5 ign me und Rückgabe der B ch nds 8 Uhr nte Perſonen zun em Werthe deſſelben S v ſ das zerri n utzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein h erkes, ſr iſt der Seſeeen Erſatz des Ganzen ve pflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage wird ers darauf aufmerkſam gemacht, 35 das eiterverleihen icher nicht ſtattfinden vu indem Sieieniaen⸗ welche die⸗ ben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. e ſundervolle — — S ubentheuerl iche Geſcl hichten Sxit Helmsfüdt 13 20, in der Fleckeiſenſchen Kurh hundlung — — — Wundervolle Sagen vat 3 abentheuerliche Geſchichten ben. 9 a — „ — = — 8 — *— — . — ruhende Burgtruͤmmern thronen auf felſigem Schatten des Schwarzwaldes aus ſprudelnd Siele rieſelt, und gen Abend hinaus ſrimet J lobe mir das Schwabenland. Da grä⸗ nen blähende Fluren, da lacht die goldene Traube an uͤppig rankender Rebe, da prunken ſchattige Waͤlder auf herrlicher Bergeshoͤhe, und Gipfel. Silberſtröme gleiten durch fruchtreiche Auen, und liebliht Doͤrfer und herrliche Städte jauchzen daran. Wenn von klugen und feinen Leuten die Rede iſt, da ruͤhmt man die Sach⸗ ſen, die Schwaben nicht, Laßt ſehen, ob nicht Schwabenland auch ſeine Weiſen gehabt 15 3 In Neckarseck, hart am Strome, der im WW uͤber Heilbron und Heivelberg in den großen blauen Rhein: da wohnte einſt ein Bauers⸗ mann, ſchlicht und recht; hatte ſeine Huͤtte, mit Binſen gedeckt, drei wackere Soͤhne drin⸗ nen, ſchoͤnen Garten und uͤppige Wieſen drauſ⸗ ſen. Der aͤlteſte ſeiner Soͤhne hieß Friede⸗ mund, ein kluger, edelgeſtalteter Juͤngling, vor Andern im Dorfe belobt wegen ſeines ſtattlichen Wuchſes und ſonderlicher Geiſtesga⸗ ben. Nur einen Fehler hatte Friedemund, ſonſt der ſchoͤnſte Knappe des Dorfs; er war lecker, trank gern vom ſuͤſſeſten Safte der Re⸗ ben, ſchnitt ſeine Scheiben vom ſchoͤnſten Wai⸗ zenbrote, und wuͤrzte den Biſſen mit Butter aus duftender Maienzeit.* Der andere ſie Golderich, faſt lie⸗ benswuͤrdiger und kluͤger noch, als der leckere Friedemund, eine heimliche Freude der Mäd⸗ chen im Doͤrflein, wenn die Jugend am Firchweihfeſte auf grünendem Raſen zu Tanz . und Spielen ſich ſammelte. Aber auch ih atte Mutter Natur einen Stachel ins Herzge ——— WW druͤckt, welcher den wackern Jüngling gar man⸗ cherlei Herzeleid machte; er war begierig nach Gold und ſchimmerndem Silber, nicht zufrie⸗ den mit der glaͤnzenden Heerde und wogin⸗ den Saan it Der dritte endlich war H artgert. Der war auch groß, ſchoͤn von Antlitz, ruſtig im Gliederbau und wonnig anzuſchauen; aber ſeine Landesleute machten ihm zum Vorwurf, was die boͤſe Welt den guten Schwaben allen auf⸗ buͤrden will. Vielleicht tritt der hier als Vor⸗ fechter auf im Kampfe der Schwerbezuͤchtigten zur Ehre des unbeſcholtenen Namens. Hart⸗ gert trug ſeine Logik nicht aller Orten zu Markte; darob meinte die böſe Wet, er ſei nicht recht geſcheut. Im Dorſe tebte ein an ig⸗ lein, genannt Minnewart, nicht wie nun die Schwabenmaͤdchen mit hohen ½ „ denn ehedem. Es war eine gar liebliche Blu⸗ me, entſproſſen dem heiligen Boden ſchuldloſer MNatur und duftend im reinſten Aether ſorgen⸗ freier Huͤgel. Sie zählte faſt achtzehn Som⸗ mer, im Herzen ein Kind, am Koͤrper gereift, voll Einfalt der Sitten. Was jede Maͤdchen⸗ ſeele bewegt, das hob auch Minnewarts klopfen⸗ des Herz, und röthete ihre glühende Wange in heimlicher Glut, uͤberraſchte ſie ſi ch am Waſſer⸗ ſtiezet nachfinnend der Rie F* Kaum ehn xit liebte? Nur eine ſtille Sehnſucht regte ſich bisweilen in ſchuldloſer Seele, ſchritt von des Rachbars ſtatt⸗ lichen Soͤhne der rechte vor ihrem Huͤttchen vorber. Doch kaum öffnete ſich das wonnige Auge dem ruſtigen Jünglinge zu danken, wenn er freundlich nickend gruͤßte; ſo traten die An⸗ dern auch ſchon aus der Pforte, vom Neide getrieben, und kein freundlicherer Blick durfte dei heimlich Geliebten den Sieg uber die B der verrathen. Wer der Beguͤnſtigte wäte, wußte ſo wenig der Vater, als der Jüng⸗ s WN ling. Alle drei aber hatten die Dirne liet, und der Alte wuͤnſchte ſie einem der Knappen; ſie war ja ein Nachbarskind, war ſchön und gut. Eines Abends kehrte der Alte heim mit den Dreien von grunender Rebenhöle. Der Weſtwind wehete linde Kuͤhlung herab von den Bergen in die dämmernden Thäler, die unter⸗ gehende Sonne ſchied hinter fluͤchtigem Abend⸗ roth, und der blaue Himmel, voll unermeßli⸗ chen Sternengeflimmers, lachten ſo freundlſch von oben herab, daß der fromme Sinn des Va⸗ ters in Wemuth zerſchmolz.„Finder, ſprach er, mein Ziel iſt nahe; Einer von Euch nur kann in dieſer Huͤtte wohnen mit Weib und Kindern, die Uebrigen muͤſſen ſich anderswo ein Dbdach ſuchen, oder anbauen in dieſem Thale. Wer im Huttlein bleibt, der füͤhre Minnewart heim, des Nachbars Tochter, und 6 nen en Stgen! 16. 3 3 Da erhub ſich ein Wetſſtreit en dr Jeder wollte im Huttlein bleiben und 10 Minnewart heimfüͤhren. Und der Vater, wel⸗ cher hoͤrte, daß der Wetteifer faſt in Hader ausartete unter den Soͤhnen, ergriff das Wort und begann:„Am Fuſſe des Schwarzwaldes liegt ein Waͤldchen von ſchlanken Tannen und Fichten. Ein heimliches Pfoͤrtchen unter Moo⸗ ſen und Epheu verborgen, führt zu einer fin⸗ ſteren Grotte im Bauche des Huͤgels. In der Erdhoͤhle hauſet ein friedſamer Berggeiſt, den Menſchen gar hold, welche fromm und tugend⸗ haft wandeln, und kein Arges tragen im Her⸗ zen. Friedmund ſei du der erſte, welcher die Walffahrt beginnt zu dem Alten im Berge! Dreimal klopfe an das heimliche Pfoͤrtlein, wenn du den Eingang zur Grotte gefundenz dann tritt der Alte hervor und öffnet die Pfor⸗ te. Muthig offne dein Herz dem Maͤnnlein, und laß dich nicht ſchrecken die ſchwarze Ge⸗ ſtalt und den pruͤfenden Blick des winzigen Al⸗ ten. Was du aus reiner Seele wuͤnſcheſt zum Gluͤcke des Lebens, darum bitte den Berggeiſt. Dir folgen deine Bruͤder, und wer am meiſten begunſtigt heimkehrt zur väterlichen Huͤtte, dem II ſei Minnewart aufpehalten unh jene Flur Hütein und Garten am Strome.“ Nit pören die Söhne dem Vater zu, da er erzaͤhlte vom Verggeiſte am Fuſſe des Schwarzwaldes. iemals hatten ſie ja von dem Alten gehoͤrt, und oft ſchon hatte ſich doch ibr Pfad durch die ſchattigen Wald⸗ gehoͤlze gewunden. Inzwiſchen vereinigten ſie ſich, der Reihe nach den Gang zur heimlichen Grotte zu wagen, ſchilderte doch der Alte den Geiſt ſo fromm und ſo gut. Friedemund ſoute die erſte Probe beſtehen, die zweite Greich und a die dritte. As am die Sipf der Berge ſich rötheten, und die Zinnen der Städte im Necka hale ſich zu vergolden begannen in Fruhſtrahlen der Sonne, da erhub ſich von ſei⸗ nem Lager der leckere zenene griff zuerſt nach der Flaſche von Traubenſaft, fuͤllte den Ranzen mit Butter und Waizenbrot, und wau⸗ derte 6 Straſſe zum Schwatzwae⸗ In weiter Ferne erblickte er kaum den Hügel der Tannen und Fichten am Fuſſe des Hochge⸗ birges, da gieng die Sonne bereits wieder un⸗ ter, und der ſchönſte Tag ſchied von der la⸗ chenden Flur. Friedemund warf ſich ermudet in den kühlen Schatten einer aſtigen Eiche, nahm ſeinen Ranzen von der Schulter und labte ſich am köſtichen Mahle aus ländlicher Huͤtte. Drauf ſtreckte er ſich, auf weiches Moos ge⸗ bettet, unter dem Eichbaume hin, und genoß reichlicher, denn in Eiderflaumen, erquickenden Schlummer. Roch fümmerden die Sterne in den perlenden Thautropfen auf der Aue, wel⸗ e 2 6162 che ſich vor ihm ausbreitete, da verließ der ei⸗ lende Wanderer ſchon den nächtlichen Ruhe⸗ platz, und als der erſte Fruͤhſtrahl uber die Berge hervortrat im Morgen, da ſtand Ftiede⸗ mund am dunkeln Tannenhügel, Anſchlüſſig, wo er hineindringen mogte in das ſtachlichte Gttüſch; denn uͤberall verſchloß ein dichtes Gehege den einganz in den S des . Nachdem der ruͤſtige Jungling, des väter⸗ lichen Troſtſpruchs eingedenk, endlich hindurch⸗ gebrungen war, oͤffnete ſich ihm bald ein en⸗ ger, wenig betretener Pfad, dem er folgte. Kaum war Friedemund eine Viertelſtunde dar⸗ auf fortgegangen, ſo ſtand er vor dem ver⸗ hängnißvollen Pförtlein. Dreimal pochte er an die niedrige Thuͤr, ſo hatte der Vater geboten. Bei dem dritten Schlage knarrte die Pforte in den eiſernen Angeln und oͤffnete ſich. Ein lichter Strahl fiel durch das dichte Nadel⸗ holz in das finſtere Gewoͤlbe, in welchem der Berggeiſt, abgeſchieden von der Menſchenwelt, in dumpfer Stille ſeine Tage hinbrachte, bis ihn drohende Gefahr eines Pilgers im Gebirge zu Huͤlfe rief, oder etwa ein Anwohner des Waldes, der ſeine Grotte kannte, in den Tan⸗ nen irrte, da das Pförtlein ſuchend, anklopfte. Der Lichtſtrahl fiel in das Antlitz des menſchen⸗ freundlichen Gnomen, und er trat vor die Pforte. Eine ehrwuͤrdige Geſtalt ſah Friede⸗ mund vor ſich ſtehen, in Schwarz gekleidet vom Kopfe bis zum Fuſſe; Jahrhunderte zählte der Schnee auf ſeinem Scheitel, aus alter Ru⸗ nenzeit redeten die Furchen im greiſenden Ant⸗ litz, doch auf hochgewölbter Stirn thronte ein erhabenes Läͤcheln, und mit milder Klarheit ruhete das freundlich ſtrahlende Auge auf harrenden Juͤngl Faſt aſchrac der überraſchte Wanderer, und trat aus heiliger Scheu einen Schritt zu⸗ ruͤck bei der Annaͤherung des Alten. Aber freundlicher noch, als zuvor, ergriff ihn dieſer bei der Rechten und fragte: Was begehrſt du, Friedemund? Mein Vater ſendet mich her, ſprach dieſer, um eine Gabe, denn er kennt deine Huld. So ſage, fuhr jener bedächtig fort, was iſt der Liebl ingswunſch deines Herzens? van ſchoͤne Gabe ſchwebte jetzt, gleich ſchwimmendem Nebelbilde im dämmern⸗ den Vether, vor Friedemunds innerem Auge vorüber. Er war ja ein kluger Juͤngling, er wuͤnſchte ſich Weisheit, er wuͤnſchte ſich Tu⸗ gend, er ſehnte ſich nach einem tugendhaften Mädchen, wie Nachabrs Minnewart; aber einen Wunſch hegte er noch, der das Herz ihm mach⸗ tiger bewegte, als die andern alle, ein ſtets g⸗ decktes e O des Leckermauls! werdet ihr ſagen. Aber Friedemund dachte: was fehlt mir, iſt mein Tiſchlein gedeckt, und vergaß uͤber den duftenden Braten, die er erträͤumte, die Weis⸗ heit, die Tugend und— die ſuͤſſe, holde Min⸗ newart. Ein immer beſetztes Tiſchlein! ſprach er keck, doch ſanft erroͤthend vor Erwartung, was der Gnome beginnen wůrde ob ſeines lek⸗ kern Geſenen⸗ 1 Laͤchelnd gieng der Alte zurück in die Grotte, er trat alsbald hervor mit einem gar ierlichen Tiſchlein von Ahornholz, doch groß. genug, um drei Schuͤſſeln zu faſſen. Sprich Tiſchlein, decke dich! raunte er ſüſtend dem . 16 W Fünglinge ins Oht. Begierig ſtammelte dieſer die Worte nach, und ſiehe, da ſtanden drei Schuͤſſeln, gefuͤllt mit koſtlichen Leckerbiſſen auf. ſeinem Tiſchlein. Da gab es friſchen Lachs, wilden Schweinskopf mit der feinſten Bruͤhe und Makaroni à lItalienne mit Parmeſankäſe. Der Verggeiſt hieß den Juͤngling ſich ſetzen, zu koſten. O, dachte dieſer, waͤre doch Minne⸗ wart hier, im Gedanken täglich ſchon an dem Zaubertiſche voll herrlicher Speiſen koſtend mit, der Geliebten. Weil aber Minnewart dien nicht da war, ſetzte ſich Friedemund allein zu Liſche und aß nach Herzensluſt, daß der Gnv⸗ me recht ſeine Freude an ihm 6 Als eep g6 getrunken hatte, war der Berggeiſt verſchwunden, ohne 8 — den Dank zu erwarten, und das Pförtlein hatte 3 ſich geſchloſſen, ohne in den Angeln zu knar⸗ ren. Der hochbegluckte Juͤngling nahm aus Herzen Abſchied von dem guͤtigen Al⸗ ten, hob ſein Tiſchlein auf die Schulter, und sieng gar frohlich mt von dannen. Es wat 3 17 zine ſuͤſſe Bürde, die trägt man gerne; aber eine noch ſuͤſſere ſollte ſie ihm erwerben. Die⸗ ſes freundlichen Gedankens voll zog er ſporn⸗ reichs ſeine Straſſe, des Sieges uͤber die der im Voraus gewiß, bis er gegen Abend ſehr brmüdet vor einem Wirthshauſe anlangte an„ — * Heerſtraſſe von Schorndorf 1* 2 Der Hunger mahnte, Kanzen war leer, und Geld hatte Friedemund nicht. Sollte er ſich hinein wagen in das prunkende Gaſt⸗ haus oder voruberziehen? Faſt haͤtte der All⸗ zugluckliche das Kleinod vergeſſen, welches er auf kräftiger Schulter trug. SZeigen wollte er⸗ d Wirthe die Wunder des Tiſchleins, und gicng ſchnurſtracks auf die Hausthuͤr zu. Da ſtand ein wohlgenährter Mann mit Vollmonds⸗ wangen, die Weſte deckte den Schmerbauch nicht, und die Waden ſchlotterten Könen 4 1 Nanſcheſterhoſen; aber das Auge blickte gar — Kif den nohendit Seſ . 13 W ber⸗ und Kupfermuͤnzen ſpielte. Aber wo mit dem Tiſchlein? fragte faſt ſpoͤttelnd dar der Mann mit dem Doppelkinne. * hoͤrte die Winzen nn⸗ und fuͤrchtete ſich, einzutreten; aber der Dicke war der Herr Wirth, der faßte ihn haſtig bei dem Wamns, und ſchob ihn in die Gaſtſtube zur Linken. Da ſetzte ſich der Juͤngling auf die rothlich angeſtrichne Bank an der Fenſter⸗ wand und vor ſich den Ahorn. Tiſchlein decke dich! ſprach er ſodann voll Zuverſicht, und in ſelbigem Augenblicke war ſein Tiſch beſetzt mit Paſtete, Faſanen und Ananas. Wie ſtaunte der feiſte Herr Wirth, der ſich diesmal gern bi dem Fremden zu Gaſte gebeten haͤtte. Lud ihn der Juͤngling nicht ein zum Mitimbiß?— „ verwunderte ſich und Friedemund 5 — e der Mahlzeit leerte der Jüngling nen Pokal voll herrlichen Nektars, dankte dem Gromen im Herzen, und die Schuͤſſeln ver⸗ ſchwandön. Drauf ward er mude und 19 W der Ruhe. Der Wirth, ein gar ſchlauer Vo⸗ gel, brachte den ſeltnen Gaſt alsbald zu Bette, und ſann auf argen Betrug, wie er das köſt⸗ liche Kleinod an ſich brächte. Eiligſt wurde ein Tiſchler berufen, der drauſſen im Nebengebäude neue Gaſtgemaͤcher dielte. Dann ward Ahorn herbeigeſchafft, und ehe die Sonne zum dritten⸗ mal aufſtieg am Horizonte, ſeitdem Friede⸗ mund die vaͤterliche Huͤtte verließ, ſtand ein neues Tiſchlein von Ahornholz vor dem Bette des Juͤnglings, und das ächte blieb im geheim⸗ ſten Kämmerlein des feiſten Herrn Wirthes verſchloſſen; denn dieſer war nicht umſonſt ſo wohlgenaͤhrt und ſo rund. Im voraus ſchmeck⸗ te ihm ſchon die leckern Paſteten und Faſanen: der Abfall ward fuͤr die Gaͤſte berechnet, welche doppelt bezahlten, fuͤr den Hofhund die Kno⸗ So arges dachte der Wirth, der liſti Friedemund nicht, der ſonſt ſo kluge. Sr1 das Tiſchlein froh auf die Schulter Sonne zum Aufbruch winkte, dankte dem 20 Wm Wirthe fur die Lagerſtatt und ſchied. Der Schalk verlangte nichts, vielleicht zum erſten⸗ male; der ſchoͤnſte Fang war fein. Und der arme, betrogene Jungling eilte, glucklicher als ein Koͤnig, dem Doͤrflein zu, dem BVater und der Geliebten ſein Gluͤck zu verkuͤnden, und dann die Hochzeit und den Triumph zu feiern die juͤngern Vräder. Fegen Mitta war es, als er wieder ein⸗ traf in der vaͤterlichen Huͤtte, das Tiſchlein von Ahorn auf der Schulter zur Verwunderung des Vaters und der Bruͤder. Als dieſe nun hung⸗ rig ſich ſetzen wollten zum haͤuslichen Tiſche mit derber Koſt, da hoͤhnte ſie weidlich der gluͤcktiche Friedemund, und achtete nicht die be⸗ reite Mahlzeit. Wie der Gebieter vor ſeinem Sklaven, ſo trat er ſtolz vor das Tiſchlein und ſprach: Tiſchlein decke di ch, ſo zuverſichtlich, als ruhne der Berggeiſt; aber— das Tiſchlein blieb leer. Der Vater ſchuttelte den Kopf, die Bruͤder lachten, am meiſten Golderich, Friede⸗ mund trauerte und Minnewart, welche ſich den —— 2 mn Schwank des feiſten Mannes auf der Heer⸗ 5 ſtraſſe erzählen ließ, ſprach: der garſtige Wirth! Die Reihe war nun an Golderich. Am naͤchſten Morgen ſollte der ſeine Wanderung antreten, und dem Gnomen den Lieblings⸗ wunſch ſeines Herzens offenbaren. Der wird es ſchon kluͤger anfangen, als ſein betrogener Bruder, dachte der Alte, und ſah ihn troſtvoll ſcheiden aus der Huͤtte. Golderich hatte ſchon ſeit drei Tagen nachgeſonnen, wie er der Gunſt des Berggeiſtes gewiß werden mögte, und dachte mit glatten Worten den Gnomen zu gewinnen. Aber mit kurzer Frage empfieng ihn Hieſer nach dreimaligem Klopfen am heimlichen Pfört⸗ lein, als der pilgernde Juͤngling lange verge⸗ bens im Nadelwalde geforſcht hatte nach der verborgenen Grotte. Was wänſcht ſich Golberich? ſcholl es feierlich und ernſt aus dunkler Bergeshohle. Wie goldne Berge ſtanden alle die 22 W* Träume von Peru's Schätzen vor ſeiner Seele, mit welchen der Juͤngling ſich Abends in Schlum⸗ mer wiegte, und Morgens erwachte. Der lei⸗ dige Geiz hielt ſein ſonſt biederes Herz um⸗ ſtrickt, und laͤhmte die Kraft ſeines Edelmuths. Aber Golderich hatte noch einen Fehler; er war etwas langſam zur Arbeit, und hatte einen ganzen Tag laäͤnger zugebracht auf der Reiſe, als der raſchere Friedemund. Der Weg duͤnkte ihn gar lang; mit einemmale gedachte er an die Sehnſucht ſeines Herzens nach Silber und Gold zu beſchwichtigen, und die beſchwerliche Reiſe zu Fuß auf immer zu enden. —— Ein ſicheres Eſelein hätte ich zu wuͤnſchen, erwiederte Golderich dem Gnomen, welches Di⸗ ſteln füßt u und Dukaten ſpendet. Schon gut, mein Sohn, verſetzte der Berg⸗ geiſt und ſtieg hinab in den Hintergrund der Höhle. Kaum hatte Golderich dreimal geath⸗ met, ſiehe ſo ſtand das Eſelein ſchnecker und blank, wie ein Aal, vor dem niedrigen Pfort⸗ 23 ⸗ wrr lein, und ſpendete Dukaten. Mit blitzenden Augen ſtarrte der Fils die ſchönen Goldſtuͤckchen an, aber langſam buͤckte ſich der Alte zur Erde, und ſtreute das Gold in das Buſchwerk. Ernſt verkuͤndigte er das Zauberwort dem Beſitzer, dem das Herz nach blinkendem Erze geizte: 6ſelein, zeige dich! Alsbald ſetzte der Reich⸗ begabte ſich auf ſein Thier, um von dannen zu reiten. Schoͤnen Dank, Herr Hylo! ſo hieß der Gnome, ſprach er ſcheidend zum Alten, und dieſer entließ ihn mit freundlicher War⸗ nung vor aͤhnlichem, denn Friedemunds Looſe. — Hat nichts zu bedeuten, erwiederte Golde⸗ rich, und klammerte Schenkel und Waden um den ſeltnen Eſel, daß das arme Thier unter der Buͤrde ſtoͤhnte. Doch raſcheren Schrittes gieng es nun vorwaͤrts den Huͤgel hinab und zum Walde hinaus. Kein Kaiſer, auf prächti⸗ gem Zelter Triumphzug haltend, hat ſo gluͤck⸗ „ lich und ſtolz die Straſſen durchzogen, als Gol⸗ derich den Weg vom Schwarzwalde zum Wir⸗ the mit dem Vollmondsgeſichte. konnt ———— 24 nicht fräh genug das Ziel der Tagereiſe errei⸗ chen, und langte noch lange vor Abend auf mudem Eſel vor dem freundlichen Gaſthofe an. Der Wirth ſtand ſchon in der Thuͤr; er hatte von fern den Ritter zu Eſel auf ſein Gehoͤft herzutraben ſehen, und trat ihm wackelnd ent⸗ gegen, den Gaſt willkommen zu heiſſen. Aber Golderich traute dem Feiſten nicht; er kannte das Käppel von ſchwarzem Sammt und die gränen Manſcheſterhoſen, und haͤtte er ſonſt noch gezweifelt, ſo verriethen die ſchlotternden Wa⸗ den den Wirth. Sich ficherer waͤhnend, als Zeus in Stieres Geſtalt vor Juno's Blicken, zog Golderich trabend ein mit ſeinem Eſel, und fͤhrte das Thi er in den Stall vor die Krippe voll Diſteln. Drauf trat er gemaͤchlich ins Zimmer, und ſetzte ſich an die Fenſterwand. Er lachte im Stillen des liſtigen Wirthes und dachte: mich ſollſt du nicht beroͤcken, wie ſchlau du dich dänkeſt. Drauſſen brannte das Feuer auf dampfenden Heerde, und kaum waren dreiſſig Minuten verfloſſen, ſo ſtand die Suppe auf reinlichem Teller zum Mahle bereit. Die⸗ . — gut, drum ließ er vom Braten nichts übrig Jüngling zur Ruhe zu gehen gedachte, da fiel wo der Eſel auf hartem Strohlager ruhte, war 26 W ſer folgte ein Stuͤck gebratenes Fleiſch mit Salat, dann Butter und Kaͤſe. Golderich woͤnſchte nicht mehr; er war ja genuͤgſam in Speiſe und Trank. Die Mahlzeit ſchmeckte ihn fuͤr andere Gäſte. Als es Nacht geworden war, und der es ihm ſchwer auf das Herz, daß er kein Geld hatte, die Zeche zu bezahlen. Er beſchloß, des Eſels Beiſtand zu nutzen, und ſchlich ſich lang⸗ ſam und leiſe in den Stall. Der Wirth liegt längſ in den Dunen, waͤhnte der Jüngling, und naherte ſich dem ruhenden Thiere. Eſelein, zeige dich! ſprach er beherzt, und flugs rollten ihm zehn Dukaten in die offene Hand, wohl dreiſſigmal mehr, als noͤthig war, den liſtigen Wirth zu befriedigen. Zufrieden eitte der Slückliche zur Halle zuräck, und gieng dann zur Ruhe. Aber wehe! neben dem Stalle, 1 26 ein geheimes Gemach, und darin horchte der Wirth bei nächtlicher Weile am winzigen Fen⸗ ſter der Seitenwand. Keine Silbe war ihm entfallen, denn mit Falkenaugen und Haſen⸗ ohren hatte der Dicke aus finſterer Zelle ver⸗ ſtohlen den argloſen Golderich belauſcht. Die⸗ ſer erquickte ſich in ſuͤſſem Schlummer, einge⸗ wiegt in Goͤttertraͤume von Schätzen und Min⸗ neglück. Was der Wirth inzwiſchen vornahm, deckte rabenſchwarze Nacht; der folgende Tag erſt ſollte das Raͤthſel ſeiner Argiſ bruͤtenden Seele löſen⸗ Pit dem Glockenſchlag vier ſehn wir Gol⸗ derich ſchon wieder den Eſel beſteigen und wei⸗ ter traben; denn auch er war einer von den aͤchten Soͤhnen der Natur, welche zur Ruhe gehen, wenn die Nacht einbricht, und zum neuen Tagewerke erwachen mit der aufgehenden Sonne, dafuͤr aber Geſundheit und Frohſinn bewahren, wenn Andere Podagra und hypo⸗ chondriſche Grillen dagegen eintauſchen. Wir folgen ihm langſam nach bis vor die vaͤterliche 27 W 6 Hutte, wo er abſteigt und unbedenklich den muͤ⸗ den Eſel durch die Hausflur hinter ſich berzieht in das Wohnſtuͤbchen des Vaters und der er⸗ wartungsvollen Bruͤder. Man wunderte ſich nicht wenig, das trage Laſtvieh ber die Schwelle treten zu ſehenz denn Neckarseck lag nicht in Weſtphalen, auch nicht in der Altmark oder in Luͤneburgs oͤden Heideſteppen gar, und die Schwaben halten gar ſehr auf Reinlichkeit und gute Ordnung. Sogleich wurde Minnewart gerufen und ihr Vater, der getreue Nachbar, denn beide ſollten Zeuge ſein von Golderichs Gluͤck und des Eſe⸗ leins ſeltener Beſcherung. Nun wurde ein ſau⸗ beres Damaſttuch auf den Boden gebreitet, darauf ſtellte Golderich den Eſel, trat dann vor den vergotterten Langohr, und rief mit ver⸗ nehmlicher Stimme: Eſelein, zeige dich! Alsbald gaͤhnte das träge Thir ſein gellen⸗ des Jah, dann oͤffnete ſich der ſchwellende Bauch, und zu Boden rollten— blanke Du 28 katen?— Nein, die Reſte vom ſtachlichten Di⸗ ſtel, womit der Muͤller zu Marbach ſeine Eſel futterte. So grämlich Friedemund noch war, ſo konnte er ſich diesmal des Lachens doch nicht erwehren. Papa ſtand ſtumm wie ein Fiſch neben deni ſtallenden Eſel, und Hartgert ſah aus, als wenn er nichts natuͤrlicher fände, als das, und anderes gar nicht erwartet haͤtte. Was ihm räthſelhaft blieb, war nur die Da⸗ maſtdecke am ſtaubigen Erdboden. Golderich peitſchte das Thier aus der Stube, und folgte beſchämt Minnewart aber der g⸗ Si 3 Nahe dem Peſe Staͤdlein bei Mar⸗ bach, wohnte ein fleiſſiger Muͤller, welcher viele Eſel futterte, Mehl und geſchrotene Hulſen⸗ fruͤchte hinauf zu fuhren in die Stadt auf dem Huͤgel, und allerlei Korn in Säcken herabzu⸗ tragen zur Muͤhle von den zahlreichen Kunden. Dem hatte eilends der Wirth in finſterer Nacht einen Eſel entborgt, und dieſen an die Stelle des golvenen Thieres geſtellt, welches der Gaſt 29 aus dem Nabelwalde zu ihm herabgefuhrt hat⸗ te⸗ So löfete ſich des armen Golderichs Ve⸗ ttug. Wie wird es nun erſt dem einfältigen Hartgert ergehen, ſprach faſt traurig der Vater, da ſeine klugeren Bräder ihr Gluck nicht beſſer zu bewahren verſtanden! Aber Hartgert mein⸗ te, das waͤren ſeine Sorgen, und ſchnuͤrte ſein Bündlein, um ſich, der dritte und letzte, nun auch auf den Weg zu machen. Der kam faſt in einem Tage zum Nadelwaͤldchen, denn ihm duͤnkte es zu ſäumig, den Schneckengange der Herrſtraſſe zu folgen. Er— wußte, daß weder Strom, noch Wald im Wege lag, drum faßte Hartgert den blauen Hugel ins Auge, und bahnte ſich ſeinen Pfad uͤber Berg und Huͤgel⸗ durch Felder und Thäler, oft, wo noch keines Menſchen Fuß je gewandelt war. Und hätten Ströme und waͤren Waͤlder inmitten gelegen, mit ſtarkem Arm wären Fluth und Buſchwerk zertheilt, denn Hartgert war ein kähner S Schwim⸗ mer und uͤſtig mit der At am Stamme. 30 Ww Als er andern Morgens vor dem Walde ankam, ſann er nicht lange, wo er den Ein⸗ gang waͤhlte. Kraftvoll durchbrach er das Strauchwerk und ebnete neue Wege ins Kreuz und in die Quer, bis er das Pfoͤrtlein fand. Unwillig oͤffnete Hylo, der BVerggeiſt, die knarrende Pforte, unwillig ob des ungeſtü⸗ men Pochens, denn Hartgert haßte die Zöge⸗ rung, damit kein Stuͤndlein nutzlos verloren gienge. Aber bald erheiterte ſich das Auge des Gnomen, da er treu und bieder den Juͤngling ſich naͤhern ſah, in traulicher Anrede bittend um eine milde Gabe, welche er ja den Bräͤ⸗ 8i S verweigert. t Pangt ließ er ſch S. vernehmen, und unbedenklich trat mit feurige⸗ rem Auge der Juͤngling näher und ſprach: „Herr, mit bitterem Hohne hat gft der Troß der Jugendgenoſſen den armen Partgert ver⸗ folgt, weil er nicht Luſt hatte zu ihren loſen Spielen und kein Ohr fuͤr die Raͤnke leichtfer⸗ 1 tiger Buben. Oft ihm drob der Sorn ent⸗ 51 brannt in beleidigtem Gemuͤthe, und mit ner⸗ vigter Fauſt haͤtte er traun den erſten zer⸗ blaͤuet, an welchem ſein Arm den Frevel ge⸗ zuchtigt. Das Nitleid hat ihn bezwungen, der Schwaͤchlinge zu ſchonen, es dem Uebermuthe zu vergeben. Die Klugheit ſeiner Bruͤder, die um Leckerbiſſen und Schaͤtze buhlten, hat ihnen nun wenig geholfen. Aber dreifach wird der Spott den einfaäͤltigen Hartgert treffen, kommt er auch betrogen von liſtigeren Geſellen ins vä⸗ terliche Huͤttlein. Darum ſeid ihr ſein Schutz und Rächer, und züchtigt weidlich die Ueber⸗ muͤthigen, die mit Trug und Liſt den kuhetüi gen zu beruͤcken gedenken!“ Aſ lautete 5 treuherzige Rede. Eilends gieng g der Pnome zur Seite, vom ete Kreuzdorn, Fuß lang und Daumens dick. Die ſteckte er dem Knap⸗ pen ins Reiſeſaͤcklein, daß die Stecken andert⸗ S halb Fuß hoch daruͤber her ragten und ſprach; wenn der Uebermuth dich neckt und Argliſt ge⸗ * 3 Knttel⸗ 32 gen dich auf Betrug ſinnt, Hartgert, ſo ſprich getroſt: Knuͤttel aus dem Sacke! und deine Verfolger werdens büſſen. Das duͤnkte den Juͤngling wunderſeltſam; doch der Berggeiſt hatte es geſagt, da war kein Zweifel. Dankbar reichte er dem Gnomen die Hand zum Abſchiede, aber als er recht zu⸗ ſah, ſchwebte ein dichter Nebel üuber der Stelle, wo Hylo geſtanden, und das Pfoͤrtlein war dicht und feſt verſchloſſen, verſteckt hinter Moo⸗ ſen und wucherndem Epheu. Hartgert ſchied, ſein Kleinod im Arme, als trüge die Fauſt das Doppelſcepter von Großbritannien und Irland⸗ Wer ihm begegnete auf offener Straſſe, der gieng bedächtig zur Seite, ein Vorgefühl flößte ihm geheime Ehrfurcht ein 9*en die X icht ſs der vollwangige Sn z Pollmonde an der Heerſtraſſe. Kaum ſah der durchs geoͤffnete Fenſterlein den dritten Bruder deſſelben Weges daher kommen, auf welchem 55 wbmn die beiden andern, dem Hartgert nicht minder aͤhnlich, als ſich unter einander, auch auf das Gaſthaus losgeſteuert waren; ſo trug er ſchon wieder Arges im Sinne, und augenblicklich waren ſeine Augen auf die ſeltſamen Stäͤbe gerichtet, welche weit uͤber die Muͤndung des Säͤckleins hervorragten. Das merkte Hartgert, und warnte wohlmeinend den Dicken, ſich an dem Weißdorn nicht zu vergreifen. Neugieriger und luͤſterner wurde darauf der Dicke; er konnte die Zeit kaum etwarten, wo ſein Gaſt das Zimmer verlaſſen und ſich zur Ruhe legen wuͤrde. Hartgert trank unterdeſſen gemaͤchlich ſeinen Schoppen fuͤr ſechs Kreuzer, und labte ſich an ſchlechter Hausmanns⸗ koſt. Alsdann wuͤnſchte er dem Wirthe eine gute Nacht, nahm ſein Saͤcklein in den Arm, id legte ſich zur Ruhe, die Staͤbe von Wit zu S. hh Immer Shrper ſtieg die Ungeduld des Ze⸗ ſten, bis endlich der Fremdling eingeſchlafen war, und der ſtille Mond durch das offene Fenſter die Lagerſtätte belauſchte. Da ſchlich er heimlich ins 34. W Kaͤmmerlein, und nahm den Sack mit den Stä⸗ ben. Hartgert ſchlief wie ein Ratz, und der Wirth gieng mit der Beute davon. Plötzlich aber entſtand ein Getoͤſe auf der Hausflur, wie wenn Lichtwehr die Wuth des Hausherrn uͤber Murner, Hinz und ihr geſchwaͤnztes Gelichter ausbrechen lßt. Ein entſetzliches Gepraſſel fuhr uͤber Tiſche und Bänke, alle Schuͤſſeln und Teller in der geraͤumigen Kuͤche raſſelten in Scherben zur Erde, das Kupfer- und Zinn⸗Geſchirr pol⸗ terte mit dumpfen Getoſe von den Tiſchen, die Scheiben in den Fenſterflugeln klirrten in den Rahmen, und fielen mit Kling und Klang auf die Steinflur, das Glocklein an der Hausthuͤr begann zu läuten, der Kater im Hauſe mauete, die Hofhunde heulten, und was das ſchlimmſte war, in dem entſetzlichen Lärmen lieſſen ſich an erbaͤrmlichem Gewinſel und Stöhnen zwei menſch⸗ Stimmen un l unterſcheiden. Alles was Leben Shin hatte wach im Hauſe und flog herbei. Eine gute Weile mochte das Getoſe Nntt haben, da erwachte auch 35 W Hartgert auf ſeinem Lager, erhob ſich und gieng hinab auf die Hausflur. Er glaubte nicht an⸗ ders, als daß ein Erdbeben Haus und Wirth auf eine andere Heerſtraſſe verſetzen wollte, oder dachte gar an die Poſaune zum juͤngſten Gerichte. Als er aber herabkam auf die Hausflur und die junge Frau Wirthin, wie ſie dem weichen Flaum entſprungen war, die Lampe in der Hand, zu Huͤlfe eilte, den Spuck zu beleuchten, was ent⸗ hullte ſich da ſeinen Augen! Nicht der weiſſe Nacken, der hochgewölbte Buſen, die ſchon ge⸗ rundeten Waden des geängſtigten Weibleins.— Davon ſah Hartgert nichts. Nein, ſeine Knuͤttel tummelten wechſelsweiſe ſich mit unaufhoͤrlichen Schlägen von der Bank auf den Tiſch, von dem Glöcklein in das Fenſter, von der Schöſſel auf den Teller, vom Keſſel auf die Kanne, vom Knechte auf den Wirth. Die Wirthin ſchrier meine Schuſſeln, meine Teller, meine Keſſel, meine Kannen, ach, der arme Wilhelm(das war der Knecht)!— vom Wirthe ſagte ſie nichts. Als dieſer den Gaſt gewahrte, bat er fle⸗ hentlich: Herr, erloſet mich von den unſäglichen 8 3 3 36 Schlägen, mein Rucken iſt blau, meine Arme zerſchlagen, ich liege oder ſtehe, ich ſitze oder ge⸗ he, uͤberall verfolgen mich Knuͤttel, und Pete Gieb mir meines Bruders Tiſch und Eſel zutück, ſo ſollſt du erloͤſet werden, erwiederte Hartgert. Da wand ſich der Dicke, und ſchauete ſauer drein; aber ſo eben tanzte der Kobolde einer heran, und pochte mit moͤrderiſchen Schlaͤ⸗ gen auf des Wirthes feiſten Ruͤcken, wie Schlä⸗ gel in Eiſenhuͤtten und Kupferhammern. Län⸗ ger war es nicht zu ertragen. Unter lautem Wehklagen ließ er Tiſch und Eſel ausliefern; alsbald flöſterte Hartgert hochgebietend: Knuttel in den Sack! und die Pruͤgel ruheten. Eein langer, ſchmerzlicher Seufzer beſchloß die ſeltſame Scene. Der Frau und den Maͤg⸗ den klangen noch lange hinterher die Ohren, und Keine wollte erſt das Räthſel loͤſen, bis endlich Wilhelm zuerſt unter der Fenſterbank hervorkroch und zu beichten begann. Der Wikth hatte ſich en Gaſttiſch zum Schilde gewählt, und wagte 37 WW ſich noch nicht hervor. Er halte den unſchuldigen Wilhelm, welcher heimlich nach zehn Uhr der Frau Wirthin noch ein Wörtlein ins Ohr zu raunen hatte, auf die Hausflur beſchieden und befohlen; Wilhelm, die Knuͤttel aus dem Sacke! Alſobald hatte mit Poltern und Krachen der Spektakel ſeinen Anfang genommen. Hartgert hatte einen wahren Triumphzug von dem Gaſthauſe nach der Heimath. Nachdem er dem Wirthe die Zeche, dem K Knechte einen Du⸗ katen Schmerzengeld bezahlt, und der ſchoͤnen Frau Wirthin fuͤr Verluſt und Schrecken ein Stuͤck Geld auf die Hand gegeben hatte, ſetzte er ſich auf den rechten Eſel, nahm das ächte Liſchlein vor ſich, den Sack mit den Stäben auf die Schulter, und trabte bei Sternenſchimmer luſtig hinaus ins Weite. Die Luft war kühl, der Weg war glatt, und der Eſel gieng leicht. Als der Juͤngling vor des Vaters Hütte anhielt, vergoldete die Sonne kaum die Spitzen der Ber⸗ ge zu beiden Seiten des Neckerthals. Vater und Bruͤder aber ſtanden ſchon am Vächlein, „ 6 und erfriſchten Geſicht und Glieder am klaren Waſſerſpiegel. Eilend ſtuͤrzten die letztern beiden herbei, griffen, der eine nach dem Tiſche, der an⸗ dere nach dem Eſel. Hartgert ſah ſie betroffen an, beides als wohlerworbenes Eigenthum be⸗ trachtend; denn ihn lehrte die Erfahrung, Gewalt ſei der Urquell des Rechts, und das war richtig. Wollt ihr ſo euch an meinem Gute berei⸗ chern? hub er drauf beleidigt an, und warnte wohlmeinend die Bruder, ſich an ſeinem Beſitz⸗ thume nicht zu vergreifen. Da half weder Bit⸗ ten noch Drohen. Sie wunderten ſich ſchier, wie der traͤge Geſelle zu ihren Geſchenken gelangt waäre, aber von Zuruͤckgeben warkeine Rede. Drob entbrannte Hartgerts gerechter Zorn, und ach! das Saͤcklein mit den Pruͤgeln war nicht vergeſſen. † Knuͤttel aus dem Sacke! donnerte er un⸗ willig den feſten Knetenſtoͤcken entgegen. Mit Blitzesſchnelle fuhren ſie alsbald belebt aus dem Gefangniſſe, und nun gieng es an ein Haͤmmern und Klopfen, daß dem geangſtigten Vater die Schweißtropfen vor die Stirn traten, und die 39 W Bruͤder Tiſch und Eſel fahren lieſſen. Stilſtand gebot der Juͤnglin den gehorſamen Geiſtern, und wilfaͤhrig ſchlichen die dienſtbefliſſenen Stek⸗ ken zuruͤck in den Sack. Ehrfurcht trat an die Stelle des Hohns, und beſeelte von neuem die bruͤderliche Liebe, welche von dieſer Zeit an, zur Freude des Vaters und der Nachbarn, die drei wie ein unzertrennliches Kleeblatt in Eintracht und Frieden vereinte. In⸗ zwiſchen hatte der Auftritt in der Fruͤhe des Nachbars Neugierde geweckt, und als der Sieger zufäͤllig ſeitwärts blickte, wo das Fenſter klirrte, da ſchauete ihn gar hold und traulich Minne⸗ wart an und ſprach; guten Morgen, Hartgert! woher ſchon ſo fruͤh! Vom Berggeiſte im Nadelwäldchen, erwie⸗ derte dieſer, und näherte ſich dem lieben Maͤdchen die ganze Geſchichte zu erzählen. Die Dirne aber hatte den Anfang ſchon gehoͤrt, und das Ende geſehen; was in der Mitte lag, das holte des Juͤnglings kurzer Bericht und ihre Einbil⸗ dungskraft leicht nach. Sie folgte darauf mit 40 Vater und Mutter. mit Bruͤdern und Schweſtern dem Nachbar unter das Schilfdach. Da ward dem braven Hartgert der Preis zuerkannt, und er druckte das holdſelige Mogdlein berzinniglich an die hochbegluͤckte Bruſt. Dann ließ er das Tiſchlein ſich decken, und alle labten ſich an kräf⸗ tigem Rebenſaft und duftendem Braten. Er gebot dem Eſel zu ſpenden, und fuͤllte den Brü⸗ dern die Beutel mit neugepraͤgten Dukaten. So wich denn der leivige Neid, und Braut und Bräutli feierten bald darauf unter luſtigem Rei⸗ gen die herrlichſte Hochzeit. 8 Lange Zeit blieb das Kleeblatt ein Spiegel der Knaben im Dorfe. Wo ein leckeres Zünglein ſich regte, da warnten die Väter durch Friede⸗ munds Beiſpiel; z wo ein Fis erwuchs, durch den gelogierigen Golderich; wo Argliſt die unſchuld beruͤckte, durch den garſtigen Wirth. War aber vom Preiſe der Tugend die Rede, ſo ermahnten die Muͤtter lobpreiſend die Söhne, treu und bieder zu werden, wie Hartgert, und ihre Töch⸗ ter, ſittſam und gut, wie Nachbars Minnewart. ——————— II. Die Danneilshoͤhle. ——— Mein Freund gab einſt ein Gaſtgebot, auser⸗ leſenen Maͤnnern und Frauen von deutſcher Art. Da wurde lecker gegeſſen und wacker ge⸗ zecht; nicht Chior oder Falerner, weder Ana⸗ kreon noch Horaz war unter uns;— der Saſft von deutſchen Reben, der edle Rheinwein netzte die Lippen und hob das Gemuth. Wie es denn ſo uͤblich iſt, gieng ich nach frohem vwe zum Tempel hinaus, und ſtr das Freie. Frohſinn iſt wohl in gteundes Sahen und Freude, wenn im Kranz der Gäſte Gemach die ſtarren Schranken fallen. Der ſteife Zierrath unſrer Feſte, Doch wahre Frelheit iſt doch nur Im heil'gen Tempel der Natur! „44 won Eine Huͤgelkette führte mich laͤngs den Berg⸗ hoͤhen hin, welche, mit hochſtaͤmmigen Buchen bewachſen, ihre mildeſten Schatten dichter uber! mir zuſammendrangten, mich gegen die Glut der Mittagsſonne zu ſchuͤtzen. Ich ſang ſo oft das Lob der Haine, Nicht um den Ruhm und nicht um Geld; Es war mir ſo um's Herz, ich meine, Darum war mir der Hain ſo hold. Der anmuthige Wald, die ſingenden Vög⸗ lein, die bluͤhenden Auen verſenkten mich ſo ganz jnich ſelbſt, daß ich bewußtlos hinwan⸗ delte von Huͤgel zu Huͤgel, und auf ſanft ge⸗ kruͤmmtem Pfade endlich in den Schooß der 6 Buchen. Faſt war ich eine halbe Stunde hin⸗ aus, ehe ich mich aus dem chaotiſchen Gebilden der Phantaſie wieder recht ſammeln konnte, und als ich mich endlich recht beſann, befand ich mich auf einem Wildſteige im Dickicht des Waldes. Eine ſchauerliche Stille herrſchte um mich her; hier wucherte Schwarzdorn und Schierling, die Droſſeln ſangen nicht, es kraͤchzte der Uhu; 45 da ſchlichen Notche und Si 3 durch den Ruͤhricht; nicht erquickender Schatten woͤlbte hier den Schleier der Kuͤhle vor dem glühenden Antlitz der Sonne; ſie ſchien ſi ſich er roͤthend hinter todten Felſenmaſſen zu bergen, als ſollte dieſer Ort in ewiger Nacht und Däm⸗ merung die Huld ihrer Schoͤpferkraft entbehren. Unter den uͤbermooſten Felſen ragte einer her⸗ vor von ſonderlich grauſem Anſehen. Die Stirn war mit greiſen Flechten behangen, ſein hohes Alter verkuͤndend, der kahle Scheiter war geborſten, wie wenn ein Wetterſchlag das Haupt getroffen, der Fuß ſchien untergraben von Wöl⸗ fen und ſchiauen Fuͤchſen, welche in dieſer Hede Schutz ſuchten vor ihren unerbittlichen WVerfolgern, den Menſchen. Der Bauch aber war hohl, ein dumpfes Gewolbe mit doppeltem Pfoͤrtlein voll eiſiger Luft. Sitze und Bäͤnke fand ich in der ſchrecklichen Höhle in den Fel⸗ ſen gehauen, aber ich fuͤhlte mich nicht verſucht, darauf auszuruhen. Hohle Augen ſtarrten mich an aus dem Schädel des Gewolbes, Höh⸗ 8 lungen, in welchen mächtige Riegel, das Boll⸗ werk der Pforten, einſt eingerammt geweſen waren. Es war ein ſchrecklicher Gedanke, in der Hoͤhle, von aller menſchlichen Rede weit, hinter ſolchen Riegeln vermauert zu ſein. Und doch fanden ſich Tiefen im Felſen wie Pferde⸗ krippen, und deutliche Spuren verriethen, daß hier ein menſchliches Weſen einſt gehauſet, und den graͤßlichſten der Felſen im Walde zu ſeiner Wohnung umgeſchaffen habe. Aber zu welcher und in welcher Abſicht! We kine Warderungen angeſtellt hat im Gebiete der altdeutſchen Zeit, der hat auch von Raubrittern und Grafen gehoͤrt oder ge⸗ leſen, die gefuͤrchteten Leuen unſerer Vorfahren; von einem Drachen, wie das Ungeheuer dieſer vielleicht noch Als ich mir den Klͤftner cht ubhaft dachte mit ſeinen teufliſchen Zuͤgen und ſpruͤ⸗ hendem Auge, mit ſtruppichtem Haupthaare und zottigem Barte, mit Satyrſtirn und grin⸗ X— WW ſendem Munde, in rauhe Wolfshaut gekleidet, den blinkenden Dolch im Gurte: da rauſcht es plotzlich hinter mir im Laube, und ehe ich mich umſehe, faͤllt ein Schuß in die Pforte zur Lin⸗ ken, daß die Kluͤfte krachen, und Berge und Thaͤler ringsum wiederhallen. Gluͤck zu, Dan⸗ neil! ſcholl es herein. Ich erſchrack nicht wenig; aber plötzlich geweckt aus meinen Träumen, flog ich ſpornſtreichs hinaus an das Licht. Hier ſtand, wie an den Boden gewur⸗ zelt bei meinem Anblicke, die abgefeuerte Flinte im Arme und die Taſche uͤber die Schulter, ein wackerer Jägersmann. Ich gruͤßte den Grů⸗ nen, und er dankte mir. Der Waidmann war eben ſo ſehr uͤberraſcht durch mein Erſcheinen, als ich durch ſeinen Schuß. Inzwiſchen erhol⸗ ten wir uns beide gar bald von unſerem Schrecken, und ehe fuͤnf Minuten verfloſſen waren, wanderten wir ſchon befreundet gen Mitternacht auf dem Widplade hinaus in Freie. Der Gruͤne erzählte ſogleich von Buſch und Vaumz ich aber fragte nach der ſchauerlichen Höhle, 48 Da, hub er an, hat vor Zeiten ein Raͤu⸗ ber gehauſt, genannt Danneil Die Danneitsyohle alſo! 6 ihm ein, denn ich hatte ſchon längſt vernommen von die⸗ ſem Orte des Schreckens im blumenreichen Huis, einer anmuthigen Waldhoͤhe, unweit Halber⸗ ſtadt, wo zum Schaugepraͤnge der frommen Benediktiner auf hoher Kloſterburg am Frohn⸗ leichnamsfeſte viele tauſend Fremde ſich ſam⸗ meln zu Baß⸗ zu Wagen und zu Fuß. Ihr mn, zur frommen Kirchenfeier Vereint ſich hier die Chriſtenheit?— Gefehlt, es athmet ſich hier freier, Das kranke Herz vergißt ſein Leid Bei Birkenwaſſer, Punſch und Wein, Und laßt die Prieſter Meſſe ſchrein. Ihr draͤngt euch nach den Gottgeweihten? Hier winkt das Mahl auf gruͤner Flur. Laßt doch die Buben diesmal lauten, und bleibt im Tempel der Natur! So eben tönte das Glöetein von der Si⸗ 3 Wir hatten verab des Berges in die Thäler. 49 3 redet, hinanzuſteigen, und hier das Wort Got⸗ tes aus dem Munde des heiligen Redners zu hören. Aber der Gruͤne achtete des Gebimmels nicht, und erzaͤhlte geſchwaͤtzig weiter. Ich tieß die Andern gehen und hörte zu. ungekannt und unbelauſcht von den fried⸗ lichen Anwohnern des Waldes, fuhr er fort, hat der Verruchte mit Meiſſel und Beil das Fel⸗ ſenneſt ausgehauen und verrammelt, ein heim⸗ lich feſtes Gewoͤlbe gegen jeglichen Verfolger und gegen die nacheilende Rache der Obrigkeit⸗ Seine Pfade fuͤhrten durch Dornen und Di⸗ ſteln, und das Roß, welches er naͤhrte im Vauche der Felſenhoͤhle, war mit umgekehrten Eiſen beſchlagen, daß die Spur des fluͤchtigen Reiters immer weiter entfernte von dem Rauhſitze des verwuͤnſchten Kluͤftners. Ueber den Pfad, der am nahen Dörflein durch den Wald zur Stadt hinuͤberführte, leitete der Arge aus ſeiner Felſenhoͤhle eine verſteckte Schnur. Ein verrä⸗ theriſches Gloͤcklein rief durch unheimlichen Laut den Räuber an die Pforte, betrat ein menſch⸗ 4 50 1 W licher Fuß das unſelige Band. Asbalb ſurz⸗ ten mit Krachen die Riegel zuſammen, die An⸗ geln knarrten, und mit wildem Sprunge fiel der Grauſame, den blinkenden Dolch in der Hand, uͤber das ſchuldloſe Opfer. Die Habe des Ungluͤcklichen war des Frevlers Beute, er ſelbſt ein Raub des Todes. Mancher war ſo unter der Moͤrderhand des Raͤubers gefallen, mancher handfeſte Mann, der vergebens rang gegen den blutigen Stahl ſeines Mörders, man⸗ ches wehrloſe Weib, welches vergebens durch Flehen und Wimmern den Unhold zu ruͤhren ſuchte. unter Mooſen und Diſteln moderten in einiger Ferne laͤſſig verſcharrt, die Secin der Erſchlagenen. Ha! ſchauderts dich ob ſolcher Dinge Aus deiner lieben alten Zeit? O zuͤnde nur die Leucht und dringe In's Dunkel der Vergangenheit! Nicht immer buhlt in weichen Armen Der Rürter um den Minneſold, Gar mancher plundert' ohn Erbarmen Den Pilgersmann um blinkend Gold, 3 „ 1 und trieb ſein Huwerk ehrenfeſ, S Wie unhold hier im Felſenneſt. Lange hatte der Frebler ſo im Walde ge⸗ hauſt, und viele Unſchuldige waren untet der Schärfe ſeines Mordgewehrs gefallen, da toͤnte wiederum einſt in der Morgenfruͤhe des verrä⸗ theriſche Gloͤcktein in der ſchauerlichen Höhle. Nit fürchterlichem Gepraſſel ſturzte der Wuth⸗ rich aus dem Drachenneſte hervor, und ſpaͤhete nit funkelndem Auge nach ſeiner Beute auf dem Wildpfade des Waldes. Unwillkuͤhrlich zuckte der Arm den Dolch, und die Rechte hielt in krampfhafter Erſtarrung den Schaft, daß Rieſen ihr den blutigen Stahl nicht entwun⸗ den hätten. Und ſieh, leichtgeſchuͤrzt wandelte arglos auf friſchem Fröhlingspfade ein roſiges Mägd⸗ lein, faſt erſchrocken bei dem ploͤtzlichen Getoͤſe im nahen Buſchwerk. Wie entfaͤrbte ſich aber die gluhende Wange, da die wehrloſe Dirne den Unhold aus dem Kreuzdorn heworſpringen ſih mit blinkem Dolche in nervigter Fauſt! 5 wäre ſie nur der n Warnung der beſorglichen Mutter gefolgt, welche bekuͤmmert um die Sicherheit der guten Tochter, ihr zu warten gerathen, bis die Nachbarn auch zur Stadt wallfahrteten, den ueberfluß des Feldes dort gegen lachendes Erz zu vertauſchen. Doch die Milch war friſch und durfte nicht ſauer werden, die Maibutter lud zum ungeſaͤumten Genuſſe ein, und die leckern Städter harrten ja heute des flinken Milchmädchens eine Meile Wegs in der Aue. Drum hatte die Dirne ſo früh das Huͤttlein verlaſſen, und, Gott ver⸗ trauend, ſich keck in den Wald hineingewagt. Ach meine gute Mutter! rief ſie laut ſchluchzend bei dem Anblicke des furchtbaren Räubers, ließ erſchrocken das Koͤrblein finken, und warf ſich flehend vor jenem auf das Knuie. Flehend blickte das klare blaue Auge aus ſchuld⸗ loſem Antlitze in die verzerrten Zuͤge des Kluͤſt⸗ ners. Mit der blühenden Farbe der jugendli⸗ chen Wange ſchien die Hoffnung allgemach in das Herz der Erſchrockenen hentehen ihre 55 wehrloſen Häͤnde hielten unwillkuͤhrlich de nver⸗ ruchten Arm des Raubmoͤrders umfaßt, um ihn zuruͤckzuhalten von dem ſchrecklich drohenden Fre⸗ vel, und mit der ſchönen roſigen Dirne bat an jenem herrlichen Morgen die ganze Natur den teufliſchen Wuͤthrich um Schonung⸗ Wer hätte nicht mit frohem Muthe Sein Leben fuͤr die holde Magd⸗ Des unholds Fall im eignen Blute In ſolchem Augenblick gewagt! Doch todtenſtill iſts in den Eichen Nur Heher ſchreien durch den Wald, und Volch und Salamander ſchleichen Durch's Rohr in ſcheuslicher Geſtalt. Ein hoͤlliſches Gelaͤchter entfuhr dem Dra⸗ chenmunde des teufliſchen Geſellen. Sie betet! rief er graͤßlich durch Buſch und Baum. Ein Thraäͤnenſtrom rann uͤber das bleiche Antlitz der bebenden Dirne ob ſolcher Fuͤhlloſigkeit, und die kreiſchenden Heher flohen aus der Nähe der ſchauderhaften Scene. Auch die Thränen, Spiegel der ſchuldloſen Seele des ungluͤcklichen „ Mdchens, ruͤhrten den Frevler nicht; er er⸗ 34 vlickte darin nur ſein eignes Zertbild, und tiß, der Unmenſch, mit Henkershand das Buſentuch vom ſchimmernden Nacken der ſchoͤnen Dirne, den Stahl in offner Bruſt zu verſenken. Die Hoͤlle ſollte ſich weiden an dieſer Scene des Schreckens, wo ein Kannibale Wolluſt ſchlürft aus moͤrderiſchem Frevel. Ein matter Strahl, ben⸗ im tichen Laube tauſendjähriger Eichen, fiel in dieſem troſtloſen Augenblicke auf die blendend weiße Bruſt der holden Dirne, und zum erſtenmal im Leben fuͤhlte ſich ſelbſt das Eiſenherz des grauſamen Räubers in dieſer Mordgrube von anderer Empfindung, als Raub⸗ und Met bewegt. Verkts! auch in Ruberhbhlen ſbe Verliebte ihr Elyſium, Denn in des Waldes duͤſtern Gründen Beſingt ihr Rinaldini's Ruhm. Die er mit blut'ger Fauſt erſchlagen, Sind ſeines Namens Wappenzier, und all ſein Liebeln und ſein Wagen Erlutert die Geſchichte hier. 55 n Der Raͤuber ließ den gezuckten Mordſtahl ſinken, verzog ſeine Zuͤge in ein unheimliches Laͤcheln, und entbot das ſchöne Milchmädchen in ſeine ſchauerliche Hoͤhle. Das Körblein mit friſcher Milch und Butter trug er ſelbſt neben her. An Raͤuberhand wankte die Arme zitternd auf die Hoͤhle zu, trat durch die dunkle Pforte hinein, und horte raſſelnd die Riegel hinter ſich und ihrem ſchrecklichen Gebieter an der Felſenwand ſich ſchlieſſen. Die ſchauerliche Einſamkeit in dieſer Hede bedarf keines Schleiers, wie Dianores verliebte Stunden an der Bruſt des geliebten Räubers. Die Mauern ſind ſo eiſig, und ſo kalt, der Mann iſt ſo graͤßlich und das Maͤdchen ſo ſchuldlos und gut. Himmel und Hoͤlle bleiben ſich ewig fern, wie nahe ſich auch ihre Graͤnzen im Leben, wie im Raume, beruͤhren, und die Pole einigen ſich nie, obwohl der Magnet von beiden gefeſſelt, raſtlos hin- und herſchwankt, ſie zu verſöhnen. Lunge und qualvolle Nichte verlebte die ungluͤckliche Dirne in dem Selen⸗ gewoͤlbe. Eingemauert, wenn ihr Plagegeiſt hinabritt uͤber Feld und Flur auf ſein ſchreckli⸗ ches Handwerk, und von foͤrchterlichen Dro⸗ hungen beſtuͤrmt bei ſeiner Ruͤckkehr, wollte ſie lieber den Tod, als die Schande. Da floß manche bittere Thraͤne von immer bleicherer Wange, aber Felſen war der Voden, auf wel⸗ chen ſie fiel; manche ſchmerzliche Klage brach ͤber die einſt ſo bluͤhenden Lippen, aber ſie verhallte ungehoͤrt an der undurchdringlichen Kluft. Oft dachte das Maͤgdlein an die trau⸗ rende Mutter, ofters an den jammernden Ge⸗ liebten; dachte, wie beide, vom Gram uͤber ih⸗ ren Tod uͤberwaͤltigt, Leid um ſie truͤgen. Alle die verlornen Freuden der Jugend traten im Spiegel der Erinnerung oft unwiederbringlich vor die Seele, und in tiefer Wehmuth ſehnte ſich die Dirne dann nach Erloͤſung durch den Tod. Hoffnung ließ ja die ſchauderhafte Vor⸗ ſicht und das tufliſche Mißtrauen des der Ungluͤcklichen nicht. So verſtrichen ſechs trauervolle Monden unter wilden Stärmen der gräßlichſten Rohheit, 7 3 graunvollen Drohungen, thränenreichen Tagen und angſtvollen Nächten. Endlich gieng der Stern des Troſtes auf, als Mutter, Bräutigam und Freundinnen das wackere Mägdlein als ein Opfer des gefüͤrchteten Raubmörders ſchon längſt verloren gegeben hatten⸗ Eines Morgens naͤmlich ertonte plotzlich wieder das boſe Gloͤcklein in der Hohle. Raſch ſprang der Wilde von ſeinem Lager auf, und rannte hinaus. Wuͤthender ſtuͤrzt kein Adler aus ſeiner Wolkenhoͤhe herab auf das Täublein, als mit blutiger Klaue dieſer Greif aus der Hoͤhle auf den ungluͤcklichen Wanderer im Walde. Aber diesmal war es kein wehrloſes Taͤublein, ein ruſtiger Lanzenknecht war es welchen der Raͤuber mit Huͤlfe des Dolchs jäh⸗ lings niederzuſtoſſen wähnte. Doch der Ueber⸗ fallene wendete ſich ſchnell, wich dem toͤdtlichen Stoſſe des Moͤrders aus, und rang und wehrte ſich lange gegen ſeinen furchtbaren Feind. Schade, daß die Lanze dem nahe verwundenden Dolche nicht widerſtehen mogte! Der Ueberwäl⸗ 58 vmn ite ſank enblich unter vielen Dolchſtichen ohn⸗ mächtig zur Erde, und trinkte mit ſeinem Blu⸗ te Schierling, Stechapfel und Viſenkraut am ſunpfenden Erdboden. Als S der Raͤuber heimkehrte von blu⸗ tiger That, mit Beute beladen, ſieh da war die fluͤchtige Magd von hinnen. Eilend zum mör⸗ deriſchen Werke, hatte der Unhold die Pforte zu ſchlieſſen vergeſſen, und mit leichtem Sprun⸗ ge entrann die Dirne, noch ehe der Erwuͤrgte verſcharrt war, den Berg hinan zum benach⸗ barten Kloſter. Noch ſah der Wöthrich das ge⸗ ängſtigte Mogdlein zwiſchen Haſeln und Dorn⸗ geſträuchen den Berg hinanflichen, und ſchleu⸗ derte mit donnerndem Fluche die erbeutete Lan⸗ ze hinterher, daß die Luͤfte ſauſten; doch die Dirne war zu fern, und unwirkſam grub ſich die Lanze zu unwuͤrdigem Zwecke gemißbraucht, in den kalkſchwangeren Boden des Abhangs. Noch verſuchte der Wilde, der Flüchtigen nach⸗ zuſetzen, und keuchte mit giftgeſchwollener Btuſt den Berg hinan; aber der Fuß der Entronne⸗ X W nen war zu leicht, und ihr Vorſprüng zu groß um ſie im Laufe zu erreichen. Als der wuth⸗ ſchäͤumende Verfolger am ſteilen Hange der Bergſpitze weilte, ſtand die Dirne ſchon droben vor dem rothbemahlten Thore des uhemufe und ſ Vete der Armen, wenn der Pfoͤrtner ſäumt, ſie einzulaſſen! Rache durſtend wuͤrde der Verfolger auch des ⸗„Berges Gipfel erklim⸗ men, und das Taͤublein waͤre verloren. In der That griff der Wilde, nach kurzer Erho⸗ lung, bereits nach dem nächſten Kreuzdorn um von Strauch zu Strauch am Hange ſich hinauf zu winden: da knarrte droben die Pforte, und nahm die Huͤlfe Schreiende in ſicheren Schutz. Flächtig mußte nun der Räuber hinab zur Felſenhoͤhle, eilends den Erſchlagenen begraben, und ſich im Veuc des Gewoͤlbes bergen und verrammeln. Furchtbar drohte jetzt das Unge⸗ witter der Rache und der verwirkten Strafe uͤber das Ungeheuer hereinzubrechen. Seine guſtucht war entdeckt, und was der Aberglaube ſeither gefabelt hatte von Kobolden, Greifen und Drachen, das mußte ſich im Munde der Befreieten endlich zum Verderben des blutduͤr⸗ ſigen Wuͤrgers als löſen. Kaum war auch der Ruber in finſterer Höhle geborgen, ſo langten bie Kloſterknappen ſchon vor dem ſchrecklichen Felſenneſte des ſchau⸗ rigen Grundes, voll des thorichten Wahns, mit Lanzen, Gabeln und Aexten die heimliche Klau⸗ ſe des Wilden zu ſtürmen, und ihn in Ketten und Banden dem Rathe der nahen Stadt zu überantworten. Aber der war wohl verwahrt in ſeiner Klauſe„ und ſprach den ohnmaͤchtigen Verfolgern Hohn, als ſie drauſſen eitlen Rath hielten, wie ſie die Hoͤhle gewonnen. Zähn⸗ 3 knirſchend brach er in fuͤrchterliche Fluͤche aus, wenn er des Mägbleins zartere S Stimme ver⸗ nahm, Rath gebend den unbeholfenen Knap⸗ 5 pen. Dem Hungertode beſchloſſen ſie darauf den Unhold Preis zu geben, und lagerten ſich n um den todten Felſen, die Wache 61 WWMMNM wechſelnd vor der undurchdringlichen Pforte. Noch war die Kunſt ihnen fremd, mit Hälfe des Pulvers Felſenklüfte zu ſprengen und Mauern zu durchbohren. Doch lange lagen ſie da, und der Raͤuber hoͤhnte ſie jeglichen Mor⸗ gen, bot ihnen Brot von ſeinem Ueberfluſſe und Fleiſch aus blutiger Henkershand. Nur der ſonſt ſo feiſte Rappe, ſeit Jahren das ein⸗ zige lebende Weſen, welches neben dem Wuͤth⸗ rich die Hoͤhle bewohnte, ehe ſeine Fauſt die Dirne ereilte, empfand es gar uͤbel, daß er Nachts nicht mehr an den BVergen in feinem Kraute oder auf uͤppiger Wieſe in Klee und wucherndem Graſe weiden durfte. Er wieherte nicht mehr wie ſonſt mit einbrechender Nacht nach dem koͤſtlichen Schmauſe; von den Schen⸗ keln ſchmolz der Polſter, das Feuer der Augen erloſch, und nach acht martervollen Tagen des todtlichſten Hungers ſtand ein kummerliches Skelett vor der leeren Krippe. Inzwiſchen war aber auch der Vorrath des Räubers geſchmolzen, wie ſpärlich er auch zu⸗ letzt ſeine Viſſen ſich zuzaͤhlte, hoffend, es wuͤr⸗ den die Arguswaͤchter des langen Harrens muͤ⸗ de, einmal die Klauſe verlaſſen; dieſe löſten ſich wechſelnd ab. Schien die alte ſchaurige Stille einmal heimgekehrt zu ſein in die oden Gruͤnde, und der Eingekerkerte luͤftete die Rie⸗ gel, um ſein Heil in der Flucht zu ſuchen; ſo war es ein verſtelltes Schweigen geweſen, und nur zu ſchnell ſchloſſen mit Krachen ſich die Riegel wieder, daß die Knappen S. r 1 Als eb nhh ouch wihe war, und die Kloſterknappen vom Biſchofe der nahen Stadt Abloͤſung erwirkten, da verzweifelte der Wilde an ſeiner Befreiung. Er betrachtete den hinfälligen Gaul vor der Krippe; und zückte den Dolch, welcher viele Jahre hindurch nur Menſchen mordete, zum erſtenmale gegen ein vernunftloſes Weſen. Rächelnd lag der Rappe zu ſeinen Föͤſſen, das ſchwarze Geblut floß ne⸗ ben der Krippe auf den Felſengrund, und draͤngte ſich zwiſchen Riegel und Felſenwaͤnden ——— 65 W hindurch, daß die wachſamen Lanzenknechte den Schwall in das Gras rinnen ſahen. Ernährt war nun der Wilde auf mehrere Tage, ſo lan⸗ ge die markloſen Gebeine des hingeſchlachteten Rappen Nahrung boten. Ungeduld aber uͤber⸗ fluͤgelte die Waͤchterſchaar vor der Felſenhoͤhle, wie der Danaer Heerſchaaren einſt vor dem un⸗ gluͤcklichen Ilium. Sie ſannen endlich auf Liſt, und der Erfindungsreichſte, ein Ulyſſes unter den Lanznern, trat endlich mit wohlůber⸗ dachtem Anſchlage hervor, den Spuck zu enden. Kein troiſches Roß mit bewaffneten Hel⸗ den bemannt! Ein Eiſenkolben ſpielte die Hauptrolle. Der Scheitel des Felſen, die ſchwächſte Stelle des grauſen Gewoͤlbes ward zertruͤmmert, ſo daß eine winzige Oeffnung ent⸗ Athene bei Vater Homer. Nun vereinigten ſich die Knappen, und trugen Waſſer zuſam⸗ men aus dem kalkſchwangern Bächlein des Thals. In einer ungeheuren Wanne von Ku⸗ ſtand geſtaltet wie das Aeuglein der Pallas pfer, ſonſt die Nektarquelle durſiger Mönche, nun aber zu ärgerem Zwecke dem reichbegabtem Kloſter entborgt, floß der Schwall aus hun⸗ dert Eimern zuſammen. Grand, Kalkerde und den Moder verweſeter Blätter ſchuͤtteten die Spießgeſellen hinzu, und zuͤndeten ein flam⸗ mendes Feuer unter der Wanne an. Einige trugen trocknes Holz herbei, Andere ſchuͤrten die Flamme, und ſiehe, es begann der Moder ſich mit der Erde zu mengen und die Erde mit kornigen Sinter, daß der Brei langſam em⸗ porbrodelte und quoll, ſich ſträubend gegen die maͤchtige Glut, welche ihn aufiſen dohte in wallenden S Sia 1 nun der ſiedende Schwall heiß genug war, die Haut im Dampfe zu gahren, da wur⸗ den mit Steinen und Mooſen die Riſſe und Spalten der Hoͤhle verſtopft, und ſiedend ließ die Wächterſchaar den hoͤlliſchen Brei durch das Cyklopenauge im Scheitel des Felſen hinunter⸗ ſtroͤmen in die fuͤrchterliche Höhle drinnen⸗ Da ſank der Trotz uud der teufliſche Muth des Wilden. Zaghaft floh er von Ort zu Ort vor wolbe. Doch die Wächter goſſen friſch und dem kochenden Guſſe. Als der Boden nun ſchwamm vom qualmenden Brei, da ſtieg, gebuͤckt auf die Felſenbank, der rettenden Pforte gegenuͤber, aber nicht mehr kuͤhn genug, ſie durch gewagten Sprung zu erreichen, die Rie⸗ gel zu loͤſen, und drauſſen entweder ein Opfer gerechter Rache zu fallen, oder mit moͤrderiſchem Dolche den Durchbruch zu verſuchen in das dichte Gedoͤrn der Gruͤnde. Von der Felſenbank floh der Geängſtigte auf kurzer Flucht zur Krippe. Als aber auch dieſe der ſiedende Strom erreichte und hoͤlliſche Hitze nun die Sohlen des Unholds verbrannte, da tönte dumpfes Stöhnen aus grauſem Ge⸗ mächtiger den Guß, je hoͤher unter Stöhnen und Aechzen der Schwall im Gewoͤlbe ſtieg, bis verzweifelnd endlich, unter polliſchen Schmerzen, der Wuͤthrich ſich in die ſiedende Fluth und dem Teufel in die Krallen ſtuͤrzte. Die Dirne war längſt zur Heimath zu⸗ ruͤckgekehrt mit unausſprechlicher Freude Schick⸗ ſal und Rettung der Mutter verkuͤndend, und an der Bruſt des Geliebten geneſend von dem uberſtandnen Jammer. Sie verſchmaͤhete jeden andern Lohn fuͤr den wohlthätigen Dienſt, wel⸗ chen ſie durch Befreiung von ſolchem Teufel der Landſchaft geleiſtet, und der Bräutigam waͤre vor Freude faſt geſtorben, als ihm der Himmel plotzlich ſein Liebchen wieder gab, wel⸗ ches er laͤngſt im Reiche der Todten wähnte. So der Jögersmann. Was er erzäͤhllte, tadelt's nicht! Die Wahrheit waltet im Gedicht. Der Unſchuld wird des Himmels Huld, Die Holle der Vermeß'nen Schuld. II. Ludwig der Springer. E ſuffen an fünf Vn in ſwaltiger Laube zu Krellwit an der Saale. Ein herr⸗ licher Maitag war es, in unhewölkten Lüften neigte ſich die Sonne almählich gegen den Un⸗ tergang, und kleidete den Rand des Horizonts in Roth, Violenblau und Goldgeib. unzihlige 3 „ 8 Schwalben kreuzten vergnügt unter dem beuen Himmelsgewölbe, und Nachtigalen ſangen is den luſtigen Gürten am Hange des vege Unten rauſchte diesmt ſpiegelklarer Wei— die Saale den Ufern ng, welche ſeit Jahr⸗ tauſenden hier das Stronbette immer enger und zuſammendrängen. Felſen hier und Felſen dort; gen Morgen ſchroff und kahl bis 3. zur gen Abend mit ibu An⸗ 70 WW bau beſetzt von Hauslein und Gärten. Nachen kamen und giengen auf wogendem Strome. Alles vereinigte ſich, den ſchoͤnſten Fruͤhlings⸗ abend herbeizuzaubern, welchen die Jünger der Muſen hier am romantiſchen Ufer der Saale zu genieſſen beſchloſſen. Jetzt trat mit freundlichem Angeſichte der Wirth aus der Vergſchenke, gieng zur Laube und ſprach: guten Abend, meine Herrn! Dieſe dankten ihn eben ſo freundlich, und beſtellten eine ländliche Mahlzeit. Nicht lange darnach brachte die Tochter des Wirths kählende Milch, mit Zucker und Zimmt gewurzt, und kräftiges Roggenbrot. Sie ſtellte die Schüſſeln auf den Tiſch in der Laube; die Gäſte aber klopften die Pfeifen aus, ruͤckten dann nher und aſſen⸗ Der Wirth wuͤnſchte hoflichſt eine geſegnete Mahlzeit, und wollte gehen, ſeine äbrigen Gä⸗ ſte zu bedienen; aber die Fuͤnf ſprachen; ſetze dich zu uns, Alter, und laß fuͤr Andere die Dirnen ſorgen. Da vergaß der Wirth ſeine übrigen Gäſte und ließ die Dirnen Speiſen 77 W und Getränke beſchicken. Er ſetzte ſich traulich zu den Fuͤnfen auf die Tannenbank in der 1 Laube. Weil er aber ſchon geſpeiſet hatte, ſtopfte er ſich bedächtig ſein Pfeifchen, und ſahe mit Vergnuͤgen zu, wie die wackern Juͤnglinge ſich labten an den einfochen Gaben ſeines Pu am. Der Juͤngſten einer, welcher am erſten be⸗ friedigt von der Mahlzeit aufſtand, ſetzte ſich neben den Alten, und fragte bedaͤchtig: was für ein Felſengethuͤrm iſt's, welches da druͤben uber der Saale faſt bis zur Volkenhhe hin⸗ auf ſteigt?„ Der Herr iſt wohl noch nicht lange in Halle geweſen? fragte lächelnd der Wirth. Seit drei Wochen, die andern ein. Beſcheiden wieß nun der Alte die Frage an die aͤltern Herrn, welche ſeit Jahren ſchon den Muſenſitz bewohnten und lieb gewonnen wuuns eine Maͤhr, wie es wenige giebt. 72 hatten. Deren einer aber ſprach: erzähle nur, Alter, wir hoͤren zu! und mit geſchwätziger Zunge begann der Alte, was er vielleicht ſchon 6 eben ſo geſchwätig Se Das it der gizticenßein⸗ hub er an, vor Zeiten mit einem maͤchtigen Fuͤtſtenſchloſſe be⸗ ſetzt und feſt durch unerſteigliche Felſenhoͤhen und den Strom, welcher ehedem hart an den 6 Felſenwänden hinunterrauſchte, wo jetzt der trockene Strand aus dem Flußbette hervortritt. Hat keiner je die Hochburg erſturmt, und wem einmat die Spitze des Felſen zur Behauſung angewieſen war, dem geluͤſtete nicht durch kuͤh⸗ nes Wagniß ſich aus dem Felſenkerker zu er⸗ ſen. Haſt du n Springer vergeſſen? unter⸗ brach dem Erzähler einer der Muſenſoͤhne. Ja, js, ben Ludwig, verſetzte der Alte, deſſen Geſchichte iſt ein abſonderlich Ereigniß in der Chronik von Giebichenſtein und ſeine 6 So erzähle! ermünterte wißbegierig der Muſen jungſter Verehrer unter den Fuͤnfen den alten; aber noch ehe ſich dieſer recht beſinnen mogte auf die Mähr aus alter Zeit, ſiel der aͤltern Bruͤder einer ein, und erzählte alſor Als vor beinahe achthundert Jahren Hein⸗ rich der Dritte im lieben deutſchen Reiche das Stepter fuͤhrte, und die römiſche Kaiſerkrone der Bartige, und hielt ſein Hoflager im Schloſ⸗ ungemeine Kuͤhnheit bewieß, und weil er dem Aten faſt zu waghälſig duͤnkte, nach Mainz zu den geiſtlichen Herrn in die Schule geſchich wurde, um ſich an einen fein ſittſamen Lebens⸗ ſcheint es doch, als waͤren ihnen die verfuͤhri⸗ da weder ſonderlich Latein, noch Logik und trug. Da gebot im Thuͤringerlande Ludwig ſe zu Schauuburg aufgeſchlagen. Er hatte einen Sohn, genannt Ludwig, welcher ſchon ſehr ftüh wandel zu gewohnen. Aber obgleich dieſe Herrn vor Alters noch keine Akademien bezogen, ſo ſchen Reize des ſchönen Geſchlechts nicht ganz unbekannt geblieben; denn Prinz Ludwig lern⸗ 74 W wohl aber der ſuͤſſen Minne Spiel. Keine Hecke war ſo dicht, daß der Knabe ſie nicht durchbrach, kein Fluß ſo breit, welchen er nicht durchſchwamm, keine Mauer ſo hoch, daß er ſie nicht erſtieg, um eine Schäferſtunde im Anſchauen einer reizenden Dirne zu verleben. Als das der fromme Biſchof merkte, ſchrieb er einen großen Brief an den alten Landgra⸗ fen, worin er dieſen mit grellen Farben die unheiligen Sitten des ungerathnen Sohns ab⸗ mahlte, ſo daß der Vater zornig ward, und in ſeinen Grimm den Buben zu ſenden befahl. Fraurig nahm Ludwig Abſchied von Mainz, wie gern er auch die öde Schule der Monchs⸗ zunft verließ. So mancher liebliche Park in der Nähe des herrlichen Rheinſtroms feſſelte ſein Andenken an die Tage der erwachenden Fraue liebe, welcher er, hier ſchon ein ruͤſtig aufb hender Juͤngling, ſeinem Heldenmuth zu widmen begann, wie Rittern ziemt. Noch ſchmerzlicher wurde ihm der Abſchied, als er wegen ſaͤumiger Ruͤckkehr in das Thuͤringerland, 56 durch Abgeordnete des Landgrafen unerwartet abgerufen, und ſpornſtreichs S8 wurde un Abte Siegfried. Nie ſchlummernde Argusaugen bewachten hier ſeine Schritte; da war kein Merkarius, welcher mit ſchlafbringender Zaubergerte dem Alten die Augenlieder ſtreichelte oder romanti⸗ ſche Fabeln erzahlte von holden Syrinx oder bezauberter Ir. Der kuͤhnſte Anflug des ju⸗ gendlichen Muths, belebt von dem ſehnlichſten Verlangen nach Freiheit und Minnedienſt, konnte das Schloß nicht brechen, welches Sieg⸗ fried vor die Zelle des zuͤgelſcheuen Juͤnglings legte. Gewaltſam druckte das Kloſter den maͤch⸗ tig ringenden Freimuth zu Voden, nicht erwaͤ⸗ gend, wie wenig die beleidigte Freiheitsliebe des Landgrafen einſt die Schranken beſcheidener Selbſtbeherrſchung achten wuͤrde. Des Vaters Sinn war hart; er gedachte durch ſtrenges Ge⸗ bot des Juͤnglings Wildheit zu zähmen. Aber des Abts Beginnen war eitel; der wähnte duch unabläſſigen Kirchendienſt eine heilige 76 Sob Glut in unheiliger Bruſt zu erwecken, und durch Chorgeſang und Meßgebet die glühende Fackel der Minneluſt im reifenden Juͤnglinge zu 8 nhl⸗ er prinz ötr rel Meſſe, und erheuchelte Andacht bei feier⸗ lichem Chorgeſange; 5 doch tief im Herzen ver⸗ borgen reifte mit dem Manne der unwi ᷣrnuß liche Entſchluß, mit Eiſenmuth das unwuͤrdige Soch zu zerbrechen⸗ ſobald ein guͤnſtigeres Ge⸗ ſtirn ſeiner Freiheit zu tagen begönne. Was aber den Entſchluß des Juͤnglins zur heimlich zehrenden Flamme entzuͤndete, war eine himm⸗ liſche Erſcheinung, welche ihn an Frühmorgen — im— des erpſhet n6 tniete vor e Meſſe leſenden demuthsbol und fromm in heiliger Unſchuld das ſchönſte Maͤgdlein in Fulda. Ein himmli⸗ ſcher Ausdruck lag in den Andachtsvollen gü⸗ gen. Das klare Augenpaar, der Azur uber⸗ ſtrahlend in milder Bläue, war zu dem gerich 77 tet, der droben waltet. Um die ſanft gerundete Stirn, den Alabaſter der Säulen am Hoch⸗ altar an blendendem Glanze noch uͤberbietend, woͤlbte ſich in kunſtloſem Scheitel das lichtblon⸗ de Haar in ſtarken Wogen uͤber den reizenden Nacken herabwallend. Auf den bluͤhenden Wan⸗ gen thronte ſtille Sehnſucht nach Vereinigung mit den Seligen; doch der klopfende Buſen, der hoͤher und maͤchtiger wogte in der Nähe des Prinzen Ludwig von Thuͤringen, verrieth ein himmliſches Feuer, welches die Himmels⸗ braut an das Irdiſche feſſelte. Jetzt rauſchte das ſeidne Gewand, welches die ſchoͤnen Glieder umfloß, und in Feengeſtalt von junoniſchem Wuchſe, ſtand im Augenblicke die Heilige aufgerichtet vor dem Antlitze des⸗ bezauberten Juͤnglings. Kaum behielt er Faſ⸗ ſung genug, das Liederbuch zu halten und nicht im Anſchauen der Madonna Kirche und Hoch⸗ amt zu vergeſſen. Ein fluͤchtiger Seitenblick der ſchoͤnen Adelheid, begegnend dem trunkenen Auge des Prinzen, ergoß eine gluhende Roͤthe 78 über das holdſelige Antlitz, und zuͤndete im Herzen des Junglings einen nimmer erlöſchen⸗ den Funken der Liebe. n 2 wie ſchwer en nun auf n — der unerbittliche Zwang der Kirche! wie hart druͤckte den weichen Sinn des zartfühlen⸗ den Ludwig die rauhe Härte des geſtrengen Vaters. Zur unwiderſtehlichen Macht wuchs die himmliſche Sehnſucht nach der Geliebten, und die naͤchſte Meſſe, welche die Holdſelige hoͤren wurde, ſollte das erſte Brieflein der rit⸗ terlichen Minne in ihre zarten Haͤnde ſpielen es koſte was es wolle. Ihm war es gleich, er ſchenkte nun ſeine Liebe einer Fürſtentochter oder niedrig gebornen Maͤgdlein. Die Geſtalt der Geliebten und ihre Zuͤge vereinten ſo viel Anmuth und Wuͤrde, daß hoher Adel ihr Herz beſeelen mußte, wäre die ſterbliche Hůlle ſelbſt *— Snube der n. 1 u 3 nnnenlen Augen ſpielte 6 ohhnhen einee für vünkendes Silber vom ———— ————— — 79 Prinzen gewonnen, der Donna ein zärtliches Blättchen zur Hand; und ſiehe, als die Hold⸗ ſelige aufſtand und hingieng, begegnete aber⸗ mals ihr irrendes Auge dem trunkenen Blicke des Junglings, und mit Inbrunſt ſog das dur⸗ ſtige Auge des gluͤhenden Ludwig die fluͤchtigen Winke heimlicher Willfahrung ein. Aber noch ehe der Abt, welcher am Hochaltare auf ſeinen Knieen lag, und inbrünſtig betete zu dem Etbi⸗ gen und zum Erloͤſer, von ſeinem demuthsvol⸗ len Gebete ſich erhob, gewahrte der Prinz auf eiſigem Marmor am Fuſſe des Hochaltars, von geuͤbter Monchshand geſchrieben, das Brevier der Schönen. Mit Vedacht näherte der Juͤng⸗ ling ſich der Stelle wo ſie zu beten pflegte, und hob das Buͤchlein auf. Aber feurige Ro⸗ the öberflog ſein Antlitz, als er fluͤchtig hinein⸗ ſah und in zierlicher Moͤnchsſchrift bedeutſam herauslas: Adelheit von Salzwedel. Der Markgaf ihr Vater ſprach er halb⸗ laut vor ſich ſelbſt erſchrocken, ob er ſich nicht verrathen, denn ſeitwaͤrts ſchaueten die Chor⸗ 80 Schn bald nach dem Bächtein und bald nach dem Prinzen. Aber ſchnell uͤberwand der Jüng⸗ ling die glaͤhende Roͤthe, ſcheinbare Andacht und ſcheinbare Ruhe kehrte in ſeine Zůge. Er kannte nun die Geliebte, er errieth aus ihren verſtohlnen Blicken, daß ſeine Sehn⸗ ſucht nicht nach leerem Schattenbilde haſchte, er ſagte ſich ſelbſt, daß die furſtliche Schoͤne mit ihm in einem Geraume des gottgeweihten Kloſters wohne, die Hoffnung belebte ſeine feu⸗ rige Minne, in ſolcher Naͤhe das heimliche Schweigen des alten Siegfried durch geheimen Liebesbund mit der lziigen Aweiit ſ 3 zu berucken. 3 in Roegens er 6— den Arme ſüßen Schlummers und den reizenden Träumen von dem känftigen Minneblicke ent⸗ wunden, ſtand am ſchummerden Fenſter der Zelle, und ſahe hinaus in das Blaue. Sieh da wandelte ah und zwiſchen nſenn 4 8* ww Beeten von Tulpen und Maiblumen das hol⸗ deſte der Mägdlein, ſeine Adelheit. O wie klo⸗ pfte das ungeſtume Herz in hochgewoͤlbter Bruſt! Noch ruhete der Abt auf weichem Flaume, vom Schlummer uͤberwaͤltigt, und ehe das Silbergloͤclein zur Hora rief, konnte Lud⸗ wig alle Schwüre der Minne in den Schooß der Heißgeliebten ausſchuͤtten. Eilends fiog er da hinab in den reichbethaueten Kloſter⸗ garten, ſchlich hinter duftenden Hecken von Geißblatt und Jasmin dem Beete naͤher, wo die Zaubergeſtalt mit den zarten Bluͤmlein ko⸗ ſte, und als das ſtrahlende Azurauge ſich auf⸗ 1 hob von der reizendſten Tulipane, umſchauend nach dem Gerauſch im nahen Gebüſche, ſieh da ſtand erroͤthend vor ihr der ſchoͤne Joͤngling, mit Inbrunſt die zarte Hand des Mädchens ergreifend, ſie an die glhenden Lippen zu ven — veipe in ueber⸗ aſchung einander gegenuͤber, mit geſenktem i ſie ſeinen feurigen Haͤndedruck nicht 6 82 wehrend, wit trunknen Sinne er die Schoͤn⸗ heit der Jungfrau bewundernd, und verſunken in uͤberſtroͤmenden Gefuͤhlen der ſuͤſſeſten Min⸗ ne. Endlich brach er das Schweigen. Kunſt⸗ los, wie die Natur, der Zoͤgerung abhold das ſonſt hinrinnde Bächlein ein mit dem rauſchen⸗ den Strome„beide ihre Erzeugten, ſo einigte ein Gefuͤhl harmoniſcher Seelen Herz und Herz auch hier, und ehe die Hora zur Kirche rief, war der Bund auf immer geſchloſſen. Schuch⸗ tern ſuchte die ſchoͤne Markgraͤfin ſich dem kraͤf⸗ tigen Arme des ritterlichen Juͤnglings zu ent⸗ winden, beſorgt, es moͤgte der kuͤrzere Schatten den frommen Alten aus erquickenden Morgen⸗ ſchlummer auſſchenchen; doch Ludwigs Arm hielten die Geliebte umſchlungen, wie Epheu⸗ ranken die Buche der Haine. Noch einmal druͤckte er die Holdſelige hochbegluͤckt an ſeine klopfende Bruſt, druͤckte noch einen Kuß der feurigſten Minne auf ihre flehenden Lippen, um dann— ach! dieſen Schauplatz ſeines ſüſſeſten Gläcks, ſeiner kühnſten Hoffnungen 13 33 uib Träume über die goldne Zukunft, kurz ſeine zu i 6 Sm er aeſ zut g ſch, 65 am Lrite und krank an der Seele, von qhavollein ſchummerloſen Laget, ein klapperdürres Moͤnchs⸗ bitd erhoben, des Troſtes ein heiliger Frühmeſſe Beiſtand und Huͤlfe in fismmelnder Andacht von dem zu erheucheln, welcher in das Berbör⸗ gene ſieht. Jetzt fiel ſein erlöſchender Blick duſch das Fenſter ver Zelle vom goldnen Schin⸗ mier der Morgenſonne erleuchtet, auf das lie⸗ bende Paar, wie mit tändelndem Spiele der Liebe der Jüngling um Kuſſe vuhte, und verſchämt/ mit gluhender Wange, die holdeſte det Fürſtentöchter halb den Ungeſtuͤmen zutück⸗ wies, halb ihn anzog durch den reizenden gau⸗ ber ebevoller Hingebung. Das wat ein Greuel in den ſtieren Augen des Frbmmlers. Vergeſſen war die Frähmeſſ e verſchmerzt das Gliedetreiſſen, dahin die Andacht. Es zitterte er wankende Fuß vor Ungeduld, dem Abte das unheil zu verräthen, dis tuchloſe Verinſſenheit 62 84 8 eines rüſigen Sustroran n n Arme der Minne zu ſegen und s die bei⸗ den in heiſſer Umarmung ſchteden, den Täub⸗ lein gleich, welche dem zärtlichen Koſen entflat⸗ tern,„um zaͤrtlicher bald ſich wiederzuſinden da pochte der Graurock ſchon am Kůͤmmerlein des ſchlafenden Abts, ihm die FWiti wbe tichten 35 — Vie w Wnche zeepene Geſchrei zu dem erwachenden Ohre. In heiligem Zorn entwand ſich Abt Siefried den Dunen, auf den Lärm des Duͤrren zu Felde zu ziehn gegen Madchenliebe und Jünglingsglut, wäh⸗ nend den unheiligen Brand zu löſchen, in der Minne zu kühlen die heimliche Glut in der andern Bruſt.— O Pfaͤfflein! kannteſt du wohl den Feind, gegen welchen du die Schran⸗ ken zu ſuchen wagteſt? führte deine Hand auch Waffen, den Genius zu bekämpfen, welchem die Natur es verliehen, Gefahren zu trotzen, Ste zu brechen, des Todes zu ſpotten?— 166 85 eiſtorben fur menſchliche Gefuhle ſchlich der Moͤnch zuräck in ſeine Zelle, und kalt ge⸗ gen die brennende Fackel der Liebe wie die Halle des dumpfen Kreuzgangs eilte der Abt in den Garten. Doch da war weder Prinz noch Prinzeſſin. Faſt hätte der Alte den Grau⸗ rock Lügen geſtraft; aber zu deutlich beſchrieb der die Stelle am Tulpenbeete, wo in feurigen Umarmungen er die Schoͤne und den Juͤngling geſehen, mahlte mit grellen Farben das Schau⸗ ſpiel der Liebe, und betheuerte doch bei ſeiner nun bald abſcheidenden Seele die ſeh er Das war ein Dochi in das des it ligen Siegfried. Unmoͤglich konnte ungeſtraft er den Frevel dulden, daß die Himmelsbraut, dem Schleier beſtimmt, ein Raub der wilden Leiden⸗ ſchaft eines unlenkſamen Juͤnglings werde. Den Prinzen gab der fromme Mann fuͤr die Kirche verloren, wie dringend auch der erlauchte Land⸗ graf darauf beſtand, daß Ludwig im Schooſſe der Kirche von keuſcher Zucht und Sitte be⸗ 55 herrſcht, zum Manne reifen ſollte Es war vielleicht ſeinem Scharffinn nicht entgangem daß unter den Fahnen des heiligen Petrus die beſte Loͤhnung, in den fruchtreichen Gauen reichbe⸗ liehener Bisthuͤmer die ſchoͤnſte Pfruͤnde, und in den geraͤumigen Hallen fuͤrſtlicher Kloſter⸗ burgen der ſicherſte Schatten zu gewinnen ſei. Gern haͤtte der Abt den Prinzen Ludwig fuͤr die Heerſchaar des apoſtoliſchen Stuhls gewor⸗ ben, und einſt als einen der Haͤuptlinge an der Spitze ſeiner Mannen geſehen; er mußte furch⸗ ten, den Zorn Ludwigs des Börtigen auf ſich zu laden, der mit Land und Leuten beliehen war, den gefuͤrchteten Abt von Fulda fuͤr ſeine Keckheit zu ſtrafen: aber der Frevel war zu groß, zu ſchwer die Schuld und Buße, welche auf ſolche Verhöhnung des heiligen Kirchenge⸗ ſetzes ruhete, als daß er den Suͤnder der Stren⸗ ge der Kirchenzucht hätte unterwerfen ſollen⸗ Da nahm der Chorgeſang und der eifrige ¼ Meßdienſt des Zoͤglings der Kirche ein ploͤtzli ches Ende. Unter ſicherem Geleite kehrte der 87 Juͤngling⸗ aus heiligen Mauern verbannt, in die Heimath zuruͤck nach dem Schloſſe Schaum⸗ burg, faſt entſchloſſen ſein Erbrecht auf Schwert und Lanze geltend zu machen und das Chor⸗ hemd auf immer mit ritterlichem Pauzer n vertauſchen. 13 Wie froͤhlich wuͤrde Ludwig die enge Zelle verlaſſen haben, und, ein Voͤglein, den eiſernen Käfige entflogen, in den weiten unendlichen Raumen der freien Ratur ſeine Schwingen zu verſuchen? Aber mußte er nicht in freudenlo⸗ ſem Kerker, vielleicht fuͤr immer der Freiheit beraubt, die Geliebte dahinten laſſen, ohne den Abſchiedskuß und den Balſam der troͤſtenden Liebe von, ihren Lippen zu ſchluͤrfen? Hier reifte der edanke zum unwiederruflichen Ent⸗ ſchluſſe, gogen jedes Opfer, gegen Kaiſer und Reich, mit bewaffneter Hand das Kleinod zu erkaͤmpfen, welches der Wahnglaube und die Habſucht der Pfafflein dem Markgrafen für die 3ele zu entreiſſen drohete.. Aber wie ganz anders fand der Prinz bei ſeiner Ankunft die Scene, als er erwartet hat⸗ te! Kein zuͤrnender Vater, der mit ſtrenger Haͤrte ſeine Vorſchrift geltend machen wollte! keine Drohungen, die den Jungling mit Kir⸗ chenbann und ſchmerzlicher Buſſe ſchreckten! keine ſtrafende Vorwuͤrfe uͤber das unheilige 3 Ringen nach Sinnenluſt! Der Erlauchte lag vom Schlage getroffen auf ſeinem Sterbebette, ſich ſehnend nach dem kuͤhnen Ludwig⸗ Noch einmal durchſtrömte Leben ſeine Adern bei der Ankunft des Prinzen, welcher mit offenem Va⸗ terherzen empfangen ward, wie nie zuvor. Die Vaterliebe, von dem nahe bevorſtehen Abſchiede zur Ewigkeit in ihrer ganzen Waͤrme und Kraft erregt, ergoß in langſam verhallenden Worten einen Strom von Segnungen. Mit kindlicher Ergebung horte der Prinz das ſchoͤns v niß des ſterbenden Vaters, und ſah an ſeiner Bruſt das erloſchene des biedern Greiſes brechen.* Einen wehmuͤthigen Eindruch tieſſen dieſe letzten ie Vegegniſe feines Leeis im 89 Herzen des Jünglings zuruͤck, maͤchtig genug, die wilde Leidenſchaft durch ſanftere Regungen zu mildern. Aber war er jetzt nicht Landgraf von Thuͤtingen? konnten jetzt nicht alle ſeine geheimen Wuͤnſche ihrer Erfuͤllung naͤher kom⸗ men? und was hemmte ihn fuͤrder, die Geiſſeln ſeiner Jugend gegen ſeine Sittenrichter zu keh⸗ ren, und die Fackel der Rache anzuzuͤnden, wo ein vermeſſenes Haupt ſeinen Willen zu wi⸗ derſtreben wagte? Wohl erwog das der Käh⸗ ne, edleren Gefuͤhlen gab nun ſeine Seele Raun, da Gewalt die Rechte ſtaͤhlte. Nur ein Wunſch und ein Entſchluß blieb unerſchutterlich der Ausführung entgegenreifend, der Beſitz der ſchönen Markgräfin von Salzwedel. ½ Inzwiſchen putie der Abt Siegfried die verligbte Soene im Kloſtergarten zu Fulda mit moͤnchiſcher Strenge auch dem Markgrafen ge⸗ mldet. Schmaͤhlicher Kirchenbuſſe ſollte ſich die edle Markgräfin unterwerfen, um den Him⸗ nel fuͤr ein ſo ſchweres Vergehen zu ſühnen. 6 Das dünkte den Alten allzuſtrenge. Es regte ſich das fuͤrſtliche Blut in ſeinen Adern, ed⸗ ler Stolz entftammte ſeinen Unwillen öͤber die Haͤrte des Abts zum gluͤhenden Zorn und die maͤchtig erwachende Vaterliebe forderte ohne Saͤumen die Tochter dem Arguswächter ab. Eein ungefahr hatte den Pfalzgrafen Frie⸗ drich den Dritten von Sachſen in die Gauen des Markgrafen von Salzwedel gefuͤhrt. Bei blinkendem Pokale ſaſſen die fuͤrſtlichen Häup⸗ ter bei einander in der Halle, und zechten wak⸗ ker, als die Botſchaft von dem Abte Siegfried aus Fulda eintraf. Der Pfalzgraf war nicht ohne die heimliche Abſicht nach Salzwedel ge⸗ kommen, um die ſchoͤne Adelheid zu werben, welche er einſt im Schloſſe zu Weiſſenburg in Begleitung des Markgrafen ſelbſt bewirthet und liebgewonnen hatte. Als der den⸗Alten zuͤr⸗ nend in harte Worte ausbrechen hoͤrte gegen Abt und Pfaffenzucht, da wuchs der Muth im zagenden Herzen, und frei trat er zur rechten Stunde mit der Vrautwerbung vor den Mark⸗ grafen. Verwundert hörte der Alte das Anlie⸗ gen des edlen Pfalzgrafen und ohne ſich zu be⸗ denken gab er dem das Wort, die Stimme der holden Adelheid nicht erwartend. Er liebte den Pfalzgrafen Friedrich als deutſchen Biedermann von bewaͤhrter Treue und ſanftem Gemuͤthe, — doch Adelheid— liebte ihn⸗ denn er war kein Ludwig. In Friedrichs Auge blitzte nicht das mäch⸗ tige Feuer der Jugend, welches den Landgra⸗ fen zu kähnſten Wegen entflammte; auf Frie⸗ drichs Stirn thronte nicht der hochfahrende Muth, welcher jeglicher Macht der Erde Hohn ſprach, die ihn zu feſſeln drohte; in ſeinen Zu⸗ gen ſprach ſich nicht das erhebende Bewußtſein der ungeſchwächten Kraft aus, welches den jungren Ludwig auf jedem Schritte begleitete, wie die ſtolze Verachtung der Schwachen dden jungen Loͤwen verraͤth, wenn er unbekuͤmmert die Glieder reckt, ob auch eine Schaar muth⸗ williger Klaͤffer ihn umdraͤnge. Aber da war weder Frage, noch Wahl. Friedrich war der erkorne Eidam des Alten und Aetheid ſeine Verlobte. Mit der Weigerung war die Ruͤck⸗ kehr in die klöſterliche Zelle entſchieden. Darob graͤmte die edle Markgraͤfin ſich ſehr, denn ſte hing mit zärtlicher Liebe an den kuhneren Lud⸗ wig. Doch ließ der Landgraf nichts von ſich vernehmen, was den Willen des Alten häͤtte wankend machen, und der traurigen Wahl der Schoͤnen zwiſchen den Pfalzgrafen und dem Kloſter eine erfreulichere Richtung hätte geben koͤnnen. Wie ſehr ſich Adelheit begluͤckt fühlte, als ſie ſich, den Kloſtermauern entronnen, wie⸗ der frei wußte von jenem ſklaviſchen Joche des froͤmmelden Heiligenſcheins, ſo ſchmerzlich druͤck⸗ te es nun die zarte Bruſt der holdſeligen Dir⸗ ne, den Geliebten des Herzens für immer ent⸗ ſagen zu ſollen. Sie verſchwieg dem Vater ihre Sehnſucht nach dem muthigen Ludwig, aber im Stillen weinte ſie manche bittere Thrä⸗ ne in den Morgenthau, und klagte oft ihr Her⸗ zeleid dem Sternengeflimmer der dunklen Nacht, welches die ſo gern zum 93 vMMM Der Tag ward anberaumt wo das heilige Band der Ehe fuͤr immer den Pfalzgrafen mit der ſchoͤnen Martgraͤfin verbinden ſollte. Er ruckte näher unter bangen Ahnungen und Thraͤ nen der Braut; den Verlobten troͤſtete die Hoffs nung, daß der Segen des Himmels, von heili⸗ gen Lippen dem Bunde erflehet, Einklang der Sſi und gluckliche Tage Sern werde. Pie redlich hoffte und⸗ wnſchte tinen pfalzgraf. Sein Stern gieng mit dem Tage der Verlobung unter, und ſeit der Einſegnung des ehelichen Bundes mit der ſchoͤnen Adelheid ward der ungluckliche Friedrich nimmer wieder o. e ſein Flehen und Winnen⸗ kenntss ringen, und wenn ſie der tief Huldigung des Pfalzgrafen nicht laͤnger wider⸗ ſtehen zu können meinte, ſo trat das Bild des kühnen Ludwig vor die wankende Seele, und das Herz, welches ſie zu erweichen ſchien zur ſanften Ergebung, blieb häͤrter denn und denn Sis nn 94 Landßraf Ludwig hatte inzwiſchen mit Ruhm die Regierung der Gauen des Thuͤrin⸗ gerlandes begonnen, hatte manchem Städtlein ähnliche Gnadengeſchenke verliehen, als der Stadt Weiſſenfels, welcher Zollfreiheit ward fuͤr ieglichen Handel. In reichlichem Maaſſe genoß ver Landgraf der Liebe und des Ver⸗ trauens ſeiner Thůringer. So lange hatte der ſchmerzliche Tod des erlauchten Vaters, ſo lan⸗ ge die Wohlfahrt des Landes den fuͤrſtlichen Juͤngling der ſuͤſſeren Minnepflicht entfremdet. Mit neuer Stärke kehrete nün, als er Ritter und Knappen zufrieden wußte, die Städte des Landes ihm treulich ergeben, die Sehnſuch nach der Gelickten in ſein Katte Se⸗ 5 ihn PVie eſchn d den edle guign als er d von der Vermählung des Pfalzgrafen Friedrich von Sachſen mit der unglücktichen Aelheit hoͤrte! nicht mehr als von einer zweifelhaften 3 Sage im Munde des Volks, ſondern zuverläſ⸗ ſiger Kunde, welche von Munde zu Nunte W gieng durch das ganze Sachſen. Sollten ſo plotzlich alle ſeine Hoffnungen fuͤr immer zer⸗ truͤmmert, ſo ſein heiliges Geluͤbde nichtig, der Entſchluß, die Konigin ſeines Herzens zu ge⸗ winnen, eitel und die Heiligkeit ſeiner Schwü⸗ re zum Spott werden? Faſt erlag der kuͤhne Schwung ſeines Geiſtes ſo herzzerreiſſendem Kummer; kein Strahl der Hoffnung ſchien dem fürſtlichen Juͤnglinge uͤbrig, noch jetzt die Wuͤn⸗ ſche ſeiner Sehnſucht erfuͤllt zu ſehen Da wuchs der kuhne Muth zur vermeſſenen Ver⸗ wegenheit, das Feuer im jugendlichen Auge ward zur ſpraͤhenden Flamme, die Rothe auß bluͤhenden Wangen entzuͤndete ſich in wilde Glut, und die hochherzige Verachtung jeglicher Gefahr, welche als Genius der Kuͤhnheit des Landgrafen auf ſeiner Stirn thronte, verwan⸗ delte ſich in hartherzigen Spott der der fen Ludwig zehie hohnhptechen der Vecbin dung des Pfalzgrafen mit der ſchoͤnen Adelheid⸗ Er ſchlug zornentbrannt auf das Schwert an 96 ſeiner Huͤfte, und betheuerte und ſchwur es, dieſer Stahl ſollte die Pfade ebnen zum Braut⸗ gemache der Geliebten, und die Fackel der Liebe uſchen im Herzen ſeines gluͤcklichen Buhlen⸗ Friedrich ahnete nichts von der drohenden Ge⸗ fahr, die uͤber ſeinen Haupte ſchwebte, einen friedlichen Nachbar waͤhnte er den Landgrafen beſchäftigt mit der Landesregierung, unkundig mit der heimlichen Liebe ſeiner Wetmihlten zu n kühnen einſ ſtt nun Graf Mezelin die Fär⸗ ſten, Grafen und Ritter des Sachſenlandes zu einen herrlichen Bankette nach Nebra. Da war auch der Landgraf Ludwig, und— der Pfalzgraf Friedrich mit ſeiner jungen Gemah⸗ lin. Maͤchtig ſchlug dem liebekranken Ludwig das Herz bei der Nachricht von dem Zuſam⸗ treffen mit der Geliebten, nun einem Andern vertraut, ungeſtuͤmer rollte das Blut durch die Pulſe, als der Juͤngling den Wagen, mit ſechs muthigen Rappen beſpannt, durch das Burg⸗ thor rollen prz als die pfabgrůfin n 97 W Wagen entſchwebte, die Glut der bluͤhenden Jugend halberloſchen auf der ſchoͤnen Wange, da wogten Schmerz und Zorn herzzerreiſſend durch einander im Innerſten des Juͤnglings. Nur die Achtung gegen das heilige Gaſtrecht der Fremden kühlte ſeine brennende Leidenſchaft, aber mit neuer unwiderſtehlicher Kraft kehrte der Gedanke immer wieder in ſeine Bruſt zuruͤck, die Schoͤne, die ſich ihm in zaͤrtlicher Minne gweiht d dem Gatten zu entfüͤhren. Hohe Röthe trat uf die Wangen der jun⸗ 3 gen Pfalzgraͤfin, als Friedrich mit ihr eintrat in den Kranz der Fürſten und Herren, und Adelheid unter dieſen ihren Ludwig erblickte, hohe Rothe, welche die geheime Sehnſucht ihres gengſtigten Herzens verrieth; dann Todten⸗ blaͤſſe, ein Bild des hoffnungsloſen Leidens und verzehrenden Duldens. Ha! wie erſchuͤtterte das den mannhaften Landgtafen! Sein deut⸗ ſcher Handſchlag knuͤpfte das Bruderband zwi⸗ ſchen ihm und dem ſanften Friedrich; ein zer⸗ malmender Blick durchbohrte den weicheren 7 98 W Pfalzgrafen bei der Annäherung des erbitterten Ludwigs. Beide theilten im erſten Moment der Anrede das Gefuhl, daß zwiſchen ihnen die Schranken der Eintrocht und des Friedens fal⸗ len muͤſſe; Ludwig mit dem Bewußtſein uͤber⸗ legener Kraft in gepanzerter Bruſt und gewaff⸗ netem Arme, Friedrich mit wankendem Muthe, nur auf die groͤſſere Zahl der S und Knechte vertrauend. 5 ic Schwerketrutt ſah die pfalzgrifin das dräuende Ungewitter heraufzieben am Horizonte 3 des Sochſenlandes, zweifelte oft ob zu Glck, ob zum Verderhen. Ein Haupt mußte der. un⸗ glüch elige Schlag vernichten, ein geliebtes dort oder ein ſchutdioſes hier. Ei n Lag der Trauer war fuͤr ſie und den Lanbgrofen das rauſchende Fe ſt Mezelins; Thränen netzte insgeheim ihre Wangen⸗ wenn die edlen Frauen im Schloſſe der Freude bulvigten, und Tanz und Spie ward eitel fuͤr ihre rauervole Bruſt. Auch der Landgraf floh die nnſche ʒteuden des Feſtes. In ſeinem blutenden Her⸗ 90 zen reifte der vermeſſene Entwurf gegen Pfalz⸗ graf Friedrichs Haupt. Ludwigs Bemuͤhen, ſich unbemerkt der Pfalzgräfin zu nähern, ihr ein heimliches Woͤrtlein in das Ohr zu raͤunen, blieb lange fruchtlos. Endlich bot ſich ein glucklicher Augenblick dar, als der argloſe Frie⸗ drich die Halle verließ, und Adelheid einſam aus halbdunkler Ferne dem Gewuͤhle der zahlreichen Giäſte zuſah in blendendem Kerzenſchimmer. Mäͤchtiger wogte der Buſen, banger klopfte das Herz und die ſchoͤnen Glieder erzitterten faſt bei der Annaherung des allzuköhnen Ludwigs. Aber in ſtrenger Schranke der höfiſchen Sitte trat der Langraf nahe, ſeine innigſten Gefuͤhle bergend vor der glaͤnzenden Verſammlung. Nur ein bedeutender Blick kuͤndigte bei dem Scheiden der geaͤngſtigten Pfalsgräfin Erlöſung an aus dem Banne dieſer Ehe, und getroſtet kehrten dann beide im Rabenſchatten der Nacht zur Hofburg heim, eingewiegt in Feübehttät der erwachenden Hoffnung. Taͤglich tummelte Ludwig ſeitdem den ſlůch⸗ tigſten Rappen in Wald und Feldern, kreuzte * 100 WWW mit Jagdgeſchoſſen und Ruͤdenkuppeln dver Berge und Thäler tief in die Gaue des Pfalz⸗ grafen hinein, oft bis vor Schloß Weiſſenburg, Hohn ſprechend dem Fuͤrſtenſtolze des maͤchtigen Friedrich. Voll banger Erwartung ſah und hoͤrte die ſchoͤne Adelheit von ſolchem Frevel des Zügelfreien Ludwig, voll heimlicher Sehn⸗ ſucht nach dem verwegenen Jäͤger, doch zitternd fuͤr den ſanftmüthigen Gatten Friedrich, wel⸗ cher die Fehde haßte, ließ den frevelnden Wild⸗ fang lange jagen, unbekämmert um die ver⸗ lorne Beute. Einſt als der Landgraf ſich keck⸗ lich erkühnte, mit rauſchendem Jagdgefolge bis unter die Thore von Weiſſenburg das Gewilde zu hetzen, entglühete die Sanftmuth des Ge⸗ hoͤhnten zum gerechten Zorn. Im Vade weilte der leidende Friedrich einſt durch die Heilkraft Leben ſpendender Quel⸗ len von langſam zehrender Schwaͤche zu gene⸗ ſen. Da drang zum Ohre deſſelben die Maͤhr, wie der tollkuͤhne Ludwig ſich vermaͤſſe, mit be⸗ wehrtem Jagdgefolge ſchnurſtracks auf das Burgthor zu zu traben. Daß der Landgraf als Freund nicht erſcheine, wußte Friedrich nur zu gut. Wie leicht war die unbewehrte Burg in der Hand des Unverſoͤhnliche n, und der Burg⸗ berr ſelbſt ein Raub des Verraths. So weit durfte der Frevelmuth des unfreundlichen Nach⸗ bars nicht kommen, Land und Leben des Pfalz⸗ grafen ſeinem fehdeluſtigen Widerſacher nicht vertrauen, ahnte Friedrich auch immer noch nicht den wahren Grund der Vermeſſenheit des trotzigen 5 Eilends erhub ſich der erbitterte Friedrich aus kraͤftigendem Schwalle, huͤllte ſich in ſtatt⸗ lichen Ritterſchmuck und forderte Helm und Schwert. Staͤrker im Gefuͤhle gerechter Sache ſchwang er ſich mit Blitzesſchnelle auf wilden Renner, und achtete nicht des bangen Flehens der ſchwergeaͤngſtigten Gattin, den ungleichen Kampf mit dem Ludwig nicht zu wagen. Stolz, als erriethe der Gehoͤhnte das heimliche Band der Herzen, welches den Landgrafen nach Weiſ⸗ ſenburg lockte, und dem Gatten die Gattin un⸗ 102 Wmn erbittlich entfremdete, ſchwieg der Pfalzgraf bei ihren Bitten. Falt bei ihren Thränen ſprengte er kuͤhner als je zum Burgthor hinaus, auf gruner Aue dem Feinde zu begegnen. Das wuͤnſchte der Landgraf, und hatte darum ſo lange den duldſamen Friedrich gehoͤhnt, den friedliebenden in den Panzer der Fehde zu lok⸗ ken, und Schwert gegen Schwert ſeine ritter⸗ liche Minne zu der ungläcklichen Adelheid zu verfechten. Am Erlenbuſche, unfern vom fuͤrſt⸗ lichen Schloſſe, da hielt mit ſeinen Jagdknap⸗ pen heiß von Kampfluſt, des Schwertſchlags gewärtig, der ruͤſtige Jäger. Als den der Pfalzgraf erblickte, ſprengte er mit verhaͤngtem Zögel, das blinkende Ritter⸗ ſchwert in der Fauſt, dem Erlenbuſche entge⸗ gen, und mit gewaffneter Fauſt flog auf ſchnau⸗ benden Rappen dem langmuͤthigen Burgherrn der Kuͤhne entgegen. Zagend weilte hoch auf der Fuͤrſtenburg, die gruͤne Aue uͤberſchauend, wo die beiden zum blutigen Kampfe ſich fan⸗ den, die Pfalzgräfin Adelheid. Ihr Wehklagen ——— 103 — verhallte in den Bogenhallen der hohen Burg⸗ räume, die Thraͤnen rannen gefuhlloſen Mar⸗ mor auf geglättetem Boden. Friedrich horte nichts von ihrem Jammer um den Fall des ſchuldloſen Ludwig, ſah nicht die Thränen, wel⸗ che ſeinen wilden Muth nur noch zu wilde⸗ rer Kuͤhnheit entzündet haben wuͤrden. Schon klirrten Eiſen an Eiſen, ſchon baͤumten ſich in maͤchtigem Sprunge gegen Hieb und Stich die kräftigen Kampfroſſe, ſchon dampfte der Boden vou den Staubwolken, welche von gewaltigen Hufſchlagen wogend aufſtiegen⸗ Rit⸗ terlich rang der Gehoͤhnte gegen den verwege⸗ nen Feind, mannhafter wohl und muthiger, als dieſer in ſeinem Stolze ſich hatte traͤumen laſ⸗ ſen. Zu beiden Seiten hielt zuſchauend die Mannenſchaar, erwartungsvoll, wie der ver⸗ zweifelte Kampf ſich enden wurde. Da begann allmählig dem Arme des Pfalzgrafen die Krafſt z ſinken, wie verzweifelt der ritterliche Muth auch rang um Sieg und Leben. Immer hoͤher ſtieg und wuchs die Uebermacht des Kuͤhnen⸗ mächtiger ſchwang ſein ſtarker Arm das Schwert, 104 Wnn fuͤhrte kraͤftigere Streiche, und als des Land⸗ grafen Renner von ſchneidendem Eiſen getroffen Wuth ſchnaubend ſich baͤumte, dann wieder nie⸗ derſank auf bebenden Boden: da ſchnob das Ritterſchwert des Reiters ſauſend durch die Luſt, und ſpaltete knirſchend den Helm des un⸗ gluͤcklichen Friedrichs. in Blutstropfen rannen uͤber die Schlafe des getroffenen Reiters, ein Strom ergoß ſich ſo⸗ dann uͤber Reiter und Roß zur lechzenden Er⸗ de; dem folgte der Pfalzgraf langſam ſinkend nach. So ſank im einſamen Gemache des Schlößleins bei dieſem Anblicke die ſchönſte der Frauen blaß und huͤlflos dahin auf den eiſigen Marmor. Dort ſprengten die Mannen hinzu, den ſinkenden Gebieter zu empfangen. Lhrä⸗ nnen perlten in den Augen der Maͤnner; der ſanftmüthige Friedrich hatte ihre ganze Liebe gehabt. Dank euch, meine Getreuen, flüſterte er leiſe. Da regte ſichs in Ludwigs Herzen, als můßte er ſchier mit dem ſinkenden Frie⸗ drich vergehen. Schmerzliche Reue verdrängte 4 705 w die wilde Kampfluſt, und eine Thraͤne der Wange. Wehmuth rollte auch ihm uͤber die braͤunliche Sterbend ſah der Leidende die Thraͤ⸗ ne der Ruͤhrung auf der Wange des Feindes. Sagt meinem Sieger, ſprach er mit ſinkender Stimme zu den Seinen, Friedrich habe ihm verziehen! Himmels moͤge Pfalzgraf fordre Mitleids! meiner Gemahlin, der Segen des ihre Wuͤnſche kroͤnen; der Opfer eine Si des Das konnte Ludwig nicht tragen. Haͤtte er ſo den edlen Friedrich gekannt, kein ſchnoͤdes Wort wäͤre ſeinen Lippen entflohen, geſchweige zum Kampfe auf Leben und Tod ſein kuͤhner Sinn entglühet. Voll tiefen Mitgefuͤhls ſtieg er herab vom ſtampfenden Rappen, ſchloß den Scheidenden in ſeine Arme, und weinte Thraͤ⸗ nen des Schmerzes auf den blutbefleckten Panzer. Friedrich druͤckte ihm mit matter Hand die Rechte, im Tode den Bruderbund mit dem Feinde zu ſchlieſſen. Ludwig ſiegte mit dem in der Fauſt, S hatte das 6 06 dem Gegner bezwungen. Dem Lanbgrafen ward der Preis des Siegers im Kampf, ein Kranz von Eichenlaub; die Ueberwinderkrone dem ver⸗ blichenen Pfalzgrafen. Langſam zogen Sieger und Beſiegte nun im Trauerzuge den Huͤgel hinan zur Hofburg. Faſt bangte den Kühnen, nach blutiger That in das Angeſicht der Geliebten zu treten; doch der Sporn der Sehnſucht ließ ihn nicht ruhen nicht raſten, bis er die holde Adelheid ſah. Sporn⸗ ſtreichs flog er im Schloſſe die Schlangenwin⸗ dung der Treppen hinan in die Bogenhalle, wo er die Pfalzgräfin ſuchte. Ha! wie fand er hier das reizende Weib, welches in glähender Liebe ſein ungeſtuͤmes Herz einſt entzuͤndet! Kalt und leblos lag die Geliebte am eiſigen Boden, von Todesſchrecken ergriffen, und hin⸗ geſtreckt bei dem Anblicke des ſinkenden Gatten. Erſchrocken hob ſie der Sieger auf, umſchloß die Edle mit namenloſem Schmerze ringend, in ſeine Arme, ob ſie an ſeiner Bruſt wieder er⸗ warmen mögte. Ludwig waͤhnte ſie ſei todt, 107 W „* da kehrte langſam ein milderes Licht zuruͤck in ihr Antlitz, als die bleiche Kerze des Todes, zu athmen begann die Bruſt, und hob ſich in ſchmerzlicher Wallung an der Bruſt des Ge⸗ liebten. Feurige Kuͤſſe belebten das wieder er⸗ wachende Auge, mit namenloſer Wonne hielt der Juͤngling die Holde umfangen, und freudig ſcholl es von Munde zu Munde: ſie lebt! ſie lebt! Ach! kein freudiges Erwachen war das wiederkehrende Leben der guten Adelheid! freu⸗ dig wohl in den Armen des Geliebten, aber ſchauerlich wegen des obſchwebenden Bildes des ſinkenden Gatten. Sie wagte den Mann nicht in das Antlitz zu ſchauen, der ſie umſchlungen hielt, ſie mied den Blick auf die Bruſt, an welcher ſie wieder erwachte, denn ſie fuͤrchtete den blutbefleckten Sieger. Erſt nachdem ſie den rührenden Abſchied des Gefallenen vernom⸗ men und die feierliche Verſoͤhnung des ſterben⸗ den Friedrich mit dem Landgrafen löſete ſich der dumpfe Schmerz in Klagen, und Thraͤnen 108 ergoſſe en lindernden Balſam in das edel ſen de Herz der Adelheid. Viele Tage, Wochen und Monden der Trauer verfloſſen ſeitdem. Beide legten ſich eine ftomme Suͤhne auf wegen des fruͤhzeiti⸗ gen Todes des edlen Pfalzgrafen, denn beide klagten ſich deshalb vor dem Richter an, deſſen Stimme ſich im Innern erhob. Die Pfalzgrä⸗ ſin hatte den Gatten nicht geliebt, doch hatte er ihre Achtung genoſſen, denn er war treu und bieder, und ſtand jetzt als ein lebendes Bild der Sanſtmuth und Milde vor ihr, da er nicht mehr war. Ludwig würde ſeinen Un⸗ muth über den frühen Fall des Edlen, das Werk ſeiner wilden Leidenſchaft und eines ſtraͤf⸗ lichen Uebermuths, mit einem Zuge in das ge⸗ lobte Land gebuͤßt haben, wären damals ſchon die Kreuzritter vereint geweſen, die Geiſſel der Chriſtenheit mit ſchneidendem Schwerte zu be⸗ gruͤſſen. Schwermuthsvoll ſchloß er ſich jetzt 3 in ſeine Hofburg ein, und weilte nur in ſuͤſ⸗ ſen Träumen bei der Heißgeliebten. Das Ge⸗ 3 109 läbde der Buſſe gebot dem Landgrafen zwöif Monden zu Schaumburg die Sonne auf⸗ und untergehen zu ſehen. So ſchwand das Jahr der Suͤhne unter ſchmerzlicher Trennung, doch ſiegreichem Kam⸗ pfe gegen die heiſſe Sehnſucht liebekranker See⸗ len. Die Flamme der Liebe kühlte Trennung und Ferne nicht. Immer hoͤher ſchlug das Herz, immer machtiger erwachte die Sehnſucht, immer feuriger entbrannte die Glut nach Ver⸗ einigung, als das Trauerjahr ſich ſeinem Ende naͤherte. Und als dies Trauergewand nun ab⸗ gelegt; und die Zeit der Geluͤbde erfullt wor⸗ den war, da ſtanden beide am heiligen Altare, die Einſegnung ihres Bundes gewaͤrtig. Gra⸗ fen und Ritter feierten durch Turnier⸗Gelage und Bankette, dem Muthe, wie der Minne pflegend, das rauſchende Hochzeitsfeſt, und der Engel des Friedens ſchien den Bund der Kte zu ſchlieſſen und zu ſchirmen. Doch allzuverwegen und verzweifelt war der Sinn, mit welchem der Landgraf dis Schranken nachbarlicher Freundſchaft und des heiligen Ehehundniſſes durchbrochen; zu kurz die bußfertige Reue über die vollſtreckte That, um den Genius des Friedens und den Segen des Himmel für immer an ſein Haus zu ketten. Die Fuͤrſten und Grafen des Sachſenlandes hatten lange in blutiger Fehde gelegen gegen Kaiſer Heinrich den Vierten, hatten ihn ſchon gezwungen, einen nachtheiligen Friedensſchluß einzugehen mit ihnen. Jetzt hatte der vielver⸗ ſuchte Heinrich mit Huͤlfe treuer deutſcher Va⸗ ſallen die Abtrünnigen endlich zum Gehorſam gebracht, und wie ſie ſich willfährig ihm unter⸗— warfen, beſc hloß der Sieger, ein warnendes Exempel zur Beglaubigung ſeiner Wurde und ſeiner Waffenſtörke. Als die Gäſte faſt trunken waren vom Franken⸗ und Rheinwein, Andere verſunken im Minnedienſte der Edelfrauen und Maͤdel, da erſcholl plotzlich ein rauſchend Getoͤn am Burgthore, wie Kriegsgeſchrei und Trompe⸗ tenſchall. Raſſelnd ſtüͤrzten die Brücken herab über den Abgrund des Burggrabens, und im Augenblick fuͤllte ſich der Schloßhof mit bewaff⸗ 111 w neten Reitern. Erſchrocken taumelten die eh⸗ renfeſten Herrn und Ritter zu Thuͤren und Fenſtern hinauszuſchauen, was da drauſſen vorginge. Wie wurden ſie aus ihrem Nuſch⸗ 3 — „ ² Kiſr Heinrich nahm mit geharniſchter Schaar die Sachſenhaͤupter gefangen, unge⸗ ſäumte Folge ſeinem Befehle gebietend. Schwer⸗ ter und Lanzen waren in ſeiner Gewahrſam“ Da war Keiner, der dem Kaiſer die Folge ver⸗ weigerte, Keiner, der mit verwegener Fauſt ſich Bahn durch die Schaar der Gewaffneten zu bahnen wagte. Auch Landgraf Ludwig ſah ſich 6 auf dem Gipfel des Glücks, am Ziele ſeiner Wuͤnſche, plotzlich von der Höhe, welche des kuͤhne Aufſchwung ſeines Geiſtes erſtiegen, hin⸗ abgeſturzt in die ſchauerliche Liefe hoffnungslo⸗ ſer Gefangenſchaft. An ihm droheter der Kai⸗ ſer den Tod des Pfalzgrafen zu raͤchen, und dein Schleier vermaͤhlt ſollte die ſchwergepruͤfte 6 Adelheit in klöſterlicher it Tage vertrauren. An Verzweiflung graͤnzte der Schmerz der ungluͤcklichen Pfalzgräfin, doch Ludwig ermannte ſich ſchnell. Mit heiſſer Inbrunſt umſchlang er die Holde, ſchwur ein unverbruͤchlich Geluͤbde der Treue, und druͤckte den Abſchiedskuß auf den ſuͤſſen Mund des Weibes. Kleinmuͤthig unterwarfen die Uebrigen ſich dem Kaiſer; Lud⸗ wig ſpottete ſeiner Macht. Er verfolgte mit hoͤhniſchem Blicke Kaiſer und Troß; ſein Inne⸗ S res verſchwur ſich gegen den Fluch des Geſchicks, welches zum andernmal den Bannſtrahl ſchleuderte zwiſchen ihn und die Geliebte. Die Hochzeits⸗ fackeln erloſchen, die blinkenden Pokale ſtanden leer, und Wehklage trat an die Stelle des lau⸗ ten Jubels. Ludwig blieb unerſchuͤttert; er blickte mit Zuverſicht zu den Kerzen des Him⸗ mels empor, als wollte er ſagen: Friedrich, du haſt mir verziehen! und trabte in ſchweigender Nacht von rabenſchwarzen Reitern umringt, in den Kerker ſeines ſtummen Schmerzes nach Gie⸗ bichenſtein. Auf jener Felſenſpite, ſprach der Erzaͤhler, hinweiſend nach der Hohe, wo die Felſenburg 113 einſt geſtanden, ſchmachtete der Ungläckliche Landgraf in hoffnungsloſer Gefangenſchaft Dort gieng ihm am andern Morgen hinter ei⸗ ſernen Stäben die Sonne auf, die er zu Schaumburg im Arme der Geliebten auf wei⸗ chem Flaume erwachen zu ſehen gedachte, und unten in dieſer Tiefe hoͤrte der arme Ludwig zum erſtenmale den Strom hinabrauſchen, wel⸗ cher mit dumpfem Stoͤhnen ſeine Wogen an den Felſen hinuͤberdraͤngte, ein kuͤhleres Bette als die verlaſſene Ruheſtätte der Minne zu Schaumburg. Kein troͤſtendes Wort linderte hier den Schmerz uͤber das harte Loos, welches ihn getrof⸗ fen; er mußte jeden Troſt entbehren, welchen er nicht aus der Fuͤlle ſeines Muths und ſeines Ju⸗ gendfeuers ſchoͤpfte. Stumm erſchien und gieng der Waͤchter des Kerkers, welcher zum Dienſte des Landgrafen beſtellt war, und dieſer war zu ſtolz, um den Graubart je uͤber ſein Schickſal zu befragen. Er unterhielt ſich lieber mit den Dohlen und Raben, welche in luftiger Hohe um den Felſen her ſpielten, und weidete ſein 4 Auge an den Reihern und Kranichen, die in wohlgeordneten Zuͤgen vor ſeinem Felſenneſte voruberzogen. O wie gern huͤtte der Gefange⸗ ne ihnen heimlichen Gruß zugeraunt an das Weib ſeines Herzens; aber taub fur ſolche Toͤne rauſchten die Schaaren ungehemmten Fluges voruͤber, den Strom hinaufwaͤrts ins heimiſche Thuͤringerland. Neun traurige Monden verfloſſen in dieſer ſchauerlichen Einſamkeit dem ungluͤcklichen Land⸗ grafen. Wilder und grauſamer gebärdeten ſich ſeine Zuͤge, denn ftͤrmiſche Gefuͤhle des Zorns und der Rache durchwuͤhlte ſein Inneres, und wüthend gegen Kaiſer und Reich griff der Ge⸗ feſſelte oftmals in die Eiſenſtäbe, daß Fenſter und Gittex erklirrten, wenn die Ungeduld ſein blutendes Herz zu ſprengen drohete. Da bar⸗ ſten endlich die verwitterten Stäbe, und ergöt⸗ ten mit dumpfem Geraſſel das Ohr des Gefan⸗ genen, wenn er in ſchwarzer Nitternachtsſtunde ſchlaflos auf hartem Bette lag, und von der Geliebten traͤumte. Suͤſſe Muſik war ihm hier 3 das Windsgeheul und Stromesrauſchen, wo 715 Sturm und Woge um den Felſen bühlten, denn er gedachte dabei des rauſchenden Hochzeitsfeſtes und der holden Buhle in Schaumburg. So ſtand Ludwig am Morgen einſt vor ſeinem Eiſengitter, als die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne ſich in den Thauwolken brachen, am Rande des Horizonts den Purpur⸗ ſchleyer luͤfteten, der auf der lachenden Fruͤh⸗ lingsflur ruhete. Fluͤchtige Schwalben durch⸗ kreuzten die Luͤfte, und ſchwebten auf und ab uͤber dem wogenden Strombette, zarte Speiſen fuͤr die nackte Brut zu ſammeln. Raben ſta⸗ chen mit kreiſchendem Geſchrei unablaͤſſig auf das Käͤutzlein, welches die Felſenklufte ſuchte, ſich in finſterer Dede vor dem anbrechenden Tage zu bergen. Der ſtolze Schwan ruderte von nachbarlicher Inſel aus Schilf und Binſen den Strom hinab, ein Bild begluͤckender Freiheit und Würde der unbefleckten Tugend. 00 vire ich frei, wie dieſer Fürſt der Wel⸗ len! klagte der Gefangene, tief ergriffen bei die⸗ 8* 116 ſem Anblicke. Könnte ich mit dem Adelſtolze dieſes fleckenloſen auf die Fluren hinabſchauen⸗ die mir unterthanig ſind, wie er auf ſein Wo⸗ genreich! Durfte Ludwig heimkehren aus die⸗ ſem Kerker zu den Getreuen, wie der Schwan in ſtolzer Ruhe der Fuͤrſtin der Gewaͤſſer ent⸗ gegegenſegelt! Zum erſtenmale ergoß ſein Schmerz ſich in ſtillere Wehmuth. Ein Thraͤ⸗ nenſtrom ergoß ſich über die zitternde Wimper, aber die Felſenwande des duͤſtern Gewoͤlbes er⸗ weichten ſich nicht. Sieh, da ſchaukelte ſanft und langſam auf wogender Fluth ein Nachen herab gar freund⸗ lich bewimpelt, und ſteuerte ſtracks dem Felſen entgegen, wo in ſchwindelnder Hoͤhe am Eiſen⸗ gitter der Landgraf ſtand. Winzige Geſtalten regten ſich im ſchaukelnden Nachen, und lieſſen blendende Tuͤcher flattern auf ſchwankendem Fahr⸗ zeuge, in kühler Morgenluft, ein Zeichen be⸗ freundeter Weſen dem Gefangenen. Jetzt oder nie! ſprach Ludwig ermannt, 5 und der verwegenſte Gedanke durchzuckte, wie 117 ein Blitzſtrahl, ploͤtzlich ſeine Seele. Mit nerviger Fauſt riß er das Gitter aus ſeinen Fugen und ſchleuderte das Doppelkreuz hinab in die Tiefe⸗ Hohler und Hoͤher wogten dort unten die Flu⸗ then, und begruben in finſterer Tiefe das Ei⸗ ſen. Mit gewagtem Sprunge entſchwang ſich der Fuͤrſt den gelufteten Kerker, und ſtand in ſchlichten Mantel gehuͤllt, auf der äͤußerſten Spitze des Felſen, wo die Klippe uͤberragend hinaushing uber die toſende Fluth. Die Ruck⸗ kehr verſagte der kuͤhne Sprung, welcher den Gefangenen frei auf dieſe Znike trug. Mit funkelndem Auge ſchauete nun der Landgraf in die Tiefe, maß die entſetzliche Hoͤhe vom Spie⸗ gel der Wellen herauf bis zum Gipfel des Fel⸗ ſengethuͤrms, und ſchlug vermeſſen den Mantel dichter uͤber die Achſeln zuſammen ſich hinabzu⸗ ſtuͤrzen auf Leben und Tod in den Schvoß der Wellen. Ein kalter Schauder uberlief ſeine Haut, als er die Sohlen luͤftete auf kahlem Scheitel der Klippen. Aber nun war auch das Wogſtück des verwegenen Springers vollfähtt⸗ glitt der Fuß bm lttehn Felſen 118 hinab in das freie Gebiet der Luͤfte; ſinkend ſchwebte der Kuhne von gefangener Windsbraut im ſchwellenden Mantel getragen, zur Tiefe; ſpaltete dann mit gewaltigem Sturz die ſtoöhnen⸗ den Wellen, daß die Brandung heulend von den Felſenufern und verſank in den rauſchenden Wellen. Baͤume und Geſtruch am weſtlichen Ufer des Stromes bewegte ein ſchauerlich Säuſeln, erregt vom verwegenen Fluge des tollkͤhnen Springers. Es war, als zitterte das Laub an den friſchergruͤnenden Es⸗ pen bei dem entſetzlichen Wageſtuͤcke. Friedlich ſchloſſen ſich die zerriſſenen Wogen, ihrer Beute gewiß, über dem Haupte des Verſunkenen, und mit banger Furcht, unter aͤngſtlichem Po⸗ chen und Klopfen zagender Herzen, falteten ſchweigend die Schiffer im Nachen die Haͤnde zum frommen Gebete, die Erhaltung des muth⸗ bollen nging v r zu kfh Sieh, da neg aus ſuſterer Wrge w Nacken empor. Mit ſtarkem Arme ſchwang ſich ver Schwimmer hinauf, des Mantels entle⸗ 119 digt, ſchuͤttelte triefend das Haupthaar, und ru⸗ derte friſch, wie der Schwan am Schilfrohr⸗ zum ſchaukelnden Nachen. Jubel empfing den Schwimmer und ſeliges Wiederſehen. Der Na⸗ chen fuͤhrte, von treuen Männern geſteuert, dem Landgrafen die geliebte Gattin in die Ar⸗ me. Dem doppelten Grabe des Kerkers und den Wellen entronnen, ſank der ruͤſtige Lud⸗ wig, ſprachlos vor Entzuͤcken und dankbarer Ruͤhrung, der Getreuen an die Bruſt, um hier fuͤr ein neues Leben zu erwarmen. Wie ganz anders fand ihn hier die Landgraͤfin wieder! Ungeregelt ſpielten die blonden Locken, um die blaſſere Wange floß der Bart uͤber dem Kinn und die maͤnnliche Bruſt. Milderes Feuer ent⸗ ſtroͤmte dem trunkenen Auge bei dem Wieder⸗ ſehen des Weibes, ſanſter thronte der Schmerz an der Stelle verwegenen Hochmuths auf ed⸗ ler Stirn. 2 ott hat gerichtet! ſprach Adetheit tief gerührt, droͤckte den Kuß der Liebe auf die ſchmachtende Lippe des Gatten, und kehrte, fuͤr 2 120 W immer vereint, mit dem ritterlichen Landgrafen nach Schaumburg zuruͤck. Friedlich verfloſſen ihre Tage von jener Zeit an, kummerlos und geſegnet. Ueberwunden war die furchtbare Pruͤfung, und Kaiſer und Reich begnuͤgten ſich an der harten Suͤhne. Der Himmel aber, der die Landgräfin durch Liſt und Muth ihrer Ge⸗ treuen aus däſterer Kloſterzelle erlöſete, ſegnete auch den Bund der Seelen, welchen unaus⸗ öſchliche Liebe knuͤpfte. Jahrhunderte hat der Stamm der erlauchten Landgrafen der Thürin⸗ gergauen geblühet, und mit Ruhm ſtehen die Namen ſolcher mannhaften Fuͤrſten, wie Lud⸗ wig war, in der Chronik ugn Geſchichte verzeichnet. So erzaͤhlte der Juͤnglinge aͤlteſter, oft von BVegeiſterung hingeriſſen fuͤr den Helden ſeiner Schilderung, oft vom Schmerz überwältigt über den bittern Wechſel des launigen Schickſals und die Feſſeln der eiſernen Nothwendigkeit. Verwun⸗ 6 dert hoͤrten die aufmerkſamen Juͤnger der Mu⸗ ſen den älteſten Freund⸗ und pitite ſir ſen 121 w Beſcheid. Heimgehend zum blühenden Sitze der Muſen ſpigelte ſinnend ſich der Jaͤngling im Bilde des Springers, ob nicht ein Goldkorn ihm ſich entwirkte aus der Schale. Da regte ſich's maͤchtig im Innerh. Feurige Sehnſucht entflammte ſein Herz nach der Geliebten, und in hoher Begeiſterung war's ihm, als ſollte auch er ſich hineinſtuͤrzen in die rettende Fluth, um auf ewig dem finſtern Kerker der Nacht zu ent⸗ fliehen. Aber die Braut war das Wiſſen, des Wiſſens Tiefe die Fluth, und der Kerker die Geiſſel roher Verwilderung. BZittre nicht vor dem Gedanken, Nit dem pruͤfenden Geſchick, Kampfgewaͤrtig in die Schranken Einzutreten auf gut Gluͤck. 1 Memmen nur ziemt feiger Sinn, Doch das Wagen bringt Gewinn. K Ein alter Herzog von Braunſchweig hatte vor Zeiten einen Oberjägermeiſter, einen ſonderli⸗ chen Geſellen des wohledlen Waidwerks; Hans von Hackelberg nannte ſich der ritterliche Jä⸗ gersmann. Er war in lichtes Gruͤn gekleidet vom Kopfe bis auf die Fuͤſſe, einfarbig mit dem friſchen Laubwerke des duftenden Fruh⸗ lings. Sein, Scheitel deckte ein Helm von goldglänzendem Metalle. Aus offnem Viſiere ſtrahlte das ſchwarze Feuerauge, gleich muth⸗ poll, den Kampf zu wagen gegen Baͤren und Wolfsbrut, als ſcharſſichtig, das Jagdgeſchoß zu richten gegen flͤchtige Boͤcklein und Hir⸗ S ſche um ſeine Huften wand ſich ein blinken⸗ 126 m der Gurt mit blendend ſchimmderndem Schloſ⸗* ſe; daran fuͤhrte der Waidmann den treuen Gefährten auf offner Feldflur und in ſchau⸗ riger Waldkluft, ſein Waidmeſſer. Stiefel ſchmuͤckten Fuß und Bein nach Ritterart, mit goldnen Sporn geſchmückt. Artemis ſelbſt haͤtte den edlen Jägersmann zum Fuͤhrer er⸗ koren, waͤre ihr, auf das Waidwerk auszie⸗ hend, der Gruͤne je in blumiger Wildniß er⸗ ſchienen; denn ſtolz und edel war ſein Wuchs, wie Rittern ziemt, hochgewoͤlbt ſprach ſeine Stirn den Beſtien der Hede Hohn, und wil⸗ der Muth verſchmolz auf gebräunter Wange mit froher Siegerluſt bei dem ſtolzen Ruͤck⸗ blicke auf das unzählbare Gefolge erlegter Wol⸗ fe, beſchlichener Fuͤchſe, abgefangener Eter und heimlich belauſchter Kronhirſche. Der Mund ſtroͤmte reichlich uͤber von kuhnen Geſchichten aus thatenreichem Waidmannsleben, von ſon⸗ derbaren Maͤhrchen und Begegniſſen des ver⸗ wegenen Reiters in Nacht und Nebeln, in Waldkluͤften und Bergoͤden. Ueber der Ober⸗ lppe prangte ein maͤchtiger Knebelbart in ge⸗ 5 127 b waltigen Haken, die Zierde des ritterlichen Streiters; Schrecken einfloͤſſend und Ehrfurcht gebietend zugleich. Denn faſt darf der Mann, welcher mit Ebern und Wolfen in einen ge⸗ wagten Kampf geht auf Leben und Tod, ſich meſſen mit den Helden, der den Tiger in“ Kriegers Gewande aufſucht, Ruhm und Heil in ſiegreichem Kampfe gegen den Wuͤthrich zu gewinnen. Nur eins behagte mir immer nicht an dem ſtattlichen Jager; er verſchmä⸗ hete den ſtolzen Renner, und ritt auf langſa⸗ men Maulthiere hinaus auf das Waidwerk, dem bedächtigen Langohre lieber das Leben ver⸗ trauend, als dem fluͤchtigen Rappen. Eine gealtige Kuppel von Doggen und Räden at⸗ dereks⸗Art trabte neben Bilens vergötterten Lieblinge her. Da waren Saufänger gegen das Schwarzwildprett und Windſpiele das flüch⸗ tige Häslein auf freier Feldflur im Laufe zu uͤberflugeln; Spurhunde, auf friſcher Fährte den Bock und den Spieſſer zu erjagen; Scweißthiere, den angeſchoſſenen Hirſch in ſtachlichtem Dickicht zu ſtellen; Dachshuͤndlein, 128 den Fuchs, den ſchlauen, aus vielarmigem Baue zu klaffen; auch Waſſerhunde, auf wo⸗ gendem Teiche und ewig ſumpfendem Moor⸗ pruche die erlegten Enten und Schnepfen zu haſchen. Sie waren Hackelbergs treue Ge⸗ fährten auf jeglichem Schritte durch das Leben, ſie verlieſſen ihn ſelbſt im Tode nicht. Son⸗ derliche Liebe und Ergebung bewieſen ihm wenn es zur Klapperjagd gieng, auch die Waidwerksgenoſſen als aͤchtem Meiſter der In⸗ nung, und hoͤrten am Abend, nach ruͤhmlichem Tagewerke, mit wachſamem Dhre lauſchend die frohen Berichte von Hackelbergs Waid⸗ mannsthoten. Die aber mit Hoͤrnerſchall und Peitſchenknall dem Zuge der Geweihten vor⸗ und nachzogen als dienend Gefolge, in groſſer Hatze durch Wald und Wieſe der Winke des Meiſters gewärtig, die verehrten in Demuth ihn als Goͤtzen der Jagerei, wie der von Berx⸗ lichingen die Prieſter des deutſchen Ritterdien⸗ ſtes, und Ritter Hans verdiente ſolche Huldi⸗ gung. Auf eigner Fauſt ließ er den Wuth ſchäumenden Keiler abfangen, und ſtieß ihm 129 vn im Sprunge den Stahl bis an's Heft in das Leben. Mit eigenem Speere trat er dem Baͤren entgegen, welcher mit ſchauerlichem Brummen ſich aufrichtete, die zottigen Klauen auszurecken wider den kecken Gegner. Einſtmals fiel es nun dem Erlauchten ein, ein großes Jagen zu halten auf hoher Harzburg. Zeitig beſchied er die Jägermeiſter von der Herbſtflur ein an den Hof, und ge⸗ horſam dem Gebote des Herrn trabte Ritter Hans mit ſeinem Gefolge, den Knappen und Klaͤffern allen frohen Herzens nach Wolfen⸗ buͤttel, ſich freuend des herrlichen Auftrags, welchen des Waidmanns ahnende Seele ver⸗ rieth. Ein maͤchtiges Wogen und Treiben erregte hier das Etſcheinen des Edlen von Hackelberg. Verwundert beſchaueten die Höf⸗ linge ihn und den Troß, und wuͤnſchten dann auch wohl, ſtattliche Jäger zu ſein, wie die⸗ ſer Ritter; mit heimlicher Sehnſucht folgte der zaͤrtliche Blick der Dirnen und Frauen dem ſchlanken Manne, deſſen Feuer ſtrahlen⸗ — W des Auge und hochſtämmiger Wuchs jegliches Herz entzuͤndete. Aber eitel waren die Wuͤn⸗ ſche der Schranzen, Froſt und Hitze, Muͤhe und Gefahren bei ſchlechter Koſt und hartem Lager einzutauſchen gegen leckere Biſſen, koſt⸗ barer Weine und weichen Flaume, den Sitz der Ruhe; doch eitler noch war das Hoffen und Sehnen der Frauen und Fraͤulein, denn in Waidmannsbruſt gluͤhete nur eine Fackel der Leidenſchaft, welche keine andere Flamme neben ſich duldete, das Feuer der Jagdluſt. So trat denn der Ritter demuͤthig vor ſeinen Herzog, lachend der Schoͤnen und ſpot⸗ tend der Schranzen am Hofe. Der befahl ihm, das Hochwild zu klappern durch die Ber⸗ ge und Thaͤler der Wildniß, und in engerem Raume das Gewilde einzukreiſen, damit vvn ſcheuchender Klapper auch der biſing ein flüch⸗ ſ. Thier erlegte. Demuthsvol doch erfteut hoͤrte der Gruͤne, und trabte mit Troß und Ruͤden 131 hinaus nach den Bergen. In zweimal zwei Tagen war alles geſchehen, was der Herzog geboten, und am fuͤnften Tage noch vor Son⸗ nenaufgang ſammelte ſich die Jägerſchaar das edle Werk zu beginnen. Zu Roß und zu Fuß zogen die Maͤnner die Hoͤhe hinan, das umſtellte Gewilde am finſterſten Dickicht mit toͤdtlichem Geſchoſſe zu empfangen. Es erſchol⸗ len die Hoͤrner, der Halbmond ertoͤnte, die Peitſchen knallten, die Ruͤden klafften, der Troß ſang ein fröhliches Jägerlied, und der Meiſter trabte voran, naͤch ſtrenger Joͤgerart ſein luſtiges Werk zu ordnen. Langſam ſtieg der Langohr mit ihm die Hoͤhe hinan, ſeitwaͤrts des geruͤſteten Zuges. Von Huͤgel zu Huͤgel fuͤhrte der Pfad durch Tannengehege und Klippen. Zur Spitze des Berges, wo auf luftiger Hohe, ſichtbar der Jagd, das Werk überſchauend, der Meiſter die Hetze zu lenken gedachte zur Freude der andern. Oftmals pflegte der Hirſch oder der ſchnaubende Eber auch hier, dem Gehege ent⸗ Geſchoſſen, und einſam gedachte der Ritter da auch ſein Muͤthchen zu kuͤhlen an dem fluͤch⸗ tigen Rudeln der Wildniß. Aber wie erſchrack der Edle, als er endlich ankam auf des Ver⸗ ges Gipfel! So lange war die Furcht ſei⸗ nem Herzen fremd geblieben. Er hatte bei Nacht und Nebel, in finſterer Bergkluft und einſamer Wald- und Felſenode gehauſet, und nicht gezittert. Jetzt ergriff eine Empfindung ſprungen, Zuflucht zu ſuchen, vor tödtlichen 1 den Ritter, welche wie Eis durch ſein Ge⸗ 1 bein rieſelte, und wie der Mauler neugierig anhielt, das Wunder der Erſcheinung zu be⸗ trachten, und die ſchweigenden Ruͤden, dem 1 Winke des Herrn gehorſam, verbluͤfft die ſti⸗ ren Blicke auf den Felſenteller der Bergſpitze hefteten: ſo ſtiegen dem Reiter die Haare un⸗ ter dem Helme zu Berge, der Jagdrock wur⸗ de zu enge um Bruſt und Schultern; Maul⸗ thier und Reiter waren am Boden gewurzelt⸗ Drei holliſche Weibsbilder tanzten auf mooſiger Felſenrunde den Ringellanz, ſprä⸗ 135 W heten Schlangens Aetze umher, und hauchten betaͤubenden Nebel um den kahlen Scheitel des Berges aus giftigem Athem. Ein luſti⸗ ges Fratzezeichen mit ſtolz erhobenem Hoͤcker huͤpfte die erſte von Stein zu Stein, ein Geigenbogen die andere, die dritte traun in Thenſitesgeſtalt, nach beiden Polen erhaben. Wenn ſie die Knochenhaͤnde ſich reichten, ſo raſſelte das duͤrre Gebein, und bei den Ba⸗ chantenſpruͤngen toͤnte der Sa Kyr, das Echo von gellendem Geklapper wieder. Die Arme glichen moosbedeckten Wacholderäſten; der Nak⸗ ken rang um den Preis mit Voltairs ver⸗ ſchrumpfter Kehle, wie ſie im ſchmutzigen Wachsbilde das Volk der Hiſtrianen von Mark⸗ te zu Markte trägt. Die Wangen lagen, wie welker Schwamm auf dem duͤrren Gebeine, die Lippen, verwitterten Roſen aͤhnlich, beklei⸗ deten die Zahnreihen nicht, welche blendend⸗ weiß, wie Waäͤchter der holliſchen Zunge, den giftſchwellenden Mund verſchloſſen. Tief aus der Stirnhoͤhle funkelte das boshafte Auge, gleich dem Gluͤhwurme in finſterer Felſenhoh⸗ * 134* * lung, und auf dem keilſcharfen Kinne wucherte einzelnes Varthaar, wie duͤnner Hafer auf magerer Feldflur. Aber zottiges Schlangen⸗ haar ſauſte in wilder Verwirrung um die wel⸗ ke Bruſt und den runzlichten Nacken. Lufti⸗ ges Gewand umflatterte die klappernden Glie⸗ der, nicht eben berechnet, dem Zuſchauer die heimlichen Reize zu bergen. 1 1 Wem kann es befremden, daß hier zum erſtenmale der Ritter mit ſtummem Entſetzen den Grauen anhielt, des gräßlichen Schau⸗ ſpiels Ausgang zu erwarten. Mit Verwunde⸗ rung hoͤrte nun Ritter Hans die Drillings⸗ ſchweſtern gar lieblichen Geſang anſtimmen, vermuthlich zum ihrer 6 Schaut! in frohen Ringelreihen Drehen luſt'ge Heren ſic Hörſ du, wie die Käutchen ſchreien? Braut der Hone, tummle dich! 135 Luftige Muſik der Eulen Krächzt aus ſchwarzem Eichenkranz, Hoͤrſt du wohl den uhu heulen? Tummle dich im Ringiltenz! Wo der Herentanz geweſen Wuchern Pilz und Blitterſchwamm; Hertein folgt mit Stiet und Beſen Dann dem Hoͤllenbraͤutigam. e Unhold, darfſt du tänger fäumen? Schreckt dich nicht der junge Tag? Hurre, fort aus dieſen Räumen! Hu! das Berggekluͤft wird wach. Plötzlich nahmen die Hoͤlliſchen Abſchied von der Felſenrunde, mit Blitzesſchnelle durch die Luͤfte ſchwirrend. Da wuchs dem Ritter der Athem und mit gedämpfter Stimme flü⸗ ſterte er: Gott ſei gelobt! Plotzlich waren die ſchwirrenden Drei wieder da auf Kruͤcke, — 736 w Beſen und Ofengabel, und ſetzten ſich uict vor dem Ritter. Vergebens kreuzigte ſich der ruͤſtige Waidmann, ſchlug vergebens an das ſchneidende Waidmeſſer, die Unholde ſich vom Leibe zu wehren. Er riß das Meſſer aus blinkender Scheide, und ſiehe, der Stahl war in einen zottigen Fuchsſchwanz verzaubert. Vergebens griff der Rittet zum Todesgeſchoſſe, mit todtlichem Blei die gräßlichen Furien nie⸗ derzuſtrecken. Auch das Rohr war verzau⸗ bert, der Funken zuͤndete nicht, In ſolcher Noth nahm der Held ſeine Zuſtcht zu den 4 Doggen und Räden, pfiff und hetzte, aber zuaͤhneflaͤtſchend ſtanden die Kläffer, und wag⸗ ten ſich nicht heran. Ein gelendes Gelaͤchter der holliſchen Schweſtern endete die ſeltſame Scene; dann traten ſie boshaft naͤher, tanz⸗ ten den Ringelreihn um den bezauberten Rit⸗ ter, und ſpieen dreifachen puch aus giftiger Daß du an wildem bershauep⸗ endeſt! triche die erſte dem Ritter boshaft entgegen. 123 Daß dich der Schlund des nächſten Stein⸗ adlers verſchlinge! ſtoͤhnte verwuͤnſchend die andere⸗ und nimmer raſtend fahre durch die Lufte! kreiſchte die dritte⸗ Von neuem begannen ſie dann den Rin⸗ geltanz, und ängſtigten mit Stechen, Kneifen und Zerren den Ritter Hans, daß eine Schweißfluth aus allen Poren brach, und der Waidmann in ſeinem Elende ſchier haͤtte ver⸗ gehen moͤgen. Da rollte ploͤtzlich ein maͤchti⸗ ger Donner durch die Luͤfte, ein lichter Blitz⸗ ſtrahl raſſelte zwiſchen die Furien nieder, daß die Nachtgeiſter hurre, hurre durch die Luͤfte ſchwirrten und verſchwanden. Und vor dem Ritter ſtand in himmliſcher Klarheit ein goͤttliches Weib in bläulichem Nebelgewan⸗ de. Ein lichtblauer Sammetguͤrtel ſchmiegte der ſchwebenden Feen um die ſchwellende Huͤf⸗ t um den zierlichſten Fuß zerfloß das Ge⸗ webe in fluͤchtigen Wolken. Himmliſcher Zau⸗ W ber erlöſte den Ritter von den Feſſeln der Holle, und muthvoll wagte er aufzublicken zu dem rettenden Genius. Welcher Himmel oͤff⸗ nete ſich da ſeinem Blicke! Das Auge der ſchoͤnſten Fei uͤberſtrahlte an Glanz des Him⸗ mels ſchoͤnes Blau, und las voll begluͤckender Milde in der tiefbewegten Seele des Ritters. um den Schwanennacken wallte in blonden Locken die Fuͤlle des Haupthaars, und von blühenden Lippen ſloſſen in ſuſſer Anmuth die ſanften Worte! vertraue dich mir,“ mein ru⸗ ſtiger Jaͤger, mit deinem Gefolge! Die hoͤhere Röthe der jugendlichen Wange verrieth der Rede geheimeren Sinn. Der Ritter umſchlang in hoher Begeiſterung erwachender Minnegefuhle das holde Weib, und den Suß det von der S Als Sirin der agd nindite ſch mit S Bogen und Pfeilen die himmliſche Fei, und hoch⸗ ermuthigt beſtieg der Ritter, unfern den Grauen mit den Ruͤden im Graſe zurucklaſſend, die S ſiche Felſenrunde„als die Holde 6 W Kaum ſcholl durch die Thaͤler der Horn⸗ ſtoß des Meiſters, als mit Rufen und Klap⸗ pern, mit Horngetoͤn und Reitſchenknall die Jagd begann. Kaum verfloſſen Minuten, ſo rollte der Wiederhall von den knallenden Buͤch⸗ ſen wie Donnergetön durch die Gruͤnde; die erſten Wölfe und Füchſe waren des Todes Beute. Nun ſtuͤrzte keuchend und athemlos der Hirſch aus dem Dickicht. Knall auf Knall erdroͤhnte das Echo, und die Gewilde ſanken. Aber der Eber zogerte noch, und barg ſich, fliehend vor den Jaͤgern und Ruͤden, im tief⸗ ſten Dorn des Dickichts. Lange ſtanden die Jäget, die Fäͤnger klafften, und ſetzten auf den Keiler ei blutig ritzte der Dorn die ₰ verzagte die anſpringende Kup⸗ pel. Da verließ den Jägermeiſter die Ge⸗ duld. Er erhub ſich von mooſiger Felſen⸗ runde, und ſtieg hinab in die Gründe. Die lieblichen Bilder der Phantaſie, welche dort oben ſeine Seele mit holden Traͤumen be⸗ ſchaͤftigten, wichen dem leidenſchaftlichen S und Feuereifer die Schrite des Ritters, den Treß zu lehren, wie man den Eber abfange. Wild angehetzt ſtürzten ſeine Doggen in das Gehege, des Dornes nicht achtend und blutige Riſſe, und zerrten die Beſtie bei den Ohrlappen, daß ihn von ſchaumender Wuth der Rachen uͤberfloß. Grim⸗ mig fuhr dann der Keiler hervor aus ſeinem Ruͤckhalte hart an den Rand des Geheges. Flugs war der Stahl aus der Scheide und von Baum zu Baume naͤherte ſich in fluͤchti⸗ gem Sprunge dem Wilde der Meiſter. Yloͤtz⸗ lich fahrt mit gefaͤhrlichem Hauer der Schwar⸗ ze an dem Waidmann voruͤber, und ₰ ihm den Schenkel; aber mit Jugenokra der Ritter ihm den Stahl in die Weiche, daß der Schwarze kochelnd ſich zu den Fuͤſſen des Siegers wälzt. Jetzt erſt bemerkte der Waidmann, daß ihm in hochrothen Tropfen das Blut von der Huͤfte rann; doch kaum achtete er der leich⸗ ten Verwundung. Feutiger nun gieng es 55 von Gehege zu Gehege als die Jäger wech⸗ . . 7 14 „ ſelsweiſe bewundrungsvoll den Keiler und ſei⸗ nem Sieger betrachteten, und mit Klaffen und Knallen, mit Hirngetoͤſe und Klappergeklänge währte die Jagd auf hohem Gebirge und tief in den Gründen vom frähen Morgen bis ſpaͤt in die Nacht. Heiſſer und wilder glů⸗ hete die Mordluſt der Zuͤnftigen je läͤnger und mehr das Waidwerk gedieh; heiſſer und wil⸗ der gluhete auch Ritter Hans in ſeinem Be⸗ rufe, heimlicher S voll nach der göttli⸗ — Fei. 2 Als aber die Nacht in ſchwarzem Gewan⸗ Z de ſich uber Wald und Gebirgen lagerte, und der Troß nun heimgekehrt war zur mächtig bewehrten Harzburg, zu ruhen vom heiſſen Tagewerke, und mit erwachendem Tage von neuem die Jagd zu beginnen: da trat der Schmerz zum Lager des Meiſters, und ſcheuchte den Schlaf, daß Ritter Hans die ganze Nacht weder Raſt noch Ruhe hatte. Die Lovſpruͤche des Erlauchten, welche ihn ſonſt in frohe Traͤume K konnten der 1 142 Nacht keine Minute des Schlummers abrin⸗ gen; die glähende Sehnſucht nach dem Him⸗ melsbilde der Berghoͤhe vermogte den Schmerz an der brennenden Huͤfte nicht zu ſtillen. Un⸗ muthsvoll wälzte ſich der Ritter auf ſeinem Lager, vor Ungeduld kaum das erſte Däm⸗ merlicht des anbrechenden Motgens erwartend um Unluſt und Schmerz im Ge⸗ toſe der Jagd zu verſenken⸗ Als aber der erſie Frühſtrahl über Hori⸗ zontes Rand emporſtieg, und die Hügel und Berge röthete, daß das goldgelbe Laub in den Wipfeln der Eichen und Buchen den Waid⸗ mann zur Wildniß lud: Da trug es der Ritter nicht laͤnger, unthätig auf ſchlafloſer Lagerſtätte zu ruhen. Er verließ das Ruhe⸗ bett, ſich zum luſtigen Tagewerke zu gürten; aber der Schmerz ward ärger, denn zuvor, als er den Gurt um die blutige Huͤfte legte, und in der Naͤhe war nirgends ſchnelle Huͤl⸗ ſfe. So mußte nun Ritter Hans fuͤr dies⸗ mal auf die Freuden der Jagd verzichten, und 143 was noch ſchlimmer war;z faſt verzweifelte er in ſeinem Schmerze auch an Wiederkehr und Beiſtand der göttlichen Fei, welcher er oft und viel gedachte. Alsbald fiel ihm das draͤuende Wort der Unholdin ein, welche mit Stechen und Zerren zuerſt dem Ritter ſich naͤherte, und mit boshafter Zunge ihm in die Ohren krächzte: daß du an wildem Eber⸗ hauer endeſt! Mit zagender Beſorgniß hörte der er⸗ lauchte Herzog das ſchreckliche Begegniß auß der Felſenrunde; er zitterte fuͤr den Joger⸗ meiſter, welchen er liebte. Der Hoffnung Balſam goß zwar die Erſcheinung der Fei in ſeine Seele, und ihre lieblichen Worte troͤ⸗ ſteten den milden Herr; aber darum ſollte doch nichts ſein ernſtes Bemuͤhen hemmen ſo⸗ fort dem Leidenden Huͤlfe zu ſchaffen, wie wenig auch der Ritter ſich vom lindernden Balſam verſprach. Ein furſtlicher Wagen, beſpannt mit vier ſtattlichen Schimmeln, rollte uͤber den Schloßhof/ den leidenden Weid⸗ 144 w . mann gen Wolfenbuttel zu fihren. Mit Weh⸗ muth ſchied der Edle von dem Jagdgefolge, nicht verzagt ob den folternden Schmerzen⸗ auch nicht ob der traurigen Erfuͤllung des hoͤlliſchen Fluchs; Ritter Hans klagte nur uͤber vereitelte Freuden der Jagd, und fuͤrchtete, ohne den Meiſter werde das Werk nicht zu Danke gedeihen, und der Erlauchte mit Unmuth das ſchimmernde Jagdſchloß ver⸗ laſſen. Langſam rollte der Wagen nun uber die Bogenbruͤcke des Burggrabens hinab zur Ebene, und ſchnurſtracks gieng der Weg auf kiesreichem Boden durch das öde Weinfeld, den befreundeten Zinnen entgegen, welche vom hohen Gethurme der Hauptfeſte des Lan⸗ des uͤber den fernen Hägel daherſtrahlten. Aber heftiger immer und peinlicher regte ſich das Schmerzgefuhl in der brennenden Wun⸗ de, und wie ſehr der Edle rang gegen die uebermacht des Leidens, ſo mußte er zuletzt unterliegen. Strenger zuͤgelte der furſtliche Lenker die ſchnaubenden Schin mmel; als aber 2 der ſchleichende Gang des Fs dem * 10 Rittet zu ſchmerzhaft wurde, gebot er Still⸗ ſtand, in unwirthbarer Fremde, noch fern dem Orte der Beſtimmung. tic Mitten im Steinfelde liegt ein einſames Haͤuslein mit fruchtreichem Garten. Hart vor der Pforte rauſcht uͤber zahlloſe Kieſel mit Plaͤtſchern und Wogen die Oker hinabe Duͤrre Ebenen breiten ſich aus zu beiden Seiten der Klauſe, im Aufgange und Untergange der Sonne. Steile Höhen, mit ſpaͤrlichem Laub⸗ holze bekleidet, begraͤnzen das Thal, einſt viel⸗ leicht das maͤchtige Bette das reiſſenden Berg⸗ ſtroms, welcher in winzigen Reſten, in der Oker zur Linken, in der Ecker zur Rechten, noch jetzt gen Nordweſt hinausfließt, mit gaoͤſ⸗ ſeren Stroͤmen fort eilend zum unenblichen Schwalle der Gewaͤſſer in Mitternacht, zur Nordſee. Zum Steinadler ſchreibt ſich der Hof bis auf heutigen Tag. Dahin lenkte der Kut⸗ ſcher die Roſſe, und brachte mit freundlicher Hulfe des einſamen Klausners den edlen Rit⸗ ter unter ·fucgichet Obdach, ob er hier viel⸗ — keicht geneſe von qualvollem Schmerze. Wie ein glähender Feuerſtrom wuͤhlte der Schmerz ihm in Schenkel und Huͤfte, und kein Bal⸗ ſam wollte Kuͤhlung geben in die vergiftete Wunde. Gift ſchäͤumende Wuth hatte den geaͤngſtigſten Eber erhitzt, und Verderben brin⸗ gend den giftigen Zahn der gereizten Beſtie durch Schenkel und Huͤfte getrieben. Auf der Wunde ruhete der Fluch der Hölle, und verzehrte das Leben des räſtigen Waidmanns⸗ Sanſter wurde das Feuer ſeiner Augen, mat⸗ ter die Glut auf der Wange, heftiger rollte das Blut durch das Geäder, und Puls und Herzſchlag klopfte härter und wilder, als ſonſt. So duldete ſchweigend der Ritter drei Tage lang auf hartem Lager zum einſamen Stein⸗ adler. Nahe und ferne Huͤlfe ward inzwiſchen vermittelt, aber vergebens“ Kein lebendes Weſen war da vermoͤgend, rettende Huͤlfe zu ſchaffen, wo menſchlicher Beiſtand ringen ſollte gegen die vernichtende Kraft der Hölle. Des Ritters Sinn aber war unaufoorlich mit dem wilden Getoͤſe der Jagd eſchſtig. Läu⸗ 134 45 ſchende Bilder des luſtigen Waidwerks dräng⸗ ten ſich in ſeine Seele, mit Drachen und Greifen ſpielte die erhitzte Phantaſie wie mit ſcheuen Boͤcklein und Auerhaͤhnen, und verlor im Hintergrunde der ſchaurigen Scene in himmliſcher Klarheit, mit Schild und Jagd⸗ geſchoß die ſchirmende Fei voll zaͤrtlicher Milde nicht mehr aus dem Auge. Da war es dem Ritter, als beſtiege er den Mauler wieder, als ſtaͤnden die klaffenden Doggen ihm zur Seite; das ganze Jagdge⸗ folge geſellte ſich wieder zu dem Meiſter, kein geſtrenger Gebieter beherrſchte mehr ſeine lu⸗ ſtige Fahrt; die Huld der holdeſten Herrin gebot durch die Macht der zaͤrtlichſten Liebe über ſeine Pfade; durch ihre Zauberkraft fuͤhlte er ſich gehoben zur hoͤhern Sphaͤre der Geiſter, ſelig in ihrem Beſitze und unaufhorlicher Waid⸗ mannsluſt; ſein Gefolge ſah er getreulich nach⸗ eilen in das Wolkenreich der Luͤfte, mit Liebe und Demuth dem Herrn zu dienen und 2 S Gebieterin. 10 148 WW Mehr als einmal brach der Rittes in fro⸗ hes Entzuͤcken aus unter dieſem Zauberſpiele der Phantaſie, und ſpottete der Hoͤlle. Alle ſeine Schmerzen waren vergeſſen, und als er endlich erwachte wie aus tiefſten Grabesſchlum⸗ mer, fuͤhlte ſich ſein Geiſt erhoben uͤber den Staub der Erden. Inzwiſchen war die Jagd auf hoher Harz⸗ bug geſchloſſen, und müde von vielfaͤltiger Muͤhe und Beſchwerbe, kehrten die Jaͤger heim zur haͤuslichen Ruhe. Da langte der Herzog mit Mann und Roß zum Steinadler an auf der kiesreichen Aue. Die Hoffnung befluͤgelte ſeinen Lauf, den edlen Meiſter des Waidwerks geneſen wiederzuſehen. Aber wie ſchmerzlich fand der Erlauchte ſich getäuſcht, als er dem Tode geweiht, den Ritter wiederfand auf duͤrf⸗ 3 tigem Lager. Verhaͤngnißvell traten die Worte der andern Hoͤllenbraut vor die Seele des Herrn, wie er den Spruch vernommen aus dem Munde ſeines Oberjägermeiſters: daß dich der Schun des Steinadlers verſchlinge! 140. W Augenblicklich ward nun von naher Berg⸗ kapelle ein Gottgeweibter berufen, den unheili⸗ gen Zauberſpruch aus hoͤlliſchem Munde in den Segen des Herrn zu verwandeln. Mit Salböl und Krucifir langte der Gottesmann vor dem Krankenbette des Ritters an, und begann mit froͤmmelndem Eifer den unverſoͤhnlichen Feind der Chriſtenheit, den Teufel, in Waidmanns Gliedern zu beſchwoͤren. Aber die Salbung ſeiner Worte linderte weder den Schmerz noch boſte ſie den unſeligen Bann. Voll Ergebung hoͤrte der Ritter das Gebet des Prieſters; ihn hatte ſein Traumgeſicht der irdiſchen Flur ent⸗ ruͤckt, und in den Lufträumen tummelte der Held ſich baß mit ſeinen Geſellen nach Schwarz⸗ wild und Spieſſer. Jetzt hatte der Fromme geendet, hatte den Ritter dem Tode geweiht und der Gnade des Herrn in den Schutz be⸗ fluͤgelter Engel befahl er den ſcheidenden Geiſt zum Throne ſeliger Verklärung. Alsbald er⸗ ſcholl ein ſchreckliches Donnergetoſe und Schlan⸗ genblitze durchzuckten die Lüfte, daß der Wet⸗ terſtrahl betäubend in die Zelle fuhr, wo auf 150 w * dem Sterbebette der duldende Ritter lag. Noch einmal blitzte die Macht der Sehnſucht zum lichten Gedanken auf Ritter Hans, richtete, wie neugekräftigt, ſich auf und ſprach: Auf Erden treibts der Waidmann frei, 6 Bis ihm des Lebens Sonne ſinkt; Hoch in den Luſten ſchwebt die Fei, Die nun zum neuen Tagwerk winkt: ſchreckt nicht Acheron und Nrr Hinweg mit Hel und Fiſt „ Daroh erſchrack der fromme Prieſter, wel⸗ cher ſo eben zur letzten Helung ſich anſchickte, faltete die Hände, flüſterte einen Stoßſeufzer, kreuzte ſich dann, und überließ den Verſtockten dem Fluche der Hoͤlle. Als der zuruͤcktrat von dem Bette des Sterbenden, praſſelte ein zwei⸗ ter Donnerſchlag durch die Hallen; ein furch⸗ terlicher Blitzſtrahl ſchmetterte die Maͤnner alle, auch den Herzog und den Mann im Prieſter⸗ gewande zu Boden, und die Zelle erleuchtete eine himmliſche Flamme, zu glanzvoll für menſchliche Augen, und mit ätheriſchem Lichte verbreitete ſich ein Ambraduft durch die Hallen. Eine melodiſche Stimme erſcholl voll göttlichen Zeuhe aus der Hoͤhe: nun ſuge mein Ritter mit deinen Getrenen! 1 k X Alsbald ſchlugen die Knappen ihre Augen auf, und ſiehe, in ihrer Klarheit, im herrlichen Schimmer der Verklärung, wie auf der Felſen⸗ runde, ſchwebte über dem Haupte des Edlen die Fei der Jagd, und der Ritter war ent⸗ —— Die Pewänſchenge de und an⸗ dern jener unholden Schweſtern der Hoͤlle wa⸗ ren in Erfuͤllung gegangen an dem rüſtigen Waidmanne. Mit Schauder hatte der Herzog an des Ritters Sterbebette ſich auch der Ni ten erinnert: und nimmer raſtend fahre durch die Lüſte! 152 Zum Entſetzen des Erlauchten und des betaͤubten Kaplans gieng auch der dritte Zau⸗ berſpruch in Erfuͤllung; aber die himmliſche Huld der Verklärten verwandelte den Fluch in einen Segensſpruch im Geiſte des Ritters, zu jagen im Reiche der Luͤfte bis an das Ende der Welt. Vor Prieſters und Fürſten Auge oͤffnete ſich im Flammenblitze die Decke des Hauſes, daß mit wildem Gepraſſel die Balken brachen und die Wände bebten; und in lufti⸗ gem Fluge entſchwebte der Ritter zur Seite der Holden, nun auf ewig vermählt mit der Schutzgoͤttin des edlen Waidwerks, dem Stau⸗ be der Erde. Dem Meiſter folgten treulich die Jagdgenoſſen, auch der Langohr blieb nicht zurück, und an das Gefolge ſchloſſen ſich die klaffenden Ruͤden. Nur der Erlauchte blieb mit dem Prieſter zuruͤck und ſeinen Ge⸗ fährten. A ſich die von ihrem Schrecken erholt hatten, lagerte ſich ſchwarze Nacht uͤber die Flur. Sturm und Hagel raſſelte in wildem 155 Ungewitter an den klirrenden Fenſterſcheiben und fegte die Felder, daß die Kieſel borſten. Fackelnde Blitze durchkreuzten das Luftreich, und zerſplitterten tauſendjaͤhrige Eichen in den nachbarlichen Wäldern. Drüber hin ſauſte mit wildem Getoͤſe der luftige Zug der Jagdgeſel⸗ len mit Peitſchenknall und Horngetöſe. Vor dem Klaffen der Ruͤden entſetzte ſich das Boͤck⸗ lein im naͤchſten Uferwaͤldchen, und wie das Gefolge hurre hurre uͤber den Dickicht rauſchte, ſchlichen die Fuͤchſe heimlich in den Bau, vor dem wilden Heere ſich bergend, die Wipfel der Buchen verwandelten ihr heimlich Gelis⸗ pel in unheimliches Rauſchen, und unten im Raume brauſte das Waſſer von Stein zu Stein, daß die ſchäumenden Wellen über das ufer brachen, und weit und breit die Aue uͤber⸗ ſchwemmten. Andern Tags erſt ließ der Erlauge die Entſeelten begraben. Ein Sterbefeld wurd für ſie erkoren, die nachſte Aue auf der Mitter⸗ nachtsſeite der Klauſe. Da ruhen die Hüllen . 154 W der Getreuen alle, die als Geiſter der Jagdge⸗ bieterin folgen und dem Meiſter des wohledlen Waidwerks durch Nebel und Luͤfte. Dem Rit⸗ ter aber ließ der Herzog einen Grabſtein legen, von Känſtlermeiſſeln gehauen. Darauf prangt Rittet Hans von Hackelberg, den Langohr rei⸗ tend, im Jagdgewande. Um⸗ und hinterher ſpielen die Räden und Hündlein im treuen Gefolge des Edlen, und darunter ſtehen, von Mooſen bedeckt. die vchn des S 8r Die Aue des Todes iſt ſeitdem in ein freundliches Gaͤrtlein verwandelt, hart am Steinadler, eine wirthbare Herberge der Pil⸗ ger⸗ welche von Goölar herab oder vom naͤcht⸗ lichen Harzgebirge daher dem Geplaͤtſcher der rauſchenden Oker entlang gen Wolfenbüttel und Braunſchweig reiſen.“ Das wilde Heer ſich hier mit lautem Getoͤſe uͤber der Mitternachtwärts an der Gränze des Steinfelds erhebt ſich auf vortre⸗ tendem Hügel hart uͤber der Ebene eine alte W Kapelle. Hier beginnt der Zug des wilden Jägers, ſein toſendes Hetzen am Hacklenbergs⸗ felde zur Linken hinauf gen Mittag bis zur Bergſchlucht, wo nun zahlreicher bevoͤlkert das Staͤdlein Harzburg liegt. Mancher hat hier bei naͤchtlicher Weile den rauſchenden Zug mit Schrecken vernommen; mancher die Kuͤhnheit, um Mitternacht das Feld des wilden Heers zu durchkreuzen, mit ängſtlicher Irrfahrt gebuͤßt. Seit vielen Jahren ſchweift nun das wilde Heer auch in andern Gegenden des deutſchen Vaterlandes auf und ab von Bergen zu Ber⸗ gen, durch Auen, Feldfluren und Thaͤler. Auch uͤber die Graͤnzen des Vaterlandes hinaus auf eiſigen Alp und fernen Jura, in den Gruͤnden der Vogeſen, zu den Kluͤften der Karpathen und Ardennen hat die Phantaſie den Spuk verpflanzt. Wer aber die Straſſe vom Harze herab gen Ritternacht wandert, und Herberge findet zum Steinadler, der ſaͤume nicht, nach Hackelbergs Muͤtze zu fragen und Grabe; da wird ihm auch des Maulthiers eherne Stirn⸗ ſchiene gezeigt, und erzaͤhlt, wie unlängſt das * uͤbrige Jagdgeruſt zur Schau in adliche pande gewandert, und ein Raub geworden ſei der Fahrläſſigkeit und Unkunde der Wirthe. Wer aber den Grabſtein im Garten be⸗ ſucht, und nachdenkend verweilt bei dem Grabe des Ritters, welcher die Fuͤlle der Seligkeit ſuchte und fand in unſtaͤten Waidmannsthaten, der entſinne ſich hier, daß des Menſchen Wille in ſei. r e Von der Lauenburg kam ein ſtattlicher Graf geritten. Als der unter dem Bergſchloſſe vor Quedlinburg voruͤber jagen wollte, ſiehe da oͤffnete die fromme, ſchoͤne Jutta, erſt kuͤrz⸗ lich zur gebietenden Aehtiſſiin des Stifs er⸗ hoben, das farbige Fenſter und rief: Gott gruß euch, Herr Graf! Flugs kehrte der Rit⸗ ter auf muthigem Roſſe ſeine Blicke zur Lin⸗ 5 ken, luͤftete ſein Viſier und gruͤßte wieder. Dann ritt er den Berg hinan, wo die ſchoͤne Gutta weilte, und hielt vor dem hohen Burg⸗ thore, bis der Burgwart die Ringel loͤſete, * 160 W . und die Thorflugel ſich in den Angeln dre⸗ Nit zarter, ſuͤßer Milde empfieng ihn die Gottgeweihte. Heimliche Trauer ſprach aus dem ſchoͤnen lichtblauen Auge, welches dem ſtattlichen Grafen ſo liebreich entgegen⸗ glänzte, und die blonden Locken bargen ſich ungern hinter dem weiſſen Schleier, welchen Otto von Kranichfeld der einzigen Tochter ge⸗ bot, aus Stolz, ſelbige zur Herrin uͤber Land und Stadt zu erheben. Sorgenvoll wogte die jugendliche Bruſt der Geweihten unter dem zuchtigen Mieder, als ſie dem Schwergepan⸗ zerten näher trat. Graf Albert von Regen⸗ ſtein war ein kriegeriſcher Ritter, welcher die Grafen und Herren auf zehn Meilen Wegs zu Paaren trieb, und weidete ſein rauhes Herz lieber an blutigen Schlachten, denn an liebelnden Taubenauglein. Sein Wuchs war ſtolz, doch edel, und von der ruͤſtigen Höfte löſte ſich Harniſch und Schwert nur, wenn der Raugraf auf ſeinem uruſe. des 3 Fehdens muͤde, der nächtlichen Ruhe pflegte. Kaum daß er jetzt den Helm vor der ſchö⸗ nen Jutta auf den geſchnörkelten Wth ſ Bertradis hat euch ein Land voll Schul⸗ den hinterlaſſen, edle Frau? begann darauf der Starke, und ein faſt beleidigtes Schwei⸗ gen der Gottgeweihten beſtätigte die Worte des Grafen⸗ Bei ihm gedochte die Geaͤng⸗ ſtigte ſich Raths zu erholen und Schutz zu finden wider die murrenden Vaſallen und Städter. Doch was tief im Herzen verbor⸗ gen lag, ein heimliches Sehnen, mit dem maͤchtigen Grafen von Reinſtein vereint, in glucklicher Ruheſtadt das Land zu gebieten verſtand der Raugraf 6 Für nufent Mark, fuhr der Ritter fort, hat Graf Ulrich, mein Vater, die Neuſtadt an ſich gebracht. Nehmt ihr andere Tau⸗ ſend, und Albrecht zieht als Herr in die Alt⸗ ſiadt doch ihr ſeid geborgen auf Rit⸗ II 162 MMw tetwort und Ehre auf dieſem Burgſchloſſe, ſo lange dieſe Rechte das Schwert fuhrt. Mächtiger regte ſich die Glut der Liebe zu dem ſchoͤnen, ritterlichen Jünglinge in der jugendiichen Bruſt der Verſchleierten. Sie ſchwankte wohl zwiſchen Furcht vor dem mur⸗ renden Volke und Leidenſchaft fuͤr den ſtattli⸗ chen Mann; aber der Kampf dauerte nicht lange, und Albrecht, der Eiſenfeſte, bewehrt mit Vaſallentroß und S den Sieg davon. Es ſei! hub darauf die Gottgeweihte an; dieſer Arm iſt zu ſchwach um den ſtuͤrmi⸗ ſchen Volkshaufen zu wehren, und mit mäch⸗ tigem Schwertſchlage gegen geſtaͤhlte Ritter⸗ hand zu kämpfen. Ihr ſeid mein Schild, Herr Graf; ein ehrenfeſtes Wort aus eurem Munde buͤrgt der Schwachbedrängten Schutz gegen den innern Feind und die Schaaren drauſſen. O dieſe Bruſt bedarf eines Schirms, * wie der Harniſch des Grafen von Reinſtein. 163 w Sei der Bund, zu welchem ihr jetzt die Hand bietet, feſt wie das Felſengethuͤrm, von wel⸗ chem eure Hochburg uͤber die Fluren und Waͤl⸗ der daher ſtrahlt! Die von Unwan und Gisla ſtammen, ſind felſenfeſt. Ihr habt den ſchlechteſten Schild nicht gewaͤhlt. Nur wohlgemuth! Wenn euch der Same Abrahams verfolgt, wie weiland Bertradis, die ſelbſt im Kam⸗ merlein nicht Ruh und Raſt mehr fand vor dem Gefolge; ſo weiſt auf Reinſtein hin und ſprecht: dort werde Zahlung. und weiter nichts, ſiel Jutta fragend ein. So kalt von hinnen, edler Graf? habt ihr nur Fauſt und Schwert fur das leidende Perz Wenn ich mein Schwert zum Unterpfande ſetze, ſo habt ihr auch die Hand; das Herz 6 gebraucht der Ritter in der Schlacht, der darf es nicht verbuͤrgen. Wenn Anhalt alle ſeine 11* — Sothen ausgefochten, und Pabſte Vaſallen 85 Paniere ſenken, dann kehre ich hein zu— dann weg den Shleiert O taß die Fehden ein Ende naͤhmen in Gauen, und Frieden waͤre im Lande, ſeitdem der Landfrieden uns verkundigt ward durch des Kaiſers Gebot! Wollt ihr denn nimmer raſten von eurem blutigen Tagewerke, die Frucht eurer Thaten zu koſten in Friedensſtille?* Das Eiſen barf nicht roſten in der Schei⸗ de. Ihr wißts, daß meine Mutter aus An⸗ halts Stamme die Grafen Reinſtein ſchon zu Vater Ulrichs Zeit in Fehd und Krieg ver⸗ wickelte mit Herren und Rittern, die den Fuͤrſten Albert, den Zweiten ſeines Namens, zum Vaſallen zu erniedrigen gedachten in der Heeresfolge des hochmuͤthigen Biſchofs zu Halberſtadt. So lange ein Tropfen Bluts in dieſen Adern rinnt, ſoll Anhalt i Reinſtein wird nicht fallen⸗ 5765 Wn Michtiger rollte das Blut dem Grafen durch die Pulſe bei ſolcher Rede. Auf ſeine gebräunten Wangen ſtieg eine dunkle Röthe, wie der Purpurhlanz in dem Wolkenmeere, welcher nahe Gewitter verkundigt, und Stuͤr⸗ me gebiert, die den Forſt zerbrechen, und die Heerde der Laͤmmer mit fuͤrchterlichem Ge⸗ toͤſe in den Thalern vor ſich hetſcheuchen. Mit nervigter Fauſt ſchlug der Geharniſchte an den Schwertgriff zu ſeiner Linken, daß die Schuppen der Armſchienen klirrten, be⸗ deckte darauf das Haupt mit dem glaͤnzenden Helme und eilte hinaus in den Schloßhof, wo der Zelter mit ½6 vh halb etubt folgte Jeh Blick dem ſtattlichen Grafen unter dem jähen Schloß⸗ berge hinab, als er fluͤchtig nach ſeinem Rei⸗ tertroſſe in einer dichten Staubwolke hinter den Huͤgelreihen gen Abend verſchwand. Faſt erſchrack ſie vor dem Zorne des Eiſenfeſten, 3 fühlte ſie ſich ⸗ nicht minder zu dem 166 Stattlichen hingezogen, wenn ihr das Bild des Grafen in jugendlicher Fuͤlle, Kraft und Wohlgeſtalt vor die Seele trat.— Die Roh⸗ heit ſelbſt und der Kriegesſinn hat einen ge⸗ heimen Reiz fuͤr die weibliche Eitelkeit. Der Sieg uͤber weibliche Herzen wird ihr zu leicht, um Werth zu gewinnen; die Macht, welche die Bruſt in Feſſeln ſchlägt, an welchen der Harniſch zerbricht und Schilde zerſplittern, ehe ſie ſich ergiebt, iſt ſtärker, denn Eiſen und ſüſſer, als Lorbeer. Inzwiſchen trabte Graf Albrecht von Regenſtein ſorglos und wohlgemuth zwiſchen den Bergen hinab zu ſeiner Felſenfeſte, wel⸗ che auf hochbethuͤrmter Kluft vor ihm him⸗ melan ſtieg. Ein Rieſengeſtein iſt's, welches aus Sand und Kieſel ſich zur Wolkenhöhe er⸗ hebt, und Felſen an Felſen reihet und Thurm auf Thurm ſetzt, bis der Brombeerſtrauch auf dem Gipfel dem Auge als das Hälmchen der Aue erſcheint, mit welchem die Zephyrluͤfte im Maimonat koſen. Zwiſchen den Felſen win⸗ 167 WW den ſich enge Schluften hinauf, mit bluͤhen⸗ dem Weißdorn, Birken und Haſeln bekraͤnzt. Aber drohend ſchroff hängen die Zinken uͤber die einzelnen Fichten und Buchen herab, wel⸗ che in der Tiefe wurzeln in fruchtkargem Lan⸗ de, und den Felſen umklammern. Droben ſtrahlte weit in die Ferne hin, in mächtigem Gemauer von Felſen zu Felſen gefuͤhrt, die Feſte des Reinſteins, gleich wie fuͤr eine Ewig⸗ keit geſchmiedet, und mit ritterlichem Hoch⸗ muth blickten aus ſtolzer Höhe die Grafen in die Thaͤler nieder, welche ſich demuͤthig zu ihren Fuͤſſen zwiſchen Huͤgelreihen und Felſen hindurchwanden, und ihrem Gebote gehorſam den Ueberfluß der Flur in ihre Felſenſpeicher lieferten. Statt der Sichel diente ihnen das Schwert, und laſttragende Maulthiere, ge⸗ wohnt, die ſteilen Pfade des Berg⸗ und Fel⸗ ſenſchloſſes zu erklimmen, zogen täglich auf und ab. Dafuͤr ruheten ſie auch am ſpaͤten Abend im Birkenſchatten, und graſeten in der ſette⸗ ſtſten Weide am Hange der gen W ternacht. 168 W Graf Albrecht verkundigte ſeinem itterlichen Bruder Bernhard von Regenſtein die frohe Maͤhr von der ſchoͤnen Aebtiſſin, und eines Stammes Glieder giengen beide darguf ein⸗ muͤthig zu Vathe, wie ſie am leichteſten ſich wohl der Altſtadt bemaͤchtigten, welche Jutta in ihrer Noth den Geſtrengen auch zu ver⸗ pfaͤnden gedachte. Da ward beſchloſſen, die Silberſaͤcklein ſofort zu beſchicken und eilends, einen maͤchtigen Troß von Reiſigen im Ge⸗ folge, gen Quedlinburg zu ziehen, um von der Neuſtadt her den friedlichen Einzug in die Burg zu verſuchen. Wo aber der Friede nicht frommte, da ſchlugen ſie maͤchtig drein, und waren darob beruͤchtigt als boͤſe Geſellen, wel⸗ che mit Feuer und Schwert durch die Land⸗ ſchaft zoͤgen, keinen Stein auf dem andern lieſſen in laͤndlicher Fehde und beutebeladen darauf in ihre Felſenneſter heimkehrten, in naͤchtlichen Zechgelagen mit. ihren Genoſſen den Raub zu verzehren. Biſchoͤfe, Grafen und Ritter der Nachbarſchaft ſandten ihre He⸗ rolde gen Regenſtein und Heimburg, und bet⸗ 4 169 W telten um blinkendes Gold und Silber, wel⸗ ches ihnen die Raugrafen zuvor in blutiger Fehde abgewonnen⸗ Dagegen ſetzten ſie dann die reichſten Guͤter der Flur zum Unterpfande, und der Regenſtein breitete ſein Panier aus uber Derenburg, Heimburg, die Sevekenburg, Gersdorp, die doppelte Lauenburg, Krottorp, die Neuſtadt Quedlinburg, die Bauenburg, jetzt Neindorf genannt, Schlanſtedt, Thal und Emersleben, welches ihnen der Biſchof Her⸗ mann zu Halberſtadt ſelbſt verpfaͤndet; ja endlich uͤber ein gut Theil des biſchöflichen Sitzes ſelbſt, worauf ſie das Barfuſſer-, Ni⸗ kolai⸗, Dominikaner⸗ und Trullkloſter ſtifte⸗ ten, und zwei geſchloſſene Hoͤfe erbaueten, den Abts⸗ und den grauen Hof, um ſberall Schutz und Schirm zu gewinnen gegen offene und heimliche Feinde. Alle ihre Schloͤſſer waren wohl verwahrt durch Thürme und Mauerwerk gegen Fehde und Raubluſt; ſtanden meiſtens auf Berg⸗ und Felſenhoͤhen, welche nur fried⸗ lichem Pfade zugaͤnglich waren, und wurden mit Schrecken genannt von den Bewohnern 170 der Aue. Pwini ſchwuren die Fuͤrſten und Grafen von Bernburg, Sandersleben, Nien⸗ burg, Groͤbzig und andere viele den Grafen von Reinſtein den Untergang, und dreimal zogen ſie ohne Erfolg mit S Koͤpfen zu Hauſe. Gefuͤrchtet trabten die Grafen Albrecht und Bernhard bei nächtlicher Weile mit ihren Rei⸗ ſigen auch diesmal von ihrem Felſenneſte da⸗! her, und ritten ins Burgthor der Neuſtadt ein zu Quedlinburg, ehe denn die Haͤhne kraͤ⸗ heten. Alles ruhete hier im tiefſten Frieden, die Aebtiſſin ſelbſt träͤumte droben auf dem Muͤnzenberge noch nichts von der f des Grafen Albrecht. ** * Als aber die erſten Morgenſtrahlen uͤber dem Falkenſteine aufſtiegen, und den Maͤgde⸗ ſprung auf ſeinem anmuthigen Laubwalde ver⸗ guldeten, da hielt der Raugraf zum andern⸗ mal droben vor dem Schloßthore, und don⸗ nerte mit furchtbaren Worten gegen die Burg⸗ 171 w mauer, daß der Pfoͤrtner vor Schtecken bleich aus Schlaf und Decke fuhr, dem die Thore zu oͤffnen. Guten Morgen, Aebtiſſin! rief der Graf mit ritterlicher Stimme durch die Hallen. Jutta antwortete aus heimlichem Kämmer⸗ lein: Gott gruͤß euch, edler Graf von Rein⸗ ſtein! hullte ſich ſchleunigſt in ein zuͤchtiges Morgengewand, und betete raſch nach einan⸗ der drei andaͤchtige Paternoſter; denn die Liebe ſpornt zur geſchaͤftigen Eile, und die Noth lehrt ſchon beten. Voll Ungeduld vernahm das der Raugraf, und gieng mit dumpfen Gemur⸗ mel im Kreuzſaale auf bis zum dicht ver⸗ ſchloſſ enen Schlafgemach der Betenden und nie⸗ der zur vielgewundenen Wendeltreppe. End⸗ lich knarrte der Riegel, und die Thuͤr ſprang auf. Schoͤner hatte der Graf die holdſelige Jutta in ihrem Heiligenſchleier niemals ge⸗ ſehen. Kein dichtes Ordensgewand barg dies⸗ mal die wundervoll gerundeten Glieder, wel⸗ che im ſchonſten Ebenmaſſe verbunden die Ver⸗ 172 WM hreierte wahrich nicht für die Zelle beſimm⸗ ten. Hoch ſchwoll der klopfende Buſen bei dem Anblicke des heimlich Geliebten in ſolcher Einſamkeit. Den weiſſen Schleier färbte der junge Morgen in luftiges Roſenroth, und der Glanz des himmelblauen Augenpaars blinkte verſtohlen hinter der flatternden Huͤhle nach ritterlichen Juͤnglinge. Faſt fühlte ſich Albrecht verſucht, Schoͤnen ein heimliches Woͤrtlein der Huldi⸗ gung in das Ohr zu raunen. Wahrlich, un⸗ ter dieſem Schleier iſt eures Bleibens nicht, ſprach er keck, und ergriff mit verwegener Haſt die zarte Hand der Cottgeweihten. Doch ehe er noch den Kuß darauf druͤckte, der auf ſei⸗ nen Lippen brannte, war auch das Feuer er⸗ loſchen; er griff zum Saͤckel voll Silber, und zaͤhlte ihr blinkende Guͤlden hinein von hun⸗ dert zu hundert, bis der geſchnörkelte Rund⸗ tiſch des Enes voll ward. Freudig blickte Jutta nach dem ſonen Gelde, freudiger noch nach dem W Se⸗ 173 W ber. Flugs ward ein Pfandbrief geſchrieben von dienſtbarer Moͤnchshand, und ehe das Glocklein im Thurme zur Meſſe tonte, hatte der Prieſter die Burg und Altſtadt Namens der Hochgebietenden ſchon an den Raugtaf verkauft. Jutta wäre gluͤcklich geweſen, haͤtte der Graf ſich ſelbſt in den Kauf gegeben, ſeine Thaler behalten. Sie konnte nun Frie⸗ den ſchlieſſen mit dem Volke Israel, mit ihrem Herzen zerfiel ſie in traurige Fehde, ſobald der Graf von hinnen ritt, und das Voͤlkchen wenig, als das Gerücht zu den Ohren der Staͤdter drang, Abbatiſſin habe fuͤr andere tauſend Mark auch die andere Haͤlfte der Stadt an den Wildgrafen Lobrecht von Rein⸗ verpfaͤndet. 1 Eilends tſnle ſich Bürgerneiſer und Rath, Innungsmeiſter und Viertelsherrn, zu betrachten, zu thun ſeiz WMannenſchaar die ruͤſtigen Grafen am Burg⸗ was in ſo mißlichet Lage wohl und in der freien Altſtadt tobte nicht denn ſchon hielten mit ihrer 174 thore, um mit dem erſten Fluͤgel, der ſich oͤffnete, in das Innere der Stadt einzudrin⸗ gen. Viele waͤhnten ſich ſchier verloren, und ſchmaͤlten weidlich auf die ſchuldloſe Aebtiſſin; andere mogten ſich lieber durch Friedensver⸗ trag dem Grafen unterwerfen, und mit ihm Gemeinſchaft machen gegen Pfaffen und Rit⸗ ter, die das Schwert fuͤr den Landfrieden zo⸗ gen; die Meiſten ſchwuren Stein und Bein, daß kein Regenſtein jemals das Pflaſter der Altſtadt betreten ſollte, ungeachtet er hier am erſten Hals und Bein haͤtte brechen kon⸗ nen . Durch ein verborgenes Pfortlein ſandten ſie darauf einen heimlichen Boten gen Hal⸗ berſtadt zum Biſchof Albert den Zweiten, waͤhl⸗ ten ihn foͤrmlich zum Schutzherrn der Stadt, und gelobten ihm jährlich funfzig Mark Sil⸗ ber fuͤr treue Obhut. Ein anderer ward zum Grafen von Askanien nach Aſchersleben verord⸗ net, und zwiefacher Bund befeſtigte ſo Ge⸗ thürm und Mauer der Altſtadt gegen die ſtreit⸗ 175 W baren Grafen von Regenſtein. Solches ge⸗ ſchah im Jahre unſers Herrn ein Tauſend drei Hundert und Sechs und Dreiſſig, und iſt ſeitdem die Stadt Quedlinburg im Schutze der Biſchoͤfe und Fuͤrſten von Halberſtadt ver⸗ blieben, bis der gigantiſche Genius unſers Jahrhunderts das Alte alles in ſeinem eignen Schutt und Raube begraben hat. rotzig bewieſen ſich die Grafen Albrecht und Bernhard von Regenſtein auf rechtmaͤſ⸗ ſigen Pfandbrief, und forderten unter ſchreck⸗ lichen Drohungen Einlaß in die Stadt. Auf Wunſch und Bitte der Aebtiſſin waren die Pfand⸗ und Schutzvertraͤge uͤber die Neu⸗ ſtadt Quedlinburg erneuert, welche ihr Ahn⸗ herr, Graf Ulrich, dreiſſig Jahre zuvor unter Siegel und Urkunde geſtellt hatte. Auf Ge⸗ heiß und Vitte der Gebieterin hatten ſie Sil⸗ bers genug in ihre ſchwerverſchuldete Hand niedergelegt, um auch die Altſtadt zum Lehen zu gewinnen fuͤr fich und ihre Nachkommen. 55 Als ſolches der Rath auf der Burg ver⸗ nehm, beſchloß er einmuͤthig, den Schuld⸗ prief des Grafen Ulrich über die Neuſtadt zu tilgen, und die tauſend Mark Silbers an die von Reinſtein zuruͤckzuzahlen; desgleichen andere tauſend Mark, welche die geaͤngſtigte Aebtiſſin aus der Hand des Grafen empfan⸗ gen, für die eigne Freiheit. Noch am ſel⸗ bigen Abend zog eing Geſandtſchaft den Frie⸗ densherold an ihrer Spitze, zum Burgſchloſſe hinauf, der Verſchleierten droben den Schutz und die Säckel der Altſtadt anzutragen, 3ob ſie auf ſolchen Grund die Pfandbrieſe von den Grafen von Reinſtein löſen, und den Frieden moͤgte Stadt und Land. In tiefer vetnni ſah die goneehe 3 ſo großes Ungemach erwachſen aus ihren Ver⸗ trägen, und hieß in ſolcher Bedrängniß alles gut, was Rath und Bäͤrgermeiſter der Alt⸗ ſtadt beſchloſſen hatten. Als aber die Abge⸗ ordneten mit ihren Anträgen den Grafen von Reinſtein ſich näͤherten, die Wechſeverträge 177 W ufzulbſen, die Einwilligung der Aebtiſſin ber⸗ kundend. Da ſchwuren beide der Stadt ih⸗ ren Untergang, und ergoſſen ihren Zorn in eine Fluth entſetzlicher Drohungen und ſchmach⸗ vollen Worte gegen die unſchuldig leidende Jutta. Kaum ward das geheiligte Haupt des Friedensherolds noch geachtet. Mit frevelnd geſchwungenem Schwerte ſtuͤrzte ihm Albrecht entgegen, und donnerte ihm Tod und Hölle in das Ohr, daß der Troß ſich faſt erſchrocken heim wandte, und ſchwer bekuͤmmert den Ael⸗ teſten vermeldete, was ſich im Angeſichte der Grafen von begeben. Inzwiſchen hatte der iſcef Albert der Zweite zu Halberſtadt im Rathe der Stadt⸗ verordneten bereits ein Manifeſt geſchrieben gegen den Friedensfeind, welches das Eiſen⸗ herz der Grafen ven Regenſtein allein hätte ſchmelzen moͤgen: Allen kund zu wiſſen, Her⸗ ren, Rittern und Mannen in Stadt und Land. Die Edlen, Grafen von Regenſtein ſind untreu worden ihter Vaſallenpflicht mit 12 178 denen von Anhalt, Mansfeld, Hohenſtein und Wernigerode, und haben geraubt und geplun⸗ dert im Lande an tauſend Mark Silbers, ſind aus frevelnder Hand der Aebtiſſin zu Qued⸗ linburg gegen das Pfand der Altſtadt wider⸗ rechtlich gezahlt. Gleicher Weiſe haben die Grafen von Reinſtein das Wipertikloſter, das Stift zu Walbeck, Hettſtädt, den Mänzen⸗ und Kapellenberg ſammt der ganzen Graf⸗ ſchaft Quedlinburg durch Trug und offne Fehde an ſich gebracht, und darin gegen Gott und den Kaiſer gefrevelt, welcher dem Lande Frie⸗ den gebeut. Zu Siling, auf des Stiftes Bo⸗ den, hat Graf Albrecht ſich ein feſtes Schloß zu gruͤnden erdreiſtet, und einem gebietenden Lehnsherrn, dem in Gott regierenden Biſchof, Burg und Vorwerk in offner Gewalt abge⸗ ſtritten. Es waffne ſich Vaſall und Heeres⸗ folge zu Roß und zu Fuß, dem gemeinſa⸗ men Feinde der Kirche und des Landes ſei⸗ nen Raub zu legen, und ihre rechtmͤſſige Herren wieder in Beſitz ihrer Herrſchaft und des Friedens zu ſetzen. Die Grafen von 179 w Reinſtein aber ſind in den Bann gethan, bis ſie ſich alles fremden Beſitzes begeben, es ſei denn, daß ſelbige ihre vermeſſenen Anſpruͤche füͤr eitel Duͤnkel erkenen, und heimziehen gen und enhni Hohnlachend vernahm Graf Albrecht ſol⸗ ches Verkuͤnden. Habt die Schaͤrfe dieſes Schwerts ſchon fruͤher empfunden, ſprach er verwegen gegen die Boten des Biſchofs; ge⸗ loſtet euch ferner nach Schwertſchlag und Lan⸗ zen, wohlan, ſo ruſtet euch baß dann zu Ulrichs Zeit! Schnell flogen ſeine Voten nach Mans⸗ feld, Hohenſtein, Anhalt und Wernigerode, die edlen Grafen kampfgeräſtet in das Feld zu rufen. Aber ehe die Getreuen erſchienen, hatte Biſchof Albert die Seinen hinaus ent⸗ 5 boten, und wohlgewaffnet zogen Troß und Geharniſchte gen Quedlinburg anher, beglei⸗ tet vom Gebete und ſalbungsvollen Segens⸗ wuͤnſchen des hochgebietenden Herrn. Noch 12* 180 ehe Nansfelb und Anhalt ihre Schaaren ſam⸗ melten, trat auch der Herzog Otto⸗ von Braunſchweig, zum Obmann gewaͤhlt, in die Schranken, denn auch wider dieſen hatten die Grafen von Reinſtein gefrevelt, allzu ſtolz burg. Wir, Herzog Otto von Braunſchweig und Lüͤneburg, erkennen dan Grafen Albrecht und Bernhard von Regenſtein urkundlich zu die Neuſtadt zu Quidilingoborg, imgleichen die Herrſchaften Arnſtein und Rammelborg. Mit nichten mögen die Edlen von Reinſtein ſich auch des Falkenſteins Herrn ſchreiben, obwohl er in ihrer Herrſchaft Mitten belegen, ſo Graf Buſſo, von denen zu Reinſtein gedraͤngt, an den in Gott gebietenden Biſchof Albert zu Halberſtadt uͤberantworten. Auch an die Alt⸗ ſtadt Quidilingoborg ſoll Keiner von Rein⸗ ſtein Schwert und Lanze wagen wider des Kaiſers Willen, er fordre denn den Obmann des Gaus ins Feld zur blutigen Fehde. Die und zu ſicher auf ihrer unerſteiglichen Felſen⸗ 1871 Grafen von Reinſtein ſind gehalten, dem Bi⸗ ſchof Albert jeglichen Schaden zu verguͤten, ſo ihre Reiſigen ſammt dem Troß auf dem Bo⸗ den des Stifts angerichtet. Gegeben mit un⸗ ſerem furſtlichen Inſiegel zu Wolfenbuͤttel im herzoglichen Schloſſe, im Jahre des Heils ein Tauſend drei Hundert und Sechs und Dreiſſig. Drei tauſend Ritter und Mannen bra⸗ chen auf, um ſolcher Urkunde erſt das rechte Siegel zu geben, und ehe die Sonne zum drittenmal uͤber die Berge ſtieg, wolkte ſſich der Staub hinter den Weinbergen, und die drinnen merkten, daß ihnen Schutz und Huͤlfe gegen die trotzigen Grafen von Halberſtadt her käme. Noch haͤtte friedliche Heimkehr die Fehde dämpfen, und Albrecht vor ſolcher Ueber⸗ macht das Panier einziehen moͤgen; er aber zitterte nicht vor Tauſenden, und wähnte ſei⸗ nen Arm und Harniſch ſtark genug gegen alle ſeine Feinde. Flugs ließ er ins Horn ſtoßen, und ſammelte Vaſallen und Heerbann 132 W in ſtreitbaren Haufen zum blutigen Kampfe. Darauf trabte er kuͤhn in das Feld hinaus mit den Seinen, wo zwiſchen den Bergen der Pfad ſich hinaufwindet von der Biſchofs⸗ ſtadt her. Kluͤglich ließ er den Troß dahin⸗ ten in wohlverwahrter Neuſtadt, um denen drinnen den Ausgang zu wehren, und die Altſtadt zu bedraͤuen mit Feuer und Schwert, ſo fern die Städter ſich erdreiſten moͤgten, dem Biſchofe und ſeinen Reiſigen die Thore zu öffnen. Mit Löwenmuth ſtuͤrzten ſich die Rau⸗ grafen auf die Gewaffneten, als ihnen die erſten feindlichen Helme im Glanze der Mor⸗ genſonne entgegenſtrahlten. Aber mit Hel⸗ denſchwertern wurden die Tapfern empfan⸗ gen. Die von Hartesrode, des Stifts Erb⸗ matſchälle, von Bernburg, Falkenſtein und Askanien nebſt des Herzogs Vaſallen waren auch geuͤbt auf Schwertſtreich und Lanzen⸗ wurf, und nicht minder bewehrt durch Pan⸗ zer, Schild und Helm, denn die Reinſteiner. 183 wrn und die von Helbrungen, Mansfeld, Hohen⸗ 3 ſtein und Wernigerode, die es hielten mit den Felſenfeſten von Regenſtein, waren diesmal dahinten gelieben bei der plotzlichen ſ ſo wohlgeruͤſteter Feinde. Voran hieb Albrecht ſelbſt mit ſeinem Rit⸗ terſchwert in die feindliche Schaar, und wo ſein Schwertſchlag hinfiel, borſt der Helm und das Schild, und der Lehnsvaſall ſank blutbe⸗ ſpruͤtzt zu Boden. Ein andrer Winkelried, aber mit eiſerner Bruſt ſtämmte der heiſſe Kämpfer ſiegdurſtend die Lanzen ſeiner naͤch⸗ ſien Gegner auf ſeinen undurchdringlichen Schild, um den Seinen deſto ſicherer Bahn zu machen in das Herz der feindlichen Schaar, und durch blutigen Kampf den Stolz und die Kraft der Gegner zu erſchuͤttern. Unerſchrok⸗ ken ſtand ihm der mannhafte Vernhard zur Seite, und ſahe Roß und Reiter vor ſeiner Lanze fallen; aber immer drangen neue kampfluſtige Panzer vor, und pflanzten von neuem das Panier der vereinten Schaat zum 184 Siege auf, bis in ungleicher Schlacht das Häuflein derer von Reinſtein immer mehr zuſammenſchmolz, ihre Gegner, wie ſie zahl⸗ reich aus den Hohlwegen heranſprengten, all⸗ gemach des Blachfeldes Raum gewannen, und die Grafen, durch veberzahl der Lanzen und Schwerter ermuͤdet, langſam wichen bis unter die Mauern der Neuſtadt, wo ſie die offe⸗ nen Thore in Schutz und S aufnah⸗ men. Hier verwahrte der Graf ſich wohl, doch die herrlichen Schlöſſer auf den Felſenhoͤhen des Vorharzes, Schloß Thal, ehedem von der uralten Winzenburg beherrſcht, der Nun⸗ nenburg, die nun längſt verödeten Feſten Arn⸗ ſtein und Lauenburg, alle ſielen in einem Tage in die Hände der ſicgreichen Feinde denn da war Keiner, der den Adlerflug der Sieger hemmte von Berg zu Berge und von Felſen zu Felſen. Alle ihre Kraͤfte vereinten inzwi⸗ ſchen die Grafen, die Altſtadt zu erſtüͤrmen, und wie verzweifelt die Burgmaͤnner drinnen 185 ſich wehrten, ſchien es, als ſollte die Stadt ein Raub der Belagerer werden. Schon ſtürzte die Mauer, in ihren Gruͤnden untergraben, hier und da in Truͤmmern, ſchon ſtanden ver⸗ wegene Haͤuflein auf dem verſunkenen Ge⸗ maͤuer und zahlrriche Feinde draͤueten augen⸗ blicklich in die Burg einzubrechen. Ein ſchreck⸗ liches Blutbad verhieng die unbezaͤhmte Rache, und die Raubluſt der Grafen drohete in wil⸗ der Pluͤnderung die Wohlfahrt der Stadt fuͤr immer zu vernichten. Kaum hielten die Schwerter der Verzweiflung den Einbruch der verwegenen Schaar noch auf Augenblicke zuruͤck. Da riefen aus tiefer Noth die Weiber und Kinder den Biſchof zu Huͤlfe mit ſeinem Gefolge, welcher inzwiſchen ſieggekroͤnt und Beute beladen heimkehrte von den eroberten Feſten. 5 Noch zur rechten Zeit trafen die Schaa⸗ ren, des Siegs und der Beute froh„ vor der Altſtadt ein zu Quedlinburg, und lehnten ſich an den Muͤnzenberg, den Ausfall der Burg⸗ 186 WMW maͤnner hier zu etwarten, um Kraft mit Kraft zu vereinen. Zur neuen Hoffnung geweckt, ſtanden die Mannen der Altſtadt freudig auf. Was Schwert oder Lanze führen konnte, trat in die Reihen der Streiler, und ehe die Feinde noch die Burgmauer verlieſſen, kam ein kuͤhner BGeiſt uͤber die einſt ſo friedfertigen Staͤdter. Ein neuer Stern gieng ihnen auf in der Hoffnung reicher Siegesbeute, und mit froͤh⸗ lichen Herzen ſahen ſie prophetiſchen Geiſtes ſchon die mageren Heerden wieder feiſter wer⸗ den, und leere Speicher ſich fuͤllen, zum fet⸗ ten Biſſen auch Semmel und Labetrank zu bereiten. Alſo wuchs der Muth der hoch⸗ herzigen Staͤdter gemach zur Begeiſterung, und mit Schreckensruf und wildem Kriegs⸗ geſchrei ſturzten ſich die heldenmuͤthigen in dichten Schaaren zum Thor hinaus, wo die Haufen der Regenſteiner am kleinſten wa⸗ ren⸗ Ueberraſcht von dem ſturmiſchen uene wichen dieſe zur Seite, den hochfahrenden 187 w Muth nicht ahnend, welcher plotzlich das Voͤlk⸗ chen der Altſtadt beſeelte; aber ehe ſie ſich es verſahen, ſiehe da waren ſie von der zahl⸗ reichen Schaar umzingelt, und in geſtrecktem Galoppſprunge ſprengten ploͤtzlich hinter dem Berge die Geharniſchten vor, das Loos des Tages zu entſcheiden. Wie verzweifelnde Lö⸗ wen wehrten ſich die verlaſſenen Ritter und Mannen. Todbringend ziſchten die Schlacht⸗ ſchwerter durch die Luͤfte; wo der Arm noch einige Schritte Raum gewann, da ſauſte die Lanze hinaus, wie die Windsbraut, und wen ſie traf, der erſtand nicht wieder. Viel ed⸗ les Buͤrgerblut floß an dieſer Schwelle der Altſtadt, denn keiner der treuen Vaſallen ver⸗ kaufte ſein Herz fuͤr minder denn zehn. Doch ſo groß war die Ueberraſchung, daß dennoch die Städter den Sieg behielten, als die letz⸗ ten der kämpfenden Ritter hoffnungslos ſich durch ſie hinausſchlugen in das Freie, und im Abendſchatten der Berge blutbeſprätzt zur Heimath jagten. 788 Wr n ge rechten Zeit und Stunds trafen jett die Bundestreuen ein. Schon wichen die Grafen in ſicherer Neuſtadt geſchuͤtzt von den Truͤmmern der Burgmauer, im Innern ſich zu verwahren gegen den dreifachen Feind, bis befreundete Ritter und Lanzenknechte zur Huͤlfe kaͤmen. Aber die ſiegstrunkenen Schaaren lieſ⸗ ſen ihnen nicht Raſt, das eingeäſcherte Ge⸗ ſtein zur Bruſtwehr aufzurichten, und ehe denn die Reinſteiner es ſich verſahen, wogte das Heer ſchon durch die Straſſen heran, und drängte ſich Mann bei Mann durch das morſche Gemaͤuer. Noch hemmten die Ritter und Knappen mit Rieſenkraft den Einbruch der Menge; ſie ſtaͤmmten ihre Lanzen mit Macht gegen das zertruͤmmerte Geſtein, und eher waͤre das gehaͤmmerte Eiſen gebrochen, als der Staͤdter einer den Lanzenſchaft zum Weichen zu bringen vermogte. Doch jett nahete das geharniſchte Vaſal⸗ lenheer der Biſchofsſtadt und des Herzogs Otto von Braunſchweig. Eilends ſtiegen Ritter und 189 Knappen von ihren Roſſen, griffen nach Schwert und Lanze, ſtuͤrzten ſich beherzten Muthes durch ein zweites Thor der Mauer, uͤber Trämmern und Bollwerk hinweg den Fein⸗ den in den Ruͤcken. Muthroll wendeten ſich die Häuflein von Reinſtein, warfen die Lanzen weg, und ergriffen die ſchrecklichen Morgen⸗ ſterne; denn die aͤuſſerſte Gefahr forderte hier verzweifelte Nothwehr. Mit Höhnenkraft ſchlugen ſie drein zur Rechten, wie zur Lin⸗ ken, Zehn gegen Hundert, und hemmten den Sieg noch Minuten. 3Zu Hugeln haͤufte ſich die Menge der Erſchlagenen auf beiden Sei⸗ ten, aber darum ſchienen ihrer doch nicht weniger. Die Grafen Albrecht und Bern⸗ hard flogen noch einmal heran, das Auſſerſte zu verſuchen, und ſtürzten ſich mit ſchrecklichem Blutbade unter die Feinde. Auch ſie konn⸗ ten den Reſt ihrer Treuen nicht gegen die Tauſende der Feinde ſchirmen, und ſchlu⸗ gen endlich mit verzweifeltem Muthe ſich durch die gewaffneten Schaaren hinaus in das Blachfeldt. Als die Sonne ſich neigte uͤber 190 Ww dem Schloßderge von Blankenburg, war die Stadt geſaͤubert von den Plagegäſten aus Reinſteins Sai egab ſich am Tage des heili⸗ gen Kilian im Jahre des Herrn ein Tauſend drei Hundert und Sieben und Dreiſſig. Da nahm der Graf Albrecht die Flucht gen Ger⸗ ſtorp, um der feindlichen Uebermacht zu ent⸗ rinnen, und gegen die Nacheilenden in feſter Burg zu verwahren. Bernhard floh mit den Seinen weſtwärts hinter den Bergen hinab gen Regenſtein; Rieſenſchatten hllten das fiüch⸗ tigo Haͤuflein in den Schleier der Dämmerung, und als der Mond hinter ſchwebendem Thau⸗ gewoͤlk uͤber die Lauenburg langſam und freund⸗ lich heraufkam, ſtiegen ſie wohlbehalten auf hoher Felſenſeſte von den ſtaubbedeckten Streit⸗ en. Den Grafen Albrecht aber verrieth der farbige Helmbuſch. Ihn kannten die Burg⸗ männer der Stadt als ihren gefaͤhrlichſten „ X S — Feind, ihm ſendeten ſie die flächtigſten ihrer Renner nach, den Gefuͤrchteten zu ereilen. In zwei Haufen getheil, ſprengten die Rit⸗ ter ihm zur Rechten und Linken. Als die Feſte Gerſtorp dem Verfolgten ſchon nahen Schutz verſprach, die Bogenbruͤcken niederraſ⸗ ſelten uͤber den fluthenden Ringgraben, und die Thore ſich oͤffneten? ſiehe da trabten ſie ſchon in gleicher Linie mit dem fliehenden Feinde, der muͤde Streithengſt keuchte, und achtete des Ritterſporns nicht mehr, welcher ſonſt das wildeſte Feuer in ſeinen kraͤftigen Gliedern entzuͤndete. Jetzt ſollte der Graf, wo die Wege ſich im Kreuze beruͤhrten, in⸗ mitten beider Haͤuflein das Schlachtſchwert ſtrecken; aber tollkuͤhn warf ſein wilder Sinn den ſtolpernden Gaul in Bruch und Moor, um in kärzerer Linie noch auf gewagtem Pfade das Burgthor zu gewinnen. Kaum zehn Schritte that der Rappe in Schlamm und Roͤhricht, da ſank er athemlos darnieder, und der Ritter ſtürzte mit Helm uud Harniſch in ſumpfenden Hakeldieke zu Boden. 192 . 8 Raſſelnd ſtiegen die Bogenbruͤckeu über dem Ringgraben zu Gerſtorp wieder zur Hoͤhe, und die Thore ſchloſſen ſich, denn ſchon hielt die Schaar der Reiter zur Linken hart unter dem Wartthurme unweit der Feſte⸗ Die zur Rechten ritten langſam heran und nahmen den Grafen Albrecht von Rei nſtein in ſichere Gewahrſam. Unter lautem Jubel des Volks ward nun der kuhne Raugraf, der Ritterzier und des Waffenſchmucks entkleidet, langſamen Schritts im Triumphzuge von den Siegern zur Stadt hineingefuͤhrt, und was er in Gerſtorp geſucht auf eignem Boden, ein Plätzchen der Ruhe und Sicherheit, das wieß ihm nun der hochedle Rath der Stadt auf der Burg in der Altſtadt an. Kalt wie Decemberfroſt, den Tod ins Angeſicht hoͤh⸗ nend⸗, chritt der Gefangene zwiſchen den Sie⸗ gern dem finſtern Kerker entgegen, ſich wohl bewußt der Kraft und des Muths, welche nur der zehnfachen Uebermacht unterlagen. Stolz, wie Reinſteins Stamm geziemte, trat er ein in das dumpfe Gewoͤlbe, blickte 193 w lächelnd nach den Eiſenſtäben am gegit⸗ terten Fenſter, und ſetzte ſich auf die kalte Felſenbank. Kaum hatten die Waͤchter den Thurm verriegelt und verlaſſen, ſo trat der Ritter zum Fenſter, zerbrach die Staͤbe, und warf das Fenſterkreuz in den offenen Burghof⸗ Ruhig ſetzte er darauf ſich wieder auſ die eiſige Bank, eine kurze Sommernacht bio zum naͤch⸗ ſten Morgenlichte harrend. Ein verwegenet Sprung in den Burghof befreiete ihn dann aus gewoͤlbtem Kerker, und ehe die Koͤhler am Harze die Karren luden, die Eſſen im Lande mit Kohlen zu verſorgen, ſtand Graf Reinſtein vor dem Schlafgemache des Buͤrger⸗ meiſters, und donnerte mit ſchrecklichen An⸗ ruf hinein: Herr, beſſeres Eiſen für den Grafen von Reinſtein! Damit ſchleuderte er die zerbrochenen Eiſenſtaͤbe gegen die Vett⸗ pfoſten, daß der Buͤrgermeiſter vor Schrecken unter die Decke kroch, und ſchier mit dem furchtbaren Eiſenbrecher kapitulirt hätte, 6 194 b bnn ren nicht athemlos ſchon die Thurmwächter nachgeſtuͤrzt, mit wohlbewehrter Fauſt den Entronnenen heimzufuͤhren ins luftige Käm⸗ merlein. Kaum fuͤhlte der Erſchrockene ſeine Sphaͤre wieder frei von ſchwuͤler Gewitterluft, die ihm ſo eben noch das Genick zu brechen drohte, da wand er ſich hervor aus ſeinem Flaum, warf ſein Wams über, und verordnete ſtracks im Rathe der Obern einen Kaͤfig mit mãchti⸗ gen Eiſenſtäben zum Gefangenſtocke des Gra⸗ fen von Reinſtein. Giftiger bläht ſich doch die Rache in kleinlichen Seelen; das unedelſte Gewand leihet ihr ſtets die Furcht und Ge⸗ walt. guͤrnend fuͤhlte das auch im rohen Herzen der Edle von Reinſtein. Mit verach⸗ tendem Seeitnblicke auf den feiſten Burgherrn, der ſeiner Schonung den Athem verdankte, gieng er friehlich hinein in das enge Gemach. Ein Kaſten war es von eichenen Boh⸗ len mit Eiſenſtäben, war ſieben Fuß hoch, 195 — daß des Grafen Haupt faſt die Decke berhr⸗ te, acht Fuß breit und neun Fuß lang, Be⸗ hauſungen ähnlich, in welchem die Buͤrger der Stiftsſtadt ihr liebes Röſſelvieh in feiſter Bedrängniß zum Feſte der Wuͤrſte hervorreifen ſahen. Doch kaͤrger zählten ſie hier dem Gra⸗ fen die mageren Biſſen zu und den Trank aus der Quelle, daß der Nangel den Gefan⸗ genen verzehre in engem Gewahrſam. Maͤchtig rättelte ſeine Fauſt in ſtiller Nacht die Eiſenſtabe, daß der Boden dampfte und zitterte unter dem bebenden Käſicht⸗ Wenn aber das Sonnenlicht am hellen Som⸗ mermittage durch das Eiſengatter den Kerker veſchien, und das Volk ſich drängte aus Stadt und Land, von fernher, den Grafen Albrecht von Regenſtein in Demuth und Ohnmacht zu ſehen. Wenn dann die Geungſtigten, Vü⸗ ter, Muͤtter und Kindlein, vor ſeinem Antlitz ſich ſammelten und Rechenſchaft forderten von ihrer Haabe, die ſeine Schaaren mit Räu⸗ berfauſt in ihren Huͤtten erfrevelt: gleich dem 8 196 ſtolzen Aare ſtand er dann an die Staͤbe ge⸗ lehnt voll kuͤhner Verachtung, wie von höhe⸗ rer Macht beſtimmt, aus Wolkenhoͤhen den Raub zu erſpaͤhen in Thälern und Gruͤnden, doch nun an Staub gefeſſelt in niederem Kaͤ⸗ icht. 1 Ein Fahr harrte 5 der Graf in Froſt und Hitze, bei Hunger und Durſt; doch weder Klage, noch Bitte kam je uͤber ſeine Lippen. Und fuhlte Jutta, tiefbekuͤmmert in ſtiller Zelle Leid tragend um den Gefangenen ſich durch Liebe und frommes Erbarmen ge⸗ drungen, den Schwerverſuchten einen Labe⸗ trank zu reichen in dem Schleier der Nacht: der wieß mit edlem Stolze die feilen Boden von hinnen, und begehrte lieber zu ſterben, denn der Gnade der Buͤrger und Weiber das Leben zu danken. Feierich war inzwiſchen der Graf von den Rittern und Staͤnden des gebrochenen Landfriedens lnn gegen das heilige Ge⸗ W bot Koiſer Rudolphs. Die Anklage gieng von dem Biſchof A bert zu Halberſtadt an die vereinigte Hanſa, und ehe noch ein Jahr verlief, war der Handel geſchlichtet, und Graf Albrecht von Reinſtein des Todes ſchuldig er⸗ kannt. Das vernahm der Wildgraf mit dem Lächeln des hoͤhniſchen Satyr. Es klang ihm das Urtheil faſt, als hätte ſein Herz gezit⸗ tert vor ploͤtzlichem Tode, oder ſein Fuß die Nähe des gefuͤrchteten Gaſts gemieden. Er ſah in Frieden dem Tage entgegen, der ſei⸗ nem Leben ein Ziel ſetzen ſollte, und aͤnderte weder Miene noch Sprache. Zornig aber erhob ſich Bernhard von der zottigen Bärenhaut. Länger konnte er des Bruders Ungemach nicht ertragen und über die Schmach des Urtheils ergrimmt ſchwur er im Angeſichte des Sternwohners auf der höch⸗ ſten Felſenſpitze von Reinſtein, unterzügehen mit Mann und Maus, oder den härrenden Albrecht zu befreien. Hier hatten ſeine Ur⸗ ahnen bei Wodans mächtigeim Götzen geſchwo⸗ 198 ren, hier ſchwur Bernhard dem Chriſtengotte der Liebe und des Erbarmens. Mit Fug und Recht hatten die Grafen von Reinſtein An⸗ halts Sache vertheidigt gegen den Biſchof von Halberſtadt und deſſen Vaſallen. Das for⸗ derte laut des Kaiſers Gebot, das heiſchte das Blut in ihren Adern; war doch die Mutter⸗ die früͤh verewigte Sophia, eine Tochter Fürſt Heinrichs von Anhalt geweſen. Fehde und Krieg, die aus ſolchem Unheil entſtanden wa⸗ ren, verantwortete traun des Keiſers Befehl, und der Tod auf freien Raub, in offener Fehde erbeuter, das dem Grafen zu harte Strafe.. Täglich ſtreifte der Kuͤhne ſeitdem mit ſei⸗ nen Getreuen in Nachbargebieten. Kein Bi⸗ ſchof und Herzog war ſicher vor ſeinem Be⸗ ſuche. Er weilte heute unter den Thoren der Stiftsſtadt, und pluͤnderte morgen den Gau der Städter, die den tapfern Albrecht in ſchmachvoller Gefangenſchaft hielten. Un⸗ ermeßliche Beute ſammelte der Wildgraf auf 199 4 ſolchen Streifzuͤgen, und wenn die Gepluͤn⸗ derten Reiſige ſendeten, ihm den Raub ab⸗ zujagen, dann ließ er ſichs droben wohl ſein mit ſeinen Mannen auf ſicherem 6 Alle Straßen hielt er beſett nach Braun⸗ ſchweig und Sachſen. Kein Geſpann zog un⸗ geneckt mehr auf dieſen Wegen daher; alles pluͤnderten auf ſein Geheiß die erbitterten Lehnstraͤger. Und wo der Feinde ja ein verlornes Haupt in ihre Haͤnde fiel, das ſollte im Burgverlieſſe zu Reinſtein ſchmach⸗ ten, bis Albrechts ſchmachvolle Feſſeln ſich lö⸗ ſten. So ſammelte er zuletzt ein Haͤuflein Ungluͤcklicher, welche viele Tage und Nächte nach Huͤlfe ſchrieen durch Sturm und Wind; aber ungehoͤrt verhallte die Klage, die rich⸗ tende Hanſa nicht erreichend. So ruͤckte end⸗ lich der entſcheidende Tag heran, der den Gra⸗ fen der Vollziehung der Todesſtrafe und dieſe Verlaßnen dem Tode der Puſehns über⸗ geben ſollte. 200 wn Ein truͤber Morgen war es, duͤſtere Ge⸗ wolke thuͤrmten ſich am Rande des Horizon⸗ tes uͤber den Bergen, und verſchlangen die erſten Morgenſtrahlen. Aurora wollte nicht Zeuge ſein des blutigen Auftrits. Da erhub ſich der Graf aus dem letzten Schlafe, und ſahe das Blutgerüſt an zu ſeiner Hinrichtung. Ein ſchwarzes Tuch breitete ſich aus zu ſei⸗ nem Empfange, zur Seite ſtand, das Kru⸗ cifir in der Rechten, der Prieſter, den ſchei⸗ denden Pilger zu berichten, und herbortrat der mannhafte Albrecht zum letzten kurzen Gange des Lebens. Traulich bot er dem Gott⸗ geweihten den Morgengrußz der innere Rich⸗ ter erklaͤrte den Grafen nicht ſchuldig, war er doch aufgewachſen in Fehde und Raub und waͤhnte, es fordere die Ritterehre gebietenden Fauſtſchlag. Mit ſpöttelndem Hohne iedoch ließ er Bärgermeiſter und Rath an: das Schlächterbeil iſt das rechte Schwert für zag⸗ hafte Mannen. Nun zaudert nicht! Es from⸗ me die Maſt von Reinſteins Garben! * 201 wwmn Verdrußlich ruͤmpften die Wackern ihre Naſe und zurnten faſt, daß der Henker ſo lange ſaͤumte, ungeduldig, ſich des laͤſtigen Gaſts zu entledigen. Da trat der Mann mit der Dop⸗ pelſchneide heran, ſein Nachrichteramt zu ver⸗ richten. Aber Feuer und Sturm ſcholl plotz⸗ lich ins wilde Gedraͤnge. Reiter ſprengen zur Stadt ein! toͤnte grauſender Ruf in des Bur⸗ germeiſters Ohr. Die Burgerwachen ſind nie⸗ der! erſchollen andere Stimmen. Alles ge⸗ rieth in Bewegung, der Meiſter ſenkte ſein Eiſen, der Graf ſtand hohnlachend da mit,“ entbloͤſtem Nacken, und Rath und Vürgermei⸗ ſter falteten die Hände zum Stoßgebete. Da ſprengte Graf Bernhard mit ſeinem Gehar⸗ niſchten wilden Muths durch die Menge, fuͤhr⸗ te den Bruder zu Roſſe, und jagte mit ihm von dannen. Die feiſten Herren vom Rathe gähnten beklommen, und giengen zu Hauſe. Alles bot ſeitdem die Hanſa auf, die ge⸗ furchteten Grafen zu zuchtigen, aber verge⸗ bens. 202 Mde der fruchtloſen Mͤhe, den ſchlauen Bernhard zu beruͤcken, ſahen ſie ſich endlich genöthigt, den Ausſpruch zu mildern. Ein anderes Urtheil ſproch dem Edlen von Rein⸗ ſtein frei von ſchimpflicher Haſt; Dieſem aber legte ſolches die ſchweren Bedingungen auf, ſich der Forderungen der Fehdebriefe, beider, des Biſchofs von Halberſtadt und des Herzogs unterziehen, ſondern auch Quedlinburg, inſon⸗ derheit die Neuſtadt mit Mauern und Thuͤr⸗ men wohl zu verwahren, damit nicht der grafen wuͤrde, und Albrecht willigte ein. Da ſchönen Beſitzungen verloren, und auf der Fel⸗ ſenhoͤhe, wo ein reiches und maͤchtiges Fuͤr⸗ ſtenhaus ſich zu gruͤnden ſchien, niſtelte in ſtiller und einſamer Hede ſich alsbald der Kauz und die Unke ein. Aber vor Qundlin⸗ ſieben gewaltige Thuͤrme von Braunſchweig nicht nur vollkommen zu Buͤrger Leben und Sicherheit uͤber kurz oder lang wieder ein Raub der fehdeluſtigen Wild⸗ giengen dem Stamme Regenſtein alle ſeine burg erhob ſich eine mächtige Vormauer, und erſtanden darauf, 203 WW eine unerſteigliche Schutzwehr gegen die An⸗ griffe der Vorzeit. Fernhin gen Mitternacht und abendwaͤrts ſchimmert das graue Geſtein, aber Gemaͤuer und Thuͤrme ſtehen noch wie zu Reinſteins Zeiten und wanken nicht, denn die Alten baueten kuͤhn und ſtark fuͤr Enkel und Urenkel. Mit dem milderen Urtheilsſpruche der Hanſa kam auch milderer Sinn in das Herz des Grafen Albrecht. Seine Fehdeluſt war erkaltet, und ein geheimes Sehnen erwachte in ſchwergepruͤftem Gemüthe. Er brauchte nun weder Hand noch Herz zum blutigen Kampfe, und beſchloß, fuͤr friedliche Stille heimzukehren nach Heimburg. Dem Eiſen⸗ käfig entronnen, ließ er den ſtruppigen Bart ſich ſcheren, welches ſeit Jahresfriſt nun Kinn und Bruſt bedeckte; doch das wallende Haupt⸗ haar flatterte frei und kuͤhn in blonden Locken um den ſtolzen Nacken, den auch die Gewalt unter kein demuͤthigendes Joch zu bringen vermogte. So rüſtete ſich der edle Graf bon 204 neuem mit Ritterſchmuck und Waffengeſchmei⸗ de, und trabte bergan zur 6 Futte. Nicht im ſtillen Kämmerlein, wie vor Jahresfriſt, nicht im flatternden Morgenge⸗ wande, ſondern fromm und zuͤchtig am heili⸗ gen Krucifire fand er die Gottgeweihte. Aber aus inbruͤnſtigem Gebete ſchien die Holde, zu neuem Leben erwacht, als ſie in edler Ritter⸗ geſtalt den Grafen Albrecht erkannte. Ha! rief ſie freudenvoll aus, der Him⸗ mel hat mein Gebet erhört! und blickte dank⸗ bar geruͤhrt auf das ſilberne Bild des ſter⸗ benden Erlöſers. Tiefes, inniges Gefühl für das Goͤttliche verſchmolz in ihrem leicht er⸗ regten Gemuͤthe mit der heimlichen Sehn⸗ ſucht, welche Graf Albrecht einſt in der ju⸗ gendlichen Bruſt entzundete, als Jutta noch auf dem Stammſchloſſe Kranichfeld in Thü⸗ ringen im Kreiſe der Schweſtern weilte. Innigſt bewegt, vielleicht zum erſtenmal in 205 W ſeinem rauſchenden Ritterleben, nahete ihr diesmal der Graf. Sie war ja die einzige fuͤhlende Seele, welche ſein im Kerker mit Liebe gedachte. Wie hätte er ſolche Treue nicht in treuer Liebe erwiedern ſollen! Jutta! ſprach er ſanfter, und heimliche Sehnſucht der Liebe milderte ſein Feuer ſprä⸗ hendes Auge; dieſe Hand hat ausgekaͤmpft, und das Herz, welches unter dieſem Har⸗ niſch ſchlaͤgt, ausgerungen gegen die Wider⸗ ſacher des Stammes von Reinſtein. Die Hanſa hat ihnen die Freiheit Vbt nehmt ſie, ſie ſind eure Gefangenen! Ueberraſcht vom Zauber der Verwandlung ſank die Geruͤhrte dem Geliebten an die Ei⸗ ſenbruſt. Graf, erwiederte ſie leiſe, ihr habt eine ſchwache Gebieterin gewählt; die Feſſ eln, welche ſie euch anlegt, ſind leicht genug, jeden zu ſprengen. Die Gefangenſchaft iſt mir werth gewor⸗ den, Geliebte! Der letzte und edelſte Raub, um weſchen Albrecht auszieht, wird ſeine Jutta ſein; dann ruhe dieſes Schwert in der Waffenkammer und dieſer Schild falle. Die Felſenwaͤnde von Reinſtein ſollen uns Schirm und Schutz gewaͤhren gegen und Ver⸗ „ folger. Nicht alſo, mein Ritter. Als ich das vaͤterliche Schloß verließ, um, gehorſam dem Vater und den Wuͤnſchen des Biſchofs, den erledigten Stuhl der Aebtiſſin in Beſitz zu nehmen, ließ ich eine juͤngere Schweſter da⸗ heim, die mich beneidete um das Loos, das mir ward, und ich ſchied in Thränen; denn Graf Albrecht hatte auf ſeinen Streifzuͤgen auch im Thuringerlande zu Kranichfeld drei Tage geweilt Ida von Kranichfeld komme ſtill in beſcheidenem Pilgerkleide daher, und em⸗ pfange an meiner Statt die Weihe. So wird der frommen Ida das gluͤcklichſte Loos der Er⸗ de, und ich— 2 Und Jutta folgt dem Grafen nach Reiu⸗ ſtein. Alſo beſiegelte Albrecht den geheimen Entwurf der Geliebten, dräckte ſie herzhaſt an ſeine mannhafte Bruſt, und trabte dann fröhlich hinaus uͤber die Berge ins Thu⸗ ringerland. Als ihm andern Abends die erſten Sterne am Himmel entgegenflimmer⸗ ten, ſah er den Harz im blauen Nebel hin⸗ ter ſich, und ritt in die Burg des Freiherrn von Kranichfeld ein am fruchtreichen Ufer der Unſtrut. Kein Gaſt kam unvermutheter dem Alten und willkommner dem Mägvlein als der Wildgraf von Reinſtein. Bevächtig zwar ſchuͤttelte der Vater den Kopf bei Er⸗ oͤffnung des kuͤhnen Anſchlags; aber hoͤher roͤthete ſich die Wange der frommen Ida, wel⸗ che aus heiliger Andacht in ſtillem Kämmerlein beklommen hervortrat, des Grafen verwegenen Rath zu vernehmen. Nach drei Tagen hatte Jutta die Farbe gewechſelt, die fromme Schweſter aber em⸗ pſieng mit der Weihe und Würde auch den Namen der Ausgeſchiedenen, damit der Wech⸗ ſel nicht fruͤhzeitig ruchtbar wurde im Lande. 208 w recht ſchloß einen heiligen Vertrag mit der VAebtiſſin und ihrem Gotteshauſe, ſie nimmermehr in ihrem Beſitz und Rechte 3 zu kränken. Darauf führte der Graf die 6 Geliebte nach den Höhen des Regenſteins heim, und feierte hier mit Lehensmaͤnnern 33 und Voſallen ein herrliches Feſt der Vermäh⸗ 1 Lange haben die Annaliſten in ihren Biüchern der Chronik ſich geangſtigt, wie viele des Namens Jutta zu Albrecht Zeit das Hochſtiſts Quedlinburg beſeſſen, Rein⸗ ſteins Stamm blühete inzwiſchen in Kind⸗ lein und Enkeln unter der Aegide des Frie⸗ dens. Nit den Birgern des Hochſiifts ſchloſſen die Grafen Verſoͤhnung auf ewige 5 Zeiten, und hoben von beiden Seiten die Weund Bräckengefäͤlle, welche beid. Thei⸗ len die Durchfuhr erſchwerten. Schloß Heim⸗ Reinſtein, welche mit dem Grafen Ernſt, burg ward ſeitdem der Sitz der Edlen von dem letzten des Stammes im Jahre des Heils — a 209 w ein Tauſend fuͤnf Hundert Neun und Neun⸗ zig endlich erloſchen. Die Felſenfeſte des Regenſteins zerfiel allmählich in Truͤmmern, ſeitdem ihre Rit⸗ ter ſeitwegs die Halle des Friedens mit der ſchauerlichen Hoͤhe vertauſchten. Uhu und Avler niſteten drinnen, ehe noch Wallenſteins Paniere in Deutſchland weheten, und Gu⸗ ſtav der Fromme, ein rettender Engel, vom Strande der Oſtſee her in das Herz des Vaterlandes eindrangen. Doch eine neuere Feſte erhob ſich ſeitdem aus den gigantiſchen Truͤmmern. Soͤldlinge ſtehender Heere tauſch⸗ ten Sitz und Regiment mit den Aaren und Eulen, und die hochherzigen Koͤnige aus Ho⸗ henzollerns Stamme beſetzten ſpäter die Fel⸗ ſenhoͤh mit mannhaften Kriegern. Noch in den ſiében Kampfiahren, wo Friedrich von Preuſſen allein in Fehde ſtand gegen Euro⸗ pa's Voͤlker und Waffen, ein unerſchuͤtterli⸗ cher Fels in jeglichem Sturme des Kriegs, 210 WMw weheten droben die Fahnen des Haͤufleins, welches der groͤßte der Koͤnige dorthin be⸗ ſchieden. Und als die Tapfern friedlich die Klippen verlieſſen, im offnen Felde ſich mit den Heeren des Hochgebietenden zu vereinen, erſcholl die Poſaune des franzoͤſiſchen Heeres bis zum Ufer der Seine: i ſei erobert! i Von Zeit zu Zeit erſteigt noch jetzt ein kreuzender Ritter die Felſenhöhe, die entſetz⸗ liche Tiefe des Brunnens zu ermeſſen, oder das Felſengewoͤlbe der oͤden Kapelle zu be⸗ ſuchen. Aber ſo viele Kieſel hat die Neu⸗ gierde eines halben Jahrhunderts nun in dem Borne gehauft, daß er wohl halb verſchuͤt⸗ tet ward, und auf dem, einſt der Andacht ge⸗ weihten Geſteine, niſten Fledermaͤuſe und Käuz⸗ chen. Wunderherrlich jedoch breitet neben dem Klippengethurme hier die bluͤhende Aue gen Halberſtadt, dort eine endloſe Huͤgelkette ſich aus gen Quedlinburg, und uͤber Blanken⸗ 21 † W burgs ſchimmerndem Schloſſe beginnen die gewaltigen Berghoͤhen des Harzes von Stufe zu Stufe. Darum wallfahrtet die froͤhliche Menge gar oft hinaus auf den herrlichen Reinſtein, ſich am Zauber der holden Na⸗ tur in Fruͤhlings⸗ und Sommertagen zu er⸗ gotzen, oder Abends im luſtigen Ringeltanz bei Pfeifen und Saitenſpiel das muntere Ta⸗ gewerk zu ſchlieſſen. Die Linie Blankenburg wat fraͤher er⸗ loſchen, und Schloß und Land an die Her⸗ zoͤge von Braunſchweig gekommen, welchen Heinrich der Löwe die kampfluſtige Fauſt zum Siege ſtählte. Ueber Halberſtadt und Quedlinburg aber, wo die Staͤbter viele Jah⸗ re wider Biſchof und Aebtiſſin ſich beriethen und vertheidigten, trug am Ende der Bi⸗ ſchof der Erſtgedachten die Hertſchaft und Lehnsherrlichkeit davon, und als der Stamm von Hohenſtein im Jahre des Herrn ein Tauſend fuͤnf Hundert Drei und Neunzig — 14 212 W 3 mit dem Grafen Ernſt untergieng,, auch uͤber dieſen Gau. Die von Mansfeld aber, deren erſte Linie ſchon im dreizehnten Jahr⸗ hunderte erloſchen war, pflanzten Geſchlecht Kriege. Unter ſchwankendem Paniere hat die Grafſchaft mannigfaltigen Wechſel erfah⸗ ren, bis Preuſſens ſchirmender Genius wie⸗ der ſiegreich uber die entfremdeten Gauen daherzog, und zum Lohne ſeiner Huͤlfe in ſchwerer Zeit die Uferauen der Elbe, Weſer und Saale unter ſeinem Fittig vereinte. Anhalt aber, welches mit Reinſteins Stamme durch Bande des Bluts und der Freundſchaft verwandt, ein Schwert und Schiid mit ihm trug, bluͤhet bis auf heuti⸗ gen Tag ein hohes Fürſtenhaus, und dehnt ſeine Gränzen von den anmuthigen Hainen des Soͤlkenthals bis an die Ufer der Elbe hinaus. Die von Wernigerode, der Regen⸗ ſteiner treue Kampfgenoſſen, bluͤheten bis zum N und Namen fort bis zum dreiſſigiährigen 213 W Grafen Heinrich, welcher ein Tauſend vier Hundert Neun und Zwanzig verſtarb. Stoll⸗ bergs hochgefeierter Stamm gebeut ſeitdem uͤber dieſes Erbe, durch himmelanſtrebende Berge zum Odenſchwunge begeiſtert und zum Heldengeſange durch die thatenreiche Vorzeit der Ahnen. 15 1 So wechſelt die Zeit ihre Zuͤge. Hier vergeht ein Geſchlecht, dort erhebt ſich ein neues. Dem iſt es beſchieden, hoch und herrlich uͤber Millionen zu gebieten; jenen nach kurzer Bluͤthe unter den Trümmern von eigner Groͤſſe zu ſinken. Wage nicht, frevelnd deine Hand an den Bau der Zeiten zu legen! Mit Schrecken ſturzen ſeine letz⸗ ten Truͤmmern uͤber dich her, dich mit zu begraben. Er beſſert und ſchoͤnt ſich ſelbſt, und gelaͤnge dir jetzt die Vernichtung des Rieſen, ſchon keimt ein Gelingen ein neues Gebilde, welches begierig ſeine Ranken aus⸗ reckt uͤber das ewig wechſelnde Erdreich. Was 214 am Ziele iſt, dringt nicht weiter; was noch fern iſt vom Ziele, wolle nichts hemmen! Was den Gipfel der Hoͤhe erreicht hat, be⸗ ginnt ſchon zu ſinken; was im Steigen be⸗ griffen iſt, zugelſt du nicht. Was dem Falle nahe iſt, ſtuͤrzt von ſelbſt; erſchuͤttre den Bau nicht, du falleſt denn mit! 7 I. II. 1m. IV. V. ⸗ Die drei Wundergaben.. Die Danneilshoͤhle Ludwig der Springer„ Der wilde Jäger Der Regenſtein 52 4 158 — ſſſſſ 14 15 1 1 6 8 18 8 9 10 11 12 13