„ „ — 7 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 3 —— 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 22 Auswärtige Vonnenten haben für Hi und Zurückſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G hr ſelbſt zu e S ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas ze ne, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt erLeſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeigeſeht und wird eſonders darauf . auf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ N „ —.— 3 Ednard Ottmunn in Gießen, F —₰— „ —— — Adeline protat. Aus dem Franzöſiſchen . des henry Murger von Pr. C. Büchele. S Stuttgart. 3 Frandh'ſche verlagshandlung. 1854. Erſtes Rapitel. Der Zeichner. Jedes Jahr, wenn die ſchönen Tage wiederkehren, ſtürzen ſich in ganzen Schwärmen die Landſchaftsmaler auf die Umgebungen von Fontainebleau. Das Dorf Barbizon, das an eine der intereſſanteſten Partieen des unter dem Namen Bas⸗Bréau bekannten Waldes ſtößt, blieb lange der Lieblingsaufenthalt der Künſtler, und ihre alljährliche Anweſenheit in dieſer Gegend war für zwei oder drei Wirthe, die ſich daſelbſt niedergelaſſen hatten, eine Quelle des Glücks geworden. Das eine die⸗ ſer Gaſthäuſer iſt ſelbſt unter den Merkwürdigkeiten be⸗ griffen, welche die Reiſenden in ihren Handbüchern auf⸗ gezeichnet finden, und dieſe verſäumen nicht, den Speiſe⸗ ſaal daſelbſt zu beſuchen, wo viele berühmte Maler auf den Wänden eine Spur ihres Durchzugs hinterlaſſen und ſo eine Art von Muſeum gebildet haben, das für den Eigenthümer einen wahren Schatz ausmacht. Aber ſeit einiger Zeit haben Barbizon und Chailly an zwei oder drei Dörfern eine Concurrenz bekommen, die an der Grenze des Waldes auf Punkten gelegen ſind, wo der⸗ ſelbe weniger betretene, folglich auch weniger ausgebentete Bezirke einſchließt. Die neuen, heutzutage von den Co⸗ lonieen nomadiſirender Künſtler vorgezogenen Wohnplätze ſind Bonrron, Montigny, Marlotte und Rechoſes, ſteil Murger, Adeline Protat. 1 2 an einem hohen Felſen angebaut, von dem man die Ge⸗ gend in nnermeßlichem Umfang überſchaut. Gegen die Mitte Anguſts, um die heißeſte Stunde eines brennenden Erndtetages, bog ein junger Mann, welchen der zwiſchen Fontainebleau und Nemours gehende Wagen eben am Fuße des Berges von Bourron abge⸗ ſetzt hatte, nachdem dieſes Dorfpaſſirt war, in den Feld⸗ weg ein, der Bourron mit Montigny verbindet. Der Reiſende ſchien von der erſtickenden Hitze, die von dem entzündeten Himmel herniederfiel, erſchöpft; der Schweiß rieſelte ihm von der Stirne und hatte ſelbſt den Filz ſeines grauen, breitrandigen Huts durchdrungen. Zur Sicherheit auf ſeinem Marſche, wie zur Erleichterung des Gewichts von einem Sack, der übermäßig beſchwert ſchien, ſtützte er ſich auf einen langen Stock, deſſen eiſenbeſchla⸗ gene Spitze, ſo oft ſie mit dem Sandſtein oder Pflaſter in Berührung kam, Funken hervorlockte. Der Fußgänger, deſſen Coſtüme und äußere Erſcheinung auf den erſten Blick einen Künſtler⸗Touriſten verrieth, hieß Lazare und begab ſich nach dem Dorfe Montigny, wo er ſeit zwei Jahren ſeine Wohnung aufzuſchlagen pflegte. In einiger Entfernung hinter ihm wanderte, die Füße wie ein ver⸗ wundetes Stück Wild nachſchleppend, ein junger Bauern⸗ burſche, anſcheinend zwölf bis dreizehn Jahre alt. Sein Rücken bengte ſich gieichfalls unter der Laſt eines ſchwe⸗ ren Kaſtens, auf welchen eine Feld⸗Staffeley und einer der großen, weißleinenen Sonnenſchirme geſchnallt wa⸗ ren, deren ſich die Maler bedienen, um beim Arheiten im Freien eine gleichmäßige Beleuchtung herzuſtellen. Lazare und der Bauernjunge marſchirten über eine weite, durch das Erndte⸗Geſchäſt ſehr belebte Ebene. Jede Mi⸗ nute entzündete der Glanz der Sonne einen Blitzſtrahl in der Hand der Schnitter, die zur Hälſte in den dichten Furchen verborgen waren und deren Lärm die zahlreichen Lerchen aufſcheuchte, die, beforgt um ihre Brut, über das Getreide emporwirbelten. Rechts von den beiden Fuß⸗ 3 gängern, hinter der beweglichen Linie der Pappeln, welche den Lauf des Loing bezeichnet, verlängerte ein nur wenig eingeſchnittener Horizont, an die flachen Landſchaf⸗ ten von Beauce*) erinnernd, ſeine bläulichen Fernen bis zu den Grenzen des Gatinais**). Man erblickte deutlich Grez, das einſt eine Stadt war, und wo ſich noch die unförmlichen Ruinen eines Schloſſes finden, das von der Königin Blanche zur Zeit ihrer Regentſchaft erbaut worden. Zur Seite dieſer Trümmer ſieht man eine Kirche, welche, archäologiſch zu ſprechen, die erſte Epoche bezeichnet, wo der Einfluß ſaraceniſcher von den Krenz⸗ zügen heimgebrachter Architektur bei den Baudenkmalen ſich fühlbar zu machen anfing. Faſt in derſelben Rich⸗ tung, aber auf einem mehr zurückgeſchobenen Punkt des Horizonts zwiſchen Nemours und der Kapelle der Kö⸗ nigin erhebt ſich die geſchwärzte Spitze des hohen Thurms von Larchant über das tiefe Thal, wo dieſer Flecken ge⸗ legen iſt, der zur Zeit des Einfalls der Gallier einen militairiſch wichtigen Punkt bildete und im Mittelalter eine Befeſtigung erhielt und zu einem berühmten Wall⸗ fahrtsort wurde, wo die Gläubigen von mehr als zwan⸗ zig Meilen in der Runde ſich einfanden, die Reliquien des heil. Mathurin anzubeten. Zur Linken der Reiſen⸗ den zog ſich die Grenze des Waldes von Fontaineblean hin, die Gegend auf dieſer Seite mit einer Linie von Grün ſchließend, die in ihrer Fortſetzung wieder das Dorf Bourron auf der Stelle trifft, wo die Straße nach Nemours vorüber führt. Am Fuße dieſes Abſatzes, wie *) Die Gegend von Chartres. Im weitern Sinn nimmt man noch Dunois, Vendomvis und den im Norden der Loire gelegenen Theil von Orleanais dazu. A. d. U. **) Name einer alten Provinz von France mit der Haupt⸗ ſtadt Montargis. 4 man es nennen möchte, erhoben die Häuſer von Marlotte ihre rothe Bedachung. Vor ihnen und in derſelben Rich⸗ tung, der ſie auf ihrem Weg nach Montigny folgten, wand ſich der Fluß in maleriſch eingeſchnittenen Krüm⸗ mungen hin, die fruchtbare Ebene beſpülend, an deren Rande das Städtchen Moret liegt, wo der Hammer der öffentlichen Verſchönerung Tag für Tag einige Trümmer von den alten Bauwerken herunterſchlägt, welche aus dieſem Flecken eine wahre hiſtoriſche Curioſität machten. Obwohl für Lazare die Gegend, welche er durch⸗ wanderte, nicht neu war, da er ſchon einmal hier ge⸗ wohnt hatte, machte er doch öfters Halt, auf dem weiten Felde ſich umzuſchanen, das im vollen Schaffen ſeiner Fruchtbarkeit überfallen worden war und an einem ein⸗ zigen Tage der Sichel den Preis der mühſamen Arbei⸗ ten zurückgab, die es ein Jahr lang den Pflug gekoſtet hatte. Während des kurzen Haltes, den ſein Begleiter machte, legte der Bauernjunge jedesmal ſeine Laſt zur Erde, ſetzte ſich mit ernſthafter Miene darauf und ſchien ſich, den Kopf in die Hände legend, in tiefe Betrachtun⸗ gen zu verſenken; lud, wenn er den eiſenbeſchlagenen Stock des Künſtlers auf der Straße wiederhallen hörte, den Kaſten von Neuem auf die Schultern, trocknete mit dem Aermel ſeiner Blouſe eine Thräne, die ſich in der Ecke ſeiner Augen ſammelte, und ſetzte, einen ſchweren Seufzer ausſtoßend, ſeinen Weg fort. So marſchirten ſie, einer hinter dem andern, etwa eine halbe Stunde weiter, und die erſten Häuſer von Montigny waren noch immer in ziemlicher Ferne. „Dieſe verdammten Landmeilen nehmen kein Ende,“ murmelte der Künſtler, ſich die Stirne trocknend;„je nä⸗ her man kommt, deſto weniger iſt man am Ort.“ Und während er unmerklich ſeine Schritte verkürzte, befand ſich der Bauernknabe, der ſeinen gleichen Gang eingehalten hatte, bald ihm auf der Ferſe. Lazare, der ſich mechaniſch umdrehte, bemerkte jetz die Traurigkeit, die ſich 5 auf dem Geſicht des jungen Burſchen malte. Er gewahrte auch, daß ſeine Augenvon friſchen Thränen geröthet waren. „Ei, mein armer Zephyr,“ fragte er ihn freundlich, „wo haſt Du dieſes Leichengeſicht her? Weißt Du, daß Du mich ziemlich ſchlecht empfangen haſt, als ich ſo eben in Bourron ankam? Als ich vergangenes Jahr abreiſte, weinteſt Du, da Du mich zum Wagen führteſt, und jetzt weinſt Du, da Du mich wieder kommen ſiehſt; das iſt nicht natürlich, mein Junge, Sollteſt Du Kummer ha⸗ ben? Hat Dich Vater Protat vielleicht etwas über Ge⸗ wohnheit geſchlagen? Du mußt doch anfangen, Dich da⸗ ran zu gewöhnen, und ſollteſt ihm deßhalb nicht böſe werden; er hat eine ewas raſche Hand, aber nicht zu ſchwer, und meiſtens liegt, ſelbſt wenn er Dir Eins ver⸗ ſetzt, noch etwas Liebkoſendes darin. Ueberdieß, wenn Du träg biſt wie ein Siebenſchläfer, biſt Du auch kaum weichlicher, als ein Ochſe, und die Schläge rühren Dich nicht viel. Und dann, bedenke, Zephyr, daß wenn der gute Papa Protat immer einen Raſenſtüber auf der Fingerſpitze hat, es viel beſſer iſt, derſelbe fällt auf deine Naſe, als auf das niedliche Angeſicht der allerliebſten Adeline. Nicht wahr, mein Junge? Schlag die Augen ein wenig auf, daß man Dich ſiecht. Du haſt Dich nicht verändert, ſo iſt's, Du haſt immer noch Dein artiges Geſicht, halb Güte, halb Dummheit, etwas tranrig jedoch, auch etwas ermüdet. Ach! fällt mir ein: Du haſt viel⸗ leicht nur zwölf Stunden geſchlafen, und damit iſt Deine Rechnung noch nicht gemacht.“ „Entſchuldigen Sie, Herr Lazare, ich habe die ganze Nacht nicht geſchlafen, und auch nicht die vorige und vorvorige,“ antwortete Zephyr mit ſchleppender Stimme. Es lag in den einfachen Worten ein ſo tief empfun⸗ dener Ton der Betrübniß, daß Lazare nicht umhin konnte, den Bauernjungen mit mehr Aufmerkſamkeit zu betrachten. Dieſer hatte aber, ſobald er die Prüfung, der er ausgeſetzt war, bemerkte, die Augen niedergeſchlagen als fürchtete er, ſeine Blicke möchten die Gedanken offen⸗ baren, welche ſeinen Geiſt zu bewegen ſchienen, und wie, um neue Fragen zu vermeiden, auf die er zu antworten keine Luſt hatte, verſuchte er wieder langſamer zu ge⸗ hen und ſeine und des jungen Mannes Schritte in jenen Abſtand zu bringen, der ſie während des erſten Theils des Weges getrennt hatte; aber Lazare, den die klägliche Haltung ſeines Begleiters zu befremden und ſelbſt zu beunruhigen aufing, rief ihn zu ſich heran und nöthigte ihn, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Was er aber auch thun mochte, und ſo geſchickt er ſich dabei benahm, von dem Geheimniß, das an Zephyrs Traurig⸗ keit ſchuld war, konnte er nichts erfahren, nicht einmal etwas errathen. Dieſer beharrte bei ſeinem Stillſchwei⸗ gen, und nöthigte ihn zuweilen die Höflichkeit, daſſelbe zu brechen, wenn Lazare ihn allzu lebhaft bedrängte, ſo erwiederte er nur mit unbedeutenden Worten, bei denen der höchſte Scharfſinn nicht herausgebracht hätte, was ſie in Wirklichkeit ſagen wollten— ja oder nein.— Wäh⸗. rend dieſes kleinen Kampfes zwiſchen der Reugierde La⸗ zare's und der Behutſamkeit Zephyrs war man im Dorfe Montigny angekommen. Da alle Bewohner auf dem Felde beſchäftigt waren, gelangte der Maler von einem Ende der großen Gaſſe bis zur andern, ohne einer be⸗ kannten Figur zu begegnen, außer einigen kleinen Kin⸗ dern, die Lazare in den vergangenen Jahren durch ſeinen großen Bart anfänglich erſchreckt, aber dadurch, daß er ihnen am Kirchweihfeſte Spielſachen kaufte, zu zähmen gewußt hatte. Als ſie ihren guten Freund den Zeich⸗ ner(dieſen Namen gibt man den Künſtlern dort im Lande) erkannten, umringten ihn die Bürſchchen mit Frendengeſchrei und ließen ihn nicht eher ſeinen Weg fortſetzen, als bis er eins nach dem andern nmarmt atte. „Da ſind wir endlich,“ ſagte Lazare, als er das nahe Geräuſch von dem oberhalb der Mühle von Mon⸗ 7 tignh angelegten Damme vernahm. Wohlan, Zevhyr, noch etwas Muth, mein Junge; wir werden jetzt unſerer Laſten los und trinken dann in der Laube des Vaters Protat ein gutes Glas friſchen Weins. Aber indem er ſo ſprach, bemerkte er, daß der Bauernjunge verſchwunden warz dieſer hatte jedoch, ehe er ſich davon machte, die Vorſicht gebraucht, den Maler⸗ kaſten und Sonnenſchirm des Känſtlers auf eine Bank neben der Straße niederzulegen. „Welcher Teufel iſt in dieſen kleinen Schelm ge⸗ fahren?“ murmelte dieſer, auf der Stelle wi der um⸗ kehrend, um die von Zephyr verlaſſenen Sachen zu holen. Iſt er ein Narr geworden? Voriges Jahr war er nur ein Dummkopf.“ Sehr verlegen über den Zuwachs von Laſt, der auf ſeine Schultern zu liegen kam, trat Lazare ſeinen Weg wieder an, ebenſo ſehr durch die Unbequemlichkeit, wie das Gewicht ſeiner Bürde aufgehalten. Glücklicherweiſe hatte er nicht weiter als noch hundert Schritte zu gehen. Als er ermüdet vor dem Hauſe anlangte, nach dem er ſich begab, bemerkte er am Fenſter des erſten Stockes das glühende Geſicht des guten Protat, der gerade im Zug war, einen ſchon halb aus dem Groben gearbeiteten Holsſchuh auszuſchneiden. „He! Vater Protat!“ rief Lazare, dem Holzſchuh⸗ macher ein Zeichen gebend, herabzukommen,„helft mir doch mein Gepäck hinaufbringen. Ich ſchwitze wie ein Mauleſel, der vom Markte kommt.“ Der Vater Protat legte die Naſe ans Fenſter, und als er den Künſtier allein und wirklich belaſtet wie ein Packpferd erblickte, war ſein Erſtannen ſo groß, daß er Holzſchuh und Schneidmeſſer auf die Erde fallen ließ. „Nun!“ rief er, auf die Thürſchwelle herabgekom⸗ men,„was haben Sie denn mit Zephyr gemachts“ „Zephyr hat mich vor fünf Minuten mitten auf der Straße ſitzen laſſen. Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn 3 geplagt hat, aber er iſt, ohne ein Wörtchen zu ſagen, auf und davon gegangen.“ „Ab, der kleine Tangenichts! Was für ein Gerücht Kopfnüſſe werde ich ihm zu ſeinem Abendeſſen auſwär⸗ men!“ murmelte Vater Protat zwiſchen den Zähnen, indem er Lazare behülflich war, ſich ſeines Gepäcks zu entledigen.“ „Sie werden mich im Gegentheil verpflichten, wenn Sie ihm nichts thun,“ ſagte Lazare„Der arme Junge hat ohne Zweifel einen geheimen Kummer, denn er iſt mir ſehr traurig vorgekommen. Kaum hat er den ganzen langen Weg mit mir vier Worte geſprochen, und ich ge⸗ wahrte, daß er geweint hatte.. Ich wollte ihn zum Geſtändniß bringen, um ihn, wenn er in Roth wäre, zu tröſten; aber er hat nicht den Mund aufgethan. Viel⸗ leicht kommt es auch daher, daß Sie ihn etwas zu un⸗ geſchlacht behandeln.“ „Ei ja wohl!“ entgegnete der Holzſchuhmacher, „habe ich etwa ein ſchlechtes Herz! und wenn ich ihn züchtige, geſchieht es nicht zu ſeinem Beſten? Muß man zufällig Handſchuhe anziehen, um ihn an den Ohren zu zupfen, den Tagdieb, der ſein Lebenlang ſich hinſtreckte und alle Arbeit bei Seite ließe, wenn man ihn nicht mit einigen Stößen wieder weckte? Er iſt auf der Streu ge⸗ boren und möchte doch wie der Sohn eines Millionärs leben und nur ſehen, wo das Waſſer hinläuft. Sehen Sie, Herr Lazare, ich bin noch viel zu gut gegen ihn, und es kommt mehr als einmal vor, daß Zephyr ſich niederlegt, ohne Rechnung über die Püffe erhalten zu haben, die es den Tag über ihm eingetragen. Es ge⸗ ſchiebt auch nur darum, daß er nicht aus der Art ſchlägt. Schlechtes Hammereiſen gibt ſchlechtes Schmiedeeiſen.“ So ſchwatzend waren Lazare und ſein Gaſt in ein niedriges Gemach getreten, das die Beſtimmung eines Eßzimmers zu haben ſchien. Ein Convert war auf einem Tiſch aufgelegt, der mit einem groben, ſehr weißen, noch — 9 nach der Wäſche riechenden Tuche gedeckt war. Der Tiſch ſtand nahe am Fenſter mit der Ausſicht über den Loing, deſſen klare Wellen, reißend wie ein Waldſtrom den vor der Wohnung des Vaters Protat angelegten Garten be⸗ wäſſerten. „Vater Protat,“ ſagte Lazare, ſich auf einen Stuhl werfend,„ich habe fünfzehn Meilen Fahrens nüchtern im Magen und zwei Meilen Staub in der Kehle; ſo ver⸗ ſchmachte ich vor Durſt und ſterbe vor Hunger.“ „Ein wenig Geduld! Die Kleine iſt am Herd und beſchäftigt ſich mit Ihnen,“ antwortete der Holz⸗ ſchuhmacher.„Man wird Sie mit einem Gericht(ma- telote) Aale bedienen, die noch vor einer Stunde im Fiſchkaſten des Müllers ſich herumtummelten. Unſer Nachbar, der Wurſtmetzger, hat geſtern ein Schwein ge⸗ ſchlachtet, und da ich Sie dieſen Morgen erwartete, habe ich Ihnen Fleiſchklößchen machen laſſen, wie Sie die⸗ ſelben voriges Jahr ſo gerne aßen. Was das Oeſert betrifft, ſo können Sie es ſich ſelbſt holen: es erwartet Sie an den Zweigen des Spaliers; aber einſtweilen, bis das Frühſtück fertig iſt können wir, wenn Sie den Durſt löſchen wollen, auf Ihre glückliche Wiederkehr Eins unter uns trinken.“ Und mit dieſen Worten füllte Vater Protat bis zum Rande ein großes, einſt vergoldetes Glas, das ohne Zweifel das Pra chtſtück ſeines ländlichen Schenktiſches bildete, und deſſen Gebrauch ausſchließlich auf die gro⸗ ßen Feſtlichkeiten des Hanſes beſchränkt war. „Warum geben Sie mir dieſes Glas da?“ ſagte der Künſtler, einen Blick freundſchaftlichen Vorwurſs auf ſeinen Wirth werfend.„Ich könnte ſo unglücklich ſein, es zu zerbrechen, und darüber wären Sie und ich un⸗ tröſtlich; denn Sie halten etwas darauf, wie Sie mir mehr als einmal geſagt haben.“ „Ja, ohne Zweifel, ich habe es geſagt und ſage es noch einmal,“ erwiederte der Holzſchuhmacher mit gerühr⸗ ter Stimme, indem er das große blumenverzierte Glas betrachtete.„Ich halte darauf faſt ebenſo viel, als eines meiner Glieder; es iſt ein Geſchenk meiner Seligen; ſie hat es mir auf meinen Namenstag gegeben, der genau auf den Tag vor unſerer Heirath fiel; das führt mich in eine ferne Zeit zurück, dieſe Erinnerungen da, Herr Lazare, denn es ſind bald dreißig Jahre, daß ich auf meiner Hochzeit getanzt habe. Ach! Wir machten zuſam⸗ men ein ſchönes Paar, meine liebe Frau und ich. Wenn der liebe Gott nicht damit zufrieden iſt, wie ich auf Er⸗ den gelebt habe, kann er mich, wenn ich hinüber gehe, wohl in ſeine Hölle ſchicken: ich werde die fünfzehn Jahre des Paradieſes nicht vergeſſen, die mir meine arme Fran⸗ Loiſe geſchenkt hat.“ „Pater Protat,“ ſagte der Künſtler, wirklich gerührt von dieſer naiven, ſo einfach ausgedrückten Betrübniß, „wollen Sie mir das Vergnügen machen, mit mir anf das Gedächtniß Ihrer Frau zu trinken?“ „Ach Herr Lazare,“ rief der gute Alte mit herzlicher Lebhaftigkeit aus,„von ganzer Seele.“ Und nachdem er reſpektvoll ſeine baumwollene Mütze abgezogen, näherte er ſein Glas dem von Lazare. „Auch meinerſeits von ganzem Herzen, braver Mann, antwortete der Maler,“ indem er gleichfalls ſeinen Hut abnahm. Dieſes Zeichen von Achtung, das von einem Frem⸗ den dem Andenken ſeiner Frau erwieſen wurde, ſchien bei dem Holzſchuhmacher einen Eindruck hervorzubringen, den er nicht ganz zurückzuhalten vermochte, denn er be⸗ mächtigte ſich der Hand des jungen Mannes und ſchloß ſie mit einer Rauhigkeit in die ſeinige, welche Lazare einen unwillkürlichen Schauder erregte. Der Vater Protat, der ſich über die Urſache dieſer Bewegung täuſchte, fürchtete ohne Zweifel, ſich zu ver⸗ traulich gezeigt zu haben, und begann eine ganze Lita⸗ 11 nei von Entſchuldigungen, aber Lazare unterbrach ihn plötzlich. „Ei wie!“ ſagte er,„was ſollten Sie ſich ſchämen, mich zum Zengen einer Empfindſamkeit gemacht zu haben, die für Ihr vortreffliches Herz Beweis liefert. Wiſſen Sie nicht, daß es Umſtände gibt, wo es ebenſo ſtrafbar iſt, wenn mon ein gutes Gefühl nicht heraus läßt, als wenn man einen ſchlechten Gedanken zu verheimlichen ſucht?“ „Sie ſprechen gut,“ ſagte der Alte, deſſen Geſicht allmälig wieder ſeinen Ausdruck muntern Humors an⸗ nahm. „Aber ich werde noch beſſer eſſen,“ erwiederte Lazare, mit dem Meſſer auf ſeinen Teller klopfend. „Nun, da kömmt gerade Ihr Frühſtück herab,“ ſagte der Holzſchuhmacher. Wirklich ließ ſich ein leichter Schritt, der Eile zu haben ſchien, auf der hölzernen Treppe hören, vermittelſt deren man in den obern Stock ge⸗ langte. „Komm doch, Kleine,“ rief Vater Protat ſanft, wenn man es ſo nennen darf, ſeiner Tochter zu, die eben am Fuß der Treppe, mit einer Platte in den Hän⸗ den erſchien,„da iſt Herr Lazare, der faſt Hungers ſtirbt.“ „Ei, guten Tag, mein Liebchen,“ ſagte der Künſt⸗ ler, das Mädchen um den Lelb faſſend— und ehe ſie ſich losmachen konnte, wozu ſie übrigens nur einen ſchwachen Verſuch machte, hatte er ſie auf die Stirne geküßt. Dieſe keuſche und vertrauliche Liebkoſung, welche die Gegenwart ihres Vaters zu einer völlig brüderlichen machte, rief dennoch ein lebhaftes Roth anf dem Geſichte der jungen Adeline hervor, und um ihre Verlegenheit zu verbergen, machte ſie ſich ſcheinbar etwas auf dem Tiſche zu ſchaffen, wo Alles an ſeinem Platze war. Adeline Protat wurde bald achtzehn Jahre alt, und doch hätte man ihr kaum füufzehn gegeben, fo ſehr war ſie nöch in der Entfaltung der Jugendblüthe zurückgeblie⸗ ben. Zart, wie faſt alle die Kinder ſind, deren erſte 12 Jahre von jenen grauſamen Krankheiten heimgeſucht wa⸗ ren, welche die Qual der Mütter ausmachen, begann die lebhafte, erſt ſeit Kurzem keine weitere Beſorgniß mehr einflößende Farbe der Geſundheit ihrem durch früh⸗ zeitige Leiden gebleichten Geſichte eine gewiſſe Schattirung zu geben; aber dieſes zarte Colorit hatte keine Aehnlich⸗ keit mit jener Feldſchminke, welche von der friſchen Land⸗ luft in Form grober Röthe ſchichtweiſe auf die Wangen der Bäuerinnen aufgelegt wird. Adeline hatte einen kleinen, zu ihrem ſchwächlichen, netten Körper wohl pro⸗ portionirten Kopf; ihre Züge, in denen ſich eine faſt ernſte Sanftmuth ausprägte, boten eine Miſchung, in der Zierlichkeit und Naivität mit einander verſchwammen. Wenn man ſorgfältig forſchte, hätte man ihre Phyſiognomie mit einer Zeichnung vergleichen können, die von einem geſchickten Meiſter retouchirt wurde, der, ohne den ur⸗ ſprünglichen Ausdruck zu ändern, durch Verbeſſerung der Unregelmäßigkeiten des erſten Umriſſes ſie gleichſam ver⸗ edelt hat. In Folge einer Gewohnheit, der die Koketterie nicht ganz freud war, ging Adeline zu jeder Jahreszeit mit bloßem Kopf und hatle beſondere Sorge für ihr ſchönes, kaſtanienbraunes Haar, ſo fein wie die ſeinſte Seide, das ſie in glattem, glänzendem Scheitel hinter die Ohren geſtrichen trug, deren Weiße und reines Deſſin durch die Nachbarſchaft des dunkeln Haares noch mehr hervorgehoben wurde. Obwohl dem Anſchein nach dem der Frauen vom Lande gleich, unterſchied ſich ihr Koſtüm doch durch die Harmonie, die in der gutverträglichen Farbe der gemeinen und groben Stoffe, aus denen es zuſammen⸗ geſetzt war, herrſchte. Die ſchreienden Töne beleidigten einan⸗ der nicht durch die gewaltſamen Gegenſätze, welche die Bäu⸗ erinnen vorſätzlich in ihrer Bekleidung vereinigen, und die man ſelbſt in der Stadt an der Toilette einer gewiſſen Klaſſe von Frauen bemerken kann, die gleichſam ein Conſervato⸗ rium des ſchlechten Geſchmacks bilden. Adeline ſchnitt und 13 nähte ſich außerdem ihre Kleider ſelbſt und wußte ſtets zu rechter Zeit einen Meiſterzug der Scheere zu riskiren, welcher dem gemeinſten Kleide die rechte Facon gab. In der Anordnung ihrer Perſon, ihrem Gang, ihrer Haltung und Bewegung, kurz in ihrem ganzen Sein und Thun zeigte dieſes Mädchen, allem Anſchein nach noch Kind, an ſich eine ausgeſuchte Diſtinktion, die ſie mit um ſo größerer Leichtigkeit zu treffen wußte, da ſie durch ihre natürlichen Inſtinkte dazu geführt wurde. Ihre Stimme war, ohne einen Lokal⸗Accent zu verrathen, ſehr ſanft. Sie dehnte dieſelbe zuweilen, wie es von Perſo⸗ nen geſchieht, die ſich ſelbſt gerne reden hören und von andern gehört werden wollen. Es gab gewiſſe an und für ſich unbedeutende Worte, welchen die Art, wie ſie dieſelben ausſprach, einen Reiz verlieh, dem man ſich unterwarf, ohne davon ſich Rechenſchaft geben zu können. Was ihre Sprache betraf, ſo genügte es, ſie nur fünf Minuten ſchwatzen zu hören, um zu errathen. daß es nicht blos den Unterweiſungen des Gemeinde⸗Schulmei⸗ ſters zu verdanken war, wenn ſie mit ebenſo viel Cor⸗ rektheit als Leichtigkeit ſich anszudrücken gelernt hatte. Um mit dem flüchtigen Abriß dieſes Portraits, der ſpäter vervollſtändigt werden ſoll, zu ſchließen, wollen wir unter andern, bei einer rleinen Bäuerin, der Tochter eines Holzſchuhmachers in einem kleinen Dorfe erſtau⸗ nenswerthen Natureigenſchaften noch beifügen, daß Ade⸗ line, wenn auch nicht von Form ſehr reine, wenigſtens genugſam gepflegte Finger hatte, um gegenüber der etwas krankhaften Zartheit ihrer Perſon nicht einen allzu ſchar⸗ fen Contraſt zu machen. Es war offenbar, daß dieſe kleinen Hände von den harten Arbeiten des Landlebens nichts wußten. In der That hatte, aus Gründen, die ſpäter angegeben werden ſollen, und die Erklärung man⸗ cher, in dem Portrait dieſes Mädchens vielleicht befrem⸗ denden Details enthalten werden, Adeline niemals einen Fuß auf die Felder geſetzt, und doch beſaß ihr Vater einige Hufen Landes von verſchiedenem Ertrag, die er ganz neben Ausübung ſeiner Profeſſion ſelbſt bewirth⸗ ſchaftete. Unvermögend und ungeſchickt zu Allem, was eine beſchwerliche oder grobe Arbeit ausmachte, hätte Adeline nicht, wie viele Mädchen in ihren Jahren und Verhältniſſen, verſtanden, ein Feld auszujäten, eine Garbe zu binden, oder einen Weinberg zu behacken; ihr Vater war genöthigt, eine alte Nachbarin in Dienſt zu nehmen, welche das grobe Geſchäft im Hauſe beſorgte, wie den Hof zu überwachen, wo einige Dutzend Enten, Hühner und Truthähne herunflatterten, die kleine Mauleſelin zu beſorgen, die Kuh zu melken und das Eſſen zu richten. Adeline hielt blos das Weißzeug im Stand und ſah vor Allem darauf, daß die größte Sauberkeit im Hauſe herrſchte; ein Stäubchen auf einem Möbel geblieben, ein Waſſertropfen auf den Fußboden verſchüttet, reichte hin, ſie zu beunruhigen, wie ein Hermelin, das ſeinen Balg beſchmutzt ſieht. Auch hätte die alte Madelon, die zu dieſem Zweck unaufhörlich gequält wurde, nach Verfluß einiger Zeit bei einer niederländiſchen Haushälterin zu Ehren kommen können. So war dieſes Mädchen vielleicht durch die blinde Güte des Vaters gefährlich verzogen, deſſen Zärtlichkeit für ſie eine Sprache und Manieren zu finden wußte, die bei einem Bauern, und beſonders einem Mann über⸗ raſchen mußten, der, wie er, durch eine manchmal faſt zur Brutalität ſich ſteigernde Barſchheit bekannt war. Adeline kannte den Umfang ihres Einfluſſes auf den vä⸗ terlichen Willen wohl, den ein einfaches Wort aus ihrem Munde ſo dehnbar wie Wachs machte; aber zu ihrem Lob muß man ſagen, daß ſie davon keinen Mißbranch machte: im Gegentheil legte ſie eine große Mäßigung in der Ausübung ihrer Herrſchaft an den Tag. Lazare, der durch zwei Jahre Aufenthalts in Hauſe mit dem Vater Protat vertraut geworden war, hatte ihm oft vorgeſtellt, daß es vielleicht unklug von ihm gehandelt 15 wäre, ſeine Autorität ſo völlig an ein Kind abzutreten, und daß dieſe Schwäche, die er an den Tag legte, in der Folge ſeiner Tochter ſchädlich werden, und ihm ſelbſt Reue verurſachen könnte. Zu dieſen klugen Warnungen ſchüttelte der alte Protat verneinend ſeinen graulichen Kopf und antwortete mit Stolz, ſeine Tochter wäre zu gut erzogen, um je irgend etwas zu begehren, was er nach ſeiner Vaterpflicht ihr abſchlagen müßte.— Das iſt gleich, erwiederte Lazare, nun ſeinerſeits den Kopf ſchüt⸗ telnd, was ich geſagt habe, habe ich geſagt: Sie han⸗ deln unüberlegt und ſelbſt die Art, wie Adeline erzogen worden, ſollte, ſtatt Sie ihrethalben zu beruhigen, Ihnen gerade Beſorgniß erregen.— Der Holzſchuhmacher, der über dieſes Kapitel nicht gerne Einwendungen duldete, antwortete gewöhnlich auf eine Weiſe, die dem jungen Mann begreiflich machte, daß er eine Abneigung dage⸗ gen empfand, ſich widerſprechen zu laſſen. Während der erſten Augenblicke ſeines Mahles warf ſich Lazare, deſſen Appetit durch eine Reiſe von achtzehn Meilen, denn er kam von Paris her, geſchärft worden war, mit wahrem Heißhunger auf die erſte Schüſſel, die ihm vorgeſetzt worden war. Vater Protat, der ſeinem Gaſt Zeit laſſen wollte, das dringendſte Bedürfniß zu ſtillen, beobachtete Stillſchweigen und hielt ſich etwas entfernt von dem Künſtler, um den ſich Adeline beſchäf⸗ tigte, ſtets dafür ſorgend, daß er abgeſchnittenes Brod neben ſeinem Teller fand, ſein Glas, ſo bald es leer war, wieder auffüllend, und ihm keinen Augenblick ver⸗ gönnend, etwas zu begehren, das er nicht alsbald zur Hand hatte. Dieſe jeder ſervilen Form entkleidete Emſig⸗ keit blieb von dem Gegenſtand derſelben nicht unbemerkt, und von Zeit zu Zeit ließ ſich der Maler eine freund⸗ ſchaftliche Geberde oder ein verbindliches Wort ent⸗ ſchlüpfen, wodurch das Vergnügen des jungen Mädchens, ihm ihre Sorgfalt zu widmen, ſich zu verdoppeln ſchien. „Ein delitieuſer Fiſch das,“ rief Lazare,„und wun⸗ 16 dervoll zubereitet. Ich muß Madelon mein Compliment dafür machen, aber ei, wo iſt ſie denn?“ „In der Küche,“ antwortete Adeline.„Ich gehe eben wieder zu ihr, und will ihr ſagen, daß Sie die Matelote ganz nach Ihrem Geſchmack gefunden haben; das wird ihr Freude machen, denn ſie beſorgte ſehr, es möchte ihr damit nicht gerathen.“ In demſelben Augenblick erſchien die alte Dienerin, von der die Rede war, auf der Schwelle der Treppe. „He! guten Tag, Mutter Madelon!“ rief Lazare, der ſie zuerſt erblickte.„Kommen Sie doch, daß man Ihnen ſein Compliment macht! Wiſſen Sie, daß Sie ein wahrer Ausbund von einer Köchin geworden find?“ „Ei, Herr Lazare,“ ſagte die Alte, einen Knicks machend,„man weiß, daß Sie ein Feinſchmecker ſind, und ſucht ſich zu diſtiugnieen. Sie können mir gleich ſagen, ob Sie mit dieſem zufrieden ſind,“ fügte ſie hin⸗ zu, die Platte auf den Tiſch ſtellend, die ſie in den Händen hielt.„Das Fleiſch iſt kaum gebraten, nur ſo am Feuer vorübergekommen; aber ich erinnere mich, daß Sie die Cotelettes gerne faſt friſch vom Stück aßen“ „Ja wohl,“ antwortete Lazare, das Fleiſch zer⸗ ſchneidend, aus dem noch das Blut unter dem Meſſer hervorquoll. „Wie können Sie ſo etwas eſſen, ohne daß es Jh⸗ nen den Magen umdreht?“ ſagte die Alte mit einer Ge⸗ berde des Widerwillens.„Mein armer Corporal ſelig, der doch ſonſt kein ſo heikles Geſchöpf war, hätte das. nicht gewagt.“ 3 „Mutter Madelon, das iſt köſtlich,“ bemerkte der Künſtler. „Ich will es eher glanben, als ſelbſt verſuchen,“ antwortete die gute Frau. Und ſich zu Adeline wen⸗ dend, fuhr ſie fort,„komm mit mir, mein Kind, ich branche dich da oben, Herrn Lazare Kaffee zu machen. 17 Ich kann mit der Maſchine nicht umgehen, die wir heute Morgen in Moret gekauft haben.“ Adeline und die alte Madelon verſchwanden mit einander auf der Treppe, die zur Küche führte. Da das Haus des guten Protat den Mittelpunkt für die Scenen bildet, die in unſerer Geſchichte vor ſich gehen, und die vornehmſten Perſonen, die berufen ſind, darin eine Rolle zu ſpielen, ſich daſelbſt vereinigt finden, nehmen wir davon Veranlaſſung, gleich im Folgenden gewiſſe Details mitzutheilen, welche das Portrait und den Charakter eines jeden von ihnen verollſtändigen werden, während ſie zugleich zu einem natürlichen Prolog für das häusliche Drama dienen, deſſen Schauplatz das Heimweſen des Holzſchuhmachers ſein ſoll. Zweites Rupitel. Mutter Madelon. Mutter Madelon war eine alte Wittwe von ſechszig Jahren und drüber. Sie hatte einen gekrümmten Rücken, wie faſt alle Lente, die ein halbes Jahrhundert die Furche gegraben haben, die ihnen und den Ihrigen Nahrung gab. Trotz ihrer vorgerückten Jahre hatte ſie die trip⸗ pelnde Lebhaftigkeit beibehalten, die bei gewiſſen Alten zu bemerken iſt, und häufiger bei Männern, als bei Frauen vorkommt. Ihr Geſicht, das in der Jugend ſchön geweſen ſein mußte, war von tiefen Runzeln durch⸗ kreuzt, welche eine Rinne für Thränen zu bilden ſchienen, Murger, Adeline Protat. 2 18 und die Sonnen ⸗verbrannte Haut, die daſſelbe bedeckte, hatte die braune Farbe eines Rohrbüſchels. Mitten in dieſer, von der Zeit und den Kümmerniſſen eines hart geprüften Lebens verwüſteten Phyſiognomie nahmen ihre Augen, wie Lichtlöcher glänzend, zuweilen einen Ausdruck an, der ihrer Miene einen hochmüthigen und beinahe ge⸗ ringſchätzigen Charakter gab. Bei Weſen, die der That oder dem Schein nach noch ſo gemein ſind, erzengt die Anhäufung vieler Leiden, die mit Reſignation und Muth ertragen worden ſind, im Vorbeigehen, wenn die Er⸗ innerung daran wiederkehrt, eine Anwandlung plötzlichen Stolzes den jedes Geſchöpf empfindet, wenn es ſich noch einſam aber aufrecht wieder unter den Ruinen ſieht, welche das Schickſal ringsherum zurückgelaſſen hat. † Wirklich war Mutter Madelon nicht immer das ge⸗ weſen, was ſie damals war. Die alte Wittwe chatte ih⸗ ren Rang im Lande gehabt, wo ſie für eine der reichſten Eigenthümerinnen galt; aber nach zehn Jahren des Wohlſtandes und einer glücklichen Verbindung hatte ihr Gatte, der einen der ſchönſten Pachthöfe beſaß, den man noch jetzt an den Ufern des Loing auf dem Wege nach Grez hin ſieht, ſich durch eine Bande ſchlechter Subjekte verführen laſſen, die er auf einem Geſchäftsgang nach Nemours kennen lernte. Einige Jahre ſpäter führte die⸗ ſes verſchwenderiſche Leben ſeinen gänzlichen Ruin herbei. Alle Felder wurden verkauft, oder von wucheriſchen An⸗ lehen verſchlungen, und bald blieb in ſeinen Stallungen nicht ein einziges Stück, das nicht durch alle Gerichts⸗ boten von Nemours oder Fontainebleau bedroht geweſen wäre. Durch ſeine eigene wiſſentliche Schuld ſo ſchreck⸗ lich in die Enge getrieben, brütete der Pächter über ei⸗ nem Verbrechen, ſich heraus zu helfen. Die Gebäulich⸗ keiten des Hofs und der zahlreiche Zubehör dazu, was die Beharrlichkeit ſeiner Frau frei von jeder Hypothek zu behaupten gewußt hatte, waren für eine viermal höhere Summe, als der wirkliche Werth betrug, verſichert. Der 19 Pächter dachte, eine Feuersbrunſt würde ihn vom Unter⸗ gang retten; er zündete alſo am Tage der Kirchweihe von Grez ſeine Scheune an, während man in einiger Entfernung von ſeinem Hofe verſchiedenes Feuerwerk abbrannte. Er hoffte mit Unrecht, der Unfall würde ei⸗ ner verſprengten Rakete zugeſchrieben werden; allein ſein Verbrechen hatte Zeugen gehabt. Ein Knecht und eine Magd vom Hofe, deren zärtliches Steldichein durch ſeine Gegenwart in der Scheune geſtört worden war, hatten es bemerkt, ohne daß er ſich etwas davon einbildete. Sie riefen um Hülfe, aber zu ſpät; der Pachthof brannte bis auf den letzten Strohhalm ab. Der Pächter wurde ver⸗ haftet und ins Gefängniß geworfen, wo er den Tag vor ſeiner Aburtheilung ſtarb. Allein vor einem Aſchenhaufen ſtehend, dankte die arme Wittwe noch dem Himmel, der ihr Fruchtbarkeit verſagt und damit wenigſtens den Schmerz erſpart hatte, bei dem ungewiſſen Geſchick, dem ſie entgegenging, ein armes Kind mit ſich ſchleppen zu müſſen, dem ſie nichts anderes, als einen durch die Schmach des väter⸗ lichen Verbrechens befleckten Namen hätte geben kön⸗ nen. Sie verließ ſofort das Dorf Grez, wo ihr Un⸗ glück nur kaltes Mitleid erregte, zu dem ſich noch ie übel wollenden, von dem Inſtinkt des rohen Egois⸗ mus eingegebenen Tröſtungen geſellten, der den Men⸗ ſchen antreibt, ſich an dem Unglück von Seinesgleichen zu erfreuen. Wie ſie die dreißig Jahrè, ſeitdem ſie von jenen Ereigniſſen betroffen worden, gelebt hatte, war das Geheimniß jener erfinderiſchen Nothwendigkeit, die aus jeder Arbeit Brod macht, einer Art von Genie des Unglücks, das die Gottheit denen enthüllt, die ſie dazu verurtheilt hat. Erſt vor zwölf Jahren war Mutter Madelon nach Montigny gekommen, ſich daſelbſt nieder⸗ zulaſſen. Sie bewohnte am Ende des Dorfes, auf der Grenze eines Gehölzes mit Namen Trembleaux, eine elende, plump aus Sandſteinſtücken, die den Steinbrü⸗ 20 chen der Umgegend entnommen worden waren, erbaute Hütte, deren Dach eine Miſchung von Stroh, Ginſter und hohem Heidekraut bildete. Zur Zeit, da Mutter Madelon in Montigny ankam, war die Hirtin, welche die Kühe auf die Gemeinde⸗Weide trieb, gerade geſtor⸗ ben. Die alte Wittwe bewarb ſich um deren Stelle und erhielt ſie auch. Da ſie kein Unterkommen hatte, ver⸗ einigten ſich die Bewohner des Dorfes, ihr auf Ge⸗ meindekoſten jene Wohnung von ſo primitivem Ausſehen, deren wir eben gedacht haben, zu errichten. Uebrigens hatten die Einwohner von Montigny dabei kaum etwas außer der Handarbeit zu bezahlen gehabt, weil das Banmaterial vom Walde ſelbſt geliefert wurde, und ſo erſetzte Mutter Madelon nach und nach von ihrem ge⸗ ringen Lohne die Auslagen für die Erbauung dieſer armſeligen Hütte, in deren Beſitz ſie bald darauf kam. Man nennt in der Gegend den Ort, wohin man das Vieh zur Weide treibt, Schlafſtätte(dormoir), ein läudlicher, neugeſchaffener Ausdruck, deſſen Etymologie durch die Sieſta oder Mittagsruhe angedentet zu ſein ſcheint, der ſich die Thiere nach der Fütterung überlaſ⸗ ſen. Die von Gemeindewegen für die Kühe von Mon⸗ tiguy beſtimmte Schlafſtätte befand ſich in dem nächſt⸗ gelegenen Theile des Waldes, der den Namen die Langen Felſen(Longs Bochers) führt. Indem ſie ihre Heerde dahin trieb, hatte Mutter Madelon die Wahrnehmung gemacht, daß dieſe Schluchten, deren Anblick wilder, deren Charakter großartiger iſt, als jene, denen man nach Anweiſung des Reiſehandbuchs zu Franchard und Apremont ſeine Bewunderung zollt, oft von den Neugierigen in Augenſchein genommen und täg⸗ lich von den Künſtlern beſucht wurden. Die neue Kuh⸗ hirtin kam deßhalb auf den Gedanken, inmitten dieſer Einöden einen Induſtriezweig zu ſchaffen, der ihr ſpäter den Beinamen der Marketenderin der Künſte er⸗ werben ſollte. Sie nahm Tag für Tag einen großen 21 Korb voll Liqueurflaſchen, Tabak, Cigarren, Pfeifen und, was ſonſt zu den Bedürfniſſen der Raucher gehörte, mit ſich. Dieſe Idee ſollte ſehr gewinnreiche Reſultate ha⸗ ben, denn für die Künſtler, welche in den Langen Felſen oder deren Umgebung herumzogen, kam der Korb der ihnen zur Vorſehung werdenden Mutter Madelon wie Manna in der Wüſte. Sie erhielt bald eine ganze Schutzgenoſſenſchaft von Kunſtjüngern, die von Zeit zu Zeit nach der Schlaſſtätte kamen, ihr beſchwerliches Studium im Freien durch eine Viertelſtunde far niente (Nichtsthun) zu unterbrechen. Als Nachfolgerin der verſtorbenen Kuhhirtin hatte Mutter Madelon auch deren Hund geerbt. Es war ein altes verſtändiges und friedfertiges Thier mit borſtigem, wie Stechpalmenbüſche ausſehendem Haar, boshaften Augen, die gleich glühenden Kohlen leuchteten; der Hund hieß Korporal. Er war von Soldaten ſo getauft wor⸗ den, die ihn adoptirten, da er noch jung war, und hatte im Gefolge eines Regiments die Feldzüge in Afrika mitgemacht. Durch die Luſtigmacher des Lagers dreſſirt, war Corporal ein kluger Hund geworden; er exerecirte wie der beſte Sergeant-Exerciermeiſter; ſchulterte das Gewehr beim Namen der höheren Offiziere der Armee, und fällte das Bajonet, ſobald man von Abdel-Kader redete. Ein Akrobat, wie Auriole, ſetzte er über eine Gewehrpyramide. Ein Matbematiker, wie Munito, der der Newton der Hunderace war, ſpielte er Dominv und errieth manchmal das Alter des Capitains. Zu dieſen kleinen Geſellſchafts⸗Talenten, welche das Entzücken der Garniſon ausmachten, fügte Corporal noch für das Be⸗ dürfniß die im Felde nützlicheren Eigenſchaften eines Jagdhundes. Wenn ſein Regiment eine Razzia bei einem feindlichen Stamm machte, nahm Corporal thäti⸗ gen Antheil daran, indem er die Hühnerſtälle ausplün⸗ derte, und zahlte mehr als einmal reichlich ſeine Zeche, indem er durch Zuſchuß eines Stücks Geflügel die magere 22 Koſt des Bivonaks vermehrte. Wenn er beim Marau⸗ diren die Liſt eines Fuchſes hatte, ſo hatte er vor dem Feuer den Muth eines Löwen. Bei der Erſtürmung von Conſtantine erſtieg Corporal zuerſt die Breſche und miſchte ſich in den Kampf, indem er einen türkiſchen Hund erwürgte. Eines Nachts hatte in einem Defilé des Atlas ſeine Wachſamkeit eine Truppenabtheilung vor drohender Vernichtung gerettet, die während des Schlafs von einer Bande Araber überfallen werden ſollte. Dieſe ſchöne That verdiente ihm das Kreuz. Ein Sol⸗ dat, der Perückenmacher geweſen war, ſchor ihm die Bruſt in der Art, daß die Zeichnung der geſchornen Platte den Stern der Tapfern darſtellte; man vermehrte ſeine Ration Branntwein um ein halbes Glas täglich; er wurde von Frohnarbeiten diſpenſirt und die Wachen preſentirten vor ihm das Gewehr. Rach Frankreich zu⸗ rückgebracht und in das bürgerliche Leben wieder einge⸗ treten, war Corporal Schäferhund geworden und führte zu allgemeiner Zufriedenheit die Ordnungsaufſicht unter der ſeiner Hut anvertrauten Heerde Die in den Langen Felſen durch ſeine neue Herrin ausgeübte Induſtrie mußte Corporal, der ſchon ſo viel darin gethan hatte, in ein für ihn neues Gewerbe ein⸗ weihen. Da die im Walde zerſtreuten Künſtler, wenn ſie etwas aus der Marketenderbude bedurften, es manch⸗ mal unbequem fanden, ſich felbſt damit zu beſchweren, gewöhnten ſie ſich daran, aus der Ferne der Marketen⸗ derin zu rufen, um das, was ſie wünſchten, von ihr zu verlangen. Das war um ſo leichter, als die Langen Felſen ein ſo getreu wiederholendes Echo hatten, daß der Ton daſelbſt auf die Entfernung von einem Kilo⸗ meter ſich deutlich vernehmen ließ. Mutter Madelon, die es beſchwerlich fand, über die Abhänge der Schluch⸗ ten hinzulaufen, dreſſirte Corporal, ihre Stelle zu ver⸗ treten. Dieſe Erfindung wurde für ſie eine neue Quelle des Gewinns. Die Maler, welchen die Metamorphoſe 23 Corporals in einen Eſtaminet⸗Kellner originell vorkam, erneuerten häufiger ihren Verbrauch, nur um ſich das Vergnügen zu verſchaffen, das verſtändige Thier mit einem kleinen Korb, den es am Halſe trug und in den ſeine Herrin das gelegt hatte, was von ihrer nomadi⸗ ſchen Schutzgenoſſenſchaft verlangt wurde, über die Felſen ſpringen zu ſehen. Zu ſeiner doppelten Funktion eines Kaffeehaus⸗Kellners und eines Hirtenhundes fügte Corporal noch eine dritte, die gleichfalls von Zeit zu Zeit den mäßigen Verdienſt ſeiner alten Herrin etwas vermehrte. Es gibt in den Langen Felſen eine Art Grotten, welche zur Erinnerung an eine Sage, deren Urſprung wir vergeblich aufſuchten, den Namen Kammern des Croque⸗Marin erhalten haben. Dieſe Grotten, die ſonſt nichts beſonders Intereſſantes beſitzen, liegen in dem einſamſten Theil der Schluchten und es iſt ziemlich ſchwer, ſie zu finden, wenn man mit dem Terrain nicht bekannt iſt. Die Leute, welche die Grotten zu beſuchen pflegten, wandten ſich nun an Mutter Madelon, die gerne die Führerin machte und dafür eine kleine Beloh⸗ nung erhieſt. Auf dieſelbe Weiſe, wie ſie ſich in Ge⸗ ſchäften der Marketender⸗Schenke durch ihren Hund ver⸗ treten ließ, benützte die Kuhhirtin von Montigny jetzt auch den Inſtinkt des Thiers, indem ſie ihm die Sorge, die Fremden nach dem Croque⸗Marin zu führen, anver⸗ traute. Corporal kannte außerdem alle Winkel des Wal⸗ des ſo gut, als ob er zu einer fürſtlichen Koppel gehört hätte; es genügte, vor ihm den Namen eines Holzſchlags, eines Straßen⸗Kreuzes, eines Kreuzweges oder irgend einer Gegend zu nennen, daß er alsbald die Richtung dabin einſchlug. Dieſelbe Ortskenntniß geſtattete ihm auch, ſeine Funktionen als Führer über den Umkreis der Langen Felſen auszudehnen, und wenn ein Beſucher ſich über den Weg nach dem Feenteich(Mare aus Fées) oder der Wolfsſchlucht(Gorge au Loup) erkundigte, 24 ſchlug die Kuhhirtin ſogleich Corporal vor, der ſeine Leute über die maleriſcheſien Fußpfade führte. Corporal hatte vor den Cicerone's, die man in Fontainebleau miethet, das voraus, daß er ſtumm war: er langweilte die Spaziergänger nicht durch eine geſchwätzige und ge⸗ meine Gelehrſamkeit und ſuchte nicht, wie ſeine zweibei⸗ nigen Collegen, mit ſeiner perſönlichen Wichtigkeit ihnen zu imponiren. Noch mehr, er ließ den Perſonen, die er führte, Zeit, die Merkwürdigkeiten des Waldes ſich zu betrachten, und wenn eine Geſellſchaft von Pariſer Bürgern oder eine Spleen⸗behaftete engliſche Familie eine Viertelſtunde lang in Verzückung vor einem Fels⸗ block von ſonderbarer Form ſtehen blieb, wartete Cor⸗ poral geduldig, bis ſie ihrer Verwunderung ein Ende machten. Eruſthaft auf ſeinen Hinterbeinen ſitzend, ſchüt⸗ telte er geringſchätzig den Kopf, wenn er au die Päſſe von Monzala oder an das Defilé der Eiſernen Thore dachte, und ſchien bei ſich ſelbſt zu ſagen: ich habe ganz andere Dinge geſehen. Man wird leicht die tiefe Zuneigung begreifen, welche Mutter Madelon für Corporal empfand. Für ſie war er in der That mehr als ein nützlicher Diener; ein wahrhafter Freund, die einzige Liebe ihrer letzten Tage, der einzige Geſellſchafter ihrer einſamen und reſignirten Armuth. Auch glaubte die gute Alte, ſo ſehr ſie ihm die rührendſte Sorgfalt widmete und ihn wie ein menſch⸗ liches Weſen behandelte, doch nicht, mit dem treuen, unterthänigen und ergebenen Thiere quitt zu ſein, deſſen Verſtand, auf ſo viele kleine Geſchäfte angewendet, ihr erlaubte, von Zeit zu Zeit in ihre prekäre Exiſtenz ge⸗ wiſſe Annehmlichkeiten einzuführen, auf die ſie ohne Corporal hätte verzichten müſſen. Der Gewinn, den ſie aus ihrem Handel mit den Künſtlern und ihren Bezieh⸗ ungen zu den Beſuchern der Langen Felſen zog, verbeſ⸗ ſerte allmälig die Lage der alten Wittwe und geſtattete ihr ſtufenweiſe, in ihrer Häuslichkeit Aenderungen vor⸗ 25 zunehmen. Zuerſt ließ ſie die geringe Strohbedachung ihrer Hütte durch Ziegel erſetzen, da Regen und Wind Zutritt in dieſelbe hatten. Eines Tags erwarb ſie ſich einige Klafter Feldes um ihre Wohnung herum und pflanzte daſelbſt Küchenkräuter. Ein andermal wurde das einzige Zimmer ihres Häuschens mit einem wirklichen Bett aus⸗ geſtattet, das die Stelle des Strohſacks von Farnkraut einnahm. Langſam, ſehr langſam, Dank den ökonomi⸗ ſchen Combinationen, die nur Leuten bekannt ſind, die lange Zeit in der Enthaltung von Dingen ſich geübt ha⸗ ben, die man als eine erſte Nothwendigkeit zu betrach⸗ ten pflegt, ſchuf Mutter Madelon einen Schein von Wohlſtand um ſich. Endlich, ungefähr drei Jahre nach ibrer Ankunft im Dorfe, begab ſie ſich zum Notar von Montiguy und bat ihn, eine Summe von hundert Tha⸗ lern, die ſie ihm in einem ledernen Sack brachte, in Verwahrung zu nehmen und, wie er es verſtände, um⸗ zutreiben. Dieſe Anlegung von Fonds, durch einen der Schreiber des Notars in der Schenke zum Weißen Hauſe, dem einzigen Kafé der Gegend, ausgeſchwazt, wurde bald weit und breit bekannt, und vier Wochen lang ſprach man in den Lichtkärzen von Nichts als da⸗ von; aber da im Ganzen genommen der Urſprung die⸗ ſes kleinen Vermögens ſeine natürliche Erklärung in dem Ertrag fand, den Mutter Madelon aus der Betreibung ihrer Feldwirthſchaft bezog, hörte man endlich, nachdem genug von ihren hundert Thalern geſprochen worden war, auch damit auf. Allein die gute Frau gewann dadurch eine Art von Achtung, welche ſich auf dem Dorfe vielleicht mehr als in der Stadt an alle Beſitzen⸗ den knüpft. Die Leute von Montigny bezeigten ſich im freien Verkehr freundſchaftlicher gegen ſie und dieſe Be⸗ weiſe von Rückſichten, die ihr nen waren, erſtreckten ſich auch in ihrer Wirkung auf Corporal, indem ihm Auf⸗ merkſamkeiten zu Theil wurden, die er hinnahm, ohne den Grund davon zu ahnen. 26 Im Laufe eines Aufenthalts von neun Jahren zu Montigny, während deſſen Mutter Madelon fortwäh⸗ rend die Kühe nach der Schlaſſtätte getrieben hatte, deponirte ſie allmälig bei Meiſter Gusrin dem Notar mehrere Summen, die mit den Anlegungs⸗Zinſen zuletzt ein Kapital von achtzehnhundert Franks ausmachten. Das war ſchon viel für ſie, aber doch fand ſie es noch nicht genug. Ihr Traum ging dahin, hundert Franks Rente zuſammenzubringen. Mit dieſen drei Ziffern ge⸗ dachte ſie, nüchtern wie ſie war und mit wenigem zufrieden, ſich der Ruhe für die Tage zu verſi⸗ chern, die ihr Gott zum Lohne für die Reſignation, mit der ſie die Noth vergangener Zeiten getragen hatte, noch ſchenken würde. Mit einer Beharrlichkeit, die bei alten Leuten, wenn ſie ſich an eine Vorſtellung anklam⸗ mern, gewöhnlich iſt, wollte ſie ihre Funktionen nicht aufgeben, ehe ſie die letzte Null des beſcheidenen Schatzes, nach deſſen Beſitz ſie gelüſtete, voll gemacht hatte. Doch gab es Tage, wo ſie gerne in ihrem Häus⸗ chen eingeſchloſſen geblieben wäre, ſtatt das Vieh auf die Weide zu führen; aber die hundert Franks Rente waren ihr Traum, und ſie wollte durchaus, daß ſie zu einer Wirklichkeit würden. Was Corporal betraf, ſo machte er ſich gleichfalls alt und gebrechlich; ſeine Haare wur⸗ den weiß und dünn. Er fing an, ſeine langen, tägli⸗ chen Gänge beſchwerlich zu finden. Sein Athem wurde kurz, ſein Gehör weniger ſcharf; ſeine Raſe ſchwächer. Wenn er in der Marketenderſchenke Dienſt hatte, begeg⸗ nete es ihm zuweilen, daß er ſeine Kundſchaft warten ließ. Wenn er den Fremdenführer machte, verlor er ſein Gedächtniß, täuſchte ſich im Weg und leitete die Perſonen, die ihm anvertrant waren, irre. Er vergaß die belnſtigenden Künſte, in denen er ehedem ſich aus⸗ gezeichnet hatte. Wenn ein Künſtler ihn aufforderte, mit ſeinem Malerſtock zu exerciren, blieb Corporal verduzt, wie ein friſcher Rekrut, den man in zwölf Tempo's zum 27 Angriff commandiren würde. Das ſeiner Sorgfalt an⸗ vertraute Vieh litt unter der Abnahme ſeiner Naturtriebe. Seine ſchläfrige Wachſamkeit bemerkte nicht mehr die Seitenſprünge der jungen Kalben, die nach den gefähr⸗ lichen Felſenhängen gezogen wurden, wo ſie die Ziegen den Gaisklee abweiden ſahen. Er wußte nicht mehr die Zahl der Thiere, über die er die Wache hatte, und es traf ſich oft, daß die Sackpfeiſe der Mutter Madelon das Signal zur Rückkehr nach den Ställen gab, ohne daß Corporal es bemerkte, wenn eine Kuh beim Appell fehlte. Dann mußte die Hirtin ſelbſt nach dem Thier ſuchen, das ſich verlaufen hatte und für das ſie verant⸗ wortlich war. Kurz, Corporal unterlag dem allgemei⸗ nen Geſetz der Natur, ſein Wille, zu nützen, wurde nach und nach ſchwächer unter der Laſt des Alters. Er em⸗ pfand das gebieteriſche Bedürfniß der Ruhe, ſo noth⸗ wendig für alle Weſen, die ihrem Ende ſich nähern. Auch ſchalt ihn Mutter Madelon, wenn ſie ihn über einem Fehler überraſchte, niemals aus: ſie begriff, daß der geringſte Vorwurf Unrecht wäre, und ein hartes Wort das gelehrige Thier, das immer mehr als ſeine Schul⸗ digkeit gethan hatte, verletzt haben würde. Sie liebkoſte es im Gegentheil noch mehr und unterhielt ſich mit ihm, als hätte es ſie verſtehen können, über die friedliche Exi⸗ ſtenz, deren ſie nächſtens mit einander ſich zu erfrenen haben würden, denn Mutter Madelon hielt in Gedanken dafür, daß am Tage, da ſie den letzten Son zu den zwanzig Thalern Rente gewonnen haben würde, wenig⸗ ſtens die Hälfte davon das legitime Eigenthum Corpo⸗ rals ſein ſollte. Dieſer herrliche Tag kam endlich an. Der Notar verkündigte ſeiner Clientin, daß die bei ihm auf dem Amte deponirte Summe jetzt volle zweitauſend Franks betrage. „Wünſchen Sie ihr Geld zurückzunehmen?“ fragte 5 ſie Meiſter Gusrin. „Nein,“ antwortete ſie,„behalten Sie es; ich und Corporal haben genug gearbeitet, um dieſe Thaler zu⸗ ſammenzubringen; die Reihe iſt nun an ihnen, für uns zu arbeiten. Treiben Sie mein Geld wie bisher um; nur begehre ich, daß es mir hundert Franks Intereſſe trägt, gerade zwanzig Thaler rund, nicht einen Pfennig weniger.“. „Ich kann es vorausſichtlich vortheilhafter anlegen. Ich will Ihre zweitanſend Franks unter einer beträcht⸗ licheren Summe mit anbringen, die der Müller von Sorgues bei mir geſucht hat. Das Anlehen läuft auf fünf Jahre und iſt hypothekariſch verſichert. Die Fonds ſind im gegenwärtigen Augenblick etwas rar, der Müller iſt in der Noth, wir werden ihm zu fünf und ein halb leihen. „Iſt das nicht zu viel?“ fragte Mutter Madelon. „Mein College in Nemours fordert Sechs von ihm,“ erwiederte Meiſter Gusrin. Prittes Rapitel. Corporal. Den nächſten Morgen ging Mutter Madelon zum letztenmal nach der Schlafſtätte. Jeden Abend bei der Rückkehr von der Weide, zur Stunde, da die Sonne am Horizont hinunterſteigt, hatte das Vieh die Gewohnheit, ſich beim Eintritt in das Dorf zu zerſtreuen, und jedes Thier begab ſich einzeln nach dem am Morgen beim erſten Ton der Sackpfeife verlaſſenen Stall; aber heute Abend 29 führte Mutter Madelon bei der Rückkehr von den Langen Felſen eine Kuh nach der andern unter ihr Dach, und hinterließ ihnen, ehe ſie von denſelben ſchied, ein kleines Wort der Freundſchaft oder eine Liebkoſung zum Zeichen des Abſchieds. Corporal drehte und drehte ſich, als hätte er die Abſicht ſeiner Herrin errathen, zwanzigmal um dio friedlichen Thiere herum, und ſeine lebhaften Demonſtra⸗ tionen ſchienen ſagen zu wollen: wird es euch nicht um euren alten Wächter ein wenig leid thun, und werdet ihr nicht ſeiner Nachſicht und des thätigen Schutzes, den er euch angedeihen ließ, eingedenk ſein? Der plötzliche Uebergang von einer beſchwerlichen Lebensweiſe zu einer faſt unabhängigen Exiſtenz macht ſich nicht, ohne daß man eine Art Zwang empfindet, der aus einer unterbrochenen Gewohnheit entſpringt. So läſtig eine Arbeit iſt, wenn man ſie Tag für Tag zehn Jahre lang verrichtet hat, leidet der Körper, durch lange Uebung für die täglichen Kämpfe mit Beſchwerden ge⸗ ſchaffen, doch beinahe unter der Unbeweglichkeit der Ruhe, die er ſich ſo ſehr gewünſcht hat. In den Colonieen hat man oft geſehen, daß freigelaſſene Sclaven von ihrer Frei⸗ heit keinen rechten Gebrauch zu machen wußten, und ſich freiwillig wieder unter die Peitſche des Aufſehers ſtellten. In großen Städten verfallen Handelsleute, die von nichts als ihrem Rückzug aus dem Geſchäft träumen, ſobald ſie ihr Waarenlager verkauft haben, in dieſen Zuſtand der Unbehaglichkeit, und die, welche nicht einen neuen In⸗ duſtriezweig ergreifen, gehen ihre Nachfolger dringend um die Erlaubniß an, von Zeit zu Zeit die Luft des Magazins einathmen zu dürfen⸗ Madelon befaud ſich gleichfalls aus ihrer Sphäre geriſſen, als ſie ſich mit nichts mehr als ſich ſelbſt zu be⸗ ſchäftigen und nur das Hausweſen zu beſorgen hatte, was weder ſehr lang noch ſehr ermüdend war. Die Stunden kamen ihr doppelt vor, und an Bewegung gewöhnt, war ſie ſehr verlegen mit ihrer Bewegungsloſigkeit. 30 Jeden Morgen, wenn ſie ihre alte Heerde mit der neuen Hirtin an ihrer Hütte verbeiziehen ſah, konnte ſie ſich nicht enthalten, einen Blick auf ihre Thiere zu wer⸗ fen, die im Vorübermarſchiren einen Augenblick vor ihr hielten, und ſie mit den großen, ſtets erſtaunten Angen gleichfalls betrachteten. Was Corporal betrifft, ſo hatte er noch größere Mühe, ſich im Stande eines Rentiers zurecht zu finden, und ſeitdem ihm die Ruhe vergönnt war, ſchien er mehr als je wieder Geſchmack an der Thätigkeit bekommen zu haben. Ihm ſchien es haupt⸗ ſächlich daran zu fehlen, daß er nicht mehr nach der Schlaf⸗ ſtätte durfte, und während der erſten Tage war ſeine Herrin genöthigt, ihn anzubinden, damit er nicht den Kühen nachfolgte. Corporal blieb folgſam, aber er konnte ein tägliches Gebell nicht zurückhalten, ſo oft er in der Ferne die Glocken der Heerde ertönen hörte, deren Be⸗ wachung jetzt einem viel jüngern Hund anvertraut war. Dieſe Traurigkeit hatte in einer beſondern Sympathie ihren Grund, welche Corporal ſeit langer Zeit für eine ſchöne Cotentinerin empfand, die zu der Heerde gehörte. In den fruchtbaren Thälern des Calvados ge⸗ boren, hatte dieſe Kuh, die Bellote hieß, das Heimweh nach dem Lande ihrer Geburt. Wenn ſie den kurzen Raſen und das verbrannte Farnkraut, das in den Langen Felſen wächſt, abweidete, hätte man geſagt, daß ſie nach den aromatiſchen und ſalzigen Kräutern der Küſte der Normandie ſich ſehne. Der Vorzug, den ihr Corporal bezeigte, ging oft bis zur Ungerechtigkeit, und er ließ ihr manche Vertraulichkeit hingehen, die er bei den andern nicht geduldet hätte. So geſtattete er derſelben, ſich über die gewöhnlichen Grenzen hinaus zu entfernen, um nach den Plätzen zu gelangen, wo die Vegetation * Cotentin iſt der Name einer alten Provinz in der Nieder⸗Normandie. d. U. 31 des Bodens reichlicheres und grüneres Futter gewährte⸗ Wenn er ſah, wie Bellote, durch ſeine abſichtliche Nach⸗ läſſigkeit ermuthigt, ſich an die Seite eines jungen Schlages wagte, um einen Biſſen von dem jungen Trieb abzubekommen, wandte er den Kopf nach einer andern Seite, und ließ ihr alle Zeit zur Fütterung, ehe er ihr bemerklich machte, daß ſie auf unrechtem Wege war. Als die normänniſche Kuh gekalbt hatte, gab es keine Sorge und Aufmerkſamkeit, die Corporal nicht dem jungen Thiere angedeihen ließ, ſobald es im Stande war, ſeine Mutter nach der Schlaſſtätte zu begleiten, und als es an einer Krankheit ſtarb, war Corporal mehre Tage lang darüber faſt betrübt. Sobald ihm ſeine Herrin einen Angenblick die Freiheit ließ, ſchlug er auch ſogleich den Weg nach den Langen Felſen ein, um einige Augenblicke bei Bellote zuzubringen. Eines Abends, als er zur Zeit, da die Kühe heim⸗ kehrten, im Dorfe herumlief, war Bellote zufolge einer ſchlechten Gewohnheit, welche ſie durch Corporals Nach⸗ ſicht angenommen hatte, weit hinter der Heerde zurück⸗ geblieben. Vor einer Hecke Halt machend, die zur Ein⸗ friedigung eines Hauſes diente, biß ſie ſchläfrig in die grünen Zweige, taub gegen das Schreien der Hirtin, die ſie ſchon mehrmals gerufen hatte. Jetzt machte dieſe, ungeduldig, daß ſie keinen Gelorſam fand, ihren Hund auf die Kuh aufmerkſam, damit er ſie wieder zur Heerde herbeihole. Mit einigen Spruͤngen erreichte der Hund das zögernde Thier, und da dieſes Widerſtand leiſtete, biß er es in das Knie, um ihm das Grün zu entleiden. Bellote eilte wie ein Pfeil davon, ein Schmerzensgebrüll ausſtoßend. Corporal hatte aus der Ferne den Angriff geſehen, deſſen Opfer ſein Liebling werden ſollte, und ſein Haar ſträubte ſich vor Zorn. Corporal hegte außerdem einen beginnenden Haß gegen ſeinen Stellvertreter, der ſeiner⸗ ſeits die fleißigen Beſuche auf der Schlafſtätte auch nicht 32 mit günſtigen Augen anſah. Im Augenblick nun, da Bellote, im Laufe fortgeriſſen und von dem Hund der Hirtin ſtets verfolgt, an ihrem alten Freund vorüber kam, den ſie nicht einmal anzuſehen Zeit hatte, pflanzte ſich Corporal mitten in der Straße auf, und verſperrte dem neuen Hüter der Heerde den Weg. Dieſer verſuchte eine Finte, um weiter zu kommen und ſeine Verfolgung fort⸗ zuſetzen, aber Corporal, der ſeine Behendigkeit wieder gefunden hatte, holte ihn gewandt ein und ſchloß ihm von Neuem den Durchgang. Die Pfoten zum Halt ausge⸗ ſtreckt und zum Sprung völlig bereit, den Schwanz un⸗ beweglich und geſenkt, das Auge glühend, das Ohr auf⸗ gerichtet, den Rachen weit aufgeriſſen, die Doppelreihe ſeiner langen, vergelbten Zähne weiſend, die in dumpfem Knurren ſich zu wetzen ſchienen, hatte Corporal die Hal⸗ tung einer Rüde, die vom Jägerrecht Witterung hat. Das gutmüthige Ausſehen ſeiner Race ablegend, war er ſüperb in ſeinem ungeduldigen Grimm und hatte all das Feuer wieder gefunden, von dem er einſt bei der Er⸗ ſtürmung von Conſtantine Beweis abgelegt hatte. Nach dem erſten Augenblick des Erſtaunens hatte ſich der Hir⸗ tenhund, einen Augriff errathend, ſeinerſeits in Verthei⸗ digungsſtand geſetzt: jünger als ſein Gegner, war er zwar ſtärker, aber wenig an Kampf gewöhnt, wußte er nichts von den Liſten, womit dieſer ſeine Schwäche unterſtützen konnte. Corporal, wahrnehmend, daß ſeine Herausforde⸗ rung angenommen ſei, ſtürzte ſich hitzig auf ſeinen Feind, im Augenblick, da dieſer den Körper anzog, um einen Satz zu thun und den erſten Angriff zu machen. Der Hirtenhund, plötzlich an der Kehle gepackt, mußte auf der Stelle kampfunfähig ſein. Zum Unglück für Corporal ereignete ſich dieſe Scene vor einem Tabaks⸗ und Liquenvverſchleiß, deſſen Eigen⸗ thümerin auf Mutter Madelon wegen des Geſchäfts, das dieſe in den Langen Felſen eröffnet hatte, ſehr übel zu ſprechen war. Sie behauptete, daß dieſe, obwohl nur 33 nittelbare Concurrenz ihr in ſo fern ſchädlich wäre, als die im Dorfe ſich aufhaltenden Künſtler, anſtatt ſich bei ihr zu verſehen, ihre Kundſchaft Mutter Madelon zuzu⸗ wenden vorzogen. Dieſe Feindſchaft, welche ſie gegen die alte Kuhhirtin empfand, trug die Verſchleißerin auf Corporal über, deſſen Verſtand, wie man ſich erinnert, mächtig zu dem Gedeihen der Marketender⸗Schenke in den Langen Felſen beigetragen hatte. Die Frau, die den Präliminarien des zwiſchen den beiden Thieren begonnenen Kampfes beigewohnt, hatte bemerken können, daß Cor⸗ poral ſich als Angreifer zeigte; darin erblickte ſie nun eine legitime Gelegenheit, an dem Thier und ſeiner Her⸗ rin ihren Groll auszulaſſen, und im Augenblick, da Cor⸗ poral unfehlbar ſeinen Feind erwürgen mußte, verſetzte ſie ihm mit der Gabel, die ſie in der Hand hielt, einen heftigen Schlag auf den Kopf. Corporal ſtieß ein kläg⸗ liches Geheul aus, das im ganzen Dorf ertönte, ließ ſogleich den andern Hund los und überſchlug ſich einige Schritte weit, ganz betäubt von einem Streich, der ihn hätte tödten ſollen. Der Gegner Corporals, ſo zur Zeit aus deſſen wüthenden Hackenzähnen gerettet, ſtürzte, ſo⸗ bald er ſich frei fühlte, auf ihn. Der brennende Schmerz ſeiner Wunde, der ein dop⸗ pelter Blutſtrom folgte, hatte ihn ſchrecklich gemacht. Cor⸗ poral, jetzt ſeinerſeits im Augenblic überfallen, da er kaum von ſeiner Betäubung ſich zu erholen begann, befand ſich in derſelben gefährlichen Lage, in die er einen Augenblick zuvor den Hund der Kuhhirtin verſetzt hatte. Die Krä⸗ merin, die Corporal ohne Zweifel den Tod geſchworen hatte, drang wieder, die Gabel hoch in der Hand, gegen ihn vor, aber der wachſame Hund machte ſich jetzt von dem Rachen los, der ihn zerfleiſchte, und ſprang mit ſo wüthender Heftigkeit auf ſie zu, daß ſie, darüber erſchreckt, die Gabel fallen ließ und ſich in den Hof ihres Hauſes rettete. Die beiden verwundeten Thiere warfen ſich von Neuem auf einander. Ein durchdachter Haß ſchien ihre Murger, Adeline Protat. 3 34 Angriffe zu leiten und ſteigerte ihren Ingrimm auf den höchſten Grad. Jeder ihrer Biſſe erzeugte eine Wunde, und jede Wunde erſchöpfte das Blut ihrer Adern. Inzwiſchen war die Hirtin, um ihren Hund beſergt, zurückgekommen. Da ſie ihn und Corporal an einander gerathen fand, trieb ſie die vorübergehenden Bauern an, die beiden Gegner zu trennen; aber der Kampf war auf einer Höhe der Wuth angekommen, die jedes Einſchreiten gefährlich machte, und die Zeugen dieſer Metzelei ſchienen im Gegentheil Vergnügen daran zu finden. Anſtatt alſo ein Ende zu machen, hetzten ſie mit Geberden und Wor⸗ ten die beiden Hunde noch mehr an einander, als ob ſie bei einer Scene im Circus Zuſchauer geweſen wären; es fehlte ſogar wenig, ſo hätten ſie auf den Ausgang dieſes thieriſchen Zweikampfes Wetten eröffnet. Mittler⸗ weile drang ein Waldſchütze, der nach Hauſe zurückkehrte, durch die Gruppe und erkundigte ſich nach dem, was vor⸗ gingt Es war die Tabakskrämerin, welche Erklärungen abgab. „Es iſt ein böſes Thier,“ ſetzte ſie hinzu, auf Cor⸗ poral zeigend,„er hat damit angefangen, den andern zu beißen; hat einen verrätheriſchen Ueberfall gemacht und da ich ihn daran hindern wollte, warf er ſich auf mich, als ob er toll wäre. Bei dieſem Worte, das der Krämerin abſichtslos ent⸗ ſchlüpfte fuhren alle Bauern vor Schrecken zurück. Man war damals in den heißeſten Hundstagen, und zwei Fälle von Waſſerſcheu, auf die man in der Umgegend aufmerk⸗ ſam gemacht hatte, verbreiteten bei der bloßen Nennung dieſes ſchrecklichen Uebels Entſetzen in den Gemüthern⸗ Man wird alſo die Bewegung begreifen, die ſich plötzlich um arme Thier erhob. Das Geſchrei:„man muß ihn tödten!— tödtet ihn!“ ließ ſich von allen Seiten vernehmen, und zu gleicher Zeit hefteten ſich die Blicke auf das Gewehr, das der Förſter umgehängt trug. 35 „Es iſt der Hund der Mutter Madelon,“ antwortete dieſer;„ſie trägt große Sorge für ihn, denn ſie liebt ihn wie ihr Leben. Es wäre ſehr auffallend, wenn er die Wuth bekommen hätte.“ „Warten Sie doch,“ warf die Krämerin ein,„als ſie der feindlichen Stimmung gewahr wurde, in welche ihre erſten Worte die Anweſenden verſetzt hatten, warten Sie doch ein wenig! Mutter Madelon klagte kürzlich, ihr Hund wäre nicht mehr ſanft und folgſam gegen ſie; ſie ſagte noch letzten Sonntag, da ſie Corporal nach dem Waſchplatz zum Putzen führte, ſeie er davon geſprungen, ſobald er den Bach erblickte. Wenn ſolche Thiere ſich vor dem Waſſer fürchten, iſt es ein ſchlechtes Zeichen; und dann, wenn er in ſeinem natürlichen Zuſtande war, würde er ſeinen Kameraden angegriffen haben? würde er ſich auf mich wie raſend geworfen haben? Herr! ich zittere ſchon, nur daran zu denken. Ganz gewiß iſt er toll, fügte ſie hinzu, ſich zu einer Gruppe von Gevatterin⸗ nen wendend, die bei dem Lärm herbeigelaufen waren. Dieſe Entdeckung, völlig lügenhaft, aber mit einem Ton der Haſt und des Schreckens, der ihr einen Schein von Aufrichtigkeit gab, vorgebracht, führte die von der Feindin der Mutter Madelon und Corporals erwartete Wirkung herbei.—„Wenn Corporal toll iſt, wie Alles unglücklicher Weiſe glauben läßt, ſagte der Förſter, ſo wird es der andere Hund auch ſogleich werden, denn er hat mehr Biſſe erhalten, als nöthig wäre, einen ganzen Hundeſtall waſſerſcheu zu machen. Da die Befehle ſehr beſtimmt ſind, ſetzte er hinzu, mit dem Finger auf einen Anſchlag der Präfektur auf dem Laden des Tabakver⸗ ſchleißes deutend, ſo iſt es klug, alle beide todtzuſchlagen; das wirdſie zur Verſtändigung bringen,“ ſchloß der Förſter, ſeine Doppelflinte ladend. 4 Bei dieſer Drohung erhob die Hirtin ein e und that energiſche Einſprache dagegen, ihren Huh zu ⸗* * 3 36 tödien, ehe er durch den Thierarzt unterſucht worden wäre. Der Förſter beſchränkte ſich darauf, zu bemerken, daß, da die Waſſerſcheu Corporals beinahe erwieſen wäre, man nicht bezweifeln könne, daß er ſeinen Gegner ſchon un⸗ heilbar angeſteckt habe und die öffentliche Sicherheit alſo erfordere, ſich die beiden Thiere vom Halſe zu ſchaffen, ſobald ſie nur dringend verdächtig wären. Alle Bauern, die ſich eingefunden hatten, waren derſelben Meinung und erſtickten die Einſprüche der Hirtin durch das Todesge⸗ ſchrei, das ſie in ihrer Angſt gegen die beiden Hunde aus⸗ ſtießen, die ſich buchſtäblich in Stücke riſſen. Der Förſter legte auf den an, dem man zuerſt und am günſtigſten, ohne zu fehlen, obwohl das Gewehr nur mit Haſenſchrot geladen war, beikommen konnte. Der Schuß, ganz nahe und ſicher gerichtet, war losgegangen und der Hirtenhund lag mauſetodt auf dem Platze. In demſelben Augenblick ließ ſich ein zweiter Knall hören, und Corporal wälzte ſich neben dem erſten Leichnam. Corporal war nicht auf der Stelle todt: durch eine heſtige Bewegung des Kopfes, als er den Flintenlauf daran ſpürte, war der Waffe eine andere Richtung gegeben worden die Ladung hatte nur zur Hälfte getroffen. Die Schulter wurde ihm zerſchmet⸗ tert, der Hals und Rückgrat zerriſſen. „Genug Pulver für eine ſo ſchlechte Jagd verbrannt,“ ſagte der Förſter, ſein Gewehr auf die Schulter werfend, und ſetzte, ſich gegen die Bauern, die noch nicht ganz be⸗ ruhigt ſchienen, gewendet und auf den mit dem Tode ringenden Corporal deutend, hinzu; es hat keine Gefahr mehr, nehmt Gabeln und gebt ihm den Reſt. Als er gerade ſich entfernen wollte, traf Mutter Madelon, von dem, was vorging, durch den Lehrling Holzſchuhmachers unterrichtet, in höchſter Eile auf dem Executionsplatze ein. Als Corporal ſeine Herrin erblickte, b. nach ihr hin, wie um Hülfe zu bit⸗ ſuchte, ſich zu ihr hinzuſchleppen, fiel aber, nach Anſtrengungen, ſchwer auf das Pflaſter zurück, 37 in einer Blutlache ſchwimmend. Da ſie ihn in dieſem Zuſtande ſah, ſtieß die arme Frau ein herzzerreißendes Geſchrei aus; ſie wollte ſich dem Sterbenden nähern, der ſie immer mit den Augen herbeizurufen ſchien; aber der Förſter hielt ſie eifrig zurück. „Mutter Madelon,“ ſagte er zu ihr mit traurigem Ton, der Verluſt Ihres Hundes muß Sie betrüben, das begreife ich, aber ſein Tod war nothwendig geworden, ſchwerem Unglück vorzubengen. Corporal iſt wütbend; ich habe ihn dieſem Angenblick mit einem Flintenſchuß ge⸗ tödtet. Er iſt nicht ganz todt, aber man wird ihm den Garaus machen.“ Der Förſter nahm die alte Frau am Arm und ver⸗ ſuchte ſie wegzuführen. Mutter Madelon widerſetzte ſich hartnäckig. „Corporal wüthend!“ rief ſie,„wer hat Ihnen das weiß machen können?“ „Aber,“ antwortete der Förſter,„die Symptome, die Sie an ihm bemerkt haben, mußten Ihnen Beſorgniß vor ihm erregen.“ „Wie?“ erwiederte Mutter Madelon lebhaft,„ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Ei,“ erwiederte barſch der Förſter,„Sie wußten genug davon, um zu errathen, was für eine Krankheit ein Hund haben kann, der ſich vor dem Waſſer ſcheut, beſonders in dieſer Jahreszeit. Sie haben ſogar unklug gethan, daß Sie ihn nicht gleich bei den erſten beunruhi⸗ genden Zeichen zum Thierarzt geführt haben. Sie ſetzten Jedermann einem ſchrecklichen Uebel aus, ohne darauf zu rechnen, daß Sie das erſte Opfer hätten ſein können. Kurz, Ihr Hund hat ſich plötzlich, wie wüthend, auf den der Hirtin geworfen; man hat mir geſagt, er ſeie raſend, er ſah ganz ſo aus, ich habe alle beide niederſchießen müſſen. Hätte mein Dachs Finaud, an dem ich ebenſo hänge, wie Sie an Corporal, ſich in demſelben Fall be⸗ funden, er wäre ohne Mitleid von meiner Hand gefallen.“ 38 Als der Förſter ſchloß, zog ſich die Tabakskrämerin, Erklärungen vorausſehend, an denen ſie ſich nicht zu be⸗ theiligen wünſchte, aus der Gruppe zurück und begab ſich in's Haus. „Niemand iſt raſend, als Sie,“ rief von Neuem Mutter Madelon, den Förſter, der gehen wollte, zurück⸗ haltend.„Noch dieſen Morgen war Corporal, was er immer geweſen, harmlos wie ein Lamm. Wenn man ihn angegriffen, hat er ſich vertheidigt und daran recht gethan. Was die Furcht vor dem Waſſer betrifft, ſo fürchtet er ſich ebenſo wenig davor, wie Sie vor dem Schoppen, und zum Beweis dient, daß Corporal noch vor nicht zwei Stunden, da er mit dem kleinen Knaben des Mül⸗ lers ſpielte, ins Waſſer geſprungen iſt, um den Bauſch, den das Kind fallen ließ, herauszuholen. „Das iſt wahr,“ ſagte ein Mühlenjunge, der ſich auf dem Platze befand. „Mein armer Hund war nur krank vor Alter,“ er⸗ wiederte die Alte, deren Verzweiflung im Zunehmen war, aber dieſe Krankheit würde ihm geſtattet haben, noch einige Zeit am Leben zu bleiben, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Warum habt Ibr ihn tödten laſſen, wie ein bös⸗ artiges Thier? Er hat Euch nie etwas zu leide gethan; er beluſtigte Eure kleinen Kinder und zeigte ſich dankbar, wenn Ihr ihm einen Knochen oder ein Stück hartes Brod hinwarft; zudem hütete er ſeit fünfzehn Jahren Eure Kühe. Ein Thier iſt nur ein Thier; aber wenn es nützlich geweſen, kann man ſich daran erinnern und bei Gelegenheit Mitleid mit ihm haben. Wäre er wirklich krank geweſen, hätte ich ihn zu einem Thierarzt von Fontainebleau geführt, von dem er mir geheilt worden wäre. Das hätte vielleicht viel gekoſtet; aber ich habe Geld von ihm.“ Und während dieſe naive Entdeckung einigen Zu⸗ ſchauern ein grobes Gelächter entlockte war Mutter Ma⸗ * 39 delon, ehe man daran dachte, ſie zurück zu halten, auf ihren Hund zugeſprungen. „Nehmt Euch in Acht! Nehmt Euch in Acht!“ riefen ihr mehrere Stimmen zu. „Ich fürchte mich nicht,“ erwiederte ſie;„Ihr ſeht wohl, daß ich mich nicht fürchte.“ Und niederknleend zu dem ſterbenden Thiere, nahm ſie ſeinen Kopf in die Hände und unterſuchte ſeine Wunden. Corporal ſtöhnte ſchwach und richtete die brechenden Angen, von einem blutigen Schimmer durchſtrömt, auf ſeine Herrin. Es lag zugleich Dank und Vorwurf in dieſem unbeſtimmten Blick, der bereits nicht mebr ſah, deſſen Ausdruck aber hittie ſchien: Dank, daß Du kommſt; aber warum ſo pät? „Ach!“ murmelte die alte Frau,„er wird nicht mehr davon kommen!“ Corporal ſchien wirklich auf den Tod verwundet. Von Zeit zu Zeit öffnete ſich in be⸗ ſchwerlicher Zuſammenziehung ſein Schlund und ließ mitten in einem gerötheten Schaum ſeine dicke, hängende Zunge ſehen. Sein Haar, Schweiß⸗ und Staub⸗ befleckt, ſträubte ſich unter plötzlichen Schauernz ſein Körper ſtreckte ſich in ſchmerzhaften Convulſionen. Auf einmal erkannte dieſe an einer gewiſſen Weiſe, wie er ſeine Herrin anſah, indem er zu gleicher Zeit mit dem Schwanz eine Bewegung machte, daß er zu trinken begehrte. Er hat Durſt!“ rief ſie, nach dem Kreiſe ſehend, in dem ſie ſich befand und der ſich immer mehr vergrößerte, denn die zwei Flintenſchüſſe hatten das ganze Dorf her⸗ beigezogen;„er hat Durſt, ſeht Ihr wohl!“ „Woblan! man gebe ihm zu trinken,“ ſagte der Förſter;„wir werden erfahren, woran wir uns wegen ſeines Zuſtandes zu halten haben.“ Ein Bauer ging hin und holte an einem nahen Prunnen Waſſer; man füllte damit eine Schaale, die Mutter Madelon allein in den Bereich ihres Hundes zu bringen wagte. Eine große Stille herrſchte in der Ver⸗ „ 4⁰ ſammlung. Corporal warf ſich auf die Schaale; aber ſei es, daß die Kühle des Waſſers auf das friſche Fleiſch ſeines bei dem Streit verſtümmelten Schlundes ſchwerz⸗ haft wirkte, oder die eben gemachte Bewegung den von den doppelten Wunden verurſachten Schmerz heftiger machte, er fuhr ſchnell zurück und einen Augenblick ent⸗ zündete ſich der irre, wilde Ausdruck, der zu den Merk⸗ malen der Tollwuth gehört, in ſeinem Augapfel. Ein Schrei des Schreckens entſchlüpfte ſogleich jedem Munde; die Frauen ergriffen die Flucht und ſelbſt die Männer machten eine rückgängige Bewegung. „Man muß ein Ende machen,“ ſagte der Förſter, ſich anſchickend, ſeine Flinte wieder zu laden.„Mutter Madelon, ziehen Sie ſich zurück, Sie ſehen dießmal wohl, daß Ihr Hund gefährlich iſt.“ „Er wird Sie nicht wieder erkennen. Sie würden machen, daß er Sie beißt! Sind ſie närriſch?“ ſchrieen auf einmal mehrere erſchreckte Stimmen. „Donnerwetter!“ rief der Fürſter mit dem Fuße ſtampfend,„machen Sie, daß Sie davon kommen, Alte? Wollen Sie venn zwiſchen zwei Matratzen ſich erſticken laſſen?“*) Und indem er ſo ſprach, ließ er eine Ladung Rehpoſten in den Doppellauf ſeiner Flinte fallen; aber die muthige Fran blieb taub bei allen Warnungen der Klugheit. Eine ebenſo rührende, als widerſinnige Leicht⸗ gläubigkeit ſagte ihr, daß ſie nichts von ihrem Hunde zu fürchten hätte, wäre er auch wirklich von dem Uebel ergriffen, das ſeinen Tod herbeigeführt hatte. „Es iſt unmöglich!“ wiederholte ſie immer:„ich habe ihn vor zwei Stunden ruhig und in gutem Befin⸗ „den verlaſſen.“ „Er wird von einem herumſchweifenden Hund ge⸗ *) Ich habe über dieſe eigenthümliche Redensart nir⸗ gends Aufklärung gefunden. Iſt es ein Sprichwort, ſo bedeutet es dem Znſammenhang nach ſo viel: als mit offenen Augen in den Tod rennen? A. d. U. 23 41 biſſen worden ſeyn und das Uebel iſt erſt dieſen Augen⸗ blick zum Vorſchein gekommen,“ antwortete der Förſter. „Fort, meine gute Frau, ſeien Sie vernünftig, ziehen Sie ſich zurück.“ Ehe ſie dieſer Aufforderung gehorchte, wollte Mut⸗ ter Madelon noch einen neuen Verſuch zur Rettung Cor⸗ vorals machen. Sie hielt ihm die mit Waſſer gefüllte Schaale hin und wies mit der Hand darauf, indem ſie ihm, ſo zu ſagen, einen Blick gebieteriſchen Flehens zu⸗ warf. Der Geiſt der Unterwürfigkeit, der immerdar ſeine Haupttugend geweſen war, erwachte plötzlich wieder bei Corporal, und als ob er mit dem letzten Akt des Lebens, aus dem er zu ſcheiden im Begriff war, ein Zeugniß des Gehorſams hätte ablegen wollen, näherte er ſich derſelben, trotz des Widerwillens, den ſie ihm ein⸗ flößte, und that einige Schlücke. Dann trank er, indem ein wirklicher Durſt ſich ſeiner bemächtigt hatte, mit gie⸗ riger Haſt den ganzen Inhalt des Gefäſſes aus. „Er hat getrunken! er iſt nicht toll!“ rief frendig Mutter Madelon.„Seid Ihr nun beruhigt?“ ſetzte ſie, an die Bauern, die jetzt herdeikamen, ſich wendend, hinzu. „Er hat getrunken! Seht, die Schaale iſt leer!“ Der Förſter, durch dieſen Beweis hinlänglich über⸗ zeugt, ſetzte ſeine Flinte in Ruhe. Unglücklicher Weiſe ſollte die Freude von Mutter Mabelon nicht von langer Dauer ſeyn. Die eiſige Kühle des Ziehbrunnen⸗Waſſers, von dem Corporal, ohne Athem zu holen, eine außeror⸗ dentliche Menge zu ſich genommen hatte, gab bald den Ausſchlag zu einer ſchweren Beklemmung. Er wandte die erloſchenen Angen nach ſeiner Herrin, beroch ihre Kleider, krümmte ſich in einer letzten Convulſton und ver⸗ ſchied, ein ſcharſes Geheul ausſtoßend, zu den Füßen des Förſters, der ſich nicht enthalten konnte, einen Schritt zurückzuweichen.„. „Meine arme Frau,“ ſagte er, ſich zu Mutter Ma⸗ delon wendend, ich bin untröſtlich über das, was ge⸗ 42 ſchehen iſt; aber nach Allem habe ich meine Pflicht ge⸗ than. Was Euch betrifft,“ fuhr der Förſter gegen die Hirtin fort, auf den Leichnam ihres Hundes deutend,„ſo wird Euch die Gemeinde einen andern ſchaffen. Ihr hattet ihn erſt ſeit einem Monat; dieſer oder ein anderer, muß Euch ganz gleich ſeyn. Etwas Anderes iſt es mit Mutter Madelon, die mit dem ihrigen ſeit zehn Jahren gelebt hat.“ „Madelon iſt auch daran Schuld, wenn man un⸗ ſere Thiere getödtet hat,“ bemerkte die Hirtin verdrieß⸗ lich. Ich daran ſchuld! wie ſo?“ fiel die alte Frau ein, die bis jetzt ſtill geſchwiegen hatte. „Ja wohl,“ fuhr die Hirtin mit derſelben Bitterkeit fort.„Warum habt Ihr im Lande ausgeplaudert, daß Euer Hund biſſig war, und daß es ihm ſchon den Hals zuſchnüre, wenn er nur Waſſer fließen ſähe? Es brauchte nichts weiter, den Leuten Angſt zu machen.“ „Aber noch einmal,“ antwortete Mutter Madelon, „ich habe nie an dieſes Geſchwätz gedacht. Und wie Sie mir es eben wiederholt haben,“ ſagte ſie, zu dem För⸗ ſter ſich umdrehend, ſo habe ich Sie nicht verſtanden, und verſtehe Sie jetzt auch nicht beſſer.“ Dem Förſter war es nicht leid, ſich die Verantwort⸗ lichkeit für ſeine beiden Flintenſchüſſe vom Hals zu ſchaffen. „Laßt einmal ſehen,“ ſagte er zu Mutter Madelon, „beſinnen Sie ſich wohl. Haben Sie nicht erſt kürzlich zu Jemand im Dorfe geſagt, daß Ihr Hund Ihnen Be⸗ ſorgniß errege, da er nicht mehr, wie gewöhnlich wäre?“ „Das iſt ein Mährchen!“ rief die alte Frau;„ich habe kein Wort dergleichen geſagt. Wo iſt der, welcher mich gehört hat? Man zeige mir ihn!“ „Die Perſon iſt nicht mehr da,“ erwiederte der För⸗ ſter, um ſich ſchauend. Aber dieſen Angenblick war ſie hier. Es iſt die Tabakskrämerin. Sie hat mir verſichert, 43 daß Sie, Sie, Mutter Madelon, wegen Ibres Thieres Beſorgniſſe in der Gegend haben laut werden laſſen, und durch deren beunruhigende Entdeckungen bin ich eben be⸗ ſtimmt worden, ſo zu handeln, wie ich gethan.“ „Sie hat Sie belogen!“ ſagte die alte Frau un⸗ willig.„Sie hat es erfunden, um meinen alten Geſell⸗ ſchafter zu ermorden. Ach! ich begreife jetzt Alles; aber es iſt gut.. Geduld... Man wird ſehen, wie Ma⸗ delon ſich rächt, ſo alt ſie auch iſt.“ Und nach dem Tabaksladen gewendet, ſtreckte ſie den Arm aus, die gelbe, runzelige Hand ballend, und wie⸗ derholte noch einmal, aber langſamer und leiſer:„Man wird ſehen!“ Dabei nahm ihr Geſicht plötzlich einen Aus⸗ druck erſchreckender Drohung an. Beim Anblick dieſer Stellung, die ihr armſeliges Weſen zu einer faſt poeti⸗ ſchen Figur verklärte, mit der wilden Geberde des aus⸗ geſtreckten Armes, der den Fluch auszuſchütteln ſchien, hätte ein zum Wunderbaren geneigter Geiſt ſie für eine fabelhafte Zauberin gehalten, die in ſchrecklichem Anrufe den Zorn der Götter auf vas Dach des Feindes herab⸗ beſchwor. Die, welche die drohenden Worte vernahmen, achteten ſonſt nicht weiter darauf, oder ſchrieben ſie einer vorübergehenden Aufwallung zu; aber auf die Tabaks⸗ krämerin, zu deren Ohren ſie gelangt waren, denn ſie horchte hinter dem Vorhang, machte es den Eindruck ſolchen Entſetzens, daß ſie halb ohnmächtig in ihrem Comptoir niederfiel. Als die Menge ſich zerſtreut hatte, ließ Mutter Ma⸗ delon den Leichnam Corporals auf einen Schubkarren legen und nach Hauſe bringen. Denſelben Abend noch grub ſie ein tiefes Loch in der Umgebung ihres Hauſes und beſtattete daſelbſt die Ueberreſte des einzigen Freun⸗ des, den ſie in der Welt hatte. Es geſchah ungefähr drei Monate nach der Scene, die wir eben geſchildert haben, daß Mutter Madelon, um der Langenweile der Einſamkeit zu entgehen, als Magd 44 bei Vater Protat, dem Holzſchuhmacher der Gegend, in Dienſte trat. Der Alte, der ſie noch gekannt hatte, da man ſie die ſchöne Pächterin von Grez nannte, betrach⸗ tete ſie nicht völlig als eine Fremde, die von ihm gedingt worden. Ueberdieß war Mutter Madelon in ihrer Ju⸗ gend mit ſeiner Frau ein wenig befreundet geweſen, und treu, wie er es war, dem Andenken ſeiner theuren Fran⸗ Loiſe, diente dieſe alte Verbindung ſchon zu einer Em⸗ pfehlung in ſeinen Augen. Auf der andern Seite wußte Vater Protat, daß die kleine Rente, in deren Genuß ſie ſtand, die gute Frau vor Noth ſchützte und es noch we⸗ niger, um einen Gewinn zu ziehen, als um nicht allein zu Hauſe zu ſitzen, geſchah, wenn ſie einwilligte, ſeiner Tochter bei den Haushaltungsgeſchäften an die Hand zu gehen. Indem er ihr die Aufſicht über die häuslichen Ausgaben anvertraute, hatte er nicht zu beſorgen, daß ſie nicht an dem Centime ſchabte, um einen Sou daraus zu machen. Nun aber war der alte Protat, ohne hab⸗ ſüchtig zu ſeyn, beſorgt für ſein kleines Beſißthum und ſchloß ſich gerne in einem Winkel ſeines Hauſes ein, um ſeine alten Lonisdor im Glanze der neuen Thaler ſpie⸗ geln zu laſſen. Mutter Madelon, in ſeinem Hauſe in⸗ ſtallirt, lebte daſelbſt auf einem gewiſſen vertraulichen Fuße, der zuweilen Fremde hätte auf die Vermuthung bringen können, daß ſie einen Theil der Familie aus⸗ machte. Die einzigen Streitigkeiten, die ſich zwiſchen ihr und Vater Protat erhoben, hatten ihren Grund in der Protektion, die ſie, ſo weit es ihr möglich war, dem klei⸗ nen Lehrling Zephyr angedeihen zu laſſen ſuchte, und in den Vorſtellungen, die ſie der jungen Adeline wegen ge⸗ wiſſer Richtungen ihres Charakters machte, deren Her⸗ vortreten ſie aufzuhalten bemüht war. Bei dieſen zwei Punkten allein verſtanden ſie ſich nicht immer, denn Va⸗ ter Protat, der, wie man ſchon bemerkt hat, gegen die Fehler Zephyrs nicht zu nachſichtig war, empfand gewal⸗ tigen Verdruß, wenn man nur irgend zauderte, in ſeiner 4⁵ Tochter eine Vereinigung aller Vollkommenheiten anzu⸗ erkennen. In ſeiner ungerechten Verblendung wollte er, wenn ein Wortwechſel zwiſchen Mutter Madelon und ſeiner Tochter entſtand, nicht einmal die Veranlaſſung dazu kennen lernen, und gab ſchon Vertrauens hal⸗ ber der erſten Unrecht, ohne begreifen zu wollen, wie ſehr die Unfehlbarkeit, die er der zweiten, ſelbſt in Din⸗ gen, wo ſie vollkommen unerfahren war, einräumte, in der Folge gefährlich werden konnte. Vater Protat theilte einen Irrthum, der allen Eltern gemeinſchaftlich iſt, de⸗ ren Kinder eine Erziehung über den Stand, in dem ſie zu leben berufen ſind, erhalten haben, und dieß war ge⸗ nau der Fall, in welchem Adeline ſich in Folge von Umſtänden befand, mit denen wir den Leſer bekanut zu machen haben. viertes Rapitel. Ein ſchlechter Vater. Die Tochter des Holzſchuhmachers war zur Zeit, da ihre Mutter ſtarb, kaum drei Jahre alt. Die Krankhei⸗ en, die ihre erſten Jahre ſo unſicher gematht hatten, die Sorgen und Mühen, die für die Mutter daraus entſprun⸗ gen waren, trugen mächtig zur Abnahme der letztern bei, de⸗ ren Geſundheit in Folge ihres Wochenbettes ſehr geſchwächt ward. Vater Protat hatte mit lebhafter Freude die ſpät erfolgende Geburt dieſes Kindes aufgenommen, das zwölf Jahre nach ſeiner Heirath zur Welt kam; aber nach dem Tode ſeiner Frau empfand er ein ſeltſames Gefühl für 46 das jämmerliche Geſchöpf, das ihm in den Armen blieb. Wenn er die Wiege betrachtete, wo ſein ungewiſſes Leben im Ringen lag, konnte er ſich des Gedankens nicht er⸗ wehren, ſeine Mutter würde vielleicht uoch leben, wenn die Nachtwachen an deſſen Wiege nicht das Ziel ihrer Tage beſchleunigt hätten, und unwillkührlich überraſchte er ſich bei einem Bedauern über die Stunde, wo ſeine Frau ihn zum Vater gemacht hatte. Durch eine ſonderbare Bizarrerie verſchwand dieſe Bitterkeit, unter der er übrigens ſelbſt litt, während der Zeit, da das Kind vorübergehend einen Schein von Kraft bekam. Sein Vater erdrückte es dann mit Liebkoſungen, verließ ſeine Arbeit, um es auf dem Felde ſpazieren zu führen, und nahm es Stunden lang auf die Kniee, ſich beſtrebend, in ſeinen Zügen eine Aehnlichkeit aufzufinden, die ihm die betrauerte Selige ins Andenken zurückrufen könnte; aber ſo oft es in ſeinen kränklichen Zuſtand zu⸗ rückfiel, ging ſeine väterliche Zärtlichkeit in ein barſches Weſen über, in eine unwillkührliche Reizbarkeit, was die Kleine ſtumm und grämlich machte und ihr zu Zeiten ſelbſt Bedenken einflößte, ſich zu beklagen, ſo ſehr hatte ſie Angſt vor der groben Stimme ihres Vaters. Trotz ihres wenig vorgerückten Alters begriff ihr frühreifer Verſtand leicht die Widerſprüche, die ſich im Benehmen des guten Alten bemerklich machten, aber ſie konnte nicht errathen, warum dieſer ſich weniger ſanft und geduldig mit ihr gerade bei Gelegenheiten zeigte, da ſie der Ge⸗ duld und Sanftmuth ſo ſehr bedurfte. Wie Geſchöpfe, die man an die Furcht gewöhnt und deren Ohren jedes Wort wie ein Tadel tönt, wurde das Kind nach und nach furchtſam und gezwungen. Dieß hatte die Folge, daß in den Augenblicken, wo Vater Protat gut aufgelegt war, er bei ſeiner Tochter nicht mehr das freundliche, artige Weſen und die naive Ungezwungenheit ihres Alters fand; ſie hatte jene reizende, confuſe Ausdrucksweiſe kindlicher Sprache und das geräuſchvolle Lachen verloren, 47 das den Kindern den Mund öffnet, wenn ſie kein anderes Mittel zur Aeußerung der Freuden ihres Alters oder zur Darlegung des Glücks haben, das ſie bei dem Gefühl, geliebt zu werden, empfinden. Die kleine Adeline nahm nur die Liebkoſungen ihres Vaters an und erwiederte ſie mit unruhiger Aengſtlichkeit. Fand er ſie aber ſchweig⸗ ſam, wenn er gerne ihr kleines, confuſes Geplauder ge⸗ hört hätte, ſo ärgerte ſich Vater Protat auf der Stelle; dann ließ er ſich hinreißen und verſetzte ſich in einen Zuſtand des Zorns, um ſeine Tochter zu zwingen, Lärm zu machen und den Schein der Luſtigkeit anzunehmen; er befahl ihr mit demſelben brummigen Ton, zu ſpielen, mit dem er es ihr verbot, wenn ihre Spiele ihm Ueber⸗ druß machten. Adeline gehorchte, denn ſie kannte den ehorſam in einem Alter, wo man den Sinn dieſes Wortes noch nicht verſteht; aber dieſe Unterwürfigkeit verbarg eine gonze kleine Welt von Hintergedanken, bei denen der gefunde Vaterverſtand Protats deutlich erra⸗ then konnte, daß das Kind die Art ſeines Benehmens zu würdigen wußte. Dann beunruhigte er ſich, wenn er den Wechſel bemerkte, der hei dieſem gebrechlichen Ge⸗ ſchöpf vorging, das ſchon nachdenklich und überlegſam war und ſeine Wünſche merken zu laſſen ſich enthielt, aus Furcht, daß man nicht darauf eingehen, oder ſie nur mit Widerwillen befriedigen möchte. Als er bemerkte, daß ſeine Tochter, ihm zu gefallen, einen Schein von Munterkeit oder Freude affektirte, die ſie in Wirklichkeit nicht empfand, machte ſich der Holz⸗ ſchuhmacher ſelbſt Vorwürfe darüber, ihr die Verſtellung in einer Lebensperiode beigebracht zu haben, wo alle Eindrücke in der Regel den Stempel der Offenherzigkeit tragen. Er wurde dann auf ſich böſe und ſagte ſich in ſeinen Selbſtgeſprächen ohne Schonung tüchtig die Wahrheit. So viel er ſich aber auch ſagen konnte, in der Gegend ſagte man noch viel mehr, wo jene Art von Abneigung, die er gegen ſeine Tochter hatte durchblicken 4⁸ laſſen, bis zum Abſcheu geſteigert worden war. Dieſe übelwollenden Gerüchte gründeten ſich auf einige Aeußer⸗ ungen, die er ſich aus Veranlaſſung ärztlicher Vorſchrif⸗ ten hatte entſchlüpfen laſſen, welche ihn, wie er ſagte, ruinirten, ohne doch dem Kind, das nichts als wimmerte, Heilung zu verſchaffen. Es iſt übrigens eine bei den Bauern ziemlich all⸗ tägliche Gewohnheit, zehnmal das Geld wieder in die Taſche zu ſtecken, das ſie dem Apotheker zahlen müſſen; ihnen erſcheint jede Ausgabe, die ohne irgend einen Ge⸗ winn bleibt, mag ſie nun durch die Nothwendigkeit oder das Vergnügen veranlaßt ſein, als eine unnütze Ver⸗ ſchwendung, und das Herz blutet ihnen, wie ihre Börſe: ſie haben, ſagen ſie naiver Weiſe, die Mittel, arm zu ſein, aber nicht, krank zu ſein. Auch ſieht man ſie oft das Uebel, an dem ſie leiden, bis zu dem Augenblick verläugnen, wo es ſie mit Gewalt ins Bett ſpricht; oder erwarten ſie wohl ihre Heilung von der Ruhe, einem ſehr verbrauchten Heilmittel, das ſie aber aus Mangel an Ueberlegung für weniger koſtſpielig, als die Beſuche des Arztes, halten. Zur Zeit, da ſeine Frau das Bett drei Monate lang gehütet hatte, koſtete ihre Krankheit viel Geld. Doch hatte Protat nie die geringſte Klage dagegen erhoben. Da er der Kunſt des Arztes von Mon⸗ tigny kein Vertrauen ſchenkte, hatte er einen Doktor von Fontainebleau rufen laſſen, deſſen Beſuche ihn zwangen, ſeinen Geldſack weit aufzuthun, und, um ſie von beſter Qualität zu haben, ließ er die Arzneien von Paris kom⸗ men. Er würde gewiß mit Freuden ſeine letzte Hufe Landes verkauft haben, um das Leben ſeiner Frau zu verlängern. Man hatte vornemlich in der Gegend, wo er war, lange Zeit von der emſigen, theilnehmenden Sorg⸗ falt geſprochen, die er der Verſtorbenen bis zu ihrem letzten Augenblick erwieſen, und von dem tiefen Schmerz, den er bei ihrem Verluſt bezeigt hatte. So waren es vielleicht eben dieſe Erinnerungen, die jene Worte uner⸗ 49 klärlich machten, die er ſich in einem Augenblick übler Laune aus Veranlaſſung der verlängerten Krankheit der armen Adeline hatte eutſchlüpfen laſſen. „Liegt die Schuld an der Kleinen da, wenn ſie lei⸗ dend iſt?“ ſagten die einen.„Die Apothekerwaaren, die ſie einnimmt, ſind es nicht, die ihren Vater ruiniren, denn erſt auf letzt Johannis hat er noch von den Ge⸗ brüdern Thibaut die Wieſe gekauft, ja ſie ſogar auf ein⸗ mal bezahlt, um ſie um einen billigeren Preis zu be⸗ kommen.“ „Ei!“ erwiederte ein anderer,„wenn ihm auch nicht ein Körnchen oder Hälmchen Haber auf dem Felde bliebe, wenn er außer ſeinen beiden Armen und ſeinem Handwerkszeug nichts mehr ſein eigen nennen dürfte, ſollte er darum alſo in ſein ſchlechtes Herz blicken laſ⸗ ſen? Iſt es zu allerletzt wohl wahr, daß er die Mutter ſo ſehr liebte, wenn er das Kind nicht leiden kann?“ Bei allen dieſen Geſprächen fand die Uebertreibung ſtatt, die von Munde zu Munde gehend aus einer Mücke einen Elephanten macht.“) Eines Tags hinterbrachte man Vater Protat, daß man in der Gegend ſagte, der Kummer, den er nach Frangviſe's Tode gezeigt habe, ſei nicht aufrichtig geweſen, da er ſein Kind martere, ſeit⸗ dem ſie nicht mehr am Leben wäre. Dieſe Eutdeckung erzeugte bei ihm einen jener Wuthanfälle, die einen Menſchen zum Mörder machen. Er forſchte nach der Perſon, die ſolche Reden geführt habe, und ſchwur, ſie vor aller Welt zum Widerruf zu bringen. Nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, daß es einer ſeiner Nach⸗ barn war, wartete er auf ihn am nächſten Sonntag auf dem Platz vor der Kirche, als man von der Meſſe kam. Sobald er ihn erblickte, ſprang er ihm an die Gurgel *) Im Tert: aus einem Strohhalm einen Balken macht. Murger, Adeline Protat. 1. 4 50 und gab ihm, ohne zu ſagen warum, eine ſchreckliche Tracht Prügel. Der Pfarrer, der eben die Kirche ver⸗ ließ, legte ſich ins Mittel, um den Frieden wieder her⸗ zuſtellen. „Herr Pfarrer,“ ſagte der Holzſchuhmacher,„das iſt nicht Rache, das iſt nur Gerechtigkeit. Dieſer Lump da hat geſagt, daß ich meine Frau nicht liebte und mein Kind unglücklich mache. Ich werde ihn nicht loslaſſen, als bis er Gott vor ſeinem Hauſe wegen ſeiner abſcheu⸗ lichen Lüge um Verzeihung gebeten hat, und wenn er nicht auf der Stelle gehorcht, ſo ſchneide ich ihm ſeine ſchändliche Läſterzunge zwiſchen ſeinen eigenen Zäh⸗ nen ab.“ In Betracht, daß der Holzſchuhmacher in der Stim⸗ mung war, ihm übel mitzuſpielen, unterzog ſich der Nach⸗ bar dieſer Buße, nicht ohne, ſobald er ſich frei ſah, gegen die Gewalt, deren Opfer er geworden war, zu pro⸗ teſtiren. Den Tag nach dieſer Scene, die verſchieden ausge⸗ legt wurde, ohne in der Meinung, die man von ihm hatte, einen Umſchwung herbeizuführen, begab ſich Vater Protat nach Nemours. Noch am Abend kam er mit einem neiten Wägelchen zurück, das mit einer weißen Ziege in bübſchem Geſchirr beſpannt war. Das Wägel⸗ chen war voll von Spielſachen aller Art. Vater Protat hatte mehr als hundert Franks ausgegeben, um aller Welt zu beweiſen, daß er ſeine Tochter anbetete. Bald ſah man die kleine Adeline in ihrem Fuhrwerk mit der weißen Ziege durch das Dorf Montignh kutſchiren. Das verurſachte ohne Zweifel große Unruhe, beſonders bei den Kindern, die nicht umhm konnten, das Wägelchen ſammt dem hübſchen Geſpann zu bewundern; aber wäh⸗ rend dieſes Triumphzugs ſchien die kleine Adeline keines⸗ wegs, ſelbſt nicht innerlich, die Freude zu empfinden, welche dieſes reiche Geſchenk bei ihr hätte erregen ſollen das ſich ihr Vater beim Anblick eines Kupferſtichs, der — — 51 den König von Rom in einer ähnlich beſpannten Equipage darſtellte, ausgedacht hatte. Als er nun mit einem Stolz, deſſen er kein Hehl hatte, im ganzen Dorfe herumſpazierte, war der Holz⸗ ſchubmacher erſtaunt, in den Augen ſeiner Tochter keinem Dank für das Vergnügen, dasſer ihr zu verſchaffen meinte, zu begegnen. Schläfrig in das Fuhrwerk zu⸗ rückgelehnt, ſah die Kleine, daß ſie betrachtet, errieth, daß ſie beneidet wurde, aber Nichts an ihrer Perſon zeugte von der Befriedigung der Eigenliebe, welche Kin⸗ der ehenſo wie Erwachſene für jeden Beweis der Auf⸗ merkſamkeit empfänglich macht. Als ſie an einem Hauſe vorüberkamen, wollte ein kleines Mädchen, das bei ſeiner Mutter ſpielte, näher treten, um die Ziege zu liebkoſen, und da es unwillkürlich das Vergnügen verrieth, das es an Adelinens Platze gefunden hätte, rief die Mutter das Kind zu ſich, nahm es auf die Arme und küßte es drei⸗ oder viermal, indem ſie ſo laut, daß der Holzſchuhmacher es wohl hören konnte, hinzuſetzte:„Laß Dir die Eifer⸗ ſucht vergehen, mein Kind, zärtliche Liebe iſt mehr werth, als ſchöne Spielſachen.“ Vater Protat ſpürte alsbald das Blut in ſeinen Adern kochen, denn dieſe Worte, die ihm als ein in⸗ direkter Vorwurf galten, waren von mehreren Perſonen gehört und verſtanden worden. Er ließ das Wägelchen halten, näherte ſich Adeline und küßte ſie gleichfalls mit den Worten: umarme Deinen Vater, mein Kind; aber unwillkürlich miſchte die Aufregung, die er zurückzuhalten verſuchte, dieſer Bewegung der Zärtlichkeit etwas Rohes und Ungeſchlachtes bei, und ſein kurz abgebrochenes Wort hatte den gebieteriſchen Ton eines Commando's. Das kleine Mädchen erſchrack und ſein Schrecken wurde ſicht⸗ bar. Während ſie ihm ſeinen Kuß zurückgab, bemerkte Vater Protat, daß ſie in ſeinen Armen zitterte, und als er ſie aus Beſorgniß, ſie möchte kränker ſein, näher be⸗ 52 trachtete, ſah er, daß ſie bleich war und ſich anſtrengte, nicht zu weinen. Kein einzelner Zug dieſer raſchen Scene ging für diejenigen verloren, welche Vater und Kind, eins ſo trau⸗ rig wie das andere, betrachteten.—„Das iſt der Ju⸗ das⸗Kuß,“ flüſterte die Mutter des kleinen Mädchens einer Nachbarin in die Ohren. Glücklicher Weiſe ver⸗ nahm der Holzſchuhmacher nichts von dieſem abſchenlichen Wort. Er kehrte mit ſeiner Tochter um, und da die kleine Ziege nicht von ſelbſt ging, eilte er ſo ſehr, nach Hauſe zu kommen, daß er ſie hart ſchlug, um ſie in ſchnellern Lauf zu bringen. Endlich kam er heim, toll vor Wuth und Verdruß. „Wie unglücklich bin ich!“ rief er, ſich mit der Fauſt vor die Stirne ſchlagend,„man glaubt, daß ich mein Kind nicht liebe, und ich weiß gewiß, daß mein Kind mich nicht mehr liebt!“ Während er ſo verzweifelt ſich geberdete, war die kleine Adeline zu Bette gegangen, von einem nervöſen Schmerz befallen, der von Zeit zu Zeit über ſie kam; aber durch die Gegenwart ihres Vaters eingeſchüchtert und fürchtend, geſcholten zu werden, wenn ſie deßhalb Lärm mache, wagte ſie nicht, weder zu klagen noch ſich zu rühren, ſo ſehr ſolche Kriſen bei Kindern, wie bei großen Perſonen, durch Ausbrüche des Schreiens ge⸗ wiſſermaßen erleichtert werden. Was ſie aber auch thun mochte, um ſich zurückzu⸗ halten, kam doch ein Augenblick, wo der Schmerz ſo heftig wurde, daß das Kind einen erſtickten Klagelaut, der zu den Ohren des Vaters gelangte, ſich entſchlüpfen ließ. Er ſprang ſogleich auf das Bettchen zu; aber die kleine Adeline, die ſeine Schritte gehört hatte, verkroch ſich unter die Decke und biß in das Leintuch, um das Geſchrei, das ihr der Schmerz auspreßte, zu unterdrü⸗ cken. Da ſie ſich entdeckt ſah, bildete ſie ſich ein, ihr Vater wäre wegen des Geränſches, das ſie gemacht ₰ 53 hatte, unzufrieden, und legte, um den Zorn zu beſchwö⸗ ren, den ſie in ſeinen, durch Kummer verſtörten Zügen zu leſen glaubte, die Hände über einander und ſagte zu ihm mit flehender Stimme:„Ach, Papa, zanke mich nicht, ich verſpreche Dir, nie mehr krank zu ſein.“ Dieſe einfachen Worte, die dem Holzſchuhmacher den Mangel an Geduld, den er mehrmals unter ähnlichen Umſtänden an den Tag gelegt hatte, in aller Unſchuld vorzuwerfen ſchienen, machten ihn betäubt vor Entſetzen. — Das arme Kind, das ſeit fünf Jahren, ſo lange es auf der Welt war, das Leben nur durch den Schmerz kannte, und ſich ſeines Leidens als eines Fehlers an⸗ klagte, war ein ſo herzzerreißendes Schauſpiel, daß deſ⸗ ſen Anblick eine Minute die Vernunft des Vaters er⸗ ſchüttern mußte.„Unglücklicher! Unglücklicher, der ich bin!“ rief er, ſeinen Thränen freien Lauf laſſend,„Du im Himmel droben, die Du die Wahrheit erkennſt, o meine theure Francoiſe, bitte den lieben Gott, daß er Mitleid mit mir hat und mir das Herz unſers Kindes wieder zuwendet!“ Der Holzſchuhmacher brachte die Nacht am Bette Adelinens zu, die am Morgen in einem beunruhigenden Fieber erwachte. Der in aller Eile berufene Arzt er⸗ ſchien verlegen. Er verſchrieb ſein Recept und entfernte ſich, ohne ein tröſtliches Wort geäußert zu haben. Pro⸗ tat küßte ſeine Tochter im Schlaf und begab ſich, nach⸗ dem er eine Wärterin bei ihr gelaſſen, in die Kirche. Der Holzſchuhmacher war kein Frommer; aber in Ermang⸗ lung von Frömmigkeit beſaß er den religiöſen Glauben, der auf die Vorſehung vertraut und weiß, daß für die größten Leiden hienieden die letzte Heilung nur von oben kommen kann. Zu ihren Lebzeiten hatte ſeine Frau es ihm abgewöhnt, übel von den Prieſtern zu reden, die in gewiſſen Gegenden auf dem Lande noch den ſtrengen Folgen eines groben Vorurtheils unterworfen ſind, das im Geiſte des Volks durch die philoſophiſchen Doktrinen des vorigen Jahrhunderts, die ſich durch den alten Li⸗ beralismus fortpflanzten, verbreitet wurde. Wenn der Holzſchuhmacher dem Pfarrer von Montigny begegnete, ermangelte er nicht, ihn zu grüßen und ihm alle die Achtung zu erzeigen, die der Greis verdiente. Der Hülfsgeiſtliche des Dorfs war ein irländiſcher, in Frank⸗ reich ordinirter Prieſter. Seine Aufopferung und Men⸗ ſchenliebe hatten Gelegenheit gehabt, die erſte Waffen⸗ probe in ſeinem unglücklichen Vaterland abzulegen, das Gott ausdrücklich mitten in die Meeresfluthen verſetzt zu haben ſcheint, damit es andere Völker nicht mit ſeinem Elend anſtecken möchte. Die Uneigennützigkeit dieſes un⸗ vekannten und frommen Dieners des Himmels brachte ihn manchmal in eine ebenſo dürftige Lage, wie das ärmſte ſeiner Pfarrkinder. Er hatte faſt Nichts für ſich; aber das Wenige, das er beſaß, war Gemeingut von Allen, und ſeine evangeliſche Menſchenliebe Jedermann zugänglich. Auch ſchickte der Holzſchuhmacher, da er oft bemerkte, daß während der harten Winterkälte der Schorn⸗ ſtein des Pfarrhauſes der einzige in der ganzen Gegend war, wo man keinen Rauch ſah, von Zeit zu Zeit eine Eſelslaſt Reiſig oder eine halbe Fuhre Abholz von den Lußbäumen aus ſeinem Walde ihm zu. Als Protat ſich gegen die Kirche wandte, begegnete er dem Pfarrer, der eben herauskam, und dieſer ſchien erſtaunt, ſein Pfarr⸗ kind zu ſinden, das für gewöhnlich nicht in die Kirche ging, außer um der Meſſe am Jahresſchluß, die zun Andenken ſeiner Fran geleſen wurde, beizuwohnen. „Haben Sie mit mir zu ſprechen?“ fragte det Prieſter. „Nein, Herr Pfarrer, nicht mit Ihnen, ſondern mit dem lieben Gott. Ich will ihn bitten, ſich meiner klei⸗ nen Tochter zu erbarmen, die ſich ſehr übel befindet.“ „Gott höre Sie und erfülle Ihr Gebet!“ antwortete der Prieſter.„Ich will gleichfalls zu ihm beten, daß er Ihnen Ihr Kind erhalte.“ Und dann ſetzte er ſanſt 55 und in einem Tone, welcher dem Holzſchuhmacher die Seltenheit ſeiner Kirchenbeſuche vorzuhalten ſchien, hinzu: „Gott iſt nicht wie die Menſchen, die man nie trifft, wenn man ſie braucht. So ſelten man auch zu ihm kommt, man iſt immer ſicher, ihn zu finden. Treten Sie ein, Vater Protat,“ fügte er bei, nach der Kirchen⸗ thüre zeigend;„Sie werden allein ſein.“ „Ich habe keine Furcht, mich ſehen zu laſſen,“ ant⸗ wortete der Holzſchuhmacher feſt.„Ich möchte im Ge⸗ gentheil, daß das ganze Dorf da wäre, mein Gebet zu hören. Wenn man es gehört hätte, würde man vielleicht nicht die häßlichen Dinge, wie jetzt, ſagen.“ Der Pfarrer kannte unbeſtimmt die Verleumdungen, deren Gegenſtand ſein Pfarrkind war. „Ich weiß, daß Sie ein ehrlicher Mann und ein zärtlicher Vater ſind,“ ſagte er zu Protat.„Der, zu dem Sie beten, weiß es auch, und deßwegen wird er Ihnen Gehör geben.“ „Dank Ihnen, daß Sie mir das geſagt haben, Herr Pfarrer, erwiederte der Holzſchuhmacher bewegt;„es wird mir Vertrauen machen“ Und er trat in die Kirche. Es war ein kleines, ländliches Gotteshaus, an dem man keinen Anſchein von Luxus bemerkte. Die Wände waren mit Kalk getüncht und nackt, mit Ausnahme von einem Dutzend grob colorirter und mit Tannenholz ein⸗ gerahmter Lithographieen, welche die zwölf Stationen des Wegs zum Kreuze darſtellten. Der Hochaltar, im Hintergrund des Schiffs befindlich, hatte keine künſtliche Verzierung. Das Altartuch war ſehr weiß, aber ohne Stickerei und an tauſend Stellen ausgebeſſert. Die Leuchter waren von gedrechſeltem Holz, das Kreuz von ſilberähnlichein Metall, und um es länger zu erhalten, verhüllte man es mit einem Stück Gaze, das nur an Sonn und Feſttagen abgenommen wurde. Der Chor war mit einem Halbdutzend Stühlen von gefirnißtem Eichenholz, ohne Schnitzarbeit, ungeben. Mitten im 56 Chor brannte die Lampe des Tabernakels(Sakrament⸗ häuschens), des einzigen Gegenſtandes von Werth, der zum Kirchengut gehörte. Dieſe Lampe war von Silber und von dem Biſchof der Diöceſe während einer ſeiner Rundreiſen in die Kirche von Montigny geſtiftet. In dieſem beſcheidenen, zu ſeiner Verehrung erbauten Hauſe erſchien Gott ebenſo arm, als am Tage, da er in einem Stalle zur Welt gekommen war. Der Eindruck, den man inmitten dieſer Einfachheit empfindet, war vielleicht nicht derſelbe, der ſich unter den Gewölben großer Ba⸗ ſiliken der Seele bemächtigt; aber dort wurde der Ge⸗ danke nicht gewaltſam durch die Bewunderung zerſtreut, welche die Meiſterwerke und Wunder des menſchlichen Geiſtes, der in Kathedralen die Größe der Gottheit er⸗ höht und verherrlicht, erregen. Knieend auf dem nackten Boden fühlte der Chriſt, der zu beten hieher kam, daß ſein Gebet dem, der ihn hören ſollte, weniger ent⸗ fernt war. Im Augenblick, da Vater Protat das Innere der Kirche betrat, ſtörte ein ſonderbares Geräuſch die Stille des heiligen Orts: es waren Bataillone von Ratten, welche in dem verfallenen Gebälke des Dachwerks herum⸗ liefen. Dieſe läſtigen Gäſte waren ſo keck geworden, daß der Kirchendiener genöthigt war, jeden Abend die Kerzen aus den Leuchtern zu entfernen, damit ſie nicht während der Racht gefreſſen würden. Der Holzſchuh⸗ macher ging weiter, vor der Kapelle der heiligen Jung⸗ frau niederzuknieen. Es war eben dieſelbe, wo vor ſiebzehn Jahren ſeine Ehe eingeſegnet worden. Man ſtand damals im Monat Mai, vorzugsweiſe der Ver⸗ ehrung Maria's geweiht, und die Kapelle war mit Blu⸗ men geſchmückt, deren durchdringender Geruch dieſe ganze Ecke der Kirche durchduftete. Der Vater Adelinens be⸗ tete lange mit wahrer Inbrunſt und jener rührenden Beredtſamkeit, welche ein aufrichtiger Schmerz auf die Lippen der roheſten Weſen legt. Er weinte die heißen 57 Thränen, welche auf den Wangen brennen, und fand leidenſchaftliche Anrufungen, welche das gefühlloſeſte We⸗ ſen erweicht hätten. Es war ein Augenblick, wo durch das Spiel des äußeren Lichtes das eine der Fenſter der Kapelle ſein roſiges Colorit auf die Geſtalt der Jung⸗ frau warf, und eine Minute bekleidete ſich die Weiße des Gypſes mit dem Schein lebendigen Incarnats. In ſeiner Aufregung glaubte der Vater, der für ſeine Toch⸗ ter die heilige Jungfrau, deren mütterliches Herz von ſieben ſchmerzhaften Schwertern durchbohrt worden war, anflehte, Mitleid von ihr bei der Erzählung ſeiner Lei⸗ den wahrzunehmen, und es ſchien ihm, als ob ſie mit einem Lächeln der Barmherzigkeit ihm ihren Schutz ver⸗ hieße. Ehe er die Kapelle verließ, gelobte der Holz⸗ ſchuhmacher, die erſte Waiſe, von der er in der Gegend hörte, aufzunehmen und zu erziehen. Protat nahm aus der Kirche eine flüchtige Hoffnung mit ſich, die bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe faſt verwirklicht werden ſollte. Er fand daſelbſt Adeline ruhiger, als er ſie verlaſſen hatte, und das Kind drückte das Wohlbefinden, das es empfand, damit aus, daß es die Lippen wie zum Lächeln öffaete. Zum erſtenmal ſeit langer Zeit zeigte ſie ihrem Vater ein theilnehmenderes Geſicht und bat ihn um ihre Spiel⸗ ſachen, ohne daß ihre Stimme eine Furcht, es möchte ihr abgeſchlagen werden, zu verrathen ſchien. Jeder der folgenden Tage führte eine fühlbare Beſſerung im Zu⸗ ſtande der kleinen Adeline herbei, und nach zwei Wochen ſchien ſie, wenigſtens auf einige Zeit, vollkommen her⸗ geſtellt zu ſein. Fünftes Rapitel. Die Adoptiv⸗Tochter. Eines Morgens fuhr der Holzſchuhmacher, der die Fiſchereigerechtigkeit am Uferlande hatte, in einem Na⸗ chen über den Fluß, um ſeine Grundleinen zu viſitiren. Als er an einem Stege ankam, der ſeitdem durch eine Hängebrücke erſetzt worden iſt, veranlaßte ihn ein plötz⸗ liches Geſchrei, den Kopf emporzuheben; das doppelte Geſchrei wurde von zwei Damen ausgeſtoßen, die er auf der Brücke erblickte, wo ſie Zeichen unausſprechlichen Entſetzens gaben. Der Grund dazu war folgender: Das Kind der jüngern Dame, ein Mädchen von fünf Jahren, war in das Waſſer gefallen. Als es ſich, um die Landſchaft zu beſchauen, auf eine dünne, halb zerbrochene Stange ſtützte, welche das Geländer bildete, hatte das Holz unter dem Gewicht des Körpers, ſo leicht er war, nachgegeben, und ehe ſie es zurückhalten konnte, war es ſeiner Mutter entfallen. Der Loing iſt nicht ſehr tief, aber an dem Orte, wo das Ereigniß vorfiel, das Bette mehr eingeengt und die Schnelligkeit des Laufs dadurch beſchleunigt. Das Kind war ſchon mehr als zwanzig Schritte davon, als der Holzſchuhmacher deſſen Sturz bemerkte; er machte der Mutter ein Zeichen, ihr zu bedeuten, daß er ihrer kleinen Tochter Beiſtand leiſten wolle. Protat befand ſich mitten im Fluß und an einer Stelle, wo er, in ganzer Breite, durch hohes, ſo inein⸗ ander verwachſenes Gras verſperrt iſt, daß die Bewe⸗ gung des ſchwächſten Fahrzeugs nur mit Hülfe der Ru⸗ dergabel möglich iſt. Der Holzſchuhmacher überlegte, daß das Spiel der kleinen Ruder gehemmt ſein würde, und 59 ehe dieſes Hinderniß beſeitigt wäre, das Mädchen zehn⸗ mal ertrinken könnte. Zu großer Unruhe der beiden Frauen, die nichts von dieſem Manveuvre verſtanden, lief er alſo, ſtatt in ſeinem Bvot Fluß abwärts zu gehen, an einer Uferkante an, ſteuerte, ſobald er das Land be⸗ rührt hatte, geſchwind darauf los, und gelangte in eini⸗ gen Sekunden an die Stelle, wo das Mädchen nun vor⸗ über kam, das Anfangs durch ſeine Kleider noch über dem Waſſer gehalten worden war, aber jetzt unterzuſinken anfing. Protat warf ſich ins Waſſer; mit drei Arms⸗ längen erreichte er das Kind, das eben unterſinken wollte. Am jenſeitigen Ufer anlangend, fand er daſelbſt die bei⸗ den Frauen, die ihm entgegen geſprungen waren. Die junge Mutter war außer ſich vor Schmerz; als ſie ſah, daß ihr Kind noch athmete, gerieth ſie außer ſich vor Freude. Der Holzſchuhmacher bot ihr an, in ſein Haus zu kommen, um der kleinen Ertrunkenen den erſten Bei⸗ ſtand zu leiſten. Sobald man daſelbſt angekommen war, zündete Protat in ſeinem großen Kamin ein Reiſigbüſchel an und ſtellte Adelinens ganze Garderobe den Damen zur Verfügung. Nach zwei Stunden war das Kind wie⸗ der völlig zum Bewußtſein gekommen. Als ſeine Groß⸗ mutter einen Augenblick auf die Straße ging, um den vor dem Hauſe verſammelten Bauern den Vorfall zu er⸗ klären, unterbrach einer von ihnen barſch die Lobſprüche, mit denen ſie den Retter ihrer Enkelin überhäufte. „Er hat Glück, der Holzſchuhmacher; für ein elendes Fußbad, das er genommen, wird man ihm eine große Belohnung geben.“ „Ei ja!“ ſetzte ein Anderer hinzu,„und wenn ſeine Kleine ins Waſſer gefallen wäre, hätte er vielleicht zwei⸗ mal umgeſehen, ehe er ſich ein wenig naß machte.“ Nachdem die alte Frau genaue Nachfrage unter den Bauern, die am übelſten auf Adelinens Vater zu ſpre⸗ chen waren, gehalten hatte, fühlte ſie ſich durch deren vertrauliche Mittheilungen überzengt, daß dieſer Menſch der eben ihre Enkelin den Fluthen entriſſen hatte, ein unnatürlicher Vater ſeie, und war nicht abgeneigt, zu glauben, dieſe Rettung ſeie, wie ſie ſagen gehört hatte, weniger von freiwilliger Aufopferung, als überlegtem In⸗ tereſſe eingegeben worden. Bei der Rückkehr in das Haus beobachtete ſie die kleine Adeline, die ſie kaum Zeit zu bemerken gehabt hatte, genauer, und da ſie dieſelbe bleich und kümmerlich fand, ſchrieb ſie dieſen Schein von Kraftloſigkeit der übeln Behandlung und Nachläſſigkeit zu, deren ſich der Vater in ihren Angen ſchuldig gemacht hatte. In der Zwiſchenzeit trat der Tochtermann der alten Dame, der ſich während des Vorfalls in einem Hauſe der Nachbarſchaft befand, ganz verſtört in die Wohnung des Holzſchuhmachers. Als er ſein Kind am Leben und be⸗ reits im Stande fand, ſeine Liebkoſungen zu erwiedern, warf er ſich Protat in die Arme und küßte den Bauer mit einer Anwandlung von Aufrichtigkeit, durch welche dieſer tief gerührt wurde.—„Was kann ich für Sie thun, braver Mann?“ ſetzte er hinzu;„Sie haben meine kleine Cécile gerettet, und es hieße mir einen neuen Dienſt erweiſen, wenn Sie mir ein Rittel angäben, Ih⸗ nen meine Dankbarkeit zu bezeigen.“ In dem Manne, der ſo ſprach, hatte Protat einen der reichen Eigenthümer der Umgegend erkannt, den Marquis von Bellerie, der ein Schloß zu Moret beſaß, wo er während der ſchönen Jahreszeit wohnte. „Herr Marquis,“ antwortete er mit einer gewiſſen Würde,„ich habe gethan, was der erſte beſte an meiner Stelle auch gethan hätte, und deßhalb mich keiner Gefahr ausgeſetzt. Ich bin überdieß hinlänglich durch die Freude belohnt, daß ich im Stande war, ein Kind ſeinen Eltern wieder zurückzugeben, denn ich, der ich ſelbſt Vater bin, begreife dieſes Glück,“ ſetzte er hinzu, Adeline um⸗ armend. „Welche Heuchelei!“ ſagten die beiden Frauen, 61 welche bereits Zeit gefunden hatten, ſich zu ſprechen; und die junge Marquiſe nahm ihren Gemahl bei Seite und unterhielt ſich leiſe eine Minute mit ihm. Sie wie⸗ derholte ihm ohne Zweifel, was ihre Mutter ihr mit⸗ getheilt hatte, denn das Geſicht des Marquis drückte plötz⸗ lich Unwillen aus, und als er zu dem Holzſchuhmacher zurückkehrte, konnte dieſem die plötzliche Veränderung nicht entgehen, welche in ſeiner Miene ſtattgefunden hatte. „Wir haben Ihnen Ungelegenheiten verurſacht, und es iſt billig, daß Sie dafür entſchädigt werden,“ ſagte der Marquis, ſeinen Empfindungen und gewöhnlich leut⸗ ſeligen Manieren Zwang anthuend, um ihnen einen hoch⸗ müthigen Charakter zu geben, von dem Protat ſogleich mißfällig betroffen wurde. „Weil Sie mich denn abſolut bezahlen wollen, Herr Marquis..„ Bei dieſem Wort des Holzſchuhmachers lief ein ge⸗ ringſchätziges Lächeln über die Lippen des Edelmanns; er nahm ein kleines Portefeuille aus der Taſche und warf es auf einen Tiſch, während ſeine Blicke ſeiner Frau und Schwiegermutter zu agen ſchienen: das iſts, was dieſer Menſch erwartete. Alle dieſe Leute haben den⸗ ſelben niedrigen Inſtinkt der Habgier. Der Holzſchuh⸗ macher errieth den Sinn dieſes raſchen Blicks. Der alte, im Volke liegende Gährungsſtoff regte ſich in ihm und reizte ihn gegen dieſe Adeligen auf, die ihn ſo ſchlecht verſtanden hatten. Er betrachtete den Marquis mit einer vor Scham rothen Stirne und einem Ausdruck des Stolzes, der dem ſeinigen zum wenigſten gleich war; dann antwortete er nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen, mit zurückgehaltener Stimme, auf das Bank⸗ billet deutend: „Weil Sie demnach auf dieſe Weiſe die Sache ab⸗ thun wollen, Herr Marquis, ſo will ich Ihnen Ihre Rechnung machen und ſie wird nicht lang ſein. Ich habe zwei Reiſigbüſchel zu drei Son verbrannt, um Ihre Toch⸗ 62 ter zu trocknen; das macht uns ſechs Sou; ich habe ihr die Kleider meiner Kleinen geliehen, die man wieder wa⸗ ſchen muß, ein Hemd, ein Leibchen, ein Unterröck⸗ chen, ebenfalls ſechs Sou; das macht zwölf; weiter zwei Gläſer Zuckerwaſſer für die Damen, vier Sou, das macht ſechzehn. Was meine verlorene Zeit betrifft, ſo rechne ich ſie nicht; denn ich habe die Mittel, herumzu⸗ ſchlendern. Wir ſagten alſo, Herr von Bellerie, daß Sie mir ſechszehn Son ſchuldig ſind. Wenn Sie kein Kupfer haben,“ ſetzte er, das Bankbillet nehmend, hinzu, ſo will ich Ihnen herausgeben. Bei dieſen Worten leuchtete die ſpöttiſche und ergrimmte Freude Jacques Bonhomme's, da er ſeinen Herrn demüthigte, in des Holzſchuhmachers Miene auf; aber der Marquis beſchränkte ſich, kalt dar⸗ auf zu antworten: „Die Marquiſe und ich können nicht zugeben, daß man uns umſonſt gedient hat. Behalten Sie dieſe Summe,“ fügte er, auf das Bankbillet weiſend, hinzu. „Ich bin nur der Diener meines Willens,“ ſagte Protat,„und ich gehorche ihm immer, wenn er mich Gutes zu thun heißt. Er rieth mir plötzlich, einem Ge⸗ ſchöpf in Gefahr beizuſpringen; ich habe es mir nicht zweimal ſagen laſſen; er verbietet mir jetzt, den Preis für eine Handlung anzunehmen, die Sie aufänglich Auf⸗ opferung genannt haben, und hernach als ein Geſchäft anzuſehen belieben, ich werde mir ſein Verbot nicht zwei⸗ mal wiederholen laſſen.“ „Was wollen Sie denn von uns?“ fragte ſanfter der Marquis, der zu glauben begann, daß die Worte und Hand⸗ lungen dieſes Mannes von einem wirklich ehrenhaften Gefühl eingegeben ſeien, und ihn gekränkt zu haben fürchtete. „Ganz einfache Dankbarkeit,“ antwortete der Holz⸗ ſchuhmacher;„ein freier, aus dem Herzen kommender Dank und eine geringe, kleine Liebkoſung für meine Toch⸗ ter, die der ihrigen ihre Kleider und ihr Bett geliehen 63 hat, und die Sie, eines wie das andere, nicht einmal angeſehen haben,“ fügte er mit einem Ton des Vor⸗ wurfs bei. Der Marquis ſah ſeine Mutter und Gattin an, die Protat mit Erſtaunen betrachteten. „Nun wie! was haben Sie mir geſagt?“ ließ ſich der Marquis entſchlüpfen und zeigte mit einem Wink gegen beide Frauen auf Protat, der ſich Adelinen, ſie zu liebkoſen, genähert hatte. Bei jenen Worten wandte ſich der Holzſchuhmacher um; er ſah die verlegene Stellung der drei Perſonen und las in ihren Mienen das Erſtau⸗ nen, das ihnen dieſer Eifer für ſein Kind zu verurſachen ſchien. Mit einer raſchen Geberde ſchlug er ſich an die Stirne und rief dann lebhaft aus:—„Ich wette, man hat über mich bei Ihnen in der Gegend geſchwatzt.“ Frau von Bellerie und ihre Mutter ſchwiegen ſtille, aber der Marquis beantwortete die Frage Protats mit einer bejahenden Neigung des Kopfes. „Gottes Donner!“ rief der Holzſchuhmacher, auf einen Stuhl ſinkend;„dieſe Lumpen werden mich noch zu einem Verbrechen treiben.“ Der Marquis, ſeine Gattin und Schwiegermutter beeiferten ſich, über ſeinen aufgeregten Zuſtand beſorgt, ihn zu beruhigen. Während deſſen unterhielt ſich die kleine Marquiſe, die ſich völlig von ihrem Unfall erholt hatte, in einer Ecke mit Adeline, die derſelben ihre Spiel⸗ ſachen zeigte. Nachdem er etwas kaltblütiger geworden war, be⸗ durfte es nicht vieler Worte von Protat, um den ſchlech⸗ ten Eindruck zu zerſtören, den die elenden Verläumdungen im Herzen ſeiner Gäſte hervorgebracht hatten. Die alte Dame, welche die Bauern nicht leiden konnte und in Sprichwörtern redete, mochte immerhin zu verſtehen geben, kein Rauch wäre ohne Feuer, der Marquis und ſeine Gattin hatten erkannt, daß nur das Herz eines guten Vaters ſolche Regungen der Zärtlichkeit und des Unwil⸗ 64 lens finden konnte, wie ſie der Holzſchubmacher an den Tag gelegt hatte, da er von ſeiner Tochter und den Ge⸗ rüchten ſprach, die durch die Schlechtigkeit des Publikums über ihn verbreitet worden waren. Als der Marquis und ſeine Gattin an die Heimkehr dachten, hatten ſie alle Mühe von der Welt, die kleine Cecile, die ſchon mit Adeline befreundet worden war und ſie nicht verlaſſen wollte, fortzubringen. Ihrerſeits hatte die Tochter des Holzſchuhmachers an dieſen gemeinſchaft⸗ lichen Spielen ein ihr ganz neues Vergnügen gefunden, und ſchien die Vorbereitungen zur Abreiſe, die ſie von ihrer kleinen Geſellſchafterin trennen ſollten, mit Schmerz zu betrachten. Beim Einſteigen in den Wagen, der ſie an Protats Thüre erwartete, drückten Cecile's Eltern dem Holzſchuhmacher zum letzten Male ihren Dank aus, und die junge Marquiſe nahm Adeline in ihre Arme und küßte ſie mit einer ganz mütterlichen Zärtlichkeit, welche das Kind mit Liebkoſungen erwiederte, die dem Vater eine Bewegung der Eiferſucht zu verurſachen ſchienen. Drei oder vier Tage nach dieſen Ereigniſſen, als man noch in ganz Montigny davon ſchwatzte, fand Protat, vom Felde heimkehrend, zu großem EFrſtaunen Frau von Bellerie in ſeinem Hauſe, welche ſeine Rück⸗ kunft erwartete und ſich mit einem ſchon bejahrten Mann in ihrer Begleitung unterhielt. Nach einigen Worten freundſchaftlicher Artigkeit ſtellte die Marquiſe Protat den Fremden vor. „Mein Herr,“ ſagte ſie ihm,„es iſt Doctor C., einer der großen Aerzte von Paris und Freund unſerer Familie. Er iſt auf einige Tage nach dem Schloß ge⸗ kommen und mir fiel ein, ich wolle ihn hieher bringen, damit er Ihre kleine Tochter unterſuche. Ich habe ihm Alles, was Sie mir von ihrer Krankheit mittheilten, er⸗ zählt. Dieſen Augenblick hot er Ihre Tochter geſehen, und iſt jetzt hinlänglich unterrichtet, Ihnen zu ſagen, was er davon hält. 3 65 Eine große Unruhe malte ſich auf dem Geſicht des Polzſchuhmachers, der wechſelsweiſe den Doctor und die arquiſe anſchaute. „Sollte der Herr mir Schlimmes über meine arme Kleine zu ſagen haben 7“ fragte er, ſich vor dem be⸗ rühmten Arzte verbengend, deſſen kaltes Ausſehen wirk⸗ lich nichts ſehr Beruhigendes hatte. Ehe er eine Ant⸗ wort gab, wies derſelbe mit dem Finger auf die kleine Adeline, welche mit der Tochter der Marquiſe im Zim⸗ mer ſpielte. Errathend, daß man ſich mit ihr beſchäf⸗ tigte, und durch die Fragen, welche der Arzt vor der Ankunft ihres Vaters an ſie geſtellt hatte, verwirrt, ſchien das Kind, ſelbſt beim Spiel, mit einem Ohr auf der Lauer zu ſtehen. Frau von Bellerie hatte den Ge⸗ danken des Doctors errathen, nahm alſo die beiden Kin⸗ der an der Hand und führte ſie in den kleinen Garten, der ſich hinter dem Hauſe befand. Als ſie allein waren, fragte der Arzt, indem er Protat feſt anſah: „Haben Sie Muth, braver Mann?“ „Mein Herr und Gott!“ rief dieſer, auf einen Stuhl ſinkend.„Gerade ſo, wie mir der Doctor von Fontainebleau zur Antwort gab, als ich ihn fragte, was er von meiner armen Seligen halte, und drei Tage nachher. hat man ſie ins Grab gelegt. Soll meine arme Kleine 2 „Beruhigen Sie ſich,“ entgegnete der Doctor,„der Zuſtand Ihres Kindes iſt kein verzweifelter, aber er wird Sie nöthigen, einen Entſchluß zu faſſen, der einem Vater viel koſten muß. Deßwegen fragte ich Sie, ob Sie Muth haben. Hören Sie mir zu: Ihre Tochter iſt von demſelben Uebel befallen, das ihre Mutter ge⸗ tödtet hat. Derjenige meiner Collegen, der ſie behandelt hat, muß das ebenſo gut wiſſen, wie ich.“ „Aber noch ganz vor Kurzem“, ſiel Vater Protat ein,„hat mir der Arzt von Montigny doch etwas wie Murger, Adeline Protat. 5 Hoffnung gegeben; er ſagte, wenn ſie älter und ſtärker würde, könne die Kleine ſich noch herausreißen.“ „Mein College hatte Recht, ſo zu reden, obwohl er ohne Zweifel an ſeine Worte ſelbſt nicht glaubte,“ ſagte Doctor C... Sſelbſt bei der traurigſten Gewißheit iſt es unſere Pflicht, ſie nicht merken zu laſſen. Außerdem waltet znweilen über die Wiſſenſchafi hinaus der Zufall... Ihr Kind kann gerettet werden; aber wenn es bei Ihnen, in dieſer Gegend bleibt, wird es ohne ein Wun⸗ der das Ende ſeiner Kindheit nicht erreichen.“ Als er dieſe Worte hörte, die mit einem Tone der Gewißheit ausgeſprochen wurden, der den Erklärungen der Wiſſenſchaft die Feierlichkeit eines Todesurtheils verleiht, fühlte der Holzſchuhmacher einen Schauer durch den Körper laufen. Er betrachtete aufmerkſam das Geſicht des Doctors, wie um in ſeinen Zügen zu entdecken, welches der wahrhafte Gedanke ſei, der den gegen ihn ausge⸗ ſprochenen Worten: Ihr Kind wird ſterben, wenn es bei Ihnen bleibt, zu Grunde liege. „Mein Herr,“ ſagte Protat, ſeine Aufregung ver⸗ bergend,„ich liebe meine Tochter leidenſchaftlich. Es iſt das einzige Kind, das ich von einer Frau hatte, die ich noch jetzt wie am erſten Tage ihres Verluſtes be⸗ trauere. Es wird mir nichts zu theuer ſein, dieſes arme Geſchöpf am Leben zu erhalten, das, ſo lange es auf der Welt iſt, nichts als zu leiden und zu weinen hatte. Wenn ich eines Tages ihr Bettchen leer ſähe, bliebe mir, ich ſchwöre es Ihnen, nichts übrig, als mich in unſern Fluß zu ſtürzen, da, wo er am tiefſten iſt; denn wenn ich nicht ſtürbe, würde ich ein elender Schurke werden. Ich will alſo Alles, was geſchehen muß, thun, Alles, Herr Doctor Obwohl Sie von Paris ſind, würde ich Sie hieher kommen laſſen, dieſelbe zu behandeln, und Ihnen Ihre Beſuche bezahlen, ohne Sie zu bitten, es billig zu machen. Ich bin nicht ſo arm⸗ als ich ausſehe. Ich habe Vermögen in der Gegend, 67 ohne das baare Geld zu erchnen, von dem ich Niemand etwas ſchuldig bin. Iſt es nöthig, mag Alles darauf gehen, bis auf meinen letßten Sou. Wenn ich meine kleine Adeline mit einem dicken, rothen Geſicht ſehe, werde ich nicht glauben, daß dieſe Farbe zu theuer erkauft ſein wird; aber ich begreife nicht recht, warum Sie mir ſag⸗ ten, ſie könne nur geneſen, wenn ſie aus meiner Nähe hinwegkommt. Muß man ſie nach Paris bringen, um ſie beſſer zu behandeln? Wenn es das iſt, was Sie ſagen wollten, ſo ſoll es nicht lange anſtehen, bis wir unſer Bündel geſchnürt haben.“ „Der Aufenthalt in Paris würde ebenſo wenig hel⸗ fen, als der hier auf dem Lande, und noch weniger,“ erwiederte der Doctor;„laſſen Sie mich vollenden. Frau von Bellerie, die mich hieher gebracht hat, ſchickt ſich an, auf einige Zeit im ſüdlichen Frankreich ihren Aufenthalt zu nehmen Im Augenblick, als ſie mich in Betreff Ihres Mädchens fragte, antwortete ich ihr: Das inzige, was dieſes Kind retten kann, iſt die warme Sonne und die geſunde Luft eines andern Clima's, aber wie ſoll man dieſem armen Mann ſagen: Ihre Tochter wird ſterben, wenn ſie nicht in Italien oder auf den Hyeriſchen Inſeln wohnt? Die Marquiſe unterbrach mich mit den Worten: Wir ſind im Begriff, nach der Pro⸗ vence zu reiſen, wo wir vielleicht zwei Winter bleiben werden; dieſer brave Mann hat mein Kind vom Tode gerettet; wenn das Leben ſeiner Tochter von ein wenig Sonne abhängt, ſo ſagen Sie ihm, daß wir ſie mit uns nehmen wollen. Jetzt,“ ſagte der Doctor mit einem Blick auf den Holzſchuhmacher,„iſt mein Auftrag zu Ende. Die Marquiſe iſt die beſte der Frauen; ſie wird für Ihr Kind wie die zärtlichſte Mutter ſorgen. Die Dankbarkeit, die ſie Ihnen ſchuldet, iſt eine Bürgſchaft für die Liebe, die Ihr Kind im Schvoße dieſer Familie erwartet, wo man es wie die Schweſter der kleinen Ce⸗ cile behandeln wird. So ſehr der Augenſchein mich ver⸗ 68 pflichtet, Sie von dem gefährlichen Zuſtande, in dem Ihre Kleine ſich befindet, zu unterrichten, ſo gewiß kann ich es auf mich nehmen, Ihnen Hoffnung zu deren Ge⸗ neſung zu machen, wenn Sie einwilligen, ſich von ibr zu trennen und ſie mit Frau von Bellerie ziehen zu laſſen. Sie und ich haben keinen Augenblick gedacht, daß es bei Ihnen noch der Ueberlegung bedarf,“ ſetzte der Arzt hinzu, als er bemerkte, daß der Holzſchuhmacher keine Antwort gab. Eben jetzt kehrte die Marquiſe mit den beiden Kindern in das Zimmer zurück. „Ihre Kleine klagt über Kälte,“ ſagte ſie zu Protat, auf Adelinen weiſend, die ſie in Cecile's Pelerine ge⸗ hüllt hatte. Protat nahm Adeline auf die Kniee und küßte ſie ſtillſchweigend. Während deſſen fragte die Mar⸗ quiſe den Doktor mit einem Blick, nach dem Holzſchuh⸗ macher winkend, der in ſeine Betrachtungen verſunken ſchien. Der Arzt machte eine Bewegung, die ſagen wollte: er hat noch nicht geantwortet. Adeline, der es in den Armen ihres Vaters nicht recht wohl zu ſein ſchien, ließ ſich einen leiſen, trockenen Huſten entſchlüpfen, und die Anſtrengungen, die ſie machte, malten ſich auf ihrem Ge⸗ ſichte in einer ſchmerzhaften Zuſammenziehung ab. So⸗ bald der Anfall vorüber war, ſchien das Kind, wieder ſorglos wegen des Uebels geworden, an das es ſchon ge⸗ wöhnt war, ſich bewundernd in dem reichen, weißſeidenen Pelze, mit dem es bekleidet war, zu betrachten. „Nun!“ ſagte die Marquiſe dem Holzſchuhmacher, auf ſeine Tochter weiſend,„der Doktor hat Ihnen geſagt⸗ was geſchehen muß... „Mich von ihr trennen!“ murmelte der Vater traurig, und bei dieſen Worten ſchaute er den Arzt an, und ſchien in Gedanken ihn zu fragen:„iſt es denn gewiß wahr, was Sie mir ſagten?“ Ein neuer Anfall von Huſten, heftiger als der erſte, unterbrach die kleine Adeline mitten in einem Ausbruch 69 des Lachens, und eine Schattirung dunkeln Roths färbte vorübergehend den oberen Theil ihrer abgezehrten Wangen. „Erkennen Sie das Uebel der Mutter in dem Leiden des Kindes?“ fragte der Arzt Protat, der ſtumm blieb. „Ja, mein Herr,“ antwortete er ſchwach,„es iſt un⸗ glückſeliger Weiſe ganz daſſelbe, aber wenn meine arme Frau da wäre, ich glaube gewiß, ſie würde das Kind nicht von ſich laſſen: ſie würde zu ſehr Angſt haben, es nicht mehr wiederkommen zu ſehen.“ Inzwiſchen trat der Pfarrer von Montigny, der ge⸗ rade an Protat's Hauſe vorbeiging, herein, wie er oft that, um ſich nach Adeline zu erkundigen. Als er Fremde bemerkte, wollte er ſich wieder zurückziehen, aber die Marquiſe und der Doktor baten ihn gemeinſchaftlich, zu bleiben, und theilten ihm in einigen Worten mit, wovon die Rede war. „Als Vater und Chriſt, iſt Ihre Pflicht, es anzuneh⸗ men,“ ſagte der Prieſter ernſt, gegen den Holzſchuhmacher ſich wendend.„Erſt vor Kurzem haben Sie Gott um die Wohlfahrt Ihres Kindes gebeten. Ohne Zweifel hat er Sie erhört, denn die Vorſehung iſt es, die ſich in der Theilnahme offenbart, welche die Frau Marquiſe Ihnen bezeugt. Dieſen Vorſchlag zurückſtoßen, hieße einen doppelten Fehler begehen, es hieße zugleich den Edelmuth einer Perſon, die Ihnen auf eine nützliche Weiſe ihren Dank beweiſen will) wie den Willen des Himmels ver⸗ kennen, der ihr dieſen Gedanken eingegeben hat. Protat, 3 gebiete Ihnen, Ihre Tochter Madame anzuver⸗ rauen.“ „Aber, wenn ich meine Kleine ziehen laſſe, werden ſie in der Gegend ſagen, ich ſeie es ſehr zufrieden ge⸗ weſen, ſie mir vom Halſe zu ſchaffen.“ „Ihre väterliche Zärtlichkeit ſteht doch wohl über einem elenden Geſchwäße?“ antwortete der Pfarrer;„und außerdem wird man es nicht nöch mehr ſagen, wenn man erführe, daß Sie ein Anerbieten ausgeſchlagen haben, 70 deſſen Reſultat die Tage Ihres Kindes hätte erhalten können.“ Dieſe letzten Worte ſchienen den Vater Adelinens zu überzeugen. Er nahm die Kleine bei der Hand und führte ſie zu der Marquiſe hin. „So nehmen Sie dieſelbe mit, Madame,“ ſagte er, mit dem Rücken ſeiner Hand zwei große Thränen abwi⸗ ſchend, die ihm über die Wangen rannen;„nehmen Sie dieſelbe!“ „Wir reiſen nicht auf der Stelle ab,“ ſagte die junge Frau;„aber um Ihre Tochter auf eine Abweſen⸗ heit vorzubereiten, die von langer Dauer ſein könnte, würden Sie vielleicht gu thun, ſie vor dem Zeitpunkt der Abreiſe einige Tage auf dem Schloß zu laſſen. Ich will ſie ein oder zweimal in der Woche zu Ihnen bringen, oder beſuchen Sie dieſelbe in Moret. Auf dieſe Weiſe werden Sie beide die Trennung, wenn der Angenblick dazu kommt, weniger grauſam finden.“ „Das iſt recht,“ ſagte der Arzt:„ein Kind dieſes Alters hat in der Regel keinen Willen, aber Vorſicht iſt immer gut. Und mit einem Blick holte er den Rath des Pfarrers ein, der durch eine Neigung des Kopfs ſeine Zuſtimmung zu erkennen gab.“ „Aber ich ſollte wenigſtens Zeit haben, ihre kleinen Sachen zu beſorgen,“ ſagte der Holzſchuhmacher. „Das darf Sie nicht beunruhigen,“ fiel die Marquiſe ein;„Adeline hat einmal ihre Kleider meiner Tochter geliehen, meine Tochter wird Adeline die ihrigen leihen. Von heute an,“ ſetzte ſie hinzu, beide Kinder in ihre Arme ſchließend und das eine wie das andere liebkoſend„ſind ſie Schweſtern.“ — Ohne etwas von dem zu verſtehen, was vor und mit ihr geſchah, ließ die kleine Adeline ſich von der Mar⸗ quiſe fortführen. Als ſie im Wagen war, brach ſie dem Vater das Herz durch die Ungeduld, die ſie bezeigte, die glänzende Equipage wegrollen zu ſehen. Nachdem ſie 71 ſeinen Augen verſchwunden war, blieb Protat lange vor ſeiner Thüre ſtehen, ohne daß er wagte, wieder in ſein Haus einzutreten. Einen Monat nachher reiſte Adeline nach der Pro⸗ vence. Vor der Abreiſe hatte ihr Vater fünf⸗ oder ſechsmal ſie in Moret beſucht; jeder ſeiner Beſuche hatte ihm das Gefühl der Gleichgültigkeit, mit der Adeline das Vater⸗ haus verließ, ſichtbarer gemacht. Der Wechſel des Orts, der gewöhnlich Kindern gefällt, der Anblick von tauſend neuen Dingen, deren Genuß ihr geſtattet war, der Lurus, der ſie umgab, das Ausgeſuchte in der Bekleidung, die ſie mit kindlicher Koquetterie trug, hatten doch inzwiſchen ſchon das Schweigſame, das in ihrem Charakter lag, modificirt; das Bedürfniß der Zärtlichkeit, die ein Dichter das Brod der Kindheit nennt, ein Bedürfniß, das ſie in ſich hatte zurückdrängen müſſen, ſo lange ſie bei ihrem Vater war, fand reichliche Befriedigung in dem Hauſe, wo ſie, anfänglich aus Dankbarkeit aufgenommen, bald ſich um ihrer ſeibſt willen geliebt machte. Als ihr Vater ihr ſagte, daß man ſie weit wegführen und es lange anſtehen werde, bis ſie ihn wieder ſehe, blieb die Kleine nachdenklich und antwortete nicht. Protat betrübte ſich nun über dieſes Stillſchweigen, denn er begriff nicht, daß ein Kind keine genaue Empfindung für Zeit und räum⸗ liche Entfernung haben könne.— Lehren Sie dieſelbe, mich nicht zu vergeſſen, ſagte er zu der Marquiſe an dem Tage, da er von ſeiner Tochter Abſchied zu neh⸗ men kam. „Sie ſoll mir leben, um Sie als die zärtlichſte der Töchter zu lieben,“ antwortete Frau von Bellerie, die be⸗ reits jene Art Zurückhaltung bemerkt hatte, welche die kleine Adeline gegenüber von ihrem Vater beobachtete. In der erſten Zeit, welche anf die Abreiſe ſeiner Tochter folgte, war der Kummer des Holzſchuhmachers ſo heftig, daß es ihn nicht im Hauſe litt. Er hatte ſogar 72 angefangen, die Schenken zu frequentiren, nur um ſich die Langeweile zu vertreiben. Ein Ereigniß, das uns zugleich mit dem Urſprung einer der Perſönlichkeiten dieſer Geſchichte bekannt machen wird, bewirkte, daß Pro⸗ tat wieder zu ſeiner thätigen Lebensweiſe zurückkehrte. Eines Tags, da er in Geſchäften nach Fontaineblean gegangen war, zog Vater Protat, der ſich verſpätet hatte, ſtatt auf dem Waldwege nach Montigny zurückzukehren, vor, die Hanptſtraße einzuſchlagen, um nicht am Fuß des Berges Merle vorüber zu müſſen, wo man kürzlich eine Rotte Wölfe, die durch die ſtrenge Jahrszeit wüthend geworden waren, bemerkt hatte. Als er bei dem Kreuze von St. Hérem anlangte, glaubte der Holzſchuhmacher ein leiſes Wehklagen zu vernehmen, das aus einer Hütte, welche die Straßenwärter an der Ecke von Route⸗Ronde errichtet hatten, zu kommen ſchien. Protat ging, vom Monde geleitet, nach der Richtung hin, von wo er das Schreien gehört hatte, und als er in die Hütte eintrat, fand er daſelbſt auf der Erde liegend und nothdürftig in eine zerlöcherte Windel eingewickelt, ein kleines Kind, das halb todt vor Kälte war. Protat nahm das kleine Geſchöpf unter ſeinen Mantel(Limouſine) und lief dem Dorfe Bourron zu, das eine Viertelſtunde vom Kreuze von St. Hérem eutfernt iſt. Eine Fuhrmannsherberge war noch offen; der Holzſchuhmacher ging hinein, um dem Kinde, das er eben gefunden hatte, Beiſtand zu leiſten. Es war ein Knabe, etwa fünf Viertel Jahre alt; er ſah armſelig und ſehr unſcheinbar aus. ſagte Protat,„wie ich ihn finde, nehme ich ihn.“ Morgen, ſobald es Tag iſt, werde ich meine Er⸗ klärung vor dem Maire der Gemeinde abgeben, und wenn man die Eltern des Knäbleins nicht entdeckt, es behalten. „Wie, die Leute von Montigny ſagten doch, Sie 7 73 lieben die Kinder nicht?“ ſagte der Wirth.„Das ſtimmt doch kaum mit dem, was Sie thun wollen, zuſammen.“ Protat runzelte die Stirne, ohne zu antworten, und als der kleine Knabe völlig wieder etwärmt war, enttehnte der Holzſchuhmacher, um nicht ſo lange unterwegs zu ſein, das Fuhrwerk des Wirths zur Rückkehr nach Mon⸗ tigny. Noch am nächſten Tag erklärte er ſich vor dem Maire, der ihn ermächtigte, das Kind zu behalten. „Er iſt ſo häßlich, wie der Teufel,“ ſagte er zu dem Pfarrer, als er ihm das Abentener erzählte;„aber ich hatte das Gelübde gethan, eine Waiſe aufzunehmen, wenn meine Tochter wieder genäße. Seitdem ſie abgereist iſt, habe ich gute Nachrichten erhalten und dieſe Gelegenheit benüzt, mein Verſprechen zu erfüllen. Ein verlaſſenes Kind iſt ganz wie eine Waiſe. Außerdem wird dieſes unſchuldige Ding da mir Geſellſchaft leiſten. Ich habe die ſchlechte Gewohnheit angenommen, ins Wirthshaus zu gehen; es wird mich wieder zu Hauſe zu bleiben leh⸗ ren. Ich habe es in Adelinens Bett gelegt, und mein Haus erſcheint mir nicht mehr ſo traurig, ſeitdem dieſes kleine Bett nicht leer iſt. Wenn er das Alter dazu hat, ſoll er die Holzſchuhmacherei bei mir lernen.— Run, es iſt einerlei, der Fratz da hat Glück gehabt, daß ich um Mitternacht die Straße gegangen bin; und wenn ſeine Mutter ihn an jenem Ort vergaß, hatte ſie ohne Zweifel eine recht ſchlechte Abſicht dabei, denn ſeit acht Tagen weiß Jedermann, daß Wölfe den Wald durchſtreifen. Wie unſere Leſer ohne Zweifel ſchon errathen haben, war dieſes verlaſſene Kind der kleine Lehrling Zephyr, der im erſten Kapitel dieſer Erzählung aufgeführt worden iſt und nächſtens wieder zum Vorſchein kommen wird. Ungefähr fünfviertel Jahre nach der Abreiſe der kleinen Adeline, den Tag vor dem Neujahre, erhielt der Holzſchuhmacher einen Brief aus der Provence. Er war von der Marquiſe und enthielt eingeſchloſſen einen andern, deſſen uuregelmäßige, aber doch lesbare Schrift der von 74 Kindern glich, die zu ſchreiben anfangen. Dieſer Brief, nur einige Linien enthaltend, war Adeline Protat unter⸗ zeichnet. Wirklich richtete Adeline einen Neujahrswunſch an ihren Vater, den ihr Frau von Bellerie diktirt hatte. Der kindliche Brief ſchloß mit den Worten:„Du wirſt ſehen, mein lieber Papa, wie ſchön ich geworden bin und gar nicht mehr huſte.“ Der Holzſchuhmacher eilte hinweg,* den Brief ſeiner Tochter allen Bekannten zu zeigen. Er hätte ihn gerne an der Thüre der Mairie angeſchlagen, damit die ganze Welt ihn ſehen könnte. Als er auf den Feldſchützen der Gegend ſtieß, der eben einen Ausruf hier anheftete, unterbrach ihn Protat in Ausübung ſeiner Funktionen, um ihm Adelinens Brief zu zeigen. „Wetten wir, daß es eben ſo gnt geſchrieben iſt, als Eure Protokolle, Vater Talot,“ ſagte zu ihm der Holzſchuhmacher, roth vor Stolz. „Wahrlich, meiner Treu! Und das iſt die Kleine, die nichts als ſo ein Hauch war, und jetzt ſchon ſo ge⸗ lehrt! Zu ihrer Geneſung kann alſo nicht mehr viel fehlen.— Auch die Rechtſchreibung iſt beinahe getroffen, ſetzte der Alte mit wichtiger Miene hinzu. Protat verließ ihn, um den Brief dem Notar zu zeigen, der eben aus ſeiner Amtsſtube kam. Acht Monate ſpäter war Adeline nach einer Abwe⸗ ſenheit von mehr als zwei Jahren wieder zurück. Protat erkannte ſie nicht mehr, ſo ſehr hatte ſie ſich geändert. Dieſes jämmerliche Geſchöpf, das nicht feſter am Leben zu halten ſchien, als ein vom Winde geſchütteltes Blatt am Zweige hält, war ein ſchönes Kind geworden, nicht dick und ſtark von Schultern, wie ſein Vater es gewünſcht hatte, aber zu ſeinem Vortheil ſo ſehr ausgezeichnet, daß es ſeine Abſtammung nicht mehr erkennen ließ. Ein mag den Eindruck bezeichnen, den ſie auf den Alfen machte. „Ich habe beinahe Luſt, ſie Fräulein zu nennen,“ ſagte er zu der Marquiſe. h 75 „Ich bringe Sie Ihnen zurück, aber gebe ſie noch nicht frei.“ Mit tauſend Gründen, welche die Marquiſe aufzu⸗ finden wußte, und deren einige der Eitelkeit des Holz⸗ ſchuhmachers ſchmeichelten, überredete ſie ihn, Adeline ihr noch zu laſſen, die an der Erziehung, die ihre Toch⸗ ter Cecile erhielte, Theil nehmen ſollte.. „Was wird ſie mit ſo viel Wiſſen anfangen 2“ fragte der Holzſchuhmacher. Frau von Bellerie, durch dieſes Bedenken etwas zum Schweigen gebracht, wußte nichts deſto weniger Protats Skrupel niederzuſchlagen. Nachdem ſie einige Tage in Montigny zugebracht hatte, begleitete Adeline die Marguiſe nach Paris. Den nächſten Sommer hatte ſie wieder ihren Aufenthalt in Moret, wo Protat ſie oft ſah. Dem Verſprechen der Marquiſe gemäß war Adeline die zärtlichſte der Töchter geworden. Ihr Vater hätte ſie gerne mit ſich genommen; aber da er dieſe Abſicht laut werden ließ, antwortete ihm die Marquiſe:— fragen Sie Cecile, ob ſie ſich von ihrer Schweſter trennen will? Protat kam allein zurück, halb traurig, halb zufrie⸗ den: traurig, weil es ihm borkam, Adeline zeige ſich nicht ſonderlich beeilt, die Familie ihrer Pflegeeltern zu ver⸗ laſſen; zufrieden, weil der väterliche Stolz ſeine Rech⸗ nung dabei fand, ſein Kind wie die Tochter eines großen Hauſes erzogen zu ſehen. Dieſer Stand der Dinge dauerte ſo die nächſten ſechs Jahre fort. Adeline brachte die Sommer auf dem Schloß Moret zu und kehrte den Winter nach Paris zu⸗ rück. Gewohnt, ſie in dieſer Familie mit freundſchaftlicher Vertraulichkeit behandelt zu ſehen, bezeigten ihr die Per⸗ ſonen, welche das Haus der Fran von Bellerie beſuchten, ein Intereſſe, an dem ohne Zweifel die Höflichkeit vielen Theil hatte, aber deſſen Aeußerung den Verdacht nicht aufkommen ließ, daß ſie erſtaunt wären, deren Aufenthalt 76 im Hotel Bellerie ſo ſehr verlängert zu ſehen. Was die junge Cecile betrifft, ſo war ihre Znneigung aufrichtig; es war mehr als ein Gewohnheitsgefühl, wodurch ihr eine Geſellſchafterin ſo lieb wurde, mit der ſie beinahe die erſten Worte, die ſie ausſprach, die erſten Vorſtellungen die ſie faſſen konnte, ausgetanſcht hatte. Uneigennützig, wie man in dem Alter iſt, wo Bedürfniſſe des Le⸗ bens und die Verpflichtungen des Rangs, den man darin einnimmt, noch nnbekannt ſind, würde Cécile mit Freuden die Hälfte ihres Vermögens abgetreten haben, damit die Tochter des Holzſchuhmachers ebenſo gut ihre Schweſter von Geblüt würde, wie ſie es aus Sympathie war. Auch ſah man ſie bis zu Thränen ſich betrüben, wenn Adeline bei ihren vertrauteſten Unterhaltungen ihr zu verſtehen gab, daß ein Tag kommen würde, wo ihnen Trennung bevorſtände. „Warum wollteſt Du mich verlaſſen?“ fragte Cecile. „Iſt es Dir denn nicht wohl in dieſem Hanſe?“ „Aber Du ſelbſt wirſt nicht immer hier bleiben,“ antwortete Adeline.„Bald wird man daran denken, Dich zu verheirathen, wenn es nicht ſchon jetzt geſchieht. Und Dein Gatte„ „Ich werde nur einen Mann heirathen, der meinen Willen thut,“ antwortete das muthwillige Mädchen,„und das erſte, was ich ihm auſtrage, wird ſein, daß er Dich in meiner Nähe leben läßt.“ Adeline lächelte zu dieſen Thorheiten. „Und mein Vater,“ ſetzte ſie hinzu,„ſoll der allein bleiben?“ Cecile ſenkte den Kopf, indem ſie antwortete:„das iſt wahr.“ „Wenn der Angenblick des Scheidens kommt,“ er⸗ wiederte Adeline,„iſt es Zeit genug, uns zu grämen; denken wir alſo vorher nicht daran!“ Und ganzder Gegenwart lebend, vergaßen die beiden Mädchen die Zukunft, um nur an das Gliück zu denken, 77 bei einander zu ſein, dieſelben Vergnügungen, dieſelben Studien theilend und jene hübſchen Träume zuſam⸗ men ſchaffend, welche das Gehirn von fünfzehn Jahren beunruhigen. Als die Erziehung von Fräulein von Bel⸗ lerie vollendet war, beabſichtigten ihre Eltern, ſie in die Welt einzuführen. Adeline, die zu den vertrauten Ge⸗ ſellſchaften des Hotels Bellerie Zutritt hatte, konnte ihrer jungen Freundin nicht zu den Pariſer Feſten folgen, wo⸗ hin die Marquiſe ihre Tochter führte. Da ſie viel na⸗ türlichen Verſtand beſaß, der durch den empfangenen Un⸗ terricht noch mehr entwickelt worden war, litt Adelinens Eitelkeit keineswegs unter dieſem Oſtracismus, über den ſich im Gegentheil Cecile in dem Maße betrübte, daß ſie ſich zuweilen krank ſtellte, um Einladungen abzulehnen, die ſie nicht mit ihrer Freundin theilen konnte. Mit einem vortrefflichen Herzen begabt, hätte das Mädchen gerne die Geſetze der Geſellſchaft zu Gunſten ihrer Rei⸗ gungen umgeſtoßen. Von hoher Geburt, ſträubte ſie ſich mit beſonderer Lebhaftigkeit gegen die Vorurtheile, die, wie ſie ſagte, aus den Kreuzzügen herſtammten, und ge⸗ rieth in naives Erſtaunen, Adeline nicht in die Welt mitnehmen zu können, wenn ſie doch vor dieſer ganzen Welt ſie ins Theater, ins Concert oder auf die Promenade mitnahm. Eines Tags ereiferte ſie ſich über einen jungen Mann, der, als er ihr mit Adeline begegnete, dieſe ober⸗ flächlicher grüßte, als es gegen ſie geſchehen war, ſo leb⸗ haft, daß ſie ſich deßhalb Vorſtellungen von ihrer Mutter zusog. Dieſer mütterliche Verweis erhöhte nur noch den Aerger, welchen Cecile eine Nüancirung der Höflichkeit, die ſie als Schimpf gegen Adeline anſah, verurſacht hatte. Später verbannte ſie in den Soiréen, wo ſie mit dieſem jungen Mann zuſammentraf, ihn beharrlich aus allen ihren Quadrillen. Als ſie in ihr ſechszehntes Jahr eintrat, beſchäftigten ſich die Eltern mit ihrer Ver⸗ ſorgung. Der erſte Bewerber, der ſich darbot, war ge⸗ rade der, für welchen ſie eine gewiſſe Sympathie zu 78 empfinden anfing. Als die Verſprechungen zwiſchen beiden Familien ausgewechſelt waren, ſetzte man feſt, daß Ce⸗ tile's Heirath in einem halben Jahr ſtattfinden ſollte; aber die letzten Tage ihres Mädchenlebens wurden durch eine Verwandte väterlicher Seits, die in der Touraine wohnte, in Anſpruch genommen. Cecile wollte Adeline mit ſich nehmen, allein dieſe ſtellte, von der Margquiſe insgeheim deßhalb unterrichtet, ihrer Freundin vor, daß dies unmöglich, und der Augenblick, wo ſie ſich trennen müßten, gekommen wäre. Ihr Abſchied war rührend. Mit gleicher Aufrichtigkeit ſchwuren ſie ſich ewige Freund⸗ ſchaft, und vor ihrer Abreiſe nach der Touraine forderte Cecile von ihrem Verlobten, daß Adeline bei ihrer Ver⸗ heirathung zugegen ſein ſollte. Dieſer hatte natürlich ſeine Einwilligung wie ein Mann gegeben, der in dieſem Verlangen nichts als das kindiſche Spiel eines ſentimen⸗ talen Mädchens ſah. Eines Morgens im November führte Cecile, beglei⸗ tet von ihren Eltern, Adelinen ihrem Vater zu. Herr von Bellerie, der für die künftigen Departementswahlen als Candidat aufzutreten im Sinne hatte, wollte ſich populär machen, und nahm ohne Umſtände die reſpekt⸗ volle Einladung zu einem Mittagsmahl an, welche der Holzſchuhmacher durch ſeine Tochter an ihn richten ließ⸗ Der Pfarrer von Montigny wurde gleichfalls eingeladen. Eiue Stunde nachher war das ganze Dorf von Adelinens Rückkehr unterrichtet und man wußte, daß der Holz⸗ ſchuhmacher einen Marguis bewirthete. Dieß gab für den Abend den Text zu Erklärungen in allen den Licht⸗ kärzen, die gerade an dieſem Tag ihren Anfang nahmen. Zwei Tage nachher brachte ein Wagen von Paris das ganze Mobiliar des Zimmers, das Adeline im Ho⸗ tel Bellerie inne gehabt hatte, nach Montigny. Als ſie eine der Schubladen ihrer Kommode öffnete, fand ſie daſelbſt zehntauſend Franks in Bankbillets, in einem kleinen von Cecile geſtickten Portefeuille verſchloſſen. Das Portefeuille enthielt außerdem noch folgende Zeilen: „Das ſind meine Mädchenerſparniſſe; nimm ſie, ohne zu zählen, wie ich ſie Dir gebe. Dieſer Waſſer⸗ tropfen weniger an meinem Vermögen wird keine ſo große Lücke darin machen, als Deine Abweſenheit in meinem Herzen zurückläßt. Ein Dank würde beinahe eine Beleidigung ſein, bedenke alſo, was eine Wei⸗ gerung wäre. Es würde mich glauben machen, daß ich ſchon jetzt nicht mehr für Dich bin, was ich immer, in der Ferne, wie in der Nähe, bleiben will, Deine Schweſter Cecile.“ Adeline befragte nichts deſto weniger ihren Vater, um zu wiſſen, ob ſie eine ſo große Summe annehmen ſollte. Protat war verlegen, in einer Sache zum Rich⸗ ter gewählt zu werden, wo er ſich ein wenig als Partei betrachtete und ſein Urtheil nothwendigerweiſe ſich vorher ſchon fertig fand. Er ſtellte ſich jedoch, als theilte er die Bedenklichkeit ſeiner Tochter, er fand Gründe für und wider, wußte aber mitten unter dieſem Schein ſcharfſinniger Unterſuchung Adeline am Ende doch zur Annahme zu beſtimmen, indem er hauptſächlich auf den Verdruß hinwies, den eine Ablehnung der Geberin ver⸗ urſachen würde.„Wenn ſie es Dir ſo wie ein Almoſen in die Hand gelegt hätte, wäre es zu hedenken geweſen; aber es iſt ſo artig angeboten, daß es kein Mittel gibt, daſſelbe zurückzuweiſen. Ueberdieß ſind wir nicht arm genug, um uns ſtolz zu bezeigen. Auch ohne dieſes Geld würdeſt Du zwar keine alte Jungfer werden, aber wenn Du Dich verheiratheſt, wird es meinem Tochtermann nicht leid thun, dieſe Fetzen da unter Deinen Hochzeits⸗ geſchenken zu finden, und Dir nur um ſo eher möglich ſein, Dich wähleriſch zu zeigen.“ Die Rückkehr des Mädchens in das Vaterhaus gab daſelbſt zu einem allgemeinen Unſturz Veranlaſſung. Protat wollte, daß ſie das ſchönſte Zimmer bewohne, 80 und da er es nicht ſchön genug fand, ließ er den beſten Tapezier von Nemours kommen, um dieſes Gemach auf eine Weiſe auszuſchmücken, daß es gegen das Mobiliar, das hier ſeinen Platz finden ſollte, nicht allzu grell ab⸗ ſtechen möchte. Adeline ließ ihren Vater in Allem, was die Verſchönerung ihres häuslichen Lebens betraf, ma⸗ chen; aber zum großen Erſtaunen des Alten wollte ſie nichts davon wiſſen, ihre Stadttvilette beizubehalten, ſondern kleidete ſich nach der Weiſe der Landmädchen. Sie wollte ſich ſelbſt mit allen Sorgen des Hauſes be⸗ ſchweren; aber, ſei es Schwäche, ſei es Ungeſchicklichkeit, ſie konnte es nicht lange aushalten und geſtattete nun die Einführung einer Magd. Man weiß, welche Gründe Protat beſtimmten, Mutter Madelon zu nehmen. Der Holzſchuhmacher war ſo glücklich, endlich den Genuß von ſeiner Tochter zu haben, daß er in den erſten Tagen beinahe den Kopf darüber verlor. Er hatte ſeinen Werk⸗ tiſch verlaſſen und brachte die ganze Zeit damit zu, ſeine Kleine in demſelben Zimmer mit Grazie ſich bewegen zu ſehen, wo ihre erſten Tritte lange Zeit ſo wankend ge⸗ weſen waren. Er erinnerte ſich, wie ungerecht er ſich in ihren jüngern Jahren gegen ſie gezeigt, und wie oft er ihrer elenden Kindheit Ausbrüche des Zorns und der Brutalität, die ihm den Ruf eines ſchlechten Vaters zu⸗ zogen, nur wenig erſpart hatte. Er fragte ſich, ob die Gewiſſensbiſſe und Schmerzen, die er ſeitdem erduldet hatte, eine genügende Sühne dafür wären. Er a ſich insbeſondere darüber Sorge, zu erfahren, ob nich eine Erinnerung früherer Jahre Spuren in dem Herzen ſeines Kindes zurückgelaſſen hätte. Er wagte kaum, über die Vergangenheit ſie zu befragen, ſo ſehr fürchtete er, aus ihrem Munde ein einziges Wort zu vernehmen, das ihm den Beweis lieferte, daß das Mädchen, jetzt blühend von Geſundheit und erſtickt von ſeinen Liebkoſun⸗ gen, ſich der Zeit erinnerte, wo es einen Leidensſchrei unterdrückte, aus Beſorgniß, ſeine üble Laune zu wecken⸗ 81 Ohne Unterlaß auf der Beobachtung ſeiner Tochter, ſtndirte er ſie in allen ihren Handlungen, in ihren unbe⸗ deutendſten Redensarten. Pſychologe, ohne es zu wiſſen, ließ er alle Gedanken Adelinens gleichſam durch das Sieb einer ängſtlichen Analyſe gehen, um zu entdecken, ob keine Bitterkeit auf dem Grunde dieſes Herzens, das er zerdrückt hatte, zurückgeblieben ſei. Bei Nacht ſtand er auf, um ſie ſchlafen zu ſehen, lauſchte auf ihren rei⸗ nen, regelmäßigen Athem, der aus dieſer lange von einem grauſamen Huſten zerriſſenen Bruſt aufſtieg. Er zog das Betttuch wieder über ihre Schultern, das ſich verſchoben hatte, und ſchlug die Bettdecke um ſie zuſam⸗ men; ſeine abgöttiſche Liebe errieth, wie durch innere Anſchauung, alle dieſe zarten, köſtlichen Sorgen und Auf⸗ merkſamkeiten, welche nur den zärtlichſten Müttern oder bezaubertſten Liebhabern in den Sinn kommen. Eines Nachts wachte Adeline auf, als gerade ihr Vater am Fuße ihres Bettes ſtand. „Ich glaubte Dich huſten zu hören,“ ſagte er etwas verlegen. „Du weißt wohl, daß ich nicht mehr huſte,“ ſagte ſie lächelnd,„und wenn ich es auc ſollte, würde ich an mich halten.“ Obgleich dieſe Worte ſehr natürlich und ohne eine beſtimmte Beziehung geſprochen waren, glaubte Protat doch darin nur eine Anſpielung auf die Vergangenheit zu erblicken. Adeline ſah ihn ſo traurig, daß ſie begriff, ihr Vater habe in dieſen wenigen Worten einen Vorwurf gefunden. Sie überzeugte ihn, daß er ſich in einem ſo einfältigen, achtloſen Geſchwätz getänſcht habe, überhäufte ihn mit ſo ſüßen, töchterlich leidenſchaftlichen Liebkoſun⸗ gen, daß der gute Alte, halb lächelnd, halb weinend, zu ihr ſagte:„O! thue mir oft weh, wenn Du mich ſo, wie jetzt, heilen mußt.“ Trotz aller Zuneigung, die man ihr im Hauſe der Murger, Adeline Protat. 6 82 Frau v. Bellerie bezeigte, hatte Adeline doch oft gewiſſe feine Abſtufungen bemerkt, welche einen Unterſchied zwi⸗ ſchen der Sorgfalt, die ihr zu Theil wurde, und jener, womit die von den Eltern bis zur Anbetung geliebte Tochter des Hauſes umgeben war, erkennen ließen. In⸗ dem ſie ſich nun als den Abgott ihres Vaters ſah, begriff und ſchätzte ſie ſehr wohl, welcher Liebe ſie die ganze Zeit über, da ſie Kind einer fremden Familie war, be⸗ raubt geweſen. Ein Mädchen von Herz und Verſtand, war ſie klug genug, zuzugeben, daß ſie nur eine beſchei⸗ dene Dorffigur war, die eine Laune des Zufalls eine Zeit lang in einen glänzenden Rahmen geſtellt, oder viel⸗ leicht verſtellt hatte. Auch vergaß ſie ſchnell die Ausge⸗ ſuchtheiten ihrer alten Exiſtenz, die ihr vertrauten Ge⸗ wohnheiten des Luxus und der Eleganz, und wenn ſi dieſelben nicht vollſtändig vergaß, ſo gab ſie doch wenig⸗ ſtens kein äußeres Zeichen, das ihren Vater auf die Ver⸗ muthung brachte, daß ſie ihr vergangenes Leben ver⸗ miſſe. Zur Königin und Herrin in dieſer ländlichen Behauſung eingeſetzt, ging ſie darauf aus, die Herrſchaft ihres Scepters ſo milde als möglich zu machen und die Regierung nur zu führen, um dem, der ihr ſo viel Liebe erwies, durch Freude zu lohnen. Bei ihrer Rückkehr hatte ſie das von ihrem Vater aufgenommene Kind, den kleinen Zepbyr gefunden, der, damals eilf Jahre alt, we⸗ gen ſeiner Saumſeligkeit und ſeines ſchwerfälligen Gan⸗ ges nach einem ironiſchen Wortſpiel mit jenem Ramen ausgeſtattet worden war. Der kleine Burſche liebte die Faullenzerei bis zur Unverſchämtheit, und ſein Hang zum Nichtsthun hatte ſich ſeit den erſten Jahren offenbart. Als der Holzſchuhmacher, ſein Adoptivvater, ihn nach der Gemeindeſchule ſchicken wollte, um daſelbſt Leſen und Schreiben zu lernen, war Zephyr nie aus der Claſſe ge⸗ kommen, ohne daß man ihm den Eſel angehängt hätte²) *) Die Eſelskappe aufgeſetzt hätte. 3 1 83 und jeder der fünfundzwanzig Buchſtaben des Alphabets ſollte ihm tauſendmal die Pritſche eintragen. Alle Vor⸗ ſtellungen des Holzſchuhmachers fruchteten nichts, die härteſten Züchtigungen fanden ihn unempfindlich. Er empfand ein Grauen vor der Thätigkeit. Selbſt das Spiel, dieſe Leidenſchaft der Kindheit, ſchien ihm eine Strapaze; aber eine Stunde täglich länger zu ſchlafen, dafür hätte er mit Freuden auf eine Mahlzeit verzichtet. Als der alte Protat ihn an ſeinen Werktiſch ſetzte, eben⸗ ſowohl ihn als Lehrling zu benützen, wie um ihm eine Profeſſion beizubringen, von der er ſpäter leben könnte, dauerte es bei Zephyr länger als ein Jahr, ehe er den verſchiedenen Handwerkszeng dem Namen nach kannte. Sobald ſein Meiſter den Rücken wandte, ſchlüpfte er aus dem Hauſe, um Stunden lang die Blaſen zu betrachten, welche das Waſſer der Mühlenſchlenſe trieb. Ein anderes Vergnügen war es, ſich auf den jenſeits des Loing be⸗ findlichen Wieſen unter freiem Himmel niederzulegen. In dem hohen Gras, das ihn verbarg, begraben, ſah er dem Zug der Wolken, die vom Winde gejagt wurden, zu. Wenn der Hunger ihn allzuſehr trieb, kehrte er nach Hanſe zurück und ließ den Sturm Rater Protats mit der Friedſamkeit eines Thiers, oder der Empfindungsloſigkeit eines Felſen über ſich ergehen. Dabei war aber Zephyr nicht blödſinnig; er hatte im Gegentheil viel Verſtand, aber er verſchmähte, ihn zu zeigen, als ob er befürch⸗ tete, ſein Meiſter möchte daraus Vortheil zu ziehen ſuchen. Ein Zug wird den Charakter dieſes ſonderbaren Knaben, der geboren wurde, das unthätige Leben eines neapolitaniſchen Lazzarone's zu führen, hinlänglich be⸗ zeichnen. Einſt, da er ſich über Gewohnheit nächläßig gezeigt hatte, ſagte ihm Protat ſehr ernſt:—„Gehe nach den Trembleaur und ſchneide einen Stecken von Kornel⸗ holz, um den zu erſetzen, den ich eben Dir auf den Schultern abgeſchlagen habe.“ 84 Zephyr ging nach den Trembleaux und brachte ſechs Stecken, welche für Knüttel paſſiren konnten. „Ich habe nur einen von Dir begehrt,“ ſagte der Holzſchuhmacher, als er ein halb Dutzend ſah. „Um nicht ſo oft hingehen zu müſſen, habe ich im Vorrath mitgebracht,“ antwortete ruhig der Lehr⸗ ling. Adeline intereſſirte ſich für Zephyr und unternahm es, ihm ſeine unheilbare Saumſeligkeit abzuthun. Der Lehrling, widerſpenſtig gegen die harten Worte Protat's, verſuchte, gegen die ſüße Stimme des Mädchens, das auf die väterlichen Püffe durch freundliche Begegnung, ſo zu ſagen, wieder ein Pflaſter legte, ſich gehorſam zu er⸗ weiſen. Solcher Art waren die Vorgänge, die dazu dienen mögen, die Perſönlichkeiten kennen zu lernen, welche der Maler Lazare in der Behauſung des Holzſchuhma⸗ chers Protat getroffen hatte, als ihn ein Zufall das erſtemal zum Gaſt deſſelben machte, zwei Jahre vor dem Zeitpunkte, da wir ihn zum dritten Mal nach Montigny zurückkehren ſahen. Sechstes Rapitel. Häusliche Zwiſtigkeiten. Wir nehmen die Erzählung dieſer Geſchichte an der Stelle wieder auf, wo ſie in Wirklichkeit anfängt, das heißt, bei der Ankunft des Malers Lozare in Montignyh, und der Leſer wird ſich ohne Zweifel der wohlwollenden 85 Aufnahme erinnern, welche ihm der Holzſchuhmacher Protat angedeihen zu laſſen ſich beeilte. Man wird auch nicht vergeſſen haben, daß die junge Adeline nicht ganz die unſchuldige Verwirrung verbergen konnte, welche ihr des Künſtlers Rückkehr verurſachte, ungeachtet dieſe Rückkehr mehrere Tage zuvor angekündigt worden und ihr alſo die nöthige Zeit geblieben war, ſich auf eine zurückhaltende Stellung vorzubereiten. Die alte Mutter Madelon ſelbſt hatte, wie man von Anfang der Erzäh⸗ lung geſehen, zu der guten Aufnahme, die Jedermann dem jungen Zeichner zu Theil werden ließ, beigetra⸗ gen, indem ſie ſich Mühe gab, mehr als ſonſt in der Verrichtung ihrer Küchen⸗Funktionen Ausgezeichnetes zu leiſten. Nachdem ſie die Complimente in Empfang ge⸗ nommen, die ihr das Triumph⸗Frühſtück erwarb, welches ſie für den Appetit des Reiſenden zubereitet hatte, war ſie, wie man ſich wohl noch erinnern wird, zu ihrem Herde zurückgekehrt, indem ſie ihre junge Herrin mit ſich nahm, um ſich den Gebrauch einer Kaffee⸗Maſchine neuer Art zeigen zu laſſen, die dieſen Morgen bei Gelegenheit der Rückkehr ihres Gaſtes eingeweiht wurde. Endlich und um deſſen noch zu gedenken, was dem Geiſte des Leſers die im erſten Kapitel enthaltenen Details vollſtändig ver⸗ gegenwärtigen wird, wollen wir damit ſchließen, daß wir ihm zurückrufen, daß im ganzem Hauſe der Lehr⸗ ling Zephyr der einzige war, welcher bei der Ankunft Lazare's ſich feindſelig gezeigt hatte. Ohne daß Jemand ſich einen Grund davon vorſtellen konnte, war er auf der Schwelle der Wohnung ſeines Meiſters ſo plötzlich verſchwunden, als ob es mit Taſchenſpielerei zugegangen wäre. „Aber,“ fragte Lazare ſeinen Wirth, indem er ihn noch einmal mit ihm zu trinken nöthigte,„warnm iſt Töchterchen Adeline ſo ſchnell wieder hinaufgegangen? Ich habe kaum Zeit gehabt, ihr zu ihrem guten Ausſehen zu gratuliren.“ 86 „Ich bin überzeugt,“ antwortete der Holzſchuhma⸗ cher, ſeinen Wein mit der Zufriedenheit eines Eigenthü⸗ mers ſchlürfend,„ich bin überzengt, daß meine Tochter und Madelon hinaufgegangen ſind, Ihnen noch irgend einen Leckerbiſſen zuſammenzuprotzeln.“ „Sie nehmen mich mehr als Freund, denn als Koſt⸗ gänger auf, wiſſen Sie?“ ſagte der junge Mann. „Sollte Ihnen das leid thun, und die Freund⸗ ſchaft armer Leute,— wie wir ſind, läſtig ſein?“ Lazare proteſtirte mit einer raſchen Bewegung. „Nein, nicht wahr?“ fuhr der Holzſchuhmacher fort, „in jedem Fall würde es ſehr unrecht ſein. Als vor drei Tagen ein Brief von Ihnen Ihre Ankunft meldete, hat er hier wie eine Freudenbombe eingeſchlagen. Die Kleine hatte keine Ruhe mehr, und Mutter Madelon war gleichſam wieder verjüngt. Nur Zephyr hat ſich darüber nicht gefreut, und als es mich verdroß, ihn ein Geſicht machen zu ſehen, wo wir alle zufrieden waren, ſah ich mich genöthigt, ihm einen Klapps zu geben, damit er wieder zu guter Laune käme.“ „Sollte ich das Unglück gehabt haben, Herrn Ze⸗ phyr zu mißfallen?“ ſagte der Künſtler lachend.„Ich habe wohl vermuthet, daß er mit meiner Rückkehr nach Montigny nicht zufrieden wäre; aber was kann ihm dazu Veranlaſſung geben?“ „Ah! ich vermuthe es auch ein Bischen,“ antwor⸗ tete Vater Protat:„er traut nicht und meint, Sie wer⸗ den ihn, wie in den früheren Jahren, wenn Sie in den Wald gehen, Ihr Malergeräthe auf dem Rücken mitſchleppen laſſen, und da er ſchon an ſeiner eigenen Haut zu ſchwer trägt, wird ihn das geniren. Ach! hören Sie Herr La⸗ zare, ich habe keine glückliche Hand an dem Abend gehabt, da ich ihn, ganz blau vor Kälte, auf dem Pflaſter von Bourron aufgeladen, und der liebe Gott hätte mir, ich will ihm keinen Vorwurf machen, ebenſo gut einen andern Chriſten, als ihn, in den ſchmutzigen Wiſchlappen, in dem 87 ich ihn gefunden, legen können. Ach! wenn ich nicht das Gelübde gethan hätte, eine Waiſe aufzunehmen, würde ich, nachdem ich ihn menſchlicher Weiſe wirklich aus dem Rachen des Wolfs gerettet, ſchon lange zu ihm geſagt haben: Nun, mein Junge, Du mußt irgendwo Eltern in der Welt haben. Die Welt iſt groß, wirſt Du mir ſagen, aber Du haſt geſunde Beine, mach mir das Vergnügen und ſuch einmal Deine Familie auf!“ „Gehen Sie, gehen Sie, Vater Protat,“ unterbrach ihn Lazare,„Sie ſprechen nicht im Ernſt, und es iſt nicht wahr, daß Sie eine ſo gute Handlung bereuen, für die ſich Zephyr früher oder ſpäter dankbar erweiſen wird, wenn er das, was Sie für ihn gethan haben, und noch thun werden, zu ſchätzen weiß.“ „Dankbar! Sie werden ſehen! ich wette, er kennt ebenſo wenig das Wort, als die Sache. Hätte er nicht Zeit gehabt, mir ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, ſeit den zwölf Jahren, da er das Brot von meinem Tiſche ißt? Man kann nicht ſagen, daß er aus Unwiſſenheit fehlt, wenn er Uebels thut, denn er iſt noch ſchlechter als ein Thier. Daher kommt es, daß ich ihn härter anfahre, als mir lieb iſt; aber dieſer Schlingel würde die Ge⸗ duld eines Heiligen auf die Probe ſtellen. Seitdem ich es verſuche, ihn mein Handwerk zu lehren, glauben Sie, daß er im Stande iſt, mir ein paar Holzſchuhe paſſend auf die Ferſen zu ſtellen? Ach! das iſt eine böſe Brut. Halt, ſprechen wir nicht mehr davon!“ „Es iſt doch ſonderbar!“ ſagte Lazare.„Ich er⸗ innere mich, daß ich das letzte Jahr Alles, was ich wollte, aus ihm machen konnte.“ „Wahr,“ ſagte der Holzſchuhmacher,„es hat einige Monate Windſtille bei ihm gegeben, das war gerade während der. Zeit, da er das Wenige, was er weiß, wie z. B. Leſen und Schreiben gelernt hat; aber Gott weiß, wie viel Geduld und Weißbrod es Adeline gekoſtet hat! 88 Ich war ſelbſt ziemlich zufrieden mit ihm nach Ihrer Abweſenheit; die guten Rathſchläge, die Sie ihm gegeben haben, die Gewohnheit, die er während ſeines Herum⸗ laufens mit Ihnen im Walde erlangte, Strapatzen ken⸗ nen zu lernen und zu ertragen, hatten ihn ein wenig von ſeiner Faullenzerei geheilt. Er nahm gerne Ver⸗ nuuft an, als ich ihm erklärte, es würde ein Tag kom⸗ men, wo er ſehr froh daran wäre, von der Profeſſion Gebrauch zu machen, in der ich ihn unterrichtete; kurz, ich fing an zu glauben, ich könnte noch etwas aus ihm machen. Als ich dieſe günſtigen Veränderungen wahr⸗ nahm, zum Theil den Vorſtellungen meiner Tochter zu verdanken, welche ſo freundlich mit ihm that, als ob er ihr Bruder geweſen wäre, ſagte ich bei mir ſelbſt: ich habe es unrecht mit ihm angegriffen. Ich habe ihm Dachteln gegeben, er hat ſich nicht von der Stelle ge⸗ rührt; Adeline liebkoſt ihn, er geräth in Bewegung. Sechs Monate lang iſt es ſo gut oder wenigſtens nicht zu ſchlecht gegangen; er fing an, ein Stück Eſchen- oder Kaſtanienholz ſauber auszuſchneiden. Wenn man ihn das oder jenes thun hieß, war er nicht mehr taub, man hörte ihn nicht mehr vom Morgen bis zum Abend win⸗ ſeln, und meinerſeits, kam es einmal vor, daß ich ihm Eins hinter die Ohren verſetzte, wenn es zu lange an⸗ ſtand, daß er von einem Gang heimkehrte, oder eine Er⸗ klärung begriff, ſo wurde ich mir, kaum daß der Streich aus der Hand war, beinahe ſelbſt darüber böſe, und ſchickte ihn einen Augenblick zum Spielen fort, damit er ſich tröſte. Wenn ich ſpielen ſagte, ſo heißt das, er ging hin und ſetzte ſich auf die andere Seite des Waſſers⸗ um die Schwalben fliegen, die Fröſche hüpfen zu ſehen, oder ergötzte er ſich damit, daß er dem Umdrehen des Mühlrads zuſchaute. Aber eines ſchönen Tages ſah es aus, als wäre er des guten Wegs, den er eingeſchlagen, überdrüſſig. Wie wenn er die Stöße und Hiebe vermißte, rief er ſie ſich ins Gedächtniß zurück, indem er ſeine 89 ſchlechten Gewohnheiten wieder annahm: er machte ein ſaures Geſicht zur Arbeit; man mußte ihm dreimal eine Sache erklären, damit er ſie nicht Einmal that. Ich habe einen Eſelstreiberſtecken mir abgeſchnitten; ach ja, ſauber! das hieß ins Waſſer ſchlagen. Adeline hat es wieder übernommen, ihm zu predigen; aber dieſe ſüßen Worte haben ebenſo wenig gewirkt, als mein Zweig vom Kornelkirſchbaum, und noch weniger. Meine Tochter und ich geben jetzt alle Hoffnung auf. Auch iſt mein Beſchluß bereits gefaßt: an einem der nächſten Morgen werde ich ihm den Ranzen ſchnallen, zehn Thaler hineinlegen und ihn auf die Straße ſtoßen, und daun mag ſich Gott ſeiner erbarmen, oder mag er zum Teufel fahren!“ „Das iſt ſonderbar!“ ſagte Lazare, der mit augen⸗ ſcheinlichem Intereſſe der Erzählung ſeines Wirthes zu⸗ gehört hatte.„Trotz des Poſſens, den er mir vorhin geſpielt hat, troßz der ſchlechten Stimmung, die er in Bezug auf mich zeigt, intereſſire ich mich für dieſen klei⸗ nen Schlingel! Ich kann nicht glauben, daß man ſchlecht geboren wird, wie eine Giftpflanze. Sie haben ihn noch in den Windeln gehabt; Sie ſind ein braver, recht⸗ ſchaffener Mann, der ihm nur Gutes rathen konnte; Ihre Tochter hat für ihn ſchweſtertiche Sorge getragen; er kann alſo in Ihrem Hauſe nicht verdorben wor⸗ den ſein.“ „Ich denke nicht wie Sie, Herr Lazare,“ erwiederte der alte Protat, den Kopf ſchüttelnd,„ich glaube, es gibt Leute, die ganz ſchlecht zur Welt kommen. Wir haben eine Nachbarin, die neugeborne Kinder in Pflege nimmt; neulich hatte ſie ein Kleines, das kaum ſeinen erſten Zahn bekam, als es ſich deſſen bediente, ſie zu beißen. Sie ſehen alſo wohl!“ Dieſer Beweis, auf welchen der Holzſchuhmacher naiver Weiſe ſeinen Glauben ſtützte, brachte den Künſt⸗ ler zum Lächeln, der ſich jedoch über einen ſo ernſthaf⸗ ten Gegenſtand, wie die Erbſünde, mit ihm in keine 90 Erörterung einlaſſen wollte. Bei ihm war es Syſtem, daß jede eigenthümliche Erſcheinung eine bekannte oder verborgene Urſache hatte, und er bat den Holzſchuhma⸗ cher, ſich noch einige Zeit zu gedulden, ehe er ſeinen Lehrling verſtöße. „Herz und Geiſt ſind bei ihm nicht verdorben,“ ſagte Lazare.„Das letzte Jahr beſonders, während unſerer Ausflüge in der Gegend, habe ich mit ihm oft geplandert, wie man mit einem Gaſſenjungen plandern kann; und nun, ich geſtehe Ihnen, daß er mir oft Er⸗ ſtaunen erregt hat und ich Bemerkungen von ihm gehört habe, die zweimal über ſein Alter gehen. Er hat haupt⸗ ſächlich eine ausnehmende Empfindlichkeit, was faſt immer ein Zeichen eines guten Herzens iſt. Er iſt träg, wahr; aber ſeine Trägheit iſt nicht Faullenzerei; es iſt eine Trägheit, welche die bewegungsloſe Ruhe des äußeren Seyns ſucht, um ihre ganze Thätigkeit dem Nachdenken widmen zu können. Er iſt träg nach Art träumeriſcher Leute.“ „Worüber kann er träumen?“ fragte Protat erſtaunt. „Das iſt ſein Geheimniß,“ antwortete Lazare. Ich könnte mich noch weiter über gewiſſe Sonderbarkeiten auslaſſen, welche in dem Weſen Ihres Lehrlings mir zur Gewißheit geworden ſind, aber ich müßte zu ſehr in Details und Erklärungen eingehen, welche, ohne Sie zu beleidigen, Vater Protat, Ihnen nichts deutlicher machen würden.“ „Und warum das?“ fragte der Holzſchuhmacher etwas zweifelhaft. „Warum?“ fuhr der Künſtler fort.„Mein Gott... weil... Kurz, ſeien Sie verſichert, daß Sie nichts davon verſtehen würden.“ „Ich begreife alles, was ein Menſch begreifen kann, der geſunden Verſtand und die Gewohnheit hat, davon zur Zufriedenheit Anderer und ſeiner ſelbſt Gebrauch zu machen,“ antwortete Vater Protat, etwas verdrießlich. 91 Auch begreife ich zum Beiſpiel, daß Sie ein braver, junger Mann ſind, der an dem Schickſal dieſes kleinen Schlingels Theil nimmt, und ſich bemühen, ſeine Fehler, die einſt Laſter werden, weiß zu waſchen. Ich begreife, daß Sie Ihren hieſigen Aufenthalt benützen wollen, ihm Moral zu predigen und zu erklären, daß er mir jeden Biſſen Brod, den er genießt, abſtiehlt, aber ich glaube nicht, daß er Sie verſtehen will. Und, als ob er, was Sie mit ihm vorhaben, geahnt hätte, macht er ſich, wie ein verfolgter Haaſe, aus dem Staube.“ „Es iſt wahr, weit entfernt, mich aufzunehmen, wie ich es erwartete,“ ſagte Lazare,„ſchien meine Gegen⸗ wart ihn aufzuſchrecken. Ohne Zweifel liegt ſeiner Flucht etwas zu Grunde, was mit dem Geheimniß, von dem ich Ihnen ſagte, zuſammenhängt, und es iſt ebenſo wahr⸗ ſcheinlich, daß daſſelbe Geheimniß einen myſteriöſen Ein⸗ fluß auf Charakter und Handlungsweiſe bei ihm ausübt. Ueberdieß iſt ſein Verſchwinden nur ſo ein Schuß; er kann nicht weit ſein, und ſo ſpät er auch kommt, er kommt immer wieder.“ „Sicherlich kommt er wieder!“ ſagte der Holzſchuh⸗ macher.„Er kommt, ſobald er den Geruch der Suppe in der Naſe hat.“ „Wohlan!“ erwiederte der Künſtler,„ſobald er da iſt, will ich ihn bei Seite nehmen und wohl zu entdecken wiſſen, warum meine Ankunft ihn in die Flucht getrie⸗ ben hat.“ „Ich fürchte, Sie werden nichts herausbringen,“ ſagte Protat.„Zephyr wird ſtumm wie ein Fiſch blei⸗ ben. Wenn er ſich in den Kopf geſetzt hat, nicht zu antworten, wird er ſich eher auf der Stelle tödten laſſen, als daß er die Zähne aufthut, ſelbſt nur um eine Lüge zu ſagen.“ „Er iſt wirklich kein Lügner, ich habe Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten,“ entgegnete Lazare.„Die Abweſenheit dieſes Fehiers entſchuldigt die Abweſenheit 92 vieler guten Eigenſchaften. Aufrichtigkeit iſt ein gutes Zeichen. Ein Kind, das nicht lügt, wird ſchwerlich ein unrechtlicher Menſch werden. Es iſt ſo leicht und ſo bald geſchehen, anders zu ſagen, als man gedacht oder gethan hat, wenn die Wahrheit ſchaden kann.“ „Wäre Zephyr ein Lügner, wie oft hätte er, wenn er Unrecht gethan, Entſchuldigungen finden können, um vor Ihren Züchtigungen ſich zu ſchützen. Indem er lie⸗ ber denſelben ſich nicht entziehen wollte, legte er zu glei⸗ cher Zeit, da er ſein Unrecht erkannte, eine Probe ſeines Muthes ab. Nun! meiner Treu! das iſt doch eine gute Eigenſchaft.“ „Ei, Herr Lazare,“ rief der Holzſchuhmacher,„Sie ſetzen mich in Erſtaunen, wahrhaftig; wenn ich Sie ſo gehen ließe, würden Sie mich, ehe eine Viertelſtunde vorüber iſt, überredet haben, daß dieſer kleine Spitzbube ein Muſter aller Tugenden iſt.“ „Ich gehe nicht ſo weit,“ ſagte der Künſtler,„ich beſtätige nur die, welche er beſitzt, das iſt Alles Ich bitte Sie, den Jungen nicht vor meiner Abreiſe wegzu⸗ jagen. Ich glanbe, daß Sie um dieſe Zeit und ſelbſt vorher eine Veränderung an ihm bemerken werden. Wenn Sie mir das bewilligen, werde ich Sie noch weiter bit⸗ ten, ſich mit ihm nicht ferner abzugeben, ſondern ihn vollſtändig meinem Einfluß zu überlaſſen.“ „Ich bin nicht neugierig,“ erwiederte Protat,„aber ich möchte wohl wiſſen, wie Sie die Sache anzugreifen gedenken. Vergeſſen Sie nicht, Herr Lazare, daß mir, dem er wie einem Meiſter, wo nicht wie einem Vater, gehorchen ſollte, es unmöglich iſt, etwas Rechtes aus ihm zu machen.“ „Es iſt vielleicht eben die Empfindung dieſer Auto⸗ rität, zu deren Anerkennung Sie ihn nöthigen wollen, welche bei ihm das Gefühl des Widerſtandes erweckt. Vielleicht beſitzt er Inſtinkte, welche in der Lebensweiſe, die er führt, nicht zur Anwendung kommen können. Alles 93 das werde ich zu entwirren haben. Wie ich es angrei⸗ fen werde? Anders als Sie, das iſt gewiß; da ich für ihn nur ein Fremder bin, wird er ſich gegenüber von mir freier finden. Um ſein Zutrauen zu gewinnen, werde ich mich, wenn es nöthig iſt, zu ſeinem Ka⸗ meraden machen. Kurz, ſeien Sie ruhig, ich habe mei⸗ nen Plan.“. „Hören Sie,“ ſagte der Holzſchubmacher,„Sie ſind wahrhaftig zu gut, um ſich für dieſen Tangenichts zu intereſſiren.“ „Meine Güte!...“ fiel der Künſtler lächelnd ein. „O Gott! Vater Protat, machen Sie mich nicht beſſer, als ich bin. Bei der Theilnahme, die ich für Ihren Lehrling habe, iſt meine Güte viel weniger im Spiel, als meine Neugierde. Der Junge macht mir zu den⸗ ken: es iſt eine Art Rebus, den ich auflöſen will. Wahr⸗ lich, auf dem Lande, wenn es ſchlecht Wetter iſt und man nichts zu thun weiß, langweilt man ſich. Die Zer⸗ ſtrenungen ſind hier nicht ſo gewöhnlich. Ich werde mich damit unterhalten, dieſen problematiſchen Zephyr zu ent⸗ räthſeln. Dieſe Beſchäftigung wird eben ſo viel werth ſein, als nach dem Weißen Hauſe zn gehen und Piquet zu ſpielen.“ „Thun Sie, wie Ihnen beliebt, Herr Lazare,“ ſchloß der Holzſchuhmacher;„aber ſprechen wir nicht mehr von Zephyr, damit werden Sie mich verpflichten.“ „Das verſteht ſich,“ antwortete der Künſtler.„Wir wollen nur von ihm ſprechen, wenn wir etwas Gutes über ihn zu ſagen haben. Hoffen wir nur, daß es nicht lange anſtehen möge.“ Wie die Unterhaltung zu Ende war, erſchien Ade⸗ line mit dem Kaffee. Lazare, der beſonders in Bezug auf dieſe Flüſſigkeit ein großer Feinſchmecker war, hatte ſich während ſeines vorigen Aufenthalts im Hauſe des Holzſchuhmachers mehr⸗ mals über die Art, wie Mutter Madelon den Kaffee 94 machte, beklagt. Wirklich beharrte die gute Frau dabei, das uranfängliche Verfahren anzuwenden, welches darin beſteht, zu gleicher Zeit den Satz und Kaffee in einem irdenen Topf ſieden zu laſſen, und hernach in das Ge⸗ tränk, damit es ſich abkläre, eine glühende Kohle zu werfen. Wie alle alten Leute, welchen der Fortſchritt Angſt macht, unter welcher Form er ſich offenbart, hatte Mutter Madelon bei den unbedeutendſten Dingen die Vorliebe für alte Gewohnheiten. Auch hatte ſie ſich, bald unter dieſem, bald jenem Vorwand, immer gewei⸗ gert, die Erfindung ſich anzueignen, die ihr von Lazare bezeichnet worden war; aber an dieſem Morgen hatte Adeline, die ſich der zahlreichen hierauf bezüglichen Em⸗ pfehlungen des Künſtlers erinnerte, als ſie auf den Markt nach Moret ging, trotz eines letzten Widerſpruchs von Madelon, die den alten Gebräuchen treu bleiben wollte, dieſes berühmte Geräthe gekauft und eben die Magd veranlaßt, deſſelben ſich zu bedienen. Um dieſelbe von dem Vorzug des nenen Verfahrens vor dem alten zu überzeugen, wollte Adeline, als das Getränke geſeiht war, die gute Frau es koſten laſſen: anfänglich weigerte ſie ſich, willigte jedoch am Ende ein. Aber ſei es, daß ſie dem Augenſchein ſich nicht unterwerfen wollte, weil dieſes Zugeſtändniß der von ihr bewieſenen Hartnäckig⸗ keit Eintrag gethan hätte, ſei es aus irgend einem andern Grunde, ſie fand den Kaffee abſcheulich, behauptete, daß er einen Blechgeſchmack habe, und ließ viel üble Laune bei ihren Betrachtungen mitunterlaufen. Darauf erhob ſich ein Wortwechſel, anfangs ſehr friedlicher Art, über dieſen Gegenſtand zwiſchen ihr und ihrer jungen Herrin. Adeline, an die Vertraulichkeiten von Madelon gewöhnt, antwortete ihr zuerſt ſehr ſanft und mit aller Mäßigung, um ſie nicht zu reizen, denn dieſelbe zeigte ſich, ſobald ſie auf einen Widerſpruch ſtieß, wahrhaft angreifend. Bei dieſen Gelegenbeiten geſchah es oft, daß ihre Zunge ſchneller ging, als ſie wollte; es entſchlüpften ihr dann 95 Worte, die ihr ohne Zweifel leid thaten, aber darum nicht weniger geſagt waren und nicht weniger ihre Wir⸗ kung hervorbrachten. Dieſe innern Stürme hatten immer eine elende Kleinigkeit, dergleichen wir eben bezeichneten, zum Ausgangspunkt. Gewöhnlich beſaß Adeline, um ihren häuslichen Zänkereien ein Ende zu machen, kein anderes Mittel, als vor der alten Magd den Platz zu räumen, die immer das letzte Wort haben wollte, indem ſie es vor ihrem Gewiſſen für ihre Schuldigkeit hielt, einem verzogenen Kinde nicht nachzugeben. Es war ihr ſelbſt mehr als einmal begegnet, daß ſie Adelinen antwortete, wie dieſe ihr zu antworten nie gewagt hätte, wenn ſie die Dienerin und Madelon die Herrin geweſen wäre. Protat's Tochter beſtrebte ſich zwar, darauf nicht zu achten, aber ſie litt dennoch darunter, zu ſehen, daß Madelon der Zurückhaltung, die wegen ihres hohen Alters bezeigt wurde, nicht Rechnung trug. Wie alle Naturen, die das Gefühl der Gerechtigkeit in ſich tragen und ſich nicht enthalten können, ſie ſelbſt unter Umſtän⸗ den anzurufen, wo es ihnen Eintrag thun kann, hatte Adeline es ſchwer empfunden, oft den Frieden und das Stillſchweigen der alten Frau damit erkaufen zu müſſen, daß ſie ſtillſchweigend Zugeſtändniſſe machte, welche ihre Antorttät von Tag zu Tag ſchwächten. Es traf ein, was beinahe immer in ähnlichem Fall geſchieht: Made⸗ lon, auf Adelinens Schwäche fußend, verlor jedes Ge⸗ fühl der Zurückhaltung, und nöthigte durch die Lebhaf⸗ tigkeit ibrer Stimme auch das junge Mädchen, auf ein⸗ mal die ihrige im Tone des Commando's zu erheben, und ihr klar begreiflich zu machen, daß ſie nach Allem, möge ſie nun Recht oder Unrecht haben, ſchließlich die Herrin des Hauſes wäre und Gehorſam verlangte. Wenn ſie nun alſo zum Stillſtand gebracht und in ihre unter⸗ geordnete Stellung zurückverſetzt wurde, ließ Madelon alle ihre Galle aus. „Herrin!“ rief ſie.„Ach, jetzt iſt ja das große 96 Wort heraus. Weil man in Baumwolle aufgezogen wor⸗ den und die Moden der Damen von Paris getragen hat, glaubt man, nie Unrecht zu haben. Aus dem Grunde, weil man alle ſeine Zeit damit zugebracht hat, ſich die Hände in kölniſch Waſſer zu waſchen, und ſich wie eine Puppe zu friſiren, indem man ſich im Spiegel betrachtet; weil man einen guten Alten zum Vater hat, der vom Morgen bis zum Abend ſich abmüht, während wir die Hände in den Schooß legen, um zum Zeitvertreib in Büchern zu leſen, aus denen nichts Gutes zu lernen, darum muß man den Dienſtboten das Leben ſauer ma⸗ chen. Wenn eine arme, alte Frau, wie ich, im Intereſſe des Hauſes, ſich's einfallen läßt, Ihnen mit Sanftmuth eine Wahrheit zu ſagen, von der ſie überzeugt iſt, ſo ſtraft man ſie Lügen.— Worin miſcheſt Du Dich, Alte? Wo haſt Du Dienen gelernt, um nicht zu wiſſen, daß der Herr immer Recht hat?— Nun! ich, die mit Ihnen hier rede, Mamzelle, fuhr Madelon mit erneutem Eifer fort, habe nicht immer einen ſo ſchlechten Rock getragen, wie dieſen da, der zum Aufhängen an den Kirſchbäu⸗ men gut genug wäre, um die Vögel zu verſcheuchen. Ich habe auch ein Haus gehabt, das drei wie das Ihrige gefaßt hätte: in Einem Jahr haben mein Mann und ich mehr Getreide zum Mahlen nach der Mühle von Eßonne geſchickt, als Herr Protat; Ihr Vater, der ſo ſtolz iſt, die meiſten Sicheln, wenn die Erndtezeit kommt, auf dem Felde zu beſchäftigen, in zehn Som⸗ mern einthun könnte. Ich habe auch Dienſtboten ge⸗ habt, nicht einen oder zwei, ſondern bis zehn, und indem ich ihnen Befehle ertheilte, zu dienen gelernt. Wenn ein Geſchöpf in meinem Dienſt mir mein Unrecht vorſtellte, fuhr ich, da es, Alles recht betrachtet, nur eine eigene Art war, ſich meiner Intereſſen anzunehmen, es nicht ſo an, wie Sie mich anfahren. Mamtzelle, ich ſuchte nicht zu demüthigen, weil man arm und alt war⸗ und war ich ſelbſt auch jung und reich, und ſchön 97 ſchön noch obendrein; ich ſagte:— Er ſo, oder Sie ſo, Du weißt es ſo gut oder ſeibſt noch beſſer, als ich, weil es Dein Geſchäft iſt und nicht das meine. Mache es alſo, wie Du es verſtehſt, nach Deiner Art, und ſpre⸗ chen wir nicht mehr davon. Und das Haus ging dabei nicht ſchlecht und es wäre noch jetzt das erſte und beſte Pachtgut der Gegend, ohne Unglücksfälle... Aber nun! man wird arm, darauf kommt die Zeit, wo Elend und Alter ſich zu einander geſellen, und dann muß man ſich um ein Stück Brot, das man Einem gibt, Alles gefallen laſſen, Alles hören, ohne ein Wort zu ſagen. Ach! wie hart iſt Herrenbrod! ſetzte Madelon bei, ohne daran zu zweifeln, daß ſie ſelbſt in der Sprache des alten Dante rede. Und wie wenn die Erinnerung an ihr früheres Glück den Anblick der gegenwärtigen Lage ihr noch trauriger gemacht hätte, theilte ſich ein bitterer Gährungsſtoff jedem ihrer Worte mit, und ſie ließ ſich zu Aeußerungen hinreißen, die vft der Art waren, daß ſie Zweifel erregten, ob dieſelbe nicht auf dem Wege wäre, ihre Vernunft zu verlieren. Dieſe langen Litaneien wiederholten ſich unwandel⸗ bar mit denſelben Ausdricken, ſo oft die junge Adeline, nachdem ſie alle ihre Geduld erſchöpft hatte, ihre Auto⸗ rität als Herrin des Hauſes in Anſpruch nahm. Die Tochter des Vaters Protat, aus Erfahrung wiſſend, daß wenn Mutter Madelon einmal bei dieſem Ton an⸗ gekommen, ſie aufzuhalten unmöglich war, hörte ihr zu, ohne zu antworten, ſelbſt ohne ſie zu begreifen. Da die meiſten dieſer Vorwürfe weder nah noch fern— einen Zuſammenhang mit dem Gegenſtande hatten, von dem der Zank ausgegangen war, ließ ſie die Magd ſo lange als ſie wollte, ſich gegen die grillenhaften Anklagen ver⸗ theidigen. Sie geſtattete ihr, ſehr oft ihre untergeord⸗ nete Stellung zu mißbrauchen, um dem armen Kinde, das nichts als ihre Bitterkeit zu mildern begehrte, aus Murger, Adeline Protat. 7 53 dem höhern Rang, in den ſie das Schickſal verſetzt hatte, einen Vorwurf zu machen. Uuter allen Verhält⸗ niſſen iſt es eine vemerkenswerthe Thatſache, daß Leute, die großes Unglück erfahren haben, beinahe immer das Mitleid, das ihr Mißgeſchick einflößt, verkennen und geneigt ſind, jedes Wort oder jede Handlung, wodurch dieſes Mitleid ſich zu offenbaren ſtrebt, für geringſchätzi⸗ gen Stolz zu nehmen. Mutter Madelon theilte, wie wir ſchon geſagt haben, mehr als alle Andern, dieſen Irrthum. Adeline machte ſich nicht viel aus all den Redensarten, welche ihre Magd aus Veranlaſſung eini⸗ ger Gewohnheiten, die ſie einſt im Hauſe der Margquiſe angenommen und ſeitdem beizuhalten für gut befunden haite, gegen ſie losließ. Sie war Madelon nicht böſe, wenn dieſe ihr faſt Vorwürfe machte, daß ſie an ihrem Kopftiſſen Spitzen hatte, oder an Feſttagen einen ſeide⸗ nen Rock trug; aber wenn die Alte ſich hinreißen ließ, ein boshaftes Wort mit Anſpielung auf die blinde Güte, die ihr Vater gegen ſie bewies, zu wagen, da hüllte ſich die Tochter des guten Protat in all den ſtolzen Hochmuth, der bis dahin zurückgehalten worden war, und ihr Wort und ihre Geberde, in denen ſich ſelbſt eine gebieteriſche Würde ausprägte, brachte die allzu vertraute Dienerin zum Stillſchweigen, die in dieſer ver⸗ klärten Adeline mit den kurzen Worten und der impoſan⸗ ten Miene die ſchüchterne junge Bänerin nicht mehr er⸗ kannte. Der alte Protat hatte einigemal von dieſen häuslichen Wortwechſeln Wind bekommen und am Anfang daran Theil zu nehmen verſucht; aber Adeline wußte, daß ſeine Einmiſchung mehr gefährlich als nützlich war. Wirklich hätte er nicht geduldig zugewartet, daß Mutter Madelon ihren ganzen Roſenkranz von Klagen ablauſen ließ; auch hatte das Mädchen den Vater gebeten,(und dieſe Bitte war ein Befehl) niemals ſich mit den Strei⸗ tigkeiten zu befaſſen, die ſie mit Madelon haben könnte, indem ſie als Grund für dieſe Ausſchließung angab⸗ daß 99 man in einem Hauſe die Einheit oberherrlicher Gewalt bewahren müſſe. Von dieſen beiden Worten hatte der Holzſchuhmacher uur ſo viel begriffen, daß ſeine Tochter keine andere Herrin, außer ſich ſelbſt, wolle, und er auch mit dem Gehorchen den Anfang gemacht. Das ſetzte ihn aber dennoch einer ſonderbaren Verlegenheit aus, denn wenn Madelon etwas that, was nicht nach ſeinem Sinne war, ſo wagte der Holzſchuhmacher nicht die ge⸗ ringſte Bemerkung vorzubringen, ſo ſehr fürchtete er, ein Verweis von ihm möchte dem Willen ſeiner Tochter zuwider laufen und er alſo die Einheit der ober⸗ herrlichen Gewalt compromittiren. Auf dieſe paſſive Rolle, die ihn zum Stillſchweigen verpflichtete, angewie⸗ ſen, entſchädigte er ſich, welches Verlangen zum Reden er außerdem haben mochte, bei dem kleinen Zephyr, der ſelten einen Tag vorbeigehen ließ, ohne dem Alten Ge⸗ legenheit zu verſchaffen, die Zunge und auch die Hand ihrer Starrheit zu entfeſſeln. Während der Unterhaltung, die er mit dem Künſt⸗ ler eben führte, hatte der Holzſchuhmacher mehrmals den Lärm eines in der Küche begonnenen Wortwechſels ge⸗ hört. Das ſcharfe Falſett der alten Madelon prädomi⸗ nirte wie gewöhnlich in dem Streit; aber Protat hatte ſich, wie man geſehen, nicht einen Augenblick mit dem, was im obern Stock paſſirte, beſchäftigt. Er hatte ſich nicht unterbrochen, wenn er ſelbſt ſprach, gerade ſo, wie er ſeinen Koſtgänger nicht unterbrach, wenn dieſer ihm ant⸗ wortete; er hatte ſich nur darauf beſchränkt, bei ſich ſelbſt zu denken:— da oben gibt es wieder Hader und Zwiſt; meine Tochter ſchüttelt die Madelon; die wird ſchlechter Laune ſein und das Mittagsmahl es bald zu büßen haben; deſto ſchlimmer. Allein wäre dieſen Au⸗ genblick der Lehrling Zephyr im Bereich des Holzſchuh⸗ machers geweſen, wahrſcheinlich würde er gquf ſeinen Schultern einige Spritzer von dem Aerger zu fühlen be⸗ kommen haben, den ſein Herr darüber empfand, daß er 100 ſeiner Tochter nicht beiſpringen konnte, um die Magd, an der ohne Zweifel der Fehler lag, auszuſchelten. Der Wortwechſel, der in der Küche vorgefallen war, aus dem von uns angegebenen nichtigen Vorwande ent⸗ ſprungen, hatte den unter gleichen Umſtänden gewöhnli⸗ chen Verlauf genommen. Madelon, durch den allzu⸗ großen Erfolg gereizt, den ſie mit dem erſten Verſuch der neuen Geräthſchaft, deren Anwendung von ihr be⸗ kämpft worden war, erlangte, hatte den Kaffé für ab⸗ ſcheulich erklärt, ohne zu bemerken, daß ſie, denſelben verläſternd, keinen Tropfen davon in der Taſſe ließ, die Adeline ihr eben, ihn zu koſten, eingeſchenkt hatte. Als das Miädchen ſie bei dieſem Widerſpruch ertappte, hatte es ſich nicht enthalten können, wie närriſch zu lachen. Dieſe unauslöſchliche Fröhlichkeit, deren geränſchvoller Lärm ihre Stimme übertönte, ärgerte Madelon, die von übler Laune zum Zorn überging. Adeline lachte noch lauter und heftiger. Madelon ließ ſich über das Maß hinreißen. Adeiine hörte auf, zu lachen; aber in die⸗ ſem Augenblick war ſie vor allen Dingen ſo wenig auf⸗ gebracht, daß, hätte ſie auch zehnmal, wie jetzt ein⸗ mal, Recht gehabt, ſie doch Madelon eher nachgegeben haben würde, ſtatt ſich mit ihr herumzuſtreiten, ſo viel Anderes gab es für ſie zu thun. Durch das Stillſchwei⸗ gen des Mädchens, das unempfindlich blieb, wenn jene auch bereits die Grenze überſchritten hatte, wo Adeli⸗ nens Geduld gewöhnlich aufhörte, noch mehr gereizt, ging Mutter Madelon darauf aus, ihre Herrin zu nöthigen, daß ſie ihr Stillſchweigen auferlege. Sie hatte ſo viel unnützes, ungerechtes Zeug geſprochen, daß ſie in Ver⸗ legenheit war, weiter zu reden; aber eine namenloſe Ei⸗ genliebe ſtieß ſie vorwärts. Bei jedem Wort, das ſie hinzuſetzte, erwartete ſie, nicht vollenden zu können, indem Adeline ihr Einhalt thun und plötzlich wieder ihr vor⸗ nehmes Princeſſin⸗Geſicht annehmen würde; aber Adeline ſchien hundert Meilen von ihr weg zu ſein. 101 Sie betrachtete durch das Fenſter die ruhige Landſchaft, welche die Ufer des Loing begrenzte, und ihre Gedanken lagen ſo weit ab von dem einfältigen Zank, der über ſie erging, als ſie ſelbſt von der Wolke entfernt war, die hoch am Himmel dahinzog, wo ihr Blick von Zeit zu Zeit haftete. Madelon, außer ſich über dieſe Gleichgül⸗ tigkeit, die ihr den Beweis lieferte, daß ſie ſeit einer Stunde nicht blos an eine Stumme, ſondern auch au eine Taube hingeredet hatte, konnte dieſen Anſchein hoch⸗ müthiger Geringſchätzung nicht länger aushalten. Sie ſtürzte auf Adeline, die an einem Tiſch lehnte, zu„ riß ihr die Kaffeekanne, die ſie in der Hand hielt, weg, und rief:— während Sie wie ein Meilenzeiger daſtehen, um zu träumen iſt der Kaffee kalt geworden, und wenn ich jetzt hinunter will, ihn zu ſerviren, wird Ihr Liebha⸗ ber da unten mir ihn auf den Rücken werfen und Ihr Vater mich waſchen wollen, als wäre ich daran ſchuld das kommt auch von der ſchönen Erfindung Deiner ſataniſchen Kaffeekanne her, daß man nicht einmal Zeit hat, ein Bischen zu ſchwatzen, ohne daß der Kaffee zu Eis erſtarrt. Du ſiehſt wohl, Kleine, daß ich Recht hatte, nichts davon zu wollen. In den alten Häfen macht man doch immer noch die beſte Suppe, es bleibt dabei!... Hätte ich den meinigen genommen, ſo wäre der Kafiau immer noch ſiedend, anſtatt daß man ihn jetzt aufwärmen muß und erſeinen ganzen Geſchmackverliert. Bei den erſten Worten der Mutter Madelon hatte Adeline, die wie aus innerm Triebe bisher ſtumm ge⸗ blieben war, ſich plötzlich erhoben. Sie hatte auf die Magd einen Blick geworfen, der ſie beinahe zu Boden ſchmetterte. Auch verſuchte dieſe, wie man geſehen hat, den Eindruck, den ſie bei dem Mädchen hervorge⸗ bracht, dadurch zu verwiſchen, daß ſie wieder einen vertraulichen Ton annahm, der ihrer Meinung nach die Verſöhnung beſchleunigen ſollte; aber ſo geſchickt ſie es anſtellte, brachte dieſes Manöver nicht das gehoffte Re⸗ 102 ſultat. Adeline hatte den Reſt der Phraſe nicht gehört; ſie war noch daran, über ein Wort nachzudenken, das in ihrem Herzen wie ein Donnerſchlag wiederhallte. „Mutter Madelon,“ ſagte das Mädchen nach einem kurzen Bedenken,„dieſer Zank muß durchaus der letzte ſein.“ „Ein Zank, mein Kind!“ ſagte die Alte, die jetzt wieder, nicht aus einem Geiſt der Kriecherei, ſondern weil ſie wahrnahm, daß ſie Adeline gekränkt hatte, und darüber Reue empfand, eine ſorgloſe, einfältige Miene aunahm;„ein Zankzwiſchen uns!... Dn willſt lachen? Wir haben ein wenig lant geſchwazt, wie das oft vor⸗ kommt, das iſt Alles. Du weißt, ich bin ein wenig eigenſinnig und lebhaft, Naturfehler, meine Kleine, ich bin zu alt, um mich zu beſſern; man muß mir darum nicht böſe ſein und Du wirſt es auch nicht thun, Adeline, ich bin deſſen gewiß. Du biſt ein zu gutes Mädchen dazu.“ „Ich bin Ihnen doch böſe, Madelon„ antwortete ruhig die Tochter des Holzſchuhmachers. Gerade deß⸗ wegen, weil ich gut bin, oder es mit aller Welt zu ſein ſuche, und vornehmlich mit Ihnen, haben Sie Unrecht, meine Güte zu mißbrauchen. Es iſt nicht das erſtemal, daß wir einen Wortwechſel hatten; ſelten geſchieht es, daß ich dazu Veranlaſſung gebe, noch ſeltener, daß ich ihn nicht zu vermeiden ſuche, wenn Sie ihn anfangen. Sie ſind ungerecht gegen mich, die ich mich immer be⸗ ſtrebe, billig und geduldig zu ſein, und mir mein Leben lang böſe ſein würde, wollte ich etwas ſagen, das Ihnen den geringſten Kummer machen könnte, weil Sie alt ſind und eine harte Prüfung durchgemacht haben. Doch laſ⸗ ſen Sie ſich, Madelon, keine Gelegenheit entſchlüpfen, mir zu verſtehen zu geben, daß ſch nicht in Ihrem Alter ſtehe und für Ihr vergangenes Unglück nicht den Re⸗ ſpekt habe, den es verdient. Es iſt ſchon ſtrafbar, da⸗ ran zu denken, noch ſtrafbarer, es zu ſagen, denn Sie 103 wiſſen wohl, daß ich auf meine wirkliche Stellung mir nichts einbilde und außerdem keinen Grund habe, es zu thun. Wenn ich einſt vorübergehend in einer Welt ge⸗ lebt habe, in der ich nicht geboren war, mußte ich da⸗ mals die Gewohnheiten der Geſellſchaft, in der ich mich bewegte, annehmen; aber ſeitdem ich zu meinem Vater zurückgekommen bin, haben Sie nicht, wie die Andern, Madelon, und beſſer als die Andern, weil Sie öfter in meiner Nähe waren, mich die Gewohnheiten ablegen ſehen, die mir Pflicht waren, da ich bei Frau von Bellerie wohnte, und die lächerlich wären, wenn ich ſie im Dorfe beibehalten hätte? Ihre Spöttereien über dieſen Gegenſtand verzeihe ich Ihnen von ganzem Her⸗ zen; aber was mich ein wenig verdrießt, iſt, wenn die Abſicht, welche Ihnen dieſelben eingibt, daraus eine Schlechtigkeit zu machen ſcheint. Es iſt mir auch pein⸗ lich, ich habe es Ihnen mehrmals geſagt und vergeblich, weil ich es wiederum ſagen muß, Sie, wie es oft ge⸗ ſchieht, von einer Welt ſprechen zu hören, die Sie nicht kennen, und die ich kennen gelernt zu haben nicht be⸗ daure, weil ich in dieſer Welt, da ich ein ſchwaches, elendes Kind war, eine Familie gefunden habe, in der ich, wie in meiner eigenen, geſchützt und geliebt wurde, die mir eine Ausbildung gab, welche mir vielleicht, es iſt möglich, nie etwas nützen wird, aber mir wenigſtens, indem man ſie mir ertheilte, den Beweis lieferte, daß man mich für würdig hielt, ſie zu empfangen. Das Ein⸗ zige, was mich gegen Sie wahrhaft in Harniſch zu brin⸗ gen vermochte, iſt, wenn ich Sie meinen Vater wegen der Zärtlichkeit, die er mir erzeigt, tadeln hörte. Die ganze Zeit über, die ich in einem fremden Hauſe zuge⸗ bracht habe, und ſelbſt in den Jahren, die meiner Ab⸗ reiſe von Montigny vorangegangen ſind, war ich der Liebe meines Vaters beraubt, wie er der meinigen. Wir beide holen die verlorene Zeit wieder herein; warum uns, einem wie dem andern, deßhalb böſe ſein? Sie 104 könnten mit Ihren Bemerkungen Recht haben, wenn ich ſtrafbar genug wäre, ſeine Güte zu mißbrauchen. Ich laſſe ihn Alles thun, was ich will, es iſt wahr; aber was Sie meine Kapricen nennen, haben ſie einen andern Zweck, als ihm bei allen ſeinen Wünſchen zu ſchmei⸗ cheln, und ſo viel Glück, als mir möglich, ſeinen übri⸗ gen Lebenstagen noch zu verleihen? Hat man mich das boshafte öffentliche Geſchwätz durch Handlungen oder Worte verdienen ſehen, welche bezeugten, daß ich mit Empfindungen mich quäle, die über meinen niedrigen Stand hinausgingen? Noch einmal und zum letztenmal, Madelon, kein Wort, keine Anſpielung mehr auf dieſen Punkt. Was das Wort betrifft, das Sie dieſen Angen⸗ blick geſagt haben,“ ſetzte Adeline, die Augen niederſchla⸗ gend, hinzu,„ſo haben Sie jede Zurückhaltung, jede Schicklichkeit überſchritten; Sie ſind zugleich granſam wie ungerecht geweſen. In der Welt, wo ich gelebt habe, Madelon, hat man mich das hohe Alter zu achten gelehrt. Dieſer Reſpekt iſt überall eine Huldigung, die man der Erfahrung eines zur Reige gehenden Lebens darbringt. Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß alte Leute dieſelbe Achtung in gewiſſen Fällen auch der Ju⸗ gend erzeigen müſſen, uno eben jetzt haben Sie es daran bei mir fehlen laſſen.“ Aus Beſorgniß, Madelon und ſelbſt den alten Pro⸗ tat in Verlegenheit zu ſetzen, machte Adeline ſo wenig als möglich von der Sprache Gebrauch, die ſie durch Erziehung und Unterricht zu reden gelernt hatte. Sie drückte ſich gewöhnlich in einer Weiſe aus, daß alle ihre Redensarten unzweideutig von denen, an die ſie gerich⸗ tet waren, verſtanden wurden, und vermied in ihren Unterredungen mit Landleuten ſorgfältig, ſich den Vor⸗ wurf zuzuziehen, eine Schönrednerin zu ſein, eine epi⸗ grammatiſche Bezeichnung, die auf dem Dorfe gewöhn⸗ lich ſo viel als Verlegenheitsmacherin bedentet. Beim 105 Anhören der eben an ſie von ihrer jungen Herrin ge⸗ richteten Strafrede blieb Madelon, obwohl der Ton, mit welchem jene ſie ausgeſprochen hatte, weniger den Zorn und Aerger, als den wirklichen, von dem Mädchen, das ſich mit einem Schein von Strenge ausdrücken mußte, empfundenen Kummer durchſcheinen ließ, einige Secun⸗ den ganz verblüfft. Sie drehte das Band an ihrer Schürze durch die Finger und ſchien ſich ſelbſt zu fra⸗ gen, ob dieſer ſchöne Diſcours nicht mit Grobheiten geſpickt wäre. Alle Leute, welche einen mißbildeten Cha⸗ rakter haben, find geneigt, die friedlichſten Worte, die ſie nicht auf der Stelle verſtehen, der Abſicht nach falſch zu deuten. In der bloßen Anwendung einer correkteren Sprache, als die ihrige, erblicken ſie ſo gar einen vor⸗ bedachten Plan, ſie zu demüthigen. Dieß war einer der hervorragendſten Fehler von Madelon. Eine frei her⸗ ausgeſagte Härte, und wie ſie dergleichen ſelbſt zu äußern verſtand, wäre ihr weniger unangenehm zu hören geweſen, als ein in den ſchonendſten Ausdrücken formu⸗ lirter Vorwurf. Während ihres kurzen Bedenkens hatte ſie zehnmal Luſt, ſich Adeline um den Hals zu werfen, und in einer Umarmung ihr zu ſagen:„Nun ja meine Tochter, ich hatte Unrecht. Ich habe Dir Kummer ge⸗ macht, verzeihe mir.“ Aber im Augenblick, wo ſie ſich entſcheiden wollte, hielt die Eigenliebe ſie zurück. Sie wollte wohl ſich ſelbſt geſtehen, daß ſie Uurecht gehabt hatte; aber es widerſtrebte ihr, es Adelinen zu geſtehen. Sie machte es ihrer Herrin zum Vorwurf, nicht einzu⸗ ſehen, daß, von ihrer Seite das Geſtändniß zu verlangen, ſie hätte mit Wort oder That Unrecht, ebenſo viel wäre, als mit dieſem Geſtändniß ſie ihre untergeordnete Stel⸗ lung noch bitterer empfinden zu laſſen. Kurz⸗ wie der Maler Lazare ihr eines Tags grob genug geſagt hatte, Madelon trieb Mißbrauch mit ihren grauen Haaren. Dieſer Kampf zwiſchen dem guten und ſchlimmen 106 Gefühle endete unglücklicher Weiſe unter dem Einfluß des letztern. Madelon ſpielte die Tapfere; ſie nahm den Wort⸗ wechſel wieder mit größerer Bitterkeit auf und wandte jenes ſchreckliche Syſtem an, das von Leuten, die im Unrecht ſind, ins Werk geſetzt wird und darin beſteht, abſeits der Frage, welche Gegenſtand des Streites iſt, die Debatten auf eine Art zu führen, daß jede Verſtän⸗ digung unmöglich wird und die geduldigſten Naturen, unabläſſig durch alles mögliche reizbare Geſchwätz ge⸗ ſtachelt, keinen andern Ausweg zum Entkommen haben, als den Zorn. Dieß war am Ende mit Adeline der Fall. Dieſe aufrichtige und biedere Natur efkannte mit Unwillen, daß ſie ſo ſchlecht verſtanden wurde. Ihr Gerechtigkeits⸗ trieb empörte ſich bei der Wahrnehmung, daß das Heber⸗ maß ihres Wohlwollens ſich gegen ſie ſelbſt wandte. Blaß, zitternd, und wie darüber betäubt, ſich alſo unter der Herrſchaft der Entrüſtung zu fühlen, würdigte ſie ihre Magd keiner weitern Antwort; einen Augenblick be⸗ nützend, wo Madelon, von ihrem Ungeſtüm erſchöpft, ſtille ſchwieg, befahl ihr Adeline kurz, ſich zur Räumung des Hauſes fertig zu machen. „Gut,“ ſagte Madelon, die darauf gar nicht gefaßt ſchien,„man wird davon wieder ſprechen; bald, morgen oder an einem andern Tag, nicht wahr, Mamtzzelle?“ „Es handelt ſich weder um bald noch um worgen, auf der Stelle werden Sie fortgehen,“ ſagte Adeline. „Man muß vorher ſehen, was Ihr Herr Vater zu dieſem Auszug denkt,“ erwiederte Madelon, ihre Unver⸗ ſchämtheit verdoppelnd. „Mein Vater hat keinen andern Willen, als den meinigen,“ entgegnete Adeline,„wie Sie wohl wiſſen.“ Das iſt nicht das Beſte im Hauſe,“ antwortete die Magd. 107 „Mag es gut oder ſchlecht ſein, es iſt einmal ſo; darnach hat Niemand zu ſehen, am weuigſten Sie.“ „Was Sie mich zu ſagen verhindern, werden Sie Andere nicht zu denken verhindern.“ „Die Meinung der Andern iſt uns gleichgültig, meinem Vater, wie mir; wir ſetzen uns über das Urtheil der Welt hinweg.“ „Ah!“ ſagie Madelon mit boshaftem Lächeln,„man weiß, daß Sie ſtolz ſind, Mamzelle, und es thut Ihnen nicht leid, Gelegenheiten, wie dieſe hier, zu finden, wo Sie ſich der Anwaudlungen des Hochmuths entleeren tönnen, ſonſt würde man Sie eines Morgens in Ihrem Bett mit den ſchönen Vorhängen erſtickt finden. Mein Kind,“ fuhr die Alte mit verdoppelter Ironie fort,„man muß ſehr groß ſein, um ſich über die Welt hinwegzuſetzen, und wenn man auch noch ſo hoch über ihr wäre, ſo iſt es oft mehr ein Uebel als ein Gut; denn angenommen, es käme einmal zum Fall, ſo thut man ſich um ſo weher, je höher man fällt. Iſt es nicht ſo, Mamzelle?“ ſchloß Madelon mit einem ſo ſcharfen Blick auf ihre Herrin, daß dieſe nicht umhin konnte, zu erröthen und den Kopf zu ſenken. „Was wollen Sie ſagen?“ erwiederte Adeline, einen Augenblick über die Verlegenheit beſchämt, welche die Dienſtmagd zu dem Glauben berechtigen konnte, deren boshafte Inſinuationen hätten ihr wirkliche Beſorgniß erregt. „Es iſt nicht nöthig, zu wiederholen, Sie haben mich hinlänglich verſtanden,“ ſagte Madelon. „Nun denn! ich befehle Ihnen, ſich endlich zu erklä⸗ ren,“ rief Adeline. „Sie haben kein Recht mehr, mich zu kommandiren, weil ich nicht mehr in Ihrem Dienſte bin.“ „Sie müſſen mir gehorchen, ſo lange Sie hier ſind⸗“ ſagte das junge Mädchen. „Ich bin nicht mehr hier, weil ich eben gehe,“ 105 erwiederte die jähzornige Alte, die Küchenſchürze los⸗ knüpfend, welche ſie auf einen Stuhl warf. „Madelon!“ ſagte Adeline, ihre Stimme mäßigend. Und ſie betrachtete die alte Frau auf eine Art, die ihr beweiſen konnte, daß es nur ſehr wenigen Redens oder Thuns bedürfe, um dieſe beklagenswerthe Scene vergeſſen zu machen. Die Magd täuſchte ſich über dieſen Anruf und ver⸗ ſöhnenden Blick; ſie glaubte, ihre junge Herrin fürchte, durch die zweideutigen Redensarten, deren Sinn ſie hatte ahnen können, beunruhigt, ſie mit der erſten Kunde von ihrem Geheimniß aus dem Hauſe ſcheiden zu ſehen. Alſo nicht Adelinens natürlichem Wohlwollen, ſondern der Furcht ſchrieb Madelon dieſen Verſuch zur Umkehr zu; ſie nahm alſo auch auf dieſe Art des Entgegen⸗ kommens keine Rückſicht und beſchränkte ſich, barſch nach der Seite, wo die Tochter des Holzſchuhmachers ſtand, umwendend, ihr trocken zu antworten:„Mademoiſelle!“ Eine Thräne trat in Adelinens Angen, aber im Gefühl eines mit Recht gekränkten Stolzes ſtrengte ſie ſich an, nichts davon merken zu laſſen. — euchh Wenn man am Anfang des Lebens ſteht, wie es auch beſchaffen ſei und welchen Platz es auch im Herzen einnimmt, iſt ein Riß in jeder Reigung peinlich, und das Mädchen empfand eine wirkliche Zuneigung für die alte Madelon. Zeuge der Rührung, welche ihre Herrin nicht gänz⸗ lich zu verheimlichen im Stande war, konnte die Magd ſich ihrerſeits nicht erwehren, wirklich gerührt zu ſein; aber erfahrener, als das Mädchen, wußte ſie die innere Empfindung zurückzuhalten, und keine Linie in ihrem Ge⸗ ſicht ſtrafte die Strenge ihres Benehmens Lügen. „Wir haben eine kleine Rechnung; wann ſoll ich kommen, ſie abzumachen?“ fragte ſie ruhig. „Wenn Sie wollen, Mutter Madelon,“ antwortete Adeline in demſelben Ton. Da Sie Ihren„ſie — 109 wollte ſagen: Lohn— aber aus einer unbemerkt blei⸗ benden Zartheit vermied ſie dieſes Wort auszuſprechen, das Madelon an den Stand der Dienſtbarkeit, unter dem ihre Eigenliebe ſo ſehr litt, erinnern konnte..„da Sie kein Geld genommen haben, ſo ſind wir Ihnen ſogar eine ziemliche Summe ſchuldig.“ „Wie hoch kann ſich das nach Ihrer Meinung be⸗ laufen?“ fragte die Alte, die ihre Rechnung vollkommen wußte. „Wohrhaftig!“ ſagte das Mädchen,„es kann vier⸗ zig Franks betragen.“ „O, Sie ſind im Irrthum, Mam'zelle.“ „Möglich,“ ſagte Adeline;„wenn es mehr iſt, wird man es Ihnen geben.“ „Nicht das wollte ich ſagen; Sie ſind mir zum Min⸗ deſten zehn Franks weniger ſchuldig. Wirklich! drei Mo⸗ nate zu zehn Franks, macht bei uns dreißig. „So iſts,“ erwiederte Adeline;„aber wir wollen zehn Franks für den Monat nach Ihrem Abgang hin⸗ zuthun, das iſt der Brauch.“ „Bei euch Leuten möglich,“ ſagte die Alte,„aber nicht bei uns, wo man nie mehr zahlt, als man ſchuldig iſt. Sie werden mir zahlen, was mir gebührt, und kei⸗ nen Pfennig mehr. Gott ſei Dank, ich brauche kein Almoſen. Wenn ich von hier gehe, weiß ich wohin, ohne Jemand zur Laſt zu fallen. Ich begreife auch nicht, warum man bei Andern unter Dach geht, wenn man im eigenen Hanſe bleiben kann. Als ich hier eingetreten bin, geſchah es weniger aus Noth, als um Ihren Vater zu verpflichten. Damals war ich nicht zu viel im Hauſe; aber heute iſt es anders. Man merkt, daß ich Augen habe, ſo öffnet man mir die Thüre.. wie einem Hunde und ſagt, pack dich fort... Gut, man geht, wie Ihr Kaffee auch, den Sie in Ihrer Maſchine über dem Feuer gelaſſen haben. Eilen Sie doch zn dem Zeichner hinunter.„anſtatt Ihre Zeit damit zu verlieren, daß 110 Sie mich wie ein ecce homo anſchauen. Einen guten Tag an Ihren Vater. Ich ſchnüre mein Bündel.“ Siebentes Rapitel. Adelinens Geheimniß. Als Adeline noch ganz verſtört von der Scene, die ſich eben in der Küche zugetragen, wieder nach dem Speiſe⸗ zimmer hinabging, ſchickte ſich Protat an, ſie nach der Urſache ihrer Unruhe zu befragen; ſie aber legte mit einem raſchen Blick auf Lazare den Finger auf den Mund und ſah ihren Vater an, wie um ihm begreiflich zu ma⸗ chen, daß es nicht gut wäre, vor einem Zeugen zu ſpre⸗ chen. Der Alte verſtand ihre Andeutung und beobach⸗ tete Stillſchweigen; ja er bemühte ſich, die Aufmerkſam⸗ keit des Künſtlers abzulenken, welcher nicht umhin konnte, die im Benehmen des Mädchens ſeit ihrer Abweſenheit vorgegangene Veränderung wahrzunehmen. Die gezwun⸗ gene Haltung Adelinens und die Unruhe des Holzſchuh⸗ machers verbreiteten eine gewiſſe Verlegenheit über den letzten Theil des Frühſtücks. Der berühmte Kaffee, die Quelle des häuslichen Sturms, den wir eben berichtet haben, wurde mit zitternder Hand von dem Mädchen ſervirt. Anſtatt ihn mit ruhiger Langſamkeit, wie es ſeine Gewohnheit war, zu koſten, verſchluckte ihn der Holzſchuhmacher auf einmal, ohne zu bemerken, daß er faſt kalt war. Für Lazare bedurfte es keiner längeren Aufmerkſamkeit, um zu errathen, daß Vater und Tochter mit einander etwas zu reden hatten. Er ſchützte alſo 111 eine durch die Hitze und Reiſe verurſachte Ermattung vor, um eine oder zwei Stunden der Ruhe zu pflegen. „Das Zimmer ſteht ſeit geſtern bereit,“ ſagte der Holzſchuhmacher aufſtehend, dem Künſtler den Schlüſſel zu geben.„Man wird Sie zur Eſſensſtunde wecken.“ Nächſt dem von Adelinen eingenommenen Gemach war das Zimmer des Koſtgängers das ſchönſte im Hauſe. Es lag im erſten Stock und ging auf den Fluß, den man quer durch die heitere Landſchaft ſich ſchlängeln ſah. Beim Eintritt bemerkte Lazare, daß es ſeit ſeinem letzten Aufenthalt anſehnlichen Veränderungen unterworfen wor⸗ den war. Einem mehrmals geäußerten Verlangen zu⸗ folge hatte man zur Bequemlichkeit für ſeine Arbeiten dieſem Gemach die Form eines Ateliers gegeben. Die Tapete, die durch ihren ſchreienden Ton die Augen angriff, war durch eine Lage grauen Steinmörtels erſetzt und das vergrößerte Fenſter in Rahmen gefaßt worden. Lazare, der ſich wirklich vor Müdigkeit kaum mehr rühren konnte, warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett und ſchlief ſo⸗ gleich ein. Sobald der Maler ſich zurückgezogen hatte, fragte Vater Protat ſeine Tochter über den Gegenſtand ihrer Aufregung. Adeline erzählte ihm Alles, was ſich zwiſchen ihr und Mutter Madelon zugetragen hatte. „Das Alles erklärt mir nicht, warum Du rothe Augen haſt,“ ſagte der Holzſchuhmacher.„Wenn Ma⸗ delon Dich ſcheeren und Deinen Willen nicht thun will, wie es ihre Schuldigkeit verlangt, da Du die Herrin im Hauſe biſt ſo haſt Du wohl daran gethan, ſie fort⸗ zuſchicken; aber das iſt kein Grund zum Weinen. Es gibt noch etwas, was Du mir nicht ſagſt.“ Adeline antwortete, daß es ihr peinlich geweſen ſei, von ihrer Autorität Gebrauch zu machen, und ſie über die Verabſchiedung der alten Frau einen wahrhaſten Kummer empfinde. Das Mädchen log gewiß nicht, in⸗ dem ſie dieſen Grund für ihre Traurigkeit angab, aber 4 1 ſie wagte ihrem Vater nicht zu geſtehen, was ſie kaum⸗ ſich ſelbſt zu vertrauen wagte, das heißt, daß ſie durch die rückfällige Unterſchiebung, die ſich Mutter Madelon auf der höchſten Stufe ihrer Heftigkeit hatte entſchlüpfen laſſen, im Herzen getroffen worden war. Protat wollte beharrlich nicht glauben, daß der von ſeiner Tochter bei⸗ gezogene Beweggrund wirklich der einzige war, der ihr bis zu dieſem Grad den Kopf verrückt hatte. Sein väterlicher Inſtinkt ſagte ihm, daß noch etwas Ernſthaf⸗ teres, als eine Haushaltungsangelegenheit unter dieſem Zank verſteckt ſein müſſe. Vergeblich wandte er alle ſeine Geſchicklichkeit an und verrichtete Wunder inquiſi⸗ toriſcher Diplomatie, deren ſich kein Unterſuchungsrichter zu ſchämen gehabt hätte; Adeline behauptete ihr Still⸗ ſchweigen. Um ihren Vater noch mehr zu überzengen und ihm den Beweis zu liefern, daß ihre Traurigkeit von nichts Auderem, als Madelons Austritt herkäme, bat ſie ihn ſogar, mit der Alten zu reden und die Bei⸗ legung der Sache zu verſuchen. „Bei Gott, nein!“ rief der Holzſchuhmacher,„ich behalte in meinem Hauſe keine ſtarrköpfige Zänkerin, die nicht begreifen kann, daß man ſich nicht bei andern Leu⸗ ten eindingt, um ſeinen eigenen Willen zu haben. Wenn Madelon Dich in die Nothwendigkeit verſetzen konnte, ſie fortzuſchicken, ſo muß ſie ſehr im Unrecht gegen Dich ein.“ Adeline erröthete tief; ſie kannte den ungeſtümen Charakter ihres Vaters; ſie wußte, daß wenn der Alte ſich in den Kopf ſetzte, Madelon hätte ſie ernſtlich belei⸗ digt, er eine heftige Scene mit ihr herbeiführen würde, und fürchtete, die Magd möchte bei der feindſeligen Stimmung, in der ſie dieſelbe gelaſſen hatte, für den erhaltenen Abſchied ſich rächen, indem ſie ihrem Vater etwas vorſchwatzte, was ihn beunruhigen könnte. Sie bildete ſich ſchon ein, die Anſpielungen, durch die ſie ſo erſchreckt worden war, auf ihren Gängen von allen Leu⸗ 113 ten des Dorfes, die durch die rückſichtsloſe Plauderhaf⸗ tigkeit ihrer fortgejagten Magd unterrichtet wären, mur⸗ meln zu hören; um jeden Preis mußte man alſo zwiſchen ihr und Madelon im Hauſe das Geheimniß einſchließen, das dieſe entdeckt hatte und in ihrem Groll auswärts verbreiten konnte, wenn man ſie über die Schwelle hin⸗ ausließe. Adeline rief alſo alle ihre Liſt und alle die ſchmeichleriſchen Künſte eines verzogenen Kindes zu Hülfe und wußte damit ihren Vater dermaßen zu bearbeiten, daß er es auf ſich nahm, ihre Ausſöhnung mit Madelon zu bewerkſtelligen. „Alles recht betrachtet,“ ſagte ſie ihm erröthend, weniger wegen dieſer Lüge, als wegen der Urſache, wo⸗ durch ſie dazu veranlaßt wurde, bin ich es, die es an Geduld fehlen ließ. Ich war hitzig, zu hitzig gegen Ma⸗ drlon; ſie mag noch ſo ſehr unſere Magd ſein, ſie iſt eine alte, etwas empfindliche Frau, wie alle bejahrten Leute; ich werde ſie dadurch gekränkt haben, daß ich in etwas zu hohem Tone mit ihr ſprach; außerdem war ich ſeit dieſem Morgen übel aufgelegt. „Uebel aufgelegt, geh' doch!“ ſagte Protat;„nie im Gegentheil habe ich Dich ſo munter und leck gelaunt geſehen; Du ſchienſt ſo leicht, daß Du auf eine Fliege hätteſt den Fuß ſetzen können, ohne ſie zu zertreten. Daß dieſer ſchöne Frohſinn verſchwunden iſt, dazu muß Dir die Alte großes Leid angethan haben, das Du mir nicht ſagen willſt, damit ich mich nicht über ſie in Zorn bringen laſſe; aber,“ ſetzte er hinzu, indem er fortzu⸗ gehen Miene machte,„wart ein wenig, ich will mit ihr ausfahren.“ „Aber ich verſichere Dich, nein,“ erwiederte Adeline ſehr aufgeregt, indem ſie ihren Vater zurückhielt,„und wenn Du mich recht zufrieden machen willſt, wie ich es dieſen Morgen war, ſo ſuchſt Du Madelon auf und ſchließeſt meinen Frieden mit ihr.“ Murger, Adeline Profat. 8 114 „Wenn es Dir Vergnügen macht, gerne, aber ſie wird nur bleiben unter der Bedingung... Adeline unterbrach lebhaft ihren Vater. „Ohne Bedingung„. ſagte ſie,„weil ich Un⸗ recht gehabt habe. Ich verſichere Dich, es iſt ſo,“ ſetzte ſie hinzu, da ſie den Alten mit einer zweifelhaften Miene den Kopf ſchütteln ſah;„eben darum bin ich über das Geſchehene böſe, wir müſſen es wieder in Gang bringen; überdieß iſt ſie ſehr nützlich im Hanſe wir werden ſie nicht leicht erſetzen können... Sage ihr, daß Du mich geſcholten haſt, als Du erfuhreſt, daß ich fie fortſchicken wollte; ich werde Dich nicht Lügen ſtrafen.“ 8 „Wie ſagſt Du?“ fragte Protat erſtaunt und er⸗ ſchrocken, als er ſah, daß ſeine Tochter daran dachte, die Einheit der höchſten Gewalt zu ſchmälern, indem ſie ſeine Autorität über die ihrige ſetzte;„nichts davon, Liſette, Du gebieteſt hier, und wenn ich ſelbſt gehorche, ſcheint es mir, daß ein Dienſtbote nicht das Recht hat, ſich ſtolzer als ich zu zeigen. Ich will Ma⸗ delon rufen. Wir wollen uns alle drei erklären. Iſt ſie vernünftig, ſo wollen wir ſie nicht fortſchicken; aber wenn ſie noch trotzt und ihren ſchlimmen Kopf aufſetzt, ſagte der Holzſchuhmacher, ſeine rauhe Stimme anneh⸗ F„„nun dann, ſo mag ſie gehen! Glück auf den e 9. Geh ſagte Adeline, Du wirſt Alles mit Deinem Un⸗ geſtüm verderben. So läßt ſich die Sache nicht angreifen, und überdieß darf ich dabei gar nicht zum Vorſchein kom⸗ men. Es muß wenigſtens den Anſchein haben, meine Eigenliebe vor Madelon zu ſchonen. Suche ſie auf und ſage ihr ganz ſanft:— Nun, was iſt es, das ich hören muß, Sie wollen uns verlaſſen, Mutter Madelon? Aber ich gebe meine Hand nicht dazu her. Was ſollen doch dieſe Dummheiten da? Ich bin auch ein wenig Herr, zum Teufel.. 115 „Die Madelon wird mir unter die Raſe lachen, wenn ich ſo etwas ſage,“ entgegnete Protat mit dem Ton der Ueberzengung. „Fluche ein wenig, wie wenn Du zornig über mich wäreſt, ſagte Adeline, fortfahrend, dem Alten die nö⸗ thigen Weiſungen zu geben. Sage ihr noch:—„Soll⸗ ten Sie wohl auf die aufbrauſende Heftigkeit eines ſchwin⸗ delköpfigen Mädchens achten, das eine etwas vorlaute Zunge hat und ſchlecht erzogen worden iſt?“ „Schlecht erzogen, Du, die wie eine Prinzeſſin un⸗ terrichtet worden iſt,“ rief der Holzſchuhmacher, vor Er⸗ ſtaunen einen Satz machend. „Gerade deßwegen bin ich für eine Bäuerin nicht gut erzogen. Sage dieß Madelon, das wird ihr Ver⸗ gnügen machen, Du weißt wohl, daß es ſo ihre Ein⸗ bildung iſt. Wenn man die Leute braucht, muß man ihrer Starrheit ſchmeicheln. 1 „Wie, braucht? aber weder Du, noch ich brauchen Madelon,“ ſagte der Alte, ganz verduzt über die ſon⸗ derbaren Rathſchläge, welche ſeine Tochter ihm gab. Adeline begriff, daß ſie ſich ein unvorſichtiges Wort hatte entſchlüpfen laſſen, und biß ſich in die Lipppen. „Man muß wohl glauben, Du habeſt ſie nöthig, weil Du willſt, daß ſie bei uns bleibe, und um ſie zu behalten, muß man doch Zugeſtändniſſe machen.“ „Wie? ich will.. rief der Holzſchuhmacher, dem der Verſtand ſtillzuſtehen ſchien, aber ich will es durchaus nicht. Mag Madelon gehen oder bleiben, das gilt mir gleichviel.“ „Doch nicht,“ ſagte Adeline, ihm die Arme um den Hals legend und ihn alſo umſchlungen haltend, das iſt Dir nicht gleich, weil Du Alles willſt, was ich wünſche und ich will, daß Madelon nicht fortgehe.“ „Ah ſo! das iſt etwas Anderes!“ ſtammelte Protat, auf einmal in den Netzen der Liebkoſungen ſeiner Tochter * 116 und an der Leimruthe ihrer Feinheit gefangen. Es iſt einerlei,“ fuhr er fort.„aber Du wirſt zugeben, daß es etwas ſtark iſt, einer Magd Entſchuldigungen zu ma⸗ chen... wenn ſie im Gegentheil.. „Aber geh' doch,“ antwortete Adeline, ihn nach dem Garten hinſchiebend, in welchen ſie eben Madelon hatte eintreten ſehen. „Ich gehe, ich gehe,“ murmelte der Holzſchuhma⸗ cher, einige Schritte in der Richtung machend, welche ihm ſeine Tochter anzeigte; aber als er ſich plötzlich, ehe er das Zimmer verließ, umwandte, bemerkte er, wie Ade⸗ line gerade auf einen Stuhl ſank und den Kopf in den Händen verbarg, als ob ſie weinte. Protat war im Begriff, wieder umzukehren, beſann ſich aber noch, daß er aus Adeline, die einen gewichtigen Grund zum Schwei⸗ gen zu haben ſchien, nichts herausbringen könnte. Er dachte alſo, Madelon wäre allein von dem Grunde die⸗ ſer Betrübniß unterrichtet, die, wie ihm mehr als je ſchien, ſich auf den Streit beziehen mußte, welchen er beizulegen den Auftrag hatte. „So wollen wir alſo Madelon aufſuchen,“ ſagte Protat, der unruhig zu werden anfing. Und ganz leiſe ſetzte er hinzu:„Was Teufel geht vor, und was werde ich auf dem Boden des Sackes finden?“ Adeline, nun allein, blieb nicht lange in dem un⸗ tern Zimmer. Aus Beſorgniß, unter ihren Thränen durch die Rückkehr ihres Vaters und der Magd über⸗ raſcht zu werden, ging ſie nach ihrem Gemach hinauf, das von dem, welches gegenwärtig Lazare bewohnte, nur durch eine Art Cabinet, wo der Lehrling Zephyr ſchlief, getrennt war. Dieſes Zimmer, mit einer an Luxus grenzenden Ausgeſuchtheit geſchmückt, war, wie wir oben bemerkt haben, mit den aus dem Hotel Bellerie hergebrachten Meubeln ausgeſtattet; ein reizendes Ruheplätzchen, durch 117 die doppelten Fenſtervorhänge, die nur ein ruhiges Licht eindringen ließen, beinahe in ein myſteriöſes Dunkel ge⸗ hüllt. Es herrſchte in dieſem Gemach jener ſüße Duft jungfräulicher Einſamkeit, ein Parfüm einer Kloſterzelle, durch die feinen Ausſtrömungen temperirt, die aus den Schubladen herkamen, welche zur Erhaltung der Klei⸗ dungsſtücke Adelinens beſtimmte Arome in ſich ſchloſſen. Die Meubeln, wie alle Phantaſiegegenſtände, womit ſie beſetzt waren, zeugten von allen den Kleinigkeiten einer beſondern Sorgfait, in der ſich die gractöſeſten Hände einer Frau offenbarten, die an die Berührung ſo ge⸗ brechlicher Capricen, die für ſie ebenſo viele Andenken bildeten, gewöhnt war. Adeline beſorgte wirklich ſelbſt dieſe ihre eigenſte Haushaltun g. Jeden Tagbrachteſie zwei Stunden damit zu, Stäubchen um Stäubchen, das in ihr Zimmer drang, wegzuſchaffen. Es war für ſie ebenſo ein tägliches Vergnügen, wie eine Pflicht, alle dieſe lebloſen Gegenſtände zu pflegen, die mauchmal eine Sprache anzunehmen ſchienen, mit ihr von der Freun⸗ din zu reden, die ihr damit ein Geſchenk gemacht hatte, und eine Zeit zurückzurufen, nach welcher ſie ſich ohne Zweifel nicht mit der Bitterkeit, von der gewöhnlich die Sehnſucht begleitet iſt, ſehnte, aber an die ſie ſich nicht zu denken enthalten konnte, ohne daß ihr ein Seufzer entſchlüpfte. Unter den Meubeln war auch eines, wofür die Tochter des Holzſchuhmachers eine beſondere Vor⸗ liebe hatte. Es war ein kleines Schreibpult von Roſen⸗ holz, das zugleich zum Arbeitstiſchchen dienen konnte. An dieſem ſchönen Meubel war ein Spiegel mit Verzierun⸗ gen darüber angebracht, die ein Wappen vorſtellten; auf der Stelle des rothen Feldes waren die Anfangsbuchſta⸗ ben A. P. eingravirt. Cecile, welche dieſen Tiſch ihrer jungen Geſellſchafterin gegeben, hatte ihn nach derſelben Zeichnung ausführen laſſen, die dem ihrigen zu Grund gelegt worden war, und die Nachahmung ſo weit getrie⸗ ben, daß ſie befahl, ſelbſt dieſes Detail heraldiſchen 118 Scheins nicht zu vergeſſen. In den Schubladen dieſes Menbels ſchloß die junge Bäuerin die Kleinodien ihres beſcheidenen Schmuckkäſtchens ſo wie die Briefe ein, welche ihre alte Freundin ihr von Zeit zu Zeit ſchrieb. Beim Eintritt in ihr Zimmer fielen ihre Anugen ſo⸗ gleich auf dieſen Aufbewahrungsort ihrer Reichthümer und Andenken, und ſie ſchien erſtaunt, als ſie bemerkte, daß der Schlüſſel, den ſie gewöhnlich mit großer Pünktlich⸗ keit abzog, in einer der Schubladen noch ſteckte. Dieſer Zufall erregte anfangs keine Beſorgniß in ihren Gedanken. Sie ſchrieb das Zurückbleiben des Schüſ⸗ ſels an dem Möbel einer Vergeßlichkeit zu, die davon herkam, daß in den drei letzten Tagen und beſonders die⸗ ſen Morgen vor der Rückkehr Lazare's nach Montigny ihr Kopf von ganz andern Dingen eingenommen wurde. Adeline war ein naives Mädchen, aber dieſe Naivität ging nicht bis zu einer Unwiſſenheit, wie man ſie bei dummen Gänschen(Agneſen) vorausgeſetzt. Sie brauchte nicht lange zu forſchen, welches die Natur des Geſühls war, das ſie ſeit ungefähr einem Jahre für den jungen Maler empfand, welcher ſich bei ihrem Vater zu Gaſt befand, und deſſen Namen ſie, wenn man ihn vor ihr aus⸗ ſprach, in eine Verwirrung verſetzte, die ſie zwar ſehr geheim zu halten glaubte, die aber gerade durch ihre Ver⸗ heimlichung, wenn man darauf Acht gegeben hätte, noch offenbarer werden konnte. Adeline liebte Lazare; ſie wußte es, ſie fühlte es, und um ſich von dieſer Wahrheit zu überzeugen, brauchte ſie nicht auf die Erinnerungen einiger Romane ſich zu berufen, welche Cecile's Groß⸗ mutter ihr einſt zum Leſen gegeben hatte. Dieſe Liebe war aus ihrem Herzen entſtanden und nicht aus ihrer Einbildungkraft, wie meiſtens die erſte Leivenſchaft junger Mädchen. Ehe ſie Lazare ſah, hatte ſie niemals mit dem unbeſtimmten Ideal getändelt, das die erſten Träume der⸗ ſelben entzückt. Die von einer alten unvorſichtigen Frau ihr in die Hand gegebenen Bücher hatten keine Reugierde 119 in ihrem Geiſte, keine Bewegung in ihrer ruhigen Seele erregt. Sie hatte dieſelben geleſen, weil ihre Stellung im Hotel Bellerie ihr nicht erlaubte, dieſe Gefälligkeit der Mutter einer Perſon abzuſchlagen, welche ſie als ihre Wohlthäterin betrachtete; aber ſie entging den Ge⸗ fahren ihrer Lektüre, weil in den Romanen nach dem Geſchmack der alten Dame die Leidenſchaft unter einer exaltirten Form dargeſtellt, voll Unwaheſcheinlichkeit und in einer übertriebenen Sprache behandelt war, welche dieſe Erzählungen für einen unbefangenen Geiſt, gleich dem ihrigen, unverſtändlich machte. Panl und Virginie oder eine andere Geſchichte derſelben Gattung, wo die Einfachheit des Gefühls ſich zu der Wahrheit des Ausdrucks geſellt, iſt gefährlicher für eine junge Einbildungskraft, als ein ſolcher für ver⸗ dorbene Leute geſchriebener Roman. Beim Eutſtehen ihrer Liebe, die mit den traditionellen Kindereien begann, hatte ſich Adeline dem Zauber unterworfen, ohne einen Kampf gegen denſelben zu verſuchen. Wenn Lazare auf drei Monate in das Haus ihres Vaters kam, war ſie glücklich, ſich unter demſelben Dach mit ihm zu finden, glücklich, ihm mehrmals täglich zu begegnen, bei dem Eſſen neben ihm zu ſitzen. Wenn ſie am Abend auf dem Pflaſter der Straße die Eiſenſpitze wiederhallen hörte, wodurch die Rückkehr des Künſtlers von ſeinen Studien angekündigt wurde, zitterten ihre Hände wohl ein wenig beim Auflegen des Couvertes, fühlte ſie wohl, daß ſie erröthete, wenn er ſie um den Tiſch herum verfolgte, um ſie zu umarmen, indem er mit ihr wie ein Bruder mit ſeiner Schweſter ſpielte; aber dieſes Glück war ſo ruhig, der Eindruck, den die Vertraulichkeiten des jungen Ma⸗ lers bei ihr zurückließen, ſo ſüß, daß es ihr nicht einfiel, darüber zu erſchrecken. Was den alten Protat betraf, ſo war er himmelweit von der Vermuthung entfernt, ſeine Tochter denke anders an den Künſtler, als er ſelbſt, das heißt, wie an einen angenehmen Gaſt, deſſen Geſell⸗ 120 ſchaft ihm gefiel, in deſſen Geſpräch er oft Belehrung fand, und deſſen redlichen Charakter und treffliches Herz er zu ſchätzen gelernt hatte. Und wenn man Alles ſagen muß, ſo liebte der Holzſchuhmacher Lazare, weil er ein Gaſt war, der ſein Koſtgeld pünktlich bezahlte, und deſſen Aufenthalt in ſeinem Hauſe ihm einen Gewinn ver⸗ ſchaffte. Er war alſo weit entfernt, ſich über die Vertraulich⸗ keiten zu beunruhigen, welche durch die Beziehungen des Zu⸗ ſammenlebens zwiſchen ihm und ſeiner Tochter herbeigeführt wurden, in der er immer noch, was Adeline ſelbſt in La⸗ zare's Augen geblieben zu ſein ſchien, ein Kind ſah. Erſt gegen Ende des zweiten Aufenthalts des Malers zu Montigny ſprachen ſich die Gefühle des Mädchens ge⸗ nauer und vollſtändiger aus; ihre Ruhe wurde durch Träumereien unterbrochen, die ſie mit einem gewiſſen ſehnſüchtigen Schmachten erfüllten; auf flüchtiges Auf⸗ blitzen einer närriſchen Munterkeit folgte plötzlich eine beunruhigende Bewegungsloſigkeit oder ein heftiger Wechſel der Stimmung. Adeline zeigte ſich reizbar, lau⸗ nenhaft. ſie fuhr Madelon an, ſie fuhr Zephyr an; ſie entwöhnte ihren Vater der ſchmeichelnden Liebkoſungen, welche die Freude des Alten ausmachten, und wenn der Maler dieſen fragte:—„was hat denn die Kleine?“ ſo erwiederte der Holzſchuhmacher:„Bah! das kommt vom Wachſen.“ Er konnte nichts Wahreres ſagen, als da er mit dieſer verbrauchten Phraſe antwortete. Es war wirklich das Wachsthum ihrer Liebe, welches die ſonſt immer ſo gleiche Stimmung des Mädchens modificirte. Die Aen⸗ derung war ſeit einem Abend über ſie gekommen, wo mitten beim Eſſen Lazare ſeinem Wirth angekündigt hatte, daß er in acht Tagen nach Paris zurückzukehren gedenke. Ein Zufall ſollte das Mahl ſtören: als Lazare ausge⸗ redet hatte, bemerkte der alte Protat, daß ſeine Tochter, anſtatt ihm das Glas zu füllen, das er ihr hinhielt, den Wein auf den Tiſch goß. 121 „Nun! mein Töchterchen, was treibſt Du da?“ ſagte der Vater, Adelinen anſchauend, die ganz bloß gewor⸗ den war. „Nichts,“ ſagte ſie. Und auf den kleinen Lehrling deutend, der ihm gegenüber ſaß, ſetzte ſie hinzu:„Zephyr hat mich eben auf den Fuß getreten. Das machte, daß ich mich bewegte.“ Zephyr hatte gut proteſtiren; der alte Protat gab ihm einen Fußtritt unter dem Tiſch und ſchickte ihn zum Eſſen in die Küche. Dieſe Nacht hatte Adeline nicht geſchlafen, ſie hatte eweint. Den Tag vor ſeiner Abreiſe von Montigny fand Lazare, als er nach Hauſe kam, ſeine Vorbereitungen zu treffen, Adeline in ſeinem Zimmer. Er war weniger durch dieſes Zuſammentreffen, als die Verlegenheit, die ſich auf dem Geſiht des jungen Mädchens malte, und beinahe den Schrecken überraſcht, den ſie bei ſeinem Er⸗ ſcheinen blicken ließ. Adeline hatte als Grund für ihre Anweſenheit in dem Zimmer des jungen Mannes eine Kleinigkeit in der Haushaltung angegeben, die ſie ihm ſtammelnd erklärte; dann war ſie fortgegangen. Als La⸗ zare ſich allein fand, wollte er einen Morgens angefange⸗ nen Brief, in dem er ſeine Rückkehr nach Paris anzeigte, vollenden. Dieſer Brief, der auf dem Tiſche liegen ge⸗ blieben war, fand ſich nicht mehr vor; aber mehrere Zeichnungen, die er gleichfalls auf demſelben, neben dem Fenſter ſtehenden Tiſch gelaſſen hatte, und nunmehr im Zimmer zerſtreut ſah, brachten ihn auf die Vermuthung, daß der ſtarke Wind, der wehte, ſeinen Brief in den Garten, und vom Garten in den Fluß hinweggeführt hatte. Er forſchte weiter nicht darnach und ſchrieb einen neuen. Während er ſchrieb, ſchloß Adeline, die ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen hatte, in dem von uns erwähnten Meubel den Brief, von dem der Maler meinte, er wäre 122 durch den Wind fortgenommen worden, zweifach ein. Bei dieſem Briefe lagen eine kleine zerbrochene Lorgnette von Schildplatt und ein Stück von einer Federſkizze, die eine unbeſtimmte Aehnlichkeit mit Lazare hatte, und die ein Freund des jungen Mannes in die Ecke eines Albums gezeichnet hatte, welches der Zeichner ſtets in der Taſche trug. WMit dieſem Andenken hatte Adeline das Jahr über, welches auf Lazare's Abreiſe folgte, die Liebe genährt, von deren Klopfen dieſer bei der Umarmung des Lebe⸗ wohls nichts empfunden hatte. Man wird leicht die Sorgfalt begreifen, mit der ſie die Schublade zweimal verſchloß, deren Hut ſie dieſe Liebes⸗Reliquie anvertraut hatte, vor der ſie täglich ihre Andacht verrichtete, nicht ohne daß ſie die Vorſicht brauchte, den Riegel an der Thüre ihres Zimmers vorzuſchieben und den Vorhang herabzuziehen, um jede Ueberraſchung zu vermeiden. Alle dieſe Stufen, deren Darlegung nothwendig war, hatte Adelinens Liebe allmälig durchgemacht. Ihre Frende, als ſie von der Rückkehr des Malers erfuhr, hatte ſie, nach dem Bekenntniß des Vaters ſelbſt, nicht zurückhalten können. Wahrend der drei Tage, die ſeiner Ankunft vor⸗ ausgingen, hatte ſie Handwerksleute in Lazare's Zimmer kommen laſſen, das, wie wir erzählt haben, in ein Ate⸗ lier verwandelt war, und deren Arbeiten ſelbſt betrieben, aus Beſorgniß, ſie möchten nicht zu rechter Zeit fertig ſein. In diefer ganzen Aufregung erblickte der alte Pro⸗ tat nichts als das unſchuldige Verlangen, dem erwarteten Gaſte ſich gefällig zu erweiſen, und gab, wie immer, ſelbſt die Hand dazu her. Die alte Madelon, erfahrener und zudem eine Frau, hatte einen friſchen Liebesduft in jeder Bewegung, welche das Mädchen machte, gewittert, ohne daß dieſe ſich nur etwas davon vorſtellte. Auf dem Gang, den ſie nach Moret machte, hatte die Magd Adelinen, die nichts mehr — 123 wünſchte, als die Ueberfülle ihrer Freude in Worten aus⸗ zulaſſen, zum Reden gebracht, und mit Ausnahme der Details, die von uns enthüllt worden, dieſe ihr ganzes Geheimniß entdeckt, das ſie immer noch allein zu wiſſen ſich einbildete. Madelon hatte in dieſer unſchuldigen Liebe nichts als ein ſehr natürliches, und von ihrem geſunden Verſtand, vielleicht ſeit dem erſten Jahre, da Lazare ins Haus gekommen war, vorausgeſehenes Ereigniß erblickt. Ziemlich vertraut mit dem Künſtler, hatte ſie begriffen, daß der junge Mann auf ihre junge Herrin nicht Acht gab; über dieſen Punkt beruhigt, alſo auch dem alten Protat nichts geſagt, und fortwährend die Angen zu Adelinens Neigung geſchloſſen. Doch hatte das Wort, das dieſer im Streite mit der Tochter des Holzſchuhmachers entſchlüpft war, dieſe ziem⸗ lich erſchreckt. Für den Fall, daß Adeline noch den Na⸗ men des Gefühls, das ſie für Lazare empfand, zu ſuchen brauchte, war ihr durch die alte Magd eine Mühe erſpart worden. Ihr Liebhaber, hatte ſie geſagt. Neben dem kleinen Meubel ſitzend fragte ſich Ade⸗ line offen, wie Madelon dieſes Geheimniß entdecken konnte, und ſie mochte noch ſo ſehr in ihrem Gedächtniß alle Vorfälle der letzten Tage und des Morgens durchgehen; in ihrem Benehmen und ihren Worten erinnerte ſie ſich keiner Thatſache, keiner Redensart, die ſie hätte verrathen können. Plötzlich begann ſie an allen Gliedern zu zit⸗ tern, als ihr einfiel, daß gerade dieſen Angenblick ihr Vater eine Erklärung mit Madelon hatte. Wenn der Alte, ſtatt Worte des Friedens ihr zu bringen, wie er non ihr beauftragt worden, durch ſeinen Hang zum Zorn ſich hinreißen ließ und die Verſöhnung ſcheitern machte, auf welche ſie zählte, um das Stillſchweigen der Magd zu erkaufen, ſo würde dieſe, ehe ſie hinginge, ihr Geheim⸗ niß im ganzen Dorfe auszubreiten, damit anfangen, ihrem Vater es wie eine Drohung an den Hals zu wer⸗ fen. Bei dieſem Gedanken gefror ihr alles Blut. Sie 124 fühlte das Herz in der Bruſt ſtille ſtehen. Eine Wolke zog an ihren Augen vorüber. Sie war einer Ohnmacht nahe, als ihre brennende Hand auf einen Gegenſtand fiel, der ihr einen plötzlichen Todesſchrecken einflößte. Sie hielt ſich eben an dem Schlüſſel, der in der Schublade ihres kleinen Meubels ſtecken geblieben war. Adeline bemerkte jetzt etwas, was ihr bis dahin entgangen war: nämlich, daß der Schlüſſel gerade in der Schublade ſteckte, welche den Brief, die Lorgnette und das Portrait Lazare's enthielt. „Das iſt ſonderbar,“ murmeltè ſie mit beginnender Unruhe;„ich bin doch gewiß, daß ich geſchloſſen habe. Und dieſer Schlüſſel!“ fuhr ſie fort;„aber ich hatte ihn abgezogen, wie immer.“ Und ihre Unruhe verdoppelte ſich. Plotzlich, da ſie die Augen unbeſtimmt im Zimmer herumlaufen ließ, ſah ſie die Falten eines Thürvorhangs ſich bewegen, der die Beſtimmung hatte, die Communi⸗ cation, welche den Ausgang nach dem kleinen, von dem Lehrling Zephyr bewohnten Kabinet bildete und nunmehr vermacht war, zu verdecken. Adeline ſtand auf, hob den Vorhang ganz in die Höhe und ſah, daß die vermachte Thüre geöffnet worden war. Man hatte ſie nicht einmal wieder ganz zugeſchloſſen. Ein Luftzug hatte den Vor⸗ hang in Bewegung geſetzt und damit dieſen Quaſiein⸗ bruch dem jungen Mädchen geoffenbart, deſſen Unruhe ſich jetzt in Verdacht umwandelte. Dieſe Entdeckung ließ Adeline ſogleich den Vorfall mit dem Schlüſſel vergeſſen; aber die beiden Thatſachen floßen bald mit einander zu⸗ ſammen. Die eine ſchien nur die Folge der andern. „Man iſt durch Zephyrs Zimmer bei mir eingedrun⸗ gen,“ dachte Adeline, und plötzlich wurde es hell in ihrem Geiſte. Sie lief nach dem Meubel, öffnete die Schub⸗ lade und warf einen raſchen Blick hinein. Sie war leer. „Ah!“ rief ſie, einen Schrei ausſtoßend,„Alles er⸗ klärt ſich; Madelon hat den Streich ausgeführt. 125 Unwillen, Schrecken, Weinen erſtickte ſie; ſie wollte ſchreien, ihr Mund blieb ſtumm, ihre Augen ſchloſſen ſich, ſie ſiel in Ohnmacht. 6 Während dieß in Adelinens Zimmer vorging, hatte ſich Lazare nach Beendigung ſeiner Sieſta an das Fenſter gelegt und rauchte ruhig, Vater Protat betrachtend, der am Ende des Gartens eine ſehr lebhafte Verhandlung mit Madelon zu haben ſchien. „Beſtimmt,“ dachte Lazare,„geht etwas im Hauſe vor: das Töchterchen Adeline macht weinerliche Geberden, Mama Madelon ſchreit, Vater Protat flucht. Das iſt mir ſehr verdrießlich, der Braten wird verbrennen und mein Freund Zephyr Schläge bekommen. Seit einer halben Stunde ungefähr bot der alte Protat bei der Magd alle Liſt auf, um hinter das Ge⸗ heimniß der Thränen ſeiner Tochter zu kommen. Nachdem ihr Zorn ſich einmal abgekühlt hatte, erkannte Madelon, die im Grunde eine gute Frau war, daß ſie bei dem Wortwechſel Unrecht gehabt und Adelinen genöthigt hatte, ihr den Abſchied zu geben.„Ich bin hart gegen das Kind geweſen. Wahrhaftig, es iſt hitzig, es trägt den Kopf ſo hoch, wie das Herz. Wo ſoll das nebel ſein, wenn man ſich nichts vorzuwerfen hat? Wenigſtens iſt es wahr, was ſie mir geſagt hat, daß es Fälle gibt, wo alte Leute auch der Jugend Achtung erweiſen ſollten. Warum mußte ich auch hingehen und ihr dieſe Dumm⸗ heiten ſagen? Alte Zunge,“ ſetzte die gute Frau hinzu, „wirſt Du denn nie zu rechter Zeit zurückhalten?“ So weit war ſie in ihrem Selbſtgeſpräch, da der Holzſchuh⸗ macher auf ſie zuſchlenderte. Als ſie von ihm erfuhr, daß er Adeline in Thränen verlaſſen hatte, begann Ma⸗ delon, die ſich als die Urheberin dieſes Kummers wußte, von Reuem ganz laut Beſchuldigungen gegen ſich ſelbſt zu erheben. 2 „Ah⸗ ſchlechte Alte, es bleibt dabei; Lumpenmenſch 126 ohne Herz, das Du biſt, ſieh, was Du angerichtet haſt. Da weint jetzt meine Tochter.“ „Auf wen zum Teufel ſind Sie böſe?“ fragte er⸗ ſtaunt der Holzſchuhmacher. „Nun, auf mich ſelbſt,“ erwiederte die Alte.„Hö⸗ ren Sie, Herr Protat, führen Sie mich zu dem Kinde, daß ich mich bei ihm entſchuldige. Es iſt wahr, ich weiß» nicht, was mir dieſen Morgen fehlt, aber ich habe ſie ſo lange herumgeplagt, daß dem lieben Gott ſelbſt die Geduld ausgegangen wäre. Führen Sie mich hin, daß ich ihr mein Unrecht eingeſtehe. Uus alten Leuten iſt es ein Dorn in den Augen, wenn die jungen mit Wort und Hand geſchickter als wir ſind. Auch ich bin jung geweſen und habe meine Zeit gehabt. Jeder nach der Reihe, das iſt natürlich.“ „Was ſingen Sie mir da für ein Lied vor?“ fragte Protat ärgerlich.„Alſo das Unrecht iſt auf Ihrer Seite?“ „Ja, auf meiner; wer will das Gegentheil behanp⸗ ten, wenn ich es zugeſtehe?“ „Nun denn! warum ſchickt mich aber meine Tochter, Sie um Verzeihung zu bitten?“ Madelon war nicht dumm. Sie errieth, welche Be⸗ ſorgniß Adelinen durch die Seele gehen mußte, daß ein Mädchen, ſo ſtolz, wie ſie wußte, und niemals ſich beu⸗ gend, wenn das gute Recht auf ſeiner Seite war, ſich dazu hergegeben hatte, einen ſolchen Schritt zum Entge⸗ genkommen zu machen. „O armes Kind,“ murmelte die alte Magd, mit ſich ſelbſt redend,„ich habe ſie alſo ſehr grauſam belei⸗ digt, daß ſie mich für fähig hält, ſie zu verrathen.“. „Suchen wir Ihre Tochter auf,“ ſagte ſie lebhaft zu dem Alten⸗ „So ſagen Sie mir aber doch wenigſtens,“ erwie⸗ derte dieſer,„was dieß Alles bedeutet?“ „Ja, ſpäter,“ antwortete Madelon in einem Ton, 127 der dem Holzſchuhmacher anzudeuten ſchien, daß es wirk⸗ lich etwas für ihn zum Erklären gab. Als ſie ſich nach dem Speiſezimmer wandten, ſtieß Lazare, der am Fenſter geblieben war, ein lautes Ge⸗ ſchrei aus. Madelon und ihr Herr erhoben zu gleicher Zeit den Kopf. „Zu Ihrem Nachen, binden Sie ihn ſchnell los,“ rief Lazare, dem Holzſchuhmacher ein Zeichen gebend. es will Jemand ertrinken.“ Dann verließ der Künſtler haſtig das Fenſter. Das Geräuſch, das er beim Herab⸗ gehen auf der Treppe machte, und das Geſchrei, das ſie aus dem Garten kommen hörte, riſſen Adeline allmälig aus ihrer Betäubung; ſie konnte ſich bis ans Fenſter ſchleppen und es zur Hälfte aufmachen. Ein friſcher Luftzug, der ihr Geſicht traf, gab ihr den Gebrauch der Sinne vollſtändig zurück. Was ſie bemerkte, war folgendes: Im Garten, am Ufer des Waſſers rang Madelon die Hände und ſtieß ein Schreckensgeſchrei aus; mitten im Fluß befand ſich der Alte in ſeinem Boote, mit Kraft das Ruder nach den Anweiſungen führend, welche ihm Lazare gab, der vorn im Fahrzeng ſtand, halb entkleidet und eine Fiſcherſtange in der Hand haltend. „Noch einen Ruck. da. rief der Künſtler, der mit der Fiſcherſtange, wie um zu ſondiren, herum⸗ ſtieß;„da iſt es,“ rief er,„der Haken hat eingegriffen.“ Und er warf ſich ins Waſſer. Adeline ſtieg in den Garten hinab. „Ach, meine Tochter,“ rief Madelon, als ſie ihrer gewahr wurde,„bleibe nicht da, es wird Dir übel ma⸗ chen, es zu ſehen; manwird ihn todt heraufbringen, gewiß.“ „Wen denn? wen denn?“ fragte das Mädchen. „Nun, Zephyr, der ins Waſſer geſprungen iſt! Herr Lazare will ihn herausfiſchen.“ 128 Adeline wurde ganz blaß; Madelon mußte ſie hal⸗ ten, daß ſie nicht umfiel. „Sei ohne Furcht,“ ſagte ſie ganz leiſe,„für ihn hat es keine Gefahr.“ Bei dieſen Worten zog ſich Adeline haſtig weit von Madelon zurück, der ſie einen Blick der Verachtung zu⸗ ſchlenderte. Verflucht!“ donnerte Protat, in ſeinem Nachen ſtehend, deſſen Ruder er wieder eingezogen hatte,„Herr Lazare kommt nicht mehr herauf!... Und der Holz⸗ ſchuhmacher ſchickte ſich an, ſeine Kleider abzulegen. Als er ſich eben hineinſtürzen wollte, öffnete ſich das Waſſer vor ſeinen Augen und Lazare erſchien. Er zog einen Körper an den Haaren, der halb mit Waſſerkraut be⸗ deckt war. „Helfen Sie mir, helfen Sie mir,“ rief er dem Holzſchuhmacher zu,„er will noch unterfinken.“ Unterſtützt durch die kräſtigen Anſtrengungen des Holzſchuhmachers gelang es Lazare, den Ertrunkenen ganz aus dem Fluß herauszuziehen. „Donner! wie ſchwer er iſt!“ rief Vater Protat, der erblaßte, als er das Geſicht ſeines Lehrlings er⸗ kanute... die Augen todr, der Mund violett. „Ich glaube wohl,“ ſagte Lazare,„er hat einen Stein au jedem Fuß. Ans Land! ans Land!“ Mit zwei Ruderſchlägen landete das Boot. Mit Hülfe des Holzſchuhmachers legte Lazare den Körper des jungen Burſchen auf dem Ufer nieder. „Raſch herunter! raſch! er lebt noch!“ rief der Künſtler, der ſeine Hand auf das Herz des Lehrlings ge⸗ legt und es ſtark klopfen gefühlt hatte. Adeline wollte Madelon beiſtehen, aber ſie fühlte ſich von Schrecken und Mitleid zur Erde gefeſſelt. „Sieh da!“ rief Lazare, der beim Hinwegräumen des Kräutes auf ein kleines leinenes Säckchen geſtoßen war, das auf der bloßen Haut an einer Schnur hing. 129 „was iſt das hier? Sehen Sie doch ein wenig, Fräulein Adeline; und Sie, Vater Protat, holen zum Beiſtand einen Arzt.“ Der Holzſchuhmacher verſchwand. Adeline öffnete das Säckchen und zog drei ganz durchnäßte Gegenſtände heraus. Als ſie dieſelben wieder erkannte, legte Adeline die Hand auf das Herz und ſank zum zweitenmal in Ohnmacht. Als Lazare ſie auf die Bank fallen ſah, wollte er den Grund dieſer Ohnmacht erfahren: er nahm alſo das Adelinens Händen entſchlüpfte Säckchen, und zog daraus einen Brief, eine zerbrochene Lorgnette und eine kleine Zeichnung hervor welche durch die Räſſe noch nicht ſo ganz verwiſcht war, daß er ſie nicht mehr zu erkennen verwocht hätte. Eine Sekunde reichte hin, den Künſtler aufzuklären. Er verſtand jetzt alles, was vorging, und errieth, daß er die Urſache des Drama's war, von dem er Zeuge geworden. „Armes Kind!“ ſagte Lazare, mit einem Blick auf Zephyr, der kein Lebenszeichen gab.„Armes Mädchen!“ fügte er hinzu, die noch immer ohnmächtige Adeline be⸗ trachtend. Und nach einem ſcheinbaren Nachdenken von einem Augenblick ſchob er das Säckchen heimlich in ihre Taſche. Zu gleicher Zeit kam Protat mit Hülfe zurück. Murger, Adeline Protat. 9 130 Achtes Rapitel. Adelinens Fineſſen. Aehnlich dem Rekruten, der wacker die Schlacht überſtanden hatte, und nachdem er mit heiler Haut aus einer heißen Affaire zurückgekommen war, von einer Ohnmacht befallen wurde, als er die in ſeinem Kleid ſtecken gebliebenen Kugeln heransfallen ſah, hatte der Lehrling des Holzſchuhmachers einen großen Schrecken blicken laſſen, als er, zu ſich gekommen, begriff, welcher ernſtlichen Gefahr er eben entriſſen worden. Da er zum erſten Mal die Augen wieder öffnete, ſah er den alten Protat über ſich gebengt, der voll Angſt einen Athemzug, eine Bewegung, einen Blick zu erſpähen ſuchte, der ihm über das Schickſal ſeines Lehrlings Beruhigung geben konnte. Der junge Burſche glaubte, ſein Meiſter wäre es geweſen, der ihn aus der Tiefe des Fluſſes geholt hätte. Er wollte ſogleich Protat danken, und betrachtete mit verlegenem ZJandern den, welchen er für ſeinen Retter hielt. Dann, da er ohne Zweifel nichts zu ſagen wußte, ſchlang er ſich dem Alten um den Hals und zog ihn mit einer Heftigkeit in ſeine Umarmung, die mehr ſagte, als die ſchönſten Bethenurungen. Protat war von dieſem wilden Aus⸗ bruch gerührt, der das Wort unvermögend fand, um die Empfindung, die ihn eingab, auszudrücken. Er wollte auch zu ihm reden, aber ſeine Zunge war ge⸗ hemmt. Er ſchien zu fürchten, auf einmal entweder zu viel oder nicht genug zu ſagen, und fühlte ſein Gewiſſen bei dieſem Selbſtmords⸗Verſuch nicht ganz rein. Die innere Stimme, die nur unter feierlichen Umſtänden zu 131 den Menſchen redet und dann gebieteriſch redet, fragte ihn ganz leiſe, ob er wirklich das einſt am Fuße des Altars übernommene Gelübde erfüllt, und da er eine Waiſe adoptirte, um die ſeiner Tochter drohende Gefahr zu beſchwören, nicht, als dieſe Gefahr einmal beſchworen war, den Charakter dieſer Adoption verkannt hätte; indem er das aufgenommene Kind gewöhnte, in ihm nur einen Herrn zu ſehen, ſobald als das Bedürfniß der Zuneigung, ſtärker bei dieſem Kinde, als das Ge⸗ fühl der Dankbarkeit, es antrieb, einen Vater zu wün⸗ ſchen. Dieſer Gedanke, der auf einen Augenblick den Geiſt des Holzſchuhmachers durchkreuzte, erzeugte einen Rückprall in ſeinem Herzen. Während er den Lehrling, deſſen Geſicht noch die Spuren der durch den Schein⸗ tod verurſachten Zuſammenziehung trug, in ſeinen Ar⸗ men hielt, empfand auch Protat einen in die Vergangen⸗ heit greifenden Schrecken. Er ſtellte ſich vor, Zephyr hätte dem tödtlichen Hintritt nicht entgehen können, und ſah gleichſam das Geſpenſt der Gewiſſensangſt an ſich vorüberziehen, das ohne Zweifel nur durch den regelmäßigen Athemzug, welchen die Rückkehr des Le⸗ bens auf des Lehrlings Lippen zurückführte, verſcheucht wurde und allmählig verſchwand. Als er in dem Her⸗ zen des jungen Burſchen jene Dankbarkeit ſchlagen hörte, die er noch am Morgen bezweifelt hatte, und die nur deßhalb ſich zu verbergen ſuchte, weil er deren Regungen, ſtatt ſie an ſich zu ziehen, unterdrückt hatte, fühlte Protat plötzlich eine zitternde Rührung der Vaterſchaft in ſich aufſteigen. Er drückte Zephyr's Kopf an ſein Herz und ſetzte, Adelinen, die in der Nähe war, mit einer Geberde herbeirufend, indem er auf ſeine breite Bruſt ſchlug, hinzu:— komm doch, mein Kind, es hat Platz für beide. Während der flüchtigen Minute, wo die beiden jungen Leute ſich in den Armen des Holzſchuhmachers vereinigt fanden, ſo nahe bei einander, daß ihr Geſicht 5 132 ſich faſt berührte, betrachtete Lazare ſtillſchweigend dieſe Scene. Einem allen ernſten Künſtlern vertrauten Ver⸗ langen nachgebend, das unter ihrer Voreingenommenheit nie ganz aufgeht und ſie antreibt, durch Vergleichung einen beſtändigen Bezug zwiſchen der Kunſt und Na⸗ tur, die wahrhafte Quelle jeglicher Begeiſterung, zu be⸗ gründen, ſagte er bei ſich ſelbſt: Bei Gott! das gäbe ein Motiv zu einem ſchönen Gemälde ab, wenn man es nicht verdürbe, indem man es zu ſehr arranziren wollte. Es iſt ein Sujet von Greuze, ohne das Ge⸗ ſuchte der Naivität. Der gute grauliche Kopf des Holz⸗ ſchuhmachers mitten zwiſchen dieſen beiden Kindern, Madelon, welche das Feuer anbläst, am Herde nieder⸗ gekauert, dieſe groben, vom Rauch gebräunten Decken⸗ balken, dieſer ländliche Anrichtetiſch, wo das fröhlich be⸗ leuchtete Fayencegeſchirr ausgeſtellt iſt, und dieſer ſtarke Sonnenſtich, der durch den Boden des Keſſels bricht, gäben wohl Stoff für einen Genremaler. Es iſt ärger⸗ lich, daß mein Freund Vonvin nicht mit zwölf Zoll Leinwand hier iſt. Doch gab der Künſtler nach dieſer dem Studium eingeräumten Minute ſeinen Beobachtungen eine andere Richtung und beſchäftigte ſich vorzugsweiſe damit, zu errathen, welche verſchiedene Empfindungen dieſen Au⸗ genblick die drei Perſonen beſeelten, aus denen die Gruppe gebildet war, die in der That ihm zum Modell zu ſitzen ſchien. Wie alle offenherzigen Naturen, die nicht, ohne zu erſticken, eine Maske der Verheimlichung vor ihr Geſicht nehmen könnten, ließ Protat die Freude blicken, die er empfand. Zephyr, deſſen blaſſes Geſicht in der Nähe Adelinens plötzlich wieder Farbe bekommen hatte, be⸗ trachtete dieſe mit dem ſtummen Entzücken eines An⸗ dächtigen, der ſein Madonnenbild ſich beleben ſieht. Für ihn, noch am Morgen den Paria dieſes Hauſes, zu dem man nur mit dem Stock in der Fanſt und 153 einem Leibfluch inm Munde ſprach, verwandelte ſich die harte Hand ſeines Herrn in eine liebkoſende, und ſeine ranhe Stimme redete zu ihm mit Sanftmuth. Ganz verrückt durch dieſen ungeſtümen Wechſel und noch wenig von den heftigen Bewegungen, die er eben durchgemacht hatte, zurückgekommen, war ſein Kopf noch ſo ſchwach, daß der arme Junge nicht recht wußte, ob er in der Wirklichkeit, oder wohl in einem Traum wäre; aber, Traum oder Wahrheit, er fand ſich glücklich ſo, dermaßen glücklich, daß er kein Wort zu ſprechen, keine Bewegung zu machen wagte, ſo ſehr fürchtete er, ſein Glück zn ſtören. Was das Mädchen betraf, ſo errieth Lazare, der ſie nengierig beobachtete, unter der lügne⸗ riſchen Ruhe ihrer Phyſionomie die verworrenen Ge⸗ danken, die ſie innerlich beunruhigten. Adeline war in der That gegenwärtig nicht in den Armen ihres Vaters. Mit dem Jungen vereint, der eben in Todes⸗ gefahr geweſen, waren, nachdem einmal das durch den Gedanken der Gefahr erregte Mitleid ſich in ihr er⸗ ſchöpft hatte, ihre Gedanken über dieſen Selbſtmords⸗ verſuch rückwärts gegangen. Ein einziger Eindruck blieb ihr: es war der Eindruck, den die gemachte Ent⸗ deckung der Gegenſtände, die ſie einen Angenblick von Mutter Madelon geraubt glaubte, und nun in dem Säckchen am Hals des Lehrlings wiederfand, auf ſie hervorbrachte. Die Magd hatte alſo den Streich nicht geſpielt, Zephyr war der Schuldige: das war die einzige Vorſtellung, womit ſich das Mädchen jetzt ausſchließlich beſchäftigte, die auf ihr laſtende Vorſtel⸗ lung, die ſie mit Unruhe und Sorge erfüllte. Zephyr hatte ihr die Andenken an Lazare geſtohlen. Wie? Warum? Sie errieth nichts, ſie merkte nichts. Ein⸗ ſichtsvoll an Geiſt und Herz, nichts deſto weniger durch den Egvismus ihrer Leidenſchaft verwirrt, ſuchte' ſie nicht nach den Gründen, und gab ſich keine Mühe, alle die Thatſachen, die geringfügigen Details unter einan⸗ 134 der zu verbinden, die zwar für ſich allein keine Bedeu⸗ tung haben konnten, in ihrer Vereinigung jedoch für dieſen Fall zu einem Leitfaden in ihrer Ungewißheit hätten dienen mögen. Was Zephyr betrifft, ſo machte es ihm doch bald, ſo ſehr er anch in ſeiner Bezaube⸗ rung wie erſtarrt war, Unruhe, als er die ſeltſame Art gewahr wurde, mit der Adeline ihn betrachtete. Im⸗ mer wohlwollend gegen ihn, ſah ſie diefen Augenblick, wo er ſich zum erſtenmal ſo nahe bei ihr fand, Athem an Athem, ſtatt mit der Sympathie, die ſie ihm täglich bezeigt hatte, ihn jetzt mit einer Härte des Ausdrucks an, die er nie an ihr kennen gelernt hatte. Es lag faſt eine Drohung in dieſem Blick, der in ſeine Seele zu bohren ſchien. Was war denn vorgefallen? Hier Vater Protat, immer brutal und ſcheltend, der ihm jetzt Freundſchaft erzeigte, dort Adeline gegen ihn lieb⸗ koſend und ſanft, die ihm bewies... Welchen Namen ſollte er dieſem ſeltſamen Gefübl geben, welches das Mädchen gegenüber von ihm plötzlich ſo ganz anders machte? Der arme Junge wußte von Richts; aber er empfand dabei ein viel heftigeres Leiden, als jedes andere, das er während ſeines Todeskampfes erduldet hatte. Plötzlich und auf einmal kam er mit Kopf und Herz zum Bewußtſein der Wirklichkeit, er erinnerte ſich! Und die erſte Erinnerung, die ſich ſeinem Gedächtniß darbot, trieb ihn an, etwas an ſeinem Halſe zu ſuchen, das er nicht mehr fand. Seine Vorſtellungen wurden . jetzt wieder klar und deutlich, und das Verſchwinden des kleinen Säckchens erklärte ihm die in Adelinens Benehmen vor ſich gegangene Veränderung. Die Bewegung, die der junge Burſche gemacht hatte, als er mit der Hand nach dem Halſe griff, war der Tochter des Holzſchuhmachers nicht entgangen. Im Augenblick, da Zephyr ſeine Hand zurückzog, bemäch⸗ tigte ſie ſich lebhaft derſelben, und ſagte ihm, mit einem harten Druck darauf, indem ſie ſich zu ſeinem Ohr neigte, 1 135 kurz und ſo leiſe, daß nur er ſie hören konnte:— „Warum haſt Du mich beſtohlen, Zephyr?“ Als ſie dieſe zwei Worte zu ihm in einem Tone ſprach, der einen größeren Eindruck, als der heftigſte Vorwurf auf ihn machte, wußte Zephyr nichts Anderes zu thun, als zu erbleichen und die Augen zu ſchließen. Es bedurfte aller ſeiner Kraft, einen Schrei zurückzu⸗ halten, den er in der Kehle erſtickte. Adelinens Hand, dieſe kleine, ſchwache Hand, hatte plötzlich jene nervöſe Stärke erhalten, welche den zarteſten Naturen eine vor⸗ übergehende, künſtliche Kraft verleiht. Dieſe allerliebſte Hand preßte die Finger des Lehrlings, als ob ſie mit einer Zange gehalten würden, und er fühlte die Nägel ſich in ſein Fleiſch eingraben. Der Schmerz war ſo heftig, daß ihm ganz ſchwach ums Herz wurde. Als ſie ihn erbleichen fah, hatte Adeline ihn fahren laſſen. Einen Angenblick überreizt und bis jetzt an ſo heftige Stöße ungewohnt, fiel das Mädchen, durch das Ueber⸗ maß dieſer Regungen ſelbſt gebrochen wieder in eine ſtille Bewegungsloſigkeit zurück. Das ſtumme Spiel dieſer Empfindungen, welches der junge Maler auf dem Geſicht derer, welche ihnen hingegeben waren, zu ſtudiren ſtrebte, war dem akten Protat gänzlich entgangen und hatte auch in zehnmal weuiger Zeit ſein Ende erreicht, als zur Erzählung deſſelben nöthig geweſen. „Nun,“ rief plötzlich der Alte, indem er Adeline und Zephyr aus der zärtlichen Unſchlingung losließ, in der er ſie einen Augenblick miteinander identificirt hatte,„wie befindeſt Du Dich, mein Junge?“ Und er betrachtete Zephyr, der die Angen nicht zu erheben wagte, aus Furcht, dem ergrimmten Blick Adelinens zu begegnen: dieſe hatte ſich mit Madelon in eine Ecke zurückgezogen. Zephyr antwortete mit ver⸗ legener Miene, daß er ſich vollkommen wohl befinde. „Das iſt alſo Alles?“ ſagte der Holzſchuhmacher. 136 „Du haſt nicht einmal dem gedankt, der Dich aus dem Waſſer holte, mit der Gefahr, ſammt Dir darin zu bleiben!“ Und der Holzſchuhmacher zog Lazare am Arme und wollte ihn zu dem Lehrling hinführen; aber der Maler wich zurück, indem er dem Alten ein verneinen⸗ des Zeichen machte, deſſen Sinn Protat nach kurzem Bedenken, jedoch nicht, ohne daß ſeine Miene tiefes Erſtaunen verrieth, zu begreifen ſchien. „Es iſt das zweite Mal, daß Sie mich retten, Herr Protat,“ antwortete Zephyr...„Es iſt wahr, Sie konnten beim Anblick meines Betragens wohl glau⸗ ben, daß ich, was Sie für mich gethan haben, vergeſſen hättte. Von heute an werden Sie eine Veränderung wahrnehmen,“ ſetzte der junge Burſche hinzu.„So wie ich ein ungelehriger Diener und träger Ar⸗ beiter geweſen, ebenſo gehorſam und thätig werden Sie mich ſehen, bereit, recht zu wollen, und geneigt, recht zu thun. Wir haben uns nicht recht gekannt,“ fuhr er langſamer und mit einem halben Vorwurf fort, der dem Holzſchuhmacher nicht entging:„aber es iſt mein Fehler,“ ſetzte Zephyr lebhaft hinzu.... ja mein Fehler.. ich habe nicht zu zeigen gewußt.. aber man wird ſehen, daß ich nicht, wie ſich glauben ließ, ſchlecht und undankbar war.“ Bei dieſen letzten Worten hatte Zephyr Adelinen, die ganz in ihre Betrachtungen verloren war, angeſehen, „Sprechen wir nicht mehr von der Vergangenheit, mein Junge; vorerſt biſt Du hier weder Diener noch Arbeiter, wie Du es zu ſein glaubteſt,“ ſagte der Holz⸗ ſchuhmacher, den Kopf ſenkend;„Du biſt beinahe wie das Kind des Hauſes. Ich will, daß Du Dich gewöhnſt, mich wie Deinen Vater zu betrachten; und da Vertrauen die erſte Pflicht eines Kindes iſt und wir gerade unter uns ſind, ſo fange damit an, uns zu ſagen, welchem 137 Heiligen zu Ehren Du Dich mit einem Stein an den Füßen in den Loing ſtürzen wollteſt.“ Beim Anfang dieſes Verhörs ſchien Adeline wieder zu erwachen und horchte aufmerkſam auf Zephyrs Ant⸗ wort. Eine große Unruhe malte ſich auf dem Geſicht des Mädchens. Was den Lehrling betraf, ſo blieb er ganz verblüfft und ſchien nach einer Antwort zu ſuchen, die ihm aber ohne Zweifel nicht kam. Adelinens Un⸗ ruhe und Zephyrs Verlegenheit waren von dem Künſt⸗ ler bemerkt worden. Herr des Geheimniſſes der beiden Kinder, fürchtete er, das Verhör möchte dem jungen Burſchen eine Offenbarung entreißen, die, ſo verblen⸗ det er auch war, doch den alten Protat auf die wirk⸗ liche Urſache des Selbſtmords leiten könnte. In der Hoffnung, daß es vielleicht noch Zeit wäre, Adeline ihre Träumerei, Zephyr ſeine Thorheit vergeſſen⸗In machen, entſchloß er ſich, das Spiel unter einänder zu miſchen, damit Niemand als er ſelbſt deutlich in daſ⸗ ſelbe ſehen könnte. „Vater Protat, ſagte er raſch zu dem Holzſchuhmacher, der bereits in ſeinem Lehnſtuhl ſich zurechtſetzte und auf die Einleitung dieſes Handels ſich beſann,„es iſt jetzt ſpät und morgen auch wieder ein Tag. Wenn man daher gekommen, wo Zephyr herkommt, ſo kann das für eine gute Reiſe paſſiren. Man iſt ermüdet und möchte gerner ſchlafen, als ſchwatzen. Laſſen Sie ihn für dieſen Abend in Ruhe, Sie können morgen plap⸗ pern, wenn Ihnen zu plappern nöthig ſcheint. Geh, mein Junge,“ ſagte der Künſtler, zu dem Lehrling ge⸗ wendet,„ſag' der Geſellſchaft gute Nacht und ſchieb Dich in's Bett.“ 4. N 7 E „Soll er nicht vorher zů Abend eſſen?“ fragte Protat.. „Getrunken hat er heute genug,“ erwiederte der Maler lachend;„doch ſoll Madelon ihm eine Fleiſch⸗ brühe geben und darauf mag er einſchlafen. Morgen 138 wird er beſſern Appetit haben. Was uns betrifft, die keine Reiſe in die andere Welt, wie er, gemacht haben, uns kann das Eſſen nichts ſchaden; im Gegentheil; alſo, Madelon, das Souper und ſchnell. Bis man auf⸗ trägt, will ich Zephyr in die Federn bringen und ihn einſchließen,“ flüſterte er Protat ins Ohr,„Sie ſollen ſogleich hören, warum,“ ſetzte der Künſtler hinzu. Der Lehrling ließ ſich von Lazare fortführen. Als ſie in das Cabinet kamen, wo Zephyr ſchlief, ſagte ihm Lazare ſehr ſchnell:—„Morgen frühe, ehe Je⸗ mand auf iſt, werde ich an Deine Thüre klopfen; kleide Dich an und ſei bereit; ich habe mit Dir zu ſprechen.“ „Mit mir?“ fragte der Lehrling erſtaunt. „Ja, mit Dir, und ich kann Dir vielleicht Nach⸗ richt von Etwas geben, was Du verloren haſt. Es iſt nicht der Mühe werth, zu ſuchen,“ ſetzte der Känſtler, Zephyr anblickend, hinzu, der, ganz erſtaunt, mechaniſch mit einer Hand nach der Bruſt fuhr.„Du ſiehſt wohl, daß Dein Säckchen nicht da iſt.“ „Haben Sie es gefunden?“ rief Zephyr mit einem faſt herausfordernden Blick. Lazare that, als ob er es nicht hörte, und fuhr fort:—„Wenn Du morgen auf den erſten Schlag nicht auf den Beinen biſt, ſo unterrichte ich Protat von dem, was vorgeht. Nun biſt Du gewarnt, ſchlaf wohl.“ „Ach! Herr Lazare,“ ſagte Zephyr,„glanben Sie wirklich, daß ich ſchlafen werde?“ „Vielleicht nicht ſo gut, als wenn man Dich unter dem Schilf des Loing gelaſſen hätte. Aber Du wirſt ſchlafen, gute Nacht. Machi, daß Du hübſche Träume bekommſt.“ Und Lazare entfernte ſich, indem er den jungen Burſchen einſchloß. Als er in das Speiſezimmer zurück⸗ kehrte, fand er das Convert aufgelegt. Adeline und ihr Vater nahmen ihren gewöhnlichen Platz ein. Jene 139 war immer noch gleich aufgeregt, trotz ihrer ſcheinbaren Ruhe.„Nun,“ ſagte Lazare leiſe bei ſich,„dem kleinen Zephyr habe ich ein wenig Ruhe verſchafft, wollen wir auch Adeline etwas Linderung gewähren.“ Und ein kleines Stückchen Bindfaden, das aus des Mädchens Taſche hervorſah, bemerkend, ſprach er zu ihr ſehr ruhig: allerliebſte Adelinette, Sie werden etwas ver⸗ ieren.“ Adeline fuhr mit der Hand nach der Taſche. Sie fühlte unter ihren Fingern etwas Feuchtes. Es war das Säckchen, das man an Zephyrs Halſe gefunden. hatte; das Säckchen, das ihr Geheimniß enthielt; ihr Geheimniß, das ſie in Lazare's Hände gefallen wähnte, den ſie nicht anzuſchauen wagte. Dieſe Andenken, die ſie für ſich verloren und in die Hand deſſen zurückge⸗ kehrt dachte, dem ſie dieſelben geraubt hatte, als eine Verkündigung, ja als ein Geſtändniß der Gefühle, die ſie für ihn empfand: ſie hatten ſie atſo doch nicht ver⸗ laſſen; ihr Geheimniß gehörte ihr immer noch! Aber auf einmal kehrte ihre Unruhe, einen Angenblick be⸗ ſchwichtigt, dauernder zurück. Wie ein Schuldiger, der ſich ſchon frei glaubt, und deſſen Angſt durch eine letzte Frage des Richters wieder erneuert wird, fand Adeline ſich einem neuen Verdacht gegenüber: wie kam das Säckchen in ihre Taſche? Alles war durch dieſe einzige Thatſache in Frage geſtellt. Mit kleinlicher Genauig⸗ keit zur Unterſuchung fortſchreitend, ſuchte Adeline ſich die Thatſachen zurückzurufen. Hatte Lazare, als er das Säckchen am Halſe des Lehrlings fand, daſſelbe ihr von Weitem zugeworfen, es zu unterſuchen? Bei Er⸗ öffnung deſſelben und beim Anblick der Gegenſtände welche es enthielt, hatte ſie einen Schrei ausgeſtoßen und war in Ohnmacht gefallen. Dieſe Ohnmacht un⸗ terbrach die Kette ihrer Erinnerungen. Was war ge⸗ ſchehen, da ſie uhne Bewußtſein auf einer Gartenbank lag? Bei dieſer Lücke blieb Adelinens Rachdenken 140 ſtehen; aber dieſer neuen Angſt Einhalt thuend, ver⸗ folgte ſie ihre Forſchungen nach einer beruhigenden Gewißheit. Nur mit einer ſchrecklichen Anſtrengung ge⸗ lang es ihr, die Laſt, von der ſie bedrückt wurde, weit von ſich zu werfen. O! wie wohlthuend war das Lüft⸗ chen, das ſie einathmete, als ſie es einmal zur Ueber⸗ zeugung gebracht hatte Zitternd, wie ſie eben geweſen, wie wurde ſie jetzt plötzlich ſo keck, und entſchädigte ſich dafür, daß ſie ſo viele Stunden nicht die Angen gegen den Künſtler aufzuſchlagen gewagt hatte, indem ſie ihn mit jener treuherzigen Kühnheit anſah, welche die äußerſte Frechheit ſein würde, wenu ſie nicht die äußerſte Unſchuld wäre!„War ich närriſch, unſinnig?“ dachte ſie, während ihre Hand convulſiviſch das Säckchen in ihrer Taſche feſt hielt.„Hätte Herr Lazare, was dariu iſt, geſehen, würde er nicht ſogleich alles errathen ha⸗ ben, wenn er ſich erinnerte, daß ich an dem Tage, da er den an ſeinen Freund in Paris geſchriebenen Brief nicht mehr fand, in ſeinem Zimmer geweſen? Und wenn er es errathen hätte, würde er in ſeinem Benehmen gegen mich nicht ein wenig verändert ſein?“ Und ins⸗ eheim alle dieſe Reflexionen machend, drückte ſie be⸗ tändig das Säckchen mit einer Hand, und Lazare, der das Papier in ihrer Taſche knittern hörte, ſagte bei ſich ſelbſt:„Siehe da, mein ſtiller Balſam wirkt.“ Adeline, bezüglich Lazare's vollkommen beruhigt, fing jetzt an, Zephyrs wegen ſich Sorgen zu machen. Und, wenn man es ſagen muß, beſchäftigte ſie ſich viel weniger mit Erforſchung des Grundes, der ihn zu dem Verſuch am Rachmittag verleitet haben konnte, als mit Vermuthungen über die Art, wie er hinter die Exiſtenz der in der myſteriöſen Schublade enthaltenen Gegen⸗ ſtände kam, und die Urſache, die ihn antreiben mochte, ſie in ſeinen Beſitz zu bringen. Kein Lichtſchimmer, kein Merkmal ſollte ſie hier leiten und ihre verworrenen Vorausſetzungen auf eine Spur führen, die auch nur 141 an einen Vorwand grenzen konnte. Sie vermochte an kein Gefühl der Feindſeligkeit von Seiten des jungen Burſchen zu glauben, dem ſie einen wohlwollenden Schutz hatte angedeihen laſſen, wofür Zephyr mit allen ihm zu Gebot ſtehenden Mitteln, wenn ſie ſich auch im Widerſpruch mit allen ihm am meiſten zur Gewohnheit gewordenen Fehlern befanden, ſich dankbar zu erweiſen ſtrebte. Es war jedoch richtig, daß Zephyr ſeit einiger Zeit in ſeinen Gefälligkeiten nachzulaſſen geſchienen hatte; aber ſie erinnerte ſich auch, daß ſie zuerſt, von der nahen Rückkehr Lazare's ganz eingenommen, ſich in ihren Beziehungen zu dem Lehrling ein wenig lauer benommen hatte. Gleichgültig gegen Alles, was ſich nicht an den Gedanken knüpfte, daß ſie den Künſtler wiederſehen würde, fiel ihr bei, daß ſie einige Mal nicht mit ihrer gewöhnlichen Sympathie zwiſchen den von Zephyr begangenen Fehlern und der Brutalität ihres Vaters zu vermitteln geſucht hatte.„Sollte deß⸗ wegen,“ fragte ſich Adeline,„Zephyr einen Groll gegen mich bewahrt haben? Aber wie konnte er daran denken, ſich durch ein ſolches Mittel zu rächen? Wie konnte er es errathen?“ Ein unbedeutender Umſtand, den wir vielleicht nicht übergehen dürfen, war der, daß ſeit ihrer Rück⸗ kehr nach Montigny die Tochter des Holzſchuhmachers Zephyr immer ſo betrachtet und behandelt hatte, wie ſie ſelbſt von Lazare behandelt und betrachtet worden war, das heißt, wie ein Kind. Man wird deßhalb nicht erſtaunen, daß ſie auf eine Menge kleiner natür⸗ licher Thatſachen nicht Acht gab, um ihre Zweifel auf⸗ zuklären und ihrem Verdacht eine beſtimmte Richtung zu geben. Vertraut mit dem Lehrling, wie Lazare es mit ihr war, wenn ſie ihm hier oder da im Vorbei⸗ gehen einen kleinen, freundſchaftlichen Klapps gab, hatte ſie nie bemerkt, daß der Junge auf einmal zitterte und erbleichte, wie ſie ſelbſt Bläſſe und Zittern an⸗ wandelte, wenn es Lazare einmal begegnete, daß er ſie 142 um den Leib faßte und, indem er ſie umarmte, zum Davonſpringen trieb. Wenn der alte Protat den Hun⸗ ger als ein Correktionsmittel bei ſeinem Lehrling an⸗ wandte, ſobald er ungewöhnlich träge war, und Ade⸗ line nun verſtohlener Weiſe ihm das entzogene Abend⸗ eſſen brachte, ſo ſah ſie in dem Danke Zephyrs nichts als einen Dank, aber der Accent, mit dem er ſeine Dankbarkeit zu erkennen gab, ſein Blick, ſeine Geberde, die geringe Sorge, die er zu haben ſchien, der ſchmalen Koſt zu entgehen, zu welcher er verurtheilt worden war, nur um ſie zu ſehen, ſie zu hören; ſeine ungeſtümen Bewegungen bei ihrem Eintritt, die vor⸗ übergehende Beſeelung, die in ſeinem Geſicht aufſtieg, und, wenn ſie ihm mit ihrer ſüßen, gedehnten Stimme ſagte:„Da, mein Liebling, ich bringe Dir etwas zum Abendeſſen mit gutem Weißbrod;“ der plötzliche Schim⸗ mer, der das Auge des Lehrlings wie ein aus wer⸗ borgenem Feuer hervorſpringender Funke erleuchtete: dieſe tauſend Symptome, welche die im Innern des Jungen vor ſich gehende Verwirrung verriethen, wenn er ſich mit der Tochter ſeines Meiſters in Berührung geſetzt fand, entgingen ſtets Adelinen; wodurch ſich er⸗ klärt, warum ſie dieſelben auch nicht im Andenken be⸗ halten hatte. Auch bedauerte ſie, daß Lazare ihren Vater verhinderte, das Verhör mit Zephyr fortzuſetzen. Ob dieſer nun den wahren Grund, der ihn zu ſeinem Verſuch verleitete, geſtanden haben mochte oder nicht, er hätte ohne Zweifel geſprochen, und aus einigen ſeiner Antworten ſie vielleicht ein Anzeichen abnehmen können, mit deſſen Hülfe ſie in das unerklärliche Geheimniß ſeines Betragens eindringen konnte, oder das ihr we⸗ nigſtens dazu dienlich geweſen wäre, aus ihrer Unge⸗ wißheit herauszukommen. Doch, da ſie inſtinktmäßig wußte, daß ſie großen Einfluß auf des Lehrlings Geiſt beſaß, ungeachtet ſie wohl erkannte, daß dieſer Einfluß insbeſondere von dem Zeitpunkt an, wo Lazare's Rück⸗ 143 kehr im Hauſe von Montigny angekündigt worden war, ſich ein wenig vermindert hatte, beruhigte ſich Adeline von einer andern Seite. Sie dachte, es würde nicht lange anſtehen, um das in Zephyrs Vertrauen ver⸗ lorene Terrain wieder zu gewinnen, und zweifelte nicht, ſie würde beſſer, als Jemand und vor Jemand, dazu kommen, klar in das Innere Zephyrs zu ſehen und Alles, was ſie wiſſen wollte, aus ihm herauszubringen. In dieſer Stimmung zog ſich nach beendigtem Abend⸗ eſſen die Tochter des Hotzſchuhmachers zurück, nachdem ſie ihren Vater umarmt und dem Koſtgänger gute Nacht gewünſcht hatte. Als ſie ſchon auf der Thürſchwelle ſtand, drehte ſich Lazare um, indem er ſeinem Schämel eine Wen⸗ dung gab. Ei, liebſte Adeline,“ fragte ſie der Künſtler mit dem Ton aufrichtiger Nengierde,„was haben Sie denn in Zephyrs Börſe gefunden? Seh Einer den egviſtiſchen Schalk, der mit ſeinem Schatz ſich ertränken will, um keine Erben zu hinterlaſſen!“ ſetzte Lazare lachend hinzu. Bei dieſer Frage, deren Grund ſie nicht begreifen konnte, blieb Adeline verblüfft. „Eine Börſe!“ fiel der alte Protat ein;„wie, Zephyr hat Geld, und er wollte ſich damit ertränken!“ Wie der alte Geizhals in der Sündfluth von Girodet,“ fuhr der Künſtler fort. „Was ſagen Sie mir da?“ erwiederte der Alte, wieder in ſeinen normalen Zuſtand kommend.„Wo zum Teufel hat Zephyr dieſes Geld genommen? Ver⸗ dient hat er es gewiß nicht, dazu iſt er zu faullenzeriſch, der kleine Taugenichts!“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Lazare,„es war Münze eines Wilden, kleine Kieſel aus dem Lving, die er zum Zeitvertreib ſammelt, wenn ſie eine hubſche Farbe und ſonderbare Form haben. Es iſt eine Narr⸗ 144 heit von ihm; er ſteckt voll Narrheiten, der Junge⸗ Letztes Jahr, als wir beide unſere Streifereien mach⸗ ten, blieb er alle zwanzig Schritte ſtehen, in dem Sand zu wühlen; und als ich ihn aus dem Waſſer fiſchte, hatte er am Hals eine Art Börſe oder Säckchen, das ich Ihrer Tochter zum Unterſuchen gegeben habe. Ich ſetzte voraus, es wäre das Schmuckkäſtchen, wo Zephyr ſeine koſtbaren Steine verberge.“ „Nun! fragte der alte Protat, ſeinerſeits ſich jetzt an Adeline wendend, der des Künſilers Worte noch einmal mehr bewieſen⸗ daß der junge Mann nichts von einer Sache wußte, deren Entdeckung ſie ſo ſehr ge⸗ fürchtet hatte;„nun, Kleine, was haſt Du in Zephyrs Säckchen gefunden?“ „Was Herr Lazare vermuthete, Kieſel,“ antwortete Adeline mit großer Zuverſicht. Sie ſetzte hinzu, wie um den Künſtler zu überzeugen:„Das iſt nicht zum Erſtaunen;„vor einigen Tagen, da Madelon Zephyrs Bett friſch überzog, hat ſie unter ſeinem Kopfpfühl eine Menge dieſer kleinen Steine gefunden.“ Die Thatſache war richtig— und Adeline führte ſie an, weil Madelon ſie hätte beſtätigen können. Allein es war mehr als ein Halbjahr, daß dieſes vor einigen Tagen paſſirt war. Lazare hatte ſich nicht enthalten können, die Geiſtes⸗ gegenwart Adelinens zu bemerken, und zum erſtenmal erſtaunte er über die Kaltblütigkeit und Einſicht, welche von dem Mädchen, in dem er bis jetzt nichts als ein Kind geſehen hatte, an den Tag gelegt wurde. „Gute Nacht, Herr Lazare,“ ſagte ſie zu ihm, ab⸗ gehend,„gute Nacht, Papa.“ „Gute Nacht, mein Liebchen,“ antwortete Lazare, ihr mit den Augen folgend. „Schlaf wohl, Kleine,“ ſetzte der Holzſchuhmacher hinzu, ihr eine Geberde der ebkoſuns zuwerfend. „Seien Sie ruhig,“ ſagte Lazare, als Adeline die 14⁵ Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte...„ſie wird jetzt gut ſchlafen.“ 3 Der geheime Sinn dieſes letzten Wortes ging un⸗ bemerkt an des Holzſchuhmachers Ohre vorüber. NMeuntes Rapitel. Lazare's Diplomatie. „Nun wohlan!“ fragte plötzlich Protat ſeinen Koſtgänger, ſich vor ihm auf den Ellenbogen ſtützend und ihn neugierig anſchauend,„warum zum Teufel haben Sie mich verhindert, meinen Lehrling zu be⸗ fragen?“ „Iſt es nicht ausgemacht worden.“ ſagte der Ma⸗ ler,„daß Sie, ſo lange ich hier bleiben muß, mir ihn ganz überließen?“ „Das iſt wahr, und ich nehme es nicht zurück,“ erwiederte der Alte;„aber das hindert nicht, daß ich gern erfahren hätte, wie er auf den Gedanken, ſich zu ertränken, gekommen iſt. Das beunruhigt mich ernſt⸗ lich. wiſſen Sie, Herr Lazare! Und Sie,“ fügte er hinzu,„ſind Sie nicht nengierig, es zu erfahren?“ „So neugierig als Sie,“ antwortete der Künſtler; „aber ich kann warten“ „Sie haben ihn alſo nicht ſogleich befragt, als Sie mit ihm hinaufgingen?“ „Ich habe nicht ein Wort zu ihm geſagt, das die Ereigniſſe des Tages zurückrufen konnte. Ich bin mit ihm hinaufgegangen, ihn einzuſchließen.“ Murger, Adeline Protat. 146 „Ah! richtig, und Sie haben mir ſogar zu ſagen verſprochen, warum Sie dieſe Vorſichtsmaßregel trafen.“ „Ich habe Zephyr unter Schloß und Riegel gebracht, damit er ſich mit Niemand in Verbindung ſetzen und, was paſſirt iſt, dem ganzen Dorfe erzählen kann.“ „Aber das ganze Dorf weiß es!“ rief der Holz⸗ ſchuhmacher, der dieſe Vorſicht unnütz fand. „Man weiß, daß Zephyr beinahe ertrunken wäre,“ ſagte Lazare,„aber man weiß nicht, daß es freiwillig geſchah. Wahrhaftig!“ fuhr der Maler fort, ich war der einzige unter Ihnen, der ſeine Kaltblütigkeit be⸗ wahrt hat; deren bediente ich mich. Ich dachte, es wäre nicht nothwendig, daß der wahre Verhalt bekannt würde, weil Jedermann in der Gegend ſich hätte Ver⸗ muthungen hingeben können, und daraus Unangeneh⸗ mes für Sie entſprungen wäre.⸗ „Das war Ihr Gedanke, Herr Lazare,“ rief der Holzſchuhmacher, deſſen Stirne ſich plötzlich verfinſterte. „Ohne Zweifel,“ erwiederte der Künſtler. Der⸗ gleichen Ereigniſſe erregen immer gewiſſe Erläuterungen, und darunter kann ſich wohl etwas Aergerliches finden.“ „Aergerliches!“ wiederholte der Holzſchuhmacher, der aufmerkſam auf Lazar⸗'s Worte hörte und ſie inner⸗ lich mit ſeinen eigenen Gedanken in Gleichheit zu ſetzen ſchien: Aergerliches, ſagen Sie?“ „Sie müſſen mich wohl verſtehen? Angenommen, Sie wären nicht da geweſen, ihren Lehrling zu retten, und am Morgen hätte man ihn mit einem Stein an den Füßen aus dem Waſſer gezogen. Glauben Sie, man hätte nicht in der Gegend drauf und drein ge⸗ ſchwatzt? Ueberall gibt es ſchlechte Zungen, und hier mehr als ſonſt, wenn ich mich deſſen entſinne, was Sie mir von Ihren ehmaligen Geſchichten erzählt haben.“ „Nun wohlan!“ ſagte haſtig der Holzſchuhmacher, „was hätte man im Faä, daß Zephyr geſtorben wäre, 147 ſagen können!... Man hätte doch wohl mich nicht angeklagt, ihn ins Waſſer geworfen zu haben!“ „Nein, wenigſtens glaube ich es; aber...“ „Aber was?„ rief Protat, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend. „Nun! bei Gott,“ erwiederte Lazare, den Alten nachahmend,„ein ſchlechter Kerl, der Ihnen feind ge⸗ weſen wäre, hätte ſagen können: es iſt kein Wunder, daß der Lehrling ſich ertränken wollte, nur um ſich vor ſeinem böſen Meiſter zu retten!“ „Man hätte ſo geſagt!... Aber, Herr Lazare, wiſſen Sie, daß ich den erſten erwürgt hätte, der ſich das erlaubte...“ „Möglich,“ fuhr der Künſtler gelaſſen fort,„aber Sie hätten riskirt, von denen, welche dieſes Geſchwätz hörten, ſelbſt erwürgt zu werden. Nun! Vater Protat, was man geſagt hätte, wenn Zephyr unglücklicher Weiſe geſtorben wäre, würde man auch nun, da Zephyr lebt, ſagen, wenn wir nicht alle Vorſichtsmaßregeln treffen, welche glauben machen können, daß das Ereigniß von vorhin die Folge eines Zufalls, und nicht ein ſchöner und wohl überlegter Selbſtmord war. Deßhalb alſo habe ich ſchon angefangen, den Verdacht abzulenken, deßhalb muß Jedermann im Hauſe, das heißt, Sie, Madelon und Ihre Tochter vollenden, was ich glücklich angefangen zu haben glaube. Madelon habe ich ſchon die nöthige Weiſung gegeben; nach meinem Rath muß ſie daran ſein, das mit Adelinen zu thun, und ich nehme mir eben die Erlaubniß, es mit Ihnen zu thun, weil ich, dem Ereigniß fremd, wie ich bin, die Um⸗ ſtände mit ſcharfem Sinn beurtheilen, und weit mehr als Sie die möglichen Folgen vorausſehen kann. Wenn ich Ihnen ſo eben ein Zeichen zu ſchweigen machte, als Sie Ihrem Lehrling ſagen wollten, daß ich ihm bei⸗ geſprungen ſei, ſo geſchah es um der Nothwendigkeit willen, ihm den Glauben zu laſſen, daß er Ihnen die⸗ 148 ſen Beiſtand verdanke. Sie konnten bemerken, auf welche Weiſe er Ihnen ſeine Dankbarkeit bezeigt, und vergaßen die Verſprechungen nicht, die er Ihnen wegen ſeiner künftigen Aufführung gemacht hat. Er wird ſie nicht vergeſſen, deſſen bin ich gewiß, eben ſo wenig, als Sie die Ihrigen von vorhin. „Wem habe ich etwas verſprochen, und was habe ich verſprochen?“ fragte der Holzſchuhmacher, ein wenig etſtaunt, oder wenigſtens ſich alſo ſtellend. „Sich ſelbſt,“ erwiederte Lazare, ohne aus der Faſſung zu kommen,„haben Sie das Verſprechen ge⸗ geben, als Sie dieſem Verſuch Zephyrs vielleicht nicht ganz fremd zn ſein dachten und ſich von einer Art Ge⸗ wiſſensbiſſen betroffen fühlten, die ſich in dem Maße wieder verminderten, als der Junge wieder ins Leben zurückkehrte. Wenn ich, was in Ihrem Innern vorging, errathen habe, Vater Protat, ſo kommt es daher, weil Sie mehr Offenherzigkeit haben, als Sie glauben, und wenn Sie auch zuweilen Ihre Eindrücke verſchweigen, ſo kann doch, ohne daß Sie zu reden brauchen, Jeder⸗ mann, der dieſelben erfahren will, ſie geläufig in Ih⸗ rem Geſicht leſen. Gerade dieſer Lektüre habe ich mich vorhin überlaſſen, da Sie Zephyr in den Armen hiel⸗ ten, und konnte dann verſtehen, daß Sie ſich das Ver⸗ ſprechen gaben, in Zukunft geduldiger, ſanftmüthiger als bisher, mit dem armen Burſchen zu verfahren, deſ⸗ ſen Kummer ſehr ſchwer ſein mußte, weil er ihn länger zu ertragen ſich nicht mehr im Stande fühlte. War es wohl ſo?“ fragte Lazare abbrechend. Protat antwortete nicht laut, aber er neigte zwei oder drei Mal den Kopf zum Zeichen der Beiſtimmung. Nach einem kurzen Stillſchweigen ſagte er, die nieder⸗ geſchlagenen Augen wieder erhebend, zum Maler. „Es iſt alſo, Herr Lazare, Ihre Anſicht, daß Zephyr„ „Was?“ fragte dieſer. 149 „Nun denn!“ ſagte der Holzſchuhmacher, mit der Geberde eines Tauchers, daß das Schuld iſt... kurz, weil es ihm ſchlecht im Hauſe ging?“ „Ei! bei Gott, Sie zweifeln noch daran?.. Welchen andern Beweggrund würden Sie denn ihm unterlegen?“ „Das iſt wahr... Auch will ich ihn ſchonen, ſehr wohl.“ „Dieß wird Ihnen um ſo leichter werden.“ erwie⸗ derte Lazare,„wenn Sie ſich beharrlich der Ueberein⸗ kunft von dieſem Morgen erinnern, daß ich ihn wäh⸗ rend der zwei oder drei Monate, da er mir gehören ſoll, in der guten Geſinnung, die er ſeinerſeits zu ha⸗ ben ſchien, erhalten und Ihnen vollkommen geſchmeidig zurückgeben werde.“ „Aber,“ fragte plötzlich der Holzſchuhmacher, eine andere Vorſtellung aufgreifend,„finden Sie es nicht ein wenig ſonderbar, daß er gerade am Tage Ihrer Ankunft und nachdem er Sie im Stich gelaſſen, ſich an die Füße und den Kopf ins Waſſer gehängt at?“ „Teufel!“ dachte Lazare,„warum geräth der Alte auf den Einfall, mich in das Ereigniß zu ver⸗ flechten? Hätte ich es mir vergeblich ſo fauer werden laſſen, ihn in dem ſelbſt geſchaffenen Irrthum zu er⸗ halten?“ „Und hernach,“ fuhr Vater Protat fort,„wie kommt es, daß Zephyr genau an dem Tage, da wir von Ihrer Rückkehr Rachricht erhielten, wieder gries⸗ grämiger als gewöhnlich geworden iſt? Er war gerade da, als Adeline Ihren Brief las, und da die Kleine vor Freuden tanzte, wurde er ganz blaß, und von je⸗ nem Augenblick an hat ſeine üble Laune ſich nur ver⸗ ſchlimmert.“ „Ei! Vater Protat,“ ſagte Lazare mit erzwunge⸗ nem Lachen,„was für ein Manvenver machen Sie da? 150 Ohne daß Ihnen Jemand den Gedanken eingegeben, haben Sie ſich eingebildet, irgendwie vielleicht bei Zephyrs Abenteuer betheiligt zu ſein; Sie ſind ſelbſt mit mir einig darüber geweſen, und jetzt verſuchen Sie, ſich dieſer Verantwortlichkeit zu entledigen, indem Sie es auf Rechnung meiner Gegenwart unter Ihnen ſchie⸗ ben. Wie? iſt das billig? frage ich Sie. Wenn ich hier bin, nehme ich Zephyr mit, den gänzen Tag zu⸗ ſammen herumzulaufen; nnn aber, ſo träg er auch ſein mag, muß er doch meine Geſellſchaft der Ihrigen vor⸗ ziehen, weil, abgeſehen von der Mühe, die er hat, meine Geräthſchaften zu tragen, Zephyr, ſobald ich ein⸗ mal meinen Sonnenſchirm in einen Winkel geſteckt habe, im Schatten einſchlafen, nach Behagen träumen, oder Kieſel, die man unter ſeinem Bette findet, ſammeln kann. Noch einmal, warum ſollte ihn meine Rückkehr verdrießen, da ich gewohnt bin, ihn regelmäßig alle Tage drei oder vier Meilen von Ihrer Schuhmacherwerk⸗ ſtätte und Ihrem Stocke hinwegzuführen, was für ſeine Trägheit ebenſo viel als ſieben Sonntage die Woche ausmacht. Nein, anſtatt über meine Ankunft ſich zu ärgern, hätte er vor Freude tanzen ſollen. „Nun ja! aber das iſt gerade, was mir ſo viel Kopfzerbrechens macht: daß er im Gegentheil nicht ge⸗ tanzt hat; Adeline tanzte vor Freude, und je luſtiger ſie wurde, je mehr ſie ſich mit Ihnen und den Anord⸗ nungen oben für Sie beſchäftigte, deſto düſterer wurde er.“ „O weh! o weh!“ dachte Lazare;„jetzt befindet er ſich mit ſeinem Verdacht auf der rechten Fährte, bald wird er damit im Klaren ſein.“ „Das heißt,“ fuhr der Alte fort,„nach den Gri⸗ maſſen die man ihn jeden Tag machen ſah, ſo oft man von Ihnen redete, und das that Adeline von Morgen bis Abend, hätte man ſagen können, Zephyr wäre eifer⸗ ſüchtig... „Ihre Geſundheit, Vater Protat!“ rief Lazare 151 und ſtieß klirrend ſein Glas mit dem des Holzſchuh⸗ machers an, in der Hoffnung, das durch den Stoß verurſachte Geräuſch, vereint mit dem Schall ſeiner Stimme, würde das letzte Wort des Alten erſticken und vielleicht verhindern, daß dieſes mechaniſch ausgeſpro⸗ chene Wort ſeinen Gedankengang unterbreche und ein plötzliches Licht darüber verbreite; aber der Holzſchuh⸗ macher ſtellte ſein Glas, nachdem er es geleert hatte⸗ auf den Tiſch, und erwiederte, als wäre er gar nicht unterbrochen worden:„O! mein Gott, ja; man könnte ſo denken, Zephyr wäre auf Sie eiferſüchtig.“ Was Lazare glücklicher Weiſe beruhigte, war der Umſtand, daß der Alte dieß ganz einfach ſagte, und ohne daß in ſeiner Haltung, ſeiner Stimme, ſeinem Blick irgend eine Abſichtlichkeit, irgend ein Hinter⸗ gedanke ſich verrieth. Er begriff jedoch, daß er bei längerem Widerſtand gegen dieſe neue Vorſtellung Pro⸗ tats Gefahr liefe, deſſen Zweifel zu vergrößern und ihn zu einem Quer⸗Verdacht zu verleiten, der ſo ziem⸗ lich an die Wahrheit grenzte. 1 „In der That,“ ſagte er zu Protat,„Sie können Recht haben. Zu dem Motiv, das Sie anfänglich vor⸗ ausſetzten, hat möglichen Falls Zephyr noch ein an⸗ deres hinzugefügt und darum vielleicht zwei Steine an ſeine Füße gebunden,“ ſagte Lazare, die Sache zu einem Scherz zu wenden verſuchend. „Ah! Sie ſehen alſo, daß Sie ſelbſt meiner An⸗ ſicht ſind,“ rief Protat;„es iſt ein anderer Grund.“ „Es iſt mehr als wahrſcheinlich, und eben das mag Zephyr, ich bin davon überzengt, vor Allem an⸗ dern zu ſeiner That angetrieben haben.“ „Glauben Sie?“ fuhr Protat fort, glücklich über dieſes Zugeſtändniß, das ihm eine Erleichterung verur⸗ ſachte.„Wohl denn! aber welchen Zuſammenhang er⸗ blicken Sie zwiſchen dieſem Beweggrunde und der Traurigkeit, die Ihre Ankunft Zephyr verurſacht hat? 152 „Er kommt darauf zurück,“ ſagte Lazare bei ſich, und dann laut:„Kein naher Zuſammenhang auf den erſten Anblick; aber, wenn man ſucht, muß man überall ſuchen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Holzſchuhmacher mit einer Geberde der Beiſtimmung.„Wie weiter?“ „Nun! da iſt, was ich bei dem Suchen gefunden habe. Hören Sie mir zu.“ „Wohl,“ ſagte Protat, den Kopf auf die Hände und die Ellbogen auf den Tiſch geſtützt. „Sie wiſſen, in vierzehn Tagen iſt das Kirchweih⸗ feſt in Montigny. Alſo, unter den vom Herrn Maire angeordneten Beluſtigungen iſt auch, wiſſen Sie, ein Gansſchießen, das außer dem Thier, welches der Preis des Siegers iſt, dem letztern noch eine große Bedeutung im ganzen Dorfe verſchafft. „Vollkommen! Zephyr, das ganze Jahr mit ſeiner Hand ſo ungeſchickt, war ſelbſt ſehr durchtrieben bei dieſem Spiel. Die letzten drei Jahre nach einander hat er die Gaus gewonnen und der Geiger brachte ihm ein Morgenſtändchen. „Es gewährte ihm noch oben drein das Recht, ſeine Tänzerin zu wählen.“ „Und,“ bemerkte Vater Protat lachend,„der Schalk war nicht dumm: er ging geradenwegs auf die ſchönſt ewachſenen Mädchen, die ſchönſten Toiletten, die roſig⸗ ſten Wangen, die rötheſten Bänder zu; aber man muß gerecht ſein: als meine Tochter nach Montigny zurück⸗ kam, iſt Zephyr artig geweſen; er machte ihr ein Ge⸗ ſchenk mit der Gans und forderte ſie auf, wie es ſein Recht war. Und doch ſah ſie noch ein wenig bleich ans und hatte keine rothen Bänder.“ „Das will ich meinen!“ ſagte Lazare, dieſe Ein⸗ ſchmeichlung benützend,„Adeline war immer die ſchönſte und beſt gekleidete: hatte ſie keine Bänder, ſo hatte ſie Kleinodien, ein Bracelet.“ 1 153 6„Von Gold,“ ſagte Protat ſtolz,„von wirklichem old.“ „Und Ohrenringe,“ fuhr der Künſtler fort „Mit Diamanten“ ſagte Protat,„mit wirklichen Diamanten, und ſie beſitzt ſo den Werth von drei Hu⸗ fen Landes Wieſen oder Weinberge, in einer kleinen rothen Schachtel.“ „Das erklärt, warum Zehpyr ſo ſehr darauf hielt, ſie zum Tanz zu bringen. Mit ihrem Bracelet, glaubte Zephyr, würde Ihre Tochter auch ihn herausheben Er iſt voll Eigenliebe, der kleine Burſche!“ „Doch, um aufunſere vorige Rede zurückzukommen,“ ſagte der Holzſchuhmacher zu Lazare,„welchen Bezug können dieſe Geſchichten auf unſern gegenwärtigen Fall haben?“ „Warten Sie doch!“ entgegnete der Maler;„Alles hängt im Leben zuſammen, wie Sie eben dieſen Angen⸗ blick ſich erinnern. Mehrere Jahre hat Zephyr den Preis der Gaus bei dem Dorffeſte davongetragen, und jedesmal hat Ihr Lehrling die mit dieſem Sieg ver⸗ bundenen Ehren genoſſen. Nun! bedenken Sie jetzt, daß voriges Jahr ein gewiſſer Lazare, den Sie und ich kennen, den Vortheil gehabt hat, ſie im Triumph an Ihren Bratenwender zu bringen, und wir das Ver⸗ gnügen genoßen, dieſelbe zuſammen zu verzehren, zum großen Aerger und Mißfallen Ihres Lehrlings, der aus Hochmuth nicht einmal von der Eroberung etwas annehmen wollte, was ich ihm als großmüthiger Neben⸗ buhler anbot.“ „Das iſt wirklich wahr,“ ſagte Vater Protat, die Hände zuſammenlegend. „Und wie ſehr hatten Sie vorhin Recht, als Sie ſagten, Zephyr wäre eiferſüchtig auf mich. Zephyr, voriges Jahr auf dem Kampfplatz um die Gans von mir geſchlagen, aus dem Beſitz der oben erwähnten Vortheile von mir verdrängt, hat dieſe Schlappe nicht 154 ohne Groll ertragen. Er hoffte vielleicht dieſes Jahr, ſeine Geſchicklichkeit auf dem Platze an der Spitze des Gemeinde⸗Schnitt⸗Kohls*) wieder zu Ehren zu brin⸗ gen; aber er erfährt meine Rückkehr: er iſt troſtlos, das iſt ganz natürlich. Und merken Sie wohl noch, bei meiner Aukunft in Bourron, wohin Sie ihn mir entgegenſchickten, habe ich angefangen, fatale Unvor⸗ ſichtigkeit! ihm das Abenteuer vom letzten Jahr ins Gedächtniß zurückzurufen, indem ich ihm ankündigte, daß ich ganz darauf rechne, dieſes Mal mit ihm den Wettkampf zu beſtehen!“ 3 „Sie glauben alſo, das ſeie die Urſache davon?... „Hören Sie doch! Sie haben mir geſagt: Suchen wir mit einander, welchen Grund Zephyr hatte, über meine Rückkehr ungehalten zu ſein. Ich gebe Ihnen dieſen da an, nicht als ob er ganz genügend wäre und mir eben ſo ſchwer zu wiegen ſchiene, als der Stein, den er an den Beinen hatte; aber er iſt der einzige, den ich finde, der einzig wahrſcheinliche. Daß es Sie überraſcht, begreife ich; aber ich bin nicht weniger er⸗ ſtaunt, als Sie. Die Eigenliebe hat ernſtere Leute als Zephyr, und aus ſcheinbar viel geringfügigeren Ur⸗ ſachen, Thorheiten von der Gattung der ſeinigen be⸗ gehen laſſen. Einmal im Jahr, ſonſt jämmerlich, ſchlecht empfangen, ſchlecht behandelt von Ihnen und von Jedermann, einmal im Jahr war er triumphirend, ge⸗ ſchmeichelt, geſucht. Dieſer Tag war der einzige im Jahr, da er im Glück athmete. Dieſer Moment des Stolzes hielt allen Demüthigungen der andern Tage das Gleichgewicht. Kommt da ein Fremder, ein Pfla⸗ ſtertreter, der, ohne vernünftigen Grund, nur zu ſeiner Zerſtrenung dem armen Tenfel dieſe einzige Stunde *) Coupe-chou municipal, wahrſcheinlich ein Spitzname für die Dorfjugend. n A. d U. 155⁵ der Zufriedenheit raubt, die er in eben ſo viele Theile vertheilt, als das Jahr Tage hat. Nun, wohlan! Er hat gelitten, er hat grauſam gelitten. Der Arme, der nur einen Sou hat und dem man ſeinen Sou ſtiehlt, leidet eben ſo ſehr und verliert eben ſo viel, als der Millionär, dem man eine Million ſtiehlt. Dieſe un⸗ glückliche Gans, ſo mager und ſo hart, die ich über meine Klinge, darf ich nicht ſagen, denn es war eine Säge, habe ſpringen laſſen; dieſe Gans war der Schatz Zephyrs, war das jährliche Kapital ſeiner armen Freude, und die Erinnerung zahlte ihm die Zinſen davon. Das ganze Jahr über entzückte ſie ſeine Träumereien, er konnte keinem Stück dieſes Federviehs begegnen, ohne bei ſich ſelbſt zu ſagen: da iſt meine künftige Erobe⸗ rung, die jetzt fett wird. Er zählte vielleicht auf meine Abweſenheit dieſes Jahr; aber da bin ich wieder zurück. In vierzehn Tagen iſt das Feſt in Montigny: Zephyr hat den Kopf verloren. Und mit dem andern Grund, den Sie urſprünglich angenommen haben. eine Annahme, die ich mit Ihnen theilte, macht der, den ich Ihnen entdecke, gut ein Paar, und wir haben, was wir wünſchen.“ „Wohl möglich, wohl möglich!“ ſagte der Holz⸗ ſchuhmacher, den Kopf ſchüttelnd. „Das iſt nicht blos wohl möglich, das iſt wohl gewiß, muß man ſagen,“ bekräftigte Lazare. „Ja, ja, es iſt ſo, wie ich meine,“ erwiederte der Alte, mit Ton und Miene gleichmäßiger Ueberzeugung. „Ah!“ dachte Lazare bei ſich,„ich habe einen harten Stand gehabt, ihn dahin zu bringen. Und als er ſah, daß Protat ſich anſtrengte, ein Gähnen zu ver⸗ bergen, ſetzte er hinzu:„Nun, da iſt noch einer, der ruhig ſchlafen wird.“ Dieſe Unterredung hatte ziemlich lange gedauert; eben ſchlug es auf der Kirche von Montigny halb zehn Uhr. Der alte Protat, der ſeine gewöhnliche Stunde 156 des Schlafengehens hatte verſtreichen laſſen, ſchien der Ruhe ſehr zu bedürfen. Was Lazare betraf, wenn er ſolche nicht wünſchte, ſo verlangte er wenigſtens nach Einſamkeit. Als der Holzſchuhmacher aufſtand, folgte der Künſtler ſeinem Beiſpiel, nahm den Zimmerſchlüſſel vom Nagel, zündete ſeinen Leuchter an, wo durch Ade⸗ linens Vorſorge eine Wachskerze das Talglicht, gegen welches der Widerwille des Künſtlers bekannt war, erſetzte. Ehe er abging, ſagte Protat, als wollte er noch die letzte Unruhe ſich vom Halſe laden, indem er aus Lazare's Munde eine letzte Beſtätigung der Sicherheit erhielte, zu dem Künſtler: „Sie denken alſo, Herr Lazare, daß das Ereigniß keine Folgen haben wird und Alles vorüber iſt?“ „Die Vorſichtsmaßregeln ſind getroffen, und ich habe ſie Ihnen zur Kenntniß gebracht,“ antwortete der Maler.„Madelon hat das Loſungswort und von ihr iſt es Adelinen mitgetheilt. Sie ſind meiner ſicher, wie Ihrer ſelbſt; die Affaire mit Zephyr wird alſo ein Geheimniß unter uns bleiben; er wird nicht ſprechen. Und hätte er außerdem einen Gedanken dazu, ſo kann er nicht, weil ich ihn eingtſchloſſen habe.“ „Gut, für heute Nacht.. aber Morgen?“ fragte Protat. „Ich habe daran gedacht. Morgen alſo nehme ich unter dem Vorwand, die Sonnenhitze zu vermeiden, ſobald der Tag anbricht, Zephyr nach dem Feenteich, wo ich eine Studie zu machen gedenke. Die Leute von Montigny ſtreichen da wenig herum, und wenn Zephyr geneigt wäre, ſich von Reugierigen wegen ſeines Bades ausholen zu laſſen, ſo habe ich den ganzen Tag Zeit, ihn von dieſer Vorſtellung abzubringen und, wenn man ihn fragt, im Gegentheil zu ſtimmen, ſo zu ant⸗ worten, wie wir alle, damit der Verdacht in ſeine Höhle zurückkehrt; aber ich glanbe, es iſt eine ganz überflüſ⸗ — 157 ſige Vorſicht, und der kleine Burſche denkt nicht daran, uns Lügen zu ſtrafen. Er glaubt Ihnen zum zweiten Mal das Leben zu verdanken, er hat es Ihnen ſelbſt geſagt und die wenigen Worte, die er darauf an Sie gerichtet hat, zeigen genugſam, daß er, wenigſtens der Abſicht nach, bereit iſt, durch ſeine künftige Aufführung alles wieder gut zu machen, was Sie mit Recht an ſeinem alten Thun, oder vielmehr Nichtthun zu tadeln fanden. Ihrerſeits ſind Sie, glaube ich, geneigt, ihm Alles, was er thun wird, in Anſchlag zu bringen. „Ah, ganz bereit,“ ſagte der Holzſchuhmacher.„Ich brauche es Ihnen nicht zu verbergen, weil Sie es wahr⸗ genommen haben; aber vorhin, da ich ihn ganz naß und kalt in meinen Armen hielt... das hat mir einen Stoß gegeben.. beim Blitz! Ich habe nichts Aehn⸗ liches ſeit der Zeit empfunden, da die Leute von hier mich einen ſchlechten Vater nannten. Es kam mir vor, als hörte ich ſie ſchon rufen: ſchlechter Meiſter und Kinds⸗Schinder; und dann iſt außerdem dieſer Junge in der That ein wenig mein Kind, weil ich ihn adoptirte. Auch habe ich, ſehen Sie, nicht darauf ge⸗ wartet, daß er mir verſprach, ſich zu beſſern, um mir ſelbſt zu verſprechen, beſſer zu werden.“ „Ich habe es geſehen,“ ſagte Lazare,„da Sie ihn in den Armen hielten und Adeline herzuriefen.... Wiſſen Sie, wie Sie ausſahen?“ fuhr der Künſtler fort, das Geſicht des Holzſchuhmachers genau ſtu⸗ dirend. „Wie ſah ich aus?“ fragte dieſer. „Sie ſahen aus, als wollten Sie ihm Ihre Tochter zur Che geben.“ Der Künſtler hatte dieſe Worte hingeworfen, wie man einen Stein in einen Abgrund fallen läßt, um die Tiefe zu ſondiren. Der Holzſchuhmacher vermuthete nicht, daß, indem jener unter der Form einer Verglei⸗ chung und mit Haſt dieſe Idee in Berührung mit ihm 158 brachte, es einfach eine anonyme Frage war, welche der Künſtler an ihn richtete, der nach vollendeter Phraſe ſeine Aufmerkſamkeit verdoppelte, um in den Zügen des Alten den Eindruck zu leſen, welchen ſie in ſeinem Geiſte hervorbringen würde. Protat ging mit jeder wünſchenswerthen Unbefangenheit in die Falle. „Ha! ha! ha!“ rief er, den Mund zu einem un⸗ endlichen Gelächter aufreißend;„ha! hal ha! welchen Einfall Sie da haben! O! das iſt poſſirlich! Ha!“ ſetzte der Holzſchuhmacher hinzu, ſich die Seiten haltend, „es thut weh, ſo zu lachen! aber das geht über meine Kraft, ſehen Sie? Zephyr, Adeline.. Wo zum Teufel nehmen Sie denn Ihre Vergleichungen her, Sie und die andern Künſtler?“ „Gut, dachte Lazare, da haben wir ſein Erſtaunen, ich machte mich wohl darauf gefaßt. Und er antwor⸗ tete:—„Wir haben die Vergleichungen in unſerem Bernf. Es findet ſich im Louvre ein Gemälde mit der Inſchrift: der Heirathsvertrag(accordailles) wo ein ehrlicher Bauer, wie Sie, ſeine Tochter einem bra⸗ ven Burſchen des Orts zur Ehe gibt; die Gruppe die Sie vorhin mit der Kleinen und Zephyr bildeten, hat mich an jenes Gemälde erinnert, und daher iſt mir jene Vergleichung natürlich gekommen. „Gleicht der Vater mir?“ fragte Protat. „Es iſt ein guter Kopf von einem braven Mann, wie der Ihrige. Er ſieht aus, als ſagte er mit dem Blick auf ſeinen Tochtermann: ich möchte lieber einen andern, aber weil meine Tochter dieſen da vorzieht, meiner Treu, ſo geht das ſie an: ſie iſt es bei Allem, die heirathet, nicht ich.“ „Der Vater denkt recht,“ erwiederte Protat,„wenn eine Neigung zwiſchen den beiden jungen Leuten beſteht, ſo muß man ſich nicht dazwiſchen legen. Das iſt ſchlecht, das.“ „Sie würden demnach,“ ſagte Lazare,„mit einer 155 Vewegung ſogleich unterdrückter Lebhaftigkeit, der Wahl Ihrer Tochter, wie ſie auch ausfiele, nichts in den Weg legen?“ „Wer es auch ſei. ℳ ſagte der Alte zaudernd, „das muß man noch wiſſen. Bei der glänzenden Er⸗ ziehung, die ſie erhalten, ſehen Sie wohl, kann meine Tochter allein daran denken, nur einen ſehr diſtinquirten Mann zu beirathen.“ „Kurz, wenn Adeline,“ fuhr der Künſtler fort, „eines ſchönen Morgens ſagte: Du weißt nicht? es paſſirt mir etwas Poßirliches ich habe eine Nei⸗ gung für Zephyr?“ „O, o, o! welche Poſſe,“ ſagte der Holzſchuh⸗ macher, der wieder zu lachen anfing; hernach, unmerk⸗ lich ernſt werdend, antwortete er:—„Ich ſagte meiner Tochter: Geh, mach' einen Gang in Zeinem Zimmer, und während ſie ginge, nähme ich Zephyr an den Oh⸗ ren und.. Protat ſchloß ſeinen Gedanken mit einer energiſchen Geberde.“ „Gut, dachte Lazare; ich weiß, was ich wiſſen wollte.“ „Aber nun!“ fragte der Holzſchuhmacher,„warum ſprechen wir wirklich davon?“ „Ei ja!“ ſagte Lazare,„wir ſprechen von Malerei, aus Veranlaſſung eines Gemäldes im Lonvre.“ Und der Künſtler begann nun ſelbſt auf eine ſo geräuſchvolle Art zu lachen, daß der Holzſchuhmacher ihn erſtaunt nach dem Grund fragte. „He! Sehen Sie denn nicht, daß ich mir Spaß mache und dieſe Idee einer Heirath Ihrer Tochter mit dieſem Jungen mich vor Lachen erſtickt.“ „Adeline und Zephyr!“ rief Protat in die Luſtig⸗ keit des jungen Mannes einſtimmend. „Ihre Tochter, die wie eine Dame ausſieht„ „Wie eine große Dame. ſetzte der Holzſchuh⸗ macher hinzu. 160 „Ein Fräulein, das wenigſtens... tauſend Thaler Heirathsgut hat.“ „Was ſagen Sie da, tauſend Thaler?“ rief der Holzſchuhmacher, wie durch dieſe Schätzung gedemüthigt; „für ſich allein hat ſie ſchon zehntauſend Franks, die zu Fontaineblean, zu Nemours, zu Montereau.... und ſelbſt in Paris... noch Junge machen. Neh⸗ 8 Sie hinzu, was ich ihr gebe.. und nehmen „Wahr... ſagte Lazare;„Adeline wird fünf⸗ zehntanſend Frank Heirathsgut haben.“ „Pſt!“ rief Protat.„Hören Sie, mein Lieber das iſt die Mitgift meiner Tochter.„Und der Holzſchuhmacher öffnete mit unbeſchreiblichem Stolz ſechsmal nach einander, ſie jedesmal ſchließend, ſeine große Hand, deren fünf Finger er fächerartig aus⸗ ſtreckte. „Teufel!“ ſagte der Maler, auf einmal mit der Zunge und den Fingern ſchnalzend, wie wenn er durch dieſes Zeichen des Erſtaunens der Empfindung der Ei⸗ genliebe hätte ſchmeicheln wollen, wovon der Holzſchuh⸗ macher bei Aufzählung dieſes Vermögens aufgebläht war.„Nun wohl! was Sie mir da ſagen, Vater Protat, macht mir auf einmal dieſe Vorausſetzung noch komiſcher. Sehen Sie, Ihre Tochter, mit einem Wort, eine reiche Erbin, und Zephyr heirathend! Sehen Sie hier den Holzſchuhmachers⸗Lehrling, beim Heirathscon⸗ trakt, die Erſparniß ſeiner Unthätigkeit angebend, einen Sack mit Kieſeln!.. Zephyr, bei der Heirath dem Maire ſagend: ich weiß meinen Namen nicht!“ Der Alte krümmte ſich über dem Tiſch, als er dieſe Parallele zwiſchen ſeiner ſchönen, reichen, glücklich aus⸗ geſtatteten Tochter und dieſem ſchwächlichen, verwaiſten und armen Weſen hörte, dieſem Zephyr, der in ſeiner jämmerlichen Perſon die beiden größten ſoeialen Ge⸗ brechen: ohne Namen und ohne einen Sou, vereinigte. 161 Vater Protat war kein bösartiger Menſch, aber er ſah von dieſem vor ſeinen Augen heraufbeſchworenen Ge⸗ mälde nur eine Seite, und das war nicht die bemit⸗ leidenswerthe Seite, ſondern die groteske Anſicht. „O Eitelkeit!“ dachte der Künſtler, indem er den Holzſchuhmacher betrachtete; ſchlechte Saat, welche in jedem Boden keimt, in den beſten wie in den ſchlechteſten Naturen! Gebt einem Bettler einen Thaler in die Taſche und er wird aufſeinen Schatten ausſpucken.„Und nach dieſer philoſophiſchen Reflexion ſchlug Lazare den Holz⸗ ſchuhmacher auf den Bauch, der einen heftigen Satz machte.“ „O!“ rief Protat,„ich kann nicht mehr!. „Es thut gut, ſo zu lachen,“ ſagte der Künſtler, „das treibt die ſchwarzen Gedanken aus.“ Dann, als es in demſelben Augenblick elf Uhr ſchlug, trennten ſie ſich mit einem gegenſeitigen Handſchkag, Protat um zu ſchlafen, Lazare um zu träumen. „Und nun,“ ſagte Lazare, ſich ganz angekleidet auf ſein Bett werfend,„laßt uns rekapituliren. Und er durchging kurz in ſeinem Gedächtniß alle die That⸗ ſachen, welche dem Ereigniß, deſſen Entwicklung ſeine Rückkehr nach Montigny beſchleunigt hatte, vorangin⸗ gen oder nachfolgten.„So ſonderbar es erſcheinen mag,“ dachte Lazare, ſo iſt nicht zu zweifeln, die Er⸗ eigniſſe ſind da. Dieſes Kind liebt mich. Ein Kind! ei! wahrhaftig, ſie iſt es nicht mehr, ob ich gleich ühe habe, ſie mir anders vorzuſtellen; es iſt wohl ein Mädchen, und ein hübſches Mädchen. Adeline iſt achtzehn Jahre alt; es iſt bei ihr weder zu früh, noch zu ſpät mit der Liebe; es kommt gerade zur Zeit. Aber warum hat dieſe Unſchuld an mich gedacht? Ah! warum, das iſt nicht ſchwer zu begreifen, und der alte Protat, hat es mir dieſen Augenblick ſelbſt erklärt, als er ſagte, daß ein ſo gut erzogenes Mädchen nie einen andern, Murger, Adeline Protat⸗ 11 162 als einen diſtinguirten Mann lieben würde. Wohlan! es ſcheint mir, daß ich vollſtändig für die Bedingun⸗ gen des Programms paſſe, und alle die ſchönen Herren, welche die wahre Blüthe von Montigny ausmachen, mir in Bezug auf Diſtinction nicht das Waſſer reichen. Vielleicht hat dieſes Dorffräulein in meiner Ab⸗ weſenheit von einem dieſer Herrn geträumt; aber ich* bin gekommen: veni, vidi, vici.*) Zum erſtenmal be⸗ gegnet es mir, den Wahlſpruch Cäſars vollkommen zu verwirklichen; es iſt wahr, daß ich es nicht ſehr dar⸗ auf anlegte, und wir in Montigny ſind. Kurz, ich nehme meine Ausſage nicht zurück. Sie iſt hübſch, das Kind und es macht doch etwas aus, zu wiſſen, daß ſie mich ſeit einem Jahr in eftgie(im Bilde) um⸗ armt. Zudem, wie liſtig ſie iſt, das Wörterbuch des Geſchlechts noch um Liſten zu vermehren: eine wahre ländliche Roſine, deren Lindor ich bin. Welche Idylle, unter den Sternen ſpazieren zu gehen, auf dieſen, wie ganz ausdrücklich für Fehltritte gemachten Hohlwegen, mitten in dieſer für einen Haryſtis**) ſo günſtigen Natur!! Welcher Zauber, dieſe Unſchuld das ganze Liebes Alphabet von A bis Z herlallen zu laſſen! Allein, mein Freund Lazare,“ unterbrach ſich der Künſtler haſtig, als er wahrnahm, daß er deſſen ungeachtet eine gewiſſe Süßigkeit empfand, ſich in dieſe Träumerei weiter zu vertiefen,„Sie ſind ein Schlingel. Nur dieſe Idee zu haben, zum bloßen Vergnügen, daß man ſie hat, iſt ſchon ſtrafbar. Bedenken Sie, daß die kleine Adeline wie Ihre Schweſter iſt, die Sie hundertmal auf Ihren Knieen tanzen ließen und der Sie noch die⸗ ſen Morgen bei Ihrer Abreiſe von Paris eine Puppe *) Ich kam, ſah, ſiegte. **) Aus dem Griechiſchen Sinn: für ein zärtliches Liebes⸗ geſpräch zwiſchen Mann und Frau. A. d. U. + 163 und Zuckerwerk mitbringen wollten, was Sie zum Glück für die Eigenliebe des großen Fräuleins ganz und gar vergeſſen haben, wie Sie Alles vergeſſen, weil Sie ein Schwindelkopf ſind, ſo ſehr ein Schwindelkopf, mein guter Freund, daß Ihnen nicht einen Angenblick der Gedanke gekommen iſt, das kleine Herz dieſes Kindes hüpfe ſchneller als ſeine Beine, wenn Sie daſſelbe an der Schnur tanzen ließen. Aber ſo beſchwöre ich Sie und befehle Ihnen nöthigenfalls, das Uebel, das Sie hier angeſtellt haben, ſo bald als möglich zu heilen, indem Sie alle Anmuth Ihrer Perſon und alle Reize Ihres Geiſtes enthüllen. Ei! in der That,“ rief Lazäre, einen Satz machend, daß ſein Pantoffel bis zur Decke hinauf flog,„es iſt wieder recht einfältig von mir, mir deßhalb ſo viel Sorge zu machen. Die Kleine liebt mich nicht ernſtlich, und es iſt keine Gefahr beim Bleiben. Was ſie für mich empfindet, iſt die gewöhn⸗ liche Liebelei kleiner Mädchen, das erſte Gähren der durch Roman⸗Lectüre geweckten Einbildungskraft. Ich bin überzengt, ihr Gehirn iſt eine Bibliothek ſentimen⸗ taler Albernheiten. Romane und Bänder, damit unter⸗ hält man die Mädchen in der ſchönen Welt, wo ihr Vater ſie zu ſeinem Stolze hat erziehen laſſen. Der erſte hübſche Junge, der ſich präſentirt, wird durch die harmloſe Laune ſolcher Unſchuld wie ein Galaor aus⸗ ſtaffirt. Das iſt meine Geſchichte mit Adeline. Ich bin zu raſch geweſen, mich zu beunruhigen, und habe mich, ohne Zweifel, weil meine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand, zu ſehr beeilt, wegen eines Funkens Feuer zu rufen. Doch! nein,“ fuhr Lazare fort, nach⸗ dem er den Kopf zweifelnd geſchüttelt hatte,„nein, ich täuſche mich nicht, und iſt bei Allem nichts zu lachen. Es iſt beſſer, als eine vorübergehende Phantaſie, oder vielmehr ſchlimmer: Adeline liebt mich ernſtlich; es iſt ganz das Weſen der Leidenſchaft, welche gerade aus⸗ geht, und ohne zu wiſſen, wohin ſie geht; alle meine 164 Erinnerungen der Vergangenheit, alle meine Beobach⸗ tungen von heute beſtätigen es. Meinetwegen wird dieſes Kind viel zu leiden haben. Sie ſoll wenigſtens nicht lange leiden; Adeline ſoll am Tage, da dieſe Hausthüre ſich hinter mir ſchließt, meine Abreiſe nicht beweinen und auf meine Rückkehr nicht hoffen. Aber wie dieſe Umwandlung bewerkſtelligen? Die Mittel ſind zu finden, und wer ſucht, der findet. „Was Zephyr anbelangt,“ ſprach Lazare weiter, „ſo geſtehe ich, daß dieſer mich noch mehr erſtaunt und beunruhigt; nicht daß gerade die Frühzeitigkeit ſeiner Leidenſchaft mich überraſcht, man hat Beiſpiele davon erlebt, aber es iſt ſelten in dieſem Alter, daß die Lei⸗ denſchaft mit ſolcher Heftigkeit auftritt. Zephyr ver⸗ liebt in Adeline und eiferfüchtig anf mich! mit fünf⸗ zehn Jahren! das iſt anfünglich zum Lachen, aber wenn Zephyr hingeht und ins Waſſer ſpringt, ſo gibt es Stoff zum Denken, und ich denke: Wer zum Teufel hätte das unter einer ſo plumpen Hülle geahnt? Son⸗ derbar, ganz ſonderbar!“ murmelte Lazare.„Zum Glück iſt,“ fuhr er fort,„Vater Protat ſchon beſſer gegen ihn geſtimmt und überläßt ihn mir: ich kann dieſen geheimnißvollen Jungen ſtudiren, der die Lei⸗ denſchaften eines Mannes hat, denn, um ein Heilmittel auszuwählen und mit Nutzen anzuwenden, iſt es nicht hinreichend, das Uebel zu kennen, man muß auch den ürſprung davon entdecken. Ja; aber wird Zephyr mir ſein Vertrauen ſchenken wollen? Ich brauche es, und zwar ganz. Sein Bad von heute ſchien ſeine Eifer⸗ ſucht etwas abgekühlt zn haben; er war weniger ſcheu gegen mich; aber wird er morgen in derſelben Stim⸗ mung ſein? Wird er an meine Theilnahme glauben? Er. iſt ſchlau unter ſeiner einfältigen Miene. Gut,“ rief Lazare,„ich habe ein Mittel, ihm zu beweiſen, daß ich ſein Freund bin.“ Und der Künſtler ſprang vom Bette herab, näherte 165 ſich dem Tiſche in dem Atelier, nahm aus einer Mappe ein Blatt Briefpapier heraus, worauf er einige Linien ſchrieb, ließ die Schrift an der Wachskerze trocknen, ſiegelte den Brief, einen Angenblick zandernd, die Oblate zu wählen, dann murmelte er mit dem Tone eines Menſchen, der ſich auf eine Erinnerung beruft, ganz leiſe: es war blau. Und der Brief wurde blau geſiegelt. Als dieſe Arbeit fertig war, nahm Lazare den über dem Kamin befindlichen Spiegel herab, ſtützte ihn auf den Tiſch, an den er ſitzen wollte, gab dem Licht die geeignete Richtung und fing an, nach ſich ſelbſt auf einem Albumblatt, das ſchon voll Skiszen war, eine Zeichnung zu entwerfen. Dieſe Arbeit nahm ihm eine halbe Stunde weg. Nach Beendigung der Zeichnung machte ſich Lazare wieder über ſeinen Brief und ſchien, ſeinen Reiſeſack aufſchnallend, etwas zu ſuchen, das er, ohne Zweifel wegen der Unordnung, die bei dem Packen des Fell⸗ eiſens geherrſcht hatte, nicht auf der Stelle finden konnte.„Poſſirliches Mädchen!“ murmelte der Maler, ungeduldig ſeinen Sack herumwälzend;„mir meine Lorgnette zu ſtehlen, die noch dazu zerbrochen war. Demnach macht die Liebe aus Allem eine Reliquie. Zum Teufel mit dem Paquet, wo habe ich es hinge⸗ ſteckt? Ah! da iſt es!“ Und er öffnete eine kleine Schachtel, in der ein Halbdutzend Lorgnetten, Einaugen (monocles) genannt, ähnlich der, die er am Halſe trug, eingeſchloſſen waren.„Daß es,“ fuhr Lazare fort, „Weſen geben ſoll, die ſo Etwas zum Schmuck tragen! Es iſt ſehr luſtig, ein kurzes Geſicht zu haben. Wenn man ſeine Lorgnette zu Boden fallen läßt, uuß man eine zweite kaufen, um die erſte zu ſuchen.“ Unter die⸗ ſen Worten ſchlug er den Griff einer der aus der Schachtel genommenen Lorgnetten ab.„Und jetzt,“ ſagte er, dieſelbe zu dem Brief und Portrait legend,„werde ich mit dieſen drei Dingen da das Geheimniß Zephyrs 166 haben. ja aber er iſt durchtrieben und wäre im Stande, ſie nicht anzuerkennen; ich habe die Un⸗ klugheit begangen, mich in dieſer zweiten Ausgabe mei⸗ nes Bildniſſes ſchöner zu machen, als ich in der erſten bin; der zweite Brief iſt noch ganz friſch, der andere war an den Falten zerriſſen. Zephyr wird es nicht glauben... Wart ein wenig, Zephyr.“ Und Lazare brach den Brief wieder auf, zerknitterte ihn leicht, rieb ihn auf dem Boden, deſſen Stanb ſich am Papier an⸗ hing, und tauchte ihn zuletzt in ein Waſchbecken mit Waſſer. Das Porträt wurde derſelben Operation unterworfen. „Jetzt, ſagte Lazare, ſich ſo zu ſagen in ſeinem Werke ſelbſt gefallend, Brief und Portrait ſind un⸗ kenntlich, ein Grund mehr, daß Zephyr ſie erkennt. Faſſen wir die Lage und den Plan des einzuhaltenden Benehmens zuſammen. Mich Adelinen gleichgültig zu machen, ſie weiß nicht, daß ich davon unterrichtet bin, was in ihrem Herzen vorgeht, und wird meine Hand⸗ lungsweiſe keiner Liſt zuſchreiben; Adeline für Zephyr gleichgültig zu machen, und während der Arbeit dieſen beiden beunruhigten Herzen wieder den Frieden zu geben, zu verhüten, daß Protat nicht das Geheimniß ſeiner Tochter und das ſeines Lehrlings auswittert; noch mehr, zu verhindern, daß die Neugierigen der Gegend nur einen Augenblick das argwohnen, was der Holzſchuhmacher eben zu argwohnen auf dem Wege war, wenn ich ihu nicht zu rechter Zeit aufgehalten hätte. Obwohl Waiſe nnd arm, müßte man, wenn Zephyr, ſtatt jünger als Adeline zu ſein, im Gegentheil älter wäre, wohl anders manveuvriren, wenn nicht für die Gegenwart, wenigſtens für die Zukunft. Adeline, nicht mehr an mich denkend, hätte ſich auf Zephyrs Seite, auf die gute Seite, wieder wenden können; Protat hätte Oppoſition gemacht, aber wohl in das einwilli⸗ gen müſſen, was ſeiner Tochter Wunſch geweſeu wäre. — 167 Unglücklicherweiſe darf man daran nicht denken. Nun aber! da bin ich vor einer zugeſchnittenen Arbeit, auf die ich mir nicht Rechnung machte. Ich glaubte hier⸗ her gekommen zu ſein, Landſchaftsmalerei zu treiben, und jetzt bin ich im Gegentheil daran, Diplomatie zu treiben. Wäre das vorauszuſetzen geweſen, hätte ich ein Dutzend Leinwandblätter weniger, und ein Dutzend weiße Kravatten mehr mitgenommen.“ Mitternacht ſchlug anf der Kirche von Montigny, „Geſchwind,“ ſagte Lazare, ſich ſogleich ausklei⸗ dend,„ich muß morgen früh vor der Sonne anf ſein. Es iſt Zeit zu ſchlafen.“ neuntes Rapitel. Der Feenteich. Am nächſten Morgen verließ Lazare mit Tagesan⸗ bruch vorſichtig ſein Zimmer⸗Atelier, nichts als einen großen Carton zum Zeichnen, ſeinen Sonnenſchirm und Feldſtuhl mit ſich nehmend. Im Vorbeigehen klopfte der Künſtler leicht vor Zephyrs Thüre, um ihm zu bedeuten, daß er ſich zur Begleitung rüſte. „Herr Lazare, Herr Lazare,“ murmelte Zephyr, der ſchon auf war,„ganz ſachte, machen Sie keinen Lärm, und vor Allem öffnen Sie meine Thüre nicht.“ „Warum das?“ fragte Lazare, ein wenig über⸗ raſcht und mit gedämpfter Stimme. „Weil Mamzelle Adeline geſtern Abend mir an geklopft und durch die Wand geſagt hat, daß ic 168 ſie dieſen Morgen im Garten erwarten ſolle. Sie will mich vor Jedermann ſprechen. Ah! ich weiß wohl, wozu?“ Und des Lehrlings Stimme verrieth Beſorgniß.„Wenn Sie die Thüre öffnen, ſo wird ſie darüber aufwachen, weil es ihre Wand erſchüttert, und mich dann gewiß nicht mit Ihnen gehen laſſen.“ „Er zieht vor, mit mir zu kommen, das iſt ein gutes Zeichen,“ dachte der Künſtler. Und er antwor⸗ tete leiſe:„aber damit Du herauskommſt, muß man doch die Thüre öffnen.“ „Das braucht's nicht,“ erwiederte Zephyr,„ich habe abſichtlich mein Fenſter geſtern offen gelaſſen; Sie legen die Leiter an und ich werde ſo hinabſteigen. Gehen Sie ſachte, ziehen Sie Ihre Schuhe aus, da⸗ mit es nicht auf der Treppe kracht. Ich will Sie am Fenſter erwarten.“ Die von Zephyr angerathene Vorſicht war gut, denn die hölzerne Treppe krachte und erſchütterte das ganze Haus. Lazare legte ſeine Fußbekleidung ab und beobachtete bei jedem Schritt ſolche Vorſicht, daß er kaum ſich ſelbſt hinabſteigen fühlte. Einmal im Gar⸗ ten, fand er die Leiter, lehnte ſie an die Mauer und ließ den Lehrling herab. „Wohin gehen wir?“ fragte dieſer, der ſchon La⸗ zares Carton und Stuhl aufgela den hatte. „Nach dem Feenteich.“ „Zwei Meilen,“ erwiederte Zephyr und machte ein ſaures Geſicht. „Gut,“ dachte Lazare,„ſeine Trägheit hat er nicht auf dem Grunde des Waſſers gelaſſen. Und er antwortete:„Wenn Du nicht zufrieden biſt, führe ich Dich zum Krähenteich.“ „Vier Meilen dann!“ rief Zephyr mit einer Be⸗ wegung des Schreckens. „Und wenn Du noch nicht zufriedeu biſt,“ ſetzte Lazare hiuzu,„rücken wir bis Arbonne vor. 169 Zephyr hob die Naſe in die Luft, als ſuchte er die Entfernung zu berechnen. Lazare zeigte fünf Finger von der einen und drei von der andern Hand. „Acht Meilen,“ ſagte Zephyr, den Carton und Stuhl fallen laſſend. „Hebe es ſchnell wieder auf. Wie, Du be⸗ klagſt Dich jetzt ſchon, Schlingel, wegen zwei elender Meilen?“ „O! von hier nach dem Teich,“ erwiederte Zephyr, iſt es um ein gut Theil weiter.“ „Aber Du haſt nur den Carton und Stuhl zu tragen, das wiegt nicht ſchwer.“ „Ja, aber da iſt noch der ſchwere Zwerchſack; der Zwerchſack,“ wiederholte Zephyr, mit dem Kopf nach der Küche winkend. Lazare konnte nicht umhin, zu lächeln; er hatte verſtanden. Der Lehrling ſpielte auf den großen Sack an, in welchem die Künſtler ihren Proviant mitneh⸗ men, wenn ſie in einer entfernten Gegend des Waides arbeiten wollen. „Der Appetit kommt wieder,“ ſagte Lazare bei ſich ſelbſt und fügte, den Lehrling anſehend, hinzu:„Du haſt ſchon Hunger?“ „Schon!“ antwortete Zephyr,„habe ich doch ſo gut wie drei Tage nichts gegeſſen und getrunken.“ „Ah!“ rief Lazare,„ich glaube, Du hätteſt ge⸗ ſtern getrunken, und einen guten Schluck dazu.“ Zephyr ſtellte ſich, als hätte er die Anſpielung nicht verſtanden und wandte ſich nach dem Speiſezim⸗ mer, das auf den Garten hinausging. „O!“ ſagte Lazare, ihm folgend,„der Ruf der Natur aber,“ ſprach er zu Zephyr,„ich habe es Madelon nicht wiſſen laſſen, daß ich dieſen Morgen 3 Wald gehe; ſie wird den Sack nicht gerichtet aben.“ 170 „Ich will ihn ſchon richten,“ antwortete Zephyr. „Aber die Schlüſſel, um den Schrank zu öffnen? Du weißt wohl, Madelon zieht ſie ab,“ ſagte La⸗ are. „Ja; aber vor einem Jahr hat Madelon einen Schlüſſel verloren. Ich weiß nicht, wie es gekommen iſt,“ ſagte Zephyr, den Kopf ſenkend,„aber... „Du haſt ihn gefunden?“ fragte Lazare, der errieth. „Ja,“ erwiederte Zephyr, in ſeiner Taſche nach⸗ ſuchend, aus der er einen Schlüſſel hervorzog.„Wahr⸗ haftig,“ fuhr der Lehrling fort, wenn man Sie drei Viertel der Zeit faſten läßt...“ Und den Schrank öffnend, begann er eine Platte herauszuziehen, auf welcher ein appetitliches Stück Fleiſch vom Abendeſſen voriges Tages ſich befand. „Verbrannt,“ ſagte er verdrießlich, indem er die Hammelskeule um und um mit allen fünf Sinnen rüfte. „Deine Schuld; Madelon konnte geſtern nicht zugleich am Bratſpieß ſein und Servietten für Dich wärmen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Zephyr, die Keule in ein Journal wickelnd und in den Sack ſchiebend; dann wandte er ſich wieder zu dem Inhalt des Schranks. Er brachte den einen der beiden Hechte hervor, die man geſtern nicht angeſchnitten hatte. Ehe er ihn in den Sack ſteckte, beroch er ihn ſorgfältig und ſchüttelte den Kopf mit nur halb zufriedener Miene. Endlich entſchloß er ſich, ihn mitzunehmen, indem er murmelte: — nicht friſch! doch mit der Sauce... „Du willſt Sauce mitnehmen?“ fragte Lazare, über alle dieſe Vorbereitungen erſtaunt;„in was? wenn es Dir gefällig.“ „Darin,“ antwortete Zephyr, ebenſo lakoniſch. Und er fing an, in eine kleine Bouteille Del und Eſſig 17¹ zu gießen, zugleich darauf bedacht, auch Salz und Ffeffer, ſehr klein geſtoßen, hineinzuthun. Nachdem dieß vollbracht, ſteckte er die Bouteille in ſeine Taſche und kehrte zum Schranke zurück. „Was ſuchſt Du noch?“ fragte Lazare. „Wein,“ ſagte Zephyr ruhig; und er ſtieg auf einen Stuhl, um ein oberes Fach des Schranks zu er⸗ reichen, wo man drei oder vier verſiegelte Bouteillen wahrnahm. „Das iſt nicht der gewöhnliche Wein,“ bemerkte der Künſtler. Der Lehrling ſchüttelte den Kopf, zeigte auf das Siegel und murmelte:„beſſerer.“ Dann ließ er zwei Bouteillen, nachdem er jede beſonders in einen Lappen eingewickelt hatte, damit ſie beim Zuſammenſtoßen nicht zerbrächen, in den großen Sack gleiten, wozu er noch die Hälfte eines Brodlaibs und Beſtecke, deßglei⸗ chen zwei Becher nahm. Darauf ſchloß er den Schrank und ließ den Schlüſſel ſtecken. „Du willſt alſo Madelon ſagen, Du habeſt den Schlüſſel wiedergefunden?“ fragte Lazare⸗ „Nein, Sie werden ſagen, Sie haben ihn das letzte Jahr mitgenommen.“ „Warum ſoll ich ihn mitgenommen haben?“ „Um ihr einen Schabernack zu ſpielen.“ Und nachdem er ſich mit dem Zwerchſack beladen hatte, ver⸗ ließ Zephyr das Speiſezimmer. Man war ſchon auf der Thürſchwelle, als der Lehrling von einem Einfall ergriffen ſchien und in den Garten zurückkehrte. „Wohin gehſt Du wieder?“ fragte Lazare. „Nachtiſch,“ antwortete Zephyr mit derſelben la⸗ koniſchen Kürze und machte Anſtalt, drei oder vier Stück ſchönes Obſt zu brechen, die am Spalier hingen und bei denen er den Grad der Reife mit großer Sorg⸗ falt unter uchte. Er öffnete den Zwerchſack und ſteckte das Deſſert in eine Doppeltaſche. 172 „Du vergißſt den Kaffee und den Liqueur,“ ſagte Lazare lachend, als ſie außen waren. Zephyr erhob die Arme zum Himmel mit einer Miene, als wollte er ſagen: Man muß ſich eben in Zeit und Umſtände ſchicken! und begann ſich auf den Weg zu machen. „Was für ein Logogryph dieſes Weſen da iſt!“ dachte Lazare. Als Lazare Zephyr, der ſchneller als gewöhnlich ging, eingeholt hatte, ſagte er ſcherzend zu ihm: „Aber wenn ich nun denke, Du haſt jetzt den Schlüſſel wieder im Speiſeſchrank gelaſſen, wie wirſt Du es an⸗ fangen, Dich zu verſorgen, wenn Vater Protat Dir Deine Portion verkürzt?“ „Er wird ſie mir nicht mehr verkürzen,“ antwortete Zephyr im Ton der Ueberzeugung. „Je nachdem,“ erwiederte Lazare.„Protat iſt im Grund ein guter Mann; Dein Unfall geſtern hat ihn für den Augenblick milder gegen Dich geſtimmt, als Du je ihn zu ſehen gewohnt warſt; aber Deiner⸗ ſeits haſt Du ihm verſprochen, Dein Betragen zu än⸗ dern. Wenn Du Wort hältſt, wird Dein Meiſter auch Deinen Bemühunger Rechnung tragen; wenn Du hingegen, kaum trocken vom geſtrigen Bade, Deine alten Gewohnheiten wieder annimmſt, iſt es beinahe gewiß, daß Protat wieder verſuchen wird, ſie Dir abzuthun, und dann gib Acht, daß Du nicht Schläge, trockenes Brod u. ſ. w. bekommſt. Protat hat keine zarte Hand, aber Du haſt einen harten Kopf.“ „Was hat es ihn geholfen, ſo gegen mich zu ein?“ „Nicht viel, gebe ich zu, aber das gereicht Dir nicht zum Lob. Unter uns, laß einmal ſehen, iſt es nicht eine Schande für einen Burſchen Deines Alters, zu Richts zu brauchen zu ſein? Wie, als ob ich nicht wüßte, wie viel Zeit der alte Protat ſchon damit um⸗ S 173 geht, Dich ſein Handwerk zu lehren, und Du biſt noch nicht im Stande, ein paar Holzſchuhe fertig zu ma⸗ chen. Iſt es denn ſo gar hart und ſchwer, Holzſchuhe zu machen, he?“ „Würde es Sie, Herr Lazare, unterhalten, Holz⸗ ſchuhmacherei zu lernen?“ fragte der Lehrling. „Ich bin kein Holzſchuhmacher und überdieß hat man ein Gewerbe nicht zur Unterhaltung. Im Gegen⸗ theil, zu arbeiten, ſich ſein Auskommen zu ſichern, und ſpäter, nach dem Berufe, den man gewählt hat, ſich Vermögen, oder Wohlſtand oder zum wenigſten Un⸗ abhängigkeit zu erwerben.“ „Ja,“ murmelte Zephyr,„zu thun, was einem gefällt, frei zu ſein!“ „Aber was Dir gefällt, iſt Nichts zu thun, wie es den Anſchein hat,“ ſagte der Künſtler.„Ueberlege doch ein wenig, daß wir alle auf der Welt ſind, et⸗ was zu thun und unſere Arme und unſern Verſtand zu brauchen, wenn der liebe Gott vergeſſen hat, uns Ren⸗ ten zn verleihen. Und außerdem will ich Dir, wenn Du nicht daran Anſtand nimmſt, beweiſen, daß es viele reiche Leute gibt, die arbeiten... „Zum Zeitvertreib,“ bemerkte Zephyr, jedoch ohne daß in dieſem Wort eine beabſichtigte Bitterkeit oder Scheelſucht lag. 6„Ei! mein Freund, das iſt anſtrengender als Du glanbſt, dieſe Beſchäftigung,“ erwiederte Lazare. „Sie ſind alſo ſehr angeſtrengt, Herr Lazare?“ fragte Zephyr. Dieſe Art zu fragen überraſchte den Maler ſehr, der ſchon über die Frage ſelbſt erſtaunt war.„Vor⸗ wärts marſchirt,“ ſagte der Maler ſehr ernſthaft. Ich habe jetzt das Doppelte Deines Alters: ei wohl! ſo wie Du mich ſiehſt, mit zehn Jahren, wußte ich, wie viel Tage man brauchte, einen Thaler zu verdienen, und war ſchon ein Mann geworden, als ich noch nicht 174 wußte, wie man ihn in einer Stunde ausgeben könnte. Nun denn, da ich nie reich genug geweſen bin, mir Vergnügen zu kaufen, was der theuerſte Artikel in die⸗ ſer Welt iſt, ſo mußte ich meine Unterhaltung aus der eigenen Arbeit ziehen, und da ich viel, um nicht zu ſagen, immer arbeitete, ſo habe ich mich wirklich bei meinem Zeitvertreib ſehr angeſtrengt, wenn es das iſt, was Du wiſſen willſt.“ „Ah! Sie machten ſchon Gemälde mit zehn Jah⸗ ren,“ fragte Zephyr naiv. „Ich habe das nicht geſagt. Da ich noch zu jung war, mit dem Geiſte zu arbeiten, ſo arbeitete ich, ſo ſchwach ſie waren, mit den Gliedern. Du beklagſt Dich, daß das Holzſchuhmacher⸗Gewerbe nicht unterhal⸗ tend ſei; das, welches ich trieb, war es auch nicht mehr, und am Ende des Tages war ich ebenſo ermü⸗ det, als es das Mühlrad in Montigny ſein könnte, wäre es eine lebendige Kraft, denn auch ich verrichtete eine mechaniſche Arbeit. Aber warum fragſt Du mich das alles?“ „Des Wiſſens wegen, Herr Lazare... und dann, hören Sie wollen Sie mir erlauben, noch etwas zu fragen?“ „Nur zu, mein Junge,“ antwortete der Künſtler, der in der Miene des Lehrlings ſtudirte, wohin ſeine Fragen abzielten, während er zugleich beobachtete welche Wirkung ſeine Antworten hervorbrächten. „Alſo! Herr Lazare,“ fuhr Zephyr fort,„als Sie das langweilte, e in Mühlrad zu ſein, haben Sie etwas Anderes angefangen?“ „Ja; dann habe ich angefangen, Gemälde zu ma⸗ chen, wie Du ſagſt.“ „Aber um ſolche zu machen, mußten Sie wieder gelernt haben?“ 6 „Ich habe gleich angefangen, mich ganz allein zu 175⁵ lehren, wenigſtens alles, was man ohne einen Lehrer lernen kann.“ „Man kann alſo etwas ganz allein lernen?“ fragte Zephyr, ein einfältiges Weſen annehmend. „Ohne Zweifel, wenn man Liebe zu der unternom⸗ menen Sache hat und mit dem Verlangen, zu lernen, noch Geſchmack und Einſicht verbindet.“ „Das iſt gleich,“ entgegnete Zephyr,„man braucht doch einen Lehrer.“ „Ja, weil die natürlichen Fähigkeiten immer der Nachhülfe des Studiums bedürfen.“ „Und iſt es lange her, daß Sie ſtudirten?“ fuhr Zephyr fort. „Fünfzehn Jahre.“ „Dann müſſen Sie faſt wie ein Meiſter ſein, und ein vollkommener Meiſter in Ihrem Theil.“ „Ein Lehrling, Zephyr, ein beſcheidener Lehrling. Aber nun urtheile ein wenig, wo Du wäreſt, wenn man Dich in meine Stelle geſetzt hätte, Du, der in ſieben oder acht Jahren nicht einmal lernen konnte, ein paar Holzſchuhe zu machen!“ „Ah!“ ſagte Zephyr, die Laſt, die mehr leicht als bequem zu tragen war, auf der Schulter wieder ins Gleichgewicht bringend,„es iſt ſchon lange her, daß ich ſie machen kann, die Holzſchuhe!“ „Ah bah!“ rief Lazare, mitten auf dem Wege ſtille ſtehend. „Aber doch,“ erwiederte der Lehrling, gleichfalls Halt machend und forſchend, welche Wirkung dieſe Offenbarung bei ſeinem Geſellſchafter hervorbringen würde. In demſelben Augenblick waren ſie an dem Kreuze angekommen, das auf der Grenze der Landſchaft ſteht. Ganz gerade von ihnen fing der Sandweg an, der die Laugen Felſen durchſchneidet; links der gepflaſterte Weg, der nach Bourron und Marlotte führte. Auf 176 dieſem gelangte man quer durch das letztere Dorf, zu⸗ letzt zu einem Fußpfad, der ſtraff verlängert an den Feenteich ſtößt. Ueber die Langen Felſen konnte man auf einem kürzern Weg, der aber durch Pulveriſirung der Steine, die ſich allmälig in Sand auflösten, beſchwer⸗ licher wird, gleichfalls den Teich oder das Plateau, wie man es noch wegen ſeiner hohen Lage bezeichnet, erreichen. „Welchen Weg wollen Sie einſchlagen,“ fragte Zephyr, am Kreuze Halt machend, mit einem Blick auf Lazare, der durch das letzte Geheimniß, welches der Lehrling eben zu denen fügte, die er zu durchdringen ſich zur Aufgabe gemacht hatte, noch betäubt war. „Wählen wir den kürzern,“ ſagte der Künſtler, der durch ein ſolches, der Trägheit ſeines Begleiters ge⸗ machtes Zugeſtändniß ihn günſtig ſtimmen wollte, auf die Frage, welche er an ihn zu ſtellen beabſichtigte, einzugehen. Zephyr, dem die Wahl der Route überlaſſen war, ſchien einen Augenblick zu zaudern. „Es geht ein Wind,“ ſagte er, eine Pappel be⸗ trachtend, welche ein ziemlich friſcher Luftzug vor ihm neigte. i leichter Wind,“ bemerkte Lazare;„das iſt Morgens gut, es weckt anf.“ Und als er ſah, daß der Lehrling noch immer zauderte, ſetzte er hinzu:„was kann das uns machen, ob der Wind von dieſer oder einer andern Seite weht? Wir ſteuern nicht unter Segel.“ „Das kann uns machen,“ erwiederte ruhig Zephyr, „daß, wenn wir uns dahin wenden,“ und er zeigte nach den Schluchten der LangenFelſen,„wir Sand bis an die Knie haben werden und der Wind uns die Au⸗ gen voll blaſen wird; aber dorthin iſt es,“ ſagte er, nach der andern Route ſehend,„am weiteſten.“ „Wenn es auch noch zweihundert Schritte weiter wäre,“ ſagte Lazare ungeduldig. 177 Ei! mein Herr,“ erwiederte Zephyr,„zweihun⸗ dert Schritte mehr oder weniger fühlt man in den Beinen und auf dem Rücken, wenn man beladen iſt.“ „Aber, Unglücklicher, wenn der Zwerchſack ſchwer iſt, ſo haſt Du ihn gefüllt. Ich begehrte nicht, Lebens⸗ mittel mitzunehmen, weil ich darauf rechnete, von dem Teich um eilf Uhr heimzukommen, um zu Hauſe zu früh⸗ ſtücken.“ „Richtig,“ ſagte Zephyr,„um eilf Uhr, in voller Sonnenbitze, nicht wahr?“ „Ah ſo Du fürchteſt alſo, Deinen Teint zu ver⸗ derben? Ah! mein Freund, wenn man Dich zum Re⸗ kruten aushebt, wirſt Du einen ebenſo ſchlechten Sol⸗ daten eii als Du ein ſchlechter Holzſchuhmacher biſt. Du liebſt Deine Begnemlichkeiten zu ſehr, mein Junge.“ „Aber ich werde nicht Soldat,“ ſagte Zephyr. „Du glaubſt alſo, daß man Dich die Nummer im Sack ausleſen läßt? oder hoffſt Du, Vater Protat werde Dir einen Stellvertreter kaufen, wenn Dich das Loos trifft?“ „Ah! der arme, liebe Mann! Ich koſte ihn ſo ſchon genug. Hören Sie, beſtimmt, ſagte der Lehr⸗ ling, rechts wendend, ſchlagen wir den Fflaſterweg ein, ſo können wir im Vorbeigehen zu Marlotte einen Tropfen trinken.“ „Du gibſt alſo,“ ſagte Lazare, die Unterhaltung wieder anknüpfend,„Du gibſt zu, daß Du Vater Pro⸗ tat viel koſteſt; aber das Zugeben iſt nicht alles; da Du Dein Gewerbe verſtehſt, würde es ehrlicher ſein, durch Deine Arbeit Dich mit ihm auszugleichen zu ſuchen. Und wenn Du Deine Dankbarkeit zu beweiſen bälder angefangen hätteſt, wäre Vater Protat, der Dich erzogen hat und reich iſt, im Stande geweſen, Dir zu Hülfe zu kommen, wenn Du bei der Conſcip⸗ tion ziehen wirſt.“ Murger, Adeline Protat. 12 „Man wird ohne ihn ſein können,“ ſagte Zephyr, „und dann von jetzt dieſe Zeit!“ „Inzwiſchen,“ bemerkte Lazare,„muß ich Dir vor⸗ aus ankündigen, daß ich Protat davon ſagen werde und er noch dieſen Abend erfahren ſoll, daß Du ein vortrefflicher Arbeiter biſt.“ „Er wird ſich davon wohl ſelbſt überzeugen,“ ant⸗ wortete Zephyr.„Ich will,“ ſetzte er hinzu, auf das Pflaſter ſtoßend,„daß man, ehe drei Monate ver⸗ gehen, kein Paar Holzſchuhe auf dieſer Straße klap⸗ pern hört, das nicht von meiner Arbeit iſt; ich will, daß Vater Protat nicht einmal Zeit hat, ſeine Tochter zu, liebkoſen, oder ſeine Pfeife zu rauchen, ſo ſehr werde ich ihn mit Zuſchneiden von Eſchen⸗ Kaſtanien⸗ und Ulmenholz beſchäftigen. Wenn der Mann einmal zuhauen muß, ſo ſoll er auf das Holz hauen. Hören Sie nur, wirklich, das wird mir kein blaues Mal mehr auf den Schultern machen.. „Und die Urſache dieſer plötzlichen Veränderung?“ fragte Lazare. „Ah! die Urſache,“ antwortete Zephyr, ein wenig betrübt,„die Urſache„.“ und nach einem kurzen Zaudern murmelte er zwiſchen den Zähnen:„das iſt ein Geheimniß.“ „Und dieſes Geheimniß, kann man es nicht erfah⸗ ren, mein Junge?“ „Nein, mein Herr,“ entgegnete der Lehrling ziem⸗ lich trocken. „Ei,“ dachte der Künſtler,„man möchte ſagen, er ſchiebt den Riegel vor.“ Dann fügte er bei:„aber wenn ich Dir Dein Geheimniß abkaufte, he?⸗ „Es iſt nicht zu verkauſen, mein Herr,“ fuhr der Lehrling ebenſo lakoniſch fort. „Doch, wenn ich Dir einen guten Preis böte?“ „Hören Sie, Hert Lazare,“ antwortete Zephyr, ſeinen Begleiter feſt anſehend,„ich bin nicht ſo ſchläf⸗ * 179 rig, als ich ausſehe. Sie wollen mich ſchwatzen ma⸗ chen, ich merke es. Deßwegen nahmen Sie mich dieſen Morgen mit ſich; aber, ſehen Sie wohl zu,“ ſetzte er bei, ſich an die Stirne klopfend,„wenn ich mir etwas hier vorgeſetzt habe, da bleibt es.“ „Ich zweifle nicht daran,“ ſagte Lazare. „Und wenn es da iſt,“ antwortete Zephyr,„ſo wird es der Teufel mir nicht herausbringen.“ „Wohlan! mein armer Zephyr, das iſt drollig, ich habe im Sinn, es herauszubringen, was Du da haſt!“ ſagte der Künſtler, mit derſelben Geberde an die Stirne klopfend, wie der Lehrling, und ſetzte hin⸗ zu:„ich werde mir ſogar Mühe geben, herauszubrin⸗ gen, was Du hier haſt,“ ſich an die Bruſt in der Gegend des Herzens klopfend. Zephyr wurde ein wenig blaß und ein ſcherzhaftes halbes Lächeln lief über ſeine Lippen. „Höre, mein Junge,“ ſagte der Maler,„ich bin mehr Dein Freund, als Du glaubſt. Dein Geheimniß iſt mir theilweiſe bekannt; wenn ich es ganz wiſſen will, geſchieht es nicht, Dir zu ſchaden. Im Gegentheil, ich habe Dir eben vorgeſchlagen, es Dir abzukaufen, ich habe mich geirrt; ich will es Dir nicht abkaufen, ich will es nur mit Dir austauſchen, und wenn Du er⸗ fährſt, was ich Dir dagegen biete, ſo wirſt Du gewiß zum Handel einſchlagen.“ „Und was wollen Sie mir denn geben, Herr La⸗ zare?“ fragte der Lehrling neugierig. „Zuerſt Rathſchläge.“ „Rathſchläge... ſagte Zephyr mißtrauiſch,„und dann weiter?“ „Und dann weiter.. das, was in dieſem klei⸗ nen Paket eingeſchloſſen iſt,“ antwortete Lazare, ein Papier in Umſchlag aus der Taſche ziehend, das er in der Hand wog.„Obgleich Du mich nicht ſehr liebſt, weil Du mir zu mißtrauen ſcheinſt, habe ich doch ent⸗ 180 deckt, daß Du mein Porträt hatteſt; habe auch ent⸗ deckt, daß Dn etwas von meiner Handſchrift hatteſt, und ohne Zweifel, um es beſſer zu leſen und mein Bild zu prüfen, Dir, ich weiß nicht wie, ein kleines In⸗ ſtrument verſchaffteſt, ähnlich dieſem,“ ſagte Lazare, auf die Lorgnette zeigend, die ihm um den Hals hing. „Du haſt alſo ein kurzes Geſicht?“ ſchloß der Künſtler. „Und Sie geben mir das Alles zurück,“ rief Ze⸗ phyr ungeſtüm. „Es iſt Alles da drinnen,“ erwiederte Lazare, das Paket ſchnell verſchwinden laſſend, das er vor den Augen des Lehrlings in der Hand hielt;„ich werde es Dir zurückgeben... wenn Du mir Alles ſagſt. Du verſtehſt wohl? Alles!“ „Geben Sie!“ rief Zephyr. „Wurſt wieder Wurſt,“ antwortete Lazare. „Gut,“ ſagte der Lehrling,„wir wollen nach dem Frühſtück ſchwatzen.“ Nach einer Art ſtillſchweigender Uebereinkunft blie⸗ ben jetzt beide ſtumm, bis ſie an dem Ort ihrer Be⸗ ſtimmung ankamen. Lazare wählte die eine Seite des Wegs und marſchirte vorwärts, ohne Zweifel das Programm ſeiner Fragen überlegend, Zepbyr verfolgte die andere, wahrſcheinlich beſchäftigt, die Erklärungen vorzubereiten, zu denen er ſich eben anheiſchig gemacht hatte. Nach drei Viertelſtunden Wegs kletterten ſie, einer hinter dem andern und beide etwas außer Athem, die ſteile Anhöhe hinauf, über welche man von Mar⸗ lotte aus nach dem Feenteiche gelangt. Das Plateau, das ſeinen Namen ohne Zweifel einem legendenartigen Aberglauben verdankt, deſſen Ueberlieferung nicht erhalten worden iſt, beherrſcht von einer Seite in ganzer Ausdehnung die Gegend, von der wir im erſten Kapitel dieſer Erzählung eine Be⸗ ſchreibung gegeben haben. Oft in der Malerei darge⸗ ſteut, iſt es gewiß einer der merkwürdigſten Punkte — 181 welche der Wald einſchließt. Auch begreift man, daß alle Künſtler nicht allein dahin kommen, ſondern immer wieder kommen, denn zum zwanzigſten Mal kann man noch eine neue Schönheit entdecken, eine neue Anſicht, in den tauſend Gemälden, von verſchiedenem Charak⸗ ter, welche ſich von ſelbſt dem Auge abzeichnen und mit Muße ſich zu einem Hauptgemälde vereinigen, oder daraus iſoliren laſſen, wie in jenen wunderbaren epi⸗ ſchen Meiſterwerken, wo der Reichthum an Epiſoden Mannigfaltigkeit erzeugt, ohne dadurch in die Erha⸗ benheit und Einfachheit des Ganzen Verwirrung zu bringen. Wenige Gegenden bieten wirklich ſo viel Mannigfaltigkeit und vor Allem auf einem ſo beſchränk⸗ ten Raume, denn das Plateau breitet ſich über einen Flächenraum von nicht ganz vier Hektaren aus. Von zehn zu zehn Schritten verwandelt ſich die Anſicht wie durch plötzliche, optiſche Veränderung, und von einer Stunde zur andern, nach der Erhebung oder Neigung der Sonne, modificirt ſich das Tablean, in ſeinem Ganzen, wie in ſeinen Nebenbeſtandtheilen, wie ein dioramiſches Gemälde, das nach der Reihe dem ver⸗ ſchiedenen Spiel der Beleuchtung ausgeſetzt wird. Alle Landſchaftsſchulen können hier Stoff zu Studien fin⸗ den. Für die, welche die fetten, normanniſchen Wei⸗ den lieben, wo das Vieh bis zur Bruſt in die hohen Wogen duftenden, dichten Graſes einſinkt, welches im gelinden Luftzug wie die hohle See hin- und hertreibt, bietet das Plateau die Schlafſtätte, wohin die Kühe von Marlotte kommen. Für die, welche die lichten Fernen, in violetten oder vergoldeten Dunſt gebadet, und die Hügel mit bewaldeten Rücken und die tiefen Thäler, aus denen ein blauer Nebel ſich erhebt, vor⸗ ziehen, eröffnet das Plateau bogenförmig ſeinen Rah⸗ men von Grün, und durch ein plötzliches Streiflicht entrollt hinter den erſten Waldflächen ein Ocean von Wipfeln, ewig bewegt, wie die Fluthen des Meeres, — 182 die ſtillen Ebenen, die ſich gegen Brie*) hin verlieren und ſo weit das Auge reicht, von dem unbeweglichen Streifen des Horizonts begrenzt ſind. Die, welche Sal⸗ vator's raſenden Pinſel führen, ſteigen vom Plateau über eine von Schluchten zerriſſene Abdachung mitten hinunter in die einſamen Tiefen der Wolfsſchlucht, welche es an ſeinem weſtlichen Ende beherrſcht. Hier kann man, als ob der Kampf des Bodens mit den Elementen noch friſch wäre, allen den Spuren nach⸗ gehen, welche der Durchzug der Waſſerflut zurückge⸗ laſſen hat, die ſich erſt Bahn brechen und die aus ihren Tiefen losgeriſſenen Blöcke vor ſich hertreiben. mußte, wie der Orkan bei ſeinem Nahen den Staub von der Straße aufjagt. Beim Eindringen in dieſe Schlucht möchte man glauben, die Trümmer irgend eines unbe⸗ kannten Ninive's anzuſehen. Die gigantiſchen Felſen⸗ maſſen ſcheinen noch unter dem Eindruck jenes Umſtur⸗ zes zu ſtehen, wie ein in unordentlicher Flucht begrif⸗ fenes Heer von Coloſſen ſich zu verfolgen, über einan⸗ der herzuſtürmen. Dieſe ſcheinen eben, in einen Winkel von zwanzig Grad geneigt, einen neuen Anlauf zu nehmen, ihre Bahn fortzuſetzen; jene beängſtigen, an dem Rande einer Schlucht in drohender Haltung hän⸗ gend, den Blick durch ihre zweifelhafte Bewegungsloſig⸗ keit. Die Bäume, als ob ſie noch durch einen Wind vom Ende der Welt umhergeſchlendert würden, krüm⸗ men ſich mit Bewegungen, die ſie gleich Weſen erſchei⸗ nen laſſen, die in Gefahr ſind und Nothzeichen ma⸗ chen; die einen ſchütteln ihre Zweige mit epileptiſchen Windungen und Verdrehungen; die andern ſtrecken, wie Athleten, die ſich zum Kampfe herausfordern, Zweige gegen einander vor, deren knorriges Ende einer geſchloſ⸗ ſenen Fauſt ähnlich iſt. Die großen, Jahrhunderte alten „ Eo heißt die Landſchaft von Meaus. A. d. U⸗ 183 Eichen, die vielleicht ihre Wurzeln in den diluvianiſchen Schlamm tauchen und einſt den Sicheln der Druiden die Miſtel⸗Erndte lieferten, haben allein ihre urſprüng⸗ liche Stärke und Schönheit bewahrt. Auf ihren furcht⸗ baren Stämmen buſchig aufgeſetzt, gleichen ſie Herku⸗ leſſen in Ruhe, die, auf ihren Torſo(Rumpf) zuſam⸗ mengedrängt, ihre kräftige Muſkulatur mächtig enthüllen. Im Rittelpunkt des Plateaus befindet ſich der ſo⸗ genannte Teich, oder vielmehr die beiden Teiche, ohne Zweifel durch Anhäufung der Regenwaſſer gebildet, welche die in den Felſen ausgehöhlten natürlichen Becken aufbewahrt haben. Dieſes unermeßliche Felsgeſtein herrſcht theilweiſe in der ganzen Ausdehnung des Pla⸗ teaus. In unregelmäßigen Tiefen verſchwindend, kommt es bei jedem Schritt wieder zum Vorſchein, mit einem ungeſtümen Sprung den Boden aufſchlitzend. In den phantaſtiſchen Strahlen des Mondes möchte man glau⸗ ben, ſich noch auf einem olympiſchen Schlachtfelde zu befinden, wo die Leichname der Titanen, ſchlecht begra⸗ ben, noch ihre monſtrnöſen Ellbogen oder Kniee aus der Erde hervorſtrecken. Was die Vermuthung geſtattet, daß dieſer Punkt über einem durch Naturrevolution geformten Gewölbe ſich befinde, iſt der Umſtand, daß der Huf eines Pferdes oder nur der Tritt eines Fuß⸗ gängers einen Nachhall erweckt, der unterirdiſch ſich zu verlängern ſcheint. In der Umgebung der beiden Teiche und die zufälligen Flecken Pflanzenerde benützend, ſind Waſſer⸗ und Sumpfkräuter gewachſen, wo die Fröſche, die Inſekten, oder die Schlangen die Fröſche jagen. An allen Orten, wohin die Gewäſſer des Doppelteichs mit ihrem Naß nicht gelangen können, bedeckt ſich der Boden mit ſpärlicher Vegetation: kurzer und dünnge⸗ ſäeter Raſen, wo die Grille vor dem ſie verfolgenden Vogel ſich nicht verbergen kann. Blaſſe Flechten von Schwefelgelb, welche eher eine Krankheit, als ein Pro⸗ dukt des Bodens zu ſein ſcheinen; eintägige Erzeug⸗ 184 niſſe einer verarmten Flora; kränkliche Pflanzen ohne Anmuth und Farbe, deren Wurzel ſchon todt iſt, wenn die Blume ſich zu öffnen anfängt, welche ebenſo die Sonne und den Mond ſcheuen, von einem Waſſertrop⸗ fen erſäuft und einem Sonnenſtrahl vertrocknet werden. Am Rande des großen Teichs treiben zwei ungeheure Büſche, Vipern-Büſche genannt, ihr verwirrtes und tückiſches Gezweige ſträubend aufwärts und vermiſchen mit den giftigen Spitzen der behaarten Neſſeln den Dorn des wilden Hagebutten⸗Strauchs und die Sta⸗ cheln der Kriechroſe, die verſteckter Weiſe zwiſchen den Steinen ihre gefährlichen Schlingen nach den nackten Füßen ausſtreckt. Ausſätzige Bodenflecke oder Sumpf⸗ löcher ſtehende Waſſer, unaufhörlich von gifiigen Gä⸗ ſten in Bewegung geſetzte Staudengewächſe, das iſt der Anblick des Teichs, der ſeinen Namen der Gegend gibt; aber dieſe Dürre und Verödung ſelbſt verleiht dem glänzenden Rahmen, den ſie umſchließt, ein mächtiges Relief. Eine Kuh verläuft ſich von der Heerde und kommt nach dieſem ſtehenden Waſſer, zu ſaufen, eine Bäuerin kniet am Rande, ihre Wäſche zu waſchen oder vielmehr zu verſchmutzen; ein Holzbauer erſcheint, ſeine Axt am Felſen zu wetzen und es ſind ebenſo viel Ge⸗ mälde fertig, die der Maler nur zu copiren braucht. So iſt der Feenteich auch vorzugsweiſe der Ort, welchen die in der ſchönen Jahreszeit nach Fontaine⸗ bleau kommenden Künſtler wählen: die, welche die ent⸗ fernten Grenzgebiete des Waldes bewohnen, kommen oft, die, welche in den Umgebungen ſich niederlaſſen, immer dahin. Als Lazare und ſein Begleiter auf das Plateau heraus kamen, fing die Sonne an, mit leuchtenden Pfeilen die Hochwaldungen des Königin⸗Gehau's(ente à Ja Reine) welche daſſelbe auf einer Seite begrenzen, zu durchſchießen, und man hörte in der Tiefe eines Holz⸗ 185 wegs die Glocken einer Heerde, welche der Morgenhirte nach der Schlafſtätte der Gegend führte. „Bleiben wir nicht da,“ ſagte Lazare zu Zephyr, „in einer Stunde kommen alle Kunſtjünger der Umge⸗ bung heran, ihren Sonnenſchirm auf dem Teich herum aufzupflanzen und das Plateau ſieht aus wie ein Pil⸗ enbeet.“ Wie um die Beſorgniſſe, die er eben laut werden ließ, zu rechtfertigen, kam in demſelben Angenblick, da Lazare ausgeſprochen hatte, eine Gruppe junger Leute auf einem andern Wege auf dem Plateau an. Ein von einem Bauern geleiteter Eſel trug Staffeleien, Farben⸗ ſchachteln und Torniſter. Mitten in dieſer Gruppe mar⸗ ſchirte eine Perſon, die älter als ihre Begleiter ſchien und der die letzteren reſpectvolle Aufmerkſamkeit erwie⸗ ſen. Lazare bemerkte aus der Ferne, daß der Herr, welcher die andern zu führen ſchien, an ſeinem Sommer⸗ Paletot das rothe Band trug. Die Geſellſchaft ging bald an Lazare vorbei, der Halt gemacht hatte; er be⸗ merkte, daß ſämmtliche junge Leute im Allgemeinen beſſer gekleidet waren, als dieß bei Malern der Fall iſt, um durch den Wald zu ſtreifen: ſie hatten gefirnißte Fußbekleidung, einige trugen ſogar Handſchuhe. „Was ſind das für Herren?“ fragte er Zephyr, der ſich beim Vorübergehen der Gruppe nach einer an⸗ dern Seite gekehrt hatte. „Es ſind die Zeichner von Marlotte, welche mit ihrem Lehrer ihre Lektion nehmen wollen.“ In demſelben Augenblick wandte der, welchen Ze⸗ phyr alſo bezeichnet hatte,— ſich gegen die kleine Ge⸗ ſellſchaft und Lazare konnte ihn zu ſeinen Zöglingen, welchen er die auf die Landſchaft hervorgebrachte Wir⸗ kung zeigte, ſagen hören:—„Meine Herren, es iſt ſechs Uhr, das iſt die Stunde, wo das Neapelgelb in der Na⸗ tur herrſcht.“ 186 „Ah!“ ſagte Lazare,„ich will der Lektion an⸗ wohnen.“ „O! nein, Herr,“ antwortete Zephyr, den Pro⸗ viant⸗Sack mit ſo kläglicher Miene anſchauend. „Es iſt wahr,“ ſagte der Maler,„wir müſſen jetzt frühſtücken und nachher ſchwatzen.“— Und ſie ſetzten ihren Weg in entgegengeſetzter Richtung von den Land⸗ ſchaftsmalern fort. Zehntes Rapitel. Zephyr's Bekenntniß. Der Ort, wo man Halt machen ſollte, war von Lazare gefälliger Weiſe ganz Zephyrs Wahl überlaſſen. Nach langem Zaudern entdeckte endlich der Lehrling einen Ort, der alle die ausgeſuchten, einem Sybariten wünſchenswerthen Eigenſchaften in ſich vereinigte, als da ſind kühler Schatten über dem Haupte, der Boden von einer der Unthätigkeit förderlichen Reigung und reich mit dichtem Raſen bekleidet. Nach beendigtem Mahle richtete Lazare an ſeinen Begleiter eine freund⸗ ſchaftliche Aufforderung, um ihn zur Darlegung ſeines Vertrauens zu mahnen. In einer Sprache, welche den beſten Eindruck auf den Lehrling hervorbringen mußte, machte der Künſtler ihm begreiflich, daß, da er ſich freiwillig zu ſeinem Verbündeten hergegeben hätte, er wenigſtens das Recht hätte, ſein Vertrauter zu ſein, und es für die Zukunft dringend nothwendig wäre, von allem, was ſeine Aufführung Myſteriöſes in ſich ſchloß, S 187 unterrichtet zu werden.„Kurz,“ ſagte er ihm zum Schluß, „ich bin bereits zwiſchen Dir und Deinem Meiſter ins Mittel getreten, den ich bei meiner Rückkehr in ſo ſchlech⸗ ter Stimmung getroffen habe, daß er von nichts we⸗ niger, als Dich aus dem Hanſe zu jagen, ſprach.“ Ze⸗ phyr erbleichte bei dieſer Offenbarung.—„Beruhige Dich,“ ſetzte Lazare hinzu,„ich habe Protat wieder zur Nachſicht und Geduld gebracht. Der Wechſel, den Du ſchon in ſeinem Benehmen wahrgenommen haſt, rührt nicht allein von Deinem geſtrigen Abenteuer her; mein Einfluß war auch dabei im Spiel. Du kannſt alſo vernünftiger Weiſe kein Vorurtheil gegen mich haben, der ich Dir nur Beweiſe der Theilnahme gegeben. Geſtern noch,“ fuhr der Künſtler fort, dem Lehrling das Paket zeigend, welches das fac simile von Adelinens Andenken enthielt,„als ich dieſe Gegenſtände bei Dir fand, beeilte ich mich, ſie zu verſtecken, damit Du nicht dadurch compromitirt würdeſt, und bewahrte ſie mit der Abſicht, ſie Dir zurückzugeben; und werde ſie Dir auch wirklich zurückgeben. Wie ich bereits gethan, werde ich fortfahren, in dem Geiſte Deines Meiſters Dir zu die⸗ nen; aber keine halbe Aufrichtigkeit, keine Verheimli⸗ chung, oder ich handle ganz anders, als ich bis jetzt gethan habe: ich erkläre zum Beiſpiel Deinem Meiſter, daß er nicht auf Dich rechnen darf. Ich ſpreche mit Protat, nicht Dich zu vertheidigen, ſondern mit ihm anzuerkennen, daß er ein ſchlechtes Subjekt aufgenom⸗ men hat, deſſen Gegenwart in ſeinem Hauſe nichts als Unruhe und Verwirrung bringen kann, und erſt, wenn Du meinen Schutz einmal verloren haſt, wirſt Du inne werden, wie nützlich er Dir hätte ſein können.“ Zephyr zeigte ſich noch empfänglicher für die freund⸗ ſchaftlichen Verſicherungen Lazares, als für die ſchein⸗ bare Drohung, womit ſie endigten; aber was ihn mehr als alles Uebrige zu überzengen und zu der Entſchließ⸗ ung zu bringen ſchien, alles Vertrauen, das man von 188 ihm begehrte, zu bezeigen, war die Gegenwart der Andenken, welche der Künſtler ihm vor Augen legte und die er wirklich, gerade weil ſie unkenntlich waren, anerkannte. „Und Sie geben mir dieſelben gewiß zurück?“ fragte Zephyr. „Ich will noch mehr thun,“ erwiederte der Künſt⸗ ler, ihm das Packet in die Hand legend,„ich will ſie Dir ſogleich zurückgeben; aber erinnere Dich deſſen wohl, was ich Dir eben ſagte.“ „O Herr Lazare,“ rief Zephyr mit einer wahrhaf⸗ tigen Herzensergießung,„o ja! ich will Ihnen alles ſagen, denn ich trage ſchon lange daran und es drückt mich hier,“ ſetzte er hinzu, mit der Fauſt auf die Bruſt ſchlagend.„In der That, ich kann wohl zu Ihnen ſprechen, Sie ſind mein Freund, nicht wahr? Wären Sie es nicht, würden Sie mir auch das nicht zurückgegeben haben.“ „Ja, mein Junge, ich bin Dein Freund; ich habe Dir ſchon Proben davon gegeben und bin ganz ge⸗ neigt, noch neue hinzuzufügen.“ „Wohlan denn!“ rief Zephyr,„ſo möge mich eine Natter ſtechen, wenn Sie nicht die lautere, reine Wahr⸗ heit von mir erfahren!“ Lazare brauchte nicht lange zuzuhören, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß Zephyr, wie er eben verſprochen hatte, die Wahrheit redete. Die Seele, die er in ſeine Erzählung legte, die Fülle ſeiner Worte, dieſe willfährige Beharrlichkeit, die ihn verleitete, ſtets auf gewiſſe Thatſachen zurückzukommen, ſeine Beweg⸗ ung, in der ſich wechſelsweiſe Rührung oder Kummer ausdrückte, trugen in der That den Stempel der Wahr⸗ heit. Man konnte nicht in Abrede ſtellen, daß die Thränen aus einer reinen Quelle kamen, die ſeinen Augen entſchlüpften, wenn ſeine Erinnerungen mit den Worten, wodurch ſie verdeutlicht wurden, die Leiden 189 wieder hervorriefen, die ſo lange in ſeiner Abgeſchie⸗ denheit jene zum Fließen gebracht hatten. Dieſes Bekenntniß dauerte mehr als zwei Stun⸗ den, voll Verwirrung und Wiederholungen. Wir wer⸗ den es darum hier nicht ſo wiedergeben, wie es Zephyr mit einer Lebhaftigkeit des Ausdrucks ablegte, die zu⸗ weilen das Bäueriſche ſeiner Sprache bis zur Höhe der Beredſamkeit ſteigerte; wir geben davon nur einen kurz gefaßten Auszug, in welchem man jedoch dasjenige fin⸗ den wird, was der, welcher es hervorrief, darin finden wollte, das heißt, die Erklärung des myſteriöſen Cha⸗ rakters unſerer kleinen Perſon. Man erinnert ſich, unter welchen Umſtänden Ze⸗ phyr von dem alten Protat aufgenommen worden iſt, der, wie in dieſer Erzählung oft genug zu ſehen war, ſelten eine Gelegenheit vorbei ließ, ohne ſich über das elende Geſchenk zu beklagen, das ihm die Vorſehung damit gemacht hatte, daß es ihm ein jämmerliches und übelgeſtaltetes Kind in die Arme legte, wie dasjenige in Wirklichkeit war, welches er im Schnee mitten auf der Straße ausgeſetzt gefunden hatte. Schönheit oder Anmuth iſt bei Kindern wie bei Erwachſenen ein na⸗ türlicher Magnet, der die Sympathie ſelbſt fremder, ſelbſt vorübergehender Leute anzieht. Das klägliche Ausſehen des Waiſen ſchadete ihm gleich von Anfang im Geiſte ſeines Pflegevaters. Vom erſten Tage an, da er denſelben einer Bäuerin, die Kinder in Pflege und Bewahrung nahm, anvertraut hatte, fühlte ſich der Holzſchuhmacher durch den Widerwillen gekränkt, mit der dieſe Frau ſich dazu bergegeben hatte, das kleine Ungethüm aufzunehmen. Seine Eigenliebe wurde durch die Abneigung verwundet, welche Zephyr den andern Kindern der Gegend einzuflößen ſchien, und ſo oft es ihm begegnete, daß er für den Unterhalt des Waiſen etwas ausgeben mußte, ermangelte er nie, in⸗ dem er ſeine Thaler losließ, zwiſchen den Zähneu zu 190 murmeln:— dieſe Meerkatze koſtet mich viel Geld und macht mir doch keine Ehre. Vater Protat beſaß jene Eigenſchaft ehrlicher Leute, welche ohne ihr Wiſſen Alles unter einem Geſammt⸗ überblick zuſammen faſſen, welche eine erſte edelmüthige Bewegung zu einer guten Handlung treibt, aber die, wenn dieſelbe gethan iſt, ſofort betrachten, welchen Nutzen ſie daraus ziehen können. Ohne es ſelbſt ge⸗ wahr zu werden, geſchah es, daß Protat den kleinen Zephyr behandelte, wie das Kind von den Leuten der Gegend behandelt wurde, ohne Härte zwar, aber auch ohne irgend eine Aufmerkſamkeit, welche in den erſten Reflexionen des Waiſen einen Unterſchied zwiſchen dem Hauſe ſeines Adoptiv⸗Vaters und der Straße begrün⸗ den konnte. Von Natur mit einem hohen Grad von Empfindlichkeit begabt, zu der ſich eine große Schüch⸗ ternheit geſellte, empfand Zephyr das bei Kindern na⸗ türliche Bedürfniß nach Zärtlichkeit und Sorgfalt. So unwiſſend er auch über ſeine Lage war, ſo ſagte ihm doch ein unbeſtimmtes Vorgefübl, daß es nicht die Fa⸗ milienluft war, die er in dieſem Hauſe athmete. Die ſeltenen Verſuche, die er gemacht hatte, von ſeinem Adoptiv⸗Vater eine Liebloſung zu erbetteln, waren von dieſem gleichgültig aufgenommen, um nicht zu ſagen, urückgeſtoßen worden. So enthielt ſich auch Zephyr jeder Aeußerung von Zärtlichkeit und blieb in ſeinem Winkel, mit den Augen in der Aſche, wenn er zu Hauſe, mit den Angen am Himmel, wenn er draußen war. Ohne zu begreifen, daß ſeine Kälte es war, welche das Stillſchweigen des kleinen Knaben veranlaßte, klagte ihn nun Protat wegen der Sorge an, mit der er die Einſamkeit ſuchte. „Das iſt ein Duckmäuſer: ſo klein er iſt, ſollte er doch ſchon begreifen, was ich für ihn thue und ſich nach Alter und Kräften im Hauſe nützlich zu machen 191 verſuchen; aber er zieht es vor, ſich in Winkeln herum⸗ zuwälzen. Geduld, Geduld!“ Kurz, ohne daß er nur einen Augenblick ſich da⸗ von den Kopf einnehmen zu laſſen gedachte, und ſo wenig entfernt die Ereigniſſe hinter ihm lagen, fing der Holzſchuhmacher wieder an, gegen Zephyr gerade ſo zu ſein, wie er gegen Adeline geweſen war. Sobald der Waiſe das Alter hatte, ſchickte Protat ihn in die Schule. „Lehren Sie ihn ſchnell, was er zu wiſſen braucht, um nicht ein Eſel zu ſeyn,“ ſagte der Holzſchuhmacher zu dem Magiſter,„und drauf! drauf! daß ich ihm das Handwerkszeug in die Hände geben kann. Wenn er mir keine Ehre macht, ſoll er mir wenigſtens Geld machen; das iſt das Geringſte nach Allem, was ich für ihn gethan habe.“ Und er hatte hinzugeſetzt: ich fürchte, er hat eine etwas harte Faſſungskraft; aber geniren Sie ſich nicht, Sie können ihm ſchon einen Tapps eben. Die Empfehlung gelangte um ſo eher an ihre Adreſſe, als der Schullehrer von Montigny die Geduld keineswegs als eine Schultugend praktizirte. Wenn er ſeinen Schülern eine Erklärung machte, und dieſelbe nicht auf den erſten Schlag verſtanden wurde, ſo fing nicht er ſie wieder an, ſondern die Pritſche, und er ſchlug zu, wie ein Tauber, der er war. Zephyr, bezüg⸗ lich des Verſtandes ebenſowohl begabt, wie von der Natur vernachläßigt, hätte ohne Zweifel ſchnell und gut lernen können, aber der Schulmeiſter, an die dick⸗ köpfige Finſterniß der ſeiner Sorgfalt anvertrauten Meerkatzen gewöhnt, vermiſchte zuverſichtlich den neuen Schüler mit den andern, und ſtellte Zephyr, ohne deſſen glückliche Anlagen zu bemerken oder bemerken zu wol⸗ len, unter das gemeinſchaftliche Regierungsſyſtem: Bru⸗ talität und Schläge. Als der Waiſe bemerkte, daß es im Reſultat keinen Unterſchied zwiſchen Thun und Nichts⸗ 182 thun gebe, traf er ſeine Wahl und folgte einem natür⸗ lichen Hang zur Indolenz. Ein unbeſtimmtes Gefühl der Gerechtigkeit und des Stolzes, die beide verwundet wurden, begann bei ihm ſich in Anwandlungen von Widerſpenſtigkeit zu entfalten. Der thätigen Brutali⸗ tät des Lehrers ſetzte der Schüler eine leidende Hals⸗ ſtarrigkeit entgegen; oben drein von ſeinen kleinen Kameraden mißhandelt, die ſein Entgegenkommen zu⸗ rückgewieſen hatten, ſetzte der zurückgedämmte Inſtinkt der Mittheilſamkeit allmälig die Keime eines Men⸗ ſchenhaſſes in ihm ab, welce ihm ein wildes Ausſehen verliehen. Was Protat betrifft, ſo vermehrten, wie man ſich denken kann, die Aufſchlüſſe des Schulmei⸗ ſters nur die verdrießliche Stimmung, in der er ſich gegenüber von Zephyr befand, und dießmal zeigte ſie ſich um ſo mehr angreifender Natur, als ſie aus den ſchlechten Zeugniſſen des Schulmeiſters eine ſcheinbare Rechtfertigung zu ſchöpfen ſchien. „Schlechter Schüler, ſchlechter Arbeiter,“ hatte Protat geſagt, als er Zephyr aus der Schule nahm, um ihn an ſeinen Holzſchuhmacherstiſch zu ſetzen;„aber laßt uns einmal ſehen! Ich habe jetzt Zepbyr unter meiner Hand und meine Hand hat ihr Gewicht,“ ſetzte Protat mit einer bezeichnenden Geberde hinzu. Doch Zephyr, über ſeine wirkliche Lage im Hauſe des Holz⸗ ſchuhmachers aufgeklärt, begriff, daß es nur gerecht wäre, durch ſeine Arbeit einen Mann zu unterſtützen, der ihn aufgenommen und lange Zeit Sorge für ihn getragen hatte. Da er nicht, obwohl er es verſucht hatte, einen wahren Vater in ihm zu finden vermochte, erkannte der Knabe ihn als ſeinen Meiſter an und be⸗ ſtrebte ſich, ihn als ſolchen zufrieden zu ſtellen, theil⸗ weiſe durch Dankbarkeit, theilweiſe durch ein Gefühl ehrenhaften Stolzes. Protat erkannte, daß ſein Lehrling den guten Willen hatte, recht zu thun; er wußte ihm Dank da⸗ 193 für, allein ohne ihm denſelben zu bezeugen, ohne mit einem aufmunternden Wort oder Zeichen dem armen Jungen zu erkennen zu geben: ich bin zufrieden, fahre ſo fort. Protat dachte, wenn er Zephyr bei der Arbeit beſchäftigt ſah, innerlich: er thut nur ſeine Schul⸗ digkeit.“ Mit dieſem ſtillſchweigenden Zugeſtändniß war ſeiner Meinung nach Alles geſagt. Wenn es zum Beiſpiel Zephyr begegnete, daß er eine Erklärung nicht aufs erſte Mal begriff, weil ſie manchmal entweder unrich⸗ tig aufgefaßt oder unrichtig gegeben wurde; wenn er etwas mehr, als die nöthige Zeit brauchte, einen Holz⸗ ſchuh aus dem Gröbſten zu ſchneiden; wenn er einen Span mehr wegnahm, wodurch Protat genöthigt wurde, ein Stück Eſchen⸗ oder Kaſtanienholz als un⸗ brauchbar bei Seite zu werfen, ſo erhob er ein Ge⸗ ſchrei, das im ganzen Hauſe wiederhallte: Zephyr ruinire ihn, Zephyr ſeie ein Undankbarer, ein Faul⸗ lenzer, ein Taugenichts! Suchte der Lehrling ſich dann ſanft zu rechtfertigen, ſo donnerte der erzürnte Meiſter noch heftiger:— recht ſo, ſchrie er, das wird mich lehren, Lumpen und Bettler in mein Haus aufzuneh⸗ men! Warum habe ich ihn nicht im Winkel am Grenz⸗ ſtock liegen laſſen? Eines Tags war Zephyr, da er dieſe Worte hörte, vom Werktiſch aufgeſtanden, ſah ſeinem Meiſter ins Geſicht und ſagte ruhig:„Herr Protat, ich will fort.“ „Und wohin willſt Du,“ fragte der Meiſter erbittert. „Dahin, wo Sie mich gefunden haben.“„Ah! Du glaubſt alſo, ich werde Dich ziehen laſſen. Ah! Du glaubſt, Du habeſt mich mehr Thaler gekoſtet, als Du ſchwer biſt, ich habe Dich wie mein Kind erzogen und unterrichtet, damit Du jetzt nur gehen kannſt und mir guten Morgen wünſcheſt; aber ich bin Dein Mei⸗ ſter, weißt Du? das Geſetz gewährt mir alle Rechte über Dich und Du kommſt nur fort, wenn ich es will, Murger, Adeline Protat. 13 194 und ich will es nicht eher, als bis Du mir Alles er⸗ ſetzt haſt, was ich für Dich, ſeitdem Du mir zum Un⸗ glück mein Haus betrateſt, ausgegeben habe.“ Zephyr ſchüttelte den Kopf und ging wieder an das Geſchäft. Da inzwiſchen dieſe heftigen Scenen ſich Tag für Tag wiederholten, der Zorn des Holzſchuhmachers bei dem geringſten Vorwand, der ſich ihm bot, zum Aus⸗ bruch kam, ſo begann Zephyr, ſich gleichgiltig zu zei⸗ gen. Die Klagen des Holzſchuhmachers waren, ſo zu ſiah mit Schlägen punktirt; der Lehrling hörte die einen, ohne auf ſie zu achten, nahm die andern hin, ohne ſie zu empfinden. Da er ſelbſt nicht mehr zu unterſcheiden wußte, ob er etwas gut oder ſchlecht machte, ſo ſchlug es bei Zephyr, der durch den ewigen, über ſeinem Haupte hinbrauſenden Sturm ganz einge⸗ ſchüchtert wurde, faſt zum Blödſinn um. Damals kam Adeline nach Montigny zurück. Zephyr, bei dieſer Rückkehr ziemlich gleichgiltig, ſchien anfänglich erſtaunt, als er Adeline reden hörte. Eine menſchliche Stimme, weder ſcharf, noch lärmend, noch zänkiſch, war etwas ſo Neues für ihn, daß dieſes friſche, wohllautende Or⸗ gan ihn überraſchte, wie einſt der Ton eines gehenden Uhrwerks die Wilden öberraſcht hatte. Es brauchte einige Zeit für das Mädchen, den Lehrling, welchen die Gewohnheit ſchlechter Behandlung und Abgeſchiedenheit ſchen gemacht hatte, zu zähmen; aber allmälig wurde durch den Zauber dieſer ſüßen Stimme, durch das Ein⸗ ſchmeichelnde dieſer artigen Manieren, die harmoniſchen Bewegungen dieſes Geberdenſpiels, das Ausgezeichnete des ganzen Betragens, das zuerſt die Neugierde des jungen Burſchen erweckt hatte, ſeine Sympathie ange⸗ regt. Indem Adeline ſich ihrer gite durch die Brutalität des Vaters beängſtigten Kindheit erinnerte und bedachte, daß Zephyr vielleicht nur ihre Stelle ein⸗ genommen hatte, ſchien ſie ſich, wie ſchon bemerkt worden, zur Aufgabe zu machen, dieſem ihrem Adoptiv⸗ 195 bruder das Vergangene in Vergeſſenheit zu bringen. Da er aufgenommen worden, um ein ihretwegen über⸗ nommenes Gelübde zu erfüllen, bedurfte es für ſie kei⸗ ner langen Zeit, zu errathen, wie ihr Vater die Er⸗ füllung dieſes Gelübdes verſtanden hatte, und ſeitdem war ſie zu dem Verſuch geſchritten, mit der aufmerk⸗ ſamen Sorgfalt, die ſie dem Lehrling bewies, zugleich ihrem Vater wegen der übernommenen Vaterſchaft eine Lektion zu geben. Was Zephyr anbelangt, ſo hatte ſein bisher zurückgedrängtes Verlangen nach Liebe einen Ausweg gefunden, und er ſtürzte ſich demnach mit der Heftigkeit eines Waldſtroms, der ſeine Dämme durchbrochen hat, auf dieſelbe. Der Liebkoſungen ent⸗ wöhnt, oder vielmehr von jeher mit denſelben unbe⸗ kannt, verurſachte der erſte Kuß, welchen Adeline auf ſeine Stirne drückte, ihm eine Bewegung, die ihn zum Taumeln brachte. Er liebte Adeline, mit der Liebe eines Kindes ohne Zweifel, aber eines Kindes, das über ſein Alter hinaus und durch Nachdenken gereift war; ein ſeltſames Gefühl, wenn man will, aber die frühzeitige Entwicklung deſſelben hatte ihre Urſache in den frühzeitigen Leiden, welche die Stunde der Männ⸗ lichkeit moraliſch beſchleunigt hatten; eine Liebe, die wie ein Schrei der Dankbarkeit hervorbrach, und in der alle verkannte Zärtlichkeit verwaisten Kindesalters ſich auflöste. Wäre Adeline drei Jahre früher zurück⸗ gekommen, hätte Zephyr beim Empfang des Kuſſes vielleicht gerufen: meine Mutter; aber ſie kam bereits zu ſpät für den Ruf: meine Schweſter. Bruderſchaft erſchien ihm als ein zu beſchränktes Gefühl, um alles das zu enthalten, was er in ſeinem Herzen unbeſtimmt ſich regen fühlte. Von dieſem Augenblick an ging in Zephyr jene Verwandlung vor, welche der alte Protat an ſeinem Lehrling bemerkt hatte. So ſehr Zephyr vor Adelinens Ankunft ſich beeilt hatte, vom Hauſe wegzukommen, ſo ſehr war er nach ihrer Rückkehr zu einem Stubenhocker geworden, der ſich betrübte, wenn man ihn einen Aus⸗ gang machen hieß, und ſchnell wieder heim zu kommen ſuchte. Dann war mit einem Schlag der Lehrling wieder in ſeine Trägheit, ſeine Langſamkeit, ſeine Gleichgültigkeit gegen Ermahnungen verſunken, ſo ſanft dieſe überdieß fuͤr ihn ausfallen mochten. Dieſe Ver⸗ änderung traf mit Lazares zweitem Aufenthalt in Montigny zuſammen. Damals hatte Adelinens Liebe zu dem Maler ihren Anfang genommen. Mit dem feinen Inſtinkt, welchen die Leidenſchaft gewährt, hatte der Lehrling errathen, was Adelinens Herz zu beun⸗ ruhigen begann, ehe dieſe vielleicht ſelbſt daran dachte. Er hatte bemerkt, ſo ſanft ſie auch immer zu ihm ſprach, wußte ſie doch einen andern Ton der Sanft⸗ heit in ihre Worte zu legen, wenn ſie an Lazare ſich wendete. Er ſah ſie unter dem unſchuldigen Kuß des jungen Mannes zittern, wie er ſelbſt unter dem ihrigen zitternd erblaßt war. Er bemerkte außerdem, daß Ade⸗ line ſich weniger mit ihm beſchäftigte, ſeit der Maler in Montigny wohnte, daß ſie, gewöhnt, bis in den lichten Tag hinein zu ſchlafen, jetzt vor Jedermann aufſtand, um Lazare noch zu treffen, ehe er auf ſeine Studien ausging. Er ſah ſie im Garten die ſchönſten Früchte pflücken, um ſie in den Zwerchſack des Künſt⸗ kers gleiten zu laſſen. Endlich war, als derſelbe wie⸗ der ſich nach Paris aufgemacht hatte, Adelinens Trau⸗ rigkeit Zephyr nicht entgangen, der, ſo ſehr er Lazare haßte, doch von dieſem Haß nichts merken ließ. Am Tage der Abreiſe des letztern hatte der Lehrling den⸗ ſelben nicht einen Augenblick verlaſſen. Nachdem er den Maler in dem Wagen zu Bourron untergebracht ſah, kehrte Zephyr freudiger nach Montigny zurück. Er dochte, nun, da ſein Nebenbuhler abgereiſt wäre, würde er, wie ſonſt, ſeinen ganzen Antheil an der Sorgfalt und Zärtlichkeit des Mädchens haben; aber er fand ſie 197 im Gegentheil trauriger und gleichgültiger gegen ſeine Perſon; den Tag über brachte ſie ganze Stunden auf ihrem Zimmer zu, in der Nacht hörte er durch ſeinen Verſchlag hindurch, wie ſie aufſtand und unter ihren Geräthſchaften etwas ſuchte. Jetzt durchkreuzte ein Verdacht Zephyrs Geiſt, raſch und brennend wie ein feuriger Pfeil. Er hatte ein Loch durch die Thüre gemacht und Adelinen be⸗ lauſcht; er hatte ſie überraſcht, wie ſie Gegenſtände, die ſie aus dem Schubfach des kleinen Meubels her⸗ ausnahm, an ihr Herz drückte und nach den Lippen brachte. Lange hatte ſeine Eiferſucht ihn zur Verletzung dieſes Geheimniſſes getrieben, lange ein Gefühl der Rechtlichkeit zurückgehalten; dann war noch ganz vor Kurzem die Anzeige von Lazare's Rückkehr erfolgt. Die Frende, welche Adeline darüber bezengte, machte Zephyr raſend vor Schmerz und Eiferſucht. Drei Nächte hindurch hatte er nicht geſchlafen, drei Tage war er an den Ufern des Loing herumgeirrt, dreimal hatte er ſich, mit einem Blick auf das Waſſer, Steine an die Füße gebunden; endlich am Morgen der Rückkehr des Künſt⸗ lers und ehe er demſelben entgegen ging, Adelinens Abweſenheit in Moret benützt, hatte die verwahrte Thüre zwiſchen den beiden Zimmern erbrochen, den Schlüſſel zu dem Meubel gefunden, das Schubfach ge⸗ öffnet und die Gegenſtände, die es enthielt, mit fort⸗ genommen. „Als ich vor Ihnen ſtand, Herr Lazare,“ ſagte Zephyr, ſeine Erzählung ſchließend,„war mein Tod beſchloſſen; ich konnte nicht mehr leben. Vater Protat hätte mich mit glühenden Eiſenſtangen ſchlagen können, ich wäre unempfindlich geblieben. O! hören Sie, als ich Sie auf dem Außenſitze der Kutſche von Vater Orſon ſah, geſchah es einen Augenblick, daß das Deich⸗ ſelpferd rechts während des Herabfahrens beinahe ſtürzte; 198 Sie haben ſelbſt eine Bewegung rückwärts unter das Cabriolet gemacht.“ zu werden. Nun, Zephyr?“ „Nun! Herr Lazare, ich ſchloß die Angen, faltete die Hände und betete zu dem lieben Gott.“ der Künſtler,„wir haben nicht umgeworfen.“ „Nicht darum hatte ich gebetet,“ ſagte Zephyr mit zu,„Herr Lazare, Sie haben mich aufgefordert, Ihnen Alles zu erzählen, es geſchieht ſo; ich brauche Ihnen nicht den Reſt zu ſagen; Sie wiſſen, was ſich hernach ereignet hat.“ „Und Du weißt, daß, wenn Protat muthmaßete, Du denkeſt an ſeine Tochter, er Dich fortſchicken würde?“ „Sie werden ihm auch nichts davon erzählen,“ antwortete Zephyr.„Sie ſagten mir, Sie ſeien mein Freund.“ „Aber nach den guten Geſinuungen, die Du in Bezug auf mich hatteſt, weiß ich nicht, ob ich Dir meine Freundſchaft erhalten ſoll,“ rief der Künſtler lachend. „O! mein Herr,“ ſagte Zephyr,„geſtern war ich ein Rarr.. ein Narr, ſehen Sie!“ ſetzte er, mit dem Fuße ſtampfend, hinzu. dem Grunde des Waſſers gelaſſen?“ „Nein, mein Herr,“ ſagte Zephyr feſt, und fügte, anſtatt davon zu ſterben, will ich davon leben.“ Durch die Erzählung, die ihm eben, und zwar in „Richtig,“ ſagte Lazare,„ich fürchtete, umgeworfen „Dein Gebet hat mir Glück gebracht,“ erwiederte niedergeſchlagenen Augen.„Wahrhaftig,“ ſetzte er hin⸗ „Und ſeit geſtern haſt Du Deine Leidenſchaft auf auf ſein Herz deutend, bei:„ſie iſt da, immer! Nur, — Ausdrücken, die ihn oft gerührt hatten, gemacht wor⸗ den war, hatte Lazare die Ueberzeugung gewonnen, daß er mit der Gewißheit, verſtanden zu werden, zu dem 199 Holzſchuhmacherslehrling reden könne. Wie er Tags zuvor ſchon vermuthet, hatte er weder mit einem Kinde, noch einem kleinen Liebeshandel zu thun. Er ließ ſich alſo in ein Geſpräch mit dem Lehrling ein, wie er mit einem Freunde ſeines Alters und Standes gethan ha⸗ ben würde, indem er zu gleicher Zeit überzeugen und rühren wollte. Zephyr antwortete ihm, alle dieſe Vorſtellungen habe er ſich ſelbſt ſchon hundertmal gemacht. „Aber, mein armer Freund, ſagte Lazare,„be⸗ denke, daß Adeline das reichſte Mädchen der Gegend iſt und ihr Vater ſie nur einem ebenſo reichen Mann geben wird.“ „Und Sie, Herr Lazare, ſind Sie reich?“ „Beinahe wie Du,“ antwortete der Maler, der Furcht begegnend, welche der Lehrling mit ſeiner Frage zu offenbaren ſchien.„Sei ruhig, ich werde Adeline nicht heirathen, und wir beide ſind zu bettelhafte Schwie⸗ gerſöhne für Vater Protot. Und dann liebe ich Ade⸗ line nicht. Aber dieß iſt nicht Alles,“ fuhr Lazare fort,„es bleibt noch etwas mir aufzuklären. Du ſag⸗ teſt auf dem Herwege, das Holzſchuhmachergewerbe wäre Dir ſchon lange bekannt; weißt Du, daß es nicht ehr⸗ lich von Dir iſt, mit dem, was Dein Meiſter Dich ge⸗ lehrt hat, ihm nicht Nutzen zu ſchaffen, und Deine Trägheit wie ein Diebſtahl war, weil Deine Arbeit zum Mittel dienen konnte, Dich mit ihm auszu⸗ gleichen?“ „Ich werde das ſpäter thun,“ ſagte Zephyr ſtolz. „Vergangene Zeit iſt verlorene Zeit,“ erwiederte Lazare;„Du biſt lange genug träge geweſen, um jetzt fleißig zu werden!“ „Aber,“ ſagte Zephyr, wenn ich keine Holzſchuhe machte, bin ich darum nicht müßig gegangen. Ich habe es wie Sie gemacht, Herr Lazare, als Sie einen Be⸗ ruf, der Ihnen mißfiel, aufgaben, um einen andern 200 zu ergreifen. Auch ich habe einen ganz allein ergriffen, weil er mir gefiel und man Luſt hat, es darin zu et⸗ was zu bringen, wie Sie mir vorhin geſagt haben. Wenn ich mich ſtellte, als verſtände ich mein Handwerk nicht, ſo ermüdete das Vater Protat und es war ihm noch lieber, mich fern von ſeiner Werkſtätte, als damit beſchäftigt zu wiſſen, ihm das Holz zu verſchneiden. Ich bekam Schläge und aß trockenes Brod, das iſt wahr, aber ich hatte zwei oder drei Stunden täglich frei, und während dieſer Zeit arbeitete ich vor aller Welt verborgen.“ „Aber woran? woran?“ fragte Lazare. Gerade da Zephyr zu antworten im Begriff war, ließ ſich ein Gebell neben ihnen hören und in demſel⸗ ben Augenblick wandte ſich ein Hund, der eben an ihnen vorüber kam, wieder gegen einen der Landſchafts⸗ maler, der, ohne daß Lazare und ſein Begleiter etwas davon gewahr wurden, zwanzig Schritte von dem Banme, unter dem ſie ihr Frühſtück genommen, ſeinen Sonnenſchirm anfgepflanzt hatte. Einer ſeiner Genoſ⸗ ſen, der ſich in gleicher Entfernung, aber auf entgegen⸗ geſetzter Seite befand, rief ihm zu:„Theodor, gib Lydie die Zündhölzchen.“ „Hier!“ rief der Landſchaftsmaler. Und Lazare bemerkte, daß ſein College dem Hund etwas ins Maul ſteckte und dieſer ſich anſchickte, zu ſeinem Herrn zurück⸗ zukehren. „Bei Gott!“ ſagte Lazare,„das iſt ein ſchönes und brauchbares Thier!“ Und um den Hund mehr in der Nähe zu ſehen, zeigte ihm der Künſtler gerade da er an ihnen vorüber kam, den Knochen von der Ham⸗ melskeule. Lydie ſchien einen Angenblick zu zaudern, aber kam dann zu Lazare heran; doch um den Knochen zu faſſen, mußte der Hund den Gegenſtand, den er im Maule hielt, fahren laſſen. Lazare machte eine Ge⸗ 201 berde der Bewunderung als er das Zündhölzchen⸗Etuis aufhob, das dem Thier entfallen war.“ „Ah! wie reizend!“ ſagte er,„das kleine hölzerne Geräthe von Stechpalmenholz, das mit ebenſo natür⸗ lichem als elegantem Geſchmack geſchnitzelt, geplättet, und vertieft ausgearbeitet war, um und umdrehend. Das kommt vielleicht vom Schwarzwald.“ „Das kommt vom Wald von Fontainebleau,“ ſagte Zephyr, aufſtehend.„Wenn Sie ein gleiches wollen, kommen Sie in meine Bude... Sie haben nur zu wählen... Sie werden manches andere ſehen, Herr Lazare„ Als er bemerkte, daß Lazare ganz verblüfft ſitzen blieb, wie ein Mann, der nicht recht begreift, fügte Zephyr mit einem kleinen Anflug von Stolz hinzu:— „ich habe das gemacht!“ „Womit?“ fragte Lazare mechaniſch. „Mit einem Meſſer, mit Holz und Geduld... Aber das iſt nur eine armſelige Probe; gehen wir ein meinem Atelier, Sie werden manches andere ſehen!“ „Warte,“ ſagte Lazare,, daß ich dieß unſerm Nach⸗ bar zurückbringe.“ Dieſer nahm die Entſchuldigungen Lazare's, da er ihm ſein Zündhölzchen⸗Etuis wieder zuſtellte, ſehr artig auf:—„Sie haben da ein ſehr hübſches Ding, mein Herr,“ ſagte der Künſtler zu ihm. „Ja,“ antwortete der Landſchaftsmaler;„ich habe es in Fontainebleau bei einem Curioſitäten⸗Krämer ge⸗ fundeu.“ „Es iſt ſehr theuer?“ fragte Zephyr. „Ziemlich;“ antwortete der junge Mann;„es muß von Deutſchland kommen; ich habe für dieſes Etuis zwanzig Franks bezahlt.“ „Nun ja! ich, Herr Lazare,“ ſagte Zephyr ganz 202 leiſe zu ſeinem Begleiter,„habe es um zwanzig Son verkauft.“ Als Lazare und der Lehrling quer über das Pla⸗ teau gingen, bemerkten ſie wiederum, mitten unter ſei⸗ nen Zöglingen, den dekorirten Profeſſor; in der einen Hand hielt er ſeine Uhr, mit der andern zeigte er auf die Landſchaft um ſich herum, die in der Weißgluth der Sonnenhitze lag. „Meine Herren,“ ſagte er,„es iſt Mittag; das iſt die Stunde, wo das Chromgelb in der Natur herrſcht.“ Nach drei Viertelſtunden führte Zephyr den Ma⸗ ler vor eine in der einſamſten Parthie der Langen Felſen gelegene Grotte und hieß ihn daſelbſt ein⸗ treten. Im Innern einer durch einen Stein verdeckten Höhlung waren etwa zwanzig Phantaſiegegenſtände, in Holz geſchnitzelt und zu mancherlei Gebrauch an⸗ wendbar, untergebracht. Lazare unterſuchte einen nach dem andern ſehr ſorgfältig, und in tiefer Stille; als er fertig war, nahm er Zephyr bei der Hand und ſagte ihm: „In Zukunft verbiete ich Dir, noch ein einziges Paar Holzſchuhe zu machen.“ „Was wollen Sie denn, daß ich thue, da Herr Protat „Es muß Handwerkszeng angeſchafft und Dein Glück gemacht werden.“ 203 Elftes Rapitel. Zepyhr's Atelier. Das Erſtaunen, das Lazare offenbarte, als er den Holzſchuhmacher-Lehrling plötzlich unter einer eben ſo neuen, als unerwarteten Geſtalt ſich darſtellen ſah, und die verwunderte Neugierde, die er bei der Prüfung von Zephyrs Schöpfungen hatte blicken laſſen, waren dieſem nicht entgangen. Wie das ſichtbare Vorzeichen aufſtegenden Stolzes hatte ein plötzliches Roth ſein Geſicht gefärbt. Als er die ſeinen kunſtreichen Arbeiten gezollten Lobſprüche hörte empfand der Lehrling jenes Gefühl des Wohlbehagens, welches das Zeugniß eines Andern, wenn es günſtig iſt, bei allen denen hervor⸗ bringt, welche die Mängel und Schwächen, die an einer unverſtandenen Arbeit mitunterlaufen, erkannt haben, bei allen denen, welche die Vollendung eines Werks verfolgt haben, das, ſo gering es Anfangs war, nicht allein die auswärtigen Hinderniſſe zu überwinden, ſondern auch über Ungewißheiten, die ihnen Zweifel an ihrer eigenen Kraft einflößten, zu triumphiren hatte. Man wird leicht begreifen, welchen Werth Lazare's Meinung in des Lehrlings Augen hatte, und mit wel⸗ cher Freude ihn die Zeichen der Theilnahme erfüllten, welche der Anblick ſeiner kleinen Werke der Freimüthig⸗ keit des Malers entriſſen hatte. Auf die Frage des Künſtlers, der nengierig war, zu erfahren, wie der Beruf der Kunſt ſich dieſer Bauern⸗ ſeele offenbarte, erzählte ihm der junge Burſche unbe⸗ fangen den Urſprung ſeiner erſten Verſuche. Mechaniſch und um ſeine Stunden der Unthätigkeit doch zu etwas 204 anzuwenden, ſchnitt er zu ſeiner Unterhaltung an Holzſtücken mit einem ſchlechten Meſſer herum. Dieſe Zerſtreuung wurde bald, wenn man ſo ſagen darf, mehr eine Träumerei unter ſeinen Händen, als eine Beſchäftigung. Langſam, ohne Studium, ohne ſich viel um dieſe groben Erſtlingsarbeiten zu bekümmern, hatte Zephyr ſich eine gewiſſe Fertigkeit erworben, welche eines Tags ſeine Aufmerkſamkeit rege machte. Als er einmal eine dieſer träumeriſchen Capricen näher in Augenſchein nahm, erſtaunte er aufrichtig, daß er der Urheber davon war; ſo kam er jetzt auf den Gedanken, die Gegenſtände in ſeiner Umgebung nachzubilden. Mit ſclaviſchem Fleiße kopirte er Baumblätter und Pflanzen. Allmälig brachte er bei ſeinen Gegenſtänden Mannigfaltigkeit an; außer Blättern, Blumen, Früch⸗ ten und Pflanzen unternahm er jetzt Vögel, Inſecten, die einſiedleriſche Cidechſe, die ſchleichende Schlange, den Froſch im Sumpfe nachzubilden. Nach einem Jahre täglicher Uebung, ohne eine andere Führerin, als die Natur, ohne ein anderes Studium, als die Beobach⸗ tung, ohne ein anderes Werkzeug, als ſein Meſſer, be⸗ ſaß er eine wahrhafte Geſchicklichkeit; aber ſelbſt dieſe Geſchicklichkeit, welche durch alle ſtufenweiſen Ueber⸗ gänge auf die Rohheit der erſten Ausführung gefolgt war, hatte an ſeiner natürlichen Einfalt nichts geän⸗ dert. Was anfänglich nur eine Zerſtrenung und Unter⸗ haltung für ihn geweſen, wurde ihm bald eine ge⸗ bieteriſche Nothwendigkeit, ein wirkliches Bedürfniß. Wenn er einen Gegenſtand im Kopf hatte, empfand er jenes Künſtlern bekannte Fieber, das nur im Eifer der Arbeit ſelbſt ſeine Linderung findet. Dann erkaufte er um den Preis einer rohen Züchtigung oder der Ent⸗ ziehung der Mahlzeit ſich einige Stunden Freiheit. Iudeſſen ſtellte er die Frage an ſich, ob dieſe Be⸗ triebſamkeit ſeiner Wahl im Stande wäre, ihren Mei⸗ ſter zu nähren, und da ihm dieß Beſorgniß erregte, 205 beſchloß er, ſie ſich vom Herzen zu ſchaffen. Er begab ſich alſo eines Morgens auf die Meſſe von Nemours, ein Dutzend ſeiner kleinen Arbeiten mit ſich nehmend, die er auf dem Pflaſter auslegte, und erwartete ernſt ſeine Kundſchaft. Die Neugierigen kamen, aber keine Käufer. Gegen Ende des Tags, als Zephyr bereits anfing, zu verzweifeln, hatte plötzlich ein Mann vor ſeinem Kram Halt gemacht, alle die Gegenſtände in ſeinem Bündel nach einander unterſucht, und ohne ihn auch nur nach dem Preiſe zu fragen, ihm für den ganzen Kram in Bauſch und Bogen eine Summe von zehn Franks geboten. Zephyr hatte nichts Anderes gedacht, als er müßte das Reſultat ſechsmonatlicher Arbeit beinahe um nichts hergeben: er blieb geblendet durch den Glanz der zwei Thaler, die man vor ſeinen Augen ſpielen ließ, und willigte in den Handel. Sein Käufer, ein Raritäten⸗Krämer in Fontainebleau, hatte ihm beim Abgehen ſeine Adreſſe mit dem Bemerken hinterlaſſen, er wäre ganz geneigt, ihm alle ſeine Ar⸗ beiten unter denſelben Bedingungen abzukaufen. Zephyr war beinahe närriſch vor Freude nach Montigny zurückgekehrt. Er wollte viel arbeiten, einen großen Sack voll Thaler ſammeln und dem alten Protat zum Erſatz für die Koſten anbieten, die ihm ſeine Adoption verurſacht hatte und dieſer ihm alle Tage vorwarf. In dieſer Abſicht hatte er ſchon faſt achtzig Franks bei Seite gelegt; aber durch ſeine Liebe zu Adeline und die letzten daraus entſprungenen Ereigniſſe war ſeitdem das Programm ſeines Ehrgeizes modificirt worden. Eben deßhalb war er von geſtern an auch entſchloſſen, ſeinem Meiſter in Allem zu Willen zu ſein, ſo ſehr fürchtete er, das Haus zu verlaſſen. „Alſo,“ hatte ihn Lazare gefragt,„um in Fräu⸗ lein Adelinens Nähe zu bleiben, willſt Du Dich zu einem Geſchäft hergeben, das Dir widerſtrebt?“ „Ja,“ ſagte Zephyr. 206 Und Du willſt einer Arbeit entſagen, die Dir gefällt?“ „Ja“ fuhr der Lehrling in einem Tone fort, der hinlänglich anzeigte, wie ſchmerzlich ihm dieſe Entſa⸗ gung wurde, beſonders ſeitdem Lazare in der erſten aufbrauſenden Bewegung des Enthuſiasmus den Hori⸗ zont ſeiner ehrgeizigen Erwartungen erweitert und ſo zu ſagen vergoldet hatte. Was den Künſtler an Zephyrs Compoſitionen hanptſächlich überraſchte, war das anmuthig⸗naive Ge⸗ präge derſelben. Unter dieſen ländlichen Gruppen, die Lazare eben in Angenſchein genommen, befand ſich mehr als eine, die ſelbſt unter dem Glasfenſter des Muſeums nicht am unrechten Platze geweſen wäre. Es war etwas Mehr und Beſſeres als Geduld in dieſer ohne jeglichen Begriff von Kunſt und jegliche Regel der Aeſthetik concipirten und ausgeführten Arbeit. Die Originalität zeigte ſich darin ohne Geſuchtheit und die Grazie ohne Anſtrengung. Die Gewandtbeit einer er⸗ fahrenen und in kecker und ſchelmiſcher Führung des Werkzengs geübten Hand hätte an der Ausführung zu tadeln finden können, aber dieſe Mängel waren in den meiſten Fällen glückliche Tölpeleien. Der Charakter von Zephyrs Talent reihte ihn der Familie größtentheils unbekannter Künſtler an, die im Zeitalter der Renaiſ⸗ ſance jene wunderbaren Meubel ſchufen, welche die Spekulation alsbald im Innern alter Provinzen auf⸗ zufinden wußte und deren Nachbildung in der Folge dem alltäglichen Meißel eines Haufens ungeſchickter Handwerker überlaſſen wurde. Indem Lazare dem Lehrling ſeines Wirths ſagte, daß er ein Vermögen in ſeiner Hand trage, hatte er, wenigſtens für die Zu⸗ kunft, nicht übertrieben. Den Verſchluß, den Zephyr für ſeine Productionen in dem Trödlerladen von Fon⸗ tainebleau gefunden hatte, würde er auch in Paris noch leichter und vortheilhafter finden. Von dem Er⸗ 207 trag dieſer Arbeit konnte er leben, während er gleich⸗ mäßig vom Studium die Vervollſtändigung und Ent⸗ wicklung ſeiner natürlichen Fähigkeiten erwartete; konnte nach einigen Jahren, Dank der ODriginalität ſeines Ta⸗ lentes, Dank vor Allem der Seltenheit deſſelben, einen ehrenvollen Platz in der modernen Kunſt einnehmen. In Ausdrücken, die er der Faſſungskraft Zephyrs an⸗ zupaſſen ſich beſtrebte, machte Lazare ihm begreiflich, auf welche Zukunft er ſich Hoffnung machen durfte. „Von heute an biſt Du Herr Deines Schickſals,“ ſagte er zu ihm.„Wovon Du dachteſt, es ſeye nur ein unterhaltenderes Gewerbe, als das eines Holz⸗ ſchuhmachers, das iſt eine Kunſt. Du biſt kein Hand⸗ werker, Du biſt ein Künſtler. Wenn Du Dich mir anvertrauen und durch meine Rathſchläge leiten laſſen willſt, wird ein Tag kommen, wo Du an Adeline, wenn Du ſie noch liebſt, anders, als an eine Schwe⸗ ſter denken kannſt, und wo Adeline vielleicht anders als an einen Bruder, an Dich denken wird.“ „Aber,“ ſagte Zephyr, der allmälig ſich überzen⸗ gen ließ und Lazares Beweisgründen zuhörend, fand, daß dieß ganz allein gehen würde,„was wird Herr Protat denken, wenn er von Allem erfährt?“ „Beunruhige Dich darum nicht, laß mich reden und handeln. Dein Meiſter hat Dich mir für die ganze Zeit, da ich hier bleibe, anvertraut: es ſind alſo ungefähr drei Monate Freiheit, die Du vor Dir haſt; Du kannſt nach Bequemlichkeit arbeiten und an⸗ fangeu, bei mir Zeichnen⸗Lektionen zu nehmen. Wenn ich nach Paris zurückkehre, werde ich Dich mitnehmen.“ 6 Aber wenn Herr Protat mich nicht ziehen laſſen will?“ „Noch einmal, das iſt meine Sache: ich habe es übernommen, Dich flott zu machen, Du brauchſt Dich nur meiner Führung zu überlaſſen. Und jetzt ſchließe die Bude, nimm den Sack auf den Rücken und wieder 208 auf den Weg! Da habe ich jetzt faſt einen Tag mit Dir verloren, aber ich bedaure ihn nicht.“ Lazare ſchlug mit ſeinem Begleiter den Sandweg durch die Schluchten der Langen Felſen ein, der ſie nach Protats Hanſe führen mußte, wo ſeit der Ab⸗ weſenheit des Malers und des jungen Lehrlings die Verwirrung herrſchte. Am Morgen, ungefähr zehn Miuuten nach dem Abgang derſelben, war Adeline aufgewacht. Nachdem ſie in aller Eile ſich angekleidet hatte, hielt ſie das Ohr an den Verſchlag, der ſie von Lazare trennte*), und da ſie kein Geräuſch vernahm, ſetzte ſie voraus, der Koſtgänger ſchliefe noch. Sie trat dann aus ihrem Zimmer heraus, näherte ſich Zephyrs Thüre, und nachdem ſie zweimal leicht geklopft, rief ſie ihm mit leiſer Stimme. Als ſie keine Antwort vernahm, klopfte ſie ſtärker und rief lauter. Da man ihr im⸗ mer noch nicht antwortete, fing ſie an, ſich zu beun⸗ ruhigen und ging in den Garten hinab, indem ſie dachte, der Lehrling erwarte ſie vielleicht dort. Hier bemerkte ſie, daß Zephyrs Fenſter offen und die Lei⸗ ter an die Mauer bis zu dem Fenſter hinauf gelehnt war. Ihre Unruhe wurde jetzt zu wirklicher Beſorgniß. Sie rief ihrem Vater und erzählte ihm mit zwei Wor⸗ ten die Flucht des Lehrlings und ihren Verdacht. „Das iſt nicht möglich,“ ſagte Protat, ebenſowohl ſich als ſeine Tochter zu beruhigen.„Zephyr iſt oben, er wird Dein Rufen nicht gehört haben. Er ſchläft wie ein Klotz, weißt Du wohl! Aber die Leiter iſt ebenſo gut da, hinauf, als herabzuſteigen. Komm, halte ſie mir, ich will Zephyr wecken.“ ¹) Iſt ohne Zweifel ein Verſtoß des Verfaſſers, der oben S. 146 angab, zwiſchen ihrem und Lazare's Zimmer habe ſich Zephyr's Cabinet befunden. A. d. U. 209 Protat ſtieg die Leiter hinauf und ſprang durch das Fenſter in das Cabinet des Lehrlings. „Nun?“ rief das Mädchen. Ihr Vater antwortete ihr nicht. Ein Umſtand war ihm gleich beim Eintritt in das Zimmer aufgefal⸗ len: es war der Name ſeiner Tochter, ſehr lesbar auf dem Tiſche durch eine Zuſammenſtellung kleiner, ver⸗ ſchiedenfarbiger Kieſel nachgemacht. Ueber Adelinens Namen war der von Zephyr auf dieſelbe Weiſe, aber mit viel gemeinern Kieſeln als die andern, angebracht. „Ah!“ rief der Holzſchuhmacher, aber was ihn noch mehr, als Alles Andere in Erſtaunen ſetzte, war die Entdeckung eines alten Strumpfes, der achtzig Franken in kleiner Münze enthielt.„Ah! ah!“ fuhr er in zwei verſchiedenen Tonweiſen fort. „Nun, mein Vater!“ rief Adeline vom Garten herauf. Protat zerſtörte, mit verkehrter Hand darüber hin⸗ fahrend, die mit den Kieſeln gebildeten Namen, ſtreute jene im Zimmer herum und zeigte ſich am Fenſter. „Zephyr iſt nicht da,“ ſagte er;„wart ein wenig, ich will ſehen, ob Herr Lazare mir nicht einige Aufklärung geben kann.“ Und mit dem Knie heftig an die Zim⸗ merthüre des Lehrlings ſtoßend, bewirkte er, daß das Schloß nachgab; die Thüre öffnete ſich und der Holz⸗ ſchuhmacher ſtand auf der Hausflur. Er klopfte an die Thüre des Künſtlers, als es ihm einfiel, daß die⸗ ſer ihn von ſeinem Vorhaben, den Lehrling früh Morgens mit ſich in den Wald zu nehmen, in Kennt⸗ niß geſetzt hatte.„Ei wahrhaftig,“ ſagte er zu ſeiner Tochter, die bei ihm ſich eingefunden hatte,„er iſt mit Herrn Lazare auf dem Marſch.“ „Aber,“ ſagte das Mädchen, das eben, um ſich näher zu überzeugen, in das Zimmer des Malers trat und daſelbſt die Staffeley und Farbenſchachtel be⸗ Murger, Adeline Protat. 14 210 merkte,„ſie haben ihre Sachen nicht mitgenommen. Ah, utein Gott!“ rief ſie plötzlich,„Lazare hat ſeine Kamaſchen nicht bei ſich!“ „Nun?“ ſagte Protat, der nicht begriff. „Und die Vipern?“ ſagte Adeline, ganz bleich und ſich an der Wand haltend. „Mein Kind!“ ſagte Protat, der den Rückprall dieſes Schreckenſchrei's in ſein Herz aufnahm; ſtille, Adeline! Die ſchlimmſten Vipern ſind nicht im Walde. Und durch ein Fenſter der Hausflur, das nach der Straße ging, deutete der Holzſchuhmacher ſeiner Toch⸗ ter, die ſeine Gedanken errieth, nach dem Dorf Mon⸗ tigny, das wach zu werden anfing. He! Herr!“ rief plötzlich Madelon, welche die Treppe heraufſtieg,„da ſfind Neuigkeiten!“ Und ſie reichte ihrer jungen Herrin einen Brief, den dieſe neugierig erbrach. „Vater! Vater!“ rief Adeline erfreut, den Brief in der Hand ſchwingend;„Cecile ſchreibt mir; ſie will acht Tage bei mir zubringen! Sie kommt mit dem Bahnzug von drei Uhr und wird um ſieben Uhr hier ſein. Wo wollen wir ſie einquartiren? Du wirſt ihr Dein Zimmer geben.“ „Nein,“ antwortete der Holzſchuhmacher, auf das Gemach, welches Lazare inne hatte, deutend,„wir werden ihr dieſes geben.“ „Das iſt ein Vorwand, ihn zu entfernen,“ dachte Protat, der ſtille geworden war, während Adeline trau⸗ rig wurde. „Was haben Sie denn, Herr?“ fragte Madelon⸗ erſtaunt über die Verlegenheit des Holzſchuhmachers. „Ich habe, was ich habe,“ antwortete dieſer. „Und Du, meine Tochter?“ Adeline gab keine Antwort. Ah! gut,“ ſprach die Magd, die Treppe hinab⸗ 211 ſteigend, da gibts etwas Neues, ohne den Schlüſſel zum Schrank zu zählen, der wieder zurückgekommen iſt.“ Allein geblieben und durch die doppelte Entdeckung, die er eben gemacht hatte, außerordentlich beunruhigt, ſagte der alte Protat zu ſich, wie alle blinden Leute, denen plötzlich die Augen aufgehen:„Wie habeich von allem dem nichts geſehen? Sein erſter Gedanke war, ſich den Lehring vom Halſe zu ſchaffen; dann rief er ſich die Antiparthie ins Gedächtniß zurück, welche der junge Burſche gegen Lazare ſelbſt vor deſſen Rückkehr an den Tag legte und witterte nun, mit einem Mal ſehr ſcharfſinnig geworden, in der Entfernung Zephyrs Eiferſucht auf den Maler. War er eiferſüchtig, ſo kam es nur daher, weil er Adelinens Neigung zu ſeinem Koſtgänger entdeckt hatte⸗ Zephyr fortzuſchicken, wäre alſo eine Unklugheit dachte Protat, er könnte in der Gegend ſchwatzen und meine Tochter hätte darunter zu leiden. Bezüglich Adelinens und Lazare's war ſeine Verlegenheit noch größer. Der Schrei, der ſeiner Tochter entfuhr, war für ihn eine ganze Offenbarung geweſen. Dann fiel ihm bei der Erinnerung an die Thränen, die er in den Augen ſeines Kindes entdeckt hatte, der Zank ein, der Tags zuvor zwiſchen Adeline und Madelon ſtattgefunden, und er ſtellte ſich vor, ſein Koſtgänger könnte dieſem Zank und Weinen nicht fremd ſein.„Wer weiß?“ fragte er ſich, nicht ohne durch dieſen Gedanken ernſtlich bekuͤmmert zu werden, viel⸗ leicht war Madelon ihre Vertraute. Unter dem Ein⸗ druck dieſer Vorſtellung einer Mitſchuld ſteuerte er nun auf Madelon los; aber auch dieſer Schritt führte, da er auf eine brutale Weiſe eingeleitet wurde, zu keinem Reſultat. Hätte Madelon ihren Herrn mit einem Ge⸗ fühle väterlicher Beſorgniß zu ihr kommen ſehen, würde ſie ihn vielleicht durch Mittheilung der Aufſchlüſſe, die zu ihrer Kenntniß gelangt waren, beruhigt haben; aber Protat warf ihr mit dem ganzen Ungeſtüm der 212 Ungeduld die Frage an den Hals. Getreu ihrem Cha⸗ rakter, allem, was man ihr aufzwingen wollte, inſtinct⸗ artig Widerſtand entgegen zu ſetzen, innerlich erſchreckt durch die Aufregung, die ſich auf dem Geſicht des Holzſchuhmachers malte und das Drohende, das in ſei⸗ nem Tone lag, ſpielte Madelon die Stumme, anfäng⸗ lich in der liebreichen Abſicht, das Geheimniß ihrer Herrin nicht zu verrathen, hernach aus Freude daran, ihrem Herrn Widerpart halten zu können. Wirklich wäre es auch zwiſchen dem Herrn und der Dienerin zum Ausbruch eines Streits gekommen, wenn nicht Adeline, durch den Lärm herbeigezogen, ſich hinunterbegeben hätte. Protat nahm ſeine Tochter am Arm und führte ſie nach dem Hintergrunde des Gar⸗ tens. Verwirrt durch ſeine wahnwitzige Unruhe, ge⸗ reizt durch die Hinderniſſe, auf die er bei ſeiner Nach⸗ forſchung ſtieß, zeigte ſich zum erſten Mal ſeit der Rückkehr ſeiner Tochter nach Montigny der Holzſchuh⸗ macher hart gegen ſie, wie er es eben auch Madelon gemacht hatte, und zwar bei einer Frage, welche die zarteſte Vorſicht, die abgemeſſenſte Ausdrucksweiſe er⸗ forderte. Es kam Adeline, da ſie ſich dieſer unge⸗ wohnten Heftigkeit wieder gegenüber fand, vor, als höre ſie das Echo der Stürme grollen, die einſt die Wiege ihrer Kindheit erſchüttert hatten. Sie war um ſo ſchmerzlicher ergriffen, als ſie mit dem Vorſatz her⸗ abgekommen war, Alles ihrem Vater zu erzählen, wie wenn ſie die Unruhe, die ihn hin und hertreiben mußte, geahnt hätte. Dieſes Bekenntniß wurde aber plötzlich auf ihren Lippen zurückgehalten. Protat hatte ſie nicht wie ein verwirrtes Kind aufgenommen, das ſei⸗ nen Vater zum Vertrauten wählt, ſondern als eine ſchuldige Tochter, die ſeine Verzeihung zu erbitten kömmt. Niedergebengt durch den verletzenden Zweifel, den die Worte ihres Vaters auszudrücken ſchienen, und den Schmerz, den er bezeiste, blieb Adeline einen 213 Augenblick unbeweglich und ſtille. Protat wußte nicht, daß es ſo unerwartete Anklagen gibt, daß ſie denjeni⸗ gen, dem ſie gelten, wie ein Blitzſtrahl treffen und den Trieb der Vertheidigung lähmen. Ohne daß er ſeine Tochter in der That als ſchuldig beargwohnte, hatte der Holzſchuhmacher wie unter dem Eindruck einer wirklichen Ueberzeugnng geſprochen, in der Hoff⸗ nung, Adeline würde proteſtiren, ſich vertheidigen und er, während ſo zu ſagen die Rechtsverhandlungen über den geſchehenen Fehler im Gange wären, die Wahrheit entdecken; aber das von Adeline beobachtete Stillſchweigen verwandelte plötzlich den Verdacht, den er zum Schein äußerte, in Gewißheit. Er brach nun ſogleich in Vorwürfe aus, deren Bitterkeit Jedermann traf: Madelon, die er anklagte, zu dieſer ſcandaleuſen Intrigue ihre Hand geliehen zu haben, ſich ſelbſt, daß er nichts zu ſehen, nichts zu errathen vermochte, da Alles um ihn herum ſich vereinigte, ihn zu betrügen. Dann, als er müde war, auf Madelon, Adeline und ſich ſelbſt loszuſchlagen, wandte ſich der Zorn des Holzſchuhmachers mit noch größerer Wuth gegen La⸗ zare, den elenden Verführer, der gekommen war, die Schande unter ſein Dach zu bringen, wo man ihn beſſer als einen Fremden, als Freund, beſſer als einen Freund, beinahe wie ein Kind des Hauſes aufgenom⸗ men hatte. Aber als Adeline auf die Beſchimpfungen die Drohungen folgen hörte, Drohungen, welche ſich auf Lazare zu beziehen ſchienen, brachte ihn das arme Mädchen, das bis dahin vorgezogen hatte, an dem geſunden Verſtande des Vaters zu zweifeln, plötzlich zum Stillſtand. Es war weniger eine Rechtfertigung. die ſie unternahm, als eine Anklage, die ſie nun ihrer⸗ ſeits erhob. Ohne Weinen und Geſchrei beugte dieſe heftige Auflehnung der durch den väterlichen Verdacht beſchimpften Unſchuld Protat zu den Füßen ſeiner Tochter nieder. Er errieth, welche tiefe Wunde er dem 214 Herzen ſeines Kindes beigebracht hatte. In dem Blick, den Adeline auf ihn richtete, glaubte er eine Wiedererinnerung der vergangenen Tage aufſteigen zu ſehen. Kaum hatte ſie mit der ſreimüthigen Entdeck⸗ ung ihrer unſchuldigen Liebe geendigt, ſo rief er, von Neuem gegen ſich ſelbſt auffahrend:— alſo darum habe ich Dich ſo hart behandelt! Und er warf ſich vor Adeline auf die Kniee und bat ſie um Verzeihung. Wie alle Leute, die den Eingebungen des Augen⸗ blicks unterthan ſind, war Protat, durch das Geſtänd⸗ niß ſeiner Tochter beſchwichtigt, von der äußerſten Unruhe zur äußerſten Sorgloſigkeit übergangen, die eine übertreibend, wie er eben die andere übertrieben hatte. In allen den Details, die ſeine Tochter ihm mitgetheilt hatte, erblickte er nichts weiter als eine ſcherzhafte Laune, die Eintags⸗Caprice eines etwas ſen⸗ timentalen Kindes. Er fand in dieſer Neigung keinen Grund, ſich zu beunruhigen, ja, in der Beſorgniß, durch irgend eine Vorſichtsmaßregel ſeinen Koſtgän⸗ ger zu beleidigen, hatte er, trotz der Verlegenheit, welche Céciles Ankunft in der Eintheilung des Logis erzeugte, beinahe ſchon dem Gedanken entſagt, mit Benützung dieſes Vorwends den Künſtler einzuladen, proviſoriſch ſein Nachtquartier anderswo aufzuſchlagen. Adeline war es, die ihn bei dieſem Entſchluß feſtzu⸗ halten nöthtigte.„Nicht meinetwegen“, ſagte ſie,„aber um Céciles willen. Herr Lazarẽ wird das wohl be⸗ greifen.“ „Meiner Treu,“ ſagte Protat, es wird beſſer ſein, wenn Du Dich, ſtatt meiner, damit beladeſt, es ihm begreiflich zu machen. Der Handel macht mir Verlegenheit, und ich weiß nicht, wie ich einen Au⸗ genblick auf den Gedanken kommen mochte, den jungen Mann fortzuſchicken, obwohl es vielleicht mehr werth geweſen wäre, wenn er den Fuß gar nicht über unſere Schwelle geſetzt hätte.“ 215 Adeline unterbrach ihn mit der Bitte, auf das, was ſie ihm erzählt hatte, keine Anſpielung mehr zu machen. Sie hatte ihm dieſes Geſtändniß abgelegt, um ſelbſt nicht mehr daran zu denken zu haben. Sie war mit ſich darüber zu Rathe gegangen; ſie wollte an deu jungen Mann nicht mehr anders, als an einen Fremden denken. Sie wollte vermeiden, ihn zu ſehen, was ihr um ſo leichter ſein würde, da Lazare öfter abweſend, als zu Hauſe war; ſie wollte mit ihm nicht mehr ſprechen, als blos um zu antworten. Worauf der Alte klug bemerkte, eine ſolche Veränderung in ihren Gewohnheiten würde Lazare nur auffallend er⸗ ſcheinen; er möchte vielleicht nach dem Grunde for⸗ ſchen und dieß gefäbrlich werden. Es war alſo vorzu⸗ ziehen, wenn Adeline ſich, wie bisher gewöhnlich, gegen ihn betrug. Nit dieſem plötzlichen Entſchluß der Gleichgültig⸗ keit war es aber, wie man ſich denken kann, nicht recht Ernſt. Adeline, inſtinktmäßig bekümmert und bis jetzt nur durch die ſüßen Empfindungen, die ihr Herz bewegten, ohne es zu beunruhigen, mit der Offenbarung ihrer Leidenſchaft vertraut, gerieth bei den erſten ſchmerzhaften Symptomen in Schrecken. Während ſie Lazare anbetete, war ſie ihm böſe darü⸗ ber, daß ihre Liebe zu ihm ihr ſchon Leid verur⸗ ſicht. Bwölftes Rapitel. Cöécile. „„ Wenige Augenblicke nach dieſer Stene, die fried⸗ licher ſich gelöſt, als begonnen, und damit Protat und ſeine Tochter wenigſtens äußerlich beruhigt batte, fuhr ein eleganter Wagen mit Cecile an der Thüre des Polzſchuhmachers vor. Adeline zog die Tochter der Frau von Bellerie in ihr Zimmer herein. Man hatte wenigſtens zwei lange Stunden vor dem Abendeſſen; zwei Stunden inniger Vertraulichkeit, das war nicht zu viel, das erſte Wort des Wiederſehens nach drei⸗ jähriger Abweſenheit auszutauſchen. Es war keine Laune der ſchönen Dame, welche Cécile nach Mon⸗ tigny führte, es war wirkliche Sympathie, welche we⸗ der durch die Länge der Zeit, noch das Vergnügen eines glänzenden Lebens, noch die vorgefaßten Einbil⸗ dungen eines neuen Standes in ihrem Herzen verwiſcht worden. Es war alſo mehr, als eine Zerſtreuung, die ſie inmitten dieſer Villegiatur, dieſes bäuerlichen Dorf⸗ lebens aufſuchte, es war eine Freundin. So hatte ſie Adelinen verlaſſen, ſo fand ſie dieſelbe wieder; es war aber nicht ſo für Protats Tochter, die ihre alte Freun⸗ din ſehr verändert fand und ſich nicht enthalten konnte, es ihr unbefangen zu ſagen. b ſie gleich in demſelbeu Alter wie Adeline ſtand, ſchien Cécile in Wirklichkeit ſehr viel älter, als ihre Freundin; es war nicht allein die ſchwüle Luſt von Paris, die ihr jugendliches Geſicht gebleicht und an⸗ gegriffen hatte, es war die Sorge, die Reue, vielleicht der Schmerz. Zwar nach ihrer Neigung verheirathet, 217 hatte ſie doch bald wahrgenommen, daß ſie in dieſer Vereinigung das gehoffte Glück nicht fand. Der Graf von Leyry, ihr Gemahl, war ſchon über die Jugend hinweg, als er Cecile ſeine Hand reichte. In der erſten Zeit ihrer Heirath hatte er ſeiner Gattin äußer⸗ lich alle Aufmerkſamkeiten ſcheinbar großer Leidenſchaft erwieſen; aber das war ſeinerſeits nichts als eine artige, durch die claſſiſchen Ueberlieferungen des Ho⸗ nigmonats vorgeſchriebene Convenienz. Cecile hatte viel unter dieſer Entzauberung gelitten. Um ſich zu zerſtrenen, hatte ſie verſucht, ſich in das Treiben der Welt zu ſtürzen; aber in dieſe Pariſer Welt, wo Rang und Vermögen ſie auf die erſten Plätze ſtellten, brachte ſie eine Geſchmacksrichtung, eine Offenheit des Charakters und der Sprache mit, die ſie als eine ſon⸗ derbare Perſon bemerklich machten; ſie flößte den Frauen keine Theilnahme ein, nicht nur, weil ſie den Män⸗ nern zuviel einflößte, ſondern hauptſächlich wegen der tiefen Geringſchätzung, die ſie von vorn herein in Be⸗ zug auf gewiſſe ſociale Conventionen, welche die Heu⸗ helei zur Nothwendigkeit machen, offenbarte. Dieſes unabhängige Auftreten, im Verein mit untadelhaftem Betragen, zog ihr bald die Feindſchaft aller Frauen in ihrem Kreiſe zu. Cécile hatte alſo faſt in Abgeſchie⸗ denheit bis zu dem Zeitpunkt gelebt, da ſie Wittwe geworden, denn Herr von Levry war, wie man erzählte, nicht ganz ein Jahr nach ihrer Heirath, das Opfer eines unter einem Jagd⸗Unfall verſteckten Zweikampfes geworden. Ihr Gatte war geſtorben, als Cécile an⸗ fing, ihn nicht mehr zu lieben, vielleicht im Augen⸗ blick, als ſie einen Haß auf ihn zu faſſen im Begriff warz ſie trug ihre Trauer ohne erheuchelten Schmerz und in einer Poſtchaiſe weihte ſie ihr erſtes ſchwarzes Kleid ein. Anderthalb Jahre hatte ſie in Geſellſchaft einer engliſchen Gouvernante Reiſen gemacht, einer von jenen für den Kosmopolitismus geſchaffenen Frauen * 218 die, wenn ſie auf die Welt kommen, alle Sprachen reden, die Sitten aller Länder voraus kennen, aus al⸗ len Küchen eſſen, und zehn Meilen zu Fuß, ohne ſich zu ermüden, machen, und ruhig die höchſten Höhen der vier Erdtheile erklettern, den Sonnenſchirm ihrer Herrin in der einen Hand, einen Roman in der an⸗ dern. Seit ungefähr einem halben Jahr war Ceécile von ihrer Reiſe zurückgekehrt und jetzt, da ſie in Folge des Wegzugs ihrer Mutter, die den Marquis von Bel⸗ lerie auf eine ferne diplomatiſche Miſſion begleitete, allein in Paris zurückgeblieben, hatte ſie ſich entſchloſ⸗ ſen, ihren Landaufenthalt auf Schloß Moret zu neh⸗ men, das ihr Eigenthum geworden war, und nun den Gedanken gefaßt, die Freundin ihrer Kindheit wie⸗ der zu ſehen. Wie ſie in ihrem Brief angekündigt hatte, wollte ſie ihr acht ganze Tage ſchenken. „Welches Glück!“ rief Adeline, in die Hände ſchlagend. „Wenn meine Gegenwart im Hauſe die geringſte Störung verurſachen ſollte, muß man es mir voraus ſagen; ich würde meine Route nach Moret fortſetzen, wo mich Miß erwartet.“ Miß war die engliſche Gouvernante. Im Augen⸗ blick, da die Tochter des Holzſchuhmachers Cécile be⸗ ruhigen wollte, wurde ſie von Madelon unterbrochen, die ſie befragte, wohin man die Sachen der Dame bringen ſollte. „Warum uns unterbrechen?“ fragte Adeline un⸗ geduldig. „Sei nicht böſe, Fräulein,“ antwortete die Dienerin, Vertraulichkeit mit Reſpect einigend.„Herr Protat ſchickt mich, Dich zu fragen.“ „Bringen Sie die Koffer und Packets von Ma⸗ dame,“ erwiederte Adeline,„in das Zimmer des Koſt⸗ gängers.“ „Gut,“ ſagte Madelon,„ſoll geſchehen. Ei, das Abendeſſen wird in zehn Minuten fertig ſein. Man 219 kann annehmen, daß Herr Lazare wohl bis dahin zu⸗ rück ſein wird.“ „Wenn er noch nicht da iſt, wird man nicht auf ihn warten.“ „Nicht auf Herrn Lazare warten?“ rief Madelon mit höchlich erſtaunter Miene; aber auf einen raſchen Blick, den ihre junge Herrin ihr zuwarf, zog ſie ſich zurück, ohne einen andern Commentar beizufügen. Mit Adelinen allein geblieben, machte die Freundin ihr ſanfte Vorwürfe über ihre kleine Lüge.„Sieh, da iſt ſchon Jemand, der meinetwegen ſich genirt finden wird.“ „Wer denn?“ fragte Adeline. „Nun, die Perſon, von der Du ſpracheſt.“ „Ah! der Koſtgänger?“ Ja! der... Herr, nun wie heißt er?.. ein ziemlich hübſcher Name.“ „Findeſt Du?“ ſagte Adeline. „Und Du nicht auch?“ fuhr Cécile lächelnd fort. Als das Geplauder eine andere Richtung nahm, wurde es durch das Geräuſch von Schritten und Stim⸗ men, die man am Fuß der Treppe hörte, unterbrochen: es war Lazare, der in Zephyrs Begleitung heimkehrte. Protat hatte ſich entſchloſſen, dem Künſtler die Ver⸗ legenheit, in der er ſich wegen des Logis' befand, aus⸗ einanderzuſetzen. Lazare äußerte keine Einwendung dagegen. „Gut,“ antwortete er auf die Entſchuldigungen des Holzſchuhmachers,„ich werde mein Nachtlager im Weißen Hauſe nehmen und, wenn es Ihnen beque⸗ mer iſt, auch daſelbſt ſpeiſen.“ Ah! das iſt nicht nöthig,“ ſagte Protat.„Ich danke Ihnen ſehr für Ihre Gefälligkeit, Herr Lazare.“ Und er ſtieg, entzückt über den Ausgang ſeines Ge⸗ ſchäfts, die Treppe wieder hinunter. Als der Künſtler in ſein Zimmer trat, fand er daſelbſt die Cécile angehörigen Gegenſtände, die Ma⸗ 220 delon eben hergebracht hatte.—„Ah!“ ſagte er,„die Dame hat ſchon Beſitz genommen. Zephyr, mein Freund, Du mußt meine Geräthſchaften nach dem Weißen Hauſe ſchaffen.“ „Sagen Sie nur, Herr Lazare,“ bemerkte der Lehrling während des Zuſammenpackens,„Madelon verſichert, daß die Dame, die hier wohnen will, ſchön wie der Tag iſt. Das iſt auch in der That nicht zum Erſtaunen. da ſie von Paris kommt. Haben Sie ihren Shawl im Speiſezimmer geſehen? Was für ein ſchönes Stück! Glänzender als das Meßgewand des Herrn Pfarrers. Und die Feder auf ihrem Hut noch! Ah! ja meiner Treu, ſie muß eine ſehr ſchöne Dame ſein.“ ſ„So, ſo!“ unterbrach ihn Lazare, willſt Du Dich auch ſchon in ſie verlieben und Adeline wegen eines geſtickten Shalws und einer Maraboutfeder vergeſſen?“ „Man wird den Weg zwei Mal machen müſſen, alle Ihre Sachen nach dem Weißen Hauſe zu brin⸗ 6„ſagte der Lehrling, auf eine andere Idee über⸗ ehend. 8„Nun ſo thue es. Dieſe Dame kann das Zimmer brauchen; ſie muß es frei finden; beeile Dich. Weil Geſellſchaft bei dem Mahle iſt, will ich das Raſirmeſ⸗ ſer ein Bischen zur Hand nehmen. Es thut mir ſehr leid, daß ich keinen ſchwarzen Anzug mitgebracht habe,“ ſchloß der Künſtler, mit ſich ſelbſt redend. „Sagen Sie mir, Herr Lazare,“ fuhr der Lehrling fort,„Sie muß etwas Gutes lieben, die Dame, die eben angekommen iſt... Ich ſah, wie Madelon den Feldbackofen herunternahm. Es wäre wohl möglich, daß man einen Kuchen hätte.“„ „Wohl möglich,“ ſagte Lazare. „In dieſem Fall,“ ſagte Zephyr,„ſorgen Sie doch, da Sie da ſind, daß man mir auch etwas auf⸗ hebt; ich fürchte, Herr Protat denkt nicht daran.“ 221 Der Künſtler verſprach ihm, den Auftrag nicht zu vergeſſen, und Zephyr ſtieg hinab, den Auszug zu be⸗ werkſtelligen. Wie wir ſchon angegeben haben, erlaubte der leichte Verſchlag, der das Zimmer, wo Adeline mit ihrer Freundin ſich befand, von dem Lazare's trennte, das, was in beiden Gemächern, einem wie dem andern geſprochen wurde, zu verſtehen. „Wer iſt denn dieſer Herr Zephyr, der in Dich und meinen Shawl verliebt iſt?“ hatte Cécile ihre Freundin gefragt. „Der Lehrling meines Vaters,“ antwortete Ade⸗ line,„ein verlaßnes Kind, das mein Vater angenom⸗ men hat.“ „Er iſt verliebt in Dich?“ fuhr Cécile fort. „Ohne Zweifel ein Scherz,“ entgegnete die Toch⸗ ter des Holzſchuhmachers;„Zephyr iſt ein Kind, über⸗ dieß wirſt Du ihn ſehen.“ Doch gingen Adelinen die Worte, welche ſie La⸗ zure hatte an den Lehrling richten hören, etwas im Kopf berum. „Es iſt für die Damen aufgetragen,“ meldete Ma⸗ delon mit einer gewiſſen Majeſtät in Ton und Haltung. „Gehen wir hinab“ antwortete Adeline. We⸗ niger umſtändlich mit dem Koſtgänger, klopfte Madelon, um ihm zum Eſſen zu läuten, nur mit der Fauſt an die Thüre und rief einfach:„Herr Lazare, die Suppe iſt auf dem Tiſch.“ „Ich komme,“ antwortete der Künſtler.„Horch,“ murmelte er,„es waren Leute daneben.“ Man ging in das Eßzimmer hinunter. Hinter den zwei Frauen kam Lazare, der auf ſeine Toilette mehr Sorgfalt als gewöhnlich verwendet hatte. Die Blouſe und die Reiſebeinkleider waren mit einem Ge⸗ wand von einfachem, aber friſcherem Zeug vertauſcht; ſeine Halsbinde, ſonſt wie ein Brunnenſeil umgeſchlun⸗ gen, war pünktlicher angelegt, er hatte ſogar vergeblich 222 ein Ding wie einen Knoten verſucht. Von dieſem Verſuch war übrigens nur die Abſicht noch erkennbar ge⸗ blieben. Adeline wußte ihm keinen Dank dafür. Sie errieth, daß alle dieſe Eleganz nur zum Zweck hatte, Cécile's Blicke auf ſich zu ziehen, und ſie begann, beide mit einer auffallenden Beharrlichkeit zu beobachten. Lazare und die junge Frau hatten einen ſtummen und artigen Gruß gewechſelt und aufrecht am Tiſche ſtehend, ſchienen ſie einen Augenblick zu zandern, ehe ſie ſich ſetzten. Die Tochter des Holzſchuhmachers bemerkte, daß der Zufall vermittelſt Madelons Hände die Cou⸗ verte alſp gelegt hatte, daß Cécile die Rachbarin des Künſtlers werden ſollte. Dieſe Anordnung mißfiel inſtinktmäßig Adelinen. Mit großer Gewandtheit und ohne bemerkt zu werden, legte ſie raſch ihre Serviette, die von einem kleinen, ihren Namenszug tragenden Ring umſchloſſen war, auf einen andern Platz. In Folge dieſes Manveuvres war die urſprüngliche Reihen⸗ folge verändert, und als jedermaun ſaß, befand ſich Adeline zwiſchen ihrer Freundin und Lazare. Das Mahl war ſehr belebt. Selbſt Adeline, die anfänglich ſich ſtillſchweigend verhalten hatte, ſtimmte in die all⸗ gemeine geiſtige Regſamkeit ein. Nach einigen Worten hatten Cecile und Lazare ſich ſympathetiſch angezogen gefühlt. um dieſe Sympathie zu erzeugen, war nichts nöthig geweſen, als einige Anknüpfungspunkte in Mei⸗ nungen, die auf natürliche Weiſe von der einen wie andern Seite im Laufe eines jener vorläufigen Ge⸗ ſpräche geäußert wurden, während deren man zu unter⸗ ſuchen ſcheint, auf welches Terrain man die Unterhal⸗ tung führen ſoll. Man hatte anfänglich von Reiſen geſprochen, hernach kam man auf die Kunſt. Cecile, die ihr niedliches Stieſelchen in allen claſſiſchen Städten hatte herumſpazieren laſſen, erzählte von den auf ihrer Reiſe empfangenen Eindrücken. In ihren Bemerkungen, bezüglich der Beſuche in den vornehmſten Muſeen von 223 Europa, hatte ſie ſich über verſchiedene Schulen und Meiſter nicht im Tone des traditionellen Sprachgebrauchs erklärt, und ihre Bewunderung äußerte ſich anders, als in den aus einem Wörterbuch künſtleriſcher Gemeinplätze entlehnten Formen. Lazare fand in ihren Urtheilen eine Uebereinſtimmung des Geſchmacks mit ſeinem eige⸗ nen; er war erſtaunt, einer Fran zu begegnen, die er ſich als frivol und unfähig von etwas anderem, als Lappalien*) zu ſprechen gedacht hatte, und die nun in ihre faſt ernſt gewordenen Erörterungen Urtheile ein⸗ fließen ließ, die er um ſo verſtändiger fand, je voll⸗ ſie mit ſeinen eigenen Ideen in Einklang anden. Während Lazare auf dieſe Weiſe ſich mit Frau von Livry unterhielt, ſchien Adeline etwas verdrießlich, ſich bei einem Geſpräch, wo man ein wenig abſtrakte Dinge verhandelte, bei Seite geſetzt zu ſehen. Cécile bemerkte es und leitete geſchickt das Geplauder auf Ge⸗ genſtände zurück, die ihrer Geſellſchafterin erlaubten, ſich daran zu betheiligen. Da ſie den Schatz von Ade⸗ linens Wiſſens kannte, gab ſie ihr gefällig das Stich⸗ wort an, damit ſie daſſelbe zeigen könnte. Die Toch⸗ ter des Holzſchuhmachers ſteilte ſich jetzt Lazare unter einem Geſichtspunkte dar, der ihm bis jetzt entgangen war. Adeline war nicht, wofür er ſie bisher genommen hatte, ein zufälliger Weiſe mit einem Firniß von Bil⸗ dung überfahrenes Bauernkind; ſie hatte ſich nicht blos an den Buchſtaben deſſen, was man ihr beigebracht, gehalten; ihr eifriges Wiſſen war auch in den Geiſt eingedrungen. Die Aufmerkſamkeit, die ſie jetzt, da die Reihe an ihr war, erregte, belebte ſofort das Mädchen noch mehr, das vor Vergnügen erröthete, als ſie das Erſtaunen des Künſtlers darüber ſah, der ſich auf ein⸗ * Chiffons Lumpen. 22⁴ mal genöthigt fand, ſelbſt jetzt, um ihr zu antworten, die Sprache, die er bisher ihr gegenüber gewöhnlich angewendet hatte, zu modificiren. Als der alte Protat hörte, wie ſeine Tochter wechſelsweiſe mit Cécile und Lazare ſprach, ohne je zu zaudern, ohne Affectivn und Pedanterie antwortete, ſtatt ſich durch Einreden auf⸗ halten zu laſſen, ſie im Gegentheil herauszufordern ſchien, und am Ende die Widerſprechenden auf die Seite ihrer eigenen Ueberzeugung brachte, ſchwamm er in einem Meer von Entzücken. Selbſt Madelon, die zur Bedienung dawar, hielt bisweilen ganz verduzt inne, wenn ſie die ſchönen Sachen vernahm, welche ihre Herrin redete. Protat lehnte ſich dann auf ſeinen Stuhl znrück und gegen die unbewegliche Magd mit dem Finger auf Adelinen deutend, ſchien er ihr mit blinzelnden Augen zu ſagen: ſie ſpricht! ſie dennoch! Einmal beging Lazare bei einer hiſtoriſchen Erörterung bezüglich eines benachbarten Denkmals einen Verſtoß in dem Datum, der von Adeline gehoben wurde. Der Künſtler gab ſeinen Irrthum zu und äußerte ſeinen Beifall über die Berichtigung. Dieſe dem Wiſſen ſei⸗ ner Tochter dargebrachte Huldigung machte das Maß ſeines Stolzes bei dem Holzſchuhmacher voll. Er zog den Künſtler zu ſich heran und ſagte ihm ganz leiſe ins Ohr:„Nun, was wollen Sie? Sind wir nicht ſtark?“ Als man zum Deſſert gekommen war, und im Au⸗ genblick, da Madelon den ſchönen, goldgelben Kuchen auf den Tiſch ſtellte, den Zephyrs leckerhafte Lüſtern⸗ heit errathen hatte, erſchien der Lehrling ſelbſt, nach⸗ dem er mit Lazare's Auszug fertig war, auf der Schwelle des Speiſezimmers. Dem Künſtler auf den Kuchen deutend, den er gerade zu zerſchneiden im Begriff war, ſchien Zephyr mit einem ausdrucksvollen Blick ihm ſein Verſprechen ins Gedächtniß zurückzurufen. Da er ſah, daß Jedermann guter Laune war, beſonders der alte 225⁵ Protat, der vorſichtig eine alte, für große Tage auf⸗ bewahrte Flaſche Wein entpfropfte, dachte Lazare, der Lehrling würde nicht übel aufgenommen werden; er machte ihm alſo ein Zeichen, näher zu treten. „Vater Protat,“ ſagte der Maler zu dem Holz⸗ ſchuhmacher, der ſo ſaß, daß er ſeinen Lehrling nicht ſehen konnte,„ich habe mir erlaubt, Zephyr Hoffnung zu machen, daß er etwas vom Deſſert bekäme, und da iſt er ſelbſt, mich an mein Verſprechen zu mahnen. Protat drehte raſch den Kopf um, runzelte die Augenbraunen und rief, den jungen Burſchen mit einer ſchon nahe an Zorn greuzenden Strenge betrach⸗ tend:„Ha! da biſt Du, kleiner Taugenichts; wir ha⸗ ben noch ſeit dieſem Morgen eine Rechnung mit einan⸗ der abzumachen.“ Und indem er haſtig vom Tiſch aufſtand, nahm er den Lehrling am Kragen und zog ihn raſch in den Garten. Cécile, Adeline und Lazare blieben allein zu⸗ rück und ſahen einander an, höchlich erſtaunt über die⸗ ſes plötzliche Verſchwinden. „Was gibt es denn wieder?“ fragte Lazare. „Was hat denn dieſer arme Junge gethan?“ ſetzte Cecile hinzu. Ich weiß es nicht,“ antwortete Adeline mit unbe⸗ ſtimmter Unruhe. In demſelben Angenblick öffnete ſich die Thüre, Zephyr kam zurück und flüchtete ſich ſchnell in Laza⸗ re's Nähe. Hinter dem Lehrling kam der Holzſchuh⸗ macher. Alles war aufgeſtanden, „Herr Lazare!“ rief Zephyr, den Künſtler beim Arm faſſend. „Nun!“ fragte dieſer,„was willſt Du von mir?“ Der junge Burſche ſchien eine Beute großer Auf⸗ regung; er zitterte am ganzen Körper, ſeine Lippen Murger, Adeline Protat. 15 225 waren weiß und zuſammengedrückt, der Schweiß rieſelte ihm von der Stirne und zwei große Thränen rollten ihm über die Wangen.. „Herr Lazare,“ rief er mit einem Ton, in dem Unwillen und Schmerz ſich miſchten,„ſagen Sie, daß ich kein Dieb bin.“ Bei dieſem Wort ſahen alle einander an. „Nun wohlan!“ ſagte Protat,„rechtfertige Dich. Und der Holzſchuhmacher ſchüttete auf ſeinen Teller eine Handvoll Geld, das er aus der Taſche gezogen hatte.„Erkläre mir den Beſitz dieſes Geldes; wo haſt Du es hergenommen?“ „Ich habe es nicht genommen,“ antwortete Ze⸗ phyr. „Nein, Vater Protat,“ ſetzte Lazare mit feſter Stimme hinzu,„das Geld gehört Ihrem Lehrling, es iſt die Frucht ſeiner Arbeit.“ „Seiner Arbeit!“ erwiederte der Holzſchuhmacher mit Erſtaunenz„welcher Arbeit, wenn es Ihnen gefäl⸗ lig iſt? Verſtehen wir uns, Herr Lazare,“ fuhr Ade⸗ linens Vater mit Ernſt fort.„Sie intereſſirten ſich für dieſen Schlingel und ich habe Sie machen laſſen; aber dießmal iſt es Ernſt?“ „Sehr ernſt, mehr als Sie denken,“ antwortete der Maler.„Zephyr hat dieſes Geld verdient und in allen Ehren verdient.“ „Ah! wahrhaftig,“ rief der Holzſchuhmacher, „ich bin neugierig, zu erfahren, wie.“ Und Protat nahm wieder Platz. Lazare erzählte ſeinem Wirth, auf welche Weiſe er das Talent des Lehrlings entdeckt hatte, und er⸗ klärte ſo den Beſißz des in ſeinem Zimmer gefundenen Geldes:— es iſt der Preis für die Arbeiten, die er an Kaufleute in Fontainebleau abſetzt,“ ſagte er. Dieſe Enthüllung hatte nicht das Reſultat, welches der Angeklagte und der, welcher ſich zu deſſen Verthei⸗ 227 diger aufgeworfen hatte, zu erwarten ſchienen. Protat begann damit, das Talent ſeines Lehrlings in Abrede zu ſtellen; er behauptete, Lazare wäre das Opfer einer Lüge und Zephyr nicht im Stande, etwas mit ſeinen beiden Händen zu machen. „Er wird Ihnen den Beweis davon liefern!“ ſagte Lazare. „Wohlan!“ rief Protat,„wenn es wahr iſt, daß er arbeiten kann und einen Verdienſt aus ſeiner Arbeit zieht, ſo iſt er ein Taugenichts; ſein Geld ge⸗ hört ihm nicht weiter.“ „Auch hatte Ihr Lehrling die Abſicht, es Ihnen zuzuſtellen, wenn die Summe größer wäre,“ antwor⸗ tete der Künſtler, der ein wenig warm zu werden an⸗ ng. Protat kam wieder auf ſeinen erſten Gedanken zu⸗ rückt er behauptete, Zephyr wäre nicht im Stande, von einem Stück Handwerkszeng Gebrauch zu machen; aber in demſelben Augenblick bereitete ſich für ihn eine Be⸗ ſchämung unter der Form eines Beweiſes vor. Wäh⸗ rend des Streits, der ſich zwiſchen Lazare und Protat verlängert hatte, und da der Letztere, um ſeinen Zorn zu rechtfertigen, Céeile ausführlich die Geſchichte der Adoption und der Wohlthaten, mit denen der Lehrling von ihm überhäuft worden war, erzählte, hatte ſich die⸗ ſer raſch in einen Winkel zurückgezogen, nahm einen großen Stock, der im Zimmer ſtand, zur Hand und begann mit ſeinem Meſſer den Griff auszuſchneiden; nach einer halben Stunde Arbeit und während der Meiſter ihn der Unwiſſenheit anklagte, hielt ihm der Lehrling am Griffe den Stechpalmenſtock hin, der lange Zeit auf ſeinen Schultern den Dienſt eines Vollſtreckers der hohen Zornesanfälle von Protat verſehen hatte. „Wenn ich gelogen habe, Herr Protat,“ ſagte Zephyr, ihm den Rücken bietend,„ſo tödten ſie mich auf der Stelle damit, und dann hat es ein Ende.“ 228 Die Augen des Holzſchuhmachers richteten ſich auf den Griff des Knüttels. Die Handhabe, völlig aus dem Groben gearbeitet, ſtellte zwei in einander ge⸗ rollte Schlangen dar. So raſch dieſer Entwurf auch ausgeführt worden, war doch das erzielte Reſultat nichts Gewöhnliches. Die Verwicklung der beiden Reptilien hatte auf den erſten Anblick etwas Furchtbares und war von faſt beängſtigender Wahrheit. „Ei, ja wohl!“ ſagte Protat,„das iſt hübſch.“ Und er drehte ſich nach Zephyr um, mit dem er nun in einem bereits beſänftigten Tone redete. „Das iſt nicht allein hübſch,“ antwortete Cécile, welche die improviſirte Arbeit unterſucht hatte,„das iſt ein kleines Meiſterſtück, und um das in ſo kurzer Zeit machen zu können, muß Ihr Lehrling ein wahr⸗ hafter Künſtler ſein.“ „Bah!,“ erwiederte der Holzſchuhmacher,„wozu kann das nützen?“ Adeline, die nun ihrerſeits Zephyrs Werk mit naiver Bewunderung betrachtete, unterbrach ihren Va⸗ ter:„Alles, was ſchön iſt, iſt in gewiſſer Art auch nütz⸗ lich; aber viele nützliche Dinge ſind keineswegs ſchön,“ ſagte das Mädchen. Bekomplimentirt von Jedermann, ſelbſt von ſeinem Meiſter, den ſeine Tochter gezwungen, dem Angenſchein ſich zu fügen, geſchmeichelt von Cécile, die unter ihre Lobſprüche den Reiz jener weiblichen Liebkoſungen miſchte, welche einen ſo großen Einfluß auf die Eigen⸗ liebe ausüben, ſah Zephyr ſich zum zweiten Male an dieſem Tage der Beſtürmung des Stolzes ausgeſetzt. Während Lazare dem Holzſchuhmacher erklärte, daß es im Intereſſe des jungen Burſchen nothwendig wäre, nach Paris zu ziehen, und beizufügen Sorge trug, daß Zephyr keine Ausgaben deßhalb zu machen hätte, be⸗ rauſchte ſich der Lehrling, deſſen Einbildungskraft vor⸗ auseilte, in den Tönen jener Worte, die ihm eine Zu⸗ ———— ——————— 229 kunft des Ruhms und Glücks verhießen. Adeline ihrer⸗ ſeits betrachtete Lazare, deſſen Miene und Rede ſich belebten, ſo oft er von ſeinem Berufe ſprach, und in dieſer Aufmerkſamkeit ihrer jungen Freundin glaubte Cécile, die ſie beobachtete, deutlich zu bemerken, daß es nicht allein Neugierde war, die Adelinen dieſes In⸗ tereſſe einflößte. Das Mädchen ſtand in der That unter dem Zauber von Lazare's Stimme. Die Gründe, welche der Künſtler zu Zephyrs Gunſten geltend machte, fan⸗ den endlich ein Echo bei Protat ſeibſt. „Nun wohlan! mein Junge,“ ſagte Protat zu ſei⸗ nem Lehrling,„es iſt ausgemacht: da Herr Lazare be⸗ hanptet, es könne in Paris Etwas aus Dir werden, ſollſt Du nach Paris gehen. Gib Dir Mühe, eines Tags mit Deinen kleinen Talenten Glück zu machen, und wenn Du ſpäter ein großer Mann wirſt, ſo er⸗ iunere Dich Deines Adoptiv⸗Paters, der Dich etwas Rechtes gelehrt hat.“ „Wie ſo das?“ fragte Zephyr. „Ei! ohne Zweifel... biſt Du nicht mein Zög⸗ ing?“ 8 A das Mahl ſchon lange vorüber war, begab ſich die ganze Geſellſchaft, um die freie Luft zu genie⸗ ßen, in den Garten. Es war am Ende eines der heiße⸗ ſten Tage des Jahrs. Die Luft, durch den leiſen Hauch des Abends und die Nachbarſchaft des Fluſſes abge⸗ kühlt, ſog den Duft gewiſſer Blumen in ſich ein, die ihren Wohlgeruch für die Racht aufbewahren, wie die Nachtigall, die ihre ſchönſten Lieder für die Stunde der Sterne aufſpart. Auf den klaren, reißenden, murmeln⸗ den Wellen des Loing wogte ein weißer, leichter Dunſt, den die zunehmende Helle der Mondſichel beinahe durch⸗ ſichtig erſcheinen ließ. Im Schilfe, das den Fluß be⸗ grenzte, begannen die Fröſche ihr nächtliches, moho⸗ tones Concert, und prälndirten wie Muſiker, die ihre Inſtrumente ſtimmen. Das Gebüſch, welches den Gar⸗ 230 ten einſchloß, und das Gras, womit die Alleen einge⸗ faßt waren, erglänzten mit einander in der zitternden Beleuchtung der Johanniswürmchen. Protat, von dem Notar zu einer Zuſammenkunft beſtellt, war nach dem Eſſen ausgegangen und ließ Lazare bei den zwei jun⸗ gen Frauen. Der Künſtler und ſeine beiden Beglei⸗ terinnen gaben ſich einige Minuten dem Eindruck hin, welchen die Ruhe dieſes friedlichen Abends auf ſie her⸗ vorbrachte. Aus Diseretion und in der Meinung, die beiden Freundinnen möchten mit einander zu ſchwatzen haben, war Lazare zurückgeblieben und rauchte auf einer entfernten Bank. Bald rief ihn Cécile's Stimme wieder heran. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„von der andern Seite des Waſſers kommt ein köſtlicher Hengeruch herüber. Man hat die Wieſe uns gegenüber gemäht. Adeline und ich möchten uns gerne auf die Heuſchober ſetzen. Würden Sie die Gefälligkeit haben, uns hinüberzu⸗ führen?“ Lazare ließ die Frauen in den Nachen einſteigen, band ihn von dem Pfahl los, an dem er befeſtigt war, und begann zu rudern.„Ich würde Ihnen gerne vor⸗ ſchlagen, eine Promenade zu machen, aber es iſt ſehr ſchwer zu fahren, beſonders hier herum, wo der Fluß durch Gras ſo verſperrt iſt, daß Vater Protat verſichert, ein Aal könnte hier ertrinken. Wie um ſein Wort zu rechtfertigen, blieb denſelben Augenbilck der Nachen mit⸗ ten in dem wogenden Graſe ſtecken, und Lazare hatte einige Schwierigkeit, die verwickelten Ruder loszumachen. „Hier war es, daß Zephyr faſt ertrank, und ich mit ihm,“ ſagte er. Cécile fühlte, wie Adeline neben ihr zitterte. „Was! ſagte ſie, als Lazare, den ſie über dieſen Unfall befragte, ihr den Verſuch des Lehrlings erzählt hatte.„So jung, faſt noch ein Kind, dachte er ans 231 Sterben! Weiß man, welcher Grund ihn zu dieſem Akt der Verzweiflung treiben konnte?“ „Zephyr iſt ein ſonderbares und myſteriöſes We⸗ ſen,“ antwortete der Künſtler;„er ſagt von ſeinen Ge⸗ heimniſſen nichts, ſelbſt nicht ſeinen Freunden.“ „Ah!“ rief Cécile, indem ſie Adeline auf den zar⸗ ten und weißen Sand heraushalf, wo das Boot eben landete,„für eine ſo myſteriöſe Perſon iſt dieſer Herr Zephyr doch ſehr unüberlegt, und wenn er von ſeinem Geheimniß nichts ſagt, hilft er wenigſtens, es zu er⸗ rathen.“. „Wie ſo?“ fragte Lazare erſtaunt. „Ohne Zweifel, weil er es ſchreibt. Und in den lebhaften Strahlen des Mondes zeigte ſie an der Spitze ihres kleinen Fußes auf Schriftzeichen, die mit an ein⸗ ander gelegten Kieſeln alſo gebildet waren, daß daraus ganz deutlich zwei Namen entſtanden: Zephyr und Adeline.“ „Meiner Treu, herzige Adeline,“ ſagte Lazare zu dieſer, als ſie ganz nachdenklich vor der plötzlichen Dffenbarung ſtand,„es iſt die Wahrheit, Zephyr...“ „Zephyr iſt in Dich verliebt,“ fuhr Cécile fort, indem ſie den Arm um ihre Frenndin ſchlang. „Welche Narrheit!“ ſtammelte dieſe, um nur etwas zu ſagen. „Alſo,“ antwortete die junge Frau,„deßwegen wollte er ohne Zweifel ſterben, und ſchrieb, ehe er ſein Vorhaben ausführte, Deinen Namen neben den ſeini⸗ gen auf den Sand am Ufer dieſes Fluſſes, in dem er ohne Herrn Lazare's Aufopferung, der ihm Beiſtand brachte, hätte bleiben können. Und das rührt Dich nicht ein Bischen?“ „Ach!“ ſagte Adeline unbefangen,„als ich Herrn Lazare mitten in dieſes gefährliche Gras hinunterſtüt⸗ zen ſah, machte mir das eiu Geräuſch um den Kopf, als ob ich ſelbſt ertrinken wollte. Auch war ich ihm, 232 da ich ihn wieder zum Vorſchein kommen ſah, ſehr dankbar„„ „Daß er bei der Rettung Zephyrs nicht ums Le⸗ ben kam,“ flüſterte ihr Cécile ins Ohr. „Fräulein Adeline,“ fiel der Künſtler ein,„Sie wiſſen das Geheimniß dieſes Kindes, aber ſtellen Sie ſich, als wäre es Ihnen unbekannt, und reden Sie mit Ihrem Vater nichts davon. Ich habe einigen Einfluß auf Ihren Lehrling und will verſuchen, ihn zu heilen; überdieß wird er mir nach Paris folgen, und wenn er Sie nicht mehr jeden Tag in ſeiner Nähe ſieht, auf vernünftigere Geſinnungen kommen: Abweſenheit iſt ein gutes Heilmittel.“ Jetzt unterbrach ihn Cécile, welche ihre Freundin gern ein wenig quälte, während ſie zugleich in die Ge⸗ danken des jungen Mannes eindringen wollte.„Wer weiß,“ ſagte ſie,„ob Adeline vergeſſen zu ſein wünſcht? Zephyr iſt ſehr jung, aber er wird es bald nicht mehr ſein; er beſitzt ſchon ein Talent, das in gleichem Grade zunehmen kann. Die Sorge für ſeine Zukunft ſoll Ih⸗ nen anvertraut werden, Herr Lazare. Wenn Adeline, die jetzt ſchweigt, weil ſie vielleicht nicht zu reden wagt, Ihnen ſagte:„Anſtatt mich vergeſſen zu machen, wir⸗ ken Sie im Gegentheil varauf hin, daß er an denkt; unterhalten Sie in Zephyrs Herzen dieſe Liebe, von der er mir ſchon eine ſo große Probe abgelegt at; ſorgen Sie, daß ſie die Triebfeder ſeines Ehr⸗ geizes wird, und, wenn er ein Mann iſt, kommt, bei meinem Vater um mich anzuhalten... „Wenn Fräulein Adeline die Worte beſcheinigen will, die Sie eben ausgeſprochen, wird es mir das größte Vergnügen machen, darauf einzugehen,“ ant⸗ wortete Lazare lachend,„um ſo mehr, als ich dieſe Abſicht ſchon hegte, und, da ich dieſen Morgen bei der Entdeckung ſeines Talentes die Liebe dieſes Jungen entdeckte, denn es iſt eine wahre Leidenſchaft, die er 233 empfindet,— mich doppelt für ihn intereſſirt und mir vorgenommen hatte, ihm bei dieſer doppelten Richtung ſeines Ehrgeizes behülflich zu ſein. Adeline, mein Lieb⸗ chen, befragen Sie Ihr kleines Herz: Sie ſind ein an⸗ betungswürdiges Kind, reich begabt mit herrlichen Eigenſchaften, Niemand wird Sie mehr lieben, als dieſes arme Geſchöpf, für welches Sie eine Offenbarung menſchlicher Güte geweſen, für welches Sie ein Grund zu leben und ein Grund zu ſterben geweſen ſind. Wollen Sie, daß ich darauf hinarbeite, alle die Un⸗ gleichheiten, die Sie und ihn trennen, verſchwinden zu laſſen? Wollen Sie, daß ich Ihnen denſelben mit dem Verſtand nahe bringe, wie er ſich Ihnen ſchon mit dem Herzen genähert hat? Kurz, wollen Sie mir wieder⸗ holen, was Madame dieſen Angenblick ſagte:— Machen Sie denſelben meiner würdig? Ich ſchwöre Ihnen, daß ich Zephyr jene Sorgfalt und Freundſchaft erwei⸗ ſen werde, die man für einen Bruder hat, wäre es nicht ſchon, um mir eines Tags das Recht zu erwer⸗ ben, Sie ſelbſt wie eine Schweſter zu lieben.“ Während Lazare alſo ſprach, bemerkte Cecile, welche Adelinens Hand in der ihrigen hielt, daß dieſe Hand eiſig wurde. Seien Sie ſtill, mein Herr,“ ſagte Cécile mit leiſer Stimme,„es wird ihr unwohl.“ Und die junge Frau zog ihre Freundin ganz taumelnd mit ſich fort. „Dummkopf, doppelter Dummkopf, der ich bin!“ murmelte Lazare, da er allein warz„ich hatte vergeſ⸗ ſen, daß dieſe Kleine mich liebt; jedes meiner Worte mußte ihr Herz verwunden. Nun wohl! beſtimmt,“ ſetzte er, träge auf einen Henuſchober ſinkend, hinzu, „ich fange an zu beſorgen, die Heirath Zephyrs liegt im Reiche Utopia.“ Lazare war von reizbarer Organiſation; aber da er eine große Willenskraft beſaß, hatte er es dahin ge⸗ bracht, ſeine Bewegungen in Schranken zu halten. Jede 234 heftige Empfindung, dachte er, iſt eine Schwächung des Verſtandes, und ein Künſtler muß ſeine Eindrücke be⸗ herrſchen oder ſich nur denen hingeben, welche ſeinen Studien förderlich ſind. Dieſes Syſtem, das er nicht erfunden, hatte Lazare wenigſtens inſofern übertrieben, als er in die Einſamkeit des Kunſtegoismus ſich flüch⸗ tete, der einzigen Leidenſchaft, der einzigen vorherrſchen⸗ den Beſtimmung, der er ſich hingab, der er, und zwar Anfangs nicht vhne Mühe, die Vergnügungen und Ge⸗ nüſſe der Jugend aufgeopfert hatte. In Folge dieſer Gewohnheit drängte er ohne Anſtrengung jeden ſehn⸗ ſüchtigen Wunſch zurück, der dieſer Kunſt fremd war, in welcher er ausgleichungsweiſe für die freiwilligen Entbehrungen, die er ſich auferlegte, Entſchädigung zu finden wußte. Die Anſicht einer ſchönen Gegend, die Betrachtung eines Meiſterwerks, verſetzten ihn in ein Entzücken, das Tage lang fortdauerte; die Empfindung, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, erzeugte einen Wieder⸗ hall, gleich dem Ton, der von dem tauſendſtimmigen Echo zurückgegeben wird. Wenn er aber die Natur zu bändigen vermocht hatte, war es ihm doch unmög⸗ lich geweſen, ſie gänzlich zu beſiegen, und wenn dieſes empöreriſche Gelüſte ſich zeigte, je nachdem der Zufall einen unvorhergeſehenen Einfluß über ihn ausübte, wurde er um ſo empfänglicher für die Aufregung, je weniger er mit Vertraulichkeit auf dieſelbe einging. Welches auch die Natur ſeiner Eindrücke war, ſo er⸗ ſchienen ſie um ſo heftiger, je mehr ſie zurückgehalten worden waren. Dieſe Vorfälle, die er nicht bedauerte, er⸗ friſchten, ſo zu ſagen, die Atmoſphäre ſeiner Gedanken; deßwegen nannte er dieß ohne Zweifel„ſeinem Herzen Luft machen, das einen dumpfigen Geruch hatte.“ Jetzt, ſeit einigen Augenblicken hatte er die vorläufigen Symp⸗ tome einer von dieſen Kriſen empfunden; dieß gab ſich ihm leicht an der plötzlichen Scheidung zu erkennen, die ſich zwiſchen dem Mann und Künſtler geltend machte. 235 So war es ihm, während er dieſen Winkel einer in transparenten Schatten gebadeten Landſchaft betrach⸗ tete, nicht in den Sinn gekommen, in dieſem Effekt einen Anſchließungspunkt zu dieſem oder jenem Ge⸗ mälde, dieſer oder jener Schule zu ſuchen; er hatte ſich dem Zauber der Stunde und des Orts überlaſſen. In dieſe erſte ſentimentale Stimmung miſchte ſich ſofort eine lange Beranſchung, von dem durchdringenden Duft hervorgebracht, der ſich aus dem friſchgemähten Heu entwickelte, und je nach der Natur des Einzelnen wecken oder verurſachen plötzliche Erregungen einen Zuſtand von Erſchlaffung, die, ohne daß man weiß warum, Thränen ins Auge lockt. Von dieſer Berauſchung be⸗ gann Lazare die Wirkungen zu empfinden. Da es ſchon zu ſpät war, ſich ihnen zu entziehen, ſo ließ er ſich un⸗ willkürlich an den Rand einer ſüßen Träumerei trei⸗ ben, voll verwirrter Gemälde, mit flüchtigen Erſchei⸗ nungen, alten Erinnerungen, jungen Hoffnungen be⸗ völkert; aber in allen diefen Gemälden, in allen dieſen auf einander folgenden Erſcheinungen wiederholte ſich beharrlich ein Gemälde, erſchien ohne Unterlaß eine Geſtalt. Lazare ſah ſich in ſeinem Atelier, vor ſeiner Staffelei; durch das offene Fenſter bemerkte er dieſe Landſchaft an den Ufern des Lving, wie er ſie von den Fenſtern Vater Protats vor Augen hatte. Auf derſel⸗ ben Wieſe, wo er dieſem Traum ſich hingab, ſah er Adeline, wie er ſie dieſen Augenblick in Wirklichkeit nahe bei dieſem Heuſchober ſitzend wahrnehmen konnte; ſie machte ihm von Ferne ein Zeichen und wies auf ein kleines Kind, das ſich, einen Freudenſchrei aus⸗ ſtoßend, im Heu wälzte. „Das iſt außerordentlich!“ rief Lazare, plötzlich aufſtehend;„aber es begegnet mir immer ſo mit dieſen verteufelten Henſchobern. Nicht zwei Minuten darf ich nur eine Handvoll von dieſem Gras einathmen, ohne daß es ſich mir auf die Rerven ſetzt.“ 236 Als er dieſe Bemerkung machte, erblickte er Ade⸗ line, die an Céeile's Arm von der andern Seite herkam. „Bei Gott!“ dachte Lazare,„Zephyr hat einen entſchieden guten Geſchmack. Adeline iſt hübſch in der Sonne, reizend bei Lampenlicht, aber ſie iſt entzückend im Mondſchein.“ Die Tochter des Holzſchuhmachers hatte eben, von ihrer Freundin bedrängt und von einem plötzlichen Be⸗ dürfniß der Herzensergießung ergriffen, ihr in Bezug auf Lazare ein vertrautes Geſtändniß abgelegt. Beim Anhören dieſer Erzählung hatte ſich Cécile für dieſe Liebe intereſſirt und ſchien nur erſtaunt, daß Lazare, der ſie doch hatte wahrnehmen müſſen, ſich ſo gleich⸗ gültig dagegen zeigte.„Demnach,“ dachte ſie bei ſich, „iſt er ein Ehrenmann, und da er Adeline nicht zur Frau will, mag er auch, zum Glück für ſie, in anderer Weiſe nicht daran denken.“ „Und Dein Vater weiß von Deiner Neigung,“ hatte Cécile darauf erwiedert;„aber dann iſt es ſehr unklug von ihm, dieſen Koſtgänger zu behalten, er hätte einen Vorwand, ihn zu entfernen, finden ſollen.“ „Deine Ankunft hat ihm dieſen Vorwand geliefert,“ antwortete Adeline traurig.„Herr Lazare iſt ja bereits aus dem Hauſe.“ „Das heißt nicht aus dem Hauſe ſein, wenn man alle Tage dahin kommen kann, wie es bei ihm fort⸗ während der Fall iſt, und außerdem wird er, wenn ich abgereiſt bin, ſein Zimmer wieder in Beſitz nehmen. Ich werde deßhalb mit Deinem Vater ſprechen müſſen.“ „O! nein, ich bitte Dich,“ ſagte Adeline flehend. „Welche Gefahr hat es, wenn Lazare bei uns bleibt, da er mich nicht liebt, und nur an mich denkt, um mich als die Frau eines andern zu wünſchen.“ „Aber,“ erwiederte Cécile,„bei Gelegenheit des an⸗ dern, hätteſt Du ſogleich Herrn Lazare auf die Probe ———————— ——— 237 ſtellen ſollen. Wer weiß? Er liebt Dich vielleicht nicht, weil ihm unbekannt iſt, daß Du ihn liebſt.“ „Welche Probe?“ fragte Adeline. „Höre,“ ſprach Cécile zu ihr,„es iſt noch nicht zu ſpät, dieſe Probe zu verſuchen. Herr Lazare fragte Dich vorhin, ob Du wünſcheſt, daß er es übernehme, Zephyr eines Tags würdig zu machen, Dein Gatte zu werden: geh, ſag ihm ja und gib ihm zu verſtehen, wenn Du nicht auf der Stelle geantwortet habeſt, ſo ſeie es nur deßhalb geſchehen, weil Du durch mich ge⸗ nirt wareſt. Geh, ich will auf Dich warten. Beobachte die Wirkung, welche Deine Worte bei Herrn Lazare hervorbringen; Du wirſt mir davon Rechenſchaft ab⸗ legen. Du begreifſt nichts von dieſem Manveupre, unſchuldiges Kind! Das nennt man Coquetterie. Ent⸗ weder weiß Lazare, daß Du ihn Riebſtins „Wie ſollte er es wiſſen?“ fragte Adeline.„Ich habe es ihm nie geſagt.“ „Ei! meine Liebe“ rief Cécile,„Du balſamirſt die Liebe ein.“ Und ſie ſtieß ihre Freundin in der Rich⸗ tung fort, in der ſie Lazare wahrgenommen hatten. Adeline war hingegangen, in der Abſicht, den Rath zu befolgen; aber da ſie bei Lazare angekommen war, fehlte es ihr an Muth. „Der tauſend! Sie ſind es, allerliebſte Adeline!“ rief der Künſtler, ziemlich erſtaunt, ſie allein zu ſehen. Wo iſt denn Ihre Freundin?“ „Ich habe ſie einen Angenblick verlaſſen, ausdrück⸗ lich nur mit Ihnen zu ſprechen.“ „Mit mir!“ fragte der Künſtler. „Herr Lazare,“ fuhr Adeline ſehr ſchnell fort,„Sie ſind dieſen Morgen, ohne Ihre ledernen Kamaſchen an⸗ zulegen, in den Wald gegangen; das iſt ſehr unklug. Da es dieſes Jahr ſo heiß iſt, gibt es viel Vipern. Vergangene Woche iſt erſt ein Lattenſpalter gebiſſen worden, er hat daran ſterben müſſen. Nehmen Sie ſich 238 doch wohl in Acht! denken Sie nur! wenn Ihnen ein Unglück begegnete...“ Und es lag in dieſer mit zitternder Stimme aus⸗ geſprochenen Warnung ſo viel Unruhe, daß dieß ſchon hinreichend geweſen wäre, die Empfindung von der ſie diktirt wurde, zu enthüllen, wenn Lazare auch davon keine Kenntniß gehabt hätte. „Dank, liebes Mädchen,“ ſagte er zu Adeline, ſie vertraulich um den Leib faſſend, wie er ſonſt zu thun pflegte. Er war im Begriff, ſie auf die Stirne zu küſſen, hielt aber plötzlich inne und ſagte, die Hand des Mädchens ſanft an die Lippen führend, zu ihr:— Ich will durchaus nicht, daß Sie meinetwegen ſich Un⸗ S machen, Adeline, und werde Vorſicht anwenden.. ah Adeline entſchlüpfte und kehrte zu Cécile zurück. „Nun,“ fragte dieſe,„und unſere Probe?“ „Ach! ſeufzte Adeline, die ſchon nicht mehr daran dachte;“ dann antwortete ſie, eine traurige Miene machend:—„Nun, er hat gar nicht erſtaunt ausge⸗ ehen.“ „Aber es ſchien mir, er habe Dir die Hand geküßt; iſt das Gewohnheit unter Euch?“ „Nein,“ erwiederte Adeline;„wenn er mich küßt, ſo geſchieht es vor meinem Vater, und auf die Stirne, wie die Kinder.“ „Ei! meine Liebe, wenn er Dir die Hand küßte, hat er Dich wie eine Frau behandelt; das iſt ſchon eine Veränderung. Stelle Dich, als ſeieſt Du mit Ze⸗ phyr beſchäftigt, und Du wirſt ohne Zweifel noch an⸗ dere Dinge ſehen.“ Alſo redend, gingen ſie weiter, um wieder zu dem Künſtler zu ſtoßen, der aufrecht am Ufer ſtand und dem fließenden Waſſer zuſah, mechaniſch beſchäftigt, die Sterne zu zählen, die ſich darin abſpiegelten, während 239 ſeine Gedanken in der Erinnerung zu dem ſeltſamen Traum zurückkehrten, den er im Hen gehabt hatte. „Wir wollen zurück,“ ſagte Cécile, auf den Kahn zugehend, in welchem ſie mit ihrer Begleiterin Platz nahm. Eine raſche Bewegung Lazare's brachte das Fahr⸗ zeug einen Augenblick zum Wanken; es war gerade nahe bei der Stelle, die er bezeichnet hatte, als er von der Bergung des Lehrlings ſprach. „Nehmen Sie ſich in Acht,“ rief Cécile,„Sie er⸗ tränken uns. Und nachdem Sie den Zukünftigen ge⸗ rettet haben, können Sie vielleicht die Braut nicht retten!“ „Verzeihung,“ ſagte Lazare,„ich verſtehe nicht.“ „Aber,“ fuhr Cécile fort,„hat Adeline Ihnen eben Nichts geſagt? Sie hatte mich doch verlaſſen, Ihnen anzukündigen, daß ſie Ihre Vorſchläge in Betreff des jungen Holzſchnitzlers annehme.“ „He?“ rief der Künſtler erſtaunt,„iſt es wahr, mein Liebchen, Sie willigen ein?“ ſo ſprich doch!“ ſagte Cécile ganz leiſe zu deline. „Wahrhaftig!“ erwiederte dieſe,„wenn der arme Junge mich ſo liebt!“ „Du haſt Recht, mein Mädchen, man muß lieben, wer uns liebt,“ bemerkte ihre Freundin. Als Adeline antworten wollte, gab Lazare ſeinem Ruder einen ſo heftigen Stoß, daß der Pflock zerbrach und das Ruder ihm aus den Händen glitt, und fort⸗ getrieben wurde. „Zum Teufel!“ rief der Künſtler mit einem Ton übler Laune.“ „Du ſiehſt, Du ſiehſt,“ flüſterte Cécile ihrer Freun⸗ din ins Ohr,„er iſt über die Nachricht böſe.“ „Sollen wir mitten im Waſſer bleiben? Ich will 240 den Jungen rufen,“ ſagte Lazare ungeduldig; „er ſoll mit dem Kahn des Nachbars zu uns ſtoßen.“ „Welchen Jungen?“ fragte Cécile. „Nun! bei Gott, Zephyr.“ „Recht ſo,“ fuhr Adelinens Freundin fort,„das Wenigſte, was er thun kann, iſt, daß er ſich um ſeiner Fran willen ein wenig ſtören läßt.“ „Es iſt nicht der Mühe werth,“ rief Adeline, die durch Lazare's üble Laune in Freude verſetzt wurde. „Die Rudergabel iſt im Nachen.“ „Wir ſind augenblicklich in der Strömung,“ er⸗ wiederte der junge Mann mit demſelben brummigen Ton;„wir kommen nur mit dem Ruder heraus.“ „Ah!“ ſagte Adeline lachend,„ich bin etwas von einem Matroſen.“ Und die Rudergabel ergreifend, ſchob ſie Lazare ſanft zurück, und ſagte ihm:—„Setzen Sie ſich, ich will Sie in den Hafen bringen, und in zwei Minuten.“ Wirklich ließ ſie auch den Nachen am Fuß von ihres Vaters Garten anfahren, der Lehrling befand ſich richtig am Landungsplatz. „Gib mir die Hand,“ ſagte Adeline zu ihm,„daß ich herausſteige. Und ſie drückte ſanft die Hand, welche ihr Zephyr hingeſtreckt harte.“ „Herr Lazare,“ ſagte der junge Burſche dem Künſt⸗ ler ins Ohr, ihn unterwegs aufhaltend,„wiſſen Sie was? Fräulein Adeline hat mir eben eine Liebkoſung gegeben!“ „Geh' zum Teufel!“ antwortete der Maler. Nach⸗ dem er dem Holzſchuhmacher, der von ſeinem Beſuch heimgekommen war, raſch gute Nacht geſagt hatte, ent⸗ fernte ſich Lazare, ohne ein einziges Wort an Adeline zu richten, welche dieſer barſche Abzug, ganz gegen die Gewohnheit des Koſtgängers, glücklich und betrübt zu⸗ gleich machte.“ „Bei Gott!“ murmelte der Künſtler,„als er ſeiner 241 neuen Wohnung zuging, man hat wohl Recht zu ſagen, daß das Herz der Frauen das Reich Dieſe Windfahne mit den ſchwarzen Augen, hat ſie ſich nicht ſchnell genug von Nein zu Ja gedreht? Bah! mag ſie Zephyr heirathen oder nicht, die Hauptſache war, daß ſie an mich nicht mehr dachte; ſie fängt an, ich zu vergeſſen; man muß ihr helfen, zu Ende zu ommen. Dreiehntes Rapitel. Das Dorfgeſchwätz. Bei ſeinem Eintritt in das Weiße Haus, das zugleich Gaſt⸗ und Kaffeewirthſchaft war, fand ſich der Saal noch voll Leute, und Lazare bemerkte, wie die an den Tiſchen verſammelten Gruppen, als ſie ihn erſchei⸗ nen ſahen, mit ihrem Geſpräch, das ſehr belebt ſchien, einhielten. Dieſe Unterbrechung war von kurzer Dauer. Lazare nahm Schlüſſel und Licht und verließ den Saal, nach ſeinem Zimmer hinaufzugehen. Sobald er ver⸗ ſchwand, begannen die Trinker von Neuem das ſaure Geſchwätz, dem die Läſterchronik des Dorfs ſeine Ent⸗ ſtehung gab, mit ſaurem Treſterwein zu begießen. Das Innere von Protats Hauſe war hauptſächlich auf dem Tapet. Trotz der getroffenen Vorſichtsmaß⸗ regeln, das Geheimniß der Ereigniſſe zu bewahren, deren Schauplatz Tags zuvor dieſes Haus geweſen war, hatte die allgemeine Bosheit, die in Zepbyrs Selbſt⸗ Murger, Adeliue Protat. 16 242 mordsverſuch einen Text zu gloſſiren fand, dem Bericht der intereſſirten Parteien nicht völlig Glanben ſchenken wollen. Es iſt außerdem ſelten, daß man dem Argwohn einer Rotte Neugieriger und Müßiggänger, die hitzig auf einen Scandal aus ſind und ihn ſchon von Ferne wittern, auf die Spur kommen kann. Man hatte im Dorfe den Kopf geſchüttelt, als Madelon diejenigen, welche ſie befragten, von der rechten Fährte abzubringen ſuchte. Eine Einzelnheit, die durch einen Burſchen von der Mairie, der zu Protat die Almoſenbüchſe für die in Todesohnmacht Liegenden hingebracht hatte, ſollte überdieß die abwehrenden Verſicherungen der Magd des Holzſchuhmachers aus dem Felde ſchlagen. Der Abgeſandte hatte um die Beine des Lehrlings den Ring bemerkt, der von den Stricken, woran Zephyr die beiden großen Steine gebunden und ſeine Rettung damit ſo erſchwert hatte, zurückgeblieben war. Dieſer Zeuge hatte außerdem hinzugefügt, da er an Ort und Stelle ge⸗ kommen, ſeien alle die Leute, welche um den Ertrun⸗ kenen herumſtanden, insbeſondere Vater Protat und der Zeichner in höchſter Beſtürzung geweſen. Was das Fräulein(dieſen Namen gaben die Leute von Montiguy Adelinen) betraf, ſo war dieſe faſt wie todt. Dieſer ſo natürlichen Unruhe, welche in der Gefahr, worin der Lehrling ſich befunden, ihren Grund hatte, ſchoben die böſen Zungen einen ganz andern Sinn unter. Der vorbedachte Selbſtmord wurde jetzt nicht mehr beſtritten, und die Vermuthungen begannen ſich um dieſes Ereigniß herum zu gruppiren. Den ganzen Tag über hatte man nur davon im Dorfe geſprochen, die Männer auf dem Felde, die Wei⸗ ber im Waſchhaus. Protat war im Dorfe nicht geliebt, vielleicht weil er unter allen Einwohnern der vermög⸗ lichſte war und darüber ein wenig zu viel Selbſtzufrie⸗ denheit äußerte. Sein väterlicher Stolz war dieſer Abneigung, die keine Gelegenheit vorbeiließ, ſich durch 243 eine kleine Feindſeligkeit zu offenbaren, gleichfalls nicht fremd. In Bezug auf Adeline war es wirklich Haß, wozu das arme Kind ſeit ihrer Rückkehr ins Dorf⸗ ohne es nur zu vermuthen, Anlaß gegeben hatte. Alle Gevatterinnen wußten, ſo gut wie ſie die Zahl der ſei⸗ denen Kleider, die ſie in ihrer Kommode hatte. Man kannte die Summe ihrer Schmuckſachen, man citirte die Feinheit ihres Leinenzeugs, das Bewunderung und Neid zugleich erregte, wenn Madelon es zum Klopfen nach dem Waſchhaus brachte, und es gab keine Spöt⸗ terei, die man nicht wegen der Spitzen, die an ihrem Kopfkiſſen und, ſagte man ſelbſt, an ihren Abwiſchlum⸗ pen angebracht waren, gegen ſie ausließ. Mehr als alles Uebrige hatte dieſer unſchuldige Luxus in der Stille über ihrem Haupt einen mißgünſtigen, widerſin⸗ nigen und brutalen Haß angehäuft, der nur auf einen Vorwand wartete, um laut auszubrechen. Der Verſuch des Lehrlings erzeugte alſo gleichſam das erſte Wetterleuchten vor dem Sturme, der Protat und ſeine Tochter bedrohte. Im Augenblick, da La⸗ zare hereinkam, ſchwatzten die im Weißen Hauſe ver⸗ ſammelten Leute, wie bereits angegeben, lärmend von dieſem Ereigniß. Zephyr hatte, wie zu bemerken war, nie große Sympathie im Dorfe erregt. Zu der Zeit, da Protat ihn als Kind ins Haus genommen, hatte man, ſtatt ihm für dieſe mitleidige Handlung Dank zu wiſſen ihn faſt verſpottet; ein Spaßvogel ſelbſt mit einer Anſpielung auf die häßliche Larve des Waiſen, erklärt, Protat habe denſelben ohne Zweifel aufgenom⸗ men, ihn wie ein merkwürdiges Thier auf den Märk⸗ ten ſehen zu laſſen. Ebendeßhalb war das brutale Er⸗ ziehungsſyſtem, welches der Holzſchuhmacher bei ſeinem Lehrling in Anwendung brachte, niemals dem Tadel verfallen, man fand es ganz natürlich, daß er Schläge brauchte, ihn zur Arbeit zu bringen, aber unter den gegenwärtigen Umſtänden erzeugte ſich eine Reaktion 244 zu Gunſten des Lehrlings, den ſein Selbſtmord intereſ⸗ ſant machte. Die, welche ſich zu Unterſuchungsrichtern über den Vorfall aufgeworfen hatten, waren darüber einig, daß die ſchlechte Behandlung, die Zephyr in die⸗ ſem Hauſe erfuhr, ihn zur Verzweiflung gebracht hatte, und um dieſe Meinung zu unterſtützen, erfolgten tanſend lügenhafte Enthüllungen, eine nach der andern, um das Daſein dieſes armen, unglücklichen Geſchöpfs in eine vorbedachte Verfolgung, in eine täglich und ſtündlich wiederholte Tortur zu verwandeln. Man verſicherte, der Lehrling ſchliefe in einem Keller auf Stroh, das man nur alle Jahre wechsle.„Ein Anderer ſagte, man gebe ihm nicht alle Tag zu eſſen, und ſeine Nahrung wäre ſo unreinlich, daß Vater Protats Schwein nichts davon möchte. Ein Dritter behauptete, gehört zu haben, wie der Holzſchuhmacher ſeinen Lehrling mit dem Tode bedrohte; es war derſelbe, den Protat vor fünfzehn Jahren an der Kehle hatte packen müſſen, weil von demſelben geſagt worden, er liebe ſeine Tochter nicht. Alle dieſe Lügen waren um ſo gefährlicher, weil ſie mit einer perfiden Geſchicklichkeit aufgetiſcht wurden; das Uebelwollen brachte Thatſachen zum Vorſchein, deren einige, künſtlich geſteigert, dennoch einen Grund der Richtigkeit in ſich trugen. Um die Mitte des Abends hatte dieſe dörfliche Ge⸗ richtsverhandlung Zephyr zu einem Opfer idealiſirt. Man verglich ihn mit Caspar Hauſer, deſſen Bild und Leidensgeſchichte an einer der Wände des Weißen Hau⸗ ſes angeklebt war. Was Protat betraf, ſo wurde ihm ſeine Venennung als Kindsſchinder, vor der er ſich ſo ſehr gefürchtet hatte, nicht erſpart. Eine noch boshaf⸗ — tere Verſion, als alle diejenigen, welche bis jetzt in der erbitterten Gruppe cirenlirten, wurde durch einen jungen Mann aufgeſtellt, der eben eine Partie Billard vollendet hatte und jetzt ſich unter die Trinker miſchte. Es war ein Schreiber des Notars von Montigny⸗ den 245 ſein Patron ganz kürzlich fortgeſchickt hatte. Dieſer Burſche, eine Art Landſtutzer, war der Zielpunkt aller Dorfkoquetterien. Er hatte Adeline in der Kirche be⸗ merkt, wohin er am Sonntag ausdrücklich ihr zu lieb ging, auf den Dorffeſten der Umgegend, wohin der Holzſchuhmacher ſeine Tochter führte, und ihr ziemlich grob begreiflich zu machen verſucht, daß er ſie bemerkte. Adeline hatte nicht begreifen wollen, der Schreiber in⸗ deſſen, der Herr Julien hieß— in der ganzen Gegend ſagte man,„der ſchöne Herr Julien“— die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Adeline war im Dorfe das ein⸗ zige Mädchen, das wie ein Fräulein(Demoiſelle) aus⸗ ſahß er ſelbſt der einzige Mann, der das Aeußere eines Herrn(Monſieur) hatte. Nach der Vorſtellung des Schreibers mußte ſein weißer Kaſtorhut und ſein ſchwarzer Rock eine unwiderſtehliche Anziehungskraft für Adelinens Strohhut und ſeidenes Kleid haben. Eines Tags, es war am Feſte von Montigny, forderte Herr Julien Adeline zum Tanz auf. Trotz des Widerwillens, den der Schreiber ihr einflößte, hatte das Mädchen es angenommen; aber als der ſchöne Schreiber ſich erlaubte, ſie feſter um den Leib zu faſſen und ihr die Hände mehr zu drücken, als für die Figur des Tanzes gerade nöthig war, hatte ſie ihn mitten in der Tour ſtehen laſſen, während er unter den platten Witzen der Quadrille die etwas kecken Sprünge und Knnſtſtücke nach dem Muſter der Pariſer Bälle vollzog. Zudem konnte, da ſeine Aufmerkſamkeiten für die Toch⸗ ter des Holzſchuhmachers die andern Mädchen, auf die er nicht mehr achtete, beleidigt hatten, der ſchöne Herr Julien keine einzige Tänzerin mehr finden. Dieſe öffentliche Kränkung hatte ſeine Eigenliebe gereizt, und er bewahrte einen Groll auf Adeline. Dieß war die Perſon, welche plötzlich ſich in die Beſchuldigungen miſchte, die der Holzſchuhmacher eben gegen ſich aufzu⸗ regen im Zug war. 246 „Ei!“ ſagte Herr Julien, ſich vertraulich unter die Trinker ſetzend, es gibt viele andere Dinge, die in dem Hanſe am Waſſer vorgehen! und es ſcheint, daß das Abenteuer des Stumpfſinnigen(man bezeichnete zuweilen Zephyr mit dieſem Namen) mit dem des Fräuleins in Verbindung ſteht.“ Bei dieſem Eingang ſchloß ſich die Gruppe der Zuhörer feſter um Herrn Julien, der dann mit jeglicher Art von Zurückhaltung, die noch einen nachtheiligeren Eindruck hervorbringt, als eine beſtimmte Verſicherung, eine jener Fabeln zu erzählen begann, bei welchen der Sprechende einem namenloſen Jemand all das Geſchwätz in den Mund legt, wofür er die Verantwortlichkeit nicht übernehmen will. Dieſe geſchickt geſponnene Fabel gab zu verſtehen, daß der kleine Zephyr einen Liebeshandel zwiſchen dem Fräulein und dem Zeichner, der ſeit zwei Jahren den Sommer in Montigny zubrachte, ent⸗ deckt datte. Um ſich an des Holzſchuhmachers Tochter, die ebenſo hart, als gegen Jedermann anmaßend und geringſchätzig war, zu rächen, hatte der Stumpf⸗ ſinnige das Geheimniß, das er entdeckt, dem Holz⸗ ſchuhmacher verrathen; aber Protat, ſtatt ſich an die beiden Schuldigen zu halten, ſeinen ganzen Zorn gegen den Angeber ausgelaſſen. Um den Stumpfſinnigen zu verhindern, daß er nicht ausſchwatze, hatte er ſich ſolche Drohungen gegen ihn erlaubt, daß dieſer, in der Meinung, ſein Meiſter wolle ihn umbringen, ſich in den Garten gerettet hatte, wohin Protat ihn verfolgte, und da geſchah es, daß er ins Waſſer gefallen war. „Aber,“ ſiel Jemand ein,„man behauptet, er habe Steine an den Füßen gehabt, als man ihn aus dem Waſſer zog, was beweiſt, daß er ſich ertränken wollte.“ Dieſer Umſtand ſchien der von dem Schreiber er⸗ zählten Anekdote zu widerſprechen, aber er umging die Schwierigkeit. „Da der Kleine ſich, um den Stockſchlägen zu 247 entgehen, ins Waſſer geworfen hat, ſo iſt dieß ganz wie ein Selbſtmord. Und überdieß,“ ſetzte er hinzu, „wiederhole ich nur, was man ſagt. Habe ich nicht eben jetzt erzählen hören, daß der Holzſchuhmacher, ſein Koſtgänger und die Madelon ſelbſt wie närriſch waren, als ſie glaubten, der kleine Burſche ſeie todt? War das Fräulein nicht ohne Bewußtſein? Nun! paßt dieß Alles nicht zu dem, was man ſagt, iſt es nicht die Beſtätigung eines Ereigniſſes, wie dieſer plötz⸗ liche Logiswechſel des Zeichners, der erſt geſtern in dem Hauſe am Waſſer ankommt, jetzt mit dem Lager aufbricht und in der Herberge ſich einquartirt?“ „Aber der Herr hat ſeine Koſt nicht hier,“ ſagte der Eigenthümer des Weißen Hauſes;„er ſchläft nur hier. Er hat ſein Zimmer einer Dame abgetreten, die bei Protat abgeſtiegen iſt.“ „Wahrhaftig,“ fuhr der Schreiber fort,„das iſt ein Vorwond; es hat Platz genng bei dem Holzſchuh⸗ macher, aber Protat dachte, der Auszug ſeines Koſt⸗ gängers würde das Geſchwätz zum Schweigen bringen, im Fall von dem Abenteuer etwas verlaute, was nicht ausbleiben kann,“ ſetzte er mit Ueberzengung hinzu, indem er ſeine Zuhörer betrachtete, die bereits nicht mehr daran dachten, ſich in eine Erörterung über die Wahrſcheinlichkeit dieſer Inſinuationen einzulaſſen. „Das alles,“ ſagte Einer,„das alles könnte häß⸗ lich ausfallen.“ „Ei!“ entgegnete der Schreiber,„ſo wie es iſt, iſt es ſchon jetzt nicht ſchön.“ „Mit allen dieſen Zieräffchen,“ ſetzte ein Anderer, Adelinen meinend, hinzu,„nimmt es ein ſchlechtes Ende. Mit ihren Manieren und ihrer Prinzeſſin⸗Toilette durfte man wohl vermuthen, daß der erſte, der ihr etwas weiß macht. 86 bemerkte ein Dritter, Vater einer einfälti⸗ gen, häßlichen Tochter,„der Geiſt, den man Mädchen 248 beibringt, iſt zu Nichts gut, als ſie zu dummen Strei⸗ chen zu verleiten.“ „Aber wie! hatte der Vater Protat keine Augen?“ „Ei!“ ſagte der Schreiber,„es gibt, wie es im Sprichwort heißt, keinen ſchlimmern Blinden, als den, der nicht ſehen will; außerdem iſt der Mann ſehr auf Gewinn verſeſſen, Er iſt ſchon jetzt kein allzu guter Chriſt, aber würde um einen Thaler von hundert Son ein Jude werden. Ich habe ihn auf der Amtsſtube ſich mit meinem Herrn wegen der Koſten eines ausgefertig⸗ ten Inſtruments wie einen Hund herumſtreiten ſehen. Er fand das Mittel, den gewöhnlichen Tarif herab⸗ zuſetzen. Er verdiente jedes Jahr viel mit dem Zeich⸗ ner, denn Sie können ſich leicht vorſtellen, daß der nicht handelte!“ „Bei Gott!“ fiel einer der Gäſte mit cyniſchem Lachen ein,„man hat ihm einen guten Biſſen gegeben. Es iſt gut gedrechſelt, das Fräulein, ſo bleich und nied⸗ lich gleich einem Herrgott von Wachs, esauch ſein mag.“ „Und zudem,“ fügte der Schreiber hinzu, indem er die Lunte noch weiter anblies,„wenn den Al⸗ ten auch die Luſt, ſich zu ärgern, angekommen wäre, das Fräulein, das ihn wie eine Kinderraſſel dreht, hätte ihn wohl daran zu verhindern gewußt.“ „Sie fürchtet alſo nicht, ſich in üble Nachrede zu bringen.“ „Sie weiß, daß ſie reich iſt und ſchon einen Mann für ihr Geld finden wird.“ „Das iſt wahr, ſie muß Etwas haben: der Holz⸗ ſchuhmacher ſteht gut und legt von Tag zu Tag zu. „Ja fürwahr,“ ſagte Herr Julien, den letzten Streich führend,„mit Protat ſteht es um ſo beſſer, je ſchlechter es mit Euch ſteht, und er legt in demſelben Maß zu, als Ihr abnehmt. So wird ſich, ohne daß Ihr daran denkt, mancher von Euren Thalern im Hei⸗ rathsgut ſeiner Tochter finden; darum iſt ſie ſo hoch⸗ 249 müthig gegen die Eurigen.“ Und Herr Julien enthüllte den Bauern die Geheimniſſe der Amtsſtube ſeines Herrn; er erklärte ihnen, daß die von ihnen in Fällen der Noth aufgenommenen Summen von dem Holzſchuh⸗ macher durch vorgeſchobene Mittelsperſonen geliefert worden ſeien, der ſich dritter Leute bediene, um deſto härter bei den Zinſen und unerbittlicher ſich zu zeigen, wenn das Ausbleiben der Zurückzahlung zu gerichtlichen Verfolgungen berechtige, die zu einem Zwangsverkauf führen müßten.“ „Ihr wart erſtaunt,“ fuhr der Schreiber fort, „daß es immer Protat war, der Eure Grundſtücke an ſich zu bringen wußte; das war nicht zu verwundern; er hat ſie nur ſich ſelbſt wieder abgekauft, weil Eure Gläubiger, Mortelet von Nemours und Compiaigne von Fontaineblean ſeine Namenleiher waren. Und Ihr wißt, wie viel Zeit dieſe Herrn zwiſchen einer Nicht⸗ Zahlung und einem Proteſt verſtreichen ließen.“ „Keine fünf Minuten weiter, als das Geſetz be⸗ willigt,“ ſagte ein Bauer, von deſſen Weinbergen der Holzſchuhmacher den Ertrag einthat.„Und wie ließ er die Zinſen ſteigen, wenn er in eine Borgfriſt willigte!“ „Ach ja!“ erwiederte ein Anderer,„der Zins hätte das Capital freſſen können.“ Dieſen lügenhaften Enthüllungen lag, wie allem Uebrigen, gleichwohl ein gewiſſes Maß von Wahrheit zu Grunde. Protat hatte wie alle Bauern, die von der Begierde, ſich zu vergrößern, gequält ſind und im⸗ mer finden, daß die Erndte auf des Nachbars Feld beſſer als dem ihrigen iſt, zwei oder dreimal, um ſeinen Markſtein in einen Weinberg von gutem Ertrag hinaus⸗ zuſetzen, deſſen Eigenthümer Geld vorſchießen laſſen, da er wohl wußte, daß das Unterpfand dafür ſpäter in ſeinen Beſitz kommen würde. Die Feindſeligkeit der Leute von Montigny gegen den Holzſchuhmacher hatte bis jetzt kaum einen andern Grund, als die Eiferſucht, 250 welche ihnen ſeine Wohlhabenheit in Verglich mit ihrem Nothſtand einflößte; aber Herrn Juliens Berichte verwandelten dieſe böſe Stimmung, die bis jetzt ſich paſſiv gehalten hatte, in einen Haß, der in ihren Au⸗ gen gerechtfertigt erſchien, als die Bauern erfuhren, daß das Vermögen des Holzſchuhmachers auf ihren Ruin gebaut war. Der Schreiber verrieth, daß dieſe Abneigung bei einer geſchickten Zuthat von Gift nicht viel bedürfe, um bei vorkommender Gelegenheit zur Thätlichkeit auszuſchlagen. „Bei Gott!“ ſagte er, ſich an zwei oder drei von denen wendend, welche ſich insbeſondere für ein Opfer der Spekulationen des Holzſchuhmachers hielten,„es iſt ein Unglück für Euch, daß Eure Güter Protats Eigen⸗ thum geworden ſind; in kurzer Zeit wird ſich damit ein ſchöner Schnitt machen laſſen.“ Er erklärte ihnen darauf, es wäre, aber noch insgeheim, von einer Zweig⸗ Eiſenbahn die Rede, welche das Thal des Loing durch⸗ ſchneiden ſollte. Indem er ſofort die Preiſe, welche die conceſſionirte Geſellſchaft für die in dem Riß be⸗ griffenen Grundſtücke bewilligen würde, noch ſteigerte, verdoppelte er deren Bedauern, daß ſie nicht mehr Eigenthümer dieſer Ländereien waren, und deren Haß gegen Protat, der von dieſem günſtigen Umſtand den Nutzen haben würde.“ „Ihr ſolltet verſuchen, ſie wieder von dem Holz⸗ ſchuhmacher an Euch zu bringen,“ ſagte er zu ihnen; „er denkt an nichts und möchte ſich dieſe Stücke im Petit⸗Barrau, die einen geringen Ertrag gewähren, vom Halſe ſchaffen; aber ich weiß, daß er ſich bereits, ſie zu verkaufen, geweigert hat, weil er keinen ordent⸗ lichen Preis fand. Es iſt ein Starrkopf, der ſich nicht entſchließen könnte, etwas zu verlieren, wenn er nicht durch irgend einen Umſtand, der für ihn eine Nöthi⸗ gung enthielte, ein unvorhergeſehenes Ereigniß, das ihn, die Gegend zu verlaſſen, zwänge, bedrängt würde.“ 251 ſollte er weggehen? All ſein Vermögen iſt hier.“ „Es gibt Fälle, wo das Intereſſe der Nothwen⸗ digkeit weichen muß. Nehmen wir zum Beiſpiel an, das Abenteuer des Fräuleins mit dem Zeichner.„. „Aber iſt dieſe Geſchichte auch gewiß?“ fiel einer der Bauern ein, der plötzlich von einem Zweifel er⸗ griffen wurde. „Laß doch Herrn Julien gehen,“ erwiederte ein anderer, der, feiner als ſein Geſellſchafter, ohne Zweifel ſah, wohin der Schreiber hinaus wollte. „Ich will mich nicht für die Geſchichte verbürgen,“ antwortete Herr Julten.„Die Angelegenheiten des Fräu⸗ leins gehen mich nichts an; ich habe nur das Reſultat im Auge, das irgend ein Lärm verurſachen könnte. Wenn Fräulein Protat ſich compromittirt fände, wäre ſie eine zu ſtolze Perſon, um in der Gegend zu blei⸗ ben, und würde ohne Zweifel ihren Vater nöthigen, dieſelbe zu verlaſſen. In dieſem Fall wäre der Holz⸗ ſchuhmacher, der Haus und Hof nicht mit ſeiner Schande fortnehmen könnte, zu verkaufen genöthigt, und könnte, wenn er ſich preſſirt fände, loszuſchlagen ſich, wie Ihr eben bemerktet, zu einem Vertrag willfähriger zeigen.“ „Und Sie ſagen, Herr Julien,“ erwiederte einer der Bauern,„daß die Zweigbahn durch meine Kartof⸗ feln gehen muß?“ „Durch Ihre alten Kartoffeln,“ antwortete der Schreiber mit Abſicht;„aber, fügte er hinzun,„Ihr begreift, daß wenn Protat zu verkaufen genöthigt iſt, er doch nicht anders als auf baar Geld verkaufen wird.“ „Ich verſtehe wohl. Das iſt gerade der Unſtern; ich habe nicht einen Sou.“ „Warum entlehnen Sie nicht bei Ihrem Vetter, dem Schmied von Sorgues? Sie könnten ihm⸗ einen 252 Antheil an dem Gewinn von der Affaire im Petit⸗ Barrau verſprechen.“ „Eil Sie wiſſen wohl,“ antwortete der Bauer, „daß mein Vetter wegen einer Katzenmuſik, welche die jungen Leute ſeiner Tochter brachten, die ſich von einem hatte verführen laſſen, von Sorques wegziehen mußte.“ „Richtig,“ erwiederte ruhig Herr Julien, ſeinen Schnurrbart ſtreichend,„ich hatte es vergeſſen.“ „Ei, wie!“ rief ouf einmal des Schmieds Vetter, „dem Vater Protat hängt eben ſo viel an der Naſe, wenn man in der Gegend die Schande ſeiner Tochter erfährt. Zudem, daß das Fräulein nicht geliebt iſt! Ich will meinen Roggen an der Straße von Larchant verkaufen, um bereit zu ſein, meine drei Hufen im Petit Barrau wieder an mich zu bringen, wenn der Holzſchuhmacher aus der Gegend abziehen wird.“ Die beiden andern Bauern fanden eine andere Combination, um bei demſelben Ziele anzukommen. Die Mine war einmal geladen, und der Epploſion, die an dem einen oder andern Tag erfolgen mußte, ge⸗ wiß, zog ſich der Schreiber, mit Selbſtzufriedenheit in ſeinen Schnurrbart beißend, aus der Geſellſchaft zurück und murmelte, vor ſeinem Abgang noch einen Blick auf das zahlreiche Küchengeſchirr des Weißen Hauſes werfend, mit leiſer Stimme: „Da ſind die Werkzenge, die ſich nicht einbilden, daß ich für ſie eben ein Geſchäft bereitet habe.“ 253 Pierzehntes Rapitel. Die Viper. Während dieſe Verſchwörung ſich gegen ſie, ohne daß ſie es vermutheten, anzettelte, ſahen Lazare und Adeline, die beide nicht ſchlafen konnten, beharrlich in ihren Gedanken alle die Details der kleinen Scenen, deren Schauplatz die Henwieſe Abends geweſen war, wieder und wieder vorüberziehen. Die Entdeckung ihres Namenszugs auf dem Sande neben dem Zephyrs hätte vielleicht unter andern Umſtänden nicht hingereicht, das Mädchen glauben zu machen, daß der Lehrling in ſie verliebt wäre; aber die Enthüllung Lazare's ließ ihr darüber keinen Zweifel. Sie erklärte ſich jetzt auch den Selbſtmord des Lehrlings und die Hausſuchung in ihren Schubladen, zu welcher ihn eine eiferſüchtige Ahnung getrieben hatte. Inzwiſchen hielten ſich ihre Gedanken, allzu beeilt, vorwärts zu kommen, kaum bei dieſer Liebe Zephyrs auf. Sie fand in ihrem Herzen nichts, als jene ſchweſterliche Sympathie, welche der Liebe des jungen Burſchen die Entſtehung gegeben hatte. Ein wenig Mitleid miſchte ſich vielleicht in dieſe Sympathie, wenn ſie daran dachte, daß der Lehrling dieſelben Lei⸗ den erduldete, welche ihre verkannte Leidenſchaft über ſie ſelbſt brachte; hernach meinte ſie, bei der Erinne⸗ rung an die nächſte Zukunft, die ſich für Zephyr eben vorbereitete, ſeine Liebe, aus der Abgeſchiedenheit ent⸗ ſtanden, würde ſich unter den Aufregungen einer Exi⸗ ſtenz, wo Alles für ihn zu einer Zerſtreuung werden 254 müßte, verwiſchen. Dieß war alles, was ſie ihm zu einer Stunde bewilligte, wo der Lehrling noch durch den Händedruck Adelinens ſich ſo ſehr aufgeregt fühlte. Man weiß, welche Unruhe noch den Tag zuvor Protats Tochter die Beſorgniß verurſachte, der Künſtler möchte von den Gefühlen, die ſie für ihn hegte, unterrichtet ſein. Das vertraute Ver⸗ hältniß, das zwiſchen dem Maler und dem Lehrling zu beſtehen ſchien, geſtattete ihr nicht länger, daran zu zweifeln. Als er Lazare ſeine Liebe offenbarte, hatte Zephyr nothwendiger Weiſe Alles offenbaren müſſen, was er von ihrem Geheimniß entdeckt hatte, das nach und nach ſeit zwei Tagen das Geheimniß der ganzen Welt wurde. Doch bennruhigte die Furcht, von dem Künſtler durchſchaut worden zu ſein, Adeline bereits weniger. Es gab ihr eine klarere Stellung ihm gegen⸗ über. Die Umſtände, welche ihrer ganzen Umgebung ihre Leidenſchaft für den Koſtgänger zur Keuntniß ge⸗ bracht hatten, befreiten ſie von der peinlichen Sorge, die ſie beſtändig anwandte, über ſich ſelbſt zu wachen, und noch mehr, ſie gewann Vertraute; fand ſogar be⸗ reits hülfreiche Hände; denn hatte ſie nicht durch Be⸗ folgung von Cécile's Rathſchlägen den Künſtler dahin gebracht, üble Lanne an den Tag zu legen, was nach ihrer Freundin Behauptung ein günſtiges Zeichen für ihre Leidenſchaft war? Während Adeline vergeblich den Schlaf ſuchte, fühlte auch Lazare die Schwierigkeit, Ruhe zu finden. Wenn er die Augen ſchloß, ſo war es nur, um den Traum wieder zu beginnen, den er am Abend auf der Wieſe im Heu gehabt hatte. Mit der, Träumen, die unter der Herrſchaft einer uns lebhaft beſchäftigenden Idee entſtanden ſind, eigenthümlichen Beharrlichkeit wiederholten ſich dieſe Erſcheinungen treu und genau, dieſelben Gemälde hervorrufend, auf denen ſich immer 255 Adelinens ſanftes Geſicht in den Vordergrund drängte. Als Lazare erwachte, griff ſeine Einbildungskraft gegen ſeinen Willen wieder die Bilder auf, welche im Schlafe ihm zu entſchlüpfen geſchienen hatten. Es war wie ein Buch, das ſich von ſelbſt bei dem Kapitel, wo man aufgehört hatte, wieder öffnete. Einen Augenblick ver⸗ miſchte der Künſtler in dieſer Nacht die Eindrücke des Traumes mit denen der Wirklichkeit. Durch das Krähen eines benachbarten Hahns geſtört, überraſchte er ſich, auf dem Bette ſich aufrichtend, bei den Worten:„Ich muß Madelon anbefehlen, den Hühnerſtall gut zu ſchlie⸗ ßen; dieſer verdammte Vogel hindert meine Adeline am Schlafen.“ Und als er nun merkte, daß er allein in einem Zimmer des Weißen Hauſes war, gerieth er in heftigen Aerger über die Wirthshausbetten, in denen man nicht ſchlafen konnte, und beſonders die Heuſcho⸗ ber, die Einem dumme Träume erregen. Am andern Morgen ging er, um alle dieſe Ge⸗ danken zu vertreiben, die ihn gegen ſich ſelbſt aufzu⸗ bringen begannen, vom Weißen Hanſe mit der Ab⸗ ſicht weg den ganzen Tag zu arbeiten. Nach dem Frühſtück machte er ſich auf den Weg in den Wald, etwas behindert dadurch, daß man Ze⸗ phyr mit einem Auftrag nach Fontatneblean geſchickt hatte, wodurch er in die Nothwendigkeit verſetzt wurde, ſeine Geräthſchaften ſelbſt zu tragen.„Schicken Sie wenigſtens, wenn er nach Hauſe kommt, ihn zu mir: ich werde den ganzen Tag am Feenteich oder in deſſen Umgebung ſein.“ So lange das Frühſtück dauerte, hatte Lazare be⸗ merkt, daß Frau von Livry ernſthaft, Adeline nachdenk⸗ lich blieb und Vater Protat weder aß noch trank, noch ſonſt nach ſeiner Gewohnheit redete. Im Augenblick, da er über die Thürſchwelle hinauswollte, fand er ſich Adelinen gegenüber. Da er während der Mahlzeit we⸗ 256 nig mit ihr geſprochen hatte und ſie ganz traurig ſah, dachte er, ſein Stillſchweigen wäre die Urſache ihrer Traurigkeit. Er ſagte ihr im Vorbeigehen ein kleines freundliches Wort, das er mit einer vertraulichen Lieb⸗ koſung begleitete; aber das Mädchen ſchien es ohne Vergnügen anzuhören. Lazare bemerkte, daß ſie einen raſchen Blick auf ſeine Kleidung geworfen und dieſe Unterſuchung ſie noch mehr betrübt hatte. Auf der Stelle kam dem Künſtler das, was Adeline den Kopf einnahm, zum Bewußtſein. „Ich habe Ihre Ermahnung nicht vergeſſen, mein Liebchen,“ ſagte er zu ihr, auf ſeinen Sack klopfend; „meine großen Kamaſchen ſind da drinnen, und ich werde ſie anziehen, ſo bald ich in den Wald komme.“ „Sie haben daran gedacht?“ fragte Adeline roth vor Vergnügen. „Meiner Tren,“ antwortete Lazare einfach,„ich denke ſeit geſtern viel an Sie, mein Liebchen.“ Und er ließ ſie ganz glücklich über dieſes Wort zurück, das ihre Einbildungskraft zu commentiren anfing und in das ſie Alles hineinlegte, was ſie zu hören gewünſcht hätte. Lazare war raſch durch das Dorf gegangen, ohne zu bemerken, daß ſein Erſcheinen anf der Hauptſtraße von Montigny die Leute, die nicht auf dem Felde wa⸗ ren, an die Thüre führte, und dieſelben, nach ihm zeigend, in Gruppen zuſammentraten, um leiſe zu ſchwatzen. Er nahm auch die beſondere Weiſe nicht in Acht, mit der Herr Julien, dem er an der Thüre des Weißen Hauſes begegnete, ihn gegrüßt hatte. Als er an dem Teich angekommen war und das Plateau über⸗ ſchritt, um nach der Wolfsſchlucht hinabzuſteigen, wo er Tags zuvor einen guten Vorwurf zu einer Studie bemerkt hatte, bot einer der Landſchaftsmaler, die er geſtern geſehen, der Eigenthümer des Hundes Lydie, Lazare, der an ihm vorbeiging, einen Gruß; dieſer machte 257*— Halt und ſie wechſelten einige Worte. Während des Geſprächs hatte Lazare einen neugierigen Blick auf 6 die Studie des Landſchaftsmalers geworfen. Seine erſte 6 Bewegung war, ſich die Angen zu reiben und um ſich zu ſehen. Man wird in der That das Erſtaunen be⸗ greifen, welches ihm die auffallende Metamorphoſe ver⸗ urſachte, welche der Landſchaftsmaler mit einer von ihm zum Vorbild gewählten Gegend vorgenommen hatte. Mit Ausnahme des Grundplanes hatte ſich Alles unter dem Pinſel des Kunſtzöglings nach der Natur modificirt. Dahin, wo die großen Eichen der Schlaf⸗ ſtätte ſtanden, hatte er italieniſche Pinien, ihren Sonnenſchirm öffnend, geſetzt; die Brombeerſträuche des Vipern⸗Buſches waren in Alos's und Caktus verwandelt; aus den in der Nachbarſchaft weidenden Kühen waren Büffel und große weiße Ochſen mit hohen Hörnern, wie man ſie in füdlichen Gegenden findet, geworden. Der friedliche Horizont der Brie in der Cham⸗ pagne war auf dieſem Gemälde mit einer Meuge von 1 Monumenten bereichert, wo griechiſche Architektur den Azur des Himmels zwiſchen den Säulenreihen der Tempel zerſtückelte. „Ein ſchöner Ort hier und eine große Natur,“ bemerkte Lazare gegen ſeinen Collegen; zugleich ſtreckte er die Hand aus, auf die Landſchaft zu zeigen, in deren Mittelpunkt ſie ſich befanden. „Dhne Zweifel,“ erwiederte der junge Mann ſehr ernſthaft;„aber es fehlt an Eleganz; vie Linien ſtoßen, brechen, verwirren ſich ohne Anmuth, und dann iſt der Horizont arm. Auch habe ich, wie Sie ſehen, einige glückliche Zuſätze gemacht.“. „Wirklich,“ ſagte Lazare,„Sie haben die Ma⸗ deleine⸗Kirche in den Hintergrund geſetzt. „Nein, das iſt ein Minerven⸗Tempel. Dieſer Por⸗ tikus erhöht den Adel der Landſchaft beträchtlich.“ Murger, Adeline Protat. 17 ℳ — 258 Lazare grüßte raſch ſeinen Collegen und ſetzte ſei⸗ nen Marſch fort. Als er in die nahe Schlucht hinab⸗ ſtieg, erblickte er einen andern Maler, der mit einer Hippe die niedrigen Schößlinge einer großen, quer auf dem Wege ſtehenden Eiche ausputzte. In demſelben Augenblick vernahm Lazare ein Krachen in dem Glie⸗ derbau des Baumes, und ein vom Stamm getrennter Aſt fiel geräuſchvoll auf den Boden. „Iſt's genug ſo?“ rief der Maler mit der Hippe, ſich nach der Seite wendend, wo einer ſeiner Collegen, die Hand über die Augen gelegt, aus der Ferne die durch jenen Hieb hervorgebrachte Wirkung zu prüfen ſchien.—„Es iſt genug,“ rief dieſer. Lazare fragte unbefangen nach der Urſache dieſer Verſtümmlung, deren Beweggrund er nicht begriff.— „Die Eiche hier iſt von ſehr ſchönem Styl, wie Sie ſehen können,“ antwortete der Landſchaftsmaler,„aber hatte einen Aſt von unglücklicher Zeichnung. Es war wie ein zerbrochenes Glied, das am Körper herabhing. Wir haben ihn amputirt, eben deßhalb ſehen Sie auch, wie ſehr ſie gewonnen hat. Man möchte ſagen, einer der majeſtätiſchen Gäſte von Dodona. „Aber, mein Herr,“ ſagte ihm Lazare,„wir ſind im Walde von Fontainebleau. Wenn dieſer Aſt Ihnen mißfiel, ſo hätten Sie ihn nicht abhauen, ſondern für die Andern ſtehen laſſen ſollen.“ Eine dritte Ueberraſchung wartete ſeiner gerade in der Gegend, wo er ſich einrichten wollte. Zwei andere Zöglinge dieſer griechiſchen Schule waren beſchäftigt, eine Felsmaſſe aufzuputzen. Der Eine, mit einer Schüppe bewaffnet, entfernte die Moosvegetation, welche, wenn die Sonne ſie verbrannt hat, in ſo reicher Färbung erſcheint, und, wenn der Regen ſie be⸗ netzt hat, wie Geſchmeide funkelt. Mit Hülfe eines kleinen Beſens beſeitigte der Andere die Ueberreſte die⸗ ſer Schur. Als nun die beiden Felſen, ihrer dichten, 259 grünen Pelzbekleidung beraubt, mit ihrer grauen Farbe und ihren nackten Ecken ſich den Blicken darſtellten, rie⸗ ben die beiden Landſchaftsmaler mit einer Miene der Selbſtzufriedenheit ſich die Hände. Lazare erkundigte ſich bei ihnen nach dem Grund dieſer Handlungsweiſe: man antwortete ihm, es wäre, um den Styl der unter dem Moos verſchwindenden Blöcke beſſer ſchätzen zu können. „Aber,“ ſagte Lazare ſeinen beiden Nachbarn,„im Augenblick hatten Sie Felſen daneben, jetzt ſind das nichts als Werkſtücke.“ Doch ſeine beiden Nachbarn hatten ſich zu gleicher Zeit, da er das ſeinige begann, an ihr Geſchäft ge⸗ macht. An der plötzlichen Weiſe, mit der er ſeine Skizze ergriff, erkanuten ſeine Collegen ſehr ſchnell, daß er nicht zu ihrer Schule gehörte, und als ſie ihm den Namen ihres Lehrers genannt hatten, konnte Lazare ſich nicht enthalten, auszurufen:„Ihr Lehrer hat doch Talent und ſchafft ſchöne Werke. Wie iſt es möglich?“ Lazare bemerkte, daß er eine Grobheit auf der Zunge hatte, und bielt zurück. Während der Arbeit knüpften die beiden Landſchaftsmaler ein Geſpräch über moderne Malerei an. Da ſie mit einer Sicherheit der Ueberzeugung ſprachen, die nur der Unwiſſenheit an⸗ gehört, ſo gab es keine Art von Verachtung, die ſie nicht auf alle die Meiſter häuften, deren Manier von der ihres eigenen abwich. „Daß es in allen Künſten gleich ſein ſoll!“ mur⸗ melte Lazare.„Glücklicherweiſe iſt die Kunſt groß und dieſe Herren ſind klein.“ Gleichwohl bereute er bald dieſe plötzliche Anwandlung, der er ſich hingegeben, als er aus dem Geſchwätz der beiden Landſchaftsmaler er⸗ kannte, daß er es nicht mit Künſtlern von Profeſſion, ſondern mit Dilettanten zu thun hatte, für welche Studien nach der Natur nichts als eine Gelegenheit 260 zu einer Promenabe und ein Vorwand waren, ſich als edelmänniſche Künſtler zu kleiden. Etwa zwei Stunden hatte Lazare gearbeitet, als er einen ſeiner Nachbarn rufen hörte:„Halt, Leute... „Damen!“ fügte der andere hinzu; unnd raſch fuhr er mit der Hand in ſeine Haarlocken, in den Knoten ſeiner Halsbinde, und ſchüttelte dann mit ſeinem Ta⸗ ſchentuche den Staub ab, der ſeine lackirten Schuhe bedeckte. „Wetten wir, daß ſie Handſchuhe anziehen,“ mur⸗ melte Lazare, ohne ſich nach der Seite zu wenden, von wo ſeine Nachbarn eben die Ankunft der Damen ſig⸗ naliſirt hatten; darauf erhob er plötzlich den Kopf, als er ſich rufen hörte. Oben an der Schlucht, die ſie herabzuſteigen anfingen, erblickte er zwei Damen, die er anfänglich nicht erkannte, denn ihr Geſicht war durch den Sonnenſchirm verdeckt; aber vor ihnen her und, wie es ſchien, ihnen zum Führer dienend, marſchirte eine kleine Geſtalt, die Zeichen machte und immer rief. „Herr Lazare, wir ſind es, ich bin es.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Lazare, als Zephyr in ſeiner Geſichtsweite war, Du thuſt wohl daran, es zu ſagen, ich hätte es mir nicht einfallen laſſen.“ Wirklich war Zephyr ganz unkenntlich, und aus folgendem Grunde geworden. In Aufträgen den Mor⸗ gen nach Fontainebleau geſchickt, hattte er eine Idee ausgeführt, die ſeit geſtern Abend ſein Gehirn durch⸗ kreuzte. Wieder in den Beſitz der achtzig Franks ge⸗ ſetzt, welche der alte Protat, da ihm deren Quelle er⸗ klärt worden war, ihm wieder zugeſtellt, hatte Zephyr das Geld zum Ankauf eines Herren⸗Anzugs ver⸗ wendet. Die ſchlechten Kleider eines Holzſchuhmacher⸗ Lehrlings waren ihm unverträglich mit ſeinem künftigen Berufe vorgekommen. Geſtern aber von Adeline gün⸗ ſtig behandelt, hatte er ſich eingebildet, ſie würde noch mehr auf ihn Acht geben, wenn er in der Sorge für 261 ſeine Perſon etwas Ausgeſuchtes anbrächte, was ihm bis jetzt noch nicht eingefallen war. In dem Laden⸗ zimmer eines Trödelkrams ſeine ganze Erſparniß zu⸗ rücklaſſend, wurde er vom Fuß bis zum Kopf mit einem ſtädtiſchen Coſtüme ausſtaffirt, das ihm ſo gut als ſchlecht, eher ſchlecht als gut ſtand. Er hatte ſeibſt Handſchuhe gekauft; aber da es ihm nie gelang, ſeine Hände hineinzubringen, und er doch auf der andern Seite nicht wollte, daß dieſer Beſtandtheil ſeiner Tvilette ver⸗ loren wäre, hatte er die Handſchuhe in ſeine Hutſchnur geſteckt. Er war ohne Zweifel über dieſe improviſirte Eleganz ſelbſt verlegen, aber mehr konnte er noch lächerlich erſcheinen. Kurz, die Leute, die ihn nicht kannten, hätten ſich nicht umgedreht, ihn zu ſehen. Er hatte ſelbſt, als er über die Straßen von Fontaine⸗ bleau ging, einen gewiſſen Verdruß über die Gleich⸗ gültigkeit empfunden; aber die Neugier und Bewun⸗ derung, die er bei der Rückkehr nach Montigny auf ſeinem Gang durch das Dorf erregte, hatten ihn bald getröſtet. An jeder Tyüre hielt man ihn auf. „Iſt es Vater Protat,“ fragte man ihn,„der Dich ſo kleidet, um Holzſchuhe zu machen?“ „Ich ganz allein, mit meinem Geld,“ antwortete Zephyr, nachläſſig den Untertheil ſeiner Hoſe auf⸗ hebend, damit man den rothen Schaft ſeiner lackierten Stiefel ſehen könnte. „Und woher nimmſt Du das Geld?“ fuhren die Nengierigen fort. „Ah! das iſt ein Geheimniß.“ Und er ſetzte mit den Augen blinzelnd hinzu:—„es gibt viel Neues ſeit zwei Tagen!“ Jede ſeiner Antworten wurde lang commentirt. Das öffentliche Uebelwollen, das Protats Haus unter die Wachſamkeit einer geſchickt verſteckten Polizei ge⸗ ſtellt hatte, zog aus allen Ereigniſſen, die ihm zur Kunde kamen, ſeine Folgerungen. Als Zephyr Herrn 262 Julien begegnete, war er einem förmlichen Verhör unterworfen worden. Er hatte unter Anderem dem Schreiber erklärt, daß er mit ſeinem Freund, Herrn Lazare, ſich nach Paris begeben werde. Zephyrs Ein⸗ tritt in das Haus des Holzſchuhmachers war ein wah⸗ rer Theater⸗Conp: die Madelon hatte ihn Herr ge⸗ nannt; Cécile hatte gelacht wie eine Närrin; Adeline nur gelächelt. Die ſchönen Kleider Zephyrs ſchienen übrigens gerade recht zu kommen. Adeline hatte, einer Phantaſie ihrer Freundin zu Gefallen, die Kleider, die ſie einſt im Hauſe von Bellerie getragen, wieder ange⸗ legt, und konnte vom Stiefelchen bis zum Hute in dem hübſchen Aufzuge eines Burgfräuleins die Prüfung weiblicher Kritik herausfordern. Die Rückkehr Zephyrs erfolgte gerade zur Zeit, um der Ungewißheit der bei⸗ den Frauen ein Ende zu machen. Adeline, die wußte, daß Cérile die Waldpartieen in der Nachbarſchaft von Montigny noch nicht kannte, hatte ihr daher vorge⸗ ſchlagen, ihr als Führerin zu dienen; Cécile hatte ſich die Miene gegeben, als verſtände ſie das wahre Motiv dieſer feinen Einkleidung nicht. Was Beide in Ver⸗ legenheit ſetzte, war, allein zu gehen. „Wer weiß,“ ſagte Cécile,„wir begegnen vielleicht Herrn Lazare; er kann uns auf der Rückkehr be⸗ gleiten.“ „Ja,“ ſetzte Adeline erröthend hinzu,„aber um hinzugehen?„. Und dann wiſſen wir nicht, wo La⸗ zare zu finden.“ „Ich weiß wohl, wo er iſt,“ fiel Zephyr ein. Er hat Madelon den Auftrag gegeben, mich nach dem Teich zu ſchicken.“ „Wenn Sie ſo weit gehen,“ ſagte nun ihrerſeits die Magd,„ſo muß man Eſel miethen; Sie können eine gute Strecke machen, ohne müde zu werden, und Ze⸗ phyr wird Sie führen.“ Jedermann war mit dem Vorſchlag einverſtanden, 263 beſonders der Lehrling, der ſich für den Heimweg die Geräthſchaften des Malers vom Halſe geſchafft ſah. Man trat nun den Spaziergang an, welchem die Toch⸗ ter des Holzſchuhmachers die gerade Richtung auf das wahre Ziel, das ihr denſelben wünſchenswerth machte, gegeben hatte, und ſo gelangten die zwei Perſonen zu dem Teich, wo Zephyr die ländlichen Reitthiere, mit denen man ſich nicht in die Tiefen der Wolfsſchlucht wagen konnte, an einen Baum anband. Als Lazare Adeline und ihre Freundin erkannte, erhob er ſich und empfing die beiden jungen Frauen mit einer gleich förmlichen Höflichkeit. Was ſeine Nach⸗ barn betrifft, ſo hatten dieſelben alsbald ihre Feld⸗ ſtühle angeboten, damit die Damen Platz nehmen könn⸗ ten, und erſchöpften nun das Wörterbuch ihrer Compli⸗ mente Lazare's Collegen ſchienen ſeitdem eine bis jetzt anonym gebliebene Achtung gegen ihn äußerlich zu be⸗ zeigen, und der eine von ihnen machte ihm nun ganz laut die lebhafteſten Lobeserhebungen wegen ſeiner Studienzeichnung. Um dieſe Beifallsbezeugungen küm⸗ merte ſich Lazare wenig; als aber ſein College ſie im Geſpräch mit Adeline auf ihn anwandte und jede Phraſe mit einer reſpectvollen Verbeugung unterbrach, empfand er ein Vergnügen dabei, die Tochter des Holzſchuhmachers für ein Fräulein von Welt von Leuten, die dieſer angehörten, genommen zu ſehen. In Bezug auf Zephyr hatten ſich die adeligen Künſtler nicht getäuſcht und ein Lächeln mit einander ausge⸗ tauſcht; ſie hatten ſelbſt einen Scherz verſucht, der von Lazare gehört wurde. Er nahm geſchickt davon Veranlaſſung, den Lehrling als einen Collegen ihnen vorzuſtellen. Mit zwei Worten erzählte er ihnen ſeine Geſchichte.„Es iſt ein treuherziger Burſche, welchen die Kunſt in der Einöde gefunden hat; er hat kein Wiſſen und keinen Lehrer! er iſt ein Bildſchnitzler ge⸗ 264 worden, wie Giotto ein Maler, und mich hat der Zu⸗ fall zu ſeinem Cimabue gemacht. Dieſe Apologie des Lehrlings war inmitten einer Gruppe gemacht worden, die aus allen in der Um⸗ gegend zerſtrenten Künſtlern beſtand, die ſich den bei⸗ den Nachbarn Lazare's, ihren Freunden, genähert hatten, um damit Gelegenheit zu finden, auch den Damen nahe zu kommen. Unter den Neuangekommenen fanden ſich zwei oder drei, welche in Fontainebleau Arbeiten des Künſtlers gekauft hatten. Sie überboten noch das, was Lazare in Bezug auf ſein Talent ge⸗ ſagt hatte. Sie luden Zephyr ein, wenn er in Paris wäre, ſie zu beſuchen. Sie wollten ihn in den Sa⸗ lons vorſtellen und mit der Geſellſchaft in Verkehr brin⸗ gen, durch deren Einfluß der ſchleppende Gang, über dem das Talent oft in der Dunkelheit zurückbleibt, ab⸗ gekürzt wird. Ihre Karten, die ſie Zephyr übergaben, zeigten größtentheils hohe Standesperſonen an. „Danke dieſen Herrn für ihre guten Abſichten,“ ſagte Lazare zu Zephyr, der bei der Wahrnehmung, daß Marquis und Vicomtes ihm ihre Freundſchaft an⸗ boten, ganz purpurroth geworden war;„aber wenn Du in Paris biſt, erinnere Dich daran: es gibt in der Kunſt zwei Dinge die, ſchlecht angewendet, mehr ſcha⸗ den als nützen: das iſt zu viel Glück und zu viel Lob.“ „Ah! mein Herr,“ rief einer der jungen Leute mit zweifelndem Tone,„wir wollen verſuchen, ihn bekannt zu machen.“ „Nur nicht zu früh,“ fuhr Lazare fort;„das wäre eine Unklugheit. Ich will dieſen jungen Burſchen gegen die vorzeitigen Verführungen des Modebeifalls ſchützen, eine Krankheit des Talents, welche alle An⸗ fänger bedroht. Wenn er Geduld und Willen hat, wird er es an ſich kommen laſſen, wie es an einen Künſtler kommt, ohne den Andern als eine Curioſität in den Weg zu treten; aber wird er warten können?“ 265 „Ich zweifle,“ flüſterte Cecile Lazare ins Ohr; „ſehen Sie, wie er ſich aufbläht.“ „Und ſehen Sie, wie Adeline ihn anblickt, ſetzte Lazare ärgerlich hinzu. „Das iſt ſehr natürlich,“ erwiederte die junge Frau; „ſie bildet ſich etwas auf ihren Bräutigam ein, bis ſie auf ihren Gatten ſtolz ſein darf. Dann werden ſie ganz zuſammen paſſen, eins ſo hochmüthig als das andere.“ Da Adeline alles, was bisher in Betreff Zephyrs geſagt worden war, anhörte und ſah, wie fünf oder ſechs junge Leute das, was ſie ſchon von dem Talent des Lehrlings vernommen hatte, beſtätigten, betrachtete ſie wirklich denſelben mit erſtaunten Augen und ver⸗ heimlichte die Freude nicht, den ihr der plötzliche Glücks⸗ wechſel deſſen verurſachte, für welchen ſie die Theilnahme einer Schweſter empfand. „Kommen Sie nun uns die Wolfsſchlucht mit allen ihren Einzelnheiten zu zeigen,“ ſagte Cecile zu Lazare, deſſen Arm ſie nahm, ehe er es gewagt hatte, ihr den⸗ ſelben zu bieten. Und ſie begann voranzuſchreiten, während Adeline, durch einen Blick ihrer Freundin be⸗ lehrt, ihrerſeits Zephyrs Arm nahm. Auf dieſer Promenade, wo ſie über Brombeerſtan⸗ den und Buſchwerk den krummen Windungen des ſoge⸗ nannten Dilettanten⸗Wegs folgten, der ſich alſo hinzog, daß er den Spaziergänger der Reihe nach an allen landſchaftlichen Anſichten vorüberführte, hatte Lazare fortwährend ſeiner Geſellſchafterin ſichtbare Pro⸗ ben eines Verdruſſes gegeben, der in allen ſeinen Aeußer⸗ ungen durchbrach. Jeden Angenblick wandte er ſich um, auf Adeline hinter ihm zu ſehen, die mit Zephyr in einer Unterhaltung begriffen ſchien, die dem Aus⸗ ſehen nach bei denen, welche ſie beobachteten, den Glauben an eine innige Vertraulichkeit der Sprache erregen konnte, die unter ihnen nicht beſtand, denn Zephyr be⸗ — 266 griff nicht ein Wort von den abgebrochenen Redensar⸗ ten, welche das Mädchen an ihn richtete, da ſie in Wirklichkeit mit dem Paar, das vor ihr her ging, all⸗ zuſehr im Geiſte beſchäftigt war. Als Lazare ſah, daß die Tochter des Holzſchuhmachers ſehr ernſthaft mit Zephyr ſchwazte, begann er ſelbſt das Geſpräch mit ſeiner Begleiterin in einem angelegentlichen Tone zu führen, und da Cecile ohne Zweifel das Motiv errieth, das Lazare, der ſich bisher ſo zurückhaltend gegen ſie benommen hatte, zu einer ſolchen Handlungsweiſe trieb, ſo ging ſie ziemlich frei auf einen Austauſch gezierter Redensarten und Höflichkeiten ein, der ihr Spaß machte. Der Künſtler ſetzte ſich während der zehn Minuten eines Spaziergangs mit Galanterieen in größere Un⸗ koſten, als er gegen irgend eine Frau, ſo lange er auf der Welt war, aufgewendet hatte. Er ſtützte ſie, um über die Riſſe des Bodens hinweg zu kommen, er lief vor ihr her, die Zweige, welche ſie auf dem Gang hinderten, auf die Seite zu biegen, er hatte ihr Son⸗ nenſchirm, Shawl und Hut abgenommen, den er mit unglaublicher Ungeſchicklichkeit trug, und auf dem gan⸗ zen Wege gingen die leichten, verliebten Worte und Winke dermaßen hin und her, daß Lazare zu ſich ſelbſt ſagte:„Das iſt ja ein ſehr leichtes Dämchen!“ Dieſes ganze Benehmen entging Adeline nicht, welche von Seiten Zephyrs der Gegenſtand von Anfmerkſamkeiten war, ganz denen ähnlich, welche der Künſtler ſeiner Begleiterin zu erweiſen ſchien, denn der Lehrling ahmte Lazare in den geringſten Bewegungen ſklaviſch nach; er ſchob mechaniſch Zweige weg, die nicht vorhanden waren, und zwang das Mädchen, ihm die Hand zu geben, über Spalten hinwegzuſteigen, von denen keine Spur war. Auf einmal wandte ſich Lazare um und ſah, wie Zephyr Adeline um den Leib faßte; ſie war über einen Haufen Fichtennadeln ausgegleitet und der Lehrling hatte ſie gehalten. 267 „Zephyr,“ rief ihm Lazare zu,„ſteig ein wenig da hinab, meine Sachen zu richten, und pack Dich nach Montigny, wir werden Dich ſchon einholen.“ „Aber,“ antwortete der Lehrling, ich brauche mich nicht zu beladen, weil Eſel da ſind, die auf uns warten.“ „Dann,„erwiederte der Künſtler,„packe die Eſel und bringe ſie nach der Schlafſtätte, wo wir wieder zu Dir ſtoßen werden.“ 6 Zephyr ſtieg, ſichtbar mit Widerſtreben, in die 3 Schlucht hinunter. Lazare ſtellte ſich aber, als dächte er gar an nicht Adeline, die allein geblieben war, und ſetzte, ohne auf ſie zu warten, ſeinen Weg mit Cecile fort, etwas verlegen über die emſigen Beweiſe des Ent⸗ gegenkommens von Seiten ſeiner Begleiterin. Derſelbe Unfall, der Adelinen eben begegnet war, erneuerte ſich bei Cecile. Sie ſtieß auf Fichtennadeln, welche das Fallen auf dieſen Wegen ſo häufig machen, und ſie war ſchon halb zur Erde geneigt, als Lazare, der dießmal Zephyr nachahmte, ſie heftig in ſeine Arme faßte und in der Bewegung, die er, um wieder ins BGleichgewicht zu kommen, machte, ſie vielleicht etwas enger an ſich drückte, als nöthig war. Cecile erröthete, bei Lazare wäre es wohl auch dazu gekommen, als zu gleicher Zeit Adeline herbeikam, ganz blaß und ſo zitternd, daß ſie ſich einen Augenblick an einen Felſen lehnen mußte. „Ihr laßt mich ganz allein,“ ſagte ſie, mit einem Lächeln gegen die beiden jungen Leute, das ganz wie ein Vorwurf ausſah. „Ich glaubte, Sie hätten Zephyr in die Schlucht begleitet,“ antwortete Lazare kalt. „Sie haben mir nichts davon geſagt,“ flüſterte Adeline ſanft. Lazare wurde gerührt; er ließ Ceciles Arm ſoh ren, die ihm mit einem Nicken des Kopfes zu gleicher K 268 Zeit dankte, als Lazare ſie mit einem Blick um Ver⸗ zeihung für die Rolle bat, die er von ihrer Gefällig⸗ keit verlangt hatte. Dieſer ſtumme, raſche Austauſch von Gedanken wurde durch einen ſchrecklichen Schrei, den Adeline ausſtieß, unterbrochen. Die Veranlaſſung war folgende: Mit andern Gedanken beſchäftigt, hatte die Tochter des Holzſchuhmachers eben nur ſo viel wahrgenommen, daß Lazare das Verſprechen, das er ihr beim Abgang in den Wald gegeben, nicht gehalten hatte. Wirklich war es ihm, ungeachtet er ſeinen Sack, um ſich an die Arbeit zu begeben, aufgeſchnallt hatte, nicht eingefallen, ſeine großen Kamaſchen anzulegen. In derſelben Sekunde, da ſie ſich von dieſer Vergeſſen⸗ heit überzeugte, erblickte Adeline auf dem Sande des Fußpfades, zwei Schritte von Lazare und in der Rich⸗ tung, der fle folgte, etwas Schwarzes, das daher kroch. „Ah! Lazare, ziehen Sie ſich ſchnell zurück— eine Viper!“ Lazare, durch dieſen Schrei erſchreckt und nicht wiſſend, von welcher Seite das Reptil herkomme, bewegte ſich im Gegentheil nach demſelben zu; aber in dieſem Augenblick trat Adeline, ſchneller als er, mit ihrem Fuß auf das Thier, ehe er den ſeinigen darauf ſetzen konnte. Plötzlich ſah Cecile ſie erblaſſen und mit der Hand nach der Bruſt fahren, als wollte ſie einen Schmerzensſchrei zurückhalten. Sie hatte das Thier auf den Schwanz getreten, und dieſes ſich mit dem Kopf umgedreht, den obern Theil ſeines Körpers dem Mädchen um den Fuß geſchlungen, das ſich nun leicht gebiſſen fühlte. Ein doppelter Schreckenslaut entfuhr ſogleich Cecile's und Lazare's Munde. Dieſer hatte ſich raſch niedergebückt, die Schlange mitten am Körper gefaßt und ihr, ehe ſie ihn ſelbſt beißen konnte, mit dem Stiefel den Kopf zertreten. „Mein Gott! mein Gott! was anfangen? Armes Kind!“ rief Cecile, mit einem Blick auf Adeline, welche der Schrecken unbeweglich machte. 269 „Verlieren wir weder Kopf noch Zeit,“ ſagte La⸗ zare, der ruhig war, aber blaß wie ſein Hemde; zog dann ein Feldmeſſer, an dem eine kleine Scheere ſich befand, aus der Taſche und reichte ſie Cecile, die ihrer Freundin ein flüchtiges Salz vor die Raſe hielt. „Laſſen Sie dieſelbe in Ohnmacht,“ fuhr der Künſt⸗ ler fort;„das iſt beſſer für die Operation, die ich vorhabe. Nehmen Sie meine Scheere und ſchneiden Sie den Strumpf auf. Ich will das Thier unterſu⸗ chen. Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Viper iſt, oder ſonſt eine Schlange,“ ſagte der Künſtler, ſich mit dem Kopfe bückend. „Aber Adeline iſt geſtochen! ſehen Sie...“ ſagte Cecile, am Fnße ihrer Freundin einen kleinen, rothen Punkt zeigend, an dem ein Blutstropfen hing. So will ich denn Vorſichtsmaßregeln treffen,“ er⸗ wiederte Lazare, ein kleines Fläſchchen aus der Taſche ziehend, das er Cecile übergab.—„Wenn ich Ihnen ſage: gießen Sie aus, ſo werden Sie das auf die Wunde, welche ich machen will, laufen laſſen. Es iſt Alkali(Langenſalz). Wir haben immer bei uns, wenn wir den Wald gehen, und Sie ſehen, wie gut es iſt. Und Lazare kniete neben Adeline nieder, hielt ihr das Bein mit der einen Hand, während er mit der andern die Klinge an ſeinem Meſſer aufmachte. „Sie zaudern,“ ſagte Cecile, neben ihm kniend, mit dem Fläſchchen in der Hand. „Ja, ich zaudere, ihr wehe zu thun.“ Aber auf einmal zog ſich das Geſicht Adelinens, die bisher unbeweglich geweſen war, etwas zuſammen, und Lazare glaubte zu bemerken, daß ihre Bläſſe zu⸗ nahm. „Ha,“ rief er,„das Gift!. Und mit zwei Bewegungen ſeines Meſſers machte 270 er an dem Fuß des Mädchens einen kleinen Kreuzſchnitt. In demſelben Angenblick, da das Blut hervorkam, goß Cecile das Laugenſalz aus, das Lazare in die Wunde zu bringen bemüht war. Der kalte Stahl und der Schmerz, welchen ihr der Einſchnitt verurſacht hatte, brachten Adeline wieder zur Beſinnung. „Du biſt gerettet!“ rief ihr Cecile zu. Adeline, ganz zum Bewußtſein ihrer Lage gekom⸗ men, blickte zuerſt auf den Künſtler, der damit beſchäf⸗ tigt war, ihr ſein Taſchentuch um den Fuß zu binden. Inzwiſchen, da dieß alles in weniger als drei Minuten geſchehen, war der Kuhhirte, der das Geſchrei gehört hatte, von der Schlafſtätte herbeigekommen. Der Künſtler erzählte ihm den Vorfall. Der Hirte billigte die genommenen Maßregeln und ſetzte hinzu: man muß nur das Fräulein ſchnell heimführen und ſie mit glühendem Eiſen brennen; aber,“ fuhr er fort, „Sie haben die Viper getodtet, ſchenken Sie mir die⸗ ſelbe; ich ſage dem Adjunkten(Amtsgehülfen), ich habe ſie umgebracht, und er gibt mir fünf Sou.“ Lazare zeigte ihm die Schlange, die er zertreten hatte. „Ach ja! es iſt ein Unglück,“ ſagte der Hirte, das Thier unterſuchend, daß es keins Viper iſt. „Es iſt eine Natter!“ rief Lazare erfreut. „Wenn es nur eine Natter wäre, die gälte zwei Son,“ ſagte der Hirte, den Kopf ſchüttelnd. „Was iſt es denn?“ fragte Cecile. „Das iſt nur eine Blindſchleiche; ein ſolches Thier iſt nichts werth.“ „Es iſt alſo giftig?“ „Ach nein! mein Herr; auch zahlt die Mairie nichts dafür, daß man ſie umbringt.“ Ein Freudenlächeln lief zu gleicher Zeit über Ade⸗ linens, Lazares und Ceciles Lippen. „Wie haben Sie aber denn nicht geſehen,edaß dieß 271 ein unſchädliches Thier war?“ fuhr der Hirte fort, das Thier mit der Spitze ſeines Stabes umwendend. „Aber das Fräulein iſt gebiſſen worden, und wir hatten Angſt.“ „Dieſe Thiere ſind doch leicht zu erkennen; und obgleich der Kopf von dieſem zertreten iſt ſieht man doch noch wohl, daß es keine Augen hatte.“ Und er warf das Reptil in einen Buſch. „Was haben Sie mir Angſt gemacht, mein Herz!“ ſagte Lazare leiſe, ſich Adelinen wieder nähernd. „Sie ſagten mir, Sie dächten an mich,“ antwortete das Mädchen deßgleichen.„Sie ſehen wohl, es iſt nicht ſo: hätten Sie an mich gedacht, ſo hätten Sie Ihre Kamaſchen angezogen; wäre das der Fall ge⸗ weſen, hätte ich keine Angſt gehabt, und ohne dieſe auch nicht beim Anblick der Schlange geſchrieen.“ „Aber als Sie dieſelbe ſahen, warum ſind Sie darauf getreten?“ 3 „Sieh doch!“ antwortete Adeline,„Sie wollten ja den Fuß darauf ſetzen.“ Als er dieſes ſo einfach ausgeſprochene Wort hörte, das ihm ſo viel Aufopferung und Liebe offenbarte, fiel Lazare vor Adeline auf die Kniee, und Eecile wandte ſich bei dieſem Anblick ab, als wollte ſie die Wirkung der untergehenden Sonne betrachten. Eine Viertelſtunde nachher war die Karavane un⸗ terwegs. Zephyr wollte ſeine Funktionen als Cavalier bei Adeline wieder übernehmen, fand aber den Platz beſetzt. Lazare führte den Eſel, auf dem die Tochter des Holzſchuhmachers ritt, am Zaum und leitete ihn auf dem Wege. Der Lehrling tröſtete ſich damit, daß Cecile ihm das zweite Reitthier überließ, auf welchem er einen neuen, triumphirenden Einzug in Montigny hielt. Dieſe gemeinſchaftliche Rückkehr mit dem Koſtgänger des alten Protat erregte neues Gemurmel unter allen Bewoh⸗ nern, welche vor ihrer Thüre der Kühlung genoſſen. Fünßehntes Rapitel. Die Katzenmuſik. Als ſie von ihrem Spaziergang in das Haus des Holzſchuhmachers eintraten, eilte ihnen Madelon ent⸗ gegen. Die alte Magd ſchien ganz niedergeſchlagen. „Du weißt nicht, Madelon,“ ſagte Adeline zu ihr, „ich glaubte von einer Viper im Walde gebiſſen wor⸗ den zu ſein.“ Und ſie erzählte ihr das Abentener. „H! mein armes Mädchen, Du haſt Dich nur in der Zahl getäuſcht: nicht eine Viper hat Dich ge⸗ biſſen, zwanzig, hundert. Und ſie zog ihre junge Her⸗ rin, ganz erſchreckt von dieſen ſonderbaren Redensarten, in ihr Zimmer. Im Augenblick, da Lazare, der zuletzt hereinkam, das Speiſezimmer betrat, erblickte er Protat, der ſich, das Geſicht mit den Häuden bedeckend, auf den Tiſch ſtütßzte. Als er den Kopf erhob, da er den Schritt des Koſtgängers erkannte, bemerkte dieſer, daß das Geſicht des Holzſchuhmachers in Thränen gebadet war, und er um ein Jahr gealtert ſchien. „Was gibts, Vater Protat?“ rief Lazare wahrhaft unruhig. „Es gibt,“ rief Madelon, die eben plötzlich ein⸗ trat,„daß man im Dorfe ſagt, Sie ſeien 4. „Aber was denn?“ rief Lazare ungeduldig. „Der Liebhaber meiner armen Tochter!“ ſagte der alte Protat. Rach der erſten Bewegung unwilligen Erſtaunens, welches ihm dieſe Entdeckung verurſachte, bat Lazare um Erklärungen. Wenn er in Gedanken ſein ganzes . 273 bisheriges Benehmen gegen Adeline, ſeitdem er das Mädchen kannte, zufammenfaßte, vermochte er nicht eine Thatſache zu finden, mit welcher auch das keckſte Uebel⸗ wollen ſich waffnen konnte. „Es iſt unmöglich,“ rief er,„man hat das nicht geſagt, man hat das nicht ſagen wollen! Sie machen ſich zu ſchnell Unruhe. Es iſt ein Mißverſtändniß, ein vereinzeltes Geſchwätz einer namenloſen, durch ein Band mehr oder ein Endchen Spitzen verurſachten Eiferſucht. Ihr Leute vom Dorfe ſeid mißgünſtig, ein Hieb mit der Zunge iſt ſchnell gegeben. Das iſt nicht gefährlicher, als der Biß der Blindſchleiche, der uns im Walde ſo bekümmert hat und von dem keine Spur mehr übrig iſt.“ Aber als er die Erzählung des ſeiner Tochter wi⸗ derfahrenen Unfalls hörte, antwortete Protat, der eine gewiſſe Aufregung hatte blicken laſſen, mit einem Ton, deſſen Ueberzeugung Lazare erſchreckte: „Beſſer würde es vielleicht ſein,“ die Blindſchleiche wäre eine wirkliche Viper geweſen.“ O!“ murmelte Madelon, der dieſe Antwort einen Schauder erregte,„denken Sie daran, daß er leidet, der arme Mann, um ſo etwas zu ſagen! Und was er ſagt, denkt er auch, gehen Sie!“ „Was! Herr Protat,“ rief Lazare, wirklich er⸗ ſchreckt durch dieſen Wunſch,„aber Ihre Tochter würde zu dieſer Stunde todt ſein.“ Haltung, Blick und Stillſchweigen von Adelinens Vater ſchienen zu beſtätigen, daß dieſer ſchreckliche Wunſch der wahre Ausdruck ſeiner Gedanken war. „Aber,“ fuhr Lazare fort,„man wird entdecken können, welcher oder welche dieſe abſcheuliche Verleum⸗ dung verbreitet hat; man wird ihn entlarven, die Un⸗ ſchuld Ihrer Tochter wird an den Tag kommen, öffent⸗ lich kund gegeben werden.“ Murger, Adeline Protat. 18 274 „unglücklicher Weiſe haben wir es nicht mit ei⸗ nem oder einer, ſondern mit allen zu thun,“ fiel die Magd ein. Madelon erzählte Lazare, wie ſie das auf Rech⸗ nung ihrer jungen Herrin herumlaufende Geſchwätz er⸗ fahren hatte. Es geſchah im Waſchhauſe, während Adeline und Cecile auf dem Spaziergaug waren: Die⸗ ſelben Reden, die Tags zuvor in der Wirthsſtube des Weißen Hauſes vorgefallen waren, hatten ein Echo bei den Gevatterinnen, die ihre Wäſche klopfen wollten, gefunden, und alle dieſe argliſtigen Inſinuationen wur⸗ den, durch den Mund der Weiber gehend, noch mehr vergiftet. Madelon hatte ihren Herrn und hauptſäch⸗ lich ihre junge Herrin vertheidigen wollen. Sie hatte an ihr abgeſchiedenes Leben erinnert, man antwortete ihr: Hochmuth; ſie hatte an ihre Frömmigkeit erinnert, man antwortete ihr: Heuchelei; ſie hatte ſich auf die Liebe zu ihrem Vater berufen, man antwortete: Lüge; und je mehr ſie gegen dieſe Anklagen zu proteſtiren verſuchte, deſto gereizter und drohender waren ſie ge⸗ worden. Lilauß war ſie heimgekehrt, um Protat von dem, was im Dorfe vorging, zu unterrichten.„Es ſtinkt für uns in der Luft,“ fügte Madelon bei, ihren Bericht ſchließend;„zudem habe ich drei Elſtern auf den Kamin des Hauſes ſich ſetzen ſehen!“ „Aberglaube!“ ſagte Lazare. Die Magd ſchüttelte den Kopf.—„Wenn ihrer Herrin Gefahr drohte, wer würde ſie vertheidigen können, fuhr ſie fort, jetzt da ihr Vater vor Kummer zu Grunde geht, und man von ihm nichts als Thränen herausbe⸗ kommen kann?“ „Und ich,“ rief Lazare,„bin ich nicht da?“ „Sie, Herr Lazare,“ ſagte Protat ſich aufrichtend, „Sie müſſen das Dorf verlaſſen, und zwar ſogleich!“ ſetzte der Holzſchuhmacher zornig hinzu. „ Dann, als er die Bewegung ſah, welche dem Künſt⸗ ler entfuhr, fügte er mit flehender Stimme bei: „Verzeihen Sie mir, ich habe Ihnen nichts zu ſagen. Sie ſind nicht daran ſchuld, daß es ſo gegangen. Sie kamen in unſere Gegend, Ihren Beruf auszuüben. Vorausgeſetzt, daß Sie Bäume und Felſen fanden, dachten Sie an nichts Anderes. Ei nun! dann macht es Ih⸗ nen nichts, nicht wahr? nach einer andern Seite, nach Chailly oder Barbizon zu gehen. Die Bäume ſind viel ſchöner dort, als bei uns. Es iſt dort der Bas⸗Bréau. Wenn Sie dieſen Sommer nicht dorthin gehen, werden Sie ihn das nächſte Jahr nicht mehr ſtehen finden. Sie können bei Vater Grapin wohnen; alle dieſe Herrn gehen dahin. Sie werden dort Freunde treffen. Es wird viel unterhaltender als zu Montigny ſein. Und dann iſt der Wein beſſer bei Vater Grapin. Es iſt Burgunder; ich gebe Ihnen nur aus dem Gatinais.. ſchlechter Ertrag... und das Koſtgeld iſt weniger theuer als bei mir.“ Lazare war beim Anblick des armen Mannes tief gerührt, der mitten in ſeinem Schmerz noch Ausflüchte, ihn zu entfernen, ſuchte. Er wußte ſeine Vorſorge zu ſchätzen, aber er wurde dadurch verletzt. Protat behan⸗ delte ihn wie einen Fremden, den der Wirth, von häus⸗ lichem Mißgeſchick bedroht, aus ſeinem Hanſe entfernt. „Aber,“ rief er,„glauben Sie denn, daß ich ſo ruhig abziehen werde? Denken ſie denn, ich ſei über das alles, was ich ſagen höre, nicht ebenſo empört wie S. Feberlegen Sie nicht, daß ich Ihnen nützlich ſein ann?“ „Nützlich!“ wiederholte der Holzſchuhmacher bitter. „Ja,“ antwortete Lazare„von dieſer Anklage laſtet die Hälfte auf mir: ich habe mich zu vertheidigen.“ „O!“ ſagte Protat,„junge Leute dürfen nie unter ſolchen Dingen leiden. Wenn das Uebel geſchehen iſt, haben ſie nur zu lachen, wenn ſie ſchlecht ſind... 276 oder die, welche das Opfer wird, zu beklagen, wenn ſie rechtſchaffen ſind, wie Sie.“ „Scherzen oder klagen, iſt dieß alles, was Sie meinen, daß hier zu thun ſei?“ ſagte Lazare. Protat ließ ſich nicht in den Gedankengang ein, den dieſe Antwort ihm zu eröffnen ſchien, und drang von Neuem in Lazare, Montigny zu verlaſſen. Sein Wort ſelbſt war wohl eine Bitte; aber der gebieteriſche Ton, der daſſelbe begleitete, machte es, ſo zu ſagen, zu einem Befehl. Lazare blieb einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen, ſah Madelon, welche die Hände erhob, und Adelinens Vater, welcher, in ſeine verzweifeite Unbe⸗ weglichkeit zurückgefallen, damit auszudrücken ſchien, daß er ſein letztes Wort geſprochen. Der Künſtler ent⸗ fernte ſich ungeſtüm. Als er, dem Laufe des Loing folgend, nach dem Weißen Hauſe zurückkehrte, begegnete er vor der Pfarr⸗ wohnung dem Geiſtlichen von Montigny, der ſeine Gartenthüre ſchloß. Lazare hatte oft den Prieſter im Hauſe ſeines Wirths zu ſehen Gelegenheit gehabt. Im Vorbeigehen grüßte der Künſtler den Pfarrer, aber er bemerkte, daß der Abbé mit ſtreng bemeſſener Höflich⸗ keit ſeinen Gruß erwiederte. Dieſe Steifheit gehörte nicht zu den Gewohnheiten des Abbé's, der niemals einem kurzen Geſpräch auswich; und als ob es ſchiene, er bereue ſeine Zurückhaltung, machte der Prieſter eine Bewegung, um ſich dem Künſtler zu nähern. Lazare ſchien ſeine Gedanken zu errathen und trat nun auf ihn zu. „Herr Abbé,“ ſagte er achtungsvoll zu ihm,„ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Und ich auch, mein Herr,“ antwortete der Prie⸗ ſter, wie ein Echo. Dann öffnete er ſeine Gartenthüre wieder und ließ Lazare hinter ſich eintreten. Ohne lange Vorrede erzählte der Künſtler ihm Alles, was im Hauſe am Waſſer vorgefallen war. ₰ —,— 277 Ich wußite es,“ antwortete der Prieſter.„Vorhin habe ich von meinem Garten, der auf den Fluß hinaus⸗ geht, das Geſpräch im Waſchhaus gehört.“ Bei den erſten Worten der Rechtfertigung, welche Lazare verſucht hatte, fiel ihm aber der Prieſter in die Rede. Ich habe weder über Sie, noch über das arme Kind zu richten, das ohne Zweifel weint, und das ich eben, als Sie mir begegneten, tröſten wollte, und zum Voraus vor dem Richterſtuhl der Buße von Sünde losſprechen werde. Ihre Gegenwart in dieſem Hauſe hat die Trauer darüber gebracht; aber Sie ſind dem Unglück fremd, das Sie angerichtet haben: die, welche darunter leiden, haben Ihnen keinen Vorwurf zu machen, und Sie ſelbſt können dieſelben nur beklagen.“ Dieſe Wiederholung der Worte von Adelinens Va⸗ ter, die er im Munde des Abbs wieder fand, fiel dem Künſtler auf. „Wie!“ ſagte er„ich habe das Herz eines Vaters gefragt, ich habe das Herz eines Prieſters befragt, und der eine weiß in ſeinem Schmerz, der andere in ſeiner Menſchenliebe für mich keinen andern Rath, als ein Beklagen, dieſen fruchtloſen Wunſch des Egoismus. Hinter mir laſſe ich ein aus Liebe zu mir zu Grunde gerichtetes Kind. Alle beide kennen dieſe Liebe. Pro⸗ tat hat ſie errathen, deſſen bin ich gewiß; der Geiſtliche iſt als Beichtvater davon unterrichtet, ich fühle es, und alle beide ſagen mir: Reiſen Sie ab!— Aber, mein Herr,“ rief Lazare,„reiſen! vergeſſen machen! das iſt bald geſagt. Werde ich dieſes arme, verleumdete Mäd⸗ chen vergeſſen, das von einer Gefahr, die ich inſtinkt⸗ artig um ſie ſich erheben fühle, bedroht iſt? Soll ich Adeline verlaſſen, deren Name in dieſer Stunde, ver⸗ bunden nit einer Beſchimpfung, von einem Mund zum andern geht, wenn meinetwegen dieſe Beſchimpfüngen ſich wiederholen, wenn meinetwegen dieſe Gefahr ſie be⸗ 278 droht? Iſt meine Rolle, zu fliehen, wie wenn ich ſchul⸗ dig wäre? Iſt meine Unſchuld ein Grund zur Feig⸗ herzigkeit? Ich frage Sie darüber, bei Gottes Wort! ſprechen Sie wie ein ehrlicher Mann!“ „Ihre Gegenwart würde für ſie noch ferner zur An⸗ klage werden, und Sie haben kein Recht, dieſes Mäd⸗ chen zu beſchützen,“ antwortete der Prieſter, ein wenig erſchüttert und in den Augen des jungen Mannes zu leſen bemüht, mit welchem Namen er die Aufregung bezeichnen ſollte, der Lazare zum Raub wurde. Die Antwort des letztern enthob ihn aller Zweifel. „Ich liebe Adeline, mein Herr!“ rief Lazare. „Sie lieben ſie,“ ſagte der Prieſter, deſſen Geſicht von einer zurückgehaltenen Freude leuchtete,„und Sie fragen mich um Rath!“ fügte er, die Hände zuſam⸗ menſchlagend, hinzu;„aber um alle dieſe ſchlimmen Ge⸗ rüchte, die einen Mackel auf ihren Namen werfen, zum Schweigen zu bringen, brauchen Sie ihrem Vater nur ein Wort zu ſagen, der Sie beide ſchicken wird, es vor mir am Altare meiner armen Kirche zu wiederholen.“ Dann, als er ſah, daß Lazare ſtille ſchwieg, nahm der Prieſter wieder eine ernſte Miene an.—„Sie antwor⸗ ten nicht?“ fragte er ihn. „Sie müſſen mich zuvor anhören,“ ſagte der Künſt⸗ ler. Und in einer raſchen Erzählung, die das Ge⸗ präge freimüthiger Wahrheit trug, die über alle Fragen und Zweifel geht, ſchilderte er ihm ſein ganzes Leben, was er geweſen, was er jetzt war und zu werden wünſchte. Die Vergangenheit war Muth im Verein mit viel Ar⸗ beit; die Gegenwart noch immer Arbeit und ſchon Hoff⸗ nung; die Zukunft immer Arbeit und vielleicht ein wenig Vermögen.„Ich habe das Leben junger Leute meines Alters und Berufs gelebt,“ ſagte Lazare,„aber ſeit zehn. Jahren mir das Herz leer bewahrt, als hätte ich eine Vorausſicht dieſer Liebe, die es jetzt erfüllt. Ich liebe Adeline, und wenn ich zandere, ſie zur Frau zu 279 begehren, ſo geſchieht es nur, verſtehen Sie, weil meine Zukunft noch ferne iſt, weil ich heute arm bin und Ade⸗ line reich iſt.“ „Nun denn?“ fragte unbefangen der Prieſter. „Nun denn! wenn ich meinen Namen, ſo wenig er auch werth ſein mag, Protats Tochter und unter den gegenwärtigen Umſtänden anbiete, werde ich nicht das Anſehen haben, denſelben ihr zu geben, ſondern zu ver⸗ kaufen, und wenn man uns zum Contract ſchreiten ſieht, ſie mit ihrem Heirathsgut und mich mit leerer Hand, ſo weiß Gott, was man ſagen wird.“ „Laſſen Sie da unten ſchwatzen, mein Sohn,“ er⸗ wiederte der Prieſter;„da oben hört man.“ Und, ſeinen Hut nehmend, ſchickte er ſich an fortzugehen.—„Ich will Protat beſuchen,“ ſagte er alsdann,„und zuerſt ſeine Tochter.“ „Sagen Sie ihr.. rief Lazare; dann hielt er plötzlich inne. „Wenn Sie ihr es nicht ſchon geſagt haben,“ ant⸗ wortete der Pfarrer,„will ich es ihr zur Kenntniß bringen, daß Sie dieſelbe lieben; ſo erſtaunlich es ihr ſein wird, ſie auf meinen Lippen zu finden, übernehme ich doch mit Freuden dieſe Botſchaft, die aus einem rechtſchaffenen Herzen kommt, um einem keuſchen Ohre mitgetheilt zu werden.“ Und den Garten verlaſſend, wo dieſe Unterhaltung ſtattgefunden hatte, wandte ſich der Abbs gegen das Haus des Holzſchuhmachers, während Lazare auf derſelben Heuwieſe warten wollte, wo er Tags zuvor ſich in jenen Traum verſenkt hatte, deſſen Verwirklichung eben der Pfarrer zu beſchlennigen im Begriff war. Als Lazare über die kleine Hängebrücke ging, welche die beiden Ufer des Loing verbindet, wurde er plötzlich durch einen ſonderbaren Lärm aufgehalten, aus dem er mitten heraus ſeltſame Metall⸗Töne unterſchied, welche ein anwachſendes, von Zeit zu Zeit durch ſcharfes Pfei⸗ 280 fen unterbrochenes Geſchrei beherrſchten. Als er ſich dem Ort näherte, wo dieſes greuliche Concert abgebrüllt wurde, glaubte der Künſtler zu errathen, daß die Voll⸗ ſtrecker unter den Fenſtern von Protats Hauſe verſam⸗ melt wären. Beſtürzt und ohne zu begreifen, was vor ſich ging, eilte Lazare auf der Stelle zurück. Im Ver⸗ hältniß, als er näher kam, verdoppelte ſich der Lärm, und nach einem ſtarken Ausbruch allgemeinen Geſchrei's, wo die Stimmen und Inſtrumente zu einem abſichtlichen Mißgetön, wie bei Choriſten, die dahinten geblieben ſind, zuſammenwirkten, ſpieen Zungen eine vereinzelte Beſchimpfung aus. Es war die Exploſivn der von Herrn Julien Tags zuvor im Weißen Hauſe gelegten Mine. Die drei Bauern, deren er ſich zu Rädelsführern bediente, indem er ihre Habgier reizte, hatten alle ſchlechten Subjekte der Gegend angeworben und unter dem Vorwande der Moral zu Helfershelfern ihres Racheplanes gemacht. Man brachte Adelinen eine Katzenmuſik. Wie alle Anſtifter, hielt ſich auch Herr Julien im Hintergrund. „Keſſel und Geſchrei, ſo viel ihr wollt,“ ſagte er, „aber keine Gewaltmittel, und haltet euch auf der Straße. Bleiben wir beim Geſetz!“ Aber die Bande, durch das geringſchätzige Still⸗ ſchweigen, das im Hauſe des Holzſchuhmachers herrſchte, gereizt, beachtete die klugen Vorſchriften ihres Chefs nicht, und ſchon begannen Steine nach den Scheiben zu fliegen. Mitten unter dieſem Tumult erleuchteten ſich die Fenſter in Protats Zimmer, und eines derſelben öffnete ſich ſogleich. Die Keſſel begannen wieder ihre ſchreckliche Muſik, eine Ladung von Schmähungen be⸗ gleitend. Auf einmal erſchien in dem erleuchteten Theile, und wie in einem lichten Rahmen der Pfarrer von Monkigny, Adeline in den Armen haltend, das Geſicht an ſeine Bruſt gelehnt. „Werft keine Steine mehr,“ ſagte der Prieſter mit * 281 lauter Stimme,„ihr hättet beinahe eine Sterbende ge⸗ tödtet.“ Die Angreifer fuhren zurück, erſchreckt durch dieſe Erſcheinung. „Mein Kind,“ fuhr der Abbs zu Adelinen gewendet, und nach dem Haufen zeigend, fort,„Gott hat geboten, Beleidigungen zu vergeſſen, verzeihe dieſen Unglücklichen, wie ich ſelbſt Dich ſegne“ Und während das junge Mädchen ſich zur Erde niederwarf, wie um Gnade für ſeine Feinde zu erflehen, legte der Prieſter die Hände ihr auf die Stirne. Eine tiefe Stille war eingetreten, und viele von denen, welche ſich am wüthendſten gezeigt hatten, fielen auf die Kniee. Darauf öffnete ſich plötzlich das untere Fenſter und der Holzſchuhmacher ſtieg heraus und ſprang eben auf die Straße. Protat war ſchrecklich und ſchwang über ſeinem Haupte eine Schlächterkeule, womit er ſich bewaffnet hatte. Ein hundertfacher Schreckensſchrei er⸗ folgte bei dieſer Erſcheinung. „Schreit!“ rief Protat,„ſchreit, aber ich werde einen tödten, ich hab es geſagt.“ Und in demſelben Angenblick, da er den erſten Angreifer, der ihm in die Hand gefallen war, am Kragen vackte, fühlte er ſeinen Arm von einer ſtarken Fauſt zu⸗ rückgehalten. „Nicht vor mir,“ ſagte ihm eine Stimme. „Herr Lazare,“ rief der Holzſchuhmacher,„gehen Sie weg! Ich habe ein Unglück in meiner Hand, es könnte auf Sie fallen. Ich bin Vater, ich muß meine Tochter rächen!“ „Ein Gatte,“ ſagte Lazare,„iſt der erſte Beſchützer ſeiner Frau.“ Während dieſes Zwiegeſprächs war der Bauer, den Protat bedrohte, entſchlüpft und die Straße leer gewor⸗ den. Als er den Holzſchnhmacher erſcheinen ſah, hatte der Pfarrer ſein Vorhaben errathen, und war herunter⸗ gekommen, eine blutige Scene zu verhindern. „Herr Lazare,“ ſagte er zu dem jungen Mann, „gehen Sie hinauf, dem armen Kinde Muth zu ſeinem Glück zu machen. Und Sie, Protat,“ ſetzte der Prieſter hinzu, der noch nicht Zeit gehabt hatte, dem Holzſchuh⸗ macher den Zweck ſeines Beſuchs zu offenbaren, hören Sie mich an.“— Und er erzählte ihm Alles, was zwi⸗ ſchen ihm und dem Künſtler im Pfarrgarten ſich zuge⸗ tragen hatte. Vier oder fünf Tage nach den Ereigniſſen, die wir eben berichtet haben, waren alle Perſonen dieſer Er⸗ zählung, mit Ausnahme von Zephyr, im Speiſezimmer gegenwärtig. Es war nach der Mahlzeit. Auf einmal erſchien der Lehrling an der Schwelle, welchen man ſeit vier Tagen nicht geſehen hatte. Zephyr hatte ſich leicht durch die jungen adeligen Landſchaftsmaler der Akademie von Marlotte verlocken laſſen. Einer von ihnen, der den Beſitzer des Schloſſes Bourron kannte, hatte den Lehrling, der mit allen ſeinen Arbeiten, die er Lazare in der Grotte der Langen Felſen gezeigt hatte, beladen war, dort eingeführt. Alle dieſe Gegenſtände wurden um raſende Preiſe von ihm gekauft. Zurück⸗ gehalten wie eine Curioſität inmitten der eleganten Pariſer Geſellſchaft, die gerade auf Schloß Bourron wohnte, getäuſcht durch Lobſprüche, die er ſich jeden Augenblick in die Ohren flüſtern hörte, geliebkoſt von jungen Damen, für deren Müſſiggang er zum Zeitver⸗ treib diente, hatte Zephyr voll Stolz, und die Taſchen mit Gold gefüllt, dieſes Haus verlaſſen. Vier Tage lang hatte er weder an Adeline, noch an Lazare, noch an Liebe und Dank gedacht, die Eitelkeit erſtickte ihn. Er wollte nicht auf den Künſtler warten, um nach Pa⸗ ris zu gehen. Was ſeine Lektionen betraf, ſo hatte man ihm auf dem Schloß geſagt, daß er keine Lektio⸗ nen brauche, ſondern bereits geben könne. Zephyr ——.— —— — 283 ſchloß daraus, daß ſein Glück nicht erſt, wie der Künſt⸗ ler ihm geſagt hatte, zu machen, ſondern bereits ge⸗ macht wäre. Dieß war der Bericht, den er den Gäſten in Mon⸗ tigny abſtattete. Bei ſeinem Erſcheinen hatte Lazare eine Bewegung der Verlegenheit empfunden; aber im Verlauf des Geſprächs, in der Haltung des Lehrlings hatte Lazare die Vorrede zu Egoismus und Un⸗ dankbarkeit erkannt. „Dann,“ ſagte Vater Protat zu ſeinem Lehrling, „werden wir nicht die Ehre haben, Dich bei Adelinens Hochzeit zu ſehen?“ Und als der Künſtler ihm dieſe Neuigkeit beſtätigte, wurde Zephyr ſehr blaß; er antwortete nichts und ſchien auf einen Lärm zu horchen, der von der Straße her⸗ kam: es war der Dudelſack des Kuhhirten, der das Vieh nach den Ställen führte. „Iſt es der Magiſter oder Cadet,*) der von der Weide zurückkommt?“ fragte nachläſſig der Lehrling. „Du erkennſt nicht die Töne des Magiſters? Er iſt es, der Cadet ablöst,“ ſagte Madelon. Der Lehrling trat an das Fenſter, das auf die Straße ging, und einen Augenblick hinausſehend, mur⸗ melte er:— er iſt es, ich erkenne ihn.. Dann ver⸗ ſchwand er nach einem raſchen Gruß, der Jedermann überraſchte, unter ſeinem Ueberrock einen kleinen, rothen Shawl mitnehmend, den Adeline am Fenſterhaken auf⸗ gehängt hatte. Während man noch über die plötzliche Entfernung des Lehrlings erſtaunt war, ließ ſich Ge⸗ ſchrei unter dem Fenſter hören. „Nimm Dich in Acht!“ rief eine Stimme,„Du weißt, daß er bösartig iſt.“ Lazare und Cecile, Adeline und ihr Vater liefen *) Namen der beiden Zuchtſtiere. 284 an das Fenſter. Im Augenblick, da ſie dort erſchienen, bemerkten ſie Zephyr, der, den rothen Shawl, den er mitgenommen hatte, ſchwingend, auf den an der Spitze der Heerde einherziehenden Stier losging. Das Thier, im Dorfe wegen ſeiner Bösartigkeit bekannt und durch die Farbe des Shawls gereizt, ſtürzte ſich auf den Lehrling, der plötzlich alle Viere ausſtreckte, die Schul⸗ ter von einem Stoß des Horns zerſchmettert. Im Fallen hatte er nach Adelinen geſehen. Dieſes Ereigniß, das zu neuen Bemerkungen An⸗ laß gab, nöthigte Lazare, ſeine Heirath zu verſchieben. Als er wegen eines Geſchäfts nach Paris kam, traſer einſt Zephyr im Atelier eines ihm befreundeten Bild⸗ hauers. Nach einigen Fragen über ſeine Arbeit erkun⸗ digte ſich Lazare freundſchaftlich, ob er nichts mehr von ſeiner Wunde ſpüre. „Geheilt an der Schulter,“ antwortete Zephyr la⸗ koniſch,„aber nicht hier,“ ſetzte er, auf ſein Herz deutend, hinzu.——— ſiſſſſſſſſſſſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1