Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Gktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 WMr. 50 Pf. 2 W Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſchütterung und Eine neue Bekanntſchaft. Die Berge, von denen Hülfe kommt Ein neuer Anfang im Frieden Ein anderes Ehepaar. Verſuche zur Demuth. Neue Kämpfe Die bittere Freiheit.. Thörichte Gefühle. Süßigkeit in der Pflicht Die Freundſchaft der Welt. Die lieben Großeltern Unvermeidliche Scenen Hoffen und Zagen. Komödie der Irrungen ⸗ Seite. 1 1⁴ 40 58 67 45. 46. 47. 48. IV Neue Brautliebe Die Welt dreht ſich mit dem Winde Schwere Stunden und ſelige Stunden. Der Hausfreund Nicht ohne Kampf, aber zum Frieden. Die kluge Enkelin. Ein Streiter Chriſti. Die goldene Hochzeit.. Seite. 330 344 353 373 387 402 412 428 19. Keine Flitterwochenliebe. Das ſchöne Hochzeitsfeſt war nun glücklich vorüber. Die Gäſte waren alle nach ihrer Heimath zurückgekehrt, die alten Leute in dem altem Hauſe erholten ſich wieder von der Unruhe, während Eliſabeth mit höchſtem Eifer ſich in ihre Wirthſchaft vertiefte. Als am erſten Nachmittag ihr Gemahl ſie aufforderte, mit ihm ſpazieren zu gehen, ſah ſie ihn bedenklich an. Ich weiß doch nicht, ob ich Zeit habe, ſagte ſie.— Zeit? fragte er verwundert.— Den ganzen Morgen habe ich gekocht, erklärte ſie, es iſt keine Kleinigkeit, ein Mädchen anzulernen; zum Auspacken bin ich nicht gekommen, und ehe ich nicht mit einer großen Kiſte wenigſtens fertig bin, habe ich nicht Ruhe zum Spatzierengehen.— Der Gemahl lachte: Jetzt Eliſabeth paß auf, jetzt zanken wir uns, und Du mußt gleich im Vor⸗ aus bekennen, daß Du Unrecht haſt, Du mußt doch Zeit zum Spatzierengehen für mich haben.— Sie ſah ihn einige Augenblicke nachdenklich an und ſagte dann entſchloſſen: Ja, ich gehe mit Dir ſpatzieren.— Möchteſt Du wirklich lieber dieſe Erbſen und Bohnen auspacken, als mit mir gehen? fragte er ſcherzend.— Rein, ich gehe lieber mit Dir ſpatzieren, verſicherte ſie aufrichtig. Die erſten Wochen waren vergangen, und der Haus⸗ ſtand ſo weit geordnet, daß die jungen Leute Viſiten Eliſabeth. I. 1 * ₰ 6 machen und empfangen konnten. Der erſte Beſuch im neuen Hausſtand aber waren die theuren Großeltern, und es war wirklich eine Freude, wie das junge Paar ſich bemühte, es den lieben Gäſten wohl zu machen, und wie dieſe beglückt waren im Glücke der geliebten Kinder. Die Großeltern mußten auch die ganze Wirthſchaft in Augenſchein nehmen und bewundern. Als ſie durch die beſte Stube wanderten, ſah der Großvater auf einer Servante neben anderen Ge⸗ ſchenken die ſchöne Hochzeitsbibel liegen. Er ſtrich unwill⸗ kürlich über die Schaale, aber ſagte nichts. Lieber Groß⸗ vater, entſchuldigte ſich Eliſabeth ſchnell, ich habe wirklich noch nicht ruhige Zeit gehabt zum ordentlichen Leſen, ich habe nur in meinem Ziehkäſtchen geleſen. Der Großvater 2 lächelte freundlich, und als nachher beim Abendeſſen ganz gegen die Gewohnheit der Großeltern ein jeder ſtill für ſich beten mußte, ſagte der Großvater auch nichts. Die Sache mit dem Tiſchgebet hatte ſich das junge Paar ernſtlich überlegt. Eliſabeth hätte ſich ja nicht ohne Gebet zu Tiſche ſetzen können, aber obgleich es ihr ſchwer wurde, mußte ſie ihrem Manne recht geben: ihr Umgang war ſo verſchieden, die meiſten Leute darunter waren nicht gewohnt bei Tiſche zu beten, es würde nur verlegene Sce⸗ nen geben,— es war gewiß beſſer, daß nur ein ſtilles Tiſchgebet eingeführt wurde. Eliſabeth tröſtete ſich, ſie wollte deſto herzlicher für ſich beten. Auch als das brave Dienſtmädchen gleich am erſten Morgen, weil ſie es ſo bei Oberförſters gewohnt war, nach der Morgenandacht fragte, „ —,— ——— 5 hatte Eliſabeth das ſchwere Amt, ihr zu ſagen, ſie würden für jetzt noch jeder allein für ſich leſen, bis einmal eine rechte Hausordnung erſt eingeführt ſei. Dieſes Fürſichleſen hatte Eliſabeth bis jetzt nur auf einige Verſe im Ziehkäſtchen beſchränkt, aber gleich den an⸗ deren Morgen, nachdem die Großeltern hei ihr geweſen wa⸗ ren, holte ſie die Bibel auf ihren Schreibtiſch und hatte, weil ſie gern früh auf war, auch gute Zeit, ſich in aller Stille zu ſtärken für den Tag. Als ſie bei ihrem Otto freundlich anfragte, ob er wohl mit ihr leſen möchte, hatte er ebenſo freundlich geantwortet, ſie möchte ihn nur für jetzt allein leſen laſſen, er liebte nicht, es ſo regelmäßig zu thun, er folgte lieber ſeiner Stimmung und ſeinem Be⸗ dürfniß. Ihn wirklich darum zu bitten, fehlte es ihr an Muth und Luſt, und ſie beruhigte ſich damit, daß es ge⸗ wiß ebenſo gut ſei, wenn ein Jeder für ſich läſe. Ihr Mann las nun auch wirklich zuweilen in der ſchönen Bi⸗ bel, beſonders des Sonntag Nachmittags, wenn ſie Mor⸗ gens Beide in der Kirche zuſammen waren, und zwar bei dem gläubigen Prediger, deſſen Predigten Kadden einſt gegen Eliſabeth ſo verachtet hatte. Wenn er nun mit der Bibel in der Hand ſaß, konnte es Eliſabeth einige Mal nicht laſſen, das Mädchen gelegentlich hineinzuſchicken, um ihr zu zeigen, daß ihr Herr, wenn er auch keine Andacht hielt, doch ein gottesfürchtiger Mann ſei. Man konnte auch nicht wiſſen, Tante Julchen konnte vielleicht das Mädchen ausforſchen, und Eliſabeth wollte ſo gern ſagen können: Ein ſeder hat ſeine eigene Weiſe, wir haben unſere Weiſe, und es wird ſich mit der Zeit Alles ſo geſtalten, wie es uns Noth thut. Der Umgang mit Herrn von Kaddens früheren Be⸗ kannten wurde ſehr vorſichtig angefangen. Es fiel auch weiter nicht auf, weil der ſchöne Frühling jede Geſelligkeit unnöthig machte. Nur die Familie des Obriſten, die Mutter ſammt den Töchtern ließen ſich nicht ſo abfinden, ſie hatten einmal das Protectvramt über Eliſabeth übernom⸗ men und waren in kleinen Gefälligkeiten und Rathſchlägen unerſchöpflich. Eliſabeth wehrte ſich zwar, beſonders gegen die Eingriffe der Frau von Bonſak in ihren Haushalt, ſie ſprach es offen aus, ſie habe gehört, junge Frauen ließen ſich nicht gern von älteren Damen zu ſehr leiten, weil es weit mehr Verznügen mache, Alles ſelbſt auszuproben. Wenn man nicht auf den Kopf gefallen iſt, verſicherte ſie eines Tages zuverſichtlich, ſo iſt Wirthſchaften auch gar keine Kunſt, auch das Kochen nicht, man koſtet eben, bis es gut ſchmeckt.— Und muß vorſichtig mit dem Salzen ſein, fügte der Obriſt hinzu.— Natürlich, ſagte Eliſabeth ſachverſtändig. Die einzige Schwierigkeit, fuhr ſie fort, war eigentlich nur die: ich wußte nie, wie viel Zeit dazu gehörte, bis das Eſſen gar war. In den erſten acht Tagen war das Rittagbrod, aus Furcht, wir möchten uns verſpäten, jeden Morgen um zehn Uhr fertig; in der folgenden Woche, weil es wirklich fatal war, das Eſſen drei Stunden warm zu halten, wurden wir erſt 5 um zwei oder drei fertig; aber jetzt paßt es faſt auf die Minute. Es gelang ihr auch, die ungewünſchten Eingriffe in ihre Hausfrauenkunſt abzuhalten, aber ſchwieriger war es, die Gefälligkeiten der Töchter zurüͤckzuweiſen. Dieſe fanden den jungen Haushalt zu intereſſant und hätten gar zu gern Hausfreundinnen geſpielt, beſonders trieb es Adolfine mit ihrer naiven Zudringlichkeit weit genug. Eliſabeth würde ſich vielleicht in einer gewiſſen kleinen Eitelkeit mehr haben hinreißen laſſen, als ihr ſelbſt nachher recht ward, ſie liebte es doch, ſich etwas verwöhnen und auf den Hän⸗ den tragen zu laſſen; aber ihr Herr und Gemahl war gar nicht einverſtanden damit und ſprach ſeine Wünſche ziemlich unumwunden aus. Adolfine ſagte ihm dagegen offen: er ſei ein Tyrann, und wenn er ſeiner jungen Frau keinen angemeſſenen Umgang erlauben wolle, würde ſie ſich bald genug langweilen. Er verſicherte darauf ſcherzend, er wünſche für ſeine Frau einen ſolideren Umgang, als ſo übermüthige junge Damen, und müſſe darum Proteſt ein⸗ legen gegen dieſe projectirten Kränzchen und mußikaliſchen Unterhaltungen. Der Verkehr wurde für jetzt alſo, wo die Geſelligkeit ruhte, faſt nur auf Morgenviſiten beſchränkt, und Eliſabeth ſah es wohl ein, daß es ſo am beſten ſei. Der Frühling brachte immer ſchönere Tage und im⸗ mer ſchönere Spatziergänge, und da Herr von Kadden lie⸗ ber zu Pferde als zu Fuß Ausflüge machte, wurde zu Eli⸗ ſabeths höchſtem Vergnügen beſchloſſen, daß ſie mit ihm ritte. Sie hatte es im vergangenen Sommer ſchon öfters im Garten der Großeltern verſucht, das ſchöne dunkelbraune Pferd war völlig zugeritten, und als ſie zum erſtenmal im ſchwarzen Reitgewande in Woltheim erſchien, war Haus und Hof und die Oberförſterei in Bewegung. Friedrich, der die liebe junge gnädige Frau in Empfang nahm, ver⸗ ſicherte, ſie ſähe eben ſo ſchmuck aus, als ſeine gnädige Frau zu ihrer Zeit, das Ding wäre aber auch ſo weit ge⸗ ſcheiter als mit dem Yyſilanti. Eliſabeth ritt nun öfter. Daß ſie nicht recht zuver⸗ ſichtlich und muthig auf dem Pferde war, wunderte ſie ſich ſelbſt; noch mehr aber wunderte ſich ihr Mann, er mußte ihr Pferd immer am Nebenzügel führen. Als er ſie dar⸗ über neckte und ihr Adolfinen, die wirklich eine kühne Rei⸗ terin war, zum Muſter ſtollte, geſtand ſie ihm, wie ſeltſam es ſei, daß ſie nie ohne Herzklopfen das Pferd beſtiege und ſich während des Reitens immer in einer leichten Auf⸗ regung befände. Alſo nur ein Vergnügen in der Fantaſie? ſagte er bedauernd. Er verſicherte aber, ſie müſſe die Auf⸗ regung überwinden lernen, ſie ſei auf dem Pferde ſo ſicher als auf ebener Erde, wenn ſie ruhig die Zügel feſthalte; das Pferd ſei ſo ſanft und verſtändig und würde nichts ohne ihren Willen thun. Sie ſollte gleich einmal ver⸗ ſuchen, ohne Nebenzügel zu reiten, er wollte ſie überzeugen, daß es auch ſo ginge, es ſollte ihr Muth machen. Eliſa⸗ beth wollte nicht, er bat, er verlangte nur einen kleinen Verſuch, aber vergebens. Er wurde endlich böſe und ver⸗ ſicherte heftig, er würde nie wieder mit ihr reiten. Schwei⸗ gend ritten ſie nach Hauſe. Als er ihr beim Abſteigen behülflich war, ſah er ſie ſchon wieder freundlich an; aber ſo ſchnell konnte ſie ſich nicht beſinnen, ſie eilte auf ihr Zimmer, um ſich umzuklei⸗ den und ſich die Sache zu überlegen. So ungezogen war er noch nie geweſen, und jetzt freundlich zu ihm zu ſein, war eigentlich eine Unmöglichkeit; nein, ſie mußte ja gar kein Gefühl haben, wenn ſie das nicht verletzen ſollte. Das natürlichſte war, ſie folgte ihrer Stimmung und that ſich keine Gewalt an: er hatte Unrecht, die Sache war klar, er konnte ſich nicht wundern. Sehr wohl war es ihr zwar dabei nicht, ſie dachte an die Großmama, es wäre vielleicht jetzt Zeit für ſie geweſen, ein Vaterunſer zu beten, um den Aerger los zu werden; aber genau betrachtet, war dieſe Kleinigkeit gar kein Vaterunſer werth, ſie konnte es recht gut einmal ſo verſuchen. Freilich war ihr auch ein⸗ mal geſagt, man müſſe ſehr zart und vorſichtig mit der Liebe ſein und auch in den größten Kleinigkeiten nicht al⸗ bern mit ihr ſpielen. Spielen wollte ſie auch nicht, ſie war ernſtlich böſe und mit Recht. Dennoch nachgeben und demüthig ſein, war zu viel verlangt, paßte recht gut für die Großmama und die alten Zeiten, aber vertrug ſich nicht mit der jetzigen freieren und ſelbſtdenkenden Erziehung der Töchter. Viel Zeit zu dieſen geſcheiten Gedanken blieb ihr aber nicht, ihr Mann klopfte ſchon ungeduldig an die Thür, ſie mußte ſich eilen fertig zu ſein; ſie entſchied ſich alſo kurz, ihrer Stimmung zu folgen und zu beweiſen, daß ſie eine ſelbſtdenkende Erziehung hatte. Denſelben Abend, es war ſchon gegen fünf Uhr, Eli⸗ ſabeth ſaß nachdenklich vor ihrem Schreibtiſch, ſie war den ganzen Abend allein, zum erſten Mal in ihrer jungen Ehe. Ihr Mann, weil es ihm natürlich läſtig war, eine ſo ſchweigſame und zartthuende Seele um ſich zu haben, war ausgegangen. Eliſabeth hoffte, er würde ſehr bald wie⸗ derkommen, und nahm ſich vor, dann freundlicher zu ſein. Sie nahm ihr Arbeitszeug und ging in den kleinen Gar⸗ ten, ſie wohnten ſehr freundlich vor dem Thor, an der⸗ ſelben Stadtſeite, wo die Großeltern einſt gewohnt hatten. Sie ſetzte ſich in die Jasminlaube und war fleißig. Sie ging dann in den Wegen auf und ab, blieb vor den ſchönen duftenden Roſen ſtehen, ſchaute auch über die Hecke hinaus, in das weite Feld. Sie wurde immer unruhiger, aber es war gewiß eine Stunde vergangen, ihr Mann war noch nicht zurück. Sie verließ nun den Garten, trat in den Pferdeſtall zu dem ſchönen braunen Thier, der un⸗ ſchuldigen Urſache ihres heutigen Kummers. Sie ſtreichelte und klopfte es und ſah ihm in die klaren hübſchen Au⸗ gen.— Du biſt nicht daran Schuld, ſagte ſie, ich bin es ganz allein.— Sie kam wieder aus dem Pferdeſtall, ſie brachte ihre kleine weiße Hühnerfamilie zur Ruhe, dann dachte ſie das Abendbrod anzuordnen, um ſieben Uhr mußte er jedenfalls kommen. Sie ging noch einmal ſelbſt in den Garten, zog die friſchen rothen Radieschen ſelbſt aus dem . Beete und nahm noch allerhand Kleinigkeiten vor, bis es endlich Sieben ſchlug. Das Abendeſſen war bereit, längſt bereit, Eliſabeth wartete vergebens. Als es Acht ſchlug, nahm ſie betrübt, aber auch mit neuer Unzufriedenheit, Hut und Tuch, und ging wieder in den Garten. Sie ging gedankenvoll wei⸗ ter, durch die Gatterthür der niedrigen Hecke, gegenüber auf dem Grasrain an einem blühenden Roggenfeld hinauf. Hier war es ſtill und friedlich, die volle ſommerliche Abend⸗ ſonne legte ihr Gold auf Wald und Feld, einige Lerchen noch ſangen hoch oben in der klaren Luft, und Kornblu⸗ men und rother Mohn und weiße große Sternblumen ſtan⸗ den ſo lieblich im abendlichen Sonnenlicht. Eliſabeth wagte keine Blume zu pflücken. Ihr ſteht hier ſo lieblich, in meiner Hand würdet Ihr nur verblühen, dachte ſie. Ja, ich möchte auch ſo zart und rein ſein, daß ſich alle Herzen über mich freuen könnten. Sie ſchaute auch höher hinauf, in das tiefe klare Blau, was ſo tröſtlich in ihr zagendes Herz hinab ſchaute. Lieber Herr, verzeihe mir! Ja, zu Dir darf ein trauriges Herz immer kommen, Du biſt immer wieder liebreich und freundlich, auf Menſchen und auf das eigene Herz darf man ſich nicht verlaſſen. Mir iſt es heut ſo einſam in der Welt, als noch nie; aber das ſoll es ſein, damit ich erinnert werde, daß ich mich nicht verlaſſe auf Menſchen.— Als ſie die Hände faltete, berührte ſie unwillkürlich ihren Trauring.— Selbſt Menſchen, die man ſo lieb hat, können ungerecht und 10 lieblos ſein, und darüber wird das eigene Herz auch kalt; ich könnte mir jetzt noch weniger helfen, als heut Nach⸗ mittag. So lange, lange Stunden hat er es aushalten können, jetzt kann ich doch unmöglich fröhlich und glück⸗ lich ſein, lieber Herr hilf mir und mache Du Alles gut, denn ich kann gar nichts.— Sie ſaß noch eine ganze Zeit zwiſchen den Blumen am blühenden Roggenſtück, und als die letzten Sonnenſtrahlen über das Grün blitzten, ging ſie heim wie ein müdes Kind. In der Stube war es ſchon tiefe Dämmerung, ſie ſetzte ſich an den Schreibtiſch, zündete ihr kleines Licht an und las in der Bibel,— bis zehn Uhr, ihr gewohnte Zeit, wollte ſie aufbleiben.— Sie las im Evangelium Matthäi die Bergpredigt, die Verkundigung des Himmel⸗ reiches, das ſchon hier auf Erden in den Herzen der Gläubigen mit ſeiner Macht und ſeinem Frieden und ſei⸗ ner Herrlichkeit leben ſoll. Den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, ſaß ſie nachdenklich, als plötzlich ſchnelle Männer⸗ tritte die Treppe herauf kamen. Sie erſchrak und zitterte heftig. Das war er. Was ſollte nun werden?— Ihr erſtes Gefühl war, die Bibel fortzulegen, er ſollte es nicht wiſſen, in welcher Stimmung ſie war, freundlich wollte ſie dennoch ſein, aber ihren Kummer wollte ſie allein tra⸗ gen, die Gedanken ihres Herzens ſollte er nicht erfahren, das hatte er nicht verdient. Sie hatte die Hand ſchon an die Bibel gelegt, da fühlte ſie das Zürnen des Herrn: Wenn ich dir helfen ſoll, mußt du erſt demüthig ſein. —— — 11 Herrn von Kaddens Abſicht war es nicht geweſen, ſo lange auszubleiben, Stottenheim hatte ihn aber gleich mit einer Lobrede empfangen, daß er endlich ſo vernünftig ſei und allein ausgehe, und nicht immer bei ſeiner Frau ſitze, und hatte ihn in einen Kaffeegarten geführt, wo auch die anderen Kameraden verſammelt waren. Sie kegelten zu⸗ ſammen und Kadden ließ ſich durch Ernſt und Scherz über⸗ reden, einmal einen Abend mit ihnen in der gewohnten alten Weiſe zu verleben. Eliſabeth— das war ſeine Be⸗ ruhigung— hatte heute auch nicht das Recht, ſich darü⸗ ber zu beklagen, ſie war, ungeachtet er ſein Unrecht einge⸗ ſehen, dennoch unfreundlich geblieben. Freilich ſie den ganzen Abend vergeblich warten zu laſſen, war vielleicht zu viel, dachte er, und gerade dies leiſe Gefühl des Un⸗ rechts veranlaßte ihn, ſich mit Ruhe und Kälte zu waff⸗ nen, wenn ſie ihm mit neuen Vorwürfen oder doch we⸗ nigſtens zürnend möchte entgegen kommen.— Er trat ſchnell ein, blieb aber unwillkürlich an der Thür ſtehen. Bei dem kleinen Lichte ſaß ſie vor der Bibel,— es ward ihm im Herzen Alles klar, es bedurfte gar keiner Erklä⸗ rung weiter, er wußte ihre Stimmung. Eliſabeth ſtand auf und reichte ihm haſtig ihre Hand, als wollte ſie ſich ihren Sieg durch ſeinen unfreundlichen Empfang nicht wieder ſtreitig machen laſſen. Er aber war nicht unfreundlich, er mußte ſich nur einen Augenblick ſam⸗ meln. Liebe Eliſabeth, ſagte er weich, verzeihe mir, daß ich Dich ſo lange warten ließ.— Da war es vorbei 12 mit allen vernünftigen Vorſätzen, reden konnte ſie zwar nicht, ehe ſie nicht ihrer Thränen Herr geworden, aber dann gab ſie Antwort auf alle ſeine liebevollen Fragen. Ja ſie ſchüttete ihr ganzes Herz aus, erzählte ihm ihre Ungeduld, ihren Kummer, ihre Reue, den ganzen Abend, ſelbſt ihre Betrachtungen bei den Blumen.— Er hörte Alles an mit bewegtem Herzen, ſeine Liebe war bereit, ſie zu tröſten, er fühlte ſich wieder angeweht von der Kraft des Reiches Gottes, von der Wunderwelt dort über ſich, er griff auch zum Schluſſe nach der Bibel und beide laſen die Bergpredigt noch einmal zuſammen. Als Eliſabeth am andern Morgen aufſtand, war ihr Mann ſchon fortgeritten zur gewöhnlichen Uebung, und als ſie an ihren Schreibtiſch trat, fand ſie hier im friſchen hellen Waſſerglaſe Kornblumen, rothen Mohn und weiße Sternblumen,— ſo lieblich und friedlich ſchauten ſie zu ihr auf und mit dankbaren Herzen neigte ſie ſich zu ihnen hinab. Ja Herr, ich danke Dir, daß Du mir auch in dieſer Kleinigkeit geholfen haſt! Wie würde es mir heut wohl ſein, wenn ich mich in meinem Hochmuth nicht be⸗ finnen konnte? Aus Kleinigkeiten beſteht das ganze Leben, mit Klei⸗ nigkeiten übt der Böſe ſeine Macht an den Menſchenſeelen, eine Kleinigkeit nach der anderen macht ſie matter und mat⸗ ter, bis ſie weder zart fühlen noch zart aufmerken können, und ohne es recht zu merken, gerathen ſie in das Elend — —— 13 hinein, und die Liebe, die da immer zarter und aufmerk⸗ ſamer werden ſoll, iſt dann eine Flitterwochenliebe geweſen. Gegen Mittag, die gewöhnliche Zeit, wo das Mili⸗ tär in die Stadt zurückkehrte, hörte Eliſabeth die wunder⸗ volle Militärmuſik ſchon aus der Ferne. Sie hatte ja darauf gewartet, ſie eilte an das Fenſter, ſchaute durch die Scheiben, und ſah wie die Sonne auf den hellen Kü⸗ raſſen blitzte. Als der prächtige Zug aber näher kam, trat ſie, wie ſie es immer that, zurück an die Gardine, bis ein Reiter den Kopf noch einmal wandte und grüßend hinauf ſah. 20. Die allerlei lieben Verwandten. Mite Juſt war Emiliens Hochzeit, Schlöſſer hatte wirklich die gewünſchte Stelle bekommen, die Freude war groß darüber. Eliſabeth und ihr Mann machten bei die⸗ ſer Gelegenheit den erſten Beſuch im elterlichen Hauſe. Es war dies ein wunderſchönes Vergnügen für Eliſabeth, ſie war auch noch ganz dieſelbe, vergnügt und fröhlich mit den jüngeren Geſchwiſtern, beſtimmt und voreilig gegen die Tanten Wina und Paula, ja ſelbſt gegen ihre Mama. Eliſabeth iſt nur noch ſicherer und übermüthiger ge⸗ worden, klagte Emilie. Sie ſprach es aber nur gegen ihren Bräutigam aus und war ſonſt ungewöhnlich liebreich und freundlich gegen die ganze Familie, ſo daß Herr von Kadden ſelbſt Hoffnung faßte, Freund Schlöſſer könnte doch noch glücklich werden. Ebenſo ſtieg Kadden in Emi⸗ liens Achtung; als Eliſabeth einmal mit großem Eifer ihrer Mutter in Wirthſchaftsſachen widerſprechen wollte, legte er freudig mahnend die Hand auf ihre Schulter und ſagte: Das Küchlein will doch nicht klüger ſein als die Mama? Er war doch alſo nicht ganz und gar blind ge⸗ gen ihre Fehler, und es war Hoffnung vorhanden, daß er immer nüchterner und klarer Eliſabeth beurtheilen würde. Trotz dieſer kleinen Anmerkung blieb ſie aber dabei, das Glück der Beiden könne von keiner Dauer ſein, die — — — 15 wundervolle, ungeſtörte Liebe zwiſchen zwei Leuten, die beide unſelbſtändig und lebhaft und unüberlegt waren, die mindeſtens das Leben ſehr harmlos nahmen, wenn man ſie nicht geradezu des Leichſinnes beſchuldigen wollte, dieſe Liebe mußte ein Ende nehmen mit Schrecken. Als Schlöſ⸗ ſer wieder ungläubig ſchwieg zu dieſen Befürchtungen, ſagte ſie faſt feierlich: Lieber Wilhelm, wir wollen ſehen, wer recht hat. Ich will jetzt gern ſchweigen und freundlich theilnehmen an beider Glück, aber ich bleibe dabei, es iſt ein Unglück für Eliſabeth, daß ſie keinen Mann bekommen hat, der ſie erziehen konnte.— Ebenſo halte ich es auch für ihn für ein Unglück, fuhr ſie fort, daß er keine an⸗ dere Wahl getroffen. Wenn er eine oberflächliche Weltfrau nahm, die ohne Bedenken mit ihm in der Welt lebte, mit ihm ſich dort zerſtreuen konnte, nachdem ſie ſich beide zu Hauſe das Leben ſchwer gemacht, ſo war jedenfalls beſſer für ihn geſorgt.— Meinſt Du wirklich, daß ſo beſſer für ihn geſorgt wäre? fragte Schlöſſer ernſthaft.— Nicht gerade beſſer für ihn geſorgt, entgegnete Emilie leiſe errö⸗ thend, es würde ihm dann nur eben ſo gehen, wie es hunderten von Männern mit ſeinen Anſichten geht; ſie zan⸗ ken ſich einmal mit ihren Frauen und vertragen ſich, ſu⸗ chen ihr Vergnügen in der Welt— gar nicht auf eine ſchlimme Weiſe, ganz gemüthlich,— ſie führen eine Ehe, wie ſie eben ihre Freunde auch führen, und ſind in ihrer Art beftiedigt, weil ſie nichts beſſeres erwartet haben.— MWöchteſt Du ihm das wirklich wünſchen? fragte Schlöſſer 16 weiter.— Emilie ſchwieg einen Augenblick, ſie fühlte, daß ſie ihr Verſtand wieder einen kalten liebloſen Weg ge⸗ führt, ſie geſtand das nur nicht gern und ließ ſich in dem Wunſche, den Fehler zu vertheidigen, weiter hineinführen. Wird er ſo mehr zu ſeinem Heil geführt werden? fuhr ſie lebhaft fort. Eliſabeth kann ihm unmöglich folgen in die Welt, ohne den Stachel im Herzen zu haben, auch er hat im Grunde ſchon dieſen Stachel, und doch können ſie der Welt nicht widerſtehen.— Tante Julchen hat mir ja in höchſter Betrübniß und im höchſten Vertrauen mit⸗ getheilt, daß bis jetzt in dem jungen Haushalt nicht viel Chriſtliches zu ſpüren ſei. Im nächſten Winter werden dieſe Verſuchungen erſt recht angehen, es kann ihnen bei ihren ſchwankenden Anſichten nicht anders ergehen als dort im Evangelio, ſie werden in einer gefühlvollen Aufwallung einen böſen Geiſt aus dem Hauſe vertreiben, das Haus kehren und fegen, und dann deſto ſorgloſer ſieben böſe Geiſter einlaſſen und den Stachel fiebenfach im Herzen füh⸗ len. Die Welt muß ihnen ein weit größerer Feind ſein, als den Leuten, die ſich darinnen unbehaglich fühlen und ſich von ihr ohne Vorwurf zerſtreuen laſſen. Wenn man nun dazu bedenkt, daß ſie auch im Hauſe nicht glücklich ſind, nicht ſich gemüthlich zanken und vertragen können, weil Eliſabeth anders erzogen, weil ſie anſpruchsvoller— Und zartfühlend und liebebedürftig iſt, fügte Schlöſſer nach⸗ denklich hinzu.— Zartfühlend und liebebedürftig, wie⸗ derholte Emilie bereitwillig, ja ſie iſt das, aber er— ——— —— 17 Er iſt es auch, unterbrach ſie Schlöſſer ebenſo.— Er iſt es auch, wiederholte Emilie noch einmal mit etwas mehr Aufregung, ſie haben ja eben beide Ideale im Her⸗ zen, aber beide keine Kraft, ſie zu verwirklichen.— Wir wollen es ihnen aber von Herzen wünſchen! bat Schlöſſer wiedet freundlich. Er wußte einmal, daß dieſer Punkt Emiliens größte Verſuchung war, und vermied es, ſich mit ihr darin zu vertiefen.— Wilhelm, glaube nur nicht, daß ich ihr Unglück wünſche! klagte Emilie.— Gewiß, das glaube ich nicht, verſicherte er aufrichtig; aber Du fürchteſt, daß der liebe Gott nicht anders handeln kann, weil Dein Verſtand keinen Ausweg ſieht, ſetzte er ſcher⸗ zend hinzu. Er reichte der Braut die Hand, und ſie nahm ſich wieder ernſthaft vor, Eliſabeths Glück zu wünſchen und freundlich und liebreich gegen ſie zu ſein. Nur am Hochzeitstage, wo Eliſabeth als Gaſt noch einmal im bräutlichen weißen Feſtkleide erſchien und ihre glückliche Rolle ſpielte, mußte Emilie ſchwer kämpfen, be⸗ ſonders als Tante Wina, zwar nur im höflichen Scherz, ihr die liebenswürdige junge Frau zur Nachahmung anpries. Die alberne Wina, die Eliſabeths Jugend ſchon verdorben, ſetzt es im vergrößerten Maaßſtabe jetzt noch fort. Die klugen Lebensregeln, die ſie dem Liebling, dem Verzug, vorpredigte, waren fabelhaft anzuhören, noch fabelhafter aber erſchien es Emilien,— und Tante Julchen war ganz mit ihr einſtanden,— daß Eliſe den beiden albernen Schwägerinnen jetzt einen längeren Beſuch bei Eliſabeth Gtiſabeth. u. 2 —4 K 18 geſtatten wollte. Sie hatten auch beide Eliſen gewarnt, aber die Sache ließ ſich nicht ändern, und Eliſe konnte dieſesmal mit gutem Gewiſſen ſagen, daß es ſo der Wunſch ihres Mannes ſei. Es war auch verabredet, daß er ſelbſt mit Frau und Kindern von Woltheim aus die Schweſtern wieder abholen wollte. Einige Tage nach den Feſtlichkeiten reiſten die glück⸗ lichen Tanten ſammt verſchiedenen Koffern und Hauben⸗ ſchachteln wirklich mit dem jungen Paar nach Braunhauſen. Eliſabeth hatte gar nichts dagegen, es mußte ihr ja Spaß machen, ſich von den Tanten in dem eigenen Haushalt bewundern zu laſſen, und ihr Mann war ſo gefällig und liebenswürdig, ſich dieſen, zwar nicht angenehmen Familien⸗ rückſichten freundlich zu fügen. Beide Tanten waren nicht wenig dankbar dafür, ſie hatten ihn zwar immer ſchon ent⸗ zůckend gefunden, jetzt war er„eine unbeſchreiblich liebens⸗ würdige Erſcheinung,“ wie Wina gern verſicherte. Als Herr von Kadden vor dem Gaſthofe der kleinen Eiſenbahnſtation beſchäftigt war, die Sachen in den Wagen packen zu laſſen, waren die drei Damen indeſſen in die kühle Wirthsſtube getreten, und beide Tanten ſtimmten wieder des Neffen Loblied an. Tante Wina aber, die ſich gar zu gern feierlich reden hörte, knüpfte gleich eine ernſte Mahnung für Eliſabeth daran. Mit dieſem Mann, liebe Eliſabeth, verſicherte ſie, mußt Du jetzt ſchon wie im Him⸗ mel leben; Dir iſt das lieblichſte Loos gefallen, was ein Miädchen ſich nur träumen konnte er iſt ein Seat vie 19 wohl ſelten eines auf Erden zu finden iſt. Du mußt das nur ſtets erkennen, ich verſichere Dich, ſollteſt Du einmal nicht glücklich ſein, zu mir dürfteſt Du mit Deinen Klagen nicht kommen, denn Du allein würdeſt nur Schuld daran ſein.— Das iſt mir wie aus dem Herzen geſprochen, verſicherte Paula. Und Ihr habt beide Fantaſien wie das jüngſte Mäd⸗ chen! fiel Eliſabeth etwas ärgerlich ein. Ihr macht aus meinem Mann den erſten beſten Romanhelden. Meint Ihr denn, daß er immer ſo liebenswürdig iſt, wie Ihr ihn in Geſellſchaft ſeht?— Die Tanten ſahen ſie etwas verdutzt an.— Wenn Ihr das hofft, dann werdet Ihr Euch jetzt ſehr verwundern, fuhr ſie fort. Ihr glaubt wohl, mein Mann iſt vom Morgen bis Abend in einer Zuckerwaſſer⸗ Stimmung? Nein, er hat ſeine Geſchäſte, er iſt auch ernſthaft, auch verdrießlich, er bekümmert ſich oft halbe Tage lang nicht um mich, ſieht mich kaum an, aber das ſtört mich gar nicht, ich weiß doch, daß er mich lieb hat. Eliſabeth fühlte ſich ſehr wichtig bei dieſen höchſt ver⸗ nünſtigen Aeußerungen, ganz ernſt war es ihr bei der letzten Verſicherung freilich nicht, es war ihr nie gleichgül⸗ tig, wenn ihr Mann ſich nicht um ſie bekümmerte und ſie kaum anſah. Es war gerade ſo, wie das Zanken und Vertragen in der Fantaſie ganz intereſſant iſt, aber in der Wirklichkeit, wie Klärchen Warmholz ganz richtig ſagte, iſt es höchſt fatal, wenn ein liebenswürdiger Gegenſtand da nehen uns ungezogen iſt. 2* 20 Die Tanten waren zu plötzlich in einen andern Ideen⸗ treis hineingeführt: ihr Romanheld ſollte ein gewöhnlicher Mann, wie alle Männer ſein, und Eliſabeth eine ſehr ver⸗ ſtändige junge Frau! Wina faßte ſich zuerſt und ſagte,— immer noch etwas überraſcht: Du ſprichſt ſehr vernünſtig, liebe Eliſabeth, natürlich darf es Dich nicht ſtören, wenn Dein Mann auch zuweilen in ſeinen Geſchäften vertieft iſt, das giebt hm erſt die männliche Würde.— Ja, fuhr Eliſabeth eiftig fort, ich würde nie verlangen, daß mein Mann nur für mich lebt, es wäre ja zu albern, ich kann ſehr beläſtigen, wenn er keinen Beruf hätte und mir ſeine ganze Zeit widmen wollte.— Eliſabeth, übertreibe es nicht, nahm Wina mahnend das Wort, erfreue Dich lieber des Glückes Deiner Jugend.— Ich wollte Euch nur vorbe⸗ reiten, Ihr ſollt Euch nicht wundern, entgegnete Eliſabeth, wenn Ihr unſer Leben anders findet, als Ihr gehofft habt. Herr von Kadden forderte die Damen jetzt zum Ein⸗ ſteigen auf, das Geſpräch hatte ein Ende. Paula blieb darüber etwas verwundert in ihren Gedanken, aber Wina machte ſich die Sache klar: Eliſabeth war von einem unbe⸗ ſie Weiß zu Schwarʒ disputiren konnte; alſo war es ihr e Erſcheinung zu ſchaffen. nicht, ſie wollte mit ihren Augen ſelbſt ſehen und dabei au die verzogene Richte einen höchſt wohlthãtigen Einfluß iben mich ebenſo gut allein beſchäftigen als er, ja, es würde mich grenzten Widerſpruchgeiſt beſeelt, dabei ſo gewandt, daß Kleines aus dieſem engelgleichen Mann eine ſehr gewöhnliche Sie beunruhigte ſich darüber 21 4 Die beiden Tanten ſtanden am offnen Fenſter ihres Stübchens, das nach dem Hofe gelegen, jetzt keine Sonne hatte, ſie lüfteten ihre Hauben, um ſich nach der heißen Fahrt etwas zu verpuſten, und theilten ſich flüſternd ihr Entzücken mit über dieſen poetiſchen Aufenthalt. Wir wol⸗ len uns auch das Glück hier nicht verkürzen laſſen, ſchärfte Wina der Schweſter ein: wenn von unſerer Abreiſe in vierzehn Tagen die Rede iſt, ſchweigen wir,— das wird ſich finden. Ich weiß recht wohl, daß die Großeltern und Eliſe, ja die ganze Sippſchaft uns nicht gern hier ſieht; armen unverheiratheten Mädchen das Leben lieblich zu machen, fällt ihrer chriſtlichen Liebe nicht ein. Man muß ſich wirklich eine etwas dickere Haut angewöhnen und ſich nicht immer gleich aus dem Wege räumen laſſen. Wie ge⸗ ſagt, wir laſſen es darauf ankommen, wir bleiben wenigſtens ſechs Wochen hier.— Meinſt Du? fragte Paula bedenklich. — Ja, ich meine. Ich weiß, Eliſabeth hat uns gern hier, ſie iſt ein gutes dankbares Kind.— Aber ihr Mann? unterbrach ſie Paula beſorgt.— Ihr Mann wird nicht gefragt, mein Kind, fuhr Wina fort, glaube doch nicht, was Eliſabeth von ihm ſpricht, ſie glaubt es ſelbſt nicht, ich ſah noch nie einen zarteren, fein gebildeteren jungen Mann, deſſen Wünſche ſo ganz in den Wünſchen ſeiner jungen Frau aufgehen. Eliſabeths fröhliche, fingende Stimme ließ ſich jetzt hören, die Schweſtern brachen das Geſpräch ab und öffneten der holden Richte ſelbſt die Thür. Es erfolgte eben wieder 22 ein Strom von Entzücken aus der Tanten Munde, als ſich Herrn von Kaddens laute Stimme im Pferdeſtalle hören ließ. Jetzt zankt er mit dem Burſchen, ſagte Eliſabeth mit einiger Genugthuung, als ob es ihr lieb ſei, daß die Tanten mit den Fehlern ihres Mannes bekannt würden.— Das wird auch wohl zuweilen ſehr nöthig ſein, verſicherte Wina. Alle drei horchten am Fenſter, Paula wurde ſchon etwas unruhig, als Herr von Kadden, von dem Burſchen gefolgt, das ſchöne braune Pferd aus dem Stalle führte. Das Pferd hinkte, der Herr führte es einige Schritte auf und ab, er machte dem Burſchen heftige Vorwürfe, und der vertheidigte ſich. Wenn er doch nicht widerſprechen wollte, begann Eliſa⸗ beth ziemlich eifrig, der dumme Menſch! Er weiß, mein Mann kann keinen Widerſpruch vertragen.— Rufe es ihm doch zu, bat Paula ängſtlich.— Eliſabeth ſchüttelte den Kopf.— Dein Mann wird ſich doch in ſeiner Ge⸗ walt haben? ſagte Wina ſchon etwas beſorgt.— Das wird er nicht, verſicherte Eliſabeth, warum hat er denn der Hitzkopf geheißen.— Aber ich bitte Dich, Eliſabeth, ein gebildeter Menſch! wie kann er ſich ſo vergeſſen, fuhr Wina auf, es iſt ja entſetzlich!— Es iſt ja entſetzlich! jam⸗ merte Paula, und Eliſabeth ſtand allerdings auch in höch⸗ ſter Spannung. Ihres Mannes Stimme war ſo hoch hin auf gerathen, daß man ſie kaum verſtehen konnte, und wie der Burſche beharrlich eine geſicherte Stellung hinter dem Pferde zu behaupten ſuchte, war ein Beweis, daß die aus eeUecee 23 der Mode gekommenen Ohrfeigen zu befürchten waren.— Eiſabeth, es iſt Deine heilige Pflicht, geh hin, bringe Deinen Mann zur Vernunft, eiferte Wina.— Nicht doch, Eliſabeth! warnte Paula, er iſt zu heftig, er würde es gegen Dich auch ſein.— Albern, ſagte Wina, ein gebil⸗ deter Mann wird ſeine Frau nicht wie ſeinen Reitknecht behandeln. Wer ſoll ihm denn die Wahrheit ſagen und ihn dadurch erziehen, wenn es die Frau nicht thut? Eliſabeth hatte wirklich das Zimmer ſchon verlaſſen, um auf den Hof zu eilen, auf dem Vorſaal trat ſie noch einmal an das Fenſter und ſah, daß ihr Mann mit dem Pferde wieder im Stalle war. Nach kurzer Zeit trat er in die Wohnſtube. Eliſabeth hatte ſich allein hier von ihrem Schrecken zu erholen geſucht, aber eingedenk Winas Worte, daß es ihre heiligſte Pflicht ſei, ihren Mann zu erziehen, was ihr in der eigenen Aufregung ſehr einleuchtend war, empfing ſie ihn gleich und zwar mit einem beſonders herausfordernden Tone: Otto, wie kannſt Du ſo heftig ſein? — Der Menſch iſt dummer als das Vieh, was er abwar⸗ ten ſoll! entgegnete er noch ſehr aufgeregt und warf die Mütze auf den Tiſch.— Ich habe mich ſo ſehr erſchrocken, fuhr Eliſabeth vorwurfsvoll fort, ich habe gezittert und die Tanten waren förmlich entſetzt.— Ihr ſeid alle drei Thörinnen, unterbrach er ſie, bei Männern iſt das nicht anders.— WMein Vater iſt nie ſo heftig geweſen, ent⸗ gegnete Eliſabeth heftig.— Eliſabeth, ich will nicht die Vergleiche mit Deinem Vater bören, ſagte er jetzt ärgerlich, 88 24 Dein Vater iſt flegmatiſch und ich bin es nicht.— Eliſa⸗ beth konnte ſich noch nicht bezwingen, ſie war in zu gutem Rechte. Wina ſagt aber auch, begann ſie eifrig, ein ge⸗ bildeter Mann— Herr von Kadden hatte ſchon nach der Mütze gegriffen. Wenn Du mich nicht zwingen willſt, das Haus zu verlaſſen, unterbrach er ſie, und gerade ſo lange fortzubleiben als Deine albernen Tanten hier ſind, ſo ſchweige.— Sie ſchwieg, er ging in ſein Zimmer, und ſie blieb mit höchſt unangenehmen Gefühlen allein. Ihre heilige Pflicht hatte ſie erfüllt, aber ohne Erfolg, jetzt war ihre einzige Sorge, daß die Tanten nicht erfuhren, wie es 4 ihr zu Sinne war, ſie mußte ſich zwingen, vergnügt zu ſein, und die Sache unwichtig zu nehmen. Als ſie jetzt zu ihnen kam, wurde ſie von Paula ſogleich empfangen: Wie ſteht es? Es iſt Alles gut, entgegnete Eliſabeth leicht. Hat er ſein Unrecht eingeſehen? forſchte Wina. Eingeſehen? fragte Eliſabeth, ein Mann hat immer Recht, und in ſolche Sachen muß man ſich nicht miſchen. Dann forderte ſie die Tanten ſchnell auf, in den 3 Garten zu kommen, es ſei ſo erquicklich und ſchön, ſie wolle vorangehen und das Abendbrod dahin beſtellen. Wina! begann, als die Schweſtern allein waren, Paula feierlich, ich fürchte mich vor dieſem Mann. Die arme Eliſabeth! ſetzte Wina ebenſo feierlich hinzu. Die Männer 3 ſind alle Barbaren, fuhr Paula fort. Ja liebe Paula, wir können beide froh ſein, daß wir nie geheirathet haben, 7 wir wären am Hetzweh geſtorben, ſagte Wina. In der 25 Unſchuld unſeres Herzens glaubten wir, dieſer Mann ſei wirklich liebenswürdig! ſeufzte Paula. Ja, wir können es in unſerer idealen Welt nicht begreifen, wie Männer ſo roh, ſo rückſichtslos ſein können, fuhr Wina fort. Aber Paula, mein erſtes Gefühl, als ich dieſen Mann ſah, hat mich alſo nicht getäuſcht, obgleich ſpäter meine Gutmüthig⸗ keit mich irre führte: er iſt ein gefährlicher Menſch, und daß Eliſabeth ihn nicht erziehen ſoll, iſt das Schlimmſte. Ich muß dem armen Dinge doch rathen, daß ſie ihn nur nie reizt, warnte Paula. Und ihn doch klug leitet, ſiel Wina ein. Wir werden doch aber ſo bald als mög⸗ lich abreiſen, bat Paula. Natürlich, ſo bald als möglich, fiel Wina ein, ich möchte nur einen Eclat vermeiden, da⸗ rum reiſe ich nicht augenblicklich.— In der Art ging die Unterhaltung noch ein Weilchen fort, bis ſie mit Hü⸗ ten und Arbeitsbeuteln, Wina in wüdigen ſtolzen Schrit⸗ ten, Paula etwas trippelnd, über den Hof nach dem Gar⸗ ten gingen. Der Abend war wirklich wunderſchön, der weißgedeckte Tiſch ſtand einladend in der Jasminlaube und Eliſabeth, im himmelblauen Muſſelinkleide, ſchickte ſich an, die liebens⸗ würdige Wirthin zu machen. Die Spannung ihres Herzens, den Gedanken, wie ihr Mann ſich heute Abend verhalten würde, verbarg ſie ſehr geſchickt. Das durchzuführen, mußte ſie natürlich vermeiden, ihn allein zu ſehen und ſich mit ihm auszuſprechen, die Tanten hätten dann jedenfalls die Sache durchſchaut. Sie ſtellte ſich darum nur unter ſein 26 Fenſter und rief: Lieber Otto, das Abendeſſen iſt bereit!— Wenige Minuten ſpäter kam er in den Garten, man ſetzte ſich zu Tiſch und zur Verwunderung der Tanten war er ganz ruhig, höflich und zuvorkommend wie immer, nur etwas ernſter. Tante Wina, die im Stillen noch die Hoff⸗ nung gehabt, er werde ihr gegenüber, der bedeutenden und geiſtvollen Tante, etwas beſchämt und verlegen ſein, war wirklich indignirt über dieſe Gefühlloſigkeit.— Fliſabeth mußte nun eine Rolle ſpielen, die ihr herzlich ſauer wurde, ſie wollte unbefangen und vergnügt ſein, ſie ſprach darum ſcherzend und neckend zu den Tanten und eben ſo zu ihrem Mann. Ihn anzuſehen konnte ſie ſich nicht entſchließen, es hätte vielleicht nur eines fragenden oder eines zu ernſten Blickes bedurft, ſie aus der Faſſung zu bringen. Und wie froh war ſie, als er endlich in denſelben Ton einſtimmte und unverändert darin blieb, ſo lange ſie zuſammen waren. Als es dämmrig wurde und die Tanten ſich anſchickten auf ihr Zimmer zu gehen, ſagte Herr von Kadden ſeiner Frau und den Gäſten zugleich gute Nacht, er wollte auf ſeinem Zimmer eine Menge Schreibereien, die er nach der Reiſe vorgefunden, noch heute Abend beſeitigen. Als Eliſabeth die Tanten hinauf gebracht, ſtand ſie ſchwankend im Wohnzimmer. Sollte ſie noch einmal zu ihm gehen? Er ſchien es aber ſelbſt nicht zu wünſchen, er war beſchäftigt. Die Sache war auch abgemacht, zum erſten Mal auf dieſe kluge Weiſe,— ſie hatten ſich beide vor den Gäſten zwingen müſſen, es war beiden gelungen, 27 — warum ſich jetzt noch durch ein Ausſprechen beun⸗ ruhigen?— Sie ſtand nachdenklich vor ihrem Schreib⸗ tiſch, Bibel und Ziehkäſichen lagen da, heute konnte ſie aber nicht leſen, ſie war zu abgeſpannt von der Reiſe. Wenn ſich ihr Herz danach geſehnt, hätte ſie es dennoch gethan, ſie ſcheute ſich aber davor. Sie trat in ihr Schlafzimmer und ſeufzte doch. Man ſoll die Sonne über ſeinem Zorn nicht untergehen laſſen, dachte ſie. Zornig war ſie freilich nicht, ſie war nicht einmal böſe, ſie hätte das aber gern auch ausgeſprochen, und er hätte es vielleicht gern gehört. Nein, dann hätte er mir nicht im Garten gute Nacht geſagt, ſetzte ſie hinzu, und Thränen traten ihr in die Augen. Sie entſchloß ſich, zu Bett zu gehen mit der Unruhe im Herzen. Vor Kurzem wäre ihr dies freilich ein unmöglicher Gedanke ge⸗ weſen,— die Umſtände verlangten es aber heut ſo,— es war auch im Grunde nicht viel zu risquiren, war es ihr zu ſchwer, konnte ſie ſich morgen noch ausſprechen,— ſie wollte es nur verſuchen.— So kämpften die Ge⸗ danken noch lange hin und her, bis ſie vom Schlaf über⸗ raſcht wurde und zwar ohne Abendgebet. Am andern Morgen war ſie kaum angekleidet, als die Tanten ſchon erſchienen und den herrlichen Morgen mit ihr genießen wollten. Ihr Mann ritt wie gewöhnlich bald fort, er war auch noch nicht zurück, als ſie mit den Tanten die beabſichtigten Viſiten antrat. Beide Damen hatten ſehr den Wunſch, ſich hier zu zeigen und ſich zu amüſtren, und 28 Herr vou Kadden hatte Eliſabeth ſelbſt vorgeſchlagen, in dieſer Zeit geſellig zu ſein, um die Tanten nicht immer ſelbſt unterhalten zu müſſen. Eliſabeth ging mit ihnen zu Bonſaks und noch einigen verheiratheten Offizier⸗Da⸗ men. Es wurden Vergnüglichkeiten verabredet und die Tanten kamen in ſehr guter Laune zurück und verſicherten lebhaft, Braunhauſen ſei ein allerliebſter Ort. Eliſabeth war durch dieſe Viſiten ſelbſt zerſtreut, die kleine bedenkliche Scene von geſtern erſchien ihr heute in einem anderen Lichte, und als ihr Mann heute eben ſo gut ſcherzen konnte als geſtern, ſo wurde es ihr heute auch leichter, und die Sache ſollte nun wirklich vergeſſen ſein. Der Verſuch war alſo geglückt. Man muß nicht zu zart⸗ fühlend ſein, tröſtete ſich Eliſabeth, und ſich das Leben nicht unnöthig ſchwer machen. Es bedurfte auch nur noch am folgenden Tage einer Landpartie mit Bonſaks, Stottenheim und andern Bekannten, und Eliſabeths fröhlicher Sinn hatte alles überwunden, ja auch endlich jede Spur von Abſicht im Benehmen ihres Mannes: er war ja ebenſo froh, die kleine Laſt vom Herzen los zu ſein. Dieſer erſten Partie folgten noch andere, die vierzehn Tage waren ſchnell vergangen, und Wina inſtruirte die Schweſtet, wie man ſich zu verhalten habe, um die Abreiſe hinaus zu ſchieben. Sie war feſt entſchloſſen ſich hier länger zu amüſiren. Mein Herz iſt wieder ganz ruhig, verſicherte ſie, ich ſehe, in welchem liebenswürdigen Kreiſe un⸗ ſere jungen Leute leben. Kadden iſt darin doch wenigſtens 29 vernünftig, daß er weiß, was zum Leben gehört; er weiß, nach der Arbeit und der Einförmigkeit des profanen häus⸗ lichen Lebens muß ſich das Gemüth wieder erheitern. Wenn er Eliſabeth auch im Hauſe viele ſchwere Stunden ſchafft, in angenehmer Geſellſchaft kann ſie es vergeſſen; die Män⸗ ner ſind einmal nicht anders.— Herr von Stottenheim iſt aber allerliebſt! unterbrach ſie Paula, mit einem ſolchen Mann würde unſere Eliſabeth glücklicher ſein.— Ja, er iſt ein vernünftiger und ein braver Mann, und ich habe ihm gern im Vertrauen Eliſabeths Glück, ſo zu ſagen, auf die Seele gebunden. Er ſoll vor allen Dingen Kadden in dieſe Geſelligkeit mehr hineinziehen. Stottenheim hofft das jetzt, da durch uns der gute Anfang gemacht iſt, und Eliſabeth ſich ſehr darin zu gefallen ſcheint. Der wohlthätige Einfluß ihres Beſuches durfte ſich aber nicht auf ſo kurze Zeit beſchränken, verſicherte Wina der Schweſter, und Eliſens Abſicht, mit ihrem Mann acht Tage das Logirſtübchen zu bewohnen, während deſſen die Tanten nach Woltheim überſiedeln ſollten, um dann nachher zuſammen zurückzureiſen, mußte durchaus vereitelt werden. — Fliſe will aber lieber hier logiren, machte Paula eine beſcheidene Einwendung.— Sie will und wir wollen, entgegnete Wina mit Rachdruck, wir ſind ſchon hier und ſind im Vortheil, bei ſoichen Gelegenheiten muß man nicht zu zartfühlend ſein, ich ſage immer: unverheiratheten Mäd⸗ chen wird gern viel geboten, man muß ſich aber nicht in die Ecken ſtoßen laſſen, man muß ſich wehren. 30 Am Abend, ehe Kühnemans erwartet wurden, theilte Wina ihrer Nichte mit großer Ruhe ihren Entſchluß mit. Wir ſind einmal hier, ſagte ſie, wer weiß, wann wir die Reiſe wieder machen. Deine Mutter wird ſie oft genug machen, ſie wird uns den Aufenthalt hier gern gönnen. Es wird auch ziemlich gleich ſein, ob ſie hier oder in Woltheim logirt, wir wollen ja täglich zuſammenkommen. — Der Vater aber, glaube ich, wünſcht es auch, entgeg⸗ nete Eliſabeth verlegen.— Dein Vater wird nicht ſo rückſichtslos ſein, uns hier verdrängen zu wollen, ſagte Wina belehrend.— Eliſabeth ſagte den Tanten mit ei⸗ nigen höflichen und verlegenen Redensarten gute Nacht, ſie war in dem Augenblick zu ſehr überraſcht, um Einwen⸗ dungen machen zu können. Sie ging gleich zu ihrem Mann, um ihm dieſe neue Verlegenheit mitzutheilen. Dieſer wollte erſt ärgerlich wer⸗ den, als er aber Eliſabeth ſelbſt ſo bedrückt und nachdenklich vor ſich ſah, beſann er ſich ſchnell. Wir wollen doch ſehen, ob ich Herr im eigenen Hauſe bin, ſagte er ſcherzend, ich verſichere Dich, liebes Lieschen, ich ſchaffe ſie Dir fort.— D, was könnteſt Du in der Art wohl nicht ausführen, entgegnete Eliſabeth mit freundlichem Vorwurf; aber be⸗ denke, Tante Wina!— O nein, ich will ganz höflich ſein, verſicherte er, ich will eine Geſandtſchaft an ſie abſchicken und zwar die liebenswürdigſte von der Welt. Du gehſt hin und ſagſt: Ich ſoll einen ſchönen Gruß beſtellen von meinem lieben Mann, und Sie möchten doch ſo gütig ſein 31 und morgen lieber nach Woltheim reiſen.— Aber Otto, — ſagte Eliſabeth lachend und zugleich kopfſchüttelnd.— Geht das nicht? fragte er. Nun ſo mache ſie freundlich darauf aufmerkſam, ſie würden ſich nicht mehr wohl fühlen hier, denn ich ſei nur ſo liebenswürdig gegen ſie geweſen in der Hoffnung ihrer baldigen Abreiſe. Allerdings eine Unvorſichtigkeit von mir, fügte er hinzu.— Das geht auch nicht! zürnte Eliſabeth.— Das geht auch nicht? fragte er freundlich.— Eliſabeth ſchüttelte ziemlich rathlos den Kopf.— Liebe Eliſabeth, nahm er jetzt ernſthaft das Wort, hierbleiben können ſie nicht, die verwandtſchaftlichen Pflichten haben wir erfüllt, und ich denke, ich habe meine Sache gut gemacht, ſetzte er lächelnd hinzu. Sie länger hier zu behalten, würde ich für ein Unrecht halten. Alſo ſage ihnen morgen früh wirklich, wir hätten uns Beide auf den Beſuch der Eltern gefreut und wünſchten, daß es bei der Verabredung bliebe.— Eliſabeth ſah ihn nach⸗ denklich an und nickte. Ja, ſo war es am beſten. Sie war auch mit den Tanten ſo bekannt, warum nicht auf⸗ richtig mit ihnen ſprechen?— Recht freundlich und liebens⸗ würdig wirſt Du dabei ſchon ſein müſſen, ſagte ihr Mann, — auch wenn Wina ſehr eifrig wird.— Eliſabeth nickte wieder, reichte ihm die Hand und ging mit einiger Furcht vor dem andern Morgen zur Ruhe. Der andere Morgen war wunderſchön, Eliſabeth hatte das Frühſtück in der Jasminlaube zurichten laſſen, die Tanten hatten mit wahrem Entzücken die Schönheit der 32 Natur und den guten belebenden Kaffee genoſſen, jetzt aber ſaßen ſie Eliſabeth gegenüber, mit heißen Wangen, und Wina beſonders mit funkelnden Augen. Eliſabeth hatte den ſchwierigen Auftrag mit vieler Ueberlegung und ebenſo viel Sanftmuth ausgeführt, und Tante Wina hatte ihr Erſtaunen und ihre Kränkung darüber in großer Erregtheit ausgeſprochen. Sie konnte aber immer noch nicht fertig werden. Dir mein Kind, ſagte ſie ſcharf, mache ich kei⸗ nen Vorwurf über dieſe unbegrenzte Rückſichtsloſigkeit, Du thuſt, was Dein Herr Gemahl befiehlt, und das iſt ja recht, obgleich ich von Deiner Liebe und Dankbarkeit er⸗ warten konnte, Du hätteſt uns dieſen Kummer erſpart, ſollte es auch mit einigen ſchweren Stunden Deinem Mann gegenüber erkauft ſein. Du haſt mir auch ſchwere Stun⸗ den gemacht, mein Kind, jahrelang, meine Liebe hat keine Mühe und Arbeit geſcheut. Jetzt folgte eine Schilderung der vergangenen Zeiten.— Eliſabeth ließ dies Alles ſchweigend über ſich ergehen, ſie hatte ihre Gründe in Freundlichkeit erſchöpft und wußte, daß es der Tante eine Erleichterung und ein Troſt ſei, bei ſolchen Gelegenheiten ihr ſehr edeles inneres Leben aufdecken zu können. Beide Damen gingen dann in ihr Zimmer, um zu packen,— gegen Mittag wurden die neuen Gäſte erwar⸗ tet,— und Wina mußte, nachdem ſie der Nichte ihre ede⸗ len Gefühle mitgetheilt, der Schweſter auch den gerechten Zorn ausſchütten. Nie wollte ſie dieſes Haus wieder betre⸗ 33 ten, wo Roheit und Tyrannei den Seepter führen: das war ungefähr das Reſultat ihrer Gerechtigkeit, und Paula bat nur um Faſſung für den Abſchied. Als beide, nachdem ſie ſo lange als möglich im eige⸗ nen Zimmer geblieben, wieder im Wohnzimmer erſchienen, wurden ſie von Eliſabeth recht herzlich empfangen, und die Unterhaltung ſchleppte ſich leidlich hin, bis Herr von Kad⸗ den erſchien. Es war ein unerträglich heißer Tag, er warf ſich in die Sofaecke, legte zuweilen die Hand an die Schläfe, ein Zeichen, daß er Kopfweh hatte. Es war ihm eine große Ueberwindung, hier bei den wortkargen Damen zu ſitzen, er blieb, um ein höflicher Wirth zu ſein, aber war eben ſo wortkarg als ſie, ſo daß Eliſabeth, die von dem fatalen Morgen ebenfalls angegriffen war und recht auf ſeine Unterhaltung jetzt gerechnet hatte, ſich über ihn ärgerte. Hätten ſie nicht alle vier ſelbſt mitgeſpielt, hät⸗ ten ſie dies Zuſammenſein recht komiſch finden müſſen; ſie fanden es aber alle höchſt unangenehm, und es war ein rechtes Glück, daß Stottenheim erſchien. Er hatte von dem Freunde erſt jetzt die überraſchende Nachricht von der Abreiſe der Damen gehört, er mußte ſich ihnen empfehlen. Beide Tanten erkannten dieſe Aufmerkſamkeit mit Rührung an, Wina wurde ſehr geſprächig und zwar nicht ganz ohne einige Seitenhiebe und Blitze auf die beiden Verbrecher, die neben ihr ſaßen. Du biſt wohl etwas übeler Laune heute? wandte ſich Stottenheim nach einiger Zeit zu ſeinem Freunde.— Ich Elſabeth. I.. 3 34 habe Kopfweh, war deſſen kurze Antwort.— Geſtehe es nur, Du haſt Dich über dieſen brutal dummen Men⸗ ſchen geärgert, fuhr Stottenheim fort. Dann zu den Da⸗ men gerichtet, ſchilderte er das Schwere des Soldatenſtan⸗ des, immerfort mit ſo rohen und beſchränkten Menſchen verkehren zu müſſen.— Doppelt ehrenwerth, wenn man von der Roheit nicht angeſteckt wird, verſicherte Wina mit einer höflichen Verbeugung.— Ich wollte aber doch nicht wünſchen, immer von zartfühlenden Damen belauſcht zu werden, lachte Stottenheim, die Galle geht einem oft ge⸗ nug über. Der Menſch verſtand Dich heute auch erſt, wandte er ſich zu Kadden, als Du ihn mit einigen ver⸗ dienten Ehrentiteln regalirteſt.— Du haſt doch nicht ge⸗ ſchimpft? fragte Eliſabeth ſchnell.— In Herrn von Kad⸗ dens Geſicht war eine unangenehme Bewegung zu bemerken, er ſchwieg aber.— Das iſt doch ſchrecklich! begann Eli⸗ ſabeth. Da legte er ſeine Hand auf ihren Mund und ſagte ernſt: Laß das Eliſabeth, Du verſtehſt das nicht. — Eliſabeth ſchwieg und ſchaute erröthend auf ihre Ar⸗ beit. Wina ſchoß Pfeile auf den Barbaren, und Stotten⸗ heim ſagte lachend: Du biſt doch ein ungalanter Mann. Aber Sie können es glauben, meine Damen, verſicherte er, es geht nicht anders. Er führte die Unterhaltung in fließender Weiſe weiter, und Eliſabeth, die ihres Mannes Unart heute ſehr ſchwer nahm, verließ das Zimmer und ging, um nach dem Mittagseſſen für die Eltern zu ſehen. Als einige Minuten ſpäter auch ihr Mann das Zim⸗ 35 mer verlaſſen hatte, konnte ſich Wina nicht mehr halten, ihr verſtändiger braver Freund Stottenheim mußte an dem Weh, das ihre Seele verzehrte, theilnehmen. Arme junge Frau! begann ſie ſeufzend, haben Sie geſehen, wie ſie mit den Thränen kämpfte? Und er?— er iſt zu ſeinen Pferden gegangen. Sie verſicherte nun, daß ſie dieſes Haus gern verlaſſe, weil man ſich dem Manne gegenüber immer in der Spannung eines nahenden Unglücks befinde. Stottenheim vertheidigte den Freund wieder aufrichtig, aber beide kamen darin überein, dem jungen Paare ſei nur durch einen paſſenden Umgang, eine angenehme Geſelligkeit zu helfen. Um Gottes Willen durften ſie nicht einſeitigen, düſtern und das Leben ganz und gar mißverſtehenden Men⸗ ſchen in die Hände fallen.— Leider kam Kadden zu ſchnell zurück, Wina hätte gern noch länger mit Herrn von Stottenheim das Glück ihrer Schützlinge arrangirt. Zu gleicher Zeit fuhren aber auch die lieben Gäſte vor, und von der Unruhe der Ankunft und des Begrüßens wur⸗ den alle verſchiedenen Stimmungen überwältigt. Eliſabeth umarmte die Mutter mit Thränen, Eliſe ſah ſie beſorgt an, aber es waren wohl nur Freudenthrä⸗ nen, Eliſabeth umarmte die Geſchwiſter trotz der Thränen ſo glücklich, Charlottchen wollte ſie gar die Treppe hin⸗ auftragen, wollte ſie nicht aus den Armen laſſen. Wäh⸗ ren die Koffer der Eltern von den Wagen genommen und die der Tanten aufgepackt wurden, beſchloſſen die Eltern auf Eliſabeths Wunſch, daß alle Kinder für jetzt hier blei⸗ 3* 36 ben ſollten. Die drei älteſten, die eigentlich mit den Tan⸗ ten nach Woltheim geſollt, konnten den Abend recht gut zu Fuß dahingehen. Eliſabeth mußte heute alle Geſchwi⸗ ſter um ſich haben, ſie mußte ihnen ihr warmes Herz aus⸗ ſchütten, und der Jubel und die Freude und Liebe der Kinder entzückte ſie zu ſehr. Es war für die Stadtkinder aber auch eine Luſt, ſich herumzutummeln im Garten, in der ſchattigen Laube Kaffee zu trinken, und auch weiter zu wandeln durch die Hecke über den Weg nach dem Grasrain. Sie pflückten Feld⸗ blumen, machten Kränze und Sträußchen, Eliſabeth, ihre allerliebſte Schweſter, immer glücklich mit ihnen. Als ſie Charlottchen eben einen Kranz auf die Locken ſetzte, trat ihr Mann zu ihr, er freute ſich herzlich ihres Glückes und ahnete kaum, daß er ihr heute wehe gethan. Liebe Eli⸗ ſabeth, daß Du doch ſo warm lieben kannſt! ſagte er freundlich; aber mich mußt Du doch immer am meiſten lieb haben, ſonſt werde ich traurig.— Sie ſah ihn freundlich an, und es fiel ihr jetzt erſt ein, daß ſie ſich den ganzen Tag um ihn nicht bekümmert hatte. Sie hatte kein Verlangen danach gehabt, in ihrer beleidigten Stim⸗ mung vom Morgen war es ihr eine Genugthuung, ſich in den Geſchwiſtern befriedigt zu fühlen und ihm das zu zeigen. Als er jetzt ſo freundlich bittend vor ihr ſtand, ſchämte ſie ſich ein wenig und die Stimmung vom Mor⸗ gen war darüber vergeſſen, ſie mußte ihm ganz warm und beweglich in die Augen ſchauen. Sich über die wechſelnden 37 Stimmungen des Tages auszuſprechen, hatte ſie auch kein Verlangen, ſie wollte ſich nicht damit beunruhigen, ſie hatte erfahren, daß es bei ſolchen Gelegenheiten auch ohne Ausſprechen geht. Die nächſte Woche war ſchnell vergangen, aber an⸗ ders als die beiden erſten. Die Gäſte verlangten nach keinen Landpartien und Viſiten mit den Braunhäuſern, ſie waren fortwährend wunderſchön unterhalten, der Verkehr mit Woltheim war die einzig gewünſchte Abwechslung. Die beiden Tanten waren immer dazwiſchen, der Geheimrath, der gleich am erſten Tage von Eliſabeths Kampf mit ihnen gehört, hatte lachend geſagt: Man muß ihnen nichts übel nehmen und Geduld mit ihnen haben. In dieſem Sinne wurden ſie auch freundlich und rückſichtsvoll von allen be⸗ handelt. Auf der Rückreiſe, ſo war es längſt beſchloſſen, wollte die ganze Verwandtſchaft Emilien den erſten Beſuch machen, ſie wollten mit dem Frühzug fahren und am Abend ein jeder nach ſeiner Heimath zurückkehren. Von den beiden Tanten nahm man an, da ſie mit Emilien nie befreundet waren, ſie würden gleich nach Berlin durchfahren, aber Wina dachte erſtens nicht daran, ſich von dieſem länd⸗ lichen Vergnügen ausſchließen zu laſſen, und außerdem hatte ſie noch höhere Pflichten zu erfüllen. Emilie, die einzige in der Familie, die mit ihr das richtige Urtheil über Kad⸗ den hatte, mußte von ihren traurigen Erfahrungen in dem jungen Haushalt hören. 38 Ein ſchöner Tag begünſtigte den Beſuch und erlaubte den lieben Gäſten, da das Pfarrhaus nicht Raum hatte für alle, ſich im Garten und im anſtoßenden einſamen Kirchhof zu zerſtreuen. Eniliens erſte Frage an Wina war ganz natürlich: Sie ſind känger bei Eliſabeth gewe⸗ ſen? Wina bejahte nur kurz, weil Leute in der Nähe ſtanden, ſie zuckte aber zugleich die Achſeln und ſchaute hinauf zum Himmel. Die Verſuchung war für Emilien zu groß, ſehr kurz darauf hatte ſie es eingerichtet, mit Wina und ihrem Mann allein zu ſein, ja, er ſollte die Rachrichten von Wina ſelbſt hören, nicht erſt von ihr. Hat es Ihnen in Braunhauſen nicht gefallen? fragte Emilie gleich ganz offenherzig. Wina holte tief Athem, zuckte die Achſeln und ſchilderte nun, zwar nur die erleb⸗ ten Dinge, aber mit Zornes Eifer, die Roheit des Gat⸗ ten und die verborgenen Thränen der Frau.— Eliſabeth iſt aber gewiß auch daran Schuld, unterbrach ſie Emilie.— Sie kennen Eliſabeths Fehler, fuhr Wina fort, ich habe mich vergebens bemüht ſie ihr abzugewöhnen, und ſie ſind freilich bei des Mannes Eigenſchaften Zunder zum Feuer. Daran knüpfte ſie auf ihre Weiſe eine Abhandlung, wie ſolch ein häusliches Unglück nur durch eine angenehme Ge⸗ ſelligkeit zu ertragen ſei, und in dieſer einzigen Hinſicht habe Kadden vernünftige Anſichten, da er ſich einem ſehr liebenswürdigen Kreiſe angeſchlöſſen. Emilie ließ ſich über den letzten Punkt nicht weiter ein und war überhaupt ſehr vorſichtig mit ihren Aeußerungen; 39 als aber die Gäſte das Pfarrhaus verlaſſen hatten, mußte ihr Mann, und zwar nicht zu ſeiner Freude, Emiliens Betrachtungen über Eliſabeth und ihre wundervolle Liebe mit anhören. Sie hatte es alles voraus geſehen, aber freilich ſo ſchnell die Erfüllung nicht befürchtet. Schlöſſer konnte dieſes Mal wenig ſagen, da ſeine Beobachtungen ſelbſt nicht befriedigend geweſen. Kadden hatte ein freund⸗ liches Zwiegeſpräch, wie er es vor ſeiner Verheirathung gern hatte, mit ihm nicht geſucht, und Eliſabeth, obgleich ſie freundlich mit ihrem Manne war, ſchien mit dem Ab⸗ ſchied von ihren kleinen Geſchwiſtern faſt zu ſehr beſchäftigt. So ging denn von heute aus ein Flüſtern durch die Familie, ganz leiſe von Ohr zu Ohr, nur Eliſen erreichte es nicht, wohl aber die Großmama, und das gute Groß⸗ mutterherz mußte wieder ſorgen und mußte ſich tröſten laſ⸗ ſen, daß der Herr ja die Seinen oft wunderlich führte. 21. Nothwendige Geſelligkeit. Es war an einem ſtillen Novembertag, die Sonne brach zuweilen mit ihrem bleichen Schein durch eine dünne Wolkendecke, da fuhren die alten Schimmel in Braun⸗ hauſen vor. Eliſabeth eilte fteudig hinab, ja es war die gute Großmama. Weil die Enkelin bei ſchlechtem Weg und ſchlechtem Wetter ſeit Wochen nicht zu ihr kommen konnte, mußte ſie ſelbſt kommen. Eliſabeth war Mittag allein geweſen, ihr Mann hatte mit fremden Offizieren eſſen müſſen, ſie konnte ihn auch erſt gegen Abend zurückerwar⸗ ten, darum war ihr der Beſuch doppelt lieb. Das Groß⸗ mutterherz, das, ſeitdem das Flüſtern in der Familie an⸗ gefangen, nur immer mit Beſorgniß Eliſabeth wiederbegeg⸗ nete, dankte dem Herrn, als ſie die Augen der jungen Frau ſo fröhlich und harmlos leuchten ſah. Du weißt, wir haben das Kränzchen doch angefan⸗ gen, begann Eliſabeth, als ſie mit der Großmama Kaffee trank, etwas zagend, aber doch mit guter Zuverſicht.— Ja, leider habe ich es gehört, entgegnete die Großmama, ich wünſchte Euch anderen Umgang.— Aber es geht wirklich nicht anders, verſicherte Eliſabeth, Otto würde ſich mit ſeinen Oberen verfeinden, wir wiſſen, daß er ſchon ſcharf beobachtet wird.— Er thut aber nichts Unrechtes, unterbrach ſie die Großmama.— Unſere Rich⸗ 41 tung ſchon iſt ihnen Unrecht genug, fuhr Eliſabeth eifrig fort; denke Dir, wenn wir uns von dieſem Kreiſe ganz zurückziehen wollten, wie auffallend wäre das. Nein, Otto würde zu viel Unannehmlichkeiten davon haben. Uebrigens, liebe Großmama, fügte ſie noch zuverſichtlicher hinzu, iſt wirklich für uns keine Gefahr dabei, wir ſtehen doch wirklich darüber, wir thuen es nur der Rückſichten wegen, die mein Mann ſeiner Stellung ſchuldig iſt.— Weißt Du noch Deine Stimmung, als Du zum erſten⸗ mal mit uns bei Bonſaks wareſt? fragte die Großmama. — Ich denke auch noch eben ſo, verſicherte Eliſabeth, nur meine Stellung iſt anders, ich habe Muth, den Mädchen und Frauen dort entgegen zu treten, und hoffe ſogar Gu⸗ tes zu wirken.— Darin täuſcheſt Du Dich, liebes Kind, ſagte die Großmama ſanft, bitte nur den Herrn, daß Du nicht Schaden leideſt. Die Großmama brach dieſes Thema ab, weil ſie es ſcheute, durch ein heftiges Eingreifen Eliſabeths Vertrauen zu erſchüttern; indirekt verſtand ſie weit beſſer zu reden, und zu Eliſabeths höchſtem Entzücken erzählte ſie ihr bald von dem eigenen jungen Haushalt vor beinahe 50 Jah⸗ ren. Als Mädchen denkt man doch, ſagte die Großmama, daß mit der Verlobung und mit der Heirath das Lebens⸗ glück fertig iſt und gar nichts weiter fehlen könne.— Ach ja, ſagte Eliſabeth, ich habe es auch gedacht, aber das Leben wird dann erſt ernſt, man erlebt dann erſt etwas.— Und ehe wir den Ernſt des Lebens nicht mit 42 zum Glück rechnen, kann auch von keinem Glück die Rede ſein.— FEliſabeth nickte.— Und ehe wir Frauen all unſer Sorgen und Schaffen im Haushalt, die geringſte Arbeit, die uns obliegt, nicht in einem poetiſchen Lichte ſehen, das heißt in dem einen Gedanken, daß auch dieſe kleinen Mühen und Arbeiten zu unſerem Berufe gehören, zu dem ſehr ſchönen Berufe einer ſtillen, frommen, chriſt⸗ lichen Hausfrau, eher werden dieſe Arbeiten uns nicht ſüß. Ja, das liebliche Bild einer ſolchen Hausfrau muß uns Schritt vor Schritt begleiten in Küche und Keller und an den Arbeitskorb. Solch lieblich Bild mit des Herrn Hülfe zu verwirklichen, zu ſorgen für Mann und Kind, iſt des Herzens Luſt und Befriedigung, und äußere Zerſtreuungen, große Geſelligkeit, alle Dinge, die viele Frauen meinen ſich nach ihren alltäglichen Hausfrauenar⸗ beiten ſchuldig zu ſein, werden einer ſo ſelig befriedigten Frau zur Laſt. Als eine ſolche Hausfrau wird es ihr auch am leichteſten, ihre Liebe treu zu bewahren, auf die⸗ ſem guten Grunde finden weder Langeweile„ noch Eigen⸗ finn und üble Laune Gedeihen. Eine Frau, die ſchon ihr Schaffen in der Speiſekammer und vor Kiſten und Körben in einem ſolchen Sinne auffaßt, wird wohl auch ihre Liebe zart und lieblich in der Seele feſthalten. Eine Frau, die in und mit dem ihr vom Herrn gegebenen hei⸗ ligen Hausfrauenberuf ſich in aller Demuth und Ein⸗ falt ſelig in den Himmel hineinleben will, wird ihre Liebe, den Sonnenſchein ihres Hausfrauenlebens, nicht 43 ſorglos daran geben. Arme Frauen, die ohne dieſe Sonne leben müſſen, können wohl die ewige Sonne hinter den Wolken ſchauen und den Himmel über ſich haben, aber es fehlen die Blumen in ihrem Leben, die einem Frauenher⸗ zen ſo nothwendig ſind, und die nur im Sonnenſchein der Liebe gedeihen. Fliſabeth hörte aufmerſam zu, es ward in ihrem Gewiſſen unruhig. Das Bild einer ſtillen, frommen, chriſtlichen Hausfrau hatte ihre Seele noch nicht einge⸗ nommen, die Haushaltsarbeiten machten ihr auch noch ſehr viel Vergnügen, aber doch nur wechſelnd, und ſie hatte ſchon öfters, wenn ſie des Morgens vielerlei vor⸗ genommen, ihrem Mann das ſcherzend vorgezählt und ihn aufgefordert, ſie den Nachmittag dafür beſonders zu amü⸗ ſiren. Ja ſie hatte auch ſchon oft Langeweile gehabt, weil ſie von anderen jungen Frauen den klugen Rath an⸗ genommen, doch lieber für wenige Groſchen öfters eine Näherin zu nehmen, als ſich zu quälen. Daß dieſe Ar⸗ beiten keine Qual, ſondern ein vom Herrn verliehener Beruf ſeien, an dem ſie ſich in Demuth ſelig arbeiten könne, hatte ſie nicht überlegt. Sie hatte ganz ohne Noth die Arbeit abgegeben, hatte dann Langeweile gehabt, ſich nach Zerſtreuung geſehnt und gedacht: wie ſoll es mit der Zeit werden, wenn die Gewohnheit allen Reiz von meinem kleinen Haushalten genommen? Dann hatte ſie aber auch weiter denken müſſen mit deiner Liebe kann 24 es wohl auch nicht ſo bleiben, die Gewohnheit iſt ein ent⸗ ſetzliches Ding. Liebe Großmama, ſagte Eliſabeth leiſe, ich muß noch ganz anders werden.— Die Großmama ſah ihr liebes Kind freundlich an.— Ich weiß nicht, wie es kömmt, fuhr Eliſabeth fort, daß ich nur immer ſo in die Welt hineinleben muß, ich möchte doch auch eine ſolche Haus⸗ frau ſein, aber in der Wirklichkeit vergeſſe ich es. In dem Augenblick trat Herr von Kadden ein. Er war ſehr überraſcht und erfreut über den lieben Beſuch, ſeine Liebe zur Großmama war ungeſtört und unverän⸗ dert. Er ſetzte ſich zu Eliſabeth, und ſie ſagte nach ei⸗ ner Pauſe: Weißt Du, Otto, von der Großmama habe ich eben gehört, daß ich gar nicht bin, wie ich ſein möchte. — Er ſah ſie ftagend an.— Ich bin wirklich ſchon langweilig geweſen und oft übler Laune, fügte ſie ſeufzend hinzu.— Man darf auch zu Zeiten üble Laune ha⸗ ben, tröſtete die Großmama, man iſt nicht immer friſch und ſtark, und neben das Bild einer lieben Hausfrau möchte ich das eines lieben Hausherrn ſtellen, der gern einmal Geduld hat mit unſern übeln Launen. Freilich müſſen wir ihm die Geduld vergelten, wozu uns Gele⸗ genheit oft genug wird. Männer können keinen Schnupfen vertragen, verſicherte ſie ſcherzend.— An Schnupfen leide ich nie, entgegnete Kadden ebenſo.— Aber an Kopf⸗ weh, fügte Eliſabeth hinzu.— Der Schluß und die Hauptſache von allem guten Rath bleibt doch der, den 45 ich Euch ſchon oft geſagt habe, nahm die Großmama das Wort, und den es mich nicht verdrießen wird zu wieder⸗ holen, ſo lange ich hier mit Euch walle: wollt Ihr im⸗ mer guter Laune ſein und Geduld und Liebe üben, ſo müßt Ihr den Frieden in der Seele haben, der da höher iſt denn alle Vernunft. Volles Genügen müßt Ihr in dieſem Frieden haben, dann gedeihet die Liebe von ſelbſt. Habt Ihr den nicht, ſo wird ſie vom Sturmwind des Unfriedens, den die Welt giebt, zerwehet, wenn dieſer Sturmwind auch mit dem leiſeſten Säuſeln anhebt, als mit Rückſichten der Geſelligkeit, nothwendiger Gunſt hoch⸗ geſtellter Leute, Scheu vor Bekannten, die anders als wir denken, kleinen Verlegenheiten darüber. Und nun, ſchloß die Großmama herzlich, nehmt mir nichts für ungut, ich habe Euch beide herzlich lieb und möchte Euch vor allem Unebel bewahren.— Um ihnen jede Antwort zu erſparen, rüſtete ſie ſich ſchnell zum Abſchied, die Schimmel waren auch ſchon vorgefahren. Denſelben Abend mußte das junge Paar zu Bon⸗ ſaks. Nach dem lieben großmütterlichen Geſpräch war Eliſabeth etwas beklommen, als ſie in die erleuchteten Zimmer trat. Es waren außer den gewöhnlichen Kränz⸗ chen⸗Mitgliedern heute noch Gäſte geladen und die Ge⸗ ſellſchaft ſehr zahlteich. Eliſabeth wurde von den jungen Mädchen und jungen Frauen, wie gewöhnlich, ſogleich in Beſchlag genommen. Fräulein Amalie Keller, mit den hellblauen klugen Augen, war noch immer in dieſem Kreiſe 46 der Mittelpunkt, zwei Jahre hatte ſie nun wieder Bilder arrangirt und franzöſiſche und deutſche Luſtſpiele geſpielt, immer ohne Erfolg, ihr Herz war einſam und bei jeder neuen Erſcheinung dachte ſie ungeduldig: ſollte es der wohl ſein? Adolfine dagegen war von allen Seiten ge⸗ feiert und erſchien ſtets im Bewußtſein ihres Sieges, zu⸗ weilen ſchien es auch, als ob ihr Herz ſich entſchieden habe, aber man gab nicht viel darauf, weil ſie noch nie beſtändig war. Auch jetzt war ſie mit einem hübſchen, aber wenig gelobten jungen Mann beſchäftigt, aber weder ihre Eltern noch ihre Schweſtern ſchienen ſich darüber zu beunruhigen. Heute ſpielen wir Geſellſchaftsſpiele, beſtimmte Adol⸗ ſine; liebe Frau von Bandow! Sie ſorgen dafür, daß etwas Leben in die Sache kömmt!— Die angeredete Dame antwortete nur mit einem gewiſſen Lächeln, Adol⸗ ſine war zufrieden damit. Sie verſtanden ſich beide ſehr gut. Frau von Bandow war eine leichtfertige gewöhn⸗ liche Frau, die ſchon manchem jungen Herzen eine ge⸗ wiſſenloſe Leiterin geworden. In ihrem todten leeren Herzen war von Liebe zu ihrem Mann nicht mehr die Rede, ſie amüſirte ſich darum an allerhand kleinen In⸗ triguen, beſonders aber ſpielte ſie gern die Hehlerin und Helferin interreſſanter Herzensſachen.— Sie arrangirte jetzt die Plätze an dem runden Tiſch. Adolfinen zum Nachbar beſtimmte ſie mit größter Unbefangenheit den Referendar Maier, Adolfinens Liebling. Den Platz an 47 der anderen Seite der Freundin nahm ſie ſelbſt ein. Adolfinens Schweſtern, Eliſabeth, Amalie, noch ein ver⸗ heirathetes jüngeres Paar, ihr Mann und einige junge Herren mußten ſich in bunter Reihe ſetzen. Herr von Kadden, als er aufgefordert wurde mit zu ſpielen, bat noch um Urlaub, er war gerade mit einem alten Juſtiz⸗ rath, einem leidenſchaftlichen Muſiker, der deswegen auch nicht am Spieltiſch ſaß, in ein muſikaliſches Geſpräch vertieſt. Eliſabeth, die ſich heute beſonders einſam und verloren in dieſer Geſellſchaft vorkam, ſchaute zuweilen ſehnend nach ihrem Gemahl, er ſchien ſie auch zu verſtehen, er war mit dem Juſtizrath ihr ganz nahe getreten. Es wurden jetzt weiße Papierzettel ausgetheilt, ein Jeder ſollte vier Endworte aufſchreiben, die Zettel wurden dann wieder gemiſcht und vertheilt, und nachdem ein Je⸗ der zu den ihm gewordenen Endworten den Vers gemacht, werden die Zettel wieder gemiſcht und vorgeleſen. Eliſa⸗ beth hatte die Worte geſchrieben:„Frieden— hienieden — ſchicken— beglücken.“ Sie hätte auch ein Verschen dazu machen wollen, und war neugierig, wie es von an⸗ dern würde angewendet werden. Unter Scherzen und Lachen waren die Gedichte gemacht, Stottenheim begann vorzuleſen: Wenn mit jungen Roſen, Frühlingslüfte koſen, Denk ich an der Jugend Frühlings⸗Glück, Nimmer, nimmer kehrt es mir zurück. 48 Fräulein Keller! rief Frau von Bandow hämiſch,— ſie ſtand ſich mit Amalien nicht gut.— Rein, Stottenheim hat das gemacht, verſicherte einer von den Herrn, er liebt ſolche Elegien.— Die Forſchungen dürfen nie zu tief gehen, beſtimmte Stottenheim und las ſchnell weiter: Was frag ich nach langweilgem Frieden, Ich will Bewegung und Genuß hienieden, Das Eine will ſich nicht für Alle ſchicken, Ich will durch Lieb und Luſt mich ſelbſt beglücken. Adolfine! hieß es allgemein. Das nenne ich mir ei⸗ nen Kraftſpruch, lachte Frau von Bandow. Adolfine ſchaute keck und ſtolz um ſich.— Nachdem einige ſehr gemüthliche Sachen vorgeleſen waren und darüber hinlänglich geſcherzt war, begann Herr von Stottenheim von Neuem: Langeweile, nur nicht Langeweile haben! Drum benutze Jeder ſeine Gaben, Kühn des Lebens Frohſinn zu erfaſſen; Geht's nicht mehr, muß ers von ſelber laſſen. Frau von Bandow's herrliche Lebensanſichten, bemerkte Amalie kalt.— Jedenfalls das Beſte, was man thun kann! verſicherte Maier.— Wenn das Ende nur nicht zu traurig wäre, fügte einer von den anderen Herren hinzu. Ein großer Theil der Geſellſchaft, beſonders Amalie und Adolfinens Schweſtern, ſtimmten ihm bei, die Uebrigen er⸗ klärten ſich für Frau von Bandow, Stottenheim ſuchte zu vermitteln, war aber augenſcheinlich auf der ſoliden Seite. Kadden hatte trotz ſeiner Unterhaltung Alles mit an⸗ gehört, er war unwillkürlich näher an Eliſabeth getreten, er fühlte heute eine gewiſſe Unruhe, daß er ſie in eine Ge⸗ 49 ſellſchaft geführt hatte, wo überhaupt über ſolche gewiſſen⸗ loſe Anſichten nicht ein allgemeines verdammendes Urtheil gefällt wurde. Stottenheim las jetzt das Folgende: Wer doch hätt' ein reines feſtes Herz, Das nicht quält der Reue herber Schmerz! Das allein kann dieſem armen Leben Glück und Freud und ſelgen Frieden geben. Ein allgemeines Schweigen erfolgte. Adolfine rückte un⸗ willkürlich etwas von Maier zurück und Frau von Bandow, die eben daran war, beiden einen neckenden Spruch zuzuſchie⸗ ben, hielt ihn unwillkürlich zurück.— Wer unter uns iſt dieſer Paſtor? fragte Herr von Bandow zuerſt. 4 la bonne heure, dieſer Spruch iſt der Beſte von allen! ver⸗ ſicherte Stottenheim.— Die Mädchen und Frauen, außer Adolfine und Frau von Bandow, ſtimmten ein, auch einige Herren ſchickten ſich an, die Worte nach ihrem Sinne zu deuten, es entſtand ein lebhafter Disput. Ob man das Leben ernſt oder fröhlich nehmen müſſe, war der Gegen⸗ ſtand. Die Confuſion und Verwirrung der Gemüther, die hierbei zum Vorſchein kam, war unbeſchreiblich. Einer nannte Rechtſchaffenheit und ein gutes Gewiſſen allerdings die Grundlage des Glücks; wieder einer redete über Tu⸗ gend und allgemeine Menſchenliebe; der eine lobte einen ernſten, der andere einen leichten Sinn. Frau von Ban⸗ dow mit ihrer großen Rednergabe ließ ſich aber nicht vom Kampfplatz bringen. Sie pries es die höchſte Lebenskunſt, das Leben zu nehmen, wie es einmal iſt, und es immer mit den lichteſten Farben zu ſchmücken, natürlich alles ohne Eliſabeth. 1I. 4 50 Unrecht zu thun, das verſtand ſich von ſelbſt. Sie, meine liebe junge Frau, wandte ſie ſich zu Eliſabeth, werden auch vald genug vom Schrecken aller Schrecken, von der Langen⸗ weile überraſcht werden, wenn ſie fortfahren, in ſo einſeiti⸗ gen, düſtern Lebensanſichten ſich zu vertiefen, ſelbſt ihren Mann haben Sie auf dem Gewiſſen, der iſt ganz und gar ver⸗ ändert in der letzten Zeit.— So gefällt er mir gerade, verſicherte Eliſabeth.— Das wird ſich ändern, neckte Frau von Bandow, er wird Ihnen fürchterlich langweilig werden, und Sie ihm desgleichen. Sie ſind jung und ſchön, Sie müſſen mit der Jugend luſtig ſein.— Das würde aber meinem Mann nicht gefallen, warf Eliſabeth zuverſichtlich ein.— Deſto beſſer, ſo wird er etwas eiferſüchtig, neckte Frau von Bandow weiter, und nichts iſt unterhaltender.— Das möchte Kadden ſehr übel nehmen, verſicherte Stotten⸗ heim lachend.— Gut, ſo duellirt er ſich wegen ſeiner Frau, das wäre erſt recht intereſſant, verſicherte Adolfine. — Nein, ſo ernſthaft ſoll es nicht werden, fuhr Frau von Bandow leichtfertig fort, er darf ſie höchſtens auch wieder eiferſüchtig machen.— Liebſte Bandow, reden Sie nicht ſo! warnte die andere junge Frau, die zu den Spielenden gehörte.— Warum ſollten wir uns denn gegenſeitig pla⸗ gen? fragte Eliſabeth noch mit ziemlicher Courage.— Weil es einmal nicht anders geht, ſiel Frau von Bandow ein, es iſt ſchon eine unangenehme Ueberraſchung, wenn der Herr Gemahl anfängt, mit jungen Damen lieber zu tanzen, als mit uns Frauen, und doch iſt nichts natür⸗ licher und einfacher, wir tanzen ja auch gern einmal mit anderen Herren.— Wir tanzen aber gar nicht, verſicherte Eliſabeth, wenn wir nicht zuſammen tanzen.— O ſchöne, heilige Gelübde der Flitterwochen! lachte Frau von Ban⸗ dow; wir wollen uns künſtigen Winter wieder ſprechen.— Das wollen wir, ſagte Eliſabeth mit zitternder Stimme. — Da beugte ſich ihr Mann zu ihr, er reichte ihr ſo hübſch ruhig und ernſt die Hand, als wollte er ſagen: Ich bin hier, Dein lieber Gemahl, bei Dir mit ſeinem Schutz und ſeiner Treue. Allen war dieſes einfache, ruhige Thun ganz verſtändlich, ſelbſt Frau von Bandow ſah mit Verwunderung auf den hübſchen ernſten Mann, der ihre Leichtfertigkeiten nicht zu ſchätzen wußte. Eliſabeth fühlte es plötzlich ſo ſeltſam heiß am Her⸗ zen und dunkel vor den Augen, daß ſie ſchnell aufſtand. Amalie, ihre nächſte Nachbarin, ſah ſie bleich werden und ſtand mit ihr auf. Ich gehe mit Ihnen, ſagte ſie, es iſt auch wirklich nicht mit anzuhören.— Kadden ſah Cliſa⸗ beth theilnehmend und forſchend an, ſie hielt ihn aber leiſe zurück, als er ihr folgen wollte, und ſetzte ſich mit Ama⸗ lien hinter ein Efeugitter, während am großen Tiſche die Unterhaltung ihren Fortgang hatte. Sie ſind eine gottloſe, abſcheuliche Frau, begann Stottenheim zu Frau von Bandow gewandt, wie können ſie andere Menſchen nur ſo plagen. Ein äußerſt zartes Kind, flüſterte Frau von Bandow. Die liebe Frau iſt etwas nervös, flüſterte Stottenheim ganz väterlich, aber 4* 52 ich kenne ſie genug, ich bin ja ſo oft bei Faddens, es iſt eine herrliche, charmante Frau. Wie kömmt denn dieſer Engel aber dazu, ſich ein reines Herz zu wünſchen und von herber Reue zu reden? fragte Frau von Bandow ſpöt⸗ tiſch. Weil ſie das Leben zu gewiſſenhaft nimmt, ſiel Stottenheim ein. Sie macht ſich, fuhr Frau von Bandow fort, Vorwürfe, wenn ſie auch einmal lachen muß, wozu ſie eigentlich die beſten Anlagen hat,— die arme Frau! Ihre Zuhörer, beſonders Adolfine lachten mit ihr, darauf wurden noch in Eil einige Zettel vorgeleſen, bis man zu Tiſche ging. Eliſabeth war bald wieder ſtark und wohl auf, aber ſie blieb ernſt den ganzen Abend, ſie mußte immer an die Großmama denken, an das Bild einer edlen chriſtlichen Frau, und dann Frau von Bandow und Adolfinen dagegen halten. Aber auch ihren Hausherrn ſtellte ſie prüfend ne⸗ ben die übrigen Herren. Um recht ſicher zu ſein, daß er wirklich ihr eigen ſei, legte ſie die linke Hand feſt auf den Trauring.— Ja, wenn er noch ſo heftig iſt und wenn du ſehr viel Geduld haben mußt, dachte ſie, und wenn er dich nie mehr ſo lieb haben könnte, als dein Herz es wünſcht, ſo iſt er doch dein lieber getreuer Hausherr und du willſt dich in deinem ſeligen Beruf als eine ſtille, fromme, chriſtliche Hausfrau in den Himmel hineinleben. Als ſie den Abend noch allein nach der Geſellſchaft zuſammen auf waren, konnte Eliſabeth den Eindruck von Frau von Bandows Reckereien, den Geſprächen der Groß⸗ 53 mama gegenüber, nicht vergeſſen. Ich habe doch nie daran gedacht, ſagte ſie zu ihrem Mann, daß ich eiferſüchtig ſein könnte.— Er ſah ihr in die offnen hübſchen Augen und ſagte lächelnd: Ich bin eiferſüchtig geweſen im Sommer auf Deine kleinen Geſchwiſter.— Ja, das war recht un⸗ recht von mir in der Zeit, entgegnete Eliſabeth bedenklich, es iſt nur gut, daß Du es mich nicht entgelten ließeſt.— Wie ſollte ich das anfangen? fragte er.— Ich weiß auch nicht, fuhr ſie fort, es muß doch aber möglich ſein, daß Jemand abſichtlich dem Andern damit wehe thut.— Nein Eliſabeth, das würde ich nie thun, ſagte er freundlich.— Wenn Du mich aber wirklich nicht mehr ſo lieb hätteſt? wenn Du Jemand ſäheſt— ihre Stimme zitterte, ſie konnte nicht weiter reden.— Kannſt Du Dir möglich denken, daß wir uns weniger lieb haben? fragte er.— Ich habe ſchon wunderliche Gedanken gehabt, fuhr ſie fort, in müßigen, thörichten Stunden, und obgleich ich wußte, es ſei gewiß nicht wahr, und mit Zittern an die Möglich⸗ keit dachte, daß es wahr ſein könnte, ſo ſprach ich mir vor, Du habeſt mich nicht mehr ſo lieb, und ich auch Dich nicht mehr, man könne ſich aber daran gewöhnen, es ſei nicht anders in der Welt. Es war nur kindiſches Ge⸗ dankenſpiel, aber es war ſo verwegen von mir und ich kann es heute kaum faſſen. Die Großmama würde das nie gethan haben, ſie würde es für eine Sünde gehalten haben.— Ich möchte mir dieſe Gedankenſpiele auch ver⸗ bitten, ſagte er freundlich.— und wenn ſie mich ſelbſt 54 wieder quälen ſollten, ſagte Eliſabeth bewegt, und wenn ich Dir ſelber ſagte, ich hätte Dich nicht ließ, und wenn es Dir die ganze Welt ſagte, ſo glaub es nur nicht; denn es iſt doch und doch nicht wahr, ich habe Dich ſo in der tiefſten Seele lieb, wenn ich Dir auch ganz böſe bin. Und wenn Du mich wirklich nicht ſo lieb haben könnteſt,— ſo habe ich doch den Ring hier,— der liebe Gott hat Dich damit— Sie konnte vor leiſem Weinen nicht weiter reden, ſie wollte aber hinzuſetzen: Der liebe Gott hat Dich damit zu meinem Herrn geſetzt, und ich will auch nichts weiter ſein als eine demüthige Hausfrau. Ja, wenn auch das Traurigſte mir vom Herrn beſtimmt wäre, wenn mein Leben, wie die Großmama es heute nannte, ohne Sonne ſein müßte, ohne Sonne und ohne Blumen, der Ring bleibt doch mein Ring, und ich will mit ihm ſterben. Ihr Mann beruhigte ſie mit freundlichen und lieb⸗ reichen Worten. Er wußte es, ſie war nur aufgeregt von der albernen Geſellſchaft. Bei Tiſch war zufällig die Unter⸗ haltung ähnlich geweſen, als vorher bei den Spielen. Der Obriſt erzählte die Scheidungs⸗Geſchichte einer ſeiner Nich⸗ ten: die Leutchen hatten ſich aus glühender Liebe und bei⸗ nahe gegen den Willen der Eltern geheirathet, und nach nicht langer Zeit ſehnten ſie ſich nach Trennung. Wenn die Sachen einmal ſo ſchlimm ſtehen, iſt es auch immer beſſer, ſie werden geſchieden, hatte der Obriſt hinzugeſetzt, es iſt ein Zuſammenleben zu beider Verderben. Wenn ſie aber eine andere Verbindung treffen, hatte einer von den Herren eingewandt, ſo iſt ein ähnlicher Ausgang wieder zu er⸗ warten. Meine Nichte hat wieder eine Verbindung ge⸗ ſchloſſen, hatte der Obriſt achſelzuckend erwidert, die freilich nicht viel beſſer ausgefallen iſt. Die Erfahrung iſt jetzt eine bittere Arzenei geworden, ſie fügt ſich in ihr Schickſal. Kadden hatte darauf entgegnet: Da ſcheint mir doch die Anſicht, daß eine Ehe unzertrennlich iſt, weil es Gott befohlen hat, rathſamer zu ſein; wenn ſich die Beiden auch nicht mehr lieb haben, müſſen ſie ſich vertragen, weil es Gottes Ordnung und Willen iſt. Stottenheim hatte auf dieſe Worte ſehr pathetiſch entgegnet: Zwei Leute, die ſo denken, ſind eigentlich über die Fatalitäten einer unglück⸗ lichen Ehe hinaus, ihr Gewiſſen wird es ihnen nicht er⸗ lauben, ſich gegenſeitig das Leben unerträglich zu machen. Stottenheim hatte wie ein blindes Hühnchen ein Körnlein gefunden, die Nutzanwendung, die Kadden lächelnd davon machte, war ihm aber gar nicht recht: Alſo, was das Glück der verheiratheten Leute betrifft, ſo iſt es beſſer, ſie haben die einſeitigen und allerdings unzeitgemäßen Anſichten der ſogenannten Frommen,— es wäre nun die Frage, ob es nicht eben ſo gut wäre, auch ſchon mit dieſen Anſichten die Ehe einzugehen, und ſie ſich ſchon unverheirathet anzu⸗ ſchaffen. Dieſer Ausſpruch war dann von der Geſellſchaft ſo gedreht und gewendet, daß er allen mundrecht wurde, es wurde wieder von edeln Charakteren und höheren Lebens⸗ anſichten geſprochen, und Kadden hatte dazu geſchwiegen, weil er weder Muth noch Freudigkeit zu ſolchen Streitig⸗ 56 keiten hatte. Jetzt mußte er ſeiner Frau wiederholen, daß ein Mann, wenn er ſeine Frau auch nicht mehr recht herzlich lieben könne, ſie doch, weil es Gottes Wort ver⸗ lange, achten und ehren müſſe als ſein Gemahl. Vit die⸗ ſem Troſt und mit dem Gedanken, von morgen an ihre Speiſekammer und alle ihr unangenehmen Arbeiten, und auch Kopfſchmerzen und Schnupfenlaunen ihres Mannes, und was daran hing, in einem andern Lichte anzuſchauen, kam Eliſabeth endlich heute zur Ruhe. Am andern Morgen ſah ſie wieder friſcher in das Leben hinein, die Geſpenſter vom vergangenen Abend waren völlig verſchwunden, das eine aber war ihr noch deutlicher, daß ſie nie den Leuten in der Geſellſchaft nützen, wohl aber ſich nur immer mehr Unfrieden dort holen würde. Als das nächſte Mal das Kränzchen bei Bandows war, ging ſie auf des Mannes eigene Anordnung mit ihm zu den Großeltern, und als es dann wieder bei ihnen ſelbſt war, hatten ſie die Großeltern zu Gaſte geladen. Das war nun freilich ſeltſam,— die beiden würdigen Leute in dieſer gemiſchten Geſellſchaft; ſie wußten aber ſehr wohl, was ſie wollten, und niemand war zuverſichtlicher und friſcher, als ſie es waren, außer Eliſabeth, die zu Frau von Bandows Verwunderung wirklich übermüthig war. Die Nähe der Großeltern war ihr ein doppelter Schutz und ſeltſam war es, daß, Eliſabeths Frohſinn gegenüber, Adolfine und ihre Genoſſen verſtummten, ja, als die Groß⸗ mama ſie als freundliche Wirthin anredete, beinahe verlegen 57 wurden. Aus Rückſicht für die Großeltern wurden die Karten nicht hervor geholt, man mußte ſich mit der Unter⸗ haltung und mit Geſang und Muſik begnügen. Die Stun⸗ den gingen doch ſchnell hin, und Stottenheim konnte es nicht laſſen hin und wieder zu flüſtern: Ein allerliebſtes altes Paar! und unbegreiflich bei dieſer Richtung: immer⸗ fort ſind ſie vergnügt, und wahrhaftig! eben ſo geiſtreich. Als die Bandow ebenſo leiſe ihren Spott wagen wollte, ſagte er ganz abwehrend: Rein bitte, gnädigſte Frau, die alten Herrſchaften dürfen wir nicht angreifen, die haben ihr Leben für ſich! Man weiß nicht, woran es liegt, aber ſie haben ihre Sache gut gemacht. Ich kann es kaum den Leuten, die in ihrer Nähe ſind, verdenken, wenn ſie es ihnen nachmachen wollen, obgleich es gegen alle ver⸗ nünftigen Lebensanſichten ſtreitet. Es bleibt mir, wie geſagt, ein Problem, aber es iſt ein allerliebſtes altes Paar. 22. Neuer Reichthum und neue Zuverſicht. Weihnachten verlebte Eliſabeth mit ihrem Manne ver⸗ gnügt bei den Großeltern; Januar und Februar zog ſie vor ſtill und zurückgezogen zu leben, und als im März die Frühlingsſonne ſo warm durch die Fenſter ſchien, da war es ihr, als ob ſie ein Wunder erlebt,— ein liebes Kind lag neben ihr in der Wiege. Sie lauſchte andächtig den leiſen Athemzügen und Bewegungen unter dem grünen Schleier, und faltete die Hände und pries den Herrn für dieſe unverdiente Gnade. Nun war ſie feſt überzeugt, konnte von keiner Langenweile mehr die Rede ſein, nun war ihr Beruf erſt ein recht ſeliger. Das Kindlein hatte ihr doch noch gefehlt: ſie konnte es einmal nicht vertragen, wenn ihr Mann zerſtreut und beſchäftigt neben ihr herging, ihr Herz hatte ſich dann gleich einſam gefühlt; jetzt hatte ſie ein Weſen, was ſie mit vollem Herzen immer warm um⸗ faſſen konnte. Wie bei ihrer Verlobung nur einzig und allein ihre Liebe die Gewähr ihres Glückes ſein ſollte, ſo war es jetzt aber ganz gewiß und ſicher dieſes ſüße Kind. — Kadden war glücklich mit ſeiner Eliſabeth, am meiſten bewegte ihn aber eigentlich nur die Freude, die ſie an dem Kinde hatte, und er verſicherte ſeiner Schwiegermutter, die zur Pflege des Kindleins gekommen, der Junge werde ihn erſt recht intereſſiren, wenn er ihn auf ſein Pferd heben . 59 dürfe, worauf Eliſabeth ihm die tröſtliche Verſicherung gab, wenn er bis zum Herbſt mit dem Kinde umzugehn würde gelernt haben, ſo wollte ſie es ihm dann ſelbſt hinauf reichen. Der Sommer verging Eliſabeth im ungeſtörten Glücke. Wenn ihr Mann ärgerlich oder heftig oder verſtimmt war, was allerdings jetzt öfter als im erſten Sommer vorkam, ſo hatte ſie ihren lieben kleinen Friedrich, der ſich ihre Sorgfalt und ihre Liebe ſo gern gefallen ließ. Sie hielt es auch nicht der Mühe werth, immer gleich Verſtändigung mit dem Manne zu ſuchen; es machte ſich ja meiſtens recht gut von ſelbſt, und ihr Otto war dann immer wieder ſo gut und freundlich, daß ſie meinte, ſie ſei die glücklichſte Frau von der Welt. Das Flüſtern in der Familie hatte ſich nach und nach wieder verloren. Eliſe war bei dem längeren Aufent⸗ halte im Frühling zu ſehr von dem Glücke ihrer Kinder überzeugt, und hatte es offen ausgeſprochen. Freilich hatte ſie ſich auch ebenſo überzeugt, daß beide mit ihrem inneren Leben nicht weiter gekommen waren. Beide waren noch ebenſo ſchwankend zwiſchen dem Herrn und der Welt, und ebenſo ſchwankend zwiſchen dem gewiſſenhaften Bekämpfen ihrer Fehler und dem ſich gänzlich ihnen Ueberlaſſen. Eliſe hatte Scenen erlebt, die ihr bange machen konnten für die Dauer dieſes jugendlichen Glückes, das ſchwerlich härteren Verſuchungen widerſtehen konnte, da ſchon Kopfſchmerzen, Nervenverſtimmungen und wechſelnde Launen es ſo ſehr 60 bedrohten. Eliſe hielt aber die Hoffnung feſt, daß beider Seelen von einem höheren Sehnen und von der Macht des Gottes⸗Reiches ſchon ergriffen waren, und daß der Herr ihr Sehnen hören und ihnen ſelbſt Kraft und Feſtigkeit verleihen würde, ſich der Welt ab, der gefährlichen Welt von außen und von innen ab und Ihm zuzuwenden. Leider hatte ſie, was ihr eigenes Verhältniß zur Tochter betraf, ſich auch bei dieſem längeren Aufenthalte nicht inniger eingelebt als früher. Eliſabeth hatte jetzt Mann und Kind, ſie lebte jetzt eben ſo harmlos neben der Mutter hin, als ſie es immer gewohnt war, und immer mußte Eliſe wieder klagen: Du haſt es verſäumt von Jugend an. Eliſa⸗ beths Hin⸗ und Herſchwanken konnte ſie noch nicht anders als die Folge ihrer eigenen Schwachheit anſehen, und gar oft hatte ſie in dem kleinen Logirſtübchen des Abends allein geſorgt und geweint und den Herrn gebeten um Segen und Frieden für den jungen Hausſtand da unten. Nur eines hatte ſie damals erreicht; ſie hatte bei Gelegenheit von mehreren während ihrer Anweſenheit vorgekommenen Sammlungen zu wohlthätigen Zwecken die Bekanntſchaft zwiſchen Eliſabeth und zwei liebenswürdigen jungen Frauen veranlaßt, der Frau des gläubigen Predigers und einer jungen Aſſeſſors⸗Frau. Beide lebten ſtreng zurückgezogen von der Welt und letztere war beſonders eine geiſtvolle, lebendige Frau, die prächtig für Eliſabeth paßte. Der Sommer hatte aus verſchiedenen Urſachen den Verkehr nicht ſehr begünſtigt, es war noch beim zarten Hinhorchen 61 und Beſuchen geblieben, zum Winter aber zweifelte Eliſa⸗ beth ſelbſt nicht, daß ſie ſich mit den Frauen ſehr befreun⸗ den würde, beſonders da die beiden Männer auch bedeutende Leute waren und ihr Mann ſich jedenfalls mit ihnen beſſer unterhalten mußte, als mit Stottenheim und deſſen Freunden. Der Herbſt war gekommen, Eliſabeth war ftriſcher und blühender als je, und ſehr vergnügt, ſie ſchaute mit wahrer Herzensluſt auf das Leben und auf ihr Glück. Sie war jetzt ſo weit, wie einſt der Großvater von ihr geſagt hatte: Wer mit ſo warmer Liebe Tiſche und Stühle um⸗ faßt, kann auch die Welt warm umfaſſen. Sie gedachte aber nicht, ſich der Welt zuzuwenden, ſie glaubte ſich ſicherer als je, ſie war lieblich und harmlos und wünſchte nur, daß es immer etwas wundervoll um ſie herum wäre. Zu dieſem Wundervoll ließ ſich mancherlei geſtalten: ein ſonniger Nachmittag, wenn ſie mit ihrem Kinde auf dem Grasrain ſpielte, und ihr Mann mit dem Pferde heran ritt und ſie den Jungen nun wirklich dem ſtolzen und glücklichen Vater in die Arme gab;— oder ein Gang in verſchiedene Obſt⸗ gärten, um die Sorten der Aepfel und Birnen zu prüfen und die Wintervorräthe ſich ſelbſt aus den herrlichen Haufen einzuſammeln;— oder ein iſſionsfeſt im nächſten Dorfe, wo ihr Herz durch einen fremden Prediger ſo innig bewegt wurde, wo ſie ein Sehnen fühlte, was da hinaus⸗ ging über ihr Glück, was da ſeliger als die Liebe zu ihrem Wann und ihrem Kinde war. Das aber war auch ganz 62 wunderſam, daß ſie nach dieſer Erquickung und Erhebung der Seele auch die Liebe zu ihrem Mann weit ſchöner und wärmer in ihrem Herzen fühlte, und unwillkürlich griff ſie ihren Trauring mit Freuden feſter, als ſie, nach der Predigt ihn neben dem fremden Prediger und dem Großpapa ſtehen ſah, und der Großpapa ſeine Hand ihm auf die Schulter legte und ſo ernſthaft und doch ſo freundlich dem Gaſt verſicherte, wenn er alter Mann einmal bei dieſen Ge⸗ legenheiten aus der Reihe träte, würde mit des Herrn Hülfe hier ein junger Streiter Chriſti bereit ſein, für ihn einzu⸗ treten. Worauf ihr Mann entgegnete, daß ihm dieſe Predigt wohl Muth zum Streite machen könnte. Außer dem Riſſionsfeſte war bei ſchönem Herbſtwetter auch das Tauffeſt bei Schlöſſers. Eliſabeth kränkte zwar Emilien mit ungewünſchten Rathſchlägen über die Pflege des kleinen Kindes und wurde wieder bitter von Emilien gekränkt, die nicht ganz ihre Befürchtungen über Eliſabeths leichten Sinn auch als junge Mutter verbergen konnte; aber die Männer, die zwar immer noch in derſelben zarten Ent⸗ fernung, aber doch in derſelben Liebe und Theilnahme zu einander ſtanden, machten den Schaden wieder gut. Bei Eliſabeth von Grund des Herzens,— ſie mußte ihrem Mann zugeben, daß ſie immer gar zu zuverſichtlich und belehrend rede, und beruhigte ſich mit dem Gedanken, ſie ſei Schuld an der kleinen Scene. Emilie war freundlich, weil es ſo am beſten war; ihre Vorurtheile gegen Eliſa⸗ beth blieben dieſelben, und Schlöſſer verfolgte das Geſpräch 63 heute nicht weiter, ſondern behielt ſich auf beſſere Gelegen⸗ heit auf, es in Liebe wieder anzuknüpfen. Sie hatte, ſeitdem das Flüſtern in der Familie aufgehört, conſequent vermieden, eingehend über Eliſabeth zu reden; wenn ge⸗ legentlich von ihr geſprochen wurde, war immer in ihren feſten Zügen zu leſen; ich habe Geduld und Ruhe es abzuwarten, es wird ſich finden, ob ich nicht dennoch leider Recht habe. Als die ſchönen Herbſttage vorüber waren, mußte Eliſabeth an andere Unterhaltung denken. Daß Mann und Kind ihr doch noch nicht genug waren, geſtand ſie ſich nicht. Sie ſah ſich nach paſſendem Umgang um, und das war auch kein Unrecht. Sie dachte an Paſtor Kurtius und Aſſeſſor Bornes. Ein Verkehr mit dieſen Leuten würde ihr und ihrem Mann natürlich lieber ſein, als der ſo ſehr fade und langweilige Kreis bei Bonſaks. Eines Mor⸗ gens nach der Kirche überlegte ſie es mit ihrem Manne und war ganz erfüllt von der Ausſicht. Wir kommen dann regelmäßig mit ihnen zuſammen, ſagte ſie, ihr Män⸗ ner leſt uns ſchöne Sachen vor, wie ſie es in Berlin bei Generals thun, wir muſiziren zuſammen und ſingen Choräle. Wir können auch Miſſionsſchriften leſen, fuhr ſie eifrig fort, und Du, lieber Otto,— ſie küßte ihm die Hand und ſah ihn bittend an,— Du erlaubſt mir, daß ich an dem Miſſionsverein theilnehme, Du glaubſt gar nicht, wie nöthig mir ſo etwas iſt. Er war ſo nachdenklich, er ſah ihr auch freundlich 64 in die hellen Augen, aber er ſagte ſeufzend: Denke Dir, Eliſabeth, wenn ich mich ganz von meinem Bekannten⸗ kreiſe zurückziehe, wenn ich ein Kränzchen mit andern Freunden einrichte, ob ich wohl überhaupt hier weiter leben könnte. Wenn ich nicht Militär wäre, oder wenn ich Ge⸗ ſinnungsgenoſſen unter meinen Kameraden hätte! Ich ſehe die Möglichkeit nicht vor mir, die Rückſichten, die mir als jüngerem Offizier obliegen, ſo ganz aus den Augen zu ſetzen. Eliſabeth ward auch nachdenklich. Ihr Mann hatte doch wohl Recht, und ſie wußte nichts dagegen zu ſagen. Bonſaks nahmen ſo ſicher an, ſie würden wieder am Kränz⸗ chen theilnehmen, beſonders da es in dieſem Jahre ein an⸗ deres als im vergangenen Jahre ſein ſollte. Frau von Ban⸗ dow hatte damals auf die leichtſinnigſte Weiſe Adolfinens Liebſchaft unterſtützt, es war Stadtgeſpräch geworden, und Kadden ſelbſt hatte dies dem Obriſten mitgetheilt. Es gab einen öffentlichen Bruch, Bandows wurden bald darauf ver⸗ ſetzt, ebenſalls der Referendar Maier, Adolfine war durch dieſe Demüthigung bedrückt, ja es ſchien, als ob ſie wirklich Reigung hätte ſolider zu werden. Bonſaks waren Herrn von Kadden ſehr dankbar, ſie ſprachen es auch offen aus, der Umgang mit der herrlichen vortrefflichen Eliſabeth wäre ihnen der liebſte für die Töchter. Wie ſollten ſie ſich nun rückſichtslos dieſer Freundſchaft entziehen? Was würden Stottenheim und die übrigen Freunde ſagen? Nein, es mußte ein Ausweg geſucht werden. 65 Eliſabeth hatte in ihrem elterlichem Hauſe ſo viel von Rückſichten reden hören, von Geſelligkeit aus Rückſichten, die ſich mit dem vertrauteren Umgange, den die Eltern in der Stille pflogen, recht wohl vertragen hatte. Daß ſich dieſes halbe unentſchiedene Weſen in der Seele der Mutter nie vertragen hatte, ahnete Eliſabeth nicht. Der Stachel, der Eliſen immerfort quälte, der in der Ermahnung und dem Beiſpiel der eigenen Mutter immer von neuem in ihre Seele gedrückt wurde, der fehlte Eliſabeth, und ſie machte ietzt ſelbſt den Vorſchlag, ſie wollten es ganz den Eltern nachthun: mit den Vorgeſetzten und Kollegen des Mannes im nothwendigen äußeren Verkehr bleiben, und dann zur eigenen Erquickung ſich an den andern Kreis innig anſchlie⸗ ßen. Ihr Mann war danit einverſtanden, er war auch ganz einverſtanden, als Eliſabeth zuverſichtlich hinzuſetzte Schaden kann uns beiden der Verkehr mit Deinen Freun⸗ den nicht, wir ſind ja beide über dies langweilige äußer⸗ liche Treiben hinaus, wir thun es nur aus gewiſſen Pflich⸗ ten und Rückſichten und können uns vielleicht mit der Zeit immer mehr zurückziehen.— Ganz ſo hatte ſie ihre Mut⸗ ter oft ſprechen hören. Daß es andere Anſichten waren, als die der Großeltern und von Oberförſters,— war ſie ganz mit ihrer Mutter einer Meinung,— das lag in dem Unterſchiede des Stadt⸗ und Landlebens. Die Landleute können darüber kein richtiges Urtheil fällen. Sie konnten ſich auch nicht in die Verhältniſſe hier in Braunhauſen ver⸗ Eliſabeth. il. 5 ₰ — 66 ſetzen. Darum war es richtig und natürlich, man folgte der Eltern Beiſpiel. Eliſabeth überlegte dabei nicht, daß ihr Vater ſehr ruhig war und von der Außenwelt wenig berührt wurde, nicht zu vergleichen mit ihrem Mann, der lebhaft und leicht verletzt, viel eher von den Verlegenheiten und Unannehm⸗ lichkeiten dieſes doppelten Verkehrs leiden mußte. Auch daß ihre Mutter durch ihren ſcharfen Verſtand und ihr überhaupt kritiſches kühleres Weſen feſter ſtand, als ſie mit ihrem leichten warmen Sinn. Es wurde alſo ganz ruhig der Entſchluß gefaßt, am Kränzchen wieder theilzunehmen und zu gleicher Zeit mit dem ihnen lieberen Kreiſe zu verkeh⸗ ren. Mit dem Miſſionsverein, bat Herr von Kadden, möchte Eliſabeth noch etwas warten. Seine Bekannten ſollten ſich erſt an dieſen neuen Umgang überhaupt ge⸗ wöhnen; Herr von Stottenheim, der gutmüthige unpar⸗ tiſche Menſch, ſollte ſich ſelbſt überzeugen, daß dieſe neuen Freunde trotz der ernſten Richtung liebenswürdig und an⸗ zichend waren; dann konnte man mit der Zeit weiter gehen und ſich auch mit der Viſſionsſache bekannt machen. 23. Die kluge Großmama. An einem ſchönen Tage machte Eliſabeth zu Fuß mit ihrem kleinen Jungen bei den Großeltern in Wolt⸗ heim einen Beſuch. Wie ſie es im Sommer öfters ge⸗ than, mußte der Burſche früh, als es noch kühl war, den kleinen Kinderwagen den Tannenberg hinanziehen, und dann übernahm das Kindermädchen allein die leichtere Hälfte des Weges, der auf dieſem nahen Fußſtege über⸗ haupt nur eine Stunde lang war. Ihr Mann kam dann gewöhnlich Mittags zu Pferde nach und ſie blieben zu⸗ ſammen bis zum Abend. Als ſie mit den Großeltern traulich zuſammen ſaß, theilte ſie ihnen ihre weiſen Entſchlüſſe wegen ihres um⸗ gangs im nächſten Winter ſehr zuverſichtlich mit, ſie nannte auch als Autorität ihre Eltern und deutete an, daß die Großeltern darin nicht urtheilen könnten, ſie wohnten ja auf dem Lande.— Der Großvater erlaubte dem Groß⸗ mutterherzen nicht viel zu ſorgen und piel einzureden, er brach die Unterhaltung ziemlich kurz ab, profezeihte aber dem jungen Paare wenig Freude und viel Unfrieden durch ihren Doppelumgang. Außerdem war er freundlich und liebreich wie immer. Bei dieſer Gelegenheit ſchüttete Eliſabeth den lieben Großeltern einmal wieder ihr ganzes Herz aus, ſie war 5* 68 ietzt glücklicher als je, ſo friſch und vergnügt, ſah auch das ganze Leben ſo an und ſchaute ſo zuverſichtlich in die Zukunft. Das machte, ſie hatte nun mehr Erfahrung, ſie war nicht gar zu penibel und anſpruchsvoll, wie in der Brautzeit und als ganz junge Frau, wo jede Kleinigkeit, die ſie mit dem Mann hatte, ſie ſo ſehr beunruhigte. Die Großmama erinnerte ernſthaft an ihre Geſpräche über die Macht, welche Kleinigkeiten an der Seele üben; ſie ſollte ja wachen, damit ihre Brautliebe nicht zu einer Flitterwochenliebe würde.— Aber Großmama, begann Eliſabeth nachdenklich, wenn ich das auch gern wollte, ich glaube, die Männer verſtehen es nicht. Alle dieſe Kleinig⸗ teiten, die uns glücklich machen, die haben nur für ein Bräutigams⸗Herz Werth, nachher tritt ihr Beruf wieder in den Vordergrund. Das iſt auch ganz natürlich, ich müßte doch eine Thörin ſein, wenn ich Otto das übel nehmen wollte. Ich weiß, daß er mich lieb hat, wenn er auch einen halben Tag nicht Zeit hat, ſich um mich zu beküm⸗ mern.— Aber im Anfang hätte es Dich doch betrübt? fragte der Großvater mit klugem Geſicht.— Ja freilich, verſicherte Eliſabeth, da kam er auch, wenn er in ſeiner Stube beſchäftigt war, hin und wieder zu mir, um mich zu ſehen, und ich ging auch zu ihm.— Warum thut Ihr es denn nicht mehr? ftagte der Großvater.— Das iſt ganz von ſelbſt gekommen, entgegnete Eliſabeth; wenn Otto viel zu thun hatte, vergaß er zu kommen.— Dann gingeſt Du zu ihm? fragte der Großvater weiter.— 69 O nein, fuhr Eliſabeth lächelnd fort, ich muß Euch nur ſagen, daß es mich ſehr ärgerte, wenn er nicht kam, und ich immer verſuchte, wie lange er es aushalten könnte.— Und wer konnte es länger aushalten? unterbrach ſie der Großvater ſcherzend.— Zuweilen bin ich doch hingegan⸗ gen— Und habe gezürnt, unterbrach er wieder.— Jetzt bin ich darüber hinaus, und kann wohl darüber ſcherzen, verſicherte Eliſabeth, aber es hat mir Herzweh genug ge⸗ macht, daß es ſo nach und nach etwas anders mit uns wurde. Aber Iht verſteht mich doch, liebe Großeltern, fügte ſie beruhigend hinzu, es waren ja nur immer kleine Aeußerlichkeiten. Da ſehe ich doch, welche kluge Frau Deine Großmama iſt, ſagte der Großvater. Wenn Du wüßteſt, wie ſie es gemacht hat.— Eliſabeth ſah ihn fragend an.— Eli⸗ ſabeth, Du glaubſt nicht, was uns Männer alles gelehrt werden kann, fuhr er fort. In dieſem Falle würde Deine Großmama mich ſehr liebreich überzeugt haben, ich ſei zu unglücklich, wenn ich ſie nicht zwiſchen den Arbeiten hin⸗ durch aufſuche, oder ihr nicht feierlichſt Lebewohl und gu⸗ ten Tag ſage bei dem kleinſten Ausgange. Sie verſicherte mich dann aber auch, daß ſie darüber unglücklich ſei.— Sie hat das aber nicht aus Abſicht gethan, verbeſſerte die Großmutter, ſie that das, weil ſie es nicht laſſen konnte. — Nun gut, fuhr der Großpapa fort, es hat ihr aber auch nicht viel Mühe gekoſtet, mich von ihrem Unglück zu überzeugen, denn glaube nur, Eliſabeth, wenn die Män⸗ 70 ner auch noch ſo großartig und erhaben und unabhängig ſcheinen, ſie thun doch nichts lieberes als ſich von ſolchem Unglück überzeugen zu laſſen, und erfüllen ſo gern alle dieſe lieben kleinen Wünſche. Großpapa, ſagte Eliſabeth nachdenklich, warum thun ſie denn als Bräutigam Alles von ſelbſt, warum gehört es da zu ihrem Glücke?— Das iſt von dem Herrn Gott ſo eingerichtet, verſicherte der Großvater. Ein Bräu⸗ tigamsherz weiß es von ſelbſt. Dann wird ihm die Frau zur Seite gegeben, daß er es nicht verlernt. Sie muß ihn immer aufmerkſam machen auf ſein Glück, und wenn er dann doch einmal in ſein Unglück hinein geräth, denn Eliſabeth, der Menſch iſt ſchwach, er thut oft gerade das, was er eigentlich gar nicht will, dann muß eine Frau nicht mit ihm zürnen und zanken, nein, ſie muß wie Deine Großmama die größte Theilnahme für den armen Mann haben, der ſich nebenbei auch lieber von ſeinem Unglück als von ſeinem Unrecht überzeugen läßt. Deine kluge Großmama hatte übrigens noch ein ſehr gutes Mittel, was dieſe kleinen Aufmerkſamkeiten betraf, und Du weißt, Eliſabeth, wie wichtig ſie dieſe Art Klei⸗ nigkeiten in Herzensſachen betrachtet. So gut das ganze Leben aus Kleinigkeiten beſteht, aus ihnen ein Ganzes und Großes wird, und darum jeder Menſch die kleinen Sachen im Leben gewiſſenhaft und genau nehmen muß; ſo meint ſie, ein Liebesleben müſſe auch in dieſen Kleinig⸗ keiten zart behandelt ſein, wenn es eben im Großen und 71 Ganzen eine Brautliebe hleiben ſoll. In dieſer Meinung nun wahrſcheinlich war ſie ſo aufmerkſam und zuvorkom⸗ mend.— Nein, nein, unterbrach ihn die Großmama wieder, ſie hatte gar keine Meinung, ſie that es nur, weil ſie es nicht laſſen konnte und es ihr ſo am beſten gefiel. — Gut, fuhr der Großvater fort, aus Abſicht hat ſie es nicht gethan, und ich habe damals auch nicht weiter darüber nachgedacht, das Reſultat aber war natürlich, daß ich, da es mir eigentlich zukam galant und aufmerkſam zu ſein, nicht zurückſtehen wollte, und daß ſich zwiſchen uns beiden ein edler Wettſtreit entſpann, der dann end⸗ lich zur allerliebſten Gewohnheit wurde. Ich muß aber ge⸗ ſtehen, daß ich jetzt noch zuweilen erſchrecke, die kluge Groß⸗ mama könnte es mir zuvorthun, ſie fängt es immer fei⸗ ner und feiner an, ein natürlicher Verſtand merkt es kaum, es gehört dazu ein beſonderes Verſtändniß. Da es mir aber einmal zukömmt, in allen Stücken über ihr zu ſte⸗ hen, ſo ſoll die kluge Großmama ganz gewiß nicht den Sieg davon tragen. Die Großmama lächelte, ſie war ſehr glücklich, und der Großvater fuhr fort: Sie verſtand es auch, mich zu überzeugen, ich ſei nirgends lieber als in ihrer Geſellſchaft. Sie fing das auf ihre eigene erfolgreiche Art an. Sie verſicherte mich, daß ſie ſich am wohlſten zu Hauſe fühle, bei ihrem Arbeiten und Schaffen für mich und ſpäter für die Kinder. Ihr ſchönſtes Vergnügen wäre, wenn ich in unſeren Mußeſtunden für ihre Unterhaltung ſorge. Sie 72 verlangte keinen anderen Umgang, als mit den wenigen naheſtehenden Freunden, die ja ein jeder Menſch hat, und die wir auch hatten. Wenn ſie das verſicherte,— zu mei⸗ ner Herzensfreude muß ich geſtehen, denn man hört es doch recht gern, daß man die allerliebenswürdigſte Geſell⸗ ſchaft iſt, obgleich man ſich das gar nicht ſo merken läßt, war meine nächſte Verpflichtung natürlich, der klugen Groß⸗ mama das wieder zu verſichern, und es entſtand daraus wieder der edle Wettſtreit, bis es uns die allerliebſte Ge⸗ wohnheit geworden war, und bis der Kinderkreis nun gar die Unterhaltung vollkommen machte. Wir ſind auch ſehr gern allein, verſicherte Eliſabeth ernſthaft, wenn ich des Abends arbeite und Otto lieſt mir vor, bin ich am vergnügteſten.— Ich meinte auch, Ihr habt das Kränzchen wirklich nicht nöthig, fiel die Groß⸗ mama ein, Ihr könnt zuſammen leſen, zuſammen Kla⸗ vier ſpielen— Nein, Großmama, unterbrach ſie Eliſa⸗ beth lächelnd, Klavierſpielen werden wir wohl ganz laſſen müſſen, wir zanken uns ſo leicht dabei, Du weißt, wes⸗ halb wir kluger Weiſe auch das Engliſchleſen gelaſſen haben. — Zanken? fortſchte der Großpapa, wie denn?— Wenn wir vierhändig zuſammen ſpielen, und aus dem Takt kom⸗ men, ſo will Otto nie zugeben, daß er Unrecht hat, wenn ich es noch ſo gewiß weiß. Ich ſpiele ja weit beſſer als er, er müßte ſich auf mein Urtheil doch verlaſſen.— O Eliſabeth, ſcherzte der Großvater, ich erkenne immer mehr, welche kluge Großmama Du haſt. Wir haben auch früher —— 73 zuſammen geſpielt; wenn da ungewünſchte Pauſen ein⸗ traten, ſagte ſie gleich: Lieber Fritz, ich werde mich wohl hier geirrt haben. Oder: Wir müſſen hier langſamer ſpielen, Du haſt da eine ungewöhnlich ſchwierige Partie. Ich ſollte nur nie merken, daß ich ſchlechter ſpielte als ſie. Ich entgegnete dann, es ſei wahrſcheinlicher, ich habe mich geirrt. Weil ſie mir aber mit ihrem Unrecht eher ent⸗ gegen kam, wurde ich endlich ganz irre in mir, auch wenn ich einmal recht hatte, wurde ich mißtrauiſch, ob ſie mir nicht aus Gefälligkeit recht gäbe. So hatte endlich die kluge Großmama erreicht, daß ich ihr ein für alle Mal Recht gab. Eliſabeth hörte lächelnd den Großpapa ſo ſcherzen, aber es ſiel ihr doch Alles ſehr ſchwer in das Gewiſſen. Sie wußte nichts zu entgegnen, und als die Großmutter ſie erinnerte, ob ſie nicht im Winter ſich mit Zeichnen be⸗ ſchäftigen möchte, wie ſie es als Mädchen ſo gern gethan, nickte ſie und ſagte, um dies Kapitel abzubrechen: Groß⸗ mama, Du haſt wohl nie gezeichnet?— Nie gezeichnet? wiederholte der Großpapa, die Großmama iſi eine rechte Künſtlerin in der Art geweſen, und hat das dankbarſte Publikum von der Welt gehabt. Sie hat es nicht allein zum Vergnügen, ſie hat es als bildende Kunſt in der Kinderſtube benutzt. Da gab es ein gewiſſes Bild, was in jedem Winter die Kinderſtube entzückte, das durch die Tradition von einem jungen Künſtler zum anderen an hiſto⸗ riſchem und an Kunſtwerth gewann. Ich ſehe es noch 74 lebhaft vor mir: links war ein runder Berg mit zwei runden Büſchen darauf, rechts ein Haus mit zwei großen Schornſteinen, die herrlich rauchten, an jeder Seite ſtand eine ſchlanke Pappel. Auf einem ſchönen geraden Wege von der Hausthür fort ſtand eine Perſon mit einem runden Hut und einem langen Rock, die hatte vor ſich eine alte Gans und eine Anzahl kleine Giſſelchen. Das ſchönſte war aber über dem Berge eine runde Sonne mit vielen, vielen Strahlen. Zuerſt mußte die Großmama das Bild allein malen, dann wurde dem Schüler die Sonne überlaſſen, die er auch bald richtig machen lernte mit all den Strahlen lang und kurz, zu gleicher Zeit durfte er auch den herrlichen krauſen Rauch verſuchen. So ging das ſtufenweiſe weiter, die Pappeln waren auch nicht ſchwer, wenn er nur nicht der Gefahr ent⸗ gangen war, die vielen Zweige bergab ſtatt bergauf zu machen. Die Großmama berichtigte dann dieſe Keinen Verirrungen und erklärte die verunglückte Pappel für einen Weihnachtsbaum. Gegen das Frühjahr konnte man ſicher annehmen, wenn der Schüler nur etwas Talent hatte, konnte er das Bild bis auf das Gänſemädchen zeichnen, zugleich ſeine kleineren Geſchwiſter anlernen und ihnen in ſeinem eigenen Kunſtwerke die Sonne und den Rauch an⸗ vertrauen. Um nun ihre Künſtler recht lange beſchäftigt zu haben, rieth die ſchlaue Großmama, ja recht viele Fen⸗ ſter in das Haus zu machen, und da war das Häuschen meiſtens mit Fenſtern von allen Größen reichlich bedeckt. Auch eine große Gänschen⸗Heerde ſah ſchön aus und die 75 Dingerchen polterten immer ſo natürlich eines über das andere, daß es eine Luſt war. Eliſabeth war ganz vergnügt bei dieſer Erzählung, und als der Großvater ihr auseinander ſetzte, Frauen könn⸗ ten ihre Zeichenkünſte gar nicht ſchöner und geſchickter an⸗ wenden als die Großmama, war Eliſabeth damit einver⸗ ſtanden, ſie hätte gleich ihrem lieben kleinen Friedrich, wenn er nur nicht noch zu dumm war, ein ſolches Bild vor⸗ zeichnen mögen. Eliſabeth hatte ſchon einige Mal nach der Uhr ge⸗ ſehen, jetzt war es gegen zwölf, ihr Mann mußte bald kom⸗ men. Sie griff nach ihrem Hut und ging in den Garten. Nach den Schilderungen des Großvaters war es ihr ſelt⸗ ſam zu Sinne, ſie wollte ihrem Mann entgegen gehen,— nicht etwa aus kluger Abſicht, nein, es war ihr gerade wie der Großmama zu Sinne, ſie konnte es nicht laſſen. Sie hatte es bei ähnlichen Gelegenheiten wohl laſſen kön⸗ nen, ſie hatte dann gedacht: er wird ſich nicht viel daraus machen, ob er dich eine Viertelſtunde eher ſieht, und du kannſt dich auch gedulden, es iſt ſo heiß, gerade Mittag, und ihr ſeid ja immer zuſammen. Jetzt ging ſie durch den Garten, und dann weiter in dem leichten Schatten der Kirſchenallee. Die September⸗Sonne lag heiß und ſtill auf der Welt, Eliſabeth ſchaute ſehnend in den blauen Himmel, der da ſein weites Friedenskleid über ſie ausge⸗ breitet, ſie hätte ſo gern eine Brautliebe im Herzen ge⸗ habt, und wagte es doch kaum zu haben. 76 Bald erblickte ſie den Reiter, aber kaum hatte er ſie erkannt, da flog er herbei, wie ein Bräutigam. Er hielt vor ihr, ſprang vom Pferde und begrüßte ſie freudig: Wie ſehr freue ich mich, daß Du mir entgegen kommſt!— Eliſabeths Herz und Gewiſſen zitterte, ſie konnte ihre Thrä⸗ nen nicht zurückhalten, zum erſtenmal kam ihr der Gedanke: es iſt ſo unbegreiflich, daß er dich lieb hat, du verdienſt es doch nicht.— Dieſe Thränen waren ihm unverſtändlich, fragend und theilnehmend ſah er ſie an und ſie geſtand ihm, ſie habe gefürchtet, daß er ſich über ihr Entgegenkommen kaum? freuen würde, weil ſie es wirklich nicht werth ſei.— Dies Geſtändniß bewegte ſein Herz zu den liebreichſten Verſicherungen, und beide überzeugten ſich, es könne kom⸗ men, was da wolle, nie wollten ſie ſich glauben machen, ſie hätten einander nicht lieb. Der Tag war für beide ein wunderſchöner Tag, ſtill und friedlich ſaßen ſie mit den Großeltern vor dem Gar⸗ tenſaal, ihr kleiner lieber Junge ſpielte auf einer Decke neben ihnen mit bunten Herbſtblättern, und als es für das Kind Zeit war, trat Herr von Kadden mit ſeiner Familie, und von den Großeltern noch ein ganzes Stück begleitet, zu Fuß den Rückweg an. An demſelben Abend, als Eliſabeth mit ihrem Mann allein war, wurde noch einmal die Geſelligkeits⸗Frage be⸗ ſprochen und dieſelben Entſchlüſſe, und zwar feſter als vor⸗ her, gefaßt. Eliſabeths ganze Seele war ja erfüllt von gu⸗ ten Vorſätzen, ſie fühlte, daß ſie viel verſä 3 † umt hatt in 77 ihrem jungen Leben, ſie wollte nun liebenswürdig wie die Großmutter werden, wollte Alles nachholen, wollte ein ganz neues Leben beginnen, ſie war ſo glücklich, daß es noch nicht zu ſpät ſei. Wenn ſie dies Alles auch nicht mit Worten ausſprach, ſo war doch ihre Stimmung ſo reich und übervoll und hatte in dem Herzen des Mannes eine gleiche angeregt. Beide fühlten ſich hoch erhaben über das nichtige Weltleben um ſie herum, mit ſo guten Vor⸗ ſätzen im Herzen konnte es keine Gefahr für ſie geben, und recht getroſt und ſicher ſahen ſie dem Herbſt und Winter in die Augen. 24. Durch Glück oder Unglück, nur zum Herrn. Berbſt und Winter waren vorüber, und zwar unter der Macht der Alltäglichkeit ſehr ſchnell vorübergegangen. Wie die Glieder einer Kette reihte ſich ein Tag mit ſei⸗ nen kleineren oder größeren Zerſtreuungen an den andern, und ohne es recht zu merken und ohne es recht zu wol⸗ len, war das junge Paar mit den guten Vorſätzen immer feſter und feſter mit der Welt verbunden.— Die Mut⸗ ter hat in dieſen Stücken wieder Recht, hatte Eliſabeth oft gedacht, dieſes Stadtleben, obgleich es uns eigentlich nicht ſchaden, nichts anhaben kann, weil wir darüber ſtehen, es liegt bedrückend auf unſerem Seelenleben, wir können nicht ſo recht leben, wie wir wollen.— Sie hatte im Herbſt den beſten Willen gehabt, ein neues Le⸗ ben anzufangen und wenigſtens ſo liebenswürdig als die Großmama zu ſein; ſie kam jetzt aber leider zu viel mit MWenſchen zuſammen, die das ganze Leben in einem zu verſchiedenen Lichte von ihr anſchauten, ſie konnte unmög⸗ lich da aus ſich heraustreten, und ihr innerſtes Herzens⸗ und Seelenleben auch nur ahnen laſſen. Sie gewöhnte ſich im Gegentheil nach und nach förmlich, eine Rolle zu ſpielen, ſie war übermüthig und neckte ſich mit ihrem Mann, unter der Reckerei ließ ſich recht gut Ernſt und Scherz verbergen. Daß er denſelben Ton annahm, ſie 79 wieder neckte, machte ihr oft Herzweh genug; aber es ging doch nicht anders, und das nächſte Vergnügen ver⸗ wiſchte ſolche Eindrücke ſchnell. Sie war auch gar zu friſch und freudig, und beruhigte ſich immer wieder mit der Vorſtellung, es fehle nichts ihrem Glücke, ſie müſſe nur nicht zu penibel ſein. Das unangenehmſte Gefühl in ihren verſchiedenen Stimmungen machte ihr das Mißlingen des Doppel⸗ Umganges. Im Anfang war der Verkehr ſo hübſch an⸗ geknüpft, ſie hatten ſo ſchöne Stunden mit den ihnen viel lieberen, ernſten und geſcheiten Leuten verlebt, und Eliſa⸗ beth hatte die Frau Aſſeſſor Borne beſonders lieb gewon⸗ nen. Nach und nach aber, anfänglich kaum zu merken, zogen ſich dieſe neuen Freunde mit eben dem Zartgefühl, mit dem ſie den Umgang begonnen, wieder zurück. Eliſa⸗ beth war viel zu harmlos und offenherzig geweſen, ſie hatte ihre Anſichten über das Weltleben nie verborgen, und je mehr ſie, um ihr Leben zu entſchuldigen, den weltlichen Kreis, in dem ſie vergnügt und ſicher lebte, als höchſtens langweilig aber nicht gefährlich ſchildern wollte, je mehr entfernte ſie ſich von der Geſinnung die⸗ ſer ernſteren Freunde, und endlich zogen ſie ſich entſchie⸗ den zurück. Es war für Eliſabeth ſehr demüthigend, nur im Vorübergehen einen verlegenen Gruß zu erhalten, wo ſie ſonſt mit herzlichem Händedruck begrüßt wurde. Dem Manne von ihren unangenehmen Gefühlen zu ſagen, 80 ſcheute ſie ſich, nein, ſie hielt ſolche Gedanken ſelbſt von ſich entfernt und war froh, daß ihr Mann ſich nicht über dieſe chriſtlichen Leute beklagte, die nach ihrer Meinung wirklich hart, einſeitig und rückſichtslos waren. Kadden fühlte mit einer gewiſſen inneren Unzufriedenheit etwas Aehnliches, aber er war dabei zu aufrichtig und zu ein⸗ ſichtsvoll, um den Leuten, die einmal von der Welt nichts wiſſen wollten, zu verdenken, daß ſie ſich auch von ihnen zurückgezogen, die ſie jetzt, wenn auch mit andern Geſin⸗ nungen als die Welt, doch mitten darin lebten. Nach lauten und ſpäten Geſellſchaften, wo Eliſabeth getanzt, zwar immer noch am liebſten mit ihm, doch auch mit andern Herren, wenn ſie dann am folgenden Morgen abgeſpannt und nicht ſehr guter Laune war, ſich ſelbſt auch über dies ungewohnte Leben beklagte, dann klopfte eine Stimme an ſein Gewiſſen: Biſt du ihr auch ein guter Führer und Hert und Wiächter? Iſt in den Krei⸗ ſen, wo du ſie hinein bringſt, Lebensluſt für ſie oder Giſthauch, der ihr liebliches und kindliches Seelenleben verkümmern läft? Iſt ſie hier bei dir nicht wirklich ſchon anders geworden, als damals, wo du ſie kennen lernteſt und wo ſie dir mit Vertrauen von der ganzen Familie übergeben wurde? Dann ſeußte er, legte die Hand vor die Stirn und dachte: Ja, es ſoll anders wer⸗ den, ich wollte ſie gar zu gern wie mein Herzblatt be⸗ wahren. Es wurde aber nicht anders, die Macht der Autäglichkeit und Gewohnheit überwindet alle guten 81 Vorſätze, beſonders wo es gilt, eine Kette plötzlich zu zerreißen. MWit Woltheim hatte das junge Paar im Winter wenig Verkehr gehabt, der Großvater lag länger an einer Grippe, nicht gefährlich, aber er bedurfte der Ruhe, und das Großmutterherz ſchenkte ihm ihre Liebe und Sorg⸗ falt ungetheilt. Bald darauf hatte ſich Charlottchen ge⸗ legt, der Arzt nannte es ebenfalls Grippe, ſie nahm aber zugleich einen nervöſen Charakter an, wenn es auch ganz gefahrlos ſchien. Ende Februar fuhren eines Tages ganz unerwartet die Schimmel in Braunhauſen vor. Eliſabeth freute ſich ſehr, ſie glaubte, es ſei nach langer Zeit einmal wieder die Großmama. Aber der alte Friedrich hielt nicht lange mit ſeiner mündlichen Botſchaft zurück: die jungen Herr⸗ ſchaften möchten eiligſt kommen,— Charlottchen lag am Tode und hatte Verlangen, ſie noch einmal zu ſehen.— Eliſabeth trug ihr Kleid, das ſie eben zum heutigen Abend garniren wollte, faſt mit Entſetzen fort,— an⸗ ſtatt zu Spiel und Tanz ſollte ſie an ein Sterbebette. Schweigend ſaß ſie neben ihrem Mann im Wagen, beide waren nachdenklich und bedrückt in der Erwartung, was ſie jetzt erlehen ſollten. Beide hatten noch nie einen Menſchen ſterben geſehn, und die Religion, die nur aus⸗ reicht bei Glück und Geſundheit, fühlt ſich nicht wohl an Sterbebetten. Die Großmutter führte ihre Kinder ſogleich zu Char⸗ Eliſabeth.. 6 82 lottchen. Sie lag ſtill und friedlich. Mit dem gewiſſen und zuverſichtlichſten Kinderglauben ſah ſie den Himmel vor ſich und harrete, daß der Herr ſie möchte träumend durch das Todesthal geleiten. Sie reichte Kadden und Eliſabeth die Hand, hielt auch Beider Hände einen Augen⸗ plick mit einander feſt und flüſterte: Wer ſehen uns wie⸗ der.— Von den Anderen hatte ſie in aller Demuth und Dankbarkeit Abſchied genommen.— Der Groß⸗ vater las noch ein Sterbelied, Onkel Karl hatte ſein kum⸗ mervolles Geſicht an die Scheiben gelegt, da deutete der Arzt das nahe Ende an. Ein Lungenſchlag machte den Athem erſt unregelmäßig, bis er leiſe ganz aufhörte. Die Anweſenden waren um das Bett getreten. Ein ſolches friedliches, ſeliges Bild war herzbewegend. Iſt das Sterben? ſo ging die Frage durch die Seelen, und mit ihr eine Sehnſucht nach Frieden und ein wunderbar ſeliges Heimweh. Eliſabeth ſtand erſchüttert neben ihrem Gemahl, er war ebenſo ergriffen, er fühlte wieder ein Wehen der Wunderwelt dort über ſich, ein Wehen des Gottesreiches, in dem ein ſolches Sterben möglich iſt. Die Großmutter faltete Charlottchens Hände in einander und ſagte dann leiſe: Man könnte wünſchen, wie ſie ſo ſelig auszuruhen. Und der Großvater fügte hinzu: Mit des Herrn Hülfe und des Herrn Gnade werden wir ja einſt alle ſo ſelig ruhen, um die verklärte Welt mit die⸗ ſer zu vertauſchen. Er umarmte ſeine Frau und ſeinen Bruder und ſeine theuren Kinder, dann verließen Alle . 83 das Sterbezimmer und Eliſabeth fuhr mit ihrem Gemahl bald darauf wieder heim. Am anderen Morgen lag ſie auf dem Sofa und weinte. Sie weinte lange und wußte kaum warum. Sie weinte ſo lange, bis ſie abgeſpannt und matt und müde einſchlief. Das alte gute Kindermädchen glaubte, ihre junge gnädige Frau habe Charlottchen gar zu lieb gehabt, und ſei darum ſo traurig; ſie hielt den kleinen Friedrich in der Kinderſtube zurück, damit er die Mutter, die übrigens auch noch gar nicht nach ihm gefragt hatte, nicht ſtören ſollte. Sie wachte erſt auf, als ihr Mann gegen Mittag in die Stube trat. Er hatte ſie den Morgen weinend verlaſſen und ſetzte ſich theilnehmend zu ihr, aber er ſaß nur wenige Augen⸗ blicke, da kämpfte ſie wieder mit den Thränen und weinte dann wieder bitterlich. Nun ſage mir, liebe Eliſabeth, warum Du weinſt, bat er freundlich, Charlottchens Tod kann Dich nicht ſo betrüben.— Eliſabeth ſchüttelte den Kopf.— Du haſt noch nie Jemand ſterben ſehen, fuhr er fort, das hat Dich ſo bewegt?— Sie nickte nur. — Der Tod war aber ſo ſchön, ſagte er wieder.— Da weinte ſie heftiger und ſagte: Mir iſt es eben, als ob ich nie ſo ſterben könnte. Es iſt mir ſo öde und leer in der Seele, es iſt mir, als ob ich kein Herz in der Bruſt hätte, und dafür etwas ſo Schweres und Ban⸗ ges, was mir Furcht macht.— Er tröſtete ſie freund⸗ lich, er ſagte auch, ſie ſei angegriffen, weil ſie in den 84 letzten Tagen ſo unruhig lebten.— Ich habe aber auch in der Nacht einen Traum gehabt, begann Eliſabeth et⸗ was ruhiger, er iſt eigentlich gar nichts und doch quält er mich. Ich ſtand auf einem hohen Felſen und unter mir war es unabſehbar tief und grau wie ein Nebelmeer. Da ſagte eine Stimme: Jetzt ſpringe hinab, es iſt die Ewigkeit. Ich wachte erſchrocken auf. In dem kurzen Traume und mit dem einen Bilde habe ich aber noch ſo viel erlebt, was ich fühle und empfinde, was ich aber nicht beſchreiben kann. Es iſt als ob ich mein ganzes Leben im Traume gefühlt hätte, und auch meine Zukunft, ſo troſtlos und ſo grau und ſo unabänderlich. Jetzt ſpringe hinab! ſagte die Stimme. Ich fühlte alſo wirk⸗ lich doch die Ewigkeit ſteht vor dir, du mußt hinab, es iſt kein Ausweg, was du dir nie haſt deutlich vorſtellen können, der Schritt vom Leben zum Tode, jetzt iſt er da. — Nun muß es Dich doch freuen, daß es nur ein Traum war, ſagte er freundlich.— Aber Otto, entgeg⸗ nete ſie ernſt, der Augenblick wird und muß kommen, und ich werde dann eben ſo troſtlos ſein, als jetzt. Er hatte ſeinen Arm um ſie geſchlungen und ſah ernſthaft vor ſich hin. Konnte er ihr denn gar nichts Tröſtendes ſagen? Von ſeinem Himmel des guten Ge⸗ wiſſens? Von dem Bewußtſein der Rechtſchaffenheit? Der Himmel war längſt erſchüttert, und vor dem furcht⸗ baren Geheimniſſe des Todes brachen auch die letzten Stützen.— Unſere Seele wird fortleben, das iſt ſicher, wenn es auch dem Verſtande ſo unbegreiflich iſt, als der Urſprung der Seele. Wir ſind in das Leben gerufen, wir werden mit Wohlthaten überſchüttet, alles ohne unſer eigenes Verdienſt. Wir fühlen es, wir ſind von einer unſichtbaren Gnade und Liebe und Weisheit und All⸗ macht umgeben, dieſe unſichtbare Gnade und Liebe, dieſe dem Verſtande unbegreifliche Macht kann uns auch nur fortleben laſſen,— alſo nur einen Himmel aus Gnaden. Wie kann man nur ſo wahnwitzig ſein und einen Him⸗ mel ſchaffen wollen aus eigenem Verdienſt?— das hatte Kaddens Seele ſchon oft bewegt.— Aber in dieſen Himmel aus Gnaden ſchaut und gelangt man nur durch einen feſten Glauben, und der Glaube läßt ſich auch nicht durch eigenes Verdienſt erwerben. Läßt uns denn die unſichtbare Liebe und Gnade, die uns umgiebt, die auch der ſchärfſte weltliche Verſtand nicht leugnen, nur unbe⸗ greiflich ſinden kann, läßt uns denn dieſe Liebe ohne Rath und ohne Troſt vor dem gräßlichen Räthſel, das un⸗ ſere Seele mit Furcht und Entſetzen erfüllt? Nein, dieſe Liebe zeigt uns den einfachſten und ſicherſten Weg zum Glauben und zum Himmel, ſie will unſere Seele er⸗ füllen, anſtatt mit Furcht und Entſetzen, mit Entzücken und Seligkeit. Es iſt unbegreiflich, daß nicht eine jede Menſchenſeele mit größter Luſt und Freudigkeit dieſem Rufe zur Seligkeit folgt, oder es iſt nur begreiflich, weil hinter dem ſchaurigen Geheimniß des Todes nicht nur ein lieber barmherziger Vater, ein Himmel aus Gnaden, 86 ſondern auch der mächtige Gegenſatz, der Teufel mit ſei⸗ nem hölliſchen Reiche verborgen iſt. Beide Mächte ſtrei⸗ ten hier um die Seelen, die Macht der Gnade und die der Sünde, die Macht des Himmels und der Hölle.— Kann denn der Verſtand die Himmelsahnungen, welche die Seele zuweilen ſo mächtig bewegen und ihr das Reich Gottes nahe bringen, verbannen? Kann er aber auch die Todesſchauer, das Grauſen vor dem was kommen könnte, den Einfluß einer unheimlichen Gewalt aus der Seele bannen? Nein, er kann nichts, aber da er voll Hochmuth iſt, will er nicht glauben. Der Glaube, der die Seele ſelig macht, würde ihn und den alten Men⸗ ſchen vernichten müſſen, darum läßt er ſich lieber von der Macht des Böſen helfen um die Seele zu ſtreiten; er läßt ſich helfen, obgleich ſein Hochmuth auch nicht leidet, an dieſe Macht zu glauben, er will ſelbſt allmächtig ſein. Bei Bosheit und ſchauerlichen Verbrechen, davon die Erde voll iſt, die ihm fortwährend unter die Augen kommen, geſteht er auch eine Macht des Sündenreiches zu, das von einem Schritt zum andern drängt. Daß der Teu⸗ fel, wie an rohen und verwahrloſten Seelen ſeine Macht durch Verbrechen übt, ſo auch an feinen Leuten durch feinere Sünden, kann er nicht glauben, oder es iſt ihm unbequem zu glauben. Ebenſo, daß es ein beſtimmtes Entweder, Oder giebt, und daß man nicht Gott und der Welt zu gleicher Zeit dienen kann. Der eine Ausweg, damit der ungläubige Menſch ſeine ſchwankenden Brüder, — 87 oder vielmehr einer den anderen in die Irre führen möchte, iſt der; den Weltdienſt als unſchuldig und gar als Got⸗ tesdienſt hinzuſtellen. Aber das wird nie eine Entſchul⸗ digung ſein. Gottes Gebote ſind zu deutlich und klar, Gottes Wort läßt uns auch nicht in den kleinſten Dingen zweifelhaft, was wir thun und laſſen ſollen, und die Un⸗ luſt, dieſe Gebote zu erfüllen, es recht genau damit zu nehmen, vielmehr die Luſt, ſie nach ihrer Neigung und Bequemlichkeit zu deuten, ſollte die Weltmenſchen, auch die rechtſchaffenen, honetten, aufmerkſam machen, in welcher Gewalt ſie ſich befinden. Herr von Kadden ſaß gedankenvoll neben ſeiner Frau, alle dieſe Anſchauungen waren ihm in den letzten Jahren nahe getreten, zum Theil auch wohl lebendig in ſeiner Seele geworden. In dem aufrichtigen Verlangen, die Himmelsahnungen, die ſeine Seele bewegt hatten, zu verſtehen, hatte er ſich gern zu den Freunden gewandt, die dem Reiche Gottes, dem wunderſamen, geheimnißvol⸗ len Reich dort über ihm, näher ſtanden. Er war dem Zuge ſeiner Seele demüthig gefolgt, er wollte ſich beleh⸗ ren laſſen und um Glauben bitten lernen, In aller Stille, ohne daß es ſelbſt den Naheſtehenden bemerkbar wurde, war die Erkenntniß in ſeiner Seele gewachſen. Er ſah entſchieden das Reich Gottes und das Heil oder die Welt und die Unſeligkeit vor ſich, die Sehnſucht nach dem Frieden, der höher iſt als alle Vernunft, deſſen Ah⸗ nungen ihm ſchon die ſeligſten Momente ſeines Lebens 88 waren, hatte eine beſtimmtere Geſtalt in ihm gewonnen, der neue Menſch aber, ohne deſſen Geburt das Reich Got⸗ tes uns Allen verſchloſſen bleibt, war damit immer noch nicht in ihm geboren. Er gehörte noch zu den rechtſchaf⸗ fenen, honetten Weltleuten, die gern ſelig werden wollen, die aber Gottes Gebote nicht ganz genau nehmen, die ſie der Bildung und den Zeitumſtänden anzupaſſen ſu⸗ chen. Beſonders aber das Gebot, der Welt Freund⸗ ſchaft offenbar und unumwunden abzubrechen, ihr ent⸗ ſchieden Feindſchaft zu erklären, und den Herrn Chriſtus zu bekennen, das ſchien ihm unausführbar. Wenn ihm die Worte des Herren:„Wer mich bekennet vor den Menſchen, den will ich bekennen vor meinem himmliſchen Vater, und wer mich verleugnet vor den Menſchen, den will ich vor meinem himmliſchen Vater auch verleugnen,“ mahnend vor die Seele traten, wenn er ſie zu einfach, wahr und gerecht finden mußte, dann ſuchte er noch den Ausweg, ſich dies„Bekennen“ nach ſeiner Meinung aus⸗ zulegen, und ebenſo das:„in der Welt leben.“ Er hatte im Herbſt den guten Vorſatz gefaßt, als ein Feind der Welt in der Welt zu leben. Die Begriffe von Welt und Welt, dachte er, ſind ſo verſchieden: die Welt, wie ſie ihm entgegen trat, war noch nicht arg, in einer ſo nüchternen, elenden, armſeligen Geſtalt konnte ſie ihn nicht ſtören, nicht wankend machen in ſeinem Glauben, nicht ärmer an Erkenntniß, er war längſt über ſie hinaus, ja, in dieſer Welt ſeine Richtung nicht zu verleugnen, war * ——— 89 ſein feſter Entſchluß. Ein Bekenntniß lag ſeiner Mei⸗ nung ſchon genugſam darin, wenn er ſonntäglich mit ſei⸗ ner Frau den gläubigen Prediger hörte, deſſen Predigten gegen ſeine Kameraden vertheidigte, und auch außerdem mit gläubigen Leuten Umgang hatte.— Als ein Feind der Welt dennoch in der Welt leben, hatte er in dieſem Winter zuerſt verſucht, aber mit traurigem Erfolg. Wenn er bis vor wenigen Jahren ganz harmlos als ein Freund der Welt mit ihr lebte, ſo war das nicht ſchwer, er wußte es nicht beſſer. Die Gegenwart befriedigte ihn zwar nie, er ſchaute mit Ungeduld und Erwartung in die Zukunft, als ob ſie einen großen Schatz für ihn bewahre, es trieb ihn von einer Zerſtreuung zur andern, und wenn es dann ſo leer und leer und immer leerer in der Bruſt blieb, ſchaute er nur ungeduldiger und ſehnſuchtsvoller in die Zukunft. Stottenheim hatte ihm öfters in ver⸗ traulichen Stunden ganz väterlich verſichert: Lieber Junge, laß Dir rathen, lebe Du in der Gegenwart, genieße die Jugend, glaube mir, es kommt nichts Beſſeres. Gerade die Sehnſucht, die Erwartung, iſt das Glück der Ju⸗ gend; die Täuſchung, daß nichts dahinter ſitzt, iſt der Schmerz des Aelterwerdens. Ich verſichere Dich, ich habe eben ſo ungeduldig als Du in die Zukunft geſehen, bis ich mich nach und nach überzeugte, daß nichts dahinter war, und bis ich ſo vernünftig war, zu reſigniren und mich dennoch glücklich zu fühlen.— Kadden hatte ſich mit dieſer vernünſtigen Reſignation nie zufrieden geben 90 können. Die Geſellſchaften, die Vergnügungen, die ihm geboten wurden, hatten ihn nie eigentlich befriedigt. Es waren dabei die nichtigſten Dinge, die ihn quälten: ob er dumm oder klug in der Geſellſchaft geſprochen, ob er von der Hausfrau genug berückſichtigt oder überhaupt von dem und dem aufmerkſam behandelt war, ob man ihn liebenswürdig fände. Ebenſo war es im Verkehr mit ſeinen Oberen und Kameraden, er war reizbar und hef⸗ tig, er hatte oft etwas zu rügen und auszugleichen, ſeine Stimmung ward, wenn er ſich auch mit Jugendluſt, Jugendfriſche und Harmloſigkeit in die Welt hineinbegab, immer wie ein wogendes Meer, hoch hinauf und tief hinab getragen. Rein, dieſe Gegenwart war noch nicht ſchön, die Zukunft mußte etwas Beſſeres bringen.— Wit ſeiner Verlobung hatte ſich ihm ein Himmel aufge⸗ than, Eliſabeths Liebe, ihr Glaubensleben, ihre Him⸗ melshoffnung, bewegten ſeine Seele mit wunderſamem Glück. Die Zuverſicht, daß. die Sehnſucht der Jugend wirklich ein ſeliges Ziel habe, ein ſicheres unfehlbares Ziel, die Zuverſicht, daß von einer vernünftigen Reſigna⸗ tion nicht die Rede ſei, ſondern nein, daß man immer reicher und reicher und glücklicher in die Zukunft ſchauen müſſe, immer mehr empfange, nicht von der nichtigen, leeren, leeren Welt, ſondern von der geheimnißvollen Lie⸗ besmacht dort oben, die hatte ſeine Seele erfaßt und ſie wurde genährt durch den Verkehr mit den Gotteskindern, deren Einfluß er ſich nicht entziehen konnte. Wie der 91 alte Herr von Budmar ihm damals ſchon geſagt: Unſere Liebe wird Sie beunruhigen, unſere Gebete werden Sie drängen. Mit dieſen Anſchauungen, mit dieſer Erkenntniß in der Seele, konnte er da noch harmlos wie früher in der Welt leben? Er wollte der Himmelsſehnſucht nach⸗ leben und fortwährend ſtand ihm Gottes Gebot drohend vor der Seele. Gottes Gebote laſſen ſich von der Welt und vom böſen Willen wohl mißverſtehen, ein aufrichtiges Herz aber wird ſich nicht lange darüber täuſchen können, es kann höchſtens einen unglücklichen Verſuch damit ma⸗ chen. Ja, das Wort Gottes nicht ganz wörtlich zu neh⸗ men, es den Verhältniſſen und Rückſichten etwas anzu⸗ paſſen und dennoch Frieden zu haben, iſt ein thörichtes Hoffen und wird nur Unſegen und Unfrieden bringen. Dieſen Unfrieden, den Stachel im Gewiſſen, hatte Kadden in der letzten Zeit immer tiefer gefühlt, und je mehr er es be⸗ kämpfte mit den Mitteln, die ſein jetziges Leben ihm bot, je matter fühlte er ſich, je mehr fehlte ihm die Kraft, ſich her⸗ aus zu reißen. In dieſer Stimmung verſtand er Eliſabeths Thränen nur zu gut, jede Thräne aber fiel auf ſein Gewiſſen, — hatte er ſie denn nicht in dieſes Elend hineingeführt? Lieber Otto, ſagte ſie, nachdem ſie ſein Schweigen eine ganze Zeit getragen, und ſah ihn mit ihren wunderlieb⸗ lichen hellen Augen bittend an: Willſt Du mich denn nicht tröſten?— Ich Dich tröſten, entgegnete er ſeufzend, ich kann Dich nicht tröſten, Du mußt Dich dahin wenden, wo Du Dir immer Troſt geholt.— Sie ſchüttelte den Kopf. 92 — Ekliſabeth ſprich doch! bat er dringend.— Ich möchte, ich könnte Dir Alles ſagen, war ihre Antwort.— Du ſollſt mir auch Alles ſagen, bat er wieder und forſchte, und ſie klagte ihm ihre Seelennoth, wie ſie erſt ganz leiſe angefangen und in der letzten Zeit ſie immer mehr bedrückte. Es war dies das getreue Abbild ſeines eigenen Unfriedens: mit dem Stachel der Erkenntniß, mit der Sehnſucht nach Glück und Seligkeit, ein Leben in der Welt, nur daß Eli⸗ ſabeths Glaubensleben lebendiger, ihre Sehnſucht und Liebe zum Herrn wärmer, und die Urſache und die eigene Schuld an der Seelen Noth ihr unklarer war. Sie hatte ſich immer damit beruhigt, daß ihres Mannes Stellung nicht zuließe anders zu leben, und wenn ſie ſich unbehaglich und unbefriedigt gefühlt, ſtand ihr immer wieder das Beiſpiel der Mutter vor der Seele, die ja auch ſo oft ſich über das Bedrückende des Stadtlebens beklagt hatte. Aber die Mut⸗ ter war feſter, ſie war nicht ſo eitel, hing nicht ſo ſehr von der Welt ab! klagte ſie und machte ſich wohl bittere Vorwürfe, denn ſie fühlte ſich umſponnen von unzähligen kleinen nichtigen Fäden, die ihr alles Seelenleben nah⸗ en. Sie war ſo ſchwach und matt, zum Gebet hatte ſie keine Kraft und keine Luſt, und wenn die Sehnſucht dann ihr Herz doch einmal mächtig bewegte und ſie gern zum Herrn kommen wollte, dann ward es ihr bange, dann wagte ſie nicht zu ſagen:„Herr, ich lieb Dich, Herr, ich lieb Dich, ach, von Herzen lieb ich Dich!“ Dann ward es ihr klar, daß ſie ungetreu geworden. 93 So klar als heute war es ihr noch nie geworden, ſo bange hatte ſie ſich noch nie gefühlt. Wenn ich jetzt ſterben müßte, es wäre entſetzlich, klagte ſie. O, lieber Otto, Du glaubſt nicht, wie unglücklich ich bin! fügte ſie hinzu und ſah ihn wieder ſo bittend an, als ob er ihr helfen müſſe.— Ich glaube es und weiß es, ſagte er. Und ich bin auch ſehr unglücklich, fügte er nach einer Pauſe traurig hinzu.— Da richtete ſie ſich plötzlich auf und ſah ihn fragend an. Du biſt auch unglücklich? fragte ſie. — Er ſah ſie nicht an, es war, als ob er Frage nicht gehört hätte. Sie war ſo verwundert, ſie konnte kaum einen Ge⸗ danken faſſen. Anſtatt daß er ihr das böſe Gewiſſen ausredete, als rechtſchaffener, braver Mann ſie tröſtete, daß ſie auch nichts Unrechtes gethan, daß das Leben nicht an⸗ ders ſei und ſie ſich an ſolche vorübergehende Stimmung gewöhnen müſſe,— dieſe Hoffnung hatte der alte Menſch in ihr gehegt,— anſtatt deſſen erkannte er ihr Elend und hatte keinen Troſt für ſie, weil er eben ſo elend war. Plötz⸗ lich ward es ihr klar, daß es nicht anders ſein konnte; ſie wollte aber ſelbſt lieber unglücklich ſein, als den Mann, den ſie ſo herzlich liebte, unglücklich wiſſen. Lieber Otto, ſagte ſie bittend und legte ihre Hand auf ſeine Stirn, ich kann Dich nicht traurig ſehen, ich habe Dich ja ſo ſehr lieb. — Er bedeckte die Augen mit ver Hand und ſagte leiſe: Und doch kann Deine Liebe mich nicht tröſten, ebenſo we⸗ nig ich Dir mit meiner Liebe helfen kann.— Eliſabeth 94 war von dieſen Worten noch mehr erſchrocken, ſie konnte nichts entgegnen. Ihre Liebe, mit der ſie ſo ſicher und ge⸗ wiß glücklich ſein wollten, konnte ihnen nicht helfen? Das ſagte der Mann ſelbſt, auf deſſen Schutz und Hülfe ſie ſich in Glück und Unglück geborgen fühlen wollte. Und doch hatte er Recht,— ſie fühlte es deutlich. Nicht in der ge⸗ ringſten Seelennoth hatte ihr dieſe Liebe helfen können, ſondern der Herr allein hatte immer helfen müſſen. So lange ihr ſchwaches und thörichtes Herz noch hoffen konnte, ihr Mann werde ihr die Seelennoth ausreden, werde ſie mit ſeiner Liebe tröſten können und entſchuldigen und zer⸗ ſtreuen, ſo lange war es der Seele bange, weil ſie im tief⸗ ſten Grunde doch keine Hülfe ſah, weil es nur ein Aus⸗ reden, aber kein Tröſten ſein konnte. Von dem Augenblick, wo ihr kein Zweifel der Schuld und Hülfloſigkeit mehr blieb, ſah ſie ſehnend zum Herrn hinauf, ja, in der Theil⸗ nahme an der Traurigkeit des Mannes richtete ſich die eigene Glaubenskraft nur lebendiger auf. So müſſen wir beide den Herrn bitten, ſagte ſie.— Wer wirklich beten kann, dem iſt ſchon geholfen, entgegnete er wieder.— Wenn wir nicht beten können, fuhr ſie trö⸗ ſtend fort, ſo können wir doch ſagen:„Aus tiefer Noth ſchrei ich zu Dir!“ und können ſagen:„Denn ſo Du willſt das ſehen an, was Sünd und Unrecht iſt gethan, wer kann, Herr, vor Dir bleiben.“ Das kannſt Du doch noch aus voller Seele ſagen? fügte ſie zagend und doch mit dem Ton der beweglichſten Liebe hinzu.— Seine Au⸗ 95 gen wurden feucht, es zuckten ſeine Lippen, er nahm haſtig ihre Hände, küßte ſie und ſagte bewegt: Ja liebe Eliſabeth, das kann ich auch ſagen.— Dann wird der Herr uns auch hören, fuhr Eliſabeth freudiger fort.— Wenn er uns hören ſoll, müſſen wir ihn aber auch hören, ſagte er wie⸗ der.— Das wollen wir ja auch, unterbrach ihn Eliſabeth. — Er lächelte traurig. Gedachte er der guten Vorſätze? War er nach den traurigen Erfahrungen im Winter viel⸗ leicht feſter geworden ſie auszuführen? Nein. Er ſtand den Rückſichten, den Verlegenheiten, der Furcht lächerlich zu werden, mißverſtanden zu werden, faſt noch machtloſer gegenüber als im Herbſt, trotzdem das Verlangen und die Sehnſucht, ſich heraus zu reißen aus dem Unfrieden und Ungenügen, nur noch mächtiger war. Ja, Eliſabeth, ſagte er plötzlich, wir müſſen den Herrn bitten, daß er uns hilft, wir ſind ſchwach ohne ihn, ohne ihn kann ich Dich nicht beſchützen.— Er hatte ſie innig umfaßt, er ſah ihr fragend in die Augen und darin⸗ nen war ein Hoffen und ein Gluͤck voll Zagen. Wir wol⸗ len getroſt ſein, weil wir uns auf den Herrn verlaſſen, fuhr er fort. Jetzt iſt Charlottchens Tod uns ſchon eine Hülfe, wir können uns für jetzt von aller Welt zurückziehen und für uns leben. Das ſoll uns eine Erquickung ſein. Und der Herr wird weiter helfen, durch Glück oder Unglück, wir wollen mit Allem zufrieden ſein.. Eliſabeth hatte ihre Hände gefaltet. Durch Glück oder Unglück!— ſprach ſie glaubensvoll im Herzen nach. 96 Wie war es doch ſo wunderbar, daß nach dieſem Aus⸗ ſpruch der Demuth, ſie ihn nur männlicher und höher und zuverſichtlicher über ſich ſah. Ja, es giebt nichts Schöneres und Vertrauen Erweckenderes, als wenn ein kluger be⸗ gabter und ſtolzer Mann in Demuth ſeinen Sinn beugt vor Einem, der größer und erhabener über ihm iſt. Eli⸗ ſabeth fühlte wieder eine demüthige Brautliebe im Herzen. War es denn aber jetzt noch nicht zu ſpät, wie die Kuge Großmama zu leben? Ihr Mann war zwar freundlich und gut gegen ſie, war es aber doch nicht zwiſchen ihnen bei⸗ den ganz anders geworden? Wie war es denn mit dieſer Liebe, die einſt allmächtig ſein ſollte? ſie half ihr nichts mehr. Dem Herrn zu bringen, was ſie hindern wollte in dieſer Liebe, war ſie erſt ſelten und endlich gar nicht mehr in der Stimmung geweſen. Lieber war es ihr, der Noth nicht zu gedenken, ſich mit und in der Welt zu helfen. Wenn ſie verſtimmt war, nun gut, ſo war ſie verſtimmt, bis ſie durch eine Zerſtreuung, durch ein Vergnügen wieder fröhlich wurde. Sie machte es gerade ſo, wie es die an⸗ deren Frauen machten. Wenn ſie nur nicht etwas Beſſeres gekannt hätte, nicht die heiße Sehnſucht nach einer Braut⸗ liebe und nach dem ſchonen Beruf einer ſtillen Hausfrau immer wieder in ihr aufgetaucht wäre. Was war denn aus ihrer Liebe geworden, und wie ſtimmte ihr Leben zu dem Bilde einer frommen ſtillen Hausftau, die ſelig iſt in ihrem Beruf? Sie erſchrak vor ſich ſelbſt.— Aber er⸗ weckte dies Bild nicht doch ihre Sehnſucht, ihr Verlangen? . 97 Ihr Mann war von ihr abgerufen. Es war ja auch zwiſchen ihnen Alles gut und abgemacht. Sie eilte jetzt in ihr Schlafzimmer, ſchloß die Thür, beugte ihre Knie und ſchüttete ihr Herz nach langer Zeit einmal dem Herrn aus. Sie kam nicht mit guten Vorſätzen, ſie wollte nicht durch ihre Liebe glücklich ſein, ſie wollte nur zu des Herrn Füßen ruhen, ſie wollte, wie ſie es in ihrer Confirma⸗ tionszeit gekonnt, nur ſelig hinaufſchauen, nichts denken, nichts wollen, nur ihn lieb haben, nur an ſeiner Gnade und Barmherzigkeit hangen. Konnte ſie es heute mit we⸗ niger Hingabe als damals thun? O nein, ſie hatte ihm ja mit bitterlichen Thränen ein ſo banges Gewiſſen zu bringen. Er ſollte ihr ſo viele Schuld erlaſſen, mußte ſie nicht weit demüthiger und inniger zu ſeiner Liebe und zu ſeinem Erbarmen hinaufſchauen? Aber Herr, wirſt Du auch Wunder an mir thun, kannſt Du die Flitterwochen⸗ liebe zu einer Brautliebe, kannſt Du aus einer zerſtreuten, unbefriedigten Frau eine ſelige, ſtille Hausftau machen? Iſt es denn möglich, daß alle dieſe verkümmerten und zer⸗ wehten und vernachläſſigten Kleinigkeiten wieder aufblühen können? Ach nein, ein Leben ohne Liebes⸗Sonne und ohne Blumen, die darinnen ſprießen, das lag wie eine ſchwere bange Ahnung auf ihrer Seele. Wenn auch zu⸗ weilen noch ein beweglicher Schein in ihr Leben hineinfiel, ſo war es doch im Ganzen recht einförmig und nüchtern geworden. Ihr Mann war ja gutmüthig und brav gegen alle Menſchen und war es auch gegen ſie, er war aber Eliſaveth.. 7 98 auch heftig und auffahrend gegen ſie, und daß ſie dann verſtimmt und gereizt wurde, machte ſelten einen großen Eindruck auf ihn; er zerſtreute ſich und ſie zerſtreute ſich, und die Alltäglichkeit heilte den Riß. Wie traurig und demüthigend waren aber für Eliſabeth dieſe Betrachtungen, wenn ſie damit das Leben der Großeltern und ihr eigenes Ideal vergleichen wollte. O, wären die letzten Jahre nur ein thörichter Traum geweſen, könnte ſie wieder vor ihrem Hochzeitsmorgen ſtehen! Aber um das Eine bat ſie den Herrn mit den bitterlichſten Thränen: wenn ſie auch ohne Sonne und ohne Blumen und ohne Brautliebe weiter gehen ſollte, daß Er möchte ſich nicht von ihr wenden, daß es nie möchte öde und leer in ihrem Herzen ſein, daß der Herr ſie möchte tröſten in jedem Unglück. Ja, in jedem Unglück! Im Glück iſt ſo ein leichtfinniges und oberflächliches und inner⸗ lich unbefriedigtes Leben noch erträglich, die Welt mit ihren Zerſtreuungen iſt zu helfen bereit, wenn aber der Herr ein Machtwort ſpricht und Kraft und Muth zu ſolchen Zerſtreuungen nimmt, wo iſt dann Hülfe? 1 25. Durch Unglück. Ein Jahr iſt wieder vergangen. Es iſt ein ſchöner Frühlingstag, Eliſabeth ſteht am Kinderſtuben⸗Fenſter, ſie ſieht gedankenvoll in den klaren blauen Himmel, ſie ſieht hinab auf den Hof, wo ihr kleiner Friedrich fröhlich in der lauen Frühlingsluft herumſpielt, und ihr kleines lie⸗ bes Mädchen, das der Herr ihr im November ſchenkte, ſich im warmen Sonnenſchein ſpatzieren tragen läßt. Sie legt ihre bleichen Wangen an die Scheiben. Hat der Herr ein Wunder an ihr gethan? Iſt ſie glücklicher als damals, wo ſie beten konnte: Durch Glück oder durch Unglück— mache mich wieder zu deinem Kinde.— Nein, ſie iſt unglücklicher, des Herrn Strafe ſcheint allein auf ihr zu ruhen. Das Unglück iſt über ſie gekommen, als die Welt ihre Seele matt gemacht und vom Herrn entfremdet hatte, als ſie das Beten und das Hülfeſuchen verlernt hatte. Die Welt aber hilft kein Unglück tragen, die hält es nur mit glücklichen Leuten. Die Welt war ihr verleidet, und zu dem Herrn konnte ſie ſich nicht finden. Seit einem Jahre war ſie krank und ſchwach und an⸗ gegriffen, elend an Leib und Seele. Ein frommes Herz mägt das wohl mit Frieden, es trägt freilich daran ein Kreuz, oft mit Seufzen und Zagen, aber es wird auch ſelige und ſtille Minuten dabei rleben, denn der Herr iſt 7* 100 mit ihm und hilft ihm tragen. Ein gottesfürchtiger Mann übt auch Liebe und Geduld gegen ſeine ſchwache eigenſin⸗ nige Frau, nicht aus Freude an ihr und Liebe zu ihr, denn Liebe und Freude fliehen vor Eigenfinn und Krank⸗ heit; auch nicht, weil er ſo gute Vorſätze im Herzen hat, die guten Vorſätze fliehen vor dem Reiz und der Verſu⸗ chung zur Sünde; nein, einzig und allein kann er Liebe und Geduld üben, weil der Herr es verlangt, weil er gewohnt iſt, auf des Herrn Wort zu hören, und geübt iſt, von ihm Hülfe und Kraft zu erbitten und zu nehmen. Viele Männer mit den guten Vorſätzen und dem ruhigen Gewiſſen würden eine Prüfung vor dieſem ihrem eigenen Gewiſſen wohl beſtehen, ſie machen nicht viel Anſprüche an ſich ſelbſt. Aber ja ſelbſt die beſten Männer, die wirk⸗ lich von Natur ſanftmüthigen und großmüthigen, wenn ſie nicht im Glauben leben, würde es Thorheit dünken, glück⸗ liche und ſelige Minuten im gemeinſamen Kreuztragen zu finden. Sie ſind ſchon mit ſich zufrieden, wenn ſie nicht ſelbſt dabei ärgerlich und unzufrieden ſind, wenn ſie ſich gefaßt über das Elend hinwegſetzen. Davon hat aber freilich die arme Frau nicht viel. Bald nachdem Charlottchen geſtorben war,— das war gegen das Frühiahr 1848— kam die Revolutions⸗ zeit und nahm die Gemüther ganz und gar in Anſpruch. Eliſabeths Gemüth aber ward durch Unwohlſein und Ner⸗ venleiden ſo hingenommen, daß die Politik ihr ganz gleich⸗ gültig wurde, ja nicht nur gleichgültig, ſie wandte ſich 101 unzufrieden von ihr ab, denn ihr Mann hatte kaum ein Wort, einen Blick der Theilnahme für ſie. Ihn beſchäf⸗ tigte das große, eine, unglückliche Ereigniß ſo ſehr, daß ihm nicht Zeit blieb, an Eliſabeths kleine Verſtimmungen, an ihr kleines Unwohlſein zu denken, und als ſie ihn erſt öfters verſichert hatte, ſie könne Politik nicht hören, wandte er ſich dahin, wo er davon reden konnte, und verkehrte, was ſich überhaupt ſchon von ſelbſt verſtand, ſehr viel mit Männern. Die Zeit, die für ihn eine Erfriſchung und Belebung des inneren Lebens war, wurde ihr zur größten Bedrückung. Gleich vom Anfang war er überzeugt geweſen, daß der Herr dieſe ernſten Ereigniſſe ihm nicht allein, ſondern allen Schwachgläubigen zur Hülfe ſchickte. Wie ſchnell war das eine ſchon erreicht, daß die gläubigen Leute plötzlich in Achtung und Anſehen ſtanden. Sie hatten ſich ſofort entſchieden für die gute Sache bekannt, und hatten Muth, bei ihr zu ſtehen. Wie entzückt waren Kaddens Kamera⸗ den jetzt von den Predigten dieſes gläubigen Paſtors, der den König und ſeine Soldaten gegen Aufruhr und Rebellen vertheidigte, während die anderen honetten Prediger ſich ſo jämmerlich von der Geſinnung des mächtigen Pöbels re⸗ gieren ließen. Wenn dieſe großen Begebenheiten ſeine innerliche Stel⸗ lung weſentlich befeſtigten und dem Glauben vorarbeiteten, ſo nahmen ſie ihn auf der andern Seite doch wieder zu ſehr hin, beſchäftigten ihn zu ſehr, als daß er dem Glau⸗ 102 bensleben ſelbſt beſondere Sorge hätte widmen können; noch weniger aber zog es ihn zu ſeinem Familienleben. Eliſabeths Stimmung mit Geduld zu tragen, war ſeiner Natur wirklich eine Aufgabe, ſie war faſt immer bedrückt, weinerlich und eigenſinnig, und er beklagte ſich offen bei der Großmutter darüber. Dieſe bat ihn, Nachſicht mit ihr zu haben, ſie tröſtete ihn, daß dieſe Zeit vorüber⸗ gehen würde, Eliſabeth würde dann wieder friſch und freu⸗ dig ſein mit ihm und mit der ganzen Welt. Wie gern ließ er ſich tröſten, wie oft ſtand ihm der Großmama Bitte vor der Seele, wie oft übte er ſich in Geduld und Nachſicht mit der Frau, die er lieb hatte, die ihm aber das Leben jetzt gar zu ſchwer machte. Wie oft aber ließ er ſich gehen in ſeiner Heftigkeit und Rohheit, denn die Liebe und die guten Vorſätze ließen ihn in der Leidenſchaft im Stich. Gottes Wort zur Richtſchnur zu nehmen, mahnte ihn wohl ſein Gewiſſen„aber das iſt nicht ſo gleich gelernt, das will geübt ſein, und will erbeten ſein, und beides konnte er jetzt nicht. Zwang ihn doch einmal ſeine Gutmüthig⸗ keit, theilnehmend und freundlich gegen ſeine Frau zu ſein, ſo half ihm das auch nicht viel, Eliſabeth fühlte zu deut⸗ lich ſeine Abſicht, und der Gedanke, er hat dich nicht mehr lieb, er iſt nur freundlich aus Ritleiden und Pflichtgefühl, bedrückte und kümmerte ſie immer mehr. Im November, gerade in der Zeit, wo die politiſchen Ereigniſſe neue Spannungen und Aufregungen brachten, wurde ihr kleines Mädchen geboren. Die Mutter aus Ber⸗ 103 lin war hier, die Geburt des Kindes ſchien alle Herzen zu bewegen, Kadden ſelbſt war ſo glücklich. Jetzt ſollte ſeine liebe Eliſabeth wieder friſch und fröhlich ſein, Mutter und Großmutter, ja ſie ſelbſt hatte es ihm ſo freudig verſichert, jetzt ſollte es nun wirklich anders werden. Es wurde aber nicht anders. Eliſabeth hatte ſich, wie die Mutter behaup⸗ tete, und wie ſie eigenſinnig abſtritt, einigemal erkältet, ſie konnte ſich nicht erholen. Fieberbewegungen kehrten im⸗ mer wieder, und als die kleine Marie getauft wurde, konnte ſie das Kind bei der Einſegnung kaum halten und lag wäh⸗ rend des übrigen Tauffeſtes kummervoll in der ſtillen Kin⸗ derſtube. An dieſem Tage theilte ſie der Großmama ihren tiefen Kummer mit, die Mutter war ſelbſt ſo unruhig und unzufrieden mit ihr, der konnte ſie nichts ſagen, aber das Großmutterherz war ſtill und freudig und wußte im⸗ mer zu tröſten. Als ſie der Großmutter erſt klagte, daß ihres Man⸗ nes Freude an dem kleinen Mädchen ſo kurz geweſen und er jetzt wieder nur Sinn und Intereſſe für politiſche Dinge habe, erklärte ihr die Großmama, daß ſei Männer⸗Weiſe, die Frauen müßten ſich darin fügen, ſie habe es in den Kriegszeiten auch erfahren müſſen. Das dauere aber nur eine gewiſſe Zeit. Wenn der männliche Geiſt ſich an den großen Intereſſen ermüdet, dann ſehne ſich das Herz deſto inniger nach einer Heimath, nach Frieden und Glück in der Häuslichkeit. Sie möchte nur mit treuer Liebe dies Heimaths⸗Gefühl in ihm pflegen, wenn er es jetzt auch 104 nicht anzuerkennen ſcheine.— Aber dazu gehörte ein ſanf⸗ ter, ſtiller Geiſt, der da lebt in Demuth, Glauben und Hoffnung, den kannte Eliſabeth jetzt nicht. Doch entgeg⸗ nete ſie der Großmama nichts.— Die Zweifel überhaupt an ihres Mannes Liebe wagte ſie ihr nicht zu ſagen, ſie ſchämte ſich. Auch fürchtete ſie, die Großmutter müßte das ſelbſt ſchon gemerkt haben, ſie hätte ſonſt nicht ſo oft mit tröſtlichen theilnehmenden Wor⸗ ten unaufgefordert darauf hindeuten können. Eliſabeths Hauptklage und Hauptkummer ſollten heute nur ſein, daß ſie in der ganzen langen letzten Zeit im Geiſte ſo bedrückt war, daß ſie weder leſen, noch ſingen, noch beten konnte; grau und ſtill war es über ihr, und grau und ſtill war es in ihr. Selbſt nach der glücklichen Geburt des Kindes konnte ſie ſich nicht erheben, nur zuweilen bitterlich weinen über ihre Armuth. Die Großmutter tröſtete ſie mit ähnlichen Zeiten, die ſie ſelbſt erlebte, ſie ſchob es auf die Nerven; erkannte darin aber zugleich eine Prüfung und eine Mahnung des Herrn, mit der er anklopfte an die Seele, um ſie zur Buße zu mahnen und ſie im Glauben zu üben und zu ſtärken, und wenn ſie auch zu Allem ſich matt und muth⸗ los fühlte, ſo ſollte ſie nur nicht nachlaſſen um Kraft und Hülfe zu bitten. „Laß nur Dein Herz im Glauben ruhn, wenn Dich will Nacht und Finſterniß bedecen; Dein Vater wird nichts ſchlimmes mit Dir thun, vor keinem Sturm und —————— 105 Wind darfſt Du erſchrecken. Ja, ſiehſt Du endlich ferner keine Spur, ſo glaube nur!“ Dieſe Worte hatte die Großmama ihr geſagt, und hatte ſie ihr am folgenden Tage, auf ein Blättchen geſchrieben, geſchickt. Eliſabeth hatte ſich, ſo viel ſie konnte, an dieſen Troſt gehalten, aber ſtill und einförmig waren ihre Tage dahingegangen, ſie blieb immer ſchwach und reizbar, und der Arzt und ebenſo die Großmutter vertröſteten ſie auf das Frühjahr und auf eine Badekur. Als ſie jetzt ſo traurig am Fenſter ſtand, ritt ihr Mann auf den Hof. Sie fühlte das warme Herzblut in ihre Wangen ſteigen,— je mehr ſie um ſeine Liebe bangte, ie mehr klammerte ſich die eigene Liebe in ihrem Herzen feſt. Er ſchien heute zerſtreut, er ſah nicht nach dem klei⸗ nen Friedrich, mit dem er ſich ſonſt ſo viel und ſo glück⸗ lich beſchäftigte. Der Kleine aber machte ſich laut bemer⸗ bar und ruhte nicht eher, als bis der Papa ihn auf das Pferd ſetzte und in den Stall reiten ließ. Sie tra⸗ ten dann beide aus dem Stall und das gute alte Kinder⸗ mädchen brachte ihren kleinen Liebling, damit der Papa ihn bewundern möchte. Er that es auch ganz freundlich und ging darauf in das Haus. Nach Eliſabeth ſah er nicht hinauf, daran dachte er gar nicht. Die Zeit, wo ſie an das Fenſter nach der Straße eilte, wenn ſie die Ruſik von ferne hörte, und wo ſie dann mit ſtrahlendem Glücke ſeinen freudigen Gruß empfing, war ja auch längſt vorbei. Als er angefangen, den Gruß zu vergeſſen, hatte 106 ſie ſich nicht herabgelaſſen, ihn darum zu bitten und ihn zu überzeugen, daß es ihn ſelbſt beglücke, und ſo gehörte es zu den verlorenen Dingen. Die Hoffnung, daß der Herr ein Wunder thun und die zerwehte Brautliebe wieder neu erſchaffen könne, hatte ſie längſt aufgegeben, wenn auch die Kämpfe in ihrem einſamen und ſehnſuchtsvollen Herzen immer nicht aufhören wollten. Zu der Freude, ihn im Hauſe zu wiſſen, und zu ihrer kummervollen Liebe geſellte ſich jetzt ein leiſes Zür⸗ nen: Er weiß es, daß ich in dieſem Zimmer bin, konnte er nicht hinaufſehen? Die Männer ſind alle egviſtiſch, wie können ſie eine arme kranke Frau lieb haben? Ja, ich bin ihm gewiß eine rechte Laſt.— Bange griff ſie nach dem Trauring.— Den Ring am Finger habe ich aber, er darf mich nie laſſen, ich kann ihn auch nicht laſſen, wenn er mich auch immer trauriger behandelt, wenn er mich auch gar nicht mehr lieb hat. In dem Augenblick trat er ſelbſt ein. Als er ſie da ſo bleich und traurig ſtehen ſah, ging es ihm wie ein Schwert durch das Herz. Du arme liebe Eliſabeth! ſagte er mitleidig und nahm ſie warm an ſein Herz, wenn ich Dir doch helfen könnte!— Wie wohl ihr ſelbſt dies Mitleid that. Sie weinte leiſe, aber ſie zwang ſich zum Lächeln, damit die Thränen ihn nicht fort⸗ treiben möchten.— Es iſt heute ſo ſchön, ſagte er, wolz len wir Nachmittag ſpatzieren gehen?— Wenn Du willſt, entgegnete ſie und erſchrak faſt vor der Antwort, in der — 107 vielleicht ein Vorwurf für ihn liegen konnte. Mit ähn⸗ lichen Vorwürfen, oder vielmehr mit Klagen, daß er ſie nicht mehr lieb habe und ihr auch nichts zu Liebe thue, hatte ſie ihn kurz vorher ſo böſe gemacht, daß ſie noch mit Zittern an dieſe Scene dachte. Er hatte ihr verſichert, daß ſie ihn ſelbſt auf ſolche unglücklichen Gedanken bringe, und daß er fürchte, es ſei wirklich ſo. Seine guten Vor⸗ ſätze und braven Anſichten hatten ihn vergeſſen laſſen, daß er eine arme kranke Frau vor ſich hatte.— Ich will gern! entgegnete er jetzt, und knüpfte daran freundliche tröſtende Worte über den kommenden Frühling, wo ſie wieder ganz friſch und geſund und ſeine liebe Eliſabeth ſein würde. Der kleine Friedrich holte die Eltern zum Mittags⸗ eſſen ab, und beim Eſſen wurde der Spatziergang bera⸗ then. Gleich, nachdem Eliſabeth geruht, wollten ſie mit den Kindern zuſammen gehen, wenn auch nur den breiten Grasrain hinauf. Als ſie etwas geſchlafen hatte und ſich zum Spatzie⸗ rengehen rüſten wollte, ſah ſie zu ihrem Kummer, daß der Hilmel ſich bezogen und daß ſchon einzelne leiſe Tro⸗ pfen niederfielen. Ihr Mann war aufrichtig betrübt darü⸗ ber.— Wird er wohl bei dir bleiben heute Nachmittag? dachte ſie zagend.— Nein, er hatte keine Ruhe, er „nahm nach kurzer Zeit die Miütze, er wollte zu den Freun⸗ den, es waren gerade wieder auftegende Nachrichten über Baden in den Zeitungen, die er beſprechen wollte. 108 Als er fortging, verſprach er, bald wiederzukom⸗ men. Er verſprach es aus böſem Gewiſſen: er hätte ſei⸗ ner kranken Frau wohl ein Opfer bringen können, es wäre jetzt vielleicht ſeine Pflicht geweſen ſie zu unterhalten, wenn es ihm auch kein Vergnügen machte.— Eliſa⸗ beth fühlte daſſelbe. Sein Gewiſſen ſagt ihm, daß er bleiben müßte, dachte ſie, daß er mir und den Kindern auch Zeit und Unterhaltung ſchuldig iſt; aber er kann es nicht, er lebt nach ſeinem Gefallen, nicht nach Gottes Gebot. Der Großvater hatte recht gehabt: ſolche Liebe hält im Glück aber nicht im Unglück aus.— Sie kämpfte mit ihren Gedanken, die ſehr unfreundlich und zürnend waren, ſie war damit noch längſt nicht fertig, als ihr Mann plötzlich zurückkehrte. Die Kameraden hatten gleich nach Tiſch eine Partie 3 unternommen, er fand Niemand zu Hauſe. Er war ver⸗ ſtimmt darüber, aber er ſuchte es zu verbergen. Nun will ich Frau und Kinder unterhalten, ſagte er ſcherzend.— Hätte ſie doch jetzt die Gewalt über ſich gewinnen können, ihre Freude über ſein Kommen auszuſprechen,— es war ihr ja doch eine Freude! Nein, ſie konnte es nicht, ſie ſchwieg und lächelte nur etwas traurig.— Soll ich Dir etwas vorleſen? fragte er freundlich. Sie nickte. Oder wollen wir Klavier zuſammen ſpielen? fügte er hinzu.— Friedrich gab den Ausſchlag, er wollte Muſik hören und wollte tanzen. Die Eltern ſetzten ſich an das Klavier, ſie ſpielten und der Junge tanzte. 109 Das ging auch ſchön, er mußte nur dazwiſchen ein⸗ mal nebenan in die Kinderſtube laufen, um das weinende Schweſterchen zu beruhigen; als er zurückkehrte ſtand eben der Papa von dem Klavier auf, warf das Notenbuch mit Gewalt zu und verließ das Zimmer. Papa ſoll ja ſpielen! ſagte Friedrich. Eliſabeth antwortete dem Kinde nicht. Sie ſaß bleich und zitternd. Ja, ſie war reizbar und eigenſinnig und unfreundlich ge⸗ weſen, durfte er denn aber ſo heftig ſein? konnte er denn nicht Geduld mit ihr haben? Faſt wäre ihr das Noten⸗ buch an den Kopf geflogen. Sie hatte wohl zehn Minuten unbeweglich geſeſſen, als die Thür aufging und ihr Mann zurückkehrte. Er ſetzte ſich zu ihr, nahm ihre Hand und ſagte ernſthaft und traurig: Eliſabeth, verzeihe mir.— Ich war ja Schuld daran, ſagte ſie leiſe.— Ach ja, Eliſabeth, fuhr er trau⸗ rig fort, wenn Du mich doch nicht ſo viel zur Heftigkeit reizen möchteſt! Du glaubſt nicht, ich führe ein elendes Leben, ich fürchte mich, mit Dir zuſammen zu ſein Sie weinte. Das zu hören, war ihr wieder ein bitterer Schmerz; aber es war nur die Wahrheit, und als ſie Beide noch einige Augenblicke ſo ſchweigend neben einander geſeſſen, verließ er das Zimmer. Im Juni war der Frau Oberförſterin Geburtstag Veranlaſſung zu einer kleinen Familienverſammlung, Eliſa⸗ beths Eltern und Schlöſſers kamen nach Woltheim. Eliſa⸗ beth, obgleich es ihr wirklich ſchwer war, mit Emilien und 110 mit Tante Julchen, ja ſelbſt mit ihrer Mutter zuſammen zu ſein, überredete ſich doch, daß ſie ſich auf dieſes Feſt freue. Sie bemühte ſich auch nicht, dieſe Gefühle gegen ihren Mann zu verbergen, ja, ohne es in einer beſtimmten neberlegung zu thun, erſchuf ſie ſich das angenehme Ge⸗ fühl, ihn fühlen zu laſſen, daß ſie, da er ſie einſam und liebeleer ließ, Troſt und Liebe bei ihrer Familie ſuchen müſſe, wo ſie ſo ſicher war, beides zu finden. Sie erreichte ihren Zweck vollſtändig. Schon vor der Abreiſe und auf der Fahrt war er übler Laune; er war überhaupt nicht gern hingegangen, weil ihm die beob⸗ achtenden Frauen läſtig waren. Daß Eliſabeth ſehr lebhaft und theilnehmend empfangen wurde, verbeſſerte ſeine Stim⸗ mung nicht. Je mehr ſie ſich von den Ihrigen bedauern und tröſten ließ wegen ihres Unwohlſeins, je mehr ſie ſich zu ihnen hielt und vergnügt und befriedigt ſchien, je ſchwei⸗ ſamer und ernſter wurde er. Es war zu deutlich, man wollte ihn aufmerkſam machen, wie er die Frau jetzt behandeln müſſe. Die gutmüthige Frau Oberförſterin ging ſehr tactlos dabei zu Werke. Emiliens kaltes, kluges Ge⸗ ſicht war ihm an und für ſich anangenehm, und heute ſchaute ſie mit einem gewiſſen Triumpfe auf ihn herab. Seine Schwiegermutter war wirklich kummervoll und traurig, er konnte ſie nicht anſehen und ſich ihr nicht nahen. Er fühlte ſich einſamer und verlaſſener in dieſer Geſell⸗ ſchaft als einſt dem alten Erbkoffer gegenüber, ja, er gerieth endlich in eine ſo unangenehme Auftegung, daß es ihm 111 eine Aufgabe war, hier zu bleiben und ſich doch wenig⸗ ſtens hin und wieder in ein Geſpräch mit den Männern einzulaſſen. Was Eliſabeth in einer Art Spielerei angefangen, das machte ſie jetzt bange, die düſtern Blicke ihres Mannes waren ihr ganz verſtändlich und er kam nicht wie damals im erſten Sommer, wo ſie über die Freude, ihre Geſchwiſter wieder zu haben, ihn einige Stunden vergeſſen hatte, er ſagte ihr nicht: Liebe Eliſabeth, mich mußt Du immer am meiſten lieb haben, ſonſt werde ich traurig. Sie konnte es endlich nicht länger laſſen, ihr Gewiſſen trieb ſie dazu, ſie ging zu ihm und fragte mit großer Befangenheit: Otto, biſt Du unwohl? Er ſah ſie kalt und ruhig an und entgegnete ebenſo: Durchaus nicht,— wie kömmſt Du darauf? Sie wandte ſich bange von ihm, ſie fühlte es, daß ſich ein Sturm vorbereite, und fürchtete ſich. Emilie hatte dieſe kleine Unterredung beobachtet. Sie nahm die Oberförſterin bei Seite und ſagte: Die arme Eliſabeth kann einem wirklich jetzt leid thun! Und Eliſen begreife ich nicht recht, wie ſie doch die Tochter ſo ruhig an dieſes Mannes Seite wiſſen kann.— Ruhig? entgegnete Julchen bewegt, ruhig iſt ſie wirklich nicht; findeſt Du nicht, daß die arme Eliſe in dem letzten Jahre alt ge⸗ worden iſt? Ihr Haar fängt plötzlich an grau zu werden, ſie kann gar nicht mehr vergnügt ſein. Daß ſie ſich von ihrem Mann und von den Eltern gern beruhigen läßt, iſt ihr zu gönnen.— Ja, die guten Großeltern ſind unbe⸗ 112 greiflich, ſagte Emilie ſcharf, als ob ſie Eliſabeth und Kadden gegenüber ihr geſundes, richtiges Urtheil aufgegeben hätte. Kadden iſt und bleibt ihr Liebling, ja, die Groß⸗ mama möchte ihn nur immer tröſten, möchte das ganze Unglück allein in Eliſabeths Nerven finden, und erwartet von den Seebädern Wunder. Aber auch die Seebäder werden hier nicht helfen,(beſtimmte ſie ruhig), es konnte nicht anders kommen. Wie kann eine Liebe zwiſchen zwei ſo heftigen, eigenwilligen Leuten beſtehen? Ich habe es längſt vorausgeſagt, Niemand wollte mir glauben. Wenn ich ihre Brautzeit bedenke— Das war wirklich ein lieb⸗ liches Bild, unterbrach ſie Julchen lebhaft, und es kann einem zu weh thun, wenn man ſie jetzt ſieht.— Ja, ein liebliches Bild, fuhr Emilie fort, eine Seifenblaſe im Sonnenſchein, ich ſage Dir aber, Julchen, wir haben das Ende der traurigen Geſchichte noch nicht erreicht, ich ſehe es deutlich vor Augen. Wenn aber Eltern und Groß⸗ eltern ſich darüber beruhigen, werde ich es auch können. Sie konnte es aber nicht. Als am Abend Kadden und Eliſabeth fort waren und ſie nur im engſten Kreiſe mit den Großeltern, mit Eliſabeths Eltern und Oberförſters war, brachte ſie die Unterhaltung auf das verſtimmte junge Paar, und Julchen war ſehr bereitwillig, ihr dabei zu helfen. Emiliens entſchiedener Rath war: ſie müßten jetzt beide er⸗ mahnt und gewarnt werden, der Abgrund, an dem ſie ſtän⸗ den, müßte ihnen gezeigt werden, denn von ihrem jetzigen Verhältniß bis zum Verlangen nach Scheidung ſei nur ein 113 kurzer Schritt, Julchen war nicht ganz einverſtanden mit Emilien, ſie meinte, Eliſabeth hätte ihren Mann zu lieb, ihr Herz würde nie einen ſolchen Gedanken faſſen können. Ihr täuſcht Euch auch in Eliſabeth, verſicherte Emilie; ſie hat ſich zu ſehr in Liebe verwöhnen laſſen, bei einem ſo leicht erregbaren Gemüthe kann Liebe ſich ſchnell in Zürnen verwandeln, ja, ſelbſt ihr Stolz, ihr Selbſtgefühl muß ſich gegen eine ſolche Behandlung ſträuben. Der Großvater hatte ruhig zugehört, jetzt aber nahm er ernſthaft das Wort: Vor allen Dingen bemüht Euch nicht, die Sache zu übertreiben, ſprecht nicht zu viel da⸗ von, auch nicht unter einander mit unnützen Worten. Hal⸗ tet Ihr die Sache wirklich für bedenklich, ſo tragt ſie in herzlicher Theilnahme dem Herrn vor. Ja, Kadden hat mir heute leid gethan, ſagte die Großmutter, er mußte Euer Weſen drückend fühlen, und ſelbſt Eliſabeth habt Ihr heute förmlich verführt und von ihm abgewandt. Aber, liebe Tante, begann Emilie mit einem ver⸗ wunderten Kopfſchütteln.— Laß nur, liebes Kind, unter⸗ brach ſie die Großmama, Ihr wißt recht gut, was ich meine und werdet mir auch Recht geben müſſen, Eliſabeth hat doch die größte Schuld, wenn ich ſie auch gern ent⸗ ſchuldige mit ihrer Krankheit, wir können jetzt nichts Beſ⸗ ſeres thun, als ihn tröſten und es ihm leicht machen, daß er Geduld mit ihr hat. Nun, liebe Tante, entgegnete Emilie ruhig, wir wollen Eliſabeth. 1l. 8 114 nicht weiter ſprechen darüber, unſere Anſichten ſind zu ver⸗ ſchieden, ich will ja wünſchen, daß ich Unrecht habe, fürchte aber das Gegentheil.— Eliſe und Julchen ſchwiegen. Sie waren augenſcheinlich auf Emiliens Seite. Der Groß⸗ vater verſicherte noch einmal, und Schlöſſer und der Ge⸗ heimrath waren mit ihm einverſtanden: wenn Eliſabeth wohler wäre, würde ſich das Verhältniß beſſer geſtalten; wäre es auch immer keine Muſter⸗Ehe zu nennen, ſo wäre doch auch an etwas wie Scheidung nicht der entfern⸗ teſte Gedanke. Man ſah es dem Großpapa an, er wollte nicht näher auf das Geſpräch eingehen, er ſchloß noch ein⸗ mal mit der Ermahnung, ſie ſollten nur nicht ſo viel Fa⸗ milien⸗Geſchwätz daraus machen und die Sache in Theil⸗ nahme auf ihrem Herzen tragen, er verſprach aber zugleich, daß es bei der Verabredung bleiben und Eliſabeth gleich nach der Badezeit als Nachkur mit ihren Kindern zu ihnen nach Woltheim kommen und während des ganzen Herbſt⸗ manövers dort verweilen ſollte. Eliſabeth war indeß an ihres Mannes Seite nach Hauſe gefahren. Anfangs hatte ſie Furcht vor einer hef⸗ tigen Scene, aber bald gewahrte ſie, daß er kalt und ruhig blieb. Sie verſuchte nun mit ihm zu reden,— durch ihr ganzes Weſen ging der ſtille, ſehnende Zug,— ihn zu begüti⸗ gen. Es gelang ihr nicht. Er konnte ſich nicht überwin⸗ den. Sie hatte ihn heute auf die empfindlichſte Weiſe ge⸗ zränkt. Sie gab endlich jeden Verſuch auf und ſaß ſchwei⸗ gend und kummervoll neben ihm. 115 Am andern Morgen war Eliſabeth allein, ihren Mann hatte ſie noch nicht geſehen, er war fortgeritten, ohne ihr guten Morgen zu ſagen. Sie überlegte ſich den vergangenen Tag: was hatte ſie denn eigentlich verbrochen? ſie konnte jetzt kaum Unrecht entdecken, und ihre Gedanken über das Weſen ihres Mannes wurden immer anklagender. Wenn er mich vernachläſſigt, ſoll ich mir nicht Troſt in meiner Familie ſuchen? Bin ich denn nicht ſchwach und elend und beklagenswerth? Wie wird er nun wieder tagelang gegen mich ſein? Heute Nachmittag wird er jedenfalls gar nicht zu Hauſe ſein. Ein unüberwindliches Verlangen, dieſen Nachmittag mit ihren Eltern und Geſchwiſtern zu⸗ ſammen zu ſein, bewegte ihr Herz. Ja, wenn ſie nur hätte zu Fuß gehen können, ſo würde der Beſuch keine Schwierigkeiten gehabt haben, ihr Mann würde aus ihrer Abweſenheit ſich nicht viel machen,— das ſetzte ſie zür⸗ nend, aber doch mit großem Herzweh hinzu. Bei Tiſche war Kadden wieder wie immer, er ſprach mit Eliſabeth von gleichgültigen Dingen und ſprach freund⸗ lich und liebreich mit dem kleinen Friedrich. Als ſie vom Tiſch aufgeſtanden, konnte Eliſabeth ihrer inneren Auf⸗ regung nicht wiederſtehen, ſie mußte von ihren Wünſchen nach Woltheim ſprechen, obgleich eine Stimme in ihrem Herzen ſie entſchieden davor warnte. Sie entſchuldigte ſich aber in ihren Gedanken: wenn er immer nur an ſich denkt, warum ſoll ich nicht auch einmal an mich denken? Und überdem iſt es der einfachſte Wunſch von der Welt. 8* 116 Heute ſind ſie noch alle in Woltheim beiſammen, be⸗ gann ſie zagend. Ihr Mann ſchwieg. Ich wäre ſo gern dort geweſen, fuhr ſie fort. Heute wieder? fragte er ver⸗ wundert. Ich werde meine Geſchwiſter den Sommer nicht mehr ſehen, und ob ich den Rachmittag hier bin oder nicht, das iſt doch gleich. Er ſah ſie an mit dem ſchnel⸗ len fragenden Blick; wenn ſie vernünftig war, hätte ſie jetzt aufgehört, aber der Gedanke, er könnte ihr die Bitte abſchlagen, er könne ihr den Beſuch geradezu verbieten, reizte ſie im Voraus. Wenn ich nur gehen könnte, ſagte ſie entſchloſſen, es wäre doch ganz natürlich, daß ich heute wieder dort wäre.— Ich habe auch nichts dagegen, ſagte er ſchnell.— Ich kann aber nicht gehen, fuhr ſie in gereiztem Tone fort.— Du wrillſt doch keinen Wagen nehmen? fragte er unwillkürlich.— Das wäre ftreilich zuviel verlangt, ſagte ſie mit leiſer Stimme und verließ das Zimmer. Sie ſtand am Kinderſtubenfenſter in einer ſehr trau⸗ rigen Stimmung. Aerger und Unwillen und die Stimme des böſen Gewiſſens ſtritten ſich um die Oberhand, da hörte ſie plötzlich ihren Mann den Burſchen rufen und nach einem Wagen ſchicken. Noch einige Minuten⸗ſtand ſie er⸗ ſchrocken und nachdenklich, dann ging ſie in ihres Mannes Zimmer. Ich möchte doch lieber hier bleiben, ſagte ſie mit ſtockender Stimme.— Er ſah gar nicht vom Schreib⸗ tiſch auf, vielleicht hätte ihre ganze Erſcheinung, ihr bitten⸗ der Blick ihn bezwungen.— Wenn der Wagen zu haben 117 iſt, wirſt Du nun hinfahren, entgegnete er ruhig.— Nein, Otto, ich möchte wirklich lieber hier bleiben, bat ſie noch einmal.— und Du wirſt wirklich hinfahren! fuhr er heftig auf. Jetzt bitte ich Dich, geh, ſetzte er ruhiger hinzu. So antwortet eine Sünde auf die andere, und ein Mißverſtändniß knüpft ſich an das andere. Eliſabeth ver⸗ ließ unglücklich das Zimmer und fuhr ebenſo bald darauf nach Woltheim. Ihre Familie war überraſcht durch ihr Kommen, es war ganz gegen die Verabredung. Eliſabeth war aber auch nicht im Stande, ihre unglückliche Stimmung zu ver⸗ bergen, und Eliſens Mutterherz wurde immer ſchwerer, wenn ſie ſo an der Tochter ſelbſt die Beſtätigung von Emiliens unglücklichen Profezeihungen ſah. Sie konnte es auch nicht laſſen— doch that ſie es nur im Beiſein der Großmutter, Eliſabeth nach der Urſache ihrer heutigen Verſtimmung zu fragen.— Otto wünſchte nicht, daß ich herfuhr, und ich hatte doch ſo große Sehnſucht, war ihre ſtockende Antwort.— Armes, liebes Kind, ſagte Eliſe und liebkoſte ihre Wangen. Die Großmutter aber ſagte etwas vorwurfsvoll: Wenn er es nicht gern ſah, mußteſt Du lieber zu Hauſe bleiben.— Eliſabeth ſchüttelte nur trau⸗ rig mit dem Kopf, ſie wollte nichts weiter ſagen. Als ſie recht früh wieder an die Rückfahrt dachte, wurde ſie von Niemanden zurückgehalten. Dieſen Nachmittag war Kadden nicht mit ſeinen Be⸗ 118 kannten, die Politik intereſſirte ihn heute nicht, er war mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Um ganz allein zu ſein, wählte er den einſamen Spatziergang auf dem Grasrain hinauf. So unglücklich, ſo ohne Ausſicht auf Glück, hatte er ſich noch nie gefühlt. Wie ſtand er geſtern der Familie ſeiner Frau gegenüber, wie hatten ihn dieſe Frauen unzart und rück⸗ ſichtslos behandelt. Nur Schlöſſer und der Großpapa waren unbefangen, und die liebe Großmama war liebreich wie immer, ſie hatte auch freundlich ſeine Hand genommen und ihm tröſtlich in die Augen geſchaut, als wollte ſie ſagen: Lieber Otto, es wird wieder beſſer werden. Nur der Großeltern Weſen hatte ihn bewegt zum geduldigen Ausharren den ganzen langen Tag hindurch.— Auch Eliſabeth, wie konnte ſie ſo gegen ihn ſein, ihn abſichtlich kränken, mit einer Kgewiſſen Befriedigung ihn ſeine Un⸗ freundlichkeiten einmal entgelten laſſen! Er überlegte nicht ihre Reue, ihren Kummer, ihr Herzweh, er gedachte nur ihres Unrechtes und wollte damit ſein heutiges Thun wie⸗ der entſchuldigen. Daß es ihm nicht gelang, daß ſein Gewiſſen leiſe klagte, vermehrte nur die Verwirrung ſeiner Empfindungen. Er kehrte von ſeinem Spatziergang zurück mit dem feſten Entſchluß, vorſichtig zu ſein und ſeine Pflicht zu erfüllen. Mit dieſem Troſt, der ihn in der letzten Zeit immer mehr und mehr getäuſcht, mußte er ſich auch heute begnügen. Er war noch nicht lange auf ſein Zimmer zurückge⸗ kehrt, als Eliſabeth vorfuhr. Er hatte ſich vorgenom⸗ — 119 men, die Sache als abgemacht zu betrachten, ruhig und freund⸗ lich wie immer zu ſein, und fühlte ſich beinah ſtolz, daß er den Entſchluß faſſen konnte. Aber ſein Herz war doch unruhig, als er Eliſabeths leiſe zögernde Schritte im Ne⸗ benzimmer hörte und als ſie dann die Thüre öffnete. Sie war von der Qual des Nachmittags wirklich angegriffen, — ſie konnte nicht anders, als ſie zu ihm trat, mußte ſie heftig weinen. Sie legte ihren Kopf an ſeine Schulter und bat: Otto, ſei mir nicht böſe!— Das kam ihm unerwartet, er ſah ſie unruhig an, er war wirklich bereit zur Verſöhnung. Ich will Dir nicht böſe ſein, verſicherte er aufrichtig.— Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und bat noch einmal: Verzeihe mir nur, ich bin zu un⸗ glücklich geweſen.— Ich verzeihe Dir, verſicherte er noch einmal, aber nun beruhige Dich, wir wollen uns das Le⸗ ben nicht ſchwer machen, es ſoll Alles gut ſein.— Sie ſah ihn ſo traurig an. Wenn er ihr doch erlaubt hätte, ſich auszuſprechen. Aber das war ihm unbequem, es war ohne Vorwürfe für ihn nicht möglich, er fürchtete ſich davor; Eliſabeth konnte ihn dabei nur wieder reizen, dann gab es wieder eine Scene. Aber ſie wollte ihn heute nicht reizen, ſie wollte ihn nur verſöhnen: Otto, es war ſo unrecht von mir, begann ſie noch einmal.— Ich bitte Dich, laß es gut ſein, bat er ganz freundlich, aber auch abwehrend, wir wollen es Beide vergeſſen, ich bin Dir ganz gewiß nicht böſe.— Sie ſchwieg, ſie fühlte es kalt am Herzen, ſie reichte ihm 120 freunvlich die Hand, er geleitete ſie nach der Stubenthür, er küßte ſie zerſtreut auf die Stirn und ſie ging in ihr Schlafzimmer. Hier ſaß ſie troſtlos. Es war ihr klar: er hatte ſie nicht mehr lieb, er verlangte nach keiner Verſtändigung, er wollte nur äußerliche Ruhe. Wie ſollte ſie das aber ertragen? Wenn ſie auch jetzt matt und krank war, wenn auch jetzt auf ihrem ganzen Seelen⸗ und Herzensleben eine Decke lag, es gab ja doch Tage und Stunden, wo es in ihrem Herzend freudig hoffend aufblitzte, ihr Herz war doch immer das alte liebesbedürftige und liebewarme. Es iſt Alles vorbei! dachte ſie und weinte ohne Aufhören. Er hat dich nicht mehr lieb,— warum hat er dich aber überhaupt lieb gehabt? ſetzte ſie troſtlos hinzu. Ach ja, laß es nur gut ſein, wollte ſie ſich tröſten; aber fühlte ſie ſich denn nicht von allen Menſchen und von Gott verlaſſen? Beten konnte ſie nicht, ſie konnte immer nur noch weinen. Ihr Mann ſaß in ſeiner Stube, er hatte arbeiten wollen, aber er konnte es nicht. Er griff unentſchloſſen nach ſeiner Mütze, und unentſchloſſen warf er ſie wieder hin. Er wußte es, was er Eliſabeth jetzt gethan hatte, er kannte ihr warmes Herz, ihr hülfeſuchendes, ihr troſt⸗ bedürftiges Herz, er hatte ſie von ſich gewieſen, ſie war verlaſſen in der Welt. Er wollte ihr Troſt und Schutz und Hülfe ſein, nur heute nicht, heute konnte er ſich nicht bezwingen. 121 Sie erſchien bei Tiſche, er ſah es, daß ſie geweint hatte, er wollte es nicht ſehen. Er war freundlich und aufmerkſam und Eliſabeth war es auch. Wenn er dich nicht mehr lieb hat, dachte ſie in ſtiller Reſignation, wird ſich dein Herz gewöhnen, keine Anſprüche an ihn zu ma⸗ chen, und es wird dir nicht zu ſchwer werden, aufmerkſam und freundlich mit ihm zu ſein. Das Herz iſt aber ein trotzig und verzagt Ding, beſonders ein warmes Herz: in einer Stunde kann es ſo vernünftige kühle Vorſätze faſſen und wirft in der andern Stunde alles über Bord. 26. Erſchütterung und Beſinnung. Vierzehn Tage waren in gegenſeitiger Vorſicht, aber traurig genug vergangen, jetzt mußten ernſtliche Vorberei⸗ tungen zur Badereiſe gemacht werden. Der Arzt hatte Wangeroge beſtimmt. Eliſabeths Nerven ſollten ſich hier erneuen, auch ſollten die Seebäder ihren Mann von den Kopfſchmerzen, die ihn in der letzten Zeit immer häufiger und auch heftiger gequält hatten, befreien. Die Badereiſe war in der Familie genug beſprochen, das Großmutterherz blieb dabei, ſie werde Wunder thun, Eliſabeths Geſund⸗ heit herſtellen und Kadden wieder glücklich und zufrieden machen. Sie hatte beim Abſchied Eliſen noch ernſtlich da⸗ mit tröſten wollen, zu Emiliens und Julchens Verwun⸗ derung, die nach den letzten Erlebniſſen immer ſicherer in ihren Vorausſetzungen wurden. Seit einiger Zeit wurden aber nicht allein in der Familie ſolche Vorausſetzungen gefaßt, auch Kaddens Freunde fingen an, Eliſabeths Leiden nicht nur in den Nerven zu ſuchen. Stottenheim, der aufrichtigen Antheil an dem jungen Paare nahm, konnte es nicht laſſen, im höchſten Vertrauen ſeinen Schmerz über dies traurige Ver⸗ hältniß zu den neugierigen Töchtern des Obriſten auszu⸗ ſprechen. Sein gutmüthiges Herz wußte nicht recht, ob es für Eliſabeth oder Kadden ſtimmen ſollte, er fand ei⸗ — 123 nen Ausweg in der Anſicht, daß ſie wirklich nur beide nicht für einander paßten. Sie war ſo zart und fein und allerliebſt, und Kadden der bravſte Menſch von der Welt, dabei blieb er ſtehen. Nein, es iſt eine zimperliche, zartfühlende, eigenſin⸗ nige Perſon! verſicherte einmal bei ſolcher Gelegenheit Adolfine. Daß er heſtig iſt, hat ſie vorher gewußt, nun mußte ſie vernünftig ſein und ſich fügen. Ein Mann wie Kadden, neben einer Frau mit ſo verſchrobenen An⸗ ſichten— es muß für ihn verzweifelt ſchwierig ſein! Der Obriſt hatte ſich in das Geſpräch gemiſcht und verſicherte, es ſei für ſolche Leute kein anderer Ausweg, als ſich ſcheiden zu laſſen, es ſei gerade ſo, wie damals mit ſeiner Cvuſine, es fange leiſe an, werde aber immer unerträglicher. Er habe übrigens von ſeinem jugendlichen Hitzkopf ähnliches erwartet, und nichts hätte ſeine Be⸗ fürchtungen mehr befördern können, als daß Kadden in eine pietiſtiſche, höchſt einſeitige Familie gerathen ſei. Er werde noch einige Zeit mit den Ketten klirren und ſich dann plötzlich und recht unerwartet losreißen.— Stot⸗ tenheim, obgleich er es durchaus nicht wünſchen konnte, mußte geſtehen, daß er dieſelben Befürchtungen ſchon längſt gehegt, obgleich er für ſich ſelbſt durchaus nicht gegen die pietiſtiſche Familie ſein konnte; es waren vortreffliche und ehrenwerthe Leute, für ihn ſelbſt konnten ihre Anſichten etwas Hinreißendes haben, ſie paßten aber ganz und gar nicht zu Kaddens Natur. 124 Eliſabeth hatte an die Reiſe, beſonders auf die tröſt⸗ lichen Verſicherungen des Großmutterherzens, wieder hof⸗ fende Gedanken geknüpft. Sie konnte ſich darauf freuen, beſonders da ihr Mann darauf eingegangen war, die Kin⸗ der mitzunehmen. Als ſie am Abend vor der Abreiſe mit Packen und Ordnen fertig und etwas erhitzt davon war, ging ſie in den Garten und ihr Mann fand ſie, als ſie neben einem blühenden Roſenbuſch ſtand und ei⸗ nige halbaufgeblühte Knospen pflückte. Ihre Wangen waren leiſe geröthet, ſie ſah vergnügt und freudig aus, und hätte ſie geſehen, wie ſeine Augen ſo warm auf ihr ruhten, ſo wäre das ein Sonnenſtrahl für ihr zagendes und zweifelndes Herz geweſen. Im Augenblick hatte ſie ſich mit ſchönen Reiſeausſichten und mit Hoffnung auf Geneſung beſchäftigt,— ſie ſah ihn mit ihren großen lieblichen Augen ganz harmlos an und ſagte: Dieſe Ro⸗ ſen pflücke ich mir jetzt, und wenn ſie in Wangeroge recht ſchön aufblühen, ſoll es mir ein Zeichen ſein, daß ich friſch und fröhlich dort werde.— Liebe Eliſabeth, ſagte er bittend, ſie könnten aber ſchon unterwegs verblühen, und dann könnteſt Du Dir gar einbilden, die Bäder hel⸗ fen Dir nicht. Ich denke, die Roſen läßt Du lieber.— O, nein, die laſſe ich nicht, ſagte ſie lächelnd und in ih⸗ rem alten liebenswürdigen beſtimmenden Ton.— WMir zu Liebe thuſt Du es doch, bat er und legte ſeinen Arm um ihre Schulter. Sie ſah ihn an. Das war ein Ton und ein Blick, der ihre Seele bewegte; ſie wagte —— 125 aber nicht, dieſem Ton zu trauen, und wagte nichts zu entgegnen, ſie reichte ihm nur die Roſen hin.— Er nahm ihr die Blumen aus der Hand und ſagte freund⸗ ch Du kannſt ſie auch mitnehmen, ſie ſollen Dich mor⸗ gen während der Reiſe erfteuen, aber am Abend werfen wir ſie ruhig fort.— Sie nickte und war es zufrieden. Am anderen Tage ſehr früh traten ſie die Reiſe an. Außer den Kindern und dem Kindermädchen nahmen ſie noch den Burſchen mit. Ich Anfang ging es recht gut, der Morgen war herrlich kühl, der kleine Friedrich unter⸗ hielt ſich ſehr gut, die kleine Marie ſchlief viel. Aber die Reiſe war lang, der Tag wurde heißer, Friedrich wurde ungeduldiger, und weil ſeine Mama nicht Luſt hatte, auf ſeine vielen Fragen zu antworten, ſo wandte er ſich damit immer zu dem Papa, bis dieſer ſich auch ſtill in die Ecke lehnte und über Kopfweh klagte. Das gute Kindermädchen that, was in ihren Kräften ſtand; aber beide weinende Kinder zu beruhigen, war unmöglich, und die ganze Reiſegeſellſchaft kam in höchſter Verſtimmung in Hannover an. Hier ſollte gegeſſen werden, Herr von Kadden, an⸗ ſtatt die Einrichtung dazu zu treffen, legte ſich in die So⸗ faecke und ſchloß die Augen. Er war gewiß leidend, er war ſo bleich, Eliſabeth ſah ihn aufmerkſam an. Wenn ſie ſich nur hätte überwinden können, ihm einige Worte der Theilnahme zu ſagen. Sie fürchtete aber, er möchte als Antwort nur ein abwehrendes Zeichen mit der Hand 126 machen, wie er es ſchon öfters gethan, und das konnte ſie nicht ertragen. Auch geſellte ſich zu ihrer theilneh⸗ menden Liebe ſogleich das Zürnen; war ſie nicht eben ſo elend als er, und hatte er denn die geringſte Theilnahme für ſie? In allem Trübſal und Kummer über ihre ver⸗ wehte Liebe konnte ſie es doch nicht laſſen, immer zuerſt an ſich zu denken, ſich immer als die erſte zu betrachten. So wie der Hochmuth nicht glauben läßt, ſo läßt er auch nicht lieben; die Demuth, die beides ſo ſelig und leicht macht, kommt aber dem natürlichen Menſchen gar zu ſchwer an. Nachdem Eliſabeth mit den Kindern gegeſſen hatte, gingen das Mädchen und der Burſche mit ihnen hinaus, damit ihr kranker Herr ungeſtört ſei. Eliſabeth war in dem kleinen Stübchen neben dem größeren Wartezimmer mit ihrem Mann allein, er lag noch immer mit geſchloſ⸗ ſenen Augen, er hatte nichts gegeſſen. Sie ſtand am Fenſter, ſah auf den weiten ſtillen Platz, über den zuwei⸗ len nur einzelne Menſchen gingen,— fremde Menſchen. Der Himmel ſtand hoch und blau über den fremden Häu⸗ ſern, ja ſie war zum erſtenmal in der Fremde und fühlte ſich auch einſam und verlaſſen. Sie ſah in den blauen Himmel hinein. Wenn ich den Herren lieben könnte, dachte ſie trau⸗ rig, würde ich mich nicht allein fühlen. Aber ihr Herz war ſchwer und lau, zum innigen Gebet kam ſie nicht mehr, ſie konnte nur ſeufßzen oder matte Gedanken hinauf⸗ 127 ſchicken. Sie kannte es, wie wunderbar das iſt, den Herrn lieben, wie das Herz dann ſo ruhig und friedlich und ſelig iſt. Zuweilen erfaßte ſie eine große Sehnſucht danach, und die Sehnſucht ſelbſt war ſchon ſo friedebrin⸗ gend. Aber das waren nur kurze Lichtblicke, ſo ganz ohne ihr Zuthun, denn ſie konnte ja gar nichts thun. Eben ſo war es mit dem Bibelleſen, ſie ſah wohl in das Buch, las einige Verſe mit zerſtreutem lauem Sinn und legte es wieder traurig fort. Auch heute hatte ſie ihre kleine Vibel in ihrem Täſchchen bei ſich, aber zum Entſchluß, darin zu leſen, kam ſie nicht, trotz ihres Ein⸗ ſam⸗ und Verlaſſenſeins. Ja wenn ihr Herz den Herrn lieben könnte, und ruhig und friedlich und ſelig wäre, dann könnte ſie auch hingehn zum Gemahl, zu ſeiner Seite hinknieen, theil⸗ nehmend die Hand liebkoſen, und wenn er ſie auch ab⸗ wehrt, doch leiſe an ſeiner Seite bleiben, bis ihm die Theilnehme ſelbſt wohlthuend iſt und er dankbar die Hand auf ihren Kopf ruhen läßt.— Der Gedanke durchzuckte ihr Herz, ſie trat dem Sofa näher, ſie ſtand zagend,— da ſchlug er die Augen auf und ſah ſie ſo verwundert an. Sie wandte ſich erſchrocken wieder zum Fenſter.— Nein, die Zeiten, wo es ſo zwiſchen beiden ſtand, waren unwiederbringlich vorüber. Um vier Uhr brauſte der Zug weiter, die Kinder waren erfriſcht, der kühlere Abend und die nur noch kur⸗ zen Stunden der Fahrt machten überhaupt die Reiſeaus⸗ 128 ſicht nicht mehr ſchlimm. Es ging auch recht gut. In der letzten Zeit ſchliefen beide Kinder, die Eltern ruhten wenigſtens mit geſchloſſenen Augen, und ſie waren alle überraſcht, als der Zug in Bremen hielt.— Jetzt kam aber noch der unangenehmſte Theil der ganzen Reiſe. Das Auspacken und Nachſehen der vielen Sachen, die Wahl des Gaſthofs, und überhaupt das Beförderen da⸗ hin. Schon bei ganz geſundem Kopf iſt das alles ſehr verdrießlich. Herr von Kadden übernahm es trotz der Kopfweh, und Eliſabeths Stimmung machte ihm die Sache nicht leichter. Endlich waren ſie glücklich im Gaſthof angekommen, Eliſabeth wurde mit den Kindern in einige freundliche Zimmer geführt, während ihr Mann noch mit den Sachen beſchäftigt war. Er kam endlich. Ich habe uns nur die Reiſetaſchen bringen laſſen, ſagte er, die Koffer und Kiſten habe ich dem Lohnbedienten übergeben, der ſie gleich mor⸗ gen früh nach dem Dampfſchiff bringen will.— Den einen Koffer muß ich aber behalten, um die Einkäufe, die ich hier mache, einzupacken! unterbrach ihn Eliſabeth lebhaft.— Du willſt hier noch Einkäufe machen? fragte er verwundert.— Das weißt Du doch? entgegnete ſie gereizt. Allerdings wußte er es, es war zu Hauſe weitläuf⸗ tig beſprochen. Eliſabeth hatte im vergangenen Sommer und auch in dieſem, wo ſie unwohl war, gar nicht an ihren Anzug gedacht, zu dieſer Badereiſe fehlte ihr man⸗ 129 ches, und es ward ihr von Bekannten gerathen, in Bre⸗ men, wo man ſo ſchöne und geſchmackvolle Sachen haben könnte, das Nöthige zu kaufen. Ihr Mann ſelbſt war ganz einverſtanden damit, ja, er hatte ihr verſprochen, ſie in alle Läden zu begleiten, oder wenn ſie angegriffen wäre, Alles für ſie zu beſorgen. Sie überlegte ſich jetzt nicht, daß er ſeine Geſinnung darin nicht geändert hatte, daß er ihr herzlich gern Alles anſchaffen möchte, wenn das nur mög⸗ lich war, ohne daß er davon hörte; ſie überlegte nicht, daß er verſtimmt war, angegriffen von der Reiſe, daß er über⸗ haupt nicht Luſt hatte, etwas zu beſorgen und zu bedenken, und daß es ihm im Augenblick, wo er glaubte, mit Allem fertig zu ſein, höchſt unangenehm war, von neuen Unruhen und Beſorgungen zu hören. Sie hätte es wohl überlegen können, ſie hatte Erfahrung genug, ſie wollte es aber nicht. Nein, es war ihr gerade recht, jetzt ihre eigene gereizte Stimmung mit gutem Recht an ihm auslaſſen zu können. Sie folgte ihrer böſen Laune und dachte: wenn er mich noch lieb hätte, würde er ſo nicht reden, es iſt ihm aber ietzt gleich, was ich anzieche. Wie unrecht iſt es, ſich das merken zu laſſen! Wie ſchwer wird es mir, überhaupt in der Art etwas von ihm zu verlangen! So flogen ihr die Gedanken durch den Kopf, als er ihr entgegnete: Ja, ich erinnere mich, Du wollteſt hier einkaufen, aber laß mich nur heute in Ruhe.— Wenn der Koffer morgen früh ſchon nach dem Dampfſchiff ſoll? fragte ſie geſpannt.— So gehe jetzt hin und kaufe Alles, entgegnete er ruhig und Eliſabeth. I. 9 130 reichte ihr ſeine Börſe.— Ich ſoll doch nicht allein in der fremden Stadt umherlaufen? fuhr ſie in demſelben Tone fort.— So nimm Wilhelm mit, war ſeine Antwort. Wilhelm war der Burſche.— Das würdeſt Du früher nicht von mir verlangt haben, klagte ſie jetzt.— Ich bitte Dich, Eliſabeth, ſchweige, quäle mich heute nicht, war ſeine ernſte Forderung.— Vorwürfe darf ich Dir nie machen, fuhr ſie fort, ich ſoll immer ſchweigen, wenn ich auch Recht habe.— Eliſabeth, ich werde ſehr heftig, wenn Du noch ein Wort ſprichſt, ſagte er und ſtand zürnend vor ihr. Aber ſie dachte: an dieſe Heſtigkeit bin ich ja gewöhnt, und die Vorſicht in den tetzten Wochen iſt mir zu ſchwer geworden, jetzt muß ich mich ausſprechen, ich habe einmal angefangen, nun ſoll es auch Alles von dem Herzen, er muß einmal ſein Unrecht hören können.— Ja, immer heftig und unfreundlich biſt Du gegen mich, ſagte ſie mit bebender Stimme, wenn Du zu allen Menſchen freundlich biſt und nachſichtig und höflich.— Eliſabeth ſchweig, rief er noch einmal mit kämpfendem Zorn.— Ich muß Alles tagen, fuhr ſie leiſe fort, ſelbſt mit dem Dienſtmädchen kannſt Du fteundlich ſein.— Du ſollſt ſchweigen! rief er jetzt und holte drohend mit der Hand aus, ja, wenn ſie ſich nicht erſchrocken von der Seite gebogen, er hätte ſie gewiß geſchlagen. Ihr erſtes Gefühl war, ihm zu Füßen zu ſinken und um Verzeihung zu bitten, da hörte ſie ihn ſagen: O du Qual meines Lebens!— Ach, da ſtürmten auch andere 131 Gefühle über ſie ein. Er hat dich ſchlagen wollen,— dich, die Mutter ſeiner Kinder,— er liebt dich nicht,— er achtet dich nicht,— es iſt Alles vorbei! Als er ſich jetzt ſelbſt von ſeinem Schrecken erholt hatte und wieder zur Beſinnüng kam, trat er zu ihr. Er wollte ihre Hand nehmen. Eliſabeth, habe doch Mitleid mit mir, wozu bringſt Du mich doch.— Sie nahm ſeine Hand nicht und ſah nicht auf.— Eliſabeth, verzeihe mir, bat er und griff noch einmal nach ihrer Hand. Sie wehrte ihn zurück und ſagte: Nie, nie,— es iſt Alles aus,— es iſt auch ſo am beſten!— Er wußte nicht, ob er ſich darüber betrüben, oder ob er zürnen ſollte, das letzte lag ihm näher. Er wandte ſich von ihr und trat an das Fenſter. Sie bemerkte jetzt erſt, daß ſie ſich vorhin bei der ſchnellen Bewegung des Kopfes mit der Schläfe an die Sekretärecke geſtoßen hatte. Die Stelle ſchmerzte ſehr, und einzelne warme Blutstropfen rannen am Halſe nieder. Sie war wie betäubt, ſie ſetzte ſich auf das Sofa. Alſo jetzt waren des Großvaters Profezeihungen eingetroffen und auch Emiliens,— o wie entſetzlich war das!— Jetzt wäre es vielleicht Zeit geweſen, ein Vaterunſer zu beten, aber daran war nicht zu denken, es war grau in ihr und über ihr, ſie hätte ſterben können ganz ohne Todesfurcht, es war ihr Alles gleich. Als ihr Mann ſich bald vom Fenſter wandte, ſah er ſie bleich, mit geſchloſſenen Augen, und helle Blutstropfen 132 auf ihrem weißen Kragen. Was haſt Du gemacht, Eliſa⸗ beth? Du bluteſt? fragte er erſchrocken.— Ich habe mich geſtoßen, entgegnete ſie, es iſt aber nichts. Sie wiſchte ſich mit dem Taſchentuch das Blut ab und ſchloß die Augen wieder. Als zu gleicher Zeit⸗ der Kellner kam, um das Abendbrot anzurichten, ſtand ſie ſchnell auf, ging in das Schlafzimmer und legte ſich auf ihr Bett. Herr von Kad⸗ den ſagte dem Kindermädchen, ſeine Frau habe ſich geſtoßen, ſie möchte Waſſer und Arnika beſorgen; das Mädchen ſagte es dem Burſchen, der lief zur Wirthin, und dieſe, eine ſehr gefällige Frau, kam mit der Arnika ſelbſt in das Schlaf⸗ zimmer, um die Wunde zu ſehen. Eliſabeth ſah ſie ein⸗ treten und ſah, wie ihr Mann ihr ein leinenes Tuch reichte; als aber beide dem Bette näher kamen, ſchloß ſie die Augen, ſie konnte unmöglich mit der Frau reden, ſie ließ geduldig die Wunde unterſuchen und das naſſe Tuch auflegen.— Eine gefährliche Stelle, flüſterte die Frau, nun Gott ſei Dank, daß es ſo ablief, das hätte ſchlimm werden können.— Den Leuten verſicherte ſie, die Dame liege in einer förm⸗ lichen Betäubung von dem Stoß, und es fiel Niemanden auf, daß Eliſabeth nicht zu Abend aß und auch nicht zum Vorſchein kam. Am andern Morgen frühſtückte Herr von Kadden mit den Kindern allein. Eliſabeth hatte die Augen noch nicht aufgethan, obgleich er wohl denken konnte, daß ſie nicht ſchlief.— Es trieb ihn bald aus dem Haus. Für die Schönheiten der Stadt hatte er keinen Sinn; aber es war 133 ihm eine Erquickung, in den ſchattigen Anlagen ganz allein zu wandeln. Viele Leute, vornehme und geringe, liefen mit gleichgültigen Geſichtern an ihm vorüber, wie lieb war es ihm, daß er ſo ganz fremd hier war, ſo ganz unbe⸗ merkt hier gehen konnte, und er ſehnte ſich förmlich nach dem Dampfſchiff, das ihn noch weiter in die Fremde hinein⸗ tragen ſollte.— Wenn er jetzt hätte ſeinen Freunden be⸗ gegnen müſſen, Stottenheim gegenüber treten, der ihn ſchon oft mit ſeinen zudringlichen, freundſchaftlichen Reden gequält hatte— Es iſt ein Unglück, hatte er erſt noch kürzlich geſagt, daß Deine liebe Frau zu ideale Anſichten vom Leben hat, und daß Du nun davon angeſteckt biſt. Ihr macht Euch beide das Leben ohne Noth ſchwer: ſie verlangt zu viel von Dir, ein Mann kann doch nicht immer wie ein Bräutigam ſein. Es iſt wahr, ich habe nie etwas lieblicheres und reizenderes geſehen, als Deine junge Frau, ſie war ſo zart, ſo allerliebſt.— Iſt ſie das nicht mehr? hatte Kadden gefragt. Sie iſt es freilich noch, war Stot⸗ tenheim eiftiger fortgefahren, das iſt ja eben ihr Unglück, denn Du, mein lieber Freund, biſt nicht ſo geblieben. Du konnteſt auch nicht ſo bleiben, und daß Du Dich darüber plagſt, das iſt eben Eure gegenſeitige thörichte Quälerei. Du irrſt Dich, hatte Kadden zürnend erwidert, unſere idealen Anſichten quälen uns nicht, aber die jämmer⸗ lichen Anſichten, die in Eurer Geſellſchaft herrſchen, die haben uns gequält. Jetzt, Kadden, ſei aufrichtig, hatte ihn Stottenheim habe ich je Eure ſchwär⸗ meriſchen Anſichten angegriffen? Haben wir es nicht eigentlich alle vermieden, mit Euch über ſolche Dinge zu ſtreiten? Das war auch gar nicht nöthig, war Kaddens kurze Ant⸗ wort; nur in ſolcher Luft zu leben, iſt das Verderben eines jeden inneren Lebens. Allerliebſt! wirklich, man könnte erſchrecken, hatte Stottenheim verdutzt entgegnet, aber ich erlaube Dir, zu reden, wie Du willſt, und verſichere Dich, ich nehme Dir nichts übel, ich weiß, wir werden uns dennoch verſtändigen. Nein, nie verſtändigen! hatte Kadden weiter gezürnt, ich kann Dir nur geſtehen, daß ich ein elender, armſeliger Menſch bin, daß ich Eliſabeth dem Verderben Eurer ganz gemüthlich ausſehenden Lebens⸗ anſchauungen ausgeſetzt, und, wie Du ſagſt, ihr zartes, allerliebſtes Seelenleben erſchüttert habe. Das ſind die gegenſeitigen Quälereien allerdings,— aber mit des Herrn Hülfe wird es ja endlich anders werden.— Wie ſchwär⸗ meriſch klingt das wieder: mit des Herrn Hülfe! was ſoll Dir der Herr bei ſo herkömmlichen, einfachen, ver⸗ nünftigen Dingen helfen? man könnte ganz verwirrt wer⸗ den, wahrhaftig. Iſt Er, hatte ihn Kadden unterbrochen, nicht im vergangenen Jahre mächtig zwiſchen Eure erbärm⸗ lichen vernünftigen Anſichten dreingefahren? Denkt Ihr nicht alle ſchon anders über die gläubigen Leute; auch über unſern Paſtor? Biſt Du nicht ſelbſt entzückt geweſen über unſern alten Herrn von Budmar, wie er dem kleinſtädtiſchen Trödel gegenüber ſo ruhig und zuverſichtlich und erhaben blieb, und wie der Oberförſter ſo einfach und humoriſtiſch 6 135 Ordnung hielt. A la bonheur, war Stottenheim darauf bei der Hand geweſen, in politiſcher Hinſicht nehme ich meinen Hut vor dieſen Leuten ab. Ja, in der Hinſicht iſt uns allerdings im vergangenen Jahre das Verſtändniß geöffnet, und es wäre ein Frevel, die Hand Gottes da wegzuleugnen. So bedarf es auch nur der Hand Gottes, das Verſtändniß in Glaubensſachen zu öffnen, hatte ihn Kadden unterbrochen, und uns darin ſtark zu machen.— Er ſprach gern ſo zu Stottenheim, es war ihm ein Troſt und eine Stärkung; wenn er nur auch die Kraft gehabt hätte, danach zu thun!— Wir ſind aber auf ein ganz anderes Kapitel gekommen, deucht mich, hatte Stottenheim noch einmal geſagt. Denke Dir, Deine Frau wäre anders erzogen, hätte nicht zu ideale Anſichten, wäre nicht ſo zart⸗ fühlend, das wäre jedenfalls beſſer. Du könnteſt heftig ſein, zuweilen auch etwas ausfallend. Du lieber Gott! ein Mann hat das nicht immer in ſeiner Gewalt, beſonders wir armen Soldaten, die wir gezwungen ſind, ſo viel mit der rohen Natur zu verkehren. Wenn ſie ſich das nicht zu Herzen nähme, ich möchte ſagen, es wie ein Gewitter⸗ ſchauer über ſich hingehen ließe— Vielleicht wieder etwas ausfallend wäre, hatte ihn Kadden ſpöttiſch unterbrochen. Meinetwegen, das mußteſt Du Dir gefallen laſſen lachte Stottenheim; aber wenn es vorüber, wäre es vergeſſen. Du biſt ein ſo grundbraver, ehrenwerther Menſch, warum kann das eine Frau nicht ebenſo im Auge behalten, als ich? Mir ſollte doch wahrhaftig nie einfallen, Dir Deine 136 Heftigkeit abzugewöhnen, ſie verletzt mich gar nicht. Stot⸗ tenheim! hatte Kadden ernſthaft geſagt, merke auf, um meinetwillen müßte Deine Liebe das an mir nicht dulden wollen. Stottenheim hatte ihn mit den großen hellblauen Augen verwundert angeſehen. Ja, das iſt eben die Sache, fügte Kadden hinzu, daß man gegenſeitig das Ideal nicht aufgeben kann. Ich will lieber bis zum Tode mit meiner Heftigkeit und Rohheit kämpfen, als Eliſabeth weniger zartfühlend ſehen. Stottenheim hatte den Sinn dieſes Aus⸗ ſpruches verſtanden, er hatte ihn wunderſchön gefunden, wirklich, ſein eigenes Herz war davon bewegt; aber es war Poeſie, keine Wirklichkeit, und um ſich noch deutlicher zu machen, hatte er ein Mädchen, wie Adolfine,— die jetzt ſehr ſolide und liebenswürdig war,— Eliſabeth gegenüber geſtellt. Wie würde ſie das Leben nehmen und wie ſich über ſo unumgänglichen Schaum in der Ehe hinwegſetzen. Oder ſich wehren, hatte Kadden damals ſpottend hinzugeſetzt.— In dieſe Erinnerungen vertieft ging er in den An⸗ lagen hin und her, in dieſen Erinnerungen tauchte Eliſa⸗ beths Bild als Braut und in der Zeit, wo ſie noch ganz für ſich leben konnten, in ihm auf. Wie ſie da ſo leiſe jede Seelennoth gefühlt, und Hülfe geſucht und gefunden, und ihn damit ſelbſt ſo glücklich gemacht. Sollte ſie denn jetzt anders empfinden? die Seelennoth weniger fühlen? Nein, gewiß nicht, die Seelennoth war geſtiegen; aber das Hülfeſuchen hatte ſie in der Zerſtreuung des Weltlebens verlernt und ihre ganze Stimmung hatte darin ihren Grund. 137 Das war ihm bei beſonderen Gelegenheiten durch das Herz gegangen, das hatte ihn in Liebe und Mitleid und Schuldgefühl zu ihr gezogen und die einzelnen Sonnen⸗ blicke in ihrem Leben jetzt noch veranlaßt. Dieſe Betrachtungen machten ſein Herz immer ſchwerer; es war, als ob nach dieſem letzten traurigen Vorfall die ganze Vergangenheit an ſein Gewiſſen ſtürmte. Und wie ganz troſtlos und verlaſſen mußte ſie jetzt ſich fühlen, Nie⸗ mand zu haben, dem ſie ihren Kummer mittheilen konnte, ganz allein in der Fremde mit einem Mann, den ſie fürch⸗ ten mußte, in deſſen Gewalt zu ſein ihr eine entſetzliche Demüthigung ſein mußte. Er dachte an das Großmutter⸗ herz, wie das um ihren Liebling gern ſorgen und bangen, wie es gern tröſten und lieben würde. Es war ihm Alles entſetz⸗ lich ſchwer. Er mußte auch an den Großvater denken, an deſ⸗ ſen Warnung, an die Zeit, wo er Eliſabeths Stolz, ihr Glück und ihr Schutz geweſen. Konnte er ſie denn mit ſeiner Liebe nicht mehr tröſten?— Nein, die Zeiten waren vorbei. Müde und kummervoll kam er in den Gaſthof zurück. Er fand das Kindermädchen mit den Kindern im Flur, er erkundigte ſich nach ſeiner Frau und hörte, daß ſie auf geweſen, ihre Sachen zum Dampfboot geordnet und ſich wie⸗ der niedergelegt hatte. Die Wunde ſchmetzte noch, ſie hatte die Nacht nicht geſchlafen und wollte verſuchen zu ruhen. Als er ſich das berichten ließ, wurden eben die Koffer und Sachen vom Lohnbedienten auf einen Rollwagen ge⸗ laden. Das erinnerte ihn an die unglücklichen Einkäufe, 138 die aber doch jedenfalls nöthig waren. Er fragte Johannen danach, dieſe verſicherte, die gnädige Frau habe eigentlich gar keinen Hut; auch fehlte ihr ein Tuch oder ein Män⸗ telchen, und die Kinder mußten Jäckchen haben. Die gnä⸗ dige Frau hatte aber den Kopf geſchüttelt, als ſie vorhin da⸗ ran erinnerte.— Man könnte die Sachen alle herkommen laſſen, rieth die gefällige Wirthin, und die Dame trifft hier die Wahl.— Herr von Kadden dankte, er ließ ſich nur von der Wirthin beſcheiden und ging mit Johannen und den Kindern ſelbſt aus. Wie gern that er das,— wenn ſie auch nichts davon wußte, nichts davon wiſſen ſollte, ſo durfte er doch für ſie und ſeine Kinder etwas thun. Von der Dame im Modegeſchäft wurde er ſehr zu⸗ vorkommend behandelt, ſie hätte ihm mögen den ganzen Laden präſentiren; weil er aber ſo ernſt und ſchweigend war, wandte ſie ſich an das verſtändige Kindermädchen, die ihre gnädige Frau beſchreiben mußte, damit ſie paſſende Sachen vorſchlagen konnte. Johanne that es ſehr ge⸗ wiſſenhaft, und er ſtand dabei mit ſonderbaren Gefühlen. Er hörte von den braunen Locken, und der ſchlanken Geſtalt, und der weißen Farbe,— alles Antworten auf die Fragen der Putzmacherin. Als ſie aber vorſchlug: einen ſchneeweißen Baſthut mit Ceriſe oder hartem Blau, entſchied er ſchnell für Blau. Das war ja die Farbe, darinnen er Eliſabeth zum erſtenmal geſehen,— es war ihm gerade, als ob ſie todt ſei und er ſich nun an der Erinnerung ſeines Glückes halten müſſe.— Dazu wählte 139 die kluge Johanne noch ein blaues Sammettuch und für die Kinder hübſche Jäckchen. Zu Mittag ſollten die Sa⸗ chen in einem Carton nachgeſchickt werden und darin die Reiſe bis Wangeroge machen. Während deſſen lag Eliſabeth auf ihrem Bette; die Nacht war ihr ohne Schlaf hingegangen, ſie lag in großer Abſpannung faſt ohne Gedanken, grau war es über ihr und grau in ihr. Sie war am Morgen aufgeſtanden, um ihre Sachen zu ordnen, ihr einziger beſtimmter und ſchreck⸗ hafter Gedanke war: ihr Mann könnte in ſeiner Verſtim⸗ mung, und vielleicht um ſie zu ſtrafen, den Gedanken faſ⸗ ſen umzukehren. Sie wollte aber lieber alles geduldig von ihm tragen, als die Großeltern und ihre Familie jetzt ſehen. Als ſie mit Ordnen fertig war, hatte ihr Johanne mit Gewalt eine Taſſe Bouillon aufgenöthigt. Sie nahm es an unter der Bedingung, Mittag in Ruhe zu bleiben. Johanne verband darauf die böſe Wunde wieder und machte ihrer lieben Frau auf dem Bett ein bequemes Ruhelager. Eliſabeth, um der qualvollen Gegenwart zu entrin⸗ nen, vertiefte ſich mit ihren Gedanken in ihre Jugend, in die harmloſen fröhlichen Tage, wo ſie bei den Groß⸗ eltern war. Wollten ihre Gedanken weiter gehen, bis zu dem Ball, bis zu der Bekanntſchaft ihres Mannes, ſo ſchob ſie dieſelbe mit Gewalt zurück, und es gelang ihr nach manchen ſolchen Kämpfen doch immer wieder einen freundlichen Ruhepunkt zu finden, bis ſie wirklich darüber eingeſchlafen war. „ 140 Kadden, nachdem er zurückgekehrt und faſt eine halbe Stunde im Wohnzimmer geſeſſen hatte, während ſeine Kinder vor der Thür unter Bäumen ſpielten, ließ es nicht mehr ruhen, er mußte Eliſabeth ſehen. Ganz leiſe öffnete er die Thür des Schlafzimmers und trat leiſe an das Bett. Er überzeugte ſich gleich, daß ſie ſchlief und nicht bloß die Augen geſchloſſen hatte.— Sie ſaß mit dem Rücken gegen weiße Kiſſen gelehnt, der Kopf war etwas von der Seite auf die Bruſt geſunken, das ſah ſo krank und traurig aus, dazu die weiße Binde und das bleiche Geſicht, und die ſchmalen bleichen Hände. Er konnte es nicht anſehen vor Herzweh, ja mit kämpfenden Thränen trat er an das Fenſter, was auf einen kleinen Hof ging, und ſchaute in die trübſelige fremde Welt hinaus. WVelch ein armſeliger Menſch biſt du doch? dachte er erſchüttert, wo iſt denn jetzt dein Himmel des guten Gewiſſens? Deine Rechtſchaffenheit, dein braver Wille, deine Großmuth? Er hinderte es nicht, daß die Erinne⸗ rung wieder mit traurigen Bildern in ihm lebendig wurde, und eine Zeit nach der andern verklagend vor ihm auf⸗ ſtieg. Er ſah auf ſeinen Trauring, er gedachte der Trau⸗ rede,— des Gottes⸗Wortes: Du ſollſt ihr Herr ſein. Was für ein Herr war er ihr geweſen? Hatte er ſie ſo lieb gehabt als ſich ſelbſt? Hatte er mit Vernunft bei ihr gewohnt und ihr als dem ſchwächeren Theile die Ehre gegeben? Lieb hatte er ſie wohl gehabt und war freund⸗ tich und vernünftig geweſen, wenn es ihm gerade ſo um *„ 141 das Herz war und wenn ſie liebenswürdig war; aber wenn es ihm nicht ſo war, oder ſie war ſchwach und ei⸗ genſinnig, dann lag es ihm näher, herrſchſüchtig und un⸗ vernünftig und unfreundlich zu ſein. Wie hatte er ſie in ihrer ganzen Krankheit mit ſo wenig Nachſicht behan⸗ delt und ihre Verſtimmung nur mit heftigen Scenen ge⸗ ſtraft. Die guten Vorſätze, ihr zu Liebe immer wieder freundlich und nachſichtig zu ſein, hatten ihm wenig ge⸗ holfen. Eliſabeth hatte ja im Anfang ſchon ganz richtig erfahren: wenn man ärgerlich iſt, hilft die Liebe nichts, weil ſie vor dem Aerger flieht. Zu ähnlichen guten Vor⸗ ſätzen, mit denen er Eliſabeth in guten Stunden oft genug zu tröſten ſuchte, die aber immer ohne Erfolg geblieben, hatte er nach dem, was vorgefallen war, jetzt wo Eliſa⸗ beths Herz Furcht und Widerwillen erfüllte, noch weniger Muth. Ja, er ſchämte ſich, wenn er ihrer gedachte, ſchämte ſich, zu Eliſabeth ähnliche Worte wieder zu re⸗ den, und fühlte ſich rathlos.— Da kam plötzlich ein Gedanke wie ein Lichtſtrahl in ſein kummervolles Herz Suche einmal nur Gottes Wort und Gebote zu erfüllen, und warte in Geduld den Segen davon ab. Deine Liebe und deine guten Vorſätze und deine Rechtſchaffenheit haben dir nicht geholfen, jetzt thue um des Herrn Willen deine Pflicht, habe Luſt ihn zu hören, ſo wird er dich wieder hören. Zu ihm durfte er ja kommen, mit der Reue, mit dem Unfrieden und mit dem Kummer ſeiner Seele.„Denn ſo Du willt das ſehen an, was Sünd und Unrecht iſt gethan, wer öerr⸗ vor Dir bleiben?“ 142 Er ſtand lange ſo gedankenvoll.— In der Hin⸗ gabe an den Herrn, der uns fortwährend umgiebt mit Gnade und Barmherzigkeit, ward es ſtill in ſeinem Her⸗ zen, er hatte wieder einen Grund gefunden, von wo er das Leben anfaſſen konnte. Es war ſchon eine große Erleichterung, zu wiſſen, was er von dieſem Augenblick an zu thun hatte, unbekümmert um die Stimmung ſei⸗ ner Frau. Sie ſoll ſich wenigſtens nicht vor dir fürch⸗ ten, dachte er mit bewegtem Herzen, als er ſich wieder zu ihr wandte, ſie ſoll es ſelbſt fühlen, daß du ihr ge⸗ treulicher Schutz biſt, und daß Niemand in der Welt ihr näher ſtehen darf in Sorge und Theilnahme, als der Mann, der nach Gottes Gebot ihr der Nächſte ſein ſoll. — Er ſah auf ſeinen Trauring, er ſah auf Eliſabeths Trauring, er gedachte der Worte des Großvaters, daß er Ehen gekannt, die mit ſchwärmeriſcher Liebe, mit Glück und Zuverſicht begannen und mit der Scheidung geendet hatten. O, welch ein Troſt war ihm jetzt die Stellung der ganzen Familie, die eine Scheidung unmöglich machte. Eliſabeth war ſein eigen bis zum Tode. Niemand darf ſie von dei⸗ ner Seite nehmen. Aber wenn ſie durchaus nicht möchte an deiner Seite leben? Möchteſt du ſie dazu zwingen? — Dieſer Gedanke war ihm neu und erſchütternd und bedrohte von neuem ſeinen Frieden und ſeinen Muth. „Es iſt alles aus, es iſt auch ſo am beſten,“— dieſe Worte ſtanden jetzt nur vor ſeiner Seele. *— 27. Eine neue Bekanntſchaft. Mittag wurde Eliſabeth auf Johannens Rath nicht geweckt, weil ſie doch nichts eſſen würde, als aber nach zwei Uhr der Wagen vorfuhr, ging Herr von Kadden ſelbſt in das Schlafzimmer, ſie zu wecken. Sie ſchlief noch feſt und ihre Wangen waren geröthet. Er rief leiſe ihren Namen, ſie that ihre Augen langſam auf, ſie ſchaute ihn ganz freundlich und harmlos an,— ja ſie hatte geträumt, es wäre Alles nur ein Traum geweſen. Aber nur wenige Sekunden, da richtete ſie ſich ſchnell auf, ward feuerroth und ſah vor ſich nieder. In dem Augenblick kam ihr kleiner Friedrich in das Zimmer, er lief zu ihr, ſchmiegte ſich an ihr Knie und war ſehr zärtlich. Sie legte ihre Hand auf ſeine Locken und ſah ihn nur bange und traurig an, ſie wagte ihn nicht zu liebkoſen, rs war ihr, als ob ſie ihren Mann nicht daran erinneren dürfe, daß die Frau, die er nicht mehr lieben, ehren und achten konnte, die Mutter ſeiner Kinder ſei. Der Kleine forderte ſie zum Fahren auf, ſie machte ſich ſchnell fertig. Die Wirthin war mit ihren Leuten bei der Abfahrt zuvorkommend bei der Hand, alle be⸗ machteten die ſchöne junge Frau mit Theilnahme und — 144 fürchteten, der Stoß möchte doch wirklich ihrem Kopfe Schaden gethan haben. Im Wagen ſaß das Kindermädchen wie gewöhnlich mit der kleinen Marie neben ihr, ihr Mann und Fried⸗ rich ſaßen ihr gegenüber.— So nahe ihm, das war zu ſchwer, ſie mußte ihres Traumes gedenken und des Glückes, was ſie bei dem Gedanken empfand: es war ja nur ein Traum! Sie konnte ihre Thränen nicht zurück⸗ halten, ſo ſehr ſie kämpfte. Sie mußte jeden Augenblick fürchten, daß er ihr zürnend das Weinen verbot,— das hatte er ja oft genug gethan, jetzt war es kein böſer Wille, wenn ſie es dennoch nicht laſſen konnte. Sie beobachtete ihn ängſtlich, indem er mit Friedrich ſprach. Als er unwillkürlich zu ihr aufblickte, ſah er, wie ſie ſo bange ihre Blicke auf ihm ruhen ließ und ſchnell und unbemerkt die Thränen verbergen wollte. Er ſaß einige Augenblicke ſchweigend; als aber Johanne mit den Kindern nach der Straße ſchaute, bog er ſich zu ihr und ſagte mit ſtockender Stimme: Eliſabeth, ich will Dich ja nicht hindern zu weinen.— Er hatte ihre Hand gefaßt und hielt ſie traurig in der Seinen.— Sie ver⸗ barg jetzt ihr Geſicht mit dem Taſchentuch und ließ ihren Thränen freien Lauf. Auf dem Dampfſchiff ging ſie gleich in die kleine Damenkajüte. Sie fürchtete ſich vor Menſchen und ſcheute ſich, mit ihrem Mann zuſammen zu ſein. Johanne, die ſchon einmal mit der Frau Oberförſtetin nach Nordernei geweſen war, wußte ſehr ſchön Beſcheid mit einer Dampf⸗ ſchifffahrt und nahm gleich für ihre Frau und für die Kin⸗ der die beſten Ecken zur Nacht in Beſchlag. Sie richtete ſich förmlich mit ihrer kleinen Häuslichkeit hier ein, mit den Fläſchchen und Betten und Spielſachen der Kinder, aber auch einen ſchönen Roſenſtrauß nahm ſie aus ihrem Korb und ſtellte ihn in ein friſches Waſſerglas. Eliſa⸗ beth, die in einer Ecke ruhte, richtete ſich auf und fragte: Was haſt Du da für Roſen? Johanne, die über dieſe erſten Worte, die ihre liebe Frau ſeit geſtern Abend un⸗ aufgefordert ſprach, ſehr erfreut war, erzählte, daß es die von Braunhauſen wären. Sie hatte ſie geſtern ganz ſchön, kühl und friſch aus dem Mooſe genommen und in Waſſer geſtellt: die ſollten in Wangeroge noch lange blühen, weil es auf der Sandinſel nicht viel Blumen geben ſollte. Friedrich brachte ſie jetzt ſeiner Mama und ſagte: Du mußt riechen Mama, wie ſchön ſie riechen. Eliſabeth beugte ſich eben über die Blumen, als die Thür aufging. Eine Dame trat ein, eine hohe Geſtalt mit großen, dun⸗ kelen Augen und ſchönen, dunkelen Haarflechten. Zwei Kin⸗ der hatte ſie bei ſich, ein Mädchen von vielleicht zehn, einen Knaben von acht Jahren.— Ei, hier ſind auch Kinder! ſagte ſie freundlich, das iſt ſchön! wir wollen gleich für uns hier Plätze belegen.— Eliſabeth hatte ſich raſch abgewendet, ſie hörte die Dame noch mit den Kindern plaudern, den Knaben redete ſie Paul, das kleine Wädchen Annchen an, und auch dem kleinen Friedrich Eliſabeth. II.„ 10 146 legte ſie freundliche Fragen vor. Eliſabeth war froh, als Johanne ſagte: Nun wollen wir oben hingehen, die Mama bleibt hier, die iſt unwohl. Das Schiff ſetzte ſich bald in Bewegung, Eliſabeth lag unter einem kleinen Fenſter, ſie ſah das Waſſer vor⸗ überſpritzen und ſchäumen, aber es ward ihr faſt ſchwin⸗ delnd, ſie ſchloß die Augen. Sie hätte gern wieder ge⸗ ſchlafen, und weil es ihr am Morgen mit den Jugender⸗ innerungen geglückt war, wollte ſie es damit wieder ver⸗ ſuchen. Aber immer ſtörte ſie das eine Bild: es war, als ob ihr Mann neben ihr ſäße, ihre Hand ergriff und trau⸗ rig ſagte: Ich will dich ja nicht hindern zu weinen. Stunden vergingen ſo, die Thüre ward öſters auf⸗ gemacht, Leute ſchauten neugierig hinein, Johanne kam zuweilen und forderte ſie auf, nach dem Verdeck zu kom⸗ men, weil es ſo ſchön ſei; Eliſabeth konnte ſich nicht entſchließen. Endlich, es war ſchon Sieben durch, da brachte Johanne die kleine Marie zur Ruhe und ſchilderte ihrer lieben Frau noch einmal, wie ſchön es oben ſei, auch erblicke man ſchon das Meer.— Eliſabeth fragte nach dem kleinen Friedrich und hörte, daß er mit dem Herrn auf dem andern Theile des Schiffes, auf dem zweiten Platz ſei, der Herr ging der wenigeren Menſchen und des größeren Raumes wegen dort lieber auf und ab. Dies beſtimmte Eliſabeth, die heiße Kajüte und ihr unbequemes Lager zu verlaſſen. Mit niedergeſchlagenen Augen ließ ſie ſich von Johannen durch die vielen frem⸗ — . 147 den Menſchen führen und nahm auf einem Stuhl Platz, der ganz nahe dem Steuer nach dem Waſſer hin gerichtet ſtand.— Ihr Erſcheinen hatte die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft erregt: wer war die junge kranke Frau?— In dem Augenblick trat ihr Mann mit dem kleinen Fried⸗ rich näher, und die Aufmerkſamkeit verdoppelte ſich nur. Der nachdenkliche ernſte Herr iſt alſo ihr Mann und die niedlichen Kleinen find ihre Kinder, flüſterte man ſich neu⸗ gierig zu. Kadden fühlte dieſe Aufmerkſamkeit drückend und entfernte ſich wieder. Eliſabeth hatte faſt eine Stunde ſo geſeſſen, die kühle Luft that ihrem heißen Kopfe wohl; ſie dachte nicht mehr an die fremden Menſchen in ihrer Nähe, die, auf⸗ und abgehend, ihr ſtilles bleiches Geſicht doch beobachten konnten,— da erſchien der kleine Friedrich um ihr gute Nacht zu ſagen. Die Mama war aber heute wieder wohl, ſie mußte noch an ſein Bett kommen und mit ihm be⸗ ten, war ſeine Forderung. Sie verſprach es und folgte ihm nach wenigen Minuten in die Kajüte.— Wie un⸗ angenehm war es, daß die fremde Dame mit den beiden Kindern ſchon darin war. Faſt hätte ſie das abhalten können, mit dem Kinde zu beten; aber Friedrich ſaß auf⸗ gerichtet in ſeinen Kiſſen und ſah mit gefaltenen Händen wartend nach ſeiner Mutter. Sie bezwang ſich, kniete, wie ſie es gewohnt war, bei dem Kinde nieder, das an⸗ dächtig ſeine Kleinen Verſe ſprach. Eliſabeth ſagte leiſe: Amen, und: Behüte Dich Gott! küßte das Kind und 10* 148 wandte ſich wieder verlegen zur Thür.— Hier ſtand die Dame mit den Kindern; ſie hatten alle drei die Hände gefaltet und ſahen gerade ſo natürlich und andächtig aus, als ob ſie nichts Beſonderes und Auffallendes mit ange⸗ hört hätten.— Sie eilte die Treppe hinauf, ſie hatte ſich vorgenommen, die ganze Nacht wo möglich oben zu bleiben, ſo wohl gefiel es ihr hier; auch fürchtete ſie ſich vor der Dame, die in ihren Augen etwas ſo Fragendes und doch Theilnehmendes hatte, daß ſie ſich faſt beun⸗ ruhigt dadurch fühlte.— Als ſie wieder auf das Ver⸗ deck kam, fand ſie leider ihren Stuhl beſetzt, ſie mußte ſich auf eine Bank ſetzen, und wandte ſich ſo gut als möglich dem Meere zu. Ihr gegenüber ſaß ihr Mann, — er hatte ſie nicht kommen ſehen, er ſchien auch die neugierigen Leute um ſich herum vergeſſen zu haben,— mit dem Arm auf die Bruſtwehr gelehnt, ſchaute er mit zummervollen Blicken in das Waſſer. Der Gedanke ob ſie aber auch bei dir bleiben will, und ob du ſie dazu zwingen möchteſt, quälte ſeine Seele. Als die Sterne ſchon einzeln am Himmel auſtauch⸗ ten und viele von den Reiſenden in der Kazjüte ſich einen Ruheplatz geſucht, ſaß am Kajütendach gelehnt die Dame mit den dunkelen Augen und den dunkelen Haarflechten, neben ihr ein hoher, ſtattlicher Herr, ihr Gemahl. Hert Ernſt von Hohendorf war ſein Name.— Du kannſt es mir glauben, flüſterte die Frau, ſie ſind beide unglücklich, ſeit beinah zwei Stunden ſitzen ſie ſich ſo theilnahmlos „ — 149 gegenüber, man muß Mitleid mit Beiden haben, ich weiß nur noch nicht, für wen das meiſte.— Herr von Hohen⸗ dorf lächelte. Du kannſt glauben, liebe Anna, ſie ſind Beide ſeekrank, ſagte er, gerade dann ſitzt man ſich ſo theilnahmlos und elend gegenüber.— Wie kannſt Du über die Leute nur ſo ſcherzen! zürnte Frau Anna.— Ich bin überzeugt, daß die anderen Leute eben ſo denken als ich, und daß Du die einzige biſt, die ſich eine ſo in⸗ tereſſante Reiſegeſchichte daraus macht.— Nein, ich weiß es noch beſſer, unterbrach ſie ihn ſchnell: Du willſt mir nur den Gefallen nicht thun und mit dem Herrn ein Geſpräch anknüpfen.— Ein unzufriedenes Zucken ging über das Geſicht des Mannes, aber er ſagte doch wieder lächelnd: Soll ich hingehen und ihn fragen, warum er traurig iſt, ihn bitten, daß er mir ſeinen Kummer mit⸗ theilt?— Nein, das ſollſt Du nicht, entgegnete ſie eif⸗ rig, Du ſollſt überhaupt nichts, fügte ſie ſanfter hinzu: ich glaubte nur, Du könnteſt ein oberflächliches Geſpräch mit ihm anknüpfen, da ſie auch nach Wangeroge gehen, und es Leute ſind, mit denen wir dort verkehren werden. — Verkehren werden, wirklich? unterbrach er ſie wieder lächelnd.— Ja, gewiß, ſagte ſie, ich habe es mir we⸗ nigſtens vorgenommen.— Wenn Du Dir etwas vor⸗ genommen haſt, ſo iſt die Sache fteilich bedenklich, war ſeine Antwort.— Ich weiß nicht, begann ſie jetzt, in⸗ dem ſie ſeine Hand nahm und ihn nachdenklich anſah, ich muß doch heute etwas in meiner Art und Weiſe ha⸗ 150 ben, was Dich immerfort zum Widerſpruch reizt.— Er ſchüttelte den Kopf und ſah ſie liebreich an.— Ich bin von der Reiſe aufgeregt, ſagte ſie, das weiß ich wohl; Du vielleicht auch? fragte ſie lächelnd. Aber lieber Ernſt, ich meine nur, wir werden Umgang mit ihnen haben, wenn Du es wünſcheſt. Weil wir aber ſchon vorher darüber ſprachen, ob wir gläubige Freunde finden würden, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, dachte ich, daß wir Bekannt⸗ ſchaft mit ihnen machen. Du hätteſt ſollen die junge Frau vorhin mit dem Kinde beten ſehen, ſo würdeſt Du nicht zweifeln, daß ſie zu uns gehören. Dieſer Gedanke nimmt mir gleich jedes fremde Gefühl, und wenn Du es mir erlaubſt, will ich wenigſtens mit der Frau ein Geſpräch anknüpfen.— Ich erlaube Dir zu thun, was Du doch nicht laſſen kannſt, ſagte er freundlich, ich werde auch gleich darauf Deinem guten Beiſpiel folgen und einen Verſuch bei dem Herrn machen.— Anna ſah ihn dankbar an und wandelte dann nach der Seite hin, wo Eliſabeth ſaß. Sie ſetzte ſich unbefangen zu ihr und ſagte: Unſre lieben Kinder ſchlafen alle ſehr ſüß. Sie ſind müde von der Reiſe, entgegnete Eliſabeth verlegen, und ohne aufzu⸗ ſehen. Es entſtand eine Pauſe.— Wie wunderbar es iſt, dieſe immer herrollenden Wogen zu beobachten, ſagte Anna. Eliſabeth nickte. Sehen Sie das Meer auch zum erſtenmal? fragte Anna weiter. Eliſabeth antwortete eben ſo, aber ſchlug die Augen dabei auf. Ich weiß noch 151 nicht, fuhr Anna fort, in welche Stimmung es mich ver⸗ ſetzt, erſt hatte dies Unendliche, Unaufhörliche meinem klei⸗ nen armen Herzen etwas Beengendes. Eliſabeth nickte wieder und ſah prüfend in die ſchönen vertrauenerwecken⸗ den Augen der freundlichen Frau. Ich dachte mir, fuhr dieſe unbefangen fort, wenn ich dort auf einer kleinen Sandinſel Schiffbruch gelitten, und getrennt wäre von Allen, die mein Herz liebt, und müßte dies Rauſchen mit meinem ſehnſuchtsvollen Herzen hören.— Eliſabeth ſah unwillkürlich nach ihrem Mann, ſie hatte doch ſelt⸗ ſamer Weiſe auch gedacht: wenn das Schiff ſie forttrüge in dieſe grenzenloſe Ferne und ſie müßte was ſie liebte zurücklaſſen.— Anna verſtand den Blick: Eliſabeths große kindliche Augen konnten ſo lebhafte Empfindungen nicht verbergen. Nicht war? ſagte Anna, wenn man bei ſich hat, was man lieb hat, da deucht dies Rauſchen und dies Aufſchwellen und immer Wiederkehren der Wogen der Seele ganz anders, ſie fühlt darin das unermeßliche und nicht zu umfaſſende und immer neue und immer reiche Anwogen der Gnade und Barmherzigkeit des Herrn.— Eliſabeth nickte wieder, ſie kniff aber die feinen Lippen ſo feſt auf einander und ihre Augen ſtanden voll Thrä⸗ nen.— Mit großer Wärme ſagte Anna: Wo die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn uns umrauſcht, da iſt wohl Troſt.— Cliſabeth ſtand ſchnell auf und ſah über die Brüſtung in das Meer, zu gleicher Zeit aber reichte ſie der liebreichen Frau unwillkürlich die Hand. Eine Theil⸗ 152 nahme in dieſem Sinne that ihrem einſamen verlaſſenen Herzen wohl, ihr Abwenden ſollte nicht mißverſtanden werden. Die Dämmerung war tiefer und auf dem Schiff war es immer ſtiller geworden.— Wollen wir jetzt nicht hinab zu unſern Kindern gehen? fragte Anna freundlich.— Ach nein, entgegnete Eliſabeth haſtig, ich will hier bleiben, hier oben iſt mir weit wohler.— Anna machte noch einige Verſuche, ſie zum Hinabgehen zu bewegen, ſie fürch⸗ tete die kalte Nachtluft für ihre zarte Geſundheit. Eliſa⸗ 2 beth aber ſchüttelte den Kopf und ließ ſich nicht bewegen. Da gingen noch einzelne Damen umher und andere ſaßen auf den Bänken, ſie war alſo nicht allein. In dem Augenblick traten die beiden Herren näher.— Sie waren beide nicht geeignet, ſchnelle Bekanntſchaften zu machen, und Herr von Kadden wäre vielleicht noch abge⸗ ſchloſſener geweſen, wenn er nicht die Frau dieſes Herrn ſo gütig gegen ſeine Kinder geſehen und ebenſo jetzt gegen ſeine Frau. Herr von Hohendorf hatte ihm geſagt: da ihre Frauen und Kinder zuſammen Bekanntſchaft machten, und ſie beide Wangeroge zum Ziele hätten, wollte er ſich ihm vorſtellen. Kadden hatte ihm darauf ſeinen Namen genannt, und beide hatten von gewöhnlichen Dingen geſpro⸗ chen.— Sie traten jetzt zu den Damen, Herr von Ho⸗ hendorf etwas neugierig, denn er hatte ſich vollſtändig überzeugt, daß Herr von Kadden nicht ſeekrank war, und daß ſeine kluge Frau ein rechter Seelendurchſchauer war. 153 Die Herren wurden den Damen vorgeſtellt, dann rieth Herr von Hohendorf, ſie möchten hinab in die Kajüte ge⸗ hen. Anna berichtete Eliſabeths Entſchluß, die Nacht hier zu bleiben. Du gehſt doch wohl lieber hinab, ſagte Herr von Kadden ruhig, Du würdeſt Dich hier erkälten.— Eliſabeth entgegnete kein Wort, ſie griff nach einer Decke, die auf der Bank lag, und wollte ſich gleich entfernen, weil der fremde Herr ſo beobachtend ſeine Blicke auf ſie gerichtet hatte. Herr von Kadden merkte ihre Abſicht und ſagte freundlich: Du ſollteſt erſt noch Thee trinken, Du haſt nicht zu Abend gegeſſen.— Nicht zu Abend gegeſſen? fragte Anna verwundert.— Ich hatte ſo Kopfweh, ſagte Eliſabeth leiſer zu ihr gewendet, ich trinke auch lieber Waſſer.— Indem brachte der Kellner den beſtellten Thee und ſetzte ihn auf ein nahes Tiſchchen. Anna wandelte mit ihrem Gemahl dem Steuer zu, ſie ſchauten nach dem Sternenhimmel über ſich und nach dem Himmel, der im Waſſer glänzte, und Anna flüſterte leiſe: Sieh nur, wie wunderbar dies Paar iſt: wie be⸗ ſorgt reicht er ihr den Thee, und ſie trinkt ihn aus wie ein Kind, nur, weil er es verlangt.— Iſt ſie vielleicht etwas geiſtesſchwach? fragte er nachdenklich.— O nein, fiel Anna lebhaft ein, das iſt ſie gewiß nicht. Nein, ich will Dir ſagen, ſie haben ſich gezankt.— Herr von Hohendorf mußte wieder lächeln. Weißt Du anch vielleicht, wer von beiden die Schuld hat? Rein, das weiß ich nicht; aber richtig iſt es. Sie iſt unglücklich, und wenn 154 es nicht dieſen Grund hätte, würde ihr Mann theilneh⸗ mend ſein.— Allerdings ein einfacher Schluß, ſagte Herr von Hohendorf, und ſie fuhr fort: Schuld haben ſie wahrſcheinlich beide, aber die Frau thut mir mehr leid; ein Mann fühlt ſeine Schuld nie ſo drückend als eine Frau. — Liebe Anna! mahnte ihr Mann.— Ich ſpreche nur ſo, fügte ſie ſeufzend hinzu, weil ich meiſtens die größte Schuld habe, und es giebt doch kein größeres Unglück, als den Kummer über eigene Schuld.— Herr von Ho⸗ hendorf hatte zur Antwort ihre Hand ergriffen und ſeinen Arm um ihre Schulter gelegt.— Wenn man einen Mann hat, der darüber ſteht und einem wieder heraushilft aus dem Elend, fuhr Anna leiſe fort, das iſt wohl gut, aber das verſtehen die wenigſten Männer.— Die Frau dauert mich ſehr, begann ſie wieder, und man muß Gelegenheit finden, zu ihm von vernünftigen Männern zu reden.— Liebe Anna! warnte jihr Mann.— Sei nicht bange, fiel ſie lächelnd ein, ich weiß doch wohl, wie man ſich mit Herren in Acht nehmen muß. Eliſabeth hatte den Thee ſchnell getrunken und eilte nach der Kajüte; ſie fürchtete doch eine Unterhaltung mit Frau von Hohendorf. Ihr Mann trug ihre Decke und begleitete ſie bis an die Thür. Er reichte ihr die Hand und ſagte: Gute Nacht. Ihr banges Herz konnte aber dies Gute Nacht nicht erwidern; ihre Bruſt war wie zu⸗ geſchnürt, und als er ihr die Hand reichte, hätte ſie nur weinen mögen. 155 Sie lag ſchon, als Frau von Hohendorf leiſe ein⸗ trat und neben ihren Kindern ihren Ruheplatz nahm. Eliſabeth ſah durch das Fenſter die Sterne blinken, ſie hörte das Waſſer rauſchen, und fühlte ſich von den Wo⸗ gen auf⸗ und abgetragen. Sie hätte ſich gern wieder mit Jugenderinnerungen in den Schlaf gebracht, das ging aber nicht; es war einmal geglückt und hatte jetzt den Reiz ver⸗ loren.— Doch war es auch bei dem Betrachten der Ge⸗ genwart nicht mehr ſo gedankenlos grau in ihr und über ihr, ſie konnte ihr Unglück überlegen. Sie gedachte ihrer Brautzeit, wie ſie bewundert war und verwöhnt wie eine Königin, ſie gedachte des ſchönen Maienmorgens ihrer Ver⸗ lobung, und ihres Muthes, ihrer Zuverſicht zu einem un⸗ veränderten Glück in Freude und Herrlichkeit. Jetzt ſah ſie die Trümmer dieſes Glückes in ihrer entſetzlichen De⸗ müthigung. O, wie bitter war das doch, wie entſetzlich! Lieben konnte ſie ihn nie wieder, die Hand, die ſich dro⸗ hend gegen ſie erhoben, konnte ſie nie wieder in Liebe hal⸗ ten und faſſen. Aber iſt dies Alles eine Strafe des Herrn? Das mufte ſie auch denken, ach, und ſo vieles mußte ſie bedenken und konnte ſich nicht durchfinden.— Sie faltete die Hände und hörte wieder die Worte:„Wo die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn uns umrauſcht, da iſt wohl Troſt. Wenn ſie es auch noch nicht recht erfaſſen konnte, ſie fühlte ſich umgeben und getragen von dieſem Rauſchen, und ſchlief darüber ein. Das Schiff mußte gegen Morgen mehrere Stunden 156 ruhen, bis die Fluth kam, die es den Booten möglich machte ſich zu nähern und die Paſſagiere in Empfang zu nehmen. Von den Booten wurden Menſchen und Sachen wieder auf große Wagen geladen, um durch das ganz flache Waſſer an das Land zu fahren.— Die ganzen Inſel⸗Bewohner ſchienen verſammelt, um die neuen Paſ⸗ ſagiere zu begrüßen, fröhliche Hornmuſik klang ihnen ſchon aus der Ferne entgegen. Frau von Hohendorf ſchaute ent⸗ zückt auf die vom blauen Meer umrauſchte kleine ſonnige Inſel, auf die grünen Hügel, die freundlichen Häuſer und niedlichen Anlagen; hier mit Mann und Kindern ſtille Wochen zu feiern, war ein zu ſchöner Gedanke. Eliſabeth dagegen war durch die Hornmuſik, die ſo hell in den Mor⸗ gen hineinſchmetterte, nur trauriger bewegt, ſie hatte Heim⸗ weh nach Braunhauſen, nach der Zeit, wo dieſe Töne ſie nach dem Fenſter lockten, um dann ganz ungeſehen nach dem erſehnten Gruß zu ſchauen.— Sie hatte den klei⸗ nen Friedrich auf dem Schvoß und weinte ſtill in ſeine weichen Locken. In der allgemeinen Unruhe des Ankom⸗ mens und Abſteigens, des Wohnungsſuchens, blieb ſie unbemerkt, bis ſie ſich in einem kleinen freundlichen, hellen Schifferhäuschen dicht am Meere befand. Das ganze Haus beſtand nur aus zwei Stuben, einer Schlafſtube und der Küche. Die Küche, die ſehr reinlich und hell, mit einem weißen Flieſen⸗Heerd und hellem Geſchirr geſchmückt war, wurde von den Wirthsleuten bewohnt. Eine der Stuben nahm Johanne mit den Kindern ein, und die freundlichſte 157 Stube, ſowie die Schlafſtube mit dem Fenſter über dem Meer, war für die Herrſchaft. Eliſabeth ſtand am Fenſter ihrer kleinen Wohnſtube und ſah auf ein Gärtchen und auf grüne Sandhügel, daran die freundlichen Häuſer hin und her zerſtreut lagen. Die Stille that ihr wohl, ſie war doch nicht gezwungen, mit ſo vielen fremden Menſchen zu verkehren. Da trat ihr Mann in das Zimmer, und wieder ſchwer war ihr Herz: wie ſoll das werden? So viel mit ihm zuſammen? Es trieb ſie, zu den Kindern zu gehen, und doch wagte ſie nicht, in dem Augenblick, wo er hereingekommen, das Zimmer zu verlaſſen. Plötzlich trat er zu ihr und ſagte ernſt, faſt düſter: Eliſabeth, wirſt Du Dich wieder ent⸗ ſchließen können, mit mir zu reden? Ein ſchnelles, banges Ja flog von ihren Lippen. Sie war ſo angegriffen und ſchwach, und es ward ihr vor ſeinen düſteren Blicken wie⸗ der bange.— Willſt Du mit den Kindern vor die Thür an den Sand gehen? fragte er freundlicher.— Nur noch etwas möchte ich allein ſein,— möchte mich aus⸗ ruhen, fügte ſie verbeſſernd hinzu. Er verließ ſie, er fand die Kinder vor der Thür, er konnte aber unmöglich mit ihnen ſpielen, er ging allein den einſamen Strand hinauf. Der Gedanke, der ihn die ganze Nacht gequält: ob ſie bei ihm bleiben möchte, und ob er ſie dazu zwingen möchte, lag erdrückend auf ſeiner Seele. Er hatte in ſeiner Heftigkeit nicht gewußt, was er gethan; lag nach dem bürgerlichen Geſetz nicht vielleicht ſchon in ſolchen Srenen ein Scheidungsgrund? Daß Eli⸗ ſabeth und ihre Angehörigen unter Gottes Geſetz ſtanden, war ihm geſtern ein Troſt geweſen; heute wurde es ihm immer klarer, daß damit nichts gewonnen war. Wird Eliſabeth Furcht und Haß und Widerwillen bezwingen wol⸗ len? Wird ſie ſich auch willig dem Geſetze Gottes fügen? Nein. Er wußte, daß ſie in der letzten Zeit immer mehr dem Herrn entfremdet war, das Zureden ihrer Eltern und Großeltern half ihm nichts, beider Leben wäre dadurch nur elender geworden. Er mußte jetzt an ſeinen Obriſten den⸗ ken, wie er einſt ſagte: Wenn es mit zwei Leuten erſt ſo weit gekommen iſt, daß ſie ſich gegenſeitig das Leben ſchwer machen, dann iſt es am beſten, ſie trennen ſich.— Er war in einer Stimmung, daß er meinte, ſie wären jetzt ſo weit. Eliſabeth mußte ſich nach Freiheit ſehnen,„Es iſt Alles aus, es iſt auch ſo am beſten“, die Worte hörte er immer. Ihr Herz war ihm gewiß längſt entfremdet, er war nur blind geweſen. Warum ſchaute ſie denn, auch wenn er freundlich zu ihr war, nur ſcheu und zagend zu ihm auf? Er ſuchte den Grund dieſes Weſens in ihren Nerven, in ihrer Verſtimmung; jetzt konnte er ſich nicht mehr über den wahren Grund täuſchen. Er mußte ſich geſtehen, daß die letzte unglückliche Stene längſt vorbereitet war, daß ſie nicht aus heiterem Himmel kam, und daß ihn ein unbegreiflicher Egoismus dieſem traurigen Ende immer näher und näher zugeführt hatte.— Die Welt mußte ihm jetzt rathen, ſich nicht länger zu quälen, ſie 159 würde ſein Glück aufgeben, ſie würde ihm ſo klügliche, ſo vernünftige Vorſtellungen machen, wogegen er gar nichts erwidern konnte. Er fühlte ſich in einen Geſichtskreis ge⸗ bannt, den Welt und Sünde ziehen,— ſo eng, ſo eng, er konnte nicht darüber hinauskommen.— Ein Menſch, der über dieſen Dingen ſteht, kann nicht begreifen, wie ein armes ſchwaches Herz ſich ſo plagen kann, und doch ſeufzen die meiſten Herzen unter dem Drucke der engher⸗ zigen, beſchränkten Sündenwelt. Sie überlegen, ſie prüfen, ſie drehen ſich wie in einem Kreiſe, und kommen doch nicht weiter.— Er vertiefte ſich ſo ſehr in ſolche Fantaſien, daß er ſie für die einfachſte Wahrheit und Wirklichkeit nahm. Es erſchien ihm eigentlich ſelbſt die größte Demüthigung, ſeine Frau gezwungen um ſich zu ſehen. Er überlegte, ob es doch nicht thöricht war, nicht in Bremen umzukehren; das Gerede, die Neugierde der Menſchen mußte gegen das wirkliche Unglück verſchwinden. Es war vielleicht beſſer, wenn ſie jetzt bei den Großeltern war, vielleicht konnte ſie dort das Hülfeſuchen wieder lernen, was ſie bei ihm ver⸗ lernt hatte? 28. Die Berge, von denen Hülfe kommt. Mit dem bangen Gefühl, wie er Eliſabeth finden würde, trat Herr von Kadden wieder in das kleine Häus⸗ chen. Johanne ſtand bei den Leuten in der Küche, ſie trat in die Thür und flüſterte: Sie ſchlafen Alle.— Er ging leiſe in das Zimmer. Eliſabeth ſaß im Sofa und ſchlief. Er trat näher, er ſah, wie ſie ganz verweint war, ihr müder Kopf ruhte auf der harten Sofalehne. Aber ein Buch lag in ihrem Schooße. Die Bibel! Da ging ein Licht ihm auf in der Nacht ſeines Unglücks. Sie hat doch Hülfe ſuchen können! Er beugte ſich zu ihr, er ſah in das aufgeſchlagene Buch, ſeine Augen fielen auf den 130. Pſalm:„Gebet um Vergebung der Sünden.“ Er hätte niederknien und weinen mögen, er hatte ſie ja zu herzlich lieb, trotz aller Sünde und aller Schwäche wollte er ſie auf ſeiner Seele tragen. Wie war es ihm denn plötzlich ſo fteudig und zuverſichtlich zu Sinnen:— Sit wird Hülfe ſuchen, ſie wird ſich unter Gottes Gebot fügen, ſie wird Furcht und Haß und Aerger bekämpfen, nicht auf Zureden von Menſchen, ſondern mit der Hülfe des Herrn, — das Alles ſagte ihm das Buch in ihrer Hand. Ja, wo nach armen menſchlichen Gedanke keine Hülfe, keine Rettung iſt, da kann der Herr helfen.— Wie wurde ihm die Seele ſo weit, ſo weit, wie waren die geſcheiten 3 4 161 und klugen Weltanſichten verwehet und verflogen.„Meine Seele ſchauet auf zu den Bergen, von welchen mir Hülfe kommt.“— Wie gern hätte er eine Bibel in der Hand gehabt, er wagte aber Eliſabeth nichts zu nehmen, er konnte ſie erſchrecken. Unruhig ging er leiſe in die Kin⸗ derſtube, er hatte ſich nicht getäuſcht, auf einem Tiſchchen lagen zwei kleine ſchwarze Bücher, er nahm davon die Bibel und trat vor die Hausthür. Die Fluth war jetzt geſtiegen, die Wellen brauſten und ſchäumten bis an die kleinen Sanddünen. Etwas ent⸗ fernt vom Hauſe ſetzte er ſich auf den grünen Rand einer ſolchen Düne, er ſah in die herbrauſenden Wogen, eine jede ſchien Erquickung zu bringen ſeiner matten Seele. Er ſchlug gedankenvoll die Bibel auf, er laß im Jeſaia:— „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlaſſen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich ſammeln. Ich habe mein Angeſicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen. Ich habe geſchworen, daß ich nicht über dich zürnen noch dich ſchelten will.“— Als er das ge⸗ leſen, ſchaute er wieder in die Wellen, er that ſeine Bruſt weit auf, die prächtig daherrollenden Wogen, wie ſie an⸗ 2 brauſten und aufſchäumten, brachten immer mehr Erquik⸗ kung und Kraft und Muth. Er las den 121. Pſalm: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von wel⸗ chen mir Hülfe kommt. Meine Hülfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Culaveth. U. 11 162 8 Fuß nicht gleiten laſſen, und der dich behütet, ſchläft nicht.“ Das ſind Worte des ewigen Lebens. O ſelig, wer den Herren fürchtet! Er will ihn frühe füllen mit ſeiner Gnade, er will ihn reich machen und hoch er⸗ heben, hoch erheben über jeden Schmerz, über jeden Kummer. Jetzt fühlte er ſich erhoben in einer andern Welt, er hatte Frieden in der Furcht und in der Liebe und im Glauben, er gab ſeine Zukunft dem Herrn. Wenn man ſelbſt im Unglück kann ſo friedevoll ſein, als er jetzt es war, was war dann zu fürchten? Er ſchaute in die heranbrauſenden Wellen und ſchaute in die Bibel. Er ſuchte den Spruch, den ihm ſein Großvater mit auf den Lebensweg gegeben, und an den er lange nicht gedacht hatte. Er fand ihn Jeremiä am 31.:„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“— Aus lauter Güte! das war ihm ſo ver⸗ ſtändlich jetzt in einem anderen Sinne, als da er ihn da⸗ mals der Großmutter ſagte und ihn nur auf ſein irdiſches Glück bezog. So in Gedanken vertieft, hatte er auf dem weichen Sandwege die nahenden Schritte nicht gehört, und ſah plötzlich Herrn und Frau von Hohendorf an ſeiner Seite. Unwillkürlich war es, als müßte er die Bibel verbergen.— Ein Buch, das von der Welt ſo wenig geachtet iſt,— über das gebildete und kluge Leute weit hinaus ſind,— das ein vernünftiger Menſch nicht auf einſamen Spatzier⸗ 163 gängen mit ſich nimmt, um ſich zu erbauen,— was möch⸗ ten ſie von ihm denken? Das wäre vielleicht eine von den Verlegenheiten der Welt gegenüber geweſen. Umrauſcht von der Gnade des Herrn, ſieht die Welt mit ihren Rückſichten jämmerlich aus. Die Bibel war der Anker ſeiner Hoffnung, ſeines Glaubens, der Reichthum ſeines Glückes, die Zu⸗ verſicht ſeines Friedens und ſeiner Seligkeit, er hatte Muth, das vor der ganzen Welt zu bekennen und ſtand, das Buch ruhig in der Hand, ernſthaft grüßend vor den beiden Fremden.— Wir haben Sie geſtört, ſagte Herr von Hohendorf freundlich.— Daß er dieſen Leuten gegenüber mit der Bibel in der Hand ein ſehr werthgeſchätzer Mann war, wußte er nicht; ihnen war es ein Zeugniß, das alle Schranken des Fremdſeins, der weltlichen Formen nieder⸗ riß, ſie ſtanden ſich unbekannt gegenüber und doch bekannt, und fühlten ſich in Theilnahme zu ihm hingezogen. Selbſt Herr von Hohendorf hatte keine Scheu, ihm das zu zeigen, und hatte ihn gerade deshalb, weil er die Bibel in ſeiner Hand ſah, jetzt ſo offen und herzlich gegrüßt.— Das Meer iſt ſo ſchön, entgegnete Herr von Kadden.— Sie haben in der Bibel geleſen, entgegnete Frau von Hohen⸗ dorf; wie ſchön müſſen die Pſalmen dieſer großen und mächtigen Natur gegenüber der Seele klingen! Lieber Ernſt, wandte ſie ſich zu ihrem Mann, die Bibel muß man hier immer mit ſich führen. Sie ſagte das vielleicht un⸗ willkürlich, um dem Fremden zu zeigen, daß ſie Geſinnungs⸗ genoſſen waren.— Herr von Hohendorf griff in ſeine 1 164 Bruſttaſche und ſagte unbefangen Ein Neues Teſtament mit den Pſalmen habe ich, wenn Du das willſt.— Sie nahm es freundlich dankend und ſagte: Wenn ich dieſe mächtigen Wellen ſehe, muß ich an die Worte denken „Wenn gleich das Meer wüthete und wallete, von ſeinem Ungeſtüm die Berge einfielen, dennoch ſoll die Stadt Gottes fein luſtig bleiben mit ihren Brünnlein.— Die Groß⸗ artigkeit des Meeres kann man ſich nicht vorſtellen, ehe man es geſehen hat, ſagte Kadden. Herr und Frau von Hohendorf waren einverſtanden. Sie wunderten ſich jetzt über die Einſamkeit des Strandes, und es ergab ſich im Geſpräch, daß es Mittags⸗ zeit für die Badegäſte war, die an der Table d'hote eſſen, daß ſie aber beiderſeitig die Abſicht hatten, nicht an der großen Geſellſchaft theilzunehmen und ganz für ſich und mit dem ſchönen Meer zu leben. Frau von Hohendorf erkundigte ſich theilnehmend nach Eliſabeth, und Kadden berichtete, daß ſie, noch von der Reiſe angegriffen, ruhen müſſe. Das Kindermädchen hat mir ſchon erzählt, wie ſehr zart und ſchwach ſie iſt, ſagte ſie theilnehmend. Er bejahte es. Sie iſt leidend ſeit dem vergangenen Winter, ſo lange das kleine Mädchen lebt, ſagte er. Wir müſſen ſie recht ſehr pflegen, fuhr ſie fort; ja, Sie müſſen mir ſchon einen Antheil an der Pflege erlauben, ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie ſehr herzlich lieb ich Ihre Frau gewonnen habe von dem Augenblick an, wo ich ſie geſehen.— Kadden war etwas verlegen, und Herr von Hohendorf ſagte Die 165 Offenheit meiner Frau macht es ihnen zur Pflicht, eben ſo offen zu ſein und ſie zu verſichern, daß Sie ihre Hülfe nicht wünſchen und lieber allein die Pflege übernehmen. — Ach nein, entgegnete Kadden freundlich, ich verſtehe es gar nicht, meine arme Frau zu pflegen.— So müſſen Sie es hübſch lernen, ſiel ihm Frau von Hohendorf in die Rede. Von einer Frau, die älter iſt als Sie, können Sie ſchon guten Rath annehmen, fügte ſie freundlich hinzu. — Herr von Hohendorf fürchtete, ſeine Frau möchte etwas zu voreilig ſein mit ihrem guten Rath, möchte gar jetzt ſchon von vernünftigen Männern reden, und unterbrach ſie ſcherzend: Ich wollte mich eigentlich als viel paſſender zum Rathgeber anbieten, aber meine Frau würde mich nicht empfehlen; ſie iſt ſo unartig, zu behaupten, daß ich nie unliebenswürdiger ſei, als wenn ſie angegriffen iſt.— Frau von Hohendorf lächelte und kündigte Herrn von Kadden ihren Beſuch zu morgen an, worauf ſie am Arme ihres Mannes weiter ging. Wie kannſt Du ihm das ſagen? begann ſie etwas vorwurfsvoll, nun kann ich Dich ihm nicht zum Muſter ſtellen.— Es iſt aber doch die Wahrheit, entgegnete ihr Mann.— Lieber Ernſt, Du mußt das nicht glauben, ſagte ſie bittend; ich ſage ſo etwas nur, wenn ich ärger⸗ lich und verdrießlich bin.— Ich glaube es auch nicht, war ſeine ſchnelle Antwort, und in ſeinen Zügen war die Beſtätigung ſeiner Worte zu finden. Kadden wanderte nachdenklich ſeinem Hauſe zu. Nach 166 den wenigen Worten, die er mit den Leuten geſprochen, konnte er ſich ein genaues Bild von ihnen machen, und erkannte dankbar die Fügung des Herrn in dieſem Zuſam⸗ mentreffen. Wenn wir nur erſt Augen haben zu ſehen, und Ohren zu hören, ſo werden wir merken, daß der Herr jedes Haar auf unſerm Haupte gezählt hat, und ſeine Gnade uns leitet auf allen unſeren Wegen.— Welch ein Troſt war es ihm zu hören, daß auch gläubige Leute und Leute, die ſich lieb haben, ſich nicht immer liebenswürdig finden. Auch der verſprochene Beſuch machte ihm nicht bange, er freute ſich vielmehr für Eliſabeth auf dieſen Umgang. Er betrat jetzt das Zimmer mit anderen Gefühlen als vorhin. Er fand Eliſabeth noch in derſelben Sofa⸗ ecke, aber wachend. Sie ſah die Bibel in ſeiner Hand, ſie ſah hin und wieder hin, ihr Herz begann ganz wunderbar zu klopfen. Die Kämpfe und Thränen, die ihrem eigenen Bibelleſen vorangingen, waren veranlaßt beſonders durch die Frage, ob ſie die Einſamkeit hier mit der Nähe und mit dem Weſen ihres Mannes tragen könne, ob ſie ſich nicht zu den Großeltern flüchten müſſe, um dort Schutz und Theilnahme, Liebe und Troſt zu finden. Ihr Herz klopfte heftiger, als er ſich zu ihr ſetzte, aber etwas ſehr Schlim⸗ mes konnte er ihr mit der Bibel in der Hand nicht ſagen, das war eine Beruhigung. Eliſabeth, biſt Du einverſtanden, begann er mit be⸗ wegter Stimme, daß wir uns in Gottes Gebot fügen und in Geduld und Demuth neben einander bleiben?— Er —— 167 hielt inne, Sie hatte die Augen niedergeſchlagen und konnte nichts entgegnen.— Wenn Du Sehnſucht zu den Deinen hätteſt, möchte ich Dich nicht zurückhalten, fuhr er fort; wir ſind aber Deiner Geſundheit wegen hergegangen und wollen hoffen, daß Du recht geſund und friſch hier wirſt. — Seine Augen fielen indem auf die Roſen, die in einem Glaſe ſo friſch und duftend neben Eliſabeths Bibel ſtan⸗ den.— Nun wollen wir auch dieſe Blumen für eine Be⸗ ſtätigung Deines Wunſches halten, ſagte er mit einem Lächeln, das freilich traurig genug war.— Eliſabeth ſchwieg noch immer.— Und wenn wir zurückkehren, bleibt es bei der Verabredung, daß Du mit den Kindern zu den Großeltern gehſt, fügte er hinzu und er erklärte ihr nun noch, ſo ſchön und zart er es nur konnte, ſie ſollte die Zeit hier ganz nach ihrem Gefallen leben und thun, ganz, wie es ihre Stimmung verlangte. Sie konnte reden oder ſchweigen, weinen oder freudig ſein, gehen oder ruhen, ja, allein wandeln am Meer, ſo viel es ihr gefiel, ſie hatte Niemanden zu fragen, Niemanden von ihrem ganzen Thun Rechenſchaft zu geben. Sie ſollte ſich frei fühlen, auch nie fürchten, ihn zu verletzen oder zu erzürnen; ſie ſollte nur an ihre Geneſung denken,— und an ihren Frieden, ſetzte er leiſer hinzu. Sie hatte zu allem geſchwiegen. Er ſchwieg jetzt auch. — Nach einer Pauſe ſagte er ſchnell: Jetzt nur, Eliſabeth, ſprich ein Wort.— Ich danke Dir, ſagte ſie,— und er verließ ſchnell das Zimmer. 168 Aus Großmuth und Güte handelt er ſo, dachte ihre Seele, und die Anerkennung lag in ihrer Antwort. Als er aber das Zimmer verlaſſen hatte, nahten ſich bald ge⸗ nug wieder ſehr traurige Gedanken.— Die Großmuth wird ihm nicht ſchwer— es iſt ihm keine Entbehrung, von mir nicht viel zu hören, weil er mich nicht mehr lieb hat — meine Nähe iſt ihm ſo drückend, als mir die ſeinige — er wird ſich gern freier fühlen.— Und doch iſt es ſo am beſten, mußte ſie ſchließlich hinzufügen, der Entſchluß iſt weiſe— und daß er mit aufrichtigem Herzen und mit dem Herrn gefaßt war, das fühlte ſie in ſeinem ganzen Weſen. Sie ſtand jetzt auf, ſie wollte ſeinen Rath, ſo viel als möglich in der Luft zu ſein, befolgen. Sie ſtellte ſich vor den Spiegel, ſtrich die verwirrten Locken glatt zurück und knüpfte ein leichtes Spitzentuch über das ſchlichte Haar. In dem Augenblick trat Johanne herein mit dem neuen Hut und dem Sammttuch. Eliſabeth ſah es verwundert an.— Nun, gnädige Frau, müſſen Sie ſich putzen, be⸗ gann das Mädchen, die ganzen vornehmen Herrſchaften gehen am Strand ſpatzieren. Da müſſen wir mit den Kindern doch auch hin.— Woher haſt Du das? fragte Eliſabeth mit ſtockender Stimme.— Das hat der gnädige Gerr in Bremen ſelbſt gekauft, ſagte Johanne ſchmunzelnd, dafür müſſen Sie ſich recht ſchön bedanken.— Eliſabeth nahm beide Sachen dem Mädchen aus der Hand, legte ſie in den Schrank, der in ihrer Stube ſtand, und ſagte: 169 Ich gehe ja jetzt nicht an den Strand, ich will hier auf der Bank an unſerm Hauſe mit den Kindern bleiben.— Johanne wußte, daß ihre junge Frau eigenſinnig war und ſagte nichts weiter. Eliſabeth blieb den ganzen Abend am Giebel des Hauſes ſitzen, wo eine Segeltuch⸗Wand ſie vor den Vor⸗ übergehenden verbarg, und ſie das Meer doch ſo ſchön vor ſich hatte. Ihr Mann war fortgegangen, ſie aß mit den Kindern allein hier ihr Abendbrod und ſaß allein hier, bis die Sonne als ein großer Feuerballen ſich leiſe hinab⸗ ſenkte zu der dunkelblauen Fluth. Eliſabeth ſaß mit gefalteten Händen, es war ganz ſtill und friedlich in ihrem Herzen, ſie hatte in der Bibel leſen können und hatte beten können; jetzt war ihr gehol⸗ fen, es mußte ihr Troſt werden. Der Herr hatte ſie auch ſchon erhört, hatte er denn nicht Alles über Erwarten gut gefügt? Seitdem ihr Mann mit ihr geſprochen, war Bangigkeit und Angſt aus ihrer Seele, die Tage hier konnten ihr nicht gar zu ſchwer werden. In die Zukunft wollte ſie nicht ſehen, nur immer beten für den einen näch⸗ ſten Tag. Sie hatte die Abendſtunden mit den Kindern wie ein Kind verſpielt und hatte jetzt weder an die Ver⸗ gangenheit noch an die Zukunft gedacht. Nun die Kinder zu Bett waren, ſaß ſie ganz ſtill und gedankenvoll, ſie ſchaute unverwandt auf das Meer, ſie dankte dem Herrn für die letzten guten Stunden und bat um eine gute Nacht für ſich und ihre Kinder. 170 Als die Sonne faſt ganz hinab geſunken und nur noch wie ein kleiner goldener Nachen auf dem Waſſer ruhte, trat ihr Mann plötzlich zu ihr. Sie ſtand unwillkürlich ſchnell auf. Ich wollte Dich nicht ſtören, ſagte er ruhig und war im Begriff zurückzugehen. O nein, ſagte ſie ſchnell,— die Sonne iſt ſo ſchön jetzt.— Er blieb einige Schritte von ihr an der Wand des Hauſes gelehnt ſtehen, beide ſahen der ſinkenden Sonne nach, bis zuletzt nur ein Stern noch ſeine blitzenden Strahlen über die ſil⸗ berumſäumten, leiſe auftauchenden Wogen ſandte. Der Stern war auch verſunken und ein immer tiefer werdendes Roth legte ſich über das dunkele nächtige Meer, das ſo weit hin, ſo grenzenlos, ja faſt ſchaurig, ſeine wogenden Arme um die kleine Inſel ausbreitete. Jetzt wird es kalt, ſagte Herr von Kadden. Er hätte gern hinzugeſetzt: es iſt Dir beſſer, Du gehſt in das Zimmer; aber er wollte ja nicht einreden, ſie ſollte allein nach ihrem Gefallen leben, darum ſagte er nichts weiter. Er hatte es kaum ausgeſprochen, ſo nahm Eliſa⸗ beth ihre Sachen zuſammen und ging in das Zimmer. Der Bediente folgte ihr mit dem Licht. Sie holte ſchnell ihr kleines Gebetbuch, daß ihr die Großmutter ſchon als Kind geſchenkt, daraus ſie viele Jahre jeden Abend den Abſchnitt, der für den Tag be⸗ ſtimmt war, für ſich geleſen. Erſt den Winter, wo ſie viel in Geſellſchaft war und meiſtens ſehr ſpät nach Hauſe kam, entwöhnte ſie ſich von dem Leſen und ſpäter, wo ſie 171 überhaupt matt und verſtimmt nicht zu ſolchen Dingen kommen konnte, hatte ſie das Buch höchſtens einmal im Vorübergehen und mit getheiltem Herzen angeſehen. Sie hatte es mit hierher genommen, weil ſie von Jugend auf gewöhnt war, es überall mit der kleinen Bibel zuſammen mit ſich zu nehmen. Als ſie das liebe getreue Buch wieder zur Hand nahm, ſchämte ſie ſich wohl und hatte ein böſes Gewiſſen, aber mit großer Sehnſucht ſchlug ſie den heutigen Datum, den 14. Juli, auf. „Mein Herz hält Dir vor Dein Wort: Ihr ſollt mein Antlitz ſuchen; darum ſuche ich auch, Herr, Dein Antlitz. Ich bin Dein, hilf mir: denn ich ſuche Deine Befehle. Die mich frühe ſuchen, finden mich.— Die Elenden ſehens und freuen ſich; und die Gott ſuchen, de⸗ nen wird das Herz leben. Wer da ſuchet, der findet. Wer aber mich findet, der findet das Leben. Willt Du vor Gott nicht eher treten, als bis Dein Herz er⸗ wecket iſt, So würdeſt Du wohl gar nicht beten; drum bet' auch, wenn Du ſchläfrig biſt. Und muß Du Dich gleich ernſtlich zwingen, halt an, es wird ſchon leichter gehn, Es wird dir vielen Segen bringen; drum bleib nicht in der Trägheit ſtehn. Gott wird Dir viele Kräfte geben, halt ihm ſein wahres Wort nur für; Es ſoll Dir noch das Herze leben, ſuchſt Du nur Jeſum mit Begier.“ 172 Als ſie die erſte Hälfte geleſen, trat ihr Mann in das Zimmer. Es lag ihr ſo nahe, das Buch zu verber⸗ gen; ſie fühlte, wie ſie feuerroth wurde, er ſollte von ihren Stimmungen nichts wiſſen. Er wollte es auch nicht, ſetzte ſie hinzu, er hatte es ihr abgewöhnt, bei ihm Theilnahme und Troſt zu finden. Ihm lag nicht daran, wie es in ihrem Innern ausſah. Heute und mit dem Buche in der Hand, war ſie darüber getröſtet, wenn der Herr es nur wußte. Aber in dem letzten Gedanken konnte ſie auch das Buch nicht fortlegen, ſie las um des Herren willen weiter, freilich ſehr zerſtreut,— von der letzten Häfte würde ſie wenig gewußt haben, wäre es ihr durch den früheren lan⸗ gen Gebrauch nicht gar zu bekannt und heimathlich nahe geweſen. Jetzt ſtand ſie auf und ſagte, nachdem ſie es erſt überlegt, ihrem Manne gute Nacht. Er reichte ihr nicht die Hand, und ſie war es zuftieden.— Sie lag noch länger wachend, ſie hörte die nahende Fluth immer lauter unter dem Fenſter heranbrauſen, ſie dachte an die nächtige dunkele grenzenloſe Waſſerfluth und dachte: Wenn ich da auf einer Inſel Schiffbruch gelitten und getrennt wäre von Allem, was mein Herz liebt! Sie gedachte ihrer lieben, lieben Kinder, ſie konnte dem Herrn ſo auftichtig danken. Wie viel zu ihrer Ruhe das Gefühl beitrug, hier in der weiten Fremde nicht allein und ohne Schutz zu ſein, dort nebenan Jemand zu wiſſen, auf deſſen Großmuth wenig⸗ ſtens ſie bauen konnte, das machte ſie ſich nicht klar. 29. Ein neuer Anfang im Frieden. Am andern Morgen konnte Eliſabeth ſich ſogar ent⸗ ſchließen, ihre Zeit einzutheilen. Sie dachte daran, wie ihr die Großmutter ſchon als Mädchen ſagte, daß, wenn es nicht ganz richtig im Gemüthe wäre, nichts beſſer ſei als recht fleißig zu arbeiten. Ja, im Sündenunglück und im Kreuz, daß der Herr von außen ſchickt, bringen Gebet und Arbeit, ein recht ſtilles, regelmäßiges Leben den beſten Troſt. Eliſabeth wollte jetzt leben, wie ſie als Mädchen lebte, und zwar zu der allerſchönſten Zeit, zu der Zeit ihrer Confirmation. Da ſtand ſie in der erſten Liebe zum Herrn, und heilig vor ihm zu wandeln, das war ihres Herzens Sehnen. Die immer reichere Erkenntniß in ſeinem Wort war damals gleichzeitig gewachſen mit ihrem Glaubensleben, dabei war ſie ſtill und fleißig, half der Mutter mit Sanft⸗ muth und Freundlichkeit, ſpielte mit den kleinen Geſchwi⸗ ſtern, lernte Lieder, wenn ſie mit Handarbeit beſchäftigt war, und ſpielte und ſang in der Dämmerung von dem Schatz, den ſie noch in der Seele geſammelt. Welch eine Zeit lag freilich dazwiſchen! Wie un⸗ ruhig, zerſtreut und auch bange war es doch geweſen! — Ihr junges Herz hatte ſo freudig und zuverſichtlich in die Zukunft geſehen, als wäre keine Gefahr mehr zu fürch⸗ 174 ten. Jemand zu finden, den ihr Herz lieben mußte, das ſehnte ſie ſich wohl, aber die Liebe ſollte ihr ja das Gut⸗ und Frommſein und heilig vor dem Herrn leben nur noch leichter machen. Daß mit der Liebe und der Verlobung und der Heirath die rechten Kämpfe erſt beginnen, daß dieſe Liebe ſelbſt zerſtreuen und das Herz theilen kann, das hatte ſie nicht geglaubt. Ja, daß das Leben dann erſt ernſt und bedenklich wird, daß es da erſt recht heißt: Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern,— das möchte kein junges Herz glauben. Eliſabeth glaubte es jetzt und wenn ſie ihr Leben überdachte und vor den letzten Tagen der Gegenwart ſtehen blieb, dann war es wohl, als ob ihre Seele dieſe Laſt nicht tragen könne, als ob es doch am beſten wäre, alle Hoffnung von der Erde abzuwenden, ſich zu wenden von den Menſchen, ſich hinüber zu grämen und zu weinen und ſich ganz zu verſenken in die Barmherzigkeit des Herrn. Der Verſtand ſoll aber nie zurückſchauen, der Glaube ſoll vor ſich ſehen, in Demuth den Verheißungen des Herrn trauen. Und lag denn in ihrer ſchweren Strafe nicht zu⸗ gleich der Troſt, daß der Herr die ſchwere Schuld ihr auch erlaſſen wolle? Wie ein ſchwankendes Rohr wurde ſie von den Gedanken hin und her bewegt, wie ein verglimmendes Licht faßte ſie Muth und ließ ihn wieder ſinken. So ſaß ſie früh am Morgen auf ihrer Bank am Meer und t ihr Büchlein für den 15. Juli auf: „Mein Gott, ich hoffe auf Dich, laß mich nicht zu 175 Schanden werden. Ich harre, Herr auf Dich; Du, Herr, mein Gott, wirſt mich erhören. Denn keiner wird zu Schanden, der Dein harret.— Antwort Hoffnung läßt nicht zu ſchanden werden. Die auf den Herrn hoffen, die werden nicht fallen, ſondern ewiglich bleiben, wie der Berg Zion. Wer iſt jemals zu Schanden worden, der auf Gott gehoffet hat? Aber ob die Hülfe verzeucht, ſo harre ihrer, ſie wird gewißlich kommen und nicht verziehen. Verziehet Gott mit ſeiner Hülfe, und der Feind will dir Gottes Treue zweifelhaft machen; denke, es heißt: Harre. Du lebeſt noch, du ſollſt noch ein Zeuge der Treue Gottes werden. Wäre Er nicht treu, ſo wäre er gar kein Gott. Nein, ſeine Treue iſt ewig, ſo groß und gewiß, als er ſelbſt, und über alles unſer Denken; du wirſt es noch endlich und zwar deſto herrlicher erfahren, und nicht zu Schanden werden, ſollte eher Himmel und Erde einfallen. Er iſt, der Glauben hält ewiglich. Keiner auf der ganzen Erden ſoll zu Spott und Schanden werden, Der auf Gott nur harrt und hofft. Gott verziehet wohl gar oft; Aber glaube, ſein Verweilen iſt wahrhaftig nur ein Eilen, Und je länger er verzieht, deſto mehr man Hülfe ſieht.“ Ich will auch harren, dachte Eliſabeth getroſt, und will nur mit Glauben in die Zukunft ſehen.— Sie be⸗ gann dieſen Tag zu ordnen.— Das Baden ſollte ſie mor⸗ gen erſt anfangen, hatte der Arzt beſtimmt, ſie wollte heute auch noch ganz unbemerkt in ihrem kleinen Segeltuchhauſe leben. Sie holte ſich verſchiedene Arbeiten hierher. Für ihr kleines Mariechen hatte ſie Hemden zu nähen, ſie hatte 176 kaum geglaubt, dazu kommen zu können, weil ihr zu Hauſe Wuth und Luſt zu jeder Arbeit fehlte, wie freute ſie ſich ietzt darauf. Beim Nähen wollte ſie nach und nach alle in der Jugend gelernten Lieder wiederholen, das ſollte ſie verhindern, zu viel auf die entſetzliche Vergangenheit zu ſehen. Dazwiſchen wollte ſie zur Erholung zeichnen und malen, ſie hatte alle Sachen dazu mitgebracht. Auch in dem kleinen Garten mußte ſie auf⸗ und abgehen, dann mußte ſie mit den Kindern ſpielen, vielleicht konnte ſie auch in der ganz einſamen Mittagsſtunde ſich zur Zeit der höchſten Fluth aus dem Stacket hinaus auf einen nahen kleinen Vorſprung wagen, um gerade hinab auf die ſchäu⸗ menden Wogen zu ſehen. So lag der Tag reich und fried⸗ lich vor ihr, und ſie begann muthig das erſte kleine Hemd für ihr Töchterlein zu nähen. Nach einiger Zeit hörte ſie Stimmen vor der Haus⸗ thür. Frau von Hohendorf war es mit den Kindern. An ſolche Störung hatte ſie nicht gedacht. Wie wird es mir den Menſchen gegenüber wohl ergehen? dachte ſie ängſtlich, als ihr Mann mit dem Beſuche zu ihr trat. Das Ge⸗ ſangbuch hatte ſie zugeſchlagen, ihr Nähzeug leicht darüber gelegt, die Roſen von Braunhauſen ſtanden neben Papier und Bleifedern und Farben. Frau von Hohendorf wollte gar nicht bleiben, ſie wollte Eliſabeth nicht ſtören, nur im Vorübergehen einen guten Morgen ſagen. Aber Eliſabeth konnte dieſen theil⸗ nehmenden Augen nicht widerſtehen, ſie bat Anna, zwar 177 etwas verlegen, aber freundlich, ſich zu ſetzen. Kadden em⸗ pfahl ſich, um mit Herrn von Hohendorf an den Strand zu gehn; Frau von Hohendorfs Kinder ſpielten mit dem kleinen Friedrich, und die Mütter ſahen ihnen zu. Frau Anna nahm das Geſangbuch in die Hand und ſagte unbefangen: Lernen Sie beim Nähen?— Eliſabeth nickte.— Ich will hier in Wangeroge, wo ich ſo ſchöne Zeit habe, den Katechismus wiederholen, man verlernt im⸗ mer wieder, und es iſt recht nöthig, daß man ſich darin wie ein Kind betrachtet.— Den Katechismus? wiederholte Eliſabeth nachdenklich, das iſt wahr, den habe ich ſeit meiner Konfirmation nicht wieder gelernt. Dabei mußte ſie ſich in Acht nehmen vor ihren Thränen, ſie mußte auf ihre Arbeit ſehen.— Das iſt wohl nicht ſehr lange her? fragte Anna freundlich.— Fünf Jahre, war Eliſabeths Antwort. In Gedanken ſetzte ſie hinzu: Lange genug, um recht unglücklich zu werden.— Wenn ich mit meinen Studien fertig bin, ſo will ich Ihnen mein Büchlein bor⸗ gen, ſagte Anna freundlich. Oder iſt es Ihnen nicht noch beſſer, Sie lernen hier gar nicht, Sie ruhen Ihre Nerven? — Ach nein, das Richtsthun ſtärkt die Nerven nicht, ent⸗ gegnete Eliſabeth, ich habe es lange zu Hauſe verſucht.— Annas Augen ruhten theilnehmend auf dem feinen, blaſſen Geſicht mit den offnen, klaren Augen, es war ihr unwider⸗ ſtehlich, ſie hätte Eliſabeth umarmen, ihr recht viel Liebes⸗ worte ſagen und ſie herzlich bitten mögen, ihr zu ſagen, was ſie auf dem Herzen hatte. Weil ſie das doch nicht Eliſabeth. I. 12 178 konnte, nahm ſie den kleinen Friedrich auf den Schvoß und küßte ſeine helle Stirn. In dem Augenblick erſchien Johanne mit der kleinen Schweſter. Eliſabeth nahm das Kind und als ſie ihm in die dunkelblauen Augen, in das ganze kleine, blühende Kindergeſichtchen ſah, das mit ſeiner rührenden Unſchuld und Zuverſicht in die Welt hinein⸗ ſchaute, da tauchte in ihren eigenen Augen der Ausdruck der kindlichen Güte und Freude auf, der ihnen ſonſt ſo gewöhnlich war. Die Frauen hatten nicht bemerkt, daß ihre Männer an das Stacket getreten waren und beide, obgleich im Ge⸗ ſpräch, ihre Augen auf Mütter und Kinder gerichtet hatten, bis Paul ſeine Mama aufmerkſam machte, und dieſe von Eliſabeth Abſchied nahm, um noch einen weiteren Spatzier⸗ gang zu machen. Sie ſcheint ſehr glücklich zu ſein, dachte Eliſabeth, als ſie das Segeltuch ein ganz wenig zurückbog und Anna an der Seite ihres Mannes etwas entfernt vom Hauſe auf dem erhöhten Dünenrande ſtehen ſah. Sie glaubten ſich gewiß unbemerkt. Anna, den Hut noch in der Hand, hatte ihren Kopf mit den ſchönen braunen Flechten an des Mannes Schulter gelegt, und er ſchaute auf ſie herab mit einem Blick, der Eliſabeths Herz zittern machte. Ob zwi⸗ ſchen ihnen nie etwas iſt, was ſie hindern möchte, ſich zu lieben? dachte Eliſabeth, und dann mußte ſie wieder ſo kämpfen, ihren Kummer, ihre Demüthigung, die Laſt der Erinnerung von der Seele loszuwerden. 179 Acht Tage waren faſt vergangen, ganz einförmig, und doch hatte ein jeder Tag für Eliſabeth gar manche Mannich⸗ faltigkeit. Sie badete jeden Tag und lief am Strande auf und ab. Sie wagte ſich auch zuweilen auf den klei⸗ nen Vorſprung, ſaß da und ließ die Wellen unter ſich brauſen; ſie ſpielte mit den Kindern, ſammelte mit ihnen die niedlichen Muſcheln und lebte ganz frei. Ihren Mann ſah ſie faſt nur bei Tiſche. Er war in der Stube mit Schreiben oder Leſen beſchäftigt, wenn ſie außen in ihrem Reiche ſaß, und wenn er ſpatzieren ging mit Herrn von Hohendorf und einigen anderen Herren oder mit Friedrich am Strande ſpielte, dann that ſie, was ſie in der Stube zu thun hatte. Seltſam war es ihr und ward es ihr von Tage zu Tage mehr, wenn ſie den Mann, den ſie ſo geliebt hatte, ſo fremd ſich gegenüber ſah, ohne ein freund⸗ liches Wort, ohne einen warmen Blick, und ihr Herz meinte, daß es doch ſolch Weh nicht lange tragen könne. Dann kamen freilich die böſen Gedanken, die das arme Herz beunruhigen wollten. Er hat dich zu ſehr gekränkt,— er hat dich um alle Hoffnungen, um dein ganzes ſchönes, junges Leben betrogen,— wenn du auch möchteſt, du darfſt ihn nie wieder lieben.— Den böſen Gedanken folgte dann wieder die Reue und die Unruhe, und es ward nicht eher ſtill in ihr, bis ſie ſich ganz demüthig mit allem Kummer und Herzweh dem Herrn übergeben hatte. Dann fühlte ſie ſich in einem ſicheren Hafen eingelaufen, dann konn⸗ ten die Wellen des Kummers ſie nicht erreichen, dann konnte ſie 12 ½ 180 mit warmer Theilnahme an die vielen, vielen Frauen den⸗ ken, die da außen in der Welt und ohne den Herrn und mit und ohne ihre Schuld ſolchen Schmerz durch ihr Le⸗ ben tragen müſſen. Wie viele Frauen haben wohl das Bild eines glücklichen Bräutigams und eines aufmerkſa⸗ men, rückſichtsvollen jungen Ehemanns in der Erinnerung und müſſen den Mann kalt und rückſichtslos und unfreund⸗ lich neben ſich ſehen. An einem ſehr ſchönen Nachmittag ſaß ſie ganz al⸗ lein auf ihrer Bank; die Stimmen ihrer Kinder hörte ſie am Strande; ob ihr Mann ausgegangen, oder noch in der Stube war, wußte ſie nicht. Sie hatte eben die Aermel am dritten Hemdchen geſtickt, ſie legte es zufrie⸗ den zuſammen. Sie hätte jetzt ſo gern einmal geſungen, wie lange hatte ſie es nicht gethan, es ſollte ihr eine rechte Freude ſein. Sie ſtand auf, ſah um die Ecken des Hauſes herum, Niemand war da. Das Schlafſtu⸗ ben⸗Fenſter war geſchloſſen, das Roulleau nieder, Johanne war mit den Kindern am Strand, und ihr Mann, wenn er auch in der Stube war, ihren leiſen Geſang konnte er nicht hören. Daß er, wie er oft that, gedankenvoll am Schlafſtuben⸗Fenſter ſtand und neben dem Roulleau hindurch ſeine ernſten Blicke auf ſie gerichtet hatte, ahnete ſie nicht. Er ſah ihr Recognoſeiren, er zog ſich vom Fenſter zurück, und trat wieder näher, als ſie ſich ſetzte Sie ſang mit leiſer Stimme, aber für ihn ganz deutlich Jeſu geh voran Auf der Lebensbahn, 181 Und wir wollen nicht verweilen, Dir getreulich nachzueilen: Führ uns an der Hand Bis ins Vaterland. Solls uns hart ergehn, Laß uns feſte ſtehn Und auch in den ſchwerſten Tagen Niemals über Laſten klagen; Denn durch Trübſal hier Geht der Weg zu Dir. Rühret eigner Schmerz Irgend unſer Herz, Kümmert uns ein fremdes Leiden: O ſo gieb Geduld zu Beiden, Richte unſern Sinn Auf das Ende hin. Ordne unſern Gang, Liebſter, lebenslang; Führſt Du uns durch rauhe Wege, Gieb uns auch die nöth'ge Pflege. Thu uns nach dem Lauf Deine Thüre auf. An manchen Stellen war ihre Stimme etwas un⸗ ſicheret geworden, aber ſie hatte tapfer zu Ende geſungen, und ſtand auf und ſchaute wieder nach allen Seiten, ob ſie allein ſei. Beruhigt ſetzte ſie ſich nieder, ſie wollte jetzt eine Malerei vollenden. Sie nahm ein Blatt aus der Mappe, ſie ſah es nachdenklich an, ja, es waren die Braunhäuſer Roſen, getreulich abgezeichnet und angehaucht von den friſcheſten, lieblichſten Farben. Die Originale ſtanden jetzt verblüht vor ihr im Glaſe und ſie hatte ſich vorgenommen, ſie nachher vom grünen Vorſprung aus feierlich in das Meer zu werfen. Hatte ſie doch ein ſo liebliches, warmes und unvergängliches Abbild vor ſich liegen. Sie verſtand ſich ſelbſt nicht in ihrem Thun, aber es war ihr doch ſo tröſtlich. 182 Es fehlten nur noch wenige Striche an den Stielen, ſie hielt ihre Arbeit vergleichend neben den Blumen, die im Waſſer vor ihr ſtanden, dabei ſah der Beobachter am Fenſter die Malerei, die ſie ihm, wenn er ſich ihrem Tiſche genähert, immer ſehr geſchickt verborgen hatte. Sie ſchlug ijetzt die Bibel auf, rieb ſich Karmin und Tuſch in kleine Näpfchen und nahm die Feder zur Hand. Sie wollte alſo ſchreiben. Früher hatte er immer unter ihre kleinen Kunſtwerke die Schrift hinzufügen müſſen, weil er es beſſer konnte; jetzt dachte ſie natürlich nicht daran, ihn darum zu bitten. Es ließ ihn nicht ruhen in der Stube, nachdem ſie jetzt das ſchöne Lied geſungen, hatte er Muth; jetzt ließ ſie ſich durch ſein Kommen gewiß nicht ſtören. Er ging hinaus, ſie hörte ſein Kommen nicht, und als er ſchon vor ihr ſtand, bedeckte ſie das Bild erſchrocken mit einem Tuch.— Darf ich Deine Arbeit nicht ſehen? fragte er.— Sie nahm das Tuch verlegen von den Roſen. Sie glaubte, er würde ſie recht kindiſch finden, was ſollte er denken, daß ſie gerade dieſe Blumen malte? Sie wußte es ſelbſt nicht.— Er ſetzte ſich zu ihr, nahm das Blatt in die Hand und ſagte: Wie ſchön haſt Du die Roſen gemacht, ſie ſind noch ſchöner als in der Wirk⸗ lichkeit.— Das iſt ein Andenken an Braunhauſen, ſagte ſie.— Er ſah ſie fragend an. Nein, der ſchwere Sinn, den er in ihren Worten ſuchte, war in ihren Au⸗ gen nicht zu leſen, ſie war augenſcheinlich nur befangen. — Wollteſt Du etwas darunter ſchreiben? fragte er und 183 ſah nach dem angefangenen großen A.— Das war wieder eine ſchlimme Frage. Unartig durfte ſie nicht ſein, und wollte es doch nicht gern ſagen. Als ſie ſah, daß er ſeine Frage ſchon aufgegeben hatte und wieder aufſtand, reichte ſie ihm ein Blättchen, worauf ſie die Worte erſt in Bleiſtift verſucht hatte:„Abraham hat Gott geglaubet, das iſt ihm zur Gerechtigkeit gerechnet; er hat geglaubet auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war.“ Die lateiniſchen Buchſtaben waren mit unſicherer Hand geſchrieben, und er erbot ſich, die Worte unter das Bild zu ſchreiben. Sie reichte ihm die Farben und die Feder, und als er fragte, wie er mit den Farben wechſeln ſollte, entgegnete ſie: Wie Du es machen willſt,— nur nicht ganz ſchwarz, fügte ſie hinzu.— Nein, ſagte er und ſah ihr ruhig und offen in die Augen, zu den ſchönen Roſen muß die Schrift mehr roth ſein. Er ſaß bei ihr und ſchrieb die kleinen Druckbuch⸗ ſtaben mit ſichrer, feſter Hand, ſie verfolgte jeden Buch⸗ ſtaben mit den Augen und freute ſich, daß er mit den verheißenden Worten ihr Werk vollenden mußte. Seine Güte, tröſtete ſie ſich auch, wird es entſchuldigen, daß ich in dem Fortblühen der Roſen eine Unterhaltung finde, er würde ſonſt nicht wirklich ſo ernſthaft daran helfen. Die Worte ſelbſt mußten ihm fteilich etwas räthſelhaft bleiben, er ſchien aber gar nicht darüber nachzudenken, er“ reichte ihr freundlich das Blatt und verließ ſie. 30. Ein anderes Ehepaar. Iohanne kam jetzt mit den Kindern die kleine An⸗ höhe herauf, die Fluth hatte ſie von dem Strande ver⸗ trieben, und gleich nach ihr kam Frau von Hohendorf zu Eliſabeth. Ich ſtöre Sie gewiß? fragte ſie ganz zaghaft.— Gewiß nicht, entgegnete Eliſabeth zum erſten Mal mit einem freudigen Ton. Sie wußte nicht, warum ſie freu⸗ diger jetzt war, aber ſie war es doch.— Ich komme eigentlich zu Ihnen, um mich tröſten zu laſſen, fuhr Anna in großer Aufregung fort: ich habe mich kaum ſo einſam und verlaſſen gefühlt als heute.— Eliſabeth ſah ſie verwundert an. Sie ſollte jemand anders tröſten? Das war ganz etwas neues.— Denken Sie, mein Mann iſt ſchon über zwei Stunden mit den Kindern fort— Und Sie wiſſen nicht wohin? fiel Eliſabeth ein.— Ich weiß nicht wohin, wiederholte Anng.— Aber Ge⸗ fahr iſt hier nicht, tröſtete Eliſabeth, das Waſſer iſt überall ganz flach.— Das fürchte ich auch nicht, fuhr Anna fort und ſuchte ihre Aufregung ſcherzend zu verbergen, daß er fortgegangen iſt, ohne mir etwas zu ſagen, daß er, während ich noch ruhe, mich allein zurückgelaſſen, da er weiß, wie gern ich mit ihm gehe, das beunruhigt mich.— Konnten Sie ihm denn nicht nachgehen? fragte 185 Eliſabeth.— O nein, entgegnete Anna ebenſo ſcherzend, ich werde doch dem unartigen Mann nicht nachgehen; auch glaubte ich, er wjrde jeden Augenblick zurückkommen und mich holen.— Ja, das iſt wahr, ſagte Eliſabeth nachdenklich. Sie kannte dieſe Gefühle.— Wenn er aber nicht fortgegangen iſt, weil er böſe iſt,— ſetzte ſie ganz offenherzig hinzu.— Nein, das iſt er nicht, war Annas Antwort, aber leider fürchte ich, wenn er zurück⸗ kommt, werde ich ſo gegen ihn ſein, daß er böſe werden kann.— Das iſt wahr, entgegnete Eliſabeth ganz be⸗ denklich. Wenn man aber Zeit hat, es ſich vorher zu überlegen.— Zeit läßt er mir allerdings genug dazu, und wenn ich mich bei Ihnen nach Herzens⸗Luſt oder Herzens⸗Unluſt ausreden kann, ſchäme ich mich dabei vielleicht ſchon genug und beſinne mich.— Eliſabeth reichte ihr theilnehmend die Hand, es that ihr gar zu wohl, zu ſehen, daß dieſe Frau, die ihr ſo glücklich ſchien, ſich doch mit dem Mann zanken konnte. Anna, in der Abſicht, ihres Herzens Unluſt auszuſprechen, zwar immer unter der anſtändigen Hülle des Scherzes, fuhr fort: Männer ſind darin ganz anders als Frauen, wie würde man ſo etwas über das Herz bringen! Da wurde ſie von Herrn von Kadden unterbrochen, ſie begrüßte ihn und erzählte nun auch ihm, daß ihr Mann heut allein ſpatzieren gegangen ſei und ſie förm⸗ lich vergeſſen habe.— Ihren Herrn Gemahl ſah ich vor langer Zeit mit unſern drei Herren am Strand 186 hinauf gehen, ſagte Kadden.— Anna überlegte jetzt, ob ſie ſich in Gegenwart des Herrn von Kadden nicht zu⸗ ſammen nehmen müſſe, aber das war nicht ſo leicht, ihr Herz war zu voll, und unter der Form des Scherzes konnte ſie immer reden. Unſere drei Herren— wieder⸗ holte ſie, ja ich vermuthete, daß ſie ihn verführt haben! Aber unbegreiflich iſt es doch, er weiß, daß unſer weiter Spatziergang jeden Tag mein Vergnügen iſt. Ich bin nun ſchon ſo lange verheirathet, ſagte ſie kopfſchüttelnd, aber ich habe immer noch Gelegenheit, die Eigenthümlich⸗ keit der Männer zu bewundern. Ich ſagte ſchon zu Ih⸗ rer lieben Frau: wie könnte man ſo etwas nur durch⸗ führen! Mich hier in der Fremde ganz mutterſeelenallein den Nachmittag zu laſſen und gemüthlich mit den Kindern und ſeinen Freunden zu wandern?— Es iſt gewiß eine ganz beſondere Veranlaſſung, tröſtete Herr von Kadden lüchelnd.— Nein, ganz gewiß nicht, unterbrach ihn Anna; ich bin überzeugt, er kömmt zurück ganz harmlos und höchſt unſchuldig. In ihrer Lebhaftigkeit merkte ſ nicht, daß Eliſa⸗ beth völlig verſtummte und Herr von Kadden beinahe ver⸗ legen war. Freilich, ſie erinnerte Beide zu lebhaft an ihre Brautzeit und vie e erſte Zeit ihrer Ehe, da gab es ähnliche Beunruhigt. Im letzten Jahre hatte Kadden, wenn es nicht ganz zufällig war, ſelten etwas geſagt, wenn er allein ſorzug, Eliſabeths Kämpfe darü⸗ ber, ihr Kummer, waren ihm kaum eingefallen, und ſich 187 auszuſprechen hatte er ihr, weil ſie es ſeiner Anſicht nach auf eine unleidliche Weiſe that, ganz abgewöhnt. Die Weiſe dieſer liebenswürdigen, hübſchen Frau war auch nicht angenehm, denn im Aerger ſind die Menſchen alle nicht liebenswürdig, mag er auch noch ſo geſchickt ſich verbergen wollen, und Kadden war wirklich neugierig und geſpannt, als Herr von Hohendorf jetzt mit den Kindern in die Thür trat. Er grüßte Herrn und Frau von Kadden, und ſagte dann etwas lebhafter, als er es ſonſt zu thun pflegte: Guten Tag, liebe Anna!— Anna nahm ſeine darge⸗ botene Hand und überlegte ernſtlich, ob ſie ſich vor den fremden Leuten nicht zuſammen nehmen müßte. Das wollte ſie gewiß, ſie wollte nur ſcherzen, ignoriren ließ ſich die Sache doch nicht ganz. Ich glaubte, Du wäreſt verloren gegangen, ſagte ſie.— Wenn Du mir die Strafrede erlaſſen willſt, entgegnete Herr von Hohendorf, ſo will ich gleich mit meiner Entſchuldigung beginnen.— Die einzige Entſchuldigung könnte doch nur ſein, daß Ihr verunglückt wäret, fiel ſie ihm raſch in das Wort.— Das ſind wir nun freilich nicht, wie Du ſiehſt, war ſeine lächelnde Antwort; wenn Du mir aber erlauben willſt zu reden— Nun ja, ſagte Anna, Du wareſt ſo angenehm und wichtig und intereſſant unterhalten, die Zeit iſt Dir unvermerkt hingegangen.— Allerdings auch, aber es iſt noch etwas anderes, darf ich reden? bat er freundlich. — Bewunderungswürdige Geduld! dachte Kadden, der 188 in dieſem Falle ſchon geſchwiegen und von gleichgültigen Dingen weiter geredet hätte.— Ich weiß aber genau, was Du ſagen willſt, entgegnete Anna, es wird Dich doch nicht entſchuldigen.— Was meinen Sie, wandte ſich Herr von Hohendorf zu Kadden, ob ich meine Frau rück⸗ ſichtslos in ihrem Unrecht weiter gehen laſſe um dann mit noch größerem Stolz meine Unſchuld anerkannt zu ſehen?— Allerdings ſehe ich keinen anderen Ausweg, wenn Ihnen Ihre Frau Gemahlin nicht erlaubt zu reden, entgegnete Kadden lächelnd. In dem Augenblick traten auch die ſogenannten drei Herren in das Leinwandhäuschen. Der älteſte, ein Herr von Bühlen, war ein großer, etwas ſtarker Herr mit wei⸗ ßem Haar, ein Gutsbeſitzer aus Weftfalen; der zweite, ein theologiſcher Profeſſor; der dritte der Paſtor aus Herrn von Hohendorfs eigenem Dorfe, der erſt mit dem letzten Dampfſchiff angekommen war. Alle drei waren ohne Frauen hier und waren täglich mit Herrn von Hohendorf und Kadden am Strande zu finden. Nach der allgemeinen Begrüßung ſagte Herr von Bühlen zu Anna: Ihr lieber Mann iſt uns vorausgeeilt um, wie er ſagte, die Straſpredigt erſt unter vier Augen zu hören; das ſcheint ihm nicht geglückt, er fand Sie nicht zu Hauſe.— Ich habe mich über die Herren zu beklagen, ſagte Anna, Sie ſind daran Schuld, daß mein Mann mich den ganzen Nachmittag vergeſſen hat.— Vergeſſen? ganz gewiß nicht, entgegnete Herr von Bühlen, der arme 189 Mann hat uns wirklich gedauert in ſeiner Unruhe!— Anna ärgerte ſich über den Scherz des alten Herrn und wollte ſchnell etwas entgegnen, als ihr Mann warnend ſugte: Annchen, ſei vorſichtig.— Du weißt aber, lie⸗ ber Ernſt, daß ich weder vorſichtig ſein kann, noch unge⸗ duldig einen langen Nachmittag auf Mann und Kinder warten und dann thun kann, als ob gar nichts vorgefal⸗ len wäre.— Darin hat Ihre liebe Frau Recht, ſagte der alte Herr einverſtanden.— Herr von Hohendorf reichte ihr ſo ruhig die Hand, daß es ihr mit ihrem gu⸗ ten Recht etwas bedenklich wurde, aber abgemacht war damit dieſe wichtige Sache noch nicht. Der Paſtor, der Frau Anna zu gut kannte, um nicht zu wiſſen, was ſie empfand, hatte gleich auf ihre Ent⸗ gegnung um das Wort gebeten, um ein Abenteuer zu erzählen, das allen Anweſenden zugleich als Belehrung dienen ſollte. Anna wandte ſich neugierig zu ihm, und der Paſtor erzählte, daß ſie allerdings Herrn von Hohen⸗ dorf erſt verführt hatten mitzugehen— eine Viertelſtunde hatte er nur beabſichtigt, um zur rechten Zeit wieder zurück zu ſein. Aus der Viertelſtunde war im lebhaften Geſpräch eine halbe geworden. Als ſie nun ſchnell zurückkehrten und ſchon ganz nahe waren, hinderte ſie plötzlich ein Nebenarm des Meeres, den die Fluth gebildet, am Weitergehen. Sie mußten umkehren und längs der kleinen Halbinſel, auf der ſie ſich befanden, zurückgehen. Aber neckend lief das Waſſer an der Uferſeite, die hier etwas geſenkt war, 190 vor ihnen her, und ſie mußten Gott danken, daß nach ei⸗ ner halben Stunde ein glücklicher Sprung ihnen erlaubte, die immer ſchmaler werdende Halbinſel zu verlaſſen und auf der hohen Düne entlang den Rückweg zu ſuchen, der dem kleinen Gerhard beſonders ſehr unbequem geworden war. Das war allerdings eine Entſchuldigung, aber das menſchliche Herz iſt ſchwach. Anna konnte ihren Unmuth noch nicht los werden, obgleich ſie ſich vornahm, ihn nicht weiter merken zu laſſen. Sie dachte die erſte halbe Stunde iſt und bleibt nicht zu entſchuldigen. Herr von Kadden hatte indeſſen mit großer Span⸗ nung Anna und ihren Mann beobachtet, wie er ruhig und unbefangen ihre Hand frſt in der Seinen hielt, als möchte er ſie ſchützen vor ihrer Schwäche und ihr dennoch die Ehre geben. Arme Eliſabeth, mit dir bin ich anders verfahren! dachte er traurig; meine Heftigkeit hat die Scenen wohl abgekürzt, aber deinen Kampf nur ſchwerer gemacht.— Hatte ſie ähnliche Gedanken? Ihre Aufmerkſamkeit war lauſchend auf das Paar gerichtet.— Ja, ſie dachte: wenn er mir zuweilen ſo geholfen hätte, würde es nicht ſo ſchlimm ſtehen. Ihr ganzes Herz mußte wieder kämpfen gegen die Erinnerung an die demüthigenden Scenen, die ſie ſo oft erlebt hatte. Die Unterhaltung war übrigens wie ein Scherz ab⸗ gethan, und die Herren, die zum erſtenmal hier auf dem Plätzchen ſtanden, freuten ſich über deſſen Schönheit. Nun finde ich es erklärlich, wandte ſich Herr von Bühlen zu — 191 Eliſabeth, daß Sie die verordnete Ruhe auf dieſem Plätz⸗ chen ſo gewiſſenhaft genießen, Sie können es nirgends ſchö⸗ ner haben. Wir wohnen dort nach dem Waat hin, wandte er ſich zu ſeinen Freunden, eigentlich nicht ſchön, wir müſſen Meer und friſche Luft immer erſt aufſuchen.— Den Sonnen⸗Untergang, nahm der Paſtor, ebenfalls zu Eliſabeth gewendet, das Wort, können Sie hier trefflich beobachten.— Der freut mich auch jeden Abend, ſagte Eliſabeth. Die freundliche Aufmerkſamkeit dieſer beiden Herren, deren beider Weſen ſo viel Vertrauenerweckendes für ſie hatte, that ihrem armen bedrückten Herze wohl; als aber Herr von Bühlen jetzt ſo nachdenklich ſeine Blicke erſt auf ihr, dann auf ihrem Mann ruhen ließ, bückte ſie ſich zu dem kleinen Friedrich und ſtrich ihm die weichen Locken aus der klaren Stirn. Sie hatte ſich angewöhnt, ihre Verlegenheit bei ſolchen Gelegenheiten damit zu verbergen. Gleich darauf bog auch ihr Mann ſich zu dem Kinde. Könnten wir die Herren nicht zum Thee einladen? fragte er leiſe. Wenn Du willſt, war ihre ſchnelle Antwort. Wenn es Dich nicht beunruhigt? ſagte er wieder. Ich thue es gern, entgegnete ſie ebenſo ſchnell, und als er ſich mit ſeiner Einladung zu den Herren und zu Herrn und Frau von Hohendorf wandte, hatte ſie den Muth, ihrer Hausfrauen⸗Würde zu gedenken und hinzuzufügen: Ich bitte, daß Sie bleiben!— Niemand hatte etwas dage⸗ gen, Herr von Bühlen aber nahm freundlich Eliſabeths Hand und ſagte: Ich weiß nicht, wie es zugeht, meine 192 liebe junge Frau, Sie ſind mir ſo ſehr bekannt. Eliſa⸗ beth ſchaute mit ihren großen Augen vertrauend zu ihm auf und entgegnete lächelnd: Weil Sie meinem Groß⸗ papa ſo ähnlich ſehen.— Da es aber mit ihren Thrã⸗ nen trotz des Lächelns nicht ſicher war, entfernte ſie ſich ſchnell, um den Thee anzuordnen. Aller Augen folgten ihr mit Theilnahme und aller Augen richteten ſich dann unwillkürlich auf den Mann, der mit ſo ernſten gehaltenen Zügen nach dem Meere ſchaute, dann ſeinen kleinen Jun⸗ gen raſch auf den Arm nahm, und liebreich und warm mit ihm redete. Eliſabeth ging mit Eifer an den kleinen Haushalt. Johanne und die Wirthin waren ihr behülflich, kalte Küche, Wein und Thee, Kuchen und Weißbrot ſtanden bald zier⸗ lich geordnet. Während Johanne und der Bediente es hin⸗ austrugen, nahm Eliſabeth ihr Mariechen auf den Arm, ging in die Stube und trat an das Fenſter. Sie ſah gedankenvoll auf den kleinen dürren Garten und auf die grünen Hügel mit den zerſtreuten Häuſerchen. Die kleine Arbeit, das Einrichten des Abendbrodes für die Gäſte, hatte ihr ordentlich Vergnügen gemacht. Eine pflichtgetreue, fleißige und ſtille Hansfrau, dachte ſie, eine treue und liebreiche Mutter kann vielleicht glücklich ſein auch ohne Sonne und ohne Blumen, wenn ſie den Herrn lieb hat und ſeinen Frieden im Herzen. In dem Augenblick drang aus dem Geſellſchaftsgarten Muſik zu ihr herüber. Die ſtillen grünen Hügel, der blaue Himmel darüber, die ferne 193 Hornmuſik, das machte ihr Herz ſehr ſehnſuchtsvoll. O, lieber, lieber Herr, laß mich Dich doch ſehr lieb haben, ſo lieb, wie ich Dich zu meiner Konfirmationszeit hatte, wo mein Herz nur nach Dir verlangte und nach keiner an⸗ deren Liebe. Wenn ich Dich ſehr lieb habe, werde ich auch freundlich und liebreich und geduldig ſein zu allen Menſchen,— auch zu dem, der mich ſo bitter gekränkt hat, fügte ſie mit bangem Herzen hinzu. Ich möchte auch die Demüthigung gern Dir zu Liebe tragen. Wenn Du es mir auferlegt und es von mir verlangſt, kann ich Dir zu Liebe es auch tragen. Ich will es auch gern, ſo von ganzem, warmen Herzen, wenn Du mir nur dabei hilfſt. So heftig und ärgerlich wie die liebe Frau dort außen darf ich nie ſein,— ſie darf es wohl. Sie hörte jetzt Geräuſch in der offnen Thür, ſie wandte ſich dahin und ſah Anna zögernd näher treten. Sie ging ihr freudig entgegen, ſie fühlte ſich immer mehr zu ihr hingezogen, beſonders, nachdem ſie heute nicht nur ihr Glück, ſondern auch ihre Seelennoth, eine von den Kleinigkeiten, die ein großes Stück des Lebens ausmachen, geſehen. Anna legte ihren Arm um das kleine Mariechen und zugleich auch um Eliſabeth. Ich habe Sie herzlich lieb und kann es auch nicht länger für mich behalten, ſagte Anna warm, obgleich ich es heute kaum wage, es Ihnen zu geſtehen. Ich muß mich recht ſchämen, fügte ſie hinzu. — Eliſabeth ſchüttelte lächelnd den Kopf. Das war mir Cliſabeth. 1I. 13 194 ſ lieb zu hören, ſagte ſie nach einer Pauſe.— Sie ſind immer ſo ſanſt und demüthig, fuhr Anna traurig fort.— Das bin ich gar nicht, ſagte Eliſabeth. Sie richtete ihren Kopf dabei auf, und in ihren offenen Augen blitzte die Wahrheit dieſer Worte.— Ich möchte es aber ſein, ſetzte ſie leiſer hinzu.— Ich möchte es auch ſein, wiederholte Anna, wenn es nur nicht gar zu ſchwer wäre. Können Sie glauben, daß ich vor zehn Jahren ſchon ſo kämpfte und immer noch ſo kämpfen muß?— Es iſt aher doch beſſer geworden? fragte Eliſabeth treuherzig.— Ich laſſe mich auch gern damit tröſten, entgegnete Anna, aber wenn man immer gewiſſenhafter werden möchte, ſo bleibt die Noth immer dieſelbe.— Eliſabeth ſagte: Man darf aber auch immer wieder zum Herrn kommen.— Das darf man, entgegnete Anna, und auch zu Menſchen, die uns lieb haben.— Eliſabeth nickte, aber ihr Herz wollte ſchwer werden. Hatte ſie auch Menſchen, die ſie lieb hat⸗ ten? Ihre Eltern— denen fürchtete ſie ſich die Noth zu klagen, die Mutter ſchien ja immer ſchon unglücklich über ſie. Aber die Großeltern? ja, zu denen durſte ſie kommen, deren Troſt und Liebe war ſie ſicher. Liebe Eliſabeth, begann Anna. Darf ich Sie ſo nennen? fügte ſie bittend hinzu.— Eliſabeths Antwort lag in ihren Augen.— Ich glaube, der Herr hat uns abſichtlich zuſammengeführt, ſagte Anna.— Ich habe es ihm auch ſchon gedankt, fügte Eliſabeth hinzu.— Aber iſt das nicht Schadenfteude? fuhr Anna mit feuchten Au⸗ 195 gen und ſcherzender Stimme fort, daß es Ihnen lieb war, mich wie ein albernes Kind zu ſehen?— Es iſt doch tröſtlich, daß Leute, die den Herrn lieb haben, auch ſo ſein können, entgegnete Eliſabeth.— Ich möchte doch wiſſen, ob man mit ſeinen Fehlern zu kämpfen hat bis zum Tode, ſagte Anna nachdenklich.— Da kam Jo⸗ hanne in das Zimmer, ſie nahm Eliſabeth das Kind ab und beide Frauen gingen hinaus. Das war ſchön und einladend hier: die friſche Luft, das blaue Meer, die ſich tiefer ſenkende Sonne und der weißgedeckte Theetiſch. Alle ſtellten ſich an den Tiſch, Eli⸗ ſabeth zu Herrn von Bühlen, alle hatten die Hände ge⸗ faltet. Jetzt wird er laut beten, dachte Eliſabeth plötzlich, indem ſie auf ihren Mann ſah. Ja, er that es, zum erſtenmal in ſeinem Leben machte er von dieſem Haus⸗ herrn⸗Rechte Gebrauch. Anna ſaß zwiſchen Herrn von Kadden und ihrem Paſtor, dunn ſolgte ihr Mann. Die Gäſte waren ver⸗ gnügt, ſelbſt Eliſabeth konnte reden; ſie erzählte Herrn von Bühlen von Woltheim und den Großeltern, während Kadden wie immer etwas unerforſchlich blieb. Er war ein aufmerkſamer Wirth, ſorgte väterlich für ſeinen kleinen Friedrich und ſcherzte auch mit den größeren Kindern, die von dem humoriſtiſchen Profeſſor in eine höchſt luſtige Stimmung verſetzt waren. Ich finde es doch weit angenehmer, wenn man ver⸗ gnügt iſt, ſagte Anna zum Paſtor.— Sie ſind das 1 196 eigentlich immer, entgegnete er.— O gewiß nicht, fuhr ſie fort, Sie hätten mich heut Nachmittag nur ſehen müſſen. — Das war doch nicht Ernſt, ſagte er wieder und ſah ſie mit den klugen Augend fragend an.— Natürlich war das Ernſt, verſicherte Anna, ich bin über eine Stunde am Meer auf⸗ und abgegangen, das Herz voll der dümmſten Gedanken. Ja, es war mir ganz wie als thörichtes Mäd⸗ chen zu Sinne.— Wie Schade, daß ich dieſe Gedanken nicht gleich habe hören dürfen, ſagte ihr Mann, ich erinnere mich eigentlich ſeit lange nicht, ſolch ein Vergnügen gehabt zu haben.— Ich bin recht froh darüber, ſagte Anna ver⸗ gnügt. Aber Herr von Kadden, wünſchte ich, hätte weniger von mir gehört, ich muß mich nur noch etwas bei Ihnen entſchuldigen.— Das iſt nicht nöthig, entgegnete er ganz treuherzig.— Kennen Sie das Gefühl, wenn man gar zu oft mit einer gewiſſen Heftigkeit zu kämpfen hat? fragte ſie.— Das kenne ich, entgegnete er mit einem ſonderbaren Lächeln.— Es iſt dann eine Erleichterung, Jemand zu haben, der ſo vernünftig iſt, daß man ſolche kleinen Ge⸗ müthsbewegungen ohne Furcht auslaſſen kann.— Würden Sie Ihrem Herrn Gemahl das auch erlauben? fragte Kadden.— O nein, ſagte Anna abwehrend, mein Mann ſieht ruhig herab auf ſo thörichte Erregungen.— Ja, ich habe ihn Nachmittag bewundert, entgegnete Kadden.— Anna war das gar nicht recht zu hören. Siehſt Du, lie⸗ ber Ernſt? wandte ſie ſich etwas vorwurfsvoll zu ihrem Mann. Daran biſt Du allein Schuld, daß die Leute Dich 197 bewundern. Du haſt mir angewöhnt, reden zu dürfen, wenn ich gerade Luſt und Unluſt dazu habe.— Gewiß ſehr weiſe von ihrem Herrn Gemahl, ſcherzte der Paſtor.— Aber nicht nöthig, fuhr Anna fort; wenn mein Vater mich nur freundlich und ruhig anſah, das half mir auch.— Ich bin doch der Meinung, eine Frau darf in jeder Stim⸗ mung reden, wandte ſich Herr von Hohendorf ernſthaft thuend zum Paſtor.— Der Meinung bin ich auch, ver⸗ ſicherte dieſer.— Denken Sie, wandte ſich Anna zu Kad⸗ den, immer noch in dem Gefühl, zu entſchuldigen, aber zugleich auch, um Gelegenheit zu nehmen und von ver⸗ nünftigen Männern zu reden: was mein Mann mir zum erſten Geburtstag, nachdem wir verheirathet waren, geſchenkt hat! Ich hatte mich den Sommer vft gekränkt über meine Heftigkeit, ich hatte gekämpft, ſie immer für mich zu be⸗ halten; da ſchenkte er mir im Herbſt eine feierliche Schrift mit Namen und Siegel darunter, die es mir zur Pflicht machte, ihm jede Erregung und jede Unruhe mitzutheilen. — Dagegen verpflichtete er ſich, fügte Herr von Hohendorf hinzu, ſeine Frau deswegen nicht weniger lieb zu haben. — Es war nur ein Spaß, fuhr Anna fort, aber es war mir damals von großer Wichtigkeit und eine rechte Be⸗ ruhigung. Sie erinnern ſich, wandte ſie ſich zum Paſtor, der Geſchichte mit dem Verwalter: er trank ſo ſehr, Sie wünſchten mit mir, daß mein Mann ihn aus dem Dienſt entlaſſen ſollte, und ohne uns zu fragen, hatte er ihn doch wieder angenommen, da hielt ich es für meine heilige 198 Pflicht, ihm ſein Unrecht vorzuſtellen, und ihn der Schwäche und der Gleichgültigkeit zu beſchuldigen. Kurze Zeit vorher würde ich es nicht gewagt haben, weil er mir zu meiner großen Kränkung einmal geſagt, in Geſchäftsſachen dürfe ich mich nicht miſchen; heute, mit der verbrieften Erlaubniß im Schreibtiſch trat ich kühn in ſein Zimmer. Er durch⸗ ſchaute mich wohl augenblicklich, er führte mich auf das Sofa, nahm ſo feierlich meine Hand und ſagte: Run rede, liebes Annchen. Sein ganzes Weſen machte mir die Er⸗ füllung meiner heiligen Pflicht etwas bedenklich, ich fühlte im Voraus, daß er Recht hatte, und wußte nichts zu ſagen. — Ja mit dem Brief und Siegel, das hat mir wenig geholfen, ſetzte Herr von Hohendorf hinzu; ich hatte den Widerſpruchsgeiſt im menſchlichen Herzen dabei nicht bedacht. Wenn ich verlangt hätte, bei Gefahr meiner Liebe, man dürfe mir nie widerſprechen, nie heftig und reſpektswidrig in meiner Gegenwart ſein, ich würde jedenfalls öfter Ge⸗ legenheit gehabt haben, großmüthig zu ſein. Die Bedenken wegen des Verwalters wurden mir ſchwer zu erfahren.— Wir erzählen aber nichts weiter, unterbrach ihn Anna. Ich war damals zuweilen ſehr ſeltſam, fügte ſie hinzu.— Ihr Mann ſah ſie lächelnd an. Ich hoffe, Du bleibſt es auch, ſchien er ſagen zu wollen. Das Geſpraͤch wurde wieder allgemein, bis die Sonne ſich tiefer ſenkte, bis ihre Scheibe immer goldner und grö⸗ ßer wurde und aller Aufmerkſamkeit dahin gerichtet war. Jetzt werde ich aber mein Sängerchor zum Geſang auffor⸗ 199 dern, ſagte Herr von Bühlen; Herr von Kadden, ſtimmen Sie an. Mitſingen kann ich wohl, aber nicht anſtimmen, entgegnete Herr von Kadden bereitwillig. Der Paſtor ſchlug Choräle vor. Es fand ſich, daß nur Eliſabeth und Anna und deren Kinder die vorgeſchlagenen auswendig wußten, den Herren blieb zu ihrer Beſchämung nur eine kleine Aus⸗ wahl, die ſie ohne Geſangbuch fingen konnten, und man entſchied ſich für: Ach bleib mit deiner Gnade. —„Hilf uns aus aller Noth!“ So klangen die letz⸗ ten Worte der ſinkenden Sonne nach.— Hilf uns aus aller Noth! wiederholte Herr von Bühlen nach einer Pauſe. Ja, wir ſtecken alle in gleicher Noth, der eine ſo und der andere ſo, und der Kampf hört nicht auf, bis wir uns dort ohen einmal verklärt wiederfinden.— Ob wir wohl immer kämpfen müſſen? fragte Anna.— Gewiß, ent⸗ gegnete der Paſtor, unſere Lieblings⸗Neigungen und unſere Noth davon ſind mit unſerem Leben verwachſen.— Wenn wir älter werden, nahm Herr von Bühlen das Wort, zer⸗ ſtreut uns die Welt wohl nicht mehr ſo als in der Ju⸗ gend, wir können unſer Herz mehr hinaufſchicken, und je mehr wir es hinaufſchicken können, je mehr wächſt in ihm das ewige Leben, und die Seele macht ſich leichter los von der Macht dieſer Welt.— Die Welt in dieſem Sinne hat mir, glaube ich, nie imponirt, ſagte Anna, die hat mir nie viel Noth gemacht.— Die Welt im jungen Her⸗ zen, unterbrach ſie Herr von Bühlen.— Das wollt ich eben ſagen, fügte Anna hinzu.— Ja, ſagte Herr von 200 Bühlen, dem Einen kommt die Gefahr von innen, dem Andern von außen, darum iſt es gut, daß wir alle ſingen können: Hilf mir aus aller Noth. Der Paſtor und Herr von Bühlen ſprachen in der Art noch weiter, die Uebrigen hörten zu. Kadden hatte ſich an ſolche Unterhaltungen gewöhnt, denn wenn auch oft genug von weltlichen, äußerlichen und gleichgültigen Din⸗ gen geſprochen wurde, ſo war doch in dieſer Geſellſchaft durchaus kein Hinderniß, von Dingen zu reden, die jedem geiſtigen Menſchen am nächſten liegen. Die Armſeligkeit der Menſchen iſt groß, die da meinen, von ſolchen Dingen rede man nicht, die behalte man für ſich; aber nur, weil ſie armſelig, öde und leer in der Seele ſind und nichts für ſich zu behalten haben, können ſie von ſolchen Dingen ſchweigen. Ein gläubiger Chriſt läßt ſich von ſolchen Men⸗ ſchen nicht imponiren, wenn ſie auch noch ſo ſtolz und ſicher und klug und befriedigt thun, ſie ſind ohne Glauben, ohne Zuverſicht und ohne Freudigkeit. Ihr Wiſſen, ihre Klugheit, ihr Reichthum, in den wichtigſten Momenten ihres Lebens entſchwindet es ihnen, hilft ihnen zu nichts. Und wenn es endlich heißen wird: entweder— oder—, wenn ſie den Schritt thun müſſen, von dieſer Welt in die andere hinein, den Kinder Gottes in freudiger Zuverſicht thun, dann ſehen ſie dort kein Land, und verſinken in dem Elend, das ſie hier mit albernem Stolze als ihr Uebergewicht geltend machen wollten. Von dieſem Uebergewicht, dieſem grauen Nichts laſſen ſich nur Menſchen imponiren, die — 201 eben ſo arm und ſchwach ſind; wer da aber reich und ſtark iſt im Herrn, der geht muthig auf ſie los, der wirft ihre Kartenhäuſer kühn zuſammen, und läßt ſich von dieſen Kindern gern für nicht recht geſcheit halten: er weiß, was er will und was er darf und was er kann, ihm gehört die Welt. Ihm darf auch alle weltliche Weisheit dienen, alle Kunſt und Poeſie, alle Induſtrie, alles Wiſſen und alle Güter, ſie dürfen ihm dienen; er aber darf nicht ihr Diener ſein, er iſt der Diener des allmächtigen Gottes. Dies zu bekennen, und die Ehre des Herrn zu bekennen, iſt ihm eine Erquickung. Wer den Herrn über die Men⸗ ſchen und über alle weltliche Verhältniſſe ſetzt, und es den⸗ noch nicht wagt, dies in allen Verhältniſſen zu bekennen und durchzuführen, der iſt in einer traurigen Selbſttäuſchung, die ihn in das Verderben führt. Er iſt gefährlicher daran, als die Weltleute, welche die Gnade und Liebe des Herrn an ihrer Seele noch nicht geſpürt haben. Halb und halb ein Chriſt zu ſein, o ja, das gingen viele ein, dem Herrn gelegentlich dienen, ihn auch gelegentlich bekennen; aber ihre Bequemlichkeit, ihre gewohnte Geſelligkeit, ihre kleinen Eitelkeiten— die groben und äußerlichen, aber auch die, welche ſich ſehr erhaben und geiſtig ſtellen,— das muß Alles ſeinen gewohnten Gang gehen, ſie nennen das ein gebildetes, ein fröhliches und vom Evangelium erlaubtes Chriſtenthum. Wenn ſie nur getreulich forſchten im Evan⸗ gelium, ſie würden eine ebenſo gewiſſe als ſchreckliche Ant⸗ wort darauf finden. Der Unſegen folgt dieſen halben Chri⸗ 202 ſten auch ſchon hier, nicht immer äußerlich zu ſehen, aber in ihren armen, unruhigen, bangen, zweifelnden Herzen. Sie wiſſen es, was Gnade und Sünde iſt, und wollen die Gnade nicht, ſie wollen lieber die Sünde ſchmücken und beſchönigen. Ganze Chriſten können mit Fröhlichkeit Kunſt und Poeſie und Wiſſenſchaft genießen, ſie ſehen Alles zu den Füßen des einen Herrn, und thun es in dieſem Sinne. Wenn ſie ſich zuſammen an Shakſpeare und Dante und ähnlichen Künſtlern erfteut haben, die Gaben bewundert und die Fehler aufgedeckt, ſo iſt es ihnen ein einfacher Schritt, von dieſen Sachen zu dem Beſten und Schönſten zu ſchreiten, ein Kapitel aus der heiligen Schrift, ein Pſalm, ein ſchönes Lied, kann dieſem pvetiſchen Genuß ganz natürlich folgen. Halbe Chriſten können mit der Welt daſſelbe treiben und können denken: das iſt uns erlaubt, es thun es ja auch die entſchiedenſten Bekenner. Sie bedenken aber nicht den Unterſchied: Thut man es um des Schönen der Sache ſelbſt willen, und um an die⸗ ſem Schönen die Ehre Gottes zu meſſen, oder geſchieht es im Sinne der Welt, um die Thorheit des eigenen Herzens zu unterhalten, Eitelkeit und andere kindiſche Spielwerke zu nähren? Von ſolchem eitelen und thörichten Kunſtgenuß hinüber zum Höchſten und Schönſten iſt dann fteilich kein kleiner Schritt, und wenn die halben Chriſten ſagen: Rein, es iſt doch in einer Geſellſchaft höchſt unpaſſend, von ernſten Dingen zu reden, das verbietet mir ein gewiſſes Gefühl, ein guter Tact, es iſt mir widerlich: ſo haben ſie ganz 203 Recht, der heilige Geiſt möchte ſich in ſolcher Geſellſchaft das verbitten; aber dieſes gewiſſe Gefühl, dieſer gute Tact kann ſie auch verſichern, daß ſie in dieſe Geſellſchaft nicht hinein gehören. Unentſchiedene Chriſten können nichts Beſſeres thun als recht entſchiedenen Umgang ſuchen, da wird ihr Urtheil über alle weltlichen Dinge klar und ſicher; die Welt aber mit ihrem Schimmer und Flitterwe⸗ ſen ſucht erſt ſchwache Herzen zu reizen, zu verlocken und dann ihr Urtheil gänzlich zu verwirren. Kadden hatte der ernſten Unterhaltung zugehört mit dem Bewußtſein, daß die Gnade dort oben über ihm ihn in dieſen Kreis geführt. Die Freunde in dieſem Kreiſe wunderten ſich nicht, daß er mehr ein Hörer als ein Red⸗ ner war. Herr von Hohendorf ſprach auch ſelten mehr, — die Anlagen, über das zu reden, was die Seele er⸗ füllt, ſind auch unter Chriſten verſchieden, einzelne Worte des Einverſtändniſſes ſind oft hinreichend, das gegenſeitige Gefühl der Gemeinſchaft zu wecken. In dieſem Gefühle mag ein Jeder reden oder ſchweigen, wie er Luſt hat, das Reden wird dann weder tactlos noch das Schweigen gleich⸗ gültig genannt werden. Herr von Bühlen hatte mit dem Paſtor jetzt beſonders von der Gemeinſchaft der Kinder Gottes geredet: wie man, obgleich äußerlich fremd, ſich gleich bekannt zu ihnen fühle, wie dieſe Gemeinſchaft dem ſchwachen Herzen eine Erquickung ſei. Chriſtenherzen können ſich trotz der Sünde und Schwach⸗ heit, in der ſie gegenſeitig ſtecken, hier ſchon in der Ver⸗ * 204 Kärung lieben, in der ſie ſich einſt gern ſehen möchten. Dieſe Liebe, die ſicherſte, die reinſte und ſeligſte, iſt der Welt unmöglich, dieſe Liebe, die auf den feſten Grund gebaut iſt:„Denn wenn Du willt das ſehen an, was Sünd und Unrecht iſt gethan, wer kann Herr vor Dir bleiben.“ Nit dieſen letzten Worten hatte Herr von Bühlen ge⸗ ſchloſſen, als der Paſtor leiſe anſtimmte:„Aus tiefer Noth, ſchrei ich zu Dir.“ Anna fiel ein und Einer nach dem An⸗ dern, Worte und Melodie bewegten die Herzen, niemand konnte ſchweigen. Auch Kadden wußte dies Lied auswendig, ſeine volle Stimme klang durch die anderen hindurch, und als die Herren einer nach dem andern des Textes wegen aufhören mußten, ſangen er, Eliſabeth und Anna mit ih⸗ ren drei verſchiedenen und doch ſo harmoniſchen Stimmen die Verſe weiter. Als ſie an den vierten Vers kamen: „Und ob es währt bis in die Nacht und wieder an den Morgen, doch ſoll mein Herz an Gottes Macht verzwei⸗ feln nicht und ſorgen,“— wurde Eliſabeths Stimme un⸗ ſichet, ihr Mann aber ſang nur feſter,— ſie ſchaute un⸗ willkürlich zu ihm auf, faſt bange ruhten ſeine Blicke auf ihr, er fürchtete, ſie möchte die Aufmerkſamkeit der Gäſte erregen. Sie verſtand ihn wohl, ſie nahm ſich auch zu⸗ ſammen und ſang mit reiner, lieblicher Stimme: Ob bei uns iſt der Sünden viel, Bei Gott iſt viel mehr Gnade, Sein' Hand zu helfen hat kein Ziel, Wie groß auch ſei der Schade. — 205 Er iſt allein der gute Hirt, Der Israel erlöſen wird Aus ſeinen Sünden allen. Das war ein ſchöner Schluß, ſagte Herr von Bühlen vergnügt; nun gute Nacht! Ich fürchte, wir haben unſerer lieben Wirthin ſchon zu viel Unruhe gemacht.— Die Herren waren aufgeſtanden, Anna trat zu Eliſabeth, ſie ſtrich ihr theilnehmend mit der Hand über die heiße Stirn und die ſehr heißen Wangen. Das war für Sie heut zu viel, ſagte ſie, Sie ſind ſehr angegriffen. Ich bin nicht unwohl, entgegnete Eliſabeth freundlich und fügte entſchul⸗ digend hinzu: Es iſt vielleicht nur, weil ich lange nicht in Geſellſchaft war und lange nicht geſungen habe. Als die kleinen grünen Hügel die Geſellſchaft vom Hauſe trennten, blieb Herr von Bühlen ſtehen und ſagte: Es iſt doch eigenthümlich mit der Frau: ob ſie nicht doch gemüthskrank— wenigſtens geweſen iſt?— Eigenthüm⸗ lich iſt es, ſagte Anna, und ich glaube am beſten iſt ihr die Einſamkeit, wir müſſen ſie doch in Ruhe laſſen.— Ueber ihre Pflege biſt Du jetzt auch beruhigt, ſagte Herr von Hohendorf lächelnd.— Ja, das iſt rührend, wie er ſie ſo unbemerkt behüten möchte, wie ſeine Sorge ſie um⸗ giebt; aber, ſetzte ſie nachdenklich hinzu, es ſind doch nicht allein die Nerven.— Es geht wunderlich in der Welt her, ſagte Herr von Bühlen, und der Herr muß helfen aus aller Noth. 31. Verſuche zur Demuth. Eliſabeth war ſehr froh, als ſie wieder allein war, und weil ihr Mann noch hinab ging an den Strand, und es ein ſo ganz lauer Abend war, wagte ſie ſich noch auf ihren grünen Vorſprung. Es war ſo ſtill, ſo ſtill, das erſte Mondviertel, ein leichter goldner Kahn, ſchwebte auf klarem, tiefblauem Grunde über dem Leuchtthurm, und die aufſteigende Fluth rauſchte leiſe mit ihren Wellen näher. — Das war ein bewegter Tag. Sie hatte viel Tröſtliches erlebt, ſie dankte dem Herrn von ganzem Herzen dafür. Die Gemeinſchaft der Kinder Gottes, von der Herr von Bühlen ſprach, war auch für ſie trotz ihrer Schwachheit nicht verloren, ſollte ſie erfreuen und tröſten, wenn ſie es auch noch nicht mit ganzer Freudigkeit ergreifen konnte. Sie konnte noch nicht mit Menſchen ſein, die Spannung ihnen gegenüber, der Gedanke, von ihnen beobachtet zu ſein, war ihr zu ſchwer, ſie wollte mit dem Herrn allein leben, ſich allein von ihm tröſten, ſich durch nichts zerſtreuen laſſen. Wenn ſie betete: Unſer täglich Brod gieb uns heute, ſo dachte ſie: Gieb mir heute nur Speiſe für meine matte Seele, morgen darf ich wieder darum bitten. Sie fühlte den kühleren Nachtwind jetzt vom Meer herüber wehen, das that ihrer heißen Stirn wohl. Der goldne Kahn ſenkte ſich tiefer den grünen Dünen zu, ſie 207 ſtand auf, ging dem Hauſe zu und ſchaute doch erwartungs⸗ voll wieder nach der dunkelen Geſtalt, die am Meere mit ſchnellen Schritten auf⸗ und abging.— Als Johanne ſorgend ihr entgegen kam, ging ſie hinein. Ob du zur Ruhe gehſt, ehe er kömmt, oder ob du ihm gute Racht ſagen mußt? dachte ſie. Dieſes Gutenacht⸗Sagen war etwas von den kümmerlichen Reſten, die ihr aus dem zerwehten Blumenleben geblieben waren. Es war doch ſeit der Zeit eingeführt; ſie konnte es ohne Scheu thun und ſie ſah in den letzten ſtillen Tagen auf dieſen Tagesſchluß, wie auf ein Ereigniß, ſchon Stunden vorher. Sollte ſie das auf⸗ geben, weil er es vergaß, weil es ihm gleichgültig war? O nein, mufßte ſie jetzt mit ihrer Armuth nicht ſorgſamer ſein als einſt mit ihrem Reichthum?— Wenn er aber abſichtlich lange bleibt?— Was ſollte ſie machen?— Sie wollte wenigſtens vorher noch leſen und ſchlug in ihrem Büchlein für dieſen Tag auf, den 22. Juli. „Nehmet von ihm den Centner und gebets dem, der zehen Centner hat; denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, wird auch, das er hat, genommen werden. Wer im Ge⸗ ringſten treu iſt, der iſt auch im Großen treu: und wer im Geringſten unrecht iſt, der iſt im Großen unrecht. Gott fordert nur Treue; iſt die da, ſo darſſt Du Dich vor nichts fürchten. Willt Du wiſſen, was es ſei, ſo das Gut in Dir vermehret; Es iſt nichts als wahre Treu, wie hier Jeſus ſelber lehret. Darum ſuche treu zu ſein... 208 Ja, treu zu ſein im Kleinen! dachte ſie. Der Hoch⸗ muth ſoll mich wenigſtens nicht ärmer machen. Ich will warten, bis er kommt, und ihm gute Nacht ſagen.— Sie dachte jetzt an die ſelige Großtante Eliſabeth, die Ober⸗ förſterin, nach der ſie ſelbſt eigentlich ihren Namen führte: wie die Großmutter ihr erzählte, wie ſie von ihrem Mann immer roh und rückſichtslos behandelt wurde und doch immer ſo ſtill und getreulich ihre Pflicht erfüllte, wie ſie oft halbe Nächte auf ihn wartete, wenn er von Geſchäfts⸗ reiſen oder Jagden und Vergnügungen zurückkam, um ihn noch freundlich zu begrüßen und zu bedienen.— Das Bild dieſer Eliſabeth war ihr immer ganz ſchreckhaft geweſen, ſo demüthigend, aber auch ſo ganz aus einer anderen Zeit. Er ſoll dein Herr ſein! das hatte dieſe Tante Eliſabeth immer hervorgehoben als ein Gottes⸗Wort, dieſem Worte hatte ſie ſich in gewiſſenhafter Treue unterworfen.— Eliſa⸗ beth ſah auf ihren Trauring. Sie wollte heute Abend auch Geduld üben, wie die Tante Eliſabeth. Sie ſaß ganz ſtill lauſchend nach den erſehnten Schritten, ſie wurde müde, ſie hatte ſich aber einmal unter dieſem Harren Demuth oder Hochmuth vorgeſtellt, und wollte mit die⸗ ſem Quentchen Demuth ihres ſchwachen Herzens treulich haushalten. Endlich nahten ſich Schritte. Vielleicht wird er gar zürnen, dachte ſie mit klopfenden Herzen, wenn er überraſcht iſt, dich noch auf zu finden.— 6 öffnete ganz leiſe die Thür, er glaubte ſie freilich nicht mehr auf.— Eliſabeths, 209 Du noch hier? fragte er ganz erſchrocken. Jetzt will ich gehen, ſagte ſie und fügte ihr Gute Nacht hinzu. Du biſt doch nicht meinetwegen aufgeblieben? fragte er haſtig. Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort: Ich wollte Dir gute Nacht ſagen. Er reichte ihr die Hand, er wollte etwas ſagen, aber er bekämpfte es. Es folgten nun wieder ruhige Tage, einer nach dem anderen ging in Frieden hin. Eliſabeth machte jetzt zuweilen weitere einſame Gänge am Strand und wurde von Nie⸗ manden darin gehindert. Es war von den Freunden ein⸗ mal angenommen, daß ſie allein ſein müſſe; wenn ſie ihr begegneten, ſprachen ſie einige freundliche Worte mit ihr und gingen weiter. Selbſt wenn ihr Mann bei ihnen war, änderte das nichts; die Kinder, die ſie gewöhnlich mit ſich hatte, waren für ſie eine gute Hülfe gegen die kleinen Ver⸗ legenheiten bei ſolchen Zuſammentreffen. Daß ihr das Baden und das Stillleben am Meeresſtrande wohl bekam, war augenſcheinlich, und ihr Mann hatte ſich ſchon einige Mal ſo freudig darüber gegen Frau von Hohendorf ausgeſpro⸗ chen, daß dieſe immer mehr beruhigt wurde über den An⸗ theil, den er an Eliſabeths Pflege nahm. Sie war über⸗ haupt beruhigt, ſie hatte mit Herrn von Bühlen klüglich ausgemacht, daß in Folge einer Gemüthskrankheit Eliſa⸗ beths Liebe zu dem Mann geſtört war, ſein ganzes Weſen war dadurch erklärt, behaupteten ſie. Darum bewunderte Frau von Hohendorf immer mehr ſein zartes, ſtilles Sor⸗ gen, es fiel ihr nicht mehr ein, von vernünftigen Männern Eliſabeth. II. 14 210 mit ihm zu reden, wohl aber, wie der Herr die Herzen in ſeiner Hand hält, und wie er Treue und Geduld lohnt. Wenn er dann gedankenvoll neben ihr ging und mit ſeinen hübſchen Augen hoffend auf ſie ſchaute, dann wurde es ihr ganz unruhig, und ſie hätte den Herrn bitten mögen, nicht länger zu zögern mit ſeiner Hülfe. Ueber eine Woche war wieder vergangen, als Hert von Bühlen, wie er jeden Morgen zu thun pflegte, Eliſa⸗ beth über das Stacket hin begrüßte! Heute fügte er eine Bitte hinzu: er hatte den Freundeskreis in den Geſell⸗ ſchaftsgarten eingeladen; da die übrige Badegeſellſchaft Nach⸗ mittags eine Kaffeepartie nach den Dünen machte, konnten ſie dort ganz allein ſein, Eliſabeth aber ſollte ſich ent⸗ ſchließen, ihren Mann zu begleiten.— Sie perſprach, ihrem Manne, der zum Bade gegangen war, die Einladung mit⸗ zutheilen und es ſich zu überlegen.— Etwas unruhig darüber ging ſie zu den Kindern in die Kinderſtube,— ſie war nur wenige Minuten hier, als Frau von Hohen⸗ dorf eintrat. Sie ſprach auch von der Einladung des alten Freun⸗ des, wollte aber Eliſabeth durchaus nicht überreden. Dieſe hatte faſt Luſt mitzugehen, doch konnte ſie mit ihrem alten Hut, der bei den Badeſpatziergängen und zu einſamen Zei⸗ ten am Strande gut genug war, mit dem ſie ſelbſt in der Kirche ſich ein verborgenes Plätzchen geſucht, nicht in den Geſellſchaftsgarten gehen, und den neuen Hut aufzuſetzen⸗ 211 war ihr unmöglich.— Es iſt doch beſſer, ich bleibe mit den Kindern hier, ſagte ſie eben, als Johanne mit dem neuen Hut und dem Sammttuch erſchien. Sie müſſen doch ſehen, gnädige Frau, wandte ſie ſich zu Frau von Hohen⸗ dorf, daß wir auch ſchöne Sachen haben, und es wäre doch recht gut, wenn ſie Rachmittag an die Reihe kämen. — Laß doch die Sachen, ſagte Eliſabeth etwas unwillig, ich gehe nicht aus.— Aber Unrecht iſt es von unſerer gnädigen Frau, fuhr Johanne fort; unſer Herr hat die Sachen in Bremen ſelbſt ausgeſucht, er hat ſie ſeitdem nicht wieder geſehen.— Eliſabeth war feuerroth gewor⸗ den. Am Strande ſind ſie zu gut, wandte ſie ſich verle⸗ gen zu Anna.— Dieſe, ganz und gar überzeugt, daß Eliſabeth gerade darum, weil ihr Mann ſie gewählt, ſich ſträubte, ſie umzuthun, ſagte freundlich, aber doch eindring⸗ lich: Ich würde Ihnen rathen, die Sachen zu tragen und Nachmittag gleich den Anfang damit zu machen.— Eliſabeth kämpfte. Anna konnte nicht wiſſen, was ſie bewegte; dachte ſie vielleicht an Eigenſinn? Sie ſchwankte einige Minuten, während dem Frau von Hohendorf noch freundlich zuredete, dann entſchied ſie ſich mitzugehen. Ihr Mann konnte ſie freilich mißverſtehen, Fonnte es für einen Mangel an Zartgefühl halten, für Luſt, ſich zu putzen; das war ſchwer zu ertragen. Der Herr wußte es, daß es für ſie nur eine neue Demüthigung war, dieſe unglück⸗ lichen Sachen zu tragen, ihm zu Liebe aber wollte ſie es thun, und ſich um keines Menſchen Gedanken kümmern. 5 ℳ 212 Ich will mitgehen, ſagte ſie, und Anna umarmte ſie herz⸗ lich und freute ſich über den Entſchluß. Nachmittag machte Eliſabeth zum erſtenmal etwas be⸗ ſondere Toilette. Johanne war ſehr beſchäftigt dabei, ſie hatte das weiße Mullkleid mit den vielen Spitzen geplettet und war ganz entzückt, als ſie dann ihre Frau angeklei⸗ det, ſo friſch und ſchön wie ein junges Mädchen. Die Toilette ging in der Kinderſtube vor ſich, Johanne ging dann leiſe in die Wohnſtube, um Hut und Tuch aus dem Schrank zu holen; ſie hatte immer noch die leiſe Beſorg⸗ niß vor Eliſabeths Eigenſinn. Sie fand Herrn von Kad⸗ den hier mit Zeitungsleſen beſchäftigt. Eine alte Magd hat das Recht, ein Wörtchen mehr zu reden als eine junge. Endlich haben wir die gnädige Frau doch beredet, die ſchönen Sachen anzuthun, ſagte ſie ſchmunzelnd, Frau von Hohendorf hat heute Morgen den Ausſchlag gegeben.— Herr von Kadden ſah ſchnell auf, es kämpfte in ſeinen Zügen. Laſſen Sie die Sachen hier liegen, ſagte er dann, meine Frau wird ſie hier umthun. — Nun ja, entgegnete Johanne harmlos, der Spiegel iſt hier beſſer. Damit legte ſie beides auf das Sofa und verließ das Zimmer. Hert von Kadden war unruhig aufgeſtanden, er trat an die Thür, ging zurück nach dem Fenſter und trat wie⸗ der zur Thür, dann machte er ſie entſchloſſen auf, ſchritt hinüber zur Kinderſtube und klopfte an. Eliſabeth, biſt Du fertig? ftagte er. Sie erſchien in der Thür. Ich 213 bin fertig, war ihre Antwort. Er ging zurück zur Wohn⸗ ſtube, und ſie hätte an ſeinem ganzen Weſen ſchon gemerkt, daß er erwartete, ſie würde folgen, wenn nicht Johanne ihr auch ihre Unterhaltung mit ihm mitgetheilt. Was wollte er nur mit den Sachen? Wenn ſie nicht feierlich von ihm die Erlaubniß gehabt hätte, zu thun, was ihr beliebte, wenn ſie nach früheren Auſtritten urtheilen ſollte, ſo mußte er jetzt ſagen: Du haſt die Sachen drei Wo⸗ chen nicht angeſehen, ein Beweis, daß Du unzufrieden da⸗ mit biſt; ich wünſche, Du trägſt ſie gar nicht. Wußte ſie denn nicht, daß er in der Heftigkeit ſeine beſten Vor⸗ ſätze vergaß? Konnte er nicht jetzt auch die feierliche Er⸗ laubniß vergeſſen haben, und nachdem er ſie in den letz⸗ ten Wochen ſo rückſichtsvoll behandelte, auch einmal wie⸗ der heftig ſein?— Während ſe ängſtlich noch nach Ta⸗ ſchentuch und Handſchuhen ſuchte, dachte ſie: Ich will Alles tragen, wenn er mich jetzt auch ſo behandelt, wie einſt die alte Tante es von ihrem Mann oft ertragen mußte, ich will ruhig bleiben und freundlich bleiben dem Herrn zu Liebe. Neben dieſen guten Vorſätzen kämpfte aber doch ein Zürnen und zugleich die Angſt vor irgend einer De⸗ müthigung, die ſie ruhig tragen ſollte. Ihre ſchwachen Nerven hatten ihr Theil daran. Zitternd trat ſie in das Zimmer, ihre feinen magern Hände krampfhaft in einander an die Bruſt gepreßt, ſah ſie bange zu ihm auf, als er ſie mit düſteren Blicken und kämpfenden Zügen anſah. O Eliſabeth, ſagte er plötzlich — 214 mit bebender Stimme, wie kannſt Du ſo Furcht vor mir haben!— Er warf ſich auf das Sofa und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen, er weinte. Eliſabeth athmete tief auf; ſie war erſchrocken, aber anders als vorhin. Sie trat zu ihm: Otto, ſagte ſie vewegt, ich fürchtete, Du möchteſt mir böſe ſein?— Komm Eliſabeth, ſagte er, habe Mitleid mit mir, ſage . mir, was Du gedacht haſt. Sie ſetzte ſich zu ihm. Aber F. ich verlange es nicht, fuhr er fort, ich bitte Dich nur, 3 ich will nichts von Dir verlangen, ich will Dich nur herz⸗ lich bitten. Ich dachte, ſagte Eliſabeth mit vor Thränen ſtockender Stimme: Wenn Du auch heftig wäreſt, ich wollte ſtill und freundlich bleiben.— Er ſah ſie forſchend und fragend an, er wollte noch mehr wiſſen.— Ich wollte Alles ertragen, ich wollte ruhig bleiben, dem Herrn zu Liebe,— und weil Du mein Herr biſt, fügte ſie leiſe hinzu.— Ich will Dein Herr nicht ſein, ſagte er haſtig und biß die Lippen auf einander. Eliſabeth ſah mit Angſt 3 ſeine innere Bewegung. Otto, ſagte ſie bittend und nahm ſeine Hand in beide Hände.— Biſt Du nicht zufrieden mit mir geweſen in dieſen drei Wochen? fragte er finſter. — Ich danke es Dir, ſagte ſie warm, und verzeihe mir, wenn ich mich jetzt irrte.— Er ſchwieg. Aber er wurde ruhiger. Wirſt Du denn je wieder Vertrauen zu mir faſ⸗ ſen? fragte er traurig.— Eliſabeth weinte.— Ich verlange ja nichts weiter von Dir, fuhr er fort; aber erlaſſe mir die Qual, wenn wir mit ftemden Menſchen 215 zuſammen ſind, daß Du ſcheu und bange neben mir ſtehſt. — Ich will gern thun, was Du willſt, antwortete ſie.— Ja, Du biſt meine gute Eliſabeth, ſagte er traurig,— aber was zerſtört iſt, iſt zerſtört! Ich mache Dir auch keine Verſprechungen, mein ganzes Weſen ſollte Dich ja zwingen, Vertrauen, keine Furcht zu haben.— Ich habe keine Furcht, verſicherte ſie. Verzeihe mir nur heute, fügte ſie bittend hinzu.— Sie hatte ſeine Hand wieder gefaßt und weinte leiſe. So hatte ſie im letzten Jahre oft neben ihm geſeſſen, und warme Worte und gute Vorſätze waren ebenſo ausgeſprochen, und es war doch immer ſchlimmer zwiſchen beiden geworden. War es aber heute nicht dennoch anders? war denn die Seele dabei ohne Muth und ohne Hoffnung? Die Seele war in des Her⸗ ren Hand, ſie hoffte nichts von Verſprechen und Vorſätzen, ſie wollte nichts, als nur auf ihn hoffen und ſein Wort vor Augen haben. Beider Schweigen wurde durch die Kinderſtimmen von Anna und Paul unterbrochen? Eliſabeth richtete ſich ſchnell auf und trocknete ihre Thränen; Kadden ging zur Thür. Die Kinder beſtellten, daß ihre Eltern ſchon nach dem Gar⸗ ten hingegangen. Wir kommen gleich! war ſeine Antwort. Er trat darauf noch einmal zu Eliſabeth. Ich muß Dir noch ſagen, begann er ruhig, warum ich Dich vor⸗ hin ſprechen wollte. Ich furchtete, Du hätteſt Dich über⸗ reden laſſen, dort hinzugehen, auch die unglücklichen Sachen zu tragen. Ich wollte Dich bitten, nichts zu thun, was 216 Dir ſchwer iſt, Dich nicht ſo ohne Noth zu beunruhigen. Wenn Du aber hingehen möchteſt, fügte er nach einer Pauſe hinzu, mußt Du auch mit mir reden und mich anſehen, wenn ich mit Dir rede.— Das will ich thun, entgegnete ſie, nahm ſchnell den neuen Hut, ſetzte ihn auf, ohne den ſchönen Spiegel zu benutzen, und badete ihre heißen Augen mit kühlem Waſſer. Ihr Mann legte ihr das Tuch um, beide verließen das Zimmer. Johanne ſtand ſchon mit den Kindern vor der Thür, Eliſabeth. wollte, wie ſie es gewohnt war, den kleinen Friedrich an die Hand nehmen und vorangehen, ihr Mann aber reichte ihr den Arm. Der Weg bis zum Garten war nicht weit, aber weit genug, um nicht ganz ſtumm bleiben zu dürfen. Ihre gute Abſicht, mit ihm unbefangen zu ſprechen, wurde ihr 3 ſchwer auszuführen, und je mehr ſie ſich beſann, je ſchwerer wollte ihr etwas einfallen. Sie ſprach erſt zum kleinen Friedrich. Sie ſah dann auf zu ihrem Mann und bemerkte, daß er mit der Hand nach der Schläfe griff. Haſt Du Kopfweh? fragte ſie theilnehmend.— Wenigſtens die An⸗ lage dazu, war ſeine Antwort.— Ich habe es Dir heut ſchon angeſehen, fuhr ſie fort.— War ich verſtimmt? fragte er.— O nein, ich ſah es Dir an Deinen Augen an, entgegnete ſie ſchnell.— Alſo ſieht ſie noch nach deinen Augen, war ſein tröſtlicher Gedanke. Sie ſprachen nun über die Seebäder, daß er hier noch nicht Kopfweh hatte, und ſie verſicherte, ſie fühle ſich jetzt ganz friſch und wohl. 32. Neue Kämpfe. Eliſabeth ſaß denſelben Abend beim Licht allein in der Stube, ſie wollte leſen und konnte nicht; ihr Herz war wieder ſo ſchwer, ſo kummervoll. Sie hätte dem Herren gern danken wollen für den Tag, und hätte auch genug zu danken gehabt. Mußte ſie ſich nicht geſtehen, daß jeder glückliche Kampf, den ſie mit ihren böſen Gedanken kämpfte, ihr immer Frieden brachte und ſie reicher machte? Wenn auch dieſe Gedanken ſich dagegen ſträubten, ihr demüthiges Herz ſammelte doch ein jedes verwehtes Blätt⸗ lein ihres Glückes, und hatte ſeine Freude daran. Die Ereigniſſe in ihren einförmigen Tagen, und wenn ſie noch geringer waren als das Gutenacht⸗Sagen, wollte ſie gern pflegen und nicht wieder durch eigene Schuld veruntreuen. Heute hatte ihr Mann, als ſie nicht ſo lange mit den Kindern bei den Freunden bleiben wollte, ſie ſelbſt zurück⸗ geleitet, er hatte ihr auch freundlich erzählt, daß ſein Kopfweh nicht ſchlimmer geworden war. Er hatte mit ihr und den Kindern zu Abend gegeſſen, er hatte ihr Adieu geſagt, als er nachher nach dem Strand hinabging, und als ſie beim Licht ſchon in der Stube ſaß, kam er, um ihr gute Nacht zu ſagen,— ſie ſollte nicht wieder auf ihn warten, und es gefiel ihm, noch im Vollmondſchein dort auf⸗ und abzugehen. 218 Gleich nachdem er fortgegangen war, hatte ihr Kampf begonnen. Ihr Herz wollte dem Herrn danken für alle dieſe Kleinigkeiten, die ſie beglückten; aber da ward es ihr mit einem Mal ſo bange: Dieſe armſeligen Beweiſe der Aufmerkſamkeit, der Herablaſſung, die ſollen dich be⸗ glücken? dachte ſie, o, wie biſt du ſo arm und gering geworden! Kann dir denn an der Liebe dieſes Mannes ſo viel liegen, daß du darum betteln könnteſt? Haſt du gar keinen weiblichen Stolz, kein Ehrgefühl mehr?— Sie dachte an den Ball, an das erſte Begegnen mit ihm, wie da ſeine Augen die Bewegung des Herzens nicht ver⸗ bergen konnten, wie ſie ſein ganzes Weſen in ihrer Ge⸗ wahlt fühlte, wie ſie ſpäter dann die kleine Königin ſpielte, wie ſie ſo zuverſichtlich und übermüthig gegen alle Welt die Unwandelbarkeit ihres Glückes, ihrer Macht behaup⸗ tete. Und dagegen das düſtere Bild in Bremen, wo er drohend vor ihr ſtand—— Nein, es war unmöglich, das zu vergeſſen; ihr Herz ſträubte ſich mit Gewalt, nur anzuknüpfen an ein neues Glück; Schaam und Kummer mußten ſie immer verfolgen. Wie konnte ſie Nachmittag ſo weich und mild gegen ihn ſein? „Was zerſtört iſt, iſt zerſtört,“ hatte er heute zu ihr geſagt, die Worte brannten in ihrem Herzen und führten ſie mit Gewalt in die entſetzliche Vergangenheit, in ihr unglück hinein. Sie hatte täglich freilich daſſelbe gedacht: was zerſtört iſt, iſt zerſtört; aber in ihrer tiefſten Seele hatte ſie doch gehofft.„Abraham hat Gott geglaubt, das — 219 iſt ihm zur Gerechtigkeit gerechnet, und er hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war,“ das hatte ſie nur in der Sehnſucht ihres einſamen Herzens geſprochen. Ihre Hoffnung und ihr Glaube war durch das Geſpräch mit ihrem Manne heute erſchüttert, obgleich ſie ja äußer⸗ lich viel gewonnen hatte. Ein Leben wie Tante Eliſabeth führen zu müſſen, ſo ſchwer tragen und dulden zu müſſen, durfte ſie nicht fürchten; aber war ihr das jetzt ein Troſt? Nein, heute war es ihr klar geworden, daß die alte Tante das Weſen ihres Mannes, der ihrem Seelenleben ganz fern ſtand, den ſie nur aus Vernunſt und Ehrerbietung geheirathet, wohl ruhig tragen konnte, ſie hatte es kaum viel anders erwarten können und war auch nicht Schuld daran. Das Leben ohne Sonne und Blumen war ihr keine große Entbehrung, in der Erfüllung ihrer Pflicht und in der Liebe und dem Glauben zum Herrn war ſie ganz beftiedigt. Konnte Eliſabeth mit ihrer Vergangen⸗ heit, mit der Erinnerung an ihr Glück und an die eigene Schuld, die es zerſtörte, wirklich Frieden finden? Das zu hoffen und zu glauben war heute zu ſchwer. Sie war zu unglücklich, ſie überlegte, warum ſie nicht lieber ent⸗ gegnet hatte: Ja, was zerſtört iſt, iſt zerſtört, laß uns nicht uns gegenſeitig plagen durch ein Halten an Gottes Gebot, daß unter ſolchen Umſtänden zu bitter iſt. Es giebt viel Unglück in der Welt, eine unglückliche Ehe iſt das ſchwerſte, ein jedes andere lindert die Zeit, der Schmerz ſtumpft ſich ab, hier bringt jeder Tag neue 220 Kämpfe, jeder Kampf bringt einen neuen Stachel, der Schmerz und Groll müſſen zunehmen. Auf einem ſol⸗ chen ſchlimmen Dornenwege giebt es nur eine Hülfe, nur einen Troſt, das iſt der Herr und ſein Wort. Wer Kämpfe und Groll und jeden Stachel Ihm bringt, dem wird der Dornenweg zum Friedensweg. Heute konnte Eliſabeth den Friedensweg nicht finden, ſie plagte ſich damit, den Dornenweg recht zu empfinden; ſie wollte ſich überzeugen, daß es für ſie und für ih⸗ ren Mann eine Qual ſei, neben einander zu leben; ſie ſehnte ſich nach der Zeit, wo ſie mit den Kindern bei den Großeltern ſein ſollte. Sie ließ ſich von böſen und hoch⸗ müthigen Gedanken immer mehr umſpinnen, bis es grau in ihr und über ihr und um ſie ward. Biſt du treu? fragte wohl mahnend ihr Gewiſſen, du ſollſt nicht in Zweifel rückwärts ſehen, du ſollſt in Glauben vorwärts ſehen kann der allmächtige Gott, der ein Herz ſanft und eines heftig, eines ernſt und eines leichtfinnig geſchaffen, nicht auch ein neues Herz ſchaffen? Der Herr kann es, du darfſt ihn und ſollſt ihn darum bitten; aber ſoll er dich hören, mußt erſt du ihn hören. Er thut auch zu⸗ weilen, als ob er nicht hören wollte, ſo ſollſt du nur feſter an ihm halten.— Sie ſchlug traurig ihr Buch auf, den 1. Auguſt. Sie las hier: „Aber bei den herrlichſten Verheißungen muß man am längſten warten. 221 Zuletzt giebt Gott, wonach wir uns geſehnet, Wenn Glaub und Lieb im Kreuz bewähret iſt, Und man Geduld an unſeren Stirnen lieſt.“ War denn Glaub und Lieb an ihr im Kreuz bewährt? Nein, ſie wollte eben noch im Anfang ungeduldig und untreu werden. Bei allem Unglück, mag es der Herr von außen ſchicken, oder mag es die Sünde im Herzen ſchaffen, iſt immer einzig und allein Gottes Wort der ſichere Troſt und die feſte Stütze. Wenn es noch ſo düſter in der Seele iſt, wenn das Leben gar keinen Reiz hat, wenn das Herz und die Gedanken nicht wiſſen, woran ſie ſich hal⸗ ten ſollen, wenn ſie keinen Zweck, keine Zukunft vor ſich ſehen, wenn die Seele auch trotz alles Seufzens nicht glauben und beten kann, dann kann ſie ſich doch noch immer an Gottes Wort und Gebote halten, von einem eng begrenzten Tage zum andern ſehen, wie ſie auf dem ſchmalen Wege wandelt. Das Leben bringt, ohne daß wir es wollen, ohne daß wir Intereſſe daran haben, doch die Verſuchungen für uns, es geht ſeinen unaufhörlichen Gang, es richtet fortwährend in Glück oder Unglück an uns die bedenkliche Frage: Willſt Du den Himmel oder die Verdammniß? und unſer Thun iſt die entſcheidende Antwort. Die Kinder Gottes, ſie mögen noch ſo ſchwach und ſündhaft und elend ſein, ſie ſehnen ſich nach dem Himmel, und auf die entſcheidende Frage ſind ſie zur ent⸗ ſcheidenden Antwort bereit, ſie thun, was der Herr for⸗ 222 dert, ſie achten auf ſeine Gebote. In dieſem Thun hat das Leben ſchon einen Zweck, eine Zukunft; denn jeder kurze Tag ſchließt oft genug die Frage für uns ein: Willſt Du den Himmel oder die Verdammniß? Die Frage mit Zittern und Zagen immer deutlich zu beantworten, iſt Arbeit genug für jeden kurzen engbegrenzten Tag. Aber ein Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth. Ein jedes Kind Gottes mag nur erſt thun, was ihm befohlen iſt zu thun, wenn auch mit noch ſo kummervollem Herzen: der Segen, der denen, die den Herrn fürchten, ſo hundert⸗ und tauſendfach verheißen iſt, wird nicht ausbleiben. Ein Tag ging nach dem anderen hin, ein jeder Tag brachte das Ende der Badekur näher. Eliſabeth mufßte oft an die Abreiſe denken und mit ſehr gemiſchten Em⸗ pfindungen. Welche ſchweren Tage ſtanden ihr wohl noch pevor? Das abgeſchloſſene und einförmige Leben hier war ihr lieb geworden, aber ſo konnte es nicht bleiben. Die Heimath, die Menſchen dort, die nah⸗ und die fern⸗ ſtehenden, wie ſollte ſich ihr Leben dazwiſchen geſtalten? Der Verkehr hier mit den Freunden war, ſeitdem ſie we⸗ nigſtens äußerlich mit ihrem Manne unbefangener ſein konnte, leichter geworden, Berührungspunkte mit der Ver⸗ gangenheit und allen äußeren Verhiltniſſen konnten ſo leicht vermieden werden, man lebte für die Gegenwart und beſprach meiſtens geiſtige Intereſſen, die für Eliſabeth im⸗ mer tröſtlich und belehrend waren. An Gelegenheit zu inneren Kämpfen fehlte es ihr zwar keinen Tag; beſon⸗ 223 ders ſchwer war es ihr, als anhaltender Regen und Sturm ſie veranlaßte, das Leinwandhäuschen zu verlaſſen und im Zimmer Platz zu ſuchen. Den erſten Tag richtete ſie ſich mit ihren Arbeiten in der Kinderſtube ein, es war ihr leichter für ſie, und auch der Gedanke, ihrem Manne läſtig zu werden, zu demüthigend und unerträglich. Sie überlegte ſich, daß er zu Hauſe auch ſeine eigene Stube habe, und es ihr im letzten Jahre nie eingefallen war, ſich aus Vergnügen zu ihm zu ſetzen; es konnte ihm alſo nicht auffallen, wenn ſie bei den Kindern blieb. Als er aber, nachdem das Baden und das nöthige Spatzierengehen vorüber war, ſie in der Kinderſtube ſitzend fand, ſah er fragend und ernſt⸗ haft auf ihre kleine Einrichtung hier und verließ das Zim⸗ mer, ohne etwas zu ſagen. Mittag ſprach er nur die nö⸗ thigſten Worte, auch wenig mit den Kindern; Nachmit⸗ tag, als eine gewiſſe Unruhe ſie in ſein Zimmer führte, fand ſie es leer. Seine Unzufriedenheit war nicht zu be⸗ zweifeln; er ſagte nur nichts, weil ſie nach Gefallen le⸗ ben durſte. Sie begann nun zu überlegen, und mußte dieſe Un⸗ zufriedenheit ganz unverzeihlich finden. Warum konnte er ſie nicht bitten herüberzukommen, dachte ſie, warum ſollte ſie zuerſt kommen? Das war ihr ja früher, als ſie ſei⸗ ner Liebe ganz ſicher war, unmöglich geweſen, ſie hatte damals gedacht: wenn er es aushalten kann, mußt du es auch können. Ja ſelbſt nachdem der Großvater ihr ge⸗ 224 rathen, der klugen Großmama zu folgen, und ſie ſelbſt die größte Luſt dazu hatte, konnte ſie ſich doch dazu nicht überwinden. Jetzt, wo Alles ſo ganz anders, ſo ſchwer und traurig war, jetzt ſollte ſie ihre unangenehmen Ge⸗ fühle überwinden? Ihre böſen Gedanken ſträubten ſich dagegen, ſie blieb dabei: er mußte es wiſſen, daß ſie nur aus Beſcheidenheit nicht kam, nur weil ſie fürchtete ihn zu ſtören; darum mußte er ſie auffordern, zu kommen. Neben all dieſen herrlichen Gedanken fühlte ſie deutlich, daß ſie ihm Unrecht that, daß ſie angenehmen Fantaſien und nicht der Wahrheit folgte. Sie fühlte recht gut, daß es ihn gefteut hätte, wenn ſie vertrauend zu ihm in daſ⸗ ſelbe Zimmer kam, ſeine Güte und Rückſicht gegen ſie hatten Vertrauen verdient; aber es iſt leichter, Jemand anzuklagen, als ſich ſelbſt zu überwinden. Als ſie ſo al⸗ lein im ſtillen Zimmer ſtand, und in Sturm und Un⸗ wetter auf die kleinen grünen Hügel ſchaute, ward ſie ſehr traurig und mußte weinen. Am anderen Morgen war es noch trüber und ſtür⸗ miſcher, der Arzt hatte Eliſabeth das Baden unterſagt; während ihr Mann fort war, nahm ſie entſchloſſen ihr Ar⸗ beitszeug, ihre Mappe, ihre Bücher, verließ die Kinder⸗ ſtube und richtete ſich in der eigentlichen kleinen Wohn⸗ ſtube ein. Sie dachte: es mag kommen, was da will, mein Gewiſſen ſoll wenigſtens Frieden haben. Wenn ſie den Tag vorher ſo tapfer gekämpft hätte, wäre es ihr 225 leichter geworden; die unangenehmen, demüthigenden Gefühle waren heute doppelt ſchwer zu tragen. Ihr Mann kam zu Mittag erſt zurück. Sie hörte wieder mit großer Spannung ſeine Tritte; als er in das Zimmer trat, ſagte ſie zuerſt ihm in höchſter Verlegenheit guten Tag. Er trat an das andere Fenſter, er ging zur Thür, er ging wieder zurück, dann trat er zu ihr. Wa⸗ rum biſt Du geſtern drüben geblieben, Eliſabeth? fragte er ganz ruhig. Es war ihr unmöglich, etwas zu ſagen, ſie reichte ihm die Hand und ſah ihn bittend an. Es war gerade ſo wie in der erſten Zeit ihrer Bekanntſchaft, wo ſie bange war, ihn heſftig zu ſehen, und doch mit Worten nicht reden konnte. Er ſchien mit dieſer Erklärung auch völlig zuftieden, er erzählte ihr freundlich von einem weiten Gang, den er ganz allein nach den hohen Dünen machte, und daß er das Meer noch nie ſo ſchön geſehen als jetzt im Sturm. Eliſabeth bat ihn zaghaft, ſie doch auch hin⸗ zuführen, und er war dazu bereit. Nachmittag, als der Regen etwas nachgelaſſen, als der Sturm Wolken und Wogen jagte, ging Eliſabeth wohl eingehüllt an ihres Mannes Seite über den Strand hinauf. Auf den erſten hohen Dünen ſtanden ſie ſtill. Das war wohl ein majeſtätiſcher Anblick, die dunkelen, mächtig da⸗ herrollenden Wogen, der weiße Schaum und die Sturm⸗ vögel darüber kreiſend. Das tobende Meer ſchien die kleine Inſel verſchlingen zu wollen, es brauſte daher und ſchäumte zurück, um wieder mit neuer Macht heran zu toben. Eliſabeth. 1l. 15 —„ 226 Wenn man glücklich iſt, ſieht ſich ſo etwas beſſer an; Eliſabeth ward es bange bei dem Anblick. Ihr ganzes Leben erſchien ihr trüb und grau und kummervoll. Sie meinte, dies fortwährende Kämpfen mit ſich ſelbſt nicht ertragen zu können, ſie hoffte faſt, der Herr wollte ſie durch Trübſal zu ſich ziehen und dahin nehmen, wo alle Noth und aller Unfrieden ein Ende hat. Wie thöricht hatte ihr Herz an der Welt gehangen, wie hatte ſie von Glück und Luſt geträumt, und jetzt war ſie arm und hatte nicht einmal mehr den Muth zum Glücklichſein. Eliſabeth, kannſt Du mir nicht ſagen, warum Du geſtern bei den Kindern bliebeſt? bat ihr Mann freundlich. — Das würde Dich nur betrüben, ſagte ſie traurig.— Alſo wirklich— begann er und ſchwieg dann.— Eliſa⸗ beth ſah ihn nachdenklich an, ihre Traurigkeit gab ihr Muth zum Reden, ſie hoffte ja auf kein Glück; ſie wollte ihn aber nicht kränken, ſie wollte nicht mißverſtanden ſein. — Ich ſprach neulich erſt mit Frau von Hohendorf, fuhr ſie fort, daß es eine große Gefahr iſt, beſonders für Frauen, den eigenen Fantaſien zu folgen; man kann in Verſtimmungen ſich Dinge vorreden, die, wenn gewiſſen⸗ haft überlegt, unwahr und thöricht ſind; ſolche Fantaſien muß man nie ausſprechen, weil man andern damit weh thut. Ich darf Dir darum nicht ſagen, was ich mir geſtern vorgeredet habe, ich müßte gleich hinzufügen, daß ich es ſelbſt nicht geglaubt habe.— Haſt Du bedacht, daß auch Männer in der Verſtimmung etwas thun und 227 ſagen können, was ihnen ſpäter leid iſt und was ſie ſelbſt nicht glauben möchten? fragte er. Als ſie jetzt zu ihm aufſah, war es ihm, als ob doch wohl in dieſen Augen Hoffnung für ihn lebe, als ob ſie die Vergangenheit ver⸗ geſſen und mit neuem Vertrauen und neuer Liebe zu ihm aufſchauen könnten. Eliſabeth war durch ſeine Frage ſeltſam bewegt, ihre hellen Augen konnten das ſchnelle Gefühl nicht verbergen, in dem Augenblick aber erſchrak ſie vor dem eigenen Herzen.— Sie ſtanden einige Mi⸗ nuten ſchweigend neben einander, dann ſprach er ruhig mit ihr vom Sturm und Meer und führte ſie ſorglich nach Hauſe. Nach Tiſche ſaß Eliſabeth mit einer Handarbeit be⸗ ſchäftigt ihrem Manne gegenüber, er laß ihr vor. Das hätte ſie freuen müſſen, aber ſie konnte ſich heute nicht freuen, ſie Jatte weder Kraft noch Muth dazu. Sie hatte ſich vor Fiſche ſehr zuſammen nehmen müſſen, weil ſeine fragenden Blicke ſie beunruhigten, wenn ſie öſters auf die kindlichen fröhlichen Fragen des kleinen Friedrich keine Ant⸗ wort gab und ſich dann ſelbſt aus tiefer Traurigkeit auf⸗ raffen mußte. Er legte plötzlich das Buch fort und fragte theilnehmend: Eliſabeth, biſt Du unwohl?— Nein,— ich glaube nicht, war ihre zögernde Antwort.— Haſt Du heute einen beſonderen Grund, traurig zu ſein? fragte er ebenſo.— Sie verneinte es wieder und er nahm das Buch und las weiter. Einen beſonderen Grund hatte ſie nicht. Vielleicht 228 iſt es das trübe Wetter, dachte ſie tröſtend. Sie konnte ſich nicht losreißen, ſie mußte immer an die Heimath den⸗ ken, wie es dort werden ſollte, und daß ſie doch wohl zu ſchwach ſei, immer ſo zu kämpfen. Es kamen ihr auch wunderliche Bilder, ſie ſah ihren Mann in den alten Krei⸗ ſen, ſich an ſeiner Seite unglücklich und ſchweigſam. Er mußte das endlich langweilig finden und ſie konnte doch nicht fröhlich ſein, mit Adolfinen nicht ſcherzen und lachen. Wenn die anderen ihm dann rathen werden: da es ein⸗ mal ſo weit mit Euch iſt, ſo laß ſie lieber und ſei mit einer anderen glücklich! Der Umgang dort war ein an⸗ derer als der Umgang hier, und der Einfluß ein anderer. War es einmal ſo weit gekommen, konnte es auch noch weiter kommen; ſie wußte nicht, was der Herr mit ihr vor hatte. Sie wurde in ihren Gedanken geſtört durch das Läu⸗ ten der Glocke, die eigentlich zum Baden ruft. Herr von Kadden wollte hinaus gehen und ſich nach der Urſache des Läutens erkundigen, als die Wirthin ihm entgegen kam und ihm ſagte, daß die Glocke die Badegäſte auf das Meerleuchten aufmerkſam machen ſolle. Sturm und volle Fluth und Meerleuchten, das mußte wohl ein großartiger Anblick ſein. Eliſabeth hüllte ſich wieder ein und trat mit ihrem Mann auf den kleinen grünen Vorſprung, um das Wunderſchauſpiel anzuſehen. Mit ihnen traten überall aus den kleinen Häuſern die Zuſchauer herbei. Auch Herr und Frau von Hohendorf kamen mit dem Paſtor und ei⸗ 229 ner Frau Brandes und ihrer Tochter. Beide Damen wohnten mit Hohendorfs in einem Hauſe und die jugend⸗ liche Tochter hatte ſich an Frau von Hohendorf ſehr an⸗ geſchloſſen. Das Ufer war belebt mit dunkeln vermummten Ge⸗ ſtalten, und Bewunderung und Entzücken ward überall laut. Das Meer in ſtürmiſcher Bewegung, und jede brau⸗ ſende Woge mit Feuer gekrönt, das im Hinabſtürzen mit hunderttauſend ſchäumenden Feuertropfen die dunkele Fluth überſäte. In einiger Entfernung vom Strande, wo ein früherer Strand eine Erhöhung bildete und auch bei ru⸗ higer See immer eine kleine Brandung zu ſehen war, überſtürzte ſich ein haushoher feuriger Waſſerfall in präch⸗ tigen, großartigen und immer wechſelnden Formen in das tiefe mächtige Meer. Eliſabeth ſtand an der Seite ihrer Mannes und ſchaute die Herrlichkeit Gottes an. Die Größe und Macht des Schauſpiels konnte ſie auch jetzt nicht erheben, ihr trau⸗ riges Herz wurde nur bedrückter. Frau von Hohendorf war ſo glücklich, ſo freudig und ſo bewegt neben ihr, die Allmacht und Größe des Herrn hatte für ſie nichts er⸗ ſchreckendes, es war ja ihr Gott, der ſich hier ſo herrlich kund gab, dem ſie mit neuer Bewunderung und Liebe und feſterem Glauben ſich hingeben konnte. Eliſabeth ſtand wie in einem unglücklichen Traume, es war ihr aber, als müſſe ſie ſich dies Bild genau einprägen. Es konnten Zei⸗ ten kommen, die noch trauriger waren, wo ſie, auf dieſe als 230 auf eine glückliche herabſah. Sie ſchaute auf das Feuer⸗ meer, nach den dunkeln jagenden Wolken und ſchaute nach den Zügen ihres Mannes, der unbekümmert um ſie mit dem prächtigen Anblick beſchäftigt war und mit den Freun⸗ den darüber ſprach. Frau von Hohendorf machte den Vorſchlag, noch nach den höheren Dünen zu gehen, von wo aus der Blick über das Meer noch weiter war, ein ſo wunderſchönes und ſel⸗ tenes Schauſpiel, daß ſie vielleicht nie wieder erleben wür⸗ den, mußte trotz des Sturmes und unheimlichen Wetters genoſſen werden. Von Eliſabeth wurde gar nicht ange⸗ nommen, daß ſie mitgehen könne, Anna bedauerte ſie darum, ihr Mann wünſchte ihr gute Nacht und rieth ihr freund⸗ lich, jetzt hineinzugehen. Sie gingen fort, Anna am Arme ihres Mannes, der Paſtor führte Frau Brandes, die nicht ſehr bereitwillig zu dem ſtürmiſchen Spatziergang war, Herr von Kadden reichte ihrem ſechszehnjährigen Töchterlein den Arm. Eliſabeth ſah ihnen gedankenvoll nach, ſah ihre dunkeln Geſtalten unter dem Leuchtthurm verſchwinden, der, als die ſchwar⸗ zen Wolken auseinander riſſen, wie ein Rieſe aus der Nacht heraustrat und auch wieder verſchwand.— So unglücklich wie jetzt hatte ſie ſich nie gefühlt. Warum war ſie nicht aufgefordert, warum durfte ſie nicht am Arm ihres Mannes dahin gehen? Sie fühlte zum erſtenmal in ihrem Herzen Eiferſucht, zu der ſie doch kaum ein Recht hatte. Ihr Mann that nichts Unrechtes, er konnte nicht glauben, daß 231 ſie gern mit ihm ging, da ſie in der ganzen Zeit ihm nicht verhehlt hatte, daß ſie lieber allein, als mit ihm zuſammen war. Aber wenn ſie die Zeit ihrer Brautliebe betrachtete, wenn er ſie da hätte Jollen ruhig zurücklaſſen und am Arme eines jungen Mädchens ſpatzieren gehen! Das Bild, das vorhin ſie quälte, ward ihr jetzt noch deutlicher: ihr Mann konnte unmöglich ihre unglückliche Nähe ertragen, und ſie konnte doch nicht glücklich und fröhlich ſein. Sie weinte bitterlich. Als die Zuſchauer in ihrer Rähe den S verlaſ⸗ ſen, ſetzte ſie ſich noch auf den Vorſprung, ſchaute wie im Traum auf das brauſende Feuer unter ſich, und vertiefte ſich in quälende Gedanken. Ihre Vergangenheit, ihre Fröh⸗ lichkeit, ihre Zuverſicht— und ihre Untreue, ihre Untreue, trotz des Beiſpiels und der Ermahnungen und der Liebe der Großeltern, trotz des Kummers ihrer Mutter, trotz der Warnungen Emiliens,— Alles ſtand wieder ſo anklagend vor ihr. Sie konnte ſich nicht entſchuldigen und wollte es auch nicht, aber ſie hätte ſich ſo gern tröſten laſſen. Nahende Stimmen ſchreckten ſie auf, ſie kannte die Stimmen wohl und eilte in das Haus. Sie bereute es, ſo lange außen geblieben zu ſein, und fürchtete ihren Mnn noch ſehen zu müſſen; ſie hatte aber kaum ihre Hüllen ab⸗ geworfen, als er in das Zimmer trat. Sie entſchloß ſich, wenigſtens ihre Stimmung ihm zu verbergen: wenn er am Arme eines jungen Mädchens fortgehen, ſie allein und ohne Theilnahme zurücklaſſen. konnte, durfte er nicht ahnen, was 232 ihr Herz bewegte; es wäre ihm gewiß nur drückend und unangenehm geweſen, und ſie hätte ſich auch ſchämen müſſen. Wareſt Du bis jetzt außen? fragte er beim Eintreten verwundert.— Ich konnte mich nicht trennen, war ihre Antwort ohne aufzuſehen.— Hat es Dich gefreut? fragte er weiter und beobachtete ſie aufmerkſam.— Wenn ſie jetzt mit dem Kopf genickt hätte und noch einmal gute Nacht geſagt, dann wäre die Sache am kürzeſten abgemacht. Aber eine Unwahrheit wollte ſie nicht ſagen, ſie nickte nicht, ſie ſchüttelte den Kopf.— Es hat Dich nicht gefreut? ſagte er gedankenvoll, dann trat er näher. Eliſabeth, ſieh mich an, ſagte er bittend, ſage mir, was Du haſt.— Es war mir ſo einſam außen! entgegnete ſie traurig.— Hätteſt Du gern geſehen, wenn ich bei Dir blieb? fragte er zagend. — Ach ja,— ſagte ſie ebenſo und hielt mit Gewalt ihre Thränen zurück.— Sein Herz zitterte vor Freuden, er nahm ihre Hand und ſagte: Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht fortgegangen, es ſoll Dir nie mehr einſam ſein. Wenn ich es nur immer wüßte! fuhr er fort, und in ſeinem Ton lag ein leiſer Vorwurf. Wenn Du aber nicht reden kannſt, will ich es zu errathen ſuchen, ſetzte er hinzu. Eliſabeth ſtand wieder wie im Traume, ſie hatte ihm Unrecht gethan, wie gern hätte ſie etwas geſagt, aber ſie konnte nicht, und doch ſchien er eine Antwort zu erwarten. Es ward ihr bange. Sie ſah endlich zu ihm auf und ſagte: Verzeihe mir!— Das war ein Wort, was ihr jetzt 233 ſo viel auf den Lippen ſchwebte, nicht allein zu ihrem Mann, auch zum Herrn, auch faſt zu allen Menſchen, die ihr nahe ſtanden, ſelbſt auf Johanne erſtreckte ſich das Ge⸗ fühl: das gute Mädchen hatte genug von ihrem Eigenſinn und ihren Launen leiden müſſen, jetzt, wo ſie demüthig vor dem Herrn und gegen ihren Mann ſein wollte, war ſie es auch gegen ihre Dienſtboten. Ihr Mann ſchien mit dieſer kurzen Antwort ganz zu⸗ frieden. Du biſt heute ſchon den ganzen Tag traurig ge⸗ weſen, ſagte er theilnehmend, ich möchte Dich gern tröſten, aber ich verſtehe es ſchlecht, ich will Dir nur etwas vor⸗ leſen. Er griff zur Bibel, Eliſabeth ſah ihn freudig an. Sie ſetzten ſich beide, er ſchlug den 121. Pſalm auf und las: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hülfe kommt. Meine Hülfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten laſſen, und der dich behütet, ſchläft nicht. Siehe, der Hüter Israels ſchläft noch ſchlummert nicht. Der Herr behütet dich, der Herr iſt dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tages die Sonne nicht ſteche, nuch der Mond des Rachts. Der Herr behüte dich vor allem Uebel; er behüte deine Seele. Der Herr be⸗ hüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Als er geendet, ſah er ſie fragend an und ſagte dann Iſt es Dir noch einſam und traurig?— Nein, entgegnete ſie gedankenvoll.— Du. mußt wieder lernen Deine Noth 234 dem Herrn bringen, wie Du es früher ſo gut konnteſt, ſagte er leiſe. Eliſabeth entgegnete nichts und ſah vor ſich nieder. Sie kämpfte, ihn um etwas zu bitten, und wagte es doch nicht. Wenn ſie es aber unterließ, ſo war es Unrecht, und es mußte ſie vielleicht ſpäter ſehr gereuen. Lieber Otto, bat ſie plötzlich, willſt Du mir jeden Abend etwas vorleſen?— Recht gern will ich das, entgegnete er ſchnell.— Aber auch, wenn wir zu Hauſe ſind? fügte ſie ſtockend hinzu.— Immer und immer, ſagte er wieder.— Beide ſchwiegen jetzt. Sie ſtellte die Bibel fort, ſie ſagte ihm noch einmal gute Nacht und war ſehr getröſtet. Warum war ſie denn ſo ſehr getröſtet? warum wa⸗ ren denn die traurigen Vorſtellungen wie Nebelbilder ver⸗ flogen? Wenn er jeden Abend mit dir in der Bibel lieſt, ſo iſt das ein Band was dich und ihn zuſammen mit dem Herrn verbindet, mit dem Herrn und mit der Furcht Got⸗ tes; im Herzen wird er dir nie ungetreu werden, wenn er auch nicht glücklich mit dir iſt. Das waren die einfachen, richtigen Gedanken, vor denen alle Unruhe weichen mußte, Gedanken, die ihr Troſt und Frieden brachten. Daß ihr Mann, ſeit der Geſellſchaft neulich jeden Mittag laut betete, und daß er mit ihr in der Bibel leſen wollte, waren zwei Ereigniſſe für jeden Tag, für die ſie dem Herrn recht zu danken hatte. So immer feſter gerüͤſtet, getraute ſie ſich auch in ihren alten Kreis zu treten.— Warum aber, fragte ihr Gewiſſen, hatte ſie nicht gleich nach ihrer Ver⸗ heirathung ſich gezwungen, warum hatte ſie damals die 235 Scheu nicht überwunden und an ihren Mann dieſelbe Bitte gerichtet, wie ſie es heute gethan? Ihr zu Liebe hätte er es ſicher gethan, aber ſie hielt es damals für unnöthig, für unwichtig: das Band, was ihre Herzen verbunden, brauchte der Herr nicht zu halten, es war feſt genug, konnte auch ohne des Herrn Hülfe der Welt von außen und der Sünde im Herzen widerſtehn.— Verzeihe mir! ſchloß ſie ihre Betrachtungen, die Worte auf den Lippen ſchlief ſie friedlich ein. 33. Die bittere Freiheit. Der Himmel war wieder blau, die warme Auguſt⸗ ſonne hatte bald Sturm und Unwetter vergeſſen laſſen, Eliſabeth bewohnte ihr Leinwandhäuschen und hatte ſich von neuem gewiſſenhaft vorgenommen, nur immer für den einen kurzgemeſſenen Tag zu denken,— das ward ihrem ſchwachen Herzen und ſchwankenden Stimmungen am leich⸗ teſten. Sie beſchäftigte ſich wieder regelmäßig mit ihren Arbeiten, mit ihrem kleinen Haushalt, mit ihren lieben ſüßen Kindern, und lebte in Ruhe nach der Vorſchrift des Arztes. Mit Anna und mit Frau Brandes und ihrer Tochter fand ſie ſich oft am Strande zuſammen und ſcheute auch ihre Geſellſchaft nicht. Dem jungen Mädchen konnte ſie es zwar nicht ganz vergeſſen, daß ſie den Abend die Urſache ihres Kummers war und am Arme ihres Mannes ihre Stelle eingenommen. Während die Damen dieſes kleinen Kreiſes ſehr gut beſchäftigt und unterhalten waren, wurden die Herren, je mehr ſich das Ende ihres Aufenthaltes nahte, unruhig, ſie ſehnten ſich zurück nach ihrem Beruf und ihren Geſchäften und verabredeten zu ihrer Unterhaltung mit einander eine See⸗ fahrt nach Spiekeroge, der nächſten kleinen, bewohnten Inſel. Herr von Kadden wurde dazu aufgefordert und nahm es an. Frau von Hohendorf erbot ſich, Eliſabeth und die 237 Kinder während der Zeit ganz beſonders in Pflege und Obhut zu nehmen, und Eliſabeth war es zufrieden. Ja, der Gedanke, zwei Tage allein zu ſein, ſchien ihr ganz angenehm. Sie befand ſich ihrem Manne gegenüber noch immer in einer gewiſſen Spannung, ſich ſtets beobachtet zu wiſſen und ſtets ſo aufmerkſam auf ſich ſelbſt ſein zu müſſen, wurde ihr ſchwer; ſie wollte es in dieſen beiden Tagen einmal verſuchen, ſich ſo frei und harmlos zu fühlen, wie als Mädchen. Ihre Augen waren zu klar und offen, ihr ganzes Weſen zu unmittelbar, als daß ihr Mann die Wahr⸗ heit nicht durchſchaut hätte. Obgleich er es ganz natürlich finden mußte, that es ihm doch leid und er verließ ſie ernſthafter, als es ihr lieb war. Doch tröſtete ſie ſich, daß er vielleicht nur zerſtreut war; ſie wollte ſich hüten, ihm Unrecht zu thun und ihren böſen Gedanken zu folgen. Der Morgen war ihr in der gewöhnlichen Badeord⸗ nung und mit den Damen am Strande ſchnell vergangen, auch die erſten Stunden des Nachmittags; aber ſich ſo frei und harmlos fühlen wie als Mädchen, das ſah ſie ein, das ging nicht mehr. Als ſie im ſtillen Sonnenſchein in dem kleinen Garten auf⸗ und abwandelte, als ſie die Hornmuſik aus der Ferne hörte, da war es ihr einſam zu Sinne und ſo unruhig im Herzen. Sie ging nach der andern Seite des Hauſes, wo ſie das Meer und die ferne Inſel ſehen konnte. Sie ſchaute ſehnend über die weiten Waſſerwogen hin und dachte ſehnend, daß er wieder zurückkehrte. Sie war eine rechte Thörin, daß ſie ihn fortwünſchte, daß ſie 238 glaubte, die Freiheit ſei ſüß; nein, die Freiheit war ſehr bitter, die Erfahrung ſollte ſie jetzt machen. Die kleine Anna kam zur rechten Zeit, ſie und die Kinder zur Mama zu rufen. Der Beſuch war heute Mor⸗ gen ſchon verabredet, Eliſabeth hatte ſich nur nicht recht entſchließen können, ihre Einſamkeit zu verlaſſen. Sie fand Frau Brandes und deren Tochter Luiſe bei Anna, und zwar waren ſie in einer lebhaften Unterhaltung zuſammen. Schön, daß Sie kommen! begrüßte ſie Anna, Sie müſſen mir helfen, oder vielmehr uns helfen, denn Luischen iſt auf meiner Seite.— Frau Brandes war eine ſehr gut⸗ müthige und brave Frau und entzog ſich wenigſtens nicht den tiefer gehenden Geſprächen, die in Frau von Hohen⸗ dorfs Geſellſchaft nicht zu vermeiden waren, und ihre Toch⸗ ter hatte ein warmes und empfängliches Herz und hing in jugendlicher Liebe und Verehrung an der neuen, ernſten Freundin. Sie werden mir mein Luischen noch ganz konfus machen! ſagte Frau Brandes gutmüthig; ich möchte nur wiſſen, warum ſie bei den Soiren hier nicht tanzen ſoll.— Weil ich keine Luſt habe, fiel Luischen ein.— Nun gut, wenn Du keine Luſt haſt, magſt Du nicht hingehen; aber Ihr müßt nur nicht mir vorreden wollen, daß es Unrecht iſt. — Doch, es iſt Unrecht, ſagte Anna freundlich.— Für mich gewiß nicht, fuhr Frau Brandes fort, ich verſichere Sie, ich thue und denke und rede da eben nichts anderes, als wenn ich mit Ihnen zuſammen bin, und ich verſichere Sie, daß 239 es mir eigentlich langweilig iſt, da zu ſitzen, und daß ich nur Luischens wegen hingehe.— Ich befreie Dich aber gänzlich von dieſer Verpflichtung, ſagte Luischen lachend, ich habe es hier meinen ſogenannten Bekannten ſchon ange⸗ kündigt, ſie möchten ſich freuen, daß ſie mich als überflüſſige Tänzerin los würden.— Das Gefrage und Geziſchel iſt mir nur ſo unangenehm, ſagte Frau Brandes, die Damen haben mich gefragt, wir gehörten wohl nun zu den Frommen. — WMich haben ſie auch gefragt, fiel ihr Luischen in das Wort, und ich habe geſagt: Ich gehöre noch lange nicht ſo viel dazu, als ich es wünſche. Aber, liebe Mutter, wenn wir nach Hauſe kommen, werde ich ein ganz anderes Leben anfangen.— Frau Brandes ſchüttelte bedenklich den Kopf. Ich liebe das Auffallende nicht, ſagte ſie, und ich ſehe es doch nicht ein, warum.— Warum? fragte Luischen, weil es mein Glück und meiner Seelen Seligkeit iſt, und weil ich nichts von der Welt mehr wiſſen will, und weil ich dem Herrn beweiſen will, daß ich ihn lieber habe als die Welt. Nein, Mutter, Du glaubſt nicht, wie wenig ich mich fürchte vor den Menſchen, die ſich über uns wundern und die über uns ſprechen möchten. Aber, fügte ſie nachdenklich hinzu, wir müſſen auch gar nicht das alte Leben wieder anfangen, wir müſſen mit einem Mal abbrechen; ſonſt iſt die Gefahr, daß wir uns nach und nach wieder hineinziehen laſſen. Befolgen Sie nur meinen Rath, nahm Anna das Wort, es iſt ſo leicht, ſo leicht. Aber freilich nur entſchieden 240 wiſſen muß man, was man will; merken die Umgebungen ein Schwanken, ſo haben ſie leicht gewonnen.— Sie haben gut reden, liebe Frau von Hohendorf, ſagte Frau Brandes, Sie wohnen auf dem Lande und haben ſich nach Niemand zu richten;ich aber lebe in einer großen Verwandtſchaft, und eine Freundin hängt an der anderen.— Nun, ſagte Luischen, das iſt auch nicht ſchwer, wir ſagen recht freundlich unſere Meinung und ſagen, auf welche Weiſe wir gern mit ihnen Umgang haben wollen, und dann iſt es ihre Sache, ob ſie darauf eingehen.— Sie haben das Mädchen gut angelernt! ſagte Frau Brandes. Ich habe ſie doch übrigens auch gottesfürchtig erzogen, ſetzte ſie etwas gereizt hinzu. — Sonſt hätte ich ſie auch nicht ſo ſchnell anlernen können, ſagte Anna freundlich. Ich weiß auch, daß Sie mir im Grunde nicht böſe ſind, aber ich rathe Ihnen herzlich, daß Sie Verkehr mit gläubigen Leuten ſuchen. Es iſt ſolche Gemeinſchaft doch eine rechte Stärkung und ein rechter Troſt. Nicht wahr? wandte ſie ſich zu Eliſabeth, die bis jetzt eine ſchweigſame Hörerin geweſen.— Eliſabeth reichte ihr die Hand und nickte freundlich. In Gedanken ſetzte ſie hinzu: Das habe ich hier empfunden.— Wer den Herrn einmal erkannt hat, ihn lieb hat, fuhr Anna fort, kann ſich in der Welt nie wohl fühlen, der Verſtand mag ihm die Sache noch ſo unſchuldig und harmlos und gefahrlos vorſtellen, der Stachel iſt im Herzen, das Herz hat nicht eher Frieden, als bis es dem Herrn Alles zum Opfer gebracht; Men⸗ ſchenfurcht und Eitelkeit und Hochmuth und all die Feinde, 241 die dem Zuge der Seele widerſtreben. Aber liebſte Frau, ſagte Frau Brandes, eine Freundin von mir iſt genöthigt, an einem Hofe zu leben, ihr Mann verlangt es von ihr, die Dinge mit zu thun, die Sie als ſo große Sünde ver⸗ werfen.— Die Dinge an und für ſich kann ich wohl nicht als Sünde verwerfen, entgegnete Anna ſchnell, nur die Art, in der ſie geſchehen. Wenn der Mann Ihrer Freundin es verlangt, ſo muß ſie es thun; ſie thut es dann weder aus Menſchenfurcht noch aus Eitelkeit, noch aus Hochmuth, ſie thut es aus Gehorſam, und weil es ihre Stellung in der Welt nothwendig mit ſich bringt; das wird weder ihr Ge⸗ wiſſen beunruhigen noch die Welt zweifelhaft machen, auf welcher Seite ſie ſteht, weil ja eben ihr ganzes Leben und Weſen außerdem für ſie zeugen. Den meiſten Menſchen aber, die da vorgeben, gezwungen zu ſein, möcht ich rathen, ſich genau zu prüfen, ob es wirklich Pflicht und Gehorſam und Nothwendigkeit iſt, was ſie in die Welt führt, oder die Schwachheit und Unſelbſtändigkeit des Herzens. Nun, liebe Mutter, ſagte Luischen, in ſolche ſchwierigen Verhältniſſe gehen wir nicht, alſo wollen wir uns damit nicht beunruhigen, obgleich Frau von Hohendorf auch darin gewiß Recht hat, daß der Herr in den ſchwierigſten Verhältniſſen, wenn wir ihm unſer Herz und alles, was ſich darin verſtecken möchte, Schwachheit und Eitelkeit jeder Art, aufrichtig übergeben, uns überall mit Frieden hindurchhilft. Wir nehmen uns einfach vor, mit Leuten nicht umzugehen, die uns nicht lieb ſind und nicht mit uns eines Herzens Meinung ſind. Eliſabeth. II. 16 242 Ratürlich nehmen wir Pflicht und Nothwendigkeit aus, ich meine eben die wirkliche Pflicht. Meinen Herrn Vormund werde ich pflichtmäßigſt beſuchen und ihm freundlich und dankbar ſein, aber wenn er mich zum Ball einladet, dann bedanke ich mich ſchön.— Luischen ſprach mit jugendlichem Muth und Eifer in der Art noch mehr, ſie fühlte wohl, daß ihre gute Mutter eigentlich mit ihr einverſtanden war, und daß ſie ſich gern zum Muth auffordern laſſen wollte. Endlich wandte ſich Anna zu Eliſabeth. Liebe Eliſa⸗ beth, Sie ſind heute ſo ſchweigſam.— Ich könnte doch nur zu Allem Ja ſagen, entgegnete Eliſabeth. Ich rathe Ihnen auch, fuhr ſie zu Luischen fort, machen Sie ſich mit einem Male von der Welt los, denken Sie nicht, daß es nach und nach geht.— Ja, die Welt macht ein junges Glaubensleben nur irre, ſagte Anna, und die Leute, die keine Gefahr in der Welt ſehen, ſind am übelſten daran. — Das geht auf mich, ſagte Frau Brandes gutmüthig, aber ich will mich gern belehren laſſen, und wenn mein Luischen ein ſolides und braves Mädchen iſt und nicht ſo leichtfertig und putzſüchtig und vergnügungsſüchtig, wie⸗ eigentlich— ja traurig genug iſt es— die meiſten jungen Mädchen jetzt ſind, ſo bin ich es auch zufrieden. Und wenn⸗ ſie auch hier die Geſellſchaften nicht mitmachen will, iſt es mir recht, weil es mir nebenbei ſehr bequem iſt. Es wurde nun von andern Dingen geſprochen, Eliſa⸗ beth aber blieb gedankenvoll. Ja, wie Luischen, ſo freudig und ſicher bin ich auch geweſen, dachte ſie, ich glaubte, es⸗ 243 ſei gar ſo leicht: mit friſchem Muth hindurch; aber es iſt nur leicht, wenn man es ernſthaft nimmt. Junge Mäd⸗ chen ſind leicht zu begeiſtern, wenn ſie aber nicht treu im Gebet vor dem Herrn bleiben, nicht jede Kleinigkeit, die ſie in der Liebe ſchon ſtören will, gewiſſenhaft zu überwinden ſuchen, wenn ſie nicht einfach auf Grund des Katechismus auf die Gebote des Herrn und auf das Schaffen mit Furcht und Zittern ihre Freudigkeit, ihre Zuverſicht und Seligkeit bauen, ſo iſt von der Begeiſterung nicht viel zu hoffen. Treu ſein in der geringſten Regung der Eitelkeit, des Hoch⸗ muths, der Menſchen⸗ und Weltliebe! Wer treu im Klei⸗ nen iſt, den will der Herr über Großes ſetzen. Die Macht der Welt beſteht eben darin, daß ſie mit geringen und un⸗ ſcheinbaren Kleinigkeiten ihren Kampf beginnt, und durch die Kleinigkeiten geſtärkt, immer feſter und kecker auftritt. — Alles, was Anna geſagt, war ſo einfach, ſo leicht, ſo unfraglich; und doch wie ſchwer iſt die Ausführung, dachte Eliſabeth. Selbſt jetzt, wo ihre Untreue ſich traurig gerächt, wußte ſie nicht, wie ſich ihr Leben in der Heimath, ihren alten Verhältniſſen gegenüber, geſtalten ſollte. Sie wußte es nicht, aber es durfte ſie auch nicht ſorgen, ſie wollte auch zu Hauſe nie über einen Tag hinausſehen und in den Schranken dieſes engen Tages gewiſſenhaft und treu in der Liebe zum Herrn wandeln. Das war gewiß: wenn wir dem Herrn unſer Herz und unſer Leben übergeben, hilft er durch die ſchwierigſten Verhältniſſe ſicher und glücklich, und fröhlich und freudig hindurch.— Wenn meine Mutter 16* 244 ſo entſchieden und freudig wie Anna mir zugeredet hätte, ſo wäre es vielleicht anders geworden, dachte Eliſabeth weiter, aber meine arme Mutter hat ſelbſt immer geſchwankt. Wie wird es dieſem jungen Mädchen noch ergehen, wenn die Mutter ihr nicht feſt zur Seite ſteht? Wie wird es ihr ergehen, wenn ſie ſich verheirathet? wenn die Noth des Herzens erſt beginnt? Die Freiheit der Mädchenzeit iſt lieblich und ſchön, das Herz iſt ſorglos und zuverſichtlich, es ſieht nur Freude und Glück vor ſich und die ganze Welt im ſchimmernden Glanze.— Eliſabeth wünſchte nicht die ſorgloſe Zuverſicht ihrer Mädchenzeit zurück, ſie beneidete auch Luischen nicht darum, die ſchweren Kämpfe, die ſie durchkämpfen mußte, beklagte ſie nicht. Sie nahm es im Glauben an, daß Alles vom Herrn kam, ſelbſt die Er⸗ fahrung, die ſie heute machte, daß die Freiheit ihr nicht ſüß, ſondern ſehr bitter war. 34. Thörichte Gefühle. Es war ſchon tief dämmerig, ihre Kinder ſchliefen ſanft und ſüß, da ſaß ſie noch auf dem grünen Vorſprung und ſchaute über das immer dunkeler werdende Meer. Im Norden ſtand ein hoher Wolkendamm. Wenn es morgen ſtürmt, können unſere Herren morgen nicht zurückkommen, hatte Anna geſagt, und hatte ſich ſelbſt bedenklich wegen des drohenden Wolkendammes mit ihrem alten Wirthe be⸗ ſprochen. Der Wind kommt aber aus Süden, war des Alten tröſtliche Antwort, ich glaube nicht, daß es ſtür⸗ miſch wird. Der Herr wird unſere Lieben behüten, hatte Anna zu Eliſabeth geſagt, und morgen freuen wir uns deſto mehr, wenn ſie zurück ſind. Daß Eliſabeth ſich wirklich auf den morgenden Tag freute, konnte ſie ſich kaum geſtehen, aber ſie freute ſich ſo ſehr. Wenn die Nacht vor⸗ über iſt und der Himmel iſt morgen früh licht und blau, will ich Dir, lieber Gott, von Herzen danken, dachte ſie, als ſie den grünen Vorſprung verließ und dann zur Ruhe ging. In der Nacht wachte ſie auf, ſie hörte das Brauſen des Meeres unter ihrem Fenſter und fuhr erſchrocken auf. Wenn die Seele ſich von Träumen losgemacht, iſt es ihr auch noch im Wachen ſchaurig. Iſt das wirklich Sturm? dachte ſie bange, ſie ſtand zitternd auf, ſi hatte nicht — 246 Ruhe und mußte es unterſuchen. Sie ging leiſe in die Kinderſtube, um einen großen Mantel umzuthun. Johanne war ganz verwundert. Das Meer brauſt, ſagte Eliſabeth, ich muß ſehen, ob es ſehr ſtürmiſch iſt. Johanne wollte ſie beruhigen, es ſei ſicher nur die Fluth, und wenn es wirklich ſtürme, würden die Herren gar nicht abreiſen. Das war ihr aber keine Beruhigung, ſie wußte, die Ge⸗ ſellſchaft wollte mitten in der Racht von Spiekeroge auf⸗ brechen, weil einige Herren eine Seehundsjagd beabſichtig⸗ ten, ſie waren alſo jetzt vielleicht ſchon mit dem kleinen Kahn auf den tobenden Wellen. Sie trat mit banger Erwartung aus dem Hauſe,— aber wie lieblich war es hier: die Fluth brauſte zwar ſchäumend gegen die Dünen, aber gar nicht ungewöhnlich. Ein lauer Wind wehte von Süden, die Sterne blinkten am klaren Himmel und im Morgen verkündete ein lichter Streif den nahenden Tag. O wie ſehnſuchtsvoll und ſelig und dankbar ſchaute ſie hinauf zum Himmel, ſie legte ſich keine Rechenſchaft ab über ihre Gedanken und ihre Gefühle, ſie ſah den nächſten Tag ſo licht und hell vor ſich, und es war ihr wieder ein Traum. Sie ging in die Kinder⸗ ſtube, ſie berichtete Johannen von der lieblichen Nacht, ſie küßte ihre ſchlafenden Kinder und ging wieder in ihr Zim⸗ mer. Hier ſtand ſie noch einige Augenblicke ſinnend vor dem Tiſch, auf dem ihres Mannes Sachen lagen. Pa⸗ pier, Federn, ein Meſſer und ein ſeidenes Ueberbindetuch, — ſie ſtand davor gerade ſo wie damals vor dem Sträuß⸗ 247 chen Moos und Tannenzweigen, was er auch in ſeinen Händen gehabt. Der Tag brach an, licht und warm und wunder⸗ ſchön, Eliſabeth ging ihm mit frohem Herzen 5 Mit der freudigen Erwartung im Hintergrunde wollte ſie es noch einmal mit der Freiheit verſuchen, verſuchen, ob es nicht doch eine rechte Erquickung ſei, ganz ohne Furcht vor Kämpfen ganz gemüthlich für ſich zu leben. So ähn⸗ lich wird es dann in der Zeit bei den Großeltern ſein, du wirſt dich frei und doch bei den Lieben nicht einſam fühlen, und er wird jeden Tag kommen,— das Manö⸗ ver ſollte ja ganz in der Nähe von Braunhauſen ſein. So dachte ſie, als eine gewiſſe Unruhe ſie wieder vor den Tiſch, worauf ſeine Sachen lagen, geführt hatte. Da war es ihr, als ob ſie bekannte Schritte hörte. Freudig fuhr ſie zuſammen, wie gern hätte ſie den Tag der Frei⸗ heit doch daran gegeben. Aber ſie war eine Thörin, ſie konnte ihn nicht vor Abend erwarten. Gleich nach dem Baden und dem nöthigen Laufen am Strande holte ſie Annchen und Paul zu ſich und zwar auf den ganzen Tag, Frau von Hohendorf hatte heftiges Zahn⸗ weh. Mit Kindern verkehrte ſie im Grunde am liebſten, mit Annchen ließ ſich auch ſo nett und vernünftig ſpielen, und nichts paßte zu ihrem Tage der Freiheit beſſer, als dieſe Geſellſcha§t. Um die Kinder in der Nähe des Hau⸗ ſes zu feſſeln, denn ſie durfte ſich wegen der Rückkehr ihres 248 Mannes natürlich keine Minute vom Hauſe entfernen, hatte ſie etwas ſehr Gutes ausgedacht. In dem kleinen Garten ſollte auf dem Platz, wo ſonſt eine Bank und Stühle IWe. ein Park angelegt werden. Sie hatten früher ſchon 3 en am Strande mit Muſcheln und Steinchen kleine Anlagen gemacht, die täglich von der Fluth weggewaſchen wurden; es war den Kindern ſehr einleuchtend, Zeit und Mühe hier an den ſolideren Boden zu verwenden. Es wurde nun ein förmlicher Plan entworfen, kleine Häuſer und Ställe und Grotten und Gewächshäuſer ſollten zwi⸗ ſchen Wieſen und Gartenanlagen ſich erheben. Eliſabeth ordnete an, und Annchen und Paul gingen, zu des klei⸗ nen Friedrichs Entzücken, tapfer an das Werk. Das Werk war mühſam, da man aber den Tag vor ſich hatte, wurde keine Arbeit geſcheut. Eliſabeth half den Kindern, ſie ging aber auch hin und her, ſie ſtand am Staket, ſchaute nach dem Meer, oder ſtand an der andern Seite und beobachtete die Fußſtege, die zwiſchen den kleinen grü⸗ nen Hügeln hindurch nach dem Waat führten. Sie ſaß gedankenvoll auf dem Vorſprung, dann ging ſie ebenſo gedankenvoll in das Zimmer und legte das ſeidene Ueber⸗ bindetuch in die Komode, bis ſie erröthend ſich ihrer Un⸗ ruhe ſchämte und wieder an ihre Arbeit zu den glücklichen vergnügten Kindern ging. Nachmittag waren die Anlagen ziemlich fertig, als Annchen ſagte: Nun müßten wir nur kleine Figuren haben, kleine Menſchen und Pferde und Hunde und Schaafe und gekämpft, darum wollte er ihr nicht böſe ſein; aber es betrübte ihn, und der Empfang jetzt beſtärkte ihn in ſei⸗ ner Stimmung. Als er in das Wohnzimmer und an das 249 Hühner. Die werde ich zeichnen, ſagte Eliſabeth, und Ihr malt ſie an. Das war aber ein Jubel! An Ort und Stelle wurde das Atelier eingerichtet, Eliſabeth auf einer Fußbank ſitzend und die Kinder knieend vor der Bank. Ueber dieſe ſehr intereſſante Unterhaltung vergaß Eliſabeth ihre Unruhe und ihre Erwartung, es fielen ihr immer neue Ideen ein und die ganze kleine Schöpfung an ihrer Seite war zu niedlich. So hörte ſie wirklich die Schritte ihres Mannes nicht, der vom Strande herauf in das Haus trat. Er ſah in die Stuben, Niemand war da, auch im Leinwandhäuschen war es ſtill. Von Niemanden erwartet zu werden, war ihm nicht recht; von Johannen und den. i Kindern hatte er es wenigſtens gehofft. Daß Eliſabeth gern die Tage allein war, das hatte er mit ſich durch⸗ Fenſter dort trat, hörie er Stimmen und erblickte die Kindergeſellſchaft. Er ging in den Garten und blieb an der Giebelecke ſtehen, es ging ihm wie damals, wo er über Eliſabeths Berathung mit dem alten Friedrich zur Befriedigung ihrer Reitluſt auf dem ſanften Yyſilanti ſei⸗ nen eigenen Kummer vergaß. Der Anblick war zu lieblich. Eliſabeth im weißen 3 MWullkleide, ſie wußte eigentlich nicht recht, warum ſie es angezogen, ſaß zwiſchen den Kindern und zeichnete gerade 250 eifrig. Aber Tante, ſagte Paul, warum haſt Du denn den Pferden ſo lange Ohren gemacht? Ich ſage Dir aber lieber Junge, entgegnete Eliſabeth etwas gereizt, es ſind keine Pferde, es ſollten nur welche werden, da ſie aber mehr wie Eſel ausſahen, habe ich ihnen gleich lange Ohren gemacht. Wir haben aber nun keine Pferde, die den Acker beſtellen, warf Paul ein. O, wir beſtellen mit Ochſen, es iſt ja Sandboden hier, troſtete Annchen. Deine Ochſen, Tante Eliſabeth, haben aber viel zu lange Beine, kriti⸗ ſirte Paul wieder. Es ſind ja die mageren Ochſen, ſagte Eliſabeth ganz ärgerlich, die kommen in den Futterſtall, nun mache ich die fetten ganz rund und mit kurzen Bei⸗ nen. Dann nimm Dich nur in Acht, daß ſie nicht wie die Schweine werden, warnte Paul. Aber, ſchalt ihn Annchen, die Tante macht den Ochſen ſo ſchöne, große Hörner! In dem Augenblick entdeckte Friedrich ſeinen Pap und lief ihm jubelnd entgegen. Eliſabeth ſtand ſchnell au ihm auch entgegen zu gehen, weil er aber erſt Friedrich begrüßte und dann erſt Anna und Paul, hatte ſie Zei ſich zu faſſen und ſeinen ruhigen freundlichen Gruß ebenſo zu erwiedern. Friedrich zog den Papa zu dem kleinen Kunſtwerk, er ſollte Alles ſehen und Alles bewundern, und er that es auch, und Eliſabeth ſtand ſtill dabei. und es war ihr, als ob ſie einen guten Traum gehabt und als ob ſie ſehr thöricht geweſen.* Tante Eliſabeth, ſagte Anna plötzlich, Herr von 251 Kadden müßte uns einige Pferde zeichnen. Unwillig blitzte es in Kaddens Augen, doch zwang er ſich zu ſcherzen. Anna, zu ihr ſagſt Du Tante und zu mir Herr von Kad⸗ den; Du weiſt doch, daß es meine Frau iſt? Ja, das weiß ich, ſagte Anna harmlos; ſie überlegte auch nicht, warum ſie ſo ſagte, aber er war doch ganz anders als ihr Papa mit ſeiner Frau.— Wenn Sie uns zwei Kutſchpferde und vier Ackerpferde machen könnten! bat Annchen. Er ſah fragend auf Eliſabeth, ſie reichte ihm Bleiſtift und Papier, und er zeichnete wirklich. Aber nicht nur die Pferde, nein, er war ſehr gütig, er verbeſſerte 5 die mageren Ochſen, er zeichnete auch einige Kühe und 3 aafe, und ging dann in das Zimmer. Eliſabeth konnte unmöglich länger mit den Kindern pielen. Sie ſaß auf ihrer Bank mit dem Arbeitszeug in der Hand und dachte kaum etwas. In vier Tagen wollten ſie abreiſen, da zwang ſie ſich, das Packen zu überlegen, 3 und wenn die Gedanken abſchweifen wollten, holte ſie ſie mit Gewalt zurück. Anna und Paul wurden abgerufen; ſie mußte mit ihren Kindern allein zu Abend eſſen, weil ihr Mann bald nach ſeiner Rückkehr mit einigen Herren an den Strand gegangen war. Johanne berichtete nur, daß die Herren gekom waren und ihn zu einem weiteren Spatziergang 8 uſteſen hatten; nach der unangenehmen Seefahrt in dem kleinen Kahne ſollte ihnen der Gang wohlthun. Herr 252 von Hohendorf war wegen der Zahnſchmerzen ſeiner Frau nicht dabei geweſen. Eliſabeth hatte ihre Kinder wie gewöhnlich zur Ruhe gebracht. Sie war in der letzten Zeit des Abends nie mehr allein geweſen, und je länger ihr Mann ausblieb, 3 je ſchwächer ward ihr Kampf gegen die Gedanken, die ihr doch zu nahe lagen, ſie ließ ihnen endlich ihre Freiheit. Im Norden ſtand wie geſtern Abend der dunkele Wolken⸗ damm, da hatte ſie bange über das weite Meer geſchaut und ihr Herz war doch glücklich in der Sehnſucht. Ja, ſie war ſehr thöricht geweſen, geſtern und heute den gan⸗ zen Tag! Sie ſchämte ſich ihrer Thorheit, und ſchämte 3 ſich, als ſie ſich jetzt geſtehen mußte, daß ihr ſchwaches Herz gar zu ſchwach war, daß es vergeſſen konnte all das Entſetzliche, was es erleben mußte, daß es noch ſo em⸗ pfinden konnten, wie in früherer glücklicher Zeit. Ihrs Mannes Rückkehr ſtimmte mit dem Abſchied geſtern überein, wenn ſie es ſich recht überlegte, war er aber bei beidem nicht unfreundlich. Auch daß er heute länger ausbliebk, war nichts ungewöhnliches, es war allein ihre Schuld, wenn ſie in den letzten beiden Tagen thöricht war, und wenn ſie ſich jetzt nach ſeiner Rückkehr getäuſcht fühlte. Das Verſprechen, ſie ſolle ſich nie wieder einſam fühlen, hatte er damals aus Mitleid gegeben; es war zwar bit⸗ ter, daß er es ſo ſchnell vergeſſen konnte, aberes war auch ganz natürlich. Sie nahm ſich ernſthaft vor, ſich ihre Thorheit gewiß nicht merken zu laſſen, gar nicht zu 253 thun, als ob ſie heute von ihm etwas Beſſeres erwartet hätte. Sie wollte jetzt immer ſehr vernünftig und ruhig ſein. Sie mußte ſich nur gewöhnen, ihre Gefühle und Stimmungen beſſer zu verbergen, ſie mußte lernen, ver⸗ ſchloſſen und kühl zu ſein; ſolchen Frauen wird das Leben weit leichter, ſie haben viel weniger Herzweh, weil die Männer ein warmes, thörichtes Herz nicht verſtehen und nicht würdigen können, und es ſo oft kränken und beun⸗ ruhigen, dachte ſie. Aber waren dieſe vernünftigen Vor⸗ ſätze nicht bedenklich? Hatte ſie ſich nicht ihr ganzes Le⸗ ben lang vorgenommen ſich zu ändern? Schon als Kind, wenn ſie meinte, von Eltern und Geſchwiſtern und Freun⸗ den mißverſtanden zu ſein, entſchloß ſie ſich, alle Gefühle für ſich zu behalten, ſie nie auszuſprechen, überhaupt mehr ernſt und ruhig zu ſein, und ehe ſie es ſich verſah, war ſie wieder ſo froh, ſo offenherzig, und drückte Alle in Liebe an ihr Herz.— Für jetzt war freilich ihr ganzes Lie⸗ besleben erſchüttert, beſonders heut Abend, wo der Ver⸗ ſuch, wieder warm und glücklich zu fühlen, nur wie eine neue Demüthigung auf ihrer Seele ruhte. Sie überlegte ſich ſehr genau, wie ſie gegen ihren Mann ſein müßte, wenn er zurückkehrte, ſie mußte jedenfalls freundlich und unbefangen ſein, weil er nicht ahnen durfte, daß ſie thö⸗ richt war und etwas von ihm erwartete, das er ſelbſt ihr, trotz ſeines Beſtrebens freundlich und gütig gegen ſie zu ſein, als etwas Zerſtörtes angekündigt. Bei ihren Gedanken überwachte ihr Auge ſuchend den 254 Strand. Die letzten einzelnen Spatziergänger verloren ſich, und ſie überzeugte ſich, daß ihr Mann bei irgend ei⸗ nem Bekannten eingekehrt und zu Abend gegeſſen. Sie ging in das Zimmer, ſie nahm ihre Bücher um zu leſen. Sie überlegte vorher noch einmal ihre guten Vorſätze, recht vernünftig und ruhig und kühl zu ſein und ihre thörich⸗ ten Gefühle zu verbergen.— Aber mitten in der Arbeit brach das ſchöne Luftgebäude, das ihr Verſtand ſo künſt⸗ lich aufgebaut, zuſammen. So beugte ſich mit der Bibek in der Hand auf den Tiſch und weinte bitterlich.— Nein, Herr, ich kann nicht verſchloſſen und kühl und ruhig ſein, ich kann nur thöricht ſein; aber Dir will ich meine Thor⸗ heit übergeben, Du wirſt mich entweder glücklich machen, oder mich tröſten. Ich habe ihn doch von ganzem Herzen lieb, ich kann es nicht ändern, mein Verſtand kann mir mit klugem Rath nicht davon helfen. Ihr Herz klopfte freudig, als ſie die Schritte ihres Mannes hörte. Er ſtand vor der Hausthür noch einmal ſtill, es war ihm ſonderbar, als ob er ein böſes Gewiſſen hatte. Früher hatte er gegen das Gefühl ein kurzes Mit⸗ tel: er trat Eliſabeth unbefangen und ruhig entgegen; wenn ſie dann gereizt, verletzt und ſchweigſam blieb, glaubte er mit Recht ebenſo ſein zu dürfen. Heute wies er mit Unwillen dieſen Gedanken zurück, mit einiger Spannung aber trat er in das Zimmer. Du haſt doch mit dem Abendbrot nicht lange auf mich gewartet? fragte er verlegen.— Nein, nicht lange, 255 war ihre freundliche Antwort.— Es ward an ſeinem Herzen unruhig, er mußte ſich entſchuldigen. Ich bin heut lange ausgeblieben, fuhr er fort, aber ich weiß, es iſt Dir nicht unlieb.— Sie ſchaute unwillkürlich ſchnell zu ihm auf, aber ebenſo ſchnell wieder nieder, ſie konnte nichts entgegnen.— Er trat jetzt zu ihr, nahm ihre Hand und ſagte ſeufzend: Ich glaubte, Du wareſt froh geſtern über mein Fortreiſen.— Ich glaubte es auch, war ihre leiſe Antwort.— Verzeihe mir, Eliſabeth! bat er— und ſtockte dann, er konnte nichts hinzufügen. Er konnte nicht ſagen: es ſoll dir nie wieder einſam ſein; nein, er war betrübt über ſich, daß ſeine Schwäche ſelbſt jetzt größer ge⸗ weſen als ſeine guten Vorſätze. Es war ihm heute wirklich ein Troſt, daß er ihr aus der Bibel vorleſen durfte. Er nahm im erſten Ko⸗ rinther⸗Briefe das dreizehnte Capitel und las„von der chriſtlichen Liebe Langmuth und Vortrefflichkeit.“ Als er geſchloſſen hatte, reichte ihm Eliſabeth die Hand und ſagte ihm gute Nacht. Sie dachte: es iſt nur gut, daß der Herr nicht verlangt, daß man kühl und abgeſchloſſen und vorſichtig ſein ſoll; Geduld und Liebe und Demuth üben, iſt doch ſeliger. Und als ſie ihren Mann kindlich und vertrauend anſah, da ward es ihm wieder ſo hoffend und tröſtlich zu Sinne. 35. Süßigkeit in der Pflicht. Nach zwei Tagen wurde von Herrn und Frau von Hohendorf herzlich Abſchied genommen. Madame Brandes und ihre Tochter gingen zugleich mit ihnen fort, Herr von Bühlen war ſchon acht Tage früher gegangen. Die Abende waren länger, die Inſel immer einſamer geworden, Eliſa⸗ beth ſehnte ſich nach der Heimath. Sie aber nicht allein. Johanne hatte gar keine Ruhe mehr; ſie hatte in Eliſa⸗ beth eigentlich die Sehnſucht erſt recht lebendig gemacht, ſie ſprach ſo gern von dem Aufenthalte bei den Großel⸗ tern, und wie ſich alle Leute freuen würden, daß Eliſabeth ſo wohl geworden. Den letzten Nachmittag, als alle Sachen gepackt wa⸗ ren, und ihr Mann einige Abſchiedsbeſuche machte, ging Eliſabeth mit den Kindern den Strand weit hinauf, und während ihre Leute mit den Kindern an einer paſſenden Stelle ſich zum Spielen niederließen, ging ſie allein noch weiter, bis nach den letzten grünen Dünen. Anna hatte ſie vor einigen Tagen hierher geführt, und jetzt hatte ſie den Muth, ſich ganz allein in dieſe Einſamkeit zu verlie⸗ ren; ſie wollte Abſchied nehmen von der Inſel und von der Zeit, die ſie hier verlebte. Sie beſtieg einen der höch⸗ ſten wellenförmigen Hügel. Es war ganz einſam hier, nichts regte ſich, die Sonne lag ſtill und warm auf dem 257 Sand und auf dem dürftigen Haidekraut und Dünengras, der Himmel war tiefblau, das Meer ſo licht, die Bran⸗ dung ſo ſilbern. Eliſabeth ſetzte ſich. Sie ſchaute auf das Meer, das ſo gleichförmig ſcheint und ſo unermüdlich das Auge feſſelt. Eine Woge rollt nach der andelſ, kriſtallenrein, friſch und ſchimmernd und ſchäumend bricht ſie ſich am hellen Strand. Das iſt ein erfriſchendes Rauſchen, mit jeder rollenden Woge athmet die Seele Kraft und Muth, ſie kann es nicht müde werden, immer noch einmal und noch einmal möchte ſie tief aufathmen und ſich verſenken in die weite, weite, ſo erquicklich rau⸗ ſchende Fluth.— Was kann der Herr aus einem ſchwa⸗ chen Herzen machen?— Eliſabeth ſaß mit gefalteten Hän⸗ den. Sie hörte das Rauſchen, ſie folgte jeder ſchimmern⸗ den Woge,— das war wie ein Segensrauſchen, immer wieder und wieder,— und immer neu und erquickend. Sie ſah aber auch auf zum Himmel, der rein und mild, ein Bild der Gnade und der Treue, ſein Friedenskleid weit über die Welt hingebreitet. Sie hätte ſich Flügel wün⸗ ſchen mögen, ſo wie die Seemöven, die über ihr mit ihren ſilbernen Fittigen gegen den blauen Himmel ſchwebten, oder ſich leiſe tauchten in den friſchen Schaum der Wogen. Ihr Herz war ſo leicht und ſelig. Wie elend an Leib und Seele war ſie hierher gekom⸗ men und wie durfte ſie wieder abreiſen. Sie fühlte keinen Groll, keinen Stachel, keine Demüthigung mehr. Sie hatte den Herrn von ganzem Herzen lieb und dieſe Liebe Eliſabeth. I. 17 —„ 258 litt nichts als Freude und Zuverſicht und Frieden in der Seele. Solches Liebes⸗ und Glaubensleben läßt ſich nicht beſchreiben, es iſt zu wunderſam, reich und herrlich. Wie ein ganzes Frühlingsleben, das Knospen und Entfalten der hunderttauſend Blüthen und Blumen,— es iſt nicht zu begreifen, aber es iſt da, es erfüllt die Seele mit Luſt und Sehnſucht und Freude und Dank. Eliſabeths warmes Herz ſehnte ſich in dieſer freuden⸗ vollen Stimmung nach ihren Lieben daheim; das liebe Großmutterherz ſollte ſich nie wieder ſorgen. Auch im Unglück kann man glücklich ſein, das hatte Eliſabeth er⸗ fahren; ſie ſah ſo getroſt jetzt in die unbeſtimmte Zukunft. Ja, wenn ſie auch manches Schwere in der Heimath er⸗ warten mußte, wenn ſie auch der Mutter und Emiliens und Tante Julchens und vieler anderen Leute Beobach⸗ tungen zu fürchten hatte,— jetzt dachte ihre Seele nicht daran, ſie ſchwebte mit den Seemöven vor dem klaren blauen Himmel und tauchte ſich mit ihnen in die kühle erquickliche Fluth. Der unangenehmſte Theil der Reiſe war überwunden. Das Aufſtehen mitten in der Nacht, das in dem kleinen Boote mehrſtündige Warten auf das Dampfboot, die un⸗ ruhige Meer⸗ und Weſerfahrt, das Transportiren der Sa⸗ chen vom Dampfboot zum Bahnhof, des Verſteuern und Verpacken,— die kleine Reiſegeſellſchaft ſaß endlich im Dampfwagen. Eliſabeth ſah es ihrem Mann an, daß er Kopfweh hatte, obgleich er die Mühe und Reiſebeſorgung 259 ruhig und bereitwillig auf ſich genommen. Jetzt ſaß er wieder in der Wagenecke mit geſchloſſenen Augen. Johannen war von der abſcheulichen Waſſerfahrt noch ganz übel und ſchlimm, die Kinder waren todtmüde und konnten nicht ſchlafen, Eliſabeth allein ſchien friſch und wohl. Ja, ſelig ſind die Sanftmüthigen. War ſie leiblich wohler als auf der Hinfahrt? Nein. Sie war auch müde von der durchwachten Nacht, ſie war auch angegriffen und unwohl und hatte Nervenunruhe in den Füßen und in der Stirn; aber ſie dachte nicht daran, es war ihr wunderſam ſelig und lieblich, ihre Pflicht zu erfüllen. Damals auf der Hinreiſe hatte ſie mit Bitterkeit auf ihren Mann ge⸗ ſchaut, ſie hatte gedacht: warum hat er keine Theilnahme für dich? du biſt auch unwohl und angegriffen,— es wäre ſeine Pflicht, für dich zu ſorgen; nun verlangt es dein Ehrgefühl, deine Stellung, daß du dich auch um ihn nicht kümmerſt, auch für die Kinder muß er ſorgen, muß ſie unterhalten, er kann die Laſt eher tragen als du. O, wie ſchwer war das, wie fühlte ſie ſich gefangen in Elend und Unglück, und was ihr damals die Quelle des Aergers, der Pein und der Qual war, wurde ihr heute die Quelle des Friedens und der Freude. Ja, ſelig ſind die Sanft⸗ müthigen. Sie beruhigte die kleine Marie, ſie nahm Friedrich auf den Schooß, ließ ihn zum Fenſter hinausſehen, erzählte ihm Geſchichtchen, alles in der ſtillen Sorge, damit ihr — 2 260 Mann nicht geſtört werde. Sie ſchob unbemerkt die Gar⸗ dine vor, um ihn vor den Sonnenſtrahlen zu ſchützen, ſie nahm Sachen, die die Kinder um ihn herum warfen, leiſe fort, ja, er ſollte es Alles nicht merken, ſie wollte es nur thun, weil es ihr ſo lieb war und ſie es nicht laſſen konnte. Er merkte es aber doch, er fühlte dieſes leiſe Thun der Sorge und Theilnahme zwiſchen den Kopfſchmerzen hindurch, es that ihm ſo wohl, zugleich aber war ihm dies ſorgſame Streben, ihre Pflicht zu erfüllen, ihr rührendes ſanftes Weſen ſeit dem Augenblick, wo er ſo drohend vor ihr geſtanden, immer nur ein Stachel. Dazu mußte er der Verhältniſſe in der Heimath gedenken; er wußte kaum, wie es werden ſollte. Seine Kopfſchmerzen⸗Verſtimmung kam dazu, daß er keinen klaren und tröſtlichen Gedanken faſſen konnte. Daß Eliſabeth jetzt zu den Großeltern ging, mußte er ihr gönnen, obgleich es ihm ſehr bitter war, Menſchen zwiſchen ſich und ihr zu wiſſen, die ihrem Herzen näher ſtehen durſten als er, zu denen ſie ſprechen konnte von Gedanken und Empfindungen, die ſie ihm zu verbergen ſuchte. Es hätte ihm vielleicht nahe liegen können, ſie zu bitten, gegen ihre Familie nichts zu erwähnen von der un⸗ glücklichen Scene, die ſie beide aus ihrem traurigen Neben⸗ einanderleben aufſchreckte; er konnte an die Bitte Verſpre⸗ chungen knüpfen, die wirklich ſeines Herzens aufrichtige Meinung waren, aber ſein ganzes Herz ſträubte ſich da⸗ —— 261 gegen. Er wollte Eliſabeth den Troſt des Ausſprechens, wenn es ihr Bedürfniß war, nicht verwehren; er wollte ihr Vertrauen nicht erzwingen, darum hatte er am vergangenen Abend noch einmal das Nöthigſte wegen ihres Aufenthalts in Woltheim mit ihr beſprochen. Die leiſe Hoffnung, die er gehegt, ſie möchte lieber mit ihm nach Braunhauſen als zu den Großeltern gehen, hatte er aufgeben müſſen; ſie dachte gar nicht daran, ſie dachte nur an die Verabredung die ſchon vor der Reiſe getroffen war. In der heutigen Verſtimmung hatte er auch nichts dagegen, es mußte für ihn jedenfalls bequemer ſein, wenn er erſt allein in Braunhauſen war. Auch das Manöver war ihm erwünſcht; in der Zeit konnte ſich manches, den neugierigen Beobachtern unbemerkt, wieder beſſer geſtalten. — Bei allen dieſen unangenehmen, verwirrenden Gedanken hielt er das Eine aber feſt, daß er und Eliſabeth in des Herrn Hand waren, und daß es in des Herrn Hand lag, ihr Verhältniß auch der Welt und den geſchäftigen Zungen gegenüber zu ordnen, wo möglich zu verbergen. Daß die Zungen jetzt ſchon ſehr beſchäftigt waren, und daß Gerüchte in der Heimath laut geworden, die über die Wahrheit hinausgingen, ahnete er freilich nicht.— Ein Oekonom aus der nächſten Umgegend war in Nordernei geweſen; auf dem Rückweg traf er auf dem Dampfſchiff mit Paſſagieren, die von Wangeroge zurückkehrten, zuſammen; ſie erkundigten ſich nach dem ſonderbaren jungen Paare, und 262 er ſchwankte gar nicht, eine Erklärung dazu zu geben. Auch in der Heimath unterließ er es nicht, die Beobachtun⸗ gen der Wangeroger weiter zu erzählen, die hier nach der ge⸗ wöhnlichen Art ſolcher Gerüchte ſehr gern gehört und im Erzählen immer wunderbarer und großartiger ausgeſchmückt wurden. Durch den Oberförſter, der etwas neutral da⸗ zwiſchen ſtand, hörte auch Eliſabeths Familie von dieſen Gerüchten, die zu Eliſabeths wenigen kurzen und eigen⸗ thümlichen Briefen in keinem Widerſpruch ſtanden, und eben ſo wenig zu dem Verhältniß, in dem ſie ſchon vor ihrer Abreiſe mit ihrem Manne lebte. Die Frau Oberförſterin und Emilie hatten ja Alles vorher geſagt, und es war eigentlich nur unbegreiflich, daß ſich irgend ein Menſch noch darüber täuſchen konnte. Die Frau Oberförſterin war aber gutmüthig und auch verwandtſchaftlich genug, Eliſabeths Partie zu nehmen, denn nach dem, wie es die Gerüchte ſchilderten, ſo hatte Kadden ſich in Wangeroge gar nicht um ſeine Frau bekümmert, ſie kalt und rückſichtslos be⸗ handelt. Seine Freunde in Braunhauſen waren dann freilich wieder geſchäftig genug, zu behaupten, das ſei das einzige Mittel, um neben der Frau, die gar nicht für ihn paſſe, das Leben erträglich zu finden. Die Meinung war förmlich in zwei Feldlager getheilt, und die Rückkehr der Vielbeſprochenen war ein wundervolles Ereigniß, und wurde mit großer Spannung erwartet. Die Reiſenden hatten der Kinder wegen in Hannover geruht, am anderen Tage ungefähr um Mittag hielt der 263 Zug vor der kleinen Station bei Braunhauſen. Die Schimmel ſtanden hier, auch das ſchöne nußbraune Pferd erwartete ſeinen Herrn,— außerdem aber noch eine ſehr unwillkommene Erſcheinung: Herr von Stottenheim. Er war ein zu aufrichtiger Freund, die Theilnahme hatte ihm keine Ruhe gelaſſen, verſicherte er, die lieben Reiſenden ſchon hier zu begrüßen.— Wie viel eine gewiſſe un⸗ ruhige Neugier dazu beigetragen, ein Verlangen, ſich zu überzeugen, daß ſeine Anſichten, ſeine Befürchtungen dem Freunde gegenüber endlich den Sieg gewonnen, das machte er ſich ſelbſt nicht klar. Eliſabeth begrüßte ihn natürlich verlegen, und nur auf ſeine Verſicherung, daß ſie außer⸗ ordentlich blühend und wohl ausſähe,— was zu ſeinen Erwartungen eigentlich nicht ſtimmte,— konnte ſie einige unbefangene Worte entgegnen. Während ihr Mann mit Packen und Anordnen beſchäftigt war, trat ſie mit dem kleinen Friedrich auf dem Arme zu dem hübſchen braunen Pferd, um es zu begrüßen, Stottenheim mußte mit Theil⸗ nahme nach ihr blicken, ſie ſah zu lieblich, freundlich und kindlich aus,— das ſtimmte auch nicht zu ſeinen Erwar⸗ tungen. Nur der Abſchied beruhigte ihn wieder: Kaddens zerſtreutes, ernſtes Weſen hatte jedenfalls den erwarteten Grund, und als er das Pferd beſtieg und dem Wagen vorausflog wie ein Pfeil, und Stottenheim ihm wieder unwillig zurief: So reite doch nicht ſo unvernünftig! da dachte er befriedigt: Ja die Sache iſt richtig. Damals flog er nur mit freudigen Blicken davon, um ihr früh ge⸗ 264 nug zu begegnen, jetzt ſucht er ihr mit düſteren Blicken zu entfliehen. Stottenheim, als er wieder neben ihm ritt, fühlte recht gut, daß, obgleich ſeine Freundſchaft ſich un⸗ geduldig nach einer vertraulichen Mittheilung ſehnte, er mit dem eigenthümlichen Freunde doch vorſichtig zu Werke gehen mußte. Für jetzt war gar nichts zu machen. Er that alſo unbefangen und erzählte höchſt lebhaft von den gering⸗ ſten Tagesneuigkeiten. 36. Die Freundſchaft der Welt. Kadden fand in ſeinem Hauſe Alles zu ſeinem Em⸗ pfange bereit, wie es vor ſeiner Abreiſe verabredet war. Die gute zuverläſſige Köchin, die bis jetzt das Haus ge⸗ hütet, ſollte die Wirthſchaft führen, den Burſchen hatte er zu ſeiner Bedienung. Nach dem einſamen Mittagsmahl verſuchte er es, ſich mit Arbeiten zu beſchäftigen. Aber wie ſeltſam zerſtreut und hingenommen war er, ſeitdem er die Luft von Braunhauſen athmete. Seitdem ihn Stotten⸗ heim mit der oberflächlichen und doch ſicheren Art in ſein altes Leben einzuführen geſucht, war es ihm, als ob er in den letzten Wochen geträumt,— als ob er der Welt ebenſo machtlos gegenüber ſtünde,— als ob ſie mit eben demſelben Rechte wie früher ſich ſeiner bemächtigen dürfe. Wenn er ſich hätte entſchließen können, nach Woltheim zu reiten! Aber er mochte Eliſabeths erſtes Zuſammenſein mit den Großeltern nicht ſtören; er konnte nicht anders glauben, als daß ſein Erſcheinen dort heute läſtig war. Eine geheime Scheu vor dem erſten Beſuche dort beſtärkte ihn in dieſer Annahme. Gegen Abend erſchien Stottenheim mit einigen andern Offizieren; alle freuten ſich ihn wiederzuſehen, und es ge⸗ lang ihm, ihnen gegenüber rühig und unbefangen zu ſein. Ihre Aufforderung, mit ihnen nach einem öffentlichen 266 Garten zu gehen, war natürlich, er war im Sommer immer mit ihnen gegangen und hatte keinen Grund, es jetzt abzuſchlagen. Ein Spatziergang mußte ihm wohl⸗ thun nach der langen, unangenehmen Reiſe, und in der jetzigen Stimmung wußte er nichts Beſſeres vorzunehmen. Er ging mit, und um ſich nur nicht unterhalten zu müſ⸗ ſen, ſchlug er ſelbſt eine Partie Kegel vor. Das iſt ein vernünftiger Menſch, dachte Stottenheim befriedigt, der wird ſich bald über alle Unannehmlichkeiten hinwegſetzen. Als ſie in der Dämmerung von ihrem Vergnügen zu⸗ rückkehrten, kam plötzlich der Oberförſter hinter ihnen her⸗ gefahren; nicht allein Stottenheim, auch die anderen Offi⸗ ziere bemerkten, wie unangenehm Kadden dies Begegnen war. Natürlich hielt der Oberförſter an, er begrüßte ihn, konnte aber auch ſeine eigene Spannung nicht verbergen, und der allezeit fertige Stottenheim übernahm glücklicher Weiſe für den Freund das Wort. Er erzählte, wie ſie ihn abgeholt und mit ihm eine Partie Kegel unternommen hätten, um ihm ſein einſames Leben zu verſüßen. Kad⸗ den war unzufrieden mit dieſer Erzählung und vergaß in ſeiner Zerſtreuung Grüße für Frau und Kind und die übrige Familie. Am folgenden Morgen hatte er wie gewöhnlich Dienſt; Nachmittag wollte er den ſchuldigen Beſuch bei Bonſaks machen, und dann gegen Abend wo möglich nach Wolt⸗ heim. Die Familie des Obriſten, durch Stottenheim von dem beabſichtigten Beſuche unterrichtet, war in großer 267 Erwartung den Nachmittag, beſonders aber Adolfine, deren müßige, thörichte Fantaſie von ſeltſamen Bildern erfüllt war. Schon im ganzen letzten Jahre, wo Herr von Kad⸗ dens Ehe als eine unglückliche beſprochen wurde, wandte ſich ihr ganzes Intereſſe, ihre Theilnahme auf den anzie⸗ henden jungen Mann, der ihre erſte Jugendliebe geweſen, und nicht gewöhnt, den böſen Gedanken, die über den Kopf fliegen, zu wehren, hatte ſie an dieſes Intereſſe be⸗ ſtimmte Bilder ihrer Zukunft geknüpft. Sie machte ſich nicht die geringſten Vorwürfe über dieſe Gefühle, ſie hatte ihn ja nicht zur Untreue verleitet, nein, Eliſabeth war durch ihr unvernünftiges Weſen ſelbſt Schuld daran, und wenn der Obriſt jetzt entſchieden es öfters ausſprach, für den armen Kadden ſei eine Trennung von der Frau das Ver⸗ nünftigſte, ſo folgerte ſie einfach: Ich würde eine weit paſſendere Frau für ihn ſein. Daß die Sache nun wirk⸗ lich ſo weit war, als ihre Fantaſie es nur geträumt, das erregte ſie mächtig, und in ſorgſamer Toilette und mit ſtrahlenden Augen hörte ſie Stottenheims Berichten zu, der ſich ſchon vor Kadden eingefunden, weil er bei dieſem intereſſanten erſten Beſuche natürlich nicht fehlen durfte. Aeußerſt freundſchaftlich und vertraulich überlegte er mit den Damen das Schickſal des Freundes. Er hatte eben ſein Zuſammentreffen mit der jungen Frau am Bahnhof erzählt, Kaddens Abſchied von ihr, ſein ganzes Weſen den Abend im Geſellſchaftsgarten, und endlich das verhängnißvolle Begegnen mit dem Oberförſter, dem weder ein Gruß an 268 die Frau noch an die Großeltern aufgetragen wurde. Ich bin überzeugt, verſicherte er, daß Kaddens Herz gewiß ſchon ganz und gar getrennt von ſeiner Frau iſt, und daß er ſie nur unter einem guten Vorwand zu den Großeltern geſchickt hat, um ſie auf dieſe Weiſe los zu werden. Sie glauben wirklich, daß er ſich ſcheiden läßt? fragte Adol⸗ fine geſpannt. Ich ſehe wahrhaftig keinen anderen Aus⸗ weg, ſo leid es mir thut, war Stottenheims achſelzuckende Antwort. Wir wollen dem armen Mann wenigſtens wün⸗ ſchen, daß es ihm gelingt, ſagte der Obriſt ſehr väterlich. Nach meinen Erfahrungen, die ich in der Welt gemacht habe, iſt immer, wenn einmal eine Ehe erſt ſo zerrüttet iſt, beſonders bei zwei Perſönlichkeiten wie dieſe, keine Rettung mehr möglich. Man muß geſtehen, ſie iſt eine beſondere, eine eigenthümliche Frau. Wenn ſie einen Mann hätte, der ſich von ihren Wunderlichkeiten nicht berühren ließe, der einfach und feſt ſeinen Weg ginge und ſie von der Wahrheit des Lebens zu überzeugen ſuchte, ſo ginge das. Er hat ſich aber in einem gewiſſen jugendlichen, fan⸗ taſtiſchen Aufwallen zu ſehr von ihrer Richtung hinreißen laſſen. Jetzt wird er freilich den Unſinn einſehen, jetzt wird er ſehen, wie weit er damit gekommen iſt.— Ich habe ihm einmal ganz freundſchaftlich die Gefahr ſeines Irrthums vorgeſtellt, begann Stottenheim eifrig, ich habe ihm wahrhaftig gezeigt, was wahr und richtig und was thöricht und unpraktiſch iſt, habe ihm vorgeſtellt, warum er mit ſeiner Frau nicht harmlos und heiter leben könne, 269 und daß ſie ſich gegenſeitig mit ihren ſchwärmeriſchen An⸗ ſichten beunruhigten. Ich verſichere Sie, der Menſch ge⸗ rieth in die höchſte Aufregung darüber, können Sie glau⸗ ben, daß er mich verſicherte, nicht ſeine idealen Anſichten machten ihm Noth, nein, nur die elenden Anſichten der Welt und der Geſellſchaft, und er hoffte ſeine arme Eliſa⸗ beth dem Giſthauche dieſer Geſellſchaft zu entreißen; ja, er wollte lieber ſein ganzes Leben mit ſeiner Heftigkeit und Rohheit kämpfen, als ſeine Frau nur etwas weniger zart⸗ fühlend zu ſehen. Ich hatte ihm nämlich gezeigt, wenn er eine einfache, verſtändige Frau hätte, die ſo kleine Ge⸗ witterſchauer, die in jeder Ehe vorkommen, etwas kalt⸗ herzig abzuſchütteln wüßte, würde er weit ruhiger leben. — Natürlich, ſagte Adolfine einverſtanden, und ſetzte in Gedanken hinzu: Wenn der Mann aufbrauſt, hält man ſich die Ohren zu und amüſirt ſich während ſeiner ſchlech⸗ ten Laune, ſo gut es geht. Das ſind eben die unglück⸗ lichen Anſichten dieſer beſchränkten, frommen Leute! ſagte der Obriſt kopfſchüttelnd, und ich fürchte, daß Kadden ſchon zu ſehr von dieſen Menſchen ſich hat umgarnen laſſen, daß es ihm ſchwer werden wird, ſich loszureißen.— Kön⸗ nen Sie nicht mit ihm ſprechen? ſagte Adolfine zu Stot⸗ tenheim. Sie ſind ſein Freund, Sie müſſen ihm rathen. — Ich fürchte, ich fürchte nur, entgegnete Stottenheim ſehr wichtig, daß er ſich jetzt vor mir ſchämt. Kadden hat einen zu ſelbſtändigen und ſtolzen Karakter, er wird ſich nicht entſchließen können, mir nach dem, was wir 270 zuſammen verhandelt haben, Recht zu geben. Er muß wirklich in einer höchſt fatalen Situation ſein.— Man muß überhaupt auch in ſolchen Dingen vorſichtig ſein, ſagte der Obriſt verſtändig. Ich werde ſchon Gelegenheit finden, mit ihm zu reden. Der arme junge Mann hat ja Niemanden in der Welt, der ſich für ihn intereſſirt. Für jetzt wollen wir freundſchaftlich ihm das Leben hier recht angenehm zu machen ſuchen, damit er ſich erſt über⸗ Jeugt, wie aufrichtig wir es mit ihm meinen. Man erzählte ſich noch, daß der Mann von Kaddens Schweſter nach Berlin verſetzt ſei, daß die Schweſter eine ſehr liebenswürdige, vernünftige Frau ſein ſolle, und hoffte von dem Einfluß dieſer Schweſter viel für das neue Glück des Freundes.— Adolfine war an das Fenſter getreten, ſie ſah den Erwarteten die Straße herauf kommen und ſagte zu Stottenheim, der zu ihr getreten war: Sehen Sie nur, wie düſter ſieht er aus.— Fürchterlich, fürchterlich! war Stottenheims Antwort. Wenige Minuten ſpäter trat Herr von Kadden ein. Es entſtand erſt eine kleine verlegene Begrüßungsſcene, da aber Kadden unbefangen und ruhig war, beſannen ſich die Uebrigen auch, und die Unterhaltung wurde lebhaft. Zu⸗ erſt war das Herbſtmanöver, das eine Menge fremder Truppen in dieſe Gegend zog, der Gegenſtand der Unter⸗ haltung, Kadden intereſſirte ſich dafür und erkundigte ſich nach all den Einzelnheiten. Dann kam man natürlich auf ſeine Reiſe und auf Wangeroge, er ſchilderte das Meer 271 und ſeinen Aufenthalt dort, die Erinnerung an ſein ſtilles und liebliches Zuſammenleben mit Eliſabeth machte ſein Herz warm, und obgleich er ihren Namen nicht zu nennen wagte, und obgleich er überhaupt nur mit wenigen Worten ſprach, ſo gab dieſe Erinnerung ſeinen Schilderungen etwas Bewegliches, was die Zuhörer nicht gleich mit ihren Voraus⸗ ſetzungen zuſammenreimen konnten. Nur Adolfine war entſchieden darüber: Das Gefühl der Freiheit hat ihn ſo beſeligt! Und wirklich, dieſer warme und wieder ſo ge⸗ dankenvolle Ausdruck in ſeinen Zügen war ihren verwirrten Fantaſien ſehr anziehend. Als Kadden doch nicht laſſen konnte zu erwähnen, daß der Aufenthalt am Meere ſeiner Frau ſehr wohl gethan, erhielt er kaum eine Antwort. Es war zu auffallend, als daß er es nicht hätte merken ſollen, nur der allezeit fertige Stottenheim verſicherte eiligſt, daß ſie allerliebſt ausgeſehen, ganz friſch und wohl, als er das Vergnügen hatte, ſie an der Eiſenbahn zu treffen. Kadden empfahl ſich und Stottenheim ging mit ihm, Er war zu unangenehm berührt durch das ſonderbare We⸗ ſen der Bonſakſchen Damen, als er von ſeiner Frau ge⸗ ſprochen, als daß er nicht Stottenheim augenblicklich nach der Urſache hätte fragen ſollen. Mein lieber Freund, begann Stottenheim bedächtig, ich kann Dir nicht verhehlen, daß man hier überall weiß, wie Du mit Deiner Frau ſtehſt.— Wie ſtehe ich mit ihr? fuhr Kadden auf.— Stotten⸗ heim erzählte nun ſehr vorſichtig von den Gerüchten, die hierher gelangt waren.— Die Welt iſt verwirrt, ſagte 272 Kadden ruhiger, Du aber weißt recht gut, daß meine Frau ihrer Geſundheit wegen gerade in Wangeroge ſo ganz für ſich leben ſollte, und darum allerdings wenig in Geſellſchaft war.— Mich hat es auch durchaus nicht gewundert, ſagte Stottenheim vertraulich, ich wußte ja, wie die Sachen hier ſchon ſtanden, aber, liebſter Freund, ich verſichere Dich, mein Herz fühlt mit Dir das Unglück, was das Schickſal über Dich verhängt hat. Mir wirſt Du die Wahrheit nicht verbergen wollen, ich wußte ja längſt, daß dieſer Con⸗ flikt, der die Leute beſchäftigt, nothwendig kommen mußte, nicht durch Deine Schuld, wahrhaftig nicht durch Deine Schuld.— Der die Leute beſchäftigt? fragte Kadden mit bebender Stimme, vielleicht auch die Familie meiner Frau? — Natürlich, fiel Stottenheim ein, ſie ſind Feuer und Flamme, ich hörte nur, wie die Frau Oberförſterin ſich darüber ausgeſprochen hat.— Die Frau Oberförſterin? wiederholte Kadden bitter und ſagte dem Freunde, weil er eben vor ſeiner Hausthür angekommen war, kurz Adieu. Als dieſer ihn zu einem Spatziergang gegen Abend auf⸗ forderte, nickte er zerſtreut und ließ ſich ebenſo zerſtreut von ſeinem Burſchen, der feiernd auf der Straße ſtand, die Hausthür öffnen. Gedankenvoll ging er in ſeinem Zimmer auf und ab, erfüllt von dieſen Nachrichten und noch bedrückt von dem Beſuche bei Bonſaks und wirklich unwohl und mit benommenem Kopfe, konnte er unmöglich nach Woltheim; er entſchloß ſich hier zu bleiben. Eliſabeth war den Tag vorher glücklich mit den Kin⸗ 273 dern bei den Großeltern angekommen. Sie wurde ſehr freudig empfangen, gleich ſo liebreich erfriſcht und gepflegt, ſie ſchienen gar keine anderen Gedanken als die der Liebe und Theilnahme für ſie zu haben. Sie hatten aber noch andere Gedanken, und trotz des Scheines fühlte Eliſabeth, daß etwas zu erörtern war, daß außer der Liebe auch Sorge ihre Seelen beſchäftigte. Als die Kinder früh ſchon ruhig ſchliefen, Oberförſters ihren Beſuch gemacht hatten, und Onkel Karl wieder ſeinen einſamen Geſchäften nachging, ſtanden die Großeltern mit Eliſabeth am Fenſter und ſchauten, wie die Abendröthe ſich immer tiefer hinter den Tannenbergen ſenkte. Da nahm der Großvater Eliſabeths Hände in die ſeinigen, er ſah ihr freundlich in die Augen und ſagte: Nun Eliſabeth, wie geht es Dir?— Eliſabeth, in der ängſtlichen Sorge, die Großeltern nicht zu betrüben, ſagte bewegt: Ihr lieben Großeltern ſollt Euch nie mehr ſorgen um mich, der Herr will mir wieder helfen, ich bin ſehr froh,— wenn ich auch unglücklich wäre, ſetzte ſie leiſer hinzu. Aus ihren Augen ſchaute, als ſie ſprach, eine ſo liebliche Zuverſicht und Freu⸗ digkeit, daß den Worten wohl zu glauben war. Das Großmutterherz hatte den Liebling umarmt und ſah traurig aus, es war ihr mit dem Unglück doch nicht recht, und die Beſtätigung von der Welt Gerede, die ſie in Eliſa⸗ beths Worten fand, legte ſich ſchwer auf ihr Herz. Der Großvater aber richtete Eliſabeths Kopf leiſe auf und ſagte zu ſeiner Frau; Nun dürfen wir nicht traurig ſein, ſieht Eliſabeth. II. 18 — 274 ſie nicht wirklich glücklich aus?— Eliſabeth, von der war⸗ men Enmpfindung ihres Herzens überwältigt, ſchlug ihre Hände zuſammen und ſagte: O, Ihr habt Recht gehabt, immer Recht gehabt, es giebt nichts Seligeres, als wenn man den Herrn lieb hat, ihm vertraut und gar nicht anderes will, als von ihm getragen ſein. Man kann Alles, Alles dafür hingeben! Nun müßt Ihr mit mir froh ſein, und Euch nicht betrüben, ſetzte ſie bittend hinzu.— Haſt Du gar nichts zu klagen? fragte die Großmama.— Nein, ſagte Eliſabeth nachdenklich, Alles, was mir der Herr ge⸗ ſchickt hat, war zu meinem Heil.— Nun gut, ſagte der Groß⸗ vater kurz, ſo ſollſt Du uns auch nichts klagen; wenn Du Frieden haſt, wollen wir mit Dir dem Herrn danken.— Er wird auch Alles gut machen, auch mit der Zukunft, ſagte Eliſabeth vertrauend und hoffend.— Er wird es gut machen, entgegnete der Großvater, die ewige Seligkeit iſt unſere Zukunſt, und wenn wir in Gott ſchon hier ſelig ſind, ſo fürchten wir uns auch vor dieſem kurzen Erden⸗ leben nicht. Nicht wahr, Eliſabeth?— Ich fürchte mich nicht, ſagte ſie ſehr getroſt. Das war die Mittheilung, die Eliſabeth den Groß⸗ eltern zu machen hatte, weiter wollte und konnte ſie nichts ſagen. Es war auch vollſtändig genug. Wenn es ihr weh und bange und einſam werden ſollte, konnte ſie ſich von ihnen tröſten laſſen in der Hoffnung, die über Glück und Leid hinaus geht, bei ihnen fand ſie immer Verſtändniß und immer Liebe und Rachſicht. Als ſie noch erwähnte, 275 daß ſie ihrer Mutter ſchreiben wollte, hörte ſie, daß dieſe in den nächſten Tagen erwartet wurde. Sie ſah bange den Großvater an, er lächelte. Ja Großvater, ſagte Eliſa⸗ beth ſeufzend, ich fürchte mich, ſie wird unglücklich ſein, und das thut mir ſo ſehr leid. Und der Herr wird ihr die Trübſal auch zum Segen ſein laſſen, entgegnete der Groß⸗ vater, das muß Dich tröſten. Den andern Nachmittag kam die Frau Oberförſterin wieder. Sie wäre ſchon früh gekommen, hätte ſie ein Beſuch nicht abgehalten; ſie mußte den Eltern das Be⸗ gegnen ihres Mannes mit Kadden erzählen. Sie war ſehr beſchäftigt mit der Sache, und obgleich ſie es treu meinte, hatte das ſchwache Herz ſein Theil daran. Solche Ereigniſſe, wenn ſie auch noch ſo traurig ſind, ſie ſind doch intereſſant und werden auch von Chriſten oft gern und zuviel beſprochen. Sie ſtand jetzt mit ihren Eltern im Fenſter und ſchüttete ihr Herz aus. Die Sache war gar nicht zu bezweifeln: anſtatt hierher zu kommen, hatte er den Nach⸗ mittag mit den Offizieren gekegelt, er hatte auch keinen Gruß für Frau und Kind. Die Großmutter hörte es ſehr traurig an, der Großvater aber ſagte: Wir müßten recht undankbar ſein, wenn wir den Herrn nicht preiſen wollten für das, was er ſchon gethan hat. Eliſabeth iſt ſo wohl und ftiſch, iſt ſo ganz anders, iſt zufrieden, das iſt genug.— Sie iſt alſo nicht unglücklich darüber? ſagte die Oberförſterin nachdenklich. Es iſt wahr, ſie iſt ganz anders als vorher, ich habe mich auch ſchon. darüber gewundert. Freilich, wer 18 —. 276 weiß, wie er ſie behandelt hat, endlich regt ſich doch auch der Stolz und das Selbſtgefühl einer Frau, und die Liebe muß endlich verſchwinden.— Der Großvater ließ ſich auf keine Erklärungen ein. Eliſabeth im hellen Sommerkleide, eine weiße Georgine auf der Bruſt, ſpielte mit ihren beiden Kindern auf dem Raſenplatz.— Sie ſieht mir gerade nicht aus, als ob Stolz und Selbſtgefühl ihr Troſt wären, ſagte er nach einer Pauſe, in der ſie alle drei Eliſabeth ſinnend beobachtet hatten.— Lieber Vater, Du verſtehſt es, wie ich es meine, ſagte Julchen.— Ja, ich verſtehe Dich, ſagte er ernſt, und wir wollen uns nicht mit unnöthigen Ge⸗ danken zerſtreuen, wir wollen fleißiger beten und für uns Alle ſagen: Abwend all unſern Jammer und Noth! Er trat mit beiden Frauen in den Garten. Eliſabeth war in unruhiger Erwartung,— ihr Mann mußte heute kommen,— ſie wollte eben wieder auf die Wieſe gehn, als ſie in dem Reiter, der an der Hecke her kam, den Burſchen erkannte. Sie eilte mit Friedrich an der Hand und der kleinen Marie auf dem Arme hin. Der Burſche reichte ihr einen Brief und mit klopfendem Herzen ſah ſie hinein. Liebe Eliſabeth! Ich fühle mich heute unwohl, mor⸗ gen hoffe ich Dich und die Kinder zu ſehen. Gott befohlen! H. v. Kadden. Nachdem ſie die Worte geleſen, war ihr erſter Ge⸗ danke, ſie müſſe mit den Kindern zu ihm fahren, aber das wagte ſie doch nicht, ſie wollte erſt ſchreiben. Die Groß⸗ eltern waren mit der Oberförſterin indeſſen näher getreten, 277 Eliſabeth theilte die Rachricht mit und fragte, ob ſie wohl ſelbſt hin müſſe.— Iſt der Herr ſehr unwohl? fragte Herr von Budmar den Burſchen.— Ich hörte doch, daß ihn Herr von Stottenheim zum Spatzierengehen abholen wollte, ſagte der Burſche beruhigend.— So iſt es nicht nöthig, daß Du hingehſt, ſagte der Großpapa freundlich zu Eliſa⸗ beth, hoffentlich kommt er morgen ſelbſt.— So beſtellen Sie, daß wir morgen warten, ſagte Eliſabeth und konnte ſchwer ihre Traurigkeit verbergen. Laß den Papa auch bitten, daß er kömmt, wandte ſie ſich zum kleinen Friedrich. Der Kleine machte ſeine Beſtellung.— Du kannſt noch nichts beſtellen, ſagte dann Eliſabeth ſo gedankenſchwer zu ihrem kleinen Mädchen. Das Großmutterherz mußte ſich abwenden, um ihre Thränen zu verbergen, alle gingen ſchweigend zum Hauſe zurück. Eliſabeth blieb mit den Kindern außen, während die Uebrigen in den Gartenſaal traten. Ich werde doch morgen ſelbſt zu ihm fahren, ſagte der Großvater, nachdem ſie alle drei einige Zeit ſchweigend neben einander geſeſſen hatten.— Aber, lieber Vater, nahm die Oberförſterin beſcheiden und doch in ziemlicher Auf⸗ regung das Wort, das würde ich nicht thun, er müßte doch zuerſt kommen.— Liebes Julchen, wenn es mir aber leichter wird, zu ihm zu gehen, als daß er zu mir kommt? ent⸗ gegnete Herr von Budmar.— Die Welt ſagt ſchon, wir möchten ihn mit aller Gewalt halten, wir möchten ihn nicht laſſen, fuhr Julchen fort.— Run ja, das wollen wir auch nicht! unterbrach er ſie verwundert, darin hat die Welt 278 ganz recht.— Es iſt aber eine große Demüthigung für unſere Familie, ſagte die Oberförſterin wieder, ich würde wenigſtens, wenn wir auch nie in eine Scheidung willigen, ihm Eliſabeth doch nicht wieder aufdringen.— Aber Jul⸗ chen, ſagte die Großmama zürnend, ſo weit iſt es doch noch nicht?— Ihr habt es von Anfang an nicht glauben wollen, ſagte Julchen bedenklich, jetzt aber muß man der armen Eliſabeth wegen vorſichtig ſein. Ich begreife nur nicht, daß ſie ſich gegen Euch nicht ausgeſprochen hat.— Ich begreife es, ſagte die Großmama ſchnell. Ich auch, fügte Herr von Budmar hinzu, und die Unterhaltung war damit abgebrochen. 37. Die lieben Großeltern. Am folgenden Tage war Herr von Kadden eben von der Uebung zurückgekehrt, als die Schimmel vorfuhren. Er ſtand einige Sekunden unſchlüſſig mit der Thürklinke in der Hand, dann eilte er die Treppe hinunter. Er begrüßte den alten Herrn etwas zerſtreut und nahm ſeinen lieben, kleinen Friedrich, der durchaus mitfahren und den Papa beſuchen wollte, auf den Arm. Als ſie im Zimmer waren, nahm Herr von Budmar Kaddens Hand und ſagte freundlich: Da Sie nicht zu uns kommen, komme ich zu Ihnen.— Hat Ihnen Eliſabeth Alles erzählt? fragte Kadden ſeufzend. — Eliſabeth hat uns nur geſagt, daß ſie glücklich iſt trotz allem Unglück, war Herrn von Budmars Antwort.— Kad⸗ den ſah ihn fragend an. Nichts weiter?— Wir waren völlig mit der Antwort zufrieden geſtellt, entgegnete Herr von Budmar, und ich komme, um zu hören, wie es Ihnen geht, mein lieber Ottv.— Ich hoffte auch ſo antworten zu können, ſagte Kadden traurig, ſeitdem ich aber hier bin, iſt es mir, als ob ich verwirrt wäre, als ob mir aller Muth vergangen wäre.— Wie ſo? forſchte der Großpapa. — Die Luft hier bedrückt mich, und die Menſchen bedrücken mich, ich fühle eine Laſt auf meiner Bruſt, es iſt als ob ich nicht denken kann, wie ich möchte, nein, als ob ich denken müßte, wie ſie es wollen.— Lieber Otto, ſagte der alte Herr, 280 Sie ſind ein freier Mann.— Gewiß bin ich das, unter⸗ brach ihn Kadden, aber Sie glauben nicht, wie ſchwer es iſt, wenn man von Jugend auf in der Welt gelebt hat, wenn man von Jugend auf gewöhnt iſt, auf ihr Ur⸗ theil, auf ihre Mienen zu lauſchen, wie ſchwer es iſt, über ihr zu ſtehen! Wenn ich in der Fremde lebte, wenn ich mein eigner Herr wäre, ſo wäre aller Kampf vorbei. Aber hier mitten in einem Leben, das von allen Seiten mich angreift, mich ſtört, das mich fortwährend mit Menſchen zuſammenführt, die ich meiden möchte, da, ja ich will es Ihnen bekennen, da fühl ich mich wieder ſchwach.— Schwach ſind wir alle, ſagte der Großvater, im Herrn aber ſind wir ſtark, kräftig und herrlich, da überwinden wir die Welt.— Kadden reichte ihm die Hand und ſagte: Haben Sie noch etwas Geduld mit mir, der Herr wird auch mir helfen.— Mir iſt nicht bange, entgegnete der alte Herr lächelnd, nein, ich ſehe mich ſchon hier an Ihrer Seite, wo ich Sie er⸗ mahnen muß, daß die Welt dennoch Anrechte auf uns hat. — Nein, das ſoll ſie gewiß nicht haben! ſagte Kadden heftig.— Da haben wir es, fiel der Großpapa freundlich ein.— Ich danke Ihnen, daß Sie Nachſicht mit mir haben, ſagte Kadden bewegt, Sie ſollen mir aber wieder trauen lernen. Und auch Eliſabeth wird es wieder lernen! fügte er ſeufzend hinzu.— Herr von Budmar ſchwieg zu dieſen Worten, er wußte ja nicht, wie es zwiſchen beiden ſtand, er ſchwankte auch, ob er, nachdem er in der Hauptſache beruhigt war, noch das Geſpräch der Leute erwähnen ſolle.— 281 Es iſt mir ganz lieb, daß ich jetzt allein ſein muß, fuhr Kadden fort, wenn es mir auch ſchwer wird, es iſt gut ſo. Entſchuldigen Sie mich, wenn ich in dieſer Zeit nicht oft nach Woltheim komme. Und wenn ſich die Frau Ober⸗ förſterin darüber beunruhigt, fügte er etwas bitter hinzu, ſo beruhigen Sie ſie doch.— Aber die Großmama wer⸗ den Sie heute begrüßen, ſagte Herr von Budmar.— Natürlich, entgegnete Kadden ſchnell, ich komme ſo gern. — Die Frau Oberförſterin ſoll auch gewiß heute keinen Einlaß haben, verſicherte der alte Herr.— O verzeihen Sie mir, bat Kadden.— Nein, ganz gewiß nicht, ver⸗ ſicherte Herr von Budmar noch einmal. Jetzt klopfte es an die Thür, Stottenheim trat ein. Er hatte die Schimmel vor der Thür geſehen und konnte es nicht laſſen, ſeinem Freunde bei irgend einer, jedenfalls ſehr ereignißvollen Scene, als ein Schutzengel muthig zur Seite zu ſtehen. Mit ſeinem äußerſt gefälligen und ſich immer gleichbleibenden Weſen und Worten trat er ein. Daß der alte Herr ſo gemüthlich und ruhig ihn begrüßte, hätte ihn beinahe etwas aus der Contenance gebracht, aber er war ein Mann von Lebensart, und einige verbindliche Worte floſſen ihm gewandt von den Lippen. Ich kam eigentlich, Dich zum Diner beim Obriſt abzuholen, wandte er ſich dann zu Kadden.— Ich gehe nicht mit, ich werde nach Woltheim reiten, entgegnete Kadden ruhig.— Stot⸗ tenheim zuckte bedenklich die Achſeln. Du haſt es ange⸗ nommen, ſagte er, es iſt das erſte Mal nach langer Zeit. 282 Du weißt, die fremden Herren ſind alle dort.— Eſſen Sie erſt zu Mittag mit den Herren, rieth der Großpapa, dann kommen Sie und bleiben den Abend bei uns, es iſt Mondenſchein.— Kadden ſchwankte einen Augenblick, dann entſchloß er ſich zu bleiben. Aber lieber Friedrich, wandte er ſich zu dem Kleinen, ſoll ich mich ſo ſchnell wieder von Dir trennen?— Den nehmen wir mit, ſchlug Stotten⸗ heim lebhaft vor, die jungen Damen dort werden ſehr glücklich ſein, ihren kleinen Liebling wieder zu ſehen. Ich verſichere Sie, er iſt dort ſehr gut aufgehoben, wandte er ſich zu dem alten Herrn, von dem er natürlich einen Ein⸗ wand erwartete.— Er hatte ſich wunderbarer Weiſe wie⸗ der geirrt. Herrlich! ſagte der Großpapa, Friedrich bleibt bei dem Papa, für den kleinen Menſchen iſt Nachmittag bald eine Equipage angeſchafft.— Ich bleibe bei meinem Papa! ſagte das Kind glücklich, ließ ſich von ihm auf den Arm nehmen und ſehr warm an das Herz drücken. Die Sache war abgemacht. Herr von Budmar nahm Abſchied und ließ ſich von den jungen Leuten zum Wagen geleiten. Stottenheim ging nicht noch einmal mit Kadden hinauf, es war ihm ganz lieb, mit den Damen Bonſak noch eine vertrauliche Unterredung zu haben, er eilte darum dem Freunde voraus. Sehen Sie meine Damen, begann er gleich ſehr wich⸗ tig, als er kaum eingetreten war, es hilft mir Alles nichts, mein armer Freund wird wie ein Conſeribirter gefordert und wird dem Rufe Folge leiſten. Ich fand die Schim⸗ 283 mel vorhin vor ſeiner Thür und den alten Herrn von Bud⸗ mar bei ihm.— Es iſt eigentlich unbegreiflich, daß ſie zuerſt zu ihm kommen! ſagte Frau von Bonſak.— Die Menſchen haben kein Gefühl, fiel Adolfine eifrig ein, ich ſollte glauben, er hat ſeine Meinung durch ſein Betragen in dieſen Tagen deutlich kund gegeben.— Er hat auch heute ſeine Frau nicht grüßen laſſen, verſicherte Stotten⸗ heim. Er ging dann in ſeinen Vorausſetzungen kühnlich weiter, in dem ſtolzen Gefühl, eine wichtige Perſon zu ſein und das Schickſal ſeines Freundes zu leiten oder ganz und gar in Händen zu haben. Der Freund trat ſelbſt ein. Sein kleiner Begleiter gab ſogleich den Stoff zur Unterhaltung, die Damen wa⸗ ren in zärtlicher Auftegung für dies liebe Kind, daß ſie wirklich noch kannte, beſonders Cäzilien, die im vergan⸗ genen Sommer Eliſabeth oft beſucht, dann ſich mit den Kindern viel beſchäftigt hatte, und wirklich ſehr liebreich und verſtändig war. Heute aber mußte Adolfine den klei⸗ nen Friedrich ganz allein haben, er mußte auch bei Tiſch bei ihr ſitzen, und Kadden, der an ihrer andern Seite ſaß und von ihren unglückſeligen Gedanken keine Ahnung hatte, bedankte ſich beim Abſchied aufrichtig und herzlich für die Sorge und Mühe, die ihr das Kind gemacht. Die Großmutter und Eliſabeth gingen gegen Abend vor dem Hauſe hin und her, als der erwartete Reiter in den Garten einbog,— nicht ſehr ſchnell, er hatte den klei⸗ nen Friedrich vor ſich auf dem Pferde. Beide gingen ihm 6 284 entgegen, Eliſabeth nahm ihm das Kind ab. Er ſtieg vom Pferd, übergab es dem alten Friedrich und begrüßte nun die Großmama, die ihm ebenſo liebreich in die Au⸗ gen ſchaute, als beim Abſchied. Wie wohl that ihm das, ein Stein mehr fiel von ſeiner Bruſt. Er reichte ihr den Arm und ſagte bittend: Es iſt ſo unrecht, daß ich nicht geſtern ſchon gekommen bin, verzeihen Sie mir nur. Die Großmama ſah ihn freundlich an und ſagte: Ich weiß ja doch, daß Sie mich nicht vergeſſen haben. Gewiß nicht! entgegnete er warm und küßte ihre Hand. Jetzt kam ihnen Johanne mit Mariechen entgegen, er nahm ihr das Kind ab, er herzte und küßte es und trug es bis zum Hauſe, wo der Großvater und Onkel Karl ſchon grü⸗ ßend in der Thüre ſtanden. Sie gingen alle nach der nahen Linde, und Eliſabeth machte ſich hier ſogleich mit dem Theetiſch zu ſchaffen. Kadden war, als ob er von einem böſen Traum be⸗ freit wäre. Sie waren ja alle wie früher gegen ihn, der Großvater war nur vergnügter als bei ſeiner Abreiſe, und die Großmutter noch herzlicher. Sie ſchaute ihn zuweilen ſo innig und vertrauend mit ihren lieben Augen an, ſie reichte ihm auch ihre Hand und ſagte leiſe: Ich freue mich, daß Sie wieder hier ſind. Ja, daß iſt auch wunderbar im Verkehr der Kinder Gottes untereinander: wenn ſie in der Hauptſache einig ſind, verſchwinden menſchliche und weltliche Intriguen, Ver⸗ wicklungen und Verlegenheiten wie Nebel vor der Sonne, ———— 285 es iſt Alles licht und klar, iſt gar nichts zu befuürchten, es ordnet ſich Alles von ſelbſt.— Warum ſollte die Großmama nicht liebreich gegen den ihr ſo lieben Sohn ſein? Sie hatte heute von ihrem Mann die tröſtlichſten Nachrichten über ihn; die Befurchtungen, womit die Welt ſie ſchrecken wollte, waren gänzlich dadurch zerronnen, er war nur verleumdet. Der Großpapa hatte heute mit ihm ge⸗ rade ſo ermahnend und tröſtlich geſprochen, wie er es in der letzten Zeit oft gethan, aber noch nie hatte Kadden ſo eingehend darauf geantwortet als heute. Ja, über alles Erwarten und Verſtehen hatte der Herr die Gebete des Großmutterherzens erhört. Kaddens Stellung zu Eliſabeth war ihr auch jetzt nicht unerklärlich, er hatte ihr ja ſeit lange vor der Badereiſe ſchon geklagt, daß Eliſabeth un⸗ leidlich ſei, und ſie hatte ihn immer um Geduld gebeten. Hatte er ihr nun wirklich geſagt, wie es mit ſeinem Her⸗ zen ſtand, hatte ſie das erſchreckt, ſo war es ja zu ihrem Heil geweſen, und der Herr konnte beiden ſo am beſten helfen. Ja, ſie hatte ſich feſt vorgenommen, dieſe Zeit zu benutzen, Eliſabeth von ihrem Unrecht zu überzeugen: ſelbſt wenn ihr Mann auch nicht ohne Schuld war, wenn er jetzt wirklich hart und unfreundlich gegen ſie geweſen und dadurch die ſchlimmen Gerüchte veranlaßt, die hierher ge⸗ drungen, ſo wollte ſie ſich prüfen, ob ſie nicht zuerſt Schuld war; ſie ſollte jetzt, wo der Herr ihr Kraft gegeben, ihre Seele wieder zu erheben, auch bei ihm Kraft finden zum Nachgeben und Verzeihen und Liebreichſein. Das liebe —„ 286 Großmutterherz ſorgte einmal wieder vergebens, ſie ahnete nicht, wie es mit ihrem Liebling ſtand. Als Kadden den Abend von ihnen Abſchied nahm, reichte er auch Eliſabeth freundlich die Hand. Das gefürchtete erſte Zuſammenſein mit ihm und den Großeltern war alſo glücklich vorüber und war ihr gar nicht ſchwer geworden. Er hatte oft mit ihr geſprochen, gerade wenn ſie in Ge⸗ danken verſunken war, redete er ſie an, ſie merkte an ſei⸗ nen Blicken, daß ihm ihr Schweigen unangenehm war, und nahm dann gleich Theil an der Unterhaltung. Daß ihr Weſen ſo ganz anders als früher war, glaubte ſie nicht, und die Großeltern waren klug genug, es nicht zu bemer⸗ ken. Als ſie ihren Mann zur Gartenſaalthür geleitete, wo wie gewöhnlich ſein Pferd ihn erwartete, fragte ſie ihn, zwar etwas zaghaft, ob ſie mit den Kindern des Nachmit⸗ tags nach den Steinen auf den Tannenbergen kommen ſollte. Er hatte vorher erzählt, daß er in den nächſten Tagen viel Arbeit habe und nicht oſt nach Woltheim kom⸗ men könne. Wenn Du Zeit haſt, kannſt Du die Kinder dort ſehen, ſagte ſie. Wir wollen nicht gerade warten, fügte ſie, weil er nicht gleich antwortete, hinzu. Er hatte, als er ſchon auf dem Pferde ſaß, ihre Hand noch einmal gefaßt, der helle Mondenſchein lag auf ihrem Geſicht. Ich komme gern! ſagte er dann freundlich und ritt davon. Am anderen Nachmittag ging Eliſabeth mit Johannen und den Kindern nach den Tannenbergen, auf den Stei⸗ nen ließ ſie ſich nieder, und Eliſabeth ſchaute gedanken⸗ 287 voll nach den Thürmen unter ſich. Sie hatten nicht lange zu warten, als ein Reiter den Weg kam. Da kömmt der Papa! rief Friedrich freudig, aber er war es nicht, es war nur der Burſche, der den Beſcheid brachte, daß ſein Herr den ganzen Nachmittag im Dienſt ſei. Frau und Kinder ſollten nicht vergebens warten, darum ſchickte er den Boten, er ſchickte aber auch eine große Bonbontute für die Kinder, und Friedrich ward dadurch vollſtändig ent⸗ ſchädigt. Ein aufſteigendes Gewitter nöthigte die Wanderer zum ſchnellen Aufbruch, ſie waren kaum bei den Großeltern angekommen, als ein Sturm ſich erhob, und dann Don⸗ ner und Blitz und ſtarker Regen bis tief in die Nacht nicht aufhörten. Auch am anderen Morgen ſah Eliſabeth zu ihrer Be⸗ trübniß den Himmel voller ſchwerer Wolken. An ein Zuſammentreffen auf den Tannenbergen war nicht zu den⸗ ken, und das war ſehr ſchwer. Mit den Großeltern zu⸗ ſammen, durfte ihr eigentlich das Leben nicht ſchwer ſein, bis vor wenigen Tagen war ja dieſer Aufenthalt ihres Her⸗ zens Wunſch geweſen, hatte ihr ſo erquicklich und leicht geſchienen. Nein, leicht war er nicht, ihr Herz war voll Sehnſucht und Kummer, aber ſie wollte geduldig ſein, ein Tag, und wenn er noch ſo lang war, mußte nach dem anderen hingehen, und ſo mit ihnen die ſchweren Wochen. 38. Unvermeidliche Scenen. Am folgenden Tage, als die Schimmel nach der Eiſenbahn fuhren, um Fliſabeths Mutter zu holen, war das Wetter noch ebenſo. Eliſabeth war heute durch die Spannung, in der ſie ſich befand, hinlänglich beſchäftigt, ſie wußte nicht, wie ihr Begegnen mit der Mutter ſein würde, jedenfalls aber war es anders als mit den Großeltern. Die Frau Oberförſterin fuhr mit nach der Bahn, nach genauer Ueberlegung und in der beſten Abſicht mußte ſie die Schweſter erſt allein ſprechen, ehe dieſelbe mit den Eltern ſprach. Nachdem die Großmama, den Tag als Kadden wirklich kam, Julchen ſelbſt gebeten, ſie den Abend ungeſtört zu laſſen; nachdem ſie den andern Tag von bei⸗ den Eltern erfuhr, daß es mit Kadden und Eliſabeth beſ⸗ ſer ſtände, als bei der Abreiſe,— obgleich ſie doch ge⸗ ſtehen mußten, mit beiden eigentlich nicht geſprochen zu haben,— da war Julchen überzeugt, daß die guten Eltern zu ſehr ohne Intereſſe für das irdiſche Leben waren, und ſich auch über Eliſabeths entſetzliches Schickſal gern tröſten und hinwegſetzen möchten. Sie hatte ſchon mit der Schwe⸗ ſter über die Gerüchte korreſpondirt, die vor der Ankunft des jungen Paares in Braunhauſen verbreitet waren. Eliſe, die das Unglück zwiſchen den Eheleuten ſo lange ſelbſt mit angeſehen, wunderte ſich gar nicht, daß es endlich zu dem — 289 gefürchteten Bruch zwiſchen beiden gekommen war. Ihr ganzes Mutterherz warz aber jetzt in Liebe und Theilnahme für die Tochter aufgelöſt, und die Sage, wie Kadden ſeine Frau dort in der Fremde behandelt habe, war ihr, da ſie ja immer im Stillen ſich den Vorwurf machte, dies Un⸗ glück verſchuldet zu haben, ein unerträglicher Kummer. Sie hatte mit ihrem Mann und mit Generals überlegt, ob eine Scheidung unter ſolchen Umſtänden nicht möglich ſei, aber fie ſelbſt hatte bekennen müſſen, daß dieß nur eine zweite Sünde auf die erſte häufen würde. Auch Schlöſſer, den ſie auf ihrer Hinreiſe nach Woltheim auf⸗ ſuchte, war natürlich der Meinung, und der einzige Rath, beſonders Emiliens, war, man möchte Eliſabeth einige Zeit von ihrem Manne nehmen, in der jetzigen unglücklichen Stimmung würde man am erſten auf ihren Leichtſinn wir⸗ ken und ſie ernſthaft für den Herrn gewinnen können. Jetzt hatte ihr Mann ſie durch ſein Betragen von ſich geſtoßen, jetzt, ſchloß Emilie ſicher, würde er gar keinen Einfluß mehr auf ſie haben. Die Frau Oberförſterin war ſehr erſtaunt, Schlöſſers beide mit Eliſen an der Bahn zu treffen. Ja, Emilie hatte ſich nach all den wichtigen Berathungen entſchloſſen, lieber ſelbſt mitzureiſen, ſie war in den letzten Jahren ſehr vertraut mit Eliſen, ſie war ihr Rathgeber, ihr beſtim⸗ mendes Prinzip in wichtigen Dingen. Eliſe nahm ſie als Hülfe und Schutz bei der Berathung mit den Großeltern gern mit, von denen,— ſie konnte es zwar kaum begreif⸗ Eliſabeth. 1. 19 — 290 lich finden,— ſie kein rechtes Einverſtändniß mit ihren Plänen zu hoffen hatte. Schlöſſer aber war mitgefahren, um Emilien in ihrem Eifer zu überwachen, obgleich er, da ſie in ihren Befürchtungen und Behauptungen ſo wunder⸗ voll Recht gehabt, kaum zu dieſen Berathungen hinzugezo⸗ gen war. Als die beiden Schweſtern in dem verſchloſſenen Wa⸗ gen ſich ſicher gegenüber ſaßen, fielen ſie ſich mit lautem Schluchzen um den Hals, Eliſe war wirklich ſehr unglück⸗ lich und traurig, und Julchen war gefühlvoll, die Thränen floſſen unaufhörlich. Emilie aber ſchaute ſeufzend auf ih⸗ ren Mann: es thut mir zwar ſehr leid, ſagten ihre Züge, aber ich habe das Unglück vorausgeſehen, es konnte und durfte nicht anders kommen. Ihr Mann ſchaute von ihr fort zum Wagenfenſter hinaus. Wie iſt Eliſabeth, fragte endlich Eliſe, iſt ſie ſehr elend? Nein, verſicherte Julchen, das Seebad iſt ihr wunderbar gut bekommen. Aber ſteht es zwiſchen beiden wirklich ſo traurig? fragte Eliſe. Es iſt leider ſo, entgegnete Julchen, und nun folgte eine um⸗ ſtändliche Erzählung von Kaddens Betragen in den letzten Tagen, von dem Begegnen und Kegelſchieben, und daß ihn der Großvater holen mußte. Trotzdem aber waren die guten alten Leute von ſeinem Unrecht nicht zu überzeugen, ja, wahrſcheinlich in der Furcht, nichts Uebeles von ihm zu hören, hatten ſie der armen Eliſabeth noch nicht einmal geſtattet ſich auszuſprechen.— Das arme Kind! ſagte Eliſe kummervoll.— Schlöſſer ſchüttelte den Kopf.— Was 291 meinen Sie? fragte ihn Eliſe.— Ich kann gar nicht glauben, daß er ſie wirklich ſo ſchlecht behandelt hat.— Lieber Wilhelm, ſagte Emilie gereizt, wenn ich nur irgend in der Welt wüßte, was Dich veranlaßt, von Kadden ſo zu denken.— Ich weiß es aber, entgegnete Schlöſſer ruhig, und ich würde den Damen rathen, ſich mit großer Vorſicht in dieſe Sache zu miſchen.— Nein, lieber Schlöſſer, nahm die Oberförſterin lebhaſt das Wort, jetzt irren wir uns nicht, Eliſabeth iſt zu beklagen, wir müſſen der armen Frau beiſtehen.— Iſt ſie ſehr niedergedrückt? fragte Eliſe. Wunderbarer Weiſe auch das nicht, verſicherte die Oberförſterin wichtig; die Sache iſt mir aber erklärlich: ſie hat ſich jetzt frei gemacht von aller Liebe, ihr Stolz iſt erwacht, ein ſehr natürliches Gefühl, finde ich.— Für Eliſabeth, denke ich doch nicht, ſagte Schlöſſer wieder. Sollte Eliſabeth nicht endlich gereizt ſein? fragte Emilie verwundert. Ueberlege Dir, wie ſie ſich immer ihren Ge⸗ fühlen ſo ganz hingab; jetzt, wo ſie ſo viel Recht zu dieſer Stimmung hat, wo ſie ſo bitter gekränkt iſt, kann es nicht anders ſein. Wenn wir ihr helfen wollen, müſſen wir dieſe Stimmung gerade benutzen, wir müſſen ſie von ihrer thörichten Liebe und damit von der Welt abziehen. — Wenn ſie ihren Mann wirklich noch lieb hat, wollt Ihr ſie doch nicht darin irre machen? ſagte Schlöſſer ernſt. — Sie wird ihn aber nicht lieben, unterbrach ihn Emilie, ich kenne Eliſabeth zu gut, ihr verwöhntes und auf Liebe anſpruchsvolles Herz wird außer ſich ſein, ja, wenn ſie ſich 19* —. 292 jetzt in einer Stimmung befindet, die eines ernſten Chriſten unwürdig iſt, ſo können wir das nicht anders erwarten. Wir wollen jetzt Nachſicht mit ihr haben, ihr gar keine Vorwürfe machen, die Verſuchung war für ſie zu groß. Wenn ich an die Zeiten zurück denke, fuhr ſie fort— und ſchilderte nun Eliſabeths kecken Uebermuth, ihres Glückes Zuverſicht vor einigen Jahren mit einer Wahrheit, die ihrem Manne gegenüber ihr eine Entſchädigung war für die bitteren demüthigenden Stunden, die ſie damals Eliſa⸗ beths wegen hatte ertragen müſſen. Wer hatte denn nun Recht gehabt? In dieſer, für Emilien und die Oberför⸗ ſterin ſehr hinnehmenden Weiſe, ging das Geſpräch noch weiter, bis man endlich ſchweigend an Braunhauſen vor⸗ über fuhr. Nicht fern vom Exerzierplatze kam ihnen Kaddens Burſche entgegen, er ritt freundſchaftlich neben Friedrich her und grüßte auch harmlos in den Wagen hinein. Der Herr iſt hier außen, rief er, ſoll ich ihn rufen? Eliſe ſchüttelte ſchnell mit dem Kopf und Friedrich fuhr zu.— Sonderbar, daß der dumme Menſch nicht weiß, was um ihn vorgeht, ſagte die Frau Oberförſterin.— Ja, von entſetzlichen Auftritten wiſſen die Leute meiſtens doch etwas, ſagte Schlöſſer ruhig.— Kadden iſt viel zu klug, ver⸗ ſicherte Emilie, um ſich nicht vor den Leuten zu hüten, und der Burſche ſcheint allerdings ſehr dumm. Eliſabeth ſtand am Fenſter und ſah zu den Wolken auf, die dunkel und ſchwer über den Tannenbergen her⸗ 293 zogen, ihre Kinder ſpielten beide neben ihr an der Erde. Zum erſten Male kam ihr der Gedanke, ob ſie wohl wün⸗ ſchen möchte, ihren Mann nie gekannt zu haben, ob ſie die Vergangenheit ungeſchehen machen möchte, ſie war jetzt noch nicht dreiundzwanzig Jahr, ſie war noch ſo jung, das Le⸗ ben lag noch ſo weit vor ihr. Aber nein, das konnte ſie nicht, es ward ihr bange zu Sinne, ſie legte beide Hände auf das Herz. Sie wollte die Vergangenheit nicht miſſen, ſie wollte ſich nach der Zukunft ſehnen, und wollte dem Mann zu Liebe, den ihr Herz ſo ſehr liebte, und ihren Kindern zu Liebe, auch gern die ſchwere Gegenwart,— jetzt das Begegnen mit der Mutter, gern tragen. Der Wagen rollte auf den Hof, Eliſabeth fuhr zu⸗ ſammen. Sie ging unruhig im Zimmer umher, ſie ſuchte ein Tuch. Nur ruhig, liebes Kind, ſagte der Großvater freundlich und ſtrich ihr mit der Hand über die Stirn. Er ging ihr voran den Kommenden entgegen. Wie er⸗ ſtaunte er, nicht nur Eliſen, auch Schlöſſers beide zu ſehen. Eliſabeth grüßte ſie alle verlegen. Man trat in die Wohn⸗ ſtube, die Oberförſterin mit. Die Großeltern bemühten ſich äußerſt harmlos und freudig zu ſein; die Großmama ſah ungeduldig nach der großen Kaffeekanne aus, die ein ſo paſſender Ableiter von den verſchiedenen kleinen Verlegen⸗ heiten werden konnte. Der Großeltern Bemühungen aber waren vergebens, ſo ſehr auch Schlöſſer zu Emiliens Aer⸗ „ ger ſie zu verſtärken ſuchte. Die drei Frauen hatten ein Komplott gemacht, Eliſe hätte es nicht ertragen können, — 294 der Tochter in ſpannender Erwartung gegenüber zu ſein, und Eliſabeth ſollte den Troſt des Ausſprechens ſofort haben und zwar in Gegenwart der guten, ſchwachen Groß⸗ eltern, damit dieſe ſich völlig von ihrem Irrthum über⸗ zeugten. Julchen war zur Reſerve hier geblieben, wenn Eliſe und Emilie mit ihren Anſichten und Wünſchen nicht durchdringen ſollten, mußte ſie dieſelben unterſtützen; von Schlöſſer hoffte man Neutralität. In einer Pauſe, wo die Großmama wieder ängſtlich nach der Kaffeekanne ſah, umarmte Eliſe plötzlich die Toch⸗ ter und ſagte: Ich kann Dich, liebes Kind, nicht ſo ſtumm mir gegenüber ſehen! Sie weinte, und Eliſabeth weinte mit ihr. Laß doch, Eliſe, bat der Großpapa, quält Euch doch nicht ſo, Ihr habt keine Urſach zum Weinen.— Lie⸗ ber Vater, warum ſoll ſich das arme Kind nicht ausſpre⸗ chen? bat Eliſe. Wenn ſie Luſt dazu hat, ich habe nichts dagegen, ſagte der Großpapa ärgerlich. Eliſabeth ſchüttelte den Kopf.— Eliſabeth, nicht Deiner Mutter? fragte Eliſe vorwurfsvoll. Ich möchte Dich nicht betrüben, war Eliſa⸗ beths Antwort. Du betrübſt mich nicht, ich bedaure Dich nur, ſagte Eliſe, ich möchte Dich tröſten, Du wirſt keinen Vorwurf hören von mir.— Eliſabeth ſah unwillkürlich auf Emilien und auf die Oberförſterin.— Liebe Eliſabeth, nahm Emilie freundlich das Wort, fürchte Dich nicht vor uns, wir haben nur Theilnahme für Dich, auch wir wol⸗ len Dir keine Vorwürfe machen, er hat ja mehr Schuld als Du.— Ja, wir wollen Dich vor dieſem Manne 295 ſchützen, ſetzte die Oberförſterin gutmüthig hinzu.— Vor welchem Manne? fragte Eliſabeth zitternd.— Der das Recht, was er über Dich hatte, mißbrauchte, fuhr Emilie fort, der Dich unglücklich machte, Du ſollſt bei uns eine Zuflucht haben, bei uns Troſt finden.— Er mich unglück⸗ lich, wer ſagt denn das? fragte Eliſabeth ganz verwirrt. — Liebe Eliſabeth, ſagte Eliſe, die ganze Welt weiß es, wie er Dich in Wangeroge behandelte, und wir wiſſen es, wie er früher ſchon gegen Dich war; ſcheue Dich nicht, es gegen uns auszuſprechen, Du darfſt Dein Unglück nicht verſchweigen, jetzt iſt die einzige und paſſende Zeit, Dir zu helfen.— Von meinem Manne ſprecht Ihr? fragte Eli⸗ ſabeth noch einmal. Die Frauen wurden etwas bedenklich, und Schlöſſer, der ſchweigend in einem Fenſter ſtand, wandte ſich jetzt zum Zimmer hin.— Alle Welt ſagt das von meinem Mann? fuhr Eliſabeth etwas muthiger fort. O, ſo ſagt doch aller Welt, daß ſie ſich irrt. Ich, ja ich bin allein Schuld an unſerm Unglück, er iſt immerfort gütig und großmüthig und nachſichtig gegen mich geweſen, ich habe ihm nur Kummer und Herzweh gemacht, und ich habe ihn ſo von ganzer Seele lieb, und mit des Herrn Hülfe will ich Alles wieder gut machen. Weinend verließ ſie das Zimmer, und die ganze Ver⸗ ſammlung blieb betroffen und ſchweigend zurück. Ja ſelbſt die Großmama war überraſcht, der Großvater aber ſchaute ſie lächelnd an und reichte ihr die Hand. Emilie war zu ihrem Mann in das Fenſter getreten. 296 Dieſe Ueberraſchung, dieſe Täuſchung war zu groß.— O du demüthige Eliſabeth, du biſt in keiner unwürdigen Stimmung, wie aber iſt es denn der ernſthaft chriſtlichen Emilie zu Sinne?— Sollte ſie jetzt zu ihrem Mann ſa⸗ gen: Ja, Du haſt Recht gehabt, ich habe mich geirrt? Sie hatte kaum den Gedanken an ſich herankommen laſſen, als ſie ihn ſchnell von ſich wies. Es war ihr ganz deut⸗ lich und klar, in der Hauptſache konnte ſie ſich nicht geirrt haben, ſie mußten die Sache nur gründlich unterſuchen und überlegen. Wohl war es ihr bei dieſem Troſte nicht, ihre Seele war unruhig dabei. Ihr Mann ſtand unbeweg⸗ lich bei ihr, er dachte trauernd: Sie würde nicht geſtehen, daß ſie mir Kummer und Herzweh macht. Nach einiger Zeit ſagte der Großvater: Ich hoffe, Ihr ſeid nun zufrieden geſtellt. Alle ſchwiegen, Eliſe reichte ihm, getröſtet von Eliſabeths Ausſpruch, aber doch noch durch Thränen lächelnd, ihre Hand. Die Großmama ver⸗ ließ das Zimmer und kehrte nach einiger Zeit mit Eliſa⸗ beth zurück. Dieſe umarmte die Mutter noch einmal und ſchaute ſo offen und auch ſo freudig aus den hellen Au⸗ gen, daß man merkte, die Großmama war nicht vergebens bei ihr geweſen. Emilie wäre gern den andern Tag wieder abgereiſt, es war ihr faſt, als ob ſie den Großeltern kein ange⸗ nehmer Gaſt ſei; da aber Eliſe zwei Tage bleiben wollte, und ihr Mann ſich wohl mit dem alten Herrn von Bud⸗ mar fühlte, mußte ſie auch bleiben.— Sie hatte ſich nach 297 reiflicher Ueberlegung entſchloſſen, mit Schlöſſer über Eliſabeth zu ſprechen; er fing davon nicht an, das war ihr peinigend. Ihr Verſtand hatte die bewegliche Scene von geſtern wirklich genau unterſucht und überlegt, die Frau Oberförſterin hatte ihr gern Hülfe dabei geleiſtet, und ſie hatten beide ausgemacht, daß ſie im Grunde doch Recht hatten. Wie konnten ſich auch zwei ſo kluge Frauen irren in einer Sache, die ſo auf der Hand lag? Daß Eliſabeth wirklich rührend demüthig und liebenswürdig war, wollten ſie nicht bezweifeln, ſie war ein gutes, unſelbſtändiges Kind, und in thörichter Liebe zu ihrem Manne verblendet. Ihren Entſchuldigungen konnte man nicht glauben, ſein Weſen ſprach klar dagegen; ja, Emilie fand in Eliſabeths Stimmung jetzt das größte Hinderniß ihrer Rettung, und wenn ſie ungeſtört dem Einfluß dieſes Mannes überlaſſen blieb, würde ſie ihm zu Liebe Alles thun, was er wünſchte, auch wieder fröhlich und leichtſinnig mit ihm in der Welt leben, ſie war wieder geſund und friſch genug dazu. Alle dieſe ſchönen Ueberlegungen theilte ſie ihrem Manne mit und ſchloß feierlich: Wie wird dann das Ende dieſer Ehe ſein,— der ich freilich nie ein anderes profezeihen konnte? Sie ſah dabei fragend auf den ſchweigſamen Zu⸗ hörer, deſſen Ruhe ihr entſetzlich war. Was ſie ihm jetzt vorgetragen, war zu einfach und klar, ſie ließ ja Eliſabeth volle Gerechtigkeit widerfahren und ſprach nur aus wirklicher Liebe und Theilnahme ſo.— Endlich begann Schlöſſer: Emilie, ich rathe Dir, behalte Deine Triumfe für Dich, 298 Du wirſt Dir große Demüthigungen bereiten, Du irrſt Dich in Kadden und haſt ihm immer Unrecht gethan.— Nit dieſer Antwort verließ er ſie.— Sie gerieth dadurch in eine unerträgliche Unruhe, es war, als ob ihr Mann ſie nur immer quälen und aufregen wollte. Niemand, auch er nicht, hatte bis jetzt leugnen können, daß Kadden und Eliſabeth unglücklich waren und daß er mit der Zeit im⸗ mer ſchlimmer und ſchlimmer geworden war; jetzt, wo nun wirklich eine Art Kriſis eingetreten, wollte er ſich und an⸗ dere über die Wahrheit täuſchen. Die alten Großeltern waren allenfalls noch zu entſchuldigen, er aber nicht. Jetzt nahm ſie ſich vor, nie mehr mit ihm über die Sache zu reden,— es war wirklich ein wunder Punkt zwiſchen bei⸗ den geworden; ſie wollte ſich aber auch innerlich mit Ge⸗ duld faſſen, das traurige Ende mußte doch endlich an den Tag kommen. Am folgenden Morgen wurde Kadden benachrichtigt, daß ſeine Schwiegermutter angekommen war. Er antwor⸗ tete, daß ſein Dienſt es ihm unmöglich machte, in dieſen Tagen zu kommen, er würde aber an dem Tage, wo ſie zur Bahn führe, vor dem Thore ſie erwarten und begrü⸗ ßen, und gleich nach dem Manöver hoffte er mit Eliſabeth nach Berlin kommen zu können. ſ. Er war wirklich durch den Dienſt an dem Beſuche verhindert.— Wenn er große Luſt hatte, wäre es ihm freilich in den Abendſtunden möglich geweſen, hinüber zu reiten; aber als ſein Burſche ihm erzählte, daß die Frau 299 Oberförſterin die Frau Geheimräthin von der Bahn ge⸗ holt, da ahnete er, was zwiſchen den Schweſtern vor⸗ ging,— er hielt es für beſſer, den Großeltern allein dieſe Familienkonferenz zu überlaſſen, und überzeugte ſich um ſo eher von der Nützlichkeit dieſer Einrichtung, da ſie ihm am bequemſten war. Und doch, als der erſte Tag vorüber war, ward es in ſeinem Gewiſſen unruhig, er ge⸗ dachte vielerlei, er gedachte der Großeltern, gedachte Eliſa⸗ beths, und als er am zweiten Nachmittage einige freie Stunden hatte, beſtieg er ſein Pferd und ritt nach Woltheim. 39. Hoffen und Zagen. Das Wetter war immer noch unfreundlich, trübe, windig, und zuweilen fiel es naß nieder. Die Familie in Woltheim war im großen Wohnzimmer verſammelt, Ober⸗ förſters alle waren da, und nur Eliſabeth hatte einen leid⸗ lich guten Zeitpunkt benutzt und war ſpatzieren gegangen, ganz allein, ſie konnte es unter Menſchen nicht mehr aus⸗ halten.— Da iſt Kadden, ſagte Schlöſſer plötzlich, verließ das Fenſter und ging dem Kommenden entgegen, der in die kleine Gartenpforte eingebogen, ſchnell näher kam.— Sie hier? fragte Kadden erfreut und verwundert. Zu Emiliens Berunruhigung umarmten ſich die beiden Männer herzlich, und Kadden wagte ſich an der Seite dieſes Freundes nur muthiger in die Familien⸗Konferenz. Von den Großeltern und dem guten Onkel Karl und von ſeinen Kindern wurde er warm genug begrüßt, auch Eliſe war liebreich, obgleich Julchen und Emilie ſie gebeten, nicht zu ſehr den Anſichten der Großeltern zu trauen, nicht vergebliche Hoffnungen zu faſſen. Die Spannung der übrigen Anweſenden gegen Kadden war unverkennbar, je mehr Schlöſſer das aber merkte, und je mehr man hoffte, daß er ſich wenigſtens neutral verhalten werde, je inniger und vertraulicher war er zu ihm. Kadden hatte gleich im Anfange nach Eliſabeth gefragt und hatte von der Großmama gehört, daß ſie ſpatzieren ſei, §. 301 aber ſehr bald zurückkehren müſſe. Eine Viertelſtunde ver⸗ ging, und noch eine, ſie war noch nicht zurückgekehrt. Kad⸗ den verließ ſeinen Platz neben Herrn von Budmar und ſetzte ſich mit Schlöſſer in eine Fenſterniſche. Den kleinen Frie⸗ drich auf dem Schooß, ſchaute er auf die verregneten Blu⸗ mengruppen und auf die Bäume, die ihre naſſen Zweige jetzt wieder heftiger im Winde ſchüttelten. Wohin war Eliſabeth gegangen? Doch nicht nach den Tannenbergen? Sein Herz wurde immer unruhiger. Ich begreife nicht, wie Eliſabeth bei dieſem Wetter ſo lange gehen kann, ſagte er endlich ungeduldig. Wenn wir nur wüßten, wohin ſie iſt, wir könnten ihr entgegen gehen, entgegnete Schlöſſer. Ich glaube, ich weiß es, ſagte Kadden und ſchaute unruhig nach den dunkeln Tannenbergen. In dem Augenblick trat ſie aus dem nahen, kleinen Bosquet, das weiterhin nach den Rüſtern am Bache und dem Fußſteg nach den Tannen⸗ bergen führte. Kadden ſetzte Friedrich auf Schlöſſers Schvoß und verließ unbemerkt das Zimmer. Er trat ihr in der Saalthür entgegen, ſie hatte einen naſſen Haideblumenſtrauß in der Hand, er hatte ſich nicht geirrt, ſie kam von den Bergen. Sie ſah ihn und begrüßte ihn, ſie wagte ſich nicht zu freuen und freute ſich doch. Er nahm ihr den naſſen Hut und Shawl ab, ſie ſtand vor ihm in einem dunkelen feinen Wollen⸗Kleide, hatte daſſelbe blaue Krepp⸗ tuch ebenſo umgeſchlungen als damals, wo er ihr zuerſt an der Eiſenbahn begegnete, und ſah ihn mit den ftiſchen Zügen und den verwehten Locken ebenſo fragend und befangen 302 * an, als damals. War er denn ebenſo trauernd und zweifel⸗ haft als damals? Er fürchtete es ſein zu müſſen, noch wagte er nicht, dieſen gütigen, freundlichen, hellen Augen wieder zu trauen, noch glaubte er, daß nur ihr guter kind⸗ licher Wille ihr Herz bewegte. Wodurch ſollte auch plötzlich die Erinnerung an das letzte liebeleere Jahr, an die ent⸗ ſetzlichen Stunden in Bremen verwiſcht ſein? Ja wodurch? Wodurch war denn in ihm Alles anders geworden? warum ſtand er ſo zagend und glůcklich neben ihr, warum fühlte er eine wunderbare ſelige Welt dort über ſich und eine wunderbare Welt in ſich, warum fühlte er, daß die Fäden zwiſchen dieſen beiden allein dem Leben Reiz und der Seele Bewegung verleihen? Ja warum? Er wußte es nicht, aber er fühlte es warm am Herzen, trotz Zweifel und Sorge. Wo wareſt Du denn ſo lange? fragte er beſorgt.— Nach den Tannenbergen, war ihre verlegene Antwort.— Bei dem Wetter? fuhr er fort; wie biſt Du kalt und naß geworden. Er nahm ihre beide Hände in ſeine Hand.— Ich konnte es nicht länger in der Stube aushalten, ent⸗ gegnete ſie. Da haſt Du recht, ſagte er ſeufzend, wir wollen nur hier bleiben, ich wollte Adieu ſagen, ich muß morgen oder übermorgen fort.— Dann kömmſt Du wohl deſto eher wieder? fragte ſie, ohne ihn anzuſehen.— Ich weiß nicht, ſagte er nachdenklich; er hätte gern gewußt, ob ſie lieber ein Ja oder ein Nein gehört. Den letzten Abend in Wangeroge hatte ſie ihm noch aufrichtig geſagt, daß ſie 303 ſich auf die Tage bei den Großeltern ſehr freue; er hatte keinen Grund, jetzt das Gegentheil anzunehmen. Er ſah ihr in die hellen, lieben Augen und ſah auf ſeinen Trau⸗ ring, ſie mußte ihm endlich doch wieder folgen, trotz den Gerüchten der Leute und dem Geſchwätze von Tanten und Verwandten, wenn nur die drei nächſten Wochen erſt vorüber waren. Sind denn Deine Sachen ſchon alle beſorgt? fragte ſie und es fielen ihr ihre Hausfrauenpflichten auf das Herz. — Es iſt alles beſorgt, entgegnete er, ein Soldat gebraucht nicht viel.— Du haſt aber etwas Huſten, ich muß Dir Wolle mitgeben um den Hals zu binden, ſagte ſie.— Wenn ich es auch nicht umbinde? fragte er lächelnd.— Sie ſtand unentſchloſſen.— Du kannſt es mir doch mit⸗ geben, bat er dann.— Nimmſt Du auch Bücher mit? fragte ſie zaghaft.— Ich habe mir eine ſo kleine Bibel gekauft, wie Du ſie haſt, war ſeine Antwort.— Ich könnte Dir auch mein kleines Andachtsbuch geben, worinnen wir zuſammen geleſen haben, begann ſie etwas muthiger; ich nehme der Großmutter ihres in dieſer Zeit.— Das kannſt Du thun, entgegnete er freundlich, wir leſen dann jeden Abend daſſelbe. Er war mit ihr an das Fenſter getreten, wo ſie ſchon in ihrer Mädchenzeit an einem kleinen Schreibtiſch ſich ein⸗ zurichten pflegte, ſie reichte ihm glücklich das Buch. Er ſchlug es unwillkürlich auf, er las einige Minuten, dann ſagte er: Dies könnteſt Du in meinem Namen einmal der 304 Frau Oberförſterin zu leſen geben. Eliſabeth ſah in das Buch und las unter anderm:„Doch wird von Frommen auch dies wohl nicht recht bedacht! denn wie viel faul Ge⸗ ſchwätz, wie viel unnütze Dinge, hört man doch da und dort!“— Eliſabeth, in der Erinnerung an die Scene von ehegeſtern und in der Furcht, er wiſſe von den Gerüchten, die ihn ſo verleumden wollten, ſah ihn bittend und ängſtlich an.— Nein, meine liebe Eliſabeth, ſagte er, Du ſollſt es ihr nicht geben. Aber, fügte er nach einer Pauſe hinzu, höre auch nicht auf ihre Reden.— Ach nein, ich weiß es ja beſſer, ſagte ſie leiſe. Der kleine Friedrich kam jetzt in den Saal, ſein Papa mußte ihn wieder auf den Arm nehmen, dieſer ſah aber auch nach der Uhr und fand, daß ſeine Zeit abgelaufen, daß er ſein Pferd jede Minute erwarten konnte. Eliſabeth eilte, ihm das Stückchen Flanell zu holen, und er trat mit Friedrich wieder in das Wohnzimmer. Wenn in unglücklichen und geſtörten Ehen ſich zwei Leute ſelbſt überlaſſen wären, ſo würden ſie mit aufrichtigem Wunſche nach Frieden und mit des Herrn Hülfe auch zum Frieden gelangen. Aber ſie ſtehen nicht allein, da giebt es theilnehmende Mütter und Schweſtern und Freunde, die ſich gern und beſonders den Frauen zu Vertrauten machen. Selten aber iſt es, daß ſie den rechten Rath und Troſt zu geben wiſſen, den kurzen Rath: Siehe allein auf deine Sünde! und den kurzen Troſt: Selig ſind die Sanft⸗ müthigen! Nein, das wäre zu hartherzig; ihr Troſt muß 305 nicht aus Gottes Wort, ſondern etwas weitläufiger aus dem ſchwachen, parteiiſchen, eigenen Herzen kommen. Wie viele Mütter haben, ohne daß ſie es ahnen und möchten, ja mit dem beſten Willen zu helfen, das Unglück ihrer Töchter auf der Seele. Zwiſchen Eheleuten darf nur der Herr ſtehen als Rathgeber und Tröſter. In dem Augenblick, als Kadden in das Zimmer kam, traten von der andern Seite Eliſe mit Emilien und der Oberförſterin ein. Sie hatten wieder eine ſehr wohlmei⸗ nende, verſtändige und wortreiche Konferenz gehabt. Als Eliſe merkte, daß Kadden ſich zum Abſchied rüſtete, trat ſie zu ihm Lieber Otto, ich hätte gern geſehen, wenn Eliſa⸗ beth jetzt zu mir käme, die Großeltern aber möchten es nicht.— Das iſt ja ſchön, ſagte Kadden kurz. Der Ge⸗ danke, ſie nicht hier, ſondern bei ſeiner Schwiegermutter zu wiſſen, war ihm unerträglich.— So erlaubſt Du wohl, daß ſie nachher noch einige Wochen mit den Kindern zu mir kömmt, fuhr ſie fort, ich ſehne mich ſehr, mich einmal mit ihr einzuleben, und ehe Ihr den Haushalt wieder be⸗ ginnt, geht es am beſten.— Wird Eliſabeth das wollen? fragte Kadden geſpannt.— O gewiß will ſie das gern, ſagte Eliſe ſchnell.— Er blitzte ſie mit ſeinen Augen an. Das wird ſich ſpäter finden, ſagte er kurz und wandte ſich von ihr. Kalt und zerſtreut nahm er von allen Ab⸗ ſchied, auch von Eliſabeth und ſeinen Kindern. er beſtieg ſein Pfird und flog über die Wiſe hin, dann hielt er ſtill und wandte ſich noch einmal um, der Eliſabeth. 1. 20 306 Abſchied that ihm ſelbſt jett leid. Aber die egoiſtiſche Schwiegermutter! ſie wollte ſich mit der Tochter gern wie⸗ der einleben und er ſollte mit den Dienſtboten wirthſchaf⸗ ten. Den Kummer über dieſen ganz traurigen Abſchied hatte Eliſabeth allein ihrer Mutter zu Eliſabeth, Friedrich auf dem um ſund in der Thür. Ganz verſunken in ſich, ſah ſie ihn fortreiten, ſah ihn hal⸗ ten, er griff noch einmal grüßend nach ſeiner Mütze, und der kleine Junge rief betrübt: Adieu, lieber Papa! Da haben wir es! flüſterte die Oberförſterin, die mit Emilien und Eliſen in ein Fenſter getreten war. Iſt das ein Herrſcher! Mit unſeren Maͤnnern läßt ſich doch ein vernünftiges Wort ſprechen; man konnte ſich vor ihm fürch⸗ ten.— Die arme Eliſabeth! ſeufzte die Mutter.— Die unbegreiflichen Großeltern! fügte Emilie hinzu. Die Gäſte waren wieder abgereiſt, und Eliſabeth war ſehr froh. Mit der Mutter hatte ſie wohl in Liebe und Innigkeit gelebt, wie noch nie in ihrem Leben, und die einzige Störung, bei der die Großeltern aber ſehr auf ihrer Seite ſtanden, war ihre Weigerung, noch nach dem Manöver nach Berlin zu reiſen. Enilie aber hatte ſie fortwährend bitter gekränkt. Freilich nur immer in der guten Abſicht, die Zeit des Kummers und der Einſamkeit zu benutzen und ſie auf ihr Heil aufmerkſam zu machen. Dazu gehörte aber, ſie an die Vergangenheit zu erinnern, an ihre Hoffnungen, ihr Glück damals und an Emiliens Profezeihungen. Das Alles konnte Eliſabeth auch in Demuth noch hören, ſie 307 hatte ja recht; aber wenn ſie ſpeziell von der Liebe ihres Mannes ſprach, wenn ſie ſich bemühte, Eliſabeth von ſeiner jetzigen Kälte und Härte zu überzeugen, das war zu bitter. Aber Emilie, wie kannſt Du mich denn gegen meinen Mann aufhetzen wollen! hatte ſie einmal, in ihrer alten ärgerlichen Weiſe, den Muth zu ſagen. Nein, ich hetze Dich nicht auf, war Emiliens Antwort, Du ſollſt nur klar Dein Verhält⸗ niß überſehen, um den rechten Weg einſchlagen zu können Du ſollſt nicht immer noch glauben, daß eine ſo thörichte Liebe das Glück des Lebens iſt; Du ſollſt nicht um ſie trauern, und dieſem Wahne, der ſchon Dein irdiſches Heil zertrümmert hat, nun noch das ewige opfern. Niemand meint es beſſer mit Dir als ich, ja, von jeher bin ich Deine beſte Freundin geweſen.— Eliſabeth hatte ſich förmlich verwirren laſſen durch dieſe Reden, ſie war ſehr traurig. Sie wollte und konnte gar nicht ſprechen, wie es mit ihr und ihres Mannes innerem Leben ſtand. Ihre einzige Gegenwehr bei dieſen Geſprächen war, daß ſie ihn lobte als den beſten und gütigſten Mann, und das beſtärkte die weiſen Frauen nur in ihren Vorausſetzungen. Die Regentage hatten wieder aufgehört, der blaue Septemberhimmel glänzte über der erfriſchten und von neuem grünende Erde. Die Wieſen glänzten wie grüner Sammet und einzelne röthliche Blätter an den Gebüſchen und Bäu⸗ men ſchimmerten kräftig zwiſchen dem friſchen Laube. Eliſa⸗ beth erlebte mit den Grofeltern ſtille Tage, ihr Zuſammen⸗ leben mit ihnen war wie nach ihrer Konfirmationszeit, ſo 20* — 308 ernſt und innig, und war die Zeit jetzt auch nicht ſo fröh⸗ lich, ſo war ſie doch reich und ſchön. Eines Nachmittages ſaß ſie auf einer Fußbank neben der Großmutter unter der Linde am Hauſe. Dieſe hatte eben von den Täuſchungen der Jugend geſprochen, von glück⸗ lichen und unglücklichen Ehen, und daß es ſo tröſtlich ſei, wenn man nur den Herrn wiedergefunden habe, ſo dürfe die verlorene Zeit uns wohl gereuen, aber in der Reue löſe ſich jeder Stachel auf. Eine glückliche Ehe iſt das größte Glück auf der Welt, ſagte die Großmutter, kein Opfer darf uns zu groß ſein, um dies Glück zu bewahren. — Die meiſten jungen Mädchen aber glauben, es bedarf keines Opfers, ſagte Eliſabeth, ſie hoffen Alles von ihrer Liebe.— Nicht wahr? ſagte die Großmama, und die Liebe zum Herrn, unſerem Heiland, unſerem Helfer und Tröſter, muß doch immer die erſte Liebe ſein, ſonſt hat die andere Liebe keinen feſten Grund.— Wenn ſie es nur glauben möchten, ehe ſie es erſt bitter erfahren, ſagte Eliſabeth.— Die Großmama ſah gedankenvoll vor ſich hin.— Wenn der Hert aber zwei Herzen zuſammengrführt hat, will er auch, ſie ſollen glücklich ſein, fuhr Eliſabeth fort.— Und wenn er es nicht will, ſo weiß er wohl warum, fügte die Großmama hinzu, ſeiner Liebe und Gnade und ſeines Troſtes können wir immer gewiß ſein, wenn wir nur ſeine Kinder ſind. Die Großmama ſprach weiter von der Himmelshoff⸗ nung, und daß es ihr zuweilen wohl ſei, als ob ſie ſelig 309 und erwartungsvoll an der Himmelsthür ſchon ſtände. Das Leben iſt kurz, ſchloß ſie, Du wirſt auch ſo weit kommen, Du wirſt auch ſelig und erwartungsvoll an der Himmels⸗ thür ſtehen und auf dieſe jetzige Zeit herabſchauen als auf eine Zeit der Gnade.— Eliſabeth konnte lächeln, ja, es ging ihr wie ein Blitz durch die Seele. Sie hatte es zwar oft geleſen und geſprochen, aber zuweilen fällt ein plötzliches Licht auf eine Stelle der heiligen Schrift, wir verſtehen ſie dann nicht nur, ſie bringt eine Lebensfülle in unſere Seele.„Ich halte dafür, das dieſer Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht werth ſei, die an uns ſoll geoffen⸗ baret werden.“ Dieſe Worte ſtanden jetzt wie ein leuch⸗ tendes Licht vor ihr. Seit dem unfreundlichen Abſchied ihres Mannes war ſie ſehr betrübt und kummervoll geweſen. Sie gab ſich auch dieſem Kummer hin und dachte: Der Herr will es ſo haben, er ſchickt dir das Kreuz, daß du daran tragen ſollſt, oder er ſchickt es nicht, er hat es nur zugelaſſen, daß du ſelbſt es dir auflegteſt. Wenn ihre Seele ſich auch wieder zum Herrn gefunden, ſo fürchtete ſie, ihr zeitliches Glück war verloren, ja eigentlich verſcherzt. Sie durfte ihn aber immer noch darum bitten, bitten und immer wie⸗ der bitten, ganz nach ihres Herzens Verlangen, auch um dies zerwehte Glück. Ein jedes innige Gebet wird erhört; folgt auch nicht Erfüllung, ſo folgt Ergebung; die Er⸗ füllung iſt ein zeitliches Glück und die Ergebnng ein ſeli⸗ ges Glück.— Einem ungläubigen Herzen klingt das bit⸗ 1 310 ter; um ſelig zu ſein, muß daß Herz aber blind ſich im Glauben dem Herrn hingeben. Eliſabeth war, nachdem ſie jetzt mit der Großmutter ſo tröſtlich geſprochen, aufgeſtanden, ſie ging langſam auf der Wieſe hin. Lange Schatten legten ſich auf das lichte Grün, die Sonne blitzte Strahlen über die Baumwipfel und über den ſammetnen Wieſengrund, und zitterte auf den ſilbernen feinen Geweben, die zwiſchen feinen Gras⸗ halmen ausgeſpannt oder an einzelnen Blumenkronen wie ſilberne Schleier flatterten. Eliſabeth ſchaute auf die lich⸗ ten, ſilbernen Schleierlein und auf das weite, friedliche Him⸗ melsblau, ſie ſchaute, wie eine zierliche Bachſtelze im kla⸗ ren Bach ſich badete, und wie ein goldſchimmernder Käfer einen grünen Halm zu erklettern ſuchte. O du lieber Herr, dachte Eliſath, iſt es ſchon ſo ſchön hier auf dieſer Welt, wie wird es dort wohl ſein! Sie fühlte mit der Groß⸗ mutter Himmelshoffnung und Himmelsſehnſucht in der Seele und eine Seligkeit in der Ergebung.— Sie hatte heute nicht um ihres Mannes Liebe zu bitten, ſie wollte nur mit ihm einſt ſelig ſein, mit ihm und ihren Kindern, mit ihm zum Himmel wandern, mit ihm ſich des Herrn freuen, ſich freuen ſeiner Güte, ſeiner Gnade, ſeiner All⸗ macht, ſeiner Werke, die das Herz bewegen müſſen zum Dank und zur Freudigkeit.„Gieb ihm ſo kleines Herz⸗ weh immer hin, er giebt dafür dir größere Herzensfreude.“ Das iſt gewißlich wahr. Sie kehrte jetzt zurück zur Großmama, die ſchon im 311 Zimmer war und, wie ſie ſo gern zu thun pflegte, der verglühenden Abendröthe finnend nachſchaute. Eliſabeth mußte etwas ſagen. Außer dem erzwungenen Geſtändniß in der Mutter Gegenwart hatte ſie nichts wieder von ihrem Mann, und wie ſie zu ihm ſtand, geſagt, wenigſtens nicht von Einzelnheiten geſprochen, ganz zur Befriedigung der Großeltern, die nicht daran dachten, in ein ſolches Hei⸗ ligthum durch unnöthiges Geſchwätz und Reden einzudrin⸗ gen.— Itch bin doch nicht ſo unglücklich als die ſelige Großtante, begann Eliſabeth, als ſie neben der Groß⸗ mutter ſtand, mit etwas ſtockender Stimme und erröthend, die hatte einen ungläubigen Mann, und ich habe einen gottesfürchtigen Mann.— Die Großmutter nickte.— Als ich im größten Unglück war, fuhr ſie fort, hat er mir gerathen, ich ſollte mich vom Herrn tröſten laſſen und hat es mir vorgethan. Er hat mir auch jeden Tag aus der Bibel vorgeleſen, und wenn er zurück iſt, leſen wir immer zuſammen.— Die Großmama hatte während ihres Sprechens ihre Hände gefaßt und ſagte: Liebe Eliſabeth, Du glaubſt nicht, wie mich das freut!— Darum ſage ich es Dir auch, entgegnete Eliſabeth leiſe. Du ſollſt wiſſen, daß ich nie unglücklich ſein kann. Aber, fügte ſie nach einer Pauſe hinzu, mir iſt eigentlich bange davon zu reden. Wir wollen es auch Niemand ſagen, ſchloß die Großmama. . 40. Komödie der Irrungen. An demſelben Tage rückte Her von Kadden auf einem Gute ein, mehrere Stunden hinter Braunhauſen gelegen, der Obriſt mit ihm, und zwar war es bei dem Norder⸗ neier Badegaſt, der die intereſſanten Berichte über Kadden verbreitet hatte, einem mit der Familie des Obriſten ſehr befreundeten, älteren Oekonomen. Dieſer Manöver⸗Spektakel machte dem Herrn Oberamtmann Wiebert großes Vergnügen, noch mehr aber ſeinen erwachſenen Töchtern, und da er nicht nur viel Geld hatte, ſondern auch genereus war, ſollte ſein Haus ſich gegen die Herren Offiziere glänzend zeigen. Adolfine und ihre älteſte Schweſter waren für die ganzen Tage hergekommen. Adolfine war erfüllt von den herrlich⸗ ſten Erwartungen, ſie ſtand auch als die ſtrahlendſte unter den jungen Damen, als ſie den heranziehenden und von Hitze und Staub ermatteten Kriegern von dem Pavillon des Gartens ein freundliches Willkommen zuwinkten. Ein glänzendes Diner machte den Anfang des Spek⸗ takels; womit ſollte der Wirth glänzen, als mit köſtlichen Dingen, die für Geld zu haben waren? Solche Tage waren der Lohn ſeiner Arbeit, ſeiner Spekulationen, ſolche Tage waren ſein Vergnügen, da zeigte er ſich gern in ſei⸗ nem vollen Genügen, in ſeiner Macht und Herrlichkeit. Früher hatte Kadden dieſe Dinge als ſich von ſelbſt ver⸗ 313 ſtehend mitgemacht, aber ſo auffallend wie heute waren ſie ihm wohl nie entgegengetreten: das zur Schau⸗Tragen des Reichthums, das ſo ganz Verſchwimmen in Eſſen und Trinken und äußerem Luxus. In ſeiner jetzigen Stim⸗ mung wußte er es zu würdigen, und er fühlte entſchieden die Fügung des Herrn darin, daß er wider ſeinen Willen und mit der Sehnſucht ſeines Herzens jetzt gerade das Alles mit durchleben, ſo recht in den friedenloſen Wuſt hinein mußte.— Wenn ſeine Kameraden mehr oder we⸗ niger mit ſtrahlenden Geſichtern dem Herrn Oberamtmann ihre dankbaren Huldigungen brachten, der Obriſt an der Spitze, der in ſolcher Geſelligkeit die Wahrheit des Lebens erkannte, und Stottenheim, dem dieſe angenehme Unter⸗ brechung der leidigen Alltäglichkeit ganz erfriſchend war,— ſo blieb Kadden ernſt und ruhig, und es gehörten wieder Adolfinens verwirrte Fantaſien dazu, um nicht die Ge⸗ duld heute an ſeiner Seite zu verlieren. Nur als ſie von dem kleinen Friedrich ſprach, blitzte es ſo warm und ſeh⸗ nend über ſeine Züge. Das war ihr eine Beruhigung, ſie wußte, das er nicht von Eis war. Am Abend muſizirten und ſpielten die jungen Leute zuſammen, die ältern wollten eine Partie arrangiren. Gehören Sie zu den alten oder zu den jungen Herren? trat der Oberamtmann freundlich zu Kadden. Zu beiden nicht, war ſeine höfliche Entgegnung, ich möchte mich zu⸗ rückziehen, ich habe Brieft zu ſchreiben. Er empfahl ſih ihm und der Frau vam Hauſe und entfernte ſich. 314 Das Herz möchte einem bluten, wenn man einen ſolchen jungen Mann ſo unglücklich ſieht, ſagte der Ober⸗ amtmann theilnehmend zum Obriſten und zu Stottenheim, die neben ihm ſtanden und mit denen er ſchon das Schick⸗ ſal Kaddens und ſein ernſtes Geſicht beſprochen hatte.— Ja, mit der Ehe iſt es wie mit einem Lotterielvos, dem einen glückts, dem andern nicht, entgegnete der Obriſt.— Es iſt nur ein Glück, daß, wenn man eine Niete gezogen hat, lachte der Oberamtmann, man noch einmal einſetzen kann.— Natürlich! ſagte der Obriſt verbindlich. Der Oberamtmann war nämlich ſchon von einer Frau geſchie⸗ den. Ja, aber nun denken Sie ſich die Stupidität die⸗ ſer ſogenannten kirchlichen Leute, die da behaupten, eine Ehe darf nicht gelöſt werden.— Warum denn nicht? ftagte der Oberamtmann.— Weil es gegen Gottes Ge⸗ bot iſt, war Stottenheims ſchnelle Antwort.— Nun, ich muß ſagen, begann der Oberamtmann gutmüthig, ich weiß nicht genau, was Gottes Gebot darüber iſt, es heißt frei⸗ lich: Ehen ſind im Himmel geſchloſſen, und, was Gott zuſammen fügt, ſoll der Menſch nicht ſcheiden; aber es giebt mehr Dinge in der Bibel, die ſich nicht mit dem Leben zuſammen reimen.— Natürlich, verſicherte der Obriſt, das Leben zeigt immer am beſten den Weg an, den wir gehen müſſen.— Mir war der Weg einfach genug gezeigt, verſicherte der Oberamtmann, ich lebte mit meiner erſten Frau wie Hund und Katze. Ich muß Ihnen ſagen, flü⸗ ſterte er vertraulich, ich bin einmal mit der Hetzpeitſche 315 auf ſie losgegangen, es war aber eine maliziöſe Perſon. Kurz und gut, wir trennten uns. Und jetzt? Nun lieber Obriſt, Sie können es am beſten beurtheilen, ob ich nicht mit einer Frau jetzt ganz gut zuſammen lebe, es war eben nicht meine Schuld. Sie ſollen den alten Herrn von Budmar darüber reden hören, nahm Stottenheim, der jedenfalls auch nach dieſer Seite hin ſeine Bildung zeigen mußte, das Wort. Der Teufel, ſagt er, erlaubt es in ſeinem Reich, daß ſich die Leute ſcheiden und verheirathen nach den böſen Nei⸗ gungen ihres Herzens; den Kindern Gottes iſt es nicht erlaubt, ſie ſollen einer dem andern verzeihen, Rachſicht und Geduld üben und an das Ende ihres Lebens und an die Ewigkeit gedenken.— Na hören Sie mal, begann der Oberamtmann lächelnd, an nichts denke ich weniger gern, als an das Ende des Lebens und an die Ewigkeit, ich ſage Ihnen, wenn es ewig hier ſo währen könnte, ich wäre vollkommen zufrieden damit.— Das geht aber einmal nicht, ſagte Stottenheim achſelzuckend, und, fügte er wichtig hinzu, ich kann Ihnen doch eigentlich verſichern, wahrhaftig ich kann es, denn ich habe mich bemüht, auch die Richtung dieſer Leute kennen zu lernen— Wiſſen Sie, der Menſch kann nie zu viel lernen, unterbrach er ſich. Der Oberamtmann nickte Beifall.— Ich kann Ihnen verſichern, daß die Leute, die ſich wörtlich an die Bibel halten, auch ihre Gebote ſtreng erfüllen, und ſich auf die Verheißungen vom Himmel und von der Seligkeit ver⸗ 316 laſſen, ſchon hier recht glucklich find.— Ein ſchöner Glaube, verſicherte der Oberamtmann, ein ſchöner Glaube! Aber welches Menſchenkind kann denn alle das wörtlich neh⸗ men und erfüllen? Nein, liebſter Freund, daß iſt eine Unmöglichkeit, und darum iſt Alles Schwärmerei, wir ſind einmal ſo geſchaffen und können nicht Engel ſein.— Das hören dieſe Leute gerade gern, unterbrach ihn Stot⸗ tenheim, der ſich zu gern reden hörte: Durch eigene Kraft können wir nicht Gottes Gebote erfüllen, nun kommen ſie mit dem nothwendigen Erlöſer.— Der Oberamtmann ſchüttelte bedenklich den Kopf. Nein, hören Sie, ich will mir den Abend darzit nicht verderben, man muß jetzt oft genug gegen ſeinen Willen von ſolchen Dingen hören, iſt eigentlich in keiner Kirche mehr recht ſicher, und ich ver⸗ ſichere Sie, es iſt mir paſſirt, daß ich des Abends vor ſolchen Vorſtellungen nicht einſchlafen konnte.— Was ſich mit der Wahrheit des Lebens nicht verträgt, werfe ich über Bord, ſagte der Obriſt verſtändig. Das Gebot Gottes iſt für uns da, daß wir keine ſchlechten Menſchen wer⸗ den, es kann nichts gebieten, wodurch die Menſchen ſchlech⸗ ter werden, und wenn zwei Leute zuſammen bleiben ſollen, die ſich nicht ausſtehen können, ſo werden ſie dadurch ſchlechter.— Richtig, ſagte der Oberamtmann.— Herr von Budmar würde Ihnen da ſagen, ſie ſollen eben zu⸗ ſammen bleiben, damit ſie beſſer werden, warf Stotten⸗ heim lachend ein. Ich möchte aber doch wiſſen, ob die Familie wirklich 317 ſo gegen Kaddens Scheidung iſt, ſagte der Obriſt, der Oberförſter ſcheint doch ein verſtändiger Mann.— Oberför⸗ ſters, das weiß ich genau, verſicherte Stottenheim, die möchten Frau von Kadden nicht wieder zu ihrem Mann laſſen, aber es ſoll für jetzt eine Trennung und keine Scheidung ſein.— Unſinn! ſagte der Oberamtmann, und weil Stottenheim in dem Augenblick von den jungen Leu⸗ ten fortgerufen war, fuhr der Obriſt vertraulich fort: Ich muß Ihnen nur geſtehen, ich fühle ſo eine Art Verpflich⸗ tung, mich dieſes jungen Mannes anzunehmen, er hat Niemand in der Welt, und iſt eigentlich ganz in der Gewalt dieſer Menſchen.— Er iſt doch aber ein freier Mann! ſagte der Oberamtmann lebhaft.— Er hat aber ſeit Jahren mit ihnen dieſelbe Luft geathmet, verſicherte der Obriſt, er hat von ihren Vorurtheilen eingeſogen, er hat wenigſtens nicht den Muth, einen Entſchluß zu faſſen. — Richtig, ſagte der Oberamtmann, ich weiß, es gehört ein Entſchluß dazu, mich hat auch ein Freund erſt auf die Beine bringen müſſen. Ich werde einmal mit dem jungen Mann ſprechen, recht vernünftig ſprechen, denn ich habe die Erfahrung für mich.— Nein, ſagte der Obriſt, thun Sie das nicht, er iſt ein eigenthümlicher Mann, man müßte erſt eine Anfrage an ſeine Frau und an die Familie gelangen laſſen, wie ſie über die Schei⸗ dung denken. Um ihm zu helfen, müßte man ihm mit etwas Beſtimmten entgegen treten können, das wäre der beſte Anfang.— Der Oberamtmann war damit einver⸗ „ 318 ſtanden, und übernahm es, bei dem Oberförſter, mit dem er, trotz der verſchiedenen Glaubensanſichten, doch ordentlich und nachbarlich ſtand, einmal hinzuhorchen. Und zwar kam er gleich in dieſen Tagen wegen einer Weide⸗Reguli⸗ rung mit ihm zuſammen, daß mußte eine paſſende Gele⸗ genheit dazu geben. Der folgende Tag war ein Ruhetag. Die Offiziere, die auf den benachbarten Bauerdörfern lagen, waren ein⸗ geladen, den Abend ſollte ein Ball ſchließen. Das Wet⸗ ter war unvergleichlich ſchön, die jungen Herren und Da⸗ men wußten es zu benutzen. Als Kadden noch ziemlich früh von einem einſamen Spatziergange zurückkehrte, fand er eine große Geſellſchaft auf einem Angerplatze hinter dem Garten, und zwar Adolfinen und zwei Offiziere zu Pferd. Da kömmt Kadden, rief Stottenheim, der mag das Pferd prüfen, er verſteht ſich auf Damenpferde. Einer von den Herren ſtieg ab und Kadden bemerkte jetzt erſt, daß auf dem einen Pferd ein Damenſattel lag. Ja, mein lieber Herr von Kadden, redete ihn der Oberamtmann an, ver⸗ ſuchen Sie das Pferd einmal, meine Tochter will durch⸗ aus reiten, und ich bin bange dabei.— Kadden beſtieg das Pferd, prüfte es einige Zeit, und verſicherte, die Dame könne es ohne Gefahr beſteigen. Jetzt wurde er vom Oberamtmann aufgefordert, ihr einige Anleitung zu geben, und er war höflich genug einzuwilligen. Es währte nicht lange, daß ſein eigenes Pferd gebracht wurde, und er ritt nun neben dem jungen Mädchen her, während 319 Adolfine mit den anderen Herren dem Walde zuflog. Nach kurzer Zeit kehrte ſie zurück und war nun dreiſt genug, Kadden zu bitten, ihr Pferd zu bewundern und ſie Schule reiten zu laſſen. Auch dagegen hatte er nichts, ſie ritt wirklich ſehr gut, es war ganz hübſch anzuſehen. Er mußte ſie loben. Endlich ritt ſie ſtolz und kühn neben ihm zum Hauſe zurück, und er ahnete nicht, was er wieder in ihren Fantaſien angerichtet. Am Nachmittag war der Himmel umzogen, man blieb im Zimmer, es wurde muſizirt. Kadden hörte gern zu,— da ihn Stottenheim darauf aufmerkſam gemacht, ſich nicht gar zu ſehr zurückzuziehen, war ihm dieſe Unterhaltung noch die liebſte. Er war dem Klavier näher getreten und ſprach mit einem Kameraden, als er ein Flüſtern dort be⸗ merkte. Die eine Tochter des Hauſes hatte eben das Volkslied angeſtimmt:„Es iſt beſtimmt in Gottes Rath,“ — als Adolfine ſchnell das Buch fortnahm, und Stotten⸗ heim mit einem Blick auf Kadden leiſe zu ihr ſprach. Kad⸗ den merkte augenblicklich, was das bedeuten ſollte; es kochte etwas in ihm, aber ruhig trat er näher. Wollen Sie das ſchöne Lied nicht ſingen? fragte er. Die junge Dame ſchlug das Buch verlegen wieder auf. Sie ſingen auch? fragte die ältere Schweſter, welche die geheime Unterredung nicht gehört hatte. Er ſingt wunderſchön, verſicherte Stottenheim. Du ſollteſt einmal ſingen! fügte er hinzu, mit einem Tone, als wollte er ſagen: Armer Junge, ſei doch nicht ſo traurig. — Auch das reizte Kadden, er ſetzte ſich an das Klavier 320 und ſagte lächelnd: Dann müſſen Sie mir aber erlauben gerade das Lied zu ſingen, es iſt ein Lieblingslied von mir. — Stottenheim und ſeine Befreundeten waren etwas ver⸗ dutzt, aber Kadden ſang mit ſchöner Stimme das ganze Lied. Die Strofen:„Wenn dir geſchenkt ein Knösplein was, ſo thu es in ein Waſſerglas,“— die klangen gar beweglich. Das war natürlich, weil er ſeines Knöspleins gedachte. Und als er geſungen:„Nun mußt du mich auch recht verſtehn, ja recht verſtehn: wenn Menſchen auseinander⸗ gehn, dann ſprechen ſie auf Wiederſehn, auf Wiederſehn!“ — da ſtand er vom Klavier auf, hörte die üblichen Worte des Dankes und Lobes ruhig an, und verließ dann das Zimmer. Wie ſonderbar! ſagten die Mädchen. Ja wirklich, verſicherte Stottenheim, wenn man nicht wüßte, daß er ein verheiratheter Man iſt, man ſollte denken, er wäre in einer gewiſſen Periode vor der Verlobung. Er iſt ſo zerſtreut, ſo in Gedanken verſunken, er geht allein ſpatzieren, ſammelt ſich zarte Blumenſträuschen, es iſt unbegreiflich.— Adol⸗ fine war ſo herzverwirrt zu erröthen und ſich verlegen ab⸗ zuwenden. Am anderen Morgen rückte das Militär weiter, nur um eine Nacht zu bivouakiren und dann nach hier zurück⸗ zukehren. Die jungen Damen hatten Zeit ſich auszuruhen und die ſchönen Tage zu überlegen. Adolfine ſteckte tief in ihrer Verblendung. Kadden war am Ballabend einige Stunden ein höflicher Zuſchauer geweſen, und hatte ſich 321 dann früh zurückgezogen, während der Stunden aber hatte er zweimal neben ihr und ihrer Mutter geſeſſen, und ſo viel von ſeinen Kindern geſprochen, und wie er ſich zwi⸗ ſchen den vielen Menſchen einſam fühle. Sie hatte das tiefſte Mitleiden mit ihm und überlegte ſich, wie ſie am folgenden Abend, wenn er zurückkehrte vom Bivouak, ihn tröſten wollte. Sie war eben im Begriff, einen einſamen Spatzier⸗ gang zu machen, als auf dem Hausflur ein Bauerjunge mit einer Poſttaſche an ihr vorüber ging. Gehſt Du nach Braunhauſen? fragte ſie. Der Junge bejahte. Sie nahm ihm die Poſttaſche aus der Hand unter dem Vorwand, ob ein Brief ihres Vaters darin ſei. Sie trat damit an das Fenſter. Ihre Neugierde wurde befriedigt: ein Brief an Frau von Kadden war dazwiſchen. Sie ſah ihn an. Was ſtand darin? an dieſer Frage hing das Glück ihres Lebens. Sie ſchwankte nicht lange, es war zu unwiderſtehlich, ge⸗ ſchickt hatte ſie ihn in der Sand. Der Junge erhielt ſeine Taſche, und ſie ſah ihm geſpannt nach, bis er den Hof verlaſſen.— Sie eilte nun in den Garten, nach dem ein⸗ ſamſten Theil, an einem großen Baumſtamm gelehnt, der ſie ſchützen mußte, erbrach ſie das Siegel. Es war wirklich, als ob ſie vor dem längſt geträumten und erſehnten Glücke ſtände, als ob ſie plötzlicht aus Zweifel und Erwartung in Gewißheit und Wonne gerathen ſolle.— Sie las,— und las noch einmal,— ſie ward roth, zerknitterte das Blatt Eliſabeth. U 21 322 in den Händen, und als ſie Schritte zu hören glaubte, eilte ſie weiter und zum Garten hinaus. Was hatte ſie denn geleſen? Gar nichts Beſonderes. Keine Beſchwörungen, und Vorwürfe und feierliche Los⸗ ſagungen; es war ein einfacher, kurzer, wunderbarer Brief, für ſie hätte er freilich nicht gepaßt, ſie war ſehr unruhig, daß ſie ihn in Händen hatte. Wie konnte ſie ſo albern, ſo verwirrt ſein? Kadden, der ſonderbare ernſte Mann, ſollte eine unerlaubte Nei⸗ gung zu ihr haben! Sie gerieth in eine unangenehme Auftegung. Schaam und Aerger ſtritten ſich um die Ober⸗ hand, doch entſchied ſie ſich bald für letzteren.— Wie viel beſſer hätte ſie dieſe ſchönen Tage benutzen können! Geſtern den Ballabend, wo ſie die Hauptperſon hätte ſein können, und wo ſie ſich eigentlich um keinen Menſchen bekümmert hatte,— ſie hätte die herrlichſten Dinge erleben können und müſſen! Welch ein Glück war es doch, fügte ſie ſich tröſtend hinzu, daß ſie den Brief erwiſcht hatte! Sie zer⸗ pflückte ihn jetzt in hundert Stückchen, warf ihn in den Bach, und machte ſich gar kein Gewiſſen daraus, ihn ge⸗ leſen zu haben. Vierzehn Tage waren nach Eliſens Abreiſe vorüber gegangen, als die Großeltern von einem Spatziergange zurückkehrten und in ihr liebes Wohnzimmer traten. Eliſa⸗ beth hatte ſchon ſeit zwei Tagen nicht ausgehen dürfen, ſie war erkältet und blieb mit ihren Kindern auf ihrem Zimmer. 323 Wit den Großeltern faſt zugleich trat die Frau Ober⸗ förſterin ein, es war ihr gleich anzuſehen, daß ſie etwas Beſonderes auf dem Herzen hatte. Nun Julchen, ſagte der Großpapa lächelnd, was haſt Du denn wieder?— Ich werde zwar ſehr in den Verdacht kommen, geſchwätzig zu ſein, nahm Julchen etwas gereizt das Wort, aber ich muß doch meinen Auftrag ausrichten.— Das Großmutterherz ſchaute ſehr bange auf die Tochter, die letzten vierzehn Tage waren ihr ſchwer genug geweſen. Kaddens Abſchied von Eliſabeth, und daß er nicht ein Wort ſeitdem geſchrieben, ja Eliſabeths Weſen ſelbſt, ihr Kämpfen mit Traurigkeit und ihr Troſtſuchen zeigten ihr, daß ihre Befürchtungen ſchon vom Sommer her richtig waren und trotz Kaddens gutem Willen, Eliſabeth zu ehren und zu achten, ſeine Neigung zerſtört war. Julchen erzählte nun in gutmüthiger Erregung des Oberamtmanns Auftrag, ſich nach der Familie Anſichten über eine Scheidung zu erkundigen. Sie erzählte aber auch getreulich, wie Kadden mit den jungen Damen geritten, mit ihnen geſungen, und daß er auf dem Ball geweſen. Julchen, das iſt Alles Klatſcherei, ſagte der Großpapa ruhig, die Anfrage wegen der Scheidung iſt eine Lüge.— Aber Vater, ſagte Julchen, es iſt noch nicht ſehr lange her, wo Du ſelbſt von Kadden einen Wunſch nach Tren⸗ nung befürchten konnteſt, wo es Dich beruhigte, daß in ſeinen Kreiſen nicht eine Perſönlichkeit war, die ſeinem Herzen gefährlich werden konnte. Denke Dir, Julchen, — 324 dieſe Befürchtung habe ich ſchon gehabt, als er der glück⸗ lichſte Bräutigam war, ſagte der Großvater ebenſo ruhig, und denke Dir, ich habe ihm damals ſchon geſagt, ſeine glückliche Ehe könnte trotz ſeines heißen Herzens mit einer Scheidung enden, er könnte ebenſo glühend, wie er damals Eliſabeth liebte, auch einſt eine andere lieben. Aber, Julchen, daſſelbe kann man allen Männern und Frauen ſagen, die ſich auf ihre edeln Herzen verlaſſen.— Aber, lieber Vater, wunderſt Du Dich denn jetzt, nachdem wir die Ehe lange unglücklich geſehen haben?— Weil Kadden ſich jetzt nicht mehr auf ſein edeles Herz verläßt, ſondern den Herrn fürchtet, ſagte der Großvater kurz. Geduldet Euch nur, in acht Tagen kehrt er zurück; aber zu Deiner Beruhigung verſpreche ich Dir, ich will mit ihm ſogar wegen der Scheidung ſprechen. Die Großeltern brachen beide die Unterhaltung ab. Julchen zwang ſich zum Schweigen.— Zu Hauſe aber ſchüttete ſie dem Manne das Herz aus. Die guten Eltern waren nicht zu überzeugen! Wenn ſie ſich nur überreden ließen, wenigſtens Eliſabeth noch zu Eliſen zu ſchicken, bis mit Kadden vernünftig verhandelt würde! Die Scheidungs⸗ frage wurde ja doch in der Welt längſt beſprochen. Wenn das auch noch nicht ſchlimm war,— wie der Oberförſter ruhig bemerkte,— im vergangenen Jahre hatte man auch geſagt, der Oberforſtmeiſter wollte ſich von ſeiner Frau ſcheiden laſſen, nur weil ſie ihrer Geſundheit wegen ein Vierteljahr in Berlin war. Ja, die Welt iſt wunderlich; 325 wenn ſie Langeweile hat, macht ſie über irgend etwas Lärm, aber ein Lärm vertreibt zum Glück den andern. Am folgenden Tage ſollten eine Menge fremder Trup⸗ pen an Braunhauſen vorüberziehen und etwas dort ma⸗ növriren; von allen Seiten ſtrömten Zuſchauer herbei, auch 1 n Woltheim fuhren und gingen die Leute dorthin. Als Eliſabeth hörte, daß Oberförſters nach der Gegend hinfahren wollten, bat ſie, mitfahren zu dürfen, und die gutmüthige Oberförſterin gönnte ihr die kleine Zerſtreuung. Die Kü⸗ raſſire, das war bekannt, zogen eine Stunde von Braun⸗ hauſen entfernt nach dem Platz, wo das letzte Zuſammen⸗ treffen der verſchiedenen Truppen ſtattfinden ſollte. Der Himmel war hell und blau, aber der Wind kalt; Eliſabeth verhehlte es, daß ſie noch ſehr angegriffen war, ja, daß ſie beim Umziehen heute Morgen ſchwindlich wurde. Eine große Unruhe trieb ſie nach Braunhauſen, ſie konnte vielleicht wenigſtens von ihrem Manne dort hören; daß er . gar nicht geſchrieben, machte ſie zu traurig, und daß die Großmama ſelbſt bedrückt war, konnte ihr trotz alles Ringens nach Troſt und Kraft das Herz zittern machen. Der Oberförſter fuhr ſelbſt, außer ſeiner Frau und Eliſabeth waren noch die Kinder auf dem großen Jagdwagen. Dicht an Braunhauſen wurde gehalten, mit Aufmerkſamkeit und Entzücken ſchauten ſie alle nach der einen Seite, wo die Truppen verſammelt waren. Eliſabeth hatte auch gedanken⸗ voll hingeſehen, dann wandte ſie ſich nach dem Exerzierplatz. Sie traute ihren Augen kaum, aber es war ſicher ſo; ihr 326 Mann hielt auf dem braunen Pferd ſtill auf einer Stelle, und Adolfine gallopirte in Volten und allerhand Kunſt⸗ ſtücken um ihn herum. Der Obriſt und noch einige Offiziere hielten neben ihm.— Eliſabeth ſchloß die Augen. Ihr Mann dort mit Adolfinen! Sie war viel zu ſchwach, um Reflerionen zu machen. Nur das Bild des Abends ſtieg vor ihrer Seele auf, wo Frau von Bandow ihr bange machen wollte mit der Untreue ihres Mannes, und wo er ihr ſo ruhig und ſchützend die Hand reichte. War er denn nicht derſelbe mehr?— Es ward dunkel vor ihren Augen, ſie ward ſtill und bleich, und hatte doch die Herzensangſt dabei, unbemerkt zu bleiben. Da ſagte plötzlich die Oberförſterin überraſcht und voreilig: Da iſt ja Kadden! Dann ſah ſie auf Eliſabeth und fügte erſchrocken hinzu: Sie iſt ohn⸗ mächtig. Laß uns ſchnell fortfahren! wandte ſie ſich zu ihrem Mann.— Er wandte augenblicklich den Wagen. Wer iſt denn die Dame mit ihm? fragte der Oberförſter leiſe.— Adolfine, um die er ſich ſcheiden laſſen will, flüſterte ſeine Frau in großer Erregung.— Eliſabeth aber war nicht ohnmächtig, ſie hörte die Worte und ſchlug auch die Augen wieder auf. Sie ſaß aber ſtill wie im Traum, bis ſie zu Hauſe ankamen. Sie lag bei der Großmama auf dem Sofa, während Tante Julchen im Gartenſaal den Großeltern den unan⸗ genehmen Vorfall mittheilte, aber äußerſt wortkarg und vorſichtig, nur das Factum, ihre Bemerkungen dazu behielt ſie jetzt für ſich. Da rief Eliſabeth. Die Großmama trat 327 ein. Gieb mir doch Dein Büchelchen, bat ſie freundlich. Die Großmama reichte es ihr und blieb theilnehmend an ihrer Seite ſtehen. Eliſabeth blätterte darin und ſagte dann zur Großmama: Dieſe Seite hat mir Otto den letzten Tag gezeigt, ich möchte ſie Tante Julchen zu leſen geben. Die Großmama richtete ihren Auftrag aus. Tante Jul⸗ chen las und erröthete, aber die Großeltern ſahen mit ihr in das Buch:„Ich ſage euch aber, daß die Menſchen müſſen Rechenſchaft geben am jüngſten Gerichte von einem jeglichen unnützen Worte, das ſie geredet haben.“ Und nachher weiter:„Doch wird von Frommen auch dies wohl nicht recht bedacht! denn wie viel faul Geſchwätz, wie viel unnütze Dinge hört man doch da und dort.“ Ich ſehe aber nicht ein, warum wir hier und nicht bei Eliſabeth ſind, ſagte der Großpapa jetzt ernſt, und führte die Frauen in das Wohnzimmer. Er hatte noch nicht ein Wort auf der Oberförſterin Bericht erwidert, und dieſe war ganz betroffen von Kaddens Warnung, ſie konnte es nicht begreifen.— Nun ſagt einmal, lieben Kinder, begann der Großpapa ganz heftig, was Ihr für Unſinn treibt, förmlich Komödie ſpielt: Ihr ſeht Kadden dort und fahrt nicht zu ihm!— Eliſabeth richtete ſich plötzlich auf. — Warum kam er nicht zu uns? fragte die Oberförſterin verlegen. Wenn er Euch geſehen hätte, wäre er gekommen, ſagte der Großvater, und wenn er weiß, wie Ihr gehandelt habt, muß er Euch für verwirrt halten.— Julchen wagte kein Wort zu ſagen.— Er klingelte und beſtellte einen 328 reitenden Boten. Ich werde an ihn ſchreiben, er iſt je⸗ denfalls nur auf kurze Zeit und in Geſchäften in Braun⸗ hauſen, wie ſehr wird er ſich freuen, von und den Kindern zu hören. Tante Julchen ging mit einem ſeltſamen Geſichte fort, als aber Eliſabeth mit den Großeltern allein war, fing ſie bitterlich an zu weinen und klagte ihnen den Ausſpruch Tante Julchens. Unſinn! ſagte der Großvater heftig. Aber, ſetzte er ruhiger hinzu, wir ſprechen kein Wort mehr mit ihnen darüber. Dich, liebe Eliſabeth, brauchen wir wohl nicht zu beruhigen über eine ſolche lächerliche Klat⸗ ſcherei, und es iſt ſehr gut, daß Du Julchen Kaddens Rath mitgetheilt.— Eliſabeth ſah den Großvater dank⸗ bar an, neben den drohenden Bildern, neben ihrem ſchwa⸗ chen, zweifelhaften Herzen ſtand doch bald wieder das Bild ihres Mannes, ſo feſt und treu und dem Herrn ergeben. Der Bote ward fortgeſchickt und kam mit der Nach⸗ richt zurück, daß Herr von Kadden in ſeiner Wohnung war und bei den Wirthsleuten,(weil die Köchin während der Manöverzeit in Woltheim war) nach einem Briefe von ſeiner Frau gefragt. Er hatte erwähnt, daß er nur des Briefes wegen ſich von ſeiner Schwadron entfernt hatte. Er war ſehr betrübt geweſen, keinen zu finden, und hatte zurück⸗ gelaſſen, daß er in höchſtens ſechs Tagen mit ſeiner Fa⸗ milie einziehen würde. Wo er während dieſer wenigen Tage ſein würde, hatte er ſelbſt noch nicht gewußt.— Die Nachrichten brachte der Bote mündlich und ward vom Groß⸗ 329 papa auch damit zur Oberförſterei geſchickt. Der Groß⸗ papa hatte Eliſabeth ganz geſund gemacht, ſie ſah wieder ruhig und klar, und es war ihr, als ob ſie wirklich ver⸗ wirrt geweſen. Die Frau Oberförſterin konnte ſich zwar aus ihrem Ideenkreiſe nicht herausfinden, aber ſie war etwas ſtutzig geworden. Eine jede Sache hat zwei Seiten, man kann ſie einfach, wahr und wirklich ſehen wie ſie iſt, oder ſie romantiſch, verwickelt und wunderbar ſehen. Der Schritt von dem einen zum andern iſt bei einem Frauengemüth oft nur ein kurzer. Die gute Frau Oberförſterin bemühte ſich heute mit aufrichtigem Herzen und prüfendem Gewiſſen den Schritt zurückzuthun, er wurde ihr freilich etwas ſchwe⸗ rer, als der vorwärts. 41. Neue Brautliebe. Uach zwei Tagen kam der alte Doctor zu Herrn von Budmar und erzählte, daß er Nachmittag in einem Dorfe eine ſchwierige Operation habe. Das Dorf war ungefähr zwei Stunden von Woltheim, und wenn auch dem Manöver nicht nahe, doch nach der Seite hin. Eliſabeth wußte, daß in dem Dorfe heute NRiſſionsfeſt war, ſie hatte auch Luſt gehabt dort hin, aber Oberförſters wollte ſie nicht auffordern, und die Großmama hatte Kopfweh. Jetzt bat ſie den Doctor, ob er ſie mitnehmen wollte, und der war gern bereit. Es paßte ja ſo prächtig, und gleich nach Tiſche holte er ſie ab. Eliſabeth kam etwas zu früh in dem Dörſchen an. Sie trat in die kleine, freundliche Kirche, die ſchon geöffnet, und ſehr rein und auch mit grünen Zweigen geſchmückt war. Sie trat wieder auf den Kirchhof, und ging leſend von einem Grabſtein zum andern. Es war ſo mild und warm und ſtill im Sonnenſchein, einzelne Blumen, die des Morgens vom Reif die Kronen ſenkten, hatten ſich wieder erhoben in der Sonne warmem Schein und träumten noch einmal vom Sommer. Eliſabeth war ſo friedlich, und war voll Sehnſucht und Erwartung nach dem Gottesdienſt, ſie wußte, daß ihr eigener gläubiger Prediger dabei betheiligt war, den hatte ſie ſeit lange nur mit einem todten, mat⸗ 331 ten Herzen gehört. Heute war es ihr, als könne ſie nur mit gefalteten Händen, und mit ſtillen Zügen und leiſen Schritten hier wandeln, und ihre Seele bereit halten für die Erquickung, die ihr da in der kleinen ſtillen Kirche werden ſollte. Es kamen aber auch nach und nach viele andere Leute, die wartend und flüſternd hier ſtanden. Eli⸗ ſabeth war lieber bis zum Läuten allein, trat aus der Kirchhofsthür und über den Weg, und ging vor einem Eichenwäldchen einige Schritte auf und ab. Sie pflückte auch im Gehen die feinen rothen Steinnelken und Thymian, und Scabioſen und gelbe und rothe Blümchen zu einem ſehr unſcheinbaren, aber genau geſehen, höchſt wunderlieb⸗ lichen Strauß. Als das Läuten begann, verließ ſie ihren ſtillen Spatziergang, einige Schritte von ihr traten mehrere Damen aus dem Pfarrgarten und gingen ihr voran in die Kirche. Sie war betroffen, als ſie eintrat, ſchon alle Plätze beſetzt zu finden, und ſchaute ſich verlegen um, als ein lie⸗ bes, bekanntes Geſicht vor ihr ſtand, ihre Hand nahm und ſie mit ſich führte. Es war Frau Aſſeſſor Borne, eine von den Damen, die aus dem Pfarrgarten traten. Sie nahm ſie mit ſich in den Pfarrſtuhl, wo außer einigen anderen Frauen noch Frau Paſtor Kurtius war. Eliſabeth erbaute ſich am Geſang und an der Pre⸗ digt, kaum hatte eine Predigt einen beſſer zubereiteten Bo⸗ den gefunden als heute Eliſabeths Herz. Kurtius hielt eine Miſſions⸗ aber zugleich eine Bußpredigt; die Herzen ſollten aufgerüttelt werden aus der Lauheit und Trägheit 332 im Dienſte des Herrn, die Hände ſollten freudiger zum Geben und die Herzen fteudiger und lebendiger zum Ge⸗ bete ſein. Als nach der Predigt das Lied angeſtimmt wurde:„Aus tiefer Noth ſchrei ich zu Dir, o Herr, erhör mein Rufen,“ da war es, als ob es für ſie allein ange⸗ ſtimmt würde, es waren ihr heute nicht nur erbauliche Worte, es war die Lebensfülle ſelbſt in ihrer Seele:„Und ob es währt bis in die Nacht, und wieder an den Mor⸗ gen, ſo ſoll mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht und ſorgen.“ Heiße Thränen fielen auf ihr Geſangbuch, ſie ſuchte es zu verbergen und glaubte ſich auch unbemerkt. Sie war es aber nicht, ihr gegenüber oben, halb von einem Pfeiler verborgen, ſtand Kadden, und wenn er auch während der Predigt ſeine Aufmerkſamkeit ſo viel als mög⸗ lich nach der Kanzel gerichtet hatte, ſo ſchaute er jetzt un⸗ verwandt nach dem ſtillen und blaſſen Geſicht dort unten, und hörte mit tiefer Bewegung das für ſie beide ſo be⸗ deutungsvolle Lied. Gleich, nachdem der Gottesdienſt ge⸗ ſchloſſen, eilte er durch die Menge und ſtand an der Kirch⸗ thür auf ſie wartend ſtill. Eliſabeth ward von den Da⸗ men freundlich und zuvorkommend angeredet und in das Pfarrhaus geladen, ſie trat mit ihnen aus der Kirchthür, als ihr Mann ftreudig grüßend vor ihr ſtand. Sie über⸗ legte nicht, wie ſie ausſehen müſſe: Otto, Du hier? ſagte ſie, und Freude und Glück ſtrahlten aus ihren Augen. Er hielt ihre Hand in ſeinen Händen feſt und erklärte ſo den Damen, daß er eine Stunde von hier im Quartier liege⸗ 333 daß er den freien Nachmittag benutzte, daß Feſt mitzufeiern, und ſich nun unerwartet mit ſeiner Frau hier getroffen habe. Ihre Einladung, mit in die Pfarre zu kommen, nahm er nicht an, er hatte nicht Zeit, er empfahl ſich ih⸗ nen und führte Eliſabeth mit ſich. Er hatte ſchon im Gaſthof, als er ſein Pferd dahin brachte, durch Doctors Kutſcher von ihrem Hierſein gehört, hatte aber auch gehört, ſo wie die Kirche aus ſei, würde angeſpannt und fortgefahren. Um ſeine Frau doch etwas ſprechen zu können, wollte er mit ihr den Weg nach Wolt⸗ heim vorangehen, und ließ dem Doctor das beſtellen. Als ſie jetzt beide vor den Eichen waren, ſagte er mit freundlichem Vorwurf: Liebe Eliſabeth, warum haſt Du mir nicht geſchrieben? Ich wußte nicht wohin, war ihre ſchnelle Antwort. Du haſt doch meinen Brief erhal⸗ ten? fragte er ebenſo ſchnell.— Eliſabeth ſchüttelte mit dem Kopf und ihr Kummer darüber war unverholen in ihren Augen zu leſen.— Das war unbegreiflich! Er erzůhlte, wo und wann er geſchrieben, und daß er ſich die Antwort vor einigen Tagen ſelbſt holen wollte. Das wußte ſie ſchon durch den Boten, und ſie ſagte ihm, wie es ihr ſo tröſtlich wak von ihm zu hören, und daß ſie ſich danach vorgenommen, noch recht geduldig die letzten Tage zu ſein. N Sein Herz zitterte vor Freuden, er wußte kaum, was er ſagen wollte, und der leidige Doctorwagen kam ſchon vom Dorfe her. Eliſabeth) noch ein Tag morgen, ſagte 334 er, übermorgen komme ich nach Braunhauſen und Nachmit⸗ tag zu Dir!— Dann darf ich Dir entgegen kommen? fragte ſie leiſe.— Ja, ich komme zu Fuß, den nächſten Weg nach den Steinen.— Da erwarte ich Dich, fügte ſie hinzu.— Sie ſtanden jetzt ſtill, einige Augenblicke ſchwei⸗ gend. Dann nahm er einen Eichenzweig aus ſeinem Knopf⸗ loch, der mit Sommertrieben roth und braun und grün, ganz frühlingsgleich und lieblich war, er reichte ihn Eli⸗ ſabeth und griff dabei zagend und doch glücklich nach ihren Blumen. Sie gab den Strauß erröthend hin, ſie war wie im Traume. Er küßte ſie zum erſten Mal wieder auf die Stirn und führte ſie zum Wagen. Hier begrüßte er den alten Doctor, erkundigte ſich erſt noch bei Eliſabeth nach den Kindern und trug ihr Grüße auf. Der Doctor hatte nach der andern Seite von Wolt⸗ heim in einer Vorſtadt zu thun, Eliſabeth ſtieg darum an den großen Eichen in der Nähe der Oberförſterei aus. Sie wollte ſchnell vorüber, und nach Hauſe, dem kleinen Frie⸗ drich durfte ſie ihr glückliches Herz ausſchütten, ſie ſehnte ſich nach ihren Kindern und dabei war es ihr ſo bräut⸗ lich und ſelig zu Muthe, ſie ſah die Geſtalt vor ſich, die ihr die liebſte auf der Welt war, ſie ſah die großen, dun⸗ kelblauen Augen vor ſich, als ſie/ die Blumen tauſchte, und es war ganz daſſelbe Bild, aſs wo er ihr damals den Weilchenſtrauß ſchenkte. Als ſie an der Tannenpkanke von Oberförſters Kü⸗ chengarten hineilte, ſah ſie die, Tante und das ſchlank auf⸗ 335 gewachſene Mariechen hoch oben zwiſchen Bohnenſtangen ſchweben, ſie ſammelten geſchäftig die letzten Wachsbohnen ein. Tante Julchen aber hatte auch Eliſabeth erblickt, ſie trug eilig ihren Stuhl an die Bretterwand und reichte freundlich ihre Hand hinüber. Du kommſt zurück vom Miſſionsfeſt? ftagte die Tante. Ja, entgegnete Eliſabeth, und denke Dir: Otto war da! ſetzte ſie hinzu mit einem Ausdruck, der nicht mißverſtanden werden konnte. Das war aber ſchön, ſagte die Oberförſterin etwas verdutzt, aber in gutherziger Theilnahme. Uebermorgen iſt das Manöver ganz vorbei und er kömmt zurück, ſagte Eliſabeth noch eben ſo freudig und ließ ſich auf keine Unterhaltung weiter ein. Die Großeltern kamen ihr mit Onkel Karl in der Kirſchenallee entgegen. Der Onkel lächelte vergnügt, als er ſie ſah, und die Großeltern waren ganz erſtaunt über ſie, mit leichten, ſchwebenden Schritten, mit ſtrahlenden Zügen und in den Augen ſo viele Güte und Freude und Glück als in den glücklichſten Mädchenzeiten. Wen habe ich wohl getroffen? ſagte ſie, als ſie ihnen nahe war, und trotzdem ihr ganzes Geſicht lachte, ſchimmerten in ihren Augen helle Thränen.— Ich errathe, ſagte der Großpapa, und die Wahrheit fiel ihm ein.— Ja, Otto war da! fuhr ſie fort, und fügte ganz unbefangen hinzu: Wir haben uns ſehr gefteut, und übermorgen kömmt er her.— Er wird Dir dann wohl nicht die Erlaubniß geben, noch nach Berlin zu reiſen? fragte der Großpapa ernſthaft thuend.— — 2 336 Unſinn! rief Eliſabeth und erinnerte mit dem Ton ſeit langer Zeit einmal wieder an ihre frühere glückliche Keck⸗ heit. Die Kinder kamen mit Johannen dicht hinter den Großeltern, und Eliſabeth begrüßte ſie und erzählte ihnen und den Großeltern zugleich von ihrer unerwarteten Freude und nichtete gewiſſenhaft alle Grüße aus. Die Oberförſterin hatte den Abend noch die kleine Aufregung, daß der Doctor kam und ſeine Verwunderung über das Zuſammentreffen des vielbeſprochenen Paares mit⸗ theilte. Die Gerüchte waren ihm bekannt genug, und die Frau Oberförſterin hatte auch in ſeiner Gegenwart ihre Seufzer darüber nicht genau überwacht. Kein Brautpaar kann glücklicher ausſehen, verſicherte der Doctor, ſie haben auch zarte Sträußchen beim Abſchied ausgewechſelt.— Es iſt Alles, Alles Klatſcherei geweſen, verſicherte jetzt die Oberförſterin muthig, und am ſpäten Abend las ſie noch einmal die Mahnung durch, die ihr Kadden im Andachts⸗ buch angewieſen. Den folgenden Tag kam die Sonne nicht zum Vor⸗ ſchein, es blieb kalt und rauh vom Morgen bis zum Abend; Eliſabeth ging aber doch ſpatzieren, ſie hatte nicht Ruhe im Hauſe, und zwar ging ſie nach den Steinen auf den Tannenbergen. Die Braunhäuſer Thürme lagen unter ihr, raue Wolken zogen darüber hin, heute waren ſie das Ziel ihrer Sehnſucht noch nicht, ſie ſchaute noch über die fer⸗ nen Eichen an der anderen Seite hin. Aber morgen um dieſe Zeit wollte ſie hier ſehnend und wartend ſitzen. Es 337 war, als ob ſie nur heute hergegangen, um Muth zu ſam⸗ meln auf das Begegnen morgen. Ja, morgen, hatte ſie ſich feſt entſchloſſen, da wollte ſie Herz und Mund auf⸗ thun, hier ganz allein mit ihm wollte ſie ihn um Ver⸗ zeihung bitten für all den Kummer, den ſie ihm gemacht, ſie wollte ihn noch einmal um ſeine Liebe bitten.— Rein, das Letzte ging doch nicht, die Bitte konnte ihm drückend ſein, er mußte vielleicht ſagen: Ich will Dich ehren und achten, aber die Sonne und die Blumen in Deinem Le⸗ ben kann ich Dir nicht wieder ſchaffen.— Ja, und wenn er das auch ſagen muß, ſchloß ihr Herz, ich werde ihn doch wohl bitten müſſen! Am anderen Nachmittag um dieſelbe Zeit ſaß ſie wie⸗ der hier, es war noch kälter und ſtürmiſcher, aber ſie achtete nicht darauf. Es war etwas bange in ihrer Bruſt, ſie wußte nicht recht, wie es werden ſollte, aber ſie war feſt vor dem Herrn: Du mußt ihn um Verzeihung bitten. Nachdem ſie eine ganze Zeit geſeſſen, und der Wind ſo eiſig ſie durchwehte, ſtand ſie auf und ſuchte in den Tan⸗ nen Schutz. Sie ging hin und her, trat dann heraus und ſchaute nach den dunkelen Thürmen. Es ward ihr endlich bange, ob er kommen möchte, ſie war wohl in der Unruhe zu früh fortgegangen; als die dunkelen Wol⸗ ken über Braunhauſen ſich auseinander thaten, ſah man an dem gelben Streif dazwiſchen, daß die Sonne noch nicht ganz tief ſtand. Aber es war ſchaurig hier, ſie ſtand eben wieder vor den Tannen, ſie ſchaute nach den düſteren Wol⸗ Eliſabeth. II. 22 338 ken und den unheimlichen grellen Lichtern dazwiſchen, und auf die dunkelen Thürme,— es wollte ihr unheimlich werden in der Einſamkeit,— als der Erwartete ſchon ziem⸗ lich nahe aus dem kleinen Ellerngebüſch ihr entgegen kam. Einige Augenblicke ſtand ſie erſchrocken, ihr Herz klopfte, aber ſie faßte Muth und ging ihm entgegen. Wonmit ſollte ſie beginnen? Würde er ſie verſtehen? Würde er es mer⸗ ken, was ſie wollte.— Ach ja, er merkte es und ver⸗ ſtand ſie, ſie hatte nicht nöthig, etwas zu ſagen. Er nahm ſie in ſeine Arme und nahm ſie an ſein Herz, und als ſie ſeine Hand griff, an der ſein Trauring ſteckte, die Hand, die er einſt drohend gegen ſie erhoben, als ſie dieſe Hand küßte, da verſtand er, was ihr demüthiges Herz dabei empfand.— Sie ſaßen noch zuſammen auf den Steinen, Eliſabeth konnte wieder reden, ihre großen, offe⸗ nen Augen ſchauten wieder vertrauend zu ihm auf, er forſchte nach ihrem Kummer und nach ihrem Glück, ſie verhehlte ihm nichts, und er wußte kaum, was von beiden mehr ſein Herz bewegte.— O, lieber Ottv, ſagte ſie jetzt, wenn ich es auch nicht begreifen kann, warum Du mich lieb haſt, und warum Du mich immer lieb haben ſollſt, ich weiß es jetzt, daß Deine Liebe der Wille des Herrn iſt, ich nehme ſie als ein Gnadengeſchenk von ihm, und Er ſoll ſie mir auch hüten und bewahren, mir wird es nie wieder bange darum ſein.— WMir auch nicht, fügte er hinzu, obgleich ich kaum begreifen kann, wie Du mir verzeihen, wie Du die Vergangenheit vergeſſen konnteſt.— 339 Sie küßte noch einmal ſeine Hand, und als er weiter reden wollte, legte ſie ihre Finger leiſe auf ihren Mund und ſagte bittend: So darfſt Du nicht reden. Jetzt ſaßen ſie beide auf derſelben Stelle wie die Großeltern vor vielen Jahren, jetzt ſprach Eliſabeth wie damals die demüthige Braut, ietzt ſuchte der Mann ihr zur Seite nicht Hülfe in ſeinem eigenen ſchwachen Herzen, ſondern bei dem Herrn, der unſere Herzen in ſeiner Hand hält, der allein Glauben und Liebe, und Geduld und Treue in uns wirken kann. Sie waren aufgeſtanden, ſie wollten zu den Großeltern und zu ihren lieben Kindern eilen. Sie fühlten jetzt erſt, daß es noch rauher und der Wind heftiger geworden war. Unter den beiden großen Bi dern mit den goldenen Rahmen ſaß der Großpapa im Spofa, in einer Ecke neben ihm ſaß das kleine Mariechen, in der anderen Friedrich. Er war nachdenklich, er hatte ſeine eine Hand ſchützend auf das kleine Mädchen gelegt, und beide Kinder ſchauten mit großen Augen nach dem Kaminfeuer, das ihre Geſich⸗ terchen mit ſtrahlendem Roth übergoſſen. Die Großmama ſtand harrend am Fenſter, es war ganz ſtill im Zimmer, nur der Theekeſſel machte ſein ſingendes Geräuſch. Jetzt kommen ſie! rief die Großmama, trat zu ihrem Mann an das Sofa und holte tief Athem. Jetzt wirſt Du ja hören, ſagte der Großpapa ruhig und reichte ihr die Hand. Sie ſetzte ſich zu ihm, als ob ſie bei ihm ihr Großmut⸗ terherz mehr zur Ruhe zwingen könne. 23 340 Die Gartenſaalthür ward geöffnet und ſchnell darauf die Stubenthür, Eliſabeth trat mit dem Erſehnten ein. Die Großeltern ſtanden auf, das Großmutterherz aber ſollte nicht lange zagen, Kadden umarmte ſie und ſagte bittend und kindlich: Jetzt ſollt Ihr ſie mir noch einmal übergeben, und jetzt will ich es mit des Herrn Hülfe beſ⸗ ſer machen. Wenige Minuten ſpäter ſaß er im Sofa, die Groß⸗ eltern neben ihm, er hatte beide Kinder auf dem Schvoß, Eliſabeth ſaß auf einer Fußbank vor ihm und der Groß⸗ mama, ſo hatte ſie es gewollt, ſo konnte ſie Allen recht in die Augen ſchauen. Von der Vergangenheit wurde nicht geſprochen, nur die Großmama kam darauf zurück, als ſie ſagte: Jetzt, lieber Otto, wiſſen Sie, daß der Spruch Ihres ſeligen Großvaters, den Sie in der Bibel haben, Ihnen Glück und Segen verkünden ſollte:„Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“— Jetzt ſoll er nicht nur in der Bibel ſtehen, entgegnete Kadden.— Sondern im Her⸗ zen, fügte die Großmama freundlich hinzu. Während des Geſpräches hatte Kadden eine Taſſe hei⸗ ßen Thee nach der andern geſchlürft. Eliſabeth ſah ihn einige Zeit nachdenklich an, es fiel ihr jetzt erſt auf, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte und beim Huſten zuweilen ſchmerzhaft nach der Bruſt faßte, dabei war die Hand, die ſie nahm, eiskalt. Lieber Otto, Du biſt 341 unwohl, ſagte ſie jetzt. Er ſah ſie freundlich an, dann ſagte er: Ja, das bin ich auch. Die Großeltern wurden auch aufmerkſam und er erzählte, daß er ſchon länger Katarrh habe, daß es ſeit geſtern ihm aber in der Bruſt weh thue, wenn er huſte. Heute Morgen fühlte er ſogar beim Reiten einen fortwährenden Schmerz und war des⸗ halb gern zu Fuß hergegangen. In dem Augenblick wurde ſein Pferd gemeldet, der Burſche erhielt die Anweiſung, es in den Stall zu brin⸗ gen, weil er noch nicht Luſt hatte zum Fortreiten, und morgen früh, das war ausgemacht, ſollte Eliſabeth mit den Kindern zu ihm kommen.— Eliſabeth hatte nicht Ruhe, ſie bat um die Erlaubniß, den Doctor holen zu laſſen. Ihr Mann war nicht ganz einverſtanden damit, die Großeltern aber waren auf Eliſabeths Seite, da er plötzlich einen ſo heftigen Froſt bekam, daß er ſich kaum erwehren konnte, mit den Zähnen zuſammen zu ſchlagen. Der Doctor kam bald und ſtellte ihm die Alternative, entweder augenblicklich wohleingepackt im verſchloſſenen Wa⸗ gen nach Braunhauſen zu fahren, oder ſich auf einige Wo⸗ chen hier in Woltheim gefaßt zu machen. Er entſchloß ſich ſchnell für das erſte, und augenblicklich wurden alle An⸗ ſtalten zur Abreiſe getroffen. Eliſabeth, obgleich ſie etwas ängſtlich war, fühlte doch heute zu viel Dank und Glück im Herzen, um ſich wirklich zu ſorgen: Sie war ja wie⸗ der ſeine Eliſabeth, ſie durfte nun ungefragt mit ihm fah⸗ 342 ren und ihn pflegen, ſie durfte nie wieder bangen und ungewiß ihm gegenüber ſein. Der Burſche war vorausgeſchickt, um ein Zimmer zu heizen, und war doch kaum mit ſeinen Pferden eher angekommen. Das Feuer brannte zwar im Ofen, man merkte aber im Zimmer noch nichts davon. Die Köchin, die ſie gleich mitgenommen, mußte Thee beſorgen, der Burſche war nach dem Arzt, und Kadden lag noch ein⸗ gepackt in allen Reiſekleidern auf dem Sofa. Eliſabeth fühlte ihr Herz jetzt bedrückt, es war ſo öde, ſo unwohn⸗ lich hier überall, und die Erinnerung an das letzte Jahr ward nur zu lebendig in den alten bekannten Räumen. Ihr Mann verſtand ſie, er fühlte ihre Stimmung, er rief ſie zu ſich und ſagte: Weißt Du noch, Eliſabeth, den Morgen nach Charlottchens Tode, als wir den Herrn baten, er möchte uns führen durch Glück oder Unglück, es ſollte uns recht ſein? Bald darauf fing ja unſer Kummer an, und die Erinnerung daran kann uns nur zum Dank auf⸗ fordern.— Ja, das ſoll es, ſagte ſie.— Jetzt denke nichts weiter, als daß Du meine liebe Eliſabeth biſt und mich pflegen mußt, fuhr er freundlich fort.— Sie nickte. — Auch dieſe Krankheit ſchickt der Herr zu unſerem Se⸗ gen; mir iſt ſo wohl, daß ich mich um alle Welt nicht kümmern ſoll, daß ich keinen Menſchen ſehen muß.— Ach ja, entgegnete Eliſabeth ſchnell, es fielen ihr die ſchlim⸗ men Gerüchte ein, Tante Julchens entſetzliche Worte, als ſie ihn den Morgen neben Adolfinen ſah. 343 Der Arzt unterbrach ihr Geſpräch, und wenn Kad⸗ den es gewünſcht hatte, von der Welt nichts hören und ſehen zu müſſen, ſo ward ihm in der Ausſage des Arz⸗ tes die Erfüllung dieſes Wunſches. Nach dem Fieber zu urtheilen, ſtand ein heftiger Kampf bevor,— eine ſchlei⸗ chende Lungenentzündung nannte es der Arzt. Er rieth, das beſte und ruhigſte Zimmer jetzt gleich als Kranken⸗ zimmer einzurichten. 42. Die Welt dreht ſich mit dem Winde. Am anderen Morgen war Stottenheim bei Bonſaks. Er fühlte ſich auch nicht recht wohl, er hatte aber eben vor der Thür vom Doctor, der eilig an ihm vorbeilief, gehört, daß Kadden gefährlich krank ſei. Er fragte, ob man hier ſchon etwas davon wüßte. Nein, die Damen hatten nichts gehört, der Obriſt war heute noch kaum bei ihnen geweſen. Das Schickſal ſcheint den armen Kadden wirklich mit ſeinen Unglückspfeilen zu verfolgen: nun liegt er gar krank, ohne Pflege, ohne Behaglichkeit, ich werde nur hin müſſen und den Burſchen etwas anweiſen. Ich bin aber überzeugt, daß nur ſeine Gemüthsbewegungen, ſeine Kämpfe ihn krank gemacht haben.— Warum er ſich nur ſo lange hinquält! ſagte die Obriſtin. Er iſt ſonſt ſo entſchieden, ſo männlich. Warum er keinen Entſchluß faſſen kann!— Adolfine ſaß mit einer Handarbeit beſchäftigt ſehr ſchweigſam.— Meine gnädige Frau, begann Stottenheim belehrend, die Sache iſt für ihn wirklich nicht gering. Soll ich Ihnen geſtehen, daß ich ſogar, wenn ich mich in ſeine Stelle verſetze, noch ſchwanke, was zu thun oder zu laſſen?— Wie ſo? fragten die Damen. Ich meine eben, wenn ich mich in ſeine Stelle verſetzte, fuhr Stottenheim fort, die Anſichten die⸗ ſer Leute haben wirklich etwas Hinreißendes.— Cäzilie 345 ſah ihn einverſtanden an.— Von der anderen Seite wieder betrachtet, hat er die volle Gewißheit eines unglücklichen Lebens vor ſich. Nun denken Sie den Kampf, in welchem der arme Menſch ſich befindet.— Ich glaube nicht, daß er ſich ſcheiden läßt, ſagte Cäzilie.— Wenn nicht,— ja, wenn nicht etwas den Ausſchlag giebt, flüſterte Stottenheim. — Was den Ausſchlag giebt? fragten die Damen.— Ich glaube, ich darf nicht darüber reden, entgegnete Stot⸗ tenheim achſelzuckend.— Das machte die Damen nur noch neugieriger und Stottenheim war nicht hartherzig, auch war er ja hier im vertrauteſten Kreiſe: Ich fürchte, ſagte er, daß er eine andere Reigung im Herzen hat.— Eine andere Neigung? wiederholten die Damen im höchſten Erſtaunen; nur Adolfine ſchwieg beharrlich. Sie glauben nicht, mit welchem Entzücken er von Wangeroge ſpricht, fuhr Stot⸗ tenheim bedenklich fort, von dem Umgang dort, bei dem eine liebenswürdige junge Frau und ein ſechszehnjähriges, blühendes Mädchen die Hauptperſonen waren. Welche von den beiden Dameniſ. weiß ich wahrhaftig noch nicht, aber ich verſichere Sie, ſein Herz iſt in eigenthümlicher Be⸗ wegung, ich möchte ſagen: gerade ſo, wie vor ſeiner Vor⸗ lobung.— Man hat ja ähnliche Dinge oft genug erlebt, verſicherte die Obriſtin.— Er thut mir aber doch herzlich leid, ſagte Stottenheim, ich bitte Sie, was ſoll daraus werden! Den letzten ſchönen Tag, wo wir jetzt zuſammen im Quartier lagen, war er den ganzen Nachmittag ver⸗ ſchwunden. Er kam zurück, er war den ganzen Abend mit 346 mir allein, aber er war wie in einem Traume und hat eigentlich nur ſich mit einem zarten Feldblumen⸗Sträuschen unterhalten, wenn er auch glaubte, mit mir zu reden.— Ich begreife gar nicht, warum Ihr Euch den Kopf ſo zer⸗ brecht, nahm Adolfine jetzt dreiſt das Wort, er wird in ſeine Frau verliebt ſein!— Ein allgemeines Gelächter war die Antwort.— Adolfine ſah herausfordernd um ſich. Habt Ihr Kadden je etwas thun ſehen, was die Menſchen von ihm erwarten? fuhr ſie fort; nein, er gefällt ſich ge⸗ rade im Gegentheil.— Adolfinens Ausſpruch wurde noch herzlich komiſch gefunden und Stottenheim entfernte ſich, um nach des verlaſſenen Freundes Pflege zu ſehen. Im Vorſaal von Kaddens Wohnung traf er den Bur⸗ ſchen und fragte ſchnell: Was macht Dein Herr? Er iſt ſehr krank, entgegnete der Burſche leiſe. Habt Ihr denn ordentlich für ihn geſorgt? Wo liegt er denn? fragte Stot⸗ tenheim weiter. Wir haben ſein Bett hier in die aller⸗ ſchönſte Stube geſtellt, entgegnete der Burſche und zeigte auf die nächſte Thür, mein Bett auch, aber ich habe die ganze Nacht gar nicht geſchlafen, ich habe ihm immer die Medizin gegeben. Stottenheim nickte zufrieden und unter⸗ brach des Burſchen Erzählung, indem er die Thüre des Krankenzimmers leiſe öffnete und eintrat. In der größten Betroffenheit aber blieb er an der geöffneten Thüre ſtehen. Da lag Kadden, bleich, mit geſchloſſenen Augen, in den weißen Kiſſen; auf einer Fußbank am Bett ſaß ſeine Frau, ſie hatte ihres Mannes herabhängende Hand gefaßt und 347 ruhte mit ihrer Wange daran, gleichfalls mit geſchloſſenen Augen.— Er trat ſchnell wieder zurück, ſchloß leiſe die Thür, er mußte ſich erſt beſinnen. Er war völlig aus der Contenance. Eliſabeth ſchlug aus einem leichten, ſchlummerartigen Ruhen ihre Augen auf, als ſie die Thür ſich wieder ſchließen ſah. Sie ging leiſe hin, um zu ſehen, wer da war. Sie ſah freundlich in Stottenheims betroffenes Geſicht und bat ihn einzutreten. Jetzt ſchlug auch Kadden die Augen auf. Stottenheim, der mit Eliſabeth an das Bett getreten, er⸗ kundigte ſich nun theilnehmend nach des Freundes Befinden. — Nicht gut fühle ich mich heute, ſagte Kadden mit kurzem Athem.— Ich habe Dir es aber in der ganzen letzten Zeit angeſehen, daß Du unwohl wareſt, verſicherte Stot⸗ tenheim.— Da war ich aber nur vor Sehnſucht nach meiner Frau krank, ſagte Kadden mit einem leichten Lä⸗ cheln und nahm Eliſabeths Hand.— Wahrhaftig? ja wahrhaſtig! ſtotterte der gute Freund.— Erkundige Dich doch auf der Poſt nach einem Brief, den ich dem Ober⸗ amtmann Wiebert zu beſorgen gab, der für meine Frau war, ſagte Kadden.— Sprich nur nicht, bat Eliſabeth. Man ſah es, wie ſchmerzhaft ihm das Sprechen war. In dem Augenblick trat der Doctor ein, er ſah be⸗ denklich auf Stottenheim und ſagte: Ich muß jetzt den unartigen Doctor ſpielen und mir jeden Beſuch verbitten, jetzt iſt Langeweile und Ruhe das Beſte für meinen Pa⸗ tienten. Stottenheim nickte einverſtanden. Er reichte Kadden 348 die Hand und verließ leiſe das Zimmer.— Als er zum Hauſe hinaus war, eilte er mit raſchen Schritten nach Bonſaks. Nein, ſo etwas war noch nicht dageweſen! ſein gutes Herz wußte nicht, ob es ſich freuen oder ärgern ſolle, aber ausſprechen wenigſtens mußte es ſich. Er fand die Damen Bonſak noch ebenſo verſammelt, der Obriſt war auch bei ihnen. Was werden Sie dazu ſagen, begann er ſogleich, als er in das Zimmer trat und ſein gewöhnliches, höfliches Grüßen darüber vergaß: Fräulein Adolfine hat Recht!— Adolfine war feuerroth geworden und verſuchte eine triumfirende Miene anzunehmen; es ging nur nicht recht. Worin hat ſie Recht? fragte der Obriſt.— Kadden hat uns Alle an der Naſe herumgeführt, fuhr Stottenheim fort, und ſchilderte nun ſehr blühend die ganze rührende Scene, die er jetzt erlebte. Ich ſage Ihnen, das Bild war herzbewegend. „Vor Sehnſucht nach meiner Frau bin ich krank geweſen,“ ſagte er, und wahrhaftig, es war ſein Ernſt. Und ich ſage Ihnen, die junge Frau— ſo lieblich und hold und ver⸗ legen ſtand ſie vor mir, dieſelbe Erſcheinung als damals, wo ſie zum erſtenmal mit den Großeltern Ihnen einen Beſuch machte.— Es iſt eine gute, liebe Frau, ſagte Cä⸗ zilie.— Aber wie in aller Welt kann denn ein ſolches Gerücht mit dieſer Beſtimmtheit ausgeſprochen werden? fragte der Obriſt ziemlich verlegen.— Der Oberamtmann Wiebert trägt jedenfalls die Hauptſchuld, entgegnete Stottenheim, dieſe Nachrichten aus Wangeroge.— Dieſes ſechszehnjährige, 349 blühende Mädchen, fiel Adolfine ſpöttiſch ein.— Mein Fräu⸗ lein, ſagte Stottenheim etwas gereizt, wir haben uns Alle in dieſer Geſchichte nichts vorzuwerfen, wir wollen uns aber wahrhaftig darüber freuen, daß es ſo und nicht anders iſt. — Beruhigt Euch, ſagte die Obriſtin kopfſchüttelnd; etwas muß an der Sache doch geweſen ſein.— Sie ſagten aber ſelbſt, wandte ſich jetzt Cäzilie zu Herrn von Stottenheim, daß Ihnen Ihr Freund verſicherte, er wollte lieber ſein Leben lang mit ſeiner Heftigkeit und Rohheit kämpfen, als ſeine Frau weniger zartfühlend wiſſen. Das hat mir ſehr gefallen von ihm.— Ja, ja, das hat mir auch gefallen, entgegnete Stottenheim.— Da iſt er vielleicht in der letzten Zeit, fuhr Cäzilie fort, wo ſeine Frau krank war, immer traurig und verſtimmt über ſich ſelbſt geweſen, daß er nicht zart genug mit ihr ſein konnte.— Wahrhaftig, ſagte Stot⸗ tenheim, Sie haben Recht, Fräulein Cäzilie! Das iſt ihm zuzutrauen.— So ſcheint er doch nicht aus Schaam und Verlegenheit gegen Sie geſchwiegen zu haben? nahm Adolfine wieder ſpöttiſch das Wort.— Stottenheim rückte unruhig auf dem Stuhl, er ärgerte ſich über dieſe Malice; aber er konnte nichts entgegnen. Ich begreife nur nicht, daß Sie mit ihm über dieſe Gerüchte nicht geſprochen haben, ſagte Cäzilie.— Ja, natürlich habe ich das, aber in dieſer Hinſicht beſitzt der Menſch eine herrliche Ruhe. Er hat mir eigentlich nichts entgegnet als: die Welt ſei verwirrt. Jetzt iſt es mir klar; es hat ihm förmlich Vergnügen ge⸗ macht, die Leute zu heſchäftigen und ſie, ſo zu ſagen, anzu⸗ 4½ 350 führen. Er wird aber wahrhaftig nächſtens Gelegenheit nehmen, von der Freundſchaft der Welt zu reden.— Er hat eigentlich Recht, ſagte Cäzilie; mit welchem Vergnügen iſt überall von dem Ereigniß geſprochen.— Vergnügen? nein, ſagte Stottenheim, ich wenigſtens nicht.— Mit wel⸗ chem Eifer wenigſtens, verbeſſerte Cäzilie.— Eifer, nun ja, der Eifer galt aber nicht Kadden, er galt eigentlich mehr der religiöſen Richtung, die ſein Glück bedenklich machte. — Nun bitte ich Euch, Kinder, begann der Obriſt, ſprecht zu Niemanden weiter davon. Es iſt das Klügſte, man thut, als ob nichts geweſen ſei; denn Ihr wißt, wer ſich ent⸗ ſchuldigt, beſchuldigt ſich.— Ja natürlich, verſicherte Stot⸗ tenheim, nichts, gar nichts muß man ſich merken laſſen, darum bin ich eben zu Ihnen gekommen. Kadden aber, das verſichere ich Sie, wird Oberwaſſer haben ſammt ſeinem lieben Herrn von Budmar.— Cäzilie lächelte, als wollte ſie ſagen: wer weiß, ob ſie nicht doch Recht haben.— Nun, Kadden mag ſein, wie er will, er iſt mein guter Freund, ſagte Stottenheim, und ich habe das gute Gewiſſen, wenn auch unſere Anſichten noch verſchieden ſind, daß ich mich immer als Freund gegen ihn benommen habe. Jetzt eile ich nach der Poſt, um mich für ihn nach einem Briefe zu erkundigen, der verloren gegangen iſt, und an dem ihm viel zu liegen ſcheint.— Was für ein Brief? fragte der Obriſt. — Ein Brief an ſeine Frau, ſagte Stottenheim, der ent⸗ weder auf der Poſt oder ſchon beim Oberamtmann Wiebert verſchwunden iſt.— Vielleicht wiſſen Sie etwas davon? wandte er ſich unbefangen zu Adolfinen.— Was! Ich? 351 ſagte Adolfine und ward feuerroth.— Ich meine nur, fuhr Stottenheim noch unbefangen fort, weil Sie länger da blieben als wir. Ich erinnere mich, daß Kadden den letzten Tag ſchrieb und am anderen Morgen den Brief dem Oberamt⸗ mann zur Beſorgung ſelbſt übergab.— Adolfine wagte nicht aufzuſehen, ſie ſagte, indem ſie roth war bis zur Stirne: Das iſt wohl möglich.— Alle ſahen ſie verwundert an, Allen war ihr Weſen auffallend, und Allen kamen ſonder⸗ bare Gedanken. Stottenheim aber war auch nicht auf den Kopf gefallen, er kannte Adolfinen zu gut, es ging ihm ein Licht auf. Junge Damen ſind zuweilen übermüthig, neugierig ſind ſie immer, ſagte er beobachtend. Sollte man vielleicht aus dem Briefe geſehen haben, daß Kadden in ſeine Frau verliebt iſt?— Ja, wahrhaftig, lachte die älteſte Schweſter, das ungezogene Mädchen hat den Brief geleſen. — Nun ja, ſagte Adolfine entſchloſſen, er iſt durch Zu⸗ fall in meine Hände gekommen. Nicht wahr, Herr von Stottenheim, wir übergeben ihn ſammt dem ſechszehnjährigen, blühenden Mädchen der Vergeſſenheit?— Die Eltern und Schweſtern lachten, nur Cäzilie ſchüttelte den Kopf.— Ich muß geſtehen, ich habe mich geirrt, ſagte Stottenheim ge⸗ reizt.— Und irren iſt menſchlich, fiel der Obriſt ein. Es bleibt dabei, wir thun, als ob gar nichts geweſen iſt. Den Nachmittag fuhr der Obriſt trotz des ſchlechten Wetters nach dem Oberamtmann Wiebert, um ihm nitzu⸗ theilen, daß die ferneren Verhandlungen mit dem Oberförſter überflüſſig ſeien. Der Oberamtmann war erſt verwundert über des Obriſten Rittheilungen, dann aber erinnerte er —.„ 352 ſich ganz genau, auch gar nichts in der beſprochenen Art von Wangeroge erzählt zu haben. Seine Erzählungen konnten unmöglich dieſe Gerüchte veranlaßt haben. Und der Obriſt verſicherte darauf, daß er überhaupt an das Ganze nicht geglaubt habe. Als der Wind von der einen Seite kam, da hatte Jeder etwas vorher geſagt, und gewußt, und geprofezeiht und gemerkt, das war Alles nicht zu verwundern. Jetzt, wo der Wind anders kam, hatte Niemand viel gehört und überhaupt nichts glauben wollen. Stottenheim aber ver⸗ ſicherte mit feſter Ueberzeugung, ſein Freund ſei in der letzten Zeit oft ſo ernſt und betrübt geweſen über die Krankheit ſeiner Frau, und weil er mit der kränklichen Frau nicht zart genug umgehen konnte. Das war wirklich ſchön und rührend! Es entſtanden nun wieder ganz andere herrliche Gerüchte. Fräulein Amalie Keller verſicherte, Kaddens wä⸗ ren die liebenswürdigſten und anziehendſten Leute ihres Kreiſes, und fand keinen Widerſpruch bei dem aufrichtigen Wunſche, ſie beide wieder, wie vor zwei Jahren, friſch und fröhlich in der Geſellſchaft zu ſehen. So iſt es mit dem uUrtheil der Welt. Lächerlich, kindiſch, ſpringt es tappend um die Wahrheit herum, von . der Gemeinheit, von der Lüge, von der Freude am Böſen, es iſt ihr gar leicht, ſich in weichlichen, ſentimentalen und unerreichbaren Höhen zu ergehen. Wer vernünftig iſt, ¹ geht durch gute und böſe Gerüchte hindurch und hält ſich nur an den Herrn, dem die Wahrheit unverborgen iſt. 43. Schwere Stunden und ſelige Stunden. Viezehn Tage waren vorüber. Eliſabeth war wohl zuweilen bange, aber ſie traute der Verſicherung des Arztes, der keine Gefahr ſah, und ſie war zu glücklich und zu ſehr erfüllt in der Pflege des geliebten Kranken. Ihre Mutter hatte ſich augenblicklich als Krankenpflegerin oder wenigſtens zur Geſellſchaft für Eliſabeth angeboten, auch die Oberför⸗ ſterin hatte ſehr gutherzige Vorſchläge zu machen, aber es ward alles verworfen. Kadden wollte lieber gar keine Pflege als eine fremde, Eliſabeth wollte weder Hülfe für ſich noch für ihre Kinder. Die Kinder wohnten ſicher mit Johannen in ihrem kleinen Reiche, ihre Nähe war Eliſa⸗ beths einzige Zerſtreuung, und ihres Herzens Freude war es, wenn ſie in die Krankenſtube kommen durften und des Vaters liebe, warme Aufmerkſamkeit rege machten. So war ein lieber, ſtiller Tag nach dem andern hinge⸗ gangen. Eliſabeth lebte in der dämmrigen Stube, ſie hörte das leiſe Picken der Uhr, ſie ſah danach, ſie reichte ihrem Kran⸗ ken Medizin und Erfriſchungen. Wenn er dann mit einem Blick des Dankes und der Zuftiedenheit zu ihr auffah, fühlte ſie es warm am eigenen glücklichen Herzen. Ihr liebſter Platz war die Fußbank vor ſeinem Bett, da lauſchte ſie ſeinem Athmen und ſuchte ſich Sorge und Troſt darin. Wenn ſie müde und abgeſpannt ſich an die Kiſſen lehnte Eliſabeth. H. 23 —„ 354 und ſeine Hand liebreich auf ihrem Kopfe einen Ruheplatz geſucht, dann ruhte ſie wohl ſtundenlang ſo unbeweglich, um ihn nicht zu ſtören, und ſchlummerte ſelbſt darüber ein. Die Geneſung und Belebung der Kräfte, die, nach⸗ dem die Lungenentzündung glücklich geheilt war, beſtimmt erwartet wurde, zögerte ſich von einem Tage zum andern hin. Eliſabeth bemerkte ſogar, daß der Kranke oft ſehr abgeſpannt war, daß er oft mit halbgeſchloſſenen Augen im leichten Schlummer lag, und der Arzt, der dieſe Schwäche anfänglich für die natürlichen Folgen der Krankheit nahm, mußte ſich bald von einem nervöſen Zuſtande des Kranken überzeugen. Er verhehlte das Eliſabeth nicht, ſchrieb auch ſelbſt an den alten Herrn von Budmar von dem jetzt etwas bedenklicheren Zuſtande ſeines Patienten und bat um eine andere Einrichtung bei ſeiner Pflege. Die Groß⸗ eltern kamen denſelben Nachmittag beide in Braunhauſen an; bis jetzt war die Großmama nur einige Mal allein im Krankenzimmer geweſen, und zwar nur kurze Zeit, weil ſie ihre Anweſenheit unnöthig fand. Eliſabeth war bange und traurig, und das Anerbieten der Großmama, heute wenigſtens hier zu bleiben, nahm ſie mit Dank und Thrä⸗ nen an. Sie war bei ihren lieben Gäſten viel im Neben⸗ zimmer, weil, wie ſie wehmüthig bemerkte, ihr Mann jetzt immer im Schlummer lag, und doch nichts von ihr hatte. Nur einmal ließ er ſie rufen, da traten auch die Groß⸗ eltern zu ihm. Er kannte ſie, er freute ſich, ſie zu ſehen, und ging auf des Großvaters Vorſchlag, noch Jemand zur —— 355 Pflege für ſich anzunehmen, willig ein. Ja, Eliſabeth ſollte beſtimmte Zeiten der Ruhe haben, ſie ſollte ſich dann ganz drüben zu den Kindern verfügen. Auf des Großvaters Vorſchlag wurde Stottenheim, der ſich ſo dringend zur Pflege angeboten, auch gewählt, er war Kadden bekannt und gewohnt und eigentlich auch lieb, er konnte kommen und gehen, ſelbſt ohne Eliſabeth zu ſtören. Damit dieſe ſich nun wirklich Zeit zur Ruhe und Pflege nahm, verſprach die Großmama dem Kranken, ſehr viel hier zu ſein. Drei Wochen waren wieder vergangen, ſchwer und be⸗ denklich. Eliſabeth hatte mit der Großmutter eben ein tröſtliches Geſpräch gehabt, ſie ſprachen von der Himmels⸗ hoffnung, und daß ja dieſer Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht ſollen werth ſein, die an uns ſoll offenbaret werden. Eliſabeth fühlte es wohl ſehr dunkel um ſich, aber ſie ſtreckte gläubig ihre Arme nach oben hinauf, und wollte ſich gern nur von dort ſtärken und tröſten laſſen.— Sie trat jetzt in das Krankenzimmer. Als ſie ſich dem Bette näherte, verließ Stottenheim ſeinen Platz und trat in das Fenſter. Der Novemberſturm wirbelte ſeine erſten Schneeflocken durch die Straße, es war ſchaurig außen, und Stottenheim fühlte es wie einen Felſen auf ſeiner Bruſt. Er ſah keine Soff⸗ nung für den Freund und keinen Troſt für die Frau. Kadden ſchlug ſeine Augen plötzlich auf, er ſah ſich etwas unruhig um und fand nur Eliſabeth knieend vor ſeinem Bette. Eliſabeth, ſagte er leiſe, ließ mir das Lied vor:„Aus tiefer Noth.“ Sie nahm das Geſangbuch und 23 —. 356 las, er hatte ihre Hand gefaßt und hörte aufmerkſam, und wenn ſie vor Weinen nicht leſen konnte, dann ſtrich er ihr theilnehmend mit der Hand über die Stirn.— Gliſabeth, mit dem Herrn bin ich fertig, ſagte er leiſe; ich hoffe nur auf ſeine Gnade. Ich weiß auch, daß Du mir verziehen haſt, fuhr er nach einer Pauſe fort, aber ich muß Dich noch einmal darum bitten. Ja, Du meine liebe Eliſabeth, verzeihe mir alles Herzweh, daß ich Dir gemacht, bitte auch alle Deine Lieben für mich um Verzeihung. Ich hätte ihnen jetzt weniger Sorge machen wollen; aber wie der Herr will.— Sie küßte ſeine Hände und hatte keine Antwort. Er ſah ſie bittend an. Eliſabeth, ergieb Dich in den Willen des Herrn! ſagte er.— Eliſabeth nickte und verſuchte zu lächeln trotz ihrer Thränen.— Der Herr wird Dich tröſten, Du haſt es ja erfahren, daß Du Dich nicht verlaſſen kannſt auf Menſchen.— Er legte die Hand vor die Augen und weinte bitterlich. Eliſabeth beugte ſich über ihn, ſie küßte ſeine bleichen Lippen, ſie bat ihn ſo liebreich, nicht traurig zu ſein; ſie wollten ja beide ſich in des Herrn Hand geben, ſie fühlte es auch ſo tröſtlich am Her⸗ zen. Er ſchloß die Augen wieder, er ſchien ſehr erſchöpft. Die Großmutter hatte durch die geöffnete Thür Alles beobachtet, und ohne die Worte zu vernehmen, hatte ſie es wohl verſtanden, ſie hatte mit ihren lieben Kindern ge⸗ weint und gerungen. Jetzt ſchlich Eliſabeth zu ihr. O, Groß⸗ mutter, ſagte ſie, ich habe jetzt eben zum erſten Mal erfah⸗ ren, welch ein Troſt darin liegt, zu wiſſen, daß eine Seele, —— 357 die wir ſo herzlich lieb haben, ſelig ſterben kann.— Die Großmama ſah ſie herzlich und einverſtanden an.— Groß⸗ mama, der Herr kann machen, daß wir ihm das Liebſte geben. Aber es ſind entſetzliche Tage, ehe man ſich dazu entſchließen kann. Er allein hat es gethan, er hat meine Seele umgewandelt.— So lange wir nicht das Liebſte willig in ſeine Gnadenhände übergeben, ſo lange haben wir hier nicht Frieden, entgegnete die Großmama. Der Herr will unſer Herz allein haben, er ſpricht: Laß dir an meiner Gnade genügen.— O, Großmama, fuhr Eli⸗ ſabeth fort, ich weiß nicht, wie mir iſt, mir iſt ſo ſelig zu Sinne; ich weiß auch, Er kann das Herz betrübt und kann es froh machen. Großmama, haſt Du wohl auch Dein Liebſtes einmal dem Herrn willig übergeben können? — Ich? ſagte die Großmama wehmüthig, ich habe ja meinen lieben Fritz in den Krieg ſchicken müſſen, in ſo entſetzlich mörderiſche Schlachten, ich habe Monate lang die Nachricht ſeines Todes erwarten müſſen, da, Eliſabeth, hat es mich der Herr gelehrt, ihm mein Liebſtes zu übergeben, da hat Er mich gelehrt, daß die Liebe zu ihm immer den erſten Platz im Herzen behaupten muß, daß ich mir an ſeiner Gnade wirklich genügen laſſen müſſe. Ja Eliſabeth, wer nicht in Trübſal und in der Einſamkeit ſelig und zu⸗ frieden ſein kann, der kann es auch nicht im Glücke, das will ich kühn behaupten. Und wenn der Herr Chriſtus mir nicht lieber wäre als Alle, die mein Herz liebt, ſo könnte ihre Liebe mich nicht ſo beglücken, als ſie mich be⸗ — 358 glückt; ſo müßte Sorge und Angſt mich beunruhigen, je wärmer und je ausſchließlicher ich ſie nur mein eigen nen⸗ nen möchte. Das Bibelwort ſollte unſer ſich nach irdiſcher Liebe ſehnendes Herz wohl bange machen:„Verflucht iſt der Mann, der ſich auf Menſchen verläßt, und hält Fleiſch für ſeinen Arm, und mit ſeinem Herzen vom Herrn weicht.“ Und wenn der Herr mit der Frage uns nahe tritt: Haſt du mich lieb?— wohl dem Herzen, das da ſprechen kann: Ja, Herr, ich habe Dich lieb über Alles! und wer da ſprechen kann:„Herzlich lieb hab' ich Dich, o Herr! ich bitt, wollſt ſein von mir nicht fern mit Deiner Hülf und 4 Gnade; die ganze Welt erfteut mich nicht, nach Himm'l und Erde frag ich nicht, wenn ich Dich nur kann haben.“— Eliſabeth ſah ſtill und finnend vor ſich hin. Jetzt aber, liebe Großmama, begann ſie nach einer Pauſe, müßt Ihr mir erlauben, dieſe Nacht allein bei ihm zu wachen, jetzt habe ich Ruhe dazu, jetzt will ich getröſtet dort ſein und will die Erinnerung an die Qual der letzten Tage verwiſchen. Schaden kann es mir doch nicht, fuhr ſie fort, als die Großmutter noch zu ſchwanken ſchien, und wenn es mir auch etwas ſchadet, meine Seele ſehnt ſich 7 danach. Die Großmama war verſtändig genug, das einzu⸗ ſehen. Stottenheim wurde für heute entlaſſen, und Eliſa⸗ beth ſah ſich ganz allein in dem ſtillen Krankenzimmer und fühlte ſich, als ob ſie mit dem geliebten Kranken im Vorhofe des Himmels ſtände. Ihre Seele war im Gebet, 359 ſie wußte nicht, was ſpäter werden ſollte; ſie wußte nur, was jetzt mit ihr war, ſie fühlte Ergebung und damit einen Frieden, den kein Verſtand und keine Vernunft und kein natürliches Herz begreifen und verſtehen kann. Als ſie ihr Geſangbuch nahm, um darin zu ſuchen Worte, die zu ihrer Stimmung paßten, konnte ſie nicht anders als unter den Dankliedern ſuchen; ſie blätterte hin und wie⸗ der, und ihre Gedanken vertieften ſich endlich in den Dan⸗ kesworten: Sollt ich meinem Gott nicht ſingen? Sollt ich ihm nicht dankbar ſein? Denn ich ſeh in allen Dingen, Wie ſo gut er's mit mir mein'. Iſt's doch nichts als lauter Lieben, Das ſein treues Herze regt, Das ohn' Ende hebt und trägt, Die in ſeinem Dienſt ſich üben. Alles Ding währt ſeine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Wenn ich ſchlafe, wacht ſein Sorgen Und ermuntert mein Gemüth. Daß ich alle liebe Morgen, Schaue neue Lieb' und Güt. Wäre mein Gott nicht geweſen, Hätte mich ſein Angeſicht Nicht geleitet, wär ich nicht Aus ſo mancher Angſt geneſen. Alles Ding währt ſeine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Wie ein Vater ſeinem Kinde Sein Herz niemals ganz entzeucht, Ob es gleich bisweilen Sünde Thut und aus der Bahne weicht: 360 Alſo hält auch mein Verbrechen Mir mein frommer Gott zu gut, Will mein Fehlen mit der Ruth' Und nicht mit dem Schwerte rächen. Alles Ding währt ſeine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Seine Strafen, ſeine Schläge, Ob ſie mir gleich bitter ſeind, Dennoch, wenn ichs recht erwäge, Sind es Zeichen, daß mein Freund Der mich liebet, mein gedenke Und mich von der ſchnöden Welt, Die mich hart gefangen hält, Durch das Kreuze zu ihm lenke. Alles Ding währt ſeine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Das weiß ich fürwahr und laſſe Mir's nicht aus dem Sinne gehn: Chriſtenkreuz hat ſeine Maße Und muß endlich ſtille ſtehn. Wenn der Winter ausgeſchneiet, Tritt der ſchöne Sommer ein: Alſo wird auch nach der Pein, Wer's erwarten kann, erfreuet. Alles Ding währt ſeine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Weil denn weder Ziel noch Ende Sich in Gottes Liebe find't, Ei ſo heb ich meine Hände Zu Dir, Vater, als Dein Kind; Bitte: wollſt mir Gnade geben, Dich aus aller meiner Macht Zu umfangen Tag und Nacht Hier in meinem ganzen Leben, Bis ich Dich nach dieſer Zeit Lob und lieb in Ewigkeit. 361 Ei ſo heb ich meine Hände zu Dir, Vater, als Dein Kind! Das konnte ſie nicht oft genug ſagen, daran knüpften ſich die Kindesgefühle, in denen ſie ſich ſo ſtill und ſicher zu des Herren Füßen fühlte. Sie hörte die Uhr wieder leiſe picken, ſie ſah nach ihr, ſie reichte dem Kran⸗ ken Medizin und Erfriſchungen, ſie ruhte ſo ſtill an ſeiner Seite, ſie lauſchte ſeinem Athem ohne Sorge und ohne Angſt, es war ihr ja ſo friedlich im Herzen. Nur ein⸗ mal ſchlug er die Augen ordentlich auf und ſagte: Eliſa⸗ beth, biſt Du noch hier? Ich bleibe ja hier, bis Du wohl biſt, ſagte ſie. Er lächelte leiſe und ſchloß die Augen wieder. Ja, ihre Nähe war ihm doch die liebſte. Sechs Tage waren ſo wieder vergangen, die Groß⸗ mama war nach Woltheim zurückgekehrt, aber ihre Gebete blieben im Krankenzimmer und bei ihrem Liebling, den ſie gefaßt und glaubensvoll verlaſſen, den ſie aber nur noch inniger und glaubensvoller dem Herrn anempfehlen mußte. Der Atzt erwartete von dieſen Tagen die Entſcheidung der Krankheit. Eliſabeth wußte es; die Stunden aber gingen ihr beim leiſen Ticken der Uhr jetzt wieder ruhig eine nach der anderen hin. Wenn die Wogen des Kummers über ſie kommen wollten, dann ſprach ihr betendes Herz: Ach, ſo heb ich meine Hände zu Dir, Vater, als Dein Kind! Der Herr hielt ſie über den Wogen und führte ſie wie in einer träumenden Begeiſterung an den ſchweren Stunden hin. Ja, wunderbar war es, ſeitdem ſie ſich ergeben, da flammte zuweilen die Hoffnung neben der Ergebung auf. 362 Ein Kind, das ſich völlig dem Willen des Vaters hin⸗ giebt, in Demuth, in Vertrauen und Liebe, das hat auch das Recht, ihn dringend zu bitten, ja ihn mit Bitten zu beſtürmen. Nachdem der Kranke in einer Nacht ſchon mehrere Stunden ruhig geſchlafen hatte, ſaß Eliſabeth gegen Mor⸗ gen an ſeinem Bette und lauſchte ſeinen Athemzügen. Du, Herr, kannſt Leben aus dem gedrohten Tode ſchaffen, dachte ſie gläubig und ſchaute bittend hinauf. Ja, ſie bat und bat immer wieder, und als da plötzlich die Hoffnung in ihrem Herzen ſo lichte und helle Strahlen warf, da ſagte ſie gläubig: Herr, die Ergebung iſt von Dir, aber auch die Hoffnung iſt von Dir. Ach, ſo heb ich meine Hände, zu Dir, Vater, als Dein Kind; bitte: wollſt mir Gnade geben, Dich aus aller meiner Macht zu umfangen Tag und Nacht hier in meinem ganzen Leben, bis ich Dich nach dieſer Zeit lob und lieb in Ewigkeit! Als ſie das letzte Wort geſprochen, ſchlug ihr Mann die Augen auf. Er nahm ihre Hand und ſagte: Ich war eben in Wangeroge und habe das ſchöne Meer rauſchen hören. Eliſabeth ſah ihn glücklich an,— das war das Segensrauſchen des Herrn. Denke Dir, fuhr er leiſe fort, ich habe lange, ich weiß nicht wie lange, mir nicht vorſtel⸗ len können wie Licht und Sonne iſt, es war mir immer, als ob ich von grauen, hohen Bergen umgeben war, die ich immer von mir fortſchieben mußte, weil ſie mich zu erdrücken drohten. Ich habe ſo viel dagegen gekämpft, ich wollte 363 mir andere liebliche Bilder vorſtellen, ich konnte es nicht, jetzt kam mir ganz von ſelbſt das Bild des Meeres, ſo erquicklich, ſo friſch, ſo ſonnig.— Eliſabeth hatte ſeine Gand ergriffen und weinte leiſe.— Nun weine nicht mehr, fuhr er nach einer Pauſe leiſe fort, ich glaubte auch, ich ſollte ſterben, um durch meinen Tod zu predigen; aber ich weiß jetzt, daß ich durch des Herrn Gnade leben ſoll und durch mein Leben predigen.— Sie ſah ihn an, als wollte ſie ſagen: Ich weiß es jetzt auch.— Jetzt aber ſollſt Du ſchlafen, bat er freundlich, Du ſollſt Dich nicht um mich kümmern, ich ſchließe die Augen, ich ſehe das rauſchende friſche Meer vor mir und den hellen Sonnen⸗ ſchein, und weiß, ich ſchlafe ein, ich bin ſehr müde.— Eliſabeth reichte ihm noch einmal Medizin, und ging wirk⸗ lich in das Nebenzimmer, um mit leichtem Herzen, mit ſe⸗ ligem Herzen ganz ſorgenlos ſeit langer Zeit zu ſchlafen. Als es dämmerte, ſtand ſie auf. Sie ging leiſe in das Krankenzimmer. Ihr Mann ſchlief ruhig. Zum erſten⸗ mal war in ſeiner Lage etwas wirklich ruhendes. Eliſa⸗ beth eilte in die Kinderſtube, die Kinder wachten und wa⸗ ren allein, ſie trat an Friedrichs Bett. Jetzt, lieber Fried⸗ rich, müſſen wir dem lieben Gott danken, daß er den Papa wieder geſund macht, ſagte ſie freudig. Sie hatte ja oft genug mit ihm des Abends gebetet: Und mach un⸗ ſeren Papa wieder geſund.— Sie nahm das Kind aus dem Bett und das kleine Mariechen dazu, ſie hatte ſie beide auf dem Schooß, ſie drückte ſie an ihr Herz, ſie 364 ſagte bewegt: Ich danke Dir, lieber Gott, und die Kin⸗ der danken Dir auch. Da trat Johanne ein. Nun Jo⸗ hanne, danke Du auch dem Herrn, mein Mann iſt beſſer. — Wirklich, wirklich? ſagte Johanne,— ſie mußte ſich auf einen Stuhl ſetzen vor Ueberraſchung, ihre Knie zitter⸗ ten. O, Ihr lieben Kinderchen! ſagte ſie, der Herr hat Euch nicht vergeſſen. Sie ſprach auch noch weiter, aber Eliſabeth reichte ihr nur herzlich die Hand und verließ die Kinderſtube. Sie ging in die Küche, ſie wollte der Köchin dieſelbe frohe Mittheilung machen, fand ſie aber nicht. Sie eilte die Treppe hinab, ſie mußte zu dem Burſchen in den Pfer⸗ deſtall, der Schnee wirbelte zwar leiſe auf eine ſchon ziem⸗ lich hohe Schneedecke hinab, aber das hinderte ſie nicht. Dieſer getreue Pfleger und älteſte Freund des Kranken verdiente wohl den Weg. Sie trat in den Stall, der Burſche putzte das ſchöne, braune Thier und bemerkte ihr Eintreten nicht, Wilhelm, rief ſie freudig, ich muß Ihnen doch ſagen, daß der Herr nun durch Gottes Gnade wirk⸗ lich beſſer iſt. Der getreue, gutherzige Menſch, dem es in den ganzen Wochen nicht wohl geweſen war, hielt mit der Arbeit inne, er ſtand wie verſteinert. Du barmherziger Gott, das iſt nur gut! ſagte er, und die Thränen liefen ihm über die Backen.— Ja, das iſt gut, wiederholte Eliſabeth und trat auch zu dem Pferd, ſie ſtreichelte ihm die Mähne, ſah ihm freudig in die hübſchen Augen und ſagte: O, du liebes, gutes Thier, du kannſt dich auch 365 freuen, du ſollſt den lieben Reiter wieder tragen.— Sie hatte aber nicht viel Zeit, ſie lief eilig in das Haus zurück. Aber die guten Wirthsleute mußten es doch wiſ⸗ ſen, dachte ſie, als ſie an deren Thür vorüberging. Sie klopfte an die Stubenthür und trat ſchnell ein. Die Leute waren ganz erſtaunt über den frühen Beſuch. Ich weiß ja, Sie freuen ſich mit mir, ſagte Eliſabeth, mein lieber Mann iſt nun beſſer. Iſt der Doctor ſchon dageweſen? fragte die Frau mit freudiger Theilnahme. Nein, noch nicht, entgegnete Eliſabeth, aber ich weiß es ohne den Dortor, er hat ja die Nacht vergnügt mit mir geſprochen und ſchläft jetzt ruhig wie ein Kind.— Jetzt eilte ſie die Treppe hinauf und begegnete der Köchin mit dem Früh⸗ ſtück. Iſt es denn wahr, ſagte dieſe, unſer lieber Herr iſt beſſer? Ja, ſagte Eliſabeth, er iſt beſſer, nun wollen wir ſehr froh und dankbar ſein. Jetzt könnten Sie mir auch Frühſtück bringen. Nach einer Stunde kam der Doctor zuſammen mit Stottenheim. Eliſabeth trat ihnen im Vorzimmer entge⸗ gen. Ihre hellen Augen ſchimmerten gar ſo freudenvoll, ſie vergaß es, daß ſie einen alten ungläubigen Doctor vor ſich hatte, und daß Stottenheim ſie etwas ſchwärmeriſch finden würde. Mein lieber Mann iſt beſſer, ſagte ſie; ja in dieſer Nacht, da fühlte ich ſo plötzlich, daß der Herr ihm helfen wollte, und Er hat geholfen.— Der Doe⸗ tor darf doch aber auch ein Wörtchen mit reden? ſagte dieſer mit einem leichten Lächeln.— Ja, Sie ſollen ſich . 5 366 mit uns freuen, entgegnete Eliſabeth.— Wir ſind aber im beſten Fall noch nicht über alle Berge, fuhr der Doe⸗ tor etwas ärgerlich fort.— Aber der Herr wird weiter helfen, verſicherte Eliſabeth mit einem Ausdruck des Ver⸗ trauens und der Hoffnung in ihren lieblichen Zügen, daß den Doctor eine gewiſſe äſthetiſche Rührung ankam, und er ihr nichts entgegnen konnte. Als ſie ſich zu Stottenheim wandte: Nun, lieber Herr von Stottenheim, werden Sie den Herrn mit uns preiſen,— ſagte er in beſonderer Er⸗ regung: Ja wahrhaftig, von ganzem Herzen. Der Doctor war während deſſen an das Bett getre⸗ ten, der Kranke lag noch im ruhigen Schlafe. Er beugte ſich über ihn, er prüfte den Puls und trat dann zurück. Ja, begann er mit einverſtandenem Kopfnicken, in dieſer Nacht iſt die Kriſis geweſen, der Puls geht bei weitem ruhiger, die Haut iſt kühl und feucht. In dem Augen⸗ blick ſchlug der Kranke die Augen auf. Er ſah freundlich um ſich und ſagte: Ich habe geſchlafen. Dann aber wandte er ſich zu Eliſabeth und reichte ihr die Hand. Sie kniete vor ſeinem Bette. Es hatte zwar kaum der Beſtätigung des Arztes bedurft, es war für ſie aber doch wieder eine neue Freudenſtufe. Der Doctor verordnete mit der ſorgſamen Pflege fort⸗ zufahren, und Eliſabeth entgegnete: jetzt ſollte die Pflege erſt recht angehen. Aber andere Pflege will ich mir jetzt ausbitten, ſagte Kadden freundlich, indem er Elifabeth anſah, und auch der gute Stottenheim ſoll jetzt ruhen. 367 Er reichte dem Freunde dankbar die Hand. Beide woll⸗ ten proteſtiren, aber der Doctor ſelbſt beſtimmte es ſo. In der Nacht ſollte überhaupt nicht mehr gewacht werden; der Burſche ſollte hier ſchlafen und, wenn auch nicht ganz regelmäßig, die Medizin geben. Eliſabeth begleitete die beiden Herren in den Vorſaal, ſie mußte noch etwas ſa⸗ gen: Ich danke Ihnen doch, lieber Herr Doctor, für die große Mühe und Sorgfalt, die Sie für uns hatten; Sie aber müſſen auch dem Herren danken, daß er dieſe Mühe geſegnet hat.— Der Doctor lächelte: Ja, das Leben hing an einem Faden.— Der Herr hält aber dieſe Fäden in ſeiner Hand, ſagte Eliſabeth, er hat ja jedes Haar auf unſerem Haupte gezählt, wie tröſtlich muß das iedem Arzte ſein.— Der Doctor nickte, und Eliſabeth empfahl ſich. Ein ſchöner Glaube, ſagte Stottenheim, als er mit dem Doctor auf der Treppe war; was ich in dieſen Wo⸗ chen erlebt habe, kann keine Feder beſchreiben.— Die junge Frau iſt eine kleine Schwärmerin, entgegnete der Doctor lächelnd.— Die Schwärmerei iſt aber bei ihr ein natürlicher Zuſtand, ſagte Stottenheim.— Der Doc⸗ tor nickte und trennte ſich von Stottenheim. Dieſer eilte zu Bonſaks, eine Perſon war da, der er mit der guten Rachricht eine beſondere Freude machte, das war Cäzilie. Er fand die Familie zuſammen und erzählte lebhaft, daß Kadden außer Gefahr ſei. Er hatte in dieſer ganzen Zeit immer Berichte aus der Krankenſtube gebracht, und — 368 Adolfine hatte, als er Eliſabeths wunderbare Ergebung in Gottes Willen ſchilderte, keck behauptet: ſie könne, wenn ſie ſo ruhig an ſeinem Sterbebette ſtände, ihren Mann nicht lieb haben. Darum wandte ſich Stottenheim etwas pa⸗ thetiſch zu ihr und ſagte: Wenn Sie jetzt die Freude von Frau von Kadden ſehen ſollten, würden Sie nicht zu be⸗ haupten wagen, ſie habe ihren Mann nicht lieb.— Es iſt aber förmlich unvernünftig, fuhr Adolfine auf, jemand, den ich leidenſchaftlich liebe, ruhig ſterben zu ſehen.— Darum glaube ich auch, daß es einen Frieden giebt, der höher iſt als alle Vernunft, ſagte Stottenheim, wenn es mir auch unbegreiflich iſt, wenn es auch gegen alle vernünf⸗ tigen Lebens⸗Anſichten ſtreitet.— Es ſind Wunder des Glaubens, ſagte Cäzilie warm. Ja, fiel Stottenheim ihr in die Rede, unſer Herr Paſtor ſprach kürzlich, daß der Glaube noch jetzt ebenſo große Wunder wirke als damals, wo der Herr Chriſtus auf Erden war; ich verſtehe jetzt, was er damit ſagen wollte.— Himmliſcher Gott! dachte der Obriſt, jetzt fängt der auch an!— Er nahm das Wort und ſagte: Liebſter Stottenheim, Sie haben da jetzt eine jämmerliche Zeit durchgemacht, Ihre Rerven ſind aufgeregt. — Das mag ſein, entgegnete Stottenheim, ich habe dort eine Zeit verlebt, die keine Feder beſchreiben kann, aber ich werde nie wieder wagen, Kaddens Glauben anzugreifen.— Ei, wer wollte das auch thun? ſagte der Obriſt. Kaddens Glauben hat mich noch nie genirt, ebenſowenig der ſeiner Frau: ſie ſind die liebenswürdigſten, herrlichſten Leute, 369 erſtens ſprechen ſie nicht von ihren Anſichten, und dann ſind ſie vergnügt und vernünftig mit ihren Freunden.— Ja, ja, Kadden weiß das ſchön zu vereinigen, verſicherte Stottenheim, ich weiß recht gut, welche Anſichten er hat, und wie er über die Anſichten der Welt denkt.— Er mag meinetwegen denken, was er will, ſagte der Obriſt eifriger. Denken Sie doch, wie beide Leutchen im vor⸗ letzten Winter, ehe ſie krank wurde, ſo allerliebſte Geſell⸗ ſchafter waren. Die Zeit wird wieder kommen und dann werden ſie auch das bischen Schwärmerei an dem Kran⸗ kenbette vergeſſen.— Frau von Bonſak berechnete nun mit ihren Töchtern, wie lange ſie ſich noch gedulden müß⸗ ten, um Herrn und Frau von Kadden wieder unter ſich zu ſehen, und Stottenheim verſicherte, vor dem neuen Jahre, wie der Arzt im beſten Falle verſichert habe, ſei nicht dar⸗ auf zu rechnen. Eliſabeth ſchrieb den erſten Tag faſt immer Briefe, nur zuweilen ſtand ſie auf, um den unermüdlichen Schlä⸗ fer anzuſehen. Der erſte Brief wurde ſogleich durch den reitenden Burſchen nach den Großeltern geſchickt, auch für Tante Julchen hatte ſie herzliche Beſtellungen und Grüße zu ſenden. Dann ſchrieb ſie an ihre Eltern, dann an Tante Wina einen kurzen Dankes⸗ und Freuden⸗Erguß, und zuletzt einen Brief an Emilien. Das letzte Zuſam⸗ menſein mit ihr ſchien ſie gänzlich vergeſſen zu haben, ſie hatte nur die theilnehmenden Erkundigungen von ihr und ihrem Manne vor ſih, ſie wollte ihnen nur Freude mit Eliſabeth. II. 24 — 370 der Freudennachricht machen, und da dieſer Brief der letzte Erguß ihres ſo bewegten Herzens war, ſo wurde er der längſte. Sie ſchrieb auch unter anderem: Ja, liebe Emilie, ich habe nur immer die Worte im Herzen, und vor den Ohren und leiſe auf den Lippen: Ich bin nicht werth aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an Deinem Knechte gethan haſt. Der Herr hat Alles an mir gethan, weil ich ſein ſchwächſtes Kind war: auf Ad⸗ lers Flügeln hat er mich getragen, er hat mein Leben zu meinem Heil geführt. Die letzten ſchweren Wochen, die ich verlebte, ich kann Dir nicht ſagen, liebe Emilie, wie troſtreich ſie auch waren. Ich kann es jetzt zwar nicht faſſen, daß der Herr meinen Willen in ſeinen fügen konnte, ich habe wirklich meinen lieben Otto ihm willig hinge⸗ ben können, darum ſoll ich ihn aber jetzt auch doppelt lieben; nie habe ich geträumt, daß mein Herz ſo wunder⸗ ſelig lieben könne, nie habe ich das ganze Leben ſo lieb⸗ lich, ſo weit und ſelig vor mir geſehen.— Ich werde aber nicht meinen Otto allein ſo lieb haben, ich werde Euch Lieben alle, die meinem Herzen nahe ſtehen, weit aufrichtiger und inniger lieben, der Herr wird mir helfen, ich bin nichts, ſo gar nichts ohne Ihn, und bin ſo ru⸗ hig und getroſt an Seinem Herzen. Weißt Du, Emilie, mein Lieblingslied in der Adventszeit, die wir zuſammen erlebten:„Herr, ich lieb Dich! Herr, ich lieb Dich! ach, von Herzen lieb ich Dich.“ Ich habe damals dem Her⸗ ren das Lied oft mit Thränen geſungen, und wenn ich es 371 auch mit thörichtem Herzen gethan, Er hat mich dennoch erhört, Er hat mich ſelbſt gelehrt, wie ich ihn lieben ſoll, und ſeiner Gnade will ich auch nun dieſe Liebe, ja mein ganzes Herz anvertrauen....... Als dieſer Brief in Emiliens Hände kam, war Schlöſſer bei ihr. Er trat zu ihr, um erwartungsvoll und theilnehmend mit hineinzuſehen. Emilien legte ſich ein jedes Wort, das ſie leſen mußte, wie Felſen auf die Bruſt. Das war Eliſabeths alte Sprache, ſo liebewarm und liebreich, ſo glückeszuverſichtlich. Kann denn Liebe wirklich ſo beſeligen? Darf man denn das Leben ſo leicht nehmen? Darf man denn ſo gedankenlos und hold und einfältig ſein, wie ein Kind? Ja, man darf und kann das nicht nur, man ſoll es auch. Wenn der Herr Chri⸗ ſtus den erſten Platz im Herzen einnimmt, darf das Herz auch ſelig lieben; wenn Er unſeres Lebens Führer und Regierer iſt, dürfen wir das Leben leicht nehmen, und wenn ſein Wort und der Glaube an Ihn unſere Seele erfüllt, dann können wir auch ſorglos und einfältig ſein, wie ein Kind; dann wird Er uns gebrauchen, wozu Er uns haben will und geſchickt machen zu Seinem Dienſt. Emilie ſagte kein Wort, nachdem ſie den Brief ge⸗ leſen. Sie wußte nichts zu ſagen und ihr Mann ſchwieg beharrlich. Endlich entſchloß ſie ſich zu einigen verlegenen Worten: Wir wollen uns freuen und wollen wünſchen, daß der Herr ſie in dieſem Sinne erhält.— Zweifelſt Du noch? fragte er.— Nein, nicht eigentlich für Eliſa⸗ 24* 372 beth, war ihre Antwort, wie wird es aber mit ihm? Und plötzlich ging ihr ein Licht auf. Könnte man jetzt, wenn er wohler wird, nicht auf ihn wirken? fragte ſie lebhafter, ihm jetzt den rechten Weg zeigen?— Das wird Eliſabeth von uns Allen am beſten können, war Schlöſſers ruhige Autwort.— Es war ihr wie ein Traum, das zu hören.— Eliſabeth ſoll am beſten von Allen es verſtehen, Jemand den Weg zum Heil zeigen? Noch mehr aber war es ihr ſeltſam, daß ſie nichts ent⸗ gegnen konnte, daß ſie ihrem Manne Recht geben mußte, — Wir wiſſen auch gar nicht, wie es mit ihm ſteht, fügte er nach einer Pauſe hinzu.— Wilhelm, denke an das letztemal, wo wir ihn ſahen, mahnte Emilie mit er⸗ zwungener Sanftmuth; denke, wie er ſo ſtolz, ſo ſicher, ſo unfreundlich von uns Abſchied nahm, wie er die arme Eliſabeth behandelte. Ich gönne es ihr ja, daß ſie ſich mit ihrem warmen Herzen über ſeine Liebe täuſcht; von 3 ihr glaube ich es ſchon, daß ſie wieder ſo ſelig wie da⸗ mals als Braut lieben kann, aber über ihn wollen wir uns, trotz der Andeutungen der guten, ſchwachen Großel⸗ tern, doch nicht täuſchen. Eliſe ſelbſt glaubt das nicht, ſie ſehnt ſich nach der Tochter, ſie durfte aber nicht hinreiſen, weil Kadden ſie nicht haben wollte. 44. Der Hausfreund. Eliſabeth hatte die Adventszeit ganz für ſich verlebt. Sie hatte die Mutter gleich im erſten Briefe eingeladen zu kommen, weil ihr Mann ja beſſer war; aber der Geheim⸗ rath lag ſelbſt an einem gaſtriſchen Fieber, zwar nicht gefährlich, aber Eliſe konnte ihn doch nicht verlaſſen. Die Großmama war von der langen, ungewöhnlichen Aufregung angegriffen, und da ihr Großmutterherz nichts mehr zu ſorgen hatte, lebte ſie gern in lieber, gewohnter Stille mit dem Großpapa. Die Geneſung des lieben Kranken ging den gewöhn⸗ lichen, langſamen Gang, in der erſten Woche ſchlief er faſt immer, in der zweiten begann er zu eſſen, und Eliſabeth hatte herlich viel zu kochen. Jetzt gab es erſt ſo viele liebe Arbeit der Pflege, und wenn jetzt ihr Mann zu⸗ weilen ungeduldig wurde, wenn es auch nur mit dem gewiſſen ſchnellen, fragenden Blicke war, dann freute ſie ſich,— er war doch zu erſchrecklich ſanft geweſen. Als er aber den Doctor fragte, wann er wohl aufſtehen und wann er dann ausgehen dürfe, und dieſer ihm verkündete, daß er in einigen Wochen das Aufſtehen verſuchen und auch das Gehen wie⸗ der lernen ſolle, da ging es mit ſeiner Ungeduld über die Blicke hinaus, er verbat ſich ſolchen wunderlichen Scherz. Eliſabeth hatte liebkoſend ſeine Hand genommen. Der —. 374 Doctor ließ ſich indeß nicht bange machen: er verſicherte den Kranken ernſthaft, dies Aufwachen ſeines Tempera⸗ mentes ſei ein herrliches Zeichen der Geneſung, und profe⸗ zeihete, daß nach dieſer langen Krankheit ſeine Lebenskraft und ſein Lebensmuth ſich um das Doppelte ſteigern würden, ja, daß er ohne Zweifel den verloren gegangenen Spitznamen jetzt wieder zu Ehren bringen würde.— Da mußte er doch lächeln, und als ſeine Blicke auf den Burſchen fielen, der dabei ſtand und der mit dem ganzen Geſichte bei dieſer Profezeihung lachte, ſagte er ſcherzend: Nun, Wilhelm, was meinſt Du zu der Erinnerung an die guten alten Zeiten? Ich habe gar nichts dagegen, war die ſchmunzelnde Antwort des guten Dieners, der mit dem Doctor dann das Zimmer verließ.— Und Lieschen, was meinſt Du dazu? wandte ſich Kadden jetzt vergnügt zu ſeiner Frau. Ich fürchte mich auch nicht, ſagte ſie lächelnd. Er ſah ſie nachdenklich an. Ja, ich weiß es, Du fürchteſt Dich nicht mehr vor mir, ſagte er getroſt, und dem Wilhelm habe ich neulich in einer vertraulichen Stunde auseinander geſetzt, warum ich ihn damals als glücklicher Bräutigam ſo gut behandelte, daß der Grund aber nicht ausreichend war, und daß ich nun dem Herrn Gott zu Gefallen ihm wollte ein braver Herr ſein,— er hat es auch vollſtändig eingeſehen. Er iſt geſcheiter als ſein Herr, dem haſt Du es damals auf dem Ball gleich ſo verſtändig vorgeſtellt, und der wollt es doch nicht glauben. Aber wenn ich mir nachher über⸗ legte, fügte er nach einer Pauſe hinzu, warum ich Dich 375 gleich ſo ſehr herzlich liebgewonnen, und es ſelbſt nicht recht wußte,— es war ſicher nur, weil Du mir gleich ſo vielen guten Rath gegeben haſt. Eliſabeth war ganz einverſtanden damit, und als ſie ſchon von ihm gegangen war, um ihre Hausfrauenpflichten zu beſorgen, dachte er noch lange an den erſten Ballabend, wo er ſo hoch erhaben war über einen Kinderglauben und über Engeltheorien, wo er mit einem ſo armſeligen Him⸗ mel groß that, und ſo entſetzlich gewiſſenhaft war. Er ſchämte ſich jetzt freilich, aber er mußte ſich doch entſchul⸗ digen, daß er zu unwiſſend war,— zu vernachläſſigt und verwahrloſt, wie Fritz damals ſagte. Endlich am erſten Weihnachtstage ſollte der Geneſende den erſten Verſuch mit dem Aufſtehen machen, die Groß⸗ eltern waren feierlich dazu eingeladen, und ſie hatten ver⸗ ſprochen zu kommen. Am heiligen Abend aber ſollte den Kindern und den Leuten in der Krankenſtube beſcheert wer⸗ den, es war Alles dazu köſtlich vorbereitet und aufgebaut. Als es dämmerte, ging Eliſabeth mit Friedrich in die Chriſtvesper, Herr von Stottenheim trug den Jungen, er hatte in dieſen Tagen fleißig beim Vorbereiten der Be⸗ ſcheerung geholfen, weil er verſicherte, daß, wenn er den Tag über in ſeiner einſamen Stube geweſen, er ein or⸗ dentliches Heimweh nach der Krankenſtube habe. Er war aber auch ein Hausfreund, wie er im Buche ſteht; er zog allerhand praktiſche Erkundigungen ein, war zu allerhand kleinen häuslichen Hülfen bei der Hand, er —„ * putzte dem kleinen Friedrich das Kittelchen ab, er band ihm die Schnürſtiefelchen zu und putzte ihm, wenn es darauf ankam, die Naſe. Der kleine Friedrich dagegen war wieder ſehr vertraut mit ihm, er kletterte auf ſeinen Knien herum, und als er einſt darauf ſtand, mit ſeinem Haar ſpielte und zu ſeiner Verwunderung bemerkte, daß oben eine kleine, kahle Stelle war, ſagte er auch verwundert: Onkel Stottenheim, Du wirſt gewiß noch ſo groß wie Papa, Du wächſt ja ſchon durch Deine Haare. Stot⸗ tenheim freute ſich herzlich darüber und erzählte es ſelbſt, weil er den Jungen ſo lieb hatte und ihn bewundert wiſſen wollte. Jetzt trug er ihn alſo in die Chriſtmette, er hatte ihn in ſeinen Paletot gehüllt und der Junge ſagte ihm wieder zu ſeiner Herzensfreude alle die kleinen Verſe und Lieder her, die er dem Chriſtkindchen zu Ehren gelernt. In der Kirche nahm Eliſabeth ihr liebes Kind ſelbſt auf den Schooß, ſie ſaßen beide mit gefalteten Händen und hatten beide das Chriſtkind in der Seele. Der kleine Junge ſah ſchon Wunder genug in der erleuchteten Kirche und den ſingenden Kindern, die immer von der einen Seite und wieder von der andern antworteten, Eliſabeth ſchaute höher hinauf zu dem lieben Chriſtkind, zu dem Stern von Beth⸗ lehem, der ja ihres Herzens Sehnen und ihres Glaubens Seligkeit war. Beim Ausgange aus der Kirche traten die Frau Pa⸗ ſtor Kurtius und Frau Aſſeſſor Borne zu Eliſabeth. Sie . 377 war ihnen ſchon öfters auf dem Kirchwege begegnet und war, wie ſie es gewohnt war, mit einem leichten und ver⸗ legenen Gruße an ihnen vorübergegangen. Beim jedes⸗ maligen Begegnen war ihr die Vergangenheit vor die Seele getreten, wo ſie ſo ſicher und getroſt ihr weltliches Leben dieſen Frauen gegenüber vertheidigen wollte. Sie ſchämte ſich dieſer Zeit, aber ſie dachte nicht daran, ſich nun von einer beſſeren Seite zu zeigen, ſie war zufrieden, daß der Herr ihr Herz kannte. Aber das iſt wieder ſo wunderbar, wenn unſer einziges Verlangen iſt, nur mit dem Herrn zu leben, nur Ihm unſer Herz zu geben, ſo bleibt es am wenig⸗ ſten verborgen, wie es mit uns ſteht.— Paſtor Kurtius hatte Eliſabeth zuweilen in der Krankheitszeit beſucht, und ſeiner Frau und auch deren Freundin brannte das Herz, ei⸗ nen anderen Gruß als dieſen verlegenen von Eliſabeth zu erhalten. Sie waren darum an ſie heran getreten, ſie ſprachen ihre herzliche Theilnahme über die Geneſung ihres Mannes aus und ſagten, daß ſie mit ihren Gedanken und Gebeten oft bei ihr in der Krankenſtube waren. Eliſa⸗ beth dankte ihnen ſo warm, ſo ganz ohne Rückhalt, ſie wußte kaum, warum die Frauen ſo herzlich gegen ſie wa⸗ ren, aber es that ihr wohl. Nach dem kleinen Verzuge eilte ſie deſto ſchneller nach Hauſe; der Weg von der Kirche nach dem Thor war nicht ganz nahe, aber die Sterne funkelten über dem weißen Schnee, es war ein rechter Weihnachtsabend.— Als ſie ihrem Hauſe näher kwnen, bemerkte Eliſabeth, daß es in — „ 378 der Feſtſtube ungewöhnlich hell wurde. Was iſt das nur, ſagte ſie erſtaunt, wer ſteckt denn unſern Weihnachtsbaum an? Mama, das Chriſtkind ſteckt ihn an, belehrte der kleine Friedrich und Stottenheim war wieder entzückt über den Jungen.— Sie waren die Treppe hinauf geeilt und fan⸗ den den Burſchen im Vorſaal mit einem beſonders ver⸗ gnügten Geſichte. In dem Augenblick erſchien auch Jo⸗ hanne mit der kleinen, jetzt ſchon ganz verſtändigen Marie, und die Köchin erſchien, und kaum hatten die Kirchgänger ihre Sachen abgelegt, als die Thüre der Feſtſtube ſich öff⸗ nete und der Hausherr ſelbſt die Harrenden einließ.— Die Ueberraſchung war zu groß.— Selbſt Friedrich hätte darüber faſt den Chriſtbaum vergeſſen,— er hatte den Papa ſo lange nicht auf und in Uniform geſehen; da aber heute nicht ihm, ſondern der Mama die erſte Be⸗ grüßung ward, ließ er ſich bald von Stottenheim zum brennenden Baum und zu ſeinen Soldaten und Waffen und Pfefferkuchen führen. Auch den Leuten wußte Stot⸗ tenheim ihre Plätze anzuweiſen. Während alle Aufmerkſamkeit auf die Beſcheerung gerich⸗ tet war, ſaß Eliſabeth neben ihrem Mann im Sofa, ſie war völlig zuftieden mit ihrem Chriſtgeſchenk und dachte nicht daran, daß es noch etwas anderes für ſie geben könne. Als ſie aber doch aufſtand, um ein kleines Tiſchchen aus dem Nebenzimmer zu holen, daß ſie mit den Geſchenken für ihren Mann bereitet hatte, und als ſie das Tiſch⸗ chen vor ihn hin ſetzte, ſtand vor ihrem Platze ſchon ein — 379 Tiſch. Ihre Augen ſahen verwundert hin und ſtrahlten in heller Freude; außer anderen Geſchenken lagen in der Mitte des Tiſches die Wangeroger gemalten Roſen, und darum war ein Kranz von prächtigen großen Muſcheln geſtellt. O meine Roſen! ſagte ſie, und, wo haſt Du die Muſcheln her? fügte ſie verwundert hinzu. Die habe ich Dir in Wangeroge zum Chriſtgeſchenk gekauft, entgegnete er. Nachdem ich Dir die verheißenden Worte unter die Roſen ſchreiben mußte, durfte ich ſie doch auch im Herzen haben, ſetzte er hinzu. Eliſabeth ſah ihn glücklich an, ſie konnte nichts ſagen, es war ihr, als höre ſie das Meer rauſchen, als ſähe ſie die ſilberne Brandung und fühle das erquickliche Rauſchen der Fluth. Er aber dachte ernſthaft: Es war doch gut, daß ſie mir die Gedanken ihrer Seele nie verbergen konnte, ſie mußte mich doch immer wieder ſtärken im Glauben; ich aber will ſie wie mein Herzblatt bewahren. Sie ſaßen bald darauf mit Stottenheim beim Abend⸗ eſſen, Stottenheim, der natürlich auch beſchenkt war und ſich überhaupt in einer gemüthlichen Stimmung befand, ſprach ſehr aufrichtig und gefühlvoll. Als Kadden das Tiſchgebet laut geſprochen, verſicherte er gleich, er finde das wunderſchön in einem vertrauten Kreiſe, das Herz wolle doch auch ſeinem Schöpfer danken für die Wohlthaten, die es täglich von ihm empfange.— Nur in einem vertrauten Kreiſe? fragte Kadden.— Ja, liebſter Freund, entgegnete Stottenheim achſelzuckend, in unſere Art von Geſellſchaften — 380 paßt es nicht hinein, wir ändern die Menſchen damit auch nicht.— Du meinſt alſo auch, ſagte Kadden ruhig, für unſere Verhältniſſe, für unſeren Stand, für unſer ganzes Leben paßt ein gottesfürchtiges Leben nicht.— Ein got⸗ tesfürchtiges Leben paßt wohl, ſagte Stottenheim altklug, aber man muß damit nicht heraustreten; man behält es in der Stille für ſich und ſein Familienleben, und ſchließt ſich, ſo gut es geht, den herkömmlichen Formen und Sitten an. Wenn man mit der gehörigen Klugheit und Unſicht zu Werke geht, ſo ſollt ich glauben, müßte ſich das aufs beſte vereinigen laſſen.— So hätteſt Du innerlich gegen den Bibelglauben nichts einzuwenden? ftagte Kadden.— Nein, wahrhaftig nicht, entgegnete Stottenheim, es giebt da freilich noch manche Dinge, die mir unverſtändlich ſind, ich laſſe ſie gern bei Seite liegen, ich kann mich kaum darin ſelbſt verſtehen, aber es zieht mich wahrhaftig zu dem Ernſt des Lebens hin, ich fühle jetzt eine Befriedigung darin, die mir unendlich wohl thut.— Du würdeſt alſo, fuhr Kadden fort, wenn Du Dein eigener Herr wäreſt, wenn Du z. B. auf dem Lande wohnteſt, wenn Du ein Gutsbeſitzer wäreſt, unabhängig von der ganzen Welt, wenn Du Dir Umgang nach Belieben wählen könnteſt, Du wür⸗ deſt Dich dann entſchieden auf die Seite der Gläubigen ſtellen?— Ja, wahrhaftig, das würde ich, ich würde mir einen gläubigen Paſtor anſchaffen und nach meines Her⸗ zens Gefallen leben. Wenn ich mir dazu denke, fuhr er lächelnd fort, daß Du ganz in meiner Nähe wohnteſt, auch 381 in ähnlichen Verhältniſſen lebteſt, auch ein ſelbſtändiger Mann wäreſt, ich verſichere Dich, ich würde Deinen ganzen Hausſtand mir zum Muſter nehmen, ja, ich geſtehe es, ich würde mich gern von Dir etwas in das Schlepptau neh⸗ men laſſen.— Stottenheim, begann Kadden lächelnd, wenn die Sachen ſo ſtehen, dann erlaube mir, daß ich Dich hier ſchon in das Schlepptau nehme. Wir wollen ein⸗ mal thun, als ob wir freie Männer wären, ich verſpreche Dir, ich will Dich durch all die kleinen und großen Klip⸗ pen, die Du in unſerer Stellung ſiehſt, glücklich durchbrin⸗ gen, ich habe mir einen guten Steuermann angeſchafft.— Liebſter Freund, begann Stottenheim pathetiſch, denke Dir, ob wir überhaupt hier in unſerer Stellung bleiben könn⸗ ten, wenn wir uns aus der Geſellſchaft zurückziehen, wenn wir die wirklich aufrichtige Geſinnung mancher Freunde vor den Kopf ſtoßen?— Kadden ſchwieg und ſeufßte unwill⸗ kürlich, und Stottenheim, durch dieſen Seufzer muthiger gemacht, begann die unzähligen Klippen ausführlich zu ſchil⸗ dern und ſchloß mit der Verſicherung, man könne mit der wahren Geſinnung im Herzen doch äußerlich mit der Welt, die, wenn man eben eine andere Ueberzeugung habe, uns auch nichts ſchaden könne, gemüthlich fortleben.— Kadden ſeufzte, aber nur in der Erinnerung an ſeine eigene Thor⸗ heit und Schwäche und Menſchenfurcht; Stottenheim hatte ietzt dieſelben Anſichten, wie Eliſabeths Mutter, auf die ſich das Töchterlein immer ſo ſe ſchön berufen, und die er ſelbſt ſo gern hörte und ſo gern beſtätigte. Er ſchwieg —* 382 aber, er wollte nicht mit Worten ſtreiten, dabei kam nie viel heraus, es drängte ihn, mit dem Leben zu beweiſen. — Ein Herz, das wirklich den Herrn Chriſtus lieb hat, muß es auch bezeugen vor der Welt, es kann nicht in den geringſten Kleinigkeiten der Welt nachgeben und auch nicht in den geringſten Kleinigkeiten den Herrn vom Thron her⸗ abſtoßen, den Er in ſeiner Seele einnimmt.„O, daß du kalt oder warm wäreſt!“ hat der Herr Chriſtus ge⸗ ſagt, und damit hat er hunderten von Chriſten das Urtheil geſprochen. Es giebt Chriſten, die da wohl bewegt ſind von der Erſcheinung des Herrn, von ſeiner Lehre und von ſeinen verheißenden Segensworten, Chriſten, die nicht mit der Welt rufen: Kreuzige, kreuzige ihn! die mitleidig und gerührt und Thränen vergießend am Wege ſtehen, wenn Er an ihnen vorübergeht, um auf Golgatha ein Erlöſer zu werden. Ja, ſie weinen wohl, aber ſie weinen nicht Thränen über die eigene Sünde und nicht Thränen der Buße; ſolche Thränen ſind zu bitter und zu unbehaglich und ernſthaft, nach ſolchen Thränen läßt ſich die Sünde nicht leicht neh⸗ men, das Leben in der Welt nicht ſo klüglich vertheidigen. Da heißt es entweder: Du verleugneſt die Welt und trägſt dem Herrn das Kreuz nach und haſt in ihm deinen Erlöſer, oder du bleibſt mit deiner Herzensbewegung und deinen Rührungsthränen in der Ferne ſtehn, da kannſt du nach dem Gefallen deines Herzens mit der Welt liebäugeln und auch hinüber ſchauen nach dem Kreuze, wie es dir gerade paſſend ſcheint. Daß der Herr ein Erlöſer iſt, das 383 leugneſt du freilich damit nicht, aber damit iſt er immer noch nicht der deine, du haſt nichts von deinen Rührungs⸗ thränen, und es wird dir nichts helfen, dort auf deinem Wachtpoſten zu ſtehen. Entweder du mußt der Welt ent⸗ ſchieden abſagen, die Sünde ernſt nehmen und jede Ge⸗ legenheit zu ihr fliehen, und den Herrn Chriſtus auch zu deinem Erlöſer annehmen; oder du mußt über kurz oder lang mit der Welt rufen: Kreuzige, kreuzige ihn! Stottenheim hatte indeſſen herrlich geſprochen und ſich ſelbſt mit großer Befriedigung gehört. Er hatte den Herrn Chriſtus mit der Wirklichkeit, der Wahrheit des Lebens, wie er ſie mit dem Obriſten nannte, gut Freund gemacht. Eliſabeth ſchwieg gern dazu, ſie bewunderte aber ihren Mann, daß er es ertragen konnte, ihn ſo reden zu hören. Es waren ja fteilich ihre eigenen klugen Anſichten von ehe⸗ mals, aber Stottenheims ſo oberflächliche, wort⸗ und blu⸗ menreiche Art klang wirklich als wie eine Parodie auf Kaddens frühere Reden.— Kaddens Schweigen hatte den armen Stottenheim begeiſtert, jetzt glaubte er ſich vom Freunde anerkannt und gänzlich mit ihm einverſtanden. Ich freue mich wahrhaftig, ſchloß er ſeine Betrachtungen, auf den ſchönen Winter, den wir jetzt vor uns haben, ich werde jetzt auch mit dieſen erhabenen Gefühlen mich er⸗ haben über der Welt fühlen, und in dem Sinne erſt Ge⸗ nuß haben, und daß danke ich Dir, mein lieber Freund. Uebrigens müſſen wir uns geſtehen, daß wir nur freund⸗ ſchaftliche Geſinnnngen hier genoſſen haben, daß es ein 384 allerliebſter Kreis iſt, in dem wir leben. Ich verſichere Dich, Kadden, man ſehnt ſich ordentlich nach Eurer lie⸗ ben Geſellſchaft, im vergangenen Winter hat man erſt die Erfahrung gemacht, wie ſehr Du mit Deiner lieben Frau in unſerem Kreiſe fehlteſt. Fräulein Adolfine ſeufzt wohl nach Tänzern, ſcherzte Kadden, und Fräulein Keller nach Edelknaben, und mein Lieschen ſoll wieder mit Dir das trauernde Königspaar vorſtellen?— Nein, wahrhaftig nicht! lachte Stottenheim, Ihr werdet beide nur zu den jugendlichſten Rollen verwandt werden können, auch ſind genug andere liebenswürdige Da⸗ men da, Du brauchſt nicht mit Fräulein Adolfine zu tan⸗ zen.— Eliſabeth ſah ihren Mann lächelnd an, der aber that ernſthaft und ſagte: Du haſt Recht, Stottenheim, das Tanzen können wir noch nicht aufgeben, dazu ſind wir beide zu jung.— Stottenheim nickte ganz vergnügt.— Ich habe die Abſicht, nur mit meiner Frau zu tanzen, fuhr Kadden fort, Friedrich und mein Töchterlein iſt wie⸗ der ein Paar, und wenn Du für Dich eine Dame beſorgſt, erlaube ich Dir, an unſerem Tanzvergnügen Theil zu neh⸗ men.— Allerliebſt, wirklich allerliebſt! lachte Stottenheim, und Kadden fuhr fort: Auch von Tableaur bin ich ein großer Freund, aber auch dazu, habe ich mich überzeugt, bedarf ich keiner fremden Perſonen, meine Frau und meine Kinder ſind darin geborene Künſtler. Stottenheim, der durchaus nichts Beſonderes hinter dieſen Worten ſuchte, ſagte entzückt: Ja, wahrhaftig, Du 385 biſt ein glücklicher Mann. Uebrigens halte ich Dich beim Wort mit der Erlaubniß, eine Dame hier in dieſen glück⸗ lichen Kreis einführen zu dürfen. Ja, wahrhaftig Kadden, ſetzte er feierlich hinzu, wenn Du mir eine paſſende Frau verſchaffen könnteſt, ich hätte Luſt, mir auch einen eigenen Heerd zu gründen.— Das Geſchäft überlaſſe ich meiner Frau, ſagte Kadden, die verſteht das beſſer als ich.— Eliſabeth lächelte und dachte: Ich weiß ſchon eine.— Stottenheim aber fuhr etwas pathetiſch fort: Ich verſpreche dann ganz gewiß, mein Leben nach dem Leben einzurichten, was ich hier bei Ihnen habe kennen lernen. Das ſoll mir ſtets ein Vorbild ſein.— Verſprich nicht zu viel! warnte Kadden.— Gewiß nicht! verſicherte Stottenheim. Ich muß mir freilich eine Frau nehmen, die an einem glücklichen, häuslichen Leben Freude findet, die überhaupt einfach und anſpruchslos iſt, denn Luxus treiben kann ich in meinen Verhältniſſen nicht, und eben nur in Folge meiner jetzigen Lebensanſichten habe ich den Entſchluß, mich zu verheirathen, faſſen können. Meine Frau muß den Muth haben, hier in unſerem Kreiſe immer die Einfachſte ſein zu können.— Den hat ſie auch, ſcherzte Eliſabeth. — Kadden ſah ſie fragend an. Du ſiehſt nun, an wel⸗ chen geſchickten Geſchäftsführer ich Dich gewieſen habe, wandte er ſich dann zu Stottenheim. Nun ſage aber, Eliſa⸗ beth, wen Du meinſt.— Da werde ich mich wohl hü⸗ ten, entgegnete Eliſabeth, ich will Herrn von Stottenheim gewiß nicht darauf bringen, ich will kein Geſchäftsführer Eliſabeth. IM. 25 — 386 ſein.— Geſchäftsführer gerade nicht, ſagte Stottenheim, aber man läßt ſich doch gern von guten Freunden helfen. Ich, meine verehrteſte Frau, habe Ihnen auch erſt Ihren Gemahl zugeführt, ohne mich wäre er nicht auf den Ball gekommen, hätte Sie nie geſehen.— Ja, das iſt wahr, ſagte Eliſabeth und ſah fteudig auf zu ihrem Gemahl, ſie gedachte des Abends, wo ſie zum erſten Mal ſeine hohe Geſtalt zwiſchen den fremden Herren erblickte, und wo ſie dann ſeine Augen immer ſo warm und ftagend über ſich ſah. Ja, ich bin Ihnen ſehr dankbar, ſagte ſie, und wenn Sie mich nur irgend etwas errathen laſſen, ſo will ich Ihnen wieder erkenntlich ſein.— Und dann, Eliſabeth, wenn wir Stottenheim hier ein Verlobungsfeſt geben, ziehſt Du ein weißes Kleid mit blauen Schleifen an, beſtimmte der glückliche Gemahl. 45. Nicht ohne Kampf, aber zum Frieden. Das Weihnachtsfeſt war ſchön gefeiert, am erſten Feſttag mit den Grofeltern, Eliſabeth war es dabei ſo freudenvoll zu Sinne als damals, wo ſie den erſten Be⸗ ſuch in ihrem jungen Haushalt machten. Freilich hatte ſie der Großmama keine neue Einrichtung mit Erbſen und Bohnen und Kaffeeſäcken zu zeigen, aber es war in ihrem Herzen alles neu, und ohne davon zu reden, leuchtete es aus ihren hellen Augen. Auch gab es diesmal keine Ver⸗ legenheiten wegen des Tiſchgebetes und der beſtaubten Bi⸗ bel, es war ein ungeſtörtes Beiſammenſein unter dem Chriſtbaum.— Nach den Feſttagen folgten viele ſtille, ſchöne Tage, der Doctor hatte doch Recht gehabt, der ungeduldige Patient mußte geduldig erſt wieder gehen ler⸗ nen, und mußte nach Wochen dem klugen Herrn Doctor noch aufrichtig zugeben, daß er am liebſten auf dem Sofa liege. Der Januar war entſetzlich kalt, auch die erſten Tage des Februars, aber dann brach plötzliches Thauwetter Schner und Eis, einzelne grüne Streifen im Felde ſchau⸗ ten ſehnſuchtsvoll zum blauen Himmel und zum milden Sonnenſchein hinauf, die Lerchen verſuchten ihre Stimmen, es ſollte Frühling werden. Gben ſo ſehnſuchtsvoll wie die grünen Streifen des Frühlings harrten, und ſo gern die 25* — — 388 laue Luft begrüßten, ebenſo glücklich verließ auch Eliſa⸗ beths lieber Hausherr endlich das Zimmer, um ſich an Luft und Sonnenſchein recht zu erquicken. Zuerſt mußte er ſich mit dem kleinen, ſonnigen Hofe begnügen, dann wurde es trocken im Garten und hinter dem Garten, und endlich machte er auch Beſuche bei ſeinen Kameraden, die ihn in den letzten Wochen fleißig und theilnehmend beſucht hatten. Eliſabeth war eines Tages mit ihren Kindern im Garten,— die kleine Marie lief ſelbſtändig und tapfer umher und ließ ſich nicht gar zu leicht von dem großen Friedrich umrennen,— da kehrte Herr von Kadden von den letzten Beſuchen zurück und ließ ſich nun von ſeiner vergnügten Familie im Garten begrüßen und feſthalten. Er führte Eliſabeth den breiten Weg zwiſchen den vielen Centifolienroſen hinauf, die kleinen braunen Knospen wa⸗ ren zwar noch ſehr winzig, aber ſie glänzten doch ſchon lebhafter im Sonnenſchein, und das geheimnißvolle Wun⸗ derleben nahm darinnen ſchon ſicher ſeinen Anfang. Eliſa⸗ beth war gern dieſen lieben Weg ſinnend auf⸗ und abge⸗ gangen.— Heute habe ich Dir Geſellſchaft eingeladen, ſagte Kadden vergnügt, Du haſt es mir zwar nicht vor⸗ gezählt, aber ich habe wohl gemerkt, wie Du in dieſen Tagen entſetzlich gewirthſchaftet haſt, ich weiß, Du läßt Dich dann gern belohnen.— Das laß ich mich nicht, fiel ihm Eliſabeth ſchnell in das Wort, ich verlange nie wie⸗ der nach ſolchen Belohnungen; nein, das Wirthſchaften 389 ſelbſt iſt mir ſchon Freude genug. Es iſt doch nur für Dich und die Kinder, ſetzte ſie leiſer hinzu. Er ſollte ſie nicht gerade mißverſtehen, wenn ſie vom Vergnügen am Wirthſchaften ſprach, aber das konnte ſie ihm nicht ſagen, daß ſie erfüllt war von dem Bilde einer ſtillen, frommen, glücklichen Hausftau, die ſich gern ſelig arbeiten möchte in ihrem einfältigen Berufe, ja, in dem ſie jetzt ſchon ſo wunderſelig war in unverdientem Son⸗ nenſchein und den Blumen, die darinnen ſprießen. Alſo nicht zur Belohnung, ſagte er und ſah ſie freund⸗ lich aber etwas fragend an.— Nein, fuhr ſie vertrauen⸗ der fort, wenn ich recht fleißig geweſen bin, und habe recht viel Arbeit gehabt, ſo iſt mir doch die ſchönſte Be⸗ lohnung, wenn Du mit mir und den Kindern biſt, Ihr ſeid mir die liebſte Geſellſchaft.— Liebe Eliſabeth, ſagte er jetzt lächelnd, Du mußt nicht glauben, daß ich mich revangiren will, wenn ich Dir duſſelbe ſage.— O, nein, ſagte ſie vergnügt, ich weiß es ja beſſer.— Es iſt auch gut, daß wir lieber mit uns als mit fremden Leuten ſind, fuhr er fort; wir werden ſie aber einladen müſſen, wenn es uns nützlich und nöthig ſcheint.— Ja, das wollen wir auch, fuhr Eliſabeth lebhaft fort, und es ſoll uns auch Vergnügen machen, aber es ſoll nichts beſonderes für mich ſein, und ich will es als keine Belohnung haben. Das klang freilich anders, als wenn ſie früher kam und ihren Mann verſicherte, ſie habe ſich ſo viel mit den langweiligen und unangenehmſten Arbeiten gequält, nun — 390 möge er ſich ordentlich überlegen, welches Vergnügen er ihr dafür ſchuldig ſei.— War das damals ein Unrecht? Wenn auch das nicht, ſo war es doch nicht das Rechte, es paßte nicht zu dem Leben einer gottſeligen Hausfrau, und das iſt doch wahrlich mehr werth, als ſo einzelne Ver⸗ gnügungen und Zerſtreuungen zwiſchen unangenehmen und langweiligen Arbeiten, die außerdem die Zeit ausfüllen. Aber Alles, was ſchön und herrlich iſt, was der Seele Freude und Frieden bringt, muß mit dem Herrn geſche⸗ hen, eine halbe Chriſtin kann nie eine gottſelige Hausfrau ſein. Sie kann wohl in einer poetiſchen Aufwallung das Flicken angenehm und ihre Küchenſchränke intereſſant fin⸗ den, das reicht aber nicht hinaus über die pvetiſchen Stim⸗ mungen, und dieſe Stimmungen verfliegen ſchon bei Ver⸗ legenheiten und Unannehmlichkeiten des Lebens, vielmehr bei wirklichem Kreuz und Leiden. Da aber unſer irdiſches Le⸗ ben ganz ſicher uns mehr Gelegenheiten zu bedrückten und ſchweren Stimmungen als zu jugendlich friſchen, pvetiſchen bietet, ſo muß man das Herz Dem übergeben, der da Gewalt hat über unſer Leben und über alle Stimmungen, traurige oder freudige; man muß die Seele hineinſchicken in die Wunderwelt des Glaubenslebens, in der wir über den Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten der Welt ſtehen, in der ſelbſt Kreuz und Leiden die Seele ſtärkt und rei⸗ cher macht, auf daß, wenn die trüben Zeiten vorüber, wenn der Herr wieder lichten Sonnenſchein und blauen Himmel und eine Frühlingswelt von Friede und Freude 391 ſendet, das Herz nur jugendlicher und pvetiſcher und freu⸗ diger hinein ſchauen lernt. Eliſabeth hatte das Alles erfah⸗ ren. Jetzt bangte ihr nicht mehr für ihre Zukunft. Der Glaube war der Grund ihres Glückes, ſie hatte ſelbſt dazu nichts zu thun, als den Herrn zu lieben, Ihm zu ver⸗ trauen, Ihm den erſten Platz im Herzen einzuräumen. Das war aber keine ſchwere Pflicht, das war ihr das liebſte und ſeligſte Thun. Sie hatte erfahren, wenn die Welt und die Sünde alles irdiſche Glück zerwehet und zer⸗ ſtört hat, ſo kann der Herr doch Frieden geben und Freude dem betrübten Herzen. Sie hatte es jetzt erfahren, daß den Herrn lieb haben doch ſeliger iſt als jede Brautliebe, mag ſie auch noch ſo lieblich das Herz bewegen. Sie wußte jetzt, daß ſie ihren Mann und ihre Kinder darum ſo innig und ruhig und ſicher lieben könne, weil der Herr den erſten Platz im Herzen einnahm. Er war der Felſen⸗ grund ihres Glückes, ihres Muthes und ihrer Freudig⸗ keit. Sie wußte aber auch, um recht glücklich, und friſch und freudig mit Mann und Kindern ſein zu können, mußte ſie am liebſten mit dem Herrn allein ſein. Ein jeder Tag mußte ein ſolches Alleinſein in ſich ſchließen, und ſollte es eben auch nur bei geringer Arbeit der Hände ſein, beim ſtillen Nähen und Schaffen und ihrem Beruf, ſollte es auch nur ſein, wenn ſie ſich mit einem ſchönen Lied oder Spruch bekannt machte oder den Katechismus wiederholte. Dabei konnte die unangenehmſte und langweiligſte Arbeit nicht langweilig und unangenehm ſein; für ſolche ſchöne, ſtille 392 Stunden konnte ſie doch keine Belohnung in irgend einer Zerſtreuung mit Menſchen ſuchen. Wohl aber konnte ſie durch dieſe ſtillen Stunden, in denen ihre Seele Befrie⸗ digung und volles Genügen gefunden, mit doppeltem Ver⸗ gnügen und doppelter Freude mit ihren Lieben und mit guten Freunden fröhlich ſein. Ueber die Geſelligkeitsfrage hatte Eliſabeth mit ihrem Mann keine Berathung wieder gehabt. Das verſtand ſich jetzt Alles von ſelbſt; die Klippen, die ſie ſonſt überall geſehen, waren verſchwunden. Ja, gerade ſo, wie wir die Welt und ihre Verhältniſſe anſehen, ſo iſt ſie und ſo läßt ſie ſich anſehen; gerade ſo, wie wir ſie behandeln, ſo läßt ſie ſich behandeln. Sind wir ſchwankend und unſelbſtän⸗ dig ihr gegenüber, ſo beherrſcht ſie uns; ſfind wir kühn und feſt und entſchloſſen, ſie zu beherrſchen, ſo unterwirft ſie ſich, thut ſie es auch mit einigen Grimaſſen und Sei⸗ tenhieben, es trifft uns nicht. Die Welt verlangt nicht einmal eine Erklärung unſeres Thuns, ſie weiß Alles, ſie fühlt es, ob wir ihr dienen, oder ſie beherrſchen wollen, ob wir mit ihr verkehren aus Furcht, Schwäche, Eitelkeit und halber Luſt an ihr, oder ob wir es thun aus Pflicht⸗ gefühl und weil wir es hier und dort für gut finden. Der Herr hat ſeinen Gläubigen oft mitten in der Welt ihren Beruf angewieſen, und hat ihnen darin auch ihre Pflichten angewieſen. Der Herr zeigt in allen irdiſchen Verhältniſſen einen richtigen, beſtimmten Weg, Er ſpricht: Gebt Gotte, was Gottes iſt, und dem Kaiſer, was des 393 Kaiſers iſt— und jedermann, was ihr ſchuldig ſeid. Es giebt alſo auch Pflichten dieſer äußeren Gemeinſchaft, Pflich⸗ ten gegen die uns Naheſtehenden, gegen die Vorgeſetzten und Mitarbeiter; ja, es ſoll ſelbſt nicht nur bei dieſem Pflichtgefühl bleiben, wir ſollen uns nicht hochmüthig von ihnen abſchließen, wenn ſie auch nicht unſeres Glaubens ſind. Wir ſollen aufrichtige Theilnahme und Liebe für ſie hegen, und auf welche Weiſe wir das äußeren und in das Leben bringen ſollen, zeigt uns der Herr deutlich, wenn wir erſt Ihm geben, was Ihm gebührt, wenn Er mit Seinem Wort die Richtſchnur unſeres Lebens iſt. Kadden erzählte ſeiner Eliſabeth, daß er alle die jün⸗ geren Kameraden zum Thee eingeladen habe, er wollte ſich dankbar beweiſen für die viele aufmerkſame Theilnahme, die ſie ihm in der Krankheit bewieſen hatten, und Eliſa⸗ beth war ſehr einverſtanden damit und verſprach ihm ein ſehr ſplendides Feſt. Nur eine Bitte hatte ſie: ſie wollte ſich Cäzilien einladen. Erſtens um nicht ganz allein zwi⸗ ſchen den vielen Herren zu ſein, und zweitens hoffte ſie Stottenheim damit einen beſonderen Gefallen zu thun. Cäzilie hatte wirklich nach und nach und in aller Stille bei Eliſabeth die Stelle einer Hausfreundin einge⸗ nommen. Schon im ganzen Jahre, wo Eliſabeth elend und leidend war, kam ſie uneingeladen, ſpielte mit den Kindern, und ſuchte Eliſabeth in der ihr ſo ſchweren Ein⸗ ſamkeit zu zerſtreuen. Später, während Kaddens Krank⸗ heit, war ſie oft bei Johannen in der Kinderſtube oder 394 half in nöthigen Arbeiten der Wirthſchaft. Außerdem aber war ſie eine treue Verehrerin des Paſtor Kurtius und hatte ſich zuweilen mit den gläubigen Frauen an Wohlthätig⸗ keitsarbeiten betheiligt,— es war unverkennbar, daß ſie einen Zug zum Herrn hatte und es durch ihr Leben be⸗ weiſen wollte. Auf wen anders als auf Cäzilien konnte ſich Stottenheims ſolide Neigung richten? Er verhehlte es auch nicht, und Cäzilie ſchien damit einverſtanden, recht zu Eliſabeths Verwunderung. Als ſie jetzt von ihrem Gemahl die Erlaubniß zu der Einladung erhalten hatte, ſagte ſie auch wieder: Ich lade ſie freilich zuſammen, ich hätte aber doch Cäzilien einen anderen Mann gewünſcht.— Sie bekömmt aber keinen anderen, ſagte Kadden ſcherzend, und dann iſt Stotten⸗ heim ein treuer und gutmüthiger Menſch.— Nun ja, aber wie man den Entſchluß faſſen kann, ihn zu heirathen, das begreife ich nicht! war Eliſabeths Antwort.— Der Herr aber ſchließt die Ehen und führt die Herzen zuſam⸗ men, ſagte er wieder. Und glaube nur: ſie wird nicht ſo viel Noth haben, als eine gewiſſe andere Frau, ſetzte er ſeufzend hinzu,— es fiel ihm ein, daß es in der letz⸗ ten Zeit ſchon oft nicht nur bei den gewiſſen ſchnellen, fra⸗ genden Blicken geblieben war.— Eliſabeth ſah ihn zu⸗ verſichtlich an, ſie war augenblicklich ſehr muthig geſtimmt. Dieſe Frau iſt aber nicht ein ſo genügſames Gemüth, ſagte ſie kühn, ſie macht viel Anſprüche und fürchtet gar nichts. — Sie wird aber doch ſo anſpruchsloſe und friedliche —— 395 Ehen in ihrer Nähe dulden wollen? warf er ein.— Recht gern, ich habe gar nichts dagegen, verſicherte ſie; ich be⸗ greife aber auch gar nicht, was Du eigentlich willſt?— Ich will nur hören, daß Du anſpruchsvoll biſt und bleibſt, ſagte ihr Mann ſcherzend, und daß Du mit mir zufrieden biſt, wenn ich auch nie ſo ſanftmüthig werde als Stotten⸗ heim.— Und mich doch nicht fürchte, ſetzte ſie noch zu⸗ verſichtlicher hinzu. Sie waren aus dem Garten getreten. Die Kinder baten, ſie wollten nach dem Pferdeſtall, wo Kadden ihnen in dieſen Tagen angewöhnt, ſie reiten zu laſſen. Indem er nun bereitwillig mit den Kindern vor ihr her ging, dachte Eliſabeth: Es iſt doch unbegreiflich, wenn es dich je kränken ſollte, wenn er heftig iſt. Du weißt es nun, er iſt heftig und wird es ſein Lebenlang bleiben. Du weißt es aber, daß er es nicht ſo meint, daß es gar nicht mit ſeiner Liebe zuſammenhängt. Du wirſt nach deinen jetzigen Erfahrungen alſo endlich aufhören, ſo kindiſch zu ſein; dein Herz wird doch endlich ſtark werden. Ei, na⸗ türlich, ſetzte ſie zuverſichtlich hinzu: der Kampf mit ſo natürlichen Schwächen und Fehlern muß endlich aufhören. Wenn man ſie vollſtändig kennt und darüber ſteht, ſo wird man den Herrn doch nicht immerfort mit ſolchen Kleinigkeiten zu behelligen brauchen, man wird es gar nicht mehr zu Kämpfen kommen laſſen; denn wenn man auch den Sieg vorher weiß, ſind ſie doch ſtörend und höchſt unangenehm. 3 396 Eliſabeth trat in den Pferdeſtall, als beide Kinder jubelnd auf den Pferden ſaßen, das kleine Mädchen aber im höchſten Entzücken. Nun Eliſabeth, ſagte Kadden ſcher⸗ zend, Du wirſt es erleben, daß Dein Töchterlein Dich an Muth übertrifft.— Das iſt noch die Frage, entgegnete Eliſabeth eben ſo.— Könnteſt Du das Reiten wieder verſuchen? fragte er.— Ja, recht gern, entgegnete ſie ſchnell, aber ohne Rebenleine, fügte ſie herausfordernd hin⸗ zu.— Natürlich, ohne Nebenleine, wiederholte Kadden: Lieschen, dann fürchte ich, Du reiteſt noch auf Windmüh⸗ lenflügel los, fügte er ſcherzend hinzu, indem er ihr die kleine Marie in den Arm gab. Dieſer Scherz aber war ihrem Herzen ein Schrecken. Er erinnerte ſie an einen entſetzlich ſchweren Tag, und es war ein Glück, daß ihr Mann mit dem kleinen Friedrich beſchäftigt war, und daß ſie mit Mariechen vorangehen konnte. Im Hinausgehen hörte ſie noch, wie er dem Bur⸗ ſchen beſtellte, daß er gleich nach Tiſche das Pferd eine Stunde mit dem Damenſattel reiten ſolle, weil er gleich darauf mit ſeiner Frau ausreiten werde.— Eliſabeth trug ihr kleines Mädchen in die Kinderſtube, Johanne war nicht hier, ſie ſetzte das Kind zu den Spielſachen und trat nachdenklich an das Fenſter. Warum dachte ſie denn jetzt nicht an die erſt vor wenigen Minuten ſo zuverſichtlich entwickelten Grundſätze? Sie dachte gar nichts, ſie ver⸗ tiefte ſich ganz und gar in die Erinnerung, die der Scherz ihres Mannes veranlaßte. 397 Im vergangenen Sommer, kurz vorher, ehe ſie nach Wangeroge gingen, fuhr ſie mit einigen Damen nach einem benachbarten Orte, die Herren ritten. Hier verſuchte es Kadden— nicht mit ſeinem eigenen Pferde, das war auf dieſe Kunſtſtücke hinlänglich eingeübt,— nein, mit dem jungen, wilden Pferde eines Kameraden, gegen Windmühlen⸗ flügel zu reiten. Weder die Bitten ſeiner Frau, noch ihr unglückliches Schweigen, noch die Empörung der anderen Damen konnte ihn abhalten; ſein Ehrgefühl und ſein Durſt, das Pferd zu bändigen, ließ ihn alles Uebrige ver⸗ geſſen, bis er das Pferd geduldig und mit Schaum bedeckt ſeinem Kameraden übergab. Die Damen ſtellten ihm ernſt⸗ lich vor, er möge ſo etwas wenigſtens allein mit ſeinen Kameraden vornehmen und nicht in Gegenwart ſeiner Frau und anderer ängſtlicher Seelen. Er hörte kaum nach ihnen hin und ließ ſich nur von ſeinen Kameraden bewundern. Als Adolfine, die dabei war, Eliſabeth rieth, durch eigenes kühnes Reiten die Sorge um ihren tollkühnen Reiter zu vergeſſen, und ihr Mann, wie ſie ſich längſt in dieſem Kreiſe angewöhnt hatten, mit einander zu reden, neckend einſtimmte, verſicherte ſie, daß ſie nie wieder ein Pferd be⸗ ſteigen würde, und er verſicherte dagegen, daß er ſie nie wieder in Verſuchung dazu führen würde. Die Erinnerung an dieſe Scene war zu bitter. Daß er darüber ſcherzen konnte, war unbegreiflich, es mußte ſie kränken und verletzen. Sein Scherz jetzt war doch ein Zeichen, daß ihm ſein Betragen von damals nicht leid war, 398 und was einem nicht leid iſt, kann man auch wieder thun. Ich bin auch gar nicht ſicher, daß er es nicht wieder thut, fuhr ſie in Gedanken fort und ärgerte ſich ſchon im voraus darüber, und begann, ähnlich wie Tante Wina bei ihrem erſten Beſuche hier, über die Eigenthümlichkeit der Männer zu reflectiren. Sie ſind alle Egoiſten, ſie können ſich in zartere Empfindungen nicht hineindenken. Da ſie aber nicht wie Tante Wina hinzuſetzen konnte: es iſt ein Glück, daß du nicht geheirathet haſt,— ſo ſetzte ſie hinzu: Du mußt nicht zu anſpruchsvoll ſein, nicht zu zartfühlend, du mußt reſigniren und fertig werden, ſo gut es geht. Sie wurde in ihren Philoſophien durch den Ruf zu Tiſche unterbrochen. Daß ſie nicht gerade lebhaft und ftöh⸗ lich war, fiel ihrem Manne nicht auf; er war zu vergnügt. Er ſprach auch von dem Reitverſuche, der gleich heute ge⸗ macht werden ſollte, und Eliſabeth gewann es über ſich zu lächeln und zu nicken. Während er, wie er es jetzt immer noch gewohnt war, eine längere Mittagsruhe hielt, ſaß ſie in ihrer Stube und folgte wieder ihren herrlichen Fantaſien. Es ward ihr immer unbegreiflicher, daß er über die Windmühlenflügel ſcherzen konnte, die Windmühlenflügel wurden immer ent⸗ ſetzlicher, und mit ihnen drehten ſich ihre Gedanken im Kopfe hertum. Sie konnte nicht begreifen, daß ſie wieder mit ihm reiten wollte, und konnte nicht begreifen, daß vorhin, als er ſie wegen ſeiner Heſtigkeit bedauerte, ſie ſo vergnügt entgegnen konnte: ſie fürchte ſich nicht. Von der 399 einen Seite betrachtet, war es nicht wahr; und dann war es jedenfalls unklug, es zu ſagen. Er mußte ſeine Heftig⸗ keit ganz leicht nehmen, glauben, er ſei vollkommen, und ſie konnte nicht mehr auf ihn einwirken. Ja, heftig und herrſchſüchtig wird er immer bleiben, philoſophirte ſie weiter, und als ſie die Sache nach allen Seiten hin betrachtet hatte, blieb ihr doch nichts weiter übrig, als, wie er gerade war, mit ihm zufrieden zu ſein. — Uebrigens war die Zeit der Mittagsruhe vorübergegangen, ſie hörte ihres Mannes Schritte und hatte zwiſchen zwei Dingen zu wählen: entweder ſie ritt mit ihm, obgleich er es gar nicht verdiente, oder ſie ſagte ihm: Wegen der Windmühlenflügel iſt es mir wirklich nicht möglich, je wieder mit Dir zu reiten. Den letzten Gedanken konnte ſie aber kaum fertig denken, ſie ſchämte ſich, und als ihr Mann in das Zimmer trat, ſtand ſie auf und ging ihm mit der Frage entgegen: Soll ich mich fertig machen?— Er hielt ſie in der Thür auf und ſagte: Du willſt wirklich? Das freut mich zu ſehr, eigentlich bin ich es wohl nicht werth.— Sie wurde roth und er nahm ihren Kopf in die Höhe und ſah ſie fragend an.— Sie wurde verlegen und ſagte un⸗ willkürlich und mit einem tiefen Seufzer: Ach ja, die Ge⸗ ſchichte mit den Windmühlenflügeln!— Was willſt Du mir darüber ſagen? bat er freundlich.— Rein, entgegnete ſie gefaßter, ich will Dir gar nichts darüber ſagen, Du weißt doch Frau von Hohendorfs Rath wegen den ange⸗ nehmen Fantaſien, denen nicht recht zu trauen iſt, und die 400 man für ſich behalten muß.— Aber etwas Wahres iſt gewiß daran, ſagte Kadden, und wenn Du mir meine Fehler nicht ſagſt, wie ſoll ich ſie ablegen?— Nein, ſagte Eliſabeth ſchnell, in ſolcher Stimmung werde ich Dir Deine Fehler nie ſagen. Ihre Fantaſien traten ſeiner getreuen Wirklichkeit gegenüber ſchon den Rückzug an. Ja, plötzlich blitzte ein neuer Gedanke in ihrer Seele auf: Tadeln iſt überhaupt eine bedenkliche Sache, es iſt beſſer, ein Jeder bringt ſeine Fehler gewiſſenhaft dem Herrn ſelbſt. Ja, mit einemmal ward es ihr klar, daß es gar nicht nöthig war, auf ihren Mann einzuwirken, daß er gewiſſenhaft genug ſelbſt war. Und freudig ſagte ſie: Otto, weißt Du was? Wir wollen uns nie tadeln, wir wollen uns gegenſeitig nur loben. Da haſt Du Recht, liebe Eliſabeth, entgegnete er lachend, aber ſeine Augen ſchimmerten dabei feucht, beim Tadeln hat der Teufel ſein Spiel. Und nun, Lieschen, verſuch es mal und lobe mich wegen der Windmühlenflü⸗ gel.— Nein, Otto, ſagte ſie etwas betreten, Du mußt darüber nicht lachen.— Es iſt nur Freude, verſicherte er, der Gedanke, daß Du mich nur immer loben willſt, iſt zu ſchön. Ich gehe den Vorſchlag ein, ich verſpreche Dir aber, daß ich gewiſſenhaft dafür ſorgen will, daß Dir das Lob nicht zu ſchwer wird.— Sie ſah ihn einverſtanden an.— Was die Windmühlenflügel betrifft, ſetzte er bittend hinzu, ich verſichere Dich, ich habe Dich weder damit ängſtigen, noch kränken wollen, ich that es nur, weil ich es durchaus 401 thun mußte, ich mußte das Pferd bändigen. Wenn wieder eine ſolche Gelegenheit kommt— Dann werde ich es wieder nicht laſſen können, fiel Eliſabeth ihm ſchnell in die Rede. — Ja, dann wollt ich Dich bitten, daß Du es mir erlaubſt und Dich nicht darüber kränkſt. Streiten iſt doch mein Beruf und als ordentliche Soldatenftau mußt Du Dich ſchon daran gewöhnen.— Eliſabeth nickte.— Und nun, liebe Eliſabeth, fuhr er ernſthaft fort, daß Du nie mit mir zanken willſt, bin ich wohl zufrieden; aber wenn Du wirklich betrübt biſt, da bleibt es bei unſerer Verabredung, das muß ich immer wiſſen.— Eliſabeth ſah ihn wieder nur nachdenklich an.— Du weißt doch den Unterſchied zwiſchen beiden? fragte er.— O ja, den weiß ich, ſagte Eliſabeth mit einem Seufzer, weil ſie der Vergangenheit gedachte: Wenn man nur betrübt iſt, hat man ſeine Noth dem Herrn ſchon gebracht; wenn man ärgerlich iſt, da ſteckt man ſelbſt noch miten in der Noth und in der Sünde. Er war zuftieden mit dieſer Auslegung und küßte ſie auf die helle Stirn, in der immer ſo ſchöne, rettende Gedanken auftauchten. Als der Diener am Nachmittag die geſattelten Pferde meldete und Eliſabeth im Reitkleide mit ihrem Manne die Treppe hinab ging, ſagte er noch: Du erlaubſt mir aber heute noch einmal den Nebenzügel, ich ängſtige mich ſo. Sie lächelte: O, lieber Otto, ich weiß wohl, Du ſagſt das für mich, und ich will nur geſtehen, Du haſt Recht; aber nur heute zum Anfang noch; dann, verſichere ich Dich, thue ich, was Du willſt. Eliſabeth. U. 26 — 46. Die kluge Enkelin. Der Spatzierritt war nur in der Nähe des Gartens verſucht und glücklich abgelaufen. Jetzt war Eliſabeth dabei, für die Geſellſchaft alles ſchön zu machen und anzuordnen, als ſie plötzlich die Schimmel vor dem Hauſe erblickte. Es waren die Großeltern, zur Freude der ganzen Familie. 3 Sie wurden begrüßt und hinauf geführt und erfuhren gleich die bevorſtehende Geſellſchaft. Die Großeltern erzählten dagegen, daß ſie Eliſen und Schlöſſers anmelden ſollten. Nach näherem Ueberlegen ergab es ſich, daß ſie mit der nächſten Poſt ankommen müßten, und da es ungefähr jetzt die Zeit war, griff Kadden ſchnell zur Mütze, um nach der Poſt zu eilen und die Ankommenden dort zu begrüßen. Es iſt recht hübſch von ihm, daß er gleich hingeht, ſagte die Großmama zu Eliſabeth, Emilie wird ſich darüber freuen.— Enmilie freut ſich doch darüber nicht, entgegnete Eliſabeth nachdenklich. Sie hat mir einen zu ſonderbaren Brief geſchrieben, als ich ihr damals voller Freuden Ottos Geneſung gemeldet hatte. Wenn ich freudig bin, denkt ſie immer, ſie muß mich vor den Täuſchungen des menſchlichen Herzens warnen, ſie will durchaus nicht, daß ich meinen Mann ſo lieb habe. Ich möchte nur wiſſen, was ſie ſich eigentlich von ihm denkt. So recht bin ich nicht daraus klug geworden. Kennt Dein Mann den Brief? fragte 403 der Großvater.— Nein, war Eliſabeths Antwort, ich habe ihn gleich verbrannt.— Laß ſie nur, ſagte die Groß⸗ mama; ein jeder Menſch hat ſeine ſchwachen Seiten.— Ich fürchte mich jetzt gar nicht vor ihr, verſicherte Eliſa⸗ beth, Otto iſt viel zu vernünftig. Nur kann ich ihr nicht zu Gefallen ſagen, daß ich ihn nicht lieb habe, und kann ihr doch nicht verhehlen, daß ich glücklich bin. Ich hoffe aber, ſie wird ſich endlich überzeugen laſſen.— Die Großeltern lächelten und der Großpapa ſagte: Oder ſie iſt ein altes dummes Mädchen. Eliſabeth hörte jetzt die bekannten Stimmen vor der Thür, ſie hörte die Thür klingeln und lief den lieben Gäſten entgegen. Das Wiederſehen mit der Mutter war ein wirk⸗ liches Entzücken. Jetzt konnte Eliſabeth ihre Augen groß und frendenvoll aufſchlagen, jetzt ſollte ja die Mutter nur Glück und Frieden ſchauen!— Emilie ſah ihren Mann bedenklich an: die arme Eliſabeth war noch nicht anders, ſie war noch nicht enttäuſcht, harmlos, kindlich, ſtrahlend vor Glück, und Kadden, dieſer ſeltſame Mann, der war heut eben ſo. Als die erſten Begrüßungen vorüber waren und ſie nun um den Kaffeetiſch Platz nehmen wollten, trat Kadden mit Eliſabeth zu ſeiner Schwiegermutter und ſagte ſcherzend: Nun liebe Mutter, ſieh uns ordentlich an: ſind wir nicht beide wieder jung und friſch geworden? Ja, ſagte der Großpapa harmlos, das Leben bringt geſunde und kranke Tage, Ihr Lieben habt es gleich recht im An⸗ fang durchgemacht. Als ich Sie ungefähr vor einem Jahr 26 404 ſah, wandte ſich Schlöſſer freundlich zu Eliſabeth, da waren Sie recht elend. Mit Gottes Hülfe iſt Alles hinter uns, entgegnete Eliſabeth mit ihren eigenthümlich warmen Blicken. Unbegreiflich! dachte Emilie, jetzt wollen ſie Alles auf die äußerliche Krankheit beziehen, ſelbſt mein Mann ſtimmt ein. Sie kamen aber heut auch Alle wie eingeladen, fuhr Kadden fort: Sie können ſehen, daß wir wieder lebens⸗ luſtig ſind, wir haben heute Abend große Geſellſchaft.— Emilie ſah ihren Mann wieder ernſthaft an, der aber ganz unbegreiflicher Weiſe entgegnete harmlos: Nicht wahr, Emilie, das laſſen wir uns gefallen? Wir haben den Winter ſehr einſam gelebt, wir wollen mit Ihnen lebens⸗ luſtig ſein.— Kadden ſetzte ſich zu ihm und erzählte von den zu erwartenden Gäſten. Während deſſen ſtand Eliſabeth, ihre beiden Kinder an der Hand, vor Emilien. Sie hatte ſo viel Liebes und Schönes von ihnen zu erzählen, und Emilie war auch wirklich herzlich bewegt von den lieblichen Kindern. Zu ihrem Erſtaunen mußte ſie aber bald ſehen, daß Kadden, ganz wie damals bei dem Brautbeſuch, Eliſabeth verſtohlen ſeine Hand hinhielt und dieſe an ſeine Seite eilte. Eliſa⸗ beth hätte ihr nur vorher noch verſichern müſſen: Solch ein Glück habe ſie ſich nicht träumen laſſen! dann wäre es dieſelbe Scene geweſen. Hatte es Kadden darauf abgeſehen, heute Eliſabeth, wie er es als Bräutigam gekonnt, mit einer kleinen Krone zu ſchmücken? Heuchelei war das wirklich nicht; den Vor⸗ 405 wurf hatte er noch nie verdient: nein, er ſchien im Gegen⸗ theil ſich nur immer noch zurückhalten zu wollen, aber alles, was er von ihr ſagte, war ein Lob. Er erzählte, daß ſie ihm zu Gefallen wieder geritten habe, trotz dem Schrecken, den er ihr im vergangenen Jahre wegen der Windmühlenflügel machte, und erzählte auch harmlos die Geſchichte von damals.— Das war auch Unrecht, ver⸗ ſicherten Eliſe und die Großmama. Ja, wirklich! fügte Emilie hinzu.— Er hat mir aber heute verſichert, bei ähnlicher Gelegenheit will er es wieder thun, ſagte Eliſa⸗ beth ganz vergügt.— Auch wenn es Dir ſo unangenehm iſt? forſchte Emilie.— Ja, freilich, entgegnete Eliſabeth, aber ſiehſt Du, liebe Emilie, wandte ſie ſich in einem ſehr zuverſichtlichen, belehrenden Ton zu der Forſchenden, wenn wir etwas unangenehm finden, was unſeren Männern lieb iſt, ſo giebt es keinen andern Ausweg und keinen kürzeren Ausweg, wir müſſen es auch angenehm finden. Es iſt allerdings nicht leicht, aber doch nicht ſo ſchwer als es ſcheint, und dann iſt es einmal nicht anders. Emilie verſuchte zu lächeln. Sie ſchaute ihren Mann dabei nicht an, ſie hätte ihn an nicht ſehr glückliche Ver⸗ ſuche erinnern können. Freilich hatte ſie ſich wirklich ſei⸗ nen Wünſchen gefügt, hatte in der erſten Zeit ihre Lieb⸗ lingsarbeiten aufgegeben, und würde ſich auch jetzt nie ent⸗ ſchloſſen haben, irgend die Vorſteherin eines Vereines zu werden, obgleich ſie in aller Still thätig war, und in aller Stille durch ihren Einfluß ſich viele Dinge geſtalte⸗ 406 ten. Sie that das aber in einer gewiſſen Reſignation, ſie hätte nie wie Eliſabeth harmlos darüber ſcherzen können, ja ſie hatte ihren Mann einmal feierlich gebeten, dieſe Sache nie zu erwähnen. Es blieb ein wunder Punkt in ihrem Herzen, von dem ſie immer noch hoffte, ihr Mann würde endlich ihr Märtyrerthum anerkennen und ihr gerührt nachgeben. So war es nicht nur in der einen Sache, es war auch in vielen Kleinigkeiten, die das Leben brachte, ſo: ſie fügte ſich ihrem Manne mit großer Selbſtüberwindung, aber er konnte immer durchfühlen, daß ſie etwas vollbracht hatte, und beider Herzen wurden dabei nicht warm. Eliſabeths wirkliche Freude am Nachgeben, ihre Zu⸗ verſicht, daß es einmal nicht anders ſei, fiel auf ihr Ge⸗ wiſſen. Als jedoch die Großmama ſcherzend zu ihrer Toch⸗ ter ſagte: Nicht war, Eliſe, von der jungen Frau könnte man ſelbſt noch lernen? konnte Emilie nicht ſchweigen, und zwar mit einem Verſuch zum Scherz ſagte ſie: Das würde aber ein ſehr einſeitiges Verhältniß ſein, wenn der Mann immer Recht und die Frau immer Unrecht haben ſoll; die Männer müſſen endlich konfus werden, was überhaupt Recht und Unrecht iſt.— Die Sache iſt doch nicht ganz ſo, wie ſie ſcheint, nahm der Großvater das Wort, eine Frau hat entweder mit einem vernünftigen oder mit einem unvernünf⸗ tigen Manne zu thun. Ein vernünftiger Mann wird im⸗ mer ſein Unrecht einſehen, wenn er auch nicht immer in der Stimmung iſt, es gleich auszuſprechen; die Stimmung geht aber vorüber und er wird es dann eingeſtehen.— 407 Und wenn er es einmal vergißt, fiel die Großmama ein, ſo nehmen wir auch mit dem guten Willen fürlieb, weil wir wiſſen, daß wir einen vernünftigen Mann haben.— Richtig, fuhr der Großpapa fort, jedenfalls iſt es beſſer, man macht uns nicht aufmerkſam darauf, es müßte denn auf eine ſehr liebenswürdige und freundliche Art ſein.— Es darf nie perſönlich werden, fiel die Großmama ein, man darf aber wohl allgemeine Bemerkungen machen.— Ja, allgemeine Bemerkungen, verſicherte Kadden, das ver⸗ ſteht Lieschen auch recht gut.— Die Großmama nickte ihr freundlich zu. Nun wollt ich den zweiten Punkt be⸗ trachten, fuhr der Großpapa fort, wenn eine Frau einen unvernünftigen Mann hat. Das iſt freilich traurig, und die Frauen, die nicht ſo unglücklich ſind, können dem Herrn alle Tage dafür danken; aber am beſten iſt es auch da, die Frauen geben den Männern Recht.— Die Großmama ſcherzte, daß dieſer zweite Punkt für ſie alle von keiner Bedeu⸗ tung ſei, das Geſpräch wurde von den Andern ſcherzend weiter geführt.— Eliſabeth war ſehr vergnügt dabei, ſie hörte nur Lob, und das war ihr, weil es wahrſcheinlich nicht nur eine Eigenthümlichkeit der Männer, ſondern auch der Frauen iſt, ſich lieber loben als tadeln zu laſſen, ſehr angenehm. Emilie konnte indeſſen durchaus nicht über das ein⸗ ſeitige Verhältniß fortkommen. Eine denkende Frau kann nicht immer nachgeben, dachte ſie, es iſt von Männern ein entſetzlicher Egoismus, das zu verlangen. Eliſabeth iſt un⸗ 408 begreiflich, daß ſie es kann, daß ſie dabei ſo vergnügt iſt. Der Zufall wollte es aber, daß Emilie in der Art heute noch mehr geprüft wurde. Der kleine Friedrich, der eine ganze Zeit mit einem Bleiſtifte bewaffnet an einem Tiſchchen geſeſſen, reichte jetzt ſeinem Papa ein Papier und flüſterte: Nun ſchenke das Bild meiner Großmama. Seine Großmama aber war Eliſe, er wollte ſich erkenntlich beweifen für eine große Zuckertute, mit der ſie ſich bei ihrem kleinen Liebling wieder eingeführt und bekannt gemacht.— Der Junge hat einen vortrefflichen Zeichenmeiſter, ſagte Kadden, indem er ſeiner Schwiegermutter das Bild reichte, und den kleinen ſcheuen Geber auf ſeinen Schvoß nahm.— Das iſt ja das Bild aus unſerer Kinderſtube! ſagte Eliſe im höchſten Vergnü⸗ gen.— Gieb es mir, unterbrach ſie der Großpapa, wenn es das iſt, dann kann ich es am beſten beurtheilen. Er nahm es in die Hand und nahm zugleich Fried⸗ rich zu ſich. Eliſe aber bewunderte mit dem Vater das Bild, der dann mit dem kleinen Künſtler eine ernſthafte Unterhaltung anknüpfte. Richtig, da iſt der runde Berg mit den runden Büſchen. Die Büſche haſt Du gemacht, ſagte er zu dem Kleinen. Dieſer nickte ſehr einverſtanden. Da ſind die beiden Pappeln, die Striche haſt Du auch darin gemacht, fuhr der Großvater fort, es iſt ein üppiger Wuchs. Der erſte iſt aber ein Weihnachtsbaum, unterbrach ihn der Kleine. Das iſt deutlich zu ſehen, verſicherte der 409 Großpapa, und eine Sonne läßt Du Deiner Großmama ſcheinen, die Strahlen ſollen ihr ſchon gefallen, und welch ein herrlicher Rauch! Ueber die Fenſterformen iſt der Junge entſchieden noch nicht einig geweſen. Der Kleine nickte wieder ſehr einverſtanden und zeigte nun dem Groß⸗ papa, was alles die Mama an dem Bilde gemacht habe: Das Haus, das Mädchen mit den Gänſen und überhaupt alle dünnen Striche.— Ja, ja, verſicherte der Groß⸗ papa, Du haſt eine geſchickte Mama, ich darf hoffen, ſie erreicht einmal meine kluge Großmama. O, ſagte Kadden, Eliſabeth hat in dieſem Winter alle ſchönen Künſte wieder hervorgeholt, und ich mit ihr, wir leſen Engliſch zuſammen und ſpielen Clavier. Eng⸗ liſch leſt Ihr? ſagte Eliſe erfreut, das iſt gut! So ver⸗ lernt es Eliſabeth nicht, und die theuren Stunden ſind nicht vergebens geweſen.— O nein, entgegnete Eliſa⸗ beth ſtolz, ich werde meine Kinder bald ſelbſt unterrichten. — Wie war es denn? fragte der Großpapa, als Braut⸗ leute habt Ihr auch ſchon zuſammen geleſen.— Das haben wir, entgegnete Kadden. Damals haben wir es gelaſſen, weil wir uns wegen unſerer Ausſprache nicht einigen konnten. Mein Engliſch muß ſich in der Zeit . wahrſcheinlich erholt haben, es iſt beſſer geworden, meine Lehrerin iſt jetzt ſehr mit mir zuftieden.— Eliſabeth ward etwas verlegen, der kluge Großpapa ſah ſie zu for⸗ ſchend an. Augenblicklich aber kommt mir die Sache ver⸗ dächtig vor, fuhr Kadden fort, ich fürchte, ſie iſt nicht ehr⸗ —————— 41⁰ lich mit ihrem Lob. Beim Clavierſpielen habe ich mich auch ſchon oft beklagt, daß ſie nicht wahrheitsliebend iſt: wenn wir aus dem Tact kommen, iſt ſie gleich bei der Hand zu behaupten, ſie habe ſich wahrſcheinlich verzählt; und wenn ich zu auffallend der Schuldige bin, verſichert ſie, ich habe eine beſonders ſchwere Stelle, ſie hätte langſamer ſpielen müſſen. Ich habe mir aber vorgenommen, mir das ernſtlich zu verbitten, man wird endlich ganz konfus. Wenn ſie nun wirklich falſch ſpielt und die Schuld hat, dann fürcht ich doch immer, ſie ſagt nur ſo, und ich komme nie zu meinem Recht.— Da haben wir es, ſagte der Groß⸗ papa, jetzt merke ich, daß ich nicht allein eine kluge Frau habe.— Aber jetzt merke ich, fuhr Kadden fort, daß es Alles Abſicht war; denn heute hat ſie mir offen den Vor⸗ ſchlag gemacht, wir wollten uns gegenſeitig nur loben.— Nein, verſicherte Eliſabeth erröthend, ich habe gar nichts beabſichtigt, ich habe immer nur gethan, was mir gerade am liebſten war zu thun, und der Gedanke, daß wir uns lieber gegenſeitig nur loben wollen, iſt mir auch heute zum erſten Mal eingefallen.— Der Gedanke iſt ſo übel nicht, ſagte der Großpapa.— Ich habe doch Recht, fuhr Eliſa⸗ beth zum Großpapa gewandt, ſcherzend fort: Männer kön⸗ nen keine Vorwürfe vertragen; ja, wenn ſie unfreundlich ſind, und man ſagt es, ſo wird die Sache gewöhnlich be⸗ denklicher.— Lieschen! warnte Kadden.— Nein, beru⸗ higte ihn der Großvater, jetzt iſt ſie im vollen Rechte: ſie ſpricht in allgemeinen Bemerkungen, wer ſich nicht getroffen 411 fühlt, braucht ſich das nicht anzuziehen; denn es giebt immer löbliche Ausnahmen von der Regel. Während man darüber ſcherzte, blieb Emilie ganz ernſthaft. Obgleich ſie ſich auch weit lieber loben als ta⸗ deln ließ, konnte ſie den Gedanken nicht faſſen: was ſoll daraus werden, wenn ſich dieſe beiden Leute nur loben wollen? 47. Ein Streiter Chriſti. Indeſſen war es dunkel geworden, Cäzilie war ge⸗ kommen, dann auch die übrigen Gäſte. Die Zimmer waren feſtlich erleuchtet, der Theekeſſel muſizirte, und die Geſellſchaft war in der beſten Stimmung. Die Großeltern hatten ſich entſchloſſen, den Abend hier zu bleiben und im Mondenſchein nach Hauſe zu fahren. Während die Groß⸗ mama mit den Damen den Hauptplatz im Zimmer ein⸗ nahm, ſaßen die Herren auf einem kleineren Eckſofa, nur Schlöſſer und Stottenheim nicht. Stottenheim mußte irgend ein ſchönes, vertrauliches Geſpräch mit den Damen führen, in welcher Art das mit dieſen Damen ſein mußte, ſagte ihm ſein glücklicher Tact, und es war durchaus nicht Heu⸗ chelei, daß er jetzt ſehr innerlich und ernſt redete. Er mußte aber flüſtern,— Eliſabeth ſollte es nicht hören, und zwar war ihm das Flüſtern ein beſonderes Vergnügen.— Eli⸗ ſabeth ſaß nur wenige Schritte von ihm, ſie braute Thee, und Cäzilie half ihr die Gäſte verſorgen. Was ich hier in dieſem Zimmer erlebt habe, ver⸗ ſicherte Stottenheim, werde ich nie dergeſſen, es hat mich, ich kann es wahrhaftig verſichern, zu einem anderen Men⸗ ſchen gemacht. Ihre Frau Tochter, wandte er ſich zu Eli⸗ ſen, iſt eine verehrungswürdige Frau, ja, wirklich eine verehrungswürdige Frau, obgleich ſie noch ſo jung iſt.— —— 413 Emilie ſchwieg zu dieſen Berichten, Stottenheims Rede⸗ weiſe war ihr unerträglich, Schlöſſer aber und Eliſe for⸗ derten durch freundliche Fragen und Entgegnungen den Er⸗ zähler zur Fortſetzung auf. Stottenheim erzählte mit Rüh⸗ rung und Begeiſterung Scenen aus der Krankenſtube, die eigentlich keine Feder beſchreiben konnte. Eliſe, die immer noch nicht recht den Nachrichten ihrer guten Eltern hatte trauen wollen, hörte mit ſtiller Freude, ja, Emilie mußte es ſehen, wie ihre Blicke voll ſtiller Bewunderung auf der geliebten Tochter, auf dem Kind ihrer Sorgen ruhten, und Emilie konnte ihr unruhiges Herz nicht mehr zur Ruhe bringen. Ja, der Herr ſchien doch die Gebete eines ſchwachen und ſchwankenden Mutterherzens nicht verworfen zu haben, er hatte Barmherzigkeit geübt, anſtatt Gerechtig⸗ keit, er hatte die Mutter am Unglück der Tochter mit ſtark werden laſſen; denn was Eliſe in den letzten Jahren ge⸗ litten, war auch mit keiner Feder zu beſchreiben,— und Emilie war ihr vielleicht eine recht nützliche Tröſterin ge⸗ weſen, aber keine mitleidige und liebevolle. Ueber Eliſabeth mußte jetzt die Mutter voll Freude ſein, da war kein Grund zu Sorge mehr; jetzt hatte ſie nur noch den Schwiegerſohn mit Spannung zu beobachten. Emilie beſtärkte ſie darin. Durch einzelne zugeflüſterte Worte machten ſie ſich gegenſeitig aufmerkſam. Jetzt wollte er alſo lebensluſtig werden, und wie vertraulich und luſtig war er mit ſeinen Kameraden. Wenn das weltliche Trei⸗ ben wieder anfängt, iſt der Segen der Krankheit preisge⸗ 414 geben. Das war beider Bedenken. Schlöſſer ſollte doch dieſe Gelegenheit benutzen und ein ernſtes Geſpräch mit den jungen Herren anfangen, vielleicht wurde es dann Kadden leichter, ein gewiſſes Bekenntniß den Kameraden gegenüber abzulegen, das ihm fortan förmlich zu einer Mauer gegen ſie werden konnte. Aber Schlöſſer war unbeſchreiblich ruhig, der Großvater noch unbeſchreiblicher; beide Frauen bedauer⸗ ten, die Frau Oberförſterin nicht hier zu haben, die hätte jedenfalls Bahn gebrochen zu einem ernſten Disput, der fehlte es weder an Worten noch an Muth. Schlöſſer war jetzt zu den Herren getreten und Kad⸗ den redete ihn ſcherzend an: Setzen Sie ſich nur her, lie⸗ ber Schlöſſer, Sie gehören eigentlich halb und halb zu uns, weil Sie eines Soldaten Tochter geheirathet haben. — Ich fürchte mich auch nicht, entgegnete Schlöſſer freund⸗ lich.— Oder fürchten wir uns vor ihm? fragte Kadden ebenſo ſcherzend, er iſt ſo ein Genoſſe des Paſtor Kur⸗ tius, wenn er nicht noch ſchlimmer iſt.— Den Paſtor Kurtius achten wir ſehr hoch und fürchten ihn nicht, war die freundliche Antwort eines von den älteren der Offiziere. — Emilie und Eliſe hörten aufmerkſam dem Geſpräche zu, und Emilie ſagte: Wenn Schlöſſer jetzt nicht darauf ein⸗ geht, iſt es unbegreiflich. Schlöſſer ſchien aber nicht Luſt zu haben, er entgegnete nur, daß Kurtius ein wor⸗ trefflicher Mann ſei. Da trat der allezeit helfende Stot⸗ tenheim hinzu, er mußte ſein Licht leuchten laſſen und wandte ſich ſehr imponirend zu ſeinen Kameraden:— 415 Ihr achtet den Mann, meine lieben Freunde, dann ſolltet Ihr aber ſeine Predigten nicht immer tadeln.— Wir können ſie aber nicht immer loben, wenn wir nicht damit einverſtanden ſind, entgegnete wieder der ältere Offizier, der eben ſo brav und achtbar war, als Kadden, ehe er ſich verlobte, auch mit demſelben Glück und Frieden in der Seele, mit denſelben Anſichten vom Himmel und gu⸗ ten Gewiſſen und derſelben unbefriedigten Gegenwart, der hoffnungsvollen Zukunft und dem grauen Richts dahinter. — Warum ſeid ihr aber nicht einverſtanden? ſchalt Stot⸗ tenheim. Weil Ihr hochmüthig ſeid und nichts von der Gnade wiſſen wollt, die er predigt.— Es kömmt mir auch ziemlich ſchwächlich vor, ſo viel von Gnade zu reden, ſtatt männlich und muthig ſelbſt zu ſtreben und ſich in Tha⸗ ten zu bewähren, entgegnete der Offizier etwas wegwerfend. — Stottenheim wollte ihm etwas entgegnen, aber er ver⸗ wirrte ſich. Da der Großpapa und Schlöſſer noch ſchwie⸗ gen, nahm Kadden unwillkürlich das Wort. Nun, Du muthiger Mann, ſagte er ſcherzend, hältſt Du es denn unter Deiner Würde, vor der Mäjeſtät unſeres Königs Dich demuthsvoll zu beugen, auch ihn demüthigſt, wenn es Dir gerade Noth thun ſollte, um eine Gnade zu bitten, und dabei doch als ein muthiger, ſtolzer Streiter in ſeinem Dienſt zu ſtehen und gegen ſeine Feinde zu kämpfen? — Nein, vas halte ich allerdings nicht unter meiner Würde! war des Kameraden Antwort.— Gut, ſagte Kadden, was iſt aber die irdiſche Majeſtat gegen die himmliſche Majeſtät? 416 Nimm es mir nicht übel, aber es ſcheint mir unüberlegt, wenn ein armer Menſch, der Alles und Alles dem allmäch⸗ tigen Schöpfer Himmels und der Erden verdankt, meint, er dürfe ſich nicht vor ihm beugen.— Ich thue das auch auf meine Weiſe, ſagte der Offizier.— Auf welche Weiſe? — Im Herzen glaube ich auch an ihn und verehre ihn; Du wirſt mich doch für keinen Gottesleugner halten?— — Nein; aber wenn Du es nicht übel nimmſt, ſagte Kadden: Du machſt es gerade ſo, wie die jetzigen Con⸗ ſtitutionellen, Du läſſeſt den himmliſchen König fortbeſtehen, weil es einmal ſo herkömmlich iſt, Du willſt ihn nicht abſetzen, wie die Demokraten, ja, Du willſt ihm alle Ehre gönnen; aber zu thun und zu gebieten als König ſoll er nichts haben, regieren wollt Ihr Euch ſchon ſelber. Und es geht Dir gerade ſo, wie es den conſtitutionellen Philiſtern auch geht: weil an ſolchem machtloſen Puppen⸗König im Grunde wenig gelegen iſt, ſo haſt Du auch nicht den Muth, ſeinen Feinden entgegenzutreten, ihn zu bekennen und für ſeine Ehre einzuſtehen. Nein! trage ich den König wirklich im Herzen, habe ich Glauben an ihn, ſo werde ich ihn auch gegen niemand verleugnen. Und weil ich weiß, daß es Dir ſonſt an Muth nicht fehlt, ſo kann ich nur denken, Du haſt den König Himmels und der Erden lich noch nicht lebendig im Herzen. P Die Damen hörten dieſer Unterhaltung— zu. Eliſe hatte in freudiger Aufregung Emiliens Hand ergriffen, dieſe aber horchte in ſeltſamer Spannung. Der ältere Offizier nahm jetzt etwas lebhafter das Wort: Wenn wir einmal davon reden, möcht ich entgegnen, daß es mir kaum etwas helfen würde, dieſen König zu bekennen; er ſcheint mir gerade von den jetzigen ſogenannten Gläubigen von dem Thron geſtoßen, ſie reden ja immer nur von ihrem Herrn Chriſtus.— Weil ſie beide eines ſind, entgegnete ihm Kadden, und weil wir erſt durch den Herrn Chriſtus zu dem Vater kommen können.— Dagegen ſträubt ſich eben mein Gefühl, ſagte der Freund.— Mein Stolz, mein Ehrgefühl, fügte Kadden hinzu, er konnte ja aus Erfahrung ſprechen.— Der Freund nickte einverſtanden: Die ganze Idee hat ſo etwas ungereimtes, ſo etwas über⸗ flüſſiges; warum kann ich nicht gleich zum Herrn Gott kommen, muß erſt einen Vermittler und Fürſprecher haben? — Warum darf denn nicht jeder Unterthan zum König kommen? fragte Kadden, warum dürfen Unterthanen dies und das nicht thun? Warum darf denn ein guter Soldat nicht forſchen, warum ihm dieſes und jenes befohlen wird? Warum giebt es Arme und Reiche, Herren und Diener in der Welt? Warum könnten denn alle unſere Verhältniſſe in der irdiſchen Welt hier uns mit einem Warum beunruhigen? Weil es der Wille deſſen iſt, der Alles geſchaffen und ſo angeordnet hat. Da iſt die Antwort auf alle dieſe Fragen. Die irdiſche Welt iſt aber nur ein Abbild der ewigen, wenn uns die irdiſche Welt mit ſolchen Warum beunruhigt, ſo muß es die dort oben, die ein ſchwacher Menſchengeiſt noch nicht begreifen kann, noch mehr, und es bleibt uns Geſchöpfen Eliſabeth. II. 27 * . 3 418 nichts anderes übtig, als uns eben dem Willen des Herrn 5 fügen, der über uns iſt. Wenn ein armer Bettler ei⸗ nem Könige trotzte, ſeine Anordnungen unnöthig und über⸗ flüſſig fände, wenn er fände, daß ſie ſeinen Stolz, ſeine Selbſtändigkeit verletzen, ſo würden wir es für eine Ver⸗ wirrung halten, und doch gehen hunderte und tauſende von Menſchen in dieſer Verwirrung hin. Der Herr Gott hat uns geſchaffen zu ſeinen Kindern, aber nicht gezwungen ſollen wir ihm gehören, er läßt uns die Wahl, aus freier Liebe zu ihm zu kommen, das Böſe zu verwerfen, das Gute zu wählen; das iſt eben ein Kampf, den wir kämpfen müſſen. Indem der Herr nun über uns dies Kommen zu ihm aus freier Liebe beſchloſſen, mußte ſeine Liebe zugleich die Er⸗ löſung beſchließen, weil wir mit eigenen Kräften im Kampfe mit dem Böſen nicht widerſtehen können und den Weg der freien Liebe trotz des beſten Willens nicht zu gehen wiſſen. Nun ſteht es bei uns, zugleich den Worten der heiligen Schrift zu glauben, dem Buch, das uns die Gnade und Hülfe der Erlöſung anbietet, oder den Kampf gegen Sünde und Tod mit eigenen Kräften zu verſuchen. Die meiſten Menſchen greifen zum letzteren und gehen darin verloren; ſie fragen: warum bedürfen wir einer Erlöſung? warum können wir nicht aus eigenen Kräften ſelig werden? die Antwort: weil es der Rathſchluß des Herrn iſt, iſt ihnen ungereimt.— O nein, fiel der Kamerad ihm in die Rede, wir erkennen in dem Herrn Chriſtus wohl einen Erlöſer, wir Chriſten ſtehen über alle den Völkern, die ſeine Lehre 2 419 nicht kennen, ſeine Lehre iſt es, die edler und weiſer macht. 3 Jetzt kam der Redner auf die gewöhnliche Aushülfe, daß Chriſtus der edelſte, weiſeſte Menſch geweſen, daß er uns ein Vorbild geweſen in allen Stücken und ein vortreff⸗ licher Lehrer. Er war aber nur ein Menſch geweſen und war geſtorben, ſeine Macht und ſeine Hülfe hatte damit ein Ende.— Die anderen jungen Leute wurden darüber auch geſprächig, damit waren ſie alle einverſtanden.— Kadden ließ ſie ruhig ausreden, und als Schlöſſer und der Groß⸗ papa ſchwiegen, nahm er noch einmal das Wort: Nein, der Herr Chriſtus iſt nicht der beſte Menſch geweſen, er iſt entweder Gottes Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit, der zur rechten Hand Gottes ſitzt, er herrſcht und regiert mit ihm zuſammen,— oder er iſt ein Lügner und Betrüger und ein Gottesläſterer, zwiſchen dieſen beiden habt Ihr nur die Wahl.— Kadden! unterbrach ihn der ältere Kamerad unwillig.— Nun Schlöſſer, helfen Sie mir zu den Stellen, wo der Herr Chriſtus von ſich ſelbſt ſpricht, ſagte Kadden. Schlöſſer machte ſogleich den Anfang, und beide führten die folgenden Stellen an:„Ich und der Vater ſind eins.— Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.— Ehe denn Abraham ward, bin ich.— Und nun verkläre mich Du, Vater, bei Dir ſelbſt mit der Klarheit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war.— WMir iſt gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.— Es ſollen alle den Sohn ehren, wie ſie den Vater ehren.“— Wer darf ſo * 420 reden? fragte Kadden. Entweder der Wahrhaftige ſelbſt, oder— wie nennt Ihr den Menſchen, der ſich die Ehre und die Eigenſchaften Gottes aneignet?— Die Herren wußten nichts zu ſagen, der ältere nur begann: Wir find keine Theologen und kennen die Schrift nicht ſo genau. — Das iſt es eben, was ich hören wollte, ſagte Kadden. Mir iſt es ganz ſo wie Euch gegangen, ich kannte die Schrift nicht und ſprach gerade das nach, was ich von anderen ungläubigen Leuten gehört hatte und was mir recht bequem und vernünftig war. Aber es läßt ſich nicht ſo durchkom⸗ men. Die Frage: ob der Herr Chriſtus ein Lügner oder Gottes Sohn iſt, dies Entweder Oder, iſt nicht zu um⸗ gehen, es giebt kein Mittelding. Uns Allen wird dieſe Frage vorgelegt, und wer hat den Muth zu ſagen: er iſt ein Gottesläſterer, ein Betrüger? Wenn ich aber den Herrn Chriſtus als Gottesſohn anerkennen muß, wenn ich an ihn glaube, wie ich an den Vater glaube, alſo auch den Liebesrath und die Gnade ſeiner Erlöſung annehme, dann muß ich auch ſeinen Befehlen gehorchen, dann muß ich mit Eifer forſchen, welches dieſe Befehle ſind, und wenn ich ſie weiß, muß ich den Muth haben, ſie auszuführen, muß ich ein ebenſo tapferer Streiter Chriſti ſein, als ich ein Streiter für meinen irdiſchen König bin. Kadden, Du haſt ganz Recht, ſagte Stottenheim ſach⸗ verſtändig, und es iſt recht gut, wenn wir zuweilen von ſolchen Dingen reden. Ich weiß zwar, in der erſten Zeit war es mir immer fatal, es beunruhigte mich immer, aber 421 wer Frieden haben will, muß erſt Krieg haben.— Und wer Frieden haben will, muß Muth haben, fügte Kadden hinzu. Du, Stottenheim, biſt nun ſo weit, daß Du des Herrn Willen weißt, nun habe Muth, ihn auszuführen, es gehört freilich dazu mehr Muth, als mit der Welt den Herrn zu verleugnen und ſomit allem Kampfe aus dem Wege zu gehen.— Lieber Freund, ſagte Stottenheim be⸗ dächtig, man muß nun freilich nicht zu weit gehen.— Richtig, ſagte Kadden, ſo habe ich auch geſprochen, erſt kannte ich den Herrn nicht, und verlangte nicht danach, ihn zu kennen; als ich ihn kannte, hoffte ich, man könnte ihn im Herzen haben, dürfte aber mit der Welt leben, ich ſcheute mich, ſo weit zu gehen. Ein zu vorſichtiger, be⸗ dächtiger und ängſtlicher Reiter wird von uns Soldaten aber gering geachtet, und wenn ich einmal vor dem Feind ſtehe, da will ich lieber tollkühn ſein, als ängſtlich. Im Grunde iſt das freilich auch nicht ſchwer, denn uns iſt der Sieg gewiß, wir haben zum Verbündeten einen unbe⸗ ſiegbaren. Herren.— Ein jeder ſtreitet auf ſeine Weiſe, ſagte Stottenheim abwehrend.— Ja, er muß aber auf⸗ richtig ſtreiten, fiel Kadden ein, und aufrichtig dienen. Welcher König möchte einen Diener haben, der heute mit ihm und morgen mit dem Feinde geht. Was meint Ihr? wandte er ſich zu ſeinen Kameraden, und der eigentliche Sprecher entgegnete:— Darin hat Kadden recht, wenn ich einmal überzeugt bin, dann gehe ich auch entſchieden drauf los.— Ja, ich will nicht einmal die Farben mei⸗ 424 In Friede ſollſt du vor dem Vater ſchweben: Die Sorg und Laſt wirf nur getroſt und kühn Allein auf ihn. Cäzilie hatte ſich zur Großmama geſetzt, dieſe hatte freundlich ihre Hand genommen, ſie fühlte dem jungen Mädchen eine ſtille Sympathie an und war liebreich ge⸗ nug, das anzuerkennen. Eliſabeth ſaß auf einer Fußbank, ihrem Lieblingsplatz, vor der Großmama, aber auch Emi⸗ lien und ihrer Mutter ganz nahe. Sie hatte bis jetzt den Kopf nach den Herren gewandt und dem Geſpräche dort zugehört. Jetzt wandte ſie ſich zur Großmama und ſagte: Großmama, wir beide haben doch die allerbeſten Männer von der Welt, Du weißt aber, ich habe immer geſagt, mein Mann müßte einmal wenigſtens ſo ſein, wie der Großpapa.— Die Großmama nickte; Eliſabeth aber, obgleich ſie ſich vorgenommen, gegen Emilien vorſichtig zu ſein, konnte ſich nicht zurückhalten. Liebe Emilie, ſagte ſie warm, nicht wahr, Du mußt Dich über meinen Mann freuen? Du glaubſt aber auch nicht, wie glücklich ich bin, und ich weiß es jetzt ſo gewiß, das Leben wird im⸗ mer, immer ſchöner.— Emilie nickte freundlich und die Großmama wiederholte: Ja, mit dem Herrn Chriſtus wird das Leben immer, immer ſchöner. Emilie war aufgeſtanden, ſie war ſehr heiß. Sie war an das Fenſter getreten und ſchaute nach dem hellen Sternenhimmel. Sie hörte eine Stimme in ihrem Herzen: „Es haben Dir die Hoffärtigen noch nie gefallen, aber allezeit hat Dir gefallen der Elenden und Demüthigen — 425 Gebet,“ und:„Gott widerſtehet den Hoffärtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade.“ Da ſah ſie plötzlich ihren Mann neben ſich ſtehen, er ſagte nichts, aber er nahm ihre Hand freundlich, als wollte er ihr das Sprechen erleichtern. — Sie verſtand ihn und hörte wieder die Stimme: Gott widerſtehet den Hoffärtigen aber den Demüthigen giebt er Gnade! Ja, Wilhelm, begann ſie mit ſtockender Stimme, der Herr Chriſtus iſt auch für tugendſatte Menſchen ge⸗ kommen und für ſolche, die einen leichten und ſorgloſen Sinn haben;— aber er iſt auch für hochmüthige und liebearme Herzen gekommen, ſetzte ſie mit zitternder Stimme hinzu.— Ihr Mann ſah ſie bewegt an und von ihrem Herzen war mit dieſem Ausſpruch eine Felſenlaſt. Die Abend⸗Gäſte waren fort, Schlöſſer und Emilie wollten ſich auch zur Ruhe begeben. Eliſabeth ſagte ihnen gute Nacht und ſchaute dabei mit ſo viel Güte und Freude aus ihren hellen Augen, als ob Emilie ihr nur immer die beſte Freundin geweſen. Emilie hörte wieder die Stimme: Gott widerſtehet den Hoffärtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade. Sie konnte es nicht laſſen, ſie umarmte Eliſa⸗ beth, ſie weinte an ihrem Halſe und ſagte weinend: Ver⸗ zeihe mir, liebe Eliſabeth, Alles, womit ich Dir weh ge⸗ than, Alles, womit ich Dich gekränkt. Dann wandte ſie ſich zu Kadden und ſagte bittend: Ich weiß nicht, ob Sie mir verzeihen können?— Kadden war ſo beſtürzt, daß er erſt nichts entgegnen konnte. Er nahm aber Emiliens Hand und ſagte fteundlich: Wir wollen uns immer beſſer ver⸗ — 422 ner Feinde tragen, ſiel Kadden ein, ich will dadurch nicht in den Verdacht kommen, daß ich zu ihnen gehöre, wenn die Farben an und für ſich auch unſchuldig ſind.— Wie meinſt Du das? fragte Stottenheim.— Alles, was die Welt thut und treibt, ſind ihre Farben, und man kann gar nicht entſchieden genug dies Thun und Treiben verleugnen. Wer in der Schrift aufrichtig forſcht, wird ſich davon überzeugen, er kann der Wahrheit nicht widerſtehen. Da heißt es:„Wer da ſagt: Ich kenne ihn, und hält ſeine Gebote nicht, der iſt ein Lügner.“ Kadden ſchwieg, und der Großvater fügte hinzu:„Und wer da ſagt, daß er in Ihm bleibet, der ſoll auch wandeln, wie Er gewandelt hat: Denn es iſt in keinem anderen Heil, iſt auch kein anderer Name den Menſchen gegeben, darinnen wir ſollen ſelig werden. Jeſus Chriſtus geſtern und heute und derſelbe auch in Ewigkeit. Das Wort vom Kreuz iſt eine Thorheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir ſelig werden, iſt es eine Gotteskraft.“ Lieber Kadden, Sie ſind ja ein trefflicher Theologe geworden, nahm Schlöſſer jetzt das Wort.— Ich habe in dieſem Winter Zeit genug zum Studieren gehabt, ent⸗ gegnete Kadden.— Ja, verſicherte Stottenheim, Kadden iſt ein wahrer Schriftforſcher geweſen.— Und Stottenheim hat mit profitiren müſſen, ſcherzte Kadden.— Ja, wahr⸗ haftig, ich war oft ſein geduldiges Publikum, denn Einreden läßt er ſich nicht gefallen, er iſt wie in allen Dingen, die er anfaßt, ein Hitzkopf.— Jetzt werden wir beide auch 423 hierin ihn zur Ruhe mahnen müſſen, ſagte der Großpapa zu Stottenheim. Ich habe ihm damit aber ſchon im ver⸗ gangenen Herbſt gedroht, ehe er Theologie ſtudierte! Den Damen war gewiß kein Wort der Unterhaltung verloren gegangen. Emilie ſaß mit glühenden Wangen, ſie konnte nicht anders, ſie mußte ſich ergeben. Aber es war zu unbegreiflich, daß ſie ſich geirrt haben ſollte, daß ihr Mann und die Großeltern dennoch Recht haben ſollten. Und doch war kein Zweifel mehr möglich: ein Mann, der ſo offen, ſo kräftig ſein Bekenntniß ablegte, ein Mann, den ſie ſelbſt ſtolz und herrſchſüchtig zu nennen pflegte, nein, von dem konnte ſie nicht erwarten, daß er aus Menſchen⸗ furcht, aus Furcht vor Rückſichten ſein Panier zurückziehen werde.— Eliſe hatte Emiliens Hand ergriffen, ſie ſagte kein Wort; aber jetzt wollte ſie Muth haben, gegen den Schwiegerſohn zu reden, wie es ihr um das Herz war, jetzt ſchwebten ihr immer nur die Worte aus dem Lieblings⸗ lied vor der Seele: Es iſt nicht ſchwer ein Chriſt zu ſein, und nach dem Sinn des reinen Geiſtes leben.— Und: Wirf nur getroſt den Kummer hin, Der nur dein Herz vergeblich ſchwächt und plaget; Erwecke nur zum Glauben deinen Sinn, Wenn Furcht und Weh dein ſchwaches Herze naget; Sprich: Vater, ſchau mein Elend gnädig an! So iſts gethan. Auf, auf, mein Geiſt, was ſäumeſt du, „ Dich deinem Gott ganz kindlich zu ergeben? Geh ein, mein Herz, geneuß die ſüße Ruh! 426 tragen lernen, liebe Emilie.— Das gebe der Herr! fügte Schlöſſer hinzu, nahm Enilien bei der Hand und verließ mit ihr das Zimmer. Als Eliſabeth jetzt mit ihrem Mann allein war, ſagte ſie bewegt: Ich freue mich doch, daß ſie endlich meinem Glücke trauen will. Nach acht Tagen—, Eliſabeths Beſuch war ſchon ſeit einigen Tagen wieder abgereiſt, da wandelte ſie mit ihren Kindern im Garten,— es war wieder kälter geworden, aber das Wetter war doch wunderſchön,— Eliſabeth hörte plötzlich die Hornmuſik aus der Ferne, ſie ſchaute in den klaren, tiefen blauen Himmel hinein,— o wie herzbewegend waren dieſe Töne! Sie eilte die Treppe hinauf, ſie ſtand am bekannten Fenſter: heute war ihr Mann zum erſtenmal wieder zur Uebung mit dem Regimente geritten, heute mußte ſie zagend verſuchen, ob ein erſehnter Gruß ihr noch zu Theil werden könnte. Sie ſah die Sonne auf den hellen Küraſſen blitzen; als der prächtige Zug aber näher kam, zog ſie ſich hinter der Gardine zurück. O wie ſchlug ihr Herz ſo bange und erwartungsvoll! Das war er, der ſtattlichſte von den Reitern,— wird er hinauf ſehen? Ja! er wandte den Kopf, ſah grüßend hinauf. Eliſabeth ſtand mit gefalteten Händen. Sie ſchaute hinauf in den tiefen, blauen Himmel, ſie hörte die fernhin ſchmetternden Töne, ſie dachte an die Vergangenheit, an ihre Brautliebe, ſie dachte an Wangeroge, an ihr Gebet, an ihre Sehnſucht. Kann der Herr Wunder thun, kann er auch eine zerwehte Brautliebe wieder ſchaffen? Ja, er kann es, der Herr iſt 427 ein Helfer und Tröſter in jeder Noth, wenn wir nur Glauben haben, ungetheilten Glauben. Nach dem Maaße des Glaubens, das wir bringen, wird uns auch Erfüllung und Erhörung zugemeſſen. Kommen wir mit getheiltem Herzen, mit zerſtreutem Sinn, ſo iſt das freilich ein geringes Maaß, und wir können uns nicht wundern, wenn wir nicht reicher fortgehen, als wir kamen. Der Herr Chriſtus ſagt: Euch geſchehe nach eurem Glauben. —— 48. Die goldene Hochzeit. Es war am 11. Mai 1855, ein wunderlieblicher Maitag, das Wetter ſchien ſich vorzubereiten auf den fol⸗ genden Feſttag, die goldene Hochzeit der Großeltern. Eliſabeth hatte viel zu ſchaffen gehabt. Das alte, graue Haus mit den Wappen über den Thüren, den hohen Fenſtern und großen Räumen war wohl eingerichtet auf viele Gäſte, aber alle konnte es doch nicht faſſen, und Eli⸗ ſabeth hatte einen Theil davon übernommen. Für Tante Wina und Paula, die beiden Reſpectsperſonen, war das bekannte Erkerſtübchen eingerichtet; für Eltern und Ge⸗ ſchwiſter war aber auch geſorgt. Eliſabeth war ziemlich mit allen Anordnungen fertig, als die bekannte Hornmuſik aus der Ferne erklang. Das war jedesmal für ihre Kin⸗ der ein Jubel, das zarte Verbergen hinter der Gardine mußte Eliſabeth aufgeben, die Geſellſchaft war zu groß. Ihr kleinſtes Mädchen hatte ſie auf dem Arm, vier lieb⸗ liche Geſichter ſtanden neben ihr und ſchauten durch die Scheiben, als der prächtige Zug vorüber kam,— der ſtattlichſte von den Reitern ſchaute freudig hinauf nach ſei⸗ nem Reichthum, er war ein glücklicher Mann. Eliſabeth übergab ihr Kleinſtes den älteren Geſchwiſtern und eilte noch einmal zu Johannen in das Erkerſtübchen, um noch einiges hier zu ordnen. Von hier aus ſah ſie ihren Mann 429 auf den Hof reiten, mit demſelben freudigen Herzklopfen, als vor neun Jahren, und als er die Treppe mit ſchnellen Schriften heraufkam, beeilte ſie ſich um auch fertig zu wer⸗ den. Als ſie in das Wohnzimmer trat, ſtand er zwiſchen den Kindern, die ihn förmlich mit Fragen und Erzählun⸗ gen beſtürmten, und aus Furcht und Aerger, daß der Papa nicht nach ihm, ſondern nach den anderen höre, ſchrie eines immer lauter als das andere. Das iſt aber ein unver⸗ ſchämtes Sperlingsneſt! rief der Papa, gerade als Eliſabeth eintrat. Er wandte ſich zu ihr und der Sturm war für jetzt beruhigt, Friedrich fing aber leiſe wieder an: Papa, die Kuchen ſind alle ſchon da. Papa, ſie haben unſer Sofa aus der Finderſtube in die große Erkerſtube geſetzt, fuhr der kleine Otto fort. Papa, aber einen Spiegel haſt Du nicht in Deiner Stube, verſicherte Mariechen, die Mama hat ihn wirklich fortgenommen. Papa, ſoll ich Dir ein ganzes Fenſter voll Braten zeigen? bat ein kleines Lies⸗ chen. Es war wieder große Gefahr, daß das Zwitſchern überhand nahm, die Vorbereitungen zum Beſuch waren den kleinen Sperlingen zu intereſſant. Die Mama aber hatte ihm auch etwas zu berichten, und da er ſie nicht verſtehen konnte, kommandirte er noch einmal Ruhe. Jetzt ſtand Eliſabeth eben ſo lieblich plaudernd vor ihm, als ſeine Kinder, nur daß ſie das Reich allein hatte und leiſer re⸗ den konnte. Er hörte aufmerkſam zu. Sie ſah es ſei⸗ nen Mienen an, daß er Luſt zum Lachen hatte; ſie ließ ſich dadurch nicht ſtören und erzählte alle ihre ſchönen Ein⸗ 430 richtungen und klugen Einfälle. Jetzt bitte ich Dich, klopfſt Du mir in der Tanten⸗Stube noch die neuen Bilder an, ſagte ſie; wir haben es nicht verſucht, weil ſie Dir doch nicht gerade genug hängen würden.— Ja, es iſt wahr, entgegnete Kadden, Du kannſt zwar Alles wunderſchön, lie⸗ bes Lieschen, aber Bilder gerade anhängen kannſt Du nicht.— Ich will es Dir wenigſtens überlaſſen, entgeg⸗ nete Eliſabeth. Zum Dank aber mußt Du mit mir in die neue Logirſtube und in die Speiſekammer kommen, Du mußt dort die fertigen Kuchen und ſchönen Sachen bewun⸗ dern.— Dieſes Amt werde ich Friedrich übertragen, ent⸗ gegnete Kadden. Friedrich, wandte er ſi ih zu dieſem, Du gehſt mit der Mama, Du koſteſt von un hen und den ſchönen Sachen, und bringſt mir genauen Beſcheid.— Friedrich war ſehr einverſtanden damit. Die anderen Sper⸗ linge wollten aber auch Poſten, und das Gezwitſcher nahm wieder ſo überhand, daß es ein Glück war, als zu Tiſche gerufen wurde, hier durfte ein für alle Mal nicht gelärmt werden. Hier ſaßen ſie mit gefalteten Händen und andächtig und ſtill, der Vater ſprach das Tiſchgebet, es war wohl ein lieblich Bild und die Worte ſtanden dar⸗ über:„Siehe, alſo wird geſegnet der Mann, der den Herrn fürchtet.“ Als Nachmittag endlich Alles bereit war, ſelbſt die Bilder angehängt und die Kuchen bewundert, da kamen die Gäſte an. Schlöſſer und der Geheimrath mit ſeinen er⸗ wachſenen Kindern zu Fuß, durch den jungen Wald und — 431 durch blühende Alleen,— das war ein lieblicher Spatzier⸗ gang, ſie hatten es weit beſſer als die vier Damen, die im verſchloſſenen Wagen ſaßen. Tante Wina und Tante Paula ſtanden wieder in ih⸗ rem Erkerſtübchen am offenen Fenſter, ſie lüfteten ihre Hau⸗ ben und erfriſchten ſich an der friſchen Luft. Dieſes Mal ganz ohne ſpannende Erwartung, wie es ihnen hier ergehen ſollte, ſie wußten vollſtändig Beſcheid. Im Sommer nach Kaddens Krankheit hatten ſie wieder ihren erſten Beſuch hier gemacht, und zwar zu ihrer höchſten Befriedigung. Eliſabeth war wirklich— darin kamen beide Schweſtern überein— ein rückſichtsvolles, dankbares Kind, jetzt er⸗ kannte ſie, was ſie den Tanten ſchuldig war, ihr ganzes Weſen war freundlich und reſpectvoll. Wenn ſie einmal den alten Ton verſuchen wollte, wußte ihr Mann ſie ſo ganz in der Stille aufmerkſam zu machen, hatte die kluge Tante Wina ſogleich bemerkt, und ſie mußte ihm zugeben, daß er es am allerbeſten verſtand, mit ihrem verzogenen Liebling umzugehen. Eliſabeth hatte ihnen aber auch gleich das erſte Mal wieder verſichert, ſie ſollten nicht glauben, daß ihr Mann immerfort in einer Zuckerwaſſer⸗Stimmung ſei, er habe auch ſeine Geſchäfte und habe nicht immer Zeit und Luſt, ſich um ſie zu bekümmern, ſei auch zuwei⸗ len verſtimmt, habe Aerger mit ſeinen Leuten, und ſie dürfe ſich nie hineinmiſchen und nie die dumme Idee haben, ihn erziehen zu müſſen, ſie warte es ruhig ab, bis er wieder in guter Stimmung ſei. Sie könne das auch ruhig ab⸗ 432 warten, weil ſie Beſchäftigung in einem ſchönen Berufe habe und weil ſie wiſſe, daß ſeine Verſtimmungen nicht ihr gel⸗ ten.— Eliſabeth hatte diesmal in wirklicher Ueberzeugung geſprochen, die Tanten fühlten das, und Wina beſtätigte es gern in einigen erhabenen Sentenzen. Wie ſchwer oder leicht ihr die verſchiedenen Stimmungen des Mannes zu tragen wurden, behielt ſie für ſich, die Tanten würden es doch nicht recht begriffen haben, wenn ſie geſagt hätte: Kämpfe ſind in jeder Ehe, aber in einer chriſtlichen ſind ſie ohne Gefahr. Die Tanten aber kamen faſt jedes Jahr wieder und überzeugten ſich immer mehr von Eliſabeths Glück, und die Liebe zu ihr und die Achtung für den verehrten Reffen ſtieg von Jahr zu Jahr. Ja, die immer von ihnen an⸗ gefeindete Richtung, die ihnen in Kaddens Eigenthümlich⸗ keit ſo entſchieden wie nirgends entgegentrat, nannten ſie in dieſem Hauſe harmoniſch. Tante Wina konnte jetzt ſo⸗ gar verſichern, daß ſie dieſelben Anſichten habe und gehabt habe von Jugend auf, und Paula vergaß Thränen der Rührung, wenn es irgend eine rührende Scene mit den Kindern gab. Die guten Tanten waren aber auch zehn Jahr älter geworden, das Schimmerlicht ihres vergnüglichen Lebens, ihrer Geſelligkeit, ihrer äſthetiſchen und poetiſchen Genüſſe ſpielte ſtark in ein unglückliches Grau hinüber, ſie fühlten ſich oft einſam und verlaſſen, hatten ſo das rechte alte Jungfern⸗Unglück im Herzen, ohne Ausſicht auf Frie⸗ den, darum war ihnen die Nähe dieſes Friedens ſchon eine unbewußte Erquickung.* — ——— 1 433 Eliſabeths helle Stimme rief die Tanten hinab in den Garten, hier waren die Kaffeetiſche bereit und zu der Kinder Befriedigung ſollte jetzt die Prüfung der Kuchen gewiſſenhaft vor ſich gehen. Es war wirklich ſehr ge⸗ müthlich hier, und Eliſe ſchaute mit dankbarem Großmut⸗ terherzen über die weißen Blüthen hinweg zum blauen Himmel hinauf. Nach einiger Zeit erſchien Stottenheim, der natürlich Cäzilien geheirathet hatte, ſich auch von Kadden in das Schlepptau nehmen ließ, und ein glücklicher, wenn auch noch immer ein geſprächiger Mann war. Cäziliens Ein⸗ fluß, und der Einfluß ſeines ganzen Lebens jetzt, ward übrigens immer mehr an ihm bemerkbar. Seitdem er ſich nicht mehr beſtrebte, ein nach allen Seiten hin nützliches MWitglied der menſchlichen Geſellſchaft zu ſein, ſondern ſich beſchränkte auf ſein Haus und auf einen kleinen Kreis, waren ſeine Gedanken nicht ſo zerfahrend und verſchwim⸗ mend. Seine guten Eigenſchaften, ſeine Gutmüthigkeit, ſein Verſtand verdienten Anerkennung, und Kadden war und blieb trotz ihrer großen Verſchiedenheit ſein treuer Freund. Jetzt kam Stottenheim als Geſandter ſeiner Frau. Schlöſſer nämlich und Eliſabeths erwachſene Brüder ſollten bei ihnen einquartirt werden, er ſollte die lieben Gäſte jetzt perſönlich verſichern, wie ſehr willkommen ſie wären. Dann aber war ſeine Unterhaltung ausſchließlich ſeinen alten Freundinnen, den verehrten Tanten Wina und Paula Eliſabeth. I. 28 434 gewidmet, und wie er früher mit ihnen ſo herrlich über die Wahrheit des Lebens und die beglückenden Anſichten der Wirklichkeit reden konnte, ſprach er jetzt von dem Glück ſeines häuslichen Lebens, von ſeinem ungewöhnlich begab⸗ ten kleinen Mädchen, von ſeiner lieben, ſtillen, frommen Hausfrau, und daß es wirklich einen Frieden gäbe, der über die Wirklichkeit und über alle Vernunft hinaus die Seele befriedigen könne. Für Emilien war dieſe Art zu ſchwatzen, wie ſie es nannte, immer noch unerträglich, und jedesmal, wenn ſie mit Stottenheim zuſammen kam, war es für ſie eine rechte Aufgabe, ihm geduldig anzuhören und auch eingehend auf ſeine Fragen zu antworten. Sie gab es jedoch in ihrem Herzen und auch gern ihrem Manne zu, daß der Herr Chriſtus auch für gutmüthige und oberflächliche Leute ge⸗ kommen ſei. Sie ſah ein, daß Stottenheim nur ein klei⸗ nes Pfund erhalten hatte, und daß der Herr wenig von ihm fordern wolle. Vor Sonnenuntergang wandelte die ganze Geſellſchaft auf dem bekannten Grasrain hinauf. Es war ein er⸗ quicklicher Maienabend. Eliſabeth pflückte mit ihren Schwe⸗ ſtern wieder liebliche Feldblumen, ihr Mann aber hatte keine Veranlaſſung, auf die jungen Mädchen eiferſüchtig zu ſein, und war ihnen ein aufmerkſamer und liebenswür⸗ diger Schwager. Als ſie das Ende des Grasrains er⸗ reicht hatten, ſetzten ſich alle auf einen grünen, etwas hö⸗ hern Wall und begannen zu ſingen. Kadden ſtimmte zu — 435 Eliſabeths Vergnügen die Lorelei an:„Ich weiß nicht was ſoll es bedeuten“— Der kleine Friedrich und ſein Schweſterchen fielen ſogleich ein:„daß ich ſo traurig bin.“ Das Lied kannten ſie wohl, der Papa ſang es, wenn er recht vergnügt war. Dann aber ſang das ganze jüngere Chor:„Es iſt beſtimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebſten, was man hat, ſoll ſcheiden,“ und im Zurückgehen folgte ein hübſches Lied dem andern, bis der Schweſtern Lieblingslied, das ſchöne Lied von Knak, von ihrem lie⸗ ben Berliner Landsmann, den Schluß machte: Laßt mich gehen, laßt mich gehen, Daß ich Jeſum möge ſehen! Meine Seel iſt voll Verlangen, Ihn auf ewig zu umfangen Und vor ſeinem Thron zu ſtehn. Süßes Licht, ſüßes Licht, Sonne, die durch Wolken bricht! O wann werd ich dahin kommen, Daß ich dort mit allen Frommen Schau dein holdes Angeſicht! Ach, wie ſchön, ach, wie ſchön Iſt der Engel Lobgetön! Hätt ich Flügel, hätt ich Flügel, Flög ich über Thal und Hügel Heute noch nach Zions Höhn. Wie wird's ſein, wie wird's ſein, Wenn ich zieh in Salem ein, In die Stadt der goldnen Gaſſen: Herr, mein Gott, ich kanns nicht faſſen, Was das wird für Wonne ſein! 436 Paradies, Paradies, Wie iſt deine Frucht ſo ſüß! Unter deinen Lebensbäumen Wird uns ſein, als ob wir träumen: Bring uns, Herr, in's Paradies! Der folgende Tag war ein Maientag, wie der 12. Mai im Jahre 1805, der Himmel war beſonders ſtrah⸗ lend, der junge Wald duftend, die Blüthen ſilberweiß, die Aurikeln glänzend in den farbigen Sammetkleidern, und aus der friſchen thauigen Wieſe ſchauten hundert und tau⸗ ſend bunte helle Aeuglein heraus und ſchimmerten wie lichte Seide und Edelgeſtein. Früh in der Kühle und im Morgenglanze wandelte ein Paar über die Wieſe hin, unter den ſchattigen Rüſtern am Bach entlang, nach den grünen Tannenhöhen. Sie wandelten nicht mit ſo leichten Schritten als vor 50 Jahren, aber rüſtig und feſt genug. Sie ſaßen dort oben auf der Höhe, ſie ſchauten hinab in die liebliche, blühende Welt und hinauf in das klare, frie⸗ densreiche Blau des Himmels, und wenn ſie heute beide nicht ſo geſprächig als vor 50 Jahren waren, ſo waren ſie deſto glücklicher. Ja, lieber Fritz, ſagte die goldene Braut, wir haben dem Herrn viel zu danken, in welchem Kreiſe dürfen wir den ſchönen Feſttag feiern! Nun möcht ich aber jede irdiſche Sorge abwerfen, und ſo lieb mir da unten das liebe Geſchwirre von Großen und Kleinen in unſerem Hauſe iſt, ſo werden wir recht gern wieder in Ruhe leben und recht gern bald in Frieden von dort oben hinabſchauen auf Kind und Kindeskind. Der goldene — —— Bräutigam war damit einverſtanden, ſie ſtanden ja beide ſelig harrend an der Himmelsthür. Als ſie zurückkehrten, war das ganze Haus in Be⸗ wegung. Alle Kinder, groß und klein, wurden zuſammen gerufen, man mußte ſich anziehen, um in die Kirche zu gehen. Die Frau Oberförſterin ſpielte heute die geſchäf⸗ tige Brautmutter, ſie nahm die goldene Braut im Empfang, um ihr beim Anziehen behülflich zu ſein, und darauf ver⸗ ſchwanden alle in ihren Zimmern, und es ward ganz ru⸗ hig im Hauſe. Der Bräutigam ſtand bald darauf im ſtillen Wohn⸗ zimmer ganz allein, er war im feſtlichen Anzug und hatte den goldenen Myrthenſtrauß vor der Bruſt. Er ſtand ge⸗ dankenvoll am Fenſter und gedachte der Zeit von damals, wo er ſo glücklich und erwartungsvoll harrte auf ſeine jugendliche Braut. War denn dies Sehnen, dieſe Er⸗ wartung erfüllt? Ja, und ſo ſelig erfüllt. Er hatte ſich eben recht vertieft in der Erinnerung ihres blühenden Jugendbildes, als die Nebenthür leiſe aufging und ſie ſelbſt eintrat. Ihre feine, hübſche Geſtalt war dieſelbe, ſie trug ſich leicht und gerade, ſie hatte ihr weißes Brautkleid an, aber ein reiches, weißes Seidentuch und der Schmuck von ſchönen Spitzen verhüllte es faſt. Auf dem Kopfe ruhte eine kleine weiße Haube und der goldene Kranz. Er ſchaute ſie an, ſeine liebe Braut, ein liebes, treues Müt⸗ terlein, mit der klaren Stirn und denſelben großen, kind⸗ lichen Augen und den lichten Zügen. Thränen traten in 438 ſeine Augen, er ſchloß ſie bewegt in ſeine Arme. Ich danke Dir für alle Güte und Liebe und Treue, die Du mir bewieſen haſt, ſagte er; ich habe es Dir nie vergel⸗ ten können, aber der Herr hat es Dir j ſelbſt vergol⸗ ten. Sie konnte ihm darauf nichts entgegnen, ſie ſah ihn auch durch Thränen an, aber ſo glücklich und dankbar, ſie wollte ſagen: Du biſt mir immer ein lieber, gütiger und getreuer Hausherr geweſen. Und mit dem Hübſcherwerden hat es wirklich ſeine Richtigkeit, ſagte er nach einer Pauſe, ich könnte mir doch gar nicht denken, wie Du hübſcher ausſehen könnteſt. Sie lächelte und glaubte es.— In⸗ dem ſie jetzt nach dem Sofa gingen und unter den großen Jugend⸗Bildern feiernd Platz nahmen, ſahen ſie erſtaunt gegenüber an der Wand zwei Gegenſtücke in ſchönen gol⸗ denen Rahmen: eine jugendliche Frau und ein Küraſſier⸗ Offizier. Otto! Eliſabeth! riefen die lieben Großeltern in freudiger Ueberraſchung. Die Großmama hatte vor längerer Zeit den Wunſch geäußert, die Vilder zu haben. Wenn ich erſt einmal in der Stube bleiben muß, und wenn Ihr gar verſetzt wer⸗ det, hatte ſie zu Eliſabeth geſagt, ſo möchte ich Eure Bil⸗ der dort haben. Von Eliſabeth war die Erfüllung dieſes Wunſches nicht gerade von ſich geſchoben, ſie hatte zugleich aber ſich die Bilder der Großeltern damit vermachen laſſen. Für jetzt hingen ſie ſich nun gegenüber und ſahen ſich freundlich an. In dem Augenblick trat Onkel Karl ein, im ſchwar⸗ — 439 zen Feſtanzug, mit grauem Kopf und krummem Rücken. Er war nur zwei Jahr älter als der Großpapa und 78 Jahr alt, er ſah aber weit älter aus als der rüſtige Jubelbräutigam. Sein Gehör hatte er faſt ganz verloren, aber ſeine Wirthſchaft beſorgte er ſo gut es ging. Sein älteſter Neffe Wilhelm war ja wirklich Landrath in Wolt⸗ heim geworden und ſtand ihm helfend zur Seite. Die Großmama führte ihn jetzt zu den neuen Bildern, er war ebenſo überraſcht. Unſer Liebling! ſagte er. Die Groß⸗ mama nickte. Wiſſen Sie, Frau Schwägerin, vor 25 Jahren? Sie iſt immer noch ein liebes Kind, rief ſie ihm freundlich in die tauben Ohren. Und wie ſie damals Tiſche und Stühle in Liebe umarmte, wandte ſie ſich zu ihrem Mann, ſo hat ſie jetzt den Herrn umfaßt. Nun ja, und das Großmutterherz iſt ohne Sorgen, fügte er hinzu. Als ſie jetzt beide durch das Fenſter ſchauten, ſahen ſie den Liebling an der Seite ihres Mannes durch den Garten kommen. Eliſabeth war ſchon früh mit ihren Gäſten und Kindern gekommen, ihr Mann hatte nicht ſo früh Zeit, er war ſpäter nachgeritten, und wie ſo oft, das Pferd am Zügel, ging er neben Eliſabeth den Weg am großen Ahorn her. Sie ſahen die Großeltern am Fenſter ſtehen, Kadden gab ſein Pferd ab und eilte mit Eliſabeth, das liebe, theure, alte Paar zu begrüßen.— Die Groß⸗ mama küßte ihn. Du biſt mein lieber Otto, ſagte ſie, und ſollſt mich auch von jetzt an Du nennen, weil Du 440 mein liebes Kind biſt. Er dankte ihr, glücklich wie ein Kind, ſie war ja längſt ſein liebes Mutterherz. Der Groß⸗ vater begrüßte ihn auch wie einen lieben Sohn, und nannte ihn zum erſtenmal Du. Kadden ſagte, daß er ſie gleich ſo lieb gehabt, als er ſie zum erſtenmal geſehen, und wohl geahnet habe, daß er, ein armer Menſch ohne Heimath, bei ihnen Heimath und Frieden finden würde. Eliſabeth aber— ſie war zu glücklich, ſie konnte nichts weiter ſagen als wie vor 25 Jahren: Ich habe Euch zu lieb! Schlöſſer hielt die kirchliche Feier, und was er ſagte, konnten ſich alle verheiratheten Leute noch einmal zu Her⸗ zen nehmen.— Darauf nahmen verſchiedene Feſttafeln die Gäſte auf. Onkel Karls Abſicht war unverkennbar, es ſollte heute ſehr hoch hergehen, und ſo gut es ſich thun Ff ließ, war er ein aufmerkſamer Wirth. Den alten Friedrich hatte er auch in eine neue Livree geſteckt, damit er das Feſt würdig mitfeiern konnte. Er war in den letzten Jahren zu Onkel Karls Kammerdiener und beſtändigem Geſell⸗ ſchafter avaneirt, was ihm auch nicht ſchwer wurde, weil ſeine alten Schimmel geſtorben waren und er ſich mit den neuen Pferden, die jung und ſchnell waren und eigentlich„ meiſtens von dem Herrn Landrath benutzt wurden, nicht mehr befreunden wollte. Heute war er der Hauptdiener an der Hochzeitstafel, und da er ſich des Onkels Taubheit wegen eine ſehr laute Stimme angewöhnt hatte, war er überall mit ſeinen ebenſo bedächtigen als höflichen Re⸗ 441 densarten zu hören, was dem jugendlichen Theil der Ge⸗ ſellſchaft ein beſonderes Vergnügen war. Kadden hatte ſeinen Platz neben der Frau Generalin, Emiliens Mutter, erhalten. Der General war ſchon ſeit mehreren Jahren todt, und ſie lebte ganz zurückgezogen ein ſtilles Wittwenleben. Es machte ihr heute große Freude, von ihrem ſeligen Manne zu ſprechen, und von der Zeit, wo ſie an ſeiner Seite lebte. Kadden war ja auch nicht nur ein Streiter im weltlichen Waffenrocke, er war ein Streiter des Herrn. Kadden ſprach gern mit der liebens⸗ würdigen, geſcheiten Frau, und ein Hauptthema ihrer Unter⸗ haltung war: die Geſelligkeit aus Rückſichten, aus Schwä⸗ che und Menſchenfurcht,— und die als Pflichterfüllung gegen die Stellung, die der Herr Gott ſeinen Kindern oft mitten in der Welt anweiſt,— und wie es ſo wunder⸗ bar iſt, daß die Welt augenblicklich ahnet und weiß, wie Jemand ihr gegenüber ſteht. Ueber Kadden wunderte ſich Niemand, daß er weder Spielkränzchen, noch Theater, Con⸗ zerte und Bälle beſuchte; wenn er aber bei wirklich noth⸗ wendigen Gelegenheiten allein oder mit ſeiner Frau dort erſchien, wußte ein Jeder, warum er kam. Ja, die wohl⸗ meinenden und verſtändigen von ſeinen Kameraden ſchätzten und achteten ihn gerade wegen ſeiner Offenheit und Ent⸗ ſchiedenheit, ſie waren auch gern in ſeinem Hauſe, wenn der Spieltiſch hier gleich nicht zur Unterhaltung diente und zuweilen ein ernſtes Geſpräch unvermeidlich war. Wenn beim gemeinſchaftlichen Muſiziren Eliſabeth es nicht laſſen —„ 442 konnte, einen Lieblingschoral, der ſie in der Zeit gerade ſehr beſchäftigte, mit ihrem Mann und ihren gläubigen Freunden zu ſingen, ſo hörten die anderen Gäſte recht gern zu, und Kadden überzeugte ſich immer mehr, daß man nur im guten Vertrauen auf den Herrn und auf den heiligen Geiſt und mit aufrichtigem lieblichen Sinn für ſeine Brü⸗ der herausrücken könne mit dem, was der Seele einmal das Seligſte und Reichſte und das Liebſte iſt. Daß Bon⸗ ſaks verſetzt wurden, war ihm ganz lieb, beſonders aber für Stottenheim und Cäzilien. Adolfine hatte ſich ver⸗ heirathet und führte ein Leben, wie ſie es von Frau von Bandow gelernt. Die beiden älteren Schweſtern kamen zuweilen als angehende ſentimentale Tanten nach Braun⸗ hauſen, und Stottenheims Lebensaufgabe war es, wie er gern verſicherte, ſie zu bekehren. Bonſaks Nachfolger war, wenn auch nicht kirchlich geſonnen, doch ernſter und bedeu⸗ tender als ſein Vorgänger, und ſeine Frau neigte ſich ent⸗ ſchieden zu dem kleinen glaͤubigen Kreiſe in Braunhauſen. Sie hatte Eliſabeth gleich gebeten, ihr zu ſagen, wo ſie ſich an Werken der Wohlthätigkeit betheiligen könne, ſie hatte bei Kaddens in einer größeren Geſellſchaft Kurtius und Bornes kennen gelernt, nachher ſich ſehr zufrieden über dieſe Bekanntſchaft ausgeſprochen und auch reichliche Miſ⸗ 4 ſionsbeiträge gegeben. Kadden ſchloß ſeinen Bericht und die Generalin war ganz mit ihm einverſtanden, daß die Zeiten ſeit 1848 ſich ſehr geändert, daß es den jüngeren Leuten jetzt leichter werden könnte, mit ihrem Bekenntniß —— 443 der Welt gegenüber zu treten, weil der Glaube und die Gläubigen zu Ehren gekommen waren, ja, daß darin faſt eine Gefahr lag, zu leichten Kaufs zu einem ſolchen Her⸗ vortreten zu kommen. Nach dem feſtlichen Mittagseſſen wurde der köſtliche Maienabend luſtwandelnd im Garten genoſſen. Als dann wieder alle Gäſte in den Zimmern verſammelt waren, ſollte mit einem Liede das Feſt beſchloſſen werden. Der Großvater ſaß mit der Großmutter im Sofa, Kinder und Kindeskinder, Verwandte und Freunde ſaßen und ſtanden um ſie herum, die Oberförſterin hatte ſich an das Clavier geſetzt. Wir haben heute ſchon viele Lieder geſungen, ſagte der Großpapa freundlich, immer Dank⸗ und Loblieder, das war auch natürlich: wenn wir auf die Vergangenheit zurückſchauen, haben wir dem Herrn zu danken und zu preiſen. Jetzt beim Schluß des Feſtes, wo wir mit des Herrn Hülfe wieder in die Zukunft ſchauen wollen, möcht ich ein Lied mit Euch Lieben ſingen, das meiner Seele am nächſten liegt, mit dem Lied möcht ich mit meiner lie⸗ ben Gefährtin einſt an der Himmelsthür ſtehen und mit dem Lied, das iſt unſer Gebet, möchtet Ihr doch Alle ein⸗ mal dort ſtehen. Wer dies Lied von ganzer Seele ſingen kann, wird ſicher angenommen. Das iſt das Beſte, was ich Euch Lieben zum Abſchied wünſchen kann, das gebe der Herr uns Allen. „Aus tiefer Noth ſchrei ich zu Dir“— ſo ſtimmte 444 er an und ſo ſtimmten alle mit bewegtem Herzen ein. Ja, das war der ſchönſte Schluß des frohen Feſtes. Und ob es währt bis in die Nacht, Und wieder an den Morgen; Doch ſoll mein Herz an Gottes Macht Verzweifeln nicht noch ſorgen. Er iſt allein der gute Hirt, Der Israel erlöſen wird Aus ſeinen Sünden allen. Emilie ſtand mit Schlöſſer in einem Fenſter, Eliſa⸗ beth und Kadden zufällig neben ihnen. Emilie hatte ihres Mannes Hand ergriffen, ſie ſang mit bewegter Seele, mit dem Liede wollte ſie auch an der Himmelspforte einſt ſtehen, aber der Weg dahin lag nicht leicht vor ihr. Eliſabeth ſang mit heller, lieblicher Stimme, ſie ſtand an ihren Mann gelehnt, ſo vertrauend, ſo lieblich und voll Glückes⸗ Zuverſicht, als ob ſie nun geborgen wäre vor aller Noth des Lebens. Ja, ſie war es auch, ebenſo der Mann, den ihre Seele liebte. Jetzt durfte ſie ſeine Seligkeit ſo ſicher in die ihre einſchließen, ſie hatten beide einen Herrn und einen Helfer neben ſich: Jeſus Chriſtus geſtern und heute und in alle Ewigkeit. Amen. Druck von Ed. Heynemann iu Halle. ſſ 8 9 10 11 12 13 17 18 19 7 ₰ 8 . 5 3 1 3 X 6. 1