Leidenſchaft hingeriſſen, ſeinem rieſigen Be⸗ leidiger zum Zweikampfe gefolgt ſei? „Mein theurer Freund,“ hub der alte Ritter an,„obgleich auch ich gar wunderſeltſame Abenteuer habe beſtehen und viele Angſt auch um Euch er⸗ tragen wüſſen, ſo fuͤhrte doch Alles zum Glück und* herrlichen Lohn.“ Er erzählte nun Siegmunden, was ihm begegnet, bis zur Flucht in die Felſenhoͤhle, und Dir, mein Leſer, bereits ſchon bekannt iſt; dann fuhr z er ferner fort:„Denkt Euch meinen Schrecken, als bas eiſerne Gitter am Eingange der Hoͤhle nieder⸗ 3 fiel, und ich mich gefangen ſah. Was nun anfan⸗ gen? den nahen Hungertod vor Augen, keine Aus⸗ Angſt in eine Ecke geſchleudert, auf dieſes fiel wie⸗ der mein Blick. Du biſt an allem meinem unglůck 4 Schuld! tobte ich mich aus, und zertruͤmmerte es an den Felſenſtuͤcken. Jetzt war mein Blut etwas ———— — 147— eine große Ermattung, und ſank gedankenvoll au, den Erdboden. Ungeachtet aller meiner Angſt und Beſorgniß uͤberfiel mich ein ſanfter Schlaf. Als ich wieder erwachte, fing es an, draußen ſchon ganz dunkel zu werden. Ich richtete mich auf, vor mir ſtand Wallram. Willkommen, Giesheim, ſprach der kleine Mann, wie es ſcheint, haſt Du recht gut ge⸗ ſchlafen und Deinen Gefährten daruͤber ganz vergeſ⸗ ſen Weil er ein Bube! ein elender Verfuhrer war, der mich irre leitete! fuhr ich ihn zornig an. Ei nicht doch, Herr Ritter, da irrt ihr ſehr, lachte er, Alles geſchah ja zu Eurem Beſten, zu Eurer Prü⸗ fung. Zum Henker auch, ſchmollte mein Unmuth, was nuͤtzt denn das? gieb mir die Freiheit, und ge⸗ denke Deines Verſprechens, mir meine Tochter zuzu⸗ fuhren, dann—— Erinnerſt Du Dich noch Dei⸗ nes Wunſches, in eine Verbindung edler Männer mit aufgenommen zu werden? unterbrach mich der Kleine. Ich ehrte Deinen Willen und unterwarf Dich den nothwendigen Pruͤfungen Deiner Geduld und Ausdauer in Widerwärtigkeiten des Lebens. Du haſt ſie mit Feſtigkeit überſtanden, und die dritte Stufe des Ordens erreicht. Heil Dir, Bundesbru⸗ — der! Er wendete ſich, ſchlug an das Eiſengitter, es raſſelte auf, und ein Todtenritter ſchritt in die Hoͤhle. Dieſer verband mir alsbald die Augen, fuͤhrte mich fort, die Binde fiel— und in der Mitte der hoch⸗ herzigen Todtenritter fand ich mich wieder. Es be⸗ gann die Weihe— ich leiſtete den Eid ewiger Treue Maͤnnern, tapfer und tugendreich! Von ihnen er⸗ hielt ich meine gerettete Tochter wieder— und mein Gefährte hatte ſein Wort redlich gehalten!— Nun rathet einmal, wer der kleine Wallram war, den ich nun näher kennen lernte?— Es war eine Jung⸗ frau die Tochter des ehrwuͤrdigen Arno, unſers vor⸗ maligen Großmeiſters; ein holdes, liebevolles Maͤgd⸗ lein, das dem Orden ſchon wichtige Dienſte lei⸗ ſtete.— Seit zwei Tagen die Gattin des edeln Thurmfels! Bei dieſen Worten ſtand er auf und ſtelte dem ſtaunenden Siegmund ein bluhendes Engels⸗ köpfchen vor, welches dieſer im Saale noch gar nicht bemerkt hatte. Giesheim.(launig) Seht' mal, Freund, die holde Geſtalt war mit einem groben härnen Kittel bekleibet, dieſes ſchöne, runde Kinn verſtellte ein gro⸗ ßer grauſiger Bart, und dieſe feinen Wangen be⸗ deckte eine graue Farbe, welche runzelartig das ſchoͤnſte Geſicht verwandelte. O, und denkt, mir altem Mann zu Liebe ertrug die ſchoͤne Hulda ſo viele Beſchwerlichkeiten, doch jetzt wird ſie dieſelben in den Armen ihres theuern Gemahls vergeſſen.— Ich bin nun zu Ende mit meiner Erzählung und uͤberlaſſ' es nun dem edeln Thurmfels aufzutreten. Dieſer ſchilderte ſeine Abenteuer, welche er be⸗ ſtand, als ihn Siegmund, dem vermummten Füh⸗ rer folgend, in des Schloſſes Saale verlaſſen hatte, ſo weit wir ſie auch wiſſen, und ſetzte ſie ferner fort. Thurmfels. Der Ritter, welcher mich zum Kampfe herausgefordert hatte, ſchritt voran, ich folgte ihm eine Stiege hinab nach einem, wie es mich duͤnkte, hochgewoͤlbten ſteinernen Gange, denn es herrſchte hier ägyptiſche Finſterniß. Plötzlich ſchlug mein Vorgänger eine Thuͤr hinter ſich zu, daß es krachte, und ich ſtand da— wie ein Narr ſchrei⸗ end, fluchend und tobend. Alle Anſtrengungen, die Eiſenpforte zu ſprengen, waren fruchtlos. Nach langem Bemuͤhen ſuchte ich einen Wen, * —— mich in Nebengaͤnge und gerieth endlich unter Got⸗ tes hellen Himmel— aber nicht in die erſehnte Freiheit. Das Plätzchen, auf dem ich mich befand, war ringsum mit himmelhohen Felſen eingeſchloſſen. Herzzerreißende Klagetöne drangen in mein Ohr. Mich umſchauend, gewahrte mein Auge— o Ent⸗ ſetzen!— die ſchoͤne Juͤdin,— die mich vor eini⸗ gen Stunden verfuͤhren wollte durch ſußliche Schmei⸗ chelworte, auf einem ſchmalen Felſenvorſprung knieend, verzweiflungsvoll die Hände ringend und um Rettung flehend. Hier galt's! ſie war zwar meines Erloͤſers Feindin— doch gleichviel, ob Heidin, Juͤdin oder Chriſtin, die Hilfsbeduͤrftige mußte gerettet werden und mir hatte mein Schoͤpfer ja Ktaft dazu genug gegeben;— alſo denkend, kletterte ich muthig den Fel⸗ ſen hinan, gleich der Gemſe. Noch ein tuͤchtiger Schwung, und das Mägdlein wär' glucklich erreicht geweſen, da ſank das Felſenſtuͤck, auf dem ich fußte, und ich fuhr hinab in einen tiefen Schlund, daß mir die Sinne vergingen. In die große Verſamm⸗ lung der Todtenritter war ich verſetzt, als bei hell⸗ ſtem Kerzenſchein ſich mein Auge wieder öffnete. Die Täuſchungen ſchwanden, es wurden mir Dinge of⸗ — 151— fenbar, welche mein Herz mit der hochſten Achtung fuͤr den Todtenbund erfuͤllten. Ich war ſo gluͤcklich, in den Orden dieſer aͤchr ritterlichen deutſchen Hel⸗ den aufgenommen zu werden, und erhielt den zwei⸗ ten Grad. Daß ich Dich, mein Siegmund, nicht ſogleich davon benachrichtigen, Dich auch als Ordens⸗ bruder umarmen konnte, ſchmerzte mich tief. Doch es war mir ſtrenge Verſchwiegenheit auferlegt, mit Dir hatte man ſich Anderes, Wichtigeres vorbehal⸗ ten. Es iſt geſchehen, Du biſt unſer Großmeiſter! und wir ſind nun vereint. Auch mir iſt ein benei⸗ denswerthes Loos gefallen, ein holdes, treues Weib! Siegmund kuͤßte Hulda's ſchoͤne Hand und empfahl ſich ihrem Wohlwollen. Sie, die Holdſelige, war es werth, in den Bund der Freundſchaft und Liebe edler Menſchen aufgenommen zu werden. Die faſt unzugängliche, dem aͤußern Scheine nach verfallene, halb in Ruinen liegende Burg der Todtenritter hatte dennoch im Innern viele wohl er⸗ haltene, ja ſogar prächtige Gemächer, in denen die zahlreichen Gäſte ſich aller Bequemlichkeit, welche da⸗ — 152— mals auf Ritterveſten nur zu finden war, etfreuen konnten. Alle Todtenritter blieben dießmal beiſam⸗ men und zogen nicht, wie ſonſt gewöhnich, nach je⸗ dem geendeten Ordens-Kapitel, auf Ausſendungen, oder in ihre Heimath zutuͤck. Sie beſprachen ſich den Reſt der Nacht in ei⸗ nem großen Saale bei vollem Becher; denn Mor⸗ gen ſollte wieder wichtige Sitzung gehalten werden. Die Frauensleute hatten ſich indeß zur Ruhe in ihre Gemächer begeben. Es war den Tag darauf früh in der neunten Stunde, als der neue Großmeiſter Siegmund, Wild⸗ 3 graf von Roßburg, alle ſeine Ritter in dem Bundes⸗ ſaale verſammelte, und ſeiner Würde gemäß auf dem Throne ſitzend, ſie alſo anredete:„Edle Maͤn⸗ ner! der Gottesfriede in unſerm theuern Schwaben⸗ lande iſt verletzt! Wir, die geſchworen, das Blut unſchuldig Gemordeter zu rächen, Räuber und Mord⸗ brenner zu zuchtigen, muͤſſen des Krieges Fackel er⸗ heben und das Schwert ziehen! Der Streit beginne gegen einen Buben, der ſich nennt Ritter Fauſt von Strahlau.“ Kläger tritt auf! Giesheim. Er hat hinterliſtig, ohne Fehbe⸗ ——————— ————— ——— brief vorher zu ſenden, mich Sichern in meiner Burg bei Nacht uͤberfallen, ſie darnieder gebrannt, meine Knechte erſchlagen, Greiſe gemeuchelmordet, meine Tochter mit räuberiſcher Fauſt ergriffen, um ſie ſchimpflich zu entfuͤhren. Siegmund. Bruͤder! ich kann die Wahrheit deſſen, was dieſer ehrſame Ritter ausſagt, bezeugen bei meiner Ehre! bei meinem Leben!— Welche Strafe erkennt Ihr dem Verbrecher zu? Alle Ritter.(erheben ihre Schwerter) Wir rufen Wehe! uͤber den Buben. Unſchuldig Blut ſchreit um Rache! Siegmund.(ſteht auf) Wohlan! ſo ſei der Stab uͤber ihn gebrochen und Ihr ruͤſtet Euch Alle zum Kampfe. Ich ſelbſt ſchwöre, nicht eher meine Mathilde zum Altar zu fuͤhren, bis ihr Vater volle Genugthuung erhalten, und der Niederträchtige nach Verdienſt gezuchtigt iſt. Alle Ritter. Heil Dir, Herr! wir vollziehen Deine Befehle. Unſer Blut und Leben fuͤr die ge⸗ rechte Sache! Siegmund. Doch nicht wie Riuber wollen wir den Fauſt von Strahlau uͤberfallen, obgleich ) — 134— ihm mit gleichem Maße gemeſſen werden ſollte. Drei⸗ tägige Zuruſtung zur Fehde ſei dem Ehrloſen ver⸗ gönnt— denn er hat einmal den Ritterſchlag em⸗ pfangen, dann aber wolen wir r ſchlagen— und mit Gott ſiegen! Der Geheimſchreibet mußte ſogleich den Abſa⸗ gebrief aufſetzen, der Großmeiſter unterzeichnete ihn im Namen des Ordens mit drei Kreuzen, drückte auf das Wachsſiegel ſeines Schwertes Knopf, dann ward er an die Behörde abgeſendet durch des Bun⸗ des Herold. Hiermit war die Sitzung der Todten⸗ ritter aufgehoben. Hohnlächend empfing Fauſt von Strahlau die unerwartete Abſage; als ihm indeß kund ward, der Greis Arno habe ſein Großmeiſter-Amt dem mann⸗ haften Wildgrafen von Roßburg übergeben, da ſank ſein Muth. Er ſammelte zwar ſchleunig ſeine ganze Heeresmacht, ließ Burg Strahlau noch mehr befe⸗ ſtigen, veiſchanzte ſich faſt bis an die Zähne, doch ſein ſchuldbelaſtetes Herz zagte vor der bevorſtehen⸗ den Fehde.— Freudigen Muthes ſahen dagegen die Todten⸗ ritter dem Kampfe entgegen. Um ſo mehr, da ih⸗ ——————— —— . nen ihr neuer Großmeiſter einen Vorſchlag that, rath⸗ ſam und weiſe. „Bräder!“ ſprach er im Ordens⸗Capitel zu der Verſammlung,„unſer abgeſagter Feind, der Fauſt von Strahlau, hat, wie ich von Euch ſelbſt erfah⸗ ren, genaue Kenntniß von unſter Bundesveſte. Ihm wuͤrde es leicht ſein, ſie durch ein Häuflein Schnapp⸗ hähne, deren er mehrere im Solde hat, uͤberrum⸗ peln und einnehmen zu laſſen— indeß wir mit unſ⸗ rer Hauptmacht gegen ihn zu Felde zoͤgen. Laßt uns dieſem denklichen Falle zuvorkommen, und meine Roßburg, die wohl befeſtigt, ſelbſt dem Kai⸗ ſer und deutſchen Reich Trotz bieten könnte, zu un⸗ ſern nunmehrigen Wohnſitz erwaͤhlen. Dieſer jetige werde oberhalb des Felſens zerſtort zur gänzlichen Ruine, und nur bei außerordentlichen Fällen laßt uns die zu geheimnißvollen Pruͤfungen eingerichteten unterirdiſchen Gemächer noch benutzen.“— Es geſchah, wie er geſagt hatte, und auf dem naͤchſten Wege zogen dann Alle nach der Roßburg. Groß war hier die Freude der Burgmannen, als ſie ihren Herrn, von dem ſie ſeit langer Zeit ohne Nachricht waren, wieder ſahen, aber größer noch wurde ihr Er⸗ — 155— ſtaunen beim Anblicke des ſtattlichen Zugs, welcher ihm folgte. Jetzt trat plötzlich wieder ein raſches, viel bewegtes Leben auf der bisher ſo ſtillen Roß⸗ burg ein; die Zuruͤſtungen zur Fehde wurden mit äußerſter Thatigkeit betrieben. In kurzer Zeit ſtand der Heerbann ſchlagfertig da. Mit grauendem Mor⸗ gen ſchmetterten die Trompeten zum Abmarſch. Der Großmeiſter, Siegmund von Roßburg, fuͤhrte den Zug an; des Bundes Fahnen trugen Giesheim und Thurm⸗ fels. Den alten Arno, Siegmunds Vorgänger, ſchmerzte es ſehr, daß er wegen Altersſchwäche nicht mehr mit ins offene Feld ziehen konnte; indeß hatte der Kriegserfahrene den Oberbefehl auf der Roßburg mit hinlänglicher Mannſchaft ubernommen, um ſie zu ſchuͤtzen gegen jeden Anfall. k Feig hatte ſich Fauſt von Strahlau hinter die Ringmauern ſeiner Burg zuruckgezogen; was ihm je⸗ doch an Muth abging, erſetzte die Standhaftigkeit ſeiner rohen Geſellen, welche kuͤhn ihr Leben in die Schanze ſchlugen und ſich verzweiflungsvoll wehrten beim erſten Sturm der Todtenritter. Dieſe hatten, da ſie bis jetzt keinen Widerſtand gefunden, die Veſte ſogleich umringt und angegriffen. Zwei Mal war — — 157— bereite der Berg von ihnen erſtiegen, die Vormanee erobert worden, zwei Mal mußten ſie der Wuth der Belagerten wieder weichen, den mit Blut erkauften Vortheil dem Feinde wieder uͤberlaſſen. Da ſaß der Kern der Mannſchaft ab und der Großmeiſter ſelbſt führte ſie zum neuen Angriff mit dem glänzendſten Erfolg. Jetzt galt kein Widerſtand mehr; die ſteilſte Mauer wurde erſtiegen, der breite Burggraben über⸗ ſprungen, das eiſerne Fallgatter der Pforte geſprengt; in des Schloſſes innern Hof ſturzten die Sieger. Unter ihren Schwertern ſank, was noch Widerſtand leiſtete. Funfzehn Knechte, Kerle wie die Bären, keiner ohne Wunde, wurden gefangen, unter ihnen Fauſt von Strahlau. Man brachte ihn gefeſſelt zu dem Großmeiſter, fuͤrchterlich rollte ſein Auge, grimmig und verächtlich uͤberblickte er ſeine Sieger und klirrte vor Wuth mit den Ketten. Schweigend, auf ſein Schwert geſtuͤtzt, ſtand der tapfte Siegmund ihm ge⸗ genuͤber, lange ruhte ſein Blick auf dem ſtolzen, nun gedemuͤthigten Ritter, dann war ſein Entſchluß gefaßt. Siegmund. Fauſt von Strahlau, Du haſt Dir ſelbſt durch große Verbrechen Dein Schickſal be⸗ — 156— reitet. Beantworte mir einige Fragen, e ich iter Dich entſcheide. Fauſt. Enirſchend) Ihr ſeid ja Sieger, ich muß, wenn ich auch nicht wollte! Siegmund. Nicht alſo, Fauſt.— Du ſollſt ſonſt ein edler Mann geweſen ſein, denn Deine Ah⸗ nen waren alle biedere und gar tapfte Ritter! Fauſt.(auffahrend) Willſt Du des Beſiegten auch noch ſpotten?(wuͤthend) Ha, Milchbart! jetzt mir in dieſem Augenblick ein Schwert! und Deine frechen Reden ſollen Dir ubel bekommen. Siegmund. Du vergiſſeſt, daß Du vor Deinem Ueberwinder ſteheſt. Fauſt. O, ich furchte Dich nicht, Stolzer! Wohlan, brauche Deine Gewalt, aquale mich, er⸗ ſinne tauſend neue Martern, laß mich den ſchmäh⸗ lichſten Tod ſterben, und doch mitten unter den grauſamſten Martern werd' ich lachen— und Dir fluchen! Siegmund. Cuhig) Dein Fuch kann mich nicht treffen. Fauſt! ich will Dir ſelbſt ein Mittel an die Hand geben, Dich iu beſſern und Dein Le⸗ ben zu—— 3———— — 159— Fauſt.(ſtolz) Ich mag nichts von Dir hö⸗ ren, ich verachte, haſſe Dich! gieb mir den Tod! Siegmund.(zu den ihn umgebenden Tod⸗ tenrittern) Maͤnner! wollt Ihr mir es uͤberlaſſen, den Gefangenen zu beſtrafen? Alle Ritter. Du biſt unſer Großmeiſter! Du allein kannſt richten! Siegmund. Ich ehre Euren Willen, werde jedoch kein ſtrenger Richter ſein. Loͤſet ihm die Feſ⸗ ſeln.(ein Knecht thut es) Du S geh', wo⸗ hin es Dir beliebt. Fauſt.(mit aufflammender Nche) Mußt Du, Elender, mich in Allem üͤbertreffen?!— Glaube ja nicht, daß Deine Großmuth Eindruck auf mein Hetz macht— ſie vermehrt vielmehr meinen Haß gegen Dich und Deine Bande. Mein Fluch lohne Deine Guͤte, die ſchrecklichſte Rache ſoll mein Dank werden! So tobend entriß der Wuͤthende einem nah⸗ ſtehenden Knechte das Schwert, warf ſich aut ein 6 Roß und ſprengte uͤber die Leichname der Slhe nen davon, zur offnen Pforte hinaus. Entſetzt uͤber dieſe Bosheit ſtarrten ihm Alle — 160— nnach, ſolch' ein Starrſinn war noch Keinem vorge⸗ kommen; man außerte ſich laut darüber.„Laßt ihn immer ſeine Freiheit nutzen,“ lächelte Siegmund, „laßt ihn ganze Heere gegen uns ſammeln, dieſen furchten wir nicht, ihn wird ein gerechter Gott rich⸗ ten!— Die Schätze der Burg blieben unangeruͤhrt, micht die geringſte Pluͤnderung erlaubten ſich die Todten⸗ ritter. Den Weinkeller, reich an meiſt geraubten Vorräthen, ließ indeß der Großmeiſter öffnen, um ſeine vom Kampf ermideten Krieger zu erquicken⸗ Nach mäßigem Genuß mahnte die Trompete zum Ruͤckzug, und jubelnd zogen die beſcheidenen Sieger wieder ab nach der Roßburg. Schon gewahrten ſie in der Ferne die hohen Zinnen ihrer Wartthurme, als eine Dame aus dem nahen Walde ihnen entge⸗ gen trat, und ſich ſchluchzend vor dem Großmeiſter niederwarf. Sie trug ein kleines Kind im Arm, Kummer und Gram ſchienen ihrem feinen Antlitz eine auffallende Leichenblaͤſſe mitgetheilt zu habeu, welche das lange ſchwarze, verworrene, auf den Bu⸗ ſen herabfallende Haar noch vermehrte. Ihr braun⸗ ſeidnes Gewand, jetzt ganz unſcheinbar, zeugte von *8 — 6 adeliger Abkunft.„Rettet mich, edler Ritter!“ rief die Leidende mit bebender Stimme,„um dieſes un⸗ ſchuldigen Kindes willen— wenn ich's auch nicht verdiene!“ Siegmund ſtieg vom Roſſe, hob die knieende Dame auf und fragte theilnehmend:„Wie vermag ich Euern Kummer zu lindern? wodurch Euch und Euer Kindlein zu retten?“ Dame.(ſeufzend) Ach, wir ſind ſehr hilfsbe⸗ duͤrftig, ich, mein Gatte, unſer Kind. Aber, o hei⸗ lige Mutter Gottes! wie ſchwer wird es der Suͤnde⸗ rin, Euch zu bekennen, wodurch ſie es verſchuldete.— So wißt denn: ich bin eine undankbare, ihrem alten Vater entflohene Tochter.— Kennt Ihr den Ritter von Wildburg? Siegmund.(auffahrend) Wildburg!— O ja, leider lernt ich ihn nur zu ſchmerzlich kennen— Dame. Er iſt mein Vater!— Ach, ich habe ihm großes Herzeleid gemacht, daß ich meinem Al⸗ bert, der mich zwar ſehr unglücklich gemacht hatte, dennoch nacheilte. Heilige Jungfrau! ich konnit ia ohne ihn nicht leben! 5 11 66— Siegmund. Alſo Albert nannte ſich Euer Verfuͤhrer? Dame. O ſcheltet ihn keinen Verfuhrer! wir beide ſind ſchudig— und haben unſer Verbrechen gebuͤßt durch heiße, brennende Thraͤnen der Reue in der traurigſten Abgeſchi denheit von allen Menſchen. Hört die Geſchichte unſter Liebe und unſerer Leiden! „Albert von Embach war der tapferſte und edelſte Ritter unſers Gaues, aber der Ahnenfeind meines Vaters. Ich lernte ihn bei einem Turnier kennen, wir ſahen und liebten uns mit dem erſten Feuer jugendlicher Herzen. Er beſuchte mich heimlich auf meines Vaters Burg mit Gefahr ſeines Lebens. Wir unterhielten uns in ſchoͤnen Sommernächten in dem Garten Stunden lang, ohne von Jem indem bemetkt zu werden. Heißes Blut, berſtrömendes Gefühl verleitete uns zum Fehltritt vom Pfade der Tugend und Ehre. Ich fühlte die Folgen meines Vergehens und bald konnt' ich ſie nicht lnger verbergen. Mei⸗ nes Vaters Zorn zu entgehen entfloh ich des Nachts auf das Schloß meines Albert. Ach, die Ungluͤck⸗ liche, von ihm mit offnen Armen empfangen, brachte das Unglück mit über ſein Haupt. Von Stund an * mußte er vor Entdeckung zittern, und nur zu baid erfuhren wir, daß man mir auf der Spur war, auf ihn Verdacht warf. Was ſtand meinem Albert be⸗ vor, wenn er wirklich als mein Geliebter erkannt ward! Sein Schloß war klein, ſchlecht befeſtigt; gering die Anzahl ſeiner wehrhaften Männer. Die⸗ ſem zu entgehen entſchloß er ſich vorzugeben, er wolle zu Löſung eines heiligen Geluͤbdes als Pilger nach dem heiligen Lande ziehen, dann dort das Schwert wieder ergreifen und gegen die Sarazenen ſtreiten. Allgemein glaubte man dieß, er pilgerte ab unangr⸗ fochten. Als ein altes Weib, in Lumpen gehuͤlle, entkam auch ich aus dem Schloſſe, unbemerkt; in wir wieder zuſammen, eine kleine Hutte ward hier unſer Aufenthalt, und ein alter Köhler trug zu, was wir zum Unterhalt bedurften. Doch noch nicht lange bofanden wir uns hier, da überfiel mich eine finſtete Schwermuth und unſägliche Angſt um meinen Va⸗ ter, den ich krank glaubte. WMich zu beruhigen ent⸗ ſchloß ſich mein Gatte in die Näh⸗ der Widburg zu Er war unvorſichtig genng, im ſeichten Waffenroche, einem mehrere Meilen weit entfernten Walde trafen gehen und deßhalb ſelbſt Erkundigung einzuziehen. wir ſehen, ob eß nicht moglich iſt, Euch mit dem Vater auszuſohnen. Er iſt mir große Genugthuung ſchuldig, denn ich bin ſchwer von ihm 3 — 164— den er unter der Kutte mitgebracht, hinzueilen, ohne ſich weiter zu entſtellen. Meines Vaters Knechte nahmen ihn gefangen; indeß erfuhr er ſo viel, daß ihr Gebieter nicht krank ſei, und täglich ausreite, um ſeine Tochter und ihren Entfuhrer aufzuſuchen. Glüͤck⸗ lich entkam auch mein Albert wieder, ehe man ihn in die Burg brachte— aber, o Gott! krank kam er hier an und iſt es noch, ſchwach und hinfällig. Ich hatte waͤhrend ſeiner Abweſenheit dieſes Knäblein ge⸗ boren, ganz ſein Ebenbild; er ſchloß es ſchmerzlich an ſein krankes Herz, das ſchwere Sorge druͤckt. Seit mehrern Tagen iſt der alte Koͤhler ausgeblieben, wir haben keine R6 leiden den nuch ſien Mangel——“ „Dem muß ſchleunigſt abgeholfen wawen terbrach der Wildgraf die Ungluͤckliche;„auch wollen e 422 Ein Strahl dur rfuung und Freude ehelte um erſten Mal wieder der Dame thränenſchwere ugen 2b R des be L ſtroͤmten könne.— A dieſer dieß mit Ja beantwortete, er⸗ — 165— uͤber ihre Lippen. Beſcheiden erwiederte hierauf der edle Wildgraf:„Beſchaͤmt mich nicht! ich uͤbe ja nur Ritter⸗ und Chriſtenpflicht gegen Ungücktiche. Fuhrt mich zu Eurem Albert, i6 will ihn ſelbſt ſprechen und das Nöthige mit in verabreden.—“ Er befahl dem Zuge, hier kurze Zeit Halt zu ma⸗ chen, und ging mit der Dame.— Auf ärmlichem Bett in der nicht weit entfern⸗ ten kleinen Huͤtte mitten im Walde lag der ſchoͤne bleiche junge Mann. Er erhob ſich matt, fuhr ſichtbar zuſammen beim klirrenden Eintritt des Wild⸗ grafen, und warf einen ängſtlich forſchenden Blick auf ſeine Geliebte. Als ſie ihm nun mit ungewöhn⸗ cher Heiterkeit den Beſuch des fremden Ritters er⸗ . krte, da ſchien auch ploͤtzlich neue Kraft ſeine mal⸗ ten Lebensgeiſter zu ſtaͤrken, und mit herzlichem Haͤn⸗ dedruck bewillkommte er den unerwarteten Retter. Des Wildgrafen erſte Frage an den Kranken war, ob ſein Schloß noch ſo gut erhalten und ein⸗ 5 gerichtet ſei, daß es wieder von ihm bezogen werden hielt er folgende erfreuliche Tröſtung von ſinem n mehrigen Beſchützer: u ich E ch, — Ftüchtlinge, ohne Verzug unter ſicherm Geleit hin⸗ bringen. Zwoͤlf meiner Krieger bleiben zu Eurem Schirm und Schutz dort, ſo lange es noͤthig. Ich ſelbſt reite zum Ritter Wildburg, dem erzuͤrnten Va⸗ i8 6 ter, ein ernſtes Wort mit ihm zu ſprechen— und 5 3 hoffe zu Gott! Euch, die ihre Schuld genug gebuͤßt, Verſoͤhnung und Vergebung auszuwirken, und Alles zum Beſten zu kehren.“ Von Neuem wollten die freudig Ermuthigten ſich in Worte des waͤrmſten Dankes ergießen, doch der Wildgraf unterbrach ſie mahnend:„Laßt uns nicht laͤnger ſaͤumen, ſondern handeln Bereitet Euch ſchnell zur Abreiſe, denn bald ſurs fortgehen. Ich Seſche vut theien.“— 6 Snuſ Wen Se Bei ſeinen Kriegern uihn ugetnnen — 167— fenau erwähle ich zu meinen Gefaͤhrten nach der Wildburg. Der alte grimmige Herr wird hoffentlich Achtung genug vor uns Dreien haben; uͤbrigens wißt 1 Ihr ja, wo wir ſind.“— Dieſem Befehle zufolge trennte ſich hier das Heer der Todtenritter. Thurmfels beſorgte, mit moͤg⸗ lichſter Bequemlichkeit und Ruckſicht auf den Kran⸗ ken und die ſchwächliche Dame, ſeinen Auftrag, und der Großmeiſter Siegmund trabte mit ſeinen zwei Begleitern auf dem nachſten Wege der Wildburg zu. „Vor der gughrice un nme u kege S Kiht der B dem aun dieſe Drirsttide bei mit? 2 ich wu mit W ct — 168— gen, die mit ihren Buhlen entlaufen,“— murmelte der Alte in den Bart, und laut befehlend ſprach er: „Sie moͤgen einreiten! Du fuͤhrſt ſie in den Ritter⸗ ſaal und bewillkommſt die Gäſte mit dem großen Kelchglas. Ich werde dann ſelbſt erſcheinen! 1 Die Zugbruͤcke fiel; ehrerbietig empfing der Burg⸗ voigt die Ordensritter ſchon an der hohen Pforte und that, wie ihm ſein Gebieter geheißen. Im Ritter⸗ ſaale bat er ſie hoͤflichſt, auf drei Lehnſtuͤhlen am run⸗ 6 den Marmortiſche Platz zu nehmen; Knappen trugen Weinkannen auf, und es erſchien auch Klara, des Burgvoigts Tochter, und brachte, ſich ſittſam vernei⸗ gend, auf einem ſilbernen Teller das große Kelch⸗ glas herein. Die Beſcheidene wagte nicht, ihre ſchö⸗ nen Augen zu den hohen fremden Rittern aufzu⸗ ſchlagen,„aber der Witdgraf erkannte ſie, die ihm hier in ſeiner Gefangenſchaft ein ſo mitleidiges Hetz gezeigt, ſein Leben mit Gefahr ihres eigenen einſt retten wolte, ſogleich wieder. Es koſtete dem Dank⸗ baren Mähe, ſich nicht zu vertathen; o wie gern hütte er ihr herzlich die Hand gebrückt, 6 ch etun⸗ 5 digt, r wie es ihr ergangen, als er ſie im Nerk rückgelaſſen hatte; boch die ehe— — 6 aus zu ſchweigen, und er wendete ſich an den Burg⸗ . voigt und fragte nach dem Burgherrn. „Dieſer wird gleich auch erſcheinen, den geſtrengen Herrn Rittern ſeine Reverenz zu machen,“ erwiederte der Demuͤthige. „Geht und ſagt ihm,“ entgegnete der Wildgraf, „Siegmund von Roßburg, Großmeiſter der Todten⸗. ritter, laſſe den Ehtenveſten ſogleich um eine geheime Unterredung erſuchen, in ſeinem Gemach!“— Der Burgvoigt eilte ab. . Dieß augenblicklich benutzend, ſtand Siegnind auf, ergriff Klara's Hand, und zog das außerordent⸗ lich überraſchte Maͤgdlein in eine entfernte Fenſter⸗ vertiefung. Sein Herz ergoß ſich, die Liebenswür⸗ 1 3 ige ward bald blaß, bald roth, bis ſie ſich wider 1 etwas geſammelt, um ihr freudiges Erſt unen in 1 Worten ausdruͤcken und ihm die beruhigende Ber ſrun z ſe nlewe gen habe. Dieß Geſpräch res wiederkehrenden Vaters. Ehe hatte ſich Klara beſcheiden zuruͤckgezogen, und Sieg⸗ mund zu ſeinem Begleiter, dem ſchlanken Benno von der Aue, gewendet, der mit Flammenblicken das ſchoͤne Mägdlein verfolgend, ihm zuflüſterte:„Heiliger St. Georg! welch ein wunderliebliches Engelsgebild!“ Der Burgvoigt meldete:„Der erhabene Herr Großmeiſter wird von meinem Gebieter erwartet! Ich habe Befehl, Ew. Geſtrengen zu ihm zu ge⸗ leiten.“ WVon ſeinem gelbbepluͤſchten Kröpelſtuhl erhob ſich der alte Wildburg beim Eintritt des Großmei⸗ den vom Kopf bis zum Fuß Geruſteten, welcher zwar ſein Helmviſir aufgeſchlagen, aber dem alten Herrn deorbare dunkie Ahnung ihn durchbtibte. Der Groß⸗ weiſter nahm ſogleich das Wort:„Eine Sache von Witngkeit nöthigt mich, Euch, Hert Ritter, in Eu⸗ Ruhe zu ſtören. Jch hoffe, daß ich Euch ein . Bote des Friedens und der Eintracht ſein werde— und komme— e mit Eun zu ſhnen 3 S u de n 5 ſters in ſein Gemach. Er maß mit forſchendem Auge unmoglich mehr kennbar ſein kenne, otgteich eine ſon⸗ ——— ——— — 171— „zwar hatt' ich—— eine Tochter!— doch ſie iſt ein Schandfleck meines Stammbaums— ſchweigt von dieſer Verworfenen!“ Siegmund. Gott der Allmächtige iſt barm⸗ herzig und gnaͤdig dem reuigen Suͤnder— wollt Ihr, ſein ſchwaches Geſchoͤpf, es nicht auch ſein?— Ihr ſeid alk, Euer letztes Stuͤndlein ſchlaͤgt vielleicht bald— muͤßt Ihr nicht davor zittern mit haßerfuͤll⸗ tem Herzen? Nur einem reinen Gemuͤthe braucht nicht zu bangen vor dem ewigen Richter. Erbarmt Euch Eurer ungluͤcklichen Tochter, die bereits ſchrecklich ihren Fehl⸗ tritt gebuͤßt hat; gebt Ihr den Geliebten, vor Gott ſchon Gatten, und laßt Euch den Abend Eures Le⸗ bens durch ein liebendes Paar verfüßen. Wildburg. höhniſch wild) Zur Pöle ma⸗ chen! wollt Ihr ſagen. Daß ich bei lebendigem Leibe ſchon im Feſee wäre— pr dn Tod auf der 1— ligem Gebluͤte, ſeine Ahnen den Euern vollkommen ebenbuͤrtig—— Wildburg.(ihn begierig unterbrechend) Sein Name? ſein Name?—— Siegmund.(ausweichend) Einen bildſcho⸗ nen Knaben hat ihm Eure Tochter geboren. Soll dieſes unſchuldige Kind ein Baſtart ſein?— kuͤnf⸗ tig ausgeſchloſſen bleiben aus den Turnierſchranken, eine Stute reiten, gleich dem gemeinſten Troßbuben, wegen ſeines Großvaters thörichter Hurtnicigkeit— Wildburg.(giftig) Und wie nennt ſich denn ſein adeliger Vater? Siegmund. Beſiegt Vorurtheile, vereinigt zwei edle, ſeit einem Jahrhundert ſchon entzweite Geſchlechter, und Ihr tragt den ſchönſten Sieg da⸗ von. Gebt am Traualtar Albert von Embach mit einer Edeln von Wildburg Euern Vaterſegen! Wildbur g. Cwüthend) Euern ſiebenfachen Fluch! wollt Ihr ſagen— oder ich muůßte wahnwi⸗ tig ſein! Wie koͤnnt Ihr Euch erfrechen, den Ah⸗ nenfeind zum Schwiegerſohn mir aufſchwatzen zu 6 6 wollen? S an einen Yam —— ————— ————— ſere Gefuͤhl ſiegte. ſelber waͤrt— packt Euch! oder ich brauche mein Hausrecht und laß' Euch durch meine Troßbuben ſ auswerfen! Da riß der beleidigte Großmeiſter ſeinen Helm ab, und donnerte den grimmigen Alten an:„Kennt Ihr mich? wißt Ihr, daß ich Genugthuung von Euch zu fordern habe ob unmenſchlicher Beſchimpfung? Iſt die Erinnerung an jenen Unſchuldigen, den Ihr damals, auf bloßen Verdacht hin, im Walde eigen⸗ haͤndig erdolchen— dann, ſchnell anders beſonnen, zu noch ſchmählichern Martern aufbewahrt, hier auf Wildburg mit Ketten belaſtet ins Gefaͤngniß werfen ließet, ſo ganz aus Eurem Gedächtniß verſchwunden? Ich, Siegmund, Wildgraf von Roßburg, bin dieſer ſchwer Beleidigte! in meiner Macht ſteht es jetzt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten— Dich preis zu geben der brennendſten Rache!— und doch— erzeih' ich Dir altem Manne! Dieſe Großmuth brach plotzlich die Eisrinde von dem verſtockten, ehrſuͤchtigen Herzen des hart⸗ näckigen Graukopfs. Er wechſelte die Furbe, mit ſich ſelbſt einen harten Kam „Nein, beir rief er ſtolz ſich aufrichtend,„Du, junger Ritter ſollſt einen alten Kampen nicht uͤbertreffen an adeli⸗ gem Sinn. Du verzeiheſt mir, was ich Dir an⸗ gethan!— ich verzeihe meiner Tochter, was ſie mir angethan, will ſie aufnehmen mit ihrem Auser⸗ wählten und dem Büblein, an mein Vaterherz.— So ſind wir quitt!“ „Ihr habt geſprochen als ein ächter deutſcher Mann,“ ſprach der edle Großmeiſter, ihm die Rechte zum Pandſchlag reichend—„und ich dank' Euch! wir ſind quitt!“ 3 „Wie kann ich Dank annehmen, der Euch ge⸗ baͤhrt, Herr Großmeiſter,“ lehnte der Alte ab;„Ihr habt mein Gewiſſen aufgeregt, den boͤſen Feind aus mir vertrieben, und mich dadurch zuln beſſern Men⸗ ſchen gemacht, der noch frohe Tage mit ſeinen An⸗ gehoͤrigen zu erleben hofft. Alſo laßt uns auch nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben; ſorgt, daß meine Kinder bald, recht bald zu mir kommen; ſeid Au⸗ genzeuge unſrer Verſöhnung und begleitet ſie zum Trauattare. Sendet Euern Boten ja ſogleich ab— mahnte et nochmals— und Ihr bleibt indeß bei W můſen un nihe lemen„und — 1— trauliche Freundſchaft ſchließen— denn Ihr ſeid mit S ſehr werth geworden!“ Um ſein gut's Werk ganz zu vollbringen, wil⸗ ligte Siegmund gern ein, und ging, ſeinem Gefähr⸗ ten, Benno von der Aue, den Auftrag an Thurm⸗ fels zu geben, ſeine nun Geretteten hierher nach der Wildburg zu geleiten. Er fand den ſchlanken Juͤng⸗ ling noch im Ritterſaale, wie es ſchien, außerordent⸗ lich zerſtreut, und des Großmeiſters Befehl uberzog ſeine ſonſt immer heitere Stirn mit einer finſtern Wolke.„Nur dießmal laßt mich hier,“ bat er drin⸗ gend und erröthend;„ſendet den Staufenau— der reitet gern, ihn quält ja ſo ſchon die Langweil „Und was feſſelt denn den Ritter von der Aue an die Wildburg?“ forſchte der Großmeiſter. „Die Zaubermacht der Liebe!“ erwiederte begei⸗ ſtert der Erglühende.„Ich muß es geſtehen: jene ſchoͤne Jungfrau, die vorhin hier mit Euch ſprach— nie ſah ich ſo viel Anmuth!— in ihrer Nähe möcht' ich bleiben— für ſie wird mein Herz ewig ſchlagen! „Dann hat es eine gute Wahl getroffen,“ ſprach der uͤberraſchte Siegmund.„Ich wuͤnſche Dir Giuc 8 — 176— ſie iſt ein ſehr edles wenn auch nicht aus adeligem Gebluͤt— „Gleichviel!“ fiel der Verliebte ein,„i ie pn unſer Herr Gott ſchon geadelt!“ Der Großmeiſter laͤchelte beifallig und ging, den Staufenau abzuſenden. „Es naht ein reiſiger Zug,“ meldete den Tag darauf gegen Sonnenuntergang der Thurmwart auf Wildburg von der hohen Zinne.„Sie ſind's! meine Kinder ſind's!“ rief freudig der jetzt durch den edeln Siegmund ganz umgewandelte alte Herr, und hin⸗ unter eiite er an die hohe Pforte, die Ankommenden zu empfangen; auch der Großmeiſter, Ritter Benno und der Burgvoigt folgten ihm; etwas entfernter ſtand die ſchoͤne Klara. und ſie waren es. Thurmfels fuͤhrte ſeine Tobtenritter an; in deren Mitte ritt das ſchoͤne, lei⸗ der noch ſchwächliche Paar auf ſanften Roſſen, und die zürtliche junge Mutter hielt ihr zartes Bübtein gar ſorgſam im Arm. Stuͤrmiſch leidenſchaftlich bei j⸗ der Gemüthserregung, ſo äußerte ſich auch jetzt der. —— Charakter des alte: Wildburg in der Verſoͤhnungs⸗ ſcene. ungeſtum draͤngte er ſich durch die Reiter, hob behend ſeine Tochter mit dem Kindlein vom Roſſe, ſchloß ſie feſt mit der Linken an ſein Herz, half mit der Rechten ihrem Geliebten herunter, um auch dieſen an ſeine Bruſt zu reißen. Als er nun ſah, wie bleich und abgezehtt die jungen Leute waren, de⸗ ren Wangen ſelbſt Freude und Entzuͤcken jetzt noch nicht zu roͤthen vermochte, da ergriff ihn die heftigſte Wehmuch, und faſt weinend uͤberhaͤufte ſie der alte Mann mit den zartlichſten Liebkoſungen, und ver⸗ wuͤnſchte dazwiſchen ſeine vorige Härte. Die Empfindungen der zahlreichen Anweſenden aͤußerten ſich bei dieſem Auftritt ſehr verſchieden. Eisgraue Krieger zerdruͤckten eine Thräne im Auge, fuͤhlten ſich ſelbſt mit hingeriſſen— der alte Burg⸗ voigt ſchluchzte laut.— Junge Ritter lächelten bei⸗ fälig; ein Lebehoch ſchwebte auf ihren Lippen.— Und welchen Eindruck machte er auf Siegmund, ihn, der ſich ſtolz ſagen konnte:„Dieß iſt Dein Werk!“ beſcheiden lehnte der Edle den Dank ab, mit dem ihn bald die Glcklichen uͤberſtrömten; ſein großes 42 ——— Stegen empfangen,“ mahnte plotzlich der ſtuͤrmiſche fels die des Bräutigams, und den Vater in ihrer ſchönen Klara, welche ihrem Vater auch nachgefolgt — 178— Herz war ja reich belohnt durch die gelungene ſchone That!— ₰ „Nun hinauf, meine lieben Kinder, in die Ka⸗ pelle zum Traualtar! Ihr muͤßt ſogleich des Prieſters Vater;—„hab' Alles ſchon angeordnet! damit Euch auch mein Hausgeſinde mit gebuͤhrender Acht——“ das Wort erſtarb ihm auf der Zunge; er mochte wohl fuͤhlen, daß es ein bittres war— wozu ihn gute Abſicht aus Uebereilung, nicht böſer Wille, ver⸗ leitet hatte. Der Großmeiſter, dieß augenblicklich fuͤhlend † und verbeſſernd, ergriff die Hand der Braut, Thurm⸗ Mitte, hinter ihnen der Burgvoigt in tiefſter Unter⸗ wuͤrfigkeit, zogen Alle hinauf nach der bereits erleuch⸗ teten Kapelle. Bevor ſie eintraten, gab die ſchmuck⸗ loſe Braut ihr ſchoͤnſtes Kleinod, das Knäblein der war, indeß zur Wartung;z hierauf offneten ſich die Thuͤren des Heiligthums, und der Pater im vollen Ornate verrichtete ſein Amt und gab dem laͤngſt ge⸗ ſchloſſenen Bunde die kirchliche Weihe.— 3 S Einen Tag noch mußten ſaͤmmtliche Todtenrit⸗ ter auf der Wildburg verweilen, und dem verſchwen⸗ deriſchen Hochzeitfeſte— denn auch hier, wie in al⸗ len Dingen, kannte der alte Ritter keine Graͤnzen— beiwohnen. Dann aber ließen ſie ſich nicht laͤnger halten, und fort gings, von tauſend Segnungen be⸗ gleitet, froͤhlichen Muthes nach der heimathlichen Roßburg. Benno von der Aue allein ritt tiefſinnig und traurig dahin— ſein Herz war ja auf Wild⸗ burg geblieben, bei der ſchoͤnen Klara— er dachte nur an ſie zuruͤck. Trompeten ſchmetterten, Pauken wirbelten vom Balkon der Roßburg herab, beim Einritt des Groß⸗ meiſters mit ſeiner ſtattlichen Schaar, und begruͤß⸗ ten den doppelt ſieggekronten, hoch gefeierten Helden. Auf dem Schloßhofe war ein Triumphbogen errich⸗ tet, und die ganze Beſatzung im kriegeriſchen Schmuck 2 aufgeſtellt, an ihrer Spitze der Befehlöhaber, Ritter Giesheim, und feſtlich geſchmuͤckt, in weißen Ge⸗ waͤndern ſtreueten Mathilde und Frau von Thurm⸗ fels den Ankommenden Blumen und Kraͤnze. Die — — = — 180— Mannſchaft ſchlug klirrend mit Schwert und Schild zuſammen unter dreimaligem donnerndem Lebehoch! dann ſenkte ſie die blanken Stähle mit dem Aus⸗ ruf:„Heil dem Frieden!“— und Mathilde uͤber⸗ reichte ihrem Siegmund einen Palmenzweig.„Laßt nun ruhen die Waffen, mein hoher Herr!“ ſprach ſie mit unendlichem Liebreiz,„und genießt die Fruͤchte Eures Sieges am heimathlichen Herde!“ „Ja, ſo lange Gott will, und es keine Buben mehr gibt in unſerm Schwabenlande!“ entgegnete ge⸗ ruͤhrt der edle Großmeiſter,“ und ſchnell vom hohen Roſſe ſpringend umſchlang er die Geliebte und druckte den zartlichſten Kuß auf ihre roſigen Lippen in Ge⸗ genwart Aller. Bald hielt auch Thurmfels ſein ſuͤ⸗ ßes Weibchen liebkoſend im Arm„und unter lautem Jubel der Krieger begaben ſich die ſchönen Paare in die Pfalz; ihnen nach folgten die andern Ritter. Spbald der alte Giesheim, bis jetzt Befehlsha⸗ ber auf der Roßburg, dem Wildgrafen uͤber Alles, während ſeiner Abweſenheit hier Vorgefallene, Rap⸗ port abgeſtattet hatte, ging dieſer ſchnell vom ernſtern Geſchaft auf ſeine eigene Herzensangelegenheit uber. Er beſtuͤrmte ihn, zu erlauben, daß er ſeine —— geſtrenger Herr, auf einige Zeit zu beurlauben— — 181— Mathilde nun ſchleunigſt zum Traualtar fihr in 8 Tagen ſchon—— 6 Der Vater machte lächelnd einige Einwendun⸗ gen— ſchon wollte Siegmund dagegen aufflammen, doch Jener ließ ihn nicht zum Worte kommen:„Mein theurer Sohn, freudig geb' ich Dir zu allem, was Du wuͤnſcheſt, meine Einwilligung, Du haſt ſie ja ſo ritterlich erworben! Mache meine Tochter gluͤck⸗ lich, und werde Du durch ſie gluͤcklich! ich geb' ————— Euch meinen herzlichſten Segen.“— Jetzt jubelte der Juͤngling laut auf:„In acht 6 Tagen!“— ſtuͤrzte dann fort zu ſeiner angebeteten Braut, und nach zwei Stunden wußte es Jedermann auf der Roßburg. Wie hätte der Gluͤckliche ſein Gluͤck verſchweigen köͤnnen! Den andern Morgen in aller Fruͤhe trat Benno von der Aue, herrlich herausgeputzt, in ſeines Groß⸗ meiſters Schlafgemach.„Verzeiht,“ ſprach er verle⸗ gen,„meine Störung. Ich komme, mich von Euch, da mir jetzt kein Geſchäft mehr obliegt“ „Wollt Ihr nach Eurem Schloſſe?“ fragte Sieg⸗ mund. — 182— „Nein,“ lautete ſeine Antwort. Er zogerte, ward immer verlegener und platzte enblich hochroth heraus:„Will mir auch eine Braut holen!“ „Wird Euch denn das ſo ſchwer zu geſtehen?“ lachte der Großmeiſter.„Und welcher Schonen habt Ihr Herz und Hand zugedacht?“ Benno.(treuherzig) Ei, wem anders, als der ſchoͤnen Klara auf Wildburg? Hab's Euch ja ſchon ein Mal geſtanden“—— Siegmund. Auch ſchon reiflich uͤberlegt und erwogen, daß ſie keine Edle iſt? Benno. Auch! will ſie meine Hausfrau wer⸗ den, was ich freilich erſt erwarten muß— mir fol⸗ gen auf mein kleines Schloß, das zwar keine ſtolze Burg, indeß ein reinlich Neſtchen iſt, ſo werde ich reicher und glucklicher, als der Kaiſer ſelbſt ſein, wenn auch die Buben, welche ſie mir ſchenket, nicht in die Turnierſchranken eingelaſſen werden zum Lan⸗ zenſtechen mit hochadeligen Herren. Ihr verſtoßt mich deßhutß nicht, behaltet den Benno genißlch unter Euren Todtenrittern. Gelt? Großmeiſter. Um ſo lieber, da Ihr fuͤr mich an das holde Maͤgdlein eine Schuld abtragt, — 183— die ich ſelbſt nie bezahlen koͤnnte.— Und jetzt ent⸗ deckte er ihm Klara's Edelmuth, waͤhrend 8 Ge⸗ fangenſchaft auf Wildburg. Dieſer ſchone Zug einer edeln Seele begeiſtert⸗ den Verliebten ſo, daß er hoch und heilig ſchwur, ſolch' treues Herz muͤſſe ihm angehoͤren, und ſolle er— um es zu verdienen, auf ſeinen Knieen bis Rom zum heiligen Vater rutſchen, ſich einen Trauring zu holen.— Das Gluͤck war dem braven Benno gänſtiger, als er erwartet, die muͤhſelige Reiſe nach Rom nicht noͤthig, ſeine Wuͤnſche zu kroͤnen. Man em⸗ pfing ihn auf Wildburg als einen Todtemritter, mit außerordentlicher Achtung und Freundſchaft. Der alte Herr lebte mit ſeinen Kindern in höchſter Zu⸗ friedenheit; ihr Knäblein war ſein Abgott, er trug ihn auf den Händen. Die Aeltern erfreuten ſich wie⸗ der einer vollkommenen Geſundheit im Sommer ih⸗ res jetzt ungetrubten Lebens. Der Gruß von ſeinem, Großmeiſter, den der Ritter von der Aue überbrachte, verſchaffte ihm die gaſtfreundlichſte Aufnahme. Er gab eine Geſchaͤftsreiſe vor, verſprach etliche Tage hier zu verweilen und benutzte dieſe Zeit wit einer —— Schlauheit, welche nur die Liebe dem ſchlichten, ge⸗ raden Jüngling zu ertheilen vermochte. Sehr erfin⸗ deriſch wußte er mehrere Male ſich die Gelegenheit zu verſchaffen, Klara'n allein zu ſehen und zu ſpre⸗ chen. Es war ihm unmöglich, die Gefuͤhle ſeines Herzens lange in den Schranken zu halten; bald ſagte er ihr ganz treu und offen, daß er ſie liebe, an⸗ bete, durch ihren Beſitz ſein S finden wuͤrde.— Welche Ueberraſchung fur die beſcheidene, de⸗ muthsvolle Jungfrau, ſolche Worte aus dem Munde eines ſchoönen Ritters zu vernehmen!— Sie war mit Purpur ubergoſſen— unfähig, ein Wort darauf zu erwiedern; faſt hörbar ſchlug das jugendliche Herz, es wollte zurnen uͤber den grauſamen Scherz mit ei⸗ ner armen Magd, wie es ihr duͤnkte— und ver⸗ mochte es nicht! Der ehrliche Benno, dieſen Ge⸗ danken Klara's freilich nicht ahnend, legte ihr Still⸗ ſchweigen zu ſeinem Vortheil aus, zog die Widerſtre⸗ bende ſanft in ſeine Arme und beſiegelte die Wahr⸗ heit ſeiner Worte durch einen heißen Kuß.„Nun will ich mit Deinem Vater ſprechen, mein Liebchen,“ ſagte der Treuherzige,„heut uͤber acht Tage muͤſſen wir mit unſerm Großmeiſter und ſeiner Mathilde zu⸗ gleich am Traualtare auf der Roßburg ſtehen!— und ein Verlobungsring blitzte am Finger der Braut. Verloren war jetzt der Augenblick des Wider⸗ ſtrebens, auch ſchwellten der Jungfrau Buſen plötz⸗ lich ganz andere Gefuͤhle: Dankbarkeit und hohe Ach⸗ tung, die bald in treue Liebe uͤbergehen ſollte fuͤr den ſchoͤnen Juͤngling, der es ſo ehrlich meinte, dem ſie nun angehoͤren wuͤrde auf ewig. Der naͤchſte Gang des freudetrunkenen Ritters von der Aue vom Liebchen war zu ihrem Vater. In ſeinem kleinen Stubchen ſaß der Burgvoigt und wollte ſchier außer ſich gerathen vor Erſtaunen und Reverenzen bei dem unerwarteten Beſuch des hohen Gaſtes ſeiner Herrſchaft. Als dieſer ſein Anliegen kurz und buͤndig vortrug, ſtand er ſtarr wie eine„ Bildſäule, ſtierte den Sprecher an, und fragte nach langer Pauſe, nachdem Venno ſchon laͤngſt geendet, faſt tonlos:„Nicht wahr, ich träume nur?“— Er rieb ſich die Stirn. Der Ritter lachte laut auf uͤber den drolligen Alten, und wiederholte das Wichtigſte ſeiner vorigen Rede nochmals. 1 — 186— Jetzt erſt ward es dieſem klar und verſtindlich; er verbeugte ſich tief und erwiederte feierlich:„Ich geringer Knecht kann nichts einwenden gegen Eure hohe Willensmeinung, mein geſtrenger Herr und zu⸗ kuͤnftiger Schwieg—— das Wort erſtarb ihm vor Reſpect auf der Zunge; er fuhr einlenkend fort:„Ich gebe meine unterthänige Einwilligung in Gottes Herrn Namen hierzu.“ „Waͤrmſten Dank! mein kuͤnftiger Schnieger⸗ vater!“ ſprach Benno, zum treuherzigen hanſchus ihm ſeine Rechte bietend. Der Alte zogerte indeß aͤußerſt verlegen, ſie an⸗ zunehmen und verſetzte abgebrochen:„Ja, wenn ich Aermſter der außerordentlichen Ehre— eihafüt werden— könnte——“ „Ihr habt mir ja eben Eure Einwilligung ge⸗ geben?“ unterbrach ihn der Ritter befremdet. „s Mägdlein zu freien“—— verbeſſerte Je⸗ ner,„freilich, freilich! daruͤber werden ſich auch alle En⸗ gel im Himmel freuen!— auch ich— weiß Gott! vom Grund meines Herzens!— aber ſolche Ehre waͤr doch zu viele Gnade auf dieſer Welt“ „Wollt Ihr denn durchaus ablehnen, was Euch — 187— der Himmel beſchieden?“ lächelte Benno;„Ihr ſollt hinfüͤro gute Tage haben; zieht mit uns auf mein Schloß, pflegt Euch im Lehnſtuhl———“ „Ach wer doch wuͤrdig wär, ſolches Gluͤck zu genießen—“ ſeufzte der alle Mann—„Ihr wer⸗ det Euch ſchoͤn huͤten, einen ſteinfremden“—— er zupfte betroffen an ſeiner Leibbinde und ſchwieg. „Nun heraus mit der Sprache!“ mahnte der Ritter neugierig—„Wer iſt ſteinfremd?——“ „Ich! wär's ja allerdings,“— ſtotterte der Erſchreckende.„Nein,'s muß an den Tag kommen mein Geheimniß— Euer Knecht wird ſich nicht Eu⸗ rer hohen Verwandtſchaft ruͤhmen koͤnnen— wollt es zwar verſchweigen, mein Leben lang Jedermann außer meinem geſtrengen Gebieter, deſſen Brot wir eſſen, und der es bereits weiß— aber auch Euch darf ich's pflichtſchuldigſt nicht verſchweigen, muͤßte ja auf dem Todtenbett mir Vorwuͤrfe machen“—— „Nur kurz, kurz zur Hauptſache!“ ſturmte Benno. „Daß,“ endete der Burgvoigt,„Klara nicht meine Tochter iſt!“ „Und wer iſt ihr Vater? und wie kommt ſie — 188— zu Euch, den ſie Vater nennt?“ fragte der Khe uͤberraſchte Ritter in einem Athem. „Wer ihr Vater iſt, weiß ich nicht!“ antwor⸗ tete der Burgvoigt mit erleichtertem Herzen;„doch trug er ritterliche Ruͤſtung— muß alſo ein adeliger Herr ſein. Wenn Ihr erlaubt, Geſtrenger, ſo will ich Euch haarklein wie mir's nanen mit dem Kindlein——— nn „Drum bitt'— nur— trieb Benno. „Seht, Hert der aue an, es moͤgen ungefahr funfzehn Jahre ſein, da mußt' ich eine Reiſe machen mit meinem hohen Gebieter ins ferne Welſchland. Das war Euch gar beſchwerlich, da gab's manche Fahr und Noth, auch Leben zuweilen——“ „Kuͤrzer, kuͤrzer, von Klara's Setz wil 1 hoͤren,“ unterbrach wieder der ungeduldige Zuhoͤrer. „Werde gleich dahin gelangen,“ verbeugte ſich der Erzaͤhler.„Als wir wohlgemuthet von Rom zu⸗ rüͤck kehrten nach der deutſchen Heimath, auch bereits ſechs Meilen Weges fuͤrbaß waren, da machten wir eines Tages Raſt in einer Herberge. Flugs ſiel es — 489— meinem geſtrengen Herren ein, er habe ein goldenes Kettlein, an dem ihm viel gelegen, in Rom gelaſſen⸗ Ich, ſein getreuer Burgvoigt, mußte ſtracks aufſitzen und zurück reiten, es zu holen. Fand's auch gluͤck⸗ lich und ſaß bald wieder im Sattel auf dem Her⸗ wege. Da kam ein gepanzerter Ritter, das Viſir geſchloſſen, mir nachgeſprengt, daß die Funken ſto⸗ ben; der hielt ein kleines, ſchier zweijähriges Kind⸗ lein, gar ſorgſam im Eiſenarm, und da er mich ge⸗ wahrte, rief er mir in deutſcher Mundart zu:„um der Wunden Chriſti willen, Mann! rette mein liebes Töchterlein, ſei ihm Freund und Vater— ich bin verloren!“ ſo ſagend, druͤckt' er mir faſt gewaltſam das Kindlein in die Arme— und jagte dann fort ſeitwaͤrts, als ob ihn der böſe Feind vexfolgte; er ward auch verfolgt, wie ich nachher bemerkte, von päpſtlichen Lanzenreitern. Was er verbrochen, mag die heilige Jungfrau wiſſen— ich weiß es nicht!“ „Saht Ihr ihn nicht wieder?“ fragte Benno ge⸗ ſpannt,„und behieltet das Kind?“— „Mußt' es ja wohl behalten, das arme Wuͤrm⸗ chen!“ lächelte der Alte gutmüthig.„s jammerte mich in der Seele, da mich's ſo freundlich anſah. —— —— 1— Aber wie's meinem geſtrengen Herrn nun vorbringen? dies war halt! eine ſchwere Aufgabe. Damals war er noch wild und hartherzig von Gemuͤth. Was haſt Du Dir da füͤr eine unnuͤtze Laſt aufburden laſſen? Schafskopf! ſo dacht' ich, wird er zu Die ſprechen, wenn Du ihm die ganze Sache vorträgſt; und hin nach der Herberge ritt ich, ſchweren Ge⸗ muͤthes. Aber, ſiehe da„ der liebe Herr Gott lenkte ſeine Gedanken zum Guten. Er hörte mich, ohne aufzufahren, ganz ruhig an, beſah das Kindlein, ſo faſt koſtbar gekleidet, und ſprach dann bei guter Laune: Höre, Kaspar, Du haſt ja weder Weib, Kind noch Kegel, behalt. Du den Wurm und gib ihn fur Dein leibliches Töchterlein aus— wer weiß, zu was es Dir einſt nuͤtzt. Hier in Welſchland koͤnnen wir den rechten Vater nicht aufſuchen, drum ſolſt Du nun der Vater heißen, von— ja wie nennen wir das Mägdlein gleich?— Ich nannte es Klara! und ſprach im Schwabenlande zu Jung und Alt: 8 iſt mein Kind!— dabei blieb es auch bis auf heute. Da Ihr, hoher Herr, der Klara die große Ehre er⸗ zeigen wollt, ſie zum ehelichen Geſpons zu erheben, woruber ich ganz außer mir bin und mich baß fteue!“ — 191— Benno dankte dem Alten fur ſeine auftichtige Erzählung und wolite ihn uͤberteden, mit der Pfle⸗ getochter auf ſein Schloß zu ziehen. Hierzu war in⸗ deß der im Dienſt ſeines Herrn Ergraute durchaus nicht zu bewegen, ſondern verſicherte hoch und theuer, daß er bei ſeinem geſtrengen Gebieter leben und auch ſterben wolle.— Großes Aufſehen erregte auf der Wildburg des Ritters von der Aue Bekanntmachung, er habe Klara, des Burgvoigts Tochter, zu ſeiner Braut erkoren, und werde ſie morgen ſchon mitnehmen nach der Roß⸗ burg zur baldigen Hochzeit. Die fromme, beſcheidene Jungfrau war allgemein beliebt, daher kam es, daß ihr Alle auftichtig Glück wünſchten und Niemand dem ſchonen Mägdlein die ſeltene Erhebung zur Rit⸗ terdame mißgönnte. Der alte Ritter, wohl wiſſend, daß ſie wahrſcheinlich vornehmer Abkunft ſei, ſagte fröhlich zu Benno:„Traun, Herr Bräutigam, Ihr bekommt das bravſte Weib unter der Sonne!“— Freilich ward es der Jungfrau am folgenden Tage ſchwer, den Ort, wo ſie erzogen, ſo lange ge⸗ lebt, manche ſtille Freude genoſſen, ſo ſchnell auf immer zu verlaſſen, ſchwerer noch der Abſchied vom —— —— Pflegevater, welcher der Scheidenden jetzt auch das Geheimniß ihrer Geburt entdeckte; und das Lebewohl aller Burgbewohner, die ſie ſtets liebevoll und gütig behandelt hatten, koſtete ihr heiße Thränen. Doch dieſe trockneten wieder unter der zärtlichen Kurzweil des ſchlanken Braͤutigams, der ihr liebkoſend zur Seite ritt.„Sieh, Schätzchen,“ ſprach er am Ziele der Reiſe,„ſieh die ſtolzen Thuͤrme mit den vielen Fähnlein— das iſt die Roßburg, da feiern wir un⸗ ſern Ehrentag!“ und unter ängſtlichem Herzſchlag folgte ſie dem Verlobten in die Burg. Beim Nachtmahl mit mehrern Todtenritterm, die Geſchäfte hergefuͤhrt hatten, ſaß der Großmeiſter an langer Tafel. Da trat plötzich der Ritter von der Aue mit ſeiner Klara in den Saal.„Ah ſieh da, Benno!“ rief ihm Siegmund freundlich entgegen. „Nun da bin ich wieder!“ ſprach dieſer mit ſtolzer Selbſtzuftiedenheit,„hab' auch Wort gehalten, Herr Großmeiſter, und bringe mein Brautlein gleich mit. Jetzt feiern wir zuſammen die Hochzeit. Em⸗ pfehle hiermit meine Klara Eurem huldvollen Wohl⸗ wollen!“ er ſtellte ihm ſie, die, in höchſter 8 heit zurückgezogen hatte, vor. 3 —— „Wir kennen uns ſchon, mein gutes, liebes Kind!“ erwiederte Siegmund, ergriff ihre Hand, und bemuͤ⸗ hete ſich, die ſchuͤchterne Jungfrau zu ermuthigen. Vergeblich; ſie blieb aͤngſtlich und wortarm in Ge⸗ genwart der fremden Maͤnner. Da fluͤſterte ihm Ritter Giesheim zu:„Bringt das Migdlein zu meiner Tochter; bei Mathilden wird's ihm wohler ſein, als bei uns“ Das geſchah' denn auch. Benno nahm unter den Rittern Platz an der Tafel. Na⸗ turlich war gleich das erſte Geſpräch von ſeinem mit gluͤcklichem Erfolg gekrönten Freiersritt. Der froh⸗ ſinnige Braͤutigam erzählte, verſchwieg auch nicht, was ihm der Burgvoigt uͤber Klara's Geburt ver⸗ traut. 405 Aufmerkſam und immer geſpannter hatte ein alter Ritter, mit narbenvollem Angeſicht und ſonnen⸗ gebraͤunten Wangen, dem Sprecher zugehoͤrt; als die⸗ ſer nun endete, frug er mit Haſt:„Vor funfzehn Jahren? in Welſchland, etliche Meilen von Rom?— das Maͤgdlein zwei Jahr? verhaͤlt es ſich gewiß ſo?“— „So verſichert der Pflegevater, ein grundehr⸗ licher Mann!“ bezeugte Benno. 43 — 194— „Barmherziger Gott! dann haſt Du mir meine Tochter wieder geſchenkt!“ ſtuͤrmte der alte Ritter auf nach der Thuͤr zu mit ausgebreiteten Armen: „Wo, wo iſt mein ande ich es an mein Va⸗ terherz drücke?“— und als es nun an dem Vaterherzen lag, das lngſt todt geglaubte, viel beweinte, nie vergeſſene Kind— da überwältigten Beide die allgewaltigen Gefuhle der Ueberraſchung, der Freude, des Ent⸗ zuckens— und ohnmächtig ſanken ſie in die Arme ihrer cheilnehmenden Freunde. Klara ward in Ma⸗ thildens Schlafgemach und W zur Ruhe ge⸗ bracht, deren ſie ſo ſehr bedurfte; ihr Vater hinge⸗ gen, der Ritter Wolf von Kohburg, erhielt im Lehn⸗ ſtuhl ſeine Beſinnung und Lebenskraft bald wieder. Er leerte bald als ein ächter Deutſcher ſeinen Becher wieber, mit einer Heiterkeit, die den ſonſt immer in Truͤbſinn verſunkenen Mann ſeit Jahren nicht be⸗ ſeelt hatte. Es gehörte große Seelenſtärke dazu, daß et nach ſolcher Aufwallung ſich dennoch und unauf⸗ gefordert entſchloß, der ganzen Verſammlung, vor⸗ zuͤglich ſeinem liebreich auf⸗ und angenommenen zu⸗ kuͤnftigen Schwiegerſohne, die traurigſte Periode ſei⸗ nes Lebens bekannt zu machen.„Lieben Herren und Freunde,“ fing er an,„mir hat das boͤſe Schickſal hart zugeſetzt in der Welt. Auf einem Römerzuge lernte ich in meinem Bläthenalter in Welſchland eine Maid kennen, ſchoͤn und tugendreich. Wir lieb⸗ ten uns, ſie ward mein Weilb. Ich blieb in Rom zuruͤck im Hauſe ihrer hoch angeſehenen Aeltern— es ward unſer Himmelreich. Nach zwei Jahren ſchenkte mir mein Weib eine Tochter, Roſamunden, die Du, mein Benno, jetzt aus meiner Hand em⸗ pfangen ſollſt. Das liebe Kindlein erhoͤhete noch un⸗ ſer Gluͤck. Wir wurden faſt uͤbermuͤthig— und ſollten nur zu bald dafuͤr gezuchtigt werden!— Ein junger Laffe, nah verwandt mit dem heiligen Va⸗ ter, hatte ſich bei uns eingeſchlichen. Wir nahmen ihn freundſchaftlich auf; zum Dank dafur verfolgte der Bube meine Veronika mit entehrenden Liebesan⸗ trägen. Das treue Weib verwarf ſie mit Abſcheu. Der Unverſchämte, dennoch nicht abgeſchreckt, ward ſo zudringlich, daß ihm Veronika eines Abends, um ſich zu retten, einen heftigen Backenſtreich verſetzte. Der Welſche, in raſender Wuth, ſtieß ſeinen Dolch in meines ſchuldloſes Herz. Ich, voller 13˙ Verzweiftung, ſchwur bei ihrer Leiche dem Meuchel⸗ mörder den Tod— und hielt Wort. Mein gutes deutſches Schwert ſpaltete ihm den Schädel, daß das Hirn umherſpritzte. Man verfolgte mich— kaum blieb mir ſo viel Zeit, das Liebſte, was mir meine Veronika hinterlaſſen, mein Kind, mitzuehmen auf die heimliche Flucht. Meine Spur ward leider entdeckt, eine Schaar päpſtlicher Reiter verfolgte mich, und als ſie mir ſchon auf der Ferſe waren, traf ich den ehrlichen Mann— einen Burgvoigt, wie Ihr ſagt, dem druͤckt' ich mein Toͤchterchen in den Arm, um es nicht auch Preis zu geben, denn ich war dem Anſchein nach verloren, in wenig Augenblicken nicht mehr unter den Lebendigen.— Gott hatte es an⸗ ders beſchloſſen. Seitwärts einbiegend ſtieß ich auf drei Ritter, rieſige Kämpen!— Die rief ich an, mir beizuſtehen. Gleich blitzten ihre Schwerter. Wir vier, vereint, hieben die päpſtlichen Lanzenreiter zuſammen. 5 Die drei Ritter zogen nun ihre Straße, ich ſprengte zuruck, den Mann, dem ich mein Kind in der Angſt anvertraut, wieder aufzuſuchen. Er war nicht zu finden; neue Feinde vertrieben mich bald, man hatte einen hohen Preis auf meinen Kopf geſetzt— ich — 197— mußte Welſchland verlaſſen, kummervoll und tiefge⸗ beugt. Hier im Schwabenland ward mir das Glück zu Theil, in den Bund der edeln Todtemritter aufge⸗ nommen zu werden. In ſtrenger Ausuͤbung von Pflicht und Recht fand ich Vergeſſenheit meiner Lei⸗ den——“ „Und habt treu an uns gehangen in jeder Ge⸗ fahr und Noth!“ unterbrachen ihn die Ritter. „Der Tod nur kann mich von Euch ſcheiden, meine Bruͤder!“ ſchloß der alte Wolf von Kohburg. Da verkuͤndete des Waͤchters Horn von der Warte die zwölfte Stunde und die Ritter trennten ſich für dieſe Nacht. Dritter Abſchnitt. Das glänzende Hochzeitfeſt zweier liebenden Paare war auf uͤbermorgen beſtimmt, und die Vorberei⸗ tungen dazu verſetzten das ganze Burggeſinde in raſt⸗ loſe Thätigkeit. Die langen Tafeln wurden ſchon geordnet im Ritterſaale, Aufſätze, gar ſeltſam und wunderbar anzuſchauen, ſtanden bereit, ſie zu zieren, ſo auch die hohen Pokale und Trinkgläſer nebſt den ſilbernen Schleifkannen. In den Kellern hatte der Burgvoigt ſelbſt vollauf zu thun, abzapfen zu laſ⸗ ſen die edeln Weine, aller Sorten durch ſeine Knechte. Auf dem Hofe polirten ſchon die Knappen das leich⸗ tere Ruͤſtzeug, in dem ſie bei der Feierlichkeit prun⸗ ken ſollten, obgleich es kaum Tages Anbruch war. Der Großmeiſter Siegmund ergötzte ſich eine Zeit lang am Erkerfenſter an dieſer Geſchäftigkeit, dann 2 S — d499— ergriff er Armbruſt und Wurfſpieß, um im Revier einige Stunden zu jagen. Er ſtreifte zerſtreut im Walde umher, erlegte wenig, gerieth auf Abwege, und hatte ſich endlich ſo verirrt, daß ihm die Ge⸗ gend ganz fremd ward. Endlich erregte ſeine Auf⸗ merkſamkeit der Schall eines Gloͤckleins. Er arbei⸗ tete ſich durch das Dickicht darnach hin und kam bald in die Nähe eines bekannten Nonnenkloſters der 8 Urſulinerinnen, welches unter ſeinen Schirm gehoͤrte. 1 Hunger, Durſt und Ermuͤdung noͤthigten ihn, an deſ⸗ ſen Pforte anzuklopfen. Sie ward aufgethan, und dem Schirmvoigt konnte der Eintritt in die heiligen Mauern nicht verweigert werden. Man fuͤhrte den 3 Gaſt in das Sprachzimmer, bewirthete ihn mit Brot und einem Becher Wein, und als die Aebtiſſin durch eine dienſtthuende Schweſter erfahren, wer der Fremde 1 ſei, kam ſie ſelbſt, ihren Schirmvoigt zu bewillkom⸗ men. Sie hatten kaum einige Worte gewechſelt, as ein feierliches Gelaͤut die ehrwuͤrdige Dame veran⸗ laßte, dem Gaſt kund zu thun, ein heiliges Ge⸗ ſchäͤft rufe ſie wieder ab, indem eine junge Novize ihr Geluͤbde ewiger Keuſchheit jetzt ablegen und ein⸗ gekleidet werden wuͤrde. — „Dieß mocht' ich wohl unbemerkt mit anſchauen/⸗ äußerte Siegmund. „Auf ſtrengſte Verſchwiegenheit rechnend,“ ver⸗ beugte ſich die Dame,„will ich Euren Wunſch er⸗ fuͤllen, ehrenveſter Herr. Man wird Euch ſogleich abholen.“ Sie ging.—. In eine dicht vergitterte Kapelle ward der Groß⸗ meiſter gefuͤhrt, aus welcher er ungeſehen die ganze Kloſterkirche uͤberblicken konnte. Die Prozeſſion be⸗ gann. In langſam feierlichem Zuge naheten die Nonnen, meiſt kalte, verſteinerte Matronen. In ih⸗ rer Mitte wankte die ſchlanke Novize, wie es ſchien, im Stillen geweinte Thranen hinter ihrem zarten Tuche verbergend, denn ihr Antlitz war faſt davon be⸗ deckt. Als ſie aber nun ehrfurchtsvoll am Hochaltare niederkniete, das Thränentuch fallen ließ, ihre noch feuch⸗ ten ſchönen Augen zum Himmel aufſchlug und mit bebender Stimme das Geluͤbde ewiger Keuſchheit ab⸗ legte, da fehlte nicht viel, Siegmund hätte laut auf⸗ geſchrien:„Thusnelde, ſo muß ich Dich wiederſehen?“ Sie war es, das ſuͤße Mädchen, das einſt mit der zärtlichſten Liebe an ſeinem Herzen lag, das er ohne Lebewoht auf immer verlaſſen hatte, in deren ſchönes Auge, den Spiegel ihrer reinen Sit, er nie wieder blicken ſollte— denn jetzt ſank der Schleier und verbarg ihm das blaſſe, ſanfte Antlitz fuͤr immer. In einer Aufregung, welche faſt alle Grenzen uberſtieg, verließ der Großmeiſter die Kapelle und ſturzte hinaus ins Freie. Im erſten Sturme der Leidenſchaft wollt er zur Aebtiſſin zuruͤck, ſie bitten, auf den Knien bitten, ſie zwingen, wenn es nicht anders ſein koͤnne— ihn die junge Nonne noch ein Mal ſehen, ſprechen zu laſſen! doch nur einige Abkuͤhlung— und ſein ihm eigenthůͤmlicher Edel⸗ muth trug den Sieg davon.„Wilſt Du, Grau⸗ ſamer! ihr die Ruhe ihrer Seele auf immer rau⸗ ben?“ ſprach er, feſt die Hand auf ſein Herz drük⸗ kend;„was kannſt Du der Aermſten ſagen?— was kann ſie Dir ſagen?— ein Lebewohl auf Ewig!— Ja, Thusnelde! Siegmund ruft es Dir zu? leb' wohl auf ewig! Gott ſchenke Dir Frieden!“— Er verſtummte wehmuͤthig und ging ſchnellen Schrittes in den Wald zuruͤck. Der Abend brach ſchon an, und der Grohmei⸗ ſter war noch nicht zuruͤck auf die Roßburg. Die Knappen hatten ausgeſagt, er ſei früh Morgens auf —— die Jagd gegangen und man ward ſehr beſorgt, ein Unfall könne ihm begegnet ſein. Mathilde ſandte in größter Angſt Boten uͤber Boten aus, den Ge⸗ liebten aufzuſuchen. Endlich kam er, blaß und ver⸗ ſtört. Alle umringten ihn; ſein gleichguͤltiges Vor⸗ geben, er habe ſich im Walde verirrt, und nicht ohne Anſtrengung erſt wieder einen Ausweg bahnen muͤſ⸗ ſen, befreite ihn bald von den Neugierigen, denen ſein Ausſehen auffallen mochte. Er aber folgte ſeiner Mathilde in ihr Gemach und ſie empfing hier ein treues Bekenntniß von dem, was ihn ſo erſchuͤttert. Ja ſelbſt, wie werth und theuer die liebenswuͤrdige Thusnelde ſeinem Herzen einſt geweſen und noch ſei, blieb der Braut nicht verſchwiegen. Mathidens Thraͤnen floſſen dem verhaͤngnißvollen Schickſale der jett Gott vermählten Jungfrau, aber zugleich ſchwellte ein wonniges Gefuͤhl ihren ſchonen Buſen uͤber die Aufrichtigkeit und Treue des Geliebten.„Wer könnte Dich ſehen, mein Siegmund, und nicht lie⸗ ben?“— rief ſie in ſtolzer Begeiſterung, und druͤckte den ſchönen Bräutigam an ihr zärtliches Herz. Dieß war am Vorabend des Tages, an wel⸗ chem ſie für immer vereinigt wurden. — ——— ———— — 2 Und er brach an, der ſchoͤne Morgen des Hoch⸗ zeitfeſtes; ein frohlicher Geſang der Burgmannen auf dieſen Ehrentag, und das ſtete Wohlergehen ih⸗ rer hochverehrten Herrſchaft, begleitet mit Trompe⸗ ten und Pauken, erfullte die Luͤfte. In der zehn⸗ ten Stunde wurden beide Brautpaare mit großter Pracht nach der durch unzählige Wachskerzen er⸗ leuchteten Kapelle von den Vaͤtern und älteſten Or⸗ denshelden geleitet; die vertrauteſten Freunde unter den Todtenrittern beſchloſſen den glänzenden Zug. Der Großmeiſter trug ein weißſammetnes Wams mit köſtlicher Stickerei, an ſeiner Huͤfte prangte das Bundesſchwert, und das goldene Kreuz, ein Zeichen der hochſten Wuͤrde, ruhete auf ſeiner Bruſt. Auch Benno von der Aue, faſt eben ſo reich geſchmuckt, prangte mit ſeinen Ordenszeichen. Die Bräute in weißſeidenen Gewaͤndern, deren Schleppen ihnen Edel⸗ knaben nachtrugen, zierte der Myrtenkranz auf uͤp⸗ pigem, mit Perlen durchflochenem Haar. Schallmeien, Cymbeln und Flöten fuͤhrten eine ſanfte Muſik auf, bis der Gottesdienſt begann, hierauf die Paare zum Traualtar tretend und niederkniend die Ringe wech⸗ ſelten, und des Prieſters Einſegnung empfingen.— — 204— Ein rauſchender Tuſch von Poſaunen, Trompeten und Pauken erfolgte nach der heiligen Handlung, und mit dem großten Entzucken, umringt von den Glück⸗ wuͤnſchenden, ſanken die Neuvermaͤhlten ſich jetzt als Mann und Weib in die Arme.— Im Ritterſaale„an den verſchwenderiſch beſet⸗ ten Tafeln, ſaßen die zahlreichen Gäſte, zwar etwas erhitzt vom ſtarken Wein, doch noch nicht trunken, obgleich mancher alte Kaͤmpe die Nagelprobe ſchon mehrere Mal beſtanden hatte. Es herrſchte Ordnung und Sitte, deßhalb hatten ſich auch die Bräute nicht zuruͤckgezogen; auch zierte beide das Kraͤnzchen noch. Da trat ein Knappe ein, und meldete die Ankunft eines fremden Ritters. „Fuͤhre ihn herein, damit er einige Becher leere auf das Wohl unſerer ſchoͤnen Braͤute!“ riefen meh⸗ rere Ritter. Der Großmeiſter winkte dem Knappen, und es geſchah. Der Fremde erſchien; ein faſt rie⸗ ſenmäßiger, ſchon bejahrter Mann. Faſt roſtig war ſeine Ruͤſtung, uͤber die ein beſtaubter weiter Man⸗ tel hing; ein ſtark befederter, heruntergeſchlagener ut gab ihm ein finſteres Anſehen, und helle Schweiß⸗ — 205— tropfen perlten auf ſeinen von der Sonne ten Wangen. „Woher des Landes? Kumpan!“ rief 8 der frohliche alte Giesheim zu. Der Ritter.(ſehr ernſt) Dieß iſt doch die Veſte des edeln Wildgrafen von Roßburg, Großmei⸗ ſters der Todtenritter? ſo—— Giesheim.(luſtig) Ja, ja, Bruder!— Aber trinken ſollſt Du erſt, dann wollen wir Dir antworten.(Er ſtand auf, ihm den Pokal zu uͤber⸗ reichen.). Der Ritter. Lenht ehrenveſter Herr, daß ich es jetzt ausſchlagen muß.— Erſt meine Bot⸗ ſchaft ausgerichtet, dann will ich Beſcheid thun, und nicht verſchmaͤhen, was Ihr anbieten werdet. Siegmund.(ihm entgegen) Ihr irrt Euch nicht, Herr Ritter; ich bin Siegmund von Roßburg; was bringt Ihr mir fuͤr Botſchaft? Der Ritter. So bitt ich Euch, mir geneig⸗ tes Gehoͤr zu geben. Ihr ſeid das Haupt eines hochſchaͤtzbaren Ordens, ſelbſt ein von Allen anerkannter Biedermann in ganz Schwabenland, jedem Bedrang⸗ ten hilfreich mit Kopf und Arm. So öffnet den 2 —— — 206— Euet großes Herz auch meiner Bitte— ſteht mei⸗ nem bedraͤngten Herrn und Kai ſer bei! Siegmund.(verwunderungsvoll) Suum Herrn und Kaiſer? wer kann dieß anders ſein, als— Der Ritter. Heinrich der Vierte! Ach, ich flehe Euer Mitleid an fuͤr den Armen, hart Verfolg⸗ ten. Bietet Eure ganze Macht auf, eilet ihm zu Hilfe— ruͤcht den vetfolgten Vater an un⸗ ie Sohne! Alle Ritter hatten ſich bei dieſen Worten um den Fremden gedraͤngt, man noͤthigte ihn, daß er durchaus an der Tafel Platz nehmen und dann ſeine Rede fortſetzen mußte. Der Ritter. Ihr werdet, edle Herren, von dem traurigen Schickſale unſers gnädigſten, und wahr⸗ lich liebreichen Kaiſers ſchon mehr gehoͤrt haben. Es wird Euch auch bekannt ſein, daß ſein älteſter Sohn ſich auf Anſtiften des heimtuckiſchen Papſtes,— ver⸗ zeiht dieſen harten Ausdruck, doch der ſcheinheilige Statthalter Chriſti verdient keinen beſſern— wider ſeinen ihn ſo zaͤrtlich liebenden Vater empoͤrt hat; indeß wurde dieſer noch glücklich gedemuͤthigt. Aber jett— denkt Euch die Verzweiflung und den Schmerz 1 5 —— des unglücklichen Heinrichs— empöorte ſich auch ſein zweiter Sohn wider den beklagenswurdigen Vater. Siegmund. Auch dieß iſt mir bekannt; ich weiß ſchon, daß der undankbare Sohn ſeinen Vater befehdet und ihre furchtbaren re ſich z immer mehr einander nͤhern. i Der Ritter. Und dennoch zogt 8 Curen Kaiſer nicht zu Hilfe? Siegmund. Verzeiht, Herr Ritter, daß 3 dieſe Frage mit Nein! beantworte. Der Reichshaͤn⸗ del ſind gar viele immer vorgefallen, mein ſeliger Vater ſelbſt bußte den Kern ſeiner ſtreitbaren Maͤn⸗ ner dadurch ein, dieweil er unſerm damaligen Her⸗ zog Rudolph, der zum Gegenkoͤnig gewaͤhlt war, ſeinen Heerbann ſtellen mußte. Dieſer ward aufge⸗ rieben in der Schlacht, welche Rudolph an Heinrich den Vierten verlor und ſelbſt ſeinen Tod fand. Deß⸗ halb ſind wir abgeſchreckt worden, an fremdem Streite Theil zu nehmen. Im eigenen Vaterlande gab's bisher genug zu thun, da waren Schnapphähne und ſchlechte Buben in Menge zu zuͤchtigen. Der Ritter. Ich kann Euch nicht Unrecht gebenz aber wo Hilfe ſo noth thut, wie hier— da — darf der Gerechte ſeinen Beiſtand nicht verſagen⸗ Auch ſcheinen die neuern Vorfälle Euch noch fremd zu ſein!— Unſer guter Heinrich war gluͤcklich in dem Feldzuge gegen ſeinen verrätheriſchen Sohn. Schon ruͤckte er mit einer großen Heeresmacht auf Mainz, allwo der junge Heinrich einen Reichstag ausgeſchrie⸗ ben hatte. Dieſer ward verlegen uͤber die anruͤckende Macht des Vaters, und bediente ſich einer Liſt, welche ſeine ſchwarze Seele ganz enthuͤllt. Ich be⸗ fand mich eben mit unter des Kaiſers Kriegern, ſchon hatten wir Koblenz erreicht, und räckten im Eilmarſch auf Mainz vor— als ein feindlicher Zug Männer aus der Ferne auf uns zu kam. Wie ſehr erſtaun⸗ ten wir, den jungen Heinrich zu erblicken! Unbe⸗ waffnet, von mehrern Rathsherren umgeben, nahete ſich der Heuchler in der demuͤthigſten Stellung, warf ſich ſeinem Vater zu Fuͤßen, bat um Vergebung ſei⸗ nes pflichtvergeſſenen Betragens, aber auch zugleich um Entfernung des ſtarken Heeres, welches ſeinen Vater begleitete. Der gutmuͤthige Heinrich ward ge⸗ ruͤhrt, verabſchiedete zu Koblenz die meiſten ſeiner getreuen Ritter und Mannen, und ich hatte nur mit Wenigen das Gluck, bei ihm bleiben zu duͤrfen. — 209— Heimich uͤberredete jetzt ſeinen Vater, nach Bingen zu ziehen; auch dieß ließ ſich der Gutmuͤthige gefal⸗ len, und ich folgte ihm dahin. Aber nun zog der Boͤſewicht ſeine Larve ab; kaum waren wir in die Stadt eingeritten, als ſogleich bewaffnete Maͤnner von allen Seiten auf uns los brachen. Der Wider⸗ ſtand von unſter geringen Anzahl war kraftlos, man uͤbermannte uns leicht; ich mußte zuſehen, wie Alle uͤber den ungluͤcklichen Kaiſer herfielen— ihn auf das Grauſamſte behandelten. Der Sanftmuͤthige ſtellte ihnen ihre Ungerechtigkeit vor, erniedrigte ſi ſich ſogar bis zum Bitten— doch ſeine Worte waren verſchwendet— die Tyrannen bemächtigten ſi ſich des Wehrloſen und nahmen ihn gefangen. Siegmund. Ungeheuer! iſts moͤglich, daß ein Sohn ſich ſo erniedrigen, ſo tief fallen konnte? Alle Todtenritter.(entſtammt) Dieſe That iſt ſchaͤndlich; und Züchtigung verdient der uͤbermü⸗ thige Bube! Der Ritter.(freudig) Erkennt Ihr das, edle Herren? Ja wohl verdient er Zuͤchtigung, der übermuͤthige Bube!— Es war traurig anzuſehen, wie barſch man den alten ehrwuͤrdigen Kaiſer vom —— Roſſe riß, ihn gleich einem Räuber ſo ſchimpflich be⸗ handelte. Und dennoch murrte er nicht wider ſein Schickſal; dennoch fluchte er ſeinem entarteten Sohne nicht! Es iſt zwar wahr, er ward blaß, ſeine Lip⸗ pen bebten— indeß bemuͤhte er ſich, den Auftuhr ſeines Gemuths zu erſticken. Noch ein Mal reichte er mir die Hand im Gedraͤnge und fluͤſterte mir zu: Burkard, vergiß Deinen unglücklichen Kaiſer nicht, ſammle meine Getreuen, und rette mich aus den Haͤn⸗ den dieſer Barbaren!— Es waren ſeine letzten Worte; mit Gewalt riß man ihn fort, um ihn nach Ingel⸗ heim zu fuͤhren, wo er, durch den heilloſen Biſchof alles kaiſerlichen Schmuckes beraubt, in der härteſten Gefangenſchaft ſchmachtet. Siegmund. Ungluͤcklicher Helnicht— aber wohin kamen ſeine großen, ihm getreuen Heer⸗ ſchaaren? Der Ritter. Leider wurden ſie durch die Liſt des jungen Heinrich ganz zerſtreut. Ich ehrte den Willen meines tief gebeugten Kaiſers, zog von Veſte zu Veſte, that ſeinen Freunden und Anhaͤn⸗ gern ſein ungluͤckliches Schickſal kund— doch nur Wenige waren willig, ihm thätig beizuſtehn und ihn —— aus dem Elend zu befreien. Ich durchſtreifte Schwa⸗ ben, vernahm hier den Ruhm des Wildgrafen von Roßburg, und dieſer mächtige Herr und Großmei⸗ ſter der Todtenritter wird dir ſeinen Beiſtand nicht verſagen, ſo dacht' ich, und ich bin jetzt erſchienen, Euch und der ganzen ehrenveſten Verſammlung meine dringende Bitte vorzutragen. Siegmund.(entſchloſſen) Wenn iſt es n⸗ thig, daß wir aufbrechen? Der Ritter. So ſchnell wie moͤglich! Mor⸗ gen mit Tages Anbruch! denn nur durch Sturm⸗ winds Eile kann mein Herr und Kaiſer gerettet werden. Siegmund. Wohlan! zwar bringe ich ein großes Opfer— denn wißt, Herr Ritter, heute fei⸗ ere ich meinen Hochzeittag— doch es ſei!(aufſte⸗ hend, und zu den Bundesrittern) Maͤnnerl die Ehre unſers Ordens ruft uns ins Feld! ſollen wir ruhig daheim ſitzen— indeß Andereun ſchuldig bluten?— Unſer Ruhm wurde befleckt werden, wenn wir nicht das Schwert zögen für Recht und Gerechtigkeit! Alle Todtenritter. Heil, Heil unſerm ge⸗ 14* rechten Großmeiſter! Wir folgen ſeinem Auftuf— und ſtreiten! Jetzt wandte ſich Siehmund forſchenden Blicks zu feinem jungen Weibe, und wie groß war ſeine Freude, als es ihn freundlich anlächelte.„Mathilde! und Du weinſt wirklich nicht?!“ rief er entzuckt und umſchlang ſie innig. „Warum ſollt' ich traurig ſein, Theurer,“ er⸗ wiederte ſie feſt;„fordert es nicht Deine Pflicht, dem Ungluͤcklichen beizuſtehen? Ich wuͤrde nur ſcham⸗ roth Dich davon abhalten können!“— Kräftig zog ſie ſein ſchweres Schwert aus der Scheide und uͤber⸗ reichte es ihm:„Kämpfe und ſiege!“—(ſich zärt⸗ lich anſchmiegend) Nur vergiß nicht— wenn Du in heißer Schlacht ſtreiteſt, wenn Blut in Stroͤmen fließt, wenn ſcharfe Speere, blanke Klingen auf Dich blitzen— daß auch ein liebendes Weib daheim Dei⸗ ner harret! ſchone fuͤr ſie Dein Leben— denn Dein Tod wuͤrde auch der ihrige ſein. Biſt Du Sieger, dann kehre ſo ſchnell als möglich zu Dei⸗ ner Mathilde zuruͤck, und wir wollen das Feſt unſ⸗ rer Vermaͤhlung zum zweiten Mal feiern und uns Deiner ritterlichen Thaten freuen!“ — 13 So ſprach das heldenmůthige Weib— und Roſamunde folgte ihrem Beiſpiel— auch ſie über⸗ gab ihrem Benno ſein Schwert mit den herzhaften Worten:„Kämpfe und ſiege fuͤr Recht und Ge⸗ rechtigkeit!—“ „Nun traun!“ rief der ftemde Ritter, Bur⸗ kard von Löwenſtern,„des Schwabenlandes Töchter ſind doch ächte deutſche Frauen!“— Dann ergriff er einen vollen Pokal, um ihn auf ihr Wohlerge⸗ hen zu leeren. Ohne Tanz, ohne ſchwelgeriſche Trink⸗ niederlage, ward das verhängnißvolle Hochzeitfeſt bald geendet. Alles uͤberließ ſich einer nothwendigen kur⸗ zen Ruhe, um vor Tagesanbruch ſchon wieder ge⸗ ſtärkt zu ſein, zur Waffenruͤſtung und weiten Reiſe. In derſelben Nacht noch waren Knappen auf den fluchtigſten Gaulen fortgeflogen, die abweſenden an⸗ dern Bundesritter und den ganzen Heerbann aufzu⸗ bieten. Die Ankunft der zu weit entfernten Krieger abzuwarten, war unmöglich; deßhalb ordnete der Groß⸗ meiſter an, ſeine ganze Macht ſolle in drei Abthei⸗ lungen einander folgen und an Schwabens Grenze ſich vereinigen. Ritter Wolf von Kohburg, Roſa⸗ mundens Vater, und der vormalige Großmeiſter * — 214— Arno blieben als Schirmvoigte der jungen Weiber nebſt beträchtlicher Mannſchaft treuer Knappen und Knechte auf der Roßburg zuruͤck. Alle ſchwuren in Siegmunds Hand, ſie zu vertheidigen mit Blut und Leben!— Die Vorhut des Kriegsheeres fuͤhrten Großmeiſter Siegmund und Benno von der Aue; bei ihnen befand ſich des Kaiſers Ritter, Burkard von Loͤwenſtern. Die zweite Abtheilung befehligte Thurmfels, ſie folgte der erſten faſt auf dem Fuße nach. Die dritte hingegen konnte erſt nach zwei Ta⸗ gen ſich vollſtändig ſammeln; dieſe fuͤhrte der alte Giesheim ſpäter nach. Den zweiten Morgen erſt war es der erſten und zweiten Abtheilung möglich, völlig geruſtet, auf⸗ zubrechen, ſo ſehr man ſich auch beeilt hatte. Die Stunde der langen, vielleicht ſehr langen Trennung der jungen Weiber von ihren heiß geliebten Maͤnnern ſchlug— und jetzt wollte ihre Standhaftigkeit doch wanken. Mathilde zerdrückte abgewendet eine Thräne, Roſamunde ſchluchzte laut, und Hulda, Thurmfels Gattin, zürnte heftig mit dem feindſeligen Schicſat. Trübe, unheimliche Ahnungen ſchienen alle drei zu ängſtigen. Die Helden ſelbſt fuhlten ſich beklommen, — 21 riſſen ſich los mit ſchweren Herzen aus den heftigen Umarmungen ihrer Geliebten, und eine wilde kriege⸗ riſche Muſik betaͤubte die fortziehenden Todtenritter; vom hohen Söller noch winkten ihnen die Frauen mit weißen Tuͤchern ein Lebewohl nach. Die Gränze Schwabens, ihr erſtes Ziel, ward von dem Großmeiſter mit ſeiner erſten Abtheilung ſchnell erreicht. Einige Stunden ſpäter langte auch Thurmfels mit der zweiten an. Nun mußte noch Giesheim mit der dritten Schaar erwartet werden, der auch richtig zur beſtimmten Zeit eintraf. Im Ganzen betrug das Heer 250 Ritter und 200 Lan⸗ zenknechte und Armbruſtſchuͤtzen. Die Anzahl der Krieger war nicht groß, doch jeder Einzelne ſchon furchtbar, durch unerſchutterlichen Muth und vieler⸗ probte Tapferkeit. Auf Burkards Anrathen mußte nun jede Abtheilung, auf verſchiedenem Wege, um nicht zu großes Aufſehen zu erregen, gen Ingelheim aufbrechen, ſich in den beträchtlichen Waldungen un⸗ fern der Stadt lagern, und hier eine Vereinigung mit mehrern der Verbundeten zu bewerkſtelligen ſuchen. Dieſer Burkard von Loͤwenſtern, ein ſo raſtlo⸗ ſer und theilnehmender Freund des ungluͤcklichen Hein⸗ — 216— richs, hatte ſchon beſchwerliche, ja gefahrvolle Reiſen gemacht, um ſeinem bedraͤngten Kaiſer Freunde zu erwerben. Dieſe waren bereits auch an dem mäch⸗ tigen Herzog von Niederlothringen und dem Biſchof von Luttich gefunden. Um dieſe jetzt zu benachrich⸗ tigen, daß der Großmeiſter der ſchwaͤbiſchen Todten⸗ ritter auch gewonnen ſei, trennte er ſich hier ſchnell von Siegmund und eilte wieder zum Herzog von Niederlothringen, ihm die gute Nachricht hinterbrin⸗ gend. Der weiſe Fuͤrſt ſah indeß wohl ein, unge⸗ achtet dieſes ſtreitbaren gZuwachſes 6 im offenen Felde doch noch nichts auszurichten, und rieth, lieber durch Liſt den gefangenen Kaiſer zu befreien. Der Biſchof von Luͤttich war derſelben Meinung, auch Burkard ſtimmte bei. Man pflog deßhalb Rath. Da hub der Herzog an:„Ritter von Loͤwen⸗ ſtern, Ihr ſeid ein weiſer, erfahrener Mann, und dieweit der Großmeiſter der Todtenritter, nach Eu⸗ rer Schilderung, ein kühner Degen iſt, ſo nehmt ihn dazu, und fuͤhrt mit einander das Wagſtück aus. Ihr Beide begebt Euch nach Ingelheim, gleichviel unter welcher Geſtalt, und Eurem Scharfſinn und Muth muß es gelingen, unſern Heinrich, der nach⸗ — 217— üſſs, wie mir kund geworden, bewacht wicd, him lich aus ſeinem Gewahrſam zu entfuͤhren!“ Welch ein angenehmer Auftrag fuͤr den treuen Burkard! Er fuͤhlte nicht die Laſt ſeiner Jahre, ritt noch bei Nacht fort, ſonder Raſt und Erquik⸗ kung, um in der Gegend von Ingelheim den Groß⸗ meiſter aufzuſuchen, ihm ſchleunigſt zu ſagen, wozu man ſie Beide auserkoren!— Wie erwuͤnſcht traf Loͤwenſtern auch zuerſt auf die Vorhut der Todten⸗ ritter, die ſich dort gelagert; etwas entfernter befan⸗ den ſich die zwei andern Abtheilungen. In gehei⸗ mer Unterredung theilte er dem Großmeiſter ſein Ge⸗ heimniß alsbald mit, und der feurige Held gab ihm freudig Wort und Handſchlag, für die Rettung ſei⸗ nes Kaiſers Leib und Leben daran zu ſezen! Nachdem er die nöthigen Verhaltungsbefehle, waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit vom Heere, an Thurmfels, Giesheim und Benno ertheilt, war er plötzlich nebſt dem Ritter Burkard von Loͤwenſtern verſchwunden.— Wie und auf welchem Wege ſie ihr Wagſtück bewerkſtelligten— daruͤber herrſcht ein Dunkel— daß es aber der glaͤnzendſte Erfolg gekront hatte, zeigte ſich nach etlichen Tagen ſchon. Denn— — 218— laut unſter Sage— hatte die erſte Abtheilung der Todtenritter, angefuͤhrt vom Großmeiſter, Ritter Bur⸗ kard, und Benno, die Ehre, den wieder befreiten Kaiſer Heinrich den Vierten in einer Bundesruͤſtung ſeinen Freunden, dem Herzog von Niederlothringen und dem Biſchof von Luͤttich, zuzufuͤhren. Mit offenen Armen empfingen die befreundeten Fuͤrſten den vom grauſamen Schickſal ſo hart dar⸗ nieder gebeugten Mann und Kaiſer. Ach, ſein gan⸗ zes Leben war ja bisher eine Kette von Bedruͤckung und Elend geweſen!— Zwar hatte ihn ſeine fruͤhere Erziehung, die nicht auf einerlei Grundſätzen be⸗ ruhte, oft in juͤngern Jahren zu Sonderbarkeiten ver⸗ leitet, doch brachen die Keime ſeines großen Geiſtes vald wieder hervor. Er beſaß eine unwiderſtehliche Beredſamkeit und unerſchrockenen Muth; ſelbſt ſeine Feinde gaben ihm das Zeugniß eines Helden, der 62 Feldſchlachten beiwohnte und meiſtens ſiegte. Tief war das Gefühl ſeiner Ehre und des Wohlthuns, und er empfand es ſchmerzlich, daß er jebt zu arm war, die ihm bewieſene große Treue ſeiner Freunde nach Wuͤrden lohnen zu koͤnnen. Siegmund und Burkard wurden mit Lobeser⸗ — 219— hebungen und Dankſagungen der erhabenen Maͤnner uͤberhaͤuft; ſie konnten ſtolz ſein auf die außerordent⸗ liche Gnade, mit welcher ſie der Kaiſer beehrtez ſtolz, daß ſie bewerkſtelligt hatten, nun im offnen Felde gegen Heinrichs des Vierten Feinde aufzutreten, um ihn wieder in ſein Eigenthum einzuſetzen. In Eilmärſchen trafen alle Verbündeten ein. Nach ih⸗ rer Vereinigung war das Heer ſehr anſehnlich. Der 55jährige Kaiſer, obgleich durch Kummer und Alter entkraͤftet, ließ ſich nicht abhalten, mit in den Kampf zu ziehen. Er ſelbſt ordnete am Tage des Aufbruchs ſeine Krieger. Im Angeſicht des ganzen Heeres um⸗ armte der dankbare Heinrich den edeln Großmeiſter der Todtenritter, und ertheilte, ihm zu Ehren, ſeiner Schaar den ruhmvollſten, aber zugleich ſchwerſten Poſten, die Vorhut, mit den Worten:„Mache uns Bahn! mein Held; wir folgen Dir auf dem Fuße.“ „Und ſchlage?“ fragte der Großmeiſter. „Was vorkommt!“ erwiederte der Kaiſer. Mit ehrerbietig geſenktem Schwert beurlaubte ſich der Großmeiſter, und bald bildete der tapfern Todtenritter Schaar des Heeres Spitze. In vielen blutigen Treffen, in mancher heißen Schlacht behaup⸗ tete ſie ihren lang bewährten Ruhm— doch die größere Halfte braver Streiter ward ihr auch ent⸗ riſſen durch den Tod auf dem Felde der Ehre.— Die Fortſchritte und Stellungen von Heinrichs Heere gehören der Geſchichte an. Wir folgen un⸗ ſern Todtentittern!— Siegmund, Thurmſels, Gies⸗ heim, Benno, Männer mit dem edelſten Hetzen, voll biederer deutſcher Treue, vereinigte der Freund⸗ ſchaft heiligſtes Band. Einer fuͤr Alle— und Alle fur Einen! war der Wahlſpruch dieſer mit Löwen⸗ muth ausgeruͤſteten Krieger, deren Keiner noch je dem Feinde den Ruͤcken gekehrt hatte, Keiner ohne Narben war. Mißmuth uͤberzog dieſer Helden Stirn, als auf Befehl des Kaiſers noch zwei Fähnlein loth⸗ ringiſch Volk zu ihnen ſtießen zur Verſtärkung. Zwar erforderte es die Nothwendigkeit— den bedeutenden Verluſt an Mannſchaft ihnen wieder zu erſetzen, um den erſten Poſten ferner behaupten zu können; doch traf richtig ein, was ſie gefuͤrchtet: die fremden Krie⸗ ger wollten ſich unter die ſtrenge deutſche Manns⸗ zucht nicht fuͤgen, es kam zu mancherlei Mißhellig⸗ — 221— keiten und den Todtenrittern wurde oft aufgebuͤrdet, was ſie nicht verſchuldet.— Eeines Tages zog das, nach der Vereinigung mit den Lothringern, wieder 300 Mann ſtarke Heer der Todtenritter, des Kaiſers Hauptmacht weit vor⸗ aus eilend, bei einem großen Dorfe voruͤber. Kaum hatten deſſen Einwohner die fremden Krieger wahr⸗ genommen, ſo ſtuͤrzten Maͤnner, Weiber, Greiſe und Kinder heraus, Angſt und Verzweiflung auf den blaſſen Geſichtern; ihre Klagetöne erfullten die Lufte.„Was fehlt Euch, Ihr Leute?“ fragten Siegmund und Thurmfels, welche neben einander ritten, theilnehmend. „Ach, edle Ritter, Euch hat Gott geſendet!“ riefen mehrere alte Männer, ſich vor den Roſſen nieder⸗ werfend.„Ihr werdet die Unbill und Bedruͤckung des Böſewichts nicht laͤnger dulden, der uns das Herzblut ausſaugt— Ihr werdet ihn zuͤchtigen, wenn Ihr gerecht ſeid, mit der Schaͤrfe das Schwert's!“ Siegmund. Wen meint Ihr? wir ſind ganz unbekannt in dieſer Gegend. Ein Greis. Ach, ſeinen wahren Namen kennen wir nicht; er ſoll anders heißen, iſt nicht ——. lange erſt aus fremdem Lande hierher gekommen, hat jene Veſte gekauft mit ſchwerem Gelde—— Ein junger Mann. Dort ſeht Ihr, ge⸗ ſtrenge Herren, ihre Zwingmauern hinter den hohen Baͤumen. Der Bube nennt ſich nach ſeiner Veſte Ritter Eichberg— daß ihn Gott verdamme!— Uns, ſeine armen Unterthanen, martert er durch Frohn⸗ dienſte ärger als ſeine Ruͤden—— Ein Anderer. Raubt uns den letzten Noth⸗ heller, verfuͤhrt uns die treuen Weiber und Dirnen— Ein Greis. Steckt uns aus Tollheit Huͤtten und Scheuern in Brand! Siegmund.(vom Roſſe herabrufend) Ge⸗ nug der Klagen! Wer verbuͤrgt mir aber die Wahr⸗ heit Eurer Ausſagen? „Wir Alle! wir Auel bei Gottes Blut!“ er⸗ ſcholl's von jeder Lippe. „Was iſt hiet zu thun?“ wendete ſich Sieg⸗ mund an Thurmfels. „Offenbare Gewalt kann nicht angewendet wer⸗ den,“ erwiederte dieſer,„obgleich wir in Feindes Lande ſind. Mein Rath wär', Du ſendeteſt einen unſerer Ritter zu dem ſaubern Wicht auf die Veſte, . der ihn ernſtlich vermahnte, hinfuͤro ſein Volk beſſer und glimpflicher zu behandeln, oder der härteſten Zuͤchtigung von den Todtenrittern gewaͤrtig zu ſein. Solches ſolle er angeloben und bekraͤftigen durch ei⸗ nen Eid auf das heilige Sakrament in Gegenwart ſeines Seelſorgers.“ Dieſer Vorſchlag erhielt des Großmeiſters Bei⸗ fall, und Curt von Staufenau, ein guter Redner, ward abgeſendet, dem Boͤſewicht das Gewiſſen zu ſchaͤrfen. Mehrere Stunden mußte man auf des Rit⸗ ters Zuruͤckkunft warten. Endlich kam er— ohne Helm, mit fliegendem Haar, das Angeſicht faſt ganz mit einem blutbenetzten Tuche verbunden. „Heiliger Gott! Staufenau, was iſt Dir wider⸗ fahren?“ riefen Alle, die ihn zuerſt gewahrten. „Hoͤllenbeſchimpfung!“ heulte der Unglckliche, indem er verzweifelt das Tuch abriß:„Da ſeht!“ — und ihm fehlten Naſe und Ohren. Empoͤrender Anblick!— „Wer hat Dir das gethan?“ donnerte bleich vor Entſetzen und Wuth der Großmeiſter. „Fauſt von Strahlau! den Gott verfluchen moge!“ ſchluchzte der graßlich Entſtellte.„Er iſts — ja, der Satan! zu dem Ihr mich in die Hoͤlle geſen⸗ det habt.“ „Fauſt von Strahlau! den wir im Vaterlande beſiegten, dem ich Leben und Freiheit ſchenkte?“ fragte mit bebenden Lippen der Großmeiſter. „Derſelbe!“ bejahete Staufenau.„Er treibt jetzt hier unter fremdem Namen ſein Handwerk, das wir ihm dort legten. Als ich zu ihm eintrat, er⸗ kannte ich das tückiſche Antlitz gleich, und brachte meinen Antrag kurz und buͤndig vor. Doch noch hatte ich nicht geendet, da fuhr er auf gleich einem Wahnwitzigen, herrſchte ſeine Knechte grimmig an, die mich alsbald rucklings uͤberfielen, zu Boden riſ⸗ ſen, mit Stricken banden und auf ſeinen Befehl ſo gräßlich beſchimpften und verſtuͤmmelten— daß ich Elender——“ „Du ſollſt gerochen werden, Armer!“ ſprach der Großmeiſter mit furchtbarer Stimme, und das ent⸗ bloͤßte Schwert gen Himmel haltend ſchwur er bei ſeiner ewigen Seligkeit, mit eigner Hand den Schand⸗ buben niederzuſchmettern!— Und alle Trompeter rie⸗ fen ſogleich den Kern des Heeres zum Sturm der Veſte auf. 1 — 225— Was vermochte die Beſatzung jener kleinen Burg gegen eine ſolche Macht?— Berg und Mauern wurden mit Adlersſchnelligkeit erſtiegen, das Thor geſprengt, Alle, die Widerſtand leiſteten, niederge⸗ hauen.— Den Fauſt von Strahlau ſuchte man aber vergebens. „Wo iſt Euer Gebieter?“ herrſchte der Groß⸗ meiſter einige Knechte an, die auf ihre Kniee gewor⸗ fen um Gnade fleheten. „Er iſt durch den Erdgang, der nach dem Klo⸗ ſter fuhrt, zu ſeinem lieben Freunde, dem Abt Hila⸗ rius, entflohen,“ berichtete ein alter Knecht mit recht ehrlichem Geſicht;„ach, der fromme Mann hat den⸗ noch unſern Ritter zu mancher unritterlichen That verleitet, das Gott geklagt ſei! und ihm leider ſchon im voraus für alle Sünden Vergebung ertheilt auf ſein Lebelang.“ S „Alſo auch ein Erzſchelm!“ knirſchte der Groß⸗ meiſter.„Führ' uns hin, Alter, zum Kloſter; wol⸗ len ein Wort mit beiden Wichten ſprechen.“ Der Knecht that, wie ihm befohlen. Da das Kloſter an der Heerſtraße lag, ſo ſetzte ſich das ganze Heer in Bewegung, zur Folge; hinter ihm ging die 15 eingenommene Burg in Flammen auf. Gleich nach Ankunft der Krieger bei dem anſehnlichen Gebaͤude, wurden deſſen Thore gewaltſam eingerannt, und Ritter und Knechte ſturzten in die heiligen Mauern; auch lothringiſch Volk, begierig auf der Moͤnche rich gefuͤllten Weinkeller, drängte ſich mit ein. Die ar⸗ men Barfuͤßer waren in ihre Zellen gefluͤchtet, und ſchrieen Ach und Weh, da man ſie zwang, heraus zu kommen. Nach ihrem Abte fragte der Großmei⸗ ſter in brennender Ungedul d.„Ach, er iſt am hei⸗ ligen Hochaltare in der Kirche und betet!“ lautete die Antwort eines feiſten, ſcheinheiligen Kuttenträ⸗ gers. Und hinein eilten der Großmeiſter, Thurm⸗ fels, Giesheim, Benno, auch mehrere Todten⸗ und lothringiſche Ritter. Als ſie das Schiff der Kirche betraten, fielen ihre Augen auf den wohlbeleibten Abt, welcher, auf der höchſten Stufe des Hochalta⸗ res ſtehend, ſeine Arme uͤber einen vor ihm knieen⸗ den Ritter in voller Ruͤſtung ausgebreitet hatte. Es war der, den man ſuchte, Fauſt von Strahlau. „Herab mit Dir, vor meine Klinge!“ donnerte hn der Großmeiſter an, und ſeine Worte hallten zehufach in dem ſteinernen Gewoͤlbe wieder. — 227— „Dieſer fromme Ritter ſteht unter meinem und der Kirche Schutz,“ ſprach der Abt mit ſt ſtolzer Widez „wag' es Keiner, ihn anzutaſten!“ „Herab mit ihm!“ wiederholte auch Thurmfels vorſchreitend, und gewaltſam riß er den Fauſt vom Altare bis in die Mitte des Schiffes. Hier blitzte ihm ſchon des Großmeiſters Schwert entgegen. Jetzt galt's!— Krachend ſchlug der Ge⸗ zwungene ſeines Helmes Sturz zu; auch ſeine Wehr zog er auf den gewichtigen Gegner. Der Kampf war ſchrecklich— aber kurz. Bald ſchwand die Kraft, welche nur Verzweiflung verlie h, und matter fechtend zog ſich Strahlau nach dem Pochaltar zu⸗ ruͤck. Gleich einem Cherub folgte ihm der Streiter fuͤr gerechte Sache, Schritt fuͤr Schritt, und noch gewaltiger wurden ſeine Streiche. Da verſuchte der Abt ſeinen Schuͤtzling nochmals zu ſchirmen, und war tollkuͤhn genug, die Arme nach ihm auszuſtrecken. „Zuruͤck, Prieſter!“ donnerte der ihm zunächſt ſtehende Benno von der Aue, ſelbſt erhitt vom Zu⸗ ſchauen des Kampfes,„zuruͤck— oder“—— er dieſer taumelte. ſtieß den wohlbeleibten Hilarius vor die Br uſt, daß 5 * — 228— Jedoch ſchnell ermannt, rief der Abt voll gifti⸗ gen Ingrimms:„Du Milchbart!“ und ſpie dem Ritter ins Angeſicht. In demſelben Augenblicke fuͤhlte er aber auch ſchon deſſen Dolch in ſeiner Bruſt und lehnte ſich todtlich verwundet an den Hochaltar. Mit ihm zugleich erhielt auch Fauſt ſeinen Todesſtreich, der Großmeiſter ſpaltete dem Buben Helm und Haupt. Um nicht ohne ein Schelmſtůck aus der Welt zu gehen, nahm der immer mehr erbleichende Abt ſeine letzten Kraͤfte zuſammen, richtete ſich empor, ſo hoch er konnte und hub mit moglichſt ſtarker Stimme an:„Morder eines gottgeweiheten Prieſters! uͤber Dich und Deine Genoſſen komme hiermit mein Bannfluch! Verflucht ſei die Erde, die Ihr betretet, verflucht die Luft, die Ihr einathmet, verflucht Je⸗ dermann, der mit Euch umgeht. Kein heiliges Sa⸗ krament ſtärke Euch in der Todesſtunde, und alle Qualen der Hoͤlle muͤſſen Euch treffen!“— „Amen!“ bekraͤftigten aller Moͤnche Stimmen im anſtoßenden Kreuzgange, dumpf und ſchauerlich wiederholt durch das vielfache Echo. Der Abt bekam Convulſionen, ſtuͤrzte zuſam⸗ men und ſtarb. Laienbruͤder und Prieſter entflohen ⸗ „Unbeſonnener! was haſt Du gethan!“ rief der Großmeiſter, auf ſein noch blutiges Schwert geſtützt, dem Ritter Benno zu, der faſt ſo bleich als ſein Gemordeter deſſen Leichnam ſprachlos anſtarrte.„Ich furchte, uns wird ein hartes Loos treffen, und unſere Sterne ſind geſunken in ſchwarze Nacht! Er hatte noch nicht ausgeſprochen, da verließen Knechte, Knappen und ſelbſt alle lothringiſchen Rit⸗ ter den entweiheten Tempel— um alle Gemein⸗ ſchaft mit den Bannbeladenen aufzuheben; ſchnell machten ſie ſich zum Abzug bereit, und die Vorhut verlaſſend kehrten 200 Mann zum kaiſerlichen Haupt⸗ heere zuruͤck.— Jetzt verſammelten ſich ſammtliche Todtenritter auf dem Kloſterhofe, um Rath zu hal⸗ ten, was nun zu thun ſei. Die Meinung Aller ſtimmte überein, es muͤſſe ſchleunigſt dem Kaiſer der ganze traurige Vorfall angezeigt, auch ſchnelle Be⸗ freiung vom Bannfluche ausgewirkt werden. Hier wolle man vor der Hand bleiben, um abzuwarten, was kaiſerliche Majeſtät und die hohe Geiſtlichkeit uber ſie beſchließen werde.— Drei Boten, alte weiſe Ritter, gingen deßhalb ab. Traurige Lage dieſer Helden, welche an raſt⸗ — oſe Thãtigkeit gewöhnt, jetzt in ſtillen, verlaſſenen 1Kloſterzellen voll Bangigeit die Entſcheidung ihres Schickſals abwarten ſollten. Der feurige Benno, welcher allein ihnen dieß bereitet, klagte ſich laut an, und ward ſo tiefſinnig, daß der edle Großmeiſter ſelbſt ihm wieder Muth einſprechen mußte. Ganz unerwartet trafen die drei an den Kaiſer abgeſende⸗ ten Ritter, mit Staub und Schweiß vom ſchnellen Ritt bedeckt, in derſelben Nacht ſchon wieder ein. Alle glanbten zu traͤumen, indeß mahnte ſie der Bo⸗ ten Rede, nur zu bald an die traurige Wirklichkeit; ſie lautete: Faßt Euch, Freunde und Bundesbrüder! wir haben Euch böſe Maͤhr zu uͤberbringen. Unſer alter guter Kaiſer Heinrich iſt todt, ſein Sohn mit 10,000 Streitern im Anmarſchz der großte Theil von des Alten Heere iſt ſchleunigſt zu ihm uͤberge⸗ gangen, und die andere Hälfte eilt mit dem loth⸗ ringer Herzog und dem luͤtticher Biſchof in ihre Laͤn⸗ der zuruͤck. Von allen Seiten ſtroͤmen befreundete Krieger des jungen Heinrichs herbei, um ſich mit der Hauptmacht, die ſtracks auf uns zukommen muß, zu vereinigen. Des jungen Zweizünglers Wahlſpruch, den er überall auspoſaunen laͤßt, ſoll ſein:„Wer nicht mit mit iſt, iſt wider mich!“— Nun, ihr Bundesbruͤder, laßt uns einen Entſchluß faſſen! Morgen in aller Fruͤhe ſind ſeine Reiter hier. „Mein Entſchluß iſt gefaßt!“ ſprach der Groß⸗ meiſter kalt und finſter;„eher ſoll meine Rechte ver⸗ dorren, als das Schwert ziehen fuͤr den jungen Heinrich!“ „So ſag' auch ich!“ ſtimmte Thurmfels bei. „Wir Alle!“ fielen die Uebrigen ein. „Läßt man uns ruhig abziehen nach der Hei⸗ math,“ nahm der Großmeiſter wieder das Wort, „dann gut!— wo nicht— ſo wiſſen wir zu fech⸗ ten und zu ſterben!“ „Und wir mit Dir!“ erſchollen Aller Sin „Heil unſerm Großmeiſter!“ Die erſten Strahlen der Sonne fielen eben auf die hohe Thurmſpitze des Kloſters, als drei prächtig geruͤſtete Ritter an der Pforte ankamen, welche den Großmeiſter der Todtenritter zu ſprechen verlangten. Dieſer erſchien. „Wir haben Euch,“ begann der Vornehmſte, — 232— „von Sr. Hoheit, unſerm erlauchten Heinrich dem Fuͤnften, den Befehl zu uͤberbringen, daß Ihr— da ſein erhabener Vater, die alte Majeſtät, in Gott vrerſchieden iſt— Ihm, ſeinem Nachfolger und recht⸗ mäßigen Thronerben, ſogleich mit Euren Ordensbru⸗ dern den Eib der Treue ſchworen, und hinfort für ihn fechten ſollt mit ritterlicher Tapferkeit in jeder Fehde!“ Siegmund.(kalt und ruhig) Enſchuldigt mich bei Eurem hohen Herrn, Herr Ritter, daß ich hierauf nicht eingehen kann mit meinen Bundesbruͤ⸗ dern. Dem alten Kaiſer, Gott verleih' ihm froͤh⸗ liche Urſtänd! war mein Wort verpfändet— der Tod hat es geloſet!— Jetzt ſoll mich Seine Hoheit ruhig abziehen laſſen in meine Heimath; fuͤr ihn kann ich nicht fechten! Ritter. Bedenkt wohl Eure Worte! Ihr ſeid im Bann, wie uns geſtern ſchon kund geworden. Seine Hoheit vermag viel beim heiligen Vater, ein Wort von ihm— Siegmund.(einfallend) Ich danke ſehr, will Euern Herrn nicht bemuͤhen— bin auch uͤbrigens — 2 wegen des Bannſtrahls nicht ſo aͤngſtlich. Es bleibt bei dem, was ich geſprochen! Ritter.(hitzig) Es bleibt nicht dabei! Ihr muͤßt, waß ſeine Hoheit will! Man kennt Euch wohl, ihr ſaubern Todtenritter, die alte ſchwache Majeſtät iſt Euch noch ans Herz gewachſen;— da war mit leichtem Dienſt viel Mammon zu erwer⸗ ben— jetzt freilich haͤlt das ſchwerer! Siegmund.(verächtlich) Solch' freche Rede will ich nicht gehoͤrt haben—— Ritter.(wild) Großmeiſter! Siegmund.(kalt) Ihr habt Beſcheid! Gott befohlen! Ritter. Und hier iſt meines erlauchten Ge⸗ bieters Antwort!(Er wirft ihm einen Fehdehand⸗ ſchuh vor die Fuͤße, wendet ſein Roß und ſprengt davon.) Seine zwei Gefaͤhrten folgen ihm. Der Großmeiſter hob den Handſchuh auf und ging ins Kloſter zuruͤck. Seine Ritter, die das Geſpraͤch mit angehoͤrt, ſahen ihn fragend an; er ſprach:„Sich durchzuſchlagen, iſt jetzt unmög⸗ — „Wir haben die Zeit verſäumt,“ fiel der alte 3 — Gie ehein dem ein,„brachen wir in der Nacht auf, ſo war noch durchzukommen; nun würde uns freilich die Uebermacht erdruͤcken.“ „Darum hier ſich vertheidigt,“ fuhr dieſer fort, „ſo lange Gott will und eine Klinge hält!“— Die Pforte wurde verrammelt, hinter die Mau⸗ ern zogen ſich die Ritter kampffertig zurũc und im duͤſtern Schweigen erwarteten ſie die verhängnißvolle Ankunft des feindlichen Heeres. Eiiner hatte den Thurm beſtiegen; nur zu bald rief er herab:„Da kommt's heran wie eine ſchwarze Gewitterwolke! ha, immer näher— ſchon ſeh' ich ihre Fähnlein wehen, auch die blanken Speere Uiten— jetzt ſie an der Pilgerruhe!“ Und ſchon vernahm man ihr wildes Toben, der Roſſe Hufſchlag, das Geraſſel ſchwerer Ruͤſtungen. Noch kurze Friſt— und die Angriffs⸗ Trompeten ertönten, die Mauerbrecher krachten an Thor und Mauern. Es entſtanden Luͤcken; mit geſchwungenen Mordſtählen drängten ſich die Feinde herein. Sie⸗ ben Mal wurden ſie zuruck geworfen von den ta⸗ pfern Todtenrittern— Blut floß in Strömen— aber auch ihr edies Blut, beſſen ſie nicht ſo viel zu⸗ 3 3 — 235— zuſetzen hatten, als die Sturmenden. Immer ge⸗ ringer ward die Anzahl der Helden, aufgehäuft la⸗ gen ihre Todten, welche ſich bis zum letzten Athem⸗. zuge ſelbſt ſterbend noch, vertheidigt hatten. Zuletzt fochten noch ſechs Mann in blutbenetzter Ruͤſtung, mit beiſpielloſer Standhaftigkeit auf dem in ein Lei⸗ chenfeld verwandelten Kloſterhofe. Drei derſelben, nur noch matte Halme, maäheten bald die feindlichen Schnitter; den vierten ſchmetterte ein rieſiger Kämpe mit ſeinem Flammenſchwert nieder— da ſtanden zwei noch unerſchuͤtterlich. „Bringt mir dieſe lebendig, reicher Lohn ſoll Euch dafuͤr werden!“ erſcholl eine Stimme am Eingange. Da ſchleuderte der rieſige Kaͤmpe ſein Schwert fort, ſtuͤrzte auf den Einen, umfaßt' ihn und warf in uͤberlegener Koͤrperkraft ſich ſelbſt mit ſeiner Beute zu Boden. Den Andern unterliefen vier kuͤhne Wag⸗ linge, daß er hinten uͤberſank, ſogleich aufgefangen von mehrern Wappenknechten. Lautes Jauchzen ver⸗ kundete den errungenen Sieg!— Mit ſchimpflichen Ketten belaſtete man die edeln Gefigenn, welche . — 26— ſo viel Tapferkeit bewieſen hatten— es waren Sieg⸗ mund und Thurmfels. Immer noch voll Hoheit und Wuͤrde ſtanden die ungluͤcklichen Freunde mitten unter ihren erſchla⸗ genen Bundesbruͤdern. Ach, dieſe waren ruhmvoll gefallen, doch ihnen hatte das eiſerne Schickſal ein haͤrteres Lvos zugetheilt. Sie reichten ſich ſchmerzlich die Bruderhand zu ſtandhafter Ausdauer, und der Großmeiſter ſchlug das thränenfeuchte Gitter ſeines Helms zuruͤck.. „In Deinen Augen glänzen Thraͤnen, mein Siegmund,“ ſprach Fh mit weicher, matter Stimme. „Sie fließen dieſen hier!“ erwiederte der Groß⸗ meiſter wehmuͤthig, indem er auf die gefallenen Todtenritter zeigte,„es iſt mein Abſchied von ip⸗ nen, die uns ſo werth waren—— „Und welch ein Abſchied!“ entgegnete Thurm⸗ fels feurig,„denn es ſind koſtbare, es ſind Helden⸗ thränen!— Auch ich ruf' Euch Brudern aus über⸗ ſtrömendem Herzen mein Lebewohl zu; jenſeits fin⸗ den wir uns alle wieder!“ Zwei Ebelknechte in glänzenden Waffenroͤcken X erſchienen und befahlen die Gefangenen fortzuf Unweit des Kloſters hielt der junge Heinrich ſe auf hohem ſtolzen Roſſe, umgeben von ſeinen Kriegs⸗ oberſten, auch mehreren Hofſchranzen. Als man die gefeſſelten Todtenritter vor ihn brachte, maß er ſie lange mit durchdringendem Blick, dann hub er an: „Ihr Widerſpenſtigen! erwartet den Lohn fuͤr Euern Frevel, mir zu trotzen!“ „Wir haben Eurer Hoheit nicht getrotzt,“ er⸗ laubte ſich Thurmfels kuͤhn zu ſagen;„nur um fteie Ruͤckkehr nach dem Vaterlande haben wir gebeten.“ „Und hinzugefuͤgt, mir wolltet Ihr nicht die⸗ nen?“ fiel Heinrich hitzig ein.„Warum nicht? Ihr ſeid tapfre Leute, wie wir ſelbſt vorhin mit ange⸗ ſchaut.“ „Wenn Ihr dieß erkennt,“ ſprach jetzt Sieg⸗ mund,„ſo werden Ew. Hoheit uns, als Ritter, der ſchimpflichen Ketten entledigen, und uns ein anſtaͤn⸗ dig Gewahrſam geben.“ „Es ſei bewilligt!“ ſagte der Gewaltige;„doch Galgens und Rades könnt Ihr gewartig ſein, bin⸗ nen acht Tagen; denn wir muͤſſen alle gegen uns Widerſpenſtige in Furcht ſetzen— durch ein liches Exempel.“ Siegmund und Thurmfels, Beide zuglei fahrend, riefen entſetzt:„Was? uns deutſe tern ſolche Schande?!——“ H „Die ehrenveſten deutſchen Ritter haben ſie ver⸗ ſchuldet durch ihren Starrſinn!“ ſchalt der Harther⸗ zige; ſein Wink befahl die lange genug Angehörten abzufuͤhren.— ₰ In Mainz ward ihnen ein leibliches Gefang⸗ niß— ohne Ketten; auch hatte man die Freunde nicht getrennt. Im reinlichen Gemach eines feſten Thurms ſaßen ſie, von allem Gerauſch der jetzt ſehr bewegten Stadt abgeſchieden— und gedachten nicht mehr der Welthaͤndel, nicht mehr der nun vollende⸗ ten kriegeriſchen Laufbahn— denn nach dem Schwa⸗ benlande war jetzt der Pelden Sinn gekehrt, zu ih⸗ ren Lieben auf der heimathlichen Roßburg. „Wie mag ſich meine Mathilde befinden?“ ſeufzte ſehnſüͤchtig der treue Siegmund.„Gott! was wird ſie ſagen bei der Trauernachricht?“— „Wie meine Hulda?“ der wackere Thurmfels; „ihr wird das Herz brechen!“—— Die Beklagenswerthen! Am dritten Tage wurde ihnen ihr Urtheil im ſchwarz ausgeſchlagenen Ge⸗ richtsſaale vom Großkanzler ſelbſt, in Gegenwart vieler Ritter, mainzer Rathsherrn und Buͤrger, vor⸗ geleſen, es lautete: Tod— auf öffentlichem Markte durch des Henkers Beil;— doch aus beſonderer Gnade Seiner Hoheit: ein ehrliches Begraͤbniß den mit des Prieſters Bann Behafteten. Alle Anweſende bewunderten die außerordent⸗ * liche Standhaftigkeit, mit welcher beide te anhoͤrten. Zwar zuckte es wie tauſend Dolch durch Beider Herzen bei den Worten:„Henkers Beil,“ doch keine Spur des entſetzichſten Schmer⸗ zes zeigte ſich auf dem ruhigen Antlitz der Helden. Unter dem zahlreichen Volke, welches ſich, neu⸗ gierig zuſchauend, an des Gerichtsſaals offene Thuͤ⸗ ren gedrängt hatte, erregte ein alter Landmann, wie er ſeiner Kleidung nach ſchien, plötzlich beſonderes Aufſehen; denn kaum war das Todesurtheil ausge⸗ ſprochen, da ſchrie er ſchmerzlich laut auf, ftuͤrzte ſchluchzend die Rathhaustreppe hinunter und verlor ſich bald unter der Menge. Die Verurtheilten ſelbſt hatten ſich ſo kalt und ruhig dabei gezeigt— und jener fremde alte Mann eine Erſchuͤtterung, einen Schmerz verrathen— als ob es ſeinen eignen Söhnen gegolten haͤtte.— Es hatte auch dem Sohne gegolten— dem Gatten ſei⸗ ner Tochter! In einer geringen Herberge zu Mainz im aͤrmlichen Stuͤbchen ſaß jetzt der alte Ritter Gies⸗ heim, das trauervolle Haupt geſtutzt auf beide Hände, und die hellen Thränen rollten herab uͤber das nar⸗ benvolle bleiche Angeſicht in den ſilberweißen Bart. Er war troſtlos— ihm hatte Alter, uͤbermäßige An⸗ ſtrengung in letzter Zeit, vorzuglich aber dieſe Stunde, die unheilvollſte, ſchrecklichſte ſeines ganzen Lebens, Muth und Kraft geraubt.„Tod durch Henkers Hand—— nein, es iſt doch zu hart—— bruͤtete er vor ſich hin——„Und doch——“ fuhr der lange Nachdenkende fort—„doch— wenn es nur ein blinder Schreck wär!“— Er richtete ſich 16* etwas auf—„wenn— Heinrich iſt noch ein junges Blut—— er wird, o gewiß er muß Mitleiden haben— ſie morgen an der Gerichtsſtätte vor allem Volk begnadigen! Nun— wir wollen das Beſte noch hoffen— lenke der barmherzige Gott ſeine Gedanken! Amen.“ So ſprach der alte Ritter, ſich das Antlitz trocknend, und die wunde Bruſt ath⸗ mete etwas freier, noch legte Hoffnung lindernden Balſam auf. Auf wunderbare Art ward er, der mit unter den Erſchlagenen auf dem Hofe jenes Kloſters lag, gerettet. Die feindlichen Knechte beraubten in Eile die Todten ihrer Ruͤſtungen, nahmen ſich hierauf nicht die Muͤhe, ſie zu beerdigen, ſondern warfen alle in den Kreuzgang der Kirche. Schneller Abmarſch entfernte bald die Krieger. Giesheim war nicht todt; der Schlag einer Streitkolbe auf ſeinen ſtarken, feſten Helm hatte ihn auf lange Zeit betaͤubt. Er er⸗ wachte, erholte ſich wieder und kroch im einfachen Waffenrock aus dem Gewolbe. Zum Gluͤch war ihm ein ziemlicher Beutel mit Hellern, den er ver⸗ borgen bei ſich trug, auch nicht geraubt worden; von dieſem Gelde kaufte er ſich bald den jetzigen Anzug, dingte einen Fuhrmann, ihn nach Mainz, wohin er gehoͤrt, daß die Gefangenen gebracht worden, zu fahren, und war hier angelangt— hatte Schreck⸗ liches erfahren— und leider ſollte auch ſeine letzte ſchwankende Hoffnung— ihn täuſchen. Der arme alte Manni— jener junge Hein⸗ rich beſaß nicht ein ſo warmes, weiches Herz, das ihn Mitleid lehrte;— ſein Ausſpruch, ſtets uner⸗ — 241 ſchutterlich feſt, mocht' er Gutes be vös bejnet⸗ ken— war es auch hier. Er wollte mit ſeiner Strenge prunken, vor den Großen des Reichs— und das Schauſpiel mußte aufgefuͤhrt, beide Tod⸗ tenritter hingerichtet werden. Der ſchwarze tödtende Tag brach an; kein er⸗ freulicher Sonnenſtrahl erhellte den truͤb' umwoͤlkten Himmel. Fruͤhzeitig fanden ſich Tauſende auf dem großen Markte zu Mainz ein, die Himichtung mit anzuſchauen. Auch Giesheim war darunter, gewiß der regſte Theilnehmer unter der zahlloſen Menge; er hatte ſich an ein Haus geſchmiegt, wo man Alles uͤberſehen konnte, ſein Herz klopfte wie ein Hammer. Einen großen Zirkel umſchloſſen ſchon die Lanzenträ⸗ ger, in deſſen Mitte auf ringsum geſtreutem Sande zwei ſchwarze Bloͤcke ſtanden, bewacht von zwei baͤr⸗ tigen rauhen Nachrichtern, welche die großen geſchaͤrſ⸗ ten Beile auf ihren breiten Schultern trugen. Da ſchlug die verhaͤngnißvolle eilfte Stunde— der junge Heinrich erſchien auf dem Balcon eines Palaſtes mit etlichen Großen, ſeine Ritter ſahen aus den Fenſtern der umſtehenden Gebaͤude. Das arme Suͤndergloͤcklein ertönte im widerlichen Klange— es nahete ſich der Zug langſam feierlich. Voran ritten 50 Reiter in ganz ſchwarzer Ruͤſtung, dieſen folgte ein Trupp Hadſchire, zu beiden Seiten wieder Had⸗ ſchire und in deren Mitte die Delinquenten Arm in Arm, feſten Schrittes. Ihre Kleidung war ein ein⸗ fach ritterlicher Waffenrock;— den gewöhnlich wei⸗ ßen ſchwarz eingefaßten Sterbekittel anzulegen, da zu hatte man ſie durchaus nicht bewegen können⸗ ein preftet, kein Chorknabe mit Weihrauchẽgeſi⸗ ßen geleiteten die Bannbeladenen.— Drei Mal zog man im Kreiſe um den Markt, dann ordnete ſich der Kreis, und unaufgefordert ſcheitten die dem Tode Geweiheten nach den Bloͤcken. Jeder Nachrichter wich ehrerbietig drei Schritt bei Seite. Der Helden Richtung war ſtolz, zwar etwas bleich ihre Wangen, doch hell ſtrahlten die Augen voller Feuer. Zum letzten langen Abſchieds⸗ kuß ſanken die treuen Freunde und Waffenbrüder einander in die Arme, dann trennten ſie ſich auf im⸗ mer fuͤr dieſe Welt mit dem Ausruf:„Dort ſe⸗ hen wir uns wieder!“ und auf ihre Knie nieder ſan⸗ ken ſie nun, mit ihrem Gott ſich zu berathen. Nach dem Gebet ſtanden ſie dicht vor den Blöcken, ſich ſelbſt das lange Haar aufbindend; keines Nachrich⸗ ters Hand durfte ſie beruͤhren bis zum letzten Au⸗ genblick.— So hoch als nur immer möglich ſich erhebend, mit vorgeſtreckten Armen, ſtarr wie ein Marmorbild mit gluͤhenden Augen, welche aus ihren Hoͤhlen zu ſpringen drohten, bald auf den Richtplatz, bald nach dem Balcon ſtarrend, von dem herab das ſehnſuchtig erwartete Wort:„Gnade!“ jetzt wie eine ſtimme herabtoͤnen ſollte— ſtand der alte Gieshſim. Kein menſchlicher Laut war vernehmbar, es her chte unter dem ganzen Volk.— Da hoͤrte man die Beile fallen, ſah das edle Blut der Helden ſtroͤmen— ein leiſes allgemeines: — Ach!— und Giesheim ſank, vom plötzlichen Schlag⸗ fluſſe getroffen, auch todt zur Erde— um wb ———— einzugehen mit ſeinem Sohne und Thurmfels in in das ewige Freudenreich!— Groß war die Ruͤhrung, allgemein; der junge Monarch ſelbſt fuͤhlte ſich etwas bewegt:„In Summa,“ ſprach er,„ſie ſtarben als furchtloſe Maͤn⸗ ner und gute Chriſten, trotz dem Bannfluch! Wir hätten die Ritter begnadigen ſollen.“— Doch hinweg von dieſem Lrauergemätde— und noch einen Blick in das freundliche Schwaben⸗ land. Auf der Roßburg fuͤhrte man ein ſtilles, ge⸗ räuſchloſes Leben. Der Greis Arno und Wolf von Fohburg, deren jetzige Schirmvoigte, lagen ihren Pflich⸗ ten ob, und die drei jungen Frauen, Mathilde, Hulda und Roſamunde, beſchäftigten ſich am Spinnkocken, oder ſtickten Waffenroͤcke und Feldbinden fuͤr ihre ab⸗ weſenden Gatten. Jede Nachricht, welche ſie von ihrem Wohlbefinden auf dem Feldzuge erhielten, brachte ihnen Frohſinn und Freude, und die liebevollen Männer bereiteten ihnen dieſe oft. Faſt alle Wo⸗ chen ſah man Knappen von dorther ankommen und wieder abreiten, um auch erfreuliche Gegenverſiche⸗ rungen zuruͤckzubringen. Aber mit einem Mal blie⸗ ben ſie ganz aus. Die zärtlichen Gattinnen wurden deßhalb ſehr beſorgt, täglich unruhiger und ängſtli⸗ cher. Die alten Ritter troͤſteten, ſo viel ſie nur ver⸗ mochten, indeß wollte es ihnen doch ſelbſt nicht zum Beſten gemahnen, und im Geheimen ſchuͤttelten ſie gar oft bedenklich die greiſen Häupter. Da ſollte ihnen nach mehrern unruhig verlebten Wochen auch noch die letzte gute Hoffnung ploͤtzlich geraubt und ſie durch eine ungeheuere Schreckensnach⸗ richt niedergedonnert werden. Zwei durch Schwaben weiſende Ritter kehrten auf der Roßburg ein und er⸗ züblten den beidem Schirmvoigten, was ſie ſelbſt mit angeſehen hatten— die öffentliche ſchmachvolle Hin⸗ richtung ihrer Angehoͤrigen. Es war zu bewundern, daß die alten Manner, ohne die nachtheiligſten Fol⸗ *gen für ihre Geſundheit die gewaltigſte Erſchuͤtterung, in welche ſie dadurch verſetzt wurden, ettragen, und ihre außerordentliche Gemuͤthsbewegung, ihten unſäg⸗ lichen Schmerz, eine Zeit lang den Frauen verber⸗ ihnen zu Grabe gehen, vor dem ſie bereits ſianden, und mit der erdenklichſten Vorbereitung und Vorſicht erfuhren endlich die fruͤhen Witwen, was ihnen un⸗ moͤglich verſchwiegen bleiben konnte— den Tod ih⸗ rer Gatten. 13 Nichts von dem, was ſie dabei empfanden— wer vermoͤchte es auch die alles überwiegenden Leiden dieſer Aermſten zu ſchildern? In dem Kloſter der Urſulinerinnen, wo auch Thusnelde trauerte, nah⸗ men ſie den Schleier und ſuchten in den heiligen Mauern Frieden und Ruhe fuͤr das gebrochene Herz. Bald entſchlummerten auch beide Greiſe, Arno und Kohburg an einem Tage, alt und lebensſatt; die ſtolze Roßburg verfiel durch die Nachläſſigkeit der ſie noch bewohnenden Knechte immer mehr, und im nachſten Jahrhunderte war ſie eine ganzliche Ruine. So erloſch manch' edles Geſchlecht unter dem Sturm der Zeiten, und nur die Sage hat uns die Namen ſeiner Helden und ihrer Thaten noch auf⸗ bewahrt. gen konnten. Aber das Geheimniß durfte nicht mit — 15 1 6 17