—— — Lei iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und Ceſebedingungen. 1 0Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 4 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 5 wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —Bnee———— Rt.— Pf. 1 M. 50 Pf 2 MWk.— Pf. auf 1 Monat: „ * 7—5 5. auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.§ 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S— E — —. S — S—. Nachtfalter. Novellen von Wranz Maria Mell. The proper study of mankind is man. Pope. Wirn, 1825. Bey Tendler und von Manſtein. * —.— Zueignung an die Hochgeborne Frau Gräfinn Pauline Christalnigg geborne Gräfinn Egger, Dame des Sternkreuz⸗Ordens. Oft drängen ſelbſt in düſtre Nachtgedanken Sich frohe Bilder ein mit zartem Spiel', Wie Blumen auch an Leichenſteinen ranken; Der ernſten Muſe hocherhabnes Ziel Darf ſich der Gunſt der Schweſtern nicht entwöhnen, Drum hyuldigt ſie den Heitern und— dem Schönen. ——— 8 Die nachſichtsvolle Aufnahme der im Jahre 1825 (Wien bey Tendter und von Manſtein) erſchienenen Novellen von Franz Maria Nell, ermuthigt dieſe Nachtfalter, dem verführeriſchen Lichte der Gunſt alter und neuer Leſer entgegen zu flattern; möch⸗ ten ſie dem griechiſchen Feuer der Recenſenten⸗ lampen mit unverſengten Flügeln entkommen! Jene, welche dem Erzähler, den faſt durch⸗ aus tragiſchen Ausgang ſeiner Novellen zum Vor⸗ wurfe gemacht haben, werden in den Nachtfal⸗ tern nur wieder fliegende Todtenköpfe erblicken; aber ihnen ſey es geſagt, daß ein tragiſcher Aus⸗ gang kein trauriger iſt, wenn er nur das Herz des Helden mit der Welt und mit ſich ſelbſt aus⸗ ſöhnet, wenn er den Geiſt befriedigt, welcher un⸗ endlich iſt, und den darum eine Spanne Erden⸗ lebens mehr oder weniger nicht beunruhigen kann. Auch die Helden dieſer Geſchichten gehen un⸗ ter, aber ihr Scheiden vom Irdiſchen iſt das Ver⸗ klingen wohlgeſtimmter Saiten, und nur den Le⸗ bensſatten wird ein Daſeyn, welches ſie unbefrie⸗ digt verlaſſen wollten, gegönnt, damit ſie ſich mit ihm verſöhnen. So flattert denn in die Welt ihr nächtlichen Schmetterlinge, und möge Niemand verkennen, daß euer Flug nicht nach den Frrlichtern der Erde, ſondern nach den Sternen der Wahrheit ſtrebet. Die Breterwelt. Sehen wir nicht immer, wie Hamlet, im großen Schau⸗ ſpiele der Welt einem kleinen zu? Jean Paul. I. Vand.* In der Zeit des weiſen Solon durchzog Theſpis von Joaria mit ſeinem Wunderkarren das neugierige Grie⸗ chenland. Von den mit Epheu bekränzten Bretern her⸗ ab, ergetzte er mit ſeinen Genoſſen die ſchauluſtigen Hel⸗ lenen durch die lebendige Darſtellung mancher großen That oder des Unterganges ihrer alten Heroen. Wan⸗ dernd von Stadt zu Stadt, führte Theſpis das Kleinod der Sterblichen, das Ideal menſchlicher Größe im Han— deln und Dulden, mit ſich herum; ſein Wagen, der Triumphwagen der Muſen, glich dem Rücken des Atlas; wie dieſer den Himmel, trug jener die Welt und ihre Helden. Aber Atlas und Theſpis ſind zur Fabel gewor⸗ den; die Sphären des Himmels, auf ſich ſelbſt fußend, kreiſen nach ewigen Geſetzen ſonder Störung durch ein⸗ ander, und das Schickſal wallt durch die irdiſche Welt im altgewohnten Streite mit dem Willen der Sterb⸗ lichen. Herabgeſtiegen von des Theſpis Wagen, ſpricht ſich der Sinn des Erdenlebens durch ſich ſelber aus; die Tempel der Kunſt des pilgernden Tragöden laſſen das gereiftere Geſchlecht zugleich mit den Erinnerungen an eine prunkloſe große Vorzeit, das Bild der vielbeweg⸗ ten, gleißenden Gegenwart ſchauen. Unſere Schaubühne 1* „ faßt nicht mehr das Heer der Ideale, die Jeder im Kriege mit ſeinem nächſten Nachbar nach ſeinen Trieben und Wünſchen dort ſucht, oder zur Schau ausſtellt. Darum iſt ſie nicht, wie des Theſpis Wagen, der ſchim⸗ mernde Leitſtern am Pole des Lebens, nicht das eine und höchſte Ideal geblieben;— unſere Breterwelt iſt ein ſchwarzer Spiegel, wo ſie tragiſch iſt, aller Zeiten und Geſchlechter, ein buntes Glas, wo ſie beluſtigen will, grell färbend die Thorheiten der Gegenwart.— Zum prunkenden Hausgeräthe der ſich ſelbſt unklaren Mitwelt herabgeſunken, von jedem nach Belieben be⸗ nützt, gleicht ſie nur zu ſehr der Ruine eines griechiſchen Tempels zum modernen Wohnhauſe eingerichtet. Müh⸗ ſam nur arbeitet ſich auf unſerer Bühne der ideale Schein aus dem Seyn des Alltagslebens hervor, und wenn die Griechen den Schauſpieler auf dem Cothurn und in der Larve nicht kannten und nicht beachteten, einzig mit der Idee, die er verſinnlichen ſollte, beſchäftigt, ſo tritt bey uns ſein Leben um ſo bemerkbarer mit an's Licht, und die Verſchmelzung ſeines Selbſt mit dem Gebilde des Dichters, das er belebt, nähert die Welt auf den Vretern gar ſehr dem gewöhnlichen Thun und Treiben. Aber eben dieſe Verbrüderung der Kunſt mit dem Leben hat das Künſtlerleben auf der Bühne in einen Zwie⸗ ſpalt mit beyden verſetzt. Der Kampf der Ideen mit der 5 Wirklichkeit greift jetzt nicht ſelten in das Leben des Künſtlers ein, der ihn einſt nur darſtellen ſollte, und dieſer Kampf, ſiegreich beſtanden, reicht dem Leben die Krone oder der Kunſt. So iſt unſere Breterwelt, auch wenn der Vorhang gefallen, noch ein Bild der wirk⸗ lichen Welt, in der ſie ewig prangen wird als ein gol⸗ dener Spiegel der Menſchheit. Mit Recht wird der Lauf unſeres Lebens mit dem Gange des Jahres verglichen; was der Frühling oft unſcheinbar hervortreibt aus der Erde, reifet zur wun⸗ dervollen Frucht des Herbſtes, und manch' geringfügi⸗ ges Ereigniß in des Jünglings Leben begleitet in ſelt⸗ ſamer Entwicklung den Greis zum Grabe. Im Lenze des Jahres und ſeines Lebens reiſte der zwanzigjährige Aſtolph von Mondonedo, der einzige Sohn eines ſpa⸗ niſchen Granden, welcher in Madrid als Vorſtand des höchſten Gerichtshofes in bedeutendem Anſehen ſtand, von einem Ausfluge in das ſüdliche Spanien nach ſei⸗ nem Vaterhauſe zurück. Der lebensfrohe Blick des jun⸗ gen Reiſenden, der vor Kurzem von der Säule des Herkules, der unüberwindlichen Felſenveſte Gibraltar, in einen andern Erdtheil hinübergeblickt, und in Ca⸗ dir die aufgehäuften Schätze der ſpaniſchen neuen Welt angeſtaunt hatte, nahm Abſchied von den herrlichen Ufern des Guadalquivirs. Mit gepreßtem Herzen verließ er ——————————————— 6 die Hauptſtadt Andaluſiens, von welcher ein ſpaniſches Sprichwort ſagt:„Wer Wunder will ſehen, muß nach Sevilla gehen.“ Die Vorzeit ſeines Vaterlandes hatte ihn dort mächtig angezogen, doch die großen Trümmer der mauriſchen Herrlichkeit erſchienen dem Gläubigen auferſtanden in der ehrwürdigen Kathedrale, wo das Kreuz auf dem Halbmonde ſiegreich pranget. Ernſten Betrachtungen über den Wechſel der Weltgeſchicke und über das Unwandelbare im Geiſte des Menſchen bey aller Wandelbarkeit der Zeiten hingegeben, vergnügten ihn das Amphitheater mit ſeinen Stiergefechten, die Alameda mit ihren belebten Alleen und flimmernden Springbrunnen weniger als die einſamen Cypreſſenhaine von Alt⸗Sevilla, wo die Trümmer der römiſchen Ita⸗ lica ihre Häupter aus dem Grabe eines vergangenen Geſchlechtes erheben. Abſchied zu nehmen von ſeinem Lieblingsaufenthalte ließ er ſeinen Reiſewagen, als er von Sovilla ſich entfernte, den Umwegüber jenen Hain der Trümmer nehmen. An der Hand ſeines Führers, des grauen Waldbruders Hilario, trat er zum letzten Mahle in den ſtillen Kreis der Säulenbogen des römiſchen Am⸗ phitheaters. In freundlichem Gleichgewichte hingen an der Wage des Frühlingshimmels der vollwerdende Mond und die ewig volle Sonne.„Die Strahlen der Abend⸗ ſonne ſind die rechte Beleuchtung ſolcher Ruinen,“ rief Aſtolph begeiſtert aus; wehmüthige Harfentöne, durch die Säulengänge hallend, ſchienen ſeine Worte zu be⸗ gleiten. Er folgte den Tönen an der Hand ſeines lä⸗ chelnden Begleiters, wie von einem Zauber angezogen; eine zarte, weibliche Stimme, der die Harfe Flügel zum Himmel lieh, ließ ſich jetzt hören. Aſtolph vernahm die letzten Strophen des altſpaniſchen Volksliedes„vom armen Kinde,“ das die Mutter um Brot bittet, ſeinen Hunger zu ſtillen; die Mutter ſäet Weizen und vertröſtet das Kind auf die Ernte; die Mutter weiſet dem Kinde das blühende, das reifende Korn, ſie weiſt ihm das Mehl, den Teig, und vertröſtet es auf das Backen— doch, wie das Liedchen ſchließt,„als das Brot gebacken war, lag das Kind auf der Todtenbahr.“ Bey den letzten, mit weinender Stimme geſungenen Verſen ſtand Aſtolph vor der Sängerinn. In einem Ge⸗ wölbe der Ruine, das zum Eingange in ein daran ge⸗ bautes Häuschen diente, ſaß auf einem einſt vergolde⸗ ten, niedern Lehnſtuhle ein vierzehnjähriges Midchen; die kleine Harfe hatte ſie mit der Linken am Schluſſe ihres Liedes umgewende t, und hielt ſie am Knopfe, mit der Rechten ſtützte ſie ihr Engelsköpfchen auf die Knie, Thränen entquollen den blauen, auf den Boden geſenkten Augen. Aermlich aber rein war ſie gekleidet. Ihr im Rücken an einem Bogenfenſter des angebau⸗ — 8— ten Häuschens ſtand ein Alter im ſchwarzen Gewande der mit einem Rohre in einer Glasſchale eine rothe Maſſe rührte, und aufmerkſam die aufſteigenden Blaſen be⸗ trachtete. Aſtolph näherte ſich dem lieblichen Kinde,— es blickte freundlich auf, dann wieder in den Schooß; — er zog einen Saphierring vom Finger, und zierte mit dem Steine der Unſchuld, der nur am Finger der Unreinen erbleicht, die kunſtreiche Hand der Kleinen, was ſie freundlich lächelnd litt.— Doch bald, mit dem Schlage der Abendglocke von Alt⸗Sevilla, trat eine ſchlanke Frau aus der offenen Thüre des Hauſes, und ſtellte eine Lampe hinter ein dunkles, unſcheinbares Ge⸗ mählde im Gewölbe;— dort zeigte ſich im Transpa⸗ rente ein männliches Porträt, dem Alten am Fenſter nicht unähnlich, mit einem hellen Ordensbande um die Bruſt. Erſtaunt trat Aſtolph dem Bilde näher, die Ma⸗ trone, ihn erblickend, fuhr erſchreckt vor ihm zurück, loſchte die Lampe aus, nahm ihr Mädchen heftig beym Arme, und eilte dem Innern des Hauſes zu, deſſen eiſerne Thüre ſie mit dem Ausrufe hinter ſich zuwarf: „Gott! ein Mondonedo!“— Der Alte am Fenſter war verſchwunden, letzteres wurde von innen geſchloſſen; Hi⸗ lario klopfte jetzt dem erſtaunten Aſtolph lächelnd auf die Schulter, und ſagte:»Ihr ſeyd nicht der Erſte, den dieſe ſonderbare Drey in Nachdenken verſetzt, aber — 9— wißt, es kann hier an ſeltſamen Dingen nicht fehlen, weil dieſe Menſchen ſeltſam denken und leben.— Der Alte, ein eingewanderter Franzoſe, insgemein Don Polychreſtos genannt, iſt Alchymiſt, da habt ihr den Schlüſſel zu Allem; er bewohnt ſeit Jahren dieſe Zelle, man ſagt, er mache Gold aus Blut;— das Bild dort ſoll ſein Anherr ſeyn, der einſt in Frankreich in hohen Ehren geſtanden, er ehrt ihn nächtlicher Weile, viel⸗ leicht iſt's aber ein Conterfey des Paracelſus.““—„Aber,“ ſagte Aſtolph,„die Frau rief ja entſetzt meinen Nahmen aus.“—„Das träumt euch— entgegnete Hilario— »ſie hat gar ſeltfame Sprüchlein aus ihres Mannes Be⸗ ſchwörungsformeln angenommen, womit ſie neugierige Fremde aus einer ihr eigenen Leutſcheue gewöhnlich be⸗ grüßt, und zuſf Weitergehen ermuntert; in der Alchy⸗ miſten⸗Sprache finden ſich bald alle Nahmen heraus, warum nicht auch Mondonedo, oder doch ähnlich klin⸗ gend.“ So überredet durch Hilario, an dem ſeltſamen Auftritte ſey nichts bedeutungsvoll, verließ Aſtolph mit wehmüthigen Gefühlen das alte Theater von Italica, wo er eine ſo räthſelhafte Scene geſchaut hatte. Er ſchied von Hilario, bat ihn ſcherzend um Nachricht von Po⸗ lychreſtos, falls er den Stein der Weiſen finden ſollte, und ſchien auf der Reiſe in's Vaterhaus, und in der erſten Zeit ſeines Aufenthalts in Madrid im Geräuſche der 10 Welt den Vorfall von Alt⸗Sevilla beynahe vergeſſen zu haben. Ehrgeitzig und voll von Entwürfen für ein wirkſa⸗ mes, thatenreiches Leben ſchien Aſtolph anfangs den Plä⸗ nen ſeines Vaters Don Enrique, der Nichts ohne weit in die Zukunft gehende Berechnung unternahm, zuvor⸗ kommend die Hand zu bieten. Aber bey demſelben Ziele der Größe und des Glanzes ihres Hauſes entzweyte die Beyden gar bald die widerſprechende Wahl der Mittel. Don Enrique konnte ſeinem Sohne nur auf dem Bo⸗ den Führer werden, wo erſt ſelbſt Meiſterſtreiche voll⸗ führt hatte, auf dem glatten, kalten Marmorgrunde der Cabale. Aſtolphs offenes Gemüth entſchied ſich für den unverlarvten Kampf um die Krone der Ehre, für den Stand des Kriegers. Indem er ſich gegen den Willen Don Enrique's mit dem Schwerte umgürtete, beſtand er den erſten Strauß gegen ſeinen eigenen Vater, und nur als der Krieg, in den er gezogen war, zur Ehre des Vaterlandes und zu ſeiner eigenen beendigt war⸗ und er nach ein Paar Jahren mit dem Bande des Or⸗ dens der Helden ſeines Landes heimkehrte, ſchloß auch der Vater Frieden mit dem hochherzigen Jünglinge. Die Augen der ſchönen Töchter Madrids waren jetzt auf den Erben des reichen Hauſes Mondonedo, auf den heldenmüthigen Aſtolph gerichtet. Aber ein unerklärliches Geſchick verfolgte dieſen auf ſeinen erſten Zügen durch das weite Gebiet der Liebe. Glühend für ein weibliches Ideal in ſeiner Bruſt, wähnte ſein ſchnellaufloderndes Herz, es überall zu finden, wo Anmuth und ſinnliche Reitze ihn den ſeltenen Kern edler geiſtiger Weiblichkeit vermuthen ließen. Eiferſüchtig bis zum Unglaublichen, und um ſo ſchwerer zu feſſeln, je ſchneller er ſich jeder⸗ zeit anfangs befriedigt glaubte und zeigte, flüchtig er⸗ ſcheinend, weil er bald enttäuſcht, ſtets gekränkt an ſeinem Ideale, mit auffallender Kälte zurück trat, ward Aſtolph bald von allen Frauen Madrids, die er der Reihe nach zu necken geſchienen, aufgegeben, und im Stillen gehaßt. Das Vorurtheil gegen die Aufrichtig⸗ keit ſeines Herzens ward allgemein, und der Verkannte der Spielball weiblicher Eitelkeit und Rache. Daß ſein Herz ſich unter den oft tiefkränkenden Vorfällen ſolchen Spiels immer mehr auf ſich ſelbſt beſchränkte, daß er die Frauen jetzt nur nach dem wüſten Treiben ihrer au⸗ genblicklichen Neigungen beurtheilte, war natürlich. Die wahre Liebe war ihm fremd geblieben, und ſie verlor nun ſelbſt den Muth, ſich ihm zu nähern. Don Enri⸗ que war mit der Freyheit des Herzens, die Aſtolph in ſeiner Lage erhalten mußte, wohl zufrieden. Er ver⸗ ſchwärzte ihm das Frauengeſchlecht auf alle nur denkli⸗ che Weiſe, und indem er ſeine Vaterzärtlichkeit ver⸗ ————— 12 mehrte, bemächtigte er ſich des wenig erfahrenen Her⸗ zens ſeines Sohnes; der Planvolle hatte auch für die Liebe Aſtolphs einen Plan erſonnen, der ſeiner Sucht nach Hoheit ſchmeichelte. An ſeinem fünf und zwanzigſten Geburtstage erhielt Aſtolph von ſeinem Vater die Einladung, ihn nach dem Landſitze Pedro's von Seradilla, eines reichen Gran⸗ den, zu begleiten, wo ein ländliches Feſt gefeyert wer⸗ den ſollte. Beym Eintritte in den Vorſaal des Land⸗ hauſes ſiel ihm Don Enrique unter Thränen um den Hals, und ſprach:„Mein Sohn! du wirſt heute die Braut erblicken, die ich für dich gewählt habe; der Him⸗ mel gebe, daß meine Wahl die deinige werde.“— Aſtolph erſtaunt, wollte ſprechen, doch ein Diener öff⸗ nete ſchon die Thüre des Geſellſchaftszimmers, wo die Gäſte bereits verſammelt waren. ueberraſcht von der Eröffnung ſeines Vaters, war Aſtolph, als er der Familie Seradilla vorgeſtellt wurde, zerſtreut und einſylbig. Er überhörte die Nahmen, wel⸗ che genannt wurden, ſeine Blicke, ſeine Seele ſuchte ängſtig erwartend die für ihn gewählte Braut. Unter den vielen Frauen, welche das Feſt in Seradilla's Villa verſammelt hatte, fiel ſein Auge auf ein junges Frauen⸗ zimmer, das mit dem Herrn des Hauſes in, wie es ſchien, ſcherzhafter Zwieſprache am Fenſter ſtand. Ein 13 violetfarbiges Gewand mit goldenem Gürtel verhüllte beſcheiden die edelſte Geſtalt, die kaum entwickelten, reizenden Formen bis nahe an den weißen, geſchmeidi⸗ gen Hals; die blonden Haare zierte eine einfache Per⸗ lenſchnur. Die biauen Augen des Mädchens verweilten bald mit unbefangenem Forſchen auf Aſtolph's Zügen, und dieſer, den das liebliche Weſen zu bezaubern an— fing, fühlte ſich beglückt, als ihm bey der Mittagstafel ein Platz an deſſen Seite angewieſen wurde. Dieſer Um⸗ ſtand, und eine Stimme in ſeinem Herzen, die da ſag⸗ te:„Dieſe iſt deine Braut,“ raubte ihm die Beſonnen⸗ heit, mit der er in ſeines Vaters Blicken die Beſtäti⸗ gung ſeines Vermuthens yätte leſen ſollen. Er hatte nur Augen für ſeine holde Nachbarinn, ihre offene, faſt freye aber doch kindliche Benehmungsweiſe, ihr freund⸗ liches Auge, das dem ſeinigen nicht auswich, ja ſogar ſinnend in ſeinem Geſichte die Löſung einer verſchämten Frage zu ſuchen ſchien, gewährten ihm bald die Ueber⸗ zengung, dieſe habe ſein Vater für ihn gewählt, ſie wiſſe um dieſe Wahl, und erwarte nur ſeine Zuſtim⸗ mung, um glücklich zu ſeyn. Ganz überließ er ſich den ſeligen Vorgefühlen der ſo lange erſehnten Liebe; er vergaß in dem Anblicke der unbefangenen Jungfrau alle bittere Erfahrungen ſeines Herzens, er ſöhnte ſich aus mit der Welt, um im Frieden mit Allen ſein ſchönſtes — Glück zu genießen. Sonderbar bewegte ihn aber, je mehr er ſeine unbekannte Nachbarinn maß, die Erin⸗ nerung an eine Grille ſeines Unmuths aus der Zeit, da er mit dem Frauengeſchlechte am zerfallenſten war. Damahls ſchwebte nähmlich, wie das Bild eines trö⸗ ſtenden Traumes in den Tagen einer bewegten kum⸗ mervollen Wirklichkeit, das Gemählde ſtiller, häuslicher Zurückgezogenheit vor ſeiner Seele; die Frauen der Hauptſtadt hatten ihm die große Welt mit ihrem klein⸗ lichen Treiben verleidet, und neben dem eaſtiliſchen Stolze durfte die Sehnſucht nach friedlicher Abgeſchie⸗ denheit in ſeinem Herzen leben. Er verſetzte ſich in ſei⸗ nen Träumereyen an die Seite eines tugendſamen chriſtlichen Weibes in eine der einſamen Gegenden am Guadalquivir, wo er einſt ſo ſorglos und fröhlich wan⸗ delte. Eine Laune ſeines Herzens lieh dem phantaſtiſchen Gebilde einer einfachen ſchmuckloſen Lebensgefährtinn die Geſtalt des engelgleichen Kindes, das er in der Theater⸗Ruine von Italica geſehen. Im vollen Reitze der entfalteten Weiblichkeit ließ ſeine ſchwelgende Phan⸗ taſie jene herrliche Knoſpe aufgeblüht vor ſeiner Seele prangen. Tiefen Eindruck hatte jenes Kindes traumar⸗ tiges Erſcheinen in ſeinem Gemüthe gelaſſen, er hatte in deſſen Augen deutlich das Verſprechen der Natur ge⸗ leſen, hier ein Herrliches zu entwickeln. Auch dieſe gril⸗ 15 lenhaſten Träume ſchienen ſchon verweht vom Hauche der Zeit, aber jetzt lebten ſie wunderbar in Aſtolph wieder auf. Die Natur ſchien Wort gehalten zu ha⸗ ben; er entdeckte eben eine ihn halb ängſtigende, halb erfreuende Aehnlichkeit in den Zügen ſeiner Nachbarinn mit denen jenes Wunderkindes, als der Herr des Hau⸗ ſes ihm ein„Lebe“ mit dem Prunkbecher brachte. Die Pflicht der Erwiederung, der Zuruf der andern Gäſte weckte ihn aus ſeinen Träumereyen. Als die vorige Stille zurückgekehrt war, bemerkte Aſtolph, daß ſeine Nachbarinn ihr Glas bereit hielt zum Anſtoßen; ſo be⸗ fremdend ihm dieß erſchien, ſah er doch nur einen neuen Beleg für die Wahrheit ſeiner erſten Vermu⸗ thung darin. Gewohnt, bey jedem Anlaſſe in der Au⸗ ßenwelt ſeine innere Welt raſch zu durchfliegen, deutete er den freundlichen Toaſt des lieblichen Mädchens, ob⸗ ſchon er ſcherzend mit Waſſer gebracht wurde, als ein glückliches Vorzeichen für die Wahl ſeines Vaters, wel⸗ che die ſeine geworden. Er ſtieß an den Becher des Fräuleins, und ehe er trank, ſprach er leiſe:„Es lebe meine Braut!“ Das Mädchen ſchlug die Augen nieder⸗ und ſprach nicht weiter mit Aſtolph, der jetzt erſt be⸗ merkte, daß ihn die ſchwarzen Augen einer blaſſen jun⸗ gen Dame, die ihm gegenüber ſaß, unbeweglich be⸗ trachteten. 16 Bald war die Tafel aufgehoben, und lauter ward es im Saale. In geſoannter Erwartung eilte Aſtolph ſeinem Vater entgegen.„Wie glücklich,“ ſprach er zu dieſem,„macht mich eure Wahl!—„Du kennſt ſie alſo bereits? doch, ich hab's ja geahnet, Ghismonda Seradilla iſt die Zierde der Töchter Madrids, ihren ſchwarzen Augen hat noch kein Spanier widerſtanden 2* —„Wie“ rief Aſtolph vernichtet,„nicht jene mit den blonden Locken zu meiner Seite iſt die Erwählte 2“— „Thor!“ entgegnete Enrique verächtlich;„kennſt du die Weiber ſo ſchlecht, um eine Schauſpielerinn nicht zu erkennen? Ohne die wunderliche Kunſtliebe Don Pe⸗ dro's hätteſt du nicht in ſo zweydeutiger Geſellſchaft ge⸗ ſeſſen. Laß dieſe Albina, und lerne Ghismonden kennen, dann ſuche mich wieder auf.“ Damit verließ er Aſtolph⸗ der vor Schmerz und Verwirrung die Augen nicht auf⸗ zuſchlagen wagte, aus Furcht, Albinen zu begegnen. Doch ſie war nicht mehr im Saale. Halb froh, halb betrübt darüber, miſchte ſich Aſtolph gedankenlos in die Geſellſchaft, ſeiner ſelbſt wieder Herr zu werden nach ſo peinigend täuſchendem Spiele ſeiner Phantaſie. Don Pedro Seradilla liebte die Kunſt in allen ih⸗ ren Zweigen. Dichter und Schauſpieler zog er an ſich, ſeine Feſte zu zieren. Auch heute hatte er in ſeinem Garten die Aufführung einer ſpaniſchen Ueberſetzung des —— 17 treuen Schäfers, von Guarini, im Freyen veranſtaltet, Albina, eine junge Schauſpielerinn von Sevilla, hatte er eigens zu dieſer Darſtellung mit ihrem Vater, den er wegen tiefer Naturkenntniſſe hochſchätzte, zu ſich berufen. Er ehrte die Kunſt und den Ruf der Ehrbar⸗ keit dieſes Frauenzimmers ſo hoch, daß er ſeine junge Verwandtſchaft, und ſelbſt ſeine Tochter an der Auffüh⸗ rung Theil nehmen ließ. Albinen war die Rolle der leichtſinnigen Corisca, Ghismonden jene der Schwär⸗ merin Amarilli zugewieſen. Aſtolphs Herz fühlte bey der lebendigen Vorſtellung von Gugrini's Meiſterwerke Alles, was da vorging, im beſtändigen Wechſel von Schmerz und Luſt, in ſich ſelbſt. Die Qualen und die Entzückungen der Liebe, ſo treu geſchildert, lebten in Wahrheit in ſeiner Bruſt. Welch' ein wunderſames Zuſammentreffen der wonnevollſten Täuſchung und der zermalmendſten Wirklichkeit! Das holde Weſen, dem er ſich im Gedanken ganz hingegeben hatte, ſtand, weil ſeine bezaubernde Kunſt als Beruf ſich zeigte, ſtreng und für immer von ihm geſchieden vor ſeinen Blicken, und neben Albina bewegte ſich, zu demſelben Zwecke der Beluſtigung, doch ſpielend mit dem Ernſte der Kunſt, und darum im Leben durch die Meinung hoch über jene geſtellt, die ihm zugedachte Braut, deren We⸗ ſen ihn nicht anſprechen wollte. Beyde entwickelten die 18 Geheimniſſe der Liebe, ihre Leiden und Freuden. Aſtolphs Gemüth war zerriſſen und den kreuzendſten Betrachtungen über das Wahre und über den Schein im Leben hingegeben. Er bemerkte mit tiefem Wehge⸗ fühle, wie aus Albina's Spiele durch eine kunſtgerechte und doch bezaubernde Lebhaftigkeit eine natürliche Schwermuth hier und dort durchblickte, wogegen Ghis⸗ mondens erkünſtelter Ernſt, mit dem Seitenblicke ange⸗ borner begehrlicher Lebendigkeit, wie er die Augen der Coquetten dem Unerfahrnen zum gefährlichen Räthſel macht, ſeltſam abſtechen mußte. Und doch lebte jene ganz der göttlichen Kunſt, auf welche dieſe, vornehm damit tändelnd, nach dem Spiele verächtlich herabſah⸗ Keine Täuſchung war für Aſtolph auf der Bühne, oder die größte, die Welt ſchien ihm ein's geworden mit dieſer. Eine Laune des alten Seradilla hatte Albinen und Ghismonden gleich geſtellt für einen fröhlichen Au⸗ genblick;—„Warum,“ dachte Aſtolph,„ſoll mein ern⸗ ſter Wille ſie nicht gleichſtellen zu meinem dauernden Glücke!“ Albinens Reitze, ein geheimer, unerklärbarer Zug ſeines Herzens zu ihr, der Wahnglauben, ſie ſey für ihn beſtimmt, hatte Aſtolph von dem Paradieſe der ſchönen Hoffnungen erſter Liebe Beſitz nehmen laſſen; ſchwer nur konnte er ſich davon trennen. Er bemerkte nicht, daß ihn das Lob Albinens aus dem Munde ſei⸗ — 19— ner Nachbarn verdroß, er bemerkte nicht, daß er ſich als Alleinherr jener Reitze träumte, die Allen zu dienen beſtimmt waren. Jetzt aber, als Albina die leichtſinni⸗ gen Worte der Schäferinn Corisca: So blöd' und arm werd' ich doch nimmer ſeyn Mich einem Einz'gen liebend nur zu weih'n, jetzt, als ſie dieſe und die folgenden Worte, welche den Triumph weiblicher Eitelkeit in klugberechneter Thei⸗ lung des Herzens ſchildern, mit ſo lebendiger Laune ſprach, daß der allgemeine ſtürmiſche Beyfall der Män⸗ ner ſich in der That in ihr Herz getheilt zu haben ſchien, jetzt ſtieß der leichtbewegte Rachen der ewig und auch im Mannekindiſch bleibenden Liebe bey Aſtolph an die Klippe, die allen ſeinen früheren Herzensverhältniſſen den Untergang gebracht hatte. Den Eiferſüchtigen fielen die Schuppen vom Auge.„Albinens Beruf,“ dachte er bey ſich ſelbſt,„ſucht die Gunſt der Menge, und das beſtän⸗ dig und dauernd, verwegen ſpielt ſie und täuſchend mit dem Truge, zum fürchterlichen Ernſte kann dieſe Gewohnheit führen.“ Wie erwacht aus einem wirren Traume, ſah er dem Ausgange des Stückes, ſich ſelbſt gezwungen belächelnd, mit erkünſtelter Ruhe zu, aber er war in die Reihe der Spielenden getreten, ſeine Ruhe war Kunſt, und ſein Spiel fand eine aufmerk⸗ ſame Betrachterinn von den Bretern herab in Albinen. 20 Bey dem lärmenden Tanze, welcher am Abende dem Schauſpiele folgte, vermied Aſtolph ſich Albinen zu nähern. Zurückgekehrt zu der klügelnden Betrach⸗ tung der Weltverhältniſſe, wie ſie ſeinem Vater eigen, und deren Höchſtes ein wohlberechnetes Beachten der Convenienz war, ſuchte er jetzt Ghismonden auf, bey der er ähnliche Geſinnungen fand. Das Gefallen an ſeiner Perſon, das ſich deutlich in ihren Zügen malte, konnte jedoch ſeine Seele nicht mit der Morgenröthe des wiederauflebenden Tages der Ideale ſeiner erſten Jünglingstage erfüllen,— wie es Albinens räthſelhaft unbefangenes Entgegenkommen vermocht hatte. Nur halb befriedigt mit Ghismondens Reitzen, ohne ſich Re⸗ chenſchaft geben zu wollen, warum, ſchlich ſich Aſtolph in den feſtlich beleuchteten Garten. Er hatte nicht lange nachdenkend in einer mit farbigen Lampen erhellten Grotte geſeſſen, als eine Dame am Arme eines ſtattlichen Alten durch den Garten daher kam. Es war Albina, ſie erkannte Aſtolph, und nach einigen Worten, die ſie an ihren Begleiter richtete, während ſie ihm freundlich die Wange mit ihren Händchen ſtrei⸗ chelte, ging ſie raſch auf jenen zu.„Mondonedo,“ ſprach ſie,„verzeiht, daß ich euch ſtöre, aber mich drückt ein Bekenntniß, das ich euch machen muß, auf daß ihr nicht übel von mir denket; das arme Mädchen aus der 21 Ruine Italica's, dem euer jugendliches Mitleid einſt einen Ring verehrte, hat euch heute früh erkannt; ſie glaubte, daß ihr der Jungfrau Achtung ſchenken wür⸗ det, wie ihr dem Kinde Mitleid ſchenktet; in dieſer Hoffnung ließ ſie bemerken, daß ſie euch erkenne. Ihr aber ſcheint ſie verkannt zu haben.— Ihr habt auffal⸗ lend geſcherzt mit Albinen, als ihr ſie nicht kanntet, und euch kränkend zurückgezogen, als ihr Name euch bekannt wurde. Es dürfte euch verlegen machen, zu wiſſen, daß ich ein Andenken an euch beſitze, darum nehmt jenen Ring wieder; der Finger, an dem ich ihn ſtets getragen, iſt ſtark geworden ſeit jener Zeit, ich werde ihn ſchwer herabbringen, aber ich bin gereift für die Welt, wo man größere Opfer bringen muß;“ da⸗ mit riß ſie den Ring gewaltſam vom Finger, und als ſie Blut bemerkte an ihrem Finger, fügte ſie lächelnd hinzu, indem ſie den Ring in Mondonedo's Hand drückte:„Ich bin wohl glücklich, mit ſo leichter Verwundung davon zu kommen!“— Aſtolph ſtand wie vom Blitze gerührt, er wollte reden, doch indem er über Albinens Hand ſein Sacktuch ſchlug, das Blut zu ſtillen, näherte ſich der Alte, und führte Albinen nach einer artigen Verbeugung hinweg. Aſtolph ſtand ſprachlos mit ſeinem Ringe, mit dem Tuche von Albi⸗ nens Blute gefärbt. Sein Herz glühte; alle die Schein⸗ 22 bewegungen ſeines Verſtandes gegen eine, im Sinne der Weltleute unbeſonnene, Liebe verſchwanden mit ei⸗ nem Male, und indem er, überwältigt von der auflo⸗ dernden Flamme in ſeiner Bruſt, das blutige Tuch an ſeine Lippen führte, rollten ſeine Thränen darauf; er erſchrack vor den grauenvollen Zeichen in ſeiner Hand, Blut und Thränen begleiteten das Selbſtgeſtändniß ſei⸗ ner Liebe. Er ging, Albinen aufzuſuchen, doch ſie war bereits fort; er erfuhr, daß ſie nicht nach Madrid, ſon⸗ dern auf andern Wegen mit ihrem Vater heimgereiſet ſey. Ohne es zu wagen, ſeinen Vater über den Zuſtand ſeines Herzens aufzuklären, kehrte er mit dieſem nach Madrid zurück. Einſylbig äußerte er ſich über Ghis⸗ monden, und Enrique nährte die beſte Hoffnung für das Gelingen ſeines Planes, denn Aſtolph äußerte kein offenbares Mißfallen an jener, und das beweiſet ja ge⸗ rade Liebe genug, um eine Heirath darauf zu negociren. Das Aufleben des Bildes der Unſchuld und des darüber ſchwebenden Ideals weiblicher Schönheit und Tugend in der unerklärbaren Wiedererſcheinung des Wunderkindes von Italica, beſchäftigte Aſtolphs Ge⸗ müth ergreifend und anhaltend. Je weniger er ſeine BGefühle verrathen durfte, um ſo tiefer durchdrangen ſie ſein Innerſtes, Er wagte es nicht, ſich bey irgend Je⸗ mand um Albinen zu erkundigen. Der Pallaſt der „ 23 Seradilla's ward der Schauplatz ſeiner innern Kämpfe. Sein Vater zog ihn dahin, und weil Aſtolph liebte, ohne es ſelbſt zu glauben, erweckte er durch die Außen⸗ ſeite einer unbefriedigten Neigung Ghismondens Liebe, der die ſeinige doch nicht galt. Streitend gegen ſein ei⸗ genes Herz, verſuchte er nicht ſelten, es zu überreden, daß es Ghismonden geneigt ſey; doch dieſe unſeligen Verſuche, das eigenſinnige Herz zu beugen, dienten nur dazu, Ghismonden und ſich ſelbſt zu täuſchen. Jene glaubte ſich geliebt, und das Feuer ihres Blutes loderte nur für Aſtolph, der nach jedem Erguſſe ihres Herzens mit Schmerz erkannte, daß ſie ihn nicht befriedige, und durch Kälte nur um ſo anziehender ward. Enrique be⸗ trachtete die Verbindung mit dem mächtigen, glanzvol⸗ len Hauſe Seradilla als den Triumph ſeiner Bemü⸗ hungen, das ſeinige auf die gewünſchte Höhe zu brin⸗ gen. Er verlangte Aſtolphs Entſcheidung mit ſteigender Unruhe; die Verbindung ſeines Sohnes mit Ghismon⸗ den war abgekartete Sache, Aſtolphs Wahl eine leere Förmlichkeit, und weder Enrique noch die Stadt, wel— che von keinem Liebesverhältniſſe wußten, konnte deſſen Zögerung ſich erklären. Aſtolph war auf dem Puncte, mit Ueberwindung ſeiner ſelbſt, Ghismondens Hand feyerlich zu begehren, und ſo ſeinen Träumen und dem Bilde Albinens für immer zu entſagen, als er den Auf⸗ 24 trag erhielt mit den Truppen, die er befehligte, und die man im Frieden für das Wohl des Landes beſchäftig⸗ te, nach Sevilla aufzubrechen, um dort die Arbeiten zur Eindämmung des Guadalquivirs und zur Entwäſſerung der Sumpfgründe zu leiten. Je mehr nun Enrique in ſeinen Sohn drang, um die Hand Ghismondens noch vor ſeiner Abreiſe zu werben, um ſo weniger konnte ſich dieſer jetzt dazu entſchließen. Seine Beſtimmung führte ihn an die Wiege ſeiner ſchönſten Träume, an den Aufenthalt der Geliebten. Mit Mühe ſetzte er es durch, daß er mit dem Verſprechen abreiſen durfte, ſich nach Verlauf der Wintermonate, die er in Sevilla zu⸗ bringen ſollte, gegen Ghismonden zu erklären. Dieſe entließ ihn mit den ſprechendſten Beweiſen heftiger Lei⸗ denſchaft, er aber ſchied kalt, und verließ Madrid mit den Gefühlen eines Menſchen, der nach langer Gefan⸗ genſchaft auf der Galeere der Waſſerwüſte den Rücken dreht, und auf dem leichten, ſchwankenden Landungs⸗ brete einem üppiggrünen Ufer entgegen ſchreitet. Ueber die Felſen von Toledo, durch die Bergwüſte der einſamen Morena, zog Aſtolph mit den beſeligen⸗ den Hoffnungen eines Pilgers, der an einem Gnaden⸗ orte den Frieden ſeines Gemüthes wieder zu finden ſtrebt, an die Ufer des Guadalquivirs. Bald umfing ihn das ehrwürdig düſtere Cordova, und die Wogen 8 25 des Stroms, den er dämmen ſollte, trugen ihn fort— nach Sevilla. Che er dieſe Stadt noch erreicht hatte, verließ er ſein Schiff, und von einem einzigen Diener begleitet, ritt er gegen Alt⸗Sevilla, die magiſchen Rui⸗ nen Italica's wieder zu begrüßen. Spät Abends langte er dort an. Das erſte menſchliche Weſen, auf das er in dem Umkreiſe der römiſchen Trümmer ſtieß, war ſein einſtiger Führer Hilario. Nach herzlichem Willkommen⸗ goß er ſein Herz in den Buſen des theilnehmenden Al⸗ ten aus. Dieſer ſchüttelte bedenklich den Kopf, als er die ſeltſame Begegnung Albinens mit Aſtolph erfuhr; er rieth dieſem abzuſtehen von dem Jagen nach einem Traumbilde von Liebe, das im wachen Leben nur Un⸗ muth und zahlloſe Leiden erzeugen müſſe. Er war in— ſichtbarer Verlegenheit, als ſich Aſtolph dem Platze nä⸗ herte, wo er die kleine Sängerinn einſt erblickt hatte, ja, er vertrat ihm, freundlich warnend, ſogar den Weg. Aſtolph befremdet, ahnte ein drohendes Unheil, und be⸗ ſchwor Hilario aufrichtig zu ſeyn.„Wohlan,“ ſagte dieſer,„du haſt zu guter Stunde, wenn du männlich ſtark, zu ſchlimmer, wenn du ſchwach biſt, dieſen Platz betreten; die, an welche du Erinnerung hier ſucheſt, theilt dieſen Boden mit dir, und vielleicht deine Gefüh⸗ le.“ Aſtolph ſtand verſteinert; Föſes Htlario fuhr fort, »beſucht ſie dieſen ihren einſtigen Aufenthalt, an der II. Band. 2 26 Seite einer treuen Wärterinn, oft habe ich ſie mit Thränen im Auge hier manches Klagelied um den ver⸗ ſchwundenen Traum der Kindheit ſingen gehört.“ Kaum hatte Hilario ausgeredet, als Aſtolph die Töne der Harfe Albinens, den klagenden Ton ihrer Stimme ver— nahm. Unaufhaltſam riß es ihn hin zu ihr. Er verließ Hilario, und indem er das Tuch, von Albinens Blute gefärbt, von ſeiner Bruſt riß, wo er es als den Pan⸗ zer ſeines Herzens getragen, ſtürzte er in den Säulen⸗ gang, woher die Stimme kam. Bey ſeinem Anblicke entſiel Albinen die Harfe, und ging in Trümmer auf dem Steinboden. Aſtolph näherte ſich Albinen, und in⸗ dem er ihr jenes Tuch vorhielt, fiel er zu ihren Füßen und ſprach:„Dieß Blut fordert Sühnung; ſeht mich zu euren Füßen, nehmt meinen Ring zurück, zum Be⸗ weiſe, daß auch ihr des Mitleids fähig mit dem Arm⸗ ſten, der um Liebe bettelt, die er nicht kaufen, nicht verdienen kann.“— Die frendig erſchrockene Albina nahm den Ring den ihr Aſtolph anbot, indem ſie die⸗ ſen emporhob, ſie ſelbſt aber fiel auf ihre Knie, und rief, dem aufgegangenen Monde zugewendet, der ihr Antlitz verklärte:„Dir Allgütigem, dir Ewigem ver⸗ dank' ich Alles, Alles!— Aſtolph verſtand dieß Ge⸗ beth, Albinens Liebe, wahr und rein wie die Liebe der Engel, leuchtete daraus hervor. In wenigen Augenbli⸗ 27— blicken ſah ſich die langgenährte Sehnſucht Aſtolphs und⸗ Albinens am Ziele, ihr Entzücken war grenzenlos. Die einbrechende Nacht, die Ankunft der Begleiterinn Al⸗ binens hieß die Liebenden ſcheiden, welche ſo Vieles mit ſo wenigen Worten geſprochen hatten. Der nächſte Tag ſollte Alles aufklären, was noch Räthſel war. Aſtolph, ſorglich und grübelnd, wie Jeder, dem ſein Unſtern zum leicht bewegten Herzen einen ſchwer überzeugten Verſtand zugeſellet, konnte ſcheidend ſich nicht enthalten, mit bangem Blicke in die Zukunft, auf die Unmöglichkeit einer frohen Ernte aus ſo Lgewagter Saat hinzuweiſen. Doch heiter, wie es der Unſchuld ziemt, ſagte Albina:»Ich ſehe keine Unmöglichkeit auf Erden mehr, ſeit ich weiß, daß ihr mich liebt.“ Sie las die Trümmer ihrer Harfe vom Boden auf, und ſprach: „Die Mißtöne meiner Klagen haben ausgeklungen, ein Gott hat dieſe Harfe zerſchlagen, mein Leben iſt Wohl⸗ laut geworden ſeit jenein Augenblicke.“ Sie ſchied mit himmliſchem Lächeln. Aſtolph verſprach, ſie in der Stadt aufzuſuchen, und ging, den verlaſſenen zu finden. Dieſer, mehr er Hilario wieder ſchreckt als erſtaunt über das Abenteuer Aſtolphs, theilte nicht die freudigen Gefühle des Jünglings; er warnte vor dem Verfolgen blenden⸗ der Luftgeſtalten, die nur zu oft in gräuliche Geſpen⸗ ſter ausarten. Seine Waldzelle bot er dem jungen Freun⸗ 2* de zum Orte der Sammlung ſeines Geiſtes für den Fall an, daß er ihrer in der Folge nöthig haben ſollte. Aſtolph nahm dieß Anerbieten dankbar an, und er ritt der Stadt zu, den Keim ſeiner Freuden und Leiden im Herzen. Das leichtſinnige Treiben und Hoffen der Liebe, die es einmahl gewagt hat, die Schranken der Beſonnen⸗ heit niederzuwerfen kennt wohl Jeder aus den Tagen ſeiner Jugend. Der Erzähler übergeht darum die Be⸗ ſchreibung deſſen, was ein Spiegel des Allgemeinen war, in Aſtolphs und Albinens Daſeyn nach der Enthüllung ihrer ſich begegnenden Herzenswünſche. Das Beſondere und Ungemeine ihres Verhältniſſes lag aber in dem In⸗ einandergreifen zweyer ſcharfgetrennter Lebensſphären, deren Kreiſe gewaltſam in einen zuſammengedrängt wer⸗ den ſollten. Albinens Vater, der alte Adept aus Itali⸗ ca, hielt ſeinen Wohnſitz in Sevilla, der, abgeſondert von der Stadt, hart am Strome lag, den Beſſeren unter ſeinen Mitbürgern offen. Das Geheimniß, das auf ſeinem Herkommen ruhte, das Räthſelhafte in ſei⸗ nem Benehmen, aus dem bey der Glätte des Weltman⸗ nes die Abgeſchloſſenheit des Weiſen hervorleuchtete, lieh dem Umgange mit dem an Wiſſen reichen Manne⸗ dem das Gerücht die Weihe geheimer, magiſcher Künſte zugeſellte, einen eigenen Reitz. Mittheilſam aus dem Schatze tiefer Natur- und Lebenskenntniſſe, empfänglich 29 im Alter für die Selbſtverſuche der Jugend im Forſchen und Denken, war Polychreſtos die Seele eines gewähl⸗ ten Kreiſes von Männern aus allen Ständen, die Be⸗ lehrung und Erheiterung bey ihm ſuchten. Auch Aſtolph fand dort Zutritt, und je mehr er den Vater bewun⸗ derte und die Tochter in der Entfaltung prunkloſer aber anziehender Geſelligkeit immer mehr lieb gewann, um ſo weniger konnte er ſich's erklären, wie jener den ge⸗ fährlichen Beruf der Schauſpielerinn für Albinen ge⸗ wählt haben konnte. Es lag in Polychreſtos Plane, der Unerfahrenen die Täuſchung zu erſparen, und die Fehl⸗ tritte, welche zur Enttäuſchung führen, darum öffne⸗ te er ihr die Welt, wie ſie war, und ſein Haus der Welt, damit ſie von dieſer nicht mehrerwarte, als ſie gewähren kann, das Alltägliche. Die Ideale Albinens ſollten einzig der Kunſt angehören. Aber ſchon hatte ſie in die Nebel des Wahns, aus dem Reiche der Kunſt in das Leben gegriffen, und Aſtolphs Bild war es, wornach ſie haſchte. Die Kunſt lieh ihr Flügel, es recht hoch empor zu tragen, und ſie verlor die Welt, wie ſie iſt, aus dem Geſichte. In ruhigen Augenblicken ahnte ſie wohl, daß ſie tief ſtürzen könne von ſo gewagter Höhe, aber ihr Vertrauen an eine unſichtbare gütige Macht, welche das gläubige Herz nicht ſinken läßt, war ſonder Grenzen. Aſtolph vermißte in Polychreſtos Hauſe 30 die Krone des Familienlebens in Eintracht und Liebe die Mutter. Seinen Augen war ſie nicht ſichtbar gewor⸗ den, obwohl er wußte, daß ſie im Hauſe lebe, im Frie⸗ den mit Polychreſt. Albina beantwortete ſeine Frage um die Urſache hiervon mit einem Seufzer und einem abge⸗ brochenen:„Sie iſt es nun einmahl ſo zu thun gewohnt.“ — Aſtolph erfuhr über Polychreſtos Herkunft einzig, daß er ein Franzoſe von Geburt ſey, den ein widriges Schickſal nach Spanien vertrieben; er hatte hier eine Dame von hoher Geburt geheirathet, und war nach Frankreich zurückgekehrt, wo ihm der Himmel Albinen ſchenkte. Auf's Neue verfolgt von ſeinem böſen Sterne, ſuchte er bald wieder ſein Heil in Spanien. In den Trüm⸗ mern Alt⸗Sevilla's lebte er lange Jahre von den Re⸗ ſten eines aus ſeinem Vaterlande mitgebrachten kleinen Vermögens. Die geheimen Künſte, die er dort geübt haben ſoll, bereicherten ihn nicht, und aus der Ruine des römiſchen Schauplatzes führte er Albinen auf das Theater von Sevilla, wo ihre ſeltene Kunſt Bewunde⸗ rung, ihre Tugend Achtung genoß. Dieſer ſonderbare Lebenslauf, mit manchem Mährchen verbrämt, ſteigerte Aſtolphs Theilnahme an der Tochter Polychreſtos, de⸗ ren ſanfte, blaue Augen und zierliche Geſtalt ihm als Angedenken an die milde galliſche Heimath jetzt erklär⸗ lich wurden. Sich Licht zu verſchaffen über Alles, was 31 ihm dunkel war, und mit Ueberwältigung aller Hinder⸗ niſſe ſeinem Herzen den Sieg zu gönnen, war nun Aſtolphs einziges Beſtreben. Als der Erbe ſeines reichen Hauſes, glaubte er nur den Widerſtand ſeines Vaters überwinden zu dürfen, um vollglücklich zu werden. Die Stunden, welche ſein Beruf ihm frey ließ, verbrachte Aſtolph in Polychreſtos Hauſe zu immer un⸗ umwunden erer Hingebung ſeines Herzens an Albinen. Dieſe zeigte bey aller Beweglichkeit in den widerſpre⸗ chendſten Theatercharakteren in ihrem Hauſe eine völlige Weltunerfahrenheit. Aſtolph glaubte auch hierin anfangs mit Erſchrecken eine Schauſpielerfertigkeit zu entdecken; doch die Offenheit, mit der ſie ihre Liebe, bey ſicht⸗ barer, verſchämter Scheu ſie zu entdecken, vor den Au⸗ gen Polychreſtys nicht verbergen konnte, überführte ihn des Gegentheils. Ihre naiven Ausbrüche von Neigung ßu Aſtolph wurden vom Vater belächelt, der nichts ent⸗ gegen that, um, wie er meinte, ein Irrlicht von Liebe in ſich ſelbſt verglühen zu laſſen; wahre Liebe hielt er nur unter gleichen Verhältniſſen bey Verſtändigen mög⸗ lich, und Verſtand ſetzte er voraus bey Albina. Doch war er nicht ganz ohne heimliche Sorge, und drückte ſie nicht ſelten in ſeinen Zügen aus. Aſtolph hatte an⸗ fangs ſeine Freude daran, Albinen auf den Bretern in ihrem Glanze zu ſehen. Im Zauberſchmucke der Kunſt entzückte ihn ihre Schönheit, ihre hinreißende Sprache doppelt, und manche Beziehung in den vorgeſtellten Ver⸗ hältniſſen auf jene der zwey Liebenden ſteigerte Aſtolphs ſchwärmeriſche Neigung zu Albinen. Bald aber, ſehr bald kränkte ihn der Gedanke, daß die Kunſt des Schau⸗ ſpielers immer nur eine Dienerinn des Dichters ſey, der ihr oft das Unwürdige mit Aufopferung der per⸗ ſönlichen Würde darzuſtellen auferlegt; daß der Schau⸗ ſpieler neben den Launen des Dichters noch jene viel ärgeren der Zuſchauer ertragen müſſe, deren jeder für ein Paar Realen den beleidigendſten Spott mitbringen darf. Das Vorurtheil ſeiner Zeit gegen den Stand des Schau⸗ ſpielers, das, eben jener zweyfach dienenden Lage we⸗ gen, ſich immer erhalten und einigen Grund in der Wahrheit finden wird, empörte ihn zugleich, und machte ihn nachdenkend. Sein ſtolzes Gemüth ſchauderte jetzt zurück vor dem Gedanken, daß ihn die Träume ſeines Herzens an ein Weſen ketten ſollten, das auf den Bre⸗ tern vor der Welt geſtanden. Er lachte freylich der Sti⸗ che, die ihm ſein aufwachender Stolz verſetzte, denn er konnte die Vergangenheit mit den goldenen Schleyern eigenen Anſehens und des Reichthums decken; aber im⸗ mer ſtörend wirkten dieſe und ähnliche Gedanken auf den Lauf ſeiner Liebe. Wenn er dagegen die Möglichkeit verfolgte, daß ihn ſeines Vaters Anſehen und Gewalt ͤ 3 daß ihn eine Vergeſſenheit ſeines Herzens von Albinen wieder abwenden könnte, ſtand er als der Verräther der Unſchuld vor ſich ſelbſt, und feſte Entſchlüſſe zur Treue folgten dem Gedanken an eine mögliche Treu⸗ loſigkeit. Unter jenen zarten Vorbereitungen, welche die Liebe mit geiſtvollem Scherze bey edleren Gemüthern dem Ernſte einer entſcheidenden Erklärung der Herzen vor⸗ angehen läßt, war es Winter geworden. Die Feyer der Chriſtnacht rief auch die bey Polychreſtos verſammelte Geſellſchaft zu der erhebenden Wanderung durch die beleuchteten Kirchen, wo die Chöre der Hirten die An⸗ kunft des Heils der Menſchheit verkündigten. In der Vor⸗ halle eines Kloſters feſſelte die frommen Waller, unter denen ſich auch Aſtolph, in ſeinen Mantel gehüllt, an der Seite Albinens befand, der Anblick eines ſchauder⸗ vollen, vom Scheine rother Lampen erhellten Gemähl⸗ des. Es ſtellte eine Gerichtsſcene aus den Zeiten des Imperators Decius vor. Von ſeinem Throne herab ſah der richtende Tyrann mit finſterer Miene zu, wie an des Mörders Leib auf ſeinen Befehl der Leichnam des Gemordeten, Glied an Glied, Haupt an Haupt, mit Stricken feſt gebunden wurde, damit er zur Strafe mit dieſem verweſe. Entſetzen ſprach aus dem Gemählde, an deſſen unterem Nande geſchrieben ſtand:„Wie dieſer 5 König ſtraft den Sünder das Gewiſſen.“ Aſtolph, den ein Zweifel ſeines Gewiſſens verfolgte, ob er recht ge⸗ than, indem er Albinens Herz dem ſeinigen näherte, ohne zu wiſſen, ob der Ausgang ſeiner Liebe ein guter ſeyn könne, kehrte ſich zu Albinen, die abgewendet ſtand von dem gräßlichen Bilde, und ſprach:„Guer Schat⸗ ten ſoll quälend auf mir laſten, wie jener Leichnam auf dem Mörder, wenn ich euch betriege.“— Mit jenem Lächeln, das Albinen bey jedem Anlaſſe eigen war, wo andere Frauen Thränen gezeigt hätten, antwortete ſie leiſe:„Für jeden Fall ſoll euch mein Bild das eines Friedensboten ſeyn; ſolltet ihr einſt Verzeihung bedür⸗ fen, ſo denket an mich, und der Gedanke an mich ſoll euch mit mir verſöhnen!“ Dieſe Worte blieben in Aſtolphs Seele, und er liebte Albinen ſeit jener Nacht noch in— niger und herzlicher. Ein Brief ſeines Vaters, der ihm befahl, ſeine Nückkehr nach Madrid zu beſchleunigen, weil der alte Seradilla die Vermählung ſeiner Tochter mit Aſtolph nicht länger ein leeres Stadtgeſpräch ſeyn laſſen wolle, und bereits Anſtalten zu dem glänzenden Verlobungs⸗ feſte treffe, weckte Aſtolphs Gemüth aus ſeinem Liebes⸗ traume, wie die Feuerglocke den Süßſchlummernden, über deſſen Haupte drohende Flammen emporlodern. Er ſuchte Albinen auf, ihr ſein ganzes Herz zu eröffnen, — — und gleiche Offenheit dafür zu verlangen, auf daß die Zukunft nicht ferner dunkel bleibe. Ein Maskenball, auf dem ſich Albina an ihrer Mutter Seite, welche Aſtolph nicht erkannte, verkleidet eingefunden, war der Ort der Entſcheidung. Der wächſerne Mund der ſchalk⸗ haften Lüge, der Albinens Purpurlippen bederkte, ward für Aſtolph das Hrakel furchtbarer Wahrheit. Nachdem er ihr ſeinen Entſchluß verkündigt hatte, mit männli⸗ chem Muthe den Plänen ſeines Vaters entgegen zu tre⸗ ten, wenn Albina es billigen, wenn ſie ihm die wah⸗ ren Verhältniſſe ihres Hauſes entdecken könnte, weihte er ſie in das Geheimniß ſeiner Lage gegen Ghismonden ein; er gab ihr ſo den Schlüſſel zu dem Räthſel ſeines erſten Begegnens mit ihr in Seradilla's Villa; er ver⸗ langte nun gleiche Offenheit, ſie ward ihm.„Wohlan'“ ſagte Albina,„euer edles Vertrauen gibt mir den Muth, mein Geſchick und das meines Vaters, ſein Leben und ſeine Ehre in eure Hände zu legen. Wiſſet, der arme Alchymiſt Polychreſtos iſt der unglückliche Sohn des franzöſiſchen Edlen Philippe Durand, der einſt in der Gunſt ſeines Hofes hoch geſtanden; ihr habt ſein Bild beleuchtet geſehen in der Halle, wo ich euch das erſte Mahl erblickte; in jenem Gemählde ehrt mein Vater das Andenken an die geſunkene Größe ſeines Hauſes. Eine Ehrenſache, in der er als Jüngling kurz nach 36 Philipps Tode den Sohn eines mächtigen Hauſes in Paris im Zweykampfe zu tödten das Unglück hatte, vertrieb ihn aus ſeinem Vaterlande, er ward geächtet, ſein Vermögen eingezogen. Unter fremdem Nahmen lebt er ſeitdem in Spanien; ſeinem Irrſal ſetzte die Liebe ein Ziel; Donna Mencia Manreſa, eine edle Spanierinn, meine Mutter, ſchenkte ihm ihre Hand. Die Kunſtliebe meines Vaters und ſein Beſtreben, mir nach dem gänzlichen Verluſte ſeines Vermögens einen unabhängigen Unterhalt zu gründen, brachten mich auf die Bühne, wo mir meine täglichen Rollen wohl nur in dem beſeligenden Bewußtſeyn gelingen mögen, daß mir der Himmel für mein irdiſches Daſeyn die Rolle eines Kindes zugewieſen hat, welches die einzige Stütze unglücklicher, theurer Aeltern iſt. Doch vernehmt, was uns mehr als mein jetziger Stand und das Geheimniß meines Vaters ſcheidet; Mencia, meine Mutter, war die Braut eures Vaters; einer vortheilhafteren Verbin⸗ dung wegen hatte er ſie unter dem Vorwande ſeiner, durch ihren Leichtſinn gekränkten Ehre aufgegeben. Sie kennt eures Vaters Stolz, ſie hat ſeine Züge in euch erkannt, als ſie euch das erſte Mahl erblickte, und vor euch zurückgeſchaudert. Sie weiß, daß Don Enrique nie in eure Verbindung mit mir einwilligen wird, dar⸗ um will ſie euch nie ſehen, keinen Antheil nehmen an 3) unheilbringendem Beginnen. Daß ich euch ebenbürtig bin, darf ich nicht geltend machen, ehe der Haß der beleidigten Feinde meines Vaters erliſcht, die nach ſei⸗ nem Leben trachten würden, wenn ſie ſeinen Aufenthalt erführen. Ich erkenne die Unmöglichkeit dieſe Hinder⸗ niſſe zu beſiegen, den Wahnſinn ſie angreifen zu wol⸗ len, und doch, doch ſagt mir eine geheime Stimme, alles ſey möglich, weil ihr mich liebt. Lächelt über mei⸗ nen feſten Glauben an eine gütige Leitung der Schick⸗ ſale des gemeinſten Menſchen, vielleicht hoffe ich auf mein Verderben, das ſich blendend geſtaltet hat. Zürnt der Mücke, die mit verbrannten Flügeln dem Lichte zu⸗ flattert, bis ſie den Feuertod ſtirbt, wenn ihr meiner Liebe zürnen wollt; doch ſollt ihr mir nicht gleichen dar⸗ um; müßt ihr als Mann der Liebe entſagen, ſo entſage ich ihren Früchten willig, denn ich habe ſie blühen ge⸗ ſehen, und werde glücklich ſeyn in der Erinnerung.“— Aſtolph ſtand wie vernichtet: was ihn Albinen näher brachte, ihre vornehme Abkunft, ſchied ihn, weil es ge⸗ heim bleiben mußte, auf's Neue von ihr. Bey dem tiefgewurzelten Vorurtheile des Standes in der Bruſt des Caſtiliers, fühlte ſich Aſtolph jetzt mehr denn je zu Albina gezogen, da ſie ihm ebenbürtig war; er vergaß, daß der Adel etwas rein Aeußerliches ſeyn müſſe, da er ohne alle gute Folgen iſt, wo er Ge⸗ . 58 heimniß bleiben muß, indeß die verkannte Tugend ih⸗ ren Segen in die Hütte des ungerecht Verfolgten ver⸗ verbreitet. Die wunderbaren Geſchicke der Aeltern Albi⸗ nens, das Verhältniß ihrer Mutter zu ſeinem Vater, ketteten ihn feſter an die ſchuldloſe Dulderinn ſo vielen Leides; die mit dem Opfer ihres Rufes die Stütze ih⸗ res Hauſes geworden. Bewegt von den Eindrücken ſo ſeltſamer Ereigniſſe, in denen die Nemeſis für ſeines Vaters Unrecht, an Albinens Mutter verübt, in ihm den Rächer zu ſuchen ſchien, wollte Aſtolph die edelſte Rache in der Verſöhnung alten Haſſes ſuchen. Voll von dem Gedanken, ſeinen Vater zur Billigung ſeiner Ver⸗ bindung mit Albinen zu ſtiller häuslicher Zurückgezogen⸗ heit auf einem ſeiner Güter zu bewegen, äußerte er Al⸗ binen die beſten Hoffnungen, und beyde hüpften bald im Taumel der Liebe über die Abgründe hinweg, an denen ſie vor ein Paar Augenblicken noch ſchaudernd geſtanden hatten. Als Albina beym Scheiden in der Vorhalle des Saals die Larve abnahm, las Aſtolph mit Entzücken den Ausdruck der edlen reinen Seele in ihren Zügen, die aus ihren Reden hervorgeleuchtet hatte. Die magiſche Gewalt ihres offenen Blickes, den ihm die Maske ſo lange entzogen, machte ihn doppelt feind der Verſtellung, aber auch der damit nahe verwandten Kunſt ſeiner Lieben, die er darum zweyfach haßte, wie jene Latve. Mit dem feſten Entſchluſſe, ſie einem Berufe zu entreißen, der ihm unwürdig erſchien der Engelreinen, verließ er beruhigt die Geliebte. Zu jener Zeit trieb ſich in den vornehmen Zirkeln Sevilla's zur Beluſtigung Vieler ein Schottländer, Sir Hunphry Killigran, herum. Da er die Freyheiten ſei⸗ ner Vorfahren ſeit der Vereinigung Schottlands mit England in ſeinem Clan nicht mehr finden konnte, ſuchte er ſich neue und angenehmere, wie ſie heute den Eng⸗ ländern auf Reiſen für bares Geld ſo gerne eingeräumt werden, in den Städten des nachſichtigen Continents ſelbſt herauszunehmen. Sevilla war jetzt der Tummel⸗ platz ſeiner guten und üblen Laune; in beyden wußte er ſein Publicum zu ergetzen, das ſich, weil er derb und irländiſch plump in ſeinem Benehmen war, eine kleine ſatyriſche Veränderung ſeines Nahmens erraubt hatte, und ihn Lord Filigran nannte, was ihn nicht kränkte, da er eben ſo gerne mit ſich als mit Andern Poſſen trieb. Auch er hatte ſich, ein Fuchs im Schafspelze, in Polychreſtos Hauſe eingefunden, und insgeheim, mit⸗ unter auch ziemlich laut, um Albinens Gunſt bewor⸗ ben. Der Widerſtand der ſpaniſchen Schauſpielerinn, an die er den Maßſtab der Welt und ſeines Zeitalters legte, beleidigte ihn faſt mehr, als daß er ihn kränkte denn dazu fehlte ihm ein wahrhaft liebendes Herz. Er ——— 40 zog ſich zurück aus Polychreſtos Hauſe, und ſeine Zun⸗ ge ließ es die Arme entgelten, daß ſie ſeinen Lippen den Kuß der Liebe verſagt hatte. Lord Killigran deela⸗ mirte eben mit gewohntem, lautem Tone in einem Kreiſe junger und alter Herren in der Hauptallee der Alame⸗ da, wo ſich die ſchöne Welt im Mittagslichte ſonnte, als Aſtolph nachdenkend über die Aufſchlüſſe, die ihm die letzte Nacht gegeben, und voll Entwürfe ſie zu be⸗ nützen, vorüber wandelte. Frauen, Theater und Albina waren der Gegenſtand des Geſpräches in dem Zirkel, dem Killigran präſidirte.„Glauben Sie mir, meine Herren,“ fuhr er in ſeinem Geſpräche fort, dem Aſtolph, weil er Albinens Nahmen vernommen, zuzuhören begann;„die meiſten Damen führen die Tugend im Munde wie ein gewiſſer Dichter die Tabaksdoſe in den Händen; dieſer ſchnupft nicht Tabak, und will nur zuweilen von ſeinen Gönnern für ſchlechte Verſe eine ſchöne Doſe erhalten, jene wollen tugendhafte Männer, um ſchlechte Frauen ſpielen zu können. Es iſt des Alchymiſten Polychreſtos gewagteſter Verſuch, Feuer auf dem Waſſer brennend zu erhalten, denn nichts löſcht das Tugendfeuer ſchnel⸗ ler, als der eaſtaliſche Brunnen, in welchem die Schau⸗ ſpielerinnen baden. Ihrem Bade ſieht mancher Actäon zu, ohne andere Hörner als die er von Hauſe mitbringt. Seit dem erſten Theater des Romulus in Italien, wo 41 er ſeine Krieger den Naub der Sabinerinnen begehen ließ, iſt die Schaubühne, wie der Dichter„der Kunſt zu lieben' ſagt, und der iſt doch ein glaubwürdiger Mei⸗ ſter ſeiner Kunſt geweſen, der Schauplatz aller mögli⸗ chen Liebensabenteuer. Was iſt der gute Ruf einer Schauſpielerinn? wenn nicht ein Beleg, daß ſie ihre Kunſt auch außer dem Schauplatze zu üben verſteht. Eine Schauſpielerinn aber, die man mit Gewalt rein erhalten will, gleicht einer ſeltenen Blume, die man einem Kinde zum Spielwerke reicht, und deren Blät⸗ ter, damit ſie nicht in den Wind gehen, an den Stiel mit grobem Zwirne feſt genäht werden; ſie wird un⸗ entblättert bleiben dieſe Blume, aber wie wird ſie aus⸗ ſehen?— gerade wie eine tugendſame Actrice.— Die Kunſt des Schauſpiels ſelbſt verzerret den Charakter die⸗ ſer Damen, wie ihre Geſichtszüge, die im beſtändigen Wechſel des Vorgeſtellten alles Eigenthümliche verlieren, gleich den Köpfen der Münzen, die durch viele Hände und viele Taſchen gehen. Was nun die engelreine Al⸗ bina betrifft, um die ihr mich mit Gewalt wollt trauern machen, ſo geh' ich eine Wette ein, die euch zeigen ſoll, daß ich Urſache habe luſtig zu ſeyn, wenn ich an ſie denke.“— Bey dieſen Worten trat Aſtolph, den das Geſagte bey mancher bittern Wahrheit durch den Ton, wie es geſagt wurde, und die leichtfertigen Gleichniſſe, 42 tief gekränkt, und miteinem Abſcheu vor dem Leben der Schauſpieler erfüllt hatte, die in jedes Nichtswürdigen Munde unbarmherzige Richter finden, ſich ſelbſt vergeſ⸗ ſend in den Kreis und rief:„Und dieſe Wette?“— „Bravo'“ ſagte Killigran,„der könnte ein Britte ſeyn, er wettet auf ein Nichts.“— Aſtolph maß ihn mit grim⸗ migem Blicke, jener aber fuhr fort;„Wohlan! ſo ſetzt eure Adlernaſe gegen allen Schnupftabak, der in der königlichen Niederlage von Sevilla liegt, ich weiß nicht, ob ihr Großes gegen Kleines wettet, den ich euch kau⸗ fen will, oder gegen meine eigene Naſe, die ihr mir abſchneiden dürft, wenn ich nicht heute Abends in mei⸗ ner Nationaltracht, die, wie ihr wißt, ſehr anſtändig iſt, ein tete à iéie mit Albinen habe, für meine Gui⸗ neen, und wenn nicht morgen die ganze Stadt davon ſpricht.“— Aſtolph, der einen Scherz in der Weiſe des Nichts achtenden Killigran vermuthete, ſagte jetzt gelaſ⸗ ſen:„Laßt eure Naſe aus dem Spiele, nieine Ehre ſetz' ich gegen die eure, daß ich euch den Hals breche, wenn ihr ein Frauenzimmer verunglimpft, das wie Al⸗ bina meine Achtung hat.“„Die Achtung der Herren bricht ihr den Stab. Ihr ſeyd wohl der Ritter, mit dem Albina, wie ich von Fiammetta, einer aufrichtigern Prinzeſſinn aus derſelben hölzernen Hofburg der Mu⸗ ſen, weiß, nicht ſelten gar artige Scenen einübt. Doch glaubt ihr wirklich an die Tugend einer Schauſpielerinn, ſo ſeyd ihr auf gutem Wege, denn ihr werdet da mit einem Mahle der Leichtgläubigkeit los, die ein arges Vademecum für junge Männer iſt. Jedem wird von der Parze ein gewiſſes Maß Wein bey der Geburt vor⸗ gemeſſen, das er austrinken muß, ehe er zur ewigen Ruhe eingehen darf, trinkt er's früher aus, ſtirbt er früh, hält er Haus damit, lebt er lang. Eben ſo gibt die Liebe jedem Sterblichen ein gewiſſes Maß Leicht⸗ gläubigkeit auf den Lebensweg mit; wer am meiſten vertraut anfdie Frauen, wird am ſchlimmſten betrogen, und geht, früher der Leichtgläubigkeit los geworden, in den Tempel der Nuhe ein. Doch ihr ſeyd, wie geſagt, auf gutem Wege, und bey der Welte bleibt's.“ Da⸗ mit ſtand er auf und ging, begleitet von ſeinen lärmen⸗ den Freunden. Aſtolph ſtand ſprachlos; die Tücke ſeines Geſchickes, welche das Geheimniß ſeiner Liebe verra— then, an welcher der Makel des Vorurtheils gegen Al⸗ binens Beruf klebte, das Gewicht beleidigter Ehre la⸗ ſtete auf ſeiner Seele. Keines kräftigen Entſchluſſes fä⸗ hig, ein Scheingut zu erhalten, das ihm ſo vieles wahr⸗ hafte Weh bereitete, ging er verſtört nach Hauſe, wo er im trüben Brüten über den Streit des Eingebildeten und des Wirklichen in der Welt, mit dem Gefühle ei⸗ ner ärgerlichen Scheu vor den Menſchen, die mit bey⸗ 44 den ihr Spiel treiben zum Verderben der Gerechten, bis zum folgenden Morgen verblieb. Killigran hatte ſeine Wette auf eine drollige Art erfüllt. Gleich nachdem er Aſtolph verlaſſen hatte, ſchickte er ſeine Diener, einen nach dem andern, in verſchiede⸗ ner Verkleidung zu wiederhohlten Mahlen nach dem Theater, und miethete mit ſchwerem Gelde alle Plätze für die Vorſtellung am Abende. Auch nicht einer Per⸗ ſon konnte der Eintritt geſtattet werden, und Killigran erſchien in ſeiner bunten Nationaltracht allein in ſeiner Loge. In der Erwartung der Vielen, die da kommen ſollten, wurde das Stück bis in die Hälfte geſpielt, und Albinens Talent mußte ihrem verſchmähten Anbether dienen, bis dieſer das Haus laut auflachend verließ. Der Theater-Director fand ſeine Rechnung bey dem Scherze des Schotten, und das Gerücht davon, mit beißendem Spotte auf die verlorne Wette, war das Erſte was Aſtolph vernahm, als er am folgenden Morgen ſein Haus verließ. Er fürchtete eine ihn beleidigende Begeg⸗ nung mit dem übermüthigen Killigran, er fürchtete die gefährlichen Folgen ſeiner aufbrauſenden Hitze, einen Ehrenhandel aus ſo lächerlichem Vorgange. Sein Ruf ſtand auf dem Spiele. Er verwünſchte die Breterwelt unſerer Tage, in deren Leben zum Spotte des Pöbels das ſeinige verwickelt erſchien; er pries die Zeiten der 5 Griechen, wo das Frauenzimmer, ausgeſchloſſen von dem Wirken und Genießen der Bühne, den Mann nicht zu thörichter Verflechtung ſeines Schickſals mit dem der Mimen hinreißen konnte; er wünſchte ſich zurück verſetzt in jene Zeiten, wo die Ideale der Größe und Kraft verlarvt vor dem Volke erſchienen, und jene, die ſie darſtellten, ihr wahres Geſicht nur in ihren Kreis mit⸗ brachten, ſtatt daß bey uns das ehrliche Antlitz des Mi⸗ men zur Larve werden muß, der Jeder lächelnd auf den Grund blicken darf. Sein Haß gegen das Treiben der Schauſpieler ſeines Zeitalters ſtand in ſchneidendem Gegenſatze mit ſeiner Liebe zu einem Weſen aus ihrer Mitte. Daß die Unſchuldige unter den Uebelberüchtig⸗ ten ſich dem höhniſchen Urtheile der Welt Preis gab, war das Werk ihrer aufopfernden Tugend, und das ge⸗ rade vermehrte ſeine Achtung. Seine Ehre als Soldat erlaubte ihm keinen ferneren Aufenthalt in Sevilla, wo das Gerücht ſeine phantaſtiſche Liebe zu Albinen und den Vorfall mit Killigran boshaft grinſend ſchon von Munde zu Munde trug; er befürchtete, es möchte ent⸗ ſtellt ihm bey ſeinem Vater zuvorkommen, von doſſen Macht er für Polychreſtos Haus das Schlimmſte beſorgte. Ohne ſeines Berufs zu gedenken, ohne die Erlaubniß von Madrid abzuwarten, reiſte Aſtolph ohne Verzug, pochend auf des Vaters mächtigen Schutz und Alles von 46 ihm erwartend, zu dieſem in die Hauptſtadt ab. Er nahm nicht Abſchied von Albinen; um ihretwillen vor der Welt beſchämt, wollte er nicht ſchamroth vor ihr erſcheinen, der ſchuldloſen Schuldigen an ſeiner Beſchä⸗ mung. Albina ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoffnung, als ſie ſeine Abreiſe erfuhr; ſie fürchtete, Aſtolph habe ſich im Erwachen ſeines Stolzes ganz von ihr gewen⸗ det; doch dachte ſie ſeiner Liebe, ſo mußte ſie noch mehr für ihres Vaters Sicherheit beben. Aſtolph konnte ja leicht in guter Abſicht, in der. Voreiligkeit der ſehnen⸗ den Liebe, das Geheimniß Polychreſtos verrathen haben, und dann wäre Alles verloren geweſen durch den un⸗ beugſamen Hochmuth Don Enrique's. In peinvoller Er⸗ wartung verlebte Albina die Zeit der Abweſenheit Aſtolphs. Im Kampfe der Sehnſucht ihres Herzens nach Aſtolphs Beſitze mit der Ueberzeugung, daß dieſer nach ſeinen Verhältniſſen ſein Lebensglück bey ihr nicht finden könne, wagte ſie es nach einiger Zeit, ihm einen Brief nach Madrid zu ſenden, worin ſie ihn, auf die Gefahr kalt zu ſcheinen und verkannt zu werden, beſchwor, um ih⸗ retwillen ſeines Hauſes Glück und Würde nicht zu un⸗ tergraben. Das Verblühen ihrer Liebe, den Tod ihres Herzens in Entſagung vor Augen, hatte ſie in den Sa⸗ phier an jenem Ninge, der das Geſchenk des Mitleids Aſtolphs und ſeiner Liebe war, ein Knochenhaupt und 4 darunter die Worte eingraben laſſen:„Er trennet und vereint.“ Mit dieſem Ringe ſiegelte ſie den Brief an Aſtolph, der ihre ſchöne Seele, ihre ſich hinopfernde Duldung im treuen Bilde gab. Aſtolph war inzwiſchen von ſeinem eigenen Herzen auf eine entſcheidende Probe geſtellt worden. Er erſchien vor ſeinem Vater mit dem feurigen Zutrauen eines lie⸗ benden Kindes, aber er fand in Enrique nur den kal⸗ ten, ſtrengen Richter jugendlicher Unbeſonnenheit. Wie der Wanderer, der des Abends durch eine ihm völlig unbekannte wilde Gegend reiſet, hinter jedem Geſträu⸗ che einen lauernden Feind, in der düſtern armen Hütte ruchloſes Geſindel vermuthet, während die Kinder des Thales hinter jenen Geſträuchen ſich friedlich ihrer Liebe freuen, und die Mutter in der Hütte ihren Klei⸗ nen Mährchen erzählt, beym Lampenſcheine die Nacht zu verkürzen: ſo konnte ſich Enrique's hochmüthiger Geiſt in das Labyrinth eines ihm völlig fremden, ge⸗ meinen Treibens gar nicht hineindenken, das Aſtolph mit unüberlegter Voreiligkeit ihm mit einem Mahle auf⸗ that. Ein Paradies war dieſem das Reich ſeiner Liebe, und er dort im Laufe der Zeit einheimiſch geworden; er begriff nicht den aufbrauſenden Abſcheu, den ſein Vater, dem Alles fremd war, was nicht Convenienz heißt, davor äußern konnte; das einzige Licht in dem 8 Dunkel ſeines Herzensweges, die vornehme Abkunft Albinens, die ihn doch ſelbſt noch mehr ermuthigt hat⸗ te, jenen Weg zu verfolgen, durfte er vor Enrique's Augen nicht enthüllen. Dieſer ſchalt ſeinen Sohn einen pflichtvergeſſenen Thoren, Albinen eine planmäßige, ſchändliche Verführerinn; ihr Brief an Aſtolph, worin ſie ihn bat, ihr zu entſagen, war ihm eine Schlinge der Buhlerinn, den rechtlichen Sinn des Jünglings zu verſtricken. Mehr bedurfte es nicht, um in Aſtolphs ge⸗ reitzter Seele den Vorſatz zur Reife zu bringen, die Wahl ſeines Herzens durch die Ehre Albinens zu recht⸗ fertigen, die er dadurch retten wollte, daß er auf jener⸗ Wahl beſtand. Enrique ſtellte ihm ſein, dem Hauſe Se⸗ radilla gegebenes Wort entgegen, und drohte mit Fluch und Enterbung. Vergebens, Aſtolphs Leidenſchaft war⸗ blind und taub, und er fühlte keine Neigung für Ghis⸗ monden. Während des häuslichen Kampfes mit ſeinem Vater brachte der Ruf ſein Verhältniß zu Albinen, ſei⸗ nen Auftritt mit Killigran in die Zirkel der Hauptſtadt. Ghismonda verlangte die Sühnung ihrer Ehre durch alſogleiche Verbindung mit Aſtolph, die jenes Gerücht widerlegen ſollte. Enrique bot Alles auf, aber umſonſt; das Herz in freyer Wahl ſo überglücklich, mußte den Zwang zu einer nichts gewährenden Verbindung vevab⸗ ſcheuen. Aſtolph blieb ſtandhaft, und treu Albinen. Da ergriff ſein Vater das letzte Mittel: ſein gegebenes Wort durch einen auffallenden Schritt zu bewähren, lließ er durch ſeine Freunde bey Hofe gegen den eigenen Sohn die Entſetzung von ſeinem Poſten, wegen eigenwilliger Verlaſſung deſſelben, ausſprechen, er ſelbſt aber ent⸗ erbte zum Scheine den Ungehorſamen, der ſeines Va⸗ ters gegebenes Wort durch Starrſinn zur Lüge mach⸗ te. So wollte er den Unbeugſamen beugen. Aber er hatte ſich verrechnet; Aſtolph fühlte ſich freyer und né⸗ her ſeiner Geliebten, da er ſein Geſchick ſich ſelbſt über⸗ laſſen ſah. Freudig nahm er die Kunde ſeiner Entlaſ⸗ ſung, ja ſelbſt der Enterbung auf, denn ſo außer die Schranken der Convenienz geſtoßen, wähnte er glück⸗ lich zu werden durch ſich ſelbſt, durch ſeine Liebe. Ohne Abſchied vom Vaker zog er fort aus Madrid nach Se⸗ villa, freudiger Ahnungen voll. Enrique aber hoffte, er werde bald enttäuſcht, durch Mangel und Ehrgeitz geſpornt, von dort zurückkehren in den Kreis, dem er eigentlich angehörte. Ghismonda, welche den ihr be⸗ ſtimmten Bräutigam mit aller Sehnſucht einer jungen Spanierinn bis zur Wuth über ſeine Weigerung lieb⸗ te, ſah ihn mit tiefem Unmuthe und aufgährender Rachſucht ſcheiden; nur ihre Eigenliebe und der Glanz ihres Hauſes ließ auch ſie hoffen, der Gedemüthigte werde bald als Gnade erbitten, was er jetzt thöricht X II. Vand. 3 anzunehmen ſich ſträubte. Doch verdrängte jetzt ſchon ein bitterer Haß jene Liebe, die ſie einſt Aſtolph entge⸗ gen trug, und welche dieſer im Kampfe gegen ein ver⸗ lockendes Traumbild zu erwiedern ſchien, nun aber, da ihm dieſes Wirklichkeit geworden, kalt und verächtlich von ſich wies. Gekränkte Eitelkeit und heiße, aber ſelbſt⸗ ſüchtige Liebe ſtritten ſich in Ghismonden um das Vor⸗ recht der Herrſchaft, die jene der Rache, dieſe der Theil⸗ nahme an dem Geſchicke des Verirrten abtreten wollte. Aſtolph, den ein unſeliger Wahn die Vorſpiege⸗ lung von Enterbung und den Zorn des Vaters für Wahrheit, für die Enthüllung des giftigen Kerns der glänzenden Außenſeite ſeines Daſeyns nehmen ließ⸗ ſuchte mit derſelben Verblendung die Krone ſeines Le⸗ bens in Sevilla bey Albinen. Neuen Irrthum auch hier zu enthüllen, war der Uunglückliche beſtimmt. Den Kampf mit dem feindlichen Geſchicke glaubte er über⸗ ſtanden zu haben, als er, die Spuren davon im blei⸗ chen Antlitze⸗ Albinens Gemach betrat, einem neuen Feinde ſeines Glückes und ſeiner Nuhe zu begeg⸗ nen. Albina, die ihn ſehnſuchts voll erwartet hatte, ſchauderte vor dem Abgrunde zurück, an den er ſie durch die Schilderung ſeines jetzigen Zuſtandes führte. Sich als die Schuld an ſeinem Mißgeſchicke, an der Enterbung des Geliebten betrachtend, konnte ſie ſeine 51 Freude nicht theilen an dem Wahne, daß er jetzt Al⸗ leinherr ſeines Herzens geworden. Thränen nur hatte ſie, ſeine Erzählung zu begleiten. Aſtolph forderte mit Ungeſtüm ihre völlige Hingebung an ihn; er, der Al⸗ les um ihretwillen verloren, was er auf Erden beſeſſen, glaubte Alles fordern zu können von ihr, die ſein Alles war. Ihre Hand und augenblicklicher Rücktritt von der Bühne, wo er nur Schande und Unheil er⸗ blickte, war ſein Begehren. Albina kannte ihres Vaters unbezwinglichen Abſcheu gegen jedes Eindrängen in je⸗ nen Kreis der Vornehmen, der ihn ausgeworfen und dem Niedrigſten an Schmach und Noth gleichgeſetzt hatte; ihre Kunſt, die einzige Stütze hülfloſer Aeltern, durfte ſie nicht verlaſſen; Aſtolph war arm geworden. Sein Anerbieten, ihr Gemahl zu werden, erſchien unter dieſen Verhältniſſen als ein qualvoller Scherz des ironi⸗ ſchen Schickſals. Sie entwickelte beredt die Unmöglich⸗ keit, in ſein Begehren eingehen zu können, und vertrö⸗ ſtete ihn liebevoll auf ihres Vaters Entſcheidung. Aſtolph fand Kälte in dieſer überlegenden Beleuchtung der Außenwelt, an die er, ſchwelgend in geträumter Wonne, und begünſtigt vom Glücke, zu denken bisher nicht gewohnt war. Mit ſchmerzlichem Gefühle, auch bey Albinen ſeine Erwartungen getäuſcht zu finden, 3* 52 brach er ſchnell auf,Polychreſt aufzuſuchen, um von ihm Gewißheit über ſein ſchwankendes Geſchick zu erhalten. Aſtolph fand den Vater Albinens nachdenkend wan⸗ delnd in einer der Alleen der Alameda. Mit der ruhi⸗ gen Würde, die dem Leidenſchaftlichſten eigen wird, wenn gefährliche Stürme ſein Streben auf die letzte, höchſte Woge getragen haben, von der herab nur der Untergang oder der Eingang in den Hafen möglich iſt, trug er dem Greiſe ein Bild ſeines bisherigen Lebens und ſeines jetzigen Zuſtandes vor. Polychreſt ſchien we⸗ nig erſtaunt, er hatte Alles geahnt, doch hielt er ſich nicht berufen, der Entwickelung eines Knotens vorzu⸗ greifen, den er nicht geſchürst hatte. Mit gleicher Ruhe ſtellte er Aſtolph das Widerſprechende ſeiner Wünſche vor. Er zeigte ihm, daß er ſelbſt nie gegen Enrique's des Vaters Willen, ihm ſeine Tochter zur Frau geben könne.„Die üble Meinung eures Vaters von Albi⸗ nen,“ ſprach er,„würde ſich vermehren, nähme ſie eure Hand an, und ſo lange eure Liebe euch die Reichthümer eures Vaters verſchließt, könnte euch doch nur die Liebe erhalten, wie ſie mich erhält durch die Kunſt meiner Tochter.“ Jetzt ging Aſtolph, der in dieſer Kunſt die Quelle ſeines Unheils erblickte, und doch die Frucht, die er aus ſo täuſchender Blüthe in Albinens Liebe ge⸗ erntet hatte, nicht fahren laſſen wollte, in heftigen An⸗ 53 griff auf ſie über. Aber Polychreſtos war nicht zu über⸗ zeugen, das Schauſpiel unſerer Tage ſey geradezu die höchſte Höhe unſers Verderbens.„Gerade wie alle an— deren Kreiſe des Lebens umfaßt die Bühne,“ ſprach er, »gute und böſe, aber immerhin freye Menſchen. Der Vorwurf planmäßiger Verſtellung, des knechtiſchen Die⸗ nens, zu einem von Andern vorgezeichneten Zwecke, trifft ſie nicht mehr, als jeden andern geſchloſſenen Ver⸗ ein im Leben, wo jeder im Grunde nur ſeine Rolle ſpielt, jeder nur ein Getriebe einer größeren Maſchine vorſtellt. Auf dem Boden eines alten Schauplatzes erzo⸗ gen, im Kreiſe einer geſtürzten Familie, deren Vater den Bettler ſpielen mußte, um nicht als ein vertriebener Graf verfolgt zu werden, lernte meine Albina bald einſehen, daß jede Lage des Menſchen eine Scene in dem großen Welttheater iſt, die jeder würdig ſpielen kann, wenn er nur will. Die Tugend, der ſie zu Hauſe treu iſt, ver⸗ läßt ſie auf der Bühne freylich oft zum Scheine, aber iſt ihr der fromme Dichter treu, der für einen Augen⸗ blick ſich in den Charakter des Böſen denkt, um ihn zur Warnung für Andere zu ſchildern 2“—„Darin eben liegt,“ entgegnete Aſtolph,„der große Irrthum unſerer Zeiten; der Dichter läßt nicht in ſein Herz ſchauen, wenn er in einſamer Stube ſchreibt; ſein Werk erſcheint getrennt von ſeinem Selbſt, er will nicht ſelbſt bis zu erſchreckender Täuſchung der Böſe⸗ wicht ſcheinen, den er beſchreibt. Erniedrigend aber iſt es für das Weib, in jeder Rolle, auch der zweydeutig⸗ ſten, zu täuſchen. Darum verbannten die Griechen das Frauenzimmer von der Bühne. Ihrer Künſte Element war und blieb die Form. Die Formen des Lebens aber ſind Charakter und Schickſal, dieſe entwickelten ſie ge⸗ nügend durch Wort und That; daher die göttliche, tra⸗ giſche Larve der Alten, welche die kleinlichen Künſte unſerer Mimen in Geſichts⸗- und Augenverdrehungen nicht kannte. Das Geſchlecht der Helden war ihnen gleichgültig, die Größe der Seele iſt ja weder Mann noch Weib. Unſer Schauſpiel geſellt das Alltagsleben dem idealen hinzu, und ſtörend tritt es oft dann her⸗ vor aus ſeinen Grenzen. Wir haben den penteliſchen Marmor der antiken Venus künſtlich gefärbt, zur Täu⸗ ſchung für Wollüſtlinge, die Haare nachgemeiſelt in des Herkules Locken, aber die ideale Geſtalt der beyden ſchaffen wir nicht mehr. Eine Wachsfigur gibt zwar das Bild eines Menſchen bis auf die Farbe der Augen und der Haare getreu wieder, aber wer zieht nicht das blei⸗ che Marmorbild eines großen Mannes dem bunten Wachs⸗Conterfey deſſelben vor? Dieſes will täuſchen, und iſt ein wahrer Betrüger, jenes bleibt wahr in idea⸗ ler Nachbildung ſeines urbildes; es kündigt ſich als 55 kalter Marmor an, während das Wachs die Wärm des lebendigen Leibes durch die Farbe des Blutes ſich zu erlügen trachtet, wenn es gleich für den aufmerkſa— men Betrachter immer mehr nur eine geſchminkte Leiche bleibt. Eine Marmorgruppe war das Theater der Griechen; das unſere iſt eine Wachspuppen⸗Gallerie. Darum haſſe ich unſerer Schauſpieler Treiben als ei⸗ nen Apparat weichlicher Künſteleyen, die das Leben verderben, das ſie veredeln ſollten. Ihr verſteht meine Gleichniſſe, und begreift, daß ich nie, nie eurer Tochter die Hand reichen kann, ſo lange ſie auf den Bretern ſteht.“„Noch habe ich ſie euch nicht angetragen,“ ent⸗ gegnete Polychreſt kalt; ves iſt wahr, ihr habt euch nackt ausgezogen, um in das Paradies eurer Liebe ein⸗ zugehen, aber Bekleidung fordert die Sitte, Nahrung der Leib, beydes könnte euch nur die Kunſt meiner Tochter erwerben.“— Bitter gekränkt an ſeinem Ehr⸗ gefühle, ſprach Aſtolph:„Ich fühle mich zu gut, um mein Brot durch meine Gattinn in den Lumpen einer Theater⸗Garderobe von der frivolen Gunſt des Publi⸗ eums mir erbetteln zu laſſen.“—„So tretet zurück in euren Kreis, oder bettelt ſelbſt.“— Hier verließ Aſtolph die Beſonnenheit, er fuhr auf Polychreſt los, und faßte ihn wüthend an der Bruſt, indem er ausrief:„Ich hab's geahnet, Gold macher, als ich dich zum erſten Mahle eine rothe Jauche über dem Haupte Deines Kindes rühren ſah, das Gerücht möge wahr ſeyn, du macheſt Gold aus Blut; doch daß du deines Kindes Blut an die Welt verkaufſt für bares Geld, mögſt du verantworten vor Gott;— ich verachte dich.“ Damit ließ er ihn fahren. Mehrere Leute hatten dem Schluſſe des Geſpräches zugeſehen, und näherten ſich, Unheil zu verhüten. Doch ſtumm und ernſt gingen die beyden auf verſchiedenen Wegen aus einander, den Keim lange ſcheidenden Grolls im Gemüthe; ihre Tritte im Staube bezeichneten die entgegengeſetzten Richtungen ihrer Gei⸗ ſter in höheren Sphären. Unentſchloſſen, ob er Albinen ein neues Opfer in demüthigender Ausſöhnung mit ihrem Vater bringen, ob er dieſe Verſöhnung von der feſten Entſchloſſenheit ihrer Liebe erwarten ſolle, ſaß Aſtolph im Abenddunkel in ſeinem Gemache, als er folgenden Brief Albinens erhielt:„Alles, Alles, mein theurer Mondonedo, ſetzt ſich in dieſem Angenblicke unſerer Vereinigung entge⸗ gen. Ihr habt im Eifer meinen Vater gekränkt, wie einſt der Eid den Vater Chimenens, und doch muß ich euch lieben, wie dieſe den Kampfhelden liebte. Uebler Rach⸗ rede zu entgehen, hat mein Vater allen Freunden, und, wie wehe thut mir dieß Bekenntniß, auch euch ſein Haus verſchloſſen. Ich fürchte ſein Begegnen mit euch, — 57— darum bitte ich euch, verlaßt den Schauplatz ſo harter Prüfung, und werdet eurem Vater, was ich dem mei⸗ nigen mit quälender Ueberwindung ſeyn will. Schmäht nicht Kälte meine Ueberlegung, betrachtet ſie als die nothwendige Bedingung unſers Glückes, das nicht rei⸗ fen könnte, ſtreckte ich, wie ihr, die Hand darnach aus, da es noch im Keime liegt. Erwarten will ich was da kommt in Ergebung; eurer Liebe gewiß, erwarte ich ihre Krone mit Zuverſicht und Ruhe von der ewigen Liebe. Verlaßt Sevilla, wo euch der Zorn meines Va⸗ ters, eure eigene Hitze, der Spott der Welt Gefahr drohen. Verkennt mich nicht, Mondonedo; meine Ge⸗ fühle euch ergreifend zu malen, wäre Verrath an euch, den ich durch das, was die Verhältniſſe zu denken mich zwingen, beſtimmen ſoll, für dieſen Augenblick jene Ge⸗ fühle nicht mit mir zu theilen. Lebt glücklich. Auf fro⸗ hes Wiederſehen Aſtolph zerriß wüthend den Brief; der Mann, welcher als Selave ſeiner Liebe, dieſer in hoher Begei⸗ ſterung Alles, was er in der Welt beſeſſen, geopfert hatte, konnte durch die beſonnene Sprache dieſes Brie⸗ fes nicht beruhigt werden. Wie ein Bach, der aus dem Felſen quillé und ſich bald unſcheinbar im Sande ver⸗ liert, um plötzlich als reißender Strom aus finſterer Höhle wieder an's Licht zu treten, hatte ſich Aſtolphs — 56 Grimm über die Ereigniſſe der letzten Tage in ſich ſelbſt verſchloſſen; nunmehr brach er jeden Damm be⸗ engender Rückſicht. Er ſah in der leidenden aber ſtark⸗ müthigen Albina nur die treuloſe Heuchlerinn, die ihm Liebe gelogen, um mit dem Triumphe der Coquette jetzt der ſeinigen lächeln zu können. Albinens Liebe, auf die er ſein ganzes Lebensglück bauen wollte, gewährte ihm Nichts als leere Troſtworte. Sie, um derentwillen er, bey angeborner Scheu vor aller Heffentlichkeit, das Geſpräch der zwey erſten Städte des Reichs geworden, gab ihn auf im Zeitpuncte der Entſcheidung. Er ſah ſich dem Spotte der Welt Preis gegeben, denn jene Albina, die er vergöttert hatte, zeigte ſich im gemeinſten Lichte; ſie entzog ihm ihre Gunſt, nachdem er arm ge⸗ worden, und ſich der Anſprüche auf den Glanz ſeiner Geburt beraubt ſah. Eine nie gefühlte Bitterkeit, ein Haß gegen die Menſchen, erfüllte Aſtolphs Bruſt. Un⸗ fähig, zu ſeinem Vater zurück zu kehren, der ihn ſo hart behandelte, weil er an Liebe und an Treue unter den Menſchen glauben konnte, ſtand er beſchämt vor ſich ſelbſt, denn dieſer Glaube hatte ihn getäuſcht. Schon träumte Aſtolph von der ruhigen Sammlung ſeines Gemüthes in der Zelle irgend eines Kloſters, der würdigen Vorhalle der ewigen Ruhe der enttäuſchten leidenden Menſchenſeelen, als ihm Hilario's einſame — 59— Waldeapelle einfiel. Dorthin wendete er ſeinen Tritt, nachdem er zuvor Alles, was er hatte, ſelbſt ſeine Klei⸗ der, als Erinnerungen an ein Daſeyn, das er vergeſ⸗ ſen wollte, verkauft, und ſich mit dem grauen Gewande eines freywillig Büßenden angethan hatte. Hilario nahm den Gebeugten freudig' in ſeiner Waldzelle auf. Aſtolphs Erzählung ſeiner Schickſale und ſeiner Liebe grenzte an das Reich des Fabelhaften, aber Hilario hatte zu lange einſamen Betrachtungen über das Menſchenleben nachgehangen, um nicht den Grund alles Wunderbaren der Erzählung in dem deſpotiſchen Wal⸗ ten einer Leidenſchaft zu finden, welcher die Verhältniſſe der Geſellſchaft entgegen waren, die jene ganz überſehen wollte. Es ſchmerzte ihn aber, daß er dieſer Leidenſchaft dort wo ſie gekränkt ſich glaubte, und in ſich ſelbſt zer⸗ fallen wollte, zur Ehre der Wahrheit ſelbſt ſchmeicheln, ihr das Wort führen mußte. Er konnte nähmlich in Aſtolphs harte Verwünſchungen der Circe Albina keines— wegs einſtimmen. Er fand es auch angemeſſener, in Aſtolph die beruhigende Ueberzeugung zu erwecken, Al⸗ bina könne als gehorſame Tochter, als die einzige Stütze ihres Hauſes, nicht wohl anders handeln, als ſie gethan hatte.„Setze dich, mein Sohn!“ ſprach er zu Aſtolph,„in ihre Lage; ſoll ſie Vater und Mutter verlaſſen, und der Noth Preis geben, um mit dir eine — 60— Verbindung einzugehen, den dein Vater um ihretwillen enterbt und aus ſeinen Augen verbannt hat? ſoll ſie, die du ſo zart und engelrein mir ſchilderſt in ihrem frü⸗ heren Thun, durch ſtörriſchen Sinn ihre eigenen Aeltern zu deren Erröthen daran mahnen, daß ſie ihr den klei⸗ nen Wohlſtand ihres Hauſes ſchuldig ſind? Haſt du ſo ſcharfe Augen, um durch die Mauern ihres Kämmerleins zu dringen, und zu ſchauen, ob ſie ihre Nächte nicht verweint um dich, deſſen Liebe ſie mit bedrängtem Her⸗ zen für dieſen Augenblick der heiligen Kindespflicht opfern muß? Vielleicht erwartet die Reine, die mir ſelbſt ein Räthſel erſcheint, aus einer beſſern Welt zur erbauen⸗ den Auflöſung dieſer irdſichen aufgegeben, vielleicht er⸗ wartet ſie das Glück ihrer Liebe eben von dem Gotte, deſſen viertes Geboth ſie ſo gewiſſenhaft erfüllt, auf welches allein auch irdiſches Glück als Belohnung ge⸗ ſetzt iſt; ſie weiß, Gott kann nicht lügen. Bringe dich nicht durch ungeſtümes Vordringen in eine Welt voll Widerſtand um die ſchönſte Frucht deiner Liebe, um den Glauben an eine höhere Weltordnung, die nur der Tu⸗ gendhafte erkennen kann. Gedenke, daß du dich im Le⸗ ben, wie ein Weiſer ſagt, gleichwie bey einem Gaſt⸗ mahle betragen müſſeſt. Kommt etwas von dem Herum⸗ gegebenen an dich, ſo nimm mit Anſtand; geht etwas vorbey, halte es nicht auf; kommt es noch nicht, ſo 61 laß deine Begierde dich nicht zu ungeſtümem Rufen dar⸗ nach verleiten. So verfahre bey Liebe, bey Weib und Kind, bey Ehren und Reichthum, und du wirſt ein würdiger Tiſchgenoſſe der Götter ſeyn. Erwarten iſt das Loſungswort für alle Wünſche hiernieden, iſt unſer Leben doch nur ein Erwarten der Frucht, die aus un⸗ ſern Thaten reifen ſoll.“ Durch dieſe und ähnliche Re⸗ den beruhigte Hilario Aſtolphs gährendes Gemüth, aber er ſteigerte, indem er Albinen rechtfertigte, ſeine Liebe durch das bittere Gefühl der Reue, ſie ſo ſehr verkannt, ihr ſo unverdientes Unrecht angethan zu haben. Aſtolphs Sehnſucht nach Albinen überſtieg alle Grenzen; ſich zu verſöhnen mit ihr, wollte er beynahe zurück in das ver⸗ haßte Sevilla, aber Hilario mahnte ihn dringend da⸗ von ab. Er verſprach ihm, nach einigen Tagen ſelbſt dahin zu gehen, und ihm Nachricht zu bringen von Al⸗ binen, in deren Hauſe er, wie in manchem andern, für die Armen ſeiner Gegend milde Spenden ſammeln wollte. Nach ſechs langen Tagen, deren Mühe nicht hinreichte, Aſtolph zur Rückkehr zu ſeinem Vater zu be⸗ reden, ging Hilario nach Sevilla. In düſterem Zweifel über die Möglichkeit, den Trug in uns ſelbſt und in der Welt von dem, was Wahr⸗ heit iſt an beyden, zu unterſcheiden, brachte Aſtolph die Zeit der Abweſenheit Hilario's zu. Seine eigene 62. Geſchichte erſchien ihm, weil er nicht mehr handelnd war, als ein wüſter Traum, den die Ruinen des alten Thea⸗ ters in ſeiner Nähe einſt angeregt, und der ſich durch ſein Leben ſeitdem fortgeſponnen hatte. Die Schaubühne auf welcher Albina fortwährend glänzte in Leid und Freud, die Kunſt zu täuſchen mit dem Scheine von Ge⸗ fühlen, die jenen, die ſie eben fühlte, oft entgegengeſetzt waren, gaben in Aſtolphs Gemüthe den ſchmerzlichſten Betrachtungen Raum.„Sie kann ſich ſelbſt vergeſſen für Augenblicke, warum ſoll ſie mich nicht vergeſſen für länger? Sie iſt herausgetreten aus dem Kreiſe ſtiller, häuslicher Frauen, die der göttliche Johann von Cer⸗ taldo bedauerte, weil ſie ihre nagenden Herzensleiden in den Faden der Flocke am Rocken hineinſpinnen, und ſonder Zerſtreuung in geſchäftigem Müßiggange, in dem zimmerlichen Stillleben der Leidenſchaft, im Ein⸗ und Aushauchen geſperrter Luft ihre Leidenſchaft das Ele⸗ ment ihres Lebens werden laſſen, in dem die Liebe un⸗ ſterblich wird, wie die Seele, der ſie gehört. Albina lebt auf den Bretern, Kunſt und Genuß reichen ſich die Hand an ihres Hauſes Schwelle, zerſtreut iſt ihr Ge⸗ müth, und die Liebe kann nicht aufkeimen, wo jene bey⸗ den wuchern. Ich aber bin nicht mehr der Mann, den Jagd und Krieg und Ehre wecken aus dem Traume einer weichlichen Liebe.“ So ſich ſelbſt quälend, ohne 63 hinreichende Kraft, ſolche Selbſtqual einen Sporn zu neuer Thatkraft für's Leben werden zu laſſen, ſaß Aſtolph als Hilario mit ſehr verſtörter Miene aus Sovilla in ſeine Waldklauſe zurückkehrte.„Bringſt du unheilvolle Nachricht?“ ſprach Aſtolph,„deine Augen verkündigen ſie mir, ich bin gefaßt.„Unheil berichte ich dir,“ ſprach Hilario,„weil das ungewöhnlich Räthſelhafte im Men⸗ ſchenleben gewöhnlich ein Vorbothe ungünſtiger Aufklä⸗ rung iſt. Wiſſe, Aſtolph, bey mir iſt das Neich der Tod⸗ ten: du biſt gemordet worden in Sevilla, und ſtehſt vor mir, ein halb gereinigter Schatten.“ Aſtolph ſtand entſetzt, ohne fragen zu können, vom Sitze auf.„Drey Tage nach deiner Abreiſe ſah man des Morgens das Steingeländer am Fluſſe vor Polychreſtos Hauſe mit Blut befleckt; man fand dort einen Fetzen deines ro⸗ then Mantels, und einen Tag ſpäter an der Mühle von Villa hermosa, von dem Nade zerſchellt und unkennt⸗ lich entſtellt, einen Leichnam in deinen Gewändern, er trug ſogar dein Ordensband an der Bruſt. Geheime Angeber berichteten deinen Zwieſpalt mit Polychreſt dem Gerichte, das Blut vor ſeiner Thüre, dein Verhältniß zu Albinen zeugte gegen ihn; der jammernden Tochter, dem verzweifelnden Weibe, entriß man den Vater, den Gatten, den man in's Gefängniß warf. Dieß erfuhr ich in Sevilla, und eilte zurück, dir's zu verkünden.“„Und 64 du haſt Albinen nicht benachrichtiget, daß ich lebe?“— „Sie war nirgends zu finden, und keine Zeit wollte ich verlieren, dir die ſeltſame Begebenheit ungeſäumt zu hinterbringen.“ Ohne das geringſte Licht in ſolchem La⸗ byrinthe entdecken zu können, eilte Aſtolph in ſeinem Eremitenrocke nach kurzem Abſchiede von Hilario nach Sevilla, durch ſein Erſcheinen den ſchwarzen Knoten ſo abenteuerlicher Verwicklung zu löſen.— Spät in der ſtürmiſchen Nacht langte Aſtolph in Sevilla an. Der Sturmwind ſchien ihn mit ſich zu nehmen, und nach Polychreſtos Hauſe zu tragen. Die Thüren waren un⸗ verriegelt; wer das Schrecklichſte erfahren auf Erden, der wahrhaft Elende, fürchtet weder Diebe noch Räu⸗ ber. Aſtolph wankte in Albinens Gemach, ſie war wach, und ſaß mit geſenktem Haupte vor einem Tiſche, auf dem eine Lampe brannte; bey Aſtolphs Anblicke fuhr ſie ent⸗ ſetzt vom Sitze empor, das geiſterhafte Gewand und die Leichenfarbe ſeines Antlitzes ließ ſie zum erſten Mahle an das Wiederkehren der Todten glauben.„Aſtolph,“ rief ſie,„du haſt dich doch nicht ſelbſt getödtet, es wäre erſchrecklich!“ Aſtolph, den dieſe edle Sorge um ſein Heil im Tode bey dem qualvollen Scheine des Verbre⸗ chens, der auf ihrem eigenen Vater laſtete, tief ergriff, ſagte begeiſtert:„Nicht meine, nicht Polychreſtos, noch irgend eine Hand hat mich verletzt; ich lebe, deinen 65 Vater dir wieder zu geben.“— Da faßte die zwiſchen Angſt und freudigem Entzücken ſchwankende Albina zum erſten Mahle mit der unentweihten Hand Aſtolphs Rechte und indem ſie den Puls des Lebens darin wahrnahm, ſank ſie in überwältigendem Entzücken an ſeine ihr ent⸗ gegenkommende Bruſt. Ein Vergeſſen des Lebens und des Todes, wie es der Himmel den Seligen einſt ge⸗ währen wird, lag in dieſer erſten, keuſchen Umarmung der Liebenden. Jetzt erſchien Albina's Mutter, der Sohn Mondonedos, ſtand als der Retter ihres Gatten vor ihr; ſie reichte ihm die Hand, und dieſer Mutter⸗ ſegen, der den Segen des Vaters verſprach, erfüllte Albinens und Aſtolphs Herzen mit den freudigſten Vor⸗ gefühlen ihres Liebesglücks. Das Ungeheure, Ungewöhn⸗ liche muß oft geſchehen, damit das Gewohnliche in klei⸗ nen Kreiſen möglich werde. Ueber den blutigen Vorfall vor Polychreſtos Hauſe wußten Albina und ihre Mut⸗ ter nichts mehr anzugeben, als was das Gerücht dem Eremiten Hilario erzählt hatte. Das tiefe Dunkel, wel⸗ ches über der grauſenhaften That herrſchte, ließ ein li⸗ ſtig erdachtes Bubenſtück vermuthen. Mit dem früheſten Morgen eilte Aſtolph, der ſich andere Kleider verſchafft hatte, vor das Gericht, Poly⸗ chreſtos Befreyung zu fordern. Doch man war nicht er⸗ ſtaunt, ihn lebend zu ſehen, denn kurz vor ihm hatte 66— ein Trödler, an den ſeine Kleidungsſtücke verkauft wor⸗ den waren, die Nachricht gebracht, nach Aſtolphs Ver⸗ ſchwinden habe ein Fremder jene Kleider gekauft, die man an dem Leichname im Guadalquivir gefunden. Wenn auch Polychreſt nicht Aſtolph in der That gemor⸗ det hatte, ſo konnte er jenen Andern, weil er deſſen Kleider trug, aus Irrthum gemordet haben, und dieſes ſchien dem Gerichte zu erörtern nöthig; es verweigerte darum hartnäckig Polychreſtos Befreyung. Aſtolph faßte jetzt den Entſchluß, Polychreſtos Freylaſſung bey ſeinem Vater in Madrid zu erwirken: er nahm Abſchied von Albinen und ihrer Mutter, und eilte nach Madrid. Das Außerordentliche der Begebenheit, die in dahin führte, die Widerlegung des ihm vorangeeilten Gerüchts von ſeinem Tode, ließ ihn Verſöhnung mit ſeinem Vater hoffen, zu deren Bedingung der todtgeglaubte Erſtan⸗ dene die Befreyung Polychreſtos ſetzen zu dürfen glaubte. Freudiger Hoffnungen voll, verließ er Albinen, auf der Alles, was da geſchah, wie ein Traum laſtete. In Madrid angekommen, eilte Aſtolph nach ſeines Vaters Pallaſte; er fand erſchreckt das Thor verſchloſ⸗ ſen. Das Schlimmſte nicht ahnend, geht er, ohne wei⸗ ter nach der Urſache davon zu fragen, in Seradilla's Wohnung, wo er ſeinen Vater vermuthete. Hier fand er die Gemächer feſtlich erleuchtet, gefüllt mit reichge⸗ — 6)— ſchmückten Gäſten. Er fragt nach ſeinem Vater, aber entſetzt ohne Antwort fliehen alle vor ihm zurück, die ihn erkennen; ſo dringt er in das letzte der Zimmer, wo Ghismonda, an der Seite eines neuen Bräutigams, als deſſen Verlobte im prunkenden Zirkel glänzt. Zuletzt erblickt ſte den Eintretenden unter den Anweſenden; erbleichend, mit furchtbarem Erbeben aller Glieder, ſpringt ſie vom Sitze auf, wie wahnſinnig wendet ſie ſich ab von Mondonedo, mit zitternder Stimme rufend: „Er hohlt ſeine Braut, ſeine Mörderinn, weh mir! das Gericht beginnt, die Todten kommen wieder!“ Beſin⸗ nungslos ſinkt ſie zu Boden. Aſtolph ſteht betäubt, gleich allen Anweſenden: mit Mühe erlangt er Gehör bey den Erſchreckten; er erklärt ihnen den Grund des Ge⸗ rüchts von ſeinem Tode, und erfährt dafür, eben dieß Gerücht habe ſeinem Vater⸗in Verzweiflung über die Enterbung Aſtolphs den plötzlichen Tod gebracht, ohne daß er ſein hartes Wort hätte zurücknehmen können. Die Sorge um Ghismonda, deren Betragen ein furcht⸗ bares Räthſel blieb, beſchäftigte jetzt die Anweſenden, ſie ſchlug die Augen auf, und ſchloß ſie krampfhaft bey Mondonedo's Anblicke, irre redend von Liebe und Mord, von Gottesgericht und ewiger Strafe der Mörderinn. Aſtolph zog ſich zurück; ohne Plan, übermannt von wechſelnden Scenen des Schauders, durchzog er die Straßen Madrids, bis er an die Kirche gelangte, in deren Schvoße die Gruft ſeiner Väter verhüllt lag. Aſtolph geht hinein, verlangt die Schlüſſel der Gruft vom Kirchenmeiſter, unbegleitet ſteigt er, eine Lampe in der Hand, hinab zu ſeines Vaters Sarge; der Schlüſſel zu dieſem verbreitet wie Eis Todeskälte in ſeinen Fingern. Er betritt die Todtenhalle, ſeines Va⸗ ters Antlitz noch einmahl zu ſchauen, ſeinem Geiſte zu vergeben. Die umgeſtürzten Schilder am Sarge bezeu⸗ gen den Wahn, der letzte Mondonedo ruhe darin. Aſtolph öffnete nicht ohne Schaudern den Sarg, er tritt dem bleichen Angeſichte mit der Lampe näher, doch wie ein Blitz zuckt es durch alle Muskeln des Todten, und langſam erhebt ſich dieſer im Sarge, ſtier in Aſtolphs Auge ſchauend, den Schreck und Entſetzen verſteinern. Ein wunderbares Schauſpiel! zwey Todtgeglaubte ſte⸗ hen ſich fragend gegenüber, ein Vorſpiel der Auferſte⸗ hung, jeder begreift das eigene Leben, das ſeines Ne⸗ benmannes erſcheint ihm als ein gräßliches Phantom. Nach langer, ſchweigender Wechſelbetrachtung enttäuſche das Wort, dieſer lebendige Gotteshauch im Menſchen, die zweifelnden Sinne Aſtolphs und ſeines Vaters.„Bin ich auf Erden noch!2“ ſtöhnt Don Enrique, ein freu⸗ diges„du biſt's, mein Vater! und auch ich lebe noch, den du todt geglaubt,“ weckt ihn völlig zum Leben. 69 Aſtolph erzählte zuerſt ſein Geſchick; ihm folgte mit ſchwacher Stimme ſein Vater.„Die Nachricht von dei⸗ nem gräßlichen Ende,“ ſprach Enrique,„überfiel mich, weil ich es durch meine Härte verſchuldet zu haben glaubte, wie ein ſtrafender Blitz der göttlichen Gerechtigkeit. Ein Starrkrampf nahm mir den Gebrauch aller Sinne, und für todt legte man mich auf die Bahre. Der Prunk um mich herum, wie ich in meinem letzten Willen ihn an⸗ geordnet hatte, ward mir zu furchtbaren Widerlegung meiner Anſichten von Hoheit und Glück auf Erden. Die jetzt aufrichtigen Zungen meiner treueſten Diener ſchmäh⸗ ten mein Leben, während ſie mit gleichgültigen Geſich⸗ tern meinen Leichnam mit den Flittern einer eingebil⸗ deten Größe behängten, die ihnen einſt den Schein der Ehrfurcht abnöthigten. Noch glaubte ich zu leben, hoffte bald zu erwachen. Bald drückte man mir aber die Augen zu, es ward Nacht um mich. Nach zwey ſchrecklichen Tagen banger Erwartung des Erwachens ſchloß ein Mann pfeifend den Sarg; ich fühlte mich gehoben und getra⸗ gen; in der Kirche vernahm ich die Poſaunen des Todes, die Bitte des Prieſters zu Gott um meine ewi⸗ ge Ruhe. Ach ich ruhte nicht, quälende Gewiſſensbiſſe, veinigende Angſt zerriſſen mein Herz. Als ich nichts mehr hörte, fühlte ich mich wieder getragen, und aus einem Stoße merkte ich, daß man mich hier niedergeſetzt — 70— habe. Jetzt ergriff mich der mein Leiden bis zum Wahn⸗ ſinne treibende Gedanke, dieß ſey der Tod jedes Sterb⸗ lichen, und die Seele lebe fort im Körper, bis die Kräfte, die dieſen einſt im harmoniſchen Spiele erhal⸗ ten haben, nach aufgehobenem Gleichgewichte ſich end⸗ lich ſelbſt zerſtört haben im Kampfe, welcher Verweſung heißt. Mein Leben laſtete auf mir, der ich mich geſtor⸗ ben wähnte; in betäubender Angſt erwartete ich bald den ewigen Richter, bald die Schrecken der Verweſung; da hört' ich dich nahen, dein Anblick durchfuhr das Mark meiner Knochen, ich lebe wieder. Reue hat mich in dieſer engen Kammer gequält, ich will lebend büßen und vergüten, was ich Thörichtes gethan. Wiſſe! kurz vor der Nachricht von deinem Tode erhielt ich ein Schrei⸗ ben unſers Miniſters in Frankreich, der mir kund that der edle Durand, welcher flüchtig in Spanien lebt, habe nach dem Tode ſeines mächtigen Feindes, deſſen Teſta⸗ ment die Bitte an den König enthielt, jenem zu verzei⸗ hen, die Erlaubniß erhalten, in ſeine Beſitzthümer nach Frankreich zurück zu kehren. Meine geheimen Sphären hatten ſchon kurz vorher dieſen Durand in dem Alchy⸗ miſten Polychreſt, dem Vater deiner Albina, erkannt, das BVildniß ſeines Vaters mit dem Orden von Frank⸗ reich an der Bruſt, und das Gerücht ſeiner vornehmen Abkunft halfen ihn verrathen. Die Möglichkeit, dich — glücklich zu machen nach deinen Wünſchen, ließ mich deinen Tod doppelt ſchmerzhaft empfinden; o er hat mich hierher gebracht.“ Aus dem tiefſten Abgrunde menſchlichen Mißgeſchickes dem Ziele ſeiner Liebe immer näher rückend, ſchwebte Aſtolph am Sarge ſeines Va⸗ ters in einem Meere entzückender Gefühle.„Dieſer Sarg,“ ſprach Enrique,„ſey das Grab aller meiner Citelkeit; o daß jeder Verblendete zweymahl ſterben dürfte, wie ich!“ Aſtolph rief nach Leuten und Aerzten. Man trug Enrique in ſeinen Pallaſt und ganz Madrid war erſtaunt, das verödete Haus der Mondonedo ſo wunderſam wieder belebt, den umgeſtürzten Schild des alten Stammes wieder aufrecht zu ſehen. Kaum hatte ſich Don Enrique an den freyen Hauch des Lebens über den Grüften wieder gewöhnt, als eine Nachricht aus Sevilla ihn mit erneuertem bitteren Reue⸗ gefühle über die Wahl einer Gefährtinn für ſeinen Sohn erfüllte. Das Räthſel des vermeinten Mordes Aſtolphs löſte ſich ſchaudervoll. Man hatte den Schotten Killi⸗ gran in Sevilla vermißt, und da man keine Spur ſei⸗ nes Aufenthaltes oder des Weges hatte, den er genom⸗ men haben konnte, ſeine Zimmer durchſucht. Man fand Alles in Ordnung, und einen angefangenen Brief an einen Freund auf ſeinem Schreibpulte. Dieſer ſprach den Vorſatz eines neuen argen Streiches aus, den Killi⸗ gran der ſchuldloſen Albina ſpielen wollte. Er hatte Aſtolphs Gewand bey einem Trödler erſehen, und baute darauf den Plan, des Nachts in Aſtolphs Geſtalt bey Albinen Eingang zu finden. Das Laſter wollte ernten, wo die Tugend geſäet hatte; aber eine unſichtbare Hand erkor es zum Schutze dieſer letztern zum eigenen Unter⸗ gange. Mit dieſer Entdeckung verband ſich bald eine andere, grauſenhafter Art. Man zog zwey irrende Gau⸗ ner in Sevilla ein; die geheime Schuld, welche ſie drückte, führte ſie in der Angſt vor größerer Strafe zum Selbſtgeſtändniſſe; ſie gaben ſich an als die Werkzenge der Rache Ghismondens, die eher den gewiſſen Tod deſſen verſchulden wollte, der ihre Liebe vor der Welt zurückgewieſen hatte, als dieſe Demüthigung offen er⸗ tragen. Ghismonda hatte ſie gedungen, als ihre Liebe Haß geworden; vor Albinens Thüre ſollte der unglück⸗ liche Aſtolph ihre beleidigte Ehre, ihren Herzensſtolz mit ſeinem Blute ſühnen. Der Schalksnarr Killigran ward das Opfer dieſes Anſchlags auf das Leben ſeines Nebenbuhlers. Polychreſtos war in Freyheit geſetzt wor⸗ den. Dieſe Nachrichten aus Sevilla zerknirſchten Don Enrique's Herz zu völliger Umwandlung ſeines herri⸗ ſchen ſtolzen Sinnes in nachgiebige zärtiiche Sorge für ſeinen Sohn. Er verließ mit dieſem Madrid, um die Kunde von Polychreſtos Wiedergeburt im Kreiſe der 73 Edlen ſeines Volkes ſelbſt nach Sevilla zu bringen, um Zeuge des Glücks ſeines Sohnes zu ſeyn. Ghismon⸗ dens Schickſal, die im Irrenhauſe dem Wechſelkam⸗ pfe der Peinen gekränkter Liebe und der Vorwürfe des Verbrechens bald erlag, verdüſterte Enrique's Gemüth, der ſich als die Schuld daran betrachtete. Ihr Bild la⸗ ſtete auf ihm, wie die Leiche des Gemordeten in dem Gemählde der Seraphskirche von Sevilla nach des Ty⸗ rannen Befehl an den Mörder feſtgebunden. So war das Ungeheure, Ungewöhnliche geſchehen, da⸗ mit das Gewöhnliche in Erfüllung gehen konnte; unglaub⸗ lich hochgeſpannte Leidenſchaften hatten ausgekämpftv die wahreſte und ſchuldloſeſte, die Liebe, durfte den Sieg davon tragen. Es war ein wehmüthiges Gefühl, mit dem Aſtolph, als er Abends an der Seite ſeines Va⸗ ters, verſöhnt mit dieſem und dem Geſchicke, in Se⸗ villa ankam, erfuhr, daß Albina eben auf den Bretern der Schaubühne ſtehe, mit deren Scheinleben er ſich nun einmahl nicht verſöhnen konnte. Daß Albina in ſo drohender Zeit, während der Entwicklung ihres und ſeines Schickſals, um des Lebens nothdürftigen Unter⸗ halt, ein Ziel ſeit lange vor Augen, in wechſelnden Ge⸗ ſtalten das Volk mit gelogener Faſſung durch Darſtel⸗ lung der widerſprechendſten Charaktere und Gefühle be⸗ luſtigen und täuſchen mußte, zerſchnitt ihm das Herz II. Band. 4 daß ſie es ſelbſt wollte mit Aufopferung aus kindlicher Liebe, verſöhnte ihn nur halb mit der Vorſtellung, daß ſie es vermochte. Aber er ahnte noch nicht das grauen⸗ volle Ergebniß aus ſo gewaltſam erzwungenem Schein⸗ leben auf den Bretern; den Hauch ihres wahren, durch ſo viele unterdrückte Leiden und durch verzehrende Lie⸗ besſehnſucht in ſeinem Marke angegriffenen Lebens hat⸗ te die Dulderinn nach und nach in die bunten Seifen⸗ blaſen der Bühnengeſtalten verhaucht, denen ſie mit Aufopferung ihres Selbſt kraftvolles Leben lieh, wäh⸗ rend ihre eigene Kraft ſichtbar dahinſchwand. In Polychreſtos Hauſe verſöhnte das reuige Ge⸗ ſchick zuerſt Don Enrique mit Albina's Mutter; der Vergeſſenheit Schleyer warf die Vergebende über das Jugendleben des Mannes, der umgewandelt im Grei⸗ ſenalter, dem Sarge gebeſſert entſtiegen vor ihr ſtand. Aſtolph eilte mit Polychreſt, den die plötzliche günſtige Wendung ſeines Lebenslaufes tief erſchüttert hatte, nach na für immer einem dem Schauſpielhauſe, um ſeine Albi Berufe zu entreißen, munde ſchon das Herzblut ihres ſchönen Daſeyns an ſich gezogen, und vergängliche Geſtalten damit belebt hatte. Beym Schluſſe des Schauſpiels, das die Vereini⸗ gung des großen Cid mit ſeiner Chimene feyerte, betrat Aſtolph das Theater. Albina reichte eben als Chimene der leider mit ſeinem Vampyrs⸗ die Hand dem unerſchütterlichen Helden, und der Him⸗ mel über ihr zeigte im Lichtglanze den verklärten Schat⸗ ten des alten Gormaz, der ſeine Tochter ſegnend, dem Beleidiger ſeiner Ehre verzieh, damit er glücklich lebe mit dieſer. Aſtolphs Bild vor Augen, den Segen des eigenen Vaters, den jener gekränkt hatte, zum ſchönen Bunde ihrer Liebe mit jedem Augenblicke hoffend, ver— gaß Albina zum erſten Mahle ſich ſelbſt nicht in dem Gemählde, deſſen Zierde ſie war: ſie ſah Aſtolph in dem Cid, der vor ihr ſtand, ihren eigenen Vater in dem verklärten Schatten über ihrem Haupte; überwältigt von der gebieteriſch auflebenden Wahrheit in ihrer Bruſt, gegen die ſie vergebens mit allen Künſten des Scheines rang, gab ſie ſich mit ſichtbarer Verwirrung plötzlich je⸗ ner völlig hin!„Aſtolph!“ rief ſie,»Aſtolph! mein Va⸗ ter vergibt;“ im Entzücken dieſer Vorſtellung ſank ſie erſchöpft auf den Bretern nieder. Aſtolph, den dieſe Scene der Wahrheit auf dem Schauplatze der Tänſchung mächtig ergriff, vergaß ſeine Scheu vor den richtenden Augen der Menge; er ſtürzte hinauf auf die Bühne, und Albina erwachte in ſeinen Armen, nicht wiſſend, ob ſie träume oder wache, ob ſie auf den Bretern oder in ih⸗ rem Hauſe ſich befinde; die Rührung der Zuſchauer hielt gerade bis auf den Punet, wo Chimenens erdichtetes Geſchick in das wirkliche Leben Albinens überging; die 4— — 76— Thränen der Frauen rollten über gellend⸗ lachende Wan⸗ gen, als der ſinkende Vorhang eine Wirklichkeit verhüllte die nur im Scheine und im Leben der Kunſt anziehend war. Zu viel des Wahren hatte ſich auf den Bretern eingefunden, wo, wie ein großer Dichter ſagt, die Thrä⸗ ne das Einzig⸗Wahre bleiben ſoll. Unſere Thrä⸗ nen bilden den ſchönen Grenzfluß zwiſchen den Reichen der Kunſt und des Lebens, ſie dulden keine Brücke aus dem einen in das andere, nur der Regenbogen der Phan⸗ taſie darf die beyden Geſtade verbinden, und doch fließt die Thräne dem Leben wie der Kunſt. Aſtolph fühlte inmitten ſeines Entzückens dieſen Widerſpruch der Kunſt und des Lebens, der eben die Grenzen von beyden ſcharf bezeichnete. Doch tiefer noch durchdrang ihn die Ueber⸗ zeugung, wie nahe Kunſt und Leben durch die Formen unſers Schauſpiels einander getreten ſind: denn er ſelbſt ſeyerte den Triumph ſeines Lebens und ſeiner Liebe auf der Schaubühne, die er ſtets hatte vermeiden wollen. Hinter dem Vorhange, geſchieden von den Augen der Neugierigen, erwachte Albina erſt völlig in Aſtolphs und ihres Vaters Armen. Aber ſie war zu ſehr durch die ſtäte Anſtrengung⸗ ſich ſelbſt zu beherrſchen im Seyn und im Schein, erſchöpft, um lebhaft ihren Gefühlen nachgeben zu können. Nachgebend dem Glücke wie einſt dem Mißgeſchicke, verließ ſie die Alles äffende Breter⸗ — 5— welt, im Hauſe der Aeltern in Liebe vollglücklich zu werden, die ſie dort jetzt erſt zugleich fühlen und äußern durfte. Noch in derſelben Nacht wurden die Liebenden von eines Prieſters Hand getraut. Der Waldbruder Hilario hatte den Brautkranz aus Myrthen geflochten, die der Rui⸗ ne des Theaters von Italica entſproſſen waren, der treue Freund Aſtolphs bekränzte damit die Schläfe Albinens. In rührender Eintracht ſtanden Albinens Aeltern und Don Enrique um das Paar, an der Wand aber lächelte freundlich der alte Durand aus ſeinem Bilde herab, das heute zum Zeichen der Wiedergeburt ſeines Ge⸗ ſchlechtes feſtlich erleuchtet ward. Aller Erwartungen für das Leben ſchienen nach der Trauung erfüllt, aber ſie ſchienen es auch nur, der Tod behauptete ſein Recht. Einem Schatten glich die Neuvermaͤhlte. Der lange ge⸗ bändigte Gram, die ſpät und nach dem Verſchwinden jeder Hoffnung plötzlich eingetretene Erfüllung ihres höch⸗ ſten Wunſches hatte die Flamme ihres Lebens verzehrt. Wie das ewige Licht der römiſchen Gräber an der freyen ſonnigen Luft verliſcht, erloſch Albina's Leben, das zum Leiden geſchaffen ſchien, im erſten Hauche des Glückes. Die Brautnacht ward ihre Todesnacht. Einen Augen⸗ blick nur konnte ſie mit den Ihrigen ein gemeinſchaftli⸗ ches Glück genießen, die ſich kreuzenden Leidenſchaften — 78— dieſer hatten ja über ihrem Haupte Jahre lang gleich Blitzen mit einander gekämpft, die Schuldloſe ſiel als das Opfer der Schuldigen, die ſtärker und minder ſich aufopfernd als ſie, den Kampf überlebt hatten. Ruhig, wie ein ſchläfriges Kind ahnte ſie den Tod wie der Er⸗ mattete die Ruhe der Nacht. Vor wenigen Augenblicken hatte die linke Hand der Braut zu zärtlichem Abſchiede in jener der Mutter geruht, während der Bräutigam ſehnend ihre Rechte zu ewigem Vunde erfaßte; doch jetzt ſchon hing mit demſelben Doppelgefühle des Schei⸗ dens und der Vereinigung das reine Herz der Himmels⸗ braut nur halb noch an der Mutter Erde und ihrer Liebe, mit den verlöſchenden Blicken ſtrebte ihr Geiſt zum Va⸗ ter der ewigen Liebe empor! Dem verzweifelnden Aſtolph reichte Albina, ſo entſchlummernd, jenen Ring von Sap⸗ phier mit dem Todtenhaupte und der Inſchrift„er trennt und vereint.“ Während Aſtolph den traurigen Sinn die⸗ ſes Vermächtniſſes beweinte, ſprach ſie zärtlich„der Stein hat nicht gebleicht an meiner Hand!“ und verſchied, Aſtolphs Hand an ihre Lippen führend. Bey dem An⸗ blicke ihrer Leiche ſank Aſtolph auf ſeine Knie, all ſeine Erwartungen fand er ſo ſchrecklich getäuſcht; ein En⸗ gel des Friedens, der unſichtbar über Albina's Leiche ſchwebte, ſchenkte ihm jetzt wehmüthige Erinnerung an ſein erſtes Zuſammentreffen mit Albina, und die Schluß⸗ verſe des Liedes, welches ſie damahls ſang, klangen wie leichtſinnig überhörte Propheten-Worte in ſeinen DOhren: Und als das Brot gebacken war, Lag das Kind auf der Todtenbahr. »Erwarten iſt alſo das Loſungswort der Sterbli⸗ chen!“ ſagte Aſtolph bitterironiſch zu Hilario, indem er auf Albinens Leiche wies. Wie ein Zauber-Echo, das den Ausruf des Verzweifelnden als Troſtwort zurückkeh⸗ ren läßt, tönte von des Waldbruders Lippe das Wort »„Erwarten'“ bedeutſam wieder, während ſeine Hand nach dem Himmel wies. Erfüllen ſich Ahnungen und Vorgefühle im Leben hiernieden, ſo erfüllt ſich auch der Ahnungen höchſte im Jenſeits, jene des Wiederfindens. Dieſer Gedanke richtete Aſtolph auf am Rande der Ver⸗ zweiflung.— Albina's Trauung mit Aſtolph, ihr ſchnelles Dahin⸗ ſcheiden war ein ſprechendes Bild des Reifwerdens alles menſchlichen Trachtens; im Streite mit den Wünſchen Anderer wird der Keim unſeres Gluckes vergiftet, und die Frucht, wenn ſie ja reifet, reifet zum Scheine als ein flammend rother Sodomsapfel irdiſcher Freude, mit der Aſche der Vernichtung gefüllt, die bald hervorpla⸗ tzen darf. Troſtlos zog Durand mit ſeiner Gattinn von dem Grabe des engelreinen Kindes in ſein Vaterland zurück, — 865— wo er in ungeſtörter Ruhe ſeine Tage beſchloß, in der beſeligenden Hoffnung, nicht nach der Zimmerdecke nur habe die ſterbende Albina aufgeblickt, ſondern zu einem Allvater, der ſeine Kinder einſt alle vereinigen wird. Der alte Mondonedo ſtarb in Reue über ſein Leben, mit tiefem Kummer über das ungewiſſe Schickſal ſeines Sohnes, der von der Leiche Albina's ſich entfernt hatte, um nie wieder geſehen zu werden. Vierzig Jahre nach der traurigen Kataſtrophe in Sevilla fand man in einer Klauſe auf der höchſten Za⸗ cke des ſchartigen Felſens von Montſerrat, nahe dem Kreuze, einen Eremiten entſchlafen, kniend vor einem Chriſtusbilde. Seine kalten Lippen ruhten auf einem ſapphiernen Ringe, den er an der rechten Hand trug, und in den das Zeichen des Todes und die Worte„er trennt und vereint“ gegraben waren. Auf dem Kirchhofe von Sevilla verlangte er in ſeinem letzten Willen, ne⸗ ben Albina Mondonedo, ſeiner Gattinn, begraben zu werden. Der unglückliche Aſtolph hat alſo lange in gott⸗ ergebener Duldung ſein Schickſal getragen, und gewiß wünſcht jeder fühlende Zuhörer, der Spruch jenes Rin⸗ ges möge ſich an den Liebenden, die ſo ſeltſame Rollen auf dem Welttheater ſpielten, ohne den Preis ihres Mühens zu ernten, hinter dem Vorhange des Lebens, wo keine Täu⸗ ſchung mehr waltet, bewahrheitet haben. Der N athtwandler. Das Wachen iſt nicht bloß ein hellerer Traum; dieſer Affe unſres heiligen Bewußtſehns ſtirbt vor den Füßen des wachen innern Menſchen; das geträufte Erwachen wird vom wahren vernichtet;— und ſo werden einmahl von der Ewigkeit alle unſere Träume über ſie vertilgt* Jean Paul. Oft ſchon haben Dichter und ſelbſt Philoſophen den Schlaf den Bruder des Todes genannt, doch, wie ähn⸗ lich ſich auch Zwillinge ſehen mögen, deren einer von den Genüſſen und Laſten des Tages, der andere vnn jenen des Lebens ausruhet, wie gewiß die Seelen Bey⸗ der baid ein neuer Tag, ein neues Leben erfüllen wird, die Brüder Schlaf und Tod haben ſich nicht gleich ge⸗ theilt in das reiche Erbe des Lebens, das dem Schlafe wie dem Tode vorangeht. Ernſt und kalt hat der Tod das Wunderhorn des Traumes verſchmäht und es dem Schlafe überlaſſen, der es an die Lippen des ruhenden Lebenden führt, auf daß er im Schlummer des Lebens nicht vergeſſe, das dem Sterbenden, der vom Leben erwacht, am Nande des Grabes zum Traume wird Iſt das Leben darum wie andere Dichter und Philoſophen meinen, ein Traum, weil die Lebenden träumen dürfen wenn ſie ſchlafen? und weil's zum Traume wird dem Sterbenden 7 Iſt nicht der Traum vielleicht umgekehrt ein wahres Leben, nur ein Leben in der Nacht? Die Wolkenſäule des Veſuvs wird in der Dunkelheit un⸗ ſerm Auge zur Feuerſäule, während ſie ihrem Weſen nach ſtets unverändert emporſtrebt vom Aſchenkrater zu 6 den Sternen. So fühlt das Leben ſicht von dieſer Erde durch Tag und Nacht emporgezogen zum ewigen Him⸗ mel im Handeln und im Träumen. Träume hat das Leben, doch iſt's darum kein Traum. Aber der Traum kann zum Leben werden, wenn vor die Sonne im Men⸗ ſchen, vor das wärmende Herz, ein feindſeliger Mond ſich hinwälzet; wie die verſinſterte Sonne am Himmel in die erlogene Nacht am Mittage die halbwachen Eulen aus ihren Höhlen hervorruft und ſie die Lerchen anfal⸗ len läßt, die dem Monde voranfliegen wollen, die Son⸗ ne zu erjagen, ſo kann's eine Nacht für den Menſchen geben, welche den Wahn der Träume, den Wiederſchein der Vergangenheit, in den Tag ſeines Lebens ſtörend hineinlockt;— dann weiß der Unglückliche wie jene Eulen den Tag von der Nacht, die Wahrheit von der Täuſchung nicht zu unterſcheiden, die ſingende Lerche ſeines Glückes tödtet er als nächtlicher Raubvogel, der Traum iſt ihm Leben geworden. Zarte Leſerinnen und denkende Leſer durchträumt mit mir eine ſolche gezwun⸗ gene Lebensnacht am Veſuve,— laßt ohne Scheu die auf⸗ ſtrebende Wolkenſäule der Liebe und des Mitgefühls in eurer Bruſt für eine Stunde zur Feuerſäule werden im Dunkel meiner Erzählung, erwärmt euer Herz daran, und tretet hervor aus der Finſterniß euerer Zweifel an einer leitenden Hand durch die Jrrgänge des Lebens, 95 die wie der Vollmond nach kurzer Verfinſterung in alter Klarheit aus dem Erdſchatten hervortritt, unſere Nacht zu erhellen. Werdet eures Wachens euch klarer bewußt, nachdem ich euch an ein ruhiges aber bodenloſes Meer geführt haben werde, in deſſen Tiefen ein Verblendeter die Sterne ſuchte, die von oben hineinſchienen, und darum kläglich zu Grunde ging,— doch vergebt ſeinem Schatten, denn ihn trieb's doch zu den Sternen, wenn gleich durch die Tiefe! Den Geiſt der Zeit, in welchem ganze Völker ſich bewegen, finden wir in verjüngtem Bilde im Leben der Einzelnen wieder; im Pallaſte wie in der Hütte tritt er abgeſpiegelt uns entgegen. Langwährende Stürme in einem Reiche, gleichviel ob von außen immer wieder⸗ kehrend oder im Innern wüthend, zerreißen nicht nur die Ankertaue der großen Hoffnungen des Volkes, ſie verhindern auch, daß im häuslichen Kreiſe der zarte Faden unbeneideten ſtillen Glückes ſich weiter ſpinne. Wehe den Armen, die mit der unentweihten Lebens⸗ flocke in ſolchen Tagen die Welt betreten„und ſich ſelbſt und andern nur Geißeln daraus drehen, weil die Zeit in der ſie geboren wurden und leben, der vielen kleinen Geißeln verlangt, um als Gottesgeißel zu erſcheinen⸗ In einer ſolchen Zeit, welche den Kindern ihre Spiele verboth, und den Jünglingen und Jungfrauen den Him⸗ 8 6— mel der Liebe trübte, erwachte Alfonſo Ruggiano, der vierzehnjährige letzte Sproſſe eines alten edlen Geſchlech⸗ tes in Apulien, aus dem Morgentraume des Knaben⸗ alters auf einem wimmernden Schlachtfelde zum Tage ſeines Lebens. Der Tiber Reapels, der arragoniſche Fer⸗ dinand, den die Geſchichte den Grauſamen nennt, be⸗ herrſchte damahls ein Reich, das langjährige innere blutige Fehden zerfleiſcht hatten. Die Venezianer in Ferdinands Friedensvertrag mit dem Hofe der Medi⸗ cäer, als Verbündete dieſern Letztern, nicht aufgenom⸗ men, fürchteten Neapels Macht und verleiteten den Türkenſultan Mohamed den Il. in Apulien einzufal⸗ len. Neunzig türkiſche Galeeren hatten ein furchtbares Heer an der Küſte von Otranto ausgeſchifft; dieſes be⸗ lagerte die Stadt, welche bald eingenommen und ge⸗ plündert wurde. Der ſiegende Halbmond drohte zur To⸗ desſichel des italiſchen Volkes zu werden. Da verließ der alte Kampfheld Ruggiano ſein Bergſchloß an dem reizenden Buſen von Tarent, und ſchloß ſich dem Heere ſeines Königs an, das ſich den Fortſchritten der Tür⸗ ken entgegenſetzte. Mit beſorgtem Herzen ließ er ſeine Kinder, die Zwillinge Roſa und Alfonſo, in ſeinem Ca⸗ ſtelle unter der Obhut treuer Diener zurück, und eilte fort, für ihren Schutz zu kämpfen. Die Hügel zwiſchen Otranto und Ruggiano waren der Schauplatz des Krie⸗ — ges. Der gemeinſ haftliche Feind hatte in dem Lager der Neapolitaner die Häupter durch langen Groll geſchiede⸗ ner Parteyen vereinigt. Auch der Herzog von Seſſa⸗ die Seele der Bewegungen der mißvergnügten Großen gegen die Anſprüche Ferdinands, ein bitterer Gegner Ruggiano's der die Rechte der Krone vertheidigte, wenn er gleich Ferdinand's oft grauſame Vorgänge nicht bil⸗ ligen konnte, hatte ſich dort eingefunden, und focht ne⸗ ben Ruggiano, dem er das Nichtgelingen ſeiner Pläne zuſchrieb, für ſein Vaterland. Im Dunkel der Nacht begegneten ſich die Kreuzesfahne und der Halbmond zum entſcheidenden Zweykampfe; ſchon wankten die Scharen der Neapolitaner als der abnehmende Mond blutroth im Oſten hinter den Bergen hervortrat, und zu⸗ gleich durch das Heer der Türken die Nachricht erſcholl, der kriegeriſche Mohamed habe das Schwert in die Er⸗ de geſteckt, und ſitze im Steinſarge, die feuerloſen Au⸗ gen nach Mekka gerichtet. Da verließ die Türken der Muth, das Haupt war vom Rumpfe des Moslimvolkes gefallen, und aus dem Monde herab ſchien es zur Rück⸗ kehr nach Oſten zu winken. Das Heer folgte dieſem Winke in verwirrter Flucht. Nach dem Hafen von Otran⸗ to, wo die Schiffe mit rothen Wimpeln ob des Aus⸗ ganges der Schlacht zu zittern ſchienen, wälzten ſich die türkiſchen Scharen, ihren blutigen Fußſtapfen folg⸗ 88 ten die Neapolitaner, ſiegend faſt ohne es zu wiſſen, Tod verbreitend ohne ſchonen zu dürfen, weil ihnen un⸗ bekannt geblieben, daß ſie einen Leichnam verfolgten, deſſen Seele mit jener ſeines Beherrſchers der Erde ent⸗ rückt war. Erſt als die Schiffe im Hafen die Reſte der Geſchlagenen aufnahmen und davon trugen, ahnten die Sieger ihr Glück und überließen ſich den frohen Gefüh⸗ len desſelben; von der Noth nur halb verſöhnt, ſöhnte die Beſſeren unter ihnen das Glück jetzt völlig aus, welcher Partey ſie auch angehörten; es ward Friede auf den blutigen Hügeln, wo es keinen Feind mehr geben ſollte. Nur Seſſa wollte dem Ruggiano ſich nicht nä⸗ hern, er brütete über Rachegedanken, und glaubte den Zeitpunct gefunden zu haben, ſie ungeſtraft verwirkli⸗ chen zu können. Am Abende der Schlacht waren die harmloſen Zwil⸗ lingsgeſchwiſter Alfonſo und Roſa im Schloſſe Rug⸗ giano ſpät zur Ruhe gegangen. Nicht Sorge, die ih⸗ rem Alter fremd, ein inſtinetmäßiges Bangen um das Schickſal ihres Vaters hatte ſie müde gequält; ſie hin⸗ gen mit ungetheilter Liebe am Vater denn ihr Daſeyn hatte ja dem Leben ihrer Mutter ein frühes Ziel ge⸗ ſetzt, und den zarten Mutterſorgen unterzog ſich der ſorg⸗ ſame Vater. Die Natur wollte die Reitze der Mutter nicht auf ein Geſchlecht nur vererben, und nach dem⸗ — 89— ſelben Ideale hatte es die Zwillinge geformt, deren je⸗ des dem ſeinigen bey ſprechender Aehnlichkeit unterein⸗ ander etwas Vollendetes verſprach. Roſa war ein lieb⸗ liches Mädchen mit blonden Locken, und ihre Augen erblickten in dem feurigen Knaben Alfonſo ein Spiegel⸗ bild ihres holden Antlitzes, wie die Liebe der Jung⸗ frau in der Seele des Jünglings, den ſie liebt, ſich ſelbſt zu beſchauen glaubt. Die Obhut über dieſe Kinder war in ſeltſamem Gegenſatze zu ihrer blühenden Schön⸗ heit einem blaſſen Zwerge, Vendramin von Volcano ge⸗ nannt, anvertraut. Dieſer war ein Erbſtück des alten Ruggiano aus der Zeit ſeines Vaters, dem jener ge⸗ dient hatte, als luſtiger Hausgenoſſe, und der aus der Schalksnarren⸗Blüthe zum Weiſen gereift war. Rug⸗ giano's Vater hatte nach dem damahligen Rechte der Großen des Reichs Vendramin geadelt, und der De⸗ gen an deſſen Seite, der länger war als der Träger, ſchien ein Bild ſeiner Seele, die weit über den engen Geſichtskreis des Zwerges und ſeiner Zeit hinausreichte. Wie jener Degen blieb Vendramin's Weisheit ſtets in der Scheide, und lachenerregend wich ſie wie jener doch nie von ſeiner Seite, denn wie der Adel des Pyg⸗ mäen war ſie auf Scherz berechnet, aber wie ſein De⸗ gen in eines Andern Hand, konnte ſie in eines Andern Gemüthe dem Ernſte dienen. Vendramin, ein Sohn — 90— der lipariſchen Inſel Volcano war in früher Jugend von den Algierern gefangen worden; er hatte in der Selaverey die Farbe ſeiner Wangen eingebüßt, als un⸗ brauchbar zur Arbeit der Hände von ſeinem Herrn in Algier bald freygegeben, war er nach Apulien ge⸗ langt, wo ihn der Vater Ruggiano's in ſeine Dienſte nahm. Sein beißender Spott, ſeine Geſtalt, die Blei⸗ che ſeines Antlitzes und ſeine Geburtsſtätte am Höllen⸗ rande der ausgebrannten Krater von Volcano verſchaff⸗ ten ihm unter dem Volke den Beynahmen des weißen Teufels. Dieſer weiße Teufel mit ſeinem Herzen voll nie erwiederter Liebe, die eben darum immer jung geblie— ben, mit ſeinem Geiſte, der unangefochten von den Leiden⸗ ſchaften, die bequemere Wohnorte ſuchen als das enge Haus der Zwerge, ſtets älter geworden ohne zu altern, war der Schutzengel der Kinder Ruggiano's. Alfonſo war kaum eingeſchlafen, als der Mond durch das hohe Fenſter des Gemachs nach ihm hereinblickte, und durch ſein blaſſes Halblicht den beginnenden Schlaf des Knaben in einen unruhigen Schlummer auflöſte, den das ferne Donnern der begonnenen Schlacht dem Wachen immer näher brachte. Vendramin, der wach geblieben, trat eben in das Zimmer der Kinder, als eine weiße Steinkugel, aus türkiſchem Geſchütze gegen das Caſtell geſchleudert, vom weiten Fluge matt, durch — 9 1„— das Bogenfenſter in das Gemach hereinſchlug. Beym Geklirre der Fenſter ſchloß Alfonſo die Augen aufz dort von woher die bleichen Strahlen des Mondes bisher auf ſeine Augenlieder gefallen waren, ſah er die Kugel ſchweben, die ſich bald auf dem Boden, vom Monde hellweiß beleuchtet, mit dumpfem Geſchwirre im Kreiſe drehte.„Roſa!“ rief Alfonſo entſetzt ſeiner Schweſter zu,„der Mond iſt hereingefallen;“ er fuhr empor und blieb vom Schrecken verſteinert ſtehen.„Der Mond nicht' murmelte Vendramin,„aber eine Scharte aus der türkiſchen Mondſichel!' Roſa war an das Fenſter getreten; ein brennendes Roſengeſträuch im Thale, Wach⸗ feuer auf den Bergen, kämpfende und fliehende Reiter⸗ ſcharen, Blitze des Geſchützes, die aus der Erde zu kommen ſchienen, mit ferne nachhallendem Donner, gewahrte die Erſchrockene. Alfonſo erwachte nur lang⸗ ſam aus ſeinem leichenhaften Zuſtande. Während Ven⸗ dramin den Kindern das Schauſpiel der Schlacht er⸗ klärte, blickte jener mißtrauiſch nach dem Monde, den er für den furchtbaren Wecker aus angenehmen Träumen zu ſo ſchaudervoller Wirklichkeit hielt. Gegen Morgen als die Flucht der Türken durch Eilbothen im Caſtell bekannt geworden, ließen ſich Noſa und Alfonſo nicht mehr zurückhalten, ſie wollten hinaus auf das Schlacht⸗ feld mit den Dienern des Hauſes, ihren Vater zu ſu⸗ — 92— chen. Vendramin geſtattete es, und ging ſelbſt mit. Der Morgenhimmel war erſt ſchwach geröthet, und der ab⸗ nehmende Mond zog der Sonne voran, ſeiner Herrinn die von ihr geborgte Lichtſeite zugewendet, wie das Herz im entartenden Menſchen vor der Geliebten noch im Wiederſcheine ihrer Reinheit glänzet, während ſeine Schattenſeite ſchon die übrige Welt verdüſtert. Wie die röthlichen Wolken im Oſten mit dem nächtlichen Dun⸗ kel, kämpften noch einzelne Haufen der Geſchlagenen mit den Siegern. Roſa ſchloß ſich feſt an Alfonſo, die Diener Ruggiano's, Vendramin mit einer Fackel an ihrer Spitze, zogen voran dem Lager der Neapolitaner entgegen. Plötzlich rauſcht es im Gebüſche, ein Ritter zu Pferde wendet ſich gegen zwey ihn verfolgende Rei⸗ ter um. Es iſt Ruggiano— die Kinder erkennen ihn, da er ſich eben mit gezogenem Schwerte gegen ſeine Ver⸗ folger umwendet; Roſa und Alfonſo ſtürzen ſich zwi⸗ ſchen die Kampffertigen, und Vendramin fährt einem der Letzteren mit der Fackel ins Antlitz ihn abzuwehren von Ruggiano, da erkennt dieſer in ſeinem Verfolger den heimtückiſchen Seſſa.„Seſſa“ ruft er dem erſchro⸗ ckenen Verräther entgegen,„mein weißer Bart hat euch irre geleitet, ich bin kein Ungläubiger, und glauben will ich, daß ihr euch irrtet, denn ihr wäret nicht werth von meiner Hand die Strafe eures Frevels zu empfangen, — 95— hätte euch Abſicht eurem Kampfgenoſſen ſo gegenüber geſtellt.“ Ohne Antwort wendete ſich Seſſa verſtört mit ſeinem Begleiter um, und ſprengte davon, das Herz zerriſſen von bitterer Beſchämung und ungeſtillter Rache⸗ begier. Ruggiano, den nur der Zwerg allein verſtan⸗ den, hob ſeine Kinder zu ſich aufs Pferd, und ritt nach⸗ denkend in die Burg ſeiner Väter ein, zweifelnd ob er wohl daran gethan, ſeines Feindes zu ſchonen, der, übermannt von der Entdeckung ſeines Mordanſchlages in ſeiner Gewalt geſtanden. Dem Siegesfeſte, das Seſſa im Lager der Neapo⸗ lit aner beging, wohnte Nuggiano nicht bey, er fürch⸗ tete den Becher von der Kredenz des Treuloſen; er herzte ſeine Kinder zu Hauſe, nicht ahnend, daß die folgende Nacht ein trauriges Nachſpiel der vorangegangenen wer⸗ den ſollte. Roſa war Nachmittags mit Vendramin und andern Dienern im Lager geweſen, um Brot unter die hilfloſen Verwundeten zu vertheilen; auf dem Rückwege ſtießen ſie bey einer niedergebrannten Hütte auf einen Türken, der verlaſſen am Boden ſchmachtete. Roſa wies ihm das letzte Stück Brot, und näherte ſich ihm da⸗ mit, der Türke richtete ſich mit Mühe empor, und deu⸗ tete ängſtig mit den Händen, daß ſie ſich entfernen mö⸗ ge, ſie verſtand ihn nicht und ging auf ihn zu, er deu⸗ tete nochmahls und ſank mit dem Baupte zurück auf die Erde; ſie richtete ihn empor an die Mauer, aber er war todt. Des Nachts beſiel ſie ein unheimlicher Schauer, bald röthete eine nie gefühlte Gluth ihre Wan⸗ gen, ſie rief nach Vendramin„der, einſt Sclave in Al⸗ gier, ihr Uebel bald erkannte. Er verſtand jetzt die ſtumme Sprache des ſterbenden Türken den die aufblü⸗ hende Schönheit Roſa's zum Erbarmen mit der Un⸗ gläubigen bekehrt hatte; die Peſt hatte mit den Mos⸗ lims den Fuß in das Land geſetzt, und die Unſchuldige war in ihre Fußſtapfen getreten. Während Roſa mit dem Ungeheuer rang, das ſie verzehren wollte, weckten die Strahlen des Mondes mit furchtbarer Erinnerung an das Geſtern den ſchlummernden Alfonſo; er fährt empor aus ſeinem Bette, die ſchmerzlichen Seufzer Ro⸗ ſa's dringen in ſein Ohr; er eilt halb bewußtlos an ihr Lager; der alte Ruggiano und Vendramin drängen ihn zurück, er darf ſie nicht ſehen, darf ſich ihr nicht nä⸗ hern; ſie ringt mit dem Tode. Er wird in ein anderes Gemach gebracht; dort geht er wie träumend im Kreiſe herum, und fäut mit der Ueberzeugung die Nacht löſe alle Bande des ſchönen Lebens bey Tag zu ſchrecklicher neuer Geſtaltung der Dinge, einem betäubenden Schlum⸗ mer in die Arme. Erſt am nächſten Mittage erwacht er, will Alles was die Nacht ihm vorgeſpiegelt, als einen Traum ſich deuten, doch bald wird ihm Gewißheit;— — 95— Roſa iſt nicht mehr, den Keim des grauſenvollen Uebels, dem ihr jugendlicher Leib ſo früh erlag, daß er das Land nicht vergifte, völlig und ſchnell zu erſticken, hat man ſie der Erde ſchon zurück gegeben; ausgeſchloſ⸗— ſen von der Gruft ihrer Väter, ruht ſie im Garten un⸗ ter einem Roſenhügel in tiefer Verſenkung. Dort darf Alfonſo mit ſeinem Vater um die liebliche Roſa weinen; mehr iſt ihm nicht geſtattet. In einen Ring, der einen diamantenen Tafelſtein als Decke einer Relique am Ober⸗ theile enthielt, hatte die ſterbende Roſa eine weiche Lo⸗ cke ihres Hauptes als Andenken für Alfonſo verſchloſſen. Der Ring ging durch Waſſer und Feuer, die Demant⸗ decke der Locke wurde mit Gold an den Reif gelöthet, daß ſie nicht wieder zu öffnen war, und Alfonſo durfte das traurige Andenken an Roſa beſitzen. Der Friede von außen war für Reapel ſeit dem Rückzuge der Türken aus Otranto zurückgekehrt, aber die inneren Gährungen dauerten fort. Die mißvergnüg⸗ ten Großen, an deren Spitze Coppola, Seſſa, Pieinino und Sarno ſtanden, welche den Hof mit überſpannten Forderungen um Vorrechte beſtürmten, lagen in fort⸗ dauernder Fehde mit den Friedfertigen, welche den frey⸗ lich oft nicht minderen Gegenforderungen des arrago⸗ niſchen Ferdinands nachzugeben riethen. Die Scheinver⸗ träge dieſes Letztern mit den Parteyhäͤhptern, die er nur —. 96 zu oft wieder brach, und blutige offene und heimliche Fehden der Reichsbaronen untereinander, folgten zum Verderben des Landes wechſelweiſe auf einander; die Ruhe von außen begünſtigte dieſen innern Krieg. Der alte Ruggiano hielt feſt an ſeiner geraden Anhänglich⸗ keit an die Aufrechthaltung der alten Ordnung. Ange⸗ feindet von ſeinen Gegnern hielt er ſich wohlverſchanzt in ſeiner Stammburg auf. Alfonſo gedieh in dieſer Zeit zum blühenden Jünglinge. Die Zeit hatte die grellſten Eindrücke der blutigen und ſchaudervollen Nächte des Kampfes von Otranto, des Dahinſcheidens ſeiner ge⸗ liebten Roſa aus ſeinem Gemüthe verwiſcht, und ſein Geiſt trat unter Vendramins Alles belächelnder Leitung allmählich mit feſterer Haltung in die wirkliche Welt. Nur Eins war ihm aus jener Zeit geblieben, ein un⸗ willkührliches Bangen vor ſeinem Selbſt, ſobald das Licht des Vollmonds der Welt um ihn herum wie mit einem Schlage die Geſtalt jener Schreckensnächte ſeiner Jugend lieh, und er dann ſich kaum ſelbſt mehr erkannte. Seit jener Zeit fuhr er nähmlich oft halb träumend aus dem Schlafe empor, wenn des Vollmonds blaſſe Flitter ſeine Augen trafen, halb nur ſich ſelbſt bewußt irrte er dann im Caſtell umher, er ſuchte einen gefalle⸗ nen Mond, er ſuchte die ſterbende Roſa, und nur Ven⸗ dramin, der ihn aus dem wandelnden Traume weckte“ —— 97— gab ihm die Gewißheit, daß nur grauſenhafte Erinne⸗ rungen in ſeiner Seele lebend geworden, während das Gegenwärtige in ruhiger Geſtaltung, wie er ſelbſt es ſollte, im Schlafe lag. Die zunehmende Stärke ſeines Geiſtes unterdrückte wohl nach und nach das ſchreckhafte Lebendigwerden der Bilder einer vergangenen Zeit, und verwies ſie, wie andere Sterbliche thun, aus dem Prunk⸗ ſaale der Phantaſie in das Beinhaus des Verſtandes, der dem Geſtern kein Leben mehr zugeſteht,— aber oft noch durchſchlichen die Nächte des feurigen Alfonſo gleich den Irrlichtern über grünen Wieſen, die ein Torfmoos im Schooße tragen, unerquickliche Träume, die Feuermale ſeines Gemüthes mit dem die Bruſt des Knaben in je⸗ ner grauſenvollen Epoche ſchwanger gegangen. Die inneren Spaltungen im Reiche ließen Ferdi⸗ nand ſeine erprobten Freunde um ſich verſammeln; auch Ruggiano erhielt den Ruf des Königs nach Neapel. Er begab ſich mit ſeinem Sohne und Vendramin um ſo williger dahin, als ſein Aufenthalt daſelbſt die Vorſchule Alfonſo's für das Leben in einer ſo bewegten Zeit wie die damahlige werden ſollte. Die meiſten Jünglinge welche ihre Heimath zum erſten Mahle verlaſſen, ſchei⸗ den mit ſchmerzlichen Gefühlen von der Feenwelt ihrer Kinderträume, die erſt im Mannesalterzur Ruine wird; Alfonſo hatte den Untergang der ſeinen frühzeitig er⸗ II. Band. 5 98— lebt; auch er ſchied mit Wehgefühle von der Wiege ſei⸗ nes Lebens, aber ſie lag bereits in Trümmern vor ſei⸗ nen Augen. In einer hellen Mondnacht begrüßten Al⸗ fonſo und ſein Vater von einem Hügel herab zum erſten Mahle die Prachtſtadt Neapel, die mit ihren ſchönen Armen das Meerfreundlich umfaſſet. Es ſchien keine Nacht zu geben für den regſamen Königsſitz, alle Wege dahin waren noch belebt, und am Veſuv war eine Leuchte aufgeſteckt, die im Meere wiederſcheinend, die Sonne äffend, die Pallaſtreihen der Stadt erhellte, aus de⸗ ren Gaſſen der Lärm des Tages durch die Nacht herauf zu den Reiſenden hallte. Dieſe hielten ſtille und genoſ⸗ ſen des herrlichen Anblicks. Vendramin allein hatte Worte:„Erſt Neapel ſehen, dann zu Grabe gehen“ ſprach er„ſagt ein altes italiſches Sprichwort,— wollte Gott, daß es nicht in einem andern Sinne in der je⸗ tzigen Zeit an uns wahr werde. Nimm dich in Acht Al⸗ fonſo, der Boden auf den du treten wirſt iſt ein glat⸗ ter, und es hat noch nicht Aſche genug aus dem Veſuv darauf geregnet, um eines Neulings Tritt zu ſichern; — in einer Stadt gleich dieſer muß ein Mann, der wie du auf die ſchlüpfrigen Höhen geſtellt wird, nicht ſelten wie der Gemsjäger auf den Alpen, der ſich die Fußſohle aufritzt, ſein Herzblut daran ſetzen können ſich zu erhalten; mit nackten Füßen wandelſt du zwar wie der Gemsjäger, denn einen deiner Kinderſchuhe haben dir die Türken auf dem Schlachtfelde von der Ferſe ge⸗ treten, den andern hat dir die Peſt an Roſa's Sterbe⸗ bette abgezogen, doch ſey auch beherzt und klug wie jener, denn du erkennſt doch ſchon, daß Alles außer der Seele nichtig und vergänglich iſt;“„und täuſchend wie Träume' ſagte Alfonſo, der unter ernſten Betrachtun⸗ gen über Vendramin's Warnung den neuen Schauplatz ſeines Lebens betrat. Ruggiano der Vater traf in Neapel, wo ihn der König ſehr gnädig empfing und mit ſeinem Vertrauen beehrte, viele Freunde und Genoſſen der guten Sache; die meiſten ſeiner Gegner, und den erbittertſten darun⸗ ter, den heimtückiſchen Seſſa hielten verderbenſchwangere Verbindungen im Innern des Reiches auf ihren eigenen Veſten gefangen. Neben Ruggiano genoß der Graf von Caſerta das Zutrauen des Königs, ein junger, feuriger für Größe mit Leidenſchaft erglühender aber ſtolzer Mann, der erſt vor Kurzem das reiche Erbe ſeines Vaters in ausgedehnten Beſitzungen angetreten hatte. Er war eifer⸗ ſüchtig auf Ruggiano's Einfluß, und war ſein Stolz gleich edler Natur, ſo blieb darum ſein Eifern mit je⸗ nem nicht ſtets nur das drückende Bewußtſeyn des Kräf⸗ tigen, daß er nicht Alles in Allem ſeyn konnte, und er ſtrebte bald, ſeines würdigen Nebenmannes Platz ein⸗ 5 X 100 zunehmen. Alfonſo erfüllte die Hoffnungen ſeines Va⸗ ters, indem er in mancher kleinen Fehde unter den im⸗ mer ſtreitenden Parteyen im Lande auf des Herrſchers Befehl die gute Sache mit Erfolge verfocht, und zum Kriegshelden wie zum Chrenmanne heranreifte. In Nea⸗ pels Sitte, die Nacht zum Tage zu machen, gewöhnte ſich Alfonſo ſehr ſchnell. Je mehr er in ſeiner Heimath von nächtlicher Unruhe einſt gequält war, um ſo willi⸗ ger gab ſich die Erregbarkeit ſeines Blutes zur Nacht⸗ zeit dieſer Sitte hin. Er ahnte nicht, wie täuſchend das Geſchick den Keim ſo vielen Leidens in ſeiner Bruſt jetzt großnährte, indem es das Unregelmäßige in ſeinem Kna⸗ benleben zur Regel erhob, und auszugleichen ſchien mit dem geordneten Leben der übrigen Menſchen. Nur Ven⸗ dramin allein war beſorgt für Alfonſo, der ſich bey Tage dem Schlafe ergab, und nicht ſelten, wenn er gegen Morgen erſt einſchlief und ſpät erwachte, nicht wußte ob er am Tage vorher geträumt oder gewacht hatte.„Kehre das Leben nicht um“ ſagte er oft warnend zu Alfonſo, „die Nacht bleibt immer nur die Kehrſeite der Lebensta⸗ pete, und dieſe kann wohl beym Lampenſcheine doch nicht im Sonnenlichte die abgeriſſenen und verworrenen Fäden dem Auge verbergen, welches klar und das Rechte rechts, das Linke links in ſchöner Harmonie wie auf der Vorderſeite eines Tapetengemähldes ſehen will.“ 101— Alfonſo war zu unerfahren, um alle Folgen des Ungewöhnlichen in ſeinem Daſeyn berechnen zu können, ihm war ja manches Gewöhnliche noch fremd geblieben und unbeſorgt ergaber ſich darum bald den frohen weit⸗ ausſehenden Hoffnungen jugendlicher Liebe, als kaum ihr erſter Strahl in ſein Herz gedrungen. In dem Sprachzimmer eines Frauenkloſters, dem ſeines Vaters Schweſter als Aebtiſſinn vorſtand, hatte er zum erſten Mahle die heranblühende Schweſter des Grafen Caſerta die ſchöne Beatrice hinter dem ſchwarzen Gitter er⸗ blickt. Sie ſprach mit ihrem Bruder, den Alfonſo in das Kloſter begleitet hatte. Die zarte jungfräuliche Schön⸗ heit Beatricens wirkte auf Alfonſo um ſo bezaubern⸗ der, je tiefer die Strenge der damahligen Sitte die Töchter des Landes bis zu ihrer Verheirathung unter dem Kloſterſchleyer verbarg, und je gewiſſenhafter Al⸗ fonſo in getreuer Befolgung der vom Vater geerbten ge⸗ regelten Anſichten von Haus- und Frauenehre ſeine Blicke noch keiner der verehlichten Schönen der Haupt⸗ ſtadt zugewendet hatte. Die dunkle Ahnung daß hinter dem nächtlichen Gitter jenes Sprachzimmers die Mor⸗ genröthe ſeines Liebesglückes auf Beatricens Wangen ihm geleuchtet, und daß ihre Blicke, welche unwillkühr⸗ lich den ſeinigen begegnet waren den hereinbrechenden Tag ſeiner erſten Liebe verkündet haben mochten, be⸗ 102 gleitete ihn an Caſerta's Seite nach Hauſe. Hier er⸗ wuchs dieſe Ahnung im Ausmahlen der üppigſten See⸗ nen aus dem erwarteten Liebesparadieſe zum feurigen Wunſche nach Beatricens Beſitze, und ſie verklärte bald als roſiger Hintergrund ſein Streben nach einem eh— renvollen Platze unter den Edlen ſeines Volkes. Caſerta verfocht die Sache der rechtgeſinnten Partey, der Rug⸗ giano's Vater auch angehörte, kein Hinderniß war für Alfonſo den reichen Erben eines alten Hauſes in dieſer damahls ſo viele zarte Bande zerreiſſenden Rückſicht ge⸗ denkbar. Aber Alfonſo verſchmähte es um die Hand ei⸗ ner Unbekannten zu werben; er wollte das Herz derje⸗ nigen kennen, deren Augen ihm Liebe eingeflößt, und dann entſcheiden, ob er ihre Hand verlangen dürfe, um glücklich zu machen und glücklich zu werden. Ein Schleich⸗ weg zur Umgehung des Schleichweges, auf welchem die Väter ſeiner Zeit die Hände ihrer Töchter vergaben⸗ ohne ihr Herz zu fragen, ſchien ihm erlaubt, und er glaubte für Beatricens Glück zu ſorgen, wenn auch ſie über ihre Hand entſchiede, ehe er ſie verlange ron je⸗ nem, der ſie zu vergeben hatte ohne Widerrede. Geld öffnete ihm die Thore des Kloſters, und zur Nachtzeit führte ihn eine Layenſchweſter unter der heiligen Verſiche⸗ rung, daß es nur ein Mahl geſchehen ſolle, an das Sprach⸗ gitter, wo Beatrice, der ein Brief Alfonſo's Liebe ent⸗ 105 deckt hatte, erſchien. Beym Scheine der flackernden Lam⸗ pe verklärten ſich bald die Züge zweyer Weſen, die ſich Liebe geſtanden. Beatricens völliger Unerfahrenheit, war jede Verſtellung fremd, das Glück ihrer Liebe mahlte ſich in ihren Blicken. Alfonſo erſchien ihr als ein Ab⸗ geſandter vom Himmel ihr feuriges Gemüth zu beruhi⸗ gen. Kein Händedruck, kein Kuß entweihte das unum⸗ wundene Geſtändniß der Liebe zweyer reinen Herzen. Ein Mahl nur war es Alfonſo geſtattet, die Geliebte ohne Zeugen zu ſprechen, doch wie ein Strahl die Sonne am Himmel verräth, wenn ſich die Gewitterwolken auch nur für einen Augenblick theilen, um ſich zu langer Nacht wieder zu ſchließen, ſo verriethen ſich Alfonſo und Beatrice auch mit wenigen Worten den Reichthum ihrer Reinheit und ihre edlen Gemüther. Bald rief die ängſtige Layenſchweſter das ſchmerzvolle„Scheidet“ den Liebenden zu,— Beatrice reichte Alfonſo einen ſchwarzen Gürtel zum Andenken an die Stunde, wel⸗ che ihn zum Herren ihres Herzens gemacht, und ſie verlangte eine Locke von Alfonſo für ihren Gür⸗ tel;— von der Layenſchweſter bey einer Hand nach der Thüre gezogen, wo der Morgen bereits hereinſchien entgegnete Alfonſo in der Verwirrung und von der Mi⸗ nute gedrängt ſich ſelbſt vergeſſend, das Andenken Bea⸗ tricens mit dem Ringe, der Roſa's Haare enthielt. 104— Beatrice glaubte, indem ſie den Ring an den Finger ſteckte die verlangte Locke Alfonſo's zu beſitzen; dieſer aber ſchied ohne ſie über das Geſchenk aufzuklären. Er grollte dem Gitter, welches ihn hinderte die theure Hand Beatricens zu küſſen, und verſprach in wenigen Mon⸗ den, wenn Beatrice ihr fünfzehntes Jahr erreicht ha⸗ ben würde, um ihre Hand bey Caſerta, ihrem Bruder zu werben. Die Layenſchweſter beſchwur Alfonſo bey ihrer Seligkeit nicht wieder das Kloſter zu betreten, da es ihr nur einmahl gelungen ſeyn dürfte, die Wachſam⸗ keit ihrer Mitſchweſtern einzuſchläfern. Alfonſo gelobte es, und ſchied von dem Kloſter mit den Gefühlen eines Armen, der im finſtern Schvoße der Erde einen Schatz entdeckt hat, den er allein nur kennt, doch erſt im näch⸗ ſten Frühlinge wird heben dürfen, wozu jedoch das tief⸗ ſte Stillſchweigen über den Fund als erſte Bedingung geſetzt iſt. Alfonſo verbarg ſeine Liebe ſorgfältig vor Jeder⸗ mann um den Ruf Beatricens nicht auf das Spiel zu ſetzen. Mit regerem Eifer erfüllte er die Pflichten ſei⸗ nes Berufes als Krieger, denn ſein Streben hatte ein Ziel gefunden. In nächtlicher Einſamkeit nur ließ er den Vorgefühlen ſeiner Liebe freyen Lauf. Je entfern⸗ ter er von der Geliebten ſtand, um ſo ſchönere Farben lieh ſeine Einbildungskraft ihrem Bilde in ſeinem Bu⸗ 105 ſen. Jeder Jüngling ſtellt die Erſtgeliebte auf den Feſt⸗ altar des Ideals, und Alfonſo glaubte das ſeine in der ſchönen Veatriee gefunden zu haben. Es war ihm noch nicht klar, daß Ideale nur Träume von himmliſchen Weſen ſind, die ihres Gleichen nicht in der irdiſchen Wirklichkeit finden, und daß die Letztere um ſo weni⸗ ger befriediget, je weniger wir uns mit ihren Mängeln vertraut machen können. Alfonſo trug den ſchwarzen Gürtel Beatricens an ſeinem Herzen; wenn ihn der un⸗ ſelige Zweifel, ob er träume oder wache, im gewohnten nächtlichen Halbſchlafe der ihn mit wonnigen Träumen von Beatricen beſeligte, jetzt wieder befiel, ſo zog er den Gürtel hervor, und küßte ihn als den Zeugen ſei⸗ nes wirklichen Glücks, das auch ſein Traumleben ver⸗ ſchönern durfte. Der fünfzehnte Geburtstag Beatricens war heran⸗ gekommen. Alfonſo entdeckte ſeinem Vater den Wunſch ſeines Herzens nach Beatricens Veſitze, die er im Sprach⸗ zimmer jenes Kloſters geſehen zu haben angab. Die Ver⸗ bindung mit dem Hauſe Caſerta war dem alten Rug⸗ giano willkommen, er warb um Beatricens Hand bey Ludovico Caſerta, der es als ein fröhliches Ereigniß betrachtete, an den einflußreichen Ruggiano durch ſo zarte Bande gefeſſelt zu werden, und ohne ſeine Schwe⸗ ſter, deren Vormund er war, zu fragen, in ihrem Nah⸗ 5 6 106 men einwilligte. Alle Wünſche ſchienen erfüllt und Al⸗ fonſo trat mit freudetrunkenem Herzen am Tage der Verlobung an der Seite ſeines Vaters in den Pallaſt Ludovico's, wo ihn ſeine Braut im Kreiſe ihrer Ver⸗ wandten erwartete, um den klöſterlichen Schleyer zum erſten Mahle als ſeine Verlobte von ihrem Antlitze zu ziehen. Alfonſo trat ein, die edle Geſtalt Beatricens ſtand vor ihm, wie in jener ſeligen Nacht des erſten Liebes⸗ geſtändniſſes, kein Gitter ſchied ihn mehr vonihr; reich mit Juwelen und Perlen geſchmückt, ſtand ſie vor ihm. Nach den gewöhnlichen Anreden der Etiquette zog Bea⸗ trice mit zitternder Hand den Schleyer vom Geſichte, Alfonſo näherte ſich ihr, den Ring der Treue mit ihr zu wechſeln,— doch bey ihren Anblicke blieb er verſtei⸗ nert ſtehen— es war nicht Beatrice, die er vor ſich ſah, keine Spur des Ideals, von dem er ſo ſelig ge⸗ träumt, fand er in den Zügen ſeiner Braut, ihre Au⸗ gen waren zu Boden geſenkt, ihre Wangen bleich, das Antlitz ſeltſam abweichend von jener Beatrice, die ihn einſt ſo entzückt, zwar noch dasſelbe, aber wie ein ſchönes Bild verzerrt im Wiederſcheine eines ſanft wo⸗ genden Waſſerſpiegels— ſie war] von den Blattern entſtellt. Alfonſo erkannte das nicht ſogleich; gewohnt an der Geſtalt der Welt um ihn herum, wie an Traum⸗ — — 1075— gebilden irre zu werden, griff er nach Beatricens Gürtel an ſeiner Bruſt, zog ihn hervor und rief verzweifelt: »ja auch die Wirklichkeit tänſchet gleich den Träumen b⸗ Beatrice ließ den gehobenen Schleyer auf ihr Antlitz ſin⸗ ken, und wendete ſich ab von ihm mit den Worten: vich hab's geahnt, ihr könnt mich nicht mehr lieben“ — Dieſe Scene verrieth das Geheimniß Alfonſo's. Die Verlegenheit ſeines Vaters wurde nur von jener Ca— ſerta's überwogen, der die halbe Weigerung Alfonſo's Beatricens Gemahl zu werden, für eine Beleidigung der Ehre ſeines Hauſes nahm, die auch kein Rückſchritt ja keine Bitte um ihren Beſitz gut machen könnte. Das Feſt der Verlobung artete in eine Spaltung zweyer Häuſer aus, die ſich ſo nahe zu verbinden bereit ge⸗ ſtanden, Zu ſpät entdeckte Alfonſo ſeinem Vater ſein frühe⸗ res Einverſtändniß mit Beatricen. Ruggiano konnte ihm nicht grollen, denn auch ihn hatte die Liebe einſt mit ſeiner Gattin verbunden, und nicht fremde Vorher⸗ beſtimmung. Zu Hauſe übergab Vendramin Alfonſen einen Brief, den eine verſchleyerte Alte mit der Entſchul⸗ digung gebracht hatte, daß ihr jede Gelegenheit geman⸗ gelt habe, ihn früher an Alfonſo zu beſtellen, als es geſchehen. Alfonſo las folgende Zeilen von der Hand Beatricens: — 108— „Ihr habt um Beatricens Hand geworben bey ih⸗ rem Bruder— nehmt eure Bewerbung zurück, denn Beatrice iſt nicht mehr wie ſie war, die Blattern ha⸗ ben ihr eine bleiche Larve vor das Antlitz geſetzt, die ſie erſt am Tage der Verklärung alles S ablegen wird— eure Liebe wäre mir jetzt ein ewiger Vorwurf, daß ich ſie erzwingen wollte.— Einen Spiegel verlangt die Liebende für ihr eigenes Selbſt, in euren Augen darf ich ihn nicht mehr ſuchen, denn ach mir zeigt der Spiegel von Glas wie wenig euch mein Anblick erfreuen könnte. Ich will glauben, daß ihr mich liebtet, aber ich könnte euch nicht mehr glauben, daß ihr mich noch liebet, ſeitdem meine Reitze ſo früh verwehten, gleich den Blumen des Frühlings;— tröſtet euch über meinen Verluſt, wie ich mich tröſten muß über jenen mei⸗ ner Blüthe, wenn es mir gleich ſchwer fällt, nur täuſchet mich nicht, wie mich die Natur mit mir ſel⸗ ber getäuſcht hat. In die Hand meiner ſterbenden Mut⸗ ter habe ich einſt troſtlos geweint, ſie gab mir zum letz⸗ ten Vermächtniſſe die goldenen Worte:“„Bedenke, daß geboren werden, der Anfang des Sterbens iſt.“— Die Liebe, die ich geahnt in mir ſelbſt, ehe ſie in Eu⸗ rein Anblicke mir klar wurde, iſt wohl ewig, und nicht geboren wie unſer Leib, den ſie nur begleitet durchs Leben,— vielleicht lebt ſie fort, auch wenn dieſer ge⸗ — 109 ſtorben— vergebt den Träumen einer Halbvernichteten, und glaubet mir, daß Euer Bild nicht von mir wei⸗ chen wird.“ Alfonſo beſtand den bitterſten Kampf mit ſich ſelbſt nach Leſung dieſer zu ſpät erhaltenen Zeilen; er fand ſo viel Wahres darin, das ihn vermögen ſollte, Bea⸗ tricen nicht ferner eine Liebe zu heucheln, die er nicht mehr fühlte, und doch leuchtete ein ſo edles Gemüth daraus hervor, daß er ihr die alte Liebe nicht verſagen wollte.„Soll ich vorübergehen an der Hütte einer Un⸗ glücklichen'“' ſprach er zu Vendramin,„weil ſie verarmt iſt, und mich nicht mehr in einem Prunkpallaſte auf⸗ nehmen kann?“—„Mein Sohn“ antwortete der blaſſe Zwerg„beſtimmt die lebendige Moralgloſſe der Fabeln zu ſeyn, die dir das Geſchick vorſpielet, muß ich dein Gleichniß fortſetzen, um dir den Irdthum darin zu zei⸗ gen,— vergleich' die Schönheit mit dem Reichthume nicht, die Schönheit iſt ein goldener offener Tempel mit Kryſtallſpiegeln, in denen ſich die ganze Welt klar und rein abſpiegelt, wo jeder ſich ſelbſt im Spiegel⸗ bilde ſucht; dort wohnen die Schönen des Frauenge⸗ ſchlechtes, und ſchauen frendig in die Welt hinaus— die Häßlichen hauſen in dunkeln Höhlen, und ſchauen wohl auch lebensluſtig in die Welt, ihr Auge reicht wohl hinaus, aber kein Blick Si zu ihnen hinein 110 wie man wohl aus dunkler Kammer ins Freye, doch nicht aus der Freye hineinſehen kann,— den Freund der verarmt iſt am Reichthume, magſt du hilfeleiſtend in ſeiner Hütte aufſuchen, denn du ſucheſt ihn— die Liebe geht ſtolz an der Häßlichen vorüber, denn ſie ſucht ſich ſelbſt in der Verarmten— darum iſt Häßlichkeit ein lebenslänglicher Schmerz, den keine Täuſchung heben kann, auch nicht eine fremde, denn ſich ſelbſt ſuchend in der Liebe des Getäuſchten, würde die Verarmte an Schönheit ewig nur daran erinnert, daß die Liebe, die ſie erfährt Täuſchung ſey, und nichts iſt wahrheitſuchen⸗ der als die Liebe, dieſe größte aller Egviſten“—„Aber ich achte Beatricen, wenn ich gleich das Ideal von Schönheit nicht mehr finde, daß ich mir von ihr ge⸗ träumt“, erwiederte Alfons——„Laß die Achtung,“ ſagte Vendramin„aus dem Spiele„ es iſt ein Glück ſich nicht wechſelſeitig zu täuſchen, von Beatricen haſt du zu hohe Boffnungen gehegt, um nicht ſie mit dir zu verderben, wollteſt du auf den Trümmern deines um⸗ geſtürzten Ideals, auf dem Torſo der ungenoſſenen Ve⸗ nus dich gezwungen glücklich zu preiſen; zudem bedenke, das Gerippe der Schönheit achten wir Menſchen dank⸗ bar nur dann, wenn wir es in der Blüthe reitzender Hüllen mit Liebe umſchlungen haben; du haſt nur Träume genoſſen, und würdeſt nicht glücklich in der Halbheit „ eines erklügelten Liebesglückes, dem die Schönheit nur als die Morgenröthe eines Regentages voranzog, der unerquicklich iſt, wie Liebe ohne Schönheit; ich kenne dein Gemüth, es verlangt Wirklichkeit deinen Träumen gleich, oder doch ähnlich— doch nimm's auch dießmahl zur Lehre, wie ſehr der Stern der Liebe täuſcht. Da fiel Al fonſo ein, wie er einſt als Knabe in der Dämmerung et⸗ was Glänzendes am Rande eines Weihers vom Boden auf⸗ heben wollte; er hatte nach dem Wiederſcheine des Abend⸗ ſternes in einer von Ulmen beſchatteten Pfütze gehaſcht, und ſiel darob in den Moraſt.— Vendramin zog ihn damahls hervor aus der Tiefe, und ſagte lächelnd:„Gedenke mein Sohn dieſes Abends, du haſt nach dem Abendſterne ge⸗ haſcht, er iſt der Stern der Liebe und täuſchet gern wie dieſe!“ Dieſe Worte wachten jetzt auf in Alfonſo; er zür«te der Welt voll Täuſchung und trügeriſcher ſchnell vorüber⸗ fliegender Schatten von Schönheit und Glück, er kämpfte lange mit ſich ſelbſt, aber endlich blieb's bey des Zwer⸗ ges Moral aus der traurigen Fabel, daß die Liebe oft täuſche, und daß ſich auf Täuſchung keine Liebe grün⸗ den laſſe. Caſerta, der Beatricens Hand für keinen Fall mehr dem Beleidiger der Ehre ſeines Hauſes zu⸗ gewendet hätte, führte ſeine trauernde Schweſter auf eines ſeiner Güter, wo ſie, ihr eigenes frühes Grab in ungeſtillter Sehnſucht nach Alfonſo ihre Tage ver⸗ „ 112 trauerte. Ludovico, der Alfonſo's früheres Vegegnen mit Beatricen erfahren hatte, ſtend dem Hauſe Ruggia⸗ no als ein neuer Feind in jener trüben Zeit feindlicher Spaltungen gegenüber, und nur des Königs ernſtes Bemühen verhütete einen Ausbruch offener Fehde un⸗ ter dieſen ſeinen getreueſten Dienern. Beynahe ein Jahr war bereits vorübergegangen und Alfonſo hatte ſich noch nicht völlig erheitert. Bea⸗ tricens Geſtalt, wie er ſie in jenem Kloſter zum erſten Mahle geſehen, begleitete ihn auf allen ſeinen Wegen, aber gleich einem ſchwarzen Doppeltgänger verfolgte dieß liebliche Truggebild der eigene Schattenriß vom Grif⸗ fel der Vernichtung gezeichnet, wie er am Tage der Verlobung vor Alfonſo geſtanden. Die Sehnſucht in ſeinem Herzen von jenem Bilde angeregt⸗ ward immer wieder von der feindlichen Hand ausgelöſcht, welche den Pfad der ſchönen Beatrice mit den verwelkten Blüthen ihrer Reitze beſtreute. Wie Tag und Nacht, deren letzte die lichte belebte Welt des erſten mit undurchdringlichem Todtendunkel überdeckt, verfolgten ſich in Alfonſo's Ge⸗ müthe die Erinnerung an die blühende und an die ver⸗ welkte Erſtgeliebte. Träume, welche die ſchöne Geſtalt feſthielten, und der Wirklichkeit ſpottend, die entſtellte nicht erſcheinen ließen, waren auch dießmahl die Zu⸗ flucht der begehrlichen Eihbildungskraft Alfonſo's. Ein 1 Befehl ſeines Herrn, den Ränke ſpinnenden Seſſa in dem feſten Caſtell Franco am Fuße der Appeninen an⸗ zugreifen, um ihn mit Gewalt zu zwingen, den Frie⸗ den des Landes nicht weiter zu ſtören, gab Alfonſo mit der Gelegenheit ſeinen Muth und Führergeiſt zu bewäh⸗ ren die lange erſehnte Zerſtreuung. Brennend vor Be⸗ gierde die Erwartungen ſeines Königs zu erfüllen, und an Seſſa Rache zu nehmen für den verſuchten Meuchel⸗ mord an ſeinem Vater, brach Alfonſo unter den Seg⸗ nungen dieſes letzteren mit ſeinem Heerhaufen nach Ca⸗ ſtell Franco auf. Im Sturme nahm er die von wil⸗ den Gebirgen umlagerte Veſte ein, und machte den wuth⸗ ſchnaubenden Seſſa mit ſeinen Helfern Pieinino und Sarno gefangen. Im Triumphe zog Alfonſo zurückkeh⸗ rend mit den Ueberwundenen in Neapel ein, der Kö⸗ nig hing ihm vor dem Volke ſein goldenes Bruſtbild an ſtimmernder Kette zum Lohne ſeines Muthes um, ſein Vater ſchloß ihn gerührt als Helden an die Bruſt, doch weder dieſer noch jener ahnten, daß Ruhm und Dank⸗ barkeit keinen Reitz für den Sieger hatten, der insge⸗ heim mit Beſchämung fühlte, daß er beſiegt aus dem Streite und gefeſſelt an Seſſa, wie dieſer an ſeinen Triumphwagen heimgekehrt war. Alfonſo liebte Giuſtinen die einzige Tochter Seſſa's. In jener Racht, welche die Siegerüber die W — 114„ von Caſtell Franco hob, und die Schlacht mit ih⸗ ren Schrecken im Gegeneinandertreten der Sieger und der muthvollen Beſiegten bis in die Gemächer des Burg⸗ herren führte, in jener Nacht war Giuſtina ein Engel des Friedens vor Alfonſo getreten, in dem Augenblicke als er an ihrem kämpfend zu Boden geſtürzten Vater das Nächeramt in ſeines Königs und ſeines Vaters Nah⸗ men und Rechte zu üben bereit ſtand. Die Schönheit Ginſtinens, welcher der blutige Hintergrund eines nächt⸗ lichen Gemetzels und die Würde ihres Muthes doppelte Reitze lieh, entwaffnete Alfonſo's Arm, der mit dem Schwerte nach ihres Vaters Bruſt zielte. Seſſa erhob ſich vom Boden und kaum gerettet vom Tode, war er un⸗ fähig den Kampf mit jenem zu erneuern, der um ſeiner Tochter willen ſeines Lebens geſchont hatte. Das Ein⸗ dringen der Krieger Alfonſo's gab der Marmorgruppe beyder Kämpfer das Leben wieder, das Erſcheinen des herrlichen Frauenbildes hatte ſie, gleichwie einſt das Haupt der Meduſa manche Helden der Vorzeit mit grau⸗ ſenhaftem Erſtarren, mit beſänftigender, wohlthuender Unregſamkeit überzogen. Die Uebermacht entwand dem verwirrten Seſſa das Schwert, und gefangen ſchlug er den Blick zu Boden, während Alfonſo den ſeinen von dem bittenden Auge Giuſtina's nicht abzuwenden ver⸗ mochte. Alfonſo befahl die menſchlichſte Behandlung 115— der Beſiegten, und übergab die holde Giuſtina den Frauen im Caſtelle des Seſſa, denen die Fehde nicht gegolten. Wenige Tage, welche er in Caſtel Franco zu⸗ brachte, ehe er mit den Ueberwundenen nach Neapel zog, reichten hin, ſeinem Herzen die lebhafte Erinne— rung an Beatricen zu entwinden, und es der Tochter des Feindes, den er beſiegt hatte, mit Gefahr ſeiner Ehre zuzuwenden. Güuſtina die zarte tieffühlende Toch⸗ ter des rauhen verſchlagenen Seſſa verehrte Anfangs in Alfonſo nur den Retter ihres Vaters vom Tode der Schlacht, jetzt hoffte ſie in ihm auch den Vertheidiger der Ehre ihres Hauſes, einen Fürſprecher bey dem er⸗ zürnten Landesherrn zu finden; ſie näherte ſich Alfon⸗ ſo in dieſer Abſicht ſo oft es ihr möglich war, und bald verrieth ſich in den Zügen des Siegers, des Fein⸗ des ihres Hauſes der Liebende. Je mehr Alfonſo gegen ſich zu kämpfen hatte, um ſich nicht voreilig an die Toch⸗ ter eines Hauſes zu ketten, deſſen Haupt dem ſeinen und der Sache ſeines Königs feindlich geſinnt war, um ſo wahrer zeigte ſich bald ſeine nicht zu erſtickende Nei⸗ gung zu Giuſtinen. Sie konnte ihm nichts anbiethen als ihr Herz, nachdem er ſelbſt ſie aller Anſprüche auf den Glanz und die Reichthümer ihres Vaters, die der Krone anheimfielen, durch ſeinen Sieg beraubt hatte; und dennoch mußte er ſie lieben. Die edle Giuſtina ge⸗ 116 wahrte den Kampf in Alfonſo's Bruſt, ſie wich ihm jetzt aus, um ihre erwachende Liebe nicht zum Werk⸗ zeuge einer eigennützigen Nebenabſicht herabzuwürdigen, oder die ſeinige zum Nachtheile ſeiner Ehre unwillkühr⸗ lich, im Drange ihren Vater zu retten, zu mißbrau⸗ chen. Alfonſo bemerkte dieſe Zurückgezogenheit und ſeine Sehnſucht erglühte darob doppelt heiß. In der Nacht vor ſeinem Abzuge nach Neapel brachte eine Wache vor des gefangenen Seſſa Gemä⸗ chern, Alfonſo die Nachricht, daß der Gefangene durch einen geheimen Eingang Beſuch erhalten haben müſſe, indem man ihn bewegt mit Jemanden ſprechen gehört habe. Alfonſo der den Schlüſſel zu Seſſa's Gemächern des Nachts bey ſich hielt, ging dahin. Er öffnete leiſe die Thüre des Vorgemaches und ging unbegleitet hin⸗ ein. Eine offene bisher unbemerkte Fallthüre am Bo⸗ den verrieth ihm den Weg des nächtlichen Gaſtes bey Seſſa. Dieſen ſah er im Nebenzimmer völlig angeklei⸗ det, das Barett auf dem Haupte, im Fortgehen auf⸗ gehalten von der auf ihren Knien vor ihm liegenden Giuſtina:„Fliehet nicht mein Vater,“ ſagte dieſe bit⸗ tend,»„verderbt nicht euren großmüthigen Sieger, den ich liebe, und von dem ich glauben muß, daß er mich wieder liebet,—— ich war auf dem Wege zu ihm⸗ eure Flucht durch die verborgene Treppe ihm zu verra⸗ 117 then, ſeine Ehre zu retten, denn man bemerkt, daß ich ihm nicht gleichgültig bin, und ſeine Feinde werden eurs Flucht als ein Werk ſeiner Schwäche betrachten, und mich wird ſein Haß treffen, weil er mich einen Augenblick lieben konnte; ich bin umgekehrt zu euch, Vater, und mit euch müßte ich fliehen, wenn ihr auf eurem Vorſatze beſteht, damit kein Vorwurf den edlen Alfons treffe; aber flieht nicht mein Vater, vertraut euch der Großmuth eures Siegers an, er wird euch nicht ſinken laſſen beym Könige, wenn ihr ihm frey ge⸗ ſteht, daß die Flucht in eurer Macht ſtand, und ihr ſie großherzig verſchmäht habt“—„Wohlan, ich bleibe,“ ſagte Seſſa,„du trachteſt nach der Hand, die meine Bruſt bedrohte, ſieh du nur zu, daß ſie mein Haupt nicht auf den Richtblock beuge.“— Giuſtina weinte laut ihres Vaters Knie umklammernd, da trat Alfonfo ein, Giuſtinas Liebe war verrathen, ſie bedeckte ihr glühen⸗ des Antlitz mit den Händen, ſanft hob ſie Alfonſo em⸗ por, den das Bewußtwerden ihrer Neigung zu ihm beglückte, und zum Vergeben erweichte:„Bleibet Seſſa,“ ſprach er zu dem beſchämten Gefangenen,»ich vergebe euch, was ihr an meinem Vater verbrochen, eure Toch⸗ ter hat meine Ehre gerettet, und ich ſchwöre es euch, der König ſoll euch verzeihen in Kurzem, wenn ihr mir morgen nach Neapel willig folget,— mein Vater wird 118— euch vergeben, denn die Tochter des Mannes, der mir den Vater rauben wollte, ſoll dieſem die gewünſchten Enkel geben, wenn ſie die Liebe bewahrt, die ſie mir in dieſer Stunde ſo großherzig hat bewieſen“— Giu⸗ ſtina ſtand verwirrt, der argwöhniſche Seſſa begriff die Erklärung ſeines Feindes nicht, doch die Wärme Al⸗ fonſo's, ſein offener, freudiger Blick mit dem er dem Gefangenen die Hand anboth, und ſie herzlich drückte, gab ihm den lange von ihm gewichenen Glauben an die Menſchheit wieder; nicht ohne kluge Berechnung führte er Giuſtinen dem bewegten Alfons entgegen, der ſie in ſeine Arme ſchloß, indem jener ausrief;„Ruggiano, ich will dir trauen,— mein Segen kann dir nicht from⸗ men, ehe nicht dein Vater den ſeinigen über deinen Bund mit Giüuſtinen geſprochen.“— Im Kerker ihres Vaters feyerte Giuſtina das Roſenfeſt ihrer Liebe, ſie genoß die Entzückung der erſten Umarmung des Gelieb⸗ ten als den Lohn ihres Vertrauens auf ſeine Liebe und war darum doppelt ſelig.— Der nächſte Morgen ſchied ſie von Alfonſo, der ihren Vater gefangen nach Nea⸗ pel führte. Sie ſelbſt bezog mit einer Schweſter ihres Vaters ein ſtilles Landhaus in der Nähe des Poſilipps von hohen dickbelaubten Ulmen umſchattet, dort ſollte ſie Alfonſo beſuchen, und ihr Nachricht von dem Schick⸗ ſale ihres Vaters bringen. —— 119— In Hinderniſſen erſtarket die Liebe, welche verbor⸗ gen bleiben muß vor den Augen der Welt, während das ſchnellbefriedigte Herz am Uebergenuſſe der Liebe erkranket. Aber reiner und feuriger liebet ein Gemüth, das nicht erſt kleine Hinderniſſe erfinden muß um die Gegenliebe rege zu erhalten; die freye an keine Schran⸗ ken gebundene Liebe erſtirbt dagegen nicht ſelten an dieſen kleinlichen Künſteleyen des herrſchſüchtigen Herzens, die der Verſtand zumahl am Weibe zuletzt verachtet; und doch bewährt ſelbſt die Coquette, daß ohne Kampf ſich kein Siegesfeſt der Liebe feyern läßt. In dem Spiegel des Oceans der Liebe, wenn ihn kein Sturm aufregt, laſſen ſich die Sterne und der ewige Himmel nur ſo lange in ſchöner Klarheit ſchauen, als ihn nicht trübe innere Gährung in ein todtes Meer verwandelt, das ohne Leben auch kein Leben in ſich duldet. Alfonſo's Liebe zu Giuſtinen kämpfte gegen ein Heer auflauernder Feinde, aber er hatte den furchtbarſten Feind, die Un⸗ entſchloſſenheit in ſeinem eigenen Herzen beſiegt, und ſcheute die Hinderniſſe von Außen nicht mehr. Die Ent⸗ ſcheidung über Seſſa's und der übrigen gedemüthigten Parteyhäupter Schickſal zog ſich in die Länge; bey der Verſchloſſenheit der Räthe des Hofes über dieſe Sache durfte Alfonſo auch bey ſeinem Vater es noch nicht wa⸗ gen, als ein Fürſprecher Seſſa's aufzutreten; aber die 120 Stimmung des Königs und eine Ahnung daß der Frie⸗ de des Landes aus dem wechſelſeitigen Vergeſſen ver⸗ jährter Unbilden hervorblühen werde, gab ihm die freu⸗ digſten Hoffnungen für die Zukunft, mit denen er Giu⸗ ſtinens geängſtigtes Herz zu beruhigen ſuchte. Spät in der Nacht, wenn der Morgen bereits graute, und der Schlaf die regſamen Neapolitaner unerbittlich unter ſein finſteres Joch beugte, ritt er hinaus in die Villa am Poſilipp, wo Giuſtina mit ihres Vaters Schweſter in tiefſter Abgeſchiedenheit hauſte. Beglückt durch den Traum ſeiner Liebe, der es nicht wagen durfte, als Wirklich⸗ keit bey Tage in ihm zu erwachen, belächelte er jetzt ſelbſt nicht ſelten ſein nächtliches Leben, deſſen Wonne den Tag mit all der peinigenden Verſtellung ſeines Her⸗ zens als einen läſtigen Traum verſchlang, wie anderer Menſchen unzuſammenhängende, ihrem Leben wider⸗ ſprechende Träume mit dem erſten Strahle des Tages der ſie dem geordneten Denken und Leben wiedergibt, vergeſſen werden. Giuſtinens Gemüthe war jene Offenheit eigen, die nur eine ſchöne Seele nicht ſcheuen darf; durch Zurück⸗ haltung könnte ſie nur Reitze verbergen, durch deren Entgang ſie den Geliebten um den Vollgenuß ſeines Glückes bringen würde. Eine ſeltene Meiſterſchaft in der Mohlerey erhob Giuſtinen über jenen geſchäſtigen 121 Müßiggang, der ihrem Geſchlechte gewöhnlich die ver⸗ derbliche Muße gönnt, das Gewebe ihrer eigenen Liebe entweder durch die Selbſtqual überſpannter Anſprüche zu zerſtören, oder indem ſie begehrlich durch ſeine Fä⸗ den hindurch in die übrige Welt hinausblicken, unzu⸗ frieden es als ein Gitter zu betrachten, das ihre Reitze ein⸗ kerkert, und es unvorſichtig zu zerreißen, ohne zu beden⸗ ken, daß die Liebe wie die Spinne nur im Mittel⸗ puncte ihres eigenen Gewebes dieſem lieblichen Abbilde der Sonne und ihres Strahlenkranzes glücklich ſeyn kann, und daß ſie fehlen, indem ſie hinter den zarten Bau treten, deſſen belebende Mitte ſie bilden ſollen. Guſtina— lebte und webte im Strahlengewebe ihrer Liebe, ſie machte keinen Anſpruch an die Welt mehr, die ihr Al⸗ fonſo gegeben, und nur der Kunſt lieh ſie ihr Gemüth, weil dieſe hinwiederum ihrer Liebe diente. Sie hatte für Alfonſo ihr eigenes Bildniß vollendet, auf daß er es an ſeinem Herzen trage. Die ſchwerſte Aufgabe für ein Weib, ſich ſelbſt zu mahlen, hatte ſie herrlich ge⸗ löſt. Wenn andere Frauen der Verſuchung nicht wider⸗ ſtanden hätten, ſich das Ideal der Schönheit im Bilde anzueignen, wie ſie jede Vortrefflichkeit des Gemüths ihre Zunge von ſich ſelbſt lügen laſſen im Geſpräche, ſey's daß ihre Handlungen wie ſo oft das bezahlte Bild ihrem wirklichen Seyn völlig widerſprechen, ſo hatte II. Band. 6 ſich Giuſtina im Gemählde wieder gegeben wie ſie war⸗ und nur eine Verklärung hatte ſie ſich erlaubt, jene der Liebe, die auch ihr wirkliches Leben verklärte, und keines andern Schimmers bedurfte als jenes der Thräne im Auge deſſen, der dieſe Liebe erwiederte. Alfonſo fühlte ſich doppelt beglückt durch den Beſitz des theu⸗ ren Bildes, dieſes wunderbaren Januskopfes aus dem Schönheit und Liebe als Zwillingsſchweſtern ihm entge⸗ gen blickten, und an deſſen unterm Rande die Worte ſtanden, die aus Giuſtinens Augen hervorleuchteten: „Mein Bild erinnere dich daß ich dich wahrhaft liebe, weun du je dieſer Erinnerung zu deinem Glücke be⸗ dürfen ſollteſt.“ Dieß Bild an ſeiner Bruſt, das Herz erfüllt von ſchwärmeriſcher Liebe zu der Künſtlerinn, die ſich ſo ſchön und wahr in dem Gemählde ausgeſprochen, ritt Alfonſo gegen Tagesanbruch durch das Ulmenwäldchen am Poſilipp nach der aufwachenden Königsſtadt zurück. Einige Männer in weiße Mäntel eingehüllt, ſchienen ihm den geraden Heimweg zu verſperren. Alfonſo's uner⸗ ſchrockenes Herz fürchtete nicht Räuber aber er ſcheute Auflaurer in jenen weißen Geſtalten, die ſich gleich Gei⸗ ſtern durch das Dunkel mit unſichern Schritten beweg⸗ ten. Er ſchlug, um nicht erkannt zu werden, einen Sei⸗ tenweg zur Linken ein, den er vom langen Wachen müde 125 auf ſeinem Pferde halbſchlummernd verfolgte, bis er unfern der Villa modica auf ein Wachfeuer am Pfade ſtieß, wo ein Mann den Zügel ſeines Pferdes ergriff, und ihn mit den Worten andonnerte:„die Peſt hauſt in dieſem Orte, wählt einen andern Weg.“— Alfonſo blickte um ſich und ſah einen Kreis von lodernden Feuern um die unglückliche Villa gezogen, welche, wie ihm jetzt einfiel, der Aufenthalt der verſchmähten Beatrice Caſerta und ein Eigenthum ihres Bruders war. Ein unheim⸗ liches Grauen befiel ihn bey dieſer Erinnerung, und er ritt, dem ſchaurigen Feuerkreiſe der Villa ausweichend, durch Felder und Weingärten voll trüber Ahnung der erwachenden Stadt entgegen. Dort fand er in ſeinem Pallaſte den alten Vendramin ſeiner harrend; er las unerfreuliche Bothſchaft in des Zwerges Geſichtszügen, und ſie ward ihm:»Alfonſo,“ ſagte der bleiche Zwerg, »ich will nicht forſchen nach deinen nächtlichen Wegen, denn du biſt meiner Obhut entzogen, ſeitdem du dich mannbar bewieſen im Kriege; aber warnen muß ich dich vor deinem traumhaften Leben bey Tag und bey Nacht, denn was und wie der Menſch außer ſeinem Bette träumt, iſt nicht gleichgültig der Folgen wegen, und jeder Traum, der Handlung wird, iſt ein Samenkorn zu guter oder ſchlimmer Ernte. Der Graf von Gaſerta hat eine grauſenvolle Nachricht aus ſeirker villa modica 6* 124„ erhalten, und ſie in Neapel verbreitet.“— Alfonſo ſtand bleich;„Die Peſt,“ rief er aus,„ich weiß es iſt dort ausgebrochen.“—„Du weißt nicht alles,“entgeg⸗ nete Vendramin,„Beatrice iſt ihr erſtes unſchuldiges Opfer geworden, dir verzeihend iſt ſie verſchieden; vor⸗ geſtern war der Jahrstag deiner Verlabung mit ihr, die mit ſo ſchmerzlicher Scheidung geendet hat. Bea⸗ trice feyerte das Andenken an dieſen Tag damit, daß ſie ihr Brautgewand anzog, ihr Zimmer feſtlich erleuch⸗ tete, und ſich einem Spiegel gegenüber ſetzte, um ihre verblichene Schönheit, nicht dich, den ſie liebend ent⸗ ſchuldigte, der Schuld an ihrem Mißgeſchicke anzukla⸗ gen. In der ſtillen Gedächtnißfeyer des kurzen Trau⸗ mes vom Liebesglücke ſiel ihr Blick auf einen Ring, den ſie von dir erhalten, und der wie ſie meinte deine Haare verſchloß.“—„Herr der Wahrheit,“ rief Alfonſo ent⸗ ſetzt,„dieſe Lüge, die erſte in meinem Leben, war eine Lüge der Liebe— Sie verlangte nach einer Feile, öff⸗ nete die Kapſel am Ringe und nachdem ſie die Haare darin geküßt hatte, legte ſie von den ihrigen hinzu, und blickte ſchmerzhaft nachdem Sinnbilde der vereitelten Vereinigung mit dir. Sie legte den Ring bey Seite, um ihn am folgenden Tage wieder verlöthen zu laſſen; aber bald fühlte ſie ihr Haupt von brennender Hitze umzogen, ihre Lippen zitterten, und bekannten ſtam⸗ 125 melnd ihren Frauen, die hinzukamen, die Schuld je⸗ nes erſten Kuſſes auf die Haare des Geliebten;— in wenigen Stunden war ſie wie Roſa, deren Haare ſie an ihre Lippen geführt hatte, verpeſtet, und der Tod ſetzte ihrem Leiden ein Ziel. Eine ihrer Frauen entwich von dem Schmerzenlager Beatricens, und brachte die Kunde des Vorfalls an Caſerta. Er ſchilt dich einen Vergifter des Lebens ſeiner Schweſter, wenn er ſich gleich den Hergang nicht erklären kann, wie wir Beyde. Kläre ihn nicht auf darüber, des Himmels Hand hat hier gewaltet— ſey nicht betrübt; ſie hat geendet, wie ihr vorgezeichnet geweſen. Lerne aber, wohin der Wahn der Liebe führt; jener Ring, das vergeudete, verder⸗ benſchwangere Andenken an eine Unglückliche gabſt du einer Glücklichen, ohne ſie aufzuklären über ſeinen grau⸗ ſenhaften Inhalt, ein furchtbares Sinnbild des Ge⸗ ſchenkes der Liebe ſelbſt, das der Leichtſinnige einer Un⸗ erfahrnen anbiethet. Wie dich das Schickſal täuſchte mit Beatricen, haſt du die ärmſte getäuſcht, den Tod ihr gegeben, die ſich das Leben von dir verſprach.“ Alfonſo brauchte alle Kraft ſeines Gemüthes, um ſich der Ver⸗ zweiflung zu entwinden; die verpeſtete Villa rothſtrah⸗ lend im Kranze der lodernden Feuer, die ihn von dem Sarge Beatrioens abſchnitten, ſtand im Bilde vor ihm, und er blickte ſie mit ſtarrem Auge an, wie der leicht⸗ ſinnige Knabe, der mit flackernder Fackel des Nachts durch ein blumiges Thal gezogen, mit unnennbarem Grauſen vom Gipfel des Berges ein aufbrennendes Dorf gewahrt, an deſſen Strohdächern er unvorſichtig vor⸗ beygeſprungen;— die verderbliche Fackel brannte noch in Alfonſo's Bruſt,— zu ſpät erkannte er die Unbe⸗ ſonnenheit jugendlicher Liebe, und daß ſie es war, die ihn Beatricen das lügenhafte Geſchenk des Ringes ſeiner Roſa machen hieß.„Bedecke deine Schuld, wie der Himmel es thut,“ ſagte Vendramin,„mit der Nacht des Schweigens; die Wolke antwortet nicht, wenn du ſie fragſt, warum ſie den Blitz geſchleudert auf ei⸗ nen Wanderer?*—„Aber,“ ſagte Alfonſo,„wir Menſchen erkennen an der Leiche, daß Einer gemor⸗ det worden, doch laß mich zur Wolke werden, ich will ſchweigen, und ein Sturm zerſchelle mich am Grab⸗ mahle Beatricens.“ Eine ſüße Ahnung des Zurückſinkens an die Bruſt des ewigen Gottes, deſſen Hauch dem Geiſte des erſten Menſchen das endliche Daſeyn gab, drückt ſich in dem Gedanken aus, mit dem wir unwillkührlich den abge⸗ ſchiedenen Seelen unſerer Lieben, Allwiſſenheit beymeſ⸗ ſen. Der Gedanke allein, daß Beatrice befreyt von den Feſſeln der Erde ſeine Schuldloſigkeit an ihrem Leiden hiernieden erkenne, richtete Alfonſo nach der erſten ſtür⸗ v 127 miſchen Aufregung ſeines Gemüthes zu ruhigerer Faſſung auf. Der Drang in uns, auch von den Lebenden erkannt zu werden in unſerem wahren Seyn bey dem drücken⸗ den Scheine des Unrechts, hieß Alfonſo ſeinen Vater in das Geheimniß des Untergangs Beatricens einweihen. Ruggiano,tief ergriffen von dem ſeltſamen Geſchicke der Unglücklichen, hielt ſeinen Sohn nur durch die dringend⸗ ſten Vorſtellungen von dem Vorſatze ab, auch Caſerta in dieß unſelige Geheimniß einzuweihen; er kannte die lei⸗ denſchaftliche, zum Haß leicht entzündbare Gemüthsart ſeiner Landsleute zu wohl, um nicht den Keim neuen Un⸗ heils in dem überſpannten Vorſatze Alfonſo's zu ſol⸗ chem Geſtändniſſe zu erblicken. Alfonſo ſich freyer fühlend vor dem Blicke ſeines Vaters, wollte dieſem nicht halb nur ſein Herz eröffnet haben, und bekannte ihm ſeine Liebe zu Seſſa's Tochter. Bey aller Liebe zu ſeinem einzigen Sohne fühlte ſich Ruggiano durch dieſe Eröffnung tief entrüſtet. Der Verräther Seſſa, der meuchlings nach ſeinem Leben ge⸗ trachtet, der raſtloſe Gegner der Sache ſeines Herrn, dem er mit ſchwärmeriſcher Ergebenheit anhing, ſtand an ſeinen Sohn gekettet durch zarte Bande vor Ruggiano's Seele. Der Widerſpruch dieſes Bildes mit den Hoffnun⸗ gen, die er für ſeines Hauſes Ehre und für die Wahl einer Gattinn für ſeinen Sohn bisher, gehegt hatte, war zu grell und zu überraſchend für Nuggiano; doch nicht gewohnt, ſchnell zu entſcheiden, oder den erſten Eindrü⸗ cken blindlings nachzugeben, war er froh, als ihn in die⸗ ſem Augenblicke ein Bothe zum Könige beſchied. Er brach auf, und ſagte Alfonſo ſcheidend nur die Worte: „gedenke deines Ruhms, und deiner Ehre, opfere ſie „nicht der Liebe, von der du ſo eben erfahren, daß wir „oft ohne es zu wiſſen durch ſie mit Andern ſpielen, „öfters aber noch ihr Spielball werden.“ In der Abweſenheit ſeines Vaters ſuchte Alfonſo den alten Vendramin über die Nichtigkeit äußerer Güter zu belehren und zu beweiſen, daß nur das Herz die wahre Welt des Menſchen, Alles Uebrige eitler Tand der Träu⸗ me ſey, welche die klügſten Menſchen bey Tage außer dem Bette haben, womit er auf Vendramins Warnung zielte, den Träumen ihr wahres Gebieth anzuweiſen. „Ich habe mich berühmt gemacht in Neapel,— doch was iſt aller Ruhm, alle Größe auf Erden, wo ein Zeitmoment den andern haſtig verſchlingt, und das kom⸗ mende Geſchlecht, die Sprache des Vorangegangenen auf den Leichenſteinen berühmter Männer ſo wenig verſteht, als wir die Keilſchriften auf den Felſen bey Perſepolis entziffern. Schreibt immerhin berühmte Bücher, ſtellt ſie auf in den Prunkſälen der geiſtigen Eitelkeit, errichtet Beinhäuſer auf den Schlachtfeldern 129 als Siegstrophäen, und ſteinerne Pyramiden über die im Frieden zum Tode gereiften Leiber; ein Komet kehrt vielleicht alle dieſe Herrlichkeiten mit ſeinem Feuerbe⸗ ſen in einen Winkel der Erde als ein armſeliges Aſchen⸗ häuflein zuſammen, und ein neues Menſchengeſchlecht geht ſtolz und unwiſſender als unſere Dorfknaben über den Staub der Cäſare und Dſchengiskhane und ſo vieler eingebildeter Größe ahnungslos hinüber. Nichts iſt unendlich als Gott, nichts Größeres im Menſchen, als der Gedanke an den einzig Großen, der ſich in des Menſchen Seele wenn ſie liebt am ſichtbarſten und wie die rieſige Sonne im kleinſten Tropfen farbig hell und wärmend abſpiegelt— 8 laßt mir darum meine Liebe, das Uebrige will ich euch gönnen.“—„Deine Liebe,“ fagte Vendramin lächelnd,„mag farbig und wärmend ſeyn, aber hell iſt ſie noch nicht— wie könnteſt du kräftiger anſpruchvoller Mann mir altem Zwerge 6 e Zwergenweisheit vortragen, die du mir wohl abgehört, doch dir nicht eigen gemacht haſt, was der Fall wäre, wenn du alt und ein Zwerg und nur der Hintergrund eines fremden Lebens gleich wie ich für das Deinige zu ſeyn beſtimmt wäreſt, und wenn du die Liebe, die nur eine Dienerinn der Seele zu guten Thaten des Men⸗ ſchen ſeyn ſoll, nicht mehr als Alleinherrinn der Welt sufſtellteſt. Ich wag' es nicht zwiſchen dich und deinen „ 130 Vater zu treten; Seſſa iſt eine furchtbare Woge, die das Schiff ſeines Lebens und Glückes mehr als ein Mahl bedroht hat, daher ſein Abſcheu vor dem Ocean aus dem ſie ſich emporgehoben— vielleicht aber läßt er ſich doch belehren, daß ein einzelner Becher voll Waſ⸗ ſer aus der dunkelgrünen See dem Quellwaſſer gleich, kryſtallhell erſcheinen darf, und einen ſolchen Becher nur willſt du ja aus dem Meere ſchöpfen, dem er gram geworden, und das vielleicht ſelbſt ruhig wird, wenn ſich der Sturm erſt leget, und die Sonne unumwölkt hin⸗ einblicket.“ Alfonſo verſtand beſchämt das Gleichniß des Zwerges und den wahren Troſt, den es zum Spott ſeiner jugendlichen Scheinphiloſophie, die Alles nieder⸗ warf um Eines zu retten, in ſich faßte; gerührt und geſtärkt neigte er ſich an des Pygmäen Bruſt, der nur lächeln konnte, wenn er die Rieſen um ſich herum wei⸗ nen machte. Alfonſo las in den Blicken ſeines Vaters nachdem dieſer vom Könige zurückgekehrt war, den Ausdruck einer wichtigen Nachricht, die noch nicht völlig reif ſchien zur Offenkundigkeit. Nach einigem Ueberlegen mit ſich ſelbſt, eroffnete Nuggiano ſeinem Sohne, daß der Hof den gefangenen unruhigen Großen volle Verzeihung geſchenkt und beſchloſſen habe, daß der neue Bund aller bisher geſpaltenen Pateyen im Reiche durch die Vermäh⸗ 131 lung einer Nichte des Königs der Prinzeſſinn von Amaſfi mit dem Sohne des Grafen von Sarno eines der bisherigen Bundesgenoſſen Seſſa's zum ewigen Frie⸗ den beſiegelt werden ſolle.»Mein Sohn' ſagte Ruggiano zu Alfonſo,„das Opfer meiner Ehre und meines recht⸗ lichen Sinnes konnte ich deiner Liebe nicht bringen, doch wo der König verzeiht, darf Ruggiano nicht zu⸗ rückbleiben, und meinen gerechten Abſcheu vor jenem Seſſa, will ich dir jetzt gerne opfern;— den Frieden des Landes nur habe ich ſtets geſucht, und daß meine Verfolgung Seſſa's nicht perſönliche Rache geweſen, beweiſe meine Einwilligung zu deiner Vermählung mit Giuſtinen; werde glücklich— aber klage mich nicht an, falls du es nicht werden ſollteſt.“— Alfonſo fiel ſeinem Vater zu Füßen, und bedeckte deſſen Hand mit den Feuer⸗ küſſen kindlichen Dankes. Der plötzliche Wechſel in der Geſtaltung aller äußern Verhältniſſe brachte Alfonſo's innere Welt, die eine Traumwelt bisher geweſen, und nun⸗ mehr wie durch einen Zauberſchlag zur Wirklichkeit ward, beynahe zum Zweifeln an ſich ſelbſt. Er eilte fort aus dem Pallaſte die Beſtätigung, daß ſein Glück kein Traumbild mehr ſey, in Giuſtinens Augen zu leſen, und der Erſte zu ſeyn mit der frohen Nachricht von ihres Vaters Befreyung. Es war zum erſten Mahle, daß Alfonſo bey hellem 6 152 Tage den Weg nach der Villa am Poſilipp einſchlug. Der Iubel des Volkes auf den Straßen feyerte im Voraus das Feſt des Friedens und der allgemeinen Ausſöhnung, nachdem des Königs Gnade keinen Feind im Lande mehr erkennen wollte Heiter wie der Tag flog Alfonſo dem Aufenthalte der Geliebten entgegen, aber er fand Giuſtinen den hellen Stern ſeiner letzten Nächte von dü⸗ ſterem Trauergewölke umflort. Befremdet darüber, hoffte Alfonſo allen Kummer mit einem Worte aus der Gelieb⸗ ten Seele zu verſcheuchen.„Dein Vater iſt frey, der König hat ihm vergeben,“ redete er Giuſtinen an.— »Ich weiß es,“— war die kalte Antwort—„Caſerta hat mir die Nachricht davon gebracht.“ Der Nahme Gaſerta's durchfuhr Alfonſo's Gemüth mit eiſigem Schauer, Beatricens Schatten ſchwebte vor ihm, der ſich glücklich fühlen wollte ohne ſie, Caſerta drohte ihm als der Rächer ſeiner Schweſter; ohne reden zu können, ſtand Alfonſo eine Weile vor Giuſtinen. Endlich brach dieſe das Schweigen:»Ich weiß, was dich verwirrt Al⸗ onſo, du warſt nicht aufrichtig gegen mich, und haſt mir deine frühere Liebe zu Beatriecen nicht entdeckt, doch du wollteſt mich nicht betrüben, ſo lange jene lebte. Caſerta hat mir alles eröffnet, er klagt dich als den Mörder ſeiner Schweſter an, er haßt dich und bitterer wird er dich verfolgen, wenn er erfährt, daß du um meine * 133 Hand wirbſt. Wiſſe, kaum als du das letzte Mahl mich verlaſſen hatteſt, trat ein Mann in unſere Villa ein, der ſich mir als Caſerta ankündigte. Er geſtand, daß er ſeit lange nach meinem Beſitze trachte, und daß mein Vater,— weh, daß ich dir es ſagen muß, ihm ſchon vor zwey Jahren, um ihn für ſeine Pläne zu gewinnen, meine Hand förmlich verſprochen, und nur mein jugend⸗ liches Alter vorgeſchützet habe, nicht damahls ſchon mich mit ihm zu verbinden. Jetzt macht er meines Vaters Wort für ſich geltend; er verſprach mir, die Freyheit meines Vaters zu erwirken, er drohte mir, wollte ich ſeine Liebe nicht erwiedern, mit dem unvermeidlichen Untergange unſeres Hauſes—— ich blieb ſtandhaft, dir getreu bey Verſprechung und Drohworten, ich ver⸗ traute auf Gott und dich; da ahnte Caſerta, der kein Neuling in der Welt ſcheint, meines Herzens wahren Zuſtand; vihr liebt,“ ſprach er zu mir,»doch hüthet euch den Mann zu lieben, den ich heute in der Nähe eurer Villa erblickte,“ und er ſchilderte dich Alfonſo mit den ſchwärzeſten Farben. Es war die erſte Verſtellung mei⸗ nes Gemüthes, die verhinderte, daß ich dich und mich nicht an deinen Feind verrieth. Er verließ mich damahls erzürnt, und brachte mir heute die Nachricht von meines Vaters Freyheit in der Hoffnung, daß mich die Freude zu günſtigerer Geſinnung für ihn ſtimmen ſollte— aber 134— er verrechnete ſich. Er ſchied erbittert und drohte von meinem Vater die Erfüllung eines alten Verſprechens zu erzwingen.“ Während Alfonſo eine Fügung des Himmels darin erkannte, daß Caſerta, ſeinen verbothenen Weg zu Ben⸗ tricen beſtrafend, jetzt ſeiner beglückten Liebe als dop⸗ pelter Gegner in den Weg treten durfte, und Giuſtina in der Hoffnung auf ihres Vaters Dankbarkeit ihn zu beruhigen bemüht war, langte Seſſa aus ſeinem Ge⸗ fängniſſe in dem Landhauſe an. Wie manche herbe Frucht des Herbſtes zu ſüßem Lagerobſte, reifet das rauhe Herz des Menſchen nicht ſelten auf dem Stroh des Ker⸗ kers zu milderer Geſinnung. Auch Seſſa war im Gefäng⸗ niſſe zu geordneterer Beſonnenheit, und wenn nicht zu vollendet rechtlicher doch zu einer klügeren Offenheit in ſeiner Handlungsweiſe gelangt, als die klügſte Ver⸗ ſchlagenheit zu erheucheln vermag.„Das Verſprechen dei⸗ ner Hand an Caſerta,“ ſprach er zu Giuſtinen,„kann bey deiner Weigerung nicht mehr beſtehen; ich begebe mich eines Rechtes, das im Grunde jederzeit auf deine Ein⸗ willigung bedingt war, Caſerta wird es nicht wagen, darum einen Gewaltſtreich gegen mich zu führen, er wür⸗ de als der erſte Verletzer des Landfriedens erſcheinen, und dazu iſt er nicht leichtſinnig genug; ich habe große Verpflichtungen gegen Alfonſo, er hat mein Leben ge⸗ * 135— ſchont, und ſöhnt mich mit ſeinem Vater aus, von dem mich alter Groll geſchieden. Sey beglückt durch ſeinen Beſitz.— Feinde hat jeder Menſch, möchtet ihr Caſerta als den eurigen nicht ſcheuen, Alfonſo iſt ein wackerer Kriegs⸗ held, und das Siegel jedes Entſchluſſes iſt der Muth ihn auszuführen.“ Mit dieſen Worten vereinigte Seſſa zwey Liebende, die ſich in der getrübteſten Zeit ihres Hoffens näher geſtanden als in dem Augenblicke der Er⸗ füllung ihrer Wünſche. Aus den vielen damahls nur ge⸗ ahnten Hinderniſſen trat nun eines als wirklich zwiſchen ſie, und das menſchliche Herz, welches die geträumten Feinde ſiegreich im Gedanken bekämpft, genießet halb nur das erreichte Glück unter den Augen eines entſchie⸗ denen Neiders. Fröhliche Gelage und Volksfeſte gingen der feyerli⸗ chen Vermählung der Prinzeſſinn von Amalfi mit dem Grafen von Sarno voran. Der alte Zwieſpalt unter den Großen des Reiches ſchien vergeſſen, und wer Rug⸗ giano mit Seſſa an demſelben Tiſche und Ruggiano's Sohn mit Seſſa's Tochter als ein glückliches Braut⸗ paar erblickte, zweifelte faſt an der Sage von dem tödi⸗ lichen Haſſe der einſt beyde Häuſer zu blutigen Fehden gegeneinander gerüſtet hatte. Die Vermählung Alfon⸗ ſo's mit der Tochter Seſſa's war, wie manche ähnliche Verbindung von Liebenden, welche die Feindſchaft der 2 * — 136— Väter bisher unerbittlich geſchieden hatte, auf den Hoch⸗ zeitstag der Prinzeſſinn von Amalfi verſchoben. Ca⸗ ſerta, der ſich nur wenig öffentlich ſehen ließ, vermied Alfonſo's Nähe, aber ſein düſterer Blick, der in allen Verſammlungen der ausgeſöhnten Edlen Verräther zu ſuchen ſchien, ſein geheimnißvolles, zurückhaltendes Be⸗ tragen blieb eine unerfreuliche Erſcheinung in der Zeit der allgemeinen Freude. Alfonſo mied auch ſeinerſeits jede Begegnung mit Caſerta, deſſen Züge ihn quälend an Beatricen erinnerten. Am Abende vor dem glänzenden Hochzeitsfeſte in der Königsburg ging Alfonſo in Begleitung Giuſtinens und ſeines Vaters an den Strand des Meeres hinaus, um die Fremden, welche das Feſt aus ganz Italien nach der Hauptſtadt zog, landen zu ſehen. Das frohe Ge⸗ wühl der dommenden und der Erwartenden am Ufer, die freundſchaftlichen Begrüßungen zwiſchen ſich wieder⸗ findenden Jugendfreunden, dieſe Vorfeyer des ſchönen Feſtes der Vereinigung, welches am kommenden Tage be⸗ gangen werden ſollte, ſtimmte ſeltſam zu dem trübſin⸗ nigen Geſichte eines Mannes, der zwar jugendlich von“ Antlitz aber mit langem weißen Barte durch das Git⸗ ter eines Thurms am Strande in das bunte Menſchen⸗ gewühl ged dankenvoll hinausſtarrte. Die ſinkende Sonne röthete eben des Mannes Antlitz und erfüllte den Ker⸗ „. — 137 ker im Hintergrunde mit goldenem Lichte, als Giu⸗ ſtinens Auge ihn erblickte. Der Anblick des ehrwür⸗ digen Gefangenen rührte das theilnehmende Herz der Braut, die den einzigen Unglücklichen im Kreiſe ſo vie⸗ ler Glücklichen nicht ohne Thränen ſchauen konnte.„Der dort hinter dem Gitter iſt Zizim,“ ſagte Ruggiano,„ein Bruder des Türkenſultans Baiazeth— er entfloh ſei⸗ nem Vaterlande wo ihn ſein Bruder, wie es dort mit den Brüdern der Sultane nicht ſelten geſchieht, tödten laſſen wollte, weil er beliebt war bey dem Kriegsvolke das ihn zum Führer verlangte; die Venezianer ſingen ihn auf, als er dem Dolche ſeines Bruders entfloh, und er war ihnen lange eine Waffe gegen Bajazeth, bis er uns im letzten Frieden mit der Republik zu demſelben Zwecke von dem Dogen ausgeliefert ward; ſeitdem lebt er in dieſem Caſtelle zwar gefangen, aber in behaglicher Ruhe; er hat die italieniſche Sprache erlernt, und iſt ein unſchädlicher Schwärmer, der artige Lieder ſingt, zu denen er den Stoff aus ſeinem Vaterlande mitge⸗ bracht hat,— laßt uns zu ihm⸗hineingehen, der Ca⸗ ſtellan iſt mein Freund, und Zizim iſt erfreut, wenn ihm Aufmerkſamkeit bewieſen wird.“— Giuſtina und Alfonſo folgten Ruggiano mit ſeltſamen Gefühlen in das finſtere Caſtell, den Mann zu ſehen, der nur leben und kräftig ſeyn durfte, um mit Leben und Kraft einem 138 Feinde furchtbar zu bleiben, ohne das Leben genießen und ſeine Kraft äußern zu dürfen. Der Anblick eines Brautpaars ergriff den, trotz ſeiner früh erbleichten Haare, jugendlich feurigen Zizim nicht weniger, als ſich das Brautpaar von der orientaliſchen Pracht, mit der das Gefängniß Zizims ausgeſchmückt war, und von dem Ehrfurcht gebiethenden Anſtande des Gefangenen überraſcht fühlten. Er ſprach wenig über ſein Geſchick und brach in keine Klagen aus, nur darüber äußerte er ein Wehgefühl, daß ſeines Kerkers Fenſter nicht gegen Mekka gerichtet waren, und daß er auf die Kerkerthüre, die ſich nicht öffnete, und nicht ins Freye ſehen durfte, wenn er bethete:„Die Sonne geht vielleicht einmahl in Weſten auf,“ ſagt er mit bitterm Lächeln;„Alles geht ſo lange im Kreiſe bis es einmahl umkehrt, warum nicht auch die Sonne? die Tage werden Nacht, wie ſo manche Träume des Menſchen zur Wirklichkeit, und manche angenommene Wahrheiten zu Hirngeſpinnſten werden.— Laßt euch ein Lied vorſingen liebe Braut⸗ leute, vom glücklichen Schach, und gedenket meiner, wenn ihr des Schachs gedenken ſolltet,“— er ergriff ſeine Harfe und ſang: Es lebt' ein Schach ſ Palmenland, Der Glückliche war er zubenannt, Und traun! man nannt' ihn nicht ſo zum Hohne: * Ein treues liebliches Weib war ſein, Im Demantbecher perlt' ihm der Wein, Feſt ſaß ihm am Haupt der Väter Krone. Drum war ihm vor Allem lieb und werth⸗ Der Becher vom Ahnherrn ihm verehrt, Das Weib, das liebend er ſich erkoren, Die Krone, blitzend durchs weite Reich; So lebt' er den ew'gen Göttern gleich In dieſe herrliche Drey verloren. Einſt ſchaute der Schach im böſen Traum Zerronnen ſeines Glückes Schaum⸗ Ein Knochenhaupt lag an ſeiner Lippe, Verdrängte der Gattinn ſüßen Mund, Sein Vecher zerſprang, der Krone Rund Riß von den Schläfen ihm ein Gerippe. Das grauſe Geſicht den Schach erweckt, Er hebt ſich vom Lager tief erſchreckt, Bald ſieht er, daß ihn die Nacht belogen, Sein Liebchen mit roſiger Wange träumt, Der Demantbecher vom Weine ſchäumt, Und keine Gefahr ſein Reich umzogen. Er lacht am Morgen des Spiels der Nacht; Bald iſt die Geliebte aufgewacht, Bald ſpielt er mit ihren ſchönen Haaren; Er liebet und trinkt und herrſcht beglückt, Und lacht des Traumes, der ihn berückt, Durch eine Reihe von ſel'gen Jahren. — 140— Doch als er einſt nach dem Becher griff Zerſprang der, bald ſein Weibchen entſchlief, Vom Throne jagten ihn fremde Scharen Jetzt aus dem Taumel des Glücks erwacht, Ward dieſes ihm ein Betrug der Nacht Zur Wahrheit, was er im Traum' erfahren; Er war nun der Aermſte im Palmenland, Der Unglückſeligſte ward er genannt; Nackt lag er am ſchattigen Todtenbaume, Und ſtöhnte tiefſeufzend vor ſich hin: „Geträumt hab'ich als ich glücklich ſchien; Die Wahrheit ſah ich im Fiebertraume!“ „Auch ich habe geträumt, wie der Schach im Pal⸗ menlande,“ ſagte Zizim mit feuchtem Auge,„nichts er⸗ innert mich an meines Glückes Traum, als dieſer lange zeitlich graue Bart, bey dem ich meine erſte Liebe ge⸗ ſchworen, die meine letzte bleiben ſoll; doch ſoll er mich nicht länger an einen Traum erinnern, noch heute wird er mir abgenommen; an dieſer Wand ſoll er hängen, ein wehender Schatten meines verwehten früheren Da⸗ ſeyns, unbärtig will ich mich als neu geboren in Europa fortan betrachten. Seht euch umher in dieſem Kerker, ein Gefangener bewohnt ihn, der nichts verbrochen,— morgen vielleicht wird er zum Prunkgemache eines Ver⸗ brechers eingerichtet, den man nicht beſtrafen darf—— Widerſprüche und Gegenſätze bilden die Welt, und der * 141 Traum iſt auch etwas, weil er iſt——— und die Liebe iſt darum nicht minder etwas wirkliches, weil ſie des Traums Gewänder trägt—— auch mir hat ſie einſt ihren Zaubermantel umgeworfen,—— nur der lange Bart erinnert mich an meine aſiatiſche Liebe,— doch weg mit ihm— heute noch—— du weinſt holde Braut, wohlan! iſt dieſer Bart nicht die Handhabe ei⸗ nes Traumes nur, den ich im Oſten gehabt, erinnere ich mich morgen als Europäer mit nacktem Geſichte noch an mein Leben und Lieben im Palmenlande, dann ſollſt du ein wunderſames Mährchen hören, auf daß es dich ins Brautgemach begleite als Wahrheit— kommt morgen liebe Brautleute, und Zizim wird euch vom Traume der Liebenden ein Mährchen erzählen, ihr mögt dann wählen, ob ihr träumen oder wachen wollet, aber kommt gewiß“——— Der Abend war hereinge⸗ brochen, der Kerkermeiſter raſſelte mit den Schlüſſeln an der Thüre;— Zizim erhielt das Verſprechen der Scheidenden ihn am kommenden Morgen mit dem Frü⸗ heſten zu beſuchen, um ſein Mährchen zu hören. Alfonſo fühlte ſich am Arme Giüuſtinens am Vor⸗ abende des Hochzeitstages zweyfach beglückt nach dem Anblicke des bis zur Geiſtesverwirrung geſunkenen in ſeinem Lebens- und Liebesglücke ſo tief geſtürzten Zi⸗ zims; da ging unfern vom Caſtell am Meere Caſerta — 1½2—— dem einige Wachen folgten, an ihm vorüber; der kalte Blick ſeines Gegners bohrte ſich ſchmerzhaft in dieſem Augenblicke in Alfonſo's Herz, und die ſchmelzenden Parfentöne aus Zizims Kerker an ſein Ohr hallend, überredeten ihn jetzt, mit melancholiſcher Erinnerung an den Sang vom glücklichen Schach, daß der Geiſteskranke Aſiate wohl nicht mit Unrecht alles Glück auf Erden den Träumen gleichſtellte. Ein heiterer Frühlingsmorgen erweckte die Stadt zur Feyer des erwarteten Tages der Vermählung der Prinzeſſinn von Amalfi mit dem Grafen von Sarnv. Am Abende erſt ſollte die Trauung vollzogen, und des Nachts ein Tanzfeſt in der Königsburg begangen wer⸗ den. Wie der Lenz die ganze Bucht von Neapel in einen üppig blühenden Garten, ſo hatte des Königs Freyge⸗ bigkeit die Stadt und ihre nächſten Umgebungen in einen offenen Luſtort und den feyerlichen Tag in ein unun⸗ terbrochenes Freudenfeſt verwandelt. Durch alle Gaſſen ertönte Muſik, und das Volk erluſtigte ſich mit Wett⸗ laufen und Scheibenwerfen, mit Tanz und Geſang und offenen Gelagen. Ein Vertrauter des König berief Rug⸗ giano den Vater am frühen Morgen in den Königs⸗ pallaſt. Alfonſo benützte mit ſeiner Braut einen Spazier⸗ gang an den Hafen, wo leichte Kähne mit farbigen Wimpeln nach einem Ziele um die Wette ruderten, zu * einem Beſuche bey Zizim, um das verſprochene Mähr⸗ chen vom Liebestraume zu hören. Als er eintrat in das Caſtell, fand er den Kerker Zizims geöffnet, der Sän⸗ ger von geſtern ſaß mit jugendlich lächelndem aber blei⸗ chem Antlitze auf einem Polſter an die Mauer gelehnt, die geſchloſſenen Augen nach der geöffneten Thüre und gegen Mekka gerichtet. An der Wand wehte der Schatten ſeines verhauchten Daſeyns, der graue Bart aus dem Morgen⸗ lande. Zizim war todt; er hatte recht gehabt, als er an ſeinen Bart die Erinnerung an ſein früheres Leben knüpfte: mit dem Barte war Crinnerung und Leben dahin, denn, wie Alfonſo erfuhr, ein liſtiger Venezianer im blutigen geheimen Dienſte der auf Neapel eiferſüch⸗ tigen Republik hatte das Geſchäft des Bartabnehmens bey Zizim mit einem vergifteten Meſſer übernommen, und war nach der That entflohen. Die Spuren des Gifts waren in Zizims Geſichte. Das Mährchen des Aermſten blieb unerzählt, aber Alfonſo und Ginſtina la⸗ ſen es deutlich in dem freundlichen Antlitze des Todten, der ſeine Liebe nicht überlebt zu haben glaubte, und ſterben zu müſſen wähnte, mit dem Verluſte des grauen Vartes, bey dem er Liebe geſchworen, als dieſer noch ſchwarz geweſen. So war alles Täuſchung in Zizims Leben, und doch traurige Wahrheit, ein warnendes Beyſpiel für Alfonſo, der nur zu oft Traum und Täu⸗ — 144— ſchung in des Lebens wunderbaren Geſtaltungen ſuchte. Von unheimlichem Bangen ergriffen, ſchlich ſich das Brautpaar von dem ſchaurigen Todtenpolſter Zizims; der jubelvollen Brautnacht, die ihm bevorſtand, ging ein wehmuthsvoller Morgen an der Leiche eines Fremd⸗ lings voran, mit deſſen Leben das Schickſal wie mit einem Balle geſpielt hatte, auf daß es wie der rollende bunte Ball am Ende nur in unzugänglicher Tiefe zur . Nuhe komme von zweckloſem Schleudern durch die Lüfte. Wie die beginnende und wachſende Liebe nur in der Zukunft, die verblühte nur in der Vergangenheit lebt ſo vergißt das Herz, wenn es eben an das Ziel ſeiner heißeſten Wünſche gelangt, das Geſtern, des Morgens uneingedenk, und gibt ſich dem ſeligen Augenblicke völ⸗ lig hin, deſſen eigenthümlicher Reitz eben in dieſem Ver⸗ geſſen der Vergangenheit und der Zukunft liegt. So war auch in Giuſtinens und Alfonſo's Herzen, als ſie die prächtig erleuchtete Halle betraten, wo tauſend reich⸗ geſchmückte Gäſte auf⸗ und niederwogten, und die Prin⸗ zeſſinn von Amalfi am Arme ihres Bräutigams erwar⸗ teten, nicht Raum für irgend eine freudeſtörende Erin⸗ nerung aus der Vergangenheit. Ihre Vermählung ſollte jener des hohen Brautpaares noch in derſelben Nacht folgen; der Gedanke an das erreichte Ziel ihres Seh⸗ nens erfüllte die Bruſt der Liebenden mit Ausſchluß je⸗ „ ———— 145 der Sorge für die Zukunft. Alfonſo ſuchte ſeinen Va⸗ ter vergebens in dem Saale, er vermuthete ihn im Ge⸗ folge des Königs, der bald erſcheinen ſollte, und em⸗ pfand keine Unruhe. Ihn entzückte der Anblick ſo vieler Menſchen, die ſich vor Kurzem noch in ſtreng abgeſchloſ⸗ ſenen Parteyen feindlich gegenüber ſtanden, und nun zur Feyer eines ſchönen Friedensfeſtes Hand in Hand durch⸗ einander wallten. Dem freudetrunkenen Blicke Alfon⸗ ſo's entging eine unruhige Bewegung unter mehreren der Anweſenden, die vormahls als die Bäupter der Verbindung bekannt waren, welcher Seſſa angehörte. Der König und die hohe Braut blieben lange aus, und ein Abſondern der vorher durcheinander gefloſſenen Anwe⸗ ſenden nach den Farben ihrer alten Parteyen ward zu⸗ ſehends ſichtbär. Da trat Vendramin, der winzige Edel⸗ mann mit dem langen goldenen Degen an der Seite, zur Beluſtigung Vieler in den Saal;— er ging aufAl⸗ fonſo zu, dem des immer Gleichmüthigen Geſicht zum erſten Mahle einige Unruhe zu verrathen ſchien. Alfonſo fragte erſchreckt, was es gebe?»Nimm dieſe ſchwarze Schleife und binde ſie unbemerkt, wenn die Braut er⸗ ſcheint, an deinen linken Arm,—„in der Eile konnte ich keine andere Schleife finden; es iſt der Gürtel Bea⸗ trices Alfonſobetrachtete mit herzzerſchnei⸗ dender Empfindung den Gürtel, und fragte befremdet, II. Vand. 7 146 wozu dieß traurige Andenken auf dem Hochzeitsfeſte dienen ſolle?„Dein Leben zu retten und jenes deiner Braut—“ In dieſem Augenblicke trat die Prinzeſſinn mit dem Grafen von Sarno in den Saal, begleitet von flim⸗ merndem Gefolge; während aller Augen nach der Köni⸗ ginn des Feſtes gerichtet waren, bemerkte Alfonſo, daß Viele der Ritter ſchwarze Schleifen unter ihren Gewän⸗ dern hervorzogen und ihren linken Arm damit umwan⸗ den, mechaniſch that er ein Gleiches. Die Prinzeſſinn war kaum an eine zweyte bisher verſchloſſene Saal⸗ thüre getreten, als ſich dieſe aufthat; ein glänzendes Rebengemach ward ſichtbar, in dieſes traten die Prin⸗ zeſſinn und ihre Begleiter ein, den König, wie es hieß, zu erwarten; der Graf von Sarno mußte im Saale blei⸗ ben, die Prinzeſſinn aus des Königs Hand öffentlich zu erhalten. In dieſem Augenblicke der allgemeinen ge⸗ ſpannten Erwartung ſchloß ſich jene Thüre plötzlich mit einem gewaltigen Schlage; der Bräutigam ſtand ver⸗ legen vor der verſchloſſenen Thüre, die Kronleuchter, welche den Saal erhellten, erhoben ſichplötzlich mit Bli⸗ tzesſchnelle nach den Heffnungen in der Decke, wo ge⸗ ſchäftige Hände ſie ſchnell in die dunkeln Dachſtuben zo⸗ gen; die Ritter, welche ſchwarze Schleifen am Arme trugen, fielen über jene her, welche dieſes Abzeichen nicht an ſich hatten, und in der halbdunkeln Halle * — 147— begann ein furchtbares Gemetzel, Gewaffnete mit Fa⸗ ckeln drangen herein, und nahmen viele Wehrloſe ge⸗ fangen. Der prunkende Hochzeitsſaal ward zur Mör⸗ dergrube, das Wehgeſchrey der Fallenden, das Weinen der Weiber und der Töchter, übertäubte die Muſik, welche mit teufliſchem Höhnen auf den Muſikgerüſten fortlärmte; in dem ungewiſſen Lichte einiger Fackeln, welche die hereingedrungenen Bewaffneten bey ſich führ⸗ ten, traf auch mancher Schwarzbebänderte ſeinen Ver⸗ bündeten, und mancher von jenen, die da verfolgt wur⸗ den, durchſtach ſeinen Leidensgenoſſen unbarmherzig als ſeinen vermeintlichen Gegner; es war die Vermählung des Satans mit menſchlicher Blutdurſt und Hinterliſt, eine grauſenhafte Bluthochzeit, aus welcher der Um⸗ ſturz des Reiches hervorging. Alfonſo betäubt und ſeiner ſelbſt kaum mächtig, ſorgte nur für Giuſtinen, aber im Gewühle der Käm⸗ pfenden ward ſie plötzlich von ſeiner Seite gedrängt, — er verlor im Finſtern ihre Spur und fand ſie nicht wieder; ihr Vater Seſſa war gleichfalls verſchwun⸗ den——— verzweifelt wankte Alfonſo, der an Allem, was vorging, als Uneingeweihter keinen Antheil nehmen konnte, zum Saale hinaus. Die Schlacht wogte be⸗ reits durch die Straßen, allenthalben lagen Todte und Verſtümmelte— hier ſchleppte man Gefangene bey den — 7 — 148— Haaren nach den Kerkern, dort ſtieß man Weiber, die ſich an ihre Männer klammerten, um mit ihnen zu ſter⸗ ven, unerbittlich zu Boden;— der Veſuv drohte mit einer ſchwankenden Feuerruthe dem entarteten Geſchlechte und beleuchtete mit röthlichem Scheine die blutigen Sce⸗ nen, auf daß die nächtlichen Mörder vor ihren eigenen Unthaten zurückſchaudern möchten, umſonſt! die Feuer⸗ ruthe ward überſehen, und das Gemurre des Nachrich⸗ ters unter der Erde, der ein zum Untergange reifes Ge⸗ ſchlecht nicht ſelten ſchon ſtrafend verſchlungen hatte, ward überhört. Der Friede war eine Täuſchung gewe⸗ ſen, das Friedensfeſt ein Betrug, und der Krieg legte die freundliche Maske ab, die er nur getragen, um ſeine Feinde um ſo ſicherer an ſich zu locken und zu ver⸗ derben. Auf der Straße blickte Alfonſo ſchmerzlich zum Himmel empor, der volle Mond ſchwebte bleich über den Bergen im Oſten,—— die Empfindung, mit wel⸗ cher er den Mond im Schloſſe Ruggiano als Knabe in der Schreckensnacht der Schlacht von Otranto geſchaut hatte, lebte wieder auf in ſeiner Bruſt;— das feind⸗ liche Geſtirn, das ihn aus dem ruhigen Schlafe der Kindheit zu gräßlicher Schlachtſcene geweckt hatte, be⸗ leuchtete jetzt den Schauplatz ſeines nahmenloſen Jam⸗ mers, den Umſturz ſeines Lebenszieles, den Verluſt ſei⸗ ner Braut, und wie er wähnte, ſeines Vaters. Das * Widerſpiel ſeines Zuſtandes vor einer Stunde mit ſeinem gegenwärtigen war zu grell, der Sprung zwiſchen beyden ſo unerhört, daß er in Allem, was vorging, nur das Wiederaufleben des Wahns ſeiner Jünglingstage erkannte, der ihm damahls das Ge⸗ träumte oft für wahr halten ließ; die Wahrheit nahm Alfonſo jetzt für einen ſolchen lebhaften Traum, jenen Wahn bekämpfend;— der Traumgeber Mond ſchwebte vor ſeinen Augen, und in ſeinem Gemüthe mochte ja nur das Lied Zizims vom Schach, der ſich unglück⸗ lich träumte, wiederhallt haben.— Gedankenlos, des Schmerzes ſelbſt kaum fähig, wankte Alfonſo nach Hauſe; — er ſuchte ſein Lager auf mit gewohnter Ruhe in der ſtörriſchen Ueberzeugung, der Mond habe ihn aufgeweckt, wie oft in ſeiner Jugend, und er ſey in grauenvollem Traume durch die Stadt gewandelt; ein tiefer Schlaf zog einen undurchſichtigen Schleyer zwiſchen Alfonſo's Seele und die furchtbare Wirklichkeit; er war der Ein⸗ zige in Neapel, der in jener Nacht in des Schlafes Ar⸗ men lag. Er konnte an die Wahrheit ſeines Elends nicht glauben, das Ungeheure desſelben gab ihm die ſüße Täuſchung, daß es ein Traumbild ſey, wie umge⸗ kehrt mancher plötzlich überglücklich gewordene das Leben freywillig ſchon verlaſſen hat, das ihm nichts mehr ge⸗ währen kann, nachdem es Alles gewährt hat. 150 Die Geſchichte hat das grauenvolle Räthſel der Brautnacht Alfonſo's gelöſt. Zwar iſt nicht klar nachge⸗ wieſen, ob die unruhigen Großen des Reichs, mit de⸗ nen ſich Ferdinand verſöhnt zu haben ſchien, wirklich in einer abermahligen, geheimen verderblichen Verbin⸗ dung ſtanden, welche durch den Grafen von Caſerta bey Zeiten entdeckt worden ſeyn ſoll,— doch gewiß iſt es, daß Ferdinand die Gelegenheit der Verſammlung aller ſeiner Gegner benützt hat, um ſie durch den Schein völliger Ausſöhnung mit ihnen unbeſorgt zu machen und um ſo gewiſſer zu verderben. Caſerta leitete die Ausführung des entſetzlichen Plans mit dem bitterſten Grolle gegen Seſſa und Alfonſo; er ſtellte dem Hofe vor, daß Ruggiano der nunmehrige Verbündete Seſſa's und wahrſcheinliche Mitwiſſer um deſſen verbrecheriſches Vorhaben, nicht in das Geheimniß der Getreuen des Königs eingeweiht werden dürfe; nur mit Mühe er⸗ langten es wärmere Freunde Ruggiano's, daß er in das königliche Schloß berufen, und dort am Tage der Entſcheidung gefangen gehalten wurde, damit er Nichts verrathe aber auch nicht ſelbſt zu Grunde gehe. Ruggia⸗ no durfte erſt im letzten Augenblicke ſeinem Sohne das Abzeichen entdecken laſſen, das ihn von dem gewiſſen Unter⸗ gange in jener Nacht retten ſollte. Nur im Rücken Caſerta's, der Alfonſo als den Eidam Seſſa's ſonder „ 151 Scheu ſeiner Rache zu opfern gedachte, ohne ſelbſt den Todesſtreich führen zu müſſen, konnte Ruggiano dieſe Gunſt erwirken. Jene der verfolgten Edlen, welche, nicht im Kampfe für ihr Leben gefallen waren, wur⸗ den gefangen, in finſtere Kerker geſchleppt, und dort, weil man das Vorgeben einer gemeinſchädlichen Verbin⸗ dung unter ihnen als erwieſen annahm, ohne Verzöge⸗ rung erdroſſelt, ſo der Vater des Bräutigams Sarno, ſo der edle Petrucei, und die Grafen Carinola und Po⸗ likaſtro, ſo viele Andere. Die Rache Caſerta's hatte die Strafe Seſſa's einem Schauſpiele für das Volk von Neapel vorbehalten. Alfonſo erfuhr dieß Alles aus dem Munde ſeines Vaters, da er von einem ſchweren Traume erwacht zu ſeyn wähnte, als tödtende Wahrheit. Der ſchwarze Gürtel Beatricens, das Geſchenk ihrer Liebe hatte ihm das Leben gerettet, der ſie um das ihrige durch das verpeſtete Andenken betrogen hatte; mit tiefer Weh⸗ muth ergriff ihn dieſer Gedanke; er wand den Gürtel um ſeine Bruſt: auch auf dem zweyten Gange zum Traualtare, wie am Tage der Vermählung mit Bea⸗ tricen, war er ihm der Bürge für eine ſchaudervolle Wahrheit geworden. Seine Braut war verſchwunden. — Die Leichen der Gemordeten wurden auf Anordnung der Anſtifter der Bluthochzeit mit dem früheſten Mor⸗ 152 gen ins Meer verſenkt, um das Volk zu täuſchen über die blutige Ernte jener Nacht; Alfonſo ſuchte ſie al⸗ lenthalben vergebens, troſtlos durchirrte er den Schau⸗ platz des Wechſelmordes, die Prunkſäle des Pallaſtes, — auf Blut ſtieß er aller Orten, er durfte die ſchau⸗ rigen Fußſtapfen der Gemordeten, aber ihre Leiche nicht mehr finden; er ſtarrte verzweifelnd in den Oeean hin⸗ aus, der ſie verſchlungen haben mußte, und doch ſagte ihm eine geheime Ahnung, daß ſie lebe. Der letzte Fun⸗ ke von Hoffnung, daß ſie geraubt ſeyn mochte von Ca⸗ ſerta, gab ihm Lebensmuth, denn er ſcheute keinen Feind, wenn es gelten ſollte, Ginſtinen zu erringen. Auf den folgenden Tag war die Enthauptung Seſ⸗ ſa's anberaumt. Ein undurchdringliches Dunkel lag auf ſeiner und aller ſchon Gemordeten Schuld. Er bath Alfonſo den einzigen treuen Freund, den er auf Er⸗ den verließ, zu ſich in den Kerker, und nach der Sitte der Zeit erbath er ſich als Gnade die Begleitung ſeines gewählten Eidams auf das Schaffot. Der Tod, wenn er der Hoffnung zu leben keinen Raum, und doch dem Geiſte noch einige Zeit zur Sammlung geſtattet, iſt ein wahrer Zauberer, der die menſchliche Natur nicht ſelten in ihren Wurzeln erſchüttert, er iſt der Vorfrüh⸗ ling des neuen den Unſterblichen erwartenden Lebens⸗ lenzes. Er treibt Knoſpen im Geiſte des Menſchen noch * 153— auf Erden, die erſt in der Sonne eines neuen Him⸗ mels völlig aufzutreiben beſtimmt ſind. Das Gewitter des Lebens ſchließt mit kalter Wahrheit, und die Lei⸗ chenbläſſe der Sterbenden gleicht dann den Schneewol⸗ ken des Aprilmondes, welche über die Knoſpen dahin ziehen, die ſeine Sonnenblicke heranſchwellen ließen, de⸗ ren Heffnen jedoch der Mayſonne vorbehalten bleibt. Seſſa war weich geworden und ſanftmüthig; auf ſeinen Knien bath er Alfonſo, ihm die völlige Vergebung Rug⸗ giano's zu erwirken. Ruggiano verzieh, und mit Thrä⸗ nen der Rührung über das eigene umgewandelte Herz ließ Seſſa den heftigen Alfonſo einen heiligen Eid ſchwö⸗ ren, an Eaſerta den wahrſcheinlichen Tod der geliebten Tochter Giuſtina und den Henkerstod ihres Vaters nie⸗ mahls blutig zu rächen; mit Ueberwindung nur leiſtete Alfonſo den ſchönen Eid der Vergebung. Seſſa endete wie ein Gebeſſerter, wie ein Chriſt enden ſoll, der zwar ſchuldbelaſtet aber reuig und verſöhnt ein Leben verlaſſen muß, das er doch nicht verwirkt hat nach den menſchlichen Geſetzen. Er reichte Alfonſo die Hand, ehe er das Haupt auf den Block legte, und ſprach das ein⸗ zige Wort„Gedenke!“ ehe der Nachrichter den Todes⸗ ſtreich führte. Alfonſo war vernichtet, die leiſe Aehn⸗ lichkeit der Züge des fallenden Hauptes mit jenen der verlornen Braut ſchien ihm ein Spiel der Hölle, und nur mit äußerſter Gewalt gewann er es über ſich, ſei⸗ nem Eide treu, nicht jenen Caſerta zu vernichten, wel⸗ cher als der Urheber all der Gräuelſcenen jener Tage allgemein verabſcheuet wurde. Bald nach dem Ende Seſſa's wurde Alfonſo vor Gericht gerufen. Caſerta führte den Vorſitz; jener ſollte angeben, was das Geheimnißwort„Gedenke' aus dem Munde des ſterbenden Verräthers an ihn gerichtet, für einen Sinn habe. Mit ſchmerzvoll bitterm Lächeln ſagte Alfonſo:„Wohlan, Caſerta, weil ihr's denn wiſſen wollet, ſo höret: mit einem furchtbaren Eide habe ich Seſſa geſchworen, ſeinen Tod und jenen ſeiner Tochter, meiner Braut an euch nicht blutig zu rächen,— er traute meinem Schwure nur halb, und verſprach, mich in der Todesſtunde mit einem einzigen Worte daran zu erinnern, darum ſprach der Sterbende, euch vergebend, das große Wort eines Weiſen würdig:»Gedenke.“— Caſerta ſtand verwirrt, und viele ſeiner Genoſſen konnten ſich der Rührung nicht erwehren.— Alfonſo wurde entlaſſen, und als er nach Hauſe kam, fand er ſeinen Vater rei⸗ ſefertig. Ein ſtrenger Befehl verboth Ruggiano und ſei⸗ nem Sohne den ferneren Aufenthalt in Neapel, und ſie wurden auf ihre Beſitzungen in Apulien verwieſen. Bey⸗ de hatten in Neapel Alles verloren, was ihnen das Leben theuer machte, und konnten wenig in ſo grauen⸗ 155 vollen Tagen erwarten; ſie fügten ſich willig dem Be⸗ fehle, und ſchickten ſich zur Reiſe an. Ruggiano ließ den Zwergen Vendramin als Verwalter ſeines Pallaſtes und ſeiner Beſitzungen bey Neapel zurück, weil er ohnehin den Beſchwerden der Reiſe nicht mehr gewachſen war; Alfonſo aber hoffte von ihm die letzte Gewißheit über das Schickſal Giuſtinens zu erhalten, das bisher mit undurchdringlichem Dunkel überzogen war. Mit herz⸗ zerreiſſendem Wehgefühle ritt Alfonſo an der Seite ſei⸗ nes Vaters des Abends durch die Thore Neapels ſeiner Heimath wieder entgegen. Vendramin begleitete ſchwei⸗ gend die beyden, und verſprach Alfonſo Nachricht zu geben, wenn er über Giuſtinens Tod oder Leben Gewißheit erhalten würde.»Du biſt dem Leben feind geworden,“ ſprach Vendramin ſcheidend zu Alfonſo,„weil es dich ſo entſetzlich getäuſcht hat, du fliehſt den Schauplatz dei⸗ ner Leiden, nimm eine Lehre mit: traue der Kälte nicht, mit der dein Gemüth den Oeean all deiner ko⸗ chenden Wünſche und Anſprüche an das Leben mit einer Eis decke überzieht, wie eine kalte Nacht ſelbſt die Seen Italiens mit einer dünnen Kruſte überglaſet,— wage dich darum nicht hinüber über das trügeriſche Eis, ehe dei⸗ nes Lebens Sonne völlig zur untergehenden Polarſonne geworden, die am trüben Horizonte um das eigene Grab langer Nacht verglühend ſchleicht; meide die Gefahr,mit 156 falſchem Selbſtvertrauen in jenem Ocean unterzugehen; warte du am Ufer ruhig das Aufthauen der Eisfolie ab, um im leichten fröhlichen Nachen das Leben wieder zu beſchiffen nach Wunſch und Luſt. Nimm dieß Gleich⸗ niß auf den Weg von deinem alten Freunde Ven⸗ dramin.“ Während Alfonſo auf der einſamen Bergveſte Rug⸗ giano ſeine Tage in dumpfer Schwermuth dahin lebte, und bey Nacht in lebhaften Träumen das einzige Band⸗, das ihn an das freudenleere Leben knüpfte, die Hoffnung auf die Möglichkeit, daß Giuſtina noch nicht unter den Schatten wandle, mit immer ſtürmiſcherer Sehnſucht um ſein Herz ſchlang, zog über Neapel eine mährchen⸗ hafte Epoche dahin. Der grauſame arragoniſche Ferdi⸗ nand war bald nach dem letzten blutigen Gewaltſtreiche geſtorben, und während Alfons II. den Thron beſtieg, machte der iunge König von Frankreich Carl VIII. das Teſtament der Königinn Johanna, nach welchem Neapel an das Haus Anion fallen ſollte, deſſen Spröß⸗ ling er war, mit den Waffen wieder geltend. Aller Ei⸗ nigkeit und des Gemeinſinns nach den blutigen innern dämpfen ermangelnd erlag Neapel bald den Angriffen des jungen franzöſiſchen Königs, ohne ihnen widerſtan⸗ den zu haben. Im Triumphe war Carl ohne Schlacht durch Rom gezogen, triumphirend zog er in Neapel 157— ein, ohne geſiegt zu haben; das leichtſinnige Volk beugte ſich vor dem Eroberer mit unblutigem Schwerte, deſ⸗ ſen Ausſichten nach Byzanz ſtanden, welches er von Neapel aus einnehmen, und von dort die Türken ver⸗ jagen wollte. Aber nicht lange ruhte der breite Fuß des unförmlichen Zwergkönigs auf dem Throne Neapels. Sein Rückzug erfolgte bald und er war blutiger als ſein Eindringen. Alfons II. ſtarb als Mönch in Monto⸗ livet; Ferdinand li. beſtieg den Thron ſeiner Väter und die Franken ſahen bald von den Alpen zurück nach Italien als nach dem verlornen Paradieſe der kühnen Träume ihres irregeleiteten Königs. Die Vertreibung des gemeinſchaftlichen Feindes hatte wieder Einigkeit unter die Edlen Neapels ge⸗ bracht; die Zeit des grauſamen Ferdinands war ver⸗ geſſen, und eine neue Sonne glänzte über Neapel. Die in den letzten innern Stürmen verwieſenen Großen er⸗ hielten die Erlaubniß wieder zurück zu kehren. Das An⸗ denken an die Heldenthaten beyder Ruggiano lebte wie⸗ der auf, und auch ſie wurden, da der neue Herrſcher Männer von ihrem Kriegergeiſte und bewährtem treuen guten Sinne bedurfte, nach Neapel berufen. Ihr ein— ziger Gegner Caſerta befand ſich in den nördlichen Ge⸗ birgen des Reichs bey dem Heere, das den Reſt der w 158 vertriebenen Franken verfolgte, und die Gränzen des Landes zu vertheidigen beſtimmt war. Rührend war das Wiederſehen des alten Vendra⸗ min mit Ruggiano und Alfonſo. Er übergab mit ſicht⸗ parem Frohgefühle den Pallaſt und die Beſitzungen Ruggiano's nach treuer Verwaltung an dieſen.»Gebe ich dir nicht,“ ſprach er zu Alfonſo,„ein treues Bild alles Beſitzes auf Erden. Alle Welt und die Franken während ihres kurzen Aufenthaltes im Lande hielten mich für den Eigenthümer der Reichthümer deines Va⸗ ters, die ich doch nur zu verwalten hatte; mancher lachte, wie das launiſche Glück einem ſo kleinen Manne ſo große Beſitzthümer zugewieſen habe; ich lachte mit, denn ich wußte wohl, daß mir Alles nur geliehen war, und jetzt ſtelle ich Alles nach treuer Verwaltung willig an deinen Vater zurück; aber auch er wird, auch du wirſt zurückſtellen müſſen, was euch geliehen ward; und wie mit dieſem Pallaſte und euren Villen, ſo ver⸗ hält es ſich mit Allem. Lieber Alfonſo, dein Auge iſt zwar ruhiger aber nicht heiter geworden; ich weiß du betrauerſt noch immer den Verluſt eines verlornen Gu⸗ tes, das ich leider weder finden, noch mit völliger Ge⸗ wißheit unter die unwiderbringlich verlornen ſetzen durf— te. Aber bedenke, was ich dir eben geſagt habe; ſprich nie, wie ein weiſer Selave einſi lehrte⸗ ich habe etwas — 159— verloren, ſondern ich habe es wieder gegeben. Iſt dein Sohn geſtorben, du haſt ihn wieder gegeben, iſt deine Geliebte geſtorben, du haſt ſie wieder gegeben. Aber es iſt doch ein Böſewicht, der uns unſere Beſitzthümer ſtiehlt,— was kümmert's dich, durch wen ſie der Ge⸗ ber abfordert? und ſo lange er dir etwas verleihen will, bediene dich deſſen als eines fremden Guts, wie Wandrer in der Herberge thun, und ich in deinem Pal⸗ laſte gethan habe.“ Alfonſo verſtand den Sinn dieſer Worte Vendramins, und er mußte dem Lehrer ſeiner Jugend eine Aufklärung über ſeine wahre Lage geben. „Du wirſt bemerkt haben,“ ſprach er,„daß ſich unſer Haushalt in der Einſamkeit Ruggiano's mit einer na⸗ hen Verwandten meines Vaters und ihrer Tochter Beata vermehrt hat; du wirſt wahrnehmen, daß ich Beaten nicht gleichgültig bin, daß ihre Theilnahme an meinem Geſchicke nach und nach in ein wärmeres Ge⸗ fühl übergegangen iſt; mein Vater wird dir eröffnen, wie ſehr er wünſcht, daß ich Beaten zum Weibe neh⸗ me, weil ſie eben ſo tugendhaft und wacker als von einnehmendem Aeußern iſt, wenn gleich an Schönheit Giuſtinen weit nachſtehend; ich bin der Letzte meines Stammes und Nahmens, und mein Vater wünſcht vor ſeinem Ende Enkel zu ſchauen. Seine Nichte wäre ihm in dieſer Zeit, wo kein Familienhaupt, der alten Spal⸗ 160 tung eingedenk, einem Fremden traut, die willkom⸗ menſte Gattinn für mich, und die Diſpens von Rom hofft er beym heiligen Vater zu erwirken; das einzige Hinderniß iſt mein eigenſinniges Herz— mir iſt als könnte ich kein anderes weibliches Weſen lieben nach jener unübertrefflichen Giuſtina,— ihr Bild weicht nicht von meiner Seite, und wenn mein jugendliches Blut, wenn die Anerkennung der edlen Sorgfalt Beatens für meine Ruhe und mein Glück mich faſt bis zur Liebe mit Dank gegen ſie erfüllen: mein Gram beſiegt dieſe aufwallende Neigung augenblicklich wieder, und ihre ſchnell wieder bereuten Ergüſſe dienen nur dazu, die arme Beata zu täuſchen.“„Lieber Alfonſo,“ entgegnete Vendramin:„die Menſchen haben lange geglaubt, am ſpaniſchen Vorgebirge Finisterre ſey das Ende der Welt— Columbus iſt vor Kurzem von dort abgeſegelt, und hat im Weſten eine neue Welt gefunden— ſchlage du das Anerbiethen deines Herzens, dir eine neue Welt der Liebe zu bereiten, nicht ſo unbeſonnen aus, wie die thörichten Genueſer das Anerbiethen des Columbus; die Welt iſt nicht zu Ende am Meeresſtrande, jenſeits iſt ein neues Land, und das Herz am Ufer des Stroms, wo es das Ziel ſeiner erſten Liebe verloren, wage ſich hinüber, wo ihm ein zweytes winket;—„Doch wenn das erſte auftauchet aus den Wogen— wenn— dieſer Ge⸗ —————————— 161 danke iſt mein quälendſter Zweifel, wenn Giuſtina leb⸗ te,— ihr Wiederaufleben wäre dann mein ſicherer Tod,“——„Ich glaube dein Tod erſt wird dich mit ihr einſt wieder vereinigen, bis dahin lebe deinen Pfich⸗ ten mit den Lebenden,— keine Spur von Giuſtina habe ich zu finden vermocht,— alle Schlöſſer Caſer⸗ ta's habe ich mit geheimen Spähern umſtellt, doch ohne Erfolg; Caſerta lebte ſeinem Berufe, er war thätig auf ſeinem Poſten bey Hofe, den er in jedem Wechſel behauptete,— jetzt iſt er an der nördlichen Gränze beym Heere, und kein Anzeichen verrieth mir, daß er um Giuſtinens Schickſal etwas wiſſe.“—„Wohl⸗ an„ſagte Alfonſo, vich will mir ſelbſt erſt Gewißheit über Giuſtinens trauriges Ende verſchaffen; dann ſchalte Lindliche Pflicht über mein Herz.“ Alfonſo erhielt nebſt andern Bedienſtungen die Stelle eines Aufſehers über die Caſtelle bey Neapel, welche Caſerta bisher bekleidet hatte. Bey der erſten Beſichtigung dieſer Veſten betrat er mit ſchmerzlichem Gefühle das Gaſtell am Hafen, wo er den Träumer Zizim einſt beſucht hatte. Die Erinnerung an das Lied Zizims, das ihm geweiſſagt zu haben ſchien, wie traum⸗ ähnlich unſer Glück ſey, ließ ihn vorüber gehen an deſſen Gemächern; er befahl dieß Gewölbe, welches auf der ihm ſchon früher ſchriftlich übergebenen Liſte der Ge⸗ 162 fängniſſe als leer angegeben wurde, nur im äußerſten Nothfalle zur Aufnahme von Gefangenen zu verwenden um wie er bey ſich dachte nicht in die Nothwendigkeit zu kommen, den Schauplatz doppelt ſchmerzlicher Erin⸗ nerung betreten zu müſſen. Die Zeit, die ihm ſein Be⸗ ruf frey ließ, verwendete er zu Nachforſchungen nach Giuſtinen, aber erfolglos blieb all ſein Bemühen, alle die er nach ihrem Nahmen fragte, ſchienen aus dem Lethe getrunken zu haben. Mit wehmuthsvoller Entſagung gewöhnte ſich Al⸗ fonſo's Herz nach und nach an die Umgebung Beatens, deren gemüthliche Innigkeit in den trübſten Stunden ihn zu erheitern vermochte. Beata war nicht ſchön, aber jener weiblichen Weſen Eines, die bey näherer Bekannt⸗ ſchaft die Schönſten an jenem eigenthümlichen Reize über⸗ biethen, der ſanfte und theilnehmende Seelen ſo anzie⸗ hend macht. Weniger mit ſich als mit Alfonſo beſchäf⸗ tigt, gewann ſie nach und nach das Herz des Trauern⸗ den, indem ſie mit ihm zu trauern ſchien, worin die klügſte Zerſtreuung der Leidenden beſteht, die ihrem Schmer⸗ ze, den jeder liebt, weil er der eigene iſt, nachhängen und welche ſich ſelbſt zu nahe zu treten glauben würden, wollten ſie ſich an heitere Erdenkinder anſchließen. Al⸗ fonſo war zu aufrichtig und zu edel um Beaten den wahren Zuſtand ſeines Herzens zu verbergen. Als er 6 bey der ihm ſelbſt nunmehr klargewordenen Unmöglich⸗ keit Giuſtinen wieder zu finden, dem dringenden Anlie⸗ gen ſeines Vaters endlich nachgab, und einwilligte, daß ein Bothe mit der Bitte um die Bewilligung zu ſei⸗ ner Verbindung mit Beaten an den heiligen Stuhl ge⸗ ſchickt wurde, ſagte er ſchmerzlich lächelnd zu dieſer: „Erwarte von mir alle die Liebe, womit der Menſch die Engel lieben darf, denn du biſt mir ein Engel des Troſtes und der Faſſung zu ruhigem Leben; aber ver⸗ gib, wenn meine Liebe dem wohlriechenden Waſſer gleich, das man aus einem Gefäſſe in ein anderes überleert, an jenem wohlthuenden Dufte verloren hat, der nur dem erſten Gefäſſe vorbehalten iſt, wie der erſten Liebe der Reiz, daß ſie ein unerfahrnes und darum unbeſorg⸗ tes Herz bewohnet,—— die erſte Liebe ſpricht die Mut⸗ terſprache des Herzens, verſtändlich dem mit dieſem zu⸗ gleich zur Sprache gelangten Herzen des Gegentheils, — was das Herz ſpäter ſagen will von Liebe, iſt Ueber⸗ ſetzung in die hölzerne Sprache der Welterfahrenheit, welche zu verſtehen ſo wenig ſchmeichelhaft, als es ein Glück iſt, ſie zu ſprechen.“— Beata ſchlug die Augen erröthend zu Boden, und ſagte nach einer Pauſe:„Du ſprichſt wohl noch die Mutterſprache des Herzens, und weil ich ſie verſtehe, ſo denke, daß Zwillinge ſie ver⸗ ſtehen lernten eines Herzens und Sinnes, wie du und 164—„ Roſa.“—— Dieſe Antwort, welche zart den Ausbruch einer früheren Liebesſehnſucht zugleich beſtrafte und lin⸗ derte, und Alfonſo an die engelreine Roſa erinnerte, erweichte ihn in der entſcheidenden Stunde zu nachgie⸗ bigerer Hingebung ſeines Herzens an dieſe Zwillings⸗ ſchweſter Giuſtinens, die fürwahr mit Giuſtinen, wie ein Zwillingskind mit dem andern den Schooß und die Bruſt der Mutter, ſo die heiße Liebe zu Alfonſo als die erſte Nahrung ihres ſchuldloſen Herzens theilte. Je offener Alfonſo nach und nach, durch die Ver⸗ hältniſſe gedrängt, in ſeinem Benehmen eine herzliche Neigung für Beaten auszudrücken bemüht war, um ſo tiefer verſchloß er ſeine Trauer um die verlorne Giu⸗ ſtina in ſein Innerſtes. Die zunehmende Schwäche ſeines greiſen Vaters, der nichts ſehnlicher wünſchte als ſeines Sohnes Verbindung mit einer tugendſamen Frau würdig das dem Erlöſchen nahe Geſchlecht der Nuggiano fortzupflanzen, ließ Alfonſo, je fruchtloſer ſeine Be⸗ mühungen waren über Giuſtinens Geſchick Gewißheit zu erhalten, immer unumwundener ſeine Einwilligung zur Verbindung mit Beaten ausſprechen. Die wieder⸗ hohlten Beweiſe von Zuneigung, welche dieſe nunmehr von Alfonſos nachgebendem Herzen erhielt, ließen ſie eine frohe Zukunft hoffen; ihr ganzes Weſen verklärte ſich in dem Gefühle beglückter Liebe, und dieſer Zeit⸗ „ 165 punet, der auch minder anziehende Jungfrauen zu Ver⸗ führerinnen macht, benebelte jetzt ſelbſt Alfonſo's gegen alle Reize der Frauenwelt ſeit Giüuſtinens Untergange gerüſtete Sinne; er erſchrack bald vor ſich ſelbſt, als er einſah, daß er das duftende Oehl ſeines Herzens in der That in Beatens Buſen übergeleert hatte, und daß es an berauſchendem Wohlgeruche nichts eingebüßt hatte, denn eine wohlthuende Wärme durchſtrömte ihn bereits, wenn er der herzensguten Braut gegenüber ſaß, und ſie mit lieblichem Lächeln nach der Straße von Caſerta hinwies, welche der Bothe mit dem Diſpensbriefe des heiligen Vaters nächſtens daher geritten kommen ſollte. Fing Alfonſo bey Tage allmählich in einer neuen Herzensneigung glücklich zu werden an, ſo verfolgte ihn doch die unglückliche Sehnfucht nach ſeiner alten Liebe des Nachts mit quälenden Träumen. Den Nah⸗ men Giuſtinens wagte er jetzt bey Tage nicht mehr vor ſeinem Vater, und noch minder vor Beaten auszuſpre⸗ chen, die ſeine Seele ganz erfüllen ſollte,— doch des Nachts brannte der ſüße Nahme auf ſeinen träumenden Lippen. In der junggewohnten Unruhe, die ihn jedes Mahl, beſonders wenn deri Mond ſchien, zu träumeri⸗ ſchem Wandeln erweckte, fuhr er jetzt oft aus dem Schlafe empor, ſeinem von dem Zwange des Tages ge⸗ preßten Herzen Luft zu machen. Er machte ſich ſelbſt Vor⸗ 166 würfe über ſeine beginnende Liebe zu Beaten; Giuſtina ſtand lebend ſchöner und reizvoller als dieſe vor ſeinen Blicken, und die Thränen ihrer Augen ſchienen das Vorrecht auszudrücken, das ſie auf ſein Herz vor jener erworben hatte. Erweicht von ſolcher Vorſtellung wollte Alfonſo oft zu Beaten hineiken,ſeine Freyheit von ihr er⸗ bitten, oft war er ſchon auf dem Wege zu ihr, als ihm klar wurde, daß ihn ein Traum nur mit Giuſtinens Wie⸗ dergeburt geneckt habe.— Weinend ſchlich er dann zu einem verborgenen Schranke, wo er neben Beatricens ſchwarzem Gürtel, Giuſtinens Bildniß verwahrte,— er weidete ſich beym Lampenſcheine an den himmliſchen Zügen der Geliebten, er haſchte nach den gleich Irr⸗ lichtern vor ihm flatternden Hoffnungen auf die Mög⸗ lichkeit ſie wieder zu finden, und warf ſich, wenn alle ſeine Hoffnungen in den Ocean der Unmöglichkeit ver⸗ ſunken waren, ermattet auf ſein Lager, das er am Mor⸗ gen nach tiefem Schlafe verließ, ohne ſich zu erinnern, daß er die heilige Treue Beaten durch die Thränen ſei⸗ ner Sehnſucht in der Wirklichkeit gebrochen hatte, oft aber doch nur wähnend, daß er ſüß geträumt habe. Dieſe Gewohnheit des nächtlichen Lebens dem Trau⸗ me verſchwiſtert nahm bey Alfonſo immer mehr über⸗ hand, je gereizter ſein Zuſtand, je geſpaltener ſein Herz bey Tage ſich zeigte, von dem er doch nur die eine * * Hälfte zeigen durfte, die Beaten zugewendet war. In der Lebendigkeit ſeines Blutes irrte er oft des Nachts in ſeiner trüben Sehnſucht nach Giuſtinen an den Strand des Meeres, in das er ſie verſunken glaubte, halbange⸗ eleidet hinaus, und kehrte heim, ohne es zu wiſſen durch die Hinterpforte des Gartens vor ſeinem Hauſe, das nicht fern vom Caſtelle ſtand. Der Unglückliche ward zum Nachtwandler für ſein Herz, während er bey Tage nur der Pflicht und dem Verſtande leben durfte. Eines Morgens erwachte er ſpät, als die Sonne bereits am Himmel ſtand aus einem ihn furchtbar auf⸗ regenden Traume. Harfentöne, ſoerzählte er ſich ſelbſt, hatten ihn, als er des Nachts am offenen Fenſter ſtand, hinübergelockt nach dem Caſtelle am Hafen, von wo⸗ her ſie kamen. Je näher er kam, deſto beſtimmter hörte er, daß ſie aus den Gemächern kamen, die einſt Zizim bewohnte; er naht ſich dem Caſtelle und erblickt Lam⸗ penlicht in Zizims Kerker, der ihm für unbewohnt galt; er kehrt nach Hauſe um, nimmt den Hauptſchluſſel der Gefängniſſe zu ſich und geht von der Wache, die ihn erkennt, ungehindert eingelaſſen in das Caſtell, den Harfner in Zizims Gemache kennen zur lernen. Er tritt ein, und erblickt mit Entſetzen, bleich aber wie die Engel, wenn ſie gequält werden könnten, noch ſchön im Leiden die todtgeglaubte Giuſtina,— Zizims Harfe die —— 168— Verkünderinn, daß alles Glück nur Traum ſey auf Er⸗ den, hält ſie in der Hand, über ihrem Haupte weht der ehrwürdige Bart Zizims der Schatten ſeiner Liebe;— Alfonſo ſtürzt zu ihren Füßen,— Giuſtina verklärt ſich in ſeinem Anblicke;— er erfährt von ihr, daß Ca⸗ ſerta ſie in der Blutnacht der Neapolitaniſchen Hochseit geraubt, und ſie durch Kerker und Qual zu zwingen verſucht, ihn zu lieben, doch daß ſie treuliebend und auf Gott vertrauend ihm widerſtanden und auf Alfonſo gehofft habe. Caſerta ſey Aufſeher der Gefäng⸗ niſſe geweſen, habe ſie dem verſchmiten Caſtellan an⸗ vertraut, der Alfonſo's Abſcheu vor ihrem Kerker ge⸗ wahrend ſie darin belaſſen habe; Caſerta werde näch⸗ ſtens zurückkehren um ſie bey Nacht auf eines ſeiner Bergſchlöſſer zu ſchleppen. Sie bath Alfonſo ſie zu ret⸗ ten; dieſer ver ſprach ihr, ſeinem Vater und Beaten aufzu⸗ klären, daß die Frühergeliebte wieder lebe. Giuſtina weinte, als ſie von Beatens Liebe zu Alfonſo aus deſſen Munde Nachricht erhielt, ſie bedauerte die Unglückliche, deren Tod ſie durch ihr Wiederaufleben zu verſchulden glaubte, ſie bath Alfonſo ſchonend zu Werke zu gehen und lie⸗ ber ſie ſelbſt zu opfern als Beaten um das Glück ſei⸗ ner Liebe zu bringen. Als er ſchied von der Heißgelieb⸗ ten, rollten die Donner des Veſuvs unter ſeinen Fü⸗ ßen durch die Erde hin, und er verlor das Bewußtſeyn, * 169 um zu erwachen, nach langer traumloſer Pauſe, aus ſo furchtbar ſchönem Traume. Alfonſo lächelte ſchmerzhaft bitter, als er ſich den Traum im Gedanken vorerzählt hatte, der ihn an das Ziel jahrelangen Sehnens führte, freylich über einen neuen Abgrund, über das nahmen⸗ loſe Unglück der getäuſchten Beata. Sein Lächeln wurde kalter Schrecken, als er den Kerkerſchlüſſel bey ſich im Bette fand, er ſtand verſteinert eine Weile ſchaudernd vor dem Abgrunde, dann aber rief er gefaßt:„Ich Thor ſollte den Schlüſſel zu meinem Glücke ſo lange in meiner Hand geführt, und bey Tage ſollte mir kei⸗ ne Spur das Daſeyn meines Glücks verrathen haben? — ſo ſpielt der Himmel mit dem Menſchen nicht— den Schlüſſel hab' ich wohl im Halbſchlafe zu mir geſteckt, — das Schergenamt verfolgt mich bey Nacht, weil ichs bey Tage ungerne übe.“ Damit beruhigte ſich der Wa⸗ chende. Der unglückliche Alfonſo hatte nicht geträumt,— Wahrheit war, was er ſich ſelbſt erzählte, das grauen⸗ volle Abenteuer eines Nachtwandlers. Ginſtina ſchmach⸗ kete als Caſerta's Gefangene im Kerker, ſie ſpielte auf der Harfe Zizim's, und ihre Töne durften Alfonſo zu ihr locken, von dem ſie nicht ahnte, daß er Geſpenſtern gleich bey Nacht ein Leben hatte, das bey Tage zum Wahne ward. Die Leidende harrte vergebens der Wie⸗ U. Vand. 8 170 derkunft des Geliebten, ihr Hers zerfleiſchte die wach⸗ ſende Eiferſucht mit Beaten, die ihr die Krone ihres Lebens und den Preis ihres Duldens zu rauben bexeit ſtand. Alfonſo vermied jetzt mehr als zuvor das Caſtell am Meere bey Tage, als den Brennpunet vielfach pei⸗ nigender Erinnerungen. Der vermeintliche Traum vom Wiederfinden Giuſtinens machte ihn, da er ſein Herz zu lebhaft mit ihrem Andenken erfüllte, nothwendig käl⸗ ter gegen die harmloſe Beata, deren liebendem Auge dieß nicht entging. Ohne mißtrauiſch zu ſeyn, war ſie zu beſorgt für Alfonſo's Glück, als daß ſie nicht wün⸗ ſchen ſollte, dem Grunde jener Aenderung in ſeinem Betragen auf die Spur zu kommen; ſie wollte gerne ihre Liebe ſeinem Glücke opfern, aber Gewißheit wollte ſie über ſein Herz. Das ſpäte Licht, welches Beata ſchon mehrmahls bey Nacht in Alfonſo's Gemache be⸗ merkt hatte, trieb ſie jetzt in der nächſten an die Thüre desſelben, um zu erfahren, was ſeine Augen dort mit ijenen Thränen fülle, deren Spuren ſie nur zu oft des Morgens in ſeinem Antlitze gewahrte, ohne auf ihre be⸗ ſorgten Fragen eine andere Antwort als ein ſchmerzli⸗ ches Lächeln zu erhalten. Sie öffnete die Thüre, und LU fand den unſeligen Nachtwandler, deſſen wahre Liebe neben der Scheinliebe, die er bey Tage ſich und ihr heuchelte, zur nächtlichen Gewohnheit geworden und —— — 171— ein zweytes Traumleben ſeinem wirklichen Leben bey⸗ geſellt hatte; er ſtand vor dem geöffneten Schranke, und drückte Giuſtinens theures Bild an ſeine Lippen, während ſeine Augen ſtier darauf geheftet, und mit Thränen erfüllt waren. Beata beweinte ihr Schickſal und jenes Alfonſo's; ſie ſah, daß ſie kein Erſatz ſey für Giuſtinen, und wollte im Anfange den Heuchler, der wie ſchon mancher Verbrecher ſeine Schuld im Schlafe geſtand, verachten, als ſie ſich der Erzählungen Ven⸗ dramin's von Alfonſo's nächtlichem halbbewußten Wan⸗ deln erinnerte. Sie bemerkte, daß er ſie nicht gewahrte, obſchon ſie ihm ziemlich nahe ſtand, er hatte nur Augen für die Bilder ſeines lebendig werdenden Traumes. Der Gedanke, daß Wahrheit im Traume ſey, und daß Miſſethäter im Schlafe ihre Verbrechen eingeſtanden haben, deren Geſtändniß ihnen keine Marter zu er⸗ preſſen vermochte, erfüllte ſie mit tiefer Betrübniß, denn Alfonſo geſtand, daß er ſie nicht liebe. Sie wollte eben das Gemach, ſchmerzlich enttäuſcht, verlaſſen, als ein gellendes Reiterhorn, und Pferdegetrapp durch das offene Fenſter die Gartenmauer herüber erſchallte, und den Nachtwandler wie mit einem elektriſchen Schlage erweckte; er fuhr zuſammen, blickte nach der enteilenden Beata, und rief ihr halbträumend nach„Biſt du's Giu⸗ ſtina! iſt's dein Schatten 21* Beata blieb ſtehen und — 172— ſagte gefaßt:„Beata iſts, tauſche dich und mich nicht länger!“ Wie vernichtet ſtürzte Alfonſo zu ihren Füßen das Bildniß Giuſtinens entfiel ſeiner Hand und ging in Stücke am Marmorboden vor Beaten, die tief er⸗ griffen, wie eine Steinſäule ſtand. Der Bothe, der mit ſeinem Horne Alfonſo ſo zur Unzeit erwachen ließ, trat jetzt mit Vendramin, den er ellig geweckt hatte, in das Gemach, er überreichte Alfonſo mit freudigem Lächeln den Brief des heiligen Vaters, der ihm die Ehe mit Beaten erlaubte. Alfonſo erſah kaum den Brief in ſeiner ſchmerzlichen Stellung vor Beaten, als er, dem Nachtwandler gleich, der im trügeriſchen Mondlichte eine Thurmſpitze erſtiegen⸗ und durch einen unvorſichtigen Zuruf geweckt in die gähnende Tiefe hinabſtürzt, über⸗ wältigt von Scham und Reue über die unverſchuldete Schuld ſeines Herzens bewußtlos zu Boden ſank. Ven⸗ dramin und der Bothe brachten ihn zu Bette; der blaſſe Zwerg ging ſpäter zu Beaten, den Hergang alles Vor⸗ gefallenen zu erfahren. Alfonſo fand, als er des Morgens aus ſeinem le⸗ thargiſchen Schlummer erwachte, das zerbrochene Bild⸗ niß Giuſtinens und den päpſtlichen Brief, der ſeine Verbindung mit Beaten ſegnete, darneben auf dem Marmorboden. Dieſe Zeugen des Ereigniſſes der letzten Nacht, ließen den Gedanken, daß er auch dießmahl 5 5 * — 175— nur geträumt habe, nicht aufkommen, und mit äng⸗ ſtigendem Zweifel gedachte er jetzt des Kerkerſchlüſſels in ſeinem Bette nach dem lebhaften Traume vom Wie⸗ derfinden Giuſtinens.„Wie, wenn auch jener Traum Wahrheit geweſen wäre 2“ Dieſe Frage ängſtigte und erfreute ihn zugleich. Er ſuchte Vendramin auf, und entdeckte ihm jenen Traum und ſeine Zweifel. Vendra⸗ min, den Beatens peinigende Lage als eine Folge der Traumſucht ſeines Zöglings erſchien, gegen die er von Jugend auf vergebens gekämpft hatte, ward zum er⸗ ſten Mahle verdrüßlich über Alfonſo:„Du kannſt dir keine beſſere Gewißheit geben, ob das, was du geträumt haſt, wahr iſt oder nicht, als wenn du, was deines Amts geweſen wäre, Zizim's Kerker unterſucheſt; du wirſt den Bart eines Narren finden und weiter Nichts, dann gehe nach Hauſe, und halte dein Wort das du Beaten wachend gegeben, den Traum wird ſie dir ver⸗ geben, denn——“„Vendramin'“ ſiel Alfonſo ein »verſprich mir, den Gang in Zizim's Kerker heute noch an meiner Statt zu thun; habe ich von Giuſtinen wirklich nur geträumt, wohlan, ſo will ich thun was mir die Pflicht gebeut, und deine verbrauchten Troſt⸗ gründe vom Wiederfinden nach dem Tode gelaſſen an⸗ hören.“—„Ich will den Gang nach Zizim's Gefäng⸗ niſſe übernehmen, aber vor Abend kann ich nicht, es 174 würde Aufſehen erregen⸗ Schilt meine Tröſtung nicht verbraucht; ſage mir, iſt die Sonne, iſt der Stern⸗ ocean oder der blaue Aether, die ſeit Jahrtaufenden dieſelben ſind, wohl verbraucht? der Menſch nur und ſeine Gefühle ſind leider oft verbraucht, weil er kein Maß hält, und weil ihn als verbraucht, ſelbſt das nicht mehr rührt und anſpricht, was einzig unverbrauchbar iſt'“, damit ging Vendramin und nahm den Schlüſſel des Gefängniſſes mit ſich. Alfonſo wagte ſich den Tag über nicht zu Beaten; er brachte ſeinem alten Vater den päpſtlichen Brief, und war tief ergriffen über die Rührung mit welcher der Greis das Pergament küßte, das ſeinem Stamme noues Leben verſprach. Er gelobte ſein Wort zu hal⸗ ten und Beatens Gemahl zu werden, ſein Herz dachte nicht mehr an die Möglichkeit, daß Vendramin eine frohe Bothſchaft aus dem Kerker bringen könnte. Alfonſo ging auf die Jagd, upd kehrte ſpät Abends ſehr müde nach Hauſe; er ſchlich an Beatens Gemache vorbey und fand ſie weinend am Fenſter knieend, zu dem Vater bethend der ober den Sternen thronet; er hörte ſeinen Nahmen in ihrem Gebethe. Gerührt trat er in das Zimmer, und ſagte der erſchrocken Aufſtehenden, indem er ihre Hand an ſeine Lippen führte:»Beata, vergib mir den Traum von geſtern, ich hab' es feſt beſchloſſen, nicht „ —— —— — 175— wieder ſo zu träumen, nimm das zerbrochene Bild Ginſtinens, der Tod hat das Urbild zerſchlagen, und ihre Liebe in dein Herz gegoſſen, laß mich dieſer allein dienen;“ er umarmte die wehmüthig erſtaunte Braut mit feuriger Bewegung, die aber mehr den Schmerz des Entſagens als die Wonne des Hingebens aus⸗ drückte, und entfernte ſich ſchnell. In ſeinem Zimmer vermißte Alfonſo den alten Ven⸗ dramin mit dem Schlüſſel des Caſtells, denn mehr er⸗ wartete er ſich' nicht. Nach einigem Nachdenken über die böſe Gewalt, welche der Traum über ſein Leben ausübte, beſchloß Alfonſo, ſich feſten Willens derſelben zu entziehen. Er rief einen vertrauten Diener in das Gemach⸗ den er unter Verheiſſung großer Belohnung, wenn er ſchweigen wollte, dahin brachte, daß er ihn mit einem Sattelriemen an das Bette feſtbannte, und gelobte, ihn erſt des Morgens aus der freywilligen Ge⸗ fangenſchaft zu befreyen. So glaubte Alfonſo der unſe⸗ ligen Gewohnheit ſeines nächtlichen Umherwandelns vor⸗ zubeugen, und bald, von Müdigkeit überwältigt, ſiel er in des Schlafes dunkle Arme. Vendramin hatte inzwiſchen mit unbeſchreiblicher Ueberraſchung in Zizim's Kerker die verloren geglaubte Ginſtina gefunden. Er erklärte ihr das räthſelhafte Ausbleiben Alfonſo's als eine Folge des bedauernswür⸗ digen Wahnes, ihr Wiederſehen habe nur im Traume ihm vorgeſchwebt. Vendramin wollte Ginſtinen ſogleich mit ſich zu Ruggiano bringen; aber ſie weigerte ſich ſtandhaft, eine Zuſammenkunft mit Beaten zu beſtehen, ehe Alfonſo wachend entſchieden habe, welcher von den beyden Bräuten er wachend und träumend ange⸗ hören wolle. Vendramin fand dieſe Weigerung gegrün⸗ det, und indem er nicht zweifeln konnte, daß Alfonſo mit ganzer Seele an Giuſtinen hing, und ihm die Wahl nicht ſchwer, wohl aber überraſchend fallen würde, ver⸗ ließ er Giuſtinen, um Beaten und Alfonſo auf die wunderſame Enthüllung des Schickſals der Gefangenen vorzubereiten. Giuſtina bath ihn, die Entſcheidung zu beſchleunigen, weil jeden Augenblick Caſerta zurück er⸗ wartet werde, welcher ſie der gefahrdrohenden Obhut des Caſtellans ſo bald als möglich entziehen wolle. Vendramin entdeckte noch in der Nacht Beaten das Geheimniß, welches der Thurm des Caſtells ver⸗ ſchloß. Der Entſchluß der edelmüthigen Jungfrau war ſchnell gefaßt; ohne Widerſpruch Alfonſo zu entſagen, wie auch ihr Herz dabey leiden ſollte, war ihr Vor⸗ ſatz. Sie ſelbſt ſchickte ſich an, mit Vendramin hinzu⸗ ziehen und Alfonſo das Ergebniß der Wanderung des Zwerges nach dem Turme zu berichten, damit ihn nicht der Gedanke an ſein ſpäter gegebenes Wort aus dem Him⸗ —. 177 er mel ſtürze, in den die Möglichkeit, ſein zuerſt gegebe⸗ nes zu halten, ihn verſetzen mußte. Als Vendramin und Beata bey Alfonſo ein⸗ traten, lag der Unglückliche im Kampfe gegen ſein nächt⸗ liches Leben. Seine Bruſt wogte unter den ſelbgeſchnür⸗ ten Banden, und der Traum ſtrebte gewaltſam die Herrſchaft des Wachens über die ſchlafgetrübten Sinne zu erringen. Der Anblick des Selbſtgefeſſelten, der auch ſeine Träume der Pflicht zu opfern bereit war, ergriff die Eintretenden mit tiefem Mitleidsgefühle.„Der Traum Alfonſo's“ ſagte der weiße Teufel„gleicht dem fliegenden Fiſche des Tropenmeers; dem Vogel gleich ſchwebt dieſer durch die Luft, leuchtend, aber wie das Seegewürme leuchtet kalt mit phosphoriſchem Irrlicht⸗ ſcheine, ſtumm wie ein Fiſch, und blöde, auf Augen⸗ blicke ſich ein anderes Element anlügend als dem er angehört, ängſtig in einem fremden Elemente flatternd, und doch fliegender als der gigantiſche Strauß, dieſer proſaiſche Sandläufer unter den Vögeln, der den traum⸗ und ſchwungloſen Gemüthern der Alltagsmenſchen zu vergleichen iſt, den Langen ohne Größe; in gleich frem⸗ dem Elemente irrt Alfonſo, der das Leben und ſeine Pein aus dem mildernden Sonnenlichte in den Alles vergrößernden Vollmondſchein unruhiger Nächte über⸗ tragen; wir wollen ihn wecken.“——„Du irrſt,“ ſagte 178 Beata mit thränendem Auge,»er athmet eben jetzt in ſeinem Elemente, in dem Dämmerlichte das an ſeinem Himmel blieb, wenn gleich ſeine Sonne untergegangen, er gleicht der Blume in meines Oheims Gartenhauſe, die des Nachts ihren Kelch öffnet, wenn die Sonne in ihrer fernen Heimath ſcheinet; ſo ahnet der Träumende hier vor uns vielleicht die Nähe ſeiner Erſtgeliebten drüben im Thurme; wir Wachende begreifen das ſo we⸗ nig, als ein Blinder auf den Apeninen begreift, wie Sehende die Feuergarbe des Veſuvs in dunkler Nacht aus weiter Ferne ſchauen, weil er viele Meilen zurück⸗ legen und den Berg mühſam erklimmen muß, um ſich mit den Händen an der heißen Lava zu überzeugen, daß der Verg in der That Flammen aushauchet. Die Nacht öffnet vielleicht im Traumwandler geiſtige Au⸗ gen, die ſich verſchließen im Tageslichte:“— Jetzt ſtrebte Alfonſo mit Gewalt ſich ſeiner Feſſel zu entledigen, Beata ging hinzu, und löſte ſie ſanft und unbemerkt, dann zog ſie ſich mit Vendramin ungeſehen von Alfonſo zurück. Beata gab dem Geliebten ſich ſelbſt überwin⸗ dend die Freyheit! Alfonſo ſtand auf; Harfentöne aus Zizims Thur⸗ me herüberſchallend ſchienen ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, er blickte ſtarr vor ſich, und fand auf einem Tiſche den Schlüſſel der Gefängniſſe, den Ven⸗ „ dramin dort abgelegt hatte. Er küßte ihn, nahm ſeinen Degen, warf einen Mantel um, und ſetzte ſein Barett auf, dann ſchritt er durch das ebenerdige Fenſter auf die Gartenterraſſe hinaus. Vendramin und Beata folgten ihm, ſie wollten ihn wecken, wenn es an der Zeit ſeyn ſollte, denn ſie ahnten, daß ſein Weg zu Giuſtinen führte. Im Vollmondslichte ſchritt Alfonſo durch den Garten, deſſen von innen verriegelte Thüre er öffnete, und durch dieſe dem Eaſtelle zueilte. Dort ließen die Wachen den Nachtwandler und ſeine in mäßiger Ent⸗ fernung ihm gefolgten Begleiter ein. Vor der Thüre des Gemaches Zizims blieben Vendramin und Beata einige Augenblicke ſtehen, dann traten ſie ein. Sie fan⸗ den Alfonſo zu den Füßen Giüuſtinens, ſeine Augen wa⸗ ren ſtarr auf die Geliebte gerichtet, ſeine Züge waren die eines Entzückten, doch ohne den Ausdruck heftig be⸗ wegter Leidenſchaft. Giuſtina unterrichtet von Alfonſo's mährchenhaftem Traumleben griff nach Zizims Harfe und mit den feurigſten Accorden ſuchte ſie Alfonſo's vol⸗ les Bewußtſeyn zu erwecken, doch es gelang ihr nur halb,— da trat Beata hinzu, faßte heftig ſeine Rechte und legte ſie in jene Giuſtinens.„Nimm Alfonſo,“ ſprach ſie mit aller Kraft ihrer Stimme,„nimm was du verloren geglaubt, gib was du nicht verſchenken konn⸗ teſt, der blaſſe Zwerg hatte die Lampe nahe an Al⸗ v 180. fonſo's Antlitz gehalten; dieſer ſchien erwacht zum bewuß⸗ ten Leben, aber nur für einen Augenblick; er drückte Giuſtinens Hand an ſeine Lippen, und ſiel vor Beaten in anbethender Stellung nieder.„Ach,“ rief er ſchmerz⸗ voll aus,„welch' ein Erwachen ſteht mir bevor.“— „Du biſt erwacht,“ rief Beata,—„ſieh Giuſtinen an, ſie lebt, und lebt für dich.“ Alle Bemühungen waren vergebens Alfonſo zu überzeugen, daß er wache, der unglückliche hatte im öfteren Wechſel des Glücks und des Mißgeſchickes, der Träume vom Glücke und des Erwachens zum Leiden, den Glauben an das Leben verloren; ſtarr vor ſich hinblickend, ſtand er zwiſchen den zwey Bräuten, deren Geſichter hoffende Liebe und himm⸗ liſche Entſagung verklärte. Der Mond ſchien in das Gefängniß hell herein, oft zuckte Alfonſo's Blick nach dem bleichen Traumgeber am Himmel empor; man be⸗ ſchloß die nahe Sonne abzuwarten, die mit Alfonſo's überreizten und darum ſchlafenden Sinnen auch ſeinen Geiſt erwecken ſollte. Plötzlich ſtürzte der Caſtellan bleich und verſtört ins Gemach, er warf ſich vor Alfonſo auf die Knie, und rief mit kläglich heulender Stimme, indem er ſeine Füße umklammerte,„Herr rettet mich, und rettet euch ſelbſt, flüchtet euch von hier, Caſerta iſt im Vorhofe abgeſtiegen, ſeine Braut zu hohlen, die ich bewahren * — 8 ſollte, und ſo ſchlecht bewahret habe— flüchtet euch, ſchon hör' ich ſeine Sporen durch die Gänge klirren.“ — Dieſe Worte, Caſerta's Nahme, der Nahme des Rä⸗ chers Beatricens durchfuhr das Mark Alfonſo's,— wie Schuppen fiel es ihm vom Auge, er drückte Giuſtinens Hand, und gewahrte, daß kein Schattenbild ihn täuſch⸗ te, gefaßt ſah er Caſerta eintreten. Dieſer erblickte nicht ſobald Alfonſo, als er ſein Schwert zog, es galt ihm ein furchtbares Verbrechen zu verſchleyern, oder zu unterliegen und die Ehre zu retten.„Mörder meiner Schweſter,“ donnerte er Alfonſo an;„ſind deine An⸗ ſprüche auf meine Braut gerechter als die meinigen, ſo möge es Gott entſcheiden, die meinigen ſind älter, Seſſa gab mir ſein Wort früher als dir— doch käm⸗ pfe mit mir, und der König, das Volk wird den Sieger ehren, der um ſolchen Streit die Ritterehre nicht ver⸗ letzte— kämpfe oder ich übe des Bruders Recht an dem Mörder meiner Schweſter, wenn ich des hinterli⸗ ſtigen Nebenbuhlers auch ſchonen wollte.“——„Es ſey,“ rief Alfonſo mit einem Blicke zum Himmel, und zog ſein Schwert; vergebens ſtürzten ſich Giu⸗ ſtina und Beata zwiſchen die Beyden, zurückgedrängt von der nervigen Hand Caſerta's mußten ſie bebend weichen, und des nächtlichen Zweykampfes bleiche Zeu⸗ gen ſeyn. Caſerta's Schwert entſel im Kampfe ſeiner 182 Hand, Alfonſo's krampfhaft geſpannter Arm führte ſchon den entſcheidenden Streich auf den halbvernichteten Geg⸗ ner, als er plötzlich inne hielt, und mit dem Ausrufe verſteinert ſtehen blieb:»ich gedenke, Seſſa, deines letzten Wortes, mahne mich nicht blutiges Haupt, dei⸗ nes Feindes zu ſchonen,“— ungehört gingen dieſe Worte an Caſerta's ergrimmtem Gemüthe vorüber, er hob ſein Schwert vom Boden auf, und während Al⸗ fonſo verzeihend in des gemordeten Seſſa's Nahmen vor ihm ſtand⸗ durchbohrte er wie ein Blitz deſſen Bruſt, und höhnte des Follenden mit den Worten:„Beatrice hat mir kein Gelübde auferlegt ihres Mörders zu ſcho⸗ nen.“ Da trat das Kriegsvolk ein, welches Vendramin inzwiſchen herbey gehohlt hatte zum Schutze ſeines Herrn, nahm den Wüthenden alles Widerſtrebens ungeachtet gefangen⸗ und warf ihn in einen der Kerker, wo er von des Königs Gerechtigkeit die Strafe ſeines Frevels erwarten ſollte. Alfonſo lag nur ſchwach noch athmend in dem Schooße Giuſtinens, während Beata ſeine Wunde verband,— den Mond ihm gegenüber ſcheinend, verfinſterte eine Wol⸗ ke, Alfonſo lächelte, und ſagte:„bald wird der Mond gleich mir aus dem Schatten der Wolken treten, die wie unſere Wünſche auf Erden unſere Seele verdunkeln, — Beatrice, du biſt gerächt, in meinem Tode aufge⸗ * 183 lebt, ſchwebſt du vor mir verklärt in deiner jugendli⸗ chen Schöne, dir nur ſollte ich angehören, mein Leben war ein ängſtiger Traum, dem Wiederfinden deiner Seele entgegenträumt; weine nicht Giuſtina, weine nicht Beata, ich ſehe das Morgenroth eines neuen Ta⸗ ges,— habt Dank für eure Liebe, für die ſchönen Träume, Beatrice küßt meine Augen— ich erwache“— damit verſchied er. Die jugendliche erſte Liebe Alfonſo's zu Beatricen wand ſich durch ſein ganzes Erdenwallen zu beſtändiger Störung ſeiner ſpätern Lebenspläne, und führte ihn endlich zum Untergange durch die erbitterte Hand ih⸗ res Bruders. Des Jünglings erſte Wege entſcheiden über das Leben und den Tod des Mannes, in ſie mün⸗ den alle ſpäteren Lebensverhältniſſe ein, doch der Strom bleibt der Richtung der Quelle treu. Wie die Buchſta⸗ ben in die zarte Baumrinde geſchnitten, noch im dür⸗ ren Stamme, der umgehackt wird, lesbar ſind, ſo las Vendramin in des Sterbenden Augen den Nahmen Bea⸗ tricens, des Opfers unbeſonnener Liebe. Der Blick des Sterbenden, dieſer Silberblick des Geiſtes wenn er auf dem Treibherde des Todtenlagers alle irdiſchen Schlacken abwirft, dieſer Blick mit dem Wiederſcheine des Regen⸗ bogens, der über den Gräbern den ewigen Frieden der aus der Sündfluth der Erde auftauchenden Seele ver⸗ 184— vürgt, ſagte in Alfonſo zum Troſte der Ueberlebenden die Vorgefühle eines Himmels aus wo Beatrice wohn⸗ te, zu welcher Alfonſo's Leben ein dunkler verworrner Pfad geweſen. Zwey Bräute trauerten an Alfonſo's Sarge;— der Vater vegleitete dieſen mit ſtummen Zähren zur Gruft, deren Pforte auch bald hinter ihm, dem letzten des Stammes, zufiel, um nicht wieder geöffnet zu wer⸗ den, als bis der Engel mit der Poſaune der Ohnmacht aller Gruftriegel ſpotten wird. Giüuſtina in langer Kerkerhaft und Beata durch hel⸗ denmüthige Entſagung⸗ beyde an der Leiche des Gelieb⸗ ten zur Erhabenheit über das Eitle der Welthoffnungen reif geworden, ſtifteten am Meerbuſen von Neapel ein Kloſter, dem ſie zuerſt vorſtanden, und das lange das Kloſter der beyden Bräute hieß, bis im Laufe der Jahr⸗ hunderte nur ein Stein mit beyder Nahmen und die Sage davon übrig blieb⸗ Vendramin, dem der alte Ruggiano ſeine Beſitzun⸗ gen hinterließ, überlebte noch lange ſeinen Zögling. Im Hintergrunde des Roſengebüſches, das den Aſchenkrug der lieblichen Roſa umkränzte, ließ er ihrem Zwillings⸗ pruder ein Denkmahl errichten. Eine Pyramide, das ſinnvolle Abbild des Sonnenſtrahls, das ſchon die Lei⸗ chen der Könige bey den Aegyptern überſchirmte, erhob — 185 ſich in einem Halbkreiſe ſchlanker Cypreſſen;— von ſchwarzem Porphyr ſchien ſie das verfinſterte Leben Al⸗ fonſo's anzudeuten; auf ihrer Spitze ſchwebte ein ſil⸗ berner Vollmond und vollendete das Bild der Sonnen⸗ finſterniß, welche den ſchönen Tag ſeines Lebens zur Nacht umgeſtaltet. An dem offenen Eingange in das Innere der Pyramide ſah man zur Linken, gebeugt in einen Mantel gehüllt und mit verbundenen Augen, eine männliche Geſtalt aus ſchwarzem Marmor eingehen, die zur Rechten, ſonder Augenbinde mit aufwärts gerichte⸗ tetem Blicke den Mantel abwerfend, jugendlich wieder hervorging, dieſe Geſtalt war von weißem Marmor, und wie die erſte, Alfonſo ähnlich. Ueber dem Eingange ſtanden mit ſchönem Doppelſinne die Worte des Ster⸗ benden:„Ich erwache.“ Am Fußgeſtelle der Pyramide ſah man eine goldene Wiege, und ſo war das Ganze nach des bleichen Zwerges Sinne ein Bild des endli⸗ chen Daſeyns, und ſeiner unendlichen Hoffnung, welche beyde auf der ſchwankenden kurzen Brücke ſchweben, die zwiſchen der Wi kend der Gruftpforte eines Je⸗ den geſpannt Leben heiſſet. Das Selbſtbegeg⸗ nen des Doppeltgängers auf dem eigenen Grabe ſprach den Glauben an die Unſterblichkeit und die Verklärung der Menſchenſeele aus, der auch den Hartglaubigſten mit ſüßer Ahnung umfing, wenn das Denkmahl im Glanze 186— der Morgenſonne ſtrahlte, und die Wangen des dem Grabe entſteigenden Alfonſo in friſcher Röthe erglühten. Wenn Neugierige aus der Fremde Vendramin um den Lebenslauf des Nachtwandlers von Ruggiano befrag⸗ ten, und er ſeine Erzählung beendigt hatte, konnte er ihre Frage, wie ſich das Räthſel ſolch abenteuerlichen Schlafes in Alfonſo's Seele wohl endlich gelöſt habe, nicht anders beantworten, als mit einem Blicke zum Himmel und mit dem bedeutungsvollen letzten Worten Alfonſo's: ver iſt erwacht.“ Der Todeskelch. „ Nicht die Wahrheit wird verdunkelt, nur der Menſch; die Sonne ſteht nicht im Krebs im Scorpion und Waſſer⸗ mann, nur die Erde, die um die Sonne eilt. Fean Paul. Jedes Zeitalter in der Geſchichte geordneter Staaten bringt Männer hervor, an deren Köpfen ein Gall die Organe ihres Jahrhunderts erkennt; man nennt ſie ge⸗ wöhnlich die Geiſter ihrer Zeit, und lobt ſie mit eben dem Rechte, als man in der Epoche einer durch die Einflüſſe unſichtbarer athmosphäriſcher Veränderungen hervorgebrachten epidemiſchen Krankheit diejenigen ver⸗ damme, in deren reizbaren Leibern ſie zuerſt ausgebro⸗ chen iſt. Jeder Zeitgeiſt drängt ſich zuerſt durch die em⸗ pfänglichſten Gemüther hervor, die ſich den unverdien⸗ ten Nahmen von Reformatoren geben, und doch höch⸗ ſtens nur durch den Kampf gegen die verknöcherten Ver⸗ theidiger alter Formen unbeugſamen Sinn für das Neue verrathen. Nur ein Zeitraum der europäiſchen Ge⸗ ſchichte zeigt uns das Alternde in Religion, Sitten und Lebensanſicht im Kampfe zu wechſelſeitiger Auflöſung mit noch älteren, durch langwierigen Stillſtand eiſern gewordenen, Formen menſchlichen Wiſſens und Thuns: die Epoche der Völkerwanderung. Die kräftigen aſia⸗ tiſchen Altvorderen der neu europäiſchen Völker ſehen wir dort ſich auf die Trümmer der in ſich ſelbſt zerfallenen, römiſchen Herrlichkeit lagern,— einen Streit der Ele⸗ 190 mente, die ſich feindlich geworden, weil ihr Gleichge⸗ wicht, das dem alten Chaos ein Ende ſetzte, aufgeho⸗ ben wurde. Die finſtere Waſſerwüſte, von der Moſes ſpricht, aufgeregt und getrübt durch den Drang jedes ſeiner Urſtoffe, für ſich ſelbſt zu beſtehen, überwogt den Strand der neueren europäiſchen Geſchichte. Kein grü⸗ nendes Vorgebirge ſchützt⸗ kein Hafen nimmt die angſt⸗ erfüllten Segler dieſes Oceans auf;— doch wie der Geiſt des Herren mit ſeinem allmächtigen ves werde“ über den Gewäſſern ſchwebt, ſtrahlt ein Dämmerlicht vom öſtlichen Horizont in die Vorhallen unſerer Ge⸗ ſchichten: das Kreuzeswimpel weht wie Morgenroth vom reichen Schiffe des Glaubens. Trümmer auf Trüm⸗ mer häufend, bald in dieſem, bald in jenem Tempel dem unbekannten Gotte der Welt huldigend; im Wech⸗ ſel mehrerer Sitten, ja ſelbſt der Religionen und Spra⸗ chen, erblicken wir dort die Völker faſt ohne Eigenthüm⸗ lichkeit; gleich der Beute auf ihrem Rücken, iſt ihr Ge⸗ müth ein buntes Durcheinander von bald aufgedrun⸗ genen, bald aus Bedürfniß erfaßten, bald ohne beſon⸗ nene Wahl ergriffenen Meinungen und Gefühls gewohn⸗ heiten. Nur Eins tritt, je weniger eingezwängt in alte Formen, die auch keiner neuen in ſolcher Sturmperiode weichen konnten, um ſo kräftiger ans Licht: das Rein⸗ menſchliche in jedes Einzelnen Bruſt und Leben. Der * — 191— Menſch, wie er durch den Gedanken des Ewigen ſich zuerſt geſtaltete, der Menſch, der die Geſchichte von viertauſend Jahren Lügen ſtraft, und auf der umge⸗ ſtürzten Säule des römiſchen Tempels wie Adam auf dem Erdklotze ſitzet, aus dem er geformt wurde, ſtellt uns nicht ſelten in jener Epoche des allgemeinen Um⸗ ſturzes ein lehrreiches Veyſpiel auf, wie das, was in jeder Zeit über Wiſſen, Sitte und Verfeinerung mit echt barbariſchem Grimme, ſich ſelbſt und nur ſich ſelbſt zu erhalten, ſiegen will, wie Leidenſchaft in unſerer Bruſt zu zähmen iſt. Es falle der Vorhang tauſendjähriger Geſchichte, der uns von jenen Zeiten trennt; die Altäre des Chri⸗ ſtenthums weichen aus den prächtigen Tempeln, die der Glaube erbaute, in düſtere Höhlen, in die Schatten heiliger Eichenhaine, in die Grabſtätten der Römer zu⸗ rück. Wandernde Könige, ſonder Purpur und Krone, erblicken wir die ungeſchmückten Throne in den Rui⸗ nen verbrannter Fürſtenſitze aufſtellen, und ſie morgen mit einem Platze auf nackter Erde vertauſchen. Wie die Elemente der heutigen Sprachen im Süden und We⸗ ſten Europa's, wogen die Völker noch bunt durchein⸗ ander. Seit die Gothen unter Alarich Rom eingenom⸗ men, ſeit die Hunnen unter Attila Italien überſchwemmt hatten, zerſiel das weſtliche Römerreich immer mehr 102 in ſich ſelbſt. Der Heruler Odvaker beſtieg zum Scheine den Thron der Cäſaren, aber Theodorich der Oſtgo⸗ the verdrängte ihn bald;— ein furchtbarer Barbaren⸗ haufen folgte dem andern auf den Ferſen, und mit den Spuren ſeiner Vorgänger zertrat er frevelnd die Staaten des italiſchen Bodens, der bald wieder die Heerden der Nomaden trug, und ſpäter in finſteren Wäldern das nordiſche Wild aufnahm. In der grauenvollen Zeit der oſtgothiſchen Herr⸗ ſchaft über Italien regte ſich der letzte Funke römiſchen Heldengeiſtes in den ſiegreichen Herven Beliſar und Narſes; ihre Waffen vertrieben die Oſtgothen von dem ungerechten Beſitzthume der claſſiſchen Halbinſel. Aber daß ihre Siege in der That das letzte Aufſtreben des verlodernden römiſchen Geiſtes geweſen, beweiſt nur zu ſehr das unwürdige Ende von Beyden. Durch die Ränke liſtiger Hofleute am Throne von Bizanz ver⸗ dachtig gemacht, bettelte der blinde Heros Beliſar, der⸗ wie Seipio gegen die Vandalen Carthago, und Rom wie Camillus gegen die Gothen eingenommen hatte, auf offenem Wege. Dem Narſes aber ſandte die höh⸗ niſche Irene, da ihm der Befehl des Heeres abgenom⸗ men wurde, eine Spindel mit dem Bedeuten, ſich die Zeit in ihrem Pallaſte mit Spinnen zu vertreiben Minder großherzig als Beliſar faßte Narſes den Ent⸗ * 195 fchluß ſich zu rächen ob ſolcher Schmach. In dem Kriege gegen den furchtbaren Gothenkönig Totila, den er aus Nom und Italien vertrieb, hatte ihm Alboin, Fürſt der Lombarden, der damahls noch Noricum und Pau⸗ nonien beherrſchte, wirkſamen Beyſtand geleiſtet. Jetzt, da Alboin, dem Beyſpiele ähnlicher gefährlicher Bunds⸗ genoſſen der Römer folgend, die Waffen gegen dieſe kehrte, both ihm der geſtürzte tiefgekränkte Narſes, wie einſt Coriolan den Volskern in ſeinem Zorne, aber minder reuevoll als dieſer in den Tagen der Entſchei⸗ dung, die Hand. Er verrieth die Plane ſeines Nach⸗ folgers in der Heeresführung, des kurzſichtigen Longi⸗ nus, an Alboin, und verließ Italien, an deſſen nörd⸗ lichen Gränzen die ſieggewohnten Scharen Alboins er⸗ ſchienen, ein neues Reich dort zu gründen. Zwiſchen den noriſchen Hochlanden und den wei⸗ ten Ebenen Ober⸗Italiens hatte ſich damahls der Ge⸗ piden⸗König Kunemund gelagert. Bundesgenoſſe Al⸗ boins und der Römer in dem Kriege gegen Totila, hatte er es bisher verſchmäht, nach ſeinem Stammſitze, der Syrmien und Dacien beherrſchte, zurück zu kehren. Der mildere Himmel, der ſich über die römiſchen Lande wölbte, hielt auch ihn an ihrer Gränze gefeſſelt. Un⸗ ſchlüſſig wohin er ſich wenden, ob er ſein altes Reich im Oſten genügſam wieder beherrſchen, ob er ein neues II. Band. 9 194 im Weſten gründen ſolle, hatte er mehrere Jahre die Provinzen zwiſchen Alboin's Reiche und Italien beſetzt gehalten, als die Kriegspoſaune aus den Klüften der Noriſchen Alpen Alboins Aufbruch gegen Süden ver⸗ kündigte. Mit den weißen Haaren hatte Kunemunds Haupt die Krone menſchlicher Weisheit und das Er⸗ gebniß der widerſprechendſten Lebenserfahrungen, die quälende Unſchlüſſigkeit erreicht. Zu ſchwach, einen küh⸗ nen Entſchluß auszuführen, zu weiſe ſich dünkend um in ein Wagſtück einzugehen, und doch des alten Ruh⸗ mes eingedenk, der ihm verboth, vom Schauplatze der Entſcheidung über lange genährte Wünſche freywillig aus Verzagtheit abzutreten, ſchwankte der greiſe Kö⸗ nig zwiſchen den Hoffnungen der Jugend und der Ent⸗ fagung des Alters, als er die Nachricht erhielt, Alboins Zug nach Italien habe mit der Verletzung des Gebie⸗ thes der Gepiden begonnen, und die Longobarden wäl⸗ zen ſich in gewaltigen Haufen geradezu auf ſeinen Kö⸗ nigsſitz. Jetzt vereinten ſich die ſtreitenden Gefühle in Kunemunds Bruſt im Triebe der Selbſterhaltung, der den Wurm ſich krümmen und den Greis nach der Keule des Rieſen greifen läßt, der in der Wiege das giftige Haupt der Schlangen zu zerdrücken wagt.— Der Eid⸗ bruch Alboins erſchütterte tief Kunemunds redliches Herz⸗ er entbath die Seinen zum Kampfe gegen den Frie⸗ * — 195— densſtörer und bereitete ſich zum Empfange der un⸗ gebethenen Gäſte, deren Wege die unerhörteſte Zerſtö⸗ rungsſucht bezeichnete. Als von den Pfaden im Norden ſeines Königsſi⸗ tzes der Staub unter den Hufen der feindlichen Roſſe hoch aufwirbelnd ihre Nähe verkündigte, ſchlich der alte Kunemund in wehmüthiger Stimmung auf den Lei⸗ chenacker, wo er ſeine treue Gemahlinn vor Kurzem der Erde wieder gegeben hatte. Sich ſelbſt unbewußt, ob dieſer Beſuch der Verklärten Abſchied oder Gruß zu bringen beſtimmt ſeyn möge, bemerkte der König auf dem Grabe eine verblühte Blume des Löwenzahns;—— der Drang im Menſchen, ein Drakel in der Natur für die Beſtimmungen im Leben zu ſuchen, läßt ihn iene Blume brechen; in die bleiche wollige Sphäre der geflügelten Samen bläſt er den bangen Hauch, um an der Zahl der am Fruchtboden ſitzen bleibenden Körner, einem alten Volksglauben gemäß, die Zahl der ihm noch zugemeßnen Lebensjahre zu erkennen.—— In ſeines Athems Zuge verwehen die geflügelten Samen, der dürre Stengel bleibt in des Greiſes Hand, der mit naſſem Blicke die kahle Spitze anſtarrt. In dieſem Augenblicke tritt Roſamunde, die fünfzehnjährige Toch⸗ ter Kunemunds hinter dem Steinhügel auf dem Grabe der Mutter hervor. Sie verſteht die Thränen in ihres 5 196— Vaters Augen, ſie verſteht die Sprache der verdorrten Blume in ſeiner Hand,— weinend ſinkt ſie an ſeine Bruſt. Wie der hundertjährige Baum, deſſen Wipfel be⸗ reits blätterlos geworden, deſſen Mark erſtorben iſt, die letzte Kraft ſammelt, um die Schößlinge an ſeinen Wurzeln grünend zu erhalten, bis ſie ſelbſt wurzeln und felbſtſtändig fortleben: ſo überträgt der Vater am Rande des Grabes, ſich ſelbſt nicht mehr achtend, all ſeine Sorge auf ſein geliebtes Kind. Kunemund fühlte ſich geſtärkt durch den Anblick der lieblichen Noſamunde, ſei⸗ nes einzigen Kindes; ihre unerfahrne Unſchuld, die Gefahren, welche die bald vaterloſe Königstochter be⸗ drohten, ließen ihn erwachen aus ſeinen trübſeligen Träumereyen. Er ermannte ſich zum Vorſatze, die Tha⸗ ten ſeiner Jugend wieder aufleben zu laſſen in dem Kampfe, der ihm bevorſtand, ſein Theuerſtes zu ſchützen. Er nahm Roſamunden mit ſich, und nachdem er anihrer Seite, die Führer ſeines Heers um ſich verſammelt hatte, führte er ſie zu einer alten Eiche die im Angeſichte der gelagerten Scharen Alboins auß⸗freyem Felde ſtand. Dort angelangt, zeigte er ſeinen Getreuen zwey kreuz⸗ weis über einander gelegte Marmorſäulen, das Denk⸗ mahl des fürchterlichen Eides, unter welchem Alboin und Kunemund vor dreyen Jahren ſich zu ewigem Freun⸗ . 197 n desbündniſſe vereinigt hatten. Das wilde Kriegsgeſchrey, aus Alboins Lager herüberhallend, ſtimmte ſeltſam zu dem Anblicke des Friedensdenkmahls. Kunemund be⸗ ſchwor die Seinigen, den ſchändlichen Eidbruch Albvins blutig zu rächen; er deutete auf die Italiſchen Hügel im Weſten, hinter denen die Abendſonne eben verſank; den Preis ihres Muthes hielt er ihnen in der reitzenden Schilderung des Heſperidenlandes vor, das ſie nach Alboins Vertreibung einnehmen ſollten. Die grauen Krie⸗ ger Kunemunds entblößten die narbigen Scheitel, und nachdem ſie das ſteinerne Kreuz am Boden geküßt hat⸗ ten, berührten ſie mit den Spitzen ihrer Schwerter Ku⸗ nemunds graues Haupt, indem ſie ausriefen:„Wir ſchwören bey dem ewigen Gotte, dem Alboin gelogen, dieß dein königliches Haupt zu ſchützen,— zu rächen!“ — Die Worte„zu rächen!“ fielen ſchwer auf Roſamun⸗ dens Herz;— der Gedanke, ihren Vater zu verlieren ergriff ſie mit überwältigendem Wehgefühle;— ſie ſah im Gedanken den treuloſen rüſtigen Alboin den greiſen Kunemund überwältighn— die erſte Gemüthsbewegung es bisher heiteren Lebens ward Rachegefühl. Es brach“ hervor aus den Lippen der fünfzehnjährigen Jung⸗ frau,—— ſie trat kühn unter die Kriegsmänner, nahm demAelteſten und Ehrwürdigſten unter ihnen dasSchwert aus der Hand, und indem ſie es mit der Rechten zum 198— Himmel erhob, berührte ſie ihres Vaters Stirne mit der Linken, und rief:„Auch mich ſoll der Ewige für ewig verderben laſſen, räche ich nicht dieß theure Haupt an jedem, der es verunglimpft!“— Kunemunds Kriegs⸗ ſchar jubelte ob des Schwurs der holden Prinzeſſinn mit dem Löwenblicke,— dumpf wiederhallte ihr Jubel⸗ ruf im Lager der Longobarden. Der Gepidenkönig ver⸗ ließ mit den Seinigen, in banger Erwartung der Ent⸗ ſcheidung des Morgens, den Schauplatz der dreyfachen Beſchwörung des Himmels zum Untergange ſeines Feindes. Kunemund nahm Abſchied von Roſamunden, die er den Gefahren des Krieges nicht bloß geben wollte; er übergab ſie einem ſeiner vertrauteſten Diener Piridius, dem Sohne ſeines Heerführers Aſtolf, um ſie in ein an der Brenta gelegenes Aſyl für chriſtliche Jungfrauen zu bringen, dorthin, wo ſie auch die Tage ihrer erſten Jugend während den Stürmen der verwüſtenden Völker⸗ kriege zugebracht hatte, und erzogen worden war. Ein altes römiſches Caſtell an jenem Fluſſe, diente der Un⸗ ſchuld zum Zufluchtsorte;— ohne ein eigentliches Klo⸗ ſter zu ſeyn, vereinten ſich dort würdige Frauen der Chriſtenheit, der Regel Benedicts von Monte Caſſino folgend, zum Schutze und Unterrichte unſchuldiger verlaſſe⸗ ner Waiſen; das weiße Kreuz an der Eiſenpforte, hatte * — 199— bisher die, wenigſtens dem Worte nach chriſtlich geworde⸗ nen, barbariſchen Einwanderer Italiens von der Ver⸗ letzung der heiligen Mauern zurück gehalten. Roſamun⸗ dens Gemüth hatte ſich dort frühzeitig dem Glauben und Aberglauben ihrer Zeit erſchloſſen, aber gewohnt an die Vergeſellſchaftung der Götter des Heidenthums mit den Menſchen auf Erden, die ihnen ihre Geſtalt und ihre Neigungen geliehen, übertrug das feurige Ge⸗ müth der Kaumbekehrten das kühne Rechten mit den Mächten des Olymps auf den unſichtbaren Gott des Dulden lehrenden Chriſtenthums. Jetzt, in dunkler Nacht an der Seite des muthigen Piridius, losgeriſſen von ihres Vaters Herzen, das vielleicht zum letzten Mahle an dem ihrigen gepocht hatte, der Wiege ihres Lebens entgegenziehend, hob ſie die Blicke unmuthig zum kla⸗ ren Himmel empor, wo ſie vergebens die alten Götzen im Sterngewande ſuchte, ihre Hülfe anzurufen. Wie. der Glaube an den einigen Gott die Aftergötter des Heidenthumes in ihrer Seele, ſo hatte er auch ihre Bil⸗ der am Sternhimmel verwiſcht; der azurne Oeean, durch welchen ungezählte Sonnen wogen, lag, ein Bild des Unerfaßlichen, dem ihre Seele nunmehr diente, in ſeiner Herrlichkeit vor ihr ausgegoſſen. Trüber Ahnungen voll ſchloß ſie ſich an ihren Be⸗ gleiter, der mit der Liebe Falkenauge in ihr Innerſtes 200 blickte. Piridius, der Roſamunden, ſeit ſie an ihres Vaters Königsſitze erſchienen war, mit kühner Hoffnung, voch ohne irgend ein Merkmahl der Erwiederung liebte, fühlte ſich ſelig zu ihrem Schutze erwählt worden zu ſeyn. Er las die Beſorgniſſe ihres Herzens für die Zu⸗ kunft in ihrem Benehmen, er errieth den Sinn ihrer ſtummen Zwieſprache mit den Sternen. Aufgeregt zu den freudigſten Hoffnungen durch das Vertrauen, wel⸗ ches ihm Kunemund in der Zeit ſo dringender Gefah⸗ ren ſchenkte, begeiſtert durch Roſamundens Anblick durch das Alleinſeyn mit ihr in der weiten dunkeln Natur, gab ſich Piridius den traumähnlichen Vorgefühlen be⸗ glückter Liebe, allzunachſichtig gegen das immer vor⸗ laute Herz, auch jetzt völlig hin.„Jedes Zeichen froher Vorbedeutung' ſagte Roſamunde,„iſt verſchwunden am Himmel.“— Dieſe Worte weckten Piridius aus ſeinen Träumereyen,— er entgegnete Roſamunden, ſie könn⸗ te das beſte Zeichen in ſeiner Augen Sternen leſen, doch ſie ſenkte die Blicke ſonder Erwiederung zu Bo⸗ den. Piridius, ein Grieche von Geburt, in der Leiden⸗ ſchaft mehr tief erglühend als heftig ausbrechend, blickte auf zum Himmel, als wolle er ihn anklagen, daß er jeden Stern froher Vorbedeutung habe verſchwinden laſſen:— da glänzte mit röthlichem Scheine der Scor⸗ pion am ſüdlichen Himmel ihm entgegen, vor ihm lag „ 201 in ſchräger Richtung das Sternbild des Bechers, wie umgeſtürzt erſcheinend im Untergange. Unter den ſchwär⸗ menden Magiern der neuplatoniſchen Schule aufgewach⸗ ſen, las Piridius in den Sternen, denen er entgegen ritt, die ſchlimmſte aller Vorbedeutungen. Wie jeder der noch ohne offene Erwiederung liebt, nur an ſich ſelbſt denkend, brach der Träumende aus:„ſieh dort Roſa⸗ munde den umgeſtürzten Kelch des Lebens,— ſieh dort den giftigen Nieſen⸗Scorpion— ihm reiten wir ent⸗ gegen.“— Roſamunde konnte nur ein banges„Weh uns! erwiedern. Thränen erſtickten ihre Sprache. —„Glaube mir nicht, dem Träumenden, der Traum iſt Wahn, und wahnſinnig redet, wer im Traume ſpricht“ — fuhr Piridius fort ſie zu beruhigen.——— Indeſ⸗ ſen deckt die ſchwarze Mauer des Kloſters den ſüdli⸗ chen Himmel, die Reiſenden ſtehen an der Erzpforte mit dem weißen Kreuze— ein Schlag an dieſe, und der finſtere Eingang öffnet ſich Roſamunden:— ſie reicht dem ſcheidenden Piridius die Hand, die dieſer im Schmerze der Trennung feurig küſſet, mit der Lin⸗ ken deutet ſie nach den Sternen, indem ſie wehmuths⸗ voll den traumerfüllten Sterndeuter an ſein Orakel*) ) Aus Plato hat ſich der Spruch der Griechen papn rexn parixn reyn Wahrſagekunſt: Wahrſagekunſt, er⸗ 202 mahnet mit den bedeutungsvollen Worten:„Wahrſage⸗ runſt: Wahrſagekunſt.“ Piridius verſteht ſie tief ergrif⸗ fen; doch es iſt zu ſpät, ſie zu widerlegen. Die Eiſen⸗ pforte trennt ihn mit einem Angelumſchwunge von der Geliebten. Kein männlicher Fuß darf das Aſyl der Jungfrau entweihen; er kehrt um, zurück in das La⸗ ger Kunemunds, ſein Leben das er der Tochter geweiht, für den Vater zu wagen. Alboin, der unbezwungene Longobardenkönig war inzwiſchen gegen Kunemund mit ſeinem Heere aufgebro⸗ chen. Iſt der Menſch überhaupt und ſelbſt der Weiſe nur dunkel weiſe, und ſtets auf Anderer Koſten nur groß, iſt Jeder oft ungewiß, ob er handeln oder ruhen ſoll, gleich unwiſſend, er mag zu viel oder zu wenig denken, bald ſich ſelbſt betrügend, bald den Betrug entdeckend, erſchaffen um hoch zu ſteigen und tief bald darauf zu ſinken, wie konnte Alboin, den das Schick⸗ ſal an die Spitze von Barbaren ſtellte, ſich ſelbſt und ſein Volk durch die finſtere Wüſte ſeines Jahrhunderts halten; der Glaube an die Wahrſagekunſt der träumen⸗ den Inkubanten in Aeskulaps Tempel, und der wahn⸗ ſinnigen Sibyllen auf dem delphiſchen Dreyfuße lag ihm zum Grunde; bey uns geſellt ein anderes Sprichwort den Narren die Wahrheit zu. 205 anders leiten, als indem er dem natürlichen Drange irgendwo einheimiſch zu werden jede andere Rückſicht opfernd, Alles, ja ſelbſt ſeine Treue und ſein Leben daran ſetzte, ſein Canaan in Italien zu behaupten! Der rohe, aber natürlich-kluge Mann, erkannte wohl im Menſchen den ſcheinbaren Herren aller Dinge, de⸗ ren Selave er doch in der That iſt; er erkannte in ſich den Richter der Wahrheit der ewig auf Irrthümer ſtößt, er erkannte im Menſchen, wie ein großer Dichter ſagt, den Stolz das Spiel und das Räthſel der Welt,— aber eben dieſe Erkenntniß, deren Stachel ſeinen eigenen Stolz verwundete, erbitterte ihn gegen die Welt, und unfähig das Räthſel ſeines Selbſt zu löſen, wollte lie⸗ ber er der Herr ſcheinen als der Sclave ſeyn, auch nicht der Selave ſeines Worts. Mit dem früheſten Morgen führte er ſeine Scharen gegen jene Kunemunds. Römiſche Adler, die Trophäen ſeiner erſten Kriege ge⸗ gen den Gothen Totila, der ſich König der Römer dünkte, und durch die alten Zeichen ſeiner neuen Herr⸗ ſchaft Anſehen geben wollte, ließ Alboin ſeinen Kriegern voranleuchten im Glanze der Morgenſonne; den Geiſt der Römer, deren Kriegs⸗ und Siegszeichen ſie einſt waren, wähnte er an ſie gebannt, darum ſollte ſein Volk ihnen folgen getroſt und muthig. Bis zum Abende währte die Schlacht. Es war nicht v 204 v der Kampf von Söldlingen gegen Söldlinge um die Be⸗ hauptung des Schlachtfeldes: es war der Kampf des Volks gegen ein anderes Volk, um Leben und Frey⸗ heit, um das Leben der Wehrloſen im Rücken des Schlachtfeldes, um das Schickſal der Kinder und ſpäte⸗ ſten Enkel, deren Selaverey oder Vertreibung harrte. Die Kreuzesfahne Kunemunds war Siegerinn bis gegen Abend. Jetzt erhob ſich Alboin mit verdoppeltem Grim⸗ me. Der Nacht, die er von Jugend an als ſeine bit⸗ terſte Feindinn erkannt, die er im Schlafgemache und im Feldlager mit lodernden Feuern von ſich zu verſcheu⸗ chen und ſie zu verhöhnen gewohnt war, wollte er nicht die Entſcheidung überlaſſen. Mit dem letzten Strahle der Sonne ſtürzt er ſich auf die ermüdeten Gepiden; im wüthenden Kampfe zerſpringt ſein ſchartiges Schwert, Piridius erreicht ihn jetzt mit dem ſeinigen, und will ihn zu Boden ſtrecken, doch im Wahnglauben an den Sieg der Gepiden, ſchont er des Wehrloſen als Menſch „ und Chriſt; er reicht dem bleichen Alboin die Hand⸗ und räth ihm, ſich zu ergeben. Statt der Antwort ent⸗ reißt Alboin mit Blitzes ſchnelle einem ſeiner Krieger die Streitart, und mit einem Streiche trennt er den Arm des Edlen, der ihn ſchonte, von der Schulter. „Mit dem Gepidenſchwerte“ ruft er wüthend, des Pi⸗ ridius Waffe aus der krampfhaft geſchloſſenen Hand am * —— 205 Boden löſend,„will ich Kunemunds Haupt erreichen.“ Piridius ſinkt blutig und wie vernichtet zur Erde. An der Eiche des Bundes erreicht Alboin den greiſen Ku⸗ nemund; der Gruß des letztern:„Verräther! dreyfacher Lügenmund!“ erbittert ihn zu bewußtloſer Wuth,— er durchbohrt den überwundenen Gegner, und trennt deſſen Haupt vom Rumpfe, das er auf ſeinem Schwerte ſeinen Scharen vorträgt als Siegeszeichen. Kunemund's Sonne war mit jener des Himmels blutig unterge⸗ gangen, und wie des Abends Strahl röhete das Blut ſeines letzten Pulsſchlages, das Friedensdenkmahl— das ſteinerne Kreuz an der Eiche des Bundes. Der Anblick des bleichen Hauptes Kunemunds, das Alboin den Seinigen vortrug, verbreitete lähmenden Schrecken unter den Gepiden. Die RNacht brach herein und ein furchtbares Würgen begann; die ſiegenden Lang⸗ bärte rieben die entmuthigten Reſte der zerſtreuten flie⸗ henden Gepiden auf. Alboin war Sieger und es gab kein Gepidenvolk mehr. Die Fackel des Kriegs wurde auch in den Zufluchts⸗ ort Roſamundens geſchleudert,— ſie verläßt das flam⸗ mende Aſyl.— Im Scheine des hochauflodernden Brandes, eilt ſie der Eiche zu, wo ihr Vater geſunken. Sie ſtürzt wie wahnſinnig auf den theuren Leichnam, umklammert ihn mit ihren Armen, und will dem kal⸗ 206 ten Munde ihr eigenes Leben zur Wiedererweckung des geliebten Todten einhauchen; doch vergebens ſuchen ihre Lippen jene Kunemunds,— ſie küßt an ihrer Statt den kalten blutigen Stein, an dem ſie geſtern das Haupt zu rächen geſchworen, das nicht mehr war. Der ſtarre Rumpf des königlichen Greiſes erinnert ſie jetzt mit herzzerreiſſendem Wehgefühle an den dürren Blu⸗ menſtengel, der ihm am Grabe ihrer Mutter den Tod geweiſſaget hatte;— wie die Samenwolle war das graue Haar nun verweht. Ueberwältigt vom Schmerze ſelbſt des Rachegefühls nicht mehr fähig, theilt Roſa⸗ munde in beſinnungsloſer Abſpannung den blutbefleck⸗ ten Boden mit Kunemund, als todtenhafte Lagerge⸗ noſſinn ihres unglücklichen Vaters. Nach ſechzehn Stunden erwachte Roſamunde all⸗ mählich aus ihrem grauſenhaften Schlummer. Weil aber das Leben, die Sinne des Menſchen, früher erwachen und das Gegenwärtige des Heute ſchneller ergreifen, als die Erinnerung der Seele, das Geſtern zurück rufen kann⸗ ſchlug ſie beherzt die Augen auf— und ſiehe, eine neue Welt hatte ſie umfangen. Der blutige Boden war einem weichen Bette aus griechiſcher Seide gewichen, eine Marmorkuppel wölbte ſich über ihr Lager⸗ und goldene Prachtgefäſſe hauchten Wohlgerüche durch das Gemach.—— Roſamunde erhob ſich, ſchwankend zwi⸗ „ —— —————— 2————— * — 207— ſchen Furcht und Hoffnung vom Lager.—— Zwey griechiſche Sclavinnen traten jetzt herein, und kleideten die Staunende in Purpur und Gold, ſie zierten ihr Arme und Hals mit fiimmerndem Geſchmeide, und ſalb⸗ ten ihre Haare mit köſtlich duftendem Hehle; Harfen erklangen aus der Ferne, während die Beyden Roſa⸗ mundens Anzug ordneten. Halbträumend fragte Roſa⸗ munde, wo ſie ſich befinde; die beyden Dienerinnen aber legten den Finger an den Mund, und entfernten ſich ſchweigend. Hohe Mauern benahmen Roſamunden die Ausſicht in die Ferne, ein weiter Garten aber, mehr das Werk einer üppigen Natur als der Kunſt, die ſich nur noch durch Ruinen von Tempeln und Grotten aus⸗ ſprach, umgab das Feen⸗Schloß, das ſie bewohnte. Ro⸗ ſamunde befand ſich ſo an der Grenzlinie menſchlicher Faſſungskraft,— von ſtummen Dienern umgeben, die jeden ihrer Winke willenlos befolgten, in aller Pracht und Herrlichkeit ſchwebend, war ſie unfähig die glän⸗ zende anmuthige Gegenwart an die ſchreckliche Ver⸗ gangenheit anzureihen, ſie ſchwankte, ob ſie dieſe oder jene für einen Traum halten ſollte. So mit ſich ſelbſt über die Wahrheit ihres Da⸗ ſeyns nicht einig, verlebte Roſamunde eine geraume Zeit in dem räthſelhaften Pallaſte; die Thore in den Mauern um den weiten Garten waren feſt verriegelt, 208 und ihr Blick langte nicht hinüber übet jene. Eines Morgens, als ſie nachdenkend in das Meer ihrer Zwei⸗ fel hinausſtarrte, hörte ſie feſtere Tritte, als ſie bisher gewohnt war, im Nebenzimmer erſchallen. An die Um⸗ gebung zarter Jungfrauen gewohnt, erſchreckte ſie faſt der männliche Tritt; ſie fuhr empor von ihrem Sitze, doch ſie ſank zurück auf denſelben, als ein Mann mit flammenden Augen, in ein einfaches aber ihr fremdes Gewand gekleidet vor ihr ſtand. Er gab ihr durch Zei⸗ chen zu verſtehen, er ſey der Herr des Hauſes, er fragte eben ſo, ob ihren Winken Gehorſam geleiſtet werde, ob ſie Wohlgefallen an ihrem Aufenthalte fin⸗ de2— Zufrieden mit der Bejahung dieſer Fragen aus Roſamundens Lippen, entfernte er ſich wieder, indem er ihre Frage, wo ſie ſich befinde, gleich ihren Diene⸗ rinnen damit beantwortete, daß er den Finger an den Mund legte. Von nun an erſchien der wunderſame, verſchloſſne Hauswirth täglich bey Roſamunden. Der Geiſt der Jungfrau hatte ſich an ihre neue umgebung gewöhnt, nicht mehr begreiflich erſchien ihr ihr neues Daſeyn, als ihr voriges, wie denn der Menſch und das Leben immer ſich ſelbſt Räthſel bleiben. Die Erinne⸗ rung an die fürchterliche Todesnacht ihres Vaters ließ ſie an den eigenen Tod nicht ſelten glauben; den Wahnglauben ihres Jahrhunderts an die Lockſpeiſe der 209 neuen Ehriſten, an ein Paradies nach dem Tode, das irdiſche Güter gewährt, fand ſie in ihrer Umgebung er⸗ füllt; und die Unſchuldige, welche den unglücklichen Pi⸗ ridius einſt von ſich gewieſen, weil ſie ſeine Liebe nicht erwiedern konnte, glaubte in der Krone aller Luſt auf Erden, ein Kennzeichen mehr des Himmels der Seli⸗ gen zu entdecken. Sie empfand die erſte Liebe in ih⸗ rer Bruſt, und glaubte ſich der Erde darum entrückt mit der Begeiſterung, die auch jene ergreift, die ſich noch nicht geſtorben wähnen. Roſamunde freute ſich der Beſuche ihres ſtummen Hauswirthes, immer mehr; — mit jedem Tage verlängerte ſich ſein Aufenthalt bey ihr; die Blicke der beyden begegneten ſich bald mit dem Ausdrucke des beſeligendſten Wonnegefühls. Bald liebte Roſamunde in der Einfalt ihres getäuſchten Herzens. Furchtbares Geſchick!— ſie liebte Alboin den Verder⸗ ber, den Mörder ihres Vaters, dem ſie blutige Rache auf Kunemunds Haupt bey dem Zorne des ewigen Got⸗ tes der Chriſten geſchworen. Alboin hatte Roſamunden am Tage nach der ent⸗ ſcheidenden Schlacht auf Kunemunds Leiche ohnmächtig gefunden. Auf den Rath eines verſchmitzten Griechen, der ſein vertrauteſter Rathgeber war, flößte er der Un⸗ glücklichen Bilſenkraut⸗Saft durch den Mund, zu länge⸗ rer Vetäubung ein. In lethargiſchen Schlummer ver⸗ 210 ſenkt, brachte er die Tochter des Gepidenkönigs nach Padua, das er zur Hauptſtadt ſeines neuen Reiches machte. Dort verſchloß er ſie in einen prächtigen Pal⸗ laſt, das ſchönſte Denkmahl alter römiſcher Größe, den er ſchnell mit dem veſten Theile der Beute aller ſeiner Kriege ausſchmückte, und wo wir Roſamunden gefun⸗ den haben. Der Plan Albvin's und ſeines griechiſchen Rathgebers ging dahin, auf ſolche Art Roſamunden an das Herz Alboins zu feſſeln, der ſie dann zu einer Frau nehmen, und ſo mit einem Scheine von Recht die überwundenen Gepiden beherrſchen ſollte. Dieſer Plan war bis zum uebermaße gelungen⸗ Roſamunde liebte den in der Liebe weicher gewordenen furchtbaren Alboin. Wie der Falke der im Schwindel ängſtigender Qualen ſein früheres Daſeyn vergißt, dem Jäger das Wild zuträgt, das er ſonſt für ſich zu fangen gewohnt war: ſo gab ſich Roſamunde betrogen um den Glauben an ihr altes Leben, als ein williges Opfer völlig hin an ihren bitterſten Gegner, den ſie früher zu verderben geſchworen hatte. Von der Nei⸗ gung der ſchmählich Getäuſchten zu dem allgewaltigen Verſucher, von der Liebe ſonder Hinderniſſe ging es raſch zur Verbindung Roſamundens mit Alboin. Roſamundens Beſitz genügte jedoch dem abergläu⸗ biſchen Longobardenkönig nicht zur Beruhigung ſeines „ 211 vorwurfserfüllten Herzens. Der Ruf hatte ihm den Rächereid Roſamundens an der Bundeseiche, wo er bundbrüchig ihren Vater geſchlachtet hatte, vorlängſt verkündet. Dieſen Eid ſollte ein Opfer, eine Beſchwö⸗ rung des Himmels von anderer entgegengeſetzter Art, eine Verſöhnung mit dem todten Kunemund aufheben, und ungültig machen. Der alte Grieche Lampridius, both auch hier, um in der Gunſt ſeines Herrn in ſo entſcheidendem Augenblicke höher zu ſteigen, die allzeit willige Hand. Ein kunſtreiches Geflechte eben ſo bar⸗ bariſcher als finſterer abergläubiſcher Ceremonien ward erſonnen, Roſamundens Rächereid in der Nacht ih⸗ rer Vermählung an Alboin zu entkräften. Erſt am Tage nach der Brautnacht ſollte die Unglückliche erfah⸗ ren, daß ſie Alboin die Hand gereicht habe. Dem Volke war dieſe Verbindung kein Geheimniß geblieben, als Sage irrte das Gerücht davon im Lande herum, ob⸗ ſchon nur die vertrauteſten Diener des Hofes darin eingeweiht worden waren. Unter dieſe gehörte jetzt, ſich ſelbſt verläugnend, um wo möglich Roſamunden zu ret⸗ ten, der edle Piridius, der das Schwert nunmehr in der Linken trug, ſeit ſeine Rechte einſt Alboins geſchont hatte. Alboin erkannte den Retter ſeines Lebens und dankbar nahm er ihn unter ſeine Leibwache auf. Piri⸗ 2 12 dius aber ſann darauf, Roſamunden zu enttäuſchen, und Alboin zu verderben. Der Tag der Verbindung Alboins mit Roſamun⸗ den war herangesogen. Abends empfing die glückliche Braut in einem Meere ſüßer Ahnung ſchwimmend den freudetrunkenen Bräutigam; eine Krone glänzte heute auf ſeinem Haupte, eine zweyte trug ihm ein reichge⸗ ſchmückter Diener nach, und ſie umſing die Schläfe Roſamundens. Der Taumel der Liebe verhinderte auch jetzt noch die Enttäuſchung Roſamundens. Eine ernſte, ſtumme, von den Liebenden ferne gehaltene umgebung, vereinte ſich erſt Abends im Prunkſaale zu trauliche⸗ rem Zirkel. Dort ertönte frohe Muſik aus den anſto⸗ ßenden Hallen.— Alboin, der die Nacht fürchtete, hatte für die freundlichſte ſchimmerndſte Beleuchtung geſorgt; bunt mit ſeidenen Stoffen waren die Wände behängt, die Tiſche mit der Veute fünfzehnjähriger Kriege in Roms reichſten Provinzen, mit den köſtlich⸗ ſten Trinkgefäßen bedeckt,— Kränze von Roſen lagen zur Krönung der Becher, nach Römerſitte zierlich ge⸗ ſchichtet auf goldenen Dreyfüßen. Unter den Bechern von Gold und Kryſtall ſtand auch einer von fahler Farbe, wunderſam geformt; Roſamunde glaubte er⸗ ſchreckt ein Knochenhaupt zu erblicken, und wendete ih⸗ „ ren Blick ab von dem Marmortiſche, auf deſſen Mitte er ſtand. Zum erſten Mahle öffnete heute der räthſelhafte Alboin und ſeine Getreuen den Mund zur Sprache der Menſchen. Einen mächtigen König nannte ſich Alboin in einem gefürchteten Reiche, der Roſamunden an der goldenen Schwelle ſeines Pallaſtes Hülfe flehend ge⸗ funden und ſo aufgenommen habe, ſie zu ſeinem Weibe zu wählen. Roſamunde wähnte ſich noch immer ſchon jenſeits der Erde. Der Becher ging wiederhohlt im Kreiſe herum, und die Zungen der Longobarden wur⸗ den allmählich geläuſiger.— Piridius hatte berauſchen⸗ den Kräutertrank in den Wein gemiſcht, und ſtand im Hintergrunde dem Ausgange zuzuſehen, den er auf den Selbſtverrath des Barbaren klug berechnet hatte. Al⸗ boin, in dem mit dem Geiſte des Weins, mit dem Taumel der Liebe, die lang gedämmte Wildheit ſeines Gemüthes zu altgewohnter Schrankenloſigkeit erwachte, griff jetzt mit einem Mahle nach dem fahlen Becher mit goldenem Handgriffe auf dem Rebentiſche— es war ein Todtenſchädel zu ſchaudervollem Trinkgefäße umge⸗ ſtaltet.„Kränze auch dieſen Becher mit Roſen, Roſa⸗ munde, rief Alboin ihr das Gefäß vorhaltend,»und trinke mir ein Lebe' zu, wir ſind im Reiche der Se⸗ ligen, bringe dem Tode, der uns von der Erde erlöſt — hat, das letzte Opfer!“— Roſamunde ſtarrte gedanken⸗ los den ſchrecklichen Becher an, mechaniſch griff ihre Hand nach dem Kranze duftender Roſen, ſie bekränzte mit zitternder Hand das Todtenhaupt, während es ein Diener mit perlendem Weine füllte.——„Trink mir zu!“ rief Alboin freudig, und Roſamunde ſetzte die Lippen an den enöchernen Mund; ſie trank mit dem Rufe»Lang lebe mein Gemahl!“— Freudetrunken, berauſcht von Wein und Liebe erhob ſich jetzt Alboin; dem Geſchicke will er trotzen, weil er es mit furchtba⸗ rem Aberglauben beſchworen„Lebe hoch Roſamunde“— ruft er, daß die Marmorwände zittern—„Leb lange mit Alboin, du haſt mit Kunemund mir zugetrunken, mit deinem Vater haſt du getrunken, Friede mit Ku⸗ nemund!“ er leerte den ſchaurigen Becher, der mit herzergreifendem Getöne zerſprang.— Roſamunde griff entſetzt, zurückgeſtürzt aus dem geträumten Him⸗ mel in ein noch qualvolleres Daſeyn als ſie ſchon ver⸗ laſſen zu haben wähnte, nach dem goldenen Dolche ei⸗ nes der Begleiter Alboins, doch indem ſie ihn nach Al⸗ boin zückte, begegnete ihr ſein Auge, und ſelbſt durch⸗ bohrt von des geliebten Frevlers Blicke ſank ſie ohn⸗ mächtig zu des Barbaren Füßen. um Mitternacht erwachte Roſamunde auf demſel⸗ ben Lager, wo ſie ſich an jenem Morgen zum erſten „ — 225—— Mahle in das Elyſium ihrer Täuſchungen hinein geträumt hatte, den Träumen der Nacht zum Hohne. Doch wie dieſe war jetzt die Wirklichkeit zerronnen. Die Braut ſah ſich allein in der Brautnacht;—— im Schlafe des Trunkes lagen Alboins Gefährte am Boden durch die finſteren Hallen des Pallaſtes zerſtreut; in Roſamun⸗ dens Bruſt tobten und ſtritten ſich der fürchterliche Schwur ihres Vaters geſchändetes Haupt zu rächen, und die Liebe, die den Mörder, den höhniſchen Frevler mit jenem ſchonen wollte, um die Oberherrſchaft. In äng⸗ ſtigender Herzensqual wie keine Sterbliche ſie noch er⸗ fahren, tritt Roſamunde an's Fenſter. Der Seorpion glüht ihr entgegen am Sternenhimmel, vor ihm der umgeſtürzte Becher dem Meere ſich zuneigend. Sie er⸗ kennt jetzt in den Sternen die Verkünder ihres Geſchi⸗ ckes, in Alboin den giftigen Mörder, in dem Becher ihres Vaters ſchmachvoll zum Freudenkelche herabgewür⸗ digtes Haupt.„Piridius!“—„Piridius!“ ſtöhnt ſie zum Himmel auf,„du haſt wahrgeſagt!“—— Sie wendet ſich erſchreckt über ein Rauſchen im Nebenge⸗ mache, vom Fenſter ab, und ſiehe, Piridius ſteht vor ihr; der einzige wache, und unbetäubte vom Weine, hatte er den Weg zu ihr gefunden. Er erklärt der Stau⸗ nenden ſeine Abſicht, den Wütherich Alboin zu tödten, ſie zu befreyen, und ſo Kunemunds Schatten zu ſüh⸗ 216 nen. Roſamunde ringt mit ihrer Liebe, mit ihrem Schwure einen peinvollen Wechſelkampf; endlich ſiegt ſie über jene, und über ſich ſelbſt. Das Spiel Alboins mit ih⸗ rem Herzen miſcht das Gefühl beleidigten Frauenſtolzes zu der Pflicht ihren Vater zu rächen; ſie ſelbſt will hin gehen, die doppelte Rache an Alboin zu nehmen. Alboin irrte inzwiſchen auf ſeinem Lager mit heiß⸗ aufgährendem Blute durch ein Labyrinth qualvoller Träume. Es war die erſte Nacht, die er ohne Licht zu⸗ brachte. Sein geängſtigter Geiſt ſah hierin einen Vor⸗ bothen der ewigen Todesnacht. Im halbwachen Schlum⸗ mer der Betäubung hatte er das furchtbare Geſicht der Auferſtehung der Todten;— Kunemund's Rumpf kam auf ihn zu, und forderte mit wüthenden Geberden die blutigen Hände ihm entgegenſtreckend, ſein entehrtes Haupt; Piridius, dem er den Arm zum Lohne dafür ab⸗ gehauen, daß er ſeines Lebens geſchont, ſtand gwaß net mit beyden Armen auferſtanden wieder vor ihm —— Roſamunde aber reichte dem durch die Angſt Er⸗ hitzten, der in der Qual brennenden Durſtes um Waſ⸗ ſer für ſeine Zunge flehte, mit höhnendem Blicke den leeren Schädel ihres Vaters, den er einſt mit Wein zu füllen ſich vermaß. In der Angſt ſeines Herzens ſtöhnt der Träumende, die Nacht nur fürchtend als die ewig ſchwangere Mutter drohender Geſtalten,»L Licht! *„ „ 217— Licht:*— Ein blaſſer Schimmer fällt jetzt auf Alboins Angenlieder, er ſchlägt ſie auf, doch entſetzt, ſ ſchließt er ſie alſogleich wieder. Die Bilder ſeines Traumes haben ſich verwirklicht. Piridius ſteht vor ihm, mit zwey Ar⸗ men, der Linke führt einen blanken Dolch, der Rechte hält ihm Kunemunds Knochenhaupt, den gräßlichen Becher ſeines letzten Mahles vor. Albvin hat ſich nicht getäuſcht, Piridius iſt's, der vor ihm ſteht, doch ſein rechter Arm iſt jener Roſamundens, die an ſeinem Rü⸗ cken ihr Haupt verbergend, um das Gräßliche nicht zu ſchauen, ihm ihre Rechte mit ihres Vaters Haupte leiht. — Sie erfüllt die Pflicht der Rächerinn,—— die Fa⸗ ckel in ihrer Linken ſchwebtüber Piridius Haupte. Laut⸗ los verſcheidet Alboin durch den Stahl des Jünglings, der ihm den Ehrentod der Schlacht nicht gönnen durfte, weil ſeine Frevel ein grauſenhaftes Ende er⸗ heiſchten. Alboin röchelt nicht mehr, nur ſeine Geſel⸗ len ſtöhnen ein ſchauriges Todtenlied durch die Hallen; Noſamunde aber entflieht mit Piridius, der die Schlüſ⸗ ſel des geheimnißvollen Pallaſtes an ſich gebracht hat. Das Haupt ihres Vaters als einzige Trophäe ihres Siegs über Alboin und über ſich ſelbſt mitnehmend, enteilt Roſamunde an Piridius Seite nach Ravenna in den Schutz des Oſtrömiſchen Statthalters Longinus. Das furchtbare Ende des gehaßten Barbarenkö⸗ II. Vand. 10 218 nigs, ſein grauſames Spiel mit der unſeligen Tochter des friedlichen Kunemunds, die Kunde von Roſamun⸗ dens heldenmüthigem Siege über ihr getäuſchtes Herz, das auf die härteſte Probe geſtellt worden war, die je ein liebendes weibliches Weſen erfahren, verbreitete ſich ſchnell durch ganz Italien. Das Land athmete hoff⸗ nungsvoll wieder auf bey der Nochricht von des gefürch⸗ teten Alboins Tode. Sein Nachfolger war ſchwach, und mehr beſorgt das neugegründete Reich der Longobarden in Oberitalien zu erhalten, als es über die ſüdlichen Provinzen auszudehnen. Roſamunden war der Nuf ih⸗ rer Schickſale nach Ravenna vorangeeilt. Als Königs⸗ tochter, als Siegerinn empfing ſie Longinus mit dem Feſtgepränge altrömiſcher Triumphzüge; doch nur die Thränen ihrer holden Augen erwiederten den Freuden⸗ ruf des ihr entgegen eilenden Volkes; ihr Antlitz ſprach es deutlich aus, daß der Kampf in ihrem Innern noch nicht zu Ende gekommen war. Still und einſam verlebte Roſamunde, das Bild deſſen, den ſie im Tode noch haſſen ſollte, unabläſſig vor Augen, gequält von ihrem eigenen Herzen, das den Geliebten einer ſtrengen Pflicht der Gerechtigkeit geopfert hatte, die erſten Tage ihres Aufenthalts in Ra⸗ venna im Pallaſte des Statthalters. In dem dumpfen Hinbrüten ihres Gemüthes, das keine Theilnahme mehr * — 219— der Welt voll trügenden Scheins zu ſchenken vermochte, bemerkte ſie jedoch das bleichere Antlitz ihres Retters Piridius, den ein langjähriger Liebesgram verzehrte. Unfähig eine nie getheilte Liebe zu erwiedern, deren neues Hinderniß der Mord ihres Bräutigams gewor⸗ den, fühlte ſie ſich durch den Anblick des Leidenden um ſo unglücklicher, als ſie die Leiden der Liebe ſelbſt noch in ihrem zerriſſenen Herzen empfand. Piribius, zu edel, um mit den Anſprüchen des Verdienſtes den Schein von Liebe mit Roſamundens Hand erkaufen zu wollen, blieb verſchoſſen, und nur die unnatürlich gebändigte Kraft ſeiner Jugend, die zerſtörend darum die Blüthen ſeiner Wangen angriff, ward die Verrätherinn ſeiner Qualen. So lebte er, der ſelbſt des Troſtes bedürftig, Noſamun⸗ den ein Tröſter. Das grauſame Spiel des Schickſals mit dem Menſchen, der freye Geiſt, im Dulden über das Geſchick erhaben, ſprach ſich zur Erbauung von Tauſenden in den tragiſch ſtummen Gäſten aus, die Ra⸗ venna beherbergte, und verehrte. Dem Zwieſpalte in ihrer Bruſt, dem Kampfe der dort hauſenden Widerſprüche erlag Roſamunde zuerſt. Ein heftiges Fieber, daß die Sumpfluft um Ravenna in ſeinem Fortgange beſchleunigte, ergriff ſie nach we⸗ nigen Monden, eben als der erſte Schnee auf des Herb⸗ ſtes dürres Laub geſallen war. Auf ihrem Sterbelager 5 „ 220— von dem Piridius nicht wich, empfing ſie den letzten Troſt der Chriſtinn aus den Händen des Patriarchen von Aquileja;— den grauſen Becher, aus dem ſie Al⸗ boin in der Brautnacht das verderbliche„Lebe“ zuge⸗ trunken, reichte ihr dieſer auf ihr Verlangen, zur Ver⸗ ſöhnung mit Gott und den Menſchen, als Todeskelch; ſie leerte ihn, und mit dem letzten Tropfen des heili⸗ gen Trankes verſchied die Reine am Knochenmunde ih⸗ res gerächten Vaters. Kein Kuß der Liebe hatte die Lippen der Braut entweiht; Piridius blieb ſtandhaft entſagend bis zu ihrem Ende. Wenige Tage nach Roſamundens Beerdigung fand man Piridius im Schnee auf ihrem Grabe todt. Tau⸗ ſend Fußſtapfen wie Elfentritte ründeten ſich in der Cisdecke des Winters um das Grab Roſamundens; an Piridius Stirne glänzte der Todesſchweiß zu hellen Per⸗ len erſtarrt. Ein Volksglaube, den die Gepiden aus Pannonien mitgebracht hatten, und der noch heute dort einheimiſch iſt, läßt den Geiſt der Jungfrau, die als Braut geſtorben, zur nächtlichen Wanderinn werden; ſie heißet Willi, und irret mit ihren Schweſtern, der Williſchar, ſo lange auf den Gräbern umher, bis ſie einen Mann dort gefunden und zu Tode getanzt hat. Die Sage ließ jetzt darum die Braut Roſamunde zur Willi, und den trauernden Piridius zu ihrem Opfer „ 221 werden; die Elfenringe im Schnee um das Grab ga⸗ ven der Sage den Schein der Wahrheit. Lange wurde Kunemunds unglückliches Haupt, der doppelte Todeskelch, in Ravenna als Heiligthum auf⸗ bewahrt, bis er in den letzten Stürmen der Völkerwan⸗ derung verloren ging. Die Sage davon lebt noch heute unter den Bewohnern des Landes an den reitzenden Euganiſchen Hügeln, und ihr allein, nicht den verwor⸗ renen Annalen der Geſchichte jener Zeit iſt der Erzähler gefolgt. Der längste Tag. Heute liegt vielleicht ein Menſch, dem Nordpole nahe, im Mittagsſchlummer und träumt vom ſchönen langen Tag eines Landes. Da gab es keine Abenddämmerung⸗ da war die Sonne der Mond der Nacht. Da drängten ſich Blüthen den Blüthen vor, und Früchte eilten nach, und die Erde war mit Leben überſchwemmt. Er erwacht aus dem Schlummer und tritt aus der Hütte. Da ſieht er Mittags am Himmel eine kleine Tbenddämmerung; ein blutiger, ungeſtalter gewaffneter Nordſchein donnert zwiſchen den Sternen, und das bleiche Todtenweiß überzieht das ganze Land. Soll er verzagen der Menſch? Ausharren ſoll er, die helle Zeit kehrt um, und ſchon heute iſt die Sonne auf dem Wege zu ihm. Jean Paul. Wenn wir den Erdball einem Globus gegenüber den⸗ ken, wie er in den Hörſälen der Geographen pranget, und den wahren Maßſtab für unſern Planeten an den verjüngten ſeines Abbildes legen, finden wir beſchämt, daß der ſtolze menſchliche Forſchungsgeiſt, der kühn die ganze Erde auf den Tiſch vor ſich ſtellet, im Fluge des Luftſchiffers und im Einfahren des Bergmanns über und unter der Erdfläche noch nicht jenen Spielraum ge⸗ wonnen hat, der für den Firniß hinreichte, ſollte die Erde, wie unſere Globen und in demſelben Verhältniſſe wie dieſe, ein derley glänzender Ueberzug kleiden. Unſer Erkennen ſchweift ins Weite und Breite von Pol zu Pol, aber die Höhe und Tiefe menſchlichen Wiſſens erreicht ein Sokrates, der einſieht, daß er Nichts bis in den Kern erkennet. Die Motte, welche ſich durch den Firniß in die Pappe einer Weltkugel hineinfrißt, be⸗ ſchämt unſere Luftfahrer und Bergleute, und jenen Präſidenten einer gelehrten Geſellſchaft, der ein Loch von der Oberfläche bis an den Mittelpunct der Erde graben wollte, aber endlich nicht tiefer unter die Erde kam, als andere Neugierige die man ins Grab ſenket. Entſchädiget uns gleich die offene Unendlichkeit des 226— Sternhimmels für die unzugängigen Tiefen unter unſern Füßen, ſo haben uns doch oft ſchon die Stäubchen auf der Kugel, die wir bewohnen, Berge genannt, für Jahrhunderte die Ausſicht in die nächſte Nähe genommen. Die anmuthige Sage vom Thale Battuekas, das Jahr⸗ hunderte lang dem blühenden Spanien, in deſſen Schooße es liegt, nnbekannt geblieben, bis es zwey verfolgte Liebende entdeckten und ein Aſyl dort fanden, wiederhohlt ſich oft auf der Erde und im Menſchen ſelbſt. Faſt jedes Land beſitzt ein ſolches Thal, jede Stadt ein einſames Stübchen unzugänglich dem Treiben der All⸗ tagswelt, und jeder Menſch findet in ſeiner kleinen Welt, wo ihn Verhältniſſe und Vorurtheile von Jugend auf an einen Welttheil knüpfen wollen, wo die thatloſe entnervte Convenienz zu Hauſe iſt, ein Battuekasthal und ein Aſyl, und wenn er den Muth eines Colon in ſich trägt, eine neue Welt, wenn ihm die alte nichts mehr gewährt. Im Norwegiſchen Stifte Bergen ſtürzt der Utledal⸗ ſtrom zwiſchen unzugänglichen Gebirgen über ſteile Fels⸗ wände herab, und verſchließt ſelbſt den Bewohnern der nächſten Nachbarthäler ein lange unbekanntes Battuekas⸗ thal. Dort hoch am Strome, im Vettiethal, hatte ſich Erich von Gyllenborg angeſiedelt. Mit ungeheurem Geldauf⸗ wande hatte Gyllenborg, nachdem er aus einem dürftigen * 5 rv 227— Mahler durch eine Erbſchaft in Schweden plötzlich ein reicher Mann geworden, ſich in der einſamen unwirth⸗ baren Gegend einen Ritterſitz erbaut, in dem er abge⸗ ſchieden von der Welt, in Entbehrung aller ihrer Ge⸗ nüſſe ſeine Tage verlebte. Das ſtolze Schloß mit ſei⸗ nen Prachtgemächern mit ſeinen üppigen Gemählden und Marworbildern ſtand im ſeltſamen Widerſpruche mit der Einöde, von der es rings umſchloſſen war, mit jenen Gebirgsſchluchten, wohin ſich kein menſchlicher Fuß und nur ſelten das Wild der tiefer gelegenen Forſte verirr⸗ te. Viele Jahre hauſte Erich ſtumm wie das Grab, dem er entgegenſchritt, in dieſer Einöde. Von wenigen treuen Dienern umgeben, getrennt von Guſtav ſeinem einzigen Sohne und Erben, der in Vergen ſelbſt Vater geworden, endete er ſein räthſelhaftes Leben einſam und unbeweint. Mit fragendem Geſichte fand man ihn eines Morgens todt in einem Lehnſtuhle vor dem Bilde einer verſchleyerten weiblichen Geſtalt ſitzen, das er ſelbſt gemahlt hatte, und worauf er knieend vor dieſer Geſtalt zu ſchauen war. Dem Gebilde zu Sois glich die Geſtalt, und die Züge des Todten drückten unbe⸗ friedigten Durſt nach Wahrheit aus. Die Sage ließ den reichen Erbauer des prächtigen neuen Stammſitzes des Hungertodes ſterben, und an ſeiner Leiche ſtanden ſeine Diener mit demſelben fragenden Geſichte, das der 228—— Vollendete an das Bild der verſchleyerten Wahrheit richtete. Fünfzehn Jahre nach Erichs Dahinſcheiden ſtand das Schloß im Vettiethale verödet. Nach Verlauf dieſer Zeit bezog es Guſtav ſein Sohn, der bis dahin in der Hauptſtadt des Königreichs gelebt hatte, mit ſeinen Kindern Adolph und Auguſte. Der Verluſt ſeiner theu⸗ ren Gattinn ließ ihn, wie die Sage ging, ein Selbſtexil im Vettiethale ſuchen. Aber wenn gleich ſein Hausſtand zahlreicher, ſeine Lebensweiſe genußreicher war, als jene ſeines Vaters Erich, wenn er gleich Beſchäftigung und Zerſtreuung in der Erziehung ſeiner beyden Kinder ſuchte und fand, ſo war ſein Geſicht bey aller Milde ſeines Lä⸗ chelns doch der Ausdruck eines tiefverſchloſſenen geheimen Kummers, den er von Erich geerbt zu haben ſchien, und dem er, wie dieſer, auch in dem kleinen Kreiſe ſeiner Familie nicht Luft machen durfte. Die Bewohner der Hauptſtadt, die Erichs und Guſtavs Leben oberflächlich kannten, wußten nur, daß der abenteuerliche Erich, nachdem er ſich viele Jahre als Mahler im Auslande herum getrieben, ſich ꝛur Heimkehr entſchloſſen, und die Tochter eines Landedelmanns zur Gattinn genommen hatte, mit welcher er ſonder Liebe lebte. Aus dieſer Ehe war Guſtav hervorgegangen. Als Erichs Gattinn, wie es hieß aus Kummer über den unzugängigen Ernſt „ — 229—— ihres Gatten dahin geſchieden war, ſchickte der plötzlich reich gewordene Erich ſeinen Sohn auf Reiſen, und zog ſich ſelbſt in das Vettiethal zurück, wo er ablebte. Gu⸗ ſtav ſah ſeinen Vater nicht mehr, ſeitdem er ihn als Jüngling verlaſſen; er heirathete in Bergen und lebte den Wiſſenſchaften und ſeinen Kindern, bis ihn der Tod ſeiner Gattinn in eine düſtere Schwermuth verſetzte und ihn bewog, ſeines Vaters verödete Pfals zu beziehen. Guſtav Gyllenborg war einer der ſeltenen Men⸗ ſchen, welche die Reinheit eines jugendlichen unerfahr⸗ nen Gemüthes in das gereifteſte Mannesalter mit hin⸗ über nehmen, und ſie bey vielen äußern oft gefährli⸗ chen Berührungen mit der Welt voll Mängel und La⸗ ſter durch beharrliches Feſthalten an ihrer unentweihten innern Sehnſucht nach Rechtlichkeit ſelbſt für das Grei⸗ ſenalter geläutert erhalten. Dieſe Gemüther gleichen dem köſtlichen Maderaweine, der um ſich zu veredeln im gebrechlichen Glaſe um die Welt ſchwimmt, und im Strahle aller Jonen ausgähret, aber wohl verkorkt von ſeinem urſprünglichen Dufte und Feuer nichts ver⸗ liert. In den kräftigſten Mannesjahren, wo der Menſch⸗ wenn er verſtändig und geregelt in ſeinen Wünſchen iſt, das Leben von der Höhe parteyloſer Weltanſicht unter ſich wie eine Landſchaft in der Vogelperſpective ausge⸗ breitet erblickt, wo ihn nicht die Zukunft wie in der 23 Jugend und nicht die Vergangenheit wie im höheren Alter als magiſcher Hintergrund durch eitles Vorwärts⸗ und Zurückſehnen das Gegenwärtige überſehen läßt, in dieſen Jahren ward Guſtav der treue Führer ſeiner beyden Kinder. Im Entfalten der vielverſprechenden Anlagen Adolphs und Auguſtens fand der edle Guſtav Erheiterung. Er wußte auf die vielen Fragen ſeiner wißbegierigen Zöglinge jederzeit Beſcheid zu geben, doch das Forſchen nach der Urſache ſeiner gänzlichen Abge⸗ ſchiedenheit von der Welt in der furchtbaren Einöde des Vettiethales konnte er nur mit einem wehmüthigen Lächeln und damit beantworten, daß er nach ſeines Vaters Bilde mit den Worten hinwies:„mein Vater Erich will es alſo, doch ihr ſeyd noch nicht reif, ſeinen Willen zu verſtehen.“ 5 Ein einziger Weg führt aus der ſchönen Hochebene von Sualem über einen vorſpringenden Granitfelſen in das Vettiethal. Dieſer Granitfels iſt der unerbittliche Pförtner des Thales; mit dem Rücken an die rechte Thalwand gelehnt, läßt er vor ſich zur Linken den von der Höhe kommenden Wildſtrom durch eine enge Schlucht vorüberbrauſen; von dem Kopfe dieſes rieſi⸗ gen Wächters führt eine Brücke von Birkenſtämmen über den tief darunter rauſchenden Strom zu dem ho⸗ hen in ſenkrechte Felswände gemeiſſelten Pfade nach „ — — 231 Vettiethal. Auf dieſer gewahrt man ein Seitenthal⸗ das merkwürdige Afdal mit ſeinen ſchwebenden Häuſern, mit ſeinen Feldern, wo die Ausſaat nicht eher feſt auf dem ſteilen Grunde ruht, als bis ſie Wurzel gefaßt, mit ſeinen hohen Wieſen, wo der Wildheuer jeden Gras⸗ halm die Sichel in der Hand mit der Gefahr erkauft, in den Abgrund zu ſtürzen. Nicht weit von einem Bauernhofe, dem letzten, den man auf dem Wege ins Vettiethal erblickt, ſtürzt der Afdalſtrom vom Gipfel eines ſiebenzackigen Felſens, den man die jungen Hu⸗ ren nennt, zweyhundert Klafter tief mit donnerähnli⸗ chem Getöſe in den Abgrund. Aus den Dünſten des Waſſerfalles, die im Sonnenſcheine mit den Farben des Regenbogens prangen, ragen die zwey höchſten der Felsſpitzen gegeneinander geneigt mit melancholiſchem Ernſte unerſchütterlich hervor. Die Sage, welche hier eine Hochzeitsgeſellſchaft liederlicher Menſchen auf dem Wege nach der Kirche durch den Zorn des Himmels über die unlautere Vorbereitung zum Saecramente in ſieben Felſenſpitzen verwandelt ſieht, wies jenen zwey Felszacken den Ehrenplatz des Bräutigams und der Braut an, welchen Nahmen beyde Felſen auch führen. Mit Lebensgefahr kann man ſich an Seilen bis in den Abgrund dem Waſſerfalle zur Seite herablaſſen, und dort gewahrt der kühne Neugierige ein Schauſpiel ſon⸗ 232 der Gleichen: der raſche Strom überſpringt im jähen Sturze den Fuß der Felswand, und durch ein donnern⸗ des Kryſtallgewölbe kann der Wanderer zwiſchen dem Berge und dem Strome hindurch wallen. An dieſem Waſſerfalle vorbey führt der Pfad über Gletſchereis und am Rande ſchauerlicher Felswäͤnde, in deren Grunde der Utledalſtrom vorüberrauſchet, in das Vettiethal, das hin und wieder nur zwölf in ſeiner größten Er⸗ weiterung aber nur hundert und fünfzig Schritte breit iſt. Dort, auf einem Plattfelſen, ſtand Gyllenborgs Veſte, drey Häuſer der Thalbewohner lagen in gerin⸗ ger Entfernung davon an den Abgründen angebaut. Im Hintergrunde des Thals ſtürzt über ſchroffe Felſen aus einem höheren Thale der Waſſerfall, Markefoß ge⸗ nannt, mit ſolcher Heftigkeit, daß nicht ein Tropfen Waſſer die Bergwand trifft, und daß man zwiſchen der zitternden Waſſerſäule und dem dröhnenden Berge durchzugehen vermag. Ueber dieſer Höhe lag das Waid⸗ land der Beſitzung Gyllenborgs, von herrlichen Forſten umgeben, in denen die dickſtämmigſten Bäume unbe⸗ nützt und unbenutzbar an der Wurzel verfault nieder⸗ ſtürzen, weil ſie nicht herabgefördert werden können an die Tiefen am Meere, um auf den Schiffen im kühnen Walde der Maſten wieder aufzuleben. Eisſäulen und Schneelawinen verſperren im Winter den einzigen Weg „ — 253—— in das Vettiethal, wo erſt der längſte Tag, der von kurzen Dämmerungen unterbrochen, mehrere Wochen hindurch dauert, das letzte Eis völlig auflöſet. In dieſem Thale ſtand Erichs Burg; im einfachen edlen Geſchmacke des Südens gebaut glich ſie auf dem Felſen im hohen Norden von ewigen Gletſchern einge⸗ ſchloſſen dem Diamant aus dem ſonnigen Ceylon auf der Pelzkappe eines ſibiriſchen Hettmanns. Das In⸗ nere des Schloſſes war düſter, aber reich geſchmückt mit Meiſterſtücken der Mahlerey und der Bildnerkunſt. Erich war Mahler geweſen, mit der Ausbeute ſeiner Reiſen nach der Kunſtheimath Italien, mit den Werken ſeines eigenen Pinſels hatte er ſein Epil verziert. In den Gemählden von Erichs Hand, welche weibliche Schönheit darſtellten, zeigte ſich bey aller Mannigfal⸗ tigkeit der größtentheils mythologiſchen und allegori⸗ ſchen Scenen eine gewiſſe Einförmigkeit des Styls in den Geſichtszügen ſeiner Frauenbilder. Dieſe deuteten alle auf ein einziges ihm vorgeſchwebtes Ideal weibli⸗ cher Schönheit, und mit ueberraſchung ſah man die⸗ ſes Ideal in meiſterhaft kühnen Umriſſen durch den Schleyer jener verhüllten Frauengeſtalt hervorleuchten, vor welcher er ſich ſelbſt kniend abgebildet hatte. In der Capelle des Schloſſes ergriff die Bethenden ein Altarblatt von Erichs Hand, die Erweckung des Laza⸗ 23 rus vorſtellend; er hatte dem Auferſtehenden ſeine eige⸗ ne Geſtalt und der gläubigen Schweſter desſelben die Geſichtszüge jener verſchleyerten Geſtalt geliehen, den Sohn des Ewigen umgab ein Lichtglanz, an das Nord⸗ licht mahnend, deſſen Schein in der langen Nacht des Rordens, die Wiederkehr der Sonne verbürgt, die ober den Palmen des Südens ſcheinet. In dieſer Capelle ruhte Erich unter einem weißen Marmorſteine im eher⸗ nen Sarge, das Geſicht, wie er ſelbſt angeordnet, zur Erde gewendet, abgekehrt von dem Himmel, zu dem nur die Heiteren und Hoffnungserfüllten unter den Erdenkin⸗ dern hinaufblicken, wenn ſie an die enge Wohnung des Sarges denken. In dieſem Thale in dieſem Hauſe, umgeben von den Wundern einer ernſten großartigen Natur, und von den Räthſeln eines Lebens, das dem ſeinigen vor⸗ an, aus dem er ſelbſt hervorgegangen, erwachte Adolph des biedern Guſtavs Sohn, unter den Augen ſeines Vaters aus dem Traume des Knabenalters. Er war zwölf Jahre alt, als er das Vettiethal betrat. Von dem Leben der Hauptſtadt, von dem Treiben geſelliger Menſchen außer dem Kreiſe der ſchneeigen Gebirge des Vettiethales hatte er klare Begriffe aber keineswegs ſol⸗ che Anſichten mitgebracht, die ihn das Leben in der reichen Handelsſtadt Bergen beneiden oder zurückwün⸗ * — 235— ſchen ließen. Die anmuthigeren Zonen der Erde, die Blumen⸗ und Heſperidengärten des Südens, gingen wie die Geſchichte aller Völker in Büchern und Bil⸗ dern an ihm vorüber, und bey der Unmöglichkeit, Alles ſelbſt zu ſehen, betrübte es Adolph nicht, daß er we⸗ niger ſah, als andere Jünglinge ſeines Alters. Er war um eine große Erfahrung reicher, als Viele, um die ueberzeugung, daß der Menſch am Pole der Welt in der Beſchauung ihrer Wunder glücklich leben, und durch den Eindruck der aufbehaltenen Erfahrungen Anderer auf ſich ſelbſt auch in der Einſamkeit Erfah⸗ rung ſammeln kann; wie denn der Menſch wohl über⸗ haupt nur durch innere und nicht durch äußere Er⸗ fahrungen weiſe wird, wozu es in Norwegens Thälern ſo gut Gelegenheit gibt als in Paris. Die Liebe ſeiner zarten Schweſter Auguſte, die mit zehn Jahren ihrem Vater nach Vettiethal gefolgt war, die Bemühungen⸗ mit dieſer vereint, des Vaters Stirne durch manche kleine Aufmerkſamkeit heiter zu erhalten, verkürzte und verſchönerte Adolphs und Auguſtens Stunden. Ihr Le⸗ ben war nicht ohne Genüſſe. Die friedlichen mit ihrem Looſe zufriedenen Bewohner der Nachbarthäler verein⸗ ten ſich oft zum Beſuche bey Guſtav Gyllenborg. Die Erzählung der Gefahren des Weges, die Bemerkung manches edlen Zuges von Biederkeit unter dieſen Söh⸗ nen der eiſigen Bergſchluchten, der Anblick ihrer Zu⸗ frie denheit erfüllte Adolphs Seele nach und nach mit Anhänglichkeit an die zweyte Wiege ſeines Daſeyns, wo ſein Herz und ſein Verſtand zum Leben erwachte, wie ſeine Bruſt in der Hauptſtadt zum unbewußten Athemzuge ſich erhoben hatte. Das Eindringen der er⸗ ſten Frühlingsſonne in das Vettiethal, wo den Winter hindurch nur eine lange Nacht herrſchte, wurde in der Familie Gyllenborgs gefeyert, wie die alten perſiſchen Feuerdiener die Rückkehr des Sonnengottes in das Sternzeichen des Lenzes feſtlich begingen. Der eintö⸗ nige Ruf des Kukuks in den Wäldern über dem Mark⸗ foßwaſſerfalle, des einzigen Vogels, der jene Thäler im Sommer belebt, erklang den Ohren Adolphs und Auguſtens nach der langen Stille des finſtern Winters, wo nur die Lawinen und die Nordſcheine donnerten, lieblicher als mancher ſüdlichen Dame der Ruf Philome⸗ lens.— Das erſte Nordlicht des Winters, das wo⸗ chenlange Dämmern der Frühlingsſonne, der längſte Tag, der von der Nacht durch nichts zu unterſcheiden als durch die Stille der auch im Lichte müdegeworde⸗ nen Natur, waren eben ſo viele Freudenfeſte in Gyllen⸗ borgs Hauſe, dem die Jahre wie Tage dahin zogen. Im ſtäten Kampfe mit einer Natur, welcher er alle Bedürfniſſe und die kargen Freuden ſeines Lebens, das * 257— Vergnügen der Jagd und ſelbſt den Beſuch ſeiner Freunde auf gefahrvollen Pfaden abtrotzen muß, wird der Nor⸗ mann kräftig und voll Selbſtgefühls. So ward auch Adolph, deſſen wohlgebildete Geſtalt durch vielfältigen anſtrengenden Gebrauch aller Muskeln ſich kraftvoll aus⸗ wirkte. Mit freyem Athemzuge ging ſeine Bruſt jeder Gefahr, mit offenem Blicke ſein ungetrübtes Antlitz je⸗ dem Menſchen entgegen. Nicht minder kräftig aber ein Herz voll edler Weiblichkeit, voll Liebe zu Vater und Bruder im Buſen entwickelte ſich Auguſte, deren Reize das Vorbild der gelungenſten edlen Frauenbilder aus der ungezierten altdeutſchen Schule geweſen zu ſeyn ſchie⸗ nen. In einem Kreiſe dürftiger aber höchſt genügſamer und zufriedener Menſchen, die ihre Armuth als eine Fügung Gottes ertragen und nichts entbehren, weil ſie die Genüſſe der verfeinerten Menſchen nicht kennen, und im groben Wollengewande nicht minder glücklich ſind, als der Italiener und der Chineſe im Seidenrocke, unter Menſchen, bey denen Sittenreinheit, Treue und Einfachheit zu Hauſe ſind, fühlten ſich auch Guſtavs Kinder glücklich. Acht Jahre verfloſſen der Familie Gyl⸗ lenborg in ungeſtörter Ruhe, Adolph war zwanzig, Au⸗ guſte achtzehn Jahre alt geworden zin ihrem Jugendglanze voll Friſche und Lebhaftigkeit widerlegten ſie die Mei⸗ nung der ſüdlichen Schwächlinge, daß unter dem ſchrä⸗ gen Sonnenſtrahle des Nordens keine Roſe aus der Knoſpe hervorzubrechen vermag. In dieſer Zeit ſtörte ein ganz natürlicher Vorfall Guſtavs Ruhe. Im Afdal⸗Thale, nicht weit vom Waſſerfalle, hatte ſich ſeit lange ein wohlhabender Landwirth Anders Olſon angeſiedelt, welcher den vorher öde geſtandenen Herren⸗ hof daſelbſt bewohnte. Er war alt und gebrechlich, doch in Olaf ſeinem Sohne hatte er einen regſamen Gehülfen in ſeinem beſchwerlichen Wirthſchaftsbetriebe. Olſon hatte ſeit Jahren Gyllenborgs Haus als nächſter Nachbar, anfangs nur an feſtlichen Tagen beſucht; ſeine Bieder⸗ keit und muntrer Sinn hatte Guſtav dergeſtalt für ihn gewonnen, daß er bald öfters nach Afdal mit ſeinen Kin⸗ dern zum Beſuche ritt, und beyde Familien nach und nach nur eine zu ſeyn ſchienen. Des jugendlichen Olafs Herz entbrannte bald für die aufblühende Auguſte, er warb um ihre Hand, und Gyllenborg verſagte ſie ihm nicht. Im Schatten der Palmen, wie auf ſonnigen blumen⸗ reichen Ebenen, im Dunkel der Fichtenwälder, und auf den ſchneeigen Höhen des Nordens duften die Altäre der Liebe von köſtlichen Opfern, denn ihr iſt kein Vet⸗ tiethal unzugängig. Rein und treu, nicht geſtört durch ſo viele kleinliche Einwirkungen von Außen, durch Ne⸗ benrückſichten und die unerſättliche Sucht neben dem Kranze der Liebe auch vie Stundenblumen der Huldi⸗ à 6 — 259— gungen des Leichtſinns anzunehmen, an denen die Liebe vey uns ſo oft erkranket und nicht ſelten erſtirbt, ſchloſ⸗ ſen ſich Olaf und Auguſte aneinander, als wären ſie mit und für einander geboren worden. Das Liebes⸗ glück der Beyden war für Adolph eine neue Erſchei⸗ nung; er freute ſich des Entzückens ſeiner Schweſter, doch bald ſprach ſich die Sehnſucht nach ähnlichem Glücke in ſeinem unverſtellten Antlitze deutlich aus. Aber eben dieſes dunkle Sehnen, deſſen eigentliches Ziel dem Jüng⸗ linge fremde Erfahrung nicht enthüllen kann, ward für ſeinen Vater ein Gegenſtand ſchmerzlicher Unruhe. Aeng⸗ ſtig bewachte er nun Adolphs Schritte, er ſuchte ihn ſo⸗ gar von ſeiner Schweſter entfernt zu halten, gleich als fürchtete er die Mittheilung eines Gefühls, deſſen Trie⸗ ben er doch bey Auguſten kein Hinderniß gelegt hatte. Als die Vermählung Auguſtens mit Hlaf nahe war, eröffnete Gyllenborg dem alten Olſon, daß er ihr nicht beywohnen werde, da er mit Adolph ſich zu einer wich⸗ tigen Geſchäftsreiſe nach Bergen vorbereiten müſſe. Dieſe Erklärung, in welcher ſelbſt Adolph nur eine Laune ſei⸗ nes Vaters erblickte, befremdete Olſon eben ſo ſehr als er dem Brautpaare ſchmerzlich ſiel. Umſonſt bath Au⸗ guſte ihren Vater, er möge ihren Bund mit Hlaf am Hochzeitstage ſegnen, und Zeuge ihres Glückes ſeyn, umſonſt bath Adolph um den Aufſchub einer Reiſe, die ihn um das ſchönſte Feſt brachte, deſſen ſich ein Menſch im Vettiethale erinnerte,— Guſtav blieb bey ſeinem Entſchluſſe.„Meinen Segen,“ ſprach er zu Augu⸗ ſten,„erhältſt du im väterlichen Hauſe, ich geleite dich am Tage vor deiner Hochzeit bis an die Gränze mei⸗ nes Gebiethes. Ich will dem Lande das mich geboren und den Menſchen, die um mich wohnen, den Beweis geben, daß ich ihre alte Sitte ehre, und ſo möge dich Olaf am Tage vor deiner Verbindung mit ihm abhohlen, und eine keaſche Ehrennacht vor dem Trauungsabend mögſt du in ſeines Vaters Hofe verträumen; ich reiſe an demſelben Tage mit Adolph nach Bergen; der Zweck dieſer Reiſe ſtimmt nicht zu einer Hochzeitsfeyer;— er⸗ laßt mir meine Kinder, was ich ſo gerne, wenn es mir erlaubt wäre, gewähren würde, euer Vater bittet euch darum.“ Die Bitte des Vaters duldete in dem Herzen ſeiner Kinder keine weitere Einwendung; es geſchah, wie Guſtav geſagt hatte; Olaf hohlte Auguſten ab, ihr Vater und Adolph gaben ihm das Geleite. Schmerzlich trennte ſich Vater und Bruder von Auguſten, Adolphs Herz fühlte den erſten Verluſt; die dunkle Sehnſucht nach Liebe loderte ohne Ziel in ſeinem Buſen mit aller Stärke auf; in Thränen kehrte er an ſeines Vaters Seite in Erichs Burg zurück, wo Alles geſchäftig war, die Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen. 241 Es war Sommer und der längſte Tag, ein Tag von mehreren Wochen, nur unterbrochen durch kurze Dämmerungen, hatte ſchon begonnen. Nach der Uhr war es bereits Nacht, als Adolph mit ſeinem Vater da⸗ heim ankam, aber die Sonne ſtand wie bey uns Nach⸗ mittags noch am Himmel, in ſchräger Richtung dem nahen Morgenaufgangspunete ſich zuwendend; die Wald⸗ blumen waren noch halb offen, die Vögel des Waldes ſaſſen ermüdet auf den Zweigen und Schmetterlinge hingen an den Blüthen mit matten Flügeln. Alles war Tag in der Natur, nur die feyerliche Stille verkündete den Einbruch der Nacht im Innern aller lebenden Weſen. Adolph fühlte, als er an ſeinen Vater dachte, und an deſſen düſtern Sinn, dem ein freundliches Geſicht zur Larve diente, wie wahr die Natur außer uns alle Zuſtände der Natur in uns abſpiegelt.„Es gibt eine Nacht im Menſchen,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, die ſonn⸗ erhellten aber öden Zimmer des Schloſſes durchwallend, »es gibt eine Nacht in uns, wenn gleich die Sonne des Tages unſer Auge erhellet. Den Vögeln gleich, die da draußen im Sonnenſtrahle ſchlafen, brütet der Menſch über ſchwarzen Gedanken in ſeiner Bruſt, wenn auch Alles um ihn herum zur Freude einladet, weil das Maß ſeiner Empfindung überfüllt iſt. Aber es gibt einen Tag in uns, der uns wach erhält, wenn die wochen⸗ II. Band. 242 lange Nacht auf unſern Thälern ruht, einen Tag des Sehnens nach einer Seligkeit, die nicht vergehen ſoll, zu der Alles was wir genießen und leiden nur Vorbe⸗ reitung iſt, nach einem Wonnemeere, aus dem ein Tro⸗ pfen in meiner Bruſt zu wogen ſcheint, wenn ich'“— hier ſtand Adolph vor dem Bilde eines herrlichen mit Lorbern gekrönten Weibes, von ſeines Großvaters Frich Pinſel, das an der Wand hing, und deſſen Au⸗ gen im röthlichen Glanze der nordiſchen Nachtſonne zu glühen ſchienen.——„Lebe! lebe! herrliches Weſen, und lüge nicht ferner Leben, erſetze mir Auguſten,“ rief Adolph im Sturme ſeines kindiſch ſehnenden Herzens aus, und ſtürzte vor dem Bilde auf ſeine Knie. Da trat Guſtav ein, er hatte ſeines Sohnes Ausruf gehört, er ſah ihn kniend vor dem Bilde. Mit ſchmerzlichem Blicke ſah er dieß Schauſpiel an, dann hob er Adolph entrüſtet vom Boden, und ſprach ſich ſelbſt vergeſſend, zu dem Bilde:„Wohlan ſo verderbe auch dieſen, ſey im Bilde, was du im Leben warſt, höhnende Verfüh⸗ rerinn.“ Adolph ſtand tief beſchämt vor Guſtav— kein Sohn iſt vielleicht von ſeinem Vater in der Umarmung einer Buhlerinn mit ſo viel Scham überraſcht worden, als der keuſche Adolph in ſeiner Huldigung vor jenem Bilde. Stumm gingen Vater und Sohn zu Ruhe, die Sonne ſchien hell auf die Schlafenden, und hell wars 2„ 2 ½5 im Hauſe, deſſen Bewohner ſich immer mehr zu Räth⸗ ſeln wurden. Adolph träumte ſüß; das Bild der Ver⸗ führerinn von Erichs Hand gemahlt der er heute nicht zum erſten Mahle ins Auge geſehen, hatte ſich in ſein Herz geſchlichen und der Gedanke an Auguſtens Liebes⸗ glück miſchte wunderſame Ahnungen und Vorgefühle des⸗ ienigen, wornach er ſich ſelbſt ſehnte, in ſeine Träume, die ſeinen Wunſch erfüllten, und jenem Bilde Leben gaben. Mancher Leſer wird es vielleicht ſonderbar finden, daß der Erzähler hier eine Geſchichte mit ſo viel dunkeln Räthſeln beginnt, deren Löſung noch ziemlich weit ent⸗ fernt ſcheinet. Legt darum das Buch nicht auf die Seite, ihr meine Leſer! iſt der Anfang dieſer Geſchichte iſt das Jugendleben Adolphs nicht das Bild jedes Menſchenle⸗ bens? iſt uns nicht Alles Räthſel von der Welt voll Widerſprüche bis zu den ſtreitenden Gefühlen in unſe⸗ rer Bruſt, bis zu dem Zerworfenſeyn des menſchlichen Verſtandes mit den Wünſchen des Herzens? iſt die Jugend mehr als die fortgeſetzte Frage an die Welt: was biſt du, wozu biſt du, wozu bin ich? iſt das Mannes⸗ alter mehr als die Entwicklung der ſtolzen ſelbſtgenüg⸗ ſamen Täuſchung des Verſtandes über die Nichtigkeit der hinwelkenden Poffnungen des Herzens? kann der Greis die Fragen ſeines Lebens am Grabesrande anders z* 244— beanworten, als mit einer neuen ſchmerzlichen Frage an die Ewigkeit? Das Buch manchen langen Lebens wird in ſtäter Hoffnung auf Befriedigung durchgeblät⸗ tert bis zum letzten Blatte, an deſſen Rande der Tod mit ſchwarzer Erde das ſchauerliche„Ende' gezeichnet hat, ohne Aufklärung über die wichtigſten Fragen zu ge⸗ währen. Die Räthſel des Buches in Eurer Hand fra⸗ gende Leſer ſollen ſich bald löſen. Denket darum bey dem Folgenden, daß gerade daß Unklare der Erzählung ein Bild unſers Lebens gibt, das nur der Leichtſinn und ein auf das Alltägliche, und darum mit Unrecht für klar Gehaltene, beſchränkter Blick durch die Schein⸗ weisheit unſerer Schulen für aufgehellt halten mag. Unter mannigfaltigen Gefahren trat Adolph mit ſeinem Vater die Reiſe nach Bergen am Hochzeits⸗ tage ſeiner Schweſter an. Die Reiſenden hielten nicht ſtill am Afdalhofe, deſſen Bewohner mit den Brautleu⸗ ten nach der ſechs Stunden davon entfernten Kirche zur Trauung gezogen waren. Mit Wehmuth blickte Adolph durch die kleinen Fenſterſcheiben in die feſtlich geſchmück⸗ ten Zimmer; das Paradies reiner Liebe durfte er nicht betreten; ſein Vater wollte es alſo, deſſen düſterer Blick ihm verkündete, wie ferne er von Adolph jeden Gedanken an Liebe halten wollte. Dieſes hatte der we⸗ nig erfahrene Adolph ſchon ſeit lange errathen, denn „ 245 Liebe und Sehnſucht nach Liebe werden die feinſten Fä⸗ den gewahr, die ihre Ausflüge hemmen ſollen. Adolph dachte jetzt an das herrliche Bild in ſeines Vaters Schloſſe vor dem er geſtern gekniet, an dieſe Morgenröthe einer Sonne nach deren Aufſteigen ſein Gemüth ſich ſehnte; ausgeſchloſſen von dem Feſte der Liebe in Olſons Hauſe blickte er wehmüthig zu dem ſteinernen Brautpaare im Waſſerfalle des Afdalſtromes, an dem er vorüber⸗ ritt, hinauf; er beneidete den Felſenmann um ſeine Braut, ſo liebebedürftig fühlte ſich ſein Herz. An der Gränze des Vettiethales als bereits die Sonne in nächt⸗ liche Nebel gehüllt tief am Gebirgsrande ſtand, hohl⸗ ten die Reiſenden einen Reiter ein, der bleich und regungs⸗ los auf ſeinem Pferde mit geneigtem Haupte ſaß, und dem ein weinender Jüngling zu Fuße folgte. Als ſie näher kamen, gewahrten ſie einen Todten, den man ſo auf ſein Pferd gebunden, zu der heiligen Ruheſtätte führte, weil der ſchmale Pfad über den Abgründen nicht geſtattet, einen Sarg aus dem Thale zu ſchaffen. „Mein Vater reitet heim“ ſagte der weinende Jüng⸗ ling wehmüthig zu den Reiſenden,„ihr ziehet aus, rei⸗ ſet glücklich!— Dieſe Scene und die Worte des treuen Sohnes ergriffen Adolphs Seele im Innerſten, er blickte ſeinen ernſten Vater an, und ſein Blick gelobte dieſem Gehorſam auf der Reiſe durch das Leben. 246 In Bergen an der Nordſee, deren ſtets bewegte Wogen in einem tief ins Land eindringenden Meerbu⸗ ſen, umarmt von ſteilen Felſenklippen, auf denen die reiche Handelsſtadt ſich erhebt, zur Ruhe kommen, und einen ſichern Hafen bilden, öffnete ſich für Adolph eine neue Welt. Wenn ſelbſt der Bewohner einer genußrei⸗ chen Stadt zur Marktzeit in den bunten Waarenlagern des Lupus tauſend neue Gegenſtände vor Augen ſieht, die eine erfinderiſche Gewinnſucht als eben ſo viele Be⸗ dürfniſſe ankündigt, und ſich plötzlich arm glaubt, weil er nicht nach Allen langen kann; wie dürftig mußte nicht dem Zöglinge des Vettiethales ſein bisheriges Le⸗ ben in Bergens Kaufhauſe, und in den Ergötzungen einer großen Stadt erſcheinen? Aber ſo war es nicht, denn Adolphs feſter Sinn hatte die Einfachheit ſeiner früheren Lebensweiſe lieb gewonnen, und mit Vergnü⸗ gen gewahrte ſein Vater, daß alle Herrlichkeiten der Hauptſtadt Adolphs Gemüth wohl zerſtreuten aber nicht ſonderlich anzogen. Nach einigen Tagen des Betrach⸗ tens vieler für Adolph neuer Gegenſtände berief ihn ſein Vater zu ſich und redete ihn, nicht ohne ſichtbaren innern Kampf folgender Maßen an:„Ich bin dir Re⸗ chenſchaft ſchuldig über dir Art, wie ich dich erzogen habe— ich kann ſie nur halb dir geben.— Ein finſte⸗ res Geſchick verfolgte den Stifter unſers Hauſes mei⸗ * 247 nen Vater, und er hat es auf mich und dich vererbt. In Reichthum geboren, ſtehſt du in Gefahr, mich und dich um all unſer Vermögen zu bringen, wenn du mei⸗ nem Willen, der dir vielleicht ſonderbar erſcheinen wird, nicht nachgibſt. Da du ihn aber aus jugendlicher Ueber⸗ eilung doch nicht erfüllen könnteſt, habe ich dich an Ar⸗ muth und Entſagung aller Lebensgenüſſe gewöhnt; du biſt ein Sohn des Vettiethals und fürchteſt keine Entbehrung. So viel darf ich dir jetzt aufklären, das Uebrige erfährſt du, wenn du meinen Befehl erfüllt haſt, und wir uns wiederſehen. Dein heißes Blut hat ſich mir vorlängſt verrathen; wie jener Grieche, der das Marmorbild der Fortuna auf offenem Platze in Athen umarmte, und weil der Senat es nicht in ſein Haus zu übertragen geſtattete, ſich verzweifelt zu deſ⸗ ſen Füßen erſtach, haſt du vor dem Bilde eines Wei⸗ bes in meinem Hauſe gekniet, welches eine Göttinn des Glückes und des Verderbens zugleich unſerm Hauſe ge⸗ weſen. Die Liebe deiner Schweſter hat dich bekannt ge⸗ macht mit Gefühlen, die ich dir ſorgſam verhüllen wollte. Du darfſt nicht mehr in dem einſamen Thale wohnen, wo dir ein Bild gefährlich geworden, zu leicht könnteſt du deine Sehnſucht auf ein lebendes Weib übertragen, und das eben iſt's, was ich dir verbiethen muß. Gehe auf Reiſen nach dem freundlichen Süden, durchreiſe alle „ — 248— Länder Curopas, mit Ausnahme Schwedens, welches zu betreten ich dir verbiethe. Dein reicher Geiſt ver⸗ gleiche die Weisheit der Bücher mit dem Leben der Men⸗ ſchen und mit ihren Werken; genieße jede erlaubte Luſt, aber hüthe dich, an ein weibliches Weſen mit unge⸗ ſtümer Sehnſucht dich zu ketten, denn unverheirathet und erſt nach zurückgelegtem dreyßigſtem Jahre darfſt du mich wieder ſehen im Vettiethale; dann erſt biſt du ein freyer Menſch und darfſt das Glück unſers Hauſes gründen; ſterbe ich früher, ſo klärt dir mein letzter Wille Alles auf, was ich jetzt nicht zu thun vermag, damit du mein Geboth lediglich aus Liebe und Gehor⸗ ſam als treuer Sohn erfülleſt.“ Adolph war tief er⸗ ſtaunt; jede ſeiner Fragen um das Warum dieſes Be⸗ fehls war vergebens, Guſtav blieb verſchloſſen. Er war weich geſtimmt in den Tagen des Scheidens von ſei⸗ nem Sohne, aber umſonſt verſuchte dieſer das Herz ſeines Vaters zur Offenheit zu ſtimmen. Mit Eile ſchickte ſich Guſtav zur Heimreiſe nach Vettiethal an, er konnte den Anblick Adolphs, den Ge⸗ danken an eine ſo lange Trennung nicht länger ertra⸗ gen. Adolph durfte ihn nicht begleiten, dieſer ſollte ein zur Reiſe nach Deutſchland ſegelfertiges Schiff an dem⸗ ſelben Tage beſteigen, an dem ſein Vater die Heimkehr antreten wollte, und ſo geſchah es. Guſtav begleitete „ — 249—— ſeinen Sohn nach dem Hafen; neben der Fregatte, die Adolph beſtieg, wurde ein isländiſches Kaufmannsſchiff geladen; Ballen und Kiſten lagen noch am Ufer und wurden umgepackt und vernagelt, unter dieſen befan— den ſich einige bunte Särge, für das holzarme Eiland beſtimmt; einer derſelben war noch offen, und wurde nach der Sitte der isländiſchen Handelsleute als Kiſte benützt, man legte Frauenkleider hinein, und oben auf ein zierlich geſticktes Hochzeitskleid. Dieſer Anblick er⸗ griff Adolph tief, der die Reiſe ſeines Lebens ohne andre Leitung, als die eines ſtrengen Verboths der Liebe betrat; er konnte ſich nicht enthalten ſeinem Va⸗ ter mit einem Blicke auf jenen Sarg die Worte zu ſa⸗ gen:„Seht Vater, mein Bild, einen Sarg mit hoch⸗ zeitlichem Schmucke gefüllt, dem Herzen voll Liebe gleich, das ein dunkles Verboth mit dem Leichenſchleyer künſt⸗ licher Kälte verhüllt“—»Wickle den Sarg,“ entgegnete Guſtav, vin jene ſchimmernden Brautgewänder, und du haſt das Bild des Lebens aller Menſchen, der Unter⸗ ſchied iſt gering; befolge mein Geboth, und ehe dich der Sarg umſchließt, ſollſt du noch früh genug ein Brautkeid flattern ſehen.“ So ſchied Adolph von ſeinem Vater, dem er vom Verdecke ſeines Schiffs noch lange nachblickte, bis im Fluge des Oſtwindes die Wiege ſei⸗ 250 nes Daſeyns, die Gebirge ſeines Vaterlandes vor ſei⸗ nen Augen in trübe Nebel zerrannen. Was Adolph auf ſeinen Reiſen durch Deutſchland Frankreich und Italien Merkwürdiges geſehen, kennen meine Leſer aus Tauſend Reiſeberichten über dieſe ſchö⸗ nen Länder. Der Sohn des Vettiethales fand in allen Herrlichkeiten des üppigen Frankreichs keine Befriedi⸗ gung, denn die Liebe, der alle Künſte und Künſteleyen der Menſchen dienen, durfte ſich ihm nicht nahen. Un⸗ ter dem heißeren Himmel Italiens, unter dem ewigen Blau, das ſich über die ſiciliſchen Palmen wölbt, hätte er beynahe des Gebothes ſeines Vaters vergeſſen, aber wie die norwegiſche Eiche als Kiel eines weltumſegeln⸗ den Schiffes durch alle Meere dringt, und den Bohr⸗ würmern aller Zonen durch angeborne Feſtigkeit wider⸗ ſteht, ſo bewahrte Adolph die Reinheit ſeines Gemüthes den Gehorſam gegen ſeinen Vater unter allen Anfech⸗ tungen, die ihn Verführung und ſein eigenes Herz er⸗ fahren ließen. Mit Kenntniſſen aller Art reich ausge⸗ ſtattet konnte er wohl viel im Reiche des Wiſſens ge⸗ nießen, aber er fand allenthalben zu viel der Forſchun⸗ gen und zu wenig reiner befriedigender Wahrheiten, um ſelbſt die mühſame Bahn der ſogenannten Gelehr⸗ ten, die von Zweifel zu Zweifel und oft von der Wahr⸗ heit zu Zweifeln führt, betreten zu wollen. Für die 251 Künſte hatte er wohl Sinn, aber er hatte nicht früh⸗ zeitig genug ſich für eine unter den neun Töchtern der Mnemoſyne entſchieden, und er ſah dem Spiele Aller zu, ohne an einem thätigen, Antheil nehmen zu können⸗ Die Welt, die er nach mehreren Jahren ſeines unſtä⸗ ten Lebens in allen ihren Verhältniſſen zu durchſchauen glaubte, ward ihm eine wahre Einöde. Als ſelbſt der Wechſel der Länder und Menſchen ihm nach und nach nichts mehr neues anbiethen konnte, und ihn eine ſtille Sehnſucht nach Vettiethal befiel, wohin er doch nicht zurückkehren durfte, berührte ihn oft in den glänzend⸗ ſten Zirkeln einer Hauptſtadt das bleyerne Zepter der Langenweile. Gelangweilt von dem Einerley aller Welt⸗ geſtalten, von dem Erkennen der Nichtigkeit aller menſchlichen Bemühungen, nicht beherrſcht von dem Zauberſtabe der Liebe, welcher allein die farb⸗ und ge⸗ ſtaltloſen Maſſen von Leben und Wünſchen in abge⸗ ſchloſſene bunte Kreiſe häuslichen Wirkens und Genuſ⸗ ſes ordnet, ſuchte Adolphs männlicher Sinn im Kriege ein Ziel für die Sehnſucht nach Wirkſamkeit in ſeiner Bruſt, und eine Zerſtreuung für ſein liebedurſtiges un⸗ befriedigtes Herz. Als Freywilliger focht er in den zu ſeiner Zeit ſich ſtets erneuernden Kriegen der europäi⸗ ſchen Völker unter jenen Fahnen, die ſeiner Einſicht nach, dem Rechte voranflatterten. Tapferkeit und Be⸗ — 252— ſonnenheit, Menſchlichkeit und Selbſtverläugnung ver⸗ ſchafften ihm bald Auszeichnung, und aus dem Dienſte vieler Herren, denen er der Reihe nach im Kampfe für das Recht beygeſtanden, trug er die lauteſte Anerken⸗ nung ſeiner Verdienſte davon, und an ſeiner Bruſt glühten auf einem unerſchrockenen Herzen die Sterne vieler wohlverdienter Kriegsorden. Acht Jahre der Wanderung Adolphs durch die Welt waren vorüber; ermattet von dem Treiben des Kriegs der einer friedlichen Epoche wich, zog ſich Adolph zurück aus dem Gewühle der Heere, und ſuchte in Ve⸗ nedig einen Ort ſtiller Sammlung ſeines Gemüthes, um ſich vorzubereiten zur Rückkehr nach Norwegen, wo er in zwey Jahren mündig und Herr ſeines Herzens werden ſollte. Die Inſelſtadt, welche Adolph aus frü⸗ heren Beſuchen ſchon kannte, zog ihn vorzüglich wegen der feyerlichen Geräuſchloſigkeit an, mit welcher ſie, beſonders in ihren von dem Hauptplatze entlegenen Quartieren, zu ſtillen Betrachtungen des viel bewegten Menſchenlebens einladet. Adolphs Gemüth, das ein in⸗ nerer Sturm durch die halbe Welt von Kampf zu Kampf getrieben hatte, weil es ſich in friedlicher Häus⸗ lichkeit nicht in einem Thalwinkel ſeines Vaterlandes in Liebe entfalten durfte, ſuchte in Rückblicken auf ſein bisheriges Leben in einem einſamen Landhauſe auf 253 der Inſel Murano Erſatz für das entbehrte Glück. Wie der Ocean die Rieſendämme der Murazzi mit thurm⸗ hohen Wogen hinandringt, und Kriegsſchiffe zerſchellt, innerhalb derſelben aber in den freundlichen Lagunen nur die leichten Gondeln auf ſpielenden Wogen ſchau⸗ kelt, ſo gelangte Adolph in der ſchwimmenden Stadt zu ſcheinbarer Ruhe. Er ſchien nichts zu entbehren, und wenn gleich liebliche Gedanken ſein Herz in einen unklaren Traum von Liebesglück einwiegten, ſo waren es doch nicht die vorigen Stürme, die ihn des Vaters Geboth als ein entſetzliches naturwidriges betrachten ließen, und ihn antrieben im blutigen Kampfe der Schlacht des Herzens ſüße Regungen zu übertäuben. Adolph ruhte auf ſchwererkauften Lorbern; der Anblick der zahlreichen Denkmähler der Helden Venedigs erhob ſeinen Geiſt, er fühlte ſich würdig in ihre Reihe zu treten, aber er ſtand beſchämt, wenn er bedachte, daß er nur fremden Herren gedient, während jene ihr Va⸗ terland und ſich zugleich zur Größe erhoben hatten. Das Rühmlichſte, was Adolph geleiſtet, war der Sieg über ſich ſelbſt, die erfüllte Pflicht kindlichen Gehor⸗ ſams; das Bewußtſeyn dieſer Pflicht Genüge geleiſtet zu haben, flößte ihm eine ſanfte Beruhigung ein. Doch eben dieſe ſorgloſe Beruhigung, war nur der Uebergang zu neuen Stürmen, wie denn das Herz in unbegreifli⸗ 254 cher Ahnung des Bevorſtehenden gar oft jene Regungs⸗ loſigkeit von ſich ſelbſt zu erzwingen weiß, die ſeinen heftigſten Anforderungen an das Geſchick, wie die Wind⸗ ſtille dem Seeſturme, vorangehet. Dieſe erkünſtelte Ruhe ſoll das Herz vor ſich ſelbſt rechtfertigen, wenn es eine heilige Pflicht überſieht oder verletzt im Kam⸗ pfe gegen feindliche Kräfte, von denen ungewiß iſt, ob ſie ihm aufgefordert oder unaufgefordert in den Weg traten. Von den rauchenden Glashütten auf Murano, wo der Venezianer damahls jene bunten Glasperlen ſchmolz⸗ um welche die Habſucht ſchwarze Menſchen einhandelte zum Dienſte des Lurus der Weißen, entfernte ſich Adolph gar oft zu Ausflügen in die Stadt des Meeres⸗ gottes. Dieſer duldete es, daß der Doge alljährlich einmahl ihn aus dem grünen Ehebette Amphitritens verdrängte, und einen Ring den Delphinen Preis gab. Dieſe Vermählung ſollte eben wieder gefeyert werden, und Adolph erblickte in dieſer Ceremonie, die ein erhe⸗ bendes Volksfeſt war, mit wehmüthigem Gefühle ein Bild ſeines Herzenszuſtandes. Von der ganzen Frauen⸗ welt angezogen mit unwiderſtehlichem Zauber, durfte er ſich an kein weibliches Weſen ausſchließend ketten, wie im Meere der Ring des Dogen, unterging ſein Herz im Heean der Liebe, wo ihn keine hülfreiche Barke auf⸗ 255 nehmen, und nach dem ewig grünen Lande glücklicher treuer Liebe bringen ſollte. In dieſen Gedanken ver⸗ ſunken ſtand Adolph am Rande des großen Eanals, wo zahlloſe reichgeſchmückte Barken, vom Trauungsfeſte des Dogen heimkehrend, in buntem S ßen pfeilſchnell vorüberzogen. Eine einfache ſchwarze Gondel hielt am Geſtade, wo Adolph ſtand, und eine ſchwarz verſchleperte junge Dame ſtieg auf die Treppe begleitet von einem ſtattli⸗ chen alten Manne, der ſie am Arme führte. Adolph betrachtete bewundernd die edle ſchlanke Geſtalt der Jungfrau, als er plötzlich im Scheine der Abendſonne, die glühende Strahlen auf die Verſchleyerte warf, eine ihn ſeltſam überraſchende Aehnlichkeit in den Umriſſen ihres Antlitzes mit dem verhüllten Frauenbilde, das ſein Großvater Erich gemahlt hatte, zu gewahren an⸗ fing. Er maß mit ſich ſelbſt vergeſſender Aufmerkſam⸗ keit die ſich nähernde Jungfrau, welche langſamer zu ſchreiten begann, ihn feſt ins Auge faßte, und als wollte ſie ihn deutlicher ſehen, plötzlich den blendenden Schleyer luftete und in ſeinem Anſchauen ſtehen blieb. Adolph glaubte die Träume ſeiner Jugend verwirklicht und das herrliche Frauenbild Erichs, vor dem er einſt in liebender Sehnſucht gekniet, wie durch ein Wunder belebt zu ſehen. Es waren die Züge die Blicke jenes 256 Bildniſſes, die ihm aus dem Antlitze des hol den Mäd⸗ chens entgegenleuchteten; er wollte auf ſie zu, doch er bemerkte, daß ſie verwirrt erröthete, und nachdem ſie den Alten an ihrer Seite mit einem fragenden Blicke angeſehen, wieder Adolph maß, dann aber den Schleyer fallen ließ, und ſich mit dem Alten ins Gedränge des Volkes miſchte, wo ſie Adolph nicht aus dem Geſichte ließ. Oft wendete ſich die ſchöne Unbekannte zu einem Blicke nach Adolph um. Auf der oberſten Stufe einer der vielen Bogenbrücken, welche über die Canäle Ve⸗ nedigs führen, griff die Verſchleyerte an ihren Buſen, und es entfiel der goldenen Kette an ihrem Halſe ein Medaillon; Adolph flog die Treppe hinan, und hob es vom Boden aufzwie vernichtet gewahrte er in norwegiſcher Nationaltracht ein bis auf die eigne Jugendfriſche ihm ſelbſt ähnliches Porträt in köſtliche Steine gefaßt, nur durch düſtere Züge mahnte es ihn an Erich ſeinen Großvater. Nicht wiſſend, ob er träume oder wache reichte er das Bild mechaniſch der himmliſch lächelnden Jungfrau, die das Bild mit einem leiſen Drucke ihrer Hand aus der ſeinigen nahm. Wohl viele Mährchen von Liebe hatte Adolph mit Lächeln geleſen, denen der Sage nach die Wunderſtadt Venedig mit ihren dunkeln Gäſſen und ſargähnlichen Gondeln zum Schauplatze diente; dieß Begegnen mit dem belebten Ideale ſeines —— 257 erſten Traumes von Liebe, der Fund ſeines eigenen Bildes am Herzen dieſes zum Leben erwachten Ge⸗ mähldes ließ ihn Wahrheit in jenen Mährchen, eine Feengeſchichte in ſeinem Geſchicke finden. Verwirrt folgte er der Zauberinn, die ihn magiſch mit ſich fort⸗ zuziehen ſchien. Der Druck ihrer Hand, der erſte, den ihn die Liebe erfahren ließ, mußte ſein Herz in höhe⸗ rem Grade entflammen, als ſelbſt der Vollgenuß ſinn⸗ licher Liebe jenes der abgeſpannten Weichlinge zu bele⸗ ben vermag, die nicht all ihre Kraft und all ihr Seh⸗ nen wie Adolph für den erſten keuſchen Händedruck aufſparten. Ueberwältigt von der erwachenden Flamme in ſeiner Bruſt folgte Adolph der räthſelhaften Jungfrau bis an die Pforte eines Pallaſtes, in welche ſie, mit ei⸗ nem Blicke nach ihm zurück, langſamen Schrittes einging. Lebhafter ſchlug Adolphs Herz, nachdem er von dem Pförtner erfahren hatte, er ſtehe vor des ſchwedi⸗ ſchen Vothſchafters Pallaſte, und der Fremde nach dem er frug, ſey Graf von Lindenſtiern aus Stockholm, der mit ſeiner Tochter vor ſeiner Abreiſe zu dem Geſandten ſei⸗ nes Königs zum Beſuche gegangen.„Ich hab's ge⸗ ahnt' ſagte Adolph bey ſich ſelbſt,»ſie iſt eine Tochter des Nordens, in dieſe Angen haben die langen Tage unſers Sommers geſchienen und ihnen die eigene ſanfte, aber lange währende Gluth eingehaucht, während der 256 brennende kurze Mittag des Südens nur die ſelbſtſüch⸗ tige, Liebe und Kraft ſchnell verzehrende Flamme in die Blicke der italiſchen Frauen miſcht. Du thatſt Un⸗ recht mein Vater, mir Schweden zu verſchließen, das Glück, wenn es uns wohlwill, ſendet uns ſeine Engel aus den fernſten Zonen nach, uns einzuhohlen.“ Bis ſpät in die Nacht harrte Adolph vergebens an der Pforte des Pallaſtes der Rückkehr Lindenſtierns und ſeiner Tochter— ſie waren, wie er vom Pförtner auf neues Fragen erfuhr, von der Waſſerſeite des Hauſes in der Gondel des Bothſchafters in ihre Behauſung gefahren, die ſie am großen Canale in einer Herberge, zum Schilde Frankreichs genannt, gemiethet hatten. Adolph fuhr nicht nach Murano, er brachte die herrliche Mond⸗ nacht in einer offenen Gondel im großen Canale auf und niederfahrend zu. Die Marmorgebäude zu bey⸗ den Seiten dieſes ſtehenden Stromes waren des Feſtes wegen mit bunten Lampen und ausgeſteckten Fackeln beleuchtet; farbige Tücher wehten aus den Fenſtern und von den mit Orangenbäumen gezierten Altanen; Tauſend erleuchtete Gondeln wogten auf und nieder, und froher Geſang und Lautenklang ertönte von den Schifflein und von den Geſtaden. Adolph ſah und hörte von allen dieſen Herrlichkeiten nichts, er blickte unverwandt nach dem Fenſter ſeiner Lieben, und er * glaubte ſie dort zu ſehen ſonder Schleyer, im Mond⸗ und Lampenlichte verklärt wie die edlen antiken Mar⸗ morgebilde in der Gallerie zu Florenz durch die eige⸗ nen Schlagſchatten im Lichte der nächtlichen Blendfa⸗ ckel. Das frohe Gewühl um ihn herum ward ihm lä⸗ ſtig, er wünſchte ſich eine ruhige Nacht, wie ſie in Ve⸗ nedig auf dem ſtillen Gewäſſer zwiſchen den ſchweigſa⸗ men hohen Gebäuden zu den heimlichen Freuden lie⸗ bender Sehnſucht ſo verführeriſch einladet, er wünſchte ſich in das ſtumme Vettiethal zurück, um im dumpfen Getöne der fernen Waſſerfälle den Träumen von ſeiner Erſtgeliebten in die Arme zu fallen. Gegen morgen, als die nächtlichen Gäſte des Volksfeſtes zur Ruhe gingen, und auf dem Heimwege von den Blumengärt⸗ nerinnen der Inſeln, die ſchon zum Frühmarkte heran⸗ fuhren, friſche Blumenſträuße für ihre Hersgeliebten zum Abſchiede binden ließen, ahmte auch Adolph dieſe Sitte nach, er tauſchte einen Strauß blendender Lilien und duftender Roſen gegen ein Goldſtück ein, und woll⸗ te, wenn jene nächtlichen Schwärmer von ihren Ge⸗ liebten mit ſolchem Geſchenke Abſchied nahmen, die ſei⸗ nige damit begrüßen. Ermattet von feindlich ſich kreuzenden Gefühlen und von fruchtloſem Forſchen nach dem Zuſammenhange Ales deſſen, was er geſtern erlebt hatte, legte ſich 260 Adolph gegen Morgen in der offenen Gondel, in ſeinen Mantel gehüllt, eine Stunde zu ruhen nieder. Er be⸗ fahl dem Schiffer, im Canal gerade an irgend einem ufer ſtehen zu bleiben, und ihn zu wecken, wenn es völlig Tag geworden. Adolph ſchlummerte nicht lange im Nachen als ihn die Strahlen der Sonne früher als den eingeſchlafenen Gondoliere aus ſüßem Traume er⸗ weckten. Er ſah ſich ſelbſt befremdet an, ſein Mantel war von ſeiner Bruſt gewichen, und auf ſeinem Or⸗ densſterne lag ein friſcher Krans von Vergißmeinnicht⸗ blümchen— er richtete ſich empor, und faſt erſchreckt gewahrte er Frankreichs Schild an dem Hauſe, vor welchem ſeine Gondel ſtand; er blickte auf nach dem Fenſter über ihm, und ein erröthender Engelskopf zog ſich mit verſchämtem Lächeln zurück. Adolphs Entſchluß war ſchnell gefaßt;— die Liebe war ihm nur verbo⸗ then, weil ſie zu einer dauernden Verbindung führen könnte, die er vor ſeinem dreyßigſten Jahre nicht einge⸗ hen durfte; wahre Liebe, und dafür hielt er die ſeinige, wie jeder, der eben zu lieben beginnt, gleichviel ob zum erſten oder zehnten Mahl, wo dann im letzten Falle die neun erlebten früheren Mahle plötzlich als Mißgeburten des Herzens erſcheinen, die ſeine für die wahre und wäre es möglich für die wahrſte hält, wahre Liebe, dachte Adolph, kann den Aufſchub zweyer Jahre leicht * 261— ertragen, ſie wird groß genährt und erſtarket in der Erwartung, welche den Genüſſen des Augenblicks ent⸗ ſagt. Unerfahrenheit iſt der kühnſte Geleitsmann der Liebe, doch iſt ſie der Jungfrau, der ſie gilt, nicht ge⸗ fährlich, weil die Kühnheit ohne Rückhalt ſich als An⸗ greifer verkündet, während eine ſchlaue Erfahrenheit unſichtbare Fäden webet, um das Ziel ihrer Wünſche zuſammt allen Hinderniſſen zu umgarnen und an ſich zu ziehen, ſtatt darauf loszugehen. Adolph ging kühn die Treppe des Hauſes hinauf; mehrere Diener waren beſchäftigt, eine Gondel mit Reiſe⸗Geräthe zu beladen, und beachteten ihn nicht. Er tritt in ein offenes Vor⸗ gemach— alle Schränke ſind offen und leer, Alles zur Abreiſe bereitet; in einem Nebengemache erblickt er die holde Jungfrau ſeines Verlangens. Im einfachen Rei⸗ ſekleide, den Schleyer zurückgeſchlagen ſtand ſie in der Morgenſonne, der kaum geöffneten Lilie gleich; an ih⸗ ren Augen glänzten ein Paar Thränen wie Thautro⸗ pfen auf den ſchwarzen perſiſchen Roſen. Die ſtrahlende jugendliche Friſche der Jungfrau bewährte die magiſche Gewalt der heitern Sonne Venedigs, die, wie ein tie⸗ fer Kenner italiſcher Kunſt mit Recht bemerkt, den Meiſtern der dortigen Mahlerſchule die blendenden rei⸗ nen und doch richtigen Farben miſchte. Adolph ſtand in ihrem Anblicke verſunken, dann fiel er auf ſeine 262 Knie, faßte ihre-Hand, und zurückſich denkend vor das Gemählde Erichs in ſeines Vater Hauſe, drückte er dieſe mit Entzücken an ſeinen Mund, indem er nur ausrufen konnte:„Der Himmel hat meinen Wunſch erhört, du biſt kein Trugbild, du lebſt, auf daß ich dich lieben kann.“— Mit unverſtellter Freude lächelte die Jungfrau; indem ſie das Medaillon an ihrem Bu⸗ ſen vor ihre Augen hielt und Adolphs Hand an ihr Herz drückte, rief ſie begeiſtert„auch du lebſt Tröſter in meinen Leiden!“ Wie ſich die Liebe ſonder weitläufige Reden ankün⸗ digt und verſtändlich macht, wie das gewichtige Wort der Liebe vom reinen Jünglinge raſch ausgeſprochen, und von der unbefangenen Jungfrau, wenn ihr Wunſch dem ſeinigen begegnet, ohne andere Ettiquette als jene des Erröthens angenommen wird, braucht der Erzäh⸗ ler den Leſern, wie er ſich ſolche wünſcht, nicht zu be⸗ ſchreiben. Adolph und Leonore, ſo hieß Lindenſtierns ſechzehnjährige Tochter, verſtanden ſich ſelbſt gar bald⸗ aber vieles außer ihnen, was doch ſo manchen Bezug auf ſie ſelbſt hatte, war ihnen dunkel. Leonore geſtand, daß ſie Adolph lieb gewonnen bey ſeinem erſten Anblicke, daß dieſe Liebe aber ſie nicht unvorbereitet erfaßt habe, denn ſie trage ſein Bild ſeit Jahren am Herzen. Sie bekannte, ihn des Morgens mit einem herabgeworfenen * Blumenkranze erweckt zu haben. Dieſe Geſtändniſſe be⸗ friedigten Adolph nicht,„weß iſt dieß Bildniß an dei⸗ ner Bruſt— weß iſt dieß Bildniß2“ fragte er wieder⸗ hohlt,— faſt ängſtlich bittend.„Wohlan' ſagte Leo⸗ nore,„ich muß mich kurz faſſen, denn mein Vater, der nur zur Kirche ging, um Segen für unſere Heimreiſe von Gott zu erflehen, würde mich verſtoßen, wenn er dich hier fände. Wiſſe, dieß Bildniß iſt Erichs von Gyl⸗ lenborg, eines edlen Norwegers“— Adolph ſtand ſprach⸗ los, und Leonore fuhr fort:»meine Großmutter Blan⸗ dine liebte ihn, ehe ſie meines Vaters Vater den Reichs⸗ herrn Lindenſtiern, wie man ſagt, gezwungen ihre Hand reichte. In einem ſtrengverſchloſſenen Hauſe erzogen, erfuhr ich von meiner Großmutter, deren Lebensgeſchichte man mir mit geheimnißvoller Miene vorenthielt, und von der mein Vater nur mit Thränen ſpricht, nicht mehr, als daß Gyllenborg der Unglücklichen letzte trübe Tage durch dieß Bild an meiner Bruſt erheitert habe. — Sieh hier an der andern Seite das Bild Blandi⸗ nens meiner Ahnfrau, wie jenes Erichs von ſeiner— Hand. Dieß Andenken an meine unglückliche Vor⸗ fahrinn ward auch mein Troſt in trüben Tagen. Blan⸗ dine hinterließ zwey Söhne, Alfred meinen Vater und Knut meinen Ohm, der ſchon geſtorben. Knut war der ältere, und nach unſern Familienſtatuten Alleinerbe des Reichthums meines Großvaters,— mein Vater erhielt von ihm einen Jahresgehalt auf Lebenslang; als Knut mein Ohm vor einem Jahre ſtarb, trat ſein Sohn Hugo mein Vetter als Freyer um meine Hand auf. Mein Vater der ohne Vermögen von einer Familien⸗ rente lebt, die nicht auf Töchter übergeht, ahnte nicht, daß ich dieſe vortheilhafte Verbindung von mir weiſen würde, er verſprach ihm voreilig feyerlich meine Hand; doch ich konnte mich nicht entſchließen, dem tückiſchen Hugo mit ſeinem Geſichte, das dem Himmel Hohn ſpricht wie den Menſchen, die Hand zu reichen. Die ſchwächliche Geſundheit meines Vaters, machte ihm eine Reiſe nach Italien nöthig. Er unternahm ſie um ſo wil⸗ liger, als er mich ſo den leidenſchaftlichen Nachſtellun⸗ gen meines Vetters zu entziehen hoffte. Hugo, den meine Geſtalt, und wahrlich nicht mein Gemüth, das dem ſeinigen ſo entgegengeſetzt iſt, bis zur Raſerey für mich eingenommen, der es ſogar verſucht hatte, mich zu entführen, ertrotzte von meinem Vater auf Ehren⸗ wort das ſchmähliche Verſprechen, mich auf dieſer Reiſe in keines Mannes nähere Berührung kommen zu laſ⸗ ſen. Unter dieſer Bedingung ſoll nach meiner Rückkehr meine ihm verſprochene Hand wieder frey ſeyn! Er kennt meines Vaters Sittenſtrenge und Redlichkeit, und hofft, daß ich veränderten Herzens heimkehre, aber „ „ 265— umſonſt! in den Tagen meines Kummers über das vor⸗ eilige Verſchenken meiner Hand durch meinen Vater habe ich oft dieß Doppelporträt mit Thränen betrachtet; ich gleiche meinem Vater und dieſer Blandinen, ich ſah mich ſelbſt in der Unglücklichen, die es durch eine Zwangsehe geworden, einen Retter hoffte ich zu fin⸗ den, und ich lieh ihm Erichs Geſtalt, und das Bild dieſes geheimnißvollen Mannes, der ein Weſen mir ähnlich, mir ſo nahe verwandt liebte, ging mir zur Seite, bis ich Euch gefunden Erſtaunt rief Adolph von der Erzählung Leonorens tief ergriffen:„Ich bin ein Gyllenborg, Erichs Enkel das Schickſal der Ahnen wiederhohlt ſich wunderſam in den Enkeln!1— Jetzt ſahen die Liebenden Alfreds Gondel in der Ferne,— „Eilt von hinnen,“ rief Leonore,„daß euch mein Vater nicht erblicke, und ſein Verſprechen verletzt glaube, es brächte ihn in's Grab,— wer Ihr auch ſeyd, Ihr ſcheint mir edel und gut zu ſeyn,— nur außerhalb Stockholm entfernt mich meines Vaters Verſprechen von jedem Manne, dort mögt ihr mich wiederfinden.“ „Ich werde das“ ſprach Adolph mit zitternder Stimme, der eben daran dachte, daß dort das Verboth ſeines Vaters anfing, wo jenes des Vaters Leonorens endete, —„wie Euer Schatten will ich Euch bis dahin be⸗ gleiten“.—„Doch waget es nicht,“ ſprach Leonore, II. Band. 12 266 „mir näher zu treten, ihr würdet mich unglücklich ma⸗ chen. Seht dieß Bild Atalantens an der Wand, vom Pinſel des herrlichen Tintoretto, leichtfüßig wie dieſe den liebenden Hippomenes, will ich euch voraneilen, aber werft mir keine goldenen Liebesäpfel auf die Bahn, damit ich mich beym Aufheben derſelben verweile, und ihr mich vor der Zeit einhohlet. Ihr dürft mich am Ziele erreichen, und ich werde nicht ſo grauſam ſeyn, als die ſpröde Atalanta, welche die Köpfe jener Freyer, die ſie nicht früher einhohlten, den nächſten Wettläufern um ihre Gunſt zum Ziele ausſteckte!“—„Ich verſpre⸗ che euch in der Ferne zu folgen, bis ich euch in eurer Heimath näher ſtehen darf.“ Einen Kuß drückte Adolph auf Leonorens Hand, dann ſchied er in Eile, ſich zur Reiſe nach Schweden anzuſchicken. Adolph war Leonorens beſtändiger Begleiter auf ihrer Heimreiſe. Doch wie der Mond unſerer Erde auf ihrem Jahresgange um die Sonne nur in weiter Ent⸗ fernung folgen, und ſich ihr nicht nähern darf, wenn er ihr auch zuweilen ſchon vorgeſchritten zu ſeyn ſcheint, ſo durfte auch Adolph der treue Sattelit Leonorens dieſer nur Blicke, als Verkünder ſeiner Liebe zuſenden⸗ gleich wie dem Vollmonde nur mit bleichen Strahlen unſre Nächte zu erhellen geſtattet iſt. Durch die heite⸗ ren Ebenen Oberitaliens, über die heiligen Stätten „ einer großen Vorzeit, über die Gebirge der Alpenfeſte Tirol, wo Fels und Mann ſich von Alters her die Hand zum Bunde für ihren Fürſten reichen, und durch die betriebſamen Städte der ehrlichen Deutſchen folgte Adolph wie im Traume der vor ihm eilenden Gelieb⸗ ten. In mancher Herberge ruhte er, nur durch eine dünne Wand von ihr geſchieden, unter einem Dache mit dem Leitſterne ſeiner Pilgerfahrt; doch nur ein freundlich erwiederter liebevoller Blick durfte ihr am frühen Morgen eine glückliche Weiterreiſe wünſchen, iedes Wort war ihm unterſagt. Adolph hatte Muße über ſein Geſchick nachzudenken, das ihn die Liebe ſo mit einem Mahle kennen gelehrt, und ihn unwiderſteh⸗ lich an ein Weſen knüpfte, deſſen Schützer und Beglü⸗ cker er zugleich ſeyn wollte, als worin ſich ein liebendes Herz gerade am ſeligſten fühlet. Zwölf Monathe fehl⸗ ten jetzt nur noch bis zu ſeinem dreyßigſten Jahre. Den Aufſchub dieſer kurzen Friſt gedachte er ſeinem Herzen abtrotzen zu können, und liebend aber mit freyer Hand wollte er aus dem ihm verbothenen Schweden zu ſeinem Vater heimkehren, deſſen Geboth er ſo nur halb zu übertreten glaubte. Die unvollſtändige Erzählung der Geſchicke Blan⸗ dinens aus dem Munde ihrer Enkelinn, ließ Adolph eine wunderſame Verkettung des Schickſals zweyer Fa⸗ 268 milien erblicken, deren endliches Glück er durch ſeine Verbindung mit Leonoren zu gründen hoffte. Das ſelt⸗ ſame Lebendigwerden ſeines Ideals weiblichen Liebrei⸗ zes in der engelſchönen Leonore, das Begegnen ſeiner ſelbſt mit dem Urbilde männlicher Würde, das in Lev⸗ norens Herzen gelebt hatte, ehe ſie ihn kannte, dieß Zuſammentreffen der Wirklichkeit mit den kühnſten Vor⸗ gefühlen zweyer Herzen ließ Adolph auf einen günſti⸗ gen Ausgang ſeines letzten Reiſeabenteuers hoffen. Sein Verſtand ließ ihn zwar gerade in dem räthſelhaften Durchkreuzen der ſeinen Wünſchen im Wege ſtehenden Verbothe und Geheimniſſe, ſtumme Fingerzeige der Vorſehung ahnen, von ſeinen Wünſchen abzuſtehen, oder die Entwicklung alles Räthſelhaften in ſeinem Le⸗ ben ruhig und unthätig abzuwarten, allein ſein Herz war überzeugt, daß die Liebe in einer Welt, wo ſich Alles am Ende als Täuſchung aufhellet, ſey's, daß auch ſie täuſche, doch am längſten und unergründlichſten täuſche, und darum immer den wahrſten und befrie⸗ digendſten Genuß hiernieden gewähre, dem darum je⸗ der andere geopfert werden müſſe. Der Sommer ging zu Ende, die Blätter der Bäu⸗ me wehten ſchon gelb über die Stoppelfelder und mit jedem Tage ſtand die Sonne niedriger, als Adolph in die niederdeutſche Ebene gelangte. Er glich dem Wan⸗ * 269 derer, der einem Irrlichte folgt, und ungewiß, wohin es ihn führen wird, plötzlich umkehren will, einen ge⸗ bahnten Weg zu betreten. Nach manchem Kampfe mit ſich ſelbſt, ſiegte er endlich und er drückte Leonoren ei⸗ nes Abends als er zugleich in einer Dorfherberge mit ihr anlangte, beym Eingehen in das Haus einen Brief in die Hand, der ſeinen Entſchluß ausſprach, ſie für jetzt zu verlaſſen, und ſie erſt nach einem Jahre in Stockholm aufzuſuchen, und ſeines Vaters Einwilli⸗ gung zu ſeiner Verbindung mit ihr bey ſeinem erſten Erſcheinen in Lindenſtierns Hauſe mitzubringen. Er wollte und konnte Leonoren nicht über ſeine wahre Lage aufklären, denn er hätte ihr Dinge eröffnen müſſen, die er ſelbſt nicht begriff, und die leicht den Schein ge⸗ ſuchter Vorwände, ſie zu meiden, an ſich getragen hät⸗ ten. Daher kam es aber, daß Leonoren Adolphs ſchnel⸗ ler Entſchluß als die gewöhnliche Rauchwolke erſchien, welche dem ziſchenden Feuermeteore der Liebe unſerer Weltmänner folgt; ſie beweinte den Inhalt der Zeilen Adolphs, ohne ſie zu beantworten, und als ſie am Mor⸗ gen in ihren Wagen ſtieg„und Adolph im Thorwege ängſtig einer Antwort entgegen harrte, liſpelte ſie vor⸗ übergehend ihm nur, bitter lächelnd, die Worte ins Ohr: „Auf Wiederſehen Gyllenborg!“ Darauf war Adolph nicht vorbereitet, der bitterſüße gefaßte Ton dieſer Abſchieds⸗ „ 270— worte Leonorens ſchwebte zwiſchen dem verwundendſten Vorwurfe und zwiſchen der ruhigen aber nicht hoff⸗ nungsloſen Ergebung eines liebenden Herzens, und Adolph war froh, vor ſich ſelbſt eine Entſchuldigung darin zu finden, ſeiner Geliebten noch weiter nachzu⸗ reiſen, um ſie über die wahren Gründe ſeines Ent⸗ ſchluſſes aufzuklären. Er folgte ihr von Neuem. Schon am Abende des nächſten Tages drückte ein ſüßes Lächeln um den Engelsmund der Geliebten, der die rauhe Herbſt⸗ luft mit ſeinem Hauche zu mildern ſchien, die innigſte Zufriedenheit Leonorens mit ihres Geliebten Sinnesän⸗ derung aus; doch der wachſame Vater verhinderte fort⸗ während jede, auch die leiſeſte Annäherung der Beyden. So folgte Adolph, wie wir alle unſern Zielen fol⸗ gen, ohne ſie ganz zu kennen, bis wir ſie erreicht ha⸗ ben, dem ſtummen Traumgebilde ſeiner Liebe bis nach Wismar, wo ſich Lindenſtiern nach Stockholm auf der Oſtſee einſchiffen wollte. Hier wollte er ſcheiden von Leonoren, aber das Schickſal hatte es anders beſchloſ⸗ ſen. In einer Herberge mit Lindenſtiern am Hafen wohnend, wo eben ein herbſtlicher Nordſturm die Wo⸗ gen thurmhoch über die Schiffe hinweg in die Straßen der Stadt hereinwälzte, ſaß Adolph des Nachts bey offenem Fenſter, den Abſchiedsbrief an Leonoren ſchrei⸗ bend, ihr ſein ganzes Herz eröffnend; da öffnet ſich die * 271 Thüre, athemlos, bleich, mit flatterndem Nachtgewande ſtürzt Leonore in Adolphs Gemach; ſprachlos eilt ſie auf ihn zu, als ob ſie Schutz bey ihm ſuchte, und ohn⸗ mächtig ſinkt ſie in des Erſtaunten Arme. Ein alter Diener Lindenſtierns, welcher ihr ffolgt, erklärt das Räth⸗ ſel dieſer Scene. Alfred Lindenſtiern war nicht mehr, vom langen Leben ermattet wie von der langen Reiſe war ſein Herz plötzlich ſtill geſtanden, als er ſich eben, die Tochter ſegnend, zur Ruhe legen wollte. Leonore die arme Waiſe, bloßgeſtellt einer Welt voll Verrath und Tücke, wo ein mächtiger Verwandter, der nach ih⸗ rem Beſitze ſtrebte, ihr bitterſter Feind war, weil ſie ihn nicht lieben konnte, hatte getrieben vom Uebermaße des Schmerzes und liebenden Vertrauens, vergeſſend die Regeln der Sitte in der Todesſtunde des Vaters, ſich zu dem einzigen Weſen geflüchtet, auf deſſen Liebe und Beyſtand ſie hoffen durfte. Leonore kehrte in Adolphs Armen zu einem Da⸗ ſeyn voll Schmerz zurück; der einzige aber mächtige Troſt, den er ihr zu ſpenden vermochte, war ſeine Liebe. Er war feſt entſchloſſen, Leonoren, die er als die lang erſehnte Hälfte ſeines geiſtigen Lebens betrachtete, nicht mehr zu verlaſſen, nachdem das Geſchick ſie auf eine ſo ergreifende Weiſe allen Schutzes entblößt, als eine hilf⸗ loſe Verlaſſene an ihn gewieſen hatte. Liebe und Menſch⸗ — 272— lichkeit, die Ueberzeugung von Leonorens heißer Gegen⸗ liebe ließ ihn das Geboth ſeines Vaters vergeſſen. Die Leiche Alfreds wurde in Begleitung ſeines Dieners nach Stockholm in die Gruft ſeiner Väter gebracht. Leonore ging an Adolphs Seite auf einem andern Schiffe in ihre Vaterſtadt, ſich von Hugo die Freyheit ihrer Hand, welche durch ihres Vaters Verſprechen noch halb an ihn gebunden war, zu erbitten, und ihre Angelegenheiten zu ordnen. Adolph beſann ſich nicht, das ihm verbo⸗ thene Schweden zu betreten, nachdem eine allgemeine Menſchenpflicht ihm den Schutz einer Waiſe übertrug die ohne ihn ein Raub der ſchon einmahl verſuchten Nachſtellungen ihres argliſtigen Blutsverwandten ge⸗ worden wäre. Auf der Ueberfahrt nach Schweden in dem trauli⸗ chen Still⸗Leben einer ruhigen Meeresfahrt entwickelte die trauernde Leonore in näherem Umgange mit Adolph einen Schatz herrlicher Geiſtes⸗ und Herzensgaben. Aber in dem Maße als Adolphs Liebe zu Leonoren durch die wachſende Ueberzeugung von ihrer Vortrefflichkeit feuri⸗ ger entbrannte, wuchs auch die Sehnſucht Leonorens nach Adolphs Beſitze, und beyde liebten ſich jetzt mit einer Innigkeit, von welcher Alltagsmenſchen, denen die Liebe theils Nebenzweck, theils nur Mittel zu andern Zwecken iſt, keinen Begriff haben. Leonore liebte nicht nur Adolph, ſie verehrte in ihm auch ihren Retter aus einer wahrhaft beängſtigenden und gefahrvollen Lage. Die Trauer um ihren verblichenen Vater, dieſer heilige Schmerz ihres Gemüthes, ließ ihr Hers nur noch hei⸗ ßer in Liebe entbrennen, denn nie ſehnt ſich des Men⸗ ſchen Bruſt lauter nach Liebe als in den Tagen des Miß⸗ geſchickes. Jeden Verluſt ſucht die phyſiſche wie die mo⸗ raliſche Natur in einzelnen Organismen auf andern We⸗ gen zu erſetzen: ein Baum, dem man die untern Zwei⸗ ge abhaut, ſteigt raſcher in die Höhe, den Verluſt der Augen ſtrebt die überſtrömende Sinnenkraft im Men⸗ ſchen durch erhöhtes Taſtgefühl und durch ein feineres Gehör vergeſſen zu machen, und eine Bruſt voll Schmerz trinkt mit begierigeren Athemzügen die Lebensluft der Liebe, als eine von Genüſſen aller Art überſättigte. So erging es Leonoren, die den Schmerz und die trü⸗ ben Zweifel über die Ergebniſſe der nächſten Zukunft in Adolphs Armen vergaß. Auch Adolph ſchien im er⸗ ſten Genießen des Liebesglücks kein Gedächtniß für die Vergangenheit keine Beſorgniſſe um die Zukunft mehr zu haben. So ſich ſelbſt vergeſſend, um in heißer Liebe ihr Daſeyn gereinigt vonAllem; was dunkel oder gefahrdrohend daran erſchien, wechſelſeitig austauſchen zu können, ſchwebten Adolph und Leonore auf der hei⸗ teren Oſtſee den nebelgrauen Küſten Südermannlands 274— entgegen, wo ihr Schickſal den bisherigen Schleyer lüften ſollte. Der Anblick der auf vielen durch prächtige Brücken verbundenen Inſeln gelegenen ſchwediſchen Hauptſtadt; mit der im italiſchen Geſchmacke erbauten Reſidenz und dem ehrwürdigen Ritterholmsdome, mahnte die Lieben⸗ den bey ihrer Ankunft daſelbſt an die Wiege ihres Glü⸗ ckes, an die Inſelſtadt Venedig, mit welcher ſchon viele Reiſende Stockholm verglichen haben. Leonore bezog das verödete Haus ihres Vaters. Adolph miethete in einem Hauſe nebenan eine Wohnung. Bald erſchien Hugo Lindenſtiern vor Leonoren. Seine Liebe war nicht verraucht, er beſtand auf ſeiner Verbindung mit ihr, und konnte ſeinen Ingrimm bey dem Gedanken nicht verbergen, daß der fremde Geleitsmann Leonorens ihr Herz, zum Lohne ſeines Paladinsamtes davon getra⸗ gen haben mochte. Leonore blieb ſtandhaft, ſie wies je⸗ des Anerbiethen Hugo's mit Würde zurück, und zitterte nicht bey der Eröffnung des Wüthenden, daß er als Gläubiger ihres Vaters auftreten und ſie dem bitterſten Nothſtande preisgeben würde, wollte ſie nicht ſeine Hand annehmen. Fruchtlos verklangen dieſe Drohun⸗ gen vor Leonorens liebender Seele, ſie wollte ihr Herz nicht verkaufen, warnend ſchwebte ihr der Geiſt ihrer unglücklichen Ahnfrau vor, und lieber an Gelde wollte 295—— die Unerfahrne arm ſeyn, als an Liebe. Nachdem Hugo Alles vergebens verſucht hatte, Levnorens Herz für ſich zu gewinnen, oder durch Drohungen zu übertäuben— ließ er mit verbiſſener Wuth ihrem Willen freyen Lauf; — er frug nach dem Nahmen ihres Erwählten, und als Leonore ihm Adolph Gyllenborg nannte, verzog ſich ſein Mund zu grinſendem Lächeln. Vom beſchämenden Aerger verſchmähter Liebe zur böſen Luſt der Schaden⸗ freude übergehend, die ſein Geſicht ausdrückte, ſprach Hugo mit ſchneidender Stimme die Worte: v„ein Gyl⸗ lenborg! wohlan Muhme! bedenkt bis morgen, was ihr thut, rächt mein Herz nicht durch eure eigne Wahl! die Gyllenborg ſind dieſes Landes verwieſen; Ihr müßt fort von hier, wenn ihr des Abenteurers Weib wer⸗ det; mehr will ich euch vor der Hand nicht eröffnen.“ Damit verließ Hugo Leonoren, die mit Entſetzen einen Lichtſtrahl auf das dunkle Verboth fallen ſah, das Gu⸗ ſtav ſeinem Sohne auf die Reiſe mitgab, Schweden nicht zu betreten. Verſtört betrat Adolph Leonorens Behauſung; ſie war der Mühe überhoben, ihm die furchtbaren Worte Hugo's anzukündigen, denn ein Diener der Stadtob⸗ rigkeit hatte ihm bereits den Befehl gebracht, die Stadt und das Königreich am nächſten Morgen zu meiden. Adolph war der Verzweiflung nahe, aber Leonorens 276 mannhafte Standhaftigkeit hielt ihn aufrecht; es war jetzt an ihr, die wichtigen Dienſte Adolphs zu vergel⸗ ten, ſeiner Liebe ſich würdig zu zeigen. Sie raffte das Wenige, was in ihres Vaters Hauſe ihr gehörte zu⸗ ſammen, und entſchied ſich zur Flucht mit Adolph nach Norwegen. Adolph hatte keine Wahl, ohne ihn blieb die Unglückliche ohne Stütze, und konnte er ihr gleich keine glänzende Zukunft anbiethen, ſo ſollte ſie die Liebe einſt im Vettiethale für die Herrlichkeiten einer gefahr⸗ vollen Reſidenz entſchädigen. Als Adolph und Leonore nur von dem Diener des Erſtern begleitet dem Hafen zueilten, begegnete ihnen Hugo Lindenſtiern; ſein Ge⸗ ſicht ſchien ruhig und kalt; er bedauerte ſeine Muhme, daß ſie ihr Glück nicht in der Heimath finden wolle, wünſchte glückliche Reiſe, und indem er Leonorens Hand faßte, ſprach er bedeutungsvoll, indem die erzwungene Kälte der wieder aufgährenden Wuth zu weichen be⸗ gann:»In Kurzem wirſt du meiner gedenken.“ Nicht die Drohung, welche Hugo den Fortziehen⸗ den auf die Reiſe mitgab, nicht die Ahnung größeren Mißgeſchickes, das ihnen vielleicht noch bevorſtand, konnte Adolphs und Leonorens Herzen bis auf jene un⸗ terſte Stufe der Entmuthigung herabdrängen, wo auch die Liebe ſich nicht mehr zu entwickeln vermag. Auf der Reiſe durch den von Felſen eingeengten Sund und den — 277 ſtürmiſchen Kattegat, auf der brauſenden Nordſee bis nach Bergen ketteten ſich die Beyden immer feſter an⸗ einander, die kein Geboth mehr kannten als jenes der Liebe. Mitten unter Gefahren und Ungewißheit erglüh⸗ ten ihre Herzen immer verlangender in heißer Liebe, wie ſich Blumenknoſpen im erſten Sonnenſtrahle dem Thaue des Morgens aufſchließen unbekümmert um die Gewitter, die der Sonne am Rande der Berge ſchon gegenüberſtehen, und mit verwüſtenden Güſſen drohen. Der Drang nach Liebe iſt unwiderſtehlich, wie der Blü⸗ thendrang des Frühlings in den Blumenknoſpen. Adolph führte Leonoren in das Labyrinth ſeines bisherigen Le⸗ bens ein, aber auch ſie gewahrte gleich ihm nur den einzigen rettenden Faden der Liebe.„Was ſoll uns der Reichthum, mit deſſen Verluſte dein Vater dich bedroht, wenn du ein Weib heimbringſt, das dich liebt, wie deine Leonore; wie kann uns Armuth ſchrecken, die wir Muth und Kraft haben uns ſelbſt zu erhalten? oder „willſt du mich allein dem Elende Preis geben?2“ Dieſe Betrachtung Leonorens, die unwiderſtehliche Gewalt ſeiner Liebesſehnſucht, die geheime Hoffnung, ſein Va⸗ ter möchte doch nur gedroht haben, und die Rückſicht die er ſich ſelbſt und Leonoren ſchuldig war, die nicht länger in der zweydeutigen Lage einer liebenden Beglei⸗ terinn, durch kein heiliges Band an ihn gebunden, an 278— ſeiner Seite leben durfte, trieben Adolph zu dem Ent⸗ ſchluſſe Leonoren in Bergen zum Weibe zu nehmen. Die kurze Friſt, nach deren Verlauf er erſt vor ſeinem Vater erſcheinen ſollte, beſchloß er in Zurückgezogen⸗ heit im Innern des Landes zu verleben, und dann im Vettiethale der Löſung aller Räthſel ſeines Daſeyns entgegen zu gehen. In Bergen, alſo dort, wo Adolph das Brautkleid der isländiſchen Jungfrau vielleicht in ihrem eigenen Sarge ausgebreitet erblickt, dort wo er mit bangem Herzen ſeinem Vater Gehorſam verſprochen hatte, der ihm die Luſt, das Brautgewand flattern zu ſehen im Hochzeitsreigen, als den Lohn erfüllter Kindespflicht ver⸗ ſprach, dort ſtand er wortbrüchig, aus dem verwehrten Schweden zurückkehrend, ſeiner Braut am Altare einer dunkeln Capelle gegenüber, ohne andere Zeugen ſeines Ehebundes mit Leonoren als die marternde Ungewiß⸗ heit ob der Zukunft, und die Gewiſſensbiſſe über ſeinen Ungehorſam. Die Gegenwart war der Neuvermählten Erſatz für Vergangenheit und Zukunft. In reinen wahr⸗ haft harmoniſchen Gemüthern verglüht die Liebe nicht am Ziele ihrer Wünſche, ſie gleicht dem Baume der jähr⸗ lich blüht durch hundert Jahre, und nicht der Aloe, die zwar lange lebt bis ſie blühen darf, aber nur ein⸗ mahl blüht und dann abſtirbt in ihrem Blüthentriebe. * — 279— Auf einem einſamen Landſitze in Juſtedal, nicht ſehr entfernt von Vettiethal verlebte Adolph im Vollgenuſſe ſeines Liebesglückes an Leonorens Seite die erſten Ta⸗ ge ſeiner Ehe. Leonorens Liebe war eine ſüdliche Blu⸗ me im Garten des Nordens, heiß und nicht welkend im Mittagsſtrahle. Adolph verſank nicht ſelten in trübe thatloſe Erwartung der Zukunft, der ihr Scharfblick wo nicht Reue, ſo doch Beklommenheit über die Schnelle ſeines Entſchluſſes, des Vaters Geboth doppelt zu über⸗ treten, anſah. Doch ſie gab ſich tröſtend als die einzige Schuldtragende an;„ich habe mich, als du mir von Venedig aus folgteſt, mit Atalanten verglichen, mit wel⸗ cher jener, der ſie beſitzen ſollte, um die Wette laufen und vor ihr das Ziel gewinnen mußte.— Du biſt mein Hippomenes geworden und haſt mich eingehohlt, doch nicht goldene Aepfel aus den Gärten der eypriſchen Göttinn haſt du mir geworfen, daß ich, ſie aufleſend, mich verſpätete im Laufe: das Geſchick hat mir ein Häuf⸗ lein Erde, den Grabhügel meines Vaters in den Weg gelegt, du hobſt mich darüber hinweg, und über Schmach und Verlaſſenſeyn— Klage dich darum nicht an; klage mich an und meine ungeſtüme Liebe,— wie jene, zuvor ſpröde Atalanta den Sieger Hippomenes bis zur Raſerey liebte und ſich des Kuſſes im Heiligthume der keuſchen Cybele nicht erwehrte, die darum beyde in — 280— göwen verwandelte, habe ich in unmäßiger Liebesſehnſucht dich das Heiligthum deiner Kindespflicht zu entweihen vermocht,— mich allein treffe der Zorn deines Vaters, ich habe ihn allein verdient.“ Die Thränen der Lieben⸗ den begleiteten dieſe Rede, Adolph aber fühlte ſich ſtark, jeden Blitz zu ertragen, welchen der Zorn des Ge⸗ ſchickes nach ihm ſchleudern ſollte, weil er ein Weib ge⸗ nommen, das wie Leonore liebte. Bis zu ſeiner Ankunft in Wismar, wo er ſch. un⸗ widerruflich an Leonoren anſchloß, hatte Adolph ſeinem Vater während ſeiner Reiſe durch die Welt alle Vier⸗ teljahre einmahl geſchrieben, und von dieſem jährlich die nöthigen Mittel zur Fortſetzung ſeiner Reiſe in mehr als reichlichem Maße erhalten. Er hatte jedoch ſein Be⸗ kanntwerden mit Leonoren, und Alles, was ſpäter dar⸗ auf Bezug nahm, geheim gehalten. Seit ſeiner Ankunft in Schweden getraute er ſich nicht mehr ſeinem Vater Nachricht von ſich zu geben, denn die Lüge war ihm fremd, und er hoffte einſt mündlich von ſeinem Vater Vergebung für das Geſchehene zu erbitten. Die Unter⸗ ſtützung ſeines Vaters, der ſeinen Aufenthalt nicht mehr wußte, blieb jedoch aus, und er mußte ſich ſehr ein⸗ ſchränken, um mit Lepnoren ohne Mangel die Zeit zu ver⸗ leben, die noch bis zu dem Zeitpunete fehlte, da er vor ſeinem Vater erſcheinen durfte. Leonore fand ihre Freude 281 daran, ſich in dieſe Einſchränkung ihres Hausweſens zu⸗ vorkommend zu fügen. Endlich nahte der dreyßigſte Ge⸗ burtstag Adolphs und am Vorabende gebar ihm Leo⸗ nore einen Sohn, den Adolph in einer unwillkührli⸗ chen Vorliebe für den Nahmen nach ſeinem Ahnherrn Erich nannte. Das Kind glich der Mutter, bey wel⸗ cher Adolph noch einige Tage zu ſorgſamer Pflege ver⸗ blieb, und dann unter ihren Segenswünſchen die Reiſe in das nicht ferne Vettiethal antrat; er küßte Weib und Kind ehe er zu Pferde ſtieg, doch die Küſſe brann⸗ ten als peinigende Vorwürfe auf ſeinen Lippen, bis er nach einer gefahrvollen mehrtägigen Reiſe von den Aus⸗ läufen der Felſenwände des Vettiethals umfangen wur⸗ de. Er übernachtete in einer offenen Alpenhütte, und überſtieg am frühen Morgen den Pförtner des Vettie⸗ thals; ſein Herz klopfte laut, als er an den Abgrün⸗ den ſchwindelnd Lvorüberritt, in die er als Knabe und Jüngling herzhaft hinabzublicken gewohnt war, denn beklommen und faſt regungslos, nicht mehr der unbe⸗ fangene ſchuldloſe Jüngling, der er war, als er aus⸗ zog, ritt er die Bruſt voll marternder Zweifel in das Thal ſeiner Jugend ein. Mit Schmerz verglich er ſich jenem Todten, den ein Knabe zu Pferde geſetzt und über die Abgründe nach dem Friedhofe reiten ließ, und die Worte des Knaben klangen in ſeinen Ohren wieder: 282 er reitet heim! Abends gelangte Adolph zum Afdalhofe, wo ſeine Schweſter hauſte, er hielt aber nicht an, ſon⸗ dern verfolgte ſeinen Weg von Felswand zu Felswand bis er Erichs Burg vor ſich ſtehen ſah. Die Fenſter glänzten ſilbern im Monde aber kein Licht leuchtete aus dem Innern der Gemächer. Adolph geht an die Pforte er klopft vernehmlich daran, aber niemand erſcheint, ſie ihm zu öffnen; da bemerkt er ein Eiſenband über das Thor gelegt mit einem gewaltigen Schloſſe von Pfoſte zu Pfoſte geſpannt. Ein eiſiger Schauer über⸗ fällt ihn bey dieſem Anblicke; er eilt nach einer der nahen Hütten, aber die zerbrochenen Fenſter, an die er klopfen will, beweiſen ihm, daß ſie unbewohnt ſey, ein Gleiches erfährt er an den übrigen Hütten, die um die Burg herum ſtanden⸗ ungewiß ob dieſe Verödung ein Werk des Willens oder des Dahinſterbens ihrer al⸗ ten Bewohner ſey, bereut Adolph am Afdalshofe ohne Nachfrage vorüber gegangen zu ſeyn. Er ruht in einer der verlaſſenen Hütten bis zum Morgen, in deſſen Lichte er ſich überzeugt, Gyllenborgs Pfalz und Vettiethal ſeyen verödet— das Schloßthor war mit Kette und Eiſenriegel verſperrt,— kein menſchliches Weſen regte ſich im Vettiethale. Düſterer Ahnungen voll, reitet Adolph nach dem Afdalthale. Vor dem Herrenhofe, wo er gegen Mittag — 285— ankam, und vom Pferde ſtieg, ſpielten zwey muntere Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, ſelbſt Vater hebt er den Knaben an ſeine Bruſt empor, und herzet und küſſet den Sohn ſeiner Schweſter. Da erſcheint, als er eben den Knaben an ſeine Bruſt gedrückt hält, Guſtav ſein Vater in grauem Bauerngewande vor der Hütte, er mißt den Fremden, erkennt ſeinen Sohn, und wankt in ſeine Arme. Adolph ſtand ſprachlos— Guſtav, der weiche, den Verſtellungen der Weltleute fremde Greis ſchluchzte laut, indem er ſeinen Sohn mit ſchmerzlichem Blicke maß; er brach zuerſt das lange Schweigen: „komm herein mein Sohn,“ ſprach er,„kein Vorwurf ſoll dich betrüben, du brauchſt mir nichts zu geſtehen, und haſt nichts zu bereuen, ſo lange du dich ſelbſt glücklich fühlſt, ich weiß Alles, denn wüßte ich's nicht, würde ich nicht in dieſem Gewande, an dieſer Hütte vor dir ſtehen.“ Die letzten Worte durchbohrten Adolphs Herz als ein bittrer Vorwurf, er ſank ſeinem Vater zu Füßen, und flehte um Vergebung ſeines Un⸗ gehorſams.»Ich habe dir nichts zu vergeben, ich ge⸗ both dir, was ich dir gebiethen zu müſſen glaubte. Komm herein ins Haus ich muß mich rechtfertigen vor dir über meine Gebothe, und dann wollen wir bera⸗ then, wie wir unſer Schickſal tragen mögen.“ Adolphs Schweſter und Olſon waren in der Feldarbeit, Guſtav 284 führte ſeinen Sohn in eine kleine Stube, hohlte ein Pergamentbuch aus einem Schranke, gab es Adolph zu aufmerkſamer Leſung, und verließ den Halbträumen⸗ den, der erſt an ſeine Rückkehr zu ſeinem Vater glaub⸗ te, als er das Buch öffnete, und es überſchrieben las: Erich Gyllenborgs Teſtament: „Gedankenlos ſtarrt der werdende Menſch in bun⸗ ter Wiege die Welt an, erdrückt von Gedanken legt er ſich in den Sarg; ſchnell verweht ſein Daſeyn im Hau⸗ che der Zeit, und nur ſeine Thaten greifen wurzelnd in das Daſeyn künftiger Geſchlechter hinüber, wie die in die Erde dringenden Zweige des afrikaniſchen Wurzel⸗ baumes einen einzelnen Stamm bald zum undurchdring⸗ lichen Walde werden laſſen. Meines Lebens Baum hat kein Sturm entblättert, ein giftiger Wurm hat ſein Mark zerfreſſen, vielleicht die Raupe eines Schmetter⸗ lings für den Lenz meiner Enkel, denn ein ewiges Aufer⸗ ſtehen aus den Gräbern der Vergangenen iſt das Ge⸗ ſetz alles Lebens hiernieden. Was mich beſtimmt, mit der erkaltenden Hand in die Zukunft ordnend hinüber zu greifen, werde aus den flüchtigen Umriſſen meiner Vergangenheit klar. Aus einem edlen, verarmten ſchwediſchen Geſchlechte entſproſſen, fühlte ich mich in den Thälern meiner Heimath unwiderſtehlich zur Nachbildung der Natur zum Selbſt⸗ — * 285„— ſchaffen im Reiche der Kunſt angetrieben. Ich ward ein Mahler faſt ohne es zu wiſſen. Der Reiz, den ich dem gewöhnlichſten Menſchengeſichte durch ein mir in⸗ newohnendes Urbild geiſtiger Schönheit zu geben ver⸗ ſtand, die, wie ein edler Wein auch aus irdenen Nä⸗ pfen köſtlich duftet, auch aus den Augen der anſpruch⸗ loſeſten Menſchen hervorſtrahlen darf, verlieh mir bald einen großen Ruf als Porträtmahler, und ich ernährte mich und meine Aeltern durch dieß Zwittergeſchäft der Kunſt und des Handwerks. Auf einer Reiſe, die ich nach Italien antrat, als ich zwanzig Jahre alt gewor⸗ den, begegnete mir in Stockholm, als ich eben zu Schiffe ging, ein herrliches weibliches Weſen, dergleichen ich noch nie geſehen, noch nie nachgebildet hatte. Meine Reiſe erſchien mir in dem Anblicke aller der Schönheiten dieſes Weſens als fruchtlos; denn, in welchem Lande, in welchen Kunſtwerken durfte ich ein reineres, geiſt⸗ volleres Vorbild für meine Kunſtübung zu finden hof⸗ fen, als ich eben gefunden; ſie entſchwand meinem Bli⸗ cke wie eine Traumgeſtalt, aber tief in die Seele war mir ihr Bild gedrungen. Ich durchpilgerte viele Län⸗ der, und die geprieſenen Stätten italiſcher Kunſt— ich ſah der Kunſtwerke und der Menſchen viele, aber unbe⸗ friedigt wendete ich meinen Blick von Allem, denn ich fand nichts, das dem göttlichen Bilde in meiner Bruſt 286 entſprach. Den Styl vieler alter Meiſter bewundernd, beneidete ich doch keinen um den ſeinigen, denn ich hatte den meinen allzulieb gewonnen. Dem Bilde jener göttlichen Jungfrau, das mich auf meiner Pilgerfahrt begleitete, lieh ich tauſend Geſtalten, und wenn dieſe gleich noch mannigfaltig waren, deuteten ſie doch immer auf ein einiges Licht in mir, das nur in verſchiedener Brechung des Regenbogens ſiebenfache Farben annahm. Unbefriedigt kehrte ich aus dem üppigen Süden zurück, wo ich den mir angebornen Sinn für die lebendige Friſche des unverweichlichten Lebens nicht gegen die matten gezierten Ideale vertauſchte, welche dort ſich Kraft anlügen wollen, indem ſie alle Attribute der Kraft als gemein mit markloſer Uebernatürlichkeit übertün⸗ chen, und ein glänzendes Schwert in der Hand des Helden dem blutigen vorziehen. Ich kam nach Stockholm zurück, und wurde zu dem Standesherrn Adelfleth gerufen, ſeine Tochter Blandine zu mahlen. Ich trat ein, und fand in Blan⸗ dinen jene Jungfrau wieder, deren Bild ich auf meiner Reiſe durch die Kunſtwelt im Herzen getragen, und das auf meiner Lebensreiſe nicht mehr von mir ſcheiden ſollte. Eine ſchlanke Geſtalt, wie ſie die alten Bildner den Statuen der Hebe liehen, ein Paar brauner Augen aus denen alle Pfeile des erfinderiſchen Liebesgottes auf * 287 erwärmenden Strahlen in die Seele des Betrachters hervorſchoſſen, ein Purpurmund, den die Grazien lä⸗ cheln und die Muſen ſprechen gelehrt, kurz jede weib⸗ liche Vollkommenheit fand ich in der kaum erblühten Blandine. Ich legte in ihr Anſchauen verloren mein Mahlergeräthe vor ihr aus einander, doch meine Hand zitterte, als ich mein ſchönſtes Werk beginnen ſollte, meine Blicke drohten im Uebermaße der Augenluſt zu erlöſchen, als ſie Blandinens Blicken begegneten. Schnell raffte ich Pinſel und Pallette zuſammen und ging fort, indem ich der ſtaunenden Jungfrau bedeu⸗ tungsvoll dieſe Worte ſagte:„Euer Bild hat mich lange und auf meiner ganzen Reiſe begleitet, ich kann euch der Langenweile mir zu ſitzen überheben; aus den hundert Bildern von euch, die ich ſchon beſitze, wird euch wohl eines ähnlich ſeyn, wenn meine Kunſt ſich gleich zu ſchwach fühlt, euch vollkommen nachzubilden, und mein Herz mir die Ruhe nicht gönnt, mich euch gegenüber mit todten Farben zu beſchäftigen.“ Ich ging und mahlte Blandinen in meiner Wohnung, ſie thronte in meinem Herzen. Ich brachte das Bild der Tochter Adelfleths, und ſie erſtaunte über die Aehnlichkeit, aber ſie ſtaunte noch mehr, als ich ihr meine Mahlerſtudien vorwies. Aus unzähligen flüchtigen Entwürfen und aus⸗ geführten Zeichnungen leuchtete ihr Bild als jenes der 288 Göttiun hervor, der meine Muſe diente. Sie verſtand dieſe Sprache der Kunſt und jene meiner Augen, ſie beantwortete ſie mit Meiſterſchaft:„Das Bild, welches ihr ſo lieb gewonnen, ſoll ſich von dem Meiſter nicht trennen, mahlt mir euer eigen Bild, auf daß es die Rückſeite des meinigen ziere, es iſt angenehm an den Meiſter bey ſeinem liebſten Werke zu denken, doch gebt mir dieß Bild insgeheim, wenn ihr meinen Vater mah⸗ let, er könnte mein Begehren leicht übeldeuten.“ Ich glaubte dieſen Auftrag zu verſtehen, ich mahlte zum er⸗ ſten Mahle mein eigen Bild, und es gelang, denn es war für Blandinen. Sie empfing es mit ſichtbarer Freude; im erſten Feuer meiner Jugend und meines die engen Gränzen des Alltagslebens überſehenden Künſtlergefühls that ich viele kühne Schritte, Blandi⸗ nen meine Liebe zu offenbaren. Sie führten mich zum Ziele, denn bald glaubte ich gewiß zu ſeyn, daß ſie mich wieder liebe. Blandinens Vater war ein ſtolzer, in hohem An⸗ ſehen ſtehender Mann, Blandine ſeine einzige Erbinn und Tochter, er hatte ihr den Reichsherrn Lindenſtiern zum Gemahl erkoren. Meine Verzweiflung, als ich das letztere erfuhr war ſonder Gränzen; doch gab ich jun⸗ ger Thor nicht alle Hoffnung auf, Blandinen zu beſi⸗ 65 tzen; ich war aus edlem ſchwediſchen Geſchlechte, und ——— 289 meine Knnſt, dachte ich Weltunerfahrner, ſey mehr als Reichthum und Ehrenſtellen, ich wußte noch nicht, daß die Kunſt nur die Todten adelt, und ihnen den ſtei⸗ nernen Lorber erſt auf den hohl gewordenen Schädel legt. Doch eben meine Kunſt, auf die ich mich ſtützte, verließ mich, und gab mich dem Hohne Vieler preis. Ich genoß einen ausgezeichneten Rufals Porträtmahler, doch ſeit Blandinens letztem Bilde wollte kein weibliches Antlitz ſich meinem Pinſelfügen; alle Frauen, die ich jetzt zu mah⸗ len glaubte, lachten und beſchwerten ſich über den verlieb⸗ ten Mahler, der die ſchöne Blandine und immer nur die ſchöne Blandine mahlte. Der Neid vieler Frauen, welche die liebenswürdige Blandine eben ihrer Reize willen an⸗ feindeten, ſetzte dieſe meine Bilder in Umlauf. In den Abendzirkeln der Reſidenz lachten die geiſtloſen Geſichter, die ich, von Blandinen erfüllt, nicht treffen wollte und konnte, darüber, daß ſie der Seele eines Künſtlerlebens auf die Spur gekommen. Das Geſpötte der Stadt kam auch zu Adelfleths Kenntniß; er lud mich zu ſich, und weil er hörte, daß ich all meinen Ruf in der Stadt, und meinen Erwerb um ſeiner ſchönen Tochter willen verloren, drückte er mir einen ſchweren Gold⸗ beutel in die Hand mit den Worten:„dieß auf die Reiſe mein Herr, denn hier, wo ihr Adelfleths Tochter dem Gelächter preis gegeben, werdet ihr wohl als ehr⸗ II. Vand. 15 licher Mann nicht länger verweilen.“ Dieß Abkaufen des Anblicks der einzig Geliebten, dieſer jüdiſche Schacher mit dem Theuerſten, was ich auf Erden und für die Ewigkeit zu beſitzen glaubte, ließ mich in unbewußtem Zorn entbrennen: ich warf ihm das Geld vor die Fü⸗ ße, und ging mit den unbedachten Worten:„das Bild Blandinens iſt bezahlt, ihre Liebe bezahlt kein Adel⸗ fleth! kein Lindenſtiern.“ Unfähig zur Ausübung meiner Kunſt hatte ich nun Zeit zu den kühnſten Entwürfen mich zu Blandinens Beſitze zu erheben. Meine Kunſt war durch ſie der einförmigſten Manier anheim gefallen, und gewiß ſind manchen braven alten Meiſters ſtehende Geſtalten ſei⸗ ner Madonnen⸗ und Engelsköpfe Kinder ſeiner erſten Liebe. Dichter und Mahler ſetzen ſich in ihrer Blüthen⸗ zeit in den Beſitz des Schönſten, was ihnen begegnet, und ſie halten tren an deſſen Geſtalten bis ins Alter⸗ wie die Poeten der alten Völker, oder eigentlich zu reden der Völker in der Jugendzeit, die ſchönſten Bil⸗ der der ewig jungen aber auch ewig gleichen Natur ſich angeeignet und ihren Nachfolgern nichts Neues zum Funde, und nichts nachzuahmen gelaſſen haben, als die Form, und das, was wir Manier nennen. Aufgegeben von der Welt, die nicht mehr den Mahler, die nur den verliebten Thoren in mir erblickte, lebte ich, weil mir „ 291— Verdienſt fehlte, in bitterer Armuth. Doch gerade in der bedrängteſten Lage fand ich mich zum gewagteſten Un⸗ ternehmen aufgelegt. Durch manches deutliche Zeichen der engelgleichen Blandine, ihrer Liebe gewiß, faßte ich den Entſchluß ſie zu entführen, und ſie nach Italien zu bringen, wo ich im Beſitze meines Ideals meine Kunſt⸗ werkſtätte aufſchlagen und ſie und mich redlich ernähren wollte; es war ein Plan, ganz eines ein⸗ und zwanzig⸗ jährigen Mahlers würdig, den ich Blandinen ſchriftlich eröffnete, Tag und Stunde der Flucht beſtimmend. Das Ausbleiben aller Antwort ließ mich die Gewäh⸗ rung meiner Wünſche als richtig annehmen, ich berei⸗ tete alles zur Flucht vor, und erſchien des Nachts auf dem Platze in ihres Vaters Garten, den ich bezeichnet hatte. Blandine erſchien, aber nicht um mit mir zu fliehen, um mich abzumahnen von ſo thörichtem Begin⸗ nen:„ihr habt'“ ſprach ſie„auf meine Liebe gebaut, ich mag euch darum keinen Vorwurf machen, aber als Tochter bin ich meinem Vater Gehorſam ſchuldig, er hat meine Hand an Lindenſtiern vergeben; es gelingt mir vielleicht dieſer Verbindung auszuweichen, dann erwartet von meiner Liebe, was ich von der eurigen erwarte, Treue.“ Die letzten Worte ſprach ſie mit be⸗ ſonderer Bedeutſamkeit aus, aber mein wildverlangen⸗ des Herz verſtand dieſe Worte erſt in ſpäten Jahren 15 ſah ich nur eine kalte Weltfrau vor mir ſtehen⸗ auswei⸗ 292 zu meiner Verzweiflung richtig; in jenem Augenblicke chend der Gluth⸗ die ſie ſelbſt durch das Gewähren küh⸗ ner Hoffnungen angeſchürt hatte; ich haßte, ich verach⸗ tete die Göttliche, verblendet von ungezügelter Leiden⸗ ſchaft, ſtatt ſie zu verehren, die mich und ſich vielleicht mit Selbſtverläugnung in den Schranken der Ehrbar⸗ keit und der Pflicht zu halten bemüht war.—„Nehmt,“ ſprach ſie weiter,„dieß gefährliche Blatt, damit es in keines Feindes Hand gerathe, wieder zurück, nehmt den Brief, den ihr mir heute ſchriebt, zurück, und als Antwort die Aufforderung zur Ausdauer, und zu jener Treue, die oft ſpät aber immer die herrlichſte Krone den Liebenden flicht.“— Ich ſtand ſprachlos vor Wuth über die Kälte, womit mich Blandine in ſo entſcheiden⸗ dem Augenblicke tröſtete; da erſchien ihr Vater von einigen Dienern begleitet, er entriß ſeiner Tochter mei⸗ nen Brief, las ihn im Scheine der Fackel mit zittern⸗ den Lippen,— führte ſeine Tochter hinweg, und be⸗ fahl, mich ins Gefängniß zu ſchleppen. Ich hielt mich für verrathen von Blandinen, die meine Entfernung wünſchen mochte, um nicht länger das Geſpräch der Stadt zu ſeyn. Dieſer Glaube war hinreichend, mich unempfindlich gegen die Schande der Verhaftung, und gegen das von Adelfleth erwirkte Man⸗ * 2935 dat zu machen, das mich, den verſuchten Entführer der Tochter eines ſchwediſchen Standesherrn mit meiner Nachkommenſchaft des Landes verwies, das ich pflicht⸗ vergeſſen ſelbſt verlaſſen gewollt.— Ich wurde an die norwegiſche Gränze mehr träumend als wachend abge⸗ führt, dort händigte mir einer meiner beyden Beglei⸗ ter von Amtswegen, unter dem Siegel ewiger Ver⸗ ſchwiegenheit, ein Packet ein, das eine Unbekannte in Stockholm ihm zugeſteckt habe, mit dem Auftrage, es dem Verbannten an der Reichsgränze einzuhändigen. In Norwegen öffnete ich das Packet, es enthielt ein Blatt von mir unbekannter Hand mit den Worten: »„Schweden hat man dich zu verlaſſen gezwungen, doch es gibt ein Reich für dich, wo dir kein Epil droht, wenn du es nicht ſelbſt muthwillig verlaſſeſt,— ein reicher Herbſt folgt oft einem trüben Frühlinge, wenn dieſer die Blüthen nur nicht erſtickt, hüllte er ſie gleich in Ne— bel ein. Darum verzage nicht, doch entſcheide nicht vor eilig über deinen Frühling,— einen Spiegel ſende ich dir als Andenken an mich, denke dir, er ſey das Bild meiner Seele und blicke oft darein.“ Blandine war die Geberinn, mein trotziger Sinn ließ mich das Geſchenk und deſſen Sinn mißdeuten; ich hatte auf meinen Rei⸗ ſen manche traurige Erfahrung von dem wüſten auf die oberflächlichſten Genüſſe der Eitelkeit ſtets bedachten Trei⸗ — 294— ben der Frauen gemacht, ich achtete dieß Geſchlecht nicht hoch, und hatte mich nur in Blandinen mit ihm ver— ſöhnt, um alle Fehler und Schwächen des ganzen Ge⸗ ſchlechtes in ihr zu vergeſſen, aber jetzt ſtieß ich auch ſie in den Reigen der anderen Bacchantinnen mit Schlepp⸗ kleid und Fächer. Ein Spiel der Eitelkeit erſchien mir ihre Anfangs geheuchelte Liebe, ein Blendwerk, mich über ihr ſchlechtes Herz zu täuſchen, erſchien mir Ab⸗ ſchiedswort und Geſchenk.„Was ſoll mir ein Spiegel2 dieß Glas der Pfyche gibt das Bild zurück, das man ihm vorhält; Blandinens Seele ſoll er mir vorſtellen? gut, ich empfange mein Bild zurück, und werde wie⸗ der ſelbſtſtändig werden.“ Ich Thor dachte nicht daran, daß jener ſilberne Spiegel auch die glatte Weltſcele vor⸗ ſtellen konnte, die keinen fremden Hauch auf ſich dul⸗ det, doch vor dem Auge des Geliebten und nur vor ihm allein zeigen darf, daß er ihr Innerſtes bewohnet. Ich wartete die Entwicklung meiner erſten Lebens⸗ blüthe nicht ab, wie Blandine mir anrieth; vorſchnell riß ich ſie vom Baume meines Daſeyns, und glaubte, mein Lenz werde noch eine zweyte hervortreiben. Ich heirathete ein armes Mädchen in Bergen, der ich zum Hochzeitsgeſchenke den Spiegel Blandinens gab. Ich errichtete meine Mahlerwerkſtätte in Bergen, und er⸗ hielt mich vom Mahlen der Madonnen- und Heiligen⸗ * bilder für die Kirchen des Landes, und mit manchem geſchichtlichen Bilde für die Gallerien der Reichen. Ich lebte, wie's dem Künſtler geſtattet iſt, ehrlich und dürf⸗ tig;— mein Herz war nicht befriedigt, ich mahlte noch fortwährend unwillkührlich Blandinens Bild, und mein Weib weinte ſich die Augen roth, wenn ſie, unbe⸗ kannt mit der geheimen Urſache meines Schmerzes mich ſtundenlang; wie einen Irrſinnigen vor meinen Bil⸗ dern ſtumm knien ſah. Eines Tages hielt ein Wagen vor dem Hauſe, das ich bewohnte; eine junge Dame in Trauer, begleitet von einer älteren ſtieg aus, und fragte nach Meiſter Erichs Wohnung— ich erkannte Blandinen vom Fen⸗ ſter herab, und ging ihr mit wankenden Knien entge⸗ gen. Sie betrat mein Zimmer, und als ſie mein Weib mit dem kleinen Guſtav auf den Armen erblickte, be⸗ ſiel ſie ein Schwindel, ſie hielt ſich an der Staffeley eines Bildes, den Tod des Seneca im Bade vorſtel⸗ lend, feſt, und ſagte, halb das Bild, halb meine Gat⸗ tinn betrachtend:»Meiſter Erich, ich bin nach Ror⸗ wegen gereiſt, um mich zu zerſtreuen, der Tod meines Vaters hat mich tief ergriffen, das Bild vor mir, iſt nicht geeignet, mich aufzuheitern, darum lebt wohl für jetzt, und erlaubt mir ein andermahl eure Kunſt zu be⸗ wundern;“ damit ſchied Blandine. Ich wankte ihr nach. 296 die Treppe hinab, bis an den Wagenſchlag, dort ge⸗ wahrte ich eine Thräne an ihrem ſchönen Auge, ich wollte ihre Hand ergreifen, ſie zog die ihrige zurück und ſprach lächelnd: vihr habt fremdes Gut verſchenkt, doch ich beraube jene nicht, die ſich in ſolchem Beſitze glücklich wähnt, lebt glücklich Gyllenborg, und bedürft ihr einer Freundinn, wendet euch an Blandinen Adel⸗ fleth.“— Der Wagen rollte davon unaufhaltſam. Als ich meine Stube betrat, ſaß mein Weib geiſterbleich im Lehnſtuhle und ſagte mir in Verzweiflung nur die Worte:»Die Muſe kenne ich jetzt, die deine Bilder be⸗ ſeelt, ich bleibe deine Magd, nenne mich nicht mehr dein Weib,“ damit ging ſie in ihre Kammer. Blandine war fort, nach Schweden zurück. Ich lebte, treu meinem Weibe wie vorher, in einer trüben häuslichen Athmoſphäre. Mein Weib war nicht mehr zu überzeugen, daß ich ſie liebe, wenn ich auch das Bild der hundert Meilen entfernten Erſtgeliebten nicht aus meiner Seele verbannen konnte. Die Mutter meines Guſtavs härmte ſich bleich, und ich mußte mich ſchuldig bekennen an ihrem Trübſinne. Ich erfuhr ſpä⸗ ter aus Schweden, daß Blandine nach ihres Vaters Tode, nachdem ſie eine Reiſe nach Norwegen unternom⸗ men, dem Grafen Lindenſtiern ihre Hand gereicht habe, ihres verblichenen Vaters Willen zu erfüllen. Blandine * — 297 ward mir jetzt zum Räthſel, ſie ſchien mirtreu geblieben zu ſeyn, und verſchenkte doch ihre Hand, des Vaters Willen zu ehren. All ihr Handeln vom Anbeginn un⸗ ſerer Bekanntſchaft erſchien mir ſo verſchieden von dem gewöhnlichen Thun der andern Menſchen, daß ſie nur in dem Schleyer vor meiner Seele ſtand, den die ägypti⸗ ſchen Prieſter über die unbegriffene Wahrheitsgöttinn Iſis warfen. Ich mahlte Blandinen als dieſe Göttinn, mich ſelbſt zu ihren Füßen knieend, der räthſelhaften Göttinn meines Daſeyns huldigend. Dieſes Bild, in leichten Umriſſen den Schleyer hindurch Blandinens edle Züge darſtellend, iſt das gelungenſte meines Pin⸗ ſels, und tauſend Goldgulden, die mir ein Engländer dafür anboth, ſchlug ich meiner Armuth ungeachtet aus. Meine arme Gattinn ſtarb; ich ahne nur die Ur⸗ ſache ihres Todes, und will ſie nicht näher ſchildern. Die ihr das Vorhergehende laſet, werdet mit mir ah⸗ nen, daß ihr liebendes Gemüth des geiſtigen Hunger⸗ todes ſtarb, weil es die vergiftete Frucht meiner Liebe ſeit Blandinens Anweſenheit in Norwegen nicht mehr berühren mochte. Nun war ich wieder frey, aber, Blandine war es nicht mehr. Aus Schweden verbannt konnte ich von ihr lange keine Kunde erhalten. Auf einer Reiſe, die ich nach Chriſtiansfield an der ſchwediſchen Gränze in einem Geſchäfte unternommen hatte, erfuhr — 298— ich, daß in Eda am mahleriſchen Wenerſee die ſchöne Gräfinn Blandine Lindenſtiern den Sommer zubringe. Ich übertrat verwegen die Gränze Schwedens und ging nach Eda verkleidet, durch Bart und Haarwuchs entſtellt, um die ſchöne Gräſinn einmahl noch in meinem Leben zu ſehen. Ich ſah ſie im Kreiſe der Ihrigen luſtwan⸗ deln, aber ich kannte ihre Züge zu genau, um das Ent⸗ weichen des Frohſinns daraus nicht wahrzunehmen; dieſe Entdeckung trieb mich faſt zur Verzweiflung, und ich floh, ihren Anblick für immer zu meiden. In Bergen verlebte ich noch mehrere Jahre, mei⸗ nen kargen Erwerb in der Kunſt ſuchend, aber meine Bilder wurden immer düſterer, und ich beſchränkte mich am Ende für meinen Broterwerb bloß auf das Mah⸗ len von Kirchhofbildlein auf die Kreuze der Geſtorbe⸗ nen. Einſt mahlte ich ein derley Bild voll Gedanken an das Jenſeits und die finſtere Kluft, die uns davon ſcheidet, als ich einen Brief aus Stockholm erhielt, ich öffnete ihn zitternd und las:„Blandine Lindenſtiern hat auch Erich von Gyllenborg zum Erben aller ihrer Güter eingeſetzt, zum Erſatze für die Schmach eurer Verbannung aus Schweden, welche ihr ihrem Vater verdanket; mitfolgender Brief an euch fand ſich in ih⸗ rem Nachlaſſe;“ der Geſandte Dänemarks am ſchwedi⸗ ſchen Hofe war unterzeichnet. Ich las erſtarrt den * 299„ Brief Blandinens:„Cuch meine Liebe offen zu geſte⸗ hen, war ich dreymahl durch Verhältniſſe abgehalten. Als gehorſame Tochter konnte ich den Jüngling nurzur Geduld und Treue ermahnen; den Mann, der die Treue nicht bewahrt, und ſein Herz unwiderruflich verſchenkt hatte, zwang mich die Pflicht ſchnell zu verlaſſen. Als ich meines Vaters Willen ehrend die Hand Lindenſtier ns annahm, ihr aber mit freyem Herzen vor mir in Eda am Wenerſee, unkenntlich, wie ihr glaubtet, erſchienen waret, konnte ich als treue Gattinn nur die Augen, mich ſelbſt überwindend, niederſchlagen, euch nicht mehr zu ſehen.— Jetzt in der Stunde des Todes, wo alle irdiſchen Verhältniſſe gleich Schleyern von unſern Augen fallen, jetzt eröffne ich euch, daß ihr es nach meinem Tode erfahret, was ich euch lebend nicht ſagen durfte, daß ich Vater und Gatten geehrt, aber euch allein auf Erden geliebt habe; glaubt an eine doppelte Unſterb⸗ lichkeit an eure und an die meinige, dieſer Glaube wird in Erfüllung gehen, und doppelt ſelig werden wir uns einſt wiederfinden; auf Erden ſeyd ihr mein Erbe; Lindenſtierns Söhne bedürfen der Reichthümer Adelfleths nicht. Lebt glücklich Erich, wie ich ſelig ſterbe in dem Gedanken an euch“ Blandine.— Die Liebe Blan⸗ dinens, an der mein Herz ſtets gezweifelt hatte, war alſo kein Traum geweſen; doch erſt der Tod durfte den — 500— Schleyer von der Engelsſeele der Vollendeten ziehen. Das Licht meines Daſeyns war mit dem Leben der Herrlichen erloſchen, die Sonne meines Herzens war für immer verfinſtert. Wie wir dann, wenn der Mond vor die Sonnenſcheibe tritt, den Stern der Liebe, den wir gewohnt ſind, nur als Abend⸗ oder Morgenſtern zu ſchauen, am Mittage hell über unſern Häuptern blitzen ſehen, ſo ſtand der Stern meiner unvergängli⸗ chen Liebe dieſes Licht meiner Iugend, mahnend an den nahen Untergang meines Daſeyns, an den Abend meines unruhvollen Tages, als der einzige tröſtende Strahl, Vergangenheit und Zukunft in heißer Sehn⸗ ſucht nach dem Jenſeits verbindend, am ſchwarzen Ze⸗ nith meines Mannesalters. Von Schwedens Boden ausgeſchloſſen kaufte ich mich mit Blandinens mir hin⸗ terlaſſenem Reichthume in Norwegen an; im Vettie⸗ thale baute ich mir, abgeſchieden von der Welt voll Trug und Zweifel eine herrliche Pfalz, und ſchmückte ſie mit Blandinens hundertfältigem Bilde von meiner Hand. Eine düſtere Lebensmattigkeit hat all meine Kraft gebrochen, kein Genuß erfriſcht meinen Leib, dem ſelbſt jede Nahrung widerſteht; nur meine Seele lebt und zehrt vom eigenen Marke, ſtets neue Bilder von der Geliebten ſchaffend. Ich ſtehe jetzt am Rande des Gra⸗ — 301 bes und darum habe ich nur einen Willen noch, der mein letzter ſey für dieſe Welt. Ein übereiltes Abſchließen mit der Welt und mei⸗ nem eigenen Herzen hat mich mein Ziel verfehlen ge⸗ macht; ich habe die Lehre, die mir Blandine gab, die Leh⸗ re, daß auch aus der Blüthe eines trüben Lenzes eine ſchöne Frucht hervorgehen könne, nicht beachtet und mich ſelbſt um meinen Himmel betrogen. Dieſe Lehre gehe für meine Nachkommen nicht verloren. Ein männliches ſtarkes Geſchlecht will ich gründen, nicht entartet durch die Folgen unüberlegt; vor der völligen Reife des Her⸗ zens und des Verſtandes, und darum übel gewählter häuslicher Verhältniſſe. Vor dem dreyßigſten Jahre ſoll mein Sohn und mein Enkel nicht mündig ſeyn, nicht über ſeine Hand verfügen. Ich habe Guſtav meinen Sohn und meinen künftigen Enkel vor Augen, über ſie hinaus will ich meine Vorſorge für das Künſtige nicht erſtrecken, vielleicht kommt ein Geſchlecht, deſſen Säug⸗ linge mündig und weiſer als die Väter zur Welt kom⸗ men, zu welcher Hoffnung die Weisheit unſerer Dorf⸗ ſchulknaben berechtigt; dieſe künftige Generation fluche nicht meiner Aſche. Aber Sohn und Enkel ſind an mein Geboth gebunden, deſſen Uebertretung ich damit be⸗ ſtrafe, daß all mein Vermögen, das auf ſie übergeht, und das ich Blandinen verdanke, dem Uebertreter ent⸗ —— 3 O02— zogen und den Kindern und Enkeln Blandinens an⸗ heimfalle. Darum übergebe ich der Familie Lindenſtiern eine eigenhändige Urkunde über dieſe Beſtimmung mei⸗ nes letzten Willens, ſie ſoll das Recht haben, die Be⸗ folgung desſelben zu überwachen. Nicht grauſam iſt dieſer mein Wille, er iſt auf die Ueberzeugung gegrün⸗ det, daß wahre Liebe durch das Hinausrücken des Ziels ihrer Wünſche Zeit gewinnt, ſich zu bewähren, die Scheinliebe aber, in ihr Richts zu zerrinnen. Darum werden Guſtav und ſein Sohn beſſer wählen für ihr Hers und glücklicher enden als Erich. Ich kenne die Söhne des Nordens und fühle die nicht alternde Kraft ihrer Leidenſchaft in meiner Bruſt, die Qualen derſelben will ich meinem Sohne und Enkel erſparen. O ihr glück⸗ lichen Südländer, die heftigſten Stürme in eurer Bruſt enden wie jene an eurem Himmel mit furchtbarem Ge⸗ witter, aber ſie enden: ein Schlag tödtet euch oder eure Leidenſchaft, und dieſe reicht euch den Dolch oder läßt euer Herz im Uebermaße des Schmerzes berſten. — Aber die Hütten des Normanns treffen kalte Waſſerſchläge aus ſchneeigem Gewölke, und ſeine ſtär⸗ kere Bruſt ſeufzt ſich krampfhaft zu Tode bey vollem Bewußtſeyn. Wie die Elephanten einer untergegange⸗ nen Vorwelt in der Sonne des Südens vorlängſt ver⸗ weſten, aber am unwirthbaren Nordcap unverſehrt nach 5035 Jahrtauſenden auf dem ewigen Eiſe liegen, ſo ſteht der Normann noch lange mit kalter Bruſt auf dem Eis⸗ felde ſeines freudenleeren Daſeyns, während ſein ſüd⸗ licher Bruder mit den Blättern des Baumes ſeiner Freuden dahinwelkt. Träge wie die nordiſche Herbſt⸗ ſonne in ihrer ſchrägen Bahn ſchleiche ich um das Stoppelfeld meines Lebens. Das Licht des Lebens und der Freude ſinkt mir nicht wie die Sonne in wärmeren Zonen im ſenkrechten ſchleunigen Falle hinter die Ber⸗ ge, dieſe Grabhügel am Abendhimmel. Darum mein Sohn, darum mein Enkel, weil mich eine frühe Leiden⸗ ſchaft, die mich nicht zum Ziele führte, weil ein fol⸗ tern der Schmerz darob mich der Ciecade, dieſer Göt— tinn ſonder Fleiſch und Blut, ähnlich werden ließ, dar⸗ um werde eure erſte Leidenſchaft geheiligt durch das Erwarten ihrer Krone, oder entſcheidet über eure letzte mit voller Verſtandeskraft und werdet erſt mündig mit dreyßig Jahren, und Herren eurer Hand. Unfähig, das langſame Erſterben meines Lebens von dem regen Wunſche nach dem Tode zu unterſchei⸗ den, will ich zur Strafe des Hohns, den mich Leiden⸗ ſchaft dem Leben ſprechen läßt, deſſen höchſten Genuß mich Zweifelſucht und Uebereilung verfehlen ließ, in der Gruft meiner Burg, das Geſicht nach den Tiefen der Erde gerichtet, begraben werden.“ 8 304 Wie der Wanderer auf dem vielfach gekrümmten Alpenwege, ehe er deſſen höchſte Höhe erſtiegen hat, nur einzelne zwiſchen Felſen eingeklemmte Bruchſtücke ſeiner Bahn überſehen kann, und erſt von der wolkennahen Vergkuppe ſeiner Reiſe ganze Richtung überſieht, ſo hatte Adolph bisher nur einzelne Tage ſeines Lebens verſtanden, das Räthſel ſeines Geſchickes ward ihm erſt jetzt klar, nachdem er ſeines Ahnherrn Teſtament gele⸗ ſen. Er ſuchte ſeinen Vater auf; unfähig die Uebertre⸗ tung des väterlichen Gebothes zu rechtfertigen, aber auch nicht vermögend ſie zu bereuen, da er das Glück ſeiner Liebe den Beſitz Leonorens niemahls gegen die Neichthümer Blandinens vertauſchet hätte, ſtand er ſprachlos, geſenkten Hauptes vor dem ergrauten Gu⸗ ſtav, deſſen Verarmung ſein Werk war. Guſtav ſeines eigenen Geſchickes wenig achtend war erfreut, ſeinen Sohn nach der erhaltenen Aufklärung über die Geheimniſſe ſeiner erſten Lebenshälfte gefaßter zu finden, als er vermuthet hatte:»Deine Faſſung mein Sohn“ ſprach er,„rechtfertigt die Hoffnung, die ich von dir hegte, als ich dich im Vettiethal erzog, um dir durch die Entbehrung vieler Lebensgenüſſe den Verluſt des Reichthums erträglich zu machen; fällt dieſer dir niemahls ſchwer, ſo haben wir nicht Urſache zur Trauer. Ich konnte dir meines Vaters letzten Willen nicht da⸗ 305 mahls ganz eröffnen, als ich dich auf Reiſen ſandte, dein erhitztes Gemüth in Anſchauung vielgeſtaltiger Le⸗ bensverhältniſſe zu kühlen, weil ich von deiner kindli⸗ chen Liebe erwarten durfte, du würdeſt leichter aus Ge⸗ horſam zu mir, dich meinem Willen fügen, als dem Willen eines Verſtorbenen. Dieſen hätte dich eine le⸗ bendige Leidenſchaft, wie jede in deiner ſtürmiſch auf⸗ lodernden Bruſt ſich zeigen muß, leicht verlachen laſ⸗ ſen, und dein feſter männlicher Sinn hätte Leonoren gewiß mit Bewußtſeyn den Reichthum aufgeopfert, den du ihr unbewußt zum Opfer brachteſt. Darum zog ich vor, dich an ein dunkles Verboth zu ketten. Verhält⸗ niſſe, denen ich vielleicht ſelbſt nicht widerſtanden hät⸗ te, haben dich dieß Geboth vergeſſen laſſen; es iſt ein⸗ mahl geſchehen, und meiner Verzeihung kannſt du ge⸗ wiß ſeyn. Vald nachdem du in Bergen dich mit Leo⸗ noren vermählt hatteſt, brachte ein dir nachgeſendeter geheimer Späher Hugo's von Lindenſtiern mir nebſt der Urkunde, die Erich an die Familie Lindenſtiern ausgeſtellt hat, und die ſie in den Beſitz meiner Güter ſetzt, ſobald du ſeinem Teſtamente entgegen gehandelt, eine Beſtätigung über den Vollzug deiner Ehe, ausge⸗ fertigt von der Kirche, wo du getraut worden. Da du von Bergen dich bald zurück zogſt, war ich nicht im Stande deinen Aufenthalt zu erfahren. Hugo Linden⸗ — 56— ſtiern ließ meine Güter unerbittlich einziehen, er ver⸗ bannte mich ſelbſt aus der einſamen Burg im Vettie⸗ thale, um ſich an Leonoren dafür zu rächen, daß ſie ſeine Liebe nicht erwiedern konnte. Deine Reiſen hat⸗ ten alle meine Erſparniſſe aufgezehrt,— von der Gnade des jungen Olſon, des gutherzigen Mannes deiner Schweſter, lebe ich ſeitdem in Bauernkleidern auf die⸗ ſem Alpenhofe; möge auch dir es hier gefallen und deiner Gattinn; Olſon braucht Gehülfen, ihr werdet ihm willkommen ſeyn.“ Die Vorwürfe, welche dieſe Rede ſeines Vaters enthielt, ſo ſchonend ſie auch einge⸗ kleidet waren, drangen tief in Adolphs Herz, er ſank, dem verlornen Sohne gleich, weinend zu Guſtavs Fü⸗ ßen, doch dieſer hob ihn an ſeine Bruſt empor, indem er ausrief:„du bereueſt nicht, was du thatſt, du bewei⸗ neſt den Ausgang; dich trieb dein Herz, und Liebe war dein einziges Verſchulden; ich habe einen Verſuch mei⸗ ner eingebildeten Weisheit zu bereuen, denn es iſt doch ungewiß, ob dein Herz den klaren Willen Crichs nicht williger befolgt hätte, als ein räthſelhaftes Verboth deines Vaters.“ Das Wiederſehen Auguſtens der geliebten Schwe⸗ ſter, der Geſpielinn ſeiner Jugendtage und Olſons ih⸗ res Gatten löste Adolphs dumpfes Sinnen über dem Vergangenen zu freudigem Ergreifen der Gegenwart * auf. Olſon both dem Verarmten und Leonoren Unter⸗ kunft und Beſchäftigung auf ſeinem kleinen Hofe an. Ein heiteres einträchtiges Familienleben ſollte Alle ver⸗ einen, und ſie die glänzenderen Hoffnungen vergeſſen machen, zu denen ſie ein größerer Wohlſtand in frühe⸗ rer Zeit berechtiget hatte. Adolph nahm das Anerbie⸗ then Olſons für die erſte Zeit ſeines neugeſtalteten Le⸗ bens dankbar an, obſchon ſein hochherziger Sinn den Gedanken nicht ertrug, ſeiner Gattin ein ſo ärmliches Loos bereitet zu haben, und er mit heimlicher Sehn⸗ ſucht an den ehrenreichen Stand des Kriegers zurück⸗ dachte, der ihn bald über den neidiſchen Hugo von Lin⸗ denſtiern wieder erheben ſollte. Nach einem Tage der Ruhe, in Erzählung der wunderſamen Schickſale auf ſeiner Reiſe zugebracht, die ſeinen letzten Entſchluß mehr als entſchuldigten, ja als nothwendig betrachten ließen, ging Adolph vom Afdalhofe, ſeine Leonore zu hohlen. Mit heimlicher Scheu ihr den Juſtand ſeines Hau⸗ ſes zu enthüllen, trat Adolph vor Leonoren, und nur mit Ueberwindung einer unwillkührlichen Scham, die auch den Schuldloſeſten befällt, wenn er den üblen Ausgang eines entſcheidenden Unternehmens dem Ge⸗ genſtande ſeiner Liebe eröffnen ſoll, gelangte Adolph zu jener Offenheit, die Leonore als ſeine Gattinn anſpre⸗ 308 chen konnte. Jetzt fand Leonorens edle Seele Gele⸗ genheit, ſich der Liebe Adolphs, der ihr das Heiligſte, der ihr ſein Wort, dem Vater gegeben, geopfert hatte, würdig zu zeigen. Freudig nahm ſie die Kunde von ſeiner Verarmung auf:»Hugo, ſprach ſie, beſitzt deine Güter, ich aber beſitze dich mein Adolph, und mein Kind! Sey froh, denn wir werden glücklich ſeyn in der Ueberzeugung, daß Reichthum ohne Liebe nicht glück⸗ lich macht, wie ich denn an Hugos Seite nur unglück⸗ ſelig ſeyn müßte.“ Leonore verkaufte ihre vornehmen Kleider, und ihre wenigen Schmuckſachen; ſie kleidete ſich wie Adolph in die Tracht der Thalbewohner, unter denen ſie leben ſollten, verſah ſich mit ländlichem Wirthſchaftsgeräthe, und wer das treuliebende Paar mit dem herzigen Kinde auf der Reiſe nach Vettiethal ſah, der mochte wohl nicht zweifeln, daß es auch dort glückliche Menſchen geben könne. In Olſons Hauſe war die Ankunft Adolphs und ſeiner Gattinn ein wahres Freudenfeſt. Guſtav herzte ſeinen kleinen Enkel und er gewann Leonoren lieb, die mit Auguſten Freundſchaft ſchloß; Adolph und Olſon waren Ingendfreunde, und ſo umſchloß der enge Af⸗ dalhof einen Kreis feſt verbundener ſich innig liebender Menſchen, die aus allen Stürmen des Lebens in den Hafen eines beſchränkten und mühevollen aber unge⸗ „ 309— ſtörten häuslichen Friedens eingelaufen zu ſeyn glaub⸗ ten. Aber welche Alpe liegt dem Blitze des zürnenden Donnergottes zu hoch!2 welche Erdſchlucht der lau⸗ nenhaften Fortuna zu tief?! Halte Niemand, ſey er noch ſo genügſam, irgend einen Zuſtand für ein Glück, eben weil er ſich glücklich fühlt, kann auch ein zufriede⸗ ner Bettler noch tiefer ſinken. Durch das Schmelzen des Schnee's in der Sommerſonne ſtürzten verwüſtende Lawinen auf Olſons Aecker von den Alpenhöhen herab, um ſie für Jahre in Eisfelder zu verwandeln; eine lange Dürre verzehrte das Gras auf den Bergen, und das wenige Vieh der kleinen Wirthſchaft ſtarb Hungers. Die Ernte des Jahres, die Ausſicht auf die Ernte der nächſten Jahre waren zertrümmert; drey Kinder und ewey Frauen, ein ſchwächlicher Greis ſeufzten nach Nah⸗ rung und Labung in Olſons Hauſe, aber dieſer und Adolph, die im Schweiße ihres Angeſichtes arbeiteten, konnten der kargen, hartherzigen nordiſchen Erde nichts mehr abgewinnen, und die Nachbarn konnten nicht hel⸗ fen, denn gleiches Unglück hatte das ganze Afdal ge⸗ troffen, Vettiethal aber war verödet, ſeit kein Gyllen⸗ borg mehr dort hauste. Das letzte Haferbrot war ver⸗ zehrt, Moos und Fichtenrinde gohren bereits in den Mulden zur Nahrung für ein geſunkenes edles Ge⸗ ſchlecht, und nur die Auswanderung in die tieferen —————— — 3510— Thäler des Landes, um dort mit der eigenen Hände Arbeit einen Platz an fremdem Herde zu verdienen, blieb den Unglücklichen übrig, und ſie ward gemeinſam be⸗ ſchloſſen. Das Zuſammenſinken des kleinen letzten Wohlſtands des Hauſes Gyllenborg hatte vor Allem die edle Leonore am ſchmerzhafteſten ergriffen. Sie ſah ſich als die Schuld des Verderbens einer zahlreichen Familie anzihre Reize, ihr Schickſal, ihre Liebe, ſie allein war es, die Adolph zu einem Schritte bewogen hatte, der den Sturz ſei⸗ nes Hauſes nach ſich zog. Nicht wie Olſon und die Fa⸗ milie Gyllenborg im Vettiethale erzogen, hatte ſie mehr bisher entbehrt als alle, und doch war ſie heiterer als alle geweſen, weil ſie Heiterkeit als ihre Pflicht, als das Einzige betrachtete, was ſie zum Glücke ſo vieler Verlaſſener beytragen konnte. Die Tochter der üppigen Pauptſtadt Schwedens, die nur im Traume der heftig⸗ ſten Liebe ſich alle Entbehrung als Genuß vorgeſpiegelt hatte, war zu harter drückender Entſagung in der Wirk⸗ lichkeit gelangt. Das eigene unterdrückte bittere Gefühl übertrug ſie darum jetzt auf ihre Leidensgenoſſen, und ihr weiches Herz lud es im Gefühle des Mitleids als zehnfache Laſt auf ihre eigene Bruſt zurück, die ſich der unverſchuldeten Schuld anklagte, Veranlaſſung zu dem Leiden Aller gegeben zu haben. Sie kämpfte lange ge⸗ gen den Druck dieſer peinlichen Gefühle, aber als die Auswanderung aus Olſons Hauſe, als der Erwerb in fremden Thälern beſchloſſen wurde, als der alte ge⸗ brechliche Guſtav nur mit Thränen an den Tag der Reiſe ohne Ziel dachte, als die Kinder Olſons unruhig dem Einpacken ihrer wenigen Habe zuſahen, und fragten, wohin die Reiſe ginge? und Niemand antworten konn⸗ te; als ſie die düſtere Miene ihres Gatten gewahrte, 1 der nur mit der äußerſten Selbſtverläugnung den Rock des Landmanns über die Heldenbruſt geworfen hatte, wo einſt die Strahlenkreuze kriegeriſchen Verdienſtes glänzten; als ſie dem künftigen Schickſale ihres Säug⸗ lings nachdachte: da verließ ſie der gewohnte Muth, eine trübe Sehnſucht nach dem Ende ſo vielen Entbeh⸗ rens und Leidens bemeiſterte ſich ihrer Bruſt. Der längſte Tag, ein Tag ohne Nacht ſchien be⸗ reits über dem Afdalthale; die Sonne verbarg ſich erſt eine Stunde vor Mitternacht hinter den nördlichen Fel⸗ ſen, und kam bald wieder in ſchräger Richtung im Oſten hervor; der längſte Tag ſandte ſeine Strahlen auf mit ellenhohem Eiſe überdeckte Saaten, auf verdorrte Wie⸗ ſen, auf das Grab aller Hoffnungen des Landmanns. Dieſer lange Tag, war Leonoren ein Bild eines lan⸗ gen Lebens, in deſſen Verlauf uns das menſchliche Elend recht klar anſchaulich wird. Das bitterſte Gefühl in ih⸗ — 312— rer Bruſt war die Ueberzeugung, daß auch die Liebe, deren Unabhängigkeit von allen äußern Verhältniſſen in Büchern ſo ſehr geprieſen wird, von dieſen denn doch nur bis auf einen gewiſſen Grad unabhängig ſey: ſie kann erſtarren, wenn das Leben nichts mehr biethet als Jam⸗ mer und Noth.— Leonore wagte keinen Kuß auf Adolphs Lippen ſeit ein allgemeines Unglück der Liebe verboth, auf das Bettlerkleid ihre Roſen höhnend zu heften.— Es gibt Lagen im menſchlichen Leben, wo die Liebe ſich zu klein fühlet, um vor der hohen Entſchloſſenheit und Seelenſtärke, die ſoſche Lagen vom Menſchen fordern, als Mitwirkerinn zu erſcheinen, ſie verſteckt ſich dann tief im Herzen, und Kälte wird den unglücklichen Liebenden unwillkührlich eigen, deren unglück nicht eben eine Ge⸗ fahr für ihre Liebe ſelbſt iſt, wo dann allerdings die Liebe zur Kraft werden darf. Leonore fühlte das wohl, aber ſie konnte ſich's nicht erklären. Adolph ſchien ihr kalt, er hatte viel zu ſorgen für Vater, Weib und Kind, und es verdroß ihn, jene die er liebte leiden und dar⸗ ben zu ſehen, um ſeinetwillen; auch die Liebe ſollte ſein Herz, der That bedürftig, nicht durch das Ueberſtrömen ſchmerzlicher Liebesgefühle erweichen. Leonore deutete das anders; mit den verdorrten und übereiſten Sagken Olſons, mit dem letzten Funken des Glücks glaupi ſie auch die Liebe Adolphs erloſchen; der längſte Tag gab 3135 ihr ein Bild eines allzulangen Lebens. Matt vom lan⸗ gen Lichte, dem keine Nacht folgen wollte, enteilte ſie, ſich ſelbſt nicht begreifend, mit ihrem Kinde der Hütte, die morgen Alle verlaſſen ſollten, eine Nacht, vielleicht im finſtern Walde am Afdalſtrome, und Ruhe zu finden. Sie ließ ein Blatt mit den Worten zurück:»Ihr rei⸗ ſet morgen und wißt noch nicht wohin, ich gehe euch voran, weiß ich gleich auch nicht, wohin ich gelange, ſo hoffe ich doch, daß wir uns wieder finden, denn un⸗ ſer aller Weg iſt derſelbe, und nur ein Pfad führt aus dem Afdalthale.“ Adolph fand dieſes Blatt, als die übrigen Haus⸗ genoſſen den letzten Schlaf unter dem eigenen Dache ſchliefen. Auch ihm war der längſte Tag im Afdale mit ſeiner nebelbleichen Nachtſonne der längſte ſeines von Leiden und Selbſtvorwürfen getrübten Daſeyns gewor⸗ den; er las mit Entſetzen das Blatt Leonorens, dem die düſtere Stimmung ſeines eigenen ermatteten Ge⸗ müthes eine grauenvolle Erklärerinn ward. Er eilt hinaus in das Thal, wo die Vögel im erſterbenden Son⸗ nenſcheine ſchliefen, und die Blätter aller Bäume, vom übermaße des Lichtes welk, zur Erde hingen. Bleiche Nebel zogen durch die halbdunkeln Felsſchluchten, in jedem Nebelſtreife glaubte er bald Leonoren, bald ihren Geiſt zu erſchauen. Mit Haſt zog er den Pfad gegen die II. Vand. 14 tiefern Thäler hinab, er glaubte Leonoren auf dieſem einzigen Wege aus Afdal einzuhohlen, aber eine Stunde war er gegangen, und er hatte ſie nicht eingehohlt, keine Spur ihres Fußes im Sande gefunden. Er kehrte halb bewußtlos vor Schmerz und Kummer zurück, bis an den Fall des Afdalſtromes, wo er die zwey hoch⸗ ragenden bräutlichen Felſen mit den donnernden Rie⸗ ſenarmen ſeines Sturzes umarmt. Adolph ſtand allein, dem Waſſerfalle gegenüber, allein in der großen furcht⸗ baren, öden Natur; ſeine Gattinn war ausgezogen aus dem Thale, und er wußte nicht wohin? Da geſtaltete ſich, als er ſich ermattet von den Leiden des Lebens und des letzten Tages, verlornen Sinnes an den Rand des Waſſerfalles niederließ, das Bild der unfruchtbaren Einöde um ihn herum, wo die Lawinen die letzte Aus⸗ ſaat mit Eis bedeckt hatten, das Bild dieſes Thals voll Schrecken und Todesgefahr, aus dem ſein Weib ent⸗ flohen, ohne daß er wußte wohin, zum Bilde des Men⸗ ſchenlebens und ſeines eigenen, wo die kargen letzten Hoffnungskeime unter den Lawinen des Elends erſtar⸗ ren, wo unſere Lieben uns verlaſſen, ohne daß ihre er⸗ kaltenden Lippen uns antworten könnten, wohin ſie zie⸗ hen. Eine unwiderſtehliche Sehnſucht nach dem unbe⸗ kannten Lande, zu dem auch nur ein Weg aus dem Le⸗ ben führt, wie aus dem felſigen Vettiethale nur ein 315— Pfad in die grünen Ebenen, überfiel jetzt den halb⸗ träumenden Adolph. Im betäubenden Geräuſche des Waſſerſturzes löſten ſich ſeine Gedanken immer mehr in luftige Traumgeſtalten; er ſah ſich als ein Kind, das vor der feſtgeſetzten Stunde in das Haus des Vaters heimkehrt, und von dieſem liebend und ſonder Schmol⸗ len empfangen wird; ſein eigener Vater ſtand im Licht⸗ glanze vor ihm, er weinte, und gleich als ob ihn des Stroms Najade hinabzöge, neigte ſich ſeine Bruſt im⸗ mer tiefer an den Rand des ſteilen Felſens am Waſſer⸗ falle, wo er in der gefährlichſten Lage, in der je ein Menſch gelegen, dem Schlafe in die Arme ſiel. Jetzt fühlte er ſich im Traume hoch über die Erde gehoben; dieſe aber wälzte ſich im majeſtätiſchen Um⸗ ſchwunge vor ſeinen Augen um ſich ſelbſt. Die ſtolzen Städte lagen in Trümmern, keine Menſchenwohnung ſtand auf der Erde, und nur die Tempel der Gläubi⸗ gen ſtrahlten im Lichte des Vollmonds, der über ihr ſchwebte. Pyramiden und Obelisken, römiſche und griechiſche Tempel, die Kirchen der Chriſten mit hohen Thürmen, die Pagoden der Aſiaten, die heiligen Haine der Menſchen ohne Baukunſt, dieſe grünen Tempel der Gottheit, alle Altäre des Ewigen zogen an Adolphs Augen vorüber, die Welt war todt, aber der Glaube lebte. Da fuhr ein Engel mit goldener dröhnender Po⸗ 14* ſaune über die ſchweigende Erde dahin, und es ſielen die Deckel von tauſend und aber tauſend ſteinernen und ehernen Särgen; die Gräber öffneten ſich, und aufwärts ſchienen alle Todten unter der Erde zum Va⸗ ter des Lebens zu blicken; Gyzehs Pyramide fuhr ge⸗ borſten aus einander und aufrecht ſtehend ſchien der tau⸗ ſendijährige König Aegyptens der Auferſtehung gläubig entgegen zu harren;— um den Tempel von Mekka ſaſ⸗ ſen die Jünger Mohameds in weitem Kreiſe in ihren Gräbern, das Geſicht gegen den heiligen Stein der Kaaba gewendet; die Chriſten lagen in bunten offenen Sär⸗ gen das Antlitz zum Vater des Lichts, zu den Sternen gerichtet. Feyerlich wiederhallte die Poſaune des En⸗ gels in den Glocken der Kirchthürme, und aus den Minarets der Türken ſchien eine Engelsſtimme die Stunde des Gebeths auch den Todten in den geöffne⸗ ten Gräbern zu verkünden. So zog die Erde vor Adolph noch einmahl vorüber; als das Vettiethal unter ſeinen Blicken ſtand, da lag in deſſen eingeſtürzter einziger Gruft, ein Grab im Grabe, ſein Ahnherr Erich, der Einzige das Antlitz abgewendet von dem Engel, der die Gläubigen rief: der Lebensſatte, den unbefriedigte Leidenſchaft zur Leiche, als er noch lebte, werden ließ, hatte nicht durch den Glauben, wie Millionen ſeiner Brüder, im Grabe den Schein des Lebens ſich erhal⸗ —.—.—— 317 ten, er war der einzige Todte in den offenen Grüften der Erde, alle Begrabenen ſeit Jahrtauſenden ſah Adolph lebendig vor ſich durch den Glauben;— da wurde der Traum zur Wahrheit in Adolph; die tiefe Scham ſeines Herzens, daß er abgewendet vom ewigen Lichte wie Erich ſein Ahnherr am Rande des Verderbens ruhe mit dem Wunſche nicht mehr zu erwachen, ließ ihn nicht weiter träumen, er fuhr zum Leben empor aus dem ſchönen Traume ſeiner gläubigen Seele, und ſiehe da, ſein Weib mit dem Kinde am Arme kniete bethend für ihn am Abgrunde, in den er ſich ſtürzen gewollt, weil er auch ſie von den Wogen des Afdalſturzes verſchlungen wähnte. Die Hand der Liebenden richtete ihn auf, er herzte ſein Kind, den Lebensmüden erfreute der Anblick des werdenden Lebens, er drückte ſein Weib an die klopfende Bruſt, und freute ſich der ſchönen Vergangen⸗ heit. Er gewann das Leben lieb, das er ſo eben ver⸗ laſſen gewollt und ein einziger halber Blick auf ſeine eigene Geſchichte widerlegte den thörichten Wahn, den er im Entſchlummern gehegt, daß ein Kind ungeſtraft zum Vater zurückkehren könne, vor der ihm vorgezeich⸗ neten Friſt. Auf die Frage, wohin Leonore entfliehen gewollt, und was ſie am Afdalſtrome geſucht, antwor⸗ tete ſie mit heißen Thränen, und mit dem Ausrufe: „laß mich darüber ſchweigen, der Himmel hat dich mich 318 finden laſſen! laß uns zurückkehren zu den Unſrigen, und leben, lieben und dulden.“ Adolph, der ihres Her⸗ zens Weg, und den Weg, der Allmacht ſie beyde zu ret⸗ ten, errieth, erzählte ihr ſein Traumgeſicht, und ſchloß ſeine Erzählung damit, daß er nach dem ſteinernen Brautpaare im Waſſerfalle hinwies, und ausrief:„Laß uns ſtehen im Sturze alles Irdiſchen, feſt wie dieſe Brautleute von Stein im ſchäumenden Waſſerfalle ſte⸗ hen! Er ſchloß Leonoren in ſeine Arme und unter An⸗ gelobung ewigen Stillſchweigens über die Begebenheit dieſer Nacht, kehrten die Beyden mit ihrem Kinde ſtill nach Olſons Hauſe zurück, wo ſie in ſtummer Betrach⸗ tung ihres ſeltſamen Geſchickes den Morgen erwarteten, an dem ſie mit ihren Leidensgefährten aus dem Afdal⸗ thale einer ungewiſſen Zukunft entgegen wandern ſollten. Als die kaum geſunkene Sonne wieder zu ſteigen begann, waren Alle in Olſons Hauſe zum Aufbruche bereit, nur Leonore ſchlummerte noch in ihrer Kammer; man wollte ihr Erwachen abwarten, und ihr den letz⸗ ten Schlaf unter dem eigenen Dache gönnen. Da kam ein fremder Reiter herangezogen mit zwey bela⸗ denen Saumroſſen, die ſein Diener führte. Er hielt vor Olſons Hofe und ging in die Hausflur, wo die Reiſefertigen auf ihren Bündeln zum letzten Mahle im traulichen Zirkel ſaſſen. Der Fremde, welcher mit ver— —————— 319— ſtörtem Blicke und bleichem Antlitze eintrat, war den Un⸗ glücklichen keine frohe Erſcheinung, die ſelbſt hilfebe⸗ dürftig ihm nicht helfen zu können glaubten. Die Be⸗ fremdung Aller wich aber einem freudigen Erſtaunen, als der Fremde auf Adolph zuging, ihn bey der Hand nahm und ausrief„Gelobt ſey Gott, daß ich euch noch finde, mein Unrecht gut zu machen; Hugo Lindenſtiern ſteht vor euch, welcher das Erbe eures Ahnherrn euch und Leonoren nicht länger vorenthält; nehmt dieſe Schrift, ſie ſetzt euch in den Beſitz alles deſſen ein, was eurem Vater gehört, und euch!“ Adolph und alle Anweſen⸗ den ſtanden erſtaunt.„Die Frage, wie dieß Alles ge⸗ kommen, will und kann ich euch Adolph allein beant⸗ worten, aber jetzt werdet froh, und denkt nicht an das Vergangene; doch wo iſt Leonore?*„ſie ſchläft'“ ſagte Adolph—»„wohl, laßt ſie ſchlafen 3* damit ging Lin⸗ denſtiern, und ließ aus ſeinem Gepäcke Wein und Zwie⸗ back hohlen, das Rindenbrot aber, das er auf dem Steintiſche vor ſeinen Wirthen gefunden, die er jetzt bewirthete, erbath er ſich zum Andenken an dieſe Stun⸗ de. Während Alle dieß unverhoffte Frühmahl einnah⸗ men, zog Lindenſtiern, der ſich allein des Weins ent⸗ hielt, welcher alle erheiterte, ſeinen Nebenbuhler Adolph bey Seite, und erklärte ihm ſeine Anweſenheit mit Fol⸗ gendem:„Die Einziehung der Güter eures Vaters 320— hatte wohl den Rachedurſt in meiner Bruſt geſtillt, doch nicht meine Liebe zu Leonoren gemäßigt, dieſe zu zer⸗ ſtreuen gab ich mich dem Rauſche eines zügelloſen Le⸗ bens hin. Doch Spiel und Trunk, und ſelbſt der em⸗ pörende Verſuch, mein Herz durch die gefliſſentliche Ent⸗ weihung aller weiblichen Scham und Tugend von dem Glauben zu heilen, es gebe irgend ein makelloſes weib⸗ liches Weſen und dieſes Weſen ſey Leonore, alle dieſe Schlangenwege einer nicht erhörten Liebe, die ſich in ſchlammigen Kreiſen um das Ziel beweget, da ſie der Kraft ermangelt, ſich geraden Wegs davon zu entfer⸗ nen, konnten mein Herz nicht beruhigen. Meine Lei⸗ denſchaft für die reine Leonore wuchs, je verächtlicher mir die Welt wurde, die meinen Ausſchweifungen fröhnte. äbgeſpannt an allen meinen Kräften durch muthwilligen Sinnengenuß und durch die hoffnungsloſe Sehnſucht nach einem mir für immer verwehrten Gute, fand mein ver⸗ blendetes Gemüth keinen andern Ausweg aus dem Welt⸗ theater, deſſen verlockendſte Scenen ich bald von der Kehrſeite als eine elende Leinwand auf Latten geſpannt und mit allen Farben des Truhs übertüncht zu verach⸗ ten begann, als die Pforte des Todes, die ich ſelbſt aufreißen wollte, vor der Zeit, die mir vielleicht geſet ſeyn mochte. Mir Muth zu verſchaffen zu ſolchem der Menſchennatur entgegenſtreitendem Schritte leerte ich 32 eine Flaſche ſpaniſchen Weins, doch ſie gab mir den gehofften Muth noch nicht, ich leerte eine zweyte, eine dritte, und ſieh, ich vergaß im aufgährenden Rauſche die Piſtole in meiner Hand;— einige meiner Freunde ka⸗ men mich zu beſuchen, ich entdeckte ihnen taumelnd und lachend meinen ſchwarzen Entſchluß, ſie lachten vom Herzen, entriſſen mir die Piſtole, und ſchleppten mich fort zu einem Freudenfeſte, wo mein Rauſch verrauch⸗ te, und ich allgemach in's nüchterne Leben zurück trat. Dort war es, wo ich ein weibliches Weſen erblickte, das meinem Herzen Leonoren erſetzte: das Leben zog mich wieder an, und ich vergaß jene, um derentwillen ich mich zu einem Gewaltſtreiche gegen mein eigenes Da⸗ ſeyn vorbereitet hatte vor welchem ich immer mehr zu⸗ rückſchauderte, je mehr Reitze das Leben mir durch eine neue Liebesblüthe entwickelte. Die Königinn jenes Fe⸗ ſtes erwählte ich ſchnell zur Herrinn meines Herzens; — ihr edles Gemüth, dem ſich das Labyrinth mei⸗ nes früheren Lebens vertrauungsvoll erſchloß, goß einen Lichtſtrahl der Reue in mein Herz;— mein Entſchluß auch das Eurige wieder zu geben, euch und Leonoren zu beglücken durch den alten Wohlſtand, meine Pilger⸗ fahrt nach dem Vektiethale iſt eine Frucht vom Baume meiner Liebe.— Jetzt verzeiht mir Adolph, und laßt mich hinziehen in Frieden.“ Adolph war tief ergriffen 322 von der Erzählung Lindenſtierns; mancher ihn tief be⸗ ſchämende Anklang an ſeine eigene Kleinmüthigkeit, die das Leben kaum mehr zn ertragen vermochte, drang in ſein Innerſtes. Er reichte ſeine Hand dem Gebeſſerten und verzieh ihm die Verfolgung ſeiner Leonore, die er wecken wollte, auf daß auch mit ihr der Reuige ſich verſöhne. Lindenſtiern wollte jedoch Leonoren nicht mehr ſehen:„es ſey meine Strafe ihr nahe zu ſtehen, ohne ihrer anſichtig zu werden; meine Gegenwart wird ihr minder erfreulich ſeyn, als die Nachricht, daß ich ge⸗ beſſert ihr nahe geſtanden, laßt mich darum ſcheiden ohne Rückfall in meine alte Schwäche.“ So geſchah es, Lindenſtiern übergab dem tief gerührten alten Guſtav, die Schlüſſel der Vettieburg, er ließ ſeinen Mundvor⸗ rath, und eines ſeiner mit Geld und Kleiderſtoffen be⸗ ladenen Thiere dem jungen Olſon als Gaſtgeſchenk zu⸗ rück, und trat nach kurzem Verweilen nicht ohne Thrä⸗ nen im Auge den Rückweg zu jener an, die ſeinem Her⸗ zen die Regung ſanften Mitleids und ſeinen Augen die Thränen des Bewußtſeyns erfüllter Pflicht verliehen hatte. Als Leonore erwachte empfingen ſie nur freudige Geſichter, die Trauer Aller war verſchwunden, und auch die ihrige verſchwand, als ſie die Urſache dieſer plötzli⸗ chen Umwandlung erfuhr. Bey der Auswonderung, 32 welche nur aufgeſchoben wurde, verblieb es; alle woll⸗ ten auf einem der wiedererworbenen norwegiſchen Gü⸗ ter Guſtavs in Eintracht und häuslichem Glücke nach ſo vielen Stürmen ihr Ziel erreichen. Als der Tag des beſchloſſenen Aufbruchs aus dem Afdalthale nicht mehr ferne war, ging Adolph zum letzten Mahl in die Burg Erichs im Vettiethale. Er ſtieg in die Gruft ſeines Ahnherrn hinab, öffnete den Sarg, und kehrte des dürren Leichnams Antlitz den Sternen zu, damit er nicht länger der Einsige unter den Begra⸗ benen den Glauben ſeiner Bruſt an ein zweytes Leben nach dieſem kurzen Erdendaſeyn verläugne. Adolph verſchloß Sarg und Gruft und Haus, und nahm die Schlüſſel mit ſich in die freundliche neue Heimath, die ſein Vater Guſtav allen den Seinigen eröffnete. Die wunderbare Wiederhohlung des Schickſals Erichs und Blandinens in der Liebe Adolphs und Leo⸗ norens, wie ſich denn beyde Paare auch in Geſichtszü⸗ gen ähnlich waren, die Urſache des entgegengeſetzten Ausgangs ihrer Liebe, gab den Betrachtungen Adolphs und Leonorens Stoff für ein langes Leben. Sie ver⸗ lebten in Ruhe ihre Tage und vollglücklich, hätte nicht die Erinnerung ſie gequält, daß ſie das Leben und die Liebe in ihrer höchſten Erhabenheit dort, wo die Bey⸗ den unabhängig vom Drucke der äußern Verhältniſſe 524 ein freyes inneres Leben gründen, in einer entſcheiden⸗ den Cpoche ihres Lebens bis zum Entſchluſſe, dem Leben ſelbſt zu entſagen, ſo ſehr verkannt hatten. Nur ein Wunder in ihrer inneren Welt hatte ſie gerettet, als ſie am Stukze des Afdalſtromes ſich wieder fanden, und feſt hielten ſie ſeitdem in allen Stürmen des Lebens aneinander, wie die Brautfelſen in jenem donnernden Waſſerſturze. Ein griechiſcher Fabeldichter ſchließt jede ſeiner Fa⸗ beln mit den Worten,„dieſe Fabel lehrt“ und läßt dann die Lehre folgen. Der Erzähler glaubt ſich der Lehre, die ſich aus ſeiner Erzählung ableiten ließe, ent⸗ halten zu können. Wer das Bild des menſchlichen Le⸗ bens nicht in der Geſchichte eines Menſchenlebens er⸗ faßt, der wird auch der Verſicherung ſchwerlich Glau⸗ ben beymeſſen, daß ein Bild des Lebens hier an ihm vorüber gegangen ſey. Jenem aber, welchem die Sym⸗ bolik des Erzählers verſtändlich iſt, würde die Lehre aus dieſer Geſchichte ſo überflüſſig ſeyn, als dem Ken— ner des Alterthums eine Vorrede auf Steinplatten zur Statue des Laokvon. Für die Augen der Leichtſinnigen, deren Geiſt die unſichtbaren Schlangen nicht gewahret, die den Sterblichen und die geliebten Kinder ſeines hei⸗ ßeſten Verlangens mit tödtenden Ringen umſchnüren, 325 und ihm höchſtens nur die Kraft gönnen, ſich aufzu⸗ richten im Kampfe, und dazuſtehen ein hehres Vorbild im Dulden, für dieſe hat der unſterbliche Künſtler den Laokoon nicht aufgeſtellt, und Leſſing würde ihnen ohne Erfolg einen Kommentar dazu ſchreiben. Verbeſſerungen⸗ Seite 68 Zeile 20 lies enttäuſchte ſtatt enttäuſche. — 70— 20— Späher ſtatt Sphären. Seite 2o letzte Zeile ſtatt Wahrſagekunſt: W ahr⸗ ſagekunſt, lies Wahnſagekunſt: Wahr⸗ ſagekunſt, eben ſo iſt Seite 202 Zeile 1 u. 2 derſelbe Druckfehler zu berichtigen. Seite 223 im Motto Zeile 3 lies ſeines Landes ſtatt eines Landes. —— —— Ynhalt. Die Breterwelt Der Nachtwandler. e S iſt 8 „ ſ 15 1 1 8 9 10 11 12 13 14 6 17