Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Pibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und S der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe en welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Shentte 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TW.— V 1 F 5 Pf⸗ 7 N— Pf. „„ 5. Answärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer L Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ein Funke. Roman von Jeremias Munter. ———— Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Erſtes bis viertes Bändchen. —— Stuttgart. WVerlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. 6 Um eine Wiege. Ihr nennet es die ſchöne Lage, Doch iſt's ein Blitzſtrahl in der Sturm⸗ nacht nur. Lamartine. Es gibt Leute, welche behaupten, man könne über den Charakter eines Menſchen zuverläſſige Aufſchlüſſe gewinnen, wenn man ſeine Wohnung aufmerkſam be⸗ trachte. Ich*) will mich darüber nicht weiter einlaſſen, aber ſo viel ſteht feſt, daß die häuslichen Bilver oft ſehr lehrreich ſind. Du trittſt in eine von Gold und Seide prunkende Wohnung, und Lurus und Zierlichkeit blenden Deine Augen, aber jene Harmonie in der Anordnung, welche nur ein gebildeter Geſchmack erzeugen kann, ſuchſt Du vergebens. Wahrſcheinlich begehſt Du keinen großen Mißgriff, wenn Du dann ſogleich die Bewohner unter diejenige Klaſſe von Menſchen einregiſtrirſt, die man Vor⸗ gemachſeelen nennen kann. An einem andern Ort kannſt ₰ch?— Warum nicht das gebräuchliche Wir? Darum, weil der Verfaſſer und ich ſelbſt eine und dieſelbe Perſon ſind, und weil ich ein großes Ver⸗ langen habe, mit meinem Leſer möglichſt vertraut zu werden. Wenn man keck genug iſt, den Leſer mit Du anzureden, ſo ſcheint es mir jedenfalls unpaſſend, ſelbſt höherſteigen und ſich in einen könig⸗ lichen Pluralis ſetzen zu wollen. Eein Funken. 1. 2 Du bemerken, daß das beſte Zimmer im ganzen Haus bloß zu den Mahlzeiten benützt wird. Ferner giht es Zimmer, die augenſcheinlich von trockener, pedantiſcher Hrdnungsliebe oder von Nachläſſigkeit, von Fleiß oder von Leichtſinn zeugen. Welch' ein Geiſt der Reinheit und ünſchuld ſcheint nicht in dieſen kleinen Mädchen⸗ ſtübchen mit ihren ſchneeweißen Gardinen, ihren Dorn⸗ roſen und Myrthenzweigen, die halb hinter den Jalouſien verborgen ſind, vorzuwalten! Aber unter demſelben Dach wohnt vielleicht ein alter Junggeſell. Mam⸗ ſell Högquiſt's Portrait hängt über ſeinem Bett. Auf dem Kamin ſteht eine Venus in Gyps und an den Wän⸗ den findeſt Du einen ganzen Olymp von nackten Göt⸗ tinnen und hochgeſchürzten Nymphen. Wer hat nicht einmal das angenehme Gefühl erlebt, in eine comfor⸗ table Wohnung zu treten, wo Alles uns ſagt, daß die Behaglichkeit des Alltagslebens nicht bloß auf materiel⸗ len Bequemlichkeiten beruht, und wo man ſchon auf den erſten Blick ſich verſucht fühlt, auszurufen: Siehe, da wohnen gewiß Menſchen, welche denken und fühlen! Eine ähnliche behagliche Stimmung kam über Ze⸗ den, der einmal bei Leopold Raimund in ſeinen glück⸗ lichen Tagen einen Beſuch abſtattete. Raimund war Künſtler und ſtand als Portraitmaler in großem An⸗ ſehen. Noch ganz jung hatte er ſich mit dem Gegen⸗ ſtand ſeiner erſten Liebe verheirathet, einem Mädchen von geringer Geburt und ohne Reichthum, aber mit allen Tugenden eines edlen Herzens und allem Liebreize der Schönheit ausgeſtattet. Zur ſelben Zeit kaufte er ſich ein keines Haus in einer der Vorſtädte der großen Re⸗ ſidenzſtadt D. In dem früheren Speiſeſaal wurden Fenſter durchgebrochen, um das Zimmer heller zu machen, und hier ſchlug er ſein Atelier auf. Dieſes war aber zugleich auch das Arbeitszimmer ſeiner Frau. Einige gute Gemälde ſchmückten die Wände. Zwiſchen den Fenſtern erhob ſich' ein wohlverſehener Bücherſchrank. Ihm gegenüber ſtand ein Piano, in den Ecken befanden — „ 3 ſich ſchöne Statuen. Die Möbel waren zierlich, ob⸗ ſchon einfach. Immer dufteten friſche Blumen in den Vaſen, und ganz nahe bei der Staffelei des Malers ſtand Johanna's(ſeiner Frau) Nähtiſchchen. Hier mußte man das junge Paar ſehen, um ihr Glück recht zu verſtehen; ſie ſelbſt verſtanden es beſſer, als dieß gewöhnlich der Fall iſt, und juſt darum bilde⸗ ten ſie eine Ausnahme von den gewöhnlichen Menſchen, weil ſie mit vollkommenem Bewußtſein ihre Seligkeit genoſſen. Die meiſten Leute ſieht man die Roſen, die auf ihrem Wege wachſen, nur zertreten, ohne ſich an ihrer Farbe und ihrem Dufte zu erfreueu. Nach einem der Arbeit gewidmeten Tage empfingen Raimund und Johanna gerne Abends den Beſuch einiger Freunde. Ein ſröhlicher und lebhafter Ton herrſchte dann immer in ihrem Kreiſe vor. Raimund verband eine heitere Ge⸗ ſprächigkeit mit jenem warmen Gefühl für alles Schöne in Kunſt und Natur, in Worten und in Handlungen, das der Unterhaltung einen poetiſchen Schwung verleiht. Johanna hatte Talent für Muſik, und ihr ſchöner Ge⸗ ſang bereitete ihren Gäſten manche angenehme Stunde. Ueberdieß ſoll die Kunſt, für Andere liebenswürdig zu er⸗ ſcheinen, weit leichter ſein, wenn man ſich ſelbſt ver⸗ gnügt fühlt. Ein recht lebendiges Lächeln iſt ſo verfüh⸗ reriſch, und ein Menſch, der wit ſeiner Welt zufrieden iſt, verbreitet um ſich her einen bezaubernden Sonnenſchein, der zuweilen den eingefleiſchten Kummer ſelbſt ſo an⸗ genehm täuſcht, daß er ſich vergißt. Dieß iſt der Triumph des Glückes. Zwei Jahre nach der Hochzeit ſchenkte Johanna ihrem Mann eine Tochter. Dieſes Kind wurde die Vollendung der häuslichen Seligkeit, eine neue Quelle der lieblichſten Freuden. Die junge Mutter dünkte ſich durch ihre neuen Pflichten zu einer höheren Würde empor⸗ gehoben, und der Vater ſeinerſeits konnte ein Gefühl des Stolzes nicht verhalten, wenn ihm mitunter, was nicht oft geſchah, das Geſchäft Zuethtt die 4 Kleine auf ſeinen Armen zu wiegen. Sehr häuſig ſind die Phantaſien des Glücklichen nur ein Spiel mit fröh⸗ lichen Hoffnungen. Wer kann all' die Zukunftspläne zuhlen, die an dieſer Wiege erdichtet wurden! Mit ſol⸗ chen kindiſchen Plaudereien, wie der Verſtandesmenſch ſie nennt, konnten die beiden Gatten machmal mehrere Stunden der Nacht verwachen. Wie herrlich waren ihnen nicht dieſe Stunden, wo ſie ſich ſelbſt und dieſes Kind beſaßen, das mit Roſen auf ſeinen kleinen Wan⸗ gen den ruhigen Schlaf eines Engels ſchlief. Sagt, was kann ein Herz hienieden mehr begehren? In Raimund ging inzwiſchen eine pſychologiſche intereſſante Veränderung vor. In demſelben Maß wie die Liebe immer mehr ſein Herz verevelte, entwickelten ſich und reiften auch alle ſeine geiſtigen Eigenſchaften. Seine Gefühle im Allgemeinen wurden tiefer und ſeine Gedanken nahmen einen kühnen Flug. Ja, ſelbſt in ſeinen Anſichten von der Kunſt war er ſich nicht mehr gleich. Seine Ideen hatten Macht über ihn erhalten, der Ernſt ging in Grübelei über. Er ſaß jetzt oft muthlos und verdroſſen vor ſeiner Arbeit, und die Far⸗ ben vertrockneten auf ſeiner Palette, während er ſelbſt in Träume verſank. Johanna bemerkte dieſe neuentſtandene Düſterkeit ihres Mannes wohl, und dieſelbe ſchmerzte ſie um ſo mehr, als Raimund jetzt zum erſten Mal ſich nicht voll⸗ kommen aufrichtig und vertraulich gegen ſie zeigte Eines Tags ſchlich ſie ſich hinter ihn, als er mit gebeugten Armen und geſenktem Haupte an ſeiner Staffelei ſaß. „Raimund, laß mich dieſe melancholiſchen Phan⸗ taſien wegküſſen,“ bat ſie und verſuchte ihren Vorſatz wirklich auszuführen; aber es blieb noch immer eine Wolke auf der Stirne des Malers hängen. Betrübt über den mißlungenen Verſuch, kehrte ſie an ihren Platz zurück und verſank jetzt ebenfalls in Grübeleien. Eine Stimme in ihrem Innern ſagte: Dein Leben iſt gar zu ruhig geweſen, als daß es in — —— —— 5 die Länge ſo bleiben könnte. Sieh Dich rings um und Du wirſt finden, wie Schmerz und Sorgen überall Thränen in jede Frende miſchen und jedes Glück trüben. Warum ſollteſt Du allein dieſer harten Prüfung ent⸗ gehen? Haſt Du etwa mehr Verdienſt, beſitzeſt Du mehr Tugenden, als die Maſſe Deiner Mitmenſchen? Ach nein, ſicherlich erwartet auch Dich irgend ein harter Schlag, irgend ein bitterer Kelch. Sei nicht unvor⸗ bereitet darauf. Befreunde Dich bei Zeit mit dem Ge⸗ Gedanken an trübere Tage. Mache Dich fertig, ein Trauerkleid für Dein Herz zu machen, Du wirſt ſeiner vielleicht bald bedürfen. Aber in dieſem Augenblick ſtand Raimund vor ihr. Er ſchaute jetzt ganz anders d'rein als vorhin. Das Gemüth des Künſtlers hatte ſeine Elaſticität wieder ge⸗ wonnen. Ein Freudeſtrahl leuchtete in ſeinen Blicken. „Ich bin Dir ein Räthſel geweſen, Johanna,“ ſagte er;„verzeih mir, denn ich habe einige Zeit mich ſelbſt nicht verſtanden, Jetzt iſt es endlich wieder klar in mir. Ich weiß, was ich will, und habe meinen Entſchluß gefaßt.“ „Gott ſei Dank, Du biſt Dir wieder gleich; ich erkenne Dich wieder.“ »Siehſt Du, es iſt eine ſchreckliche Qual, Gering⸗ ſchätzung gegen ſein eigenes Handwerk zu empfinden, und daran habe ich gelitten. Jetzt glaube ich den Werth der Kunſt beſſer als je zu verſtehen. Ich bin ſtolz dar⸗ auf, in meinem Innern zu fühlen, daß ich als Maler geboren bin, aber ich habe mich im Genre getäuſcht; Portraitmaler zu ſein, das iſt doch etwas gar zu Elen⸗ des. Man iſt da nicht mehr als ein ſimpler Kopf und beſitzt nicht einmal die Freiheit, ſeine Modelle ſelbſt zu wählen. Der Portraitmaler iſt in der Kunſt, was der Ueberſetzer in der Literatur iſt, und welcher himmelweite Unterſchied beſteht nicht zwiſchen ihm und den Dichter? Allerdings ſind die Portraite vielleicht die einzigen Kunſt⸗ erzeugniſſe, die in unſeren Tagen ihren Lohn finden. 6 Aber ſeine beſten Tage damit zu vergenden, iſt gleich⸗ wohl etwas Entſetzliches; ein Mann von Phantaſie und ſelbſtſtändigem Geſchmack muß dabei geiſtig verhungern. Ich bin dieſer ſeelenloſen Arbeit, dieſer Kunſt, die man weder ſchön noch angenehm nennen kann, im höchſten Grad überdrüſſig. Man kommt zu mir und beſtellt ſein Contrefei, gerade wie man zu einem Schuſter geht und ein paar Schuhe beſtellt. Ihm zeigt man die Füße und mir das Geſicht, darin liegt der ganze Unterſchied; und wie man von ihm einen kleinen Schuh verlangt, der zu einem großen Fuß paſſen ſoll, ſo verlangt man von mir ein ſchönes Portrait, das einem gemeinen Ge⸗ ſichte gleichen ſoll. Lieber Herr, heißt es, meine Naſe mag am Ende doch nicht ſo ganz dick ſein, und mein Mund hat, ich verſichere Sie, ganz und gar nicht dieſe unförmliche Breite. Ein Bräutigam will in den Schaafsaugen ſeiner Liebſten mehr Feler haben. Eine alte Matrone findet, daß man es mit ihren Runzeln gar zu genau nehme. Ein ander Mal dagegen iſt man nicht getreu; ein Ehemann wird unzufrieden, wenn er, mit ſeiner Brille bewaffnet, vergebens nach den Leberflecken am Kinn ſeiner Frau ſucht. o, das iſt ſchrecklich! Man muß keine Spur von Schönheitsſinn haben, um dieß aushalten zu können, und ein ſchlechter Stoff macht einen ſchlechten Künſtler. Da muß ich neuerdings noch auf eine Familie gerathen, die ge⸗ wiß die häßlichſte in der ganzen Stadt iſt, und Alle zuſammen ſollen portraitirt werden. Mama und Papa und vier abſcheuliche Mamſellen hängen bereits, ſich ſelbſt zur Strafe und Andern zum abſcheulichen Exempel als Verunzierungen an einer Wand des Salons; aber gleichwohl kommt der unverbeſſerliche Mann vor einigen Tagen von Neuem zu mir. Ich möchte doch die Samm⸗ lung vollſtändig haben, ſagte er, und zeigte mir dabei ſeinen Letztgeborenen, einen kleinen ſchiefäugigen und roth⸗ haarigen Wechſelbalg... Nein, das iſt ausgemacht, ich ſchlage die Fabrik zu und tauche meinen Pinſel für —— 7 würdigere Gegenſtände ein. Nur etwas beunruhigt mich noch. Ich habe bisher mein hübſches Auskommen ge⸗ habt. Man bezahlt mich gut. Die Menſchen ſind vor allen Dingen eigenliebig und ſehen nicht ſo genau auf ein paar Batzen, wenn ſie ſich ſelbſt kaufen wollen. Etwas ganz Anderes iſt es, wenn man ihnen ein Ge⸗ mälde anbietet, das wirklich einigen Kunſtwerth beſitzt, und das Geſchlecht der Märene iſt ſchon längſt beinahe ganz ausgeſtorben. Vielleicht werde ich auf dem neuen Feid, das ich zu betreten gedenke, mancher ökonomiſchen Bedrängniß entgegengehen, und wer weiß, am Ende kann vielleicht gar Armuth und Noth unſer Loos werden. Ich bin nicht bloß Künſtier, ich bin auch Gatte und Vater. Deßhalb habe ich ſo lange gewankt, ehe ich zu meinem Entſchluß kommen konnte. Vielleicht ſollte ich das Verlangen nach einer ſchöneren, größeren Wirkſam⸗ keit, das meinen Frieden ſchon lange geſtört hat, gänz⸗ lich unterdrücken. Vielleicht wäre es meine traurige Pflicht, dieſe Träume, dieſe Ideen von künftigen Meiſter⸗ werken, die jetzt meine Seele beſtürmen, mir gänzlich aus dem Sinne zu ſchlagen.. Rathe mir, Johanna, ſprich, iſt Dir bange vor der Armuth?“ „Ich fürchte gar nichts, außer daß ich Dich oder unſer Kind verlieren könnte. Was macht es auch, ob wir uns ein wenig einſchrä.iken müſſen, wenn nur Du wieder zufrieden wirſt wie früher. Obſchon ich bei Dir im Ueberfluß verwöhnt worden bin, ſo ſollſt Du doch ſehen, daß ich ganz gut auch eine ſparſame Hausfrau werden kann. Ja, Raimund, lieber will ich mir die härteſten Entſagungen auferlegen, als daß ich der Entwicklung Deiner höheren Anlagen im Wege ſtehen möchte.“ WVortreffliches Weib, ich wußte, daß ich von Dir eine ſolche Antwort zu erwarten hatte. Du wirſt in der Stunde der Mühe und Befümmerniß, wenn ſie ſich unſerem ſtillen Herd nahen ſollte, meinen Muth aufrecht erhalten. Noch mehr, Du wirſt meinen Eingebungen 8 die Veredlung ſchenken, die nur ein feinfühlendes Weiber⸗ herz zu geben vermag.“ „Nun denn, hinweg alſo mit all dem traurigen Verzagen! Das Weib iſt gar oft nur ein gedankenloſes Weſen, aber mit ihren Ahnungen durchdringt ſie manch⸗ mal den Schleier der Zukunft ebenſo kühn wie der Mann mit ſeinem Scharfſinn. Wenn wir die verfloſſenen Jahre unſerer Ehe recht genau in's Auge faſſen, ſo waren ſie ein ſchönes Blumenbeet; aber wir ſind ſehr kindiſch geweſen, Raimund, ſehr kindiſch. Wir haben mit einan⸗ der und mit der ganzen Welt geſpielt. Laß uns jetzt ein ernſteres Leben beginnen. Zweifle nicht an Deinen Kräften, an Deinem Talent. Du wirſt es in Deiner Kunſt weit bringen, und der Name Leopold Raimund wird vielleicht dereinſt neben den großen unſterblichen Meiſtern genannt werden.“ „Dank für dieſe Prophezeiung, Johanna! Ich bin gewöhnt, von Deinen Lippen Himmelsbotſchaft zu hören. Der Anfang wird das Schwerſte ſein. Ehe ich mir in dem neuen Genre, das ich zu wählen gedenke, ein Anſehen verſchaffen kann, werden Neid und Kleinlich⸗ keitsgeiſt ihr Schlimmſtes thun, um mich zu ſtürzen. Die Kunſtgeſchichte, wenn man ſie recht ſtudirt, iſt reich an ſolchen Erzählungen von ſolchen Ungerechtigkeiten; ſie lehrt uns aber auch, daß das wahre Talent immer, wenn auch ſpät, ſiegreich aus dem Kampf hervorgegan⸗ gen iſt. Ich weiß nicht, ob ich wirklich die Göttergabe beſitze, die man Genie nennt; aber ich hege ein bren⸗ nendes Verlangen, meine Kraft zu prüfen, und mit⸗ unter— doch es iſt vielleicht bloß eine trügeriſche Phan⸗ taſie— fühle ich bei mir ſelbſt, daß ich zu etwas Großem fähig ſein könnte. Ach, laß uns glauben, daß es ſo iſt. Man wird dann bald genug meinen Werth erkennen; meine Gemälde— ich ſehe ſie bereits fertig in den Gallerien meiner Träume hängen— werden dann bewundert und geſucht werden. Die alte gute Zeit wird wieder einkehren. Die Malerkunſt wird ſich nach einem 9 langen Verfall noch einmal erheben und die Menſchen werden begierig nach den reichen Genüſſen greifen, welche ſie bietet. Ich werde Glück machen. Der Kummer um unſer Auskommen iſt dann für immer vorbei. Unſere Mittel werden ſich vermehren und einer meiner ſchönſten Träume wird ſeiner Erfüllung ſich nähern, wir werden in's Land der Kunſt, nach Italien reiſen. In dem alten Rom, der Wiege ſo manchen Genies, der beſten Heimath aller Künſtler, dort werden auch wir endlich anlangen, Johanna. Raphael's Geiſt ſchwebt noch über dieſer Stavt. Dort erſt wird der Funke in meiner Seele zur vollen Flamme ausſchlagen, dort werde ich Werke ſchaffen, welche die Mitwelt und die Nachwelt befriedigen ſollen. Aber wenn Ehre und Ruhm mich erwarten, ſo werde ich doch immer an Deiner Bruſt, Du Holde, meine ileblichſte Ruhe finden. Und unſer kleines Mädchen, unſere Leopoldine, wie glücklich wird es für ſie ſein, auf dieſem klaſſiſchen Boden aufwachſen zu dürfen! Um⸗ geben von all dieſer Größe, die ſowohl in der Eriunerung als in der Gegenwart dort lebt, wird ſie ſich früh ge⸗ wöhnen, mit hochſinnigen Gedanken umzugehen, und die Sonne des Südens wird die Roſen auf ihren Wangen und die Gefühle in ihrem Herzen friſcher machen, als ſie unter dem trüben Himmel des Nordens wachſen.“ Raimund ſprach mit Begeiſterung, und Johanug, die ihren Kopf an ſeine Bruſt gelehnt hielt, lauſchte mit inniger Freude den ſtarken Schlägen ſeines Herzens. „Lieber Mann,“ antwortete ſie, Du malſt eine ſo lockende Zukunft, daß auch ich, obſchon ich mit dem, was ich jetzt ſchon beſitze, ſo zufrieden bin, eine Sehn⸗ ſucht nach dem Eldorado empfinde, das Du prophezeiſt.“ Sobald es ſich thun ließ, begann Raimund auf ſein neues Ziel loszuarbeiten. Die Portraits, die er bereits unter dem Kolorit hatte, wurden ſchnell vollendet und einige weitere Beſtellungen nicht angenommen: die Fabrik wurde geſchloſſen, wie er ſich ſelbſt ausdrückte. Ein 10 Gefühl der Freiheit machte ihn jetzt ſo gluͤcklich. Er umfaßte mit Vorliebe das ſymboliſche Genre. Daſſelbe erhabene Recht, das ſo manchen Künſtler begeiſtert hat, ergriff auch ihn. Er machte den Entwurf zu einer Ma⸗ donna. Ohne Zweifel war es allzu kühn für ſein erſtes Gemälde, das eigentlich nur ein Verſuch ſein ſollte, einen ſo großen, ja, wenn man die bereits vorhandenen Leiſtungen betrachtet, den allergrößten Gegenſtand zu wählen. Aber er wollte ſeinem bisher unterdrückten Künſtlergeiſt auf einmal Luft ſchaffen. Er glaubte an den Goethe'ſchen Satz, daß ein hoher Gegenſtand die Seele des Künſtlers erhebe, ſie befördere, ihr Muth und Kraft verleihe, mit Vergnügen ein Werk zu vollenden, das als Keim in der Idee liegt und unter der pflegen⸗ den Hand des Künſtlers ſchne emporwächst. Ueberdieß wurde er nach dieſer Richtung vielleicht auch durch den Umſtand geleitet, daß er in ſeiner Johanna ſtündlich eine ſo ſchöne Offenbarung der Göttlichkeit der Mutter⸗ liebe um ſich hatte. Wochen, Monate verfloſſen, aber Raimund's Ge⸗ mälde war noch lange nicht vollendet. Einer der bitter⸗ ſten Schmerzen, die einen Menſchen martern können, beſteht vielleicht in dem Gefühl eines Künſtlers, wenn er merkt, daß ſeine Flügel ihn nicht tragen wollen, wenn er einſieht, daß er ſeine Ideale nur in luftigen Träumen zu ſchaffen vermag, aber das Vermögen nicht beſitzt, ſie feſtzuhalten, ihnen in der Kunſt eine Wirk⸗ lichkeit zu geben. Wenn irgend etwas eine unglückliche Liebe genannt wird, ſo iſt es dieſe Sehnſucht der Seele nach dem vollſtändigen Beſitz ihrer Idee. Und gleich⸗ wohl, wie Mancher, der ſich in ſeine Phantaſiebilder verliebt hat, ſeufzt nicht vergebens nach einer ſolchen glückſeligen Vermählungsſtunde; wie Mancher verbringt nicht ſein ganzes Leben in nnausgeſetztem Sehnen nach dem beſten Theil ſeines eigenen Ich! Das Gemüth ſolcher Menſchen iſt in Banden geſchlagen. Sie können ihre Freiheit nicht wiedergewinnen, aber ſie vermögen S 1¹ auch das Ziel ihres Sehnens nicht zu erreichen. All ihr Arbeiten beſteht nur in Geburtswehen, welche be⸗ ſtändig todtgeborne oder mißgeſtaltete Erzeugniſſe zur Welt fördern. Leider wollte Raimund's trauriges Schickſal, daß auch er die Zahl dieſer beklagenswerthen Opfer ver⸗ mehrte. Als Portraitmaler war er glücklich geweſen, aber ſein Talent entſprach nicht ſeinem Verlangen nach Erreichung einer höheren Stufe. Es fehlte ihm dazu die ſchöpferiſche Kraft, die nothwendige harmoniſche Uebereinſtimmung zwiſchen der Idee und den mechani⸗ ſchen Talenten. Wenn er dieſen Weg früher gewählt und ſeine Anlagen durch fleißiges Studium ausgebildet hätte, ſo würde er es wahrſcheinlich ſehr weit gebracht haben; aber jetzt mangelte ihm die Geduld, um die nothwendigen Vorbereitungen durchzumachen. Sein Geiſt hatte einen zu großen Vorſprung genommen, er war nach höheren Regionen geflogen, ehe er ſich die äußere Kunſtfertigkeit angeeignet hatie, und wie er immer malte, ſo fand er in dem Gemälde vor ſich nicht die Wieder⸗ ſpiegelung des ſchönen Urbildes, das er in ſeinen Phan⸗ taſien ſchaute. Zuweilen belebte ſich ſein Muth, wenn er mit einem glücklichen Pinſelſtrich ſeinem Ideal näher gekommen zu ſein glaubte. Die Freude war jedoch von kurzer Dauer. Bei genauere Prüfung entdeckte er bald hunvert Fehler gegen dieſen einzigen Glückstreffer. Die Eigenliebe vermochte ihn nicht in holde Selbſttäuſchun⸗ gen einzulullen. Unbarmherzig vernichtete er ſein Werk einmal um's andere, und man ſah ihn zuweilen in tiefer Verzweiflung von ſeiner Staffelei entfliehen; aber am nächſten Morgen ſtand er wieder da, mit einem neuen Anfang beſchäftigt. So gern er auch gewollt hätte, ſo war es ihm un⸗ möglich, ſeine Leiden vor ſeiner Frau zu verbergen. Ach, ſie verriethen ſich binnen Kurzem all udeutlich an ſeinem beklommenen Gemüth, ſeinen bleichen Wangen und ſeinen abgezehrten Gliedern. Johanna's Bitten, 12 daß er ſeine Kräfte ſchonen und mitunter eine Zer⸗ ſtreuung ſuchen möchte, richteten nichts bei ihm aus. Die vorausgeſehenen ökonomiſchen Bekümmerniſſe blieben auch nicht aus. Der Mann hatte ſeine einzige Ein⸗ kommensquelle aufgegeben, und die Verſuche der Frau, durch Hanvarbeit etwas zu verdienen, konnten nur einen geringen Erſatz bieten. Wenn Raimund zuweilen ſah, wie ſie einen Theil der Nacht dazu nahm, um recht fleißig ſein zu können, ſo wurde er noch unruhiger, und der Schmerz darüber, daß er ſeine Familie nicht ge⸗ bührend ſollte verſorgen können, nagte peinlich an ihm. Verſchiedene, etwas überflüſſige Effekten wurden nach und nach verkauft, und darauf ſah man ſich genöthigt, Credit anzuſprechen. Tag für Tag erſchien jetzt der Maler abgezehrter und herabgeſtimmter. Haufige Fieber⸗ anfälle ſtellten ſich ein, und ſein Zuſtand nahm einen bedenklicheren Charakter an. Der gerufene Arzt ſchrieb als einziges Heitmittel Ruhe vor und erklärte, daß eine Reiſe bei dem hart angegriffenen Patienten ganz beſon⸗ ders vortheilhaft wirken würde. „Eine Reiſe,“ wiederholte Raimund.„Ja, Sie haben Recht,“ fügte er mit einem düſteren Lächeln hinzu. „Wenn mein Gemälde fertig iſt, wollen wir nach Rom reiſen. Iſt's nicht ſo, Johanna? Dort werde ich meine Geſundheit wieder erhalten und Du wirſt wieder glück⸗ lich werden.“ Im Uebrigen hatte die Verordnung des Arztes keine andere Folge, als daß Raimund mit verdoppeltem Eifer ſeine Arbeit betrieb. Aber auf einmal wurde ihm jetzt der Genius der Kunſt holder. Es war, als hätte eine höhere Hand ſeinen Pinſel geführt, ſeine Farben gemiſcht, und auf der Leinwand erhob ſich jetzt eine Madonna, die dem geträumten Ideal mit jedem Zug näher kam. Raimund jubelte. Entzückt ſchloß er Johanna in ſeine Arme: ſie mußte ſich unwillkürlich mit ihm freuen. „Was ſagſt Du jetzt zu meinem Gemälde?“ fragte 13 er nicht ohne einen gewiſſen Stolz. Es iſt doch ſchön? Nicht wahr, die Mutter eines Gottes muß dieſen Aus⸗ druck himmliſcher Reinheit beſitzen. Ihre Güte hat nichts Weiches, ſie iſt edel, und dieſer Zug um die Lippen, verkündet er nicht Glückſeligkeit, vermiſcht mit der zärtlichen Unruhe, die ein Weib immer empfinden muß, wenn es ſein Kind betrachtet? Aber warte, das Auge hat noch nicht ſeinen rechten Blick: darin wirſt Du erſt die Seele gewahr werden, die vor allen andern auf Erden Wohlgefallen fand bei dem Vater in der Höhe. Und dann, wenn erſt das Ganze gehörig re⸗ touſchirt iſt... ach ja, es muß ſchön werden. Siehſt Du, man muß beharrlich ſein, um ein großes Ziel zu erreichen. Man erklimmt die Spitze der Alpen nicht ohne Mühe ach, Gott ſei Dank, ich war alſo nicht bloß ein elender Pfuſcher.“ Aber kaum hatte er in dieſen Worten ſeine Freude ausgeſprochen, als er einen heftigen Anfall in der Bruſt bekam. Er mußte in's Bett geführt werden, und zu⸗ nehmende Schmerzen hielten ihn da in grauſamen Feſſeln. Seine geſchwächte Natur konnte nur geringen Widerſtand leiſten. In heftigem Fieberwahnſinn umſchwebten Rai⸗ mund's abgebrochene Gedanken noch das theure Gemälde. Man mußte es in ſein Schlafzimmer ſtellen, damit er auch in den Stunden des Schmerzes ſich an ſeinem Werke erfreuen konnte, und nur mit Mühe konnte man ihn verhindern, aufzuſtehen und noch einmal den Pinſel zu ergreifen. Bald war alle Hoffnung zu ſeinem Wieder⸗ aufkommen verloren. Der Arzt ſchüttelte den Kopf, worauf er, mehr aus ſchuldigem Reſpekt vor ſeinem Beruf, als in Folge einer wirklichen Ueberzeugung von einem guten Reſultat, ein Dekokt zuſammenbraute das, Dank dem guten Herzen des Mannes, nicht gar zu übel ſchmeckte. „Jetzt haben wir Alles gethan, was ſich thun läßt,“ ſagte er, nachdem Raimund mit einem gutmüthigen Lächeln die Arznei gekoſtet hatte. Aber der Tod ſtand 14 bereits mit ausgeſtreckter Hand auf der Schwelle des Kranken. Eines Nachts wachte Johanna allein mit einer alten Dienerin an ſeinem Lager. Es war eine ſchwere Nacht, und Gott weiß, wer von den beiden Gatten am meiſten litt. Gewaltſam ergriff der Tod, der Mann mit der Senſe, der Fürſt der Schmerzen, immer feſter ſein verurtheiltes Opfer, griff mit ſchonungsloſer Hand in den bereits erſchütterten Mechanismus des Lebens ein und zerriß Faden um Faden. Endlich lösten ſich die grauenhaften Schmerzen in einem heftigen Blutſturze auf. Alle materiellen Kräfte ſchienen zu verbluten. Das Leiden hörte auf, das Bewußtſein verſchwand. Der Sterbende verſank in einen tiefen und ſtillen Schlummer. Mit unbeſchreiblicher Angſt neigte Johanna ihr Ohr gegen das Herz des Mannes und zählte bebend die un⸗ gleichen, kaum vernehmbaren Schläge. O welch ein Gefühl, ſo bei einem Sterbelager mit allen Sinnen, mit der ganzen Seele den Fußſtapfen des Todes zu folgen; ſeine liebſten Hoffnungen jeden Augenblick mehr mit den Kräften des Sterbenden hinſinken zu ſehen; Sekunde um Sekunde zu fürchten, daß das geliebte Herz vielleicht jetzt, juſt jetzt ſeinen letzten Schlag thue! Es iſt ein ſehr häuſiger Fall, daß bei einem Ster⸗ benden in ſeinen letzten Augenblicken eine Erhöhung der Lebenskräfte ſich zeigt, die mit dem Aufflammen der Feuerkohle im Augenblick vor dem Erlöſchen verglichen worden iſt. Nachdem Raimund mehrere Stunden in einer todähnlichen Betäubung gelegen, ſchlug er ſeine Augen wieder auf, als die Morgenröthe ihre ſchöne Botſchaft über den Himmel ausbreitete. Sein Blick war klar, ja ſogar verklärt. Noch einmal, zum letzten Mal erglühte die Roſe des Lebens auf ſeinen abgezehr⸗ ten Wangen. Ein göttlicher Glanz ſchien ſeine Züge zu beſtrahlen. Es war, als hätte ſeine Seele ſchon einmal dieſe Welt verlaſſen, wäre aber zurückgekehrt, um noch 15 einige Augenblicke mit den Gegenſtänden zu leben, die ihm hier ſo theuer geweſen. „Johanna,“ ſagte er ſchwach, aber mit vollem Be⸗ wußtſein,„es iſt bald vorbei. Das Stundenglas hat nicht mehr viele Körner für meine Rechnung„. Wo iſt Leopoldine? Nun ja, wecke ſie nicht, ſie hat vielleicht einen glücklichen Traum. Sage ihr einmal, wenn ſie es verſtehen kann, daß ſie einen Vater beſaß, der ſie ſehr, ſehr liebte. Erziehe ſie ſo, daß ſie Dir ſelbſt gleicht, und öffne ihre Seele früh für die Schön⸗ heit der Kunſt; dieſes Gefühl iſt das beſte, das man durch das Leben mit ſich nehmen kann.„ Und jetzt meine letzte Bitte, Johanna. Ich bin vom Schlafe ge⸗ ſtärkt; hilf mir von dieſem Bette auf; verſtehſt Du, Geliebte, ich muß mein Teſtament vollenden, bevor ich ſterbe.“ Es war ihr unmöglich, ſich dieſem Begehren zu widerſetzen. Sie zog Raimund ſeinen Schlafrock an. Er richtete ſich ſelbſt auf, und nur von ihrem Arm ge⸗ ſtützt, wankte er an die Staffelei vor. Seine Kräfte belebten ſich jetzt auf eine übernatürliche Art: er ſtand feſt vor ſeiner Arbeit und betrachtete ſie mit Wohl⸗ gefallen. Man gab ihm Pinſel und Farben. Die ſo eben noch zitternde Hand erhielt jetzt eine erſtaunliche Sicherheit, und nach einigen wenigen Zügen ſtrahlte ein Blick von wunderbarer Schönheit aus den Augen der Madonna. Man hat von Mozart's Requiem geſagt, daß ein ſolches Werk nur von einer ſterbenden Seele gedichtet werden könne. Man konnte auch von dieſer Madonna ſagen, daß ein Blick wie der ihrige nur von einem Menſchen gemalt werden konnte, der die Engel des Himmels bereits von Angeſicht zu Angeſicht ſchaute. »Es iſt gut,“ rief Raimund, auf einen Stuhl niederſinkend, und der Pinſel entſiel ſeiner von Neuem erſchlaffenden Hand.„Ich habe genug gelebt. Ich ſterbe zuſrieden Ziehe den Vorhang dort weg„„ Siehſt 5 Du, wie die Madonna lächelt was in dieſem Bilde Edles und Erhabenes lebt, das habe ich von Dir ge⸗ borgt, Dank, Dank!.. Welch ein herrlicher Morgen Johanna ich reiſe, ich werde Deinen Gruß nach Rom bringen.“ Damit lehnte er ſein Haupt an die Bruſt der Gattin und ſtieß einen letzten Seufzer aus, juſt in dem Augenblick, wo die Morgenſonne durch's Fenſter ihren erſten Strahl warf, mit einem milden Gruß vom Vater des Lichtes. Aber Johanna. Ach, der Dolch des Schmerzes kann nicht tiefer in ein Herz dringen, als jetzt in das ihrige. Nachdem man mit ganzer Seele mit einem ge⸗ liebten Gatten verwachſen geweſen, jetzt allein zu ſtehen auf dieſer nun ſo öden Erde; noch immer die Ketten des Daſeins zu tragen, nachdem man der einen Hälfte ſeines Weſens beraubt worden, das heißt auch ſterben, aber nicht um zum Frieden des Grabes zu gelangen, ſondern nur um alles Lebensglück zu verlieren. Die be⸗ klagenswerthe Frau hatte kaum erſt 23 Jahre erreicht, als der Kummer für immer die Freude aus ihrer Bruſt und die Blumen von ihren Wangen verſcheuchte. Selbſt die Mutterfreude war verbittert: wie ſollte ſie jetzt die Zu⸗ kunft ihres kleinen Kindes ſchützen können! Sie ſah ein von ſchweren Bekümmerniſſen bedrohtes Leben vor ſich, eine Welt, die ſie nicht kennen gelernt hatte, und was die wenigen Freunde betraf, die ihr noch übrig blieben, ſo war ſie gewöhnt geweſen, mit ihnen nur ihr Glück zu theilen. Raimund's Angelegenheiten waren im letzten Jahr ſeines Lebens in große Unordnung gerathen, und man fürchtete im Anfang, die Mittel des Hauſes möchten kaum ausreichen, um die Schulden zu decken. Die arme Wittwe hatte nur noch den einzigen Wunſch, daß 17 Niemand ſich darüber beklagen möchte, durch ihren Mann andere Verluſte erlitten zu haben, als den Schlag, der das Herz trifft. Raimund mußte, es mochte nun in Zukunft gehen wie es wollte, als vollkommen ehrlicher Mann in ſeinem Grabe liegen. Um dieſes Ziel zu er⸗ reichen, war Johanna genöthigt, ſich von allen Trüm⸗ mern ihres früheren Wohlſtandes zu trennen, ihrem ganzen comfortablen Hausweſen Lebewohl zu ſagen. Dieſe Möbel, Gemälde, Bücher, Blumen, ja ſogar ihre eige⸗ nen Schmuckſachen und Kleinodien, woran ſich ſo viele frohe Erinnerungen knüpften, alles das in der Auktion ausgeſtellt und endlich nach langem Warten, unter Scherzen und luſtigen Einfällen, von neuen Eigenthü⸗ mern in Beſitz genommen zu ſehen, das war für die bereits ſo tief gedrückte Frau eine neue Marter, die jedes feinfühlende Herz verſtehen wird. Jedes Auf⸗ gebot war ein Schlag für ihr Herz, und ſie drückte ihr Kind noch feſter an ihre Bruſt; denn es däuchte ſie, als ſei ſie verurtheilt Alles zu verlieren, was ſie noch Liebes beſaß. Das letzte Werk von Raimund's Hand, die Madonna, wurde durch die Fürſorge einiger Gönner in eine öffent⸗ liche Ausſtellung aufgenommen. Die Kunſtrichter hatten allerlei Bemerkungen zu machen. Manche Einzelheiten wurden ſtreng getadelt, aber Riemand konnte leugnen, daß das Gemälde im Ganzen wohlgelungen war, und Alle ſtimmten darin überein, daß der Ausdruck in Ma⸗ ria's Blick eine ideale Auffaſſung verrathe. Ein reicher Mann, ein Freund der ſchönen Künſte, machte ein Ge⸗ bot, das man ganz anſtändig fand. Es wurde ange⸗ nommen, und in der Summe, welche die Madonna eintrug, beſtand das ganze Kapital, das Johanna und ihrem ſchutzloſen Kinde übrig blieb. Leidende zu tröſten iſt im Allgemeinen eine harte Aufgabe; denn es iſt ſchwer zu einer Ergebung und Zuverſicht aufzufordern, von der man fühlt, daß man ſie ſelbſt nicht beſitzt. Das Mitleiden iſt gewöhnlich das Ein Funken. I. 2 18 Einzige, aber wahrlich nicht das Beſte, was wir unſern bekümmerten Freunden geben können. Johanna's nähere Bekaunte, herzensgute Menſchen, zeigten all die ängſt⸗ liche Theilnahme, die in ſolchen Fällen ſo gewöhnlich iſt. Sie weinten mit ihr und beklagten ſie zur Zeit und Unzeit. Einige von ihnen hatten ſogar die Unbedacht⸗ ſamkeit, kleine Winke fallen zu laſſen, wie anders es mit ihr ſtehen könnte, wenn Raimund verſtändiger und weniger phantaſtiſch geweſen wäre, wenn er ſeine Por⸗ traitmalerei fortgeſetzt und nicht nach der höheren Aus⸗ zeichnung geſtrebt hätte, die ihn das Leben koſtete. Es gibt nämlich überall Perſonen, die, wenn es Jemand unglücklich geht, ſogleich mit ihrer eigenen unfehlbaren und vortrefflichen Weisheit hervorrücken und glänzen wollen. Schon vor vielen Jahren, heißt es dann, habe ich vorausgeſagt, daß es ſo enden würde. wenn man meine Vorſchläge befolgt hätte wenn man meine Hülfe hätte annehmen wollen u. ſ. w. Dieſe Freundes⸗Manier zu tröſten erweckte in Jo⸗ hanna bald genug einen flammenden Stolz, aber dieſer Stolz ſchloß keinen Hochmuth für ihre eigene Perſon in ſich, ſondern war bloß ein edles Zartgefühl gegen Rai⸗ mund's Gedächtniß. Das Mitleid, das ohne Zweifel in der beſten Abſicht ihren veränderten Umſtänden geſpen⸗ det wurde, ſchien ihr nicht ſelten die Form eines Tadels gegen den geliebten Dahingegangenen anzunehmen. Dieß konnte ſie nicht ertragen. Sie konnte ſich mit dem Ge⸗ danken nicht verſöhnen, daß ſie auf ſolche Art ſelbſt vor der Welt als ein lebendiger Vorwurf am Grabe ihres Mannes ſtehen ſollte. Immer lebhafter regte ſich in ihr der Wunſch, für immer dieſen Ort zu verlaſſen, wo ihre kurzen Stunden des Sonnenſcheines dahingeſchwun⸗ den waren. Der Gedanke reifte bald zum Entſchluß. Sie nahm Abſchied von D., hing ihren ietzten Blumen⸗ kranz um Raimund's Grabkreuz und zog weit hinweg nach einer einſamen Berggegend. Hier kaufte ſie ein kleines, unanſehnliches Pachtgut, um allda fern von der 19 Stadt und ihren alten Bekannten in ungeſtörter Ein⸗ ſamkeit für ihr Kind und ihre Erinnerungen zu leben. Dieſe gänzliche Abgeſchiedenheit von der Welt wurde ihr bald zur Gewohnheit. Ach, nicht um der Leben⸗ den willen wurde ſie von Sehnſucht verzehrt— und gleichwohl zählte ſie nur 23 Jahre. l. Leopoldine. Ein träumendes Herz, Flügel, die über die Eiszacken des Lebens hinwegtragen, und offene Arme für jede Menſchenbruſt. Jean Paul. Die Gegend, wohin Johanna nach ihres Mannes Tod ſich zurückzog, zeichnete ſich durch eine gewiſſe ro⸗ mantiſche Wildheit aus, eine Eigenſchaft, die jetzt, in einer Zeit, wo der Fleiß des Ackerbaues auch die ent⸗ fernteſten, unzugänglichſten Plätze erreicht, ziemlich hel⸗ ler zu werden anfängt. Ihre kleine Wohnung lag ein⸗ ſam in einem tiefen Thal, unter dichten Hecken verbor⸗ gen und umgeben von einigen alten Eichen, die gleich⸗ ſam beſchützend ihre Zweige über den niedrigen Dachfirſt des Hauſes ausſtreckten. Ringsumher ragten hohe Berg⸗ wände empor; dieſe waren zum größeren Theil mit einem Teppich von Gebüſchen und Bäumen bekleidet, aber an einigen Orten traten ſie juſt durch ihre Kahlheit in einem imponirenden Ernſte hervor. Zuverläſſig und kräftig wie ein manühafter Gedanke, ſtanden die gewal⸗ tigen Felſenmaſſen da, und nervenſchwache Menſchen konnten nicht ohne Schander von den hohen, ſchroffen Felſen herabblicken. Ein aus weiter Ferne kommender Fluß hatte ſich einen Weg zwiſchen den Bergen geſucht: 20 einen ſehr beſchwerlichen Weg, das muß man geſtehen, denn er ging über Stock und Stein. Etwas leichtſinnig, aber mit einer Unbefangenheit, die entzückend war, ſtürzte ſich die wilde Najade in leichten, munteren Sprün⸗ gen von einer ſehr reſpektablen Höhe herab in die Arme eines ergrauten Felſen, eines alten Murrkopfes, der offenbar nicht aufgelegt war zu ſcherzen. Ungerührt von den Liebkoſungen der ſchönen Tänzerin, warf er ſie ſo⸗ gleich ohne alle Zartheit, von ſeiner kalten Bruſt hin⸗ weg, kopflings in den unfreundlichen Schvoß eines Stein⸗ haufens. Jetzt entſtand ein lebhafter Streit, wobei es ſehr unordentlich zuging. Die Tänzerin war in eine ſchäumende Furie verwandelt. Brauſende Wogen und feſte Steine packten einander; denn ſie waren von ſehr verſchiedenen Grundſätzen, das verſteht ſich. Das Ganze glich einem politiſchen Hader, einem Meinungsſtreit, einem Kampf zwiſchen Fortſchritt und Rückſchritt. Auf der einen Seite welch ein jugendlich überſtrömender Gi⸗ fer, und auf der andern welche greiſenhafte Starrköpfig⸗ keit! Das Getöſe wurde laut, die Verwirrung entſetzlich, und der Schaum ſprützte gen Himmel, manchen glitzern⸗ den Sonnenſchein in ſeinen leeren Blaſen auffangend. In ihrer Revolutionswildheit wollten die aufrühreriſchen Wogen ſich das Anſehen geben, als wären ſie ein gan⸗ zer Ocean; ſie wollten alle Hinderniſſe ihres Fortſchrittes über den Haufen werfen und bei Seite ſtoßen. Es lebe hieß es, aber das Geſchrei war vergeblich. Die Steine des Anſtoßes blieben beharrlich quer liegen; ſie wollten ſun und gar nichts von Reformen wiſſen. Zwar ſchienen i e mitunter ein Bischen zu zittern, aber ſie blieben feſt auf ihren uralten Sitzen, und das Einzige, was die die Freiheit! fort mit allen ſtationären Grundſätzen! ——— tumultuariſchen Rabuliſten auszurichten vermochten, war, daß ſie an ihren verhaßten Wiberſachern die allerſchärf⸗ ſten Kanten allmälig abſchliffen. Daß man bei ihnen zuweilen einen Wunſch bemerkte, zornig ihrer Gegner 3 21 zu ſpotten, das war eine natürliche Folge dieſes auf⸗ brauſenden Zuſtandes.. Cinige Steinwürfe von da und ganz nahe bei dem Wohnhaus zeigte ſich in dem ſentimentalen Schatten einiger ſich hinabneigenden Erlen ein ſilberheller Waſſer⸗ ſpiegel. Wer konnte wohl glauben, daß dieß juſt der⸗ ſelbe Strom war, der ſich kaum noch ſo knabenhaft in den Klüften herumgebalgt und mit ſeinem Gebrauſe den Frieden der ganzen Gegend geſtört hatte? Zetzt hatte er das Benehmen einer idylliſch⸗träumeriſchen Braut an⸗ genommen. Schüchtern durch eine ſchöne Wieſe ſich chlängelnd, ſchien der einzige Zweck dieſer Fluth dahin zu gehen, alle Blumen an ihren Strand zu locken und mit dem blanken Spiegel ihrer Fläche die unſchuldige Koketterie der Natur aufzumuntern. Dieſer, in ſeinem Ausvruck ſo wechſelreiche Waſſergang floß wie eine Puls⸗ ader durch das Thal. Von ihm erhielt das ganze Ge⸗ mälde ſein Leben, ſeine charakteriſtiſchen Züge. Hier in dieſer ſchönen, aber von der Welt abge⸗ ſchloſſenen Natur, verfloß Leopoldinens Kindheit. ie Mutter war ihre einzige Lehrerin. Die Schule war alſo ganz einfach und ſtach gewaltig ab gegen die mo⸗ dernen Penſionen mit ihrem niſſenſchaftlichen Anſtrich. Nichts iſt feinfühlender als ein Kindesgemüth. Es iſt eine Daguerreotypplatte, die von jedem darauffallenden Licht oder Schatten einen Eindruck empfängt und be⸗ hält. Das Bild, das ſie endlich als ihr eigenes Ge⸗ präge aufnimmt, warum bleibt es ſo oft unklar und ſchmutzig Im Allgemeinen deßwegen, weil die Umge⸗ bung, die abgeſpiegelt wird, ſelbſt ſo iſt. Die Welt und die geſellſchaftlichen Verhältniſſe ſind allmälig das geworden, was ſie in unſern Tagen ſind, nämlich eine Karrikatur der Natur, und man kann wohl mit großem Recht ſagen, daß die junge Menſchenſeele ſchon vom Anfang an entſtellenden Verdrehungen ausgeſetzt iſt. Die Erziehung iſt ein Gegenſtand vielfachen Nach⸗ denkens geweſen, aber mit dieſem Gegenſtand iſt es ge⸗ 22 rade ſo gegangen, wie mit ſo vielen andern, die einer mehr gelehrten als klugen Forſchung unterſtellt wur⸗ den: man iſt an dem Einfachen vorbeigelaufen und hat ſtatt deſſen etwas allzu Erkünſteltes gefunden. Auch hierüber erſtreckt jetzt die lumpige, verächtliche, in Sün⸗ den erzeugte und geborene Mode ihren Scepter, und bei aller Sorgfalt, die wir den zarten Pflanzen unſeres eigenen Geſchlechtes widmen, iſt die Eitelkeit nicht in die Acht erklärt worden. Es gibt nämlich Eltern, und zwar in gar zu großer Anzahl, die, was ihre Kinder betrifft, ſich vorzugsweiſe bemühen, mit ihrem frühreifen Ver⸗ ſtand, ihren zeitigen Fortſchritten in ſeelenloſen Kennt⸗ niſſen zu prahlen. Und wenn ein ſoicher Vater oder eine ſolche Mutter ſelbſtvergnügt ihr kleines Wunder⸗ thierchen auf die Ausſtellung bringen, da ſtimmt die Schaar alter Tanten und Onkel einen Chorgeſang von Prophezeiungen über die glänzende Zukunft des be⸗ ſagten Wunderthierchens an. Aber der aufgeklärte Men⸗ ſchenfreund ſchüttelt betrübt ſeinen Kopf; denn er weiß, daß die Keime der Menſchheit, die in den jungen Men⸗ ſchen verborgen liegen, um an's Tageslicht gelockt zu werden, eines ganz andern Sonnenſcheins bedürfen, als desjenigen, der durch die dunkeln Scheiben der Schul⸗ ſtube herein dringt. Beim Kinde iſt das Gefühl früher als der Ver⸗ ſtand; aber welche Nahrung, welche Leitung gibt wohl die allgemeine Erziehung dieſer zuerſt erwachenden menſch⸗ lichen Kundgebung, und was Gutes kann man wohl von einer Bildung erwarten, die mit der Verachtung und Niedertretung der Natur beginnt?.. Ach, es ſcheint ja ausgemacht zu ſein, daß der kleine Weltbür⸗ ger ſchon in ſeinen erſten Tagen lernen ſoll, ein verlo⸗ renes Paradies zu beweinen. Warum ſollen wir ihm das einzige ungeſtörte Glück, das die Erde tragen kann, die Kinderfreude, ſo mißgönnen? Warum ſollen wir ihn ſogleich ſo unbarmherzig in unſere eigenen, oft ſo gänz⸗ lich mißlungenen Formen einzwängen? Der Farbenglanz, 3 23 der von den Flügeln der Seele ſtrahlt, wenn ſie ſich beim Schein der Morgenſonne ausbreiten, wie gar zu bald wird er nicht von einer gedankenloſen Welt ver⸗ wiſcht, und wie ſchlecht wird er nicht ſpäter durch den bunten Staub erſetzt, den eine auf Flitter und Tand beruhende Bildung ausſtreut! Bald tritt bei uns die Stimmung ein, welche über die mehr oder weniger harmoniſche Reinheit unſerer Gefühle für die Zukunft entſcheidet. Und was iſt die Kindheit oft anders, als ein Thema, worüber das ganze Leben nur Variationen bietet? Gott hat uns das Gefühl des Schönen gegeben, damit wir den Ton, den er in ſeiner Schöfung ange⸗ ſchlagen hat, begreifen können und davon gerührt wer⸗ den. Die freie Natur, das iſt die rechte Kleinkinder⸗ ſchule. Laß die einfache Poeſie, die da fließt, den in jeder Seele ſchlummernden Schönheitsſinn wecken, wenn Du willſt, daß dieſe jungen Herzen einmal recht lebhaft das Tugendhafte und Eole nach ſeinem Werthe zu ſchätzen vermögen. Leopoldine war ein liebenswürdiges und ſchönes Kind. Schon frühzeitig bekam ihr Gemüth eine ernſtere Richtung durch den Umgang mit der immer in Trauer befangenen Mutter. Aber dieſer Ernſt war ſo mild. Er verſcheuchte die Freude nicht, er raubte ihr auch nicht die unerſetzliche Annehmlichkeit einer natürlichen Friſche. Ihre Empfänglichkeit für verſchiedene Eindrücke und der beinahe augenblickliche Wechſel der Gefühle, den man bei ihr wahrnahm, verrieth ein lebhafte und reichbegabte Seele. An gleichalterigen Spielgenoſſen fehlte es ihr beinah gänzlich. Dagegen lebte ſie in kind⸗ licher Vertraulichkeit mit den Vögeln des Waldes, mit den Blumen der Wieſe, mit den Waſſerfällen und den Bergen. Es war eine Freude, ſie auf eigene Fauſt in der Gegend umherſchwärmen zu ſehen. Mit der Leichtigkeit und der freien Anmuth der Gazelle eilte ſie zwiſchen den Baumſtämmen hin, die Klüfte des Berges hinan. Sie 24 fürchtete keine Gefahr, die ungebahnteſten Wege, die unzugänglichſten Dickichte wurden vorzugsweiſe aufge⸗ ſucht, mit einer Kraft und einer Geſchmeidigkeit, die manchem Jüngling Ehre gemacht haben würde, ſchwang ſie ſich luſtig wie der Wind die ſteilſten Klippen hinauf, wo der Adler in ſicherer Ruhe ſein Neſt baute, und über ſchwindelnde Abgründe hin machte ihr Fuß kühne und ſichere Sprünge. In Leopoldinens Buſen keimte bei dieſen waghalſigen Wanderungen der friſcheſte Lebens⸗ muth empor. Das Blut floß ſo leicht in ihren Adern. Die reine Luft, die ſie einathmete, erweiterte ihre Bruſt. Aller krankhafte Naturqualm wurde von den kühlen Morgenwinden verſcheucht. Ihre Blicke bekamen Feuer. Ihr Leben erſchien ihr ſo klar, ſo rein, und mit einer guten Hoffnung und Zuverſicht auf die eigene Kraft flogen ihre Gedanken in eine Welt hinaus, die ſie noch ganz und gar nicht kannte. Wenn ſie envlich von ſolchen Streifereien müde wurde, beſaß ſie unter jedem ſchattenreichen Baum einen Ruheplatz. Aber vorzugsweiſe ließ ſie ſich nach den Mühen der Wanderung an ihrem Lieblingsplätzchen nie⸗ der, einer kleinen Klippe mitten in dem wildeſten Waſſer⸗ fall. Hier konnte ſie mehrere Stunden in derſelben Stellung auf dem weichen Moos ausgeſtreckt liegen, und Mancher, der ſie ſo betrachtete, glaubte, ſie ſei auf ih⸗ rem geſährlichen Platze eingeſchlafen. Aber Leopoldine war dann bloß in die Welt der wachenden Träume ver⸗ ſetzt. Die Einſamkeit hatte für ſie ihre Leere verloren, man konnte ſich zu dem Glauben verſucht fühlen, daß ſie gleich den Throſophen mit unſichtbaren Geiſtern Um⸗ gang pflege. Wenn es kaum noch möglich war, ihren Schritten nachzukommen, ſo wurde es wahrlich nicht leichter, ihrer Phantaſie zu folgen. Zuweilen erhob ſie ſich auf eine goldrandige Purpurwolke, welche ſie auf einer kleinen Luſt⸗ und Luftfahrt zwiſchen Himmel und Erde einlud. Wie ſie umherſchwebte in dem unendlichen Raum Sie ſah die Heimath des Blitzes und des 25 Sturmes. Sie beſuchte die Regionen, wo die Sterne bei Tag ausruhen, wie Schönheiten nach einem nächtlichen Feſte. Und die Sonne war eine Kugel von brennendem Gold; aber jeder Strahl, der hinabfiel, verwandelte ſich in eine Blume am Buſen der Erde.— Manchmal lauſchte ſie hinwiederum aufmerkſam auf die Geſänge der Vögel, aber dieſe Geſänge ſchmeichelten nicht bloß ihrem Ohr mit meloviſchen Tönen, ſie drangen auch tief in ihre Seele und erweckten darin einen harmoniſchen Wieder⸗ klang der Aeolsharfe, die ihr Herz in ſich ſchloß, einer Aeolsharfe, deren Saiten Gefühle waren. Die Töne wurden eine Sprache. Dieſe Sprache war ohne Worte, ohne Sünde, ohne Lüge, voll von Liebe und Freude. Sie glaubte die Meinung des beflügelten Sängers zu verſtehen. Sie labte ſein Leben, er freute ſich an ſei⸗ nem Glücke. Klagte er einmal, ſo bekümmerte ſie ſich mit ihm, und in der Freude wie im Leid ahnte ſie mehr als ſie begriff.— In andern Augenblicken dagegen war ihre ganze Aufmerkſamkeit von dem brauſenden Waſſer⸗ fall gefeſſelt, der von allen Seiten ihre kleine Inſel umgab. Der wilde Streit, das Spiel des Schaumes, das Gemurmel aus der Tiefe riß ihre Phantaſie hin und zog ſie in eine neue myſtiſche und ſagenreiche Wun⸗ derwelt. Sie bebte, ſie zitterte und hielt ſich mit all ihrer Kraft feſt an dem Steinblock, auf dem ſie ruhte. Je mehr ſie ihre Blicke auf vas ſtrömende Waſſer hef⸗ tete, um ſo mehr wurde ſie von ihrer Einbildung be⸗ thört. Es däuchte ſie, als ſei ſie ſelbſt es, die von ihrer Klippe getragen über die ſchäumenden Abgründe hinwegeile. Die Wogen winkten mit ſchneeweißen Hän⸗ den. Der Waſſernir ſchlug ſeine Harfe. Tauſend Stim⸗ men aus der Tiefe lockten ſie mit wunderbarer Macht nach den Muſchelgrotten unten. Aber über all dieſem Gemurmel hörte ſie ernſte, feierliche Orgeltöne. In ih⸗ nen ſprach eine göttliche Warnung, in ihnen verrieth ſich eine ſeufzende Klage vom Himmel über den Un⸗ glauben der Menſchen. Auch in der Blume mit ihrem 26 Farbenſpiel und ihrem Duft beſaß ſie eine vertraute liebe Freundin, die ihr manche ſchöne Sage aus ihrem eige⸗ nen Leben erzählte. So war die Natur für ſie ein offenes Buch, worin ſie auf jedem Blatt den himmliſchen Urſprung des Schö⸗ nen, ſeinen Sündenfall und die Gewißheit der Wieder⸗ vereinigung in einer Welt von ungeſtörter Harmonie, ſowie die Liebe las, welche die Kraft alles Lebens, die Löſung aller dunkeln Räthſel ausmacht. Johanna war es, die ihr Kind gelehrt hatte, die myſtiſche Chiffer ſo zu deuten; ſie war es, die ihr die Noten zu dieſer hei⸗ ligen Schrift übergab, und ſie glaubte Raimund's Mah⸗ nung auf ſeinem Todtenbette:„Oeffne ihre Seele früh die Schönheit der Kunſt,“ nicht beſſer erfüllen zu önnen. Daß ein Beſuch das einförmige Leben im Thal ſtörte, das gehörte zu den Seltenheiten; aber einmal im Jahr, während der ſchönſten Sommerſaiſon, und zwar ſo regelmäßig, daß es gewöhnlich an demſelben Tage geſchah, wurde Johanna von dem eigentlichen Beſitzer des Gütchens begrüßt. Dieſer, ein Fünfziger, der den Titel Kämmerer führte, war in der nächſten Stadt an⸗ ſäßig und machte von da aus jährlich zur gleicher Zeit eine Inſpektionsreiſe auf mehreren kleinen Pachthöfen, die er in der Gegend beſaß. Er war als ein ſehr ge⸗ nauer und ordnungsliebender Geſchäftsmann bekannt; viele hielten ihn ſogar für geizig und legten ihm ſeine ſteife, abgemeſſene Haltung als Hochmuth aus. Johanna hatte jedoch niemals Urſache gehabt, ſich über das Eine oder das Andere zu beklagen. Im Gegentheil hatte er ſich ſchon von ihrer erſten Bekanntſchaft an ausnehmend generös und zuvorkommend gegen ſie gezeigt. Auch die⸗ ſes Benehmen wollte man, d. h. die böſen Zungen, eigennützigen Abſichten zuſchreiben. Man ſagte nämlich, 27 der Kämmerer, der ſelbſt Wittwer war, ſpeculire heim⸗ lich darauf, das Herz, oder wenigſtens die Hand der ſchönen, jungen Wittwe zu erobern. Dem ſei wie ihm wolle, ſie ſelbſt hatte niemals irgend eine Aeußerung von ihm als eine Andeutung auf ſolche Pläne aufgefaßt, und es wäre wirklich auch für einen kühneren Mann, als der Kämmerer war, ſchwer geweſen, als Freier bei einer Frau aufzutreten, deren ganzes Weſen ſo deutlich zu erkennen gab, daß ſie mit unerſchütterlicher Treue einzig und allein ihren Erinnerungen angehörte. Auf ſeinen Reiſen brachte der Kämmerer gewöhnlich ſeinen Pflegſohn mit, einen munteren, lebhaften Jungen. Einmal, bei einem dieſer Beſuche, hatte ſich der Kämmerer, nachdem er verſchiedene Spaziergänge auf den Pachthöfen umher gemacht, Abends wie gewöhnlich in Johanna's Wohnzimmer in einem Lehnſtuhle niederge⸗ laſſen. Es war ein ſchöner Abend. Ein herrlicher Jas⸗ minduft ſtrömte durch die vffenen Fenſter herein. Die Vögel zwitſcherten in den Eichen draußen, und aus der Ferne hörte man das Brauſen des Waſſerfalls. Ein Gefühl der Zufriedenheit überkam den Kämmerer. Es iſt nicht leicht, die Gedanken auszumitteln, die ihn be⸗ ſchäftigten; aber ſo viel iſt ſicher, daß es ihm ungemein wohlgefiel auf ſeinem Platze, als ſeine Blicke auf der einnehmenden Wirthin ruhten, die ſich einige wenige Schritte von ſeinem Stuhl auf den Sopha geſetzt hatte. „Meine beſte Madame,“ ſagte er mit ungewöhn⸗ lich weicher Stimme,„ich wundere mich nicht, daß Sie das Land lieben. Einen Abend wie dieſen hier hat keine Stadt zu bieten. Auch ich.. „Sagen Sie das nicht.. man kann auch in den Städten glücklich ſein,“ unterbrach ihn Johanna. Wirklich?— Sie könnten ſich alſo möglicher Weiſe bewegen laſſen, dieſe gemüthliche Wohnung mit einer andern zu vertauſchen, z. B.. „Z. B. mit dem Grabe. Ja wohl, ich kann nicht leugnen, daß ich mich nach dieſem Zufluchtsorte ſehne. 28 Einmal hatte ich jedoch meinen Gäſten etwas Anderes zu bieten, als nur Kummer und Gram. Es war in D, als Raimund noch lebte. Ach, ich wollte, Sie hät⸗ ten damals mein Hausweſen geſehen.“ Dem Kämmerer gefiel die Antwort ganz und gar nicht. Daß Johanna vom Grabe ſprach, das befüm⸗ merte ihn nicht ſo ſehr, denn er erinnerte ſich daß ſeine eigene ſelige Frau niemals in ihrem Leben ſo viel von Tod und Begräbniß geredet hatte, als während ihrer Brautzeit; aber der Name Raimund, ſo wie ihn die Wittwe ausſprach, klang in ſeinen Ohren niemals gut. Wenn er in demſelben Ton, wie er angefangen, hätte fortfahren dürfen, ſo iſt es wohl möglich, ja ſogar wahr⸗ ſcheinlich, daß er in dieſer Stunde den Schleier ein we⸗ nig gelüftet haben würde, der ſeine heimlichen Gefühle umhuͤllte, denn der Blumenduft und der Vögelgeſang machten ihm ungemein warm um's Herz. Aber jetzt hatte dieſes„Ratmund“ ſeine Stimmung gänzlich ver⸗ ändert. Er nahm eine gezwungene Haltung an, er kratzte ſich hinter dem Ohr und konnte nicht wieder auf den Sprung kommen, wie man zu ſagen pflegt. Nach einer kurzen Pauſe berührte er einen andern Gegenſtand. „Sie müſſen das muſikaliſche Talent meines Pflege⸗ ſohns kennen lernen,“ ſagte er.„Ich habe mit Ihnen ſchon mehrmals von ſeinen ſeltenen Anlagen geſprochen. Dießmal hat er ſeine Geige mitgenommen, und Sie ſollen ihn ſelbſt hören. Marximilian,“ rief er zum Fen⸗ ſter hinaus dem Jungen zu, der im Hofe beſchäftigt war, Leopoldine im Stelzengehen zu unterrichten,„Mart⸗ milian, komm herein und ſpiele uns eins Deiner ſchönen Siue⸗ Hörſt Du, mein lieber Junge, wir erwarten i 4 Der junge Herr war mit dem Vorſchlag höchſt un⸗ zufrieden. Nach mehreren erneuten Aufforderungen ge⸗ horchte er jedoch endlich, aber mit einer garſtigen Gri⸗ maſſe und verſchiedene Bemerkungen über unerträglichen 29 Zwang und dumme Einfälle zwiſchen den Zähnen mur⸗ melnd. „Ein verwöhntes Kind,“ ſagte der Kämmerer lächend zu Johanna,„aber lebhaft wie Feuer und, auf meine Ehre, ein wahres muſikaliſches Genie.“ Es war eine Schwachheit des Kämmerers, daß er mit ſeinem Pflegeſohn prahlen wollte. Die ungewöhn⸗ lichen muſikaliſchen Talente des Jungen und ſeine früh⸗ zeitigen Fortſchritte in der Kunſt, hatten ihn zu einem der Wunder in der Stadt gemacht. Alle Welt verhät⸗ ſchelte den„kleinen Paganini,“ und der Kämmerer, der das Vateramt eigentlich nur gegen eine jährliche Baar⸗ zahlung übernommen, hatte den Jungen jetzt ſo lieb⸗ aewonnen, daß er die ganze Eitelkeit eines wirklichen Vaters hegte. Als Marimilian ſeine Geige geholt hatte, trat er mit einer Haltung auf, die einem Concertmeiſter Ehre gemacht hätte. Seine Geſchicklichteit war unleugbar für ſeine Jahre erſtaunlich. Raſch und ungezwungen handhabte er ſeinen Bogen und führte mit Fertigkeit viele ſchwere Kunſtgriffe aus. Dabei war der Ton rein und angenehm. Gleichwohl konnte man bemerken, daß er jetzt mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit ſpielte, wie wenn er es nicht der Mühe werth gefunden hätte, vor einem ſo kleinen Publikum ſich anzuſtrengen. „Nicht wahr,“ flüſterte der Pflegevater halblaut, „er iſt ein wahres Wunderkind, ein kleiner Paganint? Er iſt bereits gewöhnt, vor größeren Geſellſchaften auf⸗ zutreten, und überall wird er mit Lob überhäuft. Uebri⸗ gens artet er bloß ſeinen Eltern nach, denn ſein Vater iſt ein berühmter Muſikus, und die Mutter gehört eben⸗ falls der Kunſt anz ſie iſt Schauſpielerin. Seit meine ſelige Frau mich verlaſſen hat, iſt dieſer Junge meine einzige Freude. Hören Sie, welch' ein Lauf auf der G Saite! und er iſt nicht über vierzehn Jahre alt. Vor⸗ trefflich! bravo! braviſſimo! mein lieber Maximilian!“ 30 Kaum hatte dieſer ſein Spiel beendigt, ſo ergriff er Leopoldinen's Hand und ſagte vertraulich: — Laß uns fortſpringen, ſonſt zwingt man mich, noch mehr zu ſpielen, und das macht mir heute kein Vergnügen. Nach einigen Augenblicken ſtanden die beiden Flücht⸗ linge auf der Spitze des nächſten Berges. Marimilian's Blicke befeuerten ſich, als er die freie, umfaſſende Aus⸗ ſicht betrachtete. — Hier iſt es ſchön,“ ſagte er,„und frei. Es gibt doch nichts Beſſeres als die Freiheit... und Du,“ fügt⸗ er gegen Leopoldine gewendet hinzu,„auch Du biſt ſchön.“ In demſelben Augenblick, wo er dieſe Worte ſprach, nmfaßte er ihren Kopf mit beiden Händen und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. „Ich glaube, Du haſt mich lieb,“ ſagte das Mäd⸗ chen;„das iſt artig von Dir.“ „Ja, ich habe Dich lieb,“ verſetzte Marimilian, „aber Du verſtehſt noch nicht, was ein Kuß beſagen will. Siehſt Du, weit, weit auf der andern Seite der blauen Wälder dort, da ſieht die Welt anders aus, als hier in dieſem ſtillen, einſamen Winkel. Dort lebt man munter und vergnügt, genießt tauſend Freuden und erntet Ehre und Ruhm. Bald werde ich groß ſein. Dann will auch ich hinaus. Ach, es wird eine herr⸗ liche Zeit werden. Wie will ich meine Freiheit ge⸗ nießen, und die ganze Welt will ich zu meinen Füßen zwingen. Aber reich und mächtig werde ich einmal hieher zurückkehren, um Deinetwillen zurückkehren, und dann werde ich Dir ſagen, was mein Kuß bedeutete.“ „Bleib nicht gar zu lange aus, Marimilian. Auch ich möchte ſo gerne in die fröhliche, glückliche Welt hinaus kommen; darf ich dann mit Dir gehen 2“ „Ja gewiß, wir bleiben dann beiſammen in Leben und Tod.“ „Und Mama, ſie muß auch bei uns ſein. Die 31 arme Mama, ich wünſchte ſo ſehr, daß ſie auch einmal fröhlich würde.“ „Natürlich, wir werden Alle glücklich werden. Ich werde Dich mit Gold und Perlen ſchmücken, Du wirſt in meinem Schloſſe wohnen und in meinen Equipagen fahren. Aber jetzt beneide ich Dich gleichwohl um Etwas. Ach, Du haſt eine Mutter. Ich habe weder Vater noch Mutter, die nach mir fragen: nur dieſer alte närriſche Kämmerer da 4 „Iſt er denn nicht gut gegen Dich?“ „Gut? Bah, die Güte paßt nur für Weiber.. Siehſt Du die Elſter, die dort auf dem Zweige ſitzt? Ci der tauſend, wie ſie dem Kämmerer gleicht mit ſeinen dünnen Beinen und ſeinem ſpitzigen Frackſchoß aber Du, Leopoldine, biſt eine Taube, biſt meine eigene artige, treue Taube. An meiner Seite wirſt Du ein⸗ mal in's Leben hinausfliegen. Wehe Demjenigen, der es wagen ſollte, Dich von mir weglocken zu wollen! wehe Dir, wenn Du dieſen Verlockungen folgſt!“ „Ach nein, ich werde Dich ſo getreu erwarten.. Als der Kämmerer im folgenden Sommer wieder kam, war er allein. Marimilian war von ſeinem rech⸗ ten Vater abgeholt worden und mit ihm weit hinweg aus dieſer Gegend gezogen. Thränen traten Levpoldinen in die Augen, als ſie dieſe Nachricht erhielt; aber ſie dachte bei ſich ſelbſt: ich will warten, ich weiß, er kommt gewiß einmal hier⸗ her zurück. Auch der Kämmerer hatte dießmal eine traurige Ueberraſchung. Als Johanna ihm entgegen kam, meinte er nur ihren Schatten zu ſehen, ſo bleich, ſo abgezehrt war ſie geworden. Wenn er wirklich einige Hoffnuu⸗ gen für ſeine Zukunft auf ſie geſetzt hatte, ſo mußten dieſe jetzt für immer aufgegeben werden, es war ja klar, daß er den Tod ſelbſt zum Nebenbuhler hatte. Erasmus und ſein Haus. Mein Urtheil iſt gefällt. Ich beklage mich nicht. Palis qualis. In ihrem Geburtsort, dem Städtchen, hatte Jo⸗ hanna einen Bruder. Er hieß Erasmus und war diel älter als ſeine Schweſter. Ein ſo guter und freund⸗ licher, ſo frommer und ſtiller Mann wie er iſt eine höchſt ungewöhnliche Erſcheinung. Und wer iſt Schuld daran? Ei, die Schuld habt aller Wahrſcheinlichkeit nach ihr, meine jungen Damen, denn wenn ihr ſolchen Charak⸗ teren im Allgemeinen mehr Aufmunterung ſchenktet, ſo würden ſie gewiß nicht ſo ſelten ſein. Was ſein Aeußeres betraf, ſo beſaß Erasmus allerdings keine Schönheit, die ihm ſelbſt oder Andern ein Vergnügen machen konnte. Er war unleugbar ſehr häßlich und die lange, ſchmalbeinige, ſteife Figur glich eider Hopfen⸗ ſtange, und wenn man die Schläfrigkeit, die auf ſeinen faden Zügen ruhte, und die Schwerfälligkeit ſeines gan⸗ zen Weſens in Betracht zog, ſo war es ſehr entſchuld⸗ bar, wenn man ihn auf den erſten Blick für ein wenig einfältig hielt; dagegen war es unverzeihlich, wenn man nicht bald entdeckte, daß ein waries und grundehrliches Herz in dieſer dünnen Bruſt wohnte. Erasmus war ſeinen Gefühlen nach Poet und hatte lebhafte Sym⸗ pathien für alles Schöne. Aber das Schickſal, das vermuthlich einſah, daß unſere Erde bereits Ueberfluß an Schwärmern und Phantaſten beſitzt, geſtattete ihm nicht, ſich dem träumeriſchen Leben hinzugeben, das ihm am meiſten behagt haben würde, ſondern führte ihn ſtatt veſſen auf die prakiiſche Bahn. Noch als Jüngling wurde er als Buchhalter von 33 einem Tabaksfabrikanten engagirt, einem der vornehm⸗ ſten Eigenthümer der Stadt, und durch ſeine ausge⸗ zeichnete Ordnungsliebe, ſeine ungewöhnliche Solidität und Ehrlichkeit erwarb er ſich bald das volle Vertrauen ſeines Prineipals. Er wurde dieſem zuletzt ganz unent⸗ behrlich. Auf ſolche Art gewann er die allgemeine Achtung der Geſchäftsleute, ſowie aller derjenigen, die ihn näher kennen lernten; aber außer dem Comptoir galt er für einen Holzbock. Selten betheiligte er ſich auch an den heiteren Zeitvertreiben ſeiner Altersgenoſſen, ſondern zog es vor, in ſeinen Freiſtunden ſich allein auf ſeinem Stübchen damit zu vergnügen, daß er poe⸗ tiſche Werke las oder die Flöte blies, welche beide Be⸗ ſchäftigungen ihm die allerliebſten waren. Nachdem Erasmus ſchon viele Jahre beinahe auf eigene Fauſt der Fabrik vorgeſtanden, ſtarb der Eigen⸗ thümer und hinterließ eine Wittwe und zwei Töchter. In Folge des gerechten Vertrauens, das der exempla⸗ riſche Buchhalter ſich erworben hatte, betrachtete man ihn jetzt als ganz unentbehrlich für den Fortbeſtand der Fabrik, und man machte daher mit ihm den Vertrag, daß er fortwährend auf Rechnung der Familie das Ge⸗ ſchäft verwalten ſolle, das er auch mit allem Eifer be⸗ trieb, ſo daß ſowohl Schnupf⸗ als Rauchtabak den be⸗ reits erworbenen guten Ruf benielten. Ungeachtet auf dieſe Art das ſchnupfende und rau⸗ chende Publikum den Tod des Fabrikanten nicht allzu ſchwer zu empfinden und die Familie alle Urſache hatte, mit dem fortwährend guten Ertrag zufrieden zu ſein, ſo konnte doch die hinterlaſſene Wittwe, Frau Regina, ſich mit den veränderten Umſtänden nicht recht befreun⸗ den. Es gelang ihr zwar nach einiger Zeit den Kummer zu überwältigen, der beim Hinſcheiden des Gatten ſich ihres Herzens bemächtigt hatte, aber dennoch fand ſie das frühere gemüthliche Leben in ihrem Hauſe nicht wieder. Beſtändig fühlte ſie ſich einſam und mit Ein Funken. 1. 3 34 Frithiof bekannte ſie: Ich bin nicht gewöhnt, mich ein⸗ ſam zu denken. Der Dahingegangene hinterließ eine Leere, die ſich ſtündlich fühlbar machte und ihr ganz unerträglich war. Das Zimmer, das der Fabrikant bewohnt hatte, er⸗ ſchien ihr wie ein Grabchor; ſie wagte kaum hinein⸗ zugehen, ſo unheimlich däuchte es ihr. Beim Mittageſſen war Niemand mehr, der über die Gerichte Bemerkun⸗ gen machte. Es lohnte ſich daher kaum der Mühe, das rechte Verhältniß der Gewürze genau zu beob⸗ achten oder gegen die Köchin ſtreng zu ſein. Niemand handhabte den Fliegenwedel. Die Fliegen ſetzten ſich gleichſam zum Hohn auf Frau Regina's eigenes Näs⸗ chen, und die holländiſche Wanduhr, wie manchen Sams⸗ tagabend blieb ſie nicht unaufgezogen ſtehen.. So verfloß kein Tag, der nicht für die arme Wittwe irgend eine traurige Erinnerung an die allzu früh eingetretene Vacanz mit ſich führte, und auch die Nächte waren unruhig. Sie hatte nämlich das altmodiſche Vorurtheil, an Geſpenſter zu glauben, und ſie fürchtete beſtändig, ihr ſeliger Mann könnte einmal zur mitternächtlichen Stunde kommen und ſie in die Naſe kneipen. Alle, die Frau Regina kannten, glaubten einen entſchiedenen Hang zur Herrſchaft bei ihr zu finden, und in Folge deſſen bildete man ſich ein, daß ſie ſich als Wittwe ganz ungemein wohl fühlen würde, weil kein Menſch das Recht hätte, ihr in Allem, was die Verwaltung ihres Hauſes betraf, die Macht ſtreitig zu machen. Aber dieſer Schluß war nicht ganz richtig. Was für ein Vergnügen liegt wohl darin, einen deſpo⸗ tiſchen Seepter zu führen, wenn man Niemand hat, den man unterdrücken und beſiegen kann. Ueberdieß war Frau Regina in der That und Wahrheit nicht herrſchſüchtiger, als die Mehrheit der Frauen. Sie laubte bloß ein Bischen klüger zu ſein, als alle Männer der Erde zuſammen, und die Klügſte hat ja immer Recht. Aber dieſer überlegene Verſtand, den das 35 Glück ihr geſchenkt hatte, konnte, ſo ſchien es ihr, kei⸗ nen Triumph gewinnen, wenn ſie jetzt keinen Mann mehr an ihrer Seite beſaß, gerade wie eine Kraft ſich nicht entwickeln kann, wenn ſie auf keinen Widerſtand ſtößt. Ja, die Gewohnheit iſt der Tyrann des Men⸗ ſchen, und es hatte ſich jetzt einmal ſo geſchickt, daß von der Ehe ihr das liebe eheliche Gezänke ganz beſon⸗ ders behagte. Kurz und gut, ſie vermißte einen Mann, den ſie mit ihrem holden Weſen beglücken und mit dem ſie ſich zanken konnte, einen Mann, deſſen Pflicht darin beſtände, ſowohl das Süße als das Saure in ihrer Gemüthsart und ihrem Leben mit ihr zu theilen. Nachdem ſie zwei Jahre lang die Sache überlegt und dabei auch das Bedürfniß eingeſehen hatte, ihren heranwachſenden Töchtern einen Vater zu verſchaffen, faßte ſie den feſten Entſchluß noch einmal das Glück Hymens zu koſten, und begann daher, ſich heimlich nach einem paſſenden Gegenſtand umzuſehen. Ein ſolcher war nicht überall zu finden; aber eines ſchönen Tags ſchoß eine lichte Idee in ihrem Kopfe auf. Sie be⸗ lächelte jetzt ihre eigene Blindheit, ihre Thorheit, über den Fluß gehen zu wollen, um Waſſer zu ſuchen: In ihrem eigenen Hauſe fand ſich ja eine Perſon, die ihren Forderungen vollkommen entſprach, nämlich Erasmus, der vortreffliche, eifrige und anſpruchsloſe Buchhalter, er, der durch die Verwaltung ihrer SOekonomie bereits gewiſſermaßen Mannesſtelle bei ihr vertrat. Die Be⸗ denklichkeiten, die ſich gegen dieſen Vorſchlag erheben konnten, ſchienen ihr alle von geringer Bedeutung zu ſein, und mit einem Ton, worin Siegesgewißheit lag, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: Es iſt alſo ausgemacht, Eras⸗ mus mag in Gottes Namen mein Mann werden. Der arme Erasmus! Seine Forderungen an's Leben waren nicht groß. Das Ziel, das er erſtrebte, beſchränkte ſich auf einen beſcheidenen Unterhalt und Frieden mit allen Menſchen. Uneigennützig wollte er ſeine Kräfte gern in dem Wirkungskreis opfern, den er 3* 36 als ſeine irdiſche Beſtimmung zu betrachten gewöhnt war, und wenn ſeine Phantaſie ihm manchmal in einſamen Stunden eine von der Sonne der Liebe beglänzte Zu⸗ kunft, ein gemüthliches eigenes Heimweſen, verſchönt von einem liebenswürdigen Weibchen, vormalte, ſo ſcheuchte er doch dieſe himmliſchen Bilder bald wieder von ſich. Es wäre gar zu viel für mich, dachte er, und er war zufrieden, wenn ſeine Geſchäfte ihm geſtat⸗ teten, zuweilen die liebe Flöte in die Hand zu nehmen oder mit irgend einem ſentimentalen Autor ein Abend⸗ ſtündchen zu verweinen... Armer Erasmus, ſagte ich, aber ich wollte ihn damit nicht wegen ſeiner anſpruchs⸗ loſen Wünſche beklagen. Ach nein, dieſen müſſen wir eher unſere Bewunderung ſchenken, als Mitleid zollen. Wie viel beſſer verdiente nicht er ein Glück mit ſeinen mäßigen Forderungen, als wir Thoren, die wir es nicht verſtehen, den Sonnenſchein unſerer klaren Tage in der Stille zu genießen, und ſtatt deſſen beſtrebt ſind, gleich Phaöton dummdreiſten Angedenkens den Sonnenwagen ſelbſt kutſchiren zu wollen. Die Fliege, die in das Netz der Spinne einge⸗ ſchnürt wird, war nicht ſchutzloſer als der fromme Buch⸗ halter, nachdem er einmal in Frau Regina's Ehepläne gemiſcht worden war. Ihr kräftiger Wille, ihre Welt⸗ erfahrung, ihre Klugheit und ihre Liſt gaben ihr Waf⸗ fen, gegen welche der an Menſchenkenntniß und beſon⸗ ders Weiberkenntniß ganz arme Erasmus vollkommen entblößt daſtand. Man konnte ſagen, daß ſein Schick⸗ ſal in demſelben Augenblick entſchieden war, wo ſie be⸗ ſchloſſen hatte, ihn zum Manne zu nehmen. Ohne im Anfang zu ahnen, um was es ſich eigent⸗ lich handelte, bemerkte Erasmus mit einiger Verwun⸗ derung, daß Frau Regina in ihrem ganzen Benehmen gegen ihn allmälig eine bedeutende Veränderung ein⸗ treten ließ. Und als endlich der wahre Sinn dieſer Veränderung immer klarer an's Tageslicht trat, da war der gute Mann bereits durch wohlberechnete und 37 klug wiederholte Erinnerungen von Seiten Frau Re⸗ gina's dermaßen von Dankbarkeit erfüllt für all' die großen Wohlthaten, die er ſeit langer, langer Zeit von ihr genoſſen, daß ihm graute bei dem Gedanken, ſo viele Güte mit Undank zu belohnen. Noch hörte er jedoch aus der Tiefe ſeines Herzens eine andere Stimme, die er nicht zum Schweigen bringen konnte. Sie ſang ſo ſchön von Liebe und häuslichem Behagen. Aber Eras⸗ mus hieit es für Starrköpfigkeit, ſeinen thörichten. Träu⸗ men irgend Einfluß auf einen Beſchluß zu geſtatten, welcher das Glück einer andern Perſon ſo nahe berührte. Er bildete ſich auch ein, daß juſt Frau Regina es ſei, welche das größte Opfer zu bringen gedenke, indem ſie ihren geringen Diener als Herrn in ihrem Haus ein⸗ ſetzen, den unbemittelten Buchhalter zu einem vermög⸗ lichen Fabrikanten machen wolle. Von einer Beſchei⸗ denheit befangen, die wirklich etwas einfältig war, betrachtete er das Anerbieten als das edelmüthigſte von der Welt. Die Angriffe von Seiten Frau Regina's wurden inzwiſchen immer häufiger und kühner. Eines Tags nahm ſie ihre ganze reſpectable Kraft zu einem entſchei⸗ denden Angriff zuſammen. Erasmus wurde verlegen, beſtürzt, verwirrt. Das Blut ſtieg ihm in den Kopf. Er wurde von einem Schwindel befallen und wußte nicht mehr, was er ſagte oder hörte. Aber als er den Gebrauch ſeiner Sinne wieder erhielt, da vernahm er, daß Frau Regina ſeine verlobte Braut war. Kaum hatte er Zeit, ſich nach dieſer erſten, großen Ueberraſchung zu erholen, als er auch ſchon an der Seite ſeiner frü⸗ heren Prineipalin im Brautſtuhle ſtand und ihr ewige Treue ſchwor. Auf dieſe Art wurde der Buchhalter Erasmus ein verheiratheter Mann und Fabrikant. Naturen wie er ſind ſelten unglücklich, denn ſie beſitzen ein entſchiedenes Talent, ſich zurückzuziehen und nachzugeben; ſie haben nicht Haar genug auf den 38 Zähnen, um ſich mit ihrem Schickſal zu ſchlagen. Frau Regina war übrigens auch keine Frau, die einen Mann durchaus in's Verderben ſtürzen mußte. Nein, weit entfernt. Was ihr hauptſächlich fehlte, das waren die zarteren, feineren Eigenſchaften des Herzens, welche die Alltäglichkeiten des Lebens über das Einfache und Pro⸗ ſaiſche zu erheben vermögen. Anderſon erzählt in einem ſeiner vortrefflichen Abenteuer von einem Spiegel, den der Teufel eines Tags erfand, als er bei recht gutem Humor war. Dieſer Spiegel hatte die Eigenſchaft, alles Gute und Schöne, was ſich darin abſpiegelte, zu ver⸗ zerren und alles Häßliche und Schlechte noch ſchlimmer zu machen. Aber als er in ſeinem Uebermuth ſo weit ging, einmal die Engel, ja ſogar den lieben Gott ſelbſt zum Narren halten zu wollen, da zerſprang das künſt⸗ liche Glas in eine zahlloſe Menge kleiner Scherben, welche ſeitdem gleich Sandkörnern in der Welt umher⸗ fliegen, und wenn ein Menſch ein ſolches Korn in die Augen bekommt, ſo ſieht er Alles verkehrt. Etwas Aehnliches muß mit Frau Regina geſchehen ſein, denn in ihren Augen lag immer ein entſtellender Schatten, ſelbſt auf den allerſchönſten Seiten des Lebens, und ſie ſah am liebſten die Kehrſeite von Allem. Aber ſie hatte auch Tugenden, denen man Werth beilegen mußte; ſie war eine fleißige Hausfrau, ſie beſaß eine unbeſcholtene Ehrbarkeit, und die Ordnung in einem Hauſe konnte kein Weib beſſer aufrecht erhalten als ſie. Ordnung allein vermag auch eine Art von Behaglichkeit zu ſchaf⸗ fen. Man hörte daher Erasmus niemals über ſein Schickſal klagen; wenn ein Hauskreuz ſeine Schultern drückte, ſo trug er es mit Geduld. Aber ein ſo reines! und von aller Falſchheit freies Gemüth wie das ſeinige hätte ein noch beſſeres Loos verdient. Der poetiſche Grundton in ſeiner Seele hätte einen harmoniſcheren Wiederklang, ſeine edle Weichheit eine holdere Sym⸗ pathie finden müſſen. Jetzt erblaßten allmälig ſeine ſchönen Phantaſiebilder und die Armuth des Lebens 39 breitete ihre Eisrinde über ſein warmes Herz. Die Flöte lag unberührt in einer Ecke des Schrankes; die Elegien erfreuten ihn nicht mehr. Er fand ſich allein und unverſtanden, ein Fremdling unter den Seinigen. Mit den Jahren wurde er noch verſchloſſener, und eine gewiſſe Grämlichkeit verſchleierte ſeine natürliche Güte. Aber wie geſagt, unglücklich war Erasmus nicht. So verfloſſen viele Jahre. Eines Winterabends(es war jetzt bereits mehr als dreizehn Jahre, ſeit Johanna Wittwe geworden), ſaß Frau Regina mit ihren beiden Töchtern— Roſine und Lilia— Roſe und Lilie, wie es zuweilen hieß— nach ihrer Gewohnheit fleißig arbeitend in dem ſogenannten Alltagszimmer. Sie waren beſchäftigt, einen Teppich zu ſticken, der in einem großen Nährahmen aufgeſpannt war. Frau Regina war bedachtſam, das darf man glauben, und ſie wollte zu guter Zeit die Ausſteuer der Mädchen in Ordnung haben, damit, wenn einmal die Gelegenheit käme, Alles vorbereitet wäre. Dieſe Aus⸗ ſteuer bildete den Gegenſtand ihrer täglichen Geſpräche und Ueberlegungen. Man nähte und wob über Hals und Kopf. Wenn ein Mädchen nur eine eheliche Aus⸗ ſteuer hat, ſo bekommt ſie immer einen Mann, das war die ohne Zweifel ſehr richtige Ueberzeugung dieſer Mutter. Sowohl die Roſe als die Lilie ſtanden jetzt in voller Blüthe. Sie waren zwei große, friſche und kräftige Mädchen, nach der Methode erzogen, die es hauptſächlich darauf abſieht, tüchtige Hausmütter zu bilden. Sowohl in ihrem Aeußeren, als in ihrem Innern waren ſie einander merkwürdig gleich, gerade wie zwei mit dem⸗ ſelben Gepräge und aus demſelben Metall geſtempelte Munzen; und man konnte ſich leicht vorſtellen, daß ein Freier in große Verlegenheit kommen mußte, bevor er ſich entſcheiden konnte, welcher von Beiden er den Vor⸗ zug ſchenken ſollte. Die Arbeit ging raſch von Statten. Die Nadeln flogen geſchwind durch die dicke Baumwollenwatte nach den Zeichnungen, die man mit Hülfe einer Theeſchale angebracht hatte. Aber daß nicht allein die Finger ſich bewegten, ſondern auch die Zungen, das verſteht ſich von ſelbſt; nähen ohne Plaudern iſt daſſelbe wie mar⸗ ſchiren ohne Muſik. Juſt während man im beſten Zuge war, trat Eras⸗ mus ein. Er ſchien dieſen Abend gedankenvoller und bläſſer als gewöhnlich. Ehe er ein einziges Wort hatte ſagen können, hatten die ſchnellen Blicke der Mädchen bereits entdeckt, daß er einen Brief in der Hand hielt. Etwas neugierig riefen ſie eine um die andere: „Ei der Tauſend, ſieh, Papa hat einen Brief be⸗ kommen— von wem mag er fein? was mag er ent⸗ halten— vielleicht iſt er von.. oder vielleicht von...4 Dabei warfen die beiden Schweſtern einander be⸗ deutſame Blicke zu, die augenſcheinlich auf Freiwerbung andeuteten; ſie hatten überhaupt große Luſt, einander zu necken. Auch Frau Regina erhob ihre Blicke von der Nähterei. „Ja wahrhaftig, ein Brief,“« ſagte ſie und ſtreckte die Haud aus.„Wer ſchreibt Dir, Erasmus 2“ Mit ſeiner gewöhnlichen Gelaſſenheit ſetzte ſich Eras⸗ mus auf einen Stuhl und antwortete in weichem und ernſtem Tone. „Ich habe von meiner armen Schweſter Johanna einen Brief bekommen. „So, ſo, von Johanna,“ ſagte Frau Regina mit einem gnädigen Seufzer. Was macht die arme Frau? Vermuthlich geht es ihr ſchlecht was ſagt ſie wohl von dem Kleid, das ich ihr geſchickt habe? Es war wahrhaftig ſo gut wie ganz neu auf der Kehrſeite.“ — Johanna iſt krank, fuhr Erasmus fort. Ihre 41 Bruſt hat ſich in den letzten Monaten ſo verſchlimmert, daß ſie es höchſt wahrſcheinlich nicht mehr lange treibt.. Ich wilt Euch ihren Brief vorleſen.“ Mein lieber Erasmus— ſo begann dieſer Brief— es wird Dir gewiß ſchwer werden, in dieſen mit matter und zitternder Hand niedergeſchriebenen Zeilen die Schrift Deiner Schweſter wieder zu erkennen, und doch iſt es ſo. Ja, lieber Bruder, der Abend meines Lebens iſt bereits gekommen, und es wäre vergebens, wenn ich mich ſelbſt oder Andere mit der Hoffnung auf die Wieder⸗ kehr meiner Kräfte täuſchen wollte. Meine Tage ſind gezählt, ich fühle es; der Tod hat vereits ſeine Hand an mein Herz gelegt. Die Zeit iſt ein Strom, ſagt man. Ja wohl, ein Strom, und wir Menſchen ſind die Blumen und Bäume, die an ſeinem Ufer wachſen. Der Lauf des Stromes iſt unaufhaltſam, raſt- und ruhelos, und ob ſein Blick klar oder trüb iſt, ſo liegt doch beſtändig in ſeinem Sinn derſelbe Hang zur Verheerung. Dieſe niemals ruhen⸗ den Wogen dringen Tag für Tag tiefer unter dem Uferbette ein. Manche Blumen werden ſchon in ihrer Knoſpe weggeriſſen. Die Wurzeln der Bäume werden untergraben, und die Baume verlieren ihren feſten Halt. Immer mehr neigen ſie ihre ſtolzen Kronen gegen ein weit offenes Grab, und endlich bedarf es nur eines ſchwachen Windhauches, um ſie zu fällen, die früher den Kampf gegen den ſtärkſten Sturm aushielten. So iſt das Leben. Aber der Strom iſt doch nicht gegen uns Alle gleich gewaltſam. Ich erhielt vom Schickſal meinen Platz neben einer ſtärkeren Strömung; deßhalb waren meiner Tage ſo wenig, deßhalb iſt jetzt die Cwig⸗ keit ſo nahe. Ach, einſt träumte ich vom Leben, zur Zeit, wo ich als Kind umherſprang und in dem Gärt⸗ chen unſerer Mutter nach Schmetteriingen jagte. Es war ein ſchöner Traum, denn er war unſchuldig. Später kam die Wirklichkeit, und ſie trug andere Farben. Aber ich klagte doch nicht über das Loos, das mir beſchieden 42 war. In mir wohnte der feſte Glaube, daß der Menſch das Leben erhält, um ſterben zu lernen. Und ich mag mich nicht darüber grämen, daß ich früher als die Meiſten dieſe Ueberzeugung gewann. Das Grab iſt für mich nicht mehr eine finſtere Nacht; es wird durchſtrahlt von den hellſten Sternen. Der Tod erſcheint mir nicht mehr als ein grauenhaftes Beingerippe; er iſt ein milder freundlicher Engel, der mich wieder zu ihm führt, den ich geliebt und beweint habe. Nur mit einem einzigen Band bin ich noch an die Erde gekettet, und beim Gedanken an die bevorſtehende Zerreißung deſſelben blutet mein Herz— es iſt mein Kind, meine Leopoldine!... Was ſoll aus ihr werden? Wer wird ſie leiten, wer wird ſie lieben 2... Die arme, arme Kleine, an ihren Vater kann ſie ſich nicht erinnern, und bald wird auch ihre Mutter von ihr ſcheiden und ſie allein laſſen, ganz allein in einer fremden, kalten, un⸗ freundlichen Welt. Wie manche bittere Augenblicke ſtehen ihr nicht bevor! Wie wird nicht ihr Herz klagen, wenn ſie findet, daß ſie Niemand zum Lieben hat! Wie leer wird ihr nicht das Leben erſcheinen, wenn ſie ſich ſelbſt mit Andern vergleicht, die in einer liebereichen Vaterwohnung aufwachſen! Im Kummer wird ſie ohne Troſt ſein, und im Glück— auch da wird die Sehnſucht ihre Freude verbittern; denn was iſt die Freude werth, wenn ſie nicht getheilt wird?... Ach, Erasmus, Du wirſt Dich vielleicht darüber wundern, aber zuweilen empfinde ich ein Verlangen, dieſen reinen, unſchurbevollen Engel mit mir in's Grab zu reißen; ich möchte meinen Todes⸗ ſeufzer in ihre junge Bruſt einhauchen, ich möchte ſie von der Erde hinweg nach einer beſſeren Welt ent⸗ führen. Aber nein, ſie muß leben. Mögen alſo bei ihr alle Kräfte der Geſundheit blühen, möge das Glück des Ge⸗ wiſſensfriedens niemals ihre Seele verlaſſen, und möge in ihr die holde Freude meiner eigenen Jugend wieder zum Leben erwachen! Ja, ja, ſie muß leben! Auch ich 43 bin glücklich geweſen, auch ich habe das Leben geliebt. Gott wird ſeine ſchützende Hand von meinem Liebling nicht abziehen. Die Stimme einer Mutter hört ſie bald nicht mehr; aber eine Mutterliebe ſtirbt nicht mit dem Leben. Sie wird nicht allein bleiben. Vom Himmel herab werden meine Blicke ihr folgen, mein Geiſt wird ſie leiten, wird ſie vor der Gefahr warnen, wird ſie im Kampfe ſchützen und ſtärken; um ihretwillen werde ich noch auf der andern Seite des Grabes dieſe Erde lieben, wo ſie wandelt. Und Du, Erasmus, ich weiß, daß ich nicht ver⸗ gebens zu Deinem Herzen rede, Du wirſt hienieden ihre väterliche Stütze werden. Das verwaiste Kind wird in Dir ſeinen Schützer finden. O ſei mild, ſei gut, ſei immer edel! So wird ihre Bahn hell und leicht werden, ich werde nicht mehr mit meiner Düſterkeit, meinem Kummer Schatten über ihr junges Leben breiten. Die Erinnerung an mich wird ihr mehr Freude ſchenken, als das, was ich ſelbſt thun konnte, und endlich einmal, wenn auch ſie vom Leben gelernt hat, zu ſterben, dann werden wir alle wieder dort oben in einer beſſeren Heimath uns verſammeln. Geliebter Bruder, laß mich noch einmal, das letzte⸗ mal, Dich wiederſehen! Noch kann ich einige Tage leben, aber zögere nicht zu lange, denn meine Zeit iſt kurz. Auf Dich und mein Kind will ich meinen letzten Blick heften, damit meine letzte Erinnerung an die Welt an⸗ genehm ſein möge; mit noch warmer Hand will ich Leopoldine in Deine Arme legen und mit noch klopfen⸗ dem Herzen will ich Dich lehren, ſie zu lieben. Liebreich und innig iſt mein Abſchiedsgruß an Deine Frau. Sie, die ſelbſt Mutter iſt, wird leicht verſtehen, mit welchen warmen und herzlichen Bitten ich mein Kind auch ihrer Pflege übergebe. Im Himmel wird jede Sorge, jedes zärtliche Gefühl, das ſie der Vater⸗ und Mutterloſen weiht, gerechnet werden. Leb jetzt wohl, lieber Erasmus, möge Gott Dein Haus beſchützen! Dieß iſt der letzte Wunſch im letzten Brief von Deiner Schweſter Johanna. Nachſchrift: Zögere nicht lange; ich kann nicht ſterben, bevor Du kommſt. Erasmus war ſehr gerührt, während er dieſen Brief vorlas. Seine Stimme zitterte und Thränen nöthigten ihn mehrmals, abzubrechen. Auch Frau Regina em⸗ pfand eine zärtliche Theilnahme. Roſina und Lilia ſchluchzten laut. „Du reiſeſt alſo2“ fragte die Frau, ihre Thränen trocknend. „Ja, ſchon morgen,“ antwortete Erasmus.„Gott laſſe mich nicht zu ſpät kommen.“ „Wie ſchön ſie ſchreibt! Mancher Pfarrer könnte ſie darum beneiden. Sie iſt auch immer eine gute Perſon geweſen, obſchon etwas ſchwach von Natur. So mitten im Winter zu reiſen. Das mag jetzt ſehr beſchwerlich ſein; Du mußt Deinen Wolfspelz mitnehmen⸗ Der Gedanke an die bevorſtehende Fahrt erweckte jetzt wieder Frau Reginens praktiſchen Verſtand. Sie hatte nicht mehr Zeit, ſich mit dem Kummer zu be⸗ ſchäftigen, denn ſie mußte für den gebührenden Reiſe⸗ proviant ſorgen. Die ſterbende Schwägerin wurde über den wollenen Hemden des Mannes vergeſſen. Nachdem ſie auf dieſe Art wieder in ihre gewöhnliche Stimmung gekommen war, vertiefte ſie ſich in ſehr klugen Betrach⸗ tungen über die Zukunft. „Wie iſt das, Erasmus?“ fragte ſie;„Deine Schweſter hat ja ſeit vielen Jahren das Recht auf den kleinen Pachthof, den ſie bewohnt. Ganz ſonderbar iſt es doch, daß ſie gar nichts von Geſchäftsſachen erwähnt. Sorge jedenfalls dafür, daß Alles in Ordnung kommt, bevor ſie ſtirbt. Ihr Haus wird gering genug ſein, aber wenn man es mit Verſtand verkauft, ſo kann man 4⁵ doch wohl noch ein kleines Kapital für das Mädchen heraus⸗ ſcharren. Wenigſtens ſo viel, daß ſie ſich ſelbſt kleiden kann. Das Eſſen bekommt ſie natürlich frei in unſerem Hauſe und ebenſo auch das grüne Dachſtübchen. Wenn der ſelige Raimund ſich jemals darauf verſtanden hätte, mit dem Geld umzugehen, und wenn er nicht über ſeinen verrückten Ideen ſeine hausväterlichen Pflichten vergeſſen hätte, ſo könnte ſeine Tochter jetzt ganz gewiß mit einem ſchönen Vermögen daſitzen. Das Bischen, was ſie erhält, kommt ihr jedenfalls zu Statten, wenn es auch noch ſo gering iſt, und durch vernünftige Haus⸗ haltung kann man vielleicht mit der Zeit etwas zu einer Ausſteuer für ſie zuſammenbringen, wenn ſie je einmal in den Fall kommen ſollte, einer zu bedürfen, das arme Kind. Ja freilich, das war ein Lärm und ein Weſen mit ihr, als ſie auf die Welt kam; ich habe wohl davon erzählen gehört. Der Vater malte ſie in Oel, als ſie faum eine Woche alt war, und man hielt ſie für zu gut, um in einer Wiege zu liegen wie andere Kin⸗ der, ſondern ſie mußte in einem Wägelchen unter einem ſeidenen Verdeck ſchlafen; jetzt iſt das ganz an⸗ ders. Ich werde es gewiß an keiner Sorgfalt fehlen laſſen, damit kannſt Hu Johanna tröſten. Sage ihr, daß ich ihrem Kind eine Mutter ſein, daß ich ſie zur Gottesfurcht anhalten und ſo billig als möglich für ſie ſpinnen und weben laſſen werde, ſo daß ſie in der Zu⸗ kunft wenigſtens auf etwas rechnen darf, obſchon es natürlich im Vergleich mit dem, was meine eigenen Töchter zu erwarten haben, nicht viel ſein kann; die meinigen haben aber auch in ihrer Kindheit nicht unter einem ſeidenen Suufflet geſchlafen. Ich hoffe übrigens, daß Leopoldine nicht gar zu viel weder ihrem Vater noch ihrer Mutter gleicht, denn ich will gewiß Niemand etwas Böſes nachſagen, aber Mondſcheinmenſchen ſind niemals nach meinem Geſchmacke geweſen. So vergaß ſich Frau Regina in tiefſinnigen Be⸗ 46 trachtungen. Aber der Schmerz wohnte im Herzen ihres Gatten. Er ſaß gramvoll und grübelnd da und gab gar keine Antwort auf die Plaudereien ſeiner Frau. IV. Die neue Heimath. Der beſſere Menſch tritt in die Welt Mit fröhlichem Vertrauen. Er glaubt, was ihm die Seele ſchwellt, Auch außer ſich zu ſchauen. Doch Alles iſt ſo klein, ſo eng. Schiller. Leopoldine, das vater⸗ und mutterloſe Mädchen aus dem einſamen Thal, die Freundin der Wälder, der Blu⸗ men und Waſſerfälle, war bereits über ein Jahr bei ihrem Onkel Erasmus in. geweſen. Laßt uns einen; Blick in ihre neue Heimath werfen. Die Familie war im Wohnzimmer verſammelt. Alle Anordnungen in demſelben bezeugten, daß hier eine ebenſo vortreffliche Ordnung, wie ein ſchlechter Ge⸗ ſchmack vorherrſchte. Die Möbel waren äußerſt gut unterhalten, aber unbequem, kantig und hart. Ein großer Spiegel hing zwiſchen den Fenſtern, zum be⸗ ſondern Vergnügen derjenigen, denen der Platz auf dem ½ gegenüberſtehenden langen, ſehr langen und ſchmalen Sopha angewieſen würde. Im Uebrigen zeigte ſi allenthalben die ſtrengſte Symmetrie; wenn man die blau und weiße oſtindiſche Porzellanurne bemerkte, die mit Dornroſen und Lavendel in der einen Ecke ſtand ſo konnte man ſeinen Kopf daran ſetzen, daß in der andern Ecke ebenfalls eine ähnliche, von gleichem Inhalt 2 47 duftende Urne ſtand. Um den Sophatiſch ſaßen Frau Regina, die Mamſellen Roſina und Lilia, ſowie ein junger Mann, der Notar Abſalon. 2 Ich bitte um Erlaubniß, einen Augenblick die Auf⸗ merkſamkeit auf dieſe Perſon lenken zu dürfen. Der Notar Abſalon war ein Mann von ſchwellender Geſund⸗ heit und Jugendkraft, rothwangig und ſehr beleibt. Ueber ſeinem niedrigen Halstuch ſtachen wenigſtens drei üppige Kinnwulſte hervor, und die hellen, reichen Locken bildeten um ſein Haupt eine gewiſſe Glorie. Unter den jungen Männern in x. nahm er eine ausgezeichnete Stelle ein. Er that dieß aus dem doppelten Grund, weil er ein elegantes Mitglied der beſten Soecietät des Städtchens und zu gleicher Zeit im Vergleich mit ſeinen Mitbrüdern in ökonomiſcher Beziehung wohl rangirt war. Wenn junge Männer ſonſt ihre Renten berechnen, ſo verſtehen ſie gewöhnlich darunter ihre Schulden; Abſalon dagegen war, Dank einem kleinen väterlichen Erbe, in der glücklichen Lage, ſeinen Credit nicht in Anſpruch nehmen zu müſſen. Im geſellſchaftlichen Leben beſtach er die jungen Damen durch eine ſorgfältig aus⸗ gewählte Toilette, ein artiges Benehmen und zuweilen kleine Coufektdüten. Geſchah es einmal, daß die Eine oder die Andere der kleinen Unſchulden klagte, er habe wegen ſeiner maſſiven Geſtalt etwas ſchwer gewalzt, oder behauptete, er ſei im Allg meinen zu korpulent, um den ätheriſchen Idealen eines Mägdleins entſprechen zu können, ſo bekam ſie ſogleich von einer verſtändigen Mutter oder einem klugen Vater die Zurechtweiſung: Liebes Kind, er beſitzt ja eine Windmühle gleich außen vor dem Zollhaus. Inwiefern eine Windmühle Einfluß auf die Sympathie eines Herzens ausüben kann, will ich ungeſagt laſſen; aber ſo viel ſteht feſt, daß Notar Abſalon ſowohl von den jungen als von den alten Damen ſehr geſucht war. Frau Regina beſonders in⸗ tereſſirte ſich höchlich für ihn, und als die umſichtige Mutter zweier heirathsfähigen Töchter ging ſie mit Plänen und Abſichten um, welche der Freiheit des jungen Mannes Gefahr drohten. Unleugbar hatte der Notar ſelbſt Veranlaſſung dazu gegeben, denn er hatte ſchon lange den beiden Mädchen eine bedeutungsvolle Auf⸗ merkſamkeit gewidmet. Ja ganz ſicherlich wäre die Sache ſchon lange gehörig abgemacht geweſen, weun nicht in Wirklichkeit der Fall eingetreten wäre, den ich ſchon bei einer früheren Gelegenheit vorausgeſagt habe. Abſalon war nämlich unſchluͤſſig zwiſchen den beiden Schweſtern ſtehen geblieben; ſeine Liebe wollte ſich nie firiren. Sie flatterte wie ein Schmetterling zwiſchen der Roſe und der Lilie; bei Beiden befand er ſich wohl; aber da er nun einmal nicht Beide freien konnte, ſo freite er gar nicht. Frau Regina erwartete indeſſen tagtäglich eine Erklärung und bemerkte den Windſtoß nicht, der in den letzten Zeiten ſeinen Sinn nach einer ganz neuen Rich⸗ tung gelenkt hatte. Die Frauenzimmer waren mit ihren Handarbeiten beſchäftigt. Der junge Cavalier hatte nichts Anderes zu thun, als die Converſation im Gange zu erhalten, die Lichter zu putzen und dazwiſchen hinein ſeine hübſche ſeidene Weſte hinabzuziehen, die im Augenblick darauf wieder in tauſend Falten über den vom Schneider nicht gehörig berückſichtigten Magen hinaufglitt. Auf dem ſchmalen Teppich, der ſich wie ein Fuß⸗ weg von der einen Thüre zur andern erſtreckte, wandelte, mit den Händen auf dem Rücken, ein langer, trockener und magerer Mann auf und ab. Sein ganzes Aus⸗ ſehen verkündete, daß er gewohnt war, ſich auf dem Teppich zu halten. Es war Erasmus. Leicht und laut⸗ los waren ſeine Tritte. Selten ging ein Wort über ſeine Lippen, aber ſein Blick ſchien ſich gleichſam auf⸗ zuklären, ſo oft er bei dem neuen Wendepunkt der regel⸗ mäßigen Promenade ſich der nächſten Fenſterniſche zu⸗ wandte. Hier, wohin das Licht vom Sophatiſch nur einen matten Schein warf, ſaß ein ſchwarzgekleidetes junges 49 Mädchen. Sie lehnte ihren ſchönen Kopf auf die rechte Hand und ließ die linke ganz unthätig auf die Seite hinabhängen. Ihre Stellung hatte einen Ausdruck, der ebenſo gut Gleichgültigkeit als Kummer bedeuten konnte. Man wußte nicht, welches Gefühl das vorherrſchende war. Auch ihr Auge, das dunkel war wie die Nacht, die von funkelnden Sternen durchbrochene Nacht, gab in dieſer Beziehung keinen Aufſchluß. Es ſchien bei⸗ nahe gedankenlos nach dem Dachrande hin zu ſtieren, und der Strahl, der darin leuchtete, war er der ange⸗ borne Glanz der Pupille, war er das Feuer des Gefühls, oder vielleicht eine gebrochene Thräne? Das ſchwarze Haar war glatt über die Schläfe hinabgekämmt und ſchlang ſich über die Wangen hin, gleichſam um koſend die blaſſen Roſen derſelben zu einem höheren Leben zu erwecken, friſch wie dasjenige, das in dem Purpur der ſ „Die vornehmſte Neuigkeit des Tages,“ erzählte der Notar Abſalon,„iſt, daß wir in der Stadt einen jungen Künſtler erwarten, einen Muſikus, der ein Con⸗ zert zu geben beabſichtigt. „Ach, ein Conzert!“ rief Roſina,„iſt es auf dem Stadthaus oder vielleicht in der Kirche 26 „Spielt er die Geige oder das Piano, oder bläst er vielleicht Fagott? Ach, Fagott!“ fügte Lilia hinzu. „Ich habe die Nachricht von dem Redacteur Wochenblattes erhalten, aber ſo in der Eile, daß ich noch keine näheren Details ausmitteln konnte,“ erklärte der Notar;„ich weiß nicht einmal den Namen des jungen Künſtlers, aber er ſoll ſehr geſchickt und berühmt ſein, und erſt neulich hat ihm Seine Hoheit, der Herzog von eine Buſennadel geſchenkt, die hundert Thaler Banko werth iſt.“ „Hundert Reichsthaler Banko!“ rief Frau Regina, „ſo viel iſt gewiß wahr, daß die ſogenannten klugen Leute heut zu Tage ſo wenig Verſtand haben wie früher Ein Funken. 1. 4 50 die thörichten. Eine Buſennadel, die hundert Reichs⸗ thaler Banko koſtet, ſo einem Landſtreicher zu ſchenken, ploß dafür, daß er auf einem Clavier klimpern oder in eine Trompete tuten kann, das iſt ja verruͤckt.“ „Das Talent aufzumuntern,“ wandte Abſalon ein, „hat zu allen Zeiten für eine würdige Aufgabe der vor⸗ nehmeren und reicheren Claſſen gegolten.“ „Das iſt eitel Narrheit! Es iſt modern geworden, der Kunſt zu huldigen, und deßhalb wird unſer ganzes Land von nichts als Kunſt überſchwemmt. Es gehört zum guten Ton, das Theater fleißiger zu beſuchen als die Kirche. Muſikanten, Seiltänzern, Taſchenſpielern opfert man den letzten Heller, um hernach mit ſeiner ſuperfeinen Bildung prahlen zu können; aber das Ge⸗ bührliche, das Anſtändige vergißt man, bloß um dem großen Haufen weiß zu machen, daß man wirklich etwas verſtehe, was kein Menſch begreifen kann. Ich erinnere mich noch, wie man ſich juſt in unſerem Städtchen vor ein paar Jahren geberdete, als die ausgeſchrieene Sän⸗ gerin da war, nun, wie hieß ſie doch?“ „Madame Tremolando.“ „Ja, ganz richtig, Madame Tramolinder. Sie gab ihr Conzert in der großen Kirche ſelbſt und ſtand ſo ſchamlos da und ſang ungöttliche Opernmelodien mitten vor dem Altar. Ohne alle weibliche Beſcheiven⸗ heit überſchrie ſie die ganze Stadtmuſik, und unſere jungen Herren, nein, das vergeſſe ich nie, die ſprangen auf den Kirchhof hinaus und pflückten Blumen, welche ſie dann unter Händellatſchen, Geſtampfe und Geſchrei dem garſtigen Ding zu Füßen warfen. Ich ſagte auch zu meinem Mann, der im Kirchenrath ſitzt, es ſei ein⸗ fältig vom Kirchenrath, einen ſolchen Auftritt zu er⸗ lauben; ſagte ich nicht ſo, Erasmus?“ „Man kann aber das nicht leugnen, daß Madame Tremvlando eine Stimme hatte, die durch Mark und Bein drang, und unter ſolchen Umſtänden dürfte man wohl nicht all zu ſtreng ſein, wenn der Enthuſiasmus über⸗ 5¹ hand nimmt und das Gefühl den Verſtand überſtimmt. Jedenfalls iſt die Eingebung des Augenblicks oft weit erhebenver als alle Vorurtheile. An dem Ton, womit der Notar dieſe Aeußerung that, hörte man deutlich, daß er nicht ohne einige Bangigkeit eine ſo entſchiedene Oppoſition gegen Frau Regina wagte. Aber er hatte ſeine Gründe, warum er ſowohl Muth als Geſchmack zeigen wollte. Nachdem Frau Regina mit einem ihr eigenthüm⸗ lichen verächtlichen Schnauben ihrem Verdruß Luft ge⸗ macht hatte, ſagte ſie mit einer gewiſſen feierlichen uhe: „Wenn ich Ihre reinen Sitten und Ihren achtungs⸗ werthen Charakter nicht ſo genau kennen würde, Herr Notar, ſo würde die Aeußerung, die Sie ſo eben thaten, mir wegen des intimeren Verhältniſſes, das zwiſchen Ihnen und meiner Familie vorherrſcht, große Beſorgniſſe einflößen.“ „Madame, ich wage es zu behaupten, daß Sie mich mißverſtanden haben!“ „Ich kann Sie wenigſtens verſichern, daß meine Mädchen Sie gar nicht verſtanden haben. Sie werden mit Gottes Hülfe niemals ihren Verſtand durch ihre Gefühle übertäuben laſſen, und den Enthuſtasmus habe ich ihnen ausgetrieben, als ſie noch klein waren. Glauben Sie mir, die Menſchheit wäre ſiebenmal glücklicher, wenn man ſich nicht von romantiſchen Grillen hätte irre führen laſſen, und die Kunſt, die Sie jetzt ſo eifrig vertheidigen, was iſt ſie denn anders, als der Samen zu ſolchem Unkraut? Bedenken Sie, wenn Sie einmal eine ſolche romantiſche Seele heirathen müßten, wie Sie ſelbſt ſo plötzlich eine geworden ſind. Gott bewahre mich vor einem ſolchen Hausweſen. Schmutziger Boden, zerlumpte Kinder, angebrannte Speiſen; das iſt die Poeſie im Alltagsleben.“ „Aber wollen Sie denn alle Poeſie, alle Talente von dem häuslichen Leben verbannen, z. B. die Muſik?“ 52 „Nun ja, ich geſtehe allerdings, daß die Muſik in unſern Tagen Etwas iſt, was zur guten Erziehung der Kinder aus den beſſeren Häuſern gehört, obſchon ich ſelbſt für meinen Theil mein ganzes Leben, wie ich hoffe, ziemlich tadellos hingebracht habe, ohne daß ich in der Penſion ſingen und ſpielen lernte, ja nicht einmal ſo viel, wie jetzt jedes einfache Schulkind kann. Man macht jetzt andere Anſprüche an die Jugend als damals, und eine verſtändige Mutter muß ſich theilweiſe nach dem allgemeinen Brauch richten. Meine beiden Mädchen, an deren Erziehung man, Gott ſei Dank, nicht zu ſpa⸗ ren brauchte, ſind daher auch alle zwei in das Muſik⸗ inſtitut gegangen und haben ſo gut wie irgend eine An⸗ dere das Recht, ſich unter den harmoniſchen Freun⸗ den breit zu machen, Roſina ſpielt recht artig Weber's letzten Gedanken mit Variationen, und Lilia hat eine ſtarke Stimme, eine ganz unvergleichliche Bruſt. Ein Fortepiano aus Mahagoniholz habe ich ihnen auch an⸗ geſchafft und Noten, die ungeheures Geld koſteten. Solche. Dinge dürfen allerdings ſein, das weiß ich wohl. Aber wenn es mit Verſtand und Maaß geſchieht, ſo kann es als eine unſchuldige Sache betrachtet werden, und was meine Mädchen betrifft, ſo hoffe ich, daß ſie einmal untadelhaft die Beſtimmung des Weibes erfüllen wer⸗ den.“ „Aber die Beſtimmung des Künſtlers, Madame?“ „Sie iſt nichts Anderes, als ein Suchen nach Glück und Abenteuern. Ich kann mich nie damit verſöhnen, daß die Leute all ihren Verſtand darüber verlieren, wenn ſie einige unnatürlich hohe Töne oder künſtliche Triller zu hören bekommen. Welche Narrheiten berichten nicht die Zeitungen aus unſerer Hauptſtadt. Bald iſt es ein Geiger, bald ein Tänzerin, bald eine Actrice, die alle Köpſe ſo verrückt und eine Verehrung findet, die man nur mit dem heidniſchen Götzendienſte vergleichen kann. Man gibt einer Sängerin doppelt ſo viel Beſoldung als einem Biſchof; man faßt ſie in Gold und Juwelen ein, 53 man ſtreut Blumen zu ihren Füßen, man ſpannt die Pferde von ihrem Wagen aus und zieht ſie im Triumph, wie man es früher mit großen Königen machte. Iſt dieß auch Vernunft, können Menſchen mit geſundem Verſtand ſich dazu hergeben? Bedenken Sie, Herr Ab⸗ ſalon, daß das, was Sie der Kunſt huldigen zu nennen belieben, ſehr häuſig offenbar nur ein Kiſſen iſt, das man dem Laſter unterbreitet, und ein ſolches Benehmen iſt nicht bloß unverſtändig, ſondern auch gottlos.“ Der junge Notar hatte, wie geſagt, die Abſicht, dieſen Abend um jeden Preis großartig mit ſeinem Hel⸗ demnuth und ſeinem Gefühl zu imponiren. Er nahm noch einmal ſeinen Muth zuſammen und wagte eine neue Einwendung, während er wiederum ſeine unverbeſſer⸗ liche Weſte hinabzog. „Ich möchte glauben, ſagte er, daß man die Sache von einer ganz andern Seite aus betrachten muß. Die allgemeine Aufklärung und Bildung, die unſerm Zeit⸗ alter angehört, hat die Sinne für die erhabenen Ge⸗ nüſſe der Kunſt geöffnet. Die Macht der Kunſt, Ma⸗ dame, iſt göttlich; ſie reißt uns hin, ſie erhebt uns, ſie entrückt uns. „Sie verrückt uns,“ fiel Frau Regina verächtlich „Ja die Kunſt, die Kunſt, die Kunſt!..« fuhr der Notar ſehr eifrig fort, aber ohne daß er Gedanken oder Worte finden konnte. „Ja die Kunſt,“ bemerkte Frau Regina,„nur Kunſt, und keine Moral, das iſt die Bildung des Zeitalters; es iſt allerdings künſtlich, ein Inſtrument ſpielen und nach Noten ſingen zu können, aber es iſt auch eine Kunſt ſechzehnſchüſſigen Brillich zu weben. Diejenige Perſon, die das Erſte kann, mag in ihrem Wandel ſo verächtlich ſein, wie ſie nur will, man erhebt ſie zu den Wolken und verſchwendet alle Schätze der Welt an ſie; derjenigen aber, die ſich mit dem Letztern beſchäftigt, gibt man, und wäre ſie ein Muſter von Tugend, kaum das täg⸗ ein. 54 liche Brod. Das iſt die Gerechtigkeit der Welt, und dennoch ſprechen Sie von Bildung und Aufklärung. Aufklärung, es iſt doch gar zu närriſch; ich möchte doch wiſſen, wie man durch Muſik aufgeklärt wird; oder ſa⸗ gen Sie mir, wer arbeitet am Meiſten für die Aufklä⸗ rung, derjenige, der Klavier ſpielt, oder derjenige, der Lichter zieht 2“ „Liebe Regina,“ ſagte Erasmus, in ſeinem Spa⸗ ziergange einhaltend,„Du gehſt zu weit, wenn Du einen Künſtler mit einem einfachen Handwerker ver⸗ gleichen willſt.“ „So, ſo,“ erwiederte die Frau,„auch Du willſt die Narrheit in Schutz nehmen. Nun ja, es iſt wahr, Du haſt in Deiner Jugend auch Flöte geblaſen. Es iſt ſehr Schade, daß Du damit aufgehört haſt, denn Du würdeſt ganz gewiß als Flötenbläſer der Welt nützlicher geworden ſein als jetzt, wo Du bloß unſerer großen Fabrik vorſtehſt.“ Erasmus antwortete nur mit einem Kopfſchütteln und ging zu dem oben erwähnten Mädchen in der Fen⸗ ſterniſche vor. Freundlich legte er ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte in mildem Ton: „Meine liebe Leopoldine, laß Dein Träumen und ſage mir, was Du von dem Urſprung und Leben der Kunſt denkſt.“ Bei dieſen Worten ſchien Leopoldine aus einem Schlummer zu erwachen. Sie richtete ſich auf. Ihre ſchlanke Geſtalt nahm eine edle Haltung an und das Feuer der Schwärmerei ſtrahlte aus ihren Blicken. Es ſchien, als wollte ſie aus der Tiefe ihres Herzens die Antwort auf die vorgelegte Frage holen. Von da ging auch der Enthuſiasmus aus, dem ſie ſich hingab, und wie bei Allen denen, welche das wunderbare Vermö⸗ gen einer wahren Inſpiration beſitzen, war es jetzt ein⸗ zig und allein die Kraft des Gefühles, was die Ge⸗ danken belebte. »Urſprung und Leben der Kunſt?“ wieder⸗ —————— 55 holte ſie langſam und fuhr dann mit klarer, klangvoller Stimme alſo fort: „Mild und warm, wie die Liebe einer Mutter, ſchien die Sonne über die Haine des Paradieſes. Es war eine Welt voll der reinſten Harmonie. Der Menſch, die Thiere, die Blumen, die ganze Natur; Alles war ein inniger, vertraulicher Geſchwiſterbund, und keine Sünde hatte ſich zwiſchen Gott und ſeine Schöpfung geſtellt. Es gab keine Zwietracht, es gab keinen Haß, kein Unglück. Alles war eins, die Einheit war Wahr⸗ heit, die Wahrheit Liebe. Da ſtieg aus der Tiefe der Erde ein finſterer Geiſt auf. Er ſchüttelte Staub über die Seele des Menſchen: ſie trübte ſich. Er hauchte auf die Blumen: ſie wurden weniger ſchön. Er ſtreckte ſeine Flügel wie eine Mauer zwiſchen Himmel und Erde aus. Die Nacht lagerte ſich jetzt nicht allein auf Berg und Thal, ſie drang tief in das Weſen der Geſchöpfe ein. Die Harmonie war ge⸗ ſtört, das geſchwiſterliche Band zerriſſen. Die Schöpfung war nicht mehr ein vereinigtes Ganzes, und die Kette war zerriſſen; das eine Glied getrennt von dem andern. Als nun der erſte Seufzer von einer gefallenen Welt in die Glückſeligkeit des Himmels drang, da weinten alle Engel. Aber Gott ſagte: Ich liebe die Welt noch. Ich ſtrecke die Arme der Gnade aus gegen die Kinder der Sünde und verſtoße ſie nicht in ihrer Noth. Seht, jede Thräne, die ihr für eure gefallenen Geſchwiſter ver⸗ gießet, wird für ſie ein Segen werden, ein Keim, aus welchem ich die herrlichſten Blumen aufſprießen laſſen will. So werden ſie zu ihrem Troſt und zu ihrer Er⸗ löſung das heilige Feuer der Liebe beſitzen und Funken des Genius werden ihnen in der Nacht manches Licht anzünden. Das Gefühl des Schönen werde ich in die innerſte Seele des Menſchen legen, und deßhalb wird ihm niemals, wenn er nur in ſeine eigene Tiefe ein⸗ dringen will, das Vermögen fehlen, die Erinnerungen aus einer beſſeren Zeit zu verſtehen, wovon die Natur 56 ewig ein unveränderliches Gepräge tragen ſolle. Dieſe Erinnerungen werden in der Kunſt wieder Form und Leben gewinnen. In der Welt der Kunſt wird der Menſch in holdem Entzücken noch einmal mit euch, ſei⸗ nen Freunden über den Wolken, ungeſtörten Umgang genießen und ſein trauriges Loos in der Zeit vergeſſen über dem Gefühl ihres hohen Urſprungs, ihrer himm⸗ liſchen Hoffnung. „Dieß iſt der Urſprung der Kunſt. Mit dem Ge⸗ nius der Kunſt ſenden die Engel gleichzeitig ihre Grüße herab, und jeder ſolche Gruß, der rein und wahr ein Herz erreicht, erweckt darin Gefühle friſch wie Früh⸗ lingswind, Gefühle, welche die beklommene Bruſt er⸗ weitern und den Geiſt frei jubelnd über das Dunkel und die Qualen der Erde ſich erheben laſſen. „Was iſt nun das Leben der Kunſt?— O, es gibt kein ſchöneres; es iſt ein Sonnenleben. Strahlend iſt ihre Bahn, hell und ſegensreich ihr Geſchenk an die Welt.— Grübelnd und düſter wacht die Wiſſenſchaft bei ihrer matten Lampe, ſucht die Geheimniſſe des Lebens in ihren kochenden Tiegeln und mißt die Welt mit dem Winkelmaß. Berechnungen werden auf Berech⸗ nungen gethürmt, und der fühne Koloß erweckt die Be⸗ wunderung und das Erſtaunen der Menſchen. Aber wie dreiſt er auch ſeine Spitze gegen den Himmel erhe⸗ ben mag, es gibt dennoch keine Grenze, über die er nicht aufſteigen wird. Er kann nur deuten gegen einen Himmel, dem er niemals ſich nähern wird. Aber der Genius der Kunſt vergißt den Weg nach ſeiner rech⸗ ten Heimath nicht. Auf ſtarken Schwingen fliegt er hinauf und wird Dein holder Begleiter nach höheren Regionen. So iſt das Geſetz: die Wiſſenſchaft, de⸗ ren Grundlage der Staub iſt, erhebt ſich von unten nach oben, aber die Kunſt, die Göttergeborne, ſenkt ſich von oben nach unten; vereinigt umfaſſen ſie Him⸗ mel und Erde. „Derjenige, der beſtändig ſeinen eigenen Verſtand —— 57 als ſein höchſtes Geſetz gelten läßt, der beſchneidet ſelbſt die Flügel ſeiner Seele und macht ſeine Welt zu einem kleinen, engen Käfig. Er verſchließt ſein Ohr für den Gruß der Engel und ſucht dadurch Ruhe zu gewinnen, daß er ſein Gefühl erfrieren läßt. Die Kunſt will er nicht begreifen; denn er beſchuldigt ſie, daß ſie die Sinne über die Grenzen des Verſtandes hinausführe; aber er bedenkt nicht, daß ſie uns bloß über dieſelben erhebt, ohne uns jemals unter ſie hinab ſinken zu laſſen. „Glücklich, tauſendmal glücklich dagegen derjenige, in deſſen Seele ein Funke vom heiligen Feuer der Kunſt niedergelegt iſt! Für ihn ſcheint die Sonne klarer, für ihn duftet die Roſe lieblicher. Er hat ſchon hier in der Zeit einen Schlüſſel zu dem Gefängnißgewölbe des Le⸗ bens gefunden. Groß und herrlich iſt ſein Beruf auf Erden. Er hat die Fackel des Lichtes und den Balſam des Troſtes in ſeiner Hand. Er iſt der Dolmetſch des Friedens und der Verſöhnung, der Apoſtel der Liebe— er iſt glücklich, glückſelig!“ Während ſie ſo ſprach, verlor Leopoldine immer mehr das Bewußtſein ihres Platzes und ihrer Umgebung. Ihr Entzücken war vollkommen. Die Erde wich, ſo ſchien es ihr, unter ihren Füßen, und der Himmel öffnete ſich vor ihren Blicken. Lieblich erwuchſen die Roſen der Wange, hoch gingen die Wogen des Buſens. Es ſchien, als wäre die Scheidewand zwiſchen der reinen Jungfrau und einem verklärten Engel gänzlich verſchwunden. Inzwiſchen ſaßen Frau Regina, ihre Töchter und der Notar noch immer am Sophatiſch, waren aber vor Staunen wie aus den Wolken gefallen. Halb bewun⸗ dernd, halb erſchrocken begafften ſie Leopoldine und fan⸗ den in dieſer ganzen Seene etwas Tollhäusleriſches; denn für diejenigen, die gewohnt ſind, immer in Proſa zu denken, kann es kaum etwas Närriſcheres geben, als einen poetiſchen Gedanken. Sogar Abſolon, der kaum noch beſchuldigt worden war, eine poetiſche Seele zu 58 ſein, wußte nicht, was er von der Ertaſe des jungen Mädchens denken ſollte. Aber bei Erasmus hatte die warme Inſpiration eine angenehmere Einwirkung. Er fand ſein Herz ge⸗ troffen. Leopoldinens Worte erinnerten ihn an die ſchwär⸗ meriſchen Träume ſeiner eigenen Jugend und erweckten in ihm ein Gefühl, ähnlich demjenigen, das einen Flücht⸗ ling überkommt, wenn in fremdem Lande holde, hei⸗ mathliche Töne ſeinem Ohre nahen. Gerührt betrachtete er ſeinen Liebling mit Bewunderung und Entzücken. Die übernatürlichen Kräfte, die Leopoldine belebt hatten, entſchwanden ſchnell, als ſie verſtummt war. Müde ſank ſie auf einen Stuhl nieder und weinte leiſe. Erasmus eilte auf ſie zu, umfaßte ihren Kopf mit ſeinen Händen und drückte ihn mit väterlicher Zärtlich⸗ keit an ſeine Bruſt. Als ſie ruhiger geworden war, führte er ſie in's äußere Zimmer hinaus, und von da hörte man bald eine milde, klagende Muſik. Es war Leopoldine, die ſich an's Piano geſetzt hatte. Sie fand hierin nicht zum erſten Mal eine liebliche Ruhe für ihre aufgeregte Seele. Wenn ich für dieſe Muſik ein Bild ſagen ſollte, ſo wäre es das nach einem Sturme noch fortdauernde Wogen des Meeres. In feierlicher Ruhe rollte Woge um Woge ihre einförmige Bahn. Der Sturm hatte ausgetobt, aber ſeufzend brachen ſich die Wellen am Strand, und in jedem dieſer Seufzer lag eine Klage, eine ſtille Bitte um Frieden und uhe. Frau Regina hatte ſich inzwiſchen von ihrer ſtum⸗ men Verwunderung erholt und ließ ſich jetzt mit einem großen Mienenſpiel folgendermaßen aus: „Barmherziger Himmel, was ſoll aus dem Mäd⸗ chen werden!— Was für einen Spektakel richtet ſie nicht in unſerm Hauſe an!— Das iſt ihr Vater, der hier wiederkehrt, und auch ein Bischen die Mutter; ſo Etwas habe ich meiner Lebtage noch nie geſehen. Schickt es ſich auch für ein ehrbares Mädchen, wie ein Reichs⸗ 59 tagsmann aufzutreten und ſolche ausſchweifende Reden von Schöpfung, Kunſt und Natur zu führen! Ach, ich habe es lange geahnt, daß es mit ihr nicht ganz rich⸗ tig ſtehe. Sie hat immer etwas ſo Beſonderes in den Augen und gleicht den andern jungen Mädchen ſo wenig; aber das konnte ich doch nicht ahnen, daß die Narrheit ſo bald ausbrechen würde. Jetzt, Erasmus, haſt Du uns etwas Schönes angerichtet. Du wirſt jetzt ſehen, wie es geht, wenn Du Deinem eigenen Kopfe folgſt; ich waſche meine Hände, denn ich bin unſchul⸗ dig wie ein neugeborenes Kind. Vom erſten Augenblick an, wo Leopoldine in unſer Haus kam, ſagte ich, daß es mit ihr närriſch kommen würde, wenn ich nicht mit harter Hand ſie anfaſſe und ihr geſunde Vernunft ein⸗ präge. Ich kannte das Kräutchen, ich. Aber da behaup⸗ tete Erasmus, ſo Etwas dürfe nie geſchehen, man müſſe ihre Anlagen ſich frei entwickeln laſſen, und ſo durfte ſie bloß leſen und muſiciren, ſtatt wie meine Mäd⸗ chen zu nähen und ſich mit der Haushaltung zu beſchäf⸗ tigen. Jetzt iſt die Sache fertig, dächte ich, jetzt ſind die Anlagen entwickelt. Hört nur, was für Wiegen⸗ lieder ſie da draußen ſingt und ſpielt, wie wenn ſie gar nichts Beſſeres gelernt hätte. Gott ſteh' uns bei!“ „Leopoldine iſt ſonſt ſo gut und beſcheiden,“ wandte Mamſell Roſina ein.„Man hat ihr nie vorwerfen können, daß ſie zu viel geſprochen hobez es ſind ja ſogar mehrere Tage vorübergegangen, ohne daß ſie nur ein einziges Wort ſagte. Aber ſiehſt Du, Mama, ich glaube, daß ſie nicht vollkommen erwacht war. Sicherlich hatte ſie in ihrer Ecke dort geſchlafen und dann nur im Traume geſprochen. Man hat genug Beiſpiele von ſolchen Din⸗ gen. „Nein, mein Kind,“ antwortete Frau Regina mit traurigem Kopfſchütteln, das Mädchen war immer wach genug. Ueberdieß iſt es nicht das erſte Mal, daß ich ſie ſo faſeln höre. Wir Alle wiſſen, daß ihr vornehm⸗ ſtes Vergnügen, ſeit ſie hierher kam, darin beſtanden 60 hat, Graf B's großes Landgut gerade vor der Stadt zu beſuchen, dort in der großen Galerie umherzuwan⸗ deln, die Gemälde und Statuen anzugaffen. Erasmus, der immer ſchwach für ihre Launen war, hat ſie auch oft dahin begleitet. Einmal fiel es auch mir ein, ihnen auf einer dieſer Promenaden Geſellſchaft zu leiſten. Als ich nun ſo da herum ging und mich unter den koſtbaren Sammlungen umſah, hörte ich auf einmal Leopoldinens Stimme. Ich glaubte, ſie ſpräche mit einer fremden Perſon, und näherte mich dem Platze, wo ſie ſtand; denkt Euch meine Verwunderung, als ich ſie ganz allein mit ausgeſtreckten Armen, auf dieſe Art, vor einer Statue ſtehen ſah, die einen auf einem Felſen ſitzenden Schäferjungen vorſtellte. Ich hörte ſie das Marmorbild anreden, wie wenn es ein lebendiges Weſen wäre. Sie nannte den Schäferjungen ihren geliebten Bruder, erin⸗ nerte ihn an die Heimath ihrer Kindheit, mit ihren Bergen und Waſſerfällen, erzählte Geſchichten von den Blumen auf den Wieſen und den Wolken am Himmel und dergleichen Narrheiten. Endlich begann ſie von ihrer ſeligen Mutter zu ſprechen und bat in ihrem Na⸗ men den Bruder, das ſteinerne Bild, er möchte ihr, der Schweſter, ſeine eigene Ruhe, ſeine eigene Klarheit verleihen. Während ſie ſo bat, ſiel ſie auf die Kniee nieder und begann zu weinen. Jetzt, dachte ich, könnte es genug ſein. Ich nahm ſie beim Arm, hob ſie vom Boden auf und eellte ihr ganz ernſthaft vor, wie un⸗ ſchicklich es für ſie ſei, noch in ihrem ſechzehnten Jahre mit ſolchen Marmorpuppen zu ſpielen, welche der unge⸗ zogene Bildhauer in Bezug auf Garderobe ſo ſchlecht aus⸗ geſtattet hatte, daß er ihnen auch nicht einmal ein ganz kleines Schürzchen gab. Leopoldine antwortete mir nicht; aber als wir das Zimmer verließen, ſah ich, wie ſie verſtohlen ihrem Bruder, dem Sanseulott, zunickte.— Seit dieſem Tag bin ich um das arme Mädchen immer bange geweſen. Gleichwohl habe ich noch Beſſerung ge⸗ 61 hofft. Aber jetzt iſt alle meine Hoffnung dahin, und darüher kann ſich wohl Niemand mehr wundern.“ „Nehmen Sie die Sache nicht ſo traurig auf, meine beſte Madame,“ ſagte der Notar Abſalon. „Wie ſo? was iſt Ihre Meinung 26 „Nun, ſo viel iſt unläugbar, daß Mamſell Leopol⸗ dine ein ſehr ungewöhnliches junges Frauenzimmer iſt; aber ihr ungewöhnliches Weſen iſt gar zu intereſſant, und ich würde mich ſehr täuſchen, wenn ſie nicht eine reichbegabte, geniale Seele beſäße. Manche große Ge⸗ nies haben Uebergangsperioden gehabt, wo ſie ſich der Menge dunkel und unklar zeigten.“ 3 „Ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie ſich wirklich ſehr täuſchen,“ erwiederte Frau Regina etwas ſchroff,„und es iſt ſehr verdrießlich hören zu müſſen, daß Sie, ein Freund unſeres Hauſes, ein ſo großes Unglück intereſſant ſinden können. Im Uebrigen mögen Sie das Mädchen immerhin hochbegabt und genial nennen, aber ich wünſchte nichts ſehnlicher, als daß ich eine gewöhnliche, ganz einfach vernünftige Perſon aus ihr machen könnte. Ja, Gott gebe, daß das, was Sie ihr Genie zu nennen belieben, ſich auf irgend eine Weiſe heilen laſſe. Ich will wenigſtens verſuchen, was ein Vomitiv ausrichten kann Ach, ach, wir leben in einer betrübten Zeit. Es iſt ſehr Schade um Euch, meine Kinder, daß ihr Euch nicht auch durch ſolche Narrheiten intereſſant ma⸗ chen fönnt. Immer fleißig und geſetzt ſeine Ausſteuer in Ordnung zu bringen, das iſt Etwas gar zu Kluges, um geiſtreich zu ſein. Eine höchſt betrübte Zeit!.. Während das Geſpräch auf ſolche Art fortging, er⸗ tönte vom äußern Zimmer her fortwährend die einfache, wehmüthige Muſik. So dringt oft ein Ton von Poeſie mitten durch das Gegacker der Kleinlichkeitsgeiſter durch, aber der Ton verklingt wie die Stimme in der Wüſte, und eine taube Menſchheit klagt darüber, daß das Le⸗ ben trocken und proſaiſch ſei. 62 Jeden Abend, nachdem die Familie ſoupirt hatte, pflegie Erasmus einen Beſuch in dem grünen Dach⸗ ſtübchen zu machen, das Levpoldine bewohnte. Hier und in dieſen Stunden war die innige Vertraulichkeit ge⸗ ſchloſſen worden, die ihn mit ſeiner Mündel verband. Wir wiſſen, daß der Grundton, der im tiefen Herzen des frommen Mannes wohnte, im Familienkreis keinen harmoniſchen Gegenklang fand, und daß er ſchon ſeit langer Zeit ſich gewöhnt hatte, jede Aeußerung ſeines innerſten Weſens zurückzudrängen. Seine wahre Natur hatte er beherrſcht und alle Anſprüche aufgegeben, hier im Leben einmal recht verſtanden zu werden. Unbe⸗ ſchreiblich war daher ſein Glück, als er jetzt in ſeinen alten Tagen in Leopoldine ein Weſen nach ſeinem Sinn fand, ein Menſchenkind, das er lieben konnte. Leopol⸗ dinen's tiefer Kummer um ihre Mutter, ihre weiche, ſchwärmeriſche, poetiſche Gemüthsart gewann ihr das ganze Herz ihres Oheims. Mit größerer Beſtimmtheit, als er je bei anderen Gelegenheiten gezeigt hatte, wider⸗ ſetzte er ſich ſimmtlichen Verſuchen Frau Regina's, die Leitung der Erziehung des jungen Mädchens an ſich zu reißen. Erasmus umfaßte ſeinen Liebling mit einer beinahe kindlichen Zärtlichkeit, ünd es war nicht ganz unbegründet, wenn die kluge Frau ihm eine übertrie⸗ bene Schwachheit vorwarf. „Mein lieber Mann,“ ſagte ſie oft,„Du mußt Dir wirklich einbilden, daß Deine Nichte eine Roſe ſei, welche verwelke, wenn man ſie nur anhauche.“ So war es auch. Erasmus fürchtete, ſeine ſchöne Roſe könnte Schaden leiden in der kühlen Temperatur, in welche ſie verſetzt worden war, und darum war er unermüdlich, ſie zu pflegen. Auch am heutigen Abend ſtattete Erasmus ſeinen Beſuch bei Leopoldine ab. Er fand ſie muthlos und betrübt.. „Verſcheuche Deine Düſterkeit, mein liebes Mäd⸗ chen,“ ſagte er mild, indem er ſeine Hand auf ihr geſenktes 63 Haupt legte.„Werde fröhlich und munter. Bedenke, daß die Jugend ein Schatz iſt, der ſich bald vergendet, und hüte Dich vor krankhaften Phantaſien.“ „Ach, mein Vater,“ antwortete Leopoldine klagend, „je mehr ich in die Tiefe meines eigenen Weſens zu blicken verſuche, um ſo mehr fürchte ich, daß die Freude, die früher ſo gern darin wohnte, ſchon jetzt und für immer daraus entflohen ſei. Es lebt in mir eine Un⸗ ruhe, die ich nicht beſchreiben kann. Tauſend verſchie⸗ dene Gefühle erheben auf einmal ihre Stimme und zer⸗ reißen gleichſam mein armes Herz. Ueber meiner Seele ruht ein Duͤnkel, das ich nicht zu verſcheuchen vermag, vielleicht wird einmal eine ſchreckliche Nacht des Wahn⸗ ſinns daraus entſtehen.. O, gib mir Ruhe, gib mir Licht.“ „Bete zu Gott, mein Kind. Von ihm kommt alles Licht, aller Friede, und ſein Erbarmen iſt ohne Ende.“ „Aber auch in dieſen Stunden des Gebetes tobt die Unruhe in meiner Bruſt. Es iſt mir, als ob ich die lieblichen Antworten nicht mehr zu deuten verſtände, die jedem betenden Herzen von der Höhe zugeſandt wer⸗ den und gleichwohl iſt es meiner Mutter milde Stimme, die zu mir ſpricht. Dieſe Stimme mahnt mich, vorwärts zu gehen, aber auf einem Weg, der mir durch einen undurchdringlichen Nebel verhüllt iſt. Manchmal, wenn die Strahlen einer himmliſchen Sonne dieſe Hülle durchbrechen, ſehe ich in der Ferne, Heit, weit weg den Strand einer verlockenden, zauberiſchen Inſel. Dorthin, dorthin, nach dieſem herrlichen Lande ſehnt ſich mein Herz, und dorthin ſtrebt meine Seele; aber ihre Flügel ſind ſo matt, das Meer iſt ſo öde, und ich kenne den Weg nicht, der dahin führt.— Iſt es wohl der fried⸗ liche Hafen des Todes, wohin ich verlange.? O⸗ wie gerne möchte ich nicht in's Grab, an den rühigen Buſen meiner Mutter ſinken!. Aber jetzt erhebt ſich in meiner Stele wieder eine Kraft, deren Sinn ich nicht begreife, und die Stimme von oben gebietet mir, zu 64 leben. Du ſollſt leben, leben! tönt es in meinen Ohren unter dem Geräuſche des Tags, in der Stille der Nacht. Benütze die Gaben, die Dir verlie⸗ hen worden ſind, mahnt dieſe Stimme. Erwache aus Deiner Betäubung. Begreife Gottes Abſicht mit Deinem Leben. Pflege den Fun⸗ ken, der in Dir lebt; kämpfe und ſiege, dann erſt erwartet Dich die Palme des Friedens, die das Grab beſchattet... Ach ja, ich will leben, aber wo, wo finde ich das löſende Wort für den Zau⸗ ber, der mich bindet? wo, wo braust die Woge, die meiner Seele brennenden Durſt löſchen wird? Erasmus war tief bewegt. Er erkannte klar ſein gänzliches Unvermögen, die Anlagen des ungewöhn⸗ lichen Mädchens auf ihren rechten Weg zu führen, und er empfand einen bitteren Schmerz bei dem Gedanken, daß er, der für ihren Frieden ſo gerne ſeinen eigenen geopfert hätte, jetzt keine troſtreiche Antwort auf ihre Fragen, kein Licht für das Dunkel ihrer Seele zu geben vermochte. Er litt von ſeiner eigenen Armuth und es ſchien ihm, als ob die Liebe, die er dem Kinde ſchenkte, das ihn ſeinen Vater nannte, eine werthloſe Gabe wäre. Stumm drückte er ihre Hand zwiſchen den ſeinigen. Leopoldine fuhr fort: „Das Leben, mein Vater, was iſt wohl das Leben? „Als ich dort in dem ſtillen Thal meiner Mutter wohnte, da erwachten zuweilen ſo wunderliche Gedan⸗ ken in mir, wenn man mir von der Welt, der großen, großen Welt erzählte. Ich fand dann mein blühendes Thal ſo eingeſchloſſen, ſo eng, und ich ſprang auf die höchſten Spitzen der Berge, um dort einen freieren Raum für meine ſpähenden Blicke zu gewinnen. Wenn ich dann über Wälder, über Höhen und Thäler wegſah und den bläulichen Rand fern am Horizont entdeckte, da dachte ich: dort, dort iſt die Welt, dort iſt das Leben; und ich lauſchte ſo aufmerkſam, um einen ein⸗ zigen Ton von dorther zu erhaſchen. Aber wenn dann 65 nur das Getöne der Art des Holzhauers im Walde oder das Gekreiſch eines Raubvogels, oder das Gebelle eines Hundes mein Ohr erreichte, da ſetzte ich mich auf den Fels nieder und ließ mich von meiner Phantaſie nach der unbekannten Ferne hintragen. Jetzt ſah ich in mei⸗ nen Träumen die Welt, o welch' herrliche Erſcheinung! Was ich ſah, war ein großes, ehrfurchtgebietendes Ganze. Millionen Leben ſtrebten nach demſelben Ziel, nach der Vollkommenheit. Klar ſchien die Sonne über dieſe Welt und ſtreute in reichem Maaße ihr Gold aus. Wohl gab es auch dort Schatten, finſtere, düſtere Schat⸗ ten, aber es war doch immer ein Schatten von etwas Großem. Das Gute und das Böſe kämpften hier auf Leben und Tod. Es war eine Freude den Kampf zu ſchauen. Der edle Heldenmuth führte ritterlich ſein ſcharfes Schwert, und derjenige, der von den vergifteten Pfeilen der Bosheit ſiel, fiel wie ein Mann. Die Leidenſchaften des Lebens waren tief und mächtig. Die Liebe und der Haß, die Wahrheit und die Lüge traten egen einander auf, und die Erde färbte ſich von Blut; Alles Blut war warm, und die Erde war ſtolz auf ihre Kinder, ſie war ſtolz im Bewußtſein, von einem mächtigen Geſchlechte betreten zu werden. In der Klage des Kummers wie im Jubel des Glückes that ſich im⸗ mer die Stimme der Wahrheit kund. Die Roſen des Vergnügens dufteten friſch und die Freude tanzte ohne Zwang. Der Mann mit ſeiner überlegenen Kraft kämpfte gewaltig gegen die Stürme der Zeit. Das Weib mit ihrem weichen Herzen brachte die Botſchaft des Friedens und der Verſöhnung: die Milde beſaß Kraft, die Kraft Milde. „Wann ich dieſes Schauſpiel erblickte, erweiterte ſich meine Seele, und mein Herz ſchwoll. Ich ſtreckte meine Arme aus und rief entzückt: Ich will hinaus, ich will dorthin, ich liebe dich, Weltſ Ja, ich liebte die Welt, denn ſie war groß, und ich betete zu Gott, daß Ein Funken. I. 5 66 er mich den Kampf des Lebens von Angeſicht zu An⸗ geſicht ſchauen laſſe. „Der Tod legte ſeine Hand auf meiner Mutter warmes Herz und verjagte mich von der ruhigen Hei⸗ math meiner Kindheit. Ich kam in die Welt hinaus — was ſage ich?— die Welt?— O nein, ſo klein kann meine große Welt nicht ſein.. Iſt es wohl doch ſo? dieſe Weſen, die nur von einem halbwachen Egois⸗ mus geleitet werden, die, ſtatt ſich zu ihrem himmliſchen Urbild zu erheben, ſich hinabſenken und kriechen wie die Würmer im Staube; dieſe Weſen, die in den geiſt⸗ boſeſten Grundſätzen ihre Seelen zuſammenkrümmen und ihre Herzen unter der Centnerlaſt elender Vorurtheile zermalmen; dieſe Pygmäen, ſind das Menſchen?. Dieſes Spiel lumpiger Intereſſen, dieſer Mückentanz, dieſer Kampf mit Stecknadeln, iſt das Leben?„ Und dieſer eingeklemmte Kreis, zu eng für das Gute ſowohl als für das Böſe, iſt das die Welt? Solche Ge⸗ danken ſind es, die mich bedrücken. Aus Barmherzig⸗ keit ſchaffe mir Luft, laß mich einen einzigen friſchen Athemzug thun, wie früher auf den Bergen, die das Thal meiner Mutter umkränzten. Hier iſt kein Raum, weder für das Gefühl, noch für den Gedanken. Jeder Traum von einem beſſeren Leben fällt todt zur Erde, wie ein Vogel, der ſich am Gitter ſeines Käfigs den Kopf eingeſtoßen hat O, mein Vater, wie kann Gott ſo groß ſein, wenn die Welt ſo klein, die Men⸗ ſchen ſo winzig ſind 2 „Mein geliebtes Mädchen, Deine Klage zermalmt mich; Du leideſt und ich vermag Dir keinen Troſt zu ſchenken. Armes Rind, wie ſchwach iſt nicht Deine ein⸗ zige Stütze Jede Thräne aus Deinem Auge fällt wie ein Vorwurf auf mein Herz; aber weine jedenfalls, weine Deinen Schmerz aus an meiner Bruſt.“ Der Kummer ihres Oheims ſchlug eine neue Saite in Leopoldinen's Bruſt an. Sie trocknete ihre Thränen und verſuchte zu lächeln. 67 „Nein, ich will nicht mehr weinen,“ ſagte ſie mit Selbſtbeherrſchung.„Nur die Schwachheit weint, und ich bin nicht ſchwach, ich darf es nicht ſein. Undank⸗ bar vergeſſe ich in meinem weichlichen Schmerz das Gute, das ich beſitze. Ach, ich habe ja ein elterliches Haus dort oben über den Wolken, und eines hier unten bei Dir, mein väterlicher Freund, und dennoch klage ich! Ich will dieſe Welt ebenſo lieb haben, wie ich es früher in meinen Träumen that. Dieſe Menſchen, die ich nicht verſtehe, und die ich ſo mißachtete, ſie ſind ja alle meine Geſchwiſter und vielleicht unglücklicher, als ich. Wie ſchön, eine einzige Freude über ihr be⸗ trübtes Leßen ausbreiten zu können! O mein Gott, Du wirſt mir die Kraft nicht verſagen, mich ſelbſt zu begreifen und dieſen Andern nützlich zu werden. Ich fühle es in meinem Innern, der Menſch kann weit kommen, wenn er nur einmal ſeinen Weg gefunden hat. Ich will ihn ohne Raſt und Ruhe ſuchen. Es wird allmälig klar werden vor meinem Blick, und inzwiſchen will ich die Welt lieben, will ſie ſo lieben wie ſie iſt.“ „Dank, Leopoldine, Dank für dieſe Worte! Dein Muth iſt größer als mein eigener.“ „Ja, laß uns wieder fröhlich werden. Ich bin noch jung, aber wenn die Zeit meine Kräfte gereift hat, dann wird Vieles gut werden, was jetzt düſter und drohend erſcheint. Ich bin ſo wenig daran gewöhnt, die Räthſel des Lebens zu löſen, deßhalb ſtrauchle ich bei der erſten Frage. Ja, ſo iſe's.— Gute Nacht. — Laß Dich durch meine kindiſchen Bekümmerniſſe nicht in Deiner Ruhe ſtören.“ Noch einmal küßte Erasmus die weiße Stirne ſei⸗ nes Lieblings, ehe er ihn verließ. ange 5⸗ 68 V. Der Virtuos. Wohl iſt die ganze Reiſe ja Ein Jubel und Victoria. Er braucht für Nichts zu ſorgen, Was kümmert ihn das Morgen! Nicander. „Ja, mein lieber Herr Sekretär, ich kann wohl ſagen, daß es hier recht angenehm iſt.“ „Nun, erzähle, erzähle, ſag' ſchnell, was Du weißt.“ So lautete der Anfang eines Geſprächs, das im Corridor des Wirthshauſes in. zwiſchen der Kellnerin, der blühenden Jungfrau Ulla, und einem kleinen, ſchie⸗ lenden Herrn, dem Redacteur des ſtädtiſchen Wochen⸗ blattes, geführt wurde. Die Fortſetzung lautete alſo: „Ach, ich bin ganz entzückt, das dürfen Sie glau⸗ ben, Herr Sekretär.“ „Schon gut, lege aber Deinen Gefühlen jetzt Feſſeln an, mein ſchönes Kind.— Bedenke, daß die Zeitung um ſechs Uhr in die Preſſe muß. Der erwartete Vir⸗ tuos iſt alſo angekommen 2“ „Er iſt vor einer Stunde angekommen, und mein' Seel', ich habe noch nie einen ſchöneren Herrn geſehen. Verzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, lieber Herr Sekre⸗ tär der Wirth, der ſeine dummen Illuſionen hat, bildete ſich ein, es ſei ein ganz gewöhnlicher Mu⸗ ſikant, der kommen würde, und er hatte befohlen, ihm das Zimmer Nr. 7 anzuweiſen.— Sie kennen doch Nr. 7 mit ſeinem Zeltbett und ſeinen drei hinkenden Stühlen?— Das iſt ein Zimmer für Poeten, pflegt der Wirth zu n aber ſehen Sie, dießmal wurde es nichts aus der n. litzſchnell kam eine große Equi⸗ page die Stratze herauf gefahren und machte vor dem — 69 Hauſe Halt. Der Wirth ſprang vom MWittageſſen auf und auf die Treppe hinaus, denn er meinte, es ſei we⸗ nigſtens ein Landrichter, der angefahren komme. Aus dem Wagen ſprang jetzt ein junger Herr heraus; aber mein Gott, wie ſchön war dieſer Herr! und dann wie artig, o, ſo artig und nett. Sie dürfen mir's glauben, Herr Sekretär, bei dem erſten Blick, den der holde Junge mir ſchenkte, war es mir zu Muthe, als ob man mir einen ganzen Stecknadelbrief in's Herz ſteckte. Ach, man kann nichts dafür, daß man eine gefühlvolle Natur bekommen hat Der Wirth machte große Augen, als er hörte, daß der neuangekommene Herr mit der vor⸗ nehmen Haltung juſt derſelbe Mufikant war, den er mir nichts dir nichts auf Nr. 7 hatte ſchicken wollen. Jetzt begann er, zu rufen: Ulla, tummle Dich, öffne Nr. 1! Swen, trag' die Sachen des Herrn hinauf. Kellner, der Herr hat Durſt und will Selterſerwaſſer und Champagner; ſputen Sie ſich! MNr. 1 wurde ſchnell in Ordnung gebracht, und als der reiſende Herr hinaufkam, war er ganz zufrieden. Mit ſeiner Hand, die ſo fein iſt wie die Hand eines Hoffräuleins, tätſchelte er mich ganz artig unter das Kinn. Ja, das war ein Gefühl, Sie dürfen mir's glauben, Herr Sekretär. Gott weiß, wie oft man mich ſchon getätſchelt hat, aber dieß war etwas ganz Anderes.“ „Schön, mein Kind. Es iſt für mich ſehr intereſſant, zu erfahren, daß Herr Marimilian in ſeinem eigenen Wagen fährt, daß er Champagner und Selterſerwaſſer trinkt und vermöglich ausſieht. Er muß alſo, das ſteht jetzt außer allem Zweifel, wirklich ein ſehr großes Talent ſein Ein Publieiſt hat einen heiligen Beruf, er muß vor allen Dingen gewiſſenhaft und Pecht ſein. In unſeren Tagen beurtheilt man den Werth eines Künſtlers am ſicherſten nach ſeinen öfo emiſchen Ver⸗ hältniſſen. Ein Künſtler, der Hunge idet und zu Fuß geht, iſt ohne allen Werth. Die Mitſsäßigkeit fährt auf Bauerwagen. Aber der vollend rtiſt hält 70 ſeine eigene Equipage und trinkt Champagner und Sel⸗ terſerwaſſer. Herr Maximilian iſt gewiß ein Künſtler erſten Rangs; es wird mir Vergnügen machen, ſein Programm zu drucken.“ „Swen trug ein großes Futteral hinauf, das ent⸗ weder eine Geige oder eine Guitarre enthielt. Denken Sie nur, wenn es eine Guitarre wäre! Für ein ge⸗ fühlvolles Herz gibt es wahrlich nichts Gefährlicheres, als einen ſchönen Mann, der Guitarre ſpielt.“ „Herr Marimilian iſt Violiniſt und zwar ein ſehr pedeutender Violiniſt. Ich habe von ihm außerordent⸗ lich viel geleſen und gehört, obſchon es mir zum großen Theil wieder entfallen iſt. Es iſt auch ganz unmöglich, über alle großen Männer unſerer Tage ein genaues Buch zu führen.“ Der Redacteur hatte inzwiſchen ſeine Schreibtafel herausgezogen und zeichnete jetzt folgende Notiz hinein. „Der berühmte Violiniſt, Herr Maximilian, iſt in unſerer Stadt angekommen. Der Ruf von ſeinem vollen⸗ deten Talent iſt ihm vorausgeflogen, und wir erwarten mit Ungeduld eine Gelegenheit, nähere Bekanntſchaft mit demſelben zu machen. Geſchmeichelt von dem Be⸗ ſuch, heißen wir Herrn Maximilian dahier willkommen.“ „So, ſo,“ fuhr er mündlich fort,„das mag dieß⸗ mal genug ſein. Wir hätten allerdings eine nähere Analyſe ſeiner Künſtlerſchaft geben können, aber er hat uns ſeine Aufwartung noch nicht gemacht. Man muß ſeine Stellung feſthalten und ſeine Protection nicht allzu liberal verſchwenden Weißt Du ſonſt nichts Neues?“ „Ach, ich bekümmere mich in der ganzen Welt um nichts Anderes, als um den lieben Herrn Marimilian.“ „Du läſſeſt alſo den neuen Ankömmling Deine alten Freunde ganz ausſtechen. Bedenke, daß Du Mit⸗ arbeiterin der Redaction biſt, ihr kleines Anhängſel, ha, ha, ha. „Keine Chikanen, wenn ich bitten darf. So etwas laſſe ich mir nicht gefallen.“ * 71 „Entzückende Ulla!⸗ „Haben Sie die Güte und laſſen Sie mich in Ruhe.“ Ein Ruf vom Wirth ſtörte jetzt das unſchuldige Geſpräch. Der Redarteur eilte in ſeine Druckerei und Jungfer Ulla in's Schenkzimmer. Wir begeben uns nach Nr. 1. In einen Schlafrock von hellgrauem Sammt ge⸗ hüllt und mit einer rothen griechiſchen Mütze auf dem Kopf, hatte der berühmte Virtuos ſich bequem in eine S geſetzt und rauchte eine köſtliche Manilla⸗ igarre. Herr Maximilian war unſtreitig, wie die gefühl⸗ volle Jungfer Ulla bereits bezeugt hat, ein außerordent⸗ lich ſchöner junger Mann. Sein Geſicht, das von einem weichen, dunkelbraunen, über die Ohren hinabfallenden Haar umſchloſſen wurde, trug in ſeinen edeln Zügen einen ſehr lebhaften Ausdruck. Die wohlproportionirte ſenk⸗ rechte Stirne war nur unbedeutend gefurcht, aber blen⸗ dend weiß. Die großen Augen, deren gemiſchte Farbe man über dem Feuer, das aus ihren Tiefen ſtrahlte, überſah, blickten mit ſchnellen Bewegungen unter den ſcharfgezeichneten Wimpern hervor. Pieſe Blicke hatten unleugbar eine gefährliche Zauberkraft, aber für den ruhigen Beobachter beſaßen ſie etwas mehr Unbegreif⸗ liches als Seelenvolles. Wo hatte ſich wohl das Feuer entzündet, das in dieſen Blicken flammte? Hier fand ſich der matte Mondſchein der Schwärmerei, die Sonnenſtrahlen des Genies, die Blitze freudiger Leben⸗ digkeit vor; hier fand ſich auch die Gluth der Wolluſt, der Sinnlichkeit und der Leidenſchaft. Dieſelbe Mannig⸗ faltigkeit zeigte ſich auch in dem beweglichen Mienen⸗ ſpiel und um die friſchen wohlgebildeten Lippen, die ſchwach von einem feinen Schnurrbart beſchattet waren. Eine beinahe weibliche Weichheit, die ſich in etwas ſchlaffen Linien an den Mundwinkeln ausdrückte, fand ihren Gegenſatz in der kühn geformten Unterlippe, aber in dem Grübchen mitten auf derſelben hatte die Schalk⸗ haftigkeit ihr feſtes Quartier aufgeſchlagen. Ein ſtarker gekräuſelter Bart bedeckte das ganze Kinn. Die Wangen erſchienen zwar ſehr blaß, aber noch hatten ſie ſowohl in Form als Farbe etwas von der unerſetzlichen Friſche der Jugend bewahrt, und die matte Röthe verlieh ihnen eine intereſſante Anmuth. Marimilign ſaß, wie geſagt, jetzt in der Sophaecke und rauchte ſeine Manilla⸗Cigarre. In glücklicher Selbſtzufriedenheit blies er zwiſchen den beinahe ge⸗ ſchloſſenen Lippen leichte, halbblaue Rauchwirbel aus, auf eine Art, die den eleganten Raucher verrieth, und dabei trommelte er mit ſeiner außerordentlich feinen und weißen Hand eine muntere Melodie auf dem Teppich. Nachdem er eine Zeit lang ſo verblieben, richtete er ſich auf und begann eine Wendung im Zimmer auf und ab. Die Haltung des jungen Mannes war ge⸗ ſchmackvoll und zwanglos. Seine ſchlanke hohe Geſtalt beſaß mehr Geſchmeidigkeit als Kraft, und wenn ſeine Bewegungen theilweiſe leichgültig waren, ſo wurde dieß durch eine natürliche Grazie wieder aufgewogen. Mit leichten, elaſtiſchen Schritten maß er die Bielen des Bodens. Man hätte von ſeinem Gang ſagen können, er ſei unbedachtſam, und im Allgemeinen verkün⸗ dete ſeine ganze Manier einen Libertin von gutem Ton, was gewöhnlich einen Mann bedeutet, der ſich in reich⸗ lichem Maaße das Entzücken der Frauen und den Neid der Jünglinge zuzieht, den aber verſtändige Leute nie⸗ mals überſchätzen. Als Marimilian zu rauchen aufgehört hatte, zo er ſein Reiſeportefenille hervor, ſetzte 6 an einen Tiſe und ſchrieb Folgendes an ſeinen Freund: „Mein lieber Ernſt! „Es gereicht mir zum beſonderen Vergnügen, jetzt, nach mehrmonatlicher Trennung, an Dich zu ſchreiben, juſt weil Du einer von denjenigen warſt, die dieſe meine Kunſtreiſe am meiſten mißbilligten, und weil Du beim —— —— —— —— 73 Abſchied ſo bedächtig Dein kluges Haupt ſchüttelteſt. Ich will wahrlich jetzt nicht den Glanz meines Triumphes durch Reflerionen erhöhen, die für Dein gutes Urtheil demüthigend ausfallen könnten; aber ich will auch ebenſo wenig meine Freude darüber verleugnen, daß ich wenig⸗ ſtens ein einzigesmal Beweiſe von einem Scharfſinn gegeben habe, den Du mir immer abſtreiten woilteſt. „Ja, was meinſt Du wohl davon, daß ich, nachdem ich ſo lange Zeit die arme Gans geweſen, über welche Du und meine andern hochbegabten Freunde ganze Fluthen der waſſerklarſten Moral ausgegoſſen, jetzt im Sinne habe, ganz sans fagon ſelbſt den Katheder zu beſteigen, um davon herunter meinerſeits eine erhuuie Moralpredigt zu halten und zwar gilt ſie Dir, Bruder Ernſt! „Ich will Dich vollſtändig überraſchen durch meine unausſprechliche und, ich hoffe, für Dich kaum begreif⸗ liche Weisheit. Gib jetzt Acht! „Junger Mann! Seit dem Augenblick, da der Engel mit dem flammenden Schwert auf allergnädigſten Befehl unſere Urväter aus dem herrlichen Paradies jagte, hat das Menſchengeſchlecht eine Manier gehabt, das Leben durch Kunſt zu verſchönern. Statt die einfachen Wahrheiten der Natur durch Sympathie und Inſtinkt erfaſſen, hat man ſein Hirn damit gequält, Wiſſen⸗ chaften zu etabliren. Die arme Natur hat man zer⸗ pflückt, zerriſſen, zerkocht und dann auf den Grund der Entdeckung, die man gewonnen zu haben glaubte, ſpitz⸗ findige Berechnungen aufgebaut, neue Syſteme geordnet und Geſetze feſtgeſtellt. In ſeiner Eigenliebe hat Mancher ſich eingebildet, daß der todte Tert, den man auf ſolche Art an eine lebendige Natur geflickt, von weit höherem Werth ſei, als die Natur ſelbſt. Man hat es mit der Schöpfung Gottes gemacht, wie gewiſſe Muſici mit der Geige nämlich man hat ſte in Stücke zerſchlagen, und nachdem die Stücke wieder zuſammengeleimt waren, hat man einen reinen Ton zu finden geglaubt. So iſt es 74 im äußeren Leben gegangen und ſo auch im innern. Mit der Pincette und dem Secirmeſſer iſt man in die Menſchenſeele eingedrungen, in dem Gehirn hat man Organe für das Gute ſowohl als das Böſe aufgeſucht, und das Herz, von welchem die Poeten ſo viele ſchöne Dinge geſchwatzt haben, zeigt ſich, wie die Anatomen dentlich beweiſen, als nichts Anderes, denn eine ſinn⸗ reiche kleine Pumpmaſchine. Darauf hat man jetzt tief⸗ ſinnige Theorien gegründet, Religionen gebildet, Regeln für das Sein, das Wiſſen und das Handeln geſchaffen; man hat Sittenlehre und Moralphiloſophie gebildet, man hat den Weg zur Glückſeligkeit ausgeſteckt, wie man einen Fahrweg über das Eis abſteckt. Aus dem Menſchengeſchlecht hat man auf dieſe Art ein Heer nach dem kaiſerlich ruſſiſchen Muſter bilden wollen, um mit dieſem in geſchloſſenen ordentlichen Gliedern, mit geſtreckten Fußſpitzen, Bauch hinein und Bruſt heraus, den Himmel zu ſtürmen. Wenn jetzt ein armer Rekrut einen Augenblick die reglementariſche Haltung verſäumt und ſich erbieten würde, ſeinen Weg auf eine für ſeine eigenen individuellen Beine bequemere Weiſe zu mar⸗ ſchiren, ſo würde er ſogleich ein Gegenſtand der ſchärfſten Zurechtweiſung werden und übel angeſchrieben ſein bei Jedem, wer ein Stückchen von der regelrechten Richt⸗ ſchnur in der Hand zu haben glaubt. „Mit allem dem hat man jedoch eine Wiſſenſchaft und Kunſt überſehen, die nach meinem Dafürhalten die allervornehmſte iſt, nämlich die Kunſt, ſich durch das Alltagsleben fortzuhelfen. Gott gnade uns vor unſern Philoſophen und Moraliſten! Ich glaube, daß ſie ſammt und ſonders, ja auch die ſogenannten Praktiker, ſich ſehr ſtark an das feſtgehalten haben, was ſein ſollte, und gar zu wenig an das, was wirklich iſt. Obſchon man auf ſeinem Zimmer ſitzen und Karten von der ganzen Welt zeichnen kann, geſchieht es vielleicht, daß man, wenn man einmal zu ſeiner Thüre hinauskommt, den Weg in's nächſte Dorf nicht auſzufinden weiß. Selbſt Sokra⸗ * — 75 tes, der weltberühmte Begründer der Moralphiloſophie, und der ſich ſo viel mit dem höchſten Gut beſchäftigte, war ja im praktiſchen Leben ein ſolcher Stümper, daß er ſich von ſeiner eigenen Frau Schläge und Grobheiten gefallen laſſen mußte. „Es iſt meine vollkommene Ueberzeugung, daß Du, lieber Ernſt, eine nicht unbedeutende Aehnlichkeit mit dieſem großen Weiſen Griechenlands beſitzeſt. Gleich ihm biſt Du voll von Marimen und Tugend; gleich ihm haſt auch Du Deine Fantippe, die Dich bedruͤckt. Das iſt die Armuth. Du haſt Geduld bis zum Ueberfluß, aber für Dein weltliches Glück möchte ich nicht zwei Stüber geben. Deine Tage theilſt Du zwiſchen dem Studium und Lectionen, die Du zu geben haſt. Jeden Abend und halbe Nächte lang jitzeſt Du im Orcheſter. Deine Diät iſt mager und Dein Logis ein elendes Dach⸗ ſübchen. Wie Schade, daß mein Vater Dich nicht kennen gelernt hat, Du würdeſt ihn entzücken!. Aber ich, mein Freund, denke ganz anders. Ich habe es feſt herausgetüpfelt, daß Du einen Fehler haſt, einen weſentlichen, einen großen Fehler, und ich will Dir aufrichtig ſagen, in was er beſteht. Ja, glaube mir, Du biſtallzu vernünftigß ſiehe, das iſt das Ganze. Wenn ich daher Dich ganz freundlich bitte, Deine Ver⸗ nunft gefangen zu nehmen, ſo meine ich damit, daß Du ſie nicht gänzlich ſollſt überhand nehmen laſſen. Verſtehſt Du mich? Wenn ich, Dein unwürdiger Bruder in Apollo, Deine wohlgemeinten Rathſchläge befolgt hätte, wie würde es dann mit mir ausgeſehen haben? Hu, mich ſchaudert bei dem Gedanken an das Schickſal, das mich dann erwartet hätte!... Aber, Gott ſei Dank, ich widerſtand der Verführung, ich liebte die Freude, wollte gut gekleidet ſein, gut leben und mitunter ein ſchönes Mädchen küſſen. Du bliebſt auf Deinem Dachſtübchen, und ſo trennten ſich unſere Wege. Ich habe ſchon früher einmal eine ſolche Trennung erlebt; das war, als ich 76 meinen Vater verließ. Auch er wollte mich zu einem Märtyrer der Kunſt machen, er wollte nicht verſtehen, daß das Blut in den Adern des Jünglings anders wallt, als in denen eines Greiſes. Ich habe niemals einen Zwang ertragen können. Ich liebe die Freiheit mit Leidenſchaft, und dieſe Liebe iſt vielleicht ein Erb⸗ theil meiner Mutter, denn meine Mutter iſt, wie Du weißt, ein ſehr freies Weib. Meinetwegen kann ſich, wer will, in den Käſig einſchließen, aber ich liebe mehr das Leben des freien Vogels; gleich ihm und nicht anders will ich Muſikus ſein. Ueber unſere kleinen Jugend⸗ ſünden wird, denke ich, der liebe Gott keine ſo genaue Rechenſchaft verlangen, und von allen Gewiſſensqualen fürchte ich keine ſo ſehr, als diejenige, die man in alten Tagen empfinden müßte, wenn die Fluthen der Freude verronnen wären, ohne daß man von dem berauſchenden Getränke genoſſen hätte, während es uns noch zu Gebot ſtand. Nie habe ich ein ſo freies Leben geführt wie jetzt, und nie bin ich glücklicher geweſen. Ich gab mein erſtes Conzert in V. Es lief nichts weniger als gut ab. Ich war noch zu ſchüchtern und ängſtlich; auch fehlte es mir an aller Routine auf meiner neuen Bahn. In den Arrangements beging ich viele Fehler, immer einer größer als der andere; ich kündigte nur eine muſikaliſche Soiree an und miethete einen klei⸗ nen, unanſehnlichen, ſchlecht beleuchteten Salon. Mein Programm war ebenfalls ſehr ſchlecht berechnet. Aller⸗ dings prunkten darauf glänzende Namen„wie Mozart, Beethoven, aber ich hatte nicht eine einzige Nummer von dem modernen pikanten Schlag, der mir eigentlich angehört, und der ſeit einiger Zeit bei dem Gefühle des Publikums Anklang findet. Die Folge war ganz natürlich die, daß mein Auditorium nicht mehr' als zwanzig Perſonen betrug, größtentheils alte, ſchwerhörige Leute. Ich verlor ſogleich den Muth und trat mit be⸗ klommenem Herzen auf. Während mein Bogen von den Claſſikern in Anſpruch genommen war, beſchäftigten ſich 77 meine Gedanken mit Berechnungen über meinen Verluſt am Abend. Der Ertrag der verkauften Billeite deckte nicht einmal die Koſten der Beleuchtung, und doch war es ſo finſter im Zimmer, daß ich kaum die Noten ſehen konnte. In demſelben Maße, wie mein Gemüth herab⸗ eſtimmt wurde, verſtimmte ſich auch mein Geiſt. Ich pielte elend, und von meinen Zuhörern vernahm ich nicht ein einziges aufmunterndes Beifallszeichen. Einer von den zwanzig alten Männern ſchlug allerdings juſt bei einem meiner mißlungenen Sätze die Hände zuſam⸗ men, aber er wurde ſpalich von den andern neunzehn zum Schweigen gebracht und entſchuldigte ſich dann damit, daß er nur eine Mücke gefangen habe. Von V. reiste ich nach R. Hier waren die Conjunkturen für mein Auftreten ſo ſchlecht, daß ich mir mein Conzert gänzlich aus dem Sinne ſchlug. Da ich inzwiſchen für meinen Aufenthalt Geld brauchte, ſo mußte ich meinen tolz überwinden und mit einem der Caffetiers der Stadt einen Vertrag eingehen, daß ich gegen eine lumpige Summe jeden Abend in einem ihm gehörigen Gartenſaal ſpielen wolle. Hier ſaß ich armer Tropf jetzt lange Abende hindurch, halb ſchlafend bei meiner eige. Ich war entmuthigt, im höchſten Grad unzu⸗ frieden mit meiner Stellung, worüber ſich auch Niemand wundern kann. Der Verdruß über mein Mißgeſchick machte mich ſo böſe, daß ich anfing, alle Menſchen als meine Feinde zu betrachten, und meine einzige Freude beſtand darin, alle diejenigen, die in neine Nähe kamen, mit den teufliſchſten Tönen, die ich hervorlocken konnte, quälen zu dürfen. Mein Bogen wurde für mich jetzt nur eine Waffe zu meiner Rache, und ich ſpielte ſo, daß man konnte, Satan ſelbſt wohne heulend und zähneknirſchend in meiner Violine„ und ſeine ver⸗ dammte Seele ſei es, die in den Tönen meiner Saiten ſpreche. Man bekümmerte ſich jedoch nicht viel darum, ſondern trank in guter Ruhe ſeinen Punſch oder aß ſein 78 Eis. Es iſt unglaublich, wie viel muſikaliſchen Unfug die Menſchen heut zu Tag ertragen können. Eines Abends, juſt als ich mit der Ausübung meiner gräulichen muſſikaliſchen Rache im beſten Zuge war, trat eine Geſellſchaft von etlichen Damen und Herren in den Saal und ſetzte ſich an einen kleinen Eiſch ganz in der Nähe meiner Ecke. Ich betrachtete„ ſie mit derſelben Erbitterung wie alle Andern. Ohne Schonung für ihre armen Ohren exequirte ich eine infer⸗ naliſche Paſſage nach der andern, und ich glaube, es wäre ſchwer zu entſcheiden, ob die Töne mehr dem Ge⸗ pfeife der Knute in der Luft, oder dem Geheul des blu⸗ tenden Sklaven glichen. Aber daß ſie abſcheulich waren, das iſt ſicher. Während einer Pauſe hörte ich eine wohlklingende, angenehme Frauenſtimme rufen: Dieſe garſtige Muſik macht mich krank. Schön, dachte ich und ſetzte meinen Bogen mit neuer Eile in Bewegung, während ich nach dem Tiſch⸗ chen hinblickte, von wo die Stimme kam. Die Dame, welche die für mich ſo ſchmeichelhafte Aeußerung gethan hatte, ſaß mit dem Rücken gegen mich. Als ich ſie näher betrachtete, fand ich, daß ſie eine unvergleichlich ſchöne Figur war. Ihr Wuchs war ſchlank und rundz ſelbſt der Rücken, im Allgemeinen die ſchwächſte Partie unſerer Schönheiten, beſaß eine graziöſe Biegung und verrieth eine bezaubernde Geſchmeidigkeit. Der Kopf wurde von einem geſchmackvollen Hut verborgen, aber die Bewegungen waren lebhaft und anmuthsvoll. Alles trug dazu bei, meine Neugierde zu reizen, und ich nahm mir vor, ſie zu einer Frontveränderung zu zwingen. Ich bot jetzt alle meine Mittel auf, um meinen Spiet Kraft zu geben. Mit raſender Wildheit ſprangen* die Töne gleich losgelaſſenen pfeifenden und heulenden Winden hervor und ſchwangen ſich um einander preſto preſtiſſimo, im tollſten Spiel, einem Spiel, das an den raſenden Tempeltanz berauſchter Derwiſche erin⸗ nerte. Die ſchön gewachſene Dame behielt noch immer 79 ihre alte Stellung. Ich machte noch einen Verſuch; ich reprodueirte mit meinem wilden Bogen das Geſchrei der wilden Thiere im Freiſchütz, die nächtlichen Serenaden der Katzen und das heißere Gewimmer der Eulen, ver⸗ miſcht mit unglückverkündendem Hundegeheul. Die Dame machte eine Geberde des Entſetzens, blieb jedoch uner⸗ ſchütterlich auf ihrem Platze. Jetzt fiel mir ein anderes Mittel ein. Nach einigen Läufen veränderte ich auf einmal den Charakter meiner freien Phantaſien. Weiche, milde Töne ſangen jetzt in einem ſchmachtenden Adagio liebliche erotiſche Melodien⸗ Der Mondſchein und die Schwärmerei der Nachtigall wurden jetzt mein Thema... Dadurch gewann ich meinen Sieg. Sie, die ſo eben ihre höchſte Mißbilli⸗ gung ausgeſprochen, konnte der ſtillen Bitte, die meine Saiten flüſterten, nicht lange widerſtehen. Sie wandte ſich um, und ich begegnete einem warmen, ſtrahlenden Blick, der in mein Herz drang. Da ich wohl weiß, daß Du, mein guter Ernſt, Dich ganz und gar nicht für das intereſſirſt, was man romantiſche Abenteuer nennt, ſo will ich Dich jetzt nicht mit einer umſtändlichen Erzählung der Folgen dieſes kleinen Ereigniſſes ermüden. Es genüge Dir, zu wiſſen, daß die genannte ſchöngewachſene Dame, die ein in jeder Beziehung vortheilhaftes Aeußeres hatte, nach dieſem Abend ein täglicher Gaſt in dem Gartenſaale wurde, wo ich reſidirte. Meiner Gewohnheit gemäß ließ ich meine Geige fortwährend die Rolle des Plagegeiſtes ſpielen; aber ſobald ſie ſich auf ihrem gewöhnlichen Platz, ganz nahe bei meinem eigenen einfand, unter⸗ brach ich ſogleich alle muſikaliſchen Diablerien und ließ nur gute Geiſter mein Spiel inſpiriren. Dieſe ungewöhnliche Huldigung hatte eine gute Wirkung, und meine unbekannte Schöne verhehlte den Eindruck nicht, den ich bei ihr erweckt hatte. Der eine und andere Blick wurde Anfangs meine Belohnung; aber bald ſchloſſen wir eine nähere perſönliche Bekannt⸗ 80 ſchaft doch es iſt wahr, es macht Dir keine Freude, ſolche Dinge zu hören. Dieſe Dame wurde inzwiſchen die Gründerin meines Glückes. Ich ſpreche jetzt nicht von meinem Herzen, ſondern von meiner Stellung in der Welt. Du fragſt natürlich, welche Macht ſie beſaß, um über meine vor⸗ her ſo dunkle Bahn ein Licht zu verbreiten?— So wiſſe denn, ſie war die Frau des vornehmſten Mufif⸗ recenſenten der Stadt. Meine Gönnerin hatte es wohl verſtanden, ſich in ihrer Ehe die erſte Stimme vorzu⸗ behalten, und es geſchah daher nicht ſelten, daß ihre kleinen Launen es eigentlich waren, welche die leitenden Artikel leiteten, wofür ihr Mann, der Recenſent, die Verantwortlichkeit tragen mußte. Was konnte ich Beſ⸗ ſeres verlangen? Ich begeiſterte zuerſt ſie, und ſie be⸗ geiſterte dann ihren Mann. In angenehmem téte-à-téte in ihrem allerliebſten Boudvir beluſtigten wir uns zu⸗ weilen damit, höchſt geiſtreiche Schwänke über mein eigenes, bisher nicht zur Anerkennung gelangtes Talent zuſammenzuſchreiben. O entzückende Augenblicke der Sympathie! Am folgenden Tag ſtanden dieſe Schwänke mit der geachteten Unterſchrift des Mannes in ſeiner weitverbreiteten Zeitung zu leſen. Die Folge davon war, daß mein Ruf binnen Kurzem über die ganze Stadt flog, und daß das Kaffee, wo ich fortwährend meinen Platz beibehielt, kaum alt die Zuhörer faſſen konnte, die meinetwegen hinſtrömten. Man glaubte in mir eine Perle von ächtem Schlag ge⸗ funden zu haben, und man legte mir mein anſpruchs⸗ loſes Auftreten als eine große Tugend aus. Nachdem es mir auf dieſe Art gelungen war, die Aufmerkſamkeit zu wecken, verwarf ich natürlich alle Capricen meinet Runſt und gab mir die äußerſte Mühe, um das ſchmeichel⸗ hafte Lob, das an mein Talent verſchwendet wurde, wirklich zu verdienen. ZJetzt war der Augenblick 4 h ein Conzert zu geben. Es gelang vortrefflich. Alle Billette waren * 8¹ ſchon mehrere Tage zuvor verkauft. Ich trat in dem vornehmſten Lokal, das die Stadt zu bieten hat, vor einer glänzenden und eleganten Geſellſchaft auf. Ich wußte zum Voraus, daß man günſtig für mich geſtimmt war. Dieß gab mir Muth und Begeiſterung. Ich, meine Geige, mein Bogen, wir Alle waren gut disponirt, wir Alle übertrafen uns ſelbſt. Applaus und Hurrah⸗ rufe ſchollen durch den Saal, und einſtimmig erklärte man zuletzt, daß ich ein Löwe in der Welt der Kunſt ſei. Dieß war mein erſter Sieg. Nie werde ich die glücklichen Gefühle vergeſſen, die ich an dieſem Abend hatte. Entzückt drückte ich die Geige an mein Herz und ſchwur ihr ewige Treue. Jeder Andere als Du würde begreifen, daß meine Huldigüng gegen die ſchöne Frau des Recenſenten nicht minder warm war. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welche dieſe Mittel, deren Gebrauch ich aufrichtig eingeſtanden habe, unedel und eines wahren Künſtlers unwürdig nennen; aber ich ſelbſt habe meine eigenen Anſichten über die Sache. Ich liebe die Kunſt, aber auf eine ganz andere Art als Du, auf eine ganz andere Art, als mein Vater. Den Freuden des Lebens zu entſagen und nur nach der unſichern Ehre der Gewogenheit der Nachwelt zu ſtreben, vielleicht hundert Jahre nachdem ich verhungert bin und meine Gebeine den Würmern der Erde geſchenkt ſind, das habe ich mir ſchon lange aus dem Kopf geſchlagen. Ich bin Virtuos. Ich glaube mich für meine Mitwelt geſchaffen, und für ſie will ich auch leben. Für meinen unſterb⸗ lichen Namen zu arbeiten, das iſt ein Creditſyſtem, welches mir ganz und gar nicht gefällt, und darum habe ich mich zu dem Grundſatz bekannt„meine Thätigkeit nur gegen klingende Bezahlung zu verkaufen. Die Kunſt hat meines Dafürhaltens ein Ziel, das ſchon groß genug iſt, wenn ſie lebt, um die Kinder der Erde zu erfreuen und über die oft traurigen Bahnen derſelbenkeiniges Ver⸗ gnügen auszubreiten. Die Freude iſt ja eines der gött⸗ lichen Vorrechte der Menſchen, und auch in moraliſcher Ein Funken. 1. 6 82 Beziehung beſitzt dieſes Gefühl einen ſo großen und edlen Einfluß, daß man blind ſein muß, um ſeinen Werth nicht einzuſehen. Die heitere Kunſt iſt es, die ich liebe, und wenn Du mir jetzt, wie oft, vorwirfſt, daß ich mehr auf das Vergnügen, als auf den Nutzen abſehe, ſo beuge ich mich vor Deiner Vortrefflichkeit, beruhige aber mein Gewiſſen damit, daß die arme Welt von all ihren grundgelehrten Schulmeiſtern ſchon genug gelangweilt wird, ohne daß ich mich in die düſteren Reihen dieſer Herren einzudrängen brauche. Rund heraus geſagt, ich bin ſtolz darauf, ein praktiſcher Mann zu ſein. Es liegt eine ungeheure Kraft in dem Vermögen, die Welt recht anzufaſſen, und es iſt ein Genuß, ſich dieſen Vortheil auf eine fröhliche Art anzueignen. Aller⸗ dings muß man da bei vielen Gelegenheiten die kleinen Thorheiten und Schwachheiten ſeiner Nächſten ausbeuten, aber man kommt doch voran auf ſeinem Weg, und das iſt es, was ich verlange, während Du dagegen Dein Vergnügen darin findeſt, gleich einem Wegweiſer feſt in der Erde zu ſtehen. Außerdem möchte ich meinen Wunſch, minder ſchöne Mittel zu gebrauchen, mit einem kühnen Gleichniß rechtfertigen. Man kann Regen, Kälte und Wind nicht juſt ſchöne Mittel nennen, da ſie jährlich viele hundert Menſchen Glück und Leben koſten; aber gleichwohl benützt der liebe Gott ſelbſt dieſe Mittel. „Nachdem mein Anſehen in R. feſt gegründet und mein Name mit den ſchönſten Lobpreiſungen auspoſaunt war, ſtand mir die ganze Welt offen, und es kam jetzt nur noch darauf an, meinen einmal gewonnenen Flatz zu behaupten. Du ſelbſt kennſt die Beſchaffenheit meines muſikaliſchen Talents am Beſten. Meine ausgezeichneten Anlagen, wie Du Dich manchmal ſo ſchmeichelhaft aus⸗ zudrücken beliebteſt, ſind von andern Kunſtrichtern ein glänzendes Talent genannt wordenz und meine vielleicht nicht ganz gewöhnliche techniſche Fertigkeit, der Du nie⸗ mals ihr volles Recht widerfahren laſſen wollteſt, weil es nach Deiner Anſicht nur Tand und Charlatanerie war, hat 83 großes Aufſehen erregt. Ich habe inzwiſchen ſehr fleißig gearbeitet. Ich habe mir viele der berühmteſten Kunſt⸗ griffe unſerer modernen Virtuoſen angeeignet und habe beſonders in Pizzikatos, Flageolets und dergleichen Krimskrams, wie Du zu ſagen pflegſt, ſchöne Fortſchritte gemacht. Deßhalb glaube ich jetzt auch meine gewöhn⸗ lichen Conzertſtücke auf eine Art zu ſpielen, welche den Beifall, den man bei allen Gelegenheiten ſo reichlich an ſie verſchwendet hat, einigermaßen verdiene. Mein Spiel auf der G⸗Saite à la Paganini hat großes Glück gemacht, aber mein eigentliches Schlachtroß iſt dennoch eine Com⸗ poſition von meiner eigenen Hand, die ich Erinnerung an die erſte Liebe getauft habe. Wenn ich Dir dieſe Compoſition ſchickte, ſo würdeſt Du ſie, das weiß ich zum Voraus, gänzlich verwerfen, weil ſie nach Deiner Anſicht von großem Mangel an Studium und klaſſiſchem Geiſt mit der dazu gehörigen hohen Einfachheit und würdevollen Ruhe zeugen würde. Wenn ich dagegen Gelegenheit erhielte, Deinem gelehrten Ohr dieſes Stück vorzutragen, ſo könnte es wohl ge⸗ ſchehen, daß Du mir in einem unbewachten Augenblick ein oder das andere Lob ſchenkteſt. Ich habe in dieſen Erinnerungen an die erſte Liebe meine höchſten Mittel auf eine, wie ich glaube, höchſt ſinnreiche Weiſe ver⸗ einigt. Das Motiv hat einen romantiſch ſchwärmeriſchen Charakter, der meiner Spielart im Allgemeinen gut anſteht, und in der Entwicklung der Idee hat meine niemals ſchüchterne Phantaſie ein freies Feld bekommen, wie auch mein Bogen eine gute Gelegenheit, glänzende Beweiſe von Fertigkeit, Grazie, Schwung und Bravour zu Tage zu fördern. Ich habe mich beſonders bemüht, ein warmes und ein brillantes Spiel zu vereinigen, und auch da, wo die Variationen in ihrer Ausgelaſſen⸗ heit ſich manchmal zu einem und dem andern bürlesken Seitenſprung verirren, auch da verräth ſich die An⸗ weſenheit der Liebesgötter bald in einem vibrirenden Ton, bald in einem ſentimentalen Fitthe Aber wenn ich zuletzt in einem ſchmachtenden Abagio die erſte zärtliche Qual des Herzens, und jene holde ſchüchterne Mondſcheinſchwärmerei darſtelle, welche dieſer Periode ſo eigenthümlich angehört, dann iſt mein Strich mild und koſend wie ein Weſtwind, und die Saiten ſeufzen in weichen Tönen Myſterien der Liebe. Keine gefühlvolle Seele kann dieſe Sätze mit Ruhe anhören, und von hundert Frauen werden, wenn nicht Alle, doch i 99 zu Thränen gerührt. Kurz und gut, meine Compoſition iſt vielleicht weder originell, noch genial, ſondern ganz einfach ein modernes Effekt⸗ ſtück von gänzlich ephemerer Natur. Sie iſt auch bloß dazu geſchrieben, um von mir ſelbſt vor meinem Publikum ausgeführt zu werden, und daß ſie ihren Zweck nicht gänzlich verfehlt hat, das beweiſt am Beſten der ausgezeichnete Beifall, der ihr immer und überall zu Theil geworden iſt.— Siehſt Du, Bruderherz, es iſt eine Kunſt in der Kunſt, die Sympathien des Publi⸗ kums zu treffen, und nur dadurch wird man zum Günſt⸗ ling deſſelben. Wunderbar iſt jedenfalls der Zuſammen⸗ hang zwiſchen dem Geiſtigen und dem Materiellen, und ſeltſam ſind die Wege, die zu einem Menſchenherzen füh⸗ ren; wir Muſiker wiſſen das am Beſten. Manchmal wenn ich unter Verbeugungen vor dem Publikum ſtand und ſeine coloſſalen Beifallsäußerungen entgegennahm, habe ich bei mir ſelbſt gedacht: und all dieſes Entzücken haſt Du mit dem Schweif eines Thieres und den Ge⸗ därmen eines andern hervorgerufen. Meine Kunſtreiſe hat ſich weit umher erſtreckt, aber der Aufenthalt in jeder Stadt iſt ganz kurz geweſen; denn gewöhnlich habe ich nur ein einziges Conzert und niemals mehr als zwei an demſelben Orte gegeben, und da ich unverändert daſſelbe Programm beibehielt, ſo bin ich jetzt in dieſe Stücke ſo eingeſchoſſen, daß ich ſie, glaube ich, ſogar im Schlafe ſpielen könnte. Aber je⸗ denfalls iſt das Künſtlerleben doch etwas Herrliches. Ja, es iſt eine Luſt und eine Freude, ſo im Lande um⸗ 85 herzureiſen: Wohin ich komme, werde ich gut empfan⸗ gen. Alle Menſchen erweiſen mir Aufmerkſamkeit, und man fühlt ſich geſchmeichelt, meine Bekanntſchaft machen zu dürfen. Mein Fidelbogen diktirt mein Empfehlungs⸗ ſchreiben. Mit einer einzigen Nummer gewinne ich mehr Herzen, als der Weiſe mit all ſeiner Tugend in ſeinem ganzen Leben. Für die Männer habe ich das Bizarre und Burleske, für die Weiber das Sentimen⸗ tale und Melancholiſche, denn ich habe die Entdeckung gemacht, daß man Freundſchaft gewinnt, wenn man die Männer zum Lachen bringt, und Liebe, wenn man den Frauen Thränen entlockt. Mein Auftreten iſt eine glän⸗ ſun Erſcheinung, und bevor die Gewohnheit die Ge⸗ ühle auf den Standpunkt der Gleichgültigkeit herab⸗ ſtimmt, bin ich bereits und habe außer der ange⸗ nehmen Erinnerung an meine Triumphe den reelleren Gehalt einer vollen Börſe. Allerdings iſt es geſchehen, daß ein zorniger Recenſent da und dort eine Diſtel unter die Roſen geworfen hat, die man auf meine Bahn aus⸗ ſtreute. Einmal zum Beiſpiel wagte ein ſolcher Quer⸗ kopf die Inſinuation vorzubringen, daß mehr mein hübſches Geſicht und meine ſchöne Figur, als meine Kunſt es ſei, was das Publikum entzücke. Man ge⸗ wöhnt ſich jedoch bald, allen kleinen Verdrießlichkeiten dieſer Art mit eiskalter Verachtung zu begegnen. Man lächelt bloß darüber, und dann ſagen die Leute: Seht da einen Mann, der ſeinen Werth kennt. Vor einiger Zeit erhielt ich die gnädige Einladung, mich bei Seiner Hoheit dem Herzog von*** einzufin⸗ den, der ſich damals auf ſeinem Landgut aufhielt. Hier genoß ich eine ganze Woche hindurch ein entzückendes Leben. Ihre Hoheit, die Herzogin iſt ausnehmend mu⸗ ſikaliſch. Wir ſpielten Duette zuſammen und meine Phantaſie über die erſte Liebe gefiel ihr dermaßen, daß ſie, die ſich ſonſt gewöhnlich, wie man wiſſen will, ganz und gar nicht mit Liebe befaßt, jetzt ſelbſt über dieſen hol⸗ den Gegenſtand zu phantaſiren anfing. Die früher ſo 86 kalte Schönheit thaute mit jedem Tag mehr und mehr auf, und endlich. ja, endlich erhielt ich von dem Berzeß⸗ ihrem Mann, bei meiner Abreiſe eine koſtbare Juwelnadel. Du mußt doch zugeben, daß dieß etwas Beſſeres iſt, als daheim zu ſitzen und in der Kapelle die zweite Violine zu ſpielen. Wie Du aus dem Poſtzeichen erſiehſt, halte ich mich gegenwärtig in N. auf. Dieß iſt allerdings ein unanſehnliches Landſtädtchen, aber die Kunſt iſt für Alle, und das Geld der Landſtädter hat auch ſeinen Werth. Ermüdet von meinen vielen Anſtrengungen, gedenke ich hier einige Tage auszuruhen, und dann reiſe ich weiter, um neue Lorbeeren zu n Ehrlicher Ernſt, ich habe jetzt die aufrichtige Sprache der Freundſchaft mit Dir geredet. Und was könnte es mir auch helfen, wenn ich Dir meine kleinen Schwach⸗ heiten zu verbergen ſuchte? Du kennſt ſie wahrhaftig gut genug.. Höre jetzt zum Schluß noch einmal meinen Rath. Bleib nicht länger daheim im Schatten ſitzen und opfere nicht das Leben in einem Bemühen, deſſen ganzer Lohn eine leere Chimäre iſt und bleibt. Sei auch einmal ein Bischen unverſtändig. Bürſte Deinen Frack und komme in die Welt hinaus. Ich verſpreche Dir meinen Rath, meine Protektion, wenn Du willſt. Doch ich kenne Dich; Du bleibſt daheim in Deinem klaſſiſchen Dachſtübchen. Armer vortrefflicher Ernſt, Du verdienteſt wahrhaftig ein freundlicheres Schickſal, Du verdienteſt es beſſer, weit beſſer als Dein Freund Marximilian. ——„ 87 VI. Freunde aus der Kindheit. Phantaſten! aber vamit beginnt jedes Un⸗ ternehmen. Thorild. In Folge der Aufmerkſamkeit, welche der Notar Abſalon bei der Geſellſchaft genoß, glaubte er gegen dieſelbe auch gewiſſe Pflichten zu haben, und zu dieſen zählte er das Geſchäft, alle ausgezeichneten Fremden, die zufällig in die Stadt kamen, mit ganz beſonderer Zuvorkommenheit zu empfangen und ſomit gewiſſermaßen die Gaſtfreundſchaft der adt zu repräſentiren. Aus dieſem Grund hatte er auch große Eile gehabt, ſich Herrn Maximilian vorzuſtellen, und bot jetzt all ſein Talent auf, um dieſem Künſtler den Aufenthalt in A. ſo angenehm als möglich zu machen. Im Tag nach ſeiner Ankunft holte ihn Abſalon in ſeinem Gig ab, und die beiden jungen Männer machten eine Spazierfahrt nach den ſchönſten Umgebungen der Stadt. ünter dieſen nahm das ſchon erwähnte große Gut, das der gräflichen Familie B. angehörte, ohne Zweifel die erſte Stelle ein, und beſagtes Gut war auch das eigentliche Ziel der kleinen Ausfahrt. Nach der Ankunſt daſelbſt wurden alle Merkwürdigkeiten in Augen⸗ ſchein genommen. Endlich nachdem man ſich lange in den prachivollen Gallerien mit ihren mehr oder weniger koſtbaren Kunſtſammlungen aufgehalten, wurde eine Wonderung durch den Park angetreten; dieſer war ſehr groß und verrieth einen bedeutenden Reichthum an ele⸗ ganten und wechſelnden Anlagen. Unter dichten Ge⸗ wölben von Linden und Kaſtanien genoß man den an⸗ genehmſten Schatten. Im Treibhaus und in Orangerien gediehen die herrlichſten Blumen, und an Pavillons, Lauben, Eremitagen und Labyrinthen war ein förm⸗ licher Ueberfluß vorhanden. Sowohl Marimilian als ſein zuvorfommender Weg⸗ weiſer waren guten Muths und fühlten ſich angenehm belebt von der friſchen, balſamiſchen Luft, die ſie ein⸗ athmeten. Der Virtuos mit ſeiner ſpielenden Phantaſie und ſeinem leicht aufgeregten Gefühl, ſchöpfte aus der ihn umgebenden ſchönen Natur neue fröhliche Ideen und war glücklich in ſeiner Ahnung, damit die Welt zu ent⸗ zücken. Der Notar mit ſeinem trägen Temperament und ſeiner einſeitigen Sentimentalität empfand eben⸗ falls gewiſſe poetiſche Eindrücke, und auch er war glück⸗ lich, als ſeine Gedanken, verführt von der Liebesſchwär⸗ merei, woran die Natur ſo reich iſt, bei den Hoffnun⸗ gen verweilten, die in der Tiefe ſeines Herzens verborgen lagen. Der Mann der Violine und der Mann der Wind⸗ mühle verſtanden es alſo beide, jeder für ſich den Honig zu ſaugen, welchen die Stunde ihnen bot. Der Eine träumte von Conzerten und Triumphen, der Andere von Freiwerbung und Ehe. Als die Spaziergänger das Ende einer langen Allee erreicht hatten, machte Abſalon den Vorſchlag eine Tour nach dem Schwanenteich zu machen. Sie betraten jetzt einen Gang, der ſich ſpiralförmig um einen Hügel ſchlän⸗ gelte und in ein kleines, von einer dichten und hohen Hecke eingeſchloſſenes Thal hinausführte. Ganz in der Nähe des Laubgewölbes, das den Durchgang zu der Hecke bildete, blieben ſie auf einmal überraſcht ſtehen. „Bravo, vortrefflich!“ rief Marimilian. „Welch ein glückliches Zuſammentreffen, ſtimmte Abſalon ein und zog ſein Nastuch heraus, um ſeine Stiefel abzuſtauben. Das, was ſo augenblicklich, obſchon ſo verſchieden auf unſere Wanderer einwirkte, war nichts Anderes als ein einfacher Geſang von einer reinen, friſchen und ungemein klangvollen Frauenſtimme. Die kunſtloſe Me⸗ lodie, die von einer murmelnden Cascade accvmpagnirt 89 wurde, hatte an und für ſich keinen Werth, wurde aber auf ſolche Art ausgeführt, daß man den Geſang eine lebendige Muſik nennen konnte, zum Unterſchied von den todten Noten, womit man uns gewöhnlich die Ohren anfüllt. Maximilian lauſchte mit ſteigendem Ent⸗ zücken darauf. Der Geſang ſchien ihm von dem Thal heraufzukommen, und während er mit leichter Hand Abſalon zurückhielt, eilte der Virtuos, ſich an die Oeff⸗ nung der Hecke zu ſchleichen. 3 Vor ſeinen Blicken lag jetzt ein ebener, friſch grü⸗ nender Grasplatz, der wie ein Rahmen einen ſpiegel⸗ klaren Teich umfaßte. Inmitten deſſelben ſtieg aus der Mündung eine künſtliche Muſchel im Waſſerſtrahl em⸗ por, der, zu dem Wipfel einiger umgebenden Erlen hinaufgelangt, ſich in zahlloſe Tropfen theilte und wie ein Regen wieder herabſiel, über die auf der ruhigen Oberfläche unter Waſſerroſen hinſchwimmenden Schwäne. Am entgegengeſetzten Ufer ſtand eine alte Linde, die auf der einen Seite ihre Aeſte in's Waſſer hinabſenkte, auf der andern einen behaglichen Schatten über eine Bank an ihrem Stamm breitete. Auf dieſer Bank ſaß ein älterer Mann, und in dem weichen Gras zu ſeinen Füßen lag, den Kopf an ſeine Kniee gelehnt, ein junges Mädchen. Sie hatte ihren Hut abgenommen. Ber Wind ſpielte in ihren dunkeln Locken und ihre ganze Haltung beſaß eine edle Grazie, welche wir ſo ſelten anderswo finden, als bei einem Kind, oder bei den plaſtiſchen Meiſterwerken der Alten. Ein Poet würde geſagt haben, daß ſogar die Blumen, unter denen ſie ruhte, ihr Entzücken darüber ausgedrückt haben, eine ſo ſchöne Mitſchweſter bei ſich empfangen zu dürfen. Das junge Mädchen, das die Zuſchauer nicht be⸗ merkte, fuhr in ſeinem einfachen Geſang fort, während es mit kindlichem Vergnügen Stückchen Brod den zah⸗ men Schwänen zuwarſ. Es waren jetzt nicht mehr bloß die klaren Töne, ſondern auch die ſchöne Seene, wodurch Marimilian ſich angezogen fühlte. Sein lebhaftes Ge⸗ 90 fühl, das immer von einer lebhaften Phantaſie ſein Feuer entlehnte, flammte bereits hoch, und er betheuerte Abſalon, daß er entzückt, hingeriſſen ſei. Dieſer ſeiner⸗ ſeits war noch beſchäftigt, ſeine Toilette in Ordnung zu bringen; das Halstuch erheiſchte ein Zupfen aufwärts und die Weſte ein ditto abwärts. Als der Geſang verſtummte, näherten ſich die bei⸗ den Lauſcher der Gruppe unter der Linde, und bei ihrer Ankunft bewerkſtelligte Abſalon eine ceremoniöſe Präſen⸗ tation: Herr Virtuos Marimilian— Herr Fabrikant Erasmus und ſeine Nichte. Dieſe beide waren es näm⸗ lich, die ebenfalls auf einem Spaziergang in den Park an dieſem angenehmen Plätzchen Ruhe geſucht hatten. Der Notar begann ſofort ſein beredte Entſchuldigung wegen der Störung, die er und ſein Begleiter verur⸗ ſacht, aber er war mit ſeinen ſchwerfälligen Tiraden noch nicht weit gekommen, als Marximilian, der inzwi⸗ ſchen mit dem jungen Mädchen einige Blicke gewechſelt hatte, auf ſie zuſprang, ihre Hand ergriff und in freu⸗ diger Ueberraſchung rief: „Leopoldine!. ja bei Gott, Du biſt es; meine Jugendfreundin aus dem verborgenen Thale!“ „Marimilian!“ rief Leopoldine in derſelben ange⸗ nehmen Verwunderung. Es war eine reine und unſchuldige Freude, die in dieſem Augenblick die Herzen der beiden Freunde aus der Kindheit bewegte; aber je mehr ſie einander betrach⸗ teten, um ſo fremder ſtanden ſie ſich gegenüber. Sie waren nicht mehr zuſammengetroffen, ſeit ſie als Kin⸗ der mit einander geſpielt hatten. Einige Jahre der Trennung bedeuten in dieſer Periode des Lebens mehr als ſonſt, denn ſie führen die größten Veränderungen mit ſich. Leopoldine war jetzt eine blühende Jungfrau⸗ Marimilian war Mann geworden. Als ſolche ſahen ſie einander jetzt zum erſten Mal, und die frühere Vertrau⸗ lichkeit wurde durch die veränderten äußeren Züge ver⸗ ſcheucht. Doch es liegt unläugbar eine Art von Ver⸗ 91 einigung ſchon darin, daß man gemeinſame Erinnerun⸗ gen aus der Kindheit beſitzt, und dieſer Faden wird dann oft für die Freundſchaft oder Liebe ein ſicherer Weg zwiſchen zwei Herzen. Erasmus begriff bald den rechten Zuſammenhang der ganzen Scene und freute ſich mit ſeinem Liebling Abſalon dagegen, wollte ſich mit dieſer Freude des Wiederſehens nicht ganz befreunden. Er ſchaute be⸗ denklich darein, zupfte an ſeinem Halstuch und meinte namentlich, daß Maximilian gar zu kühn und familiär ſei. Dieſer Eindruck wurde in ihm noch verſtärkt, als der Virtuos bald, gleich als wäre er ein alter Bekann⸗ ter der Familie, zwiſchen Erasmus und Leopoldine auf der Bank Platz nahm. „Ich habe Deinem Geſang gelauſcht, Leopoldine,“ ſagte Marimilian,„und Du mußt das entſchuldigen. Eine geſtohlene Freude beſitzt manchmal mehr Annehmlichkeit, als das Gewiſſen Strenge beſitzt. Ich bin überdieß ein herumziehender Muſikant, und wir Jünger der Tonkunſt ſind gewöhnlich ſehr liberal in Allem, was das Eigen⸗ thumsrecht in der Welt der Töne betrifft. Ich wünſche Ihnen Glück, Herr Erasmus, daß Sie eine Mündel beſitzen, die mit einer ſo ſchönen Stimme und einem ſo ausgebildeten muſikaliſchen Sinn begabt iſt.“ Das Lied war bloß eine Erinnerung aus meiner Kindheit,“ antwortete Leopoldine. Wenn Du wüßteſt,“ fuhr Marimilian fort,„wie ein Muſikus von meinem Schlag ſich freut, ſobald er Jemand trifft, der die Kunſt verſteht und liebt, für welche er ſelbſt lebt! Dieſe Freude gleicht derjenigen, die wir empfinden, wenn wir fern von Heimath und Vaterland zufällig einen Landsmann treffen.“ „Ich kenne die Kunſt nicht. Ich ſtehe gänzlich außer⸗ halb der Welt, in welcher Du lebſt.“ „Glaube mir, der Weg dahin ſteht Dir offen, und es hängt nur von Dir ſelbſt ab, ihn zu finden. Zu⸗ weilen tauchen ſo reichbegabte Naturen auf, daß neben 92 ihnen all unſer Studium wie eine Thorheit erſcheint. Was iſt wohl eine Kunſt in klaſſiſchem oder modernem Geiſt gegen diejenige, von der man ſagen kann, daß ſie in Gottes eigenem Geiſt ruhe 26 Dieſe Worte drangen tief in Leopoldinen's Seele. Sie waren denjenigen ſo ungleich, die ihr Ohr zu hö⸗ ren gewöhnt war, und ſie erweckten in ihr eine Ahnung fröhlicher und glucklicher Gefühle, die ſie noch nicht be⸗ griff. Mit einem fragenden, verwunderten Blick betrach⸗ tete ſie Marimilian; aber ſie fand bei ihm ſo viele ver⸗ ſchiedene Ausdrücke, die ſie ſich nicht erklären konnte. Iſt er ein guter Genius oder ein Dämon? dachte ſie. Ach, ſie wußte damals noch nicht, daß ihr ganzes Le⸗ ben eine Antwort auf dieſe Frage bilden ſollte. Abſalon, der ſich's angelegen ſein ließ, Levpoldi⸗ nens Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt zu lenken, dachte, daß die Pauſe, die jetzt eintrat, ihm günſtig ſein könnte. „Finden Sie nicht, mein Fräulein, daß die Schwäne ſehr liebe Thiere find?“ fragte er, indem er ſich ſelbſt ſo liebenswürdig, wie möglich machte. „Ach, die armen Schwäne,“ ſagte Leopoldine gleich⸗ ſam vor ſich hin. „Die armen Schwäne ſind mehr als glücklich,“ er⸗ wiederte Abſalon;„ſie ſind ja ſo eben bereits von Ih⸗ ren Händchen gefüttert worden.“ Es lag klar am Tage, daß der Notar dieſes glückliche Compliment ſchon lange in ſeinen Gedanken getragen hatte. „Ihre Flügel ſind beſchnitten,“ antwortete Leopol⸗ „ dine mit derſelben Gleichgültigkeit gegen den eleganten Schmeichler. „Ihre Flügel find beſchnitten,“ fügte Maximilian hinzu,„aber ſie werden wieder wachſen. Die Freiheit fann nur unterdrückt, nicht getödtet werden. Das Le⸗ und die Freiheit werden von demſelben Herzen ge⸗ nährt.“ Wieder betrachtete Leopoldine den Jüngling und überlegte ſeine Worte. 93 Das Geſpräch nahm hierauf einen allgemeinen Charakter an. Der lebhafte Virtuos entwickeite dabei eine ungewöhnliche Munterkeit und angenehme Scherz⸗ haftigkeit; er erzählte allerlei Ereigniſſe von ſeinen Rei⸗ ſen mit ſo viel Humor, daß er in dem kleinen Kreis einmal um das andremal ein herzliches Lächeln hervor⸗ rief. Die Freude beſitzt die Kraft, die Menſchen ein⸗ ander näher zu führen und Vertrauen zu erzeugen⸗ Man fühlt ſich ſogleich bekannter mit einem Fremden, wenn man zuſammen gelacht hat. So geſchah es auch jetzt. Und was Erasmus betraf, ſo vergaß er binnen Kurzem, daß er Maximilian zum erſten Mal ſah, und daß die Bekanntſchaft erſt eine halbe Stunde alt war. Bald prachte Maximilian das Geſpräch wieder auf die Muſik, und mit aufrichtigem Ernſt forderte er ſowohl Erasmus als Leopoldine auf, die ſeltenen Anlagen für dieſe ſchöne Kunſt zu pflegen, die nach ſeiner Verſiche⸗ rung in dem jungen Mädchen verborgen lagen⸗ Eras⸗ mus, der ihm mit Vergnügen zuhörte, beklagte, daß das Städtchen, wo er ſeinen Wohnſitz hatte, keine Mit⸗ tel zur Entwickelung eines muſikaliſchen Talentes dar⸗ biete. x. beſitze allerdings ein muſikaliſches Inſtitut, erflärte er, und Leopoldine ſei eine Schülerin deſſelben, aber man befaſſe ſich hier eigentlich nur mit den An⸗ fangsgründen der Kunſt, und eine weitere Ausbildung ſei leider nicht zu erhalten. Marimilian hatte jetzt die Frage auf den Punkt geführt, den er wünſchte, und nach einigem weiteren Hinundherreden wurde endlich beſchloſſen, daß er ſelbſt während ſeines Aufenthaltes in der Stadt Leopoldinen's Lehrer werden ſolle. Er machte den Vorſchlag auf eine ſo delikate Art, daß ſowohl Erasmus, als die künftige Schülerin ſehr darüber erfreut waren. Nur Abſalon meinte, Leopoldine ſei bereits muſikaliſch genug, und er konnte ihre weitere Ausbildung durch den ſchönen, eleganten Virtuoſen nicht gutheißen; aber er beſaß 94 hier doch kein Veto und die Uebereinkunft wurde zur gegenſeitigen Zufriedenheit geſchloſſen. Nachdem man ſich noch eine Weile beſprochen, brach die Geſellſchaft am Schwanenteich, da die Sonne bereits hinter den Waldwipſeln hinabzuſteigen anfing, auf und kehrte nach der Stadt zurück. Abſalon mußte, in ſeinem zierlichen Gig allein fahren; Marximilian be⸗ gleitete die Andern zu Fuße. Als ſie nach Hauſe kamen und Erasmus ſeinet Frau die mit Marimilian getroffene Uebereinkunft mit theilte, da wurde dem guten Manne erklärt, daß er, wie man zu ſagen pflegt, die Rechnung theilweiſe ohn den Wirth oder, wie es hier heißen ſollte, ohne die Wirthin gemacht hatte. Frau Regina, die ſich in ihrem Herzen über die Eigenmächtigkeit grämte, welche ſich Erasmus in allen Fragen, die Leopoldine betrafen, her⸗ ausnahm, fand ihre Würde auf's Neue ſchwer dadurch vet⸗ letzt, daß man es gewagt hatte, einen Beſchluß zu faß⸗ ſen, ohne zuvor ihre Anſicht über die Sache einzuholen. Sie behauptete, Erasmus ſei ein hartherziger Tyrann, und ſie ſelbſt eine arme, grauſam unterdrückte Frall, deren tägliches Loos in einer ſtlaviſchen Unterwürſigkeit unter die Launen Anderer beſtehe. Aber ſie erklärte auch, daß ſie es als eine Pflicht gegen ſich ſelbſt be⸗ trachte, das Familienruder nicht gänzlich den Händen des Unverſtandes zu überlaſſen, weßhalb ſie beſchloſſen habe, zu beweiſen, daß auch ſie einen Willen beſite den man in die Länge nicht gänzlich überſehen dürf Endlich, nachdem ſie durch ſolche Reflexionen ihr Ge⸗ müth in eine allzu hohe Temperatur hinaufgetrieben, petheuerte ſie ausdrücklich, daß ſie ganz und gar nicht* gewillt ſei, einem ſolchen Abenteurer von Violin⸗ ſpieler den Eintritt in ihr Haus zu geſtatten, und daß ſie, wenn er ſich unterſtehe, zu erſcheinen, ſcho Wittel finden werde, ihn ſchneller, als man vermuthe wieder hinauszubringen. Aber was geſchah? 95 Am folgenden Tag fand ſich Marimilian wirklich in der Wohnung des Fabrikanten ein. Erasmus war eben nicht zu Hauſe, und Frau Regina ging mit her⸗ ber Miene ſeß daran, den unwillkommenen Gaſt zu empfangen. Marimilian ließ ſich jedoch nicht ſo leicht abſpeiſen. Die kalte Aufnahme, die ihm zu Theil wurde, machte ihn nur berechnender. Er wußte ſchon vorher— denn. gehörte zu den vortrefflichen Landſtädtchen, wo man die häuslichen Verhältniſſe jeder Familie ganz leicht erfahren kann— daß Frau Regina es liebte, in ihrem Hauſe eine ſtrenge Herrſchaft zu führen, und daß ſie, welche bloß die Pflegemutter ſeiner künftigen Schülerin war, ſelbſt zwei eigene Töchter beſaß. Demgemäß ent⸗ warf er augenblicklich ſeinen Operationsplan, und bevor ſie ihre Abſicht ausführen konnte, verwickelte er ſie in ein Netz von Schmeicheleien und Complimenten, aus welchem ſie ſich nicht loszumachen vermochte. In einem ſchüchternen, beinahe ängſtlichen Ton entſchuldigte er ſeine Dreiſtigkeit, einen Beſuch hier in einem Hauſe zu wagen, vor deſſen Wirthin er leider noch als ein Fremd⸗ ling ſtehe. Hierauf äußerte er ſeine Freude darüber, eine theure Freundin ſeiner Kindheit in eine ſo achtungs⸗ werthe Familie aufgenommen zu finden, und ſprach zuletzt von ſeinem Verlangen, auch mit Frau Regina's eigenen Töchtern Bekanntſchaft machen zu dürfen, da er von ihren mußikaliſchen Talenten bereits ſo viel ge⸗ hört habe, daß er für ſie ein Intereſſe empfinde, dem er nicht zu widerſtehen vermöge u. ſ. w. Bald war Frau Regina ganz wirr im Kopfe und vergaß ihren Plan, den Virtuoſen zur Thüre hinauszuſcheuchen, ſo gänzlich, daß ſie ihm ſtatt deſſen eigenhändig die Thüre des Beſuchzimmers öffnete und ihn erſuchte, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Als Erasmus, der juſt in der Abſicht ausgegangen war, Maximilian aufzuſuchen und ihn aus Rückſicht auf die üble Laune ſeiner Frau zu bitten, daß er ſeinen beabſichtigten Beſuch bis auf Weiteres aufſchieben möchte, nach Hauſe zurückkam, fand er zu ſeiner großen Ver⸗ wunderung den jungen Künſtler bereits wie einen alten Bekannten im Kreiſe ſeiner Familie heimiſch. Er ſang eben mit Lilia ein Duett. Noch größer war die Ueber⸗ raſchung des Mannes, als er ſah, wie Marimilian mit fröhlichen, lebhaften Scherzen Frau Regina gänzlich beherrſchte und ihr binnen einigen Sekunden mehr freund⸗ lichen Beifall abzwang, als ſie ſonſt binnen Jahren zu verſchwenden pflegte. Um ſich in der Gunſt zu behaupten, die er bei die⸗ ſem erſten Beſuch ſo glücklich errungen, erbat ſich Mari⸗ milian die Erlaubniß, außer den Lectionen, die er, der Uebereinkunft gemäß, Leopoldinen ertheilen ſollte, auch die Leitung der, wie er verſicherte, vielverheißenden muſikaliſchen Talente von Fräulein Lilia und Roſina zu übernehmen. Durch dieſen Vorſchlag erwarb er ſich Frau Regina's Achtung für ſein gutes urtheil; dieſer Vorſchlag war es, der ihr letztes Vorurtheil gegen den jungen Virtuoſen verſcheuchte, denn trotz ihrer Verach⸗ tung gegen die Kunſt ſchmeichelte es doch ihrer mütter⸗ lichen Eitelkeit, daß auch ihre Töchter, und nicht Leopol⸗ dine allein die Aufmerkſamkeit eines ſo berühmten Künſtlers erregt hatten. Auf dieſe Art wurde der angenehme und geiſt⸗ reiche Artiſt, wie es jetzt ſtatt„Abenteurer von Violin⸗ ſpieler“ hieß, täglicher Gaſt im Hauſe des Fabrikanten. Marimilian beſaß in ſeinem ganzen Weſen eine Friſche, die immer angenehm auf ſeine Umgebung einwirkte, und er hatte das glückliche Talent, auch die trägſten Naturen zu beleben. Auch in dem Kreiſe, wo er jetzt Zutritt gewonnen hatte, übte er ſeine heitere Gewalt aus, und— das kann man als einen großen Sieg betrach⸗ ten— ſeine Anweſenheit brachte dort eine ähnliche Wir⸗ kung hervor, wie wenn man im Frühling die Vorfenſter wegnimmt und die friſche Luft in einem allzu erdrück⸗ ten und zu lange verſchloſſenen Zimmer ſpielen läßt. Die dichte Staubſchichte, die ſo lange ſchwer auf den 97 Gemüthern geruht hatte, wurde weggeblaſen, und man athmete leichter, freier. Die Heiterkeit, der Scherz, das Lächeln, Gäſte, die ſich früher in dieſem Hauſe nicht hatten ſehen laſſen, machten mit ihm jetzt zahlreiche Beſuche daſelbſt. Frau Regina wurde in ſeiner Geſell⸗ ſchaft weniger proſaiſch, Erasmus weniger grämlich, und die Fräulein Roſina und Lilia, die mit einem alles Leben einſchläfernden Kleinigkeitsſinne geboren und auferzogen waren, fühlten ſich auf einmal ganz erwacht, vielleicht jedoch auch wie plötzlich aus einem Traume aufgeſchreckt. Sie wurden jetzt auf einmal ganz un⸗ ausſprechlich muſikaliſch. Tag und Nacht dachten ſie an nichts Anderes, als an Takt, Noten, Generalbaß, und vor allem Andern an den ſchönen Lehrer. Der Nährahmen wurde jetzt bei Seite geſchoben und die Ausſteuer ruhte bis auf Weiteres. Lilia ſang vom Morgen bis zum Abend Scala. Zum Glück für Marxi⸗ milian wurde ſie trotz ihrer ausgezeichneten Bruſt bald ſo heiſer, daß ſie keinen ein igen Ton mehr hervorbrin⸗ gen konnte; ſie mußte alſo natürlich ihre Uebungen einſtellen und ihre arme Kehle mit Bruſtzucker wieder herzuſtellen ſuchen. Roſina war beſſer zuwege; ihr khaten nur die Finger weh. Maximilian, der wirklich keinen Ueberfluß an Ge⸗ duld hatte, würde vermuthlich dieſe Lectionen binnen Kurzem ganz unerträglich gefunden haben, wenn er nicht das glückliche Talent gehabt hätte, die Welt von ihrer lächerlichen Seite zu ſehen, da, wo keine andere zum Vorſchein kam. Zetzt faßte er den in vielen Fällen klugen Entſchluß, die Langeweile wegzuſpotten. Ueberdieß hatte er einen reichen Erſatz für ſeine Mühe in den Stunden, die er Leopoldine widmen durfte. Sie gehörte nicht zu den Vielen, deren Liebe zur Kunſt eigenilich nur eine Liebe für den Künſtler iſt. In ihr lebte ja ein poetiſches Gefühl nicht als ein zufälli⸗ ger Gaſt, der von Zeit zu Zeit flüchtige Beſuche macht. Ein Funken. 1. 7 98 ſondern als ein Kind ihrer Seele. Es waren nicht bloß die Gegenſtände außer ihr, die ihren Schönheits⸗ ſinn anregten und nährten— ach, ſonſt würde bei einem ſo armen Leben, wie ſie führte, dieſer Sinn gänzlich verſchwunden ſein— nein, in ihrer eigenen Bruſt ſchwoll eine Ader von der kaſtaliſchen Quelle der Kunſt; in ihren Gefühlen, ihren Phantaſien beſaß ſie eine ideale Welt, die von der wirklichen Welt unabhängig, reich und ſchön war. Aber ihre Seele glich einer ſchönen, in die Schat⸗ ten der Nacht noch eingehüllten Landſchaft. Man konnte die verſchiedenen Theile nicht näher unterſcheiden; man ſah bei aufmerkſamer Betrachtung bloß die großartigen, harmoniſchen Umriſſe, und man wurde ſchon von der Ahnung der herrlichen Schöpfung entzückt. Was mußte man nicht erſt nach dem Sonnenaufgang finden, und ſein Werk durch einen klaren Tag beleuch⸗ ten ließ! Es war Marimilian vorbehalten, den erſten Licht⸗ ſtrahl in dieſe Seele zu führen und ihren Sinn gleich⸗ ſam für die bevorſtehenden Tage vorzubereiten. Der Genius der Tonkunſt reichte ihm einen Schlüſſel zu ihrem innerſten Weſen; mit der wunderbaren Sprache der Muſik ſprach er zu ihrem Herzen. Leopoldine be⸗ ſaß von Natur in reichem Maß alle Eigenſchaften, die einen Künſtler bilden. Dieſe im Verein mit einem reinen Ohr und einer ungewöhnlich klangvollen und biegſamen Stimme, wie auch vielleicht das zufällige Zuſammentreffen mit Marimilian, beſtimmten ſie fuͤr die Muſik. Wäre dieſes Zuſammentreffen ausgeblieben, ſo hätte vielleicht ihr ganzes Leben, zwar nicht eine andere Richtung genommen, denn die Kunſt war nun einmal ihr Ziel, aber doch einen andern Weg einge⸗ ſchlagen. Die Kraft des Geiſtes iſt Eines, und die Ent⸗ wickelung der phyſiſchen Gaben iſt ein Anderes. Er⸗ ſteres iſt mehr unmittelbar ein Geſchenk von Gott, Letz⸗ teres hängt mehr von den weltlichen Schickſalen und den Launen der äußeren Umſtände ab. Ohne Zweifel 99 war Leopoldine in Bezug auf Genie ihrem Freunde und Lehrer, der eigentlich nur Talent heſaß, weit über⸗ legen; aber er hakte doch Urtheil und Bildung genug, um einzuſehen, daß die junge Schülerin eine reich aus⸗ gerüſtete Natur, eine gute Acquiſition für die Kunſt war. Ze mehr ihrè Seele ihre Schwingen entfaltete, um ſo klarer wurde es ihm, zu welch' einem hohen Flug ſie befähigt waren, und ſein Intereſſe für ſie ſteigerte ſich tagtäglich. Aber ſein Herz, das allzu ſehr an heftige Ausbrüche gewöhnt war, wurde dennoch jetzt von einer Wahl zurückgehalten, die es früher nicht kennen gelernt hatte. Dem Reinen, Unſchuldigen, Jungfräulichen, das wie ein Heiligenſchimmer das junge Mädchen um⸗ ſtrahlte und ſie vor den ſinnlichen Blicken der Welt ſchützte, vermochte Marimilian auch nicht Trotz zu bie⸗ ten. Er fühlte, daß er vor einem Weſen von einer an⸗ dern, beſſeren, weniger im Staub befangenen Art ſtand, als er ſeibſt war. Jede Galanterie erſtarb auf ſeinen Lippen, jeder unreine Blick erloſch in ſeinem Auge, das Feuer der Leidenſchaft wurde in ſeinem erſten Auf⸗ ſlammen erſtickt und verwandelte ſich in eine Art hei⸗ liger Anbetung. Der vielerfahrene Hofmacher befand ſich zum erſten Mal beinahe blöde vor einem Weibe, und er wurde von ihr auf dieſelbe Art entzückt, wie er in ſeinen beſten Augenblicken als Muſiker von der Kunſt entzückt wurde. Eines Tags, während der Lectionsſtunde befanden ſich der Lehrer und die Schülerin allein in dem Zim⸗ mer, wo die Uebungen vorgenommen wurden. Mari⸗ milian hatte ihr eine Arie aus einer Oper vorgelegt, und nachdem er einige Mal die ſchwereren Partien des Stückes mit ihr durchgegangen, führte Levpoldine ſie auf eigene Fauſt unter Begleitung ſeiner Violine aus. Sie ſang mit ungewöhnlicher Reinheit und einer Fer⸗ tigkeit, die zwar noch lange nicht vollendet, aber bei einer Anfängerin wie ſie jedenfalls rühmenswerth war. Gleichwohl lag eine Kälte in ihrem und dem 10⁰ Vortrag mangelte es an Farbe. Als ſie zu der Stelle kam, wo die Arie eigentlich das Gefühl der Sängerin in Anſpruch nimmt, verſtummte ſie plötzlich und neigte den Kopf in ihre Hände. „Was fehlt Dir 2 fragte Marimilian, verwundert über dieſe Unterbrechung. „Mir fehlt Alles, antwortete Leopoldine,„mir fehlt das Leben. Bemerkſt Du nicht, wie todt mein Geſang iſt? Wenn die Leichen in ihren Gräbern ſingen könn⸗ ten, ſo würden ſie es ungefähr in ſolchen Tönen thun. Rein, nein, es geht nicht. Ich bin zu arm, Marimi⸗ lian; ich beſitze nicht Wärme genug, um einen geiſt⸗ reichen Gedanken wiederzugeben, ich begreife den Sinn nicht, der hier niedergelegt iſt, und weiß nicht, was ich ausdrücken will. Ach, kläre mich auf, leite mich. Es iſt ſo hart, von dem Reiche des Schönen ausgeſchloſſen zu ſein, einen großen Gedanken nicht zu begreifen. Maximilian, welcher wußte, daß hei Leopoldine das Gefühl weniger auf Studium, als auf ihrer Phantaſie beruhte, und der auf dieſe Grundlage, obſchon man ſie gewiß nicht für die richtige halten kann, ſeine ganze Lehrmethode gebaut hatte, theilte ihr jetzt die Jdee mit, welche die genannte Oper beherrſcht, und beſchrieb ihr ganz beſonders genau die Scene, für welche die frag⸗ liche Arie verfaßt iſt. Er gab dieſe Schilderung in einer ſchönen und lebhaften Sprache, die darauf berech⸗ net war, ihre poetiſche Schwärmerei hervorzurufen. Aufmerkſam hörte Leopoldine ihm zu, und ihr Blick klärte ſich dabei immer mehr. Als Maximilian aufgehört hatte, vollendete ſie für ſich ſelbſt die Gedan⸗ ken, die er ihr eingegeben, und dann äußerte ſie den Wunſch, den Geſang von Neuem anzufangen, indem ſie fröhlich hinzufügte: „Dank, lieber Masſtro, jetzt haſt Du mir die Seele der Natur gegeben.“ Der wieder angefangene Geſang wurde dießmal mit ſo piel Wärme, ſo viel treffender Wahrheit ausge⸗ 101 führt, daß die Mängel der äußeren Kunſtfertigkeit ganz dadurch verdeckt wurden. Es war jetzt nicht mehr die Schülerin, die eine Copie der Idee des Tondichters wiedergab; es war ein ſchaffendes Genie, das ſelbſt Leben ſpendete; es war Pygmalion, der ſeinen eigenen Geiſt in ein Bild goß. Unker dem Einfluß einer höhe⸗ ren Inſpiration legte Leopoldine in jeden Ton einen Ausdruck, welcher bewies, daß ſie wirklich, wie ſie ſagte, die Seele der Noten gefunden hatte. So wie jetzt, hatte ſie früher noch nie geſungen. Maximilian wurde dadurch hingeriſſen. Es war ihm, als ſähe er eine wunderbare Zauberei. Vor Be⸗ wunderung konnte er ſeiner Schülerin nicht länger accom⸗ pagnirenz er legte die Geige weg und verlor ſich in tiefes Staunen über die ſchöne Offenbarung, die ihm zu Theil wurde. Als Leopoldine geendet hatte, war ſie überwältigt von den heftigen Anſtrengungen ihrer Seele. Sie zit⸗ terte, gleich als wäre ſie in Wirklichkeit ein Raub der Gefühle geweſen, die ſie beſungen, gleich als wäre ihr eigenes Herz eine Heimath der grauſamen Qualen, die ſie dargeſtellt. Maximilian führte ſie zu einem Sopha. „Leopoldine,“ ſagte er in fortwährendem Entzücken, „Du haſt mich zur größten Verwunderung hingeriſſen. Woher haſt Du dieſe Töne genommen, woher dieſes Gefühl, das Deinen Geſang beſeelt? Welche Thorheit von mir, Dein Lehrer ſein zu wollen! Du biſt mir viel⸗ fach überlegen. Was bin denn ich? Ein armer Bier⸗ fiedler, der gedankenlos den Künſtler ſpielt; ein Equi⸗ libriſt, der durch ſeine Fingerfertigkeit Aufſehen erregtz ein Virtuos, der von der Unwiſſenheit der dummen Welt lebt, welche das Erkünſtelte für die Kunſt ſelbſt uimmt. Man hat mir geſagt, ich würde niemals Muſiker in der höheren Bedeutung des Wortes werden; jetzt empfinde ich die Wahrheit dieſes Ausſpruches deut⸗ licher als je. Ach, ich ſtehe ja noch auf den erſten Stufen des Tempels der Kunſt und buchſtabire an den 102 Räthſeln, welche Du, die Du ſchon oben angelangt biſt, erklärſt. Wie biſt Du dahinaufgekommen? Du biſt nicht, wie die Andern den gewöhnlichen, ſchmalen, fin⸗ ſtern, mühſamen Weg gegangen, der ſchon vor langer Zeit meinen Abſcheu erweckt hat; nein, Du haſt Dich auf den ſtarken Flügeln Deiner Seele hinaufgeſchwun⸗ gen. Ja, ſo iſt der wahre Künſtler. Er iſt kein durch mühſame Studien abgequälter Pedant; all' ſeine Wiſſen⸗ ſchaft iſt ihm angeboren, er beſitzt die Gottheit des Genies in ſeinem Buſen.“ „Und ich ſollte zu dieſen Glücklichen gehören?“ fragte Leopoldine.„Nein,“ fügte ſie nach einer kurzen Ueberlegung hinzu,„Du täuſcheſt Dich; ſpiele nicht mit mir, Marximilian.“ „Wenn ich mich täuſche, ſo gibt es keine Wahr⸗ heit mehr unter der Sonne. Du biſt unter einem glück⸗ lichen Stern geboren. An Deiner Wiege hat ſicherlich, wie die Mährchen erzählen, irgend eine gute Fee ſich eingefunden, ihre Hand auf Dein zartes Haupt gelegt und ſchon beim erſten Schlag Deines Herzens den Saa⸗ men hineingeworfen, der, wenn er ſich frei entwickeln kann, einmal aufſprießen und in paradieſiſcher Schön⸗ heit blühen wird. Auf Deiner Stirne leſe ich die Ver⸗ heißung eines glänzenden Geſchicks, einer großen Zu⸗ kunft. Folge Deinem Genius, Leopoldine, und laß i⸗ ſeltenen Gaben, die Dir verliehen ſind, nicht brach iegen.“. „Was iſt alſo meine Beſtimmung? ich möchte die Kenntniß derſelben mit meinem Blute erkaufen.“ „Siehſt Du es nicht? die Kunſt winkt Dir. Folge ihr, denn Du gehörſt ihr an. Man ſagt, daß ſie ſtreng ſei und die ſtrengſten Opfer fordere. Dieß iſt ſie nur gegen ihre Stiefkinder; aber für diejenigen, die an ihrem Herzen geruht haben, iſt ſie die zärtlichſte Mutter. Sie wird Deine Bahn mit Blumen beſtreuen, und Du wirſt Glück und Freude nicht bloß von der Welt em⸗ pfangen, ſondern auch, was noch mehr iſt, ihr geben.“ 103 „Ich fürchte den Kampf des Lebens nicht; wenn ich nur eine Art und Weiſe finde, um zu leben. Du preiſeſt mein Schickſal glücklich. Ja wohl, ſo iſt es auch, wenn eine Wahrheit in Deiner Prophezeiung kiegt WMein Herz ſchwillt von dieſen lieblichen Hoff⸗ nungen. Ich, das unbedeutende, das arme vater- und mutterloſe Mädchen— für mich ſollte der Weg offen ſtehen, den nur die auserwählten Günſtlinge des Him⸗ mels betreten dürfen? mir ſollte es vergönnt ſein, für eine Welt zu leben?.. Dieſe Gefühle, die ſchon in der Kindheit in meiner Bruſt keimten, dieſe Stimme, womit die Natur mich anredete, die Träume, die meine Seele hinriſſen„ o ich verſtehe ſie jetzt. Cwiger Gott, ich fühle es, es iſt mir nicht genug, Dich in meinen Gebeten zu verehren. Du forderſt von mir auch Handlungen. Nicht für die ſtille Arbeit des Weibes ſchufeſt Du mich. Du beſtimmteſt mir eine andere, höhere Wirkſamkeit. So weiche denn alle Schwachheit; ich bin ſtark, ich habe Muth.“ „Laß alſo Dein Schickſal in Erfüllung gehen. Dein Leben gehört nicht Dir allein an.“ „Aber wenn ich mich ſelbſt täuſche 2“ „Höre nur auf die Eingebungen Deines Herzens, es hat einen himmliſchen Urſprung und wird alle Zweifel verſcheuchen. Faſſe Deinen Entſchluß und be⸗ tritt die Bahn, die Dein rechter Weg iſt.“ „Nun wohl, rette mich, kläre mich auf. Ich ſtehe ſo verlaſſen in der Welt da, Marimilian. Diejenigen, die mich lieben, verſtehen mich nicht. Du biſt für das Theater geſchaffen. Die lyriſche Scene iſt Deine Beſtimmung. Zittere nicht. Ich weiß, daß das Theater nicht iſt, was es ſein ſollte, ader obſchon Verir⸗ rungen dunkle Schatten darüber geworfen haben, ſo iſt doch die Jdee, die ſeine Grundlage bildet, ſo erhaben, daß es auch in ſeinem Verfalle noch ſchön iſt. Von der Schaubühne aus hat die Kunſt den freieſten Weg zu iedem menſchlichen Gemüth. Das Theater wird immer 104 eine Schule für die Bildung des Zeitalters bleiben, ein Tempel für das Genie in allen ſeinen Offenbarungen. So beſitzen wir ja in der Oper ein Rendezvous aller ſchönen Künſte: Dichtkunſt, Muſik, Tanz, Plaſtik, Walerei, kann es einen ſchöneren Verein auf Erden geben? Aller Geſang iſt in ſeiner höchſten Vollendung dramatiſch und kann außer der Scene niemals etwas vollkommen Ganzes werden; aber von da aus herrſcht er wie ein König von ſeinem Thron herab, und jedes Herz iſt ſein Vaſall. Die Worte bleiben arm und die Farben matt gegen die Sprache der Töne. Wie mächtig ergreift nicht dieſe Sprache ſelbſt das ungebildetſte Ge⸗ müth; ſie bringt Gefühl in ein Leben, für welches ſich kein anderer Ausdruck findet, ſie ſchenkt Freude und einen holden Schmerz, wofür es kein Maß gibt. Blicke in dieſen von Tauſenden von Zuſchauern erfüllten Saal. Siehe, es iſt nicht eine einzige Perſon da, die nicht ihr eigenes Glück oder ihre eigenen Qualen über derjeni⸗ gen Perſon vergeſſen hätte, die von der Stene herab Allen gleichſam ein neues Daſein ſchafft. Jedes Ohr iſt geſpannt, um dieſe melodiſchen Töne aufk unehmen, jedes Herz iſt offen für die Gefühle, die ſe erweckt; jeder Blick, jede Seele iſt bei ihr. Sie verſtummt. Iſt es jetzt der Oeean, der ſeine Ufer durchbrochen hat und mit ſeinem Getöſe den Raum erfüllt? Nein, es iſt ein Beifallsſturm, es iſt das Publikum, das ſeinem Entzücken Luft ſchafft, welches ſich nicht mehr zurück⸗ halten läßt. Welch ein Triumph für die glückliche Sängerin! Sie iſt der Gegenſtand dieſer Verehrung. Wohin ſie blickt, hat die Dankbarkeit ein Lächeln, das ihr entgegenleuchtet. Es regnet Blumen zu ihren Füßen und der Lorbeerkranz des Sieges wird auf ihre Locken geſenkt. Keine Königin iſt mächtiger, als ſie; ſie hat ſie hat Ehre, ſie hat ein Heer von Bewun⸗ erern.. „Still, ſprich nicht von ihr ſelbſt, ſprich von dem Werk, das ſie ausgeführt hat... alle dieſe von den 10⁵ — vielen Laſten des Lebens ſo niedergedrückten Weſen, dieſe von den Geſchäften des Tages ſo herabgeſtimmten Ge⸗ müther, dieſe von den Intereſſen der Welt ſo n Herzen— ſie iſt es, die mit der Macht des Geſanges ihnen allen neue Kräfte, eine friſchere Lebensluſt, eine wärmere Sonne gibt. Der Egoiſt fühlt ſich weich ge⸗ ſtimmt, die Begierde läutert ſich, der Kummer findet Troſt, die Freude Veredlung. Die Harmonie iſt eine Fluth, in deren Tiefe ein Gott wohnt. Dieſe Fluth ertränkt in ihren Wogen alle böſen Geiſter, ſpült den Staub und die Schlacken von der Seele des Menſchen weg und läßt den Himmel ſich wieder darin ſpiegeln; David ſpielte vor Saul und es ward beſſer um ihn. Jeder reine Ton ruft einen neuen derſelben Art von den Saiten des Herzens hervor, und dieſe werden er⸗ tönen als das Thema des Lebens; wenn der Accord vollkommen iſt, ſo iſt es das Glück auch. Wer ſo das heilige Geſchäft der Kunſt betrieben hat, der hat nicht vergebens gelebt. Am Abend ſeines Lebens kann er ohne Reue, ohne Furcht ſich zur Ruhe begeben; ſeine Träume werden gut wie ſeine Erinnerungen.. O wie danke ich Dir, Gott, daß Du meinem Herzen reichlich die Ahnung dieſes Glückes verliehen haſt, und wenn ich mich im Glauben an meine eigene Kraft verirre, ſo mögeſt Du Deinem Kinde verzeihen Nach dieſem Geſpräche hatie Leopolvine einen neuen Gegenſtand für ihre Betrachtungen gewonnen. 106 VII. Eine Freiwerbung. John Bull. Was mangelt mir noch, um der glücklichſte Menſch zu ſein? Sir Harry. Die Einwilligung des Mädchens, Sir John. John Bull. Ja, und ein etwas kleinerer Umfang, Bruder Harry! Darin ſteckt's. Oelenſchläger. „Nein, das geht nicht länger an, es muß ein Be⸗ ſchluß gefaßt werden,“ rief der Notar Abſalon und ſchlug zu weiterer Bekräftigung mit der Hand auf den Tiſch. Zu ſich ſelbſt ſagte er dieß eines Tags, als er allein Morgens bei ſeinem Kaffee ſaß. Zu ſich ſelbſt fuhr er auch folgendermaßen fort: „Du haſt Dich dumm herausgebiſſen, mein lieber Abſalon, ſehr dumm, denn Du haſt Dir die Gelegen⸗ heit aus den Händen entwiſchen laſſen. Noch vor eini⸗ gen Tagen waren die Conjuncturen ſehr günſtig, das kann ich wohl ſagen; aber dieſer Virtuos da, den der leibhaftige Satan hieher geſchickt, hat jetzt alle meine ſchönen Pläne zerſtört.. Hol' der Teuſel dieſe Muſik! Wenn ein Mädchen in der Welt der Töne zu leben an⸗ fängt, ſo iſt es bald aus mit dem Bischen Verſtand, das ſie ſonſt beſitzen mag. Ich fange jetzt förmlich an, die Kunſt zu haſſen, und bekomme ich einmal eine Tochter, ſo ſoll ſie mir nicht eine einzige Note lernen dürfen. Vierhändig zu ſpielen und Duette zu ſingen, es gibt nichts Gefährlicheres für ein junges Herz. Hinter den Notenſtändern wird ſo mancher gefährliche — 107 kleine Kniff getrieben. Bald beugt man ſich, ganz zu⸗ fällig natürlich, ſo nahe zu der Schönen herab, daß man im Vorbeikommen ihre Stirne berührt, bald tritt man ihr auf das Füßchen, bald verwickelt man ſeine Finger mit den ihrigen.. und es iſt abſcheulich, und ich möchte raſend werden, wenn ich daran denke, wie dieſer Herr Marimilian ſich im Hauſe des Fabrikanten einzuniſten gewußt hat. Wenn ich nur wenigſtens ſo viel von der Muſik verſtände, daß ich die Noten um⸗ wenden könnte, dann vermöchte ich doch den Schein zu retten; aber ſo iſt es ganz himmelſchreiend.“ Seine Stimmung wurde jetzt tragiſch. Abſalon ſtand auf und lief ſo ſchnell im Zimmer auf und ab, daß ſein weiter Nachtrock wie ein geſpanntes Segel um ihn her ſich blähte; dabei fuhr er mit der Hand durch ſeine reichen Locken und runzelte ſeine Brauen. „Dieſe Zweifel, dieſe Furcht, dieſe Qualen der Un⸗ gewißheit,“ fuhr er fort,„verzehrenmich. Ich verwelke in der Blüthe meines Lebens.“ Zufällig bekam er gerade in dieſem Augenblick ſein eigenes fettes Bild in einem Spiegel zu ſchauen. Dieſer Anblick, der nothwendig alle ſeine Befürchtungen in Betreff des Verwelkens beſchwichtigen mußte, machte ihn nur grimmiger über ſein Schickſal. „Auch dieſen Verdruß muß ich noch haben,“ rief er,„daß mein gefühlvolles Herz in einem Körper weilt, der einem Dompfaffen Ehre machen könnte. Niemand glaubt es mir, wenn ich von meinem Seelenſchmerz rede, denn dem widerſprechen die Roſen auf meinen Wangen. Ach, wie manches Unglück gibt es doch in dieſer armſeligen Welt! Endlich wurde er wieder ruhiger, betrachtete das Leben von einem verſtändigeren Geſichtspunkt und rai⸗ ſonnirte mit mehr Kälte. „Iſt denn wirklich meine Stellung ſo verzweifelt 2“ fragte er ſich ſelbſt. So viel iſt wahr, daß bei einem jungen Mädchen, das jedenfalls große Anlagen für 108 phantaſtiſche Träume hat, ein Kerl mit ſolchen Eigen⸗ ſchaften, wie Herr Marximilian, ſehr leicht eine gefähr⸗ liche Gewalt erhalten und ihr romantiſche Grillen in den Kopf ſetzen kann. Das Reelle im Leben macht jedoch früher oder ſpäter ſeine Rechte geltend. Mauche Schwärmerin, die von eitel Mondſchein zu leben ſcheint, verzehrt gleichwohl ein kleines Beefſteak, wenn es ihr geboten wird. Auch ich verſtehe wohl, was Schwärmerei beſagen will, und die Welt der Ideen mag auch ihr Gutes haben; aber ich glaube für meinen Theil, daß jede wirklich gute Idee ihren gehörigen Körper haben muß. Einen Hofmacher will ich eine Idee, bloß eine Idee nennen; aber ein Freier, das iſt etwas mehr, er iſt die verkörperte Idee. Ich will jetzt allerdings nicht ſagen, daß ich ein Ideal ſei; aber daß ich jedenfalls eine gute Partie bin, das wage ich zu behaupten. Ach ja, Gott ſei Dank, man hat ſeine Partien. Ein ge⸗ achteter Mann, ein geſetzter Charakter, ein gutes Herz, eine friſche Geſundheit, und dabei Haus und Hof und Capitalien; einen ſolchen Mann findet man, ſollte ich glauben, nicht alle Tage, und wenn nun dieſer Mann zu einem armen Mädchen ſagt, ich will Dein Mann werden, ſo wäre es wahrlich nichts ſo Sonderbares, wenn es antwortete: ich nehme es mit dem gehorſamſten Danke an. Friſch denn an's Werk, ſo wird es ſchon gut gehen. Ich muß, ich darf dieſe wichtigſte Frage meines Lebens nicht länger aufſchieben. Sei ein Mann, Abſalon! Ja gewiß, ich bin es; ich werde, ich muß freien; jeder Augenblick iſt koſtbar, und ſchon heute, das ſchwöre ich, ſchon heute ſoll mein Schickſal ſich entſcheiden.“ Man kann ſich leicht vorſtellen, daß es ein ſchwie⸗ riges Unternehmen ſein mußte, auf's Freien auszu⸗ gehen. Für manchen jungen Mann iſt es wahrlich in glücklichen Stunden des Entzückens beinahe unmöglich eweſen, nicht zu freien: Er hat all ſeine Selbſtbeherr⸗ ſn aufbieten müſſen, um das Bekenntniß von dem 109 verliebten Zuſtande ſeines Herzens zurückzuhalten und bei jedem téte-à-téie mit dem angebeteten Gegenſtand hat die Erklärung bereits auf ſeinen Lippen gelegen, fertig, um im erſten unbewachten Augenblick darüber hin zu gleiten. Die Zunge hat ſich ungeduldig in ſei⸗ nem Munde gebäumt wie ein ſtättiges Pferd, das ſich nicht von der Stelle bewegen will; er hat ſie mit Ge⸗ walt Cigeln und feſt zwiſchen die Zähne klemmen müſſen, um Schweigen beobachten zu können. Ohne Zweifel würde er unter ſolchen Umſtänden bald geplatzt ſein, wie eine angezündete Bombe, wenn nicht ſeine Gefühle einen freien Ausbruch in Seufzern und Blicken gefunden hätten. Mit ſolchen Dingen braucht man es glücklicher Weiſe nicht ſo genau zu nehmen. Seufzer und Blicke ſind eine Art von Sicherheits⸗Ventilen für übervolle Herzen. Aber anders verhält es ſich mit dem Schlag von Liebhabern, für welchen eine Freiwerbung alles romantiſchen Reizes ermangelt und in eine eeremoniöſe Handlung ſich verwandelt. Die Erklärung kommt dann nicht geſtogen wie eine Inſpirativn des Gefühls in einem Augenblick des Entzückens, ſie muß ſich mit ſchweren Schritten und in feierlichem Takt hervorarbeiten. Beinahe ganz nüchtern, in ſchwarzem Frack und weißem Halstuch begibt ſich ein ſolcher Freier an Ort und Stelle, um ſein Geſchäft auszurichten, ungewiß, ob er nicht mit einem Korbe beladen nach Hauſe kehren muß. Ich habe manchen Adamsſohn gekannt, der ſich ſchwei⸗ gend lieber an einem Heereszug gegen den ruſſiſchen Koloß ſelbſt hätte betheiligen, als der Dame, die er liebte, ſeinen förmlichen Antrag ſtellen mögen. Zum guten Glück gibt es indeſſen hier in der Welt eine große Menge hülfreicher Frauenzimmer, die es verſtehen, ihren Anbetern auf halbem Weg ſeen Vach ſeinem geſchworenen Beſchluß, deüti als Freiersmann aufzutreten, befand ſich Abſalon in einem höchſt unbehaglichen Fieberzuſtand und wurde von einer Unruhe geguält, die große Aehnlichkeit mit dem⸗ 110 jenigen hatte, was wir unter dem Namen Kanonen⸗ ſieber oder Examensgefühl verſtehen. Es iſt wahrlich nicht leicht, ſolche Gefühle in Worte zu kleiden, deren natürlichſter Ausdruck ein Händedruck oder ein Augen⸗ wurf iſt. Gleichwohl mußte dieß jetzt geſchehen. Der ute Notar war um ſeine Würde beſorgt und wollte ſc ſelbſt den Schimpf nicht geſtehen, daß es ihm an Muth fehle, jetzt, da es galt, ein Mann zu ſein, oder richtiger geſagt, es zu werden. Im Zimmer auf und ab wandelnd, wiederholte er, gleich einem Schauſpieler, der ſeine Rolle einſtudirt, lange und beredte Phraſen. „Entzückendes Weſen,“ deklamirte er, vor einem Stuhl ſtehend,„gönnen Sie mir einen Augenblick Auf⸗ merkſamkeit. Hier zu Ihren Füßen iſt mein Platz,(auf die Kniee fallend); ich liebe Sie. Meine ganze Seele iſt ein tobendes Meer von Feuer und Flammen. Ver⸗ ſtoßen Sie mich nicht! Liebliche Huldin, Strahl von der Flamme des Urlichtes, empfangen Sie meine Hand und mein Herz, Alles, was ich habe und beſitze, als ein Opfer Ihrer Anmuth; empfangen Sie es, wenn Sie dadurch nur einen einzigen freudigen Augenblick gewinnen können; laſſen Sie dann den Orkan des Unglücks dieſe arm⸗ ſeligen Trümmer meines vernichteten Weſens zerſtören!... Ich weine(ſchluchzend und das Nastuch an ſeine Au⸗ gen führend). O laſſen Sie ſich durch meine Thränen erweichen!“ Dieſe Lektion auswendig zu lernen, ging ſchon an; aber es bereitete ihm großen Verdruß, daß er nicht wie ein wirklicher Schauſpieler auch ſchon die Antworten zum Voraus wußte. Die Stunden vergingen inzwiſchen, und Abſalon mußte ſeine Toilette machen. Unſer Freund hatte im Allgemeinen die kleine Schwachheit, gar zu viel Gewicht auf ſeine Kleidung zu legen, und er glaubte ſteif und feſt, daß Jedermann in einem hübſchen Aufzug Gegen⸗ ſtand der Wünſche des ſchönen Geſchlechtes werde, wie ein Bonbon in einem zierlichen Umſchlag. All die 1¹¹ Mühen, die er ſo eben gehabt hatte, um ſeinen Ge⸗ fühlen ein paſſendes Gewand zu geben, wiederholten ſich jetzt, als es ſich um ſeine äußere Perſon handelte. Die rabuliſtiſchen Locken wurden mit Feuer und Waſſer in die feierlichſte Ordnung gezwängt. An der Hals⸗ krauſe prangte eine koſtbare Nadel, die nur bei außer⸗ ordentlichen Fällen benützt wurde. Mit ſo genauer Sorgſamkeit, als ob Leben und Tod davon abhinge, wurde das weiße Halstuch zugeknöpft. Wohl zwanzig Weſten wurden probirt und verworfen, bevor die rechte ſich vorfand, und von den ſuperfeinen Feſtkleidern wurde mit beinahe kleinlichem Eifer jedes Stäubchen abgewiſcht. Als endlich die Glacehandſchuhe angezogen waren, be⸗ trachtete er ſich lange im Spiegel und von ſo vielen Seiten, als der Mechanismus der Glieder nur immer geſtattete. Dieß geſchah nicht, ohne daß eine gewiſſe Selbſtzufriedenheit ſich bei ihm einſtellte; er glaubte wirklich wie ein Mann auszuſehen, der keinen Korb zu fürchten braucht. In dieſer frohen Ueberzeugung ergriff er ſeinen Hut, trank ein Glas Waſſer und begab ſich auf den Weg nach der Wohnung ſeiner Geliebten. Frau Regina, die umgeben von ihren Töchtern auf ihrem gewöhnlichen Plätzchen am Fenſter im Alltags⸗ zimmer ſaß und ihre Blicke zwiſchen dem Strickſtrumpf und dem Reflexionsſpiegel theilte, bekam den eleganten Notar bald zu Geſichte. „Nein, ſeht nur den Herrn Abſalon!“ rief ſie, „wie geputzt er iſt! Der Hund des Apothekers kennt ihn nicht mehr, ſondern bellt ihn an, wie wenn er ein Fremder wäre. Immer zierlich, das muß ich geſtehen was mag wohl die Urſache davon ſein? Meines Wiſſens haben wir in der ganzen Stadt heute keine Taufe, kein Begräbniß und keine Hochzeit.. Vielleicht will er dem Bürgermeiſter ſeine Aufwartung machen nein, er geht vorbei. Vielleicht aber ich glaube wahrhaftig, daß er ſeine Schritte hieher lenkt. ja, er kommt wirklich hieher. Großer Gott, ich beginne etwas zu 1¹2 ahnen. Er iſt nicht zum Spaß ſo feſtlich gekleidet. O, es ſurrt mir im Kopfe. Roſina, Lilia, geht ſchnell in's Schlafzimmer und macht Euch fein und nett wie Puppen. So wahr ich lebe, wir bekommen. Freier in's Haus.“ „Freieri“ riefen die Schweſtern mit großer Leb⸗ haftigkeit Beide zugleich. „Wie ich ſage, aber ihr braucht deßhalb nicht zu erſchrecken. Ich bitte mir's jetzt aus, Kinder, daß ihr keine Capricen und Phantaſien zeigt. Ich weiß wohl, daß ihr alle Beide zwei kleine ſchüchterne Kinder ſeid, aber das Weib muß doch immer an ſeine Beſtimmung denken. Welcher von Beiden es gelten mag“ das iſt anz gleich. Diejenige, die ich rufe, kommt heraus und agt mit feſter Stimme ihr Ja Mein Gott, daß es doch endlich einmal Ernſt wird! Die Sache wird bald abgethan ſein, und die Ausſteuern ſind ſo ziemlich in Ordnung. Ach, welche Freude für ein mütterliches 16 Die beiden Mädchen eilten, gehorſam dem Befehl ihrer Mutter nachzukommen, und während ſie im Schlaf⸗ immer ſich vor dem Toilettenſpiegel drängten, wurden julgende Worte zwiſchen ihnen gewechſelt: „Ach, Lilia, ich habe ein ſo ſchreckliches Herz⸗ klopfen.“* „Und ich, Roſina, ich kann Dir gar nicht beſchrei⸗ ben, was ich empfinde.“ „Ich bin es beſtimmt nicht, die er haben will.“ „Sollte wohl ich es ſein? Nein, Du täuſcheſt Dich.“ „Wenn ich ihn nehme, ſo thue ich es nur der Mama zu Liebe; ich opfere mich auf; vielleicht, Lilia, vielleicht wird mein Herz brechen.“ „Eines Nachts, es iſt noch nicht lange her, riefeſt* Du ſeinen Namen im Schlaf. O, wie ich Dich liebe, Abſalon! ſagteſt Du „Aber jetzt habe ich andere Träume bekommen⸗. Denk Dir, wie die andern Mädchen mich beneiden müßten, wenn ich Braut würde.“ 113 „Ich nicht!... o ich habe ein Geheimniß in mei⸗ nem Herzen, Roſina.“ „Einen Virtuoſen meinſt Du.“ „Wie ſchlimm Du biſt!“ „Haſt Du Muth, ein Opfer zu bringen?“ „Was anders iſt wohl unſer ganzes Leben?— Knöpfe mir das Kleid zu, meine liebe, liebe gute Frau Abſalon.“ „Glaubſt Du, daß Abſalon eine Frau glücklich machen könnte? „Er wird ein guter, ein vortrefflicher Ehemann,“ ſagt Mama; aber zu dick, meine ich.“ „Muſikaliſch iſt er nicht.“ „Aber reich.“ „O, ich möchte ſterben.“ „Ich auch!“ „Still! ich meine, Mama rufe mich. ſollte es möglich ſein?“ „Vielleicht war ich gemeint.„o nein, es iſt bloß eine Täuſchung.“ Während dieſer Zeit war Abſalon von Frau Re⸗ gina empfangen worden und hatte neben ihr auf dem Sopha Platz genommen. Das Geſpräch ging ſchwer⸗ fällig von ſich, wie ein Wagen auf halbgefrorener Straße. „Es iſt ſehr ſchönes Wetter heute,“ ſagte die Dame. „Sehr ſchön,“ ſtimmte Abſalon ein. Pauſe. „Wir bekommen gewiß eine gute Ernte heuer.“ „Es ſieht ſo aus.“ Lange Pauſe. „Haben Sie ſchon von der großen Seeſchlange ge⸗ hört, 24 „Ja, ſie ſoll ſehr groß ſein.“ Noch längere Panße⸗ „Sie ſehen heute ſo nachdenklich aus, Herr Notar.“ Ein Funken. 1. 8 11¹4 „Madame, ich muß geſtehen, daß ich in Wahr⸗ heit.. ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken ſoll, aber wenn Sie die Güte hätten, mir einen Augenblick Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſo wäre ich Ihnen auf's Höchſte verbunden.“ „Mit dem allergrößten Vergnügen, Herr Notar. Haben Sie die Güte und fahren Sie fort; unter uns kann nalürlich von langen Umſtänden keine Rede ſein.“ „Das Leben, Madame, mein Leben wollte ich ſagen, befindet ſich gegenwärtig unter dem Einfluß der heftig⸗ ſten Gefühle. Sie dürſten ſich erinnern, daß ich eine Windmühle beſitze.“ „Ich habe die Ehre.“ „Das war es doch nicht eigentlich, was ich ſagen wollte. Ich wollte Ihnen das tiefſte Geheimniß meines Herzens entſchleiern. Die Liebe, Madame. die Liebe iſt ein Gefühl. ich weiß nicht, ob Sie mich ver⸗ ſtehen; vielleicht ſpreche ich undeutlich.“ „Nein, Gott bewahre, ich verſtehe Sie ganz gut. Die Liebe iſt ein Gefühl, ſagten Sie. Das iſt voll⸗ kommen wahr und treffend. Ich erinnere mich deſſen noch von meiner Jugend. Mein erſter, mein ſeliger Mann äußerte ſich einmal auf dieſelbe Weiſe. Es war juſt an dem Tag, wo er um mich anhielt. Die Liebe iſt ein Gefühl, ſagte er, ganz wie Sie jetzt, Herr Notar.“ „Sagte er ſonſt weiter nichts?“ „O freilich, noch viel. Er ſagte unter Anderem von der Stunde, wo Gott das Rippenbein aus Adam's Seite genommen, fehlte es jedem Mann an Etwas; aber dieſes Etwas finde er beim Weibe.“ „Er hätte nicht ſagen ſollen etwas, ſondern viel.“ „Sie ſind allzu gütig, Herr Abſalon aber um jetzt auf Sie ſelbſt zurückzukommen, ſprechen Sie friſch von der Leber weg; ich merke ſchon, wie viel Uhr es geſchlagen hat.“ „Ja, meine beſte Madame, ich bin wirklich in 11⁵5 ernſten Abſichten hieher gekommen. Ich hege das glück⸗ liche Bewußtfein, einen Wandel geführt zu haben, deſſen ich mich nicht zu ſchämen brauche. Mein kleines Ver⸗ mögen iſt unbelaſtet und ſteht auf ſicheren Füßen. Ich ſelbſt habe mich beſtändig bemüht, meine Pflichten zu erfüllen und habe vorſätzlich nie einen Menſchen in ſei⸗ ner Ruhe geſtört; aber jetzt wünſchte ich, daß ich es doch gethan hätte.“ „Auf welche Art, meinen Sie?. „Auf eine herzliche Art, Madame. Meine Um⸗ ſtände und meine Jahre geſtatten mir, der Stimme zu lauſchen, die in meinem Herzen ſpricht. Ich bin ein Freier, Mama, aber ich wünſche es nicht länger zu ſein, darum. Kurz und gut, ich bin hier, um zu werben, um meine Hand und mein Herz derjenigen an⸗ zubieten, die ich anbete, und möge es eine Bürgſchaft für meine redliche Abſicht ſein, daß ich mich zuvörderſt an Sie wende und gehorſamſt um Ihre Zuſtimmung, Ihre Vermittlung bitte.“ „Niemand wird etwas Anderes ſagen können, als daß Sie den rechten Weg gegangen ſind, und ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Sie ſchon ſeit langer Zeit meine mütterliche Ergebenheit gewonnen haben. Sie ſind ein braver und vermöglicher Mann. ich bin ganz gerührt, wenn ich daran denke Komm in meine Arme, mein Sohn! Meine Zuſtimmung haſt Du, und die ihrige auch, das verſpreche ich Dir.“ meine Mntter! welch ein glücklicher Augen⸗ i 1 „Nun, nun, beruhige Dich, lieber Abſalon. Nenne den Namen Deiner Geliebten, und Du ſollſt ſehen, daß ſie bereit iſt, Deinem Wunſch entgegen zu kommen. Welche von den Mädchen haſt Du zu Deiner Ehehälfte auserkoren?“ 5„Sie wiſſen es alſo noch nicht?— Es iſt Leopol⸗ ine. Frau Regina ſtutzte bei dieſem und blieb 116 einige Minuten ſprachlos vor Beſtürzung. Niemals hatte ſie geahnt, daß das zärtliche Verlangen des jun⸗ gen Mannes dieſe Wendung genommen habe; es wäre aber auch für Jedermann ſehr ſchwer geweſen, aus Ab⸗ ſalon's Benehmen ſeine Gefühle zu errathen. Wie manchen Abend hatte er ſich nicht im munteren Geſpräch mit der Roſe und der Lilie vertrieben, während er dagegen mit Leopoldinen nur ſelten ein Wort wechſelte. Seine Flamme war unter einer meiſtens ſtummen Bewunde⸗ rung angewachſen. „Leopoldine!“ wiederholte ſie, da ſie ſich nach der erſten heftigen Ueberraſchung einigermaßen wieder erholt hatte.„Habe ich recht gehört?.. Leopoldine. Ach nein, Lilia, meinten Sie, war's nicht ſo? Man verwechſelt die Namen ſo leicht. Lilia iſt juſt die Frau, deren Sie bedürfenz zärtlich und weich, und dabei doch raſch und kühn. Sie iſt eine Frau, die ihre Beſtim⸗ 3 mung erfüllen kann. Aber Leopoldine ich muß lachen, wenn ich daran denke; dieſes halbverrückte Mäd⸗ chen, dieſes Mondskalb ja, das wäre juſt eine . ſchöne Frau. Sie kann nicht einmal ein Ei ſieden. Spotten Sie nicht in ſo ernſten Fragen.“ „Ich verſichere Sie, mein Herz gehört wirklich Fräulein Leopoldine. „Sie wagen es alſo noch einmal, dieſen Namen zu wiederholen. Ha, Wahnſinniger, entfernen Sie ſich aus meinen Blicken.“ „Madame, dieſe Worte „Gehen Sie, ſage ich, und machen Sie das Maaß Ihrer Beleidigungen nicht gerüttelt voll. Sie ſehen hier eine arme Mütter, ein grauſam zermalmtes Mutterherz. à Mit falſchen Schmeicheleien haben Sie ſich Zutritt in dieſes Haus verſchafft, das einſt die Wohnung des Frie⸗ dens geweſen. In die Ohren meiner unſchuldigen Töch⸗ ter haben Sie Worte geworfen, die ihre Herzen irre leiteten. Mich ſelbſt haben Sie hinter's Licht geführt 117 Ja, Ihr Werk iſt ſchön und ich, die ich Sie kaum noch meinen Sohn nannte.“ „Haben Sie keine Antwort auf meine ehrliche Frage zu geben?“ „Leopoldine wird niemals die Ihrige werden.“ „Aber wenn ihr eigenes Herz...“ „Ihre Einfalt iſt wirklich rührend. Ich bin über⸗ zeugt, das arme Mädchen hat kaum bemerkt, daß Sie auf der Welt ſind, und wenn ich ihr ſagte, daß Sie um ſie anhielten, ſo würde ſie mich nicht verſtehen.“ „Sie glauben alſo, daß ich Fräulein Leopoldine gänzlich gleichgültig ſei 2. „Vollkommen gleichgültig. Sie hätten ſich eben ſo gut in den Canarienvogel dort verlieben können.“ „Es iſt leider wahr, daß ich ſelten Gelegenheit hatte, ihr meine herzliche Theilnahme zu beweiſen. Sagen Sie ihr jedoch, daß ich ein Mann bin, der ihr ſichere Zukunft zu bieten vermag; ſagen Sie ihr, daß meine Liebe und mein kleines Kapital. aber ich würde am liebſten wünſchen mit ihr ſelbſt ſprechen zu dürfen.“ „Seien Sie kein Narr, Herr Abſalon. Sie können ſich wundern, daß ich noch jetzt, nach dem was ſo eben vorgegangen iſt, dieſes Geſpräch fortſetzen will, aber das MWirleid eines Weibes iſt unerſchöpflich, und ich habe Sie ja einmal meinen Sohn genannt. Glauben Sie mir, Sie ha⸗ ben Ihr eigenes Herz gänzlich mißverſtanden. Ihr Glück liegt nicht in Leopoldinens Hand. Sie haben ſich durch einen Traum, eine Phantaſte zum Narren halten laſſen, das iſt die ganze Sache. Diejenige, die einmal Ihre Frau werden ſoll, darf keine ſolche Mondſcheinjungfer ſein, die in den Wald lauft, um Schmetterlinge zu fangen, ſondern es muß eine geſetzte Perſon ſein, die treulich an der Seite ihres Mannes geht, eine Perſon, die Ver⸗ ſtand hat und auch ſo ziemlich eine ehrliche Ausſteuer beſitzt. Schlagen Sie ſich Ihre romantiſchen Grillen aus dem Sinn, werden Sie wieder ſo, wie Sie vorher geweſen ſind, und dann ſeien Sie wieder willkommen, £ 118 Herr Notar; dieſer Vorfall bleibt im Uebrigen ein Ge⸗ heimniß unter uns.“ 3 Abſalon machte ſeinen Bückling und ging. Son⸗ derbar genug beruhigte er ſich ſehr bald. Vielleicht ſah er bei näherer Ueberlegung ein, daß die Liebe zu Leopol⸗ dine nur, wie Frau Regina behauptete, ein Mißgriff war, oder war er vielleicht auch einer von denjenigen, die ihre Gefühle allerdings im Allgemeinen mit warmen Farben malen können, aber wenn die Wirklichkeit das ſchöne Gemälde überwiſcht, finden, daß dieſe Gefühle nur auf der Oberfläche gelegen. Genug, er war ganz und gar nicht ſo unglücklich, wie er eine Stunde vor⸗ her zu werden ſich eingebildet hatte, im Fall das Unter⸗ nehmen mißlingen ſollte. „Allerdings leide ich,“ raiſonnirte er vor ſich hin, „aber mein Leiden liegt tief, ſehr tief.. Eine merk⸗ würdige Seelenſtärke jedoch. daß ich einen Korb be⸗ kommen habe, wird Niemand behaupten können; ich habe ja nur eine vertrauliche Unterredung mit Frau Regina gehabt... ja gewiß nichts Anderes.. Ich ſollte einen Korb bekommen, ich, der ich noch vor Son⸗ nenuntergang ein ganzes Dutzend Frauen bekommen könnte, wenn ich nur wollte... Leopoldine iſt nicht das Weib, das für mich paßt, meinte Frau Regina. Sie nannte ſie eine Mendſcheinjungfer, ja gar ein Mondskalb, hu!... Roſina? Lilia?. Nein, das wird nie geſchehen. Ich bin nicht der Mann, der ſich unter Vormundſchaft ſtellen läßt, das will ich ihnen be⸗ weiſen uff! ein Glas Portwein wird mir gut thun.“ Aber Frau Regina war weit ernſtlicher beunruhigt. Bei ihr war es zur ſiren Idee geworden, daß eine ihrer Töchter einmal Frau Abſalon werden und ſeine Wind⸗ mühle die ihrige nennen ſollte. Die Entdeckung, die ſie jetzt gemacht, war nicht bloß eine Beleidigung für ihr Talent zu Vorausſicht und Berechnung; ſie drohte das ganze Syſtem zu zerſtören, auf das ſie ihre Zukunft 1¹9 ebaut hatte. Gleichwohl gab ſie wegen dieſes erſten ißlingens ihre Lieblingshoffnungen nicht auf. Sie fürchtete, aber ſie verzagke nicht ganz. Leopoldine, die gefährliche Nebenbuhlerin ihrer Töchter aus dem Hauſe zu ſchaffen, dieſer Gedanke erhob ſich in ihr als die erſte natürliche Folge ihrer Betrachtungen über Abſa⸗ lon's Beſuch. „Wie undankbar iſt nicht die Welt! ſeufzte ſie. Dieſes Mädchen, dem ich mütterlich meine Arme geöff⸗ net habe, belohnt jetzt meine Zärtlichkeit damit, daß ſie meinen eigenen Kindern das Glück wegſtiehlt.. Ach, daß ich in eine ſolche Tragödie hinein kommen mußte! und Erasmus, ja er iſt es, der das ganze Spektakel angerichtet hat.“ Eine Weile, nachdem Abſalon ſich entfernt hatte, wurden Roſina und Lilia wieder herein gerufen. Die gehorſamen Mädchen waren in Gefahr, einan⸗ der unter der Thüre zu erdrücken, ſo eilig hatten ſie es, herein zu kommen. Groß war ihre Verwunderung, als ſie die Mutter allein fanden. „Liebe Kinder,“ erklärte ſie ihnen,„Herr Abſalon hatte mir nur eine Privatſache anzuvertrauen. Ich täuſchte mich oder vielmehr, ich bloß, denn ich täuſche mich nie, als ich ſagte, da ſchäften käme.“ Die Schweſtern ſahen mit zweifelnden Blicken einan⸗ der an und ſeufzten beide. er in Freiersge⸗ 0 VIII. Das Concert. Zur Sonne empor! Zur Sonne empor! ſo ertönte es in ihrem Innern. Frederika Bremer. Unter allerlei Vorwänden hatte Maximilian ſich bereits mehr als zwei Wochen länger, als er Anfangs beabſichtigt, in. aufgehalten. Leopoldine war es, die ihn feſſelte. Sein Intereſſe für dieſes ungewöhnliche MWädchen hatte ihn ſo eingenommen, daß er nicht ohne Schmerz an eine Trennung denken konnte. Dieſes Intereſſe, war es wohl Liebe2 Marximilian glaubte es ſelbſt nicht. Er hatte ſchon ſo manchmal das erfahren, was er unter der Gewalt der Liebe verſtand, und er konnte ſein Gefühl für Lev⸗ poldine mit keinem andern, das er bisher erlebt hatie, vergleichen. Die Liebe, glaubte er, ſei ein Kind des Himmels und der Erde, das ſich allerdings zu ſeiner göttlichen Heimath über den Wolken gewiſſermaßen an⸗ gezogen fühle, aber gleichwohl mit dem Fuß im Staube feſiſtehe. Liebe und Leidenſchaft waren für ihn daſſelbe. Er betrachtete dieſes Gefühl als einen Rauſch, der auf jeden Gedanken einwirke, als ein Feuer, das vom Her⸗ zen aus in jede Ader ſtröme, zu gleicher Zeit belebend und verheerend. Wie verſchieden fühlte er nicht für Leopoldine! Sie ſchenkte ihm eine Ruhe und einen Frieden, dergleichen er noch nie empfunden hatte. Vor ihren Blicken entfloh aus ſeiner Seele ſo manche nie⸗ drige Begierde, die ihn ſonſt in ihrem engen Kreiſe eingeklemmt hielt. Er meinte in dieſen Blicken einen offenen Himmel zu ſchauen, und dieſe Erſcheinung war ihm ſo neu. Ihre Stimme drang an ſein Herz. In der Tiefe deſſelben lagen noch manche reine, warme 12¹ Jugendgefühle verborgen; ſie erhoben ſich wie Kinder, die von einem zärtlichen Schweſterkuſſe geweckt werden. Vorher war die Nacht lang geweſen. Auch als Künſt⸗ rer fühlte Marimilian edlere Eingebungen. Es lag in dem ganzen Weſen des jungen Mädchens etwas ſo Wah⸗ res, daß er, ein Sohn der Welt, ohne ſich den Grund recht klar machen zu können, über ſeine vielen Lügen in Gedanken und Handlungen erröthete. Er betrachtete jetzt das Leben von einem neuen, höheren Geſichtspunkt, von welchem er fand, daß er der rechte ſei; aber beſaß er wohl die Kraft, ſich auf demſelben zu behaupten, wenn man ihn ſich ſelbſt überließ? Eines Tags erhielt er ein Schreiben von Ihrer Hoheit, der Herzogin von***, die ſich ſchon früher ſo gnädig gegen ihn gezeigt hatte. Mit den ſchmeichelhaf⸗ teſten Worten lud ſie ihn ein, mit ſeinem Talent ein Feſt zu verherrlichen, das ſie in einem der beſuchteſten Bäder zu geben beabſichtigte. Dieſer Vorſchlag führte Mari⸗ milian's Phantaſie wieder auf die Bahn der Glücks⸗ jägerei; ſeine Eitelkeit gewann wieder die Oberhand und zerriß die Bande, womit ſeine beſſeren Gefühle ſie hatten feſſeln wollen. Er begann bei ſich ſelbſt ſeine Stellung zu überlegen und ſchloß damit, daß er ſie höchſt lächerlich fand. „Bin wohl ich,“ fragte er,„dazu geſchaffen, meine beſten Fage in einem ſentimentalen Schäſerleben zu vergeuden? Rein, ich bin ein Kind der Welt, ich liebe dieſe Welt, und das Vergnügen iſt meine angelobte Braut. Dieſe platoniſchen Gefühle, was haben ſie mit mir zu ſchaffen?„ ich bedarf der friſchen Luft. Hier in der ruhigen Bucht wird mir das Leben zu eng. Ich muß wieder auf das weite Meer hinaus, um auf ſeinen Wogen zu tanzen, die über Abgründen ihren Schaum zum Himmel emporſpritzen; ich muß kämpfen mit dieſen launiſchen Winden, welche die Fahrt ſo munter, ſo. luſtig, wenn auch zuweilen gefährlich machen. Mein 122 Blut wird ſchwer von dieſer idylliſchen Diät; es muß ziſchen wie Champagner, ſonſt werden die Ideen blaß und mager wie bußfertige Nonnen.. es iſt bereits abgemacht, der Zauber iſt verronnen, und ich beginne meine luſtige, meine fröhliche Fahrt wieder. Einige Tage ſpäter, am Tag vor ſeiner Abreiſe, gab Marimilian ein Concert mit geneigter Beihülfe der Dilettanten der Stadt. Eine erumne war für Leopoldine beſtimmt. Die Billigkeit erforderte, daß ſie ihrem Lehrer dieſen Tribut der Dankbarkeit abſtattete, und bei all' ihrer Anſpruchsloſigkeit hatte ſie gegen die⸗ ſen Vorſchlag keine Einwendung zu machen. Alle Herr⸗ ſchaften der Stadt drängten ſich in den Salon des Stadt⸗ hauſes, und die Neugier, die ſich für den gegebenen Fall muſikaliſches Intereſſe nannte, war allgemein. Marimilian beſaß— ſein Talent mag nun das Todesurtheil verdienen oder nicht— in hohem Grade die Gabe, die Sympathien eines gewöhnlichen Concert⸗ publikums anzuregen. Schon ſein erſtes Auftreten eroberte ihm die Gunſt ſämmtlicher Damen. Man hat von Pa⸗ anini geſagt, daß er, wenn er ſich dem Publikum prã⸗ ſ ausſah, als ſei er der Unterwelt entſtiegen, und daß man bei ſeinen ewigen Verbeugungen ſich ver⸗ ſucht fühle, zu fragen, ob er dieſe Complimente von einem Automaten oder von einem Hund gelernt habe. Bei Maximilian dagegen mußte Jedermann ſeine unge⸗ zwungene, etwas übermüthige, aber immer anmuths⸗ volle Haltung, ſein zugleich romantiſch⸗phantaſtiſches und elegantes Ausſehen bewundern. Wenn er mit einem ſtrahlenden Lächeln ſeine tiefen Verbeugungen vor ſeinem Publikum machte, ſo fühlte mehr als eine junge Dirne in ihrem Herzen, daß ſie niemals einen für ihre Ruhe gefährlicheren Gruß empfangen hatte. Fügt man noch hinzu, daß er, wenn er die Violine unter ſein Kinn ſetzte, eine ſtolze, edle Haltung annahm, daß er mit ſicherem Arm und ſeltener Grazie ſeinen Bogen führte und dabei eine weiße und wohlgebildete Hand zeigte, 123 zugleich auch mit wechſelndem Ausdruck in Blick und Miene ſein Spiel gleichſam illuſtrirte, ſo hat man ſo⸗ gleich einen Erklärungsgrund für ſeine Triumphe, wenn man nicht die wahre Urſache derſelben hauptſächlich in ſeinen allezeit reinen und glänzenden Tönen, in ſeinem Reichthum an Effecten, ſo wie in ſeiner zu ungewöhn⸗ Höhe getriebenen, mechaniſchen Fertigkeit finden will. Auch auf die zahlreiche Verſammlung, die ihn jetzt umgab, übte der Virtuos ſeine Zauberkraft aus. Nach jeder Nummer erſcholl ſtürmiſcher Applaus. Man ſchenkte ihm, wie die Sitte es gebietet, für die Wohl⸗ laute, die er hervorrief, lärmende Mißlaute. Man ſchrie bravv und dacapo, und in dem Getöſe zwiſchen den Ab⸗ theilungen konnte ein lauſchendes Ohr Ausdrücke von eitel Bewunderung vernehmen. „Bruder,“ rief der Bürgermeiſter der Stadt, indem er ſeinen etwas faulen Nachbar in die Seite ſtieß, als Marximilian juſt einige erſtaunliche Flageolettöne zum Beſten gegeben hatte,„ſo Etwas habe ich noch nie ge⸗ hört. Beim Teufel, der Menſch kann ſpielen.“ „Ein großes Talent,“ antwortete der Nachbar. Meine Ohren erlauben mir nicht, ihn zu hören, aber ich habe mein Vergnügen daran, auf ſeine Finger zu ſehen. Das iſt meine Art, muſikaliſch zu ſein, und deßhalb habe ich meine Brille aufgeſetzt.“ „Haſt Du ſeine Flötentöne bemerkt, Bruder 2* „Ich glaube nicht, daß Jemand ſie beſſer machen könnte, und dann die Schneller, vortreffliche Schneller.“ »In Wahrheit, ein genußreicher Abend für den⸗ ijenigen, der Sinn für die ſchöne Kunſt hat.“ „Nur ein einziges Mal in meinem Leben habe ich etwas noch Schöneres geſehen.“ „Paganini 26 „Nein, bewahre; es war auf einem großen Markt, da ſah ich einen Kerl, der ſpielte mit der Geige auf den Rüci 124 Ein etwas ältliches, aber ſehr gefühlvolles Fräu⸗ lein hatte ſeinen Platz neben einem jungen Studenten. Nach einem ſentimentalen Adagio wurden ihre ſchwa⸗ chen Nerven von einem ſo heftigen hyſteriſchen Anfall ergriffen, daß ſie ganz bewußtlos ihrem jungen Nach⸗ bar in die Arme ſank. Der Student, der im Griechi⸗ ſchen ſtärker war als in ſeinen Armen, konnte die ohn⸗ mächtige Dame nur mit Mühe aufrecht erhalten. Glück⸗ licherweiſe fand man in ihrer Rocktaſche ein Fläſchchen enu de Lyce, und nachdem man ihr auch ein Glas Waſſer geholt hatte, wurde ſie durch dieſes Mittel in's Leben zurückgerufen; ſie ſchlug die Augen wieder auf, ein Seufzer erleichterte ihre Bruſt, und mit noch mat⸗ ter Stimme flüſterte ſie: „Schön, erhaben!“ Wie befinden Sie ſich, mein Fräulein?“ fragte der Student. „Der Geiſt iſt jetzt nach dem lieblichſten Entzücken in ſeine gebrechliche Hülle zurückgekehrt. Der Traum iſt verſchwunden, und ich bin wieder zu dem Leben er⸗ wacht, das wir Wirklichkeit nennen.. Junger Mann, ſind Sie muſikaliſch 2“ „Ich blaſe ein wenig die Trompete.“ „Gewahren Sie nicht in den Tönen, welche dieſer Meiſter hier ſeinem Inſtrument entlockt, einen Wieder⸗ klang der Harmonie der Sphären 2“ „Herr Maximilian ſpielt vortrefflich.“ „Sie Glücklicher, der Sie, im Beſitz voller Mannes⸗ kraft, ſich dem Genuß dieſer erhabenen Kunſt hingeben können! Ich bin leider nur ein ſchwaches Weib, meine Nerven ſind ſo reizbar, es könnte mich das Leben koſten, wenn ich meiner muſikaliſchen Leidenſchaft nicht Bande anlegte.. Ach, jetzt beginnt er wieder; ſtützen Sie mich, wenn ich wanke. Es iſt ſo genant in größeren Geſellſchaften; man kann nicht in Ohnmacht fallen, ohüe Aufſchen zu erregen .„ 12⁵ „Welch' ein prächtiger Mann,“ ſagte eine ſtattliche Frau zu ihrem Eheherrn, während ſie ſich Kühlung zu⸗ fächelte.„Er hat eine gute Methode. Applaudire für mich und die Kinder; aber zieh zuerſt Deine Hand⸗ ſchuhe aus.“ „Das iſt ein wahrer Zauber,“ antwortete der Mann, nachdem er ihr Verlangen mit einem ſolchen Eifer er⸗ füllt hatte, daß große Schweißtropfen auf ſeiner Stirne zitterten. „Haſt Du Acht gegeben, wie er ſo eben einen mei⸗ ſterhaften Doppelgriff machte? Ach, welch' ein wohl⸗ klingender cantabler Ton, welch' ein delikates Sostenuto, welch' ein timbre, welch' ein Colorit, welch' eine bril⸗ lante Juwelennadel! Die hat er von einer Prinzeſſin bekommen. Gott bewahre uns vor den Prinzeſſinnen in unſeren Tagen.“ „Es iſt nur Schade, daß er ſo unbegreifliche Sachen ſpielt; ich wollte gerne mein Billet zweimal bezahlen, wenn ich nur eines von meinen alten Lieblingsſtücken zu hören bekäme.“ „Ei, mein Lieber, Du biſt doch mit nichts zufrie⸗ den. Es fehlt Dir am höheren Geſchmack. Sollte er Dir etwa den alten Noah vorſpielen? Nein, mein lie⸗ bes Alterchen, die wahre elaſſiſche Kunſt tritt immer in vollem Schmucke auf; Du möchteſt ſie gerne in bloßer Hand ſehen, ich verſtehe Dich ſchon, Du Schalk.. Warte, jetzt bekommen wir einen Geſang. Ach es iſt die arme Mamſell Leopoldine, die ſingen wird. Ja, ja, wenn man weder Vater noch Mutter hat, ſo. „Das Mädchen iſt hübſch, ihr weißes Kleid läßt ihr gut.“ „Kein Colorit, keine Formen, mein Lieber. Und welche Haltung! Sie ſollte ängſtlich ſein, die Convenienz gebietet ſchon, daß ſie ſehr ängſtlich ſein ſollte.“ »Hör' nun, ſie fingt ganz hübſch.“ Gar zu einfach, mein Freund! Keine Methode, kein Metall. Ein ſolches Liedchen kannſt Du umſonſt 126 vom erſten beſten Hirtenmädchen hören, das Dir im nächſten Walde begegnet; die Kunſt iſt etwas ganz An⸗ deres. Ich habe, Gott ſei Dank, Allerlei im höheren Style gehört; aber was kann man wohl von dieſer Mamſell Leopoldine verlangen? man muß ſie jedoch wie ein Kind aus unſerm Städtchen betrachten.“ Wir haben ohne Zweifel jetzt an dieſen Kunſtkri⸗ tiken mehr als genug; von Frau Regina wären ſonſt noch verſchiedene Urtheile in demſelben Geiſte nachzutra⸗ gen. Marximilian erregte unwillkürlich ihre Theilnahme, aber während das Intereſſe des Publikums ſich immer mehr zum Enthuſiasmus ſteigerte, kühlte ſich ihr eigenes immer mehr ab, und als ſie zuletzt während einer Pauſe ein klägliches Schluchzen von ihren beiden Töchtern hörte, wurde ſie in hohem Grade unzufrieden, ſowohl mit ſich ſelbſt, als auch mit ihnen und überhaupt mit dem gan⸗ zen Concert. .„Das geht wahrlich zu weit,“ flüſterte ſie Eras⸗ mus zu; ich wollte, ich wäre hundert Meilen weit von dieſem Narrenhaus entfernt. Sieh nur Roſina und Lilia an, ſie weinen ja wie Schulmädchen, die man an den Haaren gezupft hat. Ja, das iſt mir ein ſauberes Vergnügen, das dieſer Herr Marximilian uns bietet. Ich fange jetzt an, den breven Herrn zu durchſchauen: er iſt ein großer Taugenichts, das werde ich ihm bei der erſten Gelegenheit ſagen. Und dann Levpoldine!... Ich ſchäme mich, ſie nur anzuſehen. Ach, jetzt fängt ſie an, ihre Augen zu verdrehen. Das Mädchen bringt mich noch früher oder ſpäter unter die Erde, das iſt ſicher.“ Inzwiſchen führte Leopoldine ihren Geſang mit jener wunderbaren Anmuth, jenem lebendigen Gefühle aus, womit ihre reine, biegſame, warme Stimme von ver Natur unzertrennlich verbunden zu ſein ſchien. Sie war noch weit entfernt, die ganze Größe der Kunſt in klaren Begriffen aufzufaſſen, aber ſie beſaß in reichem 127 Maß jene beflügelte Kraft der Eingebung, die zwar allerdings den Werth guter Studien nicht herabſetzt, die aber das hohe Ziel erreicht, ohne eigentlich den Weg zu kennen, der dahin führt. Es iſt wie wenn ein guter Engel zu ſolchen ſo glücklich begabten Seelen ſagte: Sieh hier, nimm meine Schwingen; ſie werden Dich zu dem Himmel führen, wohin Du Dich ſehnſt. Im Allgemeinen ermangelten die Perſonen, die Leopoldine jetzt hörten, gänzlich der Fähigkeit, ihren Geſang zu beurtheilen, denn ſie ermangelten der Fähig⸗ keit, das Naive, das unausſprechlich Wahre aufzufaſſen, das in jedem Ton lebte, der über ihre Lippen kam. Alle waren jedoch nicht ſo„klaſſiſch“ in ihren Theorien, wie die oben erwähnte Dame mit dem Fächer, oder ſo ſtreng in ihren Kritiken wie Frau Regina. Vielleicht waren es auch theilweiſe Maximilian's glänzende Effect⸗ ſtücke, die den Geſchmack der Zuhörer irre geführt hatten, Leopoldine wußte inzwiſchen ganz und gar nichts von dem Eindruck, den ſie auf die Menge hervorbrachte. Sie hatte noch nicht gelernt, ihre Aufmerkſamkeit zwi⸗ ſchen ſich ſelbſt und dem Publikum zu theilen.— Ihr ganzes Herz war ein Geſang, darin fand ſie gleichſam ihr rechtes Leben, und immer mehr und mehr trat vor ihre Seele die glückliche Gewißheit, daß ſie jetzt ihren Platz gefunden habe. Ein maßloſes Entzücken ergriff das verehrte Publi⸗ kum, als Maximilian endlich ſeine Erinnerung an die erſte Liebe zum Beſten gab. Dieſes Stück war unleugbar, wenigſtens wenn man es wie jetzt von dem Componiſten ſelbſt mit ſeiner überlegenen Fertigkeit in gewiſſen hier ſtark aufgetragenen Portionen der Kunſt vor⸗ tragen hörte, ein ſehr originelles und ausnehmend herz⸗ ergreifendes Werk. Viel davon, das bei der erſten Be⸗ kanntſchaft auf eine pikante und angenehme Art das Gefühl anregte, würde eine gründliche Prüfung nicht ausgehalten haben, wie auch das Ganze unbedingt eine ungewöhnliche Fingerfertigkeit in Anſpruch nahm. Aber 128 das iſt juſt das Genre, das ſich für den Concertſaal als das rechte erwieſen hat, wenigſtens als das rechte für die Concertgeber, welche nicht die Abſicht haben, als Diener der Kunſt, Bildung und Licht zu verbreiten, ſondern vielmehr für ihre eigene Perſon die lärmende Bewunderung der Menge zu erobern. Das gute Volk in X. hatte nie etwas Aehnliches gehört. Die erotiſche Schwärmerei des Virtuoſen machte alle Herzen ſchmel⸗ zen, und ſeine wunderlichen Kunſtgriffe ſetzten alle Hände in Bewegung. Als er geendet hatte, zwang ihn die allgemeine Stimme, von Neuem anzufangen. Schon lange hieran gewöhnt, hatte er für denjenigen Theil der Compoſition, der jetzt wieder vorgetragen werden ſollte, eine wahre Generalſalve von Knalleffecten, einen ganzen Raketen⸗ kaſten von Tönen aufgeſpart. Als dieſe mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit vorſprangen und gleich tollen Wirbelwinden in den wunderbarſten phantaſtiſchen Figuren einander verfolgten, da ſtieg der Enthuſiasmus der Zuhörer auf ſeinen Gipfel. Man applaudirte mit Händen und Füßen, die Bravorufe wollten kein Ende nehmen, die Damen warfen ihre Bouquette dem Sieger zu Füßen, man er⸗ hob ſich endlich von den Bänken, die Nastücher wurden in der Luft geſchwenkt. Mit einem Wort, das Ganze glich einer Revolution im Kleinen, aber einer kleinen ſehr artigen und eiviliſirten Revolution. Während dieſes ganzen Tumults machte Marimi⸗ lian mit einer Contenance, die ſeine Gewohnheit an ähnliche Auftritte verrieth, die eleganteſten Abſchieds⸗ verbeugungen nach allen Seiten. Seine Blicke waren beredter, als das Lächeln, das ſeine Lippen umſchwebte, einnehmender als je. Er ſchien zugleich ſtolz und dank⸗ bar zu ſein. Noch einmal machte ſich das Entzücken des Publi⸗ kums in lärmendem Geſchrei Luft. Dieſe letzte Hul⸗ digung galt offenbar mehr dem ſchönen, als dem talent⸗ vollen Virtuoſen. * * 1²9 Als man nach Hauſe kam, war Frau Regina bei ſehr übler Laune und ſchmälte über alle Dinge, die ihr in den Weg kamen. Gleich nach dem Abendeſſen eilte daher Levpoldine in ihr friedliches grünes Stübchen hinauf. Erasmus folgte ihr, ſobald es ihm möglich wurde. „Ich habe Dir noch nicht für Deinen ſchönen Ge⸗ ſang heute Abend gedankt,“ ſagte er, ſeine Nichte in die Arme ſchließend. „Ach, laß mich hier ruhen,“ antwortete ſie;„bald werde ich keine Bruſt mehr beſitzen, an die ich mein Haupt lehnen kann.“ „O gewiß, mein Kind, Gott wird mich noch lange die Freude genießen laſſen, die Du mir bereiteſt.“ „Mein Schickſal iſt beſtimmt, geliebter Freund; wir müſſen uns trennen.“ „Trennen,“ ſagſt Du?„welch' ein Einfall!“ „Mein Herz blutet, wenn ich an den Schmerz denke, den ich Dir verurſachen werde. Warum mußt Du mich ſo zärtlich lieben 2... Ich bin ein garſtiges, eigenſin⸗ niges Mädchen. Vergilt mir Gleiches mit Gleichem; verhärte Dein Herz in Folge meiner Undankbarkeit.“ „Ich kann mir Deine Worte nicht erklären, Leo⸗ poldine; was meinſt Du denn?“ „Komm, ſetze Dich hier auf den Sopha, ich will Dir ein Mährchen erzählen.. Siehſt Du, es war einmal ein kleiner Vogel, der hatte eine ruhige und gute Heimath tief im Walde. Dort wuchſen Blumen auf den Wurzeln der Bäume, und die Sonnenſtrahlen blickten zwiſchen den Laubgewölben herein. Hier iſt es ſo angenehm, ſo lieblich, ſo gut zu leben, und kein grauſamer Jäger kommt hierher, ſagten alle Freunde und Bekannte des kleinen Vogels; aber in ihm ſelbſt lebte dennoch eine Sehnſucht, die er nicht zurück⸗ zudrängen vermochte. Er wollte in die Welt hinaus, er wollte ſich in einem reicheren Sonnenlicht baden, er wollte fortftiegen, weit fort über Land und Meer, Ein Funken. I. 9 130. nach einem fremden Strande; aber er wußte nicht wo⸗ hin und wußte auch nicht, was er dort ſuchen ſollte. Wenn die Andern fröhlich ſangen, ſaß er betrübt da und träumte von dem neuen Leben, das er führen wollte. Einmal kam ein friſcher Wind durch den Wald geblaſen. Er kam von weiter Ferne. Er hatte viel von der Welt geſehen, ja, er führte Botſchaft vom Himmel ſelbſt mit ſich. Der kleine Vogel lauſchte ſo gerne auf dieſen freundlichen Boten, er verſtand ſie und verſtand jetzt auch ſich ſelbſt, ſeine Sehnſucht und ſeine Ruhe. Welche Freude für ihn! Er wußte jetzt ſeinen Weg durch die Räume, und eines ſchönen Tags, nein, es war ein trüber, ein trauriger Tag, da ſchwang er ſeine Flügel zur Flucht und verließ ſeine ruhige Wohnung, den Frie⸗ den und alle diejenigen, die ihn liebten; aber er konnte nicht anders, nein, Vater, er konnte nicht anders.. Verſtehſt Du meine Sage 2“ „Wenn Du dieſer kleine Vogel ſein ſollteſt, ſo will ich Dich bei Zeiten feſſeln.“ „Vergebens!. Begreife mich recht. es han⸗ delt ſich um Leben oder Tod.. Was bin ich auch hier 2 Ein nutzloſes, träumeriſches Weſen, eine Pflanze aus fremdem Land, die in dieſem Erdreich nicht wach⸗ ſen kann. O, welch' ein grauſamer, welch' ein zermal⸗ mender Gedanke, daß ich mein ganzes Leben ſo bleiben ſollte! die Thätigkeit, welche die Leute hier belebt, iſt nicht für mich. Ach, Du weißt wohl, daß ich nicht aus Hochmuth ſo rede. Ich weiß gar zu gut, ich weiß es von meiner Mutter, daß es ein großer, ein ſchöner Be⸗ ruf iſt, die Schöpſerin häuslicher Wohlfahrt zu ſein. Ein ſolches Leben ſchimmert nicht von dem trügeriſchen Glanz, der die Bewunderung einer oberflächlichen Welt erweckt; es fließt ſtill und anſpruchslos in einem be⸗ ſcheidenen Schatten dahin und opfert ſein Herz in der edelſten Selbſtentſagung. Die Roſen, die zu den Füßen des Mannes ausgeſtreut werden, damit ſein Weg zu Siegen und Triumphen angenehm ſein möge, wie oft 131 werden ſie nicht mit den Thränen des Weibes begoſſen! Aber wer denkt daran, wer ſchätzt den Werth ſolcher Opfer, welche ſie ſo ſorgſam vor den Blicken der Welt verbirgt! Wahrhaftig, ich verkenne dieſe edlen Weſen, dieſe Engel des häuslichen Lebens nicht; ich liebe, ich bewun⸗ dere, ja, ich beneide ſie. Auch ich möchte mich ſelbſt ver⸗ geſſen und auf ihren unbemerkten Wegen durch das Leben wandeln können; auch ich möchte mit meinem Herzblut das Glück in einem liebereichen Familienkreiſe nähren.. Vergebens lockt mich jedoch das Erhabene an einem ſolchen Leben. Ein andere Beſtimmung erwartet Dein Kind.“ „Eine andere Beſtimmung, als Familienleben und häusliches Glück 26 3 „Was iſt wohl unſer eigenes Glück anders, als die Gelegenheit, für das Glück Anderer zu leben?.. Wenn wir im Lenzmorgen unſeres Lebens auf die Felder, die Höhen und die Thäler hinausblicken, welche die Bahn unſerer künftigen Wanderung ausmachen, ſo werden wir hingeriſſen von Entzücken, von glückſeligen Hoff⸗ nungen. Der Weg, den wir überſchauen, iſt ſo ſchön, ſein Ziel ſo herrlich. Ach, denken wir, die Fahrt wird nicht ſchwer ſein. Es muß lieblich ſein in dieſem mil⸗ den Schatten zu wandeln, lieblich, unter dieſen duften⸗ den Roſen auszuruhen. Und ſo werden wir von Sehn⸗ ſucht ergriffen, winken der ſorgloſen Heimath der Kind⸗ heit ein Lebewohl zu und eilen unſerm neuen Schickſal ent⸗ gegen Aber kaum haben wir die lange Wanderung begonnen, ſo finden wir auch ſchon mit Schmerz, mit Entſetzen, daß wir uns in unſerer Erwartung getäuſcht haben. O, das iſt eine ſchwere Stunde, und büter ſind die Thränen, welche das Auge feuchten, wenn es nun zum erſten Mal ſehnſuchtsvoll nach dem friedlichen Strande blickt, den wir verlaſſen haben. Wir müſſen jedoch vorwärts und immer öder wird die Fahrt. Alle Sterne erlöſchen, einer um den andern; die Nacht wird ſo fin⸗ ſier, ſo kalt. Sind denn alle unſere Hoffnungen auf Glück nur leere Selbſttäuſchungen? nicht ſein. * —— Gewiß liegt dem unerſchrockenen Glauben und fröh⸗ lichen Vertrauen des Kindes eine tiefe Wahrheit zu Grunde, aber hier außen in der Welt ſchleicht ein böſer Dämon in unſere Spuren. Er iſt es, der die Blumen auf unſerm Pfad niedertritt. Sein Odem iſt es, der die Luft ſo ſchwer macht. Seine finſtere Geſtalt iſt es, die die Sonne in unſerm Leben verdunkelt, die ihren düſteren Schatten über den Weg breitet. Er iſt es, der ſeine Hand auf unſere Herzen legt und Todeskühle in unſere Adern gießt... Dieſer Dämon führt viele Na⸗ menz ich will ihn die Proſa des Lebens nennen.“ „Ich kenne ihn, Leopoldine; auch ich, der ich jetzt ſo gebeugt und ergraut vor Dir ſtehe, auch ich war ein⸗ mal jung und ſah das Leben wie einen roſigen Maitag mir entgegen lächeln. Aber der finſtere Bämon, den Du nannteſt, hat ſich zu meinem Begleiter gemacht; er wurde mein zweiter Schatten. Ja, ich kenne ihn, mein Kind. Wir ſind lange und weit mit einander gewandelt.“ „Du kennſt ihn, väterlicher Freund. Du kennſt auch den Engel, der auf leichten Flügeln über die Erde hinſchwebt. Es ſtrahlt eine himmliſche Glorie um ſei⸗ nen Scheitel. Sein Blick iſt Liebe, ſein Lächeln Milde. Klar leuchtet die Fackel in ſeiner Hand; lieblich klingt die Leier, die er anſchlägt, wohin er ſeinen Flug lenkt, da ſtrömt das Licht über die Welt. Die Kinder der Erde, die irre geleitet vom Dunkel der Nacht in bluti⸗ gen Kämpfen ihre Kräfte vergeuden, erſcheinen einander jetzt wieder als Brüder, laſſen den erhabenen Dolch fallen und drücken einander an die verſöhnte Bruſt. Wo immer ein Accord von der Leier im Arme des Engels einem Ohr naht, da erwachen die eingeſchlum⸗ merten Kräfté des Herzens wieder.. Du kennſt die⸗ ſen Engel, es iſt der Genius der Kunſt! Ihm will ich die beſten Kräfte meiner Seele, die wärmſten Ge⸗ fühle meines Herzens opfern. Ja, mag er mein gan⸗ zes Leben nehmen, ich gebe es mit Freuden, wenn auch — heit nahe. 133 nur, um ein einziger flüchtiger Strahl aus ſeiner nie⸗ mals erlöſchenden Fackel, ein einziger bald verklingen⸗ der Ton aus ſeiner hellgeſtimmten Leier zu werden.. Ach, es iſt nicht ſchwer, zu ſterben, wenn man ſo ge⸗ lebt hat.“ „Du willſt für die Kunſt leben. Leopoldine, haſt Du dieſen Entſchluß wohl überlegt? Haſt Du Deine Kräfte geprüft? Laß Dich durch Deine Träume nicht irre leiten. Vergiß nicht, daß die Bahn der Kunſt ſchlüpfrig iſt, daß manche giftige Schlange ſich unter ihren Blumen verbirgt... Deine Schultern ſind zu ſchwach für das ſchwere Kreuz, welches die Welt Dir auferlegen wird. Es iſt wahr, daß Deine Ingend hier in düſterer Einförmigkeit verfließt, aber auch hier kann ein beſſerer Tag für Dich anbrechen. Glaube mir, ein einfaches, beſcheidenes, aber dauerndes Glück wird Dir hier bereitet werden. Deine warme Seele, die ſich jetzt in Unruhe verzehrt, wird einmal in der Liebe ihren rechten Ausbruch finden, und in der Liebe wirſt Du die beſte Ruhe, den höchſten Frieden gewinnen, Leopol⸗ dine, bleibe an meiner Seite. Ich bin zwar eine ſchwache Stütze, aber auf der ganzen weiten Welt beſitzeſt Du keine andere.“ „Aber im Himmel!... Glaubſt Du wohl, daß mein Vater, daß meine Mutter ihr armes Kind ver⸗ laſſen haben?. WMein Vater war ſelbſt Künſtler; meine Liebe zur Kunſt iſt ein Erbtheil von ihm. Wie wird er ſich nicht freuen, wenn ich ſie recht pflege! und ſie, die zärtlichſte Mutter, ſie würde ſich meiner Schwachheit ämen, wenn ich aus Furcht vor den Gefahren, die mich treffen könnten, die Bahn verließe, die ich mit der innigſten Ueberzeugung meiner Seele für meinen rechten Weg durch das Leben halte.“ „Die Jugend iſt übermüthig, mein Kind; höre auf den Rath des Alters.“ „Die Jugend ſteht im Himmel, ſie ſteht der Wahr⸗ P 134 „Du bleibſt alſo bei Deinem Entſchluß? „Ich kann, ich darf ihn nicht verändern... Wür⸗ deſt Du wohl zu dem Bache, der ſich dort durch das ruhige Thal ſchlängelt, ſagen können: verlaß dieſe grünen hübſchen Ufer nicht! bleib hier; halte ein in Deinem Lauf. Da draußen erwarten Dich tauſend Gefahren. Mit dem wilden Waſſerfall wirſt Du in tiefe Abgründe hinabgeſchleudert werden, harte Klippen werden Deine Wogen brechen, und endlich wirſt Du ſpurlos in dem großen, bodenloſen Meere verſchwinden. Nein, verlaß dieſes friedliche Thal nicht... Könnteſt Du ſo ſprechen? Oder zu dem jungen Baume: Wachſe nicht ſo hoch; die Sonne verlockt Dich zwar, aber da oben jagt der Sturm mit verheerender Macht, er wird Deine ſchönſten Zweige zerreißen, ja vielleicht ſogar Deinen Stamm brechen. Nimm Dich zuſammen und beuge Dich wieder hinab zur Erde. Ich fange an, mich ſelbſt und die Entwick⸗ lung, die in meiner Seele vor ſich gegangen iſt, zu verſtehen. Schon als ich noch ein Kind war, erwuchſen ſo wunderbare Gefühle in meiner Bruſt. Meine Mutter gab mir die Natur zu meiner erſten Freundin. Ich hielt mein Ohr an das Herz dieſer Freundin und lauſchte mit Entzücken den Märchen, die ſie mit tauſend Zungen mir erzählte... Es kam eine andere Zeit, wo ich meine Träume im Leben verwirklicht wieder finden wollte. Da hüllte ſich ein unheimliches Dunkel um meine Seele. Ich ſtand als Fremdling auf der Erde und beſaß nicht einmal mich ſelbſt. Aber Gott hörte das warme Gebet meines Herzens, es wurde wieder klar in meinem Blick. Ich fand ein Ziel für meine irrenden Gedanken, ich fand das Wort für das Räthſel meines Lebens, ich fand meine Art und Weiſe zu ſein... Du, mein theurer Freund, kannſt mich nicht bereits von meinem neuen Glück, das ich jetzt kaum erſt begriffen habe, zurück⸗ ſchrecken wollen. Glaube nicht, daß ich ſchwach ſei; wie verächtlich iſt nicht die Schwachheit! o, ich habe Muth, den Stürmen des Lebens entgegenzutreten; ja ich liebe 135 ſie weit mehr, als dieſe dumpfe Ruhe, in der ich kaum athmen kann.“ „Du kennſt die Welt nicht.“ „Aber ich muß ſie kennen lernen!... Du wollteſt mich ſo eben von der Bahn, der meine Zukunft ange⸗ hört, durch die Erinnerung an die harten Entſagungen, welche mich dort erwarten, zurückſchrecken. Ich wäre ja unwürdig, ein Weib, ein Weſen der Geduld und Demuth zu werden, wenn ich den Bedingungen für das Daſein des Weibes entfliehen wollte, und wo⸗ hin könnte ich wohl fliehen? Nenne mir eine Freiſtätte ohne Entſagung... aber es gibt ein Opfer, das der Himmel niemals, die Erde dagegen oft von uns fordert: das iſt das Opfer der Wahrheit. Ungeſtraft begeht Niemand dieſes feige Verbrechen. Die Schwachheit er⸗ zeugt Zweifel; aber es gibt Gefühle in unſerer Seele, die wir nicht bezweifeln oder verleugnen können, ohne auch zu bezweifeln oder zu leugnen, daß ein ſchützender Gott ſeine leitende Hand über die Welt ausſtrecke. Mit einem brennenden Glauben habe ich mein Schickſal er⸗ faßt. Ich weiche nicht zurück. Es muß in Erfüllung gehen, oder mein ganzes Leben iſt nur ein trauriger Mißgriff.“ Während Leopoldine ſo ſprach, hatte ſie eine Hal⸗ tung voll Würde und zuverſichtlicher Ruhe angenommen. Erasmus ſah nicht länger die zärtliche, weiche, koſende Schwärmerin vor ſich; er ſah ein Weib, deſſen Seelen⸗ ſtärke und Feſtigkeit er bewundern mußte. Auf ſolche Art offenbaren ſich die allzu gewöhnlichen, von dem Augenblick und für ihn erzeugten Launen der jungen Cvastöchter nicht. Nein, dieß war nicht ein Enthuſias⸗ mus bloß für eine Minute, es war die Hingebung einer glühenden Seele an eine große Idee. Erasmus ergriff ihre Hand und ſagte, durch ihre erhabene Ruhe ſelbſt geſtärkt: „Leopoldine, ich verſtehe Dich!“ „Du verſtehſt mich!“ rief ſeine Nichte ſtrahlend vor 136 Freude und ſank an ſeine Bruſt..„O, wie dieſe Worte mich glücklich machen!“ fuhr ſie fort.„Das Bewußtſein, verſtanden zu werden, verleiht doppelte Kraft. Dank, ewigen Dank für dieſe Worte.. Du weißt wohl, daß es kein leichtſinniger Einfall iſt, der meinen Entſchluß hervorgerufen hat; und Du könnteſt es nicht über das Herz bringen, mir Deinen Segen zu verwei⸗ gern, wenn ich ſo einſam in die Welt hinausziehe.. Was ſollte ich wohl hier thun? Mein ganzes Leben wäre ein Traum. In Bahnen eingezwängt, die meiner Seele fremd ſind, würde ſie bald ihr urſprüngliches Weſen und alle ihre Kraft verlieren. Ich würde eines jener betrübten Weſen, einer jener Menſchenſchatten werden, die gedankenlos durch das Leben wandeln, und von denen man ſagen kann, daß ſie ſchon lange todt ſind, obſchon ſie noch nicht unter der Erde liegen. Und wenn Du dann Dir ſelbſt geſtehen müßteſt, daß Du es ge⸗ weſen, welcher der armen Gefangenen Feſſeln angelegt, müßteſt Du nicht Deine Handlung beweinen, ſelbſt wenn die Kette, womit Du ſie gebunden, Deine Liebe wäre?“ „Geh, Leopoldine, geh, mein geliebtes Kind, Du biſt frei... Ich weiß, was es heißen will, wie ein Fremdling durch das Leben zu wandeln. Mag Gott Dich vor einem ſolchen Looſe bewahren! Ich habe ver⸗ ſprochen, Dir ein Vater zu ſein; Dein Tyrann kann ich nicht werden... Du haſt Recht, wir müſſen uns tren⸗ nen. Lange bin ich einſam hier in der Welt geweſen; bald werde ich auch einſam mein Haupt zur Ruhe legen. Dank dafür, daß Du das Herz des Alten an Deiner Zärtlichkeit erwarmen ließeſt... Du biſt ein edles Kind, Leopoldine; mein letztes Gebet wird Deinem Wohl gelten.“ „Sei ruhig, ich kann es nicht ertragen, in Deinen Augen Thränen zu ſehen... Das Schickſal ſteht feſt, wir müſſen uns trennen, aber jetzt noch nicht. Tag für Tag ſollſt Du Dich an den Gedanken meiner Abreiſe gewöhnen. Allmälig wird dieſer Gedanke ſeine Bitter⸗ 137 keit verlieren; und in einigen Wochen wirſt Du mir ruhig Lebewohl ſagen können, wie ein Vater, der ſein Kind in die Schule ſchickt. Wir müſſen uns trennen, aber nicht für immer. Jeder Poſttag wird Dir Nach⸗ richten von meiner Hand bringen. Auch in der Ferne wirſt Du noch immer mein Rathgeber, meine Stütze bleiben. Meine Bemühungen werden Dich ſtolz machen, meine Erfolge werden Dich mit Freude erfüllen. Wer weiß, einmal wird vielleicht das Heiligthum der Kunſt ſich mir erſchließen, und dann, wenn die Fama mein Lob verkündet, dann wirſt Du denken: mein Segen iſt es, der ihren Muth belebt hat!... Und ich ſelbſt, wo ſollte ich die ſüßeſte Belohnung für meine Siege holen können, als in Deinen väterlichen Armen!“ IX. Abſchied. Wie wird mir auf einmal, Wie iſt mir geſchehn? Schiller. Horatio: Seid ſtill, ihr dürft nicht gehen. Hamlet: Mein Schickſal ruft. Shakeſpeare. Die heterogenſten Gefühle herrſchten bei Maximilian vor, als er am folgenden Morgen kurz vor ſeiner Ab⸗ reiſe aus X. im Hauſe des Fabrikanten ſeinen Abſchieds⸗ beſuch machte. Er trug gleichſam eine Gewitterwolke in ſich. Sollte dieſe Wolke vom Winde verſcheucht wer⸗ den, oder ſollte ſie ſich in Blitz und Donner entladen? Er konnte dem Wunſch nicht widerſtehen, ohne alle 138 Zeugen Leopoldine ſein letztes Lebewohl ſagen zu dürfen, und ging direkt auf ihr Stübchen. Dort traf er ſie allein. Schon beim Eintritt in dieſe kleine Welt des Friedens und der Unſchuld, die er jetzt zum erſten Mal beſuchte, erwachte ſein Gemüth; aber er wollte ſich ſelbſt Ruhe und Kälte gebieten. „Ich komme, um Abſchied von Dir zu nehmen, Leopoldine,“ ſagte er.„Es war ein gutes Schickſal, das uns wieder zuſammenführte. Es gibt nicht Viele, die in meinem Herzen einen ſolchen Raum beſitzen wie Du, und wenn die Pläne, die wir für Deine Zukunft entworfen haben, in Erfüllung gehen, ſo wird dieſes Zuſammentreffen nicht ohne Bedeutung für Dein ganzes Leben ſein.“ „Ach, Maximilian,«“ antwortete Leopoldine und reichte ihm ihre Hand,„kein Freund kann mehr thun, als Du für mich gethan haſt. Ich ſtand rathlos, zwei⸗ felnd, krank am Gemüthe da, als Du mich aus meinen Träumen zum lebendigen Leben weckteſt. Du haſt mir ein Ziel für meine irrenden Gedanken, für die Wünſche meiner Seele geſchenkt.“ Maximilian fühlte, wie Leopoldinen's Hand leiſe in der ſeinigen zitterte. Er ſah, wie ſie in dieſem Augen⸗ blick tief aufgeregt war, und lebhafter als je empfand er es ſelbſt, wie theuer ſie ihm geworden. „Wir trennen uns jetzt,“ begann er wieder, aber es war ihm unmöglich, fortzufahren; es wurde ihm immer wärmer und wärmer um's Herz. „Sag, wann und wie werden wir einander wieder⸗ ſehen?“ fragte Leopoldine; dabei fiel eine Thräne auf Marimilian's Hand. In dieſem Augenblick waren alle ſeine Berechnun⸗ gen über den Haufen geworfen. Maximilian war, wie die Meiſten von uns, eine Zuſammenſetzung von zwei ganz ungleichen Naturen, aber jetzt wurde ſein ganzer Ehrgeiz, ſeine ganze Eitelkeit von dem Herzen über⸗ ſtimmt, das bei ihm immer ſein beſtes Ich war. Leo⸗ 139 poldine entzückte ihn unwiderſtehlicher als je. Es wurde ihm klar, daß er in dieſem jungen, ſchönen, geiſtreichen Mädchen den koſtbarſten Schatz gefunden hatte, den ein Menſchenherz finden kann, und ſeine Gefühle waren nicht mehr bloß eine freundſchaftliche Ergebenheit gegen eine Jugendfreundin, ſeine Bewunderung gehörte nicht mehr bloß dem Künſtler an, ſie war nicht bloß einem keimenden Talente gewidmet... Haſt Du an einem Herbſtabend den Himmel mit Wolken bedeckt geſehen und dann bemerkt, wie dieſe gleichſam auf einen Zauber⸗ ſchlag ihren ſchweren Vorhang öffneten und den Mond hervortreten ließen, ſo mild, ſo hell und klar wie der Blick eines Gottes?.„ Auch in Maximilian's Seele war es jetzt, als wären dunkle Wolken zerriſſen, und als hätte auch zwiſchen ihnen ein Gott hervorgeblickt. Es war die Liebe! Zum erſten Mal fand er mit voll⸗ kommener Gewißheit, daß er Leopoldine liebte, aber höher, edler, als er bisher irgend ein Weib geliebt hatte. In dieſer Gewißheit lag für ihn eine ganz neue Welt. Schon fühlte er ſich verſucht, ja er war vollkommen entſchloſſen, ſeinen Reiſeplan auſzugeben und Alles von ihr abhängen zu laſſen, die mit der lieblichſten aller Gewalten ſich ſeiner bemächtigt hatte. „Wie darf ich die Thräne in Deinem Auge deuten 2“ fragte er, von friſchen Hoffnungen beſeelt. „Als ein Zeichen meiner Dankbarkeit,“ antwortete Leopoldine warm, aber ohne Feuer. „Deiner Dankbarkeit?“ wiederholte Maximilian in einem Ton, welcher verrieth, daß ihre Antwort ihn nicht befriedigte. „O verſchmähe ſie nicht,“ bat Leopoldine. „Und dieß iſt Alles, was Du mir zu geben haſt?. Leopoldine, durchforſche Dein ganzes Herz; findet ſich darin kein anderes Gefühl, das für mich ſpricht, als bloß die Dankbarkeit?“ „Wenn Du mein Bruder wäreſt, könnte ich Dich 140 nicht inniger ſegnen, als ich jetzt thue; Dein Andenken könnte mir nicht theurer ſein.“ Maximilian fühlte ſich, unbegreiflich genug, durch dieſe freundlichen Worte verletzt. Verwöhnt durch die zahlreichen Siege, die er bei allen entzündbaren Frauen gewonnen, hielt er es für eine Demüthigung, daß er jetzt, der zum erſten Mal ſeine ganze Seele auf dem Altar der Liebe opferte, nur ſchweſterliche Freundſchaft, nur ein dankbares Herz vorfinden ſollte. Ein falſcher Stolz jagte augenblicklich wieder düſtere Wolken über den Himmel der Liebe, der ſich ſo eben bei ihm aufge⸗ hellt hatte, und ohne daß er ſich Zeit nahm, die Wahr⸗ heit ſeiner Gefühle zu erforſchen, gab er ſeiner heftigen Gemüthsart nach. „Du haſt mich nicht verſtanden,“ begann er,„und wirſt mich nie verſtehen.. Erinnerſt Du Dich einer Scene aus unſerer Kindheit? Es war an einem Sommer⸗ abend daheim bei Deiner Mutter; wir ſtanden auf der Spitze eines der hohen Berge, welche das ſtille Thal um⸗ grenzen, und wir ſprachen von unſerer Zukunft. Ich beſchrieb Dir mit der ganzen Uebertreibung eines Jüng⸗ lings das fröhliche, freie Leben der Welt, aber mein Herz ſagte mir ſchon damals, daß meine höchſte, meine beſte Freude in Dir wohne: Zuſammen ſollten wir über die Welt hinausfliegen, zuſammen das Glück des Lebens genießen... Nein, Leopoldine, ich ſehe es ſehr wohl, Du haſt dieſe Zeit ſchon lange vergeſſen, und unſere kindlichen Träume haben für Dich keinen Reiz mehr... Wir trennen uns jetzt, um uns wahrſcheinlich nie mehr zu begegnen. Die Dankbarkeit, die Du mir ſchenkſt, kann ich nicht verdient zu haben glauben, und da ich Deiner ſchweſterlichen Theilnahme nicht mit einer brüder⸗ lichen entſprechen könnte, ſo müſſen wir dem Schickſal danken, das uns trennt... Werde glücklich. Betritt die Bahn, für welche Du mit ſo ſchönen Anlagen be⸗ gabt biſt, ernte die Bewunderung der Welt und gewinne 144 einmal ein wo möglich wärmeres Herz, als dasjenige iſt, das Du jetzt verſtoßen haſt... Leb wohl!“ Dieſe Worte wurden mit einer Haſt, als fürchtete er ſich Gelegenheit zur Beſinnung zu laſſen, und in einem Tone ausgeſprochen, der vergebens Ruhe heuchelte. aber noch einmal ſchaute er in Leopoldinen's Augen und be⸗ gegnete darin demſelben Engel, der ſo manchmal ſeine auf⸗ flammenden Gefühle gemildert hatte. Auch jetzt übte dieſer Blick, voll von himmliſcher Unſchuld und jungfräulicher Reinheit ſeine Gewalt über ihn aus. Es fehlte ihm an Kraft, die Flamme in ſeiner Bruſt zu dämpfen. In einem Augenblick des Rauſches ſchloß er das junge Mädchen in ſeine Arme und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. „Leopoldine, ich liebe Dich!“ flüſterte er. Aber wieder that er ſich Einhalt, enteilte ihren Armen, und in demſelben Augenblick verließ er das Zimmer. Hätte er ſich nur noch eine Minute länger verweilt, hätte er ſich nur umgewendet, bevor er die Thüre ſchloß, ſo würde er bei Leopoldinen einen ganz neuen Ausdruck wahrgenommen haben, der ihm entdeckt hätte, daß eine plötzliche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Mari⸗ milian's Kuß hatte mit einem elektriſch zundenden Funken ihr Herz getroffen. Seine Worte: ich liebe Dich, hatten wie wundervolle Schöpfungsworte für ihre Seele erklungen und darin die ſchamhaft duftenden Kelche friſcher Roſen geöffnet. Bebend empfand ſie die erſte Offenbarung neuerſtehender Gefühle. Ein ſtarker Purpur färbte ihre Wangen und ein Seufzer ſchlich ſich zwiſchen ihren Lippen vor. Fs war einer der bedeutungsvollen Augenblicke, die in einem Menſchenleben Epoche bilden. Leopoldinens warme, reiche Seele hatte ſchon früh und in einem ausgedehnteren Sinne die Liebe als ihre Lebensluſt be⸗ griffen. Aber gleich wie die Strahlen der Sonne, in einem Brennſpiegel aufgefangen und eoncentrirt, zůn⸗ 142 dend werden, ſo gibt es auch im Herzen Augenblicke, wo die Wärme ſich in Feuer verwandelt.. Sie liebte jetzt zum erſten Mal. Aber er, den ſie liebte, war bereits fort; es war in ihrem Herzen Morgen und Abend zugleich. Ein paar Monate ſpäter fand wieder eine Ab⸗ ſchiedsſeene in der Familie des Fabrikanten ſtatt. Wir nennen das Weib ſchwach, weil es im All⸗ gemeinen unter der Herrſchaft ſeines Herzens ſteht, und weil es mit ihrer Natur unvereinbar iſt, ihre Handlun⸗ gen in Oppoſition gegen ihre Gefühle zu ſtellen. Die einzige Kraft ihrer Seele iſt oft ihre Zärtlichkeit, und ehe ſie Jemand verletzen, ehe ſie Thränen in einem ge⸗ liebten Auge hervorrufen könnte, opfert ſie tauſend⸗ mal ſich ſelbſt. Wer kann wohl umhin, den Muth und ganz beſonders die Geduld zu bewundern, wo⸗ mit ſie ſich freiwillig die härteſten Entſagungen auf⸗ erlegt?.. Aber wir müſſen dennoch um ihres eigenen Beſten willen anerkennen, daß die Selbſtaufopferung, aufgefaßt als ein Prineip, das ſich für alle Fälle des Lebens anwenden läßt, Veranlaſſung zu großen Miß⸗ griffen geben muß, zuml da es für jedes menſchliche Weſen als ein ewiges Grundgeſetz feſtſteht, ſeine Kräfte nicht bloß für das Wohlbehagen Anderer, ſondern nur für alles das, was recht und wahr iſt, zu opfern. Hätte Leopoldine dieſe Wahrheit nicht klarer auf⸗ gefaßt, als die große Menge ihrer Mitſchweſtern, hätte ſe nicht daran geglaubt und in Folge deſſen es als heilige Pflicht betrachtet, jetzt mehr ihrer Ueberzeugung als der Zärtlichkeit ihres Herzens zu folgen, woher würde ſie wohl jetzt die Kraft genommen haben, alle die Hinderniſſe zu beſiegen, die ſich ſchon ihren Zukunfts⸗ plänen entgegenſtellten? 143 Ganz allein kämpfte ſie jedoch nicht für ihre Idee. Erasmus war ihr treuer Bundesgenoſſe. Es war ſchön zu ſehen, wie der feinfühlende Mann ſorgfältig den Schmerz zu verbergen ſuchte, den er beim Gedanken an die bevor⸗ ſtehende Trennung empfand, wie er oft, obſchon er all ſeine Kräfte für ſh ſelbſt bedurft hätte, ſeinem Liebling Muth und Vertrauen einflößte, und wenn zuweilen eine verſtohlene Thräne ſeine ſtille Qual offenbarte, ſo hatte er immer ein Lächeln auf den Lippen, um den traurigen Eindruck zu mildern, den, wie er wohl wußte, Leopol⸗ dine bei ſeinem Leiden empfand. Er war es auch, der es auf ſich nahm, Frau Regina in das Vorhaben ihrer Pflegtochter einzuweihen, ein Geheimniß, das bis jetzt nur in dem grünen Dachſtübchen abgehandelt wor⸗ den war. Mit einer gewiſſen Vorſicht in ſeinen Worten be⸗ gann Erasmus die Sache mit ſeiner Frau zu beſprechen; aber kaum hatte er eine Andeutung fallen laſſen, daß Leopoldine möglicherweiſe bald ihr Haus verlaſſen könnte, als er bei Frau Regina eine ihm höchſt unerwartete Freude bemerkte. Ja, es fehlte nicht viel, ſo wäre ſie ihm in die Arme geflogen. „Mein lieber, guter Alter,“ ſagte ſie ſanft wie eine Taube,„Du biſt wahrhaftig ein vortrefflicher Mann: ich, die ich ihrer zwei gehabt habe, kann aus gründ⸗ licher Erfahrung urtheilen. Wenn ich Dir je einmal⸗ nicht vollkommen Gerechtigkeit habe widerfahren laſſen, ſo verzeihe mir jetzt, verzeihe mir, guter Erasmus. Niemand kann für ſeine Gemüthsart; aber Gott weiß, daß ich Dich immer ſehr lieb gehabt habe. Wie ſanft biſt Du nicht gegen mich geweſen!(Schluchzen) Für mich und für meine Mädchen. haſt Du Pich geguält und abgemüht wie eine Ameiſe. Aber ſeit Deine Nichte hieher kam, iſt ein Mißverſtändniß zwiſchen uns eingetreten. Sie hat es gewiß nicht ſo böſe gemeint, das will ich gerne glauben, aber es hat mich doch ge⸗ quält, ſehen zu müſſen, wie ſie Dein Herz von denjenigen 144 abzog, die Dir am allernächſten ſtehen ſollten. Gott ſei Dank, Du haſt jetzt ſelbſt eingeſehen, daß ſie um unſerer häuslichen Ruhe willen unſer Haus verlaſſen muß. Ja, ich könnte Dir noch einen ganzen Haufen Sachen von dieſem Mädchen vorſagen, ich könnte Dir erzählen, wie ſie ſich dem Glück meiner eigenen Töchter in den Weg ſtellt und vielleicht für immer einen meiner beſten Pläne vereitelt hat Gleichwohl wünſche ich ihr wahrlich nichts Böſes; aber ich bin Mutter, Erasmus, und das Hemd ſitzt mir doch näher als der Rock. Wie Du geſagt haſt, Levpoldine muß fort von hier, und zwar je weiter hinweg, um ſo beſſer iſt's. Aber wohin können wir ſie wohl ſchicken? Ihr Vermögen iſt ſo unbedeutend, und Du weißt wohl, daß ſie niemals ge⸗ lernt hat, irgend etwas Nützliches in einem Hauſe zu arbeiten. Es wäre am Beſten, wir könnten ſie auf's Land bringen, z. B. in irgend ein gutes Pfarrhaus. Auf den Lande könnte ſie ja nach Herzensluſt die Natur lieben, woran ihr immer ſo viel gelegen war. Ich könnte ihr ſchriftlich meine guten Rathſchläge und Er⸗ mahnungen zuſenden, und wollte ſie darauf hören, ſo würde ſie gewiß mit der Zeit eine brave und verſtändige Perſon werden, und wer weiß, ob nicht vielleicht einmal ein poetiſcher Vikar oder ein muſikaliſcher Glöckner.. was meiſt Du, Erasmus, ſollten wir ſie nicht bei einer anſtändigen Pfarrfamilie einakkordiren?6 Erasmus entwickelte jetzt näher den Plan, den er mitzutheilen hatte und welcher dem improviſirten Vor⸗ ſchlag der guten Frau ſo ganz und gar unähnlich war. Leopoldine ſollte in die große Reſidenzſtadt D. reiſen, ſich daſelbſt ausſchließlich muſikaliſchen Studien widmen, und wenn ſie ihre großen Naturgaben ausgebildet hätte, als Sängerin auf ein Theater zu kommen ſuchen. Jetzt war es mit Frau Regina's Zufriedenheit und Taubenmilde auf einmal aus. Selbſt außer Stande, von einer höheren Idee erfaßt zu werden, konute ſie auch nicht begreifen, daß Andere ſich von einer ſolchen 145 hinreißen laſſen können; alles was einen Hang zur Schwärmerei hatte, alles was ſich über den engen Kreis hinauserſtreckte, worin ſie ſelbſt lebte, war für ſie bloß Verirrung und Verblendung. Sehr gerne wollte ſie Leopoldine, den Liebling des Mannes und die Ri⸗ valin der Töchter, weit von Z. entfernt ſehen, aber ſie beſaß doch in ihrer Art reſpektable Grundſätze und war weit entfernt, die Erfüllung eines Wunſches um jeden Preis erkaufen zu wollen. Sie hielt es für ihre uner⸗ läßliche Pflicht, dem Plan, den Erasmus ihr anver⸗ traut hatte, ihre Billigung zu verſagen. Niemals hatte ſie von Leopoldinens Verſtand eine große Meinung ge⸗ habt, jetzt meinte ſie auch ihren moraliſchen Werth be⸗ zweifeln zu müſſen, und ſie entſetzte ſich vor dem Ge⸗ danken, daß ein Mädchen, das ihre mütterliche Pflege genoſſen, Schauſpielerin werden, daß ſie von ihrem Haus in's Theater wandern könnte. Man muß jedoch immer gerecht ſein.. So viel ſteht feſt, daß dieſe Frau nicht die einzige war, die etwas Schmähliches darin gefunden hätte, aus ihrer Familie eine Schauſpielerin hervorgehen zu ſehen. Eine Schauſpielerin, mit welchem zweideutigen Ton wird nicht dieſes Wort ausgeſprochen?.. Die Mutter will darin eine Warnung niederlegen, die wohlerzogene Un⸗ ſchuld erröthet und ſchlägt die Augen nieder, der Mann E und in dieſem Lächeln liegt die bitterſte Belei⸗ igung. „Ich will vor Gott und den Menſchen rein da⸗ ſehen,“ erklärte Frau Regina, vollfommen überzeugt, daß ſie im Geiſte der Religion ſpreche.„Niemand ſoll meinen guten Namen und mein Anſehen dadurch an⸗ ſchwärzen können, daß er beweist, daß Leopoldine mit meiner Einwilligung Komödiantin geworden ſei Sie will in die Hauptſtadt reiſen, ſagſt Du? Nun, ich denke, ihre Prätentionen ſind jetzt nicht ſo gering. Weder Roſina noch Lilia find jemals in der Haupt⸗ ſtadt geweſen„ Und dort ſoll ſie Muſit ſtudiren? Ein Funken. x. 10 146 Das iſt ja recht ſchön... aber ich werde wohl die Ehre haben, die Geigen zu bezahlen, das merke ich ſchon, und endlich in einigen Jahren haben wir viel⸗ leicht das Vergnügen, ſie in unſer geringes Haus wie⸗ derkehren zu ſehen, begleitet von einer kleinen Theater⸗ bande, wenn das Glück gut iſt. Nein, Erasmus, lieber mag ſie hier bleiben und uns ſogleich unglücklich machen; wir entgehen dann wenigſtens der Chikane.“ Aber Erasmus ſetzte allen Einwürfen eine erſtaun⸗ liche Beſtimmtheit entgegen, und gab zuletzt ganz dik⸗ tatoriſch zu erkennen, daß Leopoldine von keiner andern Perſon als von ihm ſelbſt, ihrem geſetzlichen Vormunde, abhänge, daß ſie gänzlich mit eigenen Mitteln ihre Er⸗ ziehung für die Bahn beſtreiten könne, die ſie zu betre⸗ ten wuͤnſche, daß alle Einwendungen jetzt nichts helfen, umal da die Sache einmal feſt ausgemacht und be⸗ ſhloſen ſei.“ Die Frage nahm jetzt für Frau Regina eine ganz neue Wendung. »Das Maaß iſt alſo gerüttelt voll,“ rief ſie pathe⸗ tiſch.„Großer Gott, ich bin in meinem eigenen Haus eine vollkommene Null geworden.“ Die ehrenwerthe Frau dachte ſich bereits mit der Märtyrerkrone, die ihr Haupt umſtrahle, aber in ihrem Herzen breitete ſich dennoch ein himmliſches Ver⸗ gnügen aus. Dieſes Vergnügen kam daher, daß Frau Regina zu den vielen Perſonen gehörte, die nicht den Muth ſet ihrem Gewiſſen zu trotzen, wohl aber es zu be⸗ echen. „Geſchehe was da will, dachte ſie, ich bin unſchul⸗ dig. Erasmus ſelbſt iſt es, der, meinen Vorſtellungen und Bitten zuwider, Leopoldine in die Welt hinaus⸗ ſchickt. Wenn ſie ihrem Verderben, ihrer Erniedrigung entgegengeht, was ſie gewiß thut, ſo trifft die ganze Verantwortung ihn allein. Ich habe Alles gethan, was ich konnte, aber ich habe nichts auszurichten vermocht. 147 Die ganze Stadt wird es erfahren, und jeder denkende Menſch muß mich beklagen. Meine Beiſtimmung zu dieſem wahnwitzigen Vorſchlag gebe ich niemals, aber was hat wohl ein armes Weib zu thun, wenn ihr Herr und Mann befiehlt? Was kann ſie anders thun, als ſchweigen und gehorchen?“ Sie wollte ſich jetzt nie mehr weder mit Erasmus, noch mit Leopoldine auf irgend ein Geſpräch in Betreff dieſes Planes einlaſſen.„Warum ſollte man auch mich um Rath fragen?“ antwortete ſie bloß.„Ich habe ja nichts mit der Sache zu ſchaffen. Ich verſtehe nichts, ich bin das einfältigſte Weib von der Welt.“ Bei Leopoldine zeigte ſich inzwiſchen als eine Folge der Gedanken, die ſie jetzt beſchäftigten, mit jedem Tag ein feſterer Ernſt. Sie, die vor kaum einigen Mona⸗ ten nur eine Schwärmerin geweſen war, die ſo zu ſa⸗ gen keinen feſten Halt auf der Erde hatte, faßte jetzt das praktiſche Leben mit einer Klarheit der Begriffe auf, welche man oft ſogar bei ſolchen vermißt, die ihre ganze Zeit ausſchließlich darauf verwendet haben. Sie machte mit Erasmus zuſammen ihre Berechnungen, und er ſeinerſeits ſparte keine Mühe, um ſeiner Mündel die neuen Verhältniſſe, denen ſie entgegen ging, möglichſt angenehm zu machen. Seine geringe Kenntniß der Welt, ſeine wenigen Bekanntſchaften außerhalb A., wo er ſein ganzes Leben zugebracht hatte, beſchränkten jedoch ſeine Fähigkeit hiezu und legten der Ausführung ſeiner wohl⸗ meinenden Abſichten viele Hinderniſſe in den Weg. Er ſelbſt hatte über kein Vermögen zu verfügen; denn das Eigenthum, das er verwaltete, gehörte, wie wir wiſſen, vollſtändig ſeiner Frau und ihren Töchtern. Auf eine Unterſtützung von dieſer Seite zu hoffen und darauf auch nur die geringſten Berechnungen zu gründen, wiverſtritt ſowohl ſeinem eigenen als Leopoldinens Zartgefühl, zu⸗ mal da Frau Regina theils ausdrücklich erklärt, daß ſie unter keinen Umſtänden und auf keinerlei Weiſe in die Abenteuer einer Theaterſängerin werden 148 wolle, theils auch durch verſchiedene Anſpielungen juſt nicht von der feinſten Art zu verſtehen gegeben hatte, ſie hege großen Verdacht, daß man heimlich zu ihren Mitteln greifen wolle. Da nun Leopoldinens eigenes Vermögen ganz unbedeutend war, ſo hatte ſie eine keineswegs kummerfreie Zukunft zu erwarten, aber ſie ließ ſich dadurch ganz und gar nicht abſchrecken, und als Erasmus darüber klagte, daß er ſo wenig für ihre Zukunft zu thun vermöge, da ſuchte ſie ihn auf alle Arten zu überzeugen, daß dieſes Wenige bereits mehr als zureichend ſei. Endlich kam der Tag, wo Leopoldine ihr zweites elterliches Haus verließ. Es war ein Tag großen Kum⸗ mers; ſogar Frau Regina blieb nicht länger kalt, als Leopoldine ſie zum Abſchied umarmte. Roſina und Lilia, die immer leicht gerührten, weinten krampfhaft, und Frasmus nein, ich will es nicht verſuchen, ſeinen Schmerz zu ſchildern. Als Leopoldine ſich aus ſeinen Armen riß, war es ihm, als nehme ſie ſein Herz mit ſich; es war ihm, als hörte er den ſchweren Fall von Erdſchollen auf ſeinem eigenen Sarg. Die meiſten von uns werden ſich wohl einmal von ihren nächſten Angehörigen getrennt haben, um fern von ihnen neuen, ungewiſſen Schickſalen entgegen zu gehen. Wir wiſſen alſo, welche Qualen ein ſolcher Ibſchied in ſich ſchließt. Leopoldine wollte ruhig ſein. Sie wollte den Muth der Andern und beſonders ihres Pflegvaters dadurch ſtützen, daß ſie ſich ſelbſt ſtark zeigte in dieſem ſchwerſten Augenblick, den ſie noch erlebt hatte. Aber jetzt verloren alle ihre Hoffnungen ihre Kraft und fielen mit ſchlaffen Flügeln zur Erde. Der feſte Glaube, der ſie bisher geſtärkt hatte, der Glaube, daß ſie ihrer rechten Beſtimmung folge, wankte jetzt, und ein unheimlicher Zweifel ſtellte ihr das Abenteuerliche, das Gewagte ihres Entſchluſſes vor. Ach, ſie konnte ſich ja auf Niemand als auf ſich allein verlaſſen, und die Möglichkeit, daß ſie ſich getäuſcht und einen Miß⸗ 149 griff begangen habe, drang mit Todeskälte an ihre Seele. In dieſer überaus bitteren Stunde fühlte ſie ſich geneigt, ihren ganzen großen Zukunftsplan zu zer⸗ reißen und reuevoll ihren Pflegältern zu Füßen zu ul⸗ len, mit der Bitte, ſie wieder als Kind aufzunehmen und ſie im Kreiſe ihrer Familie die Ruhe genießen zu laſſen, deren ganzen Werth ſie jetzt erſt recht zu ſchätzen vermochte. Gleichwohl war noch ein anderes Gefühl vorhan⸗ den, das ſie beinahe mit Gewalt vorwärts trieb. „Nein, nein!“ rief ſie, ihre Thränen trocknend, ein Schickſal muß in Erfüllung gehen. Wenn der Kampf ſchwer und der Sieg unmöglich iſt, ſo kann ich nicht helfen ein Leben iſt jedoch bald vorbei... lebt wohl! lebt wohl!“ Einige wenige Minuten nachher rollte der Wagen fort, der Leopoldine allein in die Welt hinausführte. X. Einen Abend bei Signora Pariſina. Reich wie Königin biſt Du, biſt edel⸗ müthig, Corinna, Zählſt nicht der Schätze Zahl, welche Du rings um Dich ſtreuſt. Frei wie ein Held biſt Du, eroberſt gleich Helden, Corinna, Und Deiner Schönheit Macht herrſcht im geſchlagenen Heer. Malmſtröm. Mit einem Gehalt, doppelt ſo groß als die Beſol⸗ dung der vornehmſten Reichsbeamten, war Signora Pari⸗. ſina als erſte Tänzerin bei der königlichen Oper in D. für die Saiſon engagirt. 150 Signora Pariſina hatte viel urſache, ihren Beinen dankbar zu ſein. Jeder Pas wurde nicht bloß mit klin⸗ gender Münze, ſondern auch mit ſtürmiſchem Applaus bezahlt; mit jeder Pirouette gewann ſie ein Herz. An den Abenden, wo ſie auftrat, hatte die Direktion ſich jedesmal eines vollen Hauſes zu erfreuen, und auch das gehörte zu den Triumphen der Künſtlerin, daß ihretwegen mehrere Perſonen an der Kaſſe erdrückt worden waren. Sicherlich hatte ſie keine Ahnung von ſo großer Ehre, zur Zeit da ſie als Kind mit der Peitſche traktirt wurde und manchmal unter dem Geziſche des Publi⸗ kums von dem geſpannten Seile herabſiel. Aber noch nicht fünfzehn Jahre alt, erregte ſie die Theilnahme eines vornehmen und einflußreichen Mannes. Er machte ſie zu ſeiner Maitreſſe und verſchaffte ihr auf einem Pariſer Theater einen Platz in dem Ballet. Dieß war ihr erſtes Glück, wie ſie ſelbſt und ihre Bekannten es nannten. Seither hatte ſie in einer Reihe von Jahren die glänzendſten Erfolge gewonnen, und nicht bloß in D. erklärte man einſtimmig, daß ſie die größte DTän⸗ zerin der Welt ſei. Es iſt nicht meine Abſicht, hier in eine nähere Kunſtkritit über ihr Talent einzugehen. Mag es genü⸗ gen, daß ſie in allen Kreiſen der Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs war. Die Zeitungen waren voll von ihrem Lob. Man hatte ſie im Triumph durch die Straßen der Stadt gezogen. Eine Menge Blumenhändler hatten gute Ge⸗ ſchäfte gemacht, indem ſie ihre Bewunderer mit Bou⸗ quetten verſahen. Mehrere ausgezeichnete Künſtler hat⸗ ten um die Ehre gewetteifert, ihren Liebling auf Lein⸗ wand darſtellen zu dürfen, und Dutzende von Pvoeten ſchlugen die Leyern zu ihrem Lob. Es ſei auch fern von mir, den Werth des Tanzes, als ſchöne Kunſt be⸗ trachtet, herabſetzen zu wollen. Ich glaube gern, daß auch eine Tänzerin edle äſthetiſche Genüſſe ſchenken kann, ünd ich beklage höflich diejenigen, die in einem Ballet⸗ pas oder einer Attitüde niemals etwas Anderes als ein 151 finnliches Vergnügen finden konnten. Aber ich habe viele Urſachen zu vermuthen, daß Signora Pariſina ſich ihre ſouveraine Gewalt, ihren glänzenden Ruf nicht bloß als Künſtlerin erwarb. Die junge Dame war ein Ideal von ſüdlicher, üp⸗ piger Schönheit. Der lebhafte feurige Ausdruck in ihren regelmäßigen Zügen, der Verein von Weichheit und Kraft in ihrer ſyiphidiſchen Geſtalt und die vollkommene wunderbare Harmonie der Formen mußte jeden Schön⸗ heitsſinn entzücken. Sie gehörte zu denjenigen Weſen, welche Lieblinge des Himmels zu ſein ſcheinen, und bei denen es deßhalb nicht mehr als billig iſt, daß ſie gleich auf den erſten Blick auch unſere Lieblinge werden. Mit dieſer einnehmenden äußeren Schönheit verband Pariſina einen munteren Geiſt, einen funkelnden Witz und jene ungezwungene, ſogar übermüthige Converſa⸗ tion, jene verführeriſche Koketterie, die man nur hinter den Couliſſen holen kann, und die ſich für das andere Geſchlecht immer ſo unwiderſtehlich gezeigt hat. Da Signora Pariſina nebenbei noch etwas freie Anſichten über allerlei Gebote der Convenienz und Moral hegte, ſo machte ſie ſich durchaus kein Bedenken daraus, die ihr zu Gebot ſtehenden Mittel möglichſt auszubeuten. Die Erfahrung, im Vorbeigehen geſagt ihre einzige Schule, hatte ſie manches unfehlbare Mittel gelehrt, Be⸗ wunderer zu gewinnen und ihr Publikum zu beherrſchen. Ohne langes Beſinnen machte ſie Gebrauch davon und mehrte mit jedem Tag die zahlreiche Menge ihrer Siege. Kurz und gut, Signora Pariſina war ſehr groß in ihrer Kunſt, aber noch unendlich größer in dem Talent ſich modern zu machen. Es gibt manche ſehr große Städte, in denen gleich⸗ wohl eine unparteiiſche und gerechte Kritik nicht auf⸗ kommen kann. Man findet dort, daß der allgemeine Geſchmack ſich immer auf eine krampfhafte Art äußert, der Kunſtſinn leidet beſtändig an Convulſionen. Bald iſt es eine Tänzerin, bald eine Sängerin, bald ein 152 Kunſtreiter, denen es gelingt die Sympathie der Ton⸗ angebenden Coterie zu gewinnen, ſogleich ſteht der all⸗ emeine Enthuſiasmus in voller Flamme. Man ermüdet ſch dermaßen mit Uebertreibungen des Entzückens für den Löwen der Stunde, daß man für irgend ein an⸗ deres Talent, und wäre es von überlegenerem Werth, nicht einen einzigen Applaus mehr übrig hat, weil es für den Augenblick minder modern iſt. So aufgefaßt, iſt die Kunſt nicht ein Gott, der uns zum Himmel em⸗ porhebt, ſondern nur ein Götze, vor dem wir uns in den Staub hinabbeugen, und die wahre Bewunderung für das Schöne, die auf unſer Gemüth ſo veredelnd wirkt, verwandelt ſich jetzt in einen ausſchweifenden, ſinnloſen, erſchlaffenden und zerſtörenden Fanatismus. Zu den Geſellſchaften, wo ſich die Mode zur unbe⸗ ſchränkten Deſpotin der ſchönen Künſte erhoben hat, konnte man mit vollem Recht D. zählen. Eines Abends ſollte in der königlichen Oper da⸗ ſelbſt zwiſchen zwei Operrollen der drikte Akt des pracht⸗ vollen Ballets die Verſuchung aufgeführt werden. Signora Pariſina ſollte darin als Tochter der Hölle auftreten, und ihr zu Liebe hatte man ſich buchſtäblich herumgeſchlagen, um Billette zu dieſer Vorſtellung zu erhalten. Alle Plätze in dem großen Saal waren be⸗ ſetzt, und man ſah die ganze ſchöne Welt der Stadt allda verſammelt. Der Vorhang war bereits nach dem erſten Stücke gefallen, das trotz einer wohlgelungenen Aufführung vom Publikum mit der größten Gleichgültigkeit aufgenommen worden war, als der Regiſſeur vortrat und die Trauer⸗ kunde mittheilte, daß das beabſichtigte Ballet für den Abend unterbleiben müſſe, weil Signora Pariſina ganz plötzlich unwohl geworden ſei. Die Nachricht erregte allgemeine Senſation und rief einen allgemeinen Ausdruck, nicht des Mißvergnügens, ſondern der Klage im Saale hervor. Dreitauſend Men⸗ ſchen fühlten ſich in demſelben Augenblick zermalmt durch 153 die betrübte Neuigkeit. Eine Menge Zuſchauer„beſon⸗ ders auf den vornehmſten Plätzen, verließen ſogleich das Theater. Ach, was konnte man da wohl für ein Ver⸗ gnügen erwarten, wenn man die Tochter der Hölle, den Liebling der Dämonen nicht zu ſchauen bekam? Unter denjenigen, die den Saal zuerſt verließen, finden wir einen Mnni der durch ſeine ſtattliche Er⸗ ſcheinung, ſeine noble Haltung ſich eine allgemeinere Aufmerkſamkeit zuziehen mußte. Er mochte ungefähr in der Mitte der Dreißiger ſtehen, und obſchon er das Ge⸗ präge eines Menſchen trug, der, wie man zu ſagen pflegt, ſchnell gelebt hat, ſo beſaß er noch immer eine ungewöhnlich⸗ Kraft und Energie. Dieſer Mann war Graf Manfred, in der höheren Geſellſchaft bekannt als ausgezeichneter Mann, als wahres Orakel in allen Kunſtfragen. Er war es jetzt auch eigentlich, der ſo Viele veranlaßte, der Scene den Rücken zu kehren, ſo⸗ bald man erfuhr, daß Signora Pariſina für den Abend nicht auftreten würde. Graf Manfred beſaß eine Schaar von gehorſamen Vaſallen und konnte immer mit Sicher⸗ heit darauf rechnen, durch ſein Beiſpiel in gewiſſen vor⸗ nehmen Kreiſen den Ton anzugeben. Mit einer viel⸗ . leicht allzu ceremoniöſen Aufmerkſamkeit, bot er ſeiner Gemahlin, einer Dame in glänzender Toilette, aber klein, unſcheinbar und ganz häßlich, den Arm, führte ſie durch die Corridore und die Treppe hinab an die harrende Equipage. Nachdem er der jungen Gräfin Lebe⸗ wohl geſagt, warf er ſich ſelbſt in einen Miethwagen und rief dem Kutſcher den Namen der Straße und die Nummer des Hauſes zu, wo Signora Pariſina wohnte. Als der Graf in's Vorzimmer der berühmten Tän⸗ zerin trat, fand er daſelbſt bereits mehrere der vornehm⸗ ſten Cavaliere der Stadt verſammelt, ſämmtlich eifrige Bewunderer der Schönen, die hieher geeilt waren, um nähere Erkundigungen über ihren Zuſtand ein uziehen. »Wie befindet ſich unſere bezaubernde Lerpſcher 26 154 fragte der Graf, indem er mit einer leichten Verbeu⸗ gung die Geſellſchaft grüßte. Gott ſei Dank, unſere holde Beherrſcherin ſoll be⸗ reits auf dem Wege der Beſſerung ſein, antwortete Lieutenant von Wurmen mit dem halbflüſternden Ton, der einem Krankenzimmer angehört. Der Doctor er⸗ klärte ſo eben, ſie habe einen höchſt gefährlichen Krampf in dem rechten Herzohr gehabt, und er betheuerte, daß, wenn er nur eine einzige Minute länger ausgeblieben wäre, dieſer unglückſelige Anfall die ſchlimmſten Folgen hätte nach ſich ziehen können. Inzwiſchen ſoll noch im⸗ mer als eine Folge des geſtörten Cirkulationsſyſtems eine unvortheilhafte Herabſtimmung ihres Gemüthes ſtattfinden, und der Doctor vat uns, hier zu verweilen, im Fall die Signora wieder ſo weit zu Kräften gelange, daß ſie eine Zerſtreuung annehmen könne, die er ihr dann dringend anempfehlen wolle. „Ein höchſt fatales Ereigniß,“ verſetzte der Kabinets⸗ ſekretär Dacapo.„Signora Pariſina wäre als eine Toch⸗ ter der Hölle göttlich geweſen. Man kann mit Recht verlangen, daß ein ätheriſches Weſen wie ſie von allem phyſiſchen Leiden befreit ſein ſollte, und es muß Einem tief in's Herz ſchneiden, daß ein ſo ungewöhnliches Talent einem ſo ordinären einem ſo ſimpeln Lvos, wie das Krankwerden iſt, unterworfen ſein muß.“ „Leider iſt es eine Thatſache daß wir feiner fühlenden Menſchen auch in materieller Beziehung weit mehr und größeren Leiden ausgeſetzt ſind, als die rohe und un⸗ gebildete Maſſe,“ bemerkte der Kammerjunker Lebeaureſte, ein bleiches, ſehr blaſirtes Männchen.„Ich habe manche Dame gekannt,“ fuhr er fort,„die von einem einzigen Radelſtich ein brennendes Fieber bekam; aber ſchlagt einmal eine Bauerndirne mit einer Art mitten auf die Stirne, ſo wird ſie höchſtens ein paar Stunden Kopf⸗ weh haben Ach, es iſt eine ſchrecklich armſelige und ungerechte Welt, worin wir leben. Ich ſelbſt bin ja ein beklagenswerthes Opfer dieſer Ungerechtigkeit. Ach, 15⁵5 ich lebe bloß ein halbes Leben, denn die eine Hälfte vom Jahr amüſire ich mich, aber die andere muß ich mediziniren.“ Der Lieutenant führte das Geſpräch wieder auf die kranke Tänzerin. „Der Doctor,“ ſagte er,„hat mir im Vertrauen mitgetheilt, daß der ſchwere Anfall unſerer ausgezeich⸗ neten Wirthin von einer Gemüthserſchütterung her⸗ komme, die vermuthlich in einem minder zartfühlenden Benehmen des Theaterperſonals, das auf ihre Triumphe eiferſüchtig iſt, ihren Grund habe. „Sollte es möglich ſein!“ riefen mehrere Stimmen mit großem Unwillen. Wie unverſchämt von dieſen gemeinen Pfuſchern!“ „Der Doctor,“ fuhr von Wurmen fort,„hat mir ferner erzählt, daß die Signora mit großem Wohl⸗ behagen die Nachricht von der allgemeinen Beſtürzung, die ihr plötzliches Erkranken im Theater verurſacht, aufgenommen, und es ſoll ihr ganz beſonders geſchmei⸗ chelt haben, daß ein ſo großer und ſo glänzender Theil der Verſammlung ihr die Aufmerkſamkeit widmete, ſo⸗ gleich ihre Logen zu verlaſſen, als das Ballet abge⸗ ſagt war.“ Man kam allgemein dahin überein, daß die Auf⸗ merkfamkeit gegen die Signora nicht mehr als billig ge⸗ weſen ſei, und man machte dem Grafen Manfred Com⸗ plimente darüber, daß er den erſten Anſtoß zu einer ſo gerechten Huldigung gegeben habe. Jetzt trat der Dortor aus den inneren Zimmern heraus. „Meine Herren,“ ſagte er mit einem ſelbſtvergnüg⸗ ten Lächeln,„ich bin außer mir vor Freude, ja ich ſage es gerade heraus, vor Stolz auf meine Kunſt. Signora Pariſina iſt gerettet! Es iſt mir gelungen, ihre durch eine gewaltſame Nervenkriſis gelähmten Kräfte wieder in's Leben zu rufen. Nicht wahr, meine Herren, es iſt ein erhabenes Gefühl, das Bewußtſein, ein ſo entzückendes 156 Weſen gerettet zu haben? Alle Gefahr iſt jetzt vorbei. Die arme Reconvalescentin bedarf nur einer kleinen Anreizung ihrer geiſtigen Kräfte, damit das Syſtem wieder vollkommen in's Gleichgewicht kommt. Ich lade daher die Herren ein, der Signora durch ihre Geſell⸗ ſchaft eine angenehme Zerſtreuung zu bereiten; ſie war⸗ tet bereits.“ Mit dieſen letzten Worten öffnete der Doetor die Thüre des inneren Salons. Es war ein großes, im modernen Styl üppig möblirtes Zimmer. Die Wände waren mit dunkelrothen Tapeten überzogen, die in reichvergoldeten und ſkulpir⸗ ten Rahmen eingefaßt waren. Schwere Draperien von derſelben Farbe wie die Tapeten bedeckten die Fenſter und zwiſchen ihnen zeigten ſich koſtbare Spiegel, die von der Decke herab bis auf den Boden reichten; es ſpiegelten ſich darin Gruppen von köſtlichen Blumen ab, die ſich in einem Beet von friſchem Moos befanden. In dem marmornen Kamine loderte ſchwach eine dem Erlöſchen nahe Flamme. Im Uebrigen war das Zim⸗ mer bloß von einer einzigen Lampe beleuchtet, und, um den Schein derſelben noch matter zu machen, war die kryſtallene Kugel mit einem hellgrünen, fein durchbroche⸗ nen Spitzenſchleier bedeckt. In einer bequemen Lauſeuſe vor dem Kamin ruhte Signora Pariſina, ihren ſchönen Kopf auf ein Sam⸗ metkiſſen zurückgelehnt und die zierlichen Füßchen auf einen Schemel geſtützt, der mit Hermelin überzogen war. Die bezaubende Patientin war in einen großen weißen Shawl vom weichſten Kaſimir gehüllt, und ſie hatte ihre halbliegende Stellung mit ſo viel Grazie eingenommen, als häite ſie in dieſem Augenblick einem Bildhauer als Modell dienen müſſen. Graf Maufred ging an der Spitze der aufwarten⸗ den Schaar. „Grauſame Signora,“ begrüßte er ſie,„warum müſ⸗ ſen Sie uns immer ſo viel Unruhe bereiten?“ 157 Hierauf brachten die anderen Cavaliere im Chor ihr Bedauern und Mitleid vor. Alle verlangten zu wiſſen, wie ihr und der ganzen Stadt Liebling ſich be⸗ finde. Einer drückte ſeine Verzweiflung darüber aus, daß er ſie ſo blaß finde, ein Anderer verdolmetſchte ſei⸗ nen Schmerz über die Leiden, von denen er noch Spu⸗ ren an ihr zu entdecken glaubte; ein Dritter flehte ſie an, ſie möchte künftig vorſichtiger ſein und wohl be⸗ denken, daß jeder Schmerz, der ſie treffe, auch der gan⸗ zen kunſtliebenden Welt wehe thue u. ſ. w. Als Pariſina eine Weile mit Wohlbehagen dieſe für ſie ſo ſchmeichelhaften Phraſen angehört und all' dieſe von der wärmſten Theilnahme zeugenden Fragen mit entzückendem Lächeln beantwortet hatte, ſagte ſie abbrechend: „Jetzt, meine Herren, haben wir genug von die⸗ ſem traurigen Gegenſtand geſprochen. Meine Krank⸗ heit war, Gott ſei Dank! nur eine Bagatelle, eine kleine Laune. Die Natur des Weibes iſt immer launiſch, das wiſſen Sie ja wohl. Nehmen Sie jetzt Platz und erzählen Sie die Neuigkeiten des Tages„ Wie ging dieſe Operette heute Abend?“ „Ich weiß wahrlich nicht, ob ſie überhaupt ging,“ antwortete der Kammerjunker Lebeaureſte;„wenn Sie nicht da ſind, kann man möglicherweiſe für eine Operette Sinne haben: aber jetzt.. meinetwegen mag ſich un⸗ ſer ganzes Theaterperſonal in den Winterſchlaf legen wie die Bären; das wird mich ſehr wenig berühren.“ »Ach, ſo denken ſie nicht Alle,“ bemerkte die Sig⸗ nora;„in der einen Stunde Beifall und Vergötterung, in der andern Gleichgültigkeit und Kälte.“ „Wer kann wohl,“ verſetzte Lieutenant von Wur⸗ men,„ſeine Aufmerkſamkeit einem armen Gänſeblüm⸗ chen zuwenden, wenn man in ſeiner Nähe eine glühende oſe hat?“ „Dieſer Grundſatz charakteriſirt vollſtändig einen— Schmetterling.“ * 15⁸ „Ueberhaupt,“ fiel Graf Manfred ein,„muß jeder Mann von Geſchmack immer der Schönſten ſeine Hul⸗ digung weihen. In der Welt der Kunſt dürfen wir wenigſtens offen geſtehen, daß die Treue eine Feſſel wäre. Aber Sie, Signora, die Sie die höchſte Stufe der Vollkommenheit erreicht haben, können immer einer bleibenden Herrſchaft verſichert ſein.“ „Es thut mir dennoch leid um dieſe armen Sän⸗ ger und Sängerinnen, die ſo verurtheilt ſind, Tag für Tag ihre Kräfte in einer Bemühung zu opfern, die weder Früchte noch Blumen einträgt. Ich werde ihnen bei der erſten Gelegenheit mit Händen und Füßen applaudiren, ich werde ſie mit Blumen bewerfen, und wenn ich es ganz allein thun müßte. Ach, glauben Sie mir, die Bahn eines Künſtlers hat oft ſehr ſchwie⸗ rige Hügel, und es iſt ein höchſt unbilliges Verlangen, daß die Kunſt vorwärts gehen ſolle, wenn man den Künſtler zurückſtößt. Aber ich darf es nicht verſchwei⸗ gen, das Schickſal iſt oft freundlicher, als die Menſchen, und deßhalb haben wir Künſtler in unſerer unendlichen Eigenliebe einen ſicheren Troſt für alle Kälte der Welt empfangen. Ja, im Vertrauen geſagt; es gibt auf der ganzen Welt keine ſo eigenliebige Geſchöpſe als das Künſtlervolk. Der Tragiker, deſſen Jammern ein ſchal⸗ lendes Lachen hervorruft, der Komiker, deſſen luſtige Späſſe das Publikum gähnen machen, ſie glauben nie⸗ mals, daß der Fehler an, ihnen ſelbſt und an ihrem Spiel liege. Nein, es liegt, behaupten ſie, an einem dummen und einem gefühlloſen Publikum. Und was glauben Sie wohl, daß der ausgeziſchte Schauſpieler empfinde? O, er betrachtet ſich als einen Märtyrer der Kunſt und hat nichts als Mitleid für das ſchlechte Ur⸗ theil ſeiner Zuhörer. Dieſe mißlungenen Anſtrengun⸗ gen, dieſe verletzte Eigenliebe erzeugen bei den Kindern der Seene eine flammende Rachbegier und die gemein⸗ ſten Intriguen. Ihr Haß trifft dann immer denſenigen, der ſo gluͤcklich war, einen beſſern Erfolg zu gewinnen⸗ 159 Der Neid macht ſie zu grimmigen Furien. Ja, ja, ich weiß wohl, wie es hinter den Couliſſen zugeht.“ „Signora!“ rief Graf Manfred,„iſt es wirklich wahr, daß man ſich unterſtanden hat, Sie zu beleidi⸗ geu? Findet ſich wirklich ein Weſen, das frech und nie⸗ derträchtig genug wäre, um auch nur einen einzigen Augenblick Ihre Ruhe zu ſtören? Dieß iſt eine Sache, die uns Alle berührt und unſere höchſte Beeiferung in Anſpruch nimmt.“ „Mein beſter Graf, beruhigen Sie ſich. Wer ſo lange wie ich in der Theaterwelt gelebt hat, der beſitzt auch den Muth, ſelbſt ſeinen Fuß auf den Kopf der Schlange zu ſetzen.. Laſſen Sie uns nicht mehr da⸗ von reden; aber verſprechen Sie mir, mein Herr, daß Sie mir zu Liebe, Ihren armen Sängerinnen einmal eine kleine Aufmunterung ſchenken wollen. Applaudiren Sie ihnen ein Bischen, das wird auf ſie ſo erfriſchend wirken, wie der Regen auf eine vertrocknete Wieſe, oder befehlen Sie wenigſtens Ihren Bedienten, zu applaudiren.“ „Wahrhaftig, ein guter Einfall, Signora,“ riefen mehrere Stimmen.„Ja, ja, wir wollen unſere Be⸗ dienten ſchicken, um ihnen zu applaudiren. Hahaha! das wird einen luſtigen Auftritt geben.“ Pariſina that, als ob ſe ihren Einfall bereute, und bat noch einmal, man möchte gegen die armen Leutchen artig ſein. „Sie find gar zu edelmüthig,“ antwortete der Graf und ſetzte ſich zu Pariſnn in die Cauſeuſe oder viel⸗ mehr auf einen kleinen damit zuſammenhängenden Sche⸗ mel, eine Art Hundsfott, wenn man ſo will, aber von dem Erfinder offenbar für intime Verhältniſſe beſtimmt. Die übrigen Gäſte fanden ſich bei dieſem Vorboten einer vertraulicheren Unterredung veranlaßt, ſich zurück⸗ keteien Dieſe Herren, die eigentlich keine Anſprüche beſaßen, die ſpecielle Gunſt der gefeierten Dame zu ge⸗ winnen, begnügten ſich im Allgemeinen damit, den Schweif ihrer ausgezeichneteren Anbeter zu bilden, und 160 fanden ſich übrigens hochgeehrt, Zutritt in ihren Sa⸗ lon zu erhalten und in der Stadt erzählen zu können, an dem und dem Abend ſoupirte ich bei Signora Pa⸗ riſina. Sie bildeten jetzt zerſtreute Gruppen und ließen ſich die leckeren Erfriſchungen, die umhergeboten wur⸗ den, wohl munden. Der Graf fuhr mit einer ſo gedämpften Stimme, daß nur die Signora ihn hören konnte, alſo fort: „Meine lebhafte Theilnahme an Ihren Schickſalen darf Sie nicht in Erſtaunen ſetzen; ich rechne dieſe Theilnahme zu meinen ſchönſten Gefühlen, und Sie wiſſen, daß ich ſeit Ihrem erſten Auftreten dahier mir eine Ehre daraus gemacht habe, mich, ſo weit mein unbedeutender Einfluß reichte, zu Ihren Gönnern zu zählen, gleichwie es mir immer eine Ehre ſein wird, Ihr Bewunderer bleiben zu dürfen. Wer Ihnen als Künſtlerin zu nahe tritt, der beleidigt mich; wer aber Herzen weh thäte, der würde mich unglücklich machen. „Herr Graf,“ antwortete Pariſina in einem halben Geflüſter, das ſie unendlich angenehm zu machen ver⸗ ſtand,„ich werde Ihren Beifall immer zu meinen größ⸗ ten Triumphen zählen. Bei Ihrem Geiſt und feinen Geſchmack ſind Sie ein ganz ungewöhnlicher Kunſtkri⸗ tiker; noch etwas Ungewöhnlicheres aber iſt ein Freund mit Ihrem Herzen.“ „Ach, ſprechen Sie nicht von meinem Herzen, be⸗ zaubernde Pariſina. Das iſt gerade, als ob Sie von der Krone eines abgeſetzten Königs ſprächen. Es gibt Revolutionen nicht bloß in der Welt der Politik, ſon⸗ dern auch in der Welt des Gefühls, und mancher ſtolze Souverain iſt dadurch in einen demüthigen Sclaven ver⸗ wandelt worden.“ „In gewiſſen Staaten ſind die Revolutionen leider eine Art von Gewohnheit geworden, eine unglückliche, prriodiſche Krankheit, und man ſoll dort einen Eid der Treue als die unbedeutendſte Bagatelle betrachten.“ 161 „Sie ſind ſarkaſtiſch, Signora.“ „Nun wohl, ich will dafür ein ehrliches Beicht⸗ bekenntniß ablegen. Hören Sie alſo, es gibt kein Wort, das mir ſo unbegreiflich vorkommt, wie das Wort Treue. Graf Manfred, ſagen Sie mir, was will es eigentlich bedeuten, treu zu ſein 26 „Laſſen Sie mich zuerſt wiſſen, ob Sie das Wort Liebe beſſer verſtehen.“ „Und eine ſolche Frage können Sie an eine Tän⸗ zerin thun?.. Ich ſollte böſe auf Sie werden.“ „Zuweilen leſe ich in Ihrem Blick die lieblichſte Erklärung dieſes Wortes, zuweilen wieder entſetze ich mich über Ihre Nordpolkälte. Sie haben angefangen, d zu ſein, fahren Sie fort, ich bitte dringend arum.“ Da muß ich ein Vild aus der Gaſtronomie ent⸗ lehnen. Sie ſind doch wohl auch ſchon mit brennen⸗ dem Eis ſervirt worden. Es gibt viele von uns Frauen, die dieſem köſtlichen Ding ungemein gleichen. Selbſt der Hekla, dieſer glühende Vulkan, iſt ja von Schnee und Eis umhüllt; ich glaube wirklich, daß ich juſt ein Vulkan von dieſer Art bin. Sagen Sie, was denken Sie von einer ſolchen Natur?“ „Ich denke gar nichts, ich bewundere bloß... Laſſen Sie mich hoffen, daß das Eis einmal ſchmelzen werde und dann...“ „Hüten Sie ſich vor der gewaltſamen Eruption.“ „Ich ſelbſt habe viel von der Natur des Salaman⸗ ers: mögen Feuer und Flammen unſer Wahlſpruch werden!“ Feuer und Flammen,“ wiederholte Pariſina und in ihren Blicken flammte dieſe Antwort noch deutlicher. Die Signora hatte die Gewohnheit, Ernſt und Scherz mit einander zu vermiſchen, auf eine Art, daß man nicht immer verſtand, was ihre eigentliche Meinung war. Aber jetzt erſchien ſie dem Grafen wahrer als je, Ein Funken. I. 1 162 und in ſeinen Gedanken ſang er ein Tedeum für den Sieg, den er über ihr Herz gewonnen zu haben glaubte. In dieſem Augenblick trat ein neuer Gaſt in den Salon. Es war der Direktor der königlichen Oper, Baron Stanislaus, der nach beendigtem Schauſpiel hie⸗ her geeilt war, um ſich über Pariſina's Zuſtand zu erkundigen. Baron Stanislaus gehörte zu denjenigen Perſonen, von deren guten Eigenſchaften man wenig zu ſagen hat, die aber dennoch ehrenwerthe und anſtändige Männer genannt werden. Nie hatte er ſich irgendwie größere Verdienſte erworben oder Proben von einer aus⸗ gezeichneten Geſchicklichkeit abgelegt, und gleichwohl hatte er in ſeiner Beamtenlaufbahn ein ſchnelles Glück ge⸗ macht und war ſchon vor mehreren Jahren zum Direktor der königlichen Oper in D. ernannt worden, ein Platz, der hier in hohem Anſehen ſtand. Da der Baron früher niemals beſondere Einſicht in Betreff der ſchönen Künſte an den Tag gelegt, ſo hatte ſich das Publikum über ſeine Beförderung zum Theaterchef ſehr verwundert, zu⸗ mal nachdem man erfahren hatte, daß Graf Manfred, ein Mann, der ſehr empfehlende Eigenſchaften für dieſen Poſten zu beſitzen ſchien, einer ſeiner Concurrenten ge⸗ weſen war. In der That ſelbſt war auch Baron Stanis⸗ laus über den Vorzug, den eine gnädige Regierung ihm zuerkannte, höchlich überraſcht. Im Uebrigen verſcheuchte er alle Zweifel an ſeiner eigenen Geſchicklichkeit mit dem alten fataliſtiſchen Satz: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verſtand. Er wurde alſo Theater⸗ direktor von Gottesgnaden, und das Glück hatte ihm bisher auf dieſer Bahn zur Seite geſtanden. Beſondere Ehren erwarb er ſich in der Ausübung ſeines neuen Berufs nicht, ſo wenig jetzt, als ſonſt je, aber er wußte ſich doch ſo ziemlich darin zurechtzufinden. Das Engagement der berühmten Tänzerin Signora Pariſina hatte ſich trotz ihres großen Gehalts als vor⸗ theilhaft für das Theater erwieſen, und der Direktor 163 war nicht wenig ſtolz auf dieſen Coup. Er hatte hierzu auch noch einen andern, ihn ſelbſt weniger berührenden Grund. Er war, ſo hieß es allgemein, begünſtigt unter allen Anbetern dieſer Damen. Wie! liebte Pariſina wirklich dieſen garſtigen, vierzigjährigen und ſowohl an Kopf als an Herz gänzlich mittelmäßigen Mann? Signora Pariſina war ein Weib, deſſen zärtliche Gefühle jetzt nur noch ſelten in einiges Brauſen kamen, aber ſie war ſchlau und berechnend, und es gehörte zu ihren bleibenden Principien, einen jeden Theatervorſtand, von welchem ſie abhing, zu ihrem Liebhaber zu machen. Mit der ausſtudirten Geſchicklichkeit, die nur eine viel⸗ jährige Routine zu verleihen vermag, wußte ſie ihre Netze auszuwerfen, und dießmal hatte ſie keiner großen Anſtrengungen bedurft, um ihre allgemeinen Regeln anzuwenden. Baron Stanislaus befand ſich bald gänz⸗ lich in ihrer Gewalt. Der arme Mann! ſeine Eitelkeit machte ihm weiß, daß er die glänzendſte, die beneidens⸗ wertheſte Eroberung gemacht habe, und gleichwohl mußte er dieſe Selbſttäuſchung theuer bezahlen. Der Lieb⸗ haber der Signora konnte nichts Anderes als ihr Sclave ſein. Ihre gewöhnliche Taktik war die grau⸗ ſamſte. Nachdem ſie ſich ihres Opfers verſichert hatte, konnte kein gekröntes Haupt tyranniſcher ſein als ſie. Indem ſie ſich all dieſer vielfachen Mittel, um einen Mann auf die Folterbank zu legen, bediente, die einem Weib zu Gebote ſtehen, das ſich herabläßt, mit ihren Reizen zu wuchern, ſchuf ſie für ihre Günſtlinge eine Kette von tantaliſchen Qualen, und wenn ſie ihnen jemals eine kleine Gunſt gewährte, geſchah dieß bloß, um im nächſten Augenblick noch deſpotiſcher, noch an⸗ ſpruchsvoller ſein zu können. Da der Direktor ganz ſtill und unbemerkt eintrat, ſtörte er das vertrauliche Geſpräch zwiſchen der Signora und dem Grafen Manfred nicht. iePt hatte 164 im Allgemeinen ein Aber gegen dieſen Mann, dem es gelungen war, ſich in der faſhionablen Welt den Ruf eines Kunſtkenners zu verſchaffen, und der es gewagt hatte, gewiſſermaßen dem Herrn Theaterchef in's Amt zu greifen, dadurch, daß er ſich als Beſchützer der Kunſt aufwarf; aber noch verhaßter wurde ihm der Graf durch den Umſtand, daß er offenbar in der Gunſt der Signora hoch ſtand. Der Direktor meinte ein aus⸗ ſchließliches Vorrecht auf die Gunſt dieſer Schönheit zu haben und betrachtete jetzt aus doppelten Gründen den Grafen als ſeinen Nebenbuhler. Als er nun Zeuge der zärtlichen Scene auf der Cauſeuſe wurde, da flammten Eiferſucht und Haß ge⸗ waltſam in ſeiner Bruſt. Unter dieſer heftigen Gemüths⸗ bewegung gab er zufällig dem Piano, neben welchem er ſtand, einen ſtarken Stoß. Das Getöſe verurſachte, daß die Signora ihre Blicke nach der Thüre richtete. Sie gewahrte ihren neuen Gaſt und winkte ihn ſogleich an ihre Seite. Graf Man⸗ ſ ſtand auf, und der Baron nahm den Hunds⸗ ott ein. Es war eine gute Weile erforderlich, bis er ſich nach der Verwirrung erholen konnte, die das Feuerwerk in Signora's Blicken immer bei ihm hervorbrachte; aber nachdem er einmal eine Weile im Feuer geweſen, nahm er ſeinen Muth zuſammen und ſagte ziemlich ſarkaſtiſch: „Es hat mir zu einer ganz beſonderen Befriedigung gewährt, vor einigen Minuten Ihr téte-à-téte mit dem Grafen Manfred zu ſehen. Die ungewöhnliche Leb⸗ haftigkeit Ihres Geſprächs mit dieſem liebenswürdigen Ritter, dem auserkorenen Günſtling aller Damen, iſt mir ein Bürge für Ihre vollkommene Wiedergeneſung.“ „Ich glaube, Sie wollen bitter ſein: das ſteht Ihnen ſchlecht,“ antwortete Pariſina, ihrer Gewalt viel zu ſicher, um ſeine üble Laune zu fürchten. „Sie würden mich vielleicht liebenswürdiger finden, wenn ich ſowohl taub als blind wäre.“ 2 165 „Herr Baron,“ antwortete Parifina, indem ſie ſich tief beleidigt ſtellte,„dieſer Augenblick iſt ſehr ſchlecht gewählt für einen Scherz. Wenn wir Beide unſere gegenſeitige Rechnung abſchließen wollten, ſo wären ſicherlich Sie nicht derjenige, der mit unhezahlten For⸗ derungen pochen könnte. Tauſendmal haben Sie be⸗ theuert, daß Sie, um auch die geringſte Unannehmlich⸗ keit, die mich treffen könnte, aus meinem Wege zu räumen, entſchloſſen wären, die größten Opfer zu brin⸗ gen, und gleichwohl hat man auf dem Theater, über welches Sie gebieten, gewagt, mein Talent gering zu ſchätzen, ja ſogar meine Perſon zu beleidigen.“ »Meine beſte Signora—“ »Unterbrechen Sie mich nicht. Sie wiſſen recht gut, als ich nach der Repetition heute Vormittag, welche Sie nicht mit Ihrer Gegenwart beehrten, in meine Kleiderloge trat, ſo hatte man dort eine Zeichnung auf⸗ gehängt, die eine grobe Karrikatur auf mich ſelbſt war, und noch ein plumpes Pasquill beigefügt, das meine Kunſt ſchmähte, meine Tugend verkleinerte und mit der Drohung ſchloß, mich öffentlich zu chikaniren, wenn ich nicht unverzüglich dieſe Stadt verließe. Daß dieſe gemeine Intrigue unter den Mitgliedern des Corps an⸗ gezettelt worden iſt, deſſen Chef zu ſein Sie die Ehre haben, das unterliegt keinem Zweifel. Dieſes elende Lumpenpack hat ſich über meine Erfolge geärgert und die ſchlechte Disciplin im Theater hat den Leutchen Ge⸗ legenheit verſchafft, ihrer Galle Luft zu machen. In Wahrheit, Herr Baron, Sie ſind ein ebenſo unver⸗ gleichlicher Direktor, als Beſchützer.“ Nach dieſer ſtrengen Lektion ſah ſich der arme Di⸗ rektor gänzlich geſchlagen. Die fakale Geſchichte von dem Ereigniß in der Loge der Signora, das unleugbar der Ordnung im Theater keine Ehre machte, war ſchon lange zu ſeiner Kenntniß gelangt, aber noch hatte er. nicht entdecken können, von wo die Chikane eigentlich ausgegangen war. 166 „Ich hatte einen Vorwurf erwartet,“ antwortete er,„aber ich hatte gehofft, daß mein unbedingtes Wohl⸗ wollen für Ihre Perſon, meine Bewunderung für Ihre entzückende Kunſt bei Ihnen zu einer ſo feſten Ueber⸗ zeugung geworden wäre, daß Sie nicht mit ſolch ſtrengen Worten einen Fehler ſtrafen würden, den man billiger Weiſe mir nicht aufbürden kann⸗ Ich wage, zu be⸗ haupten, daß mein Herz durch dieſes Ereigniß bereits grauſamere Qualen erlitten hat, als Ihr eigenes... Glauben Sie mir, liebenswürdige Signora, die Fäden dieſer abſcheulichen Intrigue liegen tief, ja auf meine Ehre, ſehr tief.“ „So mag denn Ihr ſcharfer Blick in dieſe Tiefe eindringen!“ „Ich bin der Intrigue bereits auf der Spur. O, ich war unermüdlich in meinen Nachforſchungen, und ich verſichere Sie, daß Perſonen, die gänzlich außerhalb meinem Terrain ſtehen, ihre Hand mit im Spiele ge⸗ habt haben. Die Sache iſt ungemein verwickelt, aber mein Argwohn ruht auf den zuverläſſigſten Gründen.“ „Ich verlange, daß Sie mir den Gegenſtand dieſes Argwohns nennen.“ Um ſich ſelbſt zu entſchuldigen, hatte der Direktor in ſeiner Noth die ganze Behauptung von ſeinem wohl⸗ begründeten Argwohn inproviſirt. Da er jetzt gezwun⸗ gen war, ſich deutlicher zu erklären, ſo kam er in große Verlegenheit. Er fühlte ſich wie auf glühendem Eiſen, und große Schweißtropfen perlten über ſeine Stirne. In dieſem Augenblick warf er ſeine umherſchweifenden Blicke auf den Grafen Manfred. Eine, wie ihm ſchien, ſehr glückliche Idee fuhr ihm jetzt durch den Kopf, und er trug kein Bedenken, ſich mit einer Nothlüge zu retten, zumal da er bei dieſer Gelegenheit zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen glaubte. 3„Sie zwingen mich alſo, vollkommen aufrichtig zu ſein. Mögen Sie mir den Schmerz nicht anrechnen, den dieſe Mittheilung Ihnen ganz ſicherlich verurſachen 2 167 wird! Signora, Sie ſind von falſchen Freunden um⸗ geben. Es findet ſich wenigſtens einer unter Ihren ſehr eifrigen Bewunderern vor, der unter dieſer Maske die niedrigſten Abſichten verbirgt und Sie mit einem feinen Netze umſpinnt, worin er Sie eines ſchönen Tags als ſeinen eigenen Raub zu fangen gedenkt. Dieſe Perſon hegt ſchon ſeit längerer Zeit einen unauslöſchlichen Haß gegen mich. Mich von meinem Poſten, dem Gegenſtand ſeines Neides, zu ſtürzen, iſt ſeine beſtimmte Abſicht, und da er ganz gut einſieht, daß das Theater für den Augenblick in Ihnen ſeine einzige Stütze hat, ſo müſſen jetzt Sie vor allen Dingen aus dem Wege geräumt werden. Das Ereigniß des heutigen Tags ſteht mit Intrigue in einigem Zuſammen⸗ hang.“ „Schnell ſeinen Namen; ich bitte, ich brenne vor Ungeduld!“ „Nun wohl, mein Verdacht ruht auf dem Grafen Manfred.“ Dieſe Nachricht machte auf Pariſina ſichtlich einen tiefen Eindruck, rief jedoch keinen aufflammenden, hef⸗ tigen Zorn bei ihr hervor. Sie wurde bloß ſehr blaß, und ein beinahe unheimlicher Hohn verjagte all die kleinen Liebesgötter, die ſonſt ihr ſchönes Vaterland um ihre Lippen hatten. Seit vielen Jahren hatte kein Mann ihr Herz ſo zu erwärmen vermocht, wie Graf Manfred; erſt heute Abend hatte ſie mit unbeſchreib⸗ lichem Behagen dieß erfahren, und jetzt...jetzt ſollte er ein Verräther ſein. „Graf Manfred,“ rief ſie zuerſt,„das iſt unmög⸗ lich doch nein,“ fügte ſie bald darauf mit kalter Ruhe hinzu,„es muß ſo ſein. Er war ja kaum noch ſo warm, ſo zärtlich, ſo anbetend; dieß iſt das ſicherſte Zeichen von Allem. Ja, Sie haben Recht, Herr Baron, Graf Manfred iſt wirklich derjenige, der gegen mich in⸗ triguirt; ich danke Ihnen für die Mittheitung.“ Die Signora verſank eine Weile in tiefe Gedanken. 168 Als ſie daraus erwachte, ſchien ſie wieder bei guter Laune zu ſein. „Meine Herren,“ ſagte ſie in ſcherzhaftem Ton, in⸗ dem ſie ſich an die ganze Geſellſchaft wandte,„unſer guter Direktor iſt heute nicht zum Beſten aufgelegt; kommen Sie ihm zu Hülfe und verſcheuchen Sie die die ſich unter meinem Dach nicht einfinden arf. Die Gäſte ſammelten ſich auf's Neue um die Sig⸗ nora. Jeder bot eifrig ſein ganzes Talent auf, um ihrem Wunſch entgegenzukommen. Das Geſpräch kam auf's Neue in Gang. Muntere Einfälle und Scherz⸗ reden riefen häuſige Lachſalven hervor. Man erzählte allerlei Geſchichtchen und Anekdötchen; man verſchmähte es auch nicht, nach herkömmlichem Brauch ſich mit ver⸗ leumderiſchem Spott auf Koſten ſeines Nächſten luſtig zu machen. Die Lebhaftigkeit der Signora war ent⸗ zückend. Ihre blitzenden Repliken, ihr ſpielender Scherz riefen einen wahren Carnevalsrauſch hervor. Als die allgemeine Heiterkeit auf ihre höchſte Spitze gelangt war, ergriff die liebenswürdige Wirthin einen vollen Champagnerkelch, und indem ſie ihre Gäſte auf⸗ munterte, ihrem Beiſpiel zu folgen, ſagte ſie aufgeräumt: „Ich möchte gerne einen Toaſt vorſchlagen, aber es fehlt mir an Zdeen. Welche barmherzige Seele kann mir eine Idee leihen?“ „Ich habe gewiß von Allen den beſten Vorſchlag, den man in der Welt finden kann,“ antwortete ſogleich Graf Manfred.„Es iſt ein Toaſt auf Sie ſelbſt, auf Ihre glücklich wieder gewonnene Geſundheit.“ „Halten Sie ein,“ unterbrach ihn Pariſina, ich habe jetzt ſelbſt einen noch weit glücklicheren Einfall, Herr Graf. Meine Herren, einen Toaſt auf die Schlange im Paradies!“ Die Gläſer wurden geleert, man nahm den Ein⸗ Su. 3 einen glücklichen Scherz und lachte herzlich darüber. 169 „Still!“ ſagte Pariſina, nachdem auch ſie ihr Glas ausgetrunken hatte,„ſtill!.. findet ſich hier Niemand, der auf den Toaſt antwortet?. Welche Beſcheiden⸗ heit!— Graf Manfred, Sie ſehen ſo nachdenklich aus. Vielleicht grübeln Sie über die Frage nach, auf welche Sie mir ſo eben die Antwort ſchuldig blieben: die Frage, was Treue beſagen wolle:.. Apropos, wie befindet ſich Ihre ſchöne Frau?“ In dieſen Worten lag ein bitterer Hohn, der Kei⸗ nem aus der Geſellſchaft entging. Graf Manfred lächelte, aber dieſes Lächeln bedeu⸗ tete nichts Gutes. „Sie ſind noch krank, Signora,“ ſagte er,„das hört man deutlich.“ Dann verließ er den Kreis und ſetzte ſich an den Tiſch, wo er in einigen Kupferwerken blätterte. Die allgemeine Fröhlichkeit erſtarb wie von einem Mordſchlag getroffen. Das Schweigen, das jetzt entſtand, war ganz be⸗ ſonders peinlich für Baron Stanislaus, der eine ernſt⸗ hafte Erklärung zwiſchen der Signora und dem Grafen zu fürchten ſchien, wobei er ſelbſt ſchwer compromittirt werden konnte. Er beeilte ſich daher, ein neues Ge⸗ ſpräch einzuleiten. „Meine Herrſchaften,“ ſagte er,„ich habe es ganz und gar vergeſſen, Ihnen eine für uns Alle intereſſante Neuigkeit mitzutheilen. Ein ſehr angeſehener Geſang⸗ lehrer in unſerer Stadt hat ſeit einigen Monaten oft mit mir von einer ſeiner Schülerinnen geſprochen, einem jungen Mädchen aus der Provinz, das nach ſeiner An⸗ ſicht eine ausgezeichnete Stimme und große Anlagen für die Bühne beſitze. Von tauſend Geſchäſten in Anſpruch genommen, hatte ich dieſer Empfehlung keine ſonderliche Aufmerkſamkeit geſchenft. Es iſt etwas ſo Gewöhn⸗ liches, daß die Herren Geſanglehrer ihre Schülerinnen loben, und ſollten wir alle ihre ausgezeichneten Talente beim Thegter beſchäftigen, ſo hätten wir bald das ganze —— 170⁰ Haus von lauter Sängerinnen voll. Inzwiſchen begeg⸗ nete ich juſt heute dem genannten Geſanglehrer zufällig auf der Straße. Er begann wieder die ſchönſten Lob⸗ preiſungen über die vortreffliche Stimme des jungen Mädchens und ließ mich nicht los, bis ich ihm ver⸗ ſprochen hatte, mit ihm nach Hauſe zu kommen, um da ſogleich die Bekanntſchaft der wunderbaren Schülerin zu machen. Ich muß geſtehen, daß ich wirklich auf eine angenehme Art überraſcht wurde. Man ſtellte mir ein blühendes Mädchen vor. Wenn ich ſagen wollte, ſie ſei ſchön, ſo würde ich zu viel ſagen, wenigſtens jetzt, wo ich ſo glücklich bin, Sie, Signora Pariſina, vor meinen Augen zu haben; wenn ich dagegen ſagte, ſie ſei hübſch, ſo würve ich zu wenig ſagen. Sie beſaß in ihren edlen, feinen Geſichtszügen, in ihrer hohen, ſchlanken Geſtalt einen Ausdruck, der mir unwillkürlich imponirte. Sie begann zu ſingen. Die Stimme war vortrefflich, die Töne rein, klangvoll, ſtark, und dabei beſaß ſie ein gewiſſes dramatiſches Leben, eine Farbe in ihrem Vor⸗ trag, die mich ganz beſonders einnahm.“ „Wir gratuliren Ihnen von Herzen,“ ſiel der Kammerjunker Lebeaureſte ein. Mit einer neuen Prima Donna wird eine neue Aera für die königliche Oper beginnen, die alte iſt ſchon lange ganz ausgeſchrieen und reif, um ſich penſioniren zu laſſen.“ „Ich glaube wirklich einen glücklichen Fund gethan, eine gute Aequiſition für das Theater gemacht zu haben. Mamſell Leopoldine, ſo iſt ihr Name, beſitzt einen un⸗ verkennbaren Beruf zur dramatiſchen Sängerin, und ohne Zweifel wird ſie es auf dieſer Bahn weit bringen. Sie lebt mit einer ſchwärmeriſchen Hingebung bloß für die Kunſt, und ihr Lehrer erzählte mir die wunder⸗ barſten Sachen von ihrem muſikaliſchen Talent und ihrer genialen Auffaſſungsgabe. Zuweilen ſoll ſich ihr weiches Gefühl ſogar in den erhabenſten Inſpirationen kund thun. Ich hörte ſie, wie geſagt, mit ebenſo großem Erſtaunen als Vergnügen an und verſprach ihr, ſe ſolle 17¹ binnen Kurzem debutiren dürfen. Ihre Freude darüber war rührend anzuſehen. Sie wird ſich in einigen Tagen auf dem Theater einfinden, um ſich da mit mir und dem Kapellmeiſter über ihr erſtes Auftreten zu be⸗ rathen.“ „Bravo!“ riefen mehrere der kunſtliebenden Gäſte. „Wir bedürfen wirklich etwas Neues, etwas Erfriſchen⸗ des in dieſer Beziehung.“ Signora Pariſina hatte während des letztern Theils der Erzählung des Barons große Unruhe verrathen. Ihre Stirne verdüſterte ſich plötzlich. Sie drückte die Hand an's Herz, gleich als hätte ein Leiden ſie gequält, und lehnte ſich ſchtlich ermattet noch tiefer in die Sammetkiſſen. „Meine Herren,“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme, „ich fürchte, ich habe mich gar zu lange an Ihrer an⸗ genehmen Geſellſchaft erfreut. Meine Kräfte beginnen mich zu verlaſſen.“ Bei dieſen Worten der Tänzerin malte ſich große Bekümmerniß und lebhafte Theilnahme auf den Ge⸗ ſichtern der Gäſte. Man brach augenblicklich auf und miſchte ſo viele Schmeicheleien in die Abſchiedscompli⸗ mente, daß auch der geſundeſte Menſch eine ſo ſtarke Doſis kaum hätte ertragen können. Nur Graf Manfred verbengte ſich kalt und ſteif, ohne ein Wort zu ſprechen. Als Baron Stanislaus, der zuletzt hinausging, die Thüre erreicht hatte, winkte die Signora ihm zurück, und er blieb allein mit ihr im Salon. „Wünſchen Sie, daß ich einen Arzt holen ſoll 2“ fragte er zärtlich. Pariſina antwortete nicht, aber nach einer langen Pauſe ſprang ſie mit einer raſchen Bewegung von ihrem Sitze auf. Alle Mattigkeit war jetzt auf einmal ver⸗ ſchwunden. Mit einer Heftigkeit, die durchaus keinen Mangel an Kraft verrieth, ging ſie mehrere Male im Zimmer auf und ab, blieb endlich vor dem über eine 12 ſo unerwartete Verwandlung höchſt verwunderten Baron ſtehen, ſtemmte ihre Hände in die Seite und ſagte, während die Röthe des Verdruſſes auf ihren Wangen flammte: „Mein Herr, glauben Sie, daß Gott irgend ein Geſchöpf weniger zartfühlend geſchaffen habe, als Sie ſelbſt2“ „Um's Himmelswillen, Signora, welche Frage!“ ſtammelte der arme Mann gänzlich verblüfft. „Ach!“ rief die erzürnte Schöne, indem ſie ihm wieder den Rücken kehrte und ihre heftige Promenade fortſetzte, wobei an Stühle, Tiſche und was ſonſt noch die Unart hatte, ihr im Wege zu ſtehen, verſchiedene unſanfte Püffe ausgetheilt wurden,„ach, dieſe Menſchen bringen mich noch um's Leben!... der Neid, die Falſchheit, die Dummheit haben ſich verſchworen, mich zu vernich⸗ ten.. Auf dem Theater Chikanen, im Krankenzimmer Conſpirationen!... Aber wartet, ich bin keine Fliege, die man in einem Spinnennetze fängt; ich laſſe mir nicht ſo leicht eine Naſe drehen.. Herr Direktor, ich verlange ſogleich meinen Abſchied Hören Sie, ſo⸗ gleich; ich tanze nicht einen einzigen Pas mehr in dieſer verdammten Stadt.“ „Kommen Sie zur Beſinnung, Signora Pariſina; dieſer ganze unangenehm⸗ Auftritt iſt mir ein Räthſel“ „Sie begreifen alſo ihre eigene Niederträchtigkeit nicht... Undvergleichlicher Mann. Sie ſind wahrhafti eine höchſt lächerliche Perſonage! hahaha„i kann nicht umhin, über Ihre Originalität zu lachen.“ „Wollen Sie den einzigen aufrichtigen Freund von ſich ſtoßen, den Sie beſitzen?.. Ich geſtehe, daß ich nicht erwartet habe, einen ſo unerklärlichen Zorn zu finden, und nur mein Herz iſt es, das mich gegen meinen eigenen Willen hier zurückhält.“ „Ha, vortrefflich!.„ Ihr Herz! Ach, armer Mann, Sie müſſen wirklich ein ſehr gutes, ein ſehr 173 feinfühlendes Herz haben, und noch obendrein einen unvergleichlichen Kopf.“ „Signora. 4 „Sie haben mir geſagt, daß Graf Manfred gegen mich intriguire... Ich zweifle nicht daran, aber ich muß ihn dennoch reſpektiren, denn er treibt ein feines Spiel und berechnet ſeine Ränke nicht übel. Ihn kann ich einen meiner würdigen Gegner nennen. Sie dagegen, Herr Baron, behaupten, mein Freund zu ſein, Sie glauben ſicherlich auch, daß Sie es ſind; aber Sie be⸗ nehmen ſich auf eine Art, daß ich Gott bitten muß, mich vor meinen Freunden zu bewahren, denn vor meinen Feinden werde ich mich ſchon ſelbſt ſchützen... Nein, verweilen Sie noch einen Augenblick, wenn Sie die Güte haben wollen, ich werde mich deutlicher erklären. Es ſollte Ihnen bei Ihrer langjährigen Wirkſamkeit auf dem Theater nicht unbekannt ſein, daß eine Künſt⸗ lerin meines Schlages lediglich von den Launen des Publikums abhängt. Dieſe Launen zu unſerem Vortheil leiten zu können, das iſi juſt das große Geheimniß in unſerer Kunſt. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, daß man uns mit Wohlbehagen anſieht; nein, wir müſſen Enthuſiasmus, Entzücken erwecken, wir müſſen unſer Publikum berauſchen. Die Leute im Allgemeinen ſind ſo träg, ſo ſchlaff. Man fordert daher von uns außerordentliche Anſtrengungen, um ſie zu der Extaſe bringen zu können, die unſer eigenes Glück unwillkür⸗ lich erheiſcht. Und haben wir ſie einmal ſo weit ge⸗ bracht, ſo müſſen wir jeden Augenblick auf unſerer Hut ſein, damit dir Gemüther ſich nicht wieder abkühlen. Achi kein Menſch auf Erden kennt das Verrätheriſche der Volksgunſt ſo gut, als eine Tänzerin. In der einen Stunde droht man ſie unter einem Blumenregen zu begraben, in der andern muß ſie ſelbſt die Claqueurs erkaufen, um ſich den Genuß eines Applauſes zu ver⸗ ſchaffen. Eine Schönheit wechſelt die Moden nicht ſchneller, als ein Theaterpublikum ſeine Günſtlinge. 174 Die unbedeutendſte Kleinigkeit kann ein herankeimendes Talent in Schwung bringen. Dieſes neue Talent wird dann der Löwe der Stunde, ſein Ruf wird aus einem Senfkorn zu einer Lawine gemacht. Das Publikum, das für die Reize der Neuheit immer ſchwach und zu arm iſt, um ſeine Bewunderung theilen zu können, wendet jetzt auf einmal ſeinem kaum noch vergötterten Günſtling den Rücken. Ihre Zeit iſt aus, ihr Fall unvermeidlich.“ Alles das gilt nur von der Mittelmäßigkeit. Aber, Sie, Signora, was haben Sie bei Ihrer Ueberlegenheit und Schönheit, bei Ihrer Kunſt und Ihrem Genie zu fürchten?“ „Sparen Sie Ihre Schmeicheleien; wir befinden uns unter vier Augen und können aufrichtig ſprechen. Ich bin, müſſen Sie wiſſen, kein Neuling auf dieſer abenteuerlichen Künſtlerbahn. Es iſt wahr, daß mein Talent hier in der Stadt gegenwärtig viel gilt, daß mein Name einen Ruf beſitzt, deſſen ſc vielleicht nur Wenige erfreut haben, daß mein Lob von tauſend Lippen ertönt. Aber ſehen Sie, Herr Baron, wer gleich mir von früheſter Jugend an die Theaterluft eingeathmet hat, der beſitzt einen unglaublichen Scharfſinn, wenn es ſich darum handelt, ſeine Stellung zu beurtheilen. Wir haben in unſerem Gefühl eine Art von Barometer, der die Veränderungen in den Liebhabereien unſeres Publi⸗ kums zum Voraus anzeigt. Es iſt mir kein Geheim⸗ niß, daß ich juſt jetzt auf der Höhe meines Anſehens ſchwebe, der Augenblick iſt kritiſch, denn wenn man nicht länger ſteigen kann, ſo iſt es leicht zu fallen, und jetzt, wo eine minder erfahrene Künſtlerin vielleicht in guter Ruhe die Vortheile ihrer Siege genießen zu kön⸗ nen glauben würde, jetzt iſt es für mich ſonnenklar, daß ich alle meine Anſtrengungen verdoppeln, alle meine Mittel aufbieten muß, wenn ich nicht genöthigt werden pu ſchimpflich dem ſtolzen Thron zu entſagen, den ich eſtiegen habe. Unter ſolchen Verhältniſſen muß man 17⁵ ganz beſonders darauf bedacht ſein, daß kein neuer Gegenſtand die Aufmerkſamkeit des Publikums erregt „Alles, was ich jetzt geſagt habe, mußten Sie ſo gut wiſſen wie ich ſelbſt, aber gleichwohl haben Sie erſt vor einigen Augenblicken hier in meinem Salon all' Ihr Talent aufgeboten, um ſogar das Intereſſe meiner eifrigſten Bewunderer von mir abzuwenden. Dieſe arme Leopoldine da, die Sie ſo beredt rühmten und zu engagiren gedenken, begreifen Sie denn nicht, daß jüſt ſie meinen Fall bereiten wird2“ „Mamſell Leopoldine, ein armes, unſchuldiges Land⸗ mädchen, und den Theaterintriguen gänzlich fremd!.. Sie ſcherzen, Signora.“ „Sie iſt ſchön,“ ſagten Sie,„und ſingt wie ein Engel. Was bedarf es wohl mehr in einem Augen⸗ blick, wo ich ſogar in einem Taſchenſpieler einen ge⸗ fährlichen Rival fürchten könnte?“ „Sie glauben alſo wirklich 2“ „Ich weiß, daß ich Ihren neuen Schützling bereits verabſchere„Oh, ich möchte mich unglücklich nennen, wenn es nicht feig wäre, ſo Etwas zu geſtehen. Aber bitter genug iſt es dennoch, täglich, ja jurile die heilig⸗ ſtien Verſicherungen von Ergebenheit zu hören und ſich dennoch nicht auf einen einzigen ſeiner vielen Freunde verlaſſen zu können. Sie ſelbſt, Baron, obſchon es Ihnen gelungen iſt, mir einen Schritt näher zu kom⸗ men, als der große Haufen konnte, warum wollen Sie mich ſo herzlos verlaſſen 2“ Ehe ich Sie verließe, Signora, würde ich mein Leben in die Schanze ſchlagen.“ „Recht ſo, dieſe Worte klingen ganz ſchön, und gleichwohl geſtatten Sie, daß man mir im Theater un⸗ ehrerbietig begegnet, und Sie gehen ſogar ſelbſt darauf aus, neue Feinde meines Glückes anzuwerben.“ „Signora, Ihrem Zorn konnte ich widerſtehen, aber nicht Ihrem Schmerz.“ „Warum ihn alſo hervorrufen?“ 176 „Vergeſſen Sie, was vorgefallen iſt; ich bin bereit, Ihnen die glänzendſte Genugthuung zu geben.“ „Und Mamſell Leopoldine 26 „Bedenken Sie, Signora, meine Amtspflicht und mein Verſprechen.“ „Und Mamſell Leopoldine? frage ich noch einmal.“ „Nun wohl, ihr Debüt hängt von dieſem Augen⸗ bic von keiner andern Perſon ab, als von Ihnen e 3 „Kann ich mich darauf verlaſſen?“ „Belohnen Sie mich mit einem einzigen Lächeln, Pariſina; ich jlehe darum. Fürchten Sie nichts, ich bin ein kreuer Bundesgenoſſe, und der Sieg wird unſer bleiben.“ „Die Allianz iſt alſo abgeſchloſſen 26 „Holde Zaubherin, mit dieſen ſchneeweißen Händ⸗ chen leiteſt Du mich wie ein gehorſames Kind.“ „Und vergeſſen Sie nie, wen man liebt, den züch⸗ tit Als Signora Pariſina endlich allein war, hielt ſie für ſich ſelbſt folgenden kurzen Monolog. „Ich möchte doch wiſſen, ob wirklich hier in der Welt einige Wahrheit wohnt.. Lüge auf der Bühne, hinter den Couliſſen, im Salon, im Krankenbett, in der Freunvſchaft, in der Liebe, ja, Lüge im Herzen ſelbſt! Darauf klingelte ſie ihrer Kammerjungfer und be⸗ gab ſich zur Ruhe. 177 XI. Die Einſame. Einſam ſchreit' ich vor auf meiner Bahn, Weiter, weiter ſtets dehnt ſich der Weg, Ach, mein Ziel, es liegt in dunkler Ferne. Geijer. Leopold Raimund war in D. ein berühmter Mann geweſen, der ausgezeichnete Portraitmaler hatte da, be⸗ ſonders in den Tagen ſeiner Wohlhabenheit, viele Freunde gehabt. Jetzt war er vergeſſen. Es fand ſich Niemand mehr, der mit wärmeren Gefühlen an ſeinem Gedächt⸗ niſſe hing, Niemand, der für ſeine hinterlaſſene Tochter ein Intereſſe hegte Leopoldine kam alſo gänzlich als ein Fremdling in ihre Vaterſtadt zurück. Statt ihrer früheren Heimath daſelbſt, hatte ſie bloß das von allen Andern vergeſſene Grab ihres Vaters. Durch die Fürſorge ihres Oheims war ſie bei einer älteren Wittwe, Frau Knäck, einakkordirt worden, die eine gut berufene Penſion für ſolche Reiſende hatte, die ſich längere Zeit in der Stadt aufhielten. Hier beſaß Leopoldine ein eigenes Zimmer, ſehr groß und im Ver⸗ gleich mit dem früheren grünen Dachſtübchen elegant möblirt, aber finſter und kalt. Sie ſpeiste mit mehre⸗ ren Andern am Tiſch der Wirthin. Aber was die müt⸗ terliche Sorgfalt betraf, in Betreff deren Frau Knäck die freigebigſten Verſprechungen ertheilt hatte, ſo war dieſe wenigſtens für eine feiner fühlende Natur ganz und gar nicht befriedigend. Es iſt auch unter allen Umſtänden ſehr ſchwer, gegen baare Bezahlung eine mütterliche Pflege zu erhalten. Frau Knäck, die ſeit vielen Jahren gewöhnt war, ihre Gaſtfreundſchaft zu verkaufen, hatte ſich allerdings auch erboten, daſſelbe Ein Funken. I. 12 178 mit ihren Gefühlen zu thun, aber man konnte mit Recht ſagen, daß das Product dieſer Induſtrie eine ge⸗ wiſſe Aehnlichkeit mit jeder andern Marktwaare hatte. Der ſüßliche, einſchmeichelnde Ton, der bei ihr ſtereotyp ee war, wurde in die Länge etwas widerlich. Bei der erſten Bekanntſchaft glaubte man, in ihr eine aus eitel Zärtlichkeit zuſammengeſetzte Seele gefunden zu haben; bald eit man jedoch, daß dieſer Zärt⸗ lichkeit dus Weſentlichſte mangelte: ein Herz. Inzwi⸗ ſchen ſtand ihre Penſion nicht ohne Urſache in gutem Renommee, die Alte hatte das große Verdienſt, in der Wahl ihrer Gäſte, etwas genau zu ſein und eine lobens⸗ werthe Ordnung in ihrem kleinen Hotel aufrecht zu er⸗ halten. Wer pünktlich das Monatsgeld vorausbezahlte, der konnte überzeugt ſein, in allen Theilen ſein Recht zu bekommen, inſofern ſich ſeine Anſprüche auf nichts Weiteres als auf Zimmer, Koſt und Aufwartung er⸗ ſtreckten; die zuckerſüße Freundlichkeit wurde mit in den Kauf gegeben. Zum erſten Mal in ihrem Leben fühlte ſich jetzt Leopoldine gänzlich allein in der Welt. Getrennt von Frasmus, der ſeit Johanna's Tod die Stütze und der Vertraute des jungen Mädchens geweſen, hatte ſie jetzt kein Herz, an das ſie ihr Haupt lehnen, kein Ohr, dem ſie ihre Gefühle mittheilen konnte. Auch die älteſte ihrer Freundinnen, die ſchöne Natur, hatte ſie jetzt verloren. Die große Stadt mit ihrem Menſchengewimmel, ihrem Ameifenleben, ihrem beſtändigen Getöſe erſchien ihr bloß wie ein großes, durch irgend eine lediglich mechaniſche Triebkraft in Bewegung geſetztes Gemälde. Sie konnte nicht begreifen, daß ſie wirklich von ſo vielen leben⸗ digen Menſchen umgeben war, und gleichwohl ganz ver⸗ laſſen und allein daſtand. Alle Perſonen, mit denen ſie zufällig in Berührung kam, erſchienen ihr als kalte Egviſten, die nur von ihren eigenen Intereſſen belebt wurden, und deren einziges Dichten und Trachten dar⸗ nach ging, mit beſtändigen Vergnügungen ihre Zeit — 179 todtzuſchlagen. Sie fand oft, daß man ihr mit Artig⸗ keit, niemals aber, daß man ihr mit herzlicher Theil⸗ nahme begegnete. Sie machte viele Bekanntſchaften, gewann aber nicht einen einzigen Freund... dieſes in allen großen Städten gewöhnliche Verhältniß hatte ſie in ihrer Unerfahrenheit nicht geahnt. Nachdem ſie gewöhnt geweſen, nur in einem kleineren Kreiſe mit Verwandten und Bekannten zuſammen zu leben, ſo fiel jetzt der kalte Egoismus der Welt auf ihr von Menſchenliebe erfülltes Herz, wie ein ſcharfer Reif in einer frühen Herbſtnacht auf eine nach der Sonne ver⸗ langende Roſe fällt. Aber obſchon dieſe Verlaſſenheit in der großen Menſchenwüſte ſie ſchmerzte, verlor ſie dennoch den Muth nicht; obſchon ſie die Bitterkeit ihrer vereinſamten Lage kannte, klagte ſie dennoch nicht, und noch weniger be— reute ſie den Schritt, den ſie gethan hatte. Sie bereute ihn nicht, denn in der Arbeit für die Kunſt, die ſie ſo innig liebte, fand ſie immer einen ſiche⸗ ren und lieblichen Troſt für all' ihren Kummer. Mit dem innigſten Ernſt, mit einem beinahe leidenſchaft⸗ lichen Eifer gab ſie ſich ihren Studien hin und wurde vom erſten Tag an die fleißigſte Schülerin ihres Leh⸗ rers. Bald wurde ſie auch diejenige, auf die er ſeine größten Hoffnungen baute. Je mehr ſie in die Lehre von den Geſetzen und Regeln der Harmonie eindrang, und je mehr die Wiſſenſchaft ihrem natürlichen Geſchmack eine Stütze verlieh, um ſo klarer trat ihr Genie her⸗ vor; um ſo freier entwickelte es ſich. Sie war eine jener Seelen, die mehr der Aufklärung, als der Ge⸗ lehrſamkeit bedürfen: der Fackelſchein, der in einen Gru⸗ benſchacht dringt, ſchafft nicht, ſondern entdeckt nur die koſtbaren Schätze, die darin verborgen liegen. Jeder Fortſchritt, den Leopoldine machte, wurde für ſie ſelbſt ein Feſt, und jede Kenntniß, die ſie gewann, ſchenkte ihr eine Freude. Es war ihr ſo lieblich, Tag für Tag eine immer ſicherere Gewißheit dafür zu d 180 ſie ſich in ihren Ahnungen von der erhabenen Größe der Kunſt nicht getäuſcht habe. Schon durch das bloße Gefühl des Schönen hatte ſie ſo manchen herrlichen Augenblick des Entzückens genoſſen; wie weit größer wurde nicht jetzt ihr Glück, da ſie immer mehr und mehr die Fähigkeit gewann, dieſem Gefühl einen wah⸗ ren Ausdruck, eine harmoniſche Form zu geben! In dieſen Beſchäftigungen, die ihre Tage ausfull⸗ ten, fand Levpoldine, wie geſagt, Troſt für ihre klei⸗ nen Bekümmerniſſe. Mit dem ganzen⸗ glücklichen und unſchuldigen Künſtlerleichtſinn vergaß ſie das wirkliche Leben über den Idealen, gab ſich der Kunſt hin und fühlte ſich in dieſen Stunden weder einſam noch arm Aber in den langen Winterabenden, wo ſie, er⸗ müdet von den Anſtrengungen des Tages, allein auf ihrem großen, düſteren Zimmer ſaß, ohne eine andere Geſellſchaft als die praſſelnde Flamme, da erwachten alle zärtlicheren Gefühle bei ihr. Ihre Gedanken flo⸗ gen gleich den Tauben der Arche hinaus, eine Freiſtätte auf Erden zu ſuchen. Sie verweilten einige Zeit in ſtillem Kummer bei Johanna's Grab, dort in dem ver⸗ borgenen Thale; ſie eilten davon weg zu dem wohl⸗ wollenden Erasmus und ruhten ſo gerne an ſeinem ge⸗ treuen Buſen; ſie forſchten endlich mit unbeſchreiblicher Unruhe nach einem noch theuren Freunde„ wo, o wo war er wohl zu finden?.. Die ſchamhafte Jung⸗ frau erröthete über das warme Verlangen ihres eigenen Herzens und erſchrack über die Kühnheit, womit ſie ſeufzend den Namen Marimilian flüſterte. Monate verfloſſen. Leopoldine war während dieſer Zeit mit ihrer gan⸗ zen Seele den intereſſanten Studien zugethan, womit ſie ſich beſchäftigt; ſie war ſo feſt in ihrem Verlangen nach dem Künſtlerleben, daß ſie mit voller Sicherheit einſah, es würde ihr zu einer nützlichen Wirkſamkeit auf jeder andern Bahn ſowohl an Talent, als an Kraft fehlen. Von dieſer Bahn verdrängt zu werden, wäre 181 für ſie nichts Anderes geweſen, als ſich ſelbſt aufgeben zu müſſen, ſich landesflüchtig aus ihrem gelobten Lande, der wahren Heimath ihres Geiſtes, vertrieben zu ſehen, und die Beſorgniß, daß dieß bald genug geſchehen könnte, eine Beſorgniß, die durch ökonomiſche Bekümmer⸗ niſſe hervorgerufen wurde, erfüllte ſie mit qualvoller Angſt. Ihre kleinen Mittel ſchmolzen täglich mehr zu⸗ ſammen. Der Lebensunterhalt in D. überſtieg bei Weitem die Berechnungen, die ſie und Erasmus ge⸗ macht hatten, beſonders die Bezahlung des Geſang⸗ lehrers, wie noch viele andere mit ihren Lectionen ver⸗ bundene Ausgaben ſetzten der kleinen Summe, auf welche ſie für ihr Unternehmen rechnen konnte, gewaltig zu. Bald zeigte es ſich, daß dieſe kleine Summe trotz der größtmöglichen Sparſamkeit kaum für die Hälfte der Zeit ausreichen würde, die ſie für ihre mufikaliſche Er⸗ ziehung feſtgeſetzt hatte, und die Ausſichten, ſich die Mittel zu ihrem Unterhalt durch ihr Talent zu erwer⸗ ben, waren nicht ſehr glänzend. Es war alſo Gefahr vorhanden, daß ihr ganzer Plan vollſtändig mißglückte, und was ſollte dann wohl aus ihr werden 2... Eine traurigere Frage konnte ſie ſich nicht vorlegen. In unſerer Zeit ſind Empfehlungen die unabläſſigen Bedingungen für jeden Erfolg hier in der Welt. Auch im Gebiete der Kunſt gilt es nicht mehr, daß das wirk⸗ liche Verdienſt ſich ſelbſt beſtens empfiehlt, und deßhalb hat man gewiſſen Coterien denſelben Beſpotismus und dieſelbe Souverainität überlaſſen, die man in der Po⸗ litik haßt und verabſcheut... Leopoldine hatte, was ihr Talent betraf, auf keinen andern Schutz zu rechnen, als auf den ihres Lehrers. Dieſer, eine jener hoff⸗ nungsvollen Seelen, die mehr geneigt ſind, ihre Schlöſ⸗ ſer in die Luft als auf die Erde zu bauen, ermunterte ſie täglich mit neuen Zukunftsplänen, immer einer glän⸗ zender und ſehr häufig auch ungereimter als der andere. Aber es fehlte ihm an Beharrlichkeit und Geduld, um ſeine phantaſtiſchen Ideen durchzuführen und ſeine ſchwe⸗ 182 benden Projecte in's Werk zu ſetzen. Leopoldine war inzwiſchen ſein großer Günſtling geworden; ſie war auch ſeine Schülerin von ganz anderm Schlag als diejenigen, an welche er gewöhnlich ſeine Mühe verſchwenden mußte. Entzückt von ihren ungewöhnlichen Talenten und ihrer Genialität, betheuerte er wohl hundertmal, daß ihr ganzes Leben aus eitel Siegen und Triumphen zu⸗ nheet ſein würde. Fand er ſie zuweilen miß⸗ muthig und bang vor der Zukunft, ſo hatte er immer ſtinen unerſchöpflichen Reichthum an ſchönen Verſpre⸗ chungen bereit, um ſie zu tröſten. „Was brauchen Sie ſich zu bekümmern?“ pflegte er zu ſagen; Sie werden ja einmal die größte Sänge⸗ rin der Welt werden, und Ihr Ruf wird ſogar über meinen Namen Glanz verbreiten.. friſchen Muth, Sie ſind die beneidenswertheſte Perſon unter der Sonne.“ Der Beifall des ſanguiniſchen Lehrers, ſeine fröh⸗ lichen Vorausſagungen konnten Leopoldinen's Hoffnun⸗ gen allerdings für den Augenblick ſtärken, aber ſie ver⸗ mochte dennoch kein ernſtes Vertrauen zu all' dem Glück zu hegen, das ihr verheißen wurde. Die beſte Stütze war ihre religiöſe Zuverſicht. Eines Tags— es war derſelbe, an welchem die im vorhergehenden Kapitel erzählten Ereigniſſe ſtatt⸗ fanden— kam Leopoldine ſtrahlend von Vergnügen und ihr Herz übervoll von Freude nach ihrer Wohnung zurück. Auf dem Gang, der zu ihrem Zimmer führte, begegnete ſie Frau Knäck, die tieblich und mild wie ein Zephyr, freilich ein etwas alter und trockener Zephyr, nach der Küche hingeſchwebt kam. Leopoldine blieb lächelnd vor dem ergrauten Luftgeiſte ſtehen und ver⸗ ſperrte ihr mit ihren geöffneten Armen den Weg. „Was gibt's, mein liebes Zuckerkörnchen 2“ fragte die Frau verwundert über dieſes Manöver. 183 „Dieß iſt der glücklichſte Tag meines Lebens. liebe Madame, laſſen Sie mich Sie umarmen.“ „Herzlich gern, mein holdes Kind, ich habe Sie ja ſo unausſprechlich lieb; ich habe nie Jemand ſo lieb gehabt wie Sie... So, ſo, ſchon recht, meine Gute, aber man erwartet mich in der Küche.“ „Nein, Sie müſſen warten, Sie mögen wollen oder nicht, Sie müſſen meine Freude theilen... Ach, das Glück macht mich ganz wirr im Kopfe, ich weiß kaum, was ich ſage.. Gute Madame, wie ſchön iſt doch das Leben, wie herrlich iſt die Welt! Ich will nie ſterben.“ „Hoffenklich werden Sie ſich nicht das Leben neh⸗ men, mein kleines Herzblättchen.“ „Glauben Sie, Madame, daß man vor übergroßer Freude den Verſtand verlieren kann?“ „Ha ha ha, wie drollig Sie ſind, holdes Närrchen!“ „So laſſen Sie mich erzählen, was mir begegnet iſt ich habe heute „Es iſt recht unangenehm, daß ich nicht Zeit habe, mich länger aufzuhalten; die Küche, die Küche, Sie bringen mich noch in's Grab. Ein ander Mal wollen wir unſere Herzen ausgießen. Mein guter Engel, hier iſt ein ſo entſeßzlicher Zug. Ein Freier vielleicht, ich kann mir's ſchon denken 26 „Nein, etwas tauſendmal Beſſeres ich darf debütiren! Hören Sie? ich darf debütiren! ich bekomme ein Engagement bei der königlichen Oper.“ „O, das iſt ja ganz vortrefflich!.. So geht es immer; Glück und Erfolg wird allen meinen Penſionä⸗ ren zu Theil. Ach, meine kleine entzückende Nachtigall, ich bekomme doch ein Freibillet, das weiß ich zum Voraus, das wird ein Feſttag in meinem Leben.“ Mit dieſen Worten ſlog Frau Knäck weiter, Kuß⸗ händchen um ſich werfend. Aber Leopoldine war zu überglücklich, um ſich dieß⸗ mal durch die Kälte ſtören zu laſſen, die zwiſchen den 184 Zärtlichkeitsbezeugungen der lieblichen Wirthin ſo deut⸗ lich hervorſtach. Sie eilte auf ihr Zimmer. Hier beſaß ſie ſeit einiger Zeit einen Freund, einen Vertrauten. Es war ein Kanarienvogel. Sie hatte ſich das ſchöne Vögelchen angeſchafft, um wenigſtens einige Geſellſchaft in ihrer Einſamkeit, ein lebendiges Weſen, das ſie lieben konnte, in ihrer Nähe zu haben. Der zahme Vogel und ſie waren bereits ſehr bekannt mit einander. Sie hatten manche einſame Stunde mit einander verſungen und einander gegenſeitig mehrere kleine Triller und Cadenzen gelehrt. Für Leopoldine war es eine Freude, mit einem Geſang bewillkommt zu werden, ſo oft ſie nach Hauſe zurückkam und ihre Thüre öffnete. Auch jetzt wurde ſie mit einem hellen Gruß empfangen und gab ſich keine Zeit, ihren Hut wegzule⸗ gen, als ſie auf ihren Liebling im Käfig zueilte und den beneidenswerthen Gefangenen mit warmen Küſſen belohnte. „Du verſtehſt mich wohl,“ ſagte ſie, in einem zu⸗ gleich kindlichen und ernſten Ton zu dem Vogel redend, der ſtill auf ihrer Hand ſaß, ſie mit ſeinen funkelnden Aeuglein betrachtend und zuweilen mit dem Kopfe nickend, gleichſam zum Zeichen, daß er jedes Wort verſtehe.— „Ja, du verſtehſt mich wohl, das iſt ſicher. Du haſt ſo manchmal meinen Seufzern gelauſcht; du weißt am Beſten, welche Qual, weiche Unruhe, welche Furcht ſie in ſich ſchloſſen. Aber jetzt iſt aller Kummer vorüber. Recht ſo, laß uns unſere Freude ausſingen, Trala lala Man hat mich viel betrogen; ich habe mich auch ſelbſt betrogen. Man ſagte mir, daß die Welt allem Glück Feind ſein würde, und ich glaube, daß es ſo ſei. Man ſagte auch, daß die Reichen, die Vornehmen und Mächtigen ganz und gar nichts nach den armen Leuten fragen, die weder Namen noch Empfehlung haben. Nein, das iſt nicht wahr; es findet ſich hier in der Welt mehr Güte, mehr Edelmuth vor, als Jemand weiß. Mag Gott mir jeden Augenblick verzeihen, wo 185 ich ſein ſchönes Werk verkannt habe!... Wer brauchie ſich wohl um mich zu bekümmern, ein armes vater⸗ und mutterloſes Kind, das eigenſinnig ein gutes Familien⸗ leben aufgegeben hat, um hier an einer fremden Küſte mit dem Schickſale zu ſpielen?.. Und gleichwohl hat man mir ſo freundlich die Hand gereicht und meinen kühnſten Hoffnungen einen Weg gebahnt... Bleib jetzt nur hübſch ſtill ſitzen, ich will dir erzählen, wie glücklich ich bin. Wenn du aufmerkſam zuhörſt, ſo be⸗ kommſt Du einen Kuß.. Ich habe heute vor einem ſehr vornehmen Herrn geſungen. Im Anfang erſchreckte er mich durch einen finſteren Blick, aber bald wurde er ſo gut, ſo aufmunternd. Da ging der Geſang beſſer. Er gefiel ihm wohl. Er lobte mich auf eine ſo ſchöne, ſo zarte Art. Endlich— höre jetzt genau zu— end⸗ ſich ſagte er— die königliche Oper wird ſtolz ſein, Sie zu ihren Mitgliedern zählen zu dürfen. Sie haben die Zeit für ein Debüt ſelbſt zu beſtimmen. Ich war nahe daran, an ſeine Bruſt zu fliegen, als er dieſe Worte ſagte, aber noch weit lieber hätte ich auf die Kniee ſinken und Gott dan⸗ ken mögen. Mein Lehrer war nicht minder entzückt. Der gute Mann brüſtete ſich wie ein Tambourmajor und nannte mich ſeinen Stolz, ſeine Ehre.. Ja, auch du biſt vergnügt und flatterſt mit deinen kleinen Flügeln.. Ich darf debütiren. Das erſte große Ziel meiner Wünſche iſt alſo erreicht, und der Tempel der Kunſt ſteht mir offen. Ach, das Schickſal würde mich nicht ſo beſchützt haben, wenn ich mich auf einem un⸗ rechten Wege befunden hätte. Mit raſtloſem Bemühen will ich mich beſtreben, immer höher und höher hinauf zur Wahrheit und zum Lichte zu gelangen, um eine würdige Prieſterin der Kunſt zu werden. Mein Muth eigt, ich verzage nicht länger. Ein ſchöner Sieg wird die Loſung für meine Arbeit, mein Bemühen werden. Meine Kräfte werden nicht nutzlos vergeudet werden, mein Leben wird nicht erlöſchen, bevor es geglänzt hat!.. 186 So, ſo, jetzt iſt deine Geduld zu Ende, du fliegſt dei⸗ nes Wegs! und jetzt wollte ich dir ſagen, daß ich, wenn ich einmal ſehr reich bin, ein Schiff miethen werde, das dich weit, weithin führen wird nach deiner rechten Heimath, nach den ſchönen Inſeln im atlantiſchen Meer. Dort ſollſt du die Freiheit genießen können, die ich dir ſchenken will, ſollſt lieben, ſingen, ein Neſt bauen am ufer eines klaren, murmeinden Baches, ſollſt dich auf dem ſchwankenden Zuckerrohr wiegen und zuweilen an mich denken, deine Freundin, die Sängerin hier im Norden. So werden wir beide glücklich werden. Nicht wahr Tralälala!“ Dieſem glücklichen Tag habe ich jetzt einen ſcharfen Contraſt entgegenzuſtellen. Leopoldine fand ſich zur feſtgeſetzten Zeit in der kö⸗ niglichen Oper ein. Sie bemerkte ſogleich an der Art, wie Baron Stanislaus ſie empfing, daß dieſer Herr für den Augenblick ſich in einer ſehr herben und abſtoßen⸗ den Stimmung befand. Zwei andere Perſonen der Geſanglehrer des Theaters und der Kapellmeiſter, waren ebenfalls zugegen, aber auch ſie hatten die abſtoßende Haltung ihre Chefs angenommen. Keiner von allen drückte irgend ein Intereſſe für die junge Künſtlerin aus, oder ſchenkte ihr auch nur einen einzigen aufmunternden Blick. Man führte ſie mit kalter Höflichkeit an's Piano und legte ihr eine Arie, eines der halsbrecheriſchſten und ungereimteſten Erzeugniſſe der modernen Schule, vor. Leopoldine erſchrak über die herben Mienen, womit ſie betrachtet wurde, und über die unheimliche Stille, die in dem großen, düſtern Zimmer herrſchte. Es kam ihr vor, als ſtünde ſie vor dieſen Richtern nicht, um in ihrer Kunſt geprüft zu werden, ſondern vielmehr als eines Verbrechens angeklagt, und ſie las bereits ein hartes Urtheil in ihren ſtrengen Blicken. Große Thränen drangen aus ihren Angen und das Ritournell, das der 187 i anſchlug, klang in ihren Ohren wie Grab⸗ geläute. Sie begann den Geſang, aber ihre Stimme war zitternd, die A Töne blieben im Halſe kleben und die Noten verſchwammen vor ihren Augen zu einem unkla⸗ ren Wirrwarr. Man mußte von Neuem beginnen. Das arme Mädchen bot alle Kräfte auf, um ſeine Furcht zu be⸗ herrſchen, aber es gelang nur unvollkommen. Sie ver⸗ mochte zwar die aus lauter Schwierigkeiten zuſammen⸗ geſetzte Compoſition rein und ziemlich ſicher wiederzu⸗ geben, aber es fehlte ihr an der Gemüthsruhe, ohne welche kein Künſtler von den Inſpirationen ſeines Ge⸗ nies belebt werden kann. Ihr Geſang glich dem Auf⸗ ſagen eines geſchickten Schulkindes; ſie ſang die Noten correkt, aber den Inhalt ſelbſt erfaßte ſie nicht. Ihr Herz war nicht mit dem Geſang, und die Töne kamen todtgeboren zur Welt. Vergebens ſuchte ſie ihre Seele von der Angſt loszureißen, worin ſie gefangen lagz; ſie konnte keinen Augenblick vergeſſen, daß finſtere Wolken ihre kaum erſt helle gewordene Zukunft bedrohten. Als ſie geendet hatte, brach ſie in Thränen aus. Der Direktor und die beiden andern Herren hielten jetzt eine kurze Berathung am andern Ende des Zim⸗ mers. Der Geſanglehrer der königlichen Oper war es, der am Meiſten einzuwenden hatte, und die Worte: ſchlechte Schule, zu früh vom Lehrer weg, drangen bis an Leopoldinens Ohr. Sie nahm ſie als Vorboten ihres Todesurtheils auf. Sie wußte nicht, daß derjenige, der dieſe Worte äußerte, ein unverſöhnlicher Feind ihres Lehrers war, und daß der Handwerksneid der Künſtler weit bitterer iſt, als aller andere Neid in der Welt. Noch weniger wußte ſie, daß Baron Stanislaus, treulos ge⸗ gen ſein bereits gegebenes Verſprechen, treulos gegen ſeine Pflicht, all feinen Einfluß anwandte, um ſie nicht aufkommen zu laſſen, um ſomit den Launen der Sig⸗ nora Pariſina ein Opfer zu bringen. 188 Endlich näherte ſich der Baron der ihres traurigen Schickſals bereits vergewiſſerten Leopoldine und hielt mit wohlgeheuchelter Wur folgende ſchöne Rede. „Meine junge Freundin, es ſollte mich ſchmerzen, wenn meine Werte, als ich zum erſten Mal die Ehre hatte, Sie zu hören, einige ernſte Hoffnungen auf En⸗ Seneni an der königlichen Oper in Ihnen erweckt hätten. Sie beſitzen allerdings Talent, ein ſehr achtungswerthes Talent, und die Künſtlerlaufbahn wird gewiß in einer Zukunft Ihre lobenswerthen Studien belohnen. In⸗ zwiſchen glaube ich nicht, daß Sie alle erforderlichen Eigenſchaften für die Bühne haben. Vielleicht wird es Ihnen einmal gelingen, ſie zu erwerben, aber für den Augenblick, das muß ich Ihnen offen ſagen, verrathen Sie eine gar zu große Unkenntniß der ſtrengen Forderun⸗ gen des dramatiſchen Geſanges, und Ihre Stimme, die unläugbar ſehr rein und angenehm iſt, dürfte gleichwohl noch zu ſchwach ſein, um einen größeren Theaterſaal auszufüllen. Ich bitte Sie inſtändig, überzeugt zu ſein, daß der Gedanke an Ihr Wohl es iſt, der meine Auf⸗ richtigkeit hervorruft. Wenn ich Ihr Debüt geſtattete, würde ich Ihnen nicht nur keinen Dienſt erweiſen, ſon⸗ dern mich als unwürdigen Rathgeber zeigen, unwürdig der Stelle, welche die Gnade meines Königs mir über⸗ tragen hat. Ihr allzufrühes und, ich fürchte es, un⸗ glückliches öffentliches Auftreten würde Ihrer ganzen Zukunft ſchaden, und für dieſe müſſen Sie leben und Ihre guten Anlagen pflegen. Haben Sie Muth und laſſen Sie ſich durch dieſe kleine Widerwärtigkeit in Ihrer Liebe zur Kunſt nicht ſtören. Wählen Sie eine andere Bahn als das Theater, und geht Ihre Neigung gleich⸗ wohl nach dieſer Seite, ſo ermahne ich Sie als Freund, Ihre Studien unmittelbarer dem Dramatiſchen zuzu⸗ wenden. Um auf der Bühne Glück zu machen, müſſen Sie nicht bloß Sängerin, ſondern auch Schauſpielerin ein.“ Dieſe Worte ſchienen Leopoldinen die volle Wahr⸗ 189 heit zu enthalten, und weit entfernt, ſich durch den Ver⸗ rath des Barons beleidigt zu fühlen, dankte ſie ihm in ihrem Herzen dafür. Aber über ſich ſelbſt, über ihre unglückliche Probe empfand ſie einen tiefen Kummer, und ihren Stolz beugte es tief, vor fremden Leuten ſo gedemüthigt daſtehen zu müſſen. Indem ſie ſchüchtern die Herren um Entſchuldigung bat, daß ſie, von ihrer geringen Erfahrung mißleitet, einen Augenblick ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen habe, verließ ſie in gedrückter Stimmung den Salon, den ſie ſo fröhlich, ſo glücklich betreten hatte. Baron Stanislaus begleitete ſie in's äußere Zim⸗ mer hinaus. Er empfand in dieſem Augenblick einiges Mitleid mit dem ſchönen, jetzt ſo betrübten jungen Mäd⸗ chen, und er fühlte ſich unwillkürlich gedrungen, ihr einen Troſt zu ſchenken. Seine früher ſo eiskalten Züge wurden jetzt ſanfter, und die Stimme hatte eine gewiſſe Zärtlichkeit, indem er ſagte: »Ihr Schmerz geht mir näher, als Sie denken. Glauben Sie mir, ich habe es nie ſo ſchwer gefunden wie jetzt, meine Pflicht und mein Gefühl zu vereinigen. Trocknen Sie die Thränen in Ihren ſchönen Augen und ſeien Sie überzeugt, daß meine Protektion mit der Zeit den Kummer gut machen wird, den ich Ihnen jetzt zu verurſachen genöthigt bin. Ja, obſchon Ihre Wünſche für den Augenblick von keinem Erfolg gekrönt worden ſind, ſo dürfen Sie doch mit voller Zuverſicht in der Zukunft auf ein beſſeres Glück hoffen.“ „Ach nein,« ſeufzte Leopoldine,„ich habe den Glau⸗ ben an mich ſelbſt verloren; ich fühle, daß ich meinen Muth zu hoch geſchätzt hatte.“ „Sie dürfen mich nicht mißkennen,“ fuhr der Ba⸗ ron fort,„ich habe ſo eben mich ſelbſt meinem Beruf geopfert. Es geſchah von Amtswegen, wenn ich mich ſo kalt, ſo gleichgültig zeigte. Ich und die andern Her⸗ ren wollten durch unſere Strenge Sie nur prüfen. Mit 190 der Zeit werden Sie gewiß die Schüchternheit überwin⸗ den lernen, die Sie heute nicht beherrſchen konnten.“ Levpoldine ſah wieder einen Schimmer ihrer theuren Hoffnungen, und ihre Blicke klärten ſich auf, indem ſie fragte: „Glauben Sie wirklich noch, Herr Baron, daß ich eine Zukunft beſitze 2“ „Ich bin davon überzengt,“ antwortete er, immer mehr der Güte ſeines Herzens Gehör ſchenkendz„Sie werden ganz gewiß einmal eine Zierde unſerer Oper werden, Sie werden In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre. Ein ſeidenes Kleid rauſchte, und Signora Pariſina trat ſtrahlend von Schönheit und der glänzendſten Toilette über die Schwelle. Beim Anblick der vertraulichen Seene that ſie einen Ausruf und blieb plötzlich ſtehen. Da Leopoldine mit dem Rücken gegen die Thüre gewandt ſtand, bemerkte ſie die eintretende Dame nicht. Aber Baron Stanislaus gewahrte ſie ſogleich. Mit einer Geſchicklichkeit, die er von ſeinen beſten Schau⸗ ſpielern gelernt hatte, nahm er alsbald ſeine frühere Steifheit wieder an, und ſtatt den angefangenen Satz zu vollenden, ſagte er kalt: „Wie geſagt, die königliche Oper muß in der Wahl ihrer Süjets ſtreng ſein, und ich kann mit dem beſten Willen Ihr Debuͤt nicht geſtatten. Leben Sie wohl, meine junge Freundin.“ So ſprechend bot er mit zuvorkommender Freund⸗ lichkeit der Signora ſeinen Arm und begleitete ſie in den Salon. Leopoldine war verblüfft über die Doppelzüngigkeit des Barons. Sie begriff die wahre Urſache ſeines ſon⸗ derbaren Benehmens nicht, aber das Gefühl des Un⸗ würdigen in ſeiner Handlungsweiſe vermehrte die Bitter⸗ keit ihres Schmerzes. Sie war jetzt nicht bloß durch ſich ſelbſt in ihren getäuſchten Hoffnungen unglücklich. Sie fühlte ſich auch tief beleidigt, und da es ihr graute, * 191 noch länger innerhalb dieſer Mauern zu bleiben, wo ſich ſo viele Falſchheit vorfand, verließ ſie die Wohnung des Barons. Das Getöſe und Gedränge auf der Straße gewährte ihr keine Zerſtreuung; im Gegentheil fühlte ſie ſich da⸗ durch noch mehr gedrückt. Ihre Seele war tief auf⸗ geregt. Mit der ganzen Wärme der weiblichen Natur verlangte ſie noch Freundſchaft und Theilnahme; aber ſie ſtand fremd, verlaſſen und allein mitten im Gewim⸗ mel. Sie war den Menſchen ſo nahe und dennoch von Allen ſo geſchieden... Nur der eine und der andere beſchäftigungsloſe Müßiggänger ſchenkte ihr einige Auf⸗ merkſamkeit, und die obſcönen Blicke, denen jedes allein gehende Frauenzimmer in einer größern Stadt oft aus⸗ geſetzt iſt, hatten ihr niemals ſo peinlich geſchienen wie eben jetzt. Es widerſtrebte ihr, jetzt in ihre düſtere Kammer zurückzukehren. Wohin ſollte ſie ſich wenden, wo Troſt und eine Stütze finden?... Die Unruhe trieb ſie vor⸗ wärts. Sie wanderte immer weiter und weiter. End⸗ lich führte ſie der Zufall auf eine der öffentlichen Pro⸗ menaden der Stadt. Sie war leer und verlaſſen. Der Boden war gefroren und geplündert von des Winters verheerender Hand, Gebüſche und Bäume abgelaubt; aber Leopoldine fand dennoch Vergnügen an dieſem Platze. Hier war ja doch ein Bischen Natur. Der eine und andere Vogel zwitſcherte von den kahlen Zwei⸗ gen. Die Luft war friſcher, und nur einige wenige Wanderer zeigten ſich in den langen Alleen. Sie trat ein und ſetzte ſich auf einen der verborgenſten Bänke. Das ſogenannte ſtärkere Geſchlecht belächelt oft die Thräne eines Weibes und ihre Blödigkeit als ein großes Unglück. Es iſt auch wahr, daß manche Cvas⸗ töchter in Thränen ſolchen Gefühlen Luft ſchaffen, die gewiß nicht zärtlich genannt werden können, und daß ſie gewöhnt ſind, mit ihrem Weinen zu kokettiren, zu intriguiren, zu imponiren, zu regieren. Aber die Thräne * 8 im Auge eines edlen Weibes verdient nicht allein unſer innigſtes Mitgefühl, ſie verdient auch unſere Hochachtung und Bewunderung. Bei ihr iſt es nicht die Schwach⸗ heit, die weint; es iſt der Engel in ihrer Seele, der ſich in ſtillen Thränen über eine Welt bekümmert. So wie ſie kann kein anderer Menſch weinen, denn Keiner ſteht dem Himmel ſo nahe wie ſie. Wie erhaben iſt nicht ihr Kummer! das Herz blutet, denn es hat das Gefühl eines beſſeren Lebens; es liebt und es leidet. Ihre Thränen ſind Gebete für die Erlöſung eines gefallenen Geſchlechtes, ein heiliges Sühnopfer für eigene und fremde Fehler. Sie klagt nicht, ſie härmt ſich nicht, ſie flieht nicht aus dem Kampfe. Sie weint, aber ſie bleibt getreu ſtehen, um mit Muth und Entſagung zu kämpfen. Sie iſt weich, aber ſie iſt nicht feig: ſie kann fallen, aber nicht fliehen. Ein ſolches Weib war Leopoldine. In warmen Thränen ſchaffte ſie ihrem Schmerz Luft. Sie weinte wie ein Kind. Aber ſie richtete ihr niedergebeugtes Haupt wieder auf; ſie blickte wieder mit der Zuverſicht der Liebe zum Himmel empor. Sie zog jetzt ihre Stellung näher in Betracht. Das Mißlingen ihres Wunſches hatte ſie ſo tief niedergeſchla⸗ gen, weil ihre Hoffnungen ſo ſtark, ihr Glaube an die ertheilten Verſprechungen ſo zuverſichtlich geweſen. Nach der Muthloſigkeit, die ſich zuerſt ihrer bemächtigt hatte, gewann ihr Gemüth allmälig ſeine Elaſticität wieder. Sie betrachtete das Ereigniß des Tages als eine Lektion für die Zukunft, als eine Warnung, weniger leicht⸗ läubig ſowohl gegen ſich ſelbſt als gegen Andere zu ſu als eine zwar traurige, aber für ihre Zukunft nützliche Erfahrung. Ihre Ausſichten auf ein baldiges Debüt und ein gutes Engagement waren inzwiſchen für den Augenblick vernichtet, und die alten pekuniären Bekümmerniſſe traten jetzt wieder und noch drohender hervor. Bisher hatte ſich noch immer die Hoffnung mit ihren reichen Ver⸗ 193 ſprechungen in ihre Berechnungen eingeſchlichen, aber jetzt, da der Verſtand unverhüllt ſeinen Calcül entwarf, wurde das Ergebniß bedenklicher. Ihre eigenen Mittel waren bereits dem gänzlichen Verſiegen nahe, und wie ſollte ſie nun Gelegenheit erhalten, ihre Studien fortzuſetzen? Allerdings hatte Erasmus— obſchon Leopoldine für dieſen einzigen Fall in ihren Briefen nicht voll⸗ kommen zii geweſen war, denn ſie wollte um keinen Preis die Bitterkeit ſeiner Sehnſucht durch trau⸗ rige Mittheilungen vergrößern— das Kümmerliche ihrer ökonomiſchen Stellung ſelbſt eingeſehen, und da er noch immer mit gleicher Wärme auf das Wohl ſeines Lieb⸗ lings bedacht war, ſo hatte er ſie oft aufgefordert, nicht zu vergeſſen, daß ſie in der Stunde der Noth immer bei ihm auf eine ſichere Hülfe rechnen dürfe. „Ich bin ſelbſt arm und gewiſſermaßen abhängig,“ ſchrieb er,„aber ich kann doch mit gutem Gewiſſen einen kleinen Theil vom Vermögen meiner Frau als mein Eigenthum betrachten. Regina, Du weißt ja, iſt zwar in ihren Ausdrücken oft hart und in ihrem Urtheil ſtreng, aber ihr Herz iſt dennoch mild, und Du kannſt überzeugt ſein, daß ſie Dir eine kleine Beihülfe, wenn die Noth ſie geböte, nicht verweigern wird.“ Aber Leopoldine konnte nicht ohne Widerwillen daran denken, eine ſolche Hülfe anzunehmen. Gegen Frau Regina's ausdrücklichen Rath war ſie nach D. gereist. Ein Unternehmen, das ſie allein beſchloſſen hatte und deſſen Ausgang ſich noch ſo zweifelhaft zeigte, wollte ſie auch allein ausſühren Gs entſtand bei ihr ein innerer Streit, ein Kampf zwiſchen dem Ver⸗ langen, ſelbſt nach allen Seiten hin unabhängig, ihre Zukunft zu ſchaffen, und dem Verlangen, ohne Zer⸗ ſplitterung ihre Kräfte ſich ausſchließlich der Entwick⸗ lung, der Vollendung ihres Talentes als Sängerin widmen zu dürfen; ein Kampf auch zwiſchen perſön⸗ lichem Stolz und der Liebe zur Kunſt. Es mufßte jetzt. Ein Funken. I. 13. 194 ein Beſchluß gefaßt werden; die lange hinausgeſchobene Frage erheiſchte eine beſtimmte Entſcheidung. Lange war ſie unſchlüſſig; endlich aber klärten ſich ihre Gedanken auf, und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: „Was ich Stolz nenne, das iſt ja bloß Schwach⸗ heit, denn es iſt Hochmuth. Ja, es iſt Hochmuth, eine angebotene Unterſtützung abzulehnen, um des Ver⸗ gnügens willen, ſagen zu können: ich baue mein Glück mit eigenen Händen, ich bin mir ſelbſt genug, ich ver⸗ laſſe mich auf mich allein und auf ſonſt Niemand.. Die Kunſt zu lieben und dennoch den Muth nicht zu beſitzen, ihr auch nur eine Laune meines übermüthigen Herzens zu vpfern, welch eine unwürdige Liebe!. Wenn es wahr iſt, was man mir geſagt hat, und was meine Ahnung mich zuweilen glauben ließ, daß ſich in meiner Seele wirklich eine Kraft vorfindet, die einmal entwickelt und frei, mich ſelbſt veredeln, Andern nützen und Ver⸗ gnügen bereiten kann, was würde wohl mein Gewiſſen empfinden, wenn ich auf die Frage: wie pflegeſt Du dieſe Gabe? antworten müßte? ich vergeudete ſie in armſeligen Bemühungen, ich ließ ſie durch weltliche Sorgen erſticken, denn ich war nicht demüthig genug, fremde Hülfe anzunehmen, mich unter den Schutz an⸗ derer Menſchen zu ſtellen. Ach, es thut mir noch manche Züchtigung in der Schule des Lebens Noth, bevor ich meine Pflicht ſo auffaſſe, wie es ſich gebührt. Mag denn aller Hochmuth ſich niederbeugen, aller Trotz verſchwinden, aller Egoismus weichen vor meinem großen Ziel, und möge ich für mich ſelbſt einſehen, daß ich ſchwach bin, daß ich einer Stütze bedarf. O Erasmus, theurer väterlicher Freund, Du nennſt mich Dein Kind, und als ein gutes Kind will ich zu Dir fliehen, will zeigen, daß ich mehr Liebe als Eigenliebe beſitze. Ja, ich will Deiner Aufforderung folgen. Schon in meinem nächſten Brief will ich mit demüthigem Herzen meine F⸗ſe beichten und dankbar jede hülfreiche Hand üſſen.“ 195 Nach dieſen Betrachtungen, und als Leopoldine ihren Vorſatz gefaßt hatte, lehnte ſie ihr Haupt in ihre gefalteten Hände und ſchickte ein warmes, inniges Gebet zu Gott empor. Sie betete um Klarheit, um Muth, um den rechten Weg zu finden und zu vollenden; ſie flehte zu dem, der die Schickſale der Welten in ſeiner Hand hält, daß ſie ihren Mißgriff nicht zu ſpät eingeſehen haben möge. Lange ſaß ſie ſo gänzlich in ſtiller Andacht vertieft da. Als ſie dann ihr Haupt erhob und bereit war, ihren Platz zu verlaſſen, bemerkte ſie mit Verwunderung eine ſchöne Roſe, die auf ihrem Schooße lag; mit ſpähenden Blicken ſchaute ſie ſich rings um, üm wo möglich den Geber der holden Blume zu entdecken, aber in ihrer Nähe zeigte ſich nicht ein einziger Menſch; auch hatte ſie Niemand bemerkt, der an ihrer abgelegenen Bank vorbeigekommen wäre. Gleichwohl war es klar, daß das Geſchenk von irgend einer liebreichen Hand während ihrer tiefen Betrachtungen ihr heimlich zugeſtellt worden war. Dieſes Zeichen einer edlen Theilnahme that dem armen einſamen Mädchen ſo wohl; dieſer Beweis, daß in ihrer Nähe ein Herz geſchlagen habe, das für ihren Kummer mitfühle, ſchenkte ihr Troſt und Freude. Sie fühlte ſich weniger allein, weniger fremd. In einem warmen Kuß, den ſie auf die feinen, friſchen Blätter drückte, ſchaffte ſie ihrer Dankbarkeit Luft und kehrte beruhigt und geſtärkt nach Hauſe zurück... Aber daheim erwartete ſie ein neuer, ein noch härterer Schlag. Auf ihrem Tiſche lag ein Brief. Der Poſtſtempel zeigte, daß er von Z. kam, aber die Schrift war nicht von ihres Pflegevaters Hand und das Siegel war ſchwarz.. Der Brief enthielt die Nachricht, daß Erasmus nach einer Krankheit von nur wenigen Tagen ſtill abgeſchieden ſei. Sein letztes Wort war Leopol⸗ dinens Name geweſen. B⸗ 4 196 426 jetzt erſt war ſie alſo ganz allein und ſchutzlos. Möge die Blume von der Hand des Unbekannten ihrer Serle Muth und Vertrauen zuduften! XII. Flora. Verſtehen Sie ſich ſelbſt gut zu führen, und Sie können die ganze Welt am Gängelband führen. Bulwer. Einige Tage nach ihrem ſchweren und bedenklichen Anfall hatte Signora Pariſina ſo weit Geſundheit und Kräfte wieder gewonnen, daß ſie von Neuem im Theater auftreten konnte. Ein paar Wochen ſpäter wurde das ihretwegen ein⸗ geſtellte und vom Publikum mit ſo großer Ungeduld erwartete Ballet„die Verſuchung“ mit all der aus⸗ geſuchten Pracht, die dieſem Stücke angehört, gegeben. Die Signora war ſchon bei ihrem erſten Eintritt mit unerhörtem Jubel begrüßt worden. Jede neue Scene wurde ſodann ein neuer Triumph für ſie, allgemein kam man dahin überein, daß ſie als Tochter der Hölle öttlich ſei. Nie hatten ſich ihre Schönheit unwider⸗ ſtehlicher, ihre Blicke feuriger, ihre Miene beredter, ihre Bewegungen graziöſer und ihr Tanz luftiger gezeigt, als jetzt, und es blieb für Jedermann ein Räthſel, wie der im Ballet vorkommende heilige Antonius auch nur einen einzigen Augenblick ihren Verſuchungen wider⸗ ſtehen konnte. Als endlich der Vorhang gefallen war, mußte er von Neuem aufgezogen werden, und Signora Pariſina mußte hervortreten, um die ſtürmiſchen Applauſe 197 des entzückten Publikums entgegenzunehmen. Vom Par⸗ terre bis zum Paradies hinauf erſchollen Beifallsrufe und Händegeklatſch, von allen Seiten regnete es Bou⸗ quete. Kaum hatte ſie ſich hinter die Couliſſen zurück⸗ gezogen, als ſie von Neuem auf die Bühne gerufen und abermals mit derſelben lärmenden Huldigung em⸗ pfangen wurde. Dieß erneuerte ſich zehnmal. Zehn Herausforderungen hinter einander, das war etwas, was in den Annalen der königlichen Oper beſondere Aufzeichnung verdiente. Nach dem Schluß der Vorſtellung kehrte Pariſina vollkommen zufrieden mit ſich ſelbſt und dem Publikum in ihre Wohnung zurück. Sie war bereits in ihr Schlaf⸗ zimmer getreten und ſaß hier einen Augenblick in Träu⸗ men von neuen Triumphen verſunken, als ſie durch einen Geſang und eine für dieſe ſpäte Stunde unge⸗ wöhnliche Volksbewegung auf dem Markt unter ihren Fenſtern in die Gegenwart zurückgerufen wurde. Sie warf ſchnell einen Shawl über ihre Schultern und eilte in den Salon hinaus, um zu erfahren, was es gebe. Der Anblick, der ihr zu Theil wurde, war impoſant. Vor ihrer Wohnung hatte ein zahlreicher Fackelzug Halt gemacht und ſich in einem Halbkreiſe formirt. Der flammende Schein der Fackeln beleuchtete ſtark die nächſten Theile des Marktes und die vorderſten Glieder eines wogenden Menſchenhaufens, der noch zahlreicher erſchien, weil er ſich im Dunkel verlor und ſich nur in einem brauſenden Gemurmel zu erkennen gab. Mehr als hundert Stimmen erhoben ſich jetzt zu einer ſchönen, zu Ehren der Tänzerin componirten Serenade. Dieſe Auszeichnung, die ehrenvollſte von allen, welche die Signora bis jetzt genoſſen hatte, verſetzte ſie in einen Rauſch von glückſeligem Behagen. Das Ver⸗ langen nach Beifall hatte ſich bei ihr bis zur Leiden⸗ ſchaſt geſteigert. Selten fand ſie ſich befriedigt von den gewöhnlichen Huldigungen, die ihrem Talent und ihrer * 198 Perſon gewidmet wurden, denn ihr Ehrgeiz hatte den ganzen Kleinlichkeitsſinn der Eitelkeit, und mit jedem Tag forderte ſie neue, noch größere Beweiſe für ihre unbeſchränkte Herrſchaft. Aber in dieſem Augenblick, wo die Fackeln zu ihrer Ehre die Nacht beleuchteten, wo Tauſende von Menſchen unter ihren Fenſtern verſammelt ſtanden und ihr Lob im Geſang erſcholl; in dieſem Augenblick hatte ſie zum erſten, ja vielleicht einzigen Mal in ihrem Leben nichts mehr zu wünſchen. Als ſie, nachdem der Geſang verſtummt war, in einem offenen Fenſter die unten verſammelte Volksmenge begrüßte und durch Schwenken eines Tüchleins ihre Erkenntlichkeit ausdrückte, da erſcholl vom Markte herauf ein enthufiaſtiſches:„Es lebe Signora Pariſina!“ be⸗ gleitet von gewaltigen Hurrahrufen, wobei Fackeln und Hüte in die Luft geſchwungen wurden. Die Perſen die dieſen ganzen, für die Tänzerin ſo ſchmeichelhaften Auftritt veranſtaltet hatte, ſtand in ihren Mantel ge⸗ hüllt in einiger Entfernung und betrachtete die Scene. Graf Manfred, denn er war es, war mit ſeiner Ver⸗ anſtaltung ungemein zufrieden. Mit großem Behagen hörte er den Jubel des Volkes an, und als das Hurrah⸗ geſchrei, vom Echo der hohen Häuſermauern vervielfacht, mit majeſtätiſcher Macht die Luft durchſchütterte, da lächelte er und klatſchte vor Entzücken in die Hände. „Es iſt in Wahrheit ein köſtliches Schauſpiel,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Da ſtehen tauſend Menſchen, alle vom Glauben beſeelt, der Kunſt eine gerechte Huldi⸗ gung darzubringen; dort ſteht der Gegenſtand des all⸗ gemeinen Jubels, glückſelig über die außerordentliche Ehre, die ihr widerfährt, und hier ſtehe ich, der ich in meiner Hand die Fäden der ganzen Poſſe halte, der einzige Menſch, welcher weiß, um was es ſich eigentlich handelt Signora Pariſina, Sie glauben die Schlau⸗ heit ſelbſt zu ſein, aber Sie haben noch viel zu lernen. Von mir ſollen Sie einmal die ighrt gewinnen, 199 daß ein mächtiger Gönner, wenn man unvorſichtig ge⸗ nug iſt, ihn zu beleidigen, ſich in den gefährlichſten Feind verwandeln kann. Ich meinte es gut, als ich Ihnen einmal meine Protektion ſchenkte; ich war ein aufrichtiger Bewunderer Ihrer Schönheit und Ihres Talents; aber Sie vertrauten mehr auf andere Gönner und ließen ſich verleiten, mich zu verkennen. Bei meiner Ehre, das ſoll Ihnen theuer zu ſtehen kommen; Sie ſollen einmal erfahren, wen Sie beleidigt haben. Noch ein Hurrahruf, welche Narren! Heute jubeln ſie einer Tänzerin zu, morgen einem Tyrannen und über⸗ morgen vielleicht einem Galgenvogel; und dennoch, den⸗ noch gibt es Viele, die bereit wären, für einen einzigen Hurrahruf ihre Gedanken, ihre Worte und Handlungen zu verkaufen. Hahaha, ich muß mich in den Haufen miſchen und dieſem guten Zweck die Kraft meiner eigenen Lunge opfern.“ Als er ging, zog er den Mantel noch dichter um ſich, um nicht erkannt zu werden. Es gibt Herzen, von denen man nicht mit Beſtimmt⸗ heit ſagen kann, ob ſie warm oder kalt ſind. Was ſich bei ihnen in der einen Stunde Liebe nennt, das iſt in der andern Haß, aber immer, immer iſt es Leidenſchaft. Ein ſolches Herz hatte Graf Manfred, und dabei war ihm in hohem Grad diejenige Art von Eitelkeit eigen, die beſtändig nach neuen Eroberungen dürſtet und ihre Ehre darein ſetzt, die Gunſt jeder aus irgend einem Grunde fetirten Frau zu gewinnen. Signora Pariſina hatte ſeine Sinne lebhaft bezaubert, und die allgemeine Huldigung, die ihr erwieſen wurde, hatte ſein Verlangen, den erſten Platz unter ihren vielen Bewunderern einzu⸗ nehmen, noch mehr geſteigert, zumal da er dadurch auch ſein Anſehen als Kunſtfreund und Mäcen zu erhöhen glaubte. Daß er auch wirklich wenigſtens einen Augen⸗ blick dem Herzen der ſchönen Tänzerin ſehr nahe ge⸗ ſtanden, wiſſen wir bereits, und ebenſo wiſſen wir, daß ſie, irregeleitet von einem ſelbſtſüchtigen Rathgeber, Arg⸗ 200 wohn gegen den Grafen gefaßt und ſich von ihrer hef⸗ tigen Gemüthsart zu einer groben Beleidigung hatte hinreißen laſſen. Dieſes Ereigniß hatte die empfindliche Seite ſeines Stolzes verletzt, und aufgebracht durch die Keckheit, womit ſie es wagte, ihm Trotz zu bieten, ihm in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Liebhaber und Kunſi⸗ richter Trotz zu bieten, hatte er feſt beſchloſſen, ſich zu rächen, ſie zu ſtürzen, nachdem er ſo mächtig zu ihrer Erhöhung beigetragen. Der Plan, den er zu dieſem Zwecke entwarf, war gut angelegt. Er, der lange Zeit der Lenker des Ge⸗ ſchmacks in der vornehmen Welt von D. geweſen, wußte recht gut, daß es ihm ganz leicht war, den Ruf eines Künſtlers oder einer Kuͤnſtlerin zu begründen und zu vernichten, zumal wenn es ſich um eine von ſolchen Perſonen handelte, die ohne eigentliche Sebſtſtändigkeit bloß darauf ausgehen, das Wunder des Tages zu wer⸗ den, und die alles Vertrauen auf die Mode ſetzen. Aber der Graf fürchtete, ſich ſelbſt zu compromittiren; er war ja bisher unermüdlich geweſen, Signora Pari⸗ ſina's Talent auszupoſaunen; wenn er daher jetzt auf einmal ſein Urtheil änderte, ſo zeigte er der Welt gar zu offen, daß ſeine Kunſtkritiken in gar zu großer Ab⸗ hängigkeit von ſeinen perſönlichen Intereſſen ſtanden. Er wählte daher einen andern Weg zu ſeinem Ziel. Die Extreme, dachte er, berühren ſich immer. Den Enthuſiasmus des Publikums für ſeinen zufälligen Ab⸗ gott auf die größtmögliche Höhe zu treiben, die große Maſſe der Bewunderer zu Extravaganzen in ihrem Tau⸗ mel zu verleiten, das iſt ein ſicheres Mittel, um Nach⸗ denken und Beſonnenheit hervorzurufen, woraus im gegebenen Fall nur Kälte und Gleichgültigkeit entſtehen konnten. Je abgeſchmacktere Thorheiten man begeht, um ſo früher ſieht man ein, daß man ein Narr iſt, und auf jeden Ueberreiz folgt Erſchlaffung. Mit gutem Vertrauen auf die Wahrheit eines ſol⸗ chen Raiſonnements hatte der Graf einen öffentlichen 201 Bruch mit der Signora vermieden und keine Veranlaſſung zu der Vermuthung gegeben, daß er ſich für ihre Kunſt weniger als früher intereſſire. Im Theater applaudirte er mit ſeiner ganzen Coterie der ſchönen Tänzerin noch immer mit dem gleichen Eifer. Er fand ſich ſogar noch zu⸗ weilen in ihrem Salon ein, und obſchon er ſich nicht mehr an die Spitze ihrer Bewunderer ſtellte, ſo bewies er ihr gleichwohl noch immer eine ſchmeichelhafte Aufmerkſam⸗ keit. Aber heimlich ſetzte er alle ſeine Triebfedern in Bewegung, um das gewünſchte Uebermaß der Vergötte⸗ rung, die Pariſina geſchenkt wurde, hervorzurufen, und mit ſicherer Hand lenkte er das Spiel ſo, daß der Tag nicht mehr fern ſein konnte, wo das Publikum die Lächerlichkeit ſeines Benehmens einſehen und der Aerger über die begangenen Narrheiten zu einem Aerger über den Gegenſtand dieſer Narrheiten umſchlagen mußte. Dieß war der Augenblick, den der Graf vorbereitete und erwartete. Der Fackelzug, die Serenade, das Hurrah⸗ geſchrei, alles war mit Rückſicht auf die beabſichtigte Kriſis veranſtaltet. Welche neue Intriguen er in's Werk zu ſetzen hatte, wenn die Kriſis einmal eintrat, das wird ſich bald zeigen. Signora Pariſin war ein Weib, das ſich wahrlich nicht leicht überliſten ließ, aber gleich wie der ſonſt ſchußfeſte Held Achilles an der Ferſe verwundbar war, ſo hatte auch ſie ihre ſchwache Seite, nämlich ein leiden⸗ ſchaftliches Verlangen nach Triumphen. Gegen eine gewöhnliche Schmeichelei war ſie abgehärtet, und ſie wußte wohl, daß juſt auf der höchſten Höhe der Fall ſowohl am leichteſten als am gefährlichſten iſt; aber jetzt, wo ein ganzes Theaterpublikum ſich ſo zu ſagen zu ihren Füßen legte, wo eine ganze Stadt ihr wie einer Köni⸗ gin huldigte, jetzt verlor ſie alle Beſinnung; gleich einem Spieler, wenn die Würfel rollen, vergaß ſie alle vor⸗ her gefaßten Grundſätze und ſchwelgte in ihrem Glück, ohne zu berechnen, ob es wohl noch für den morgenden Tag reichen würde. 202 Kurz nach dem oben erwähnten Ereigniß gab Graf Manfred zur Feier des Geburtstags ſeiner Gemahlin ein glänzendes Feſt. Die Equipagen machten eine ganze Stunde lang Queue vor ſeinem Palaſt, und drinnen in den prachtvollen Salons war Alles verſammelt, was die vornehmen Kreiſe der Reſidenzſtadt Ausgezeichnetes an Namen, Bildung und Schönheit beſaßen; man er⸗ blickte ſogar Prinzen von Geblüt. Der Lurus in allen Anordnungen war eben ſo üppig als geſchmackvoll und rief mit unwiderſtehlicher Macht jene leichte, angenehme Gemüthsſtimmung hervor, welche der Seele die Schmet⸗ terlingsflügel leiht, ohne die wir niemals zu dem eigent⸗ lichen Roſengarten in der Welt des Vergnügens ge⸗ langen... In ſammetausgeſchlagenen Kabinetten ſaßen die Coterien in lebhafter Converſation; die Toiletten funkelten von Juwelen, in den Geſprächen ſprudelte Fröhlichkeit und Witz. In dem großen Tanzſaal, der beleuchtet war, gleich als hätte er eine Sonne in ſeinen Wänden eingeſchloſſen, ſchwebte die Jugend in fröh⸗ lichen Tänzen. Ach, welche Schlingen in dieſen lächeln⸗ den Mienen, welche Bekenntniſſe auf dieſen erröthenden Wangen, welche Berauſchung in dieſen wogenden Buſen Die Muſik ertönte hinreißend und der ziſchende Champagner bot Kühlung den Lippen und Feuer den Herzen. 6taf Manfred, der heitere und liebenswürdige Schöpfer dieſer Zauberei, erfüllte ſeinen wichtigen Be⸗ ruf mit einer Ruhe, die den Mann von ächt feinem Ton auszeichnete. Ohne alle ſichtbare Anſtrengung überwachte er das Ganze, während er ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zwiſchen ſeinen zahlreichen Gäſten theilte. Für Alle beſaß er ein verbindliches Wort, der Scherz ſpielte auf ſeinen lächelnden Lippen, und von ſeinem ſtrahlen⸗ den Blick verſchwand jede Wolke des Mißmuths oder übler Laune. ½ In der reich verſehenen Gemäldegalerie erblickte 203 man verſchiedene Gäſte um die Meiſterwerke gruppirt, die hier ihren Platz hatten. Auch Baron Stanislaus war auf eine Weile hierher gekommen und ſtand bewun⸗ dernd vor einem ächten Wouwermann. Ein leichter Schlag auf die Schulter veranlaßte ihn, ſich umzuwen⸗ den, und er befand ſich jetzt dem liebenswürdigen überall gegenwärtigen Wirthe Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. „Ich wußte wohl, daß ich Sie hier finden würde,“ ſagte Graf Manfred.„Sie ſind jetzt wie immer ein getreuer Liebhaber der ſchönen Künſte„ Was gibt es Neues in der Theaterwelt 26 „Leider gibt es gar nichts Neues,“ antwortete der Baron.„Ich befände mich in dieſer Saiſon in der un⸗ glücklichſten Lage, wenn ich dem Publikum nicht Pa⸗ riſina's entzückendes Talent zu bieten vermöchte.“ „Das Publikum ſcheint ſich auch und mit Recht ſo lebhaft für Ihre ſchöne Tänzerin zu intereſſiren, daß Sie ſicherlich noch auf lange Zeit keiner neuen Ver⸗ lockung bedürfen werden. Oh, ſie iſt bewundernswür⸗ dig und ihre Triumphe waren unerhört. Aber wir, die wir ſo reiche Genüſſe von ihrer Kunſt gehabt haben, bleiben dafür immer Ihnen zum Danke verpflichtet, der Sie durch ein glückliches Arrangement uns dieſe Genüſſe verſchafften. Jedenfalls iſt es Schade, daß das eigentliche Opernperſonal ſo klein iſt; aber wenn ich mich recht erinnere, verſprachen Sie uns ja eine neue, ſehr hoff⸗ nungsvolle Sängerin, eine Mamſell Leopoldine, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht.“ „Leider ging die Hoffnung nicht in Erfüllung. amſell Leopoldine ermangelte bei näherer Prüfung mehrerer Eigenſchaften, die für eine dramatiſche Sin⸗ gerin erforderlich ſind. Ihre Stimme war allerdings ehr ſchön, aber ohne größere Mittel und überdieß in einer äußerſt ſchlechten Schule verdorben.“ „Sie wurde alſo abgewieſen 2“ „Es war ganz unmöglich, ſie anzunehmen. Ich halte es für eine ſtrenge Pfücht, in der Wahl des Süjets 204 äußerſt genau zu ſein. Wäre ich Vorſteher eines Pri⸗ vattheaters, ſo würde ich mir aus einem mißlungenen Debüt ſehr wenig machen; aber eine königliche Oper darf nicht zu Erperimenten für Dilettanten mißbraucht, ſondern nur wohlgeprüften und anerkannten Talenten geöffnet werden.“ „Recht ſo, Herr Baron, und ein wirkliches Talent kann deßhalb immer mit Sicherheit darauf rechnen, in Ihnen einen eifrigen Beſchützer zu finden.“ „Ich ſchmeichle mir wirklich mit der Ueberzeugung, daß ich noch keinem Künſtler, der voranzukommen ver⸗ diente, den Weg verſperrt habe.“ Es war aber doch Schade, daß dieſe Mamſell Leo⸗ poldine Ihrer Erwartung nicht entſprach. Sie hofften etwas Großes von ihr; aber Sie ſind jetzt, wie geſagt, überzeugt von ihrer Untaüglichkeit für die cene?“ „Vollkommen überzeugt, Herr Graf. Vielleicht kann ſie in einigen Jahren, wenn ſie eine beſſere Leitung bekommt, eine brauchbare Soubrette werden; aber für den Augenblick ſteht ſie tief unter der Mittelmäßigkeit.“ „Ihr Urtheil läßt keinen Zweifel zu... Laſſen Sie uns einen Blick in den Tanzſaal werfen, wenn es Ihnen Vergnügen macht.“ Dieſe beiden Männer, die im Herzen einander ver⸗ abſcheuten, gingen jetzt Arm in Arm wie die beſten, vertraulichſten Freunde mit einander weg.. Während einer Pauſe zwiſchen den Tänzen über⸗ raſchte der Graf ſeine Gäſte und auch ſeine Gemahlin mit dem willkommenen Vorſchlag, einen Beſuch in der Orangerie abzuſtatten, die neuerdings zu einem an⸗ ſehnlichen Wintergarten erweitert und mit dem Palaſt ſelbſt in Verbindung geſetzt worden war. Paarweiſe wandelte man durch einige Corridore und kam eine breite Treppe hinab in den Garten, die⸗ ſes neue Eden, einen kühnen Trotz, welchen die Kunſt der Natur und dem Klima bot. 20⁵ Zwiſchen zierlichen kleinen Hainen von Lorbeeren und Cypreſſen, ſo wie Jasminen und Roſenbüſchen ſchlängelten ſich mehrere Gänge mit Teppichen belegt, welche die Weichheit und das Grüne des Graſes dar⸗ ſtellten. Schöne Blumengruppen, mit Geſchmack ge⸗ ordnet und ſorgfältig einen harmoniſchen Farbenwechſel beobachtend, erhoben ihre duftenden, prachtvollen Kelche über friſchen Moosbeeten, die mit einem Kranz von Muſcheln umgürtet waren. Einige Statuen und an⸗ tike Vaſen zeigten ſich auf ihren Piedeſtalen gänzlich eingeſchnürt in ein Netz von feinblättrigen Schling⸗ pflanzen, und über einigen Granitblöcken breitete der Epheu ſeine grünende Decke. In einem Marmorbaſſin ſprudelte ein Springbrunnen, der gleichſam alle Kräfte aufzubieten ſchien, um ſeine Strahlen bis hinauf in den Kranz vielfarbiger Lampen zu werfen, die an feinen, unmerkbaren Fäden aufgehängt waren und in der Luft zu ſchweben ſchienen, während ſie ſich in den kleinen Wogen des Baſſins ſpiegelten und jedem der ſpielen⸗ den Waſſertropfen einen Wiederſchein ihres eigenen Glanzes ſchenkten. Hunderte ſolcher Lampen von allen Farben waren zwiſchen den Bäumen und Blumen an⸗ gebracht und verbreiteten einen reichen, bunten Schein, der von der Glaskuppel zurückprallte, die ſich über dem Ganzen wölbte. Die Wände, gleichfalls zum größeren Theil von Glas, waren mit Spalieren bedeckt; aber im Hintergrunde zeigte ſich eine azurblaue Draperie, unter einem Gewölbe von Weinranken angebracht. Der Anblick dieſer geſchmackvollen Anlage rief die lebhafteſte eiheit Man fand nicht ſchöne Worte genug für ſein Entzücken, und man wollte nicht aufhören mit den ſchmeichelhafteſten Lobesergießungen auf den genialen Grafen Manfred, welcher ſelbſt die Idee zu dieſem Paradies angegeben hatte. Der Effect drs Ganzen wurde noch brillanter, als die Gäſte in ihren eleganten Toiletten ſich auf den nach verſchiedenen Stiten hin ſich ſchlängelnden Gängen ausgebreitet hatten. 206 Bald wurde die Aufmerkſamkeit nach einer neuen Richtung gelenkt, als die Töne von einem verborgenen Orcheſter die Luft durchbrausten. Die Muſik wurde in einem ſchwachen Piano ausgeführt und ſchien einen Chor von Aeolsharfen darzuſtellen. Zuweilen erſtarben die vibrirenden Töne beinahe ganz; zuweilen dagegen wurden ſie ſtärker, gleichſam von einem friſcheren Wind⸗ hauch belebt, und die Harmonien erſchollen volltönen⸗ der, um von Neuem in einem ſtillen Geiſtergeflüſter zu erſterben. Allmälig wuchs die Stärke eines oft wieder⸗ kehrenden Akkords, und daraus ging endlich mit noch zögernder Kraft eine liebliche, milde und ſchwär⸗ meriſche Melodie hervor. Jtetzt fiel der Vorhang im Hintergrund wie eine lichte Wolke zur Erde, und in dieſem Augenblick bot ſich eine bezaubernde Scene dar. Unter dem von Weinranken gebildeten Gewölbe er⸗ ſchien auf einer ſtark beleuchteten Erhöhung eine wunder⸗ ſchöne Flora. Sie ſtand unter Hecken und Gruppen von den herrlichſten Blumen und hatte eine Haltung von vollendeter Anmuth angenommen, ſo ruhig, ſo natürlich und eben darum ſo edel. Iſt es wohl mög⸗ lich, daß es nur ein Bild iſt? fragte man beim erſten Anblick, und als man bald entdeckte, daß ſie natür⸗ liches Leben beſaß, fragte man wieder: Iſt es wohl möglich, daß es nur ein Menſch iſt? Ihr ſtrah⸗ lender Blick ruhte nachdenklich, oder vielmehr träume⸗ riſch, auf einer Roſe, die ſie in ihrer Hand hielt. Es ſchien, als leſe ſie auf den Blättern der Roſe liebliche Kindheitserinnerungen, denen ſie freundlich zulächeln müßte, obſchon ſie eine ſtille Wehmuth in ihrer Seele weckten. Ihre feine Geſtalt, würdig der ätheriſchen Gattin Zephyr's, beſaß plaſtiſche Schönheit und Har⸗ monie. In reichen Falten drapirte ſich das weiße, nach antikem Muſter getragene Kleid. Ein Blumengürtel umſchlang die geſchmeidige, ſchlanke Geſtalt, und die Form der gänzlich entbloößten Arme war höchſt voll⸗ 207 kommen. Herrlich ſtrahlten die Blumen um ſie her, aber ſie gewann den Sieg über alle; ſie war die Schönſte in ihrem Reiche. Die Muſfik ging jetzt durch einige phantaſtiſche Mo⸗ dulationen in eine andere Tonart über und ahmte das feierliche Gebrauſe einer Orgel nach. Ein Zittern durcheilte die feinen Glieder der jun⸗ gen Flora. Sie ſchien aus ihren Träumen zu erwachen, ſie legte ihre Hände zuſammen und richtete den Blick zur Höhe empor. Sie lauſchte der Muſik. Man ſah, wie die Töne zu ihrer Seele ſprachen und immer mehr ihre Gefühle belebten. Es war, als ob ſie von den ſie umſchwebenden Harmonien lernte, ihrem eigenen, allzu vollen Herzen Luft zu verſchaffen, ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Ihre Lippen öffneten ſich, ein Seufzer ſchwebte darüber; darauf erfolgte ein Ton, ſo rein und klar, als wäre er der erſte Ausruf eines zur Erde herabgeſtiegenen Engels, und ſodann ſtimmte ſie, gleichſam von einer unwiderſtehlichen Inſpiration er⸗ griffen, einen herrlichen Lobgeſang auf die ewige Schön⸗ heit der Natur an. Es lag eine Andacht, ein Gebet in dieſem Geſang, dem die Kraft inzuwohnen ſchien, alle Thore des Himmels zu öffnen. Des Geſanges mächtiger Geiſt erwärmte ſie immer mehr. Eine höhere Röthe breitete ſich über ihre Wan⸗ gen. Das gen Himmel gekehrte Auge ſenkte ſich wie⸗ der und iht⸗ mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit auf den Blumen, die ſie umgaben. Sie beugte ſich zu ihnen hinab, ſah vertraulich in ihre wechſelreichen Kelche, nickte ihnen wie alten guten Freunden zu und brach mit koſen⸗ der Hand die ſchönſte von der bunten Schaar. In lebhaft malenden Tönen beſang ſie dabei, wie jede Blume von der ewigen Liebe der Götter gegen die Sterblichen zeuge, und wie jede die Kraft erhalten habe, der Erde ein neues Glück, eine neue Freude zu bringen, die eine nähre die Flamme der Liebe, eine andere bringe den milden Troſt der Freundſchaft. Die Mächte der Erinnerung und der 208 Hoffnung hatten hier Beide ihre Boten und die Kräfte der Geſundheit gediehen neben dem Talisman der Schönheit. Aus dieſen Blumen des Glücks wand ſie einen Kranz, näherte ſich dem Rand der Erhöhung, auf wel⸗ cher ſie ſtand, und überreichte ihre ſchöne, verheißungs⸗ reiche Gabe mit wahrhaft olympiſcher Anmuth der Kö⸗ nigin des Feſtes, Graf Manfred's überraſchter Gattin. Der azurfarbige Vorhang wurde zwiſchen dem Reben⸗ gewölbe wieder zugezogen, und Flora war verſchwunden. Dieſe Scene machte auf die vielen Gäſte des Gra⸗ fen einen tiefen Eindruck. Allerdings empfanden ſie keine Berauſchung von der Art, in welche Signora Pariſina ſie ſo oft verſetzt hatte, aber Alle fanden ihr Herz belebt von reineren, ruhigeren, edleren Gefühlen. Der Geſang des ſchönen Mädchens war im Ganzen ſo einfach, ſo frei von allem Geprunke, daß er auf kei⸗ nerlei Art die Seene verwirrte oder ſtaunende Bewun⸗ derung hervorrief. Dagegen fühlte man ſich unwillkür⸗ lich gerührt von der reinen, ſchönen, überſinnlichen Wahrheit, die in jedem Tone lag. Niemand dachte an die Forderungen der Kunſt. Nein, ſogar alle Kritiker, ſtrenge Verſechter verſchiedener Schulen, wurden von der Poeſie des Augenblicks ergriffen, vergaßen darüber ihre gelehrten Syſteme, ihre Regeln und Conventionen, die Wiſſenſchaft und die Studien, und waren überraſcht von ihren eigenen kindlich frommen Thränen. Es war ſchon lange her, daß dieſes Publikum kei⸗ nen Kunſtgenuß mehr von dieſer, wenn ich ſo ſagen darf, natürlichen Art erhalten hatte. Sie gaben auch ihren Beifall nicht durch die gewöhnlichen ſtürmi⸗ ſchen Applauſe zu erkennen, ſondern durch ein weit be⸗ deutungsvolleres, feierliches Schweigen. Zum Erfolg der jungen Sängerin trug möglicher⸗ weiſe auch der Umſtand bei, daß ſie ihren Zuhörern gänzlich unbekannt war. Ihr Auftreten war für Alle eine Ueberraſchung geweſen. Sie hatte ganz und gaf 209 keinen Ruf, nach welchem man ſie, wie ſo oft geſchieht, zum Voraus und ohne Prüfung hätte beurtheilen kön⸗ nen. Kein Neid hatte noch ſeinen giftigen Stachel gegen ſie gerichtet. Sie hatte allerdings keine Gönner, auf die ſie ſich verlaſſen konnte, aber ſie hatte auch, und das iſt noch mehr, keine Coterien zu befiegen. Sie kam, man wußte nicht woher; man wurde von ihrem Talent überrumpelt und wagte ein einziges Mal in Entzücken zu gerathen, ohne daß man wußte, ob dieß comme il faut war. Ueberhäuft von Dankſagungen und Lobſprüchen und mit tauſend Fragen beſtürmt, entfernte ſich Graf Manfred, kam aber nach einer Weile zurück, den Ge⸗ enſtand der allgemeinen Bewunderung an der Hand ſhlend. Er führte jetzt Mamſell Levpoldine vor. Ja, es war wirklich Leopoldine, unſere verlaſſene, arme, herabgeſtimmte Freundin, die in dieſem Augen⸗ blick vor der glänzendſten Geſellſchaft der Hauptſtadt ſtand, von hundert Zungen geprieſen und geſchmeichelt. Sie war es, die man ſo eben als Flora bewundert; ihre Schönheit, ihr Talent waren es, die ſo viele Her⸗ zen gerührt hatten, ſo daß ſie noch jetzt hoch klopften vor Entzücken.* Durch ihren Lehrer war Leopoldine dem Grafen Manfred vorgeſtellt worden, als der Letztere den Wunſch zu verſtehen gegeben hatte, mit der geſchickten Schüle⸗ rin Bekanntſchaft zu machen. Der Graf, dem es nicht an Urtheil fehlte, war wirklich von ihrem ungewöhn⸗ lichen Talent überraſcht worden und erkannte daſſelbe um ſo bereitwilliger an, als es juſt in ſeinem Privat⸗ intereſſe lag, eben jetzt eine Künßtlerin zu finden, die ſeine Protection verdiente. Von ſeinen Lobſprüchen auf⸗ gemuntert und auf das Zureden ihres Lehrers hatte Leopoldine ihre Mitwirkung zu dem großen Feſte ver⸗ ſprochen Welche Stunden der Freude und Hoffnung, des Bebens und der Angſt hatte nicht dieſe Zuſage ihr bereitet, die ihrer Kraft noch ſo ungewiß, noch von ſo Ein Funken. I. 14 bangen Zweifeln an ihrem Talent gequält war!„ Ihre Unruhe wurde immer größer, je näher die ent⸗ ſcheidende Stunde kam, und als endlich der Augenblick da war, als man kam, um ſie auf die improviſirte 3 Schaubühne zu führen, da wurde ſie von einer ſolchen Angſt ergriffen, daß ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, ſicherlich weit von dem gräflichen Palaſt eutflohen wäre. Die Erinnerung an den unglücklichen Probegeſang vor der Theaterdirection zermalmte ihren Muth gänzlich, ſie mußte beinahe auf die Scene getragen werden, und Alle, die ſie umgaben und ſahen, welches gewaltſame Zittern ihre Glieder erſchütterte, entſagten jeder Hoff⸗ nung. Aber der Lehrer, der ſie beſſer kannte, ſchob alle Waſſergläſer und ſtärkende Tropfen auf die Seite, riß ſich aus ihren Händen, die ihn zurückhalten wollten, los, machte Platz auf dem Theater und gab in dem⸗ ſelben Augenblick dem Orcheſter das Zeichen zum An⸗ fang. Dieß war kühn aber wohl berechnet. Mit den mil⸗ den Tönen der Muſik kehrte die Harmonie in Leopoldinens aufgeregte Serle zurück. Nichts Anderes hätte ſie ſo vollſtändig beruhigen können. Vor ihrer Phantaſie ſtan⸗ den bald nicht mehr die jinſteren, drohenden Ahnungen⸗ Die Furcht vor dem Mißlingen, der beunruhigende Ge⸗ danke an die Wichtigkeit des Augenblicks verſchwand. Es war nicht mehn ein Moment ſelbſtſüchtiger Berech⸗ nung; über ihren Gefühlen vergaß ſie ihr Intereſſ⸗ Die Wegziehung des Vorhangs bemerkte ſie nicht und eben ſo wenig alle die Blicke, die ſich auf ſie richteten. Es kam ihr vor, als wäre ſie mehrere Jahre in di Zeit zurückgeſetzt in das träumende Leben in ihren mütterlichen Hauſe. Die Blumen deuteten ihr jetzt wi früher ihre Sagen. Eine Centnerlaſt fiel von ihre Bruſt, als ſie ihren Lobgeſang auf die erhabene Schöm heit der Natur ſingen dürfte, Es waren ihre eigen Gefühle, die ſie ausgoß. Die Inſpiration ging von ihrem eigenen ſchwellenden Herzen aus. 5 2¹1 Wir haben geſehen, wie dieſer Geſang bei den Zu⸗ hörern Anklang fand, Sympathien und Bewunderung erweckte. Schüchtern und verzagt empfing Leopoldine all' den Beifall, all' die Complimente, die jetzt an ſie verſchwen⸗ det wurden. Der Sieg, den ſie errungen hatte, machte ſie glücklich, aber gleichwohl war dieſes Glück mit ſo viel Wehmuth nenht Sie ſtand ſo allein in dieſem glän⸗ zenden Kreiſe. Das Bewußtſein, daß ſie vor dieſen unbekannten Menſchen ihre Seele enthüllt habe, äng⸗ ſtigte ſie. Es war eine Leere in ihrem Innern. Das— Beſte, was ſie beſaß, die heiligſten Gefühle ihres Her⸗ zens hatte ſie in die Welt hinaus geworfen, ſo däuchte es ihr, und alle ihre Vertrauten waren Fremdlinge... Das arme Mädchen! ſchon bei ihrem erſten Triumph machte ſie die betrübte Erfahrung, daß hinter den blumen⸗ geſchmückten Hyperbeln der Schmeichelei eine geiſtige Armuth ſich verbirgt. Wohl trifft es ſich manchmal, 6 daß man mit vollen Händen dem Künſiler ſowohl Gold 11 als Ehre ſpendet, und meiſtens verlangt er nichts Beſ⸗ ſeres; aber hat er ſein Herz in ſeine Kunſt gelegt, wo 1 findet er dann eine Belohnung?... Die vornehmſten Damen ließen ſich herab, mit gnädigen Zungen der unbekannten Sängerin ihr Wohlgefallen zu erklären. Hochbetitelte Herren prophezeiten ihr eine glänzende Zukunft. Sie war der Gegenſtand allgemeiner Auf⸗ merkſamkeit. Man drängte ſich um ſie, und von allen Sdeiten ſcholl ihr Lob und Dank entgegen. Es verſteht 6 ſich vn ſelbſt, daß ſie ſich dadurch geſchmeichelt fühlen und über ihren Erfolg erfreut ſein mußte, zumal da er eeine glückliche Veränderung in ihrem künftigen Geſchick t wreiſſagte. Gleichwohl beſaß ſie Feingefühl genug, um ſu bemerken, daß der Enthuſiasmus des Augenblicks ſein Leben theilweiſe auch von der Neugierde entlehnte, und mitten in der Pracht des Feſtes, mitten in der reichen Ernte der Lobpreiſungen ſehnte ſie ſich hinein in ihr ſtilles Stübchen, ſehnte ſich nach einer Gelegen⸗ heit, in ſtiller Andacht ihre eigene itee Gott 1 2¹2 darzubringen und ihre Gedanken bei den theuerſten Erin⸗ nerungen ruhen zu laſſen, welche ſie beſaß: eine Ruhe bei drei Gräbern 2 Nur einem Einzigen von den Gäſten war Leopol⸗ . dinens Auftreten eine Ueberraſchung, die wahrlich nicht angenehm genannt werden konnte. Dieß war der Direk⸗ tor der königlichen Oper, Baron Stanislaus. Der arme Mann! er fühlte ſich vom Blitz getroffen in dem⸗ ſelben Augenblick, wo er in Flora ſeine verſtoßene Debü⸗ tantin erkannte. Er wollte ſeinen Augen nicht trauen; aber leider mußte er ſich auch durch ſeine Ohren über⸗ zeugen laſſen, daß ſie es war. Er fand ſich von ſeinem alten Feind überliſtet und ſah mit ſchwindendem Muthe die Gefahr ein, die ſich im Schvoß dieſer Intrigue verbarg. „Ihr Erfolg wird mein Fall,“ murmelte er, ſein eigenes Schickſal prophezeiend. Seine Angſt ſtieg in demſelben Verhältniß, wie das Entzücken ſeiner Nachbarn. Das leiſe Beifalls⸗ geflüſter, das während des Geſangs den Zuhörern ent⸗ ſchlüpfte, machte ihn zugleich erblaſſen und erzittern; aber als einer der königlichen Prinzen, in deſſen unmit⸗ telbarer Nähe der Baron zufällig ſeinen Platz genom⸗ men hatte, bei einem von Leopoldinen's glücklichen Augen⸗ blicken ausrief: Vortrefflich, ſie ſingt wie ein Engel! da klangen die Sterbeglocken vor ſeinen Ohren, und er ſchwur in ſeinem Innern Wehe und Fluch über Graf Manfred's verrätheriſche Seele. Als der Ausgang ent⸗ ſchieden war und Leopoldinens Triumph durch einſtim⸗ migen Beifall bezeugt wurde, ſchlich er ſich hinweg wie ein Miſſethäter. Aber nach Verlauf einer Weile, als er ruhig ſeine Stellung überlegt hatte, faßte er wieder Muth, zupfte ſein breites weißes Halstuch herauf, ord⸗ nete ſeine Vatermörder und rief um die Lippen das freundlichſte Lächeln hervor, das er möglicher Weiſe zu Stande bringen konnte. Darauf trat er von Neuem in 2¹3 die Geſellſchaft und beeilte ſich, Graf Manfred aufzu⸗ ſuchen. Als er ihn gefunden hatte, rief er in einem Ton vollkommener Aufrichtigkeit: „Ich bin Ihnen zum wärmſten Danke verpflichtet, Herr Graf. Sie haben mir an dieſem genußreichen Abend eine Aufklärung verſchafft, die unſchätzbar iſt. Allerdings iſt es eine Aufklärung über meinen eigenen Mißgriff, aber da ſie einen Gewinn für das Publikum in ſich ſchließt, ſo kann ich mich dadurch nur beglückt fühlen. Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu drücken und Ihnen meine Verehrung für Ihr geiſtreiches Urtheil, für Ihren kritiſchen Blick zu erklären... Wie habe ich mich nicht in dieſer Mamſell Leopoldine ge⸗ täuſcht, hahaha!“ Graf Manfred reichte ſeine Hand, wie es ſchien, mit aufrichtiger Freude, drückte die Hand des Baärons ſo freundlich, ſo warm, und während dieſer Ceremonien lächelten beide mit ſo herzlicher Güte einander zu. Hierauf eilte der Baron, ſein Lob in das Rühmen der Menge zu vermiſchen, und er wurde der Lauteſte, der Unermüdlichſte von Allen. Vor Jedem, der ihn an⸗ hören wollte, poſaunte er ſein Entzücken über die aus⸗ gezeichnete Sängerin aus, ſo wie ſeine Freude über die Hoffnung, die mit ihr für die lyriſche Seene aufgehe. Halb ſcherzend über ſeine Kurzſichtigkeit, womit er ihr Debüt zurückgewieſen hatte, ließ er ſich's ganz beſon⸗ ders angelegen ſein, ſeinen Mißgriff ſelbſt erzählen zu dürfen. Mit ſeiner Aufrichtigkeit wollte er die Umſtände zu ſeinem Beſten lenken und das Anſehen gewinnen, als ob er alle perſönliche Eitelkeit opfere, ſobald es ſich um das Beſte des Publikums und des Theaters handele. Ja, er ging in ſeinem Eifer ſo weit, daß er über ſein eigenes Urtheil ſpottete; aber ſein Lachen war nicht be⸗ nichtrecht natürlich Moch lange erſcholl die fröhliche Tanzunſit durch die Salons, vermiſcht mit dem Getöſe heiterer Unter⸗ * 21¹4 haltung. Die lebhafteſten, wechſelnden Seenen ließen in den matten Gemüthern keinen Verdruß aufbringen, und denjenigen, welche die Freuden des Tiſches liebten, boten die Buffets die angenehmſte Zuflucht dar. Erſt vor Tagesanbruch endete das Feſtz über ſein Gelingen herrſchte nur eine Stimme. Herr Manfred ſelbſt war davon überzeugt. Er freute ſich über ſein Werk und war ſtolz auf den Erfolg ſeiner Pläne. Nachdem die übrigen Gäſte ſich entfernt hatten, blieb ſein vertrauteſter Freund, der Kammer⸗ junker Lebeaureſte, noch eine Weile bei ihm zurück. Die beiden Herren ſaßen mit der Cigarre im Mund da und beſprachen die Ereigniſſe des Abends. „Theure Feſte zu geben,“ ſagte der Kammerjun⸗ ker,„iſt keine Kunſt; angenehme Feſte zu geben iſt ſchwerer, denn dazu gehört etwas mehr als Geld, und dieſes etwas mehr ſteht nicht Jedermann zu Gebote. Eine Schilderung des geſellſchaftlichen Lebens unſerer Zeit wäre eine betrübte Geſchichte.“ „Ja, Du haſt Recht, eine ganz betrübte Geſchichte.“ „Wir haben Alle ſeit unſerer Kindheit den Begriff eingeſogen, daß das Vergnügen, dieſe Gottheit, welche zu lieben in unſerer Natur liegt, gleich dem ganzen Univerſum aus Atomen beſtehe, und daß dieſe Atome aus Bällen, Soupers, Diners, Dejeuners u. ſ. w. zu⸗ ſammengeſetzt ſeien. Wenn man ſo glücklich war, einige Jahre ſeiner Jugend zu vertanzen, ſo fängt man aller⸗ dings an, ſich dieſes leeren, einförmigen Lebens ſehr überdrüſſig und ſehr ermüdet zu fühlen; man findet ſich in ſeinen Hoffnungen ſchwer getäuſcht und begreift end⸗ lich, daß das Vergnügen etwas ganz Anderes ſein muß. Die Folge davon müßte eigentlich ſein, daß man dieſem falſchen Luftgebilde von einem Glück, das ſich in Wirk⸗ lichkeit nicht vorfindet, den Rücken kehrte aber jetzt findet man ſich in ein ſtarkes Netz eingeſchnürt. Man hat ſeine Freiheit verloren und kann nicht umkehren⸗ Die Gewohnheit, die Eitelkeit und hundert andere Kräfte 2¹⁵ zwingen uns auf der Bahn fortzufahren, die wir in unſerer Einfalt, unſerer Unſchuld begonnen haben. „Und dieſes Fortfahren iſt noch kläglicher. Müde, unluſtig, unvermögend uns ſelbſt over irgend einem An⸗ dern ein Vergnügen zu bereiten, werden wir maſchinen⸗ mäßig vorwärts getrieben, um Jahr für Jahr dieſelbe Reihenfolge von Vergnügungen zu durchwandern. Man lächelt mit den Lippen und weint mit dem Herzen. Wir haben nun einmal unſere Seele an den böſen eiſt, den Geſellſchaftsteufel, verkauft, und er läßt uns nicht los, er zwingt uns täglich, die Qualen der Danaiden auszuſtehen, und endlich erreichen wir den letzten Grad unſeres Leidens, wenn wir nämlich ſelbſt ein Werkzeug in der Hand unſeres Plagegeiſtes werden, wenn wir ſelbſt Bälle, Soupers, Diners u. ſ. w. veranſtalten müſſen. Ach, wie manchem Wirth und wie mancher Wirthin hätte ich nicht ſchon zurufen mögen: Wie grau⸗ ſam rächt man ſich nicht an euch!“ „Aber derjenige, der ein bischen friſche Luft in den Sirokto der Geſellſchaften zu blaſen vermag, wer für einen Augenblick die Centnerlaſt der Langenweile er⸗ leichtern kann, welche die Gemüther beklommen hält, der erſcheint der Menge als ein Gott. Du biſt ein ſol⸗ cher Gott, Bruder Manfred.“ „Nun ja, dieſe Verehrung zu gewinnen, iſt auch eine Ehre. Man unterſcheidet ſich von dem großen Hau⸗ fen, man bekommt einen Ruf, und ich verlange für den Augenblick nichts Anderes.“ „Deine kleine Sängerin war vortrefflich.“ „Ja, nicht wahr?... Der Intrigue auf die Spur zu kommen, wodurch ſie von der Bühne ausgeſchloſſen werden ſollte, hielt nicht ſchwer; unſer lieber Baron Stanislaus iſt in dergleichen feinen Angelegenheiten ſo geſchmeidig wie ein Bär; aber niemals konnte ich ver⸗ muthen, daß das Schickſal juſt jetzt ein ſo originelles, ſo geniales Talent in meine Hände werfen ſollte.“ „Welche Stimme, welch ein Vortrag! Ich glaube 216 meiner Seel, daß ſie mich zum Weinen brachte„. Bei ihr findet ſich nicht dieſes glühende Leben, das bei Signora Pariſina in jeder Ader brennt; aber wie edel ſind nicht ihre Züge, wie jungfräulich ihr Erröthen! i jetzt erſt glaube ich, daß Dein Fall mög⸗ ich iſt.“ „Das ſteht feſt... Pariſina's Gewalt neigt ſich zu ihrem Ende. Es hätte anders um ſie ſtehen können, wenn ſie nicht die Unbedachtſamkeit gehabt hätte, mich zu verſtoßen. Wenige Weiber, das muß ich geſtehen, haben mich ſo bezaubert wie ſie. Woher hat ſ wohl das Feuer genommen, das in ihren Blicken flammt? WMein Blut kommt noch jetzt in Wallung, wenn ich mir dieſe weiche, geſchmeidige, üppige Geſtalt vor meine Gedanken rufe.“ „Du haſt wie ein Mann von Ehre gehandelt. Eine öffentliche, abſichtlich zugefügte Beleidigung darf, und ſie vom ſchönſten Weibe, nicht ungeſtraft hin⸗ gehen.“ „Ich hätte vor jeder Andern ihres Geſchlechtes er⸗ röthen müſſen, wenn ich nicht das Bewußtſein beſäße, Pariſina's Uebermuth beſtraft zu haben. Sie wagte es, meiner Protektion Trotz zu bieten, meine Liebe zu ver⸗ achten, und darum muß ſie zermalmt werden. Nach⸗ dem ſie jetzt eine Mitbewerberin in der Gunſt des Publi⸗ kums bekommen hat, wird ſie ſich vergebens bemühen, dieſelbe feſtzuhalten. Tog für Tag wird ſie ſich immer mehr ſinken ſehen. Und das Publikum wird endlich nichts Anderes als ein laues Mitleid für ſie haben, wenn es ſeinen ganzen Enthuſiasmus auf den neuen Günſtling übertragen hat, der, wie ich vollkommen überzeugt bin, ſehr bald den erledigten Herrſcherthron einnehmen wird.“ „Du biſt zum Diplomaten geſchaffen, Bruder Man⸗ 66— fred Mag die ſtolze Dame aus der Lektion, die ich ihr ertheile, erſehen, daß man ſeine Freunde mit mehr Ur⸗ 217 theil wählen und vor Allem ſeiner heftigen Laune Zügel anlegen muß.“ „Eine ſfehr vernünftige Moral für eine Tänzerin.. Du haſt Dein Ziel meiſterhaft erreicht; aber ſage mir, wie theuer iſt wohl dieſe Rache Deinem Herzen zu ſte⸗ hen gekommen?« „Bah! es iſt nicht das erſte und wahrſcheinlich auch nicht das letzte Mal, daß mein Herz in dieſer illuſoriſchen Welt von Schminke, Tricot und gekreideten Schuhen auf Beſuch war.“ KIII. Das erſte und das letzte Bouguet. Lebensſchiff, wog' ab und auf, In dem unbeſtimmten Lauf Durch der Zeiten Meere. Theodor Winkler. Den folgenden Mittag trat Baron Stanislaus in Signora Pariſina's Salon. Sein Ausſehen verrieth eine ſtarke Gemüthserſchütterung. Er vergaß ſeine gewöhn⸗ liche übertriebene Höflichkeit, warf ſich in ein Cauſeuſe und trocknete mit dem Nastuch die Schweißtropfen von ſeiner Stirne. Pariſina ſchien vollkommen ruhig. Sie ließ ſich durch die Ankunft des Barons ganz und gar nicht ſtören, ſondern blieb an ihrem Tiſch ſitzen, wo ſie beſchäftigt war, Patience zu legen. „Sehen Sie, Herr Baron,“ ſagte ſie, ohne ſich gegen ihren Gaſt unzuwenden,„das iſt ganz bedenklich. Eine fatale Hacke liegt mir in dem Weg und macht mir großen Verdruß. Ich liebe die Hacken nicht, weder im 218 Leben, noch im Kartenſpiel, zumal wenn ſie die Rolle von Matadoren ſpielen wollen; aber es iſt etwas ganz Gewöhnliches hier in der Welt, daß juſt die Schwach⸗ heit ſich als Stärke breit machen will.. Ich vermuthe, daß Sie oft Patience legen; Sie, der Sie im Allge⸗ meinen Ihre Karten ſo vortrefflich, ja zuweilen mit einer Feinheit ſpielen, die oft ganz unbegreiflich iſt Sie ſind heute nicht beſonders munter, Herr Baron, glaube ich zu bemerken.“ „Signora,“ antwortete der Baron in ernſtem, be⸗ trübtem Ton,„das iſt kein Augenblick zum Scherzen.« „So, ſo vielleicht auch nicht zur Patience 2 Erlauben Sie mir denn, daß ich Ihnen prophezeie. Ihre Farbe iſt natürlich Treff; das iſt eine bedeutungsvolle Farbe. aber Ihr Schickſal liegt im Roſenroth. Gut, welches Glück erwartet Sie da! Eins, zwei, Si Baron, Sie ſind bereits ein ſehr großer Mann, Sie ſind einer der größten Theaterdirektoren der Welt und der iie Veſchützer für Jeden, dem es gelingt, Ihre Gunſt zu gewinnen; aber Sie werden beſtimmt noch weit größer, Sie werden wenigſtens Premierminiſter, bevor Sie ſterben, und dann werden Sie ein Erzengel und hernach.. „Ich habe Ihnen wichtige Ereigniſſe zu erzählen; ſchenken Sie mir eine Weile Ihre Aufmerkſamkeit.“ „Rücken Sie mit Ihren Ereigniſſen heraus, Herr Baron; meine beiden Ohren ſtehen Ihnen zu Dienſten.“ „Seit geſtern hat ein großes Unglück uns getroffen und unſere Zukunft zerſtört.“ „Uns und unſere!... Sie ſprechen königlich, wie ich höre.“ „Signora, Sie find ein Weſen eigenthümlicher Art, und ich weiß nicht, ob Sie, von dem Vorfall bereits unterrichtet, jetzt mit der Fülle des Uebermuthes dem Schickſal Trotz bieten; aber was mich ſelbſt betrifft, ſo bin ich in Wahrheit beklagenswerth.. Sie wiſſen, daß Graf Manfred, Ihr und mein verrätheriſcher Freund, 2¹9 geſtern der vornehmſten Geſellſchaft der Stadt ein glän⸗ zendes Feſt gab. Wiſſen Sie auch, daß er bei dieſem Feſt die vornehme Welt mit einer jungen Künſtlerin bekannt machte, die mit den herrlichſten Anlagen als Sängerin und Aetrice begabt iſt 2“ „Sollte ich nicht wiſſen, was die ganze Stadt weiß, und was die Morgenjournale mit ſo beredter Stimme auspoſaunt haben! Mamſell Leopoldine ſang beſſer als die heilige Cäcilia je geſungen, ſagt man; ſie erregte ein unerhörtes Aufſehen, und man behauptet, ein ge⸗ wiſſer Baron habe aus eitel Entzücken den Kopf ver⸗ loren. Das Letztere iſt natürlich eine Uebertreibung; denn ich wage zu läugnen, daß eine auf ſolche Art aus⸗ gezeichnete Pernlichkeit einen Kopf zu verlieren habe.“ „Ich höre, daß Sie wohl unterrichtet ſind. Sicherlich iſt auch Ihr Gedächtniß eben ſo ausgezeichnet wie Ihre übrigen Eigenſchaften, und Sie dürften alſo nicht ganz vergeſſen haben, daß einer Ihrer Freunde, der nur zu gut einſah, daß Mamſell Leopoldine eine glänzende Zu⸗ kunft beſitze, einmal, um Sie zu beruhigen, das Ver⸗ ſprechen gab, dieſes Talent von der Bühne auszuſchließen.“ „Mein beſter Baron, ich glaube wirklich, wir könn⸗ ten etwas Angenehmeres thun, als uns an unſere klei⸗ nen Schwachheiten zu erinnern. Wir haben leider einen ganzen Haufen von ſolchen auf unſeren Rücken.“ „Ja, leider bin ich allzu ſchwach geweſen, oder vielmehr mein Herz war allzu ſtark in ſeiner Bewunde⸗ rung für Sie. Ich bin jetzt hart beſtraft worden. Daß Sie Ihrestheils keine Furcht mehr hegen, von einem neuen Stern am Himmel der Kunſt verdunkelt zu wer⸗ den, ſehe ich jetzt, und möglicher Weiſe haben Sie es auch nicht nöthig. Aber Sie ſollten doch von dem zer⸗ malmenden Schiag gerührt werden, den ich Ihretwegen aushalten mußte.“ „So, ſo, Sie haben einen Schlag bekommen, ſagen Sie, wo, von wem, wenn man fragen darf?“ „Ich komme juſt aus dem königlichen Schloſſe, wo⸗ * 220 hin ich zu einer gnädigen Privataudienz bei Sr. Maje⸗ ſtät berufen war.“ „Ah, alſo ein Ritterſchlag, kann ich mir denken. Sie haben eine neue Dekoration erhalten für Ihre großen Verdienſte hinter den Dekorationen.“ „Seine Majeſtät, die mich bisher mit ganz beſon⸗ derer Gewogenheit beehrt hatten, waren heute aufgebracht und vernichteten mich mit ihrer Kälte. In ſtrengen Wor⸗ ten warf er mir große Verſehen in meinem Dienſte vor. Ich ahnte ſogleich, wer das Unwetter hervorgerufen habe, und ſuchte mich mit Verſicherungen meines Eifers und meiner raſtloſen Bemühung, um meinen Pflichten nachzukommen, zu entſchuldigen. Seine Majeſtät wollten meine Erklärung nicht annehmen; er ſagte mir, er wiſſe auf's Beſtimmteſte, daß ich meinem Platz als Theater⸗ direktor ſchlecht vorſtehe; ich habe meine Privatintereſſen über die Intereſſen des Publikums geſetztz ich ließe mich durch Rückſichten leiten, die der Kunſt ſchaden; ich ver⸗ ſäume es, über die Disciplin und die Sitten meiner Untergebenen zu wachen; ich hielte durch eine unverzeih⸗ liche Partheilichkeit gewiſſe Künſtler zurück, während ich Andern ganz nach meinem Gutdünken unverdiente Vor⸗ theile gewähre, und dadurch habe ich Sr. Majeſtät Theater dem Untergang nahe gebracht... Meine Ein⸗ wendungen, daß ich von meinen Feinden belogen wor⸗ den ſei, halfen mir nichts. Der König ſagte, er ſei von Mitgliedern ſeiner eigenen hohen Familie, die geſtern dem Feſt des Grafen Manfred angewohnt, in Kenntniß geſetzt worden, wie ich, deſſen Pflicht es wäre, alle Künſtler in Schutz zu nehmen, dieſer meiner Pflicht ſchnurſtracks zuwider, das Debüt einer talentvollen Sängerin verhin⸗ dert habe. Se. Majeſtät ſchloß mit der Erklärung, daß er, da er beſſer bedient zu werden verlange, für gut befunden habe, unverzüglich meinen Abſchied aus⸗ fertigen zu laſſen.“ Signora Pariſina erhob ſich und that einen Aus⸗ ruf der Verwunderung. 22¹ „Meine Erzählung entſpricht vollkommen der Wahr⸗ heit,“ fuhr Baron Stanislaus fort und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu:„Ich bin nicht mehr Theater⸗ direktor.“ „Wahrhaftig, die Geſchichte beginnt intereſſant zu werden. Sie ſind abgeſetzt, entfernt... Sie können Ihr Schickſal beinahe mit dem Napoleon's vergleichen.“ Der Baron hörte nicht auf dieſen neuen Spott, ſondern er fuhr in den Ergießungen ſeines betrübten Her⸗ zens fort. „Ach, dieſer Schlag wird mein Tod werden,“ klagte er. Meine Seele iſt mit dem Theater feſt verwachſen. Ich habe die Kunſt über Alles geliebt; ſie iſt mein Le⸗ ben, mein Alles geweſen.“ „Still, ſtill!“ flüſterte Pariſina, die ſich jetzt dem betrübten Mann genähert hatte und ihre Hand auf ſeine Schulter legte.„Bedenken Sie, daß Sie mit einer Perſon ſprechen, die Sie von Grund aus kennt Re⸗ gen Sie ſich nicht unnöthigerweiſe durch poetiſche Phan⸗ taſien auf. Die Sache iſt ganz proſaiſch. Sie ſind eines einträglichen Amtes entſetzt worden; von was wollen Sie in Zukunft leben?“ „Seine Majeſtät hat mir, nachdem er mir bereits den Rücken gekehrt hatte, halb und halb ein Poſtamt zugeſagt.“ „Nun denn, fröhlichen Muth, Herr Poſtmeiſter!... Schätzen Sie ſich glücklich, das Theater verlaſſen zu dürfen. Glauben Sie mir, Sie waren nie dazu ge⸗ ſchaffen. Sie ſind, aufrichtig geſtanden, kein Menſchen⸗ kenner und auch nicht ſonderlich ſtark in der Intrigue. Dabei haben Sie den großen Fehler, für uns Weiber allzu ſchwach zu ſein. Einen Mann, der beſtändig zu unſern Füßen liegt, ſehen wir beſtändig über die Achſeln an, das iſt ganz natürlich. Mit einem einzigen Blick, einem ſolchen zum Beiſpiel.. Ein warmer, feuriger Blick ſtrahlte bei dieſen Wor⸗ ten in Pariſina's dunkeln Augen; der abgeſetzte Direktor 222 konnte der Zauberkraft deſſelben nicht widerſtehen, er ſprang auf und ergriff die Hand der Tänzerin: „Ach, Pariſina!“ rief er,„ſo wie Sie, hat mich noch Keine beherrſcht. Sie ſind an meinem Unglück Schuld, aber ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Auch um Ihretwillen bin ich unruhig; was wird wohl aus Ihnen werden?“ Die Signora lachte herzlich über dieſe Frage, machte einen Gang durch das Zimmer und blieb dann vor einem Trümeau zwiſchen den Fenſtern ſtehen. Sie be⸗ trachtete im Spiegel ihre eigene ſchöne Perſon und ſagte dann in ihrem gewöhnlichen, halb ernſthaften und halb ſcherzhaften Ton: „Meine Geſundheit iſt zerſtört.. ich ſehe ſehr kränklich aus; die Wange iſt blaß, das Auge matt... ja, der Zuſtand iſt bedenklich.. Morgen bekomme ich ein Nervenzucken.. übermorgen verordnet mein Arzt ein ſüdlicheres Klima.. Tags darauf reiſe ich ab und kehre dieſer verdammten Stadt für immer den Rücken.“ „Signora, Sie vergeſſen, daß Ihr Contrakt Sie bindet.“ „Bah! man pflegt doch nicht zu tanzen, wenn man krank iſt? Ueberdieß will ich Ihnen mittheilen, daß ich bereits drei Contrakte in meinem Leben gebrochen habe. Ich beſitze einige Erfahrung in dergleichen Dingen.“ „Eine theuer erkaufte Erfahrung, das.“ „Nur zu, drei gebrochene Contrakte und vier Ceſ⸗ ſionen... Sehen Sie, das Eine hilft zum Andern.“ „Daß Sie reiſen, iſt ein Schlag für mein Herz, aber eine Genugthuung für mein verletztes Anſehen. Die ganze Stadt wird ſagen, daß Sie Ihr ausgezeich⸗ netes Talent dem Theater nicht mehr leihen wollen, weil es nicht mehr unter meiner Direktion ſteht.“ „Mein beſter, in Ungnade gefallener Herr Direktor und Poſtmeiſter in spe, weder Sie, noch ich können die Welt verhindern, Dummheiten zu ſchwätzen, aber mir —— — 223 iſt es ſchlechterdings unmöglich, eine Genugthuung darin zu finden, wenn man wirklich in allem Ernſt glauben ſollte, daß ich mich von Ihnen habe beherrſchen laſſen. Werden Sie nicht böſe, dieß iſt ein Tag der Rechen⸗ ſchaft, wo Jeder für ſeine Schuld Rede ſtehen muß. Wenn Sie meine Abreiſe auf Ihre Rechnung ſchreiben, ſo begehen Sie einen großen Mißgriff, denn ſie war ſchon vor einigen Stunden beſchloſſen, als Sie ſelbſt Ihren eigenen Fall noch nicht ahntenz aber auch ich habe einen großen, einen ſehr großen Fehlgriff gethan, als ich nämlich Ihnen mehr Vertrauen ſchenkte, als dem Grafen Manfred.“ „Und Sie können noch jetzt ohne Abſcheu dieſen Namen nennen, den Namen deſſen, der uns Beide ge⸗ ſtürzt hat 2“ „Ja, für mich iſt das Leben ein Spiel, und ich leugne die Ueberlegenheit deſſen nicht, der gewinnt... Graf Manfred iſt eine ausgezeichnete Perſon, und ich hätte beinahe Luſt, die Worte Shakeſpeare's auf ihn anzuwenden: Ich könnte ihn lieben, wenn ich ihn nicht haßte.“. „Sie ſind ein höchſt eigenthümliches Weib.“ „Und Sie ein ſehr gewöhnlicher Mann.“ Signora Pariſina beharrte bei ihrem Entſchluß. Am Tag nach der Unterredung mit Baron Stanislaus verbreitete ſich das Gerücht von ihrem Erkranken, und der Arzt verſicherte nach einer Privataudienz mit ſeiner liebenswürdigen Patientin, daß ihre Bruſt angegriffen ſei und das einzige Rettungsmittel in einem milderen Klima beſtehe. Die zahlreichen Bewunderer der Tänzerin erſtarrten vor Schreck, aber die Signora lächelte in ihrem Gemüth und traf alle Vorbereitungen zu einer ſchleunigen Abreiſe. Graf Manfred war überraſcht. Er hatte gehofft, 224 die Vollführung ſeines Racheplanes zu ſchauen, ſich an der Demüthigung der ſtolzen Dame erfreuen zu dürfen. Ihre Flucht, denn als ſolche betrachtete er die plötzliche Abreiſe, war allerdings ein Triumph ſeiner Intriguen, aber gleichwohl wurde die Entwicklung derſelben zum vollkommenen Sieg unterbrochen. Während er die Hinter⸗ liſt dieſes Weibes verdammte, bewunderte er ihre Schlau⸗ heit und bezahlte alſo in ſeinem Herzen die Achtung zurück, welche die Signora für ſeine eigene Ueberlegen⸗ heit hegte. Eine Vorladung vor den König verhinderte ihn, ſie ſo ſchnell zu beſuchen, als er gewünſcht hätte. Direkt aus dem Schloſſe und dem Sonnenſchein der Gnade kommend, fuhr er vor die Wohnung der Tänzerin. Hier herrſchte die größte Unordnung. Der Wagen, der die Signora entführen ſollte, ſtand bereits vor der Thüre. Die Zimmer waren mit Koffern und Hut⸗ ſchachteln verſtellt. Im Salon drängte ſich die gewöhn⸗ liche Schaar von Anbetern, die jetzt gekommen war, um ihre letzte Huldigung zu den Füßen der Schönen zu legen. Die Signora ſelbſt war ſehr aufgeräumt; ſie vergaß beinahe ihre Kränklichkeit über dem Geſchäft, all die Complimente zu beantworten, Rechnungen zu bezahlen und das Packen anzuordnen. Als unter dem Getöſe, das ſie umgab, Graf Manfred's Stimme ſich ihrem Ohr nahte, verließ ſie ſogleich ihre Beſchäftigung und ging ihm entgegen. „Graf Manfred,“ ſegte ſie, ihm mit einem be⸗ trübten Lächeln die Hand reichend,„ich würde es Ihnen nie verziehen haben, wenn Sie nicht gekommen wären, mir Lebewohl zu ſagen.“ „Mein Herz hätte ſich gegen eine ſolche Handlungs⸗ weiſe empört,“ antwortete der Graf zärtlicher, als er ſich lange gezeigt hatte, und die Hand drückend, die in der ſeinigen ruhte. Sämmtliche Anweſende vermutheten, daß aller alte Groll zwiſchen dieſen beiden Perſonen, die einander ſo freundlich anredeten, jetzt gänzlich vergeſſen ſei; aber 225 ein recht ſcharfes Auge würde gleichwohl vielleicht ent⸗ deckt haben, daß ein zurückgehaltenes Lächeln um die Lippen der Signora ſchwebte, und daß der Blick des Grafen nicht ohne einen ſarkaſtiſchen Stachel war. Er fuhr fort: „Sie ſind daran gewöhnt, Blumen zu Ihren Füßen ſtreuen zu laſſen; Sie haben auch mir erlaubt, an der allgemeinen Huldigung Theil zu nehmen; empfangen Sie jetzt auch dieſes Bouquet und halten Sie es nicht für vermeſſen, daß ich meinen Namen an Ihre letzten Erinnerungen aus dieſer Stadt knüpfen will.“ »Mißkennen Sie mich nicht,“ bat Pariſina;„glauben Sie, daß ich den Werth eines aufrichtigen Freun⸗ des, eines edlen Beſchützers wohl zu ſchätzen ver⸗ ſtehe. Wir Kinder der Kunſt ſind von ſo mancher Pinterliſt, von ſo manchen Kabalen umgeben ja, Sie würden die halbe Welt verabſcheuen, wenn ich Ihnen Alles erzählte; aber die uneigennützige Er⸗ gebenheit, die wir manchmal zu gewinnen das Glück haben, bildet die Glanzpunkte in unſerem Leben, die ietg unſerer Erinnerungen.“ „Signora, ich beklage mich heute nicht bloß als Privatperſon darüber, daß Sie uns verlaſſen; es iſt jetzt auch meine Pflicht, die Intereſſen des Publikums zu überwachen„ Se. Majeſtät haben vor einigen Augenblicken in Gnaden geruht, mich zum Direktor der Oper zu ernennen Ich würde dieſe Auszeich⸗ nung mit doppeltem Vergnügen empfangen haben, wenn ich nur einen einzigen Tag meinen Scepter auch über Sie hätte erſtrecken dürfen. Die Nachricht von der neuen Würde des Grafen rief bei der zahlreichen Schaar der Gäſte einen Ruf der Ueberraſchung hervor. Aber Pariſina verrieth dem neugebackenen Direktor durch einen Blick ihr Vergnügen darüber, daß ſie ſeiner Gewalt entkommen ſei. Bald darauf ſagte ſie jedoch: Ein Funken. 1. 15 226 „Jetzt hätte ich beinahe Luſt, den Vorſchriften mei⸗ nes ſtrengen Arztes Trotz zu bieten ach, das Leben iſt ja doch ſo kurz!. Ich gratulire Ihnen, Herr Graf, für dieſes neue Feld Ihrer Wirkſamkeit und Ihres Edelmuths.“ „Aber ich werde ſchwere Mühe haben,“ antwortete der Graf,„wenn der Liebling des Publikums mit dem Sturz der alten Regierung ſeine Treue bricht.“ „Sie können ſich damit tröſten, daß ſich aus den Ruinen des Alten bereits ein neuer Phönir erhebt,“ er⸗ wiederte Pariſina. Ich intereſſire mich im höchſten Grad für Ihren neuen Schützling, oder darf ich ſagen Lieb⸗ ling.. Mamſell Leopoldine, dieſes gefühlvolle Kind, wird ſicherlich unter Ihrer Leitung die Vollendung der Kunſt erreichen. Seien Sie in Ihren Forderungen nicht ſo ſtreng, ſeien Sie mild und aufmunternd, wie Sie es gegen mich waren, und Sie werden ohne Zweifel von ihr eine Dankbarkeit gewinnen, die ebenſo warm und aufrichtig iſt wie die meinige Ich hätte ſo gern die Bekanntſchaft dieſer jungen Sängerin machen mögen. Grüßen Sie ſie indeß von mir; wir ſind ja Beide Künſtlerinnen, und das will mehr heißen, als leibliche Baſen. Ja, Graf Manfred, bei dieſem ausgeſuchten Bouquet, das Sie mir ſo eben ſchenkten, ſchätze ich Ihr Wohlwollen, aber ich bedarf dieſes neuen Beweiſes nicht, um mich Ihrer zu erinnern. Dagegen würden Sie mir ein Vergnügen machen, wenn Sie es ſtatt deſſen Mam⸗ ſell Levpoldine überreichen wollen. Möge es mir vergönnt ſein, der jungen Debütantin den erſten von den vielen Blumenſträußen zu überſenden, die ſie ſicherlich einernten wird. Unſere Bahnen dürften einmal zuſammentreffen, das ſagt mir eine Ahnung. Vielleicht habe ich dann meine Kräfte wieder gewonnen. Bitten Sie Mamſell Leopoldine, den Tag zu genießen, der herangebrochen iſt; aber ſagen Sie ihr auch, denn eine unerfahrene Künſt⸗ lerin braucht es wohl zu wiſſen, daß eine tiefe Beden⸗ tung in dem Gebrauche liegt, unſere Siege mit Blumen * 227 zu feiern, Blumen, die einen Abend währen und am ſolgenden Tage verwelken.“ Jetzt meldete man, daß Alles zur Abreiſe in Ord⸗ nung und der Augenblick der Trennung gekommen ſei. Die Signora machte eine bezaubernde Geberde, eine Geberde, womit ſie von der Bühne aus ſo un⸗ zähligemal das Publikum entzückt hatte. Sie drückte ihre Hände gegen das Herz, erhob ſich in einer vorwärts gebeugten Stellung auf die Zehen, beugte den Kopf auf die Seite und öffnete dann ihre Arme, als ob ſie in Gedanken alle ihre Gäſte zärtlich an ihre Bruſt ſchlöſſe Sodann nahm ſie Graf Manfred's Arm und eilte mit dem Tuch vor den Augen in ihren Wagen hinab. Als ſie ihren Platz darin eingenommen hatte, beugte ſie ſich zum Wagenfenſter heraus und flüſterte dem Grafen in's Ohr: „Wenn Sie bald ſterben ſollten, Herr Graf, ſo vermachen Sie mir Ihr unvergleichliches Talent zum Intriguiren.“ Der Kutſcher gab den Pferden einen Klatſch, und dieSit l eg Von Graf Manfred's Hand empfing Leopoldine wirklich eine Stunde nachher das erwähnte Bougquet, aber der Graf fand es nicht für gut, den Gruß aus⸗ zurichten, der mitgeſchickt wurde. Er ſchenkte es ihr von ſich ſelbſt, als einen Talisman, ſagte er, womit er ſie zu Siegen und Triumphen in der Welt der Kunſt einweihen wolle. Er verkündete ihr zugleich kraft ſeines neuen Amtes, daß nunmehr ihrem Debüt kein Hinder⸗ niß mehr im Wege ſtehe, und er nahm es als ausge⸗ macht an, daß die Folgen deſſelben ein höchſt vortheil⸗ haftes Engagement ſein würden. Dabei bat er ſich die Gunſt aus, ihr Beſchützer bleiben zu dürfen, und ver⸗ ſprach ihr Rath und Unterſtützung auf der Bahn, die ſie zu betreten im Begriff ſtand. Leopoldine war durch dieſes S gerührt, 228 die Verſprechungen machten ſie glücklich, und ſie erfuhr niemals, daß die erſten Blumen, womit man ihr Talent belohnte, die letzten waren, die eine Tänzerin in dieſer Stadt gewonnen hatte. XIV. Michael Lambert. Des Mannes Herz, Von Freude ward's verzehrt, gleic⸗ wie von Schmerz. Tegner. In der königlichen Oper in D. geſchah es manch⸗ mal, daß ein Zuſchauer, der ſein Binvele fleißiger auf den Saal, als auf die Bühne richtete, mit beſonderer Aufmerkſamkeit bei einer Perſon verweilte, die gewöhn⸗ lich auf demſelben Platz im Parterre zu finden war. Dieſe Perſon war ein Mann von gewiß mehr als fünfzig Jahren, klein und ſchlank, mit dichten ſilber⸗ grauen Haaren und ſtark markirten, edlen Zügen. Seine Kleidung war einfach und weit hinter der Mode, ver⸗ rieth indeß eine gewiſſe Zierlichkeit, die ſich namentlich immer durch ein ſorgfältig verſchlungenes Halstuch zu erkennen gab. Sein ganzes Ausſehen war Srtheichoſt Man ſah, daß noch eine warme Seele in ihm wohntez ſeine Stirne trug das Gepräge der Eyrlichkeit und ſein e Blick behielt, obſchon er ſich oft verfinſterte, gleichwohl ſeinen Grundzug von tiefer Menſchenliebe. Aher die Neugierde wurde dadurch nicht geweckt, ſondern durch ſeine ungewöhnliche Lebhaftigkeit undſeine beſondere Art, wie er in Geberden und Mienen ſeine Eindrücke wiebergab. Man ſah ihn mit ungewöhnlicher Aufmerkſamkeit den Leiſtungen der Bühne folgen, ja gänzlich darin leben. Manchmal war er bis zu Thrä⸗ nen gerührt, und in ſolchen Augenblicken verlieh ihm ein ſchönes Lächeln den Ausdruck höchſter Glückſeligkeit. Gewöhnlich war dieſes Entzücken ſehr flüchtig, denn es geſchah ſehr oft, daß er im nächſten Augenblick die ſauerſten Grimaſſen machte, gleich als hätte ihn Jemand hart auf ſeine Hühneraugen getreten. Er ſchüttelte den Kopf, er zuckte die Achſeln, er ſtampfte mit den Füßen, er krümmte ſich wie ein gepeinigter Wurm. Endlich ſchien er ganz von Zorn durchglüht, und nicht ſelten, mitten unter den glänzendſten Effektſcenen, ſchloß er die Augen und hielt mit beiden Händen ſeine Ohren zu, oder auch, wenn das ganze übrige Publikum in Thrä⸗ nen zerſchmolz, ſchaute er ſich rings um und lachte ver⸗ ächtlich. Dann konnte wieder eine neue Scene kommen und ihn plötzlich verſöhnen und zufriedenſtellen, ſo daß er auf ein paar Sekunden wiederum von Freude ſtrahlte. In dieſen wechſelnden Gemüthserregungen lag nichts Affektirtes. Sowohl die Zufriedenheit als das Miß⸗ vergnügen zeigten ſich als ehrliche Wahrheit, und ein aufrichtigerer Theatergaſt wäre ſchwer zu finden geweſen. Aber da jetzt die Aufrichtigkeit etwas höchſt Ungewöhn⸗ liches hier in der Welt geworden iſt, ſo erweckte das eraltirte Männchen Aufſehen, und diejenigen, die ihn bemerkten, wünſchten gewöhnlich auch näheren Aufſchluß über ihn zu erhalten. Dieß war im Allgemeinen nicht leicht. Es gab nur Wenige, die ihn kannten, und dieſe beſſer Unterrichteten wußten in der Regel nichts An⸗ deres, als daß er ein Phantaſt ſei, über welchen eine Menge ſonderbarer Geſchichten in Umlauf waren. „Es iſt ein grauköpfiger Künſtler, ein Muſiknarr, ein wahrer Meloman, der in der Welt umherirrt,“ ſagte man.„Sein Name iſt Michael Lambert. Mehrere Perſonen, die ein Genie in ihm zu finden glaubten, haben ſich für ihn intereſſirt und ihm eine paſſende Wirkſamkeit zu ſchaffen geſucht. Aber dieß iſt niemals 230 gelungen, denn Herr Michael Lambert iſt der unber⸗ beſſerlichſte Menſch von der Welt. Einmal hatte man ihm eine Anſtellung als Capellmeiſter verſchaffen können, aber da ging es ganz toll zu. Bald empörte ſich die ganze Capelle gegen den Sonderling, und nach kurzer Herrſchaft mußte er ſeinem hohen Platze entſagen. Gegen ſeine Gönner hat er ſich ſelten dankbar und noch weni⸗ ger zartfühlend gezeigt. Der Herzog von der einige Zeit mit ſeinem Schutz beehrte, bat ihn bei einer Gelegenheit, als die Herzogin vur einer großen Geſellſchaft ein Lied vorgetragen hatte, ſein ürtheil über ihr allgemein geprieſenes muſikaliſches Talent ab⸗ zugeben. Herr Michael antwortete mit lauter Stimme: Um Gottes Willen, ſagen Sie der ſchönen Frau, daß ſie ihren Gott nicht mehr mit einem ſolchen Gekreiſche läſtern ſoll. Ein andermal, als er dem Conzert einer großen Sängerin anwohnte, rief er mitten in ihrer Triumpharie: Pfui Teufel, das Weibsbild lügt in jedem Tone! Dagegen wird behauptet, daß er mehrere Meilen auf's Land hinaus wandere, um den Geſang eines ein⸗ fachen Bauernmädchens anzuhören, und man erzählt, daß er eines Nachts, als er bereits zu Bette gegangen, von einem Geſang auf der Straße aufgeweckt wurde. Etwas in dieſem Geſang entzückte ihn dermaßen, daß er ſogleich aus dem Bett ſprang, und obſchon es mitten im Winter war, ſo eilte er doch baarfuß und nur in ſeinen Nachtrock gehüllt auf die Straße hinab. Hier mußte er ein gutes Stück in tiefem Schnee ſpringen, bevor er den Sänger einholte. Leider war dieß ein halbbetrunkenes Weibsbild aus den unterſten Klaſſen der Geſellſchaft, das ihn mit Schimpfworten und Grob⸗ heiten überhäufte. Starr vor Kälte kehrte er auf ſein Stübchen zurück, und obſchon dieſe nächtliche Prome⸗ nade ihm ein ſchweres Bruſtſieber zuzog, ſo beklagte er ſich doch nicht darüber, wohl aber über den Umſtand, daß die ſchöne Stimme an ein ſo unwürdiges Weſen vergendet worden ſei.“ 231 Dieſe und einige ähnliche Geſchichten waren beinahe Alles, was man von ihm zu erzählen wußte. Aber da er eine Stelle in dieſem Werk beſitzt, ſo verlaſſe ich auf einen Augenblick die junge Debütantin, um den Leſer nähere Bekanntſchaft mit Michael Lambert ſchließen zu laſſen, wozu eine Schilderung ſeines verfloſſenen Lebens am Beſten dienen mag. Er war der älteſte Sohn eines vermöglichen Be⸗ amten. In der Schule erwarb er ſich kein Lob. Die Lehrer gaben ihm das Zeugniß, daß er viel Talent, aber durchaus keine Beharrlichkeit beſitze. Die latei⸗ niſche Grammatik war ihm ein Gräuel, und er trieb ſeine Unparteilichkeit ſo weit, daß er alle ſeine Schul⸗ ſtudien mit demſelben Auge betrachtete. Daß es keine gewöhnliche Faulheit war, die dieſen Unwillen erzeugte, hatte man daraus erſehen können, daß er, ſich ſelbſt überlaſſen, niemals ohne Beſchäftigung blieb. Seine Lektionen in der Muſik und im Zeichnen umfaßte er mit warmem Intereſſe, und er konnte ganze Nächte wachen, um im Geheimen ſeinen frühen Geſchmack für die ſchöne Literatur zu befriedigen. Er wählte dabei nicht, wie ein Faullenzer gethan haben würde, bloß die ephemeren Tagesprodukte, von denen man Dutzende von Baͤnden verſchlingen kann, ohne ſeine Seele vom Sopha erheben zu müſſen; nein, er wählte mit Vorliebe die gediegenen Erzeugniſſe der Literatur. Beſonders liebte er die Poeten und unter ihnen vorzugsweiſe die dra⸗ matiſchen. Man fand ſich jedoch nicht veranlaßt, die Anlagen des faulen Schülers näher zu ſtudiren; man hielt ſich an das Schulgeſetz und dachte, das ſei genug. Michael ſchleppte ſich, ſo gut es gehen konnte, durch den vorgeſchriebenen Kurſus durch. Seine Eramina betrachtete er einzig und allein als ein nothwendiges Uebel und ſtahl ſich, ſo gut er konnte, durch; aber was er ganz beſonders lernte, das war, ein ausgezeichnet ge⸗ ſchickter Pfuſcher zu werden. Die Gegenſtände, von denen er bloß eine dunkle Ahnung beſaß, vermochte er 232 mehr als einmal zu abſolviren, und über jeden ſolchen Sieg freute er ſich in ſeinem Herzen wie ein Feldherr, der mit geringer Streitmacht, aber mit überlegener Liſt ſich aus der Klemme gerettet hat. Die Beſtimmung der Schule, neben der Einpflan⸗ zung der Elemente der Bildung das Denkvermögen zu klären und zu entwickeln und dadurch die Anlagen zu befeſtigen, ging für ihn größtentheils verloren. Er kam mit ſchwachen Kenntniſſen und höchſt irrthümlichen Be⸗ griffen über ſich ſelbſt auf die Akademie. Dagegen war ſeine von Natur lebhafte Phantaſie bis zu einem un⸗ ewöhnlichen Grad entwickelt, und darin lag eine große Hefahr, weil dieſe Eigenſchaft mit ſeinen übrigen ſich verband und das Jünglingsblut jetzt mit jedem Tage wärmer wurde. Allerdings traten jetzt, nachdem er mehr Freiheit erhalten hatte und ſeine Zeit größtentheils nach eigenem Behagen anwenden durfte, ſeine natürlichen Talente deutlicher an's Tageslicht; aber da dieſe nicht von Anfang an durch ein Princip der Einheit geleitet worden waren, ſo zeigten ſie ſich in ſehr flatternden Formen. An einem Tag legte der ercentriſche Student einen Todtenſchädel auf ſeinen Tiſch, ergriff die Feder und machte Byron zum Jeal ſeines Lebens. Ein andermal glaubte er ſich geſchaffen, der Raphael ſeiner Zeit zu werden. Der Schreibtiſch machte der Staffelei Platz, und Tag und Nacht träumte er nur von Ma⸗ donnen und Engeln. Kaum hatte er mit gewiß nicht ungeſchickter Hand die Skizzen zu einem Gemälde ent⸗ worfen, als er, von einer neuen Idee ergriffen, ſich ein Pianv miethete, und in der Ueberzeugung, die Muſik ſei ſeine Beſtimmung, ſtörte er jetzt mit ſeinen Phan⸗ taſien die nächtliche Ruhe ſeiner Nachbarn. Man konnte jedoch in all dieſen artiſtiſchen Verirrungen ein tiefes Gefühl für das Schöne, einen wahren Enthuſiasmus für die Kunſt entdecken, gleich wie alle ſeine übrigen Handlungen beweiſen, daß ein gutes und edles Herz in ſeiner Bruſt pochte. Was ihm beſonders fehlte, das 233 war eine klare Zuſammenfaſſung ſeiner eigenen Kräfte, ſeiner Neigungen und Affekte. So verfloß ein Termin um den andern, ein Jahr um's andere. Mit dem Eramen war es jetzt ganz aus. „Was ſoll aus meinem Michael werden?“ fragte ſich bekümmert der arme alte Lambert, der die vortreff⸗ lichſten Moralpredigten in die Briefe einflocht, die er beinahe mit jeder Poſ ſeinem älteſten Sohn zuſchickte. „Was ſoll aus meinem Nichael werden 2“ fragte er ſich Morgens und Abends. Mein Jonas iſt bereits wohl⸗ beſtellter Kaufmann und mein Chriſtoph hat feſten Fuß im Spinnhaus gefaßt Cer war nämlich Spinnhaus⸗ Secretair); aber Michael, Michael, Gott ſteh mir bei, welch ein Taugenichts! Das väterliche Herz fühlte ſich durch die Nach⸗ richten, die über den Gegenſtand dieſer betrübten Zwei⸗ fel einliefen, wenig befriedigt, obſchon dieſe Notizen nicht ganz ermangelten, der väterlichen Eitelkeit zu ſchmeicheln. Man hatte nämlich von vielen verſchie⸗ denen Gelegenheiten zu erzählen, wo Michael Aufſehen erregt und ſich den Beifall ſeiner Lehrer ſowohl, als ſeiner Kameraden etworben hatte. Bald hatte er ein neues Studentenlied componirt, das in Aller Mund lebte, bald hatte er beim Kanzler ſelbſt mit wahrhaft artiſtiſchem Geſchmack ein Gemälde arrangirt, und wie⸗ der ein andermal war er bei einem Geſellſchaftstheater als Karl Mvor mit einem Schanſpielertalent aufgetreten, worüber die ganze Stadt in Verwunderung gerieth. „Dieß Alles iſt ganz gut und ſchön,“ ſagte der alte Herr Lambert,„aber was ſoll wohl in Zukunft aus meinem Michael werden?“ Michael ſelbſt konnte wahrhaftig dieſe Frage weni⸗ ger beantworten, als irgend ein Anderer. Hätte ſich wiſchen Himmel und Erde irgend eine menſchliche Be⸗ ſWſtiung gefunden, ſo wäre er ſicherlich ein eifriger Aſpirant auf dieſelbe geworden, aber jetzt.. wohin ſollte er ſich wenden, er, der diejenigen Gegenden am meiſten liebte, wo ſich kein Weg zeigte. Wo ſollte er ſich zur Ruhe niederlaſſen, er, der nicht begreifen konnte, was Ruhe heißen ſollte? Der Vater wurde inzwiſchen, worüber ſich Niemand wundern wird, immer unruhiger. Ein weiſer Freund rieth ihm, böſe zu werden und ſeinen Herrn Sohn durch Schrecken von der garſtigen Gewohn⸗ heit der Faullenzerei abzubringen. Er verſuchte das Mittel, aber es fiel ſchlecht aus. Nachdem er Michael mit den ſtrengſten Worten ſein Verſäumniß in den Studien vorgehalten, erklärte der alte Herr, er habe jetzt feſt beſchloſſen, wenn der Sohn nicht in einer beſtimmten Friſt ein beſtimmtes Eramen gemache habe, gänzlich ſeine Hand von ihm abzuziehen; alle Unterſtützungen würden dann aufhören, und er ſolle für ſich ſorgen, ſo gut er könne. Als der Termin zu Ende war, traf von Michael ein Brief ein, deſſen Hauptinhalt darin beſtand, daß er, da er noch kein Eramen gemacht und folglich von ſeinem Vater keine Unterſtützung mehr erwarten könne, ſich bei einer herumziehenden Theatergeſellſchaft enga⸗ girt habe. Die Schickſale, die ihn im Anfang ſeiner neuen Lauf⸗ bahn trafen, ſind nicht zu unſerer Kenntniß gelangt. Bloß ſo viel weiß man, daß er ſchon von ſeinem erſten Debüt an ſich als ſehr brauchbares Mitglied bekannt machte. Den einen Abend trat er in einer herzerſchütternden Tragödie auf, am andern wor er Komiker; er ſpielte Liebhaber und alte Onkel, Schurken und Wohlthäter, Könige und Bedienten: Mit einem Wort, er wurde in allen möglichen Stellen verwendet. Ein paar Jahre ſpäter finden wir ihn wieder als Baſſiſt bei einem unbedeutenden ſtändigen Theater. Seine Stimme hatte nichts Ausgezeichnetes und es wurde ihm wenig Aufmunterung zu Theil. Es gab Perſonen, welche behaupteten, daß in ſeiner Art zu ſingen mu⸗ ſikaliſches Gefühl und Geſchmack ſich verrathe, aber die große Maſſe des Theaterpublikums, die nach ſolchen 235 Kleinigkeiten wie Gefühl und Geſchmack gar nicht fragte, hörte bloß eine herbe, klangloſe Stimme und war um ſo weniger geneigt, ihm Beifall zu ſchenken, als man zu finden glaubte, daß er immer mit großen Prätentiv⸗ nen auſtrete. Aber ſeine Vielſeitigkeit ließ ſich auch jetzt nicht verleugnen. An den Abenden, wo er ſich nicht auf der Bühne zeigte, ſah man ihn im Orcheſter die erſte Violine ſpielen. Einmal, als der Contrabaſſiſt mitten in der Vorſtellung plötzlich erkrankte, nahm Michael kühn ſeinen Platz ein und überraſchte die kleine Capelle mit einem ganz neuen Talent. Dem Dekorations⸗ maler reichte er manchmal eine hülfreiche Hand, und es wurde allgemein anerkannt, daß man im Don Juan keine recht glänzende Hölle bekommen konnte, ohne daß Michael Lambert den Schwefelregen und die bengaliſchen Feuer arrangirte. Inzwiſchen war Michael mit ſeiner Stellung nicht zufrieden. Das Theater, an das er gefeſſelt war, hatte einen in jeder Beziehung untergeordneten Werth⸗ Die Armuth des Direktors zwang ihn, Alles für ein gutes Einkommen und ganz und gar nichts für die Ehre zu thun. Er ſelbſt ſowohl als die ganze Truppe ermangelte aller höheren Bildung, alles Schönheitsſinnes, und Jean Paul's ſchöner Satz, daß die Kunſt nicht das Brod, ſondern der Wein des Lebens ſei, wurde von ihnen auf die ſonderbare Art gedeutet, daß ſie ſammt und ſonders ihre Inſpirationen im Traubenſaft holten. Michael, der mit jugendlicher Kühnheit von einer glänzenden Laufbahn und großartigen Triumphen geträumt hatte, ſah ſehr deutlich ein, daß es in einer ſolchen Geſellſchaft keine Lorbeeren für ihn zu ernten gab. Er beſaß dabei von Natur ein allzu feinfühlendes Weſen, um ſich unter ſolchen Kameraden wohlbefinden oder ſein dermaliges Publikum reſpektiren zu können. Man kann ſich wundern, daß er bei ſolchen Ge⸗ fühlen gleichwohl ſeine nicht ſehr einträgliche Stelle beibehielt. Man wird ſich nicht länger wundern, wenn 236 ich erzähle, daß die Liebe, nicht die Liebe zur Kunſt, ſondern die Liebe zu einer Schauſpielerin es war, die ihn feſſelte. Ja, Michael war von einer heftigen Leivenſchaft für die Prima Donna des kleinen Theaters, Mamſell Diana, ein ganz junges Mädchen von großer Schön⸗ heit, ergriffen. Er hatte lange, aber vergebens, gegen dieſe Meinung gekämpft, und als er endlich von ihr überwunden worden, mußte er ſich ſelbſt geſtehen, daß nur ihr äußerer Liebreiz es war, der ihn bezaubert hatte. Mamſell Diana verbarg nämlich in dem Bild eines Engels eine höchſt erbärmliche Seele. Ihre Künſtler⸗ ſchaft ermangelte alles höheren Werthes, ihr Herz hatte ſehr wenig Edles und ihr Privatwandel war ganz und gar nicht tadelfrei. Dieſe Leidenſchaft für eine bloß oberflächliche Schönheit, dieſe Liebe zu einem Weib, dem er ſeine Achtung nicht ſchenken konnte, machte ihn ſehr unglücklich. Manchmal nahm er ſich vor, weit hinweg von dieſer gefährlichen Zauberin zu fliehen, aber er be⸗ ſaß nicht die Kraft, ſeinen Zauber zu brechen. Statt deſſen träumte er jetzt davon, ſeine Beherrſcherin von ihren Verirrungen zurückzuführen. Sie war ja ſo ſchön. Die Natur hatte ihr ſicherlich dieſe unwiderſtehliche An⸗ muth nicht geſchenkt, ohne auch in ihre Seele reiche Keime zu Edelfinn und Tugend niederzulegen. Ach, ſie war ja bloß ein Kind ohne Erziehung, allein hinaus⸗ eworfen in eine Welt von Sünde und Verführung. inen gefallenen Engel wieder aufzurichten, ihr ent⸗ heiligtes Herz zu läutern, Platz für einen guten Geiſt in ihrer Bruſt zu ſchaffen, das war ja ein großartiges, ein erhabenes Werk. So raiſonnirte Michael. Es wurde ſeine Lieblings⸗ idee, ſeine Geliebte von allen Ausſchweifungen zurck⸗ zuführen, ſie der Liebe eines ehrlichen Mannes würdig zu machen, und darum blieb er an ihrer Seite. Es war nicht das erſte Mal, daß ſolche Illuſionen einen jungen Mann verlockt haben. Man bebt niemals vor 237 einem wenn auch noch ſo gigantiſchen Unternehmen zu⸗ rück, wenn man von einem verliebten Herzen dazu in⸗ ſpirirt wird; man glaubt ſich in ſeiner Liebe ſtark wie ein Gott, und vergißt vor allen Dingen zu prüfen, ob nicht juſt dieſe Liebe eine Schwachheit iſt. Schwere Kämpfe hatte er in dieſem Miſſionsgeſchäft zu beſtehen: Kämpfe gegen ſich ſelbſt, Kämpfe gegen ſeine Geliebte. Zu ſeinem Lob muß ich geſtehen, daß er in ſeinen ſchönen Bemühungen unermüdlich war, aber ich muß auch zu Diana's Schande erwähnen, daß ein launiſcheres, eigenfinnigeres und liſtigeres Weib noch ſelten die Geduld eines Mannes geprüft hat. Ihre Seele hatte gänzlich vergeſſen oder vielleicht niemals gewußt, was Ehrlichkeit heißen will, und ihre Heu⸗ cheleien waren um ſo gefährlicher, als ſie in ihrem Berufe ſelbſt ſchon von Kindheit auf die Verſtellungs⸗ kunſt ſtudirt hatte. Selten war ſie jedoch auf der Bühne eine ſo glückliche Schauſpielerin, als hinter den Couliſ⸗ ſen. Aber Michael, der nur ein Auge für ihre Fehler und das andere bloß für ihre Schönheit hatte, hoffte Alles von ihrer Jugend und von dem tiefen Gefühl, das er in ihrem Herzen geweckt zu haben glaubte. Daß ſeine Geſellſchaft, ſein Rath und ſeine Leh⸗ ven allmälig wohlthätig auf ihr Talent als Sängerin einwirkten, zeigte ſich deutlicher. Wie freute ſich nicht der verliebte Schwärmer über jeden einzelnen dieſer Fort⸗ ſchritte!.. Endlich gelang es ihm, nach Ueberwin⸗ dung vieler und großer Schwierigkeiten, ihr ein Enga⸗ gement, wiewohl in einer untergeordneten Rolle, auf einem der größeren Theater der Hauptſtadt zu verſchaffen; ihre Schönheit war natürlich bei der Abmachung dieſes Geſchäftes eine gute und ſehr geltende Empfehlung. Daß Michael ſelbſt zu gleicher Zeit ſeinen unbehagli⸗ chen Platz als Baßſänger aufgab, verſtand ſich von ſelbſt, aber bei dem Theater, wo Diana angeſtellt war, konnte er weder als Sänger, noch als Schauſpieler Unterkunft finden, und er begann auch einzuſehen, daß 238 er weder für das Eine, noch für das Andere geſchaffen ſei. Inzwiſchen war es ihm ganz unmöglich, ſeine Schülerin und Geliebte, ſie, die auf einer neuen Bahn von ſo vielen neuen Gefahren bedroht war, jetzt zu verlaſſen. Er ließ ſich daher als Paukenſchläger enga⸗ giren; es fand ſich nämlich im ganzen Theater keine andere vacante Stelle vor. Paukenſchläger zu ſein, beinahe jeden Abend in dem verborgenſten und elendeſten Winkel eines Orcheſters zu ſitzen, den Takt zu zählen und dazwiſchen hinein mit einem Trommelſchlegel auf eine Eſelshaut loszuſchlagen, das kann man mit vielem Fug und Recht, und ohne deßhalb gegen die Herren Paukenſchläger förmlich los⸗ ziehen zu wollen, als ein nicht ſehr beneidenswerthes Geſchäft betrachten; ich halte indeß gern meine eigenen Reflerionen zurück, die, da ſie ſich nicht auf den Grund der Erfahrung ſtützen, mich leicht irre leiten könnten, und füge ſtatt deſſen hier folgenden Auszug aus einem Brief von Michael Lambert ein, den er während dieſer Pe⸗ xiode ſeines Lebens ſchrieb Halt ein mit Deinen Schmähungen! Ich ſchwöre bei Apollo Muſagetes ſelbſt, daß ich meine Zeit nie⸗ mals beſſer angewendet habe, als juſt in dieſen Jahren, wo ich recht und ſchlecht ein Paukenſchläger war. Dieſe Jahre haben in mir eine große bedeutungs⸗ volle Revolution vorbereitet und herbeigeführt, eine Re⸗ volution, die meinen alten Menſchen zermalte, aber einen neuen in's Leben rief Barmherziger Himmel, welch' ein armſeliges Geſchöpf bin ich nicht geweſen! Wenn Abonis von den erzürnten Muſen beohrfeigt und Tha⸗ myras ſeiner Sehkraft beraubt wurde, welche Strafe habe dann nicht ich verdient?... Die Kinder Iſrael, die ein goldenes Kalb anbeteten ſtatt ihren Gott, waren keine größere Sünder. Ich habe mit ſchamloſer Frech⸗ heit ein Heiligthum betreten, in welches zu kommen mein profaner Fuß niemals würdig war. Ich wäre 239 nicht im Stande, alle meine Fehler aufzuzählen. Ein ſchlechter Künſtler kann an einem einzigen Tag weit mehr und größere Sünden begehen, als ein anderer Menſch in ſeinem ganzen Leben; und ich, einer der ſchlechteſten, ich bin mehrere Jahre hindurch auch einer der thätigſten geweſen. Ich bin Schauſpieler, Sänger, Muſiker, Maler und dennoch— dennoch ſchlechterdings nichts von allem dem geweſen; das iſt ja entſetzlich. Vielleicht beſteht meine wohlverdiente Strafe juſt varin, daß meine Augen jetzt geöffnet worden ſind, ſo daß ich meine eigene Ernievrigüng ſehen und mich mei⸗ nes verfloſſenen Lebens ewig ſchämen kann. aber nein, es litht ein gar zu großes Glück in dem Bewußt⸗ ſein, eine Wahrheit, wenn auch eine betrübende Wahr⸗ heit, zu finden, als daß dieß eine Strafe ſein könnte. Ich ſuche mich zuweilen vor meinem eigenen Ge⸗ wiſſen zu entſchuldigen. Ich ſage dann, daß meine Er⸗ iehung verwahrlost, meine Jugend irre geleitet worden e. Ich bin wie ein Kind geweſen, das man allein in einen großen wegloſen Wald hinausgeſchleppt hat. Ich bin ohne Leitung umhergeirrt, und vielleicht läßt es ſich entſchuldigen, wenn ich, bevor ich den rechten Weg gefunden, manche ſchöne Roſe niedergetreten, manche unreife Frucht gepflückt habe. Aber iſt denn in un⸗ ſeren Tagen das Menſchengeſchlecht ſo tief geſunken, ſo verwirrt, daß auch die Seele des Kindes taub iſt für die Stimme der Natur, daß auch ſein Inſtinkt verpeſtet iſt von den Abſcheulichkeiten des Vandalismus?.. Leider iſt das der Fall! Ich will nicht behaupten, daß bloß Abenteuerluſt es war, was mich auf die Künſtlerbahn warf, denn ich beſitze jedenfalls etwas meiner Natur Angeborenes, das mich für dieſen Weg beſtimmt hat; aber aus Man⸗ gel an einer Erziehung, die meinen Anlagen entſpro⸗ chen hätte, blieb ich ſhutzlo gegen die Verirrungen der Zeit. Meine lebhafte Einbildungskraft ſchuf mir tauſend verſchiedene Ideale, ohne daß ich jemals ein * 240 einziges von den vielen feſthalten und näher erforſchen konnte. Dieſe Phantaſiebilder entzückten mich mit ihrem blendenden Schimmer, ich folgte ihnen ohne Ueberlegung; aber kaum hatte ich den letzten Schritt gethan, um mein 33 Ziel zu erreichen, ſo verlor ich es ſchon wieder aus dem Auge und wurde bereits zu einem andern hingezogen. Ich glaubte, dieſes Umherirren ſei eine Aeußerung mei⸗ nes empfindlichen Schönheitſinnes, meines vielſeitigen Talents, meines beſtändigen Emthuſiasmus für die Kunſt. Demoraliſirt durch dieſe Ausſchweifungen, er⸗ ſchlafften endlich die Schwingen der Seele, und meine Sympathien ſanken immer tiefer in den Staub hinab. Es ging mir wie ſo manchem Andern: der eitle Tand gewann die Oberhand; es kamen Schlacken in meine beſten Gedanken, und von der Stunde an nahmen meine Neale immer mehr materielle Formen an. Lob, Aus⸗ zeichnung, Gold zu gewinnen, das wurde mein Ver⸗ langen. Ich war nicht einmal deh Künſtler meinem Glauben nach, ſondern nur noch ein ſchlechter Taglöhner. Nachdem ich durch die Fügung des Schickſals einen Platz erhalten, der in Folge ſeiner Unbedeutſamkeit mir nicht zur Pflicht machte, meiner eigenen Rolle eine aus⸗ ſchließliche Aufmerkſamkeit zu widmen, begann ich die Rollen Anderer mit deſto größerem Ernſt zu betrachten. Wie unendlich größer wurde nicht mein Gewinn, wenn ich bloßer Zuſchauer war und nicht zugleich Mitſpieler Das Theater, bei welchem ich angeſtellt bin, ge⸗ nießt, wie Du weißt, ein hohes Anſehen. Es beſitzt unter ſeinen Süjets mehrere berühmte Talente und wird von einem Mann geleitet, der guten äſthetiſchen Ge⸗ ſchmack und ein ſicheres Urtheil hat. Man wird viel⸗ leicht ſelten ein ſo gut gewähltes Repertvire ſehen wie das unſrige. Es umfaßt nicht bloß eine Auswahl aus den Erzeugniſſen der neuen Zeit, ſondern bewahrt auch die alten erprobten Meiſterwerke in getreuem Gedächt⸗ niß. Die Anſchauung, Anhörung, Erforſchung, mit einem Wort, die gruͤndliche Bekanntſchaft mit dieſen 24¹ großen Schöpfungen des Genies, die geſchickt dargeſtellt wurden, haben meinen Sinn wieder gereinigt. Mein verdorbener Geſchmack iſt veredelt, mein Urtheil be⸗ feſtigt, meine Begriffe von der ſchönen Kunſt als Mit⸗ tel zum höchſten Genuß, zur höchſten Bildung, ſind wahrer geworden. Es hat ſich über mein bisher ſo dunkles Leben eine Morgenröthe verbreitet. Jetzt erſt ſehe ich die große Bedeutung des Thea⸗ ters recht ein. Dafür zu leben und zu wirken, das iſt das Ziel meines Lebens. Ganz beſonders iſt es die Tonkunſt, die mich eingenommen hat und mein Haupt⸗ ſtudium geworden iſt. Du, der Du mich ſeit unſerer fröhlichen Studentenzeit kennſt, ſagſt vielleicht mit vielen Andern, daß ich immer ein muſikaliſcher Menſch geweſen ſei. Gleichwohl iſt das ein Mißgriff, früher ſaß alles Muſikaliſche bei mir in den Fingern oder auf der Zungez jetzt erſt ſitzt es da, wo es ſitzen ſoll, im Herzen. Lange bin ich ein Muſikant geweſen, jetzt erſt bin ich auf dem Weg, ein Muſiker zu werden.. Ach, mein Freund, dieſe Veränderung hat mir das größte, das beſte Glück geſchenkt, das ein Menſch genießen kann. Ich habe etwas Gutes gefunden und überdieß die Ahnung von etwas noch Beſſerem. Muß ich alſo nicht mit meinem geringen Platz zu⸗ frieden ſein? Hinter den Pauken habe ich ja meine beſte Erziehung empfangen. Kurz nach der Zeit, da dieſer Brief geſchrieben wurde, trat ein für Michael wichtiges Ereigniß ein. Er erhielt nämlich die Nachricht, daß ſein Vater ge⸗ ſtorben und ihm ein ſehr bedeutendes Erbe zugefallen ſei. Nach der Heimath ſeiner Kindheit zurückzueilen, am Sarge des Verblichenen Thränen der Reue zu wei⸗ nen und in warmen Gebeten um Verſöhnung zu flehen, war das Erſte, was er that. Seine Brüder und Ver⸗ wandten, die ihn ſo lange im Familienkreis vermißt Ein Funken. I. 16 242 hatten, boten alle Beweggründe der Zärtlichkeit auf, um ihn zu beſtimmen, daß er für immer bei ihnen bleiben und in Ruhe eine ſorgeufreie Zukunft ge⸗ nießen möchte. Ihre Bitten überwanden ihn auf einen Augenblick, er gab ein halbes Verſprechen, aber kaum hatte man den Leichenſtein auf das Grab des todten Vaters geſetzt, ſo überwand auch bei Michael der Künſt⸗ ler den Bruder und Verwandten. Er konnte es ſich verſagen; er mußte wieder reiſen und er that es auch. Inzwiſchen war er jetzt ein vermöglicher Mann geworden, und daß er als ſolcher ſeinen Platz bei den Pauken nicht wieder einnahm, darf man keine Untreue gegen Thalia nennen. Aber wenn er auch im Stande geweſen wäre, ſich als Künſtler vom Theater loszureißen, ſo wäre doch immer noch der Liebhaber da geblieben. Mamſell Diana war noch gleich ſchön und uͤbte fort⸗ während dieſelbe Gewalt über ihn aus. Es wäre ſicherlich unmöglich geweſen, daß dieſe Leidenſchaft für ein ſeiner unwürdiges Weib in ſeinem Herzen ſich mit einem ſo erhabenen Gefühl, wie ſeine Liebe zur Kunſt, hätte vertragen können, wenn es nicht fortwährend die Illuſion beibehalten hätte, aus der Courtiſane eine bußfertige Magdalena bilden zu kön⸗ nen. Dieſe Verwandlung war noch nicht ſonderlich weit vorangeſchritten, hatte aber nach Michaels Anſicht den⸗ noch wenigſtens begonnen, und beſonders wirkte es tief auf ihn, daß ſie während ſeiner Paukenſchlägerzeit, wo ſeine ökonomiſchen Umſtände ſehr betrübt waren, ihm nicht gänzlich den Rücken gekehrt hatte. Es wäre der ſchönen Aktrice ſehr leicht geweſen, ſich reichere Ein⸗ künfte, ja ſogar Ueberfluß und Lurus zu verſchaffen; aber ſie hatte es vorgezogen, ſeine Armuth zu theilen⸗ Ueber dieſen einzigen ſchoͤnen Zug vergaß er all' ihre vielen Fehler. Er glaubte wegen dieſer uneigennützigen Aufopferung in einer Ehrenſchuld zu ſtehen, und es ſchien ihm auch, daß das Weib, das allgemein ſeine — 243 Geliebte genannt wurde, billige Anſprüche auf eine an⸗ gemeſſene Stellung in den Augen der Welt beſitze. Auf der andern Seite ſtand es klar vor ſeinem Bewußtſein, daß Diana, wenn er jetzt die Hand von ihr abzöge, ohne Zweifel bald in ihre früheren Verirrungen zurück verfallen würde. Das Schickſal des ſchönen jungen Mädchens rührte ihn. Seine Zärtlichkeit war mit ihr feſt verwachſen; die Macht der Gewohnheit verband ſich mit dem Drange des Gefühls. Die Folge davon war, daß Michael, der noch im⸗ mer ein Phantaſt, ein Gefühlsmenſch war und ſich ſel⸗ ten von den Berechnungen der geſunden Vernunft leiten ließ, ohne lange Ueberlegung einen kühnen Entſchluß faßte und Diana zur Frau nahm. Es gibt ein Problem, für deſſen Löſung, obſchon gewiß tauſend Gehirne ſich täglich damit abmühen, niemals beſtimmte Regeln aufgeſtellt werden können, nämlich zu einem gegebenen beſtimmten Charakter einen andern zu ſuchen, der mit dieſem vereinigt als Product eine glückliche Che hervorbringt. Daß zwiſchen zwei Herzen, wenn ſie wirklich in vollem Ernſt zu Einem verſchmelzen ſollen, Sympathie ſtattfinden muß, kann Niemand leugnen, aber der Umfang, die Tiefe und die ganze Beſchaffenheit dieſer Sympathie, das ſind juſt die noch nicht aufgeklärten Punkte der großen Frage. Vielleicht müßte man jedoch dabei weniger all' die klei⸗ nen, auf der Oberfläche der Seele ſpielenden Farben⸗ wechſel in Betracht ziehen, aber dagegen Alles thun, um den Grundton der Charaktere ſelbſt zu erforſchen, denn die Ehegatten, die nicht darin harmoniren, wer⸗ d vergebens ein gemeinſchaftliches Glück ihres Lebens uchen. Bei Diana und Michael fand ſich eine Harmonie dieſer Art ganz und gar nicht vor. Sie waren immer zwei verſchiedene Weſen und ſollten es auch immer blei⸗ ben. Zwiſchen ihren Seelen fand keine andere Ver⸗ bindung ſtatt, als mittelſt der der 16* * 244 Liebe, einer immer ſchwachen Brücke, auf die man ſich jetzt um ſo weniger verlaſſen durfte, als ſie ihren eige⸗ nen feſten Halt nür in Michael's bethörtem Herzen hatte⸗ Nachdem Diana vom Theater ihren Abſchied ge⸗ nommen(Michael, der fand, daß ſie eigentlich keinen wahren Beruf für die Kunſt beſaß, hatte dieß im Ehe⸗ contract zur Bedingung gemacht), hatte ſie jetzt nur noch für ihren Gatten und ſich ſelbſt zu leben. Wäre ſie im Stande geweſen, die ganze Bedeutung dieſes neuen Lebens aufzufaſſen, ſo würde ſie gefunden haben daß ihr Wirkungstreis jedenfalls groß genug warz aber kaum waren ein paar Monate veyfloſſen, als ſie, des häuslichen Glückes bereits überdrüſſig, die Ehe als einen gar zu engen Käfig zu betrachten anfing. Nur an das wechſelreiche Theaterleben gewöhnt, verſtand ſie es ganz und gar nicht, die Ruhe und den Frieden zu genießen. die ihr jetzt geboten wurden. Sie wurde dabei ſchläf⸗ rig und müde. Allerdings konnte ſie jeden Abend von ihrer Loge aus ihre früheren Kameraden wieder ſehen; aber was ſie vermißte, das waren juſt die Intriguen, die Verſchwörungen, der beſtändige Krieg, der auf der andern Seite des Vorhangs Siege und Niederlagen er⸗ zeugt, die niemals zur Kenntniß des Publikums gelan⸗ gen. Sie vergaß die Liebe ihres Mannes und Alles, was er für ſie geopfert hatte, über dieſer Sehnſucht nach dem alten Krichsleben, und da ſie es nicht über ſich gewinnen konnte, die lieben Waffen wegzuwerfen, ſo wurde Michael bald der erſte Gegenſtand ihrer Streit⸗ luſt. Hätte er mit Entſchloſſenheit und ſtrengem Ernſt ihren erſten Verſuchen, den Schauplatz des Kriegs auf das Gebiet der Ehe zu verſetzen, widerſtanden, ſo hätte er ſie vielleicht bewegen können, die Waffen niederzu⸗ legen; aber er that das nicht, er hatte bereits ſeine Schwäche verrathen, er war eine fügſame Natur und befand ſich beſſer dabei, den häuslichen Stürmen zu entfliehen, als ſie zu bemeiſtern. um vollkommen ehrlich zu ſein, muß ich auch 24⁵ geſtehen, daß er ſich bereits mit ſolchem Eifer in die Muſen verliebt hatte, daß er in ihrer Geſellſchaft ſeine Ehehälfte nicht nur nicht vermißte, ſondern ſogar bei⸗ nah gänzlich vergaß. Die Kluft zwiſchen den beiden Gatten wurde endlich und binnen Kurzem ſo groß, daß bei der geringſten ferneren Erweiterung derſelben das ſchwache Band der Vereinigung gänzlich zerreißen mußte. Auf dieſe Art verfloſſen mehrere Jahre. Herr Lam⸗ bert und ſeine Frau beſaßen keine beſtimmte Heimath, ſondern lebten beſtändig auf Reiſen. Michael wollte zur Fortſetzung ſeiner Lieblingsſtudien alle in künſtleri⸗ ſcher Beziehung merkwürdigen Städte beſuchen, ſich über die größten Theater des Continents genaue Aufſchlüſſe verſchaffen und mit allen berühmten Muſikern und ſee⸗ niſchen Talenten ſeiner Zeit Bekanntſchaft machen. Diana ihrerſeits hatte gegen dieſe ambulatoriſche Lebensweiſe nichts einzuwenden. Sie fand die Hotels weit behag⸗ licher als ein eigenes Hausweſen. Jeden Tag neue Gegenſtände, neüe Anſichten zu ſehen, das war juſt nach ihrem Geſchmack. Im Uebrigen zeigte ſie ſich auf den allgemeinen Promenaden bezaubernd, dagegen übel⸗ launiſch und grämlich, wenn ſie mit ihrem Mann allein war. Er hinwiederum, der in der Welt der ſchönen Künſte ſo reiche Genüſſe beſaß, betrachtete alles Andere, auch die üble Laune ſeiner Frau, als eine Nebenſache. Er begegnete ihr mit unerſchöpflicher Güte, welche ſie höchſt langweilig und einförmig fand; aber er entſchul⸗ digte ihre Laune gerne, wenn er ſich nur in ſein Zim⸗ mer einſchließen oder ungeſtört Theater oder Concerte beſuchen durfte. Es kam eine Gelegenheit, welche dieſe getrennten Herzen einander wieder näher brachte; als nämlich Diana ihrem Manne einen Sohn ſchenkte. Sie begegneten ſich wieder in dieſem gemeinſchaftlichen Gegenſtand ihrer Zärt⸗ lichkeit, aber auch in dieſer Zärtlichkeit fanden ſich bei ihnen ſo große Verſchiedenheiten vor, daß ſie keine län⸗ gere, innigere Vereinigung darauf begründen konnten⸗ 246 Diana vermochte ihre neuen Pflichten nicht lange aus⸗ zuhalten. Sie fand darin bloß die Mühe, nicht den Genuß, und ſie gönnte ſich keine Ruhe, bis ſie ihr zartes Kind in fremde, gemiethete Hände übergeben durfte. Ganz beſonders von dieſer Zeit an wird es ſchwer, Etwas zu finden, womit man ihre Fehler ent⸗ ſchuldigen könnte; denn die Frau, deren Bruſt nicht von der Mutterliebe erwärmt wird, iſt ein Scheuſal in der Natur. In ihrer Liebe als Gattin nachzulaſſen, das kann verziehen werden; aber in ihrer Liebe als Mutter untreu zu werden, das iſt ein Verbrechen, das ſich von aller menſchlichen Gutmüthigkeit nicht bemänteln läßt. Eines Abends— es war in Florenz— wohnte Michael einer Vorſtellung von Figaro's Hochzeit bei. Schon im zweiten Akt übergab ihm ein Theaterdiener ein Billet mit dem Bemerken, daß es etwas ſehr Wich⸗ tiges enthalte. Aber Michael war juſt von der ſchönen Romanze der Gräfin dermaßen hingeriſſen, daß er der Meldung des Dieners keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Er nahm das Billet mechaniſch in Empfang und ſteckte es gleichgültig in ſeine Hoſentaſche. Erſt am Schluß des zweiten Zwiſchenaktes dachte er wieder daran; er zog alſo das zerknitterte Billet hervor, öffnete es und las: „Mein Herr! „Ich bin zufällig in Beſitz eines Geheimniſſes ge⸗ kommen, das Sie auf's Allernächſte berührt. In mei⸗ nem Hoitel hat ſchon ſeit längerer Zeit und unmittelbar neben den Zimmern, über welche Sie ſelbſt verfügen, ein engliſcher Lord gewohnt. Er reist heute Abend um neun Uhr ab und Ihre Frau begleitet ihn. Eilen Sie nach Hauſe, oder Sie werden ſchändlich betrogen.“ Michael, der nicht die geringſte Ahnung von der Untreue ſeiner Frau hatte, wurde über dieſe Nachricht beſtürzt. Er erhob ſich ſogleich, um heimzueilen; aber in dieſem Augenblick ging der Vorhang auf, und das herrliche Duett zwiſchen Suſanna und dem Grafen: „Wie kannſt Du mich ſo grauſam quälen?“ begann. 247 Michael fühlte ſich gegen ſeinen Willen gefeſſelt. Er zog ſeine Uhr heraus, ſie zeigte bereits fünf Minuten über neun. „Was hilft es wohl, wenn ich jetzt gehe?“ ſagte er, gleichſam als Entſchuldigung vor ſich ſelbſt;„ſie iſt jetzt bereits ſeit fünf Minuten abgereist.“ Und darauf ſetzte er ſich wieder, um das Stück bis zu Ende zu hören. Nach meiner Ueberzeugung hätte Michael keinen klügeren Entſchluß faſſen können. Als er nach dem Theater heimkam, war Diana verſchwun⸗ den. Er hatte einen genußreichen Abend gehabt und war ohne alle Mühe ein launiſches, ungetreues Weib los geworden Alber er ſelbſt ſah ſein eigenes Glück nicht ein. Er hatte dieſe Diana doch einmal geliebt; er hatte ſich durch große Opfer mit ihr verkettet, und ſie war die Mutter ſeines Sohnes. Es ſchmerzte ihn tief im Herzen, als er ſich jetzt ſo betrogen fand; aber weit entfernt, die Treuloſe zu verdammen, hatte er noch 3 ſeinem Selbſtvorwurfe einen Schild zu ihrer Verthei⸗ igung. „Wenn ich ein beſſerer Mann geweſen wäre,“ ſagte er,„ſo wäre ſie ſicherlich ein beſſeres Weib geweſen.“ Nach dieſem Ereigniß überließ ſich Michael noch ungetheilter ſeinen muſtkaliſchen Neigungen, die ſich bei ihm bis zur Leidenſchaft ſteigerten. Er ſezt⸗ ſein Reiſe⸗ leben fort und fand ſich nur im Concertſaal oder im Theater recht heimiſch. Aber er ſaß nicht als gedanken⸗ loſer Zuſchauer da; nein, ſeine ganze Seele war dabei, und was für die Menge nur den Genuß eines Zeitver⸗ treibs hatte, das hatte für ihn den Genuß der Arbeit, der Forſchung. Sein Streben ging dahin, ſich mit allen Schulen, den älteſten wie den jüngſten, bekannt zu ma⸗ chen, der Kunſt in ihrer ganzen Entwicklung zu folgen, den Geiſt und die Bedeutung der verſchiedenen Epochen zu erforſchen und diecharakteriſtiſchen Züge der verſchiedenen Tondichter aller Perioden zu erfaſſen. Aber er begnügte ſich nicht damit, bloß nach hiſtoriſcher Kenntniß, nach 248 Eigenheiten und Manieren zu ſuchen; er hätte in dieſer Beziehung in den Noten allein genug gefunden. Die Muſik war für ihn eben ſo wenig bloß ein todtes Stu⸗ dium, als ein bloß ſinnlicher Genuß; er liebte das Schöne mehr als die Wiſſenſchaft, und er mußte mehr hö⸗ ren als leſen. Der Componiſt und der Virtuos beſaßen beide einen Platz in ſeinem Herzen; für ihn gab es keinen höheren Genuß, als einen guter Tonſetzer wahr und richtig wiedergegeben zu hören. Für einen ſolchen Genuß ſparte er keine Mühe, kein Opfer. Manchmal war er einer einzigen Oper oder einem einzigen Concert zu lieb hundert Meilen gereist, und gewiſſe Künſtler, die ſeinen Beifall erlangt hatten, konnte er von Stadt zu Stadt, von Land zu Land verfolgen. Erſt nach einem langjährigen Studium, und nach⸗ dem er die Sache ſowohl vom künſtleriſchen als philo⸗ ſophiſchen Standpunkt betrachtet hatte, gewann Michael feſte Anſichten und einen entſchiedenen Geſchmack. Er umfaßte begierig den Grundſatz— einen troſtreichen Grundſatz— daß die ganze Menſchheit in einer beſtän⸗ digen Entwicklung, einem beſtändigen Fortſchritt begriffen ſei, und er bezweifelte nicht, daß daſſelbe Geſetz auch den ſchönen Künſten gelte, obſchon er zugeſtehen mußte, daß es Perioden gebe, die wenigſtens für unſere unvoll⸗ kommene Auffaſſung als ein Rückfall, ein Verfall er⸗ ſcheinen könnten. C⸗ ſchien ihm, als ob in Bezug auf die Kunſt im Allgemeinen die gegenwärtige Zeit juſt eine ſolche Periode wäre, und er glaubte, daß dieß ganz beſonders mit der Muſik der Fall ſei. Der Begriff Muſik ergänzte ſich für ihn immer im Begriff Theater, denn er erkannte zwar den Grundſatz an, daß jedes Kunſtwerk, und auch ein muſikaliſches, ein Ganzes für ſich bilden müſſe, das ohne fremden Commentar ver⸗ ſtanden und genoſſen werden könne; aber er glich theil⸗ weiſe den Alten, welche dem Wort Muſik einen ausge⸗ dehnteren Begriff beilegten, als wir jetzt damit verbin⸗ den, indem ſie darin auch die Poeſie und den Tanz mit⸗ 249 begriffen, und er verſtand die Schönheit wohl, die in dem Grundſatz der platoniſchen und pythagoreiſchen Schu⸗ len lag, den Satz, daß die ganze Welt des Schöpfers eine Muſik ſei.. Hoch ſchätzte er die Meiſter, welche die Tonkunſt als etwas Vollkommenes an und für ſich, ohne Zuſammenhang mit dem Wort oder der Mimik behandelten, und wie hätte er auch anders thun können, nachdem er von Haydn's Symphonien ſo hingeriſſen worden war? Am höchſten jedoch ſchätzte er diejenigen, die für das Theater geſchrieben und gut geſchrieben haben⸗ Das Theater war für ihn ein heiliger Tempel der Kunſt, wo er die Muſik als die höchſte irdiſche Verklärung des Lebens voranſtellen wollte. Dieſe ſeine Vorliebe fuͤr die Theatermuſik kam hauptſächlich daher, daß er auch für die Kunſt einen praktiſchen Zweck finden wollte; ja, er wollte ſie allerdings als eine Götteroffenbarung in un⸗ ſere finnliche Welt verſetzen, aber er war der einung, daß, gleichwie Gott ſeibſt, als er perſönlich herabſtieg, um mit Lehre und Handlung ſeine Kinder zu erlöſen, die Geſtalt eines Menſchen annahm, eben ſo auch die Kunſt ſich in ſolchen Formen offenbaren möchte, daß ſie, ihren himmliſchen Geiſt wohl bewahrend, allgemeiner aufgefaßt werden und dadurch eine allgemeine Vered⸗ lung zum Ziel erhalten könne. „Wären wir Engel,“ pflegte er zu ſagen,„ſo könn⸗ ten wir Symphonien genug haben; aber fintemal wir Sünder ſind, die Engel werden können, ſo müſſen wir Opern haben, es verſteht ſich gute Opern.“ Es iſt auch unläugbar, daß, weil ein Gedanke ſich nicht anders als durch Worte ausdrücken, und ein Ge⸗ fühl ſich nicht lebhafter malen läßt, als durch Töne, eben ſo auch, da der Gedanke und das Gefühl die Aeußerung der Seele ausmachen, das Wort und die Töne ver⸗ einigt auf's Treffendſte das Leben und den Menſchen ſchildern und idealiſiren können. Aber als er jetzt forſchend ſeine Betrachtungen zum Theater wandte, das er durch ſo lange Uebung gründlich 2⁵⁰ kannte, fand er dieſen Tempel ſeiner Träume jammer⸗ voll entheiligt und dermaßen von falſchen Propheten angefüllt, daß die göttliche Wahrheit darin vor lauter falſchen Lehren und Verirrungen keinen Raum mehr finden konnte. Je ernſter er dieſen Gegenſtand über⸗ dachte, um ſo mehr Gebrechen ſah er ein, und um ſo gefährlicher für das Beſte der Kunſt und der Generation erſchien ihm dieſer überhandnehmende Verfall. Er über⸗ ſah nicht, daß die Zeitperiode an Mitteln reich war, aber es grämte ihn tief, daß ſo viele hochbegabte Künſt⸗ ler, ſo manche ausgezeichnete Talente, ſo viel Bildung, Wiſſenſchaft und Fleiß ihre höchſte Kraft für ein ſchlech⸗ tes, ein unwürdiges Ziel opfern, und er glaubte, daß dieß der Fall ſei, ſo lange das Theater noch nicht das geworden, was es ſein ſolle. Man hat Paleſtrina und ſpäter auch Mozart den Heiland der Muſik, ihren Jeſus Chriſtus genannt. Michael ſtimmte von ganzem Herzen in dieſe Huldigung ein, aber er glaubte, daß die Zeit zu einer Reform jetzt gekommen ſei, und ſein Lieblingsgedanke wurde, einen verdorbenen Geſchmack zu läutern, die verheerenden Fort⸗ ſchritte der Mode zu hemmen, die Tonkunſt auf ihren rechten Weg zur Wahrheit, Einfachheit und Natur zu⸗ rückzuführen, ſodann nachdem das Theater gehörig ge⸗ reinigt und geſäubert wäre, ihr dort einen würdigen Platz zu bereiten. In dieſem Sinn ein Reformator, ein Martin Luther der Kunſt zu werden, erſchien ihm als die ſchönſte, größte irdiſche Beſtimmung, und ſein ganzes Streben ging dahin, in dieſer Richtung zu wir⸗ ken, für dieſe Idee zu leben... Wenn er in ſeinem Enthuſiasmus für ſein großes Ziel ſeine eigene Kraft überſchätzte, ſo muß man doch ſeinen Uebermuth nicht verdammen, ohne ihm auch für einen guten, edlen Willen Rechnung zu tragen. Michael begann ſein Reformationswerk als Compo⸗ niſt. Er arbeitete mit einem Eifer, einem Ernſt, der kaum ſeines Gleichen kannte, und wäre er in allen an⸗ 3 25¹ dern Beziehungen eben ſo ſtark geweſen, ſo würde der Sieg ihm nicht entgangen ſein. Er entfloh für einige Zeit aus dem Getümmel der großen Städte und ließ ſich in einem ſtillen Landſtädtchen nieder. Hier kam er ſelten aus ſeinem Zimmer. Tief in die Nacht hinein wachte er am Piano oder Schreibtiſch, und ging er ein⸗ mal aus, um friſche Luft zu ſchöpfen, ſo konnte man aus der Art, wie er beſtändig vor ſich hinſummte, er⸗ fahren, daß auch in dieſen Stunden ſeine Gedanken in ſeinen gewöhnlichen Beſchäftigungen lebten. Unbeſchreib⸗ lich war ſeine Freude, wenn er glaubte, es ſei ihm ge⸗ lungen eine gute Idee entſprechend auszudrücken. In ſolchen Augenblicken war er ſo innig— nicht nur mit ſich ſelbſt, ſondern auch mit der ganzen Welt zufrieden, und er betrachtete Alles, auch ſein eigenes Talent, in einem bezaubernden Roſenſchimmer. Aber dieſe Freude war nicht von Dauer. Selten wurde ein Werk fertig, ehe er ſelbſt es kaſſirte; viele ſolche Parthien, die einmal ſeinen Stolz ausgemacht hatten, wurden dann bei näherer Prüfung unbarmherzig durchſtrichen und mußten dem übrigen Plunder im Ofen Geſellſchaft leiſten. Im Allgemeinen war ſeine Arbeit ſehr mühſam; denn er gehörte nicht zu den Glücklichen, die aus ihrem Genie vollkommen fertige Ideen ſchöpfen und beinahe ohne alle Anſtrengung ihrer Gedanken Meiſterwerke ſchaffen. Mit Fleiß und Beharrlichkeit mußte Michael nach ſeinem Ziel ſtreben, und oft erreichte er es dennoch nicht. Die wenigen Compoſitionen von ſeiner Hand, die zur Kenntniß des Publikums gelangten, gewannen ganz und gar keine Sympathien. Man fand darin eine ge⸗ wiſſe Originalität, aber nichts Einnehmendes, und das Ganze erſchien allzu einfach, um einen tiefen Werth enthalten zu können. Erſt nach unglücklichen Mühen, wie auch pecuniären Opfern, vermochte er endlich die ſchönſte Frucht ſeines Fleißes und ſeiner Anſtrengung auf die Bühne zu bringen. Der Verſuch mißlang gänz⸗ lich. Michael's Oper erregte zwar Aufſehen, aber keinen 252 Beifall. Man lachte über den ſonderbaren Componiſten, der es wagte mit einer Herausforderung gegen den all⸗ gemeinen Geſchmack aufzutreten; man nannte ihn einen Antediluvianer, ſagte, er ſei wenigſtens 2800 Jahre zu ſpät gekommen, ſeine Oper würde vielleicht in der Arche Noah oder bei den Präadamiten Glück gemacht haben, aber in der gegenwärtigen Zeit ſei dieß ganz unmöglich und ſo weiter. Sie fiel bereits bei der erſten Vorſtellung. Michael's ganzer Lohn für die Zeit, die Arbeit, die Mühe, die er feinem Werke gewidmet hatte, wurde Ge⸗ lächter und Geziſche. Dieſes Unglück ſchmerzte ihn tief, aber gleichwohl verlor er den Muth nicht; er fand es ganz natürlich, daß ein Publikum von ſo verdorbenem Geſchmack ihn nicht verſtehen könne, ja, ſeine Niederlage ſchmeichelte ihm ſogar in ſeiner Art; gleichwohl eine theuer erkaufte Schmeichelei. Das allgemeine Beſte und das Wohl der Kunſt galt ihm jedoch weit mehr als ſein eigenes, und da er jetzt einſah, daß er als Componiſt nicht genügen konnte, ſo entwarf er einen neuen Plan für ſeine Thä⸗ tigkeit; er gründete eine Muſikſchule. Trotz aller Verläumdung und alles Spottes, wo⸗ mit man das Anſehen des wunderlichen Lehrers herab⸗ zuſetzen ſuchte, konnte man ihm doch nicht allen Werth abſtreiten. Selbſt ſeine Begeiferer mußten zugeben, daß ſeine Liebe zur Kunſt glühend und vor allen Dingen uneigennützig war. Auch konnte Niemand behaupten, daß es ihm an Einſicht in ſeinen Gegenſtand fehle; aber man beſchuldigte ihn, gar zu ſehr in der Höhe zu ſchwe⸗ ben, in ſeinen Theorien unpraktiſch und allzu einſeitig in ſeinem Geſchmack zu ſein, den man weder antik, noch modern nennen könne, und den man juſt deßhalb mißachtete. Inzwiſchen ſammelte er eine gewaltige Schaar von Zöglingen um ſich, und ſeine Lektionen kamen in Ruf; wenn man auch feine Grundſätze nicht billigte, ſo fand man ſie doch höchſt intereſſant. Michael befand ſich vortrefflich in dieſem neuen Be⸗ — 6* 253 ruf und beſaß jetzt eine Gelegenheit zu freierer Darſtel⸗ lung ſeiner Ideen. Auf dem Katheder und umgeben von ſeinen Schülern, war er auf ſeinem rechten Platz. Inzwiſchen konnte er allerdings über jeden begangenen Fehler in ſchrecklichen Zorn, ja beinahe in Verzweiflung gerathen, aber eine einzige, nach ſeiner Anſicht richtig und gut geſungene Note verſetzte ihn wieder in die vergnugteſte Stimmung. Entzückt über jeden, auch den unbedeutendſten Fortſchritt, träumte er bereits davon, in der Welt der Muſik eine kleine Colonie von Getreuen gegründet zu haben, die ſich allmälig weiter ausbreiten und früher oder ſpäter einmal allen falſchen Geſchmack, alle tändelnden Moden vernichten, einen vollſtändigen Sieg erringen und die Welt beherrſchen würde.. um ſein eigentliches Ziel, das, wie wir wiſſen, auch das Theater umfaßte, noch ſicherer zu erreichen, begann er an einer Erweiterung ſeiner Bildungsanſtalt auch für die Schauſpielerkunſt zu arbeiten. Er war juſt im Begriff, mit Rückſicht darauf große Anordnun⸗ gen zu trefſen, als ein Donnerſchlag ſeinen ganzen Plan zernichtete. Es kam nämlich ein Brief von ſeinem Banauier, der eine Schlußrechnung enthielt, welche bewies, daß Michael's Vermögen, mit Ausnahme einer höchſt un⸗ pedeutenden Leibrente jetzt bis auf den letzten Stüber aufgezehrt war. Michael war ein ſchlechter Haushalter geweſen und hatte es namentlich in der letzten Zeit ganz vergeſſen, ſeine Mittel zu berechnen. Seine ganze Muſik⸗ ſchule war eine Freiſchule geweſen, und einige ſeiner Zöglinge erhielten ſogar Bezahlung dafür, daß ſie mit Aufopferung anderer Geſchäfte ihre Lektionen fortſetzten. Als der freigebige Lehrer ſich jetzt aus Mangel an Mitteln außer Stands geſetzt ſah, ſeine theuere Schule aufrecht zu erhalten, geſchweige denn ſie zu erweitern, da fühlte er ſich ſehr unglücklich. In ſeiner Noth rief er einige hohe und mächtige Kunftfreunde um Schutz an. Er erhielt viele gute Verſprechungen und auch einige 254 Geldbeiträge; aber dieß konnten ſeine Handwerksgenoſſen nicht ertragen. Ihr Neid loderte noch einmal in heller Flamme auf. Sie erklärten Michael für einen halb⸗ verrückten Glücksritter, der außer Stands ſei, auch nur eine einzige vernünftige Lehre vorzutragen, und be⸗ haupteten einſtimmig, daß ſeine Schule, welche man im Anfang als eine Curioſität habe ertragen können, nicht bloß keine Aufmunterung, ſondern vielmehr Be⸗ kämpfung und Verachtung verdiene.„Er will Andere Muſik lehren,“ ſagte man,„er, deſſen eigene Meiſter⸗ probe Fiasco gemacht hat; welch' eine Unverſchämtheit!“ WMichael vertheidigte ſich mit Wärme, wurde aber von ſeinen zahlreichen Neidern überſtimmt und verlor einen Gönner um den andern. Schließlich war es ihm nicht mehr möglich, ſeine Lectionen länger fortzuſetzen, und die Schule löste ſich auf. Dieß war, wie er ſelbſt ſagte, der betrübteſte Tag in ſeinem Leben, denn jetzt wurde ſeine beſte Wirkſam⸗ keit niedergetreten, ſein ſchönſter Plan zu Nichte gemacht; und der Sonnenſchein des Glücks fiel fortan nur noch ſelten recht klar in ſein Herz. Tiefbetrübt zog er ſich in eine der einſamſten Vorſtädte der großen Stadt zu⸗ rück und beſchloß hier für die Erziehung ſeines Sohnes zu leben und zu arbeiten. Mit wehmüthigem Lächeln legte er ſeine Hand auf das Haupt des Jungen und auch er ſagte: Ille laciet(er wird es ausführen). Dieſer Sohn, den er jetzt zu ſich nach Hauſe ge⸗ nommen hatte, war Marimilian. Nach dem, was wir bereits wiſſen, verrieth Mari⸗ milian ſchon früh ein lebhaftes Auffaſſungsvermögen und gute muſikaliſche Anlagen, welche beſonders durch ſeine erſtaunliche Tüchtigkeit, alle mechaniſchen Schwie⸗ rigkeiten zu überwinden, ihm ſchon mit neun Jahren den Zunamen: der kleine Paganini, verſchaffte. Der Vater freute ſich herzlich über die glücklichen Gaben ſeines Sohnes, und da er jetzt die Leitung deſſelben an ſich gezogen hatte, wurde es ſein eifrigſtes Bemühen, 1.— 255 ſie in ſeinem eigenen Geiſt ausbilden. Aber in ſeiner Sehnſucht, das beſtimmte Ziel zu erreichen, und ſeinem Eifer, aus ſeinem Sohn einen vollkommen rechtgläu⸗ bigen Muſikus zu bilden, vergaß Michael leider mit der gehörigen Vorſicht zu Werke zu gehen und der leb⸗ haften, eigenſinnigen und endlich verwöhnten Gemüths⸗ art des Jungen die genügende Rückſicht zu ſchenken. Eigentlich war Marimilian, welchem die erſte Er⸗ ziehung durch eine Mutter fehlte, niemals in die Schule ekommen, die doch immer die allererſte für uns ſein ollte, nämlich in die Schule der Liebe, ſondern frem⸗ den Menſchen überlaſſen, hatte er ſchon in ſeinen zar⸗ teſten Jahren den Gehorſam nur als einen Nothzwang betrachten gelernt. Bei ihm war es nicht das Herz, was zuerſt angeregt worden war, ſondern vielmehr der Verſtand, die Berechnung, die Klugheit. Auf ſolche Art konnte er zwar eine gute Aufführung zeigen, aber die vornehmſte Triebfeder dazu war gewöhnlich die Furcht, ein gefährliches Gefühl, wenn es einem Kind allzu tief eingepflanzt wird, und die Bubenſtreiche, die er beging, waren zwar nicht ärger, als dieß gewöhnlich iſt, aber ſie hatten größere Bedeutung, weil ſie immer meiſterhaft berechnet waren. Erſt nachdem er durch ſein Violinſpiel Aufſehen erregt hatte und der Gegen⸗ ſtand allgemeinen Lobes geworden war, begann ſein Pflegevater, der alte Kämmerer, ihn mit einem wärme⸗ ren Intereſſe zu umfaſſen, das bald in eine Nachgiebig⸗ keit überging, welche dem größten Eigenſinn Thüre und Thor öffnete. Was jetzt Michael betraf, ſo war er ohne Zweifel ein geſchickter Wegweiſer im Gebiete der Kunſt, aber im Uebrigen verſtand er ſich ſehr ſchlecht darauf, ſeinen Sohn auszubilden. Es währte auch nicht lange, bis Marimilian einſah, daß ſein Vater die Zügel der Re⸗ ieng nicht recht ſicher hielt, weßhalb er auf eigene auſt ſich allerlei freie Seitenſprünge erlaubte, die mit einem gebührenden kindlichen Reſpekt nicht gänzlich 256 übereinſtimmten. In einem einzigen Fall behielt der Vater eine unnachgiebige Strenge bei, nämlich als Muſiklehrer. Aber in ſeinem Enthuſiasmus für die gute Sache und ſeine Lieblingsideen betrieb er ſeine Lection mit einem Ernſt, welcher der unſtäten Natur Marimilian's im höchſten Grade mißbehagte. Im All⸗ gemeinen zeigte dieſer Schüler große Luſt, ſeine tech⸗ niſche Fertigkeit zu üben und damit zu glänzen, aber dagegen einen beſtimmten Abſcheu davor, in die Tiefe der Lehren einzudringen. Zwiſchen Vater und Sohn wurde dieß bald und beſtändig ein Keim der Zwietracht; Erſterer kannte keine Nachgiebigkeit, und der Letztere, der in allen anderen Punkten ſeinen freien Willen hatte, murrte laut über dieſen Zwang. Die Furcht vor dem Zorn des Vaters nahm inzwiſchen immer mehr ab, denn Maximilian wußte nur zu gut, daß Michael, wenn er auch noch ſo erzürnt war, mit einem einzigen gut⸗ geſpielten Satz wieder beſänftigt werden konnte. Auf dieſe Art verwandelte ſich oft die drohende Hand in eine zärtlich ſchmeichelnde, der Vorwurf in Lob. Jahre vergingen; Marimilian wurde Jüngling und zählte bereits ſeine achtzehn Sommer. Sein un⸗ gewöhnlich vortheilhaftes Aeußeres, ſein fröhliches, leb⸗ haftes Weſen und ſeine große muſikaliſche Geſchicklich⸗ keit verſchafften ihm eine Maſſe von Freunden. Die Lebensluſt ſchwoll in allen ſeinen Adern. Er meinte, die ganze Welt ſei kaum groß genug für ſeine kühnen Pläne, ſeinen Muth, ſeine Luſt, die ihm inwohnen⸗ den Kräfte zu prüfen. Wie eng mußte er alſo nicht den Kreis fühlen, worin der Vater ihn beſtändig ein⸗ geſchloſſen hielt! Das Lob, das er außer dem Haus einerntete, berauſchte ihn und hatte die Folge, daß Michael's fortwährende Strenge und ſeine vielleicht allzu pedantiſchen Forderungen ihm immer mehr mißfielen. Die ſchönen Lehrſätze hatten für Marimilian ein ſehr geringes Intereſſe; aber das freie, fröhliche, glänzende, üppige Künſtlerleben ſchmeichelte ſeinem Sini, und er 257 brannte vor Verlangen, Auszeichnung zu gewinnen, ſich einen Platz neben jenen modernen Kunſtlöwen zu erwerben, welche Lorbeeren und Gold im Ueberfluß ein⸗ ernten. Eines Tags ſtand er in ſeines Vaters dürftigem Stübchen vor einem wackeligen Notenſtänder und ſpielte eine von Mozart's Sonaten. Am Abend zuvor war er ohne Michael's Wiſſen in einer großen, glänzenden Geſellſchaft aufgetreten und mit ſchmeichelhaftem Lob überhäuft worden. Jetzt befand er ſich bei übler Laune und war ganz ſchlecht geſtimmt. Die Spuren von Dürftigkeit, die ihn von allen Seiten umgaben, beäng⸗ ſtigten ihn; die beſtändigen Zurechtweiſungen und Be⸗ merkungen ſeines Vaters verletzten ſeinen Stolz und verſetzten ihn in einen gewiſſen Zuſtand der Gährung. Sein Spiel wurde immer ſchlechter. WMichael er⸗ zürnte ſich, ſtampfte ungeduldig auf den Boden und befahl ſeinem Sohn, von Neuem anzufangen... Ma⸗ rimilian's Stirne verfinſterte ſich, er biß ſich in die Lippen, aber er gehorchte. Es wurde nicht beſſer Er fing noch einmal von vorn an Wiederum brach der aufgebrachte Vater in ſcharfe Zurechtweiſun⸗ gen aus Jetzt ſtieg Maximilian das Blut in den Kopf. Seine Geduld war zu Ende, und mit dem feſten Vorſatz, ſeine erniedrigenden Ketten auf einmal zu zer⸗ brechen, warf er ſeine Geige mit ſolcher Kraft, daß die Splitter im Zimmer umherflogen, Michael zu Füßen. Der Vater verſtummte vor Entſetzen; der Sohn ſagte mit feſter Stimme: „Jetzt iſt es aus!. In dem Augenblick, wo ich dieſes Inſtrument zertrümmerte, habe ich auch das Fach zertrümmert, das Sie mir auferlegten. Ich kann die⸗ ſen deſpotiſchen Druck nicht länger aushalten; er würde meine Jugend erſticken Sie wollen einen gelehrten Pedanten aus mir bilden, das wird Ihnen nie gelin⸗ gen Ich bin zu ganz anderen Bahnen geſchaffen, Ein Funken. I. 17 258 als Sie für mich zu beſtimmen für gut befunden haben. Nennen Sie mich einen unwürdigen Sohn, aber be⸗ denken Sie erſt, ob Sie ſelbſt als Vater ohne alle Schuld ſind Ich gehe jetzt allein in die Welt hin⸗ aus, aber ich werde mir bald einen Platz zu verſchaffen wiſſen; die Anerkennung meines Talents, die ich von Ihnen niemals zu erhalten ſo glücklich war, werden dielleicht fremde Menſchen mir freigebiger ſpenden Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie an mich ge⸗ wendet haben; von jetzt an können Sie ein ruhigeres Leben führen Leben Sie wohl, mein Vater.“ Michael's Zorn hatte ſich nicht gelegt; mit⸗Don⸗ nerſtimme befahl er: „Junge, Du bleibſt hier!“ Ruhig und kalt, wenigſtens ſeinem Aeußern nach, begegnete Maximilian ſeinem Blick und antwortete mit, feſter Entſchloſſenheit:„Nein, ich gehe.“ „Du wagſt es, Deinem Vater Trotz zu bieten 20 „Ich habe keine andere Wahl, als das zu thun oder mir eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen. Mein Leben iſt hier unerträglich. Ich muß eine friſchere Luft einathmen, als diejenige iſt, die ſich hier zwiſchen Ar⸗ muth und Zwang zuſammengezogen hat.“ Bereits hatte Picheels Gemüth ſich erweicht. „So, ſo,“ ſagte er mit milder Würde,„der Sohn entflieht vor der Armuth des Vaters.. Ich habe meinen Reichthum verſchwendet und vermag Dir nichts zu geben, da Du meine Liebe und meine Lehren ver⸗ achteſt. Geh', verkaufe Deine Seele für Geld, gewinne das Lob des gedankenloſen Haufens; aber, ſo wahr ich als Künſtler im höheren Sinn biſt Du ewig ver⸗ oren. Marximilian ſchien einen kurzen, inneren Kampf zu beſtehen, aber nach einigen Augenblicken verließ er das Zimmer plötzlich, ohne ein Wort zu ſagen. Jetzt ſchwoll dem armen Michael das Herz⸗ Mit gebrochener Stimme und Thränen in den Augen bat er? 259 „Nein, Maximilian, bleib hier!... Bleib bei mir, ich will Alles für Dein Glück thun... Hörſt Du, ich will Alles thun! Kehre zurück, Marximilian, komme wieder an meine Bruſt!“ Die Bitte wurde nicht erhört. Michael's Buſen blieb leer: Marimilian kehrte nicht wieder. Der Vater hatte ſeinen Sohn, der Lehrer ſeinen letzten Schüler verloren.. Ein gewöhnlicher Menſch würde ſo vielen Wider⸗ wärtigkeiten und ſo manchen Sorgen, wie diejenigen, die Michael Lambert trafen, unterlegen ſein, aber au darin erweist ſich die Göttlichkeit der Kunſt, daß Die⸗ jenigen, die ſie recht lieben, niemals verzweifeln können. Die meiſten von Michael's Plänen waren mißlungen. Sein Reichthum war verſchleudert, er war betrogen von ſeiner Frau, verlaſſen von ſeinem Sohne. Aber noch behielt er das Leben lieb. Die Kunſt war ja noch gleich ſchön und ſeine Liebe zu ihr blieb uner⸗ ſchütterlich. So weit jeine kleinen Mittel es geſtat⸗ teten, ſetzte er, obſchon in einem engeren Kreiſe, ſeine Reiſen fort und brachte gern jedes Opfer, um ſich Ge⸗ kegenheit zu einem muſikaliſchen Genuß zu verſchaffen, wobei er, wie immer, das Theater in die erſte Linie ſtellte. Im Uebrigen beſchränkte ſich ſeine Wirkſamkeit darauf, daß er mitunter ſehr häufig unentgeltlich der Jugend in irgend einer öffentlichen Schule der Stadt dder auf dem Lande Geſangunterricht ertheilte und zu ſeinem eigenen Vergnügen kleine Compoſitionen ent⸗ warf, ohne ſie der Seffentlichkeit zu übergeben. In der Tiefe ſeiner Seele Frannte noch gleich warm das Ver⸗ langen, den allgemeinen Geſchmack zu reformiren und eine neue, vor allen Dingen wahre und der Bildung des Zeitgeiſtes würdige muſikaliſche Schule zu bilden⸗ Seine Liebe für dieße Idee machte ihn unverſöhnlich gegen den vorherrſchenden modernen Geiſt, und es war ihm unmöglich, den Abſcheu, den er gegen alle nach ſeinem Dafurhalten falſche Kunſt hegte, zu überwinden * 260 oder zu verhehlen. Er konnte Freunde und Gönner verlieren, aber er konnte ſich nicht beſtimmen laſſen, mit einem Wort oder einer Miene ſeiner eigenen Lehre untreu zu werden. Sein Mißvergnügen war bald ge⸗ weckt und ſein Gefühl glitt leicht in einem Ausruf über ſeine Lippen. Dieſe Aufrichtigkeit machte ſeine Stel⸗ lung noch iſolirter, obſchon man allerdings ohne Mühe finden konnte, daß ſeine Verachtung gegen die Men⸗ ſchen ſeine edle Liebe zur Menſchheit niemals einen Augenblick erſchütterte. Wie er endlich ſein ſo eifrig erſehntes Ziel errei⸗ chen ſollte, wußte er nicht, aber es ſchwebte ihm eine Ahnung vor, daß er einmal ein Mittel gewinnen würde, ſeine Pläne zu xealiſiren, daß er einmal eine Seele finden würde, die, von ihm geleitet und begeiſtert, das geträumte große Werk vollenden ſollte. Dieſe Hoff⸗ nung war ſein Troſt, ſeine Kraft, und ſein ganzes Leben war ein beſtändiges Sehnen, ein beſtändiges Sihen nach einem ſolchen Mittel, nach einer ſolchen eele. Wir kennen jetzt beſſer als die große Menge das lebhafte, exaltirte, grauköpfige Männchen, das ſeinen Parterreplatz in der königlichen Oper zu D. ſo getreu beibehielt. ſſſſ 6 3 8 9 10 11 12 1 3 14 15 S