Leihbiblivthet eteneetet Ednard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen., . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. — —— — 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf Monat: 1 Pet.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und . defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 1 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. . Auseihezeit. Dieſelbe ije auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S——2 a 28 — ——— Cliſabeth. Eine Geſchichte, die nicht mit der Heirath ſchließt. Von der Verfaſſerin des„Tagebuchs eines armen Fräuleins.“ Erſter Band. Dritte Auflage. Halle, Perlag von Julius Fricke. 1858. —— Capitel-Verzeichniß. Des Großvaters Bruder. Wie der Großvater ein Bräutigam ward Der Großeltern Hochzeit. Bis zur Silberhochzeit Die Frau Geheimräthin. Vorbereitungen zum Ball Ein gefährlicher Menſch. Nach dem Ball. Ein Reiſeplan Unverhofftes Begegnen Bei den Großeltern.. Der Küraſſier zur rechten Zeit. Ein bedenklicher Auftrag. Auf der Höhe des Glückes. Familien⸗Aufregungen Blauer Himmel und Wolken im Brautſtande. Der letzte Winter in Berlin. Die Hochzeit. Seite. 106 129 145 164 176 195 208 22⁸ 250 365 297 314 6 1. Des Großvaters Bruder. Je weiß gar nicht, warum gerade ich heirathen ſoll! ſagte Herr Karl von Budmar ärgerlich und ging dabei heftig im Zimmer auf und ab. Friedrich, ſein jüngerer Bruder, ſaß im Sofa und trommelte mit den Fingern auf die Lehne. Warum gerade ich,— fuhr der ältere wieder fort,— das Leben iſt ſchon voller Mühe und Sorge, und nun dazu dieſe Unannehmlichkeit. Er blieb jetzt fragend vor dem Bruder ſtehen. Die Sache iſt ganz einfach, ent⸗ gegnete dieſer lächelnd, Du ſollſt heirathen, weil Du Dich verlobt haſt. Ja, das war der Fehler! ſagte Karl leb⸗ haft, es iſt unbegreiflich, wie ich dazu gekommen bin.— Lieber Fritz, ich bin ſehr unglücklich! ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. Was iſt denn wieder vorgefallen? fragte der Bruder jetzt theilnehmend. Vorgefallen iſt gar nichts, fuhr der Bräutigam auf, es iſt nur ein Factum da, eine Thatſache mit ihren unvermeidlichen Folgen. Heute komme ich hin,— ich verſäume keinen Morgen, mich nach dem Beſinden meiner Braut und dem Befinden meiner Schwiegermutter zu erkundigen,— heute nimmt mich die Schwiegermutter ſchon auf dem Flur in Empfang und flü⸗ ſtert: Morgen iſt Charlottchens Geburtstag, es iſt Ihnen Elipabeth. 1. 1 2 wohl lieb, das zu wiſſen. Ich frage Dich nun, Fritz, warum mir das lieb ſein ſoll? Du wirſt Dich doch freuen, daß Deine Braut geboren iſt, entgegnete dieſer lachend. Ja, freuen,— das iſt ganz gut, ſeufzte Karl, ſeit heute mor⸗ gen aber zerbreche ich mir den Kopf, was ich morgen an⸗ fangen ſoll. Du ſollſt ihr etwas ſchenken, das iſt wieder ganz einfach, war des Bruders Antwort. Das weiß ich auch, nahm Karl eifrig das Wort, nun aber ſtürmen Fra⸗ gen und Bedenken auf mich ein, die Frage iſt: ſoll ich etwas Nützliches oder etwas Ueberflüſſiges ſchenken. Das letzte iſt gegen meine Grundſätze, und wenn ich mich auch darüber hinwegſetze, was die Kaffee⸗Geſellſchaft den Nach⸗ mittag zu meiner Bräutigams⸗Gabe ſagt, ob ſie mich ppe⸗ tiſch, oder proſaiſch, oder ſplendide,: oder geizig nennt, was mich doch wieder im Grunde in eine unangenehme Aufre⸗ gung verſetzt, kurz und gut, wenn ich mich auch über Alles hinwegſetzen wollte, ſo bin ich heute Abend eben ſo weit als heute Morgen, ich habe kein Geſchenk, ja es iſt mir nicht einmal eine annähernde Idee von etwas Paſſen⸗ dem gekommen, ich bin überzeugt, der morgende Tag kommt heran und ich weiß noch nichts. Ich ſeitdem ich verlobt bin, ſtürzen mich ſo ähnliche Vorfülle von einer fieberhaften Aufregung in die andere, ich kann gar keinen klaren Gedanken mehr faſſen, außer dem einen: wenn ich nur nicht verlobt wäre! Das wird Alles aufhören, wenn Du verheirathet biſt, tröſtete Fritz. Nein, Fritz, das wird nicht aufhören, verſicherte Karl, man wird immer größere 3 Anſprüche an mich machen. Wenn meine Schwiegermama erzählt von ihrem Mann ſelig, von ſeinen liebenswürdigen Eigenſchaften, von der glücklichen Ehe, die ſie geführt, dann wird mir angſt und bange, denn alle dieſe liebenswürdigen rückſichtvollen Eigenſchaften gehen mir ab, und ich ſehe meine Zukunft deutlich vor Augen, ich werde mich fort⸗ während in einer entſetzlichen Spannung befinden, um nur herauszuſtudieren, wie ein glücklicher Ehemann ſich betra⸗ gen muß, und das halten meine Nerven nicht aus. Du willſt aber Charlottchen und nicht ihre Mutter heirathen, nahm der Bruder wieder das Wort, und Charlottchen iſt das anſpruchloſeſte, einfachſte Mädchen, was ich kenne. Ja, ja, unterbrach ihn Karl, das weiß ich, aber ich verſtehe nicht mit Frauenzimmern umzugehen, und— Fritz, ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu, Du mußt zugeben, es iſt doch ein wunderliches Volk. Fritz ſah ſehr ſpaßhaft aus, aber er nahm ſich zuſammen und fragte ernſthaft: Wie meinſt Du das? Zum Beiſpiel, begann der Gefragte eifrig, geſtern war ich den ganzen Nachmittag drüben, wir haben uns wohl zwei Stunden ſchön unterhalten, ich habe erzählt, ſie haben zugehört, wie es ſich gehört. Die Frauenzimmer begriffen vollſtändig, daß ich mein Gut in kurzer Zeit auf doppelten Werth bringen muß, erſtens wenn wir die Brache ganz und gar abſchaffen und durch Anbau von Futter⸗ kräutern dem Futtermangel abhelfen, und zweitens was die natürliche Folge davon iſt, die Stallfütterung einführen. Fritz, Du lächelſt,— unterbrach ſich der Redende ärger⸗ 1* lich, Du glaubſt das nicht. Die Verdoppelung des Wer⸗ thes habe ich noch nicht vollſtändig begriffen, entgegnete der Bruder, und Du ſiehſt, daß Charlottchen und die Schwie⸗ germama vortreffliche Damen ſind und weit mehr prak⸗ tiſchen Verſtand haben als ich. Aber Du wollteſt noch etwas anderes erzählen. Ja, nahm Karl wieder ſeufzend das Wort, nun denke Dir, nach dieſer vernünſtigen Unter⸗ haltung, wobei Charlottchen Filet machte und ich ihr im⸗ mer den Zwirn auf die Nadeln wickelte, denn wie geſagt, wenn mir irgend wie eine beſtimmte Pflicht obliegt, die verſäume ich nie, nach dieſer Unterhaltung trat die Däm⸗ merung ein, die Mama ging in die Küche, Charlottchen legte die Arbeit fort, wir traten unillrlich an das Fen⸗ ſter, weil der Mond ſchien. Da legt Charlottchen ihren Kopf an meine Schulter und flüſtert? O, Karl, ſieh, wie golden der Mond über den grünen Baumgipfeln aufſteigt! — Jetzt, Fritz, denke Dir meine Lage.— Mir fiel nicht ein ſterbendes Wörtchen ein, was auf den goldnen Mond paßte, ich ſah ſchweigend den unglücklichen goldnen Mond an und überlegte mir, wann dieſer penible Zuſtand ein Ende nehmen würde und tröſtete mich damit: daß er je⸗ denfalls ein Ende nehmen müſſe. Da ſtand plötzlich die Mama an meiner andern Seite, beide Damen mißverſtan⸗ den mein Schweigen und meine Stimmung völlig, ſie ſtimmten an:„Guter Mond, du gehſt ſo ſtille in den Abendwolken hin.“ Ich habe das ganze Lied mit anhö⸗ ren müſſen, dann ſchwiegen wir alle, und dann ſprach die ——— 5 Mama von ihrem lieben Mann ſelig, wie er auch ſo gern fingen hörte, und wie ſie ein Herz und eine Seele waren, und wie er überhaupt eine zarte, feine Seele war. Ich war ſehr froh, als ich wieder zu Hauſe war.— Lieber Bruder Fritz, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, liebſt Du Mondenſcheinlieder? Warum nicht, entgegnete Fritz lä⸗ chelnd; wenn Du ſie aber nicht liebſt, ſo ſage das Char⸗ lottchen, und ich bin überzeugt, ſie wird aus Güte und Gefälligkeit zu Dir in Deiner Gegenwart nie ſingen. Ja, ſie iſt ſehr gütig und ſehr freundlich, ſagte der Bräu⸗ tigam nachdenklich. Du hätteſt kein paſſenderes Mädchen auf der ganzen Welt wählen können, verſicherte der Bru⸗ der. Sie iſt auch ſehr verſtändig, fuhr der Bräutigam fort.— Und ſehr hübſch, fügte der Bruder wieder hinzu. Ich bin überzeugt, ſie muß einen jeden andern Mann glücklich machen, nahm Karl jetzt feierlich das Wort. Lie⸗ ber Fritz, die Menſchen ſind ſehr verſchieden in der Welt, — Du liebſt die Mondenſcheinlieder— Du darſſt mich nicht mißverſtehen, unterbrach Fritz ihn ſchnell, ich habe Charlottchen lieb, ich wünſche, daß ſie Deine Frau wird, aber weiter reicht meine Liebe nicht.— Alſo weiter nicht? — ſeufzte der Bruder, dann weiß ich nicht, was aus dem armen Mädchen werden ſoll, es fällt ſchwer, ſo Jemandes Hoffnungen zu täuſchen und doch kann ich nicht anders, ich bin keine feine, zarte Seele und kann kein Charlott⸗ chen glücklich machen, mit dem beſten Willen nicht, und das iſt ärgerlich. Wenn ich heirathe, will ich auch ein 6 glücklicher und liebenswürdiger Ehemann ſein. Du mußt Dir das nicht zu ſchwer denken, unterbrach ihn der Bru⸗ der. Und Du mufßt erſt Deine Erfahrungen machen, fuhr der Bräutigam eifrig fort, meine Schwiegermutter z. B. ſagt:„Wir Frauenzimmer ſind zartbeſaitete Seelen, nichts thut uns wohler, als wenn der Freund unſerer Seele auf⸗ merkſam, rückſichtsvoll, zartfühlend gegen uns iſt; iſt er das nicht, ſo verkümmert unſere Liebe und mit der Liebe unſer Leben.“ Nun aber, lieber Fritz, denke Dir lebhaft, ſolch ein Feld von zarten Rückſichten, die meiſtens ſo zart ſind, daß man gar nichts davon ahndet, ja deren Verſtoß wir nur merken an den verkümmerten Blicken der zartbe⸗ ſaiteten Seele, die neben Dir wandelt,— ich begreife nicht, daß die Menſchen einen glücklichen, liebenswürdigen Ehemann nicht als das größte Wunder anſtaunen. Du betrachteſt die Sache von einem rein egviſtiſchen Stand⸗ punkt, nahm Fritz das Wort, die Lebensaufgabe von uns Männern iſt, die zartbeſaiteten Seelen, wie Du ſie nennſt, — oder wie wir Herren der Schöpfung ſagen, das ſchwache Geſchlecht,— glücklich zu machen, wenn das auch nicht immer leicht iſt, ſo iſt und bleibt es unſer Beruf, unſere Lebensaufgabe, die Ehe ſoll eben eine Prüfungsſchule des Lebens für uns werden.— Karl hatte dem Bruder ver⸗ wundert zugehört. Richtig!— nahm er jetzt ſchnell das Wort, Du nennſt die Ehe eine Prüfungs⸗ oder Leidens⸗ ſchule, damit bin ich einverſtanden; ich ſehe aber nicht ein, warum ich mich ohne Noth hineinbegeben ſoll. Du ſiehſt —— — 7 das nicht ein, weil Du eben ein Egoiſt biſt, entgegnete Fritz, obgleich Du mit dem guten Charlottchen gar keine Prüfungen zu fürchten hätteſt. Ich muß Dir geſtehen, Charlottchen wäre mir zu gütig, zu nachgebend, ſie macht zu wenig Anſprüche; wenn ich mir eine zartbeſaitete Seele erwähle, muß ſie etwas lebhafter und ſelbſtändiger ſein und mir die Prüfungsſchule nicht gar zu leicht ma⸗ chen.— Karl ſah den Bruder wieder verwundert an, dies war ihm völlig unverſtändlich, er verlangte aber auch kein Verſtändniß, er verlangte jetzt etwas anderes. Beide Brüder ſaßen zuſammen im Sofa, überlegten reiflich, und Fritz überzeugte ſich, daß Charlottchen von der Stimmung ihres unglücklichen Bräutigams wenigſtens hö⸗ ren müſſe; er zweifelte aber auch nicht, daß ſie ihn in ihrer großen Herzensgüte gleich freilaſſen würde. Freilich wurde das arme Mädchen in den Erwartungen ihrer Zu⸗ kunft ſehr getäuſcht. Sie lebte mit ihrer Mutter, einer armen Offizierswittwe, in ziemlich dürftigen Umſtänden, und die Ausſicht, Frau von Budmar zu werden, war zwar eine ſehr beſcheidene, aber war doch immer eine Ausſicht. Dagegen konnte Fritz den Bruder bei der Verlobung auch nicht des Leichtſinns beſchuldigen, ja es war dieſem ſelbſt die größte Ueberraſchung, den Bräutigamsſtand von einer ſo ſonderbaren Seite kennen zu lernen. Der alte Herr von Budmar war vor einem Jahre geſtorben, der älteſte Sohn, Karl, erbte das Gut, welches an der Stadtmauer von Woltheim, einer kleinen Provin⸗ zialſtadt gelegen, ſchon ſeit Jahrhunderten der Patrizier⸗ Familie von Budmar zu eigen war. Das Gut war ſehr unbedeutend, und obgleich in der Familie Budmar adelige Sitte und Bildung herrſchte, ſo durfte ſie doch äußeren Aufwand kaum mehr machen als die reichen Ackerbürger des Städtchens. Seit den letzten zehn Jahren war das Budmarſche Haus ganz und gar vereinſamt, die Mutter, eine vortreffliche, liebenswürdige Frau, war geſtorben, der Vater lag fortwährend krank, Karl, der als älteſter Sohn die Leitung des Gutes übernommen, vertiefte ſich in land⸗ wirthſchaftliche Studien und überließ ſich dabei ungeſtört ſeinen Eigenthümlichkeiten, die ihn mehr zur Arbeit und Abgeſchloſſenheit als zum Vergnügen und zum Verkehr mit Menſchen zogen. Der jüngere Sohn Fritz war Kuiraſſier⸗ Offizier in Braunhauſen, der benachbarten Garniſon, und eine weit jüngere Schweſter wurde von einer Tante in Schleſien erzogen. Daß man nach dem Tode des alten Herrn dem jungen Herrn Karl eine Frau wünſchte, war ganz natürlich, er ſelbſt fand das. Der Verkehr mit der alten Wirthſchafterin und die Aufſicht über Bettkiſten und Wäſchſchränke war ihm ärgerlich, eine Frau ſollte ihn von dieſen Unbequemlichkeiten befreien. Ebenſo leicht als ihm der Entſchluß zum Heirathen wurde, wurde ihm auch die Wahl. Ganz nahe dem Gute, ebenfalls vor dem Thore, wohnte Frau von Lindeman mit ihrer Tochter Charlott⸗ chen. Charlottchen war ein verſtändiges und anſpruchs⸗ loſes Mädchen und ihre Mutter eine ſehr geſcheite Frau. 9 Wenn Herr Karl von Budmar aus dem Felde kam und an der Gartenlaube vorbei paſſirte, knüpfte er nicht ſelten eine Unterhaltung mit der zuvorkommenden Frau an, ſie nahm ja ſo lebhaft Theil an ſeinen ökonomiſchen Inter⸗ eſſen, hatte ſelbſt die Werke des Edlen von Kleefeld ge⸗ leſen und ſprach über Bodenverbeſſerung und Klee⸗ und Es⸗ parſettenbau wie ein Buch. So war der Umgang ange⸗ knüpft, und die Verlobung mit Charlottchen war eine ein⸗ fache Sache, bei der die Schwiegermama die Hauptrolle ſpielte. Gleich nach der Verlobung war der Bräutigam ſehr glücklich und zufrieden, er ſprach mit der Schwieger⸗ mama gründlich über Ausſtattung und Einrichtung und über Charlottchens Pflichten als fleißige und umſichtige Hausfrau. Daß ſie außer der umſichtigen Hausfrau auch eine zartbeſaitete Seele war und er ſich als glücklicher Bräutigam in einem Felde von unendlichen Rückſichten be⸗ wegen müſſe, daß ahnete er nicht. Je mehr ihm das klar ward und je mehr ſeine Schwiegermama ihn zur zarten feinen Seele heranbilden wollte, je größer ward die fieber⸗ hafte Auftegung ſeiner Nerven. Er ſah ſeinen Beruf deutlich vor Augen, nämlich nicht zu heirathen und ein guter alter Onkel zu werden, der an den Familienfreuden der Geſchwiſter ſo viel Theil nimmt, als er gerade Luſt hat, und außerdem den Werth des Familiengutes durch ſein ausgezeichnetes Wirthſchaften auf den doppelten Werth bringt. Als er heute dem Bruder ſeine Kämpfe und ſeine Pläne mittheilte, wurde er beſonders lebhaft, als er auf 10 den letzten Punkt kam, er vergaß ſein Unglück, ſchwelgte in grünen Klee⸗ und rothen Eſparſettbreiten, und zauberte mit ſeiner Fantaſie veredelte Viehheerden in neugebaute Ställe. Er bat den Bruder dringend zu heirathen, und verſprach ihm beträchtliche Geldſummen und Fuhren von Lebens⸗ mitteln in die Lieutenantswirthſchaft zu liefern. Fritz lä⸗ chelte bei dieſen Verſprechungen und er war nicht mit Un⸗ recht mißtrauiſch; es war bei dem langjährigen Wirthſchaften des guten Bruders noch wenig herausgekommen, was er ihm übrigens nicht zum Vorwurf machen konnte, da er ſelbſt wenig von ſolchen Dingen verſtand und wenig dar⸗ auf gab. Daß, wenn der Bruder ſolchen Entſchluß faßte, ſeine eigene äußere Lage ſicherer wurde und er eher an Heirathen denken konnte, war ausgemacht, beſonders aber, da er entſchloſſen war, bei ſeiner Wahl nicht auf Geld zu ſehen. Er verſchwieg jetzt dem Bruder nicht, daß er aller⸗ dings die Abſicht habe, ſich in die Prüfungs⸗ und Lei⸗ dens⸗Schule der Ehe zu begeben, und daß ſein Herz ſchon längſt die Wahl getroffen. 5 2. Wie der Großvater ein Bräutigam ward. Uoch an demſelben Abend, es war im Monat Au⸗ guſt, ſaß Fritz von Budmar mit Charlottchen und der ge⸗ ſcheiten Frau von Lindeman in der Gartenlaube und theilte den beiden Damen die Geſinnungen des Bruders mit. Fritz hatte ſich nicht getäuſcht, Charlottchen war augenblicklich be⸗ reit ihre Anſprüche aufzugeben. Sie verſicherte, ſie habe das kommen ſehen, ſie erzählte von allerhand Ahnungen und ſelt⸗ ſamen Zeichen, und tröſtete ſelbſt die Mutter, die ihre Kla⸗ gen und Seufzer nicht ganz zurückhalten konnte. Auf dieſe Klagen war Fritz vorbereitet, er verſicherte, die beiden Da⸗ men würden immer als zu ihrer Familie gehörig betrachtet werden, die Hochachtung des Bruders für Frau von Linde⸗ man ſei unbeſchreiblich, und derſelbe hoffe, die Zeit würde die Vorgänge der letzten Wochen verwiſchen und er dürfe als guter Nachbar wieder in der Gartenlaube vorſprechen und in einem vernünftigen Geſpräche mit den Damen ſein Vergnügen finden. Es ſollte ſich von ſelbſt verſtehen, daß der Nachbar für den kleinen Haushalt der Damen zu ſor⸗ gen habe, ja nach dem Tode der Mutter wollten beide Brü⸗ der für Charlottchen als für eine Schweſter ſorgen. Char⸗ lottchen vergoß ſanfte Thränen der Rührung bei dieſen Wor⸗ ten, und Frau von Lindeman verſicherte: Ja der Karl, er iſt wunderlich und ſeltſam, aber er iſt ein braver und edeler Mann, wie Schade, daß er nicht glücklich ſein will! Die Menſchen ſind ſo verſchieden, entgegnete Fritz. Nur in dem einen ſind ſie gleich, ſie ſuchen alle ihr Glück, ſagte Frau von Lindeman wieder und, lieber Herr von Budmar, fügte ſie aufrichtig hinzu, ich wünſche von Herzen, daß Sie es finden mögen. Fritz drückte ihr die Hand und entfernte ſich. Charlottchen ſah ihm mit feuchten Augen nach. O du arme junge Seele, dachte ſein theilnehmendes Herz, ich kann dir freilich nicht helfen, aber du hätteſt ein beſſeres Schickſal verdient, als einſam und ſehnend durch das Leben zu ziehen, zwanzig Jahre erſt zurückgelegt, fünf⸗ zig vielleicht haſt du noch vor dir. Fünfzig ſchöne Früh⸗ linge und Sommer mit goldenem Mondenſchein und Nach⸗ tigallenſang, fünfzig lange Winter, die lang in der Einſamkeit und ſchnell im vertraulichen Kreiſe vergehen. Vergehen, ja vergehen, und wenn das Leben vorüber, was folgt dann? Von Charlottchen und ihrem jungen Herzen kam er mit ſeinen Gedanken auf ſein eigenes Leben. Vier und zwan⸗ zig Jahre liegen hinter dir, funßzig Jahre auch vielleicht noch vor dir, was wird dir das lange Leben bringen? wird es heißen: wenn es köſtlich geweſen, iſt es Mühe und Ar⸗ beit geweſen? Die Hoffnungen ſind dann vielleicht verblühet, die Thatkraft verſchwunden, der Reiz des Lebens abgeſtumpft, ja was folgt dann? Ueber dieſe Frage hinaus konnte der Frager nicht kommen. Es war ein vortreflicher junger Mann, ein edler Mann, doch iſt das Alles nicht genug, es kann eine Zeitlang wohl befriedigen, es kann Umgebungen — 13 beglücken, aber das Glück und den Hausfrieden im eignen Hetzen bringt es nicht. Die Welt iſt ſchön, die Velt it wunderſchön,— ging er in ſeinen Betrachtungen weiter, was willſt du, Herz, nur mit dieſer Sehnſucht, mit dieſem Drängen und Streben und Unruhen? Ja, du Herz biſt eben thöricht, frägſt nicht nach Gründen und Verſtand, jetzt treibt es dich mit Ungeſtüm in eine Prüfungs⸗ und Leidensſchule hinein, in eine Feld von zarten Rückſichten, du ſtellſt dir Freud und Leid gleich hold und ſüß vor, du zwingſt ſelbſt den Geiſt dir unterthänig zu ſein und thöricht zu denken und zu träumen, ja der ganze Mann muß auf ſeiner Hut ſein, damit er nicht durch ſolch ein Herz zum Thoren wird und Hoheit und Kraft und Würde aus den Augen verliert. Während dieſer Gedanken war der junge Mann an der Stadtmauer entlang nach dem entgegengeſetzten Ende ge⸗ langt, wo ein prächtiger Eichenwald an das Städtchen grenzt. Unter den erſten hohen Eichen lag die Oberförſterei, ein al⸗ tes befteundetes Haus der Budmarſchen Familie. Der Ober⸗ förſter Braumann war ein Kriegskamerad des verſtorbenen Herrn von Budmar, er hatte eine Frau und eine achtzehn⸗ jährige Nichte, war ein rechtſchaffener Mann, der gern Moral predigte, aber weder eine feine zarte Seele, noch ein guter Chriſt. Daß ſeine Frau beides war, wußte er nicht zu ſchätzen, er lobte ſie aber, Sie iſt eine vortreffliche Frau, pflegte er zu ſagen, verſteht Disziplin und weiß, wer der Herr im Hauſe iſt. An das Lob ſeiner Frau knüpfte er gern die Klagen über ſeine Richte. Es iſt ein Blitzmädchen, 14 ſagte er, ſie hält nie an der Stange, iſt voller Kapriolen, und muß einen jeden braven Mann kreuzunglücklich machen. Daß ſie einen Mann kriegen wird, dies Blitz⸗Mariechen, daran zweifle ich gar nicht, ſetzte er ſeufzend hinzu, denn ſie kann es einem anthun. Wenn ihm über ſolche Straf⸗ rede die Pfeife ausgegangen war, und ſein Pflegetöchterchen geſchäftig den brennenden Fidibus holte, um das angeſtif⸗ tete Unheil wieder gut zu machen, dabei aber höchſt reſpect⸗ widrig zu lächeln wagte, dann wußte er nicht, ob er ſich ärgern oder ſich freuen ſollte, und hätte die gute freundliche Tante nicht als Vernittlerin dazwiſchen geſtanden, wäre es wohl ein Kampf ohne Ende geweſen; denn Marie, dem On⸗ kel an Geiſt überlegen und äußerſt ſelbſtändig, fand keinen Hebel in ihrer Seele, der ſie zum Rachgeben und Fügen in ein tyranniſches und wunderliches Regiment bewegen ſollte. Als der junge Herr von Budmar ſein Ziel erreichte, ſ war es dämmrig geworden, der Abendſtern tauchte golden am blauen Himmel auf, und es war überaus ſchön und friedlich in der Welt. Er trat durch die Gartenthür in die Oberförſterei, die Hunde ſchlugen nicht an bei ſeinem Kom⸗ men, ſie kamen ihm wedelnd entgegen, begrüßten ihn und liefen dann nach dem Hauſe zuruͤck. Vor der Hausthür ſtand die ſchlanke Marie mit der weißen Stirn und den großen hellen Augen, ſie trug ein ſchlichtes weißes Kleid mit ſehr kurzer Taille und langen Rocke und auf den lichtbrau⸗ nen Locken ein rothes Fanchon⸗Tüchelchen. Sie hatte den Kommenden jedenfalls bemerkt, aber ſie that, als habe ſie — 15 es nicht, und ging mit den Hunden ſpielend nach der an⸗ deren Seite des Hauſes hin. Da ſtand nun der junge Mann mit thörichtem Herz⸗ klopfen. Er fand ſich ſehr getäuſcht, denn bei ſeinen Be⸗ trachtungen vorhin waren ihm nebenher gar wunderbare Bilder durch die Seele gegangen. Er hatte ſich vorgeſtellt, er ſähe ſich beim Eintreten in die Oberförſterei mit freu⸗ digen Blicken und holdem Lächeln empfangen, darauf fand er ſich neben dem Oberförſter, dem alten Freunde, er theilte ihm die Auflöſung von des Bruders Verlobung mit, und ebenſo des Bruders dringenden Wunſch, ihn ſelbſt, den jüngeren Bruder, bald verheirathet zu ſehen, auch von dem zu hoffenden doppelten Werth des Gutes ließ er einfließen, ein Wort hätte ja das andere geben können, und ſchließ⸗ lich wäre eine vorläufige Anfrage um Mariechens Hand ganz natürlich geweſen. Wie ſeltſam geht es nicht zuweilen in der Welt her, es war ja möglich, er wurde heute noch ein glücklicher Bräutigam. Nach ſolchen Bildern war dieſer Empfang, obwohl er deſſen Grund zu kennen glaubte, eine bittere Täuſchung. Als er geſtern auf der Oberförſterei war, hatte das über⸗ müthige Wädchen mit vieler Kunſt und mit vielem Vergnü⸗ gen den alten Magiſter Loci dargeſtellt, wie er mit dem Onkel von der Jagd kommt, dann mit ihm eine wilde Ente verzehrt. Es war das ſehr ſpaßhaft und unterhaltend anzuſehen und anzuhören, aber dem liebenden Herzen un⸗ ſeres edlen jungen Mannes war nicht wohl dabei, er konnte 16 dieſen Spaß nicht ſchön finden, und ließ die Geliebte zwar in ganz leidlich angenehmen Worten, aber doch deutlich ſeine Meinung merken. Sie ſah ihn mit ihren hellen Augen groß an, erröthete, ſchwieg, und ſchwieg ſo lange er dort war. Sie hatte ſich die Sache zu Herzen genommen, das war klar, aber in einer anderen Art, als er hoffte. Als ſie jetzt ſo ſchnöde ſeinen Blicken entſchwand, begann ſein Herz zu demonſtriren: du haſt ihr geſtern Weh gethan, ſie iſt einmal ein fröhliches Gemüth und hat es nicht böſe ge⸗ meint, ſie war bei dem Schauſpiel wirklich äußerſt kindlich und gutherzig, und es muß bitter ſein von Jemand geta⸗ delt zu werden, den man lieb hat, und gar mit Unrecht getadelt zu werden. Nun eile ihr nach, ſo ſchnell du kannſt, und bitte ſie um Verzeihung. Aber der Mann war auf ſei⸗ ner Hut. Halt ein du thörichtes Herz! ſagte er zürnend; wo bliebe da meine Hoheit und Würde, nein, ich habe Recht und ſie hat Unrecht, und wenn ſie meine Liebe durch ſolchen Tadel nicht hindurch fühlen kann, dann klingen und ſtimmen unſere Herzen nicht zuſammen und Freud und Leid der Herzen wird nicht hold und ſüß ſein. Mit traurendem Herzen aber feſten Schritten trat er in das Haus und in die offene Stube. Die Frau Ober⸗ förſterin ſaß allein und feiernd in der dämmrigen Stube am Fenſter. Ich ſtöre wohl? fragte Herr von Budmar. Durchaus nicht lieber Fritz, entgegnete die freundliche Frau, und nöthigte ihn, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sie ha⸗ ben geleſen, fuhr er fort. Eine offene Bibel lag neben ihr. — . 17 Sie winkte nur, beide ſchwiegen. Nach einer Pauſe be⸗ gann ſie Auch Ihnen gehört dieſer Reichthum. Sie legte bei dieſen Worten ihre feine weiße Hand auf das große Bi⸗ belbuch. Ja, auch mir, entgegnete er ſeufzend, und doch— Sie ſind noch kein Hülfsbedürftiger, fuhr ſie lächelnd fort, Sie ſind jung und ſtolz und kühn, und erwarten viel von ſich und von der Welt. Ja, jung und ſtolz, ſagte er mit etwas wehmuthigem Ton, ein rechter König nach dem Schein, aber man darf nicht immer in ſein Königreich hinein ſchauen, da iſt es oft eine Armſeligkeit und ein Schwanken und eine Muthloſigkeit, man weiß nicht, ob man darüber wei⸗ nen oder lachen ſoll. Es giebt nichts Schöneres, als wenn ein kluger und begabter und großer Mann in Demuth ſeine Knie beugt vor Einem, der noch größer und erhabener über ihm iſt, ſagte die Oberförſterin wieder. Es wäre wohl gut, wenn unſere Hoffnung und unſere Sehnſucht ein beſſeres Ziel hätte, als dieſe arme Erde, entgegnete der junge Mann. Bemühen Sie Sich nicht daran zu zweiflen, lieber Fritz, fuhr die Oberförſterin fort, kommen Sie mit Kindes Sinn und Kindes Recht, und bleiben Sie nicht außen ſtehen, wie ein armer fremder Bettler. Marie trat jetzt ein und unterbrach die Unterhaltung. Komm her, Mariechen, ich habe lieben Beſuch, ſagte die Tante. So—? ſagte Mariechen und kam langſam nä⸗ her. Wir haben uns ſchon geſehen, entgegnete Fritz ſehr ruhig. Die Tante war aufgeſtanden um Licht zu holen, Marie ging verlegen in das andre Fenſter, an den ernſten Eliſabeth. 1. 2 18 Mienen des Freundes hatte ſie geſehen, wie die Sachen ſtan⸗ den. Sie hatte einmal verſuchen wollen, ob ſie nicht die Königin eines unterthänigen Dieners ſpielen könne, und da ſaß nun der König, und ihre Liebe und Verehrung zu ihm war mit ſeiner Größe geſtiegen. Dieſer Liebe zu Gefallen wollte ſie jetzt gern demüthig ſein und wußte es nur nicht anzufangen. Fritz trat zu ihr und fragte: Wollten Sie mich vorhin nicht ſehen? Die Wahrheit zu umgehen kam ihr nicht in den Sinn; das Nein aber wollte nicht über ihre Lippen. Morgen reiſe ich ab, und dann werde ich Sie in langer Zeit nicht mehr ſtören, ſprach er weiter, und obwohl er es verſuchte, ruhig und kühl zu reden, ſo konnte er doch den eigenen Schmerz im Tone der Stimme nicht verhehlen. Sie ſchwieg immer noch, aber ſie mußte ſich wohl zum Reden entſchließen, er griff ſchon nach der Mütze, viel⸗ leicht noch eine Minute und er hatte das Zimmer verlaſſen. Verzeihen Sie mir erſt, begann ſi ſtockend. Ein Freu⸗ denſtrahl ging durch ſein Herz und leuchtete aus ſeinen Au⸗ gen. Ich werde nie wieder ſpotten, fügte ſie etwas mu⸗ thiger hinzu. Er reichte ihr die Hand und lächelte, er hätte nun auch allerhand ſagen können, vielleicht: daß er es beſſer lernen wolle mit ihr umzugehen; aber es war nichts nöthig, ſie verſtanden ſich wohl, und es war Alles gut. Des Onkels laute Stimme ſtörte ſie, er kehrte eben von einer Geſchäftsreiſe zurück, und ſeine Frau, Licht brin⸗ gend, trat mit ihm in das Zimmer. Nun ja, da iſt der Fritz, ſagte der Oberförſter und begann mit dem jungen 19 Freunde die Unterhaltung, wie er es ſeit Jahren gewohnt war, in ganz vertraulicher Weiſe. Er ſollte ſich zu ihm auf das Kanapee ſetzen? und während dem die Frauenzim⸗ mer das Abendeſſen beſorgten, mit ihm eine Pfeife rau⸗ chen. Nun Marie, die Pfeifen her! rief der Onkel im gewöhnlichen Commandoton. Das Mädchen reichte eine Pfeife dem Onkel und eine dem Gaſt, darauf wollte ſie der Tante in die Küche folgen. Fidibus! rief der Onkel ärgerlich. Marie kehrte ſchnell zurück, in glücklicher Zer⸗ ſtreuung hatte ſie den gewohnten Dienſt vergeſſen, ſie ſteckte den Fidibus am Lichte an und blieb gebückt damit vor dem Onkel ſtehen, bis die Pfeife brannte. Der Onkel machte jetzt ein befehlendes Zeichen nach dem Gaſte hin, ſie wei⸗ gerte ſich gar nicht dem Freunde zu dienen, aber er war eine zu zarte Seele, er konnte unmöglich einen ſolchen Com⸗ mandodienſt von ihr annehmen, er ſprang auf, groß und hoch ſtand er vor ihr, nahm ihr mit einer Verbeugung das Papier aus der Hand und bediente ſich ſelbſt. Der Onkel brummte und ſchüttelte den Kopf, und Marie eilte aus dem Zimmer. Jetzt ſaßen beide Männer allein nebeneinander, und Fritz bedachte mit Herzklopfen, daß die Sache wirklich ſo weit war, als er Angeſichts des Abendſterns geträumt, und ein Wort das andere geben könne. Er erzählte genau des Bruders Herzenskämpfe und Entſchlüſſe und Wünſche. Der Oberförſter zankte tüchtig über den Sonderling und war dagegen ſehr einverſtanden mit den Heiraths⸗Abſichten des 20 jüngeren Bruders. Ein Wort gab nun wirklich das an⸗ dere, und die Anfrage um Mariechens Hand ward gemacht ohne große Schwierigkeit. Der Onkel war ſehr erſtaunt, ja er wollte dem jungen Freunde vorreden, das Mädchen paſſe nicht für ihn, er ſei zu nachgebend; aber der junge Freund war geſcheit genug; er ließ den alten Herrn erſt reden, machte dann ſeine Entgegnungen, und der Schluß der Unterredung war des Onkels Verſicherung: das Mäd⸗ chen gäbe er doch Niemanden lieber als ihm. Als der glückliche Bewerber, um die Sache ſo weit als möglich zu bringen, erwähnte, Mariechen müßte doch gefragt werden,— fuhr der alte Herr wieder ärgerlich auf: in ſeinem Hauſe ſolle die verderbliche Mode, daß ein Mädchen gefragt würde, nicht aufkommen; ſo Jemand gefragt werde, ſo habe er auch das Recht zu antworten, Marie aber ſolle auf der Stelle wiſſen, was zu ihrem Glück beſchloſſen ſei. Tante und Nichte wurden gerufen, der alte Herr be⸗ gann ſeine Rede, die aber nicht recht fließen wollte, ja als er das Mädchen vor ſich ſah, ward es ihm bedenklich, ob ſie ſich ihr Glück von ihm anbefehlen laſſen würde. Er athmete tief auf und es fiel ihm ein Stein von der Bruſt, als der Fritz dem Mädchen freundlich die Hand gab und ſie ihn ſo beſcheiden und glücklich anſah. Tante und Nichte wurden nach einigen gegenſeitigen feierlichen Redensarten wieder entlaſſen, und der arme Bräutigam mußte auf dem Kanapee ſitzen bleiben, um eine Geſchäftsfrage anzuhören, bei der die Frauenzimmer überflüſſig waren. Endlich fiel dem 21 alten Herrn die Pfeife aus der Hand, und er ſaß nach lie⸗ ber Gewohnheit ſchlummernd neben dem ungeduldigen Gaſte. Dieſer verließ jetzt ſchnell genug das Zimmer, der helle Mondenſchein leuchtete ihm die Treppe hinauf über den gro⸗ ßen Saal nach dem wohlbekannten Rückzugs⸗Stübchen der guten Tante. Die Thür war nur angelehnt, er hörte flü⸗ ſtern, noch einmal ſtand er nachdenklich vor der erſehnten Minute ſeines Glückes und vor den Pflichten und Würden ſeines neuen Amtes. Ja du willſt rechtſchaffen ſein, dachte er bewegt und willſt ſie ſehr glücklich machen, willſt ſie auf Händen tragen und es nicht immer zu genau nehmen mit der Hoheit; es ſind Frauen zarte Weſen, ſie ſind ſchwach, und unſere Kraft beſteht darin, daß wir nicht auch ſchwach ſind. Er trat leiſe ein, Tante und Richte knieten auf dem Tritt im Fenſter, und der Mondenſchein lag lieblich auf den beiden Geſtalten. Darf ich kommen? fragte er leiſe. Er kniete neben ſie, und die mütterliche Frau legte die Hände der jungen Leute in einander und ſagte: Ja, ſo ſollt Ihr Euren Brautſtand anfangen mit gefalteten Händen und den Blick da hinauf; der Herr führe Euch, Er ſei Euer beſtes Theil. Wenn Euch das wunderbar klingt, glaubt es nur erſt, Ihr werdet es dann erfahren. O nein, es klang ihnen nicht wunderbar, Marie hatte trotz ihrer fröhlichen Natur und ih⸗ res ſcheinbar leichten Sinnes eine warme Liebe zum Herrn wohl verborgen in ihrem Herzen, und was war es denn, was den jungen Mann ſeit lange zu der ſtill würdigen Frau in der Oberförſterei und zu ihrem Zögling hinzog? 5 R Ein Anknüpfungspunkt mit dem Frieden, der höher iſt als alle Vernunft, war ſicher in ihm, ein Faden, der ſchon au⸗ ßer der vergänglichen Welt ſeinen Halt hatte. Der Herr ſelbſt wollte den Faden weiter ſpinnen und ſchaffte daran auch in dieſer Stunde. Die drei ſaßen noch lange beiſammen. Der Herr zieht die Seinen durch Glück und Unglück zu ſich, ſagte die Tante; wir möchten uns Alle wohl lieber durch Glück zie⸗ hen laſſen, doch iſt es noch eine Frage, ob uns das leichter iſt. Wo der Herr mehr Laſt auflegt, giebt er auch mehr Kraft, ja es erſchließt ſich uns bei den oft äußeren drücken⸗ den und einförmigen Lebensverhältniſſen eine Wunderwelt, die uns Alles um uns vergeſſen läßt, die uns mit unbe⸗ ſchreiblichem Frieden erfüllt, die förmlich unſere menſchlichen Gefühle umzaubern kann: der Aerger wird abgeſtumpft, der Kummer aufgelöſt, die Einſamkeit zur Wonne. Wollte ich von mir reden, ſetzte ſie zögernd hinzu, ſo könnte ich nur ſagen, daß der Herr mich einzig zum Glück und zur Freude geführt. O liebe Tante, Sie ſprechen ſo, damit wir Sie nicht bedauern ſollen, flüſterte Marie mit feuchten Augen und legte ihren Kopf an des Freundes Bruſt. Du irrſt Dich, entgegnete die Tante lächelnd, und ich wünſchte, Du möchteſt mich verſtehen. Ich freue mich Deines Glückes, ja Dein Glück iſt eben wieder ein Freudenbecher, den der Herr mir reicht, für andere iſt das Herz zaghafter als für ſich ſelbſt, ich habe mich ſehr gefürchtet, Dich je unglücklich zu ſehen. Ihre Stimme wurde hier bewegt, und Marie ergriff die ———— Hände der theuren Frau und küßte ſie mit lautem Schluch⸗ zen. Richt ſo, ſagte die Oberförſterin mit ſchneller Faſſung, ich will Euer Herz nicht weich machen. Ihr ſeid glücklich und ich bin glücklich, und Ihr müßt es jetzt dulden, daß ich Euch Verſe vorleſe, recht zu Eurem Vergnügen und paſ⸗ ſend auf Euren Stand. Die Tante griff nach einem alten Liederbuche und begann zu leſen. Dem Bräutigam war das ſehr lieb, ſie ſaßen Hand in Hand, den Worten lauſchend, die in der Seele wiederklangen: Ein getreues Herze wiſſen Hat des höchſten Schatzes Preis. Der iſt ſelig zu begrüßen, Der ein treues Herze weiß. Mir iſt wohl bei höchſtem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Läuft das Glücke gleich zu Zeiten Anders, als man will und meint: Ein getreues Herz hilft ſtreiten Wider alles, was iſt feind. Mir iſt wohl bei höchſtem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Sein Vergnügen ſteht alleine In des andern Redlichkeit, Hält des Andern Noth für ſeine, Weicht nicht, auch bei böſer Zeit⸗ Mir iſt wohl bei höchſtem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Nichts iſt ſüßers, als zwei Treue, Wenn ſie eines worden ſein. Dies iſt's, deß ich mich erfreue; Und ſie giebt ihr Ja auch drein. Mir iſt wohl bei höchſtem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. 24 Gefällt Euch das? fragte die Tante freundlich. Das Brautpaar nickte ſehr einverſtanden. Ja es iſt ein ſchönes Lied, fuhr die Tante fort, aber ein noch ſchöneres will ich Euch am Hochzeitstag vorleſen, und ſo iſt es gut für heute. Fritz war durch das Gatterthor getreten. Er ſah noch einmal zurück auf das Gehöft, das ſo hell und friedlich im Mondenſcheine lag: der tiefblaue Himmel breitete ſich weit darüber hin, und am Himmel ſchimmerten unzählige Sterne. Warum war denn ſein Herz ſo ſelig? Ja du lieber Verſtand, das kann ich dir nicht erklären, das iſt eben ein Wunder, und du biſt ein zu armſeliger Wicht um Wunder zu begreifen. 3. Der Großeltern Hochzeit. Am 12. Mai 1805 war der Himmel beſonders trahlend und der junge Wald duftend, die Blüthen ſilber⸗ weiß, die Aurikeln glänzend in den farbigen Sammetklei⸗ dern, und aus der friſchen thauigten Wieſe ſchauten hundert und tauſend bunte helle Aeuglein heraus und ſchimmerten wie lichte Seide und Edelgeſtein. Aus der Gartenmauer am Budmarſchen Gute führte eine kleine Pforte auf eine große Wieſe. Durch die Wieſe hindurch ſchlängelte ſich ein heller Bach, von hohen Rüſtern umſchattet, bis eine halbe Stunde weiter das Bächlein eine Seitenrichtung nahm, und dieſer Wieſengrund von grünen Tannenhöhen beſchloſſen wurde. Nach dieſer Höhe wanderte an ſeinem Hochzeitmorgen das Brautpaar; von hier aus waren die Thürme von Braunhauſen, der Garniſon des Bräutigams, zu ſehen, und von hier aus und zugleich von der Höhe des Glückes, auf die ihr ſchönſter Feſttag ſie ge⸗ führt, wollten ſie hinab ſehen auf ihren künftigen Wohn⸗ ort und auf die Zukunft, die gar weit und reich vor ih⸗ nen lag. So einſamer Spaziergang war ihnen im ganzen Brautſtand nicht geworden; das Spazierengehen war noch nicht ſo recht an der Mode, und noch dazu ein ſolches Umherlaufen in Feld und Flur, wie es der Oberförſter nannte. Aber heute mußte er ſchon ſeine Einwilligung dazu geben 26 er durfte auch nicht ſchelten über unnütze Zeitverſchwendung, denn die Freundinnen und Baſen des Hauſes hatten ihn verſichert, an ihrem Ehrentage dürfe eine Braut nichts ſchaffen, wenn nicht ihr ganzes Leben voller Unruhe und Sorgen bleiben ſolle. Auf der Spitze des Tannenberges ſaß alſo feiernd das Brautpaar. Sie ſagten ſich nicht nur: Ich liebe Dich! und wieder: Ich liebe Dich ſehr! und: Wie ſehr lieb ich Dich!— nein, ſie hatten beide die beſtimmte Sehn⸗ ſucht, daß dieſe Liebe ihnen der Leitſtern zu etwas Beſſe⸗ rem ſein ſollte, und wußten auch etwas Beſſeres zu reden. Wir klingen heut immer die Worte in der Seele, be⸗ gann Marie!„Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ Ja, ich fühle es wohl, der Herr will mich durch Güte ziehen, fügte ſie hinzu. Biſt Du deſſen ſo gewiß? fragte der Bräuti⸗ gam lächelnd. Sie ſah ihn mit ihren hellen Augen nach⸗ denklich an. Ja, Fritz, ich weiß, was ich an Dir habe, ſagte ſie, ich weiß auch, was der Herr mir mit Dir geben will, und ich muß auch darin des Herrn Willen und Thun deutlich erkennen, es könnte mir ſonſt bange werden. Wa⸗ rum bange? fragte der Bräutigam verwundert. Weil ich nicht recht begreifen kann, warum Du mich lieb haſt, und warum Du mich immer lieb haben ſollſt. Das läßt ſich auch ſchwerlich vordemonſtriren, entgegnete Fritz, ebenſo we⸗ nig wirſt Du mir erklären können, warum Du mir folgen willſt in das kleine Häuschen dort unten, das zu klein iſt —— 27 für ſchimmernde Luſt und lautes Vergnügen und doch groß genug zu vielen Sorgen, und warum Du heut das Gebot annehmen willſt: Er ſoll Dein Hert ſein. Es iſt wirk⸗ lich ſeltſam, ſagte Marie, und freudig leuchteten ihre Augen, daß mir nichts lieber iſt als dies Gebot. Das iſt eben das Schöne der Liebe, daß ſie ſich nicht erklären und nicht verdienen läßt, ſagte Fritz. Du zweifelſt aber dennoch nicht an unſerer Liebe, nahm Marie lebhaft das Wort. Ich denke, ich weiß nichts Gewiſſeres als dies, war des Bräutigams vergnügte Antwort. Nun ja, ich zweifle auch nicht, fuhr Marie fort, ich habe aber in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht, unſere begabten großen Dichter verſtehen es ſchön zu ſchildern das Wunderbare in der Liebe, ſie müſſen es zugeben, daß es etwas Unerklärliches iſt um den Zug, der Herzen zuſammenführt; wenn dieſe geſcheiten Leute das annehmen zwiſchen zwei armen ſchwa⸗ chen Menſchenherzen, weil ſie es eben an ſich erfahren, warum wollen ſie ein wunderbares Liebesgeheimniß zwi⸗ ſchen dem Herzen Gottes und ſeinen Kindern nicht an⸗ nehmen?. Der Bräutigam hörte der Schülerin der guten theu⸗ ren Tante lächelnd zu, aber er hörte ſhsen, und im Grunde ſeines Herzens fanden dieſe Worte einen ernſteren Anklang, als er ſich augenblicklich bewußt war.— Ich weiß nicht, ich meine, wer nur irgend aufmerkſam iſt auf die Irr⸗ gänge ſeiner Natur und ſeines Lebens, fuhr die Braut fort, der müßte leicht auf den Schluß kommen, daß die 28 Auflöſung alles Irrens nur in einer Erlöſung aus gro⸗ ßer Liebe und aus Gnaden ſei. Wenn dieſe Menſchen ſagen: ich bedarf der Gnade nicht, ich bin ein rechtſchaf⸗ fener Menſch, bin geſcheit und vernünftig, kann mir wohl durch eigene Kraft, durch eigenes Verdienſt die Liebe Got⸗ tes erwerben, wozu bedarf es da erſt ſo wunderbarer und geheimnißvoller Dinge als eines Liebes⸗ und Erlöſungs⸗ rathes aus Gnaden, ganz ohne eigenes Verdienſt und eigene Würdigkeit!— es iſt ebenſo, als wenn ich zu Dir ſagen wollte: Du mußt mich lieben, ich bin ein braves recht⸗ ſchaffenes Mädchen, habe den beſten Willen und fühle ju⸗ gendliche Kraft in mir zu ſchönen Thaten und zu großem Schaffen; ich habe freilich Fehler, die haben aber alle Menſchen, und es wäre ſehr ungerecht, wollteſt Du mir die anrechnen. Wäre dieſe Forderung nicht unverſchämt, und müßte ſie nicht gerade Deine Liebe von mir abwenden? Der einzige vernünftige Grund, der ſich hören ließe, wäre nur der: Liebe mich doch, weil ich Dich ſo ſehr liebe! Gewiß ein Grund, der ſich gern hören läßt, entgeg⸗ nete der Bräutigam; das aber will ich auch gern feſthalten, daß unſere Ehe im Himmel geſchloſſen und unſere Liebe der Wille und das Thun des Herrn iſt. Es kann mir dann nicht bange werden um Deine Liebe. Und wenn Zeiten kommen, die ſicher nicht ausbleiben, wo ich Dir nicht ganz ein rechtſchaffener und vernünftiget Herr bin, ſo biſt Du doch vergnügt, weil Du weißt, unſere Ehe iſt im Himmel geſchloſſen, und weil Du weißt, daß es des 29 Herrn Wille iſt, daß Du auch einmal einem wunderlichen Herrn folgen ſollſt. Und wenn dann die wunderlichen Wolken vorüber ſind, dann werde ich Dich deſto herzlicher lieben. Nun denke Dir, Mariechen, wenn ſo unſere Liebe immer wächſt, wie das ſein wird, wenn wir unſere gol⸗ dene Hochzeit feiern.— Die goldene? fragte die Braut verwundert.— Warum nicht? fuhr der Bräutigam fort, es kann ja wohl des Herrn Wille ſein.— Funfzig Jahre? das iſt lange! entgegnete die Braut, dann werde ich nicht mehr— ſie ſtockte und lächelte. So hübſch ſein? fragte er. Sie nickte. O, das wollen wir abwarten, tröſtete er vergnügt, und nun gingen ſie heim. Sie hatten dem Bruder einen Morgenbeſuch verſpro⸗ chen, ſie mußten ja ſehen, wie er ihre Hochzeit feiern ließ. Das alte graue Haus mit dem Wappen über den Thüren, den hohen Fenſtern und großen Räumen war feſtlich mit Blumen geſchmückt, und ſonderbar genug, die guten Nach⸗ barinnen, Frau von Lindeman und Charlottchen, hatten dabei geholfen. Dagegen war ihnen in einer ſchönen wei⸗ ßen Serviette ein hoher Kuchenberg hinübergeſchickt, denn Herr Karl von Budmar ließ es ſich angelegen ſein, bei dieſer Gelegenheit, und wie immer bei ähnlichen, ihnen ſeine unveränderte Freundſchaft zu bezeugen. Er war heute beſonders glücklich. Alle Leute im Hofe wurden mit Kuchen, Braten und Wein tractirt. Er verſicherte dem Brautpaar ganz ernſtlich, er ſei ſo froh, daß er den Bru⸗ 30 der ſo weit habe, und ſei noch froher, daß er nicht ſelber mit Hochzeit feiern müſſe. Mit dem Hochzeitstage an und für ſich hatte er nicht ganz Unrecht, es war für das Brautpaar eine Aufgabe, erſt des alten Magiſters Traurede anzuhören und ſich dann durch ein Heer von Vettern und Muhmen und Baſen durch⸗ zuſchlagen. Die ſchönſte Viertelſtunde des ganzen Tages war die, als der Bräutigam in ſchöner Uniform, den Myrthenſtrauß vor der Bruſt, zur Tante kam, um die ge⸗ ſchmückte Braut zu holen. In dem kleinen, bekannten Stübchen waren ſie einige Minuten vor dem Hochzeiten⸗ und Baſentrubel geſichert, und der Tante Abſchiedsworte und ihr Segen waren dem Brautpaar wohl ſehr lieb. Zum Schluß reichte ſie ihnen das verſprochene Hochzeits⸗ lied. Sie las es nicht ſelbſt vor, ſie verließ das Zimmer, und das Brautpaar war ganz allein und konnte die ſchö⸗ nen Worte recht in das Herz einſchließen: Wohl einem Haus, wo Jeſus Chriſt Allein das All in Allem iſt! Ja, wenn er nicht darinnen wär: Wie finſter wär's, wie arm und leer! Wohl, wenn ein ſolches Haus der Welt Ein Vorbild vor die Augen ſtellt, Daß ohne Gottesdienſt im Geiſt Daß äuß're Werk nichts iſt und heißt! Wohl, wenn das Räuchwerk im Gebet Beſtändig in die Höhe geht, Und man nichts treibet fort und fort, Als Gottes Werk und Gottes Wort! —— 31 2 Wohl, wenn im äußerlichen Stand Mit fleißiger, getreuer Hand Ein jegliches nach ſeiner Art Den Geiſt der Eintracht offenbart! Wohl, wenn die Eltern gläubig ſind, Und wenn ſie Kind und Kindeskind Verſäumen nicht am ew'gen Glück! Dann bleibet ihrer keins zurück. So mach' ich denn zu dieſer Stund' Sammt meinem Hauſe dieſen Bund: Wich alles Volk auch von ihm fern, Ich und mein Haus ſtehn bei dem Herrn! Nachdem die Hochzeit mit aller Freude und Unruhe vorübergegangen, war der Oberförſter ſehr verſtimmt; er wollte es nicht geſtehen, daß er die Richte vermiſſe, und doch war es ſo. Es waren einige Monate ſo vergangen, als er eines Morgens in die Wohnſtube trat und ganz verwundert ſtehen blieb. Ueber dem Sofa hingen in goldenem Rahmen zwei Bilder, o, ſo ähnlich als das Le⸗ ben ſelbſt. Der Fritz im dunkelen Uniform⸗Oberrock, mit der hohen Stirn, der kühnen, feinen Naſe und dem ſpre⸗ chenden Munde, und daneben Marie mit den lichten, ſtrah⸗ lenden Augen, den hellbraunen Locken, im zarten weißſeide⸗ nen Brautkleid, eine Roſe vor der Bruſt. Der Oberför⸗ ſter ſtand ſchweigend davor und ſeine Frau, ungeſehen, veobachtete mit freudiger Spannung ſein Erſtaunen. Jetzt wandte er ſich, er ſah ſie und errieth den Zuſammenhang. Haſt Du das veranſtaltet? fragte er mit ſtockender Stimme. Sie nickte nur. Er ſetzte ſich davor auf einen Stuhl 32 und kämpfte wie ein Kind mit den Thränen. Die größte Freude, die mir noch paſſiren konnte, ſagte er wieder und reichte ſeiner lieben zartfühlenden und zartſorgenden Frau dankhar die Hand. Die Bilder hingen hier im Feſttagskleide und in Feſt⸗ tagsruhe von einem Jahr zum andern, während das junge Paar dort drüben hinter den Bergen lebte und Freuden und Sorgen viel Raum fanden in dem kleinen Häuschen. 4. Bis zur Silberhochzeit. Pünfundzwanzig Jahre ſind vorüber; das alte graue Haus mit den Wappen über den Thüren iſt wider feſtlich mit Blumen geſchmückt, der Himmel ſteht ſo weit und rein und blau darüber, duftend iſt der junge Wald, die Aurikeln prangen im farbigen Sammet, die Nachtigallen ſingen am ſilberhellen Bach, und im jungen Grün der Wieſe hatte ſich wieder die liebe, lichte, buntſchimmernde Blumengeſellſchaft ein⸗ gefunden. Ja, die Frühlingswelt war dieſelbe als vor fünf⸗ undzwanzig Jahren; aber die Menſchenwelt war ſehr verän⸗ dert. In der Oberförſterei waren neue Bewohner, die wenig Verkehr mit den Bewohnern des alten grauen Hauſes hat⸗ ten. Die beiden ſtattlichen Bilder in den goldenen Rahmen waren hierher übergeſiedelt, ſie hingen in der Familienſtube über dem künſtlich geſchnitzten Nußbaum⸗Sofa mit dem kirſch⸗ rothen Damaſt⸗Ueberzuge. Auf dem Sofa ſaßen zwei Leu⸗ te, den Bildern ſehr ähnlich, nur— hubſcher geworden, nach gegenſeitiger Uebereinkunft. Klang das thöricht? Nein, ſo ſoll es immer ſein. Das Fleiſch macht Raum dem Geiſte. Die Züge waren wohl ſchmaler und ſchärfer geworden, aber die in fünfundzwanzig Jahren erlebte Liebe und Freude war darin zu leſen, und die zuſammen erlebten Sorgen und Prü⸗ fungszeiten, die der Herr ſeinen Kindern ſchickt, um ſie zu ziehen und wachſen zu laſſen in dem, das, wie die ſelige Eliſabeth. 1. 3 34 Tante ſo gut zu ſchildern wußte, eine Wunderwelt ſich auf⸗ ſchließt, darinnen alle menſchlichen Gefühle umgezaubert wer⸗ den. Das Alles lebte in den Augen und in den Zügen, und es war kein Wunder, daß ſich die Leute mit ſo ge⸗ treuen Herzen ſchöner fanden als vor fünfundzwanzig Jahren. Aber auch die Welt und der Kreis, in dem ſie leb⸗ ten, war ihnen ſchöner und reicher geworden. Die Tante war zwar geſtorben, und das war für beide ein großer Verluſt, aber die funfzehn Jahe, die ſie noch mit ihr zu⸗ ſammen verlebt hatten, waren auch wieder ein Reichthum zu nennen, und welch ein reicher Kinderkreis war um ſie verſammelt, ja ſelbſt zwei Enkel nahmen die Herzen der Großeltern in Anſpruch, faſt mit wärmerer Liebe, als die eigenen kleinen Kinder es gethan. Daß der jugendliche Großvater nicht mehr Offizier, ſondern Rentmeiſter war, und nicht in dem kleinen Hauſe hinter den Tannenbergen, ſondern hier im geräumigen vä⸗ terlichen Hauſe wohnte, hatte der Krieg veranlaßt. Ein Jahr hatte er mit ſeiner jungen Frau im ungeſtörten Glück verlebt, da kam das unglückliche Jahr 1806. Er mußte in das Feld, und obgleich der Frieden des nächſten Jahres ihn wieder in die Garniſon zurückführte, ſo ruhten die Folgen des Krieges und ſelbſt die des Friedens ſchwer auf ihm und ſeiner Familie. Bruder Karl, der ſo viel für den verheiratheten Bruder thun wollte, wußte in den Jah⸗ ren der Bedrückung ſelbſt nicht ein und aus, konnte ſich ſelbſt kaum über Waſſer halten. Bruder Fritz mußte von — dem Lieutenants⸗Gehalte leben, und es war natürlich, daß Sorgen und Noth hier oft recht laut an die Thüre pochten. Die gute Tante Oberförſterin, die noch zehn Jahre als Wittwe ihren eigenen kleinen Haushalt in Woltheim hatte, brachte ein Stück nach dem anderen, um die nöthigſten Lük⸗ ken in dem jungen Haushalt auszufüllen, und nahm der Nichte dadurch manche ſchwere Sorge ab. Sie that aber noch mehr, ſie nahm Theil an den Sorgen der reichen Kinderſtube, Sorgen, die von der Welt wenig getheilt und nie hoch genug gewürdigt werden. Da heißt es wohl: das Kind iſt krank, und nach Wochen heißt es: das Kind iſt wieder geſund. Welche Kämpfe dieſe Wochen in ſich faſ⸗ ſen, wie da ein Mutterherz ringen muß in Geduld und Glauben, wie es auf den Wogen der Hoffnung hoch hin⸗ auf und ſehr tief hinabgetragen wird, und wie es wohl ganz verzagen müßte, wenn es nicht die eine treue Hand vor ſich ſähe, die es ergreifen und bittend rufen darf: Herr hilf mir, denn ich verderbe das Alles wird nur von Eingeweihten ermeſſen. Zu dieſen kleinen und doch ſo bangen Sorgen in der Kinderſtube des kleinen Häuschens dort hinter den Tan⸗ nenbergen geſellten ſich ernſtere. Ein liebliches Kind ſtarb im zarten Alter; der Vater mußte mit dem anbrechenden Befreiungskriege von neuem ins Feld ziehen, und Armuth und Noth wurden immer drückender. Aber der Herr half immer hindurch, Troſt fehlte nicht ſelbſt in den bitterſten Stunden, die Kinder blühten fröhlich auf bei ſchmaler 3* 36 Koſt, und die ſchweren Zeiten gingen an ihnen faſt unbe⸗ merkt vorüber, ja Glück und Luſt der Kinder nahmen das ganze Häuschen ſo in Anſpruch, daß Sorgen und Noth der Elter davor fliehen mußten. In der Schlacht von Leipzig lähmte ein Schuß des Vaters linken Arm, er war nun zum Dienſt unfähig und erhielt nach dem Frieden die Rentmeiſter⸗Stelle in ſeiner Vaterſtadt. Die ganze Familie ſiedelte nun in das alte große Haus mit den geräumigen Stuben und Kammern über, die, wie Onkel Karl zufrieden verſicherte, doch nun ihre Zinſen brachten. Mit der Familie zog aber auch Charlottchen ein. Ihre Mutter war geſtorben, und es war ſehr einfach und wünſchenswerth, ſie als liebreiche und hel⸗ fende Kinderfreundin im Hauſe zu haben. Außerdem wurde noch ein Hauslehrer genommen, der nach dem Ausſpruch einer Familienkonferenz billiger zu erhalten war, als die vielen Jungen auf einem Gymnaſium. Das war nun ein großer Kreis und ein rechter Um⸗ ſchwung in dem alten Hauſe; es gab auch wunderliche Verwickelungen, und es gehörte eben dazu ein Bruder Fritz, der bei aller Hoheit und Würde eine ſo feine zarte Seele war, und die Frau ſeines Herzens mit ihrer friſchen Ge⸗ wandtheit, und das gefühlvolle Charlottchen und der wun⸗ derliche gutherzige Onkel Karl und die ganze luſtige Kin⸗ derſchaar, um die Verwickelungen immer wieder gemüthlich auszugleichen. 37 Meinen Sie, Charlottchen, daß der Wilhelm ſchon wieder eine neue Hoſe braucht? ſo fragte einſt Onkel Karl bedenklich, indem er ſich mit ſeiner Pfeife in der Kinder⸗ ſtube etablirte; ich weiß nicht, zu meiner Zeit konnten Jungens in dem Alter noch Flecken vor den Knieen tragen. Ei, wenn ſie von derſelben Couleur ſind, ſagte Char⸗ lottchen freundlich. Natürlich, fiel Onkel Karl ihr in das Wort, von der⸗ ſelben Couleur müßten ſie ſein; die Großtante hatte da⸗ mals mit ihren blöden Augen dem Mar einen Changeant auf das Braune geſetzt, das ſah abſcheulich aus, und ich bin dafür, wir müſſen unſeren Stand reſpectiren. Darin haben Sie ſehr recht, verſicherte Charlottchen. Es gehört eben die rechte Umſicht dazu, fuhr der On⸗ kel fort, in keinem Stücke darf man zu weit gehen, und ich muß mit Schmerz geſtehen, meinem Bruder gehen die rechten praktiſchen Eigenſchaften eines Hausvaters völlig ab. Zu dem Changeant hat er gelacht, der Max hat ihn wirklich aufgetragen, und dagegen kann meine Schwägerin die Hand immer im Beutel haben, wenn es ihr beliebt, den Kindern etwas anzuſchaffen. Ich bin durchaus nicht für Wilhelms Hoſe, und es ärgert mich ſehr, wenn die Hoſe gekauft wird. O, Hert von Budmar, tröſtete Charlottchen, die Sache muß ſich ändern laſſen, ſie iſt allerdings von Wichtigkeit. Ja von Wichtigkeit, bekräſtigte Onkel Karl, denn eine Kleinigkeit kömmt zur anderen, und es iſt des Prin⸗ zipes wegen bei den virlen Kindern. Sie glauben nicht, —— 38 Charlottchen, ſetzte er mit beſonderem Nachdruck hinzu, wie ſchwer es iſt, aus unſerem Gute etwas zu machen. Sie wiſſen ja am beſten, wie es mein Denken und Arbeiten iſt ſeit langer Zeit. Ja wohl, ſchon damals mit dem Klee und Futter⸗ bau, fiel ihm Charlottchen in die Rede. Richtig! fuhr er fort, jetzt ſtecke ich nun mitten in der rationellen Landwirthſchaft, aber ich verſichere Sie, wenn ſo viel neue Hoſen angeſchafft werden, und überhaupt ein ſolcher großer Hausſtand nicht mit Unſicht geleitet wird, wir kommen auf keinen grünen Zweig. Ja Char⸗ lottchen, Sie können glauben, es wird mir zuweilen angſt und bange, was aus den vielen Kindern werden ſoll. Aber herrliche Kinder! entgegnete Charlottchen, keines wird aus der Art ſchlagen. Eliſabeth, die älteſte Tochter, die nach der alten Groß⸗ tante den Namen führte, unterbrach jetzt das Geſpräch, in⸗ dem ſie zu Tiſche rief. Onkel Karl und Charlottchen folgten ihr. Welch eine herrliche lange Tafel war das! Der Onkel Karl ſaß oben an, anders hatte es Bruder Fritz nicht gewollt, und ſo gehörte es ſich auch. Ihm zur Rechten ſaß die Frau Schwägerin, zur andern Seite der Bruder; Charlottchen nahm an der einen Seite den Mittelpunkt zwiſchen den Kindern ein und der Herr Hofmeiſter an der andern Seite. An den gehaltenen Mienen des Onkel Karl war deutlich zu ſehen, daß er etwas auf dem Herzen habe. * 39 Kinder und Eltern merkten das, und die Frau Rentmei⸗ ſterin konnte eine unangenehme Spannung nicht unterdrük⸗ ken. Ihr Mann aber reichte ihr lächelnd die Hand über den Tiſch, was ſo viel heißen ſollte: Laß Dich's nicht beunruhigen, liebe Frau, Du kannſt glauben, es iſt ganz ohne Wichtigkeit.— Der Vater ſprach das Tiſchgebet, darauf folgte ein Rauſchen und Rücken und Klappern der Teller, und dann begann der Onkel feierlich: Fritz, meinſt Du, daß der Wilhelm ſchon wieder eine neue Hoſe nöthig hat?— Ich weiß wirklich nicht, lieber Bruder, entgeg⸗ nete der Rentmeiſter harmlos. Herr Formſchneider, wandte er ſich zum Hauslehrer, Sie müßten das beſſer wiſſen als ich.— Ich glaube: ja, entgegnete der Gefragte lä⸗ chelnd.— WMein geehrteſter Herr Formſchneider, ſagte der Onkel, er gebrauchte dieſe höfliche Anrede nur, wenn er ärgerlich war,— ich habe geglaubt, der größte Nutzen eines Hauslehrers wäre der, daß man durch ihn die öffent⸗ liche Schule vermeidet und die Kinder in der Häuslichkeit kleiden kann, wie man will.— Herr Formſchneider, der mit dem Geiſte des Hauſes und mit den theuren Eltern ſeiner Pflegebefohlenen ſich wohl eingelebt hatte, wußte genau, wie er ſich jetzt zu verhalten hatte. Allerdings, entgegnete er ernſthaft, iſt das ein großer Vortheil, wir können hier in unſerem eignen kleinen Königreiche leben, wie wir wollen, es kömmt nur auf einen hohen Entſchluß an; ich bin überzeugt, es wird weder unſere noch Wilhelms Ruhe ſtören, wenn die Sonntags⸗Hoſe noch einmal fein ausreparirt 40 wird.— Wir geben ſie der guten Großtante, ſcherzte der Vater.— Rein, ich übernehme es ſelbſt, entgegnete die Mutter freundlich.— Dem Onkel zuckten die buſchi⸗ gen Augenbraunen auf und nieder, ſeine Stimmung war umgeſchlagen, die große Bereitwilligkeit von allen Seiten, in ſeine praktiſchen Anordnungen einzugehen, war ihm faſt unangenehm. Aber es ſollte heute noch ein ganz anderer Angriff ſeinen armen Nerven bevorſtehen. Als die Suppe gegeſſen war, kam eine Schüſſel mit Kartoffeln, eine mit Hammelfleiſch und ein großer Napf mit Zwiebelbrühe. Die Bewegung aus des Onkels Geſicht ver⸗ ſchwand plötzlich, und mit großer Spannung ſchaute er auf die Zwiebelbrühe. Das war nämlich ein Gericht, was Bru⸗ der Fritz nie eſſen mochte; deswegen haite es ſeine Frau auch nie gemacht, und die Kinder kannten es nicht, ſo lange ſie dort hinter den Bergen wohnten. Als es nach des On⸗ kels Anordnung zum erſten Mal auf dem Tiſche erſchien, ſahen es die Kinder an, der Geruch ſchon ſchien ihnen un⸗ angenehm, ſie reichten es ſchweigend einer dem andern. Der Onkel war ſehr aufgeregt darüber; er ſprach von der Rütz⸗ lichkeit der deutſchen Gewürze und ſchalt es eine große Sünde an der Kindererziehung, wenn die jungen Magen mit ausländiſchen ſcharfen Gewürzen ſo verfeinert würden, daß ſie keinen Geſchmack an einer einfachen deutſchen kräftigen Brühe von Kümmel und Zwiebeln finden wollten. Bruder Fritz disputirte damals mit ihm darüber im ſcherzhaften Ton; als die Brühe aber ſehr bald darauf von der gefäl⸗ 41 ligen Schwägerin wieder auf den Tiſch gebracht wurde, ging der Vater mit gutem Beiſpiel voran, er nahm eine gehörige Portion, und das war das Zeichen des allgemeinen Angriffs, ein jedes Kind nahm Zwiebelbrühe. Damit war aber noch nicht erreicht, daß ihnen das Eſſen Vergnügen machte, nein allem Anſcheine nach wurde es ihnen herzlich ſauer, und das Hinunterquälen und Geſichterſchneiden dabei griff des On⸗ kels Nerven ſo ſehr an, daß er diesmal heftiger für ſeine Zwiebelbrühe eiferte als das erſtemal, und die Erziehungs⸗ kunſt des Bruders gröblich in Zweifel zog. Ja es war ihm eigentlich unbegreiflich, wie die Jungens einmal durch die Welt kommen ſollten, wenn ſie keine Zwiebelbrühe eſſen konnten; denn an fremden Tiſchen durften ſie ſich doch ſo jämmerlich nicht haben, wenn ihnen dies köſtliche Gericht angenöthigt wurde. Der Vater hatte darauf die Kinder ſcherzend ausgeſcholten über die Grimaſſen, und die Sache war abgemacht. Was ſollte nun heute der ungewöhnlich große Napf mit dem kräftig duftenden Eſſen? Einen beſonderen Grund mußte es haben, denn die Kinder lächelten ſich an und flü⸗ ſterten mit einander. Kartoffeln und Fleiſch wurden aus⸗ getheilt, und jetzt ſetzte ſich der verhängnißvolle Napf in Be⸗ wegung. Die Mutter nahm etwas, der Onkel auch, dann nahm der Vater, aber ſchon bedeutend mehr, dann kamen die Kinder an die Reihe, und es war nun, als ob ſie nicht ſchnell genug des Rapfes habhaft werden könnten; eins fuhr immer muthiger und tiefer in das Zwiebeleſſen als das an⸗ — 42 dere. Der Onkel wagte kaum zu athmen. Was ſoll das be⸗ deuten? dachte er. Und,— fügte ganz leiſe ſein weiches Onkelherz hinzu, wenn die Tiſchordnung aufrecht erhalten werden ſoll, und ein jedes ſeinen Teller abeſſen muß, ſo wird das ein entſetzliches Schauſpiel werden. Er hatte den Napf verfolgt bis zu einem kleinen fünfjährigen Jungen, der neben der Mutter ſaß, auch er fuhr mit dem Löffel tapfer in den Napf und immer wieder hinein. Märchen, es iſt Zwiebelbrühe! rief jetzt der erſchrockene Onkel war⸗ nend. Der Kleine kniff die Lippen ſchmunzelnd zuſammen, ſah den Onkel von der Seite an und nickte, er erſparte ſich die Worte: das weiß ich recht gut.— Paß auf, Onkel Karl, ſagte jetzt der Rentmeiſter mit erzwungener Gravität: jetzt Kinder,— ein— zwei— drei! Mit einem Mal fuhren alle Löffel klappernd in die Zwiebelbrühe, und in nicht viel längerer Zeit, als das Kommando dauerte, war die Arbeit gethan.— Brav, Kinder! rief der Vater. Und nun Bruder, wandte er ſich triumfirend zum verſtummten Onkel, zweifelſt Du noch an unſerer guten Erziehung? Zwei⸗ felſt Du noch, daß die Jungens durch die Welt kommen? — Ein allgemeines Vergnügen und Jubeln der Kinder konnte jetzt nicht unterdrückt werden, und das kam dem On⸗ kel ſehr erwünſcht. Es war ihm wahrlich das Weinen nahe gekommen, und ſo ſchwenkte er mit ſeiner Nervenaufregung glücklich zum Lachen hinüber. Er rief dann den größten von den Jungens, den ſchlanken Wilhelm, der ſchon etwas auf ſeinen Anzug gab, und dem das Garderobekapitel nicht 43 ganz gleichgültig geweſen war, und flüſterte ihm in das Ohr: Wilhelm ich ſchenke Dir, weiß Gott, eine neue Hoſe. So und ähnlich lößten ſich die Verwicklungen, und je mehr man ſich daran gewöhnte, und je größer die Kinder wurden, deſto mehr wurden dieſe Verwicklungen eigentlich nur Anlaß zum Vergnügen. Die Zeit war ganz unbemerkt heran gekommen, wo man von den erwachſenen Kindern des Herrn Rentmeiſters ſprach, und im Winter 1824 war die größte Neuigkeit in Woltheim: der Herr Landrathsverweſer Kühneman wünſchte ſich mit Eliſe von Budmar zu verloben. Der Herr Landrathsverweſer war eigentlich Aſſeſſor, er war nur einſtweilen hergeſchickt, um die erledigte Land⸗ rathsſtelle zu verſehen. Es war ein ausgezeichnet kluger und feingebildeter Mann; ſeine Eltern lebten noch in Ber⸗ lin, und es waren ihm in einem ſogenannten Geheimraths⸗ Kreiſe alle äſthetiſchen Bildungsmittel, welche Literatur und Kunſt in ſich faſſen, von Jugend an dargeboten. Er kam ſehr ungern nach Woltheim und hielt ſich bald nur ganz zur Oberförſterei, wo die Frau Oberförſterin, eine reiche Oekonomentochter, ein feines Haus zu machen ſuchte und umgang mit den Offiziers⸗Familien der nahen Garniſon und mit der Landnachbarſchaft hatte. Hier am Spieltiſch hörte der junge Landrath ganz gelegentlich erzählen, daß im Budmarſchen Hauſe nicht geſpielt würde, nicht weil es Herr von Budmar in jeder Art verdammen wollte, aber weil man in ſeinem Hauſe, wie er ſagte, etwas Beſſeres 44 vorzunehmen wüßte. Es wurde darüber geſcherzt und hin⸗ und hergeſprochen. Dem äſthetiſch gebildeten Herrn Kühne⸗ man ging das aber doch durch den Kopf, er war neu⸗ gierig zu wiſſen, was im Budmarſchen Hauſe vorgenommen würde, denn er fing an ſich zu langweilen bei ſeinen Spiel⸗ partien. Es ward ihm nicht ſchwer, ſich mit dem Herrn Rent⸗ meiſter zu befreunden, und er fand den Mann ganz anders, als er ſich gedacht, noch mehr aber ward er überraſcht von dem Familienleben im Budmarſchen Hauſe. Die Kinder waren alle ſehr wohl unterrichtet, es wurde viel muſizirt, fremde Sprachen wurden getrieben, der Vater ſelbſt machte ſie mit den beſten Erſcheinungen der alten und neueren Literatur bekannt, nicht nur wie ein Schulmeiſter, nein, er ſelbſt hatte Intereſſe daran. Ebenſo die Mutter, die mit den erwachſenen Kindern eigentlich erſt recht angefangen zu lernen und zu üben und Freude an ſolchen Dingen zu fin⸗ den. Daß Eliſe, die älteſte Tochter, eine faſt gründlichere Bildung hatte, als die ihm bekannten Mädchen in der Re⸗ ſidenz, war dem jungen Landrath bald deutlich genug, aber noch deutlicher, daß ſchöner und liebenswürdiger gar Niemand in der Welt ſein könne. Eliſens Eltern merkten dieſe Geſinnungen bald, und die Mutter war wenig einverſtanden damit. Ich weiß nicht, ſagte ſie bedenklich zu ihrem Manne, ich möchte unſere Eliſe nicht an der Seite dieſes Mannes ſehen. Warum nicht? fragte der Vater. 45 Sie müßte in der Stadt wohnen, entgegnete die Mut⸗ ter ſeufzend, und noch dazu in einem Kreiſe, wo Bildung und Kunſt über Alles gilt; denn Kühnemans ganzes Stre⸗ ben iſt in ſeine Heimath zurück, und es wird ihm auch gelingen. Hältſt Du das für ein Unglück? fragte der Vater lichelnd.— Vielleicht kein Unglück, aber ich halte es für eine große Gefahr, beſonders für Eliſe, die ſo viel auf ihren Verſtand und ihr Wiſſen giebt.— Kühneman aber iſt ein braver Mann und fühlt ſich wohl in unſerem Hauſe; er hat auch durchaus keinen Widerſpruch gegen alles Poſitive, er hat mir erſt kürzlich verſichert, er ſtudire mit großem Intereſſe Luthers Werke. Thut er es für jetzt mit dem Verſtande, ſo laß ihn, der Herr wird weiter helfen. Und giebt Eliſe zu viel auf ihren Verſtand, ſo laß ſie erfahren, wie weit ſie damit gelangt. Rein, ich habe den Mann von Herzen lieb, und ich habe keinen Grund ihn abzuweiſen. Wir können unſere Kinder nicht von der Welt abſchließen, ſie müſſen hindurch mit des Herrn Hülfe. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß wir mit einer chriſtlichen Erziehung den Kindern alle eigenen inneren Kämpfe erſparen wollen. Wir wollen einen guten Grund legen und wollen für ſie beten, dann mögen ſie ſich mit des Herrn Hülfe durcharbei⸗ ten. Sie aber von dieſer Arbeit, von dieſen Kämpfen zu⸗ rückhalten zu wollen, ſie ganz abzuſchließen, iſt wieder eine Gefahr in der chriſtlichen Erzichung. Die Kinder müſſen ſich hindurcharbeiten durch Schiller und Göthe und Shak⸗ 46 ſpeare, durch Claſſiker und Romantiker und durch das ganze Heer der großen feinen Geiſter, auch durch Volkslie⸗ der und Liebeslieder, Sonaten und Ouvertüren. Der junge Geiſt will Nahrung haben, es iſt beſſer, dieſe Nahrung wird ihm gereicht nach weiſer Einſicht und nach weiſem Maaße, als wenn er ſie mit leichtem Sinn und großer Begier ſich ſelber ſucht. Der Geiſt kann auch an allen dieſen Dingen wachſen, aber er wird ſie, wenn er außerdem in geſunder Luft und Zucht ſteht, im Wachſen abſchütteln als zu eng und zu klein. Ja übergieb nur Deine Pflänzlein dem himm⸗ liſchen Ober⸗Gärtner, bitte ihn um Thau und Sonnenſchein, und denk nur nicht, daß Du mit Deinen Sorgen viel aus⸗ richten kannſt. Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen! ſagte die Mutter nachdenklich, aber doch ſehr ge⸗ tröſtet und ſehr einverſtanden mit ihrem weiſen Eheherrn.— Das Sorgen würde ich in Deiner Stelle laſſen, ſagte die⸗ ſer freundlich.— Laſſe es einmal! entgegnete ſie ſeufzend, Das ganze Leben iſt für ein Mutterherz eine Schule, wo ſie lernen ſoll, nicht zu ſorgen; aber ſo recht wird ſie mit der Aufgabe nicht fertig, erſt ſorgt ſie für ſich, für die kleinen Kinder, dann ſorgt ſie für die großen Kinder.— Dann für die Enkel, fiel ihr Mann ſcherzend ein.— Ja, frei⸗ lich, ſagte ſie ernſthaft, ſo wird es kommen. Jetzt ſorge ich mich um Eliſe, ob ihr Herz ſich nicht täuſchen wird, und ob ſie ſich einſt gegen ihren Mann auch ſo betragen wird, wie es ſich gehört, ob ſie liebenswürdig genug iſt, um glück⸗ 47 lich zu ſein.— Ob ſie ihn mit dem richtigen Maaße unter dem Pantoffel haben wird, fügte der Mann wieder ſcherzend hinzu.— Da wäre ſie beinahe böſe geworden, ſolche Anſpielungen konnte ſie nicht leiden. Sie war feſt über⸗ zeugt, daß von ihrer Seite nie regiert wurde, und wünſchte das anerkannt zu ſehen; aber ſelbſt die Anerkennung, indem ſie leicht von Seiten des Gemahls einen Beigeſchmack lie⸗ benswürdiger Fügſamkeit hatte, war ihr nicht recht, darum blieb dieſer Punkt am beſten unerörtert. Trotz aller Bedenken und aller Sorgen verlobte ſich Eliſe mit dem Herrn Landrathsverweſer. Ja das Herz der Mutter wurde ſehr warm, als ſie die Tochter glücklich ſah, und als der neue Sohn mit kindlicher Liebe und Verehrung ihr entgegen kam und Anſprüche an ihre müt⸗ terliche Gegenliebe machte. Daß der künftige Schwieger⸗ ſohn nicht adlig war, kam bei den Eltern nicht in Betracht, nur Onkel Karl konnte ſich nicht ganz darüber hinweg⸗ ſetzen, und Charlottchen wurde wieder die Vertraute ſeines Mißvergnügens. Ich weiß nicht, worin es liegt, ſagte er, aber es iſt nun einmal ſo, er iſt nicht adlig, und ich hätte gewünſcht, Eliſe wäre in ihrem Stande geblieben.— Charlottchen war gefällig genug zu erwiedern: Ja es iſt ein Jammer⸗ ſchade, daß ſie eine Mesalliance macht.— Das war dem Onkel zu viel, er wollte ja eben widerſprochen ſein. Eine Mesalliance können Sie es wieder nicht nennen, entgegnete er eifrig, Kühneman iſt ſo ausgezeichnet, ſo geſcheit und 5½ 48 ſo bedeutend.— Und von ſo vornehmen Manieren, fügte Charlottchen wieder hinzu.— Dann Charlottchen, müſſen Sie bedenken, daß es jetzt anders iſt als zu unſerer Zeit mit dem Adel, das Verdienſt gilt jetzt eigentlich mehr, als der Adel, ſo bürgerliche Leute ſteigen zu den höchſten Ehren⸗ ſtellen hinauf, ſelbſt bis zum Miniſter.— Wenn unſer Elischen eine Frau Miniſterin wird, ſo iſt es gerade paſ⸗ ſend für ſie, verſicherte Charlottchen: Frau Miniſter Küh⸗ neman, geborene von Budmar.— Onkel Karl nickte, und ſie waren beide getröſtet. Für jetzt wurde Elischen nur eine Frau Aſſeſſorin; die Beſchäftigung in Woltheim nahm für den Bräutigam ein Ende, er kehrte wieder in ſeine alte Stellung zurück. Die Brautzeit war für das ganze Budmarſche Haus eine ſehr bewegte Zeit, die Mutter beſonders hatte viel zu ſchaf⸗ fen und zu ſorgen; aber für ſie gerade gab es auch reiche und tröſtliche Stunden. Das waren die einſamen, die ſie mit dem Brautpaar verlebte, wo ſie ihnen vieles an das Herz zu legen hatte und gern gehört wurde, wo ſie ihnen auch das ſchöne Verlobungs⸗ und Hochzeitslied, das Erb⸗ ſtück von der ſeligen Tante, übergab. Wenn ſie auch fühlte, daß die bewegte Stimmung und das liebende Herz des Bräutigams ihren Antheil daran hatten, ſo konnte ſie doch an der Aufrichtigkeit ſeines guten Willens nicht zweifeln, als er ihr feierlich nachſprach: So mach ich denn zu dieſer Stund Sammt meinem Hauſe dieſen Bund: „ 49 Wich alles Volk auch von ihm fern, Ich und mein Haus ſtehn bei dem Herrn. Mit der Hochzeit waren der Mutter Sorgen aber nicht vorüber, nein es ſchien, als ob jetzt das Leben erſt recht beweglich werden wollte. In die nächſten Jahre fielen die leidigen großen Examina der älteſten Söhne, die das Recht haben einer Mutter Unruhe zu verurſachen. Dazwiſchen hatte das ſechszehnjährige Julchen Luſt eine Herzensneigung anzuknüpfen, die eben nur eine Selbſttäuſchung war und nicht gelitten werden durſte. Dann folgten die Groß⸗ mutterſorgen, es mußte hin und her gereiſt werden, daheim aber waren auch noch ziemlich kleine Kinder in der Kin⸗ derſtube, ja, es war wirklich der Höhepunkt in der Bewe⸗ gung und Mannigfaltigkeit des Familienlebens eingetreten. Mitten auf dieſem Höhenpunkt fiel die ſilberne Hoch⸗ zeit. Das Silber⸗Paar erkannte es, daß gerade die viele Bewegung in der Familie, die Arbeit, die Sorgen, die Unruhe, ihr ſchönſter und beſter Reichthum war. Sie hatten nur ein Herz zum Loben und Preiſen und Danken und der Gedanke an weiter ſorgen und weiter arbeiten war ihnen ein ſeliges Glück. Heute aber war weder von Arbeit noch von Sorge die Rede, es war, als ob ſie ein hochgehendes Meer verlaſſen und ausgeſtiegen wären auf einer Inſel, wo die Sonne des Glückes und Friedens und eine ganze Blumenwelt der Freude ſie umgab. Heute war kaum ein Raum im alten großen Hauſe, der nicht benutzt war. Die alte Kinderſtube war von der Frau Re⸗ Eliſabeth. 1. 4 50 gierungsräthin Kühneman mit ihren zwei Kleinen einge⸗ nommen, der Herr Regierungsrath ſelbſt wohnte mit den großen Jungen zuſammen, ſchien auch wirklich an jugend⸗ licher Luſt und Uebermuth mit ihnen wetteifern zu wollen. Die großen Jungen aber waren der 23jährige Wilhelm, ein junger Auskultator, der 21jährige Adolf, ein Student, der 17jährige Max, ein ſchlanker Kadett. Julchen und die jüngere Schweſter Marie waren die getreuen Tanten von Eliſens Kindern. Der unconfirmirte Knabe befand ſich noch unter der Obhut des Hauslehrers. Außer den Kindern war aber noch die Frau Obriſt von Reifenhagen, die einzige Schweſter der Gebrüder von Budmar, mit zwei Kindern im Hauſe. Sie hatte ſich weit ſpäter verheirathet als der Rentmeiſter, ſo daß ihre jüngſte Tochter Emilie nur zwei Jahre älter war als deſ⸗ ſen älteſte 4jährige Enkelin, die vom ganzen Hauſe be⸗ wunderte und geliebte kleine Eliſabeth. Dann wollte gern auch noch ein junger Mann zur Familie gezählt werden, der zwar nicht zur Hausgenoſſenſchaft gehörte, das war der neue Oberförſter Herr von Schulz, der ſeit einem Jahre, wo ſein Vorgänger Forſtmeiſter ward, die Stelle in Wolt⸗ heim inne hatte. Julchens blaue Augen hatten ſein Herz ganz und gar hingenommen, Julchen ſchien nicht unzufrie⸗ den damit, und ihre Eltern hatten nicht nur nichts dage⸗ gen, ſondern der Mutter war es ſogar ein Herzenswunſch. Der Oberförſter war ein geſcheiter Mann, war treu und rechtſchaffen und gottesfürchtig, und die Mutter meinte, auf 51 der alten lieben Oberförſterei ſei ihr Töchterlein ganz be⸗ ſonders wohl geborgen. Dies angehende Brautpaar ge⸗ hörte eigentlich recht dazu, um das Vergnügen des Fami⸗ lienkreiſes vollſtändig zu machen. Am WMorgen des Feſttuges kam Onkel Karl zu Char⸗ lottchen, um das Plauderſtündchen, was ihm nach den vie⸗ len Jahren zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden war, zu genießen. Er war heute etwas angegriffen, der Polter⸗ abend hatte zu lange gedauert, die ſchönen Verkleidungen und Deklamirſtücke, wie ſie Charlottchen nannte, wollten kein Ende nehmen, ſammt Geſang und Tanz und Ver⸗ gnügen der jungen Leute. Die Sache iſt ausgemacht, begann der Onkel, Jul⸗ chen nimmt den Oberförſter, und ich bin es ſehr zufrieden, denn, wiſſen Sie, Charlottchen, es iſt immer für ein Mäd⸗ chen am beſten geſorgt, wenn ſie heirathet.— Er ſagte das ganz ohne Beziehung, und Charlottchen nahm es ſo. Am beſten iſt es, entgegnete ſie freundlich. Und welch eine ſchöne Partie! fügte ſie hinzu.— Sie können glauben, fuhr der Onkel fort, es fällt mir immer ein Stein vom Herzen, wenn eines von unſeren vielen Kindern verſorgt iſt.— Gewiß, gewiß, war ihre Antwort.— Freilich, fuhr er wieder fort, heißt es jetzt immer: Thu nur auf Dein Beutelein! und ich ſage Ihnen, dies Jahr wird ein ſchweres Jahr. Erſtens Julchens Ausſtattung; dann wird der Max Offizier und will equipirt ſein, noch dazu will der Junge zur Kavallerie gehen. Ich kann es ihm zwar — nicht verdenken, fügte er einverſtanden hinzu, wenn ich Mi⸗ litär würde, ginge ich auch nur zur Kavallerie; aber die Equipirung koſtet noch einmal ſo viel als die bei der Infanterie.— Sie werden Alles möglich machen, Herr von Budmar, verſicherte Charlottchen gerührt; es iſt doch wahr, Gottes reicher Segen liegt auf Ihrem Wirthſchaften — Nun ja, entgegnete Onkel Karl, und ich hoffe auch, wir werden die Kinder alle ſtandesgemäß durchbringen.— Welch herrliche Kinder! ein wahrer Stolz! warf Char⸗ lottchen dazwiſchen.— Recht gut erzogene Kinder, ſagte der Onkel wieder; ſie könnten vielleicht noch etwas ſpar⸗ ſamer ſein, aber mein Bruder Fritz iſt ſelbſt kein Held im Sparen. Meine Ideen, unſer Gut ſo etwas bedeutender zu machen, ſo heraus zu arbeiten, habe ich für jetzt auf⸗ gegeben, denn, Charlottchen, wenn man immer herauszie⸗ hen, immer geben und geben ſoll, kann man nichts hin⸗ einſtecken. Ich verſichere Sie, ich bin jetzt gerade ſo weit, als ich vor dreißig Jahren war. Daß Bruder Fritz nichts vom Wirthſchaften verſteht, iſt klar— Hm, hm— ſagte Charlottchen. Sie wollte keine Einwendung machen und wollte auch dem Herrn Rentmeiſter nicht zu nahe treten.— Daß Bruder Fritz aber ſich immer noch nicht überzeugen will, fuhr Onkel Karl fort, daß das Gut ſich nothwendig verbeſſern muß, wenn ich nur thun könnte, wie ich wollte, — das iſt beinahe ärgerlich. Sehen Sie, Charlottchen, mit den wenigen Kräften, die mir zu Gebote ſtehen, be⸗ finde ich mich eigentlich immer in einem Holter⸗Polter, 53 ſo zu ſagen, der aufregende Gedanke, immer baar Geld zu erzielen, läßt mich gar nicht zum vernünftigen rationellen Wirthſchaften kommen.— Ich begreife das, ſagte Char⸗ lottchen theilnehmend.— In einigen Jahren aber hoffe ich doch meine Verbeſſerungen vorzunehmen, fuhr er fort, wenn der Wilhelm Aſſeſſor iſt und Adolf nicht mehr ſo viel braucht, und Mar Offizier iſt, und wir auch Julchen nicht mehr auf unſerer Taſche haben, dann tritt eine Er⸗ holungszeit ein, man kann wieder zu Athem kommen. Ich habe die Abſicht, dem Wilhelm ein ganz anderes Gut zu überlaſſen, als es jetzt iſt. Er wird hoffentlich Land⸗ rath hier und ſo ein recht würdiges Oberhaupt der Bud⸗ mar'ſchen Familie.— Herrlich, herrlich! verſicherte Char⸗ lottchen, und beide vertieften ſich wieder in Landwirthſchaft und herrliche Ausſichten der Zukunft. Onkel Karl kam auf Bodenverbeſſerung und Futterkräuter, Charlottchen er⸗ innerte ihn an die Schriften des Edlen von Kleefeld, mußte ſich aber von ihm belehren laſſen, daß dieſe längſt aus der Mode waren. Von dieſer gemüthlichen Unterhaltung geſtärkt, konnte ſich Onkel Karl wieder in die Bewegung des Feſtes begeben. Und welch ein Feſt war es: nicht allein der Himmel war blau und die ganze Frühlingswelt in Luſt und Freude, in den Herzen und Augen der Men⸗ ſchen war es ebenſo licht und freudenhell. Lieber Bruder Karl, ſagte der Rentmeiſter, Du glaubſt nicht, wie ſchön eine Silberhochzeit iſt,— ich will Dir zwar das Herz nicht mehr ſchwer machen.— Nein, nein, ſagte 54 Karl lachend, obgleich ſein Lachen, weil ſeine buſchigen Augenbrauen beinahe zuſammengewachſen waren, einen ſeltſamen Anſtrich von Grämlichkeit hatte,— nein, lieber Fritz, ſagte er, ich danke Gott, daß wir ſo weit ſind, ich denke doch, der unruhigſte und mühſamſte Theil unſeres Lebens iſt abgewickelt.— Glaube doch das nicht, ſagte Fritz: wenn wir mit den Kindern fertig ſind, dann kom⸗ men die Enkel dran.— Die Enkel? ftagte Onkel Karl ganz verdutzt.— Ja, natürlich die Enkel.— Ei, was gehen uns die Enkel an, da mögen die Eltern für ſorgen Ich ſage Dir, Fritz, ein⸗ für allemal— In dem Augenblick kam die kleine vierjährige Eli⸗ ſabeth herangeſprungen und rief: Nicht wahr, Onkel Karl, morgen ſuchen wir Kibitzeier zuſamemn? Sie ſchüttelte dabei kühn den hellen Lockenkopf und ſah mit den freude⸗ ſtrahlenden Augen fragend den alten Onkel an.— Ja, Lieschen, wir ſuchen Kiebitzeier zuſammen, verſicherte der Onkel und nahm das wirklich holdſelige Kind auf ſeinen Arm.— Aber, fuhr Lieschen fort, Du mußt auch zwei Ziegenböcke vor einen Wagen ſpannen, denn will ich Dich fahren.— Ich habe aber keine Ziegenböcke und auch kei⸗ nen Wagen, entgegnete der Onkel bedauernd.— Dann mußt Du einen für Geld kaufen, belehrte ihn das kluge Lieschen.— Nun ja, Lieschen, wir wollen ſehen, ſagte der Onkel ernſthaft, wenn Du wiederkommſt.— Ich will aber nicht fort von Dir, berichtigte das Kind, ich will bei Großmama und Großpapa bleiben, ich will auch alle Tage 55 Kiebitzeier ſuchen und will Deinen Spitz in das Bette le⸗ gen, und will mit Dir Kaffee trinken mit Zucker.— Das iſt auch wahr, Lieschen, Du kannſt den Sommer hier bleiben, ſagte der alte Onkel ganz erfreut. Fritz, wandte er ſich zum Bruder, ich glaube wirk⸗ lich, das Kind bliebe bei uns. Warum nicht? entgegnete der Rentmeiſter, ſetzte aber ernſthaft thuend hinzu: Wir wollen uns aber hüten vor ſolcher Laſt, da mögen die Eltern für ſorgen, wir haben genug mit den eigenen Kin⸗ dern zu ſchaffen, wir kommen ſonſt nie auf einen grünen Zweig.— Für ſolch ein kleines Weſen werden wir auch noch ſorgen können, ſagte Onkel Karl beinahe ärgerlich.— So? entgegnete Fritz, ſo kleine Weſen, merkſt Du aber, machen Anſprüche, ein Wagen und zwei Ziegenböcke— Sind auch nicht die Welt, fügte der Onkel wieder hinzu. Ja, Lieschen, wandte er ſich zu dem Kind, Du ſollſt auch hierbleiben, Du ſollſt auch einen kleinen Wagen haben. Das Kind lächelte den Onkel glücklich an und lief fort. Nun, Bruder, nahm jetzt der Rentmeiſter vergnügt das Wort: ich habe nichts dagegen, wenn Du meine Enkel ſo behandelſt, aber ich merke ſchon, Du haſt ein Groß⸗ mutterherz und vergiſſeſt die Erziehungskunſt bei der jünge⸗ ren Generation. Ein Großmutterherz? fragte die Silberbraut und trat näher. Sie hatte die letzten Worte gehört und ſagte zum Schwager: Nicht wahr, lieber Bruder, für dies Kind muß man ein Herz haben, ſo ſchön und liebenswürdig iſt keins von unſeren Kindern geweſen.— Du biſt parteiiſch, weil es Dir ſo ähnlich iſt, verſicherte ihr Mann.— Mir ähn⸗ lich? Gewiß nicht. Ich bin nie ſo feurig und doch ſo liebreich geweſen als dies Kind, ſagte die Großmutter.— Deine Erziehung war anders, entgegnete der Großvater, Du mußteſt Dich von Jugend an in gehöriger Ordnung und Ruhe verhalten. Da ſprang Lieschen wieder heran, ſie umfaßte die Großmama und ſagte: Großmama, ich habe Dich ſo lieb! Die Großmama küßte das Kind auf die Stirn. Groß⸗ papa, ich habe Dich aber auch ſo lieb! ſagte Lieschen wie⸗ der und umfaßte den Großpapa. Das freut mich, ent⸗ gegnete dieſer.— Und den Onkel habe ich lieb, fuhr Lieschen fort,— und die ganze Welt habe ich lieb,— und die Stühle habe ich lieb,— o, und die Tiſche habe ich ſeht lieb. Sie umfaßte eines nach dem andern und drückte es herzhaft,— dann ſprang ſie wieder fort. O, du liebreiches Kind, ſagte die Großmutter ganz entzückt. Ja, lieber Fritz, wandte ſie ſich zu dem jugend⸗ lichen Silberbräutigam, indem ſie ſich beide auf das Sofa ſetzten, das Sorgen für unſere Kinder habe ich immer mehr verlernt und will es mit des Herrn Hülfe noch mehr ver⸗ lernen. Ich will auch gewiß nicht für meine Enkel ſor⸗ gen, aber für dieſes Kind mußt Du es mir erlauben, Du mußt da Nachſicht mit mir haben, oder noch beſſer, Du mußt mit mir ſorgen. Es iſt mir, wenn ich es anſehe, als ob der Herr es gerade uns auf die Seele legen wolle. 57 — Ich erlaube es Dir, Du liebes Großmutter herz, ſagte der Gemahl, es iſt auch möglich, ich ſorge mit Dir, ich weiß noch nicht.— Das Kind wird uns zwar nicht viel Sorgen machen, fuhr die Großmutter fort, ein Herz, ſo voll Liebe, muß glücklich ſein und auch beglücken.— Das iſt nicht ausgemacht, ſagte lächelnd der Großvater ein Kind, das Stühle und Tiſche ſo warm an das Herz nimmt, kann auch die Welt mit Liebe umfaſſen.— Richt doch, bat das Großmutterherz, Lieschen iſt ſo weichherzig, ſie wird ſich ſo leicht ziehen laſſen, ſo leicht auf den rechten Weg geleiten.— Aber ſie hat auch ihren eigenen Willen bei dem weichen Herzen, entgegnete wieder der Mann. Die Aufmerkſamkeit der Großeltern wurde jetzt zu dem Kinde ſelbſt geleitet, das mit der etwas älteren Emi⸗ lie von Reifenhagen ein lebhaftes Geſpräch begann. Bitte Emilie, ich will Deinen Gartenhut nehmen, ſagte Lieschen ſehr bittend. Wo haſt Du denn Deinen? fragte Emilie. Den weiß ich nicht, entgegnete Lieschen, aber ich will gerne Deinen haben, der Onkel Karl will mir ein Kiebitzneſt zeigen. Du biſt immer ein ſo unordentliches Kind, ſagte Emilie altklug, und ich will Dir meinen Hut nicht bor⸗ gen. Bitte, bitte, Emilie! Onkel Karl will gleich fort⸗ gehen und ich kann meinen Hut nicht finden. Nein, wenn ich Dir meinen gebe, habe ich keinen, ſagte Emilie. Du kannſt ja meinen nehmen, der liegt im Garten, rieth Lies⸗ chen und ich will jetzt Deinen nehmen. Nein, ſagte Emi⸗ lie wieder, Du biſt ſo unordentlich, und Du willſt meinen 58 Hut auch wegwerfen.— In Lieschens kleinem Geſichte zuckten ſchon Blitze des Unwillens und der Ungeduld, ſie ſagte aber noch einmal: Aber der Onkel will fort und ich möchte Deinen Hut!— Nein, nein, nein! verſicherte Emilie.— Altes, dummes Mädchen! rief da Lieschen, dann — bautz! folgte eine Ohrfeige, dann noch ein tüchtiger Schub, alles ſo ſchnell, daß die überraſchte Emilie das Gleichgewicht verlor und ſchreiend zur Erde fiel. Die Großmutter hatte gleich im Anfange des Streites aufſte⸗ hen und ihn ſchlichten wollen, aber ihr Mann verhinderte es und ſah mit Spannung dem Ausgang entgegen. Da haben wir es! ſagte er jetzt. Nein, Mariechen, wandte er ſich zu ſeiner Silberbraut, ſo ein Brauſekopf biſt Du nicht geweſen, und ich kann es Dir nicht verargen, wenn Du um ſie ſorgſt. Die ſchreiende Emilie verſammelte bald einen Kreis von Autoritäten und Nicht⸗Autoritäten um ſich, es folgte eine Erziehungsſcene, die aber des hohen Feſttages wegen ſehr milde und kurz gefaßt wurde. Dieſe Scene war über⸗ haupt von keinem Einfluß weiter und das Feſt ward ge⸗ feiert in ungetrübter Fröhlichkeit und ſchloß mit Danken und Preiſen aller Herzen. Nach dem Feſte verließ man wieder die glückliche Inſel, ein jeder beſtieg ſein eigen Schifflein und trieb in die Wogen hinaus, und mit der Hoffnung eines ähnlichen Ruhepunktes wünſchte man ſich ein fröhliches Wiederſehen. 5. Die Frau Geheimräthin. Pierzehn Jahre ſind wieder vorüber, die Welt hat ſich ſehr verändert, die Gemüthlichkeit ſcheint daraus ver⸗ bannt, ſie hat wenigſtens einen anderen Charakter ange⸗ nommen, und es iſt eine Entſcheidung eingetreten, der ſich Niemand leicht entziehen kann, es heißt: Entweder, oder! — Auch in dem lieben alten Hauſe ſieht es anders aus, die Kindlein ſind alle ausgeflogen und verſorgt, die Eltern einſam geworden, Geburten und Sterbefälle haben in der ausgebreiteten Familie Freud und Leid gebracht. Die Großeltern haben Freud und Leid getheilt, aber doch nur aus der Ferne; ihre Herzen ſind ruhiger geworden, ſelbſt die Großmutter, je mehr ſie ihr Herz da oben hinauf geſchickt, je mehr hat ſie Freud und Leid zu würdigen ge⸗ lernt. Das eine aber erfüllte beide mit Dank und Lob, daß ihre ganze Familie ſich für das einzige Heil entſchie⸗ den, ein Glied mehr als das andere, ein jedes nach ſeiner Eigenthümlichkeit und ſeinen Kräften, und eines mehr als das andere— nicht der Sorge, aber der Fürbitte des getreuen Elternpaares bedürſtig. Es war ein trüber Novembertag; der Wind brauſte, Regen und Schneeſchauer wirbelten durcheinander, es war ſchon dämmerig, obgleich es kaum vier Uhr war. Die Frau Geheimräthin Kühneman ſtand am Fenſter, ſie ſchaute 60 ſinnend nach dem düſtern Himmel, nach den grauen Häu⸗ ſern und der ſchmutzigen Straße. Sie war eine ſchöne, ſtattliche Frau, ihre dunkeln Locken waren untadelhaft, ihre Farben noch friſch, nur ihre Züge waren gröber und ſtärker geworden, ebenſo ihre Figur. Sie kehrte von dem Fenſter wieder an den Schreibtiſch zurück, hier lag ein angefangener Brief und die aufgeſchlagene Bibel. Sie hatte geſchrieben und hatte geleſen,— geleſen, aber nur mit Seufzen, ſie konnte ihre Gedanken nicht zuſammen⸗ halten, ſie konnte ſich nicht erbauen. Ihr Gewiſſen machte ihr Vorwürfe, daß ſie es heute nicht in der frühen Mor⸗ genſtunde gethan, ehe die Arbeiten und Zerſtreuungen des Tages ſie in Anſpruch nahmen. Sie hatte es ſo von ih⸗ rer Mutter gelernt, hatte es gethan in der Jugend und ſuchte das Verſprechen, daß ſie der Mutter gab, dieſer Ge⸗ wohnheit treu zu bleiben, auch zu halten. Daß es nicht immer dazu kam, machte ihr ſelbſt das Herz ſchwer, aber es gab dann auch Entſchuldigungen und Gründe: Eine Hausfrau, eine Mutter wird oft früh ſchon durch Berufs⸗ arbeiten geſtört, ſie kann ſich ihnen nicht entziehen, ja, ſie darf es nicht und in manchen Fällen iſt die Erfüllung ihrer Pflicht ein beſſerer Gottesdienſt als Bibelleſen. Auch iſt die Andacht, die der Hausherr vor dem Frühſtück hält, eigentlich hinreichend für die Sammlung des Tages. Aber, fügte das Gewiſſen hinzu, wenn Du nicht Zeit und Ge⸗ danken zu Deiner einſamen kurzen Andacht haſt, biſt Du auch gewöhnlich bei der allgemeinen Andacht zerſtreut, und 61 dann iſt kein Segen im Tage, er bringt kaum ſpäter ru⸗ hige Zeit, und es fehlte die rechte Freudigkeit zum Gebet. So ging es ihr heute, ihr Herz war ſchwer, das ganze Leben lag ſchwer auf ihr. Sie ſchrieb weiter an Schwe⸗ ſter Julchen: „Es iſt nicht immer gleich, aber zuweilen fühle ich, wie ſchwer das Stadtleben auf mir laſtet, nicht allein auf mir, auf unſerm ganzen Familienleben. Ihr könnt thun, was Ihr wollt, ſeid König auf Eurer Oberförſterei, könnt Euer Leben einrichten nach Eurem Gefallen; ich kann das nicht, ich lebe in einem Kreiſe von Rückſichten, die mich, ſo kömmt es mir vor, immer enger einſchnüren. Ich ſehe Dich lächeln, Du meinſt, wenn wir dieſe Rückſichten igno⸗ riren, ſo ſind ſie auch nicht vorhanden. Darin irrſt Du, liebe Schweſter. Deines Mannes Stellung iſt eine ſelbſtändige; Niemand ſteht über ihm, er iſt eben ein kleiner König in ſeinem Reiche; mein Mann dagegen hat Rückſichten zu neh⸗ men auf ſeine Collegen, er iſt verpflichtet mit ihnen zu verkehren, dieſe Verpflichtung bringt uns mehr, als wir wünſchen, in die Welt hinein, und an dieſes Eine knüpfen ſich hundert feine Fäden, die das Retz immer enger ziehen. Daß dieſe Fäden ſich mehren mit dem Heranwachſen un⸗ ſerer Kinder, das iſt natürlich: Es ſteht mir ein großer Kampf bevor. Eliſabeth iſt zum erſten Balle eingeladen, wenn wir nicht unartig ſein wollen, müſſen wir hingehen, mein Mann kann ſeine Stellung nicht ignoriren, und darum auch nicht die Rückſichten, die ſich daran knüpfen. Für 62 Eliſabeth wünſche ich es nicht, und doch, glaube ich, darf ich ſie nicht mit Gewalt zurückhalten, ſie iſt noch ſo unfer⸗ tig trotz des beſten Willens. Und meinſt Du, daß ich der Familie meines Mannes keine Rückſichten ſchuldig bin? Du glaubſt nicht, wie ſchwer es iſt, den Einfluß dieſer beiden Tanten von den Kindern abzuwenden, beſonders von Eli⸗ ſabeth. Sie haben Eliſabeth ſo herzlich lieb, ſie iſt eigent⸗ lich der Stolz und die Freude ihres einſamen Lebens, und wenn ich nicht undankbar ſein will, darf ich nicht leugnen, daß ſie an Eliſabeths Bildung Mühe und Zeit gewandt und uns manches erleichtert haben. Du meinſt wieder, es iſt nicht nöthig, daß ein Mädchen ſo viel weiß; aber lie⸗ bes Julchen, wir dürfen uns den Anforderungen der Zeit nicht ganz entziehen, ich bin es meinen Kindern ſchuldig, daß ſie ihrem Stande gemäß erzogen werden. Ich muß Dir geſtehen, es geht mir heut wie ein Rad im Kopfe herum. Wenn ich an meine Jugend denke, an unſer Leben daheim, welch ein harmloſer fröhlicher Sinn lebte in unſerem Hauſe; jetzt erſt begreife ich das Gluͤck der Mutter. Liebe Julie, ſoll das ein Vorwurf ſein für meinen Mann? Nein, ge⸗ wiß nicht. Er iſt treu und brav; aber er hat keine Zeit mit mir und den Kindern zu leben, und wenn ihm nach ſeinen Berufsgeſchäften und ſeinem nothwen digengeſelligen Verkehr auch einige Stunden dazu blieben, ſo iſt er nicht immer in der Laune, um mit den Kindern in der rechten Weiſe zu verkehren. Eben ſo geht es mir, muß ich zu meinem Kummer geſtehen: ich habe immer zu ſchaffen und zu ſorgen, um den Haushalt in gehöriger Ordnung zu er⸗ halten, den Haushalt eines hochgeſtellten Beamten ohne Ver⸗ mögen,— Du kannſt nicht ermeſſen, was das ſagen will.“ Hier wurde die Schreiberin unterbrochen. Es klingelte an der Flurthür, ein Wagen war vorgefahren, und zwei Damen folgten dem anmeldenden Mädchen auf dem Fuße. Nun liebe Eliſe, da ſind wir, ſagte die ältere Dame, wir wollen ein Dämmerſtündchen mit Euch verleben. Eliſe grüßte die Tante Reifenhagen, denn dieſe war es, und die zwanzigjährige Emilie mit großer Herzlichkeit. Der General, der Gemahl der Tante, war erſt ſeit wenigen Wochen näch in verſetzt, und Eliſe, als ihr die Ge⸗ wißheit davon wurde, freute ſich ſehr auf dieſe gute und auf feſtem Grunde ſtehende Tante und hoffte, ſie ſollte ihr eine Hülfe d das Labyrinth des Stadtlebens werden. Zugleich aber) das hatte ſie ſich gleich klar gemacht, wurde ihr Leben auch verwickelter, es entſtanden Familien⸗Rück⸗ ſichten wieder nach dieſer Seite hin, und wenn auch die gute ſo überaus liebreiche Tante ihr nie unbequem werden konnte, Couſine Emilie mit dem feingeſchloſſenen Munde, dem feſten Willen und der ganz und gar abgeſchloſſenen Richtung war beinahe zu fürchten. Wo iſt Eliſabeth? fragte Emilie dringend. Sie iſt in der engliſchen Stunde, war Eliſens Antwort. Eliſabeth iſt Oſtern confirmirt, und ich denke, dann hört alles Studieren auf? ſagte Emilie ſcherzend. 64 Ich möchte, es wäre ſo! entgegnete Eliſe mit einem Seufzer. Dieſe fatalen theuren Stunden! Aber Eliſabeth würde ganz aus der Uebung kommen, weil ſie außerdem nicht Gelegenheit zum engliſch Sprechen hat. Und wozu lernt ſie ſo eifrig? fragte die gute Tante harmlos. Weil es doch zu ihrer Ausbildung gehört! entgegnete Eliſe raſch.— Emilie wollte etwas entgegnen, ihre Mut⸗ ter aber brach die Unterhaltung ab. Sie erzählte jetzt von ihrer neuen Einrichtung, von der überwundenen Unruhe, und wie es ihnen ſchon ganz heimlich in der neuen Woh⸗ nung ſei. Dann ſprach ſie in recht warmer Liebe den Wunſch aus, mit der Nichte recht eng und mütterlich zu verkehren, und Emilie fügte aufrichtig hinzu, wie ſie ſich freue, den Verwandten ſo viel näher gerückt zu ſein.— Eliſe war gerührt von dieſem herzlichen gegenkommen und, angegriffen und bewegt von der Stimmung des Tages, war ſie nahe daran, der guten Tante ihr Herz auszuſchüt⸗ ten, ähnlich als ſie es Schweſter Julchen gethan, als die Flurthür klingelte und bald darauf zwei Damen in das Zimmer traten. Wie ſehr zur unrechten Zeit kamen die beiden Schwe⸗ ſtern des Geheimerath Kühneman, Tante Paula und Tante Wina, wie ſie hier im Hauſe genannt wurden. Eliſe ſtellte die Schwägerinnen der Tante vor; Emilie hatte bei einem längerem Sommeraufenthalt in Woltheim ſchon ihre Bekanntſchaft macht, und beiden Theilen war es damals 65 ſehr bald klar geworden, daß ihrer Freundſchaft kaum zu überwindende Hinderniſſe im Wege ſtanden. Die beiden Tanten waren übrigens gut erzogen, um nicht dennoch freundlich und höflich zu ſein. Ueberdem aber waren ſie zu ſehr erfüllt mit eigenen Angelegenheiten, um ſich mit den fremden Eindringlingen in den ihnen ſo theuren Familien⸗ kreis für heute viel einzulaſſen. Liebe Eliſe, begann Tante Wina, wir kommen we⸗ gen der Toiletten⸗Angelegenheiten, Du wirſt etwas in Echoque geſetzt ſein durch dieſe plötzliche Einladung, wir wollen uns aber zur Hülfe anbieten. Es iſt durchaus noch nicht beſtimmt, ob wir hin⸗ gehen, entgegnete Eliſe abwehrend. Ich bitte Euch, fuhr Wina auf, verſucht es doch nicht zu excelliren in abſurden Grillen. Was ſoll denn aus Eli⸗ ſabeth werden? Ihr habt ſie lange genug als Kind behan⸗ delt, man erwartet allgemein, daß Ihr ſie dieſen Winter in die Welt einführt. In die Welt? fragte Eliſe gereizt. Ich gebrauche nur dieſen herkömmlichen Ausdruck, entſchuldigte Wina; ich weiß recht gut, daß Ihr nicht in der Welt lebt, wir wollen es auch nicht. Ja am allerwenigſten möchten wir unſere lieblich blühende Eliſabeth in einen Strudel ſtürzen, der ihr gei⸗ ſtig und leiblich gefährlich werden könnte; aber hin und wieder eine Geſellſchaft, ein Familienball, was ſoll ihr das thun?— Man muß auch nicht zu weit gehn, nahm Tante Paula bedächtig das Wort, ein junges Mädchen will ihr Cliſabeth. 1. 3 5 66 Vergnügen haben und unſere Eliſabeth tanzt ſo gern.— Das liebe unſchuldige Ding! fiel Wina wieder ein, laßt ſie doch umherſpringen und fröhlich ſein. Das kann man Alles, auch ohne einen Ball, warf Emilie etwas ſpöttiſch ein. O ja, der Geſchmack iſt verſchieden, nahm Wina mit einiger Schärfe das Wort; es wird uns auch nicht ein⸗ fallen über die Natur oder Unnatur jedes Geſchmackes zu richten. Der natürliche Geſchmack der meiſten jungen Mädchen iſt auf Bälle zu gehen, entgegnete Emilie ruhig, wir dan⸗ ken es aber nur unſerer Erziehung, wenn wir uns nicht unſeren natürlichen Neigungen hingeben. Wina ward feuerroth, die Generalin ſah Emilien war⸗ nend an, und Eliſe nahm ſchnell das Wort: Laß das, liebe Emilie, Du würdeſt Dich mit meinen Schwägerinnen nicht verſtändigen. Du weißt aber, daß ich mit Dir einer Mei⸗ nung bin, und ſiehſt, daß die lieben Tanten(fügte ſie ſcher⸗ zend hinzu) hergekommen ſind mich eines Beſſeren zu be⸗ lehren. Belehren laß ich mich freilich nicht, ſagte ſie wie⸗ der ernſthaft und in einer gewiſſen haſtigen Verlegenheit; aber ich ſehe ſchon im Voraus, daß wir uns nach allen Kämpfen doch für dieſes Mal den Wünſchen unſerer Freunde werden fügen müſſen. Die Folgen von auffallender Rück⸗ ſichtsloſigkeit und Unfreundlichkeit würden meinem Manne im f Verkehr mit ſeinen Collegen doch ſchwer werden, eben ſo mir. Ich hoffe aber, es geſchicht nur dieſes eine Mal. 67 Wir wollen uns gefällig zeigen, für die Zukunft werden wir uns beſſer vorbereiten, Eliſabeth ſoll um dieſe Zeit häufig zu den Großeltern reiſen. Ihr werdet aber den armen Sträfling vorher um ſeine Einwilligung fragen! warf Wina bitter dazwiſchen. Eliſabeth iſt ſehr gern in Woltheim, verſicherte die Mutter haſtig, ſie iſt ja mehr dort als hier geweſen. Uebri⸗ gens, liebe Tante, wandte ſie ſich wieder zur Generalin, iſt dies nur ein Familienball beim Geheimrath von Bauer, meines Mannes nächſtem Collegen. Gehört er zu Eurem näherem Bekanntenkreiſe? fragte die Tante ſanft. Das gerade nicht— ſagte Eliſe wieder etwas verle⸗ gen. Und nun ſind wir hergekommen, unterbrach ſie Tante Wina ſchnell, um von Dir zu hören, wie wir unſer liebes Kind kleiden ſollen, denn wir laſſen es uns nicht nehmen, Eliſabeth den erſten Ballanzug zu ſchenken. Ueber weißen Krepp ſind wir beide einig. Das iſt ſo zart und duſftig. Welche Farben aber wählen wir dazu? Ich bin für Him⸗ milblau; Eliſabeth iſt trotz der braunen Augen und der braunen Locken doch mehr blond zu nennen, es iſt beides ſo ſehr hell und licht, dazu dieſe himmliſchen zarten Farben.— Piquanter würde jedenfalls Ponceauroth ſein, ſagte Paula. Ich überlaſſe Euch ganz und gar dieſe Toiletten⸗An⸗ gelegenheiten, verſicherte Eliſe ſcherzend, mir iſt es gleich, ob Ihr Blau oder Ponccau wählt. Nicht doch, liebe Eliſe! belehrte Wina, ganz gleich⸗ 5* 68 gültig darf das einer Mutter nicht ſein, es iſt Eliſabeths erſtes Auftreten in der Welt und das iſt oft wichtig für das ganze Leben. Meinen Sie im Ernſt, daß Sie mit Blau oder Roth auf Eliſabeths Geſchick Einfluß üben können? fragte Emilie, die bis jetzt geſchwiegen,— nicht, wie Tante Wina beſtimmt glaubte, aus böſer Abſicht, nein, nur in der guten Abſicht ſich von den Damen nicht zur Heſtig⸗ keit reizen zu laſſen. Das ging ihr aber doch zu weit. Meine liebe Emilie, ich ſpreche aus Erfahrung, ſagte Wina wieder ſcharf, und die geht Ihnen noch ab. Und ich überlaſſe Euch das Blau oder Roth, nahm Eliſe vermittelnd das Wort, ſo iſt die Sache abgemacht. Ja die liebe Eliſe! wandte ſich Tante Paula gutmüthig zur Generalin, ſie hat wirklich ihre Noth mit den ſechs Kindern. Wir würden gern immer kommen und ihr hel⸗ ſen, aber ſie läßt uns nicht.— Eliſe ſchwieg und ſeußzte, ſie konnte nicht ſagen: Eure Nähe würde mir weit läſtiger ſein, als meine Arbeit, und Tante Paula fuhr fort: Sieht ſie nicht ganz angegriffen aus? Aber ich weiß, ſeit drei Nächten iſt ſie nicht vor ein Uhr zu Bette gekommen, ſie hat den kleinen Mädchen Jacken geſchneidert. Warum thuſt Du das? fragte die Generalin mit freundlichem Vorwurf. Liebe Tante, entgegnete Eliſe, weil eine ganz geringe Schneiderin täglich 10 Silbergroſchen koſtet. Rechne ich dazu die Verköſtigung, ſo iſt das eine Ausgabe, die ich berückſichtigen 69 muß. Aber ich muß wirklich geſtehen, ich fühle mich et⸗ was angegriffen, meine Nerven können dies ſpäte Aufſein nicht vertragen. Dieſe Nervenſchwäche iſt traurig, ſagte die Generalin theilnehmend, weil dadurch die Stimmung ſo leicht be⸗ drückt wird. Gewiß, entgegnete Eliſe, man kann mit den Kindern nicht ſo friſch und vergnügt ſein, wie man möchte, und wie man ſollte. Nein liebe Eliſe, begann Emilie, zwar etwas lebhaft, aber ſehr freundlich, ich würde doch Eliſabeth allein Eng⸗ liſch ſtudiren laſſen, und mir es für das Stundengeld be⸗ quem machen und eine Schneiderin nehmen. Wenn Du einmal Mutterpflichten zu erfüllen haſt, entgegnete Eliſe ziemlich ſelbſtgefällig, ſo wirſt Du anders darüber denken. Gewiß nicht,— fuhr Emilie auf, ich würde es für Sünde halten, wenn es meine Nerven zerſtört und mich untauglich macht zum Friſch⸗ und Fröhlichſein. Von ein paar Nachtwachen werden die Nerven nicht zerſtört, verſicherte Wina, es kommt da vieles zuſammen und liegt auch in der Anlage. Meine Mutter muß herrliche Nerven gehabt haben, ſagte Eliſe, ich erinnere mich kaum, daß ſie nicht immer friſch und vergnügt mit uns geweſen wäre, ebenſo wie der Vater. Ich muß aber Emilien Recht geben, nahm die Genera⸗ lin das Wort, Deine Mutter würde auch nicht theure eng⸗ liſche Stunden bezahlt haben, um ſie durch Nachtwachen wieder einzubringen, und Dein Vater, fügte ſie etwas zö⸗ gernd hinzu, würde das nicht gelitten haben. Eliſe ſchwieg, weil Tante Wina das Reden für ſie unternommen. Mit hochrothen Wangen und ſtarkem Eifer ſetzte ſie den Unterſchied der Verhältniſſe und des ganzen Lebens in Woltheim und Berlin auseinander,— als glück⸗ licher Weiſe die Thür klingelte und nach wenigen Minuten Eliſabeth in das Zimmer trat. Sie war wirklich ſehr hübſch, ihre hellen nußbraunen Augen ſtrahlten von Freude und Güte. Dabei war ihre feine ſchlanke Geſtalt voller Bewegung und Leben und ihr Weſen fröhlich und harmlos wie eines Kindes. Sie be⸗ grüßte die Tante Generalin mit herzlicher Umarmung, ebenſo Emilien, dann wandte ſie ſich zu Paula und Wina, ebenſo freudlich, nur weniger rückſichtsvoll. Wir haben eben Deine Balltvilette beſtimmt, hub Tante Wina an. Bitte ſehr! entgegnete Eliſabeth, die werde ich ſelbſt beſtimmen. Sei vorſichtig, Eliſabeth! warnte die Mutter, die Tanten möchten Dir den Anzug ſchenken. Ei wie gütig! rief Eliſabeth, und die Tanten begannen nun daſſelbe Kapitel vom weißen Krepp und von Himmelblau und Ponceau.— Mit weißem Krepp bin ich einverſtanden, verſicherte Eliſabeth herablaſſend, dazu aber nehmen wir Kornblumenblau, das liebe ich ſo ſehr.— Das Kind hat nicht Unrecht, entgegnete Tante Wina lächelnd, Himmel⸗ blau iſt etwas ſentimental und Ponceau anſpruchsvoll, dies 71 dunkelere Blau haͤlt ſo ſchön die Mitte.— Das Geſpräch war wieder in Gefahr weitläufig zu werden, die Mutter ſchickte darum Eliſabeth fort, den Thee zu beſorgen, und die Tanten, die ſich nicht ſehr wohl in der Generalin und ihrer Tochter Nähe fühlten, empfahlen ſich. Sie hatten in aller Eile vielerlei mit ihrem Liebling, ihrem Verzug, wie ſie ſelbſt die Richte nannten, zu flüſtern, und die Mutter warnte ihr Töchterlein, nicht zu beſtimmt auf den Ball zu rechnen, da der Vater noch nicht zugeſagt. Eliſe war darauf mit der Tante und mit Emilien allein. Ihre Nerven waren durch den letzten Beſuch nicht grſtärkt, ja ihre Stimmung war ſo bedrückt, daß ſie es nicht laſſen konnte, der Tante ihr Herz auszuſchütten. Die Tante aber ſaß traurig dabei, ſie ſagte im Stillen: O, daß du kalt oder warm wäreſt! Wehe über dieſes Mode⸗ chriſtenthum: gläubige Prediger hören, Bibelleſen, Haus⸗ andachten halten, von chriſtlichen Erzählungen erfüllt ſein, und dabei fortwährend Conflicte mit der Welt und Unftie⸗ den im Haus und im Herzen. Es iſt mir lieb, ſagte Eliſe mit bewegter Stimme, daß Ihr gleich einmal tief hineinſchaut in unſer Familien⸗ leben. Dieſe Kämpfe währen, ſo lange ich verheirathet bin, und es iſt mir, als wären ſie mir nicht ſo ſchwer geworden, da die Eltern meines Mannes noch lebten, als jetzt, wo die beiden Tanten Eliſabeth ſo ſehr in Anſpruch nehmen.— Ich glaube das, ſagte die Tante theilnehmend.— Obgleich unſere Anſichten ſo verſchieden ſind, fuhr Eliſe fort, Fami⸗ 72 lien⸗Rückſichten zwingen mich mit ihnen zu verkehren. — Gewiß, entgegnete die Tante, aber— Aber? fragte Eliſe dringend.— Du ſollſt Gott mehr gehorchen als den Menſchen, ſchloß die Tante.— Wenn man nur im⸗ mer entſchieden wüßte, was man thun ſollte! nahm Eliſe ſeufzend das Wort; es giebt Conflicte, wo man wirklich nicht ein und aus weiß.— Wenn Du den Herrn aufrichtig lieb haſt und aufrichtig bitteſt um Rath, wird er Dich nie ohne Rath laſſen, ſagte die Tante liebreich.— Eliſe ſchwieg, ihr Gewiſſen ſagte ihr, daß ſie den Rath des Herrn oft deutlich ge⸗ nug hörte, aber nicht die Kraft hatte ihn zu befolgen.— Es kömmt nur auf Treue an, fuhr die Tante fort; wir müſſen treu ſein im Kleinen. Iſt es uns nicht gleich gegeben, daß un⸗ ſer Leben, unſer ganzer Haushalt nach dem Worte Gottes geführt wird, ſo laß uns nur treu haushalten mit dem, was uns gegeben iſt. Dir wurden fromme Eltern und eine fromme gottesfürchtige Erziehung, Du haſt Erkenntniß in Gottes Wort und Sehnſucht nach etwas Beſſerem, als was die Welt Dir bietet: was hindert Dich nun, nach dieſer Erkenntniß zu leben und dieſer Sehnſucht zu folgen? Was hindert Dich daran? Familienrückſichten? Berufsrückſichten? Nein, Du kannſt ſie nicht vorſchieben, würdeſt Du wagen mit ſolchen Entſchuldigungen vor den Herrn zu treten?— Eliſe ſchwieg und forderte dadurch die Tante zum Weiterreden auf.— Denke Dir, liebe Eliſe, Du wüßteſt, daß Du in einem Vierteljahr ſterben ſollteſt, würdeſt Du Dich ent⸗ ſchließen können, Deine junge Tochter noch vorher in eine 73 Welt voll Gefahren einzuführen, wo Du gewiß weißt, ſie kann dort nichts gewinnen,— ich nenne den beſten Fall, — die Wahrſcheinlichkeit liegt aber auf der andern Seite, ſie wird etwas verlieren. Ja, wenn Du Deinen Tod ſo nahe vor Dir wüßteſt, würdeſt Du halbe Nächte hindurch ſchneidern, Dir Kraft und Stimmung dazu rauben, mit der Familie nach Herzenswunſch und Herzenspflicht leben zu können, nur um Eliſabeth Gelegenheit zum engliſch Sprechen zu geben und zugleich auch den Kindern eine Toilette zu verſchaffen, die, genau unterſucht, vielleicht auch nur aus äußeren Rückſichten angeſchafft würde? Eliſe ſah die Tante unverwandt an, Thränen fuüllten ihre Augen. Das unglückliche Stadtleben laſtet auf mir, ſagte ſie bewegt; wenn ich wie Julchen leben könnte, wie glücklich wollte ich ſein!— Was hält dich davon ab?— Unſer ganzer Bekanntenkreis.— In welcher Hinſicht zum Beiſpiel?— Ich muß mich und meine Kinder doch un⸗ gefähr ſo kleiden, wie es in dieſem Kreiſe Sitte iſt, mein Mann muß doch mit ſeinen Collegen verkehren, wir müſ⸗ ſen, wenn auch ſo wenig als möglich, dieſe Geſelligkeit erwidern. Einigen von unſeren Bekannten wird das nicht ſchwer, weil ſie reich ſind— und die anderen thun es aus denſelben Rückſichten. Und Ihr macht Euch gegenſeitig das Leben ſchwer, fiel die Tante ein. Liebe Eliſe! fuhr ſie jetzt dringender fort, das Leben iſt gerade ſo, wie wir es anſehen; die Idee iſt es, die unſerem Leben Farbe und Charakter ver⸗ 74 leiht. Wenn Du Deine Kindern elegant und modern an⸗ gezogen haſt, ſo fühlſt Du eine gewiſſe Beftiedigung, Du freuſt Dich darüber und denkſt, die Leute ſollen ſich auch darüber freuen, ſollen ſie bewundern, ſollen das recht und ſchön finden. Wenn Du im Gegentheil Deine Kinder ſo einfach als möglichſt anziehſt, Dich gar nicht nach der Mode, nur nach Deinem guten Geſchmack und nach den Sachen richteſt, die Du gerade haſt, ſo wirſt Du ebenfalls ein Publikum finden, was ſich darüber freut und Dich bewun⸗ dert, und es iſt doch keine Frage, welches Publikum uns lieber ſein wird.— Fliſe lächelte und ſeufzte.— Du mußt wiſſen, liebe Eliſe, fuhr die Tante wieder fort, ich ſpreche aus Erfahrung, ich habe mir ebenſo eine Welt voll Rückſichten geſchaffen, die mir Glück und Frieden raubte. In der erſten kleinen Garniſon⸗Stadt hatten wir nur Umgang mit Offizieren und mit der adligen Nachbarſchaft. Daß wir kein Vermögen hatten, war bekannt, und doch wollte ich das Wunder möglich machen und meinen Kin⸗ en dern, meinem gänzen Haushalte einen vorneh Anſtrich geben. Wenn wir allein waren und ſenen Thüren, that ich die geringſte Arbeit, um zu ich war ſehr genau und entzog den Kindern manche unſchul⸗ dige Freude, nur immer, um tüchtig zu ſparen. Friſches Obſt für die Kinder im Sommer zu kauftn war nicht er⸗ laubt, dagegen koſtete das Einmachen von feinen Früchten und Gelees viel Geld; es war aber Nothwendigkeit, wenn ich mit den Damen meiner Bekanntſchaft rivaliſiren wollte. 75 Daß ich von unſerem ganzen Bekannten⸗Kreiſe bewundert wurde, als eine geſchickte und kluge und gewandte Haus⸗ frau und Mutter, ſchien mir ein Erſatz. Daß ich aber der wahren Ordnung in hundert Stücken zu nahe trat, um dem äußeren Scheine zu genügen, daß ich, überhäuft von Arbeit und Sorgen, den Kindern auf harmloſe, freundliche Fra⸗ gen eine unfreundliche Antwort gab und ihnen oft genug eine ungeſchickte und unkluge Mutter war, das konnt ich mir nicht verhehlen, ich hatte Erkenntniß genug und hatte eigentlich den beſten Willen, gegen meine Fehler zu käm⸗ pfen. Meine armen Kinder waren am ſchlimmſten daran. Rit ihnen fröhlich und harmlos ein Kind zu ſein, an ihr inneres Wohlbefinden, an die Verſchwörung ihrer kleinen Welt zu denken, hatte ich nicht Zeit. Die Sorgen, was werden wir eſſen und trinken, womit werden wir uns klei⸗ den, wie werden wir unſere Kinder gut erzogen und ge⸗ ſcheit und klug machen, und wie werden wir überhaupt unſer Haus in den Ruf eines liebenswürdigen bringen, nahmen meine Gedanken in Anſpruch. Dieſe Sorgen ſchüt⸗ telte ich meiſtens nur ab in unſeren Geſellſchaften, da war ich belebt und fröhlich und liebenswürdig, meine Kin⸗ der aber hatten davon nichts. Wie ich es Dir hier ſchil⸗ dere, ſieht es in tauſend und aber tauſend Familien un⸗ ſerer gebildeten Stände aus: ſie leben für dieſe Welt und ernten den Unfrieden und die Unruhe dieſer Welt. Ich habe mich ſo hingequält, bis eine heſtige Krankheit mich zur Beſinnung brachte. O liebe Eliſe, ſagte die Tante 76 bewegt, ich fühlte mich am Rande des Grabes, ich ſah die Kinder verlaſſen, bange, trauernd, und die Täuſchung meines Lebens laſtete auf meiner Seele. Der Herr aber ſchenkte mir das Leben wieder. Mit welcher heißen Liebe umfaßte ich da meine Kinder, wie erkannte ich ſo deutlich meinen Beruf, wie erkannte ich mein ſündliches Leben,— was mir meine Umgebungen als ein pflichtgetreues vorgeſchmei⸗ chelt. Mit meiner Geneſung begann ein neues Leben in unſerem Hauſe, und mein lieber Mann war ſehr zufrieden damit. Ja ich glaube, in ſo thörichte eitle Rückſichten verwickeln ſich am liebſten die Frauen, wenigſtens könnten ſie gewiß ihre Männer, die ohnehin in ihrem Berufsleben ſo manchem Zwange unterworfen ſind, bald dazu bewegen, im eignen Hauſe dieſe traurigen Zwangsjacken abzuwerfen, wenn ſie ihnen ſtatt eines Umgangs, der hauptſächlich nur dem Schein zu genügen ſucht, die rechte Behaglichkeit eines ungeſtörten und erquickenden Familienlebens bereiteten. Eliſe, obgleich ſie ſich in dem gezeichneten Bilde viel⸗ fach getroffen fühlte, konnte das der Tante doch nicht zu⸗ geſtehen. Sie wollte durchaus ſchon das Rechte erfaßt ha⸗ ben und ihr ganzes Haus ſollte davon zeugen. Liebe Tante, ich verſichere Dich, das Alles ſollte mir gar nicht ſchwer wer⸗ den, wir leben doch eigentlich nur in einem chriſtlichen Kreiſe. — Die Tante nickte, ſie ſah aber dabei etwas beſonders aus.— Aber die Familienrückſichten, fuhr Eliſe eifrig fort, dieſe beiden Tanten,— o Du glaubſt nicht, wie ſchwer das iſt. 77 Haben die Tanten eigentlich andern Umgang als Ihr? ſagte Emilie, die bis jetzt beſcheiden geſchwiegen.— Sie haben mehr Umgang als wir, erwiderte Eliſe, allerdings gehören ſie auch zu unſerem Kreiſe.— Giebt es denn in dieſem Kreiſe Bälle? forſchte Emilie weiter.— Bauers gehören nicht zu unſerem näheren Umgang, entgegnete Eliſe, wir laden uns nur gegenſeitig zu größeren Geſellſchaften ein. Uebrigens werdet Ihr doch nicht größere Geſellſchaften und Bälle ganz und gar verwerfen wollen? Der Onkel war als Regimentscommandeur doch auch gezwungen, Ge⸗ ſellſchaften und Bälle zu geben?— Geſellſchaften wohl, entgegnete Emilie ſchnell, aber er war nicht gezwungen, ſeine Töchter zum Tanzen herzugeben. Ja liebe Eliſe, nahm die Tante ſanfter das Wort, es war mir immer ein ſchwerer Gedanke, meine lieben Mädchen, die ich auf meiner Seele trug, die ich gern bewahren wollte vor dem Giſthauch, der ſchon manche Blume verkümmert hat, wenn ich ſie mit Männern ſollte tanzen ſehn, die durch ihre Geſinnung ſonſt von unſerem Familienkreis ausgeſchloſſen waren. Das aber iſt nicht zu vermeiden, wenn wir ſie in fremden Kreiſen tanzen laſ⸗ ſen. Ich will damit nicht ſagen, daß es unbedingt jedem Mädchen ſchaden muß, wenn ſie einen Ball beſucht, da⸗ gegen ſpricht die Erfahrung. Ich will auch nicht ſagen, daß wir unſere Kinder ganz und gar von der ſogenannten Geſellſchaft ausſchließen können und müſſen. Ja, ich möchte ernſthaft warnen,— ſie ſchaute dabei unwillkürlich auf 78 Emilien,— alle Menſchen in dieſer ſogenannten Geſell⸗ ſchaft gleich hart zu beurtheilen; aber unſer Leben ſoll dennoch bezeugen, daß wir entſchieden nur dem einen Herrn dienen, und unſer ſelbſtgewählter Ungang muß mit uns auf gleichem Grunde ſtehen. Wir ſollen wachen und be⸗ ten, daß die Welt nicht an uns heran kann, und dabei treu ſein in der geringſten Kleinigkeit, und die Treue in der geringſten Kleinigkeit keine Minute aufſchieben. Die Treue eines ſolchen Sinnes ſegnet der Herr, und mit dieſem Sinn können wir für uns und unſere Kinder deſto ruhiger ſein, wenn uns der Zufall oder Berufspflichten wider unſeren Willen in weltliche Kreiſe hineinführen. Es iſt uns auch dies letztere, obgleich wir uns nicht davor ge⸗ fürchtet haben, ſelten begegnet; denn je entſchiedener wir bekennen und danach wandeln, je leichter wird uns Alles, auch die Geſelligkeit. Es verlangt ja Niemand in das Haus, der ſich nicht auch wohl fühlt darin, und zwar wohl fühlt darin ohne die gegenſeitige Spannung, liebens⸗ würdig und intereſſant ſein zu müſſen. Das Urtheil und die Liebe der Freunde hängen nicht von einem Tage ab, und die Hausfrau darf an eingemachte Früchte, Toilette und intereſſante Unterhaltung gerade ſo viel denken, als es die Gaſtfreundſchaft verlangt. Die Intereſſen gehen über ſo kleine unwichtige Dinge hinaus, und der Größe der In⸗ tereſſen angemeſſen iſt das Vergnügen des Zuſammenſeins, Freude und Friede und Wohlbehagen. Liebe Tante, das Alles, hoffe ich zum Herrn, wer⸗ — 79 det Ihr in unſerem Kreiſe auch finden, entgegnete die Nichte etwas gereizt. Liebe Eliſe! nahm die Tante jetzt ziemlich feierlich das Wort, einer Mutter, die eine Tochter auf einen Ball führt, weil ſie noch ſchwankt zwiſchen dem Herrn und zwiſchen der Welt, weil ſie ſich nicht los machen kann von Eitelkeit, Sorgen und Rückſichten, die allein der Welt angehören,— ſpreche ich das Recht ab für ſie zu beten. Tante, rief Eliſe ziemlich heftig, wie kannſt Du ſo hart ſein! Wenn eine Mutter bittet:„Herr, führe meine Toch⸗ ter nicht in Verſuchung,“ iſt es nicht faſt wie Spott, wenn ſie ſelbſt die Tochter hinein führt? Wie viele unſchuldige junge Mädchen tanzen, und es ſchadet ihnen wirklich nichts! entgegnete Eliſe wieder. Damit würdeſt Du ausſprechen, daß für junge un⸗ ſchuldige Mädchen die Fürbitte überhaupt nicht nöthig iſt, denn die größte Verſuchung, die es für junge unſchuldige Mädchen geben kann, ſind doch wohl dieſe Art Bälle. So hältſt Du das Tanzen überhaupt für unerlaubt? unterbrach ſie Eliſe. Und doch erlaubt es ſelbſt Luther, ich kann Dir Stellen ſagen, wo er darüber ſpricht, faſt wört⸗ lich weiß ich ſie auswendig.— Die Tante wollte ſie unterbrechen, aber ſie litt es nicht und fuhr eifrig fort. Er ſagt: Vom Tanzen muß man das Gleiche wie vom Schmuck ſagen: es bringt viel Anregung zur Sünde, wenn es ohne Maaß und Zucht geſchieht, aber weil das Tanzen 80 auch der Welt Brauch iſt bei jungen Leuten, die zur Ehe greifen, und es eben auch züchtig und nur zur Freude geſchieht, ſo iſt es nicht zu verdammen. Daraus ſollen die hoffärtigen Heiligen nicht Sünder machen, wenn es nur nicht zum Mißbrauche geſchieht.— Er ſagt auch: Wo es züchtig zugeht, laſſe ich der Hochzeit ihr Recht und tanze immerhin. Der Glaube und die Liebe läßt ſich nicht austanzen. Die jungen Kinder tanzen ja ohne Sünde; das thue auch, und werde ein Kind, ſo ſchadet dir der Tanz nicht. Eliſe hatte das ziemlich triumphirend geſagt und die Tante freundlich zugehört, nicht ohne einige Seitenblicke auf Emilien, die unruhig zu werden ſchien. Jetzt nahm die Tante das Wort: Ich bin mit Luther ganz einverſtan⸗ den, auch wir verwerfen das Tanzen nicht geradezu. Vor allen Dingen aber bedenke, ob Dir Luther erlauben würde, mit weltlichen und ungläubigen Leuten denſelben Weg zu ziehen und mit ihnen zu tanzen. Liebe Tante, wir verkehren aber nicht mit weltlichen ungläubigen Leuten! unterbrach ſie Eliſe lebhaft. Prüfe Dich einmal aufrichtig, fuhr die Tante ruhig fort, was Dich bewegt, auf dieſen Ball zu gehen. Du mußt es gewiß zugeben, Du führſt Deine Tochter geradezu und ſo ganz ohne Noth in die Welt hinein, und wider⸗ ſprichſt mit dieſem Aete der chriſtlichen Erziehung, die Du ihr mit Wachen und Beten wollteſt angedeihen laſſen, ganz und gar. Wenn Luther hier vom Tanzen redet, ſo denkt — 81 er an Hochzeiten und Familienfeſte in kleinen befreundeten Kreiſen. Zu Deiner Eltern Silberhochzeit haben wir alle fröhlich getanzt, das war aber nur um unſerer Freude einen Ausdruck zu geben, und Niemand wird ſich ein Gewiſſen daraus gemacht haben. Eben ſo iſt in unſerem Hauſe und auch bei unſeren Freunden zuweilen an feſtlichen Tagen getanzt worden: die jungen Männer, denen es erlaubt war, mit unſeren Töchtern zu tanzen, waren von uns geachtet und wohlgelitten, und mit Vergnügen ſahen wir Eltern der Jugend zu, die fröhlich und gewiß in Luthers Sinne getanzt hat. Freilich auch hier mit Unterſchied, einer mit mehr Vergnügen als der andere. Emilie hat ſelbſt hier nicht getanzt, fügte ſie lächelnd hinzu. Wir können ihr das weder zum Vorwurf, noch zur Tugend anrechnen; es iſt ebenſo, als wenn ein Mädchen mehr Neigung zum Heirathen hat, und ein anderes in ein Kloſter zu gehen, oder wie es ja unſere evangeliſchen Jungfrauen auch thun, ihr Leben ernſten Zwecken zu weihen. Der Apoſtel ſpricht ſich deutlich genug darüber aus, es kommt auf den inneren Beruf an. Der eine iſt ernſt ſchon von Jugend auf, der andere fröhlich; die Hauptſache iſt und bleibt doch, daß wir uns von ganzer Seele dem Herrn ergeben, uns ſtreng abwenden und abſondern von der Welt Anſichten und Mei⸗ nungen und Gebräuchen und Freuden, entſchieden bekennen nicht nur in Worten, ſondern durch unſer ganzes Leben, daß wir Kinder Gottes ſein und unſeren Reichthum, unſer Glück und unſern Frieden nicht vertauſchen wollen mit einer Eliſabeth. 1.. 6 82 ſo armſeligen gemachten Schein⸗Welt. O, ſetzte die Tante warm hinzu, wem der Herr Kinder geſchenkt hat, ſollte gar keine andere Freude und Unterhaltung ſuchen, als mit ſeinen Kindern,— ich ſage ſuchen, denn es findet ſich dann manche liebe Seele, die, von dem warmen Lichtſtrahl eines ſolchen Familienlebens angezogen, gern dazwiſchen iſt. Wenn ein Familienleben mit kleinen Kindern treu und gewiſſenhaft vor dem Herrn iſt, wenn die Kinder aufwach⸗ ſen in dem Einen, was der Seele Licht und Leben und Freude giebt, dann wird ſich auch das Leben mit großen Kindern der Welt gegenüber leicht und natürlich geſtalten. Solche Kinder entbehren nicht die Freuden der Welt, ſie finden täglich und ſtündlich etwas weit beſſeres im Hauſe, ſie fühlen ſich da ſo heimiſch und wohl, daß ihnen der Gedanke, in die ſehr thörichte Welt hinausgeführt zu wer⸗ den, unheimlich oder auch komiſch vorkommt, je nachdem die Anlagen ſind. Es ſchließt dies Alles nicht aus, daß wir unſere Kinder lehren,(und ihnen ſelbſt natürlich mit gutem Beiſpiel darin vorangehen) den Nächſten dort in der Welt auf dem Herzen zu tragen, ihnen zu dienen und zu helfen, ja von uns ſoll ihnen liebreicher und be⸗ reitwilliger gedient werden als von ihren Freunden in der Welt. Eliſe ſchwieg, ſie fühlte die Wahrheit dieſer Schilde⸗ rung nur zu gut. Es war ja das getreue Bild ihrer Ju⸗ gend, ihres Lebens im elterlichen Hauſe ſelbſt. Die Erin⸗ nerung daran war auch der ſchmerzende Stachel, der ihr 83 im Herzen ſaß und ſie keinen Frieden, keine Genugthuung finden ließ, trotz ihres Fleißes, trotz ihrer Hausfrauentreue vom Morgen bis zum Abend. Sie ſuchte den Grund ihres Unbehagens, ihres Unftiedens, des ganzen Unſegens, der auf ihrem Familienleben ruhte, ſo gern in den Fol⸗ gen des Stadtlebens. Als ſie im vergangenen Herbſt der Mutter ihre Noth darüber klagte, hatte dieſe geſagt: Meinſt Du, daß den armen Städtern die Seligkeit vom Herrn rund abgeſprochen und der Weg zur Seligkeit, zum Frieden und zur füßen Gemeinſchaft mit Ihm abgeſperrt iſt? O nein: Warte nicht auf andre Zeiten, nicht auf andern Ort und Stand, Denn Gott hätt' es ſchon geändert, hätt'er es für gut erkannt. Hoffe nicht auf dies und das, was noch ſoll allhier geſchehen; Richte von dem Augenblicke nur dein Herz dem Himmel zu; Such' in Hoffnung jener Freude nur allein die wahre Ruh', Und verſpare deine Luſt,(nußt du hier mit Thränen ſäen) Bis zu jener Ewigkeit. Denn je mehr man ſich enthält, Und ſich aller Ding entſchlägt, deſto ſüßer wird die Freude Und die Herrlichkeit dort ſein. Drum ſo kämpfe, meid und leide, Seufze ſtets: Mein Licht und Führer, zeuch mich, zeuch mich von der Welt. Laß mit jedem Tritt und Schritt mich zur Ewigkeit nur eilen, Und nicht einen Augenblick mich in etwas mehr verweilen. Wenn Dich dies noch ſchwer und bitter dünkt, hatte die Mutter geſagt, ſo glaube nur, daß Dein Herz nicht dem Herrn, ſondern der Welt gehört. Der Stachel aber und die Unruhe in Deinem Herzen, ja, das iſt der Segen meiner Fürbitten für mein armes liebes Kind. So hatte die Mutter mit Thränen geſchloſſen. Eliſe hatte mit ihr 84 geweint und mit ihr einen Bund des Gebetes gemacht, dem ſie ja auch in jeder frühen Morgenſtunde nachzuleben ſuchte. Trotz des Gebetes waren aber ihre Stimmungen verſchieden. Zuweilen dachte ſie: Die Mutter hat Recht und es ruht der Segen ſchon auf ihrem irdiſchen Leben. Dann wieder konnte ſie ſagen: Wenn die Mutter in einer großen Stadt hätte leben müſſen, würde es anders geweſen ſein, ſie kann es nicht beurtheilen, und es muß ſiher möglich ſein bei äußerer auch verſchiedener Lebensart denſelben Kern zu be⸗ wahren. Die Tante hatte in ihrem jetzigen Geſpräch das ganz und gar beſtritten, und Eliſe konnte nicht das Stadt⸗ leben als Entſchuldigung vorbringen, weil die Tante in ganz ähnlichen, ja vielleicht noch ſchwierigeren Verhältniſſen lebte, als ſie ſelbſt. Verlegen und unzufrieden und mit zitternder Stimme ſagte ſie jetzt: Der Ball, der unſere Frage jetzt veranlaßte, hat mich und meinen Mann ſchon Kämpfe gekoſtet, aber wir haben uns wirklich beide mit Luthers Worten heute beruhigt. Ihr könnt Luther nicht ſo mißverſtehen, nahm die Tante noch einmal dringend das Wort, wenn Du ſeine Schriften bei der Hand hätteſt, wollte ich Dir auch zeigen, wie mißbilligend er von dem„öffentlichen Tanzen“— und dazu gehören doch Eure Bälle— ſpricht, wodurch unſäglich viel Sünden entſtünden. Und wie er ſich überhaupt zu dem Treiben der Welt ſtellt. Einer Stelle erinnere ich mich deut⸗ lich. Die Welt iſt die Welt, ſagt er da, ja einclUnwelt, ein Feind Gottes. Man darf in der Welt nichts ſuchen, 85 was Gott gefalle, denn da iſt eine Sünde über die andere. Man ſpürt auch den großen Zorn Gottes, doch lacht man und hüpft und ſpringt, iſt luſtig und guter Dinge, gleich als wenn keine Gefahr vorhanden, ſondern alles unſer Thun gut und köſtlich Ding wäre.— Liebe Eliſe, ich möchte Dir heute ſo dringend abrathen, weil Ihr, wenn Ihr Eliſabeth einmal beginnen laßt, ſie ſchwer wieder zurück⸗ ziehen könnt. So wie dieſe Gelegenheit werden ſich eine Menge Gelegenheiten darbieten, und wenn Ihr jetzt nicht den Muth zum Ausſchlagen habt, werdet Ihr ihn nie ha⸗ ben dürfen.— Sollte nicht Eliſabeth ſelbſt irre werden, fügte Emilie ziemlich beſcheiden hinzu, dergleichen mit ihrer chriſtlichen Erziehung zuſammen zu räumen? In dem Augenblick kam Eliſabeth ſelbſt herein, ſie trug ſehr künſtliche feine Butterbrode und Theekuchen, und das Mädchen folgte mit dem Theekeſſel und mit den ande⸗ ren nöthigen Sachen. Nun will ich Euch Lieben ſchön bewirthen, ſagte ſie fröhlich. Um dieſe Zeit Thee trinken, iſt gar ſo hübſch, wenn ich das einmal haben kann, werde ich es einrichten. Dann gehe ich immer vorher in der Dämmerung ſpazieren; ich liebe es ſehr, wenn es ſo wie heute ſtürmt und etwas wüſt iſt, darauf iſt es zu ſchön in einem gut eingerichteten Wohnzimmer. Deiner Fantaſie wird es nicht ſchwer werden den Thee hinzu zu denken, ſagte lächelnd die Mutter, und außerdem iſt Dir das Vergnügen erlaubt. 86 Nein, Mama, hier geht das doch nicht recht, entgegnete Eliſabeth, die Kleinen laſſen mich ſelten in Ruhe, und dann iſt es bei uns zu unruhig überhaupt. Komm nur recht oft zu mir, ſagte Emilie, wir wol⸗ len Thee zuſammen trinken und leſen und muſiziren, ich habe das Reich allein, weil ich das kleinſte Kind bin. Schön, liebe Emilie, ich komme! rief Eliſabeth und umarmte dabei die Quaſi⸗Tante ſo herhlich, als wie ſie damals Tiſche und Stühle umarmt hatte. In den näch⸗ ſten Tagen freilich kann ich nicht kommen, fügte ſie nach⸗ denklich hinzu, morgen und übermorgen bin ich in Penſion bei den Tanten, da wird geſchneidert, dann kömmt der Ball.— Eliſabeth war zu klug, um nicht an den Zügen der Mutter zu merken, daß ihr das Geſpräch nicht ange⸗ nehm ſei; ihr Herz war aber zu voll, ſie konnte unmöglich ſchon ſchweigen. Liebe Tante! begann ſie komiſch und feierlich, ich bitte Dich, rede der Mama nicht ab nach dem Ball zu gehen, ich freue mich zu ſehr darauf.— Ich habe ſchon abgeredet, entgegnete die Tante ſanft.— Und ich verſpreche Dir, fiel Emilie ein, den ganzen Winter hindurch die herrlichſten Thee⸗Abende, wenn Du den Ball aufgiebſt. — O herzensliebe Emilie, lachte Eliſabeth, erſt gehe ich auf den Ball und dann folgen die herrlichen Thee⸗Abende. Liebe Tante, wandte ſie ſich ziemlich altklug zur Generalin, Du weißt vielleicht nicht, daß es hier in Berlin Mode iſt, daß auch gläubige Leute Bälle, Conzerte und Theater beſuchen. 87 Eliſabeth, Du biſt ein albernes Kind, unterbrach ſie die Mutter ärgerlich, und die Tante fühlte deutlich, daß dies Geſpräch nicht wieder begonnen werden dürfe. Sie fragte nach den kleinen Kindern und verlangte ſie hier zu haben. Eliſabeth eilte mit Emilien fort, und beide kehr⸗ ten mit drei Kleinen, einem fünfjährigen Knaben und zwei etwas älteren Mädchen zurück. Einige Minuten ſpäter ka⸗ men auch Fritz und Karl, die beiden Gymnaſiaſten, die in des Vaters Zimmer gearbeitet hatten, und die gute Tante und ebenſo Emilie hatten bald eine fröhliche und harm⸗ loſe Unterhaltung in Gang gebracht. 6. Vorbereitungen zum Ball. Den Nachmittag vor dem Ball war im Kühnemanſchen Hauſe große Aufregung, beſonders in der Kinderſtube. Auf einen Ball gehen, ſo etwas war noch nicht dageweſen. Die kleinſte Charlotte hatte es auch nicht begriffen, was das zu bedeuten hatte. Auf einen Ball will Eliſabeth ge⸗ hen? fragte ſie kopfſchüttelnd, das iſt wohl ein recht großer Ball? O nein, belehrte das etwas ältere Mariechen, es iſt nur ein Familienball. Ach ſo— ein Familienball. Aber kullert der denn nicht immer? fragte Charlottchen weiter. Ein allgemeines Gelächter ward dem armen Charlottchen zur Antwort.— Ein Ball iſt eine große Geſellſchaft, nahm Mariechen wieder belehrend das Wort. Und weil die Leute dort tanzen und ſpringen und Alles kunterbunt durchein⸗ ander geht, fügte Fritz hinzu, darum heißt es ein Ball. Dem kleinen Charlottchen ſchien ein wunderliches Bild durch den Kopf zu gehen, ſie ſah ganz bedenklich Schweſter Eli⸗ ſabeth an. Ich weiß nur gar nicht, warum Eliſabeth Tanz⸗ ſtunde gehabt hat und wir nicht, begann Karl, ein luſtiger und begabter Junge, mit dem die Ettern aber nicht im⸗ mer zufrieden ſein konnten.— Weil Ihr dumme Jungens ſeid, entgegnete Eliſabeth ſcherzend.— Du willſt aber heute mit Herren tanzen, die auch dumme Jungen waren, wenn ſie es nicht noch ſind, fuhr Karl fort.— Bſt! 89 drohte Eliſabeth, Du hörteſt doch von Papa, daß Herr von Bauer dem Großpapa ſeine Küraſſiere aus Braunhau⸗ ſen herbeſtellt hat?— Küraſſiere? fragte Charlottchen wie⸗ der erſtaunt. Ja ein ganzes Regiment! verſicherte Karl.— Aber Eliſabeth, begann Charlottchen warnend, warum gehſt Du nur dahin, wo ein Ball iſt und wo auch Soldaten ſind?— Charlottchen iſt bange, ſie nehmen Eliſabeth ge⸗ fangen, lachte Karl. Charlottchen nickte. Es ſind ja Freunde, belehrte Mariechen, und Papa und Mama gehen ja auch mit und bringen Eliſabeth wieder mit.— Fritz, der älteſte Bruder, ein ſehr vernünftiger und guter Junge, dem Großvater, deſſen Namen er trug, auch ſehr ähnlich, trat jetzt zu Eliſabeth und ſagte: Ich weiß doch gar nicht, Eliſabeth, wie Du gern auf dieſen Ball gehen kannſt? Wür⸗ deſt Du es Oſtern geglaubt haben? Er erinnerte an Oſtern, weil ſie da zuſammen confirmirt waren; ſie hatten von einem gläubigen Prediger vorzüglichen Unterricht gehabt, und Eliſabeth mit ihrer warmen Empfindung war ganz davon hingenommen. Aber was dieſe ſchöne Confirmatibn und darauf ein längerer Aufenthalt bei den Großeltern in ihr angeregt, war durch die weichlichen äſthetiſchen Tanten und durch das Schwanken der Mutter in Gefahr gerathen. — Die Eltern gehen aber mit mir hin, entgegnete Eliſa⸗ beth halblaut.— Sie würden ſehr froh ſein, wenn Du ſagſt, Du möchteſt nicht, ſagte Fritz wieder. Eliſabeth ſah ihn nachdenklich an.— Und wenn Du es jetzt noch ſagſt! fuhr er haſtig fort. Ja, ja, rief Karl, und für 90 das Geld, was der Wagen koſtet, und für das Trinkgeld, was Papa geben muß, hole ich einen Haufen Pfeffernüſſe und Zuckerſachen, wir ſpielen alle zuſammen Schimmelſpiel. Ja, ja, riefen die Kinder jubelnd, das wäre weit ſchöner. — Aber Kinder, ſeid doch nicht albern! nahm Eliſabeth gereizt das Wort, denkt doch an die Tanten und mein wei⸗ ßes Kreppkleid mit den blauen Schleifen.— Der Sturm beruhigte ſich und Eliſabeth ſchlüpfte während der Zeit hinaus in das Wohnzimmer, wo ſie ganz allein war. Sie ſetzte ſich an das Clavier, ohne zu ſpielen, ihr junges Herz war gedankenſchwer. Dieſer Ball, der ihr von den Tanten als etwas ganz unſchuldiges und paſſen⸗ des vorgeſtellt war, hatte, obgleich ſie es nicht merken ließ, ihr doch genug Bedenken gemacht. Fritzens Erinnerung an Oſtern brachte ſie jetzt ganz aus dem Gleichgewicht. Was hatte ſie Oſtern gelobt! Wie hatte ſie ihr Herz da ganz ihrem Heiland hingegeben! Und das war ſo ſelig und wunderſchön! ſie hatte es Niemanden beſchreiben können und auch wollen, nur die Großmutter, die ſo gut verſtand, einem das Herz weich zu machen, hatte ſie es merken laſſen, und die Großmutter hatte innigen Theil daran genommen. Wenn die Großmutter wüßte, daß du einen Ball beſuchen willſt, dachte ſie, und mit Offizieren umherſpringen, wie Ma⸗ riechen ſagte!— O, es wurde ihr angſt und bange! Sie griff nach einem Notenbuche, ſaß erſt ſtumm davor, dann griff ſie einzelne Noten, dann ſang ſie ganz leiſe: —— ——— 91 Herr, ich lieb Dich, Herr, ich lieb Dich, Ach, von Herzen lieb ich Dich, Laß mich nicht von Dir abwenden, Und von falſcher Lieb verblenden, Eitler Lieb will mich entſchlagen, Daß aus Herzensgrund kann ſagen: Herr, ich lieb Dich, Herr, ich lieb Dich! Ach, von Herzen lieb ich Dich! Nein, weiter konnte ſie nicht ſingen, ſie fühlte es, der Herr wollte ſie nicht hören, wie konnte ſie ſingen:„Eit⸗ ler Lieb will mich entſchlagen,“— eben im Begriff ſehr untreu zu ſein? Lieber Herr! fügte ſie ſeufzend hinzu, ich werde mich nicht wieder darauf einlaſſen; jetzt muß ich wohl der Tanten Kleid anziehen, aber behüte mich nur und verzeihe mir, o laß mich einſt ſelig werden!— Thrä⸗ nen tropften leiſe auf ihre Hände, ſie wagte kaum zu bit⸗ ten und wußte kaum, was ſie bitten wollte,— aber wollte doch das Herz dem Herrn geben, und ſaß ſo weinend und ſchwan⸗ kend wie ein ſchwaches Rohr. Sie hätte jetzt die Tanzluſt gern daran gegeben, wenn ihr nur Jemand geholfen hätte. Während die Tochter hier mit ſchwachem ſehnendem Herzen weinte, ruhete nebenan im Kabinet die Mutter und weinte recht bittere Thränen. Sie hatte kaum gewußt, wie es eigentlich im Herzen der Tochter ausſah, ſie hatte aber gebetet, ſo oft und ſo dringend, für ihre Kinder und beſonders für die heranwachſende Tochter; jetzt fuhr es wie ein Blitz durch ihre Seele, was dieſer Geſang bedeu⸗ ten ſolle„Herr, ich lieb dich, Herr, ich lieb dich.“ Sie 92 will den Herren lieben, will ſich gern der eitlen Lieb ent⸗ ſchlagen, und eine ungetreue Mutter iſt ihr hinderlich dazu. Wie kann ein betendes Mutterherz ſo viel Eitelkeit in ſich verbergen! Die Tochter iſt ſo ſchön, ſpricht es, ſoll ſie im Verborgenen verblühen? Sie kann ja ihr irdi⸗ ſches Glück machen, ohne das himmliſche zu verſäumen. Es kommen gerade in dieſe Geſellſchaft ſo viele vornehme Leute, es wäre doch ſchön, wenn die theure Tochter in dieſem Kreiſe einen vornehmen Mann, aber auch einen wür⸗ digen Mann kennen lernte; man wird ja nicht zugeben, daß ſie einen unwürdigen wählt. Wo ſoll ſonſt ein Mäd⸗ chen überhaupt Männer kennen lernen als in größeren Ge⸗ ſellſchaften?— Wenn ſich vor ſolchen Gedanken ein Mut⸗ terherz ſchämt und ſie nicht aufkommen laſſen will, dann naht ſich der Verführer auf eine andere Weiſe:; Wo ſoll ſich eine Tochter bilden, als im Verkehr mit Menſchen, wo ſoll ſie feſt und ſelbſtändig werden, als eben hier? Ein⸗ ſeitigkeit und Hochmuth ſind Fehler, denen am beſten im Umgang mit anderen Menſchen, beſonders mit fremden und uns überlegenen Menſchen Abbruch gethan wird; alſo kann es unter Umſtänden recht gut ſein, eine Tochter aus dem Hauſe hinaus in die Welt zu führen, und es wäre doch ſehr traurig, wenn ſie nicht ſo feſt wäre und über ſolchen Gefahren ſände.—— Solche Welt⸗Klugheit wird ſich rächen. Nein Mutterherz, du kannſt für deine Tochter nicht beten, wenn du nicht glaubſt, ja ſo recht ſelig und feſt über⸗ zeugt biſt, der Herr, der jedes Haar auf unſerem Haupte 93 gezählt hat, der werde auch deiner Tochter den zu ihrem Heil erwählten Mann zuführen, ohne dein Sinnen und ohne deine menſchlichen Gedanken, und deine Tochter wird gebildet, ſelbſtändig und verſtändig werden auch ohne die Mittel, welche ordinäre Weltklugheit dir räth. Der Herr wird Rath ſchaffen, wenn du nur getreu vor ihm wan⸗ delſt.— Mit ſo vieler mütterlicher Thorheit und Eitel⸗ keit im Herzen darfſt du aber nicht beten und um Hülfe bitten. Glaubſt du nicht, daß die Fehler, die du in deinem Herzen hegſt,— noch ſo verborgen hegſt,— ſie werden dich an deinen Kindern ſtrafen?— Ja das iſt eben das Wunderbare und Geheimnißvolle, du magſt mit Wort und Lehre deine geheimen Fehler ganz eifrig und geſchickt verbergen, ſie werden ſich an den Kindern dennoch offenbaren. Das iſt der Fluch des Welt⸗Geiſtes, der ſich nicht durch ſchöne Worte bannen läßt. Die Kinder wiſſen nicht, wie es im Herzen der Mutter ausſieht, ihr Wiſſen und Verſtand kann ganz anders denken, aber ſie fühlen es, es liegt hemmend auf ihrem eigentlichen Seelenleben. Eben ſo aber iſt es mit dem Gottes⸗Geiſte: wenn er da ſtill und verborgen im Herzen wohnet und Gewalt darin hat, ſo wird er Zeugniß von ſich geben ohne viele Worte und Lehren, er wird ebenſo geheimnißvoll Segen um ſich ver⸗ breiten. Wenn ein Mutterherz immer nur recht um Kraft bitten könnte, dieſe verborgendſte Eitelkeit ihres Herzens, die gar oft im tugendlichen Gewande zu erſcheinen wagt, zu überwinden, wenn es mit rechter Freudigkeit beten könn⸗ 94 te ich wünſche für meine Kinder kein Anſehen vor der Welt, weder daß ſie klug, oder ſchön, oder vornehm und liebenswürdig vor der Welt ſind,— ob die Söhne Car⸗ riere machen oder ob die Töchter ſich verheirathen, ich wün⸗ ſche nur, daß du, Herr, ſie anſiehſt, daß du ihnen, Herr, hier ſchon deinen Frieden, dein Glück ſchenkſt und ſie einſt ewig ſelig machſt. Ein ſo ganz demüthiges armes Mut⸗ terherz muß den Kindern die beſte Mauer gegen Eitelkeit und Weltluſt ſein. Und dennoch wird es herrlich auch die Erfahrung machen: Trachtet am erſten nach dem Reiche Gottes, ſo wird euch alles andere zufallen. Daß heißt, es wird euch zufallen was nöthig iſt, und Kinder, deren Aufmerkſamkeit von Jugend auf nicht auf beſondere irdiſche Genüſſe gewendet iſt, legen daran einen anderen Maaßſtab, als Kinder der Welt. Alle dieſe Gedanken kannte Eliſabeths Mutter; es wa⸗ ren ja nur die innigſten Rathſchläge und Segenswünſche ihrer eigenen theuren Mutter, und es war eben die geheimnißvolle Macht eines treuen Mutterherzens, die ihr eigenes nicht ru⸗ hen ließ in den Verſuchungen, die das Stadtleben und der Familienkreis, in den ſie hineingerathen, ihr entgegen führ⸗ ten. Sie weinte jetzt, ſie weinte über ſich und ihre Kin⸗ der, denn ehe ſie Eliſabeths Geſang gehört, ſtand ſie auch an der Kinderſtubenthür, von dem lauten Lachen der Kin⸗ der herbei gelockt, und hörte ihre Geſpriche von den Sol⸗ daten, Karls Vorſchlag, Zuckerwerk zu holen, und Eliſabeths 95 Entgegnung auf Fritzens Mahnung:„Die Eltern gehen aber mit mir hin.“ Die Eltern— das konnte die Mutter faſt auf ſich allein beziehen; denn ihr Mann würde, wenn ſie es gewünſcht hätte, ſie und die Tochter von ſolcher Geſelligkeit dispenſirt haben. Er fügte ſich, was das Familienleben anbetraf, den Wünſchen ſeiner Frau gern, er hatte ſie und die Kin⸗ der zu herzlich lieb; ja er würde ſicher heute Abend aus eigener Bequemlichkeit ein fröhliches allgemeines Schimmel⸗ ſpiel dem Balle vorgezogen haben. Ein Unrecht in dieſer Geſelligkeit zu finden, hatte er ſich bis jetzt nicht entſcheiden können, weil für ihn keine Gefahr darin lag. Daß er ſeine Pflichten als Oberhaupt des Hauſes darin überſah, lag in einer gewiſſen Ruhe und Behaglichkeit, und in der ganz anderen Lebensanſchauung von Jugend auf, die ihn nicht zu den inneren Conflicten kommen ließ, welche ſeiner Frau ſo viel Glück und Frieden raubten.— Iſt es denn ſo ſehr ſchwer eine gewiſſenhafte Mutter zu ſein? fragte ſie ſich jetzt traurig, ich fühle mich in einem Labyrinthe, ich kann mich nicht heraus finden, und den Herrn darf ich darum nicht fragen. In dem Augenblick klingelte die Flurthür. Sie ſtand ſchnell auf, trocknete ihre Thränen und trat in das Wohn⸗ zimmer. Eliſabeth hatte daſſelbe gethan, und beide begeg⸗ neten ſich im Vorſal, um die eintretenden Tanten zu em⸗ pfangen. Wie ſeltſam war das, es währte gar nicht lange, daß beide mit den Tanten geredet hatten, als es beiden 96 beinahe war, als hätten ſie nur unruhig geträumt. Die Tanten waren ſo vergnügt, und was ſie ſagten, klang ſo einfach und verſtändig. Das iſt die Gewalt des Welt⸗ geiſtes, der Alles ſo glatt und verſtändig und dem alten Adam ſo angenehm hervorzubringen weiß. So habe ich alſo bis jetzt an Eliſabeths Kleide ge⸗ näht, ſagte Tante Wina unter anderem, ich habe die Ach⸗ ſeln ganz und gar wieder ausgetrennt, habe ſie ausgelaſſen, nun wird die ganze Taille dadurch leichter und kindlicher ſein. Unſerer Schneiderin fehlt wirklich der rechte Esprit, ſie macht einem achtzehnjährigen Mädchen ein Kleid gerade ſo feſt und adrett als einem vierzigjährigen, trotz meines Predigens. Aber ſeht! ſagte Tante Paula entzückt, als die Schweſter das weiße luftige Gewand aus dem großen Korbe nahm, iſt es nicht entzückend, iſt es nicht himmliſch? Es iſt wenigſtens ſehr geſchmackvoll und einfach, und ge⸗ rade für unſere Eliſabeth, fügte Wina hinzu.— Eliſabeths Augen leuchteten hell auf bei dieſem herrlichen Anblick. Die Mutter aber ſchaute theilnahmlos auf das Geſchenk der Tanten. Wina, mit den ſcharfen ſchwarzen Augen, deu⸗ tete augenblicklich dieſes Schweigen nach ihrer Weiſe; ſie dachte aber auch: Wie kann man nur ſo ſchwankend, ſo wunderlich ſein, ja ſie weiß ſelbſt nicht, was ſie will! Und in dem Gefühl des guten Rechtes und der Ueberlegenheit nahm ſie die Gelegenheit wahr, ihre herrlichen Grundſätze auf eine feierliche eindringliche Weiſe auszuſprechen. Hier alſo, meine liebe Eliſabeth, wandte ſie ſich zu dieſer, über⸗ 97 reiche ich Dir Dein erſtes Ballkleid, nun freue Dich dar⸗ über, freue Dich recht herzlich, denn es kömmt der Jugend zu, ſich über ſolche Dinge zu freuen, es kömmt der Jugend zu, harmlos und fröhlich zu ſein. Dabei, meine liebe Eli⸗ ſabeth, ſollſt Du doch ernſthaft ſein und auf Gottes We⸗ gen gehen, Du ſollſt Deine ernſten heiligen Stunden ha⸗ ben; aber alles zu ſeiner Zeit, und wie ſchon Paulus ſagt, nichts zur Unzeit. Die Mutter ſtand wie auf Kohlen bei dieſer Rede, aber ſie hatte nicht das Recht etwas dagegen zu ſagen: zu⸗ weilen auf Gottes Wegen gehen, zuweilen nicht, das ſchien ja ihr eignes Motto zu ſein. Aber anhören konnte ſie ſolch Geſchwätz nicht länger und zu Winas großem Mißvergnügen unterbrach ſie es plötzlich und ſagte: Ich habe heftiges Kopf⸗ weh heute.— Das war keine Unwahrheit, ſie hatte ſtunden⸗ lang im Cabinet geruht.— Arme Eliſe! entgegnete die theil⸗ nehmende Paula; aber ich habe es Dir gleich angeſehen, daß es nicht ganz richtig mit Dir war. Willſt Du nicht lieber hier bleiben? fragte Wina. O nein, lächelte Eliſe etwas iro⸗ niſch, dann müßte ja dies herrliche Ballkleid auch hier bleiben. Du würdeſt uns alſo Deine Tochter nicht anvertrauen? fragte Wina ſcharf. Ich weiß nicht, entgegnete Eliſe, Du wirſt aber natürlich finden, daß eine Mutter ihre Tochter gern ſelbſt auf den erſten Ball führt.— Beide Tanten mißverſtanden die Schwägerin in gleicher Weiſe; ſie dachten nur, die Mutter wünſche den Eindruck zu ſehen, den die Tochter bei ihrem erſten Erſcheinen machen werde.— Das glaube Eliſabeth 1. 7 98 ich Dir, entgegnete Wina mit einem feinem Lächeln.— Noch dazu eine ſolche Tochter! fügte Paula neckend hinzu. Die Mutter ging, der Kinder Abendbrod zu beſtim⸗ men. Die übrigen traten jetzt in die Kinderſtube, hier ſollte die Toilette vor ſich gehen. Auch die beiden Tanten, um das Fahren zu vereinfachen, waren in den Hauskleidern hergegangen, und wollten ſich hier erſt in die Staatskleider werfen. Wina, die völlig davon überzeugt war, daß dieſer erſte Ball im Leben der Richte ein wichtiger Abſchnitt und ein paſſender Zeitpunkt zum Ermahnen und zum Erziehen für ſie ſei, nahm mit Eifer und Würde das vorhin unter⸗ brochene Geſpräch wieder auf und fügte zu Paulas letz⸗ ten Worten hinzu: Ich finde, dieſes Töchterlein könnte noch in vielen Stücken anders ſein! Eliſabeth ſah ſie groß an. Ja Eliſabeth, fuhr die Tante fort, gerade ſo, wie Du mich jetzt anſiehſt, möchte ich, könnteſt Du nicht aus Deinen großen Augen ſehen, Du haſt ſo etwas Zu⸗ verſichtliches, das ſteht einem jungen Mädchen nicht gut.— Wie ein Veilchen ſo beſcheiden, mit geſenktem Haupte, mußt Du ſtehen, fügte Paula hinzu.— Ja, liebe Eliſabeth, fuhr Wina feierlich fort, bedenke, daß Du heute in der Welt zuerſt erſcheinſt, daß viele Augen auf Dich gerichtet ſind, nun bitte ich Dich, ſei zurückhaltend in Worten und Mie⸗ nen. Eine gewiſſe Kargheit in Worten iſt weit anziehen⸗ der, als wenn man gleich den Mund ſo voll nimmt. Du mußt auch in Deinen Bewegungen gehaltener ſein. Ich rede nicht von Steifheit, nein, die Lebendigkeit muß von ———————— —— 99 einem edlen feinen Zügel gehalten werden, die Lebendigkeit muß lieblich ſein.— Ich mag es nun ſehr gern, wenn ein junges Mädchen etwas verlegen iſt, verſicherte Paula. — Ihr müßt ſie erſt zu einem Schauſpieler ſchicken, rieth Fritz, der bis jetzt ſtumm in der Ecke geſeſſen, humoriſtiſch, aber nicht ſehr übel gemeint.— Ich verbitte mir das, junger Herr! ſtrafte Wina, ich meine nicht, daß Eliſabeth dieſe Beſcheidenheit und Demuth ſpielen ſoll, ſie ſoll ſie wirklich im Herzen haben. Wenn ſie heute damit beginnt und ſich vielleicht auch etwas dazu zwingt, ſo kann ihr das gar nicht ſchaden. Eliſabeth hielt den Kopf jetzt etwas höher, warf die Oberlippe auf und ſagte kurz: Ich bin nun gerade ſo, wie ich bin, und werde heute Abend nicht anders ſein.— So? fragte Wina ſcharf, und was iſt Dir das Urtheil der Welt?— Das iſt mir gar nichts! entgegnete Eliſabeth ſtolz.— Nun wirklich, eine ſchöne Erziehung! fuhr Wina heftig auf; zu meiner Zeit würde man ſich davor entſetzt haben. Woher kömmt aber dieſe Verwirrung? Wenn den Kindern geſagt wird, nichts auf das Gerede der Menſchen zu geben. Im Gegentheil, Kinder müſſen von Jugend auf ſich geniren lernen, ſie müſſen ihre Augen auf die Erwachſenen gerichtet haben, und Tadel und Anerkennung müſſen ihnen zu Herzen gehen. O welche Verwirrung der Begriffe! dachten Fritz und Eliſabeth, Fritz aber kam diesmal der Schweſter zuvor und ſagte ganz bedächtig, aber auch ganz freundlich: Liebe 7* 100 Tante, uns iſt nicht gelehrt, uns über das Urtheil guter, frommer Menſchen hinwegzuſetzen, ſondern, über das Urtheil der Welt, das iſt ein großer Unterſchied. Das letztere kann man nicht früh genug lernen, und dieſer Abſchnitt ward in unſerer Religionsſtunde ſehr gründlich genommen. Die Menſchenfurcht, die Gewohnheit, von Kindheit an Rückſich⸗ ten auf die Welt zu nehmen, iſt für Tauſende das Hin⸗ derniß zur Seligkeit. Ja denke Dir, Tante, Tauſende von Menſchen, die den Herrn Jeſum lieb haben, ihm gern dienen möchten, thun es nicht aus Furcht vor den Men⸗ ſchen, aus den elendeſten Rückſichten. Nun ſage mal, iſt das nicht wirklich des Teufels Macht, die hinter ſolchen Rückſichten ſteckt, die Tauſende in das ewige Verderben lockt? Alſo auf das Urtheil der Welt etwas zu geben, iſt geradezu auf dem Wege nach der Hölle ſein.— Fritz übertreibe nicht ſo! rief Wina ärgerlich.— Ich übertreibe wirklich nicht, verſicherte Fritz treuherzig, denn eigentlich, Tante, ſollen wir nicht einmal auf das Urtheil frommer Menſchen etwas geben.— Hat das auch Euer Herr Pa⸗ ſtor geſagt? fragte Wina höhnend.— Ja freilich, fuhr Fritz fort, ſo lange wir vom Urtheil der Menſchen abhän⸗ gen, fehlt uns der rechte Friede, denn auch die beſten Menſchen ſind ſchwankend in ihren Urtheilen und können ſich auch irren; wir ſollen nur uns immer mit dem Herrn berathen, ob wir recht oder unrecht thun; darum giebt Er uns die klarſte Antwort auf unſere Gebete. Und es kommt hinzu: wenn wir allein das Urtheil des Herrn vor Augen 101 haben, ſo bringt uns das nicht bloß Frieden, ſondern auch die Liebe guter frommer Menſchen ganz von ſelbſt. Wina war zu geſcheit und die Sache war zu klar, ſie konnte nichts dagegen ſagen, ja ſie war auch im Stande einmal gelegentlich Aehnliches zu ſagen, ſie nahm ſich ſchnell zuſammen und hatte einige Phraſen des Weltgeiſtes, der zuweilen ſehr edel und hochtrabend einherſtolzirt, bei der Hand. Das verſteht ſich von ſelbſt, Fritz, begann ſie, das Bewußtſein des eignen Rechtthuns befriedigt allerdings— Halt! rief Fritz, Tante! dies Bewußtſein darf keine Chri⸗ ſtenſerle haben, das führt auch geradezu in die Hölle.— Fritz, ſei nicht abſurd! verſetzte die Tante ärgerlich.— Das will ich Dir klar beweiſen! fuhr Fritz im Schüler⸗ Eifer fort. Ich nehme das Beiſpiel, was unſer Herr Pa⸗ ſtor nahm. Denke Dir ein rechtſchaffenes Kind, es iſt fleißig, es macht keine dummen Streiche, es iſt reinlich, naſcht nicht, lügt nicht— Iſt höflich und beſcheiden, fügte Wina hinzu.— Ja freilich, höflich und beſcheiden, wie⸗ derholte Fritz, und von ſehr guten Manieren, aber nur gegen ftemde Leute, gegen ſeine Eltern aber iſt es trotz aller Tugenden lieblos und undankbar. Dieſe Liebe, die es jeden Tag fühlt, durch die es eigentlich nur lebt, läßt es lau, es denkt eben mehr an Lernen und Klugwerden und Geachtetſein von den fremden Gäſten, die in das Haus kommen, als die Eltern ſo von ganzem Herzen zu lieben und ihnen zu danken für alle die Wohlthaten, die es von ihnen empfängt. Denke Dir, wie abſcheulich iſt 102 ſo ein kaltherziges, undankbares Kind trotz ſeiner Tugenden, und iſt es nicht ein fortwährender Kummer für die Eltern, ein ſolches Kind im Hauſe zu haben? Miüſſen ſie nicht ſehr zürnen über ſolche Tugenden, die das Herz des Kin⸗ des ihnen ſo entfremden? Müſſen ſie nicht ein Kind vor⸗ ziehen, was weniger klug und geſcheit iſt, auch nicht ſo fleißig, auch zuweilen ſeine Kleider nicht ſo ackurat hält, und darum auch von den Gäſten nicht ſo hoch geſchätzt wird; wenn es dagegen aber die Eltern herzlich lieb hat, ihnen immer dieſe Liebe zu zeigen ſucht, auch ſo dankbar iſt für jede Wohlthat und nur ſpricht: Liebe Eltern, ich verdiene es wohl nicht, daß Ihr ſo gütig gegen mich ſeid, ich kann Euch auch keine Wohlthat wieder erweiſen, aber ich will Euch immer mehr lieb haben, und ich will Euch zur Liebe auch immer mehr meine Fehler ablegen. Sage mal, Tante, wird ihnen ein ſolches Kind nicht weit lieber ſein, als ein ſo ſelbſtgerechter Schlingel, der da ſagt: Die Men⸗ ſchen loben mich und ſagen, ich bin ein rechtſchaffener Junge, warum ſollten meine Eltern nicht mit mir zufrie⸗ den ſein? ich bedarf der Gnade und der Liebe meiner Eltern nicht; das Gefühl, daß ich ein rechtſchaffener Junge bin, giebt mir Frieden und Beruhigung. Sage mal Tante, müßte ein ſolcher Burſche nicht aus dem Hauſe geworfen werden, bis er ſich eines Beſſeren beſinnt? Und wenn er in ſeinem Hochmuth und ſeiner Blindheit für die Güte und Barmherzigkeit der Eltern(dieſe Blindheit iſt eben nur eine Folge des Hochmuths) wenn er ſich nicht entſchließen ————— 103 kann zur Demuth und Buße und zum Bitten, dann muß er nothwendig verſtoßen bleiben. Das Vaterhaus aber iſt das Himmelreich, darinnen wir ganz ohne unſer eigen Ver⸗ dienſt ſchon mit der Taufe aufgenommen ſind und darin⸗ nen uns eben nur die Liebe und Gnade des Vaters hält. Ein Kind, daß dieſe Wahrheit fühlt, kann nicht ſagen: Das Gefühl meiner Rechtſchaffenheit befriedigt mich; ſondern es ſagt: Ich müßte doch immer traurig und unruhig ſein, weil ich nie ſo bin, wie ich ſein müßte; das Gute, was ich oft thun will, unterlaſſe ich aus Trägheit und Zerſtreut⸗ heit, und zum Böſen, was ich eigentlich nicht thun will, laſſe ich mich leicht verleiten. Ich bin dennoch nicht trau⸗ rig, weil mein lieber Vater im Himmel mich aus Gnade ſelig machen wird. Die Gnade und das Erbarmen iſt aber, daß er Seinen eingebornen Sohn in die Welt geſandt hat, weil es denn kein anderes Rittel gab uns zu erlöſen von Sünde und Tod. Dieſer Liebesrath iſt ein Geheimniß. Wie zwiſchen Eltern und Kindern ein Geheimniß der Lie⸗ besmacht beſteht, was wir mit dem Verſtande nicht begrei⸗ fen und erklären können, wohl aber fühlen und erleben, eben ſo iſt dieſe geheimnißvolle Liebesmacht zwiſchen Kin⸗ dern Gottes und ihrem Heiland und Erlöſer, der für uns gelebt hat und geſtorben iſt, und uns eine höhere Weltord⸗ nung als die jetzt ſichtbare, das iſt, das ewige ſelige Leben in ſeinem Himmelreiche offenbart hat. Wina ſtaunte den gelehrten Neffen an, ſie ließ ſich das aber nicht merken. Ebenſo wenig, daß ihre Weisheit 104 nun zu Ende ſei. Es verſteht ſich ganz von ſelbſt, daß Kinder ihre Eltern lieb haben, ſagte ſie kurz, das ſchließt nicht aus, auch gegen Freunde und Familien⸗Mitglieder artig und rückſichtsvoll zu ſein. Jetzt aber erſuche ich die jungen Herren das Zimmer zu verlaſſen, wir wollen Toi⸗ lette machen! fügte ſie hinzu. Dem Befehl wurde Folge geleiſtet, und das Werk ward begonnen und mit gehöriger Umſtändlichkeit beendet. Der Wagen fuhr natürlich zu früh vor, der Vater klopfte einigemal ungeduldig an die Thür, bis die Mutter entſchie⸗ den ein Ende machte, und die rauſchenden, leicht beſchuhten Damen im Wagen Platz fanden. Während der Fahrt herrſchte tiefes Schweigen. Die Mutter hatte Kopfweh, Tante Wina war verſtimmt über die verſchrobene Bildung der jetzigen Jugend, Tante Paula ſann, wie dem unangenehmen Schweigen abzuhelfen ſei, und Eliſabeths Herz hatte noch nie ſo geklopft als unter dieſem weißen Kreppkleide. Der Weg führte durch den Thiergarten. Gedankenvoll ſchaute ſie auf die vorüberzie⸗ henden Bäume, die ihre grauen kahlen Aeſte weit ausſtreck⸗ ten und vom trüben Licht der Laternen beleuchtet oft wun⸗ derliche Figuren machten. Alſo wirklich noch einige Minuten und du wirſt auf einem Balle ſein! dachte ſie, und eine leichte fieberhafte Bewegung rieſelte durch ihre Rerven bei dieſer Vorſtellung. Sie hatte ein Recht, ſich in weit grö⸗ ßerer Spannung zu befinden als viele andere Mädchen, denn ſie hatte einen Ball nur immer als etwas Ungewöhn⸗ 105 liches, Fernliegendes nennen hören. Ob es recht oder un⸗ recht ſei, darüber war ſie gänzlich in Verwirrung gerathen. Mit ihrer bisherigen Lehr⸗ und Erziehungs⸗Weiſe ſtimmte es keineswegs, aber die Eltern gingen doch mit ihr; damit beruhigte ſie das bange Gefühl in ihrer Seele und hielt ſich deſto feſter an den Ausſpruch der Tante: Der Jugend kommt es zu, fröhlich zu ſein, man kann deswegen doch ernſt ſein, aber Alles zu ſeiner Zeit. 7. Ein gefährlicher Menſch. Vie Thüren des Ballſaales thaten ſich auf, die Mut⸗ ter ging voran, Eliſabeth dicht hinter ihr, die Tanten folgten. Welch ein Zauber von Licht und Duft und wunder⸗ barem Rauſchen und Flüſtern!— Ja ein Zauber, Eli⸗ ſabeth war ganz und gar hingenommen, und zu Winas Entzücken ſchlug ſie, während aller Augen auf ſie gerichtet waren, die ihrigen ſehr beſcheiden nieder. Jetzt wurde ſie verſchiedenen älteren Damen vorgeſtellt, ſie machte dabei ihre Verbeugungen ganz wie es einem ſo jungen Mädchen beim erſten Erſcheinen geziemt, und befand ſich endlich glücklich an der Mutter ſitzend. Jetzt wagte ſie ſich umzuſehen, ſie erhob etwas küh⸗ ner das Haupt, ſie grüßte hier und dort jemand Bekann⸗ tes,— dann fielen ihre Blicke auf das Ende des Saales, wo die Herren verſammelt ſtanden. Ja wirklich! des Groß⸗ vaters Küraſſiere aus Braunhauſen, wenigſtens drei oder vier: die Uniformen ſahen prächtig aus, einer von den Herren aber ragte beinahe um eines Hauptes Länge über ſeine Kameraden hinaus.— Wer iſt nur dieſe ſchöne Erſcheinung? flüſterte Tante Wina der Frau vom Hauſe zu.— Ein wahrer Kriegesgott! lächelte Paula.— Eli⸗ ſabeth hörte die Antwort nicht, die Geigen wurden geſtimmt, —— 107 es kam eine Bewegung unter die Herren, die Herzen der jungen Mädchen und ebenſo der Mütter klopften mächtig, denn— wer wird aufgefordert, wer bleibt ſitzen? Liebſte Frau Geheimrath Kühneman, begann Eliſens Nachbarin, eine gutmüthige oberflächliche Frau Doctvrin, Sie werden es nun auch kennen lernen, was es heißt, eine Tochter auf Bälle führen. Es iſt einem doch wahr⸗ haftig nicht gleichgültig, ob das Mädchen ſitzen bleibt, ich verſichere Sie, man iſt nicht eher ruhig, als bis ſie wenig⸗ ſtens zu vier bis fünf Tänzen engagirt iſt. Eliſe lächelte etwas von oben herab und ſagte: Das ſoll mir wirklich gleichgültig ſein; wenn Eliſabeth nicht viel tanzt, ſo iſt es ihr deſto geſunder. Aber ganz gleichgültig war es ihr doch nicht, und ſie fühlte, wie ihre offenherzige Nachbarin, eine gewiſſe Unruhe, eine Spannung, ſo viel ſie auch da⸗ gegen zu kämpfen ſuchte. Jetzt begann die Muſik, die Herren durchkreuzten den Saal, die Doctorin drückte der Geheimräthin krampfhaft die Hand und flüſterte: Sehen Sie, liebſte Kühneman, unſere bleiben ſitzen! Die beiden artigen Töchter ſaßen neben den Müttern mit geſenkten Augen, es war ein entſetzlicher Augenblick der Entſcheidung. Das iſt aber unerträglich unangenehm! dachte Eliſabeth plötzlich. Iſt es nicht ein Unſinn, eine rechte Demüthigung, hier wie auf einem Präſentirteller zu ſitzen? Dieſe albernen dummen Herren, ich frage gar 108 nichts danach, ob ſie mich auffordern; ich möchte nur, ich wäre zu Hauſe und ſpielte mit den Kindern Schimmelſpiel! Mitten in ihrem Zürnen ſah ſie zwei dunkele Geſtal⸗ ten vor ſich und: Herr von Kadden! ſagte die eine Geſtalt und entfernte ſich ſchnell, während der Vorgeſtellte zum Tanz aufforderte. Als Eliſabeth aufſchaute, war es ihr, als ſähe ſie nur ein paar dunkelblaue Augen, die ganz ſelt⸗ ſam auf ſie gerichtet waren, zugleich aber erkannte ſie, daß dieſe Augen dem ſchlanken Küraſſier angehörten, den die Tanten vorhin ſo bewundert hatten. Sie ging einige Minuten feierlich neben dieſem fremden Manne her, dann flog ſie wirbelnd mit ihm im Kreiſe umher. Jetzt ruhten ſie und die Unterhaltung mußte beginnen. Der Tänzer war noch jung, er ſchien nicht ſehr fer⸗ tig mit ſolcher Converſation und begann mit den einfachen Worten: Sie tanzen wohl gern?— Er ſah dabei ſo gutmüthig und freundlich aus, daß ihn Eliſabeth ruhig anſehen konnte. Ich weiß es eigentlich nicht, entgegnete ſie lächelnd, es iſt ja mein erſter Ball, den ich erlebe.— Der erſte Ball? fragte er verwundert, und ich bin ſo glück⸗ lich Sie einzuführen. Sie werden hier in Berlin oft genug Gelegenheit zum Tanzen haben, fügte er hinzu.— Ich weiß noch nicht, ob ich das benutzen werde, entgegnete Eliſabeth.— Er ſah ſie verwundert an.— Ich muß doch erſt ſehen, wie mir dieſer Ball gefällt, fuhr ſie fort.— Nicht gefallen? fragte er wieder verwundert.— Das junge Mädchen neben meiner Mama tanzt ſo wenig, ſie iſt auch 109 jetzt nicht aufgefordert, in ihrer Stelle ginge ich gewiß nicht wieder auf einen Ball.— Das iſt wahr, verſicherte er treu⸗ herzig, es muß für junge Damen ſehr unangenehm ſein, ſich ſo zu präſentiren und doch nicht gewählt zu werden.— Ja wirklich! verſicherte Eliſabeth und warf die Oberlippe etwas kühn in die Höhe: als ich vor dem Tanze dort ſaß, ärgerte ich mich über mich ſelbſt, daß ich hergegangen, und wünſchte, ich wäre zu Hauſe und ſpielte mit meinen Geſchwi⸗ ſtern um Pfeffernüſſe.— Der Tänzer lachte und ver⸗ ſicherte, ſie würde nie wieder Gelegenheit zu ſolchem Aerger finden.— Warum nicht? entgnete ſie altklug, das wird ſich vor jedem Tanz wiederholen.— Nein, gewiß nicht, ſiel er haſtig ein, wenn Sie mir z. B. erlaubten, daß ich Sie zu allen Tänzen engagirte— Das wäre ja langwei⸗ lig, entgegnete ſie eben ſo ſchnell.— Ja freilich, das iſt wahr, ſagte er, indem ſein bräunliches Geſicht ſich noch dunkeler färbte, es iſt zu viel verlangt.— Ich meine aber für meinen Tänzer, begann Eliſabeth jetzt etwas ver⸗ legen; es war ihr plötzlich klar, daß ſie Tante Winas Rath vergeſſen und viel zu viel und zu offenherzig geplau⸗ dert hatte.— Ihr Tänzer ſchwieg, ſie hatte ihn gewiß beleidigt, und das hatte ſie nicht gewollt. Wenn ich ein⸗ mal hergegangen bin, fuhr ſie fort, ſo muß ich das Unan⸗ genehme auch kennen lernen, das iſt mir gerade recht. Sie ſah ihn bei den Worten mit ihren hellen Augen ſo fragend an, daß es ihm wie ein Zauber durch das Herz ging, die kleine Aufregung war vergeſſen.— So darf ich aber um 110 einen Tanz um den anderen bitten? fragte er dringend. — Fliſabeth lächelte und nahm es an. Sie wurde jetzt um eine Extratvur gebeten, ſie mußte es abſchlagen, weil es die Mama ſtreng verboten, ließ ſich aber von demſel⸗ ben Herrn zum folgenden Tanze engagiren. Alſo für den nächſten Tanz iſt auch geſorgt, ſagte Herr von Kadden theilnehmend.— Nun wird es mich aber gewiß ſehr aufregen, entgegnete Eliſabeth lachend, ob meine Nachbarin da, Doctors Laura, wieder nicht auf⸗ gefordert wird, das arme Mädchen beſucht ſeit zehn Jahren die Bälle, ſie geht auf jeden Ball mit dem Wunſch und der Hoffnung zu tanzen, und wird meiſtens getäuſcht. Iſt das nicht eine ſchreckliche fire Idee? Es iſt ordentlich peinigend, neben Mutter oder Tochter zu ſitzen.— Ich werde die Tänze, die ich noch frei habe, mit Doctors Laura tanzen, ſagte Herr von Kadden ganz ernſthaft.— Das würde aber auch langweilig ſein, ſagte ſie ungläubig.— Nein, im Gegentheil, das wird mir Vergnügen machen, entgegnete er kurz. Die Reihe zum Tanzen war jetzt wieder an ihnen, und Eliſabeth kehrte darauf zu ihrem Platze zurück. Tante Wina ſtand wie ein Stoßvogel vor ihr, ſie mußte ja das Kind beaufſichtigen, führen und belehren. Aber liebe Eli⸗ ſabeth, wie kann man mit einem fremden Herrn ſo geſprä⸗ chig ſein! Dann mußt Du auch nie einen ganzen Tanz abwarten.— Eliſabeth fühlte, daß die Tante Recht hatte, und ſagte verlegen und entſchuldigend: Er that aber gar 11 nicht fremd.— Deſto fremder mußt Du thun! eiferte die Tante. Sie lächelte dann ſo holdſelig, ſtrich der Richte die Locken von der Stirn und ſuchte durch dieſes Zärtlich⸗ thun den Inhalt ihrer Worte zu verdecken. Die Tante war ja außerdem ſo entzückt von der ſchönen Nichte und von der Bewunderung, die ſie augenſcheinlich jetzt ſchon eingeärntet. Eliſabeths Mutter war nicht entzückt, ihr Herz war ſehr ſchwer, ſie fühlte recht gut, daß Eliſabeths lebhaftes friſches Weſen ſich wenig nach der Tante Belehrungen rich⸗ ten würde; im Grunde waren ja auch dieſe Belehrungen ganz und gar dem Syſtem entgegen, nach dem Eliſabeth von den Großeltern und auch von der Mutter erzogen war, denn an Lehren hatte es die Mutter nie fehlen laſſen. Und doch hatte die Tante Recht; auf einem Ball darf man nicht ſein, wie man iſt, da muß man, um anſtändig und ſchicklich zu ſein, ein fremdes Weſen annehmen. Wenn Eli⸗ ſabeth mit irgend einem bekannten und befreundeten Herrn ſo geſprochen hätte, ſo war ſie nicht zu tadeln, es war ganz natürlich ſo, aber dieſe harmloſe Offenheit zu einem wild⸗ fremden Mann— was kann daraus entſtehen? Die Mut⸗ ter hatte das Paar während des Tanzes mit Spannung verfolgt, ſie hatte ihre holde liebe Tochter hineingeführt mit⸗ ten in den höchſten Zauber, den die Welt einem jungen Mädchen bieten kann. Wird ſie ſich nicht davon hinnehmen laſſen? Das iſt die bange Frage des Mutterherzens.— Du Thörin! warum führſt du ſie in ſolche Gefahr? Ja * 112 warum? Es war ihr, wenn ſie die Augen des jungen Man⸗ nes beobachtete, die zuweilen ſo ſanftmüthig von den lan⸗ gen dunkelen Wimpern bedeckt waren, und dann wieder ſo lebhaft aufblitzten, als ob dieſe Augen Einfluß auf ihr Fa⸗ milienglück und ihren Frieden haben müßten. Sie tröſtete ſich aber: Heute Abend ſiehſt du überall Geſpenſter, wie viele hundert Mädchen gehen auf Bälle, ohne daß es ihnen ſchadet. Freilich, wie viele gehen hin, wo man den geheimen Wurm, der an ihrer Seele nagt, nicht merkt. Sie hei⸗ rathen dann, und in einer oberflächlichen oder unglücklichen Ehe wird nicht weiter nach den Folgen der Ballbeſuche gefragt. Die Töchter werden von ſolchen Müttern auch wieder hingeführt, weil ein Ball doch immer ein anregender Lichtpunkt in einem ſolchen armſeligen elenden Familien⸗ leben iſt. Eliſabeth hatte kaum einige Minuten geſeſſen, als ſie zum zweiten Tanze geholt wurde. Die Frau Doctorin hatte der Geheimräthin Hand wieder krampfhaft gefaßt, ihre Laura ſenkte die goldenen Aehren ihres Hauptes nieder und ſchaute mit klopfendem Herzen auf ihre weißen Glacs⸗ handſchuh, als der ſchlanke Kriegesgott vor ihr ſtand und ſie zum Contretanze holte. Er ſtellte ſich mit ſeiner Dame ge⸗ rade Eliſabeth vis à vis und ſah ſo vertraulich lächelnd hin⸗ über, daß es der Mutter heiß im Herzen ward. Jetzt wech⸗ ſelten die Paare, Eliſabeth ſtand der Mutter zugewendet, und wirklich auch ſie ſah ähnlich lächelnd nach dem vis à vis. 113 Der Tanz war zu Ende, Eliſabeth kehrte zurück, und wieder wie ein Stoßvogel ſtand Wina vor ihr, ihre ſchwar⸗ zen ſcharfen Augen hatten das ſonderbare Zulächeln eben⸗ falls bemerkt. Was hatteſt Du nur mit Herrn von Kad⸗ den? fragte Wina und nahm damit der Mutter die Frage ab.— Das iſt ein ſeltſamer Menſch, lachte Eliſabeth, er ſagte mir vorhin, er wolle alle freien Tänze mit Laura tanzen; ich glaubte es eigentlich nicht, und er lachte etwas, als er ſie mir vis à vis brachte.— Wie unvorſichtig iſt es aber, mit dem Mädchen ſo oft zu tanzen! zürnte Wina. Warum denn? fragte Eliſabeth.— Er kann ihr etwas in den Kopf ſetzen, denn ſo oft tanzt man mit einem jungen Mädchen nicht ohne ein beſonderes Intereſſe.— Eliſabeth erröthete und ſetzte der Tante eifrig auseinander, daß er es thue, um dem armen Mädchen einmal ein Vergnügen zu machen. Die Tanten dagegen, denn Paula war auch her⸗ zugetreten, ſie fanden das beide doch ſehr unpaſſend und unvorſichtig, bis Eliſabeth etwas ärgerlich ſagte: Nun ſie wird doch noch im Zweifel bleiben, wem ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gilt, denn er will immer abwechſelnd mit mir und mit Laura tanzen.— Wie entſetzlich iſt das! fuhr Wina auf. Mit Niemand anders? Wie rückſichtslos gegen die Tochter vom Hauſe und welch ein Gerede wird das geben, er macht Dich und Laura lächerlich, Du wirſt mit Laura zuſammen eine komiſche Figur ſpielen. Es iſt eine Malice von ihm, ein junges Mädchen, die zum erſten Mal erſcheint, in ein Gerede zu bringen. Du unglückliches Kind, Du Eliſabeth. 1. 8 114 biſt jedenfalls Schuld daran durch Deine unpaſſende Ver⸗ traulichkeit, ſchloß ſie ihre ſcharfe flüſternde Rede. Der Menſch ſieht aber auch wirklich furchtbar aus! ſeufzte Paula, — als der Gefürchtete plötzlich vor Eliſabeth ſtand und ſehr freudig, zugleich aber mit dem bekannten Lächeln ihre Hand ergriff. Eliſe hatte nun ihre Noth, die aufgeregten Tanten zu beruhigen; es waren das ungereimte Befürchtungen und es war ihr auch ziemlich gleich, ob Eliſabeth mit Laura zuſammen im Tagesgeſpräch dieſe kleine Rolle ſpielte, ſie fürchtete nicht die Malice des jungen Mannes, ſondern et⸗ was ſchlimmeres. Wina aber ſamt der Schweſter ſchoben zu der Frau vom Hauſe und ſchütteten der ihr Herz aus und zogen Erkundigungen ein über den furchtbaren Mann. Das ſieht ihm ganz ähnlich! lachte Frau von Bauer; wir nehmen ihm das nicht übel, und es iſt auch wirklich keine Malice dahinter, es iſt ein äußerſt gutmüthiger liebenswür⸗ diger und geſcheiter Menſch, aber er iſt entſetzlich heftig. Wiſſen Sie, daß er bei ſeinen Kameraden nur der Hitz⸗ kopf heißt, weil er im Streiten, Schlagen und Schießen wahrhaft tollkühn iſt und in ſeiner großen Heftigkeit leicht Händel bekommt.— Welch ein furchtbarer Menſch, ſeußzte Paula, ſehen Sie nur unſer liebes Kind in ſeinen Armen.— Wenn die Sachen ſo ſtehen, verſicherte Wina weiſe, ſo werde ich Eliſabeth warnen höchſt vorſichtig zu ſein, ſie mag ruhig die engagirten Tänze mit ihm tanzen.— Ja man hat oft genug gehört von Duellen, fiel Paula ein, 115 die aus Unvorſichtigkeit junger Damen entſtanden!— Frau von Bauer beruhigte die Damen, ſo gut ſie konnte, und dieſe ergaben ſich in ihr Schickſal, warteten aber in fieber⸗ hafter Spannung das Ende des Tanzes ab. Jetzt hatten ſie Eliſabeth wieder in ihrer Mitte, und jetzt berichteten ſie von den eingezogenen Erkundigungen, und überflutheten— die arme Eliſabeth mit einem Heer von Vor⸗ ſichtsmaaßregeln gegen dieſen tollkühnen allezeit ſchlagferti⸗ gen Hitzkopf.— Eliſabeth war ganz verblüfft. Sie viel⸗ leicht die Urſache eines Duelles! Sie ſollte vorſichtig aber doch höflich ſein! Sollte ſchweigſam und doch nicht zu wort⸗ karg ſein! Einen großen Abſtand mit ihrem früheren Betra⸗ gen dufte er nicht bemerken, um nicht mißtrauiſch zu werden! Kurz und gut, ſie war verwirrt von den vielen Worten, es ging ihr wie ein Mühlrad im Kopfe herum, und es war gut, daß ſie den nächſten Tanz mit einem anderen Herren zu tanzen hatte und ſich erſt wieder beſinnen konnte. Während deſſen tanzte Herr von Kadden wirklich wieder mit Laura und ſtand darauf mit ſeinen freudigen ſtrahlen⸗ den Zügen vor Eliſabeth. Jetzt war ſie anders zu ihm. Herrlich! flüſterte Wina der Schweſter zu. Excellent! ent⸗ gegnete Paula. So fein und ſo gehalten! triumphirte Wina. Er wird ihre Erziehung bewundern, verſicherte Paula. — Aber da— plötzlich lachte ſie ganz ungehalten, während er ſich zu ihr beugte, als ob er zu inquiriren habe.— So war es auch. Eliſabeth verſuchte ernſthaft und zurückhal⸗ tend zu ſein, er merkte es in ſeiner Lebendigkeit nicht gleich, 8* 116 doch endlich, ja es war zu auffallend. Habe ich Sie belei⸗ digt? fragte er leiſe und ſah ſie dabei ſo vertrauend und bittend an, daß ein unwillkürliches Nein aus ihren Lippen flog.— Was iſt aber? forſchte er weiter.— Sie lächelte nur, aber er forſchte weiter, und ſie konnte nicht widerſte⸗ hen, ſie verrieth ihm ſcherzend, warum man ſie zur Vorſicht gemahnt.— Man hat alſo über mich geredet? fragte er haſtig und dunkel zog es über ſeine Stirn. Eliſabeth war jetzt um eine Antwort verlegen und ſchalt ſich ſehr voreilig. Meine Kameraden vielleicht? fragte er noch einmal.— Nun war es ſchon mit dem Duell richtig,— dachte Eliſabeth. O nein, ſagte ſie ſchnell, nur meine alten Tanten fürchten ſich entſetzlich vor Duellen.— Mit denen kann ich mich aber nicht duelliren, ſagte er plötzlich ſcherzend, und Eliſa⸗ beth lachte herzlich. Sie kamen jetzt auf ein ſehr anziehendes Kapitel: Eliſabeth konnte nicht begreifen, wie man ſich überhaupt duelliren könne, und er ſollte ihr zugeben, daß den Duel⸗ len meiſtens nur ſehr nichtige Urſachen zu Grunde lägen, ſehr oft unüberlegte Heftigkeit.— Sie ſprach mit großer Weisheit und er ſchien Reſpect vor ihr zu haben, denn er hörte aufmerkſam. Kennen Sie aber das Gefühl nicht, begann er darauf, wenn es plötzlich in der Bruſt ſo heiß und unruhig wird, und immer heftiger wogt und drängt und immer höher ſteigt und den Athem nehmen möchte?— O ja, das kenne ich wohl von meiner Jugend her, ent⸗ gegnete Eliſabeth lachend, dieſe Gefühle gingen immer vor⸗ 117 her, wenn ich mich mit meinen Brüdern faßte, wie wir es nannten. Wenn man älter wird, bekämpft man es na⸗ türlich.— Bekämpfen? fragte er verwundert, dann ſind Ih⸗ nen dieſe Gefühle unbekannt; bekämpfen kann man ſie nicht, dadurch würde die Sache nur ſchlimmer. Bei mir iſt das einzige Mittel, wenn ich einige Minuten ſehr heftig toben darf, dann iſt es gut.— Sind Ihnen die Folgen die⸗ ſer Heftigkeit nicht ſehr unangenehm? fragte Eliſabeth wie⸗ der ſehr weiſe.— Nun, ich habe da ein herrliches Aus⸗ kunftmittel gefunden, entgegnete er vergnügt: wenn man nur eine Perſon hat, an der man ſeinen Aerger zuweilen auslaſſen kann, ſo iſt man zu den anderen Leuten ſanft⸗ müthig, es kann das ordentlich zur Gewohnheit werden. Da habe ich nun einen vorzüglich guten Burſchen, mit dem habe ich ausgemacht, daß er ſich meine Heftigkeit ru⸗ hig gefallen läßt; die Ohrfeigen, die er bei ſolcher Gelegen⸗ heit davon trägt, werden ihm reichlich vergütet, und wir leben ganz vergnügt und brüderlich zuſammen.— Das finde ich entſetzlich, ſagte Eliſabeth kopfſchüttelnd, Sie müß⸗ ten es doch bekämpfen, man kann das ftreilich nicht durch eigene Kraſt.— Sie ſtockte hier, weil ſie fühlte, daß ſie auf ein ſo ernſthaftes Gebiet nicht gerathen dürfe. Er hatte aber doch verſtanden, was ſie ſagen wollte, und ent⸗ gegnete ſchnell und lächelnd: Nicht durch eigene Kraft? Wodurch denn?— Durch eine höhere Macht, entgegnete Eliſabeth verlegen.— Junge Damen kämpfen wohl mit einer höhern Macht, fuhr er ebenſo lächelnd fort, wie ich 118 auch als Kind ſicher glaubte, ein Engel wache an meinem Bette und ginge mit mir ſpatzieren, damit mir nichts Schlimmes paſſiere. Eliſabeth ſah ihn groß an. Alſo wirklich, das iſt ein Menſch, der keinen Glauben hat, ein Spötter, und da⸗ bei ein ſo ſchwacher Menſch, daß er ſeinen Bedienten für Geld prügelt. Meinen Sie, daß keine höhere Kun uns bewegen kann als die eigene Willenskraft? fragte ſie eifrig.— Die eigene Willenskraft liegt einem Manne wohl am näch⸗ ſten, entgegnete er beſtimmt. Aber ich will mich auch gern eines Beſſeren belehren laſſen, fügte er lächelnd hinzu.— Ich habe meinen Großeltern zu Liebe meine Heftigkeit zu bekämpfen geſucht, fuhr Eliſabeth ebenſo eifrig fort, noch als ziemlich großes Mädchen konnte ich gleich mit den Fü⸗ ßen ſtampfen und um mich ſchlagen; die Liebe zu den Großeltern iſt alſo eine größere Kraft als mein eigner Wille.— Ich habe aber weder Großeltern noch Eltern, ich habe nur eine Schweſter, und die iſt ganz einverſtan⸗ den mit dem Auskunftmittel, was ich gefunden, und räth mir, ja dabei zu bleiben.— Da hätte ſie Ihnen etwas beſſeres rathen können, entgegnete Eliſabeth kurz.— Sie hält aber auch nichts von den Engel⸗Theorien, ſetzte er mit demſelben leichten ſpöttiſchen Lächeln hinzu.— Das reizte Eliſabeth mächtig, ſie fühlte es heiß am Herzen wal⸗ len, und weil es ſich nicht paßte mit dem Fuße zu ſtam⸗ pfen, ſagte ſie ſehr ſtolz: Ich finde es für einen Solda⸗ ten ziemlich feige, ſich einen Prügeljungen zu halten, an⸗ 119 ſtatt ſeine Leidenſchaften zu bekämpfen. Haben Sie wohl je in einer Lebensgeſchichte von großen Männern Aehnliches gefunden?— Sie merkte nicht, wie ihm das ſehr unan⸗ genehm zu hören war, und fuhr ebenſo eifrig fort: Ich würde doch eher rathen, wenn es einmal nicht möglich iſt, ſolches Aufbrauſen zu bekämpfen, gleich beim Beginnen fortzueilen und ganz allein gegen ſich ſelbſt zu toben.— Der Tänzer an ihrer Seite antwortete nicht, es lag eine ſehr ernſte Wolke auf ſeinem erglühten Geſicht. Eliſabeth war ſelbſt erſchrocken über ihre Rede, und es war ihr lieb, daß die Muſik verſtummte und ſie wieder ihren Platz neben der Mutter nehmen konnte. Du hatteſt aber einmal das Tanzen verſäumt, ſagte dieſe ruhig.— Ja, Mama, begann Eliſabeth in höch⸗ ſter Aufregung(beide Tanten hatten ſich neugierig vor die Sprecherin geſtellt), wir waren in einem höchſt ernſthaften Geſpräch; das iſt aber ein ſchrecklicher Menſch, ein wirk⸗ licher Spötter.— Unbegreiflich wie Bauers eine ſolche Perſon einladen können! ſeufzte Wina.— WMeinſt Du, daß viele von den Tänzern dort anders über Religion den⸗ ken? fragte Eliſe.— Sie laſſen es ſich wenigſtens nicht merken, verſicherte Paula, haben etwas Anſtändiges und Rückſichtsvolles, wie allerliebſt iſt Herr von Stottenheim! — Herr von Stottenheim war ein etwas älterer, ſehr ge⸗ wandter Lieutenant, der ſich Paulas Gunſt durch eine halb⸗ ſtündliche Unterhaltung gewonnen.— Gerade von dem weiß ich durch meinen Schwager, den Oberförſter, daß er 120 ſehr weltlich und oberflächlich iſt, entgegnete Eliſe, und die Offenheit und Harmloſigkeit des Herrn von Kadden iſt nicht das Schlimmſte.— Ja, Mama, er iſt ſehr of⸗ fenherzig und gutmüthig, verſicherte Eliſabeth ihm wäre vielleicht noch zu helfen, wenn er beſſer belehrt würde. Wina wollte eben auffahren, als der Beſprochene dicht an ihnen vorüber ging und Fräulein Laura aufforderte. Wirklich, er bleibt dabei! flüſterte Wina. Solch ein ab⸗ ſurder Menſch! es iſt der Geſellſchaft ſchon aufgefallen, ein Herr ſcherzte vorhin ganz laut über die Wahl dieſer bei⸗ den Tänzerinnen. Wenn man nur einen Grund wüßte, ihm das nächſtemal Eliſabeth zu verſagen, dieſe Unterbre⸗ chung wäre allein Rettung.— Wina, ich bitte Dich! un⸗ terbrach ſie Paula ängſtlich, fange keine Händel mit die⸗ ſem Menſchen an.— Ja, ſeufzte Wina, wir ſind nun einmal dazwiſchen, und Eliſabeth muß mit ihm tanzen, aber ich begreife Bauers nicht. Beide Tanten wußten nicht, wie durch ihr Geplauder der Schwägerin Herz immer ſchwerer wurde, aber für jetzt war nichts zu ändern. Eliſabeth tanzte dieſen Tanz mit Herrn von Stottenheim.— Es iſt doch wunderbar, dachte ſie, mit dieſem Herrn wird es dir gar nicht ſchwer, zurück⸗ haltend und ſchweigſam zu ſein, auf alle ſeine Worte hat man gleich eine ſo hübſche paſſende Antwort bereit. Eiſd⸗ lich ſprach er von ihrem Großvater, dem alten vortrefflichen Herrn von Budmar, der ganz in ſeiner Nachbarſchaft wohne. —— 121 Ja, entgegnete Eliſabeth, und Sie wiſſen, daß er auch Kü⸗ raſſier geweſen iſt in demſelben Regiment.— Und ein rechter Glanzpunkt des Regiments! verſicherte er verbind⸗ lich.— Ein braver und ein frommer Soldat, entgegnete Eliſabeth unwillkürlich mit denſelben Worten, mit denen ihn neulich ein alter Bekannter genannt.— Dieſe bei⸗ den Eigenſchaften gehören auch nothwendig zuſammen, ver⸗ ſicherte Herr von Stottenheim äußerſt pathetiſch.— Eli⸗ ſabeth ſah ihn verwundert an. Gnädigſtes Fräulein, fuhr er fort, glauben Sie, daß unter der rauhen Außenſeite eines Kriegers nicht auch edele, zarte Gefühle ſchlummern können?— Eliſabeth lächelte und er fuhr in der Art fort zu ſprechen, wie er glaubte, daß es einer Enkelin des Herrn von Budmar, deſſen Richtung ihm wohl bekannt war, gefallen möchte, bis der Tanz von Neuem begann und der Unterhaltung ein Ende machte. Nein, Mama, begann Eliſabeth wieder zu berichten, den Herrn von Stottenheim mußt Du vom Großpapa und von edlen und frommen Empfindungen reden hören!— Er iſt ein gewandter Mann und weiß von Allem zu reden, entgegnete die Mutter ruhig.— Ja, er iſt ein Heuchler, fuhr Eliſabeth fort, und das iſt viel ſchlimmer.— Du ſighſt, in welcher Geſellſchaft wir uns befinden, lächelte die wenn Du alle Deine Tänzer examiniren könnteſt, würdeſt nicht viel Erfreuliches erfahren.— Eliſabeth nickte und flüſterte lächelnd: Mama, mein Ideal finde ich hier nicht.— Die Mutter lächelte auch, es waren ihr 122 dieſe Worte ordentlich ein Troſt, obgleich ſie den Verſiche⸗ rungen ihres lebhaften Töchterchens nicht ſehr viel trauen konnte. Jetzt wurden die Geigen wieder geſtimmt, und Eli⸗ ſabeth konnte mit dem beſten Willen ihr Herz nicht ruhig philoſophiren. Wird der zürnende Tänzer dich auffordern, oder nicht? dachte ſie; und wie unerträglich, wenn er dann ſchweigend neben dir ſteht!— Die Muſik begann, ihre Nachbarinnen wurden zum Tanze geholt, Herr von Kadden blieb ungeſtört mit einem älteren Herrn im Geſpräch. Nur wenige Minuten aber, da ſtanden drei Herren vor ihr und baten um den Tanz. Es entſtand mit Tante Wina und Paula zuſammen eine wichtige Berathung, ob Eliſabeth mit einem andern tanzen dürfe oder nicht. Herr von Kad⸗ den ſcheint ſein Engagement vergeſſen zu haben, ſagte Wina. Aber ich bitte Euch, wartet noch, bat Paula ängſtlich, fangt mit dem Menſchen keinen Streit an. Ich finde es äu⸗ ßerſt rückſichtslos von ihm, verſicherte der Sohn des Hau⸗ ſes, einer von den drei engagirenden Tänzern, ärgerlich; ich werde hingehen und ihn erinnern.— Eliſabeth ver⸗ bat ſich das ernſtlich, ſie wünſchte dieſen Tanz zu ruhen, und ihre Muter war eben dabei, ihre Zuſtimmung zu die⸗ ſer Ruhe zu geben, als Herr von Kadden in den Kreis trat, ſehr ernſthaft und ohne ein Wort der Höflichkeit ſein Recht in Anſpruch nahm und ſeine Dame holte. Der junge Herr von Bauer fand dies ganze Weſen ſehr unpaſ⸗ ſend, Wina zuckte ärgerlich die Achſeln und Paula flehte 123 nach allen Seiten hin um Sanftmuth, wegen dieſes gefähr⸗ lichen Menſchen. Das Paar, das der Gegenſtand ihrer Aufmerkſam⸗ keit war, flog einigemal im Reigen mit herum. Dann ſtand Eliſabeth ſchweigend neben ihrem Tänzer, der mit feſtgeſchloſſenem Munde und düſteren Blicken ebenſo ſchweig⸗ ſam blieb. Das iſt aber ein heftiger Menſch, dachte Eliſa⸗ beth, und verdient ſeinen Spitznamen mit Recht. Wie kann man auf einem Balle ſo ſein, wie kann er ſich von einem jungen Mädchen ſo beleidigen laſſen! Es war, als ob er etwas ſagen wollte, er konnte ſich nicht überwinden; Eliſabeth aber fühlte deutlich, daß ſeine Hand zitterte, als er ſie zum Tauze ergriff. Sie konnte unmöglich noch ein⸗ mal ſo neben ihm ſtehen und unmöglich noch einmal mit ihm tanzen; ſie verbeugte ſich, als die Tour vorüber war, ein Zeichen, daß ſie auf ihren Platz zurück geleitet zu ſein wünſchte. Jetzt möchte ich am liebſten nach Hauſe fahren, ſagte Eliſabeth dringend, ich habe wirklich genug.— Den näch⸗ ſten Tanz mit Herrn von Bauer mußt Du noch tanzen, beſtimmte Wina, aber dann vor dem Cotillon fort.— Ja wohl, ja wohl, ſtimmte Paula bei, es iſt mir heute ordentlich unheimlich hier.— Wina ſtrafte ſie mit einem ſcharfen Blick; ſie war zwar auch nicht befriedigt, aber die Klugheit verbot, das merken zu laſſen, es ſollten doch mehr Bälle und hoffentlich ſchönere folgen. 124 Der nächſte Tanz war ein Contretanz, Herr von Bauer holte Eliſabeth, und richtig— Herr von Kadden ſtand mit Laura ihnen gegenüber. Welche Malice! flüſterte Wina und biß die Lippen auf einander. Da trat die Frau des Hauſes lachend heran. Herr von Kadden iſt wie immer eigenthümlich, das Intereſſe für ihr ſchönes Richtchen ſucht er mit Fräulein Laura zu verbergen, er giebt der Sache einen Anſchein des Scherzes.— Alſo meinen Sie nicht, daß es Malice iſt? fragte Paula.— Malice und Herr von Kadden? Nein, das reimt ſich nicht zuſammen, ver⸗ ſicherte Frau von Bauer; er iſt, wie ich Ihnen ſage, etwas raſch von Entſchlüſſen, etwas eigenthümlich.— Alles nicht ſehr angenehme Eigenſchaften, fiel Wina ein, und begann nun der liebenswürdigen Wirthin feine Vorwürfe über das Einladen eines ſolchen Herren zu machen. Während deſſen tanzte Eliſabeth, aber wie im Traume, ohne aufzuſehen. Sie fühlte die dunkelblauen Augen auf ihr ruhen, und drängte eine dunkele Macht mit Gewalt von ſich zurück. Warum kannſt du ihn nicht anſehen? Du willſt ihn ruhig anſehen, entſchloß ſie ſich feſt. Die Damen hatten gewechſelt, er mußte ihr die Hand reichen, ſie blickte auf und ſah wieder nur dieſe Augen, die ganz traurig und bittend auf ſie gerichtet waren. Sie konnte ihn nicht ruhig anſehen, es ward ihr bange, ſie ſehnte ſich, Alles möchte ein Ende haben. Wenigſtens der Tanz hat ein Ende! dachte ſie beru⸗ higt, als ſie bei der Mutter und den Tanten ſaß, um ſich 125 abzukühlen. Der Vater kam jetzt auch näher, ſie wären ₰ alle gern fortgefahren, aber der Wagen war noch nicht da. Sie beſchloſſen, in ein anſtoßendes Kabinet zu gehen, um allen Fragen nach Eliſabeth auszuweichen, denn die Gei⸗ gen wurden ſchon wieder geſtimmt. In dem Augenblick ſtand Herr von Kadden vor ihnen, nicht ernſthaft und un⸗ höflich, nein ſehr beſcheiden bat er um den verſprochenen Cotillon. Eliſabeths Mutter entgegnete freundlich, daß Eli⸗ ſabeth nicht die Erlaubniß hätte ſich zu engagiren, da gleich Anfangs beſchloſſen war, dieſen Tanz nicht abzuwarten. Herr von Kadden aber bat ſo dringend und bat ſo treu⸗ herzig nur um zwei Touren, daß der Vater, der es harm⸗ los hörte und von der Aufregung der Tanten nichts wußte, die Erlaubniß zu den zwei Touren gab. Dahin gingen ſie beide, und Eliſabeth auch mit fröhlichem Herzen, ob⸗ gleich ſie ſich das nicht geſtehen wollte. Ich mußte noch einmal mit Ihnen tanzen, flüſterte er leiſe, ich mußte Sie um Verzeihung bitten.— Eliſabeth ſchwieg.— Zum Beweis, daß Sie mir verziehen haben, ſagen Sie mir, daß ich ſehr albern geweſen bin, bat er dringend.— Sie mußte lächeln.— Da werde ich mich hüten, ſagte ſie.— Nun iſt es gut, entgegnete er zufrieden, damit haben Sie mir verziehen, und haben mir zugeſtanden, daß ich wirklich albern geweſen bin.— Nein, nicht albern, unterbrach ſie ihn: zum fürchten.— Zum fürchten? fragte er erſtaunt, aber es dauert nur immer einige Minuten, ſetzte er gut⸗ müthig hinzu.— O nein länger, ſagte ſie belehrend.— Ja diesmal, weil ich mich nicht ausſprechen konnte. Aber jetzt, fuhr er freudig fort, habe ich mich entſchloſſen, daß mein Burſche nie wieder eine Ohrfeige von mir haben ſoll. Freilich, ſchloß er ſcherzend, wenn der gute Junge ſich über den Ausfall dieſer Accidenzien beklagt, ſo haben Sie es auf Ihrem Gewiſſen.— Für eine überwundene Ohrfeige würde ich ihn immer doppelt zahlen! rieth Eli⸗ ſabeth, und ihre hellen Augenſterne ſtrahlten wieder im harmloſen Vergnügen.— Ja, das will ich auch thun, verſicherte Herr von Kadden, damit ich mich nicht allein des gewonnenen Sieges freue. Ich werde aber, begann er jetzt leiſer, nicht allein mit meinem guten Willen kämpfen, ich werde eine andere Macht zur Hülfe haben.— Eliſabeth erröthete und ſchlug die Augen nieder. Sie konnte nicht wiſſen, was es heißen ſollte, und dachte auch nicht darüber 4 nach; aber die dunkele Macht ſtand wieder vor ihr, ſie war wie im Traume, als er ſie zum Tanze führte, und war wie im Traume, als der Vater zu ihr kam und freundlich den Wagen meldete. Sie folgte dem Vater und wurde dann völlig von den Tanten durch den Saal escortirt, da⸗ mit der kühne junge Mann ſich nicht noch einmal nahen, vielleicht gar als Hülfe beim Umthun der Mäntel erſchei⸗ nen möchte. Er ſtand aber ruhig in der Saalthür, als ſie hinausgingen, und grüßte nur ehrerbietig, wie es ſich gehörte. Im Wagen wurde die Unterhaltung nur von den bei⸗ den Tanten geführt; Mutter und Tochter ſaßen ſich ſchwei⸗ 127 gend gegenüber und ſchauten in die Nacht. Beiden ſchwebte ein Bild vor der Seele, und beiden mit einem bangen Vorgefühl. Ein aufmerkſames Mutterherz hat ein beſon⸗ deres Zartgefühl und hat ein geheimes Verſtändniß mit dem Tochterherzen. War es denn ein Unrecht, wenn Eli⸗ ſabeth ſich in einen Mann verliebte, der ihr mit Bewilli⸗ gung der Eltern ſo nahe geführt wurde? Eliſe erinnerte ſich, daß ihre Mutter einſt ſagte: Die jungen Männer, die mit meinen Töchtern tanzen dürfen, müſſen mir auch als Schwiegerſöhne nicht ganz unwillkommen ſein. Welch ein ſchrecklicher Gedanke, daß einer von dieſen Männern ſollte Eliſabeth als ſein Eigenthum fordern! Eliſabeth eine Welt⸗ dame— ſie iſt ſchön, lebendig, gütig und fröhlich, ganz dazu angelegt! Dieſer elende Ball, der ſelbſt die Tanten nicht befriedigt hatte,— es wäre von größter Unwichtig⸗ keit geblieben, wenn ſie ausgeſchlagen, das fühlte ſie immer deutlicher. Warum hatte ſie nicht längſt ausgeſprochen: ich führe meine Tochter nicht in die ſogenannte Geſellſchaft ein, — das wäre einfach, würdig und paſſend zu der Richtung geweſen, die ſie vertreten wollte. Dieſer Kreis ihrer Be⸗ kannten würde ſich gar nicht gewundert haben, nur etwas raiſonnirt, aber nicht lange, und das war wirklich ohne Bedeutung. Die Bekannten wunderten ſich auch nicht, daß ſie hingekommen; die Welt iſt oberflächlich, ſie nimmt Alles, wie es ihr gegeben wird, und lobt und tadelt, wie es ihr gerade einfällt, oder wie ein Tonangeber den Anfang macht. Dies ſoll eine Erfahrung für das ganze Leben ſein, dachte Eliſe. Welche Gelöbniſſe machte ſie dem Herrn auf dieſer dunkeln Fahrt durch den Thiergarten. Die Mutter war mit Eliſabeth allein im Zimmer, ſie hatten die Hüllen abgeworfen, Eliſabeth trat vor den Spiegel. Erſchrocken ging ſie zurück. Mama, habe ich auf dem Ball auch ſo ausgeſehen? fragte ſie haſtig. Ja freilich, entgegnete die Mutter zerſtreut. Eliſabeth nahm ſie bei der Hand, ging mit ihr zum Spiegel und ſagte: Sieh nur! Das war allerdings kein erquicklicher Anblick, Kleid und Bänder und Blumen zerknittert, die Locken verwirrt, die Züge bleich und vertanzt. Nein, mein Kind, ſagte die Mutter haſtig, die kalte Fahrt hat Dich bleich gemacht, Du wareſt auf dem Ball erhitzt; nun aber ſchnell zu Bett, morgen iſt mein Töchterlein wieder friſch und iſt wieder die alte.— Eliſabeth umarmte die Mutter und— brach plötzlich in einen Thränenſtrom aus. Liebes Kind! trö⸗ ſtete die Mutter,— aber es war ihr weh, entſetzlich weh in der Bruſt— Du biſt jetzt angegriffen und aufgeregt, Du kannſt das Tanzen und das lange Aufſein nicht vertragen. — Ich gehe nie wieder auf einen Ball! ſchluchzte Eliſa⸗ beth. Und ich führe Dich mie wieder dahin, fügte die Mutter bewegt hinzu.— Eliſabeth ging zu Ruhe, von der Mutter liebreich beruhigt, und ſchlief bald ein. * 8. Nach dem Ball. Am ſpäten Morgen ſtand ſie auf, aber doch nicht friſch,— einen Tag nach dem Balle iſt das nicht zu ver⸗ langen, da iſt man abgeſpannt und hat zu Richts Luſt. Die Tanten kamen mit theilnehmenden Erkundigungen nach der geliebten Nichte, und es ward der leidige Ball ganz gegen der Mutter Wunſch wieder gründlich beſprochen. Eli⸗ ſabeth lachte über den wunderlichen Herrn von Kadden und über Laura, und fragte Tante Paula neckend, ob ſie noch nichts von einem Duell gehört. Tante Wina aber wollte wieder mit hochweiſen Belehrungen der Nichte nützlich wer⸗ den und begann feierlich: Wenn Du wieder auf einem Ball erſcheinſt— Bitte, Tante, bemühe Dich nicht, un⸗ terbrach ſie Eliſabeth, ich gehe nie wieder auf einen Ball. In dem Augenblick wurden zwei Herren gemeldet, Herr von Bauer und ſein Vetter, Herr von Stottenheim. Der Frau Geheimräthin war das gar nicht recht, aber die Tochter war auf einem Balle erſchienen, man nahm mit gutem Recht an, daß die Eltern nun auch ihrerſeits einen geben mußten, und die Tänzer machten im Voraus Viſite, bei der paſſenden Gelegenheit, ſich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Eliſe eilte zu ihrem Mann, um ihn zur Hülfe zu holen. Sie hatte ihm ſchon geſtern Abend ihr Herz ausgeſchüttet und that es jetzt mit einigen Kla⸗ Eliſabeth. 1. 4 130 gen und Seufzen über dieſe Viſite. Mein Kind, ſagte der Geheimrath lächelnd, dem erſten Schritte folgen andere, und wir müſſen ſie geduldig und anſtändig mitthun. Das wird aber vorübergehen, und wir werden uns künftig gleich vor dem erſten Schritte mehr in Acht nehmen müſſen. Wenn Dich die Sache ſo aufregt, werde ich Dich ſicher nie wie⸗ der auf einen Ball bringen. Sie traten jetzt in das Wohnzimmer. Paula fragte eben Herrn von Stottenheim nach ſeiner Rückreiſe in die Garniſon. Dieſer entgegnete, daß, obgleich ihr Urlaub bis zum Abend reiche, ſie doch bei Zeiten außzubrechen dächten; fügte aber daran eine blühende Schilderung, wie einer ſeiner Kameraden, Herr von Kadden, nach dem Balle noch vier Stunden im Thiergarten herumgeſtürzt ſei, und jetzt ſchlafe wie ein Bär. Wenn er aber beabſichtigt, auch den Mittagszug zu verſchlafen, fuhr er fort, ſo werde ich ihn ſeinem Schickſal überlaſſen; ich habe nicht Luſt mit dem Abendzuge zu fahren und dann bei dieſem ſchauder⸗ haften Wetter einen nächtlichen Ritt von beinahe einer Stunde zu machen. Paula und Wina begannen ihr Herz auszuſchütten über dieſen ſonderbaren jungen Mann, und Herr von Stot⸗ tenheim erklärte, daß er dem Auftrage ſeines Onkels, einige flotte Tänzer mitzubringen, nicht beſſer habe genügen kön⸗„ nen, als wenn er Kadden brachte, denn Doctors Laura würde ſicher nicht ſo viel getanzt haben ohne dieſen lie⸗ benswürdigen Tänzer.— Der Geheimrath hörte bei die⸗ ſer Gelegenheit von der Geſchichte mit Laura, welche die Tanten mit der vorgefaßten Meinung als unbeſtrittene Bos⸗ heit hinſtellten. Herr von Stottenheim vertheidigte den Kameraden eifrig. Das iſt bloße Gutmüthigkeit, theilweiſe Großmuth und theilweiſe harmloſer Uebermuth, verſicherte er. Eines wundert mich nur: warum er ſich auf Fräu⸗ lein Laura beſchränkte. Ich erinnere mich, daß er auf einem Ball die lächerliche Idee faßte, nur immer mit den Damen zu tanzen, die ſitzen geblieben waren, und er hat es zu unſer aller Spaß durchgeführt.— Der Geheim⸗ rath fand das allerliebſt und ſehr amüſant, und hörte mit Intereſſe weiter von ihm reden,— daß er nicht allein ein flotter Tänzer, ſondern auch ein geſchickter Schläger und ein toller Reiter ſei. Kein Pferd iſt ihm zu wild, verſicherte Herr von Stottenheim, er bändigt es; er iſt im höchſten Grade tollkühn und man muß ſich nur wundern, daß er noch nicht zerſchmettert iſt.— Mutter und Tochter ſpra⸗ chen kein Wort, die Mutter hörte mit Spannung auf das Urtheil ihres Mannes, der dies ganz unbefangen ſehr gute Eigenſchaften eines Soldaten nannte und dann über andere Dinge ſprach, bis die Herren ſich entfernten. Als Eliſabeth allein war, verſuchte ſie wieder aller⸗ hand vorzunehmen, aber es ging nicht. Sie hatte die Ar⸗ beit in der Hand, oder ein Buch, oder ſaß am Clavier, immer war ein Bild ihr zur Seite. Nach Tiſch ſollte ſie ruhen, die Mutter hatte ihr das Kabinet angewieſen. Schla⸗ fen konnte ſie nicht, ſie war es nicht gewohnt am Tage. 9* 132 Sie lag mit offenen Augen und mit geſchloſſenen Augen, und immer ſtand das eine Bild ihr zur Seite. Da rich⸗ tete ſie ſich plötzlich auf, warf den Kopf in die Höhe und dachte entſchieden: Ich will nicht an ihn denken. Sind es Verſuchungen, mich zu beunruhigen? So will ich ſie überwinden, ich will nicht ſo thörichten Gedanken und Bildern folgen. Sie ſtand auf, nahm ein Arbeitszeug zur Hand, ging in die Kinderſtube und verſuchte dort fleißig und fröhlich zu ſein, und wirklich, das Bild verließ ſie und die Mutter ſtärkte ſich an Eliſabeths Frohſinn. Mädchen, die von Jugend auf in der herkömmlichen Welt leben, hören von Bällen, von den Ereigniſſen dort, von Verlieben und Verloben oft früh genug, als etwas ſich von ſelbſt verſtehendem. Sie gehen dann ſelbſt auf Bälle, und beabſichtigen natürlich ſich zu verlieben und zu verlo⸗ ben. Es kommt auch ſelten ein Mädchen von ihrem erſten Ball zurück, daß nicht ihr Herz, oder wenigſtens ihre Fan⸗ taſie mehr oder weniger mit einem Bilde beſchäftigt iſt. Daß es nicht recht iſt, ſolchen Fantaſien nachhängen, iſt ihr nie geſagt; es iſt nur der Lauf der Welt ſo, und iſt auch ſehr angenehm, das Herz beſchäftigt zu haben. Dieſe erſte Neigung wird oft ſogar ſehr ernſt und heilig gehal⸗ ten, ſie iſt ja hoffentlich für die Ewigkeit. Aber glücklicher Weiſe wechſeln die Bälle und wechſeln die Herren, das Herz muß ſich an den Wechſel gewöhnen, das Herz muß immer oberflächlicher lieben lernen, und ſo veroberflächlicht macht es auf keine beſonderen Eigenthümlichkeiten bei dem Gegenſtand ſeiner Liebe mehr Anſpruch. Es wählt, wenn es irgend angeht, liebt dann auch, wie es in Romanen beſchrieben iſt, bis dieſe Liebe in einer ganz oberflächlichen armſeligen Ehe ihr Ende findet. Da machen entweder Gewohnheit oder Gutmüthigkeit das Leben erträglich, vder Aerger und Unftieden eine Hölle daraus. Daß ſich zwei Leute nach fünfundzwanzig Jahren nur ſchöner finden ſollen, und daß die Liebe immer wunderſamer und mächtiger und verklärter werden ſoll, klingt der Welt wie Schwärmerei. Ja eine Liebe, die der Welt angehört, verblüht mit der irdiſchen Geſtalt; eine Liebe, die der Seele angehört, wächſt mit dieſer immer ſeliger zum Himmel hinauf. Eliſabeth hatte von den Tanten allerdings manchen Unſinn gehört, der auch in ihrem beweglichen Herzen Nah⸗ rung geſucht, aber der Mutter ernſte Grundſätze und der Verkehr mit der lieben theuren und ſo jugendlich fühlenden Großmama hatten immer dagegen gewirkt. Die Groß⸗ mama, die jetzt mehr Zeit hatte, mit der Enkelin, als die arme Stadtmutter mit ihrer Tochter zu verkehren, hatte vor nicht langer Zeit erſt geſagt: Liebe Eliſabeth, wenn Dein Herz einmal thut, als ob es nicht ganz ruhig wäre, ſo bemühe Dich es ruhig zu machen, halte es für eine Sünde, gleich ſolchen Fantaſien und Gedanken nachzuhängen. Die Gewalt, die Du darüber übſt, wird ein Prüfſtein ſein, ob die Sache Thorheit iſt, oder ob ſie vom Herrn iſt. Dieſer Ermahnung eingedenk ſollte Eliſabeths Herz ruhig ſein. Ein ſolcher leichtfertiger Menſch, ein ſolcher Spötter, ich 134 möchte gar nicht an ihn denken!— ſagte ſie ſich ernſthaft, — es iſt nur dies wunderliche Zuſammenſein auf dem Ball, was mich beunruhigt, und das iſt eine Strafe! Warum bin ich hingegangen! Wenn ich es nicht bald überwinden kann, dann reiſe ich zur Großmama und er⸗ zähle ihr alles,— denn es iſt doch eigentlich nur ein Un⸗ ſinn, ſetzte ſie kühn hinzu. Ihrem Vorſatz getreu, der ihr eben das Stillſitzen und Träumen verbot, ging ſie um 4 Uhr nach der eng⸗ liſchen Stunde. Da der Weg nicht nahe war und es früh dämmrig wurde, ſollte ſie Fritz um 5 Uhr abholen. Sie ſchritt rüſtig durch die Straßen, ihr Ziel war eine Gegend, wo die Häuſer unanſehnlich und die Läden klein ſind, wo ſelten elegante Leute und Wagen zu finden ſind, aber viel Kinder auf den Straßen ſpielen trotz des Schmutzes. Sie ſchritt durch einen Thorweg, dann durch einen engen dunkelen Gang, eine ſchmale Treppe hinauf, die durch eine kleine Oellampe erleuchtet wurde. Hier war die Klingel und die Thür, die ſie zu ihrer engliſchen Lehrerin führte. Wenn du hier in dieſer engen, düſteren Welt leben müßteſt, würde dir das Herz brechen! dachte ſice. Dabei wurde es ihr ſo wunderbar warm im Herzen, als hätte es einen großen Reichthum zu verbergen. Was iſt denn? dachte ſie plötz⸗ lich, dann hielt ſie ihre Hand nachdenklich und traurig vor die Stirn und trat ein. Die Engländerin war ein Mädchen, nicht mehr jung, ſie war in verſchiedenen Häuſern Gouvernante geweſen und 135 erfreute ſich jetzt eines kleinen eigenen Haushaltes und der lang erſehnten Ruhe. Sie wohnte in einem Stadttheil, wo die Miethen billiger ſind, wo eben eine Menge an⸗ ſtändiger Leute wohnen, die weder Geſchäfte noch Neigung in belebtere Straßen ziehen. Ihre kleine Wohnung war ſehr comfortabel eingerichtet, mit Teppichen und ſchönen Blattpflanzen und Bildern und Büchern, meiſtens Geſchenke ihrer geweſenen Zöglinge. Sie ſelbſt war darinnen die Seele, ſie war fein und liebenswürdig und eine aufrichtige Chriſtin. Die anderen Schülerinnen waren noch nicht da, Eli⸗ ſabeth hatte es in ihrer Unruhe etwas früher hergetrieben. Es war ihr auch ganz recht, ſie hatte die gute Miß herz⸗ lich lieb, und eben ſo war es von der andern Seite; ja wenn Eliſabeth die Sprechſtunden aufgegeben hätte des theuren Geldes wegen, ſie hätte jedenfalls als Freundin kommen müſſen. Ich habe eben einen herrlichen Choral entdeckt, ſagte die Miß nach der gewöhnlichen Begrüßung, und nachdem Eliſabeth ſich traulich zu ihr geſetzt hatte. Er war mir früher ganz unbekannt. Dabei leuchteten ihre Augen ſehr glücklich, und ſie nahm ein Buch, das vor ihr aufgeſchla⸗ gen lag, und begann zu leſen: 5 Mein ſchönſte Zier und Kleinod biſt Auf Erden Du, Herr Jeſu Chriſt! Dich will ich laſſen walten, Und allezeit In Lieb und Leid Im Herzen Dich behalten. 136 Dein Lieb und Treu für alles geht, Kein Ding auf Erd ſo feſt beſteht: Solchs muß man frei bekennen; Drum ſoll nicht Tod, Nicht Angſt und Noth Von Deiner Lieb mich trennen. Eliſabeth ſchwieg. Sie ſind ja ſo nachdenklich, und ſagen kein Wort, begann die freundliche Miß. Was haben Sie denn? finden Sie es nicht ſchön?— O doch, ſagte Eliſabeth jetzt lächelnd, es gefällt mir ſehr gut, und ſoll ich Ihnen ſagen, was mich beſchäftigte?— Die Miß nickte. — Als ich hier über den düſteren Flur ging und hier an Ihr einſames Leben dachte, da ward es mir ordentlich bange, und nun ich Sie ſche, und ſo glücklich und freu⸗ dig ſehe, da ſchämte ich mich.— Liebe Eliſabeth, ſagte die Miß, Sie werden das vielleicht ſchwärmeriſch finden, wenn ich Ihnen ſage, daß ich mein Glück und meine Selig⸗ keit oft nicht beſchreiben kann. Ich möchte mit keinem jun⸗ gen Mädchen tauſchen, deren Leben noch weit ausgebreitet vor ihr liegt; ich bin in einem ſicheren Hafen eingelaufen, und mich kann kein Sturm mehr erſchüttern. Ich bitte meinen Herrn und Heiland nur um einen ſanften Tod, wenn er mich wird in ſeinen ſchönen Himmel rufen.— Ja Sie ſind ſehr glücklich, das weiß ich wohl, entgegnete Eliſabeth.— Ihnen, fuhr die Miß fort, wird der Herr keinen ſo einſamen Weg beſtimmt haben; aber wie der Weg auch ſein mag, der Herr wird mit Ihnen gehen, das 137 weiß ich, Sie werden ihn nicht laſſen.— Fliſabeth ſah in das Buch und ſprach: Dein Lieb und Treu für Alles geht. Wiſſen Sie denn, Liebe Miß, daß ich geſtern auf einem Ball geweſen bin? fuhr ſie fort, und da habe ich ein böſes Gewiſſen. Ein Ball, ſagte die Miß freundlich, iſt wohl nicht unter jeder Bedingung eine Sünde; meiner lieben Comteſſe Adelheid wurde es ſogar zu einer Tugend gerechnet, daß ſie ſo ungern ging und es doch auf Befehl des Vaters willig und ohne Widerſpruch that.— Der wird es auch nie geſchadet haben, unterbrach ſie Eliſabeth ſchnell; aber ich ging aus eigentlicher Luſt am Vergnügen, es iſt mir zuweilen zu eng im Haus, ich muß etwas erleben, es muß wundervoll um mich herum ſein, und nach herrlicher Muſik in einem ſchönen Aſchenbrödel-Kleide mit einem Prinzen tanzen, das hatt ich mir ſchön gedacht.— Und war es nicht ſchön?— RNein, ſagte Eliſabeth, es war erſt etwas zauberiſch, aber dann wüſt und bange, ich weiß ſelbſt nicht,— ich gehe nie wieder auf ſolchen Ball! Die Ankunft der andern Schülerinnen unterbrach dieſe Unterhaltung, die engliſche Converſation nahm ihren An⸗ fang. Es wurde von lauter gleichgültigen Dingen geſpro⸗ chen, Eliſabeth fing an ſich zu langweilen. Ja wenn ſie mit der Miß hätte länger allein ſein können, ſie hätte, ohne ihre eigentliche Noth zu berühren, doch ihr Herz aus⸗ ſprechen können; ſo ward es ihr immer ſchwerer, ſie konnte 138 dieſelben Gefühle, die ſie beim Kommen hatte, nicht über⸗ winden. Sie ſah auf die einſame Straße, auf den trü⸗ ben Himmel und auf ein kleines bleiches Mädchen, das in einer vertragenen ſchwarzen Sammetjacke in einer Haus⸗ thür ſtand, eine Puppe im Arm und die frierenden Hände in eine Schürze gewickelt. Du armes Kind! dachte ſie, Du biſt nicht froh, das Leben ſcheint Dir gewiß nicht wundervoll, es giebt auch mehr Unglück in der Welt als Glück, und mir iſt heute auch traurig zu Sinne.— Sie athmete tief auf, als Fritz kam und rüſtete ſich ſchnell um ihren Mitſchülerinnen zuvorzukommen. Das Geſchwiſterpaar war ſchon durch einige kleinere Straßen gegangen, als ſie in die lange Kochſtraße einbo⸗ gen, die in Nebel, Dämmrung und Schmutz eben nichts einladendes hatte. Sieh nur, Fritz! ſagte Eliſabeth, wie öde eine ſolche Straße ausſieht, die Häuſer alle ſo todt und unheimlich. Wenn es einmal eine Stadt iſt, muß auch Leben und Licht darin ſein. Ich weiß nicht, in die⸗ ſen Straßen bekomme ich immer Heimweh und Herzweh. — Das macht, weil Du niemand Bekanntes hier haſt, entgegnete Fritz ruhig.— Sie gingen ſchweigend und ſchnell nebeneinander, als ihnen eine hohe Figur entgegen kam, feſt in einen militäriſchen Mantel gehüllt, eine weiße Mütze tief in die Stirn gedrückt. Eliſabeth erſchrak. Dann dachte ſie: du biſt eine Thörin, du wirſt nun hinter jedem Mili⸗ tär den furchtbaren Mann erblicken.— Er kam aber näher und war es wirklich. Er ſah auf, er ſtutzte, dann flog 139 es wie Sonnenſchein über ſeine Züge. Sie ſahen ſich beide an, ohne zu überlegen, wie ſie ſich wohl anſehen müßten; er überlegte auch nicht, was hinter Eliſabeths Ver⸗ legenheit und Verwirrung verborgen war. Sie wollte grü⸗ ßend an ihm vorüber, das war ihm aber unmöglich, er dachte in ſeinem Glücke gar nicht daran.— Wo kommen Sie hierher? fragte er ganz erſtaunt. Aus der engliſchen Stunde, war Eliſabeths Antwort. Er wandte ſich um und ging nun langſam neben ihnen her. Ich habe in dieſem troſtloſen Stadttheil eine alte Tante aufgeſucht, begann er, es war mir im Gaſthofe ſo unerträglich, und ich ſehnte mich nach einer Menſchenſeele, an deren Theilnahme ich ein Recht habe. Aber können Sie ſich eine alte Dame den⸗ ken, fuhr er aufgeregt fort, die, als ich ihr meine Noth geklagt habe, ſagen kann:„Ja ſo einſam habe ich mich oft gefühlt, man gewöhnt ſich nach und nach daran, ich habe auch Niemand, der mich lieb hat, ich habe aber Umgang, denn ohne Umgang würde das Leben ſehr einförmig ſein. Ich habe ſogar viel Umgang, doch zweifle ich, ob mich meine Freundinnen lieb haben, ſie ſind zu unausſtehlich; die ein⸗ zigen Weſen, die mich aufrichtig lieb haben(und ihre Stim⸗ me wurde dabei ganz gerührt) das ſind dieſe lieben Geſchö⸗ pfe, dieſe drei Hunde. Komm Diana, ſieh, das iſt mein Neffe Otto! den mußt Du ſehr lieb haben. Und hier, Du ſüßer Joli, Du ahneſt nicht, wen Du hier vor Dir ſiehſt! Ja lieber Otto, ſagte ſie zu mir, wenn ich ſterbe, werde ich Deiner Liebe dies holde Geſchöpf vermachen, er 140 müßte in dieſer liebeleeren Welt ſich todt grämen. Die Diana und Bella hoffe ich zu überleben.“ In dem Styl ging es weiter, ich konnte es nicht anhören, es trieb mich fort, und wie ich durch dieſe Straßen ging, dachte ich: hier zu leben wäre doch unmöglich, die Gedanken können an nichts anknüpfen, ein Haus ſieht ſo fremd und ſo traurig aus, als das andere.— Als er das ſprach, ſah er wirklich ernſthaft und traurig aus.— Eliſabeth hat eben daſſelbe bemerkt, begann Fritz bedächtig, die Ur⸗ ſache iſt aber nur, weil hier wenig Bekannte wohnen, und es liegt nicht an dieſen Häuſern, es liegt an uns ſelbſt. Herr von Kadden gab ihm recht, er fand es jetzt nicht mehr einſam hier, und es war wunderbar, daß er gleiche Empfindungen mit Eliſabeth gehabt.— Eliſabeth war verlegen und begann haſtig: Nein, es liegt nicht nur an den Häuſern, und es wohnen auch nicht nur alte Da⸗ men hier, die ſich mit ihren Hunden tröſten; meine Eng⸗ länderin lebt hier ſo glücklich und froh, ſie möchte mit keinem Menſchen tauſchen.— Und lebt ſie ganz allein? fragte Herr von Kadden theilnehmend.— Ganz allein, entgegnete Eliſabeth, ihre wenigen Verwandten ſind in Eng⸗ land;— aber ſie iſt fromm, fügte ſie zagend hinzu.— Sie iſt fromm, wiederholte ihr Rachbar leiſe.— Sie ſah ihn forſchend an, er hatte die Augen geſenkt und ſah ernſt aus, die langen dunkelen Augenwimpern ruhten wie tiefe Schatten unter den geſchloſſenen Augen. Dazu bemerkte Eliſabeth jetzt erſt, daß er ſehr bleich war.— Sind Sie 141 krank? fragte ſie ſchnell und ohne zu überlegen.— Au⸗ genblicklich nicht, ſagte er ruhig und ſah ſie mit den gro⸗ ßen Augen theilnehmend an, aber traurig ſah er dabei doch aus.— Sie wollen heute Abend abreiſen? fragte ſie ebenſo ſchnell.— Das muß ich, war ſeine Antwort.— Herr von Stottenheim, fuhr ſie fort, hat uns heute Mor⸗ gen erzählt, Sie würden ſich nicht vor einem gefährlichen Nachtritt fürchten, weil Sie ſtets tollkühn wären.— Auf einem Pferde fürchte ich mich nicht, entgegnete er ruhig. — Er ſagte aber, es wäre ein Wunder, daß Sie noch nicht zerſchmettert wären, fuhr Eliſabeth fort.— Das hoffe ich doch nicht, entgegnete er lächelnd.— Sie ver⸗ laſſen ſich auf Ihre Geſchicklichkeit? fragte ſie.— Das thue ich freilich, war ſeine Antwort, aber ich habe auch ſchon erfahren, daß ſich der liebe Gott um mich bekümmert. — Eliſabeth ſah ihn verwundert an.— Ich bin ja kein Gottesleugner, ſagte er gutmüthig.— Soldaten müſſen ja wohl in die Kirche gehen? forſchte ſie neugierig.— Frei⸗ lich, wir ſelbſt müſſen unſere Leute hinführen, war ſeine Antwort, man ginge auch gern hin, wenn wir einen anderen Paſtor hätten, fügte er hinzu.— WVie iſt er denn? fragte Eliſabeth weiter.— Er iſt zu wunderlich, er ſpricht nur immer von der Hölle und von der Verdammniß.— Und das wollen Sie nicht hören, ſagte Eliſabeth bedächtig. — Ein jeder ſchafft ſich ſeinen Himmel und ſeine Hölle ſelbſt in ſeinem Innern, ein jeder hat ſich nur vor Schlech⸗ tigkeiten zu hüten, und das kann ich mit einem guten feſten 142 Willen, ſagte Herr von Kadden ernſthaft.— Eliſabeth ſagte nichts. Wie konnte ſie auch zu einem fremden Men⸗ ſchen von ihrem Glauben reden? Fritz aber mußte dieſe Gelegenheit benutzen und auch einmal etwas ſagen. Mit die⸗ ſen Anſichten iſt Ihnen wenig geholfen, wenn Sie auch kein Gottesleugner ſind, verſicherte er kühn.— Eliſabeth erſchrak faſt, ſie fürchtete, Herr von Kadden möchte das übel auf⸗ nehmen, und fügte ſchnell hinzu: Mit dieſen Anſichten, glaube ich, kann man nur glücklich ſein, ſo lange man jung und geſund und vergnügt iſt; wenn man aber alt wird und wird krank, und der Tod rückt immer näher?— Das ſind traurige Gedanken, ſagte er treuherzig, die muß man gar nicht herankommen laſſen.— Da zieh ich doch einen Glauben vor, unterbrach ſie ihn, der mir in allen Fällen Troſt iſt, ja mehr als Troſt!— Er ſah ſie un⸗ gläubig und lächelnd an. Lieben Sie Mährchen? ftagte er plötzlich!— Ja freilich.— Da iſt von goldenen Schlöſ⸗ ſern und ſchönen Prinzeſſinnen nund Wünſchelruthen und Zaubergärten die Rede, fuhr er fort, und als Kind hat man das Alles geglaubt und das war ſchön.— Eliſa⸗ beth ſchwieg, ſie wußte wohl, was er damit ſagen wollte. Sie waren jetzt in eine belebtere Straße gebogen, und konnten nicht drei neben einander gehen, Fritz ging gedan⸗ kenlos voran, und ließ die Schweſter mit ihrem hohen Be⸗ gleiter folgen. Als ſie jetzt ſchweigend nebeneinander gin⸗ gen, dachte Eliſabeth plötzlich: Jetzt weiß ich, warum es ſo dunkel und ſchwer wie ein Unglück auf meiner Seele 143 liegt; er wird in der dunkeln Nacht unvorſichtig ſein und verunglücken, und es wird mich ſchrecklich kümmern, ich werde immer denken, wie er ſo gottvergeſſen dahin muß. Aber es giebt ſo viele ungläubige Männer, Herr von Bauer und Herr von Stottenheim, ſie ſind eben ſo, und ich kann ſie doch nicht bekehren. Sie ſind auch nicht in der Ge⸗ fahr, in dieſer Nacht zu verunglücken; ich muß ihn⸗wenig⸗ ſtens ermahnen, nicht tollkühn zu ſein.— Es war ſelt⸗ ſam, als ob er ihre Gedanken errathen hätte. Wie hat der NRebel in den wenigen Minuten zugenommen, nahm er das Wort, man ſieht kaum die einzelnen Lichter auftau⸗ chen. Sie zwang ſich zum Scherz und ſagte: Die Nacht wird herrlich dunkel werden, eine gute Gelegenheit zum Zer⸗ ſchmettern. O ich werde mich hüten, ſagte er ebenſo ſcher⸗ zend, ich werde ſo vorſichtig reiten, daß mein gutes Pferd gar nicht wiſſen wird, wen es trägt, und mein Burſche ganz bedenklich ſein wird, ob er ſeinen Herrn abgeholt hat. Er wird freilich auch einen andern Herrn nach Hauſe brin⸗ gen. Mir iſt es heute, als ob ich wieder an Mährchen glauben ſollte, ſagte er etwas leiſer, zuweilen, als ob es ein ſehr frohes, und dann als ob es ein trauriges wäre. Eliſabeth ſagte haſtig und verlegen: Ja, es wird ſehr dun⸗ kel werden, und jetzt will ich mir hier Bleifedern kaufen. Sie wünſchen mir vorher noch eine glückliche Reiſe, bat er, indem er vor ihr ſtand und ſie ſo vertrauend anſah, als ob ſie längſt Bekannte wären. Das thue ich, ſagte ſie, und hätte gern einen Scherz hinzugefügt, aber es fiel ihr nichts ein. 144 Ohne zu wiſſen, was er that, reichte er ihr die Hand, erſt als er ſah, wie ſie ihm nur die Fingerſpitzen zögernd reichte, erſchrak er und eilte fort. Um nicht zu lügen, muß ich mir hier Bleifedern kau⸗ fen, ſagte Eliſabeth zum Bruder, aber ich konnte nicht an⸗ ders von ihm fortkommen. Warum denn auch? fragte Fritz. Ich glaube es ſchickt ſich nicht, ſagte die Schweſter. Heute Morgen aber ſah ich Herrn von Bauer eine ganze Weile neben Fräulein von Wedell gehen, entgegnete Fritz. Denke Dir, wenn die Tanten mich neben dem gefürchteten Mann hätten gehen ſehen, ſcherzte Eliſabeth. Ich finde ihn gar nicht ſo fürchterlich, verſicherte Fritz. Daß er ſo ein armer Mann iſt und keinen Glauben hat, thut einem leid; es liegt aber wirklich oft nur an der Erziehung, fügte er ſachverſtändig hinzu, ſie ſind ſo zu ſagen über die Maaßen vernachläſſigt. Eliſabeth war damit einverſtanden und das Geſchwiſterpaar, das ſeit der Confirmation ſich beſonders freundſchaftlich eingelebt, vertiefte ſich in dieſen Gegenſtand, bis ſie ihre Wohnung erreichten. 9. Ein Reiſeplan. Es war im Monat Januar, ein wunderſchöner Win⸗ tertag, die Sonne ging roſig unter, roſig glänzten die leicht beſchneiten Bäume, und roſig die Dächer des weiten Berlins. Der Geheimrath Kühneman mit Frau und Kindern hatte einen prächtigen winterlichen Spaziergang gemacht. Sie gin⸗ gen jetzt alle, Große und Kleine, nach einer von den Stra⸗ ßen vor dem Potsdamer Thore, wo der Onkel, General von Reifenhagen, wohnte. Dieſer Shakſpeare⸗Abend jeden Dienſtag war, wie Mariechen verſicherte, ein ſchöner Abend, weil die Kinder da mit in Geſellſchaft gehen durften. Die gute Tante wußte wohl, daß es armen Kindern ſehr einſam um das Herz iſt, wenn die Eltern in Geſellſchaft ſind und ſie mit den Dienſtboten bleiben müſſen, und darum, meinte ſie, müſſe das nicht zu oft vorkommen. Wenn auch an dieſem Abende mehrere Stunden vorgeleſen wurde, was die Kinder nichts anging, ſo fanden ſie doch im Nebenzimmer während deſſen einen Haufen Haſelnüſſe und das Poſt⸗ und Reiſeſpiel, und die großen Leute waren ſo gütig, vor und nach dem Leſen und in den Pauſen mit ihnen zu ſcherzen, zu ſpielen und fröhlich zu ſein. Feſte Gäſte dieſes Leſeabends waren außer den beiden Familien noch der junge Paſtor Schlöſſer, der Lieutenant von Reifenhagen, Vetter des Generals, und Frau von Eliſabeth. 1. 10 146 Warmholz mit ihrer Tochter Klärchen. Sie alle waren einig im Glauben an einen Herrn. Außerdem aber waren ſie ſehr verſchieden. Es iſt eine große Beſchränktheit der Welt⸗ leute, daß ſie wohl meinen, gläubige Menſchen wären ge⸗ rade einer wie der andere, ernſthaft, feierlich und langwei⸗ lig. Daß es hier ebenſo luſtige wie ernſthafte, komiſche und kluge, einſeitige, beſchränkte und geiſtvolle giebt, möch⸗ ten ſie nicht glauben. Während die übrigen Gäſte noch erwartet wurden, wa⸗ ren Eliſe und die Tante Generalin allein im Wohnzimmer, Emilie und Eliſabeth tummelten ſich mit den Kindern im Nebenzimmer. Du glaubſt nicht, liebe Tante, wie ſehr wir uns immer auf dieſen Abend freuen, ſagte Eliſe, indem ſie ſich behaglich in die Sofaecke lehnte, mir iſt es beſon⸗ ders lieb, ich weiß die Kinder verſorgt und amüſirt, die großen und die kleinen; das habe ich früher nie gehabt, und es erinnert mich ſo ſehr an unſer Leben im elterlichen Hauſe.— Ja, entgegnte die Tante freundlich, es klingt zwar etwas ſeltſam, aber ich verlange, die Eltern müſſen ſich mit ihrem Umgang nach den Kindern richten: wenn die Kinder klein ſind, müſſen die Eltern auch Kinder ſein und Leute einladen, die das verſtehen.— Läßt ſich das in ei⸗ nem Stadtleben durchführen? ftagte Eliſe zaghaft.— Aus⸗ nahmen werden geſtattet, lächelte die Tamte, aber Du wirſt es erfahren, wie herrlich ſich Alles geſtaltet, wenn nur erſt das Prinzip in einem Hauſe aufgeſtellt iſt, daß den Kin⸗ dern die meiſte Liebe, die meiſte Zeit und die meiſte Rück⸗ 147 ſicht gehören müſſe. Dieſe Zeit, für die Kinder verwendet, iſt ein Kapital, was die beſten Zinſen trägt.— Du ſehſt ja, wie ich mich beſtrebe, das recht zu finden, ſagte Eliſe lächelnd,— und liebe Tante, fügte ſie hinzu, ich glaube, ich habe in den letzten Monaten etwas gelernt, ich bin weit fröhlicher und friſcher mit den Kindern. Du wareſt ja gut angelernt von Deiner Mutter, entgegnete die Tante. — Ich geſtehe auch, fuhr Eliſe fort, daß ich mich eigent⸗ lich an Eliſabeth verſündigt habe, ich habe ſie allein gehen laſſen, habe nicht recht für ihr Vergnügen geſorgt. Meine Entſchuldigung iſt zwar, daß ich ſo viel mit den kleinen Kindern zu thun hatte, und unſere Verhältniſſe mir nicht erlaubten, viel Hülfe zu nehmen, und außerdem die mancher⸗ lei Geſelligkeit, die durch die nöthigen Vorbereitungen ſo viel Zeit und Gedanken in Anſpruch nimmt.— Eliſa⸗ beth iſt ſo lieblich und ſo friſch zugleich, ſagte die Tante. — Sie iſt aber noch ſo unſicher und wechſelnd! entgeg⸗ nete Eliſe ſeufzend. In der Adventszeit hat ſie ſo eifrig mit Fritz Kirchengeſchichte ſtudiert, hat geſungen und beim Arbeiten Lieder gelernt, und außerdem mit den Kindern ſo viel geſpielt. Nach Weihnachten war ſie ganz anders, ſie ſeufzte, es ſei doch oft langweilig in der Welt, ſie ließ nicht nach, ſie mußte mit den Tanten nach den Conzerten, und neulich, als meines Mannes Schweſter aus Königsberg hier war, war es durchaus nicht zu vermeiden: ſie iſt mit mei⸗ nem Mann und den Schwägerinnen im Theater geweſen. — Das habe ich gehört, ſagte die Tante ruhig; Du ſiehſt, 10* 148 daß Du für Eliſabeths Unterhaltung ſorgen mußt, wenn ſie es nicht ſelbſt thun ſoll. Ich habe in dieſer Zeit viel mit meinem Mann über⸗ legt, nahm Eliſe nachdenklich das Wort, ob wirklich Con⸗ zerte und Theater beſuchen ſich nicht mit unſerer Lebensrich⸗ tung verträgt. Mein Mann iſt in allen ſolchen Sachen ſo ruhig, kann ſie leicht entbehren und räth mir, wenn es mich beunruhigt, ſie zu laſſen. Für ein Unrecht hält er es indeſſen nicht; wenn ich es aber nicht für ein Unrecht halte, weiß ich nicht, warum ich alle dieſe Dinge nicht als Bil⸗ dungsmittel benutzen kann.— Wenn mich Jemand frägt, begann die Tante, würde ich antworten: Gehe ſo lange hin, als Du es nicht laſſen kannſt.— Eliſe ſah ſie fra⸗ gend an.— Die Tante fuhr fort: So iſt es mit all den einzelnen Fragen über Dinge, die an und für ſich nicht Sünde ſind, die den Chriſten beunruhigen, oſt bei dem beſten Willen beunruhigen, weil er nicht weiß, was er thun ſoll, und auch von Freunden verſchieden berathen wird. Da iſt meine Anwort eben: thue es, ſo lange Du es nicht laſſen kannſt. Mit der Antwort will ich nicht die Gewiſ⸗ ſen beſchweren, ich möchte nur die Sehnſucht von den Din⸗ gen dieſer Welt ab nach oben hinziehen. Dann möchte ich noch hinzufügen: Eines ſchickt ſich nicht für Alle. Wem der Herr viel vertraut hat, der ſollte ganz beſonders vorſich⸗ tig ſein. Ich möchte aber damit nicht ſagen: bezeuget der Welt, daß ihr fromme Leute ſeid, indem ihr weder Bälle, noch weltliche Conzerte, noch Theater beſucht; das ſollen wir 149 durch ganz andere Dinge bezeugen. Wir ſollen gottſelig vor dem Herrn leben, wir ſollen ſtreben mit einem neuen Herzen, in einem neuen Leben zu wandeln, dann werden alle dieſe einzelnen Fragen ſich löſen, wie die herbſtlichen abgelebten Blätter den jungen Frühlingstrieben weichen müſſen. Zu beurtheilen und zu richten, wie weit in einem Herzen das neue Leben durchgedrungen, und wie weit ältere Lebensge⸗ wohnheiten dieſem neuen Leben hinderlich oder unſchädlich ſind, wage ich nicht. Die Verhältniſſe, in denen die Men⸗ ſchen leben, ſind ſo verſchieden, eben ſo die Gefahren und die Verſuchungen; ich mnöchte nur für mich und für alle, denen mein Einfluß etwas ſein kann, wachen und beten, daß ein neues junges Leben friſch und freudig der Sonne entgegen ſprießt, und daß es Alles hinwegdrängt, was ſei⸗ nem Hinanſtreben hinderlich iſt. Ich für mich frage gar nichts danach, entgegnete Eliſe, ebenſo wenig als mein Mann; wie iſt es aber mit den Kindern, wenn ſie nun einmal in einer großen Stadt leben? Können ſie nicht von Kunſt und Muſik Nutzen haben, und dürfen wir ſie, wenn ſie ſich danach ſehnen, mit Gewalt zurückhalten? Kunſt und Poeſie ſind mir als Bildungsmittel für meine Kinder ſehr willkommen, entgegnete die Tante; was ihnen aber im Theater und in den gewöhnlichen Conzerten Schädliches dazu gereicht wird, hebt allen Nutzen, den ſie von Kunſt und Poeſie haben können, wieder auf. Ueber⸗ lege Dir einmal, ob die Berliner jungen Mädchen, die * * 150 häuſig Theater und Conzerte beſuchen, für ihren inneren Menſchen davon Vortheil haben. Ich behaupte: Schaden; und ich kann nur allen Eltern, die in einer Stadt woh⸗ nen, rathen, die Töchter ſo ländlich als möglich zu erzie⸗ hen, denn eine gründliche ländliche Erziehung iſt jeder ſtäd⸗ tiſchen vorzuziehen. Liebe Eliſe, Du haſt es ſelbſt erfah⸗ ren, als Du nach Berlin kameſt, fügte die Tante lächelnd hinzu. Deine ſchönen Volkslieder, Deine Sonaten von Beethoven, die Du mit dem Kantor ſo wohl eingeübt hat⸗ teſt, und die Du eben darum ſo gut vortragen konnteſt, weil Deine Bildung und Deine Gefühle einfach und nicht veroberflächlicht waren, wurden förmlich bewundert. Ueber Shakſpeare, Schiller und Göthe und viele ihrer Genoſſen konnteſt Du reden und hatteſt entſchiedene Urtheile darüber. Du hatteſt ſie aber kennen gelernt im traulichen Kreiſe, wo Du Dein ganzes Gemüth ungeſtört darauf richten konn⸗ teſt. Denke dagegen ein Berliner Mädchen im Theater,— welche zerſtreuenden Gedanken bei ihr während des Kunſt⸗ genuſſes nebenherlaufen. Man würde Dir da entgegnen, ſagte Eliſe, daß ein Stück auf der Bühne, mit all den Mitteln, die der Bühne zu Gebote ſtehen, weit mehr Eindruck macht, als wenn man es nur lieſt. Das beſtreite ich, fiel die Tante eifrig ein, eine ju⸗ gendliche friſche Fantaſie bedarf dieſer Hülfsmittel nicht, und ich bleibe dabei, daß eine Theater⸗ und Conzertbil⸗ dung mehr veroberflächlicht als Nutzen Pringt. Ich habe 151¹ in meiner Jugend beides beſucht; im Theater wurden ſehr ſelten Stücke gegeben, die zu meiner Bildung hätten dienen können, und in den verſchiedenen Logen⸗ und Harmonie⸗Con⸗ zerten, und welchen Namen ſie auch hatten, habe ich wich, und ich darf behaupten ziemlich alle Anweſenden, die mit mir nicht kunſtverſtändig waren, bei dem muſikaliſchen Theil, beſonders bei den Simfonien und ernſteren Stücken, ſehr gelangweilt, leichtere Melodien und Geſang ließen wir noch paſſiren; aber der geſellige Theil des Conzertes war doch die Hauptſache. Du haſt in Allem Recht, ſagte Eliſe, wie ſollte ich zu Eliſabeths Bildung Theater und Conzerte nöthig finden? — ſo thöricht bin ich wirklich nicht. Aber was ſoll ich thun, wenn ſie danach verlangt, ſoll ich ſie mit Gewalt zurückhalten? Die Tante ſchwieg nachdenklich,— nach einer Pauſe begann ſie: Mit Gewalt zurückhalten? Nein. Ich meine aber, mit des Herrn Hülfe kann das vermieden werden. Ich wiederhole: den Kindern muß es im elterlichen Hauſe wohl ſein von klein an, man kann gar nicht fröhlich ge⸗ nug mit ihnen ſein. Man muß ihnen behülflich ſein zu allerhand Spaß und Zeitvertreib, wie die verſchiedenen Ei⸗ genthümlichkeiten der Kinder es verlangen und es ihrem Alter angemeſſen iſt. Dadurch entſteht kein weltliches Le⸗ ben und Treiben im Hauſe, ſondern ein kindliches und jugendliches Leben. Wird das aus einem Hauſe, wo Kin⸗ der ſind, verbannt, ſo werden ſie ſich, ſind ſie von Natur fröhlich, außer dem Hauſe und den Eltern verborgen Nah⸗ rung ſuchen, oder ſie werden, wenn ſie ernſthaft ſind und 152 ſich den Eltern fügen müſſen, in der Blüthe verkümmern, frühreif und unnatürlich werden. Kinder, die ſo nach Her⸗ zensluſt im väterlichen Hauſe aufwachſen, können gar kein lebhaftes Verlangen haben nach Dingen, die ſich mit ihrem heimathlichen Boden, mit der ihnen eigenen Lebensluft nicht vertragen. Es können Zeiten und Verhältniſſe für die Kinder eintreten(wenn ſie nicht eintreten, iſt es deſto beſ⸗ ſer), wo ſie wünſchen, ſolche Dinge kennen zu lernen. Sie mögen es thun, ſie mögen die Welt beurtheilen und wür⸗ digen lernen, ſie mögen ſich durchkämpfen durch die verſchie⸗ denen Lebensperioden, aber nur, um feſter und ſelbſtän⸗ diger auf dem Grunde zu ſtehen, auf dem ihr Jugend⸗ leben und ihre Erziehung gegründet iſt. Wir haben unſere erwachſenen Kinder, weil die Veranlaſſung dazu nahe lag, ſelbſt in das Theater geführt, ſie haben es angeſehen, haben ſich amüſirt, haben ſich geärgert, nach ihren verſchiedenen Ei⸗ genthümlichkeiten. Weil dies Vergnügen aber weiter nicht in unſerer Hausordnung zu finden war, haben ſie auch nicht wei⸗ ter danach verlangt. So laß Dich auch nie durch einzelne Fälle beunruhigen, lebe Dich in das Reich Gottes, deſſen Kö⸗ nig unſer Herr und Heiland iſt, und zu dem er uns fortwäh⸗ rend ſo dringend einladet, immer mehr mit Liebe und Treue hinein, ſteige mit Deinen Gebeten immer mehr und immer höher hinauf: Je mehr Du Dich dahinein lebſt, wo Du ewig wünſchteſt zu ſein, je mehr ſiehſt Du die Welt, und was ſie Dir Sündliches zu bieten hat, im rechten Lichte, und Du thuſt dann wieder, was Du nicht laſſen kannſt, —— 153 Du ſagſt Dich ganz und gar los von der Welt und lebſt nur für Deinen Herrn. Frau von Warmholz und Klärchen kamen jetzt und mit ihnen traten Emilie, Eliſabeth und Fritz in das Zim⸗ mer. Zugleich von der anderen Seite erſchienen der Gene⸗ ral und der Geheimrath. Lieber Onkel, begann Eliſabeth ſchmeichelnd zum Ge⸗ neral, beſtimme doch als Hausherr, daß heut Romeo und Julie angefangen wird!— WMein Kind, ich habe hier gar nichts zu beſtimmen, lachte der Onkel, ich bin nur ein geduldeter Gaſt, der das Recht hat ſich fortzuſtehlen, wenn es ihm zu gelehrt wird. Hier iſt Emilie, glaube ich, Hausherr.— Ach, Emilie lieſt den Romeo nicht, ſagte Eliſabeth ärgerlich.— Du haſt ihn ja in vergangener Woche erſt geſehen! entgegnete Emilie.— Darum eben, ich möchte ihn gern noch einmal hören, bat Eliſabeth.— Er gehört nicht zu meinen Lieblingen, war Emiliens Ant⸗ wort.— O doch, ſchön iſt er! verſicherte Frau von Warmholz. Ihre blauen Augen ſchauten dabei ſehr ſtrah⸗ lend um ſich, und die vielen hellbraunen Ringellocken beweg⸗ ten ſich lebhaft.— Der Anfang ſcheint mir zu unnatür⸗ lich, entgegnete Emilie.— Klärchen, eine kleine, ſehr ſtarke Blondine, legte ihre runden weißen Hände vor ſich auf den Tiſch und ſagte ſehr bedächtig: Ja, die Liebesgeſchichte geht mit unerhörter Schnelligkeit vor ſich.— Ein allge⸗ meines Gelächter war die Antwort. Klärchen war das ſchon gewohnt und fragte in ihrer gewohnten Ruhe: Habe 154 ich vielleicht etwas Unrechtes geſagt?— Durchaus nicht! verſicherten die Andern, und ihre Mutter ſagte: Aus Dir, mein Klärchen, wird nie eine Julia. Zu den Anderen gewendet fügte ſie hinzu: Shakſpeare hat aber doch recht, jede tiefe wahre Neigung faßt mit wenigen Ausnahmen Wur⸗ zel beim erſten Sehen, nur daß wir Kinder des Nordens die Sache für uns behalten, ſie erwägen und überlegen, wenn ſie ein Italiener gleich ausſpricht.— Wie kann ich aber Jemanden vom Anſehen lieben? ich muß doch wiſſen, warum ich ihn liebe, warf Emilie etwas wegwerfend ein.— Pſt! rief der Geheimrath, da biſt Du auf einem Irrwege, man liebt nicht der guten Eigenſchaften wegen, das iſt etwas geheimnißvolles mit der Liebe, ſie frägt nicht nach Wiſſen und nach Gründen.— Emilie ſchüttelte den Kopf.— Wir haben auch eigentlich nichts dabei zu risquiren, ſagte Frau von Warmholz, unſer Herz leitet uns oft ſicherer als unſer Wiſſen.— Richtig! fiel Klärchen ein, mein Herz würde ſich doch nie in einen heftigen, auf⸗ brauſenden und launigen Mann verlieben.— In einen, der an der Leber leidet, fiel der General ſcherzend ein.— Das wäre ſchrecklich! entgegnete Klärchen, obgleich ſo ein armer Menſch nicht ſchuld an ſeinen Launen iſt.— Die Sache ſteht aber ſo, Klärchen, nahm ihre Mutter lebhaft das Wort: Dein Wiſſen und Dein Verſtand würde ſich vielleicht nie einen Mann wählen, der heftig und launig iſt, und Dein Herz könnte ſich doch darin verlieben, in der geheimnißvollen Ahnung, daß es Dir weit beſſer iſt, einen 155 lebhaften, als einen flegmatiſchen Mann zu haben. Ja, wenn ich zuweilen lebhaft bin und Dich damit quäle, fügte ſie ſcherzend hinzu, ſo bin ich es nur aus Pflichtge⸗ fühl, Dir zum Nutzen.— Erſtens, Du liebe Mama, biſt Du immer lebhaft, entgegnete Klärchen gutmüthig, und dann kannſt Du es nicht anders ſein, und ich füge mich ganz verſtändig, weil Du meine Mutter biſt.— Und ſpäter könnteſt Du Dich fügen, weil es Dein Mann iſt, warf die Mutter ein, und ihm zu Liebe würdeſt Du ſeine Fehler tragen.— Klärchen ſchüttelte den Kopf.— Ich könnte es auch gar nicht ſchlimm finden, ſagte Eliſabeth fröh⸗ lich, wenn man ſich zuweilen zankt.— Und wieder ver⸗ ſöhnt, fügte der General hinzu.— Eliſabeth nickte.— Nein, nein, ſagte Klärchen bedächtig, in der Fantaſie mag das gehen, in der Wirklichkeit iſt es aber ſicher ſehr ärger⸗ lich, wenn ſo ein geliebter, liebenswürdiger Gegenſtand un⸗ gezogen gegen uns iſt.— Er wird ſich doch aber auch änderen, entgegnete Eliſabeth höchſt verſtändig.— Das iſt die allergrößte Mädchen⸗Thorheit, fiel ihr Emilie eifrig in die Rede, wenn ſie glauben, daß ein Mann ſich aus Liebe zu ihnen ändern würde.— Das glaube ich auch, ſagte Klär⸗ chen einverſtanden, und es iſt weit rathſamer, ein Mädchen nimmt ſich gleich vor, mit Liebe die Fehler zu tragen; ſie geht da wenigſtens ſicherer, weil es mit der Beſſerung doch immer fraglich iſt.— Jetzt ſchüttelte Eliſabeth den Kopf. Während Emiliens und Klärchens Worten war die Thür leiſe aufgegangen, und Paſtor Schlöſſer und der Lieu⸗ 156 tenant von Reifenhagen waren eingetreten. Von einem Mann, der an der Leber leidet, iſt die Rede? fragte Herr von Reifenhagen jetzt ſcherzend.— Aber nicht von Dir, lieber Theodor, ſiel der General eben ſo ein.— Das ſehe ich aber auch nicht ein, wandte ſich der Vetter zu Emilien, warum ein Mann aus Liebe ſich nicht beſſern könnte. Was meinen Sie, lieber Schlöſſer?— Ich meine, nahm dieſer ziemlich verlegen das Wort, es iſt ge⸗ rade der Zweck der Liebe eine gegenſeitige Veredlung.— Der Vetter wollte weiter inquiriren, aber ein Blick der Tante veranlaßte ihn zum Schweigen. Es war ja Allen bekannt, daß Schlöſſers und Emiliens Herzen ſich gefun⸗ den hatten. Emilie hatte ſicher herausgefühlt, was ihr fehlte, ein Mann, der über ihr ſtand, an dem ſie nichts zu tadeln noch vorzuhalten hatte. Die Generalin nahm jetzt ſchnell ſelbſt das Wort. Ueber Liebe läßt ſich eigentlich gar nicht debattiren, weil ſo viele Täuſchungen des Herzens dieſen Namen in Anſpruch nehmen, ſagte ſie, und erklärte dann den beiden nachgekom⸗ menen Herren ganz kurz, warum es ſich gehandelt habe.— Da kann ich aus meiner Erfahrung hinzufügen, daß ich mich als tanzender junger Mann ſehr oft verliebt habe, verſicherte Herr von Reifenhagen, ich wußte nie warum, es wurde mir nur immer klar, wenn es aufhörte.— In dem ganz veräußerlichten und oberflächlichen Weltleben kann von einer tiefen und wahrhaftigen Liebe ſelten die Rede ſein, entgegnete Eliſe.— Ja, fiel die Tante freundlich 157 ein, und der liebe Gott iſt dann oft ein recht barmherziger Hüter ſeiner leichtſinnigen Kinder.— Das iſt nicht ohne Anſpielung, ſagte der General, wir haben uns auch auf einem Balle kennen gelernt und haben uns gleich verliebt. — und es ſoll damit der Jugend kein Vorbild gegeben ſein, fügte die Generalin lächelnd hinzu, es nimmt nicht oft einen ſo guten Ausgang. Ich war es nicht werth, wie der Herr mich ſo treulich geführt hat, und es war nicht mein Verdienſt, daß ich einen ſo braven Mann bekam; die meiſten meiner Bekannten, die nicht leichtſinniger waren als ich, ſind ſehr unglücklich geworden und ganz in der Welt untergegangen.— Wir beide könnten aber Emi⸗ liens Behauptung am beſten widerlegen, ſagte der General. Ich habe nich doch wohl aus Liebe zu meiner Frau ge⸗ ändert; fteilich, ich merkte bald, daß ich eine ſo— Die Genetalin küßte dem alten Eheherrn die Hand und legte ihm zugleich den Finger auf den Mund.— Da ſieht man doch, nahm er nach dieſer Unterbrechung das Wort, daß ich unter dem Pantoffel ſtehe. Emilie ſchlug vor, mit dem Leſen zu beginnen, Schlöſ⸗ ſer und der Vetter griffen nach dem Hamlet. Sie mußten abwechſelnd vorleſen, die Damen hatten vertragsmäßig die Erlaubniß, ſich mit Handarbeiten zu beſchäftigen, der Ge⸗ neral und der Geheimrath dagegen durſten eine Cigarre rauchen. Nachdem eine Abtheilung geleſen war, während darüber disputirt wurde, ſagte Klärchen leiſe zu Eliſabeth: Ich 158 habe Dich wirklich bewundert, Du ſtickſt und trennſt, und ſtickſt und trennſt immer wieder auf.— Eliſabeth ward ſehr roth.— Haſt Du Dich ſo ſehr in Hamlet vertieft? flüſtere Klärchen weiter.— Eliſabeth war zu wahrheits⸗ liebend, ſie ſchüttelte den Kopf, beinah hätte ſie hinzugeſetzt: Ich dachte nur an Romeo,— aber ſie legte unwillkürlich den Finger an den Mund, welches Zeichen Klärchen auch gewiſſenhaft auf ſich bezog und nichts weiter ſagte. Während der größeren Hälfte des Leſens hatte der General gefehlt. Als es vorüber, kam er mit einem Brief in der Hand herein. Ich habe hier einen Brief von Bru⸗ der Fritz, ſagte er. Vom Großpapa! rief Eliſabeth leb⸗ haft. Eliſe und ihr Mann erkundigten ſich nach dem Be⸗ finden der Lieben in Woltheim, und der General erzählte erſt, daß Onkel Karl die Grippe hatte, dann nahm er den Brief ſelbſt und las, weil allgemein danach verlangt wurde, daraus vor:„Seitdem Bruder Karl wieder ſein Zimmer verlaſſen kann, iſt ſeine gute Laune auf dem Wege der Beſ⸗ ſerung. Geſtern traf ich ihn bei Charlotichen, wo er ſie über rationelle Landwirthſchaft belehrte und verſicherte, der einzige Gram, warum es mit unſerem Gute nicht vorwärts wolle, ſei der, weil er keine Brennerei habe anlegen dürfen. Sagen Sie lieber: wollen, theurer Herr von Budmar! fiel ihm Charlottchen in die Reve. Nun, ja, wollen, wie⸗ derholte Karl, ich ſehe wohl ein, daß es Sünde iſt. Wa⸗ rum wollten wir unſer Gewiſſen mit einer Brennerei beſchwe⸗ ren? fuhr Charlottchen fort, denken Sie, wenn einſtens 159 hunderte von Trunkenbolden uns aus der Hölle herauf an⸗ klagen wollten. Sie haben ganz Recht Charlottchen, aber wiſſen Sie, daß es Menſchen giebt, die darüber lachen können. — Ich glaube, daß wir dort oben einſt ganz anders über die Bewirthſchaftung eines Gutes denken werden als jetzt, fügte er nachdenklich hinzu. Gewiß, gewiß! verſicherte Charlottchen. Würden unſere Kinder wohl glücklicher ſein, wenn ſie jedes ein Paar tauſend Thaler mehr hätten? fragte er weiter. Nein, verſicherte Charlottchen, gerade weil wir hier nie viel nach Geld ſpekulirt haben, hat unſer lieber Herr Gott die Kinder ſo geſegnet— es ſind doch herr⸗ liche Kinder! und ſo viele liebe Enkel! Nun Charlottchen, ich habe auch meine Sorgen gehabt, keiner weiß das beſſer als Sie. Aber Sie müſſen geſtehen, daß des Herrn Segen ganz beſonders auf Ihrem Wirthſchaften ruhte, entgegnete Charlottchen wieder und fuhr dann fort in ihrer einfältigen Art, ihn von ſeinen Wirthſchaftsſorgen, die das unverän⸗ derte Thema ihrer Unterhaltung ſind, abzuziehen und ihm vorzuſtellen: wie wird es ſein, wenn wir dort oben ſind. Ihre ſchönen Mondſchein⸗ und Nachtigallen⸗Stimmungen, die ihn in der Jugend ſo angegriffen, ſind ihm in einer etwas ernſteren und veredelten Form nicht mehr unangenehm. Ja, Charlottchen iſt ein Schatz, wenn auch ſehr unſcheinbar, ſie wird einſt in ihrer Demuth und Beſcheidenheit an der Himmelspforte ſtehen bleiben, der Herr aber wird ihr einen beſſeren Platz anweiſen.“ Der Brief ſchloß mit Berichten aus der Oberförſterei, mit Grüßen und Verſicherungen, und die Zuhörer ſprachen darauf in Ernſt und Scherz über Onkel Karl und Char⸗ lottchen. Weißt Du, Mama, begann Eliſabeth plötzlich eifrig, ich müßte doch wohl hin und Onkel Karl auch unterhalten? Die Mutter hatte nur ein Lächeln als Antwort darauf. Aber der Gedanke war nicht übel: jetzt gerade, wo die Ver⸗ ſuchungen und Zerſtrenungen des Winters erſt recht begin⸗ nen ſollten, war Eliſabeth bei den Großeltern am beſten aufgehoben. Wenn nur dieſer Winter erſt glücklich vorüber iſt! dachte Eliſe, bis künftigen Winter wirſt du einen ganz anderen Einfluß auf Eliſabeth gewonnen haben. Daß der Vorſchlag von Eliſabeth ausging, war un⸗ erwartet, nicht allein der Mutter, auch den Anderen. Du Eliſabeth im Winter bei den Großeltern? fragte Emilie, Du würdeſt es nicht lange aushalten.— Nicht aushalten? rief Eliſabeth, wenn ich nur lange Urlaub bekomme.— Aber im Winter! gab Klärchen auch zu bedenken, Deine Großeltern und Onkel Karl und Charlottchen leben wie im Kloſter.— Und doch vergnügt! fuhr Eliſabeth fort. Dann habe ich die Oberförſterei, bei den vielen Kindern iſt immer etwas los, und Tante Julchen und der Onkel ſind zu ver⸗ gnügt. Außerdem ſteht mir beim Großpapa das ganze Gut zu Gebote, mich zu amüſiren, und nicht wahr, Papa, das ſind fünfhundert Morgen Land?— Wenigſtens! ſagte der Geheimrath.— Sie müſſen aber bedenken, Fräu⸗ lein Eliſabeth, daß Sie kein Kind mehr ſind, Sie ſind 161 confirmirt, warf Herr von Reifenhagen ein, Sie können mit dem alten Friedrich nicht mehr nach Holz fahren, noch mit Onkel Karl Korn aufmeſſen.— So wird ſich etwas an⸗ deres finden, triumfirte Eliſabeth, wenn die Eltern nur die Erlaubniß geben.— Die Eltern hatten nichts einzuwen⸗ den, und die Tante Generalin und der Onkel waren ordent⸗ lich erfreut über Eliſabeths ländlichen Geſchmack. Der On⸗ kel ſelbſt brachte ſie auf allerhand vergnügliche Ideen: er ſchlug ihr vor, da ſie mit dem alten Friedrich nicht mehr auf dem Ackerwagen fahren durfte, ſo ſollte ſie mit ihm ausreiten; die alten dicken Schimmel müßten ſtattlich aus⸗ ſehen, und jedenfalls müßte in dem conſervativen Hauſe das ſtahlgrüne Reitkleid von der Großmutter noch vorhanden ſein.— Richtig, richtig! rief Eliſabeth und klatſchte in die Hände, Charlottchen packt jeden Monat April eine große Mottenkiſte, ich habe ihr oft genug geholfen das Kienölpapier dazwiſchen legen, da habe ich das ſtahlgrüne Kleid geſehen, und habe auch einen lederfarbenen Frack mit Silbertreſſen geſehen, der ſtammt von Friedrich, in ſeiner Jugend iſt er herausgewachſen, aber jetzt paßt er gewiß wieder.— Eliſe ſtimmte nun in dieſes ſehr luſtige Thema ein, erzählte, wie das Jagdkleid und der Frack oft genug von ihr und den Geſchwiſtern zu Verkleidungen benutzt, und nur auf des Vaters beſtimmten Wunſch vor der gefährlichen, immer zum Zerſchneiden bereiten Scheere der Mutter gerettet wurden. — Der Schluß der Unterhaltung war, daß Eliſe ihr Töchterlein ſelbſt nach Woltheim bringen wolle, gleich am Eliſabeth. 1. 44 162 anderen Morgen ſollte ein Brief ſie anmelden und die Schimmel nach der Eiſenbahnſtation beſtellen. Gegen Abend des anderen Tages traten Tante Wina und Paula mit ihrer Schwägerin in die Kinderſtube. Hier iſt der arme Sträfling, ſagte Eliſe freundlich, fragt ihn ſelbſt. Du willſt wirklich nach Woltheim? wandte ſich Wina ſcharf an Eliſabeth. Und wie gern! ſagte Eliſa⸗ beth und umarmte dabei die Tanten in höchſt ſtürmiſcher Weiſe. An Dir iſt Hopfen und Malz verloren! zürnte Wina. Geſtern erſt habe ich der Schweſter nach Königs⸗ berg geſchrieben, wie ſehr Dich der Romeo erfreut hat! fügte Paula hinzu. Das hat er auch, ſagte Eliſabeth ziemlich erſtaunt. Jetzt will ſie aber auf Großpapas Schim⸗ mel ſpazieren reiten, erzählte Karl höchſt wichtig. Unſinn! rief Tante Wina heftig, ein vernünftiges und wohlgezoge⸗ nes Mädchen wird daran nicht denken. Ich will es aber wirklich, verſicherte Eliſabeth fröhlich. Und Großpapa er⸗ laubt das? fragte Wina ſpöttiſch. Ich hoffe ſehr, entgeg⸗ nete Eliſabeth. Aber welche Lebensgefahr für Dich! warnte Paula. O nein, tröſtete Karl, die alten Schimmel ſind nicht gefährlich. Ja, die alten Schimmel werden mit Eliſabeths Wunſch auch nicht einverſtanden ſein, ſcherzte die Mutter. Wie lange gedenkſt Du fortzubleiben? fragte Wina. Bis zur Faſtenzeit geht meine Erlaubniß, entgegnete Eli⸗ abeth. Wina verſtand die Abſicht: in der Faſtenzeit hatte Eliſe von jeher(darin war ſie ihren Eltern treu gehlieben) 163 jedes laute zerſtreuende Vergnügen— und ganz mit des Mannes Einverſtändniß— aus der Hausordnung geſtrichen. Du biſt ein wetterwendiſch Ding, zürnte Wina im⸗ mer noch, zuweilen ſchwärmſt Du für das Stadt⸗ und dann wieder für das Landleben.— Eigentlich ſchwärme ich für das Landleben, verſicherte Eliſabeth; Euch zu Liebe habe ich es nur für das Stadtleben verſucht. Auch bin ich noch nicht ganz ſicher darüber.— Uns zu Liebe könnteſt Du uns auch um Rath fragen bei ſolchen Reiſe⸗ plänen! ſagte Wina.— Ich wußte aber vorher, daß Ihr nicht damit einverſtanden waret, entgegnete Eliſabeth auf⸗ richtig.— Die Mutter war aus dem Zimmer gegangen und Wina, dadurch muthiger, ſagte ſchnell: Weil wir nicht wünſchen, daß Du verbauerſt.— Eliſabeth ſah die Tante ſtolz an, ſie hatte ſchon eine Antwort auf den Lippen, als die gutmüthige Paula ſagte: Kinder, zankt Euch nur nicht zum Abſchied! Du mußt bedenken, liebe Eliſabeth, daß wir ſehr traurig ſind, wenn Du fortgehſt.— Wenn ich wie⸗ der komme, werde ich Euch ſehr oft beſuchen, verſicherte Eliſabeth, von Paulas Worten völlig überzeugt und ge⸗ rührt. Morgen Abend kann ich aber auch noch bei Euch ſein, fügte ſie hinzu, Tante Wina, da gebt ihr mir eine Abſchiedsfete— Du biſt ein Schelm! lächelte Wina, ſchon zur Verſöhnung geneigt, und es bedurfte nur noch wenige von Eliſabeths fröhlichen Scherzen, um die Tanten⸗Her⸗ zen in völlige Begeiſterung zu verſetzen. 10. Unverhofftes Begegnen. Am Morgen nach der Abſchiedsfste ging der Geheim⸗ rath Kühneman mit Frau und Kindern nach der Eiſen⸗ bahn; nur Karl, als praktiſches Genie, fuhr Koffer und Reiſetaſchen in einer Droſchke hin. Die Kinder hatten eine unendliche Reihe von Beſtellungen zu machen an die Lieben jung und alt in Woltheim, und es war für Eli⸗ ſabeth eine ziemliche Geduldsprobe, Alles anzuhören; aber ſie war ſehr liebenswürdig und hatte für jeden Auſtrag eine freundliche Antwort, bis ſie mit der Mutter im Wa⸗ gen ſaß und nur noch mit freundlichen Blicken und Win⸗ ken antworten konnte. Bei der Fahrt waren Mutter und Tochter ſchweigſam. Die Mutter war auch wirklich vom Packen, von Einrichten der Wirthſchaft und dem ganzen unruhigen Morgen ſehr angegriffen; aber ſie hatte ſehr angenehme Gedanken, ſie dachte mit Freude an Eliſabeths leichten Abſchied vom winterlichen lebhaften Berlin und war überzeugt, daß ihr Töchterlein ganz unberührt davon geblieben war. Sie knüpfte daran die herrlichſten Pläne für ihr häusliches Leben für den künftigen Winter für alle Zeiten. Eliſabeth hatte auch angenehme Gedanken. Das Leben bei den Großeltern malte ſie ſich wundervoll aus; aber ein Bild tauchte darin auf, das ihr jedesmal einen heißen 7 165 Strahl durch ihr Herz ſandte, ein Bild, das ſie in der ganzen Adventszeit wirklich ernſthaft zu verbannen ſuchte, das aber immer wieder auftauchte, und ſeit dem Romev⸗ Abend ihr ganzes Herz erfüllte. In derſelben Zeit fuhr der alte Friedrich mit den alten Schimmeln und der alten Glaskutſche nach der Bahn. Beide, Pferde und Wagen, waren nahe an dreißig Jahre alt. Noch ſehr gut im Stande, hatten ſie keine Veran⸗ laſſung zum Wechſel gegeben. Sie hatten in ihrem Erſchei⸗ nen auch etwas ungemein ehrwürdiges und wurden in der ganzen Gegend reſpectirt. Wenn die Schimmel im bedäch⸗ tigen Schritt oder Trabe daher kamen, da ſagten die Leute in den kleinen Städten und in den Dörfern, die jungen und die alten: Ah, der gnädige Herr von Woltheim! und an der kleinen Eiſenbahnſtation wurde dieſer Equipage weit mehr Aufmerkſamkeit geſchenkt als den eleganten und mo⸗ dernen Equipagen der umwohnenden Oekonomen. Als Friedrich in ſehr langſamem Schritte— natür⸗ lich, denn der Wagen war leer— an Braunhauſen vor⸗ bei fuhr, kam plötzlich ein Reiter, ein junger Offizier, her⸗ beigeflogen. Fahren Sie nach der Bahn? fragte er. Auf⸗ zuwarten, Herr Lieutenant! entgegnete Friedrich und faßte an ſeinen Hut. Die Schimmel ſtanden von ſelbſt ſtill. Wen holen Sie dort ab? ftagte der Lieutenant weiter. Die Frau Geheimräthin und das Fräulein, war Friedrichs Antwort. Der junge Herr ſah nach ſeiner Uhr, in einer halben Stunde kommt der Zug, Sie werden zu ſpät kommen, 166 ſagte er. Ja, ja, das iſt wahr, entgegnete Friedrich ein⸗ verſtunden, und dahin flog der Reiter, und die Schimmel ſchritten bedächtig weiter. Ein flinker Burſche! ſagte Frie⸗ drich ſchmunzelnd, das Herz lacht einem im Leibe, wenn man's ſieht. Nun, als wir jung waren, konnten wir auch reiten, der gnädige Herr immer Nummer Eins, und Friedrich Ka⸗ ſeman blieb nicht gern zurück. Ja, der Soldatenſtand iſt ein ſchöner Stand, aber wenn man alt wird, geht es nicht mehr. Ich und meine Schimmel kommen auch nicht zur rechten Zeit nach der Bahn, aber es läßt ſich nichts erzwin⸗ gen in der Welt, und zuverlüſig ſind wir aus. Zuverläſſig war er, aber zur rechten Zeit war er nicht an der Bahn. Eliſabeth und die Mutter ſpähten ſchon von weitem nach den Schimmeln. Sie ſind wirklich nicht da! war die grgenſeitige Vrſcherng. Der Zug hielt an, zu gleicher Zritſprengte ein Reiter herbei, als der ſchril⸗ lende Ton der Locomotive durch die Luft zitterte, ſtieg das Pferd kerzengerade in die Luft. Es war eben ſo ſchnell gebändigt, der Reiter ſchwang ſich aus dem Sattel, warf den Zügel einem Arbeitsmann zu und eilte nach dem Per⸗ ron. Unſere beiden Reiſenden hatten Alles mit angeſehen, der Mutter fiel eine Laſt auf die Seele, es war ihr, als ob ſie verblendet war und jetzt Alles klar vor ſich ſah. Herr von Kadden hier? Sollte das mit Eliſabeths fröh⸗ lichem Abſchied zuſammen hängen? Und wie ſonderbar! ſchien es nicht, als ob ſie förmlich erwartet wären? Ein ſchrecklicher Verdacht ſtieg in ihrer Seele auf. Sie ſchaute —— — 167 nach Eliſabeth aber da war weder von einem böſen Ge⸗ wiſſen noch von Verlegenheit etwas zu ſehen, die freudigſte Ueberraſchung ſtrahlte aus den großen hellen Augen. Es iſt doch zu wunderbar, daß er hier iſt! dachte ſie. Als der Schaffner die Thür öffnete, ſtand Herr von Kadden ſchon hier, er ſchaute ſo offenherzig und ſo glück⸗ lich aus den jugendlichen, winterftiſchen Zügen, daß der Mutter Herz ſelbſt warm wurde und ſie nicht anders konnte, als ſeinen Gruß freundlich erwiedern. Ich komme, Ihnen zu ſagen, daß Ihr Wagen erſt in einer halben Stunde hier ſein kann, ſagte er zuvorkommend. Woher wiſſen Sie das? fragte die Geheimräthin. Ich bin ihm auf einem Spazierritt begegnet, war Herrn von Kaddens Ant⸗ wort; ich kenne die Equipage recht gut, bei unſeren Uebungen hält ſie oft als Zuſchauer in der Nähe. Ja, der Kutſcher iſt Küraſſier geweſen, entgegnete Eliſe, und hat immer noch ſeine Freude am Rilitär. Sie ſtockte dann. Sie wußte nicht, ob ſie Fußſäcke und Reiſetaſche, die Herr von Kad⸗ den indeſſen, als ſich von ſelbſt verſtehend, hingenommen, ihm überlaſſen dürfe, ſie war verlegener als die Tochter, die den Ritterdienſt herablaſſend angenommen. Nach der erſten freudigen Ueberraſchung, die ihm ja entgangen war, betrug ſich Eliſabeth als ein höchſt anſtändiges Mädchen, und als ſie ſeinen fragenden und zwiſchen Freud und Leid zagenden Blicken begegnete, wandte ſie ſich ſchnell zu ſei⸗ nem Pferde und fragte, ob ihn das wilde Thier damals in der Nacht glücklich nach Hauſe gebracht. Er beiahte 168 und fügte hinzu: Ich bin ſeitdem ſchon dreimal in Berlin geweſen, haben Sie des Freitags nicht mehr die engliſchen Stunden? Schon lange nicht mehr, entgegnete Eliſabeth, ohne außuſehen, ich beſuche die Engländerin nur noch zuweilen. Sie waren dabei in das Reſtaurations⸗Häuschen ge⸗ treten, die Geheimräthin begrüßte ſich mit der bekannten Wirthin und beſtellte, wie gewöhnlich, etwas Kaffee. Mit ihnen zu gleicher Zeit waren einige Bauersleute in die einzig erwärmte Stube getreten;die Wirthin ordnete für ihre vornehmen Gäſte aber die beſte Ecke darin. Herr von Kadden folgte dem natürlichen Gefühl: wer die Toch⸗ ter haben will, halte es mit der Mutter. Während Eli⸗ ſabeth in dem einen Fenſter ſtand, lehnte er im andern, der ſehr geſcheiten und ſcharf um ſich blickenden Frau Ge⸗ . heimräthin gegenüber. Die bange Ahnung, die ſie bei nem erſten Erſcheinen auf dem Balle erfaßt hatte, bedrückte ihr Herz; aber ſie war vernünftig genug, ſich jetzt in die Umſtände zu fügen. Sie nahm ſich ſogar vor, ihn bei dieſer Gelegenheit zu prüfen. Sie begann dieſe Prüfung mit einigen Fragen nach bekannten Familien in Braunhauſen. Er war in ſeinem Urtheil nicht zurückhaltend, ganz harmlos und meiſtens ſehr treffend ſprach er ſch aus. Er war noch nicht lange in Braunhauſen, er wünſchte in Familien eingeführt zu werden, einige waren ihm zu gewöhnlich, einige zu lang⸗ weilig,— und der Landrath— er hielt einen Augenblick — 169 inne und erröthete. Die Geheimräthin lächelte: der Land⸗ rath war ein„Pietiſt.“— Er iſt jedenfalls ein ſehr tact⸗ loſer Mann, vollendete Herr von Kadden ruhig ſeinen an⸗ gefangenen Satz. Die Geheimräthin konnte nicht wider⸗ ſprechen, weil er Recht hatte. Er erzählte ſchnell weiter, daß er aber neulich mit mehreren Freunden den Herrn von Budmar als einen früheren Kameraden aufgeſucht.— Auch das! dachte Eliſe ſeufzend.— Es iſt mir in dem alten patriarchaliſchen Hauſe ganz wohl geworden, ſagte er warm, und es iſt mir noch nie ſo aufgefallen, daß ich eigentlich ein heimathloſer Menſch, ein rechtes Soldaten⸗ kind bin. Eliſe fragte nach ſeinen Eltern, nach ſeiner Familie, und er erzählte, daß ſeine Eltern früh geſtorben waren; ſein Großvater, auch ein alter Militär, hatte ihn, ehe er Fch dem Kadettenhauſe kam, einige Jahre bei ſich gehabt, die einzige Schweſter war in einem Inſtitut erzogen und jetzt am Rhein an einen Offizier verheirathet. Ich könnte meinen Burſchen beneiden, fügte er ganz ernſthaft hinzu, wenn er von ſeinem Dorfe und von ſeiner ganzen Ver⸗ wandtſchaft ſo ſtolz erzählt.— Ach ja, die Heimath und ein großer Familienkreis iſt ein rechter Reichthum, ſagte Eliſe freundlich. Sie fing an, den Sprecher mit Theil⸗ nahme zu betrachten.— Eines hat mich aber doch ſehr gefreut, fuhr Herr von Kadden lebaft fort: im vergan⸗ genen Jahr, als ich majorenn wurde, hat mir mein Vor⸗ mund einen alten Nußbaum⸗Koffer geſchickt; der Großvater 17⁰ hatte ausdrücklich im Teſtamente verordnet, daß er nicht verkauft werden dürfte, trotz des Vormundes Vorſtellungen, daß der Transport vom Rhein her, wo der Großvater zuletzt lebte, ſeinen Werth ziemlich überſteigen würde. Der Koffer iſt ein Erbſtück vom Urgroßvater, einige noch unge⸗ brauchte und von meiner Urgroßmutter geſponnene Gedecke lagen darin und einige alte Bücher, auch eine alte große Bilderbibel mit einer kleinen Familienchronik und Briefe meiner Eltern, beſonders meiner Mutter.— Eliſe hörte theilnehmend zu, und auch Eliſabeth war neugierig näher getreten.— Der Koffer iſt mein liebſtes Möbel in mei⸗ ner Stube, fuhr er fort, obgleich meine Kameraden mich darüber necken. Wenn es mir zuweilen ſo heimathlos zu Sinne iſt, dann ſetze ich mich vor den Koffer und denke, wie meine Urgroßmutter und meine Großmutter davorge⸗ ſtanden und was ſie wohl alle erlebt haben, ob ſie fröhlich oder traurig geweſen ſind, und wenn mein Burſche groß thut mit ſeiner Verwandtſchaft, dann zeige ich ihm Sa⸗ chen aus dem alten Koffer. Das Leinen bewundert er als Sachverſtändiger, und wenn ich Beſuch habe, legen wir auch immer Servietten davon auf.— So eine Familien⸗ chronik in einer Bibel iſt ſehr ſchön, ſagte Eliſabeth.— Ja, ſeit hundert Jahren iſt jedes Familienglied eingetra⸗ gen, fuhr der junge Mann fort, mein Name iſt der letzte. Der Großvater hat einen Bibelſpruch dabei geſchrieben. Und welchen? fragte Eliſabeth ſchnell. Ich weiß wirklich nicht genau, war die etwas verlegene Antwort. In dem ——à 171 Augenblick fuhren die Schimmel vor die Thür und Eliſa⸗ beth verließ das Zimmer, ſie zu begrüßen. Da ſind wir glücklich angekommen, ſagte Friedrich und nahm ſeinen ſchwarzen Treſſenhut ab. Eliſabeth er⸗ kundigte ſich nach Großpapa und Großmama, nach Onkel und Tanten, und erhielt auf alle Fragen die gewünſchte Antwort. Wenn es die Herrſchaften erlauben, ſo ſollen meine Schimmel erſt ein Stück Brot verzehren, ſagte Frie⸗ drich, denn zurück müſſen ſie traben, das hilft allewege nicht. Und Du trinkſt hier erſt Kaffee! entgegnete Eliſa⸗ beth. Friedrich ſchmunzelte und die Wirthin, die in der Thüre ſtand, erbot ſich ſogleich einige Taſſen nachzutrichtern. Eliſabeth holte aus der eigenen Taſche Weißbrot heraus, um die Schimmel zu füttern, da kam auch der Arbeitsmann mit Herrn von Kaddens ſchönem nußbraunem Renner näher. Der iſt eher angekommen wie ich, ſagte Friedrich. Der Arbeitsmann lachte. Ob er wohl Weißbrot frißt? fragte Eliſabeth und hielt ihm ein Stückchen hin. Ja wirklich! rief ſie vergnügt, er ſcheint es gern zu nehmen. In dem Augenblick trat Herr von Kadden heraus und an ſein Pferd gelehnt ſah er zu, wie Eliſabeth mit großem Entzücken die drei Pferde fütterte. Am Fenſter aber ſtand noch eine Zuſchauerin und mit immer ſchwererem Herzen, ihre bange Ahnung ſchien ihr nur noch gewiſſer zu werden.— Aber vieſer junge, ganz unſelbſtändige Menſch der Führer und Herr ihrer Eliſabeth, die ja ſelbſt noch ein ganz unſelbſtändiges Find war! Sie ſchaute nachdenklich auf das ſehr hübſche 172 Paar, Eliſabeth im feinen dunkelwollenen Kleide hatte ein großes blaues erépe de chine Tuch umgeſchlungen und hinten zugeknüpft, ſie war vergnügt wie ein Kind; er da⸗ gegen ſah heute im ſchlichten dunkeln Oberrock ſolider und männlicher aus als im Ballkoſtüm, und ernſthaft, faſt trau⸗ rig ſchien er jetzt. Ja, als er ſo an ſein Pferd gelehnt ſtand, über⸗ legte er ſich, daß er wohl zu kühn ſich hier zu den Damen geſellt und gar kein Recht habe einzudringen in einen ſo fremden Familienkreis. Er, ein Fremder hier und ein Fremder überall. Eliſabeth hatte ihn heute kaum angeſehen. Welches von Deinen Pferden iſt wohl das ſanſteſte? wandte ſich Eliſabeth zu Friedrich, der, als ſie mit dem Weißbrot fertig war, jetzt mit ſeinem Schwarzbrot näher trat. Sanft ſind ſie alle beide, verſicherte Friedrich und nach einem Augenblick der Ueberlegung fügte er hinzu: Der Yypſilanti hier wäre vielleicht noch ruhiger. Als Da⸗ menpferd betrachtet? fuhr Eliſabeth ſachverſtändig fort. Als Damenpferd— nun ja— er hat einen leichteren Trab, war Friedrichs Antwort. Galloppiren kann er wohl nicht mehr? fragte Eliſabeth ziemlich zaghaft. Ach nein, gallop⸗ piren thut er nicht mehr.— Man kann ihm alſo am beſten einen Damenſattel auflegen.— Damenſattel! fragte Friedrich verwundert,— ach nein. O doch, Friedrich, ſagte Eliſabeth ſehr beſtimmt, ich will zuweilen reiten. Reiten? ei was! entgegnete Friedrich mit ſteigendem Er⸗ 173 ſtaunen. Du weißt doch, fuhr Eliſabeth fort, die Groß⸗ mama hat noch ein ſtahlgrünes Reitkleid. Ja, ja, fiel Friedrich lebhaft ein, die gnädige Frau war eine wunder⸗ ſchöne Reiterin.— Und dein Reitfrack iſt auch noch da. — Wirklich? ſagte Friedrich, und ein herzliches Lachen folgte. Ja, da war ich ein ſchlanker Junge, nachher als Küraſſier ging ich in die Breite. Aber Friedrich, jetzt wird er Dir wieder paſſen, ſagte Eliſabeth ganz ernſthaft. Nein, nein, entgegnete Friedrich und ſchüttelte ſein altes Haupt. Ich habe mich aber ſehr darauf gefreut, verſicherte Eliſabeth. Hm, hm,— ſagte Friedrich, ja liebes Fräu⸗ lein, das iſt nur kein Plaiſir mehr für mich und für die Schimmel, und es läßt ſich nichts erzwingen in der Welt. Eliſabeth ſah jetzt zum erſtenmal in ihrem Eifer zu Herrn von Kadden auf, und der hatte über dieſe Unter⸗ redung ſeinen Kummer vergeſſen, und biß die Lippen auf einander, um ſein Lachen zu verbergen. Sie merkte es aber wohl und ſagte noch eifriger: Ich ſehe gar nicht ein, warum das nicht gehen ſoll. Wie Schade, daß mein Pferd nicht als Damenpferd zugeritten iſt! ſagte Herr von Kadden zuvorkommend. Rit einem ſolchen Hitzkopf möchte ich auch reiten, entgegnete Eliſabeth ärgerlich und wandte ſich zur Hausthür, wo eben die Mutter erſchienen war. Es ent⸗ ſpann ſich eine kurze Unterredung zwiſchen Friedrich und der Frau Geheimräthin: noch zehn Minuten— dann ſoll⸗ ten die Schimmel fertig ſein, und für ihren alten Freund winkte die Wirthin ſchon mit dem Kaffer. So wollen 174 wir bei dem ſchönen Wetter langſam vorangehen, ſchlug die Mutter Eliſabeth vor. Eliſabeth war ſehr einverſtan⸗ den und ſchickte ſich zum Gehen an. Doch nicht ohne Hut und Mantel? lächelte die Mutter. Im Augenblick ſprang Herr von Kadden hinein und kam mit beidem zu⸗ rück. Er war Eliſabeth beim Anlegen behülflich, er hoffte doch auf einen dankbaren Blick, aber ſie dankte, ohne ihn anzuſehen. Jetzt wurde er ungeduldig. Du biſt ein Narr! dachte er, es iſt ſehr vernünſtig, wenn du ſo ſchnell als möglich fortreiteſt und die Sache aufgiebſt; der alte Erb⸗ koffer hat für dich mehr Theilnahme als das Mädchen! Eliſabeth fühlte deutlich ſeine Stimmung; wie er ganz un⸗ willkürlich mit der zuckenden Hand nach dem Zügel ſeines Pferdes griff, da ſah ſie auf, ſie ſah in die großen dun⸗ kelblauen Augen, wie ſie düſter auf ihr ruhten, und ſie ſagte mit einem zaghaften Lächeln: Ob es wirklich mit den Schimmeln nicht geht? Ich glaube nicht, ſagte er, und ſah nicht mehr böſe aber doch traurig aus. Warum ha⸗ ben Sie denn meinen Vorſchlag ſo unfreundlich zurückge⸗ wieſen? fügte er hinzu.— Die Wutter hatte jetzt ihr Geſpräch mit der Wirthin vollendet und wandte ſich zu Herrn von Kadden; ſie wünſchte, er möchte ſich empfehlen und wollte es ſonſt an ſeiner ſtatt thun. Er aber athmete tief auf, ließ die Hand vom Zügel los und bat um die Erlaubniß, ſie etwas begleiten zu dürfen. Sie mußte ihm wohl gegeben werden, und alle drei gingen einen ſehr hüb⸗ ſchen Weg durch einen jungen Tannenwald voran. — 175 Es iſt zauberhaft ſchön hier im Walde! ſagte die Mutter, dieſe Ruhe und dieſer Glanz, es iſt doch hier an⸗ ders als im Thiergarten. Mir iſt es, als ob ich träume, fügte Eliſabeth hinzu, plötzlich aus dem lauten Berlin her⸗ aus, bin ich hier im einſamen Walde, und hier unter der Tanne wächſt wunderſchönes Moos! rief ſie fröhlich und bückte ſich zum pflücken. Herr von Kadden bückte ſich auch, ihr beim Sammeln behülflich zu ſein. Sie hatten ſchnell beide ein Sträußchen in der Hand, er reichte ihr ſeines, griff aber zugleich fragend nach dem ihrigen. Sie zögerte, aber gab es ihm, pflückte erröthend noch einige Tannenſpitzen dazu und eilte zur Mutter, die nur wenige Schritte voraus ſtehen geblieben war. Herr von Kadden pflückte ſich auch einige Tannenſpitzen hinzu und ſteckte das Sträußchen ſorgſam in die Bruſttaſche ſeiner Uniform. Eliſabeths Mutter ſah bloß dies letztere, und fand nichts Auffallendes dabei; ſie wunderte ſich aber, als er plötzlich ſo ſehr fröhlich war und Eliſabeth wieder auf den Yypſi⸗ lanti brachte und dieſe herrliche Idee humoriſtiſch weiter ausführte. Eliſabeth wehrte ſich, wollte auch böſe ſein, er aber hatte ſein Sträußchen in der Taſche und hatte keine Furcht. Die Schimmel kamen endlich, die Damen ſtiegen ein und er eilte zurück, um nur noch einmal grüßend an ihnen vorüberzufliegen. 11. Bei den Großeltern. Pier Tage war Eliſabeth bei den Großeltern, als die Mutter abreiſte. Sie ließ ihr Töchterlein und auch ihre Sorgen zurück. Die Großeltern waren beide ſo ſehr ruhig, ſie hatten ſchon mehr in der Welt erlebt. Die Oberförſterin hatte auch in ihrer Jugend eine thörichte Liebe gehabt, und hatte nachher einen ſo braven Mann bekom⸗ men. Eliſabeths warmes Herz wird noch öfter etwas ſchneller klopfen, und Herr von Kadden darf gegen ein ſo hübſches Mädchen aufmerkſam ſein, ohne ernſtliche Abſich⸗ ten zu haben. Die Großeltern wollten aber doch die Sache ernſtlich unterſuchen, der Großmama ſollte es nicht ſchwer werden, Eliſabeths Herz zu erforſchen, ſie war ja des Kin⸗ des allerbeſte Freundin. Eliſe mußte das zugeben, obwohl ſie ein bitteres Gefühl dabei nicht überwinden konnte. Zu ihrer Entſchuldigung ſagte ſie: Eliſabeth iſt ſo viel bei der Großmutter geweſen, es iſt ja ganz natürlich. Es iſt aber doch entſetzlich ſchwer, wenn eine erwachſene Toch⸗ ter dem Mutterherzen fremd iſt, wenn ſie nie kommt, ſich warm anzuſchmiegen und einen Blick des Verſtändniſſes zu ſuchen. Zwiſchen Eliſabeth und der Mutter war das aber nie eingeführt, die Mutter war immer eine treue Lehrerin und Rathgeberin, aber nie die Vertraute ihrer kindiſchen Vergnügungen und Fantaſien, nie eine warme —,—— 177 fröhliche Freundin ihrer Jugend geweſen; woher ſollte jetzt plötzlich eine ſo innige Gemeinſchaft, das Bedürfniß nach Nittheilung kommen? Während Eliſe immer wieder daſſelbe Thema über⸗ legte und ſich ſelbſt damit peinigte, war Eliſabeth bei den Großeltern ſehr vergnügt, ihre tanzenden Füße und ihre ſingende Stimme wurden Trepp auf Trepp ab gehört; ſie unterhielt Charlottchen und Onkel Karl und die Wirth⸗ ſchafterin und den alten Friedrich, kommandirte, wo es irgend ging, und fühlte und verſicherte nur den zu ſehr geliebten und zu ſehr verehrten Großeltern gegenüber, daß ſie noch etwas unvollkommen ſei und ſich noch etwas ändern müſſe. Der Küraſſier⸗Lieutenant war von den Großeltern bald vergeſſen, Eliſabeth ſchien auch Beſſeres zu thun zu haben, als ſich mit einer geheimen Neigung umherzutragen. Den Tag, nachdem Eliſabeths Mutter abgereiſt, war es in der Welt ſehr kalt und ſehr nebelig; Mittag erſt drang die Sonne durch, erſt mit einigen Strahlen, dann immer heller und heller glänzend beſiegte ſie die Nebel⸗ maſſen und ſchuf zugleich eine Pracht⸗ und Wunder⸗ ſcene. Sterne und Blüthen waren auf die Welt geſäet und ſchmückten und umſtrahlten die mächtigſten Bäume, wie die kleinſten Blumen und Gräſer. Die Großeltern hatten Mittagsruhe gehalten, ſie traten an das Fenſter und ſchauten in herzlicher Bewunderung die Schönheit an. Man braucht gar nicht große Reiſen zu machen, ſagte die Eliſabeth. 1.„ 12 —— 178 Großmama, um die Wunder der Erde zu ſehen. Ja, lie⸗ bes Mariechen, entgegnete der Großpapa, man hat nur aus ſeinem Fenſter zu ſehen; dies iſt doch ein Schöpfer⸗ werk, das eine Menſchenſeele zum Staunen und Preiſen zwingt. Er machte ein Fenſter auf und ihre Augen ſchau⸗ ten weit hin über dieſe winterliche Frühlingspracht. Der kleine Garten, der hinter dem Hauſe lag, war jetzt nicht mehr durch die alte Mauer von der Wieſe getrennt, die Wieſe aber war mit huͤbſchen Baumgruppen bepflanzt und mit einer Hecke eingefaßt. Es war dies der Großmama erſter Wunſch, als ſie das Haus bezog; Schwager Karl hatte die Ausführung nicht leicht gefunden, weil einige Wege, die durch die Wieſe ſich ſchlängeln muß⸗ ten, dem Futterbaue Abbruch thaten, aber er hatte ſich endlich gutmüthig gefügt. Aus den Fenſtern des Wohn⸗ zimmers ſchauten die Großeltern bis zu den Tannenber⸗ gen, und es war ihnen Winter und Sommer dieſer offene Blick in die ſchöne weite Welt eine Freude. Beim Oeffnen des Fenſters hatte ſich eine ganze Schaar von niedlichen kleinen Haubenlerchen und Goldammern ein⸗ gefunden, ſie hüpften und tanzten auf dem weißen Schnee herum, pickten an den Kriſtall⸗Blüthen hier und dort, aber ſchienen doch noch etwas Beſſeres zu erwarten. Die Großmutter griff lächelnd nach einem Käſtchen mit Fut⸗ ter, ſie ſtreute aus und hatte eine kindliche Freude über die kleinen hungrigen Geſchöpfe, und ihr Mann ſtand be⸗ trachtend dabei und ſchaute glücklich auf die lieben hellen 179 Augen, die ihn in der Jugend entzückt und die jetzt noch ſeines Herzens Luſt und Wonne waren. Das vereinzelte Klingeln eines Schellengeläutes drang jetzt her. Wirklich! ſagte der Großpapa lachend, Eliſa⸗ beth hat ſich den alten Schlitten von Friedrich vorholen laſſen. Wenn es ihr nur Vergnügen macht! ſagte die Großmama gütig. Da knarrte der Thorweg, der vom Hofe nach dem Garten führte, und Yypfilanti erſchien, ein rothſammetnes Schellengeläute auf dem breiten weißen Rücken, dahinter Eliſabeth in einem Schlitten, an dem ein ganzer Sternenhimmel prangte, und ſie ſelbſt in feinſter Toillette,— man ſah es ihr an, daß ſie imponiren wollte. Hintenauf aber,— nein, da mußten die Großeltern beide herzlich lachen,— da ſaß Friedrichs ſchlanker Stalljunge in Stulpenſtiefeln, Treſſenhut und dem lederfarbenen Reit⸗ frack, mit einer mächtigen Peitſche bewaffnet, knallte er pflichtmäßigſt, während Eliſabeth die Zügel führte und den bedächtigen Trab des Yyfilanti leitete. Das Ganze ſieht übrigens allerliebſt aus, verſicherte die Großmama. Eli⸗ ſabeth mit triumfirenden Blicken fuhr bei den Großeltern vor, um ſich verſichern zu laſſen, daß dieſes ganze Arran⸗ gement ſchön genug ſei, um Oberförſters Kinder in der Stadt herum zu fahren. Der Großpapa war mit dieſer Verſicherung ſchnell bei der Hand. Er ſagte, das Ganze habe einen fürſtlichen Anſtrich, ſie werde Woltheim damit alarmiren. Er fügte noch einige Regeln wegen des recht⸗ zeitigen Hott und Hü dazu, um den entgegenkommenden 12 180 Wagen nicht in die Räder zu fahren, und Eliſabeth, die nicht zum erſtenmal den Zügel hielt, verließ durch denſelben Thorweg den Garten, um ſich auf dem Hofe erſt von On⸗ kel Karl und von Charlottchen bewundern zu laſſen und dann nach der Oberförſterei zu fahren. Hier entſtand ein völliger Aufſtand bei ihrem Er⸗ ſcheinen, Hof⸗ und Hausperſonal verſammelte ſich um die elegante Schlittenequipage, und die Kinder nahmen mit Staunen und Entzücken die Plätze neben der kühnen und ſchönen Berliner Couſine ein. Die Frau Oberförſterin ſchüttelte zwar etwas bedenklich den Kopf zu dieſem ganz und gar jugendlichen Inhalt des Schlittens, ihr Mann aber beruhigte ſie, daß Yypſilanti Alter und Bedächtigkeit für Alle zuſammen habe, und ſelbſt das Ausbiegen allein beſorgen werde. So ging es glänzend durch die Stadt. Die kleinen Häuſer und die großen Häuſer und die Stadtkirche und das alte Rathhaus, mit den alten Linden davor, ſahen prächtig aus im winterlichen Schmucke. Eliſabeths Herz war ſehr friſch. O wie wunderſchön iſt die Welt, ihr guten Tanten Paula und Wina, ihr wißt gar nicht, daß man keiner anderen Freude bedarf, als die der Herr er⸗ laubt hat, und ich will auch gar nicht nach anderen Din⸗ gen fragen. Wenn ich jetzt in Berlin wäre, triebe ich die Kinder zum Thor hinaus und führte ſie auf dem Eiſe und im Schnee, und in Romeo und Julie gehe ich ſicher nie wieder, das macht nur confus, und weiß ſelbſt nicht, wie — — 181 mir ſo ſonderbar zu Sinne war, und die Mutter hat Recht, man hat wirklich keinen Vortheil davon! So wa⸗ ren Eliſabeths Gedanken. Dazwiſchen aber hatte ſie al⸗ lerhand fröhliche Dinge mit den Kindern zu beſprechen, bis ſie endlich wieder nach der Oberförſterei hinlenkte, um ihre Schutzbefohlenen abzuliefern. Darauf fuhr ſie um die Stadt herum zurück. Als ſie ſchon nahe bei den Großeltern war, fiel ihr ein, daß ſie noch ein Stückchen ſo ganz allein die Kirſchenallee hin⸗ auffahren könnte,— die Bäume ſahen gegen den blauen Himmel gerade aus, als ob ſie in Blüthe ſtänden. Wir fahren dann oben über die Schaafbrücke auf die Wieſe, und kommen durch den Garten zurück, wandtr ſie ſich zu ihrem kleinen Kutſcher. Ja wohl, gnädig Fräulein! war ſeine Antwort, und ſeine Peitſche knallte, und die Schel⸗ len Kingelten, und luſtig ging es die Kirſchenallee hinauf. Sie hielten an der Schaafbrücke, Eliſabeth ſah ſich bedäch⸗ tig um. Die Brücke iſt etwas ſchmaler, als unſer Schlit⸗ ten, bemerkte ſie. Allem Anſchein nach, war des Kut⸗ ſchers Antwort. So ſteigen wir aus und halten den Schlitten von der Seite, beſtimmte Eliſabeth. Sie fand keine Gegenrede. Es waren beide ausgeſtiegen, als zwei Reiter über die Wieſe daherflogen. Uum Gottes Willen, mein gnädig⸗ ſtes Fräulein, ſein Sie vorſichtig! rief Herr von Stotten⸗ heim. Er war es und Hert von Kadden mit ihm, beide auf einem Ritt zum Beſuch bei den Großeltern begriffen.— — 182 Herr von Kadden ſeinerſeits ſchien nicht ſehr mit der Ge⸗ fahr des Fuhrwerks beſchäftigt, er lächelte und ſtaunte den Schlitten und den Kutſcher und die Dame an. Doch war er ſchon abgeſtiegen, um beim Hinüberbringen des Schlit⸗ tens behulflich zu ſein. Eliſabeth nahm alle ihre Würde zuſammen. Ich bitte dringend, ſich nicht zu bemühen, ſagte ſie feierlich, ich bedarf keiner Hülfe, ich will nicht in den Verdacht kommen, als hätte ich etwas Unbedachtes unter⸗ — nommen.— Herr von Stottenheim ereiferte ſich in vie⸗ len Worten von ſeinem Pferde herab, während Herr von Kadden die Zügel des ſeinigen um eine Weide warf und hinab auf den gefrorenen Bach ſtieg, um den Ausgang beobachten zu können. Eliſabeth aber war ganz ruhig, ſie überließ Yypſilanti ſich ſelbſt und hielt mit Hülfe des ₰ kräftigen Burſchen den Schlitten an der einen Seite in die Höhe, es waren ja nur wenige Schritte und ſie wa⸗ ren hinüber. Herr von Kadden war ihr beim Einſteigen behülflich und war ganz mit ihr einverſtanden, daß hier gar nichts zu befürchten war, während ſein Kamerad ſich erbot voranzureiten, und die Großeltern von der glücklich überſtandenen Gefahr zu benachrichtigen. Sie werden aber bei der Wahrheit bleiben! warnte Eliſabeth ſtolz und fuhr 4 davon. Ich bitte Dich, Kadden, entſcheide Dich bald! ſagte Herr von Stottenheim, als ſein Freund das Pferd be⸗ ſtieg; ich ſage Dir, noch nie hat ein Mädchen ſo ſehr mein Herz bewegt, aber ich handle als Freund.— Der 183 andere entgegnete gar nichts, er lächelte nur, gab ſeinem Pferde die Sporen und flog davon. So reite doch nicht ſo unvernünftig! rief Stottenheim ärgerlich. Die beiden Herren erreichten auf dem geraden Wege weit eher ihr Ziel als Ppſilanti, und als Herr von Stot⸗ tenheim den Großeltern ſehr blühend den gefährlichen Ueber⸗ gang bei der Bereſina ſchilderte, eilte ſein junger Freund durch den Gartenſaal, um den eben ankommenden Schlit⸗ ten in Empfang zu nehmen. Eliſabeth ſtieg aus, beide wechſelten ſehr unbedeutende Worte mit einander, aber zwei Herzen, die ſich ticbhaben, fragen am allerwenigſten danach, ob ſie geiſtreich reden. Eliſabeth trat ſehr friſch in das Zimmer und erzählte vergnüglich von ihrer Fahrt. Onkel Karl und Charlottchen waren dazu gekommen, ſie gehörten mit zu dem Kreis ihrer Zuhörer und Bewunderer. Die Geſellſchaft hatte ſich niedergelaſſen und nahm nun einen ſehr gemüthlichen Charakter an. Eine große gemalte Kaffeekanne und einige Teller gut conſervirter Weih⸗ nachts⸗Wecke wurden aufgetragen. Eliſabeth ordnete die Taſſen, während Charlottchen mit ihrem unzertrennlichen Strickzeug zufrieden im Armſtuhl ſaß. Die beiden alten Herren griffen zu den Pfeifen, den jungen Herren wurden Cigarren überreicht. Als die Großmama, wie ihr ja vom alten Onkel Oberförſter ſchon gelehrt war, dem Großpapa einen Fidibus reichen wollte, kam er ihr mit derſelben Zartheit als am Verlobungstage zuvor und bediente ſich ſelbſt; ein gegenſeitiges Lächeln war die verſtändliche Er⸗ 184 Kärung dazu.— Ein allerliebſtes altes Paar! dachte Herr von Stottenheim, und ſeines Nachbars warmes Herz ward mächtig erfüllt von guten Vorſätzen. Bei aller Gemüthlichkeit ließen die Großeltern aber eine Sache nicht aus den Augen; ſie wollten prüfen. An⸗ ſcheinend harmlos wandte ſich der Großvater mit ſeinen Fragen meiſtens an Herrn von Kadden, und es war or⸗ dentlich ärgerlich, wie deſſen älterer Kamerad faſt immer die Antwort und in ſehr fließenber Weiſe übernahm. Jetzt machte der Großvater einen Hauptangriff: Sagen Sie mal, Herr von Kadden, begann er, wodurch haben Sie ſich den Spitznamen Hitzkopf erworben? Sie ſehen doch ſo ruhig aus.— Das iſt eben die Gefährlichkeit bei der Sache, nahm Herr von Stottenheim wieder ſchnell das Wort, er ſieht immer aus, als ob er nicht fünf zäh⸗ len könne, als ob er der vernünftigſte Junge von der Welt ſei, und dabei geht man in ſeiner Geſellſchaft wie auf einem ſchlummernden Krater.— Sehr gut geſagt, entgeg⸗ nete Herr von Kadden lächelnd, aber auf ſolchen Angriff müßte es, wenn es mit dem Krater ſeine Richtigkeit hätte, in mir jetzt im Stillen brauſen, und ich ſpüre noch nichts. — Nun ja, der Wahrheit die Ehre! fuhr Herr von Stotten⸗ heim fort, ſeit einiger Zeit iſt eine wunderbare Veränderung mit ihm vorgegangen, wenigſtens erzählt ſein Burſche mit Er⸗ ſtaunen, daß die kleinen Scenen, die ſonſt ihr Zuſammenleben würzten, ganz wegfallen.— Herr von Kadden wandte ſich lächelnd zu Eliſabeth, die neben ihm ſaß, ſie lächelte wie⸗ 185 der, und er ſagte leiſe: Ich habe ihm aber immer das doppelte geſchenkt! Niemand achtete ſehr darauf, weil die allgemeine Aufmerkſamkeit auf den Erzähler gerichtet war. Dagegen hörten Eliſabeth und ihr Nachbar nicht, daß Stot⸗ tenheim fortfuhr: Nur geſtern iſt der arme Kerl, der Bur⸗ ſche, mit einigen tüchtigen Ohrfeigen regalirt worden, und warum? Sein wunderlicher Herr hat da auf ſeinen Schatz, auf den alten Erbkoffer, ein Gläschen mit etwas Moos und Tannen geſtellt.— Stottenheim! rief jetzt Herr von Kad⸗ den kurz und ſein Geſicht flammte in heftiger Erregung. — Ich bitte Dich,— ein Scherz! ſagte Herr von Stot⸗ tenheim; aber ich ſchweige augenblicklich.— Herr von Kadden will es uns gewiß ſelbſt erzählen, ſcherzte der Großpapa.— WMein Freund verſteht das beſſer als ich, war die ſehr kurze Antwort.— Es entſtand eine kleine Pauſe.— Der Burſche hat das Glas alſo umgeſtoßen? ſagte die Großmama freundlich. Nein, es war eine rechte Eſelei von dem Burſchen, berichtigte Herr von Stottenheim, er hat es beim Ordnen des Zimmers ungefragt in den Kehricht geworfen. Er hatte nun zwar ſeinem Herrn eine ganze Fuhre von Moos und Tannenzweigen beſorgen wol⸗ len, aber dem war nicht damit gedient.— Herr von Stottenheim hatte ſo muthig weiter erzählt, weil er merkte, daß bei dem Freunde die Gefahr ſchnell vorüber war. Dieſer ſah vor ſich nieder und lächelte, und er lächelte, weil er dachte: ſo mag ſie es denn hören, daß mir der Strauß ſehr lieb war. 186 Die Großmama hatte indeſſen ihre Gedanken ein Moos⸗ und Tannenſträuschen hatte ja Eliſabeth auch auf ihrer Kommode ſtehen. War es Erziehungs⸗Grundſatz, daß der Burſche die Ohrfeigen erhielt? fragte der Großpapa mit angenommenem Ernſte. Eigentlich wohl nicht, ſagte Herr von Kadden ebenſo, aber, ſetzte er treuherzig hinzu, ich begreife nicht, wie man bei ſolchen Gelegenheiten ruhig ſein kann. Das glaube ich wohl, ſagte der Großpapa nachdenklich.— Uebrigens, begann Herr von Stottenheim, führt Kadden die⸗ ſer kleinen Privatangelegenheit wegen den Namen nicht, nein, es ſind das ganz andere Gründe, Gründe, die ihm nur zum Ruhm und zur Ehre gereichen, es iſt ein Ueber⸗ maaß von Geſchicklichkeit und Muth und Kraft, das ihn fortwährend den größten Gefahren ausſetzt, und ſie ſind in der That für ihn nicht da.— Stottenheim, um ſeinen Freund völlig zu verſöhnen, wollte in wortreicher Art einige unglaubliche Dinge berichten, doch brachte ihn Herr von Kadden durch fortwährende komiſche Einwürfe ſo aus dem Contert, daß man nicht recht klug daraus wurde und bald von anderen Dingen ſprach. Herr von Stottenheim vertiefte ſich eifrig mit Onkel Karl in Landwirthſchaft, er erzählte viel von einem herr⸗ lichen Gute ſeines Bruders, während die Großmama freund⸗ lich ſich nach Herrn von Kaddens Fanilie erkundigte. Kadden? ſagte der Großpapa plötzlich lebhaft, eben fällt mir ein, daß ich mit einem Offizier, einem Herrn von 187 Kadden, nach der Schlacht bei Leipzig mehrere Tage zu⸗ ſammen in einem Bauernhauſe lag; ich hatte einen Schuß durch den linken Arm bekommen, mein Kamerad aber war ſchwer verwundet.— Vielleicht mein Großvater! ſagte Herr von Kabden freudig.— Hat Ihr Großvater den Feldzug mitgemacht?— Und ich weiß, daß er bei Leipzig verwun⸗ det ward, verſicherte der junge Offizier.— Wir theilten uns damals unſere Schickſale mit, fuhr der Großpapa fort, ich erzählte ihm von meiner Frau und meinen klei⸗ nen Kindern daheim, er war Wittwer und empfahl mir ſeinen einzigen Sohn, der damals auf einer Wilitärſchule war.— Das war mein Vater! rief Herr von Kadden wieder ſehr freudig.— Aber ſchon, als wir uns trennen mußten, war ſeine Geneſung geſichert und ich habe nie wieder von ihm gehört, ſchloß der Großpapa.— Das iſt mein Großvater geweſen, wiederholte Herr von Kadden, und beſchrieb nun den alten Herrn und beſtätigte, daß gerade in der Zeit ſein Vater auf der Militärſchule war. — Ja wunderbar kommen die Leute in der Welt zuſam⸗ men, ſagte Herr von Budmar nachdenklich, das iſt alſo der Großvater, der Ihnen den Koffer und die Bibel ge⸗ ſchickt hat? Kadden bejahte und ſprach mit Liebe von dem Aufenthalt bei dem alten Herrn, ſeiner einzigen kurzen Heimath. Wie heißt der Bibelſpruch, den er Ihnen zum Geburtstag eingeſchrieben hat? fragte die Großmama. Ich habe es doch vergeſſen, ſagte der junge Mann verlegen. Man ſprach nun weiter von der Kriegszeit. Char⸗ lottchen erzählte, wie einmal ihre Mama in Verzweiflung war, weil die Ruſſen ihrer ganzen kleinen Gänſeheerde die Köpfe abgeriſſen, die Federn verſtreut und die Thiere ge⸗ braten hatten. Ja, bei mir gebraten! fügte Onkel Karl hinzu, ich weiß den Tag recht gut, ich mußte den ſauren Kohl dazu geben. Es war eine ſchreckliche Zeit, dieſe Zeit, an ein vernünftiges Wirthſchaften war agr nicht zu denken, und es ward einem oft ganz ytirrt im Kopfe. Ich wollte damals gerade die Breit⸗ an der Lehmkuhle— — Ja, ja, unterbrach der Großvater den Bericht, es war eine ſchlimme Zeit, aber der Herr hat treulich hin⸗ durch geholfen. Charlottchen und die Großmama ſtimm⸗ ten ein und Herr von Stottenheim machte dem Beſuche jetzt ein Ende. Als eben die letzte Abendröthe am Himmel verglühte, ſtanden die Großeltern und Eliſabeth am Fenſter und ſahen die beiden Reiter langſam über die weiße Wieſe da⸗ hin reiten. Alle drei ſchwiegen. Eliſabeth hatte ſich an die Großmama gelehnt. Nach einer Weile begann der Großvater ernſthaft: Es iſt doch ſehr wehmüthig zu ſehen, wie ſo viele Menſchen ohne Heimath und ohne Heimathszug in der Welt umherziehen. Wenn nach dieſer Welt nichts weiter folgte, ſo wäre es doch wahrlich nicht der Mühe werth zu leben.— Die Großmama nahm ſeine Hand und ſah ihn mit dem feinen ſchönen Geſicht nachdenklich an.— In der Jugend, fuhr er fort, haben die Menſchen meiſtens 188 ———— 189 den beſtimmten Sehnſuchtszug im Herzen; aber ſie ſuchen Erfüllung in der Welt, und wenn die Welt das Sehnen und Hoffen und ſelig in die Zukunft Schauen abgeſtumpft, dann meinen ſie, ſie haben die Jugend genoſſen; jetzt folgt nun das leidige Alter, es iſt der Lauf der Welt und iſt nicht zu ändern. Ja der Lauf der Welt iſt es, der hin⸗ terliſtigen und nichtswürdigen Welt, die jugendliche Her⸗ zen verführt und verblendet, ihnen Glück und Wonne ver⸗ heißt, um ſie ganz arm und elend zu machen. Die Welt iſt voll giſtigem Undank, ſie lohnt die Liebe ihrer Kinder mit Verderben und Elend, mit entſetzlichem Elend, kaum zu beſchreiben, obgleich die Kinder der Welt das einer dem anderen zu verbergen ſuchen. Sie kommen zuſammen, äußerlich ganz angenehm und zufrieden, ſie ſuchen ſich ge⸗ fällig gegenſeitig zu zerſtreuen; aber die einſamen leeren Stunden, wenn das Gefühl des Alters ſich naht, das Abnehmen der Kräfte und der Luſt an Vergnügungen und Zerſtreuungen der Welt, das Abſterben der Freunde, das Herannahen des Todes, die Qualen der Todesfurcht, das verbirgt Einer dem Andern. Ja, ſie heucheln ſich das Gegentheil vor, ſie wagen ſich nicht heraus mit ihrem Elend, und gegen ſolche Qualen hat die vielbewunderte Welt auch keinen Troſt. Wer mit der Welt lebt, vergeht und verdirbt mit der Welt, und wer einſt im Gottesreiche leben will, muß hier ſchon darin leben, denn es iſt nicht nur dort oben, es iſt auch hier mächtig und gewaltig unter uns, die Gläubigen leben ſchon hier darin und ſind ſelig 190 darin. Für ſie giebt es auch keine Furcht mehr, als die Furcht vor der Sünde, für ſie giebt es keine Gefahr mehr, ſie können nichts verlieren, ihre Güter ſind ihnen geſichert; ſelbſt ihre Lieben, ihre Freunde kann der Tod ihnen nicht entreißen, es iſt nur ein kurzes Alleinwallen, bis der Tod ſelbſt kommt,— kein gefürchteter Feind, nein der Freund, der von einer noch unvollkommenen und unruhigen Welt nach einer ſeligen Welt führt. Wenn die Kinder der Welt ſo etwas hören, dann meinen ſie, das iſt Schwärmerei, das ſind Fantaſiebilder. Die Thoren! ſie ſprechen in ihrem Herzen: Es iſt kein Gott, denn der Gott, den ſie ganz ehrbar und rechtſchaffen anzubeten meinen, das iſt ein ſelbſtgeſchaffenes Unding, ein grauſamer Gott, der ſeine unglücklichen Kinder arm und elend und ohne Hoffnung, Glauben und Troſt läßt. Ja, ſie haben Ohren und hö⸗ ren nicht, ſie haben Augen und ſehen nicht, ſie ſind ver⸗ blendet im Hochmuth. Der Hochmuth iſt die Sünde, die in der ganzen heiligen Schrift am härteſten geſtraft wird, und der Hochmuth führt die Kinder der Welt in das Ver⸗ derben. Sie bewundern ihre eigene Klugheit, der Hoch⸗ muth macht ſie verwirrt. Sie gehen in ſelbſtzufriedener 1 Beſchränktheit durch die Welt, ſind erſtaunt über ihre In⸗ duſtrie und Gelehrtheit, mit dem Funken Verſtand, den ihnen der Herr gegeben hat, wollen ſie den Herrn ſelbſt meiſtern und verleugnen. Sie ahnen nicht, daß der Herr, der dieſe unſichtbare Weltordnung geſchaffen, auch eine wei⸗ tere und reichere und freiere Weltordnung ſchaffen konnte, 191 und die Offenbarungen dieſer höheren Weltordnung bela⸗ chen ſie in ihrem kindiſchen Aberwitz. Aber, Großvater, begann Eliſabeth, viele Menſchen haben nicht Gelegenheit, vom Reiche Gottes zu hören, ſie werden ganz anders erzogen. Hier in unſeren Chriſtenländern, entgegnete der Groß⸗ vater, hören ſie Alle von dem Herrn Chriſtus, und der Herr Chriſtus, wenn ſie ihn nicht verwerfen, iſt für alle da. Dieſe jungen Offiziere, fuhr er fort,— ſie hatten ihn ja eigentlich zu der Rede veranlaßt,— ſie haben einen Heiland nicht nöthig. Kann man wohl einen ſelbſtzufriedeneren Menſchen ſehen, als Herr von Stotten⸗ heim? Und ſein jüngerer Freund ſieht die alte Erbbibel gar nicht an, den Bibelvers, den ihm ſein Großvater als beſtes Erbſtück auf den Lebensweg mitgegeben, er kennt ihn gar nicht. Eliſabeth mußte ſchweigen. Hatte Herr von Kadden ihr nicht ſelbſt geſagt: Der Prediger ſpricht ſo wunderlich von Himmel und Hölle, Himmel und Hölle aber ſchaffe ich mir ſelbſt durch ein gutes Gewiſſen? Ein Himmel, der im Bewußtſein der eigenen Gerechtigkeit beſteht! Wenn dem ſo Sicheren einmal die Augen über ſeinen Zuſtand aufgehen, wenn er ſieht, wie weit ſeine Gerechtigkeit reicht dem heiligen Herrn gegenüber, was wird dann aus ſeinem Himmel? Dieſe Selbſtgerechtigkeit, dieſes Tugendfantom iſt ja der ſelbſtgeſchaffene Gott, von dem der Großvater eben geſprochen, der hinterliſtig einen ſehr jugendlichen Himmel 192 ſchafft, um dann eine ewige Hölle hinterherzuſchicken. Aber mit dem Einen hat der Großpapa doch unrecht, dachte ſie weiter: viele Menſchen wiſſen nicht, was ſie mit dem Herrn Chriſtus verwerfen, und er, der ſo ſicher auf ſeine Tugend trotzt, wenn er es wüßte, er würde es auch nicht thun. Die Sehnſucht und das Heimweh iſt ihnen unverſtändlich, und wenn er da vor dem alten Koffer ſitzt, darinnen die Bibel liegt, und er meint, ſein einſames Herz ſehnt ſich nach einer Heimath, ſo iſt es Sehnſucht nach Frieden und Seligkeit. Ja, wenn man ihm den Weg dahin zeigte, er würde ihn doch wohl gehen; wenn er nun ordentlich be⸗ lehrt würde, und wenn er, aus Liebe zu mir— Eliſabeth ſtockte in ihren Gedanken. Du Thörin! Aus Liebe zu dir ſoll er gläubig ſich zum Herr wenden? Ach nein, du biſt ja ſelbſt ſo ſchwach, könnteſt du dich nicht eher aus Liebe zu ihm zur Welt wenden? Zur Welt, und dann arm und elend mit ihm? O nein Herr, ich kann Dich nie verwerfen, ich will es nie vergeſſen, daß ich arm und ſchwach bin, und daß Du an Liebe und Gnade reich mein Erlöſer biſt. O halte Du mich, wenn ich ſchwanke; aber Herr, halte Du ihn auch, ſetzte ihr zitterndes Herz hinzu, denn ich werde ihn doch wohl immer auf meiner Seele tragen müſſen. Es war jetzt tiefe Dämmerung in der Stube, die Großeltern ſaßen ſchweigend auf dem Sofa, Eliſabeth ſtand allein. Ihre Gedanken wurden immer unruhiger und banger und ſehnſuchtsvoller, ſie trat an das Klavier, 193 ſie griff einzelne Noten, dann ſang ſie leiſe, die Großeltern ſtimmten ebenſo ein: Aus tiefer Noth ſchrei ich zu Dir, Herr Gott, erhör' mein Rufen, Dein gnädig Ohren kehr' zu mir Und meiner Bitt ſie öffen“. Denn ſo Du willt das ſehen an, Was Sünd' und Unrecht iſt gethan, Wer kann, Herr, vor Dir bleiben? Bei Dir gilt nichts, denn Gnad und Gunſt, Die Sünde zu vergeben. Es iſt doch unſer Thun umſonſt Auch in dem beſten Leben. Vor Dir Niemand ſich rühmen kann, Es muß ſich fürchten Jedermann Und Deiner Gnade leben. Liebe Eliſabeth, ſagte der Großpapa freundlich, wenn Du dies Lied nie vergißt, wenn Du es immer mit recht demüthigem Herzen rufen kannſt, ſo magſt Du in ſehr tie⸗ fer Noth ſtecken, der Herr wird Dich doch erretten.— Eli⸗ ſabeth war aufgeſtanden und hatte ſich zu den Füßen der Großeltern geſetzt. Wenn ich in einer Herrenhuter Ge⸗ meine lebte, ſo wäre es beſſer für mich, ſagte ſie.— Möchteſt Du das? fragte der Großvater lächelnd. Eliſabeth ſchüttelte den Kopf.— Ja, ſagte die Großmama, äußer⸗ lich würde es vielleicht in einer Herrenhuter Gemeine für Dich nicht ſo viel Verſuchungen geben, aber Dein Herz und den Kampf mit der Sünde würdeſt Du auch da empfinden, und den Herrn Chriſtus, den treuen Hirten, der Dich ſucht und trägt, haſt Du ebenſo hier als dort. Nachdem die Eliſabeth. 1. 13 194 Gefahr iſt, hilft er auch, ja, dem bangen und verirrten Schäflein geht er am liebſten nach. Ich weiß wohl, fügte ſie hinzu, Du wirſt überwinden, aber, liebe Eliſabeth, ich möchte Dich auch vor Unglück bewahren, vor ſchweren Käm⸗ pfen, darum ſei wachſam und treu.— Eliſabeth ſchwieg. Die Welt iſt nicht ſchwer zu überwinden, fuhr die Großmutter fteundlich fort, für uns, die wir drüber ſtehen, ihre Bande ſind uns wie Spinnenweb, wenn es uns an⸗ fliegen möchte, lächeln wir, und es zergeht uns in den Händen. Die aber, die nicht den Muth haben mit der Welt zu brechen, die da meinen, es laſſe ſich ein chriſtlich Leben damit vereinen, denen wird das nichtige Gewebe zu Stricken, und wenn ſie ſich auch gern losmachen möchten, und ſich losgemacht haben, ſie fühlen ſie ſich doch im⸗ mer wieder von allen Seiten gebunden, und ihr Leben iſt ein fortwährender Kampf, und ſie ſeufzen, wie ſchwer es doch ſei, ein Chriſt zu ſein. Geſunde Sinne können es kaum begreifen; aber freilich, der Teufel iſt ein mäch⸗ tiger Herr und ein guter Philoſoph.— Ich möchte gar nicht anders leben, als Ihr lebt, ſagte Eliſabeth, ich finde das am allerſchönſten.— Dann wünſche ich Dir nur einen ſo braven Mann, als ich bekommen habe, ent⸗ gegnete die Graßmama.— Mein Mann wird doch leben wollen, wie ich lebe? ſagte Eliſabeth mit einem Verſuch zum Scherze.— Darum muß er eben brav ſein, ſchloß die Großmama. 8 12. Der Küraſſier zur rechten Zeit. Dem einen ſchönen Wintertage folgten mehr, und Eliſabeth war es zufrieden, ſie wurde ihres Schlittenvergnü⸗ gens nicht müde. Sie fuhr die Großeltern in der blü⸗ henden Kirſchenallee, und Charlottchen und die Leute aus der Oberförſterei in der Stadt umher. Außerdem machte ſie weite Spazierginge, begleitete den Onkel Oberförſter nach den Schlägen, oder ſie inſpicirte auch Hof und Wirth⸗ ſchaft, um den Onkel Karl zu unterhalten. Sie war ganz und gar beftiedigt von ihrem Land⸗Aufenthalt. Das Mädchen ſieht wirklich nicht aus, als ob ſie eine ſtille Nei⸗ gung hätte, ſagte der Großvater zu ſeiner lieben Frau. Ich weiß aber, entgegnete ſie lächelnd, daß man trotzdem äußerlich recht vergnügt und übermüthig ſein kann. Rich⸗ tig, ſagte der Großvater nachdenklich, ich wußte ſelbſt kaum, wie es damals mit Deinem Herzen ſtand. Ja, fuhr die Großmama fort, das iſt auch ein ſonderbares Ding: zu⸗ weilen iſt es, als ob man nur träume, und es ſei Alles nicht wahr; dann ſchlägt man ſich dies Hangen und Ban⸗ gen aus dem Sinn und iſt friſch und fröhlich, und dann iſt es wieder, als ob es doch wahr ſei, und dann iſt das Herz wieder ſchwer. Wenigſtens bei uns Mädchen iſt das ſo, fügte ſie ernſthaft hinzu. Und bei uns Jünglingen auch, ſagte der Großpapa vergnügt, aber wir wollen uns 43½ 196 um andere Mädchen und Jünglinge doch wohl nicht mehr ſorgen. Wollen? nein, ſagte ſie, aber— An demſelben Tage kam eine Einladung von Ober⸗ förſters. Mariechen, das zwölfiährige Töchterlein, erſchien ganz feierlich, der Papa hatte in dieſen Tagen einen ſchö⸗ nen Hirſch geſchoſſen.— Da ſoll es gewiß heute Abend die Leber geben, unterbrach ſie der Großpapa, Mama Jul⸗ chen verſteht zu wirthſchaften.— O nein, entgegnete Mariechen ganz gereizt, die Leber haben wir Mittag ſchon gegeſſen, es giebt heute Abend ein Blatt; und Du weißt, Großpapa, ein Blatt iſt eben ſo zart als der Rücken, es war ein wunderſchönes junges Thier. Die Mama wird auch noch das Halsſtück dazu braten, damit es ſehr reich⸗ lich iſt, denn Onkel Karl und Charlottchen müſſen mitkom⸗ men. Der Doctor iſt bei uns geweſen und hat geſagt, mit der großen Kutſche kann der Onkel ausfahren, und es wäre ihm ſehr gut, wenn er nicht immer in ſeiner Stube ſitzt. Die Einladung wurde angenommen. Mariechen ging aber nicht gleich fort, ſie nahm Eliſabeth in eine Fenſter⸗ niſche, ſie hatte ganz heimlich herrliche Dinge mit ihr zu be⸗ ſprechen. Ich habe mir zu heute Abend eine künſtliche Vorſtellung ausgedacht, begann ſie eiftig, wir wollen den Tell aufführen, Du weißt, den Tell von Schiller.— Eli⸗ ſabeth nickte.— Du ſollſt eine gewiſſe Bertha ſpielen, fuhr Mariechen fort, das iſt die vornehmſte im ganzen Stück, Herr Rennicke(das war der Rechnungsführer) hat den Geßler übernommen, ich bin die Frau von Tell. Mar 197 hat den Tell ſchon wunderſchön eingeübt, die Kleinen ſpie⸗ len dann auch mit, und einen großen Apfel hat uns Mama ſchon gegeben.— Habt Ihr aber ſchon das Coſtüm? fragte Eliſabeth theilnehmend.— Beinah alles fertig, verſicherte Mariechen: ich ziehe eine ſchwarze Sammetjacke über einen weißen Unterrock und eine Tändelſchürze mit roſa Schleifen. Tell hat eine Jagdmütze mit einer Feder, nun fehlt der Geßler noch, und Du mußt nun ſehr wie eine Dame ausſehen.— Schlank wie eine Ritterdame, fiel Eli⸗ ſabeth ein, ich will mir das ſchon überlegen! Ihre Augen leuchteten in kindlicher Freude und in Güte zugleich. Auch einen herrlichen Rittermantel für den Geßler will ich ma⸗ chen, ich ſtecke meine Bva um Großmama ihr Sammetmän⸗ telchen.— O das wird aber zu ſchön! verſicherte Marie⸗ chen und klatſchte in die Hände, und als der Großpapa neugierig that und näher trat, wurde er feierlich erſucht, ſich nicht durch Neugierde einen ungewöhnlichen Genuß, der ihm für heute Abend beſtimmt ſei, zu verderben. Ma⸗ riechen verließ endlich die theure Coufine, ganz erfüllt von der Wichtigkeit und Schönheit ihres Vorhabens, und Eli⸗ ſabeth überlegte eben ſo ernſthaft, wie ſie als die gewiſſe Bertha ſich zu kleiden habe. Höre, liebe Großmama, begann ſie Nachmittag beim Kaffee, nachdem ſie in Charlottchens Stube den Geßler⸗ Mantel zur eignen höchſten Zufriedenheit vollendet hatte, Du mußt mir nun noch den Schlüſſel zu Deinem alten Kleiderſchrank erlauben, ich weiß da ein ſchönes weißes 198 Kleid mit einer kurzen Taille.— Aber nicht mein Hoch⸗ zeitskleid, warf die Großmama ein.— Nein, verſicherte Eliſabeth, ich meine das mit den vielen Stickereien, ich habe es zu nöthig.— Die Großmama verſtand ſich auf dieſe Nothwendigkeiten, und war gewohnt, Kindern und En⸗ keln bei ſo künſtlichen Vorſtellungen gefällig zu ſein, ſie gab alſo den Schlüſſel, und Eliſabeth lief damit oben auf den großen Flur und verſchwand dann mit ihren Schätzen in Charlottchens Zimmer. Charlottchen war zu glücklich über das liebe Kind, ſie war ihr auch beim Aus⸗ und Anziehen behülflich; denn natürlich mußte ſie das Kleid hier erſt anprobieren, ehe ſie als Fräulein Bertha erſcheinen konnte. Sie trat vor den Spiegel, als eben Charlottchen ſich vor ſie ſtellte, um ſie zu bewundern: Liebe Eliſabeth! rief ſie jetzt, das iſt wirk⸗ lich rührend, herzbewegend, Du ſiehſt ackurat wie Deine Großmama aus!— Nur noch das Haar ändern, ſagte Eliſabeth geſchäftig. Sie ſelbſt fand dieſe Aehnlichkeit und war entzückt darüber. Sie legte ihre lichtbraunen Locken mit Charlottchens Seitenkämmen etwas zurück, nahm die Flechte aus dem Nacken und ſteckte ſie mit einem Kamm hoch auf den Kopf. So! rief ſie jetzt, und nun hilft es nicht, Großpapa ſoll mich ſehen, er wird ſich zu ſehr freuen, ich ſtelle mich neben Großmamas Bild. Chartlottchen mußte voran und die Großeltern bitten, einen Augenblick das Wohnzimmer zu verlaſſen. Eliſabeth forderte Onkel Karl dringend auf, ſogleich mit ihr zu kom⸗ v 199 men, und nun ging der Spaß an. Sie ſetzte ſich auf das Sofa, gerade unter das Bild der Großmama, Onkel Karl und Charlottchen ſtanden bewundernd gegenüber, der dunkelroth leuchtende winterliche Abendhimmel erfüllte die Stube mit einer magiſchen Beleuchtung, da rief Eliſa⸗ beth: Nun herein, Ihr lieben Zuſchauer!— Wirklich, der Großpapa ſtand verwundert, das war ſeine jugendliche Braut, dieſelbe Geſtalt, aber auch derſelbe übermüthige und doch ſo gütige Ausdruck in den hellen Augen. Ja, ſagte Onkel Karl und rieb ſich vergnügt die Hände, das Bild, wie es leibt und lebt, nun fehlt nur noch der Küraſſier⸗ Offizier, dann wäre die Sache fertig. Da klopfte es an die Thür.— Gleich darauf trat herein— Herr von Kadden. Die kleine Geſellſchaft war faſt erſchrocken, und der Großvater hatte ſeine Noth, den Onkel Karl von der Wie⸗ derholung ſeiner letzten Worte abzuhalten. Der Gaſt mußte die Erklärung der vergnüglichen Scene hören, aber es war ihm ebenſo wie dem Onkel Karl auffallend, daß hier nur der Küraſſier fehlte, um das Bild vollſtändig zu machen. Eliſabeth war aufgeſtanden, und er war zu ihr getreten. Da ſtanden ſie beide in jugendlicher Schönheit, vom Abendlicht umſtrahlt und wenig im Stande, ihre Em⸗ pfindungen zu verbergen, als ſie einige verlegene Worte zuſammen redeten. Der Onkel räusperte ſich und rieb ſich die Hände, es ward ihm zu ſchwer nicht zu ſagen: Da iſt ja der Küraſſier! und ein hübſcher Küraſſier! 200 Charlottchen aber reichte ihm ihre Tabacksdoſe, die ſie ihm zu Gefallen ſich angewöhnt hatte zu führen und zu benutzen, und ſah ihn mit ſtillen Thränen an, es war ihr beim An⸗ blick dieſes Bildes gerade zu Muthe als damals, wo ſie ſagte: O Karl, wie golden ſteigt der Mond auf! Die Großmama ſelbſt, die ſonſt immer ſo gewandt und fein ihre Geiſtesgegenwart behaupten konnte, war aus dem Gleichgewicht: Herr von Kadden hatte ſie nicht allein durch ſein wunderbares Hinzutreten überraſcht, ſein Anblick be⸗ wegte ihr Herz. Und der Großpapa dachte: es ſcheint da doch unter Euren alten Augen etwas vor ſich zu gehen. Das Sorgen für unſer liebes Kind aber wollen wir doch Dem überlaſſen, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Eliſabeth entfernte ſich ſchnell, um ſich umzukleiden, und Herr von Kadden erzählte nun den Großeltern, daß er mit Stottenheim von einer längſtgegebenen Erlaubniß des Herrn Oberförſter Gebrauch gemacht und die Oberför⸗ ſterei aufgeſucht habe. Vorher aber mußte er hierher kom⸗ men und einen Brief ſeines Großvaters, den er im alten Koffer zwiſchen den Briefen an ſeinen Vater gefunden, mit⸗ theilen. Ich habe mich gefteut wie ein Kind, ſagte er warm, der Großvater ſpricht darin von ſeinem Liegen in Brachnitz— Ja, ſo hieß das Dorf! fiel Herr von Bud⸗ mar ein.— Und ſpricht von Ihnen mit ſo großer Liebe, das müſſen Sie leſen. Herr von Budmar' nahm den Brief und trat damit an das Fenſter. Den Bibelſpruch habe ich mir auch angeſehen und habe ihn auswendig ge⸗ 2 201 lernt, wandte ſich der junge Mann unterdeſſen zur Groß⸗ mama.— Sie ſah ihn freundlich fragend an.— Er ſteht Jeremias 31, V. 3.„Ich habe Dich je und je ge⸗ liebet, darum habe ich Dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“— Das iſt ein ſchöner Spruch, ſagte die Groß⸗ mama nachdenklich, und iſt eigentlich ein rechter Herzensſpruch von mir; ich wünſche von Herzen, daß der Herr Ihnen den Spruch in ſeiner ganzen Bedeutung erfüllen möge. — Ja, ſagte Herr von Kadden, der Vers hat mich ſehr gefreut, er klang mir wie eine Profezeihung für die Zukunft. Die Großmama ging nun, wenn auch ſehr zartfüh⸗ lend, auf die Sache näher ein und überzeugte ſich bald, daß der junge Mann dieſe Profezeihung für die Zukunft nicht auf ſein Seelenheil, ſondern auf ſein Lebensglück überhaupt beziehen wollte. Der Herr Gott ſollte ihn glück⸗ lich machen, das war ſein Hoffen und Wünſchen, und wie nahe Eliſabeth mit dieſem Hoffen in Verbindung ſtand, war aus ſeiner ganzen Erregung und ſeiner Rede wohl zu fühlen. Herr von Budmar reichte ſeiner Frau den Brief und ſie las, während er mit Herrn von Kadden darüber wei⸗ ter ſprach. Brachnitz, den 9. Nov. 1813. Lieber Johann! Durch Gottes Gnade, ſcheint es, ſoll mir das Leben noch einmal geſchenkt ſein. Ich bin es wohl zufrieden, weil ich meine, daß Du armer Junge mich noch nöthig haſt, obgleich der Herr Gott Dir ein 202 treuerer Vater ſein kann als ich. Ich habe acht Tage zuſammen gelegen mit einem lieben theuren Mann, einem Herrn von Budmar; er weiß es kaum, wie ſeine Nähe mir ein Troſt war, als ich mich am Rande des Grabes fühlte. Wenn Du einmal in der Welt verlaſſen biſt, ſo darſſt Du Dich an ihn wenden, er hat mir verſprochen, er will Dir ein Freund und Rathgeber ſein. Ich fühle mich noch ſehr ſchwach, Gott weiß es, wie es mit mir wird, und ich bin es wohl zufrieden. Es erfolgten nun noch einige Anordnungen und zu⸗ letzt auch die genaue Adreſſe des Herrn von Budmar. Die Großmama hielt das Blatt gedankenvoll in der Hand. Wie wunderbar, daß der Enkel dieſen Brief brachte! Brachte er nicht mit ihm eine Art Anwartſchaft auf des Herrn von Budmar Freundſchaft? War er denn nicht ebenſo verlaſſen als der Sohn Johann? Als Herr von Stottenheim bei ſeinem erſten Beſuche den Freund ſchilderte, wie er ſo gerne in dem alten Erbkoffer ſeine Heimath liebe, und daß er neulich dazu gekommen, wie er ſeiner alten Wirthin, einer braven Bürgersfrau, ſein Leinen gezeigt, um ihr deutlich zu machen, daß er auch eine Groß⸗ und eine Urgroßmutter hatte, das hatte ihr eigenes Herz bewegt und ſie hatte den jungen Mann mit Theilnahme betrachtet. Was hal⸗ fen aber jetzt alle Reflexionen? die Wirklichkeit ging ganz leiſe und harmlos neben her, ohne davon Notiz zu nehmen. Eliſabeth erſchien wieder im Hauskleide, dann wurde die große Kutſche angekündigt, Charlottchen und Onkel 203 Karl machten ſich reiſefertig. Die Großeltern wollten zu Fuße gehn, erſtens war es ein kurzer hübſcher Gang, und dann mußten ſie die jungen Leute begleiten, denn Herr von Kadden hatte natürlich um Erlaubniß gebeten, ſich gleich anſchließen zu dürfen. Man ging durch den Gartenſaal in den Garten und gelangte bald durch eine kleine Pforte in die Kirſchenallee. Herr von Kadden ging mit Eliſabeth, die Großeltern folg⸗ ten, zuweilen blieb das junge Paar ſtehen, um die lang⸗ ſamer Folgenden zu erwarten. In der Kirſchenallee brach Eliſabeth vorſichtig einen langen Zweig ab, der wunder⸗ ſchön mit Kriſtallſternchen und„Blüthen geſchmückt war. Herr von Kadden nahm ihn etwas lebhaft aus ihrer Hand und die Sternchen fielen ab. O! ſagte er bedauernd,— aber ſolche Blumen liebe ich nicht, ſie ſind doch zu ver⸗ gänglich.— WMir ſind dieſe auch lieber, die unter den kleinen braunen Knospen verborgen ſind, ſagte Eliſabeth, und der winterliche Frühling erfreut ja auch nur, weil man dabei gern an den wirklichen denkt.— In der Allee und dann bis zur Oberförſterei war der Weg breit ge⸗ nug, die jungen Leute blieben nun mit den Großeltern zuſammen und alle freuten ſich über die ſchöne weiße Welt und den verglühenden Abendhimmel. Die Frau Oberförſterin, durch Herrn von Stotten⸗ heim ſchon von Kaddens Beſuch bei den Großeltern be⸗ nachrichtigt, nahm die Großmama gleich bei Seite, um ein Privatgeſpräch über dieſen höchſt intereſſanten Gegenſtand 204 mit ihr anzuknüpfen. Die Mama konnte nicht leugnen, daß von ſeiner Seite eine NReigung befürchtet würde. Und Eliſabeths warmes Herz? fügte Julchen bedenklich hinzu. Weißt Du, daß ſich Bürgermeiſters Anne heimlich verlobt hat? Die Eltern haben es jetzt erſt erfahren, und es iſt öffentlich gemacht.— Die Mama erſchrak ordentlich,— Eliſabeth würde zwar das nicht thun, aber was iſt nicht möglich in der Welt? und das Kind war ihnen anvertraut. Nein, man durfte die Sache nicht mehr ganz gleichgültig nehmen, ſie mußte ernſtlich überlegt werden, die Großma⸗ ma mußte ſelbſt Eliſabeth ſchnell nach Berlin bringen und mit der Tochter ſprechen. Während Eliſabeth mit den Kindern im Eßzimmer mittelſt einer Waſchleine und verſchiedenen Decken und Teppiche einen Vorhang zu fabriziren ſuchte, ſaß die große Geſellſchaft in derſelben Ecke, wo der Großvater einſt dem alten Onkel Oberförſter ſeine Liebe anvertraute. Das Ge⸗ ſpräch kam ſogleich auf die Verlobung von Bürgermeiſters Anna. Ich begreife nicht, ſagte Herr von Budmar ernſt⸗ haft, wie der Bürgermeiſter ſeine Tochter einem Manne anvertrauen kann, der ſo ſchändlich gehandelt hat.— Wie ſo? fragte Herr von Stottenheim neugierig.— Er hat ſich heimlich mit dem Mädchen verlobt und hat den Eltern nichts davon geſagt, war Herrn von Budmars Antwort. — Halten Sie das für ein ſo großes Unrecht? fragte ijener verwundert.— Ein Mädchen zur Lüge und Ver⸗ ſtellung zu verleiten und zur Uebertretung des vierten 205 Gebots? fragte Herr von Budmar ebenſo verwundert; das kann doch nur in unſeren zerfahrenen Zeiten, wo alle von Gott verordneten Verhältniſſe frech mit Füßen getreten werden, ſo ungeahnet geſchehen, ſo als ob es nur das un⸗ ſchuldige Thun zweier liebenden Herzen wäre. Glauben ſie mir, ſetzte er lebhaft hinzu, Gottes Segen kann da nicht ſein, wo ſeine Gebote übertreten werden. Das Mädchen wird bald genug mit dem gewiſſenloſen Liebhaber eine ſehr moderne Ehe führen.— Herr von Stottenheim ſchwieg, indem er ſehr einverſtanden mit dem Kopfe nickte, und der Oberförſter erzählte, daß der Bräutigam nicht viel tauge, und für Annas Glück nicht viel zu hoffen ſei. Hert von Kadden war ſchweigſam. Selbſt als die künſtlichen Vorſtellungen der Kinder vor ſich gingen und wirklich ſehr unterhaltend waren, ſtand er mit untergeſchla⸗ genen Armen nachdenklich im Fenſter. Die Frau Ober⸗ förſterin gerieth darüber in eine ſichtliche Unruhe, ſie ver⸗ ſuchte es immer wieder, ihn in ihrer gemüthlichen und ſehr geſprächigen Art herbei zu ziehen, und dann war er mit ſeinen treuherzigen Augen auch gern bereit theilzunehmen, aber es währte nicht lange. Sie ſind muſikaliſch? fragte ſie endlich. Er ſingt himmliſch! war Stottenheims Ant⸗ wort. Das war der Frau Oberförſterin angenehm zu hö⸗ ren, ſie öffnete ſchnell das Inſtrument und Herr von Kad⸗ den weigerte ſich nicht länger. Er ſpielte erſt einige Ar⸗ corde und ſang dann die Lorelei 206 Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, Daß ich ſo traurig bin. Ein Mährchen aus alten Zeiten Das kömmt mir nicht aus dem Sinn. Ja, dieſesmal hatte Herr von Stottenheim nicht über⸗ trieben, die Zuhörer waren ſehr erfreut über eine ſolche Stimme. Mama Julchen, in jugendlichem Eifer, holte den Arion hervor, er mußte mit ihr ein Duett fingen. Dieſes herrliche Duett zu hören, verſicherte ſie die Geſell⸗ ſchaft, wird Euch nur Freude machen. Die Sache wird immer bedenklicher,— dachte die Großmama und ſah auf Eliſabeth, er iſt wirklich ſehr hübſch und liebenswür⸗ dig. Dann ſah ſie auf ihren Mann und erinnerte ſich ihrer Jugendgefühle. Nun freilich, neben meinem lieben Fritz darf er nicht ſtehen, dachte ſie, aber neben Herrn von Stottenheim und hundert andern jungen Leuten iſt er doch eine liebenswürdige und herrliche Erſcheinung. Sie überlegte und ſorgte wieder ſo großmütterlich, wäh⸗ rend die Wirklichkeit immer leiſen ſicheren Schrittes neben⸗ her ging. Das Duett war geſungen, jetzt waren die Kinder an der Reihe, man war ſehr muſikaliſch hier im Hauſe, und die Großeltern hatten ebenſo große Freude an der Mufik. Der Großpapa war während des Kinder⸗Conzertes an das Klavier getreten und zufällig etwas näher zu Herrn von Kadden, der wieder hörend und betrachtend in einem Fenſter ſtand.— Wollen Sie mich einen Augenblick hö⸗ ren? flüſterte Herr von Kadden plötzlich, und holte tief 207 Athem. Der alte Herr erſchrack wirklich, er ahnete, was kommen ſollte, aber er konnte die Bitte nicht abſchlagen und trat höflich näher. Ich bin heut bange geworden, ich möchte mich ein⸗ mal übereilen, begann der junge Mann zagend, darum ſollen Sie es eher wiſſen, als Ihre Enkelin. Sie müſſen mir rathen.— Lieber Herr von Kadden, entgegnete der Großpapa haſtig, Sie irren ſich vielleicht, Sie wiſſen, wie oft eine Neigung wechſelt.— Finden Sie meine Liebe nicht begreiflich? unterbrach ihn Herr von Kadden ſehr beſcheiden.— Begreiflich, v ja, aber— Das Conzert nahm eben ein Ende.— Sie ver⸗ ſprechen mir für jetzt vorſichtig zu ſein.— Herr von Kadden reichte ihm ſchnell die Hand. Darf ich wieder kommen? fragte er leiſe.— Ich komme in dieſen Tagen und mache den beiden Herren meine Gegenviſite, ſagte der Großpapa laut, weil der aufhörende Geſang eine Privat⸗ Unterhaltung nicht gut zuließ. Herr von Stottenheim, an den die Rede mit gerichtet war, ergoß ſich in Ausdrük⸗ ken der Höflichkeit über dieſe ganz unerwartete Ausſicht und führte noch einige Zeit die Unterhaltung, bis die Zeit des Aufbruchs erſchienen war. Herr von Kadden ſuchte ſein Wort gewiſſenhaft zu halten, er ſprach den Abend nicht mehr mit Eliſabeth und empfahl ſich ihr eben ſo höflich und ruhig als den übrigen. 13. Ein bedenklicher Auftrag. Einige Tage ſpäter fuhr die ehrwürdige Kutſche mit den Schimmeln vor, die Großeltern wollten mit Eliſabeth nach Braunhauſen. Schon im Herbſt hatte ein neuer Re⸗ gimentskommandeur bei Herrn von Budmar und bei Ober⸗ förſters mit Frau und Töchtern Viſite gemacht; ſie wäre vielleicht niemals erwiedert worden, aber bei dieſer Ge⸗ legenheit, wo Herr von Budmar den jungen Herren einen Gegenbeſuch verſprochen hatte, durfte der Kommandeur nicht vernachläßigt werden. Die Großmama und Eliſabeth fuh⸗ ren alſo mit. Am Thore ſtieg Herr von Budmar aus, er wollte erſt die beiden Herren aufſuchen und ſich dann mit Frau und Enkelin treffen. Der Obriſt von Bonſak, ſeine Frau und die vier Fräulein waren ſehr erfreut über ſo lieben Beſuch. Der Herr des Hauſes blieb ſogleich bei den älteren Damen, um Herrn von Budmar zu erwarten, während die jungen Mädchen in einer niedlichen, hinter Efeu⸗Gittern verbor⸗ genen Ecke Platz nahmen. Die beiden älteſten Fräulein waren ſchon etwas verblüht, aber dennoch nicht alt, die dritte war überhaupt nicht hübſch, aber Adolfine, die jüngſte, erſt ſechszehn Jahr alt, war eine ſehr blühende und feu⸗ rige Schönheit. Eliſabeth ſollte von der Reſidenz berich⸗ ten, von Bällen und Theater; ſie that es, ſo gut ſie es 209 konnte, verſtummte aber immer mehr vor der Geſprächig⸗ keit der Schweſtern. Braunhauſen iſt eigentlich ein elen⸗ des Neſt, ſagte Adolfine, und es iſt ein Unglück, daß wir gerade jetzt, wo ich mich amüſiren will, hierher verſetzt ſind.— Du biſt ein albernes Kind, ſcherzte die ältere Schweſter, für Dich wird ſich wohl hier noch Unterhaltung finden laſſen.— So?— ſagte Adolfine und ſchüttelte den dunkelen Lockenkopf ſehr graziös; vier unverheirathete Lieutenants exiſtiren hier nur, die Bälle ſind ſchrecklich langweilig.— Und der eine Tänzer, der beſte, tanzt nur mit den Damen, die ſitzen geblieben ſind, lachte eine an⸗ dere Schweſter.— So möchte ich am liebſten immer ſitzen bleiben! entgegnete Adolfine in affectirter Naivetät, die aber von den Schweſtern gern als baare Münze genom⸗ men wurde.— FEliſabeth nahm ſich feſt vor, nicht roth zu werden bei einem gewiſſen Namen, und wirklich, als die eine Schweſter fragte: Sie kennen ja die Herren von Stottenheim und Kadden? ſagte ſie ziemlich gefaßt: Ja, ich habe ſie geſehen.— Kadden iſt ſehr nett, verſicherte die älteſte Schweſter herablaſſend, und hat mit Adolfinen immer ſeinen Spaß.— Hatte— fiel Adolfine ein; Stottenheim verſichert, ſein Freund leide jetzt viel an Kopf⸗ ſchmerz, darum ſei er ſo ernſthaft.— Ja, Papa meint, er ſei jetzt auch nicht mehr ſo unſinnig mit ſeinem Rei⸗ ten, fügte die andere Schweſter hinzu.— Ich liebe nun dieſes muthige Weſen, verſicherte Adolfine kühn, ich werde mit Papa auch reiten und dann mit den Herren ein steaple Eliſabeth. 1. 14 210 chace mitreiten.— Die Schweſtern lachten und ver⸗ ſicherten, ſie ſei ein rechtes Soldatenkind, und Eliſabeth dachte: Deine Idee mit WYypſilanti darfſt du nicht erzäh⸗ len, ſonſt lachen ſie dich aus, und dabei ward es ihr ſchwer im Herzen. Ja ſie konnte hier nicht friſch und fröhlich ſein, dieſe Art Unterhaltung hatte ſie nie geführt, denn vom Reiten kamen ſie wieder auf Bälle, und von Bällen auf Bilderſtellen, und immer ſo weiter. In der nächſten Woche ſollte große Soiree bei ihnen ſein, ſie woll⸗ p ten Bilder ſtellen, dann tanzen. Herr von Kadden muß der Egmont ſein und ich das Klärchen, ſagte Adolfine„ wieder ganz naiv.— Klärchen muß blond ſein! ver⸗ ſicherte die älteſte Schweſter, Du biſt zu italieniſch, Du und Cäcilie, Ihr könnt die beiden Eleonoren vorſtellen. — Adolfine ſchüttelte ihre Locken.— Es iſt ein abſcheu⸗ liches Mädchen, das iſt ihr zu langweilig, lachte Cäcilie.— Liebes Fräulein, Sie müſſen künftige Woche auch herkom⸗ men, bat die älteſte Schweſter, die Eliſabeth mit großem Intereſſe angeſehen und ſich vorgenommen hatte, das lieb⸗ liche blöde Mädchen, das bei den Großeltern, den bekann⸗ ten Pietiſten, ein entſetzliches Leben führen mußte, freund⸗ lich zu bemuttern.— Ach nein, ſagte Eliſabeth.— Sie müßten mit Herrn von Stottenheim das trauernde Kö⸗ nigspaar machen, rief Adolfine.— Die Schweſten lach⸗ ten laut und Eliſabeth ſagte etwas kühner: Ach nein, das möcht ich nicht.— Warum denn nicht? fragte Adol⸗ fine.— Wit fremden Herren— begann ſie und ſchüt⸗ 211 telte den Kopf.— Adolfine machte große Augen, aber ſchwieg.— Haben Sie nicht Sehnſucht nach Berlin? fragte Cäcilie, es muß Ihnen doch einſam ſein bei den Großeltern.— Eliſabeth wollte doch zeigen, daß ſie weder langweilig ſei, noch ſich langweile, ſie erzählte die herrliche Aufführung von Wilhelm Tell und ihre Schlit⸗ tenfahrten. Die Schweſtern fanden es allerliebſt, aber was ſie auszuſetzen hatten, war nur Adolfine in ihrer Naivetät dreiſt genug zu ſagen: Alſo wirklich, Sie kön⸗ nen ſich noch mit Kindern amüſiren?— Fliſabeth ſah ſie verwundert an.— Die Schweſtern lachten aber wie⸗ der herzlich und die älteſte ſagte: Es iſt ein abſcheuliches Mädchen; ſeitdem ſie confirmirt iſt, meint ſie, ſie müſſe immer junge Herren zu ihrer Unterhaltung haben. Die jungen Damen wurden jetzt an den Theetiſch beordert, wo eben Herr von Budmar hinzugekommen war, es entſtand eine allgemeine Unterhaltung, woran die Töch⸗ ter des Obriſten ganz natürlich und liebenswürdig Theil nahmen. Nach ſehr kurzer Zeit wurde Herr von Stottenheim gemeldet. Er war ſehr aufgeregt, daß er den Beſuch des verehrten theuren Herrn von Budmar verſäumt hatte. Wir müſſen uns geradezu in einer Straße verfehlt haben, war ſeine Verſicherung, ich war nur zu Kadden gegangen, um zu ſehen, wie es dem armen Jungen geht; in derſelben Zeit haben Sie ihn verlaſſen.— Was macht Herr von Kadden? fragte Frau von Bonſak theilnehmend.— Im⸗ 414* 212 mer dieſen benommenen Kopf! war Stottenheims Antwort. Ich forderte ihn auf mit herzukommen, denn die Unter⸗ haltung mit ſeinem Burſchen und der guten Frau Friedrichs muß ihm ja den Kopf nur dummer machen, er lehnte aber entſchieden ab.— Unwohl habe ich ihn nicht gefunden, ſagte Herr von Budmar unbefangen.— Doch, doch, ver⸗ ſicherte der Kommandeur, er iſt wirklich ſeit einiger Zeit anders.— Es fehlt ihm der rechte Lebensmuth, fiel Stottenheim ein.— Vielleicht der Uebermuth, lächelte Herr von Budmar, und das iſt ja nach dem, was man von ihm hört, ganz wünſchenswerth.— Schaden kann es ihm freilich nicht, wenn er ſich etwas beruhigt, ſagte der Obriſt lachend. Es iſt aber doch ein Vergnügen, ihn reiten zu ſehen: in vergangener Woche ſetzte er über einen Hohlweg, wo alle ſeine Kameraden für beſſer fanden zurück zu bleiben, und als er drüben war, ſah er ſich ganz ver⸗ wundert um, warum Niemand folgte. Ich zankte ihn ge⸗ hörig aus, daß er ſo ganz ohne Noth das ſchöne Pferd und den eigenen Hals risquirte, und ſchlug ihm vor, et⸗ was hinauf zu reiten und ſo zurück zu kommen, er aber ritt noch eine Strecke ruhig hin, wandte dann, ſauſte da⸗ her und ſtand neben uns.— Auf dem Pferde, hat er mir verſprochen, ſoll ich im Frühjahr reiten! ſagte Adol⸗ fine vergnügt.— Frau von Budmar ſah forſchend das hübſche Mädchen an.— Sie wird immer wie ein Kind betrachtet, ſagte Frau von Bonſak entſchuldigend, die jun⸗ gen Leute haben ihren Spaß mit ihr. 213 Herr von Stottenheim neckte ſich it A dolfinen, als noch eine junge Dame erſchien, die als Fräulein Amalie Keller, Tochter der verwittweten Frau Präſidentin Keller, vorgeſtellt wurde. Während die alten Herrſchaften unter einander ſprachen, wandte ſich Herr von Stottenheim ganz zu den jungen Damen, die jetzt mit der Freundin ganz beſonders lebhaft waren. Alſo in künftiger Woche bei Euch? ſagte Amalie. Dazu iſt Alles leicht arrangirt. Wir wollen doch aber die Bilder noch überlegen: Herr von Kadden und Cäcilie als Egmont und Klärchen.— Adolfine möchte ſo gern das Klärchen ſein, warf Cäcilie ein.— O nein, beſtimmte Amalie entſchieden, Adolfine paßt nicht zum Klärchen. Sie könnte aber ein hübſches Edelfräulein ſein, fügte ſie nachdenklich hinzu.— So ſchlage ich vor, mein gnädigſtes Fräulein, nahm Stottenheim ſach⸗ verſtändig das Wort, wir nehmen Kadden zum Edelkna⸗ ben, weil er ſo jugendlich iſt, und ich übernehme den et⸗ was würdevolleren Grafen Egmont.— Die Mädchen gaben lachend ihre Einwilligung, und der Bilderabend wurde in der Art weiter beſprochen.— In der Woche darauf, begann jetzt Amalie höchſt wichtig, wird Mama bitten, und weil wir nicht Raum zum Tanzen haben, bleibt es dabei, wir ſpielen ein Luſtſpiel.— Ein fran⸗ zöſiſches? fragte die älteſte Schweſter.— Um Gottes Willen nicht! fiel Stottenheim ein, plagen Sie uns und das Publikum doch nicht.— Ein deutſches iſt nur gar zu ſchwer zu finden, meinte Cäcilie. Mama meint, es 214 bleibt uns kaum etwas anderes als Kotzebue.— Der hat auch allerliebſte Sachen geſchrieben, verſicherte Stotten⸗ heim ſehr verſtändig, und die Mädchen nahmen ſich vor, noch heute Abend ein Stück auszuwählen. Herr von Stottenheim hatte zuweilen forſchende Blicke auf Eliſabeth gerichtet, noch mehr aber Amalie mit ihren hellblauen klugen Augen. Sie wundern ſich wohl über eine ſchweigſame junge Dame? wandte er ſich jetzt an dieſe, aber ich ver⸗ ſichere Sie, dieſe junge Dame kann auch lebhaft ſein.— Ich erwartete immer, Sie würden uns mit einigem gutem Rath aus der Reſidenz zu Hülfe kommen, ſagte Fräulein Amalie mit einem Geſicht, das noch hinzufügte: Ich bedarf zwar des Rathes nicht.— Davon verſtehe ich gar nichts, war Eliſabeths Antwort.— Freilich, Sie ſind noch jung, fuhr Amalie fort, und es gehört eine gewiſſe Uebung dazu, Sie werden es aber ſchnell genug lernen.— Eliſabeth Nehmen Sie ſich in Acht, Fräulein Keller, nahm Herr von Stottenheim das Wort, damit ſie nicht eine Strafpredigt von dem Berliner Fräu⸗ lein hören.— Wie ſo? fragte Amalie keck, dann fiel ihr wohl die bekannte Richtung der Budmarſchen Familie ein und ſie fügte lächelnd hinzu: Sie halten das doch nicht für Sünde?— GEliſabeth ſchwieg verlegen.— Für Sünde rief Adolfine und lachte laut auf.— Eliſabeth ärgerte ſich; um nicht gar zu dumm zu erſcheinen, ſagte ſie haſtig: Wenn auch nicht für Sünde, es iſt unpaſſend. — Unpaſſend? riefen jetzt die Mädchen verwundert, und ————————— 215 Eliſabeth, um ihren Fehler wieder gut zu machen, fügte hinzu: Meine Eltern und meine Großeltern ſagen es.— Aber geſtehen Sie nur, lachte Adolfine wieder, Sie würden es gern mitthun, wenn Sie es dürften.— O nein! war Eliſabeths ſchnelle Antwort.— Meine jungen Damen, geſtritten wird nicht! nahm Herr von Stottenheim ganz väterlich das Wort, die Sache hat zu vielerlei Seiten. Die jungen Damen ſchienen damit einverſtanden, ja, Eliſabeth war ſehr froh, als dies Kapitel abgebrochen wurde, ſie war ja ſelbſt ſo unklar und unſelbſtändig ſolchen Din⸗ gen gegenüber, ſo ſehr ſich auch ihr Gefühl ſträubte gegen den ganzen Ton, in welchem die Mädchen untereinander verkehrten, und welcher zeigte, wie ihre ganze Seele in den eitlen Dingen verſunken war. Sie hatten ſich jetzt zu der übrigen Geſellſchaft ge⸗ wandt. Hier verſicherte eben der Obriſt, nachdem man Wetter und Wege, Gegend und Nachbarſchaft beſprochen, Braunhauſen ſei ein ſehr angenehmer Ort, es laſſe ſich hier eben ſo gut als in einer großen Stadt leben. Denken Sie, wandte er ſich zu Herrn von Budmar, ehegeſtern hat meine Frau einen Ball eröffnet. Und Papa hat auch ge⸗ tanzt, fügte Adolfine hinzu. Ja, aber nicht mit meiner alten Frau, ſcherzte der Obriſt, nur mit jungen hübſchen Frauen.— Wie häßlich klingt das dachte Eliſabeth, ſo würde der Großpapa nicht ſcherzen. Die Schimmel fuhren endlich vor, und Eliſabeth war ftoh, als ſie im Wagen ſaß. Sie konnte es ſelbſt 216 ſich nicht erklären, aber ſie hatte ſich dort ſo verlaſſen ge⸗ fühlt, es war ihr faſt bange geworden zwiſchen den ſchwaz⸗ zenden Mädchen, beſonders aber waren ihr Adolfinens ſchöne Züge und ihr ganzes auffallendes Weſen unangenehm. Nun, Eliſabeth, wie hat es Dir gefallen? fragte der Großvater, als ſie die Stadt hinter ſich hatten.— Die Mädchen ſind doch ganz anders als meine Bekannten, entgeg⸗ nete Eliſabeth nachdenklich.— Ich hoffe, daß Dir Deine Mutter andere Freundinnen zuführte, ſagte die Großmama freundlich.— Wißt Ihr, daß mir angſt und bange da geworden iſt? fuhr Eliſabeth fort.— Es iſt aber gut, ſagte die Großmama, daß Du ſolchen Kreis einmal kennen gelernt haſt, nicht wahr? Man kömmt ſich darinnen wie in der Fremde vor. Lieber Fritz, wandte ſe ſich zu ihrem Mann, es war mir doch heute, als ob ich ein junges Mäd⸗ chen wäre, und es war mir ſo lieb, daß ich Dich als Schutz zur Seite hatte. Du müßteſt mich nur zuweilen zu ſol⸗ chen Leuten führen, damit ich immer dankbarer fühle, wie gut es mir in der Welt geworden iſt.— Das zu erken⸗ nen, haſt Du nun Zeit genug gehabt, entgegnete der Groß⸗ papa ſcherzend.— O nein, fuhr die Großmama fort, das geht mir zuweilen noch wie ein Blitz durch die Seele, und ich ſtaune dann, wenn ich meine Lebensführung be⸗ trachte, und es iſt mir, als ob ich dem Herrn bis jetzt ver⸗ geſſen hätte zu danken, und müßte alles nachholen.— War das nicht ſehr häßlich von Herrn von Bonſak, zürnte Eliſabeth, daß er ſagte, er tanze lieber mit jungen hübſchen 217 Frauen als mit ſeiner Frau?— Das hätte ich mich unterſtehen ſollen zu ſagen! fiel der Großpapa ſcherzhaft ein.— Ja, ſagte die Großmama, das würde mir ſchön Herzweh machen.— Ihr ſeht nun, nahm der Großvater ziemlich ernſthaft das Wort, daß Ihr verwöhnt ſeid in Eurer Gefühlsweiſe, und daß der Welt Art und Weiſe Euch nicht gefallen möchte. In der Welt, fuhr die Großmama eifrig fort, dauert eine ewige Liebe nicht viel länger als die Flitterwochen, darauf folgt, wenn das Glück gut iſt, eine Freundſchaft, die nur rechtſchaffen, aber nicht zart zu ſein braucht,— und das eben nur, wenn das Glück gut iſt.— Die Frauen ſind aber ſo vernünftig und verlangen nichts anderes, ſagte der Großvater, und darum giebt es noch genug leidliche Ehen.— Höre mal, Großpapa, begann Eliſabeth nachdrücklich, ich werde ein⸗ mal ſehr viel verlangen.— Ja, das fürchte ich auch, war ſeine Antwort.— Jetzt ſchwiegen alle drei. Nach einer Pauſe begann der Großvater, und es ſchien faſt, als ob er einen Anlauf nähme: Höre, liebe Eliſabeth, es iſt jetzt ganz paſſend, daß ich einen Auf⸗ trag ausrichte.— Eliſabeths Herz fing mächtig an zu klopfen. Sie wußte, wo der Großvater Rachmittag gewe⸗ ſen war,— und doch— er konnte von daher keinen Auftrag haben.— Du weißt doch wohl ſchon, daß Du leidlich hübſch biſt, fuhr er fort.— Ihr Herz wurde wie⸗ der leichter. Alſo nur ein Scherz! dachte ſie und ſagte lachend: Wenn Ihr ſagt, daß ich der Großmama ähnlich ſehe.— Nun ja, fuhr der Großvater fort, Du wirſt Dich auch wahrſcheinlich nicht wundern, wenn Dich andere Leute hübſch finden, beſonders nach den heutigen Erfahrungen, wo Du etwas gemerkt haſt, wie es in der Welt hergeht, und Du wirſt den Auſtrag, den ich Dir von daher, und zwar verſprochener Maaßen ſelbſt bringen muß, zu wür⸗ digen wiſſen.— Eliſabeth ward es wieder bedenklich zu Sinne.— Kurz und gut, fuhr der Großvater fort, ein junger Herr hat mir angezeigt, daß er Dich hübſcher und liebenswürdiger findet, als alle Damen ſeiner Bekanntſchaft, und daß er hofft, dieſe Gefühle ſeien unveränderlich.— Er machte eine Pauſe, Eliſabeth wagte kaum zu athmen.— Ich habe das bezweifelt, und er hat mir das Verſprechen gegeben, bis zum Mai wenigſtens ſich durchaus um uns nicht zu bekümmern, und zu prüfen, ob ihm die jungen Damen ſeiner Bekanntſchaft nicht beſſer gefallen. Ich zweifle gar nicht daran, daß, wenn er im Frühjahr Adolfinen Reit⸗ ſtunde giebt, ſeine unveränderlichen Gefühle in Gefahr ge⸗ rathen, und wir wollen es ihm auch nicht übel nehmen. Für jetzt habe ich ihm das Gegenverſprechen geben müſſen, Dir von ſeinen Gefühlen und von meinen Wünſchen dar⸗ über zu ſagen, damit Du Dich nicht wunderſt über ihn und ihn nicht mißverſtehſt, wenn er uns in Ruhe läßt. Du kannſt darum auch ruhig die feſtgeſetzten acht Tage noch bei uns bleiben, und überlegſt Dir ſchön, was von einer ſolchen Lieutenantsliebe zu halten iſt. Wie gut war es, daß der Großvater das hier im 219 dunkeln Wagen ſagte. Sie war ſo überraſcht und ſo er⸗ ſchrocken, und wußte nicht, ob ſie bange ſein, oder ſich freuen müſſe. Daß er ſie lieb hatte, und hatte es ſogar ausgeſprochen, das ging ihr doch zu wunderbar durch das Herz. Aber war es denn Ernſt? Sie konnte es nicht glauben. Der Großvater war nicht überraſcht durch ihr Schwei⸗ gen und fuhr fort: Wundere Dich auch nicht, wenn Du einmal Jemand hübſch und liebenswürdig findeſt; junge Herzen ſind leicht bewegt; doch laß es nur Gedanken ſein, die über Deinen Kopf fliegen, wenn Du es ihnen nicht wehren kannſt; hege und pflege ſie nicht.— Und dann fügte die Großmama warm hinzu, überlaſſe alles dem Herrn, dem lieben, treuen Gott dort oben, der weiß es wohl zu machen. Wenn man ihm ſo Herzensſachen hin⸗ giebt, ſollt es ſelbſt wie Herzweh ſcheinen, ſo giebt er da⸗ für wohl ſpäter große Herzensfreude.— Eliſabeth beugte ſich zur Großmama und legte ihre heißen Wangen auf die lieben Hände. Als denſelben Abend die Großeltern allein waren, war die Großmama doch neugierig, ſie wollte von der ſon⸗ derbaren Conferenz Näheres wiſſen und ihr Mann erzählte etwas weitläufiger, wovon er Eliſabeth blos das End⸗ Reſultat mitgetheilt hatte. Ja, ſagte er dann, es iſt ein junger Mann, gerade wie man ihn in einem Roman nö⸗ thig hat, hübſch und offenherzig, aufbrauſend und groß⸗ müthig, ein Romanſchreiber würde nun dieſen edlen Mann 220 durch eine wahre tiefe Liebe zu einem Engel werden laſſen; ſchade, daß es in der Wirklichkeit nicht gelingt.— Und Eliſabeth, fürchte ich, hofft das auch, ſagte die Großmama ſorglich.— Er wenigſtens hofft es, fuhr der Großvater fort. Er verſichert, die Liebe zu Eliſabeth hätte ihn jetzt ſchon zu einem anderen Menſchen gemacht. Ich erklärte ihm, daß von einer Liebe, die nicht auf Gottes Wort und Gottes Furcht gegründet, auch durchaus nichts zu erwarten ſei, ſie ſei Strohfeuer, und viele Ehen hätten in einer hoch⸗ fliegenden, wundervollen Liebe ihren Anfang genommen und mit einer Scheidung geendet. Er hörte Alles ganz ruhig an, aber ich ſah, wie es in ſeinem Innern tobte. Er biß die Lippen auf einander, kniff die Finger krampf⸗ haft zuſammen, und ich konnte mir deutlich Scenen aus⸗ malen, die einer Scheidung vorangehen.— Lieber Fritz! ſagte die Großmama entſetzt.— Ja mein Kind, fuhr er fort, ſo ein junger, lebensfriſcher, leidenſchaftlicher Mann, dem nichts helfend zur Seite ſteht als ſeine guten Vor⸗ ſätze, das iſt wohl ſchlimm. Ich verſuchte ihn wieder zu beruhigen, denn, ſoll ich es Dir geſtehen, trotz ſeiner wüthenden Blicke fühlte ich doch große Theilnahme für ihn, da plötzlich reichte er mir die Hand, und ſagte ſeufzend: Verzeihen Sie mir, aber wenn Sie wüßten, wie Sie mich quälen. Ich meinte, ich hätte auch wohl genug geſprochen, ich wollte nun aufhören; aber er bat mich wie ein Kind, ich möchte nur Alles ſagen, was ich für nöthig fände, er verſprach geduldig und ſanft zu bleiben. Ich ſtellte ihm 221 vor, daß Eliſabeth auch wohl kindiſch, herrſchſuͤchtig und eigenſinnig ſein könnte. Er fand dieſe Fehler liebenswür⸗ dig.— Das haſt Du aber einſtmal auch gefunden, ſagte die Großmama ernſthaft.— Ja, das habe ich, entgeg⸗ nete der Großpapa, ich bin auch aus Liebe zu Dir in die Oberförſterei gegangen und habe aus Liebe zu Dir mich mit der Tante ernſthaft unterhalten und gute Vorſätze ge⸗ faßt, aber mein guter Wille und mein Gewiſſen waren doch nicht mein Gott, ich fühlte mich gern klein einem Größeren gegenüber, und habe Seine Hülfe nicht für un⸗ nütz gehalten. Und dann habe ich doch nie die Hände ge⸗ ballt und mit den Füßen geſtampft, fügte er lächelnd hinzu. — Nun ja, das wäre freilich ſehr ſchlimm geweſen, ver⸗ ſicherte ſie wieder.— Als ich ihm ferner ſagte, das Herz müſſe bereit ſein, auch wenn die Stimmung nicht die rechte ſei, die Frau zu ehren, zu lieben und auf Händen zu tra⸗ gen, nur darum, weil der Herr, der den heiligen Ehe⸗ bund eingeſetzt, es ſo verlange, verſicherte er ganz warm und treuherzig: der Grund würde nie bei ihm nöthig ſein, und ſein Gewiſſen würde ihm ſelbſt nie erlauben, ge⸗ gen ſeine Frau anders zu ſein, als es ſich gehöre. Es iſt unmöglich, ihn von der Hülfloſigkeit ſo guter Vorſätze und guter Gewiſſenhaftigkeit zu überzeugen, ſchloß der Großva⸗ ter, denn ich kann ihm doch kein neues Herz andisputiren. Es war wieder eine Woche vergangen, am nächſten Tage ſollte Eliſabeth abreiſen, als der Onkel Oberförſter noch einmal den Nachmittag kam, um Eliſabeth auf der 222 Großmutter beſonderen Wunſch zu einem weiteren Spatzier⸗ gang abzuholen. Sie war in den letzten Tagen kaum aus der Stube geweſen, der ſchöne Winter war plötzlich hef⸗ tigem Thauwetter gewichen, und Regen und Wind hatten jeden Spatziergang unmöglich gemacht. Heute war das Wetter beſſer und der Onkel wollte Eliſabeth in den Wald führen, wo die Wege leidlich waren. Daß er gerade nach den Tannenbergen wollte, war der Großmama nicht recht, doch konnte ſie es dem Schwiegerſohn nicht ſagen und ſtand nur nachdenklich am Fenſter, als beide über die graue Wieſe ſchritten. Das arme Kind! dachte ſie, ihre Unbe⸗ fangenheit iſt fort, ſie iſt noch ſo jung, hätte noch lange ihre Jugend harmlos genießen und erſt verſtändiger wer⸗ den können. Wenn es ein Mann aus unſern Kreiſen wäre, ſollte es mir nicht bangen; an einer feſten Stütze würde ſie feſt werden. Warum habe ich für ſie immer beſonders geſorgt,— und doch muß es ſo des Herren Wille ſein! Warum ging Eliſe auf den Ball, warum mußte er dort hin kommen und warum gerade aus unſerer Garni⸗ ſon? Wie mag ihr nur um das Herz ſein? Ich weiß aus meiner Jugend, es iſt eine ſchöne Zeit.— Eliſabeth zu fragen hatte ſich die Großmutter wohl gehütet. Durch Ausſprechen nehmen Herzensſachen oft erſt den beſtimmten Charakter an, und zwiſchen allen Sorgen hoffte ſie immer noch, es ſollte glücklich vorübergehen. Ganz ähnlich hatte ſie es ja mit Julchen erlebt, ſogar hatte damals der junge Mann die Erklärung dem jungen 223 warmherzigen Mädchen ſelbſt gemacht, das war noch weit ſchlimmer. Weiter tröſtete ſie ſich wie oft kommen ſolche Geſchichten in der Welt vor, und bei Eliſabeth durfte man gar nicht hoffen, daß ſie ſo ganz vor kleinen Herzens⸗ Erregungen bewahrt werden möchte. Während die gute Großmutter das Sorgen nicht laſ⸗ ſen konnte, wanderte Eliſabeth den Tannenbergen zu. Ihr Herz war ſehr ftoh. Wenn ſie nach der andern Richtung in die Eichen hinein gemußt hätte, gewiß hätte ſie Herz⸗ weh gehabt. Gott hat es ſo gefügt, dachte ſie, und es iſt vielleicht eine Belohnung, weil ich immerfort gekämpſft habe mit den Gedanken, die mir über den Kopf flogen.— Oben auf dem höchſten Punkt ſchaute ſie nach Braunhau⸗ ſen hinab, die Thürme lagen unter einem dunkeln Wol⸗ kendamm, der Wind ſauſte über die farbloſe winterliche Gegend. Der Onkel ließ Eliſabeth nicht lange hier ſtehen und führte ſie in den ſchützenden Wald. Da, wo der Berg ſich nach der rechten Seite zu einer feuchten Niederung hinab⸗ ſenkt, war der eigentliche Holzſchlag, nach welchem der On⸗ kel wollte. Es war ein kleines Ellern⸗Revier. Schon von weitem leuchteten die feuerrothen abgeſchlagenen Stämme und die aufgeklafterten Scheite der Ellern. Eliſabeth freute ſich über den hübſchen Anblick und verſicherte den Onkel, daß ein Ellernſchlag der allerhübſcheſte ſei, und wie ſie ihm danke, daß er ſie gerade hierher geführt.— Als ſie näher kamen, fanden ſie auch ein Feuer angezündet, die graue 224 Rauchſäule zog ſich in einzelnen dunkeln Tannen hinauf und zerrann dann gegen den düſtern grauen Himmel. Der Onkel ging, um mit den Holzſchlägern zu reden, während Eliſabeth ſich auf einen Stamm an das Feuer ſetzte. Sie lehnte ſich mit dem Rücken an aufgeklaftertes Holz und hielt ihre ſchwarzen Lederſtiefelchen nahe der warmen Gluth, ſie hatte kalte naſſe Füße. Als ſie ganz allein ſaß, ging der Kampf mit den Gedanken wieder an. Hier iſt es ſo ſchön, dachte ſie, wie wird es mir ſein, wenn ich wieder zu Hauſe bin? Es wird mir ſein, als ob ich geträumt habe. Vielleicht iſt es gut, dort in der Stadt mit den dunkeln Thürmen iſt mein Glück nicht zu finden, da ſtellen ſie Bilder und tanzen und reiten und ſprechen ſehr viel, da fühle ich mich verlaſſen. Bei uns kann es ihm nicht behagen, es wird ihm bange werden, oder er wird lächeln und ſagen: Ich bedarf eu⸗ res Glauben nicht, ich ſchaffe mir Himmel und Hölle ſelbſt. Heute, wußte ſie, war die Feſtlichkeit bei Bonſaks, heute mußte er dort einen Edelknaben ſpielen. Ja, da muß er ſich wohl fühlen, da wird er gefeiert und bei uns wird er nicht gefeiert. Aber mein Herz?— Sie ſenkte die Blicke in die Kohlengluth und kämpfte mit den Gedanken. Sie hörte jetzt Schritte und Rauſchen an den feinen Ellern⸗Waſen, ſie ſah nicht auf, Holzſchläger und Ar⸗ beiter waren ja rund herum, bis endlich das Schnaufen eines Pferdes ſie erſchreckte. Sie ſah auf, und ganz nahe am Waldrande ſtand mit ſeinem ſchönen, braunen Pferde 225 ein junger Mann, der ihr wohl bekannt war. Er zögerte nicht, führte das Pferd vorſichtig über das geſchlagene Holz hin und ſtand jetzt neben ihr. Beide reflectirten nicht weiter, ob ſie ſich über dies Begegnen freuen dürſten. Sie war aufgeſtanden; um ihre Verwirrung zu verbergen, ſtreichelte ſie den Hals des ſchö⸗ nen Thieres. Er erzählte, daß er vom Waldwege drüben den Holzſchlag geſehen, und beim Näherkommen zu ſeiner Verwunderung— er unterdrückte ein lieberes Wort— ihre Geſtalt zwiſchen den kräuſelnden Rauchwolken erkannt habe. Sie fragte, wie alt das Pferd wohl ſei, und er entgegnete, es ſei fünf Jahr, und dann ſagte ſie, neulich in der Sonne hätte es weit heller ausgeſehen, es wäre doch wohl beinahe ſchwarz? und er verſicherte, es wäre ganz gewiß braun. Da trat der Oberförſter heran, der während der Zeit mit einem Holzhauer ganz in der Nähe geſprochen hatte. Er war verwundert den Herrn hier zu ſehen, und ließ ſich den Grund erzählen. Auf ſeine Einla⸗ dung, hier am romantiſchen Feuer einige Augenblicke Platz zu nehmen, dankte Herr von Kadden. Ach ſie haben heute eine große Geſchichte bei Ihrem Obriſten? ſagte der Oberförſter. Das treibt mich nicht, war ſeine Antwort. Sie ſind doch wohl ein Hauptacteur? fuhr der Oberförſter fort. Nein, ich bin ganz überflüſſig, entgegnete jener.— Der Oberförſter war beſchäftigt ſich eine Cigarre anzuzün⸗ den, Eliſabeth bückte ſich zum Feuer und hielt ihm lächelnd einen herrlichen glühenden Aſt hin. Wollen Sie nicht auch Etiſabeth. 1. 15 226 die ſchöne Gelegenheit benutzen? fragte der Oberförſter gemüthlich und zeigte dabei auf die erloſchene Cigarre, die Herr von Kadden in der Hand hielt. Er war bereit, Eliſabeth übergab ihm den Aſt, und er dankte und empfahl ſich. Er führte das Pferd langſam über das Holz, ſetzte ſich am Waldesrand auf, ſah ſich noch einmal um, ohne zu grüßen, und verſchwand dann langſam zwiſchen den braunen Baumſtämmen. Der Oberförſter ſah ihm ein Stückchen ſchweigend nach und trat dann mit ſeiner Nichte den Rückweg an. Hier liefere ich meine liebe Mhr wieder ab! ſagte der Onkel, als er mit Eliſabeth zu den Großeltern ein⸗ trat; ſie kann wacker laufen. Aber es war hübſch? wandte er ſich zu Eliſabeth.— Wunderhübſch! wiederholte Eliſa⸗ beth, und die Großmama ſah mit warmem Herzen auf das jugendliche Geſicht, das von der Luft geröthet, um⸗ geben von den zerwehten Locken, beſonders friſch und kind⸗ lich war.— Wir hatten aber auch ein Abenteuer, fuhr der Enkel ruhig fort, ein junger Küraſſier verirrte ſich nach unſerem Holzſchlag.— Herr von Kadden? fragte die Großmutter unwillkürlich.— Ja, Herr von Kadden war es, fuhr der Oberförſter fort; er hatte es aber ſehr eilig, ich habe auch nie einen ſo ernſthaften Menſchen ge⸗ ſehen,— nicht wahr, Eliſabeth? er hat uns kaum Adieu geſagt.— Das hat er doch wohl, entgegnete Eliſabeth und verließ das Zimmer, um ihre Sachen fortzutragen, der Onkel ging aber gleich hinter ihr her. 227 Es iſt doch ſeltſam, ſagte die Großmutter zu ihrem lieben Gemahl, wie ſie ſich immer treffen müſſen!— Er nickte.— Aber hübſch iſt es von ihm, daß er ſein Ver⸗ ſprechen ſo pünktlich hält; er weiß doch, daß ſie übermor⸗ gen abreiſt, und hätte gewiß noch gern mit ihr geſprochen. — Ja, ſagte der Großvater, die Sache wird mir be⸗ denklich, beſonders bedenklich, weil das Großmutterherz auch ſchon Sympathien für ihn hat. Wenn es aber wirk⸗ lich nicht anders iſt, ſo werden wir auch am beſten thun, wenn wir ihn recht lieb haben, und mit unſerer Liebe ſein junges Herz gewinnen.— Die Großmama ſah ihn ein⸗ verſtanden an und verabredete noch, daß ſie Eliſabeth ſelbſt nach Berlin bringen und dort die Sache ruhig mit den El⸗ tern beſprechen wollte. Tochter Julchen, die gute Frau Oberförſterin, das war ausgemacht, dürfe jetzt davon nichts hören, wenn die Sache glücklich in aller Stille vorüber gehen ſollte. 14. Auf der Höhe des Glückes. Es war am erſten Mai, der Himmel war bedeckt, leichte Regenſchauer fielen zuweilen auf das junge Grün, da ſaßen die Großeltern in einem Haufen Briefe vertieft, die eben von den entfernten Kindern eingegangen waren. Dem Herrn ſei Dank, es ſind ja keine großen Sorgen darin ſagte die Großmama; wenn aber der Wilhelm und der Max uns wieder näher kämen, wollt' ich mich fteuen. Wir ſchenken ihnen das Reiſegeld, ſagte der Großpapa, dieſen Sommer ſollen ſie kommen, und im Herbſt reiſen wir nach Marie und ſehen uns das kleinſte Enkelchen an. Die Großmama lächelte und lehnte ſich in die Sofaecke zurück, ſie hatte heute heftig Kopfweh, ſie konnte nichts vornehmen und liebte es, hübſch nachdenklich und ungeſtört zu ruhen. Da plötzlich klopfte es an die Thür, und eben⸗ ſo ſchnell trat herein— Herr von Kadden. Ach ſo— ſagte der Großpapa und ging dem jun⸗ gen Manne höflich entgegen. Es iſt heute der erſte Mai, ſagte Herr von Kadden mit einem tiefen Athemzug, als ob er eine ſchwere Arbeit hinter ſich hätte. Herr von Budmar ſah fragend nach ſeiner Frau, er ſchien mit dem Gaſte das Zimmer verlaſſen zu wollen, aber ſie kam ihm zuvor mit der Bitte hierzubleiben. Ihr Kopfweh kam gar nicht in Betracht bei dem Intereſſe, was die Erſcheinung 229 des Gaſtes in ihr erregte.— Ich habe wohl nicht erſt zu fragen, warum Sie kommen? begann Herr von Budmar, ihr Kommen ſelbſt iſt Erklärung genug.— Ja, ich hoffe, Sie verlangen nun keine Proben weiter, ſagte Herr von Kadden etwas lebhaft, ich ſehne mich nach Gewiß⸗ heit.— Sie haben meine Enkelin ſeitdem nicht geſehen? fragte Herr von Budmar.— Doch einmal, in Berlin in der Behrenſtraße, war die Antwort.— Aber nicht ge⸗ ſprochen? fuhr der Großpapa fort.— Eigentlich nicht, entgegnete der Gefragte, ich ſchenkte ihr aber einen Veil⸗ chenſtrauß, den ich gerade in der Hand hatte.— So? ſagte Herr von Budmar ernſthaft und ſchwieg dann.— Sie halten das nicht für eine Verletzung meines Verſpre⸗ chens? fragte Herr von Kadden haſtig und ein hohes Roth flog über ſeine Züge.— Herr von Budmar nahm ſich zuſammen, wandte ſich zu ſeiner Frau und ſagte lächelnd: Die Entſcheidung möcht ich einem andern Gerichtshof überlaſſen.— Ich hatte es gar nicht beabſichtigt, ſetzte Herr von Kadden ruhiger hinzu, ich war ſelbſt überraſcht. — Die Großmama lächelte ſo gütig, daß von dieſem Gerichtshofe nichts zu fürchten ſchien.— Das Begegnen war aber ein Glück, fuhr der junge Mann fort,— es wäre mir ſehr ſchwer geworden,— ich war damals zu voreilig mit meinem Verſprechen geweſen.— Ein braver Soldat muß ſich auch ſelbſt überwinden können, ſagte der Großpapa. Und wenn die Sache wirklich ſo ſteht, fügte er hinzu, rathe ich Ihnen vor allen Dingen, uns nicht 230 als ihre Feinde zu betrachten. Er reichte Herrn von Kadden die Hand und ſah ihn freundlich an. Da ver⸗ ſchwand plötzlich die Spannung aus des jungen Mannes Zügen, vertrauend in Blick und Ton ſagte er: O dann iſt Alles gut!— Ich fürchte aber, meine Freundſchaft wird Ihnen unbequem werden, nahm Herr von Budmar das Wort. Der andere ſah ihn fragend an.— Blie⸗ ben Sie uns ferne ſtehen, ſo hätten Sie mich nur als einen gefälligen Mann ſehen ſollen; wollen Sie zu uns gehören, ſo räumen Sie mir Freundes Recht und Freundes Pflicht ein, ich darf Sie nicht in Ruhe laſſen,— ja, ich verſichere Sie, es gehört von Ihrer Seite kein geringer Muth dazu, ſich in unſere Familie hineinzuwünſchen.— Ich fürchte mich aber nicht, entgegnete Herr von Kadden lächelnd.— Weil Sie die Gefahr nicht kennen, fuhr Herr von Budmar fort, ja, ich werde das Recht des Freun⸗ des ſogleich in Anſpruch nehmen und Sie mit einem ernſt⸗ haften Geſpräche beunruhigen, welches Sie vielleicht für ſehr unnöthig halten.— Ich höre aber gern, entgegnete Herr von Kadden. Ich knüpfe an unſer Geſpräch im Winter an, be⸗ gann der Großpapa: Sie haben mir offen geſtanden, Sie können unſeren Glauben nicht theilen, Sie halten ihn aber auch nicht für nöthig, um glücklich zu ſein.— Wenn Eliſabeth mich ſo lieb hat, als ich ſie, ſo denke ich, wir müſſen glücklich ſein, ſagte Herr von Kadden beſcheiden. — Einen Punkt haben Sie mir damals ſchon zugegeben, 231 nahm Herr von Budmar wieder das Wort, daß Ihr Glaube und Ihr Glück über dieſe Welt nicht hinaus gehen. Sie können ſich nicht vorſtellen, was nach dem Tode folgen wird, und halten dieſe Vorſtellungen lieber von ſich fern, es iſt Ihnen dabei unheimlich und unbehaglich zu Sinne. Eliſabeth iſt von Jugend auf gelehrt und erzogen im Glauben an unſern Heiland, den Herrn Jeſus Chriſt, im Glauben, daß kein Glück, kein Heil außer ihm iſt, daß dieſes Leben armſelig iſt, aber auch, daß dieſer Zeit Leiden nicht werth ſind der Herrlichkeit und ewigen Selig⸗ keit des Himmels; ſie würde, wenn auch mit ſchwachem Herzen, doch mit feſter Zuverſicht ſagen können: Ich will hier in dieſem kurzen Leben lieber unglücklich ſein, wenn ich dort nur mit Allen, die mein Herz lieb hat, ſelig werde.— Alle, die ihr Herz lieb hat, da werden Sie oben an ſtehen ſollen, ſagte die Großmama liebreich.— Ich fürchte mich nicht vor dieſem Glauben, fiel Herr von Kadden ein, ja ich glaube, daß Sie ſehr glücklich darin ſind; aber ich kann nicht begreifen, wie man das glauben kann.— Ich fahre fort, ſagte der Großvater: wenn Eliſabeth, trotz der großen Kluft, die zwiſchen Ihren ge⸗ genſeitigen Welt⸗ und Himmelsanſchauungen liegt, Ihnen ihr Herz ſchenken kann, ſo iſt das jedenfalls mit der glücklichen Hoffnung, daß Sie einſt mit ihr denſelben Glauben, Glück und Seligkeit theilen werden. Es iſt aber dies nicht Eliſabeths Hoffnung allein, es iſt ebenſo auch unſere Hoffnung. Wenn jemand ein Glied unſerer — 232 Familie wird, ſo kann er ſich weder unſerer Liebe noch dem wunderbaren Einfluß entziehen, den der heilige Geiſt einem Familienleben verleiht, das nur von ihm überhaupt Kraft und Leben hat. Auf dieſe Gefahr wollte ich Sie aufmerkſam machen, disputiren und ſtreiten werden wir nicht, aber unſere Liebe wird Sie beunruhigen, unſere Ge⸗ bete werden Sie drängen, und je mehr wir fühlen, daß Sie ein ſchwaches und hülfsbedürftiges Kind ſind, je herzlicher werden wir Sie lieben, je inniger für Sie beten; haben Sie Muth, das Alles geduldig über ſich ergehen zu laſſen, werden Sie Eliſabeth nie in dieſer Liebe beirren, nie mit Abſicht ihr eigenes junges Glaubensleben angreifen und beunruhigen, ſie nie abſichtlich zu etwas veranlaſſen und bereden, was gegen dieſes Glaubensleben ſtreitet? Das Verſprechen kann ich von Ihnen verlangen. Der junge Mann reichte ihm entſchloſſen die Hand. Welche Macht war es, die in den Worten des guten Großvaters lag und die ſein Herz ſo weich machte? Sie wollen mich aufnehmen und mich wie ihr Kind lieben, das klang ihm ſo lieblich.— Als er dem Großvater die Hand reichte und ſah, wie der alte Herr ſelbſt bewegt und ergriffen war von der eigenen Rede, da zuckte es um ſeine Lippen, ein ungewohnter Schleier ſchimmerte vor ſeinen Augen, und er ſagte leiſe: Ich will mich gern lieben laſ⸗ ſen.— Die Großmutter hatte ſich aufgerichtet, ſie ſah ihn theilnehmend an, er nahm ihre Hand und führte ſie bewegt an ſeine Lippen, ſie beugte ſich über ihn, küßte ihn auf die Stirn und ſtrich ihm liebreich das Haar zur Seite. Er hätte ſich nicht aufrichten mögen, er mußte jetzt wirklich weinen; er war ja nicht gewohnt von ſo lieber ſanfter Hand ſich liebkoſen zu laſſen. Der Großpapa faßte ſich zuerſt und ſagte: Morgen über acht Tage kommt mein Schwiegerſohn mit ſeiner gan⸗ zen Familie.— Ich wollte aber nach Berlin, fiel Herr von Kadden ein.— O bitte, ſagte die Großmama, wir möchten unſere liebe Eliſabeth doch lieber hier haben.— So warte ich noch, entgegnete Herr von Kadden ſchnell, aber mit einem tiefen Seußzer. Es wurde nun noch verabredet, daß Herr von Kad⸗ den zweimal in dieſer Woche kommen dürfe, wo möglich ohne alles Aufſehen. Dann verſprach der Großvater, gleich am erſten Abend mit ſeinen Kindern zu ſprechen und ſofort Beſcheid zu ſenden. Er erwähnte dabei, daß allerdings ſowohl ſeine Tochter als auch ſein Schwiegerſohn ſchon darum wüßten. Auch Eliſabeth dürfen wir vorher fragen? fügte er dann hinzu.— Herr von Kadden nickte und lächelte. Hier war er ſeiner Sache wohl gewiß, und da er die Großeltern für, ſich hatte, fürchtete er Eliſabeths El⸗ tern nicht mehr und ritt ſehr getroſt davon. An demſelben Rachmittag kam Stottenheim zu ihm. Ich bitte Dich um alles in der Welt! rief er beim Eintre⸗ ten lachend, was hatteſt Du heut Mittag vor!— Beim heftigſten Platzregen biſt Du Schritt vor Schritt durch die breite Straße geritten, ohne aufzuſchen; ich ſtand mit den 234 jungen Damen bei Bonſaks am Fenſter, wir wollten uns halb todt lachen. Adolfine meinte, es ſei der erſte Mai, Du genöſſeſt den Regen, um groß zu werden.— Kadden ſah ihn verwundert an und ſchien ſich zu beſinnen.— Wo wareſt Du denn geweſen? fügte der Freund hinzu. Bei den Großeltern, war des Gefragten ziemlich zerſtreute Ant⸗ wort. Bei den Großeltern? fragte Stottenheim verwun⸗ dert, wo ſind denn Deine Großeltern? Meine nicht, lachte Kadden jetzt und that, als ob er geſcherzt, es iſt aber ein ſolcher Typus von Großeltern in dem alten Paar, daß ich glaubte, Du hätteſt es errathen. Ach ſo— in Wolt⸗ heim? ſagte Stottenheim. Fällt Dir wieder etwas ein? ſetzte er lächelnd hinzu. Mir fällt gar nicht wieder etwas ein, wiederholte Kadden. Ich hoffe auch nicht, fuhr Stot⸗ tenheim fort, Du würdeſt ſonſt ein junges zartes Herz zur Verzweiflung bringen.— Kadden ſah ihn fragend an.— Ich meine Adolfine, ſie verfolgt Dein Thun und Treiben mit größter Neugier, ſie erkundigte ſich neulich erſt, ob Fräulein Kühneman wieder in Woltheim ſei, und ob Budmars Offiziere bei ſich ſehen. Die unausſtehliche Per⸗ ſon! fuhr Kadden auf. Ungalanter Menſch! lachte Stot⸗ tenheim,— wenn ich mir das zu Nutze machen dürfte, wenn ich ſie von Deinem kalten Herzen überzeugen dürfte! Ich erlaube es Dir, war Kaddens Antwort, und das Geſpräch ward hiermit abgebrochen. Die acht Tage waren dem ſehnenden und hoffenden Herzen dort hinter den grünen Tannenbergen nicht ſo ſchnell 235 vergangen als den Großeltern, aber ſie waren doch ver⸗ gangen. Die guten Schimmel waren nach der Eiſenbahn geſchickt, um die Frau Geheimräthin und die Kinder zu holen; der Geheimrath und Fritz und Karl waren zu Fuß gewandert. Noch an demſelben Abend conferirten El⸗ tern und Großeltern, das Reſultat war einfach: Nach allen Erkundigungen war Herr von Kadden ein ſolider, rechtſchaffener, ja ein beſonders zartfühlender und edler Mann, ſelbſt Vermögen hatte er genug, um einen Haus⸗ ſtand angemeſſen führen zu können. Der Geheimerath er⸗ innerte an ſeine eigene Jugend, er hoffte, daß der Herr auch hier weiter helfen würde. Eliſe war zwar auch ein⸗ verſtanden, aber mit ſchwerem Herzen; es war ihr, als ob ſie die Folgen dieſes Schrittes allein auf ihrem Gewiſſen tragen müſſe. Sie tröſtete ſich zwar, daß ſie nicht allein die jungen Leute zuſammengeführt habe, daß es auch der Herr gethan. Wie wunderbar waren ihre Ahnungen, als ſie den jungen Mann zuerſt erblickte, wie wunderbar war er immer wieder der Tochter begegnet! nein, des Herrn Wille war es jedenfalls— ihr zum Glück oder zum Kreuz, das mußte ſie geduldig abwarten. Daß der Un⸗ frieden, der ſeit ſo lange an ihrer Seele nagte, zu einer Ctiſis gekommen, war ſchon ein großer Segen dieſes Winters. Noth treibt zu Gott, Noth macht wachſam.— Die Großmutter ſchloß die Unterredung mit dem Rathe, ſich noch ernſthafter zum Gebete für die Kinder zu ver⸗ einen und noch ernſthafter und treuer an ſich ſelbſt zu ar⸗ 236 beiten, weil der Herr ja den Kindern ſeiner Frommen Segen verheißen habe. Eliſe verließ ſchnell das Zimmer, ſie mußte mit ih⸗ ren Thränen kämpfen, dort oben in ihrem eigenen ein⸗ ſamen Stübchen ſtand ſie am Fenſter und ſchaute hinauf nach dem Frühlings⸗Himmel und den glänzenden Ster⸗ nen. O Herr, ſtrafe meine Kinder nicht mit meinem Schwanken, ſprach ihr zitterndes Herz, mit meiner Un⸗ ſicherheit, mit dem ſelbſtgemachten Unfrieden. Ich bin wie der Knecht, der da wohl weiß, was er thun ſoll, und thut es doch nicht, weil er klüger ſein will als ſein Herr. Der Herr hat geſagt: Du kannſt nicht zweien Herrn die⸗ nen, nicht Gott und der Welt, und der Knecht ſagt: Das werde ich doch erſt verſuchen müſſen, ehe ich es glaube. Habe ich es genug verſucht? O gewiß, Herr,— erbar⸗ me Dich meines armen Herzens, mache mich doch endlich ſtark, laß mich nicht fragen nach der Welt Ehre, der Welt Beifall, ich will nicht klug und angeſehen ſein, ich will eine demüthige und eine treue Mutter ſein, Herr ſegne mich und meine Kinder! Sie las jetzt die zwei Lieder, die in der letzten Zeit ihre Seele bewegten, die einſt ein Kind So in eigner Seelennoth zum eignen Troſt geſungen: 8 Es koſtet viel ein Chriſt zu ſein Und nach dem Sinn des reinen Geiſtes leben; Denn der Natur geht es gar ſauer ein, Sich immerdar in Chriſti Tod zu geben; 237 Und iſt hier gleich ein Kampf wohl ausgericht, Das macht's noch nicht. Man muß hier ſtets auf Schlangen gehn, Die ihren Gift in unſere Ferſen bringen; Da koſtets Müh, auf ſeiner Hut zu ſtehn, Daß nicht der Gift kann in die Seele dringen. Wenn man's verſucht, ſo ſpürt man mit der Zeit Die Vichtigkeit. Doch iſt es wohl der Mühe werth. Wenn man mit Ernſt die Herrlichkeit erwäget, Die ewiglich ein ſolcher Menſch erfährt, Der ſich hier ſtets aufs Himmliſche geleget. Es hat wohl Müh, die Gnade aber macht, Daß man's nicht acht. Auf, auf, mein Geiſt ermüde nicht Dich durch die Macht der Finſterniß zu reißen: Was ſorgeſt du, da dir's an Kraft gebricht? Bedenke, was für Kraft uns Gott verheißen! Wie gut wird ſich's doch nach der Arbeit ruhn: Wie wohl wirds thun. Und das Gegenſtück Es iſt nicht ſchwer ein Chriſt zu ſein Und nach dem Sinn des reinen Geiſtes leben; Zwar der Natur geht es gar ſauer ein⸗ Sich immerdar in Chriſti Tod zu geben: Doch führt die Gnade ſelbſt zu aller Zeit Den ſchweren Streit. Du darfſt ja nur ein Kindlein ſein, Du darfſt ja nur die leichte Liebe üben. O blöder Geiſt! ſchau doch, wie gut er's mein: Das kleinſte Kind kann ja die Mutter lieben! Drum fürchte dich nur ferner nicht ſo ſehr: Es iſt nicht ſchwer! Dein Vater fordert nur das Herz, Daß er es ſelbſt mit reiner Gnade fülle; Der fromme Gott macht dir gar keinen Schmerz, Die Unluſt ſchafft in dir dein eigner Wille. Drum übergieb ihn willig in den Tod, So hat's nicht Noth.— Laß nur dein Herz im Glauben ruhn, Wenn dich will Nacht und Finſterniß bedecken: Dein Vater wird nichts Schlimmes mit dir thun; Vor keinem Sturm und Wind darfſt du erſchrecken. Ja, ſiehſt du endlich ferner keine Spur, So glaube nur. So wird dein Licht aufs neu entſtehn, Und wirſt dein Heil in großer Klarheit ſchauen; Was du geglaubt, wirſt du dann vor dir ſehn; Drum darfſt du nur dem frommen Vater trauen. D Seele, ſieh doch, wie ein wahrer Chriſt So ſelig iſt! Auf, auf, mein Geiſt! was ſäumeſt du, Dich deinem Gott ganz kindlich zu ergeben? Geh ein, mein Herz, geneuß die ſüße Ruh, Im Frieden ſollſt du vor dem Vater ſchweben: Die Sorg und Laſt wirf nur getroſt und kühn Allein auf ihn. Der andere Tag war hold und ſchön, wie ein Maien⸗ tag ſein muß. Der Geheimerath ging mit ſeiner Frau in einem kleinem Bosquet auf und ab, die Kinder ſpielten auf dem grünen Raſen unter blühenden Bäumen, und Eliſa⸗ beth ſaß mit den Großeltern im Gartenſaal. Sie wußte alles— und es war ihr wundervoll zu Sinne, es konnte keiner holdſeligen Prinzeſſin im allerſchönſten Mährchen ſchö⸗ ner zu Sinne ſein. Es war ihr aber auch, als ob es 239 ein Traum oder ein Mährchen ſei, wenn ſie dachte, daß er, deſſen Bild ja wirklich vom erſten Mal, wo ſie ihn geſehen, ihr immerfort zur Seite, und trotz alles Kampfes immer wieder aufgetaucht war, daß er ſollte nun wirk⸗ lich ihr eigen ſein; es war doch, als ob ſie den Gedan⸗ ken gar nicht faſſen könne. Die Großeltern ſahen in ihren verklärten Zügen, was in ihrem Innern vorging, ſie ſahen aber auch die Unruhe und Befangenheit und die wunderbare Spannung, in der ſie ſich befand. Um eilf Uhr hatte Herr von Kadden die Erlaubniß zu kommen, noch war es nicht ganz ſo weit, die Großeltern wollten ihr gewiß die Zeit verkürzen, ſie ſprachen mit ihr, der Großvater aber auf ſeltſame Weiſe, halb im Scherz, wie er es liebte; aber er ſprach auch ernſt wie ein alter Mann heute, dachte Eliſabeth, ſeine Jugend hat er vergeſſen. Bilde Dir nur nicht ein, liebes Kind, daß, weil er Dich lieb hat, er nun Dein gehorſamer Diener ſein muß, ſagte der Großvater, das iſt eine Täuſchung, an der ſchon manches Glück geſcheitert iſt. Er kann Dich ſehr lieb ha⸗ ben und hat doch oſt einen anderen Willen als Du, Du biſt immer diejenige, die nachgeben muß.— Fliſabeth ſah den Großvater ungläubig an. Wenn du freundlich gegen ihn biſt, dachte ſie, wird er glücklich ſein, nur immer deine Wünſche erforſchen zu können.— Und wenn er ſchon als Bräutigam zuweilen ſeinen eignen Willen hat, wundere Dich nicht, ſondern freue Dich; er iſt auf⸗ 240 richtig und lebhaft; da wird er eben jetzt ſein, wie er ſpäter iſt, Du mußt da ſchon lernen, fein ſanft und ar⸗ tig ſein.— Fliſabeth lächelte. Der Großvater ſprach ja auch nur ſcherzend. Jetzt dachte ſie: Mir zu Liebe wird er nie heftig ſein, er hat jetzt ſchon dagegen gekämpft. — Deine Großmutter war eine liebe demüthige Seele, fuhr der Großvater fort, ſie ſagte mir am Hochzeitstage, ſie nähme nichts lieberes als das Gebot an: Und er ſoll Dein Herr ſein.— Dein Herr ſein? wiederholte Eliſabeth verwundert. Großpapa, das iſt aber nicht mehr Mode, fügte ſie ſchnell hinzu.— Nicht mehr Mode? fuhr der Großvater faſt erſchrocken auf,— Eliſabeth verſuche es nie, auch nur zum Spaß und in der Thorheit Gottes Ordnung umzuſtoßen, die einzige Hoffnung Deines Glückes beruht darauf, wenn Du dieſe Worte mit demüthigem Herzen annimmſt. Dann wirſt Du ſeine Fehler tragen, immer wieder freundlich und liebreich ſein, und das iſt der einzige Weg, mit Männern fertig zu werden. Wir können das nicht vertragen, wenn da eine liebe zarte Seele neben uns ſteht, zankt und ſchmollt und uns beſſern will, nicht wahr liebe Frau? Du würdeſt damit nicht weit mit mir gekommen ſein?— Die Großmutter lächelte, ſie hatte ja von Anfang an zu viel Reſpekt vor ihm gehabt, die kleinen Verſuche, ihrem Eigenſinne zu folgen, waren bald ſo gänzlich mißglückt, daß ſie ihn lieber aufgegeben. Eliſabeth aber dachte: was ſpricht der Großvater für Un⸗ ſinn! Unfreundlich gegen mich ſein und ich dennoch liebreich 241 und demüthig, und abwarten bis er wieder fteundlich iſt, das habe ich kaum gegen Eltern und Großeltern gekonnt, — nein, wenn er wirklich gegen mich heftig iſt, ſo bin ich böſe, das kann er dann nicht ertragen, und iſt die Sache gut.— Der Großvater verſtand ihr Schweigen recht gut, ſie hatte ſich bei harmloſen Gelegenheiten oſt genug über dieſen Punkt ausgeſprochen. Das Schweigen mit dem wegwerfenden kecken Minenſpiel reizte ihn aber noch mehr zu reden, er fuhr fort: Wenn die Großmama mit mir ſchon mußte behutſam umgehen, ſo bedenke, daß ich nicht einmal heftig und aufbrauſend bin, wie ein ge⸗ wiſſer junger Mann.— Großpapa, er ändert ſich ja! ſagte Eliſabeth leiſe.— Von dem Wahne wollt ich Dich eben heilen, fiel der Großvater ihr in die Rede, als ob Du von der Liebe Alles erwarten, ihr Alles bieten könn⸗ teſt; nein, Du mußt gewaltig zart mit ihr umgehen. Trotz der allerſchönſten und herrlichſten Liebe wird er gelegentlich aufbrauſen: willſt Du ihm dann Vorwürfe machen?— Eliſabeth nickte.— Gut, ſagte der Großvater eifrig, dann wird er noch heftiger, dann Du noch unartiger, und Du haſt eine Ohrfeige fort, Du weißt nicht wie.— Großvater! rief Eliſabeth zürnend und ward feuerroth.— Nun ja, daß Du Dich wehrſt, daran zweifle ich nicht! ſette er hinzu.— Die Großmama lächelte und ſagte: Nein, das thut ſie nicht.— Da möcht ich eher ſterben, flüſterte Eliſabeth. Großvater, wie kannſt Du ſo etwas von gebildeten Leuten reden, fügte ſie zürnend hinzu.— Eliſabeth. l. 16 242 Mein Kind, es giebt weit vornehmere Ehen, wo ſo etwas vorfällt, warnte der Großvater, die Sünde fragt nicht nach der Bildung. FEliſabeth verſuchte zu lächeln, aber der Großvater hatte es doch zu arg gemacht, ſie hätte weinen mögen. Als er jetzt an das Fenſter trat, legte ſie ihre heißen Wangen wieder auf die Hände der Großmama, zu deren Füßen ſie ſaß. Dieſe flüſterte leiſe: Liebe Eliſabeth, der Groß⸗ papa hat doch Recht, Du wirſt nie ſanftmüthig und nach⸗ gebend genug ſein können. Wenn Ihr aber beide ein⸗ mal doch heftig ſeid, ſo beſinne Dich, eile fort und bete ein Vater Unſer für Dich, das iſt ein gutes Mittel.— Eliſabeth nickte. Aber, dachte ſie, ſich tröſtend, ſie kennen ihn beide nicht, ſie werden ſich wundern, wenn wir ſehr glücklich ſind. Ich werde nicht unfreundlich und unartig ſein, das war nur hier zuweilen gegen Tante Julchen, die miſcht ſich aber in alle Dinge, die ſie nichts angehen. Er wird auch nicht unfreundlich gegen mich ſein, und wenn er es wäre, würde es ihm ſchnell genug leid ſein. Sie wollte ſich gern beſinnen, wie er ausſah, wenn er böſe war; ſie konnte es durchaus nicht, ſie ſah ihn nur immer, wie er ihr den Veilchenſtrauß gab. Das war ei⸗ ner von den Frühlingstagen, die das Herz ſo ſehnſuchts⸗ voll machen. Die Kinder ſpielten luſtig auf den Straßen im hellen Sonnenſchein, viele Fenſter waren geöffnet, da⸗ mit die laue Frühlingsluft ihren Einzug halten könnte, und hoch über den Häuſern zogen leichte weiße Wolken 243 am lichtblauen Himmel. Dort über den Tannenbergen ziehen auch die leichten Frühlingswolken und der Sonnen⸗ ſchein liegt darauf, und er wird auch in die Ferne ſchauen — hatte ſie gedacht, als ſie durch die Behrenſtraße ging. Sie wollte ſich eben durch einen Haufen fröhlicher Kinder hindurch winden, da ſtand er vor ihr. Er gab ihr den Veilchenſtrauß,— und ſo ſah ſie ihn jetzt noch vor ſich. Nit dieſem Bilde vergaß ſie auch die wunderlichen Worte des wunderlichen Großvaters, es ward ihr wieder ſo wun⸗ voll zu Sinne, wie einer Mährchen⸗Prinzeſſin, die nun das Ende der Geſchichte erreicht hat: der ſchöne Königs⸗ ſohn kommt, die Hochzeit ward in großer Freude gehalten, und ſie lebten vergnügt zuſammen wie die Haidlerchen in aller Glückſeligkeit, ſo lange es Gott gefiel. Der Großvater war in die Gartenthür getreten, die Großmutter ſah von Zeit zu Zeit nach der Uhr, es war ſchon über halb zwölf. Da kömmt er— zu Fuß— das wundert mich ſagte der Großvater jetzt. Eliſabeth ſprang auf. Du willſt doch nicht fort? fragte die Groß⸗ mutter. Nur in dies Zimmer, ſagte Eliſabeth haſtig und eilte in die offenſtehende Wohnſtube. Herr von Kadden trat ein. Zu Fuß? in der Hitze? begrüßte ihn der Großpapa freundlich.— Ich muß es recht zu meiner Beſchämung geſtehen, ich habe heute einen dummen Streich gemacht! ſagte der Eintretende ſeufzend.— Die Großeltern ſahen ihn erſtaunt an.— Der Dienſt hatte mich länger aufgehalten, als ich glaubte, ich wollte 244 die verſäumte Zeit mit dem Reiten einbringen, da iſt mir das Pferd geſtürzt. O! ſagten die Großeltern be⸗ dauernd. Aber das arme Pferd, was iſt denn aus ihm geworden? fügte der Großpapa hinzu.— Ich habe da⸗ bei geſtanden, bis mein Burſche mir nachkam, es war auch wieder auf den Beinen, der Burſche hat es hin⸗ kend zurückgeführt.— Der Großpapa lächelte, doch hielt er mit jeder Bemerkung zurück und ſagte nur, daß er ſeinen Schwiegerſohn und ſeine Tochter rufen wolle. Als er den Gartenſaal verlaſſen, ſaß der junge Mann bei der Großmutter, er küßte ihre Hand und ſagte bit⸗ tend: Heute dürfen Sie mich nicht ſchelten, Sie müſſen mich tröſten, ich hatte den Ritt, ich weiß nicht, eigentlich wie ein Orakel angeſehen. Als ich mich auf das Pferd ſetzte, war es mir, als ob mir die ganze Welt gehörte, ich flog, um jeden Umweg zu ſparen, über den großen Anger am Thor, ich ſetzte über den breiten Bach, es ſollte kein Hinderniß für mich geben, und vor dem Walde der kleine Graben, wirklich ſonſt nicht der Rede werth, bringt mein Pferd zum Stürzen und ich habe da bei dem armen Thier ſtehen müſſen mit der Ungeduld im Herzen.— Laſſen Sie es uns nur als eine Vorbedeutung nehmen, nahm die Großmama gütig das Wort, alle Ihre kühnen Steckenpferde werden ſtürzen, und Sie werden fein demü⸗ thig das Ziel erreichen, was Ihnen der Herr beſtimmt hat.— Und glücklich ſein, fügte er kindlich hinzu.— Und glücklich ſein, wiederholte die Großmutter. 245 Jetzt trat Herr von Budmar mit Eliſabeths Eltern ein, Eliſabeth wurde auch gerufen, und es erfolgte eine von den feierlichen Scenen, von der nachher Niemand den Hergang ſo recht genau ſelber weiß. Die Großeltern hat⸗ ten ja auch vorher mit Braut und Bräutigam geſprochen, ſie ſagten jetzt nicht viel. Der Geheimerath liebte dieſe Stenen nicht und kürzte ſie ſo viel als möglich ab. Eliſe, die Mutter, die Hauptperſon, hatte nicht den Muth, ſich ſo zu zeigen, wie es ihr um das Herz war, es fehlte ihr die Freudigkeit. Die Uebrigen hatten das Zimmer verlaſſen, ſie ſollte allein ſein mit dem Brautpaar, ſie konnte ja einige er⸗ bauliche Worte und das ſchöne Verlobungslied dem Braut⸗ paar mit auf den Weg geben; aber ſie konnte ſich nicht entſchließen. Sie verließ ſelbſt ſchnell das Zimmer und trocknete ihre Thränen wieder im einſamen Stübchen mit der tröſtlichen Hoffnung, ſich ſpäter gewiß einzuleben mit der lieben Tochter und dem neuen Sohne. Warum aber jetzt nicht gleich entſchieden heraustreten mit dem, was ihr Herz erfüllte, jetzt, wo die Herzen des Brautpaares ſo gern bereit waren, etwas Beſonderes und Seliges zu hören? Aber ſie hatte nicht den Muth, das zu glauben. Sie fürchtete, der junge Mann möchte ſie mißverſtehen, könnte lächeln zu ihrem Thun, ſie wollte ihn erſt nach und nach einführen in ihr Familienleben und dann ge⸗ wiß nicht zurückhalten. Eliſabeth befand ſich alſo plötzlich mit ihrem Bräu⸗ 246 tigam allein im Wohnzimmer, zagend und glücklich ſtand ſie an ſeiner Seite. Es war ihr aber doch, als ob bei der Verlobung etwas gefehlt hätte,— ſie wußte, wie es bei der Großmutter und bei der Mutter geweſen,— und ihr Herz war ſo ſelig und dankbar: wenn ſie allein geweſen, würde ſie jetzt dem lieben Gott erſt recht ſelig gedankt haben. Der Bräutigam hatte ihre beiden Hände gefaßt, es war ihm ſelbſt noch wie ein Traum, daß er ihr ſo ge⸗ genüber ſtehen durfte. Weißt Du Eliſabeth, begann er flüſternd, als wir beide im Winter hier unter dieſen Bil⸗ dern ſtanden?— Eliſabeth nickte.— Den Abend habe ich den lieben Gott ordentlich gebeten, daß er Dich mir ſchenken ſollte, fügte er eben ſo leiſe hinzu.— Eliſa⸗ beths große Augen leuchteten hell auf; ja ſie ſah ihn ſehr freudig an: Darum hat er es erhört! ſagte ſie. Und wir wollen ihn auch immer wieder bitten, fügte ſie ſtockend hinzu.— Ich will es immer beſſer von Dir lernen, verſprach er weich.— Wenn wir auch nicht viel wiſſen, fuhr ſie eben ſo zagend fort, ſo können wir nur zuſam⸗ men ein Vater unſer beten.— Ob ich das wohl noch kann? fragte er ſeufzend.— Ihre vier Hände noch ver⸗ ſchlungen, ſahen ſie ſich ſchweigend an. Er verſuchte leiſe für ſich das Vater unſer, ſie ſprach es im Herzen auch und folgte mit Spannung ſeinen Lippen und ſeinen Zü⸗ gen. Jetzt ward es licht in dieſen Zügen: Ich kann es ganz gut, ſagte er bewegt, und ſeine Augen waren feucht. 247 Er nahm Eliſabeth zum erſtenmal an ſein Herz und das war nun erſt die rechte Verlobung. Wenn wir einmal, flüſterte Eliſabeth— Aber wie unpaſſend iſt das! fiel ihr ein. Wenn ich einmal, ver⸗ beſſerte ſie ſich, unfreundlich bin— Du meinſt mich, fiel er lächelnd ein.— Sie ſchüttelte ernſthaft den Kopf und wiederholte: Wenn ich unfteundlich bin und wir wer⸗ den es dann beide, und wir können uns nicht gleich hel⸗ fen, da wollen wir fortgehen und für uns ein Vater un⸗ ſer beten, das iſt ſehr gut, das wollen wir uns ver⸗ ſprechen,— nicht wahr? bat ſie und ſah den Bräutigam beinahe demüthig an. Und ich möchte Alles thun, was Du wünſcheſt, verſicherte er treuherzig; aber das wird ge⸗ wiß nicht nöthig ſein, fügte er noch hinzu. Der Tag war wunderſchön. Natürlich folgte Nach⸗ mittag und Abend ein Familienfeſt, Oberförſters waren dort, und die Geſellſchaft war zahlreich an großen und kleinen Leuten. Charlottchen verſicherte, ſie habe Alles vorher gewußt; ſeit dem Abend, wo Onkel Karl den Kü⸗ raſſier⸗Offizier herbei gewünſcht, da hatte ſie wohl ſechs mal ihre ſelige Mutter im Sarge liegen ſehen, das war immer das ſicherſte Zeichen einer nahen Hochzeit. Onkel Karl rieb ſich ſehr vergnügt die Hände und ſagte Eliſa⸗ beth im Vertrauen, er habe für Küraſſiere eine beſondere Vorliebe und er würde in den Lieutenants⸗Haushalt hin⸗ ter den Bergen manch Töpfchen und Tröpſchen fließen laſſen. Oberförſters Mariechen ſetzte dem neuen Vetter ſehr 248 verſtändig auseinander, daß es ihr lieb ſein würde, wenn er von nun an bei ihren Vorſtellungen die Stelle des Herrn Rennicke, des Rechnungsführers, übernehmen möchte, da derſelbe ſich immer recht ungeſchickt anſtelle. Der über⸗ müthige kleine Karl aber quälte das kleine Schweſterchen Charlottchen, er erzählte, der große Küraſſier habe Schwe⸗ ſter Eliſabeth wirklich erobert und würde ſie mit ſich neh⸗ men, ſo daß die ältere Schweſter Marie ihre Noth hatte, dem Charlottchen auseinanderzuſetzen, er ſei aber doch Eli⸗ ſabeths Freund und habe ſie ſehr liebl.— Als Eliſa⸗ beth am Abend der Großmama Gute Nacht ſagte, ließ ſie dem Großpapa beſtellen, ſie hätte ſich die Sache überlegt und wollte wirklich ſo ſanftmüthig und liebenswürdig als die Großmama werden. Der Verlobungstag war ein Sonnabend geweſen und weil der Geheimerath mit ſeinen Gymnaſiaſten eigentlich keine Ferien hatte, kehrte er mit ihnen am Sonntag nach Berlin zurück, während Eliſe mit den übrigen Kindern noch vierzehn Tage bei den Eltern verweilte. Dieſe vier⸗ zehn Tage waren für die ganze Familie ungetrübte, blü⸗ thenreiche Maientage. Eliſabeth war eine liebliche und ſehr glückliche Braut, und der Bräutigam, deſſen Sehnſucht ſich bis jetzt mit der Tradition des alten Erbkoffers begnügen mußte, konnte es kaum faſſen, jetzt der Mittelpunkt ſo vieler Liebe und ſo wieles Glückes zu ſein. Auch nicht der leiſeſte Hauch eines Wölkchens trübte den Himmel ſeiner Laune und ſeiner Stimmung, und er war auch nur lieb⸗ 249 reich und aufmerkſam und zart gegen ſeine Braut, er war es gegen alle Familienmitglieder. Eliſe war bald mit ih⸗ rer Mutter einig, daß er ein ſehr liebenswürdiger Mann ſei, ſie wünſchten ihm nur beide mehr Selbſtändigkeit, be⸗ ſonders gegen Eliſabeth, die wie eine kleine Königin ihn beherrſchte. Eliſe hatte ihm freundliche Vorſtellungen ge⸗ macht, ihr Töchterlein nicht zu ſehr zu verwöhnen; er hatte aber doch gebeten, es ihm zu erlauben, da es ihn zu glücklich mache, es ſei auch nicht ſo ſchlimm als es ſcheine, da die Verwöhnung ganz gegenſeitig wäre. So war es auch, nur daß es ihm mehr Vergnügen machte, ſeiner kleinen Königin zu dienen, als ſie zu regieren, und ſie dagegen ſehr bereit und ebenſo gewandt war zum Herr⸗ ſchen in dem ihr eingeräumten Reiche; beide aber über⸗ zeugten ſich immer mehr, daß es nur ihrer wunderſeligen Liebe bedürfe um glücklich, gut und liebenswürdig zu ſein. 15. Familien⸗Aufregungen. Uachdem die vierzehn Tage vorüber waren, ging der * Bräutigam mit nach Berlin, um ſich dort der übrigen Familie vorzuſtellen. Die Ueberraſchung über dieſe uner⸗ wartete Verlobung war hier groß genug geweſen, ebenſo die Aufregung bei einigen Gliedern. Tante Wina und Tante Paula waren, gleich nachdem ſie vom Bruder die Nachricht erhalten und ihm gründlich ihre Mißbilligung anzuhören gegeben, nach Generals geeilt, um auch hier ihr Herz auszuſchütten, und zum erſtenmal fanden ſie in Gmilien eine Geſinnungsgenoſſin. Emilie war ebenſo un⸗ zufrieden als ſie, wenn auch die Urſachen ihrer Unzufrie⸗ denheit ſehr verſchieden waren. Den erſten beſten jungen Mann zu wählen! klagte Wina. Ja, den erſten beſten jungen Mann, wiederholte Emilie, von dem man vor⸗ ausſetzen kann, daß er ſie in die Welt führt, daß er ihr kein Halt und keine Stütze iſt. Der ſie für immer von Berlin fortführt, wo wir glaubten, das Vergnügen des Zuſammenlebens ſollte erſt recht beginnen, fuhr Wina fort. Sie konnte hier eine weit glänzendere und vornehmere Partie machen, ſagte Paula offenherzig, ſie iſt ja auf⸗ fallend ſchön, ſie konnte in Berlin bleiben und wir konn⸗ ten Theil an ihrem Glück nehmen. Sie konnte wenigſtens noch abwarten, verſicherte Wina, ſie iſt noch ſo jung, ich 251 begreife Eliſen nicht. Ja, ich begreife Eliſen nicht, wieder⸗ holte Emilie, gleich Eliſabeths erſter kindiſcher Neigung nachzugeben.— Fliſabeth iſt aber im neunzehnten Jahre, ſagte die Generalin lächelnd, ſie iſt danach ganz berechtigt, eine Neigung zu faſſen, und nach allem, was man gehð hat, ſoll Herr von Kadden ein recht braver, liebeswü diger Mann ſein, fügte ſie hinzu.— Emilie wollte etwa entgegnen, ein ernſter Blick der Mutter ließ ſie ſchweigen, die Generalin wollte mit den Tanten nicht auf ein Kapitel kommen, bei dem an keine Verſtändigung zu denken war. Als die beiden Damen wenig getröſtet ihren Ab⸗ ſchied genommen hatten, erſchien gleich darauf der Paſtor Schlöſſer, der Verlobte Emiliens ſchon ſeit Oſtern, und nach noch wenigen Minuten kam Klärchen Warmholz hinzu. Das Thema der Unterhaltung blieb Eliſabeths Verlobung. Nachdem das äußere Factum beſprochen war, zu dem ſo wenig Klärchen als Schlöſſer viel ſagen konnten, weil ſie beide den Bräutigam nicht kannten, nahm Emilie ſehr ernſthaft das Wort: Aber Mutter, wie konnteſt Du nur den Tanten ſagen, daß Herr von Kadden ein liebenswürdiger und braver Mann ſei!— Warum nicht? fragte die Ge⸗ neralin ſanft.— Weil er es in unſerem Sinne nicht iſt, entgegnete Emilie eifrig; im Sinne der Welt mag ers ſein, aber wir dürfen der Welt gegenüber unſere Anſicht nie ver⸗ leugnen.— Die Generalin ſagte jetzt mahnend: Nach dem, was uns Eliſabeths Vater von dem Bräutigam berichtet hat, wollen wir vorſichtig ſein mit unſerem Urtheil, er iſt 252 nach Aller Uebereinſtimmung ein braver und rechtſchaffener junger Mann; mit der Lebensrichtung der Familie iſt er gründlich bekannt gemacht, er hat verſichert, daß er, obgleich er ſie nicht theilen könne, doch auch nichts dagegen habe nd ſich willig der Führung ſo vieler Liebe anvertraue. ir können jetzt nur bitten und wünſchen, daß dieſe Liebe hm wirklich zur rechten Führerin wird.— O, Mutter, zürnte Emilie, Du wirſt doch nicht auch glauben, daß eine ſolche Liebe zum Glauben führen kann?— Nein, der Herr muß der Führer ſein, war der Mutter ruhige Ant⸗ wort, aber er kann ſolche Liebe auch als Werkzeug benutzen. — Du haſt doch ſchon im Winter von Fritz gehört, fuhr Emilie eifrig fort, wie dieſer Herr von Kadden ein ſelbſt⸗ gerechter und tugendhafter Mann iſt; wenn Ihr alſo ſeine Rechtſchaffenheit ſo ſehr heraushebt, ſo muß ich immer wie⸗ der ſagen, daß dieſe gerade für ihn ein Hinderniß zum Glauben iſt.— Der Herr Chriſtus iſt aber auch für tugendſatte Leute da, warf Schlöſſer lächelnd ein. Es war Emilien ſehr unangenehm, daß ihr Bräu⸗ tigam nicht auf ihre Seite trat, und ſie ſagte gereizt: Alſo iſt es uns nicht erlaubt, ein Urtheil über Weltleute zu haben, wir müſſen ſie entſchuldigen und nur immer ſagen: Der Herr Chriſtus kann ſie auch noch ſelig machen?— 5 Schlöſſer ſah ſeine Braut an und ſchwieg. Es entſtand eine Pauſe.— Klärchen in ihrer Neigung zu Ruhe und Frieden mußte die Vermittlerin ſein. Liebe Emilie, begann ſie bedächtig, ein Urtheil ſollen wir aller⸗ 253 dings haben, es kommt nur ſehr auf die Art an, wie ſich das Urtheil in unſerem Herzen geſtaltet. Daß Herr von Kadden ein Mann iſt, der unſeren Glauben nicht nöthig hat, glaube ich ſchon, der liebe Gott hat ihn aber doch in eine gläubige Familie geführt. Nun ſagt ſein Verſtand: Du hätteſt etwas vernünftigeres thun können, als dich mit Leuten einlaſſen, die alle nicht recht geſcheit ſind! Sein Herz aber ſagt: Es gefällt mir aber ſo wohl, und es thut ſo wohl, ſo glückliche Leute zu ſehen und ſo viel auf⸗ richtige Liebe. Da freuen wir uns nun herzlich, daß der verſtändige, tugendhafte Mann zwiſchen uns gerathen iſt, und unſer innigſter Wunſch iſt, daß er ſich ſo wohl bei uns fühlt und nicht danach fragt, was ſein alberner Ver⸗ ſtand dagegen einzuwenden hat.— Ja, Klärchen, entgeg⸗ nete die Generalin, wenn er ſagt, daß er ſich wohl bei uns fühlt, wollen wir ihn freundlich willkommen heißen. lärchen aber hatte es eilig und ſchloß jetzt ihre kurze Morgenviſite und das Brautpaar war mit der Mutter wieder allein. Emilie war zu ſehr gereizt, um nicht daſ⸗ ſelbe Thema weiter zu beſprechen. Ich habe auch nichts dagegen, daß wir freundlich gegen ihn ſind, begann ſie von neuem, aber wir können doch nicht leugnen, daß wir Eliſa⸗ beth einen anderen Mann wünſchen möchten, und wenn Eliſe ein Gewiſſen hat, ſo kann ſie unmöglich darüber hin⸗ kommen, daß ſie Eliſabeth damals auf den Ball geführt hat.— Sie wird ſich allerdings die Folgen dieſes Balles zurechnen, entgegnete die Mutter, obgleich Eliſabeth eine 254 ähnliche Reigung auch bei andern Gelegenheiten faſſen konnte. Eliſe thut einem um ſo mehr leid, da ſie wirk⸗ lich ſo ernſthaft kämpft, ſich von der Welt loszureißen.— Ernſthaft kämpft? fragte Emilie. Ich finde es traurig, daß ein Chriſt, der nun wirklich die Einſicht hat, wie nich⸗ tig und ohnmächtig und bedeutungslos die Welt iſt, ſich doch nicht losreißen kann, immer wieder kämpft und im⸗ mer wieder ſchwankt, und immer wieder mit der Welt lieb⸗ äugelt. Es liegt ſchon in Gottes Gerechtigkeit, daß er ſo etwas ſtrafen muß; ja, wenn man es überlegt, ſo müßte man faſt wünſchen, daß die Folgen dieſer Verlobung recht ſchwer find: würden ſonſt nicht Eltern und Tochter in dem Glauben beſtärkt werden, daß es gar nicht ſo gefährlich iſt, zuweilen in der Welt und mit der Welt zu leben? Gott iſt gerecht und muß die abtrünnigen Kinder ſtrafen, nahm Schlöſſer das Wort, aber er iſt auch barm⸗ herzig und kann in ſeiner Liebe thun, wie er will. Kin⸗ der, die ſich zu ihm bekannt haben, ſind deswegen noch nicht ohne Sünde, unſer Weg bis an unſern Tod iſt ein fortwährender Kampf mit der Sünde. Der eine kämpft mit ſeiner Lauheit, ſeiner Schwäche, daß er ſich immer noch mit der Welt befreunden muß, da er doch möchte ganz dem Herrn angehören; der andere kämpft mit ſeinem Hochmuth. ſeiner Luſt zum Splitterrichten, während er den Balken in ſeinem Auge nicht ſieht. Beide tragen die Folgen ihrer Sünde, den Unfrieden davon, beiden wünſcht man aber nicht, daß Gottes Gerechtigkeit, ſondern ſeine Barmherzig⸗ 255 keit ſie richten möge. Wir ſind alle Glieder eines Leibes, eines trägt und leidet und betet für das andere, keines könnte aber ſo lieblos und vorwitzig ſein und behaupten, dem ſchwachen, immer fort wieder fallenden und aufſtehen⸗ den Kinde ſei nur durch harte Strafe zu helfen. So lange es den Vater anruſt, hat es auch Hoffnung auf Barmherzigkeit, und der Herr hat oft Gedanken des Frie⸗ dens, wo unſere liebloſen Herzen Unfrieden profezeihen. Emilie hatte dieſe ganz ruhig und beſonnen geſprochenen Worte in großet Spannung angehört, ihr Geſicht glühte, mit zitternder Stimme begann ſie: Ich begreife nicht, wie Ihr mich ſo mißverſtehen könnt. Es iſt ſo einfach Ihr könnt doch nicht verlangen, wenn ich eine Sache blau ſehe, ich ſoll aus ſchwächlichem Friedens⸗Gefühl ſagen ſie iſt weiß. — Die Mutter ſah ſie warnend an, ſie aber fuhr heftig fort: Wir ſind nicht lieblos, wenn wir unſerem ſchwachen Bruder Hülfe wünſchen, ſollte die Arznei auch in den nothwendigen, ſelbſtgeſchaffenen Folgen der eigenen Sünde liegen. Liebe Emilie, ſagte der Bräutigam mit einem trauern⸗ den Lächeln: es iſt gut, daß der Herr Chriſtus barmher⸗ ziger iſt als wir Menſchen er ließ nicht gleich Feuer vom Himmel fallen, als ſeine Jünger ihn zornig darum baten, und ich hoffe, der armen Eliſabeth wird es auch nicht ſo ſchwer ergehen, als Du als liebreicher Arzt ihr verordnen möchteſt.— Wilhelm! rief ſie mit ſtockender Stimme. Ja, ſagte er ſanft und freundlich, ich gehe jetzt, und Du 256 überlegſt Dir die Sache. Er reichte ihr die Hand, ſie hielt das Taſchentuch vor die Augen und er entfernte ſich. Die Generalin wollte ſich auch entfernen, aber Emi⸗ lie bat ſie zu bleiben. Ich begreife es doch nicht, liebe Mutter, ſagte ſie mit Thränen, wie Du mich auch ſo miß⸗ verſtehen kannſt. Haſt Du Eliſen nicht ſelbſt vor dem Ball gewarnt? Haſt Du ihr nicht geſagt, daß eine Mutter nicht beten darf, die ihre Tochter auf einen ſol⸗ chen Ball führt? Haſt Du ihr nicht vorgeſtellt, welche Herren der Tochter dort zugefüͤhrt werden? Jetzt, wo alle unſere Befürchtungen eingetroffen find, ſollen wir plötzlich eingeſtehen, daß unſere Befürchtungen Täuſchungen, und der albernen Tanten Anſichten von der Welt und ſolchen Din⸗ gen die rechten ſind, wir ſollen wünſchen, daß ſie recht und wir unrecht haben, damit ſie alſo deſto ſicherer ſich der Welt ergeben? Nein, liebe Emilie, entgegnete die Mutter, das wol⸗ len wir nicht wünſchen. Wir wollen wünſchen, daß ſie trotz ihrer Schwachheit ſich doch immer feſter und entſchie⸗ dener dem Herrn zuwenden möchten. Du kennſt auch Eliſe genug und weißt, daß ſie die Gerechtigkeit des Herrn fürchtet und ſich nach ſeiner Gnade ſehnt. Denke, wie der Herr ſelbſt Geduld und Langmuth hat mit dem ſündigen Trei⸗ ben der Welt, wie er mit Barmherzigkeit immer wieder ruft und lockt, ſeine Sonne ſcheinen läßt über Gerechte und Ungerechte,— wie ſollten wir nun auf unſere Mit⸗ knechte die Gerechtigkeit des Herrn herabwünſchen, da wir 257 ſelbſt mit bangem Herzen ſprechen müſſen: Aus tiefer Noth ſchrei ich zu Dir. Und: Denn ſo Du willt das ſehen an, was Sünd und Unrecht iſt gethan, wer kann Herr vor Dir bleiben? Und weiter: Bei Dir gilt nichts, denn Gnad und Gunſt, die Sünden zu vergeben; es iſt doch unſer Thun umſonſt, auch in dem beſten Leben.— Alſo, liebe Emilie, wollten wir Dir zu bedenken geben, daß wir alle, ob wir dem Herrn tauſend Pfund, oder zehn Pfund ſchulden, ſeine Gerechtigkeit fürchten und für uns alle ſeine Gnade erbitten müſſen. Wir gehören alle zu den Schalksknechten, die dem Herrn tauſend Pfund ſchul⸗ den und doch den Nächſten drängen, daß er bezahle, was er uns ſchuldig iſt; wer das leugnet, iſt vom Hochmuth verblendet. Da unfere Seligkeit ſo ganz von der Barm⸗ herzigkeit des Herrn abhängt, da müſſen wir uns in der Barmherzigkeit wohl üben und immer, wenn es an uns iſt, zu reichten oder barmherzig zu ſein, zitternd nach der Barmherzigkeit greifen. Meinſt Du denn, daß ich es nicht thue? fragte Emi⸗ lie in derſelben Erregung.— In dieſem Fall haſt Du es nicht gethan. Fürchte Dich, daß Eliſabeths liebevolles und kindliches Herz Dich nicht beſchäme, Du weißt, daß der Herr ſpricht: Die letzten werden die Erſten ſein.— O liebe Mutter, ſagte Emilie, willſt Du mir jetzt Eliſabeth zum Muſter ſtellen? Der Herr weiß, wie ſehr ich wünſche, daß ſie feſt wird und Ihm folgt; wohin hat ſie aber ihre warme Liebe bis jetzt gewandt? Haben wir ſie bis jetzt Eliſabeth. I. 17 258 nicht beide beklagt und betrauert? Soll ich das Alles mir verhehlen, um nur nachſichtig ſein zu können?— Ich be⸗ klage ſie auch noch, nahm die Mutter jetzt mit einigem Un⸗ willen das Wort, ich beklage ſie, wenn ſie ihre Liebe der Welt zuwendet und dadurch den Herrn hetrübt; aber ich beklage Dich doppelt, wenn Du durch Liebloſigkeit den Herrn betrübſt und zugleich Deine Umgebungen unglücklich machſt. Die Mutter verließ das Zimmer, und Emilie eilte auch fort und verſchloß ſich im eignen Stübchen. So hatte die Mutter noch nie geſprochen, ſie hatte ſie zwar oft zur Demuth und Nachſicht ermahnt, aber die Befürchtung, daß ſie ihre Umgebungen unglücklich mache, hatte ſie noch nie gehört. Sie überlegte es jetzt, wie ſie von ihren Freun⸗ den geehrt, bewundert und geliebt wurde; wie ja auch ihr Bräutigam, gleich nachdem er ſie kennen gelernt, zu ihren Verehrern gehörte; wie er es anerkennend ausgeſprochen, daß viele junge Mädchen ihr nachfolgen möchten im Dienſte und in der Liebe zum Herrn. Nur ein gleiches Verlangen, dem Herrn zu dienen und ihn zu lieben, hatte ihre Her⸗ zen zuſammengeführt, mit Stolz und Freude hatte er daran gedacht, einſt eine ſolche Pfarrftau zu haben. Freilich war es nach der Verlobung, weil ſie da natürlich noch offener mit ihren Gedanken heraustrat, zu Geſprächen gekommen, wo er die Einfalt und Liebe des Weibes über alles Wiſ⸗ ſen und über alle Werke ſetzte, und ſie hatte mit großen Schmerzen das auf ſich beziehen müſſen; aber es war doch nur ein leiſes Hindeuten und ſie hatte den Bräutigam bald 259 überzeugt, daß auch ſie die Werke und das Wiſſen nicht überſchätze. Heute war ihr jedenfalls Unrecht gethan. Sollte ihr jetzt Eliſabeth, die von allen als ein unfertiges Kind betrachtet wurde, zum Vorbild gegeben werden? Sollte ihr nicht ein Urtheil erlaubt ſein? War das lieblos, wenn ſie ihr Umkehr zum Herrn wünſchte, ſollte es auch Umkehr durch Kreuz ſein? Eine Entſchuldigung unhaltbarer als die andere ſuchte ihr Verſtand hervor; den eigentlichen Kern ihrer Sünde hielt ſie von ſich ab, ſie wollte ihrer Mutter und ihrem Bräutigam gegenüber nicht von der Höhe, die ihr ſo gut anſtand, herunter in das Thal der Demuth ſteigen, ſie wollte nicht ſo ernſtlich durch ſie an die Worte erinnert werden: Denn wenn Du willt das ſehen an, was Sünd und Unrecht iſt gethan, wer kann Herr vor Dir bleiben! Sie war ja eine Chriſtin, eine aufmerkſame Chri⸗ ſtin, die ſolche Worte ſelbſt zu Gemüthe führt. Sie war in einem troſtloſen Zuſtande. Sie konnte auch nicht bei Tiſche erſcheinen. Als die Mutter kam, ſie zu fragen, bat ſie, ungeſtört bleiben zu dürfen, und die Mutter nahm ſie mit Thränen an ihr Herz und konnte ihr nichts ſagen. War ſie denn nicht ſelbſt um Emiliens Ent⸗ wicklung längſt beſorgt? Hier in Berlin, wo ſie in einem Kreiſe von Gläubigen ſo viel Anerkennung fand, war ihre Sicherheit ſehr gewachſen, und die Liebe des ausgczeichneten und begabten jungen Mannes hatte ihr Herz nicht zur De⸗ muth ſondern zur Hoheit geführt. Daß ſelbſt der Bräu⸗ tigam darüber trauerte, würde ſich Emilie nie geſtanden 260 haben, aber die Mutter fühlte es mit Bangen, und eine Scene wie die heutige hatte ſie immer ſchon erwartet. Der Herr wird ihr helfen! dachte die trauernde Mutter, wir müſſen alle die Laſt unſerer Sünde tragen, der Herr allein kann ſie lehren, um Barmherzigkeit bitten.. Gegen Abend klopfte es an Emiliens Thür, ſie ahnete wer es war, und ihr Herz hatte ſich nicht getäuſcht. Ihr Bräutigam trat ein, und an ſeinem Geſicht war zu ſehen, daß die letzten Stunden ihm nicht ſüß waren. Er reichte ihr die Hand, ſie legte ihren Kopf an ſeine Bruſt und ſagte weinend: Wie weh haſt Du mir heute gethan! So verzeihe mir, entgegnete er mit ſehr weicher Stimme. Du haſt mich mißverſtanden, fuhr ſie fort. Nein, ich habe Dich nicht mißverſtanden, liebe Emilie, ſagte er ernſt. Du haſt mir gewiß Unrecht gethan, verſicherte ſie warm. Ich habe Dir nicht Unrecht gethan, war wieder ſeine ruhige Antwort. Meinſt Du denn? begann ſie,— Nicht, liebe Emilie, unterbrach er ſie, wir beginnen nicht noch einmal den Streit, Dein Verſtand möchte Dich immer mehr in die Irre führen und den Herrn betrüben. Wenn wir Frie⸗ den haben wollen, bleibt Dir nur der eine Weg: Beuge Dich unter meinen und Deiner Mutter Ausſpruch, daß Du Unrecht haſt.— Welch ein Verlangen! dachte Emilie er⸗ ſchrocken; wie kann ein wahrheitsliebender Menſch gegen ſeine Ueberzeugung ſolch einen Ausſpruch thun? Was ſollte aber werden? fragte ſie weiter; konnte ihr Herz nicht nach⸗ geben? konnte ſie nicht demüthig ſein? nicht auch einmal 261 Unrecht leiden? Ein geübter Chriſt kann das Alles, er ver⸗ leugnet ſich ſelbſt, er will gar nichts ſein und gelten.— Ja, den Feinden gegenüber kann ein Chriſt das Alles lei⸗ den, verkannt und mißverſtanden ſein; was Feindes Mund ſpricht, iſt nicht bitter; wo aber Dich ein Freund verachtt, wird Deine Demuth irr gemacht. Iſt denn demüthig ſein ſo ſchwer? ſie hatte ja ſo herrlich darüber reden können. Iſt es denn unmöglich, unſchuldig leiden? dem Herrn Chriſtus zu Liebe hatte ſie immer ſo viel Muth gehabt, Unrecht zu haben, nachzugeben. Wo war denn der Muth geblieben, als ſie nun wirklich ſich beugen ſollte? Einem Herzen, darinnen der Stolz mächtiger als die Demuth, iſt der Kampf ſehr ſchwer. Dem Herrn die Schuld bekennen, das geht noch, aber nur nicht den Menſchen. Emilie ſtand an die Schulter des Bräutigams ge⸗ lehnt, und er gab ihr geduldig Zeit zur neberlegung. Es währte aber ſehr lange, ſein Herz wurde immer trauriger; er nahm ihren Kopf leiſe höher, er ſah ſie ſo liebreich und ſo traurig und ſo bittend an. Da ward ihre Seele bewegt. Warum iſt er traurig? um deinetwillen. Biſt du ſo vieler Liebe werth? Sie erfaßte ſeine Hand und ſchluchzend ſagte ſie: Verzeihe mir, Wilhelm, ich habe Un⸗ recht.— Da war peiden eine Laſt von der Seele, es war ihr wie einem Kinde, nie, nie hatte ſie ſich ſo wohl gefühlt.— O ich danke Dir! ſagte ſie und konnte nichts weiter ſagen; aber er verſtund ſie wohl, er wußte ja, daß nichts ſeliger iſt, als demüthig ſein, und dem Herzen 262 nicht wohler iſt, als wenn es allen Hochmuth, alles ſelbſt⸗ gerechte Weſen über Bord geworfen. Sie wollte jetzt ihr Herz ausſchütten, aber er litt es nicht. Wir wollen es beide im Herzen ſtill bewegen, ſagte er. Er führte ſie zur Mutter und als dieſe beide ſo bald kommen hörte, wußte ſie, daß ihre Gebete erhört waren. An Emilien war dieſe Demüthigung wohl zu merken. Sollte es eine wirkliche Umkehr ſein? dachte die zagende Mutter. Ach nein, der Kampf mit der Lieblingsſünde, wenn er auch immer weniger mächtig wird, er währt bis an das Ende. Emilie ward in der nächſten Zeit nicht in Verſuchung geführt, nur als Eliſe erſchien mit dem jugendlichen und überglücklichen Brautpaar, da ward es ihr bange.— War es denn möglich? ſelbſt Eliſe ſchaute mit Stolz auf den neuen Sohn. Er war ſehr einnehmend, daß Eliſabeth nicht widerſtehen konnte, war natürlich! aber daß die Mut⸗ ter ſich verblenden ließ, war doch unbegreiflich. Eliſabeth mußte ihr volles Herz der lieben Couſine auch noch privatim ausſchütten, ſie nahm Emilien bei Seite, umarmte ſie lebhaft und ſagte ſo freudig: Liebe Herzens⸗Emilie, nicht wahr, eine Braut ſtin, iſt doch zu ſchön? Gewiß, entgegnete Emilie lächelnd, aber ziemlich verlegen. Solch ein Glück habe ich mir nie träumen laſ⸗ ſen, fuhr Eliſabeth fort, aber ich bin auch dem lieben Gvott ſehr dankbar dafür. Es iſt wohl ſchön, wenn man ein treues Herz gefunden hat, war Emiliens Antwort. 263 Und nun das liebe ſchöne Leben vor ſich ſagte Eliſabeth freudig. Das liebe ſchöne Leben wird aber auch ſeine ſchweren Stunden brigen, konnte Emilie jetz nicht laſſen zu ſagen. Nun, ja,— aber mit einem getreuen Herzen, Du weißt doch, liebe Emilie? ſagte Eliſabeth wieder, in⸗ dem ſie der ernſthaften Braut Hände ergriff und ſie innig vruckte. Emilie hätte große Luſt gehabt zu ſagen Ver⸗ laſſe Dich nur nicht auf ſolche Liebe und Treue, denn ſie iſt nicht auf einen Felſen, ſondern ſie iſt nur auf Sand gehaut.— Aber der Bräutigam hatte ſchon ungeduldig nach Eliſabeth geſchaut, ihre Blicke begegneten ſich, er hielt ihr verſtohlen ſeine Hand hin, und ſchnell eilte ſie und ſaß Hand in Hand an ſeiner Seite. Als Emilie mit den Eltern wieder allein war, konnte ſie nichts dagegen ſagen, als beide den Bräutigam recht liebenswürdig fanden. Wie er ſo offen aus den Augen ſchaut, das iſt viel werth, ſagte der General. Dabei hat er etwas Ritterliches und Zartes, und die kleine Eliſa⸗ beth ſchwebt in Wonne.— Der liebe Gott ſcheint auch hier der barmherzige Hüter ſeiner leichtſinnigen Kinder ſein zu wollen, fügte die Generalin fteundlich hinzu.— Ich wünſche es von Herzen, ſagte Emilie jetzt. Ja, ſo weit hatte ſie es wirklich gebracht, ſie konnte es nur noch nicht glauben. Noch leichter aber, als bei Generals, war dem Braut⸗ paar der Sieg bei Tante Paula und Wina geworden. Ein gemeinſchaftlicher Spatziergang im Thiergarten war 264 beinah hinreichend, ihre Gemüther zu beruhigen. Dieſes auffallend ſchöne Paar, das eine allgemeine Bewunderung erregte, war ja ihre Nichte und ihr Reffe. Dazu war der Neffe wirklich aufmerkſam gegen die Tanten, und als ih⸗ nen bei einem harmloſen Geplauder das Brautpaar aus⸗ einanderſetzte, daß ein eigenes Tantenſtübchen einſt im neuen Haushalt gegründet werden ſollte, da waren ſie ganz glücklich und zufriedengeſtellt. 16. Blauer Himmel und Wolken im Brautſtande. Der Sommer verging im ungeſtörten Vergnügen. Gegenſeitige Beſuche wurden häufig gemacht, Herr von Kad⸗ den war in Berlin, oder Eliſabeth war bei den Großeltern. Das letzte freilich nicht ſo oft, als es das Brautpaar ge⸗ wünſcht hätte,— die Mutter wollte ſich das Beiſammen⸗ ſein mit der Tochter nicht mehr verkürzen laſſen. Ueber⸗ dem mußte Eliſabeth wirthſchaften lernen, ſtudieren am Kochen, Waſchen und Plätten; denn bisher hatten ihre wiſſenſchaftlichen Studien ihr dazu nicht Zeit gelaſſen. Sie war auch äußerſt geſchäſtig und wißbegierig, und es war ſpaßhaft, wenn ſie dem Bräutigam von Zeit zu Zeit ihre erworbenen Kenntniſſe mittheilte und ihn zu überzeugen ſuchte, daß ſie die Kunſt des Haushaltens und Sparens bis in das Unglaubliche treiben würde. Es kömmt wirk⸗ lich nur auf die Art an, wie etwas zubereitet wird, konnte ſie verſichern, die Zuthaten ſind Nebenſache,— von funf⸗ zehn guten Kaffeebohnen drei Taſſen. Alſo auf eine Taſſe fünf Bohnen, dividirte der Bräutigam richtig. Falſch ge⸗ rechnet! triumfirte ſie, eine Taſſe von fünf Bohnen iſt weit ſchlechter als drei Taſſen von fünfzehn Bohnen. Sie ſetzte ihm die Behandlung auseinander, und die Sache war unzweifelhaft.— Dann iſt es ſehr ſparſam, altes Brot zu eſſen, verſicherte ſie. Aber friſches Brot ſchmeckt beſſer, 266 warf er ein. Aber auch altes ſchmeckt recht gut, fuhr ſie fort, und dann muß man nie zu feine Vutter kaufen, die iſt erſtens ſehr theuer, und man nimmt weit mehr davon. Alſo, zog der Bräutigam ernſthaft den Schluß, ich habe Ausſichten auf dünnen Kaffee, altes Brot und ſchlechte Butter. Eliſabeth zürnte das Vergnügen, eine Muſterwirthſchaft zu führen, gehe doch wirklich über fri⸗ ſches Brot und Sahnenbutter. Herr von Kadden wandte ſich an den Schwiegervater, um ſich belehren zu laſſen, wie weit in dieſer Hinſicht das Regiment der Frauen reiche. Darin ſind wir gänzlich drunter durch, verſicherte dieſer, und es ſind uns nur Bittſchriften geſtattet. Eliſabeth lachte und dachte mit nicht geringer Sicherheit: ich möchte eigentlich wiſſen, wo meines Regiments Grenzen ihren Anfang nehmen. Wenn Eliſabeth in Woltheim war, nahm ſie ſich ſehr zuſammen, die Großeltern ließen hin und wieder ein Wörtchen fallen, was ihr ſtörend war. Die Großeltern irrten ſich natürlich; wenn man ſich gegenſeitig ſo lieb hat, iſt das Glück geſichert! war immer wieder ihr ſtiller Triumf. Leſt und ſprecht Ihr auch zuweilen ernſthafte Dinge? fragte die Großmama einſt in einer traulichen Stunde. Bis jetzt, liebe Großmama, ſind wir eigentlich noch nicht dazu gekommen, war Eliſabeths Antwort. Aber ich danke dem Herrn täglich für mein Glück, fuhr ſie fort, und wenn die unruhige Brautzeit erſt vorüber iſt, dann will — ——— — 267 ich meine Zeit auch ſchön ordnen, und wir wollen täglich zuſammen leſen. Habt Ihr das verabredet? fragte die Großmama. Nein, entgegnete Eliſabeth, aber ich habe es mir feſt vorgenommen, wir ſind auch jetzt nur immer ſo flüchtig zuſammen, die Zeit iſt im Sommer ſo ſchnell hingegangen. Schon im Winter ſoll das beſſer werden, da geht man nicht ſo viel ſpatzieren. Ihr ſtudirt aber Engliſch zuſammen? fragte die Großmama. Das haben wir aufgegeben, entgegnete Eliſabeth lachend; denke Dir, daß wir uns dabei immer gezankt haben. Er ſprach ſo viele Worte anders aus als ich, und meinte, es ſei recht, und ich werde es doch beſſer wiſſen, meine Miß iſt in den vornehmſten Häuſern geweſen. Als wir merkten, daß es ohne ein Bischen Confuſion nicht gehen wollte, haben wir es ganz gelaſſen,— Du glaubſt nicht, wie vernünf⸗ tig wir ſind. Ihr hättet Euch aber lieber vertragen ſollen, rieth die Großmama, das wäre noch vernünftiger geweſen. Lieber den Streit laſſen, als die Sache; Gelegenheit zum Streit werdet Ihr ſonſt immer finden. So muſizirt Ihr zuſammen, ſeid nicht ganz einig, und laßt es lieber. Ihr geht zuſammen ſpatzieren, zankt Euch leicht dabei, und ſeid ſo vernünftig, lieber nicht ſpatzieren zu gehen. Groß⸗ mama, tröſtete Eliſabeth; es war ja nicht ſchlimm, es war Alles nur Scherz.— Ein Vaterunſer haben wir noch nicht nöthig gehabt zu beten, ſetzte ſie lächelnd hinzu. — Schiebe es ja nicht zu lange auf, warnte die Groß⸗ mama wieder. Ja, liebe Eliſabeth, wenn Ihr wieder 268 einmal nicht ganz einig ſeid, ſo verſuche es, nachzugeben; es iſt weit beſſer, Du lernſt es jetzt ſchon, Du glaubſt auch nicht, wie ſchön das iſt.— Eliſabeth nickte freundlich. Er iſt auch immer gleich ſo gütig, wenn ich ihm nur etwas entgegen komme, ſagte ſie glücklich. Im Oetober wurde Eliſabeths neunzehnter Geburts⸗ tag bei den Großeltern gefeiert, ihre Eltern und Geſchwi⸗ ſter waren dort. Es war ein froher Tag. Als der Groß⸗ vater die Morgenandacht hielt, auf das verfloſſene Jahr zurückſchaute und das Brautpaar aufforderte, ihre Her⸗ zen in Dank und Liebe dem Herrn zu geben, drückte der Bräutigam Eliſabeths Hand, und ſeine Gedanken erſchie⸗ nen einmal da oben in recht aufrichtiger dankender Hin⸗ gabe. Am Geburtstage wurde auch die Hochzeit feſtgeſetzt: im Frühjahr, wenn die Veilchen blühten, ſollte ſie ſein. Die Wohnung wurde ſchon beſprochen, man überlegte, welcher Stadttheil der beſte ſei, auch auf den nöthigen Raum, die nöthigen Möbel wurde gedacht. Kurz und gut, die Sache ſollte nun Ernſt werden. Eliſabeth war ſehr eifrig, ſich in ihre neue Hausfrauen⸗Würde immer mehr einzuleben, und konnte zuweilen äußerſt vernünftig reden. Nachdem Eltern und Geſchwiſter abgereiſt waren, hatte ſie die Erlaubniß noch vierzehn Tage zu bleiben, als letzten längeren Beſuch bei den Großeltern. Den Winter wollte ſie dann in Ruhe und Fleiß bei der Mutter zubringen. Die Herbſttage waren gerade wunderſchön, der Bräutigam ——————— 269 erſchien jeden Mittag und blieb bis zum Abend, und je⸗ der Tag brachte irgend einen hübſchen Spatziergang oder eine Fahrt oder ein Familienvergnügen mit Oberförſters. In Braunhauſen hatte das Brautpaar einige Viſiten ge⸗ macht, außerdem aber aber keinen Verkehr angeknüpft. Das Publikum war nicht ganz zufrieden damit, wenigſtens meinte es, das Recht dadurch zu haben, dem Brautpaar gegenüber eine kritiſche Stellung einzunehmen. Höre mal, Kadden, begann Herr von Stottenheim eines Tages feierlich, ich muß wirklich einmal als Freund zu Dir reden, Du vernachläſſigſt Deine Bekannten hier in einem ſolchen Grade, daß es Dir ſpäter ſchwer werden wird, mit Deiner jungen Frau in dieſem Kreiſe zu leben. Ich vernachläſſige ſie? fragte Kadden verwundert. Ja fteilich, ſeitdem Du Dich verlobt haſt, biſt Du für uns nicht mehr da. Du läßt Dich von der Familie wirklich zu ſehr hinnehmeu, zu ſehr beherrſchen, ein Mann muß doch ſeine Selbſtändigkeit bewahren. Ich verſichere Dich, lachte Kadden, daß es immer mein ſelbſtändiges Verlan⸗ gen iſt, wenn ich mit der Familie bin, weil es mir au⸗ ßerordentlich wohl da iſt. Du biſt ein guter Junge, ſagte Stottenheim väterlich, Du läßt Dich da umgarnen, ohne daß Du es ahnſt, es müßte Dir doch jedenfalls Vergnü⸗ gen machen, mit Deiner reizenden Braut in unſeren Ge⸗ ſellſchaften auch einmal zu erſcheinen.— Dazu hat ſie keine Luſt, entgegnete Kadden ſchnell.— Da haben wir es! rief Stottenheim, das wollte ich eben ſagen, wenn 270 ſie keine Luſt hat, muß ſie es aus Rückſicht für Dich und Deine Freunde thun. Sie verlangt, daß Du Dich in ihre Lebensweiſe hineinfügſt, das geht natürlich von ihrer Familie aus; Du mußt Dich aber nicht ganz und gar re⸗ gieren laſſen, ſie müſſen doch auch fühlen, welche Rück⸗ ſichten ſie Dir ſchuldig ſind.— Kadden fühlte es heiß werden in ſeiner Bruſt. Die Vorſtellungen des Freundes hatten leider etwas Wahres, er hatte einige Mal Wünſche geäußert mit Eliſabeth an Partien, welche ſeine ſtädtiſchen Freunde unternahmen, theilzunehmen, aber es war ihm ausgeredet worden, und da er ſich mit Eliſabeth überall glücklich fühlte, hatte er ſeine Wünſche ſchnell aufgegeben. Sich in der Art, wie er es eben von Stottenheim erfuhr, von ſeinen Freunden beſprochen zu wiſſen, war ihm gar nicht angenehm; er unterdrückte aber dieſe Gefühle und ſagte ſcherzend? Wenn es mir mehr Vergnügen macht, mit meiner Braut dort zu ſein, als hier in Euren Geſellſchaf⸗ ten, ſo müßt Ihr geſtehen, daß ich mein gutes Theil an der Regierung habe.— Ich wiederhole noch einmal, Du täuſcheſt Dich, entgegnete Stottenheim eifrig, und ich ſage Dir, laß Dir die Leutchen nicht über den Kopf wachſen. Ich beſtreite ja ihre Liebenswürdigkeit nicht, ich fühle mich ſelbſt ſehr wohl zwiſchen ihnen, aber Du darfſt darüber Deine Freunde hier nicht ganz und gar vernachläſſigen, und wenn ſie Dich dazu verleiten wollen, mußt Du ein Mann ſein, mußt Dir überlegen, daß es ſo nicht geht, und nach Deinem eigenen Einſehen handeln. 271 Biſt Du nun fertig? fragte Kadden kurz.— Stot⸗ tenheim wollte etwas entgegnen.— Ich danke Dir ſchön, fuhr Kadden fort, beruhige Dich aber, ich werde die Sache ganz zu Deiner Zufriedenheit löſen.— Ich war gefaßt auf einige Gereiztheit von Deiner Seite, nahm Stottenheim äußerſt freundſchaftlich das Wort, ich nehme es Dir auch nicht übel, ich habe es für meine Pflicht ge⸗ halten, Dich zu warnen. Du willſt doch hier mit uns leben. Daß der glückliche Ranſch, in dem Du Dich jetzt befindeſt, vorübergehen wird und muß, biſt Du geſcheit genug einzuſehen. Den Umgang, den Du jetzt abgebro⸗ chen, wirſt Du natürlich nachher wieder anknüpfen müſſen, Du kannſt Dich dann nicht wundern, wenn Du pigquirte Geſichter ſindeſt. Außerdem hat dieſes Wechſeln etwas unſelbſtändiges, Unbedachtes.— Ich habe aber durchaus meinen Umgang hier nicht abſichtlich abgebrochen, unter⸗ brach ihn Kadden ärgerlich, es hat ſich ſo ganz natürlich geſtaltet und wird ſich, wenn ich verheirathet bin, ganz natürlich wieder anders geſtalten.— WMit der Antwort bin ich vollſtändig zufrieden, ſagte Stottenheim und reichte dem Freunde die Hand. Nun thue mir aber den Gefallen und nimm an der Jagd morgen Theil. Der Obriſt läßt Dir für den Rückweg einen Platz in ſeinem Wagen anbie⸗ ten, das Diner wird ſpät, und in der Nacht zu reiten iſt gerade nicht angenehm. Kadden war einen Augenblick nachdenklich, er fühlte wirklich, daß er eigentlich keinen freien Entſchluß in ſol⸗ chen Stücken mehr habe. Eliſabeth war nur noch zwei Tage in Woltheim: würde ſie es leiden, daß er einen Tag davon einer Hetziagd widmete? Erſtens liebte ſie für ihn das Jagen, weil ſie ein tolles Reiten dabei fürchtete, gar nicht, und dann um einer ſo albernen Geſellſchaft, wie ſie gern bereit war zu ſagen, den ganzen Tag von ihr zu bleiben, war auch kaum denkbar. Meine Braut iſt nur noch zwei Tage in Woltheim, ſagte er jetzt mit erzwungener Ruhe; daß ich da lieber mit ihr, als auf der Jagd bin, wirſt Du natürlich finden.— Wir ſind wieder auf dem alten Punkt, entgegnete Stotten⸗ heim, Du ſollſt es aus Klugheit thun, Du ſollſt Deinen Freunden beweiſen, daß Du nicht ganz und gar unter dem Pantoffel ſtehſt, noch thun kannſt, was Du willſt.— Unſinn! zürnte Kadden.— Thue es mir zu Liebe! bat Stottenheim, der es wirklich in ſeiner Art ganz aufrichtig meinte. Ich habe es eigentlich über mich genommen und gar nicht bezweifelt, daß Du die Einladung annehmen würdeſt.— Gut! ſagte Kadden jetzt ſchnell, ich will kommen. Natürlich bleibe ich nicht zum Diner, ſondern reite nach der Jagd ſogleich nach Woltheim. Der Freund war ſehr einverſtanden. Er ſprach noch, f wie man mit der gehörigen Klugheit ſich eine Stellung in der Welt bewahren müſſe, wie man mit einem gewiſſen klugen Benehmen Anſtoß nach allen Seiten hin vermeiden könne, und auf dieſe Weiſe ein nach allen Seiten hin an⸗ genehmes Witglied der menſchlichen Geſellſchaft ſei. Kad⸗ 273 den ſagte ſehr wenig dazu, in ſeinem Innern kochte es, und er war ftoh, als der geſprächige Freund ſich entfernte, und er den Weg nach Woltheim antreten konnte. So viel hatte er im Umgang mit Herrn von Bud⸗ mar ſchon gelernt, daß er die Haltloſigkeit und Leere von Stottenheims Lebensanſichten herausfühlte, ihnen aber ent⸗ gegen zu treten fehlte es ihm an Muth und auch an Er⸗ kenntniß. Auch ſeiner Schwiegermutter Grundgedanke bei allen ernſteren Geſprächen war immer, weil ſie davon ſo gut aus Erfahrung ſprechen konnte, nur äußeren leeren Rückſichten nicht das eigene Glück zu opfern. Er war mit ihr immer ganz einverſtanden geweſen, hatte es ſich auch ganz leicht vorgeſtellt, wenn er mit Eliſabeth nur glücklich ſein durfte, nach der ganzen Welt nicht zu fragen, und hatte ſich dabei ſein häusliches Leben mit ihr ſehr lieblich und friedlich ausgemalt. Daß die Wogen der Welt von außen her ein ſolches Leben bedrohen, wohl gar erſchüt⸗ tern können, und oft ſchon durch die geringfügigſten Dinge, wenn dies Leben nur auf den leichten Sand der Gemüth⸗ lichkeit, die holden Regungen eines ſchwachen Menſchen⸗ herzens, und nicht auf einen Felſengrund gebauet iſt, das hatte er nicht gedacht.— Er ritt ſehr langſam nach Woltheim; er konnte es ſich nicht verbergen, daß er eigentlich Furcht habe, ſeiner kleinen ſehr verwöhnten Kö⸗ nigin einmal einen feſten Entſchluß, der allerdings etwas thöricht war, mitzutheilen.— Thöricht? fragte er ſich, warum denn? Du wirſt doch die Hetzjagden nicht aufgeben Eliſabeth. 1. 18 274 wollen, da ſie dir ſo viel Vergnügen machen? Rein, auf⸗ geben nicht, war die Antwort, aber morgen wäreſt du lieber mit deiner holden Braut als mit den Herren gewe⸗ ſen, ganz abgeſehen davon, daß man einer Braut zu Liebe auch ſonſt wohl ein Vergnügen aufgeben könnte.— Alſo nur aus Schwäche, aus Furcht vor dem albernen Gerede der Menſchen hatte er das Verſprechen gegeben. Er hatte es oft gehört in der Familie, deren gefährliche Lebensluft er jetzt athmen mußte, daß Gottes Wort in allen Dingen der ſicherſte Führer iſt, auch in allen Klei⸗ nigkeiten, die unwichtig erſcheinen, aber doch eigentlich nicht unwichtig ſind, weil eben das ganze Leben mit ſo Klei⸗ nigkeiten zuſammenhängt. Ein Mann, der Gottes Wort zur Richtſchnur hätte, würde erhaben ſein über lächerlichen Stolz und Menſchenfurcht bei ſolcher Gelegenheit. Ein ſolcher Mann würde ganz ruhig und fröhlich geſagt haben: „Ob die Menſchen denken, ich ſtehe unter oder über dem Pantoffel, daß iſt mir ſehr gleich; ich werde jetzt thun, was recht und mir und meiner Braut lieb iſt. Eure Theilnahme für mein Glück oder Unglück verweiſe ich auf die Zukunft, wartet es ruhig ab.“ Mit dieſem Ausſpruch hätte er ſeine Selbſtändigkeit am beſten bewieſen. Ja das iſt nun noch die wunderbare Seite der Sache, daß, wo Gottes Wort die Grundlage iſt, Alles nicht nur auf die angenehmſte Art erledigt wird, auch auf die klügſte Art. Aehnliche Gedanken kamen dem nachdenklichen Bräu⸗ tigam faſt gegen ſeinen Willen, er war zu geſcheit, um 275 nicht wirklich zu fühlen, daß ſeine Willenskraft, ſeine gu⸗ ten Vorſätze hier doch der Verſuchung unterlegen waren. Er ärgerte ſich entſetzlich über ſich ſelbſt, dann entſchuldigte er ſich wieder und ſagte ſich, die ganze Sache ſei eine Lumperei und gar der Betrachtung nicht werth. Daß ihm dabei wieder des Großvaters Worte einfielen:„Wie ein Mann die kleinen Dinge im Leben behandelt, ſo behan⸗ delt er auch die großen“— ließ ihn auch dieſen Troſt nicht recht genießen. In dieſer Stimmung kam er in Woltheim an. Eliſabeth war lieblich und fröhlich wie immer. Sie hatte immer wieder neue Ideen mitzutheilen und neue Auf⸗ träge zu geben. Heute war es ein Blumenfenſter in der neuen Wohnung,— aber ja nach der Mittagsſeite hin,— und ein kleiner Hühnerſtall zu den engliſchen Hühnern, die Onkel Karl ihr verſprochen. Die Hühner, das war aus⸗ gezeichnet berechnet, ſollten mit den Pferden zuſammen wohnen, damit kein Körnlein Hafer umkommen möchte. Herr von Kadden wurde vergnügt mit ihr und vergaß ganz und gar die fatale Hetzjagd. Sie inquirirte aber auch nach den Fenſtermaaßen der neuen Wohnung, die er jeden Tag verſprochen und die ſie nothwendig zu den Vorhängen und Roulleaur haben mußte. Er hatte ſie wirklich wieder vergeſ⸗ ſen. So bringſt Du ſie morgen jedenfalls! bat ſie drin⸗ gend.— WMorgen wird es doch nicht gehen, begann er ietzt und dachte dabei: nur Muth! wiſſen muß ſie es jetzt, aber ich werde ſehr freundlich und ruhig ſprechen.— 18* 276 Warum nicht? fragte ſie ſchnell.— Morgen früh muß ich nach Breitenfeld zur Hetzjagd.— Sie ſah ihn verwun⸗ dert an.— Ich thue es ſehr ungern, fügte er freund⸗ lich hinzu, es ließ ſich aber nicht umgehen.— Wer zwingt Dich dazu? fragte ſie.— Meine Freunde wünſch⸗ ten es ſehr.— Du konnteſt aber wiſſen, daß ich es eben ſo ſehr nicht wünſche, ſagte ſie zürnend; ich begreife gar nicht, wie Du es verſprechen kannſt, ohne erſt mit mir zu reden.— Es war mir unangenehm, es abzuſchla⸗ gen, und ich hoffte, Du würdeſt es mir zu Liebe ſchon erlauben, entgegnete er lächelnd, obgleich er ſchon fühlte, daß er nicht, wie bei früheren kleinen Streitigkeiten, über der Sache ſtand, und Eliſabeths ungezogenen herrſchenden Ton amüſant finden konnte.— Erlauben? nein;— aber meinetwegen kannſt Du thun, was Du willſt! ſagte ſie ganz böſe.— Er fühlte es in ſeiner Bruſt etwas heiß werden. Jetzt iſt ſie wirklich nicht liebenswürdig, dachte er; er ſagte aber nichts und ſah ſie nur ernſthaft an. — Sage nur nicht, daß Du es ungern thuſt, fuhr ſie in großer Erregung fort, ein Mann wird ſich doch nicht zu ſolchen dummen Dingen zwingen laſſen.— Ich habe es ungern verſprochen, ſagte er immer ernſthafter, jetzt wird es mir freilich leichter hinzugehen.— Wie kannſt Du mir das aber wieder ſagen? entgegnete ſie mit zittternder Stimme.— Ueberlege Dir einmal, was Du geſagt haſt, war ſeine kurze Antwort, dann verließ er den Gartenſaal und ging in das Nebenzimmer zu den Großeltern⸗ 277 Alſo hier doch Grenzen deines Regiments,— dachte Eliſabeth,— den Freunden zu Gefallen iſt er unfreund⸗ lich gegen dich! Sie war an das Fenſter getreten, die bunten herbſtlichen Blätter auf den Wegen und auf dem Raſen lagen ſo ſtil im Sonnenſcheine, die Bäume mit dem wenigen Laube ſchimmerten wohl prächtig gegen den tiefblauen Himmel, aber es war Alles ſo ſchweigſam und wehmüthig, vertrocknete Blumen hingen traurig ihre Köpfe und einzelne Bienen ſummten ſuchend umher, ohne viel zu finden. Eliſabeth dachte an die ſchönen Maientage, wo Blüthen und Frühlingsſchmuck im Ueberfluß; es war ihr als ob die Blumen und Blüthen ihrer Liebeswelt auch alle verblühet wären. Wenn er unfteundlich gegen dich iſt, kannſt du nicht glücklich ſein!— ſtellte ſie ihre Betrach⸗ tungen an;— du biſt zwar etwas heſtig geweſen— Und warum? Würde der Vater die Mutter fragen, wenn er für ſich eine Einladung annehmen will? Oder der Onkel Oberförſter würde er die Tante erſt fragen? Nein. Sie hatte ſich ihre Liebe aber auch weit ſonniger und ſchöner gedacht.— Was würden die Großeltern ſagen, wenn ſie den Streit gehört hätten? Sie erröthete etwas vor Ueber⸗ raſchung, als ſie ihre Worte überlegte. Aber, fügte ſie hinzu, ähnlich habe ich ſchon öfter gezankt, und er hat darüber gelacht und mich zuftieden gemacht,— er war heut übler Laune. Daß aber überhaupt ein Wechſel in ſeinen Launen ſtattfinden könne, war eben die erſte bittere Erfahrung, die ſie machte.— Der Schluß ihrer Be 278 trachtung war, noch abzuwarten, ob er nicht doch zuerſt würde wieder freundlich ſein. Es war Mittag, man ſetzte ſich zu Tiſche. Onkel Karl und Charlottchen und die Großeltern waren geſprä⸗ chig und vergnügt wie immer, auch Herr von Kadden ſprach lebhaft mit, aber die Großeltern merkten gleich, daß es zwiſchen dem Brautpaar nicht ganz richtig ſei. Bei Gelegenheit, daß vom folgenden Tage die Rede war, er⸗ wähnte er beiläufig, daß er morgen zu einer Hetzjagd nach Breitenfelde eingeladen ſei und auch hingehen müſſe. Alſo dies der Grund! dachte der kluge Großpapa ſogleich, und er freute ſich, daß Eliſabeth die Erfahrung machte, wie es nicht immer nach ihrem Willen gehe. Das iſt ja ſchön! wandte er ſich zu dem jungen Mann, es iſt auch herrliches Jagdwetter.— Zum Di⸗ ner hatte ich eigentlich nicht die Abſicht zu bleiben, be⸗ gann Herr von Kadden.— Ei warum denn nicht? unter⸗ brach ihn der Großvater verwundert. Die Jagddiners ſind zwar nicht in allen Häuſern ſchön, ſetzte er lächelnd hinzu, aber in Breitenſtein kann man es ſchon aushal⸗ ten.— Aushalten, ja; aber ich habe mir aus ſolchen Geſellſchaften nie viel gemacht, verſicherte der junge Mann mit einem aufrichtigen einfachen Ton.— Deſto beſſer, entgegnete die Großmama fteundlich, wir Frauen lieben dieſe Herren⸗Diners nicht ſehr.— Eliſabeth hatte ſich in wahrer Herzensangſt zu Charlottchen gewandt und ließ ſich von ihr allerhand erzählen, bis die Unterhaltung zwi⸗ 279 ſchen den Großeltern und dem Bräutigam eine andere Rich⸗ tung genommen hatte, und die Tafel dann aufgehoben wurde. Die Großeltern mußten jetzt Mittagsruhe halten; das Brautpaar ging wie gewöhnlich um dieſe Zeit in den Gar⸗ tenſaal, wo Eliſabeth, mit einer Arbeit beſchäftigt, ſich von dem Bräutigam vorleſen ließ. Ob er wirklich vor⸗ leſen kann? dachte ſie geſpannt; ich könnte es nicht, ich könnte nicht einmal reden.— Ganz feſt und ruhig griff er nach dem Buch und fragte ebenſo: Ich ſoll doch vor⸗ leſen? Sie nickte nur.—„ Das Wort der Frau“ war es, was ſie in dieſer Zeit angefangen hatten; es war ſo ſchön und ſo romantiſch, Eliſabeth hatte es ſelbſt ausgewählt. Das Wort der Frau hatte auch in dem Gedichte auf eine ſo liebliche Weiſe die beſtimmende Macht. Wenn ſie ſich freilich in dieſen fürſtlichen Frauen jetzt ſpiegeln wollte, mußte ſie ſehr traurig ſein.— Als ſie ſo eine Weile neben ihm ſaß, und er nie aufſah, um ſie freundlich anzublicken, da ward es ihr ganz bange. Sie fühlte deut⸗ lich, daß er nicht würde zuerſt wieder freundlich ſein, daß ſie jetzt nachgeben müſſe; ſie wollte das auch lieber, als ihn ſo kalt und fremd neben ſich ſehen. Sie legte plötzlich ihre Hand ſanft auf das Buch und ſagte: O bitte, lieber Otto, lies nicht mehr! Er ſah ſie erſt fragend an, aber er war ſelbſt froh, daß dieſer peinliche Zuſtand aufhören ſollte, und hatte nicht viel Neigung, ihren bittenden Blicken zu widerſtehen; ja es wurde ihm ordentlich ſchwer, ihre 280 Verſicherung ruhig mit anzuhören, daß ſie wirklich ſehr ungezogen geweſen, und daß er ihr zur Strafe auch zum Diner bleiben möchte. Doch hörte er es ruhig mit an. Der Großvater hatte ihn durch das zwar an und für ſich unbedeutende Geſpräch bei Tiſche doch bedeutend geſtärkt. Er berührte auch den kleinen Streit nicht mehr, aber Eli⸗ ſabeth ſah an ſeinen glücklichen Augen, daß er völlig ver⸗ ſöhnt ſei.„ Als ſie beide wieder bei den Großeltern erſchienen, merkten dieſe ſogleich, wie die Sachen ſtanden; ſie merk⸗ ten auch an Eliſabeths kindlicher und glücklicher Fügſam⸗ keit und an ſeiner zwar ſehr liebreichen aber ruhigen Würde, daß Eliſabeth einmal hatte nachgeben müſſen. Als am ſpä⸗ ten Abend das Brautpaar in der Saalthür Abſchied nahm, ſagte er glücklich: Wenn Du ſo liebenswürdig biſt, werde ich doch nicht morgen fort können.— O doch, Du mußt hin! verſicherte ſie, ich bitte Dich darum, dann verſchmerze ich es eher, daß ich ſo ungezogen war.— Ich weiß doch noch nicht, ſagte er lächelnd.— Als er das Pferd beſtiegen hatte, und ſie ihm noch einmal die Hand hinauf reichte, bat ſie nachdrücklich: Du darfſt nicht eher kom⸗ men als morgen Abend! Am folgenden Morgen ganz früh erſchien Stottenheim bei ſeinem Freund. Du gehſt doch mit? fragte er haſtig. Ich weiß doch noch nicht, entgegnete dieſer lächelnd. Alſo wirklich keine Erlaubniß erhalten? ſagte Stottenheim mit höchſt weiſem Kopfſchütteln. Im Gegentheil, verſichert 281 Kadden freudig, wenn ich mitgehe, thue ich es nur auf Befehl meiner Braut. Stottenheim ſah ihn verwundert an. Und der Großpapa, fuhr Kadden fort, hat mich dringend aufgefordert, auch zum Diner zu bleiben. Wahr⸗ haftig? ſagte der verwunderte Freund. Es iſt aber aller⸗ liebſt, fügte er hinzu, und Du gehſt nun mit. Meine Braut, ſagte Herr von Kadden, wird nur trotz des erlaſ⸗ ſenen Befehles ſein, wenn ich ſie überraſche. — Ihr könnt aber morgen glücklich ſein! lachte Stotten⸗ heim, und nachdem der Bräutigam noch etwas innerlich hin⸗ und hergeſchwankt, entſchloß er ſich mit dem Freunde zu gehen, und gab dem Burſchen Befehl, das Pferd be⸗ reit zu machen. An demſelben Morgen ging Eliſabeth ſchon früh ſpatzie⸗ ren, es war ſo thauig und friſch und ſonnig glänzend, und ſie war ſo glücklich. Sie hatte ihre kleine Bibel mit⸗ genommen und wollte dort, wo die Tannen beginnen, an einem ſtillen ſonnigen Platz ſich hinſetzen und leſen. Es war das in letzter Zeit ſelten vorgekommen, ſie hatte dem lieben Gott nur immer kurze Viſiten gemacht, nur ihm ihr volles glückliches Herz entgegengebracht, erfüllt von Dank und erfüllt von der Bitte um Dauer des Glücks. Sie hatte ihn aber auch vertröſtet, daß ſie ſpäter ſich recht viel und regelmäßig ernſthaft beſchäftigen würde. Wenn ſie erſt verheirathet war, wollte ſie nicht mehr ſo zerſtreut und ſo viel mit anderen Dingen beſchäftigt ſein. Sie ſaß vor dem Tannenwalde, hatte die Bibel vor 282 ſich— und ſchlug ſie doch nicht auf.— Warum hatte ſie ſich wohl hier hingeſetzt, wo ſie die Kirſchenallee, den Weg von Braunhauſen überſehen konnte? Sie war eine Thö⸗ 5 rin, ſie hatte im Herzen die ſtille Hoffnung, der Bräuti⸗ gam mäöchte die Jagd trotz ihres geſtrengen Befehles auf⸗ geben und kommen, und da er der Jagd wegen Urlaub hatte, konnte er auch ſchon früh kommen. Darum ſaß ſie hier, ſchaute wartend nach der Kirſche llee und vergaß das liebe Buch auf ihrem Schooße. eh⸗ aber und ſann, und ging hin und her, und ſaß wieder, er kam nicht,— ſie mußte endlich ihre thörichte Hoffnung aufgeben, und den Rückweg antreten.— Ohne zu leſen? Sie war heute zu unruhig, konnte ihre Gedanken nicht ſammeln, aber im Gehen noch einmal die Bibel aufſchlagen, und das Auf⸗ geſchlagene ſich zum Troſte deuten, das that ſie recht gern. Sie nahm die Pſalmen und ihre Augen fielen auf die Worte:„Hienieden auf Erden rufe ich zu Dir, wenn mein Herz in Angſt iſt; Du wolleſt mich führen auf ei⸗ nen hohen Felſen. Denn Du biſt meine Zuverſicht, ein ſtarker Thurm vor meinen Feinden.“ Ach ja, ich habe noch viel Feinde in mir, ſagte ſie ſich ſeufzend, ich weiß nicht, wie es werden foll! Lieber Herr, verzeihe mir nur, daß ich thue, als ob ich ohne Dich könnte glücklich ſein, ich weiß es recht gut, daß es ſo nicht gehe, aber jetzt bin ich ſehr ſchwach. Jetzt quält mich der Gedanke, wie es mit unſerer Liebe wird, ob er mich wohl jetzt noch ſo lieb hat als im Anfang, und ob 283 ich ihn heut ſo lieb habe, als ich ihn geſtern hatte? Nach dem, was geſtern vorgefallen iſt, hätte er heute gerade kommen müſſen, und mich damit belohnen. Wenn er mein Herz ſo recht verſtände, ſo müßte er wiſſen, daß es mich ſehr glücklich machte, wenn er kam, und dann wäre Alles gut geweſen. Aber ſo iſt es doch ſehr bedenklich, ob der Großpapa nicht recht hat, daß eine gegenſeitige Liebe nicht hinreicht und ausreicht zum Glück und Troſt in allen Fäl⸗ len. Es bleibt mir jetzt gar nichts anderes übrig, als liebreich und freundlich gegen ihn zu ſein, ſonſt wird die Sache wieder ſchlimm; denn darin ſcheint der Großpapa auch recht zu haben, daß Männer es nicht vertragen kön⸗ nen wenn man ihnen Vorwürfe macht, und das iſt doch gewiß ſehr ſchlimm. Ich habe gedacht, man könnte Alles aus Liebe ertragen; aber wenn man ſich zankt und ſich ärgert, da merkt man auch nichts von der Liebe, alſo die Liebe hilft einem in ſolcher Noth gerade gar nicht. In ſol⸗ chen Fällen muß man vielleicht ein Vaterunſer beten und den lieben Gott um Hülfe bitten, daß man auch gern thut, was man thun muß. Aber es iſt doch anders, wie ich es mir gedacht und geträumt habe, und traurig iſt das jedenfalls. NMit ſolchen Gedanken beſchäftigte ſich Eliſabeth den lieben langen Tag, ſie überzeugte ſich dabei aber auch im⸗ mer mehr, daß ſie den Bräutigam wirklich freundlich und liebreich empfangen müſſe, und ſtärkte ſich zu dieſem ver⸗ nünftigen Entſchluß mit ſanftmüthigen und liebreichen Ge⸗ 284 1 danken. Als die Nachmittagsſonne ſich wieder leiſe hin⸗ abſenkte in Weſten, wandelte ſie ganz einſam fort, dem Bräutigam entgegen. Sie war auch kaum einige hundert Schritte in der Allee hinauf gegangen, als er daher ge⸗ flogen kam. Warum erſchrak ſie ſich denn, anſtatt ſich zu freuen? Ach der Groll, mit dem ſie den Tag über gekämpft hatte, der regte ſich wieder in ihrem Herzen. Wenn er dich ſo lieb hätte als früher, er würde nicht den ganzen Tag fort⸗ gegangen ſein, da wir den langen Winter getrennt ſein ſollen, und wenn er dich recht lieb hätte, hätte er deine Sehnſucht mitgefühlt. Als ſie ſo dachte, ward es ihr im⸗ mer banger und heißer um das Herz,— nein, es iſt ſchrecklich, du kannſt ihm zu Liebe jetzt nicht freundlich ſein, du haſt ihn heut nicht ſo lieb als geſtern, ſprach ſie mit beſter Ueberzeugung. Aber er kam ja immer näher, ſie mußte ſich entſchließen. Sie hätte ihn weinend begrü⸗ ßen mögen und ihm ſagen: Ich bin ſo ſehr traurig, weil ich Dich heut nicht ſo lieb haben kann als früher. Was ſollte dann aber werden? Dann wird es nur ſchlim⸗ mer und deine Noth größer.— Sie blieb ſtehen, hatte die Hände krampfhaft in einander gefaßt. O lieber Herr, kann ich denn Dir zu Liebe nicht nachgeben und freund⸗ lich ſein? Hilf mir doch, daß ich gar nicht daran denke, ob er mir Unrecht gethan hat. Laß mich nur an Dich den⸗ ken, und denken, daß Du es verlangſt, ich ſoll jetzt von Herzen freundlich und ſanſtmüthig ſein.— Ich werde es 285 doch nicht ganz verlernt haben, dem Herrn zu Liebe etwas zu thun, dachte ſie, und es ward ihr plötzlich ganz ſelig zu Sinne. Ja dem Herrn zu Liebe, dem Herrn, der mir immer mit gleicher Liebe und Treue nahe iſt, und dem ich ſo lange gar nichts zu Liebe gethan habe, dem kann ich heut etwas zu Liebe thun. Als der Gefürchtete vor ihr hielt, ſich aus dem Sat⸗ tel ſchwang und ſie freudig begrüßte, da konnte ſie ihm ganz offen und liebreich in die Augen ſchauen. Das Pferd am Zügel haltend, ging er neben ihr her. Du glaubſt nicht, liebe Eliſabeth, wie ich mich nach Dir geſehnt habe, ſagte et warm. Ich auch, war ihre leiſe aber freundliche Antwort. Weißt Du, daß ich heute Morgen beinahe doch zu Dir gekommen wäre? fuhr er fort. Sie lehnte ſich zur Antwort nur an ſeine Schulter. Er neigte ſich und ſah ſie fragend an: ja ſie hatte Thränen in den Augen, aber ſie ſchaute auf, ſo lieblich und freundlich, ſie ſchien weder zu zürnen noch war ſie traurig; ſie war ihm aber unver⸗ ſtändlich. Er brach einen ſchwanken Zweig von einem jungen Baum und ſagte: Weißt Du, Eliſabeth, als die Eisblumen daran blühten, und dieſe Blätter in den feinen praunen Knospen ſaßen? Eliſabeth nickte. Jetzt fallen dieſe Blätter ab, aber es ſind darunter wieder kleine braune Knospen.— Und die Sonne und der ſchöne blaue Him⸗ mel iſt immer wieder da, um ſie herauszulocken, fiel Eliſa⸗ beth ein. O ich habe heute immer in den ſchönen blauen Himmel ſehen müſſen, fuhr ſie fort, ich wollte ihn ergrün⸗ 286 den und ſchaute ſo tief hinein, und je tiefer ich ſchaute, je wohler und ſtiller ward es mir im Herzen. Das Blau iſt ſo wunderbar ſchön, ſo wie der Frieden ſelbſt.— Darum iſt auch Blau die Farbe der Treue, ſagte er.— Und Treue iſt ſchöner als Liebe, ſiel ſie ſchnell ein, dann war ſie bange, ob ſie ihre heutigen Kämpfe nicht verrathen habe, und ſchaute ihn unwillkürlich zagend an. Er ging nachdenklich neben ihr her, es ward ihm immer deutlicher, ſie war heute anders,— er war es kaum gewohnt, ſie nicht immer hüpfen und ſcherzen zu ſehen. Sie kamen an einem Kaſtanienbaume vorbei, der ſeine bunten Blätter weit auf den Weg und auf den Ra⸗ ſen geſtreut hatte; die ſchrägen warmen Sonnenſtrahlen fie⸗ len aber ſo voll und golden auf die kleine Birkenbank die darunter ſtand, daß Herr von Kadden unwillkürlich vor dem einladenden Plätzchen ſtehen blieb. Ja, ſchnell warf er den Zügel des Pferdes um einen Aſt und führte Eliſa⸗ beth nach der Bank. Sie ſetzten ſich, er nahm ihre beide Hände, ſah ſie forſchend an und ſagte: Nun liebe Eliſa⸗ beth, ſage mir erſt, was Du auf dem Herzen haſt. Der Angriff war unerwartet, Thränen ſtürten aus ihren Au⸗ gen. Er bat ſie zu reden, das ging nicht ſogleich. Er fragte Weinſt Du um mich? Sie verſicherte jetzt, daß ſie nicht weine, weil ſie traurig ſei; aber ſie wollte ihm auch Alles erzählen, wenn er ihr verſprechen wollte, nicht böſe zu ſein. Das Verſprechen gab er von ganzem Hetzen. Sie erzählte von ihren Erwartungen heute Morgen, 287 von ihren Kämpfen den Tag über, von den guten Vor⸗ ſätzen, aber auch daß, als ſie ihn von weitem kommen ſah, ſie ihn gar nicht lieb hatte. Es war aber eigentlich nicht wahr, erklärte ſie ſchnell, mit dem Groll im Herzen konnte ich die Liebe nur nicht fühlen. Aber ich konnte mich nicht überwinden, mit aller Kraft des Herzens nicht, weil mein Herz matt war. Da wollte ich dem Herrn zu Liebe nachgeben und freundlich ſein, und da habe ich es gekonnt.— Der Bräutigam ſah ſie ſo nachdenkend und theilnehmend an.— Nun bin ich ſo herzlich froh, fuhr ſie lebhafter fort, ſeitdem ich erfahren habe, daß ich Alles was mich hindern will, Dich zu lieben, dem Herrn brin⸗ gen kann; nun bin ich nicht mehr ſo bange, wie ich den ganzen Tag geweſen bin. Ich will mich auch nicht weiter fürchten, was auch kommen mag. Liebe Eliſabeth, ich will auch Alles dem Herrn brin⸗ gen, was Dich hindert, mich zu lieben, ſagte er bewegt; ich habe es auch zum erſtenmal recht deutlich erfahren, daß der gute Wille und die feſten Entſchlüſſe ſchwach find. Du mußt mir verzeihen, und mich dennoch lieb haben. Es ſoll ja immer beſſer werden, ſetzte er weich hinzu. — Wir wollen nicht glauben, daß wir vollkommen ſind, ſagte ſie leiſe, damit wir uns nicht ſo wundern und be⸗ trüben.— Er küßte ſie ſchweigend auf die helle Stirn, ſtund dann eilig auf und führte ſie dem Hauſe zu, wo die Großmutter ſchon ungeduldig in die Saalthür getre⸗ ten war. 288 Wie ſeltſam war das, als ob die Großeltern die Stimmung des Brautpaares mitfühlten, ſie waren ſo ernſt⸗ haft und ſinnig und friedlich. Sie ſaßen auf dem Sofa, die Großmama hatte ihren Kopf an des Mannes Schulter gelehnt. Eliſabeth ſaß ebenſo an ihres Bräutigams Seite und hörte ſchweigend, wie er mit dem Großvater ernſte Dinge ſprach. Eigentliche Glaubens⸗Artikel wurden nie beſprochen, aber der Großvater verſtand es wohl, auch ohne Schlagwörter die rechte Sache hervorzubringen. Heute ſprach er wieder von der Seelen Noth, weil er hoffte, wenn die jungen Leute ſo recht von der Seelennoth ergriffen wären, würden ſie auch nach der Seelenhülfe fragen. Herr von Kadden war heut zum erſtenmal aufmerkſam und wißbe⸗ gierig. Eliſabeth ſchaute zuweilen ſinnend zu ihm hinauf, um ſich ſo glücklich zu überzeugen, daß er es auch wirklich ſei, der neben ihr ſaß. Sie eerinnerte ſich lebhaft des Abends im vergangenem Winter, wo der Großvater ſo ernſthaft ſprach von der Macht der Welt, wie ſie ſo viele junge Seelen in Noth und in das Verderben führt. Da⸗ mals hatte ſie mit zagendem Herzen an die eigene Seligkeit gedacht und nicht gewagt, ſeiner zu gedenken; heute durfte ſie aus voller Seele ſeine Seligkeit mit ihrer eigenen zu⸗ ſammenſchließen. In ihrem Herzen klang jetzt wieder das Lied:„Aus tiefer Noth ſchrei ich zu Dir,“ und als der Großvater eine Pauſe machte, ſtand ſie leiſe auf und ging in den Gartenſaal, wo das Inſtrument noch ſtand, ſie konnte das Lied nicht zurückdrängen, ſie mußte es — 2 289 ſingen. Sie hatte kaum einige Strofen geſungen, als der Bräutigam neben ihr ſtand und mit ſeiner ſchönen Tenor⸗ ſtimme einſtimmte: Denn wenn Du willt das ſehen an, Was Sünd' und Unrecht iſt gethan, Wer will Herr vor Dir bleiben? Bei Dir gilt nichts denn Gnad und Gunſt Die Sünde zu vergeben. Es iſt doch unſer Thun umſonſt Auch in dem beſten Leben. Vor Dir Niemand ſich rühmen kann, Es muß Dich fürchten Jedermann Und Deiner Gnade leben. Als Eliſabeth jetzt aufhörte, nahm er das Buch ſelbſt in die Hand und las das Lied für ſich zu Ende. Die Großeltern hatten zugehört und der Großvater ſagte leiſe: Wir müſſen nie traurig ſein, wenn Wolken und auch kleine Ungewitter ihr Liebesleben trüben, Noth treibt zu Gott. Möchten ſie ihrer Seele Noth kennen lernen, ehe ſie in der Welt auftreten, wo dann dieſe Welt es nicht laſſen wird, ihre Gefühle und Begriffe verwirren zu wol⸗ len. Dein Großmutterherz muß nicht immer wollen ein übermüthiges Brautpaar ſehen. 9 Den Abend war Herr von Kadden noch lange auf und beſchäftigt mit den Erlebniſſen der letzten Tage. Noch nie hatte Eliſabeths Bild ſeine Seele ſo bewegt als heute. Ja, es giebt ein geheimnißvolles Seelenleben, eine geheim⸗ nißvolle Welt dort über uns, und die Fäden zwiſchen bei⸗ den ſind es allein, welche dem Leben Reiz und der Seele euſabeth. 1. 19 290 Bewegung verleihen. Was die Welt Süßeſtes bieten konnte, war ihm ja im vollſten Maaße geboten, eine Liebe, die ihn ganz beglückte; aber mitten in dem Glücke konnte er oft den Gedanken nicht von ſich weiſen: Kann das Glück ſo bleiben? Die Welt ſcherzte über dieſes Flitterwochen⸗ 3 3 Glück, die Erfahrung hatte es ſie gelehrt, daß eine ſolche liebliche Brautliebe der Macht und der Gewohnheit der Zeit weichen muß: ſollte es ſeiner Liebe beſſer ergehen? 3 Sein Verſtand hatte ihn bei ſolchen Gedanken oſt ſchon auf ſeltſame Wege geführt. So wie Eliſabeth dir gefallen hat, kann ſie nicht auch anderen gefallen? Und warum wieder ſoll ſie dich immer lieb haben? Wenn Zeit und Gewohnheit die Liebe abgekühlt, könnte nicht ein Anderer erſcheinen, der ihrer Liebe würdiger war, als er ſelbſt, war er denn nicht ein ſchwacher Menſch trotz aller guten Vor⸗ ſätze? Eliſabeth hatte ihm nie auch die leiſeſte Veranlaſ⸗ ſung zur Eiferſucht gegeben; die äußerſte Gelegenheit hatte gefehlt, aber Eliſabeth vernachläſſigte ſeinetwegen auch Alle, die ihr bisher lieb waren, und wollte nichts anderes, als ganz ungetheilt ihn lieben. Sie will es, wird ſie aber äußeren Einflüſſen widerſtehen können? Sie iſt doch nicht mehr als ein liebliches Kind. In der Nähe der Großeltern hatte er immer gefühlt, obgleich er es ſich nicht erklären konnte, daß Zeit und Ge⸗ wohnheit ihrer Liebe nichts anhaben konnten. Heute hatte der Großvater wieder geſagt: Lieben und leiden zuſammen, zuſammen der Seelen Roth tragen, das iſt das Unvergäng⸗ 291 liche und Selige an der Liebe, das Liebesglück, was die⸗ ſer Welt nur angehört, müſſen wir auch dieſer Welt preis⸗ geben. Er hatte Aehnliches öfter gehört und es blieb ihm unverſtändlich. Wie kann„Seelennoth zuſammen tragen“ das Beſte von der Liebe ſein? Heute, nach den Erlebniſſen der beiden Tage, war ihm das Verſtändniß geworden, er hatte hineinblicken dürfen in die geheimnißvolle Welt dort über ſich, Eliſabeth in ihrer Seelennoth, in ihrem Kampf und ihrem Siege, war jetzt erſt ſein geworden, Eliſabeth war nicht nur ein ſchwaches, liebliches Kind, ſie war ſtär⸗ ker als er ſelbſt, ſtark durch ihre kindliche Demuth. Wie war ihm denn, dem Manne mit dem feſten Willen und dem guten Gewiſſen, in der erſten und ſo leichten Verſuchung, als er ihr gegenüber zum erſten Mal fühlte, daß ſie un⸗ liebenswürdig ſei? Seine Liebe zeigte ihm keinen Weg, weil er nicht Liebe, nur Aerger fühlte, und obgleich er ſich äu⸗ ßerlich zuſammennahm, war er innerlich doch in Noth, und wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß er aufſtand und böſe davonging. Wie wäre es denn geworden, wenn Eliſabeth nicht zuerſt kam? Nun freilich, geſtern hatte ſie Unrecht und mußte kommen, konnte er ſich beruhigen; wenn ſie aber heute, wo ihr Herz doch eigentlich Recht hatte, nicht dem Herrn übergeben hätte, was ſie in ihrer Liebe hindern wollte, wenn ſie launig und verſtimmt war, was wäre dann geworden? Er fühlte ſich hier vor einem La⸗ byrinthe, aber er mußte hindurch. Eliſabeth mit ihrem zarten Gewiſſen und ihrer zarten Gefühlswelt brachte ſich 19* 292 ſchon durch ſolche Kleinigkeiten in Seelennoth und ſuchte in ſolchen Kleinigkeiten die rechte Hülfe; von ihr konnte er ſich jetzt nicht vorſtellen, wie es anders hätte kommen kön⸗ nen. Er dachte an ein Mädchen wie Adolfine, und zwar nicht ohne Erröthen. Bei ſeinem Herkommen hatte ſie ihn bezaubert, er fand ſie intereſſant und hinreißend. Nur zu⸗ weilen fühlte er ein leiſes Widerſtreben gegen ihre Naive⸗ tät, ſein geſundes richtiges Gefühl hielt ihn ab, ſeiner thörichten Neigung ſchnell zu folgen, und es war ein Glück, daß dieſe Naivetät ihm das Recht gab, Adolfinen ganz wie ein Kind zu behandeln und ſich zur rechten Zeit zu⸗ rückzuziehen.— Adolfine neben Eliſabeth,— er mußte tief Athem holen. Der Unterſchied war ihm jetzt erſt ver⸗ ſtändlich. Beide ſchön, kindlich und gumüthig, die eine iſt trunken von der Welt Schönheit und Luſt, die andere ſchaut mit Liebe und Sehnſucht höher hinauf. Wir wol⸗ len dem Herrn übergeben, was uns in unſerer Liebe hin⸗ dern möchte,— das ſollte ihm jetzt ein Troſteswort ſein, wenn ihn der Verſtand auf ſeltſame Wege führen wollte. Trotz unſerer Fehler werden wir uns lieben können, trotz der ſchwachen Herzen und der ſchwankenden Liebe. Ge⸗ meinſame Seelennoth bindet die Herzen ſelig zuſammen, doch Glück und Luſt der Welt führt ſie auseinander.— Es waren dies heut nicht Reflexionen, nein, ſein Verſtand hätte ſich gern geſträubt, das zu begreifen; es war aber das Leben ſeiner Seele, der warme Pulsſchlag ſeines Her⸗ zens. Er fühlte es, Eliſabeths Herz konnte ſich nie wieder 293 von ihm wenden, eine Macht hielt ſie gebunden und dieſe Macht mußte ſie halten in aller Noth, die er und die Welt und das eigene Herz ihr machten. Und wie war es mit ihm?— Er ſtreckte unwillkürlich ſeine Arme aus: — Oſtern iſt ſie mein eigen, ich will ſie bewahren, wie mein Herzblatt, ich will mit ihr ein Kind ſein, demüthig will ich ſein, ich will mich von ihr führen laſſen in eine Welt, die ich nicht begreife, nach der ich mich aber ſehne, in der mein Glück unvergänglich und ſelig ſein wird. Bei dieſen Betrachtungen war ihm immer die Melodie vor dem Geiſte, die er mit Eliſabeth heut Abend geſungen — die Melodie war mit ſeiner Stimmung verwebt, ſie war aber an und für ſich ergreifend. Er verſuchte ſie auf dem Klavier zu finden, dann hätte er auch die Worte gern gewußt. Er ſelbſt hatte kein Geſangbuch, er hatte es ſich längſt anſchaffen wollen und hatte es immer wieder ver⸗ geſſen. Sein Burſche hatte jedenfalls auch keines und war auch nicht zu Hauſe, er entſchloß ſich, ſeine Wirthin ſelbſt darum zu bitten. Die gefällige Frau Friedrichs griff ſchnell zu ihrem beſten mit dem Goldſchnitt und dem gol⸗ denen Kreuz darauf und reichte es dem Herrn Lieutenant, und es kam ihm ſo ein leichter Anflug von Schaam und Verlegenheit, als er es hinnahm. Er hatte auch Mühe das Lied zu finden, da er den Anfang nicht wußte. Er erinnerte ſich endlich, daß es jedenfalls bei den Bußliedern ſtehen müſſe, und fand es nun⸗ Er ſpielte und ſang es ganz durch; ohne eigentlichen Glauben und ohne eigentliche ———————— Buße that es ſeiner Seele wohl, dieſes Lied ſich einzuprä⸗ gen, und er legte das Geſangbuch bei Seite mit dem feſten Entſchluß, ſich morgen ein eigenes holen zu laſſen. Eliſabeth war wieder in Berlin, und Herr von Kadden ruhig in Braunhauſen. Das eintretende ſtürmiſche, naſſe Wetter nöthigte beide ein ſehr einförmiges Leben zu führen. Er mußte ſich mit dem Kreiſe begnügen, den er hatte lang⸗ weilig finden lernen. Nach Woltheim konnte er wegen des ſchlechten Wetters und Weges ſelten, und nach Berlin zu kommen hatte er vor Weihnachten nur einmal Erlaubniß. Es machte ſich ganz von ſelbſt, daß er den Umgang, den er im Sommer vernachläſſigt hatte, wieder anknüpfte. Des Wittags aß er mit ſeinen unverheiratheten Kameraden zu⸗ ſammen und hörte die gewöhnliche Unterhaltung von Ge⸗ ſellſchaften, von jungen Damen, von Anvancements in den verſchiedenen Regimentern und von Pferden und Hunden und Jagden wie gewöhnlich mit an. Nach Tiſch kam Herr von Stottenheim oft ſtundenlang und unterhielt ihn mit vielen gutmüthigen Worten ohne großen Inhalt, oder ſeine jüngeren Kameraden kamen auf ſein Zimmer und waren übermüthig hier. Sein Zimmer war, ſo lange er in Braun⸗ hauſen war, der Verſammlungsort; wenn er auch ſolide war, ſo war er doch generös. Es verging faſt kein Tag, daß der Burſche nicht Tiſchzeug aus dem alten Erbkoffer holen und irgend etwas auftiſchen mußte. Außer dieſer Privat⸗Geſelligkeit beſuchte er auch wieder einige verhei⸗ rathete Kameraden und wurde beſonders von der Bonſakſchen 295 Familie, ganz gegen Stottenheims Erwarten, freundſchaft⸗ lich herangezogen. Frau von Bonſak und die älteren Töch⸗ ter, die nur ihre Unterhaltung im Auge hatten, freuten ſich ſchon auf den Umgang mit der liebenswürdigen jungen Frau von Kadden, und Adolfine war ſo hingenommen von neuen Herzens⸗Angelegenheiten, daß ſie den ungezogenen Herrn von Kadden längſt vergeſſen hatte. Die Frau Obriſt war ſogar ſo gütig, ſich für ſeine neue häusliche Einrich⸗ tung zu intereſſiren, ihm zu rathen und Beſorgungen zu übernehmen. Die Alltäglichkeit mit ihrer unſcheinbaren Macht übt eine große Gewalt über den menſchlichen Geiſt; Herr von Kadden fühlte dieſe Art zu leben, zu ſprechen und zu den⸗ ken, dies ganze Treiben, bald wieder als ein ganz natür⸗ liches und herkömmliches. Das Leben mit ſeiner Braut, ihr Reden und Denken hätte er niemand verrathen mögen, es kam ihm ſelbſt wohl wunderſelig, aber ſo fremd und eigenthümlich vor; ebenſo die Erlebniſſe in den letzten Herbſttagen erſchienen ihm faſt ſchwärmeriſch. Das Ge⸗ ſangbuch, das er ſich ſeinem Vorſatz getreu ſogleich holen ließ, lag unbenutzt auf dem Klavier. Aehnlich war es auch mit Eliſabeth. Ihr leichter Sinn hatte ſich bald über die kleinen bedenklichen Scenen mit dem Bräutigam hinweggeſetzt, ſie war völlig überzeugt, daß ſie eine Thörin war und ſich ohne Nutzen ſelbſt ge⸗ plagt, es war ja Alles ſchön und wundervoll, und ihre Briefe waren holdſelige, bräutliche Briefe. Ernſte Sachen „—— 3 5 296 mit dem Bräutigam zu beſprechen, war einmal nicht ein⸗ geführt. Er war es nie gewohnt, dachte ſie, und wenn man nicht gewohnt iſt, ſo etwas auszuſprechen, ſo iſt es ſchwer; man behält es lieber für ſich. Seine Briefe waren aber ſo zart und ſchön, ſo ernſt und männlich, daß neben der Liebe ſich ein Gefühl des Reſpektes immer mehr geltend machte.— Sie las zwiſchen den Zeilen alles, was er in ernſten, bewegten Augenblicken ausgeſprochen, wieder heraus.— Eben ſo war es mit ihren Briefen: wenn ſie auch nie über religiöſe Gefühle ſprach, ſo waren ſie doch durchweht von dem Geiſte, den ſie ſich wenigſtens ſehnte zum Führer zu haben, und die liebliche kindliche Welt, die ſie ihm ſo ganz ohne Rückhalt erſchloß, bewegte ſein Herz mehr, als es ſein Verſtand zugeben wollte. 17. Der letzte Winter in Berlin. Die Wochen bis Weihnachten waren endlich vergangen, der Bräutigam reiſte nach Berlin und blieb dort bis nach Neujahr. Die Tage waren wunderſchön und die ganze Kühneman'ſche Familie gewann den geliebten Otto ihrer Eliſabeth immer lieber. Eliſe bemerkte mit Freude, daß er Eliſabeth gegenüber doch eine Art Uebergewicht gewon⸗ nen, bei den kleinen Neckereien und Streitigkeiten, die zwi⸗ ſchen beiden vorkamen, blieb er vernünftig und beſonnen, ſo daß auch Eliſabety viel ſchneller vernünftig und liebens⸗ würdig wurde. Wie viel die bedenklichen Scenen im Herbſt zu dieſem Fortſchritt beigetragen, machte ſich das Brautpaar ſelbſt nicht klar. Wenn er ihr oft genug erlaubte, zu Emiliens förmlichem Entſetzen, die Königin zu ſpielen und äußerſt anſpruchsvoll zu ſein, ſo bedurfte es doch nur eines gewiſſen, ſchnellen, fragenden Blickes, um ſie vorſichtig zu machen. Wenn ſie dann ſchnell nachgab, und er wieder derſelbe aufmerkſame Bräutigam war, merkte außer einer einzigen Perſon Niemand anders, daß er nur den geringſten Antheil an ihrer Fügſamkeit hatte. Dieſe eine Perſon war Schlöſſer, und ſeltſam war es, daß die beiden ſo verſchiedenen Männer ſich zu einander hingezogen fühlten, ſie wußten es mit ihrer Freundſchaft nur noch nicht recht anzufangen, aber bei allen Gelegen⸗ heiten zeigten ſie ſchnelles Verſtändniß. Dagegen aber war 298 Emilie Herrn von Kadden unerträglich, und der gute Ruf der Sanftmuth und Beſonnenheit, den er ſich in der erſten Hälfte ſeines Beſuches erworben, ſcheiterte in der zweiten Hälfte einige Mal ſehr auffallend im Zuſammenſein mit ihr. Das letzte Mal war er nahe daran, ſehr heftig und rückſichtslos gegen ſie zu ſein, aber Schlöſſer reichte ihm freundlich die Hand und ſagte: Lieber Vetter, mit jungen Damen muß man Rachſicht haben. Das wirkte wie ein Zauber. Verzeihen Sie mir, lieber Schlöſſer, daß ich mich mit Fräulein Emilie nicht gut vertragen kann, ſagte er ſeufzend, dann wandte er ſich wie im Scherz zu Emilien und fügte hinzu: Ich fürchte auch faſt, wir werden es nie recht gut lernen. Ich fürchte es auch, entgegnete ſie kalt, und die Sache war abgemacht. Kadden ſchüttete ſeiner Schwiegermutter darüber das Herz aus, als er bald darauf mit ihr allein war. Der arme Schlöſſer! verſicherte er eifrig, er kann mit ihr nicht glücklich ſein; mich würde das Mädchen zur Verzweiflung bringen. Ich weiß nicht,— nun ich will nichts weiter ſagen.— Lieber Otto, ſagte Eliſe freundlich, wir ſollen aber gegenſeitig Geduld mit einander haben.— Mit der kann kein Mann Geduld haben, ſiel er heftig ein.— Schlöſſer kann es, ſagte Eliſe ruhig.— Nun, da helfe ihm der liebe Gott! fügte Kadden ſeufzend hinzu.— Cliſe mußte lächeln, aber ſie benutzte dieſe Gelegenheit, ihm Emiliens Eigenthümlichkeiten gründlich auseinanderzuſetzen, ihre Fehler und ihre guten Seiten. Daß ihr Verſtand 299 ihr oft Noth mache, gab ſie zu. Dagegen mußte ſie ihre aufopfernde Liebe nach allen Seiten hin loben daß ſie keine Mühe ſcheute, die liebſten Wünſche daran gäbe im Dienſte des Herrn, im Dienſte ſeiner Armen und Kinder und Kranken. Sie mußte auch ſchildern, wie Emilie die Schärfe und Härte ihres Sinnes erkenne, wie ſie die Ehrfurcht und Liebe gegen die Eltern nie verletze, ebenſo gegen den Bräu⸗ tigam ihre Fehler mit allem Ernſt bekämpfe. Kadden hatte theilnehmend zugehört und ſchien auch geneigt, ſich überzeugen zu laſſen. Ich möchte mein Un⸗ recht gegen Emilien wohl einſehen, ſagte er, ich würde auch hereit ſein, ihr das zu ſagen, aber ich fürchte mich vor ihrer Charakterſtärke, wenn ſie trotz des Aergers, den ſie gegen mich hat, ſich gnädig herabließe mir zu verzeihen, anſtatt ganz offenherzig mit mir zu zanken. Eliſe tadelte dieſen neuen Angriff und verſicherte, ſie wünſche nur, Eliſa⸗ beth lernte ihre Fehler eben ſo zu überwinden als Emilie und nähme ſich deren Gewiſſenhaftigkeit zum Muſter. Liebe Mutter, Du irrſt Dich in Eliſabeth, begann Herr von Kadden.— Wirſt Du nicht mehr Geduld mit ihr haben müſſen, als Schlöſſet mit Emilien? fragte Eliſe lächelnd.— O, wenn ich nur ein Achtel von Schlöſſers Ruhe hätte! entgegnete er ſchnell.— Du haſt ſie aber nicht? fragte ſie wieder.— Er ſchüttelte lächelnd den Kopf.— Du ſiehſt alſo, mein lieber Otto, daß wir Alle unſere Fehler haben, und daß wir uns Alle mit Geduld tragen müſſen. — In dem Augenblick trat Eliſabeth herein ₰ und das 4 ————— 300 Brautpaar ſtand Arm in Arm vor der Mutter, als ſie ſagte: Ihr beide werdet das auch nöthig haben.— Das werden wir auch; aber um uns ſorge Dich nicht, verſicherte der Bräutigam warm, wir wollen unſere Sache ſchon gut machen.— Mit Gottes Hülfe, fügte ſie freundlich hinzu, und das Brautpaar nickte einverſtanden. Am Tage nach Neujahr machte Herr von Kadden noch einige Abſchiedsbeſuche, Eliſabeth war mit ihm. Nachdem ſie bei Frau von Warmholz geweſen waren, gingen ſie zu der alten Tante, der Hundefreundin. Eliſabeth hatte dieſe Bekanntſchaft gleich nach ihrer Verlobung gemacht, hatte auch ihre Beſuche, die ſie als Richte zu machen hatte, pflichtmäßigſt fortgeſetzt. Die alte Dame war ſehr erfreut darüber, ja verſicherte einmal ernſthaft, daß ſie ſchwanke, ob die holde Richte ihr nicht lieber ſei als die geliebte Diane. Als das Brautpaar zurück durch die winterlichen düſtern Straßen ging, erinnerten ſie ſich beide des ähnlichen Tages, wo ſie ſich hier ſo unerwartet begegneten. Eliſa⸗ beth erzählte ihm, daß ſie gefürchtet hätte, er möchte die Nacht verunglücken, und welche Beſorgniſſe ſie wegen ſeines Glaubens hatte. Sie erzählte es ſo vertrauend und freudig, daß es ihm der beſte Beweis war, ſie ſei jetzt ſicher über ſeinen Glauben, ſie ſei ſicher, daß er ſeinen öden Gewiſſens⸗ Himmel mit einem Himmel voll Gnade und Liebe ver⸗ tauſcht hatte; das that ihm ſehr wohl und er dankte es ihr mit liebreichem Blick. Das ſchöne Weihnachtsfeſt, wel⸗ ches er jum erſtenmal in einer Familie verlebt, beſonders 301 in dem gläubigen Kinderkreiſe, von dem ſeine Eliſabeth ihm das lieblichſte Kind war, hatte ihn neue Blicke thun laſſen in die geheimnißvolle Welt dort über ſich. Die Fäden, die da von oben herab jetzt wieder ſeine Seele umfaßten, hätte er umklammern mögen, um ſich nie wieder abgeriſſen, zweifelnd und ohne Halt zu fühlen. Er begleitete Eliſabeth nach Hauſe und ging dann noch allein, Schlöſſer einen Beſuch zu machen. Er wurde freundlich begrüßt, aber beide Männer ſtanden ſich doch verlegen gegenüber, weil die Freundſchaft ihrer Herzen noch zu zart war und ſich nicht herauswagte an das Tageslicht. — Ich ſtöre Sie gewiß, ſagte Herr von Kadden beſcheiden, Sie haben Wichtigeres zu thun.— Aber nichts Lieberes, ſiel Schlöſſer mit Wärme ein.— Ehe ich abreiſe, muß ich Ihnen eine Bitte mittheilen, begann Kadden.— Schlöſſer ſah ihn fragend an.— Sie müſſen Oſtern meine Traurede übernehmen, fuhr Kadden dringend fort.— Ich? fragte Schlöſſer verwundert. Ich würde es Ihnen gewiß nicht recht machen, fügte er lächelnd hinzu.— Trauen Sie mir nur das Beſte zu, ſagte der Vittſteller wieder, ich möchte ja gern mit Allem, was ſie zu ſagen haben, einverſtanden ſein.— Schlöſſer verſicherte lächelnd, daß er ihm wirklich das Beſte zutraue und ſich die Sache überlegen wolle. Es thut mir leid, daß ich nicht öfter mit Ihnen ſein kann, begann Herr von Kadden darauf wieder etwas zaghaft. Schlöſſer reichte ihm die Hand und ſagte: Ganz im Ver⸗ trauen will ich Ihnen ſagen, daß ich wahrſcheinlich Paſtor 6 —.——————————— 13 3 13 302 in Wendſtädt werde, der zweiten Eiſenbahnſtation von Ih⸗ nen, und daß ich mich herzlich freue, Sie und Eliſabeth dann öfters ſehen zu können. Dieſe Ausſicht wurde von Beiden mit Theilnahme beſprochen. Wendſtädt war mit der Eiſenbahn in einer halben Stunde zu erreichen und lag am Wege nach Berlin, alſo oft genug mußte ſich Gelegenheit zu Beſuchen finden. Schlöſſer hoffte, wenn der Wunſch mit dieſer Stelle in Er⸗ füllung ging, dann auch im Sommer heirathen zu können. Ich will dann auch gewiß beſſer lernen, mich mit Emilien zu vertragen, verſicherte Herr von Kadden ſcherzend, ich muß Sie um Verzeihung bitten, daß ich oft ſo un⸗ artig gegen Ihre Braut geweſen bin.— In Ihrer Stelle wäre ich es auch geweſen, entgegnete Schlöſſer ebenſo ſcher⸗ zend.— Ja, eben aber doch nur in meiner Stelle, ſagte Herr von Kadden mit einem leichten Seufzer.— Nun ja, der Herr weiß es, wie er die Herzen zuſammen führt, nahm Schlöſſer das Wort, es iſt gut, daß Eliſabeth nicht wie Emilie iſt.— Das gerade aber reizt mich an ihr, fuhr Herr von Kadden lebhaft auf, daß ſie Eliſabeth ſtets wie ein unbedeutendes Kind behandelt.— Emilie hat Unrecht, ſagte Schlöſſer ernſt, ſie wird ſich aber ſelbſt davon überzeugen müſſen.— Kadden war mit dieſem Ausſpruch zufrieden, und der Beſuch endete bald darauf zu beider Zufriedenheit. Ende Januar, an einem ſchönen Wintertage ging der Geheimerath Kühneman wieder mit ſeiner Familie zu Generals zum Shakſpeare⸗Abend. Eliſabeth hatte heute einen Brief vom Bräutigam bekommen mit dem Auf⸗ 303 trage, Schlöſſer an ſein Verſprechen wegen der Traurede zu erinnern. Den Auftrag wollte ſie gern ausrichten, ſie hatte Schlöſſern herzlich lieb. Als ſie ankamen, waren alle Mitglieder ſchon verſammelt, nur Emilie fehlte, ſie war noch in einem Verein.— Wird es denn mit dieſen chriſt⸗ lichen Vereinen nicht gar zu viel jetzt? fragte der General kopfſchüttelnd.— Es hat ſich in der letzten Zeit für Emilien die Arbeit ſehr gehäuft, entgegnete ſeine Frau.— Ja, das iſt, weil wir ohne Ihr Töchterlein nicht recht beſtehen kön⸗ nen, begann Frau von Warmholz; ſie iſt die Seele von Allem, unermüdlich in der Arbeit und ſo umſichtig und praktiſch, jede Sache greift ſie bei dem rechten Ende an. — Noch eine Haupteigenſchaft, begann Klärchen, ſie weiß hübſch Ordnung zu halten und den unendlich verſchiedenen Anſichten der vielen Damen die Spitze zu bieten.— Herrlich, herrlich kann ſie das, lachte Frau von Warmholz. Liebſte Freundin, wandte ſie ſich zur Generalin, Sie hätten Ihr Töchterlein am vergangenen Freitag ſehen ſollen, wie ſie ſich mit der kleinen Vorſteherin, mit der Frau M. zankte. Sie hatte aber natürlich Recht, wir waren alle auf ihrer Seite, Frau M.. mußte nachgeben.— Ja, ſagte Eliſe freundlich, ſie iſt recht dazu geſchaffen, ſolchen Sachen vor⸗ zuſtehen.— Die Generalin ſchwieg, und Schlöſſer ſchwieg, Frau von Warmholz nur ergoß ſich wieder in Lob und Bewunderung Emiliens. Eliſabeth hatte dem Geſpräche aufmerkſam zugehört und wandte ſich jetzt zu Schlöſſer, von dem ſie übrigens das Verſprechen der Traurede ſchon erhalten hatte: Emilie 5 —— 3 04 hat mir gerathen iu Brannhauſen einen kleinen Riſſions⸗ verein anzufangen, das kann ich doch nicht?— Schlöſſer lächelte.— Wenn die älteren Damen einen anfangen, und ich darf in aller Stille theilnehmen— ſagte ſie wieder. — Ja in aller Stille, wiederholte Schlöſſer.— Und dann muß ich erſt fragen, ob Otto es mir erlaubt; Emilie ſagt, ſolche Dinge müßte er mir erlauben.— Müßte? fragte Schlöſſer verwundert.— Ich ſoll mich nicht wie ein Kind haben, klagte Eliſabeth, in Glaubensſachen dürfte ich mich nicht beirren laſſen, der Herr Chriſtus müßte immer der erſte Herr in meinem Leben ſein.— Das ſoll er auch, entgegnete Schlöſſer ruhig, aber der Herr Chriſtus hat nicht befohlen, daß eine Frau gegen den Willen ihres Mannes an einem Miſſionsverein Theil nimmt; er ſagt: Gehorſam iſt beſſer denn Opfer, und ich werde in Ihrer Traurede Ihnen ſehr einprägen:„Und er ſoll Dein Herr ſein“,— ſetzte er lächelnd hinzu.— Fliſabeth ſah ihn mit ihren großen Augen freudig an. Ich werde Otto auch immer erſt fragen, fragte ſie, und wenn ich es ſehr wünſche, wird er mir ſpäter ſolche Sachen auch erlauben.— Ja, fangen Sie nur Ihren jungen Haushalt in aller Stille mit dem Herrn an, ſagte Schlöſſer, leben Sie ſich erſt mit Ihren Leuten, mit den nächſten Umgebungen im Sinne des Herrn ein, dannn iſt ihm auch gedient.— Wenn ich das nur erſt kann,— unterbrach ihn Eliſabeth bedenklich.— Ohne den Herrn ſind wir ſchwach und mit dem Herrn ſind wir ſtark, war Schlöſſers freundliche Antwort.— Eliſabeth nickte ebenſo freundlich.— Schlöſſer war der 305 einzige in dieſem Kreiſe, der ſie nicht immer ermahnte, ta⸗ delte und bange machte, ſondern ihr auch Muth machte. Liebſter Herr Paſtor, wandte ſich Frau von Warm⸗ holz jetzt lebhaft zu Schlöſſer, und alle ihre Ringellocken tanzten um ihren feinen Kopf, Sie müſſen einmal mit der Sprache heraus, Sie ſind in dieſem Winter immer ſo ſchweigſam, wenn wir von unſeren Vereinen ſprechen. Das iſt doch ſeltſam. Haben Sie etwas dagegen?— Gegen die Vereine gewiß nicht, entgegnete Schlöſſer ruhig, nach meinen Erfahrungen aber ſcheint mir die Sache für die Theilnehmerinnen etwas bedenklich.— Für uns? rief Frau von Warmholz verwundert.— Nicht für alle gleich, war Schlöſſers Antwort.— Der Herr Paſtor meint, begann Klärchen nachdenklich, wenn es zu viel Zeit hinnimmt, zu viel Kräfte, wie bei der armen Emilie, die gar nicht zur Ruhe kommen kann.— Schlöſſer nickte und ſah vor ſich nieder. Es iſt mir doch ordentlich lieb, begann der junge Reifenhagen, daß ein Mann, auf deſſen Urtheil man etwas giebt, gegen dieſen Vereinseifer iſt. Ich kenne eine Dame, ich will ſie aber nicht nennen, die über dieſe chriſtlichen Pflichten ihre kleinen geringen Hausfrauen⸗Pflichten beinahe unter ihret Würde hält. Ja ſie verlangt, daß Mann und Kinder mit Freudigkeit ſich von ihr vernachläſſigen laſſen 1 und ſie verehren ihres hohen Berufs wegen. Der Mann iſt auch ſo dumm und thut es. Serr von Reifenhagen, Sie ſind abſcheulich! zankte 1 Frau von Warmholz. Wenn eine Frau beſondere Gaben 3 Eliſabeth. 1. 20 306 hat, für einen größeren Kreis zu wirken, ſo wäre es doch Unrecht, ſie abzuhalten. Ich würde, ſagte er, einer Frau nie erlauben in ei⸗ nem größeren Kreiſe zu wirken, ehe ſie nicht die unbedeu⸗ tendſten Pflichten, die ihr als Hausfrau und Mutter ob⸗ liegen, gethan hat, und eine Frau, die Mann und Kinder hat, hat eigentlich hinlänglich Beruf. Wenn ſie gern mild⸗ thätig iſt und gern dem Herrn auch außer dem Hauſe dienen will, wird ihr das Leben genug Gelegenheit bieten, es in aller Stille zu thun. Vereine koſten an und für ſich zu viel Zeit, Vereine ſind für Damen, die keinen Be⸗ ruf haben, recht ſchön, und Fräulein Emilien, der angehen⸗ den jungen Frau Paſtorin, kömmt es zu, ihre herrlichen Gaben ſo ſchön anzuwenden.— Schlöſſer ſchwieg immer noch und ſah lächelnd vor ſich hin. Jetzt trat Emilie ein, ſchnell athmend und zerſtreut nach verſchiedenen Seiten hin grüßend, ſagte ſie: Ich habe wohl auf mich warten laſſen?— Ja mein Kind, ent⸗ gegnete Frau von Warmholz, wir können mit unſerem Shakſpeare aber auch recht gut auf Dich warten.— Emilie ſetzte ſich ſeufzend neben den Bräutigam. Heute bin ich ordentlich abgeſpannt, ſagte ſie.— Nun erzählen Sie, was Sie heute alles erlebt haben, begann ihr Vetter Theodor. — Das würde wenig Erfreuliches ſein, entgegnete Emilie mit einem etwas würdevollen Lächeln.— Liebe Emilie, kann ich Dir nicht zuweilen Wege abnehmen? erbot ſich Eliſabeth ſchnell, ich möchte es doch wohl ſehen, wie es 307 bei ſo armen Leuten ausſieht.— Nein, Kind, Du kannſt meine Wege nicht thun, entgegnete Emilie lächelnd.— Eliſabeth erröthete. Oder ich könnte mit Dir gehen, ſetzte ſie verlegen hinzu.— Das ginge vieleict war Emi⸗ liens herablaſſende Antwort. Liebe Emilie, begann Frau von Warmholz eifrig, es iſt gut, daß Du gekommen biſt; Du ſollſt mit mir unſere Vereine gegen dieſe Herren vertheidigen.— Welche Herren? fragte Emilie verwundert.— Dieſe jungen Herren, ſagte Frau von Warmholz und zeigte auf Schlöſſer und Reifen⸗ hagen, unſer Hauptfeind aber iſt Herr von Reifenhagen. — Das bezweifle ich noch, warf Schlöſſer ein.— Du wäreſt gegen unſere Vereine? wandte ſich Emilie ziemlich ſcharf zum Bräutigam.— Nicht gegen die Vereine, erklärte Schlöſſer noch einmal, ich befürchte nur, daß einzelne Mit⸗ glieder dieſe Thätigkeit nicht vertragen können.— Wie ſo? fragte Frau von Warmholz ungeduldig. Wenn Sie in mich dringen, nahm Schlöſſer jetzt ernſthaft das Wort, ſo will ich meine Meinung darüber ſagen. Wenige Frauen⸗Gemüther können es vertragen, fortwährend nach außen hin gezogen und beſchäftigt oder gar der Rittelpunkt eines öffentlichen Wirkungskreiſes zu ſei, da ihr eigentlicher Beruf iſt, in der Demuth und Einfalt zu walten. Es iſt uns Männern ſchon unmög⸗ lich immer zu geben, ohne im Stillen zu ſammeln und zu nehmen; noch ſchwerer aber iſt es für Frauen. Unter die⸗ ſen ungewohnten Anforderungen, die fortwährend an ſie 20* —— 308 gemacht werden, müſſen ſie ſelbſt innerlich entbehren, und wenn ich über Emilien erſt beſtimmen darf, werde ich ihr ein Jahr Ruhe von allen ſolchen Dingen verordnen, da⸗ mit ſie wiehl Kräft ſammeln kann. Wilhelm zürnte Emilie beinahe erſchrocken.— Recht ſo, Herr Schwiegerſohn, recht ſo! fiel der General ihr in das Wort, und augenblicklich entſtand zwiſchen dem General und ſeinem Reffen und dem Geheimrath Kühneman ein lebhaftes Geſpräch, ſo daß die Uebrigen ſchweigen mußten. Das Reſultat blieb unklar. Der Geheimrath konnte nicht eigentlich klagen, weil ſeine Frau nie zu lebhaft theilge⸗ nommen an dieſem Dienſt der chriſtlichen Frauen. Der junge Herr von Reifenhagen hatte nur die äußeren Ver⸗ nachläſſigungen im Auge, und der General wußte den Grund ſeiner Unzufriedenheit ſelbſt nicht recht zu erklären. — Die Sache iſt die, nahm Emilie endlich ruhig das Wort, die Herren meinen, wir taugen nicht einen größeren Wirkungskreis zu haben, wir ſeien allein für das Haus und ihre Bequemlichkeit da. An mich hatte ich nicht gedacht, verſetzte Schlöſſer freundlich, wenn ich Dich ein Jahr von aller Arbeit dis⸗ penſiren möchte, nur an Dich allein, liebe Emilie.— Ich bitte Dich, Wilhelm, unterbrach ihn die Braut, kränke mich nicht mit Deinen Scherzen; Du weißt recht gut, wie ich gewöhnt bin an dieſe liebe Arbeit.— Mein Freund, be⸗ gann Frau von Warmholz wieder lebhaft, man darf ſein Licht nicht unter den Scheffel ſtellen, und Emilie iſt be⸗ *+—— — 309 rufen, überall Feuer anzuzünden, ich ſehe in ihr ſchon das Ideal einer Pfarrersfrau.— Ich auch, unterbrach ſie Schlöſſer, eine ſtille, demüthige Pfarrersfrau, die weder Vorſteherin von Jungfrauen⸗Vereinen noch Kinderſchulen noch Suppenanſtalten iſt. Emiliens Lippen zitterten, aber ſie ſchwieg. Heute nach der ungewöhnlichen Anſtrengung in Werken der Liebe hatte ſie wirklich Anerkennung erwartet von dem Bräuti⸗ gam, er war entſetzlich rückſichtslos. Aber liebſter Schlöſſer, fragte Frau von Warmholz, iſt es denn nicht ein großes Verdienſt, ſoche Dinge in das Leben zu rufen? Und Emilie thut es mit ſo großer Freu⸗ digkeit.— Ich könnte auch ohne dieſe Thätigkeit nicht leben, ſagte Emilie eifrig, alles andere in der Welt kömmt mir ſo nichtig vor.— Daß Du ohne dieſe Dinge nicht meinſt leben zu können, ſollte Dich aufmerkſam machen, ob es Dir gut iſt, ſagte der Bräutigam. Das Amt der ſtillen, ein⸗ fältigen Pfarrersfrau iſt jedenfalls ſchwerer, als das einer bewunderten Gründerin von ſchönen Vereinen.— Einfältige Leute giebt es ja genug in der Welt! fuhr Emilie heraus. Sie war gereizt und hatte es nicht ſo ſchlimm ge⸗ meint, aber allen Zuhörern ging plötzlich ein Licht auf von Schlöſſers eigentlicher Meinung. Für Emilien war dieſe Thätigkeit kein Opfer, es war bei aller Aufrichtig⸗ keit, mit der ſie dem Herrn dienen wollte, zugleich die ſchönſte Nahrung ihrer Lieblingsſünden. Schlöſſer ſelbſt blieb auch nach Emiliens Aeußerung — 310 ruhig, er wußte, daß ſie nur gereizt war, und dachte jetzt nicht ſchlimmer als vorher von ihr. Er reichte ihr die Hand zur Verſöhnung, und ſie bezwang ebenſo ſchnell ihre Aufregung und verſuchte zu lächeln. Frau von Warmholz, um eine verlegene Pauſe zu vermeiden, ſagte ſchnell: Jetzt habe ich es verſtandon, nur für die zu Eifrigen iſt eine Gefahr in dieſer Thätigkeit, alſo für mein Klärchen und mich durchaus nicht, wir dürfen ruhig weiter arbeiten.— Bis Klärchens zukünftiger Gemahl, ſollte er auch zu dieſer Männer⸗Verſchwörung gehören, Proteſt einlegt! ſcherzte der General.— Klärchen ſah auf ihre Arbeit, um ihre Verlegenheit zu verbergen, und Eliſe übernahm gefällig für ſie eine ſcherzende Antwort. Der junge Reifenhagen mit ſeinen hübſchen Augen und etwas leidenden Zügen hatte ſeine Blicke nachdenklich auf Klärchen gerichtet, es war dem kleinen Kreiſe längſt kein Zweifel mehr, daß das arme Klärchen trotz ihres wider⸗ ſtrebenden Verſtandes einem leberkranken Mann ihr Herz geſchenkt, und die Ruhe ihres ſanften Gemüthes die Ge⸗ reiztheit und die Launen eines geliebten, liebenswürdigen Gegenſtandes ausgleichen ſollte. Das Leſen nahm jetzt ſeinen Anfang und die Unter⸗ haltung damit eine andere Richtung. Emilie hatte bald mit großer Tapferkeit ihre Aufregung überwunden und ſprach über das Geleſene mit ihrer gewöhnlichen Ruhe und Umſicht, bis die Gäſte und auch der Vater das Zimmer verlaſſen hatten und ſie mit Schlöſſer und der Mutter allein war. 311 Es iſt wohl gut, wir kommen noch einmal auf unſer Ge⸗ ſpräch von heut Abend zurück, ſagte Schlöſſer jetzt freundlich. Die Mutter zeigte ſich ſehr einverſtanden damit, und man ſah es Emiliens Zügen an, daß ſie ſich zu einem Kampfe rüſte. Schlöſſers ſcharfer Blick hatte ſie ſogleich durchſchaut. Nicht ſo, liebe Emilie! ſagte er, ich habe durchaus nicht Abſichten mit Dir zu ſtreiten, Du weißt, ich bin kein Freund davon.— Aber Du wirſt erlauben, daß ich mich vertheidige, fiel ſie ſchnell ein.— Auch das iſt nicht nöthig, war ſeine Antwort, ich vertheidige Dich weit beſſer, als Du es ſelbſt thuſt.— Doch nicht immer, ſagte Emilie ſeufzend, heute haſt Du mich beſchuldigt, als ob ich bei Allem, was ich thue, nur meine Ehre und nicht des Herrn Ehre ſuche.— Rein gewiß, verſicherte Schlöſſer ernſthaft, das thuſt Du nicht, und dennoch muß ich dabei bleiben, daß es Dir beſſer iſt, Du verſuchſt es einmal, ſtill und einfältig zu leben. Ich kann es Dir jetzt nicht beweiſen, Du wirſt den Segen ſolcher Stille und ſolches Verborgen⸗ ſeins ſelbſt erfahren müſſen. Ich habe auch nicht daran gedacht, Dich in Deiner jetzigen Thätigkeit, die ſo vielen Menſchen zum Segen iſt, zu ſtören; nur würde ich Dir einen neuen äußeren Lebensabſchnitt recht in ruhiger Samm⸗ lung anzufangen rathen. Was dann aus dieſem ſtillen, verborgenen Leben heraus ſich nach und nach geſtaltet, wird Dir Thätigkeit genug ſein.— Liebe Emilie nahm die Mutter das Wort, ich würde Dir auch dann nicht rathen, an die Spitze von Vereinen und ähnlichen Dingen zu 312 treten, es werden ſich immer paſſende Perſönlichkeiten dazu finden, und Du kannſt unbemerkt Deinen Einfluß üben und mit Deinen Erfahrungen nützen.— Ihr ſeid ja außer⸗ ordentlich beſorgt um mich, ſagte Emilie jetzt ziemlich ironiſch, aber— fügte ſie mit Nachdruck hinzu— ich will alle dieſe Dinge laſſen, ich will in aller Stille mit dem Herrn leben, ich will Euch zeigen, daß mir an der Geſchäftigkeit nichts liegt.— Da haben wir es, lächelte Schlöſſer, ſie will immer etwas zeigen, Du ſollſt eben gar nichts zei⸗ gen wollen, Du ſollſt auch nichts ſein wollen.— Emi⸗ lie ſtutzte. Ihr ſcheint mich immer mißverſtehen zu wollen, nahm ſie dann das Wort, ich ſoll nichts ſein wollen, ich ſoll alſo plötzlich gedankenlos ſein und mein ganzes inne⸗ res Leben zum Schlafen bringen. Ich ſoll auch meinen Umgebungen plötzlich eine andere ſein, ich ſoll z. B. zu Eliſabeth ſagen: Ich habe Unrecht gehabt, wenn ich Dich zu allerhand Thätigkeit und beſſerer Zeitanwendung auffor⸗ derte; es iſt weit beſſer, ſo gedankenlos und kindlich zu leben, als Du es thuſt.— Das ſollſt Du nicht Eliſa⸗ beth, das ſollſt Du Dir ſagen, unterbrach ſie der Bräu⸗ tigam; ſie iſt kindlich und harmlos genug, man kann ihr ſchon etwas Ernſt anrathen.— Ich warne Dich aber, von Eliſabeth nicht gar zu herablaſſend zu reden, ſagte die Mutter.— Ihr wollt ſie mir wieder zum Muſter ſtellen? fragte Emilie mit einem gewiſſen Kopfſchütteln, als ob es wirklich etwas zu Unglaubliches ſei.— Du weißt recht gut, was wir wollen, liebe Emilie, ſagte die 313 Mutter ſanft, laß Dich von Deinem Verſtand nicht in die Irre führen.— Aber wenn man einmal ſo geſcheit iſt, ſo iſt das ſchwer? ſcherzte Schlöſſer und ſah der Braut for⸗ ſchend und theilnehmend in die Augen.— Ja ſchwer, flüſterte ſie, als er jetzt Abſchied nahm.— WMit des Herrn Hülfe! ſagte er eben ſo leiſe, und ging dann fort. Als er aus dem Hauſe trat, kam ihm Herr von Rei⸗ fenhagen noch einmal entgegen. Ich habe Sie hier erwar⸗ tet, ſagte er ſchnell, ich mußte Ihnen eine Mittheilung machen. Aber keine Ueberraſchung! entgegnete Schlöſſer. Herr von Reifenhagen lächelte und erzählte, daß er nach reiflicher Ueberlegung ſo eben auf dem Heimwege eine An⸗ frage gewagt, und von der Mutter und von Klärchen das vorläufige Jawort erhalten habe. Klärchen hatte zwar erſt gemeint, ob ſie nicht beſſer paſſe, ganz im Stillen bei den Vereinen zu arbeiten, aber er ſei doch bei der Bitte geblieben, ihre chriſtliche Liebe und Geduld an ihm zu üben. Nur zu einer ſolchen beſcheidenen Seele durfte ich kommen, ſchloß er ſeinen Bericht, eine andere würde es mit mir nicht aushalten.— Ohne des Herrn Hülfe ſind wir alle ſchwach, entgegnete Schlöſſer, und es iſt gut, wenn man das ſchon in den erſten roſigen Zeiten einſieht, fügte er ſcherzend hinzu. Beide Männer trennten ſich jetzt, beide aber gedachten dieſen Abend mit Hoffen und Bangen viel an die Zukunft, und beide hatten bei ihren verſchie⸗ denen Betrachtungen die Worte in der Seele Ohne des Herrn Hülfe ſind wir Alle ſchwach. 18. Die Hochzeit. Es war an einem wunderlieblichen Tage, vierzehn Tage nach Oſtern,— der Himmel war blau und lau die Luft, die Lerchen ſangen und die Veilchen blühten, die Kinder lärmten vor den Thüren und die Sperlinge unter den Fenſtern, die Tauben trippelten lebhaft auf den Dä⸗ chern hin und her, oder flogen mit den ſilbernen Fittigen im goldnen Sonnenſchein,— da war es im alten grauen Hauſe von Woltheim wieder feſtlich und lebhaft. Eliſa⸗ beths Hochzeit wurde gefeiert. Der beſchränkte Stadthaus⸗ halt in Berlin hätte eine große Familien⸗Verſammlung nicht zugelaſſen, darum war der Großeltern und Oberför⸗ ſters Vorſchlag, die Hochzeit in Woltheim zu feiern, gern angenommen, und da glücklicher Weiſe weder in Geheim⸗ raths noch in Oberförſters Kinderſtube Maſern oder Stick⸗ huſten oder Schnupfenfieber, ſondern Alles ſehr wohl auf war, ſo war die Hochzeit ein Feſt für Große und Kleine. Am Polterabend hatte es natürlich auch nicht an künſt⸗ lichen Vorſtellungen gefehlt, Eliſabeth konnte zwar zu der Kinder Mißvergnügen nicht dabei mitwirken, dagegen wa⸗ ren Frau von Warmholz, die mit ihrem Brautpaar ſich ſo gern zu dieſem Feſte laden ließ, und beſonders Tante Wina und die Frau Oberförſterin erfinderiſch geweſen, die Verſe floſſen nur von den Lippen der Jugend, rührend — 315 und komiſch und feierlich, wie es der Gegenſtand verlangte. Aber auch uneingeladene Gäſte waren, wie wohl zu er⸗ warten war, gekommen. Zu ihnen gehörte Herr von Stot⸗ tenheim mit ſeinen jüngeren Kameraden, und Eliſabeth, die Königin des Feſtes, nahm die Huldigungen, die ihr von allen Seiten, den glücklichen Bräutigam an der Spitze gebracht wurden, mit unverholenem Entzücken entgegen. Am Hochzeitsmorgen war es unruhig im Haus, und Eliſabeth ſchlich ſich hinaus in den ſtillen Garten und ging in der ſonnigen Kirſchenallee hinauf, den lieben be⸗ kannten Weg. Sehr bald ſah ſie den Erwarteten daher⸗ kommen, und ebenſo bald ſah ſie ihn vor ſich. Er ſchwang ſich wie gewöhnlich gleich vom Pferde und begrüßte ſie: Zum letzten Mal biſt Du mir ſo entgegen gekommen, ſagte er bewegt, jetzt ſollen wir nie, nie wieder getrennt ſein! Sie ſah ihn mit ihren großen Augen ſo wunderlieblich und vertrauend an, daß er wieder dachte: Du willſt ſie wie dein Herzblatt bewahren. Er übergab jetzt dem nachfolgenden Burſchen ſein Pferd, Eliſabeth hatte ihm vorgeſchlagen, da es im Hauſe ſo unruhig ſei, noch einen Spatziergang zu machen. Beide gingen denſelben Weg, den die Großeltern an ihrem Hoch⸗ zeitsmorgen wählten. Oben auf den Tannenbergen ſaßen ſie im ſtillen Frühlingsſonnenſchein und ſchauten hinab auf die Thürme von Braunhauſen. Sie unterhielten ſich nicht ſo ernſthaft, als damals ihre Vorgänger; ſie waren ja zu ſehr überzeugt, daß es nur ihrer Liebe bedürfe zu ihrem 316 Glücke. Die kleinen trüben Erfahrungen, die ſie im Braut⸗ ſtande gemacht, waren jetzt ſehr natürlich vergeſſen. Der Bräutigam hatte ſich immer mehr überzeugt, daß er ſeine Eliſabeth jetzt erſt recht kennen lernte, er wollte ſie gewiß auf Händen tragen, er wollte nur zart und rückſichtsvoll mit ihr umgehen, ihre Fehler wollte er tragen mit wenig⸗ ſtens ſo viel Geduld, als Schlöſſer die Fehler ſeiner Emi⸗ lie trug. Eliſabeth dagegen zweifelte gar nicht, daß der Bräutigam immer liebenswürdiger geworden ſei. Das war auch natürlich. Woher ſollte er wiſſen, mit Damen um⸗ zugehen? er war ja von Jugend auf nur mit Männern geweſen; ſie hatte es ihn erſt lehren müſſen, und da er ein ſo gelehriger Schüler war, ſah ſie es ſicher voraus, daß er es nur immer noch beſſer lernen werde. Der Bräutigam erwähnte jetzt ſcherzend, daß hier einſt die Großmama ihren Bräutigam verſicherte, ſie höre nichts lieber als das Gebot:„Er ſoll dein Herr ſein.“ Er ſagte es ſcherzend, weil ihm jetzt ſelbſt die Möglichkeit ſolcher Herrſchaft fern lag.— Von der Großmama aber war das ganz natürlich, nahm Eliſabeth weiſe das Wort, ſie hatte geſehen, daß der alte Großonkel ſeine Frau ſo tyran⸗ niſch behandelte, und daß die gute Großtante ſo fügſam und nachgebend war. In den Zeiten damals war das oft Sitte, die Großmama war darum ſchon glücklich, einem ſo liebenswürdigen Herrn folgen zu müſſen, und konnte das wohl ausſprechen; aber ich habe ihr ſchon geſagt, daß ſich die Zeiten geändert haben, und daß Alles ſo etwas 317 nicht mehr Mode iſt.— Der Bräutigam lächelte, aber ſchien doch ganz einverſtanden.— Zu ſo Verſtandeshei⸗ rathen, oder wenn die Töchter Ja ſagen mußten, weil die Eltern Ja geſagt, da paßte das auch noch, fuhr Eliſabeth fort; wenn man ſich aber lieb hat, iſt die Sache anders, da möchte man doch gar nicht leiden, daß der eine mehr gilt als der andere.— Der Bräutigam nickte wieder und hörte wenigſtens ebenſo aufmerkſam zu, als der Bräuti⸗ gam damals ſeiner Braut, die ihm in aller Demuth aus⸗ einanderſetzte, ſie könne nicht begreifen, daß er ſie immer lieben würde, die ſeine Liebe als ein Gnadengeſchenk des Herrn betrachtete, und die Bewahrung auch der Gnade überlaſſen wollte. Daß dieſe Demuth, mit der ſie in dem Bräutigam einen Herrn ſehen wollte, dieſen, weil er eben eine zarte Seele war, gar nicht zur Herrſchaft kommen ließ, war ihr ſelbſt nicht bewußt geworden. Ihre Enkelin ſah die Sache anders an: Sieh mal, lieber Otto, fuhr ſie wieder belehrend fort, wenn ich Un⸗ recht habe, werde ich es einſehen, wenn Du Unrecht haſt, mußt Du es aber auch einſehen.— Natürlich, verſicherte der glückliche Bräutigam. Wenn wir aber beide Unrecht haben? ſetzte er lächelnd hinzu.— Dann müſſen wir es beide einſehen, beſtimmte ſie kurz, und die Sache war erledigt. Als ſie nach Hauſe kamen, war es Zeit zum An⸗ kleiden. Eliſabeth wurde von der Großmuttet und von der Mutter,— alle andere Hülfe hatten ſie ſich, zu Tante *——— 318 Winas Entrüſtung, ernſthaft verbeten,— in Empfang ge⸗ nommen, und in Eliſens altem Stübchen erlebten die drei eine ſchöne ſelige Stunde zuſammen. Eliſabeth war es zwar, als ob ſie träume ſie ließ ſich wie ein Kind ſchmücken, hörte auch alle die lieben freundlichen und ernſten Worte der Mutter und Großmutter gern an, war mit Allem ein⸗ verſtanden, es war und blieb ihr aber doch nur wie ein Traum. Sie war fertig, der Bräutigam durfte eintreten. Eliſe war ſo bewegt, ſie konnte den beiden eben ſo bewegten Kindern wenig ſagen, und zu ihrer inneren Betrübniß hattte ſie ſich ſchon vorher geſtehen müſſen, daß ſie gegen den Sohn doch nie ſo herzlich und offen mit ihren inner⸗ ſten Gedanken herausgetreten war, als ſie es ſich vorge⸗ nommen. Sie hatte immer noch zu ſehr berechnet, wie er zu behandeln ſei, das heißt, wie ſie von Glaubens⸗ ſachen am klügſten mit ihm reden müſſe, und die Klugheit kommt in ſolchen Stücken nicht weit; die Einfalt fühlt ſich ſicherer auf Grund und Boden des Glaubens. Sie hatte zwar vft ganz hübſch ernſt und mütterlich mit ihm geredet, aber eine jede nicht gläubige, aber wohlmeinende und rechtſchaffene Mutter hätte mit ihm ſo reden können. Die Großmama dagegen war gleich von Anfang an anders zu dem neuen Sohn: harmlos und vffen hatte ſie ihn immer den ganzen Reichthum ihres Glaubenslebens ſchauen laſſen und dem heiligen Geiſte überlaſſen, was er damit wirken möchte. Der wirkt auch beſſer als alle menſchliche ——— 319 Klugheit, und der junge Mann liebte die Großmama mit einer kindlichen Hingabe, die ihn ſelbſt glücklich machte. Wie gern hörte er jetzt ihre lieben Worte und ihre ſchö⸗ nen Segeswünſche, die unumwunden den Herrn Chriſtus als einzigen Heilsweg prieſen. Ihr habt zwar eine beſſere Traurede zu erwarten, als damals ich und mein lieber Fritz, ſchloß ſie, aber die Minuten vor der Trauung, wo wir ſo allein uns ſammeln konnten, waren doch gar zu ſchön, die ſollt Ihr auch haben und ſollt auch mein ſchö⸗ nes Hochzeitlied zuſammen leſen. Sie verließ mit Eliſen das Zimmer, und das Braut⸗ paar ſtand allein am Fenſter. Er hatte das Blatt und las das Lied, Eliſabeth kannte es und ſah nicht hinein, ſie las in ſeinen Zügen und las in ſeinen Augen, und lehnte ſich an ihn, ſo ganz vertrauend ſeiner Liebe und Güte und ſeinem Schutze, als ob nun für ſie hier in der Welt nichts mehr zu fürchten ſei.— Er hatte geleſen: Wohl einem Haus, wo Jeſus Chriſt Allein das All in Allem iſt! Ja, wenn er nicht darinnen wär: Wie finſter wär's, wie arm und leer! Das konnte er noch nicht recht faſſen, aber ſein Herz war weich und von Dank und Glück erfüllt; daß er überhaupt nur einen Hausſtand anfangen ſollte, bewegte ihn ſchon. Dem Herrn, der ihn aus ſeinem einſamen öden Leben in dieſe Fülle von Liebe und Freude geführt, dem ſollte ſein Leben gewiß gehören, daß verſtand ſich ebenſo ſehr von ſelbſt als ſein Glück, was ſo reich und weit vor 320 ihm ausgebreitet lag. Für Dich iſt das Lied auch, liebe Eliſabeth, ſagte er zur Braut. Ich kann es aber aus⸗ wendig, entgegnete ſie leiſe. Den letzten Vers laſen ſie noch einmal zuſammen: So mach' ich denn zu dieſer Stund', Sammt meinem Hauſe dieſen Bund: Wich alles Volk auch von ihm fern Ich und mein Haus ſtehn bei dem Herrn. Eliſabeth hatte bei dem Leſen keine beſtimmten Ge⸗ danken, noch weniger Vorſätze, es verſtand ſich auch bei ihr Alles von ſelbſt, nichts erſchien ihr heute natürlicher und leichter als fromm ſein, liebenswürdig und glücklich ſein. Mit dieſer Stimmung ſtand das Brautpaar dem lie⸗ ben Schlöſſer gegenüber, ſie hörten beide, daß ſeine Rede ernſt und ganz nach der alten Mode war, und waren auch damit einverſtanden. Nach der Trauung wußten ſie aber kaum viel davon, beſonders Eliſabeth. Das wunder⸗ bare und ergreifende des ganzen Actes hatte ſie zu ſehr hingenommen. Vom Einſteigen in den Wagen an— dann die neugierige Menge des kleinen Städtchens und die feierliche geputzte Verwandtſchaft,— der Mann ihr zur Seite— alles, alles kam ihr wie ein Traum vor. Selbſt bei dem feierlichen Mittagseſſen konnte ſie ſich noch nicht recht faſſen, erſt als nach Tiſche die Geſellſchaft ſich in die verſchiedenen Zimmer, in den Gartenſaal und vor dem Saal in den ſchönen warmen Sonnenſchein zerſtreute, da kam ſie zu ſich ſelbſt. 321 Sie war jetzt liebenswürdig nach allen Seiten. Die Großmama wurde von ihr hin und wieder umarmt mit großer Innigkeit, dem Großpapa küßte ſie die Hand, der Mutter ſetzte ſie ſehr ernſthaft auseinander, wie ſie ihre Wirthſchaftsbücher führen wolle und kaum erwarten könne, ihr neues Mädchen anzulernen,— aber ganz nach ihrer Weiſe zu kochen, nicht nach Tante Julchens Art. Das Mädchen war nämlich ein älteres, ſchon von der Tante an⸗ gelerntes. Der Tante Julchen machte ſie indeſſen doch Freundſchaftsverſicherungen, dankte herzlich für alle Mühe, die ſie von ihrer Hochzeit hatte, und verſicherte auftichtig, ſie würde ſich nie mehr mit ihr zanken, ſondern ſehr gute Nachbarſchaft halten. Sie freute ſich beſonders auf ſchöne muſikaliſche Abende in der Oberförſterei, ſie konnte recht gut zu Fuße von Braunhauſen nach Woltheim gehen und der Onkel Oberförſter hatte ihr ſchon verſprochen, ſie im Winter, beſonders des Abends, fahren zu laſſen. Onkel Karl aber knüpfte an Eliſabeths Verheirathung beſondere Spekulationen. Sie ſollte ihm bei den Damen ihrer Bekanntſchaft feſte Butter⸗, Milch⸗ und Eier⸗Kunden ver⸗ ſchaffen, damit er nicht immer genöthigt ſei, ſich auf die Ehrlichkeit der Botin zu verlaſſen. Er hatte Charlotichen begreiflich gemacht: wöchentlich an 60 Pfund Butter einen Silberſechſer profitirt, macht jede Woche einen Thaler, das Jahr aber 52 Thaler. Dies Geld ſollte unter der Geſtalt von Schinken, Schlacken, Kartoffeln, Kohl und Rüben wie⸗ der in Eliſabeths Wirthſchaft wandeln, ſo blieb es in der Gliſabeth. 1. 2¹ 322 Familie und war doch eine reine Erſparniß. Charlotichen war gerührt von dieſer herrlichen Idee und bewunderte, wie immer, die weiſe Umſicht und wirthſchaftliche Kunſt des guten Herrn von Budmar. Eliſabeth hatte gegen die⸗ ſen Vorſchlag natürlich auch nichts einzuwenden und jetzt eben erzählte ſie ihrem lieben Otto, und zwar in des On⸗ kels Gegenwart, der mit dem ganzen Geſichte und noch mehr mit dem Herzen lachte, daß ihn die Befürchtung wegen der ſchlechten Butter nicht heunruhigen dürfe, da ſie von der feinſten und berühmteſten Butter der ganzen Gegend, und zwar bei ermäßigtem Preiſe, ſpeiſen würden. Bald darauf ſtand ſie wieder ſehr lieblich und demü⸗ thig neben dem Bräutigam, als ihnen Schlöſſer die Ab⸗ ſchrift ſeiner Traurede übergab. Beide verſprachen, näch⸗ ſten Sonntag Nachmittag die Rede noch einmal in rechter Sammlung zu leſen und zu Herzen zu nehmen. Schlöſ⸗ ſer war ſo brüderlich und herzlich und auch fröhlich mit Eliſabeth, daß Emilie es mit dem beſten Willen nicht laſ⸗ ſen konnte, ſich zu wundern. Niemand, niemand fordert ſie zum Ernſt auf! dachte ſie. Daß dieſe entſetzlichen Tan⸗ ten Wina und Paula ſie umſchmeicheln und vergöttern, iſt nicht zu vermeiden, wir aber ſollten es doch beſſer mit ihr meinen und ſie nicht ſo ſicher in ihren thörichten Hoffnun⸗ gen und Erwartungen hingehn laſſen. Eliſabeth trat jetzt zu ihr und zu gleicher Zeit auch Klärchen. Eliſabeth, aus deren Augen heute mehr als je nur Güte und Freude leuchtete, ſagte zu den Freundinnen: —— 323 Ich hoffe, daß Ihr jetzt envlich Reſpekt vor mir habt, denn ich bin verheirathet und Ihr ſeid doch nur Bräute.— Das hilft Dir noch wenig, entgegnete Emilie mit großer Ruhe; wenn Du uns einen Blick in die Zukunft thun laſ⸗ ſen könnteſt, ob Du uns wirklich ein Vorbild ſein kannſt, ſo wollt ich Reſpect vor Dir haben.— Liebe Emilie, bat Eliſabeth noch ſcherzend, aber doch etwas verletzt, Du wirſt mir doch heut an meinem ſchönſten Feſttag nicht bange machen wollen?— Ich weiß nicht, welcher Tag in Dei⸗ nem ganzem Leben geeigneter wäre, Dich aufmerkſam zu machen auf das, was Dir Noth thut, war Emiliens feſte Antwort.— Du trauſt mir doch aber wenig zu, nahm Eliſabeth ernſter das Wort, das iſt unrecht, Du weißt ja gar nicht, wie es in meinem Herzen ausſieht.— Du täu⸗ ſcheſt Dich eben über Dein Herz, begann Emilie jetzt etwas eifriger; wenn Du dabei bleibſt, alles mit ſo leich⸗ tem Sinn, mit ſolcher Freude und Sicherheit zu betrach⸗ ten, kannſt Du nicht glücklich ſein.— Eliſabeth erröthete und ſah zürnend auf die Sprecherin, und da ſie doch nicht wie in ihrer Jugend ſagen konnte: Altes dummes Mäd⸗ chen! auch ihr keine Ohrfeige geben und ſie umrennen konnte, wandte ſie ſich ſchnell von ihr.— Das gute Großmutter⸗ herz hatte auch dieſesmal die Scene beobachtet. Obgleich ſie die Worte nicht alle verſtanden hatte, wußte ſie den Sinn. Sie trocknete jetzt Eliſabeths Thränen und rieth ihr ſo warm und innig, gar nicht nach der Meinung der Menſchen zu hören und in aller Noth ſich an den Herrn 21* 324 zu halten. Eliſabeth lächelte durch Thränen und konnte ſich auch entſchließen, Emilien freundlich Lebewohl zu ſa⸗ gen, als die Zeit des Abſchiedes kam. Der Tante Wina war es jetzt geſtattet, nachdem Eli⸗ ſabeth das Brautkleid mit dem Reiſekleide vertauſcht hatte, auf den jugendlichen Kopf das erſte Häubchen zu ſetzen. Der Bräutigam ſtand daneben, und Wina benutzte dieſe Gelegen⸗ heit gern, ſich etwas wichtig zu machen. Sie begann eine feierliche Rede von dem Werthe edler Frauenwürde, als Herrn von Kaddens guter Burſche unglücklicher Weiſe die Thür aufmachte und Eliſabeth zum erſtenmal anredete: Gnädige Frau, ſollen denn die Sachen alle in den Wa⸗ gen? Eliſabeth lachte, ſchaute mit Vergnügen hinauf zu ihrem jungen Gemahl, gab auch mit großer Umſicht ihre Befehle, von der feierlichen Wirkung aber, von Winas ein⸗ ſtudirter Rede war durchaus nichts mehr zu erwarten. S Druck von Ed. Heynemann in Halle. ———————— ſi b. 9 10 11 12 13 14 8 19 20