ihb eutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe e welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für ſchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, velc ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Ein Funke. Roman n Jeremias Munter. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Fünftes bis neuntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh⸗ſchen Buchhandlung. 1852. XV. Kunſtfreunde. Ein junger Mann, liebe Frau, der gerne von ſich ſelbſt reden hört und in einer Minute mehr ſagt, als er in einem Monat ver⸗ antworten kann. Shakeſpeare. In einem Kaffee nahe beim Opernhaus verſammelte ſich eines Abends nach dem Schauſpiel in einem der inneren Zimmer eine Coterie von Freunden. Sie be⸗ ſtand aus ungefähr einem Dutzend älterer und jüngerer Elegants, worunter mehrere feſhionable Literaten und Journaliſten, ſämmtlich Perſonen, welche ſich die Miene ſcharfſinniger Kritiker gaben und mit großen Prätentio⸗ nen als Kunſtfreunde gelten wollten. Das Geſpräch war bereits in vollem Gang. „Nun, meine Herren, was ſagen Sie von dem heutigen Schauſpiel 2. „Es war vortrefflich.“ „Ein höchſt intereſſanter Abend.“ „Ich hatte einen ſchlechten Platz. Zu meiner Rechten ſaß eine alte Plaudertaſche von Tante und links ein halbblinder Onkel. Sie ließ mir mit ihren Reſlerionen und er mit ſeinen Fragen keine Ruhe. Ich war in meinem Behagen geſtört, und wenn ich nicht in guter Gin Funke. II. 1 7 Laune bin, ſo könnten ſelbſt die Engel des Himmels mir nicht gefallen.“ „Auch nicht einmal Mamſell Leopoldine?„ Haſt Du je eine ſchönere Leonore geſehen?“ „Man kann ſagen, daß es ebenſowohl ihr, als Donizetti's Verdienſt iſt, daß die Favorite hier wirklich die Favorite des Publikums geworden iſt.“ „Sie iſt charmant!“ „Süperb!“ „Ein allerliebſtes Kind!.. Wie herrlich war ſie nicht im erſten Akte(er ſingt). Leb wohl! O lern die Lieb' vergeſſen, die uns vereint. „Und im zweiten(ſingt): Fernando! Ach, Dein wartet Ehre, o Gott! und meiner die Erniedrigung. „Und als ſie ſtirbt(ſingt): Leb wohl, im Grabe bleiben wir vereint.. Verdammt, wie ich ſo heiſer geworden bin!“ „Graf Manfred hat ein Wunder gethan; er hat die eingeſchlummerten Lebensgeiſter unſerer Oper wieder aufzuwecken vermocht.“ „Ja, vor ihm ſchliefen alle unſere Muſen.— Nur Terpſichore hielt ſich auf den Beinen, aber das that ſie auch vortrefflich.“ „Und während ſie auf den Zehen ſtand, lag Baron Stanislaus auf den Knieen.“ „Ich bin ſehr froh über unſern neuen Direktor, er iſt ein Mann von Geſchmack und ſichexem Blick. Man kann beinahe ſagen, daß er Mamſell Leopoldine zur Welt geſchaffen hat, denn er iſt es, der dieſes Talent entdeckte und aus einem unbemerkten Winkel hervorzog. Noch vor einigen Monaten gab es keine Leopoldine— jetzt gibt es kaum mehr etwas Anderes.“ „Schon das erſtemal, da ich ſie hörte— es war auf einer Föte bei dem Grafen Manfred— prophezeite ich, daß ſie auf der Bühne Glück machen würde. täuſche mich ſelten in ſolchen Sachen. Das Mädchen — 3 hat Gold und Silber in ihrer Kehle, ſagte ich, und damit meinte ich, daß ſie bald unſere Prima Donna ſein würde. Man lachte damals über meine Aeußerung, aber ihr Debüt rechtfertigte meine Prophezeiung.“ „Ich ſtimme gerne in ihr Lob ein, habe aber doch eine Bemerkung zu machen.“ „Nun ja, Du biſt immer unzufrieden.“. „Ganz und gar nicht; unſer Freund Lebeaureſte iſt immer zufrieden mit ſich ſelbſt.“ „Laß Deine Bemerkungen hören, Bruder Lebeau⸗ reſte.“ „Nun denn, ſo hört. Im Theater will ich, daß meine Gefühle anders belebt werden, als in der Kirche⸗ Den erſtgenannten Ort beſuche ich zu meinem Vergnl⸗ gen und den letzteren um meiner Sünden willen. Wenn ich nach des Tages Mühen am Abend mein Theater⸗ billet kaufe, ſo wünſche ich von der Bühne her neue Wärme in mein abgekühltes Blut zu bekommen, aber nicht in Thränen zu zerſchmelzen. Eine große Sängerin muß, um uns recht angenehm zu intereſſiren, wie Thorwaldſen's Hirtin ein ganzes Haus voll Liebesgötter in ihrem Schooße haben und ſtündlich einen kieinen vollkommen bewaffneten Liebesgott auf die Bühne mit herausbringen. Dadurch erſt kommt, wie man ſagt, Leben in's Spiel. Mamſell Leopoldine iſt auf der Bühne wie im Leben eine Heilige. Man bemerkt kaum, daß ihr Fuß den Staub berührt. Sie iſt nicht menſchlich genug. Sie iſt zu ſehr Veſtalin. Und darum kann ſie zwar allerdings Bewunderung, aber eigentlich keine Sympathie erwecken, denn wir Zuſchauer haben im Allgemeinen die Schwachheit, durch unſer Binoele lieber ein liebenswürdiges, von unſern eigenen Affekten belebtes Weib, als eine von aller menſchlichen Schwachheit ge⸗ läuterte Jungfrau Maria betrachten zu wollen.“ „Das heißt mit andern Worten, Du legſt der jungen Sängerin ihre Sittſamkeit, ihren Mangel an aller Ko⸗ fetterie als Fehler gus,“ 1. 4 „Ich verbitte mir alle proſaiſchen Ueberſetzungen meiner Kunſttheorie.. Meine Verehrung für die weib⸗ liche Tugend iſt unerſchütterlich; aber ich wage zu be⸗ haupten, daß eine Schauſpielerin, um ihr Publikum zu erwärmen, ſich anderer Waffen bedienen muß, als ſolcher, die für eine ländliche Unſchuld paſſen mögen. Fllle menſchlichen Gefühle in ihrem Spiel wiederzugeben, iſt ihre Aufgabe, und um dieß zu können, iſt erforderlich, daß ſie ſelbſt als ein Menſch lebt und nicht bloß in höheren Regionen. Man glaubt eine Schauſpielerin oft bloß deßhalb verdammen zu müſſen, weil ſie ſich das eine oder andere kleine Liebesabenteuer erlaubt, aber man vergißt da, daß dieſe Abenteuer juſt ihre Studien ſind. Glaubet mir, um eine gute Schauſpielerin auf der Bühne zu ſein, iſt unbedingt erforderlich, daß in dem Privatleben ein Bischen Romantik mit unterlauft WMan dayf alſo eine Schauſpielerin nicht nach den⸗ ſelben Grundſätzen beurtheilen wie ein gewöhnliches Weib, bei welchem die Unſchuld die erſte aller Tugenden iſt. Die Schauſpielerin muß die Leidenſchaften verſtehen, die ſie ausdrücken ſoll. Aber juſt dieſe Erfahrung, dieſe romantiſche Schule, die ich hier unter einem eigenen Sinn verſtehe, iſt es, was unſerer Prima Donna man⸗ gelt. Daß ſie eine liebliche Stimme, einen genialen Vor⸗ trag hat, will ich nicht leugnen, aber trotz dieſer glück⸗ lichen Gaben wird ſie es, im Fall ſie ſich nicht ändert, nicht weiter bringen, als daß ſie bloß die Verehrung aller Tanten und ſchwärmeriſcher Penſivnsmädchen ge⸗ winnt, während wir Söhne Adam's ihr den Rücken kehren; wohl verſtanden, nachdem wir erſt verehrungs⸗ voll uns vor ihrem Talent verbeugt haben; einen Applaus würde das ſchüchterne Ding vielleicht als eine Beleidigung anſehen.“ Auffaſſung der Kunſt iſt gar zu materia⸗ liſtiſch.“ ſee ſie iſt nichksdeſtoweniger vollkommen wahr. Mamſell Leopoldine perſteht ihr eigenes Beſtes nicht, 5 und ſie iſt als Perſönlichkeit noch nicht intereſſant genug, um auf der Bühne die ganze Macht zu beſitzen, die ſie ſich aneignen könnte. Gleichwie es für einen Poeten nicht genug iſt, bloß zu ſchreiben, denn er muß auch poetiſch leben, wenn er populär werden will, ſo iſt dieß in ihrer Art auch mit einer Prima Donng der Fall. Aber ſie hat keine Nachwelt, für welche ſie lebt; ihr Wirkungskreis iſt zeitlich und räumlich beſchränkt, und ſie muß deßhalb in höherem Grad als andere Künſtler ſich bemühen, mit ihrer Mitzeit auf einen intimen Fuß zu kommen Das Theater in allen Ehren, aber eine Aktrice iſt es nicht, die eine geſunkene Moralität wieder aufrichten ſoll... Vor einem Monat war ich ganz hingeriſſen von Mamſell Leopoldine. Als Som⸗ nambüle hatte ſie mich bezaubert. Ich ließ mich eines Abends während eines Zwiſchenaktes ihr vorſtellen, mit dem feſten Entſchiuß, ihr mein Herz zu Füßen zu legen. Ich fand ihre Schönheit einnehmend; aber es war Schnee auf ihren Lippen, Eis in ihrem Blut. Ich wage zu behaupten, meine Herren, daß ſo etwas bei einer Aktrice unpaſſend iſt. Als ich in den beredtſten Ausdrücken meine warme Bewunderung ergoß, konnte ich wohl Anſpruch darauf machen, mit einem einzigen gnädigen Blick erfreut zu werden. Aber die Schöne antwortete nur mit Höflichkeit, eine Höflichkeit, die meinen En⸗ thuſiasmus augenblicklich abkühlte. Ich machte noch einen Angriff mit den ausgeſuchteſten Complimenten. Vergebens! Sie überhörte Alles, was ſie perſönlich be⸗ traf, und begann ſtatt deſſen von der Kunſt zu ſprechen. Jedermann weiß, daß ich ein Enthufiaſt für die ſchönen Künſte bin; deßhalb will ich aber dennoch hinter den Couliſſen keine äſthetiſchen Vorleſungen hören. Die Converſation wurde matt und langweilig. Es kam mir vor, als ſpräche ich mit einer beſcheidenen, ſehr gut er⸗ zogenen Cvuſine vom Lande, und nicht mit der erſten Sängerin einer königlichen Oper. Die junge Dame beſitzt ganz und gar nichts von jener muthwilligen, 6 ſpielenden, reizenden, halb eingeſtandenen Koketterie, die in der Regel die ſtärkſte Waffe einer Schauſpielerin bil⸗ det, und ſie ſchien ganz und gar nichts davon zu wiſſen, daß die größten Triumphe, die man auf der Bühne ge⸗ winnt, gewöhnlich hinter den Couliſſen begründet werden. Ihr ganzes Weſen erinnert mich an die Worte der Jung⸗ frau von Orleans, die, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, alſo lauten: Ein einz'ger Männerblick, der mein begehrt, Entheiligt mich und regt in mir ein Schaudern. Seit ich Mamſell Leopoldine kennen gelernt habe, ſind ſelbſt in ihren glücklichſten Momenten meine Illuſionen immer durch die Erinnerung an ihre perſönliche Kälte geſtört worden. Aber ich hoffe, daß ſie mit der Zeit ihre philoſophiſche Auffaſſung der Kunſt aufgeben und ſtatt deſſen lernen wird, ein Compliment ſo zu beant⸗ worten, wie man es von einer Aktrice fordern kann.“ „Und Deine Hoffnung wird Dich nicht täuſchen. Graf Manfred hat die junge Sängerin unter ſeinen beſonderen Schutz genommen. Man will wiſſen, daß er ſich bereits weit mehr für ſie intereſſire, als ſeine Pflicht als Theaterintendant ihm auferlegt, und wenn die Vollendung ihrer Erziehung in die Hände eines ſo erfahrenen Mannes gelegt iſt, ſo kann man vollkommen überzeugt ſein, daß ſie bald gehörig romantiſirt, ihre Stellung als Prima Donna aufzufaſſen wiſſen wird.“ „Es fehlt ihr ſonſt gar nichts; ſie wird dann un⸗ widerſtehlich.“ „Man wird ihr dann ſeinen Beifall zu ſchenken wagen, ohne daß man zu fürchten braucht, ihre jung⸗ fräuliche Sittſamkeit dadurch zu verletzen.“ „Meine Herren, ich laſſe Ihren Bemerkungen all ihren Werth, aber was mich ſelbſt betrifft, ſo geſtehe ich aufrichtig, daß mein Herz von Mamſell Leopol⸗ dinens Anmuth viel zu ſehr eingenommen iſt, als daß ich über ihr Talent unpartheiiſch urtheilen könnte. Was 7 für ſchöne Füße ſie hat! Ich habe dieſe erſt heute Abend geſehen, wo ſie als Novize bei dem Kreuze niederſank.“ „Was ſagſt Du wohl von ihren Augen?... Wenn Eva einen ſolchen Blick hatte, ſo verzeihe ich Adam ſeine Schwachheit gern, obſchon ſie uns die Glückſelig⸗ keit des Paradieſes koſtete.“ „Dieſe Art, eine Sängerin zu beurtheilen, iſt ganz eigenthümlich.“ „Summa Summarum, Mamſell Leopoldine hat ihr Glück gemacht, ſie ſoll mit einem bedeutenden Gehalt engagirt ſein.“ „Sie muß indeß bereits Neider haben, denn ich habe bemerkt, daß oft mitten unter den lebhafteſten Applauſen vom Parterre her eine ſtarke Stimme ſich erhebt, die Schweigen gebietet.. „Auch ich habe dieſen hartnäckigen Opponenten be⸗ obachtet.. Es iſt unverſchämt, der allgemeinen Mei⸗ nung eines gebildeten Publikums ſo offen entgegen⸗ treten zu wollen.“ „Man ſollte den Narren hinauswerfen.“ Einer von der Geſellſchaft, der, während die An⸗ dern plauderten, in Zeitungslektüre vertieft in einer Ecke geſeſſen hatte, trat jetzt mit einem der Abend⸗ blätter in der Hand hervor. „Dieſes Blatt,“ ſagte er,„enthält ein paar Artikel, die juſt mit dem Gegenſtand dieſes Geſpräches zuſammen⸗ hängen. Wenn Sie erlauben, ſo werde ich die Ehre haben, ſie vorzuleſen. Man gab mit Vergnügen ſeinen Beifall und die Lektüre begann. „Theater. „In unſerer königlichen Oper, für welche mit unſerem gegenwärtigen ſo glücklich gewählten Direktor eine neue, beſſere Aera angebrochen iſt, wurde geſtern bei über⸗ vollem Hauſe Donizetti's Leonore aufgeführt. Ohne das von aller Welt anerkannte Genie des berühmten Com⸗ poniſten herabſetzen zu wollen, müſſen wir dennoch ge⸗ 8 ſtehen, daß hauptſächlich Mamſell Leopoldinens geniale Darſtellung der Titelrolle es war, was hier bei uns dieſem Stück ein ſo außerordentliches Intereſſe, einen ſo glänzenden Erfolg verſchaffte. Wir haben ſchon vor einigen Tagen eine ausführliche Kritik über die junge Säͤngerin als Leonore zum Beſten gegeben. Der Haupt⸗ inhalt unſerer Kritik war der, daß ſie ſowohl was Auf⸗ faſſung, wie auch was Darſtellung betrifft, die ſchönſten Beweiſe eines wahren künſtleriſchen Talents geliefert habe, und wir hefteten dabei unſere Hauptaufmerkfam⸗ keit ganz beſonders auf die Inſpiration, die ihren Vor⸗ trag auszeichnet, ſowie auf ihr geiſtreiches Talent, zu idealifiren und ſo zu ſagen ihre Rolle ſelbſt zu ſchaffen. Es bleibt uns nur noch übrig, zu erklären, daß ſie, obſchon ſie uns bereits bei der erſten Vorſtellung un⸗ übertrefflich erſchien, gleichwohl bei jedem neuen Auf⸗ treten neue Fortſchritte gemacht, eine weitere Vollen⸗ dung gewonnen und einem bewundernden Publikum die freudigſte, angenehmſte Ueberraſchung geſchenkt hat. Wir bezweifeln wahrhaftig, ob irgend ein Theater der Jetzt⸗ zeit eine Leonore aufweiſen kann, welche ſich derjenigen an die Seite ſtellen dürfte, die wir die unſrige zu nennen das unſchätzbare Glück haben. Daß ſchon Mam⸗ ſell Leopoldinens einnehmende Schönheit, ihre plaſtiſch vollkommene Figur, ihre natürlich edlen Bewegungen jedes mit Gefühl begabte Gemüth entzücken, glauben wir als bloße Kunſtrichter nur im Vorbeigehen erwähnen zu dürfen, und wir halten uns hauptſächlich nur an den eigentlichen Gegenſtand unſerer Kritik: ihren Geſang und ihr Spiel. Eine reinere, klangvollere Stimme hat vielleicht ſelten einem menſchlichen Ohr geſchmeichelt. Alles, was wir von Silbertönen und Nachtigallengeſang ſagen können, iſt zu arm, wenn wir von Mamſell Leopoldinens himmliſcher Stimme ſprechen. Ihr Talent gehört einem unbeſchreiblichen, unvergleich⸗ lichen Schlage an, und die namenloſe Lieblichkeit, die in jedem ihrer Töne liegt, läßt ſich nicht mit alltäglichen 9 Kunſtausdrücken entziffern, ſondern beſtürmt jedes Herz mit ſun höchſten Ginſti des Entzückens. Es iſt wahr, daß Mamſell Leopoldine keine Bravvur⸗Sängerin iſt; aber ſollte wohl dieſes Genre der Gegenſtand des Strebens für eine Künſtlerin ſein, die ihren ſeelenvollen Vortrag beſitzt? Im Uebrigen geſtehen wir, daß wir bei dieſer Kuͤnſtlerin etwas noch nicht gefunden haben, was wir in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes Methode, Manier, Schule oder Studium nennen könnten; wir kennen bloß ihr gottgebornes Genie, und indem wir uns tief vor demſelben demüthigen, iſt es unſer inniger, unſer warmer Wunſch, daß alle Dornen des Künſtlerlebens vor ihren Füßen berdorren, und daß das Publikum immer, wie am geſtrigen Abend, einen wür⸗ digen Ausdruck für ſeine Begeiſterung, ſeine Dankbar⸗ keit finden möge. „Mamſell Leopoldine wurde nach dem Schluß der Vorſtellung viermal herausgerufen und endlich mit einem zehnfachen Bravo begrüßt. »Die Redaktion hat einem über denſelben Gegen⸗ ſtand eingeſandten Artikel die Aufnahme in ihr Blatt nicht verweigern können. Der Leſer findet ihn auf einer andern Spalte. Wir verwahren uns inzwiſchen in allen Beziehungen gegen die Behauptungen, die hier in einer Sprache aufgeſtellt werden, welche nach unſerer Anſicht in hohem Grade unpaſſend iſt und gegen die Forderung des Zartgefühls verſtößt. Aber es iſt unſere vollkom⸗ mene Ueberzeugung, daß Mamſell Levpoldine einen allzu hohen Werth, ein allzu allgemein anerkanntes Talent beſitzt, um von der Klatſchſucht aufgeblaſener Einſeitig⸗ keit oder Pedanterie verletzt werden zu können, und wir machen daher auf den eingeſandten Artikel nur als auf eine Curioſität aufmerkſam.“ ch hoffe,“ ſagte der Vorleſer,„daß Sie, meine Herren, in die Lobeserhebungen, welche der ausgezeich⸗ nete Theaterreferent geſpendet hat, vollkommen einſtim⸗ men werden.“ 10 „Vollkommen!“ antwortete man im Chor. Aber der eine und der andere von der Geſellſchaft meinte, wenn er die Ausdrücke in dem vorgeleſenen Artikel mit ſeinen eigenen verglich, daß die letzteren gar zu matt ſeien, und da dieſer Schlag von Kunſtfreunden gewöhnlich die Schwachheit hat, zuſt mit Uebertreibun⸗ gen ihres affektirten Enthuſiasmus imponiren und glän⸗ zen zu wollen, ſo fanden ſie ſich veranlaßt, durch noch hyperboliſchere Phraſen, wie ſie ſelbſt glaubten, den überlegenen Reichthum ihrer eigenen Phantaſie, das un⸗ vergleichliche Feuer ihrer eigenen Gefühle an den Tag zu legen.. Der Eine hetzte den Andernz es entſtand ein Wettſtreit in Schmeicheleien, Lobgeſängen, Ver⸗ ötterungen, und Gott weiß, wie man dieſe Ausſchwei⸗ ungen beendet haben würde, wenn nicht die Mehrzahl Stillſchweigen verlangt hätte, um den eingeſandten Artikel zu hören. Die Lektüre wurde fortgeſetzt: Eingeſandt unb bezahlt.) „Seit einigen Monaten hat man Gelegenheit gehabt, in unſerer königlichen Oper die Bekanntſchaft mit einer jungen Sängerin zu machen, die mit ungewöhnlich guten Anlagen ausgeſtattet iſt. Kein Kunſtfreund kann gegen eine Perſon von ſolchen Naturgaben gleich⸗ gültig ſein. Das Publikum hat in althergebrachter Weiſe ſeinem muſikaliſchen Entzücken in den gräßlichſten Mißlauten Luft geſchafft. Auch der Einſender will für die Augenblicke des Genuſſes, die Mamſell Leopoldine ihm ſchenkte, nicht undankbar ſein. Er bedient ſich da⸗ her dieſes Weges, um ſeine Erkenntlichkeit an den Tag zu legen, und was die Aufrichtigkeit und wohlmeinende Geſinnung betrifft, ſo fürchtet er keinen Vergleich, am allerwenigſten mit dem applaudirenden, ſchreienden, ſtampfenden, herausrufenden und Blumen werfenden Publikum. „Mamſell Levpoldine! Ich will Ihnen einige Worte ſagen, welche Sie gewiß lange nicht gehört haben: Sie 11 ſind noch keine große Sängerin, aber Sie könnten es werden... Glauben Sie nicht, daß ich unhöflich ſein will; ich will bloß eine gute That verrichten. Ach, wenn Sie Ihre Seele(und auch Ihre Kehle) recht zu pflegen verſtänden, welche Höhe könnten Sie dann nicht erreichen!.„ Folgen Sie alſo meinem Rath: Kehren Sie all dieſer erniedrigenden Schmei⸗ chelei, dieſem falſchen Tand, dieſer einnehmenden Lüge, die Sie umgibt, den Rückenz treten Sie in Ihr früheres Nichts zurück, werfen Sie die Prima Donna über Bord und wenden Sie ſich den Studien wieder zu. Folgen Sie meinem Rath, und Sie werden einmal einen größeren Sieg gewinnen, als Sie jetzt ahnen. Ich leugne wahrhaftig Ihr Genie nicht; aber Ihr Genie iſt ſchwebend, es ermangelt des feſten Grundes, der Klarheit und eines beſtimmten Willens, und gerade dieſer Schlag von Menſchen iſt es, welcher die größten, gefährlichſten Mißgriffe begeht. Ich nehme Ihnen Ihr Talent nicht. Sie ſingen zuweilen recht artig, beinahe ſo gut, als man überhaupt eine halbverrückte Muſik ſingen kann, die ſich, wie es mit Levnore der Fall iſt, um gemeine und unreine Gegenſtände dreht. Ja, Sie ſingen ſogar im Allgemeinen unendlich beſſer als viele Sängerinnen, die ſich bereits einen weltberühmten Namen erſchrieen und erträllert haben. Ich habe auch bemerkt, daß Sie Gefühl beſitzen; das iſt ſchön; aber Sie be⸗ ſitzen auch etwas, was noch weit beſſer iſt: nämlich Poeſie und— jetzt kommt das Allerbeſte— Sie ver⸗ rathen zuweilen, jedoch bei Weitem nicht immer, einen wahren naturfriſchen Geſchmack ſowohl als Sän⸗ gerin wie als Schauſpielerin. Das iſt es, was beſonders meine Theilnahme für Ihre Perſon erweckt und in mir große Hoffnungen auf Ihr Talent hervorgerufen hat. Ein guter Geſchmack kommt in dieſen Zeiten entweder von tiefen Studien in der Kunſt oder auch unmittelbar von Gott. Sie haben dieſe Gabe von ſeiner eigenen Hand erhalten. Aber nehmen Sie ſich in Acht: ſie 12 wird bald verſcherzt ſein, denn Sie beſitzen ja keine Kräfte, womit Sie dieſelbe feſthalten können, und der Zeitgeiſt iſt von der Art, daß Ihre eifrigſten Bewun⸗ derer Sie in dieſem Falle beſtehlen werden. Der Schrei⸗ ber dieſer Worte iſt Ihnen in der letzten Zeit mit un⸗ getheilter Aufmerkſamkeit gefolgt; er kennt Sie als Künſtlerin beſſer als Sie ſich ſelbſt kennen. Das Publi⸗ kum betheuert, daß Sie täglich neue Fortſchritte machen, daß Sie ſeit Ihrem Debüt unendlich geſtiegen ſeien; das iſt nicht wahr. Sie haben bloß mehr Bühnen⸗ ſicherheit, mehr Fertigkeit, größere Virtuoſität erworben. Das mag allerdings ein guter Gewinn ſein, aber es iſt nicht das Weſentlichſte; es iſt noch lange uicht Alles, was Sie bedürfen. Nein, der Geiſt iſt das Wichtigſte, und darin ſtehen Sie noch ſchwankend da, unſicher über den rechten Weg, eine Selavin der Eingebungen des Augenblicks. Man muß geſtehen, daß Ihre Inſpirativ⸗ nen voft aus einer hnnßhe Quelle fließen, aber alle Inſpiration hängt von der Laune, der Gemüthsſtim⸗ mung und dem Herzen ab, und dieſes hängt wiederum von der Welt ab, worin wir leben Ach, die Ein⸗ gebung iſt ein flüchtiger Sommervogel, der Sie in dem Augenblick verlaſſen wird, wo die Blumen der Seele verwelken, und dieſer traurige Augenblick wird nicht lange ausbleiben, denn es iſt Gift in der Luft, die Sie einathmen. In unſern Tagen herrſcht eine ſ Anarchie in der Welt der Kunſt, und die Brandopfer, welche dem Götzen des Augenblicks dargebracht werden, ſind mit dem Herzblut des darniedergetretenen guten Geſchmackes vermiſcht.. Denken Sie an dieſe Worte, Mamſell Leopoldine, wenn das Bravogeſchrei des Publi⸗ kums zu Ihren Ehren die Wände des Opernhauſes er⸗ ſchüttert, und denket auch ihr daran, die ihr einen ſo ſchrecklichen Lärm macht.“ Dieſer Artikel rief bei den Zuhörern Gelächter und Aerger hervor. Die Einen lachten, die Andern fluchten. Die Bemerkungen über Mamſell Leopoldine wurden 13 unpaſſend, die gegen das Publikum unverſchämt gefun⸗ den. Die hier verſammelte Coterie war juſt eine von denjenigen, die ihren Ehrgeiz darein ſetzten, im Theater den Ton anzugeben, und ſich eifrig bemühen, Geſetze in der Welt der Mode einzuführen, unter welcher ſie auch die ſchönen Künſte mit zu begreifen ſich die Freiheit nehmen. Wer dieſe Herren, deren Glacéhand⸗ ſchuhe in D. mehr galten, als alle Kunſtgeſetze, des ſchlechten Geſchmacks anklagte, der trat ihrer Eitelkeit auf den empfindlichſten Leichdorn. Ueber das Getöſe des allgemeinen Unwillens, der keinen Ausdruck ſcharf genug für ſeine Erbitterung fand, erhob ſich endlich eine fröhliche Stimme, welche den klugen Vorſchlag machte, in einer Geſundheit auf die liebenswürdige Sängerin allen Harm hinabzu⸗ ſchwemmen. Im gleichen Augenblick flogen einige Champagner⸗ pfröpfe an die Decke. Unter der Geſellſchaft befand ſich ein junger Poet, der ſich in Weihnachtskalendern un⸗ ſterblich gemacht hatte. Er war ſogleich mit einem alten Impromptu mit den bekannten. Reimen, entzückt und verrückt, Engelstöne und himmliſch ſchöne, bei der Hand. Das brauſende Naß velebte den Enthuſtasmus, und dieſe Kunftfreunde machten ihren Gefühlen Luft in einem gewaltigen Lebehoch auf den Stolz der Oper, den Liebling des Publifums, Mamſell Leopoldine. 14 XVI. Die Primadonna. So tief, ſo mächtig reget ſich in mir Ein dunkler Schwall von Wünſchen und Gefühlen. Ernſt Kjellander. Der Verfaſſer hat eine gewiſſe Angſt davor, in Romanen auf Briefſammlungen und Tägbuchauszüge u ſtoßen, und gleichwohl hat er jetzt im Sinn, hier eoſ etwas Derartiges mitzutheilen. Lieber Leſer, die Nothwendigkeit iſt es, die mich zwingt. Um von Leopoldinen's eigenen Eindrücken und der Art, wie ſie ihre neue Stellung auffaßte, einen Begriff zu geben, weiß ich wahrhaftig kein beſſeres Mittel, als daß ich einige zerſtreute Auszüge aus ihren Privatnotizen von dieſer Zeit mittheile; daß dieſe möglichſt kurz find, dafür möge der Leſer(und Verleger) mir Rechnung tragen⸗ Es iſt ſpät in der Nacht, aber ich kann nicht ſchla⸗ fen, und doch bedürfte ich deſſen ſo ſehr. O, mein Gott, wie bin ich ſo unruhig!.. Morgen wird mein Schickſal entſchieden, mein Urtheil gefällt werden. Ich werde zum erſten Mal im Theater auſtreten Für mich liegt Leben oder Tod in dieſem Tage. Wenn es mir nicht gelingt, was ſoll dann aus mir werden, wozu werde ich dann noch gut ſein? Wie wird dann meine Zukunft ſich geſtalten? Tauſendmal habe ich dieſe Fragen an mich geſtellt, ohne eine beruhigende Antwort u finden. Ich bin kühner geweſen als irgend ein Menſch ſein darf. Alle meine Hoffnungen hängen an einem einzigen Faden; zerreißt der, ſo bin ich das hülf⸗ loſeſte Weſen auf Erden. Ein Vogel, den man ſeiner 1⁵ Flügel beraubt hat, wäre nicht unglücklicher. Wenn ich dagegen Erfolg gewinne, werde ich dann wohl die Kraft beſitzen, ein ſo großes Glück zu ertragen, werde ich nicht übermüthig werden und meine eigene Gering⸗ fügigkeit vergeſſen? O Gott, ohne Deinen Schutz, wie machtlos wäre nicht der Menſch? Ohne Dich wäre er das verwahr⸗ losteſte Weſen in Deiner ganzen Schöpfung, mit Dir, was hat er wohl da zu fürchten?. Ich flehe Dich nicht an, mir zu Liebe die ewige Gerechtigkeit zu er⸗ tchüttern, welche die Schickſale der Welt abwägt: nein, Dein Wille geſchehe, und lehre mich auch in der Stunde der Prüfung Deine Liebe, Deine Allmacht verehren. „ * Es iſt geſchehen. Der bedeutungsvolle Tag iſt vorüber. Ich habe ſiegreich die Probe überſtanden!... Ein Angeflagter, der freigeſprochen, ein Gefangener, der aus ſchweren Banden erlöst worden, könnten keine herzlichere Freude empfinden, als die meinige iſt.. Mir iſt, als ob ein ganzer Oeran von Glück vor mir läge. Alle meine Gefühle jubeln und meine Gedanken tanzen von mir weg, wenn ich ſie hier zurückhalten will. Ach, ihr alle, meine gütigen Freunde, ihr, deren Liebe meine Seele erwärmt hat, warum kann ich euch nicht in meine Arme ſchließen und Freudenthränen an eurem Buſen weinen? * 5* Ich hin bereits eine wohlbeſtellte Primadonna an der königlichen Oper und habe ein, wie man ſagt, höchſt vortheilhaftes Engagement eingegangen. Gott weiß, daß ich mich innig darüber freue, aber nicht des Geldes wegen, denn dieſes habe ich noch immer nicht recht wür⸗ digen gelernt. Es genügt mir, Sängerin zu ſein, für die Kunſt leben zu können, die ich ſo innig liebe. Graf Manfred iſt mir ein unſchätzbar guter Rathgeber in all' dieſen Dingen geworden. Ach, wie es doch ſo viele vortreffliche Menſchen hier in der Welt gibt, und wie wohl es dem Herzen thut, daran zu denken! Alles iſt verändert. Ich gehöre nicht mehr zu Frau Knäck's lieben Penſionären, ich bin nicht mehr arm und allein. Statt der ungemüthlichen Kammer, die ich bei ihr bewohnte, beſitze ich jetzt eine bezaubernde kleine Wohnung. An meinem Salon brauchte ſich eine Für⸗ ſtin nicht zu ſchämen. Hier ſteht mein Piano, und wenn die Sonne durch die hohen Fenſter herein ſcheint und meine ſchönen Blumen liebkost, ſo wird es auch in meiner Seele ſonnenhell. Die Eleganz in meinem Toiletten⸗ und meinem Schlafzimmer iſt nicht minder ge⸗ ſchmackvoll. In den erſten Tagen hatte ich eine eigent⸗ liche Scheu vor dem Lurus, der mich hier umgibt, aber jetzt habe ich mich bereits daran gewöhnt und gefun⸗ 1e was das Allerbeſte iſt, ein gemüthliches Wohl⸗ ehagen. Ich wohne bei einem der Angeſtellten des Theaters. Er iſt ein gebildeter, wohlwollender Mann, und ſeine junge Frau iſt gut und fröhlich wie ein Kind. Ich eſſe an ihrem Tiſch und betrachte mich bereits als Glied dieſer glücklichen Familie. Sie führen ein angeneh⸗ mes Leben, empfangen viel Beſuch in ihrem Hauſe, und Alles athmet hier Freude und Lebensluſt. Ich, die ich früher ſo einſam und ſtill lebte, finde eine große An⸗ nehmlichkeit darin, an der friſchen Freude Theil zu neh⸗ men, die um mich her lächelt. Sie läßt mich empfin⸗ den, daß ich wirklich noch jung bin, und im Ganzen iſt die Freude für mich noch neuer, als das Glück. Alle Menſchen zeigen Theilnahme für meine Perſon; ich ſpreche nicht von all' der Artigkeit, die man an mich verſchwendet, aber das ehrliche Wohlwollen geht mir zu Herzen. Kaum habe ich einen Wunſch geäußert, ſo iſt er auch ſchon erfüllt, und gleichwohl ſchien es 17 mir vor einiger Zeit, als ich in dieſer großen Stadt noch fremd war, daß alle Menſchen hier Egviſten wären. Ich kannte ſie nicht, und mir war bang vor ihnen. Ich weiß, daß die Beifallsäußerungen des Publi⸗ kums übertrieben ſind; ich weiß es ſehr wohl; aber ſie berauſchen mich dennoch. Mehr als einmal habe ich zu mir ſelbſt geſagt: Sei ruhig, ſei kalt, höre nicht auf dieſe Schmeicheleien; es liegt Leidenſchaft in den Neigungen des Publikums, und ſeine Schwachheit iſt es, die deine Triumphe bereitet... So habe ich raiſon⸗ nirt, aber im nächſten Augenblick, wenn tauſend Zun⸗ gen meinen Namen' rufen, wenn mein Lob durch den Saal rauſcht, wenn Beifallsgeſchrei und Blumen meine Erfolge verkünden, da ſchwindet meine Vernunft und ich kann dann nicht mehr berechnen, was ich verdient habe und was man mir zu viel gibt. Ich kann bloß ine unbeſchreibliche, eine hinreißende Glückſeligkeit em⸗ nden. Ach, ich wäre ja kein Menſch, wenn ich nicht von dem Beifall gerührt würde, den man mir ſpendet: Und dieſe Leute, die mir ſo viele Theilnahme, ſo viele Güte erweiſen, warum ſollte ich ſie wohl beſchuldigen, daß ſie ſich nur von Launen und unedlen Abſichten leiten laſſen, warum ſoll ich die Huldigung verachten, die ſie in meiner Perſon der Kunſt widmen 2 Es iſt doch beſſer, dankbar zu ſein, dankbar gegen ſie und dankbar gegen ihn, der mir dieſes glückliche Loos geſchenkt hat. Mein Talent kann mich nicht eigenliebig machen. Könnte ich ſagen, daß ich ſelbſt nur durch meine Arbeit, mei⸗ nen Fleiß, mein Studium es ſo weit gebracht habe, dann wäre es vielleicht möglich. Aber jetzt nicht... Ich ſelbſt habe nur meine Liebe zur Kunſt, aber an meiner Seite wandelt ein freundlicher Genius. Er Ein Funke. II. 2 18 leitet mich, er ſpricht zu meiner Seele. Er gibt mir meine Gefühle ein und lehrt mich, ihnen Ausdruck zu verleihen. Ich verſtehe kaum, was es heißen will, eine Rolle zu ſtudiren. Guter Gott, wenn die Kunſt weiter nichts wäre als ſyſtematiſche Regeln, wenn ich meiner Seele nur die Worte und die Noten zu geben hätte, welch' eine elende Sängerin wäre ich nicht dann! O nein, Künſtler zu ſein, das heißt Alles, was die Welt, was der Gedanke, was das Gefühl, das Han⸗ deln und das Träumen Schönes haben, in ſeiner Seele auffaſſen und gleichſam in einer klaren Quelle wieder⸗ ſpiegeln; das heißt ein offenes Ohr und ein offenes Herz für die Geiſterſtimmen haben, welche die Größe des Himmels auf unſere Erde herniedertragen, welche von dem Göttli⸗ chen in dem Schönen flüſtern, welche in lieblichen Tönen die Verklärung der Sinnenweit ſingen und in der Natur die Kraft und den Sieg des Lichtes, der Wahrheit, der Liebe, des Friedens prophezeien!... Je lauter dieſe Stimme ſpricht, um ſo höher wird der Flug meines eigenen Geiſtes; mein Geſang erhält Leben, denn nur in meinem eigenen Entzücken bin ich ſo glücklich, die Herzen meiner Zuhörer mit mir fortzureißen. Sage mir alſo, was iſt mein eigenes Verdienſt in allem dem, was man meinen Triumph, die Siege mei⸗ nes Genies nennt? * Von den Blumen, die man mir auf der Bühne zuwirft, ſuche ich die ſchönſten aus, um ſie auf meines Paters Grab zu legen. Auch er beſitzt ja einen An⸗ theil an dieſen Blumen; ſein Künſtlergeiſt iſt es, der in mir fortlebt. Ach, ich glaube es, ſicherlich wird er mit himmliſcher Freude dieſe Opfer der Dankbarkeit, der Liebe ſeines Kindes entgegennehmen. *6— 5 19 Ich habe in der letzten Zeit bemerkt, daß zuweilen eine Stillſchweigen gebietende Stimme ſich in das Bei⸗ fallsgeſchrei des Publikums miſchte. Beſonders heute Abend hörte ich dieſe Stimme ſtark und deutlich. Sie erſchreckte mich und machte mich für einen Augenblick ganz muthlos. Bin ich denn bereits durch das Lob des Publikums ſo verwöhnt und verhätſchelt, daß ich nicht eine einzige Mißbilligung ertragen kann, die ich doch, das weiß ich ſelbſt, ſehr oft verdiene? Rach dem Schluß des Actes kam eine meiner Ka⸗ merädinnen in meine Garderobe. Es iſt ein beſcheide⸗ nes Mädchen, obſchon beſſer in die Geheimniſſe des Theaterlebens als der Kunſt eingeweiht. Sie hatte den unangenehmen Eindruck, den ich empfunden, bemerkt und glaubte mir einen guten Rath geben zu müſſen. „Die unartige Stimme, die Ihnen heute Abend Verdruß bereitete,“ ſagte ſie,„hat ſich ſchon lange hören laſſen. Ich, die ich mit im Chor ſinge, habe gute Ge⸗ legenheit, das Publikum zu beobachten, und das thue ich auch; Sie müſſen wiſſen, man kann kaum ein ein⸗ ziges Bravo auf Ihre Rechnung hören, ohne daß dieſe gemeine Stimme ihr ſtill, ſtill, dazwiſchen kreiſcht. Ich habe mich Ihretwegen ſchon recht geärgert, aber im Vertrauen geſagt, ich weiß recht wohl, woher dieſes Gekreiſche kommt. Ja, man iſt eiferſüchtig auf Sie. Sie haben viele Feinde, armes Kind, und man intri⸗ guirt bereits gegen Sie. Eine andere Sängerin, die⸗ ſelbe, die Sie immer ſo zärtlich umarmt, iſt ganz wü⸗ thend darüber, daß ſie von Ihnen in den Schatten ge⸗ ſtellt worden iſt. Vor Ihnen war ſie unſere Prima⸗ donna, obſchon ſie immer falſch ſang und kaum ein Dutzend Applauſe für die Saiſon rechnen konnte, mit Ausnahme ihres Behefizabends, wo ſie ſich mit Frei⸗ billetten eine Herausrufung erkaufte. Jetzt findet ſie ſich noch mehr zurückgeſetzt und ſie ha nicht halb ſo viel Gage als Sie. Hätte ſie nicht einen freigebigen Liebhaber, ſo ſäße ſie ſchon lange im Schuldthurm. Ich 2 20 bin überzeugt, daß ſie es iſt, die dieſes Geziſche veran⸗ ſtaltet hat. Heute war es bloß ein einziger Mund, der gegen Sie ſchrie; ein ander Mal werden es viel⸗ leicht zehn werden. Sie müſſen auf Ihrer Hut ſein, denn bemerken Ihre Feinde, daß man Sie ſo offen tadeln darf, ſo werden ſie ſich bald alle gegen Sie zu⸗ ſammenrotten, und dann ſind Sie verloren. Befolgen Sie meinen Rath, ich habe fünfzehn Jahre am Theater gedient. Suchen Sie den fatalen Schreier zur Ver⸗ nunft zu bringen. Er iſt erkauft, ſo viel iſt ſicher, und wenn er auch in ſeinen Prätentionen etwas unverſchämt ſein ſollte, ſo brauchen Sie ja nicht ſo genau darauf zu ſehen, was ſein Stillſchweigen koſtet; das kommt Ihnen in der Zukunft zwanzigfach herein... Ich will Ihnen aufrichtig ſagen, daß Sie von Ihrer glücklichen Stellung beſſer Nutzen ziehen ſollten, als Sie thun; Sie ſollten mehr darauf bedacht ſein, ſich jetzt einen recht ſoliden Ruf zu verſchaffen, ſo lange das Publikum noch warm für Sie iſt, es kühlt ſich bald ab, das wiſ⸗ ſen ich und ſo manche Sängerin gar wohl. Sie ſind gar zu ſchüchtern und gar zu unthätig für Ihr eigenes Beſtes. Der Beifall, den Sie einernten, genügt nicht, und Ihre Triumphe ſind bei Weitem nicht das, was ſie ſein könnten und ſollten. Sehen Sie die Signora Pariſina an; die verſtand es, das Publikum zu lenken, und ſie war doch bloß eine Tänzerin: ſie wurde an einem Abend zehn verſchiedene ale herausgerufen. Folgen Sie ihrem Beiſpiel, muntern Sie Ihre Bewun⸗ derer auf, treiben Sie den Enthuſiasmus der Leute immer mehr in die Höhe, ſonſt werden Sie niemals eine recht große Sängerin. Glauben Sie nicht, daß ich irgend gemeine Abſichten hege; nein, Gott bewahre, Sie müſſen in aller Ehrbarkeit Ihr Glück machen, das verſteht ſich. Aber wie geſagt, ſeien Sie nicht ſo an⸗ ſpruchslos, Ihr Anſehen leidet darunter. Es könnte z. B. gar nichts ſchaden, wenn Sie eines Abends auf der Buͤhnee inen Lorbeerkranz empfingen. Dieſes Mittel 2¹ wird mit Erfolg gebraucht und macht guten Effect. Ich habe in meinen Tagen auch einen Lorbeerkranz be⸗ kommen. Wollen Sie, daß ich die Sache einleiten ſoll? — Aber es iſt unnöthig, Sie beſitzen ja ſelbſt ſo viel Freunde. Das und noch weit mehr in demſelben Geiſte ſagte mir die geſchwätzige Choriſtin, und ſie ahnte nicht, wie tief ſie mich mit ihrer wohlmeinenden Abſicht verletzte; ſie begriff nicht, daß ihr leichtſinniges Geplauder, ihre verächtlichen Rathſchläge mich mehr ſchmerzten, als das, was mein Feind im Theater je gthan hat. *** * Man warnt mich oft, ich ſolle das Leben nicht, wie man ſagt, in allzu poetiſchem Licht betrachten. Ich habe dieſe Warnung nie recht verſtehen können. Sollte wohl eine Gefahr darin liegen, ſich vorzugs⸗ weiſe an diejenigen Züge bei den Menſchen und der Welt um uns her zu halten, die noch immer eine ge⸗ ſchwiſterliche Aehnlichkeit mit dem Himmel beſitzen?2 Sollte es dagegen Weisheit ſein, ſeine Betrachtungen immer auf die Schattenſeite des Lebens zu lenken?.. Dieſer Grundſatz würde mich unglücklich machen, und wenn ich meine Seele mit einem ſolchen Glauben ver⸗ düſterte, ſo würde der Genius der Kunſt mich verlaſſen In Wahrheit, es ſieht oft aus, als ob man glaubte, die ganze Kunſt ſei bloß eine loſe Maske, die man zu⸗ weilen zur Beluſtigung des Publikums umhänge, und man will nicht begreifen, daß ſie ein Herz erfordert. Ich meinerſeits möchte Jedermann warnen, das Leben nicht allzu proſaiſch zu betrachten. Diejenigen, die all' das Schöne überſehen, was offenbar oder ver⸗ borgen unter uns lebt, finden nur eine Welt von Sünde und Verwirrungen, und in der Sonnenfinſterniß, welche ſie ſelbſt hervorrufen, ſtrauchelt und fällt zuletzt ihre 22 eigene Tugend. Ach, man kann die Tugend nicht recht lieben, wenn man ſie nur als moraliſches Gebot, ohne Poeſie und Schönheit, kennt. Wenn ich an die Entwickelung meiner Schickſale denke, ſo kommt mir mein ganzes verfloſſenes Leben wie ein Märchen vor. Der Heimath meiner Kindheit näherte ſich nicht ein Laut von dem Geräuſche der Welt. Ich erinnere mich ſo gut, wenn ich von der unendlichen Ausdehnung der Erde, von der Menge der Bevölkerungen, von großen Städten und verſchiedenen Ländern las, oder wenn ich in den langen Winterabenden von den Lippen meiner Mutter Erzählungen aus ihrem eigenen Leben anhörte, was ſie in ihren glücklichen Tagen draußen in der Welt geſehen und erfahren hatte, da ſtaunte mein junges Gemüth. Die Gemälde, welche die Einbildungskraft vor meiner Seele aufrollte, entzückten mich; es gab alſo auch Weſen jenſeits der Berge, die unſer Thal einſchloſſen! Der Waſſerfall, der da brauste, die Jah⸗ reszeiten, die Blumen, die Vögel, die Liebe meiner Mutter, ſie waren alſo nicht die einzigen Beweiſe von Gottes Größe! Mein Verlangen, hinaus in dieſe neue fremde Welt zu kommen, wuchs mit⸗ der Kraft der Phan⸗ taſie, und die Ahnungen hüpften den Kenntniſſen vor⸗ aus. Es war der Engel des Todes, der mir die Thore dahin öffnete. Ich weinte die tolle Freude der Kind⸗ heit hinweg an meiner Mutter Bahre, und mein Blick war verdüſtert von den Thränen des Grames, als ich über die Schwelle trat, welche für mich die Grenze zwiſchen Streit und Frieden war. Wie arm, wie hülflos ſtand ich jetzt nicht da! Man betrachtete mich mit Verwunderung und ſchüttelte bedenklich den Kopf. Der Einzige, der meine Gefühle und das, was in meinem Innern vorging, begriff, 23 vermochte mir keine Stärke zu leihen, und die Welt ſelbſt, die ich mir ſo unendlich groß geträumt hatte, klemmte meine Seele ein.„Aus dieſem Mädchen kann nichts Vernünftiges werden,“ flüſterte man um mich her,„ſie wird ſich ſelbſt und ihre Familie in's Unglück ſtürzen.“ Es ſind erſt ein paar Jahre verfloſſen, ſeit man dieſe traurige Prophezeiung hörte.. Wo iſt wohl das arme beklagte Mädchen jetzt zu finden? etwa im Grabe oder iin Tollhaus? O nein, höret was die Fama verkündet, ſie führt ihren Namen unter Lobpreiſungen im Lande umher. Die ſtolzeſte Stadt des Reiches beugt das Knie vor ihren Talenten. Man huldigt ihr wie noch wenigen; ſie iſt glücklicher als irgend eine andere. Woher dieſe Verwandlung? Groß iſt die Macht einer hohen Idee; aber kann ſie wohl einer ſchwachen Menſchenſeele eine ſolche Stärke, einen ſolchen Sieg verleihen?. Ja wohl, denn eine ſolche Idee iſt un⸗ ſer Schickſal, iſt ein Schutzengel, der unſere Tritte lenkt, unſere Wege vorzeichnet. Ich fühle den Geiſt meiner Mutter, die Liebe meiner Mutter wieder bei dieſem Engel; die Sage, die ich mein Leben nenne, iſt ein ſchöner Gedanke von ihrer Seele. Man ſagt, Ruhe ſei eine unumgänglich nöthige Eigenſchaft für jeden Künſtler. Dieſer Grundſatz iſt, wie manche andere Kunſtregel, für mich noch ein Räth⸗ ſel. Wenn ich auf der Bühne ruhig wäre, ſo würde ich alle Kraft, alle Fähigkeit verlieren. Wie könnte ich wohl ſelbſt ruhig ſein und gleichwohl mein Herz in eine Rolle legen, die nur Unruhe athmet und die hef⸗ tigſten Gemüthsbewegungen umfaßt?.. Ich möchte mir jedoch, abgeſehen von der Kunſt, für meine eigene Rechnung mehr Ruhe wünſchen. Eine Kleinigkeit kann jetzt oft Licht oder Schatten auf meine ganze Seele 24 werfen; ich bin ſowohl in meiner Freude wie in meinen Schmerzen noch ein Kind. In Folge dieſer allzu kin⸗ diſchen Erregbarkeit meines Gefühls, bin ich jetzt mehrere Stunden muthlos geweſen. Ich will die ganze Geſchichte hier erzählen. Auf eine der Logen zunächſt der Bühne iſt eine vornehme Familie abonnirt. Auf den vorderen Plätzen, welche durch den Lichtſchein vom Orcheſter her eine klare Beleuchtung erhalten, ſitzt gewöhnlich eine ältere Dame mit ihren zwei Töchtern. Die jüngſte von ihnen, ſie kann kaum mehr als ſechzehn Jahre haben, iſt eine Blondine von ungewöhnlicher Schönheit. Ihr hellge⸗ locktes Köpfchen hat eine bezaubernde Anmuth, und in allen ihren Bewegungen verräth ſich Unſchuld und Her⸗ zensgüte. Wenn ſie lacht, und das thut ſie oft, ſo geſchieht es mit einer Herzlichkeit, die man ſelten an⸗ derswo als bei einem glücklichen Kinde findet; aber zuweilen hat das Lächeln noch nicht ihre Lippen verlaſſen, ſo hat bereits auch eine einzige rührende Seene Thränen des Mitleids ihren ſchönen Augen entlockt. Ich habe mit Vergnügen bemerkt, daß ſie meinem Spiel mit der lebhafteſten Theilnahme folgt, und mein Blick war ge⸗ wöhnt, immer dem ihrigen zu begegnen, und eine Weile in dieſem freundlichen hellblauen Himmel zn verweilen, wenn ich manchmal auf den Theaterſaa hinausſehe. So hat dieſes junge Mädchen, das ich übrigens ganz und gar nicht kenne, mich eingenommen und iſt meinem Herzen theuer geworden. Ich habe einen Genuß darin gefunden, während der Zwiſchenakte ſie zu betrachten. Meine zärtlichſten Gedanken haben ſie umſchwebt, ich habe mich geſehnt, dieſes liebenswürdige Kind in meine Arme ſchließen, ihre hellen Locken küſſen, ſie als eine Schweſter lieben zu dürfen, und es iſt mein theuerſter Traum geweſen, daß eine gegenſeitige Sympathie un⸗ ſer Herzen vereinige, obſchon wir ſonſt einander fremd ind. 25 Geſtern war ich gut disponirt und fühlte bei mir ſelbſt, daß ich meine Rolle nicht unglücklich ſpielte. Das immer dankbare Publikum ſchenkte mir auch reich⸗ lichen Beifall. Als ich meine letzte Arie zum Zweiten⸗ mal geſungen hatte, wurde ich mit ſtarken Applauſen belohrt, und von allen Seiten her flogen Blumen auf die Bühne. In dieſem Moment blickte ich zu meiner einnehmenden Blondine hinauf. Auch ſie theilte die all⸗ gemeinen Gefühle; in ihrem Entzücken nahm ſie ein Bou⸗ quet von ihrer Schärpe und warf es erröthend, aber mit einem Ausdruck warmer Dankbarkeit„mir zu Füßen. Im nächſten Augenblick ruhten dieſe Blumen an meinen Lippen. Ich glaubte zu bemerken, daß eine Thräne noch auf den Blättern einer Roſe zitterte; ich küßte ſie im glücklichen Entzücken weg. Dieſes Bouquet war mir lieber als alle andern; es war meine ſchönſte Trophäe.. Noch ſteht es friſch und duftend auf dem Tiſche vor mir; aber ach, ich betrachte es nicht mehr mit demſelben Blick und derſelbe Freude wie geſiern Vor ein Paar Stunden kam ich von einer Soirée bei der Gräfin Manfred zurück. Die Verſammlung war groß und glänzend. Als ich ſchon lange dageweſen war, entdeckte ich unter der Geſellſchaft meinen Theaterlieb⸗ ling, die hübſche Blondine. Sie kam mir, als ich ſie jetzt näher betrachtete, noch einnehmender vorz ihre Fi⸗ gur iſt ſo zart, ſo fein, und in ihrem ganzen Weſen liegt etwas Kindliches, etwas Allerliebſtes, das man unwillkürlich liebkoſen zu dürfen wünſcht. Man erſuchte mich, Muſik zu machen. Ich that es mit Vergnügen und führte einige meiner beſten Geſänge zum Piano aus. Nachdem ich geendet hatte, ſammelte ſich ein dichter Kreis von dankenden und beredten Schmeichlern um mich her. Viele mir bisher unbekannte Perſonen aus den por⸗ nehmſten Claſſen der Geſellſchaft ließen ſich vorſtellen. Man erwies mir die größte Aufmerkſamkeit und das allgemeine Intereſſe ſchien ſich eine Weile um meine unbedeutende Perſon concentrirt zu haben. Ich will 3 26 hier nicht läugnen, daß ſolche Stunden mir ein ange⸗ nehmes Gefühl bereiten. Rings um mich her ſehe ich Perſonen mit allen Vorrechten der Geburt, des Reich⸗ thums und der Schönheit, und gleichwohl vereinigt ſich die Theilnahme Aller, begegnen ſich die Blicke Aller um mich herum, das geringe arme Mädchen, das nichts anders beſitzt, als ein Gefühl für die Heiligkeit und Größe der Kunſt. Endlich zog ich mich müde vom Geſpräch zurück und fand ein verborgenes Plätzchen in einer Fenſterniſche. Meine Blicken und mein Herz ſuchten die Blondine.. Sie kam juſt in dieſem Augenblick an ihres Bruders Arm nach dem Ende des Saales, wo ich meine Frei⸗ ſtätte gefunden hatte. Die beiden Geſchwiſter unterhiel⸗ ten ſich lebhaft und kamen dabei immer mehr in meine Nähe. Der Bruder, den ich bereits unter meinen eifrigſten Bewunderern bemerkt hatte, äußerte einige ſchmeichelnde Worte über mein Talent. „Ich glaube wahrhaftig, daß Du nicht bloß in ihren Geſang verliebt biſt, ſondern auch in ihre Per⸗ ſon,“ ſagte die Schweſter ſchalkhaft. „Ja,“ antwortete der Bruder im Enthuſiasmus, „ſie iſt das reizendſte Weib unter der Sonne, und ihr Talent iſt nichts gegen ihre perſönliche Liebenswürdig⸗ keit.“ „Mein Lieber,“ unterbrach ihn die Schweſter, die auf einmal ganz ernſthaft wurde,„nimm Dich wohl in Acht. Ich für meinen Theil bewundere Mamſell Leo⸗ poldine auf der Bühne; aber außerhalb derſelben werde ich niemals vergeſſen, daß ſie eine Actrice iſt.“ Ich hörte Nichts mehr. Dieſe Worte„eine Actrice“ wurden von dem jungen Mädchen in einem Ton aus⸗ geſprochen, worin eine offenbare Verachtung lag. Sie, die mir ſo theuer geweſen war und es noch jetzt iſt, ſie, deren bloße Gegenwart meinem Herzen Frende ge⸗ — 27 ſchenkt hatte; ſie, dieſes Weſen, mit welchem ich durch Seelenfreundſchaft und Sympathie verbunden zu ſein geträumt hatte; dieſes ſo himmliſch unſchuldige, ſo engel⸗ reine Kind großer Gott, ſie verachtet mich! Mein armes Herz ſchaudert noch jetzt bei dem Ge⸗ danken an die Worte, die ſie ſagte. Eine Actrice!.„ Iſt es denn eine Schande, dieſen Namen zu tragen? M dieſer Titel eine Erniedrigung? Erkaufen wir die Schmeicheleien der Welt auf Koſten ihrer Achtung, und muß die Huldigung, die wir auf der Bühne gewinnen, uns unſern guten Ruf im allgemeinen Leben koſten? Die Aufmerkſamkeit, die ich ſo manchmal erregt habe, und die mich ſtolz gemacht, welchen Werth beſitzt ſie wohl, wenn die Unſchuld ihr Herz vor mir ver⸗ ſchließt, mein Gewerbe verachtet? Und meine Triumphe als Künſtlerin, was ſind ſie?.. Ein Grab des Glau⸗ bens an meine Tugend, an meinen Werth als Weib. Heilige Kunſt, für welche ich lebe, erwärme meine Seele, verleihe mir von Deinem Himmel herab Kraft, mein Haupt aufrecht zu tragen vor der Ungerechtigkeit der Welt und ihren Vorurtheilen! Und Du, holdes Kind, das Du ohne Dein Wiſſen einen Dolch in meine Bruſt gedrückt haſt, möge nie⸗ mals Deine eigene Liebe aus einer ſo ſchmerzlichen Wunde bluten!.. Deine Blumen, nein, ich will ſie nicht wegwerfen, ich will ſie dennoch bewahren. 5 Es herrſcht große Freude in der Familie, die mich jetzt nach ihrer Art als ihre Angehörige betrachten kann; aber zuweilen ſogar mitten unter Lachen und Munterkeit überfällt mich ein unbeſchreiblich bitteres Gefühl; ein Gefühl der Leere, das mich weich und wehmüthig ſtimmt... Ich fühle mich einſam, ach, ſo einſam mit⸗ ten unter dieſen liebenswürdigen Menſchen, mitten unter ſo vielen Freunden. 28 Einſam? frage ich mich ſelbſt und laſſe meine Blicke über das gefüllte Theater hinſchweifen, wo mir von allen Lippen ein freundliches Lächeln, von jedem Blick Bewunderung entgegen kommt. Einſam? frage ich und ſuche vergebens die Bougquete zu zählen, die zu meinen Füßen niederfallen Ja, einſa m, ant⸗ wortet mein Herz. Man liebt die Sängerin, man hul⸗ digt dem Talent; aber was habe ich für mein eigenes Ich als Menſch, als Weib gewonnen? Als ich neulich zu meiner guten Wirthin kam, ſtand ſie über die Wiege ihres kleinen Kindes hingebeugt. Einer Mutter Stolz und Freude ſtrahlte in ihrem ſchönen Vlick. Ich hatte nicht das Herz, ſie zu ſtören, ich er⸗ ſchien mir hier wie ein Fremdling, und nachdem ich eine Weile ungeſehen beobachtet hatte, wie ſie ihren Liebling mit zärtlichem Koſen überhäufte, kehrte ich langſam auf meine eigenen Zimmer zurück. Ich habe dieſelben vorher noch nie ſo zierlich und zugleich ſo leer gefunden; es war mir unmöglich, meine Thränen zurück⸗ zuhalten. Ach, wie arm bin ich nicht bei all meinem Reich⸗ thum! Ich ſtehe allein in meinem Leben!.. Es wohnt ein Drang nach einem Heimweſen in jedes Weibes Bruſt, und wenn alle anderen Gefühle ruhen, ſo ſeufzt dieſes aus der Tiefe meiner Seele; aber ich vernehme keine Antwort auf dieſe Seufzer, keine Antwort auf das zärt⸗ liche, ſehnſuchtsvolle Verlangen des Herzens. Einmal, zur Zeit als ich noch keinen Ruhm ge⸗ wonnen hatte, als ich noch ein armes vater⸗ und mut⸗ terloſes Mädchen war, da hörte ich dieſe Worte, und es lag eine glühende Wärme in ihnen: Leopoldine, ich liebe Dich. Ich habe dieſe Worte nie vergeſſen kön⸗ nen, ich habe ſie nie vergeſſen wollen. Sie bilden noch heute die ſchönſte Erinnerung meines Herzens, aber, ach, nur eine Erinnerung!„. Marimilian, wo biſt Du? Haſt Du die Freundin Deiner Kindheit vergeſſen? ——— 29 Umſchwebt Deine Zärtlichkeit nicht mehr diejenige, deren Seele Du zum Dienſt und zur Verehrung der Kunſt leiteteſt. *½ „ Ich wurde neulich durch einen Beſuch von Graf Manfred unterbrochen. Er entdeckte in meinen Augen Spuren von Thränen, die ich noch nicht hatte verwiſchen können, und zeigte mir die herzlichſte Theilnahme. Dieſe Herzlichkeit war heute nicht wie gewöhnlich in einen allzu großen Pomp von Schmeicheleien und Complimen⸗ ten gehüllt; ſie trat in ihrer guten, ehrlichen Wahrheit hervor, und juſt deßhalb gefiel ſie mir ſo wohl. Man hat den Charakter dieſes Mannes durch ge⸗ meine Inſinuationen bei mir anzuſchwärzen geſucht, aber Gott ſei Dank, noch bedrückt kein Argwohn gegen ihn mein Gewiſſen. Pfui, es wäre unwürdig, ihm zu miß⸗ trauen, dem ich ſo viel, ja mein ganzes Glück zu ver⸗ danken habe. Unter ſeinem Schutz bin ich geworden, was ich bin. Er iſt es, der meinen Weg eröffnet hat, der mich auf dieſer neuen Bahn ſtützt, und wenn er auch, wie wir Alle, ſeine Schwachheiten und ſeine Feh⸗ ler hat, ſo darf wohl ich die Letzte ſein, die dieſelben zuſammenzählt und über ſeinen Wängeln ſeine Verdienſte überſieht.. Nach dieſem Beſuch, der mir zu erkennen gab, daß er nicht bloß die Theilnahme eines Kunſt⸗ freundes, ſondern auch eine edle Freundſchaft für mich hegt, ſchätze ich ihn noch mehr. Er ſprach vertraulich mit mir, rief durch Scherz und Ernſt wieder meine Freude hervor und munterte mich mit der Güte eines Bruders auf. Ach, möge Gott mir verzeihen, wenn in der Klage, die ich das letzte Mal äußerte, eine Unzufriedenheit lag! Wenn ich mich mit der Menge vergleiche, wie benei⸗ denswerth finde ich nicht da mein eigenes Lvos! Ja, fort mit äller Klage, ich kenne kein Weſen, das glück⸗ 30 licher wäre, als ich ſelbſt!... Ich habe den Platz ge⸗ funden, auf welchen ich von einem höheren Geſchick berufen zu ſein glaube. Ein großes, ein herrliches Ziel liegt in meiner Zukunft. Wenn mein guter Genius mich nicht verläßt, wenn er meinem Geſange ſeinen Geiſt leiht, ſo wird es mir ſicherlich vergönnt werden, wenigſtens in irgend einem Herzen die Liebe zu einem idealen Leben zu veredeln, das ſich, obſchon nicht immer vollkommen bewußt, bei uns Allen vorfindet. Ich bin jung, voll von Lebensluſt und Hoffnung, und ſchaue ohne Furcht in die Welt hinaus, denn ich weiß, daß ſie ſchön iſt, ich glaube, daß ſie gut iſt! *** ** Wir verlaſſen jetzt Levpoldinens Tagebuch, um ihr ſelbſt zu folgen. XVII. Der Beſchützer. Mein Herr iſt immer ein reſpektabler Ca⸗ valier geweſen. Aber freilich hatte er auch Künſte an ſich gehabt, wie alle ſolche Herren an ſich haben. Shakſpeare. In den obigen Auszügen aus Leopoldinens Tage⸗ buch haben wir unter Anderem erſehen, daß ſie Graf Manfred als ihren Beſchützer, ihren Freund betrachtete. Aber da wir das Herz dieſes Mannes beſſer kennen, als ſie, ſo haben wir in dieſem intimen Verhältniß zwiſchen ihnen mehr Grund zur Furcht als zur Freude ge⸗ funden. — 31¹ Graf Manfred galt überall als ein Ehrenmann, ſowohl nach den Begriffen der Welt, als auch nach ſei⸗ nen eigenen. Seine vielen glänzenden Eigenſchaften ver⸗ goldeten in den Augen des Publikums ſeine Handlun⸗ gen, und man urtheilte, wie man oft thut, daß alles Gold ſei was glänzt. Unläugbar iſt es auch, daß man verſchiedene ſehr ſchöne Züge von ihm zu erzählen hatte, die zu beweiſen ſchienen, daß es ihm nicht an Edelmuth mangele. Aber in einer Beziehung war der. edle Graf höchſt unverbeſſerlich, nämlich in Allem, was ſogenannte Liebesaffairen betraf. Die Moral ſeines Herzens war von der allerlockerſten Art, und obſchon er ſich gerne das Anſehen eines ritterlichen Cavaliers geben wollte, ſo hatte er doch die erſte Bedingung der Ritterlichkeit: die Achtung für das Weib, gaͤnzlich vergeſſen. Weit entfernt, das Band der Ehe als ein Hinderniß für ro⸗ mantiſche Abenteuer zu betrachten, glaubte er ohne alles Bedenken, daß ſolche ſeinem Alter und ſeiner Stel⸗ lung in der Geſellſchaft angehören, weßhalb er auch mit einem gewiſſen Stolz die vielen Siege zuſammenzählte, die er auf dieſem Felde gewonnen hatte, und ſich ſelten zufriedener fühlte, als wenn er ſeine Freunde von ſeinen beneidenswerthen Grfolgen bei dem ſchönen Geſchlecht flüſtern hörte. Ja, wenn einer dieſer Freunde ſagte: „Manfred, Du biſt der Don Juan unſerer Zeit,“ ſo ſchmeichelte dieß ſeiner Eitelkeit in hohem Grad, und er meinte, daß man ihm nur Gerechtigkeit widerfahren laſſe. Aber wenn es irgend einem Freunde der Wahr⸗ heit eingefallen wäre, zu ſagen:„Manfred, Du biſt ein Verführer, Du haſt treulos manches Herz betrogen, Du haſt den Fall von manchem Weib zu verantworten!“ ſo würde er dieß als einen Schimpf betrachtet haben, der ſich nur mit Blut abwaſchen ließe. Unter ſolchen Verhältniſſen kann ſich Niemand darüber wundern, daß das Intereſſe des Grafen für Leopoldine ſich bald mit den Leidenſchaften ſeines Herzens vermiſchte; ſie war jung, ſchön und für den Augenblick die gefeiertſte 32 Dame der Stadt. Er philoſophirte nicht gerne über ſolche Fragen. Leopoldine war für ihn eine Feſtung, die eingenommen werden mußte. Es galt, ſeine auf die Probe geſtellte Feldherrnehre zu bewähren, und damit betrachtete er die Sache als vollkommen klar.* Beinahe täglich beſuchte der Graf ſeinen liebens⸗ würdigen Schützling. Einen Tag, nachdem ſie die No⸗ tizen niedergeſchrieben hatte, womit das vorige Kapitel endet, fand er ſie ungewöhnlich heiter und belebt. Sie trat ihm mit einer Vertraulichkeit, einer Wärme in Blicken und Worten entgegen, worüber er ſich noch nie zu erfreuen gehabt hatte. Der Graf deutete dieß auf eine Art, die mit ſeiner allgemeinen Erfahrung, ſeinem Glauben an das Weib und ihre Gefühle übereinſtimmte; er betrachtete dieſe Zeichen als günſtig für ſeinen Ero⸗ berungsplan und ſah darin eine Andeutung, daß die Stunde des Sieges noch früher herannahe, als er zu hoffen gewagt hatte. Im Verlauf des Geſprächs verſäumte er keine Ge⸗ legenheit, um immer tieferen Eingang in dieſes un⸗ ſchuldsvolle Herz zu gewinnen, das er jetzt für ſich ge⸗ öffnet glaubte. Mit einer Geſchicklichkeit, die den Mann von feinerer Lebensart verrieth, entlockte er Leopoldine immer mehr von ihrem Vertrauen. Er nahm, ſo weit es ihm möglich war, ihre eigene ſchwärmeriſche Sprache an und warf dazwiſchen ganz unvermerkt in ihre Phantaſie Funken des Feuers, von dem er hoffte, daß es bald ihre ganze junge Seele entzünden ſollte. Sein Muth wuchs, ſeine Hoffnungen wurden kühner, und im Tau⸗ mel ſeines Entzücken ſah er bald die Frucht bereits ge⸗ reift, auf welche er in ſeinen klugen Berechnungen in einer noch fernen Zukunft gehofft hatte... Endlich, im Augenblick des Abſchieds, als Leopoldine ihm freundlich ihre Hand reichte und ohne ſie zurückzuziehen, geſtattete, daß er ſie mit Wärme drückte, da ſteigerte ſich ſeine Zuverſicht bis zum Uebermuth, und eine dreiſte Idee tauchte in ſeinem Kopfe auf. 33 »Wer beſitzt den morgenden Tag 2“ dachte er,„die Mine iſt fertig; ſie mag 16 b Nach kurzem Beſinnen machte er jetzt ſeinem Schütz⸗ ling den Vorſchlag, ſie möchte in ſeiner Geſellſchaft auf ein Stündchen dem Mastenball der Oper anwohnen, der am Abend ſtattfand. Er hatte mit Leopoldine oft davon geſprochen, wie nothwendig es für ſie als Schau⸗ ſpielerin ſei, ſich mit dem allgemeinen Leben bekannt zu machen und durch das Studium von Charakteren aus verſchiedenen Geſellſchaftsklaſſen ihre Menſchenkenntniß zu bereichern. Sie ſah die Wahrheit dieſes Rathes ein und fand, daß ein öffentliches Feſt von ſo großartigem Maßſtab wie eine Opernmaskerade wohl angeſehen zu werden verdiene, zumal da ſie noch niemals an einem ſolchen Vergnügen Theil genommen hatte; ſie verſprach ſich Freude davon und ſagte ohne Bedenken fröhlich zu. In dem koloſſalen Saale bewegte ſich eine bunte Maſſe von mehr als tauſend Masken. Die Tanzmuſik erſcholl in tollen Tönen, und gleich wie der Sturm im Winter die Schneeflocken jagt, ſo jagte dieſe Muſik die Menſchen in wilden Tänzen. Wohin der Blick ſich wandte, begegnete er demſelben beweglichen, gaukelnden, ſpielen⸗ den Leben. Die zierlichen Trachten von allen Farben, von allen Moden und allen Ländern, wechſelten fröhlich in dem klaren, glitzernden Scheine der Gasflammen. Geplauder und Geſchrei erſcholl von allen Seiten, ähn⸗ lich dem Gebrauſe einer Fluth, die ſich von einer Höhe herabſtürzt, und muntere Schwänke riefen dazwiſchen hinein überlaute Lachſalven hervor. Aber das eine und andere myſtiſche Paar ſchlich ſich ſchweigend durch das luſtige Gewimmel, friedlichere Plätze ſuchend, und erweckte in der Einbildungskraft des Zu⸗ ſchauers Vorſtellungen von Intriguen und Rendezvous, Ahnungen zärtlicherer Gefühle, die von der fremden Ein Funke. IH. 3 34 Tracht ihren Schutz borgten. Dieſe geheimnißvollen Scenen verliehen dem großen Gemälde allgemeiner Freude und Beluſtigung ein noch pikanteres Intereſſe. Auch die unteren Logenreihen waren großentheils beſetzt. Hier hatten diejenigen Platz genommen, die es vorzugen, das tolle Treiben aus der Ferne zu betrachten. Unter ihnen ſah man in einer der vornehmſten Logen ein paar ſchwarze Dominos. Der Cavalier war eine ſtattliche Figur, die eine elegante Leichtigkeit in ihren Bewegungen zeigte, und was die Dame betraf, ſo ver⸗ riethen ſich ihre feinen, weichen Formen, trotz der nei⸗ diſchen Falten des weiten Seidenkleides. Ihre kleine, weiße Hand, die auf dem Geländer ruhte, hatte ihr die beſondere Aufmerkſamkeit mehrerer alten Maskeraden⸗ habituss zugezogen; auf der Bruſt trug ſie eine Roſette von carmvifinrothem Sammetband. Etwas ſpäter am Abend ſah man daſſelbe Paar Arm in Arm mehreremal im Salon umherwandeln. Sie hatten hier Gelegenheit, die Gelenkigkeit und hals⸗ brechenden Sprünge eines grinſenden Bajazzo zu bewun⸗ dern, ihre Geſellſchaft unter Bauernmädchen, Zigeune⸗ rinnen, Nonnen und Türkinnen zu wählen, ſtumme Ritter und dünnbeinige Hofleute zu betrachten, den Wunderkuren eines geſprächigen Wnſſervoktor⸗ gegen rothes Haar, große Füße, lange Raſen, glatte Zungen, Mücken im Kopf und Füchſe hinter den Ohren u. ſ. w. zu lauſchen, oder auch konnten ſie ſich unter dem mun⸗ teren der Debardeurs in einer tollen Galoppade herumſchwingen. Aber die Dame neigte ſich gegen den Arm ihres Cavaliers mit einer Geberde der Aengſtlichteit und Be⸗ ſorgniß, welche verrieth, daß ſie an dieſes Menſchen⸗ gewimmel, dieſe geräuſchvollen Seenen nicht gewöhnt war„ Sie zogen ſich wieder aus dem Gedränge zu⸗ rück. Er jflüſterte einige Worte in ihr Ohr. Sie gab ein bejahendes Zeichen zur Antwort. Sie eilten hinter die Couliſſen und traten in den langen Corridor, der 35 zu den Reſtaurationszimmern führt. Aber ſie gingen noch weiter, an den Eingängen dieſer Zimmer vorbei; eine kleine ſchmale Treppe in der Wand hinauf. End⸗ lich traten ſie durch eine Thüre ſeitwärts von der Treppe ein.— 5 Sie befanden ſich jetzt in einem kleinen, aber üppig möblirten Zimmer. Die Beleuchtung war angenehm⸗ obſchon matt. Eine ſo eben erloſchene Flamme gab der Luft eine höhere Temperatur, und ſtark duftende Blu⸗ men verbreiteten liebliche narkotiſche Gerüche. Der weiche, elaſtiſche Teppich machte die Tritte der Hereinkommen⸗ den unhörbar.„ »Mein Gott, wohin haben Sie mich geführt 2“ fragte die Dame etwas unruhig und einen verwunderten Blick über das Zimmer werfend. „In die ruhigſte Freiſtätte des ganzen Hauſes,“ antwortete der Cavalier, indem er ſie einlud, auf einem Sopha Platz zu nehmen. Zugleich nahm er ſeine Maske ab. Die Dame folgte ſeinem Beiſpiel, und wir ſehen jetzt zwei alte Bekannte vor uns: Mamſell Leopoldine und Graf Manfred. Der Letztere fuhr fort: „Ja, Mamſell Levpoldine, Sie befinden ſich jetzt in meinem Privatkabinet. Sehen Sie ſich um. Sie werden nicht mit Recht ſagen können, daß es hier un⸗ angenehm ſei. Niemand kann uns ſtören; hier können Sie, befreit von dem Getöſe und Gedränge, das Sie drunten im Theater ſo ſehr ſchreckte, getroſt ausruhen. n den allgemeinen Reſtaurationszimmern würden Sie daſſelbe tolle Leben gefunden haben, wie im Saal, aber ich wage zu bezweifeln, ob Sie dort beſſere Erfriſchun⸗ gen vorgefunden haben würden, als diejenigen ſind, die auf vi ehchin hier für Sie ir ſtehen.“ ie herrlich, von dieſer lanaweili ⸗ freit ze i ch, von dieſ ngweiligen Maske be Etwas Eis, wenn es Ihnen beliebt. Glauben Sie nicht, daß dieſe Aprikoſe ſo warm iſt wie ihre Röthe; ach nein, ſie gleicht anſern Shinitn„ihr 36 Inneres iſt von Eis. Ein Glas Selterſer Waſſer mit Champagner wird Sie erfriſchen. Dieſes Getränke iſt unvermeidlich bei jeder Maskerade„. Ihre Geſundheit, Mamſell Levpoldine!“ Und Levpoldine fand ihren Platz gut und leerte das gereichte Glas ohne Bedenken; es wurde ihr ja von einem Freunde gereicht. Im Uebrigen dachte ſie ganz und gar nicht daran, daß ſie jetzt in einem abgelegenen 2. Hauſes mit einem Mann allein ſaß. Dieß war ohne Zweifel ſehr unvorſichtig, aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß es mehrere Arten von Unſchuld gibt, und daß diejenige, die am öfteſten erröthet, ſehr oft auch die am wenigſtens unſchuldige iſt. Niemand darf die Unbedachtſamkeit loben, aber Jedermann muß ein reines Gemüth lieben. „Was ſagen Sie zu dieſem Abend?“ fragte der Graf. Leopoldine lächelte und ſchüttelte langfam den Kopf. „Mit Ihrer Geſellſchaft und Ihren Arrangements kann man nicht unzufrieden ſein,“ ſagte ſie;„aber ich bezweifle doch, daß ich für die Zukunft die Masken⸗ bälle unter meine Vergnügungen einzeichnen werde.“ „Wären Sie ein gewöhnliches Weib, ſo würde ich es für ganz natürlich halten, daß Sie kein Vergnügen darin finden, Ihre Schönheit hinter einer Maske zu verbergen.“ „Sie dürfen mir nicht auf Koſten meines ganzen Geſchlechtes ſchmeicheln.“ „Nein, Sie haben Recht, mein Compliment war ſehr ſchlecht. Ich erlaubte mir eine abgenützte Anſpie⸗ lung auf die Eitelkeit des Weibes, um meine eigene Freude darüber nicht zu verrathen, daß ich Sie endlich unter vier Augen ſchauen darf. Aber ſagen Sie, warum lieben Sie dieſe Art von Vergnügen nicht 2“ „Ich kann mir nicht helfen, aber ich erſchrecke vor einem Menſchen, wenn ich in ſeinem Blick und in ſei⸗ nen Zügen, nicht nach einer Seele, nach einem Geiſt 37 ſuchen kann, der mit meinem eigenen verwandt iſt. Dieſe ſteifen Masken, dieſe verſtellten Stimmen erſchrecken mich, und ich fürchte, daß es keine gute Eingebung war, welche die erſte Maskerade in der Welt veranſtaltete.“ „Dazu haben Sie gute Gründe: die Schlange im Paradies war unſer erſter Maskeradenarrangeur. Aber ſehen Sie, ſeit dem Tage, an dem ſie auftrat, iſt unſer ganzes Leben eine Maskerade!“ „Sie dürfen nicht ſagen, das ganze Leben, ſondern nur ein kleiner, unbedeutender Theil unſeres Lebens.“ „Ach, Mamſell Leopoldine..4 „Warum beklagen Sie mich 2“ „Nein, ich beklage Sie nicht; Sie leben noch in den unſchuldigen Träumen der Kindheit, aber.4 „Fahren Sie fort, Herr Graf.“ „Die Zeit iſt gekommen, wo Sie den beirrenden Flor entfernen müſſen, durch welchen Sie die Wirklich⸗ tütthtttchn aber ich erſcheine Ihnen vielleicht zu ernſt? Glauben Sie nicht, daß ich bereits ſo verweich⸗ ſei um mich durch ein ernſtes Wort ſchrecken zu aſſen. „Nun wohl, beſitzen Sie den Muth, das Leben ſo anzuſehen, wie es wirklich iſt, beſitzen Sie den Muth, Ihre lieben Phantaſien aufzugeben und die reelle Wahr⸗ heit unſeres Schickſals zu erfaſſen 26 „Ich liebe die Wahrheit, Herr Graf; ich liebe ſie wie der Pilger ſeinen Wanderſtab, wie der Krieger ſein Schwert liebt.“ „So hören Sie mich und zweifeln Sie nicht daran, daß meine herzliche, warme Theilnahme für Ihr Wohl es iſt, was meine Worte diktirt, wenn ſie für Ihre Ohren auch unangenehm klingen ſollten... Es gibt ein Wort, das man niemals ohne Gefahr unter dem großen Haufen ausſpricht, das aber die Glückſeligkeit des weiſen Menſchen bildet, und dieß iſt das Wort Freiheit. Die Nothwendigkeit der Geſetze verrieth 38 ſich ſchon im Anfang der Welt, ſobald die Menſchen ſich in Geſellſchaften ordneten, und um die Völker zu leiten und zu regieren, fand man ſich veranlaßt, ihnen Lehren einzupflanzen, welche gleichſam ein weiteres Gewiſſen hervorbringen ſollten, das ſich von dem angeborenen, natürlichen in vielen Theilen unterſchied. Damit nun dieſe Lehren eine Heiligkeit gewinnen ſollten, erklärte man ſie für göttliche, und der erſte Geſetzgeber der Welt behauptete ſeine Gebote unmittelbar von Gottes Hand empfangen zu haben. Wir müſſen die Weisheit verehren, die ſich darin verräth, denn ſie hat durch die Finſterniß der Zeitalter hindurch der Civiliſation Erfolg und Schutz bereitet. Aber wir können gleichwohl nicht leugnen, daß alle dieſe Bande und Ketten, womit die Regierun⸗ gen nothwendig die Menſchheit belaſten mußten, jetzt durch eine rückwirkende Bewegung ein neues Uebel her⸗ vorgerufen haben, das ſeinerſeits die Welt zu zerſtören droht. Dieſes Uebel ſind die Vorurtheile. Von Vorurtheilen frei ſein heißt weiſe ſein, und weiſe ſein heißt glücklich ſein. Die große Menge beſitzt noch nicht Bildung genug, um einen würdigen Gebrauch von dieſer Freiheit zu machen, um dieſe Weisheit, dieſes Glück recht zu erfaſſen, und es wird ohne Zweifel zu allen Zeiten unmündige Seelen geben, die, um nicht ſch ſelbſt und den ganzen Staat in's Verderben zu ſtürzen, in Unkenntniß darüber erhalten werden müſſen, daß die bürgerlichen und die natürlichen Geſetze in ihren Be⸗ ſtimmungen des Rechten und Unrechten nicht immer übereinkommen. Aber für uns, die wir aufgeklärt ge⸗ nug ſind, um unſere Rechte benützen zu können, für uns iſt es ſogar eine Pflicht, unſere Seele von allen falſchen Meinungen und Vorurtheilen zu emancipiren, die unſere Begriffe von der wahren Freiheit entſtellen. Ich will Sie jetzt nicht mit einer Beleuchtung all der zahlloſen Unwahrheiten und der falſchen Sätze ermüden, die ſich in der Organiſation der politiſchen Welt kund thun, und aus denen ſie ein ſo kunſtreiches Gewebe 39 macht. Sie ſind ein Weib, und Ihre Beſtimmung iſt alſo eine andere Wirkſamkeit als die öffentliche Politik. Aber auch Sie haben einen Staat zu regieren und Ge⸗ ſetze für denſelben zu geben; dieſer Staat iſt Ihr Herz.“ „Glauben Sie wohl, daß es möglich fei, ſeinen Gefühlen Geſetze zu geben?“ „Nein, aufrichtig geſtanden, ich glaube es nicht. Ich demüthige mich vor der Macht des Gefühls mehr als vor irgend einer andern, und wenn ich vorhin ſagte, daß Sie Ihr Herz zu regieren haben, ſo möchte ich jetzt noch den Rath beifügen, daß Sie den eiſernen Scepter des Deſpotismus wegwerfen und die Freiheit als Grund⸗ geſetz proklamiren müſſen, denn der Druck erſtickt die beſte Kraft des Lebens und ruft früher oder ſpäter ver⸗ heerende Revolutionen hervor. An was ſollen wir glauben, wenn wir nicht an unſere Gefühle glauben? Wir haben allerdings die moraliſche Wiſſenſchaft mit ihren Rechts- und Sittenlehren, aber wir finden in der Tiefe dieſer Lehren nur Abgeſchmacktheiten und Widerſprüche. Sie wechſeln mit den verſchiedenen In⸗ ſtitutionen der bürgerlichen Geſellſchaft, und was an einem Tag Verbrechen oder Fehler genannt wird, das heißt am andern Tugend oder Fflicht. Dieſelbe Handlung, die in einem Staat getadelt und geſtraft wird, gewinnt in einem andern Ruhm und Belohnung. Die Staaten, die mit Recht fürchten, dem rohen Haufen eine Ahnung von der Freiheit der Gefühle zu geben, haben ſich zu allen Zeiten ſehr angelegen ſein kaſſen, dieſe Freiheit als Leivenſchaft zu bezeichnen und einen Kreuzzug gegen alle Leidenſchaften zu predigen. Man hat die Moral in das allgemeine Leben geſetzt, wie man eine Vogelſcheuche auf den Kirſchbaum ſetzt', um die Elſtern und Spatzen vom Genuſſe der ſüßen Frucht abzuhalten. Aber Jeder, der das Licht der Bildung mit einiger Vorſicht zu benützen verſteht, ſo daß er keine Feuersgefahr dadurch hervorbringt, der wäre ein Thor, wenn er ſich von dieſen Spuckgeſtalten täuſchen ließe, 40 die uns vom ufer der Glückſeligkeit hinwegzuſchrecken ſuchen. Klüger iſt derjenige, der die Phantome weg⸗ bläst, die ſchon von Kindheit auf unſere Einbildungs⸗ kraft beherrſchen, und der mit vollem Glauben an die Wahrheit ſeiner Worte ſagt: Des Herzens Stimme iſt Gottes Stimme.“ „Vielleicht ſollte es ſo ſein, Graf Manfred, aber ich bezweifle, daß es wirklich ſo iſt. Wir haben Alle unſere Verirrungen, und in keiner menſchlichen Bruſt ſchlägt ein jeden Augenblick reines Herz. Unſere Seele hat ihre Sabbathſtunden. In dieſen vernehmen wir ihren Zuſammenhang mit den himmliſchen Mächten, aber im täglichen Leben müſſen unſere Sympathien für das Materielle wieder das Uebergewicht gewinnen, und wir können uns, glaube ich, nicht immer auf eine höhere Wahrheit in unſern Gefühlen verlaſſen.“ „Sie haben zum Theil Recht. Kein Menſch hat noch eine ſolche Höhe der Weisheit erreicht, daß er ſich nicht ſelbſt täuſchen könnte, und Niemand wird je dieſe Höhe erreichen. Es iſt alſo ganz unmöglich für uns, ohne Fehltritte durch das Leben zu wandeln; aber juſt weil unſer Sündenregiſter dennoch jedenfalls groß genug iſt, ſo iſt es ja unnöthig, es mit erdichteten Sünden zu belaſten Ich weiß, daß Sie die Natur lieben. Schön und herrlich erſcheint uns da Gottes Schöpfung. Sie begegnet uns da mit dem Lächeln des Glückes, mit dem Jubel der Freude, und wir ſehen keine Hand, die mit grauſam tyranniſcher Macht die Gefühle zurückhält. Wir hören keine Stimme den Genuß als eine Sünde verdammen. Nur unter den Menſchen machen wir dieſe Entdeckung, und wir vernehmen zugleich auch den kla⸗ genden Seufzer des Kummers. Ja, nur der Menſch iſt es, der unglücklich iſt; bei ihm iſt die Freiheit ge⸗ bunden, die Ratur mit Gewalt unterdrückt, und die Herrſchaft der Vorurtheile verpflanzt ſich ſiegreich von Geſchlecht zu Geſchlecht. Ich tite meinen Satz bloß 4¹ mit einem einzigen Beiſpiel zu belegen, und Sie müſſen zugeben, daß ich Recht habe.“ 8 Wit einem einzigen Beiſpiel? Welches meinen ie2“ „Ich meine die Liebe.“ „Iſt nicht ſie dasjenige Gefühl, welches das Uni⸗ verſum belebt, das wir überall in der Natur wieder⸗ finden, das ſich bei jedem Weſen kundgibt, das den Troſt des Lebens und die Sonne aller Seelen aus⸗ macht?“ „So iſt es, und gleichwohl welche freche Verſuche hat man nicht gemacht, um dieß erhabene Gefühl zu einer verbotenen Frucht zu ſtempeln? Juſt darin verräth ſich der ganze rettungsloſe Wahnwitz unſerer Moraliſten. Die Liebe iſt unſer höchſter Reichthum, ſie iſt unſer Erbe vom Himmel, ſie iſt Gottes eigenes Geſetz, das in unſern Herzen lebt. Mögen wir darum die falſche Lehre verabſcheuen, die ſich erdreiſtet, dieſem über alle irdiſchen Bande erhabenen Gefühl Grenzen ſtecken und Bedingungen auferkegen zu wollen. Die Liebe iſt frei; ihr Geſetze vorzuſchreiben, iſt gerade, wie wenn man beſtimmen wollte von welcher Gegend her der Wind blaſen, oder auf welcher Bahn der Vogel fliegen ſoll.“ Ja, die Liebe iſt, wie Sie ſagen, ſelbſt unſer höchſtes Geſetz, aber obſchon ſie in Aller Bruſt lebt, können wir doch nicht ſagen, daß Alle ihre hohe Wahr⸗ heit aufgefaßt haben. Ach nein, Niemand hat das voll⸗ kommen gethan. Müſſen wir deßhalb nicht das Geſetz reſpektiren, das die beſſer aufgeklärten, von ihrem beſſeren Gefühl inſpirirten Menſchen für diejenigen feſtgeſtellt haben, welche in einem tieferen Dunkel umhertappen?“ „Und dieſe ſogenannten beſſer aufgeklärten Menſchen, welche ungeheueriche Lehren ſind juſt nicht von ihnen ausgegangen? In ihrem geiſtigen Hochmuth haben ſie ſich für die Stimme der Natur taub gemacht, und in ihrem engen Gehirn haben ſie Syſteme erbaut, welche bloß den Fehler haben, daß ſie eines feſten Grundes 42 ermangeln. Darum ſind ſie auch immer nach derjenigen Richtung hingeſchwebt, nach welcher die Launen des Zeitgeiſtes ſie getrieben haben, und wenn ſie auch mit ihren vielen orthodoren Paragraphen und Momenten die Bewunderung von tauſend klugen Köpfen gewon⸗ nen haben, ſo haben ſie doch niemals ein einziges Herz gewonnen. Jedes Blatt der Geſchichte beſtätigt meinen Satz. Ja, was iſt heut zu Tag der Cölibat der katho⸗ liſchen Prieſterſchaft, was ſind die Kloſtergelübde, was iſt die Ehe 2“ Leopoldine machte bei dieſem letzten Wort eine Ge⸗ berde der Verwunderung. Der Graf fuhr fort: „Sie erſchrecken über dieſe meine letzte Frage. Ich erwartete das; aber Sie ſtehen meinem Herzen allzu nahe, als daß ich Bedenken tragen könnte, vor Ihnen eine Wahrheit zu enthüllen, die ein Glück in ſich ſchließt. Verſtoßen Sie alſo die Hand nicht, welche den Schleier abreißt!... Die Ehe, die in Ihrer Phantaſie von einem heiligen Schimmer umſtrahlt wird, iſt kein natür⸗ liches, kein göttliches Geſetz; ſie iſt bloß eine geſell⸗ ſchaftliche Einrichtung, eine menſchliche Erfindung. Ehre gebührt der Liebe allein. Ich will nicht ſagen, daß die Zeit zur Aufhebung dieſer allerdings noch immer ſehr nützlichen Einrichtung gekommen ſei; aber was Sie betrifft, ſo thut es mir leid, zu finden, daß Ihre edle Seele von dem Joch der Vorurtheile bedrückt iſt. Sie verdienen frei zu ſein! Ach, wir würden in der elendeſten aller Zeiten leben, wenn wir die Liebe nach der Ehe unſerer Zeit beurtheilen müßten. Werfen Sie einen forſchenden Blick in die Welt hinaus um ſich her, und Sie werden einſehen, daß die Ehe einzig und allein ein Geſchäft geworden iſt, wobei das Herz am wenigſten zu ſagen hat. Ein Mann erreicht ein ſolches Alter und eine Pich⸗ Stellung in der Geſellſchaft, daß man ihn für das Familienleben reif glaubt. Er hat dann ge⸗ wöhnlich bereits ſo fleißig auf dem Altar der Liebe ge⸗ 43] opfert und ihre berauſchende Glückſeligkeit ſo häuſig genoſſen, daß er die Kräfte ſeines Herzens erſchöpft und die Flamme darin für immer erlöſcht zu haben glaubt. Was er jetzt bedarf, iſt Ruhe und Raſt; er fühlt ſich nach ſeinen vielen Abenteuern ermüdet, er ſehnt ſich nach einem kummerloſen, comfortablen Leben, und er hofft, in einer vom Schimmer der Ehre beleuchteten Zukunft die Liebe gänzlich entbehren zu können, die ſeine früheren Tage beſchäftigt hat. Er trifft ſeine Wahl darnach. Er ſieht ſich in der Ausſtellung heiraths⸗ luſtiger Mädchen, wie jede Saiſon ſie darbietet, um. Er berechnet alle Vortheile der Geburt, der Verwandt⸗ ſchaft, des Reichthums; er entſchließt ſich endlich für diejenige Partie, die ihm am meiſten zu verſprechen ſcheint; er bietet ſeine Hand, und bloß einer alten guten Sitte gemäß, auch ſein Herz an, ein Vertrag wird auf⸗ geſetzt, worin die Morgengabe und die Erbſchaftsbedin⸗ gungen die Hauptſache bilden; darauf gibt er ein kurzes Verſprechen beſtändiger Treue ab und wird auf ſolche Art ein wohlbeſtallter Ehemann.. Ich frage mit Recht, was hat wohl die Liebe mit einer ſo gänzlich juridiſchen Frage zu ſchaffen? Es zeigt ſich auch ſehr bald, daß dieſes Gefühl unter der Herrſchaft eines un⸗ natürlichen Geſetzes nicht gedeihen kann. Der ver⸗ heirathete Mann findet im häuslichen Leben keinen Er⸗ ſatz für die Genüſſe, die er früher gekoſtet hat. Sein Herz erwacht wieder mit verjüngten Gefühlen, es ver⸗ langt Poeſie und Romantik, es empört ſich gegen die ſchwere Kette, die man eine heilige Pflicht zu nennen gewagt hat; es läßt ſich von einigen kumpigen Vorur⸗ theilen nicht befehlen. Die Frau ihrerſeits empfindet denſelben Druck auf ihre Gefühle; nun wohl, die Folge liegt klar vor den Augen. Man beſitzt Takt genug, um einen öffentlichen Bruch zu vermeiden. Man zeigt Chrfurcht vor der conventionellen Form. Man beſißt die Annehmlichkeit, ein eigenes Hausweſen zu beſitzen. Aber man läßt den Neigungen ſeines Herzens die Frei⸗ 44 heit, und nur durch dieſe Freiheit der Gefühle erblüht unſer Glück auf's Reue. Sie ſchütteln zweifelnd Ihr ſchönes Haupt Was ich Ihnen erzählt habe, iſt jedoch eine getreue Schilderung der ehelichen Verhält⸗ niſſe in den höchſten Geſellſchaftsklaſſen der ganzen Welt. Ja, ich will vollkommen aufrichtig ſein, es iſt auch meine eigene Geſchichte. Entweder müſſen Sie jetzt den Werth der Civiliſation leugnen, oder Sie müſſen zu⸗ eben, daß in dem Recht auf Freiheit, das ich in An⸗ ſpruch nehme, eine ewige Wahrheit liege, in dem Recht auf eine Freiheit, die immer mit der höchſten Bildung vereinigt geweſen iſt; eine Freiheit, die als Inſtinkt bei denjenigen Völkerſchaften lebt, welche ſich noch im Natur⸗ zuſtande befinden; eine Freiheit, die ſo manchmal öffent⸗ lich anerkannt worden iſt und insgeheim von jedem Herzen gefordert wird.“ Leopoldine erſchrack vor den Sophismen des Grafen. Sie wollte ihm widerſprechen, aber die warme und von Blumenduft geſchwängerte Luft hatte erſchlaffend auf ihre Nerven eingewirkt. Sie ſpürte eine Schwere im Kopf, ihre Gedanken waren unklar, und ſie konnte für keinen einzigen Satz die Worte finden. Auch ließ ihr der Graf durchaus keine Ruhe, um ſich zu beſinnen. „Ich habe von mir ſelbſt geſprochen, laſſen Sie mich jetzt auch von Ihnen ſprechen,“ fuhr er fort und rückte ſeinen Stuhl näher zu ihr.„Sie ſind Sängerin, die Kunſt iſt das Ziel Ihres Lebens.. Ja gewiß, ſie iſt es. Sie ſind eines jener glücklichen Weſen, die ge⸗ ſchaffen ſind, ihren Mitmenſchen die edelſten Genüſſe zu bereiten, und ich beeifere mich, der Erſte in der Aner⸗ kennung und Dankbarkeit zu ſein; aber juſt weil ich ſo innig wünſche, daß Sie einen würdigen Lohn für Ihre Mühe gewinnen mögen, kann ich die Frage nicht zurück⸗ halten! Wo werden Sie Ihren wohlverdienten Lohn finden? Die Künſtlerlaufbahn iſt glänzend für die⸗ jenigen, die ſie von der Ferne ſehen; abet ſie iſt trotz 4⁵ ihres prächtigen Blumenteppichs immer ſchwer zu durch⸗ wandeln. In dem holden Wahn Ihres erſten Entzückens überſehen Sie noch all die harten Opfer, die Ihr Stand erheiſcht. Sie lieben ihn und vergeſſen, ſchöne Schwär⸗ merin, daß Ihr zärtliches Herz andere Forderungen hat, als diejenigen, welche die Kunſt zu befriedigen vermag. Sie fühlen, daß Sie Künſtlerin ſind, und Sie vergeſſen, daß Sie vor allem Andern Weib ſind Sie können es nicht leugnen, auch jetzt bei den erſten Schritten auf Ihrer vorgezeichneten Bahn, da Ihre Triumphe noch denſelben Reiz der Neuheit beſitzen, wie die erſten Blu⸗ men des Frühlings, ſogar jetzt empfinden Sie eine Leere in Ihrem Innern und um ſich herz eine Sehnſucht, die vielleicht noch keine Worte gefunden hat, ſchafft ſich in unverſtandenen Seufzern Luft, und Ihre Gedanken entfliehen in Träumen von einem andern Glück, als dasjenige iſt, das Ihre ſchüchternen Lippen genannt haben. Betrachten Sie ſelbſt Ihr Bild im Spiegel dort; Ihr eigenes Auge, das Feuer in Ihrem Blick, die Röthe auf Ihrer Wange wird Ihnen ſagen, was Ihr Gefühl nicht zu äußern gewagt hat. Ja, es iſt vergebens, ſeine Natur verleugnen zu wollen. Ihr Talent iſt für die Welt, Ihr Herz iſt für Sie ſelbſt. Erfaſſen Sie die flüchtige Minute Ihres Glückes, ge⸗ nießen Sie die Blüthenſtunde Ihrer Seligkeit Sie ind Weib, die Liebe ſteht Ihnen zu.. Meine Worte chrecken Sie; ach, ſo werden vielleicht einmal unſere unſterblichen Seelen erſchrecken an der offenen Schwelle des Himmels„Es iſt wahr, Ihre Stellung iſt ver⸗ ſchieden von der Stellung der meiſten jungen Damen. Für dieſe iſt die ganze Welt das Geſellſchaftsleben oder der häusliche Kreis. Aber ungeachtet Sie durch Ihr Genie und Ihre Künſtlerſchaft einen weit größeren Rahm für Ihre Wirkſamkeit beſitzen, ſo wäre doch Ihr Glück nur Armuth im Vergleich mit dem Glück der Andern, wenn Sie verurtheilt wären, der beſten Gabe des Him⸗ mels und der Erde, der Liebe, zu entſagen. Glauben 46 Sie nicht, daß Ihr Schickſal Ihnen ein ſolches Opfer gebiete. Betrachten Sie Ihre Mitſchweſtern in der Kunſt, unterſuchen Sie ihr Privatleben. Sie haben zu allen Zeiten ihr Recht auf Freiheit begriffen: folgen Sie ihrem Beiſpiel. die Welt, die wohl weiß, daß das Blut in einem Künſtlerherzen wärmer ſchlägt, als bei der großen Menge, hat ſeine Tugend mit einem andern Maß zu meſſen gelernt, als bei den gewöhn⸗ lichen Menſchen. Die Welt, welche weiß, daß eine Seele wie die Ihrige ihre beſte Kraft juſt in dem Reich⸗ thum, in dem Uebermaß ihrer Gefühle beſitzt, verzeiht einem Genie gerne ſeine Abweichungen von den eng⸗ herzigen Lehren, womit man unter dem Namen Pflicht die Einfältigen ſchreckt. Das Genie adelt den Fehltritt, ſagt man, und vergeſſen Sie nicht, daß ſelbſt Ihr Beruf eine Inſpiration, ein Entzücken fordert, das nur die Freiheit der Gefühle zu ſchenken vermag.“ Während der Graf ſprach, hatte er ſeine Phantaſie und ſeine Gefühle bis auf den Siedpunkt getrieben, ſein Blut hatte Feuer gefangen. Leopoldine wollte ihren Platz verlaſſen, aber er hielt ſie zurück. „Rein, Sie dürfen nicht gehen. Ich beſchwöre Sie bei der Barmherzigkeit, welche der ſchönſte Schmuck Ihres Geſchlechtes iſt! Ich habe dem Verlangen nicht wiverſtehen können, die Wahrheit zu enthüllen, auf welcher Ihr Glück beruht; zürnen Sie nicht, wenn ich jetzt auch von meinem eigenen zu ſprechen wage Ach, vergebens ſuche ich das Gefühl länger zu erſticken, das bei mir bereits jedes andere überwältigt hat.. Ein Gefühl, das erſtickt werden kann, iſt arm und ſchwach; aber wer bezwingt die Wogen des Meeres, wer hindet die Flügel des Sturmes? Stärker noch iſt die Kraft, die meine Bruſt ſprengen will. Ja, wenn das Schickſal der ganzen Welt von mir allein abhinge, ich würde eher Erde und Himmel vergehen laſſen, als daß ich die mächtige Stimme meines Herzens zum Schweigen brächte; aber ſelbſt am Rande eines weit geöffneten 47 Abgrundes würden meine Lippen die Wolluſt genießen, das Bekenntniß zu flüſtern: Leopoldine, hören Sie dieſes Bekenntniß, mit welchem ich meine glühende Seele aus⸗ hauchen möchte: Ich liebe Sie!. O laſſen Sie einen Funken der Flamme, die meine ganze Seele entzündet hat, die mich zu verzehren droht, auch Ihr Herz er⸗ wärmen. Vergeſſen Sie all die kleinlichen Vorurtheile, womit man Ihre Gefühle gefeſſelt hat!.. Borchen Sie! der Klang dieſer Muſik, dieſes tolle Getöſe, das in der Entfernung braust, flüſtert uns die Wünſche zu, die über die Menſchheit herrſchen... die Stunde iſt unſer. Die Erde iſt nicht bloß eine Heimath für Kummer und Bedrückung.. die Freiheit iſt unſer Recht. Der Himmel hat ſ herniedergeſenkt, die Glück⸗ ſeligkeit wartet!“ Dieſe Worte waren von Leidenſchaft durchglüht. Der Graf hatte Leopoldinens Hand ergriffen, um ſie zurückzuhalten. Er drückte ſie bei dem Bekenntniß ſeiner Liebe an ſeine Lippen und ſchlang endlich kühn und frech ſeinen Arm um ihren Leib. In dieſem Augenblick erloſch die Lampe, die auf dem Tiſche ſtand, und es wurde finſter im Zimmer. Es ſauste vor Levpoldinens Ohren; das Blut drohte ihre Schläfe zu ſprengen. Der Schreck und die betäu⸗ bende Atmoſphäre hatten ſie in einen Zuſtand halber Bewußtloſigkeit verſetzt, wo die Ereigniſſe um uns her mehr wie Träume als wie eine Wirklichkeit erſcheinen. Sie hatte die Aeußerungen des Grafen nur dunkel auf⸗ gefaßt, aber eine ſchmerzliche Angſt marterte ſie. Wäh⸗ rend dieſer Art von Betäubung fühlte ſie einen bren⸗ nenden Kuß auf ihren Wangen. Aber in demſelben Augenblick zerriſſen die Bande, die ihre Kräfte gefeſſelt hatten, und ein Lichtſtrahl fuhr durch ihre umnebelten Gedanken WMit ſtarker Hand ſtieß ſie den Grafen von ihrer Bruſt weg, wand ſich aus ſeinem Arm und flog ſchnell wie der Wind vom Sopha auf. Die Finſterniß ſchützte ſie, hinderte ſie 48 aber auch, die Thüre zum Corridor zu finden. Von einer einzigen Seite her drang ein ſchwacher Lichtſtrahl; es war der Mond, der durch eine Draperie herein ſchien. Sie eilte dorthin, zog den Vorhang auf die Seite und fand in der Niſche hinter demſelben eine die auf einen kleinen Balkon hinaus⸗ ührte. Der Domino des Grafen war an einem Stuhl hängen geblieben, der umfiel, als er aufbrauste, um die ſliehende Leopoldine zu verfolgen. Als er ſich end⸗ lich hatte losreißen können, ſtand ſie bereits in dem hellen Mondſchein, der die Fenſtervertiefung beleuchtete. Augenblicklich war er an ihrer Seite und griff an ihren Capüchon, aber in demſelben Augenblick ſprang die Glasthüre auf, und Leopoldine ſtürzte auf den Balkon hinaus, indem ſie ſich mit einem Angſtſchrei zur Hälfte über das niedrige Eiſengeländer warf, womit er einge⸗ faßt war. Erſchrocken blieb der Graf mit dem abgeriſſenen Capüchon in ſeiner Hand ſtehen. „Kommen Sie noch einen Schritt näher,“ rief Leopoldine mit der Entſchloſſenheit der Verzweiflung, „ſo können Sie mich unrer den Steinen da unten ſuchen.“ Der Graf blieb unbeweglich. Trotz des Unheim⸗ lichen der Scene, die vor ſeinen Blicken lag, konnte er nicht umhin, von der Schönheit derſelben ergriffen zu werden. Der Mond begoß mit einer klaren Lichtfluth den zum Himmel emporgehobenen Kopf des jungen Mädchens. Der Ausdruck der Reinheit und Kraft der Unſchuld, der in ihren Zügen lag und in ihren Blicken ſtrahlte, erhielt in dieſer Beleuchtung eine höhere Ver⸗ klärung. Der Wind ſpielte ſanft mit ihren herabge⸗ fallenen Flechten, und ihre kühne Stellung verrieth ohne Vorbehalt die Geſchmeidigkeit ihrer Glieder, die Anmuth ihrer Formenz man hätte treffend ſagen können: Sie iſt 49 zu ſehr Weib, um ein Engel zu ſein, zu ſehr Engel, um bloß ein Weib zu ſein. Dieſer Anblick hatte für den Grafen durchaus nichts flingts⸗ aber er erkämpfte ſich doch eine äußere uhe. „Um Gotteswillen, beruhigen Sie ſich,“ ſagte er. „Sie vergeſſen in Ihrer Aufgeregtheit, daß Ihr Wille niemals eine größere Macht beſeſſen hat, als über dieſes Herz, das Ihretwegen kein Opfer ſcheuen wird. Be⸗ fehlen Sie, ich werde mich ſelbſt da hinabſtürzen, wo ein ſicherer Tod mich von den Qualen befreien wird, mit denen Sie kein Erbarmen haben.“ „Ich glaube Ihnen nicht mehr, Graf Manfred; Sie haben mich grauſam betrogen, und Sie thun es noch jetzt in dieſem Augenblick.“ „Sie werden dieſe bitteren Worte einmal bereuen. Blicken Sie auf die Vergangenheit zurück; finden Sie darin nicht eine einzige Hanvlung, die zu meinen Gun⸗ ſten zeugen kann? Rein, ganz ſicher habe ich mich immer als ein Freund Ihres Gluckes gezeigt. „Ach, ich glaubte, Sie wären mein Freund, Sie meinten es gut mit mir Warum haben Sie mir dieſen Glauben geraubt, der meinem Herzen ſo innige Befriedigung gewährte?“ „Was iſt wohl Freundſchaft? Eine halbe, eine freundſchaftliche Ergebenheit. Sie haben Recht, ich habe Sie betrogen. Freundſchaft habe ich Ihnen nicht mehr zu ſchenken, aber ich werde die wärmſte Liebe an Sie verſchwenden, ſo lange ich athme.“ 9 „Sprechen Sie nicht von Ihrer Liebez ſie iſt eine Beleidigung.“ „Sie haben vielleicht Recht, mit dieſen ſtrengen Worten meinen Fehler zu beſtrafen, daß ich einen Augen⸗ blick vergaß, meine Gefühle zu beherrſchen; aber Sie thun ſich ſelbſt Unrecht, wenn Sie meine Abſichten miß⸗ kennen; Glanben Sie mir, kein Widerſtand in der Welt wird ſich mit meinen Kräften meſſen können, wenn Ein Funke. II. 4 50 Sie mir nur mit einem einzigen Wort Hoffnung geben, für Ihr Glück arbeiten zu dürfen. Ich habe in meiner Hand kauſend Mittel, Ihnen zu dienen. Ich bin reich und mächtig. Ihre Zukunft wird eine ununterbrochene Kette von Freuden, Vergnügungen und unerhörten Triumphen ſein. Die Welt wird von Ihrem Lob er⸗ ſchallen, und mein Schutz wird Sie von all der läſtigen Knechtſchaft befreien, die ſonſt mit dem Loos eines Künſtlers verbunden iſt. Sie haben genug vom Theater⸗ leben geſehen, um zu wiſſen, daß das Talent allein dieſe Welt voll Intriguen nicht beſiegen kann. Sehen Sie die Welt ſo wie ſie iſt und laſſen Sie ſich nicht durch Illuſionen ſbethören. Das Publikum hat ſchon lange und in allen Ländern die Selbſtſtändigkeit in ſeinem Geſchmack und in ſeinem Urtheil verloren. Man kann gegen das Verdienſt nicht mehr gerecht ſein, wo man ein Sklave der Mode des Augenblicks geworden iſt. Sie ſind heute der Günſtling des Publikums, aber das Publikum verſteht dennoch den Werth Ihres Genies nicht zu ſchätzen, und juſt darum iſt ſeine Gunſt ſo un⸗ zuverläſſig, Ihre Stellung ſo unſicher. Sie wiſſen nicht, was Ihr Schickſal morgen werden kann. Verſtoßen Sie deßhalb die Hand nicht, die Ihnen ihren Schutz an⸗ bietet und die Verſicherung einer glänzenden, mit Blu⸗ men bedeckten Bahn, einer immer ſiegreichen Zukunft ertheilt.“ Dieſe Worte, die ſchon dadurch, daß ſie ruhiger waren, die Verächtlichkeit der Abſicht des Grafen noch deutlicher entblößten, riefen Thränen in Leopoldinens Augen. Sie verlor indeſſen die feſte Entſchloſſenheit nicht, die ihre Haltung ſo achtunggebietend machte. „Ich verſtehe Sie, Graf Manfred,“ ſagte ſie;„Sie wollen jetzt das Herz erkaufen, das ſie nicht zu rauben vermochten„ Sie tragen kein Bedenken, das Ver⸗ trauen, das ich in Sie geſetzt habe, noch weiter zu miß⸗ brauchen; Sie hegen kein Erbarmen mit meiner ſchutz⸗ loſen Lage. Nun wohl, Sie können Ihre Beleidigungen * 51¹ fortſetzen, aber ich werde ſie nicht mehr anhören. Der Tod wird barmherziger ſein als Sie.“ Sie beugte ſich dabei noch tiefer über das eiſerne Geländer hinab. Ihre Haltung verlor jetzt beinahe allen Stützpunkt; ſie ſchien über der fürchterlichen Tiefe zu ſchweben und drohte bei der geringſten Bewegung das Gleichgewicht zu verlieren, das ſie noch oben erhieli. Mit Entſetzen wandte der Graf ſein Haupt von dem grauenerregenden Anblick ab und eilte in ſein Ka⸗ binet zurück. Ein haſtiger Ueberblick über das Vor⸗ gefallene machte ihn in hohem Grad unzufrieden über ſich ſelbſt, denn er fand, daß er ſich von ſeinen Hoff⸗ nungen zu einer Handlung hatte hinreißen laſſen, die er nicht einmal vor ſeinen eigenen Augen zu rechtfer⸗ tigen vermochte; einer Handlung, die ihm um ſo ſchimpf⸗ licher erſchien, weil ſie mißlungen war. Aber es galt jetzt, ſich auf die beſtmögliche Weiſe aus einem ſo ſchlimmen Spiel zurückzuziehen. Es vergingen einige Minuten, bevor der Thür⸗ vorhang wieder weggezogen wurde. Das Stübchen zeigte ſich jetzt wohlbeleuchtet von der neu angezündeten Lampe, und der Graf, der in der Thüröffnung ſtehen blieb, ſchien gänzlich verändert, oder vielmehr er ſchien vollkommen wieder derſelbe zu ſein, als den er ſich vor dieſem Abend ſeinem talentvollen Schützling gegenüber gezeigt hatte. „Mamſell Leopoldine,“ ſagte er, ſie mit einer ehr⸗ furchtsvollen Verbeugung begrüßend;„die Komödie iſt zu Ende, laſſen Sie uns jetzt zur Wirklichkeit und zu uns ſelbſt zurückkehren.. Ich bin in meiner Prü⸗ fung vielleicht etwas zu weit gegangen, aber ich wollte mir um jeden Preis vollkommene Kenntniß Ihres Cha⸗ rakters verſchaffen, über den man gewiſſe Zweifel vor mir zu äußern gewagt hat. Sie haben die Probe auf eine Art beſtanden, die meine Bewunderung erweckt und mir die größte Befriedigung gewährt. Im Uebri⸗ gen hoffe ich, daß dieſes Ereigniß die Femnſcheft 52 zwiſchen uns nicht nur nicht ſtören, ſondern im Gegen⸗ theil auf die Dauer befeſtigen wird Vergeſſen Sie, was vorgefallen iſt, und kommen Sie wieder herein; die Nacht iſt kalt, ſie könnte Ihrer Geſundheit ſchaden.“ Es war Leopoldinen unmöglich, ihre Gedanken jetzt zu ändern. Sie wußte nicht, was ſie bezweifeln ſollte. Begierig ergriff ſie den Grund, welchen der Graf für ſeine Handlungsweiſe angegeben hatte, konnte aber den⸗ noch kein Vertrauen dazu faſſen, ſondern fand ſich jedenfalls tief verletzt von ſeinem Benehmen, ſelbſt wenn es bloß eine Prüfung hätte ſein ſollen, und ſie fragte ſich mit gutem Grund, was für ein Recht er gehabt habe, ein ſo grauſames Spiel mit ihr zu treiben. Inzwiſchen wurde ſie durch ſein verändertes Benehmen beruhigt und ging, müde von dieſen Gemüthserſchütte⸗ rungen und Anſtrengungen, in's Kabinet zurück. Der Graf bemühte ſich noch weiter, ſeine Motive möglichſt zu beſchönigen. Sie widerſprach ihm nicht mehr, aber ſie fühlte, daß das frühere gute Verhältniß zwiſchen ihnen für immer geſtört war. Er hatte ſie ja ein⸗ mal entweder durch erheuchelte Liebe oder durch erheu⸗ chelte Freundſchaft betrogen; einen ſolchen Mann konnte ſie nur fürchten. „Laſſen Sie uns dieſes Zimmer verlaſſen, ich will nach Hauſe zurückgehen,“ war ihr erſtes Verlangen. Nachdem die Masken von Neuem aufgeſetzt waren, ging ſie am Arm des Grafen wieder die kleine Wen⸗ deltreppe hinab. In dem unteren Stock, den die Re⸗ ſtaurationszimmer einnahmen, war jetzt der Verkehr lebhafter und die Munterkeit lauter geworden. Kaum waren die beiden Dominos in den Corridon hinabgekommen, ſo ſtießen ſie auf eine Schaar junger Männer. Sie waren Alle unmaskirt, inſofern man nicht die Florhaube von Campagner, womit ſie ſämmt⸗ lich etwas verſchleiert waren, als Masken anſehen wollte. Der Graf ſah unter ihnen mehrere ſeiner nächſten * 53 Brkannten und bemühte ſich deßhalb, ſchnell an ihnen vor⸗ beizukommen. Aber dieß war nicht ſo leicht auszuführen. „Ei, ſeht da ein Pärchen, das von einer kleinen einſamen Luſtwandlung zurücktehrt,“ rief einer der luſti⸗ gen Brüder. „Wie ſteht es dermalen in Arkadien?“ fragte ein Anderer, der an einem ſtarken Schluchzer litt. Und in demſelben Augenblick waren die beiden Masken von der fröhlichen Schaar umringt. Der Graf fühlte, wie Leopoldine wankte. Er fürch⸗ tete, ſie könnte hier neuen Beleidigungen ausgeſetzt ſein und möglicherweiſe erkannt werden.. Inzwiſchen ver⸗ ſperrte man ihnen den Weg und überhäufte ihn und ſeine Dame mit Fragen und Bemerkungen. Um die läſtige Geſellſchaft los zu werden und alle unangenehmen Auftritte zu verhüten, näherte ſich der Graf einem der Umſtehenden, dem Kammerjunker Le⸗ beaureſte, und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Der würdige Kammerjunker war indeß in ſeinem Kopfhäuschen dermaßen derangirt, daß er allen Mas⸗ keraderegeln zuwider mit lauter Stimme ſeine Verwun⸗ derung zu erkennen gab. „Corpetto di Bacco!“ rief er,„biſt Du's, Bruder Manfred!. Aus dem Weg, aus dem Weg, lieben Freunde, macht Platz dem glorreichen Großmeiſter aller romantiſchen Abenteuer!“ Während die Freunde laut auflachten über die Art, wie Bruder Lebeaureſte ein Geheimniß bewahrte, eilte der Graf weiter. . ald hörte er jedoch die Stimme des Kammer⸗ junkers wieder hinter ſich. „Halt! warte einen Augenblick!“ rief dieſer.„Ich habe eine Entdeckung gemacht. Sieh' da, eine carmoiſin⸗ rothe Bandroſe, die der ſchönen Unbekannten gehört. Ach, dieſe Roſe könnte mir und uns Allen höchſt in⸗ tereſſante Geheimniſſe erzählen, das bin ich überzeugt; „ 2 54 ja, einen ganzen Roman: die Geheimniſſe zweier zärtlichen Herzen, die holde Vermählung zweier warmen Seelen Aber der Graf hatte bereits die Roſette ihm aus der Hand geriſſen und war hinweggeeilt. Endlich wurde Leopoldine in den ſie erwartenden Wagen gehoben. „Leben Sie wohl,“ flüſterte der Graf.„Unſer Maskeradenabenteuer bleibt ein Geheimniß unter uns. Jeder Andere als wir könnte leicht meine Handlungs⸗ weiſe mißverſtehen, und was Sie ſelbſt betrifft, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, daß, wenn ich einmal erzählen wollte, wer heute Abend dieſe Roſe getragen hat, Ihr Ruf dann unrettbar verloren wäre!. deßhalb wird alſo dieſes kleine Band, das ich getreu aufbewahren will, ſtets eine Vereinigung zwiſchen uns bilden, wenn auch das Band der Freundſchaft einmal zerreißen ſollte. Leben Sie wohl!“ XVIII. Goldene Tage. Du ſollſt entzückt ſein, ſollſt Entzücken geben, Um dieſen Punkt nur drehe ſich Dein Leben. Biörieſſon. Die Erinnerung an das ſo eben beſchriehene E⸗ eigniß hing wie eine Wolke über Leopoldinen's Seele. Die bittere Erfahrung, die ſie durch Graf Manfred ge⸗ wonnen, hakte in ihr traurige Zweifel über Vieles hervorgerufen, woran zu glauben bisher ihre Freude geweſen war. Manche von den ſchönſten Farben des Lebens waren verdunkelt; es breitete ſich ein trübet 55 Schatten über beinahe jeden Gegenſtand, den ihre Ge⸗ danken umfaßten. Solche Folgen hat oft der Kampf der Unſchuld mit dem Laſter. Ein Sieg, ähnlich dem⸗ jenigen, den ſie errungen hatte, iſt eigentlich kein Ge⸗ winn, ſondern vielmehr eine Art Niederlage, denn ſchon in der bloßen Bekanntſchaft mit dem moraliſch Schlech⸗ ten liegt ein Sündenfall. Ja, die Siſehtit mit ihrer Lebens⸗ und Menſchenkenntniß, mit ihrer Klugheit und ihrem Argwohn ſchenkt uns leider nur einen ſchlechten Erſatz für das Glück, das wir genießen, ſo lange wir noch mit gutem Glauben in die Welt hinausblicken. Aber endlich, wenn dieſe Erfahrung einmal zur Ge⸗ wißheit gereift iſt, dann erſt vermögen wir den Werth der Schule des Lebens recht zu ſchätzen, ihre Bedeutung recht einzuſehen, und dann bekommen wir unſern Glau⸗ ben wieder. Einige Abende nach dem Maskenball trat ſie von Neuem auf der Bühne auf. Ihr Herz konnte von den Menſchen zurückgeſchreckt werden, nicht aber von der Kunſt. Hier fand ſie immer dieſelbe liebliche Wärme, dieſelbe erquickende Friſche für ihr bedrücktes Gemüth Sie war dieſen Abend beſonders glücklich als Sän⸗ gerin. Es lag in ihrer Stimme ein Metall, das die Menge nicht begriff, das ſie aber dennoch rührte, und manche Hand, die ſich zu einem Applaus erhob, vergaß ihr Geſchäft unterwegs, um ſtatt deſſen eine unwillkür⸗ liche Thräne abzuwiſchen. Man wurde nicht bloß von dem einnehmenden Wohllaut oder einer glänzenden Compoſition beherrſcht; man wurde von einer warmen Seele beherrſcht, die ſich in Tönen ausgoß. Der Ge⸗ ſang war kein Gemälde von Gefühlen, er war die Ge⸗ fühle ſelbſt; er war eine Muſik nicht bloß für das Ohr und den Verſtand, ſondern auch für das Herz. Der eine und andere recht aufmerkſame Zuhörer bemerkte, daß Leopoldinen's Geſang im letzten Act ſo zu ſagen die Farbe wechſelte, und zwar auf eine Art, die zu erkennen gab, daß die Veranlaſſung dazu nicht 56 bloß in ihrer Rolle zu finden war. Die ſtille Weh⸗ muth, die vorher in ihren Tönen geſeufzt hatte, war jetzt auf einmal verſchwunden. Ihr Schmerz ſchien in die höchſte Freude, ihre Klage in Jubel verwandelt zu ſein. Es ſchien, als wäre ihr ein unvermuthetes Glück widerfahren, zu groß, um ſich in ihre eigene Bruſt allein verſchließen zu laſſen. S war es auch. Unſere Sängerin, die ſich kaum noch ſo bedrückt gefühlt hatte, war auf einmal ſehr glücklich geworden. Nichts iſt gewöhnlich einfacher als juſt das Glück, um deſſen Gunſt wir doch ſo unglücklich kokettiren. Das Ereigniß, das die Wolken in Leopoldinen's Seele wieder verſcheucht hatte, war auch ganz einfach. Im letzten Zwiſchenact machten ihr wie gewöhn⸗ lich eine Menge Kunftfreunde, die ſich den Zutritt in ihre elegante Garderobe zu verſchaffen gewußt hatten, die Aufwartung. Es wäre unmöglich geweſen, dieſe Herren in Bezug auf Schmeicheleien und aufmerkſame Artigkeit zu übertreffen. Sie verſtanden es ſo gut, aus allen Gegenſtänden des Geſprächs ein Compliment für die gefeierte Primadonna zu machen, und unter dem Schein, ihrem Talent zu huldigen, verbargen Alle die geheime Abſicht, ihr Herz zu erobern. An dieſem Abend ſchien jedoch die Gelegenheit dazu weniger günſtig als gewöhnlich. Leopoldine war wortkarg und ſchenkte ihren charmanten Gäſten eine Aufmerkſamkeit, die zwar höf⸗ lich, aber ganz und gar nicht herzlich war. Man konnte nicht begreifen, daß daſſelbe Weib, das auf der Bühne ſo reiche Gefühle entwickelte, außerhalb derſelben ſich ſo kalt zeigen konnte. Etwas Aehnliches hatte man noch nie außer bei Levpoldinen geſehen. Man betrachtete es beinahe als eine fehlerhafte Abweichung von der allge⸗ meinen weiblichen Natur und ſuchte ſeine verletzte Eitel⸗ keit mit der Ueberzeugung zu tröſten, daß ſie, ein Phä⸗ nomen unter den Schauſpielerinnen, in Wirklichkeit ganz und gar kein Herz beſitze:„denn,“ dachte mehr 57 als einer von dem ſie umgebenden Belagerungscorps, „wenn das arme Mädchen nicht unfähig wäre, zu lie⸗ ben, ſo würde ſie mir nicht widerſtehen können.“ Das Geſpräch begann matt zu werden; es entſtand ſogar eine kurze Pauſe. Während dieſer hörte man von der Garderobe einige Worte von einer wohlklingenden Mannsſtimme. Nie⸗ mand würde darauf geachtet haben, wenn nicht der Ton dieſer Stimme einen ſo ſtarken Eindruck auf den Ge⸗ genſtand der Blicke Aller, auf die herzloſe Schauſpie⸗ lerin gemacht hätte. Sie ſprang von ihrem Stuhle auf. Ihre Wangen färbten ſich vom wärmſten Purpur, und den Athem zurückhaltend lauſchte ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Es währte nicht lange, ſo wurde der Thürvorhang auf die Seite gezogen, und ein junger Mann mit un⸗ gewöhnlich ſchönem Kopfe und von eleganter Figur trat über die Schwelle. Keiner von den Gäſten ſchien ihn zu kennen, aber Leopoldine flog ihm freudeſtrahlend entgegen, ergriff ſeine beiden dargeſtreckten Hände, und es lag ein gan⸗ zer Himmel von Zärtlichkeit in ihrer Stimme als ſie jetzt mit Thränen in den Augen rief: „Marximilian!“ Es war dieß einer der bedeutungsvollen Augen⸗ genblicke, wo zwei Herzen zu einem verſchmelzen, wie zwei Qucckſilberkugeln, die zu einander geführt werden. Die lange Zeit, die zwiſchen ihrem Abſcid und ihrem jetzigen Wiederſehen lag, erſchien ſowohl für Leopoldine, als auch für Marimilian nur als eine einzige Sekunde. Dieß war jedoch bloß die Fortſetun deſſen, was ge⸗ ſchehen war. Ihr warmer Willkommsgruß war die Antwort auf das Bekenntniß, das er mit ſeinem Lebe⸗ wohl verbunden hatte. Die innigſte Glückſeligkeit durchſtrömte Marimi⸗ lian's Seele. Er trat einen Schritt vorwärts, um Leo⸗ poldine in ſeine Arme zu ſchließen. Aber eben jetzt 58 warf er einen Blick im Zimmer umher und that ſich Einhalt bei der Entdeckung der vielen fremden Per⸗ ſonen, die ſie umgaben das Entzücken war geſtört, und im nächſten Augenblick lag das Glück der Lieben⸗ den bereits verborgen hinter einem Schleier der Con⸗ venienz. „Die berühmte Sängerin hat alſo eine Erinnerung für den Freund ihrer Kindheit!“ ſagte er in einem Ton, der nur verbindlich ſein wollte. „Und der Lehrer hat ſeine Schülerin nicht ver⸗ geſſen,“ antwortete ſie, ſich ebenfalls beherrſchend. Ihre Gedanken wurden dabei zu den vergangenen Tagen und zu dem Leben im Hauſe des nunmehr dahingeſchiede⸗ nen Oheims zurückgeführt. Dieſe Erinnerung rief einen Seufzer der Trauer hervor, aber er ſchwebte über lächelnde Lippen, denn die Freude des Wiederſehens war noch gar zu lebhaft. Kaum hatte ſie Zeit, noch einige weitere Worte mit dem wiedergekommenen Freund zu wechſeln, als die Glocke des Regiſſeurs verkündete, daß der Vorhang wieder aufgehe. Sie mußte hinauseilen, um ihren Ein⸗ tritt nicht zu verſäumen. Unter den ſtummen Zuſchauern dieſes Zuſammen⸗ treffens herrſchte große Verwunderung. Sie hatten eine höchſt intereſſante Entdeckung gemacht. Während der Kammerjunker Lebeaureſte und der Lieutenant von Wurmen auf ihre Plätze im Saal zu⸗ rückkehrten, ſagte der Letztere, über das Vorgefallene ſcherzend: 5 „Jetzt begreife ich, warum ich über das Herz des Mädchens niemals klar werden konnte; ſie hat es be⸗ reits vergeben.“ „Ich hätte es ahnen ſollen,“ ſagte Lebeaureſte„ „eine JKindheitsneigung pfui, das riecht nach Klein⸗ ſtädterei.“ F 59 Marximilian war ſich vollkommen gleich. Er hatte noch immer daſſelbe muntere, lebhafte Weſen, das ſei⸗ nen Umgang ſo angenehm machte, und ſelbſt die ſeinem Charakter fortwährend anklebende Schwäche wurde durch eine Menge liebenswürdiger Eigenſchaften bemäntelt. Es iſt wahr, daß dieſe Eigenſchaften nicht ſonderlich ge⸗ diegen und tief waren, aber ſie lagen wie ein ſchöner Sonnenſchein auf der Oberfläche und verliehen ihm im allgemeinen Leben etwas ſehr Angenehmes. Er war eine glücklich begabte, obſchon nicht in allen Punkten gleich glücklich entwickelte Natur. Es war freilich nicht unmög⸗ lich, Fehler bei ihm zu entdecken, aber er beſaß das ſeltene Talent, ſie in einen unſchuldigen, ja ſogar an⸗ genehmen Schmuck zu kleiden, daher man ſie eher als Capricen aufnahm, ſtatt ſie im Ernſt zu verdammen. Was nun das ſchöne Geſchlecht insbeſondere betraf, ſo bewilligte ihm dieſes gerne, ſchon wegen ſeines unge⸗ wöhnlich ſchönen und intereſſanten Geſichtes, zum Vor⸗ aus vollſtändigen Ablaß. Während ſeiner mehrjährigen Kunſtreiſen hatte der junge Virtuos ſehr gute Geſchäfte gemacht. Er hatte eine zahlloſe Menge von Concerten gegeben, die ihm Geld und Ruhm im Ueberfluß eintrugen, und zwar ohne irgend eine ſonderliche Mühe von ſeiner Seite, denn er war, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, auf einem einzigen Pferd im ganzen Land umher geritten, d. h. ſein Programm war immer und beſtändig daſſelbe geweſen. Aber da jetzt ſogar ſeine Erinnerungen an die erſte Liebe ziemlich abgenützt zu werden an⸗ fingen, ſo hatte er für dießmal ſeine große Rundreiſe beendet und kehrte nach D. zurück, um allda auf ſei⸗ nen Lorbeeren auszuruhen und Materialien zu einem neuen Triumphzuge zu ſammeln. Es war auch noch ein anderer Grund vorhanden, der ihn jetzt nach D. führte, nämlich der Wunſch, Leo⸗ poldine wieder zu ſehen. Seine Liebe zu ihr, die auf dem Grund einer Erinnerung aus der Findheit ruhte, 60 ſodann in Folge ſeines Aufenthalts in N. neu erwacht war und endlich in der Abſchiedsſtunde ſelbſt heftig aufgeflammt hatte, dieſe Liebe hatte zwar ſeit jener Zeit nicht mit unwandelbarer Treue ganz allein ſein Herz eingenommen, nein, dazu war es zu empfänglich für neue Eindrücke, deren ſein wechſelreiches Leben ſo viele bot; aber er hatte dennoch, ſo luſtig er unter den Ver⸗ gnügungen der Welt umher tanzte, die Erinnerung an ſeine ſchöne, geniale Schülerin niemals verloren. Ihr Bild trat oft in einſamen Stunden vor ſeine Seele. Es wurde dann immer wärmer in ſeiner Bruſt, und es kam ihm vor, als ob ein guter Geiſt ihn beſuchte und für einen Augenblick einen Heiligenſchein über ſeine innere Welt verbreitete. Vielleicht würde auch dieſe Frinnerung, wie ſo manche andere, mit der Zeit ver⸗ blichen ſein, aber ſie bekam neue, friſche Farben, als die Fama Leopoldinen's Namen auf ihre Schwingen nahm und ringsum verbreitete, ihre Siege verkündend und ihr Talent lobpreiſend. Welcher Mann war wohl nicht bis auf einen gewiſſen Grad auch in ſeiner Liebe eitel? Maximilian war es, wie wir wiſſen, ſchon vor⸗ her in nicht geringem Maße, und wer würde ihn wohl dafür verdammen, daß er ſich zu der gefeierten Sän⸗ gerin noch ſtärker hingezogen fühlte, als zu dem für die Welt gänzlich unbekannten Mädchen in einem Land⸗ ſtädtchen? Vom Theaterſaale aus hatte Marximilian ſie zuerſt auf der Bühne wieder geſehen. Wie hinreißend ſie war! Und Jedermann ſprach bloß von ihr. Sein Herz ſtand bereits wieder in lichten Flammen. Je eifriger man ſie lobte, je ſtärker man der bezaubernden Primadonna applaudirte, um ſo klarer wurde es ihm, daß er ſie liebe; ja, daß er ſie geliebt habe!. ſeit ihre Blicke zum allererſten Mal ſich begegnet waren, daß er ſie inniger als irgend eine Andere geliebt, und daß ſeine Liebe bloß eine kurze Zeit ausgeruht habe, um jetzt mit geſteigerter Kraft zu einem ewigen Leben 61 aufzuerſtehen. Sein Gefühl war, wie man findet, mit einer gewiſſen Einbildung vermiſcht, aber nichts⸗ deſtoweniger tief und wahr. Es wurde dieß noch mehr, ſeit er aus Leopoldinen's erſtem Gruß erſehen hatte, daß während der Trennung die ſchweſterliche Ergeben⸗ heit zu einer Flamme von wärmerer Natur aufge⸗ lodert war. Leopoldine, ſie, die beinahe jeden Abend die Lieb⸗ haberin ſpielte, ſie, die mit ſo tiefer Wahrheit auf der Bühne all' die verſchiedenen Schattirungan der Liebe des Weibes darſtellte, ſie ſtand jetzt gleichſam vor ſich ſelbſt beſchämt da, als ſie in ihrer eigenen Bruſt voll⸗ kommen entwickelt daſſelbe Gefühl wieder fand, das ſie ſo oft beſungen und in den Augenblicken der Inſpiration ihrer Seele einverleibt hatte. Sie war jetzt ganz ein⸗ fach bloß ein Mädchen, das zum erſten Mal liebt; ſie, die Primadonna, empfand bei ſich dieſelbe holde Unruhe, welche ſo manchmal die einfältigen Töchter der Pro⸗ vinz ergriffen hatte. Sie ſeufzte ganz ſo, wie die blö⸗ den Jungfrauen der Idylle, ſie fühlte wie dieſe und ihre Raiſonnements. ja, ſie waren juſt nicht viel klüger. Bei näherem Nachdenken angſtigte ſie ſich darüber, daß ſie im erſten Ausbruch ihrer unerwarteten Freude das große Geheimniß ihres Herzens allzu unvorſichtig verrathen habe. In Zukunft beſſer auf ihrer Hut, auf⸗ merkſamer auf ſich ſelbſt zu ſein, wurde ihr erſter Vor⸗ ſatz, und darauf folgten viele andere gleich gute. Niemand ſollte ihre Liebe ahnen, und am wenigſten Marimilian. Sie wollte für ihn bloß eine Freundin ſein, weiter nichts. Ihre Thüre ſollte hinfort für Alle verſchloſſen ſein, denn ſie mußte für ihn verſchloſſen ſein. Er ſollte alſo nur Gelegenheit haben, ſie auf dem Theater zu treffen, oder wenn er ſich Zutritt bei der Familie verſchaffte, bei welcher ſie wohnte, oder auch möglicherweiſe in irgend anderen Kreiſen. Sie kounte ihm auch nicht verweigern, ſie auf dem Spazier⸗ gang zu begleiten, aber wie geſagt, es war beſtimmt, 62 daß ſie ihn allein, bei ſich, niemals empfangen würde. Dieſer Beſchluß wurde am Vormittag gefaßt; man ſehe hier eine Scene vom Nachmittag. Die ſinkende Sonne koste mit freundlichen Strah⸗ len die Hyaeinthen in Leopoldinen's Salonfenſter, und aus Dankbarkeit erfüllten dieſe das Zimmer mit herr⸗ lichen Düften. Aber dieſer Geiſt des Friedens und Glückes, der innerhalb dieſer Wände herrſchte, mochte er einzig und allein von dieſen Blumenkelchen ausſtrö⸗ men?.. Einige Pomeranzen- und Akazienbäume bil⸗ deten in der Ecke des Salons eine kleine Laube Hier ſtand ein Sopha, und auf dieſem ſaßen zwei Perſonen. Die eine war Leopoldine, und die andere, das war Marximilian. Ja, auf meine Ehre, juſt er, der vor einigen Stunden aus dieſem Heiligthum verbannt wor⸗ den war. Man brauchte bloß einen flüchtigen Blick auf ſie zu werfen, um zu finden, daß ſie bereits einander ihre Herzen geöffnet, daß ihre Gefühle bereits Worte gefunden hatten. Ach, auch hier lag ein Sonnenſchein über neu aufgebrochenen Blumen. Maximilian hielt Leopoldinen's Hand zwiſchen den Fie und ſchaute gluͤckſelig in ihre dunklen, getreuen ugen. „Wie mir das Leben auf einmal ſo theuer geworden iſt!“ ſagte er mit jener Zauberkraft in ſeiner Stimme, die nur der Liebe allein vorbehalten iſt und die jedem Wort von Liebenden eine ſo holde Bedeutung ſchenkt. „Ach,“ antwortete Leopoldine mit einem Seußzer, der durchaus keinen Schmerz mehr hatte,„Du biſt doch nie ſo einſam, ſo verlaſſen geweſen wie ich; vielleicht iſt es juſt dieſe Ungewohnheit, mich irgend einer an⸗ dern Perſon vollkommen anzuvertrauen, die mich jetzt beinahe vor meiner eigenen Sehnſucht, Dir mein gan⸗ zes Herz zu widmen, bange macht. Aber doch, Mari⸗ milian, finde ich es ſo glücklich.“ „So glücklich!. O, laß keine Furcht ihren Schatten uͤber unſern Himmel werfen! Du liebſt und 63 glaubſt an die Göttlichkeit der Liebe; Du kannſt alſo nicht an mir zweifeln; Du weißt ja, Du weißt, wie meine ganze Seele von dieſer überirdiſchen Kraft durch⸗ drungen iſt, die nicht nur die höchſte Stärke des Wei⸗ bes, ſondern auch des Mannes ausmacht.. da, lege Deine Hand auf mein Herz. zähle die Schläge, wenn Du kannſt; jeder von ihnen iſt ein Gebet um Dein Wohl.“ „Es kommt mir vor, als ob ich bisher nur in einem Traum gelebt hätte, wo Alles ſo unklar und dunfel vorbeiſchwebte, wo das Glück niemals vollkom⸗ men fertig würde„Ach, die Liebe iſt eine Wieder⸗ auferſtehung der Seele. Der Grabſtein, der meine Bruſt drückte, iſt weggeſchafft, und Dein guter Engel hat mich in eine neue Weit geführt, wo das ganze Leben mit ſchöneren Farben ſtrahlt.“ „Leopoldine, dieſer Gedanke läßt mich zum erſten al ahnen kannſt Du errathen was?“ „Daß der Tod auf dieſelbe Art uns einmal eine noch ſchönere Verwandlung ſchenken wird.“ „Wie nahmſt Du die Worte von meinen Lippen! . Zauberin, ich nehme ſie mit einem Kuß zurück. „O, laß uns Gott für dieſe Stunde danken. In unſerer Kraft zu lieben gab er uns eine Bürgſchaft für unſere Unſterblichkeit. Wenn wir ſchon hienieden eine Seligkeit, wie die unſerige iſt, empfinden können, was erwartet uns dann erſt droben in ſeiner eigenen Woh⸗ nung? „Nimm Du meinen Geiſt in Deinen Gebeten mit, falte Deine Hände zugleich mit den meinigen, Du biſt mein Weg zum Himmel und zu Gott.“ „Deine Stirne verfinſtert ſich, Marimilian.“ Es wohnt ein trauriger Gedanke unter der Wolke: ein Gedanke an die tiefe Kluft, die noch zwiſchen uns liegt, zwiſchen unſeren Seelen, Leopoldine. Die Dei⸗ nige ſchwebt auf leichten Flügeln rein und ſchuldfrei, die meinige dagegen iſt in den Staub niedergedrückt. 64 Wie getrennt wären wir nicht von einander, wenn nicht die Liebe, dieſe Verbindung zwiſchen Himmel und Erde, uns Beide vereinigte! Du haſt einen einzigen Fehler, Du liebſt mich; und ich ein einziges Verdienſt, ich bete Dich an. Ach, ich möchte ein Gott ſein, um Deiner würdig zu ſein; aber was bin ich wohl? Holde, ich habe mein ganzes verfloſſenes Leben zu bereuen und abzubitten. Hörſt Du nicht, wenn Du ſo Dein Ohr an meine Bruſt hinneigſt, wie d'rinnen das Gewiſſen ſeine anklagende Stimme erhebt?. Du kennſt nicht alle meine Fehler, Du trauſt mir zu viel.“ „Möge Gott mir das verzeihen, ich glaube, daß Du keinen Fehler nennen kannſt, der mich von Deiner Seite wegzuſchrecken vermöchte. Wir wollen indeß für unſere gegenſeitigen Gebrechen die Augen nicht verſchließen; im Gegentheil wollen wir die Zukunft unſerer gegen⸗ ſeitigen Veredlung widmen Aber warum lächelſt Du nicht wieder, Marximilian?“ „Weil ich nicht auch Dich belügen will. Die Erin⸗ nerung an meine vergangene Zeit ſteht in dieſem Augen⸗ blick ſo lebhaft vor meiner Seele. Ich erſchrecke ſelbſt vor der Vergleichung zwiſchen dem, was ich geweſen, und dem, was ich jetzt bin. Ach, Du unſchuldweißes Kind, ich kann unter allen meinen Erinnerungen kaum eine einzige recht gute Handlung aufſuchen, um ſie als meine erſte Gabe Dir zu Füßen zu legen; wo ich ſuchen mag, finde ich überall nur Thorheit, Schwachheit, Eitel⸗ keit. Schon in meiner Kindheit wurde meine Seele von einem unſinnigen Verlangen nach Ruhm und Auszeich⸗ nung gequält; ich hatte keine Mutter, die über meine Unſchuld wachte. Um die Gunſt derjenigen zu gewin⸗ nen, in deren Obhut ich zuerſt gegeben war, mußte ich frühzeitig die Kunſt ſtudiren, mir eine äußere Liebens⸗ würdigkeit anzueignen; man ſchmeichelte dem ſchönen, artigen Jungen. Je beſſer ich Ergebenheit gegen die Launen Anderer zu heucheln verſtand, um ſo leichter erreichte ich die Erfüllung meiner eigenen Wünſche. So 65 wurde ich ein Egoiſt, der Alles für den Schein thun lernte, und da ich bald wegen meiner muſikaliſchen Fer⸗ tigkeit als ein Wunderkind betrachtet wurde, ſo ſchadeie mir dieſe übertriebene Schmeichelei, die man mir jetzt ſpendete, weit mehr, als die frühere Strenge. Mein Vater, als er endlich ſelbſt meine Erziehung in die Hände nahm, verſtand es nicht, meinen Charakter umzubilden, der jetzt bereits ſeine ſeſte Grundlagen hatte. Er iſt übrigens ein ſehr ſonderbarer Mann, der die Kunſt und ſeine Ideen mehr liebt als ſein eigenes Kind. Allein trat ich in die Welt hinaus. Ich war entzückt von der Auf⸗ merkſamkeit, die man meiner Perſon und meinem muſi⸗ kaliſchen Talent widmete. Das fröhliche Leben, die bunten Vergnügungen riſſen mich hin. Zu glänzen, um⸗ ſchmeichelt zu werden, in Aller Mund zu leben, wurde meine Luſt, und immer mehr verlor ich die Fähigkeit, durch beharrliche Arbeit und ernſte Studien eine höhere Entwickelung zu erreichen. Alles was man noch heute an mir rühmt, iſt doch nur Anlage. Ich kenne mein Schickſal; ich werde immer halb fertig bleiben, ſowohl als Künſtler wie als Menſch. Ach, Leopoldine, ich habe zuweilen ein Gefühl, daß auch ich den Keim zu etwas Gutem und Großem in mir trage; aber ich fühle auch, daß dieſer Keim niemals mrpeteen niemals irgend eine Frucht hervorrufen wird. Ich bekam viel⸗ leicht den hundertſten Theil einer großen Seele als mein Loos, aber ich habe dieſes Kapital ſchlecht verwaltet.“ „Du haſt es doch nicht ganz und gar verſchleudert; denn Dein Herz iſt gut, iſt weich und warm. Es iſt ja doch ſo, Maximilian? Dein Blick kann nicht täu⸗ ſchen; er ſagt, daß Du meiner Liebe würdig biſt.“ „Würdeſt Du das auch dann noch glauben, wenn ich bekenne, daß ich auch im Namen der Liebe manche Sünde begangen habe?... Ein Weib wie Du kann einen Mann wie ich bin nicht verſtehen. Bei euch treten die Gefühle an's Tageslicht wie die ſchüchternen Ein Funke. II. 5 66 Wieſenblumen des Frühlings. Bei uns dagegen werden ſie hervorgeworfen wie aus einem Pulkan. Das Blut des Jünglings iſt mit Feuer vermiſcht. Es ſiedet und kocht in ſeinem Innern; daher all die Uebertreibungen, die ſeine Handlungen kennzeichnen, all die Verirrun⸗ gen, die ſeine Gedanken beherrſchen. Nach den Träu⸗ men von Schwärmerei kommt das Verlangen nach Ge⸗ nuß, und er glaubt im blinden Taumel, daß er ſeinem Glück nachjage, während er ſeine eigene Seele ver⸗ heert„ Ich bin nicht beſſer geweſen als meine Brü⸗ der. Ich bin auf der zeei Straße gewandelt und habe denſelben falſchen Göttern geopfert wie ſie. Dein Ohr würde beleidigt werden durch eine Schilderung all der Veränderungen, die mein Herz erlebt hat; aber Leopoldine, ich ſchwöre es beim Himmel, wenn ich auch die Gunſt manches Weibes genoſſen habe, ſo habe ich doch niemals, niemals eine Stunde ſolcher Wonne be⸗ ſeſſen wie dieſe. Nein, ich weiß es jetzt, Du biſt meine erſte, meine einzige Liebe; was mein Herz bisher er⸗ fahren hat, verdient dieſen Namen nicht.“ „Aber wenn Du einmal findeſt, daß auch dieſe Liebe bloß eine Illuſion war?“ „Das iſt unmöglich. Unſere Seelen ſind für ein⸗ ander geſchaffen und ſie paſſen zuſammen, wie die Theile einer geſpaltenen Kugel. Ja, wenn ich recht darüber nachdenke, ſo bedarf es juſt all Deiner Tugenden, um all dieſe Fehler aufzuwägen. Ach, das war eine glück⸗ liche Idee, ſie verſöhnt mich mit mir ſelbſt!.. In⸗ zwiſchen dürfte es nichts ſchaden, wenn ich die eine und andere ſchlechte Gewohnheit ablege. Nimm Du mich in Deine Schule und mache aus mir was Du kannſt; mache mit mir was Du willſt.“ „Die Treue, das wird die allererſte und vielleicht die ſchwerſte Eigenſchaft ſein, die Du Dir erwerben mußt.“ „Nein, ſie wird die leichteſte von allen ſein, da Du mir immer mit Deinem guten Beiſpiel vorangehſt. 67 Wie ſchön Du Deine neue Würde als Lehrerin trägſt! Aber Leopoldine, einige kleine Fehler mußt Du mich dennoch behalten laſſen, denn ich fürchte ſehr, daß die Vollkommenheit mir nicht recht gut ſtehen würde. Uebrigens muß ja auch jedes Gemälde, des Effektes we⸗ en, ſeine Schattenſeiten haben. Im Panorama un⸗ Lebens, wo Du das ſtrahlende Licht, der klare Tag biſt, da werde ich der myſtiſche Schatten werden „ Du billigſt dieſe Idee nicht?... Nun wohl, Dei⸗ netwegen ſcheue ich kein Opfer. Ich will alſo eine Vollkommenheit, ein wahres Prachteremplar von einem Menſchen werden, verſteht ſich Niemand anders dedi⸗ eirt als Dir. Aber dieſe große Verwandlung darf nicht auf einmal kommen, ſondern nur ſo allmälig. Ja, holde Freundin, wir müſſen vorſichtig ſein, denn auch die Vollkommenheit hat ihre Gefahr.“ „Die Langweiligkeit.“ „Hand in Hand und Schritt für Schritt, aber immer vorwärts, ſo wollen wir unſere Marſchroute feſtſetzen. Dir wird jedoch immer das ſchwerſte Lvos zufallen: Du biſt die Stütze und der Wegweiſer, ich bloß die getreue Begleiterin.“ „Aber wenn wir uns in irgend einem ſtillen Thal zur Ruhe niedergelaſſen haben, dann biſt Du es, welche Annehmlichkeit und Frieden an unſern Herd zaubert. Du lächelſt, Leopoldine; woher nahmſt Du dieſes Lächeln? Es iſt wie wenn ein Engel aus Deinen Augen ſich auf Deinen Lippen niedergelaſſen hätte. Wenn Du herrſch⸗ ſüchtig wäreſt, ſo könnteſt Du mich mit dieſem Lächeln zu Deinem Selaven machen.“ „Ob Du das einmal wirſt oder nicht, hängt bloß davon ab, wie Du Deine Freiheit benützeſt. Ein Verſprechen verlange ich jedoch ſogleich: ſchmeichle mir niemalz, Marimilian. Die Schmeichelei hat, ſelbſt wenn ſie Deine Stimme entlehnt, einen verletzenden 3 5* 68 Stachel unter ihren Blumen. Bedenke, ich bin ſchon mehrere Monate lang Primadonna geweſen.“ Maximilian fand eine andere Art, ſeine Bewunde⸗ rung auszudrücken, als Worte. Ein Autor wie ich hat leider dieſe Sprache der Liebe nicht zu ſeiner Verfügung. Er muß deßhalb ſeine arme Feder niederlegen; aber er thut es nicht ohne eine Klage darüber, daß er mit ſeiner Zeichnung der holden Himmelfahrt zweier Seelen nicht zu folgen vermag⸗ AIch, auch ſein Schickſal hat ſeine tragiſche Seite. Ja, es gleicht zuweilen dem der armen Henne, die mit müt⸗ terlicher Zärtlichteit junge Schwäne unter dem Schutz ihrer Flügel auferzogen hat. Eines ſchönen Tages flie⸗ gen ſie von ihr weg und ſie kann ihre Lieblinge, ihre theuren Pflegkinder auf ihrer glücklichen Fahrt in höhere Räume nicht begleiten. Goldene Tage folgten auf dieſe. Die Liebenden trafen ſich oft, und man denke ſich das ſeltene Glück, keine keifende alte Tante ſpähte mit Argusaugen ihre Schritte aus, oder lauſchte auf ihre Worte. Jeder Ge⸗ danke, der in der Seele Les Einen auftauchte, ſehnte ſich, ſogleich der Seele des Andern anvertraut zu wer⸗ den wer kann etwas darüber ſagen? ſie wurden ja immer ſo wohl empfangen, ſo zärtlich erwiedert; jedes Geſpräch, ja jedes im Vorbeigehen geflüſterte Wort, jedes dieſer zahlloſen kleinen Billette; zuweilen ſogar bloß ein Blick führte dieſe Herzen einander näher, und alle dieſe tauſend Kleinigkeiten, die nur dann einen Werth erhalten, wenn ſie von den Lippen des Geliebten ausgeſprochen werden, verliehen jetzt ihrem Leben ein mannigfaltiges Intereſſe. Glückliche Zeit! Die Liebe war das beſtändige, das unerſchöpfliche Thema aller Gedanken des Tages, aller Träume der Nacht. Glückliche Zeit, ſage ich noch einmal, denn ich weiß, daß das Schickſal, wie es auch immer ſein Rad rollen mag, dennoch niemals, niemals weder dem Wei⸗ 69 ſen noch dem Thoren ein beſſeres Loos ſchenkt, als das der Liebe; aber wie manche Herzen, die dieſes Glück preiſen, klagen nicht auch in bitteren Seufzern über ſeine Flüchtigkeit! XIX. Die earmoiſinrothe Bandroſe. Zweite Here. Wenn er nicht kann ſein Herz bewahren, Mag er des Teufels Macht erfahren. Shakeſpeare. Der Frühling war bereits weit vorangeſchritten. Es iſt ein alter und guter Brauch, die Thore des Tempels der Kunſt zu verſchließen, wenn die Natur ihren grünen blumengeſchmückten Salon öffnet und ſowohl den Reichen als Armen freien Eintritt bietet.. Doch nicht ſo ganz frei, denn das Herz, wenn man eines hat, iſt es, was die Muſikanten bezahlen muß. Der Frühling iſt, das läßt ſich nicht läugnen, der größte aller Dekora⸗ tionsmaler der Welt. Er iſt namentlich ſtark im Colo⸗ rit und führt einen ſaftigen Pinſel. Gegen ſeine Zeich⸗ nungen iſt nichts einzuwenden, und welche Phantaſie, welcher Geſchmack verräth ſich nicht in ſeinen Anordnun⸗ gen aller Details einer Landſchaft, der Hügel und der Thäler, der Haine und der Bäche. Er iſt auch der Schüler eines ſehr großen Meiſters, nämlich deſſen, der einmal mit wunderbarer Hand die allererſte Ausſtellung machte. Was hinwiederum das Orcheſter betrifft, ſo muß man zugeben, daß es ſehr wohl beſetzt iſt. Bei⸗ nahe jeder Baum wölbt ſeine Laubkrone über einen klei⸗ nen Wuſikanten. Dieſe ſind allerdings ſammt und ſon⸗ ders ſo ungelehrt, daß ſie wahrſcheinlich ſelbſt nicht be⸗ 70 greifen, ob ſie aus Moll oder aus Dur ſingen, und daß ſie vielleicht niemals vom Generalbaß ſprechen ge⸗ hört haben, aber man muß gleichwohl geſtehen, daß ſie ungeachtet ihrer beklagenswerthen Unwiſſenheit dennoch als ausübende Künſtler recht geſchickt ſind. Sie ſind etwas einſeitig in der Wahl ihrer Muſik, das muß man zugeben, denn ſie haben ſich alle das erotiſche Genre in den Kopf geſetzt; aber ich verſichere, dieſe Liebes⸗ lieder, in aller Einfachheit für zwei Schnäbel compo⸗ nirt, erklingen zuweilen allerliebſt, und der Nachtigallen weltberühmte Duette find über alle Kritik erhaben⸗ Auch die königliche Oper in D. ſtand von dem Ver⸗ ſuche ab, mit ihrer Nebenbuhlerin außerhalb der Stadt⸗ thore zu rivaliſiren. Der Tag vor der letzten Vorſtel⸗ lung der Saiſon war bereits gekommen 2 . Am Morgen dieſes Tages, während Graf Manfred noch an ſeinem Toilettentiſche ſaß, trat einer ſeiner ver⸗ trauteſten Freunde bei ihm ein. Es war ein Mann von elegantem, beinahe etwas zierbengeligem Aeußern. Wenn man nun ſeinen Auf⸗ zug in's Auge faßte, ſo konnte man ihn leicht für einen Jüngling nehmen. Aber bei näherer Betrachtung erſah man aus den dünnen Locken, den tiefen Furchen der Stirne, der graugelben Farbe der Wangen und den gleichſam erſtarrten Zügen um die Lippen, daß er ein Menſch war, deſſen beſte Sommertage ſich in einen früh⸗ zeitigen Herbſt verwandelt hatten. Wir kennen ihn zum Voraus, es war der Kammerjunker Lebeaureſte. „Willkommen, mein lieber Robert,“ grüßte ihn der Graf, ohne ſeinen Platz zu verlaſſen.„Was verſchafft mir das Vergnügen eines ſo frühen Beſuches?2“ „Der verdammte Rheumatismus,“ antwortete Le⸗ beaureſte mit einer kläglichen Grimaſſe.„Ich habe be⸗ reits meine Sommerdiät anfangen müſſen. Der ganze Sommer iſt für mich ein ununterbrochener Buß⸗ und Beſſerungstag; magere Koſt, Abends bald in's Bett, 71 am Morgen keine Ruhe, Marienbäder und Motion.. Pfui Teufel, wie betrübt iſt doch unſer Leben!“ Während dieſer Jeremiade warf er ſich ohne Um⸗ ſtände und ſo bequem wie möglich in einen Emma, und erleichterte ſeine Bruſt mit einem Seufzer, während er ſeine ſtrohgelben Handſchuhe abzog. „Es gibt,“ fuhr er mit ſeiner Klage fort,„nichts Schrecklicheres als das Diäthalten. Eine lukulliſche Mahlzeit wartet, der Champagner ziſcht, die Freunde ſcherzen, die Schönheit lächelt, das Vergnügen lockt mit tauſenderlei Ködern, und jeder Blutstropfen, jede Nerve in unſerem ganzen Körper wird von Begierde nach Ge⸗ nuß befeuert Halten Sie Diät! ſagt der Arzt, und der ganze Zauber rumpelt über den Haufen. Was hilft da alles Prozeſſiren? dieſer halbe Körper, der ſo eben ſeine eigene Schwachheit vergaß, beweist die Noth⸗ wendigkeit der ärztlichen Vorſchrift. Es ſchmerzt in den Armen, in den Beinen; man hat im Kopf eine Em⸗ pfindung, wie wenn das ganze Gehirn in einer Kaffee⸗ mühle läge, die Lungen ziſchen bei jedem Athemzug, wie alte, abgenützte, zerſprungene Blasbälge.. Aber Du, Bruder Manfred, Du haſt eine wahre Felſengeſund⸗ heit. Ich bin nicht neidiſch, aber es ärgert mich den⸗ noch, Dich immer ſo friſch und ſtark zu Fhn. Ja, es iſt gewiß wahr, daß es Menſchen gibt, die ihren Körper behandeln, als wäre er eine Maſchine von Eiſen und Guttapercha, und ihren Magen, als wäre er ganz ein⸗ fach ein Sack, d. h. ein Speiſeſack, und die ſich dennoch immer ſo vortrefflich befinden, während ich, ein Mann in der Blüthe ſeiner Jahre, ein Mann, der die Geſetze der Diätetik ſtudirt hat... Laß uns jetzt von etwas An⸗ derem ſprechen; ich werde milzſüchtig, wenn ich an mein trauriges Schickſal denke... Was gibt es Neues im Theater?“ „Das Theater bereitet ſich nur für ſeine bevorſtehende Ruhe vor. Von morgen an ſind ſeine Thüren ver⸗ 72 ſchloſſen, und ſeine Mitglieder entfliehen wie losgelaſſene Vögel, um ihre Freiheit zu genießen.“ „Bah, eine ſchöne Freiheit, auf meine Ehre! Jeder Schauſpieler hat ſeinen Brummer und jede Schauſpielerin ihren Tyrannen, entweder einen Mann oder einen Lieb⸗ haber, zuweilen Beide zugleich.. Apropos, was macht die kleine, luſtige, lebhafte Frau Agnes mit ihrem eifer⸗ ſüchtigen Mann, dem Herrn Clarinettiſten 2“ „Denke an den Spruch des Doctors: Halte Diät! Deine alte Neigung, die kleine Agnes, tritt heute Abend auf.“ „Ja, mit einem blauen Mal an der Stirne; Du haſt vielleicht ihr letztes Abenteuer nicht gehört. Ihr Mann, der Clarinetiſt, iſt, wie Du weißt, von Eiferſucht geplagt, und die kleine Agnes ſoll juſt keine Penelope ſein. Er ſitzt wie auf Nadeln da unten im Orcheſter, ſo oft ſie in einer zärtlichen Seene auftritt, und mit einem Auge auf das Theater, mit dem andern in den Noten, bläst er, ſchwitzt und quält ſich. Wenn dann die Liebenden auf der andern Seite vom Wort zur Handlung übergehen, wenn eine Umarmung oder ein Kuß dieſe Schwüre der Treue beſiegelt, da ertönt jedesmal vom Orcheſter her ein gellender falſcher Cla⸗ rinetton. Es iſt eine Warnung des unglücklichen Man⸗ nes an ſeine Frau, ein Zeichen, daß er ihr mit unab⸗ läſſiger Aufmerkſamkeit folgt. Man ſieht ſie oft bei dieſem fatalen Ton zuſammenzucken und ſich eilig aus den Armen ihres Geliebten reißen. Aber als ſie vor einigen Tagen eine Scene mit unſerem erſten Tenor ſti⸗ für den ſie eine kleine Neigung beſitzen ſoll, ge⸗ chah es, daß ſie, von ihren Gefühlen hingeriſſen, gegen den Warnungspfiff des Mannes gänzlich taub blieb. Sie ſpielte mit Feuer und Wärmez es war Leidenſchaft in ihrem Geſang, ſie fiel berauſcht an die Bruſt ihres Lieblings, ſie reichte willig ihre Lippen den ſeinigen entgegen, und ſie küßten ſich, wie Jedermann ſehen konnte, recht con amore. Der Augenblick war effektvoll. 73 Das Publikum applaudirte, und der verzweifelte Clari⸗ netiſt ſprengte beinahe ſeine Lungen bei dem Verſuch, das Beifallsgeſchrei mit falſchen Tönen zu. überſtimmen. Er bekam endlich eine ſcharfe Zurechtweiſung von dem Capellmeiſter. Aber die arme Agnes, ihr Glück war furz. Als ſie nach dem Theater heim kam, mußte ſie den warmen Kuß theuer bezahlen. Die erſtickte Raſerei ihres Mannes kam jetzt zum Ausbruch, und man be⸗ hauptet, daß er, wahnſinnig von den Qualen der Eifer⸗ ſucht, ſeine Gemahlin mit dem Clarinet mitten auf die Stirne geſchlagen habe; ſo viel iſt ſicher, daß ſie ein blaues Mal zwiſchen ihren ſchönen Augen trägt. Der Graf lachte herzlich über die Anekdote. „Ich merke, daß Du in die Geheimniſſe meiner untergebenen beſſer eingeweiht biſt, als ich ſelbſt; haſt Du nichts mehr zu erzählen?“ „Nichts von Intereſſe. Man ſchwatzt freilich davon, daß Mamſell Elvira, die blonde, ſchlanke Figurantin.. wie alt mag ſie wohl ſein?“ „Höchſtens fünfzehn.“ „Man behauptet, daß ſie bereits Glück gemacht, d. h., daß ſie in den Augen des alten, reichen**ſchen Miniſters Gnade gefunden habe, und daß ihre vortreff⸗ liche Mama ſehr ernſtlich über den Kaufſchilling nach⸗ ſinnt. Aber ich glaube es nicht, in unſern Tagen kommt das Glück den Leuten nicht ſo zugeflogen. Wahrſchein⸗ licher klingt das Gerücht, daß Mamſell Leopoldine, unſere ausgezeichnete Prima Donna, ſich zu vermählen gedenke. Ei der Tauſend, wie kann man eine ſolche Dummheit begehen, wenn man Genie hat wie ſie? Daß ſie ſich endlich einen Liebhaber gewonnen hat, darüber will ich nichts ſagen, obſchon ſie eine klügere Wahl hätte treffen müſſen; aber wenn ſie ihn heirathen würde, das wäre unverzeihlich. Eine Schauſpielerin, die Glück machen will, darf nicht verheirathet ſein. Sie muß vor dem Publikum in einem romantiſchen, poetiſchen, illuforiſchen Lichte daſtehen... aber die Ehe, das iſt 74 ja die trockene Proſa ſelbſt. Wie kann man wohl von einer Sängerin entzückt werden, wenn man weiß, daß ſie nach Vollendung ihrer Arie nach Hauſe eilen muß, um ihren Kleinen Wiegenlieder zu ſingen? Man wagt kaum, ihr ein Bravo zuzurufen; es kann ja, das arme Weib, wie dieß der kleinen Agnes geſchah, ein Clarinet an die Stirne koſten. Die Schauſpielerkunſt heißt haupt⸗ ſächlich deßhalb eine freie Kunſt, weil ihre Jünger frei ſein müſſen. Wenn Leopoldine heirathet, iſt ſie für das Theater verloren, und das wäre für uns ein großer Verluſt in dieſen armen Zeiten. Ein ſonderbares Ding iſt ſie immer geweſen, und trotz ihres großen Kunſt⸗ genies iſt ſie mir immer in Bezug auf das Talent, ihren eigenen Vortheil zu berechnen, etwas beſchränkt vorge⸗ kommen. Darum finde ich es nicht unwahrſcheinlich, daß ſie eines ſchönen Tags die Dummheit begehen wird, ihre Hand demjenigen zu ſchenken, dem ſie ihr Herz geſchenkt hat. Jedenfalls iſt es ſchon ein Fehler für eine Prima Donna, ihr ganzes Herz einem Einzigen zu verſchenken; die Hälfte müßte wenigſtens immer für das Publikum aufgehoben bleiben. Aber Leopoldine iſt leider voll von ſchwärmeriſchen Phentaſien und moraliſchen Ten⸗ denzen, die mit ihrer Stellung in der Geſellſchaft nicht ganz zuſammenpaſſen. Dieſer Herr Marimilian da iſt je⸗ doch eine glückliche Seele; Leopoldine liebt ihn mit inniger Zärtlichkeit. Ich habe ſie beim bloßen Ton ſeiner Tritte die Farbe wechſeln ſehen, und man ſage was man will, die Liebe des Mädchens iſt etwas werth. Du ſchweigſt, Manfred? Man behauptet gleichwohl, daß auch Du einer von denen geweſen ſeieſt, die es auf ihr Herz angelegt, aber daß Du fehlgeſchoſſen habeſt, hahaha!„Sei edelmüthig, thue Alles, was Du kannſt, um ihre Heirath zu hindern!“ „Verlaß Dich auf mich,“ antwortete der Graf, aber es war etwas Gezwungenes in dem Lächeln, das ſeine Worte begleitete. Der Kammerjunker bemerkte es nicht, denn er hatte 75 auf einem Tiſch neue Morgenjournale gefunden und vertiefte ſich in die Lektüre derſelben. Inzwiſchen ſchritt Manfred im Zimmer auf und ab. Was Freund Lebeaureſte von Mamſell Levpoldine geſchwatzt, hatte unbehagliche Gedanken in ihm erweckt. Ihre Liebe war dem Grafen nichts Neues. Er hatte ſchon lange Kenntniß davon beſeſſen und bereits auf's Genaueſte ſeine Berechnungen gemacht, was er bei der eingetroffenen Veränderung zu gewinnen oder zu ver⸗ lieren habe. Bei ihm war die Leidenſchaft nicht bloß Entzücken und Rauſch, denn ſie raiſonnirte, ſie folgte einem gewiſſen Syſtem. Für einen Augenblick hatte er die Grundſätze vergeſſen, welche die Erfahrung ihm ein⸗ gepflanzt, und einen übereilten Schritt gethan, als er am beſchriebenen Maskenball Leopoldinens Herz mit Sturm erobern wollte. Vor ſich ſelbſt ſchämte er ſich über dieſen großen Mißgriff, und es war für ihn jetzt eine Ambitionsſache, das Weib einmal zu beherrſchen, das ihn zu ſeinen Füßen geſehen und mit ſeiner Kälte gedemüthigt hatte. Er verließ ſich auf ſein wohlerprobtes Intriguirtalent, auf ſeine Geſchicklichkeit, in der Kunſt Schlingen zu legen, und er war vollkommen überzeugt, daß die Zukunft ihm einen glänzenden Erſatz für die Niederlage bereiten würde, die er im Geheimen erlitten hatte. Dieſe Hoffnungen ließen ſich durch das Gerücht von Leopoldinens Liebe für einen Andern nicht ſtören. Der Graf betrachtete vielmehr dieſes Ereigniß als ſeinen eigenen Plänen günſtig, und nach ſeiner Anſchauungs⸗ weiſe war es für einen Mann von Welt höchſt unpaſſend, eiferſüchtig zu ſein. „Wenn die Liebe einmal das Eis um ihr Herz ge⸗ brochen hat,“ dachte er mit heimlichem Vergnügen, Pann trägt ſie bereits einen Verräther in ihrem Schvoße. Ich kenne die weibliche Natur; der erſte Schritt iſt der ſchwerſte. Die erſte Liebe kommt unſchuldig und fromm wie ein Kind und ſchleicht ſich ſo ſchön in das Herz ein; aber wenn ſie wieder entflogen iſt, ſo hat ſie die 76 Thüre offen ſtehen gelaſſen. Mögen ſie und ihr Seladon jetzt wie gurrende Turteltäubchen in Arkadiens Hainen ſitzen, ich habe nichts dagegen; dieß iſt bloß der erſte Akt eines Schauſpiels, bei dem auch ich ein Wort zu ſagen habe, und ich werde mein Entree nicht ver⸗ ſäumen.“. Er hatte ſich auch genau über den Mann, der ihre Liebe gewonnen, unterrichtet, und er fand in Mari⸗ milian's Charakter und Gemüthsart eine Bürgſchaft für den Erfolg ſeiner Abſichten. Aber er hatte nie daran gedacht, daß Leopoldine mittelſt einer Heirath einen Strich durch ſeine Rechnung machen könnte. Es kam ihm ganz unglaublich vor, daß die junge Sängerin, die ein ſo ſchönes Debüt gemacht hatte und eine ſo verheißungsreiche Zukunft beſaß, auch nur einen Augen⸗ blick daran denken könnte, ihr beneidenswerthes Glück gegen einen ſo geringen Preis, wie eine Ehe mit einem armen Virtuoſen, zu verkaufen. Noch jetzt, als er von Lebeaureſte dieſes Gerücht gehört hatte, bezweifelte er ſeine Wahrheit; aber ſeine Aufmerkſamkeit war geweckt worden, und er fand, daß die Zeit gekommen ſei, ſich ſelbſt bei dem Spiele zu berheiligen. Nachdenklich ſetzte er ſeinen Spaziergang fort. Er dachte jetzt nach genauerer Ueberlegung, daß die Himmel⸗ fahrt der Liebenden nun weit genug vorgeſchritten ſei, und er zerbrach ſich den Kopf über ein zweckdienliches Mittel, um ſie wieder in's wirkliche Leben herabzurufen, wo die Blumen der Liebe ſo leicht verwelken. Nach einiger Zeit erheiterte ſich ſein Geſicht, denn er hatte gefunden, was er ſuchte. Er eilte an einen Wandſchrank und nahm eine Roſette von carmvifin⸗ rothem Sammtband heraus. „Mein Plan iſt fertig,“ ſagte er vergnügt zu ſich ſelbſt.„Die Liebe iſt ein Kind, die ſich leicht ſchrecken läßt, und um zwei Herzen zu trennen, bedarf es bloß eines Schattens.“ 77 Hierauf wandte er ſich zum Kammerjunker und hielt ihm die Bandroſe vor die Augen, indem er fragte: „Kennſt Du das Ding hier noch, Bruder Robert2“ „Ein Toilettenſtück eines Frauenzimmers nein, ich kann mich nicht erinnern.“ „Du haſt vielleicht überhaupt den ganzen letzten Maskenball im Opernhaus vergeſſen?“ „O ſprich nicht davon: es pocht mir noch immer im Kopf, wenn ich an dieſen Abend denke aber ſtill, es beginnt in meinem Gedächtniſſe zu tagen. dieſe Roſette, ja, ich entſinne mich juſt unſeres luſtigen Zuſammentreffens. Du wollteſt von einem kleinen Rendez⸗ vous wegeilen, ich war— zu meiner Schande ſei es geſtanden— voll genug, um Deinen Namen laut zu verkündigen, und die maskirte Dame, die Dich begleitete, zitternd und ängſtlich ſie war es, die dieſe Roſette verlor.“ „Ganz richtig, und weißt Du, wer dieſe Dame war 2 „Nein, mein Blick war gar zu verſchleiert. Ich erinnere mich bloß einer ſuperben Figur und einer klei⸗ nen weißen Hand.“ „Soll ich Dir ein Geheimniß anvertrauen?“ „Es geht mir nichts über intereſſante Geheimniſſe.“ „Aber ein Geheimniß, das Du nicht zu verſchwei⸗ gen brauchſt.“ „Um ſo beſſer.“. „Nun wohl, die Dame, mit der ich damals von meinem Privatſtübchen im Opernhaus zurückkam, war Mamſell Leopoldine.“ Was ſagſt Du, Manfred! Sollte es möglich ſein? Sie, die Veſtalin, die Jungfrau von Orleans der e Hit Weiber, die Weiber!. Aber habe es ja mit meinen eigenen Augen geſehen und noch Viele mit mir.“ 4 6 i „Ja, Robert, auf Ehre, ſie war es wirklich. Ich ſage es jetzt nicht, um mit einer empfangenen Gunſt zu 78 prahlen, aber ich möchte wünſchen, daß dieſes kleine Abenteuer eines jener ſogenannten Geheimniſſe würde, die man ſich im Anfang unter Freunden zuflüſtert, bis ſie endlich ein Gerücht werden, das in der ganzen Stadt die Runde macht. Verſteh mich recht, ich will wahr⸗ haftig Leopoldine nicht ſchaden, aber das Theater darf eine ſolche Primadonna nicht verlieren, und ich bin überzeugt, daß wir durch dieſes Gerücht ihrer Heirath leicht vorbeugen können. Wir erweiſen dadurch ſowohl dem Publifum als ihr ſelbſt einen großen Dienſt.“ „Die Nachricht muß namentlich für ihren Liebhaber höchſt angenehm ſein.“ „Er wird ſich bei Zeiten erinnern, daß es beſſer iſt, eine Sängerin zur Geliebten als zur Frau zu haben.“ „Ja, das iſt die Moral vom Ganzen. Aber ich kann mich kaum von meiner Ueberraſchung erholen. Leopoldine gibt heimliche Rendezvous.. 8 Weiber⸗ liſt! Au, au, es ſticht mich mit tauſend Nadeln in meiner rechten Schulter... Leb wohl, Maufred, ich muß noch wenigſtens eine halbe Meile wandern, bevor ich meinen Kaffee nehmen darf⸗ Genieße das Leben, ſo lang Du es vermagſt; die Zeit kommt gewiß, wo auch Du Diät halten mußt. Ehe die Sonne unter⸗ geht, ſollen unſere Freunde den intereſſanten Skandal wiſſen. Leb wohl!“ Ueberglücklich kehrte Marimilian von einer kurzen Morgenpromenade nach dem Hotel zurück, wo er wohnte. Er hatte ſo eben Leopoldine an ihrem Fenſter geſehen, und der Gruß, den ſie ihm geſchenkt hatte, beſeligte ſein Herz. Der Portier übergab ihm zwei Briefe, mit denen er auf ſein Zimmer eilte. Der eine hatte keinen Poſt⸗ ſtempel; er erbrach ihn zuerſt und las⸗ 79 „Herr Maximilian! „Ein Mann, der Ihnen wohlwill, ſchreibt dieſe Zeilen. Es thut ihm leid, Ihr Glück zu ſtören, aber er hat ſich niemals bedacht, eine Wahrheit auszu⸗ ſprechen, wenn er damit eine gute Handlung zu ver⸗ richten glaubte. „Sie ſind gegenwärtig in Mamſell Leopoldine ver⸗ liebt. Ich bin weder ein Heuchler noch ein Pedant, ſondern gönne der Jugend gern ihre Freuden. Aber ich ſehe mich veranlaßt, Ihnen einen guten Rath zu ertheilen. Seien Sie auf Ihrer Hut, iunger Mann, und vergeſſen Sie nie, daß mehr als ein Weib in ſeinem Herzen einen blinden Liebhaber verlacht hat; vergeſſen Sie die Worte Sirach's nicht: Wende Deinen Sinn nicht zu einer Sängerin, damit ſie Dich nicht ergreife mit ihrer Schmeichelei. „Es gibt hier in der Welt zwei weſentlich ver⸗ ſchiedene Arten von Liebe. Die eine ſteht mit dem Ver⸗ gnügen und der Freude im Bund; ſie flattert wild von Roſe zu Roſe und genießt die Herrlichkeiten des Augen⸗ blicks, ohne an ihre Dauer zu denken. Die andere da⸗ gegen iſt ernſthafter und tiefer; ſie will wie ein zweites Schickſal über unſer ganzes Leben herrſchen und ſowohl Zeit als Ewigkeit umfaſſen.. Sagen Sie ſelbſt, welche von beiden Arten man anwenden muß, wenn der Gegen⸗ ſtand eine Primadonna iſt. Aber ſie liebt mich ſo zärtlich; ſie hat noch nie einen Andern ge⸗ liebt, ſagen Sie vielleicht. Laſſen Sie mich glauben, daß Sie kein Narr ſind. Die Liebe und die Verſtellungs⸗ kunſt ſind im Theater ebenſo alltäglich, als Unſchuld und Tugend ſelten find. Mamſell Leopoldine iſt entzückend, ich möchte Sie beneiden. Aber glauben Sie mir, ſie hat ſchon gar zu lange die verpeſtete Luft eingeathmet. „Sie verlangen Beweiſe. Es findet ſich im Theater ſelbſt ein gewiſſer vornehmer und mächtiger Herr, der Ihnen moglicher Weiſe ſolche liefern könnte. Inzwiſchen können Sie ja, nur um die Glaubwürdigkeit meiner 80⁰ Worte zu prüfen, einmal wie zufällig Ihre ſchöne Ge⸗ vieterin fragen, ob ſie nicht vielleicht vor einiger Zeit eine carmoiſinrothe Bandroſe verloren habe. „Im Uebrigen laſſen Sie die Gele enheit nicht aus Ihren Händen wiſchen. Eine üppigere Roſe wird Ihnen vielleicht nie mehr zu Gebote ſtehen. „Dieß ſagt Ihnen in der allerbeſten Abſicht ein Mann, der Sie für zu gut hielt, um ſich im Netze eines Ihrer nicht würdigen Weibes fangen zu laſſen.“ Der Brief hatte keine Unterſchrift. Marimilians erſtes Gefühl war Verdruß. Er zerriß das Schreiben in Stückchen und ſchwur Wehe und Verdammniß über den Verfaſſer. „Wie niederträchtig, wie ſchändlich!“ rief er.„Nur der gemeinſte Neid kann es wagen, einen Schatten der Verleumdung über die reinſte der Weiber werfen zu wollen. Meine Leopoldine, dieſes holde Weſen, dieſe ſpiegelklare Seele, ſie wagt man meiner unwürdig zu nennen.. Der Unverſchämte, der dieſe Worte geſchrieben hat, müßte für ſeine ſchwarze Lüge mit dem Tode büßen.“ Er ging einigemal wieder ſiehen, hob die Stückchen des zerriſſenen Brief⸗ chens auf und las von Neuem: „Vergeſſen Sie niemals, daß mehr als ein Weib in ſeinem Herzen einen blinden Liebhaber verlacht hat!“ wiederholte er für ſich ſelbſt.„Welche abgedroſchene Phraſe!“ fügte er verdrießlich hinzu,„und all dieſe Schmähungen über die Primadonna und das Theater. Rur alte Weiber und ſolches Gelichter verleumden heut zu Tage noch das Theater. Daß Unſchuld und Tugend trotz der verpeſteten Luft wirklich dort gedeihen können, dafür iſt juſt ſie ein Beweis, ſie, die man jetzt anzu⸗ ſchwärzen ſucht. Leopoldine iſt Künſtlerin, wie ich Künſtler bin, obſchon ihr Ruf die Welt durchfliegen wird, während der meinige kaum über meinen Geburts⸗ ort hinausgelangt; und darum weil ſie eine ſchöne Kunſt verehrt, ſollte ich ſie verkennen?.. WMeine Liebe — im Zimmer auf und ab, blieb 8¹ zu ihr ſollte alſo dieſelbe leichtſinnige Natur annehmen, wie diejenige, mit der ich bisher ſo verſchwenderiſch ge⸗ weſen bin? Ich ſollte ſie ganz ſo lieben, wie ich früher ein paar feurige Augen, eine geſchmeidige Figur, volle Formen, einen ſchönen Fuß liebte, denn ſie ſollte keine andere Bewunderung verdienen?. Welche nieder⸗ trächtige Unwahrheit in dieſer Behauptung!. Ja ge⸗ wiß,“ wiederholte er,„eine niederträchtige Unwahrheit!“ Aber er verſank darauf in tiefe Gedanken, wobei ſeine Stirne ſich immer mehr verdüſterte.. Wie der Raubvogel, nach Beute ſpähend, über das Thal hin⸗ ſchwebt, ſo umſchwebt der düſtere Zweifel das Herz des Menſchen, ſtets bereit, es zu ſeinem Raube zu machen. Maximilian blutete bereits unter ſeiner ſcharfen Klaue. Er fuhr aus ſeinen Grübeleien auf. „Nur ein Teufel kann dieſen Brief geſchrieben haben,“ rief er.„Es liegt in jedem Wort ein Gift, das mein Blut bereits angegriffen hat Iſt alſo dieſe Zeit himmliſchen Friedens bereits verſchwunden 2... Bin ich ein Thor, ein Mann, der ausgelacht zu werden verdient?„ Acch nein, ich weiß, daß Leopoldinens Seele rein iſt wie Schnee, ich glaube an ihre Liebe, und gleichwohl. kann ich den Dämon nicht aus⸗ treiben, der mein Herz zerfleiſchen will. O mein Gott, wenn ſie mich betrogen hätte, wenn die Falſchheit in dieſer Engelsgeſtalt wohnte, wenn ſie allen andern Weibern gliche, die ich kennen gelernt habe? O Hölle, von Dir würde ich dann meine Rache enilehnen.. Nein, nein, ich bin toll, ich weiß nicht, was ich ſage. Der beſſere Glaube, die höhere Lebensauffaſſung, die Leopoldine mir geſchenkt hat, wird von meinen Erinnerun⸗ gen und meiner Erfahrung überſtimmt.. Ich muß wie⸗ der zu ihr. Reuevoll will ich mich zu ihren Füßen werfen und allda für meine Schwachheit Verzeihung erbetteln.“ Schon ergriff er ſeinen Hut, um zu gehen, als der zweite Brief ihm in die Augen fiel.. Sein Inhalt war kurz folgender: Ein Funke. II. 6 8² In der Rieſenſtadt der Welt, dem reichen London, lag ein älteres Frauenzimmer auf dem Todtenbette. Schon in ihrer erſten Jugend war ſie als ein Opfer der Verführung gefallen. Ihre beſten Kräfte waren dem Leichtſinn und eitlem Tand gewidmet geweſen, und die falſchen, verbrecheriſchen Vergnügungen, denen ſie an⸗ N gehangen, hatten ihr Herz vergiftet. Jetzt nachdem die Jahre die letzte Spur ihrer Schönheit verhichtet hatten, nachdem ihre Geſundheit zerſtört war und der Tod be⸗ reits zur Thüre ihres Schlafzimmers hereingrinste, jetzt blickte ſie mit Entſetzen auf die zurückgelegte Bahn, und die Gewiſſensqualen machten ihr Lager härter als die Krankheit... Dieſes Weib war die längſtvergeſſene Schauſpielerin, die ſchöne Buhlerin Diana, Michael Lambert's entwichene Gattin, einſt die Maitreſſe eines reichen Engländers, Maximilian's Mutter.. Nach vielen Nachforſchungen war es ihr endlich gelungen, den Aufenthaltsort ihres Sohnes zu erfahren. Zu ſchwach, um ſelbſt zu ſchreiben, ließ ſie jetzt ihren letzten Wunſch durch einen Arzt mittheilen. Von Reue über die Ver⸗ angenheit, von Furcht vor der Zukunft gemartert, deht das unglückliche, von Körper- und Seelenleiden verzehrte Weib, daß ihr Sohn, den ſie einſt ſo herzlos verlaſſen, jetzt an ihr Todtenbett eilen möchte, um ihr mit ſeiner Verzeihung den Frieden in der langen Grabes⸗ nacht zu ſchenken, den ſie ſonſt nicht gewinnen zu können glaubte.. Der Brieſſchreiber fügte hinzu, daß Mari⸗ milian keinen Augenblick zu verlieren habe, wenn er dieſen Wunſch ſeiner ſterbenden Mutter erfüllen wolle, denn ſie ſei ſo ſchwach, daß ſie allem Ausſehen nach kaum noch ein paar Wochen leben werde. Dieſer Brief würde unter anderen Verhältniſſen als die gegenwärtigen auf Marimilian wahrſcheinlich einen tieferen Eindruck gemacht haben, als er jetzt that. Sein Herz war in 3 Augenblick bereits dermaßen von Leopoldine erfüllt, daß die Bitte der Mutter draußen ſtehen und klopfen mußte. Welche Zärtlichkeit konnte 83 er auch wohl dieſer Mutter weihen, die ſo viele Jahre hindurch die unnatürlichſte Kälte gegen ihr einziges Kind gezeigt hatte und jetzt erſt, S durch den Anblick des Todes, ihm ihre Arme öffnete! Ueberdieß war es ihm in dieſer Stunde des Zweifels mehr als je ein Bedürfniß, durch den Glauben an weibliche Tu⸗ gend, Unſchuld und Reinheit geſtärkt zu werden. Aber welchen ſchrecklichen Gegenſatz hierzu fand er nicht im Leben ſeiner eigenen Mutter! Auch ſie hatte dem Thea⸗ ter angehört und war einmal ſchön und gefeiert geweſen. Wie hatte nicht ſein Vater ſie geliebt, und wie war er nicht betrogen worden!.. Marimilian war nur ge⸗ n mit der Freude umzugehen, ſein Muth ſchwankte ereits. Eine kurze Weile nachher trat er in Leopoldinen's Salon. Sie bewillkommte ihn mit einer Zärtlichkeit, über welche ſein Herz ſeine Qualen im erſten Augen⸗ blick ganz vergaß, ſo daß es nur die Glückſeligkeit der Liebe empfand. „Juſt hpt weilten meine Gedanken bei Dir, mein Geliebter,« ſagte ſie und fügte mit einem Ton, der klagend ſein wollte, aber im Gegentheil Freude aus⸗ drückte, hinzu:„ſie befinden ſich daheim bei mir nicht mehr wohl.“ * finſteren Gedanken kehrten bei Maximilian zurück. »Ach, Du weißt nicht,“ antwortete er,„daß Du Deine Seele einer ewigen Unruhe weihſt, wenn Du ſie mit mir verbindeſt.“ Der wehmüthige Ton in Marimilian's Stimme war bei ihm etwas ganz Fremdes und machte Leopol⸗ dine ängſtlich. Sie fand, als ſie ihn jetzt aufmerk⸗ ſamer betrachtete, daß ſein ganzes Weſen ſich nicht mehr gleich war., 2O, mein Gott,“ rief ſie,„wie düſter Dein Blick iſt! Deine Stirne brennt... Du biſt krank, Marimi⸗ lian Antworte, ſprich, was iſt Dir geſchehen“ 6 84 „Nichts und dennoch ſehr viel. Ich habe Dir ja geſagt, daß ich ſchwach bin. Ich bin ein Thor, der Deine Theilnahme nicht verdient.. Komm, Leopol⸗ dine, ſetze Dich zu mir auf den Sopha; laß mich Dich betrachten. Ach, Dein Blick könnte nicht ſo einen Him⸗ mel abſpiegeln, wenn Du ihn nicht in Deinem Herzen trügeſt.“ Der arme Liebhaber ſchwankte zwiſchen ganz ent⸗ gegengeſetzten Gefühlen. „Du erſchreckſt mich, Maximilian. Sei aufrichtig, laß mich Deinen Schmerz theilen.“ „Ich bin ein Elender, daß ich Deine unſchuldige Freude ſo ſtören kann.„ Verzeih' mir, Geliebte! Werde fuͤr mich, was David für Saul war. Verſcheuche den böſen Geiſt aus meiner Bruſt und ſchenke mir wie⸗ der Frieden!“ Ich habe einen Traum gehabt, einen unglückſeligen Traum.“ „Auch Deine Träume gehören mir. Ich habe ja. den Schüſſel zu Deinem Herzen; verſchließe es alſo nicht mit Deinen Qualen, ſie ſind bereits die meinigen; ich fühle, daß ich Dich tröſten könnte; habe Vertrauen zu derjenigen, die Dich ſo innig liebt.“ „Ich träumte, ich ſei im Himmel, Leopoldine; es war ein Engel, der mich auf ſeinen Flügeln hinauf⸗ gehoben hatte, und dieſer Engel, das warſt Du. Alles, was ich Schönes geahnt hatte, blühte hier in ewiger Herr⸗ lichkeit. Es fiel eine Binde von meinen Augen; ich ſah alles das Vergangene, das Gegenwärtige, das Zu⸗ künftige in einem verklärten Schein. Ich fand in der Liebe die Löſung des Räthſels, das man hier Leben nennt, und es wurde mir klar, daß das, was wir auf Erden Glück nennen, im Himmel ſeinen rechten Namen führt und Tugend heißt. Du warſt beſtändig an meiner Seite; nein, Du warſt in meinem Herzen. Alle unſere Gefühle, alle unſere Gedanken waren gemein⸗ ſchaftlich. Die Liebe hatte unſere Seelen zu einer ein⸗ zigen verſchmolzen, die von keiner Sehnſucht mehr 85 verzehrt wurde, denn ſie hatte keine Gebrechen Aber auf einmal ſenkte ſich eine finſtere, kalte Wolke über uns. Sie riß Dir die Schwingen von den Schultern, und wir fielen wieder hierher herab. Die Erde hatte für mich allen Reiz verloren, denn ich konnte den Him⸗ mel nicht vergeſſen, wo ich kaum noch ſo glücklich ge⸗ weſen war WMir war, als ſtünde ich am Nordpol ſelbſt, überall von blaugrünen Eisbergen und einer er⸗ frorenen, todten Natur umgeben, die ihre einzige Be⸗ leuchtung von einem flammenden, blutfarbigen Nord⸗ ſchein erhielt. Alle Disharmonien des Lebens knarrten vor meinen Ohren. Ich wollte mich an Deinem Buſen wärmen, aber Du warſt verſchwunden. Statt deſſen grinste mir ein ſchauerlicher Höllengeiſt entgegen und— wie toll doch die Träume ſein können, mit teufliſchem Hohngelächter reichte mir dieſer Dämon eine carmoiſin⸗ rothe Bandroſe und ſagte, Du habeſt ſie verloren, indem Du mit einem andern Liebhaberent⸗ flohen ſfeieſt.“ Marimilian legte einen ſtarken Ton auf dieſe letz⸗ ten Worte und ſirirte dabei Leopoldine mit einem ſchar⸗ fen, forſchenden Blick. Die Erinnerung an die EFreigniſſe, die mit der verlorenen Roſe im Zuſammenhang ſtanden, fuhr wie ein Blitz durch ihre Gedanken. Eine Purpurröthe goß ſich über ihre Wangen und ſie ſchlug ihre Augen nieder, die früher den ſeinigen zugekehrt waren. Wie von einer lange geſtochen, ſprang Maximilian von ſeinem atze auf. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und Graf Manfred trat ein. „Verzeihen Sie, meine Freunde, daß ich Ihr téte- atéte ſtöre,“ ſagte der ungebetene Gaſt, indem er Lev⸗ poldine ſehr vertraulich grüßte. Sodann ſetzte er ſich ganz ungenirt auf den Sopha, den Marimilian ver⸗ aſſen hatte, und fuhr, gleich als merkte er nicht, wie unwillkommen er war, alſo fort: 85 „Ich hoffe, daß Sie ſich wohl befinden?. Glau⸗ ben Sie nicht, daß bloß der eigennützige Theaterdirector es iſt, der ſich für Sie intereſſirt; nein, es iſt der er⸗ gebene Freund, der immer treu bleiben wird, ſelbſt wenn er jetzt bald von Amtswegen keine Gewalt mehr über Sie hat... Es iſt von höchſter Wichtigkeit, daß wir, jetzt an die Zukunft denken und unverzüglich Ihren neuen Contract aufſetzen. Sie wiſſen, daß ich im Sinn habe, Alles für Sie zu thun... Mit Zufriedenheit können in⸗ zwiſchen ſowohl Sie als ich auf die in einigen wenigen Stunden abgelaufene Saiſon zurückblicken. Ihre Siege ſind auch die meinigen geweſen. Ja, wir haben viele angenehme Erinnerungen gemeinſchaftlich. Entſinnen Sie ſich des Abends, wo Sie auf einer improviſirten Bühne in meinem Wintergarten als Flora Ihr eigentliches Debüt vor dem Publikum machten? Sie hätten ſie da ſehen ſollen, Herr Marimilian; ſie war bezaubernd und gewann ſich alle Herzen; das meinige zuerſt und vor allen. An dieſem Abend entſchied ſich Ihr Schickſal, Mamſell Leopoldine; ſeither iſt Ihr Leben eine Kette von Triumphen geweſen. Erinnern Sie ſich auch viel⸗ leicht der kleinen Intrigue auf dem Opernball? Seien Sie ruhig; Ihr Geheimniß iſt bei mir treu verwahrt Sie, Herr Maximilian, der Sie ſelbſt Künſtler ſind, wiſſen wohl, daß alle Jünger der Kunſt und beſonders eine Theaterſängerin eines mächtigen Schutzes bedürfen. Es iſt hier unmöglich, ohne eine gute Leitung all' den vielen Schlingen zu entgehen, welche Kleinlichkeitsſinn und Neid auf ihren Weg legen, und welches Publi⸗ kum hat wohl je, ohne vorher gehörig bearbeitet zu ſein, einem Talent Gerechtigkeit widerfahren laſſen? Ich bin deßhalb nicht bloß erfreut über die glänzenden Erfolge meiner Primadonna, ich bin ſtolz darauf. Für die nächſte Saiſon, Mamſell Leopoldine, hoffe ich, Ihnen eine angenehmere Wohnung ſchaffen zu können. Ihr Salon hier iſt ohne Zweifel recht ſchön, aber ich bin dennoch niemals ganz damit zufrieden geweſen; 87 auch habe ich bereits eine andere Wohnung für Sie auserſehen. Sie werden dort eine freiere Ausſicht von Ihren Fenſtern und eine bequemere, geſchmackvollere Anordnung der Zimmer haben, unter Anderm auch ein allerliebſtes kleines Boudoir mit einem beſonderen Aus⸗ gang auf eine der Terraſſen des Gartens. Dieſes Zim⸗ mer muß im orientaliſchen Styl geſchmückt werden; ich habe bereits die Idee zum ganzen Ameublement voll⸗ kommen in meiner Phantaſie, und ich hoffe, Sie wer⸗ den damit zufrieden ſein.“ In dieſem Geiſt fuhr der Graf fort zu ſchwatzen und die Rolle eines mit der jungen Sängerin ſehr in⸗ tim verbundenen Mannes zu ſpielen; kurz er that, wie wenn er bei ihr ganz zu Hauſe wäre. Er ließ ſich da⸗ durch nicht ſtören, daß ſeine Fragen kaum beantwortet wurden; im Gegentheil ſchien er juſt zu wünſchen, daß man ihn in ſeinem Wortſchwall nicht unterbreche, und die verſchiedenartigſten Gegenſtände wurden von ſeiner geſprächigen Zunge mit einer Ungezwungenheit zuſam⸗ mengeworfen, die nicht ſelten in Ausgelaſſenheit über⸗ ging, und mit Schlauheit benützte er die Gewalt, die er über Levpoldine beſaß, als der Eingeweihte in ein Geheimniß, das ſie ihrem Geliebten niemals hatte mit⸗ theilen können. Gleichwohl hütete er ſich ſorgfältig, eine offene Erklärung hervorzurufen. Er wollte bloß Marimilian beunruhigen. Sein ganzes Gerede war ein Spiel mit Andeutungen, aber durch Blicke und Mienen reute er auf jeden Satz ein feines Gift. Und Marimilian, er ſtand wie auf glühenden Kohlen. Der Argwohn, den man bei ihm erweckt hatte, wurde durch den freien, vertraulichen Ton des Grafen und durch Leopoldinen's Verwirrung beſtärkt. Sicherlich würde er in Beleidigungen gegen Beide ausgebrochen ſein, wenn er ſich nicht durch ſeine Stellung als betrogener Lieb⸗ haber genirt gefunden und gefürchtet hätte, ſich vor dem Manne lächerlich zu machen, der ihn mit ſolcher Gleichgültigkeit behandelte.. Noch wollte ſein Herz 88 ſich nicht vollkommen von Leopoldinen's Treuloſigkeit überzeugen laſſen, aber es konnte auch ſeine Zweifel nicht mehr widerlegen. Warum hatte ſie ihre Augen niedergeſchlagen, als er am Ende ſeiner Traumerzäh⸗ lung von der earmoiſinrothen Roſe erzählt hatte? was war das für ein geheimes Maskenabenteuer, das ſie und Graf Manfred mit einander gehabt hatten? Warum war ſie bei der Erinnerung daran auf's Neue erröthet? Wenn es ganz unſchuldig geweſen wäre, würde ſie es dann ihrem Geliebten nicht anvertraut haben?. Und jetzt, warum hörte ſie die beleidigenden Scherze des Grafen an? Warum empfing ſie ſeine Complimente? Warum wurde dieſer Mann nicht mit offener Verach⸗ tung abgewieſen? Auf dieſe und viele ähnliche Fragen konnte er in ſeiner aufgereten Stimmung keine beruhigende Antwort finden. Bald wurde es ihm ganz unmöglich, länger hier zu bleiben. Unter dem Vorwand, daß ein dringendes Geſchäft ihn abrufe, nahm er einen kalten Abſchied und verließ das Zimmer.. Er war gekommen, in der Hoff⸗ nung, ſeine düſteren Gedanken verſcheuchen zu können; aber als er jetzt ging, hatten ſich ſeine Zweifel in eine halbe Gewißheit verwandelt. Es iſt der Fluch der Schwachheit, daß ſie niemals eines ſtarken Glaubens fähig iſt. Er ſah jetzt in dem Grafen Manfred einen Nebenbuhler und glaubte ſich in ſeiner eigenen Liebe betrogen. Es bedarf, wie geſagt, nur eines Schattens, um zwei Herzen von einander zu reißen.. Am Abend dieſes unglücklichen Tages war Maxi⸗ milian in der Oper. Er ging dahin mit dem Voſatz, Leopoldine nicht aufzuſuchen, denn er wollte, wie dieß in ſolchen Fäl⸗ len gewöhnlich iſt, ſeine Rache mit einer erheuchelten Gleichgültigkeit beginnen.. Aber als ſie auf die Bühne trat, da zerſchmolz all' das Eis, womit ex ſein Herz zu überziehen geſucht hatte. Ihre Schönheit hatte ihn ———— 89 noch nie ſo bezaubert wie jetzt, und der Anhauch eines guten Geiſtes, der ihren Geſang begleitete, ſprach Troſt und Verſöhnung zu ſeiner Seele. Im Augenblick, wo der Vorhang nach dem Schluß des erſten Actes fiel, eilte er auf's Theater. Eine Bitte um Verzeihung lag bereits auf ſeinen Lippen; aber er fand nicht die Leopoldine, die er ſuchte; er fand nur die von ihren Bewunderern umringte Primadonna. Lachen und Scherze erſchollen aus dieſem Kreis, und man nahm aus der beſondern Bedeutung dieſer Vor⸗ ſtellung als der letzten in der Saiſon neue Veranlaſſung zu Complimenten und ſchmeichelhaften Verſicherungen. Marximilian erhielt keine Gelegenheit, ein vertrauliches Wort mit ſeiner Geliebten zu wechſeln. Sonſt war er immer ſtolz auf die Huldigung geweſen, die ihr ge⸗ widmet wurde; jetzt dagegen ärgerte er ſich darüber, und da er in ſeiner ſchlechten Laune vergaß, daß es ihr gänzlich unmöglich war, mit den allgemeinen Gewohn⸗ heiten des Theaterlebens zu brechen, ſo machte er für ſich ſelbſt die höchſt unbillige Reflerion, daß es der weiblichen Schamhaftigkeit, der Natur der wirklichen Unſchuld widerſtreite, die abgeſchmackten Galanterien ſolcher Schwätzer anzuhören. Graf Manfred wich nicht einen Augenblick von Leopoldinen's Seite. Er zeigte an dieſem Abend in ſeiner Aufmerkſamkeit gegen ſie eine Wärme, die mehr an einen Liebhaber der Sän⸗ gerin, als des Geſanges erinnerte, und der Schleier, womit er ſein Entzücken bemäntelte, war höchſt durch⸗ ſichtig. Dieß erregte die Aufmerkſamkeit aller Anweſen⸗ den; man machte flüſternd ſeine Anmerkungen darüber; aber in Marimilian rasten mit aller Kraft alle Qualen des Zweifels und der Eiferſucht. Im Verlauf des Abends verbreitete ſich im Saal immer mehr ein Gerücht, welches erzählte, daß Mamſell Leopoldine ſich mit ihrem Liebhaber überworfen habe, weil es an Tag gekommen ſei, daß ſie eine Tugend 90 erheuchelt, die ſie nicht beſitze, und daß ſie lange ins⸗ eheim die Geliebte des Grafen Manfred geweſen. Die⸗ es Gerücht bildete bald den Gegenſtand des allgemeinen Geſprächs und wurde mit derſelben Begierde aufgenommen, womit man immer einen Scandal aufnimmt, mit einer Begierde, die auf den Glauben leiten könnte, daß die Zer⸗ ſtörungsluſt eine unſerer ſtärkſten Leidenſchaften ſei, und daß die Menſchen im Allgemeinen ihre größte Freude varin finden, die Welt ſo jämmerlich als möglich zu machen. Wir beginnen das Leben als Mordengel un⸗ ſerer Puppen, und ſetzen es dann in der gleichen Weiſe fort, indem wir den guten Namen und Ruf unſerer Nebenmenſchen zerfleiſchen. Es währte nicht lange, ſo gelangte dieſe intereſſante Nachricht auch zu Marimilian's Ohren; er vernahm ſie theils durch einige Worte, die er aus dem Geſpräch zwiſchen ſeinen Nachbarn auffing, theils durch eine Menge halbverdeckter Anſpielungen und Fragen von Seiten ſeiner näheren Bekannten. Endlich wurde ihm die ganze Geſchichte mitgetheit, und einer ſeiner Freunde erzählte, er habe bei einem Maskenball mit eigenen Augen geſehen, wie Leopoldine im ſchwarzen Domino und mit einer carmoiſinrothen Bandroſe auf der Bruſt Arm in Arm mit Graf Manfred von einem geheimniß⸗ vollen Rendezvous zurückgekommen ſei. Jetzt zerbrach der letzte Splitter von Maximiliau's Glauben. Es lag jetzt klar am Tage, daß Leopoldine trenlos, er ſelbſt betrogen war. Dieſe Ueberzeugung von getäuſchier Liebe ſiel wie ein Winter auf ſeine Ge⸗ fühle, alle Blumen erblaßten, aber ſeine Seele wurde dabei weniger ſtürmiſch, gleichwie auch das Meer unter den Banden des Eiſes Ruhe gewinnt. Vor allen Dingen galt es, Selbſtbeherrſchung zu beſitzen. Es lag Maximilian ganz beſonders daran, daß man nicht erfahren ſollte, wie tief ſein Herz in Wirklichkeit verletzt worden war. Deßhalb bot er alle ſeine Kräfte auf, um eine gute Miene zu behanpten⸗ 9¹ Er wußte nur zu gut, daß ein getäuſchter Liebhaber in den Augen der Welt immer lächerlich erſcheint, und von dem Publikum ausgelacht zu werden, das war für ihn der ſchärfſte Stachel in der Dornenkrone des Schmerzes. Er heuchelte eine fröhliche, muntere Stimmung, nahm den genannten Freund unter dem Arm und führte ihn in's Foyer. Hier kam ihm eine ganze Schaar von Bekannten entgegen. Maximilan lud ſie ſämmtlich ein, Flatz zu nehmen und mit ihm ein Glas zu trinken. Man hatte noch nicht viele Worte mit einander ei als einer der Brüder, der etwas freie An⸗ ichten über die Gebote des Zartgefühls hatte, ganz plötzlich rief: „Run, wie ſteht's, Marimilian? haſt Du wirklich mit Leopoldine gebrochen 2 Die Frage ſchien auf den Angeredeten keinen tiefen Eindruck zu machen. Er nippte an ſeinem Glas und antwortete ganz ruhig:„Leicht angefnüpft, leicht abge⸗ brochen. wer kann für all' die Winde Rede ſtehen, die auf dem Meer der Liebe blaſen? „Bravo!“ riefen mehrere Stimmen. „Recht ſo!“ ſagte Einerz„man muß es mit ſeinen Gefühlen immer leicht nehmen, wenn es ſich um eine Verbindung dieſer Art handelt.“ „Ich für meinen Theil,“ bemerkte ein Anderer, „habe niemals an Leopoldinen's geprieſene Unſchuld glauben können. Sie iſt immer kokett geweſen, das ſteht feſt, obſchon ſie, etwas ſchlauer als andere Theater⸗ königinnen, die für uns gefährlichſte Art wählte; ſie hat mit einer erheuchelten Freiheit von aller Koketterie kokettirt.“ Ich kann mir eine Schauſpielerin ohne Koketterie nicht denken,“ bekannte noch ein Anderer von der Ge⸗ ſellſchaft. „Kaum ein einziges Weib,“ ſiel Marimiiian ein. „Den Grafen Manfred zum Theaterdirector machen, hieß auch den Bock zum Gärtner ſetzen,“ bemerkte ein Witzkopf. „Aber ſage mir, Marimilian,“ begann derſelbe wieder, der das Geſpräch auf dieſen Gegenſtand ge⸗ pracht hatte,„Du kennſt Leopoldine beſſer, als irgend ein Anderer; ſie ſchien Dir ſo ernſtlich zugethan zu ſein; hat ſie wirklich ein Herz?“ „Bah,“ antwortete Maximilian luſtig, ein Herz, das wäre gar zu wenig, ſie hat ihrer zwei, drei, ja wenigſtens ein Dutzend.“ Dieſe Aeußerung rief im Allgemeinen Lachen hervor. Das Geſpräch wurde in demſelben Ton fortgeſetzt. Maximilian zeigte ſich dabei ungewöhnlich erregt. Er replicirte mit ſcharfem, ſchneidendem Scherz auf alle vorgebrachten Fragen, er ſtreute Salz auf alle Bemer⸗ kungen, die gemacht wurden, ja, er ging in Schmähun⸗ gen, Verleumdungen und frivolen Reflexionen weiter, als irgend ein Anderer„. für ſich ſelbſt empfand er eine Art Wohlbehagen darin, das Iveal ſeines Herzens Stück für Stück zu zerreißen, und aus dem Glas, dem er fleißig zuſprach, ſchöpfte er einen erkünſtelten Muth, ſein eigenes Leiden zu verachten. 4 Als die ehrenwerthe Sippſchaft aufbrach, um auf ihre Plätze im Saal zurückzukehren, ſagte einer der Freunde zu ſeinem Nachbar:. Marimilian iſt ein wirklicher Gentleman. Ich meinte vor einiger Zeit, er fange an, ſentimental zu werden; aber jetzt iſt er ſich wieder gleich; er iſt leb⸗ haft und luſtig und hat nichts Weinerliches an ſich.“ „Du täuſcheſt Dich, Bruder, antwortete der Nach⸗ Par, der zufällig einen etwas ſchärferen Blick beſaß; „bemerkteſt Du nicht, daß Maximilian's ganzes Bemühen darauf gerichtet war, uns hinter's Licht zu führen? Aber in ſeinem Eifer ſchoß er am Ziele vorbei, ſeine Freude war Verſtellung, ſein Lachen war hämiſch.. Glaube mir, wer eine ſo ſchöne Geliebte verloren hat, der jubelt nicht darüber, wenn er ſich auch mit der Zeit 93 tröſten läßt. Aber auch in der Liebe iſt es eine Kriegs⸗ liſt, über ſeine eigene Niederlage ein Tedeum zu ſingen.“ Es war ein Glück für Maximilian, daß er dieſe Worte nicht hörte; ſie würden ihn vollkommen unglück⸗ lich gemacht haben. JZetzt konnte er ſich wenigſtens über den eingebildeten Triumph freuen, das Urtheil des Publikums irregeleitet und ſein eigenes Anſehen geret⸗ tet zu haben. Er glaubte auch bereits ſein eigenes Herz überwunden zu haben... Er glaubte es; aber nach der Vorſtellung, als die Zuſchauer ſich bereits entfernt hatten, da blieb er hinter einem Baum verborgen ganz nahe bei der Hinterpforte, die zu der Garderobe fuͤhrte, und zu welcher Leopol⸗ dine herauszukommen pflegte, ſtehen. Er wollte ſie noch einmal ſehen, bevor er nach Hauſe zurückkehrte. Sie kam nach einer Weile, aber am Arm des Gra⸗ fen Manfred. Sie ſtieg in einen Wagen; es war der Wagen des Grafen. Maximilian blieb, die Stirne an die harte Rinde gedrückt, ſtehen, nachdem der Wagen weggerollt war. Der Umſtand, daß Levpoldine ſich der Cquipage des Grafen bediente, was einen ganz einfachen und durch⸗ aus nicht ungewöhnlichen Grund hatte, wurde für ihn jetzt ein neuer Beweis für ihre Untreue. Auch der Schmerz hat ſeine Begehrlichkeit; gleich dem Feuer ſucht er in jedem Span Nahrung und iſt reizbar wie ein hyſteriſches Weib. „Wie herzlos haſt Du mit mir geſpielt!“ ſeufzte er bei ſich ſelbſt, indem er an Leopoldine dachte.„Als ich zu Deinen Füßen lag, da lachteſt Du in Deinem Her⸗ zen ganz ſicherlich über meine Schwachheit. Du haſt Recht gehabt, denn ich war thörichter als ein unſchul⸗ diger Jüngling, der zum erſten Mal in das Netz eines Weibes verſtrickt wird Ich fühlte mich ſo glücklich, da ich bei Dir die Wahrheit und den Frieden gefun⸗ den zu haben glaubte; ein neuer Weg durch das Leben 94 öffnete ſich vor meinem Blick. Aber dieſes Glück, es war bloß ein flüchtiges Luftgebilde, eine Theaterſcene, eine Lüge. Ich bin nicht länger kindiſch. Nein, ich bin wieder derſelbe ſteptiſche, keichtſinnige, wilde, ge⸗ nußſüchtige Vagabund, der ich immer geweſen. Ja, Leopoldine, wir werden uns noch einmal treffen. Meine Liebe iſt zermalmt und kann nie mehr belebt werden, aber unter ihren Ruinen ſpucken noch die Begierden: ich weiß, wie man mit Weibern Deines Schlages um⸗ geht. Es iſt nicht mehr der blöde Jüngling, der Dich umarmen wird; es ſind nicht mehr ſeine keuſchen Lip⸗ pen, welche die Deinigen küſſen werden. Du biſt mein! Mit der lieblichſten Stimme haſt Du es in mein Ohr geflüſtert... Nun wohl, Levpoldine, ich ſchwöre es, Du jollſt die Meinige werden. Und dann 26„ fügte er nach einer Pauſe fragend hinzu„Dann werde ich am Todtenbett meiner Mutter meine allerletzte Thräne weinen; nicht über das, was ich verloren habe, denn das iſt nichts, ſondern über Alles, was ich nie be⸗ ſeſſen habe und nie beſitzen werde.. Möge die Welt dann auch meine einzige Geliebte werden? wir ſind für einander geſchaffen Eine alte Sage behauptet, der große Meiſter Paganini habe für die Gabe, der ausgezeichnetſte Violinſpieler ſeiner Zeit zu werden, ſeine Seele an die Hölle verkauft. Das iſt juſt eine Künſtlerſchaft in meinem Genre, und ich hätte wohl Luſt, einen ſolchen Handel zu probiren.“ 95 XX. Vater und Sohn. Trübe nicht des Mädchens Seele; Nie wird ſie ſich wieder klären, Nie den Himmel wiederſpiegeln. J. L. Runeberg. „Leopoldine! „Ich habe Dir heute Vormittag einen Traum er⸗ zählt.. Er iſt bereits in Erfüllung gegangen. Einer weiteren Erklärung bedarf es nicht. Einen Prozeß ge⸗ gen das Schickſal anzufangen, nachdem ſeine Entſchei⸗ dung ſchon gefällt iſt, veriohnt ſich nicht der Mühe.. „Es iſt entſchieden, wir müſſen uns trennen. „Einen Thoren werde ich den Mann nennen, der mit Seufzern und Klagen ſeine letzten Stunden in dem Paradies vergeudet, aus welchem er ausgetrieben zu werden verurtheilt iſt... Noch ſteht er ja mitten im Luſtgarten. Mit jedem Athemzug ſchöpft er neue Wärme für ſein Blut; die Roſe blüht, die Traube ſchwillt, die Taube gurrt.. Was geht ihn die Zukunft an? Mag er in glücklicher Vergeſſenheit des Abgrundes, der ſich bereits zu ſeinen Füßen öffnet, begierig die wenigen himmliſchen Augenblicke genießen, die ihm noch ver⸗ liehen ſind; mag er juſt jetzt den Triumph ſeiner Seligkeit feiern; mag ſein Blick gleich einem herrlichen Luſtfeuer juſt in ſeiner höchſten Vollendung erlöſchen; mag ſeine letzte Stunde ein Siegesfeſt werden! „Wie es hernach gehen mag, ſo beſitzt er doch den Troſt, wenigſtens einen Augenblick gelebt zu haben; es iſt dieß immer ein Zuckerkörnchen, das er der plau⸗ dernden Erinnerung in den Mund legen kann. „Glaube nicht, daß ich dieſe Worte im Fieber⸗ wahnſinn ſchreibe. Nein, ich bin jetzt erſt recht ver⸗ 96 ſtändig. Eine wichtige Angelegenheit ruft mich in ſpäteſtens 24 Stunden von der Stadt ab; ich ſage Dir jetzt unſer letztes Lebewohl. „Morgen Abend um 8 Uhr wartet ein bedeckter Wagen vor Deiner Thüre. Er wird Dich ſicher und unbemerkt in ein kleines und ſelten beſuchten Wirths⸗ genannt die weiße Taube, führen. Ich erwarte ich da. „Wenn Du nicht kommſt aber es iſt unmöglich. „Dein ehemals geliebter „Marimilian.“ „Ich verlange keine Antwort, wir treffen uns mor⸗ gen oder auch nie.“ Dieſen Brief ſchrieb Marimilian ſogleich, als er aus der Oper nach Hauſe gekommen war. Er bildete ſich ein, vollſtändige Beweiſe dafür zu beſitzen, daß Leopoldine ihn betrogen habe. All die idea⸗ len Eigenſchaften, die er bei ihr angebetet, betrachtete er als Jiluſionen, hervorgerufen von ſeiner eigenen Schwachheit und ihrer überlegenen Verſtellungskunſt; daß ſie ihn liebte, daran konnte er nicht zweifeln; aber ihre Liebe war nicht mehr, wie er geglaubt hatte, die allererſte Flamme eines reinen jungfräulichen Herzens, eine primula veris der Gefühle. Sie liebte ihn, aber ganz einfach wie ein gewöhnliches, liſtiges und kokettes Weib. War ſie doch ſchon vorher die Geliebte eines wegen ſeiner vielen Liebesabenteuer allgemein bekannten Mannes geweſen, und ſie ſchien noch immer in der Ge⸗ walt dieſes Mannes zu ſtehen. Er war es ja, der ihr ſchnelles Glück im Theater bereitet hatte. Ganz ſicher war ſie dem Beiſpiel ihre Colleginnen gefolgt und hatte ſeine Gunſt mit ihrer Zärtlichkeit, ihrer Schönheit er⸗ kauft. Was war alſo das Herz werth, das Marimilian erobert hatte? Er hatte ein Phantaſiebild angebetet. Der Engel war verſchwunden, und an ſeiner Stelle öffnete ihm eine leichtſinnige, trugvolle Schauſpielerin ihre entweihten Arme. Unter andern Umſtänden würde 97 er ohne Zweifel weniger ſtreng in ſeinem Uurtheil gewe⸗ ſen ſein, aber juſt weil er Leopoldine wirklich liebte und ihr das vollſtändige Opfer aller ſeiner beſſeren Ge⸗ fühle dargebracht hatte, wandte er ſich jetzt mit Ent⸗ fetzen von den Trümmern des Glückes, das ihm noch zu Gebote ſtand, ab, wie wenn er ein widerliches Ske⸗ let geſehen hätte. Er nannte jedoch dieſes Gefühl eine Schwachheit, die er vor der ganzen Welt verbergen wollte, und die Eitelkeit gebot ihm, nicht zu fliehen, bevor er als Sieger diejenige hatte demüthigen können, die ſo grauſam mit ſeinem Glauben ſpielte. Es war ein einziger Tag, der alle Gefühle Mari⸗ milian's auf ſolche Art über den Haufen geworfen hatte Gleichwohl war ſeine Ueberzeugung nicht ſtärker, als daß er ſich beinahe fürchtete, mit Leopoldine wieder zuſammenzutreffen. Er fühlte, daß die Gewalt, die ſie über ihn beſeſſen hatte, noch keineswegs gänzlich ge⸗ brochen war, und er war nicht recht ſicher, ob er nicht auf's Neue von ihrer heiteren Schönheit, ihrem himm⸗ liſchen Blick bethört werden ſollte, der immer einen ſo mächtigen Einfluß auf ſein Herz gehabt hatte. Deßhalb hatte er beſchloſſen, ſie nicht früher als in der Abſchieds⸗ ſtunde ſelbſt zu ſehen. Der Brief, den er noch dieſen Abend abſenden wollte, war bereits zuſammengefaltet und mit der Auf⸗ ſchrift verſehen; als er ihn verſiegeln wollte, bemerkte er, daß es ihm an Lack fehlte. In der Abſicht, ſolches bei ſeinem Wirthe zu holen, eilte er auf die Thüre zu. Dieſe ging in demſelben Augenblick auf und Michael Lambert trat über die Schwelle. Es waren mehrere Jahre verfloſſen, ſeit Vater und Sohn einander ſo nahe geſtanden. Marximilian wußte zwar wohl, daß ſein Vater ſich jetzt in D. aufhielt; er hatte ihn mehreremal im Theater geſehen, aber es hatte noch kein Verkehr zwiſchen ihnen ſtattgefunden. Nach dem Tag, wo der Sohn von ſeinem Vater geflohen war und ſich auf eigene Fauſt in die Welt Ein Funke. II. 7 98 hinaus begeben, hatte der Erſtere einmal einen Verſuch gemacht, das zerriſſene Band wieder zuſammenzuknü⸗ pfen, aber dieſer Schritt zur Verſöhnung wurde, wie es ihm ſchien, vom Vater mit Kälte zurückgewieſen, und ſeitdem hielt ihn ein mißverſtandener Stolz ab, ſich von Neuem zu nähern. Michael war jedoch nicht ſo gänzlich, ohne ein Vaterherz, wie man glauben konnte. In Folge ſeiner ſtrengen Anſichten als Mufiker verachtete er tief die Bahn, die Marimilian wandelte, und betrach⸗ tete ihn als einen verlorenen Sohn, der eine unvertilg⸗ bare Schande über den Namen ſeines Vaters bringe; aber die Stimme der Natur konnte Michael in ſeinem Herzen nicht zum Schweigen bringen, er konnte ſie bloß in ſeinen Handlungen verläugnen, jedoch auch das nicht vollſtändig. Mit welcher Begierde hatte er nicht alle Nachrichten von Maximilian eingezogen, die er nur er⸗ halten konnte! mit welchem warmen Intereſſe war er nicht den Irrfahrten und Abenteuern ſeines Sohnes ge⸗ folgt! Noch niemals war ein Vorwurf gegen ihn über ſeine Lippen gegangen, ohne daß er von einem zärt⸗ lichen Seufzer begleite wurde; er verachtete ihn, aber liebte ihn gleichwohl, und hier in D., mit welcher Freude hatte er nicht Maximilian wiedergeſehen, trotz ſeines Abſcheues vor der Art, wie er die Kunſt entheiligte! Dieſer lebhafte, einnehmende junge Mann, es iſt mein Sohn! hatte er mit Vaterfreude vor ſich ſelbſt wiederholt. Er war manchen Abend unbemerkt ſeinen Schritten gefolgt und hatte einen Genuß darin gefun⸗ den, den leichten, raſchen Gang des Sohnes, ſeine un⸗ ezwungenen Bewegungen zu betrachten, und mit ge⸗ panntem Ohr hatte er gelauſcht, um nur ein Wort, mur einen Ton ſeiner wohlklingenden Stimme aufzu⸗ fangen. In ſolchen Stunden hatte er mehr als ein⸗ mal ſeine Arme ausgebreitet und im Sinne gehabt, vorzuſpringen, um ſein Kind an die Bruſt zu drücken. Aber ein anderes Gefühl, eine andere Liebe war es, die 1* 99 ihn zurückhielt: Michael liebte die Kunſt über alles Andere auf Erden. „Ja, es iſt mein Sohn,“ hatte er zu ſich ſelbſt ge⸗ ſagt, indem er ſeinem väterlichen Entzücken den Hemm⸗ ſchuh anlegte;„es iſt mein Sohn; aber ich erkenne ihn nicht an. Seine Wege ſind nicht die meinigen. Wenn ich ihn an meine Bruſt drücken wollte, ſo wäre dieß ein Abfall von dem Glauben, für welchen ich leben und ſterben will.“ Inzwiſchen war jetzt die Stunde gekommen, wo ſie wieder Angeſicht zu Angeſicht einander gegenüber ſtanden. „Mein Vater,“ rief Marimilian, überraſcht von dem unvermutheten Beſuche, und ehe er noch hatte be⸗ rechnen können, welche von ſeinen Gefühlen er verber⸗ gen oder offenbaren ſollte. Worte wie dieſe werden nicht mit Gleichgültigkeit ausgeſprochen; es zitterte ein Herz in ſeiner Stimme. Michael verlor die ruhige Würde, mit welcher er eintrat. Thränen glänzten in ſeinen Augen. Er eilte auf den Sohn zu, umfing ſeinen Kopf mit beiden Hän⸗ den und küßte ihn einmal um's andere auf die ſchöne, glatte Stirne. „Ach, Marximilian,“ ge er gerührt,„Du biſt mir dennoch lieb. Nimm den Stachel weg, womit Du in mein Herz geſtochen; werde wieder würdig, mein Sohn zu heißen.“ Ein Engel der Verſöhnung ſchwebte über ihnen beiden in dieſer Stunde. Aber die Geiſter der Fin⸗ ſterniß ruhten auch nicht. Sie ſtellten zwiſchen Vater und Sohn den falſchen Stolz, dieſe Diſtel unter den Blumen der Gefühle; ſie ſtreckten zwiſchen ihren Herzen einen Schild von Eis aus. Der günſtige Augenblick floh unbenützt vorüber.. Maximilian, der ſo eben noch ſeinem Vater hatte zu Füßen ſinken wollen, fühlte ſich jetzt ſowohl geiſtig als körperlich gleichſam gelähmt. Es war, als hätte eine ſchwere Laſt ſeine Arme gefeſ⸗ ſelt, als wäre ein Schloß vor ſeinen Mund gelegt worden. 100 Die Pauſe, welche entſtand, war unheimlich, wie die Pauſe an einem Todtenbett. Endlich vermochte Maxi⸗ milian das Band ſeiner Zunge wieder zu löſenz aber es war nicht Reue, Liebe und Verſöhnung, was ihm die Kraft dazu verlieh: es war die Bitterkeit. „Ihr erſtes Wort nach einer ſo langen Trennung iſt alſo eine Beleidigung,“ ſagte er, einen Schritt zurücktretend.„Seit meiner Kindheit bin ich daran gewöhnt, nicht anders angeredet zu werden; es iſt jetzt noch wie früher, merke ich.“ „Auch Du biſt Dir gleich geblieben,“ antwortete Michael und trocknete unbemerkt eine Thräne.„Du trägſt Deinen Kopf hoch, obſchon Dein Fuß die Pfade der Verirrung wandelt.“ „Haben Sie mir alſo nichts Anderes zu ſagen?“ fragte Maximilian noch kälter. Jetzt flammte Michael's Zorn auf. „Entarteter Sohn!“ rief er.„Wenn ich all die Vorwürfe ausſprechen ſollte, die Du verdienſt, ſo wür⸗ den meine Kräfte nicht ausreichen.. Wie ſchön haſt Du die Gaben angewandt, welche die Natur an Dich verſchwendet hat! wie gut haſt Du meinen Rath, meine Lehren befolgt!„. AIch, Dein ganzes Leben iſt eine Läſterung gegen die Kunſt geweſen, unter deren Jünger Du gezählſt werden willſt. Du hätteſt ein würdiger Streiter für hohe Ideen werden können; aber ſprich, was biſt Du jetzt?. Ja, Du, mein Sohn, mein Schüler, Du biſt ein Charlatan, ein Conrertſperu⸗ lant, ein Seiltänzer mit der Geige, der nicht für die Muſik, ſondern von der Muſik lebt. In der wahren Kunſt wohnt eine heilige Schönheit, welche eine neue Erlöſung für die Menſchheit in ſich ſchließt. Dieſe Kunſt haſt Du gleich einem zweiten Judas aus lumpiger Geld⸗ gier verrathen. Die Eitelkeit iſt die ſtärkſte Triebfeder in Deinem Leben geworden.4 „Laſſen Sie uns von etwas Anderem reden,“ unter⸗ brach Marimilian.„Ganz ſicherlich ſind Sie in einer 101 andern Abſicht gekommen, als bloß um mir dieſe Schmä⸗ hungen zu ſagen Die Ruhe, die er zeigte, verdiente den Namen Gleichgültigkeit. „Ja wohl,“ verſetzte der Vater,„ich bin hieher gekommen, um von Dir eine gute Handlung zu ver⸗ langen.“ „Erklären Sie ſich näher.“ „Während der letzten Saiſon hat hier in D. eine junge Sängerin debütirt. Sie kam, man weiß nicht woher, ſchwang ſich auf einmal bis zur Primadonna auf und hat ſich in einigen wenigen Monaten einen Ruf geſchaffen, iſt ein Wunder, eine Löwin geworden.“ „Sie meinen Mamſell Leopoldine. Sicherlich theilen Sie auch in Bezug auf ſie das Entzücken des Publikums nicht.“ „Das Publikum iſt in ſeinen Kunſtanſichten ein unmündiges Kind, und nicht ohne Urſache ſagt man in unſeren Tagen von einem modernen Künſtler, er ver⸗ rücke ſeinem Publikum den Kopf. Den Kopf ver⸗ rücken, das iſt juſt der rechte Ausdruck von einer Kunſt, die ſich ſelbſt etwas verrückt zeigt. Ich will gerne ſo wenig als möglich Böſes von dieſer Sängerin ſagen; aber ich will deßhalb ihre Fehler nicht läugnen. Man hat ſie übermäßig gerühmt; man hat ihr den Lorbeer⸗ kranz gereicht, ehe noch der Sieg errungen war, man hat alle lobenden Worte der Sprache, alle Uebertreibun⸗ gen der Schmeichelei erſchöpft, um ihr Talent zu preiſen, kurz und gut, man hat Narrheit auf Narrheit aufgeſchichtet, um auf dieſe Art das arme Kind zum Himmel zu erheben, was dem Wortlaut gerade entgegen nichts anders heißt, als ſie in den Staub hinabzuziehen. Man ſteigt nicht da⸗ durch zum Himmel empor, daß man auf den gekrümm⸗ ten Ruͤcken ſeiner Anbeter herumtritt; man ſchwingt ſich nur vermittelſt ſeiner eigenen Schwingen da hinauf, wenn man welche hat und ſie recht zu benützen verſteht. 102 Marimilian, Deinem Vater zu lieb, hemme ihren freien Flug nicht länger.“ „Sie ſprechen, wie wenn ihr Schickſal in meiner Hand läge.“ „Leopoldine liebt Dich.“ „Und woher wiſſen Sie das ſo beſtimmt2« „Von ihr ſelbſt, obſchon noch nie ein Wort zwi⸗ ſchen uns geredet worden iſt. Niemand iſt ihr mit mehr Aufmerkſamkeit gefolgt als ich, und deßhalb kennt ſie auch Niemand beſſer als ich. Schon lange ehe das Gerücht es erzählte, erſah ich aus einer gewiſſen nicht zu erkennenden Veränderung in ihrem ganzen Weſen, ihrem Geſang und ihrem Spiel, daß das Herz getroffen war. Ich bemerkte es an demſelben Abend, wo Du in die Stadt kamſt, und ich bebte bei dieſer Entdeckung. Ich bebte, denn das Schickſal dieſes Mädchens liegt mir nahe am Herzen; wahrlich nicht, wie wenn ſie als Künſtlerin bereits die Vollkommenheit erreicht hätte, aber darum, weil ich glaube, daß ſie ihr näher kommen könnte, als irgend eine andere von allen denen, die ich auf meinem langen Wege getroffen habe. Noch nie ſah ich reichere Anlagen in eine einzige Hand gehäuft, noch nie eine Seele augenſcheinlicher von der Natur zu etwas Großem beſtimmt. Unſere Periode iſt die der kleinen Genies. Dieſe tauchen haufenweiſe auf, aber ſie ſtehen wie Blumen an einer Landſtraße, beſtaubt und welk. Die Luft muß gereinigt, die Gemüther müſſen erfriſcht werden. Dieß vermag nur ein großer Geiſt. Wenn der Himmel der Welt einen großen Geiſt gibt, ſo gibt die Welt dem Himmel tauſend Seelen zurück.. Ich bebte auch, weil ich die Natur der Liebe kenne. Sie iſt allerdings ein Kind des Himmels, ſie hat ſich aber hienieden allzu viele unruhige Genoſſen geſchaffen. Manch⸗ mal ſenkt ſie ſich wie ein Frühling auf eine junge Seele und verbreitet Licht, Leben und Wärme. Oefter jedoch kommt ſie wie der Herbſt mit Sturm und Ungewitter: In allen Fällen hat ja Leopoldine für ihr Herz die 103 Kunſt; was bedürfte ſie alſo eines Liebhabers?. Leider hat ſie ſelbſt ihr eigenes Beſte nicht begriffen. Sie hat ſich von ihren weiblichen Gefühlen überwältigen laſſen, und ohne die Gefahr zu ahnen, worin ſie ſchwebt, liebt ſie Dich und genießt der Liebe falſches Glück Ich furchte, Marimilian, daß Du der ſchweren Verant⸗ wortung, die Du Dir durch Deine Macht über dieſes Herz zugezogen haſt, nicht gewachſen ſein mögeſt. „Und Sie ſind alſo hieher gekommen, um mir eine Vorleſung zu halten über die Art und Weiſe, wie man eine Sängerin liebt? Iſt's nicht ſo?“ „Ich bin hieher gekommen, um wo möglich der Kunſt eine ihr geweihte Seele zu retten. Mamſell Leo⸗ poldine befindet ſich gegenwärtig in einem kritiſchen Au⸗ genblick, der über das ganze Wohl und Wehe ihres Le⸗ bens entſcheiden wird. Sie hat als Künſtlerin keine ſyſtematiſche Entwicklung gemacht. Ihre Stimme iſt ange⸗ nehm. Sie ſingt rein und hübſch, ſie zeigt Proben von einer genialen Auffaſſung und nimmt nicht ſelten einen weit höheren Flug, als der Componiſt je geahnt hat. Aber ungeachtet alles deſſen fehlt ihr eine der weſent⸗ lichſten Bedingungen, um in ihrer Kunſt groß und ſelbſt⸗ ſtändig zu werden; es fehlt ihr eine wahre und ſichere Grundlage. Deßhalb iſt ſie immer, ſelbſt in ihren be⸗ ſten Augenblicken, ungleich in ihrem Vortrag. Ihr Geiſt ſchwebt, er ſchwebt hoch, aber er kennt den Weg nicht. Es ſei ferne von mir, den Werth der Inſpira⸗ tion herabſetzen zu wollen. Ohne Inſpiration gibt es kein Genie, aber die Inſpiration allein verleiht der Stele nicht dieſe Klarheit, welche eine entſchiedene For⸗ derung der höhern Kunſt ausmacht. Es iſt nicht genug, lebhaft zu fühlen, man muß auch tief fühlen; noch mehr, man muß edel fühlen! Leopoldinens Auffaſſung des Schönen gleicht der Quelle, welche den Himmel in ihrer Fluth abſpiegelt; laß einen Wind darüber hingehen, und das Bild iſt gebrochen, verdreht. Wie gefährlich iſt alſo nicht ihre Stellung!.. Um's Himmels willen, 104 Maximilian, trübe dieſe klare Quelle nicht!... Sie hat Dir ihr Herz geſchenkt, aber juſt vom Herzen hängt ihre ganze Künſtlerſchaft ab. Hüte zärtlich dieſen himm⸗ liſchen Schatz. Es kommt auf Dich an, einen Tempel für gute Engel oder ein Neſt für die Gefallenen daraus zu bauen; ein Weib, das liebt, gehört nicht mehr ſich ſelbſt an.“ „Sie täuſchen ſich ſehr, und das iſt verzeihlich, Mamſell Leopoldine iſt in Wirklichkeit ein ganz anderes Weib, als Sie glauben.“ „Gewiß nicht, Marimilian! Mein Urtheil iſt auf ein ſicheres Studium gegründet. Ihre Seele liegt ja bloß dargelegt in ihrem Geſang. Meine Unruhe um ihr Schickſal hat ſich in demſelben Maß geſteigert, als ich bemerkt habe, daß die Liebe tiefer in ihr Herz ein⸗ gedrungen iſt. Das Publikum, deſſen erſchlaffte Ge⸗ fühle ſtarke Reizmittel lieben, verlangt Leidenſchaft auch in der Kunſt, und man hat deßhalb die Veränderung, welche die Liebe bei der jungen Primadonna zu Stande gebracht, als den letzten Schritt betrachtet, deſſen ſie zu ihrer Vollendung bedü.fe. Dieſer Meinung liegt ein großer Irrthum zu Grunde. Leopoldine bedarf jetzt mehr als je einer ruhigen Auffaſſung. Sie hat ihr Genie in ſicherer Verwahrung; aber ihre Gefühle haben Feuer gefaßt; ſie brennt, wo ſie nur warm ſein ſollte.“ „Ich ſage Ihnen noch einmal, daß Sie ſich ge⸗ täuſcht haben. Verſcheuchen Sie die poetiſchen Bilder; ſehen Sie Leopoldine, ſo wie ſie wirklich iſt. Ihr Portrait iſt mit wenigen Zügen entworfen. Glückliche Gaben, gute Sängerin, geiſtreiche Schauſpielerin, das Bild eines Engels. So ſtimmen wir überein, und das iſt auch Alles, was ſich von der Bühne aus kund gibt. Aber ſchauen Sie in ihr Herz, und Sie werden darin denſelben Leichtſinn, dieſelbe Heuchelei, daſſelbe Spiel mit heiligen Gefühlen finden, das eine wohlbe⸗ ſtellte Primadonna, um nicht von den Weibern im All⸗ gemeinen zu ſprechen, jeder Zeit ausgezeichnet hat.“ 105 „Halt ein mit Deinen Schmähungen! Sie verdient ſie nicht.. Armes, unglückliches Kind, ſo wirſt Du von demjenigen beurtheilt, dem Du Dein Herz geſchenkt haſt! Du ſtehſt im Begriff, für dieſen Mann die ſchönſte Beſtimmung Deines Lebens zu opfern, und er lohnt Dir mit Verleumdung.. Du liebſt, und er gibt Dir einen eiskalten Hohn zurück. Marimilian, mich ſchaudert vor Deiner Gneinbeit⸗ Die Kunſt trittſt Du mit Füßen und für Deine Geliebte haſt Du nur Verachtung. Gibt es denn kein menſchliches Gefühl in Deiner Bruſt? Haſt Du gar kein Herz mehr?“ „Für eine Theaterliebhaberin nicht.“ „Du ſprichſt dieſe Schmähung mit einem ſataniſchen Lächeln aus Ich fange jetzt an, die ganze Tiefe Deiner Niedrigkeit zu verſtehen. O Gott, meine Ahnung hat mich alſo nicht getäuſcht! Beim erſten Blick, den ich heute Abend auf Leopoldine warf, ſah ich, daß ihre Gefühle in Wallung waren. Das Publikum wurde von ihrem feurigen Vortrag entzückt, aber ich wurde davon verbrannt, und ich beklagte ſie, denn jeder Ton ſagte mir, daß ſie am Rande eines Abgrundes ſtehe. Ich konnte meine Unruhe nicht beherrſchen, ich konnte nach der Vorſtellung nicht nach Hauſe zurückkehren. Ich überwand meinen Unwillen gegen eine Zuſammenkunft zwiſchen uns und eilte hieher. Ich bin nicht zu mei⸗ nem Sohn, ſondern zu Mamſell Leopoldinens Liebhaber gekommen, um wo möglich mit meinen Bitten die Gefahr abzulenken, die über ihrem Haupte ſchwebt.. WMeine Furcht war alſo nicht unbegrün⸗ det Du haſt kein Mitleid für dieſes unglückliche Mädchen. Du liebſt ſie nicht, aber die Gluth der Leiden⸗ ſchaft ſtrahlt in Deinem Blick. Ja, ich habe Dich durchſchaut, Du ſtehſt im Begriff, einen moraliſchen Mord zu begehen.“ Sie uttheilen in einer Sache, die Ihnen gänzlich unbekannt iſt. Sie wiſſen nichts von dem Schritt, den ich zu thun gedenke, und von den Motiven, die ihm 106 zu Grunde liegen. In allen Fällen, warum Himmel und Erde aufrühren wegen einer Sache, wozu die Welt tauſend Gegenſtücke zu bieten vermag? Mamſell Leopol⸗ dine iſt weder die erſte noch die letzte ſchöne junge Sän⸗ gerin, die den Namen einer Kokette verdient... Legen ihrem Herzen finden. O nein, ich könnte Ihnen aller⸗ lei Hiſtorien von dieſem Herzen erzählen. Haben Sie nicht gehört, was die ganze Stadt weiß, daß zwiſchen ihr und dem Grafen Manfred ſchon lange eine geheime Verbindung ſtattgefunden hat? „Schwache Seele; kannſt Du, Du, an dieſe ſchwarze Lüge glauben!.. Um Leopoldinens Unſchuld zu be⸗ zweifeln, muß man geiſtig ſowohl taub als blind, oder auch ſelbſt ein ſo treuloſes Weſen ſein, daß man alle andern verkennt. Aber ſo iſt es, wer das Schöne nicht Sie mir keine Schuld bei, wenn Sie einen Brand in liebt, kann der Tugend keine Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Du theilſt die Gewohnheiten der Welt in allen Stücken, Marimilian. Ein Herz, das den Lockungen der Verführung zu widerſtreben vermag, verdammt ihr als kalt und gefuͤhllos, aber wenn es euch endlich ge⸗ lingt, das Feuer der Leidenſchaft darin zu entzünden. dann ſchreit ihr mit Schadenfreude: Seht dieſes Geſchöpf, das ſo himmliſch rein erſchien; es iſt nicht beſſer als wir andere; man darf es verachten, mit Füßen treten!.. Nun wohl, Maximilian, ſchmähe, höhne, aber bei Allem, was heilig iſt, mißbrauche die Macht nicht, die Du über dieſes Weib beſitzeſt! Du haſt den Frieden, die Har⸗ monie in ihrer Seele geſtört; laß das genug ſein. Glaube, daß ſie Deiner nicht würdig iſt, verdamme ſie, verfluche ſie als einen böſen Geiſt; aber fliehe ſie, fliehe ſie für immer, laß Alles zwiſchen euch beendigt ſein und denke, daß ſie auch für Deine niedrigſten Begierden zu tief geſunken ſei. Du haſt Recht, ich kenne ſie nicht. Ganz ſicherlich iſt ſie, wie Du ſagſt, ein verächtliches Weſen. Ja, Marimilian, wende Dich von Leopoldine ab. Du liebſt ſie nicht, und das Opfer, das ich ver⸗ 107 lange, kann alſo nicht groß ſein. Es iſt hier in der Welt kein Mangel an jungen, ſchönen, liebenden Wei⸗ bern. Man ſagt, Du ſeiſt ein Günſtling des ſchönen Geſchlechtes; bald wird ſich Dir ein anderer, ein noch wärmerer Buſen öffnen. Schwelge dort in dem Glück, das Du ſuchſt, und vergiß auf ewig ſie, die heuchleriſche, leichtfinnige Schauſpielerin Laß Dich bewegen! Wenn Du kein Gefühl dafür haſt, daß Dein Vater es iſt, der Dich anruft, ſo bedenke doch, daß ich ein alter Mann bin. Siehe, mein Haar iſt ergraut, meine Wange iſt abgezehrt. Gehorche meiner Bitte, wenn auch nicht aus kindlicher Liebe, ſo doch aus Ehrfurcht vor dem Alter.“ Michael ſprach mit Wärme und Innigkeit, aber Maximilian befand ſich in einer Stimmung, worin man gegen die ganze Welt feindſelig iſt. Die Ueberzeugung, von Leopoldine betrogen, in ſeiner Liebe getäuſcht zu ſein, hatte alle ſeine Gefühle verhärtet; ſein Schmerz hatte ſich in Bitterkeit umgewandelt. Jetzt ſcheute er ſich, auch nur ein einziges von den Worten ſeines Vaters in ſein Herz einzulaſſen, gleich wie der Deſpot die Stimme der Wahrheit, Freiheit und Aufklärung fürchtet. Eine neue Revolution würde ſein Unglück in Verzweif⸗ lung verwandelt haben. Er hielt ſich feſt am Haß und an der Rache, wie an einem Rettungsbrett, einer letzten Stütze für ſeinen Muth. „Ich bin gewöhnt, meine Handlungen ſelbſt zu ver⸗ antworten,“ lautete ſeine kurze Antwort. In dieſem Augenblick erinnerte er ſich, daß die Ankunft ſeines Vaters ihn verhindert hatte, den Brief an Leopoldine abzuſchicken, die ihn noch an dieſem Abend empfangen ſollte, und daß er aufgehalten worden war, als er ſich eben das erforderliche Siegellack hatte ver⸗ ſchaffen wollen. Nachdem er ſich entſchuldigt, daß er ſich auf einige Augenblicke entfernen müſſe, ſprang er in den untern Stock des Hotels hinab. „ 108 Die Hand auf den Schreibtiſch geſtützt, ſtand Mi⸗ chael in trau ige Gedanken verſunken da. Sein niederge⸗ ſchlagener Blick begegnete jetzt dem erwähnten Briefe, und Leopoldinens Name erweckte ſeine Aufmerkſamkeit. Ein armen Sängerin von Bedeutung ſei. Er ergriff das zu⸗ ſammengelegte Papier, und da er es noch unverſiegelt fand, öffnete er es ohne Bedenken und überblickte haſtig den Inhalt. Was er las, gab ihm volle Gewißheit, daß ſein Argwohn wohlbegründet war und daß Leopoldine wirklich von einer großen Gefahr bedroht wurde. Das Herz des alten Mannes brannte von einem edlen Ver⸗ langen, ſie zu retten. Sein allererſter Gedanke war, den Brief zu vernichten. Aber er ſah bald ein, daß dieß ohne Nutzen ſein würde. Eine andere Idee flog ihm durch den Kopf, und ehe er darüber nachdenken konnte, hatte er bereits eine Feder eingetaucht und mit ſchneller Hand eine Aenderung in dem Schreiben vor⸗ genommen. Marximilian kam einen Augenblick nachher zurück, von einem Kellner begleitet, welchem er den Brief, nach⸗ dem er ſogleich verſiegelt worden, übergab. „Haſt Du Dich bedacht?“ fragte Michael, als er mit ſeinem Sohne wieder allein war. Was iſt Dein Entſchluß?“ „Nicht ſchwach zu ſein der Würfel iſt bereits gefallen, es iſt zu ſpät, die Kugel aufhalten zu wollen, wenn das Zündpulver bereits brennt.“ „Und Du trotzeſt meiner Warnung, bleibſt unbe⸗ weglich gegen meine Bitte?“ „Die Gerechtigkeit iſt eine Cardinaltugend, die allen andern voranſtehen muß Seben Sie, man bekommt zuweilen Ehrenſchulden gegen ſich ſelbſt, die ihre ordentliche Bezahlung verlangen. Ich will ſo han⸗ deln, daß ich nicht vor jedem Weib, dem ich begegne, zu erröthen brauche.“ „Maximilian, Du treibſt mit den heiligſten Ge⸗ Gefühl ſagte ihm, daß dieſer Brief für das Schickſal der 109 fühlen Spott. Sprich nicht von Gerechtigkeit, ohne das Urtheil zu bedenken, welches Dein eigenes Leben ver⸗ dient. Du häufeſt Sünde auf Sünde, aber niemals wird die Strafe, die gerechte Strafe über Dein trotzi⸗ ges Haupt ausbrechen... Ein Fehler, der aus Ueber⸗ eilung begangen wird, läßt ſich leicht entſchuldigen; aber die reife Ueberlegung, bie ruhige Seun iſt es, die den Fehler zum Verbrechen ſtempelt. ein Wandel iſt bisher leichtſinnig geweſen. Ich habe mich darüber gegrämt, aber mein Mitleid iſt Dir gleichwohl mit Zärtlichkeit gefolgt. Jetzt, in dieſem Augenblick, will ich das letzte Band zerreißen, das Dich noch mit meinem Herzen verknüpft. Du erweckſt meinen Abſchen, ja ich könnte Dich verfluchen!“ Marimilian ſchien tief ergriffen von dieſer Strenge aber bald erhob er ſein geſenktes Haupt wieder. Vollenden Sie!“ ſagte er trotzig.„Dieſer Tag iſt bedeutungsvoll,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu, und der Gedanke an Leopoldine machte ſeine Stimme weniger kalt.„Mein Herz iſt beſtohlen, aus⸗ geplündert wie von einem falſchen, liſtigen Taſchendieb. Mein Vater kommt zu mir zum erſten Mal nach vielen Jahren. aber er kommt, um mich zu verfluchen.. Meine Mutter, welche niemals Mutterliebe gehabt hat, ruft mich zu ſich; aber der herannahende Tod iſt es, der ihr Herz weich gemacht hat.“ „Deine Mutter, ſagſt Du, Marimilian? Sie iſt dem Tode nahe, ſie ruft Dich zu ſich 2“ „Leſen Sie dieſen Brief.“ WMichael that es Als er vollendet hatte, fielen einige große Thränen auf die Schrift hinab. „Welche verzweifelte Lage!“ ſagte er.„Arme, arme Diana!.„ Auch ſie hat mich nicht verſtanden; aber ich verzeihe ihr gerne. Sie erwartet Dich, ich will nicht daran zweifeln, daß Du ihren letzten Wunſch erfüllſt. Wann reiſeſt Du ab 2“ „Morgen Abend.“ 1¹⁰ „Dank, Marimilian! O wenn Du wüßteſt, welche Freude es für mich iſt, Dir für eine würdige Handlung danken, Dich einen Augenblick lieben zu können, ohne mich meiner Schwachheit ſchämen zu müſſen!... Nimm einen warmen Gruß für Deine Mutter mit, ſage ihr, daß mein Herz keine Anklage mehr gegen ſie erhebt. Sei zärtlich und verſöhnlich, Marimilian. Ihr Leben iſt unruhig geweſenz gib ihrer letzten Stunde Frieden. Arme Diana! in einer andern Welt wirſt Du mich beſſer verſtehen, und dort wirſt Du meine Fehler vergeſſen. Einmal waren wir jedoch glücklich zuſammen; wir waren jung und wir liebten einander. Erinnere ſie an dieſe Zeit; die Er⸗ innerung daran wird ihr viel ſagen, wird über ihr Todtenbett einen Abglanz von den kurzen Sonnenſchein⸗ ſtunden unſeres Lebens werfen Glaube nicht, Mari⸗ milian, daß es wahr ſei, wenn man ſagt, ein warmes Herz werde von den Jahren abgekühlt. Ach nein, juſt unſere Gefühle ſind es, die uns einen Begriff von der Ewigkeit geben.“ Es war ſchwer zu glauben, daß dieſe ſanften Worte von demſelben Mann geſprochen wurden, der einen Au⸗ genblick zuvor ſo ſtreng geweſen, und dennoch war es ſo. Michael Lambert konnte Alles verzeihen, nur nicht die Entheiligung der Kunſt. Aber er fühlte ſich jetzt müde von ſo vielen verſchiedenen Gemüthsbewegungen, und er wollte das Geſpräch über Leopoldine nicht wieder aufnehmen.. „Ich gehe,“ ſagte er, Marximilian die Hand zum Abſchied reichend.„Gewiß wird es lange anſtehen, be⸗ vor wir uns wieder treffen; wann und wie es geſchieht, weiß Niemand... Du ſtehſt im Begriff, eine gemeine Handlung auszuführen; aber ich habe noch eine Hoff⸗ nung, Dich daran verhindern zu können. Möge es mir gelingen und mögeſt Du ſelbſt einmal, wenn die Reue Dich demüthig gemacht hat, an das Vaterherz appelliren: Du wirſt es dann nicht verſchloſſen finden.“ 1¹¹ Bereits über die Schwelle hinausgekommen, wandte er ſich noch einmal um und fügte bittend hinzu. „Maximilian, verhärte Dein Herz nicht.. Sei eie gegen Deine Mutter, edel gegen Deine Ge⸗ iebte.“—. . XXI. Die weiße Taube. Saul: Wer biſt Du denn? Die Here: Die Stimme des höchſten Gottes. Saul: Nun, was bringſt Du? Die Hexe: Dein Urtheil. Lamartine. Man könnte ſagen, daß auch das Herz des Weibes unmündig ſei, daß es Mangel an Selbſtſtändigkeit leide. Die Gefuͤhle des Mannes haben mehr eigene Entzünd⸗ barkeit. Bei ihm entſteht der erſte urſpruͤngliche Funke der Liebe, aber das Weib entlehnt das Feuer von ſeinem Liebhaber und verliebt ſich gewöhnlich nur in ſeinen Freier. So zeigt es ſich im alltäglichen Leben, und die Urſache dieſes Verhältniſſes liegt wahrſcheinlich mehr in der Erziehung, als in der Natur. Man thut jedoch Unrecht, ſehr Unrecht, wenn man deßhalb ihr Herz als wärmer beurtheilt. Wer liebt am tiefſten, wer liebt am treueſten?.. Die Antwort kann nicht zweifel⸗ haft ſein. Sie opfert ihre ganze Seele, während er nur einen Theil davon gibt. Und ſo muß es ſein. Der Mann gehört der Welt an, er erhielt für die Kämpfe derſelben ſeine Kraft, und das häusliche Leben für ſeine Ruhe. Aber für das Weib iſt das häusliche Leben die Welt, ihre Pflicht, ihre Tugend, ihre Ehre, Alles verſchmilzt mit ihrer Liebe... Eine geiſtreiche Frau 112 hat ſelbſt einmal geäußert:„die Liebe enthält die Ge⸗ ſchichte unſeres ganzen Lebens, dagegen iſt ſie nur eine Epiſode in dem Leben des Mannes.“. Leopoldine hatte eine Künſtlerſeele, aber in ihrer Liebe war ſie doch nur Weib. Ihre weichen, warmen Gefühle, ihre lebhafte Phantaſie, ihre poetiſche Auf⸗ S faſſung und ihr Talent zum Idealiſiren, machte ihr Herz nur vertrauensvoller, ihre Hingebung unbegrenzbar. Ohne Zweifel hatten auch, obſchon es bei ihr ſelbſt nicht zum Bewußtſein kam, die Gemüthserregungen, die ihrem Beruf und dem Theaterleben im Allgemeinen angehören, auf den Charafter ihrer Liebe eingewirkt und der Flamme in ihrer Bruſt eine Entwickelung ge⸗ geben, die allzufrei war, um nicht gefährlich zu ſein. Man bedenke ihre verlaſſene Lage, den leeren Tand, von dem ſie umgeben war, die Beiſpiele, die ſie vor Augen hatte, die Grundſätze und Anſichten, die man ihr einzuimpfen ſuchte... Sagt, iſt das nicht mehr als genug, um jedes ſtrenge Urtheil zu entwaffnen?“ Der Mann, den Leopoldine einſt ihren Freund, ihren Beſchützer genanut, wie hatte nicht auch er Alles gethan, um ihre Begriffe von Liebe und Tugend zu verwirren! Sein frecher Verſuch, ihr Herz zu erſtür⸗ men, war allerdings mißlungen, aber ſeine Sophismen hatten vielleicht mehr als einen Keim des Unkrautes in ihrem empfänglichen Gemüth zurückgelaſſen. Dem Gra⸗ fen Manfred konnte ſie widerſtehen, denn ſie liebte ihn nicht; aber der Mann, dem ſie ihr Herz geſchenkt hatte, welche Waffe beſaß ſie wohl, um ſich gegen ihn zu ver⸗ theidigen? Ein Kampf mit Marimilian war für ſie ein Kampf mit ſich ſelbſt. . Sie vermochte die plötzliche Veränderung, die mit ihrem Geliebten vorgegangen war, nicht zu durchſchauen; wenn ſie ſein Benehmen am verfloſſenen Tag in Be⸗ tracht zog, wenn ſie ſeiner geheimnißvollen Worte ge⸗ dachte und ſich der finſteren Blicke erinnerte, die ſie ihn auch auf die Perſonen, welche ſie umgaben, und beſonders — 1¹3 auf den Grafen Manfred ſchleudern ſah, fragte ſie ſich ſelbſt, ob es wohl möglich wäre, daß Marimilian an ihrer Liebe zweifeln, daß er von Eiferſucht gequält ſein könnte. Sie wollte es nicht glauben. Ihr eigenes Herz war über allen Argwohn erhaben und ſie begriff nicht, daß man anders lieben könnte. „Nein,“ dachte ſie und war glücklich in dieſer Ueber⸗ zeugung,„er kann nicht an mir zweifeln. Wenn eine ganze Welt wider mich zeugte, ſo würde doch Maximi⸗ lian noch ſeinen Glauben bewahren... Ein großer Kummer hat ihn getroffen. Er leidet tief; aber warum theilt er ſeinen Schmerz nicht mit?. Dieſe Unge⸗ wißheit gibt mir den Tod. Gewiß fürchtet er, mich zu betrüben; er iſt zärtlich und ſchonend, er will ſein Unglück allein tragen. 4 In ſolcher Art fuhr ſie fort, ſeine Handlungen mit allen ſchönen Farben zu ſchmücken. So thut das Weib immer. Sie malt das Bild ihres Geliebten in der⸗ ſelben Manier, wie man früher auf gnädigſten Befehl das Bild der Königin Eliſabeth malte, nämlich ohne Schatten. Aber wie ſehr ſie ſich auch bemühte, dem Bilde Licht und Freundlichkeit zu geben, ſo konnte ſie doch keinen Augenblick Ruhe finden. Eine weh⸗ müthige Ahnung flüſterte ihr zu, daß ihr kurzes Glück bereits ſein Ende erreicht habe. Jetzt empfing ſie Marimilian's Brief. Der zugleich dunkle, liebloſe und dennoch leidenſchaftliche Inhalt die⸗ ſes Schreibens erweckte einen Sturm in ihrer Seele. Es war ihr, als hätte ein Erdbeben in einem Augen⸗ blick die ganze Welt über den Haufen geworfen. Zum erſten Male fühlte ſie ihr Vertrauen zu Marimilian wanken. Die Hoffnung ſank wie eine flügellahme Taube. Das Herz blutete, aber es brannte gleichwohl.. Worte, wie ſie hier zu leſen ſtanden, hatte ſie von Marximilian noch nie gehört, und je mehr ſie darüber nachſann, um ſo unruhiger wurden ihre Gedanken„ Ein Funke. II. 8 11¹4 Eines war jedoch klar: ſie ſollten ſich trennen! Eine Zuſammenkunft, ein letzter Abſchied, und dann eine ewige Trennung! 3 Der ruhige Verſtandesmenſch vermag zweideutige Räthſel zu löſen, nach Urſachen zu forſchen, zu berech⸗ nen und zu prüfen; aber die Liebe hat für den Kum⸗ mer ſowohl, als für das Glück nur ein Herz. Levpol⸗ dine konnte die Dunkelheit nicht begreifen, womit ihr plötzliches Unglück ſie umhüllt hatte. Alles Nachdenken wich vor ihren Gefühlen, und dieſe ſteigerten ſich zu einer fieberhaften Ertaſe. Mit dem Muth der Ver⸗ zweiflung wollte ſie den Drohungen des Schickſals ent⸗ gegentreten, wollte ihre Bruſt dem Dolchſtoß des Schmer⸗ zes darbieten. Was hatte ſie wohl mehr zu verlieren? Sie fragte nicht, weder nach dem, was geſchehen war, noch nach dem, was bevorſtand. Sie wußte bloß, daß ſie Maximilian noch immer mit einer Hingebung liebte, die jede Warnung verachtete, jeder Gefahr trotzte, jedes Opfer wagte. Als die für die Abreiſe feſtgeſetzte Stunde auf dem Pendel in ihrem Salon ſchlug, flog ſie aus ihren Träu⸗ men auf. Sie war feſt entſchloſſen, zur Zuſammen⸗ kunft mit Marimilian zu eilen. In einen Mantel gehüllt und einen dichten Schleier über den Hut herabgelaſſen, verließ ſie ihre Zimmer, ohne Jemand davon zu unterrichten. Jetzt erſt, als ſie ihre Handlungen verbergen und eine Erkennung fürchten mußte, erhob das Gewiſſen ſeine Stimme und machte ſie einen Augenblick zaghaft. Aber der erſte Schritt war bereits gethan. Ein bedeckter Wagen erwartete ſie vor dem Hauſe; ſobald der Kutſcher das Frauenzimmer ſah, das allein auf ihn zukam, öffnete er ſogleich den Schlag. Sie ſtieg ein und im nächſten Augenblick entrollte der Wagen in fliegender Eile. Bas kleine Wirthshaus, die weiße Taube, lag ein wenig von der großen Landſtraße ab, nicht weit von 1¹5 dem Stadtthore. Es war ein verborgener und keines⸗ wegs ſchöner Ort. Die Wirthin hatte ſich auch weder durch gute Preiſe, noch durch gute Waare zu ihrem Vortheil bekannt gemacht. Ganz natürlich war deß⸗ halb die Zahl der Gäſte ſehr gering und die Wirths⸗ hauskunden von gewöhnlichem Schlag kamen nur ſelten dahin. Aber das Haus hatte ſeine beſondere Merk⸗ würdigkeit; es war nämlich ſchon ſeit alten Zeiten als ein oft gebrauchter Ort für geheimnißvolle Zuſammen⸗ künfte, als ein paſſender Freihafen für romantiſche Abenteuer bekannt... Welche Geheimniſſe unter die⸗ ſem niedrigen Dache!.. Ja, wenn die Wände im Allgemeinen etwas mittheilfämer wären, ſo hätte jeder Stock dieſes rothangeſtrichenen Häuschens einen Roman erzählen können, einen Roman, der, Gott weiß es, we⸗ nigſtens ſo gut wäre als unſere gewöhnlichen. Als der Wagen in dem ſchlechtgepflaſterten Hofe vorfuhr, eilte die Wirthin zur Taube, eine dicke, auf⸗ gedunſene Matrone mit einer gemeinen Altenweiber⸗ phyſiognomie, begleitet von einer verächtlich lächelnden Jungfer in die Flur heraus. Leopoldine, die nicht darauf vorbereitet war, von fremden Perſonen empfan⸗ gen zu werden, erſchrack über die keineswegs anmuths⸗ Begegnung dermaßen, daß ſie an allen Gliedern itterte. Willkommen liebe Freundin,“ flüſterte die Frau mit einer gewiſſen Vertraulichkeit.„Man braucht unter mei⸗ nem Dache nicht zu zittern,“ fügte ſie aufmunternd hinzu. „Beruhigen Sie ſich jedenfalls. Die Perſon war⸗ tet droben. Im Uebrigen findet ſich hier keine fremde eele im ganzen Hauſe vor.. Steh' nicht ſo da und habe Maulaffen feil, du dummes Ding, ſondern leuchte em Frauenzimmer die Treppe hinauf.“ Dieſer letzten Aufforderung, die natürlich der Magd galt, wurde alsbald Folge geleiſtet, und die nengierige ſehweiſein gab ſich dabei die größte Mühe, mit ihren frechen Blicken den Schleier zu nu der zu 3* 1¹6 ihrem großen Verdruß das Geſicht der fremden Dame fortwährend verhüllte. Als ſie in den obern Stock hinauf kamen, öffnete die Dienerin ein Zimmer und Leopoldine trat ein. Aber ſie war ſo ermattet von ihren heftigen Ge⸗ müthsbewegungen, daß ſie in dem Augenblick, wo die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, kraftlos auf einen Stuhl niederſank. Sie verlor inzwiſchen ihr Bewußtſein nicht ganz, ſondern bemerkte, daß eine vorſichtige Hand ihr die Oberkleider abnahm, ein Waſſerglas zu ihren Lippen führte und ihre Schläfe feuchtete. Nach Verlauf etlicher Minuten kehrten ihre Kräfte zurück und ihre Gedanken begannen ſich zu ordnen. „Marximilian!“ flüſterte ſie mit ſchwacher Stimme. Aber ſie erhielt keine Antwort. Endlich ver⸗ mochte ſie die Augen wieder aufzuſchagen. Ein neuer Schreck wartete ihrer.. Es war nicht Maximilian, der an ihrer Seite ſtand, es war ein Mann, den ſie noch nie geſehen hatte. Die Beſtürzung verlieh ihr augenblicklich neue Kräfte. Sie ſprang von ihrem Platze auf und rief voll Angſt. „O, mein Gott, wer ſind Sie? Wohin bin ich geführt worden?“ Der Mann, der vor ihr ſtand und den ſie jetzt näher betrachtete, war ein älterer, kleiner, magerer Mann mit üppigen grauen Haaren und einem Aus⸗ druck edlen Wohlwollens, das auf ſeinen Zügen ruhte⸗ Es war nicht möglich, vor ihm zu erſchrecken. Lev⸗ poldine fühlte ſich bereits ruhiger, als ſie ſeinem freund⸗ lichen, ehrlichen Blick begegnete. „Sie fragen, wer ich bin,“ ſagte er.„Seien Sie ruhig und hören Sie mich an Einmal, es war an einem Wintertag, ſaßen Sie weinend und tief betrübt auf einer Bank ünter den entlaubten Bäumen im Schloß⸗ parke, Ein Mann ſtand in Ihrer Nähe, er wurde von 17 Ihrem Schmerz gerührt, und in der Abſicht, Ihnen ein Vergnügen, einen kleinen Troſt im Kummer zu be⸗ reiten, ſchob er unbemerkt eine Roſe, die er zufällig bei ſich hatte, auf Ihren Schvoß.„. Dieſer Mann war ich.. Einige Zeit ſpäter ſah ich Sie wieder; es war im Theater. Sie waren jetzt Primadonna und der auserkorene Günſtling des Publikums geworden. Vielleicht hörten Sie hie und da mitten in den ſtür⸗ miſchen Applauſen eine Stimme, die Schweigen gebot; vielleicht laſen Sie auch unter den Theaterkritiken, welche das ganze Füllhorn der Schmeichelei zu Ihren Füßen ausgoſſen, das eine und andere mißbilligende Urtheil Der Mann, der auf dieſe Art gegen Sie aufgetre⸗ ten iſt, bin ich... Endlich verſchenkten Sie Ihr Herz an einen jungen, hübſchen Virtuoſen; ganz gewiß hat Ihr Geliebter Ihnen erzählt, daß er einen Vater hat, einen ſehr närriſchen und hartherzigen alten Mann. Dieſer Vater, dieſer alte Phantaſt, Michael Lambert, ſteht jetzt vor Ihnen. Sie wiſſen jetzt, wer ich bin; wollen Sie auch hören, warum ich hierher gekommen bin?... Armes Kind, ich bin hierher gekommen, um Sie wo möglich vor einer großen Gefahr zu retten.. Setzen Sie ſich hier auf den Sopha. Ich habe Ihnen viel zu ſagen; laſſen Sie mich vertraulich und aufrich⸗ tig ſprechen.“ „Sie haben Ihr Herz verſchenkt,“ fuhr er fort. „Sie lieben Marimilian. Es iſt betrübt, daß es ſo iſt, aber ich habe deßhalb kein Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen. Maximilian beſitzt viele in den Augen der Welt einnehmende Eigenſchaften; ich weiß das, und obſchon man mich einen unnatürlichen Vater nennt, kann ich mich doch innig über jeden guten Zug freuen, der bei ihm noch nicht verwiſcht iſt, wie ich nicht ohne Schmerz an ſeine Fehler denken kann. Daß ein Weib ihn liebt, daran finde ich nichts Beſonderes. Die Liebe würde ja auf unſerer Erdkugel ganz ausſterben, wenn ſie nur Vollkommenheiten forderte. Aber ich weiß auch, 118 daß dieſer Menſch, der ſein eigenes Glück niemals be⸗ griffen hat, nie im Stande ſein wird, das Glück eines rn andeMenſchen zu bereiten. Er gleicht einem Segler, der ſich ohne Seekarte, ohne Compaß auf's Meer hin⸗ aus begeben hat. So lange das Wetter ſchön, der Wind gut und das Fahrwaſſer frei iſt, ſo lange iſt die Reiſe eine muntere Luſtfahrt. Aber wenn der Sturm droht, dann weiß er nicht, wo ein Hafen zu finden iſt, wenn das Ungewitter einmal losbricht, ſo iſt er ohne Rettung verloren!. Sein ganzer Muth iſt Ueber⸗ muth. Es findet ſich bei ihm keine Kraft vor, ſondern nur Leidenſchaft. Seinem Herzen entſpringen viele feu⸗ rige Gefühle; ſie praſſeln und kniſtern.. Folgen Sie ihnen in ihrem Lauf. ſie ſteigen eine Weile kuhn und glänzend wie Raketen, aber bald fallen ſie ausgebrannt und erloſchen zur Erde... Was iſt bei ihm die Liebe? Eine Blume, die einen einzigen Tag duftet. Was iſt ſeine Treue? eine Laune.4 „Ihr Urtheil iſt ungerecht,“ unterbrach ihn Lev⸗ voldine.„Sie kennen Marimilian's warmes Herz nicht.“ „Fliehen Sie dieſe Wärme, ſonſt werden die Flü⸗ gel Ihrer eigenen Seele Lavon verſengt werden.“ „O, ich bin ſchon unglücklich genug; nehmen Sie mir nicht den Glauben an ihn, den ich liebe.“ „Haben Sie denn ſeinen Brief nicht geleſen?“ „Marimilian leidet. Ein Unglück hat ihn getroffen.“ „Ja wohl, ein Unglück; aber wiſſen Sie den Na⸗ men deſſelben 2“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie.“ „Es heißt Mißtrauen und Zweifel.“ „Es iſt alſo wahr, er zweifelt an meiner Liebe 2“ „Noch mehr, er zweifelt an Ihrer Tugend.“ „O Himmel!“ „Weinen Sie nicht, mein Kind, haben Sie Muth. Aus dieſem Kummer wird einmal Ihr wahres Glück erſtehen. Ihre ungewöhnlichen Gaben, Ihr Kunſtgenie haben meine innige Theilnahme erweckt. Seit mehreren 1¹9 Monaten bin ich Ihnen mit der ſtrengſten Aufmerk⸗ ſamkeit gefolgt. Eine Künſtlerin, die, wie dieß bei Ihnen der Fall iſt, nur der Kunſt lebt, iſt nicht ſchwer zu ſtudiren. Ihre Liebe konnte mir alſo nicht unbe⸗ kannt bleiben; in Ihren Geſängen haben Sie mir die⸗ ſes Geheimniß Ihres Herzens erzählt. Ich ahnte ein Unglück von dieſer Liebe und erfuhr bald, daß ich mich nicht getäuſcht hatte. Es wurde mir mit jedem Tag immer deutlicher, daß Ihr Herz nicht mehr der Kunſt allein angehört; Ihre Seelenkraft war zerſplittert, Ihre Gefühle ſieberhaft. Mußte ich nicht dadurch leiden, leiden durch die Furcht, daß die Welt den Götterfunken in einer Seele wieder erlöſchen könnte? Endlich, es war geſtern im Theater, verriethen Sie eine Unruhe, eine Geſpanntheit, die mich erſchreckte. Ihre Seele glich der Natur, wenn ein Gewitter in der Luft iſt. Es war mir jetzt unmöglich, länger ein bloßer Beobachter zu bleiben. Ich wollte Alles wagen, um Sie zu ret⸗ ten. Aber was ſollte ich thun? Es war nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß Sie auf den Rath und die Warnung eines Fremdlings hören würden, wenn er ſich auf wei⸗ ter nichts als auf Vermuthungen ſtützen könnte. Ich beſchloß alſo, Marimilian aufzuſuchen, abſchon ich wußte, daß ein Zuſammentreffen mit ihm die alte Wunde in meinem Herzen aufreißen würde. Es ging, wie ich vermuthete. Ich traf nicht einen Sohn, der mit buß⸗ fertiger Reue zu meinen Füßen ſiel, ich traf einen eis⸗ kalten Egviſten, der ſich ſtolz und trotzig meinen bereits geöffneten Armen entzog. Ich ſprach von Ihnen. Maximilian gab mir volle Gewißheit, daß mein Arg⸗ wohn nicht unbegründet war; die Eiferſucht hatte Macht über dieſe ſchwache Seele erhalten, und in ſeinem Wahn⸗ ſinn hatte er Ihnen eine niedrige Rache geſchworen. Ich will Ihren Schmerz nicht dadurch vermehren, daß ich all' die harten, verächtlichen Worte wiederhole, die er fallen ließ, mit tiefer Betrübniß muß ich bekennen, daß ſie eines Mannes von Ehre unwürdig waren. 120 Vergebens beſtürmie ich ihn mit meinen Vitten; er blieb unbeweglich und verharrte bei ſeinem einmal ge⸗ faßten Entſchluſſe„ Zufällig fiel der Brief, den er an Sie geſchrieben, in meine Hände Ich erſah darin die letzte Beſtätigung ſeiner niedrigen Abſichten. In ſeinem Brief hatte er die Zeit für die Zuſammen⸗ kunft, die hier an dieſem übelberüchtigten Orie ſtatt⸗ finden ſollte, auf acht Uhr feſigeſetzt; es gelang mir, ohne daß er es bemerkte, die Zahl in ſieben zu ver⸗ wandeln, und weit entfernt, mich dieſer Fälſchung zu ſchämen, werde ich ſie als eine Eingebung des Himmels betrachten, wenn es mir gelingt, Sie meinem verirrten Sohne zu entreißen.. Jetzt bin ich für Sie kein bloßer Fremdling mehr. Jetzt habe ich das Recht, zu ſagen: Sie befinden ſich auf einem falſchen Weg, Sie haben bereits den erſten Schritt zu Ihrem⸗ Falle ge⸗ than; kehren Sie wieder um, ſo lange es noch Zeit iſt.“ „Er hat alſo harte und verächtliche Worte über mich ausgeſprochen!“ wiederholte Leopoldine vor ſich hin Wer kann die Qualen beſchreiben, die in dieſen Worten ſeufzten? Es war, als hätte ſie das Todes⸗ urtheil über ihr eigenes Herz verkündigt. „Ein falſches Gerücht iſt von Ihren Freunden ausgeheckt und verbreitet worden. Marimilian hat an dieſe lumpige Verleumdung mehr geglanbt, als an Ihre Tugend, an Ihre Unſchuld. Er glaubt, daß Sie ihn betrogen haben, daß Graf Manfred im Geheimen ein begünſtigter Nebenbuhler geweſen ſei.« „Und er hat mir eine niedrige Rache geſchworen, ſagen Sie? „Gemeine Leidenſchaften ſind an die Stelle der früheren Liebe getreten.“ „Alſo„ aber nein, es iſt nicht wahr, Sie lügen! Um's Himmelswillen, antworten Sie, ſagen Sie, daß Sie mich getäuſcht haben!“ „Ein Hoffnungsſchimmer flammte noch einmal in Levpoldinen's Seele auf. Sie ſprang von ihrem Platze 12¹ auf, legte ihre beiden Hände auf Michael's Schultern und ſchaute mit feſtem, forſchendem Blick in ſeine Augen. Sie begegnete darin nur dem aufrichtigſten Mitleid. „Glauben Sie,“ antwortete er,„daß ein Vater auf ſolche Art über ſeinen Sohn lügen könnte 26 „Es iſt alſo vorbei, vorbei! der letzte Strahl meines Glückes erliſcht... Sie, der Sie meine Freude gemordet haben, aus Barmherzigkeit nehmen Sie auch mein Leben.“ „Armes, beklagenswerthes Kind, neigen Sie Ihr Haupt an die Brut eines alten Mannes und weinen Sie Ihren bitteren Schmerz aus.. Auch ich war ein⸗ mal jung und liebte. Auch ich weiß, wie ſchwer ſich das Leben empfindet, wenn man keine Achtung mehr vor der Perſon haben kann, die man doch nicht zu ver⸗ urtheilen vermag... Die Liebe ſchließt ſich in den Sommertagen des Lebens wie ein Blumenkranz um unſere Seele. Bald fallen die Blumen ab, und nur die dürren Stengel, die verwelkten Blätter bleiben übrig; aber ſo oft das Herz wieder hoch ſchlägt, ſtößt es an einen ſcharfen Stachel und vergießt einen Tropfen ſei⸗ nes beſten Blutes..4 „Doch ich bin nicht bloß hierher gekommen, um Sie zu zermalmen,“ fuhr Michael nach einer kurzen Pauſe fort.„Ich habe auch Troſt und Hoffnung zu bieten. Ihnen wurde ein Schatz von unermeßlichem Werthe gegeben, ein Schatz, der Sie immer reich machen wird, wenn auch die Liebe Ihr Herz zu plün⸗ dern ſucht. Sie erhielten in Ihrer Seele einen Funken vom heiligen Feuer der Kunſt. Pflegen Sie dieſen Funken recht, und Sie erheben ſich über jede irdiſche Widerwärtigkeit. Es iſt allerdings eine Wahrheit, die wir nicht vergeſſen dürfen, daß ein vollkommenes Glück hienieden nicht gedeihen kann, da auch unſere höchſte Freude eine unerfüllte Sehnſucht kennt. Aber noch nie war der Menſch unglücklich, der mit Tugend und Fleiß auf ſeiner für ihn beſtimmten Bahn voran⸗ 122 geſprungen iſt. Für Sie liegt dieſe Bahn dem Him⸗ mel näher, als für die große Menge, denn Sie ſind zur Künſtlerin geboren. Ja, Leopoldine, ein friſches und warmes Gefühl für das Schöne iſt eine unſerer herr⸗ lichſten Gaben. Dadurch vernehmen wir Alle, daß ein Gott unter uns lebt. Aber einigen wenigen Sonntags⸗ kindern des Glückes wurde auch die wunderbare Kraft verliehen, dieſem Gefühl eine für die Sinne der Menge unfaßliche Form zu geben. Ein ſolches Genie wirft Strahlen eines himmliſchen Lichtes über das Leben; es tritt als eine Offenbarung der höchſten Wahrheit mitten in einer verirrten Zeit hervor Gegen welches Loos ſollten Sie wohl dieſe Fähigkeit vertauſchen? Bei Allem, was heilig iſt, laſſen Sie ſich nicht irre führen, ſeien Sie treu gegen ſich ſelbſt, ſtandhaft in der Prü⸗ fung. Es iſt nicht möglich, daß Sie den hohen Werth der Kunſt überſehen können, nachdem Sie Augenblicke beſeſſen haben, wo das innerſte Heiligthum derſelben Ihnen eröffnet war. Gewiß wurden Sie auch in die⸗ ſen Stunden des lieblichſten Entzückens von dem Ver⸗ langen beſeelt, als Künſtlerin zu leben und zu ſterben. Die Stimme, die damals in Ihnen redete, das war die Stimme Ihres guten Genius. Lauſchen Sie ihm noch einmal, er iſt in dieſer Stunde vielleicht durch an⸗ derweitige Sorgen ſtumm gemacht; aber es gibt ein Morgen und er wird wieder zu Ihnen reden, wird Ihre Seele wieder auf ſeine Schwingen nehmen und ſie jubelnd über ihre Befreiung vorwärts zu Licht und Sieg führen.“ „Glauben Sie alſo, daß man Künſtler ſein könne, ohne ein Herz zu beſitzen? „Nein, das iſt in Wahrheit unmöglich.“ „Und das meinige iſt auf ewig dahin.. Sehen Sie, auch ich habe die Kunſt geliebt. Dieſe Liebe war es, die mich aus einer ruhigen Heimath wegtrieb und in die ſtürmiſche Welt hinaus führte Ich fühlte mich damals glücklich, denn ich beſaß ein großes Ziel 123 für mein Streben... Aber ohne Zweifel war ich un⸗ würdig, die Bahn zu vollenden, die ich vor mir ſich öffnen ſah. Ich beſaß nicht Kraft genug, mich von der Welt, von den Umſtänden um mich her unabhängig zu machen. Ich ſtand ſo allein unter den Menſchen. Sie erſchienen mir ſo kalt; ich wollte an einer geliebten Bruſt Schutz und Wärme ſuchen.. Sie haben Recht, dieß war eine Schwäche, eine Treuloſigkeit gegen die Kunſt, ein Verrath an mir ſelbſt Aber der Fehler iſt begangen, meine Kraft iſt gebrochen.“ „Verzagen Sie nicht! dieſes traurige Ereigniß, das Sie jetzt ſo tief ſchmerzt, iſt nur eine Prüfung geweſen, durch welche Sie mit veredeltem Gemüthe zu einer beſſeren Zukunft gelangen werden.. Der Augenblick iſt entſcheidend. Für Sie öffnen ſich zwei verſchiedene Wege. Noch iſt es Zeit. wählen Sie denjenigen, den Sie betreten wollen.. Auf der einen Seite finden Sie Marimilian. Möglicherweiſe wird es Ihnen gelingen, ſeinen niedrigen Argwohn zu ver⸗ ſcheuchen und ihn von Ihrer Unſchuld, Ihrer makel⸗ loſen Liebe zu überzeugen. Eine zärtliche Verſöhnung wird die gelockerten Bande wieder anknüpfen. Aber hören Sie mich, Leopoldine. Wenn Sie Ihr Schickſal mit dem ſeinigen vereinen, dann haben Sie, ſo wahr ich lebe, für den Rauſch einiger wenigen Augenblicke das Glück Ihres ganzen Lebens geopfert, und derſelbe Kleinlichkeitsgeiſt, dieſelben heftigen Begierden, dieſelben unreinen Neigungen, die ſeine Seele verheeren, werden bald auch auf die Ihrige verwüſtend einwirken. Auf der andern Seite ſtoßen Sie auf einen einſamen Weg. Er führt zum Tempel der Kunſt empor. Strenge Forderungen, harte Entſagungen erwarten Sie da. Vielleicht werden Sie auch nicht Kraft genug beſitzen, um bis zu der ewig ſonnenbeglänzten Höhe zu gelan⸗ gen. Aber Ihr Streben führt Sie doch zu einem Paſeiß einem himmliſchen Ziele. Ein ſolches Streben, Leopol⸗ dine, das iſt bereits ein Glück, und wenn Sie auch 124 auf halbem Weg unter dem Druck der Laſt erliegen ſoll⸗ ten, ſo wird doch immer der holdeſte Gewiſſensfrieden Ihre Seele tröſten. Wählen Sie, Leopoldine; das Schick⸗ ſal liegt in dieſem Augenblick in Ihrer eigenen Hand.“ „O mein Gott, welche Qual!“ „Sie beſinnen ſich?.. WMerken Sie wohl, das iſt ein Schwanken zwiſchen dem Laſter und der Tugend.“ „Ich habe Marimilian ewige Treue geſchworen, ich kann ihn nicht aufgeben.“ „Aber er iſt es ja, der Sie aufgegeben hat; er iſt es ja, der geſagt hat, daß Sie ſich auf ewig trennen müſſen Ueberdieß bindet Sie ein älterer Eid: die Kunſt hat Ihre allererſte Liebe gewonnen.“ „Auch Sie haben ja geliebt ach, verſtehen Sie meinen Schmerz!“ „Seien Sie ſtark, mein Kind. Was thut es, ob auch das Herz blutet, wenn nur das Gewiſſen unbe⸗ fleckt iſt?... Sicherlich hat jeder Menſch auf der Welt ſeinen beſondern Beruf. Ihre Beſtimmung, daran dür⸗ fen Sie nicht zweifeln, iſt, für die Kunſt zu leben. Der Himmel iſt nicht verſchwenderiſch mit ſolchen Gaben, wie ſie Ihnen verliehen worden ſind, Sie haben ſie nicht für ſich allein erhalten, Sie haben ſie dazu erhal⸗ ten, um viele Hunderte von Seelen zu tröſten, zu er⸗ heben, zu veredeln. Für dieſe Beſtimmung müſſen Sie leben. Ein gewöhnliches Weib gehört ihrem Manne und ihrer Familie an; für Sie iſt die Kunſt eine Welt.“ Leopoldine erhob ihr Haupt, das ſie in ihre Hände gebeugt hatte, und ein klarer Strahl brach durch die Thränen in ihren Augen hervor. Er kam von innen, dieſer Strahl; er war der Wiederglanz eines Lichtſtromes, der den Nebel um ihre Seele durchbrach... Michael's Worte hatten eine Saite in ihrem Innern angeſchlagen, die lange Zeit verſtummt, aber noch nicht gänzlich geſprun⸗ gen war. „Fahren Sie fort, fahren Sie fort,“ bat ſie mit 125⁵ Eifer, gleich als fürchtete ſie, daß die Begeiſterung, die ſie zu beleben anfing, wieder erlöſchen könnte. „Ja wohl,“ begann Michael wieder,„Ihr Beruf iſt groß und beneidenswerth. Erfaſſen Sie die ganze erhabene Schönheit deſſelben, und Sie werden nicht län⸗ ger wanken in Ihrem Beſchluß. Ach, Leopoldine, was heißt es wohl, ſein eigenes perſönliches Glück zu opfern, wenn man eine höhere Pflicht damit erfüllt und mit ſeinem eigenen Schmerz das Wohl ſeiner Mitmenſchen bereitet?.. Die Welt verſteht mich nicht, aber Sie, ich habe mich nicht getäuſcht, Sie verſtehen die ewigen Wahrheiten von der Göttlichkeit der Kunſt aufzufaſſen, die ich auf eine würdigere, eindringlichere Weiſe aus⸗ drücken zu können wünſchte. Ja, glauben Sie mir⸗ ich meine es gut mit Ihnen, obſchon meine Sprache anders klingt, als diejenige, die Sie zu hören gewöhnt ſind. Ich ſage Ihnen offen, Sie ſind noch keine große Sängerin. Aber ich ſage Ihnen auch, daß Sie die Fähigkeit haben, höher zu ſteigen, als irgend eine An⸗ dere von allen Ihren Mitbewerberinnen. Maximilian, mein eigener Sohn, hat, wie auch die ganze übrige Legion Ihrer Verehrer, für mein Urtheil nur ein mit⸗ leidiges Lächeln. Man nennt mich einen unvernünfti⸗ gen Phantaſten, einen Pedanten, und gleichwohl, Leo⸗ poldine, gleichwohl findet ſich unter ihnen Allen nicht ein Einziger, der ſo tiefen Antheil an Ihrem Schickſal nimmt, wie juſt ich, dieſer ſtrenge Pedant. Dieſe An⸗ beter, die für Ihre Fehler blind ſind und vor Ihrem Talent das Knie beugen, wie haben ſie nicht alle ihre Fräfte angeſtrengt, um eine ganz gewöhnliche gefall⸗ ſüchtige, geſchmückte, eigenliebige, intrigante, leicht⸗ ſinnige Theaterprinzeſſin aus Ihnen zu machen? Aber nein, das ſoll ihnen nicht gelingen. MNoch haben Sie Gefühl für die Schönheit der Wahrheit und der Tu⸗ gend, und ich, der ich weiß, daß Sie noch weit, ſehr weit zum Ziele haben, ich würde ohne Bedenken den Reſt meines Lebens dahin geben, wenn ich damit Sie 126 gegen die Verirrungen der Welt zu ſchützen und Ihrem rechten Beruf entgegen zu führen vermöchte.. Doch welche Macht beſitze wohl ich über Ihr Herz? Ich bin ein Fremdling, den Sie heute zum Erſtenmat ſehen. Aber ich will Ihre heiligſten Erinnerungen retten; ſie will ich um Schutz für eine gute Sache anrufen. Man hat mir geſagt, daß Sie ein verwaistes Kind ſeien, aber gewiß beſitzen Sie noch die Erinnerung an einen edlen Vater, eine gute, eine zärtliche Mutter.. Ja, Leo⸗ poldine, eine tiefe Rührung ſagt mir, daß ich recht getroffen habe. In Ihrer Mutter Namen ſpreche ich zu Ihnen. Gedenken Sie ihrer Liebe, ihrer Hoffnungen, ihrer Rathſchläge, ihrer letzten Worte Sie können nicht länger zögern, kommen Sie, kommen Sie, folgen Sie mir!“ „Meine Mutter, meine Mutter!“ rief Leopoldine, ihre gefalteten Hände zum Himmel erhebend. Ein neuer Enthuſiasmus durchſtrömte ihre Seele.„Bei Gott, ich bin nicht feig,“ fuhr ſie fort.„Mag das Herz brechen, ich entziehe mich meiner Pflicht nicht. Ich bin ein ſchwaches Weib, aber ich habe dennoch Muth, ich werde mich ſelbſt überwinden... Vorwärts„vorwärts geht mein Weg, ich trotze den Sorgen und Qualen.. Sie haben geſiegt, edler Freund, ich folge Ihnen!“ „Sie ſind gerettet!“ jubelte Michael und ſchloß ſie einen Augenblick in ſeine Arme..„Welch ein ſeliges Gefühl für mein altes Herz!“ fügte er hinzu.„Ich habe alſo nicht vergebens gelebt, ich habe wenigſtens eine Seele für die Kunſt, für die Tugend gerettet!.. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren; die Stunde iſt bald verfloſſen, und Maximilian kann jeden Augenblick anlangen; wir müſſen von hier forteilen.“ „Maximilian kommt! Noch einmal, dieſes letzte Mal muß ich ihn wiederſehen. Sie können mir's nicht ihm auf ewig Lebewohl zu ſagen.“ ic„ och, Leopoldine, ich bin ſtreng und unbeweg⸗ i 6 127 „Sollen wir uns alſo ohne Abſchied trennen 2“ „Ohne Abſchied. Eine Zuſammenkunft würde Ihnen nur neuen Schmerz bereiten und einen neuen Kampf hervorrufen.“ „Aber Maximilian..4 „Er hat durch ſeine unedle Handlungsweiſe alles Recht auf Mitleiden verwirkt. Nach einigen Stunden unternimmt er eine längere Reiſe. Fliehen Sie ihn jetzt, und die Zeit wird Ihnen genügende Kraft ſchen⸗ ken, um ihn dereinſt wieder mit Ruhe zu ſehen. Ich habe Ihr Wort, kommen Sie, laſſen Sie uns eilen.“ Nach einigen Minuten fuhr Leopoldine an Michael Lambert's Seite wieder nach der Stadt. Es war heller Mondſchein. Juſt als der Wagen, worin ſie fuhren, auf die öffentliche Landſtraße hinausbog, begegnete ihnen eine offene Droſchke, auf deren Rückſitz ein Herr allein ſaß. „Marimilian! er iſt es, halt, halt!“ rief Leopol⸗ dine, die ihn augenblicklich wieder erkannte, und ſie machte dabei eine Bewegung, um ſich durch den Wagen⸗ ſchlag hinauszuwerfen. Aber Michael hielt ſie „Gott ſei Dank, er kommt zu ſpät!“ ſagte er triumphirend. Und die beiden Wagen fuhren, ohne anzuhalten, nach entgegengeſetzten Richtungen weiter. 128 XXII. Michael Lambert's Akademie. L'art c'est le vrai. Mademviſelle Rachael in Anderſen's Album. Wohl wartet Dein der Ruhm, doch in die heiligen Hallen Dringſt Du ſo leicht nicht ein: der Preis iſt hoch vor allen. Lamartine. Wie ſchön iſt es nicht, nach dem tollen und zuletzt abgeſpannten Stadtleben eines ganzen langen Winters endlich mit dem Sommer auf's Land hinausziehen zu dürfen! Leider findet das alte Sprüchwort: die Gewohn⸗ heit iſt mehr als die halbe Natur, eine gar zu allgemeine Anwendung. Man gewöhnt ſich an Alles und durchaus nicht am ſchwerſten an das Schlechte. Man prahlt mit ſeiner Reſignation, ſeiner Geduld, ſeiner Entſagung; aber man ſchweigt vorſichtig von ſei⸗ ner Trägheit, ja oft bemerkt man ſie ſelbſt nicht. Nun iſt es unläugbar, daß eine Stadt, ich meine eine große Stadt, denn für die kleinen habe ich ganz und gar keine Sympathien, auch ihre Annehmlichkeiten beſitzt. Man hat ſeine bequeme Wohnung; man hat Reſtaurationen und Cafés, man hat an jeder Straßenecke einen Om⸗ nibus, man hat Freunde und namentlich Bekannte im Ueberfluß. Jeder Tag bringt ſeine pikanten Neuigkeiten, allerdings ſehr lügenhafter Natur, aber jedenfalls Neuig⸗ keiten; man hat Morgenpoſten und Abendpoſten, man hat Paraden und Toiletten nach der neueſten Pariſer Mode.. Dagegen welche Mühſeligkeiten ſind nicht mit einem umzug verbunden! Fortzuziehen, meinſ 129 Damen, nicht wahr, das iſt ein halber Tod. Man ſcheidet von einer Welt, um in einer andern wieder aufzuer⸗ ſtehen, über deren Annehmlichkeiten man dennoch nicht vollkommen ſicher iſt. „Mein lieber Alter,“ ſeufzt manche arme Stadt⸗ dame in der Mitte des Sommers,„es beginnt doch unerträglich ſchwül in unſeren Zimmern zu werden.“ „Und dieſe Satansfliegen,“ ſtimmt der Mann ein, der juſt mit dem Fliegengarn daſteht und am vergol⸗ deten Spiegelrahmen einen großen Fang macht. „Es iſt doch ſehr ſchön auf dem Lande um dieſe 5 wie vortrefflich die Kinder da gedeihen wer⸗ en!“ „Es iſt ſchon lange her, daß ich die Sonne nicht mehr aufgehen ſah Es iſt ſchon lange her, daß ich keinen Haſen mehr ſchoß, und noch länger, daß ich kei⸗ nen Barſch mehr angelte.“ „Wenn wir doch nur„ doch ich will lieber gar nicht davon reden.“ „Wenn wir doch nur doch Du haſt Recht, es wäre ganz „Ein paar Monate auf dem Lande, das wäre doch ein kleines Himmelreich.“ „Höchſt angenehm! ich würde da vielleicht meinen 6 ſchweren Athem verlieren.“ „Gleichwohl iſt es rein unausführbar welche Mühe, welche unerhörte Mühe„ Bedenke die Haus⸗ haltung!“ „Und dann Deinen Dienſt.“ die franzöſiſche Lektion unſeres kleinen Mäd⸗ ns. „Und die Mathematik des Jungen.“ „Man kann ſich auf die Dienſtboten nicht verlaſſen;“ ſelbſt die Haushälterin hat ja einen Bräutigam.“ „Wer würde nach dem Hausweſen ſehen 26 „Wer würde meine Caktus begießen und den hüh⸗ Ein Funke. I. 9 e 130 ſchen Agapantus?.. Nein, es iſt klar, wir müſſen zu Hauſe bleiben.“ „Ja, das ſteht feſt!. es iſt eine Narrheit, an etwas Anderes nur zu denken.“ „Hu, hu, wie warm es hier iſt, eine ungeſunde Luft! „Die Satans⸗Fliegen!.. Bol ſie der Teufel! jetzt haben ſie ſich mitten auf den Ordensſtern an der Büſte des Königs geſetzt.“ Aber wenn jetzt das Glück dennoch dieſen durch ſo manche Gewohnheiten feſtgeketteten Stadtbewohnern recht wohl will, ſo finden wir ſie trotz aller Unmöglich⸗ keiten, trotz der franzöſiſchen Lektionen, trotz der Mathe⸗ matik, trotz des Bräutigams der Haushälterin und des kleinen Agapantus, eines ſchönen Tags im Grünen wieder. Der Auszug iſt vor ſich gegangen. Es iſt wahr, er hat eine ſchreckliche Mühe mit ſich geführt, die mehrere Tage lang alles Behagen, die Freuden und die Einigkeit unter den Gatten ſtörte; aber die Mühſal iſt glücklicherweiſe überſtanden, und ſie ſitzen jetzt, wie geſagt, im Grünen. Welches friſche Leben bewegt ſich nicht hier um ſie her und ſtrömt mit unwiderſtehlicher Macht an ihre eigenen von den Widerwärtigkeiten der Stadt beklom⸗ menen Herzen. Alle Engbrüſtigkeit iſt jetzt ver⸗ ſchwunden, ſowohl diejenige, die in der Kehle und in der Lunge ſitzt, als auch diejenige, die ihren Sitz in der Seele hat; denn auch die Seele hat ihre Engbrü⸗ ſtigkeit, ſie iſt ſogar eine ſehr häufige in ihren Folgen höchſt gefährliche Krankheit. Jetzt iſt es ſo eingerichtet, daß ein ſtarker Zuſammenhang zwiſchen der phyſiſchen und der moraliſchen Natur ſtattfindet. Niemand kann körperlich recht geſund ſein, ohne daß er an der Seele geſund iſt, und umgekehrt. Aber die Sommerluft zwi⸗ ſchen den zuſammengedrängten Stadtmauern iſt eben ſo unrein, wie im Allgemeinen das innere Leben da, wo alle Leidenſchaften aufgehäuft ſind wie in einem großen 131 Tiegel, aus welchem Jeder mit ſeinem Löffel ſchöpft, und darum, es mag zwar paradox klingen, aber man kann doch daran denken, darum hat jeder Menſch ſo⸗ wohl ein körperliches als ein geiſtiges Bedürfniß, mit⸗ unter auf dem Lande zu leben. Ja, iſt jemals ein den⸗ fendes und fühlendes Weſen auf die Auen und in die Wälder, auf die Berge und in die Thäler herausgekom⸗ men, ohne zu empfinden, daß wenigſtens nicht der liebe Gott es war, der die Städte geſchaffen hat? Ich zweifle daran, und erkläre es daher als eine Nothwendigkeit, daß Jedermann ſich gewiſſermaßen heimiſch fühlen muß, wenn er ſich des lieblichen Umgangs mit Gottes ſchöner, freier Natur erfreuen darf. Aber dieß war eine all⸗ zulange Abſchweifung vom Gegenſtand. Meine Abſicht war bloß, an dieſes Gefühl des Anheimelns zu erin⸗ nern. Möge nur ein Hauch davon den Leſer treffen, wenn ich jetzt die ſtolze Reſidenzſtadt verlaſſe und irgend wohin auf das einfältige Bauernland hinausfliege! Siehe da, eine Meeresbucht hat ſich ſo tief zwiſchen Hügel und Forſte eingeſchlichen, daß ſie beinahe den Charakter eines kleinen Binnenſee's gewonnen hat. Aber nur das ſalzige Waſſer iſt es, das dieſe Klarheit, dieſe Friſche beſitzen kann; nur die Meereswellen ſind es, die ſo frei, ſo munter und dennoch ſo ernſthaft tanzen. Rings um die Ufer zeigt ſich das üppigſte Grün. Auf einer kleinen, von Hecken und dichtbelaubten Buchen umgebenen Höhe liegt ein hübſches Sommerhaus. Die Villa, wenn man einer ſo anſpruchsloſen Wohnung die⸗ ſen vornehmen Namen geben darf, iſt ohne allen Prunk und Flitterſtaat, erſcheint aber einladend und lieblich auf ihrem ſchönen Platze. Ganz gewiß war es ein Pfuſcher, der dieſe Wände aufbaute; denn der Styl fann keineswegs irgend einem der bei⸗ 132 gezählt werden. Gleichwohl findet ſich hier eine gewiſſe Ordnung. Alles iſt geputzt und wohl unterhalten. Die hohen Fenſter haben grüne Jalouſien; ein Spalier von Geisblatt erſtreckt ſich bis an den Dachſparren hinauf, und auf der Seite, welche der Sonne zugekehrt iſt, er⸗ blickt man eine geräumige von einem Zeltdache beſchat⸗ tete Veranda. Von dieſem Platz aus muß man vorzugsweiſe die Gegend überſchauen. Etwas Großartiges und was man romantiſch ſchön nennt, ſucht man hier vergebens; aber ſoweit das Auge reicht, iſt die Landſchaft hübſch und fruchtbar. Gerade davor liegt die ſchöne Bucht mit ihrem Reichthum an Holmen und Scheeren. Zur Rech⸗ ten ſieht man durch eine Thalſenkung einen Schimmer des Meeres ſelbſt, und häufig wird die Scene durch irgend einen fernen Segler belebt. Auf der andern Seite dagegen dehnt ſich ein Feld mit Aeckern und blumen⸗ reichen Wieſen aus, da und dort unterbrochen von einer Hecke. Weiterhin am Fuße eines Berges, mitten unter Saatfeldern und den weidenden Heerden, zeigt ſich eine Gruppe von Häuſern, welche ausſehen, als bemühten ſie ſich über einander hinzuklettern bis hinauf auf die Spitze des Berges. Ueber ihnen allen erhebt ſich die Spitze eines Kirchthurms. Manches Dorf hat ein ſtol⸗ zeres Ausſehen; aber dieſes geberdet ſich wahrhaftig wie eine Stadt, obſchon eine der allerkleinſten. So hier von der Ferne geſehen, gewährt es einen pittoresken Anblick und trägt nach Kräften dazu bei, dem Gemälde einen Zug der Heiterkeit zu geben, welchen man, wie Chrenſwärd bemerkt, darüber empfindet, daß man die Welt bewohnt fieht. Zufällig war dieſe Villa zu vermiethen, als eine reiſende Herrſchaft in dem Städtchen anlangte. Ich habe ganz und gar keine Luſt, den Geheimnißkrämer zu ſpie⸗ len, und jage es deßhalb gerade heraus, daß dieſe Rei⸗ ſenden Niemand anders waren, als unſer alter Bekann⸗ er Michael Lambert und ſeine junge Freundin, Mamſell 133 Leopoldine. Der Platz gefiel ihnen Beiden. Der Con⸗ trakt wurde aufgeſetzt, und nachdem eine alte Madame, ein Inventarſtück des Landhauſes, ſich verpflichtet hatte, der Haushaltung vorzuſtehen, zogen die Fremdlinge in der angenehmen Wohnung ein. Für die Bevölkerung des Städtchens bildete dieſes einfache Ereigniß einen reichen Stoff zu Klatſchereien. Die Kaffeeſchweſtern ermüdeten ſich mit Vermuthungen über die Fremdlinge, ihren Stand und ihre Verhältniſſe. Eine Geſchichte löste die andere ab, ohne daß man deß⸗ halb der Wahrheit näher kam. Aber was die guten Leutchen am Meiſten ärgerte, war der Umſtand, daß dieſe Fremden ſelbſt ſich ſo gleichgültig gegen das Stadt⸗ leben und die Freuden der Geſellſchaft zeigten. Um ein einförmiges Landleben dem gebildeten Umgang vorzu⸗ ziehen, welchen ihre Stadt bot, müßte man, meinten die Kaffeeſchweſtern, entweder beſſer oder ſchlechter ſein, als die große Menge. Jetzt wie immer war man mehr geneigt, das Letztere zu glauben. Inzwiſchen hatten ſich unſere Freunde bereits über einen Monat in ihrer Sommerwohnung aufgehalten. Leopoldinens im Anfang ſo bleiche Wangen, blühten mit jedem Tag wieder friſcher auf. Ihr Blick wurde allmälig immer lebhafter. Allerdings konnte ſie nicht ohne Schmerz und tiefe Bewegung an die Vergangen⸗ heit, an Marimilian, an ihr kurzes Liebesglück denken. Aber ſie hatte hier zu ihrem Troſt eine ſo ſchöne Natur, und ſie beſaß eine feſte Stütze an dem immer ſanften und aufmunternden Michael. Ihr Kummer wurde durch dieſe Geſellſchaft gemildert, und ſie fühlte, daß das Le⸗ ben noch viel Schönes zu bieten habe. Ihr Gemüth hatte ſeine jugendliche Spannkraft nicht verloren. Der Wind, der über das Feld hinrast, bricht nur die Sten⸗ ſi der verwelkten Blumen; aber die friſchen beugen ſich loß, um ſich wieder aufzurichten. Leopoldine war nicht heiter, aber ſie war ruhig. Das Landleben genoß ſie, wie nur eine ſolche Perſon es genießen kann, deren Herz 134 von Kindheit auf die Annehmlichkeiten deſſelben kannte. Noch einmal wurde ſie hingeriſſen von jenen Träumen einer unſchuldigen Schwärmerei, die ſie in früheren Zeiten geliebt hatte. Die alte, innige Bekanntſchaft mit den Wieſen und Hainen, den Blumen und Vögeln wurde wieder angeknüpft, und mit unausſprechlicher Freude fand ſie, daß die geheime Verbindung zwiſchen der Natur und ihrer Seele trotz der langen Trennung noch nicht zerriſſen war. Es war ein lieblicher, milder Abend. Die Sonne, die ſich zum Untergang neigte, breitete über die Ge⸗ gend einen ſo verklärten, einen ſo heiteren Glanz, als wollte ſie den Betrachter zu dem Glauben verleiten, er ſehe eine Heimath für eitel Glück und Freude. Die Fenſter in dem Städtchen glitzerten wie ungeheure Edel⸗ ſteine, und das vergoldete Kreuz auf dem Kirchthurm war von einer Strahlenglorie umgeben. Die See lag ſo ſpiegelblank da, daß ſogar die Fiſche es wagten, zu⸗ weilen über ihre Oberfläche hervorzugucken. Das kaum erſt gemähte Heu erfüllte die Luft mit den herrlichſten Düften, und in den Hagedornbüſchen unten am Hügel ſchlug eine zurückgebliebene Nachtigall ihre melodiſchen Triller. Jetzt wie gewöhnlich zu dieſer Stunde des Tages ſaßen Leopoldine und Michael außen in der Veranda. Sie waren Beide lange ſtill, obſchon mit lebhaf⸗ ten Gedanken beſchäftigt. Endlich wurde Michael's Herz zu voll, und Leopoldine, die ihn wohl verſtehen gelernt hatte, bemerkte das bald. Sie lauſchte gern ſeinen Reden und fragte jetzt mit der ganzen Zärtlichkeit einer ergebenen Tochter: „Sagen Sie mir, was empfinden Sie beim An⸗ blick dieſes ſchönen Gemäldes 2“ „Ich fühle,“ antwortete Michael mit Wärme,„ich fühle weiter nichts, als daß ich ein Menſch bin, der zur Hälfte dem Himmel, zur Hälfte der Erde angehört. Die Natur, die ich innig liebe wie Du ſelbſt, 135⁵ ſchenkt mir ſelten das, was man Freude nennt, ſon⸗ dern erregt mir vielmehr Wehmuth, aber dieſe Weh⸗ muth iſt lieblich. „Erfreuen Sie ſich alſo nicht an dem Frieden, an der Ruhe, welche Alles um uns her in dieſem Augen⸗ blick zu genießen ſcheint 2“ „Allerdings, aber ich kann dennoch all' die Qua⸗ len und Leiden nicht vergeſſen, welche das Leben mit ſich führt.. Es geht eine Diſſonanz durch meine Seele, wenn ich die Schönheit der Natur betrachte und zu gleicher Zeit die Verirrungen meiner Mitmenſchen bedenke Alles athmet Frieden und Glück, ſagſt Du. Wende Deine Blicke nach dem Städtchen dort. Wie viel Qual und Langeweile wohnt nicht da, wie manches Herz wird da nicht juſt in dieſem Augenblick von Kum⸗ mer, Bitterkeit und Schmerz heimgeſucht!. Dieſer Contraſt iſt es, der meine Wehmuth hervorruft, denn ich weiß, ich fühle, daß es anders ſein könnte und an⸗ ders ſein ſollte. Die Kluft zwiſchen Himmel und Erde iſt nicht ſo groß, wie man ſich im Allgemeinen vor⸗ ſtellt, und manche Wege führen darüber hin, denn Alles, was ſchön iſt, führt zum Himmel. Aber obſchon ſeine Thore ſich ſo gerne öffnen, ſo ſind es doch nur ſehr wenige, die hineintreten. Verſtehe mich wohl, Leopoldine; meine Abſicht iſt nicht zu tadeln, ſondern nur zu beklagen.“ „Ja, Sie haben Recht. Sehr häufig ſind es nur unſere Fehler, die uns zum Unglück führen; die Erde iſt ſonſt in manchen Beziehungen ein würdiger Vorhof zur höchſten Glückſeligkeit-“ unſere Zeit liegt ſehr im Argen.. Ich bin kein Revolutionär, der einen gewaltſamen Umſturz der Ge⸗ ſellſchaft wünſcht, auch träume ich von keinem Eldorado der Vollkommenheit hienieden, aber ſchon ſeit vielen Jahren hat mich der Gedanke geſchmerzt, daß die Menſch⸗ heit von einem Kreuze gedräckt wird, das um Vieles ſchwerer iſt, als der Himmel es beſtimmt hat. Mögen 136 Andere über neue Geſetze und verbeſſerte Regierungs⸗ formeln grübeln; ich glaube, daß auch unter den ge⸗ genwärtigen politiſchen Verhältniſſen der Welt das Glück allgemeiner ſein und friſcher blühen könnte. Die Re⸗ volution, die ich wünſche und erſehne, betrifft die äuße⸗ ren Formen nur wenig; ſie fordert weder das Blut des, Volkes, noch die Krone der Regenten, ſie berührt nur die Gefühle der Individuen. Ja, das Herz, das iſt die wahre Grundlage für alle großen Reformen, für alle Widerwärtigkeiten! der Nebel, der uns umgibt, und in Folge deſſen wir dieſe vielen Mißgriffe in Be⸗ zug auf das, was zu unſerm wahren Glücke gehört, begehen, kommt nicht von oben, von der Heimath der ewigen Klarheit, von ihm, der über ſeiner neu geſchaf⸗ fenen Welt ſo liebreich gebot: Es werde Licht.. O nein, er kommt von unſeren verirrten Wünſchen. Statt in freier und klarer Flamme aufzulodern, brennt unſere Seele mit einem halb erſtickten Leben. Der Funke in uns ermangelt der Lebensluft; er kann weder brennen noch erlöſchen. Er glüht bloß und ruft, wenn ich ſo ſagen darf, eine Rauchwolke hervor. Laß einen friſchen Wind durch das Leben blaſen, und der Rebel wird ſich zerſtreuen. Bemerke es wohl, Leopoldine, ein ſolcher Wind iſt die Kunſt. Bei den Alten, die in manchen Fällen klüger waren als wir, war Apollo zu gleicher Zeit der Gott der ſchönen Künſte und der Sonne.“ Nach einer augenblicklichen Pauſe fuhr Michael fort: „Die Geſchichte liefert uns viele Beweiſe dafür, wie jede großartige Handlung unter dem Einfluß eines edlen Enthuſiasmus ausgeführt wurde; wie eine ein⸗ zige hochſinnige Idee oft eine ganze Nation zu inſpiri⸗ ren, alle Kleinlichkeit zurückzudrängen und die erhaben⸗ ſten Züge von Muth, Kraft und Selbſtverleugnung hervorzurufen vermochte. Aber in welchem Lande wir auch geboren ſein mögen, unſer rechtes Baterland liegt doch über den Wolken, und es gibt deßhalb eine Art 137 von Patriotismus, der allen Nationen gemeinſchaftlich iſt, nämlich die Liebe zum Guten, gleichwie ſich bei uns Allen ein Gefühl vorfindet, das die edelſte aller Begei⸗ ſterungen, nämlich die Empfindung für das Schöne hervorzurufen vermag. Würde dieſes Gefühl, das jedem Herzen angehört, bei dem Volke zu einem höheren Leben erweckt, ſo würde auch der genannte Patriotismus auf feſteren Grundlagen ruhen. Dann würde die Civili⸗ ſativn nicht mehr wie jetzt über die Welt hingehen, indem ſie die Rohheit, aber auch die Kraft bricht. Sie würde nicht ſo wie jetzt bei jedem Schritt unzählige Keime zu neuen Laſtern und einem vorher ungekannten EFlend ausſtreuen; ſie würde dann nicht mehr bloß ein Irrlicht der Aufflärung, ſie würde die wahrſte von allen Aufklärungen ſelbſt ſein. Die Menſchen würden eine Binde von ihren Augen weggeriſſen finden; ſie würden erfahren, daß ſie Alle Kinder deſſelben Vaters ſind, daß ihr Glück gemeinſchaftlich iſt, und daß in jeder Seele ein mit der ganzen übrigen Schöpfung harmo⸗ niſcher Ton erklingt Es ſcheint mir, als ſei dieſes Ziel nicht unerreichbar, es lebt ja ſo unendlich viel Schönes um uns her, wenn nur unſere Herzen dafür offen wären. Aber ach, es liegt ein ſchwerer Stein auf unſerm Herzen, ein Grabſtein, Leopoldine, welchen die Kunſt, dieſer Engel der Auferſtehung, beſſer als irgend ein Anderer abzuwälzen vermag. „Und dieß iſt Ihr Glaube?“ „Mein feſter Glaube. Die Welt verlacht mich und ruft mitleidig: Armer Phantaſt, ſeine Ideen ſind nur leere Träume!. Großer Gott, wenn ich nur ein träumender Thor bin, ſo vertrane ich dennoch auf Dich und preiſe mein Loos glücklich, im Vergleich mit den⸗ jenigen, die auf die kleine Seifenblaſe, genannt eigene Weisheit, neue Welten und neue Syſteme bauen... Leider habe ich ſelbſt wenig ausrichten können. Viele Widerwärtigkeiten haben meine Unternehmungen durch⸗ kreuzt und meine beſten Bemühungen zu Nichte gemacht. 138 Mir wurde nur die Liebe zur Kunſt und der Glaube, ja, die Gewißheit ihrer holden Beſtimmung gegeben, nicht aber die Eigenſchaften der ſchöpferiſchen Kraft und die materiellen Gaben, die einen großen Künſtler bilden. Deßhalb habe ich, wie geſagt, nur in geringem Maß für die Idee zu wirken vermocht, die mein Herz erobert hat und für die ich gerne mein ganzes Leben opfern wollte. Ich klage jedoch nicht über mein Schick⸗ ſal, denn man kann ſchon allein dadurch glüchlich ſein, daß man in einem großen, einem ſchönen Gedanken lebt.. Ganz ſicher beſitzt die gute Sache manchen würdigeren Kämpen als ich bin, und es werden noch Mehrere auftreten, denn juſt, weil die Sache gut iſt, iſt ſie auch wahr und kann alſo nicht fallen. Was bei mir vielleicht bloß noch eine dunkle Ahnung iſt, das wird in der Zukunft ſeine volle Entwickelung gewinnen; dann wird der Kampf kurz und der Sieg gehr werden Freue Dich, Leopoldine, auch Du haſt eine Rolle in dieſem Kampf; auch Dir kommt es zu, den Weg für beſſere Zeiten zu bahnen.“ „Ach, auch ich habe hohe Gedanken von der Be⸗ ſtimmung der Kunſt gehabt, und ich beſitze ſie theilweiſe noch. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt, meiner eigenen Kraft zu mißtrauen. Was bin wohl ich? Nur eine Sängerin, deren ganzes Talent ſich darauf beſchränkt, dem Publikum mitunter einen angenehmen Zeitvertreib zu bereiten, deren ganze Aufgabe darin be⸗ ſteht, einige wenige Zuhörer zu erheitern, zu zerſtreuen und ſie in meinen beſten Augenblicken zu einem flüch⸗ tigen Entzücken hinzureißen. Dieß iſt Alles. So iſt meine ganze Kunſt bloß für den Augenblick da; wenn meine Töne verklungen ſind, ſo ſind ſie auch ſchon wie⸗ der vergeſſen Ich habe meine Unbedeutſamkeit juſt durch das gefunden, was man meine Triumphe nannte.“ „Daß Du Dich von Deinen Triumphen nicht be⸗ friedigt fühlſt, iſt ein Beweis für Deinen höheren Be⸗ ruf und dafür, daß Dein Ehrgeiz einer andern, beſſern 139 Art angehört, als der Ehrgeiz der großen Menge, der einzig und allein Eitelkeit iſt. Siehſt Du, Levpol⸗ dine, meine Vorliebe für die Muſik kommt nicht allein von meinen beſonderen Anlagen oder auch von meinen Studien, ſondern daher, daß dieſe Kunſt mit dem Men⸗ ſchenherzen in näherer Verbindung ſteht, als irgend eine andere. Die Malerei, die Plaſtik, ja ſogar auch die Dichtkunſt fordert, um aufgefaßt und begriffen zu wer⸗ den, ein gewiſſes Maß von Kenntniſſen, einen gewiſſen Bildungsgrad, weßhalb dieſe Künſte dem großen Publi⸗ kum immer fremd bleiben werden. Aber die Muſik ge⸗ hört dem Volke an. Sie lebt mitten unter uns, wie ein vertraulicher, tröſtender Freund, dem man ſowohl ſeine Freude als ſeinen Kummer anvertraut. Mit Ge⸗ ſung kannſt Du das Herz des Volkes gewinnen und ſeinen Enthuſiasmus erwecken; im Geſang kannſt Du den Menſchen die höchſte Offenbarung von den Kräften ihrer Seele und der Göttlichkeit des Schönen geben. Geh' unter das Landvolk hinaus und Du findeſt dort, daß es ein reiner Inſtinkt iſt, der dieſe Leute veranlaßt, ihre Gefühle im Geſange zu ergießen, und ungeachtet ſie keine Ahnung von den Regeln der Kunſt und der Wiſſenſchaft haben, wie manches ſchöne, echt poetiſche Liev iſt nicht von ihnen ausgegangen! Dieſe muſitaliſche Inſpiration, die ſich bei dem Bauernſtande vorfindet, beweist mehr als alles Andere, daß die Muſik vorzugsweiſe eine na⸗ türliche Kunſt genannt werden kann, die theilweiſe von allen Bildungsgraden unabhängig iſt. Jetzt iſt es leider etwas ganz Gewöhnliches, daß die Wiſſenſchaft da, wo ſie Hand an eine Sache legt, nur wenig Scho⸗ nung gegen die Natur zeigt. Die kluge Frau liebt es, recht grundlich zu Werke zu gehen; deßhalb will ſie auch ſogar den Grund ſelbſt umarbeiten und es iſt ihr ganz beſonders lieb, von dem Gebäude, das ſie dann errichtet, ſagen zu können: Seht, das iſt ganz mein eigenes Werk, etwas ganz Neues von oben bis unten. 140 Ihre Rolle als Leiterin und Erklärerin verachtend, ſcheint ſie ſtatt deſſen als Schöpferin im Kleinen auf⸗ treten zu wollen.. Wir finden dieſen wiſſenſchaftlichen Hochmuth auch in der Geſchichte der Muſik wieder. Man hat ſich unglaubliche Mühe gegeben, aus dieſer lebendigen, freien Kunſt eine recht grundgelehrte, wenn auch todte Wiſſenſchaft zu bilden. Zu dieſem Zweck hat mancher beharrliche Denker, mancher ſpitzfindige Ma⸗ thematiker ſich graue Haare angegrübelt, und es hat große Genies gegeben, für welche ein muſikaliſcher Ge⸗ nuß weniger mit den Ohren und dem Gefühl, als mit den Augen und dem Verſtande zu thun hatte. Aber Dank, ewiger Dank ſei den Heroen der Kunſt geſagt, welche den hochgelehrten Spekulationen den Hals brachen und einem nakurfriſcheren Geiſt Platz ſchafften!. Doch die Wiſſenſchaft iſt nicht der ſchlimmſte Tyrann der Kunſt; ſie hat noch einen andern Gegner, und die⸗ ſer heißt Mode. Von ihr kann man juſt nicht ſagen, daß ſie zu ſtudirt und zu ſyſtematiſch ſei; aber ſie iſt ſtatt deſſen allzu leichtfertig. Einen Zug hat ſie jedoch mit ihrem gelehrten Confrater gemein; ſie hat nämlich gleich dieſem der Wahrheit und der Natur den Rücken gekehrt. Die moderne Aeſthetik iſt nicht leicht zu cha⸗ rakteriſiren, denn ſie flattert mit dem Wind, der heute weht, aber wenn wir die Erzeugniſſe beobachten, die ſie hervorgebracht hat, ſo werden wir bald finden, daß mit einigen wenigen Ausnahmen all' ihr Streben dahin geht, Effect zu machen, die Sinne des Publikums krampf⸗ haft zu reizen und dem Glänzenden, dem Zierlichen die Sprache des Herzens zu opfern. Das Wahrhaft⸗ ſchöne hat dem Flittertand weichen müſſen, den der Ge⸗ ſchmack des Tages anbetet. Ein ehrlicher Wunſch, die⸗ ſen Geſchmack zu reinigen und zu veredeln, wird ſelten bemerkt. Inzwiſchen haben wir noch immer viele Ge⸗ nies und mehr Talente. Sie haben uns wahre Meiſterwerke in ihrer Art geſchenkt; nur Schade, daß die Art ſelbſt nicht meiſterhaft iſt. Die Kunſt blüht, 141 behauptet man. Ja wohl, aber dieſe Blüthen ſind künſtlich. Sie gleichen gänzlich den Bougueten, die man ſeit einiger Zeit mit erſtaunlicher Geſchicklichkeit in den Fabriken zu Paris verfertigt; man muß die mechaniſche Geſchicklichkeit bewundern, die Farben ſind glänzend, die Zuſammenſetzung untadelhaft, und man meint ſogar funkelnde Thautropfen in den üppigen Kelchen zu ſehen. Aber betrachte ſie näher, ſo findeſt Du ein geſchmücktes Flickwerk, und vergebens ſuchſt Du die Parfüme, die den naturfriſchen Düften gleichkämen. Sehr oft verachtet man es gänzlich, die Natur zum Vorbild für ſeine Schöpfungen zu nehmen. Man will recht originell ſein und malt und bekleiſtert ganz nach ſeiner eigenen Phantaſie. Das Publikum findet darin keine Schmähung gegen Gott, denn das Publi⸗ kum hat ſich in das Künſtliche verliebt, und wer dieſen künſtlichen Geſchmack nicht theilt, wer ſeine Seele nicht in die modernen Formen hineinzwängen kann, der muß von den Kindern der Kunſt zu denen der Natur fliehen, um noch einmal das lebendige Schöne genießen zu dür⸗ fen. Ja, meine Ueberzeugung geht dahin, daß, wenn ſich in der Welt nicht mehr Muſik vorfände, als man bei den Herren Muſikern von Profeſſion trifft, das letzte Stündchen der ſchönen Kunſt bereits geſchlagen hätte. Die Mode hat alſo ebenfalls eine Uebertreibung hervorgerufen, aber eine Uebertreibung, welche uns Hoff⸗ nung auf eine baldige und wohlthätige Revolution im allgemeinen Geſchmacke einflößen muß. Die Oper iſt der Triumph der Muſik, und ich liebe ſie, wie Du weißt, vorzugsweiſe. Manche ſchöne Wahrheiten ſind über das Theater im Allgemeinen ausgeſprochen wor⸗ den, und Niemand hat ſich unterſtanden, ſie abzuleug⸗ nen; aber dennoch wird ihnen nicht nachgelebt. Was jetzt die Oper insbeſondere betrifft, ſo glaube ich, daß e ſich auf einem Irrwege befindet und bei Weitem nicht das iſt, was ſie ſein könnte und ſollte. Die größte Schwierigkeit bei der Compoſition einer Oper, die man 142 ein ganzes und vollendetes Kunſtwerk nennen kann, liegt in der Hervorbrechung der Einheit, der innigen Uebereinſtimmung, die zwiſchen allen mitwirkenden ſchö⸗ nen Künſten und beſonders zwiſchen der Poeſie und Muſik, ſtattfinden muß. Die Worte und die Töne müßten zugleich erzeugt werden, aus demſelben Herzen entſpringen. Aber ſolche Gaben gehören zu den Selten⸗ heiten, und jedenfalls kann viel Gutes erreicht werden, wenn man nur mit der nöthigen Kritik ſeinen Gegen⸗ ſtand wählt. Die Anſichten über das, was von einem muſikaliſchen Gegenſtand gefordert werden ſoll, find ſehr getheilt. Man hat behauptet, die Oper möchte ſich vor⸗ zugsweiſe an geſchichtliche Heldenthaten oder an die Myhthologie und die wunderbare Feenwelt halten. Ich glaube das nicht und kann beſonders keinen einleuchten⸗ den Grund dafür finden, daß wir in der Kunſt Heiden ſein ſollen, während wir doch das unſchätzbare Glück haben, in der Wirklichkeit Chriſten zu ſein. Selbſt Mozart, der größte Tondichter, den die Erde hervor⸗ gebracht hat, er, deſſen außerordentliches Genie mehr als irgend ein Anderer zur Entwickelung der Muſt beigetragen, auch er hat zuweilen ſeine Götterkraft an ganz abgeſchmackte und ſeiner allzu unwürdige Gedichte verſchwendet. Die moderne Zeit hat auch in dieſer Be⸗ ziehung keine gute Fortſchritte gemacht. Man ſcheint in inrn Tagen vorzugsweiſe vom Teufel ſingen zu wollen. Wenige Opern haben größeres Glück gemacht als Fra Diavolo, Robert der Teufel, Teufelsantheil und mehrere andere von demſelben diabvliſchen Schlag⸗ Die Hölle kann doch unmöglich das rechte Feld füt eine ſo himmliſche Kunſt ſein, zumal wenn man bedenkt,; daß die Muſik nicht einen einzigen Ton für das Nit⸗ drige, das Gemeine und Unwahre hat. Ihre haupt⸗ ſächlichſte Eigenſchaft beſteht im Jealiſiren, aber das Teufliſche zu idealiſiren iſt ein undankbares Unterneh⸗ men. Ein Teufel auf der Bühne müßte immer falſch 143 ſingen; das iſt das Einzige, was ſeine Rolle charakte⸗ riſiren kann, denn er iſt unleugbar von einer ſehr unhar⸗ moniſchen Natur. So viel ſteht inzwiſchen feſt, daß dieſes ſataniſche Genre niemals hätte auftauchen und noch weniger ſich oben erhalten können, wenn nicht das Publikum ſeine Begriffe von Kraft und Leidenſchaft vermengt hätte. Man hat gemeint, die Muſik fordere unbedingt eine ſtarke Poeſie, und deßhalb hat man ſelbſt aus der Hölle Kräfte ſchöpfen wollen, indem man vergaß, daß die Kraft der Bühne nur Leidenſchaft iſt.“ „Sie lieben alſo die Oper weniger wegen deſſen, was ſie iſt, als wegen deſſen, was ſie ſein könnte. „Und dieſe Liebe, Levpoldine, iſt das Koſtbarſte, was mein Herz beſitzt. Dieſe Liebe iſt meine Stütze geweſen in den Kämpfen des Lebens, ſie hat mir Troſt im Kummer und auch in meinen trübſten Tagen Hoff⸗ nung geſchenkt. Es iſt mein feſter Glaube, daß die Erlöſung des Menſchen zu einem glücklichen Leben ſchon hienieden auf der Kraft beruht, welche das eingeſchlum⸗ merte Schönheitsgefühl wieder zu erwecken vermag, denn dieſes Gefühl in ſeiner rechten tiefen Bedeutung iſt die einzige wirkliche Quelle der Tugend, und vor Allem iſt es die Oper, der Inbegriff aller ſchönen Künſte, die eine ſolche Kraft beſitzt. Ich weiß, daß ich den Tag nicht erleben werde, wo die Wiedergeburt der Menſch⸗ heit ihre Vollendung feiert, aber auch über den Wolken werde ich mich an dieſem Siege erfreuen; ich werde es, denn alle unſere guten Sympathien gehören der Ewig⸗ keit an. Ja, mich entzückt ſchon der bloße Gedanke daran, ſchon der Zukunftstraum, den meine Phantaſie hervorruft. Siehe, Leopoldine, dieſer finſtere Schatten, der jetzt über dem Theater ruht, iſt verſchwunden. Alle dieſe Feſſeln, welche von der Mode und dem Flitter⸗ tand auferlegt werden, ſind gebrochen. Der Tempel der Kunſt ſteht gereinigt, befreit da. Sie iſt nicht mehr ein Gegner, ſie iſt ein Bundesgenoſſe, eine feſte Stütze der Kirche und Religion. Beide haben denſelben Zweck, 144 die Veredlung der Menſchen; beide haben Einen Gott und Eine Lehre. Siehe dieſes vergnügte, friedliche, harmoniſche Volk. Das Verlangen, ſeine Zeit zu tödten, iſt verſchwunden. Man beſucht die Schaubühne nicht bloß, um nach der Mühe des 2he dort auszuruhen, ſondern um ſeiner nach Wirkſamkeit dürſtenden Seele eine edle Beſchäftigung zu ſchenken. Man erfreut ſich an den idealiſirten, aber dennoch immer natürlichen Schilderungen, die hier gegeben werden. Man geht mit einem gereinigten Sinn, einem verfeinerten Geſchmack, mit lebhaften, aber nicht ſtürmiſchen Gefühlen von dan⸗ nen, und wenn man dann im wirklichen Leben um ſich blickt, findet man, daß auch hier eine unerſchöpfliche Schönheit wohnt, und man fühlt ſich glücklich, Menſch zu ſein; dasjenige Glied in der Kette der Schöpfung, das Gott am nächſten ſteht.“ Aber welche Form, lieber Michael, glauben Sie, daß die Oper zu dieſer Zeit angenommen habe? „Ich wage es nicht zu beſtimmen, aber ich bin vollkommen überzeugt, daß ſie ſich dann ebenſowenig mit Aberglauben, Zauberei, Heidenthum und Wundern befaßt, als mit dieſen wollüſtigen, ſinnlich reizenden, leichtfertigen Liebesgeſchichten oder dieſen erſchütternden, blutigen Gräßlichkeiten, die jetzt großen Beifall gewin⸗ nen. Ich ſtelle mir vor, daß ſie ſtatt deſſen mehr wahr⸗ haft menſchliche Gegenſtände wählen und dadurch, daß ſie vorzugsweiſe die edelſten und erhabenſten Gefühle darſtellt, mehr zu dem Schönen und Guten anlockend, als von dem Niedrigen und Gemeinen abſchreckend zu wirken ſuchen wird. Es iſt der Engel in unſerm Her⸗ zen, den ſie aufwecken will; aber ſie befaßt ſich nicht damit, die Dämonen hervorzurufen, und ſie weiß, daß etwas Gefährliches in der Gabe des Genies liegt, das Böſe zu vergolden und nach ſeiner Art auch zu poetiſi⸗ ren, ſelbſt wenn es unter dem Vorwand geſchieht, als warnendes Exempel zu dienen. Ohne Zweifel wird auch der muſitaliſche Ausdruck ſelbſt große Veränderungen 14⁵5 erfahren. Wenn eine reine äſthetiſche Bildung die vie⸗ len Vorurtheile beſeitigt hat, welche jetzt das Publikum irre führen, ſo kann man nicht mehr mit einer leeren, geiſtloſen Contrapunkt⸗Gelehrſamkeit oder mit einigen halsbrecheriſchen muſikaliſchen Seiltänzerinnen zu glän⸗ zen wünſchen. Man wird dagegen eine ſehr einfache, prunkloſe und mehr naturgetreu malende Form wählen Ich ſelbſt habe einmal einen Verſuch in dieſem Geiſte gewagt. Damals wie jetzt brannte ich vor Ver⸗ langen, der Kunſt zu nützen, aber ich kannte mich ſelbſt noch nicht genug; ich beſaß noch die Illuſion, als Tondichter den allgemeinen Geſchmack reformiren, die Modetollheiten überwältigen zu können. Du weißt, daß ich kein Glück machte, daß ich einer ſo großen Auf⸗ gabe nicht gewachſen war. Ganz ſicher würde guch ein größeres Talent als das meinige denſelben ſchlechten Erfolg gehabt haben, denn die Zeit iſt noch nicht ge⸗ kommen, um auf dieſe Art aufzutreten. Ehe das Publi⸗ kum begreifen und fühlen kann, was ich mit einer wah⸗ ren Muſik meine, muß dieſes Publikum eine Vorberei⸗ tung durchgemacht haben, eine Vorbereitung, die nicht dem Tondichter, ſondern dem Virtuoſen angehört, denn dieſer Letztere iſt es, der jetzt dem Publikum am näch⸗ ſten ſteht. Ja, Leopoldine, begreife das rechte Feld Deiner Wirkſamkeit. Wenn einmal ein Virtuos auftritt, der mit Talent und dem Feuer des Genies ein edles Herz und eine richtige Auffaſſung des hohen Zweckes der Kunſt vereinigt, der von einer reinen Liebe zum Jealiſchſchönen belebt wird und nicht von dem eiteln Wunſch zu berauſchen und ſich ſelbſt zum Abgotte der Stunde zu machen; der aus dem Gefühl für das Große in ſeinem Beruf den Muth ſchöpft, allen Verſuchen zum Abfall, womit die Welt verlockt, zu widerſtehen, und der nie, nie vergißt, daß die Sehnſucht, das Ver⸗ langen nach dem Idealen, das dem Menſchen angehört, bei dem Kuͤnſtler ſo rein ſein muß, wie die Liebe der Ein Funke. II. 10 146 unſchuld zur Wahrheit und Tugend; wenn einmal ein ſolcher Virtuos auſtritt, dann iſt der rechte Weg er⸗ öffnet; Andere werden ſeinen Fußtapfen folgen und die Kunſt iſt gerettet. Ein ſolcher Virtuos wird mit Ur⸗ theil unter den vielen guten Meiſterwerken auszuwähleu wiſſen, die wir bereits beſitzen; er wird auch in die weniger würdigen Compoſitionen einen neuen Geiſt brin⸗ gen; er wird ſeelenloſen Dingen eine Seele geben; er wird den Himmel zwiſchen den dunkeln Wolken vor⸗ ſchimmern laſſen, auf ſolche Art einen verirrten Geſchmack brechen und die Herzen des Publikums für edle Ge⸗ nüſſe empfänglich machen. Ich habe mich nicht betro⸗ gen, das ſagt mir eine innere Stimme;z ich habe end⸗ lich gefunden, was ich ſo lange ſuchte. Du, Leopol⸗ dine, Du ſelbſt biſt ein ſolcher Virtuos! Eine höhere Macht hat Dir Dein Talent als Sängerin gegeben, damit Du eine glückliche Zukunft in der Welt der Kunſt und alſo auch im wirklichen Leben anbahnen mögeſt.“ Michael hatte ſich erhoben, während er ſo ſprach. Die Idee, welche er entwickelte, bildete die Hauptſumme ſeines Glaubens, ſeiner Liebe und ſeiner Hoffnung- Er war ſelbſt hingeriſſen von ſeinem Gegenſtand und nahm S Wärme der Phantaſie als eine prophetiſche Ein⸗ gebung. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hatte Leopoldine ſeinen Worten gelauſcht. Sie war ſeinen Gedanken auf ihrem kühnen Fluge gefolgt. Der Enthuſiasmus des alten Schwärmers hatte ihre eigene Seele durchſtrömt, und in dieſelbe holde Ertaſe verſetzt, die ihn belebte, ſtand ſie jetzt mit ſtrahlenden Blicken da, die Hände an ihre ſchwellende Bruſt gedrückt. „Dank Michael, Dank, Du edler Kunſt⸗ und Men⸗ ſchenfreund!.. Mir iſt, als ſei ich in dieſem Augen⸗ blick von einem langen Schlummer erwacht. Wohl habe ich manche ſchöne Träume gehabt, aber Du haſt mir noch mehr gegeben; Du haſt Licht über meine kindiſche Ahnungen verbreitet, Du haſt mir die Wahrheit gegeben⸗ 147 die ich ſo oft ſuchte, ſo oft erſehnte... Ja, ich will den Weg einſchlagen, den Du mir vorzeichneſt. Ach, verlaß mich nicht! An Deiner Hand werde ich ſtark werden, an Deiner Hand gehe ich mit gutem Glauben der Zukunft entgegen.“ „Ein guter, ein lebendiger Glaube iſt die erſte Be⸗ dingung aller großen Handlungen. Des Lebens Räth⸗ ſel, mein Kind, können wir zwar hier nicht vollkommen löſen; aber viel wird uns klarer, wenn wir nur auf die Offenbarungen achten, die uns gegeben ſind. Alles, was wir ſchön nennen, iſt eine ſolche Offenbarung, und Alles, was wir Begeiſterung nennen, iſt eigentlich bloß eine Rückkehr zu unſerem rechten, unſerem wahrſten Ich Siehe, wie die ganze Natur lächelt, gleich einem geſunden Kinde, das auf dem Schooße ſeiner Mutter pielt. Was beſagt wohl dieſes ſtille Glück, wovon Alles um uns her das Gepräge trägt?.. Es beſagt: Menſch, auch in Deiner Bruſt lebt eine gleich ſchöne Natur, ſie iſt tief zu Boden gedrückt, aber ſie lebt dennoch, um ihre Freiheit noch einmal zu erhalten.“ „Aber ganz hauptſächlich ſagt ſie, daß Gott die unerſchöpfliche Güte iſt.“ „Du genießeſt einen ſchönen Abend, eine freund⸗ liche Landſchaft. Wie unendlich mehr würdeſt Du nicht genießen, wenn Du die holde Harmonie, die hier vor⸗ herrſcht, auch auf die Menſchen ausgedehnt fändeſt. In der ganzen Natur um uns her gibt es nichts, was wir ein Unglück nennen können; warum ſollte wohl da der Menſch, das vollkommenſte aller Weſen, das einzige Mißlungene in der ganzen Schöpfung ſein? Nein, wir ſind nur in em Maß unglücklich, als wir untreu und von unſerer Beſtimmung abgefallen ſind. Für uns gibt es viele Himmel, denn jedes gute und edle Gefühl ſchließt einen ſolchen in ſich; aber die Hölle liegt in einer nicht er⸗ füllten Pflicht. Ich glaube auch an ein Fegfeuer, näm⸗ ich an dasjenige, das unſere Seelen durchmachen müſſen, wenn ſie einmal auf der Grenze zwiſchen der Zeit und 0 148 der Cwigkeit, zwiſchen Erde und Himmel ſtehen und da auf der einen Seite von dem höchſten Schönen be⸗ zaubert werden, auf der andern eine Zuſammenſtellung ihres ganzen verfloſſenen Lebens ſehen. Denke Dir, welch' ein Augenblick herzzerreißender Qual, wenn das Gemüth bereits eine himmliſche Reinheit erhalten hat wenn der Geiſt von einer göttlichen Harmonie durch drungen iſt, auf einmal wie auf einer Karte ſeine zurück⸗ gelegte Wanderung zu überſchauen, zu ſehen, wie ſie zwiſchen Sünden und Thorheiten, zwiſchen Fehlern und Verbrechen ſich hinſchlängelt. Ein ſolches Fegſeuer ſteht uns allen bevor, und möge Gott uns einmal vor der Entdeckung bewahren, daß wir gänzlich den Weg ver⸗ loren haben, der uns vorgezeichnet war!“ „Möge Gott mich davor bewahren!“ ſtimmte Lev⸗ poldine in heiliger Andacht ein. „Sei ohne Furcht, mein Kind. Dein Ziel iſt ſo ſchön, daß Du) wenn Du es nur einmal recht auffaſ⸗ ſeſt, es auch lieben mußt, und dieſe Liebe wird dit Mühe Deiner Anſtrengungen verſüßen. Daß die Menge unſerer Künſtler auf halbem Wege ſtehen bleibt, das kommt nicht ſowohl von der Armuth an Genie her, als vom Mangel an wahrer Liebe zur Kunſt. Man kommt dadurch in den Himmel, daß man ruft: Abba, lieber Vater! Man dringt nicht dadurch in das Heiligthun der Kunſt, daß man nur Talent und Phantaſie beſitzt. Die Arbeit und der Fleiß ſind auch nichts Seltenes, aber man ſcheint gänzlich vergeſſen zu haben, daß nut diejenige Art von Bildung, deren rechte Bedeutung Veredlung heißt, der Seele die Fähigkeit verleiht, ſich in eine wdeale Welt zu verſetzen, und was iſt woh ohne dieſe Fähigkeit das Genie? Ein Lurus, ein Uebet⸗ fluß, den man angafft und worüber man ſich verwun⸗ dert, aber nichts zum Lieben und Bewundern. Von einem Genie ohne Tugend hat man viel zu fürchten, aber nichts zu hoffen.. So viel iſt klar, daß eine ſo ſelbſtſuͤchtige Zeit wie die gegenwärtige für dir 149 Kunſt nicht günſtig werden kann. Sie führt auch im Allgemeinen ein ſehr betrübtes und dahinwelkendes Le⸗ ben, was das Geiſtige betrifft; aber im Materiellen zeigt ſie ſich um ſo fetter und wohlhabender. Die Kunſt wird jetzt gemeiniglich nur als ein Induſtriezweig be⸗ trieben und betrachtet. Der alltägliche Ehrgeiz iſt wenig beſſer als die bloß und offen dargelegte Geldgier. Darum ſind unſere Künſtler zum großen Theil nur Fabrikanten geworden, und der Geiſt, der ſie belebt, iſt im Grunde nichts Anderes, als ein Geſchäftsgeiſt. Schwefelſchnitten oder Gemälde zu verfertigen, Baumwolle zu ſpinnen oder Muſik zu machen, Bücher zu ſchreiben oder ſie zu drucken, Alles hat eigentlich einen und denſelben Zweck, nämlich Geld zu verdienen. Und es iſt ſehr Schade, daß die vortreffliche Dampfkraft noch nicht auf die ſchö⸗ nen Künſte anwendbar gemacht werden konnte, dann erſt könnte man ſie recht en gros betreiben. Aber das wird vielleicht in einer Zukunft liegen. Ja, ich finde es gar nicht unmöglich, daß man einmal ein ganzes Orcheſter erfindet, das mit Dampf getrieben wird, und was unſere Ballette im Allgemeinen betrifft, ſo wäre es ein reiner Gewinn, eitel kleine Dampfmaſchinen ſtatt der plumpen, athemloſen Figurantinnen zu ſehen. Du lächelſt über meine Uebertreibungen, aber ſie ſind ja bloß eine Folge der Prineipien, die ſich geltend gemacht haben. Wenn das Mechaniſche in der Kunſt die Ober⸗ hand gewinnt, dann werden auch die Künſtler mehr oder weniger Induſtrieritter, und das Publikum lernt das Schöne in demſelben Verhältniß ſchätzen, als es theuer iſt. Wenn Du in einer Geſellſchaft von einer großen Tänzerin ſprichſt, wird man Dich ſogleich fragen: wie groß iſt ihr Gehalt? wie viel kann ſie an einem Abend verdienen? Und Jedermann wünſcht ihr Talent zu be⸗ ſitzen, nicht darum, weil man damit ſeinen Mitmen⸗ chen einen edlen Genuß bereiten könnte, ſondern haupt⸗ ſichlich darum, weil man dann gefeiert und geprieſen, und vor allen Dingen ſehr reich würde. Wie manch⸗ 150 mal habe ich nicht ſonſt ehrenwerthe und vortreff⸗ liche Perſonen mit vollem Ernſt rufen hören: Ach wenn ich die Kehle der Malibran oder die Beine der Taglioni hätte, dann würde ich das Geld mit Scheffeln meſſen! und ſolche Aeußerungen, die von einer trauri⸗ gen Rohheit mitten im Zeitalter der Bildung und Auf⸗ klärung zeugen, erregen keinen Verdruß; man fühlt ſich dadurch nicht verletzt, man findet ſie im Gegentheil ſehr klug und verſtändig. Solche Anſichten, Leopoldine, können zwar allerdings die Künſtler zu Millionären machen, aber ſie ruiniren die Kunſt jelbſt. Es gibt auch noch eine andere Macht, die ſchon manchen jungen Adepten der Kunſt veranlaßt hat, ſeine Bahn zu ver⸗ laſſen. Das iſt die Liebe, und vor dieſer beſonders will ich Dich warnen. Die Liebe im Allgemeinen iſt wie ein Buch, das eine pvetiſche Vorrede hat, dann aber in die trockenſte Proſa übergeht. Ich habe auf der Künſtierlaufbahn manche gute Anlage auftauchen geſehen, die im Anfang von der Liebe bethört, zuletzt unter den Sorgen des Familienlebens begraben wurde, und wer kann all die hoffnungsvollen Sängerinnen zäh⸗ len, die ihren Beruf aufgegeben haben, um ſchlechte Ehefrauen zu werden? Solche Gaben wie diejenigen, die Dir verliehen ſind, gehören zu den beſonderen Gna⸗ dengaben des lieben Gottes. Barum fordert er auch, daß ſie wohl gepflegt werden ſollen, und er ſcheint als eine gerechte Strafe feſtgeſetzt zu haben, daß derjenige, der die Fähigkeit zu etwas Großem erhalten hat, ſie aber nicht benützt, auch im Kleinen nicht glücklich ſein ſoll. In Folge deſſen ſind alle verwahrlosten Genies im praftiſchen Leben große Stümper geblieben. Es iſt nicht genug, daß man der Kunſt ſeine Hand ſchenkt, man muß ihr auch ſein Herz ganz ungetheilt ſchenken. Ich glaube nicht, daß eine große Idee je durchgeführt worden iſt, ohne daß derjenige, der dafür gewirkt hat⸗ ihr all ſeine Kraft vpferte, denn es iſt uns nicht mög⸗ lich, zweien Herren auf eine befriedigende Art zu die⸗ 15⁴¹ nen, und ich wage zu behaupten, daß es mit der weib⸗ lichen Natur unvereinbar iſt, zu gleicher Zeit für die Kunſt und für einen Geliebten zu glühen. Du weißt, welche Anſprüche ich an einen Künſtler mache, Du haſt ſut⸗ daß Du ſie billigeſt. Du mußt alſo auch ein⸗ ehen, daß die Treue, die ich verlange, eine unerläß⸗ liche Bedingung für den Erfolg und Sieg iſt.“ „Aber die Liebe iſt ja der gute Engel des Herzens. Von ſeinem Himmel ſenkt er ſich herab und führt uns mit ſich zurück in die Heimath der Glückſeligkeit die Liebe, die glückliche Liebe iſt ja das ſchönſte, das beſte der Gefühle, das wir empfinden können; wie kann ſie alſo der Kunſt feindlich ſein?“ „Darum, Leopoldine, weil die glückliche Liebe von ſo kurzer Dauer iſt! Euer gewöhnliches Schickſal, ihr Eastöchter, iſt, in der einen Stunde vergöttert und in der andern verſtoßen zu werden. Wahrhaftig, die Stel⸗ lung des Weibes im Allgemeinen erſcheint mir allzu abhängig, und was ihre Liebe betrifft, ſo zeigt es ſich alltäglich, daß ſie, je mehr ſie liebt, um ſo mehr Skla⸗ vin wird und ihre eigene Menſchenwürde vergißt. Sie findet einen Genuß darin, beherrſcht zu werden. Ihre Liebe hat ein beſtändiges Bedürfniß, in Opfern zu leben, und demjenigen, den ſie liebt, ſchenkt ſie Alles, nicht bloß das Herz, ſondern ihre ganze Individualität, ihren Willen, ihre Wünſche, ja wenn er es verlangt, auch ihre Tugend und ſogar, ſoweit dieß möglich iſt, ihr Gewiſſen. Es ſcheint, als beſtände ihre lieblichſte Freude darin, gänzlich als ein ſelbſtſtändiges Weſen zu ver⸗ ſchwinden und nur als ein Theil ihres Geliebten, als ein Gedanke, ein Gefühl von ihm zu leben. Es iſt ihre ſtrahlende Sonne und ſie will bloß wie der Mond leuchten, als ein Wiederſchein von ihm. Wie gefährlich iſt nicht eine ſolche Liebe!“ „Und was anders haben Sie uns wohl ſtatt ihrer zu bieten? Die Sehnſucht unſeres Herzens, ſich auf dem Altar der Liebe zu opfern, iſt ſie nicht von den 15² ewigen unveränderlichen Geſetzen der Natur angeordnet? Sie können es nicht läugnen, das Weib iſt nicht geſchaffen, um allein durch das Leben zu wandeln, in der ſtillen Welt des häuslichen Lebens iſt dennoch ihr erſter Platz.“ n „Deßhalb will ich auch zu jedem gewöhnlichen Weibe ſagen: Brich dieſe glühende Roſe, ihre Dornen werden Blut aus Deinem Herzen preſſen, aber brich ſie jeden⸗ falls, Du findeſt keine ſchönere. Mit Dir dagegen verhält es ſich ganz anders.“ „Und warum 2“ „Weil Du Künſtlerin biſt.. Doch auch zu Dir will ich ſagen: Liebe, mein Kind, liebe warm und innig. Aber bedenke, es gibt eine andere, eine höhere Liebe, als diejenige, die mit Pfeil und Bogen brwaffnet einher⸗ gehtz erkühre Dir die Kunſtals Bräutigam Deines Herzens. Jeder andere Gegenſtund würde Deiner Serle die Frei⸗ heit rauben, Dur fremde Ketten anlegen und Dich wie Andere zu einer Sklavin der Leidenſchaft machen.. Du wirſt nicht allein ſein, wenn Du auch nicht als Gattin und Mutter lebſt. Deine Seele iſt groß genug, um die ganze Menſchheit zu umfaſſen; Du haſt nicht bloß einige wenige Menſchen, für die Du leben mußt, ſondern Deine ganze Zeitgenoſſenſchaft, und ſtatt eines häuslichen Herdes haſt Du eine ganze Welt.“ „Ich hatte ſelbſt früher dieſen Glauben und erfreute mich daranz aber jetzt, bei der Erinnerung an meine kurze Liebesfreude; finde ich dieſen Gedanken ſo kalt Doch mein Schickſal iſt feſtgeſetzt. Fürchte nichts. Die Liebe, vor welcher Du mich warnſt, wird ſich meinem Leben nie mehr nähern. Was auch geſchehen möge, ich werde als ein Fremdling durch's Leben wandeln; ich werde dem Glück fremd bleiben, das die holdeſte Hoffnung meines Geſchlechtes ausmacht. Aber ich will meine Seele von jedem Band, auch von demjenigen, welches mir am liebſten war, losteißen, und für die Kunſt allein lebenz ich werde es ohne Klage thun. Wenn gleichwohl 153 hie und da ein Seufzer aus meiner Bruſt aufſteigen oder eine Thräne meinem Auge entfallen ſollte, wenn ich zufällig auf meinem Wege einer glücklichen Liebe begegne und die ſtille Zufriedenheit, das Wohlbehagen und die 3 Freude um einen häuslichen Herd her ſchaue, dann mag Gott mir verzeihen und mir dieß nicht als Undankbar⸗ keit für das mir beſcheerte Loos, nicht als Untreue ge⸗ gen meine Pflicht anrechnen.“ „Er wird es nicht bloß verzeihen, ſondern er wird Dir auch für die flüchtigen und leicht geſtörten Freuden 1 der Liebe einen vielfachen Erſatz in anderen Freuden von einer höheren und unwandelbaren Natur ſchenken; er wird, wenn Du Deinem Beruf folgſt, Deine Zu⸗ kunft mit Blumen ſchmücken, über deren Schönheit die Kälte des Lebens keine Gewalt hat.. Noch bedarſſt Du einer kurzen Ruhe. Deine Seele wird hier im Schooße der Natur den Frieden wiederfinden, deſſen Dich die Welt für immer zu berauben verſucht hat, und 3 Deine phyſiſchen Kräfte werden aus dem Landleben neue Stärke ſchöpfen. Hernach mußt Du Dich ernſten muſika⸗ liſchen Studien widmen. Ich habe es ſchon oft geſagt und ich wiederhole es: noch fehlt Dir Vieles. Deine künſt⸗ 35 leriſche Erziehung iſt allzu oberflächlich geweſen. Man hat Dir Fertigkeit beigebracht, aber eigentlich ganz und gar keine Kenntniß, und nur durch Dein eigenes Genie biſt Du die gute Sängerin geworden, die Du biſt. Im Allgemeinen kann man ſagen, daß es ein Glück iſt kei⸗ ner Schule anzugehören, in einer Zeit, wo alle Schu⸗ len ſchlecht ſind. Aber um Deinen von Natur guten Geſchmack zu befeſtigen, mußt Du Dir nothwendig den Geiſt einverleiben, der die Werke unſerer großen klaſ⸗ ſiſchen Tondichter beſeelt, und hauptſächlich in dieſer 1 Richtung will ich Deine Studien leiten. Welcher Reich⸗ thum an himmliſcher Schönheit wird nicht dadurch Dein Herz erquicken, welche edle und erhabene Gefühle wer⸗ den nicht wie friſche Quellen in Deiner Seele empor⸗ ſprudeln! Erſt nachher mußt Du wieder in die Welt 154 hinaustreten, um Deine unterbrochene Laufbahn als Sängerin fortzuſetzen, oder vielmehr Du wirſt jetzt einen neuen Anfang machen; denn jetzt erſt haſt Du den rech⸗ ten Weg gefunden.“ „Und dann, Michael?“ „Dann Sieg!“ „Aber das Leben einer Sängerin iſt kurz, ſie altert bald; ihrer wartet zum Schluß ein trauriges Schickſal: ſie ſtirbt für die Kunſt, aber nicht für das Leben.“ „Wenn die Stunde der Ruhe gekommen iſt, was können wir dann Beſſeres beſitzen, als die Erinnerung an eine ſchöne und nützliche Wirkſamkeit!. Die Welt, die manche falſche Lehren in Umlauf bringt, predigt beſtändig als eine goldene Weisheitsregel für alle Jünger der Kunſt: Sei thätig, ſo lange Du ſtei⸗ gen kannſt; aber wenn Du Deine höchſte Höhe, Deinen größten Ruf erreicht haſt, dann höre auf und führe ein kummerloſes Leben von Deinen geſammelten Kapitalien! In dieſer Lehre verräth ſich ein Zug von Eitelkeit, eine Effekthaſcherei, die mit der reinen Wahrheit nichts zu ſchaffen hat. Ich dagegen möchte ſagen: Sei thätig, ſo lange Du noch nützen kannſt. Es handelt ſich nicht um Deinen eigenen Namen, ſondern um das, was Du aus⸗ zurichten vermagſt, und ſo lange Du durch Dein Ta⸗ lent, das Du nicht bloß für Dich allein erhalten haſt, Deinen Mitmenſchen einen veredelnden Genuß bereiten kaunſt, haſt Du kein Recht, in die Unthätigkeit zurück⸗ zutreten„ Aber man erſtirbt nicht für die Kunſt, ſo lange man in ſeiner Liebe treu iſt. Selbſt dann, wenn wir nicht länger als ausübende Künſtler beſtehen kön⸗ nen, bleiben uns noch viele Mittel, für das Beſte der Sache zu wirken. Wenn das ſich nicht ſo verhielte, ſprich, Leopoldine, welchen Troſt, welche Freude gäbe es dann wohl für mich, der ich ſo allein in der Welt ſtehe und außer meinen Ideen gar nichts Anderes habe, wefür ich leben iönnie. 15⁵ Noch lange wurde dieß Geſpräch fortgeſetzt. Der Gegenſtand war für Michael unerſchöpflich, und Leo⸗ poldine wurde nicht müde, ſeinen Gedanken zu folgen. Viele von ſeinen Worten verbreiteten einen Lichtſtreif über Begriffe, die ihr bisher dunkel geweſen, und ſie nahm jede ſchöne Anſicht, jede hohe Anſchauung über Leben und Kunſt, welche der alte Phantaſt ihr mit⸗ theilte, als ein werthvolles Geſchenk entgegen. Inzwiſchen hatte die Sommernacht ihren Schatten über die Gegend gebreitet und ein von der See aufſtei⸗ gender kühler Nebel zwang unſere Freunde, die Ve⸗ randa zu verlaſſen. XXIII. Ein Weiberherz. Albert: Julia, biſt Du ewig mein? Julia: Albert, ſchließ mich an Dein Herz! 5 Dir gebe ich mich gänzlich hin, Folg' Dir zu des Himmels Sälen, Folg' Dir in der Hölle Tiefen. Rettungslos bin ich gefangen, Kann mich nie mehr von Dir reißen, Kann Nichts als ein Opfer bleiben. Stagnelius. Ein paar Wochen ſpäter trat Levpoldine eines Abends in vergnügter, beinahe fröhlicher Stimmung in ihr Schlafzimmer. Sie war ſo eben von einem Spazier⸗ 156 gang mit Michael zurückgekommen. Das Geſpräch war lebhaft geweſen. Er hatte hauptſächlich dieſelben Gegen⸗ ſtände berührt, womit ſie ſich an dem vorhin beſchrie⸗ benen Abend beſchäftigt, aber Michael hatte noch beſſer als damals ſeine Lieblingsideen zu entwickeln und das Intereſſe ſeines jungen Schützlings für die Kunſtanſich⸗ ten, von denen er ſelbſt ſo innig belebt war, zu erwär⸗ men gewußt. Leopoldinens Gedanken gewannen immer mehr von der ordnenden Kraft, die es dem Gedanken möglich macht, mit einigem Vortheil gegen die Gefühle aufzu⸗ treten. Sie begann einzuſehen, was ein junges Weib nur ſelten begreift, daß das Lebensglück nicht bloß von dem Herzen, ſondern auch von der Schönheit unſerer Ideen abhängt. Daß ſie einen Sieg über ihre Liebe gewonnen habe, könnte ich nicht mit Recht behaupten; denn ſie hatte bloß ihren Schmerz beſiegt. Dieß iſt nur der erſte Schritt, aber ſie hatte auch den zweiten gethan, ſie hatte den erſten Schimmer einer neuen Zukunft ge⸗ funden, ja ſogar wenigſtens den erſten Grundſtein zu einem neuen Glücke gelegt. Schon lange hatte ſie nicht mehr mit einer ſolchen Ruhe wie jetzt ihre eigenen Gefühle geprüft. Es war ihr klar, daß ſie an einem Scheideweg ſtand; weiter jedoch war ſie noch nicht gekommen. Die Erinnerungen gingen nach der einen Richtung, die neuen Hoffnungen nach einer andern. Das Fenſter des Stübchens hatte offen geſtanden, und als Leopoldine, die im Begriff war, ſich zur Ruhe zu begeben, es verſchließen wollte, wunderte ſie ſich, einen Brief auf dem Sims zu finden. Aber die Verwunderung wurde noch größer, und führte eine heftige Gefühlsaufwallung nach ſich, worin jedoch eine herzliche Freude die erſte Stelle einnahm, als ſie an der Aufſchrift Marimilian's Hand erkannte. Im nächſten Augenblick war das Siegel erbrochen Der Brief war wirklich von Maximilian. Sie 157 drückte ihn an ihr klopfendes Herz, an ihre glühenden Lippen, und nur mit Mühe konnte ſie ſich die nöthige Ruhe erkämpfen, um den Inhalt zu leſen. Der Brief lautete: „Geliebte Leopoldine! Noch einmal wage ich es, Dich ſo anzureden, und es liegt eine tiefe, eine ewige Wahrheit in dieſem Gruß Es iſt mir in dieſem Augenblick unmöglich, meine Gedanken ſo zu ordnen, wie ich wünſchte. Mein Herz iſt übervoll. Ich ſehne mich, Dir meine Seele zu öffnen. Ich möchte Dir Alles ſagen, aber für's Erſte und Letzte, daß ich Dich liebe; ja mit einer Liebe, die, ich ſchwöre es, jetzt nach einer grauſamen Prüfung Deiner würdiger iſt als je„ Ach, warum kann 6 nicht in dieſem Augenblick zu Deinen Füßen niederſinken? Sicherlich würdeſt Du mich dann ohne Worte beſſer verſtehen, als aus allem dem, was ich hier vorbringen kann. Die Buchſtaben ſtehen ſo todt und ſo kalt da, ein einziger Blick würde Dir weit mehr ſagen. Mit der aufrichtigſten Reue eile ich, zu bekennen, daß mein Benehmen gegen Dich gemein und verächtlich geweſen iſt. Ich habe durch meine unwürdige Auffüh⸗ rung ſelbſt die Bande zerriſſen, die uns vereinigten, Dich ſelbſt aller Eide entbunden, die Du mir geſchwo⸗ ren, und ich habe nichts mehr von Dir zu fordern. Daß ich irre geführt, der Gegenſtand einer niedrigen Kabale war, und daß juſt meine heftige Liebe dazu beitrng, mir den Kopf zu verwirren, das kann keine genügende Entſchuldigung ſein. Ich will auch meine unverzeihliche Schwachheit auf keinerlei Art zu beſchönigen ſuchen. Nein, ich lege allen Stolz bei Seite, und rufe nur Dein Mitleid an. Du erkennſt mich nicht wieder, wenn ich ſo ſpreche; in Wahrheit, Leopoldine, ich habe mich in dieſen letzten Monaten ſehr verändert. Als Du mich das letzte Mal ſaheſt, war das ganze Leben nur ein Spiel für mich. In fröhlichem Leicht⸗ 158 ſinn tändelte ich mit dem Schickſal. Mein ganzes Ver⸗ langen war, jede Roſe zu pflücken, der ich nahe kam, und gar zu ſehr von den Freuden des gegenwärtigen“ Augenblicks eingenommen, hatte ich ganz und gar keine Gedanken an die Zukunft, ſondern nur eine kühne, ver⸗ meſſene Hoffnung. Die Liebe zu Dir war das einzige Gefühl, das tiefere Wurzeln bei mir ſchlug; aber juſt weil ſie das einzige war, verſtand ich ſie ſelbſt nicht. Erſt als ich dieſes Gefühl aus meinem Herzen zu reißen ſuchte, überzeugte ich mich von ſeiner unüberwindlichen Stärke. Ach, Du kannſt die Qual nicht begreifen, die eine Seele ausſtehen muß, wenn ſie nach einem holden Entzücken zu ihrem eigenen Elend zurückkehrt. Du haſt keine Ahnung von dem Schmerz, den ein Menſch erlei⸗ den muß, wenn er genöthigt iſt, zu ſich ſelbſt zu ſagen: „Du haſt Dein eigenes Glück verſhezt Die Morgen⸗ röthe einer beſſeren Zukunft, die kaum erſt für Dich an⸗ gebrochen war, iſt bereits erblichen; für Dich iſt die Sonne bereits untergegangen; ſie ſank in demſelben Au⸗ genblick, wo ihre erſten Strahlen Dich das Licht lieben lehrten, und jetzt wird es nie mehr tagen, nur Nacht und Finſterniß bleiben Dir noch übrig!... Dann, Lev⸗ poldine, dann erſt iſt das Unglück vollkommen; denn man hat die Achtung vor ſich ſelbſt verloren. Auch ich muß jedoch die bittere Schule des Unglücks preiſen. Der Kummer und der Schmerz haben mir beſſere Lehren geſchenkt als das Glück. Sie haben mir manche theure Wahrheit gegeben und meine Seele zum Ernſte geſtimmt. Es war ein merkwürdiger Tag, als ich am Sterbe⸗ bette meiner Mutter ſaß. Ich ſah ſie da zum erſten und zum letzten Mal; aber meine Erinnerung an dieſes Beiſammenſein iſt unvertilgbar. Ich hatte noch nie einen Menſchen ſterben geſehen. Ich hatte nur das Le⸗ ben kennen gelernt, und zwar ſo, wie es ſich einer leichtfertigen, in alle tollen Vergnügungen der Welt ver⸗ liebten, genußſüchtigen Jugend zeigt... Dieſe bren⸗ nenden Thränen der Reue, dieſes verzweifelte Schmier⸗ 159 zensgeſchrei, dieſer letzte Kampf des Körpers und der Seele und endlich nach mehrſtündigen ſchrecklichen Qua⸗ „ len ein unheimlicher, peinlicher Tod— dieß war für mich eine ganz fremde Seite des menſchlichen Schickſals. Meine Seele wurde in ihrer innerſten Tiefe erſchüttert. Es war, als erwachte ich zu einem neuen Bewußtſein des Lebens und meiner ſelbſt. Alles, was ich bisher am höchſten geſchätzt hatte, verſank gleich Schatten in die Erde. Es war ſo leer in mir, ſo kalt, ſo öde um mich her. Aber eine einzige Erinnerung liebte ich noch; es war die Erinnerung an unſere Liebe. Sie funkelte wie ein klarer Stern in der finſteren Nacht; ſie wurde mein einziger Troſt, als alle meine anderen Freuden ſchwanden. Je mehr ich jetzt unſer früheres Verhältniß bedachte, je deutlicher Dein Bild wieder vor meine Seele trat, um ſo unerklärlicher erſchien es mir, daß Du mich wirklich ſo grauſam habeſt betrügen können. Einige genauere Nachforſchungen gaben mir bald vollkommene Gewißheit von Deiner Unſchuld.. O mein Gott, wie erfreute ich mich meines wiedergewonnenen Glaubens! Ich ſah die Thore des Paradieſes ſich wieder öffnen. Mit Dir hob ſich die ganze Menſchheit. Meine Freude läßt ſich nicht beſchreiben, eben ſo wenig aber auch meine Furcht, meine wohlbegründete Furcht, ich möchte Dich für immer verloren haben. Seit dieſer Zeit iſt es mein einziger Wunſch ge⸗ weſen, Dich wieder zu ſehen und mit meiner Reue, meinen Bitten wenigſtens Deine Verſöhnung zu gewin⸗ nen, wenn Du bereits unwiderruflich Deine iebe von nir abgewendet haſt. Endlich gelang es mir, den Ort aufzuſpuren, wohin Du Dich mit meinem Vater zurück⸗ gezogen. Ich bin bereits zwei Tage in Deiner Nähe geweſen. Ich habe mich wie ein Miſſethäter um Deine⸗ Sinn geſchlichen, ohne daß ich mich zu zeigen wagte⸗ In der Entfernung und hinter Hecken verſteckt, habe ich Dich wiedergeſehen. Niemals hat mir Deine Schonheit — 160 ſo himmliſch geſchienen wie jetzt. Du hätteſt fühlen müſſen, wie meine Blicke Dir folgten, Dein Herz hätte ahnen müſſen, daß das meinige kaum hundert Schritte von Dir ſchlug. Hörteſt Du nicht, wie meine Seufzer ſich mit dem Säuſeln des Windes vermiſchten 2... Nur die Furcht, daß eine plötzliche Ueberraſchung Dich allzu heftig erſchüttern könnte, hielt mich zurück, und ich beſchloß endlich, Dich zuerſt brieflich von meiner Anweſenheit zu benachrichtigen. Leopoldine, in dieſem Augenblick iſt es nicht bloß ein verzweifelter Liebhaber, der zu Dir ſpricht, es iſt auch ein unglücklicher Jugendfreund. Ich habe jetzt mich ſelbſt kennen Seu und einen kleinen Begriff von mei⸗ ner eigenen Stellung gewonnen. Höre mich aufmerk⸗ ſam an; ich gedenke weder Dich, noch mich ſelbſt zu betrügen. 12 Wenn Du mich verſtößeſt, wenn Du mir für im⸗ mer Deine Liebe entziehſt, ſo wird dieſer Schlag mein Herz zermalmen, und das Herz iſt doch das Beſte, was ich beſitze. Dieſes Verlangen meiner Seele nach Ver⸗ edlung, dieſe Sehnſucht meiner beſſeren Gefühle nach einer Wirkſamkeit, dieſer innere Drang, der mich jetzt pelebt, wird ſich dann wieder verlieren. Ich fühle, daß ich nicht Kraft genng beſitze, um gegen ein ſo bitteres Schickſal zu kämpfen. Der Schmerz wird mich über⸗ wältigen, und um meinen Qualen, meinen Erinnerun⸗ gen zu entfliehen, werde ich mich wieder in das tolle Getümmel der Welt werfenz während Andere Glück ſuchen, werde ich nur Vergeſſenheit ſuchen. Die Ver⸗ ochtung gegen mich ſelbſt wird jedes Band zerreißen das mich bisher zurürkgehalten hat, und da die leeren, Vergnügungen, denen ich bisher nachgejagt, keine Lockun⸗ gen mehr für mich haben, was kann ich dann wohl noch Anderes verlangen, als den Sinnenreiz, welchen die Leidenſchaften mit ſich führen? Was früher nt Leichtſinn war, wird jetzt allmälig Berechnung werden Meine Schwachheiten werden ſich bald zu Laſtern 151 verhärten, und mein ganzes Leben wird ein fortgeſetzter Fall von einem Abgrund in den andern ſein, bis end⸗ lich der letzte ſich mit meinem Grabe erſchließt. Wenn Du mir dagegen Deine Arme wieder öffneſt, dann öffneſt Du mir auch den Weg, der mich aus alten Fehlern zu neuen Tugenden führt. Du biſt meines Lebens guter Engel, mein Herz hat dieß ſchon damals empfunden, als ich zum erſten Mal Deinem Blick be⸗ gegnete; aber nie habe ich mit einer ſo glühenden Ueber⸗ zeugung wie jetzt in den letzteren Zeiten daran geglaubt. An Deiner Seite gehe ich hoffnungsvoll meiner Zu⸗ kunft entgegen. Noch finden ſich bei mir viele gute Anlagen, die, wenn ſie ſich in der reinen Luft, welche Dich umgibt, entwickeln dürfen, einſt meinen Werth als Menſch und Künſtler erhöhen werden. Mein Charakter iſt noch nicht verdorben. Die Flecken, die er hat, wer⸗ den bald von Dir vertilgt werden, und wenn mein Ge⸗ müth geläutert iſt durch die guten Eingebungen, an denen Deine Seele ſo reich iſt, dann werde ich auch die Kraft zu einer nützlichen und edlen Wirkſamkeit ge⸗ winnen. Du wirſt die Inſpiration zu meinen erſten wür⸗ digen Handlungen geben, und dann werden wir, auf unſere gegenſeitige Liebe geſtützt, im Glück und Frieden auf unſerer Bahn vorwärts wandeln, immer mit der Wahrheit und Tugend als unſerem höchſten Ziel. Ich werde hingeriſſen von den bezaubernden Zukunfts⸗ bildern, die meine Phantaſie hervorruft. Denke Dir unſer Zuſammenleben, unſere häusliche Glückſeligkeit — Du kannſt nicht fürchten, daß ich einmal für die Reize, die ein ſolches Leben mit ſich führen würde, er⸗ kalten und zu meinen alten unruhigen Gewohnheiten zurücktehren könnte; nein, Du kannſt das nicht, denn Du beſitzeſt Glauben an die göttliche Macht des Guten, an die Sympathie des Herzens für Alles, was edel iſt. Was ich jetzt geſagt habe, ſind nicht bloß leere Ein Funke. II. 11 162 Phantaſien, es iſt mein Wille, meine volle, meine ſichere Ueberzeugung. Jeder Menſch hat Augenblicke, wo ſeine Sinne ſich ſchärfen, wo ſonſt verborgene Wahrheiten ſich ihmenthüllen und ſeine Blicke die Schickſale erſpähen, welche die Zukunft in ihrem Schooße birgt. Ein ſolcher Augen⸗ blick iſt für mich der gegenwärtige. Es iſt auch keine Berechnung, was mich drängt, Deine Gefühle zu er⸗ ſchüttern und dadurch Dein Herz zum Mitleid zu be⸗ wegen. Meine Aufrichtigkeit hat alſo keinen andern Grhund gehabt als mein Verlangen, mich Dir ſo zu zeigen, wie ich wirklich bin, weder beſſer, noch ſchlechter, und weil ich dieſes Bekenntniß mit der größtmöglichen Ruhe ablegen wollte, habe ich vorgezogen, es ſchriftlich zu machen. Du weißt jetzt, daß mein Schickſal in Deiner Hand liegt. Aber ich ſage es noch einmal, ich habe keine Forderung, ſondern nur Bitten. Es würde mich nicht wundern, wenn Du, erſchreckt über all' die Fehltritte und Schwachheiten, die ich Dir jetzt offen vor Augen gelegt habe, Dich abwenden und Dein Herz verſchließen würdeſt. Auch wenn Du mich verſtößeſt, werde ich Dir nicht einen einzigen Vorwurf zu machen haben; ich habe meine Strafe verdient und kann wegen des Elends, dem ich dann entgegengehe, nur mich ſelbſt anklagen. Alles Gute und Edle, alles Schöne und Erhabene wird mich jedoch beſtändig an Dich erinnern. Träume ich mir einen Himmel, ſo wird es an Deinem Buſen ſein⸗ Denke ich mir einen Engel, ſo wird er mit Deinen Blicke blicken, mit Deiner Stimme ſprechen. Aber Leopoldine, ich habe noch eine holde Hoff⸗ nung. O, es iſt nicht möglich, daß Deine Liebe gänz⸗ lich erloſchen iſt. Tauſendmal habe ich zu mir geuj geſagt, daß ich ſie nicht verdiene, aber gleichwohl hoffe ich. Ja, ich hoffe, weil ich glaube, daß die Bande, die unſere Herzen vereinigen, ihre erſte Urſache nicht in einer Laune, einem bloßen Zufall haben, ſondern in einem ewigen, einem unveränderlichen Schickſal, dem 163 wir vergebens auszuweichen ſuchen. Dir wird vielleicht dieſes Schickſal kein Glück bereiten, denn was habe wohl ich Dir zu bieten?. Gleichwohl wenn der Himmel es ſo beſtimmt, welche Macht vermag uns dann zu trennen? Unter den Linden drunten an der See, einige Steinwürfe von Deinem Fenſter, erwarte ich Dich mor⸗ gen ſchon mit Du biſt frei und kannſt nach eigenem Gutdünken Deinen Entſchluß faſſen; aber, was Du auch beſtimmen magſt, um Gotteswillen, Leo⸗ poldine, verweigere mir dieſe Zuſammenkunft nicht. Du haſt ein Recht, ſtreng, aber nicht grauſam zu ſein gegen Deinen Maximilian. Jedes Wort in dieſem Brief drang Leopoldinen zu Herzen und gab der Flamme, die zu erſticken ſie wenig⸗ ſtens verſucht hatte, neue Nahrung. Der Kampf— nein, es war ganz und gar kein Kampf, ehe der Ver⸗ ſtund unter's Gewehr treten konnte, hatte bereits die Liebe ihren früheren Thron wieder eingenommen und ſtreckte triumphirend ihren machtvollkommenen Scep⸗ ter aus. Man ſage, was man will, es iſt doch etwas Herr⸗ liches um dieſe augenblickliche Verwandlung, welche die Liebe zu Stande zu bringen vermag. Welch' eine er⸗ habene Kraft liegt in dieſem Gefühl, das über die Seele eine wunderbarere Macht beſitzt, als der Sturm über das Meer, als der Sonnenſtrahl über die Blume! Hätte Leopoldine länger unter Michael's Leitung ſtehen, hätten die Ideen und Anſichten, die er ihr ein⸗ zuflanzen ſuchte, eine tiefere Wurzel ſchlagen können, evor Marimilian und die Liebe ſie wieder verlockten, ſo wäre es vielleicht möglich geweſen, daß ſie dieſe Probe beſtanden hätte; aber jetzt war ihr Herz noch nicht hei⸗ miſch und vertraut mit den vielleicht allzu ſtrengen Be⸗ ingungen einer neuen Exiſtenz, welche der alte Kunſt⸗ freund ihr geſtellt hatte. GEs gibt Gelegenheiten in 5 44*— 8 164 unſerem Leben, wo wir in geiſtiger Beziehung ſo zu ſagen das Vaterland verändern oder von einem Princip zum andern übergehen; aber bevor ein ſolcher Ueber⸗ ang ſtattfindet, entſteht eine Zwiſchenzeit der Unent⸗ chloſſenheit, wo die Seele ſich von zwei gleich ſtarken Kräften nach zwei einander entgegengeſetzten Richtun⸗ gen gezogen fühlt. Beſonders mit Rückſicht auf ſolche Angenblicke können wir von einem Schickſal ſprechen, denn oft iſt es dann ein von uns ſelbſt gänzlich unab⸗ hängiger Zufall, ein Ereigniß, das unter andern Um⸗ ſtänden ohne alle tiefere Bedeutung vorübergehen würde, was jetzt über unſere ganze Zukunft entſcheidet. Michael hatte Leopoldine die entfernte Küſte einer neuen Inſel der Glückſeligkeit gezeigt, und ſie kannte ſie auch ſchon vorher durch ihre eigenen Träume. Schon war ſie von dem Ufer abgefahren, wo ſie, von der Liebe verlockt, ihre Hütte hatte bauen wollen; ſchon wollte ſie auf den gelobten Hafen zuſteuern.. aber jetzt, juſt jetzt rief eine wohlbekannte Stimme ſie zurück. Es lag eine unwiderſtehliche Macht in dieſem Ruf. Sie konnte nicht fliehen; es war ihr Schickſal, zurückzukehren.. Allerdings entſtand auch bei ihr nach dem erſten berauſchenden Freiheitsjubel der Liebe ein anderes Ge⸗ fühl, das Opfer forderte und von den ſtrengen Geboten der Pflicht ſprach. Aber dieſes konnte ihren Wunſch, mit Marimilian zuſammenzutreffen, nicht überwinden. Es konnte ſie bloß wie ein Freund vor der Gefahr war⸗ nen, und da ſie beſchloſſen hatte, erſt nach einer Unter⸗ redung mit Marimilian über die Zukunft zu entſchei⸗ den, ſo glaubte ſie alle Forderungen der Klugheit er⸗ füllt zu haben. Ach, ſie hätte auch da beſchließen müſ⸗ — ſen, bei dieſer erſten Zuſammenkunft ihr Herz zu Hauſe zu laſſen. Am folgenden Morgen ſahen ſich Leopoldine und Maximilian wieder unter den Linden drunten am Strande Es iſt nicht genau au sgemittelt, in wie weit ein 165 Baum Bewußtſein deſſen hat, was in ſeiner Nähe vor⸗ geht; die Naturwiſſenſchaft und die Poeſie liegen über dergleichen Fragen oft in Hader. Aber vorausgeſetzt, daß dieſe Linden mehr erfahren und in ihrer Weiſe be⸗ griffen haben, als ſie dem Publikum erzählten, wage ich zu behaupten, vaß ſie an dieſem Morgen eine außer⸗ ordentlich angenehme Stunde gehabt haben mußten, denn es muß doch für einen Baum angenehm ſein bei einer ſo glücklichen Zuſammenkunft, wie diejenige war, die jetzt unter ihnen ſtattfand, als Zeuge anwohnen und ſeinen Schatten darüber werfen zu dürfen... Aber als Levpoldine wieder an Marimilian's Bruſt ruhte, als ihre Herzen wieder gegen einander ſchlugen, was dieſer Augenblick enthielt, das können weder ich, noch die Linden beſchreiben. Es ſaß ein Vögelein auf einem Zweig, dicht über den Häuptern der Liebenden, juſt als ihre Lippen ſich in einem ſüßen und warmen, Alles verſöhnenden Kuß begegneten, und der kleine Vogel ſchlug in dieſem Augen⸗ blick einen traurigen, klagenden Triller. Warum klagte er denn? Wollte er ein Unglück prophezeien oder wollte er ſich ſentimental zeigen? Nein, ganz ſicherlich dachte er bloß: allerdings kann ich auch lieben, aber ich bin dennoch nur ein Vogelz ich wollte Gott danken, wenn ich Menſch wäre und wie ein Menſch lieben könnte; das müßte doch etwas Anderes ſein. Seite an Seite und Hand an Hand ſaßen die Lie⸗ benden noch lange da und beſprachen ſich ſo vertraulich und ſo ruhig, wie man dieß unter ſolchen Verhältniſſen nur thun kann. „Es iſt alſo wirklich wahr,“ ſagte Marimilian, gleich als hätte er ſein großes Glück noch nicht zu faſſen ver⸗ mocht,„ich beſitze Dich alſo wirklich wieder?“ „Ja, es iſt wahr, Marimilian, denn es iſt ſo, wie Du wirklich geſagt haſt, ein unzerreißbares Band ver⸗ einigt unſere Herzen.“ „Und ich werde Dich nie, nie mehr verlieren?“ 166 „Mein Herz nie; aber vielleicht.. vielleicht müſ⸗ ſen wir gleichwohl auf getrennten Wegen durch das Leben wandern.“ „Was wäre wohl im Stande, uns zu trennen?“ „Eine ſtrenge Pflicht.“ „Unmöglich, Leopoldine.“ „Vergiß nicht, daß ich Sängerin bin. Das Weib, das häusliches Behagen ſchaffen und den ſtillen Frieden des Familienlebens pflegen will, muß ganz gewiß an⸗ dere Eigenſchaften beſitzen als ſolche, die mir zu Theil geworden ſind, und ſie muß vor Allem nicht wie ich der Kunſt Treue geſchworen haben Siehſt Du, auch ich habe mich in der letzten Zeit ſelbſt beſſer kennen ge⸗ lernt. Ich weiß jetzt, daß ich die Künſtlerlaufbahn nicht verlaſſen kann und nicht verlaſſen darf, ſelbſt wenn ich ihr meine Liebe opfern müßte... Laß Deinen Blick ſich nicht verdüſtern, Maximilian, Du weißt ſelbſt am Beſten, ob dieſes Opfer ohne Schmerz geſchieht.“ „Leopoldine, Du biſt es nicht, die von Aufopferung Deiner Liebe ſpricht. Es iſt mein Vater, ich erkenne ihn wieder an dieſen Worten. Vergiß nicht, Geliebte, daß in ſeiner Liebe zur Kunſt etwas Phantaſtiſches liegt, das ſein Urtheil einſeitig, ſeine Lehren verwir⸗ rend macht. Seine eigene Erfahrung iſt nur Unglück geweſen, und nach dieſer urtheilt er.. das fehlte nur noch er, mein eigener Vater iſt es, der Dich aus meinen Armen reißt.“ Es lag eine gewiſſe Bitterkeit in dieſer Aeußerung. Aber als Marimilian bemerkte, daß Leopoldine ſich dar⸗ über betrübte, bereute er es augenblicklich und fügte innig hinzu: „Glaube nicht, daß ich jetzt noch Verachtung oder Kälte gegen ihn empfinde, meinen armen alten Vater; nein, auch in dieſer Beziehung hat ſich Dein Maximilian verändert.“ „Dein Vater iſt ein edler und vortrefflicher Mannz 167 es iſt unmöglich, ihn nicht zu lieben, wenn man in ſeine fromme Seele hat blicken können.“ „Ich habe auch einen lieblichen Traum von unſerer Verſöhnung gehabt. Du, Leopoldine, ſollteſt die Mitt⸗ lerin zwiſchen Vater und Sohn werden, Du ſollteſt die Bande wieder anknüpfen, die ſo lange aufgelöst waren. Scicherlich würde dieſe Handlung Dir eine ſchöne Befriedigung gewähren. ja, ſo muß es werden„ Ich will Dich nicht der Kunſt entreißen, um Dein Genie im häuslichen Leben zu begraben. Ich war es ja, der Dich zuerſt aufforderte, die Künſtlerlaufbahn zu betreten; könnte ich alſo jetzt, nachdem Deine bereits errunge⸗ nen Erfolge mich vollſtändig von Deiner Fähigkeit überwieſen haben, der Vollendung Deiner Triumphe hindernd entgegentreten wollen? Rein, im Gegentheil hat dieß meine innigſte Freude ausgemacht und mir die Hoffnung eingeflößt, daß ich dereinſt Deine Stütze auf Deinem ehrenvollen, aber oft mühſamen Weg wer⸗ den könnte, daß ich durch meine Liebe die Unannehm⸗ lichkeiten zu mildern vermöchte, welche das öffentliche Künſtlerleben für ein allein lebendes Weib immer mit ſich führen muß. Wie auch die Welt ihre Günſtlinge preiſen, umſchmeicheln, beklatſchen und mit Blumen be⸗ werfen mag, es gibt gleichwohl Augenblicke, wo ſie ſich kalt und undankbar zeigt. Aber wo, wo, Leopol⸗ dine, gäbe es einen ſicherern Troſt in dieſem Kummer, als an einer geliebten Bruſt? wo holt man beſſer neue Kräfte zu neuen Kämpfen, als in einem friedvollen und häus⸗ lichen Leben? Nur die Ruhe iſt es ja, welche die Kraft verleiht, und darum beſitzen die Hausgötter auch für den Künſtler großen Werth. Es iſt ein ruhiges und glückliches Hausleben, was ich Dir bereiten will, und nicht ein Gefängniß.“ „Du glaubſt alſo?„. Verſtehe mich recht. Ich bin jetzt nicht mehr wie früher ein leichtſinniger Abenteurer, der Pläne in die Luft baut. Hätte ich nicht eine geſicherte Stellung, 168 ſo wäre ich nicht vermeſſen genug, Dir meine Hand anzubieten. Meine Mutter, die einen Theil ihres Lebens hindurch in nahen Beziehungen zu einem reichen Eng⸗ länder geſtanden, hat mir ein ſehr bedeutendes Ver⸗ mögen hinterlaſſen, und ich bin ihr einziger Erbe. Ich hoffe alſo Dir eine von allen ökonomiſchen Bekümmer⸗ niſſen befreite Zukunft ſchaffen zu können. Auch ich liebe die Kunſt und dieſe Liebe hat ſich in demſelben Maß veredelt, wie meine Liebe zu Dir. Wir werden uſammen unſere Studien durch Reiſen vollenden; ſie jnd das beſte Bildungsmittel für alle Künſte. Wir wollen alle Orte beſuchen, wo für dieſen Zweck Etwas zu gewinnen iſt. Wir wollen alles Schöne in der Welt der Kunſt und der Natur ſehen; wir wollen mit allen großen Talenten unſerer Zeit Bekanntſchaft machen. Was ſagſt Du von einer ſolchen Schule, Leopoldine? kannſt Du in mir noch einen Feind der Sängerin ſehen?“ „O nein, Maximilian..4 „Ach, Du folgſt mir alſo, nicht wahr? Du haſt Ver⸗ trauen zu mir? Bu biſt mein, mein im Leben und im Tod! Aber mein Gott, Du wendeſt Dich von mir ab Deine Liebe iſt alſo nicht mehr was ſie früher war!“ „Meine Liebe iſt es, die mich erſchreckt. Ich bebe, wenn ich einſehe, welche unbeſchränkte Macht Du über mein Herz beſitzeſt.“ „Wir ſind von Gott für einander geſchaffen; un⸗ ſere Seelen ſind im Himmel getraut.“ „Aber ich liebe Dich mehr, als ein Menſch je einen andern lieben ſoll. Sieh' hier, Marimilian, hier iſt meine Hand! Wenn Du— o welch' ein grauenhafter Gedanke!— Wenn Du mein böſer Genius biſt, ſo bin ich für ewig verloren.“ Maximilian ſiel zu ihren Füßen. Seine Augen feuchteten ſich von Freudenthränen und er ſchwur einen feierlichen Eid, daß er ihr Liebe und Treue bewahren, 169 daß er ihr in allen Schickſalen ein Beſchützer und eine Stütze ſein werde. Leopoldine umfaßte ſeinen Kopf und drückte ihre Lippen auf ſeine ſchöne Stirne. Ach, Du lieber Vater Michael, Deine Thevrien, daß ſie ſo leicht vergeſſen werden konnten! Als es wieder Abend wurde, nahm Michael ſeinen gewöhnlichen Platz draußen in der Veranda ein. In Erwartung Leopoldinen's, die er den ganzen Tag über kaum getroffen hatte, und deren Geſellſchaft ihm ſo theuer geworden war, rauchte er eine Cigarre. Seine Gedanken nahmen dabei einen leichten und an⸗ genehmen Flug. Seit vielen Jahren hatte er ſich nicht ſo froh und heiter gefühlt, wie in dieſer letzten Zeit. Seine Hoffnung auf Leopoldine, ſein Glaube, daß ſie ſeine Lieblingsidee in's Werk ſetzen würde, war es, was dem grauen Jüngling eine glückliche Zufriedenheit ſchenkte. Er blickte jetzt auf ſeine zurückgelegte Bahn zurück. Mancher düſtere Schatten breitete ſich darüber; aber er konnte ohne Gewiſſensqualen ſeine Handlungen prüfen, denn der Wille war immer gut, die Motive waren ſtets rein geweſen; wenn auch die Kraft ihm oft gemangelt hatte. Aber jetzt vergaß er allen Kum⸗ mer, allen Schmerz, den das Leben für ihn enthalten hatte, in der frohen Ueberzeugung, daß er endlich eine Perſon gefunden, die durch Genie und Talent, durch Seelenreinheit, Frömmigkeit und Tugend ſeinen ſchön⸗ ſten Träumen Leben und Wirklichkeit geben würde. Ein Geſang aus dem Walde weckte ihn aus dieſen Gedanken. Michael fand in den kunſtloſen Tönen Etwas von dem naturfriſchen Leben, das immer zu ſeiner Seele ſprach. Er bedauerte, daß nicht auch Leopoldine ſich daran erfreuen ſollte. Die Wahrheit zu geſtehen, ſehnte —— 170 er ſich auch nach einer Gelegenheit, ihr ſeine eigenen Reflerionen mitzutheilen, und er war juſt im Begriff, ſie aufzuſuchen, als andere Töne an ſein Ohr ſchlugen⸗ Vom inneren Zimmer her hörte er nämlich in die⸗ ſem Augenblick eine Violine. Durch die offene Thüre ſtrömten reine und melodiſche Töne heraus. Schon an den erſten Takten erkannte Michael eine ſeiner eigenen Compoſitionen, aber er hatte ſie niemals ſo ausführen gehört wie jetzt.. Die erſte Verwunderung ging bei ihm bald in ungetheiltes Entzücken über. Nicht bloß die Noten erkannte er als ſeine eigenen wieder; auch der Geiſt, der ſie beſeelte, war juſt der⸗ ſelbe, der auch ihn inſpirirt hatte, als er vor langer Zeit dieſes Stück componirte. Wie unbeſchreiblich an⸗ genehm war es ihm nicht, ſeine Gefühle ſo gut auf⸗ gefaßt zu finden; und jetzt, da er ſie ſelbſt beinahe ver⸗ geſſen hatte, ſie wieder ebenſo lebendig und friſch zu bekommen, wie ſie einſt von ihm ausgegangen waren! Aber auch wen⸗ dieſe Muſik nicht ein ſo ganz ſperielles Intereſſe für ihn gehabt hätte, würde er ſich doch jedenfalls daran erfreut haben, denn ſie wurde auf eine Art ausgeführt, die vollkommen in ſeinem eigenen Geſchmack war: lebhaft, aber ohne falſchen Prunk; warm, aber ohne Leidenſchaft. Das Ueberraſchende und Geheimnißvolle in dieſem Ereigniß trug auch bedeutend dazu bei, auf Michael's Phantaſie einzuwirken und ſein Entzücken noch voll⸗ kommener zu machen. Er meinte eine Offenbarung aus der Geiſterwelt zu hören. Es war, als ob die Schatten⸗ geſtalten der Erinnerung, die ihn kaum umſchwebt, jetzt eine neue Sprache gefünden hätten, womit ſie koſend in ſein Herz eindrangen... Er blieb unbeweglich auf ſeinem Platz ſitzen, den Kopf in ſeine Hände gebeugt. Eine gute Weile nachdem die Wuſik aufgehört hatte, kam er wieder zu ſich ſelbſt. Als er jetzt wieder aufſchante, gegnete ſein noch thränenumhüllter Blick 17¹ Leopoldine und Marimilian, die Hand in Hand vor ihm ſtanden. „Marximilian, mein Sohn, das warſt alſo Du!“ rief Michael. Aber ſeine Freude wurde ſchon bei ihrem Ausbruch durch einen Gedanken an Leopoldine gehemmt, und ſeine ausgeſtreckten Arme ſanken wieder.. Es bedurfte keiner Worte um ihm zu erklären, was zwiſchen den jungen Leutchen vorgefallen warz Alles wurde ihm ſchon auf den erſten Anblick klar. Aber Maximilian ergriff ſeine Hand und ſagte demüthig und innig: „Mein Vater, verſtoße mich nicht!.. Ich weiß, daß ich ein unwürdiger Sohn geweſen bin, daß ich es an der Achtung und Liebe fehlen ließ, die ich Dir ſchul⸗ dig war. Aber endlich habe ich der innerſten Stimme meines Herzens gelauſcht, endlich ſind meine beſſeren Gefühle erwacht, und nach ſo vielen Jahren des jugend⸗ lichen Leichtſinns und Unverſtandes komme ich wieder, Dich um Verzeihung anzurufen.. Was auch geſche⸗ hen iſt, ich bin ja jedenfalls Dein Sohn, Dein einziges Kind. Laß eine ewige Vergeſſenheit über meine frühe⸗ ren Fehler fallen und öffne mir mit Deinen Armen eine neue und glückliche Zukunft.“ „O, verſtoße ihn nicht!“ flüſterte Leopoldine, ihr Haupt an Michael's Bruſt lehnend.„Er wird mit Liebe, mit edlen Handlungen wieder gut machen, was er aus Unverſtand verbrochen hat. Verzeihe ihm und auch mir.. Michael blieb ſtill und unbeweglich. „Laß unſere Bitten Dich bewegen,“ fuhr Marimi⸗ lian fort,„laß Deinen Segen unſer Glück vollenden; und möge ſich Dein eigenes in dieſem ſelben ſchönen Augenblicke begründen!“ „Ich kenne Dich,“ fügte Leopoldine hinzu, Du haſt Liebe genug, um uns Beide zu lieben; ſchließe uns zu gleicher Zeit an Dein reiches Herz.“ 172 Mit unendlicher Zärtlichkeit begegnete der Alte jetzt den Blicken der beiden Bittenden, und jeder Zug ver⸗ rieth, daß ſeine Gefühle noch die ganze Lebhaftigkeit der Jugend beſaßen. „Kinder! Kinder!“ rief er,„wozu dieſe Bitten? Ich ſtehe nicht kalt und unverſöhnlich da. O nein, nein!. Aber es rast ein Kampf in meiner Seele, verſteht ihr? ein Kampf zwiſchen dem höchſten Frieden und dem bitterſten Schmerze. Ich möchte weinen vor Kummer, aber ich muß lächeln vor Freude.. Marxi⸗ milian, Leopoldine, hier bin ich in Liebe ein Vater für euch Beide!. Ach, welch' ein Augenblick.. Ich, der ich kaum noch ſo allein in der Welt ſand, ich ſchließe jetzt zwei Kinder in meine Arme. Marximilian, laß mich Dich betrachten.. Welch' ein ſtattlicher Mann Du biſt, ich kann ſtolz darauf ſein, einen ſolchen Sohn zu beſitzen. Und Du, Leopoldine.. nein, ich kann meine Thränen nicht zurückhalten, wenn ich Dich an⸗ ſehe. Ach, warum mäß ich dieſen Augenblick ſo theuer erkaufen, warum muß mein ſchönſtes Gefühl mich meinen ſchönſten Gedanken koſten? Aber es iſt jetzt entſchieden, ich will nicht ſchon über den erſten Augen⸗ blick eures Glückes einen Schatten werfen. Laßt uns jeden traurigen Gedanken vergeſſen und von Herzen froh werdenje Nie hörten die beiden Liebenden mehr einen Vor⸗ wurf oder eine Klage aus Michael's Mund. Er hatte ſo verziehen, wie nur ein edler Mann es thut, ganz vollſtändig, nicht bloß mit den Lippen, ſondern mit dem Herzen. Als er die Seligkeit ſeiner Kinder ſah, freute f er ſich mit ihnen. Aber düſtere Ahnungen ſchwebten ihm gleichwohl vor, Ahnungen, welche ihm ſagten, daß Leopoldine jetzt gänzlich für den Beruf in der Kunſt ver⸗ loren ſei, wozu er ſie eingeweiht und woran er ſeine beſten Hoffnungen geknüpft hatte. Zwar hatte er einen lange vermißten Sohn wieder gefunden, und er verſuchte 173 durch dieſes Glück jede Unzufriedenheit wieder zum Schweigen zu bringen, aber er konnte ſeine Gefühle nicht umſchaffen; was er als Vater gewonnen, erſetzte ihm das nicht, was er als Kunſtfreund verloren hatte⸗ Der Gedanke hieran erpreßte manchen tiefen Seufzer aus ſeiner Bruſt. Seinem Vorſatz, den Kummer für ſich allein zu behalten, blieb er jedoch getreu, und ſowohl Leopoldine, als Marimilian waren ebenfalls zu ſehr mit einander, mit ihrer Liebe und ihren neuen, ſchönen Zukunftsträumen beſchäftigt, um den ſtillen Schmerz des Alten zu bemerken. Inzwiſchen konnte Michael das frühere Behagen in dem kleinen Landhauſe nicht wieder finden. Die ſchönen Abendſtunden in der Veranda waren nicht mehr, was ſie füher geweſen. Zwar kam das Geſpräch zuwei⸗ len noch auf ſeinen Lieblingsgegenſtand, und er ent⸗ wickelte dann mit jugendlicher Wärme ſeine Lehrenz aber er fühlte gleichſam in der Luft, daß ſeine Zuhörer, obſchon ſie aufmerkſam lauſchten, dennoch in ihrem Her⸗ zen von anderen Gefühlen belebt wurden, als er ſelbſt Auf ſolche Art fand er ſich bald, trotz der achtungs⸗ vollen Zärtlichkeit ſeiner Kinder, überflüſſig für ihr Glück. Die alte Unruhe, das alte Verlangen nach Kunſtgenuß erwachten von Neuem, und er begann ſich nach einer Gelegenheit zu ſehnen, um ſein früheres Leben, ſein gewöhnliches Forſchen nach dem Wahren und Schö⸗ nen wieder fortzuſetzen. Bald darauf feierten Leopoldine und Maximilian in größtmöglicher Einfachheit ihre Hochzeit. Möge die junge Leſerin mir verzeihen, daß ich dieſem intereſſanten Ereigniß nicht ein beſonderes Kapitel widme: Michael empfand dabei ein Gemiſch der widerſtreitendſten Ge⸗ fühle. Er konnte gegen die Seligkeit der beiden jungen Leute nicht gleichgültig und ebenſo wenig kalt gegen die Schönheit ſein, die in einer glücklichen Liebe liegt: aber er empfand auch beim Gedanken an die Zukunft, welche jetzt die junge Sängerin erwartete, nachdem ſie ihr 174 Schickſal unauflöslich mit ſeinem Sohne verbunden, einen Schmerz, der natürlicher geweſen wäre, wenn es ſich ſtatt deſſen um ihre Beerdigung gehandelt hätte. Als er mit den Neuvermählten aus der Kirche des Städt⸗ chens ging, worin die Trauung ſtattgefunden hatte, ſtand ſein Reiſewagen bereits angeſpannt vor der Thüre. Es war jetzt unmöglich, ihn länger zurückzuhalten. Indem er alles Zureden und Bitten ablehnte, ſchloß er ſeine Kinder noch einmal an ſein Herz, ſagte ihnen ein inniges Lebewohl, gab einige zärtliche Ermahnungen und verließ ſie dann. Dieß war für ſie Alle ein Augenblick tiefen Schmer⸗ es. Ach, es war eine bittere Thräne in Leopoldinen's rautkranz gefallen. Was iſt es wohl im Allgemeinen, das dem Ab⸗ ſchiedsſchmerz ſeinen ſchärfſten Stachel gibt? Die Trennung ſelbſt iſt es eigentlich nicht. Ebenſo wenig der Gedanke an die bevorſtehende Sehnſucht. Nein, es iſt das Gefühl der Verwandluag, der jedes Herz unterworfen iſt; man weiß, was man beſitzt, aber nicht, was man wieder bekommt. Um ſich einreden zu laſſen, daß die Zeit ſpurlos verſchwinde, muß man weder an die Re⸗ flerionen der geſunden Vernunft, noch an die ſeines Spiegels glauben. Iſt nicht jeder Tag ein Leben, und einige Jahre„ welch' eine Rennbahn für Freude und Kummer, für Liebe und Bitterkeit, für Gewinne und Verluſte, für Wehe und Wohl, für Gutes und Böſes! Wie manche Hoffnungen werden da nicht über den Hau⸗ fen geworfen, wie manche Vorſätze und Pläne werden nicht zurückgedrängt oder ermüden auf halbem Weg, wie manche Gefühle erlöſchen nicht und leihen anderen ihr Feuer! Die Unruhe unſeres Herzens iſt alſo billig; ver Freund, den Du verläſſeſt, wo, ach wo und wie wirſt Du ihn wieder finden? 17⁵ XXIV. Der Student. Gott bewahre, Commiſſare! Doctor. Es iſt ſeit einiger Zeit modern geworden, zu reiſen, nicht bloß im wirklichen Leben, ſondern auch in den omanen. Indem der Verfaſſer jetzt dem allgemeinen Gebrauche folgt, ſchmeichelt er ſich mit der Hoffnung, daß der Leſer nichts dagegen habe. Ungefähr zwei Jahre waren ſeit Leopoldinens und Marimilian's Hochzeit verfloſſen. Das ſardiniſche Dampfbvot il Virgilio lag mit rauchendem Kamin in Genua's Hafen, bereit, ſeine ge⸗ wöhnliche Fahrt nach dem Süden anzutreten. Das Schiff war voll von Paſſagieren, der bunteſten Sammlung, die man ſich denken kann, und ein lau⸗ ſchendes Ohr fand in dem allgemeinen Geſumme der Stimmen ein Gemiſch von beinahe allen europäiſchen Sprachen. Der Kapitän ſtand mit dem Sprachrohr in der Hand auf der Brücke des Rädergehäuſes und hatte bereits allen Fremden den Befehl ertheilen laſſen, ſich vom Vord wegzubegeben. Man war beſchäftigt den Gabel⸗ anker zu lichten. 5 In dieſem Augenblick hörte man eine Stimme, die im Namen des Geſetzes dem Commandanten befahl, noch einige Minuten mit der Abfahrt zu verweilen, und unmittelbar darauf trat ein Polizeicommiſſär nebſt eini⸗ gen Gendarmen an Bord. Dieſes Ereigniß rief einen großen Aufſtand hervor. Zedermann war neugierig zu erfahren, was es gebe, und man ſchaarte ſich um den Commiſſär und den Ka⸗ 176 pitän, zwiſchen welchen Beiden ſich ein lebhaftes Ge⸗ ſpräch entſpann. Endlich gab der Letztere mit lauter und ernſter Stimme zu erkennen, daß der Polizeibeamte in Folge eines von der Direction des Sealatheaters in Mailand ausgewirkten Haftbefehls beordert ſei, eine ohne Urlaub entwichene erſte Tänzerin Signora Pari⸗ ſina zu verhaften, deren Signalement auf's Genaueſte angegeben war, und von der man mit einiger Sicher⸗ heit vermuthete, daß ſie ſich gegenwärtig an Bord des Virgilio befinde. Sollte dieß wirklich der Fall ſein, ſo würde ſie aufgefordert, ſich alsbald zu erkennen zu geben, und zu größerer Gewißheit erhielten ſämmtliche Paſſagiere Befehl, ihre Päſſe vorzuzeigen. Das feierliche Schweigen, das während dieſer An⸗ durch ein lärmendes, lautes Schwatzen unterbrochen. Man betrachtete einander vom Wirbel bis zur Zehe, man lachte, ſcherzte und machte tauſend luſtige Bemer⸗ kungen. Aber keine erſte Tänzerin ließ von ſich hören. Hierauf wurden mit großer Genauigkeit die abverlang⸗ tu Piſe beſehen, jedoch alle in geſetzlicher Ordnung efunden. Der Polizeicommiſſär ließ ſich indeſſen nicht ſo leicht müſſe ſich an Bord befinden; er habe darüber die zuver⸗ läſſigſten Nachrichten erhalten, und kraft ſeines Amtes, mache er es Jedermänniglich zur ſtrengen Pflicht, über die genannte Flüchtlingin alle Aufſchlüſſe zu ertheilen, die man nur geben könne. In einer Gruppe von eleganten Damen und Cava⸗ lieren, die offenbar den höheren Klaſſen der Geſellſchaft angehörten, vernahm man fröhliches, munteres Gerede⸗ Einer der letzteren nahm eine ſehr ernſte Miene an und wandte ſich an den Commiſſär. „Mein Herr,“ ſagte er,„obſchon ich es für Ritter⸗ pflicht halte, dem ſchönen Geſchlecht, ja fogar einer Tän⸗ kündigung unter den Zuhörern ſtattfand„ wurde zet. abſpeiſen. Er behauptete hartnäckig, Signora Pariſina —— 177 zerin allen möglichen Schutz zu gewähren, ſo glaube ich mich dennoch verpflichtet, Ihnen zu melden, daß hier unter uns ein Mann ſich befindet, der in naher Bekannt⸗ ſchaft mit der unglücklichen Signora Pariſina geſtanden hat. Die Geheimniſſe ſeines Herzens können Ihnen zu nützlichen Auſſchlüſſen verhelfen. Ich habe die Ehre, Ihnen den Grafen Manfred, Direktor der königlichen Oper in D., vorzuſtellen.“ Graf Manfred, unſer alter Bekannter, trat jetzt vor und legte eine halb ſcherzhafte Erklärung ab. Er bezeugte, daß er wirklich Signora Pariſina ganz gut kenne, ja ſogar mehr als genug, um ſie ſelbſt in einer ermummung wieder zu erkennen. Aber er glaube in Folge deſſen verſichern zu können, daß ſie ſich jetzt nicht unter den Anweſenden befinde. Der Commiſſär ſchüttelte zweifelhaft den Kopf und betheuerte, er würde die Schöne fangen, ſelbſt wenn er genöthigt wäre, mit dem Dampfbvot bis nach Neapel zu fahren. Jetzt trat aus dem Haufen ein kleiner, ſchmächtiger deutſcher Student hervor, mit langen Haaren und un⸗ geheurem Bart, einen breitrandigen Spitzhut auf dem Kopf, mit einer Brille und einer gewaltigen Tabaks⸗ pfeife im Mund. Er ſprach eine Sprache, die man eben ſo gut deutſch⸗italieniſch wie italieniſch⸗deutſch nennen konnte. Auch er ſagte, daß er Signora Pariſina fenne. Vor einigen Tagen habe er ſie, ſo lautete ſeine Erzäh⸗ lung, in Mailand geſehen und das außerordentliche Ta⸗ lent der berühmten Tänzerin bewundert. Ihre Züge haben ſich ihm unauslöſchlich eingeprägt, da ſie ent⸗ ſchieden das ſchönſte Weib ſei, das er je Leſn Ganz unerwartet ſei er ihr geſtern hier in Genua auf der Treppe des Hotels, das er bewohnt, begegnet, und er wiſſe ganz genau, daß ſie es wirklich ſei, obſchon ſie ihren Namen nicht in das Fremdenbuch eingetragen habe. ndlich ſei er vor kaum einer Stunde, als er auf's Quai herabgekommen, um ſich aufts Dampfſchiff zu Ein Funke. II. 178 begeben, noch einmal mit der wunderſchönen Dame zuſammengetroffen. Er ſei ihr mit großer Aufmerkſam⸗ keit gefolgt, und ſowohl er als mehrere ſeiner Freunde auf dem Land haben geſehen, wie ſie aus einer Kutſche geſtiegen ſei und einen Mantelſack, ſo wie mehrere andere Effekten mit ſich geführt habe; mit dem ſie ſich ſogleich an Bord des Virgilio begeben. Sie ſei bei dieſer Gelegenheit in einen großen grünen Shawl gehüllt ge⸗ weſen und habe einen hellrothen Seidenhut getragen. Man amüſirte ſich ſehr an dem luſtigen Kauder⸗ welſch und den lebhaften komiſchen Geberden des Männ⸗ chens. Aber mehrere Perſonen erinnerten ſich, daß ein Dame, deren Aufzug der Beſchreibung entſprochen, wirt⸗ lich un Bord ſichtbar geweſen, hernach jedoch verſchwun⸗ den ſei.. Der Commiſſär ſchien ſich für dieſe Notizen ſehrz zu intereſſiren. Der grüne Shawl und der rothe Hut paßten vollkommen zu den Erkennungszeichen, die ihm bereits mitgetheilt worden waren, und er verlangte deß⸗ halb eine genaue Durchſuchung des ganzen Schiffes Begleitet vom Kapitän, begab er ſich unter das Verdech um die Cajüten und Salons zu durchſuchen. Jedermann war im höchſten Grad auf den Aus⸗ gang dieſer Scene geſpannt. Der Student blies ge⸗ waltige Rauchwirbel aus ſeiner Pfeife und warf ſich in die Bruſt, als wäre er eine ſehr wichtige Perſon. Gra Manfred hatte ihn inzwiſchen ſcharf firirt, ohne ſich ſelbſt klar machen zu können, warum er es that. näherte ſich ihm jetzt und ſagte lächelnd: „Es iſt ſehr zu verwundern, daß ein ſo jungi Mann, wie Sie zu ſein ſcheinen, ſich ſo gefühllos gegen eine Dame zeigen kann, die Sie ſelbſt als die Schönſe erklärt haben.“ 3 „Sie meinen alſo, Signor,“ antwortete der Stu dent, obſchon in ſeinem eigenen wunderlichen Dialeit „daß ich zufällig auf eine Belohnung von Seiten de Schönen hätte rechnen dürfen, wenn ich verſchwiegen 179 hätte, was ich jetzt geſagt habe? Ja, ja, man merkt wohl, daß Sie Erfahrung in ſolchen Dingen haben.“ Dieſe Aeußerung wurde in einem etwas ſcharfen Tone gemacht, den jedoch der Graf mehr lächerlich als beleidigend fand. „Was Sie ſelbſt betrifft,“ erwiederte er,„ſo glaube ich annehmen zu können, daß die Erfahrung lediglich zu Ihren zukuͤnftigen Studien gehört.“ „Wollen Sie mich beleidigen?“ fragte der kleine Mann mit zornfunkelnden Augen. Der Graf lächelte bloß, betrachtete ihn aber mit verdoppelter Aufmerkſamkeit. „Herr, ich ertrage keinen Spaß,“ verſetzte der Stu⸗ dent und drehte ſich haſtig auf dem Abſatz um, indem er ſeinem höhniſchen Gegner den Rücken kehrte. Auf einmal nahm das Lächeln des Grafen einen neuen Charakter an. Verwunderung, Ueberraſchung malte ſich auf ſeinem Geſicht. Er folgte dem hitzköpfi⸗ gen Jüngling, der jetzt allein an dem Geländer gegen die See hinaus ſtand, und indem er ſich dicht hinter ihn ſchlich, flüſterte er leiſe einige Worte in ſein Ohr. Ein Zucken durcheilte die Glieder des Studenten. Er ergriff ſogleich die Hand des Grafen und wechſelte einen bedeutungsvollen Blick mit ihm. In dieſem Angenblick hörte man vom Hintertheil des Schiffes her ein Gemurmel mehrerer Stimmen, woraus man nichts deutlich unterſcheiden konnte, als den Ruf: Wir haben ſie gefunden, die Tänzerin iſt gefan⸗ gen! Eine allgemeine Bewegung entſtand. Das Gedränge um die Treppe her wurde ſo groß, wie wenn es ſich darum gehandelt hätte, in einem Billet⸗Comptoir ſich Entree zu einer der Vorſtellungen der berühmten Sig⸗ nora zu erkaufen.. »Eine große Tänzerin auf der Bühne zu ſehen,“ bemerkte ein Engländer ſehr ernſthaft, uu iſt etwas 180 ganz Gewöhnliches; aber ſie verhaften zu ſehen, iſt Et⸗ was, das nicht alle Tage vorkommt.“ Es währte nicht lange, ſo trat eine elegante Dame in grünem Shawl und hellrothem Seideſargehut auf das Verdeck; ſie wurde von dem jetzt freudeſtrahlenden Commiſſär geleitet, hielt aber das Nastuch vor ihre Au⸗ gen und ſchien ganz matt und ſchwach. Ueberwältigt von ihren Gefühlen, ſank ſie auf der nächſten Bank nieder. „Ja, ja, das iſt ſie!“ rief der deutſche Student und bot ihr dann eifrig ein Glas Waſſer. „Es iſt Alles ganz richtig,“ ſagte der Commiſſär, indem er noch einmal den Paß durchſchaute, den er in ſeiner Hand hielt.„Erſte Tänzerin Signora Pariſina! reist nach Neapel. Alter: 27 Jahre.. ſchwarze Haare, dunkelblaue Augen, ſchlanke und geſchmeidige Geſtalt. Sie finden alſo, Herr Graf,“ fügte er trium⸗ phirend hinzu,„daß, ungeachtet Ihrer Verſicherung, die junge Dame wirklich hier zu finden war. Ja, ja, man iſt kein Anfänger in ſeinem Handwerk, will ich die Ehre haben, Ihnen zu ſagen.“ „Sie glauben alſo in vollem Ernſt, daß dieſes Frauenzimmer Signora Pariſina ſei... Es iſt möglich, daß ſie dieſen Namen führt, aber ſo viel ſteht feſt, daß ſie nicht die berühmte Tänzerin iſt.“ „Warum, Herr Graf, bezweifeln Sie ihre Iden⸗ tität, und zwar trotz dieſer Dokumente, trotz ihres eigenen Geſtändniſſes 26 „Ei, Sie laſen ja ſo eben, daß die Signora ſchwarze Haare habe, und die Dame hat, wie Jedermann ſehen kann, braune Locken.“ „Wahrhaftig ja, Sie haben Recht„ſie ſind wirklich braun... corpetto di Bacco! „Das iſt ein Complott, müſſen Sie wiſſen!“ flü⸗ ſterte der Student leiſe, indem er den Commiſſär am Rockſchvoß zupfte;„der Graf da iſt der Liebhaber, das iſt klar. Wer kann etwas auf die Farbe der Haare ge⸗ 181 ben, da alle Theaterdamen falſche Locken tragen2 Viel⸗ leicht hat die Signora ſelbſt ein beſſeres Gedächtniß, als Sie, Herr Graf,“ fuhr er mit lauter Stimme fort, und gegen die Dame gewandt, fragte er artig:„Meine Enädige, haben Sie die Güte, uns zu erklären, ob Sie wirklich den Grafen Manfred kennen. Waren Sie vielleicht einmal an ſeinem Theater angeſtellt.“ „O, wie unglücklich bin ich!“ ſeufzte die Schöne zur Antwortz„alle meine Freunde verlaſſen mich.“ „Nun, Herr Graf, erinnern Sie ſich auch dieſer klangvollen Stimme nicht?“ fuhr der Student fort, dem ſehr viel daran zu liegen ſchien, daß die Sache abge⸗ macht wurde, was man ganz natürlich fand, da er ſelbſt als Angeber aufgetreten war. „Was ſagen Sie ſelbſt, mein junger Freund 2“ fragte der Graf zurück. „Ich? Nun, ich kann ſchwören, daß Sie in dieſem Augenblick die berühmte Tänzerin leibhaftig vor ſich haben.“ „Wirklich 2“ „Auf meine Ehre.“ »Nun ja, ich glaube, daß Sie Recht haben. Wenn ich genauer nachdenke, ſo finde ich, daß. ja wohl, es iſt ſo wie ich ſage.. ſeien Sie ruhig, Herr Com⸗ miſſär, Sie haben wahrhaftig die berühmte Tänzerin leibhaftig vor ſich.“ »Meine Herren, unterbrach die Dame mit Würde, indem ſie ſich aufrichtete, ich habe jetzt meine Kräfte wieder geſammelt. Herr Kommiſſär, thun Sie Ihre Pflicht; ich bin bereit, Ihnen zu folgen.“ Der Kapitain ſeiner Seits war ungeduldig über die lange Zögerung, zumal da der Abend ſchon weit vor⸗ geſchritten war. Er ſchnitt daher alles weitere Geſpräch ab und beſchleunigte den Weggang des Polizeibeamten. Kaum hatte dieſer mit ſeiner ſchönen efangenen das Schiff verlaſſen, ſo begannen auch die Schaufeln 182 ihren plätſchernden Tanz, und das Schiff fuhr ſchnell vom Lande ab. Der Wind blies friſch. Das Meer bewegte ſich unruhig.. Wenige Augenblicke, nachdem man den Hafen verlaſſen hatte, begann der Virgilio ein heftiges Schwanken auf der hohen See. Das früher ſo muntere und lärmende Geplauder erſtarb jetzt in einem haſtigen Morendo, und von den Paſſagieren ſah man den Einen um dem Andern mit bleichen Wangen und wankenden Tritten ſich in die Kajüte begeben. G5 war Mitternacht, als Graf Manfred wieder auf's Verdeck trat. Alles war jetzt ſtill, mit Ausnahme der Maſchine, die unter ihrer ſchweren Arbeit ſeufzte und puſtete. Eine dichte Finſterniß umhüllte das Schiff. Nur die Lampe im Compaßhäuschen warf einen ſchwa⸗ chen Schein über die nächſten Gegenſtände. Von ihr geleitet, entdeckte der Graf nach kurzem Ruhen eine Perſon, die in ihren Mantel gehüllt auf einer der Bänke am Hintertheil des Schiffes zuſammengekauert ſaß. Es war der deutſche Student. Er ſchlief gut. Der Graf hatte gefunden, was er ſuchte. Er beugte ſich über den Schläfer hinab, hob ſeinen tief eingedrück⸗ ten Hut ein wenig, löste ſodann behutſam ein Band, das, von ſeinen Haaren verborgen, über dem Kopf zugeknüpft war, und o Wuͤnder! in dieſem Augenblick fiel der ganze ſtattliche Bart von ſeinem Platze herab. Beim matten Lampenſchein lächelten jetzt dem Grafen ein paar der ſchönſten Lippen entgegen„ er konnte der Verſuchung nicht widerſtehen er drückte einen bren⸗ nenden Kuß darauf. Im Augenblick flog der demaskirte Student, der Niemand anders war, als die wirkliche Signora Part⸗ ſina, miteinem Ausruf der Beſtürzung aus dem Schlafe auf. „Still, ſtill um Alles in der Welt,“ bat der Graf mit leiſer Stimme, indem er ſie auf der Bank zurück hielt,„ich bin's, Signora.“ S 183 „Sie, Graf Manfred!“ ſagte Pariſina, die ſich noch nicht völlig von ihrer Ueberraſchung erholt hatte. Wie ſteht's? ſind Sie mein Freund oder mein Feind?“ „Welche Frage!“ „War es ein Verſöhnungskuß, womit Sie mich weckten, oder vielleicht ein verrätheriſcher Judaskuß 2“ „Wenn ich Ihr Feind wäre, würde ich wohl dann meine Entdeckung verſchwiegen haben, während ich Sie mit einem einzigen Worte Ihren Verfolgern überliefern konnte?“ „Sie haben Recht, ich bin Ihnen Dank ſchuldig; aber der Gedanke an unſere letzte Trennung macht mich dennoch etwas verwirrt.“ „Sie meinen die Freigniſſe in D. vor ein paar Jahren. Jetzt thun wir am Beſten, dieſe Geſchichte aus unſerem Gedächtniſſe zu ſtreichen.“ „Sie ſchlagen alſo einen Strich durch die alte Rech⸗ nung und die Errichtung eines neuen Contos zwiſchen uns vor?“ „Ganz richtig, ſo meine ich's.“ „Es ſei! Der Vorſchlag iſt vollkommen nach meinem Geſchmack. Aber ſagen Sie mir, Herr Graf, Sie müſ⸗ ſen es doch ſonderbar finden, mich hier in dieſem när⸗ riſchen Aufzug wieder zu treffen.. Ach, wie angenehm 6 doch⸗ einen Freund zu haben, mit dem man lachen ann!“ „Es iſt eine Freude zu hören, daß Sie Ihre frü⸗ here Heiterkeit noch beibehalten haben.“ Noch! das klingt, wie wenn Sie glauben, ich ſei alt geworden Nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ja wohl, die Warnung iſt nicht unberufen. An Ihrer Seite, Signora, daß weiß ich ſchon lange, be⸗ findet ſich ein Mann immer in Gefahr.“ „Und Sie ſelbſt, Graf.. wenn es für eine Tän⸗ zerin gefährlich iſt, Sie zum Feind zu haben, ſo iſt es für ein Weib nicht minder geführlich, Sie zum Freund zu haben; ich habe in beidem Erfahrung.“ 184 „Aber ich brenne vor Ungeduld, das Abenteuer zu vernehmen, welches mir das Vergnügen dieſes Zuſam⸗ mentreffens geſchenkt hat.“ „O, ein höchſt intereſſantes Ereigniß! Ich bin ſelbſt entzückt davon. Das Leben geht im Allgemeinen ſo träg und proſaiſch dahin, daß es ein wahres Vergnü⸗ gen iſt, in ein Abenteuer hinein zu gerathen. Der Anfang war jedoch minder angenehm. Ich habe mit der Direktion der Scala einen Contrakt auf zwanzig Vorſtellungen abgeſchloſſen; das war dumm, denn ich beſaß in ganz Mailand kaum einen einzigen Freund, auf den ich mich verlaſſen konnte, dagegen wie gewöhn⸗ lich einen ganzen Schwarm von niedrigen Neidern. Auch zeigte es ſich ſchon bei meinem erſten Auftreten, daß das Publikum feindlich gegen mich geſtimmt war. Ich behielt jedoch gute Miene und that, als ob ich die Kälte der Zuſchauer nicht bemerkte. Aber am andern Abend erwartete mich eine unerhörte Chikane, der Saal war ſchwach beſetzt, applaudirt wurde beinahe gar nicht. Mitten während des Tanzes bemerkte ich, wie mehrere Zuſchauer ihre Logen verließen und ſich gleichgültig in die Kabinette zurückzogen. Endlich geſchah Etwas, was mir ſeit vielen, vielen Jahren nicht begegnet iſt: ich wurde nach meinem erſten Solo nicht herausgerufen. Zetzt war meine Geduld zu Ende, und ich ſchwür einen Eid, in dieſes abſcheuliche Theater nie mehr meinen Fuß zu ſetzen. Am folgenden Tag erhielt ich eine Aufforderung, in die Repetition zu kommen. Ich fand mich nicht ein. Nach einigen Stunden kam der würdige Unternehmer, ein ſchon längſt ausgebrannter alter Kerl. Er fragte mich, ob ich krank ſei.“— Nein, antwortete ich„ ſpöttiſch.— Warum bleiben Sie dann von der Repeti⸗ tion weg? fragte er weiter.— Ganz einfach darum, weil ich auf Ihrem Theater nicht mehr aufzutreten ge⸗ denke. Der Alte war wie aus den Wolken gefallen; er wußte nicht, ob ich ſcherzte oder ernſthaft ſprach. Er begann Vorſtellungen zu machen, aber ich fand dieſe eben ſo langweilig wie ſeine ganze abgewelkte Perſon und kehrte ihm verächtlich den Rücken. Jetzt wurde er endlich böſe. Ich ebenfalls. Es entſtand ein ſcharfer Wortwechſel zwiſchen uns. Der Alte zog den Contrakt hervor, ein dummes Dokument, das mir nur ein ſehr mittelmäßiges Salair zuſicherte, dagegen eine abgeſchmackt hohe Strafe feſtſetzte, im Fall ich meine eingegangene Verpflichtung bräche. Ich laſſe nicht mit mir ſpaßen, ſagte er, dieſes Dokument iſt vollkommen geſetzlich; Tan⸗ zen oder bezahlen. Ich lachte ihm in's Geſicht und betheuerte, daß keine Macht in der Welt mich veran⸗ laſſen könne, zu tanzen, wenn ich nicht wolle. Was die Buße betreffe, ſo möge er darnach ſehen ſo gut er könne, und wenn er mich zum Coneurs zwingen wolle, ſo werde ihn dieß auch nicht reicher machen. Der Direktor hatte endlich die Grobheit, mir mit Verhaſtung binnen vierundzwanzig Stunden zu drohen. Was ſagen Sie von einem ſolchen Grobian?“ „Ich will bloß bemerken, daß man, um in einem Falle wie dieſer, die ganze Strenge des Geſetzes anzu⸗ wenden, ein alter Mann ſein muß.“ „Ja, das war er, Gott weiß es. Welche Dumm⸗ heit jedenfalls, eine Tänzerin mit Geſetzesparagraphen beherrſchen zu wollen! Ein Compliment, ein Kniefall, hätte vielleicht die ganze Sache zur gegenſeitigen Zufrie⸗ denheit in Ordnung gebracht; aber von Buße und Ver⸗ haftung zu ſprechen, wie taktlos iſt das!„. Doch, das wiſſen Sie ſchon zum Voraus, Herr Graf, Sie, der Sie jetzt ſelbſt als alter Theaterdirektor Praris ge⸗ nug haben. Inzwiſchen erfuhr ich bald, daß die Polizei Befehl erhalten hatte, mich feſtzunehmen. Ich hatte alſo nichts Anderes zu thun, als mich in der größten Eile reiſefertig zu machen und über Hals und Kopf Mailand zu verlaſſen. Mitten in der Nacht und ſo heimlich wie möglich, reiste ich ab. Ich fuhr nach Ge⸗ nua; aber auch hier konnte ich mich nicht in Sicherheit glauben. Die erſte Poſt von Mailand brachte die Nach⸗ 186 richt, daß meine Flucht daſelbſt großes Aufſehen erregt, und daß man beſchloſſen habe, die ſtrengſten Nachfor⸗ ſchungen anſtellen zu laſſen. Ich ſah, daß man mir auf die Spur kommen konnte, und beſchloß, meine Reiſe ſchleunig fortzuſetzen. Um bald wegzukommen, wählte ich das erſte abgehende Dampfbvot; aber der größeren Sicherheit wegen heckte ich den glücklichen Plan aus, ſelbſt unter irgend einer Vermummung Schutz zu ſuchen und meine Kammerjungfer, ein hübſches und verſtändi⸗ ges Mädchen, meine eigene Rolle übernehmen zu laſſen. Auf der Fahrt von Mailand hatte ich mit einem deut⸗ ſchen Studenten Bekanntſchaft gemacht. Er war ein chevaleresker, noch ganz junger Mann, und ſchätzte es ſich zur Ehre, einer armen ſchutzloſen Dame aus einer ſo fatalen Klemme zu verhelfen. Einem ſo romantiſchen Jüngling den Kopf zu verrücken, war ſehr leicht. Wir bezogen daſſelbe Hotel, und der vortreffliche Junge ſchenkte mir zuerſt ſein Herz, dann ſeinen Paß und ſeine Kleider, endlich noch ein langes Abſchiedspoem. Nach mehrſtündigen Lectionen war ich ein paſſabler Burſche, und ich wage es zu behaupten, daß man Ihren ſeltenen Scharfblick beſitzen muß, um die Fälſchung zu entdecken. Sie können ſich inzwiſchen meine Unruhe vorſtellen, als der Polizeikommiſſär an Bord kam, und es beruhigte mich ganz und gar nicht, als ich in demſelben Augen⸗ blick auch Sie unter den Paſſagieren gewahrte... Die arme vortreffliche Amina, ich hätte ihr gern die Unan⸗ nehmlichkeit erſpart, in die Hände der Polizei zu fallen, aber als ich die Hartnäckigkeit des Commiſſärs ſah und ſeine Drohung hörte, uns auf der Reiſe zu begleiten, da wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich das treue Kind opferte. Sie ſitzt wohl jetzt bald wieder in Mailand... Ach mein Gott, wenn ich nur ihr Zu⸗ ſammentreffen mit dem alten Director ſehen könnte! Wie wird er wüthend werden über den Spuck, den ich ihm geſpielt habe, hahaha!“ Der Graf ſtimmte herzlich in das fröhliche Lachen ein. 187 „Vortrefflich, Signora, Sie haben eine unvergleich⸗ liche Intrigue angezettelt.“ „Ja, ſehen Sie, das Intriguiren gehört zu meinem Handwerk. Das ſchwerſte von Allem war jedoch das Tabackrauchen. Pfui doch, welch eine abſcheuliche Er⸗ findung!.. Darf ich jetzt fragen, was der Zweck Ihrer Reiſe iſt, Herr Graf?“ „Ich habe mich auf ein paar Monate von meinen Geſchäften losgeriſſen, einzig und allein um mich zu amüſiren.“ „Ach, das gelingt Ihnen ſicherlich nicht.“ „Wie ſo? iſt nicht der Anfang gut, der mir ein ſo angenehmes Zuſammentreffen geſchenkt hat?“ „Mein heſter Graf, ich fürchte, daß das Vergnü⸗ gen hier auf Erden bereits ſein letztes Stündlein ge⸗ ſehen hat, oder wenigſtens an einer unheilbaren Schwind⸗ ſucht leidet; mich dünkt es, als ſei ganz Europa in wenigen Jahren grauköpfig geworden, und ich hätte gute Luſt, zu verſuchen, ob man in der neuen Welt die Kunſt beſſer verſteht, ſich ein angenehmes Leben zu verſchaffen.“ „Sie denken doch nicht daran, nach Amerika zu reiſen 2“ „Vielleicht.“ „Um's Himmels willen, verlaſſen Sie uns nicht. Oder ſind Sie etwa geldgierig geworden, Signora?“ „Nun ja, das Geld iſt doch ein weſentliches Gut, das weiß man am Beſten, wenn man kaum erſt in Gefahr war, eingeſteckt zu werden... Aber ich geſtehe, daß es undankbar von mir iſt, in dieſem Augenblick über das Schickſal zu murren, das ſo gütig gegen mich geweſen war. Ich bin, Gott ſei Dank, meinen Verfol⸗ gern entwiſcht; es fehlte mir bloß ein Freund, und ich habe ihn ja gefunden.“ „Seien Sie davon überzeugt.“ „Sie verſprechen alſo, mir Ihren Schutz zu ſchenken, Sie verſprechen, dafür zu ſorgen, daß ich nicht noch einmal wegen der unangenehmen Mailänder Geſchichte 188 in die Klemme komme. Ach, laſſen Sie mich Ihre Hand drücken. Sie wälzen einen Stein von meinem Herzen, und dieſes Herz, es hat getreuer, als Sie glau⸗ ben, ſeine Erinnerung an die glückliche Zeit, da wir einſt Freunde waren, feſtgehalten.“ Graf Manfred fand ſich in einer feinen Schlinge ge⸗ fangen. Er konnte nicht umhin, bei ſich ſelbſt die Betrach⸗ tung anzuſtellen, daß er einen Kuß theuer genug bezahlt habe, als er jetzt zum Lohn gewiſſermaßen dieganze Ver⸗ antwortlichkeit für den Contraktbruch der Signora auf ſich nehmen mußte. Aber in dieſem Augenblick fühlte er ihre feine, weiche Hand, die ſich in die ſeinige einſchmiegte; er fühlte ihren warmen Athem, der ſeine Wange koste, er fühlte ihre ſchwellende Bruſt ſanft gegen die ſeinige gedrückt. War es wohl möglich, unter ſolchen Umſtän⸗ den mit einer abſchlägigen Antwort, einem Proteſt herauszurücken? Nein, der Graf glühte, ſchwieg und willigte ein. Gar zu bald wurde das liebliche téte-à-téte durch einen aus der Kajüte herauf kommenden Paſſagier ge⸗ ſtört. In größter Eile wurde die Signora wieder mit ibren falſchen Bart ausgeſtattet. Sie flüſterte dabei eiſe: „Ich ertrage dieſen Zwang nicht länger. Morgen ſteige ich bei Livorno an's Land. Und Sie 2“ „Ich muß nach Neapel, bezaubernde Pariſina.“ „Erwarten Sie mich dort, wir treffen uns bald.“ „Ach, Gott ſei Dank für ein wenig friſche Luft. Da unten erſtickt man förmlich,“ huſtete der Neuange⸗ kommene, ohne zu ahnen, in welchem ungelegenen Augen⸗ blick er das Verdeck betrat. Ihre Lippen dicht am Ohr des Grafen, flüſterte die Signora noch einige Worte. „Vergeſſen Sie nicht, meiner armen Amina Reiſe⸗ geld zu ſchicken,“ bat ſie,„ich kann nicht ohne ſie leben.“ 189 XXV. In Neapel. Unſer ganzes Umgangsleben iſt ge⸗ wiſſermaßen nur ein Markt, wo wir gegenſeitig als Käufer und Verkäufer auftreten. Wir ſind zwar nicht alle zuſammen Schacher⸗ juden, aber es iſt doch ſelten eine Ehre zu finden, die nicht mit ſich feilſchen ließe, over eine Ehrlichkeit, die nicht auf gute Geſchäfte ſpeculirte. Bulwer. Unter den allgemeinen Promenaden aller Städte in der Welt verdient ohne Zweifel die Villa Reale von Neapel den Schönheitspreis; vielleicht weniger um ihrer ſelbſt, als um ihrer glücklichen Lage willen. Man ge⸗ nießt hier unter dem Schatten der ewig grünen Stech⸗ palmen einen freien Anblick über das Meer mit ſeinen beſungenen Inſeln und ſeinen vielen Seglern; über das Ufer mit ſeinen impoſanten Klippen, ſeinen unzähligen, von Orangen und Lorbeerhainen umgebenen Landhäuſern und über den Veſuv mit ſeinem beſtändig von Wolken umhüllten Gipfel. Kurz vor den Augen des Zuſchauers liegt der eigentliche Glanzpunkt der bezauberndſten Natur des Südens ausgebreitet, wo kühne Contraſte neben einander ſtehen, überall aber derſelbe unerſchöpfliche Reichthum, dieſelbe bis zur Wolluſt getriebene Ueppig⸗ keit ſich kundgibt. Der Wind bläst Kühlung vom WMeere her, und ſchon im Getöſe der Wogen, die am Fuße der Mauern dieſer herrlichen Landhäuſer tanzen, ſowie in dem beſtändigen Gemurmel der Springbrunnen liegt etwas Erfriſchendes. Noch eine und nicht minder 190 erfriſchende Schönheit begegnet uns hier, nämlich eine zahlreiche Schaar der ſchönſten Kinder. Es war ein Sonntag Nachmittag im September. Verſchiedene Muſikcorps ließen ſich von den Terraſſen der Villa hören und hatten eine unüberſehbare Menſchen⸗ ſchaar hierher gelockt, die in buntem Gewimmel die laubigen Alleen durchſtrömte. Aber nicht ohne Grund führt dieſer Platz einen zweiten Namen: die noble Promenade. In glänzenden Gruppen zeigte ſich hier Alles, was Neapel Nobles und Elegantes beſaß; und dieß will viel heißen, wenn man dabei die Legion von Fremdlingen aus allen Ländern Europa's mitzählt, von denen dieſe ſchönſte Stadt der Welt immer über⸗ ſchwemmt iſt. Unter denjenigen, die ſich eine allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit zuzogen, befand ſich in erſter Linie eine Dame in nankinfarbigem Reitkleid. Wohin ſie ſich wandte, waren Hunderte von Lorgnetten auf ſie gerichtet, und überall war ſie ein Gegenſtand von Fragen und Be⸗ merkungen, namemlich in den zahlreichen Coterien junger Männer, die hier über Perſonen und Toiletten Revue abhielten. Ihre Schönheit gehörte dem glänzen⸗ den und glühenden Schlag an, mit ſtrahlendem Blicke und einem Lächeln, das alle Köpfe verwirrte; aber ihr Gang und ihre Bewegnngen beſaßen eine ganz ſeltene unnennbare Anmuth. Hierzu kommt ferner, daß ihr Coſtüme etwas ungewöhnlich war. Sie trug nämlich, wie ich bereits geſagt habe, ein Reitkleid von nankin⸗ farbiger Seide. Der dünne, leichte Zeug fiel in weichen, reichen Falten von ihren Hüften hinab, ohne allen Zwang von ſteifem, entſtellendem Fiſchbeinapparat. Leib und Hals waren von einer knapp anliegenden Jacke umſchloſſen, die nach hinten in einem kleinen Schoofß endete und nur über der Bruſt ſo weit offen war, daß ſie einer ſchneeweißen Krauſe Platz ließ. Ein hellblaues Halstuch war à la matelote kühn um einen niedrigen, halb empor ſtehenden Kragen geſchlungen, und der Kopf 194§ war von einem grauen breitſchattigen Kaſtorhut bedeckt, umſchwebt von einem hellen Flor, der einer leichten Wolke glich. In der einen Hand hielt ſie eine Reit⸗ dertenn Dieſe im Ganzen höchſt einfache Tracht kleidete ſie vortrefflich und war ſehr gut berechnet, ihre durch eine ſeltene Vollkommenheit ausgezeichnete Geſtalt in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen. Daß ſie Aufſehen erregte, war alſo nicht zu verwundern; aber man muß zugeben, daß die Bewunderung, die man ihr zollte, im Allge⸗ meinen nicht von vollkommen reiner Natur war. Die ſchöne Dame führte ſich, wie geſagt, mit ungewöhn⸗ licher Grazie, aber ihre Haltung beſaß nicht jene Milde, jene holde Verſchämtheit, welche das Weib ſo anziehend macht; ihre Bewegungen waren ſchön, aber allzu kühn, allzu frei, und in ihrem ganzen Auftreten lag ein ge⸗ wiſſes Etwas, eine meiſterhaft ausgeführte, aber jeden⸗ falls ſichtbare Koketterie, die unwillkürlich an das Reit⸗ haus erinnerte... Alle jungen Cavaliere fanden ſie bezaubernd, aber manches junge Mädchen ſchlug die Blicke nieder, wenn ſie den ihrigen begegnete. Nachdem dieſe Schönheit, die von einem eleganten, ſtattlichen Mann begleitet wurde, einigemal in den Alleen auf und ab gegangen war, dachte ſie vermuth⸗ lich, daß ſie bereits genugſam beobachtet worden ſei, oder war ſie vielleicht auch müde; genug, ſie nahm ihre Richtung nach demjenigen Theil der Villa, der eigent⸗ lich der Park genannt werden kann, und ließ ſich auf einer Bank im Schatten einiger Citronenbäume zur Ruhe nieder. Ihr Cavalier ſetzte ſich an ihre Seite. „Wo findet man wohl ein fröhlicheres Leben als hier 2“ ſagte der Begleiter der Dame.„Man könnte glauben, das Volk von Neapel ſei das glücklichſte unter der Sonne.“ „So iſt es auch,“ antwortete ſie,„denn die Men⸗ ſchen hier beſitzen in höherem Grad als anderwärts die beneidenswerthe Gabe, die Gegenwart zu genießen, ohne 192 alle Furcht vor dem morgenden Tag, ohne allen Schmer von geſtern her. Unter uns geſagt, ich glaube, duz alle Freude eine gewiſſe Portion Leichtſinn erfordert; aber beginnt man nur einmal übet die Welt und ſein eigenes Leben ein wenig nachzudenken, ei wahrhaftig, da kommt man ſogleich in ein ſchönes Elend hinein. „Es kommt lediglich darauf an, wie man nach⸗ denkt.“ „So viel iſt ſicher, Graf Manfred, daß Sie in den letzten Jahren ein ungemein weiſer Mann geworden ſind; aber ſagen Sie mir doch, wie kommt es, daß die Weis⸗ heit nicht immer ebenſo amüſant als vortrefflich iſt2.. Ach, wenn ich Sie einmal wieder ein Bischen närriſch ſehen könnte, wie ſehr würde mich das freuen!“ „Sie wiſſen, liebenswürdige Signora Pariſina, daß ich Ihretwegen... „Nein, mein ehrenwerther Graf, täuſchen wir einan⸗ der nicht, wenn wir es vermeiden können. Machen Sie es wie ich; ſeien Sie aufrichtig. Laſſen Sie uns alſo bekennen, daß wir Beide in unſern Gefühlen ganz an⸗ ders ſind, als zur Zeit, wo wir uns in D. trafen. Wenn die Einbildungskraft mit den Jahren erſchlafft, ſo verlieren die Eindrücke ihre Lebhaftigkeit; wir werden gefühllos für Freude und Leid, und es überfällt uns eine gewiſſe Ruhe, die eine allzu große Familienähn⸗ lichkeit mit der Gleichgültigkeit hat. Iſt's nicht ſo2“ „Ich verſichere, daß Sie mir Unrecht thun, Sig⸗ nora; aber Sie ſcheinen ſich vorgenommen zu haben, mich nicht verſtehen zu wollen.“ „Die Beichte mag alſo für meine eigene Rechnung allein gelten. Ja ich verſichere Sie, ich finde es zu⸗ weilen ſehr langweilig, und das Leben wird beſtimmt mit jedem Jahre weniger amüſant. Glauben Sie, daß egen eine ſolche Krankheit ein Kräutchen gewach⸗ ſe ſei 2“ „Und Sie ſind es wirklich, Sie, die überall ge⸗ 193 prieſene, überall angebetete Signora Pariſina, Sie ſi es, mit tin ſolchen Klage „Ganz richtig, mein beſter Graf. Zeigen Sie j Ihr Genie und anüſiren Sie mich ein Sen 2 „Sie haben ſelbſt die Urſache Ihrer krankhaften Gemüthsſtimmung vollkommen gefunden; ſie liegt in Ihrer Gefühlloſigkeit. Erlauben Sie, daß Ihr Herz wird, und Sie werden in ſelbe genblick tauſend reiche ür 3 ſer a che Quellen für Ihr „Ich wünſche nichts Beſſeres, aber mein Gott, i kann mich doch nicht in mich ſelbſt verlieben. N meinem letzten Liebhaber mußte ich 6carité ſpielen, um mich bei unſern tétes-àtéte wach zu erhalten. Wie iſt's, Herr Graf, ſpielen Sie 6carté 2e e bloß 6 Lächeln und das Ge⸗ vurde unterbrochen. ie Pauſe, die jetzt ent⸗ , bemerkenswerth. Da weigen des Grafen verdroß die Signora ihlich, aber um ſich gänzlich gleichgültig zu hen egann ſie einen Strauß ſchen Walzer vor ſich hin zu ſummen. Die muntere Melodie wirkte jedoch nicht auf ⁰ ein, denn dieſe waren nichts weniger als „Er iſt ein Mann ohne Herz, ein wahrer Eisbär,“ . ſie bei ſich ſelbſt;„es iſt ganz unmöglich, ſeine efühle anzufeuern. Alle meine Verſuche ſind ver⸗ 5 St Lauheit iſt Alles, ermag, und dennoch, dennoch muß ich ihn in meinen Netzen haben.“ Auch der Graf war nicht zufrieden. Er konnte 2 aufhören, die Schönheit der Signora zu bewun⸗ ern, aber er begann ihrer beſtändigen Launen, ihrer beißenden Scherze überdrüſſig zu werden, und er nahe daran, bei der fruchtioſen Belagerung ihres Derzens zu ermüden. Noch jetzt, nachdem er beinahe einen ganzen Monat hier in Reapel täglich mit ihr zu⸗ Ein Funke. II. 13 194 ſammen geweſen, war ſein Verhältniß zu ihr gleich ub beſtimmt; was er in der einen Minute gewann, nahn ſie in der andern wieder. In einiger Entfernung von der Bank, auf welche das ſchweigſame Paar ſaß, zog nach einiger Zeit eim Schaar junger Männer vorüber. Sie waren dermaßen in einem lebhaften und munteren Geſpräch begriffen, daß ſie die Signora nicht bemerkten, die theilweiſe von einigen Büſchen verdeckt wurde. Aber ihr fröhliches Lachen hatte die Aufmerkſamkeit der Dame erregt, und ſie erkannte unter ihnen einen Bekannten wieder. Es war ein großer, ſchlanker Mann von ungefähr dreißig Jahren. Er führte ſich mit einnehmender Un⸗ gezwungenheit, und ſein blaſſes, von ſchwarzen Locken und einem gekräuſelten, glänzenden Bart umſchl oſſenes Geſicht hatte ungewöhnlich feine und ſchöne Züge. In ſeinen Blicken brannte ein Feuer, das wahrlich für Eva's ſchöne Töchter ſehr gefährlich war. „Ach, Herr Maximilian!“ rief die Signora, wäh⸗ rend ſie den ſchönen Mann betrachtete;„er hat ein ſuperbes Ausſehen und die allerliebenswürdigſte Unver⸗ ſchämtheit in ſeinem ganzen Weſen. Wahrhaftig, Graf, es war ſehr uneigennützig von Ihnen, daß Sie mir ihn dieſer Tage vorſtellten; ich bedaure nur, daß ich damals keine Gelegenheit utte mich mit ihm zu beſchftigen. Er iſt ja Künſtler 26 „Ja, einer der 20,000 Violinſpieler der Welt. Er erregte bei ſeinem erſten Auftreten einiges e im miraeulöſen Genre, aber aus Mangel an Fleiß und Beharrlichkeit hat er ſeinen allzu ſchnell errungenen Ruf nicht behaupten können. Seit er vor einigen Jahren eine größere Erbſchaft gemacht hat, iſt er nicht mehr öffentlich aufgetreten; er ſcheint jetzt nur noch für ſein Vergnügen zu leben, und ohne Zweifel verträgt ſich dieß mit ſeinen SW noch mehr als die Kunſt. Aber Sie wiſen vielleicht nicht, daß er verheirathet iſt? „Wirklich?„„ Um ein guter Ehemann zu ſein, 195 erſcheint er mir gar zu liebenswürdig. Oder wie, iſt es nicht ſo, daß diejenigen, die am Beſten für das häusliche Leben paſſen, gewöhnlich für das Publikum die langweiligſten ſind?“ „Ihr Sarkasmus iſt ſcharf, aber wahrhaftig ganz treffend. Ich kenne übrigens Marimilian's häusliche Verhältniſſe nicht; ich weiß bloß, daß er aus Liebe eine junge Sängerin heirathete, die ihn von ganzem Herzen liebte Aber ich gerathe jetzt auf einen Gegenſtand, der für uns Beide eine ganz unangenehme Erinnerung hervorrufen kann.“ „Sie fangen jetzt an, myſtiſch und intereſſant zu werden. Jedeufalls erklären Sie ſich näher. Eine un⸗ angenehme Erinnerung, ſagten Sie26 „Ja, die Erinnerung an das Mißverſtändniß, das vor ein paar Jahren zwiſchen uns entſtand, als Sie ſo plötzlich D. verließen und mich für einen Intriganten hielten, weil ich einer jungen Sängerin Mamſell Lev⸗ poldine meinen Schutz verlieh.“ „Nun ja, dieſen Handel haben wir ja bereits ab⸗ gemacht. Sie ſpielten bei dieſer Gelegenheit Ihre Kar⸗ ten ſo gut, daß ich juſt damals anfing, Ihren eigent⸗ lichen Werth einzuſehen. Die Furcht vor einem Mann iſt bei uns gewöhnlich der erſte Schritt zur Bewun⸗ derung. Ueberdieß werde ich Ihre Ritterlichkeit gegen den deutſchen Studenten an Vord des Virgilio nie⸗ mals vergeſſen.“ „Es will mir doch bedünken, als wenn Ihr Herz ſeitdem ſchon viel vergeſſen hätte.“ „So!. Aber wir kommen vom Gegenſtand ab. Mamſell Leopoldine ſoll, wie man mir geſagt hat, ihrem wirklichen Beſchützer nicht genug herzliche Dankbarkeit bewieſen haben. Sie nährten damals eine Schlange in Ihrem Buſen, wohl bekomm's!. Aber wohin iſt ſie. wohl gegangen, das liebenswürdige Weſen, das ſo zier⸗ lich glänzte und ſo bald verſchwand 26 „Sie hat den größten Fehler bgangent den eine 196 junge Bühnenkünſtlerin begehen kann. Sie hat ſich verheirathet.“ „Ja, das war dumm.„ aber ich erinnere mich, ſchon früher davon gehört zu haben und. ach jetzt verſtehe ich, ſie findet üch wieder vor als. „Als Maximilian's Ehehälfte.“ „Vortrefflich! der Mann gefällt mir und mit der Frau hätte ich ſchon lang gern ein Hühnchen gr⸗ rupft. Geſtehen Sie, daß ich in ſolchen Motiven etwas Erfriſchendes für mein Gemüth finden kann.“ Wiederum entſtand eine Pauſe. „Ach, welch ein unmöglicher Menſch!“ ſeufzte Pa⸗ riſina vor ſich hin.„Ich glaube wahrhaftig, er kam nicht einmal eiferſüchtig werden.“ Marimilian und ſeine Freunde kamen jetzt auf dem Weg zurück, den ſie ſo eben gegangen waren, und die Signora, die ſich vorgenommen hatte, dießmal bemerkt zu werden, erhob ihre Stimme, während ſie das Gr⸗ ſpräch mit dem Grafen wieder aufnahm, wobei ſie mit dem Nastuch wedelte, als wollte ſie einige naſeweiſt Mücken in die Flucht jagen. Die Berechnung gelan vollkommen. Sämmtliche Cavaliere richteten ihre Blich auf die ſchöne Dame, und Maximilian, der Einzige, dit das Gluck hatte, ihr vorgeſtellt zu ſein, eilte, ſein Compliment zu machen. Es wurde mit einem ent⸗ zückenden Kopfnicken und einem unwiderſtehlichen Lächeln erwiedert. Pariſina war unvergleichlich in ihrer Artz grüßen. Nicht umſonſt hatte ſie viele Jahre hindurch dieſe Kunſt vor ihrem Spiegel ſtudirt. Sie kannte ihr Stärke. Die Gewißheit des Sieges rief einen Zug der Schalkhaftigkeit hervor, der ihr vortrefflich ließ. Wih⸗ rend ſie ihre ſchöne Geberde ausführte, fiel ihre Reit gerte zur Erde, ohne daß ſie es zu bemerken ſchien. In demſelben Augenblick verließ Marimilian ſein Begleiter und ſprang vor, um die Gerte aufzuheben, Das Geſpräch, das in Folge deſſen Statt hatte, war eigentlich bloß ein lebhafter Complimentenwechſel. — 197 wobei kein Theil dem andern etwas ſchuldig blieb... Die Kunſt, eine ſolche Converſation zu führen, beſteht hauptſächlich in der Gabe, mit Geſchmack zu lügen, oder, was auf das Gleiche hinauskommt, mit guter Contenance eine Unwahrheit ſagen zu können, ſo daß ſie auch mit guter Contenance aufgenommen werden kann. Weder Parifina noch Marximilian prüften hierin zum erſten Mal ihre Stärke, obſchon ſie ihre Kräfte zum erſten Mal gegen einander maßen. Endlich brachte die Tänzerin das Geſpräch auf Maximilian's Frau. Sie ſagte, ſie kenne das unge⸗ wöhnliche Talent derſelben bereits durch ihren Ruf, und ſie habe von ihrem gemeinſchaftlichen Freund, dem Grafen Manfred, ſo viel Schönes von Leopoldinens vielen und vortrefflichen Eigenſchaften gehört, daß ſie dieſer Künſtlerin mit warmem Intereſſe zugethan ſei und einen lebhaften Wunſch hege, einmal ihre perſon⸗ liche Bekanntſchaft machen zu dürfen. Maximilian zeigte ſich vergnügt über dieſe ſchmeichel⸗ haften Ergießungen, und es ſchien ihn beſonders zu freuen, daß Graf Manfrev in die Lobſprüche mit ein⸗ ſtimmte. Da ſowohl die Signora als Graf Manfred den Wunſch äußerten, mit Leopoldine zuſammenzutreffen, ſo nahm er hieraus Veranlaſſung, ſie Beide zu einer Soiree bei ſich einzuladen, auf irgend einen Abend, deſſen Beſtimmung er ihnen ſelbſt überließ. Die Einladung fand großen Beifall, und die Zeit wurde auf den nächſten Abend feſtgeſetzt. Bald darauf brach man auf. Pariſina ließ ſich an die Strandmauer führen, um von da einen Blick über den Golf und auf die Ufer hinauszuwerfen, die jetzt, von der Abendſonne beleuchtet, in Gold und Purpur ſchimmer⸗ ten. Der Anblick machte einen tiefen Eindruck ſogar auf dieſes Weib, das ſonſt ſo gänzlich dem alten phitvſophi⸗ chen Satze, daß man nichts bewundern müſſe, zu hul⸗ digen ſchien. Aber ſie fand kein Vergnügen an ſolchen Eindrücken und eilte, ihr Herz gegen die Gefühle abzu⸗ 198 ſperren, die an ſeiner verſchloſſenen Thüre zu pochen an⸗ fingen. Sie kehrte alſo dem ſchönen Gemälde ſchnell den Rücken und ſagte zu ihren Begleitern: „Ich habe einen paniſchen Schreck davor, daß ich ſentimental werden könnte; kommen Sie alſo und laſſen Sie uns wegeilen. Im Allgemeinen gefällt mir Italien ſehr,“ fügte ſie hinzu, während ſie fortzugehen anfing, „aber es hat doch für uns Ausländer einen großen Fehler. Hier iſt es nämlich gar zu ſchön.. Ja, verſtehen Sie mich recht, meine Herren, gar zu ſchön, als daß wir unſere gute Laune und unſere geſunde Vernunft beibehalten könnten. Es iſt etwas zu viel in dieſer Natur, die hier um uns her blüht, und um dieß ertragen zu können, muß man ſchon in der Wiege daran gewöhnt worden ſein.“ Maximilian und Leopoldine wohnten in einem der großen Hotels auf der Chiaja. In einem ſchönen Salon waren bei der Soiree, zu welcher Signora Pariſina und Graf Manfred eingeladen worden, an zwanzig Gäſte verſammelt. Sie beſtanden größtentheils aus Artiſten von Profeſſion, Dilettanten und Kunſtkennern, blaſſen, magern Herren mit langem Haar und dickem Bart. Die Damenwelt war nicht zahlreich vertreten. Außer der Tänzerin ſah man nur eine ehemals berühmte Sän⸗ gerin, jetzt die Wittwe eines polniſchen Barons, eine Fktrice und eine bekannte Clavierſpielerin. Das Geſellſchaftsleben im Süden iſt von dem unſri⸗ gen in vielfacher Beziehung verſchieden. Einen Salon zu halten, iſt dort zugleich leichter und ſchwerer als hier. Leichter, weil die Gäſte ſich mit Eis und einigen Gläſern Limonade abſpeiſen laſſen, ſchwerer aber, weil ſie ihr Augenmerk hauptſächlich auf vas Vergnügen richten, das geboten wird. Gut gemäſtet zu werden, 199 iſt hier kein genügender Erſatz für einen langweiligen Abend. Die Soiree, von der wir jetzt ſprechen, war muſika⸗ liſch. Mehrere von den Gäſten hatten ſich bereits hören laſſen, und Marimilian ſelbſt war ſo eben mit einem brillanten Solo für die Violine aufgetreten. Natürlich wurde ſein Spiel mit vielen ſchönen Complimenten be⸗ lohnt; dieſe waren jedoch im Ganzen ſehr allgemeiner Art, und es war unſchwer zu finden, daß ſie mehr in einer ſchuldigen Artigkeit gegen den liebenswürdigen Wirth, als in irgend Enthuſtasmus für den ausgezeich⸗ neten Künſtler ihren Grund hatten. Es ließ ſich auch nicht leugnen, daß Maximilian in den letzten Jahren keine Fortſchritte als Virtuos gemacht hatte. In dem Kunſtgenre, dem er angehörte, ſteigen die Forderungen mit jedem Tag. Hier gilt es, mehr als in irgend einem andern Fall, daß man rückwärts geht, wenn man nicht mehr vorwärts geht, und ein paar Jahre ſind mehr als genügend, ein Wunder in etwas Alltägliches zu verwandeln. Marimilian bemerkte es ſelbſt, denn es war nicht das erſte Mal, daß das Lob, das er ein⸗ erntete, etwas ganz Anderes war, als Bewunderung; aber er behielt dennoch gute Miene. Für ihn hatte die Künſtlerlaufbahn ihre ſchönſte Verlockung verloren, nach⸗ dem das Bedürfniß, von ſeinem Talent zu leben, nicht mehr als Sporn zu Anſtrengungen für ihn eriſtirte. Man erwartete jetzt mit ſichtbarer Ungeduld, Lev⸗ poldine hören zu dürfen. Der allgemeine Wunſch ſprach ſich in Bitten aus, die bereits eine Schmeichelei waren. In ihrer Eigenſchaft als Wirthin hatte ſie eine Pflicht, die ihr eine Weigerung nicht geſtattete. Sie nahm Platz am Piano und es entſtand eine feierliche Stille um Salon. Wir haben jetzt in dieſem Augenblick eine herrliche Gelegenheit, ſie zu betrachten. Mit Wohlbehagen verweilt der Blick auf dieſen edlen Zügen, und das Herz empfindet eine reinere Freude, 200 als der Anblick eines ſchönen Weibes gewöhnlich mit ſich führt. Eine Schönheit, wie die Leopoldinens, be⸗ rauſcht die Sinne nicht, verwirrt die Phantaſie nicht; aber ſie macht einen tiefen, einen dauernden Eindruck. Man genießt ſie, man behält ſeine volle Beſinnung, und juſt darum beſitzt dieſer Genuß eine Erinnerung. Aber in demſelben Maaß, wie die Erinnerung lebhaſft iſt, entſteht bei einem Wiederſehen das Verlangen, zu vergleichen und zu reflectiren. Deßhalb iſt es unmög⸗ lich, Leopoldine ſo zu ſehen, wie ſie i ſt, ohne daß man ſich erinnert, wie ſie war... Der erſte Blick ſchenkte uns ein angenehmes Gefühl; der zweite, der ein ſchärferes Forſchungstalent beſitzt, ſagt uns bereits, daß Vieles bei ihr anders geworden iſt, als an dem Tag, wo Mi⸗ chael's Abſchiedsthränen in ihren Brautkranz ſielen, daß ſeither Vieles an ihr ſich verändert hat. Sich verändert?.. Gibt nicht dieſe hochgewölbte Stirne noch immer dieſelbe ſchöne Zeugſchaft von Genit und Phantaſie? Strahlt nicht in dieſem dunkeln Auge daſſelbe funkelnde Sternenlicht? Erkennt man nicht auf dieſer Wange dieſelben milden Roſen? Ruht nicht um dieſe Lippen derſelbe milde Ernſt? und dieſe ſchlanfe, hochgewachſene Figur, beſitzt ſie denn nicht mehr ihr Geſchmeidigkeit, ihre Anmuth? Ogewiß. Die Zeit hat ihr ihren Fortſchritt nicht mit gewaltſamen Verheerungen angezeigt. Aber gleichwohl nden wir nicht mehr dieſelbe Leopoldine, die wir in dem Hochſommer ihres Glückes verlaſſen haben. Die äußeren Züge ſind ſich gleich, vielleicht nur etwas ſchärfer markirt; aber der Ausdruck, die Seele in dieſem Geſicht Siehe, darin liegt die Veränderung. Laß ihren Blick tiefer in Dein Herz dringen, und Du wirſt fühlen, daß ſein Feuer Dich nicht mehr ſo erwärmt wie früher⸗ Dieſe Friſche, die ihrem ganzen Weſen eine ſo lebendige, ſo mannigfaltige Anmuth verliehen, ſie iſt verſchwun⸗ den, oder vielmehr, ſie hat ſich in eine Haltung ver⸗ wandelt, die nicht mehr durch ihre unverkennbare Wahr⸗ 201 heit einnimmt, ſondern eher durch ihre Widerſprüche das Witleid weckt. Es iſt unleugbar, daß der milde Ernſt noch auf ihren Lippen liegt, aber daneben wohnt ein gewiſſes Mißvergnügen, das Du früher nie darauf be⸗ merkt haſt, ein Mißvergnügen, das über entſchwundene theure Illuſionen zu klagen, über eine gebrochene innere Harmonie ſich zu grämen ſcheint. Der Geſang begann jetzt. Aber ich überlaſſe die Beurtheilung deſſelben dieß⸗ mal dem Grafen Manfred. Er ſchrieb am folgenden unter Anderem nachſtehende Zeilen an einen Freund in D. „Ich hörte geſtern Leopoldine, eigentlich zum erſten Mal, ſeitdem ſie unſere Oper verließ. Ich verſichere Dich, es war eine höchſt intereſſante Stunde. Obſchon ich von ihrer reinen und biegſamen Stimme ſogleich eingenommen wurde, vermochte ich ſie doch nicht recht wieder zu erkennen. Sie ſang gut, das muß ich ge⸗ ſtehen, aber ich meinte dennoch das Eigenthümlichſte bei ihr zu vermiſſen, nämlich das Seelenvolle, das unnenn⸗ bar Liebliche in Ton und Vortrag, das mich und Dich und ganz D. ſo oft hingeriſſen hat. Es begegnete mir jetzt, was mir noch nie geſchehen war, ich dachte bei⸗ nahe mehr, als ich fühlte, ich vernahm das Talent des Componiſten deutlicher als ihr eigenes, und mein Ohr genoß mehr als mein Herz... Indeſſen ſtimmte ich mit gutem Gewiſſen, obſchon nicht mit demſelben Enthuſiasmus wie früher, in den Applaus ein, womit ſie von den Zuhörern belohnt wurde, nachdem die letzte brillante Paſſage verklungen war. Aber ſie nahm ihre Arie da capo auf. Jetzt, mein Freund, jetzt erſt fand ich ganz und vollſtändig meine ſchmerzlich vermißte Primadonna wie⸗ der; ich fand ſie wieder ſo bezaubernd wie je. Dieß⸗ mal ſang ſie, wie nur ſie fingen kann. Ihr Geiſt nahm einen höheren Flug. Der Geſang bekam ein wärmeres Leben, und es war wieder Poeſie und Entzücken in ihren 202 Tönen Ich und wir Alle, die wir ſie hörten, waren tief gerührt. Sie war es auch ſelbſt; ich ſah einige ſ Thränen aus ihren Augen auf die Taſten hinab⸗ tropfen. Welches Glück wäre es nicht, wenn ſie wieder für das Theater gewonnen werden könnte!.. Es verhielt ſich wirkich ſo, wie Graf Manfred erzählte. Leopoldine hatte, als ſie ihren Geſang wieder begann, ihre Zuhörer zu ergreifen und hinzureißen vermocht. Erſt eine gute Weile nachdem ſie aufgehört hatte, fand man den gewöhnlichen Geſellſchaftston wieder. Aber da überſtimmte der Eine den Andern mit Beifallsäuße⸗ rungen, und Alle eilten voran, um ihre Dankbarkeit und ihre Verwunderung zu den Füßen der Sängerin niederzulegen. Es wäre herzlos, dieſen Enthuſiasmus jetzt durch eine ſcharfe Kritik abkühlen zu laſſen. Mag über Leo⸗ poldine immerhin noch einmal des Ruhmes ſüße Manna herabregnen, mag ſie immerhin noch einmal die lieb⸗ liche Freude des Triumghes ihres Genies koſten! Signora Pariſina gehörte unter diejenigen, die ihr Entzücken am eifrigſten an den Tag legten. Sie er⸗ griff Leopoldinen's Hand und ſagte mit einer Ertaſe, von der ich fürchte, daß ſie nicht vollkommen natür⸗ lich war: „Ich habe nie geglaubt, daß ein Ruf ſo wahr ſein könnte, wie er ſich jetzt gezeigt hat.. Meine Dank⸗ barkeit findet die gewoͤhnlichen Ausdrücke allzu matt; erlauben Sie, daß ich Sie umarme.“ „Leider,“ fiel Graf Manfred ein,„darf ich es nicht wagen, an einen ähnlichen Ausdruck meiner Gefühle zu denken; aber empfangen Sie dennoch von einem alten Freund die Verſicherung unverminderter Bewunderung. Leopoldinen's Art, dieſe und alle folgenden Com⸗ plimente entgegenzunehmen, verrieth deutlich, daß ſie jetzt eine vollendetere Weltdame geworden war, die nicht mehr erröthete, wenn ſie ihr eigenes Lob hörte. Viel⸗ 203 leicht kam dieſe beſſere Contenance daher, daß die Stimme der Schmeichelei nicht mehr ſo tief zu ihrem Herzen drang wie früher. Sie ſtand jetzt ruhig mitten im Kreis von Bewunderern, und es war nicht ohne daß dieſe Ruhe etwas kalt erſchien. Inzwiſchen flog Pariſina's ſchneller Blick von einer Perſon auf die andere, gleich als hätte ſie alle erfor⸗ ſchen wollen, um den wahren Betrag des Triumphes zu ſummiren. Dabei geſchah es, daß ſie in einem Augenblick, wo Marimilian ſich wahrſcheinlich von Nie⸗ mand bemerkt glaubte, eine gewiſſe Siegesfreude in ſeiner Miene entdeckte. Sie fand dieß bemerkenswerth, denn ſie hatte nicht vergeſſen, daß ſein eigenes Talent ſoheben eine ziemlich entſchiedene Niederlage erlitten hatte. „Allerdings,“ dachte ſie,„iſt es möglich, daß ein Mann Alles, ſogar ſein eigenes Fiasko über ſeine Frau vergeſſen kann; aber hier iſt dieß doch weniger glaub⸗ lich. Ich kenne dieſe Herren Duodezvirtuoſen. Je ſchwächer ſie in ihrer Kunſt ſind, um ſo ſtärker ſind ſie in Eitelkeit und Neid. Für einige Applauſe bringt man ſie ſo weit, daß ſie Weib und Kind verrathen.“ Es wurde daher bei ihr zu einer feſten Ueberzeu⸗ gung, daß Maximilian eine beſondere Abſicht habe, einen Plan, der ſich auf Leopoldinen's Werth als Saͤngerin gründe. Es währte nicht lange, ſo wußte die Tänzerin Marximilian an ihre Seite zu verlocken. „Unter allen Ehemännern, die ich kenne,“ ſagte ſie, „ſind Sie der einzige, den ich beneidenswerth nennen will. Ich habe juſt im Allgemeinen keine Sympathie für das eheliche Leben, muß aber doch zugeben, daß ich mir kaum ein lieblicheres Loos denken kann, als das Ihrige— vielleicht mit der einzigen Ausnahme des Looſes Ihrer Frau.— Jugend, Schönheit, Liebe in holdem Verein pflegt man ſonſt bereits für ein Glück anzuſehen; aber für Sie Beide gibt es ein noch beſſeres 204 Band der Vereinigung, nämlich ihre Seelenverwandt⸗ ſchaft als Künſtler.“ „Sie haben Recht, Signora, alle Künſtler ſind Verwandte, und Sie ſelbſt, welchen ausgezeichneten Platz nehmen Sie nicht in der großen Familie ein!“ „Sie ſind gar zu charmant, Herr Vetter, aber ich fühle meinen eigenen geringen Werth zu gut, um mir durch Ihre Schmeicheleien den Kopf ver⸗ rücken zu laſſen. Unter allen ſchönen Künſten iſt keine undankbarer, als juſt diejenige, der ich mein Leben ge⸗ weiht habe. Wie arm fühle ich mich nicht im Ver⸗ gleich mit Ihnen, zumal bei Gelegenheiten wie dieſe! Ihr Jünger der Tonkunſt beſitzt die glückliche Gabe, immer und überall mit euren Talenten entzücken zu können; aber eine Tänzerin, was iſt wohl eine Tän⸗ zerin außer dem Theater? Ach, das ganze Ballet⸗ perſonal müßte gleich anderen Decorationen im Theater⸗ magazin aufbewahrt und nur dann hervorgeholt wer⸗ den, wenn man ſeiner mitunter bedarf. Nein, laſſen Sie uns von Ihrer Frau ſprechen; ich bin entzückt von ihrem Geſang.“ „Und ich von Ihrem Beifall, Signora. Ich will eine Beſcheidenheit nicht heucheln, die ich nicht beſitze und jedenfalls nicht billigen würde. Levpoldine iſt aller⸗ dings meine Frau, aber ich glaube deßhalb nicht für ihre Verdienſte blind und taub ſein zu müſſen. Im Gegentheil geſtehe ich offen, daß ich ſie nicht nur als Weib, ſondern auch als Künſtlerin bewundere. Ja, Signora, mißdeuten Sie meine Aufrichtigkeit nicht, ich halte ſie für das größte Genie unter allen Sängerin⸗ nen, die ich bisher kennen gelernt habe.“ »Jeder, der ſie auch nur ein einziges Mal gehört hat, wird ſicherlich in Ihr gerechtes Urtheil einſtimmen, und das gerade macht Ihnen Ehre, daß Sie das Ver⸗ dienſt anerkennen, obſchon es ſich bei Ihrer Frau vor⸗ findet. So etwas iſt höchſt ungewöhnlich hei Ihrem Geſchlechte„ aber ein Egoiſt ſind Sie jedenfalls“ 205 „Eine ſtrenge Beſchuldigung, Signora.“ „Dieſe Frau mit ihrem ausgezeichneten Talent ge⸗ hört der Welt an, und gleichwohl behalten Sie ſie bei⸗ nahe ausſchließlich für ſich allein.“ „Dieß iſt nicht Egvismus, es iſt Liebe, denn ich weiß, daß die Welt immer undankbar iſt.“ „Allerdings, aber Sie dürfen deßhalb ein Licht nicht unter einen Scheffel ſtellen.“ „Bei Gott, ſo etwas iſt nie meine Abſicht geweſen. Ich will gern zugeben, daß Leopoldine für ein anderes Leben beſtimmt iſt, als dasjenige, das ſie gegenwärtig führt. Wenige ſind ſo für die Kunſt begabt wie ſie; Wenige haben einen ſo entſchiedenen Beruf erhalten. Es hat ſich bereits gezeigtg daß das Theater ihr rechter Platz iſt, und glauben Sie mir, obſchon ich zu gut einſehe, daß es ein Opfer für unſer häusliches Glück wäre, wenn ſie dieſe Bahn wieder beträte, ſo würde ich mich doch keinen Augenblick bedenken, dieſes Opfer zu bringen, wenn“ „Wenn, ſagen Sie.“ „Ja, Sie ſind ſelbſt Künſtlerin und kennen alſo das Publikum, ſo wie ſeine Unverbeſſerlichkeit in Ge⸗ ſchmack und Laune. Um ſeine Gunſt zu gewinnen, iſt wahrlich nicht allein Künſtlerſchaft erforderlich; nein, man muß ſich herablaſſen, ein Sclave ſeiner Launen zu werden. Man muß ſich zur Glücksjägerin erniedrigen, um einen Erfolg zu erringen. Ich bin nicht eitel, aher ich beſitze einen gewiſſen Stolz und finde es de⸗ müthigend für das wahre Verdienſt, ſich einen Platz zu erbetteln, auf welchen es die rechtmäßigſten Anſprüche beſitzt. Es iſt mir deßhalb unmöglich, das Talent mei⸗ ner Frau gleich einem andern Handelsartikel auszubie⸗ ten. Findet man, daß ſie einigen Werth hat, ſo mag man ihr ein paſſendes Engagement anbieten; ſie iſt viel zu gut, um ſelbſt ein ſolches zu ſuchen. „Sie ſetzen mich in Staunen. Iſt es wohl mög⸗ lich, daß ſolche Anerbietungen ausgeblieben ſind?. ** 206 Das iſt freilich wahr, daß die Herren Theateragenten im Allgemeinen ein ſehr glückliches Urtheil haben.“ „Die Gerechtigkeit gebietet mir i zufügen, daß man es vielleicht als. daß Leopoldine als meine Frau und in Folge der un⸗ abhängigen Stellung, die ich ihr zu bereiten das Glück hatte, der öffentlichen Künſtlerlaufbahn gänzlich abge⸗ ſchworen habe.“ „Ja, Sie haben Recht; man hat ſich durch ein unberufenes Zartgefühl zurückhalten laſſen und nicht ewagt, mit ſeinen Vorſchlägen hervorzutreten. Sie ſind ſ beurtheilt worden, wie Ihre Brüder im Allgemei⸗ nen es verdienen; man hat Sie für einen Mann von der gewöhnlichen Sorte gehalten, ſelbſtſüchtig gegenüber der Welt und eiferſüchtig auf den Schatz, den Sie ihr zu rauben ſo glücklich waren.. Aber ſehen Sie ein⸗ mal dorthin, Herr Marximilian. Warum glauben Sie wohl, daß Graf Manfred ſich ſo ſehr für Ihre Frau intereſſire? S, der Mann iſt nicht ſo ohne Urtheil, wie man glauben könnte. Ich will Ihnen eine Neuig⸗ keit erzählen. Der Graf iſt juſt jetzt in voller Arbeit, die Angel auszuwerfen, womit er ſeine ehemalige Pri⸗ madonna wieder zu fangen und nach D. zurückzuführen gedenkt.“ Marimilian folgte der Andeutung der Signora und ſah wirklich, daß Graf Manfred ſich lebhaft mit Levpoldine beſprach. Dieſe Enideckung ſchien ihm Ver⸗ gnügen zu machen. Pariſina bemerkte es deutlich und zog ihre Folgerungen daraus. „Ach,“ dachte ſie;„jetzt habe ich ihn durchſchaut, jetzt weiß ich, was er will.“ Wäre Marimilian in dieſem Augenblick aufmerk⸗ ſamer auf die ſchöne Tänzerin geweſen, ſo würde auch er ſeinerſeits eine Entdeckung gemacht haben. Er würde da gefunden haben, wie ihre Blicke ſich verfinſterten, wie ihre Züge eine bemerkbare Unruhe verriethen. 207 aber er war zu ſehr von anderen Beobachtungen in Anſpruch genommen, um jetzt darauf Acht zu geben⸗ Nach einer Pauſe von etlichen Minuten begann Pariſina wieder: „Wie ich Ihnen geſagt habe, die Frage von dem neuen Engagement Ihrer Frau ſoll bald entſchieden ſein.“ „Sie täuſchen ſich ohne Zweifel, Signora,“ ver⸗ ſetzte Marimilian.„Graf Manfred hat, das bin ich überzeugt, un andere Anſichten über Leopoldine und das Beſte ſeines Theaters, als Sie anzunehmen belie⸗ ben Aber es iſt wahr, man hat mir erzählt, daß der Contract über Ihr Egagement für die kommende Saiſon von Seiten des Grafen bereits abgeſchloſſen ſei. Wenn dieß wirklich der Fall iſt, ſo hege ich ſogleich nen größeren Begriff von ſeinem Verdienſt als Kunſt⸗ enner.“ „Man ſchwatzt ſo viel, mein beſter Herr Marimi⸗ lian. Dieſes Gerücht iſt gänzlich unbegründet. Ich für meinen Theil bin des unruhigen Theaterlebens im höchſten Grade müde und gedenke mit Gottes Hülfe meinen Fuß nie mehr auf die Bretter ſetzen zu müſſen.“ „Wie, Sie gedenken, ſich für immer zurückzuziehen und zur Ruhe zu begeben?.. Es iſt dieß allerdings eine Ruhe auf Lorbeeren, aber „Aber noch einige weitere hätten nichts ſchaden können, meinen Sie.“ „Ich wollte bloß hinzufügen, daß es ein Bischen treulos von Ihnen ſei, ſo früh und noch mitten in Ihren Siegen die Kunſt zu verlaſſen.“ „Unendlich verbunden! Aber ich will Ihnen ſagen, daß ich auf halbem Weg müde geworden bin, und das Müdewerden iſt ein Fehler, der ſich mit meinem Beruf auf keinerlei Weiſe verträgt.“ „Aber die Welt wird Trauer anlegen.“ „Das wird mich nicht beunruhigen. die Welt! eine Tänzerin kann mit mehr Recht als irgend eine andere Perſon ſagen, daß ſie die Welt zu ihren 208 Füßen gehabt habe, aber ſelten, ſehr ſelten hat ſie auch eine Welt für ihr Herz gehabt.“ Es verſammelten ſich jetzt mehrere Perſonen um die Signora und das Geſpräch wurde allgemeiner. Aber bald hörte es gänzlich auf, denn die mirakulöſe i gab einige Phantaſien à la Liszt zum eſten. Graf Manfred und Marimilian hatten inzwiſchen ein Privatgeſpräch in einem inneren Zimmer. Pariſina wurde immer unruhiger; ſie ahnte, um was es ſich handelte. XXVI. Eine Mondſcheinnacht. Wenn die Frauenzimmer in Europa gleich den Weibern bei einigen amerikaniſchen Horden ihre eigene Sprache hätten, die ſich von der Sprache der Männer unterſcheidet, ſo wäre der Satz: Ich bin ich, darin unüberſetzbar. Sie wären nicht im Stamd ihn anders aus⸗ zudrücken als: Mein Mann iſt Ich. A. Törneros. Es war ſchon ſpät in der Racht, als die Gäſte ſich trennten. Als Marimilian, nachdem er den Letzten von ihnen bis zur Thüre geleitet, in den Salon zu⸗ rückkehrte, befand er ſich da ganz allein. Er war mit ſeiner Soiree zufrieden, aber dennoch nachdenklich. Nach⸗ dem er in tiefen Betrachtungen eine Weile im Zimmer auf⸗ und abgeſchritten, blieb er plötzlich ſtehen und ſagte vor ſich hin: 209 „Es iſt keine Zeit zu verlieren. Ich muß ſogleich mit Levpoldine ſprechen; zum erſten und letzten Mal.“ Unmittelbar darauf trat er durch die offenen Fen⸗ ſterthüren auf den Balkon hinaus. Es war heller Mondſchein. Er ſuchte Leopoldine und fand ſie, das Geſicht in ihre Hand verborgen, gegen die Baluſtrade gelehnt. Leiſe trat er auf ſie zu, und nachdem er einen Augenblick gelauſcht hatte, legte er ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte zärtlich: „Ich glaube, Du weinſt, Leopoldine?“ „Ja, ich weine,“ antwortete ſie, und während ſie zu Marimilian aufblickte, gaben die Strahlen des Mon⸗ des den Thränen, die noch an ihren Wimpern hingen, einen diamantenen Glanz.„Ich weine über mich ſelbſt. Ich habe in die Tiefe meiner eigenen Seele geblickt, ich habe mein eigenes Herz erforſcht und die traurigſte Entdeckung gemacht, die ein Menſch nur machen kann. Ach, ich bin nicht mehr, was ich einmal war; ich be⸗ ſaß eine Kraft, die jetzt gebrochen iſt; ich beſaß einen Reichthum, der jetzt geraubt iſt.“ Um's Himmelswillen, laß Dich nicht von ſolchen Phantaſien beunruhigen.“ „Nein, Maximilian, Du darfſt meine ernſten Ge⸗ danken nicht auch dießmal verſcheuchen; ich werde nicht von einigen leeren Phantaſien gequält, ich habe eine Wahrheit gefunden, die wir lange überſehen haben, und laß uns ſie feſthalten, ſelbſt wenn ſie uns nur Kum⸗ mer zu bieten hätte. Es iſt nicht meine Abſicht, Dir Vorwürfe zu machen. Ich ſchulde Dir Dankbarkeit für Deine Liebe, für all' das Glück, das Du mir bereitet haſt. Ich bin an Deiner Seite ſehr glücklich geweſen, habe viele ſchöne Augenblicke genoſſen, aber ich muß jetzt Alles geſtehen: den Gewiſſensfrieden, den ich frü⸗ her beſaß, habe ich lange und vergebens geſucht. Frü⸗ her, wenn ich nach einem Tag der Arbeit zu mir ſelbſt zurückkehrte, da folgte mir oft die Erinnerung an man⸗ chen harten Kampf, aber ich konnte ſagen: Ich bin Ein Funke. II. 14 2¹⁰ doch meinem Ziel einen Schritt näher gerückt; ge⸗ ſchehe, was da wolle, ich habe gethan, was in meinen Fräften ſtand; und dabei verſchwand jedes bittere Ge⸗ fühl, und ich ſchlief ein wie ein glückliches Kind. Aber jetzt. mit was kann ich jetzt dieſen inneren Frieden wieder hervorrufen? Du haſt mir ein an Vergnügun⸗ gen reiches Leben geſchenkt, ich habe die abwechſelndſten Zerſtreuungen genoſſen, habe ſie an Deiner Seite, an der Seite eines geliebten Gatten genoſſen; aber vor der Einſamkeit iſt mir bange geworden, denn ſie hat ſelbſt Vorwürfe und Gewiſſensqualen mit ſich geführt, die ich nicht recht verſtand, und dennoch nicht abweiſen konnte. Manche Nacht, wenn der Schlaf mein Auge floh, habt 6 ich gefühlt, wie dieſe Qualen tief in meine Seele 3 griffen; ich habe dann mein Haupt an Dein Herz ge⸗ lehnt und endlich mit Liebe meine Unruhe betaubt„in der Liebe mich ſelbſt vergeſſen„. Nein, laß mich fort⸗ fahren, Marimilian. Weißt Du wohl, woher dieſer geſtörte Gewiſſensfrieden kommt? Ich erkenne es jetzt ſelbſt; er iſt eine Strafe für meine Treuloſigkeit. Ein⸗ z mal ſchwur ich, die Kunſt allein zu lieben. Ein ander Mal zog ich mein Herz zurück, um es Dir zu ſchenken; 3 aber mit unzerreißbaren Banden iſt es noch an ſein erſtes Ideal feſtgeknüpft, und ſo bin ich gegen euch Beide treulos geworden. Für Dich bin ich nicht im⸗ mer geweſen, was Du fordern konnteſt; das fröhliche, üppige Leben, das Du liebſt, hat mich ſo leicht ermüdet, und oft habe ich Deine Freuden gar nicht theilen kön⸗ nen. So bin ich als Gattin geweſen; und als Künſ⸗ lerin, Marimilian, weine mit mir, als Künſtlerin bin ich verloren.“ „Welche kindiſche Ideen! Haſt Du nicht noch ſo eben einen Zuhörerkreis entzückt, der ohne Ausnahme aus Muſikern und Kunſtkennern beſtand2“ »Aber ich weiß einen Richter, der in dieſem Fall näher zur Wahrheit dringt, als alle andere; das iſt mein eigenes Gefühl. Seit einiger Zeit bin ich oft . 2¹¹ jeder muſikaliſchen Beſchäftigung abgeneigt, und zuwei⸗ len iſt es mir vorgekommen, als hätte ich auf immer die Gaben verloren, mich zu einer idealen Auffaſſung zu erheben, und ebenſo die Gabe, meine Gefühle wahr auszudrücken. Mit Entſetzen bin ich einem ſo unheim⸗ lichen Gedanken entflohen, aber heute Abend hat ſich meine Furcht in Gewißheit verwandelt. Ich wollte noch einmal meine Kräfte prüfen. Du hatteſt mich ge⸗ beten, ſorgfältig zu ſingen: aber der Wunſch, Beifall zu erringen, war gleichwohl ſchwach und matt gegen mein brennendes Sehnen nach Begeiſterung, nach Har⸗ monie in meiner eigenen Seele.“ „Nun, und dann?“ „Merkteſt Du nicht, wie jeder Ton ein vergebliches Suchen nach einem Paradieſe war?“ „Ich bemerkte bloß; daß die Zuhörer entzückt waren.“ „Was ſie einnahm, war nur der Klang, die Fer⸗ tigkeit, der Werth der Compoſition; aber es war nicht eine hingeriſſene Seele, die ſich von einer Jacobsleiter aus höheren Regionen zu ihnen herabſenkte. Es war kein lebendiger Geiſt im Geſang, nur eine Reminiscenz hundert Erinnerungen, die flatternd hin- und her⸗ ogen.“ „Bei Gott, Du thuſt Dir Unrecht! Ich will zugeben, daß Du das erſte Mal die Arie nicht mit Deinem gewöhnlichen Gefühl ſangſt, aber das zweite Mal und namentlich gegen den Schluß warſt Du vor⸗ trefflich.“ „Ja, einige Augenblicke, Maximilian, aber nicht länger. Nur auf einige Augenblicke ſenkte ſich mein früherer Genius wieder in mein Herz hinab und lieh mir noch einmal ſeine Schwingen. Es wurde jetzt kla⸗ rer um mich her, lieblicher in mir. Ich flog immer näher zu dem Himmel, wohin ich mich ſehnte. Aber ich fühlte auch, daß ich nicht mehr dieſelbe Kraft beſaß wie früher. Die Anſtrengung ermüdete mich und ich ſtand ſchwankend, bebend auf der W ich zu 212 erreichen vermocht hatte. Endlich, aber es waren bloß einige wenige Sekunden, fühlte ich mich wieder leben, verſtehſt Du, vollſtändig leben in meinem Geſang.“ „Und von dieſem Augenblick her weißt Du alſo, daß Du noch immer Deine glückliche Inſpirationsgabe beſitzeſt. Werde jetzt wieder vergnügt und fröhlich!“ „Ach nein, dieſe kurze Himmelfahrt war nicht ein Wiedereinzug in eine alte theure Kinderheimath, es war der ſchleichende Beſuch, den ein Landesflüchtiger in ſei⸗ nem verlorenen Vaterlande abſtattet.“ „Geliebte Leopoldine, höre auf, Dich ſelbſt und mich mit dieſen düſteren Grübeleien zu quälen. Laß mich Deine Thränen trocknen, laß mich ein neues Lä⸗ cheln auf Deine Lippen küſſen.“ Maximilian führte jetzt die beſten Bundesgenoſſen in's Feld, die man finden kann, um den Kummer eines Weibes zu beſiegen, liebreiche Worte und zärtliche Schmei⸗ cheleien. Aber dießmal erwieſen ſie ſich weniger mäch⸗ tig als gewöhnlich, und es gelang ihm nur theilweiſe, die Schwermuth ſeiner Frau zu vertreiben. Was Leopoldine von ſich ſelbſt geſagt hatte, beſaß leider eine volle Wahrheit. Sie hatte nur allzu richtig ihre eigene Stellung aufgefaßt, aber ſie war nicht ebenſo ſcharfſinnig, als es ſich darum handelte, zu erforſchen, woher die traurige Verwandlung ausgegangen war... oder vielmehr ſie zog ſich mit einer inſtinktmäßigen Furcht von einer ſolchen Erforſchung zurück. Die Liebe lügt nicht, wenn ſie ihre Luftſchlöſſer baut, und wären ſie noch ſo kühn; ſie lügt nicht, denn ſie glaubt und will, ja ſie fühlt in dieſem Augenblick, daß ſie eine größere Macht beſitzt, als irgend Etwas auf Erden. Aber der größte Fehler der Liebe, wenn man es ſo nennen will, liegt darin, daß ſie uns ver⸗ geſſen läßt, daß wir in Sünden erzeugt und geboren ſind. Im Entzücken unſeres Gefühls entwickeln ſich die edelſten Kräfte der Seele, und das Uebermenſchliche erſcheint uns dann als unſere wahre Natur. In dieſen 213 ſchönen Augenblicken iſt es wohl verzeihlich, wenn der Menſch nicht bemerkt, daß ſein Fuß noch immer im Staube feſiſteht, es iſt wohl verzeihlich, wenn er keine Gedanken an alle die proſaiſchen Bedürfniſſe, an alle die Gewohnheiten und ſchlechten Bräuche, alle die Neigungen und Begierden des Erdenlebens hat. Es liegt alſo ein großer Irrthum in der Meinung, welche die Liebe zur Wurzel und erſten Urſache unſeres bitterſten Unglücks ſtempeln will. Dieſer Satz iſt nur inſofern wahr, als wir, wenn unſer Herz ganz und gar gefühl⸗ los wäre, auch keinen anderen Schmerz empfinden wür⸗ den, als den phyſiſchen allein; aber wer will dieß einen Gewinn nennen? Es gibt keinen Menſchen, unter welchen Verhältniſſen er auch leben mag, für den nicht eine wahre und reine Liebe das höchſte Glück wäre, das er hienieden erreichen kann, und dieſer Satz bedarf keines andern Beweiſes, als der Stimme, die aus der Tiefe jeder Bruſt ſpricht. Aber alle Liebe iſt ihrer Natur nach träu⸗ meriſch. Und es liegt eine betrübende, eine allzu oft bewieſene Gefahr in dem wahren Zuſammenhang, der zwiſchen der Welt des Gefühls und der Einbildung ſtatt⸗ ſindet; denn in Folge deſſen können wir zuweilen Gr⸗ genſtände lieben, die in der Wirklichkeit unſer nicht voll⸗ kommen würdig ſind. Dieſe Gefahr iſt vielleicht im All⸗ gemeinen am größten für das Weib, das ſich leichter von ſeinem Herzen bethören läßt, und in Folge ſeiner nachgiebigen, aufopfernden Gemüthsart juſt einen Reiz darin findet, ſich in Abhängigkeit von demjenigen zu ſetzen, den ſie liebt. Sie ſchließt ſich ſo innig an ihren Beherrſcher an; es wird für ſie eine Wolluſt, vollſtändig mit ſeiner Seele zu leben, und jeder Eindruck, det ihn triſſt, ſpiegelt ſich auch in ihrem feinfühlenden Ge⸗ müthe ab. Die Vorſätze, die Maximilian faßte, die Zukunfts⸗ pläne, die er entwarf, als er Leopoldine ſeine Hand bot, Pläne, denen ſie mit Entzücken lauſchte, ſie waren nur ſchöne Träume der Liebe, nur die holde Schwär⸗ auszeichne. Alle Fehler der Zeit floriren in dieſn 214 merei einer verliebten Seele. Aber obſchon dieſe Vor⸗ ſätze und Pläne, wie ſo viele ähnliche, Blumen glichen, die niemals zur Frucht gedeihen, ſo waren ſie doch nicht mit vorſätzlicher berechnender Falſchheit entworfen, als eine trügeriſche Verlockung für das Herz, das er gewin⸗ nen wollte. Maximilian wünſchte damals, Niemand zu täuſchen, aber er täuſchte ſich ſelbſt. Er glaubte ein⸗ mal für immer jedes Band abgeſchnitten zu haben, wo⸗ mit er vorher an das Leben geknüpft geweſen war. Er glaubte eine ganz neue Exiſtenz beginnen zu können, die von ſeinem früheren Menſchen vollkommen unabhängig wäre. Er glaubte, daß der Ernſt, welchen die Liebe zu Leopoldine, das tiefſte Gefühl, das er jemals em⸗ pfunden, ihm eingeflößt hatte, jeder alten Schwachheit Trotz bieten und ſie überwinden könnte.. Wer dieſe Selbſttäuſchung verdammt, verdammt der nicht auch das halbe Menſchengeſchlecht? Nach einem überſeligen Honigmonat begab ſich Marimilian mit ſeiner jungen Frau auf Reiſen. Wer war jetzt glücklicher ls er? Ein wechſelreiches Leben, eine ſchöne geliebte Gattin und Geld im Vollauf„. Es blieb ihm kaum noch Etwas zu wünſchen übrig. Aber bald, ach, nur allzu bald war es nicht mehr ein Künſtler⸗ paar, das in aller Anſpruchsloſigkeit reiste, um das Schöne, wo es ſich immer finden mochte, in der Natur wie in der Kunſt zu ſtudiren, und das ſich bemühte, ſeine eigenen Talente immer mehr zu entwickeln. Nein, es war ſtatt deſſen ein reicher Herr, der nach faſhionablen Brauch reiste, um ſich zu zerſtreuen und mit ſeine jungen Frau den Lurus und die Vergnügungen der großet Städte zu genießen. Die Kunſt wurde nur als eine A Empfehlungsſchreiben benutzt, mittelſt deſſen man ſich angenehme Bekanntſchaften erwarb. Unſere modernh Künſtler bilden eine Art Ariſtokratie für ſich. Aber mal kann von dieſer eben ſo wenig als von der Geburts⸗ ariſtokratie ſagen, daß ſie ſich durch irgend eine Uebet⸗ legenheit an tieferer Bildung oder durch reinere Sitten — — —— 215 genialen Kreiſe eben ſo üppig wie anderwärts. Ja, die Eitelkeit und die leere Prunkſucht ſcheinen ſich ſogar im Allgemeinen mit den Talenten inniger verbunden zu haben, als mit den einfachen proſaiſchen Alltagsmenſchen. Einen ausgezeichneten Vorzug beſitzt jedoch dieſe Co⸗ horte, nämlich die Gabe, das Vergnügen in ein an⸗ muthiges, geſchmackvolles Gewand zu kleiden. Beſonders in Paris, der Hauptſtadt der Freude, findet dieſes Verhältniß ſtatt, und hier war es auch, wo Marimilian auf längere Zeit ſich niederließ. Er ſah bald ein, daß er als Virtuos keine Auszeichnung ge⸗ winnen konnte in einem Wettkampf mit all dieſen He⸗ roen des Augenblicks, mit denen er jetzt in Berührung kam, zumal da er ganz und gar keine große Luſt zu Anſtrengungen in ſich verſpürte. Gleich Cäſar wollte er lieber der Erſte unter den Geringeren, als der Zweite unter den Großen ſein. Er trat daher freiwillig aus dem Glied und gab ſich ſtatt deſſen den minder an⸗ ſpruchsvollen Namen Dilettant. Aber mit um ſo größerer Liebe umfaßte er die Rolle eines Kunſtkenners und Mäcens. Aus Neigung zog er es vor, unter Künſt⸗ lern zu leben; aus Eitelkeit gab er ſich das Anſehen, ihr Beſchützer zu ſein. Die Art und Weiſe ſeiner Pro⸗ tektion war keine Originalerfindung von ihm ſelbſt; denn ſie war ſchon lange vor ihm bekannt geweſen und viel⸗ fach angewandt worden: ſie beſtand hauptſächlich in glänzenden Feſten, in fröhlichen Gaſtmahlen, und es ſah aus, als glaubte er, daß der Champagner jetzt die kaſtaliſche Quelle der Kuͤnſte geworden ſei. Ein ange⸗ nehmerer und beſonders freigebigerer Wirth als Maxi⸗ milian, war ſchwer zu finden. Man erhob ihn auch bis zu den Wolken. Seine Soireen kamen in Ruf und ſein Salon wurde ein Sanmelplatz aller Löwen der Saiſon von dem Theater, den Coneertſälen, den Ate⸗ liers. Man mußte einen Namen haben, um Zutritt zu erlangen, einen Namen, den Genie oder Talent mit ihrer Krone geſtempelt, einen Namen, der Unſterblich⸗ 216 keit in den Jvurnalen gewonnen hatte. Aber den flei⸗ ßigen, von einer beſſeren, wahreren Liebe, einem ern⸗ ſteren, höheren Streben belebten Künſtler, ihn ſucht man ſehr oft vergebens in dergleichen Geſellſchaften. Was Leopoldine betraf, ſo war dieß für ſie eine ganz neue Seite des Lebens. Es iſt wahr, daß ſie die⸗ ſer Art von Freude, welche ſie jetzt täglich umgab, fremd war, und ſie konnte ſich auch niemals recht hineinleben, aber gleichwohl genoß ſie manche angenehme Stunde, denn auch die Vergnügungen entlehnten hier ſehr oft den Schein einer Verehrung der Muſen, und ihr Liebes⸗ glück warf überdieß einen Alles vergoldenden Schimmer über dieſe ganze Periode. Als Sängerin erregte ſie Aufſehen in dem engen Kreis, der jetzt ihr ganzes Pu⸗ blikum geworden war. Aber ſie war im Ganzen nicht gewöhnt, als Conecertſängerin aufzutreten, und nur auf der Bühne vermochte ſie der Poeſie ihrer Seele eine freie Entwickelung zu geben. Sie wurde jetzt gerühmt, be⸗ wundert, rief aber ſelten einen Enthuſiasmus hervor. Dieß entging ihrer eigenen Aufmerkſamkeit nicht. Es machte ſie zuweilen betrübt, und ſie äußerte gegen Mari⸗ milian mehrere Male ihr Verlangen nach dem Theater. „Mein Engel,“ antwortete er dann mit einer Um⸗ armung, 2wenn Du Dine Studien abgeſchloſſen haſt, ſo kannſt Du wieder auftreten und dann.. dann iſt die ganze Welt Dein.“ Und unter dieſen Studien, wovon er ſo oft ſprach, glaubte er dem vertraulichen täglichen Umgang mit aus⸗ gezeichneten Künſtlern den groͤßten Werth beilegen zu müſſen. Dieß war eine Anſicht, die ſich auf einige alie, wohlklingende Phraſen gründete, die er aber niemals mit beſonderer Rückſicht auf die gegenwärtigen Verhält⸗ niſſe einer Prüfung unterworfen hatte. Leopoldine folgte dem Rath ihres Mannes und lauſchte aufmerkſam den Kunſtanſichten, die ſich unter ihrer Umgebung geltend machten. Sie wurde jetzt in eine Aeſthetik eingeweiht, wo das Ideal in den Staub 217 hinabgezogen und gleich einem todten Körper mit dem Secitmeſſer zerlegt wurde. Sie bekam Theorien zu hö⸗ ren, worin das Erhabene und Sublime weniger geſchätzt wurde, als eine elegante Manier; Theorien, denen zu Folge man den Geiſt nicht als das eigentlich Leben⸗ ſpendende betrachtete, ſondern als ein Produkt von Klei⸗ nigkeiten, als Etwas, das mit der Entwickelung der techniſchen Fähigkeit von ſelbſt kommt. Die Erfahrung ſprach, aber der Egoismus beeiferte ſich, ſeine eigenen Mittel geltend zu machen. Das Gefühl ſprach, aber es vergaß die Wahrheit und lebte bloß des Effektes wegen. Selbſt das Genie wurde aller Göttlichkeit ent⸗ kleidet; eine ungezügelte, kühne und eigenmächtige Phan⸗ für die höchſte Eigenſchaft deſſelben... Die⸗ ſer Materialismus in den Anſichten und Grundſätzen, verſetzte Leopoldine Anfangs in Erſtaunen, kühlte aber allmälig ihr Herz ab. Die geniale Art, wie die So⸗ phismen ausgeſprochen wurden, verirrte ſie, und als ſie ſich an Marimilian wandte, deſſen Urtheil durch die Macht der Liebe der höchſte Richterſpruch für ſie ge⸗ worden war, fand ſie bei ihm eine beinahe vollſtändige Billigung des Raiſonnements der Andern. Die höhere Auffaſſung der Kunſt, deren er ſich manchmal fähig zeigte, war bloß ein kurzes flatterndes Entzücken und gruͤndete ſich auf keinen lebendigen, tiefgewurzelten Glau⸗ ben. Sobald er dieſen Gegenſtand mit ſich klar zu machen und zu erforſchen verſuchte, zeigten ſich ſeine Anſichten als ſehr eng begränzt. Die Glorie der Kunſt erloſch da. Sie zeigte ſich ihm einerſeits als ein Mittel zu einem comfortablen Leben, als ein angenehmer Zeit⸗ vertreib, und andererſeits als eine reichliche Quelle des Einkommens; dieß war ſo ziemlich Alles. Im Uebri⸗ gen gehörte er zu denjenigen Menſchen, die ſich in all⸗ täglichen Verhältniſſen des Lebens ſehr ſanguiniſch zei⸗ gen, aber jede höhere Idee mit kaltem Skepticismus um⸗ faſſen. Dieſer Charakterzug, der eine Zeitlang von der Liebe und den edleren Eingebungen, welche von Leo⸗ 218 poldine ausfloſſen, zurückgedrängt worden war, gewann ſeine alte Gewalt wieder, als Maximilian zu ſeinen früheren Gewohnheiten zurückkehrte und die Welt auf's Neue Macht über ihn erhielt. Das bischen Genie, das ihm zu Theil geworden war, hatte nicht Kraft genug, um die Irrthümer zu bewältigen, worin ſeine unmün⸗ dige Seele eingeſchnürt war; es vermochte bloß ſeinen im Grunde höchſt kleingeiſtigen Ideen einen gewiſſen genialen Anſtrich zu geben. Solcher Art war der Mann, der Leopoldinens zwei⸗ tes Ich, die Hälfte ihrer ſelbſt geworden warz ſo war derjenige, von dem ſie geleitet zu werden liebte, bei welchem ſie Rath und Aufklärung holen ſollte. Unter der Coterie, die ſich beinahe täglich in ihrem Salon verſammelte, war der vorherrſchende Ton eine geiſtreiche Spötterei über die Grundſätze, die ihre Glaubensartikel bildeten, und wenn ſie in ihrem Drang nach Wahrheit rathlos zu dem Manne floh, der ihr am allernächſten ſtand, fand ſie in dieſem Herzen, das ihr eigenes ge⸗ worden war, eine Wiederholung derſelben frivolen, leicht⸗ ſinnigen Anſichten. Man mag ſich daher nicht wundern, wenn dieſe Verhältniſſe ſchädlich auf das für alle Ein⸗ drücke ſo empfängliche junge Weib einwirkten. Wir haben ſie ſo eben ihre Sehnſucht nach ihrem früheren Frieden klagen gehört. Wir müſſen ihren Schmerz jetzt beſſer verſtehen Lch, die Harmonie in ihrer Seele war geſtört. Es hatten ſich darin zwei vorher fremde Gäſte eingeſchlichen, leibliche Geſchwiſter, ihre Namen waren: Zweifel und Mißvergnügen. Leopoldinens Gemüthsſtimmung im Allgemeinen, ſo wie ſie ſich bald zeigte, läßt ſich am Beſten mit dem Wort unbehaglich bezeichnen. Es iſt dieß ein Zu⸗ ſtand, der zu gleicher Zeit ein Sein und ein Nichtſein in ſich ſchließt. Man fühlt ſeine Seelenkräfte gleichfam gelähmt, unfähig zu jeder Wirkſamkeit. Die Ereigniſſe des Tages gehen vorüber, ohne eine belebende Bewe⸗ gung hervorzurufen, und auf matten Flügeln ſchwebt 2¹9 der Gedanke in dem leeren Raum zwiſchen Himmel und Erde, ohne von irgend einer Sehnſucht aufwärts, oder von irgend einer Annehmlichkeit hinabwärts gezogen zu werden. Abher dieſe düſtere Ruhe, die über dem Ge⸗ müthe liegt, hat keinen Frieden zu bieten; eine traurige Angſt erfüllt das Herz, ohne jemals eine beſtimmte Form anzunehmen. Es iſt merkwürdig, wie das ganze Leben und Alles was uns ſonſt in Bewegung zu ſetzen vermag, dann ſein Intereſſe und ſeinen Zuſammenhang mit uns ſelbſt verliert. Es gibt keine Verlockungen mehr für unſere Beſtrebungen. Die ganze Blumenwelt des Gefühls iſt wie von einer Froſtnacht verheert und ſogar die ewigen Bande für allen Glauben und alle Hoffnung zerfaſern ſich zu ſo ſchwachen Fäden, daß es ſcheint, als müßten ſie gleich beim erſten Verſuch, ſich auf ihnen zu einer lichteren Sphäre emporzuheben, zerreißen. Und ſo war Leopoldine als Menſch, ſo war ſie auch als Künſtlerin. Sie hatte die Kunſt nicht als ein Hand⸗ werk begreifen gelernt, das man nach dem Reglement und der Routine treiben muß, unabhängig von der individuellen Gemüthsſtimmung. Nein, man könnte ſagen, das weſentliche Organ für ihre Künſtlerſchaft ſei ihr Herz geweſen. Sie vermochte das Schöne bloß in demſelben Maß aufzufaſſen und wiederzugeben, wie ihre Seele klar und ungetrübt war... So geht es oft. Die Begeiſterung kommt wie ein ſtiller Abendwind. An mancher Bruſt ſchwebt er ſtill vorbei; denn zart und fein müſſen die Saiten ſein, die bei ſeinem Geiſter⸗ geflüſter vibriren ſollen; die Stimmung muß rein und harmoniſch ſein.. Die Schwermuth, die Maximilian, obſchon verge⸗ beus, bei ſeiner Frau zu verſcheuchen ſuchte, hatte alſo eine tiefere Urſache, als er ahnen konnte. Während eines langen gegenſeitigen Schweigens ſaßen Beide zärt⸗ lich an einander geſchioſſen, und die milde, laue, lieb⸗ liche Mondſcheinnacht erweiterte ihre Herzen Aber Marimilian hatte einen Gedanken, der alle Mondſchein⸗ 220 ſchwärmerei hemmte und ihn in eine herbe Wirklichkeit Er nahm das abgebrochene Geſpräch wie⸗ der auf. „Ich glaube ein ſicheres Heilmittel für Deine Me⸗ lancholie zu beſitzen, meine Geliebte,“ ſagte er.„Du biſt jetzt länger als zwei Jahre von der Wirkſamkeit getrennt eweſen, für welche Du ſo glänzende Gaben beſitzeſt. Bieſl Ruhe hat ſicherlich ihren Nutzen gehabt; aber ſie hat vielleicht etwas zu lange gewährt. Es iſt ſo natür⸗ lich, daß jede reich ausgerüſtete Seele ſich bedrückt füh⸗ len muß, wenn ſie nicht in ihrer wahren Richtung vor⸗ anſchreiten kann. Ich habe Dich durchſchaut. Dein Mißmuth iſt nichts Anderes als die Sehnſucht nach einer Wirkſamkeit. Die Zeit iſt jetzt gekommen, um auf der abgebrochenen Bahn wieder fortzufahren; Du mußt die Bühne wieder betreten.“ „Nein, nein, Du irrſt Dich,“ antwortete Levpol⸗ dine mit betrübtem Kopfſchütteln.„Im Theater beſitze ich keine Zukunft mehr; ich habe da bereits und für immer meine Rolle ausgeſpielt. Von dieſem Leben habe ich jetzt nur angenehme Erinnerungen; wenn ich wieder aufträte, ſo würde ich durch eine Niederlage das Glück zerſtören, das meine früheren Erfolge mir noch immer bereiten.“ „Du willſt alſo mir und Deinen Freunden alles Urtheil abſprecheu Du beleidigſt mich tief durch dieſen hartnäckigen Zweifel, denn es liegt darin die grauſamſte Anklage gegen Beine Liebe und den Mann, den Du liebſt. Habe doch wieder Vertrauen zu meinen Worten. Ich habe juſt heute Abend für Bich einen Plan entworfen, der mich unbeſchreiblich freute, weil ich vollkommen überzeugt bin, daß er Dir eine benei⸗ denswerthe Zukunft bereiten wird. Bei Gott, es iſt nie meine Abſicht geweſen, Dich der Kunſt zu entreißen, ich habe kein Recht dazu, und Du beſitzeſt ohnehin in dieſem Fall ſchon ſeit langer Zeit mein heiliges Verſprechen vollkommener Freiheit. Vielleicht habe ich bereits zu 22¹ ſehr als Egoiſt gehandelt, indem ich zwei Jahre Deines Lebens in Anſpruch nahm... Doch das iſt ja ein Opfer auf dem Altar unſerer Liebe geweſen. Aber jetzt, von heute an mußt Du die Pflichten wieder übernehmen, die Dein Talent Dir auferlegt. Ja, Leopoldine, zum Theater führt Dein Weg zurück, ein höheres Schickſal hat es ſo beſtimmt, und ich wollte Dir einen Vorſchlag in dieſer Beziehung mittheilen. Graf Manfred 4 „Warum dieſen Namen, Maximilian?. Du weißt, daß ich Urſache habe, dieſen Mann zu verab⸗ ſcheuen; Du weißt, wie ich ihn einmal für einen auf⸗ richtigen Freund hielt und wie grauſam er mich betro⸗ gen hat. Du weißt auch, wie er hernach durch ſchmäh⸗ liche Intriguen, durch Falſchheit und Unwahrheit mir Deine Achtung, Deine Liebe zu rauben verſuchte, und wie er nahe daran war, ſeine boshafte Abſicht durchzu⸗ ſetzen... Ich habe Angſt vor ſeinem Blicke bekommen. Der bloße Ton ſeiner Stimme quält mein Herz, und ich fühle ein Verlangen, ſeiner Geſellſchaft zu entfliehen, wie vor einem böſen Geiſte. Aber Du ahnſt nicht, welche Mühe es mich gekoſtet hat, die Verachtung zu verbergen, die ich für ihn hege, ſonſt hätteſt Du nicht verlangt, daß ich ihn ſogar als Wirthin in unſerem Geſellſchaftskreiſe empfangen ſolle. Verſchone mich mit der Qual, meine Verſtellungskunſt auf eine neue ſolche Probe zu ſtellen; ſeine Frechheit iſt ein Schimpf für uns Beide, und was Du thuſt, Marimilian, glaube niemals, daß es für mich ein Glück geben kann, das mit einem ſo verabſcheuungswerthen Namen anfängt.“ „Ich verſtehe Deine Gefühle ganz gut, ja ich theile ſie ſogar. Aber ich beſitze mehr Welterfahrung, und ich weiß, daß man manchmal ſeinen Gefühlen Zwang an⸗ thun und ſeine Antipathien beſiegen muß, wenn man einen guten und großen Zweck erreichen will. Graf Manfred iſt ein niedrig denkender Menſch, das wiſſen wir Beide nur zu gut. Er iſt jedoch eine Perſon, die in gewiſſen bedeutenden Kreiſen als Kunſtrichter ein 222 Anſehen beſitzt, und beſonders in D. hat er große Macht als Director der königlichen Oper. Sich mit dieſem Manne zu überwerfen, wäre ſehr unklug für Jeder⸗ mann, der möglicherweiſe durch die Umſtände in eine von ihm abhängige Stellung geführt werden kann. Jeder Künſtler hat leider im praktiſchen Leben ſeine Schwierigkeiten, mit denen er kämpfen muß, und ich habe wahrhaftig nicht überſehen, wie unangenehm für Dich der Umgang mit dieſem Manne ſein muß, der uns Beiden ſo viel Schmerz bereitet hat. Ich glaube jedoch, daß auch dieſe Unannehmlichkeit bald verſchwinden wird, wenn damit ein guter Zweck erreicht werden kann. Jetzt ſteht es ſo, daß der Graf, der ſeinerſeits gänzlich ver⸗ geſſen zu haben ſcheint, was zwiſchen Euch vorgefallen iſt, eine große Meinung von Deinem Talent als Theater⸗ ſängerin hat. Er hat ſich ſo eben in den ſchmeichel⸗ hafteſten Worten darüber ausgeſprochen, und ich glaube Dich mit voller Zuverſicht verſichern zu dürfen, daß die Stelle als Primadonna, die Du einſt an ſeinem Theater einnahmſt, Dir wieder offen ſteht.“ „Und Du meinſt wirklich...“ „Daß Du ſie annehmen ſollſt.. In D. lebt Dein Name noch in friſcher Erinnerung man wird Dich dort mit offenen Armen empfangen, Dein Wiederauf⸗ treten daſelbſt wird ein koloſſaler Triumph ſein.“ „Unmöglich! Es kann Dir mit dieſen Worten nicht ernſt ſein. Graf Manfred iſt ein gemeiner Menſch, das gibſt Du zu, und gleichwohl willſt Du mich unter ſeine Gewalt ſtellen.“ „Bin ich nicht da, um Dich zu beſchützen 2“ „O nein, Marimilian, eine nähere Verbindung mit dieſem Manne wäre ein Fleck für unſere Ehre; es kann, es darf nicht geſchehen.“ „Sei vernünftig, Leopoldine; laß meine klugen Be⸗ rechnungen nicht durch eine übertriebene Empfinblichkeit zerſtören. Habe Vertrauen zu meiner Vorſorge für 223 Dein wahres Wohl; ich bitte Dich innig und ernſtlich, folge meinem Rath.“ „Zum erſten Mal fühle ich den Muth in mir, einer Bitte von Dir zu widerſtehen... Nur mit dem größten Unwillen kann ich in dieſem Augenblick daran denken, die Scene wieder zu betreten; aber wenn es geſchieht, wenn ich die Kraft wieder erhalte, die ich beweine, dann trete ich nie, nie wieder in Graf Manfred's Dienſt.“ Die Beſtimmtheit dieſer Erklärung, die Feſtigkeit, welche Levpoldine in Ton und Haltung legte, rief eine plötzliche Veränderung bei Marimilian hervor. Er ſprang von ſeinem Platz auf und trat einige Schritte zurück gegen die andere Seite des Balkons. Seine Ge⸗ berden waren heftig, es war unverkennbar, daß ein un⸗ ruhiges, ſchmerzliches Gefühl in ihm kämpfte. Auch Leopoldine richtete ſich auf, erſchrocken und gleichſam ahnend, daß ein Unglück ſie erwarte. Nach Verlauf einiger Minuten näherte ſich Mari⸗ milian wieder. Er wollte jetzt ruhig ſcheinen, aber es war leicht zu bemerken, daß ſeine Bruſt unter den ge⸗ kreuzten Armen ſich hob, daß ſeine Stimme unſicher war, als er ſprach. „Leopoldine,“ ſagte er,„Du zwingſt mich zu einem traurigen Geſtändniß. Mache Dich bereit, auch mich zu verabſcheuen.“ Sie wollte ſeine Hand ergreifen, ſie wollte mit einer Umarmung antworten, aber er ſchob ſie von ſich und fuhr fort: „Fliehe mich, ich bin Deiner Liebe unwürdig. Mit ſchönen Verſprechungen habe ich Dich an mich gelockt; ich habe geſchworen, Dir Ruhe und Glück an meiner Seite zu bereiten. Aber jetzt.. jetzt ſiehſt Du einen verächtlichen Betrüger, einen Meineidigen vor Dir. Ach, dieſer Augenblick iſt entſetzlich. Ich muß die größte Demüthigung ertragen, der ein Menſch ſich unterziehen kann; ich muß zu Dir, die ich liebe, zu Dir, die Du 224 Deine ganze Lebensfreude von mir fordern kannſt, ſagen: Verachte mich, mein erbärmlicher Leichtſinn, meine närriſche Eitelkeit hat die Zukunft von uns Beiden zer⸗ ſtört. Es iſt meine Pflicht, Dich zu beſchützen, aber ich ſtehe ſelbſt hülflos auf den Ruinen meines eigenen Glücks. Ja, Leopoldine, mein Leben iſt das eines Narren geweſen. Das Vermögen, das meine Mutter hinterließ, iſt bereits gänzlich verſchlendert; die Zukunft, die uns erwartet, heißt Armuth.“ Vor der Armuth hegt das Weib im Allgemeinen, wenigſtens das junge und liebende Weib, weit weniger Furcht, als der Mann, der doch eine unvergleichlich beſſere Stellung für den Kampf gegen dieſes Schickſal beſitzt. Auch nahm Leopoldine das Bekenntniß ihres Mannes mit Ruhe entgegen, aber je mehr ſie darüber nachſann, um ſo trauriger wurden ihre Gedanken. Im erſten Augenblick empfand ſie beinahe Freude darüber, daß kein größeres Unglück ſie bedrohe; dieſe Freude kam von ihrem Herzen. Bald ſah ſie jedoch ein, daß der Schlag hart genug war; der Schmerz kam mit der Reflerion. Maximilian fuhr fort:„Du antworteſt mir nicht, Du wendeſt Dich von mir ab. Recht ſo, Leopoldine, ich weiß, daß Du mich verachten mußt. Wäre ich ein verſtändiger und umſichtiger Mann geweſen, ſo hätten wir für immer gegen alle ökonomiſchen Bekümmerniſſe geſichert ſein können. Ach, warum bin ich nicht einer jener Zahlenmenſchen geworden, welche das Kaſſenbuch zum Mittelpunkt ihres ganzen Lebens nehmen? warum lernte ich nicht, meine Phantaſien durch Berechnungen beherrſchen zu laſſen? Zetzt iſt es zu ſpät. Ich war immer gewöhnt, als Künſtler zu leben, in den Tag hinein zu leben, das Vergnügen zu lieben und das Geld zu verachten. Es iſt mein Fehler, daß ich mich mehr als einmal von der Welt berauſchen ließ, aber ich wollte auch Dich die Freuden des Lebens koſten laſſen, und als ich bemerkte, daß unſere Mittel zu ſtark in Anſpruch 22⁵ genommen wurden, entſchlug ich mich alles Kummers darüber mit dem fröhlichen Gedanken, daß ich durch unſere Reiſen, unſere intereſſanten Bekanntſchaften Deinem Genie die beſte Nahrung gebe; und wenn dieß auch mein ganzes Kapital verſchlang, war es wohl zu theuer bezahlt? Ich glaubte es nicht. Ich wußte, daß die Welt dermalen gegen Niemand ſo freigebig iſt wie gegen die Talente. Jeder Ton einer Primadonna wird mit Gold bezahlt. Alſo konnte ja die Spekulation vom ökonomiſchen Geſichtspunkte aus als gut betrachtet wer⸗ den. Ich habe mich getäuſcht. Leopoldine, Beine be⸗ ſtimmte Weigerung, ein vortheilhaftes Engagement an⸗ zunehmen, hat meine letzte Hoffnung zermalmt. Ich ſelbſt bin ohne alle Hülfsquellen; ich ſehe nur Gram, Elend und Noth vor mir.“. Ein tiefer Seufzer öffnete Leopoldinens Lippen, un ſie ſagte langſam mit düſterer Betonung: „Ich ſoll alſo für's Brod ſingen!“ Dieſe wenigen Worte enthielten viel. Es lag darin zugleich Klage und Ergebung. Sie waren ein Lebe⸗ wohl an die Freiheit. Sie bildeten die Einweihung zu einer neuen und traurigen Abtheilung ihres Lebens. Maximilian wurde von dieſer Aeußerung tief ge⸗ troffen und rief verzweiflungsvoll: „Was für ein elendes Geſchöpf bin ich nicht!“ Aber Leopoldine ſchöpfte Muth aus ihrer Liebe. Sie ſah eine düſtere und mühvolle Zukunft vor ſich; gleich⸗ wohl fühlte ſie ſich geſtärkt durch den Gedanken, daß es ſich jetzt darum handle, für Marimilian's Glück zu ar⸗ beiten. Die ſchöne Beſtimmung des Weibes, in den trüben Tagen der Widerwärtigkeit der tröſtende Engel des Mannes zu ſein, umfaßte ſie in dieſem Augenbück begieriger„als je, und ſie ſprach mit mildem Ernſt: „Laß Dich durch das Unglück nicht zermalmen. Wir haben Beide gleich gefehlt. Wie unbedachtſame Kinder haben wir eine gute Gabe zerſtört. Unſere Strafe iſt ſtreng, aber gerecht„ Die Armuth iſt mir Ein Funke. I. 15 22 nichts Neues. Ich bin den größten Theil meines Lebens vertraulich mit ihr umgegangen; es iſt nicht ſo ſchwer wie Du glaubſt. Manche Anſtrengung wird leichter, wenn ſie zum Zweck hat, beſſere Tage für die Zukunft zu bereiten. Zuſammen wollen wir mit erhöhten Kräf⸗ ten daran arbeiten, unſer umgeſtürztes Glück wieder aufzubauen, und jede kleine Freude, die man mit eigener Mühe erwirbt, iſt weit mehr werth, als Alles, was der Zufall zu ſchenken vermag, und gäbe er auch eine ganze Welt.“ „Bei Gott, meine Leopoldine, Du biſt das edelſte Weib auf der Erde!“ antwortete Maximilian und ſchloß ſie entzückt in ſeine Arme. „Bemerkſt Du denn nicht einen Schimmer von Egoismus in meinen Worten?“ fuhr ſie fort.„Siehſt Du, ich bin beinahe froh darüber, daß jetzt eine Gelegen⸗ heit ſich eröffnet hat, zu beweiſen, daß auch ich in dem Kampf gegen das Unglück, das uns Beide bedroht, etwas auszurichten vermag.“ „Du haſt alſo dieſen kindiſchen Zweifel in Deinem Talent als Sängerin überwunden?“ „Ich habe ihn nicht überwunden. Aber ich fühle jetzt den Muth in mir, einen Kampf mit meinem Schick⸗ ſal zu wagen. Ich werve und muß wieder werden, was ich einmal war, ja noch mehr, was ich zu werden ge⸗ träumt habe. Durch Fleiß und Anſtrengung werde ich meine frühere Stärke wieder gewinnen.“ „Was Du ſagſt, iſt Goldes werth. Du haſt dem Unglück gleich in ſeiner erſten Erſcheinung Einhalt ge⸗ than. Holdes Weib, gib mir ein Wort, einen Ausdruck für die Dankbarkeit, die meine Bruſt zerſprengen will.. Du nimmſt alſo meinen Vorſchlag an, Du gehſt auf's Theater zurück, wo Ehre, Triumphe und Reichthümer Deiner warten. Alle Bekümmerniß iſt alſo vorüber, und ich bin der glücklichſte Mann in der Welt.“ „Nur eine einzige Bedingung, Marimilian! Wenn es möglich iſt, verſchone mich mit dem Grafen Manfred.“ 227 „Meine Geliebte, ich möchte Dich mit meinem Leben von jeder Unannehmlichkeit loskaufen. Beſinne Dich jedoch. Die Klugheit und die Stimme des Herzens ſtimmen ſelten überein; aber da wir in einer ſchlechten Welt leben, ſo find wir oft genöthigt, unſere edelſten Gefühle zu verbergen und zu beherrſchen Sän⸗ gerinnen, die nach guten Plätzen ſiſchen, finden ſich in zahlloſer Menge vor. Ich zweifle nicht daran, daß Dn in einem offenen und ehrlichen Kampf ſie alle beſiegen würdeſt; aber gegen die vielen heimlichen Intriguen, gegen die hinterliſtigen Kabalen beſitzen wir nur ſchwache Waffen. Mittelſt der Empfehlungen, die Du Dir ver⸗ ſchaffen kannſt, würdeſt Du leicht auf jeder Bühne Zu⸗ tritt finden; aber Du würdeſt dadurch eine ganze Ver⸗ ſchwörung von neidiſchen und verleumdungsſüchtigen Seelen gegen Dich hervorrufen. Es ſind jetzt mehr als zwei Jahre, ſeit Du die Bühne nicht mehr betreten haſt. Die Welt hat bereits vergeſſen, daß Du je da geweſen. Man würde Dich als eine Anfängerin betrachten. Du könnteſt auf keine Protection im Theater, auf keine Sympathie bei dem Publikum rechnen. Alles würde von Deinem Debüt abhängen, und ein unzuverläſſigeres Spiel gibt es nicht. In D. dagegen beſitzeſt Du noch einen Namen und tauſend Herzen, ja noch mehr, Du beſitzeſt die beſondere Gunſt des königlichen Opern⸗ directors. Er wünſcht nichts ſehnlicher, als daß Du Deinen früheren Platz wieder einnehmen möchteſt. Du ſelbſt dictirſt die Bedingungen, und Dein Erfoig iſt keinem Zweifel unterworfen. Sag, wäre es wohlgethan ein ſolches Anerbieten abzulehnen? Ich keſpertire Deinen Widerwillen gegen die Perſon des Grafen, aber ſein Anerbieten abzuſchlagen, das wäre, verzeihe mir's, eine übertriebene Empfindlichkeit. Meine Meinung iſt, daß Du dieſes Engagement bloß als eine Stufe zu einem angenehmern Platz betrachten ſollſt. Nur einige Monate in D., dann ſteht Dir die ganze Welt offen, und Du 15 228 kannſt ohne alle Gefahr den Kampf gegen die Eiferſucht wagen,“ ſ glaubſt alſo, daß dieſes Opfer nothwen⸗ ig ſei?“ „Ich glaube, daß es der erſte Schritt zu unſerem beiderſeitigen Glücke iſt. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren. Wenn es bekannt würde, daß meine Ange⸗ legenheiten in Unordnung ſind, daß es in Folge deſſen eine Nothwendigkeit für Dich iſt, ein Engagement zu erhalten, ſo würde man ſich dieſer dringenden Umſtände ſogleich bedienen und Dir ſchlechtere Bedingungen machen. Mein Plan war, während ich ſelbſt Gleichgültigkeit heuchelte, den Grafen Manfred ſo weit zu bringen, daß er mit einem Anerbieten herausrückte. Dieß iſt heute Abend gelungen, und die ganze Frage hängt jetzt nur von Deiner Antwort ab.“ „Verzeihe mir, aber ich habe eine düſtere Ahnung in Betreff dieſes Vorſchlags... Gleichwohl...4 „Leopoldine, Du bewilligſt meine Bitte...“ „Ja, ich folge Deinem Willen.“ Marimilian hörte den halb erſtickten Seufzer nicht, der dieſes Verſprechen begleitete. Er hatte gewonnen, was er ſo lebhaft wünſchte, und er beſaß für nichts Anderes Sinn, als für die Freude. Aber er hatte immer das Verdienſt, in ſeiner Freude liebenswürdig zu ſein. Leopoldine wurde von ſeiner Dankbarkeit, von ſeiner Zärtlichkeit beſtürmt. Er ließ ihr keine Ruhe zu ernſteren Ueberlegungen. Bald verzog ſich daher die düſtere Wolke, die ihre Seele umſchwebt hatte. Es gibt eine Stimmung, die ihre Annehm⸗ lichkeit weder von einem fröhlichen Gedanken, noch von einer lieblichen Hoffnung borgt, ſondern nur von der Vergeſſenheit alles Unbehagens. In ſolchen Stunden und ohne alle Reflexion glauben wir einen Begriff zu fuſſen, wie die Blume in der Erde ihr Daſein genießt. Umſchloſſen von Marimilian's Armen, ruhte Leopoldine an ſeiner Bruſt. Es war ein Angenblick ganz ge⸗ N 229 dankenloſer Liebe, ſo gedankenlos, wie nur je in den allererſten Tagen des Entzückens zweier Liebenden, ob⸗ ſchon dieſe Herzen mit der kühneren Flamme eines reife⸗ ren Gefühls brannten. Die ſchwachen Windhauche tru⸗ gen eitel Entzücken. Es war ein Leben, das zur Hälfte Wirklichkeit, zur Hälfte Phantaſie war; ein wachender Traum, warm, ſchwärmend wie die Mondſcheinnacht, die ſie umgab. Eine Mondſcheinnacht in Neapel... O mein Gott, wenn ein böſer Geiſt einen Engel verleiten wollte, ſei⸗ nen Himmel zu verlaſſen, ſicherlich würde er dann eine ſolche Nacht wählen, um ihn zu verlocken. Und wenn dieſer böſe Vorſatz in Erfüllung ginge, wenn wirklich ein Engel ſich herabſenkte, verzeih mir, aber könnte er erſt mit dem grauenden Tag nach ſeiner Heimath da oben zurückkehren, ſo würde ich ihn nicht ſehr beklagen. Nur ein überirdiſches Weſen vermöchte das Uebermaß der Schönheit, das ſolche Stunden in ſich ſchließen, recht aufzufaſſen, recht zu genießen. Für uns Menſchen geht ſo viel davon verloren, für unſere weniger reinen Sinne wird der Genuß ein wollüſtiger Rauſch. Allerdings gibt es auch hier im Norden herrliche MWondſcheinſtunden, aber ſie ſind gleichwohl armſelig gegen das, was der Süden beſitzt. Wenn Luna ſich in unſeren hübſchen Seen mit ihren Holmen und ihren birkenbewachſenen Ufern ſpiegelt, ſo iſt dieß allerdings ſchön; aber das Gemälde iſt unvollendet, man kann nicht recht verſtehen, was es ſagen will. Und wird Dein Herz von einer Ahnung davon berührt, ſo kommt ſogleich ein kühler Wind und verſcheucht Deine Phan⸗ taſien. Das Ganze iſt wie eine ſchöne Schaubühne ohne Acteurs, ohne Orcheſter. Die Natur ſchwärmt, aber die Menſchen ſchlafen... Anders iſt es am Fuße des Veſuv. Man bedarf bloß dieſer lauen, an⸗ genehmen, von Blumendüften geſchwängerten Luft, um zu fühlen, mit ſeiner ganzen Seele zu fühlen, daß Nondſcheinnacht und Liebe für einander geſchaffen ſind. 230 Und glaubſt Du nicht Dir ſelbſt, ſo lauſche den eroti⸗ ſchen Serenaden der Mandolinen, lauſche den Seufzern, dem Geflüſter hinter den Blumenhecken der Balkone. XXVII. Eine vertrauliche Stunde. Doch giftig war der Blumen Duft im Süden, Wo Sünd' gedeihet in der Sonne Brand. Geijer. „Ich habe einen Fehler begangen,“ ſagte Signora Pariſina zu ſich ſelbſt, als ſie einige Tage nach Mari⸗ milian's Soiree eines Abends allein in ihrem Zimmer ſaß, und ſie ſank dabei mißvergnügt auf den Sopha zurück und ſtützte ihren ſchönen Kopf, gleich als wäre er ſchwer von Gedanken, mit der Hand. Im ganzen letztverfloſſenen Jahr war die Bahn der Signora ſehr mit Dornen beſtreut geweſen. Sie, die gewöhnt war, wie eine Gottheit angebetet zu werden, ſie, die ſich überall, wohin ſie kam, mit Entzücken em⸗ pfangen ſah, ſie, die bei jedem öffentlichen Auftreten die unerhörteſten Applauſe eingeerntet hatte, und deren Salon ſtets von Anbetern belagert geweſen war, ſie hatte jetzt ihrerſeits die Wandelbarkeit der Volksgunſt erfahren müſſen und mehr als einen Beweis dafür erhalten, daß ihr Fuß nicht mehr ein allgebietendes Seepter war, womit ſie die Theaterwelt zu beherrſchen vermochte, daß ihre Blicke nicht mehr eine Macht beſaßen, womit ſie alle Herzen verwirren und allen Regenten Geſetze dietiren konnte. Ich will es dahingeſtellt ſein laſſen, inwiefern 231 Pariſina wirklich in ihrer Kunſt zurückgekommen war; ich will bloß daran erinnern, wie ihre Größe immer ihren eigentlichen Grund in dem Glück gehabt hatte, das ſie einmal in die Mode brachte. Ihr Talent, ihr Renommee zu behaupten, war ungewöhnlich geweſen, und angefeuert von ihrem Verlangen nach Triumphen, hatte ſie alle Mittel aufgeboten; um ſich einen Ruf zu ſchaffen. Aber jede Mode iſt veränderlich. Sie hat einen un⸗ überwindlichen Feind in der Zeit ſelbſt. Mehr als zehn Jahre hatte ſie ihren glänzenden Thron aufrecht zu halten verſtanden. Dieß iſt weit mehr, als einer ihrer Ratur nach ſo ephemeren Gewalt gewöhnlich geſtattet wird, und es muß als ein ſchönes Zeugniß für ihr Talent gelten. Früher oder ſpäter zeigen jedoch die Jahre ihre grauſame Macht. Für Perſonen, die lange gefeiert waren, kommt zuletzt der Augenblick, wo die Welt alle ihre Lobgeſänge für ſie erſchöpft hat. Wenn man ſein Lob nicht mehr ausſprechen kann, ohne trivial zu werden, ſo wird man des Lobes leicht überdrüſſig, und nicht länger zu preiſen, iſt in dieſem Fall bereits ſo viel als Tadel. Selbſt die Schönheit iſt ja auch eines der Opfer, welche der Zeit verſchrieben ſind. Daß Pariſina noch mit 30 Jahren einen ſeltenen Reichthum an Liebreiz beſaß, kann nicht gelengnet werden, aber die Friſche der Jugend beſaß ſie nicht mehr. Das Er⸗ künſtelte ihres ganzen Weſens lag jetzt offener an dem Tag, als früher. Alles an ihr war Manier geworden, ja ſogar ihr Lächeln, eines der ſiegreichſten unter allen menſchlichen Lächeln, war gewiſſermaßen ſo zu ſagen in der Form verſteinert; es war jetzt eine Möglichkeit vorhanden, ſeiner Zauberkraft zu widerſtehen. Wie dieſe Erfahrung der Signora munden mußte, davon kann man ſich leicht einen Begriff machen. Mit Zorn, mit Verzweiflung beſchloß ſieh, jede Anſtrengung zu wagen, um den Siegeskranz zu behaupten, deſſen Wanken auf ihrem Haupte ſie ſpürte. Ihre Bemühun⸗ gen, ihrem Talent noch größere Vollendung zu geben, 232 waren vielleicht niemals ernſter geweſen; aber das Publikum ſah das nicht. Man applaudirte ihr noch, aber man bemerkte halblaut: die arme Pariſina! ihr Fuß beginnt etwas ſchwer zu werden; ſie iſt nicht mehr, was ſie vor zehn und zwölf Jahren war! Das Ereigniß in Mailand traf ſie wie ein Donner⸗ ſchlag. Sie hatte gehofft, daß wenigſtens ihre Flucht ſie in den Augen der Welt intereſſant machen ſollte. Aber auch hierin täuſchte ſie ſich. Die Journale über⸗ häuften ſie nach dieſer Geſchichte mit ſcharfen Schmä⸗ hungen. Man machte ſich auf ihre Koſten luſtig. Man verhöhnte ihren Zorn, man nannte ſie ſchlechtweg eine Abenteurerin und warnte jede Theaterdirection, ſich auf irgend eine Uebereinkunft mit einer ſo unzuverläſſigen und launenhaften Dame einzulaſſen. Auch waren ſeit⸗ her alle Anerbietungen ausgeblieben. So befand ſich die Signora im Augenblick ohne Engagement, ja noch mehr, ſie befand ſich auch ohne Geld. Sie hatte ſtets die Gewohnheit gehabt, ohne Gedanken an die Zukunft alle ihre Mittel zu verſchleu⸗ dern. Die Summen, welche ſie verdient hatte, waren ſehr bedeutend geweſen, aber ſie hatte dennoch nichts zu erſparen gewußt. Es wäre indeß Unrecht, im Fall ihr dieß zu irgend einer Entſchuldigung dienen kann, leugnen zu wollen, daß ſie immer eine hülfreiche Hand allen denjenigen darbot, die ſich derſelben zu bedienen wußtenz; übrigens war ihre Wohlthätigkeit mehr eine leichtſinnige Laune deſſen geweſen, was man im Allgemeinen ein gutes Herz nennt, als der edle Drang, zu nützen, was den denkenden Menſchenfreund auszeichnet. Unter dieſen peinlichen Umſtänden behielt jedoch Pariſina noch immer guten Muth. Ein glückliches Schickſal hatte den Grafen Manfred wieder in ihren Weg geführt. Es war von Neuem ein freundſchaft⸗ liches Verhältniß zwiſchen ihnen entſtanden. Er war juſt der Mann, deſſen ſie jetzt bedurfte, und ſie ſetzte auf ihn ihre freudigſte Zuverſicht: Ihr Aufenthalt in 233 D. gehörte noch jetzt zu ihren allerliebſten Erinnerun⸗ gen. Dort hatte ſie den eigentlichen Höhepunkt ihres Glückes erreicht. Wie war ſie nicht dort vergöttert worden! Man hatte ſie im Triumph in den Straßen umhergezogen, die Créme der Elegans hatte um ihre Gunſt gebuhlt. Sie war mit koſtbaren Geſchenken über⸗ häuft worden. Man hatte ihr einen Fackelzug vor ihrer Wohnung gebracht, Serenaden gemacht und vor ihrem Fenſter Hurrahrufe angeſtimmt... O das war eine herrliche Zeit; ſie brannte vor Verlangen, noch einmal ſolche Tage zu erleben. Aber neben dieſem Verlangen nach Triumphen tauchte bei ihr ein anderes Gefühl auf, ein Gefühl, das dieſem Herzen weit fremder war, nämlich die Liebe, oder vielleicht richtiger, ein Verlangen, geliebt zu wer⸗ den. Es gehörte zur Gewohnheit der Signora, immer einen Liebhaber zu beſitzen, aber dieſer Platz war, wie wir wiſſen, ganz und gar nicht beneidenswerth, da bei ihr einzig und allein der Eigennutz die Wahl beſtimmte, und jedes zärtlichere Gefühl war bei ihr in Folge dieſer ſo lange und ſyſtematiſch fortgeſetzten Koketterie gleich⸗ ſam verſteinert. Es war Graf Manfred vorbehalten, dieſen Gefühlen wieder ein Bischen Leben zu geben. Von allen Männern, die ihr ihre Huldigung geſchenkt, war er der Einzige geweſen, der ſich für ihre Ruhe gefährlich gezeigt hatte. Sie hatte dieß ſchon während ihrer erſten Bekanntſchaft empfunden, und jetzt, nachdem das Schickſal ſie wieder mit ihm zuſammengeführt, hatte ſie es mit jedem Tag deutlicher geſühlt. Mit einer ge⸗ wiſſen Freude bemerkte ſie, wie das Eis um ihr Herz vor den Blicken dieſes Mannes ſchmolz, und mit einem beinahe kindlichen Vergnügen labte ſie ſich an dem Intereſſe, das er ihr eingeflößt hatte. Aber juſt weil ſie den Grafen mit dieſer Wärme umfaßte, begnügte ſie ſich nicht damit, nur eine gewöhnliche Galanterie von ihm zu empfangen. Sie wollte ſein ganzes Herz erobern, ſie wollte ihn als Sklaven zu ihren Füßen feſſeln; ſie 234 wollte, daß er ſie in Wirklichkeit mit derſelben Ueber⸗ treibung lieben ſollte, die ihre andern Günſtlinge zu affeetiren pflegten, und wenn ſie davon träumte, ſo war ihr, als ob ein Hauch von Jugend und Frühling durch ihre Seele eilte. Sie wählte jedoch ein weniger glückliches Mittel, um dieſen Traum zu verwirklichen. Ihre gewöhnliche Taktik beſtand darin, durch ihre Launen zu herrſchen. In einem Augenblick warf ſie Feuer und Flammen, im andern Schnee und Eis. Zuweilen las man in jeder ihrer Geberden die holdeſten Verſprechungen, aber kaum hatte man das erſte Wort ſeiner Glückſeligkeit geſtammelt, als ſie mit einem oft höhniſchen Scherz das Verhältniß wieder in eine ſchwebende Ungewißheit verſetzte. Auf dieſe Art erhielt ſie ihre Opfer in einer beſtändigen Spannung, welche ſie im Allgemeinen nur noch ſchwächer und ſtlaviſcher machte... Mit dieſer Tyrannei wollte ſie auch jetzt das Herz des Grafen Manfred unterjochen; aber er war ein Mann, der ſich nicht ſo leicht am Gängelband führen ließ. Er war viel mit Weibern umgegangen und beſaß eine große Erfahrung in all den verſchiedenen Schattirungen der Liebe. Er konnte ſich zwar augenblicklich vor den Launen einer Schönheit de⸗ müthigen; gleichwohl gevann er bald ſein Selbſtgefühl wieder, und er war im Ganzen zu egoiſtiſch, zu an⸗ ſpruchsvoll und herrſchfüchtig, um ein drückendes Joch in die Länge zu ertragen, ſelbſt wenn das ſchönſte und geiſtreichſte Weib von der Welt es aufzulegen verſucht hätte. Wie auch die Signora kokettirte, er wußte ſich immer auf eine gewandte Art wieder frei zu machen. Mit Gram bemerkte ſie, wie fruchtlos ihre Bemühungen waren, und ſie verſäumte es inzwiſchen, den Einfluß, den ſie auf den Grafen beſaß, zum Vortheil einer Speculation auf ein gutes Engagement anzuwenden. Es hatte ſich bei ihr ein Zartgefühl ausgebildet, das ihr ſonſt nicht eigen war, und ſie konnte es nicht über ſich bringen, ihre Gefühle und ihre Berechnungen jetzt 235 zu vermengen. Es gehörte zu ihren Phantaſien, daß der Graf ſelbſt aus Liebe ihr die Stelle, nach der ſie ſich ſehnte, anbieten, ja ſogar ſie anflehen mußte, die⸗ ſelbe anzunehmen. Allerdings hatte er einmal im Vor⸗ übergehen eine Andeutung darauf fallen laſſen, daß die Signora zur Oper in D. zurückkehren ſollte, aber er hatte keine Bedingungen genannt; überdieß wurde dieſer Antrag in einem Tone gemacht, der ihr nicht gefiel, und ſie konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er ſelbſt in den Augenblicken', wo er für ihren ergebenen Lieb⸗ haber gelten wollte, immer daneben ein ökonomiſcher Theaterdirector war. So verfloß mehr als ein Monat, ohne daß Pariſina dem Ziel ihrer Wünſche näher kam. Aber ſeit ſie bei der erwähnten Soiree zu entdecken geglaubt hatte, daß ſowohl der Graf als Maximilian ſich für Leopoldinen's Rückkehr zu dem Theater intereſſirten, war ſie in eine unruhige Stimmung gerathen. Sie fühlte, daß ſie dieſes Weib haßte, das vom Schickſal beſtimmt ſchien, ſich noch einmal zwiſchen ſie und ihr Glück zu ſtellen. End⸗ lich hatte ſie vor einigen Stunden zuverläſſige Nach⸗ richt erhalten, daß die gefürchtete Uebereinkunft zwiſchen dem Grafen und der Sängerin wirklich zu Stande ge⸗ kommen war. Dieſe Neuigkeit hatte der ganzen Periode ihrer Schwärmerei, ſowie ihren Liebesträumen auf ein⸗ mal ein Ende gemacht, und ſie war mit einem einzigen Schritt wieder zu ihren kalten, eigennützig en Berech⸗ nungen zurückgekehrt. Klar und deutlich ſah ſie ein, daß ein neuer Beſchluß unverzüglich in's Werk geſetzt werden mußte, wenn ihr nicht eine gute Gelegenheit gänzlich aus den Händen wiſchen ſollte. Betrachtungen über dieſes Verhältniß waren es, die ſie jetzt ſo gedankenvoll machten. Es ſchlug ſechs. Pariſina ſprang in dieſem Augen⸗ blick von dem Sopha auf.- „Ich habe einen Fehler begangen,“ wiederholte ſie noch einmal,„aber ich will ihn wieder gut machen. 236 O, wie kindiſch war es nicht von mir, von Liebe zu träumen! Aber von Liebe Seitens dieſes Mannes zu träumen, das war eine Thorheit. Sein Herz kann ich nicht erobern, aber die Leidenſchaft wird ihn berauſchen. Ja, ich werde oder.(ſie blieb vor einem Spiegel ſtehen) oder ſollte es wohl eine Wahrheit ſein, daß dieſe von tauſend Zungen beſchworene Schönheit bereits verſchwunden iſt? findet ſich denn kein Fener mehr in dieſen Blicken, findet ſich kein Purpur mehr auf die⸗ ſen Lippen, iſt dieſer Leib nicht länger werth, umarmt zu werden, dieſer Buſen ſchwillt er nicht mehr, als ob ein warmes, ein brennendes Herz darinnen klopfte?... Ach, wie elend iſt es nicht, alt zu werden! Warum wurde unſere Schönheit ſo vergänglich! warum, ach ja, warum wurde es nicht ſtatt deſſen unſer Loos, das ganze Leben hindurch beſtändig an zauberiſchem Lieb⸗ reiz zuzunehmen, Tag für Tag bis zum letzten eine mit jeder Stunde vollkommnere Schönheit zu ent⸗ wickeln? Auch der Begriff von einer himmliſchen Unſterb⸗ lichkeit wäre leichter aufzufaſſen, wenn wir juſt auf der Höhe unſerer irdiſchen Laufbahn, mitten in der glühen⸗ den Blüthenpracht, in die Ewigkeit eintreten dürften. Zu ſterben, zu verſchwinden iſt leicht; aber zu altern, zu ermüden, zu verwelken, häßlich zu werden, ein altes Weib zu werden!. O, St. Peter, Deine Barmher⸗ zigkeit iſt groß, aber Dein Schönheitsſinn iſt erbärm⸗ lich, wenn Du Dein Thor einem ſo abſcheulichen Weſen öffnen kannſt, wie ein altes Weib iſt.“ Mit Sorgfalt ordnete die Signora ihre Toilette und nahm dabei mit offenbarem Trotz verſchiedene Schmuckſachen weg, als ob es ihr ein Vergnügen ge⸗ macht hätte, ſich ſelbſt zu überzeugen, daß ſie, wenn es gelte, keine Hülfstruppen von ſolchen entlehnten Zier⸗ rathen bedürfe. Sodann ſetzte ſie ſich in einen Schau⸗ kelſtuhl, ſtrich die Locken hinter die Ohren, ließ den Shawl über die Schultern hinabwallen, lehnte ſich 237 gegen die Rücklehne zurück und ſtreckte die Arme aus, ſo daß ſie ihre Hände unter den Kopf halten konnte. Bald darauf hörte man einen Tritt im äußern Zimmer. „Er kommt,“ ſagte die Signora,„ich bin bereit.“ Dabei ſchloß ſie die Augen zur Hälfte. Sie wollte in ſchwärmeriſche Betrachtungen verſunken ſcheinen und that, als ob ſie nicht bemerkte, daß Jemand hereinkam. Graf Manfred trat ein. Pariſina ſaß mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt. Er ſchlich ſich näher, blieb ganz nahe hinter ihr ſtehen und ſah zu der ſchönen Träumerin hernieder. Der Mann hätte von Stock und Stein ſein müſſen, den ein ſolcher Anblick, wie der⸗ jenige, der dem Grafen zu Gebote ſtand, nicht ange⸗ feuert hätte, ein Anblick, welcher immer üppigere Reize verrieth, ſo oft der Stuhl in ſeinem gleichmäßigen Wo⸗ gen eine Bewegung nach rückwärts machte. Ein tiefer, ein zitternder, ein ſehnſuchtsvoller Seuf⸗ zer entſtieg Pariſina's Bruſt. Wie von einem unge⸗ duldigen Verlangen verzehrt, ſchüttelte ſie den Kopf und ſagte mit kaum hörbarer Stimme, wie wenn man in der Einſamkeit manchmal mit ſich ſelbſt ſpricht, oder wenn ein warmer Gedanke ſich unwillkürlich über die Lippen ſchleicht: „Wie er zögert, v, wie er zögert!“ „Beim Himmel, nein,“ rief der entzückte Lauſcher, „hier iſt er, ſehen Sie, Pariſina, hier zu Ihren Füßen.“ Der Graf lag wirklich in dieſem Augenblick auf den Knieen vor ihr, und die Hand, die ſie, haſtig aus dem Stuhl aufſpringend, ihm entgegenſtreckte, wurde mit brennenden Küſſen bedeckt. Sie zog ſie ſachte zu⸗ zück und ließ ihn einen Augenblick in dieſer Stellung, indem ſie mit einer Locke ſpielte, die über die Stirne des Grafen hinabgefallen war. Aber auf einmal— das ſah ihr ſo gleich— ſchien ſie in eine ganz andere Perſon verwandelt zu ſein. Kalt und ſteif ſtand ſie 238 vor ihm und ſagte ganz ruhig, wie wenn nichts vorge⸗ fallen wäre.. „Willkommen, Herr Graf, nehmen Sie jedenfalls einen bequemen Platz ein und erzählen Sie mir etwas Luſtiges, etwas recht ſehr Luſtiges.“ Manfred, der an die beſtändigen Wechſel bei die⸗ ſem Weibe gewöhnt war, hätte zwar etwas Aehnliches erwarten können, aber er war nichtsdeſtoweniger erbittert. Er erhob ſich haſtig und ging mit heftigen Schrit⸗ ten mehrere Male auf und ab. „Wir haben einen ſchönen Abend,“ fuhr Pariſina fort, die an's Fenſter vorgegangen war,„der Mond muß bald aufgehen. Wie iſt's, ſind Sie ein Liebhaber von Mondſchein? bemerken Sie wohl, ich habe nicht geſagt, ein Mondſcheinliebhaber. Sie antworten nicht, wie ſteht's? Ich glaube wahrhaftig, Sie ſind böſe; nehmen Sie gefälligſt das Tiſchchen dort ein we⸗ nig in Acht.“ „Signora, Sie ſind das ſonderbarſte Weſen, das ich je kennen gelernt habe; Sie ſind 4 „Ei der Tauſend, das klingt intereſſant, und Sie ſelbſt ſehen juſt wie ein Orakel aus; laſſen Sie mich jedenfalls wiſſen, was ich bin.“ „Sie ſind eine Sirene, ganz von der Art, wie die Mythe dieſes verrätheriſche Geſchlecht beſchreibt: ſchön, aber grauſam, ohne Herz, nur zur Hälfte Weib.“ Nach dieſer bitteren Bemerkung entſtand eine Pauſe. Der Graf hatte ſich in eine Sophaecke geworfen. Pa⸗ riſina ſtand mit dem Kopf an eine Fenſterſcheibe ge⸗ lehnt in einer andern Ecke des Zimmers. Nach einer Weile wandte ſie ſich um.. ein Schatten von Schmerz ruhte auf ihren Zügenz ſie ſchien ernſt, weich, beinahe gerührt. Fahren Sie in Ihrem ſtrengen Urtheil fort,“ ſagte ſie, ſich dem Grafen nähernd.„Sprechen Sie weiter, 239 ſagen Sie Ihre ganze Meinung heraus, ſagen Sie Alles, was Sie von mir denken.“ „Sie wiſſen es bereits; noch jetzt und ungeachtet unſeres täglichen Umgangs verſtehe ich Sie nicht.“ „So iſt es, Sie verſtehen mich nicht. Sie könnten hinzufügen, daß kein Menſch in der ganzen Welt mich ver⸗ ſteht. Ich bin ein Räthſel für Alle, und hören Sie, ich möchte gerne auch für mich ſelbſt ein Räthſel ſein. Warum wollen Sie alſo das Loſungswort von meinen Lippen erzwingen? Nein, laſſen Sie es in meinem Herzen be⸗ graben bleiben. Zwingen Sie mich nicht, zu bekennen, was ich als mein innerſtes Geheimniß zu verbergen wünſchte.. Daß Sie mich nicht verſtehen, das iſt ganz in der Ordnung; aber daß Sie mich mißverſtehen⸗ das kann ich nicht ertragen. Geben Sie einmal die⸗ ſen verachtungsvollen Zweifel auf, womit Sie mich be⸗ trachten, Sie könnten mich ſonſt zu einem Schritt ver⸗ leiten, den wir Beide bereuen würden.. Doch legen Sie die Schuld ſich ſelbſt bei, ich kann dieſe falſche Maske nicht länger ertragen.“ „Signora, ich bitte ſehr.“ „Ha, ich darf alſo endlich einmal in meinem Leben die Wahrheit ſprechen!... Gnädige Vorſehung, welche Bahn habe ich nicht durchlaufen! Eine Bahn reich an Ehre, reich an Liebe, ſagen Sie; Ehre? iſt es wohl eine Ehre, die Menſchen um ihre Vernunft zu bringen? Liebe? Iſt es wohl Liebe, wenn man eine Schaar von Schmeichlern zu ſeinen Füßen ſieht?.. Sie kön⸗ nen es nicht begreifen, was es heißen will, eine Frau zu ſein, der gegenüber ſich Jedermann zu einer Liebes⸗ erklärung berechtigt glaubt; wie es ſich empfindet, Jahr für Jahr eine beſtändige Belagerung von Seiten der eiferſuͤchtigſten, frechſten und unverſchämteſten Anbeter ertragen zu müſſen und es niemals wagen zu können, ihnen ſeine ganze Verachtung zu zeigen, ſondern viel⸗ mehr bei jeder Gelegenheit gezwungen zu ſein, ſie mit halb offenen Armen zu empfangen, mit ihnen zu 240 ſpielen, ihnen zuzulächeln, ſie aufzumuntern, ihnen Ver⸗ ſprechungen und Verſicherungen zu ertheilen... Ach, dieſes Geſchwätze iſt ſchrecklich; eine gewöhnliche Kinds⸗ wärterin, die ihr ganzes Leben hindurch in der Kinder⸗ ſtube ſitzen muß, iſt hundertmal glücklicher. Iſt es wohl zu verwundern, wenn mein Herz, dieſe ſo oft beſchoſſene Zielſcheibe, ſich endlich unverwundbar zeigt? kann man darüber ſtaunen, wenn die immer geforverte Zärtlichkeit zuweilen Bitterkeit wird, wenn die Heiterkeit manchmal einen Stachel, der Scherz einen Hohn verräth? Wenn man lange mit der Welt Komödie geſpielt hat, vergißt man leicht, was eine Rolle oder die wirkliche Wahrheit iſt, und zuletzt ſpielt man auch mit ſich ſelbſt Kömödie. Sie haben mich zwiſchen all' dieſen meinen alten Rollen ſchwanken geſehen. Sie haben auch manchmal einen Zipfel von meinem eigenen Ich geſehen. Es iſt alſo leicht zu begreifen, daß Sie nicht wiſſen, was Sie von einem ſo unklaren, aus ſo vielen Widerſprüchen zuſam⸗ mengeſetzten Weſen denken ſollen. Sehen Sie, Graf Manfred, es iſt für meine eigenen Gedanken nicht klar geweſen, was in dieſen letzten Zeiten mit mir vorge⸗ gangen iſt. Ich habe mir ſchon lange einzubilden ge⸗ ſucht, daß die ganze Glut der Gefühle in meiner Brüſt gefroren ſei, und wenn ich gleichwohl manchmal den Seufzer einer noch darin ſchwellenden Woge bemerkte, ſo jagte ich ſogleich meine Gedanken in luſtige Einfälle, in muthwillige Bemerkungen hinein, um einer Ent⸗ deckung zu entfliehen, die meine Ahnung fürchtete. In dieſem Sinn ſagte ich ſo eben, daß ich für mich ſelbſt ein Räthſel ſei, aber jetzt iſt der Augenblick zu ſeiner Löſung gekommen. Sie haben es ſelbſt ſo gewollt... Jß nein, thun Sie mir Einhalt, Graf, noch iſt es eit.“ Der Graf hatte ſich erhoben. Er hatte mit ge⸗ ſpaunter Aufmerkſamkeit gelauſcht und hegte keinen größeren Wunſch, als die Vollendung der Beichte. „Nun wohl, Sie halten mich nicht zurück,“ fragte 24¹ Pariſina und ſchien glücklich in der Gewißheit, daß er es nicht thun würde. „Fahren Sie fort, fahren Sie fort,“ bat Manfred mit Eifer.„Ich brenne vor Ungeduld,“ „Glücklicher Augenblick,“ begann ſie jubelnd wie⸗ der,„wo ich endlich meine Vermummung wegwerfen, wo ich frei und wahr ſein darf. Graf Manfred, ich liebe Sie, Sie ſind der Gegenſtand der zärtlichen, bren⸗ nenden, unendlichen Verehrung dieſes ſo lange erdrück⸗ ten Herzens.“. Es war nicht Wärme, es war Feuer in dieſen Worten Pariſina's. Sie ſchien ihre ganze Seele in dieſem Bekenntniß zu ergießen und von der vollkom⸗ menſten Ueberzeugung inſpirirt zu ſein. Man kann auch nicht ſagen, daß ſie in dieſem Augenblick bloß eine Heuchlerin war, denn es war wirklich ihr Herz, das ſprach. Es war wirklich ein Genuß für ſie, ihre Liebe ausſprechen zu dürfen. Aber dabei litt ſie die bitterſte Qual durch den Gedanken, wie dieſer Augenblick, von welchem ſie ſo ſchöne Träume geträumt hatte, jetzt zu einer eigennützigen Berechnung hinabgeſunken, wie ſie genöthigt war, ſelbſt mit dieſem ihrem einzigen Erb⸗ gute Wucher zu treiben. Es war, als hätte ein zündender Blitz in des Gra⸗ fen Bruſt geſchlagen. Trunken von Siegesfreude ſchloß er die Signora in ſeine Arme. Ihre Exraltation wurde immer lebhafter. Indem ſie ihn bald mit dem ganzen Enthuſiasmus einer Lie⸗ benden betrachtete, bald ihr Haupt gegen ſeine Schulter lehnte, fuhr ſie fort: „Das Wort iſt ausgeſprochen, die Flamme hat Luft bekommen, o, wie ſie brennt!„Ich weiß, daß es mein Tod werden wird, es wird mich endlich verzeh⸗ ren, aber gleich dem Weib des Hindu beſteige ich den Scheiterhaufen mit Entzücken und bette mir glückſelig. ein Grab unter den Flammen. Es iſt mein Schickſal, Ein Funke. II. 16 242 Sie zu lieben. Dieſes Gefühl iſt eine Rache des Liebes⸗ gottes, deſſen Macht ich ſo kange Trotz geboten, deſſen Feuer ich ſo manchmal heuchleriſch nachgeäfft habe. Schon als ich Sie zum erſten Mal ſah, fühlte ich mich von Ihren Blicken getroffen. Aber ich hielt es für eine Schande, als ein Opfer derſelben Schwachheit zu fallen, die ich bei Andern ſo verächtlich, ſo lächerlich fand; ich wollte frei ſein und es bleiben. Frei? ach, mein Gott, kann man wohl von der lahmgeſchoſſenen Taube ſagen, daß ſie noch einige Freiheit beſitze? Sie flattert auf ihrer alten Bahn hin, aber die Wunde in ihrer Seite blutet beſtändig.. Wir haben uns wieder getroffen. Ich glaubte mich ſtärker als je. Ich wollte meine Qua⸗ den wegſcherzen, ich wollte mein Herz mit Füßen treten, aber der Pfeil blieb ſitzen, er war nur noch tiefer ein⸗ gedrungen. Jetzt wiſſen Sie Alles. Doch nein, Sie kennen noch bloß einen geringen Theil. Sie glauben, die Liebe zu verſtehen. Sie ſind geliebt worden und haben ſelbſt geliebt. Aber eine Liebe wie die meinige ahnen Sie nicht. Lächeln Sie nicht, Graf, fliehen Sie mich, glauben Sie nicht, daß Ihr Glück an dieſem Buſen blühen könne, es iſt vergebens, am Rande des Kraters ſelbſt Blumen zu ſuchen. Fliehen Sie mich, ſage ich. Gedankenloſe Worte! wohin könnten Sie wohl fliehen, ohne daß ich Ihnen folgen würde? Ihren Schat⸗ ten können Sie vernichten, er hängt vom Lichte ab. Aber ich, Sie mögen mich lieben oder haſſen, Sie mö⸗ gen mich koſen oder verfluchen, ich bin bei Ihnen im Leben und Tod, in Zeit und Ewigkeit, als Menſch und als Geiſt. „Und mit Ihnen findet ſich überall ein Paradies,“ unterbrach ſie der Graf, der bei ihrem Reichthum an Gefühlen ſeinen Sieg nur um ſo beneidenswerther fand. „Kommen Sie, Pariſina, ſetzen Sie ſich hier an meine Seite,“ bat der Graf.„Laſſen Sie uns Alles vergeſſen und nur in unſerer neugeſchaffenen Welt leben.“ 243 „Träume ich oder bin ich wach?“ fragte die Sig⸗ nora ſich ſelbſt, indem ſie mit der Hand über ihre Stirne fuhr.„So eben noch, ehe Sie kamen, war ich ſo un⸗ ruhig, ſo unglücklich, ich hatte düſtere Gedanken; ja, Graf, ich war eiferſüchtig.“ „Eiferſüchtig? Welche Kinderei!“ „Ich bin Ihren Tritten gefolgt wie ein Spion. Es gibt hier in Neapel ein Weib, das Ihnen nahe am Perzen liegt; vielleicht näher als ich.“ „Unmöglich, Signora.“ „Es iſt ein junges, ſchönes Weib; Sie haben ſie in früheren Zeiten geliebt, ſie beſitzt Talente, denen Sie huldigen; Sie hatten ſie überredet, wieder nach D. zu kommen, einen Platz an Ihrem Theater anzu⸗ nehmen„4 „Ich verſtehe Sie jetzt, Sie meinen Leopoldine. Seien Sie ruhig, ich habe in dieſem Fall nur in mei⸗ ner Eigenſchaft als Theaterdirector gehandelt.“ „Kann ich Ihnen glauben? Laſſen Sie mich in Ihre Augen ſehen.. und iſt es wirklich wahr, daß ſie ein Engagement genommen hat2“ „Ja, ſie kommt im Anfang der Saiſon nach D. Sie hat verſprochen, aufzutreten, und ich hoffe, die Sache ſo betreiben zu können, daß ſie dableibt, denn ich bin in großer Noth um eine Primadonna.“ „Graf Manfred, ich will Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Auch ich komme nach D.“ „Tauſendmal willkommen, bezaubernde Pariſina!“ „»Mein Gott, wie haben Sie alle meine Pläne über den Haufen geworfen! Vor einigen Stunden noch war ich feſt entſchloſſen, nach Amerika zu reiſen. Man hat mich von da aus mit den dringendſten Einladun⸗ gen überhäuft, hat mir goldene Berge verſprochen, und ich habe bereits halb und halb zugeſagt. Sehen Sie, es war mir da ganz gleichgültig, auf welchem Platz der Erde ich mein freudeleeres Leben ertragen ſoll; aber jetzt, jetzt ſtürze ich mich lieber in die Tiefe des Meeres, 16* 244 als daß ich Sie verlaſſe und in ein ſo weit entferntes Land hinüberſegle. Sie boten mir einmal an, wieder nach D. zu kommen. Damals hatte ich wenigſtens noch einige Gedanken an Geſchäfte, und ich fand die Bedingungen, die Sie bieten konnten, zu gering. In dieſem Augenblick dagegen, v, wie verachte ich nicht alles Geld der Welt!... Ich folge Ihnen, Graf, all' meine Künſtlereitelkeit iſt auf einmal verſchwunden. Ja, ich flehe um Erlaubniß, Ihnen folgen zu dürfen. Ich begnüge mich mit dem, was Sie mir bieten. Geben Sie mir meinen früheren Gehalt oder was Sie wollen, das gilt mir ganz gleich, wenn ich nur da ſein darf, wo Sie ſind.“ Der Graf fand ſich durch dieſen Vorſchlag über⸗ rumpelt. Er hatte niemals die ernſtliche Abſicht ge⸗ habt, irgend ein Engagement mit der Signora abzu⸗ ſchließen, deren Ruf als Tänzerin, wie er nur allzu gut wußte, im Sinken war. Aber die Umſtände waren ſetzt von der Art, daß es ihm beinahe unmöglich wurde, ihr eine abſchlägige Antwort zu geben. „Aber Signora,“ wandte er gleichwohl ein,„ich liebe Sie zu innig, als daß ich Ihnen geſtatten ſollte, ein ſolches Opfer zu bringen. Das arme D. kann Ihnen keinen Erſatz für das geben, was das reiche Amerika bietet2“ „Nein, laſſen Sie uns nicht mehr von dieſer lum⸗ pigen Sache ſprechen. Wie geſagt, Sie geben mir mei⸗ nen früheren Gehalt, damit bin ich zufrieden, und ich muß ſchlechterdings Ihnen folgen.“ Inzwiſchen hatte Pariſina ihren Arm um den Hals des Grafen geſchlungen. Sie lächelte ihm ſo bittend, ſo liebevoll, ſo verführeriſch entgegen; er war in einen Zauberkreis gerathen, aus welchem er unmöglich zurück⸗ treten konnte. Im Taumel der Wonne begegneten ſeine Lippen den ihrigen. „Und ich habe Ihr Verſprechen 2« flüſterte ſie. „Dieſer Kuß war das Siegel auf unſern Contract.“ 245⁵ Ein Seußzer erleichterte Pariſina's Bruſt. Es war unmöglich, dem Verdacht Raum zu geben, daß ſie in dieſem Seufzer ihre Freude über ein gutes Geſchäft aushauche. „Es iſt mir ein Stein vom Herzen gefallen,“ ſagte ſie.„Ich habe jetzt eine Zukunft, für die ich leben kann; laſſen Sie mich ſehen, ein, zwei, drei, vier Mo⸗ nate. Vier ganze Monate mit Ihnen zuſammen, welch' ein Capital von Seligkeit! Aber ich kenne Ihr Geſchlecht, Graf, ich liebe euch juſt nicht wegen eurer Vollkommen⸗ heiten; doch welche Tngenden ihr auch beſitzen möget, die Treue iſt wenigſtens nicht die größte. Vier Mo⸗ nate darf ich wohl jedenfalls von Ihnen verlangen, das iſt ja keine Cwigkeit. Schwören Sie mir für dieſe Zeit eine unverbrüchliche Treue. Ich werde vielleicht nie mehr von Ihnen verlangen, als dieſe vier Monate, denn ich werde wahrſcheinlich nicht viel länger leben. Aber ich will mein Daſein auch genießen, bevor ich ſterbe, und ich möchte im Taumel meiner Glückſeligkeit ſelbſt ſterben. Ja, wie man in einem gut arrangirten Boallet den eigentlichen Glanzpunkt bis zum Schluß aufſchiebt, ſo möchte auch ich mit dem Glanzpunkt des Lebens, mit der Liebe, ſchließen. Alſo Treue auf vier Monate!“ „Treue, Pariſina, und unſer alter Wahrſpruch: Feuer und Flammen.“ „Ja, Feuer und Flammen ach, es iſt wie man ſagt, Neapel iſt die Stadt der glücklichen Liebe.“ Mit dieſen Worten höhnte die Tänzerin ihre eige⸗ nen Gefühle. Die Freude, die ſie über die gelungene Speeulation empfand, betäubte nur unvollkommen die Qualen, die ihr Herz beſtürmten. 246 XXVIII. Die Tänzerin und die Sängerin. i ch earte Mein Schickſal, es ſei Leben oder Tod. Schiller. Lieutenant von Wurmen und der Kabinetsſecretär Dacapo promenirten langſam Arm in Arm auf einem der öffentlichen Plätze in D. Es war um die Mittags⸗ ſtunde. „Es iſt heute ſo leer hier,“ ſagte der Erſtere, nach allen Seiten hin lorgnettirend;„ich kann nicht einen einzigen Menſchen entdecken.“ Der Markt wimmelte gleichwohl von Wanderern, aber für den Lieutenant gab ds keinen andern Men⸗ ſchen, als ſeine Bekannten in der haute volée. „Es iſt aber auch gemeines Wetter, die Luft iſt kalt und feucht. O, das iſt ein erbärmliches Klima hier. laß uns eine Cigarre rauchen.“ „Wie findeſt Du die Lucero 24 „Mir gefällt die kleine Bianka noch beſſer, welche ſie verkauft; ein niedliches Mädchen, aber ein bischen dumm.. Ei der Tauſend, wer kommt in der Droſchke angefahren? Sehe ich recht?“ „Lebeaureſte, auf meine Ehre!“ „Nun, ſo hat er ſich Klſo doch endlich einmal von ſeinen Arzneikolben und Blutigeln loszumachen ge⸗ wußt... Wir wollen den guten Freund anrufen. He! halt, halt!“ Die Droſchke blieb ſtehen, und der Kammerjunker Lebeaureſte, wohl in Pelz gehüllt und mit großen Hals⸗ tücheön umwickelt, reichte jedem der Freunde eine Hand. Dieſe riefen Einer um den Andern von beiden Seiten der Equipage: 247 „Willkommen, Bruder Lebeaureſte!“ „Wie ſteht's?2 „Du biſt Dir vollkommen gleich.“ „Nur ein Bischen bläſſer und magerer.“ „Du machſt Dich in den Augen aller jungen De⸗ men nur um ſo intereſſanter.“ „Herrlicher Burſche!“ „Schlimmſter aller Herzensdiebe! „Still, ſtill!“ unterbrach ſie der Kammerjunker. „Laßt mich jetzt auch ein Wort ſagen„ denn ich bin, Gott ſei Dank, auch nicht ſtumm, obſchon ich lahm ge⸗ worden bin.“ „Lahm ſagſt Duz ei der Tauſend, das hab' ich nicht gehört.“ „Sehr zu beklagen, ſehr traurig.“ „Wenn die Freundſchaft heutzutage von der Art wäre, daß ſie auch im Unglück treuhielte, ſo brauchte ich nicht dazuſitzen und meine Leiden zu erzählen Seit wir uns das letzte Mal geſehen, habe ich wirklich das kleine behagliche Talent, gehen zu können, verloren.“ „Unſere Aerzte ſind erbärmlich.“ „Ja, ſo iſt's, lieber Bruder; unſere Aerzte ſind die elendeſten Stümper, ich kenne ſie jetzt beſſer, als irgend ein Anderer... Kann man ſich etwas Elenderes den⸗ ken: ich habe meine beiden Beine noch, vortreffliche, ſtattliche Beine, auf Ehre, mit Waden und Allem, was dazu gehört; aber ſie haben bloß den Fehler, daß ſie nicht mehr zum Stehen taugen, und für dieſe ſimple Sache weiß man keinen Ruth!... abex ſprechen wir von etwas Anderem; ich werde immer böſe, wenn ich an meine Krämpfe denke. Habt ihr die Signora Pa⸗ riſina geſehen? „Ich machte ihr geſtern meine Aufwartung,“ ant⸗ wortete von Wurmen;„ſie iſt charmant.“ „Charmant,“ ſtimmte Dacapo ein, indem er ſeine Fingerſpitzen küßte. 248 e„Man behauptet indeß, daß ſie bedeutend gealtert abe.“ „Das iſt Verleumdung,“erklärten die Freunde ein⸗ ſtimmig;„ſie iſt ſo liebenswürdig, ſo jugendlich bezau⸗ bernd wie nur je.“ „Aber man weiß beſtimmt, daß ſie in Mailand Fiasko gemacht hat.“ „Eitle Kabale und Intrigue. Ihr müßt ſie die Geſchichte ſelbſt erzählen hören.“ „Und dann ihre Flucht. Sie iſt genial, was ſie auch unternehmen mag; nicht beſonders ehrlich, das muß man zugeben, aber...“ „Dieß iſt eine Erinnerung aus der Reitſchule. nun, meine entzückten Freunde, was ſpricht man von Leopoldine 2“ „Iſt ſie auch angelangt?“ „Ja, ſie kam geſtern.“ „Vortrefflich! Haſt Du Etwas von ihr gehört, Bruder Lebeaureſte 2“ „Ich war ſo eben bei dem Grafen Manfred; er iſt übervoll von Hoffnungen. Der arme Manfred, ich wünſche aufrichtig, daß das Glück ihm wieder hold werden möge; er hat in den letzten Jahren gemeines Unglück gehabt mit Allem, was die königliche Oper betrifft, und man will auch wiſſen, daß ſeine Actien höhern Orts nicht ſonderlich gut ſtehen. Inzwiſchen wird das Theater ſchon in der nächſten Woche eröffnet, und er verſpricht uns eine glänzende Saiſon.“ „Du ſeufzeſt, Lebeaureſte 2“ „Ja, ich denke an meine Beine... Ach, wir ſind Alle zuſammen Materialiſten, und wenn die Beine ſich nicht mehr in brauchbarem Zuſtand befinden, ſo geht es auch mit dem Herzen nicht mehr wie ſonſt. Levpol⸗ dine, Madame Leopoldine müßte ich eigentlich ſagen, ſoll während ihrer Abweſenheit von uns viel gewonnen haben durch die Bekanntſchaft mit den größten Sänge⸗ rinnen unſerer Zeit.“ 249 „Es wird höchſt intereſſant werden, ſie zu hören; ſie verſprach viel, ſie hatte Genie.“ „Nun, wer hat in unſeren Tagen nicht Genie? Es iſt mit dem ſteigenden Lurus gekommen. Ich habe ſie immer etwas zu ſentimental gefunden, und ſeitdem ſie die unverzeihliche Dummheit begangen hat, ſich zu verheirathen, hätte ich wohl Luſt, meine Hand gänzlich von ihr abzuziehen. Ich hatte einen Widerwillen ſelbſt gegen die göttliche Malibran, ſeit ſie Madame Beriot eworden, gegen die unvergleichliche Sonntag, ſeit ſie ich in eine Gräfin Roſſi umgewandelt. Jedes Ding ſoll für ſich bleiben; die Ehe und eine Primadonna haben nichts mit einander zu ſchaffen. Ihre recht⸗ mäßige Ehehälfte iſt das Publikum, ſie iſt mit ihrer Kunſt getraut.“ „Bie Bemerkung iſt treffend,“ bezeugte Dacapo. „Sehr treffend,“ ſtimmte von Wurmen ein, dem viel daran lag, zu zeigen, daß auch er ſich auf die Forderungen der Kunſt verſtand. „Von Pariſina,“ begann der Kabinetsſekretär wie⸗ der,„kann man doch nicht ſagen, daß ſie auf dieſe Art ungetreu geweſen ſei.. Wie lebhaft und munter ſie immer iſt... Aber man behauptet, daß ſie und Graf Manfred...“ „Ja, ja, das hat gewiß ſeine Richtigkeit. Ich möchte nur wiſſen, wie viele Theaterdirectoren ſie ſchon in ihrem Netze gefangen hat, und jetzt ſelbſt unſern leibhaftigen Bon Juan. Aber der Wind bläst kalt, ich darf nicht länger hier verweilen; lebt wohl, meine Freunde, lebt wohl, fahr zu!“ Lebeaureſte eilte von dannen; von Wurmen und Dacapo ſetzten ihre Promenade fort, indem ſie noch immer mikten im Gewimmel nach Menſchen ſuchten und alſo, obſchon in ihrer eigenen Weiſe, an Diogenes mit ſeiner Laterne erinnerten. Verſchiedene Aeußerungen in dem Geſpräch, das wir hier angehört haben, charakteriſiren ſehr treffend 25⁰ die allgemeinen Anſichten in den Coterien, die ſich in D. als Obergerichte über Alles, was das Theaterleben betraf, aufgeworfen hatten. Es iſt wahr, daß man nicht überall in demſelben frivolen Ton räſonnirte, aber der innerſte Gedanke trug doch mit wenigen Ausnah⸗ men denſelben Stempel des Vorurtheils und der Lei⸗ denſchaft. Man hatte inzwiſchen Etwas zu reden be⸗ kommen. Zwei neue Sujets auf einmal, eine Prima— donna und eine erſte Tänzerin, das war an und für ſich ſchon etwas ganz Ungewöhnliches, und tauſend Anekdoten wurden darüber in Umlauf geſetzt. Signora Pariſina hatte noch einmal Wind in ihre Segel bekommen. Graf Manfred's Protection hatte wenigſtens für den Augenblick ihrem ſinkenden Stern neuen Glanz, ihrem ſtehengebliebenen Ruf neues Leben gegeben. Das allgemeine Gerede mit ſeinen wandel⸗ baren Urtheilen machte ſich viel mit ihrer Perſon zu ſchaffen. Einige Enthuſiaſten behaupteten, ſie ſei noch immer die größte Tänzerin der Welt, das ſchönſte Weib des Jahrhunderts. Natürlich rief dieß eine Oppoſition hervor, welche erklärte, daß ſie im Gegentheil ſowohl in Bezug auf Schönheit als auf Talent bedeutend ab⸗ genommen habe, und als unwiderlegbaren Beweis dafür machte man ihr Mißgeſchick in Mailand geltend; aber die bezauberte Partei erhob ſich mit verdoppelten Kräf⸗ ten wieder und verkündete, daß ſie einer niedrigen Ver⸗ folgung ausgeſetzt geweſen ſei, weßhalb man ihr auch die eklatanteſte Genugthuung für dieſes unverdiente Lei⸗ den bereiten müſſe. Auch über Leopoldine hatte man viel zu erzählen, ſowohl Gutes als Böſes. Die große Menge erinnerte ſich ihrer noch mit Wohlwollen, einem Wohlwollen, das allerdings durch eine mehr als zweijährige Trennung etwas abgekühlt war, aber gleichwohl manche angenehme Erinnerung getreu bewahrt hatte. Einige hatten ſie dage⸗ gen ganz vergeſſen und Andere hinwiederum, die ihre Be⸗ rühmtheit zu gering fanden, rümpften verächtlich die Naſe 251 über eine Sängerin, eine Primadonna, die ſich außer D. nirgends öffentlich habe hören laſſen und überhaupt bloß in einer einzigen Saiſon ſchon vor mehreren Jah⸗ ren aufgetreten ſei. Je näher man dem Tage kam, wo die königliche Oper ſich für das Publikum wieder öffnen ſollte, um ſo lebhafter wurde das Intereſſe für die erwarteten Ereig⸗ niſſe, um ſo mehr Lippen beſchäftigten ſich damit, Ge⸗ rüchte und Neuigkeiten über das, was kommen ſollte, zu erzählen; ganz beſonders aber beſchäftigte man ſich mit den beiden neu angekommenen Künſtlerinnen, der Tänzerin und der Sängerin. In derſelben ſchönen Wohnung, welche Pariſina während ihres erſten Aufenthalts in D. inne gehabt, reſidirte ſie auch jetzt, und in dem prächtigen, mit Gold . und Purpur geſchmückten Salon empfing ſie mehr als einen alten Freund und Bewunderer. Nie hatte ſie ſich ernſtlicher bemüht, eine liebenswürdige Wirthin zu ſein, als jetzt. Ganz beſonders beſaß ſie ein ungewöhnliches Talent, die Complimente entgegen zu nehmen, womit ſie begrüßt wurde. Auch die fadeſten Artigkeiten ſchie⸗ nen eine Saite in ihrem Herzen anzuſchlagen, zu ihrem Gefühl zu ſprechen⸗ Mancher Rekrut auf der Bahn der Galanterie meinte auf einmal ein ganzer Held, ein neuer Lovelace oder Lauzun geworden zu ſein und konnte daher das Genie der Signora nicht genug preiſen. Ihre Unterhaltung war immer ſo berechnet, daß ſie für's Erſte den Schwachheiten der Anweſenden ſchmeichelte und ſo⸗ dann ſich ſelbſt und ihre Schickſale in das vortheil⸗ hafteſte Licht ſetzte. Sie beklagte ſich niemals, aber ſie wußte dennoch auch mit ihren Unglücksfällen Intereſſe zu erwecken, und dadurch, daß ſie dieſelben in einem fröh⸗ lichen, halb ſcherzenden Ton erzählte, neutraliſirte ſie in dieſem Kreiſe zum großen Theit die Wirkung all der öffentlichen Schmähungen, denen ſie in der letzten Zeit ausgeſeht geweſen war. Sie gab ſich den Anſchein, 2⁵² vermöge ihrer Ueberlegenheit hoch genug zu ſtehen, um Verleumdungen Trotz bieten und ſie verachten zu önnen. „Es geht gut, es geht ganz gut,“ dieß waren die Reflerionen, die ſie bei ſich ſelbſt machte.„Die ganze Stadt ſpricht von mir. Viele tadeln mich, noch Meh⸗ rere rühmen mich, aber Alle, Alle ſprechen von mir, und das iſt die Hauptſache... Was Graf Manfred betrifft, ſo habe ich mich wie ein Blutigel bei ihm feſt⸗ geſogen und ich laſſe ihn nicht los. Liebt er mich denn? Ach, nein, meine Hoffnungen darauf habe ich für im⸗ mer aufgegeben. Ein ſo egoiſtiſcher Mann wie er kann Niemand anders lieben als ſich ſelbſt allein. Aber ich habe ihn unter meine Gewalt gebracht, und er iſt noch ſtolz in ſeinem Glauben, mich beſiegt zu haben. Daneben iſt er eitel und will, daß ich bewundert wer⸗ den ſoll, damit die Welt ihn beneide. Jede Auszeich⸗ nung, die mir zufällt, verbreitet auch über ihn einen Glanz, und deßhalb iſt er bereit, meinetwegen Alles zu thun. Das iſt auch Alles, was ich bis jetzt verlange. Doch, wie ſteht es wohl im Ganzen um mich? Ich habe gute Karten in meiner Hand, aber das Spiel iſt noch ganz und gar nicht gewonnen. Leopoldine ſteht mir im Weg. Dieſe Stadt iſt für uns Beide zu klein. Ich muß allein über die Herzen meiner Zuſchauer herrſchen, wenn ich die Gewalt wieder ſoll erobern können, nach der ich ſtrebe. Sie ſingt, und ich tanze, aber wir ſind gleichwohl Ri⸗ valinnen, da es ſich um die Gunſt des Publikums handelt.“ Unter den Journaliſten hatte ſie ſich mehrere dienſt⸗ willige Gönner zu verſchaffen gewußt. Nicht zufrieden damit, daß man die allgemeine Meinung durch gewal⸗ tige Uebertreibungen ihres Talents zu ihren Gunſten bearbeitete, wußte ſie die Sache ſo zu betreiben, daß man in einigen Zeitungen Leopoldine anzugreifen anfing. „Dieſe Sängerin,“ ſagte man,„kann zu den unbekann⸗ ten Größen gerechnet werden, nachdem ſie mehrere Jahre — ům=— 253 gänzlich vom Theater entfernt geweſen iſt.“ Man rich⸗ ete dabei ſcharfe Bemerkungen gegen die Direktion, welche die Unvorſichtigkeit gehabt habe, ihre Hoffnungen an ein ſo wenig bewährtes Talent zu knüpfen, und man wagte ſogar zu verſtehen zu geben, daß die eigentliche Ver⸗ anlaſſung zu dieſer Gutherzigkeit ihren Grund in nichts Anderem, als in der Eitelkeit des Herrn Direktors habe. „Er war es,“ fügte man hinzu,„der einſt, Gott weiß woher, den kecken Einfall in den Kopf bekommen hatte, Leopoldine ganz ſchnell und ohne alles Weitere zur Primadonna zu machen. Das Erperiment war damals gelungen, vielleicht großentheils zuſt durch die Kühnheit der Idee und die Ueberraſchung des gutmüthigen Publi⸗ kums. Aber wenn er jetzt dreiſt denſelben Verſuch wie⸗ derholte, ſo beweist er, daß er ſich gar zu ſehr von ſei⸗ nen Launen leiten läßt; er verfehlt ſich dadurch gegen die Achtung, die Jedermann ſowohl der Kunſt als einem aufgeklärten Publikum ſchuldet u. ſ. w.“ Von dieſen Angriffen hatte jedoch die Signora keinen Nutzen, ſondern eher das Gegentheil. In anderen Zei⸗ tungen traten nämlich eifrige Vertheidiger der geſchmäh⸗ ten Sängerin auf. Dieſe überhäuften Leopoldine mit Lobſprüchen, prieſen den Scharfſinn und guten Geſchmack des Direktors und nahmen die Gelegenheit wahr, ihrer⸗ ſeits die bereits herabgekommene Tänzerin und ihre in Blindheit raſende Partei mit ſpöttiſchen Bemerkungen zu bedenken. So entſtand ein gewöhnlicher Zeitung sſtreit. Man begann damit, daß man verſchiedener Meinung war; von da ging man zu Zänkereien über und fuhr mit Grobheiten fort, ohne daß es jedoch zu einem entſchei⸗ denden Reſultat kam. Jeder Hieb wurde mit eimem Gegenhieb erwiedert, mannhaft ſtand Spalte gegen Spalte, Artikel gegen Artikelz Alles wurde ordentlich bezahlt und quittirt. Etwas verdrießlich über das Zweckloſe eines ſolchen Gefechts, ſetzte Pariſina jetzt ihre Hoffnungen noch unbe⸗ 254 ſchränkter auf Graf Manfred. Eine vieljährige Eyfah⸗ rung hatte ſie genugſam den großen Einfluß kennen gelehrt, den ein Direktor auf die Schickſale ſeiner Unter⸗ gebenen hat, da er vielfache Mittel, ſowohl fördernder als hemmender Art in ſeiner Hand beſitzt. Eines Tages, als der Graf die Tänzerin beſuchte, fand er ſie traurig und herabgeſtimmt. Ihre Augen roth; es ſah ganz aus, wie wenn ſie geweint hätte. „Wie ſteht's, liebenswürdige Pariſina?“ fragte er mit zärtlicher Unruhe. Sie gab eine ausweichende Antwort, aber als er von Neuem und eindringlicher fragte, gab ſie ſich die Miene, als laſſe ſie ſich zur Aufrichtigkeit beſtimmen. „Sie wundern ſich über meinen Pißmulh⸗ ſagte ſie;„Sie könnten mit Recht darüber lachen; denn ich bin wahrhaftig eine Närrin. Aber dieſe Narrheit macht mich doch ſehr unglücklich. Eine fire Idee quält mich Tag und Nacht. Ich habe ſchon mehrere Mal mit Ihnen davon geſprochen und ich habe ſelbſt Alles gethan, um mich dieſer Grübeleien zu entſchlagen. Gleichwohl fühle ich immer mehr, daß es unmöglich iſt und bleibt. Ja, Manfred, ich weiß, daß es ſehr lächerlich iſt; aber ich kann nicht helfen, ich bin noch immer ſehr eiferſüchtig auf Leopoldine. Wenn Sie fort ſind, habe ich keine Ruhe. In meinen Gedanken ſehe ich Sie immer an Ihrer Seite, und auch jetzt, da Sie bei mir ſind, kann ich mein Glück nicht vollſtändig genießen. Bei jedem Seufzer, der ſich aus Deiner Bruſßt ſchleicht, argwöhne ich, daß er ihr gewidmet ſei; ach, ich hatte hier ein Himmelreich voll Seligkeit erwartet; aber alle meine Freude iſt ver⸗ giftet, und ich leide tiefer, als Jemand verſteht.“ „Welche kindiſche Phantaſien.“ „Phantaſien.. Nun wohl, was Anderes ſind wohl unſere Gefühle, was Anderes iſt wohl unſere Liebe ſelbſt?.. Aber nicht genug damit, daß der Friede meines Herzens geſtört iſt, auch als Künſtlerin bin ich 255⁵ in Verzweiflung, denn ſo lange dieſe Qualen an mir zehren, iſt es mir unmöglich, die Gunſt des Publikums zu gewinnen. Die Kunſt, der ich angehöre, läßt ſich weniger als irgend eine andere mit einer traurigen Stim⸗ mung vereinigen; ein ſchweres Gemüth macht auch einen ſchweren Fuß. Ich bin verloren. Man wird jetzt mit Recht das Todesurtheil über mein Talent ſprechen. O Manfred, wenn Sie begriffen, wie ein Weib liebt, ſo würden Sie auch in ihren Launen nur Liebe zu finden wiſſen. All meine Zärtlichkeit habe ich an Sie verſchwen⸗ det, Ihnen gehört jedes ſanfte Gefühl in meinem Herzen. Aber gegen die ganze übrige Welt bin ich eine Furie, grauſam ohne Schonung... Dieſe Levpoldine, ich ver⸗ abſcheue ſie. Ja, obſchon ich glaube, daß ſie unſchul⸗ dig iſt, ſo haſſe ich ſie doch mit der ganzen Kraft mei⸗ ner Seele, denn ſie hat meine ſchönſten Hoffnungen zer⸗ ſtört. Mit ihr Seite an Seite im Theater zu ſtehen, ſie täglich zu ſehen, ſie mit Ihnen zuſammen zu ſehen, nein, Manfred, das iſt mehr, als ich ertragen kann. Eine von uns muß fort, ſie oder ich.“ „Bedenke doch, Pariſina, daß Deine. Forderung unbillig iſt. Mein eigenes Anſehen, ja vielleicht ſogar meine Direktorſchaft an der königlichen Oper, beruht gegenwärtig weſentlich auf Leopoldinez ich habe mäch⸗ tige Feinde, die darauf ausgehen, mich zu ſtürzen, und wenn dieſe Saiſon den Geſchmack des Publikums nicht beſſer befriedigt und der Theaterkaſſe nicht mehr einträgt, als die vorhergehende, ſo bin ich verloren.“ „Wie geſagt, entweder Leopoldine muß fort oder ich; entſcheiden Sie ſelbſt, welche„ Lieben Sie Leo⸗ poldine wirklich, ſo laſſen Sie mich fliehen.. Wohin, wie weit? Ich weiß es nicht; aber wer von ſeinem Glücke entflieht, findet immer einen Winkel auf der Erde, wo er ſterben kann. Wenn Ihr Herz dagegen mir angehört— und ſo iſt es ja doch?— dann iſt ſie es, die den Platz räumen muß. Wer hat ein Recht mir auch nur eine einzige Stunde meines kurzen Glücket 256 zu ſtehlen? Alles hängt von Ihnen ab. Noch iſt kein bindender Contract mit Leopoldine unterzeichnet; ein einziges Wort von Ihnen, und ſie muß reiſen.« „Pariſina, geliebte Pariſina, wie kannſt Du ver⸗ langen, daß ich meinen eigenen Sturz veranlaſſen, mei⸗ ner Pflicht untreu werden ſoll?“ „Haben Sie denn nicht auch Pflichten gegen die⸗ jenige, die Sie lieben? Gehören Sie etwa der Welt mehr an, als mir? Ich n dieſes Opfer von Ihnen zu verlangen, Manfred. edenken Sie, unſere vier Monate ſind kaum angefangen. Erinnern Sie ſich Ihres Schwures in Neapel. Noch ſind Sie mein.“ Natürlich hatte der Graf gegen die albernen For⸗ derungen der Signora noch viele Einwendungen zu machen, aber weil ſie dieſelben im Namen der Liebe vortrug, ſo war ſeine Stellung ſehr ſchwer und die umſtände beläſtigend. Ein Verhältniß wie dasjenige, das zwiſchen dieſen beiden Perſonen ſtattfand, führt im⸗ mer eine Menge ſolcher Umſtände mit ſich. Die wahre Liebe hat ein Bedürfniß, ehrlich und aufrichtig zu ſein; die falſche dagegen iſt unter den Gefühlen eine Art von Kaufmann, der das Herz zu einem Geſchäftsbureau einrichtet, wo er beſtändig ſitzt und über Verluſt und Gewinn kalkulirt... Nachdem Pariſina die rechte Art gefunden, Manfred's Ketten zu ſchmieden, hatte ſie ihn dermaßen mit ſolchen belaſtet, daß er ſich nicht mehr gleich war. Er ſchmeichelte ſich allerdings noch ein Triumphator zu ſein; aber dieß hat ſchon mancher Sklave vor ihm gethan. Inzwiſchen gelang es ihm die An⸗ ſprüche der Signora einigermaßen zu ermäßigen, ſie waren auch dergeſtalt hinaufgetrieben, daß ſie eine Her⸗ abſetzung wohl ertragen konnten und dabei immer noch etwas Erkleckliches beſtehen ließen, das Reſultat war alſo, daß ſie ihn nöthigte, Leopoldinens Entfernung zu wünſchen, ſich aber mit ſeinem Verſprechen begnügte, daß er nicht einen Schritt thun wolle, um der Sängerin ein glückliches Debüt zu bereiten, ſondern daß er ſich in ————— —.————— 257 dieſer Frage bis auf Weiteres gänzlich paſſiv verhalten werde. Wenn wir jetzt bei Leopoldinen einen Beſuch ab⸗ ſtatten, ſo finden wir auch in ihrem Salon eine Horde von jenen Kunſftfreunden, die ſich's immer ſo angelegen ſein laſſen, mit Künſtlern umzugehen, und die keine Gelegenheit verſäumen, um die endloſe Liſte ihrer Be⸗ kanntſchaften mit einem in der Kunſtwelt wohlklingenden Namen illuſtriren zu können. Maximilian ſah mit großer Befriedigung, wie dieſe Leute ſeine Frau umflatterten, und er fühlte ſich in ihrer Geſellſchaft der glücklichen Entwickelung ſeiner Pläne noch ſicherer. Ohne Furcht ſchaute er dem entſcheidenden Augenblicke entgegen. Nie⸗ mand konnte ahnen, daß man in ihm einen Mann er⸗ blickte, deſſen ganze ökonomiſche Stellung auf dem Spiele ſtand. Sorglos tändelte er ſeine Bekümmerniſſe hinweg. Ob ich auch heute arm bin, dachte er, was hat das zu hebih wenn ich nur nach einiger Zeit wieder reich bin? Daß Signora Pariſina intriguirte, bekümmerte ihn nicht viel; er ſah darin nur einen Beweis dafür, daß ſie für ihre Perſon Leopoldinens Vorrang anerkenne. Ein eigentlicher Wettkampf zwiſchen beiden Frauen konnte nach ſeiner Anſicht nicht entſtehen; denn er beſaß nicht den tiefen Einblick der Tänzerin in dergleichen Fragen; gleichwohl freute er ſich darüber, daß durch die Eröff⸗ nung der Zeitungspolemik von Seiten Pariſina's eine Veranlaſſung geboten wurde, der ränkevollen Dame eine öffentliche Lektion zu ertheilen. Die Freunde, mit denen er umging, kamen ihm dabei wohl zu ſtatten. Von ſeinen Soupers heimgekommen, ſpitzten mehrete von ihnen mit großem Vergnügen ihre Federn, feſt ent⸗ ſchloſſen, tapfer für eine ſo liebenswürdige Wirthin zu ſtreiten, und mit Entzücken las Maximilian all die ſchönen Tiraden, die das Talent ſeiner Frau verherr⸗ lichten, ſchon ehe es die Prüfung beſtanden hatte. Ein Funke. II. 17 258 „So geht der Weg zu den Sternen,“ bemerkte er triumphirend. Was Leopoldine ſelbſt betraf, ſo war ſie nichts we⸗ niger als ruhig; aber da Marimilian ihr manchmal zu beweiſen geſucht hatte, daß ſie es ſein müſſe, ſo bot ſie Alles auf, um ihre tiefe Unruhe auch vor ihm zu ver⸗ bergen. Von dem Augenblick an, wo ihr eröffnet wor⸗ den war, daß die Noth ihr gebiete, auf's Theater zurück⸗ zukehren, von ihrer Kunſt zu leben und, wie ſie ſich ausdrückte, für's Brod zu ſingen, war plötzlich eine große Veränderung mit ihr vorgegangen. Das poetiſche Gefühl, womit ſie früher die Kunſt umfaßt hatte, war nicht mehr vorhanden; dagegen fand ſie ſich von ihrem harten Schickſal an einen Beruf gefeſſelt, und vollkom⸗ men überzeugt, daß ſie das Publikum nicht mehr auf dieſelbe Art einzunehmen vermöchte, wie früher, ſuchte ſie begierig nach anderen Mitteln, um ihren Zweck zu erreichen. Die Anſichten von der Thätigkeit eines Künſt⸗ lers und dem Künſtlerleben im Allgemeinen, in welche ſie ſeit ihrer Vermählung mit Marimilian eingeweiht worden war, hatten bis jetzt in ihrer Seele nur gekeimt, nahmen aber jetzt auf einmal überhand, wie ein Unkraut, das ein ganzes Blumenland erſtickt. Ihre eigene, ideale Auffaſſung wurde durch widerliche Spekulationen auf den Geſchmack und die Launen des Publikums getrübt, und die Lehren, welche Michael ihr unauslöſchlich hatte einpflanzen wollen, ſchwanden ſpurlos dahin, ſie konn⸗ ten nicht beſtehen mit dieſer Art von praktiſchem Ver⸗ ſtand, der jetzt ihre Gedanken beherrſchte. „Die ſchönen Tage der Schwärmerei ſind vorüber,“ ſagte ſie jetzt zu ſich ſelbſt,„mein ganzes Leben iſt bis jetzt nur ein Spiel mit holden Phantaſiebildern geweſen, aber jetzt, meine theuren Jugendträume, müſſen wir uns trennen, trennen für immer... Iſt es wohl wahr, was man ſagt, daß in der Tiefe jedes Menſchenherzens die Selbſtſucht wohnt als die urſprüngliche Triebfeder zu allen unſern Handlungen, allen unſern Gefühlen, den 259 guten ſowohl wie den böſen? Iſt es wohl wahr? Ja, ja, es iſt ſo; die Lehre iſt traurig, aber wahr, wer in den Kampf des Lebens geworfen worden iſt, muß ſich darnach zu richten wiſſen, und vor allen Dingen muß er es verſtehen, die Welt ſo zu nehmen, wie ſie iſt. Früher dachte ich dadurch glücklich zu werden, daß ich Glückliche mache; jetzt gilt es ſelbſt Glück zu machen.“ Mit ſolchen Raiſonnements, worin man Marimi⸗ lian's Grundſätze unſchwer wieder erkannte, ſuchte Leo⸗ poldine ſich in ihrer neuen Stellung zu befeſtigen. Aber ſie hatte einen Verräther in ihrem eigenen Herzen⸗ Nie⸗ mals konnte ſie dieſes beſtimmen, die neuproklamirten Geſetze mit inniger Liebe zu umfaſſen, oder der neuen Fahne aufrichtige Treue und Huldigung zu ſchwören. Der Schmerz, woran ſie litt, war eigentlich eine Un⸗ einigkeit mit ſich ſelbſt. Inzwiſchen hatte ſie ſich in ihrem äußeren Weſen mehr nach dem Geſchmack derjenigen gerichtet, die jetzt ihren gewöhnlichen Geſellſchaftskreis ausmachten. Ja, ſogar Lebeaureſte mußte geſtehen, daß ſie aus der Schule der Welt großen Nutzen gezogen habe.„Früher war ſie eine ſchüchterne Sinnpflanze, die man kaum anzu⸗ ſehen wagte,“ bemerkte er;„jetzt iſt ſie eine Roſe, die ſelbſt zur Bewunderung lockt. Ach,“ fügte er hinzu,„es iſt eine ſchöne Befriedigung, Menſchen zu finden, die vorwärts gehen„. Ich ſelbſt kann leider gar nicht gehen, ſonſt hätte ich wohl Luſt, zu verſuchen, wie ſtark die Dornen dieſer Roſen ſind.“ Wenn dieſe oder eine ähnliche Bemerkung Marxi⸗ milian's Ohr erreicht hätte, ſo würde er ſie ganz ſicher⸗ lich unangenehm gefunden haben, denn obſchon er wirk⸗ lich Leopoldine mit Zärtlichkeit liebte, zeigte er ſich doch als vernünftiger Chemann, und für den Augenblick waren die Umſtände von der Art, daß er mit Vergnü⸗ gen die ganze Welt zu den Füßen ſeiner Frau geſehen haben würde. In der That ſelbſt nahm ſie ja auch nur ihm zu Liebe dieſe Huldigungen enigegen Er wußte 1 260 die wahre Bedeutung ihres Opfers aufzufaſſen; er wußte, daß ſie niemals einen größeren Beweis von treuer Liebe geben konnte, als juſt wenn ſie manchmal der immer argwöhniſchen Menge eine ſchwache Veranlaſſung gab, das Gegentheil zu vermuthen. Er mußte ihren Muth bewundern, ſich über ihre Selbſtbeherrſchung freuen. Ja, er freute ſich wirklich. Das traurige Gefühl, das ſo natürlich iſt, wenn wir einen Freund, von dem wir etwas Gutes und Großes hofften, einen Irrweg betreten ſehen, wenn wir den Sündenfall eines edlen Menſchen, die Verirrung eines warmen Gemüthes, den Mißgriff eines reichen Lerzens vernehmen, ein Gefühl, das einige Aehnlichkeit mit der Düſterkeit hat, die uns beim Anblick eines erlöſchenden Lichtes, einer verkohlen⸗ den Feuerflamme überfällt— dieſes Gefühl war ihm ganz fremd. Er bemerkte nicht, daß auch in Leopol⸗ dinens Seele eine erlöſchende Flamme keuchte; er meinte bloß gute Verſprechungen künftiger Freuden zu em⸗ pfangen. Aber dieſe freundlichen Ausſichten waren leicht zer⸗ ſtört. An demſelben Tag, wo Graf Manfred das oben⸗ erwähnte Geſpräch mit Signora Pariſina gehabt, und nur eine kurze Weile nachher hatte Marimilian ihn auf der Straße getroffen. Als er nach Hauſe kam, war er in hohem Grade muthlos. Auf Leopoldinens Frage um die Urſache dazu erzählte er, daß der Graf gegen ſeine Gewohnheit ſich kalt und abſtoßend gezeigt habe. Er hatte mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit von Leopoldine geſprochen, und als Marimiltan einige Vorfragen in Betreff der Arrangements für die künftige Vorſtellung machte, hatte der Graf ganz ungnädig zu verſtehen ge⸗ geben, daß er nicht viel Umſtände zu machen gedenke. In dieſem Benehmen glaubte Maximilian die Andeu⸗ tung einer drohenden Gefahr erkennen zu müſſen. „Die Signora hat neue Kabalen angeſponnen,“ Flagte erz„ich erkenne ihre ränkevolle Seele in dieſer ——— —————— 261 Verwandlung des Grafen. Sie iſt neidiſch auf Dich, Leopoldine; ſie will Dich ſtürzen. Jetzt iſt es ihr gelun⸗ gen, auch in dieſem Fall den Grafen auf ihre Seite zu locken, und zwar juſt jetzt in dieſem kritiſchen Augen⸗ blick. O mein Gott, ein größeres Unglück könnte uns nicht treffen, wir ſind verloren.“ So vermochte ein einziger Windſtoß all ſeine Luft⸗ ſchlöſſer umzuſtürzen, und er, der kaum noch ſo hoff⸗ nungsvoll und triumphirend geweſen, ſtand bei der erſten Spur einer Widerwärtigkeit ſchwankend und rathlos da . Levpoldine dagegen hatte ihr Ziel mit jenem Ernſt in's Auge gefaßt, der manchmal auch ein Weiberherz mit einem ſtarken Panzer umgibt. Sie hatte die ſan⸗ guiniſchen Prophezeiungen ihres Mannes niemals thei⸗ len können, aber ſie fühlte, daß die ſtrenge Nothwen⸗ digkeit eine beharrliche Kraft fordert, und ſie war voll⸗ ſtändig entſchloſſen, Alles zu wagen. Sie beſaß wirk⸗ lichen Muth; er beſaß, wie Michael einmal bemerkte, nur Uebermuth. 3 „Was ſollen wir anfangen, wie ſollen wir die Ver⸗ ſchwörung gegen unſer Glück vernichten?“ fragte Mari⸗ milian in großer Angſt.„Wenn der Graf gegen uns iſt, haben wir Nichts zu hoffen.“ „Wir müſſen uns derſelben Waffen bedienen wie die Signora,“ antwortete Leopoldine entſchloſſen. „Wie ſo?.. Du glaubſt alſo wirklich, Leopol⸗ ii „Ich weiß, daß Graf Manfred für Weibergunſt im⸗ mer feil iſt. Er verkauft gerne ſeine Protektion, wenn man nur den Muth hat, mit ihm handelseins zu werden.“ „„Und Du ſollteſt dieſen Muth beſitzen? Du könnteſt dieſe Dir ſo widerſtrebende Rolle einer Kokette überneh⸗ men wollen? Du könnteſt zärtliche Gefühle für dieſen Mann heucheln wollen; den Du mit ſo viel Grund in Deinem Herzen verabſcheuſt? Nein, das darf nicht ge⸗. ſchehen. Ich nehme auch dieſes Opfer nicht an; Du haſt meinetwegen bereits zu viel gelitten.“ „Es muß dennoch geſchehen, Maximilian. ach, ich habe ſeit einiger Zeit ſo viele dunkele Seiten des Lebens geſehen, daß ich mich dadurch nicht mehr ſchrecken laſſe. Unſer ganzes Glück ſteht ja auf dem Spiel; wir müſſen entſchloſſen voranſchreiten.“ „Leopoldine, ich muß Dich bewundern; Du biſt die beſte der Frauen, Du biſt ein Engel an Selbſtaufopfe⸗ rung.“ „Und weißt Du, was ich gerne ſein möchte?.. ich glaube, daß ich jetzt ein Teufel an Liſt und Falſch⸗ heit ſein möchte... Wir haben keine Zeit zu verlieren, ich muß noch heute mit dem Grafen Manfred ſprechen.“ So geſchah es auch. Als Graf Manfred ein Billet von Leopoldine empfing, fand er ſich ſogleich bei ihr ein. Sie waren allein. Leopoldine ſagte gerade heraus, wie ihr Mann ihr erzählt habe, daß er an dem Benehmen des Grafen ir⸗ gend eine Unzufriedenheit mit ihr zu bemerken geglaubt habe. Wenn dieß wirklich der Fall ſein ſollte, fügte ſie weiter hinzu, ſo würde es ſie ſehr ſchmerzen, haupt⸗ ſächlich deßwegen, weil ſie ſich gewöhnt habe, die Pro⸗ teftion ihres allererſten Gönners höher zu ſchätzen, als die von irgend einer andern Seite, und dann weil ſie wiſſe, daß ſie möglicherweiſe ſelbſt Veranlaſſung zu die⸗ ſem Mißvergnügen gegeben habe, indem ſie ſich zu fremd gegen ihn gezeigt, während ſie doch ſo lange in einer ſo großen Schuld der Dankbarkeit gegen ihn ſtehe. Sie glaube jetzt den Augenblick gekommen, wo eine Erklä⸗ rung ſtattfinden müſſe. Sie geſtehe gerne, daß ſie ein⸗ mal geglaubt habe, er habe ihr Vertrauen mißbraucht; aber ſie ſei damals ein unerfahrenes Kind geweſen, und jetzt, nachdem ſie die Welt beſſer kennen gelernt, ſehe ſie deutlich ein, daß ihr Herz einen ſo bewährten Freund nicht verlieren dürfe. Obſchon ſie fürchte, daß dieſes Geſtändniß jetzt zu ſpät kommen möchte, ſo wolle ſie 263 doch, daß er das wahre Verhältniß kennen lerne, und ſie wünſche nur, das er in dem Schritt, den ſie gethan habe, nichts finden möge, was dem weiblichen Zartge⸗ fühl widerſtreite. Manfred war wie aus den Wolken gefallen, aber die Ueberraſchung ſagte ſeinem Geſchmack ganz beſon⸗ ders zu. Leopoldine ſprach mit Wärme, und ihre Worte erhielten eine für ihn noch intereſſantere Bedeutung durch die für das Verhältniß ſo vortrefflich paſſende Schüchternheit, die zuweilen bei ihr vorſchimmerte. Man konnte ſagen, ſie habe während dieſer ganzen Seene ihre Meiſterprobe an feiner Koketterie abgelegt; Pariſina ſelbſt hätte es kaum beſſer machen können„ Aber woher bekam ſie denn auf einmal dieſe Heuchelei? kann man fragen. Still, jedenfalls ſtill mit dieſer Frage! Sie könnte uns Veranlaſſung geben, von unſerer All⸗ mutter Eva übel zu reden, und von den Todten ſoll man nichts Anderes als Gutes ſagen, zumal wenn ſo viele Dutzende von Generationen dazwiſchen liegen. Auf einmal entrollte ſich vor dem Gedächtniß des Grafen die ganze Geſchichte von ſeiner alten Liebe zu Leopoldine, aber der Roman hatte ein noch unbeendigtes Kapitel. Er glaubte jetzt eine Prophezeiung zu ver⸗ nehmen, daß auch dieſes niedergeſchrieben werden ſolle, und zweifelte nicht, daß das Reſultat wie gewöhnlich befriedigend ſein würde. Bisher hatte er ſich, obſchon er es ſich ſelbſt nicht offen geſtehen wollte, in Leopol⸗ dinens Geſellſchaft etwas genirt gefunden; ſie war eine von den wenigen Weibern, die ihn mit Kälte zu ihren Füßen geſehen hatten. Dieß konnte er nie vergeſſen, und er glaubte auch immer einen iriumphirenden Hohn in ihren Blicken zu leſen. Aber dieſe Stunde hatte viel verändert. Er war jetzt beinahe vollkommen überzeugt, daß ſeine alte Prophezeiung in Erfüllung gegangen, und daß ſie es endlich überdrüſſig geworden ſei, eine erempla⸗ riſche Ausnahme unter ihrem Geſchlechte zu bilden. Inzwiſchen war ſein Herz— er pflegte wirklich — 264 von einem Herzen zu reden— ganz unvermuthet in den mißlichen Fall des Ueberfluſſes gerathen. Auf der einen Seite hatte er Pariſina mit ihren vier Monaten, dieſes Weib, vor deſſen großer Gewalt über ihn er ſich zu ängſtigen anfing, und auf der andern Leopoldine mit ihren verlockenden, halb ausgeſprochenen Verheißungen. Endlich faßte er einen raſchen Entſchluß. Seine Philo⸗ ſophie war wie gewöhnlich ganz einfach; das eine Gute ſchließt das andere nicht aus, meinte er, und er beſchloß in Folge deſſen einen Mittelweg zu gehen, d. h. mit beiden Händen zuzugreifen. Das Verſprechen, das er vor kaum einigen Stun⸗ den Pariſina gegeben hatte, daß er ſich nicht im Ge⸗ ringſten für Leopoldinens Erfolg intereſſiren wolle, war bereits vergeſſen, und als er von der Letztern Abſchied nahm, gab er ihr ſeine Verſicherung, daß ſie ſich jetzt mehr als je auf ſeine Freundſchaft und ſeinen Beiſtand verlaſſen dürfe. Hierauf drückte er ihre Hand, ja er führte ſie ſogar an ſeine Lippen. Das Ergebniß des Beſuchs war alſo, daß Leopol⸗ dine ihren Zweck erreichte, und ſie konnte überzeugt ſein, daß er, im Fall er nicht mit ihr war, doch wenigſtens nicht gegen ſie ſtand. Marximilian hatte von einem anſtoßenden Zimmer aus das ganze Geſpräch angehört. Er eilte zu ſeiner Frau in demſelben Moment, wo der Graf ſich entfernte. Wiederum ſtrahlte er vor Freude, und er wollte im Ent⸗ zücken ſeiner Dankbarkeit ihre Hand küſſen. Aber es war dieſelbe Hand, die ſo eben die Zärilichkeitsbezeu⸗ gungen des Grafen empfangen hatte. Leopoldine riß ſie zurück und rief gleichſam mit Selbſtverachtung: „Küſſe ſie nicht, Marimilian, ſie iſt entweiht.“ 265 XKIX. 6 Der entſcheidende Tag. Noch zeugt die Erde Titanen, den Him⸗ mel zu ſtürmen, Thoren! euch trifft dereinſt ſicher des Ewigen Blitz. Grafſtröm. Auch meine Seele hatte Schwingen: Ach ſie find nicht mehr. Geijer. Der Tag der Entſcheidung war endlich gekommen. Die königliche Oper in D. hatte wieder eine neue Saiſon eröffnet und gab ihre erſte Vorſtellung. Das Publikum, deſſen Neugierde ſehr in die Höhe getrieben worden, hatte ſich ſo zahlreich eingefunden, als der Raum nur immer geſtattete. Logen, Parterre, Amphitheater, Galle⸗ rien, Alles war gepfropft voll. Man erwartete einen intereſſanten Abend. Donizetti's Lucia ſollte aufgeführt werden. Dieſe Oper iſt, wie beinahe alle Compofitionen der neuern Zeit, oder vielmehr wie jede Compoſition in ihrer Zeit, Gegenſtand ſehr verſchiedener, einander ganz wider⸗ ſprechender Urtheile geweſen. Auch unter den Herren Muſikrichtern gibt es, wie man weiß, Conſervative und Liberale. Die Erſteren, ich ſpreche jetzt von den Ertre⸗ men beider Parteien, haben ihr ganzes Herz den Claſſikern geſchenkt und glauben den großen Todten ein angenehmes Opfer darzubringen, wenn ſie die noch Le⸗ benden grundſatzweiſe verdammen. Ein Tonſtück kann für ſie keinen größeren Fehler haben, als neu zu ſein. Man hat ſicherlich kein Recht, die Aufrichtigkeit der Verehrung zu bezweifeln, die ſie ihren Götzen wid⸗ men, zumal da dieſe ſo allgefeierte Namen tragen; 266 aber es ſieht doch verdächtig aus, und die Gerechtig⸗ keit ihrer Kritik dürfte man mit gutem Fug in Frage ſtellen.. Für die Andern dagegen, die Liberalen, ſelbſt die muſikaliſchen Jakobiner, ſind juſt die Tageserzeugniſſe von größtem Intereſſe. Ihr Urtheil iſt ein wenig ver⸗ wirrt worden nach dem vielen tollen Tanzen mit Strauß und Lanner. Die Kunſt müſſe vor allen Dingen populär ſein, behaupten ſie, und derjenigen Muſik, die bereits am Tag nach ihrem erſten öffentlichen Vortrag auf den Lippen des Volkes(der Gaſſenjungen) liegt und ſich in's Unendliche zu Märſchen, Walzern und Galoppaden arrangiren und fricaſſiren läßt, ſchenken ſie ihren höchſten Beifall. Es liegt Genie in dieſen Melo⸗ dien, heißt es, denn ſie haben bei der Menge Anklang gefunden. Was jetzt Lucie betrifft, ſo hat ſie ſowohl Lob als Tadel geerntet. Daß ſie inzwiſchen wirklich ihre Ver⸗ dienſte beſitzt, kann der unparteiiſche Beurtheiler daraus erſehen, daß ſie im Verlauf von etwas mehr als zehn Jahren beinahe in ganz Europa die Runde gemacht hat. Aber man findet auch, daß ſie ſich nirgends zu behaupten vermochte, wenn ſie nicht mit ausgezeichneten Talenten beſetzt war. Allerdings erfordern alle Compo⸗ ſitionen eine gute Aufführung, um Erfolg zu gewinnen; doch können ſie mehr oder weniger davon abhängen, und einige verlieren ſich gänzlich in den Händen der Mittel⸗ mäßigkeit. Das Werk, das einem guten Sänger oder einer guten Sängerin Veranlaſſung und Gelegenheit gibt, ſein eigenes Genie zu entwickeln, beſitzt ſchon da⸗ durch ein Verdienſt, und dieſes Verdienſt darf man billiger Weiſe der Lucie nicht ſtreitig machen. Ueber ihr Glück in D. ſollte dieſer Abend entſcheiden. Die Ouvertüre war zu Ende. Der Vorhang ging auf. Die Jägerſchaar gab ihren Chor. Von dieſem Chor ſagte Michael Lambert einmal in ſchlechter Laune: „Er mag ganz ſchön ſein; aber ein Jäger, der ſolche Lieder ſingt, ſchießt nicht viel Haſen.“ 267 In der ſiebenten Scene trat Leopoldine(als Lucie) auf. Sie wurde mit einer gewaltigen Salve von Händegeklatſch willkommen geheißen. Einige Augenblicke wurde die Sängerin von ihren beſten Erinnerungen überwältigt. Sie vergaß ihre Leiden und die Bedeutung dieſer Stunde. Ein Anhauch von entflohenen Tagen fuhr erfriſchend durch ihre Seele, belebend für Gefühl und Phantaſie. Die Scene pei der Quelle ging gut und die ſchöne Cavatine: O daß wir Schwingen hätten! noch beſſer. „Sie iſt ſich gleich geblieben,“ flüſterte es im Saal, „ſie iſt ſchwärmeriſch, anziehend wie immer. Noch iſt ſie etwas ſchüchtern, das hört man, aber wartet nur, wenn ſie einmal in ihrer Rolle wärmer wird, dann iſt ſie vortrefflich. Ja, ja, Manfred weiß wohl, was er thut.“ Und dabei applaudirte man. Aber vielleicht war es Leopoldinens unglück, daß ſie ihre Zuhörer gar zu ſehr an das erinnerte, was ſie einmal geweſen warz ja es wäre ganz ſicher beſſer ge⸗ weſen, wenn dieſe, Vergangenheit gänzlich in Vergeſſen⸗ heit gelegen hätte und man alſo während der Fort⸗ ſetzung keine Vergleichungen hätte anſtellen können. Denn dieſe fielen, das zeigte ſich nur allzu bald, nicht zu ihrem Vortheil aus. Ohne Zweifel haſt Du, lieber Leſer, manchmal, wenn Du ein Freund der Natur biſt, an einem ſchönen Frühlingstag Dich von einer zierlichen Landſchaft be⸗ zaubern laſſen. Du ſchwelgteſt darin, denn der Anblick war ſo einnehmend und Du ſahſt überall freundliche Verheißungen noch ſchönerer künftiger Tage. Fröhlich dachteſt Du:„Welch ein herrliches Paradies wird nicht hier entſtehen, wenn die warme Sonne des Sommers dieſer bereits ſo reichen Natur ihre volle Entwickelung gegeben hat!“ Aber als Du wiederkamſt, war es bereits Herbſt. Ueberall war es ſo öde, ſo ver⸗ heert. Es war Dir, als ſtündeſt Du an einem Todten⸗ bette. Alle Blumen waren verwelkt, kein Vogel wiegte ——— 268 ſich mehr in den abgelaubten Kronen der Bäume. Die Hoffnungen waren entſchwunden und Du empfandeſt nur eine wehmüthige Sehnſucht. Eine ähnliche Sehn⸗ ſucht wurde jetzt von Leopoldine in manchem Herzen her⸗ vorgerufen. Ach, die Arme, ſie war über ihren Som⸗ mer hinweggehüpft; es war bereits Herbſt in ihrer inneren Welt. Einmal bei ihren erſten Tritten auf der Künſtler⸗ laufbahn fällte ſie über ſich ſelbſt ein Urtheil, das noch jetzt nichts von ſeiner Wahrheit verloren hatte. Nur in meiner eigenen Begeiſterung gelingt es mir, die Herzen meiner Zuhörer mit mir zu reißen. In dieſen einfachen Worten liegt das ganze Ge⸗ heimniß ihrer Begabung als Sängerin. Gewiß gibt es eine zahlloſe Menge von Muſikern, welche der Kunſt gänzlich unabhängig von ihren individuellen Neigungen dienen. Ja wie manchmal ſind wir nicht von der Scene aus durch eine edle Rolle gerührt worden, die zu unſerer vollen Zufriedenheit von einer in der Tiefe ihres Herzens ganz unmoraliſchen Perſon ausgeführt wurde, und wenn es uns möglich geweſen wäre, in des Sängers eigene Seele zu ſchauen, juſt in dem Augenblick, wo er uns in höheren Regionen zu ſchweben ſchien, ſo hätte es uns vielleicht unangenehm überraſcht, in derſelben den launigſten Gedanken, den niedrigſten Gefühlen zu begegnen. Aber ſolche Talente gehören einer ganz an⸗ dern Natur an, als Leopoldine. Sie ſind in einer ge⸗ wiſſen Schule ausgebildet worden und bleiben ihr zu⸗ gethan. Oft ſind ſie nur als eine Art von Inſtrumenten zu betrachten— höchſt vortreffliche Inſtrumente, das muß man zugeben, die zuweilen mit erſtaunlicher Fertig⸗ keit und treffender Wahrheit eine Compoſition wieder⸗ geben können, obſchon ihre Herzen eigentlich keinen Theil daran haben; ſie haben alle menſchlichen Leiden⸗ ſchaften nachahmen gelernt, ohne daß ihre innere Ruhe dadurch auch nur einen einzigen Augenblick geſtört wird. 269 Sie treten gleich dem Proteus der Mythe unter allen möglichen Geſtalten auf; Freude, Liebe, Schmerz, Ver⸗ zweiflung, Zorn, Haß, Alles liegt in Noten und Co⸗ ſtümen vor ihnen... Bei Leopoldine dagegen war es, wie geſagt, ein ganz anderes Verhältniß. Wenn ihr Geſang einiges Leben erhalten ſollte, ſo mußte ſie ſelbſt ⸗ vollſtändig darin leben. Sie war kein Kind einer Schule, ſondern nur der Eingebung ihres Genies und ihres Gefühls. Sie war nicht bloß eine ausübende, ſondern auch eine ſelbſtſchaffende Künſtlerin. Sie begnügte ſich nicht bloß mit dem Wiedergeben, ſie legte Vollendung in ihre Rolle. Sie folgte dem Weg, welchen der Componiſt und der Dichter ausgeſteckt hatten; aber ſie dichtete ſelbſt unterwegs, und manche herrlich duftende Roſe ſprang aus dem trockenen Sand auf, manche friſche Quellader rann aus dem harten Fels hervor⸗ Ja, ſolcher Art war Leopoldine in ihren ſchönen Frühlingstagen, als der Himmel ſich noch in ihrer fleckenloſen Seele abſpiegelte, als ſie die Kunſt nur um des Schönen willen und das Schöne nur als eine Offen⸗ barung Gottes liebte. Solcher Art war ſie zur Zeit, da ihr reines Gemüth nur für gute Inſpirationen offen ſtand, als ihr reiches Herz nur von edlen Gefühien er⸗ wärmt wurde. Aber die Welt ſtörte die Harmonie in ihrer Bruſt. Die Wirklichkeit verſcheuchte die Ideale und ſie zog ihre Gedanken hinab in einen niedrigen, engeren Kreis. Der Götterfunke in ihrer Seele wurde von keiner ſorgſamen Hand gepflegt, das Oel wurde von der Armuth des Lebens verzehrt, es wurde immer finſterer um ſie her, und verwirrt durch falſche Irr⸗ lichter, fand ſie den Fußpfad nicht mehr, der zum Heilig⸗ thum der Kunſt führt. Noch einmal vom Schickſal auf die Schaubühne geführt, glich ſie jetzt einem Krieger mit zerbrochenem Schwerte, oder dem Freund Aladdin, nachdem er ſeiner Lampe beraubt worden. Bei jeder Scene wurde es ihr immer deutlicher, daß ſie von ihrem Genius verlaſſen, 270 daß die Quellader der Poeſie in ihrer Bruſt vertrocknet war. Gleichwohl hielt ſie die Thränen zurück, womit ſie ſich ſelbſt zu beweinen im Begriff ſtand. Das Ver⸗ langen, Glück zu machen, die Kunſt als einen Nahrungs⸗ zweig zu gebrauchen, reizte noch immer ihren Muth, und ſie ſtrengte alle ihre Kräfte an, um durch eine äußere Vollendung ihres Geſanges die geiſtige Armuth deſſelben zu bemänteln, um den Mangel an Gefühl durch geſuchte Effecte zu erſetzen. Aber damit warf ſie ſich auf ein Feld, worauf ſie ſich bisher noch nie ver⸗ ſucht hatte. Als Bravourſängerin hatte ſie unleugbar noch viel zu lernen. Es iſt jetzt nicht die Abſicht, der Oper Schritt für Schritt zu folgen. Laßt uns nur einen flüchtigen Blick darauf werfen. Edgar(der Liebhaber) wurde von einem offenbar ſehr ſchwachen Talent geſpielt. Von ihm hatte Leopol⸗ dine keine Hülfe zu erwarten, kein Feuer zu borgen. Der arme Tenoriſt, der zufällig etwas heiſer war, konnte nur höchſt unvollkommen ſich ſelbſt beleben, aber ſeiner Heldin keine Anregung geben. Daß ihre Liebe ſchon von Anfang an unglücklich ſein ſoll, gehört zum Stück; aber es lag jetzt fowohl in der Liebe als im Unglück eine Mattigkeit, die keinen guten Effect machte. Beim Ringwechſeln meinte man der Abſchließung einer Ver⸗ ſtandesheirath anzuwohnen, und der langgedehnte Ab⸗ ſchied erſchien Jedem mehr langweilig als betrübt; man fand, und zwar mit Recht, daß ſie allzu viel Weſen aus einem Gefühl machten, das ſo offenbar gar nicht vorhanden war. „Arme Leopoldine,“ ſagte man am Schluß des erſten Aktes,„ſie iſt mit ihrer Liebe ganz ſchlecht ge⸗ fahren. Es iſt ja ganz unmöglich, ſich in einen ſolchen heiſeren und kranken Menſchen herzlich zu verlieben. Statt all dieſer zärtlichen Abſchiedsworte hätte ſie ihm eine Taſſe Fliederthee vorſetzen ſollen, bevor er ſich auf ſeine lange Reiſe begab.“ 271 Das fröhliche Lachen, das auf dieſe Bemerkung folgte, war nicht ſo übel gemeint, prophezeite aber nichts Gutes für die Zukunft, denn wenn man einmal ange⸗ fangen hat, das Tragiſche komiſch zu finden, ſo hält es gewöhnlich äußerſt ſchwer, die Illuſion wieder zu ge⸗ winnen. Beim zweiten Akt wurde das Intereſſe des Publi⸗ kums wieder einigermaßen geſteigert. Die Scene zwi⸗ ſchen Lucie und Aſton, ihrem grauſamen Bruder, er⸗ mangelte der Lebendigkeit nicht. Leopoldine hatte einige gute Augenblicke, die ſämmtlich von den Zuſchauern mit Bereitwilligkeit anerkannt wurden. Minder glücklich war ſie als Braut⸗ Es war ſchwer, die Motive zu be⸗ greifen, die ſie veranlaſſen konnten, den Ehekontrakt zu unterzeichnen, und die widerſtreitenden Gefühle, deren Raub ſie dabei war oder richtiger hätte ſein ſollen. Als hierauf der trotz aller Verleumdung getreue Edgar ſo unvermuthet als ungebetener Gaſt mitten in der Hoch⸗ zeit auftrat(leider mit demſelben Katarrh, den er auf die Reiſe mitgenommen hatte), da wurden ihre Motive noch undeutlicher, und wenn ſie auch klagte, ſo hatte ihr Leiden doch nicht die Tieſe, die einen herannahenden Wahnwitz verkündet. Man ſah, daß ſie litt, aber man konnte durchaus nicht vermuthen, daß dieſer Schmerz ihren Verſtand zerriß. Auch ihre wohlwollendſten Gönner mußten darüber klagen, daß die Sängerin ſich nicht innig genug in ihre Rolle hineingelebt habe. Als Einleitung zu dem dritten Akt hatte man, um der traurigen Hochzeit einige Munterkeit zu geben, ein Ballet für das Bauernvolk arrangirt. Die Direction hatte dieß mit beſonderer Abſicht auf Signora Pariſina gethan, die als ſchottiſches Bauernmädchen in einem Solo auftrat, in einem Nationaltanz von dem gewöhn⸗ lichen Schlag, der immer nach den Umſtänden wechſelt. Wie Leopoldine, wurde auch Pariſina lebhaft be⸗ willkommt, aber ſie ergriff begieriger als die Sängerih die Gelegenheit, ihre Erkenntlichkeit zu beweiſen. Sie 272 trat bis an den Rand vor, ſie nickte nach Rechts, nickte nach Links, ſie drückte die Hände auf ihr Herz, als wollte ſie die Schläge deſſelben zum Schweigen bringen, ſie breitete die Arme wieder aus, ganz wie zu einer umarmung, und ſie verdolmetſchte ihre innige Freude über das Wiederſehen mit Blicken und lächelnden Mienen. Dieſe Pantomime war bezaubernd, und es wäre ſchwer, alle die Herzen zu zählen, die ſich dadurch ſogleich zu ihrem Vortheil beſtechen ließen. Dieß erforderte einen augenblicklichen Lohn von Seiten des Publikums, und ein ſolcher blieb nicht aus. Man lärmte ſchrecklich, ſo daß man kaum noch Kraͤfte übrig behielt, um ihren Tanz zu belohnen. Der ſchottiſche Nationaltanz ging glücklich von Statten. Die Signora that ihr Beſtes. Für ihre Kunſt brauchte ſie nur die phyſiſchen Kräfte aufzubieten, und dieſe gewannen neue Stärke bei dem Gedanken an die bedeutungsvolle Wichtigkeit der Stunde. Vorſichtig vermied ſie alle ſolche choreographiſchen Schwie⸗ rigkeiten, die möglicherweiſe hätten zeigen können, wie viel ſie an jugendlicher Luftigkeit und Elaſticität ver⸗ loren hatte. Dagegen wußte ſie mit ſchlauer Berech⸗ nung die Mittel anzuwenden, über welche ſie noch in vollem Maß verfügen konnte. Ihre Attituden und Bewegungen wurden dadurch eine verführeriſche Koket⸗ terie der Wolluſt mit der bezaubernden Grazie der Un⸗ ſchuld. Ein Rauſch bemächtigte ſich der Gemüther, wenn man ſie ſah, und gewiß iſt, daß die Menge der Zuſchauer ſich ſelbſt die Mittel nicht klar machte, die ſie aufbot, um ihre Bewunderung zu erzwingen, ebenſo auch nicht das Unedle und eben deßhalb auch Unſchöne in dem Genuß, den ſie ihnen bereitete. Die banale Bemerkung:„ſie tanzt wie ein kleiner Satan,“ enthielt mehr Wahrheit, als man in ſeinem Taumel einſah. Nachdem die Gefühle des Publikums auf dieſe Art in Wallung gebracht und die Gemüther durch die Künſte 273 der Tänzerin angefeuert waren, mußte es für Leopoldine noch ſchwerer werden, ſich einige Sympathien zu gewin⸗ nen. Und gleichwohl blieb noch ihre große Schlüßſcene übrig, diejenige, von welcher ihr Urtheil eigentlich ab⸗ hängen ſollte. Sie wußte das. In einigen wenigen Augenblicken ſollte ihr Schickſal entſchieden ſein. Es war ihr, als ſchwebte ein Schwert über ihrem Haupte. Nachdem Raimond, die einzige ehrliche Seele im ganzen Stück, ſchnaubend erzählt, daß Lucie im Braut⸗ gemach ihren Gemahl ermordet habe, ſang er: „Sie kommt, das arme, ſchwer gedrückte Opfer!“ In dieſem Augenblick erſchien die jetzt wahnſinnige Lucie, bleich und ſtierend, mit blutigem Gewand und den Dolch in der Hand. Man muß ſich bei dieſer Er⸗ ſcheinung unwillkürlich entſetzen. Leopoldinen's Ver⸗ wirrung war ſo natürlich. Sie rührte manches Herz und die Wagſchale neigte ſich noch einmal zu ihrem Vortheil. Der Ausdruck in ihrem Geſang war gelun⸗ gen, und es lag Wahrheit in ihrem Spiel, als ſie mit abgebrochenen, unklaren Sätzen die Erinnerung an ihre Liebe in ihr Verbrechen vermengte, als ſie, wie einen Augenblick von blutigen Geſpenſtern erſchreckt, die ihre Phantaſie hervorrief, unmittelbar darauf ihr Schickſal als Edgar's Braut pries. Aber die Scene iſt lang. Sie konnte ihre Gedanken nicht fortwährend bei ihrer Rolle feſthalten, ſie vergaß Lucie wieder über ſich ſelbſt. Bald war jetzt alle Exaltation geſchwunden, und der Geſang wurde farblos und matt. Die Schwärmerei, die zu dem Wahnwitz und der unglücklichen Mörderin gehört, beſaß keine poetiſche Inſpiration mehr; was man hörte und ſah, war eher unheimlich als tragiſch ön. Der Auftritt zwiſchen ihr und Aſton mißlang ſchon von Anfang an. Sie fand es ſelbſt gar zu deutlich und wurde aus Furcht noch ſchwankender und unſicherer. Die Situation, die gut ausgedacht iſt, macht indeß⸗ Ein Funke. I. 18 274 Anſpruch auf ein großes Talent. Lucie mußte in dem verhaßten Bruder ihren Geliebten zu ſehen glauben, aber auf eimal wird ſie auf's Neue von der ganzen bodenloſen Tiefe ihres Elends erfaßt, ihr Schmerz er⸗ reicht ſeinen Höhepunkt und geht endlich in eine lieb⸗ liche Verkündigung des bald herannahenden Todes und des Friedens droben über den Sternen über. Im Augenblick, ehe Leopoldine dieſen ihren Schwa⸗ nengeſang anſtimmen ſollte, der, genial aufgefaßt und aufgeführt, ſchon ſo manchmal bewieſen hat, daß er einen ergreifenden Effect beſitzt, warf ſie einen Blick zwiſchen die Cvuliſſen. Sie ſah da Marimilian, der ein Raub des heftigſten Schmerzes war; alle ſeine Hoffnungen hatten bereits Schiffbruch gelitten, das ſtand deutlich in hittn durch die Verzweiflung entſtellten Geſichtszügen zu leſen. Dieſer Anblick raubte der armen Sängerin ihre letzte Faſſung. Sie wußte ſelbſt nicht, was ſie ſang, ihre Stimme folgte nur mechaniſch der Leitung des Orcheſters. Endlich wurde ſie gänzlich verwirrt, beging einen Fehler nach dem andern, und ihre letzte Strophe: Mutter, du rufſt mich, ich fliehe zu dir! flog in fal⸗ ſchen, unpaſſenden Tönen durch den Saal. Noch eine gute Weile, nachdem der Vorhang ge⸗ fallen war, herrſchte ein vollſtändiges Stillſchweigen unter den Zuhörern. Man ſchien Mitleid mit dem frü⸗ heren Günſtling zu empfinden, und Niemand hatte das Herz, den erſten Stein zu werfen, wie man ſagt. Aber ein ſehr wohlmeinender Freund der Sängerin ließ ſich durch dieſe Nachſicht bis zur Kühnheit ermuntern und begann einen Applaus zu wagen. Er hatte bald Ur⸗ ſache, es zu bereuen. Die vereinzelte Beifallsäußerung wurde mit einem ſcharfen Pfiff vom Parterre her er⸗ wiedert. Jetzt war das Signal zum Ausbruch einer allgemeineren Mißbilligung gegeben. Bald darauf hörte man von mehreren Seiten her anhaltende Piiffe, das matte Händegeklatſch wurde gänzlich überſtimmt. Die 27⁵ Unart miſchte ſich auch in's Spiel, und in den höheren Regionen beſonders entwickelte ſich eine erſtaunliche Vir⸗ tuoſität auf den Schlüſſelrohren. Es wurde mehrmals ernſtlich Schweigen geboten, bevor die Ordnung wieder hergeſtellt werden konnte. Die Niederlage war voll⸗ ſtändig. Mit Lucie findet, wie man weiß, das eigenthüm⸗ liche Verhältniß ſtatt, daß ſie gewiſſermaßen nach ihrem Tod noch einen Act hat. Das heißt, die Oper geht fort, obgleich die Braut von Lammermoor in eine andere Welt übergegangen iſt. Dieſer Act iſt, wie es ſich ge⸗ bührt in einen Kirchhof verlegt, aber es iſt klar, daß das Publikum, nachdem es die Beſtattung der Heldin mit Ziſchen und Pfeifen gefeiert hat, nicht geneigt iſt, jen⸗ ſeits des Grabes den Componiſten noch mit ſeinem Beifall zu beglücken. In D. iſt Lucie nie mehr als dieſes zweite Mal aufgeführt worden, gleichwohl habe ich keinen Anlaß zu einer Vermuthung, daß der geniale Cajetan Donizetti aus Gram darüber zuletzt ſelbſt ſei⸗ nen Verſtand verloren habe. Die Vorſtellung des Abends wurde mit einem Bo⸗ lero beſchloſſen, welchen Signora Pariſina tanzte. Die⸗ ſer Tanz machte viel Glück. Zum erſten Mal am gan⸗ zen Abend hörte man jetzt den belebenden Zuruf Dacapo. Niemand konnte bereitwilliger ſein, als die Signora, dieſem allgemeinen Wunſch entgegenzukommen, und Graf Manfred, welcher ſich tief über das Unglück grämte, das heute Abend ſein Theater getroffen hatte, bekam jetzt envlich eine ſchmerzlich erſehnte Freude zu genießen, als er hörte, wie die alten Mauern einmal um's andere von einem orkanartigen Beifallsſturm erſchüttert wurden. Ende gut Alles gut, dachte er, und das Publikum ſchien dieſe Anſicht zu theilen. Nach beendigter Vor⸗ ſellung ſah man im Foher nichts als fröhliche und zu⸗ friedene Geſichter. Ueber die ausgepfiffene Sängerin wurde nur der eine und der andere 8 Scherz zum 276 Beſten gegeben, aber tauſend Lippen bewegten ſich zum Ruhm der Tänzerin. „Welche Anmuth! welche Geſchmeidigkeit!... welche Augen!. welche Beinel dergleichen Aus⸗ rufungen hörte man von allen Seiten. Levpoldine war inzwiſchen mit ihrem Mann nach Hauſe zurückgekehrt. Als ſie jetzt allein beiſammen waren und ungeſtört ihr ungiück in Betracht ʒie⸗ hen konnten, welch' eine Stunde des Schmerzes!.. Doch nein, nicht bloß eine Stunde; wohin ſie ihre Blicke wandten, trat ihnen überall eine ganze Zukunft voll Sorgen, Schimpf und Bekümmerniſſen entgegen. „Verzeihe mir,“ ſtammelte Leopoldine,„ich habe gethan, was ich konnte, aber es war, wie ich fürchtete, mein Genius hat mich verlaſſen... Verzeih' mir, Maximilian, und liebe mich dennoe Aber von ihm ſelbſt hatte ſie keinen Troſt zu er⸗ warten.. „Ich bin der Verbrecher,“ antwortete er mit bitte⸗ rem Selbſtvorwurf,„ich, ich ſelbſt bin es, der unſer Unglück geſchaffen hat„ wir müſſen fliehen, wir müſſen fort von hier; aber wohin? Ach, auf der ganzen weiten Welt werden wir keine friedliche Wohn⸗ ſtätte mehr finden. Leopoldine, Du haſt volles Recht, die Stunde zu verfluchen, wo Du mir Dein Herz ſchenkteſt.“ Bei Charakteren, wie Maximilian, miſcht ſich in alle Gemüthserſchütterungen eine gewiſſe Portion Leicht⸗ ſinn. Solche Perſonen können trotzig und kühn ſein, ſie können ihre ganze Zuverſicht auf einen Strohhalm ſetzen und noch jubelnd am Rande eines Abgrundes tanzen. Aber wenn ein wirkliches Unglück ſie trifft, da verlieren ſie leicht den Muth und ſtehen rathlos in ihrer Beſtürzung da, bis ſie endlich auch im Unglück 277 leichtſinnig werden. Dagegen gibt es andere Naturen, die ſich langſamer zum Kampfe rüſten, aber wenn ſie die Arena einmal betreten haben, auch in der Stunde der Gefahr ihre Faſſung beibehalten. Und obſchon man nicht ohne Grund gegen die Beharrlichkeit des Weibes im Allgemeinen ſtrenge Bemerkungen macht, ſo geſchieht es doch noch heutigen Tags, daß, wenn der Mann, dieſer geborene Held, vor einem bitteren Schickſal zu⸗ rückſchaudert, die Frau ruhig, wie einſt Arria im Ge⸗ fängniß ihres Mannes, daſteht, ſich den Dolch in's Herz bohrt und aufmunternd ſagt: „Siehſt Du, es thut nicht ſo weh.“ Etwas von dieſer Beherztheit ſchwellte jetzt auch Leopoldinen's Bruſt. Eine Stunde nach ihrer Heimkehr erhielt ſie einen Brief. Ey war von Michael Lambert der Alte ſchrieb: „Armes Kind! „Welchen Kummer haſt Du mir nicht bereitet!... Was ich in dieſem Augenblick empfand, kannſt Du nicht begreifen; es iſt Zorn, es iſt Verachtung, es iſt Liebe und Schmerz.. Meine finſteren Ahnungen haben eine traurige Erfüllung gefunden. Marximilian hat jetzt, nachdem er ſeine eigenen guten Gaben mit Füßen getreten, auch Deine einſt ſo reiche Seele ausgeplündert. Auch Du wurdeſt ein Opfer der Verwirrung Deines Herzens, Du beſaßeſt nicht die Kraft, eine Entſagung zu wagen, um ein großes Ziel zu erreichen. Nichts iſt gewöhnlicher hier im Leben; Du wurdeſt Deinem Be⸗ ruf untreu und Deine Strafe iſt verdient. Schiebe die Schuld nicht auf zufälliges Mißgeſchick; glaube nicht, daß Intriguen Deinen Fall bereitet haben. Nein, der Fehler liegt ganz allein an Dir ſelbſt, an Deiner Schwach⸗ heit für die Verlockungen der Welt, an der Verwir⸗ rung Deines Herzens in Bezug auf das, was unſer beſtes Glück ausmacht. Dein Auftreten heute Abend war eine Beleidigung gegen die Kunſt; Du haſt Dir 278 eine ewige Sünde gegen das Wahre und Schöne zu Schulden kommen laſſen. Du wollteſt einem Gott die⸗ nen, nachdem Du Dich an den Mammon verkauft hatteſt, nachdem Du die Srlavin der Welt geworden warſt. Das Publikum hat ſo eben ein hartes, aber gerechtes Urtheil über Dich gefällt. Ahnſt Du wohl, von welchen Lippen der erſte Pfiff ertönte 2... Leo⸗ poldine, er kam von den meinigen. Hörſt Du, Kind, ich war es, der Dich aus der Welt der Kunſt in die Verbannung hinaustrieb. „Ach, ich möchte ganz ſo ſtreng ſein, wie ich es in dieſem Augenblick ſein konnte, aber in meiner alten Bruſt erhebt ſich noch eine bittende Stimme für Dich. Ich habe nicht das Herz, mich kalt von Deinem Un⸗ glück abzuwenden. Eine verführeriſche Hoffnung ſpielt wie ein liebenswürdiges Kind mit meinen in Trauer verſenkten Gefühlen. Komm, Leopoldine, noch iſt es vielleicht Zeit für Dich, auf Deinen rechten Weg zu⸗ rückzukehren, noch einmal wird vielleicht Dein Genie den Staub von ſeinen Flügeln zu ſchütteln vermögen, noch einmal wird vielleicht Dein Schönheitsgefühl durch eine veredelte Liebe zur Kunſt geläutert werden; der Funke iſt noch nicht erloſchen, das will ich glauben, er glüht, obwohl unter der Aſche verborgen. Eile, zer⸗ brich die Ketten, die Dich binden, reiß Dich von Maxi⸗ milian los und komm zu mir. Ja, Leopoldine, komm, wenn auch nur um Deine Fehltritte zu beweinen, um dereinſt mit Gewiſſensfrieden ſterben zu können. „Ich hätte Dir dieſes Alles gern mündlich ſagen mögen, aber ich bin meiner Kräfte ungewiß; ich glaube, nicht Ruhe, nicht Muth genug zu beſitzen zu einem Wiederſehen mit meinen Kindern.“ Dieſe Zeilen wurden von heißen Thränen aus Leo⸗ poldinen's Augen befeuchtet. Sie war gerührt von der Zärtlichkeit und dem Leiden, die ſich auch in den ſtren⸗ gen Vorwürfen verriethen. Aber ſie bedurfte keiner langen Ueberlegung, um ihren Entſchluß zu faſſen. 279 Mit Michael's eigenem Briefträger ſchickte ſie ihre Ant⸗ wort. Sie war kurz und lautete: „Vater! „Bitte Gott um die Kraft, mich zu vergeſſen. Laß die Zeit, da wir beiſammen lebten, nur als einen ſchönen Traum vor Deiner Erinnerung ſtehen. Gib Dich Dei⸗ nen Phantaſien über die Kunſt hin, erfreue Dich an allem Schönen, was ſich noch im Leben vorfindet. Aber fliegt gleichwohl Dein Gedanke in einer betrübten Stunde einmal zu Deinem Sohn und zu derjenigen zurlck, welche einſt der Liebling Deiner Hoffnungen geweſen, ach, ſo lauſche auch dem milden Geſang des Engels der Verſöhnung, der in Deinem Herzen wohnt. „Es iſt finſter um mich her, und ich weiß nicht, was mein zukünftiges Schickſal in ſich ſchließt. Daß ich meiner Beſtimmung untreu geworden, kann ich nicht leugnen, und am wenigſten mir ſelbſt gegenüber. beuge unterwürfig mein Haupt vor dem harten Richtkr⸗ ſpruch. Aber was ich als Kün ſtlerin verbrochen habe, will ich als Gattin wieder gut zu machen ſuchen. Ich will mich wenigſtens keiner doppelten Untreue ſchul⸗ dig machen. Kein Unglück verjagt mich von Maximi⸗ lian's Seite; ihm gehört mein ganzes noch übriges Leben.“ Indem ich von meinem Autorenvorrecht, durch ver⸗ ſchloſſene Thüren einzutreten, Gebrauch mache, begebe ich mich jetzt ganz dreiſt in Signora Pariſina's Schlaf⸗ zimmer. Hier bei ihr, die ſo eben bei dem Publikum Glück gemacht hat, die ſo eben applaudirt und geprie⸗ ſen worden iſt, hier, wenn irgendwo, muß doch wohl Glück und Zufriedenheit zu finden ſein? Die Tänzerin ſaß gedankenvoll in einer Sophaecke; ſie fühlte ſich müde von ihren Anſtrengungen, war aber gleichwohl zu unruhig, um den Frieden des Schlafes 280 genießen zu können. Nun ja, die Freude iſt ſo gut wie der Knmmer ein Feind des Schlafes. Sie war jetzt ſicherlich ſehr vergnügt? ch nein, Pariſina war, das iſt ein charakteriſti⸗ ſcher Zug, beinahe niemals vergnügt, wenn ſie ſich allein befand, und die Gedanken, die ſie in dieſer Stunde beſchäftigten, trugen eine ſehr düſtere Farbe. Das Glück verlor für ſie den größten Theil ſeiner Süßigkeit da⸗ durch, daß ſie immer unzufrieden war. Kaum hatte ſie einen Erfolg gewonnen, ſo verlangte ſie auch ſchon mit übertriebenen Forderungen einen neuen, und ihre Triumphe erſchienen ihr immer zu klein. Das Unglück, das den letzteren Theil ihrer öffentlichen Laufbahn we⸗ niger angenehm gemacht, hätte ſie zur Dankbarkeit für das Glück ſtimmen müſſen, das ſich ihr jetzt wieder darbot. Aber dieß war nicht der Fall. Alle Demuth war bereits verſchwunden. Sie maß ihren Sieg nach dem alten Maß, und dieſes erſchien ihr jetzt bei Weitem nicht zureichend. Da ſie von ihrer Kindheit auf ge⸗ nöthigt geweſen war, ihr Publikum genau zu beobachten, ſo hakte ſie ſich in dieſer Beziehung ein ungewöhnliches Feingefühl erworben, und ſie wußte gewöhnlich weit beſſer, als die Zuſchauer ſelbſt, welchen Umſtänden ſie ihren Enthuſiasmus zuzuſchreiben hatte. Ganz D. war der Meinung, daß ſie dieſen Abend einen großen Erfolg gewonnen habe; ſie ſelbſt huldigte einer entgegengeſetz⸗ ten Meinung. „Das iſt noch lange nicht genug; das iſt noch keine feſte Grundlage,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Ich meine, die Menſchen werden mit jedem Jahre matter, ſowohl in ihren Gefühlen als in ihren Fingern. Es liegt jetzt gar zu viel Beſonnenheit in dem Entzücken und gar zu wenig Kraft in dem Händegeklatſche.“ Indem ſie ihre Betrachtungen in dieſer Richtung fortſetzte, wurde ſie immer trauriger und kam zuletzt zu dem für ihre ganze Eriſtenz zermalmenden Reſultat, daß ihre beſten Tage für immer verſchwunden, ihre reich⸗ 281¹ ſten Lorbeeren bereits eingeerntet ſeien. Vielleicht beſſer als irgend Jemand fühlte ſie, daß ihre Kunſt und ihre Schönheit immer in ſo nahem Zuſammenhang mit ein⸗ ander geſtanden, daß ſie als unzertrennlich betrachtet werden konnten. Die Widerwärtigkeiten auf der Künſt⸗ lerlaufbahn wurden daher ein unzweideutiger Beweis dafür, daß auch ihre Schönheit im Rückzug begriffen war. Sie erſchrack vor der unheimlichen Zukunft, die ſich dabei vor ihren Gedanken entwickelte. Sie ſah ſich eines Tags von demſelben Schickſal ergriffen, das ſo eben Leopoldine getroffen hatte. Noch mehr, ſie ſah den Bankerott ihrer eigenen Schönheit. Ach, was konnte alſo ihr noch übriges Leben anders werden, als ein unaufhaltſamer Fall? Von der Höhe, auf der ſie ſich noch behauptete, gähnte ihr ein Abgrund des Elends entgegen. Wie ſchnell konnte ſie nicht denſelben hinab⸗ gleiten! Was an dem einen Tag nur ein Fehltritt genannt wird, heißt am andern ein Laſter. Bei dieſer Auffaſſung ihrer mißlichen Stellung wurde es ihr klar, daß ſie ſich auf einem Punkt befand, wo ein entſcheidender Bruch geſchehen mußte, wo ihre Rettung nur von einem ganz neuen Lebensplan abhing. Darüber nachgrübelnd flogen ihre Gedanken weit um⸗ her, blieben jedoch immer bei dem Grafen Manfred ſtehen.* Es wäre ſchwer, die Beſchaffenheit des Gefühls näher zu beſtimmen, das ſie an dieſen Mann feſtknüpfte. Man könnte es Liebe nennen, die unter die Vormund⸗ ſchaft des Eigennutzes geſtellt worden, eine Liebe, die, beſtändig dadurch verletzt, daß ſie keine Erwiederung fand, beſtändig auf Rache lauerte und zu gleicher Zeit Zärtlichteit und Erbitterung athmete. Als Pariſina ihm in höherem Grad als irgend einem Andern ihre Gunſt geſchenkt hatte, war dieß mit einer gewiſſen Pro⸗ centberechnung geſchehen. Sie glaubte nämlich, daß ſeine Protection als Theaterdirector ihr vollen Erſatz für ihr Opfer geben würde, aber auch hierin hatte ſie“ ſich getäuſcht. Der Graf ſtand auf ſeinem Platz ebenſo unſicher, wie ſie auf dem ihrigen, und einer der Be⸗ kanhten der Signora, den ſie mit Recht als wohlunter⸗ richtet betrachten durfte, hatte ihr, als ſie neulich das Theater verließ, in's Ohr geflüſtert, Graf Manfred's Entlaſſung ſei unwiderruflich beſchloſſen in demſelben Augenblick, wo eine Auspfeifung in der königlichen Oper ſtattfände, und Leopoldinen's Fall werde den ſei⸗ nigen mit ſich ziehen. Nachdem ſie lange ängſtlich zwiſchen verſchiedenen Plänen geſchwankt, ſah man endlich an dem beſtimm⸗ ten Ausdruck in ihren Zügen, daß ſie einen entſcheiden⸗ den Entſchluß gefaßt hatte. Sie richtete ſich auf und ihre ganze Haltung deutete jenen Muth der Verzweif⸗ lung, jene Verwegenheit an, welche dem Spieler ange⸗ hört, wenn er ſein letztes Geld auf eine einzige Karte wirft. „Ich laſſe ihn nicht los,“ ſagte ſie,„ich habe ihn in meinen Netzen, und da ſoll er bleiben!... Graf Manfred iſt nicht mehr Theaterdirector, das mag ſein, aber er iſt jedenfalls ein reicher Mann, und er ſoll erfahren, was es heißen will, von einem Weibe meiner Art geliebt zu werden.“ Die Signora ſchien ſich über ihre eigene Kraft in dieſem Vorſatze zu freuen, aber die Freude erſtarb in einem qualvollen Seufzer, als ſie näher betrachtete, was der gefaßte Beſchluß für ſie in ſich ſchloß, als ſie all' die Anſtrengungen, all' die Liſt, all' die Heuchelei zuſammenrechnete, die ihre neuen Pläne in Anſpruch nahmen. Die vielgeprieſene Tänzerin hatte alſo kaum eine ruhigere Nacht, als die ausgepfiffene Sängerin. 283 ⸗ XXM. Schlußſecene. Man muß geſtehen, dieſe ehrlichen Leute ſind ſelbſt die Schmiede ihres Schick⸗ ſals geweſen. Pieard. Wenn der geneigte Leſer— der ungeneigte hat mich ſicherlich ſchon lange verlaſſen— wünſchen ſollte, die Perſonen noch einmal zu ſehen, welche die Hauptrolle in dieſer Erzählung gehabt haben, ſo erlaube ich mir den Vorſchlag, über volle fünf Jahre wegzuſpringen und mit Courierpoſt der Phantaſie auf's Neue eine Reiſe zu unternehmen. Wir verfügen uns nach Berlin, und wo könnten wir da eine beſſere Unterkunft finden, als in dem präch⸗ tigen Hötel du Nord unter den Linden?... Wir treten zuerſt in den vornehmſten Stock eine Treppe hoch. Hier in einem ſo prachtvoll dekorirten und möblir⸗ ten Gemach, daß man vor fünfzig Jahren nur in fürſt⸗ lichen Paläſten ähnliche fand, ſehen wir eine Seene, die mit der Eleganz umher ſchlecht übereinſtimmt, nämlich einen ehelichen Zank. An einem der Fenſter ſitzt eine Dame, noch ſchön, obſchon etwas abgeblüht. Ihre Stellung iſt höchſt gleich⸗ gültig. Halb liegend in einer Canſeuſe, hat ſie die Füße auf einen Schemel geworfen. Ihre Kleidung iſt in Unordnung. Wahrſcheinlich iſt ſie ſo eben von einer Promenade zurückgekommen, denn ſie hat den Hut noch auf dem Kopf, Shawl, Handſchuhe und Nastuch lie⸗ gen auf dem Boden umher zerſtreut. Ein Stück davon ſteht ihr Mann, eine ſtattliche Perſon mit Zügen, die man langweilig genug vor⸗ nehme Züge nennt. Dieſe ſind jedoch für den Augen⸗ * 284 1 blick durch einen aufflammenden Zorn bedeutend ent⸗ ſtellt. Auch er hat den Hut auf dem Kopf und hält einen Stock in ſeiner Hand. Der Wortwechſel iſt lebhaft. „Du biſt ein verächtliches Weib, Pariſina.“ „Und Du, Manfred, ein abſcheulicher Mann.“ „Ein Weib ohne Sitten!“ „Ein Mann ohne Ehre!“ „Ohne Tugend!“ „Ohne Herz!“ „Eine Cvurtiſane!“ „Ein Tyrann!“ „Ich hätte gute Luſt...(droht mit dem Stock.) „Verſuch's einmal!:.. Eergreift ein Kiſſen und iſt bereit es ihm in's Geſicht zu werfen.) „Deine Aufführung, Pariſina, iſt ein Schimpf für meinen Namen.“ „Und der Deinige eine Schande für das ganze männ⸗ liche Geſchlecht.“ „Haſt Du nicht ſo eben...“ „Was habe ich?“ „Ja, Du haſt auf einer öffentlichen Promenade durch Deine Mienen und Geberden die Aufmerkſamkeit all dieſer Tagdiebe auf Dich gelockt. Und dieſer lange Of⸗ fizier da, der uns beſtändig verfolgt, glaubſt Du, ich habe die geheimnißvollen Blicke nicht geſehen, die ihr mit einander wechſeltet? glaubſt Du, ich begreife nicht, was ſolche Blicke bedeuten?... Du vergiſſeſt beſtändig, daß Du Gräfin biſt, und obſchon Du nicht mehr tanzeſt, ſo ſitzt Dir doch die Tänzerei noch immer im Herzen. Du willſt mich zu einem Geſpötte für alle Welt machen. Wohin wir uns wenden, überall biſt Du dieſelbe leichtſinnige Kokette, und gleichwohl habe ich Dir ſchon hundertmal verboten, jungen Männern Deine Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ „Hahaha! jetzt muß ich lachen. Was kann lächer⸗ licher ſein, als dieſe beſtändige Eiferſucht?2“ 285 „Wie kannſt Du verlangen, daß man einem Weib, wie Du biſt, glauben ſoll?“ „Man könnte ſich beinahe einbilden, Du liebeſt 06 „Schmeichle Dir nicht mit einem ſolchen Glauben.“ „O nein, Manfred, ich kenne Dich wohl. Nicht die Liebe iſt es, die Dich eiferſüchtig macht, ſondern die Eitelkeit. Du willſt den Leuten weiß machen, daß ich Dich vergöttere, daß ich, gegen die ganze. übrige Welt vollkommen gleichgültig, für Dich allein lebe. Und deßhalb bewachſt Du mich, wie wenn ich eine Ge⸗ fangene wäre, und Du zerſtörſt alle meine Vergnügun⸗ gen und machſt mir das Leben unerträglich... So eben erſt auf der Promendde z. B./ juſt als es anfing am lebhafteſten zu werden, als man mich zu bemerken begann, juſt da zogeſt Du mich weg und kniffeſt mich in Deinem Zorn ſo derb in den Arm, daß es mich no jetzt ſchmerzt Habe ich nicht alles Recht Dich zu verabſcheuen 2“ „Und dieß iſt der Lohn für alle meine Opfer? die Erde trägt kein undankbareres Weib, als Du biſt.“ „Immer dieſelben Anſprüche auf Dankbarkeit. Ich ſollte Dir wohl, meinſt Du, wenigſtens einmal in der Stunde die Hand dafür küſſen, daß Du in Gna⸗ den geruht haſt, mich zu Deiner Frau zu machen. Nein, mein Herr, ſo einfältig werde ich nie ſein. Wenn Sie eine Thorheit begingen, indem Sie mir Ihre Hand ſchenkten, ſo haben Sie die Schuld lediglich ſich ſelbſt zuzuſchreiben.“ „Und niemals werde ich mir dieſe Thorheit ver⸗ zeihen können. Ich war einſt ein glücklicher, angeſehe⸗ ner Mann, beneidet von Allen; aber ein unſeliges Schickſal führte Dich in meinen Weg. Du hingeſt Dich an mich feſt, Du hatteſt mein Verderben geſchworen und mit teufliſcher Liſt wußteſt Du Deinen Plan zu vollführen. Von Dir verlockt, verleitet, beging ich eine Narrheit um die andere. Grauſam verunglimpft, be⸗ 286 ſchloß meine unglückliche Frau endlich ihr trauriges Daſein, und als Du nachher meinen Sinnenrauſch auf eine Höhe triebeſt, die Wahnſinn war, verleiteteſt Du mich durch die hinterliſtigſten Intriguen, daß ich Dir in einem Au⸗ genblick unverzeihlicher Schwachheit meine Hand ſchenkte. Wie bin ich nicht ſeit dieſer Zeit ein Gegenſtand des Spottes und der Verachtung geworden! Meine Familie will mich nicht mehr anerkennen. Alle meine Bekannte kehren mir den Rücken. Ich habe keine Fräude mehr in meiner Heimath, ſondern muß wie ein Flüchtling in der Welt umherirren. Immer geht mir jedoch die Fama voraus. Ueberall finde ich jetzt die Geſellſchaftskreiſe, denen ich durch meine Geburt angehöre, verſchloſſen, und an Deiner Seite, Poriſina, habe ich auch nicht einen einzigen friedlichen Augenblick. Auch Du com⸗ plottirſt gegen mich und drohſt das Maß meiner Ernie⸗ drigung voll zu machen.“ „Das Gemälde iſt nicht ohne Effekt, das muß ich zugeben. Aber ich könnte daneben ein Pendant ganz in demſelben Genre aufhängen, das Gemälde meines eigenen Lebens Du ſprichſt von Geburt, aber was wollen wohl alle Deine Ahnen beſagen gegen meinen Künſtlerruf? Der Name Signora Pariſina war einſt in der ganzen Welt beſſer bekannt, als der Name des Gra⸗ fen Manfred es jemals werden wird. Aber Du raubteſt mir mein Herz. Dir zu Liebe ſtieg ich von meinem Herrſcherthron herab und übergab meine Freiheit in Deine Hand. Womit haſt Du wohl dieſe koſtbaren Opfer vergolten? Haſt Du mir auch nur einen Augen⸗ blick eine wahre und ehrliche Ergebenheit geſchenkt! Und der vornehme Rang, den Du mir gegeben, hat er etwas Anderes, als Verleumdungen mit ſich geführt? Als Tänzerin habe ich ſogar Fürſten zu meinen Füßen ge⸗ ſehen, aber als Deine Gattin ernte ich nur Verachtung von dieſen hochmüthigen Pinſeln, die Du Deines Glei⸗ chen nennft, während Du ſelbſt mir jeden kleinen Triumph 287 miſginei⸗ der meiner weiblichen Natur noch ſchmeicheln önnte.“ „Sie vergeſſen, Pariſina, daß Ihr Talent bereits im Verfall war, als Sie, wie es jetzt heißt, mir zu Liebe das Theater verließen?“ „Ich kann mich auch nicht erinnern, daß ich Sie erzählen hörte, daß Sie bereits als Theaterdirektor ver⸗ abſchiedet und Ihres unmoraliſchen Wandels wegen für immer am Hof in Ungnade gefallen waren, bevor Sie mich mit Ihrer Hand beehrten.“ „Höre, Pariſina, haſt Du die wohlbekannten Ab⸗ ſchiedsworte gehört, welche die Königin Chriſtine von Spanien zu dem Wagnerſohne Eſpartero ſagte?. Ich habe Dir Alles gegeben, Eſpartero, ſagte ſie, ich habe Dich zum Grafen, zum Siegesherzog, zum Gran⸗ den von Spanien gemacht, aber Etwas habe ich nicht aus Dir machen koͤnnen— einen Edelmann!. Ich möchte mich im ſelben Geiſte gegen Dich ausſprechen. Ich habe Dir Alles gegeben, Pariſina, ich habe Dich reich, habe Dich zur Frau eines vornehmen Mannes gemacht, ich habe Dir einen glänzenden Namen, eine Grafenkrone gegeben; aber Etwas habe ich nie aus Dir machen können— ein ehrbares Weib.“ Pariſina, die inzwiſchen ihre Blicke auf die Straße hinab gerichtet hatte, winkte jetzt mit der Hand ihrem Manne, näher an's Fenſter zu treten. „Komm hieher, Manfred,“ ſagte ſie.„Siehſt Du den armen Arbeiter dort und die Frau, die ſicherlich ſein Weib iſt, wie ſie da ihre Laſten niedergelegt haben und unter dem Baum uns gerade gegenüber ausruhen. Merke, wie unverwandt ſie dieſes Fenſter betrachten. Sie ſehen dieſe koſtbaren Gardinen von Sammet und Spitzen, ſie ſehen die Blumen, die vor den Fenſtern prangen, ſie ſehen mich in dieſem glänzenden Aufzug, dieſen funkelnden Kleinodien; und endlich Dich hier an meiner Seite. Was glaubſt Du wohl, daß ſie in dieſem Augenblick denken?.. Ja, Manfred, ſie halten unſer Lvos für beneidenswerth; ſie glauben, daß wir, die wir all dieſen Lurxus beſitzen, Nichts mehr zu wünſchen ha⸗ ben, daß unſer Leben nur Freude und Genuß ſei. Ach, wer ſo glücklich wäre! denken ſie.“ 1. Schweigſam betrachtete die gräfliche Herrſchaft die Arbeiterfamilie unten auf der Straße. Nach einer Weile wurden die niedergelegten Laſten wieder aufgenommen. Der Mann trug eine bedeutende Laſt, aber als er ſich bereits in Gang geſetzt hatte, ſchien er Mitleid mit den allzu ſehr gedruͤckten Schultern ſeiner Frau zu empfin⸗ den, und er nahm ihr noch einen weiteren Theil ab. Darauf ſetzten ſie ihren Weg fort. Er ſchien ſtolz auf ſeine Stärke, und ſie, die hinter ihm ging, ſuchte mit der einen Hand unbemerkt ſeine Mühe zu erleichtern. Ich weiß nicht, welchen Eindruck dieſer Zug ein⸗ facher Herzlichkeit auf die Ehegatten im Fenſter machte, aber ſie ſchienen einige Bedeutung daran zu knüpfen; 6 denn ſie ſeufzten Beide ſehr ſchwer. Vielleicht empfan⸗ den ſie auch ein Gefühl des NReides, einen Wunſch, mit Einigkeit die Laſten ihres Lebens tragen zu önnen. S Der Zank war inzwiſchen für dießmal au 8.„ „ Die Wohnung eine Treppe höher, iſt nicht minder behaglich, obſchon nicht vollkommen ſo lururiös. In einem großen, hellen und heiteren Zimmer treffen wir eine kleine Geſellſchaft von drei Perſonen; zwei Damen und einen Herrn⸗ Die beiden Erſtgenannten ſitzen bequem, aber ganz und gar nicht übermüthig, jede in ihrer Sophaecke und ſcheinen eine behagliche Ruhe zu genießen. Sicherlich ſind auch ſie kaum erſt von einer Promenade zurückge⸗ kommen, denn ſie ſind ſehr echauffirt, und ihre Schuhe und Kleider wiſſen viel von dem berüchtigten Berliner Staub zu erzählen. 289 Im Uebrigen ſcheinen dieſe beiden Damen wahre Prachteremplare von Wohlbefinden zu ſein. Man findet bei ihnen etwas ſo Reelles; große, grobgliederige Figu⸗ ren und wohlgebildete, üppige Geſichter. Eine kränkliche Phantaſie oder ein nervenſchwaches Gefühl hat wahr⸗ ſcheinlich niemals an ihrer Lebenskraft gezehrt. In ihren Zügen blühen zwar nicht mehr Jugend und Schönheit, aber doch Geſundheit und Kraft, und eine ſolche Schön⸗ heit hat auch ihre Reize. Ganz daſſelbe könnte man von dem zur Geſellſchaft gehörenden Herrn ſagen, der gegenwärtig vor dem Spie⸗ gel zwiſchen den Fenſtern ſteht und beſchäftigt iſt, einen neuen Frack zu probiren. Bei ihm muß man jedoch trotz ſeiner ſehr ehrenwerthen Haltung eine etwas zu große Korpulenz tadeln. Seine Kinnwulſte ließen ſich kaum zählen. Sie ſchienen getreu auf einander zu fol⸗ gen, wie im Meer Woge auf Woge, von der Kehle an über die Bruſt hinab bis auf den Magen, von dem man ſagen konnte, daß er der letzte wie guch der reſpek⸗ tabelſte von allen Wulſten war. Sn dieſen Perſonen wird der Leſer, der ein gutes 6G tniß hat, vielleicht alte Bekannte aus dem An⸗ fang dieſer Erzählung wieder erkennen, nämlich den Notar Abſalon und Frau Regina's beide Töchter, Roſina und Lilia. Aber jetzt waren die Verhältniſſe in ſofern verändert, daß in dem Fremdenbuch des Botels zu leſen ſtand: Bürgermeiſter Abſalon aus X. nobſt Frau und Schwägerin. Seit Abſalon ſeine hohe Beförderung errungen, hatte er für gut befunden, zur Verherrlichung ſeines Anſehens eine Reiſe in's Ausland zu unternehmen, und nachdem die Frage manches Jahr in der Schwebe geblieben, war der 6 Plan— Frau Regina nannte ihn recht und ſchlecht eine kindiſche Eitelkeit— endlich in's Werk ge⸗ ſetzt worden. Man hatte ſich auf volle vierzehn Tage von der Heimath losgeriſſen, um die Welt zu beſehen. Berlin war das Ziel der Reiſe. Ein Funke. II. 49 290 Der Herr Bürgermeiſter ſtand, wie geſagt, vor dem Spiegel und beſchaute ſeinen kaum erſt vom Schneider geſchickten Frack. Aber dieſe ſeine Frackbetrachtung ging allmälig in eine Selbſtbetrachtung über. Mit Wohl⸗ behagen lächelte er ſeinem eigenen Bilde entgegen und gewährte in dieſem Augenblick die höchſt ſeltene Erſchei⸗ nung eines Mannes, der mit ſich ſelbſt und der Welt zufrieden iſt. „Gerade ſo,“ bemerkte er in ſeinen Gedanken, „muß der Mann ausſehen, der ein gutes Gewiſſen, eine gute Geſundheit, ein gutes Amt und eine gute Frau beſitzt.“ Er zog jetzt ſeine goldene Doſe heraus und nahm eine tüchtige Priſe. Auch dieß, meinte er, ſtehe ihm über alle Maßen gut. Aber der köſtliche Tabak wirkte beſonders belebend auf ſeine Phantaſie; ſie nahm einen kühnen Flug, und es däuchte dem ſelbſtzufriedenen Mann, als ſei er auf einmal an das Zellthor daheim in. verſetzt und halte dort an der Spitze der ſtädtiſchen Bürgerſchaft eine Anrede an den König des Landes. Es war ein feierliches Gefühl, das ſich in dieſer Stunde ſeiner bemächtigte, und einen Augenblick darauf meinte er, einen kleinen, ſchönen Ordensſtern auf ſeiner breiten Bruſt glitzern zu ſehen. Da in demſelben Mo⸗ ment ſeine Naſe, gleichſam um die Viſion glaubwür⸗ diger zu machen, ſch in einem lauten Nieſen äußerte, hörte er ſehr deutlich, wie die ganze Rathsverſammlung mit einem Munde rief: Proſit, Herr Bürgermeiſter und Ritter! Dieſe Vorſtellung war ſo lebhaft, daß er ſich umwenden mußte, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß er nur in einer Einbildung lebe. „Suchſt Du Etwas, lieber Abſalon?“ fragte eines der Frauenzimmer auf dem Sopha, die ſeine haſtige Bewegung bemerkt hatte. Aber der liebe Abſalon wollte nicht geſtehen, daß er eine Ritterſchaft ſuchte. Er hielt es für angemeſſener, 291 zu ſeiner urſprünglichen Beſchäftigung, nämlich mit dem Frack, zurückzugehen. „Es iſt merkwürdig, wie die Aufklärung ſteigt, wie die Künſte und Wiſſenſchaften vorwärts ſchreiten,“ ſagte er.„Seht nur dieſen Frack an, er iſt ja ganz, wie wenn er mir an den Leib gegoſſen wäre; höchſt merk⸗ würdig, auf meine Ehre. Ja, die Schwiegermutter mag ſagen, was ſie will,“ fügte er ſcherzhaft hinzu,„ich habe auf meiner Reiſe bereits eine beſſere Bildung ge⸗ wonnen. Aber Du ſitzeſt ja da und ſchläſſt halb, meine liebe Alte; ich dächte wahrhaftig, Du ſollteſt Deinem Mann in die Arme fliegen, wenn er ſich in einem ſolchen Frack zeigt.“ Der Aufforderung wurde Folge geleiſtet. Aber es ſah ganz ſo aus, als wenn Abſalon zwei Alte gehabt hätte, denn die beiden Schweſtern verließen zu gleicher Zeit den Sopha, eilten gleich willig auf ihn zu, und die eine klopfte ihn auf die rechte, die andere auf die linke Wange. „Mein lieber Abſalon!“ ſagte Roſina. „Mein lieber Abſalon!“ ſagte auch Lilia. Dieſe Uebereinſtimmung, ſelbſt in der Ergebenheit der guten Schweſtern, zeigte ſich ſehr verwirrend für Jeden, der darüber klar zu werden wünſchte, welche von Beiden eigent⸗ lich Frau Bürgermeiſterin titulirt werden ſollte, und wenn man ſich erinnerte, wie Abſalon in ſeiner Junggeſellen⸗ zeit in ſeiner Wahl ſchwankte, ſo konnte man leicht genug auf die Idee gerathen, er habe endlich, um aller Verlegen⸗ heit ein Ende zu machen, Beide zugleich genommen. Es wäre jedoch überflüſſig, hinzuzufügen, daß die Sache in Wirklichkeit ſich nicht ſo verhielt. Daheim in. fanden ſich nicht mehr als vier hellgelockte und ſtämmige Poſaunenengel vor, welche alle Roſinen und ganz und gar nicht Lilia ihr Daſein zu verdanken hatten. Der⸗ gleichen ſprechende, ja ich möchte ſagen, ſchreiende Be⸗ weiſe ließen ſich nicht widerlegen, ioßhrn man ſonſt bei manchen Gelegenheiten meinen konnte, tiß das Eigen⸗ 292 thumsrecht ſowohl auf den Mann als auf die Kinder Feiti ſei. achdem Abſalon eine Weile wohlbehaglich die beiderſeitigen Liebkoſungen entgegengenommen, ſchob er die Frauenzimmer ſachte von ich. „So, ſo„«ſagte er,„jetzt iſt es für dießmal ſchon Pnugt es iſt gerade, als ob ihr vierhändig auf meinen ackenknochen ſpieltet.“ Dieſen Einfall fanden die beiden Schweſtern un⸗ gemein ſpaßhaft. 6i„Wie luſtig Du biſt, lieber Abſalon!“ ſagte die ine. yi„Du haſt immer ſo gute Ideen!“ fügte die andere inzu. „Ideen?“ wiederholte der Bürgermeiſter,„nein, das iſt nicht wahr. Ich habe niemals Ideen, es iſt mein Princip, keine Ideen zu haben, und juſt darum bin ich ſo glücklich.“ Bei ſich ſelbſt ſetzte er im Stillen ſeine Betrach⸗ tungen folgendermaßen fort: „Ich habe eigentlich nie mehr, als ein einziges Mal in meinem Leben eine Idee gehabt, das war da⸗ mals, als ich mich in meiner Jugend in dieſe Leopol⸗ dine da verliebte. Ich nahm jedoch, Gott ſei Dank, meine Vernunft gefangen, wie es einem Manne anſteht, der beſtimmt iſt, die höchſten Stufen der Geſellſchaft zu erſteigen. Es war nicht Levpoldinens Schickſal, Bürger⸗ meiſterin zu werden. Aber was ſie geworden iſt, das arme Ding, das mag Gott allein wiſſen; über eine ſolche Abenteurerin läßt ſich nicht ſo leicht ein Buch führen.“ 3 Roſina und Lilig hatten inzwiſchen ihre Plätze auf dem Sopha wieder eingenommen und ſchienen ſehr ge⸗ neigt, ein kleines Schläfchen zu machen. Kaum war es ihnen jedoch gelungen, ihre Augen zu ſchließen, als Abſalon wieder brummte: 293 „Tummelt Euch jetzt, wir müſſen wieder hinaus und noch mehr anſehen.“ „Es iſt unmöglich, ich kann nicht; meine Füße find ganz wund.“ „Ich bin ſo müde, ſo müde. wir ſind ja den ganzen Vormittag in der Stadt herumgeſprungen.“ „Und dieſer ſchreckliche Staub.“ „Und dieſe ſchrecklichen Muſeen!“ „Ich bitte mir aus, daß Ihr nicht zu weichlich ſeid„Bedenkt doch, es iſt eine Luſtreiſe, wir ſind ja bloß hier, um uns luſtig zu machen; es bleibt noch viel übrig, es iſt noch Vieles zu ſehen, da ſchaut her.“ Damit zog er ein endloſes Promemoria über ſämmt⸗ liche Merkwürdigkeiten der Stadt hervor. Die Frauen⸗ immer ſeufzten ſchwer, als ſie die lange Liſte ſahenz e waren nicht die erſten, die bei einer Luſtreiſe die Erfahrung machten, daß es ſich ungemein ſchwer hält⸗ zu amüſiren Einige Stunden ſpäter wanderte Abſalon mit Ro⸗ ſina am einen und Lilia am andern Arm in der großen Tivoli⸗Anlage draußen vor dem Brandenburger Thor. Sie hatten hier eine unglaubliche Menge Merkwürdigkeiten gefunden, über die ſie ſich verwundern konnten; aber die große Rutſchbahn hatte ihrem Geſchmack ganz be⸗ ſonders zugeſagt. Die Damen, die während der Herabfahrt einige Anwandlung von Seekrankheit verſpürt hatten, fanden dieſes ſinnreiche Vergnügen ſchauerlich ſchön, und der Bürgermeiſter ſelbſt bemerkte wohl zum hundertſten Mal an demſelben Tag: „Es iſt merkwürdig, wie die Aufklärung ſteigt, wie die Künſte und Wiſſenſchaften voranſchreiten.“ Aber hier bot ſich ein ſolcher Ueberfluß von Ver⸗ znügungen dar, daß man unmöglich alle genießen onnte. So eben noch hatte man zugeſehen, wie eine Rieſen⸗ ⸗ 294 ſchlange ein lebendiges Kaninchen verſchluckte; jetzt ging es weiter in ein Theater, wo man einen muſikaliſchen Genuß zu erwarten hatte. Bald nach der Ankunft der Geſellſchaft begann das Orcheſter aufzuſpielen. Die Kapelle war ſehr klein und beſtand, wie man leicht finden konnte, aus einem Haufen ganz gewöhn⸗ licher Bierfiedler. Aber der Chef, der auf einem be⸗ deutend erhöhten Platze ſaß, gab ſich ein Air und führte ſeinen Stab ſo prachtvoll, ſo großartig, wie wenn er eine der größten und ausgezeichnetſten Opernkapellen dirigirte. Die Spielenden ſaßen ganz ruhig, um nicht zu ſagen ſchläfrig da und behandelten ihre Inſtrumente vollkommen handwerksmäßig. Er dagegen ſchien haupt⸗ ſächlich darauf auszugehen, das muſikaliſche Gefühl zu repräſentiren, und ſein Zweck war offenbar, durch Mie⸗ nen und Geberden dem Ganzen einen Ausdruck und Charakter zu geben. Bei einem Polce ſah man ihn gleichſam aus eitel Wonne zerſchmelzen. Bei einem Furioso hinwiederum war er grimmig wie ein Jupiter tonans; bezeichnete er ein Piano, ſo wurde ſein ganzer Menſch ein lebendiges Pianiſſimo. Ein ſanftes Hüſchen ſchwebte über ſeine Lippen, die Augen ſchloſſen ſich, der Kopf ſank gleichſam aus Mattigkeit auf die eine Schulter, die Arme ſtreckten ſich aus, ſelbſt die Fingerſpitzen be⸗ kamen einen ſchlafferen Ausdruck, und die Hände wur⸗ den nach Außen gekehrt, gleichſam um die Töne wegzu⸗ ſchieben, oder auch langſam auf und ab bewegt, ganz als wären ſie Schwingen, womit er ſich in höheren Regionen ſchwebend erhielt. Dann kam gewöhnlich un⸗ mittelbar darauf ein Forte. Da konnte man ſich ein⸗ bilden, eine Dampfmaſchine von wenigſtens hundert Pferdekraft arbeite in ihm und ſetze ſeine Glieder in Bewegung. Mit dem Taktſtock ſchlug er auf's Schonungs⸗ Loſeſte auf den Notenpult ein, ſtampfte mit den Füßen und ſchlug wie ein Wahnſinniger um ſich„ All dieſe wechſelnden Geberden wurden mit einer gewiſſen Eleganz ———,— 295 ausgeführt, aber das uebertriebene und Affektirte in ſeinen Bewegungen machte nichtsdeſtoweniger einen ko⸗ miſchen Effekt. Als die Ouvertüre auf ſolche Art herausgequält worden war, ging der Vorhang in die Höhe. Die Bühne blieb indeß noch eine Weile leer, und während der Erwartung, die jetzt entſtand, hatte man ſich nur an einem ſehr betrübten Kindergeſchrei hinter den Couliſſen zu vergnügen, das ebenfalls bei dem Publikum große Munterkeit und viele luſtige Bemerkungen hervorrief. Endlich trat die erwartete Sängerin auf. Nachdem ſie ganz nahe an den Rand der Bühne gekommen, nahm ſie eine fröhliche Miene an und begrüßte die Verſammlung mit einem ehrfurchtsvollen Compliment; aber weder das Lächeln auf ihren Lippen, noch die Schminke auf ihren Wangen konnte das tiefe Leiden verbergen, das ſich in ihren noch ſchönen, obſchon durch⸗ furchten und abgezehrten Zügen ausdrückte. Die Be⸗ mühung, fröhlich zu erſcheinen, machte nur einen ſcharfen, ſchneidenden Contraſt gegen das Betrübte in ihrem ganzen Weſen. Sie führte eine ſehr großartige und brillante Arie von Gott weiß welchem Componiſten aus. Es wäre unrecht, zu behaupten, daß ſie ohne alles Talent ſang, denn ſie beſaß noch immer wenigſtens eine ſchwache Reminiscenz von entflohenen beſſeren Tagen; aber die Stimme war klanglos, die höheren Löne bedeutend heiſer und der Vortrag kalt. Wer ihr mit Aufmerk⸗ ſamkeit zuhörte, fand jedoch trotz all dieſer Gebrechen etwas Rührendes in ihrem Geſang, das Mitleid her⸗ vorrief, und unter dem prunkenden Aufzug von zier⸗ lichen, obſchon oft ſehr mißlungenen Coloraturen verrieth ſich dazwiſchen hinein ein blutendes Herz. Es war, wie wenn ein ſchönes Auge durch eine garſtige, ſteife und ſeelenloſe Maske hindurchblickt. Als der Geſang verſtummt war, hörte man von mehreren Seiten ſtarke und ſehr lärmende Applauſe, nebſt dem Ruf Dacapo. Dieſe Beifallsäußerung, in 296 welche das Publikum einzuſtimmen keine Luſt zeigte, trug ein mit Recht verdächtiges Gepräge, wie wenn ſie beſtellt wären, und daß es ſc wirklich ſo verhielt, er⸗ ſchien noch wahrſcheinlicher, wenn man ſah, mit welcher eſchäftigen Bereitwilligkeit der Chef des Orcheſters den chwachen Ruf als einen Ausdruck des allgemeinen Wunſches deutete. Auch die Sängerin ſchien die Sache aufzufaſſen, wie wenn ſie einen großen Triumph er⸗ rungen hätte. Um ihre Dankbarkeit zu zeigen, machte ſie tiefe Knikſe nach allen Seiten und ſchien dabei ihr ganzes Talent aufzubieten, um recht vergnügt und glück⸗ lich auszuſehen; gleichwohl bemerkte man, daß, während ſie ſich anſchickte, von Neuem zu beginnen, über ihre Lippen ein Seufzer ſich ſtahl, ein Seufzer, der zu klagen ſchien: Iſt es denn noch nicht aus? Die Herren im Orcheſter ſaßen bereits mit der Geige unter dem Kinn oder den Blasinſtrumenten vor dem Mund da, und der Director war juſt im Begriff, ſeinen Taktſtock zu erheben aber in demſelben Augen⸗ blick hörte man wieder Kindergeſchrei hinter einer der Couliſſen. Eine ſchluchzende Kinderſtimme rief Mama! Mama! und unmittelbar darauf kam ein ſchönes kleines Mädchen von ungefähr zwei Jahren auf die Bühne ge⸗ ſprungen, ging auf die Sängerin zu und griff mit bei⸗ den Händchen feſt in ihr Kleid. Die Zuſchauer, die ſich nicht ſonderlich feinfühlend zeigten, brachen bei dieſem Ereigniß in eine Salve von Gelächter und Geklatſch aus. Aber die Sängerin ſchien in dieſem Augenblick ihren Platz und ihre Umgebung gänzlich vergeſſen zu haben. Sie nahm die Kleine auf ihre Arme, drückte ſie mit Wärme an ihre Bruſt und küßte ſie. Dieſes Weib, das kaum noch ſo kalt geſchienen, war jetzt die Zärtlichkeit ſelbſt. Die Demuth verwandelte ſich in einen edlen Stolz. Ihre Blicke ſtrahlten. Das Trauerge⸗ wand, das ihre Züge getragen, bekam einen Roſen⸗ ſchimmer von der Freude, die aus dem Herzen kommt, 297 und die Mutterliebe gab ihrer ganzen Geſtalt ein ver⸗ jüngenderes, verſchönerndes Leben. Durch das lärmende Geſchrei des Haufens wieder zur Beſinnung gerufen, machte ſie mit dem Kind auf dem Arm einen haſtigen Abſchiedsgruß gegen das Publi⸗ kum und eilte hinaus.. Glücklicher Weiſe für ſie war jetzt Niemand da, der verlangte, daß ſie oder ihre Arie noch einmak zum Vorſchein kommen ſollte. Aber ſowohl unſer Bürgermeiſter als ſeine Damen wurden von einer großen Ueberraſchung getroffen. Vom erſten Augenblick an, wo die Sängerin auftrat, hatten ſie jedes für ſich das Gefühl einer dunkeln Erinnerung gehabt, die ſich zur Klarheit emporarbeiten wollte. Jetzt, juſt bei der letzten unvermutheten Scene, hatten ſie auf einmal eine deutliche Gewißheit empfunden. „So wahr ich lebe,“ rief Abſalon,„es iſt5 „Ja, ja,“ ſtimmten die Schweſtern ein,„es iſt Leopoldine.“ Um näheren Aufſchluß zu erhalten, entlehnte der Bütgermeiſter einen Theaterzettel und las hier in prun⸗ kenden rothen und blauen Buchſtaben: Im Theater wird gegeben: 1. 6—7 Uhr. Verſchiedene höchſt intereſſante akrobatiſche Leiſtungen und Zauberkünſte, ſowie das ſehr beliebte Pas gracieux d'amour mit Holzſchuhen und verbundenen Augen. Alles von dem ausgezeichneten Künſtlerpaar Maſter und Mliſtreß Grog von London. 298 2 Ein großes muſikaliſches Divertiſſement. Das Orcheſter wird dirigirt von dem berühmten* Conzertmeiſter und Compoſiteur Herrn Maximilian. Wobei mehrere Bravour⸗ und Buffo⸗Arien geſungen werden von der berühmten Solo-Sängerin, ehemaligen Primadonna an der königlichen Oper in D., Madame Leopoldine. 3 Jetzt war man alſo in ſeinem Glauben gehörig dokumentirt, und es konnten keine weiteren Zweifel mehr in Frage kommen. „Ja, denkt Euch, ſie iſt es wirklich,“ begann Ab⸗ ſalon wieder.„Hu, mir iſt es ganz ſchwach in den Knien.“ „Sie iſt gewiß ſehr unglücklich,“ ſagte Roſina. „Wollen wir verſuchen, ob wir mit ihr ſprechen können 2“ fragte Lilia zögernd. Nach kurzer Ueberlegung hiel man es für's Klügſte, ſich nichts anmerken zu laſſen, ſondern ſich ſogleich zu entfernen. Das that man auch und begab ſich in die nächſte Conditorei, wo man mit Eis und Limonade die auf⸗ geregten Gefühle zu beruhigen ſuchte. Eine ſtarke halbe Stunde nachher ging ihr Weg wieder an dem Theater vorbei. Die Stimmung des Publikums hatte ſich jetzt bis zu einer ausgelaſſenen Luſtigkeit geſteigert. Hurrahrufe, Gelächter und Ge⸗ ziſche vermiſchten ſich in einem bizarren Chor. „Was gibt's?“ fragte der Buͤrgermeiſter einen von den Zuſchauern. 6. 299 „O, das iſt allzu närriſch,“ antwortete dieſer, keu⸗ chend vom heftigen Lachen. „Was iſt denn geſchehen?“ „Etwas ſehr Luſtiges.. unſer großer Concert⸗ meiſter, Herr Marimilian— im Uebrigen ein geſchick⸗ ter Burſche— hat den kleinen Fehler, daß er gar zu viel Colophonium zu ſich nimmt.“ „Colophonium, ſagen Sie 26 „Nun ja, Punſch, wenn Sie es recht genau wiſſen wollen. Er feuchtet, ſagt man, ſein Talent gar zu fleißig an, und als er ſo eben das große Tongemälde dirigiren ſollte, wurden ſeine Bewegungen allzu lebhaft, er verlor das Gleichgewicht, fiel rücklings von ſeinem erhabenen Platz herab und ſetzte ſich mitten in den Contrabaß. War das nicht luſtig, hahaha?“ „Gewiß, gewiß,“ gab Abſalon zu und entfernte ſich mit ſeinen Damen eiligſt von dem Platze. „Gott tröſte uns über ſolche Verwandte,“ ſagte er nach einer Weile ganz bekümmert. „Arme Leopoldine,“ ſchluchzte Lilia,„und Marxi⸗ milian, der ſo ein artiger Mann war,“ fügte Roſina hinzu.„Als er ſeine Erinnerungen an die erſte Liebe ſpielte, nein, ich will es nie vergeſſen, welchen Eindruck er da auf mich machte.“ „Und jetzt fällt er rücklings vom Stuhl hinab und macht ſeine Eindrücke auf die Baßgeige! Aber was wird die Schwiegermutter ſagen, wenn ſie hört, was für einem Schauſpiel wir angewohnt haben?“ „Mama hat, ſeit Leopoldine auf's Theater ging, immer prophezeit, daß es ein curioſes Ende mit ihr nehmen würde. Die Kunſt, pflegt ſie zu ſagen, führt geraden Wegs entweder in den Schuldthurm oder ins Narrenhaus.“ „Ich erinnere mich noch ſo gut des Tages, wo Leopoldine uns verließ. Mama gab ihr ſo ſchöne Er⸗ mahnungen. Mein liebes Kind, ſagte ſie, Du ziehſt * 300 jetzt in die Welt hinaus, aber bedenke meine Worte, es geht Dir entweder gut oder ſchlecht ja, ſie ſagte ihr noch vieles Andere dazu.“ „Mama Regina iſt ein ſehr kluges und vortreffliches Frauenzimmer.“ Am folgenden Tag legte Abſalon eine kleine Geld⸗ ſumme in einen anonymen Brief, den er durch eine ſichere Perſon Leopoldinen zuſtellen ließ. „Gott ſei Dank,“ ſagte er dabei,„mein Herz, mein Amt und meine gute Windmühle erlauben mir eine barmherzige Handlung.“ „Und Deine Frau auch,“ fügten die beiden Schwe⸗ ſtern jetzt wie gewöhnlich zugleich hinzu. In einem kleinen Zimmer, noch eine Treppe höher, wohnte ein anderer Reiſender. Es war ein alter Mann. Allein da oben auf einem Stuhl in der Fenſterniſche ſitzend, war er in einen tiefen Schlummer verfallen. Die Abendſonne warf einen hellen Schein über ſein ſilbergelocktes Haupt. Die Stirne war tief gefurcht, die Wangen eingeſunken und blaß. Aber auch eine Ruine trägt Blumen. Ein Ausdruck von Seelenadel, Liebe und Milde lag noch auf den gealterten Zügen Sein Schlaf war ruhig wie der Schlaf eines Kindes. Als er erwachte, wollte er ſeinen Platz verlaſſen, aber er vermochte ſich bloß zur Hälfte aufzurichten; die Kräfte ſchienen ihn verlaſſen zu haben und er ſank wieder auf den Stuhl zurück. Er fühlte ſich ſo matt, ſo kalt, und er führte die Hand an's Herz, als wollte er ſich überzeugen, ob es bereits ſtehen geblieben ſei.. Es ſchlug ganz leiſe. 301 „Sollte das Stündchen wirklich gekommen ſein? dieſe Kühle, dieſe Mattigkeit, iſt das der Tod2“ fragte er ſich ſelbſt; aber in dieſer Frage lag keine Beängſti⸗ gung, keine Furcht. „Ich bin bereit,“ fuhr er fort;„es iſt lange Abend geweſen, die Nacht wird mich nicht erſchrecken Ich habe viel gehofft und viel verloren, viel genoſſen und viel gelitten; aber das Leben habe ich geliebt, wie man eine Gabe Gottes lieben muß. Ich habe es geliebt, denn mein Sinn, nein, mein Herz iſt immer für ſeine Schönheit offen geweſen. Die Welt hat mir viel, viel genommen, was mir theuer war, aber mein Gefühl hat ſie nicht plündern können. Es iſt noch reich, es reicht aus, um allen denjenigen zu verzeihen, die mich beleidigt, alle diejenigen zu ſegnen, die mir Gutes ge⸗ than haben; ja es beſtreut ſogar mein Grab mit Roſen, denn es gibt mir die Gewißheit, daß ich in einem an⸗ dern Leben Alles vollkommen ſinden werde, was in dieſem nur eine liebliche Ahnung war. Unſer ganzes irdiſches Daſein iſt ja nur ein Prolog, eine Quvertüre. Leben heißt warten; aber der Tod kommt früher oder ſpäter, zieht den Vorhang auf, und jetzt erſt nimmt das eigentliche Schauſpiel ſeinen Anfang Oder ſoll⸗ ten wohl alle dieſe Funken, die ich erſtickt geſehen habe. ſollten ſie wohl— geauſamer Gedanke— ſollten ſie wohl für ewig erloſchen ſein?. O nein, da droben, dort erſt werden ſie ihre rechte Lebensluft finden, dort werden ſie in klare Flammen ausbrechen, und dort wer⸗ den auch für mich, der ich hienieden ein träumeriſcher Thor genannt worden, die Bande zerreißen, die meine Kraft unvollkommen machten. Was thut es auch, ob ich allein und verlaſſen ſterbe. Keine Thräne wird auf meine Stauberde fallen, Michael Lambert's Name wird nicht von trauernden Lippen genannt wer⸗ denz aber er bedarf dieſer Theilnahme nicht, ſeine Seele hat endlich das Schöne gefunden, das er immer ſuchte, das er beſtändig liebte.“ 302 Aber noch war das Stundenglas nicht ausgelaufen. Das Blut begann wieder ſchneller in Michael's Adern zu fließen. Die Kraft kehrte zurück; er athmete leicht und frei. Nach Verlauf einer Stunde vermochte er ohne Mühe ſich aufzurichten, und als er dann einige Male im Zimmer auf- und abgeſchritten war, fühlte er ſich friſcher und belebter als ſeit langer Zeit. Später am Abend ſaß er im königlichen Opernhaus. Eine junge Sängerin, welche damals noch in den erſten Tagen einer Berühmtheit lebte, die ſeitdem über die ganze Welt hingeflogen iſt, entzückte um dieſe Zeit ganz Berlin. Ihr Ruf war zu Michael Lambert's Ohren gedrungen, und der Wunſch, ſie zu hören, hatte ihn verlockt, noch einmal eine lange und beſchwerliche Reiſe zu unternehmen. Der große, prachtvolle Saal war dicht beſetzt und gewährte den ſchönen, ja feſtlichen Anblick eines auf edle Weiſe hingeriſſenen Publikums. Ueber den Werth der Sängerin fand nur eine einzige Meinung ſtatt, oder vielmehr alle Meinungen wichen einem Gefühl innigen Wohlbehagens. Sie hatte Alle für ſich einge⸗ nommen, Alle, nicht bloß die vergleichungsweiſe geringe Anzahl, welche im gewöhnlichen Sinn des Wortes muſikaliſch genannt zu werden verdiente. Aber dennoch gab es ganz ſicherlich Niemand in der großen Verſammlung, der mehr genoß, als Michael. Man ſah an ſeiner tiefen Rührung, daß jeder Ton der genialen Sängerin an ſein Herz drang. Nach ihrer erſten Arie erhob er ſich von ſeiner Bank. Er ſchien um mehrere Jahrzehnte verjüngt. Das glückſeligſte Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, ſein Blick ſtrahlte jugendlicher Wärme; er weinte und zwar vor Ent⸗ ücken. „Ja, iſt ſie nicht unvergleichlich?“ äußerte einer ſeiner Nachbarn. „Wunderſchön!“ ſtimmte ein Anderer ein. 303 Michael's Abſicht war nicht, dieſe Bemerkung zu beantworten; er hörte ſie wahrſcheinlich nicht und ſprach für ſich ſelbſt allein. „So, juſt ſo dachte ich mir das,“ ſagte er;„ach, der Verfall der Kunſt iſt nicht mehr zu fürchten, ſo lange der Himmel uns Künſtler ſchenkt wie dieſes Weib. Jetzt möchte ich auf's Neue jung ſein, möchte noch viele Jahre leben, um meine ſchönen Träume verwirk⸗ licht zu ſehen. Aber nein, es wäre beſſer zu ſterben, in dieſer Stunde zu ſterben, mit einem ſo ſtarken Glau⸗ ben, einer ſo glücklichen Hoffnung, einer ſo guten Er⸗ innerung. Darauf ſetzte er ſich wieder und blieb ganz ſchweig⸗ ſam und ſtill. „Warum applaudiren Sie nicht, mein Herr?“ fragte der Nachbar nach einer Weile; aber da er keine Antwort erhielt, wurde er etwas ärgerlich und redete ihn nicht weiter an. Selten iſt eine Beifallsäußerung aufrichtiger ge⸗ weſen, als diejenige, die jetzt losbrach, als der Vor⸗ hang nach dem Schluß des letzten Actes gefallen war. Man applaudirte nicht bloß, weil es Mode war, ſon⸗ dern aus wirklichem, wahrem Enthuſiasmus. Alle Herzen fühlten ſich erwärmt von Dankbarkeit und alle Lippen riefen den Namen Jenny Lind, denn ſie, die Nachtigall des Nordens, war es, die an die⸗ ſem Abend einen wohlverdienten Triumph feierte. Aber die Zuhörer begannen ſich zu entfernen. Bald war der Saal leer, nur Michael Lambert ſaß noch an ſeinem Platz. Ein Theaterdiener, der ihn bemerkte, ver⸗ muthete, daß er eingeſchlafen ſei, ging lachend hin um ihn zu wecken. Ach, es war ein vergeblicher Verſuch. Michael war eingeſchlummert, um nie mehr zu erwachen; er war todt. Ein herbeigerufener Arzt erklärte, daß der alte Mann von einem heftigen, augenblicklich tödtenden Schlag getroffen worden ſei. 304 Wozu dieſe Erklärung?.. Wollen wir nicht lie⸗ ber glauben, daß ſeine Seele im Entzücken dahinflog, daß ſie zu hoch flog, daß ſie ſich im Himmel vergaß und den Weg herunter nicht mehr fand? Vergebens ſuche ich noch einen beſſeren. Ende. — ſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 5 *. 3 4