ebittivpet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Ottmann in Gießen, cloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Dafſelbe muß voraus bezahlt werden und für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. . Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurlickſendung 6. Schadenersatz. 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Seit der Rückkehr des Czaren und der Czarin aus Moskau, wo die feierliche Krönung Pauls mit allem Aufwand alter Pracht und hiſtoriſchen Ceremoniells funden hatte, war es im Winterpalaſt von Peters⸗ hergegangen, und jeder oßen Feſten und ſtattge burg ſehr unruhig und lärmend Tag hatte neue Veranlaſſungen zu gr glänzenden Zuſammenkünften aller Art dargeboten. 8 Heut hatte der Czar wieder einen großen Feſttag in ſeinem Palais anſetzen laſſen, der ihn beſonders im Schooße ſeiner Familie und ſeiner vertrauteſten Groß⸗ er zeigen und ein Familienfeſt mit politiſchem wirkungs⸗ würdenträg und ſtaatlichem Rahmen im höchſten und vollſten Stil darſtellen ſollte. ſeit der Krönung in Moskau Besborodko, der 1——————— —— 4 Großkanzler und Fürſt geworden, und jetzt das höchſte Triebrad aller Staatsgeſchäfte und ſonſtigen Abſichten des Czaren war, ſchritt nun ſchon ſeit einer Stunde mit großer Geſchäftigkeit und den wichtigſten Mienen und Gebärden in den großen Staats⸗ und Geſellſchafts ſälen des Palaſtes auf und nieder, und ſchien ſehr ſorgſam beſondere Vorbereitungen zu treffen, mit denen er irgendwie einer von ihm errathenen Abſicht des Czaren oder einem ihm unmittelbar zugekommenen und angedeuteten Befehl genugthun oder entgegenkommen wollte. Der alte Besborodko ſah in dieſer eifrigen Beſchäftigung heut faſt gewandter und zierlicher aus, als man ihn ſonſt zu erblicken gewohnt war, und die fürchterliche Ungeſchlachtheit ſeiner ſchwerfälligen, breit und plump in ſich niedergelaſſenen Geſtalt, in der zu gleich ſo viel Unordnung und Liederlichkeit ſich aus prägte, fiel nicht mehr ſo widerwärtig an ihm auf. Vielleicht trug die neue Toilette, welche Fürſt Besbo rodko ſeit ſeinen letzten Standeserhöhungen angelegt hatte, heut Einiges dazu bei, ſeiner lächerlichen und frazzenhaften Perſon eine würdigere und vortheilhaftere Erſcheinung zu geben, was zum Theil wieder der eigen thümlichen Neigung widerſprach, durch welche Paul ſich in der letzten Zeit zu dem alten, ihn höchlich er⸗ 5 götzenden Original hingezogen geſehen hatte. Es war dies beſonders in Moskau der Fall geweſen, wo Paul mitten in der ſteifen Pracht der vorgeſchriebenen For men, die ganz regelrecht zu erledigen waren, einen ſo lächerlichen und ſeltſam aufreizenden Anblick, wie den Besborodko's, nicht hätte neben ſich entbehren können, um ſich bei dieſem ihm ganz und gar widerſtrebenden Gala⸗Schauſpiel einigermaßen eine behagliche und frohe Stimmung zu erhalten. Aus dieſen naiven Anregungen waren auch ohne Zweifel zunächſt die neuen Rang⸗ erhöhungen gefloſſen, mit welchen Paul gerade in die⸗ ſem Moment ſeinen neuen Liebling ſich zu ſchmücken geſtrebt hatte. Der neue Fürſt Besborodko hatte es aber jetzt, ſeit ſeiner Rückkehr aus Moskau, gewiſſermaßen für ſeine ordentliche Pflicht gehalten, ſich in einem ganz neuen und zuläſſigeren Koſtüm am Czarenhof in Peters⸗ burg darzuſtellen. In der Tracht, die er ſich nach langem Grübeln auserwählt und die bei dem heutigen vertraulichen Hoffeſte zum Erſtenmal vorgeführt werden ſollte, ſpielte jedoch das Beſtreben, dem Czaren Paul zu gleichen und ähnlich zu werden, eine ganz beſondere und eigenthümliche Rolle, und vornehmlich war bei ſeinen Schuhen und Schnallen, die er jetzt plötzlich angelegt 6 hatte, der Trieb gar nicht zu verkennen, damit den ſelben Schnitt und dieſelbe Manier einzuhalten, wie man ſie bis jetzt nur bei dem Czaren ſelbſt in Peters burg bemerkt hatte.— In dieſem Augenblick ließ ſich ein kleines Geräuſch in der Nähe des Fürſten Besborodko vernehmen, er blickte ſich raſch um und eine junge Dame von großer Jugend und Schönheit, die ſchon ſeit einiger Zeit hinter ihm geſtanden zu haben ſchien, trat hervor unt begrüßte ihn in ſehr angelegentlicher und lebhafter Weiſe, aber zugleich mit einem beſonderen Ausdruck, der eine heftige Unruhe und Beſorgtheit, in der ſie ſich befand, an den Tag zu legen ſchien. Ah, das Fräulein Gabriele Lapuchin? rief Besbo rodko mit einem ebenſo heitern als wichtigen und be deutungsvollen Ton der jungen Dame entgegen. Sie, die jetzt der Ausfluß aller Gnaden in Petersburg iſt, und wo ſie auftritt, herrſcht und ſiegt, erſcheint hier ſo zufällig und gelegentlich vor mir, als wenn ſie mir die Ehre erzeigen wollte, mich um Etwas zu bitten, was doch gegen den armen, von Ihrer Gunſt abhän gigen Besborodko nur eine ſpöttiſche Ausflatterung Ihrer himmliſchen Laune und Ihres ſtets ſo heitern und gnadenvollen Seelenübermuths ſein könnte! — Der erſte Miniſter Pauls traf dabei in der aller⸗ verbindlichſten und unterthänigſten Weiſe Anſtalt, die Hand der jungen Dame zu ergreifen, indem er ſie zu einem an der Wand gegenüberſtehenden Divan, auf welchem in dieſem Saal nur die Czarin ſelbſt Platz zu nehmen pflegte, hinführen wollte. Gabriele Lapuchin lehnte dies freundlich und eiligſt ab und ſagte, vor Besborodko ſtehen bleibend, mit ganz verſtörter Miene zu ihm: Mein lieber Fürſt, Sie ſollen mir keine Com⸗ plimente machen, ſondern mir helfen! Ich fange an zu leiden, ſeitdem ich in Petersburg bin, und wem verdanke ich es, hier zu ſein, als meinem guten, lie benswürdigen Fürſten Besborodko? Es wird daher Ihre Pflicht ſein, daß Sie hier ein wenig für mich ſorgen wollen, und die Gefahr iſt bereits dringend genug. Beim heiligen Nicolaus! rief Besborodko mit er⸗ ſtaunter und lebhaft erſchrockener Gebärde, indem er der Dame faſt zu Füßen ſtürzte und ſich in der ängſt⸗ lichſten Unruhe um ſie bewegte. Was muß ich hören? Die neue Sonne des Kaiſerhofes, zu deren Aufgang ich einige Wolken bei Seite ſchieben durfte, und mit der unſerm Czaren ein neues Lebensglück aufgeſtrahlt iſt, fühlt ſich bereits geſtört bei uns in ihrem göttlichen 8 Daſein und ſcheint widerſpenſtige Bewegungen gegen ihr und unſer Glück befürchten zu müſſen! Gabriele Lapuchin hörte mit einer Traurigkeit, die zugleich ſehr viel Drolliges hatte, dieſen athemloſen Erſtaunensruf des alten Fürſten an, und ſchien, in einer prächtigen Gebärde die Arme über der Bruſt treuzend, nachſinnend noch eine Zeit lang der Fort ſetzung ſeiner immer ſeltſamen Redensarten zuhören zu wollen, wobei ſie ſich im Bewußtſein ihrer faſt wunderbaren und glühenden Schönheit gedankenvoll ſchaukelte. Gabriele Lapuchin war ein großes ſtarkes Mäd chen, deren zartes Jugendalter faſt durch eine kühne und gewaltige Entwickelung ihres blühenden Körpers überholt worden war. Ihre ſchwarzen, gluthvollen Augen ſtrahlten ein unendliches Feuer aus, in das zu— gleich ein leuchtender Schein durchdringender und über⸗ legter Klugheit ſich miſchte. Während der idealſchöne Kopf in dieſer Art einen herrlichen und mächtigen Eindruck machte und große Elemente einer edlen, vorneh men, nur den höchſten Familien Rußlands eigenthüm lichen Form zeigte: traten die großen Schönheiten des übrigen Körpers mit einer bei weitem derberen und ſtoff⸗ haltigeren Fülle und in einem großen Ueberfluß der — ſeltenſten Ueppigkeit hervor. Gabriele ſchien in dem höchſten Typus nationaler Schönheit zu glänzen, indem ihre friſchen Reize zugleich einen Uebergang zu volks⸗ thümlicher Freiheit und Wildheit hatten, woraus ſich ein großer Zauber über ihre ganze Perſon verbreitete. Der Czar hatte ſie zuerſt in Moskau geſehen, wo Gabriele Lapuchin im Hauſe ihres Vaters, des alten Generals Lapuchin, eines verdienſtvollen und dem Czarenhauſe ſtets ſehr ergeben geweſenen Militairs, lebte, im Augenblicke der Krönung aber der Einladung Besborodko's, eines alten Freundes ihres Vaters, in ſein Haus zu ziehen, gefolgt war. Denn Besborodko hatte die Gunſt empfangen, in ſeinem großen Familien⸗ Palais in Moskau den Czaren und die Czarin wäh⸗ rend des Feſtes aufnehmen zu dürfen, und dazu be⸗ durfte er der Mitwirkung einer Dame, welche ſo, wie Gabriele Lapuchin, im Stande war, ein höheres Haus⸗ weſen zu leiten und die dabei nöthigen Rückſichten und Maaßnahmen mit gewandter und gefälliger Form zu vertreten. Besborodko verfolgte dabei einen Neben⸗ gedanken, der ihn bald hauptſächlich beſchäftigte und der bei dem Czaren, auf den er aus vielſeitigen Ab⸗ ſichten berechnet war, wunderbar raſch und tiefgreifend einſchlug. Besborodko hatte den Plan gefaßt, die . 10 reizende und bezaubernde Gabriele in ein Verhältniß zum Czaren zu bringen, wie es Fräulein Nelidow in der letzten Zeit immer mächtiger und einflußreicher, und ſogar in Uebereinſtimmung mit der Czarin ſelbſt, eingenommen und woraus bereits manche Gefahren für Besborodko und ſeine Freunde und die von den ſelben betriebene und begünſtigte Regierungsweiſe hervorzugehen ſchienen. Es war kein Zweifel, daß Herr von Lapuchin dem auf die Schönheit und Klug heit ſeiner Tochter begründeten Staatsplan vollkommen beigetreten war und ſich ernſtlich damit beſchäftigt hatte, Gabrielens Sinn für dieſe Aufgabe vorzubereiten und zu ſtempeln und ſie mit vollkommen gleichen Beſtrebungen in dieſes Unternehmen eintreten zu machen. Es kam darauf an, der Nelidow eine bei weitem fähigere und gewaltigere Nachfolgerin zu geben, durch welche man auf den Czaren wirken und ihn zu einer mäßigeren und beſonneneren Politik, im Sinne der alten europäiſchen Ordnungen und Garantieen, zurückführen konnte. Es lag dies dem Besborodko, ſeitdem er der erſte Miniſter des Czaren geworden war, heiß und unabänderlich am Herzen, und er glaubte damit zugleich die Entfernung des Fürſten Kourakin vom Czaren bedingen zu können, denn Kourakin war —— 11 zuletzt ein ſehr freiſinniger und nach Bewegung drän⸗ gender Staatsmann geworden und ſuchte, die Wirkung der Nelidow dabei benutzend und ſich auf die ihn kräftig leitende Sympathie der Czarin ſtützend, den Czaren in einem Sinne vorwärts zu treiben, der ihn heftig beflügeln und faſt nach dem Muſter des neuen, in der Revolution aufgegangenen Frankreichs empor ſteigen laſſen ſollte. Der Czar hatte kaum Gabriele Lapuchin geſehen, als er ſchon ſeinen Entſchluß gefaßt, der mit einer faſt überraſchenden Genauigkeit in alle Wünſche der dazu Vereinigten eintrat, und den neuen Plan auf die glänzendſte und raſcheſte Weiſe in Vollzug ſetzen zu wollen ſchien. Gabriele hatte das Haus Besborodko's in Moskau in dieſen feierlichen und geräuſchvollen Tagen mit einem ſo bewundernswürdigem Takt und Geſchick geleitet, daß ſich die aufgeſtiegene Bewun derung des Czaren für ſie auf die allerbequemſte Weiſe zu erkennen zu geben vermochte, und ſich dabei leicht die Eindrücke geltend machten, die der Schönheit ihrer Perſon ſchon bei den erſten Begegnungen mit dem Czaren entſtiegen waren. Als der Czar von Moskau abreiſte, war ihm ſchon der Befehl nach Petersburg vorausgegangen, daß Fräulein Nelidow 12 ſofort eine Reiſe nach Stockholm anzutreten habe und die Rückkunft des Kaiſers nicht mehr erwarten ſolle. Nur das Verbleiben des Fürſten Kourakin in ſeinem bisherigen Amte und in der nahen Umgebung des Czaren ſchien noch ungewiß zu ſein. Besborodko ſchien ſeitdem jeden Tag von Neuem darauf gewartet zu haben, und als er in dieſem Augenblick die ſchöne Gabriele mit einem ſo verſtimmten, faſt ärgerlichen Geſicht vor ſich ſtehen ſah, glaubte er entſchieden, daß ſie nur des halb gekommen ſei, um ihm noch bei guter Weile einen vollſtändigen Fehlſchlag in der Angelegenheit Kourakins zu berichten. So ſprechen Sie doch endlich, meine Theuerſte und Gnädigſte! ſagte er jetzt faſt verwirrt, indem er mit Gewalt ihren prächtigen weißen Arm an ſich riß, und ihr durch dieſe heftige Berührung einen dringenden Anſtoß mitzutheilen glaubte. Mein guter Fürſt, begann Gabriele zögernd, ich vernahm ſo eben aus gut unterrichtetem Munde, daß die Czarin heut Abend einen neuen Theatercoup beab ſichtigt, der auf eine große ungeheuere Wirkung beim Czaren berechnet iſt. Sie gedenkt die heutige Soirée des Czaren mit einem gewaltigen Fußfall vor dem⸗ ſelben zu beginnen, und alle ihre Kinder, die ſämmt (i 13 lichen Prinzen und Prinzeſſinnen, werden ſich dieſer höchſt abſichtlich ausgedachten Ceremonie anſchließen. Es ſoll dadurch das erſte Erſcheinen des Czaren als gekrönten Souverains an ſeinem eigenen Hofe und im Schooße der kaiſerlichen Familie recht machtvoll und ausdrücklich gefeiert werden. Was ſagen Sie dazu, Fürſt Besborodko? Iſt das nicht eine höchſt unan genehme Intrigue der Frau Czarin, die zugleich darauf abgeſehen iſt, uns Uebrigen heut recht weidlich und preislich in den Schatten zu ſtellen? Mein Gott, rief Besborodko, gleichgültig die Achſeln zuckend, verwundert aus— dies iſt eine von den aufgetriebenen Weisheitsideen der Czarin, wie ſie derſelben ſo viele hat, und womit ſie im Grunde nur gute Geſchäfte zu machen denkt. Ihr Glück iſt dabei, daß ſie mindeſtens eine ebenſo gute Schauſpielerin als Rechenmeiſterin iſt und dadurch im Genre des Anmu thigen und Tugendhaften ebenſo angenehm als nützlich zu arbeiten verſteht. Laſſen wir ſie darum heut ihren Einfall ruhig ausführen. Wir werden ja nicht darunter zu Schaden kommen, engelgleiche Gabriele Lapuchin, denn meine Gabriele hat ganz andere Flügel an ihrem * wunderholden Leibe, Flügel, auf denen ſie über allen 14 Knieenden und Scharwenzenden wie eine Alles beſie gende Wunderfee himmelhoch emporragt! Wir könnten uns doch in dieſem Contraſt recht ärgerlich ausnehmen, erwiederte Gabriele mit einem heftigen Ausdruck, indem ihre friſchen rothen Lippen zuckend und trotzend übereinander flogen. Heut Abend wird nur die Familie des Czaren vor dem erlauchten Herren knieen dürfen, und wer etwa in demſelben Augenblick dazu Luſt bekäme, weil er es nicht laſſen kann, der würde ſich wohl eines ſchweren Vergehens ſchuldig machen und etwa ſo ausſehen, als ob er ſich in die Familie des Czaren eindrängen wollte! Nein, nimmermehr, das geht durchaus nicht und Ihr müßt Sorge tragen, Fürſt, dieſe alberne Poſſe heut Abend zu verhüten, und eiwas Anderes dafür an die Stelle zu ſetzen, wodurch ihre Aufführung unmöglich ſein wird. Ich kündige Euch ſonſt den ganzen Handel, den wir miteinander geſchloſſen haben, und gehe zu Euren ſchlimmſten Gegnern im Staat über, auf Ehre, Fürſt Besborodko, das verſpreche ich Euch hoch und heilig! Besborodko begann jetzt doch über die launiſche Wildheit der ſchönen Gabriele einigermaßen unruhig K und verlegen zu werden, und ihre lieblichen Drohungen, 15 die ſie gegen ihn ausgeſtoßen, ſchienen ihn mindeſtens zu ängſtigen. Die kann freilich in Rußland befehlen, ſagte der erſte V Riniſter jetzt, indem er mit einer ſcheuen Aengſtlichkeit die neue Freundin des Czaren in ihrer dermaligen ſeltſamen Aufgeregtheit betrachtete. Wenn die Richtung, der Rußland jetzt nothwendig entgegengeführt werden muß, eine Feindin erwerben ſollte, wie Gabriele Lapuchin iſt, deren Reize ſtärker wiegen und unbeſieglicher ſind, als alle Armeen unſerer Feinde, ſo würden wir uns lieber auf der Stelle für banquerott erklären können. Und was würde unſer Czar ſagen, wenn er erführe, welch ein bitterer Zorn heut den Liebling ſeines Herzens durchwühlt! Ei, ſo viel Vergnügen kann ihm niemals die Knierutſcherei ſei ner ganzen Familie verſchaffen, als ein einziger Leidens⸗ blick der göttlichen Gabriele werth iſt. Es muß daher natürlich ein Einſehen getroffen werden, und das rüh rende Knieſtück unterbleibt entweder, wenn Gabriele Lapuchin nicht ebenfalls daran Theil nehmen kann, oder es wird ein Plan erſonnen, wonach Gabriele ebenfalls in die Lage wird, in derſelben Soirée dankerfüllt vor dem Czaren niederknieen zu dürfen. Besborodko knipſte bei dieſen Worten ganz ver— 16 gnügt mit den Fingern, denn er ſchien in demſelben Augenblick einen Einfall zu haben, der ihn ſelbſt ent zückte. Gabriele wurde aufmerkſam und ermunterte ihn mit ihren ſchönſten und günſtigſten Blicken, ſich jetzt weiter und ganz deutlich ausſprechen zu wollen. Für unſere ſchöne Gabriele? Lapuchin, begann Bes⸗ borodko jetzt mit einem liſtigen Lächeln, ſind zwiſchen dem Czaren und mir neuerdings ganz beſondere Ab ſichten in Rede gekommen, und ich würde mich freuen, wenn unſer lieber guter Czar noch den heutigen Abend zur Ausführung d derſelben finden könnte und wollte! Dadurch würden wir alle andern Umtriebe, die der göttlichen Lapuchin heut noch in den Weg treten wollen, ſchlagend und ſiegreich von ihr zurückweiſen. Der Czar iſt nämlich meiner Meinung geweſen, daß wir die Familie Lapuchin in Moskau in den Fürſten ſtand erheben ſollen und damit zugleich ſeiner jungen Freundin einen neuen Kranz ihrer Schönheit und Herrlichkeit aufſetzen! Der General Lapuchin in Mos kau iſt ein bedeutender Freund des Czaren, er hat ſich in der Provinz große Verdienſte um die Sache Pauls erworben und ſein umſichtiges und tapferes Wirken für den Thron vollendete ſich auch noch dadurch zu ſeiner höchſten Höhe, daß der wackere General Alles 1 dazu beitrug, um ſeine Tochter im würdigſten Sinne 3 1 die Stellung einnehmen zu laſſen, welche die Liebe . des Czaren ihr dargeboten. So ſteht er jetzt als einer der trefflichſten Männer Rußlands da, und adelt die ganze Angelegenheit, welcher er dient, wenn eihn nebſt den Seinigen die Gnade des Czaren jetzt in den Fürſtenſtand eintreten läßt. Gabriele ſtand hochathmend da und ihre ſchlanken koſtbaren Glieder waren in ein leiſes banges Zittern gerathen, ſo ſehr ſchien die Spannung, mit welcher ſie der wohl auf ſie berechneten Mittheilung des alten Besborodko zugehört, ihr ganzes Weſen aufzuregen und zu beflügeln. Aus ihren Augen glühte ein langer flammender Strahl, indem ihre Feuerſeele auf⸗ und niederzitterte und den ihr geſagten Worten in äußerſter Erregung nachzudenken ſchien. Für unſern alten Freund, den General, brauchen wir gar nicht beſorgt zu ſein, bemerkte darauf Bes borodko mit einem ernſten Anſtrich ſtaatsmänniſcher Würde. Dieſe Rangerhöhung, die ihm nur die ein fachſte Gerechtigkeit widerfahren läßt, wird ſeinem Wohlbefinden nicht ſchaden. Ich weiß es ja aus eigner Erfahrung, daß man gar keinen großen Ruck davon —— verſpürt, wenn es Einem ſo plötzlich paſſirt, Fürſt zu Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II.— 3 18 werden. Als mich der Czar vor Kurzem mit dieſem neuen Titel beglückte, glaubte ich zu allererſt einen tüchtigen Schlag gegen den Kopf zu bekommen, und ſchon meinte ich meinen alten Verſtand ganz ratzen⸗ tahl aus dem Gehirn losgeworden zu ſein. Aber dieſer betäubende Zuſtand hielt nicht an, zu Mittag fand ich, daß mein Eß⸗Appetit, beſonders zu allem Handfeſten und Nahrhaften, bei der neuen Fürſten⸗ würde beträchtlich zugenommen hatte, und da ich Abends Auſtern und Burgunder vertragen konnte, in einem ungewöhnlich ſtarken Zuſchnitt, ohne mich an⸗ ders als ganz prächtig wohl danach zu befinden, ſo merkte ich ſchon, daß die Fürſtenwürde gar nichts Unmenſchliches iſt, und daß ſie den Magen friſch und geſund und für alles Mögliche empfänglich erhält. So wird es auch Ihrem Herrn Vater ergehen, un⸗ ſerm braven General Lapuchin, und Sie ſelbſt werden dieſe neue Würde zwar nicht nöthig haben, aber ſie wird Ihnen doch wenigſtens dazu helfen, heut Abend, eben ſo gut wie die Czarin, vor unſerm Czaren An⸗ geſichts des ganzen Hofes niederknieen zu dürfen. Die ganze Sache wird dann nämlich ſo vor ſich gehen. Der Czar wird zuerſt die Kniebeugungen der Czarin und ſeiner Familie annehmen, und er wird dies fade — 19 Schauſpiel ziemlich langweilig finden, und das Ver⸗ gnügen jedenfalls mit einem böſen Geſicht hinunter ſchlucken. Dann aber, wie ich noch heut bei ihm durchzuſetzen hoffe, wird er die holde Gabriele Lapu⸗ chin vornehmen und ihre ganze Familie feierlich in den Fürſtenſtand erheben. Gabriele wird die ihr dann gebührende Dankbarkeit nicht beſſer äußern können, als daß ſie dem Czaren unmittelbar darauf zu Füßen ſtürzt und ſich dabei ſo innig als möglich in ſeine Nähe ſchiebt. Da Gabriele durchaus der Czarin den Vorzug nicht zugeſtehen will, in der heutigen Soirée vor dem Czaren knieen zu dürfen, ſo laſſen wir dieſe Gabriele ſelbſt als neuernannte Fürſtin faſt in demſelben Augenblick niederknieen und ſtreben dadurch ein neues diamantenes Band zwiſchen ihr und dem Peters⸗ burger Hofe zu ſchlingen. Gabriele brach in ein fröhliches Lachen aus, wo⸗ mit ſie dieſer zuletzt in ganz officieller Würde und in der ſteifſten Haltung vorgetragenen Mittheilung des Fürſten Besborodko ihren Beifall auszudrücken ſchien. Sie hatte ſeine Hand ergriffen und ſtreichelte ſich mit derſelben ihre eigenen Wangen, die in den wunder⸗ barſten Farben der Luſt und des Uebermuths empor⸗ ſtrahlten. Dann ſtieß ſie ſeine Hand wieder mit 7 20 . einem neuen unwilligen Ausdruck zurück, und ſagte, ihn zornig anblickend: Eigentlich iſt mir ſelbſt an dem ganzen einfältigen Spaß ſehr wenig gelegen. Ob ich Fürſtin genannt werde oder nicht, macht mir nicht den geringſten Unterſchied. Es wird meine Rechte und meine Vorzüge nicht mehren und nicht mindern. Die Fürſtenbeſcheerung iſt mir jedoch um meines Vaters in Moskau willen lieb, und darum werde ich ſie Euch danken, Besborodko. Mein guter herzlieber Papa hat in der letzten Zeit viel aushalten müſſen, auf allen Wegen ſtellte man ihm die größten Schwierig⸗ keiten in den Weg, und da dies vom gütigen Czaren nicht kommen konnte, ſo mußten andere Leute dabei im Spiele ſein, denen mein Daſein hier am Hofe längſt böſes Blut gemacht hat. Ihr hättet das nie— mals dulden dürfen, Besborodko, aber ich vergebe Euch in dieſem Augenblick, da Euer Einfall, wenn Ihr ihn werdet durchführen können, jedenfalls mei⸗ nem armen Papa einigen Troſt und einiges Vergnügen gewähren wird. Der General Lapuchin wird jetzt ſehen, daß der Czar ihn nur ehren will und damit am meiſten diejenigen beſtraft, die den hochherzigen Greis in der letzten Zeit zu quälen und um jeden Vortheil ſeiner Stellung zu bringen ſtrebten! 21 te, So ſei es, Fürſtin! ſagte Besborodko mit einer em tiefen, ernſthaft feierlichen Verbeugung. Daß der db General Lapuchin ſeit einigen Wochen in Moskau ſtark icht gequält wird, und ſich faſt wie einen Zuchthaus⸗Ge chte fangenen behandelt ſieht, iſt ein Vergehen, dem die Die Fürſtin Gabriele Lapuchin am allerbeſten hätte ent⸗ ers gegentreten können, wenn ſie nur die Güte gehabt, uch den Winken zu folgen, welche ihr getreueſter Knecht, apa der arme Schelm Besborodko, ihr mehrmals anzu⸗ auf deuten wagte. Denn wer der einzige Urheber jener gehäſſigen Umtriebe in Moskau iſt und wer noch immer als Vice⸗Kanzler des Reichs neben unſerm abei Czaren ſteht, das iſt der Fürſt Kourakin, der ſeine ofe Stärke darin gefunden hat, bald der Liebling, bald der Abſcheu des Czaren zu ſein, und der durch den ge ſchickten und raſchen Wechſel in dieſen Rollen ſich em. eine Art von Nothwendigkeit bei unſerm Herrn ge⸗ nei ſichert hat. Nur Gabriele Lapuchin hätte ihn gewaltig gen ſtürzen können, wenn ſie in den Sinn Besborodko's ett eingegangen wäre. Mit dem ſtolzen, hochmüthigen amit Kourakin haben ſich zugleich die Wirkungen der weiſen igen Czarin verbunden, die niemals eine gute Ruſſin ſein eden wird und welche eine flammende Abneigung gegen Gabriele Lapuchin ſchon während der Tage in Moskau 22 an den Tag legte. Aber dies befeſtigte gerade mein Vertrauen zu der Perſon und dem neuen Schickſal der Lapuchin, denn wenn die Czarin ſich anch mit ihr in einen vertrauten Bund eingelaſſen hätte, wie ſie es mit der Nelidow gethan, ſo würde dem Czaren bald auch dieſe Neigung herzlich verkümmert worden ſein. Die gute Czarin wickelte ſich die Nelidow zuletzt ganz tief in die Familienſippe ein und behandelte ſie wie ihre vertraute Freundin, ſo daß der armen Nelidow darüber ſelbſt angſt und bange geworden ſein mag. Der Czar konnte dieſe endloſe Familienſpritze, die auf ihn gerichtet war, zuletzt nicht mehr aushalten und verwies die Nelidow aus ſeiner Nähe. Eine Gabriele Lapuchin aber durfte er als ſeinen neu aufgegangenen Stern mit um ſo größerem Recht anſchauen, als die Czarin dieſem himmliſchen Stern ſo heftig ſcheltend entgegentrat und Gabrielens Zukunft verbürgte, indem ſie ſich derſelben entgegenſetzte! Aber Gabriele muß dennoch und recht bald thätig ſein in unſerem Sinne, wenn ſie den wahren Höhepunkt ihrer Stellung ge⸗ winnen will!— In dieſem Augenblick vernahm man plötzlich nahende Schritte, und Besborodko ſchien mit großem Intereſſe ſeinen in dem äußeren Corridor eiligſt 1 heraufkommenden Freund, den Staatsrath Jwan Paulo⸗ ein ſal witſch Koutaitzow, zu erblicken, der ihm, durch die in ir den Saal hereinführenden Fenſter, an welchen er eben es vorübergeſchritten kam, ſchon einen ſehr angelegent⸗ ald lichen und heitern Gruß zugewinkt hatte! Seht, ſagte Besborodko zur Gabriele, da kommt W auch ſchon der rechte Mann, der zur Ausführung vi unſers kleinen Geſchäfts der beſte und zuverläſſigſte 5 iſt. Mit ihm werde ich ſogleich Alles in Ordnung bringen, und er wird beim Czaren unſer nöthiger Fürſprecher ſein, durch den wir Alles in Ausführung bringen werden, was wir wünſchen. Gabriele erröthete und ſchien bei der Annäherung Koutaitzows in eine ſichtliche Unruhe und Verlegenheit zu gerathen. Ich wünſche jetzt nicht hier geſehen zu werden, ſagte ſie in flüchtiger Bewegung, indem ſie dem Fürſten Besborodko die Hand reichte. Thut, was Ihr könnt, und Ihr werdet Alles nur für eine Dank⸗ bare und Erkenntliche gethan haben. Ich werde Euch nicht minder ausführen, was Ihr noch an mir vermißt. Mit dieſen Worten war ſie in wenigen Schritten durch den Saal entſchwunden und hatte raſch eine kleine Thür deſſelben erreicht, durch welche ſie ſich 24 nach einer andern Seite des Palaſtes entfernen konnte. Ihre reizenden, luftigen Bewegungen waren ſo ge ni ſchwind und unſichtbar dahingeflogen, daß der jest hereintretende Jwan Paulowitſch Koutaitzow keine Ahnung ihrer Gegenwart zu ſchöpfen vermochte, ſon— d dern ſich ſogleich in die Arme Besborodko's ſtürzte, zu die dieſer mit einer fröhlichen Miene und ungemein ne herzlich gegen ihn ausgebreitet hielt. lin Da kommt der Engel meines Lebens, den ich in ha meine Arme zu ſchließen wage, rief Besborodko laut, ich indem er den jungen Staatsrath heftig an ſich zu ſiſ drücken und an ſeiner breiten Bruſt feſtzuhalten ſuchte. 3 Oho, als Engel habe ich doch nachgerade die vor⸗ 3 ſchriftsmäßige Taille verloren, ſagte Jwan Paulowitſch g Koutaitzow mit ſeinem immer friſchen und wohlgelaun m ten Humor, indem er ſich mit ſeinen Händen wohl pf behaglich an ſeinem Leibe herunterfuhr, der in der ſo That in den letzten Monaten einen bedeutenden Um un fang gewonnen und noch in einer anſehnlichen Stei n gerung aller ſeiner Formen begriffen ſchien. m Es iſt wahr, entgegnete Besborodko, mit der ihm L eigenen Drolligkeit ſeinen Freund und Collegen be vr trachtend: Herr Jwan Paulowitſch Koutaitzow fängt n an, einen dicken Bauch zu erzielen, und das iſt beſon⸗ n b2 S ders ſeit der Krönung in Moskau geſchehen, wo Kou taitzow und Besborodko zuſammen ihren Bund ab ſchloſſen und ſich gegen einander verpflichteten beſtändig als treue Freunde ſich zu helfen und die Sache der Ordnung, Feſtigkeit und Stärke mit einander empor⸗ zuhalten gegen die Sache der Revolution und des neuen Franzoſenthums. Daß aber ein ſchlanker Jüng ling dabei ſo raſch einen dicken Bauch anſetzen würde, hatte ich auch nicht geglaubt, ich, der Besborodko, der ich ein alter Kenner der Menſchen und der Verhält niſſe bin, und mit großem Schmerz jeden Tag Eure Zukunft Euch auf dem Leibe heranwachſen ſehe. Sorgt Euch nicht, erwiederte Koutaitzow, ſeinen alten Freund luſtig auf die Schulter ſchlagend, bei meiner neuen Aufgabe, zu der mich unſer Bund ver pflichtet, beglückt mich doch auch einige Ausſicht, mich ſo zu ärgern, daß ich bald wieder abmagern muß. Unſer Czar iſt dazu ſehr bequem, und alle Tage quält ihn der Drang, etwas Neues vorzunehmen, dem man ſchwer die richtige Stellung abgewinnen kann. Wer weiß, was heut Abend noch in der Hof⸗Soirée vorgehen wird, denn ſeitdem der Czar ſeinen Frieden mit Perſien geſchloſſen, beſtürmen ihn noch allerlei andere neue Entwürfe, mit denen er jeden Augenblick 26 loszugehen brennt. Wir werden dabei ſehr aufmerk⸗ ſam ſein müſſen, Besborodko! Ihr werdet Euch in Allem, was Euch irgend zu Dienſten iſt, auf mich verlaſſen können, Freund Kou⸗ taitzw, entgegnete Besborodko mit ſeinem gemüth⸗ lichen, faſt biedern Ton. Dagegen rechne ich für heut Abend auf Euch, wo mir daran liegt, durch Euere Vermittelung und Anregung eine beſtimmte Angelegen⸗ heit vollbracht zu ſehen. Die Sache betrifft unſere Gabriele Lapuchin, die ſich treu auf unſere Seite ge⸗ neigt hat, und der wir dafür bei Zeiten einen großen Gefallen erweiſen müſſen. Kommt, Staatsrath! Ich werde Euch auf Euere Zimmer begleiten, und bitte um die Erlaubniß, Euch dort Etwas erzählen zu dürfen. Der luſtige Alte umfaßte ſeinen Freund, und be⸗ gab ſich jetzt mit demſelben in der größten Eile fort. ln 6 ſer Die barbariſche Etiquette. oßen Es war bereits der ſpätere Abend herangekommen ch und Paul verweilte noch immer in ſeinem Cabinet, um ohne daß er Zeit und Laune gefunden hätte, zu der rfen ſchon in den größeren Sälen des Winterpalaſtes ver⸗ ſammelten Geſellſchaft hinüberzugehen. Er war mit fo dem Staatsrath Jwan Paulowitſch Koutaitzow, den er bisher in einer vertrauteren Unterhaltung bei ſich geſehen, in ein lange andauerndes Geſpräch gerathen, in dem er alle von Koutaitzow ihm vorgetragenen Wünſche und Anträge mit ſeiner oft ſo liebenswürdig hervortretenden Bereitwilligkeit genehmigt, aber auch wiederum viele Fragen und Aufträge ertheilt hatte, die den Staatsrath Jwan Paulowitſch Koutaitzow ſehr zu befremden und in Verwunderung zu ſetzen ſchienen. Und noch Eins, ſagte der Czar, als er ſeinen Liebling Koutaitzow bereits entlaſſen hatte, indem er ihn jetzt mit einer dringenden Bewegung wieder zu ſich zurückrief, faſt hätte ich die Hauptſache vergeſſen, die Du mir noch heut Abend beſorgen mußt, Kou⸗ taitzow. Die heutige Soirée im Winterpalaſte wird jedenfalls eine ſehr bedeutende werden, und es wird an außerordentlichen Mittheilungen und Neuig⸗ keiten nicht fehlen, die ich ſchon ſeit längerer Zeit vorbereitet habe. Aber ein Mann fehlt mir noch auf dem Platze, der mir heut gerade dazu ge hört. Du ſollſt ihn mir mitbringen, Koutaitzow. Es iſt der General Souwarow, den ich heut durch Dich zu meiner Hof⸗Soirée einladen laſſe, und Dir kommſt mir nicht in die Geſellſchaft, ohne den alten tapferen Herrn an Deinem Arm mit Dir zu führen. Mich verlangt ſehr, ihn wieder einmal zu ſehen, denn den beſten ruſſiſchen Degen wird doch der Czar nicht ewig von ſich fern halten können. Man iſt Czar, weil man Thaten verrichten muß, und Thaten ſind leichter und ſicherer zu verrichten, wenn man die alte Heldenfauſt eines Souwarow dazu gebrauchen kann. Das Weſen des Czaren veränderte ſich in dieſem Augenblick ſo wunderbar, daß Koutaitzow, den dieſer in 29 e inen Auftrag im höchſten Grade überraſcht hatte und de verwirrt und ſtaunend vor ſich niederblickte, jetzt wie⸗ der mit einem freudigen und glühenden Zucken empor fuhr, als er den Czaren anblickte und einen glänzenden und ſtrahlenden Zug, der ſich plötzlich in ſeinem Ge⸗ ſicht ausdrückte, wahrnahm. Czar Paul erſchien ihm neu beflügelt, faſt verjüngt in ſeinem ganzen Ausſehen, in ſeinen Augen wölbte ſich ein hohes Feuer, ein weit— reichender flammender Unternehmungsgeiſt, wie ihn Koutaitzow lange nicht an ſeinem Herrn herabblitzen geſehen, und faſt hätte es ihn gedrängt, ihm mit einem lauten Ausruf der Liebe und Verehrung zu Füßen zu ſtürzen und ihm zu bekennen, daß es für ihn, den Koutaitzow, nichts Entzückenderes und Be⸗ geiſternderes gäbe, als den Czaren in dieſer Geſtalt vor ſich zu ſehen! Aber Koutaitzow fühlte ſich in dem⸗ ſelben Augenblick doch auch von einem heimlichen Aer⸗ ger beſchäftigt, der lebhaft an ihm zu nagen begann, und es verdroß ihn im Grunde, daß der Czar offen⸗ bar auf einem neuen Wege ſich befand, den er ohne irgend eine Beſprechung weder mit Koutaitzow noch mit Besborodko betreten zu haben ſchien, und den er mit irgend einer großartigen kriegeriſchen Unterneh mung nach Außen hin bezeichnen wollte. 30 Den Grafen Souwarow werde ich, nach dem Be⸗ fehle Eurer Majeſtät, einladen, obwohl ich in der That nicht recht weiß, wo ich ihn ſofort finden ſoll, ſagte Koutaitzow jetzt mit einer halb verdrießlichen, die Freude an dem Anblick des Czaren verwiſchenden Gebärde. Der edle Graf hat ſich in der letzten Zeit nicht anders als in der größten Zurückgezogenheit be⸗ funden, und ſeitdem der von ihm verdiente Zorn des Czaren ihn damals von ſeiner hohen Stelle in der Armee entfernte, hat ſich Souwarow einer Einſamkeit ergeben, die es oft ſeinen nächſten Freunden unmög⸗ lich gemacht hat, ihn aufzufinden. Der prächtige Souwarow'iſt auch darin ein großer Ruſſe, daß er, von der Ungnade ſeines Czaren getrieben, ſich nicht anders mehr zu retten weiß, als daß er ſich vor der ganzen Welt in einem dunklen, nicht mehr aufzufin⸗ denden Loche verkriecht. Wie ſoll es mir möglich werden, dieſen ſeinen neueſten Ehrenplatz nun zu ent⸗ decken? Du wirſt ihn finden, weil Dich ein dringendes Intereſſe des Czaren geleitet, ſagte Paul mit einem ernſten Geſicht, auf dem plötzlich einige Schatten em⸗ porſtiegen, die mit einem ſeltſamen Ausdruck den noch eben entwickelten Glanz ſeiner Züge überdämmerten. Be Der Czar braucht den Souwarow, weil er gerade in der dieſem Augenblick einen alten großen Helden an die ſoll, Spitze ſeiner Armee ſtellen will. Der Czar mag Un⸗ recht gethan haben, daß er ſich damals eines ſolchen Mannes entäußerte, ohne den man in einem Czaren reich, welches das Reich der Männer iſt, nicht zu be⸗ ſtehen vermag. Aber der Czar wechſelt ſeine Gedanken ebenſo wie ſeine Thaten wechſeln. Meine Gedanken mder wenven ſich an den alten Souwarow, um eine neue That zu thun! Ich bin überze daß jede neue That des Cz Ich bin überzeugt, daß jede neue That des Cza ren Paul der Welt neues Heil bringen wird! ſagte Koutaitzow, indem ſich ſein Haupt in der tiefſten Beu gung vor dem Czaren niederſenkte. Ich bitte Eure der Majeſtät jetzt, mir zu erlauben, daß ich mich von zufin hinnen begebe, um den mir ertheilten Befehl zu voll— öglich führen! ent Koutaitzow ſtand bereits in der Thür, als der Czar ihm von Neuem lebhaft winkte und ihn wieder endes zu ſich zurückbeſchied. em Mein guter Jwan Paulowitſch, ſagte der Czar zu dem wieder mit einem verwunderten und erſtaunten och Geſicht zu ihm Herangetretenen, es liegt mir ja im rten. mer daran, von Dir, mit dem ich ſchon ſo lange ſym⸗ ——— 3 pathiſire, ein gutes Wort zu meinen eignen Entwürfen zu hören. Die ganze Sache werden wir noch mit⸗ einander beſprechen, mein alter Freund, aber in dieſem Augenblick liegt mir noch daran, von Dir zu hören, wie es eigentlich unter den in Petersburg angeſam⸗ melten franzöſiſchen Flüchtlingen ausſieht, was dieſe Leute in unſerer Hauptſtadt treiben, wie ſich das ruſ⸗ ſiſche Volk zu ihnen verhält und ob ſie unſere Regie⸗ rung unterſtützen werden, wenn dieſelbe gegen das revolutionnaire Frankreich eine entſcheidende militairiſche Stellung einnehmen ſollte. Der Staatsrath hörte dieſen Fragen mit der größten Aufmerkſamkeit zu, und ein ſchlaues Lächeln des Verſtändniſſes überflog ſein in der letzten Zeit ſchon ſehr faltenreich gewordenes, obwohl dick und be⸗ haglich ſich ausdehnendes Geſicht. Mein Gott, das iſt wirklich eine in Verlegenheit ſetzende große Frage, erwiederte jetzt Koutaitzow dem ihn auf die Schulter klopfenden Czaren. Von einem Deutſchen in Petersburg weiß man genau zu ſagen, was er iſt; er iſt entweder Künſtler, Gelehrter oder Handwerker, und beſonders iſt er als Schuſter oder Schneider ein nützliches Mitglied der ruſſiſchen Geſell⸗ ſchaft geworden. Der Engländer iſt an der Newa gewiß Sattler und Kaufmann, der Italiener Archi tect, Sänger, Bilderhändler, aber was der Franzoſe iſt oder ſein wird, Majeſtät, das läßt ſich wahrhaftig nicht mit einem einzigen Wort bezeichnen. Ein Fran zoſe kann Alles werden, was er gerade will und muß, und das iſt eine verteufelte Eigenſchaft dieſer Leute, die gerade von Denen, welche ihnen helfen wollen, ſehr in Erwägung gezogen werden muß. Ein Fran⸗ zoſe in Petersburg iſt ſeit kurzer Zeit Muſiker, Kauf mann, Schauſpieler, Soldat, Gouverneur, Rechts gelehrter und Lehrer geworden, und kaum iſt ein Jahr vergangen, ſo hat er auch ſchon wieder einen andern Stand ergriffen, den er ſo lange behält, als er ihn mit Vortheil auszufüllen weiß. So iſt es auch in der Politik. Wer das revolutionnaire Frank reich bekämpfen will, hat gewiß die Franzoſen für ſich, welche ſich dem Prinzip der Legitimität ergeben haben, und wird von dieſen einen Augenblick lang frohlockend verherrlicht werden. Aber wie lange kann es dauern, ſo beſteht das revolutionnaire Frankreich gerade aus den Legitimiſten ſelbſt, und man ſteht dann als Geg⸗ ner derſelben Leute da, für welche man in den Kampf gezogen iſt. Es wird daher leicht unangenehm und nachtheilig ſein, an die Nation der gueckſilberigen Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 111 3 34 Bewegung, die ſich jeden Augenblick neu um ſich ſelber herumdreht, eine ſtandhafte, feſte, auf ſich ſelbſt be⸗ ruhende Stellung zu knüpfen. Der Czar hörte ſeinen Staatsrath mit einer ſin⸗ nenden, nachdenklichen Aufmerkſamkeit an, und ſagte dann nach längerer Pauſe mit ſelbſtzufriedenem Lä— cheln: Die Revolution der Franzoſen hat doch bewieſen, daß dieſe Leute im Böſen allerdings verhärtet und conſequent ſind und damit ein Schauſpiel aufzuführen meinen, deſſen Schluß den Sieg des revolutionnairen Franzoſenthums über alle Völker der Erde, und auch über unſer Rußland, darſtellen wird. Die Republik der Schrecklichen hat namentlich auch in dieſem Augen⸗ blick den ſchlimmſten Wendepunkt ihres Charakters er— ſtiegen. Durch den General Bonaparte, welcher der neue Hexenmeiſter dieſes Unweſens und der Dämon aller böſen Lüſte der Republik iſt, hat die Sache ſich in ihre gefährlichſten Räthſel verloren. Der Schweiz und des ganzen Italiens haben ſich die ruchloſen Franzoſen jetzt wie mit einem einzigen Handſchlage bemächtigt. Die Giftſaat der franzöſiſchen Republik iſt jenſeits der Alpen wunderſam üppig aufgegangen. Was ſoll da der Czar der Ruſſen thun? Er kann nicht länger müßig von dem General Bonaparte träu⸗ men, und in demſelben halb frierend halb ſchwitzend be den neugeborenen Teufel und Oberherrn der Welt bewundern. Nein, darum habe ich neulich mit vier n andern Mächten dieſe Coalition geſchloſſen, die mich te endlich auf einen kriegeriſchen Fuß hinaustreten läßt, i um das heutige Frankreich zu zermalmen; die mich und meine Waffen jetzt in Bewegung ſetzen wird, um n, nd die alte verworfene Ordnung in dieſem Lande wieder en herzuſtellen und damit der ganzen Welt ein flammen en des Beiſpiel zu geben, daß die Völker nicht ohne 8 ch ſtarke und vernünftige Herrſchaft und ohne feſtes i Chriſtenthum mehr gedeihen können, und daß die Re volution und die Republik die beiden Marterſäulen der Menſchheit und zuletzt ihre eigentlichen Galgen * ſind, an denen ſie in ihrer ganzen Jämmerlichkeit und 6 Nichtswürdigkeit ausgeſtreckt wird. Darum reichte ich * England und Oeſterreich die Hand zu dieſem Bunde, z in den wir, wie Du weißt, jetzt auch den König S der beiden Sicilien und ſogar den türkiſchen Kaiſer Selim III. eingeſchloſſen haben, denn auch die tapfere Türkenhand iſt gut, die den treulos und gottlos ge wordenen Chriſtenſchädel ſpaltet. So wollen wir denn jetzt unſer Haupt mit dem Zauber eines neuen Kriegs ruhms bekleiden, denn die Schlachten, die wir ſchlagen 3* 3 36 werden, locken mich wie die ernſten Heiligenbilber einer Kirche, die unſere Gebete mit ihren ſchönſten Kränzen lohnen und kräftigen. Ich will Etwas thun, mein lieber Jwan Paulowitſch Koutaitzow, denn das Czaren⸗ leben ohne Thaten ſtinkt mich an, und wo keine Thaten ſind, geht der Czar zu Grunde und ſein Reich ſchlot— tert ihm um die Glieder wie eine Narrenjacke. Ich 2 bin dem Hof zu Windſor und dem guten römiſchei 2 Kaiſer in Wien ſchon recht dankbar geweſen, daß ſie meine Ernennung zum Großmeiſter des Maltheſer⸗ 4 da ordens durchgeſetzt haben, denn ſie wollen mir durch Gelegenheit geben, auch auf dieſe Weiſe etwas Ordentliches zu vollführen, und eine neue kraftvolle Handlung, nach der ich ſelbſt begehrlich lechze, in den abgeſtandenen, faſt ſchon faulen Miſchmaſch der euro päiſchen Politik zu werfen. Und ſiehſt Du, mein Kou taitzow, dazu will ich nun den Souwarow wieder an die Spitze einer großen ruſſiſchen Hülfsarmee ſtellen, die unter ſeiner Leitung aufbrechen ſoll, um Frank reich zuerſt in Italien auf das Haupt zu ſchlagen. Darum ſuche mir den alten Sohn Souwarow noch heut, denn ich kann ſeiner nun nicht länger ent⸗ behren!— Der Czar hatte ſo lebhaft und aufgeregt geſprochen, 28 1 daß ſeine Wange bleich geworden war und die leb⸗ haften Feuerſtrahlen, die aus ſeinen Augen ſchoſſen, dieſelben faſt verdunkelten. Ich hatte das ſogleich begriffen, mein theuerſter und gnädigſter Czar, erwiederte Koutaitzow jetzt, der den Czaren noch mit einer zweifelhaften Bewunderung anſtarrte und ſein Bedenken nicht ganz zurückdrängen zu können ſchien. Um die Siege Souwarow's iſt mir nicht bange, denn er wird ſich als der große Ruſſe ſchlagen, welcher er immer geweſen iſt. Aber wen Graf Souwarow eigentlich ſchlagen wird, das ſcheint mir doch noch immer ſehr ungewiß zu ſein. Wer weiß, ob die royaliſtiſche Partei nicht inzwiſchen ſieg⸗ reichen Fuß gefaßt hat in Paris, wozu ſie ſchon vor einiger Zeit Miene machte, und dann ſchlagen wir in Italien ein Heer, das ſeine Waffen bald für die Sache der Monarchie einſetzen würde. Paul mußte über die drollige Manier lachen, mit welcher der Staatsrath Koutaitzow jetzt wieder auf ſeine ſchon zuvor angeregten Zweifel das Geſpräch zurückzulenken ſuchte. Ich ſehe, ſagte er heiter und gutmüthig, daß mein Staatsrath von derſelben Stim⸗ mung angeſteckt worden iſt, welche das ganze ruſſiſche Volk jetzt gegen jeden Franzoſen mißtrauiſch und ihm — — . ——— — abgeneigt macht. Das ruſſiſche Volk, das ſonſt immer ſo friedlich, duldſam und gaſtfreundlich war, begün ſtigte auch die armen Franzoſen ſehr, welche die Revolution aus ihrem Lande ausgeworfen und die bald in Schaaren von Tauſenden unſer Petersburg bedeckten. Dieſe Franzoſen waren ſehr talentvolle und bedeutende Leute, die wir bald im Lande brauchen konnten, und denen wir wichtige Stellen, ſelbſt am Hofe und in der Armee, übertrugen. Aber die Nach richt von dem Tode Ludwigs XVI. veränderte hier plötzlich Alles, und die Ankunft der franzöſiſchen Emi granten in Petersburg diente nicht dazu, die Stim mung zu verbeſſern, die hier ſchon faſt auf allen Straßen gegen die Franzoſen, die Königsmörder und Freiheitsgauner, losbrach. Seitdem ich zur Regierung gekommen, habe ich beſonders darauf gehalten, die in Petersburg lebenden Franzoſen zu regeln und ſie ihrer Religion und ihrem Königthum treu ſich entwickeln zu laſſen. Ich befahl, daß jeder in Rußland erſcheinende Franzoſe zuerſt den Eid der Treue und Zugehörigkeit für Ludwig XVII. und für die von ihm bekannte heilige Religion zu leiſten habe und damit zugleich die Grundſätze der Revolution, welche gegenwärtig Frank reich beherrſchen, feierlich abſchwören ſolle! Bald ließ 5 39 ich dieſen Eid ſogar von allen in Rußland lebenden Ausländern ſchwören, denn ich hielt es für gut, daß man in ganz Europa Frankreich und die franzöſiſche Revolution abſchwören lerne, und damit glaubte ich ſchon in meinem Petersburg den Anfang machen zu müſſen. Ich erreichte auch wohl, daß meine Ruſſen bereits wieder anfingen, mehr Achtung und Rückſicht den Franzoſen zu ſchenken, die ſie ſeit einiger Zeit wieder in guten Häuſern der Hauptſtadt finden, denn bereits auf allen Stellen arbeiten jetzt wieder dieſe geſchickten Franzoſen, die man ſich noch vor Kurzem als elende Frei⸗ und Schmutzgeiſter ängſtlich vom Halſe halten zu müſſen glaubte. Wenn ich aber jetzt den Krieg gegen Frankreich erkläre und führe, was von ganzem Herzen geſchieht, ſo hoffe ich, daß die Fran zoſen in Petersburg mich dabei um ſo mehr durch ihre ganze Haltung unterſtützen werden, ſie werden einſehen, und die Ruſſen mit ihnen, daß ich doch noch etwas von den Franzoſen halten muß, indem ich es unternehme, ſie zu bekriegen und ihren beſſern Theil aus den Händen der Revolution zu erretten! Der Czar hatte, indem er dies ſagte, ein ſo un ſchuldiges und naives Gepräge, daß er auf ſeinen ge treuen Staatsrath Koutaitzow, der ihn mit ſeiner 40 ſcharfſichtigen Beobachtungsgabe unverwandt angeblickt hatte, in dieſem Augenblick einen ebenſo rührenden als lächerlichen Eindruckzu machen ſchien. Koutaitzow, jetzt mit den unterwürfigſten Bewegungen ſeine Entlaſſung nach⸗ ſuchend, warf dem Czaren zuletzt noch einen Blick zu, in welchem Paul, wenn er nicht allzu ſehr in ſich ſelbſt vertieft geweſen wäre, leicht einen Anflug von Spott, der ihm jetzt in Einem ſeiner erſten Diener und Freunde gegenüberſtand, hätte verſtehen können. Kou⸗ taitzow konnte ſich ſogar nicht enthalten, in dieſem Augenblick ganz leiſe den Kopf zu ſchütteln, und da⸗ mit den Widerſpruch anzuzeigen, in welchem er den Czaren hinſichtlich der Franzoſen und des neu zu un⸗ ternehmenden Franzoſenkrieges befangen glaubte. Der Czar aber ließ den Koutaitzow jetzt mit dem gutmüthig milden Ausdruck in ſeinem Geſicht, den er für ſeinen alten Liebling immer in den Zügen hatte, von hinnen gehen, und freute ſich über den lebhaften Eifer, mit dem Koutaitzow zuletzt noch verſprochen hatte, den General Souwarow herbei zu ſchaffen und heut Abend in die Hof⸗Soirée mitzubringen. In demſelben Augenblick aber ſah Paul zu ſeiner, wie es ſchien, nicht ſehr angenehmen Ueberraſchung, daß ihm noch ein neuer Beſuch bevorſtehe, auf den er 41 heut nicht gerade gerechnet hatte. Es hatte ſich ſoeben raſch und leiſe die Thür geöffnet, welche aus dem Cabinet des Czaren in die Gemächer ſeiner Gemahlin hinüberführte, und jetzt trat auch Maria Feodorowna heraus, die im hohen Putz und in ihrer ganzen liebens⸗ würdigen und heitern Beweglichkeit ſich darſtellte und ſofort auf den Czaren zutrat, um ihm mit allem herz⸗ lichen Wohlklang ihrer ſchönen Stimme einen guten Abend zu ſagen. Als Paul ſie fragend und faſt erſchrocken anſtarrte, ſagte Maria Feodorowna mit einem ausdrucksvollen Lächeln: Ich bin gewiß recht unartig und dummdreiſt, dem Czaren gerade in dieſem Augenblick meinen Be⸗ ſuch zu machen, und noch mehr verdammt mich die Abſicht, in der ich geradezu zu kommen wage. Ich habe nämlich gehört, daß der Czar noch immer nicht geruhen wolle, in die heutige Soirée hinüberzukommen, und doch ſind alle Säle dort bereits wogend überfüllt von den höchſten Würdenträgern, von allen fremden Geſandten und den vielen Herren und Damen, die ihr einziges Heil nur in dem geliebten Czaren ſehen wollen. Aber wer heut gar nicht erſcheinen will, iſt der allgeliebte Czar, und ſeine erſte Unterthanin, die Czarin, beeilt ſich um ſo mehv, mit einem Ruf um —— — „—— — 42 Gnade, um baldiges Kommen, zu ihm zu dringen, als ſich dieſelbe bereits ſeit einer Stunde im ſchönſten Putz, und mit einem ganz neuen Hut bewaffnet, be— findet, den ſie glühend brennt, doch endlich drüben in den Sälen ſpazieren führen zu dürfen. Es iſt ja ein neuer Hut von einziger Schönheit der Form, und meine geniale marchande de mode aus Paris, die unübertreffliche Madame la Roſe, die jetzt hier in Petersburg alle Ruſſen verzaubert, hat hier ein Meiſterwerk ihrer wahrhaft dichteriſchen Phantaſie auf meinen Kopf geliefert. Aber bitte, bitte, Ma jeſtät, wollen Sie denn nicht die Gnade haben, mich recht genau zu betrachten und dem wunderholden Blüthenbau, der heut meine Locken ziert, die Ehre Ihrer Blicke zu ſchenken? Der Czar, welcher ſonſt für die Damen⸗Toilette, namentlich für die ſeiner Gemahlin, durchaus keine empfänglichen Angen hatte, konnte ſich doch jetzt nicht enthalten, den ihm ſo dringend vorgeſtellten neuen Hut der Czarin mit beſonderer Aufmerkſamkeit zu be⸗ trachten. Er beugte ſich aber mit einer ſolchen Ge bärde des Abſcheu's zu demſelben hinüber, daß es faſt ſchien, als wolle er irgend ein garſtiges Thier beobachten, das er für ſeine Jagdflinte auserſehen 43 und das er mit dem nächſten Schuß zu erlegen ge denke. Maria Feodorowna blickte mit der größten Betroffen heit dieſem ſeltſamen Beginnen des Czaren zu. Denn Paul ſchien ſeine Augen gar nicht wieder von dieſem Hut abwenden zu können, der offenbar ſein Mißfallen und zwar im allerhöchſten Grade erregte und der, je länger Paul dieſen ihm ſonſt ganz fremden und gleichgültigen Gegenſtand betrachtete, ihm das dicke und finſtere Blut ſeines Zornes immer heftiger in die Wangen und über die Stirn trieb. Die Czarin verſuchte vergebens zum Schutz ihres allem Anſchein nach ſehr bedrohten Hutes die Wirk ſamkeit ihrer ſchönen Augen, die doch bei dem Czaren niemals ganz ihre Gewalt verloren hatten, aufzuwenden. Maria Feodorowna ſtand heut ohne Zweifel auf dem Gipfel ihrer eigenen Schönheit und dies verdankte ſie ſelbſt der glücklichen und befriedigten Stimmung, in welcher ſie ſich ſeit der Thronbeſteigung und Krönung befand, denn da ſie ſeit dieſer Zeit ihren Gemahl, den Czaren Paul, in haft befriedigende der ſchönſten Entwickelung ihn immer gedacht, wenn ſie ihn einer ſo bedeutenden, ihn ſelbſt wahr nund beglückenden Thätigkeit und in aller ſeiner Kräfte erblickte, gerade ſo wie ſie ſich 44 früher, in ihren glühenden und begeiſterten Träumen von ihm, auf der Höhe ſeiner Macht und ſeiner großen Beſtimmung angelangt ſehen wollte: ſo hatte dies auch auf Maria's ganzes Weſen den erhebendſten Einfluß geübt und gewiſſermaßen eine neue Blüthe ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit in ihrer ganzen Perſon hervorgerufen. Der ſeelenvolle, milde und ſüße Aus⸗ druck ihres Geſichts hatte ſich in ſeine eigene Anmuth vertieft und ſchien bedeutſamer und gefälliger als je hervorgetreten. Und wenn die Beſcheidenheit und Sanftmuth, die ſonſt in ungemein feinen und zarten Zügen ihren Hauptcharakter bildeten, jetzt in der friſcher und kräftiger gewordenen Phyſiognomie etwas gewechſelt und ſich in vertrauensvollere, glückesſtarke Züge um⸗ zuſetzen angefangen hatten, ſo konnte dies ihrer Er⸗ ſcheinung nicht ſchaden, denn es war ja nur die Liebe zu Paul, die hohe Befriedigung, welche ſie an dem neuen kräftigen Vorgehen ihres Gemahls genoß, wo⸗ durch Maria ſich ſo emporgehoben und mächtiger als je zum Selbſtvertrauen und zur Gewißheit ihres Glückes geſtimmt fühlte. Und kaum ſah man heut mehr in Maria die Leidende, Duldende, die ſonſt ſo oft mit ſchmerzhafter Mühſeligkeit die Gefahren des täglichen Umgangs mit dem Czaren ertragen und oft 45 p Weh für ſich geſeufzt hatte, wenn ſie mit heimlichem ihn zu Pferde die öden und traurigen Umgebungen von Gatſchina oder Paulowsky begleiten mußte oder wenn ſie von den entſetzlichen ſie erſann, heimgeſucht wurde. hatte ſich Maria Feodorowna beſonders ſelig und be denn ſie lebte jetzt auch mehr als je in furchtbarer Hitze oder Kälte durch Strafen und Quälereien, die er für Seit einigen Tagen glückt gefühlt, mit ihren Kindern, von denen ſie bei Lebzeiten Ka⸗ lich getrennt halten mußte, und tharina's ſich faſt gänz ihrer Erziehung, mit ſie konnte ſich jetzt ſogar mit manchen noch aufbehaltenen Einflüſſen auf ihre geiſtige Bildung beſchäftigen, was die Freuden, die ſie jetzt ß, zum wahren Entzücken erhöht von allen Seiten genoß, hatte. Die Künſte und Studien, mit welchen ſie ſich ſonſt in ihrer traurigen Einſamkeit beſchäftigt hatte, waren etwas Tagen zurückgetreten, allerdings in den letzten ectüre, ſelbſt der Kupferſtich, und Malerei, Muſik, L der ſonſt ihre erheiternde und beruhigende Lieblings⸗ beſchäftigung in trübſeligen und verlaſſenen Stunden gebildet, ſchienen ganz denn Maria hatte ſchon ſeit drei Tagen aus ihrem Kreiſe zurücktreten zu wollen, nicht mehr in der Und doch war ſie Stille ihres Zimmers gearbeitet. gerade in dieſen Tagen ſo wohl 46 und ſo heiter geweſen und wenn ſie ſonſt an der Seite Pauls, mit dem ſie, bedeckt von Schnee, tief durchnäßt von Regen, hinſinkend vor Erſchöpfung und Qual, wandeln mußte, ihm doch noch zauberiſch und herzensgütig entgegenzulächeln verſuchte, ſo koſtete ſie dies jetzt nicht die geringſte Anſtrengung mehr. Sie mußte frendig lächeln, wo ſie ihn nur ſah, denn ſie ſah in Paul jetzt das hohe Glanzbild ſeiner ſelbſt, den neuen Czaren, der Alles zu einer wahren Geſtalt machen wollte, was ſich bisher in der trüben und un— begreiflichen Erſcheinung des Groffürſten ſo ſeltſam angedeutet hatte. So war ſie auch heut wieder ſchön und ſchöner als je, ja ſie hatte ſogar heut, was ihr faſt noch nie begegnet war, einen Reiz in ſich empfun⸗ den, ſich zu putzen, und daher dieſer modiſche, ohne Zweifel geſchmackvolle und ſchöne Hut, den ſie auf ihren lieblichen Kopf geſetzt hatte und welchen der Czar noch immer mit einer entſetzlichen Wuth und mit dem ſchnödeſten, den nahen Ausbruch drohenden Mißfallen, aber noch fortgeſetzt ſtill und ſtumm, be⸗ trachtete. Die Czarin machte in dieſem Hut allerdings einen ungewöhnlichen Eindruck, der ſich aber nur für Den, welcher mißtrauiſch und ungerecht gegen die ſchöne X 47 Frau ſein wollte, zu einer ſo frazzenhaften Natur ver zerren konnte, als Paul ſie jetzt vor ſich zu erbl licken ſchien. Dies kam aber weniger aus dieſem Mode⸗ gegenſtand ſelbſt her, als es vielmehr der lebhaften Aufregung und der geſteigerten Haltung entfloß, von der ſich die Cz arin überhaupt heut er griffen zeigte und die ihr in dieſem Augenblick einen faſt heldenhaften Anſtrich gab, welcher durch die eigenthümliche Phy⸗ ſiognomie des Hutes in einen ſeltſam herausfordern⸗ den Charakter hinübergeleitet wurde. Maria machte jetzt überhaupt einen bedeutenderen und mehr heraus⸗ fordernden Eindruck, als eri ihr in der früheren Lebens⸗ zeit eigen geweſen. Sie war überhaupt ſehr groß und wohlgeſtaltet, und ſchien in dieſem Angenblick noch mächtiger durch dieſe glänzenden Eigenſchaften hervor— zuragen. Dazu hatte ſich heut eine jugendliche Friſche des Anſehens gefügt, die ihrem ganzen Weſen etwas Entzückendes gab und auch von Paul, wenn er ſich nicht heut durch den plötz lichen Anblick der Czarin ſogleich in eine falſche Stimmung verſetzt geſehen, mit bereitwilliger Bewunderung anerkannt worden wäre. Sie erſchien aber dem Czaren in dieſem Augen⸗ blick ſo groß und anſehnlich, wie er ſie noch niemals vor ſich geſehen zu haben glaubte, und er ſelbſt mußte — um 2 2 F————— 48 ſich dagegen ſo klein und unanſehnlich erſcheinen, wie er in der That war, was er aber ſonſt, namentlich im Verhältniß zu ſeiner Gemahlin, ſich niemals ein zugeſtehen und zuzugeben pflegte. Dazu geſellte ſich im Ausdruck der Czarin ein Zug von Majeſtät, der ſeit der feierlichen Krönung in Moskau ihr ganz eigen⸗ thümlich geworden und der an die Stelle der einfachen Grazie getreten war, welche ſonſt das Weſen Maria Feodorowna's ſo bewundernswürdig kennzeichnete. Dabei war aber das tiefe und herzliche Gefühlsleben, welches weit mehr als Geiſt und Klugheit in der Natur der Czarin waltete, keineswegs in ihr zurück getreten, ſondern drückte ſich auch jetzt wieder auf die innigſte und überſchwänglichſte Weiſe in ihren Augen aus, welche ſie auf den Czaren, obwohl er mit einem ſo erklärten Abſcheu und mit einer geradezu beleidi genden Gebärde noch immer ihren Hut und dazu auch ihr Geſicht betrachtete, jetzt recht angelegentlich gerichtet hielt. Der Czar, nachdem er jetzt lange genug und mit einer ſteigenden, immer hitziger gewordenen Aufmert ſamkeit den ihm anſtößigen Gegenſtand betrachtet hatte, ſagte jetzt, indem er von ſeiner Gemahlin wieder zurücktrat und gegen den Hut noch ein flammendes 49 Zeichen der Verwerfung ſchleuderte, mit der heftigſten Stimme: Mein Gott, das iſt ja ein ſo infamer runder Hut, gegen welchen mein Ukas, welcher doch der Czarin bekannt geworden ſein muß, ſo ausdrücklich gerichtet iſt! Oder ſollte Ihnen mein Ukas wirklich nicht be kannt geworden ſein, worin ich ausdrücklich verboten, fernerhin runde Hüte zu tragen, oder worin ich viel⸗ mehr befohlen, dieſe Hüte auf der Stelle zu vernichten, oder, wo ſie noch vorkommen ſollten, dieſelben allen Denen, welche ſie tragen, vom Kopf zu reißen, oder auf ihrem Kopf in ſchimpflicher Weiſe zu zerreißen? Die Czarin ſchien doch von einem bedeutenden Schrecken durchzittert zu werden, als ſie jetzt die ge— waltige Erzürnung des Szaren erblickte, die ſo heftig und rückſichtslos gegen ſie losgefahren war. Noch ſchien ſie die ihrer Liebe entſtammende Luſt behalten zu haben, die ganze Angelegenheit nur wie einen Scherz auffaſſen zu wollen, zu welchem ſich der Czar in die ſem Augenblick mit ihr aufgelegt fühle, und ſie ſchickte ſich zu einem eben ſo herzhaften als anmuthigen Ge⸗ lächter an, mit dem ſie die Anklage des Czaren be antworten zu können glaubte. Ihr Ton war ſo friſch und bezaubernd, daß Paul ſelbſt darüber verwundert Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 4 —— —— — —— 50 ſchien und ſich faſt beſann, ob er in dieſer Sache im gleichen Tone fortfahren ſolle. Jetzt aber ſchien die ſichtliche Wuth, die zuerſt aus ihm geredet, von neuem in dem Czaren mächtig zu werden. Denn Maria Feodorowna hatte jetzt in ihrer leichten und frohen Art zu ihm geäußert: Ich konnte doch nicht denken, Czar, daß Ihr herrlicher Ukas auch die Damen⸗Toilette betreffen mochte. Das Verbot der runden Hüte hielt ich in allem Ernſt nur auf die Herren in Rußland bezüglich, und ich meinte, daß der Czar damit ein Abzeichen vertilgen wollte, unter dem ſich die revolutionnairen Vereinsgelüſte der Zeit und die Genoſſenſchaften des Aufruhrs zu maskiren pflegen. Aber die Damen, mein theuerſter, gnädigſter Czar, die Damen? Die Hüte der Damen mögen genug Schauluſtige anlocken und es mag Vielen derſelben angenehm und erwünſcht ſein, wenn die Sucht, ſich zu vereinigen und zu geſellen, dadurch recht gefördert wird. Aber mein lieber, großer Czar Paul, wie ſoll ne be den luſtigen, harmloſen Damenhüten wohl e ſtimmte Form aufgenöthigt werden können? Sie ſind eben darum Damenhüte, weil ſie ihren Mangel an einer künſtleriſchen Form hinter einer intereſſanten Formloſigkeit zu verbergen wiſſen, und dies wird auch 51 der einzige Vorzug ſein, deſſen ſich hier mein kleiner runder Hut, der die Ehre genießt, von dem Czaren angeſehen zu werden, zu erfreuen hat. Der Czar ſchien jetzt den ihn beherrſchenden In— grimm nicht mehr zurückhalten zu können. Er trat der Czarin näher und faßte raſch an ihren Hut, als wenn er ſich jetzt mit ſeinen eigenen Händen von der ihm widerwärtigen Mißgeſtalt deſſelben überzeugen wolle. Maria Feodorowna kam ihm aber darin in der liebenswürdigſten und offenſten Manier entgegen, ſie nahm ihren Hut ab, und einen ſcherzhaft beſorgten und angſtvollen Blick auf denſelben richtend, überreichte ſie ihn jetzt in die Hände des Czaren, der ihn mit einer heftigen Gebärde, wie einen Gegenſtand des größten Vorwurfs und Abſcheu's, an ſich riß. Nachdem Paul noch einmal den Hut genau und gründlich betrachtet hatte, ſchwieg er mit einem dumpfen Grollen und ſagte dann leiſe und gedämpft zu der Czarin: Können Sie mir wohl einige Stecknadeln geben, Czarin? Ich möchte Ihnen eimnal zeigen, in welcher Manier die Anfertigerin Ihres Hutes hätte verfahren müſſen, um demſelben eine Form zu geben, die wür diger und ſchicklicher iſt, mit den erlaſſenen Geſetzen Den, welcher ihn trägt, nicht beſſer harmonirt und 52 der Gefahr ausſetzt, ſich im Beſitze eines runden, mithin anrüchigen und verbotenen, den revolutionnairen Geiſt unſerer Tage ausdrückenden Hutes zu befinden. Die Czarin glaubte ihren Gemahl nun ſchon wie⸗ der auf dem Rückwege ſeiner Laune zu einer beſſeren Stimmung zu ſehen, und zugleich begann das ſonſt nicht ganz czarengemäße Begehren nach Stecknadeln, das ſie ſonſt noch nie aus dem Munde ihres hohen Gemahls vernommen, ſie höchlich zu ergötzen. Die Czarin vermied es aber, dies Ergötzen irgendwie aus zudrücken, ſie nahm vielmehr jetzt plötzlich eine durch⸗ aus ernſthafte und feierliche Miene an und ſteigerte dieſen Ausdruck noch mehr, als ſie ihm jetzt in einer höchſt gemeſſenen Form einige Stecknadeln darreichte, die ſie inzwiſchen auf die zierlichſte und anmuthigſte Weiſe aus ihrer eignen Toilette zuſammengeleſen und die ſie jetzt wie zur Vornahme eines großen Staats⸗ actes, der damit ausgeführt werden ſolle, dem Czaren präſentirte. Paul war jetzt mitzAllem verſehen, um ſeine Ab⸗ ſichten ausführen zu können. Er nahm den Hut nun ganz überſichtlich in ſeine Hand und ſpannte die ganze Fläche deſſelben in ſeinen Fingern aus, ſo daß die Czarin doch endlich wieder ängſtlich und beſtürzt zu ———— 53 werden anfing und man ihr anſah, mit welchen Be⸗ ſorgniſſen ſie dem weiteren, immer feindlicher werdenden Vorgehen des Czaren folgte. Nachdem der Czar noch einmal die vollſtändig runde Fläche des Hutes mit gehäſſigen und giftigen Blicken überſchaut, kniff er jetzt mit den Fingern einige wellenförmige Abſätze und Hügelpunkte darin zuſammen, welche er mit den Stecknadeln befeſtigte und noch mehr in die Höhe emporrichtete, ſo daß jetzt eine ganz neue, wenn auch höchſt wunderliche und lächerliche Form zu entſtehen begann. Den ſo zugerichteten, durch viele nicht ganz manierliche Puffen emporgeblähten Hut gab er darauf an ſeine Gemahlin zurück, indem er ihr mit einer gewiſſen Emphaſe ſagte: Auf eine andere Art iſt dieſer Hut nicht zuläſſig bei uns, gute Czarin. Ich bitte mir aus, daß Sie ihn in dieſer Geſtalt jetzt auch tragen wollen, und namentlich heut Abend in der Hof⸗ Soirée wünſche ich Sie bereits damit zu ſehen, was ich ganz beſtimmt erwarte und wovon ich durchaus keine Abweichungen oder r Entſchuldigungen irgend einer Art annehmen werde! Maria Feodorowna war heftig zuſammengeſchrocken, was nicht nur durch den eben vernommenen Befehl des Czaren, ſondern faſt mehr noch durch den Anblick ——— 54 ihres Hutes, der jetzt einen fürchterlichen Eindruck auf ſie zu machen ſchien, verurſacht wurde. Die ganze Haltung der ſonſt ſo klugen und ſtandhaften Czarin ſchien faſt durch dieſen plötzlichen und ſie ſo ſtark überraſchenden Vorfall erſchüttert zu ſein, und ſie machte auf der Stelle nach Damen⸗Art das betrüb teſte und empörteſte Geſicht über Das, was ihrem Hut, dem neu erkorenen Liebling, widerfahren war, während man ſie 6 bei den größten und wichtigſten Dingen, in denen ihr Unrecht geſchehen, mit einer heitern Klarheit und Feſtigkeit ſich verhalten ſah. Mit einem ſolchen Hut ſoll ich in der heutigen Soirée des Hofes erſcheinen? rief Maria jetzt mit einem wahren Ausdruck des Schauders, indem ſie ihre ganz entſetzten, zürnenden und klagenden Blicke auf den in ihren Händen n ganz verunſtaltèten Hut richtete. Nein, das iſt ja ganz unmöglich, beim Himmel) das kann und darf nicht ſein! Die Gattin des Czarin darf und muß es vermeiden, lächerlich zu werden, und ſie darf keine Formen zu ihrer Verun ſtaltung anlegen, ſelbſt wenn eine unbegreifliche Laune des Czaren dieſelben ge oder hervorgerufen haben ſollte! Ich kann daher dieſen Hut, der mir einſt ge fiel, nicht mehr aufſetzen, obwohl ich ihn als ein Denk⸗ 55 mal des liebenswürdigſten Scherzes des Czaren mit ſeiner ſonſt ſtets gehorſamen Gemahlin gerade in dieſer merkwürdigen Form aufbewahren werde! Nein, rief der Czar mit einer ſo trotzigen und gewaltigen Stimme, wie man ſie ſonſt kaum bei den ſtärkſten und fürchterlichſten Veranlaſſungen von ihm vernahm, nein! Ich werde die Czarin heut Abend in dieſem Hut in der Hof⸗Soirée erwarten, und ſchon, wenn ich eintrete, hoffe ich ſie damit im Saal zu ſehen, oder ich nehme an, daß ſchlimme Gründe die Czarin feindlich gegen den auftreten laſſen, und werde danach verfahren! z. Gott erhalte den gnädigen Czaren! ſagte Maria mit einer zitternden, ſchon in die größte Empfindlich⸗ keit getauchten Stimme. Das neue Czarenreich, an deſſen Gedeihen ich mit meinem ganzen Leben hänge *„ ſoll alſo auch in der Sorge für die Kleidungsſtücke der Menſchen zugeſpitzt werden? Wird ds nicht ſchlimmer ſein, als die ganze franzöſiſche Revolution, an der ſich Frankreich jetzt ſchon faſt zu Tode ge blutet hat? Ich gtaubte, den Männern ſeien hier die runden Hüte verboten, und wir haben einen Czaren, der die Männer richtig zu würdigen verſteht und der 2 Alles zu befehlen weiß, was den Männern einzig gut — — — — 3 56 thun muß. Aber daß die unſchuldigen Köpfe der Damen auch davon betroffen werden könnten, das hatte ich ſelbſt nicht geahnt, und um ſo mehr nicht, da es gar keine beſtimmten Formen und Schnitte für den Putz der Damen geben kann. Was geſpitzt und gezackt iſt, erſcheint morgen ſchon rund, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil die geheimnißvolle Mode es ſo verlangt, die das Eckige morgen ſchon als etwas Rundes auffaßt und übermorgen wieder lauter Ecken daraus hervorſpringen läßt. So bin ich die Mode ſelbſt geweſen, antwortete der Czar mit einem höhniſchen Blick, welchen er auf den in den Händen der Czarin ruhen⸗ den Hut richtete. Aus dem Runden, das ich durchaus nicht ſtaatsgemäß finden kann, habe ich ja jetzt ſo viele Ecken hervorgetrieben und aufgeſtochen, daß dieſer Hut auf dem ſchönen Kopfe der Czarin heut Abend in nee ohne Zweifel Epoche machen Und ſich den übrigen Damen Rußlands ſogleich als eine unent⸗ behrliche Zierde mittheilen wird. Es iſt möglich, entgegnete die Czarin jetzt mit einer ſtarken, heftigen Stimme, denn in dieſer Sache, die für mich ſonſt höchſt gleichgültig iſt, rechnet man auf alle Möglichkeiten, wenn ſie auch ſonſt ebenſo —.—— 1 — viele Unvernünftigkeiten ſein ſollten. Ich habe jetzt nur noch eine Angſt, lieber Czar, und dieſe beſteht darin, daß der neue Ukas, welchen Ew. Majeſtät kürzlich gegeben, und der verbietet Frac, Weſte und Beinkleider zu tragen, nicht auch noch eines Tages auf die Damen bezogen werden könnte. Denn ſeht nur, mein theurer Czar, ich trage doch nun einmal keinen Frac und keine Weſte und keine Beinkleider, * und was ſollte ich nun anfangen, um mich derſelben ſo zu enthalten, daß ich meinem geſtrengen Herrn Gemahl beweiſen könnte, ich 6 mich wirklich der verbotenen Kleidungsſtücke Khr ch an mir enthalten? Denn, da der Czar niemals Frac, Weſte und Bein⸗ kleider an mir geſehen, ſo würde er immer noch glauben können, daß ich ſie heimlich an mir trüge und würde mich am Ende dennoch verurtheilen. wollen. Beruhige ſich die ſchöne Czarin nur ganz liebens⸗ würdig dwrüber, ſagte jetzt der Czar, mit ei ganz maliciöſen Scherzhaftigkeit. Ich würde die Czarin ſchon nach alter Art zu unterſuchen verſtehen und dann ſogleich entdecken können, wo ihr allenfalls noch Bein⸗ kleider und Weſte und der unſichtbare Frac ſitzen möchten. Paul war im Ausgang dieſer Worte in ein ſo 58 wildes und rohes Gelächter verfallen, daß Maria tief erröthet zurückbebte und eine Zeitlang ſprachlos und ganz ohne Bewegung in ſich verſunken daſtand. Es war jedoch heut Etwas in ihr, das ſie nicht ruhen zu laſſen ſchien und indem ſie den Czaren jetzt wiederum mit verwunderten und keineswegs freund lichen Blicken anſah, ſagte ſie zu ihm mit einer ſo trotzigen und kühlen Stimme, wie man ſie ſonſt nie zu dem Czaren reden gehört: Ich freue mich wenigſtens, daß der hohe Czar für ſich ſelbſt Bedacht genommen hat, die eigene Würde ſeiner Perſon zu wahren und die Czarengeſtalt, Allem erlegen und immer mit Ehr furcht umgeben, an der Spitze des Staats und der Geſellſchaft zu zeigen. Wer dem Czaren jetzt begeg net, muß ſich bei ſeinem Anblick ſofort in den Staub werfen, wo er ſich auch befinden mag, und muß aus ſeinem Wagen abſteigen, um vor dem Czaren auf der Straßk niederzuknieen. Das iſt ein nützlicher und prächtiger Anfang, um den Herrſcher ſelbſt aus dem Schmutz des V und darf das Glanzbild des Czaren niemals entſtellen und verunſtalten helfen. Die Macht und Stärke der olkes heraus zu krönen, denn man muß Herrſchaft ſelbſt iſt dabei im Spiele. Die Gattin des Czaren kann verſtümmelte, zerſchnittene und zerſtochene 30 Hüte ſelbſt. in einer Hof⸗Soirée tragen, ſie kann da⸗ durch ſelbſt der Lächerlichkeit verfallen und in den Schmutz gezogen werden, wenn nur der Czar obenauf in ſeiner reinen Lichthöhe bleibt und Alles ſich vor ihm in den Schmutz wirft, um ſeinen nie zu trübenden Glanz damit zu feiern. Der Czar ſtarrte ingrimmig und finſter vor ſich hin und ſchien ſich noch einen Augenblick Zeit zu gönnen, ehe er auf dieſe ſpöttiſchen Hindeutungen ſeiner Gemahlin antworten wollte. Dann ſagte er, ſich heftig ſchüttelnd: Dieſer Brauch, den ich wieder eingeführt habe, betrifft die Wiederherſtellung der alten ruſſiſchen Etiquette, die ich in ihrer ganzen Strenge wiederaufzurichten gedenke. Es liegt darin die alte moscowitiſche Größe und Hoheit unſeres Reichs, auf die wir immer wieder ſtark und krüftig zurückgreifen müſſen, damit die Ruſſen fortwährend wiſſen und be⸗ halten, woher wir urſprünglich gekommen ſind und was wir werden und bleiben müſſen, nämlich große Barbaren im gewaltigen Stil! So wird Rußland der Welt Etwas bedeuten, wenn die Dinge und Men⸗ ſchen in Europa einmal ganz zerfreſſen, von einer nichtswürdigen Cultur peleckt und ausgeſogen und in einem Moraſt der Civiliſation, wie ihn die Franzoſen 60 erfunden haben, verſchlammt ſein wird. Unter der feinen und hochgebildeten Herrſchaft meiner Mutter Katharina waren dieſe alten ruſſiſchen Nationalgebräuche ſchon verloren gegangen; die Czarin liebte zu ſehr das franzöſiſche Weſen, alle giftgedunſenen Phraſen Frank⸗ reichs gaben täglich ſtolze Prachtconcerte auf der Seele der großen Czarin, und die alltägliche nichtsnutzige gemeine Höflichkeit war der eigentliche Preis⸗Courant ihrer neuen Cultur geworden. Ich ſuchte daher, ſo⸗ bald ich unſern alten Thron beſtieg, nach dem Helden⸗ muth in mir, lieber von neuem ein Barbar zu werden und einer franzöſiſch verſtauchten und zerfloſſenen, in allen Intriguen und Lügen Frankreichs verſtrickten Welt lieber als ein unflätiger Bär, denn als ein lächerlicher und ehrloſer Affe gegenüberzutreten. Bei der Muſter⸗Wahl zwiſchen dieſen beiden niedrigen und ſehr verwahrloſten Geſchöpfen würde ich mich auch am Ende für die erſtere Beſtie gefälligſt entſcheiden, ſagte die Czarin jetzt nach einer kleinen Pauſe, während welcher ſie zu einem tiefſinnigen Nachdenken in ſich ſelbſt verſunken war. Der Affe hat freilich noch niemals der Humanität genützt, aber die Bären⸗Natur, wenn ſie auch leichter große und ehrliche Züge annehmen kann, hat doch auch der Hu⸗ —— 61 manität ſchon bedeutend geſchadet und mit der rohen Tatze entſetzlich in dem Allerheiligſten einer Menſchen ſeele herumgewirthſchaftet. Es giebt in dieſer Be⸗ ziehung bereits ſchlimme Geſchichten in Petersburg, die Athem und Luft benehmen, und doch möchte ich Euere Majeſtät um die Erlaubniß bitten, Ihnen eine Geſchichte erzählen zu dürfen, die jetzt ihren unglück⸗ lichen Schluß gefunden, und deren Anfang bisher nur dem Czaren bekannt geworden. Wenn der Beginn der Hof⸗Soirée noch einige Minuten länger auf ſich warten laſſen darf, ſo kann ich wohl einer gnädigen Ge währung dieſer Bitte entgegenſehen? Der Czar nickte heftig mit einer mehrmals wieder⸗ holten Bewegung ſeines Kopfes, und ſagte dann ruhig: Auf den beſchleunigten Beginn der Hof⸗Soirée kommt es mir gar nicht an, und doch, dünkt mich, ſah ich vor Kurzem die Czarin ſelbſt herbeikommen, um ſich gerade dafür zu intereſſiren. Es mag ihr freilich jetzt, wo der Hut unter den Händen des Czaren eine regierungsfreundlichere Umgeſtaltung erlitten, die ganze Soirée aus dem Sinne geſchwunden ſein, und ich werde jetzt nur um ſo mehr darauf Bedacht nehmen müſſen, unſere heutige Soirée nunmehr des Baldigſten zu eröffnen. Aber ſprechen Sie. 62 Maria, die große Luſt zu der angekündigten Er⸗ zählung zu haben ſchien, ließ ſich von dieſer harten und rückſichtsloſen Manier des Czaren nicht abſchrecken und begann doch, obwohl mit einem feinen Lächeln, wie es Paul nicht liebte: Ich wage es, das Geſpräch nochmals auf die arme Frau des Brigadiers Likarow zu bringen, deren be⸗ klagenswerthes Schickſal jetzt ganz Petersburg beſchäf⸗ tigt. Dieſe Dame befand ſich auf dem Lande, in der Nähe von Petersburg, mit ihrem Gatten, der das Unglück hat, dort plötzlich zu erkranken und von einem gefährlichen Anfall niedergeworfen zu werden. Ma⸗ dame Likarow, eine ſehr beherzte und energiſche Frau, eilt ſelbſt nach Petersburg her, um dort die Aerzte und die nöthigen Hülfsmittel in Anſpruch zu nehmen. Sie ſtürmt auf ihrem Fuhrwerk, das ſie in ihren heftigen Drangſalen ſelbſt leiten und treiben hilft, durch die Straßen von Petersburg dahin, und vergißt, wie alle Leute vom Lande, die den neuen Czaren noch nicht ſo allgemein perſönlich kennen, die nöthige Vor⸗ ſicht und die neuen Reglements, welche der Czar erſt vor Kurzem erlaſſen hat. Nur an die Krankheit ihres Mannes denkend, iſt ſie blos damit beſchäftigt, ihre Pferde ſo raſch als möglich anzutreiben, um des ———— 63 Eheſten zum Arzt zu gelangen. Unglücklicher Weiſe rollt die Carroſſe der guten Landdame jetzt, ohne ſich anzuhalten, ganz in der Nähe des Czaren Paul vor⸗ über, der in dieſer Gegend der Stadt eben eine kleine Promenade zu Pferde unternimmt, und der, ſobald er dies Verfahren bemerkt, im heftigſten Zorn, der ihn ergreifen muß, ſeinen Adjutanten abſendet, um die Equipage arretiren zu laſſen. Die vier Dienſt⸗ boten, welche die arme Frau vom Lande mitgenommen, läßt der Czar unter die Soldaten ſtecken, die Dame aber, welche ſo unglücklich und frevelhaft des dem Czaren ſchuldigen Reſpects vergeſſen, wird in das Gefängniß im nächſten Polizeihauſe befördert. Die Unglückliche bleibt dort vier Tage lang eingeſchloſſen, die ſie unter einer fürchterlichen Behandlung verſeufzt, denn der verzweifelte Zuſtand, in dem ſie ihren Mann zurückgelaſſen, bricht ihr gänzlich das Herz und be⸗ ginnt ihren armen Kopf zu verwirren. Sie fällt dann in ein hitziges Fieber. Man bringt ſie endlich in ein Gaſthaus, um ſie milder verpflegen und ſorgfältiger behandeln zu laſſen, aber es zeigt ſich jetzt, daß die Unglückliche für immer ihren Verſtand verloren hat. Zu Hauſe ihr verlaſſener kranker Gatte, der, ſeiner Frau und ſeiner Dienſtboten beraubt, der gänzlichen 64 Verzweiflung anheimgefallen, haucht ſein Leben in demſelben Augenblick aus, in dem die Frau geſtorben, von der er niemals wieder eine Nachricht erhalten. Seht Ihr, Czar, das ſind die unheilvollen und mich höchſt erſchütternden Verzweigungen, welche es für ſolche perſönlichen Czarengeſetze giebt! Die Wieder⸗ herſtellung der barbariſchen Etiquette bringt alſo auch ihre großen Gefahren mit ſich. Der Czar brach bei dieſer Bemerkung, mit welcher Maria nicht ganz ohne Schärfe ihre Erzählung ge ſchloſſen, in ein lautes, ſehr rohklingendes Gelächter aus 44 5 und rief mit blitzenden Augen: Glaubt die Czarin, daß ich Das noch nicht gewußt haben ſollte? So ſchlecht dürfen wir doch von der Polizei unſerer Hauptſtadt nicht denken, meine gute Maria Feodorowna, daß ſie uns darüber nicht ſogleich den umſtändlichſten Bericht angefertigt haben ſollte, einen Bericht, der doch noch weit intereſſanter war, als die von Ihnen ſo effectvoll vorgetragene Erzählung. Auf ein paar unbedeutende Todesfälle dürfte es doch wohl nicht ankommen, wo es ſich um die Perſon des Czaren handelt. Solche Leute ſterben, weil es im Reich doch einmal darauf ankommt, daß man einen Czaren hat, der lebt und deſſen Perſon unverbrüchlich geachtet wird. Und für 65 die Wiederherſtellung der barbariſchen Etiquette habe ich doch auch ſonſt ſchon Manches zu thun verſucht, was nicht ſo ganz ſchlimm ſein kann, weil es nur dem Zwecke dient, an der Spitze des Reichs einen Mann zu zeigen, den man Czar nennt, und dem man durch ein würdevolles Benehmen gegen ihn den Dank ausdrückt, daß er ſeine Ruhe, ſein ganzes Behagen, ſein tägliches Vergnügen, dem Lande opfert, und nichts haben will, als was dieſem Lande Nutzen und Freude bringen kann! Und da iſt es ſchon zu viel, wenn zwei unbedeutende Menſchen hinſterben, es wäre ja freilich beſſer, wenn der Czar ſich lieber bis auf den Tod quälte! Geſetze werden allerdings immer auch ihr Schlimmes haben, denn es wird doch ſtets Einige geben, die daran glauben müſſen, inpem ſie ihr Bischen armſeliges Leben laſſen! Ich wünſchte nur, daß dieſe Gefahren von dem innerſten geſellſchaftlichen Leben abgewandt blieben, bemerkte die Czarin jetzt, mit einem hohen ernſten Ausdruck, der ſich zugleich mit einigen bitteren Zügen miſchte, welche um ihre lieblichen Mundwinkel flogen. Denn der Punct muß doch geſchützt bleiben, wo die Menſchen ſich mit Menſchen harmlos ergehen, und keine, auch die größte Czarenherrſchaft nicht, darf dieſen Tb. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 5 66 Punkt gefährden, auf dem die menſchlichen Intereſſen verweilen. Aber Euere Majeſtät haben andere Be⸗ fehle darüber, die ich, ich muß es geſtehen, noch nicht recht zu begreifen vermag. So ſagt man mir, daß jetzt auch die Hofbälle einer neuen Einrichtung unter⸗ worfen werden ſollen, welche nichts Anderes als die Wiedereinführung der barbariſchen Etiquette beim Tanz betrifft. Nun ja, erwiederte Paul achſelzuckend, was iſt da anders zu thun? Ich will ein Reich, mit einem anſtändigen und geachteten Fürſten an der Spitze, und es verſteht ſich, daß dieſer große Zweck der Or⸗ ganiſation auch auf einem Ball nicht zu Schimpf und Schanden getanzt werden kann. Auch auf einem Ball will iche jetzt darauf gehalten wiſſen, daß, wenn der Czar dort vorhanden iſt, die Tänzer ihm immer nur ihr Geſicht zugekehrt halten dürfen, und ein Tänzer dem Czaren niemals den Rücken zeige, wo ſich der— ſelbe auch immer im Saal befinden möge. Man wird alſo niemals aufhören dürfen, mir Front zu tanzen, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, und gewiß werden viele Verdrehungen und Quetſchungen der tanzenden Paare dazu gehören, um dieſer wahrhaft monarchiſchen Anforderung des Lebens zu genügen, 67 aber es kann doch nur die Kunſt und Weihe des Tanzes erhöhen, wenn demſelben eine Geſchicklichkeit abverlangt wird, die eine Bedeutung für Staat und Geſellſchaft gewinnen ſoll. Ich bin freilich niemals eine große Tänzerin g weſen, erwiederte die Czarin, indem ſie ſich jetzt mit e⸗ einer langſamen, etwas koſtbaren Bewegung in die Höhe richtete, aber für den Tanz, wie für jede Kunſt, giebt es doch nur ein Element, das Alles tragen und beſtimmen kann, und dies eine, Alles regelnde Element iſt die Freiheit, die das erſte Geſetz des Seins iſt, und zugleich die einzige Möglichkeit gewährt, ſich nach Herzensluſt und nach ſeinem ganzen Inhalt ausdrücken u dürfen! Der Czar ſchrie jetzt mit einem wüthenden brüllen⸗ den Ton auf, indem er ſich die Ohren zuhielt, und eiferte dann der Czarin zu: Habe ich es wohl erlaubt, daß man dies arge Wort Freiheit ſo ungeſcheut und voll in den Mund nehmen darf? Erſt vor einigen Tagen habe ich den Theaterdirectoren in Rußland, die ſonſt das Wort Freiheit auf ihre Komödienzettel zu ſetzen liebten, durch einen beſonderen Ukas befohlen, dies künftig zu unterlaſſen und ſich ſtatt deſſelben lieber des Wortes: Erlaubniß zu bedienen. Dies 5 ——— * — 68 drückt denſelben Umſtand aus, ohne den Leuten gleich das Gehirn zu verdrehen und ihre Eingeweide in einen revolutionnairen Brand zu verſetzen. Namentlich von einer Dame, wie die Czarin, mußte man doch erwarten, daß ſie ſolche Worte, die jetzt Gefäße einer ſchlimmen und giftigen Sauce ſind, nicht ohne die dringendſte Nothwendigkeit in einen reinlichen Mund nehmen werde! So habe ich auch der Akademie in Peters⸗ burg verboten, ſich bei Bezeichnungen über den Lauf der Geſtirne ferner des Wortes: Revolution zu bedienen, denn man muß dieſem nichtswürdigen, un⸗ heilvollen Wort jede irgend anſtändige Beziehung auf einen feſten, geſetzlichen, würdigen Gegenſtand in der Welt nehmen. Es iſt überhaupt nicht gleichgültig, wie in einem ordentlichen Reich eine Sache benannt wird, denn wie man einen Menſchen oder ein Ding nennt, ſo werden Beide leicht werden. Wir Alle hängen ja von den Worten ab, und können uns dann gar nicht mehr halten, wenn wir erſt in ihre Mache gerathen ſind. Wir würden gewiß weniger Betrunkene in Rußland haben, wenn eine Re⸗ gierung feſtſetzte, der Branntwein ſolle Schmutzwaſſer genannt werden. Das Volk hängt von den Ausdrücken ab, mit denen es gegängelt wird, und damit muß man es gängeln, wenn man es erziehen will. 69 Maria hörte dem Czaren aufmerkſam zu, und ſchien, ſich in ſeine Worte und ſeinen Anblick ſtill ver⸗ tiefend, dem Geſprochenen bei ſich nachzudenken. Doch zeigte ſich jetzt eine hell und glänzend aufſchimmernde Thräne in ihren ſchönen, empfindungsvollen Augen, über welche ſie mit einer geſchickten raſchen Bewegung ihr Taſchentuch hinwegführte, um dem ſcharf beobach⸗ tenden Czaren keine Kenntniß von ihrer inneren Be⸗ wegung entſtehen zu laſſen. Paul ſchien ſich aber jetzt ſelbſt in einer unheim⸗ lichen Bewegung zu befinden. Er trat in dieſem Augenblick aus der Nähe der Czarin zurück und be⸗ gann mit einigen weiten Schritten das Cabinet zu durchmeſſen, indem er ſich dabei ſtolz und bewußtvoll in ſich ſelbſt aufrichtete und zuweilen auch einen triumphirenden und lachenden Blick auf die Czarin hinüberwarf. Maria Feodorowna ſchien aber jetzt dem innern Drang ihrer Gefühle, welche ſie in dieſem Augenblick überſtürzten, nicht mehr Einhalt gebieten zu können. Ihre Thränen begannen von neuem mit einem hef⸗ tigen und ſtarken Sturz zu fließen, und die tiefen, ahnungsvollen Seufzer, welche ihre Bruſt durchzogen, fügten dazu einen ſchweren, geheimnißvollen Laut, der 70 auf den Czaren ſelbſt einen überraſchenden Eindruck zu machen ſchien. Er ſtand beſtürzt ſtill und wandte ſich ihr wieder mit ernſter Aufmerkſamkeit zu, indem er einen dringenden, fragenden Blick auf ſie richtete. Die Czarin leidet? fragte er mit einem ganz leiſen, kaum hörbaren Tone, indem er wieder in die un— mittelbarſte Nähe zu ihr herantrat. Sie nickte ihm mit einem betroffenen, bewegten Ausdruck zu und ſagte dann mit einem ſtillen, faſt tonloſen Ausdruck zu ihm: Wo man innig liebt, hören die Befürchtungen niemals auf. Mich wollen beſtän⸗ dig Beſorgniſſe quälen, die den geliebten Czaren be⸗ treffen. Sehe ich ihn ſo freudig und kraftvoll walten, ſo hingegeben an eine beſſere Zukunft des Vater landes, ſo verſtehe ich wohl, was Czar Paul eigentlich will, und ich weiß, daß er doch im Grunde nur einem neuen Lichte zuſtrebt, in dem die Geſtalt des großen herrlichen Rußlands von neuem ſich runden und bilden ſoll. Aber wenn unſer glänzender Herr, der zum Lichte ſtrebt, nur nicht doch in eine Verwir⸗ rung⸗und falſche Beleuchtung eintritt, die ihn bald nur als den Dunkeln und als den trübe Gefürchteten erſcheinen laſſen werden. So erfüllte mich geſtern ein wahres Entſetzen, als Fräulein Nelidow, die bei 71 ihrer Abreiſe von mir Abſchied nahm, mich auf einige Bewegungen, die jetzt unter den Bürgern in Peters burg vorgehen, aufmerkſam machte. Es that mir ſchon ſehr leid, daß die treffliche Perſon von uns ging, die ſo viel wahre Neigung für uns hegte, und die mir immer wie ein guter Genius Mit ihrer, der Rückkehr der Regierungszeit Pauls I. erſchienen war. nach leider ungewiſſen Abreiſe hinterließ ſie mir nun zugleich den Schrecken, welchen ihre letzten Mitthei lungen mir eröffneten. Sie erzählte mir nämlich, daß man unter dem Volke reits Paul Temnoi, den Fin nennen beginne, und dies, obwohl Eure Majeſtät jetzt eben ſo fröhlich darüber zu lachen beginnen, hat mich doch wahrhaft beſorgt gemacht und ſehr geſchmerzt. Ich konnte mich ſogar nicht enthalten, den Prinzen Kourakin darüber zu befragen, der ſich gerade zufällig in Petersburg den Czaren be ſtern und Dunkeln, zu in meiner Nähe befand. Und was ſagte denn nur gar der liebe Prinz Kou— ralin? fragte Paul, der Czarin haſtig näher tretend, Indem er ſich vergnügt die Hände rieb. Mögen mich die Volksaffen den darum bleibe ich doch au illuminirter Menſch, und kann jeden Aügenblick ſtrahlen, Dunkeln und Finſtern nennen, is mir ſelbſt heraus ein ganz „ 72 als wenn der Teufel holen ſollte! Etwas An⸗ deres wird es freilich ſein, wie der Kourakin ſich ausſpricht, denn da kann man doch ſchon etwas Or⸗ dentliches erfahren, weil dieſer Mann immerhin Etwas denkt, und nicht einmal handeln will, wo er nicht in ſeiner Art denken kann! Das iſt ja ſchon ein ganz gewaltiger Staatsmann, dieſer Fürſt Kourakin, mein guter Alexis, der mich bisher als Vice-Kanzler des Reichs umgeben! Die Czarin ſchien verwundert und mißtrauiſch bei dem eigenthümlichen Ton, in welchem der Czar dieſe letzten Aeußerungen gethan. Sie hielt ſich aber um ſo mehr für verbunden, in ihrer Erzählung, zu welcher ſie auch jetzt der Czar dringend aufzufordern ſchien, ruhig fortzufahren. Der Fürſt äußerte ſich für mich ſehr tröſtlich und ermuthigend über die Lage des Reichs, erwiederte Maria Feodorowna jetzt, indem ſie den Czaren mit einer ſcharfen Aufmerkſamkeit beobachtete. Er hob beſonders die gute Wirkſamkeit hervor, die er bei dem Czaren verfolge, und deren Ziel er in die Erhaltung des Friedens geſetzt habe, worin er auch für die Perſon des hohen Czaren ſelbſt den einzig richtigen Boden ſehe, auf dem ſich derſelbe herrlich und folgen⸗ 73 reich entwickeln und behaupten werde. Fürſt ſetzte mir dies ganz ausführlich und in ſeiner ge⸗ wohnten edlen und ehrlichen Manier auseinander, und ſchilderte mir auch ſeine Gründe, weshalb er ſich nicht dafür zu erklären vermocht, daß Rußland ſich an einem Krieg der Mächte gegen Frankreich bethei⸗ ligen ſolle. Einen ſolchen Krieg wollte er für ge— fährlich für unſer Rußland halten, nicht blos inſofern, als Rußland dabei des ihm gebührenden Sieges ent⸗ behren könne, ſondern ſelbſt dann, wenn Rußland alle Sieges⸗Trophäen der Welt dabei an ſich reißen ſollte. Der Fürſt Kourakin glaubte es der inneren Entwicke⸗ lung Rußlands ſelbſt nicht für nützlich halten zu können, daß es ſich zur Niederwerfung eines Landes verbinden ſolle, in dem ſich eine ganze Nation auf das Recht ihrer eigenen Conſtituirung geſtützt habe. Ja, ja, unſer Fürſt iſt ganz erſtaunlich klug ge⸗ worden, rief der Czar mit einem lauten Hohngelächter, in das er jetzt ingrimmig ausbrach. Aber unſere Czarin wird ſich doch fein beruhigen müſſen, wenn die Kourakin'ſche Staatsweisheit nicht zur Richtſchnur meiner Perſon und meines Thrones werden kann. Ich weiß zwar recht wohl, daß dieſe räudige Staats⸗ weisheit eines überſtudirten ruſſiſchen Fürſten bei 74 unſerer Czarin ſich von jeher einer gütigen Ueber⸗ einſtimmung erfreuen durfte, aber man muß bei ſolchen Sympathien doch auch ſehen, was das für ein Ende nehmen kann. Die plötzliche Abreiſe des Fräu⸗ lein Nelidow iſt der guten Czarin doch ſchon ſehr empfindlich geweſen, und ſie möge es nicht übel nehmen, am allerwenigſten aber auf ſich ſelbſt gemünzt glauben, wenn ſie nächſtens noch mehrere ſolcher Ab⸗ reiſen, die zugleich unausbleibliche Verſtimmungen ſein werden, erleben muß! Der Czar wandte ſich jetzt wieder von Maria Feodorowna ab und ging, ſtolz aufgerichtet, indem er ſeine Hände mit der Bewegung eines Siegers und Triumphators durch die Luft führte, einige Schritte im Cabinet auf und nieder. Dann ſtand er wieder, zu ihr zurückkehrend, vor der Czarin ſtill, und ſagte, ſie faſt vertraulich anſehend, mit einem Blicke, den Maria Feodorowna über alle Maßen köſtlich fand und faſt wie eine Liebkoſung freudig erzitternd in ſich auf— nahm: Ich bin ein Mann, der wenigſtens Das für ſich hat, daß er ein guter Ruſſe iſt, und daß er genau und ſicher anzugeben weiß, was für Rußland paßt und was nicht. Ich habe dabei die Freude, mit dem ——— 75 Volke ſelbſt zu gehen, denn der gemeine Mann in unſerm Reich iſt ruſſiſch, er iſt der gute Ruſſe ſelbſt, während der Vornehme, der Edelmann und der Fürſt, beſonders der gelehrte und überſtudirte Fürſt, ein ausgeklebter Miſchmaſch iſt, der mit allen möglichen ausländiſchen Fetzen prangt, und in deutſchen und franzöſiſchen Eierſchaalen verkrochen ſitzt, um ſich ſonderes vorzukommen- Wie darin als etwas ganz Be uns durch und durch ſehr aber der gemeine Mann bei Ruſſe iſt, geht ſchon aus der die ich noch immer habe, mein ſiſche Anſchirrung der Wagenpferde durchſetzen zu können. Ich ging von einem ganz richtigen Gedanken daß man ſich jetzt deutſche e und Wagen an⸗ Schwierigkeit hervor, Verbot gegen die ruſ⸗ aus, indem ich befahl, Geſchirre für die ruſſiſchen Pferd ſchaffen ſolle. Aber was hat mir das bereits für Mühe gemacht, die ruſſiſchen Wagen deutſch beſpannen en! Unſere Straßen begannen ſchon an en, weil Jeder jetzt vorzieht, zu um nicht mit ſeinem Wagen eine die ihm durchaus läſtig Noch ſchwieriger wurde laſſen zu woll Fuhrwerk zu veröd Hauſe zu bleiben, Veränderung vorzunehmen, und widerwärtig erſcheint. es faſt, die Iſchwoſchtſchiki*) deutſch zu kleiden, wie *) Ruſſiſche Kutſcher. 76 ich befohlen hatte. Schon den langen Bart, und den Kafftan, und den runden Hut abzulegen, war eine Sache, zu der ſich ein ruſſiſcher Kutſcher durchaus nicht entſchließen konnte. Noch weniger konnte man ihn dazu beſtimmen, ſeinen verſchnittenen Pferden die falſchen Schwänze anzuheften, von welcher Vorſchrift ich natürlich bereits abſtand, um nicht die lächerlichſten Scenen und Aufzüge in der Stadt ſelbſt entſtehen zu laſſen. Ueberhaupt bin ich im Begriff, die ſtrengen Vorſchriften, die ich erließ, in eine faſt freundſchaft⸗ liche Einladung an mein Volk umzuwandeln, durch welche ich Jeden auffordern will, möglichſt zu thun, was ich in dieſer Angelegenheit für ſo wünſchenswerth halten muß! Was würden aber wohl meine vorneh⸗ men Ruſſen gethan haben, wenn man ihnen irgend einen fremden Modefetzen aufgenöthigt hätte? Gewiß hätten ſie ſich auf der Stelle zehnmal darin ein⸗ gewickelt, und Jeder hätte der Erſte ſein wollen, um darin zu glänzen und auf Koſten des ruſſiſchen Na⸗ tionalgefühls einen entſetzlichen Staat zu verbreiten! Wird das Volk nun für einen Krieg Rußlands gegen Frankreich ſein? fragte die Czarin jetzt mit einer ſcharfen und bittern Betonung dieſer Frage. Die Franzoſen ſind zwar in Petersburg nicht ſehr ſchrift ichſten en zu engen ſchaft⸗ durch thun, werth orneh⸗ irgend hewiß ein um 1 Na⸗ eiten! lands t mit Fragk⸗ ſehr —— 66 beliebt geworden, aber ich glaube doch, daß ſehr ver⸗ ſchiedene Anſichten ſich darüber im Lande geltend machen werden. Mir gleichviel, entgegnete der Czar, in ſeine frühere gewaltige Heftigkeit zurückfallend. Hierin folge ich meinem eigenen Geiſt, der mir in dieſer Sache ganz Beſtimmtes befohlen hat. Ich kann darüber gar keine frauenzimmerlichen Anſichten aufkommen laſſen. Und der gemeine Hund von Ruſſe, was er auch denken mag, er wird wenigſtens gegen die Franzoſen fechten, wenn ich ihn dazu commandiren laſſe. Und er wird mit Tapferkeit und großem Erfolg fechten, denn das liegt einmal in der Natur des Ruſſen. Das vornehme Geſindel zerfällt dabei ſeiner Anſicht nach in verſchiedene Parteien, aber ihre Ehre wird auf's Spiel geſetzt werden, und dann werden ſie den Be⸗ fehlen des Czaren nicht ſo leicht widerſtreben. Laſſen o wie es iſt und ſo, wir doch Alles gut ſein, Czarin, ſ wie ich es verordnet habe. Sie werden ſich um nichts weiter zu bekümmern haben, als daß Ihnen der Hut in der Soirée heut Abend recht wohl ſtehe. Denn dieſen Hut hat Ihnen der Czar ſelber nun zurecht gemacht, er iſt ſtolz auf die vortrefflichen und gans loyalen Einſchnitte, welche er in der ſo abſcheulichen 78 und geſetzwidrigen runden Fläche deſſelben ſo eben hervorgebracht und zuſammengeſtochen hat, mit einem Wort, ich werde froh ſein, Czarin, Sie mit dieſem Hut auf dem Kopf heut Abend in der Soirée wieder⸗ zuſehen. Aber anders will und werde ich Sie nicht wiederſehen, wollen Sie ſich das recht beſtimmt bemerken! Die Czarin verneigte ſich mit einem liebenswür⸗ digen Ausdruck von Gehorſam, wie ſie ihn in dem rechten Moment immer wieder in ſich zur Geltung zu bringen wußte. Dann ſagte ſie mit einer unge⸗ mein beſcheidenen Gebärde und zugleich mit dem hohen Selbſtgefühl, das ſie niemals ganz verleugnen konnte: Die Anſichten des Prinzen Kourakin haben doch einen großen Einfluß auf mich Arme gehabt! Ich bin nun einmal ſeiner Meinung geworden, daß Rußland und Czar Paul ſelbſt des Friedens bedürfen werden, um ſich vortheilhaft und ihrer Würde gemäß in ſich ſelbſt abzuſchließen und auf eine ſolche Stellung ſicher und ruhig ihre eigene ſtätige Entwickelung zu gründen. Kourakin wird mir immer lieber ſein, wie die Herren Koutaitzow und Besborodko, die in dem Czaren jetzt immer nur den Herrn ſehen, deſſen Bequemlichkeit und Bedürfniſſen auf die angenehmſte Weiſe gewill⸗ eit 79 fahrt werden muß. Dazu ſteht mir Czar Paul zu hoch, als daß ich ihn nicht anders zu behandeln wüßte, wie die Vögel die große Strohpuppe behandeln. Paul I. iſt mir ein tiefblickender hochherziger Herr und Czar, den man innerlich verſtehen lernen muß, um ihm im beſten und größten Sinne zu dienen. Paul machte mit der Hand eine leichthin flatternde Bewegung durch die Luft, um der Czarin damit den geringen Werth auszudrücken, welchen er ihren eben gehörten Aeußerungen beilege. Dann aber rief er, ſich hoch und ſtolz emporrichtend, mit einem merk⸗ würdig durch ſein Geſicht zuckenden Feuerſtrahl innerer Bewegung: Man wird einem Czaren, der als guter Ruſſe gern nur mit ſeinem Volke gehen möchte, doch niemals die ihm gebührende Achtung verſagen können. Ich bin ja recht eigentlich gerade jetzt damit beſchäf⸗ tigt, das ruſſiſche Volk zu erſchaffen, das bisher, zwiſchen Pöbel und Adel zertheilt, für kein vollkom⸗ men fertiges und ganzes Volk angeſehen werden konnte. Dies wird der edeln Czarin mein neuer, erſt vor einigen Tagen erſchienener Ukas bewieſen haben. Ich habe mit dieſem neuen Ukas gezeigt, daß ich eines Nationalzuſtandes überdrüſſig bin, in dem es auf der einen Seite nur Sklaven, auf der andern . . 80 Seite nur vornehme Leute giebt. Es ſoll auch in Rußland einen Bürgerſtand, einen eigentlichen dritten Stand, geben. Er braucht nicht erſt aus der Revo⸗ lution hervorzugehen, wie in dem gottverfluchten Frank⸗ reich, ſondern in unſerm lieben, guten Rußland wird ein dritter Stand geboren aus den Gedanken ſeines Czaren, der ſich fortwährend mit ſeinem Volke be⸗ ſchäftigt, das er aus ſeinem ganzen Herzen liebt. Durch meinen neuen Ukas hat ſich der ungeheuere Raum gefüllt und geſchloſſen, der ſonſt zwiſchen dem Sklaven und dem freien Mann und Edelmann fürchter⸗ lich offen lag. Wenn ſich ſonſt Einer im Civil oder Militair auszuzeichnen anfing, und einigen Geldbeſitz mit einer guten Erziehung vereinigte, ſo begann er bald danach zu ſtreben, daß ihm der Adel und die Privilegien deſſelben zu Theil würden. Es lag darin eine Erniedrigung und Herabwürdigung des Volkes ſelbſt, von der nur eine ſchlechte Regierung Vortheil ziehen konnte. Der neue Ukas will nun ein Volk, einen dritten Stand heranbilden helfen, der auf ſeine eigenen Rechte ſicher geſtellt ſein ſoll und der eine feſte Grundlage finden ſoll, auf welcher er ſich eigen⸗ thümlich und frei, als ein von dem Staate mit voll⸗ ſtändiger Anerkennung aufgenommenes Element, ent⸗ 81 wickeln kann. Und damit wollen wir für heut unſere politiſchen Geſpräche ſchließen, meine gute Maria Feo⸗ dorowna. Ich fürchte, daß wir dieſelben ſchon zu lange fortgeſetzt haben. Jetzt aber wird es in der That Zeit ſein, auch an unſere Soirée zu denken, und uns in Bereitſchaft zu derſelben zu ſetzen, denn wie die Czarin ſieht, ſtecke ich noch gar ſehr in dem Sauer⸗ teig meiner Toilette darin, und muß mich doch auch als Czar etwas ſauber und glänzend machen, wenn ich auch nicht gerade mit ſolchen Hüten, wie die ſchöne Czarin da, mich ſchmücken darf! Die Czarin verfehlte nicht, den Czaren jetzt, wie ſie immer bei ſolchen Gelegenheiten that, mit einem ſorglich prüfenden und herzlich intereſſirten Blick zu betrachten, und ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ihn zu lenken. Aber Paul befand ſich noch in dem ziemlich unanſehnlich ausſehenden Hausrock, der in ſeiner nicht ſehr geſchmackvollen Einrichtung zwiſchen Militair und Civil in der Mitte ſtand und durchaus keinem Kaiſer anzupaſſen ſchien. Die Czarin ſah ſich dann oft in der Stimmung, bei der Toilette ihres Gemahls eine hülfreiche Hand übernehmen zu wollen, was dem Czaren dann nicht ſelten ſehr angenehm war, denn Maria Feodorowna zeigte dann eine ungemein kräftige und Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 6 82 geſchickte Hand, mit der ſie alles ihm Nöthige auf ſeinem Leibe anzuordnen und zu befeſtigen wußte. Er hielt dann gewöhnlich mit großer Aemſigkeit ſtill, und hatte ſogar artige und ſchmeichelnde Blicke für die Czarin, wenn ſie ihn auf raſche und bequeme Weiſe, ohne daß es der Zuziehung irgend eines Die⸗ ners bedurfte, die dem Czaren immer ſehr unangenehm war, in den Beſitz einer zuläſſigen und anpaſſenden Toilette geſtellt hatte. Die Czarin, mit ihrem klugen, umſichtigen und liebevollen Blick hielt gerade den gegenwärtigen Mo⸗ ment für geeignet, ihre alte beliebte Wirkſamkeit bei Paul wieder einmal eintreten zu laſſen. Mit raſchen Schritten eilte ſie in das anſtoßende Cabinet, wo ſich die Kleider des Czaren aufgeſtellt fanden, und kehrte ſofort wieder mit einem lächelnden und liebenswürdi⸗ gen Ausdruck zurück, indem ſie den Generals⸗Frac des Czaren, welchen er gewöhnlich in Geſellſchaften trug, über ihren Arm gelegt herbeibrachte. Es dauerte kaum einige Secunden, ſo hatte ſie dem Czaren ſchon dieſen Uniformrock, mit Beſeitigung des Hausrockes von ſeinem Leibe, angelegt, und dann eilte ſie wie frohlockend wieder von ihm hinweg, um ihm noch andere Dinge, deren Paul bei ſeiner vollſtändigen 83 Toilette jedesmal bedurfte, aus allen Ecken des Zim⸗ mers herbeizuholen. Jetzt überreichte ſie ihm zuerſt das ſpaniſche Rohr, das Paul mit einem ſehr ſichern und ſtolzen Ausdruck in ſeinen Händen zu tragen pflegte. Nun brachte ſie ihm die kleine Tabacks⸗ doſe herbei, die dazu gehörte und von dem Czaren ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr entbehrt werden konnte. Dann holte ſie auch noch aus einer anderen Ecke des Zimmers einen kleinen dreieckigen Hut her⸗ bei, welcher die Lieblingsbedeckung des Czaren war und den Maria ihm jetzt faſt mit einer Art von ſchelmiſcher Koketterie, indem ſie einen höchſt liebens⸗ würdigen und zierlichen Knix dabei machte und mit einem allerliebſten Lächeln zu ſeinem Haupte hinauf⸗ blickte, überreichte. Der Czar wurde wieder ſehr froh und behaglich geſtimmt. Aus dem ſpielend zufriedenen Ausdrink der Czarin in ſolchen Momenten glaubte Paul dann ſelbſt⸗ vergnügt zu ſchließen, daß er Recht gehabt haben müſſe, wenn er ſich zuletzt immer für einen ſchönen Mann gehalten, denn er meinte dies immer beſtätigt zu ſehen, wenn er die Czarin in ſo freudiger Bewe⸗ gung, wie ihr dies einmal eigenthümlich war, um ſich her beſchäftigt ſah. Auch blickte Maria, indem ſie 6 84 ihm zuletzt den Hut überreichte, gewiſſermaßen von unten herauf zu ihm empor, indem ſie dabei zu ihm auflächelte, daß er dadurch wiederum beſtätigt ſah, wenn er ſich auch für einen großen Mann, und keines⸗ wegs für einen kleinen hielt, was zu glauben für den Czaren eigentlich eine Herzensſache geworden war. So haben wir denn unſern Friedrich den Großen wieder einmal fertig! ſagte Maria Feodorowna jetzt, indem ſie mit einem huldigenden und ganz ehrerbietigen Knix wieder ganz nahe zu dem Czaren herantrat und ſeiner kaiſerlich zurecht gemachten Geſtalt höchſt an⸗ muthige und ſchmeichelhafte Grüße zuwarf. Es iſt wahr, ſagte Paul, angenehm lächelnd, ich habe in der Art der Bekleidung mich immer an den preußiſchen Friedrich den Großen anzuſchließen geſtrebt, denn die Zeit, die wir damals bei dieſem großen Morkarchen in Potsdam verlebten, war mir doch zu angenehm und hat unauslöſchliche Erinnerungen in meinem Herzen hinterlaſſen. Dieſer König war gegen uns Beide die Freundſchaft und die Güte ſelbſt ge⸗ weſen, und man könnte faſt ſagen, daß er eifrig da⸗ für ſorgte, unſern Bund wirklich zu Stande kommen zu ſehen. Das war ſchön und tüchtig von ihm, nicht wahr, Maria Feodorowna? 85 Die Augen Maria's glänzten jetzt halb erſchrocken, halb freudig zu ihrem Gemahl auf, und füllten ſich dann plötzlich mit einem Strom von Thränen, der bald rauſchend ihr ganzes Geſicht bedeckte. O, daß dieſe Erinnerungen auch in dem hohen Czaren noch wohnen! hauchte ſie jetzt mit leiſer zit⸗ ternder Stimme vor ſich nieder. Ihr ganzes Weſen ſchien tief in ſich zu erbeben, man wußte nicht zu ſagen, ob in Schmerz oder in Freude. Der Czar aber blickte ernſt und nachdenklich vor ſich hin. Er ſchien bereits wieder zu ganz anderen Betrachtungen bei ſich übergegangen, die am aller⸗ wenigſten ſein Verhältniß zu ſeiner Gemahlin Maria Feodorowna betrafen. Aber in anderer Art, ſagte er, geht mein Sinn nicht gerade darauf, Friedrich dem Großen gleichkommen zu wollen. Unter den preußiſchen Königen, die ich allerdings immer geliebt und verehrt habe, iſt es vielmehr ſein Vater Friedrich Wilhelm I., den ich mir zum Muſter genommen und den ich ſtudirt habe*), auch in der Art, wie man ſich auf dem Thron zu halten und wie man die Herrſchaft im Lande zu führen hat. Dieſer König beſaß eine Härte und Un⸗ „*. *) Masson, Mémoöires secrets. II. 3 86 beweglichkeit des Charakters, die ich in allen ſeinen Handlungen immer bewundert habe, und wozu ſich eine Liebe für die Soldaten geſellte, welche das ſtärkſte und leuchtendſte Diadem ſeiner Krone war. So war er ein gewaltiger ſtarker Herr, blos durch ſich ſelbſt, wie es wenige gegeben hat, und ich hoffe ihm, durch beſtändige Betrachtung ſeines Lebens, noch das Ge⸗ heimniß abzulernen, wie man, ohne ein ſogenannter großer Geiſt zu ſein,(was doch auch auf dem Thron viel Unangenehmes und Gefährliches hat) doch Herr ſeines Thrones, Wohlthäter ſeines Volkes und Landes und der Schrecken ſeiner Feinde ſein und bleiben kann. Und nun Adieu, Czarin! Ich hoffe Sie bald unten im Saal wiederzuſehen. Setzen Sie doch, ich bitte, ſogleich noch Ihren neugebogenen Hut auf, da⸗ mit ich ſogleich ſehen kann, wie er Ihnen ſtehen wird, und nicht zur unpaſſenden Zeit dadurch außer Faſſung gerathe. Der Befehl Eurer Majeſtät bleibt alſo unabän⸗ derlich? fragte die Czarin, die ſich offenbar in dieſem Angenblick wiederum getäuſcht ſah, denn ſie hatte, wie es ſchien, jedenfalls geglaubt, daß die Unterbrechung des harten und kränkenden Geſprächs durch die freund⸗ lichen Momente, welche die Ankleidung des Czaren 3 87 dazwiſchen geworfen, den heut ſo wilden Sinn des Czaren wieder in ſeine mildere und gerechtere Weiſe zurückgewandt haben werde, aber als ſie jetzt noch einmal einen tief forſchenden Blick auf den Czaren richtete, mußte ſie erkennen, wie ſehr ſie ſich abermals in demſelben geirrt habe. Paul ſah plötzlich wieder ſehr hart und grauſam aus und ſeine Blicke, mit welchen er die Czarin muſterte, hatten einen grim⸗ migen und feindlich trotzenden Ausdruck. Maria warf jetzt mit empfindlicher und ſtürmiſcher Eile ihren verſtümmelten Hut über den Kopf und ſagte dann, ohne den Czaren anzublicken oder ſich ihm noch zu zeigen, indem ſie der Thür zuſchwankte, mit gereizter und faſt wüthender Stimme: Es iſt wahr, ganz ſo würde es auch der preußiſche König Friedrich Wilhelm I. gemacht haben, denn dieſer Fürſt verſtand es auch nicht, ſich gegen die Damen als ein irgend gefälliger und galanter Herr zu betragen! Damit verließ die Czarin, in großer Aufregung forteilend, das Cabinet ihres Gemahls, indem ſie ſich ohne irgend einen Gruß oder Blick faſt trotzig von ihm trennte. Der Czar ſank auf ſein Kanapee, düſter und unruhig in ſich ſelbſt verſinkend.— —— 2. 5 „ IMI. Die Carin und ihre Kinder. Kaum war die Czarin, in der ſich ſeltſame und mächtig drängende Empfindungen zu bewegen ſchienen, in das Vorzimmer hinausgeſtürzt, als ſie dort ſogleich in die Mitte einer glänzenden Geſellſchaft von Herren und Damen hineingerieth, unter denen ſich auch einige Kinder befanden und die plötzlich alle mit einem ent⸗ zückten Jubelausruf die Czarin und in ihre Mitte hereinzogen. Maria Feodorowna ſah bald mit e Ueber⸗ raſchung, daß ſie ſich unter ihren Kindern befand, und ſie erinnerte ſich jetzt ſchnel der mit denſelben ge⸗ troffenen Uebereinkunft, wonach ſie die ei Prinzeſſinnen gerade um dieſe Stunde auf ihr mer beſtellt hatte, um mit ihnen Pn der 89 Soirée einige Arrangements und Gruppirungen zu beſprechen und einzuüben, welche heut Abend bei der Abſicht, den Czaren knieend zu begrüßen, und aus dem Schooße der Czaren⸗Familie heraus die Herr⸗ lichkeit ſeiner Herrſchaft in einer feſtlichen huldigenden Aufſtellung zu feiern, muſterhaft eingehalten und genau und ohne irgend einen Fehler dargeſtellt werden ſollten. An der Spitze dieſer anmuthigen und liebenswür⸗ digen Geſellſchaft, die ſich bereits in dem überaus feſtlichen und ſtrahlenden Geſellſchafts⸗-Anzuge des Abends darſtellte, befand ſich der älteſte Prinz der Czaren⸗Familie, der Großfürſt Alexander, der mit ſeinem edlen und feinen Anſtande zu der Czarin her⸗ angetreten war, um ſie in den ſchönſten Formen zu begrüßen und ihr zugleich die Meldung zu machen, daß ſie ſich ſämmtlich um die befohlene Stunde vor dem Zimmer der Czarin Mutter befunden, doß ſie dort ſogleich erfahren, wie die Czarin noch im Cabinet des Czaren verweile, und daß man recht zu thun ge⸗ glaubt, indem man der Czarin ſogleich nachzueilen ſich entſchloſſen, um ſie beim Czaren ſelbſt aufzuſuchen und, da die Zeit zum Beginn der Soirée ſchon ſo weit vorgerückt, dort ein entſcheidendes Wort von ihr zu empfangen. 90 Der Grofßfürſt Alexander, der ſich an der Spitze dieſes liebenswürdigen Zuges befand, war ſeiner Mutter jedesmal eine willkommene und ſie freudig aufregende Erſcheinung, und er begann auch in dieſem Augenblick, ſobald ſie ihn nur ſah, ſogleich einen wohlſtimmenden und angenehmen Eindruck auf ſie zu machen, der ſie faſt ſchon die eben erlebten übeln Vor⸗ gänge im Cabinet des Czaren wieder vergeſſen ließ. Aber in demſelben Augenblick wurde Maria Feo⸗ dorowna auch wieder auf eine ihr ſehr läſtig fallende Weiſe daran erinnert, was ihr beim Czaren begegnet war, denn die kleine Prinzeſſin Katharina, die ſich ebenfalls unter den ſie umringenden Mädchen befand, brach jetzt in ein lautes, übermüthig losbrechendes Gelächter aus, indem ſie unverwandt nach dem Kopfe der Czarin blickte und zuletzt mit den kleinen weißen Fingern nach dem ſeltſamen Hut hinzeigte, welchen die Czarin trug und der allerdings einen höchſt ſon⸗ derbaren, die Lachluſt beflügelnden Eindruck machen konnte. Die Czarin wurde ſich damit wieder ihres ganzen Begegniſſes bewußt, und ſie warf einen erzürnten, ſcheltenden Blick auf die kleine, kaum zehnjährige Prin⸗ zeſſin, die ſonſt wegen ihrer großen Schönheit und 91 Anmuth, durch welche ſie ſich auf eine wahrhaft glänzende Weiſe auszeichnete, den eigentlichen Liebling der Czarin in ihrer Familie bildete. Die Czarin nahm jetzt raſch den heut ſo übel be⸗ handelten Hut von ihrem Haupte ab, und betrachtete jetzt noch einmal die fürchterliche Entſtellung, die an ihm ausgeübt worden, mit einem ſchmerzlichen, in einem bitteren Ausdruck ihn überſchauenden Blick. Dann ſagte ſie, ſich zu dem Großfürſten Alexander wendend: Ich bitte Euch Alle, mich doch in meine Zimmer begleiten zu wollen, wo ich noch gern ein Wort mit Euch reden möchte, Ihr Guten! Es thut mir herzlich leid, daß Ihr mich zuvor nicht dort an⸗ getroffen habt, aber ich mußte ja bei dem Czaren ſein und der Czar hatte auch die Güte, mir ſelbſt zu be⸗ fehlen, wie ich heut Abend meinen Hut tragen ſollte. Nun kommt nur raſch, denn wir haben heut nicht mehr viel Zeit zu verlieren! Die Czarin legte jetzt ihren Arm in den des Großfürſten Alexander, um damit das Zeichen zur Weiterbewegung zu geben, während ihre letzten Worte genügt hatten, um die Aufmerkſamkeit der fünf jungen Prinzeſſinnen, welche den weiblichen Theil ihrer Fa⸗ milie bildeten, im höchſten Grade zu feſſeln und auf 92 den berührten Gegenſtand hinzulenken. Katharina hatte zwar aufgehört zu lachen, und betrachtete jetzt ſtill und mit einem bedeutenden Erſtaunen den an der Hand der Czarin ſchwebenden Hut, der zuerſt ihre ganze Munterkeit ſo ſtürmiſch aufgeregt hatte. Aber ihre andern Schweſtern, Alexandra, Helena, Maria und die kleine drollige, erſt einige Jahre alte Anna, begannen jetzt erſt über dieſen merkwürdigen Gegenſtand miteinander zu flüſtern und gingen ſo, eng ineinander ge⸗ fügt, hinter den beiden Brüdern Conſtantin und Nicolaus her, während die Mutter am Arm des Grofßfürſten nun eilig voranſchritt, um in kürzeſter Zeit die Zimmer der Czarin zu erreichen, wo ſie jetzt in trauter Ge⸗ meinſchaft mit ihren Kindern einige Augenblicke zu verweilen gedachte. Auf der ſchönen Stirn der Czarin glänzte die Freude, mit ihrem Sohn Alexander zu gehen und denſelben im friſchen Laufe innig an ſich zu drücken. Denn ein Zuſammenſein mit Alexander, den ſie leiden⸗ ſchaftlich liebte, hatte den größten Reiz für ſie, und ſie betrachtete ihn ſich jedesmal zuerſt mit den bangen Zweifeln, ob er auch noch ſo ſchön und liebenswürdig wie ſonſt ausſehe, und ob gewiſſe Züge und Aus⸗ no, and ge⸗ u nd en 93 vrücke in ſeinem Geſicht, die ſie über Alles liebte, ſich noch immer in derſelben Friſche forterhielten? Dies war beſonders ſeit ſeiner bereits vor fünf Jahren eingetretenen Verheirathung der Fall, wo ſich Alexander mit der Prinzeſſin von Baden vermählt hatte, die ſich mit einer großen beglückenden Neigung zu dem jungen Prinzen gefügt. Da ſich der Groß⸗ fürſt ſeit dieſer Vermählung beſtändig kränklich befand, ſo war die Czarin dadurch noch mehr in Unruhe ge⸗ rathen, und ſie konnte jeden Tag den Augenblick nicht erwarten, wo ſie den Sohn wiederſehen und in ſeinem Geſicht eine neue Nachricht über ſein Wohlbefinden leſen ſollte. Sie verweilte deshalb nicht gerade mit beſonderer Neigung auf dieſer Schwiegertochter, der Prinzeſſin Louiſe, und es erſchien ihr darum nicht gerade ſtörend, daß Loniſe ſich in der letzten Zeit ebenfalls fortdauernd tränklich befunden, weshalb auch bei der heutigen Abend⸗Soirée nicht auf ſie gerechnet war und ſie ſich auch nicht unter der jungen Geſell— ſchaft befand, die ſich, zu einer Rückſprache über die für die heutige Hofgeſellſchaft getroffene Verabredung, zur Czarin aufgemacht hatte.— Aber heut, hatte die Czarin ſchon entzückt und mit ſeligem Herzklopfen geſehen, war der Großfürſt 94 Alerander wieder ein Bild der ſchönſten und blühend⸗ ſten Geſundheit! Die einige Zeitlang ſo gedrückte und ſchlaff gewordene Figur des prächtigen Jünglings ragte heut wieder in ihrer ganzen elaſtiſchen Haltung und Friſche empor, und in dem vollendet ſchönen Ge⸗ ſicht, das ſo viel überraſchend ähnliche Züge mit ſeiner Mutter Maria darbot, waren wieder die ſchönſten und glücklichſten Farben aufgeblüht, was Maria in dieſem Augenblick mit feuriger Ueberraſchung bemerkte. Faſt wollte es der heut zu ſo großer Zufriedenheit geneigten Mutter ſcheinen, als wenn Alexander ſogar einen viel männlicheren und kühneren Ausdruck habe als ſie ſonſt an ihm zu bemerken gewohnt war, denn der Großfürſt hatte ſich ſtets zu einer großen Sanftmuth und beſcheiden gemeſſenen Haltung des Charakters geneigt und beſaß ſonſt gar keine Elemente dazu, um ein herzhaftes und entſchloſſenes Feuer in ſeinem ganzen Weſen auszuprägen. Aber heut fand die Czarin ihren erſten Sohn ſo ſchön, blühend und herr⸗ lich, wie ſie ihn noch nie geſehen zu haben glaubte, und faſt zärtlich flüſterte ſie ihm von der Seite zu: Alexander, Du gefällſt mir heut ſo ſehr! Und dies freut mich um ſo mehr, weil Du dann ſehr glücklich ſein mußt, denn Dein früherer Lehrer, der Oberſt 95 Der La Harpe, pflegte immer von Dir zu ſagen: Prinz Alexander ſieht jedesmal wohl und ſchön und kräftig aus, wenn er ſich vecht glücklich fühlt, und glücklich fühlt er ſich ſchon, wenn er auch nur ein gutes und intereſſantes Buch geleſen oder den Homer überſetzt, der Geiſt und Seele des Prinzen ganz und gar einnimmt. Alexander lächelte mit einem feinen ſinnigen Aus druck, obwohl zugleich mit einem aufſteigenden ſchmerz lichen Zug in ſeinem Geſicht, denn die Erinnerung an ſeinen geliebten Lehrer La Harpe überfiel ihn noch immer von Zeit zu Zeit mit der tiefſten Erſchütterung. Dieſer geiſtreiche Franzoſe hatte, ſobald die Heirath Alexanders vollzogen war, ſeinen Abſchied genommen, um Petersburg zu verlaſſen, hatte aber nur die Abſicht gehabt, ſich einer grauſaumen Kataſtrophe entziehen zu wollen, welche er von dem immer mehr ſich entflammenden Haß Pauls gegen die franzöſiſche Revolution und alle Franzoſen ſchon längſt zu erwarten gehabt. Die Czarin hatte in ihrer großen Freude den traurigen Eindruck nicht bemerkt, der ſich nach ihrer letzten Aeußerung über das Geſicht ihres Lieblings gezogen, ſie ſah ſich vielmehr in dieſem Augenblick 96 nach dem Prinzen Conſtantin um, der, den ganz klei⸗ nen Nicolaus an der Hand führend, unmittelbar hinter ihnen ging und ſich eben durch ein lautes heftiges Wort in ſeiner Weiſe bemerklich gemacht hatte. Die Czarin wollte jetzt auch ihren Sohn Conſtantin genauer betrachten, ob auch er, wie ſie es wünſchte, zur Zu⸗ friedenheit ausſähe und ſich in ſeinem ganzen Weſen der beſten Haltung erfreue. Der Prinz Conſtantin ſchritt aber gerade in der tollen und ungezogenen Manier einher, in der man ihn immer zu ſehen gewohnt war, und die ihn dann jedesmal ſo lebhaft beſchäftigte, daß er auch jetzt gar nicht bemerkt hatte, wie ſich die Czarin nach ihm um⸗ geſehen und ihn noch immer mit einem ſo freundlichen und gemüthlich herausfordernden Lächeln betrachtete. Prinz Conſtantin war in ſeinem ganzen Ausſehen nicht nur häßlich und unliebenswürdig, ſondern er ſcheuchte auch durch ſeine Alles übertrotzende Wildheit, die im ſchmählichſten und nichts weniger als feinen Stil auftrat, jede freundliche und ihm zugethane Be⸗ gegnung von ſich zurück. Er hatte durch die Toll⸗ heiten und Geſuchtheiten ſeines Weſens zugleich ſo viel Komik in ſich aufgenommen, daß man ihn kaum ohne eine ſolche Wirkung ſehen konnte und er dadurch lei⸗ es ie uer . u⸗ ſen um 1— 97 ſelbſt beim Volke eine Art von Beliebtheit davontrug, obwohl daſſelbe ihn keineswegs für einen Volksfreund hielt und in dieſem Sinne irgend eine Annäherung an ihn bezweckte. Er ſah auch jetzt im höchſten Grade komiſch aus, als ihn die Czarin in's Auge gefaßt, um ihn wieder einmal, wie ſie ſchon ſo oft verſucht, recht ernſtlich zu erforſchen. Denn Maria, obwohl der ſchärfſte Witz über Conſtantin einſt von ihr ausgegangen, konnte ihn doch niemals mit einiger Heiterkeit betrachten, ſondern es war immer eine trübe und ſchmerzliche Bangigkeit, welche ſich bei ſeinem Anblick ihrer bemächtigte. Einſt hatte ſie dieſen berühmt gewordenen Witz über den Prinzen gemacht, als Conſtantin, ſchon in ſeinem ſiebzehnten Jahre, wo ihn ſeine ſtürmiſche Natur bereits zu einer Ehe getrieben, die Heirath mit jener Prinzeſſin von Sachſen⸗Coburg geſchloſſen. Es ereignete ſich bei dieſer Gelegenheit der ſeltſame Vorfall, daß der junge Prinz die der Hochzeit folgende Nacht ſo merkwürdig abkürzte und ſchon um 4 Uhr Morgens aufſtand, um in den Hof ſeines Palaſtes hinunterzugehen und einen Trupp Soldaten, welche er dorthin beſtellt hatte, vor ſich exerciren zu laſſen. Es war dies das Detachement von Soldaten, welche — Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 7 ———— 98 ihm früher die Czarin Katharina geſchenkt, um den Enkel zu ergötzen und ſeinen militairiſchen Sinn zu bilden, aber Conſtantin war ſo wild und grauſam mit dieſen armen Soldaten umgegangen, daß er die Offi⸗ ziere beim Exerciren mit dem Stock hieb und den Gemeinen die Zähne entzweiſchlug. Damals waren ihm dieſe Soldaten wieder weggenommen worden und man hatte ſie ihm jetzt erſt als Hochzeitsgeſchenk von Neuem zu eigen gegeben, was ihn ohne Zweifel dazu trieb, dieſelben in ſeiner Hochzeitsnacht manveuvriren zu laſſen.„Ich weiß nicht,“— hatte damals Maria Feodorowna zu Paul geſagt—„ob dieſe Kriegsfurie einen guten General in ihm ankündigt, aber jedenfalls beweiſt ſie einen ſehr ſchlechten Ehemann, und das ſei Gott geklagt!“ Dieſe Aeußerung, über welche Paul damals meh⸗ rere Tage lang lachte, war der Czarin ſeitdem ganz wieder aus dem Gedächtniß geſchwunden und auch in dieſem Augenblick, wo ſie ihren zweiten Sohn mit ſolcher Genauigkeit betrachtete und würdigte, hatte ſie nur eine ernſte ſorgliche Theilnahme für ihn in ihrem Herzen, die aus ihren Augen mit einem wehmüthigen Glanz ſtrahlte. Jetzt war die ganze Geſellſchaft vor den Zimmern — F5* 99 ver Czarin angelangt, und Maria Feodorowna lud mit der liebenswürdigſten Freundlichteit ihre Kinder zum Eintreten bei ſich ein. In ihrem Wohngemach gruppirten ſich ſogleich Alle auf die anmuthigſte und zutraulichſte Weiſe auf verſchiedenen und Jedem paſ ſenden Plätzen um die Mutter, und die Kleinſten, na⸗ mentlich der Prinz Nicolaus und die Prinzeſſin Anna Paulowna, waren ſogar auf das Kanapee, auf dem die Czarin Platz genommen, hinaufgekrochen und hatten ſich einen ſchönen luſtigen Platz hinter dem Rücken der Czarin zu erwerben gewußt. Die beiden Kinder begannen bereits zu ſpielen und die Mutter fröhlich zu necken, was ſonſt ganz im Sinne der Czarin lag und von ihr ſehr gern geſehen und öfters auf das Lieb lichſte herausgefordert wurde, aber in dieſem Augen⸗ blick ſtand die Czarin plötzlich, mit einer ſehr ernſten, nachdrücklichen Gebärde auf, die beiden Kinder hinter ſich zurückſchiebend, und ſagte zu Allen: Ich muß Euch nun auch ſagen, daß ich den Plan, den ich für den heutigen Abend mit Euch hegte, jetzt vollſtändig wieder aufgegeben habe, und Ihr werdet darum Eurerſeits in der Soirée gar nichts zu thun haben, als Euch recht würdig und ſchön zu benehmen und unſerm gnädigſten Czaren, wo ſein Blick auf Euch 75 —.—————————— 100 fallen ſollte, recht gefällig und liebenswürdig ein ebenſo heiteres als ehrerbietiges Geſicht zu zeigen. Das wird dem Papa Czaren Vergnügen machen, aber unſere Abſicht, heut in einem feierlichen Auftreten vor ihm niederzuknieen und eine Scene der Begrüßung zu ſeinen Füßen auszuführen, wollen wir nun lieber dahingeſtellt ſein laſſen, denn ich glaube nicht, daß der Czar heut dazu geſtimmt ſein wird, dergleichen von uns freundlich und gnädig aufzunehmen. Ich war ſo eben bei dem hohen Czaren und habe ihn un⸗ gemein ernſt und mit den wichtigſten Dingen beſchäf⸗ tigt angetroffen. Wahrſcheinlich wird er noch heut ſehr große Beſchlüſſe faſſen und gefahrvolle Unter⸗ nehmungen einleiten wollen. Da wollen wir denn lieber ganz beſcheiden zurückbleiben, meine Kinder, wie es uns geziemt, und wollen uns nicht mit einer Hul— digung aufdrängen, die unſerm Herzen entſprang, die aber heut vor ſeinen nur in die Zukunft ſchauenden Blicken nicht richtig würde beſtehen können, und die nachgeholt werden ſoll, ſobald uns wieder unſer des Szaren immer bedürftiges Herz dazu treiben wird! Die jungen Prinzen und Prinzeſſinnen hatten dieſer Mittheilung der Czarin mit einem ſprachloſen Er— ſtaunen zugehört, das ſich jetzt auf die verſchieden⸗ nſo s ber ng ber daß hen 36 un⸗ häf⸗ heut ter enn wie die den 101 artigfte Weiſe zu äußern begann. Der Großfürſt Alexander war aufgeſtanden, um der Czarin mit ehr⸗ erbietiger Grazie die Hand zu küſſen, indem er ſich dann ſo vor ihr aufſtellte, als wenn er ſogleich um ſeine Entlaſſung bitten wollte. In ähnlicher Weiſe, obwohl nicht ſo freundlich und geſchickt, hatte es Prinz Conſtantin gemacht, der faſt ſchon im Begriff war, ſich auch ohne nachgeſuchte Erlaubniß aus dem Zimmer der Czarin zu entfernen. Inzwiſchen hatten aber die jungen Prinzeſſinnen jetzt untereinander ziemlich lebhaft und laut zu flüſtern begonnen, indem ſie ſich, eine nach der andern, dem Kanapee genähert, auf welches die Czarin beim Ein⸗ treten ihren Hut in einen Winkel geworfen hatte. Die Anführerin dabei war wieder die ſchöne kecke Prinzeſſin Katharina geweſen, die unmittelbar, nachdem die Czarin ihren Befehl kundgegeben, ſchon ihre glän⸗ zenden Augen ſehr bezeichnend auf jenen Hut in der Ecke hatte fallen laſſen und dadurch ſcharf genug die Richtung angegeben hatte, um die in der Luft ſchwebenden Be⸗ ſchwerden der Czarin gegen den Czaren zu verſtehen. Die Kinder ſchienen in dieſem Augenblicke mancher anderen Dinge eingedenk zu werden, die ſich ſonſt wohl in ähnlicher Art zwiſchen dem Czaren und der Czarin ereignet hatten, ——— ————————— 102 und da dies heut zugleich ein ſehr nachdrückliches und komiſches Bild lieferte, ſo hatten ſich viele fliegende Bemerkungen im Sinne der jungen Mädchen daran angeſchloſſen. Mit der liebreizenden Katharina wirkte dabei zuſammen die unvergleichlich ſchöne Alexandra, die unter den Töchtern Pauls und Maria's ſchon die größte und am vollſtändigſten ausgebildete war und deren feenhaft ſchöner Kopf in einem Kranz blonder Haare ſich reizend wiegte. Alexandra hatte beim An blick des ſo grauſam verſtümmelten Hutes, wozu Alle zuſammengetreten waren, jetzt ohne Zweifel einen ſehr wirkſamen Witz gemacht, denn durch Geiſt und gute Einfülle hatte ſich dieſe Prinzeſſin ſtets vor Allen ausgezeichnet, was auch auf ihrer heitern, genialen Stirn glänzend angedeutet lag. Aber Maria Feodorowna, die das Vorgehende leicht bemerkte, fühlte ſich doch dadurch in Verlegen heit geſetzt, und um die Scene zu ändern, entließ ſie jetzt ſogleich ihre acht Kinder, mit der Aufmunterung, ſich zum Wiederſehen jetzt ſogleich in den Sälen ein zufinden, da der Anfang der Hof⸗Soirée bevorſtehe. IV. Die Boirte im Winterpalaſt. Die glänzenden Geſellſchaftsſäle des Winterpalaſtes hatten ſich ſchon ſeit längerer Zeit gefüllt, und die zu der heutigen Soirée bevorzugten Perſonen aus allen Kreiſen der Petersburger Welt drängten ſich bereits in allen möglichen Geſtalten und Koſtümen durchein ander, aber die Geſellſchaft konnte noch immer nicht für eigentlich eröffnet gelten, da der Czar und die Czarin noch gezögert hatten zu erſcheinen und immer länger auf ſich harren ließen. Die Unterhaltung ſtockte jedoch dabei in den Czaren⸗Salons keineswegs, und die durch Rang, Geiſt und Stellung hervorragenden Perſonen, welche ſtets die Wortführer in der Hof⸗Soirée zu bilden pflegten, hatten Alles gethan, um eine lebendige Bewegung — ——— 104 unter den verſammelten, in ſteigender Unruhe und Ungeduld die Majeſtäten erwartenden Gäſten zu er⸗ halten. Es konnte nicht fehlen, daß ſich auch üble und unangenehme Gerüchte über das Ausbleiben des Czaren und der Czarin in den Sälen verbreiten woll⸗ ten, und zur Widerlegung derſelben ſah man jetzt beſonders den Fürſten Besborodko ſich anſchicken, der mit mehreren anderen Herren, unter denen man jetzt auch den Herrn von Raſtaptſchin und den Herrn Niéledinsky, den gegenwärtigen Secretair des Czaren Paul, erblickte, in ein ſich ſehr weit aus ſpinnendes Geſpräch über dieſe und ähnliche Dinge gerathen war. Bald hatten ſich auch der junge Graf Schouwalow und der jetzige Hofmarſchall Fürſt Bariatinsky zu dieſer Gruppe geſellt, die in der Nähe des großen Einganges, zu welchem der Czar und die Czarin ein⸗ zutreten pflegten, bei einander verweilte, und dieſe Angelegenheit nebſt vielen anderen Beziehungen des Tages zu einem ſehr lebhaften und eifrigen Geſpräch in ſich aufgenommen hatte. Meine Herren, ſagte Besborodko in ſeiner ver⸗ gnügten drolligen Laune, in welche ſich jedoch zugleich etwas miniſterieller Ernſt und ſteife ſtaatsmänniſche Würde hineinſetzten, meine Herren, es kann darüber voll⸗ jetzt der jetzt errn aren ndes war. alow z oßen ein⸗ dieſe des präch ver⸗ gleich niſche rüber 105 gar kein Zweifel obwalten, daß ſich der Czar und die Czarin nicht nur in beſter Geſundheit, ſondern auch in dem erfreulichſten und würdigſten Verhältniß zu einander befinden und bald zuſammen hier an dieſem Ort erſcheinen werden. Ich kann wahrhaftig auf meine Ehre verſichern, daß der Czar, ungefähr vor einer Viertelſtunde, als ich oben gerade vor ſeinem Cabinet vorüberging, aus demſelben heraustrat und mir zurief, er wolle ſich jetzt nur noch hinüber zur Czarin begeben, um ſie zur Soirée abzuholen und an ſeinem Arm hinunter in die Säle zu führen, wohin ich ihn dann auch auf der Stelle abgehen ſah⸗ Dort wird er ſich wohl noch in eine angenehme Plauderei mit der Czarin eingelaſſen haben, und wird nun gleich herunterkommen. Sie wiſſen Alle, wie gemüthlich ich mit unſerem hohen Czaren ſtehe und daß er mir des⸗ halb jene Nachricht nur der Wahrheit gemäß und aus lauterer Luſt der Mittheilung zugeflüſtert haben kann! Daraus geht nun auch unbeſtreitbar hervor, daß ſich der Czar und die Czarin heut durchaus nicht ver⸗ uneinigt haben können, wie es ſeit einigen Augenblicken auf ſo gehäſſige Weiſe ſich im Palais verbreiten will. Denn der Czar, den wir Alle als einen ſehr ſtrengen und folgerichtigen Herrn kennen, würde die Czarin — — ———— 106 nicht zur Soirée abholen gehen, wenn eine ſo ſchreck⸗ liche Veruneinigung wirklich ſtattgefunden hätte. Und i donc, meine Herren, wie könnte denn das über— haupt möglich ſein, da Czar und Czarin nur in dem liebenswürdigſten Verhältniß miteinander leben? Wer hat es wohl geſehen, daß ſie einander je maltraitirt haben, meine Herren? Das ſchlaue argliſtige Geſicht des Fürſten Baria tinsky blitzte bei dieſer kühnen Behauptung Besbo⸗ rodko's in einem ſcharf zuckenden Lächeln auf, mit welchem die kalt verwunderten Geſichter der übrigen Herren ſehr ſtark zu ſympathiſiren ſchienen. Jetzt aber trat der General von Raſtaptſchin, der ſeit Kurzem auch zu den erſten General⸗Adjutanten des Czaren gehörte, mit großem Geräuſch in die Mitte dieſer Gruppe vor und ſagte mit einer lauten, übermüthig polternden Stimme, indem ſich der übermüthigſte Hohn über ſein breites, ſchwarzes, pockennarbiges Geſicht herabzog: Klüger wollen und dürfen wir bei Leibe nicht ſein, als der erſte Miniſter Seiner Majeſtät des Czaren Paul, der Fürſt Besborodko! Aber wir werden doch wenigſtens ſo vernünftig ſein, zu wiſſen, daß wir am Hofe des Czaren Paul leben, beſonders wir alten Hof⸗Cameele, die wir ſchon die abenteuerliche blaßgelbe aria esbo mit rigen Jetz urzem zaren dieſer üthig Hohn eſicht Leibe t des erden ß wir alten ſgelbe 107 hänflingsſchmutzige Großfürſts⸗Wirthſchaft in Gatſchina und Paulowsky auf unſern Schultern tragen mußten. Schon damals mußten wir oft ſehr ſchlimme Wäſche waſchen und trocknen helfen, und ich ſelbſt, der alte Trabhengſt, der immer gute Knochen aber zuweilen ein böſes Maul hatte, mußte ſogar meinen ganzen Aufenthalt an eines dieſer infamen Neſter verwetten, denn Ihr wißt, daß ich in Paulowsky habe wohnen bleiben müſſen, obwohl der Czar ſehr gern meine Dienſte von mir annimmt und gewiſſe Dinge von Niemanden lieber beſorgen läßt als von mir. Aber wenn ich ſie gethan und mir die Zufriedenheit des hohen Herrn von Neuem erworben, muß ich ſogleich wieder aufpacken und jeden Abend nach meinem ſchwarzen räucherigen Paulowsky zurückkehren. Nur heut Abend hat mir der Czar wieder einmal die un menſchliche Ehre erweiſen wollen, in Petersburg bleiben zu dürfen, um dieſer großen Hof⸗Soirée beizuwohnen, und nun kommt Er wieder nicht, und iſt vielleicht für ſeine Perſon nach Paulowsky abgezogen, auf deſſen vertrackten Fluren ihn vielleicht wieder irgend ein Abenteuer lockt. Ich führe dies nur mit der größten Beſcheidenheit an, meine Herren, um zu beweiſen, welch ein infamer Strick ich bin, und wie man hier 108 immer fauler Geſchichten gewärtig ſein muß, ſo lange man in Paulowsky oder Petersburg oder überhaupt nur am ruſſiſchen Hofe zu Hauſe iſt! Raſtaptſchin ſchnitt jetzt ſo ſeltſame Geſichter, die furchterregt und furchterregend um ſich ſtarrten, daß Alle, die ihn umgaben, in ein lautes Gelächter aus⸗ brachen. Es ſchienen dadurch noch Andere zu dieſer Gruppe herbeigezogen zu werden, die ſich jetzt eilfertig näherten. Unter dieſen befand ſich auch der junge Graf Schouwalow, ein ſich immer in guter Laune be⸗ findender, liebenswürdiger Cavalier, der, nachdem er längere Zeit hindurch in Ungnade bei dem Czaren ge⸗ ſtanden, ſeit Kurzem wieder ſehr lebhaft in Gunſt ge⸗ treten war, und zuletzt ſeine Ernennung zum Major bei den berittenen Garden von Paul erhalten hatte. Der Czar war ihm ſeines immer anregenden Unter⸗ haltungstalentes und ſeiner glücklichen, oft ſehr ſchar⸗ fen Einfälle wegen ſeit Kurzem wieder ſo gewogen geworden, daß er ihm einen ſeiner eignen Anzüge ge⸗ ſchenkt hatte, um denſelben als Modell bei den berittenen Garde zu benutzen. Der junge Schouwalow hatte aber ungeachtet dieſer neuen Gnadenſtellung bei dem Czaren niemals aufgehört, ſeinen übermüthigen Ein⸗ fällen auch in Bezug auf ſeinen Herrn Gehör zu aus dieſer ifertig junge ne be⸗ em e en Re⸗ nſt ge⸗ Major hatte. Unter⸗ ſchar⸗ wogen ige ge ittenen hatte ei dem n Ein⸗ hör ſ 109 geben und fortwährend ſathriſche Bemerkungen über ihn und die ganze neue Zeit Rußlands zu führen. Ich wette, ſagte er jetzt, zu den Uebrigen heran tretend, mit einem ſtrahlenden Spott, der ſein männ lich ſchönes Geſicht bedeckte, daß der Czar noch mit ſeiner Toilette beſchäftigt iſt und darum ſo lange zö gert, unter ſeine nach ihm ſchmachtenden Verehrer und Unterthanen zu treten. Denn der Czar hat jetzt einen neuen Friſeur, der mit großem Eifer aber mit noch größerer Langſamkeit an ihm arbeitet und es bald un nöthig gemacht haben wird, daß der Czar neulich ver boten, ſich jemals wieder des Wortes kahlköpfig in unſerer Sprache zu bedienen. Da wir hoffen dürfen, daß unſer Czar bald kein Kahlkopf mehr ſein wird, ſo werden wir denn wohl ſeinen Kopf auch wieder auf den ruſſiſchen Münzen erblicken dürfen, die bisher in der neuen Prägung gar keinen Czarenkopf mehr auf ihren Flächen gekannt haben. Ich geſtehe, daß ich ſeitdem ein ordentlicher Feind des Geldes geworden bin und auch meine Schulden nicht mehr recht be zahlen kann, weil ich ein ſolches Geld gar nich“ mehr in die Hand nehmen mag, auf dem ſich nicht einmal ein Bildniß unſers regierenden Herrn befindet. Unſer Czar Paul hat ſich jetzt aber auch noch, zum Erſtaunen — — — 6 110 von ganz Europa, zum Großmeiſter des Maltheſer⸗ Ordens erklärt, und da muß er noch ſorgfältiger an ſich Toilette machen laſſen, denn bei dieſer neuen höchſt delicaten Stellung wird es ihm ſehr darauf ankommen müſſen, ſich den Kopf warm zu halten; er wird ſich dadurch jetzt auch noch den Türken zum Feinde machen, in demſelben Augenblick, in dem er dem türkiſchen Kaiſer Selim III. vertraulich die Hand ge⸗ reicht hat, zu einer Allianz, die einen Kampf des verbündeten Europa's gegen das revolutionnaire Frankreich heraufführen ſoll! Ich bewundere den Herrn Grafen Schouwalow, ſagte jetzt ein neben ihm ſtehender älterer Herr, der mit etwas präciöſer Haltung und Würde ſich dar⸗ ſtellte. Der Herr Graf kennt ganz vortrefflich die neueſten und friſcheſten Staatsgeheimniſſe des Czaren, von denen nur wir Anderen, die wir in den Acten arbeiten, ſchon einige Anſchauung beſitzen, obwohl nicht äußern zu dürfen glauben. Aber man kann ja in der verſchiedenſten Geſtalt Patriot ſein, wie man auch Vielen für kahlköpfig gelten kann, wenn man auch noch einen ganzen Wald von Haaren auf ſeinem Kopfe haben ſollte. In dieſer Beziehung glaube ich den Ukas Seiner Majeſtät kräftig und ſiegreich vertheidigen theſer er an neuen darauf en; er zum dem nd Re f des naire valow, 111 zu können, ich meine eben den Ukas, der den ferneren Gebrauch des Wortes tahlköpfig in allen ſeinen Abſtufungen und Anwendungen ſo ſtreng verboten hat. Denn die Auffaſſung der Menſchen iſt ihr eigentlich trügeriſcher und verderblicher Dämon in heutiger Zeit geworden, und alle Unruhen, namentlich aber die Revolution Frankreichs, ſind daraus entſtanden, daß die Menſchen ihre Auffaſſungen, die oft ſo ſeltſam und zufällig entſtehen, für die eigentliche Wahrheit halten und danach mit Gewalt verfahren zu müſſen glauben. Es kann immerhin eine ſehr künſtliche und verkehrte Beleuchtung dazu gehören, wenn man ſich in die Lage verſetzt glaubt, Jemanden für kahlköpfig erklären zu müſſen, der für den Vernünftigen vielleicht der ſtolzeſten und fröhlichſten Blüthe des Haupthaares ſich erfreut, und damit ſolche weitgreifenden Irrungen nicht entſtehen können, iſt es eine wahre Wohlthat für das Menſchengeſchlecht, wenn das Wort Kahlköpfig teit überhaupt zu gebrauchen verboten iſt. Die fran zöſiſche Revolution wäre vielleicht weder entſtanden noch fortgegangen, wenn es von Anfang an verboten geweſen, ſich des Sprache zu bedienen. In Rußland aber darf das Wort Kahlköpfigkeit um ſo weniger exiſtiren, als Wortes Freiheit auch in der — — 112 das Land eine Czarin beſitzt, welche mit einem reichen Feenkranz der ſchönſten Haare geziert iſt, deren hohe Fülle genügen würde, den Czaren ſelbſt und jeden Ruſſen mit himmliſchen Locken zu bedecken und eben darum das Wort kahlköpfig zu einem unmöglichen in dieſem glücklichen Lande zu machen! Der Mann, welcher unter dem höhniſchlächelnden Mienenſpiel der Anderen mit vieler Sicherheit und einem gewiſſen koſtbaren Weſen dieſe Bemerkungen zum Beſten gegeben hatte, war der Secretair des Czaren, Herr Niéledinsky, der in einer früheren Zeit Pauls Studiengefährte geweſen war und ſeit Kurzem ſeine Ernennung zum Privat⸗Secretair des Czaren erhalten hatte. Es hatten ſich an dieſe Ernennung manche Schwierigkeiten geknüpft, die nicht ganz leicht zu löſen waren, denn Nieéledinsky war ein ſehr frucht⸗ barer Dichter, aber der Czar, der ſeine Poeſieen durchaus nicht liebte und gar keinen Geſchmack an den Verſen des ſonſt von ihm ſehr geſchätzten und bevorzugten Mannes finden konnte, hatte ihn zu ſeinem Secretair nur in der beſtimmten Erwartung ange⸗ nommen, daß Niéledinsky mit ſeiner neuen wichtigen Amtsführung zugleich ſeiner Muſe den Hals brechen und ſeine langweiligen Verſe laufen laſſen werde. reichen nhohe jeden d eben glichen helnden it und kungen ir des en Zeit Hurzem Czaren ennung 3 leicht frucht⸗ oeſieen nack an en und ſeinem ange ichtige brechen de. Mein lieber guter Herr Niéledinsky, ſagte jetzt der Graf Schvuwalow, indem er ſich in ſeiner liebens⸗ würdigen aber immer etwas bedenklichen und leicht verletzenden Manier an den Secretair des Czaren wandte, ich muß Ihnen vor allen Dingen bemerken, daß Sie doch noch immer zu viel Poeſie und zu viel Anlagen von Gedichten in Ihren intereſſanten Reden durchſchlüpfen laſſen. Mein Gott, Sie kühner, hoch herziger Mann, Sie ſprechen von dem Feenkranz der ſchönen Haare der Czarin, und machen damit gleich wieder ein Gedicht, das zwar erſtaunlich ſchön und ſchwungvoll klingt, wie alle die kleinen parfumirten Blaſebälge der großen Niéledinsky'ſchen Muſe, aber Sie müſſen doch bedenken, Wertheſter, daß Sie damit ſogleich wieder ein Gedicht erzeugt haben, und daß unſer hoher Czar Paul lieber eine Schlacht an die Feinde verliert, als von einem Niéledinsky'ſchen Ge dichte hört, das er ſich eigentlich ausdrücklich verbeten und von dem er bekanntlich immer ſchwächenden Nachtſchweiß bekommt, worin er dann vierzehn Tage lang auf das Erbärmlichſte fiebert. Mein Würdigſter, ich freute mich unendlich, als Sie zuvor ſo liebens⸗ würdig und umſtändlich das Wort nahmen und ſchon glaubte ich wieder einmal die Sprache der neuen Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abtbl. III 8 114 Ukaſe, in deren Abfaſſung Niéledinsky ſo Vieles leiſtet, an mein dankbares Ohr ſchlagen zu hören, als plötz⸗ lich der„reiche Feenkranz der ſchönſten Haare“ über mir aufrauſchte und ich mich zu meinem wahren Ent⸗ ſetzen wieder auf poetiſchem Gebiet angekommen ſah. Ich hoffte etwa von einem neuen in der Geburt be⸗ griffenen Ukas zu erfahren, und hörte ein Niéledinsky' ſches Gedicht heranpuſten, das den Athem eines Bruſt⸗ kranken durch die Naſe zieht und ſich die Freiheit nimmt, ganz gottesjämmerlich zu ſchnüffeln und in ſeinem eigenen Schlamm zu erſticken. Mein lieber Niéledinsky, die Nation wird es Ihnen vergeben, daß Sie, ſein Privat⸗Secretair, der die neuen Ukaſe abfaßt, und der eine ſo verflucht ukäſerliche Sprache führen kann, noch in einen ſo rein dichteriſchen Rauſch über die Haare der göttlichen Czarin zu gerathen ver⸗ mögen. Ich bitte Sie dringend, ſuchen Sie ſich doch beſſer zu halten, mein theuerſter Niéledinsky, ſonſt muß Sie, beim barmherzigen Gott, der Teufel holen, und der neuen Ukaſen⸗Wirthſchaft ruſcht ihre Haupt⸗ Grundſäule unter dem verehrten Steiße fort. Der übermüthige Graf Schouwalow hatte dies mit allem Aufwand ſeiner humoriſtiſchen Mimik und ſeiner drollig koketten Ausdrucksweiſe geſprochen und leiſtet, über n Eut⸗ n ſah. urt be⸗ insty Bruſt⸗ reiheit ud in lieber rgebel, Ulaſe prache Rauſch nver⸗ h doch ſonſt holen, Haupt⸗ e dies ik und nund damit, wie immer, in dieſem Kreiſe einen ſchlagenden Effeet hervorgebracht. Selbſt Fürſt Besborodko konnte ſich nicht enthalten, zu lächeln, und während er ſonſt immer den Anſchein der Regierungswürde in den ſtrengſten und unzweideutigſten Formen aufrecht er⸗ hielt, trotz ſeiner das Burleske ungemein begünſtigen⸗ den Natur, ſo flog doch jetzt eine unüberwindliche Spottluſt über ſein Geſicht, der nur noch die Rede ausblieb, um ſich mit manchen pikanten Bemerkungen zum Beſten zu geben. Jetzt miſchte ſich noch ein Anderer der umher⸗ ſtehenden Herren in's Geſpräch, der bisher mit großer Gleichgültigkeit und Ruhe zugehört hatte. Es war Herr Pleſchtſchejeff, ein großer coloſſaler Mann von ungemein kaltem und würdigem Ausſehen, der ebenfalls in der Kanzlei des Czaren und in ſeinem täglich ihn umgebenden nächſten Geſellſchaftskreiſe eine Art von Rolle ſpielte, dabei aber zugleich ein erbitter⸗ ter Gegner des Herrn Niéledinsky zu ſein ſchien. Zugleich war er die eigentliche Creatur des Fürſten Besborodko unter den gegenwärtigen Hofverhältniſſen, und er wollte offenbar im Intereſſe des erſten Mi⸗ niſters ſprechen, indem er ſich jetzt mit einer ſehr höhniſchen und ganz rückſichtsloſen Gebärde zu Niéle⸗ —— 116 dinsky wandte und zu demſelben ſagte: Da fällt mir doch noch zu rechter Zeit eine Auskunft ein, deren ſich der Czar mit großem Erfolg gegen die, wie es ſcheint, von Neuem um ſich greifen wollende Muſenſucht un— ſers alten Freundes Niéledinsky bedienen könnte! Der Czar ſollte dem Herrn Poeten befehlen, daß er künftig nicht mehr blos in ruſſiſcher Sprache dichten dürfe, ſondern nur noch in einer fremden Sprache, nament— lich im Franzöſiſchen oder Engliſchen, ſeine Gedichte von ſich geben ſolle. Zur Beaufſichtigung der Ge⸗ dichte und Bücher in fremden Sprachen iſt jetzt ein beſonderes Cenſur⸗Collegium eingeſetzt worden, worüber ein neuer Ukas ſich unterwegs befindet, der, wie ich erfahren, ſchon in der vorigen Woche die Feder des Herrn Niéledinsky verlaſſen hatte. Wenn ſeine Ge— dichte dann dieſem Cenſur⸗Collegium verfallen müßten, ſo würden ſie niemals das Licht der Welt erblicken, und der Czar wäre auf dem Wege, ein zufriedener und wenig geärgerter Mann zu werden, ſo daß Freund Nieledinsky es ſchon aus Liebe zu ſeinem Czaren un ternehmen müßte, künftig in franzöſiſcher oder eng liſcher Sprache, in der ihn Niemand lieſt, zu dichten! Man erzählt uns freilich, daß binnen Kurzem eine noch viel härtere Maaßregel bevorſtehen dürfe und „ mir ſich heint, t un Der ünftig dürfe, ment dichte Ge ſt ein rüber ie ich r des Ge ißten, licken, dener reund nun eng chten! eine „ Und 117 daß der Czar im Begriff ſei, alle Druckereien in ſei⸗ nem Reich zu verbieten und aufhören zu machen, mit Ausnahme von dreien, die blos noch fortbeſtehen ſoll⸗ ten, um die Ukas des Czaren und die Kirchenbücher zu drucken.*) Dieſe Maaßregel wird hart ſein, aber wir würden ſie doch am Ende blos der Furcht vor den Nieledinsky'ſchen Gedichten zu danken haben. Die ſo perſönlich gewordene Unterhaltung dieſer hochgeſtellten Herren wurde jetzt unterbrochen, da Fürſt Besborodko ſich plötzlich ſehr raſch und ſtürmiſch aus der Gruppe entfernte, und die übrigen Herren zerſtreut wurden, indem ſie ſich bemühten, dem Für ſten nachzublicken und zu ſehen, wohin ſich derſelbe jetzt werde. Besborodko hatte ſich mit der Dringlichkeit, die ihn jetzt ergriffen, zu der erhöhten Galerie des Saa⸗ les begeben, auf welcher in einem feſtlichen und hoch⸗ geſchmückten Kreiſe die Damen ſaßen und wo Fräu⸗ lein Lapuchin, die eben in den Saal getreten war, jetzt in allem bezaubernden Glanz ihrer Erſcheinung ihren Platz genommen hatte. Besborodko hatte ſich mit der größten Gewandt⸗ *) Dieſer Ukas erſchien im Jahre 1799 aus der Kanzlei de Czaren Paul. — 118 heit dieſer ſchönen Dame genähert und wußte ſo ge⸗ ſchickt ihr Ohr zu gewinnen, daß er eine Unterhaltung mit ihr beginnen konnte, ohne von den Damen ihrer Umgebung gehört zu werden. Die Lapuchin ſah ihm mit einem neugierigen, lie— benswürdig verwunderten Blick entgegen, und ſtutzte jetzt, mit einem nachdenklichen Zug, der ſich befrem dend über ihre friſchen blühenden Wangen ſchlich, als Besborodko ſagte: Es haben ſich inzwiſchen einige Veränderungen zugetragen, welche die heutige Situa tion in einen ganz andern Lichtpunct gerückt haben, und von denen ich Ihnen doch im Voraus einige Nachrichten geben muß, da Sie der eigentliche Ge nius unſers Lebens geworden ſind, mein theuerſtes und allergnädigſtes Fräulein! Dies Alles, was ich Ihnen erzählen will, iſt erſt wenige Minuten alt, aber Sie werden es noch immer zur rechten Zeit erfahren, denn früher hätte es vielleicht unſern Haupt plan aufzukommen gehindert. Der Czar und die Czarin hatten ſich hart erzürnt, es war ſo weit ge— kommen, daß der Czar mit eigenen hohen Händen den neuen Hut der Czarin zu Schanden bog und ver ſtümmelte, der ihm durch ſeine modiſche Form ein großes Aergerniß bereitete. Der Czar verlangte außer⸗ altung ihrer n, lie⸗ ſtutze efrem h, als einige Situn haben, einige e Ge terſtes ich alt, Zeit aupt d die it ge⸗ änden ver nein ußer⸗ 119 dem noch, daß die Czarin in dieſem von ihm verun⸗ ſtalteten Hut heut Abend in der Hofſoirée erſcheinen ſolle, und mit dieſer ſchrecklichen Ausſicht trennte ſich die liebe Czarin von ihrem hohen Gemahl und Ge⸗ bieter. Die Czarin war aber doch von einem ge⸗ waltigen Aerger ergriffen worden, und ſie hatte gleich darauf eine Zuſammenkunft mit ihren Kindern, den Prinzen und Prinzeſſinnen, denen ſie die auf heut Abend angeſetzte Begrüßungsſcene vor dem Czaren abſagte, indem ſie ihnen ankündigte, daß das aufzu führende Knieſtück jetzt gänzlich auf ſich beruhen blei⸗ ben ſolle. Was aber geſchieht darauf? Der Czar bleibt noch einige Minuten ganz allein in ſeinem Ca binet zurück, da überkommt ihn der Geiſt der Finſter niß und Einſamkeit, dem er nie widerſtehen kann, mit einer den ganzen Mann erſchütternden Gewalt, der Czar bricht dann in ſich zuſammen und er pflegt in ſolchen Momenten Alles zu bereuen, was er kurz zu vor gethan, es mag nun Gutes oder Schlechtes, Ge⸗ rechtes oder Ungerechtes ſein. Er würde ſich dann in Augenblicken dieſer Art ſeinem Erbfeind auf Gnade oder Ungnade ergeben und vor einem Sklaven nieder⸗ knieen, um ihn wegen einer demſelben zuerkannten Strafe demüthig um Verzeihung zu bitten. Jetzt ——— ——— 120 erhebt er ſich aus dieſer qualvollen Stimmung, um zu der Czarin hinüberzueilen. So eben hat man mir von draußen berichtet, daß ihn die Czarin, wie immer, freundlich und liebenswürdig aufgenommen habe. Aber auch der Czar ſoll ſich plötzlich wieder wie ein Gentil homme zu ihr benommen haben. Er hat ihr den abſcheulichen Hut erlaſſen, in dem ſie erſt in die Soirée, herunterkommen ſollte, und hat ihr einen Auf⸗ ſatz angeboten, in dem ſie ihm ſtets gefallen habe und in dem er ſie an dem heutigen Abend wieder zu ſehen wünſche. Der Czar und die Czarin werden nun jetzt gleich miteinander herunterkommen und ſich als aus⸗ geſöhnte brave Eheleute in dem traulichſten Einver— ſtändniß darſtellen. Aber zugleich höre ich von dem Kammerdiener des Großfürſten Alexander, daß aus dem Knieſtück jetzt durchaus nichts werden ſoll. Die Czarin hat dieſen ganzen Plan jetzt definitiv aufge⸗ geben und nach ihrer jetzigen Verſöhnung mit dem Czaren nicht mehr in ihr heutiges Programm aufge⸗ nommen. Wir hätten uns alſo die ganze Wirthſchaft mit der Erhebung in den Fürſtenſtand heut noch ſparen können, mein verehrungswürdiges Fräulein Lapuchin, doch können Sie ſich darauf verlaſſen, daß die Sache jetzt zur Ausführung kommt und vollſtändig 9, Un n mir mmer, Aber Hentil den in die nAuf⸗ e und ſehen m jett s aus⸗ Einver⸗ n dem ß aus Die aufge⸗ t dem aufge hſchaft noch räulein n, deß ſtünti 121 geſchehen wird. Fräulein Lapuchin wird aber jetzt allein vor dem Czaren knieen müſſen, denn Colle⸗ ginnen wird ſie jetzt nicht mehr in dieſer Art der Huldigung für den Czaren haben. Die Lapuchin hatte dieſe kluggeſetzte Rede des Fürſten Besborodko mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit angehört. Die roſig blühenden Farben ihres leidenſchaftlich bewegten Geſichts hatten zuweilen an⸗ gefangen zu erblaſſen und in ein zweifelhaftes Licht ſich umzuſetzen. Zuweilen war ſogar ein heftiger, wüthender Ausdruck, der in einer ſchwarzgelben Farbe ſich ſchattirte, auf die zarten Wangen getreten, beſon⸗ ders als Besborodko davon er ihlte, daß der Czar und die Czarin ſich wieder n⸗päten und in zu einander ſich verhielten. Zu⸗ einem guten Einklang letzt war dieſe Stimmung, von welcher die ſchöne La⸗ puchin ganz und gar beherrſcht zu werden ſchien, in einem vollſtändig feindlichen und bittern Ausdruck an ihr hervorgetreten, und ihre Hand mit einem ſtarken Ingrimm gegen Besborodko ausſtreckend, ſagte ſie mit Wegwerfung: Es fällt mir jetzt gar nicht ein, vor dem Czaren niederknieen zu wollen. Ich werde das ganze läppiſche Poſſenſpiel weislich zu unterlaſſen wiſſen. Am liebſten 122 wäre es mir geweſen, wenn die ganze Fürſtenkomödie nicht hätte zur Aufführung zu kommen brauchen.— Aber mein armer Vater in Moskau, den ſie ſtark genug gequält haben, bedurfte es endlich, einen ſolchen Troſt von dem Czaren ſelbſt zu empfangen, und darum, lediglich darum mag es geſchehen. Mir ſelbſt iſt gar nichts daran gelegen, mein guter Fürſt. Und was kann mir überhaupt an einem Czaren gelegen ſein, der ſich mit ſeiner Frau verſöhnt hat und der nun in dem ſaubern, höchſt rechtmäßigen Eheglück ſehr rührend vor uns aufſtrahlen wird? Fürſt Besborodko wollte eben in ein lautes Ge⸗ lächter ausbrechen, indem er mit einem boshaften Lächeln die Dame betrachtete, als in demſelben Augen⸗ blick die in der Mitte des Saales befindliche Haupt⸗ thür, durch welche man ſchon lange den endlichen Ein⸗ tritt des Czaren erwartete, geräuſchvoll und mit einem ſtarken Schwung geöffnet wurde. Der Czar trat ein, an ſeinem Arme die Czarin führend, und unmittelbar hinter beiden folgten die ſämmtlichen Prinzen und Prinzeſſinnen des Czarenhauſes in einem hochfeſtlichen ſtrahlenden Putz, der die jungen liebenswürdigen Ge⸗ ſtalten auf die anmuthigſte Weiſe kleidete. Hinter dieſen war der ganze Hofſtaat erſchienen, der ſich in ni do mödie 1 ſtark olchen grum, ſt gar was ſein, mn in ihrend s Ge⸗ haften lugen⸗ aupt⸗ Ein⸗ einem t ein, telbar und tlichen nGe⸗ Hinter ſich in 123 den bedeutendſten und hochgeſtellteſten Perſönlichkeiten mit vielem Glanz und in einem feierlichen Aufzuge darſtellte. Wie Besborodko mit ſeinem ſpottenden und höh niſchen Geſicht unterwegs geblieben war, als er jetzt den Hof eintreten ſah und zu dem Garen mit einer vollendet einſtudirten Miene der hinſterbendſten Ehr erbietung und Hingebung ſich hinwandte, ſo waren auch dem Fräulein Lapuchin der Trotz und die Em⸗ pörung, die ſich noch ſpeben in ihren Augen und auf den vollen Lippen aufgeworfen, in dieſem Augenblick verflogen, und ſie blickte mit einer neuen, ſtrahlenden, unendlich verheißenden Heiterkeit zu Paul hinüber, der jetzt eben durch den Saal vorwärts geſchritten kam, und nachdem er die Czarin zu ihrem auf der Eſtrade ſtehenden Lehnſeſſel mit einer gewiſſen Feierlichkeit geleitet, ſich jetzt mit einer ungemein huldvollen und anſprechenden Miene durch die Geſellſchaft begab und Viele begrüßte, Viele angelegentlich anredete und fragte, Vielen ſchon durch die Beachtung, die er ihnen ſchenkte, das Herz löſte und ſogar jenen vornehmen Hofbeamten, die kurz zuvor in einer ſo bittern Ab⸗ wendung und Gleichgültigkeit von ihm geſprochen, ganz 124 andere Mienen der huldigendſten Hingebung auf ihr Antlitz zauberte. Paul mußte fühlen, daß ſeine Erſcheinung, obwohl er ſich niemals ganz über die Geſinnung ſeiner Hof⸗ geſellſchaft täuſchte, doch heut in dieſem Kreiſe ſehr vielen ihm zugewandten und an ihm hängenden Ge⸗ müthern begegnete, und daß er unter den Herren ſowohl wie unter den Damen dieſer Geſellſchaft ſehr viele aufrichtige Freunde zählte, welche ihn, trotz ſeines bizarren und abſtoßenden Auftretens in dem neuen, von ihm erſonnenen Koſtüme, von ganzem Herzen ehrten und alle ihre Hoffnungen auf ihn begründet zu haben ſchienen. Wenigſtens hatten die ihm widerſtre⸗ benden Geſichter alle ſich mit einem blitzenden Firniß bedeckt, der nur Huldigung für den Czaren abzuſpie⸗ geln ſchien. Die Czarin hatte inzwiſchen mit einer immer glän⸗ zender aufleuchtenden Heiterkeit ihren Platz eingenom⸗ men, und lächelte in ihrer ſinnigen Vertiefung, die zugleich Alles um ſich her mit ſcharfer und durch⸗ dringender Beobachtung auffaßte, den Damen ent⸗ gegen, die ſich ſogleich befliſſen gezeigt, der Czarin ihre Grüße darzubringen und ſie mit einer nach allen Seiten hinausgreifenden und anregenden Unterhaltung 125 uf ir zu umgeben. Maria Feodorowna machte übrigens auch durch die glänzende und geſchmackvolle Toilette, bnohl welche ſie angelegt und die ihre herrlichen Körper er hef formen ſo elaſtiſch umfloß, einen wunderbar anregen iſt ſehr den Eindruck auf die ganze Verſammlung, und man den Ge fand ihren Anblick beſonders jetzt, wo alle ihre Kin Herten der ſich um ſie her aufgeſtellt hatten, und mit ihren aft ſehr blühenden und friſchen Geſtalten um die Czarin ſich s ſeine gruppirten, von ſo hinreißender Schönheit, daß Maria, neuen, obwohl ſie ganz ſtill und unbefangen in ihrem Seſſel Herzen ruhte, eine große Wirkung weithin durch alle Kreiſe indet zu der Geſellſchaft verbreitete. Auch ihr Aufſatz, den iderſtre ſie ſtatt des runden Hutes über ihre Locken gelegt, Fimiß ſchmückte ſie ſtrahlend und anmuthig zugleich, und bzuſpie ſchloß den Eindruck der ganzen Geſtalt in leuchtenden Edelgeſteinen und Diamanten ab, deren Lichter das r glän⸗ ſchöne Haupt umflammten- genom⸗ Der Czar hatte inzwiſchen, unter Begleitung ſeines ng, die Adjutanten und des Fürſten Besborodko, einen kleinen durch⸗ Spaziergang durch den Saal unternommen, und war nent⸗ auf demſelben in mehrere freilich ſchnell vorüber Gznin gehende Unterhaltungen mit Herren und Damen ein h allen getreten, die ihm gerade irgend eine angenehme oder altng bemerkenswerthe Veranlaſſung darboten. Jetzt, auf ——————— 126 dem Rückwege durch den Saal, indem er ſich nach allen Seiten hin prüfend und aufmerkſam umſchaute, war er ſich plötzlich mit den Blicken der Lapuchin be⸗ gegnet, die auf eine ihm ſeltſam auffallende Weiſe gerade aufrecht und faſt bewegungslos auf ihrem Platze ſtehen geblieben war, obwohl ſie ihm jetzt mit einer heimlichen Andeutung ihrer Augen einen Gruß zuzuwinken ſchien. Aber auch dieſe Art des Grußes hatte nichts freundlich Anregendes und Beruhigendes für den Czaren, ſie zeigte ihm vielmehr ein innerlich verletztes und grollendes Weſen an, das ihn bedeutend befremdete, und wie es ſchien, zu beunruhigen anfing. Er beeilte ſich von dieſem Augenblick an ſichtlich, den ferneren Weg durch den Saal raſcher zurückzulegen, und faſt mit einem Sprung war er jetzt bei der Galerie angelangt und hatte neben der Czarin ſeinen Platz eingenommen. Man ſah es jetzt dem Czaren an, daß er der ganzen Geſellſchaft wieder einmal eine Mittheilung zu machen habe, denn Paul hatte ſeinen Hof daran gewöhnt, bei ſolchen ſocialen und feſtlichen Veran⸗ ſtaltungen auch allerlei Nachrichten von ihm zu em⸗ pfangen, die zum Theil in das ernſte Gebiet der ſtrengen Politik hineingehörten, oder auch eine Ver⸗ ſch nach ſchaute, chin be⸗ Weiſe ihrem etzt mit Guß Grußes igendes nerlich deutend zulegen, ei der ſeinen 127 anlaſſung hatten, welche der Czar, indem er die Mit⸗ theilung davon in Perſon in die Hand nahm, auf die wirkſamſte oder vorſichtigſte Weiſe der ihm nahe⸗ ſtehenden Geſellſchaft vorführen wollte. Der Czar hatte dieſe Gewohnheit um ſo lieber angenommen, weil es ihm gefiel, nachher über dieſen oder jenen Act der Regierung, den er damit ankün⸗ digte oder vorbereiten wollte, mit einer Perſon der Geſellſchaft, die ſich gerade dazu bequem oder vor theilhaft erwies, in eine Unterhaltung einzutreten und dadurch einen neuen, leichten und zufülligen Verkehr für die Staatsberathung zu eröffnen, wo dann Jeder ſagen konnte, was er wollte, und viel freier und un⸗ gefährdeter in ſeinen Aeußerungen war, als wenn er mit dem Czaren in der Miniſterſitzung ſich befunden hätte, in der doch oft der Willensernſt des Herrn von Rußland gewaltig und unbezähmbar herausſchlug. In der Geſellſchaft fühlte ſich der Czar gefügiger und leichter, die Zuſtimmung derſelben that ihm wohl und erheiterte ihn, und oft formte er, nach den in der Geſellſchaft vernommenen Aeußerungen, Dinge um, die er ſchon in der entſchiedenſten Abgeſchloſſen⸗ heit angekündigt hatte, und die er jetzt für nothwen⸗ dig hielt, zu mäßigen oder in einer milderen Form — 128 zu faſſen, je nachdem die Wirkung geweſen war, mit der ſeine Abſichten und Entſchlüſſe auf die Geſell ſchaft gefallen waren. Jetzt ſchien der Czar aber nur mit einer leichteren Sache vortreten zu wollen. Nachdem er die Geſell⸗ ſchaft noch kurze Zeit mit aufmerkſamen und prüfen— den Blicken durchflogen, begann er folgendermaßen zu ſprechen: Es iſt die größte Freude für den Czaren, wenn er Gelegenheit erhält, einen Theil der Würde, die er in ſich ſelbſt trägt, auf Diejenigen ausfließen laſſen zu können, die ſich als ſeine Getreuen immer dar zu erkennen gegeben haben, und die ſeit langer Zeit her mit ausgezeichneten Dienſten und Vorzügen ihm zur Seite geſtanden. Ein ſo verdienter Mann um mich iſt der General Lapuchin in Moskau, der bei der neuen Umgeſtaltung der ruſſiſchen Armee mir Außerordentliches leiſtete, und ſogar Manches, dem ich noch nicht ſo vertrauensvoll mich hinzugeben wagte, mit einer Sicherheit, Genauigkeit und Präciſion in's Leben rief, daß es ſogleich exiſtenzfähig war und mich im höchſten Grade überraſchte. Dieſer treffliche Mann hat den großen Vorzug, daß er dem Geiſte des Cza⸗ ren ebenſo nahe ſteht und verwandt iſt, als dem Herzen des Volkes, und daß er den Czaren ausführt * —— 2 2— ar, mit Geſell ichteren Geſell⸗ prüfen aßen zu Czaren, Würde, sfließen immer langer Mann orzügen m, der nee mir 8, dem wagte on ins d mich Mann es Cze⸗ öführt * 129 indem er die ganze Luſt des Volkes dabei zu benutzen verſteht, und Das, worauf es ankommt, zu einer den Czaren mit dem Volke vereinigenden Schöpfung macht. Dieſen Mann bin ich jetzt gewillt, in den Fürſten⸗ ſtand zu erheben, ihn und ſeine ganze Nachkommen⸗ ſchaft, mit allen ſeinen nächſten ihm zur Seite ſtehen⸗ den Verwandten, und er wird dieſer Ehre ſogleich theilhaftig werden, denn ich habe ſoeben den Prinzen Kourakin nach Moskau abgeſandt, um dieſe Standes⸗ erhöhung meinem theuern General zu verkünden und ihn deshalb feierlichſt zu beglückwünſchen. Dies ſoll noch eine beſondere Annehmlichkeit für Lapuchin ausdrücken, denn Prinz Kourakin war, wie ich erſt jetzt erfahren, meines Generals geworden, ten Quälereien und ein ſchlimmer Gegner und bereitete demſelben die größ Schwierigkeiten. Er ſoll darum ſelbſt hingehen, um ihm dieſe hohe Werthſchätzung des Czaren in die Heldenhand zu drücken. Auch ſoll Kourakin, wie ich hier noch gleich im Vorübergehen bemerken kann, in Moskau bleiben, denn er verläßt mit dem heutigen Tage gänzlich meine Dienſte, in denen ich eines Man⸗ nes, der ganz und gar nicht mehr mit mir überein⸗ ſtimmt, überdrüſſig geworden bin. Ich entlaſſe den Prinzen Kourakin in Ungnade, und werde einen An⸗ Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. IMI. 9 130 deren für die Stelle des Kanzlers von Rußland ernennen! Der Czar hielt inne und begegnete zuerſt den Blicken der neben ihm ſitzenden Czarin, auf deren Antlitz ſich eine große und keineswegs angenehme Ueberraſchung und Verwirrung malte, und die dann in nicht mehr verhehlter Unzufriedenheit ſtreng vor ſich niederblickte. Ein ungeheurer Eindruck ſchien in⸗ deſſen von dieſen Benachrichtigungen des Czaren durch den ganzen Saal zu gehen, und es entſtand eine Be⸗ wegung, welche beſonders der angekündigten Dienſt⸗ entlaſſung des Prinzen Kourakin angehörte. Besbo⸗ rodko und ſeine Anhänger ſchienen eine heftige Freude, die ihnen darüber entſtanden war, kaum vor einer lauten Kundgebung bewahren zu können. Andere drückten darüber Erſtaunen und Mißvergnügen in nicht ſehr zurückgehaltenen Mienen aus. Auch die bisher nicht geahnte Erhebung der Familie Lapuchin in den Fürſtenſtand hatte große Aufmerkſamkeit und viele geheime Verwunderung in der Hofſoirée des Winterpalaſtes erregt. Doch kam man über dieſen Eindruck ſogleich hinweg, da Kourakin eine faſt aus⸗ ſchließliche Theilnahme in Anſpruch nahm. Gabriele Lapuchin war in derſelben Stellung, in der man ſie ußland ſt den deren enehme dan ig vor en in⸗ durch e Be⸗ Dienſt⸗ Besbo⸗ Andere en in ch die puchin tund des 131 zuvor geſehen, unbewegt ſtehen geblieben. Sie hatte ſich weder bewegt noch in ihrem ganzen Ausdruck verändert, obwohl die auch ihr zu Theil gewordene Rangerhöhung doch eine große Befriedigung über ihr ganzes Weſen zu verbreiten ſchien. Aber zu einem Ausdruck ihres perſönlichen Dankes gegen den Czaren hielt ſie ſich an dieſer Stelle um ſo weniger für zugelaſſen, da ſie ſehr gut fühlte, daß die auf⸗ geregte Stimmung, von der jetzt die ganze Geſellſchaft durchzittert wurde, weit über ihre Perſon hinwegging und ſehr umfaſſend ausgriff. In dieſem Augenblick wurde aber die Aufmerk⸗ ſamkeit der Geſellſchaft auf ganz andere Weiſe in Anſpruch genommen. Die große Hauptthür des Saals hatte ſich mit einigem Geräuſch geöffnet, und man ſah den Staatsrath Koutaitzow, an deſſen Arm ſich ein alter Herr befand, den man ſeit langer Zeit nicht im Hofkreiſe erblickt und überhaupt in Petersburg aus dem Geſicht verloren hatte, mit einer ſehr an⸗ ſpruchsvollen und gewichtigen Bewegung hereintreten. In dem Begleiter Koutaitzow's erkannte man ſofort den alten Helden Souwarow, der in ſeiner gewohnten wunderlichen Manier, die man noch nicht vergeſſen hatte, hereingeſchritten kam, und ohne ſich um etwas —————— 1 132 Anderes zu bekümmern, ſich ſogleich zu dem Czaren wandte und in demſelben Augenblick, wo er deſſen anſichtig geworden war, mit einem ſtreng militai⸗ riſchen Compliment vor ihn hintrat. Paul ſchien ſelbſt einen Augenblick erſchrocken und unangenehm bewegt, als er den alten Marſchall in dieſer ſtarren und trotzigen Haltung, welche durch den Gruß gegen den Czaren nicht freundlicher gewor⸗ den war, ſo nahe vor ſich ſtehen ſah und er nickte ihm zögernd und langſam zu, wurde aber heiterer und zutraulicher, je länger er das ſeltſame, ſchreckliche Bild, mit den wilden finſtern Augen und dem immer ſchäumenden ſchrecklichen Mund, betrachtete. Souwarow ſchien es nicht der Mühe für werth erachtet zu haben, ſich zu dieſem Beſuch bei dem Czaren, zu dem er ſo plötzlich und unerwartet abge⸗ holt worden war, in ein höheres militairiſches Koſtüm zu kleiden, oder nur etwas Anderes, einer hofmänni⸗ ſchen Uniform Aehnliches, anzulegen. Er hatte da⸗ mals ſogleich, nachdem ihn der Czar ſeiner Thätigkeit entſetzt, die Marſchalls-Uniform abgelegt, und nicht wieder angezogen, und war ſeitdem in ſeinem Hauſe, das er kaum wieder verlaſſen, nur in einer Art von militairiſchem Hauskleide gegangen, das ziemlich der m Czaren er deſſen gnmilitai rocken und arſchall in ſche durch er gewor er nickte r heiteret ſchrekliche em immer für werth bei den rtet abge es Koſtüm hofmini 133 Tracht eines gemeinen Koſacken gleich und in dem die frazzenhafte Häßlichkeit und Ungeſtaltetheit ſeines Weſens noch ſchärfer hervorſtach. Beſonders ſein pockennarbiges, mit den tiefſten und ſchwärzeſten Run⸗ zeln bedecktes Geſicht ragte aus dieſer ſchmierigen, halb zerlumpten und nichts weniger als anſtändigen Kleidung mit einem wahrhaft ſchrecklichen Ausdruck hervor, und man ſchien ſich im ganzen Saal zu wun⸗ dern, daß der Czar dieſen Eindruck ſo raſch vergeſſen, und ſich nun bereits mit freundlichem Entgegenkom⸗ men und einer faſt herzlich dargebotenen Hand ihm zuwandte. Ich freue mich, den Marſchall Souwarow wieder vor mir zu ſehen! begann Paul jetzt mit einer ſanften, vertraulichen Stimme, welche dem Marſchall mit allem ihrem Klang die Rücktehr der ihm verloren gegangenen Gnade verkündete. Ich bedauere nur, daß Ew. Majeſtät gerade um die Abendſtunde befohlen haben! ſagte Souwarow, ſeinen Kopf ſtolz zurückwerfend, mit einer übermüthi⸗ gen, unangenehmen Stimme. Man weiß, daß ich ſchon am frühen Abend mich in mein Bett zu legen pflege, denn um zwei Uhr in der Nacht ſtehe ich jetzt ſchon auf und mache meinen Morgen. Und da kommt 134 dieſer wie ein Zaunkönig heranhüpfende Staatsrath Koutaitzow und meldet mir ganz dringlich, daß mich der Czar hier im Winterpalais zur Stunde erwarte und mich einlade, hierher zu ihm zu kommen. Wenn ich es hätte genau nehmen wollen, ſo würde ich 3 meinen Rock ausgezogen und mich in mein Bett ge⸗ legt haben, denn ich hatte ja ſchon längſt keinen Czaren mehr, um deſſen Gnade ich nicht ſchlafen könnte, und deſſen Befehle noch zu mir in mein Bett eindringen wollten. Aber ich werde doch ewig ein guter Ruſſe bleiben, wenn mir der Czar auch meinen Marſchallſtab über dem Kopf entzweigebrochen hätte. Und wahrhaftig, als guter Ruſſe komme ich, wenn ich auch einen noch ſchlechteren Rock angehabt hätte, als dieſer hier iſt, den ich, ſeitdem mir der Czar Commando und Regiment genommen, zu meiner Pracht— . uniform gemacht habe! Souwarow fing bei dieſen Worten an, ein rohes aber herzhaft raſſelndes Gelächter auszuſtoßen, das auf den Czaren einen ſehr angenehmen Eindruck zu machen ſchien, und ihn plötzlich in eine heitere, faſt luſtige Stimmung verſetzte.. Mein Gott, Souwarow, rief er aus, Ihr ſeid doch nicht etwa der Meinung, daß wir auseinander⸗ erwarte Venn irde ich Bett ge⸗ keinen ſchlafen in Bett wig ein meinen n hätte. F wenn t hätte, Pracht⸗ rohes n, das ruck 3u re, foſt hr ſeid nonder“ 135 gekommen ſind? Wenn ich Euch auch Commando und Regiment nehmen mußte(denn Ihr benahmt Euch damals nicht, wie ein guter Diener ſeines Czaren ſich benehmen muß), ſo ſeid Ihr doch noch immer der Marſchall Souwarow, und Ihr ſeid das Kleinod der ruſſiſchen Nation geblieben, auf das auch ich fortwährend Anſpruch zu haben glaube. Nicht wahr, Ihr ſeid doch noch immer der Souwarow, auf den jeder gute Ruſſe ſtolz iſt, und zu dem man immer wieder zurückkehren muß, ſo lange noch ein ganzes großes Rußland auf ſeinen Beinen ſteht? Der Czar war jetzt lebendig und feurig von ſei nem Seſſel aufgeſprungen und machte zwei Schritte hinunter, ſo daß er jetzt gerade neben Souwarow ſtand, und faſt im Begriff ſchien, denſelben in ſeine Arme zu ſchließen. Ja, ich bin der Souwarow! ich bin der Souwa⸗ row! ſchrie jetzt der alte Marſchall, mit einer hellen, trompetenden Stimme, indem er ſich mit einer komi⸗ ſchen Gebärde mit ſeiner eigenen Hand ein Mundſtück vor die Lippen ſetzte. Zugleich begann er mit dem einen Fuß zu ſpringen und zu tanzen, was eine in ſeiner Gewohnheit liegende Bewegung war, die er bei jeder Gelegenheit mit vielem Effect auszuführen wußte. 36 Der Czar, der ihn mit immer ſteigendem Wohl— gefallen anblickte, ſagte mit einem äußerſt gutmüthigen Ton: Einem Souwarow, dem unaufhörlich Starken, wird es doch nicht ſchaden können, wenn er auch ein⸗ mal etwas verſpätet zu Bett geht. Meinetwegen mag er ſonſt immer um 6 Uhr Abends ſich ſchlafen legen, aber wenn es einmal darauf ankommt, um dieſe Zeit ſich zu einer großen Schlacht zu verabreden, ſo wird der Czar gewiß den Marſchall Souwarow dazu auffordern dürfen. Nicht wahr, mein lieber Marſchall Souwarow, das darf der Czar? Warum nennen mich Ew. Majeſtät denn ſo plötz⸗ lich wieder den Marſchall Souwarow? fragte Sou⸗ warow jetzt mit einer komiſch gedehnten Stimme, in⸗ dem er den Czaren ſpöttiſch blinzelnd anſah und dann über ſeinen Finger in die Luft blies. Ihr habt ja niemals aufgehört, der wahre Mar⸗ ſchall Rußlands und des Czaren zu ſein! erwiederte Paul mit einer Emphaſe, die feierlich genug klang. Ich war in meiner Eitelkeit von Euch verletzt, und darum mußte ich Euch einige Zeit von mir entfernen. Die Eitelkeit iſt nicht der ſchlechteſte Theil, an dem ein Herrſcher leiden kann. Aber ich bin jetzt wieder geſund, und weil ich geſund bin, kann ich auch einen WVehl— nüthigen Starken, uch ein⸗ ſetwegen ſchlafen mt, un breden, warob lieber ſo plöt⸗ te Sol⸗ me, il⸗ d dann e Mar⸗ klang⸗ t, und tfernen⸗ an den wied h einen 137 Marſchall Souwarow nicht mehr bei mir entbehren. Ihr müßt wieder zu mir kommen, Marſchall, und müßt den goldenen Marſchallsſtab wieder in die Hand nehmen, welchen Euch der herrliche Tag brachte, wo Ihr uns Warſchau einnahmt! Es ſind noch andere Warſchau's für Euch übrig geblieben, und das War⸗ ſchau, das Eurer bedarf, wird heutzutage Frankreich geheißen. Souwarow ſchien freudig zu erſchrecken und eine zitternde Bewegung durchlief ſeinen ganzen Körper. Die ungeſchickte und häßliche Geſtalt des Marſchalls gewann in dieſem Augenblick eine Erhebung, die einen ſeltenen, faſt verſchönenden Glanz über ihn verbreitete, und auf ſeinem von Pocken und Einſchnitten aller Art zerfreſſenen, dem frazzenhafteſten Affen gleichenden Geſicht ſtand eine feine, faſt liebenswürdig zu nennende Röthe. Ja, der Tag bei Warſ lich ein entſetzlicher Tag! rief Souwarow jetzt mit einer ſtürmiſch in ihm erwachenden Luſt, indem er einen Augenblick lang ſeinen Kopf ſenkte und ſich in ſeine Erinnerungen zu verlieren ſchien. Dieſer nie zu vergeſſende Tag brachte mir den goldenen Mar⸗ ſchallsſtab ein, und fügte noch einen Eichenkranz von chau war ein ſchöner, eigent⸗ . ß Diamanten hinzu. Das ſind Ehren, die ſich zugleich tief in das Herz einſchreiben und den Soldaten zu einem gewaltigen Menſchen machen, in deſſen Schwert die Entſcheidung aller Länder und Völker ruht! Aber, Czar, ich bitte zu bedenken, daß es doch vuch ein glück liches Leben war, in welches mich Ihre Ungnade ver ſetzte. Lebte ich nicht in dieſer Zeit faſt immer auf meinem Landgute Kantſchansk und hatte in meiner Einſamkeit keine anderen Arbeiten, als mit dem Acker⸗ bau und mit dem Wohl meiner Bauern mich zu be⸗ ſchäftigen. Das iſt auch kein Hundedreck, auf dieſe Art zu leben und das Behagen der ganzen Schöpfung in ſich zu ſchlucken. Czar, ich war auf meinem Dorfe der wahre Teufelskerl geworden, Alles, was geſchah, machte ich, ich läutete ſogar mit allem Fleiß zur Kirche, ich ſtiftete Frieden, gab Rath, ſchloß die Ehen, ver⸗ mittelte die Ehezwiſte, und wenn ich keinen geſcheidten Einfall mehr haben konnte und meine Worte nicht mehr ausreichten, ſo ließ ich meinen erſten Miniſter, den Kantſchuh, arbeiten, und verrichtete damit oft die höchſten Wunder der Staatsweisheit! Ja, ja, Czar, ſo glücklich war ich doch in dieſer ſchlimmen Zeit ge⸗ worden, und oft lag ich auch den ganzen Tag auf dem Sopha, in Büchern und Landkarten vergraben, und h zugleich ldaten zu Schwert ht! Aber, ein glück nade ver mmer auf nmeiner em Acker ch zu be auf dieſe chöpfung em Dorfe geſchah, r Kirche, e, ber ſcheidten rte nicht Miniſter, t ft di a, Gar, Zeit ge auf den en, und ſtand nicht eher wieder auf, als bis ſich die Nacht gerade am heftigſten mit der Sonne zankte und ich hinaus mußte in den Wald und auf Feld und Flur, um dort die Sonne zu erwarten und ſie in dieſem Kampf den Sieg feiern zu ſehen! Nur einen großen Aerger hatte ich auf meinem Lande, Czar, und hört nur! Es begann mich zu verdrießen, daß der Bona parte in Italien und in Tyrol ſo unübertreffliche Feldzüge machte, und ich lag gerade auf meinem Sopha unter meinen Büchern und Landkarten, als mir im April des Jahres 1797 die Zeitung die Nach richt brachte, wie Bonaparte durch Kärnthen und Steyermark auf Wien losdrang.„Ein Teufelsjunge das!“ rief ich damals.„Er ſollte mein Sohn ſein, Bonaparte, der Sohn Souwarows. Aber das geht ja nicht. Er dringt zu weit, man muß ihn aufhalten!“ So, lieber Czar, freute und grämte ich mich um die Wette auf meiner Landeinſamkeit in dem Kreiſe Bo rowizk im Gouvernement Nowgorod. Aber nun mag der Teufel ſogleich wieder einen Marſchall gegen die Franzoſen ſpielen! Der Kaiſer hatte dem Marſchall mit der geſpann teſten Aufmerkſamkeit zugehört. Dann ſagte er, ſelt ſam lächelnd: Ich ſympathiſire mit Euch, Souwaraw, 140 in Allem, was Ihr über den Bonaparte geſagt habt. Man iſt beſtändig in Zweifel über dieſen Mann, und indem man ihn bewundert, möchte man ihn nieder⸗ werfen und umgekehrt. Ihr habt gewünſcht, daß der Bonaparte Euer Sohn ſein möchte, und ich ebenſo, daß er mein General ſein möchte. Wir würden ihm dann das Ziel weggenommen haben, für das er kämpft und das ihn und ſeine Sache bald gänzlich zu Grunde gerichtet haben wird. Aber ſagt mir, Souwarow, was haltet Ihr denn eigentlich von den Franzoſen, für welche der Bonaparte zu kämpfen ſcheint, obwohl er doch nur für ſich ſelbſt und gegen die Franzoſen kämpft, gegen die ich auch jetzt den Marſchall Sou⸗ warow kämpfen ſehen will. Ah, die verwünſchten Franzoſen! rief Souvarow jetzt, indem er am ganzen Leibe heftig zu zittern be⸗ gann und eine fürchterliche Wuth in ſeinen Gliedern tobte. Ich kenne keine ſchmählichere Leidenſchaft in mir, als meinen Haß gegen die Franzoſen, der mich immer zu einem wahren Teufel macht vom Kopf bis zur Zehe, und an dem ich eine Zeitlang hinzuſterben glaubte wie ein blödes Vieh! Schon auf dem polni⸗ ſchen Feldzuge, wenn ich an die große Czarin Katha⸗ rina ſchrieb, beſchloß ich jeden meiner Briefe mit den 141 Worten:„Mutter, laß mich gegen die Fran agt habt. ann, und zoſen marſchiren!“ Und befand ich mich nicht ſchon in Gallizien, an der Spitze von 40,000 Mann, als n nieder⸗ in demſelben Augenblick die Nachricht zu mir kam, daß der h ebenſo, daß der Tod unſere Czarin getroffen habe? Und wer will mich nun gegen die Franzoſen marſchiren laſſen, en ihm gegen die ich doch einmal marſchiren muß? Es iſt er linſt mein lieber Czar Paul, dem ich immerdar folge, dem Grunde ich ſchon in's Hundeloch gefolgt bin und dem ich jetzt tow, was auch gegen die Franzoſen folge, wohin er mich immer ſen, für ſenden wird. Die Mutter iſt todt, aber der Sohn bwohl er lebt, und der Sohn läßt den alten Souwarow wieder Frunpoſen marſchiren! Majeſtät, ich bin jetzt achtundſechzig Jahre all Sor⸗ alt geworden, und da iſt es Zeit, daß ich meine beſte und letzte Arbeit thue! ouvaro Mein guter tapferer Marſchall, ſagte Paul mit ittern be⸗ blitzenden Augen, indem er ſeine Hand auf Souwarow's 6 Gliedern Schulter legte. Ich bin froh, daß ich meinen Mar—⸗ haft in ſchall Souwarow wieder habe. Aber wir wollen unſere der mich Sache nun auch recht glänzend machen. Mit 40,000 gopf bis Mann fangen wir diesmal gar nicht an. Ich beſtimme uſterben 70,000 Mann, Souwarow, mit denen ich Euch diesmal m poln⸗ nach Deutſchland und Italien abſenden werde. Du Katho⸗ wirſt alſo einen weiten Weg anzutreten haben, mein .———.—— 142 alter Marſchall, um gegen Deine Feinde in den rechten Kampf zu kommen. Die Franzoſen haben jetzt die Revolution über Deutſchland, die Schweiz und Italien wie ein zum Himmel ſtinkendes Waſſer ausgegoſſen, und in dieſer immer breiter gewordenen Pfütze wollen ſie ſich als große Kriegshelden zeigen, die überall mit Sieg und Eroberung angezogen kommen und ſich bald als Herren der Welt gebärden möchten, da ſie die Schande der Revolution an ihre Kriegsfahnen geheftet haben! Ja, ſo ſoll es ſein, Souwarow! Und nun zieht mir nur gleich, wenn Ihr jetzt nach Hauſe kommt, die Marſchalls⸗Uniform wieder an, für die wir im Laufe des neuen Krieges ſchon noch ein beſſeres und glänzenderes Erſatzſtück finden werden, und gewiß recht bald, mein Souwarow, gewiß recht bald! Ja, rief Souwarow jetzt lebhaft und luſtig, indem ein gewaltiger Glanz aus ſeinen Augen ſtrömte, ich werde heut noch die herrliche Marſchalls⸗Uniform wieder anziehen, welche mir damals, nach meiner Ein⸗ nahme von Warſchau, die große Czarin in das Tau⸗ riſche Palais ſandte, in welchem ſie mich damals in Petersburg hatte abſteigen laſſen. Ach, dieſe Uniform iſt ſchön, ich küßte ſie in jener Zeit tauſendmal, als ich ſie empfing, und machte die Zeichen des heiligen 143 n rechten Kreuzes darüber, und dann liebkoſte ich dieſe Mar⸗ jetzt die ſchalls⸗Uniform wieder und machte ihr tauſend luſtige d Rtlien Grimaſſen, wie ich ſie nur immer zu ſchneiden ver⸗ ſtehe. Damals, als Ew. Majeſtät mich aus dem activen Dienſt entließen, hing ich dieſe Marſchalls⸗ Uniform an der Pyramide von Trommeln und Pauken auf, die ich vor der Linie errichten ließ, um an dieſer Stelle Abſchied von meinen alten Waffengefährten zu gegoſſen, ze wollen etall mit ſich bald ſie die geheftet nehmen. Ich hielt meinen Soldaten hier eine feier⸗ Und mn liche Rede, in der ich Abſchied von ihnen nahm bis auf Wiederſehen, zeigend auf meine an der Pyramide von mir aufgehangene Uniform, die ich in den Händen der Armee zurücklaſſen wollte, bis ich einſt zu ihr zu⸗ rücktehren dürfte, nach einer neuen Ordre des Czaren Paul! Dieſe Ordre iſt jetzt da, und die Armee ſoll mir noch heut Nacht meine Uniform wieder heraus⸗ rücken, damit ich wie ein anſtändiger Kerl, wenn ich e komnt, wir im eres und wiß recht S nte, ich 8 ibh gegen die Franzoſen losmarſchire, von Ew. Majeſtät Unifor 6n Abſchied nehmen kann. Und die Armee wird das ner Ein⸗* gern thun, Czar, ich kann es Euch verſichern! is Tal⸗ Paul ſchien den Marſchall mit einem wahren Ent⸗ zücken zu betrachten. Es wird einen heilſamen Ein⸗ ufm fluß auf die ganze Armee üben, daß der Feldmarſchall Souwarow wieder zu ihr zurückgekehrt iſt! ſagte der mals in 144 Czar dann mit einer innig ſich ausdrückenden Bewun⸗ derung. Ich weiß es, es iſt Euere Perſon, Marſchall, an welcher meine Soldaten ſo herzlich und unveränder⸗ lich hängen, und wenn mich nicht die große Nothwen⸗ digkeit bewogen hätte, mich Euerer als Geißel zur Züchtigung der Franzoſen zu bedienen, ſo hätte mich leicht das immer ſtärker anſchwellende Gemurmel der Soldaten, die Euch wiederhaben wollten, dazu nöthi— gen können. Ihr wißt, ich habe mich viel mit der Reform der ruſſiſchen Armee beſchäftigt, und es war das nicht immer gerade zu Euerem Labſal geſchehen, Souwarow! Und ich geſtehe es Euch heut: ein ſolcher Mann, wie Ihr, ein wahrer Krieger und Heros, zu dem die ganze Armee das ungeheuerſte Vertrauen hat, iſt mehr werth als jede Reform, in einem ſolchen Mann liegt eine Reformkraft, die Alles vermag, namentlich aber den Sieg über den Feind! Ich werde Ew. Majeſtät zu Füßen fallen, und die Franzoſen ſchlagen!*) antwortete Souwarow jetzt mit einer ſtürmiſchen feierlichen Stimme, indem er ſich tief vor dem Czaren verneigte und faſt im Begriff ſchien, ſich in dieſem Augenblick auf ſeine Kniee nie— *) Wörtliche Aeußerung Souwarows bei dieſer Gelegenheit. Hormayr, Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. III. 97. en Bewun Marſchall, nveränder Nothwen⸗ Geißel zur hätte mich nurmel der az nöthi el. mit der nd es war geſchehen, ein ſolcher Heros, zu trauen hat, em ſolchen 5 vermag, allen, und varow jetz dem er ſich im Begif Knier ni⸗ grltgerheit III. 97. 145 derzulaſſen, was aber Paul dadurch eilig verhinderte, daß er den alten Marſchall raſch in ſeine Arme ſchloß und ihn kräftig an ſein Herz drückte, ein an dem Pe tersburger Hofe ſo ſeltenes Begegniß, daß ein gewal⸗ tiges Erſtaunen ſich durch den ganzen Saal verbreitete. So iſt denn Alles heut recht ſchön, mein lieber Souwarow! ſagte Paul und zog jetzt ein Ordenskreuz aus ſeiner Taſche, das er ſchon für dieſen Augenblick halten zu haben ſchien. Es war das Johan bereit ge Souwarow mit einer ſichtlichen Ge nitergroßkreuz, das nugthuung aus den Händen des Czaren empfing und das ihn in eine überaus luſtige Stimmung zu ver ſetzen ſchien. Ich fühle mich heut ordentlich wieder jung, lieber was mich jetzt ärgern Czar, und wüßte kaum noch, Heut würde ich kann! rief Souwarow frohlockend. wenn ich plötzlich wieder einen mich ſogar freuen, Czarin Katharina Sohn hätte, wie damals, wo es die durchaus wollte, daß das garſtige Büblein, welches ſie mir in einer Wiege zuſenden ließ, mein leibeigener Sohn wäre, und da ſie es wollte, ſagte ich ſchlechtweg ja, obwohl ich nicht das Geringſte davon wußte und mit meiner Frau ſeit längerer Zeit im Unfrieden lebte. Das iſt bekannt, mein guter Marſchall, entgegnete Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. 111. 10 146 ihm der Czar, und wir hoffen nun lieber bald Etwas von Euch zu erfahren, das wir noch nie gehört haben. Ihr verſteht mich wohl, es iſt ein ungeheurer Sieg über die Franzoſen, den ich von dem Marſchall Sou⸗ warow binnen Kurzem hören möchte. Damit hatte Paul den Marſchall in der Erzählung ſeiner Lieblingsgeſchichte unterbrochen, die er ſtets und bei allen Gelegenheiten vorzutragen pflegte und bei der geſtört zu werden ihn auch in dieſem Augenblick, wo es ſich um ſo große Dinge für ihn handelte, zu einem ſehr verſtimmten und verſtörten Geſicht brachte. Ihr werdet nun morgen zuerſt die Reiſe nach Wien unternehmen, mein theurer Marſchall, begann jetzt der Czar wieder, indem er durch einen Schlag auf die Schulter den Marſchall von Neuem zu ſich ſelbſt erweckte. Der Wiener Hof wird Euch ſehr gnädig empfangen, denn er wird Euren hohen Kriegs⸗ ruhm ehren und ſchätzen, und zugleich wird es ihm willkommen ſein, daß ein großer General nach Oeſter⸗ reich kommt, der in der Frömmigkeitswirthſchaft ſo gut zu Hauſe und ſo eifrig iſt, wie der Marſchall Souwarow. Ihr werdet in Wien zugleich als mein bevollmächtigter Vertreter erſcheinen, um unſern Krieg nach der Schweiz und nach Italien zu führen, und d Etwas rt haben. er Sieg all Sou⸗ tzühlung tets und und bei genblic, elte, z brachte. iſe nuch „began Schlag uch ſehr Kriegs⸗ es ihm Oeſter⸗ chaft ſo larſchall s mein 147 damit ſegne Euch Gott, der Rußland liebt und ſeinen Czaren ſchützt. Und ſo lebt wohl, mein Souwarow, auf glückliches Wiederſehen! Der Czar warf dabei einen ſehr bezeichnenden Blick auf ſeinen Staatsrath Koutaitzow, der immer ganz nahe hinter Souwarow ſtehen geblieben war, und deu⸗ tete ihm damit an, daß es jetzt darauf ankommen werde, den Marſchall, der ſonſt nie zur rechten Zeit ſich zu entfernen wußte, auf eine für denſelben über⸗ zeugende Weiſe hinweg zu führen. Koutaitzow faßte daher jetzt mit Entſchloſſenheit den Arm Souwarows, und nachdem er demſelben zugeflüſtert, daß man jetzt Abſchied von dem Czaren nehmen müſſe, und nachdem Souwarow ſich mit einer nochmaligen tiefen und höchſt ceremoniellen, wiewohl mit ſeinem komiſchen und bouf⸗ fonartigen Ausdruck gemiſchten Verbeugung vom Czaren beurlaubt hatte, war er von Koutaitzow ſchnell ſo ge— faßt und gedreht worden, daß er ſich auf der Stelle in Bewegung geſetzt ſah und mit dieſem geſchickten Begleiter ſofort die Thür des Saales gewonnen hatte. Nach dem merkwürdigen Vorgang, der mit Sou⸗ warows Entfernung ſich entſchieden hatte, war die auf⸗ geregte Stimmung in der Geſellſchaft ſogleich mit einer überlauten Unterhaltung eingefallen, und ohne * 148 die Perſon des Czaren weiter zu beachten, ſprach man ſich einen Augenblick lang mit gewaltig hervortretendem Erſtaunen, und einem ſtürmiſchen Ausdruck der Ein⸗ fälle und Meinungen, über das eben Vorgefallene aus. In dieſem heftig aufſchäumenden Geräuſch hatte man den Czaren auf einige Augenblicke faſt aus dem Geſicht verloren. Er ſtand neben der Czarin, zu der er ſich hinuntergebeugt hatte, und mit der er gleich nach dem Abgange Souwarows in eine andauernde Unterredung eingetreten zu ſein ſchien, die ihn unauf⸗ merkſam gegen alles Uebrige machte. Die Czarin ſah ſehr ernſthaft und nachdenklich vor ſich nieder und ſchien dem Czaren nicht ſehr dankbar zu ſein für die freundlichen Fragen und Bemerkungen, welche er ſpeben an ſie gerichtet hatte. Die Verſtim⸗ mung, welche ſich der Czarin ſchon heut gegen Abend bemächtigt hatte, ſchien in dieſem Augenblick wieder mit einer faſt herben Gewalt bei ihr zurückgekehrt. Alles, was ſie während der Soirée vernommen, hatte darauf unwiderſtehlich bei ihr hingedrängt. Es war dies vor Allem der nunmehr ganz beſtimmt beſchloſſene Krieg gegen Frankreich, die ziedereinſtellung Souwa⸗ rows in die Armee und die Verſöhnung Souwarows mit dem Czaren geweſen, woran Maria Feodorowna ch man etendem er Ein ene aus. ch hatte us dem zu der r gleich auernde unauf klich vor dankbal rkungel, Verſtim⸗ n Abend wieder gekehrt n, hatte Es war chloſſen Souwa warows dorowno 149 lebhaften Anſtoß genommen und was ſie faſt mit einer unheimlichen Bangigkeit erfüllte. Souwarow war ihr ſtets eine unangenehme Perſon geweſen und ſie hatte ihn ſchon in ſeiner Eigenſchaft als Liebling und enthu⸗ ſiaſtiſchen Freund Katharina's gefürchtet, um ſo mehr, da Souwarow in ſeinem tollen Uebermuth niemals die geringſte Rückſicht gegen ſie einhielt und es ihm wirk⸗ lich gelungen war, auf ihren vielumdüſterten Pfad noch manche böſe Wolke zu ſchieben. Dann ging es der Czarin doch ſehr nahe, daß, offenbar im genaueſten Zuſammenhange mit dieſen Veränderungen, Prinz Kourakin die Entſetzung von ſeiner ſo einflußreichen und wirkſamen Stellung erfahren und ſie dadurch einen Freund verloren hatte, der ſie ſo oft getröſtet und geſtärkt und der die Zügel der Regierung ſtets in einem auch ihr zuſtrebenden und verſtändlichen Geiſte zu lenken geſtrebt. Und die jetzt unaufhörlich zu ihr hinüberdringenden Blicke der Lapuchin trugen nicht minder dazu bei, das Gemüth der Czarin zu erregen und zu ſtacheln und ihr den unangenehmſten Aerger fühlbar zu machen. Die Lapuchin war, ſeit⸗ dem ihre Standeserhöhung von dem Czaren ausge⸗ ſprochen worden, ganz ohne irgend ein Zeichen der Bewegung auf demſelben Platz ſtehen geblieben und 150 am wenigſten ſchien ihre Dankbarkeit gegen den Czaren dadurch erregt worden zu ſein. Sie verharrte vielmehr an derſelben Stelle, in einer Haltung, die immer über müthiger und ſtolzer geworden war, und die ſchon faſt auf die neuerlangte fürſtliche Würde mit einer trotzigen Ueberhebung gegen Alle ſich zu ſtützen ſchien. Beſon⸗ ders aber war die herausfordernde, höhniſche Miene, welche ſie fortwährend zu der Czarin hinüberrichtete, derſelben jetzt ungemein läſtig geworden. Maria konnte dieſe ſo künſtlich gemachte und ihr dabei muthwillig entgegentrotzende Hoheit nicht länger vor ihren Augen ertragen, ſie ſprang jetzt eiligſt von ihrem Seſſel empor und ſchien nur den einen Wunſch zu haben, ſich aus dem Saal entfernen zu dürfen. Der Czar war über dieſe plötzliche Bewegung erſchrocken, und zugleich entſetzte ihn das ſterbensbleich gewordene Ge ſicht der Czarin, welche in der Aufregung und Beküm⸗ merniß, von der ſie ergriffen worden, faſt zu vergehen ſchien, und nur mit unendlicher Mattigkeit taumelnd und ſchwankend ſich noch auf ihren Füßen erhielt. Der Czar hatte ihr jetzt ſeinen Arm geboten und führte ſie mit einer beſondern Sorgfalt, indem er ſie zu ſtützen und aufrecht zu erhalten bemüht war, zum Saal hinaus. Draußen, in der veränderten kühleren Czaren elmehr über on fuſt rotzigen Beſon — Miene, ichtete, konnte thwillig Augen Seſſel haben, et Czu n, und en Ge ergehen id umeln ielt. ten und ner ſe m, zum tühleren 151 Luft und entfernt von der Geſellſchaft und den unan⸗ genehmen und peinlichen Erinnerungen derſelben, hatte ſich auch Maria Feodorowna ſogleich wieder beſſer befunden, und ſie lehnte, ſtärker und leichter athmend, mit einem gewiſſen herzlichen Vertrauen, das ihr ſo gleich zum Czaren wiederkehrte, ihren Arm in den ſeinen. Der Czar hatte noch geſchwiegen und betrachtete nur von Zeit zu Zeit mit einem ängſtlichen und be ſorgten Seufzer das leidende und ſchmerzlich durch drungene Weſen der Czarin. Dann ſagte er ganz leiſe zu ihr, indem er ſie mit feſter Obhut ſicher weiter führte: Die Luft erſchien auch mir nicht be ſonders gut in der heutigen Hofſoirée. Es war ſchwül und häßlich dort. Davon hat ſich unſere Czarin ſo ſchlecht befunden. Ich möchte ihr nun gern einen ſie ausſöhnenden Gefallen thun, und Maria Feodorowna würde mich wahrlich zu Dank verbinden, wenn ſie mir eine kleine Andeutung machen wollte, was in Ihren Wünſchen ſteht? Die Czarin zuckte heftig zuſammen und ihr Arm flog wie mit einer durchdringenden Gewalt aus dem Arm des Czaren hinweg. Aber ſie faßte ſich ſogleich wieder und ſchob ihren Arm mit verdoppelter Feſtig⸗ 152 keit an die Seite des Czaren zurück. Nur eine kleine brennend rothe Stelle der Erregung blieb auf einer jeden der blaſſen Wangen ganz regelmäßig und abge⸗ zirkelt haften. Die Czarin möge mich mit aufmerkſamer Güte ahhören, fuhr Paul jetzt mit einem ſehr ruhigen und vorſichtigen Ausdruck fort. Ich wünſchte gern die Jahreseinkünfte der Czarin zu erhöhen. Es iſt mir ſchon aufgefallen, daß es doch eine gar zu geringe Summe iſt, über welche die Czarin für Ihre Privat⸗ ausgaben zu verfügen hat. Ich bitte, künftig die Summe von 800,000 Rubeln jährlich für dieſe Zwecke einziehen zu wollen, wenn es genehm fällt. Die kleinen rothen Flecke auf den bleichen Wan⸗ gen der Czarin hatten ſich jetzt plötzlich weiter aus⸗ gedehnt, und die Wangen brannten jetzt ganz und gar in einem glühenden Roth, das ſich fieberhaft und leidenſchaftlich auf denſelben ausgedehnt hatte. Aber ſie ſchien zugleich in ein nicht zu brechendes Schwei— gen verſunken und ſchritt, ohne eine Sylbe über die Lippen führen zu können, ſtill und lautlos an ſeiner Seite weiter. Und noch eine andere Bitte habe ich, Czarin, fuhr er, nach einer ſinnenden Pauſe, mit einem ungemein 153 ernſten und ehrlichen Ausdruck ſeines Geſichtes fort. Ich habe jetzt ein Kloſter für junge Mädchen hier 4 in meiner Hauptſtadt errichten laſſen, und ich werde mir jetzt erlauben, die Czarin zur Priorin dieſes Kloſters zu ernennen. Dies wird ihr neue Beſchäfti⸗ gungen geben, die würdig ihres Herzens und ihres ne kleine uf einer d abge⸗ er Güte igen und Geſchlechtes ſind. Die Czarin war jetzt vor der Eingangsthür zu ihren Gemächern angelangt. Sie ſtand ſtill und 3 machte eine ſchweigende Gebärde gegen ihn, um ſich von ihm trennen zu dürfen. Aber auf ihrem Geſicht ſtand jetzt ein herrliches Lächeln, in dem die Czarin nunmehr alle ihre Leiden überwunden zu haben ſchien. Sie ſah den Czaren wunderbar und innig an, und zugleich traf ihn ein Ausdruck von ſtrenger Würde und Hoheit, wodurch er an ſeiner Abſicht, mit ihr gern die iſt nir geringe e Prvat⸗ inftig die ſe Zwece en Wan⸗ iter aus⸗ und gun u 3 60b einzutreten, verhindert zu werden ſchien. Auch auf ber ſeine beiden Bitten hatte der Czar keine Antwort t empfangen, die er beſtimmt deuten konnte. S iber die an ſeiner grin, fuhr ungemen 3 Sechstes Buch. Des Czaren Tod. Alexandrinr. Czar Panl hatte in der letzten Zeit, wo ihn ſtets ₰ unruhige Gedanken und ſchwere Geſchäfte, beſonders mit den in der Ferne ſpielenden Kriegsereigniſſen, gequält, durchaus keinen Augenblick gefunden, wo er ſich ſeinen Kindern mit der vertraulichen Zärtlichkeit, die er immer in ſo hohem Grade für ſie gehegt, hätte nähern können. Um ſo größere Aufmerkſamkeit er regte es im ganzen Palaſt, daß der Czar heut die junge Prinzeſſin Alexandra um eine beſtimmte Zeit zu ſich hatte entbieten laſſen, indem er ihr befohlen, in dieſer frühen Vormittagsſtunde zu ihm zu kommen. Da dies noch niemals vorgekommen war, ſo hatte auch Alexandra nur mit einem leiſen Beben in ihrem Herzen ſich dazu angeſchickt, ihrem Vater dieſen ihr 158 völlig räthſelhaften Beſuch abzuſtatten. Mit einer tiefen Bläſſe auf den reizenden Wangen, faſt zitternd und ſchwankend, war ſie jetzt vor den Czaren in ſei nem Cabinet hingetreten; da er ihr aber mit einem ſo freundlichen und ſie bevorzugenden Blick entgegen gekommen war, und ſie ſogleich bei der Hand ergriff, um ſie mit großer Innigkeit neben ſich auf einen Seſſel zu ziehen, was eine um ſo bedeutendere und glücklichere Veränderung ſeines Weſens gerade in dieſer Zeit war, die ihn faſt nur trübe und ärger lich geſtimmt geſehen, ſo glaubte ſich Alexandra ſchon mit mehr Vertrauen und Zuverſicht ihrem Vater nähern zu dürfen. Paul hatte dieſe ſeine Lieblingstochter wohl ſeit einigen Wochen nicht geſehen, und es ſchien ihm eine große Freude zu machen, daß ihn Alexandra wieder ſo nahe umgab und er ſie in ihrer ganzen Schönheit und allem ihrem Reiz wieder einmal vor ſich erblicken konnte. Alexandra war ohne Zweifel die ſchönſte und liebenswürdigſte unter den Töchtern Paul's, und es ſchien ſich beſonders heut ihr ganzes reizvolles Weſen von Neuem erhoben und gekräftigt zu zeigen, denn Alexandra war ſeit dem unglücklichen Jahre, wo ihre beabſichtigte Ehe mit dem jungen König von Schwe 159 den auf eine ſo ſchmerzliche und kränkende Weiſe für ſie auseinander gegangen war, faſt immer leidend und traurig geweſen, ſie hatte ſeitdem lange Zeiten einer inneren Zerſtörung und der gefährlichſten Me⸗ lancholie durchlebt, denn ihr Bräutigam, jener König, war damals zugleich der wahrhaft Geliebte ihres Herzens geweſen, und ſie begann dieſem Schmerz mehr und mehr auch Schönheit und Jugend zu opfern, ja ſie war bereits in ein Kränkeln einge⸗ treten, an das man keine guten Hoffnungen mehr knüpfen zu dürfen glaubte. Um ſo freudiger und glücklicher war die Ueber⸗ raſchung geweſen, mit welcher Paul jetzt ſeine ſchöne Tochter angeblickt hatte, und da er noch immer ſchwieg und kein Wort weiter hinzufügte, ſo ſchien es faſt, als hätte er ſie nur deshalb rufen laſſen, um ſich wieder einmal an ihrer Liebenswürdigkeit zu erfreuen und nach der Fortdauer ihrer bezaubernden Schönheit zu ſehen. Alexandra war heut wieder, wie ſonſt, von allen friſchen Grazien ihrer Jugend und ihres Geſchlechts umhaucht. Groß und anſehnlich war ſie ſchon immer, faſt ſchon als Kind, geweſen, und jetzt, wo ſie ihr ſechzehntes Jahr noch nicht zurückgelegt hatte, war 160 ſie plötzlich mit einer edelen und majeſtätiſchen Hal⸗ tung vor dem Czaren, der im höchſten Grade davon ergriffen wurde, aufgetreten. Die feinen, regelmäßi⸗ gen Züge ihres Geſichts und der blendend weiße Teint unterſtützten dieſen Eindruck mit einer bewun⸗ dernswürdigen Zugkraft. Auf der glänzenden Stirn ſchien die frohe kindliche Heiterkeit und die Reinheit und Unſchuld der Seele eine göttliche Schrift aus⸗ gegoſſen zu haben. Die herrlichen dunkelblonden Haare waren heut wie durch die ſchmeichelnde Hand einer Fee um das ſchöne Haupt geordnet, und außer⸗ dem ſah man es allen ihren Bewegungen und hin reißenden Gebärden an, daß man es mit einer be deutenden und hochbegabten Natur zu thun hatte, und daß Alexandra mit einer wunderbaren Trefflichkeit ihres Herzens zugleich einen lebhaften und friſchen Geiſt verband. Meine theure Alexandra, ſagte jetzt der Czar zu ſeiner Tochter, indem er ihre Hand freundlich in der ſeinigen hielt, ich wünſchte wohl, daß ein gutes Wort von mir heut Deinen Willen beſtimmte. Du biſt noch ſo jung geweſen, daß wir bisher alle Heirathspläne ruhig unter Deinen Füßen ſchlummern ließen, und über alle unſere Vorſicht und Vorbereitungen tanzteſt 161 hen Hal Du hinweg, wie ein luſtiger Vogel, der gar kein Ziel de davon hat. Das unglückliche Abenteuer mit dem armen jun— 3 egelmüßi gen König von Schweden haben wir überſtanden, mein ſ nd weiße Kind, und wir ſind, dies ſehend, froh, daß der Kum⸗ bewun mer, der Dich einſt ſo tief beherrſchte, ſich nicht län. en Stirn ger mitgeſchleppt hat, und jetzt uns einigen Raum zu Reinheit verſprechen ſcheint, auf dem wir in Deinem Herzen rift aus die Geſtalt eines neuen, hoffentlich nicht minder an elblonden genehmen Bräutigams aufpflanzen könnten!. Alexandrine hatte ihrem Vater mit einem tiefen d außer Erſchrecken zugehört. Sie war tief und dunkel er— nd hin röthet, ſie begann zu zittern und zu ſchwanken, und 4¹* iner be indem ſie jetzt zu dem Czaren einen haſtigen, ängſt⸗ lichen Blick hinüberwarf, perlten einige große Thränen Flichei langſam und ſchmerzlich aus ihren Augen nieder. Mein Papa, ſagte ſie halb bittend halb ſchmollend, k Du ſollſt mit mir nicht vom Heirathen ſprechen. Es ₰ iſt wahr, ich weine nicht mehr um den König Guſtav, aber die Stelle iſt doch verwüſtet, auf der ich eine in de 5 S neue Liebe pflanzen könnte. Ich habe den herzlichen Wunſch, unvermählt zu bleiben, und wünſche als 8 Dienerin meines Vaters, des gnädigſten Czaren, zu ſterben. Wir wollen keine ſchönen Redensarten machen,. Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. II. 17 162 Alexandra, bitte! entgegnete Paul mit einem Anflug von Verſtimmung, indem er ihr ſeine Hand nicht ganz ſanft auf die Lippen preßte. Bei einem ordent⸗ lichen Frauenzimmer kann die Stelle nie ganz ver⸗ wüſtet werden, auf der man eine neue Liebe anpflanzt. Und Du wirſt Urſache haben, mir zu vertrauen, wenn ich auch in ſolchen Sachen Neues will. Du weißt, wie wenig ich Dir damals mit dem König von Schwe⸗ den Gewalt anthat, und wie ich Dich ganz nach Dei⸗ ner Laune und Deinem Gefühl walten ließ. Wäre meine Mutter, die Czarin Katharina, nicht geweſen, welche in dieſe Partie ſich ſelbſt verliebt hatte, ſo würde ich für meine Perſon keinen Augenblick daran gedacht haben. Denn allein ſchon das Koſtüm der Schweden konnte mich an dieſem jungen Mann ver⸗ drießen. Dieſe Leute mit ihren kurzen Röcken, mit ihren wunderlichen Mänteln und Bändern und den vertrackten runden Hüten, flößten mir durchaus einen nicht zu beſiegenden Abſchen ein, und ſo nur konnte ein Bräutigam ausſehen, der Dir, mein Kind, dieſen abſcheulichen Streich zu ſpielen wagte. Und Du hatteſt ſogar angefangen, das närriſche Kerlchen zu lieben, als er plötzlich auf eine ganz infame Weiſe von der Verlobung wieder zurücktrat und den ganzen —— nd den s einen konnte „dieſen d Du chen 3u ganzen 163 Hof von Petersburg ſcandalifirte. Das Schwedchen nahm Anſtoß daran, daß Alexandra Paulowna der griechiſchen Kirche treu verbleiben ſollte, und nun kratzte er ohne Weiteres aus, und hinterließ uns nichts, als den faulen Fiſchgeruch ſeiner ſchwediſchen Kleidungsſtücke. Der Czar ſah ſich in der Verſuchung, jetzt in ein lautes ſchallendes Gelächter auszubrechen, obwohl ihm im Grunde nicht im Geringſten danach zu Muthe war. Aber Alexandra war, ganz hingeriſſen von ihren Gefühlen und Erinnerungen, dem Czaren in die Arme geſunken und hatte ihren Kopf leidend und lauſchend an ſeiner Bruſt geborgen. Es iſt ein ſehr ſtattlicher Mann, den ich jetzt für Dich auserſehen habe, begann Paul wieder zu ſeiner Tochter. Ein öſterreichiſcher Prinz macht auf die Chre Anſpruch, um die Hand von Alexandra Pau⸗ lowna werben zu dürfen. Einen feſten Bund mit der öſterreichiſchen Familie zu ſchließen, will mir ſehr am Herzen liegen. Das alte Schweden iſt für Rußland nur eine ſchmierige Kammer, in die es am aller⸗ wenigſten ſeine Prinzeſſinnen hinabſteigen laſſen möchte. Dagegen ſind Rußland und Oeſterreich werth, ſich zu heirathen, und es können große Geſchichten aus dieſer ——— 164 Partie folgen. Oeſterreich kann einmal der Tanzſaal Rußlands werden, und da wir Beide ſchon vereinigt ſtehen mit unſern Waffen, um das revolutionnaire Frankreich zu ſchlagen und zu verderben, ſo können wir auch noch recht luſtig und vergnügt miteinander leben, denn das kann man mit Oeſterreich, wie mit keinem andern Ding auf Erden. Die Heirath, welche wir durch Euch ſtiften wollen, Alexandra Paulowna, wird ein neuer Handſchlag für den Bund zwiſchen Rußland und Oeſterreich ſein. Verſäumt darum nicht, Euch für dieſen wichtigen und großen Augenblick mit allen Euren Wünſchen uns bereit finden zu laſſen. Es iſt der Erzherzog Joſeph, der mir zur Vermählung mit der Prinzeſſin Alexandra von dem römiſchen Kaiſer angekündigt und empfohlen worden iſt. Dieſer junge Prinz des erlauchten öſterreichiſchen Hauſes be⸗ kleidet jetzt die Würde eines Palatinus von Ungarn und vereinigt mit ſeinem erhabenen Range die liebens⸗ würdigen Tugenden eines Fürſten und Edelmannes in hohem Grade. Der Erzherzog Joſeph wird in näch⸗ ſter Zeit nach Petersburg kommen, um ſich vorzu⸗ ſtellen und ſeinen Antrag auszuſprechen, ſobald wir ihm nur einige Hoffnung auf Gewährung melden laſſen können. wie mit welche mlowna, ziſchen mn nicht, blick wit 165 Alexandra ſchien mit einem großen Eutſchluß in ihrem Herzen zu kämpfen. Ich erbitte mir eine Be⸗ denkzeit, binnen welcher ich mich entſcheiden muß, flüſterte ſie dann mit einem demüthigen, aber ent ſchloſſenen Laut. Sie ſchien ſich in ihrem ganzen Weſen von Neuem zu erkräftigen und betrachtete den Czaren mit großen, ernſten, ruhigen, aber ganz thränen frei gewordenen Blicken. Ich bitte Dich, Kind, ſo raſch als möglich einen freien und mir entſprechenden Entſchluß zu faſſen, ſagte Paul jetzt, indem er nochmals mit einem innigen Druck die Hand Alexandra's berührte. Rußland und Oeſterreich haben ſchon auf den Schlachtfeldern Ita⸗ liens große Hochzeiten zu feiern begonnen und der Nationalruhm hat ſich vermählt unter dem Schwerter geklirr der beiden kriegsluſtigen Völker und ihrer großen Offiziere! Mein Souwarow hat vor Allen das Hoch⸗ zeitbitten in Italien verſtanden, er hat ungeheure Siege um ſich geſammelt, und im Freudenſchein derſelben haben ſich die Oeſterreicher zu ihm gefunden und den Bund ihrer Zuſammengehörigkeit mit uns in glänzen— den Waffenfeſten gefeiert. Der Erzherzog Palatinus von Ungarn und die Prinzeſſin Alexandra Paulowna werden jetzt dieſer Richtung beider Nationen folgen, —————————— Me gegangen iſt, und dort hat er wie ein allmäch⸗ 166 und als Mann und Frau werden ſie das Siegesbild vollenden, das die Häupter Rußlands und Oeſterreichs krönen ſoll!. O, das iſt herrlich, mein gnädiger Vater! rief Alexandra mit einem glücklich frohlockenden Ton, indem ſie den begeiſterten Reden und Handbewegungen des Czaren mit ihren Blicken folgte. Ich freue mich, daß der Krieg in Italien ſo ſehr Deinen Wünſchen und Erwartungen ſich gefügt hat, und ich danke Dir, daß Du unter dieſe großen Dinge, die Dich intereſſiren müſſen, auch die Angelegenheiten meines kleinen Le⸗ bens, und zwar gerade in dieſem Zuſammenhange, gereiht haſt! Daß Du mich auf dieſe Weiſe anſiehſt, fördert und reift meinen ganzen Entſchluß. Ich habe meine Kinder immer geliebt! rief Paul mit einem ungemein herzlichen und biedern Ausdruck im Geſicht. Und wie ich meine guten, ſchönen Kinder liebe, ſo liebe ich auch mein Volk, die Ruſſen. Ich will ſtolz auf ſie ſein, und das iſt mein ganzes Stre⸗ ben, welches mich beſeelt. Der gute Kaiſer Franz II. iſt mir ſchon darin entgegengekommen, er hat meinen Souwarow ebenfalls zu ſeinem Feldmarſchall gemacht, als derſelbe mit Ruſſen und Oeſterreichern nach Ita⸗ 167 egeslid tiger Gott den verruchten Franzoſen Halt geboten und reit hat ſie zerſchmettert, wie eine Heerde Raubvögel in eine Feuerſäule auflodert, ohne daß noch irgend eine Spur von ihnen bleibt. Da haben die Ruſſen und Oeſterreicher die große Schlacht bei der Adda geſchla⸗ gen, durch welche das Schickſal der Lombardei mit einem Schlage entſchieden worden iſt. Die Auflöſung der erbärmlichen cisalpiniſchen Republik erfolgte wie en un* 4 5 F— auf den erſten Schuß der öſterreichiſchen und ruſſiſchen ir, daß 8 Gewehre. Und ſo ſah man wohl noch nie ein ganzes ſſiren 8 4 Heer aufreiben, als es dem franzöſiſchen Heer ge⸗ ſchehen iſt, mit allen ſeinen Offizieren, Generälen und nhange, Gemeinen, von denen nur einige übrig blieben von den nſit Streichen des alten Souwarow. Und mein Souwa— row übertrifft ſogar die Franzoſen noch als der lie f zul benswürdige Schwerenöther, der als der blutige Sie— ger an der Adda noch zu Aufmerkſamkeiten für Damen den Sinn übrig behält. Dem gefangenen franzöſiſchen General Serrurier, als er ihn vor ſich kommen läßt, Stre⸗ übergiebt er eine bedeutende Summe Reiſegeld, um anII. ſich damit nach Paris begeben zu können, und zugleich meinen überreicht er ihm eine Handvoll duftiger Roſen, die macht, er ſeiner Freundin in der franzöſiſchen Hauptſtadt mitbringen ſoll, als Huldigungsgabe eines Ruſſen, der 168 den Franzoſen eben eine ungeheure Schlacht abge⸗ wonnen hat. Und da ſeht Ihr plötzlich den alten ſchmierigen Souwarow, der einer ruſſiſchen Dame noch nie ein Bouquet überreicht hat, und von dem man bei den ſtinkenden Parfüms, die er ausſchwitzt, doch niemals die Vorſtellung hatte, daß er noch einſt als Frühlingsgott mit einer Hand voll Roſen auf dem Schlachtfelde daſtehen würde, um ſie lächelnd, wie ein gefallſüchtiger Eber, durch den eben geſchlagenen Ge⸗ neral an eine Pariſerin abzuſchicken. Nein, da müßte man gar keinen Kopf mehr haben, wenn man nicht darüber in ein fürchterliches Gelächter gerathen wollte! Und wahrhaftig, ich lache, und muß immerfort lachen, ha! ha! ha! Der Czar war jetzt in ein ſo gewaltiges Lachen übergegangen, daß er ſich gar nicht wieder zur Ruhe brin⸗ gen zu können ſchien. Und die fröhliche Natur Alexan⸗ dra's, die dann nicht leicht zurückblieb, mußte ebenfalls herzlich miteinſtimmen, und brach in ein friſches und übermüthiges Gelächter aus, das den Czaren, indem es ihn herzlich zu erfreuen ſchien, augenblicklich noch günſtiger für die junge Prinzeſſin ſtimmte. Freilich hat unſer guter Souwarow auch ſeine Noth mit den Oeſterreichern gehabt, fuhr der Czar ht abge⸗ noch einſt auf dem wie ein Lachen uhe brin⸗ Alexan⸗ benfalls 169 fort, der in eine behagliche Plauderſtimmung mit der Prinzeſſin Alexandra überzugehen ſchien. Wie er mir vielfültig und wiederholt berichtet, hat er mit den öſter⸗ reichiſchen Offizieren und Soldaten fortwährend Um⸗ ſtände und Häkeleien gehabt, die ſich miteinander ver⸗ ſchworen zu haben ſchienen, dem Kriegsruhm des großen Souwarow irgend eine empfindliche Scharte zu ſchlagen, und ihn mit lauter thörichten Dumm⸗ heiten, wie ſie die Oeſterreicher machen, zu ärgern und zu ſtören. Aber ein Mann, der in 32 blutigen Schlachten geſiegt hat, ein Souwarow, iſt durch ſolche Umtriebe nicht irre zu machen, noch aus ſeinem großen Heldenthum herauszuwerfen. Unter der Führung eines Souwarow mußte ſelbſt das Geſindel, das ihm ſeinen Ruhm vernichten und zerbröckeln wollte, ſich zu Hel den machen laſſen, Souwarow ſiegte mit ihnen, und belohnte dann noch ſeine Neider und Beleidiger, in⸗ dem er ihnen zum Lohn für die wider ihren Willen bewieſene Tapferkeit große Geſchenke machte, die er aus ſeiner eigenen Taſche ſpendete. So haben ſich Oeſterreicher und Ruſſen doch auch im Wege gelegen, indem ſie als Kampfgenoſſen miteinander ſtanden; es iſt dies gerade wie eine nicht ganz glückliche Heirath, Alexandra, in der Perſonen zuſammengekommen ſind, 170 die vielleicht am beſten gethan hätten, von einander zu bleiben, die aber doch in ihrer Vereinigung, indem ſie ſich mit Vernunft und Einſicht überwinden, viel Gutes thun und ihrer Sache große Dienſte leiſten werden, die ſonſt nimmermehr hervorgegangen wären. So geht es ja faſt in allen Ehen, mein Kind. Wenn man ſich verheirathet, ſo heißt dies doch eigentlich nichts Anderes, als daß Einer den Anderen zum Nar⸗ ren hat; und wer es am geſchickteſten verſteht und dabei einigermaßen leben bleibt, iſt ohne Zweifel der Geſchickteſte, und er fühlt am Ende auch die meiſte Liebe zu dem Andern. So ehrt der Czar die Czarin ganz beſonders, indem er ruhig einſieht, warum ſie nicht gerade ſeiner Meinung ſein kann, und warum ſie, ſich ſelbſt folgend, anders handeln würde, als er ſelbſt handelt. Es würde ihn dann nur herzlich ſtören, wenn ſie einmal ſeiner Meinung ſein wollte, und dann ſind ſie am weiteſten miteinander gekommen, wenn ſie ſich auch durch ihre Uebereinſtimmung nicht mehr ſtören und ärgern und Jeder in dem Anderen ſeinen ewigen Urekel ſieht, mit dem er doch Tag aus Tag ein zuſammen iſt, und mit dem er weiter lebt, ohne daß ſie ſich eigentlich vertragen können. Daß Jeder dies vom Andern aushält, iſt gerade der Triumph nander zu indem ſie iel Gutes n werden, d. Wenn eigentlich zum Nar⸗ ſteht und veifel der die meiſt die Czrin vrum ſi d warum de als er ſtören, 171 Beider, und nun heißt es, die Leutchen müſſen ſich doch ſehr lieben, denn ſie haben ſich ja noch nicht ein— mal umgebracht. Weiter bringt es ja doch die höchſte Liebe nicht, als daß Einer den Andern nicht umbringt, und darin hat die Liebe ſchon Wunderbares erreicht, daß, wer den Andern umarmt, ihn noch leben läßt, und wer ihn küßt, ihn mit ſeinen Lippen nicht ver⸗ giftet. Darum höre, Alexandra, und faſſe wo möglich noch in dieſem Augenblick Deine Entſchlüſſe. Oeſter⸗ reich und Rußland haben ſich in der Schlacht Sou⸗ warows miteinander verheirathet gezeigt; ſie haben in dieſer Schlacht gegen einander geſchimpft und geſchol— ten, aber ſie haben doch auch wieder zuſammen geſiegt, ſie haben Sieg und Ehre zuſammen erworben. Deine Ehe mit dem Erzherzog Palatinus, die wir von Dir wünſchen, wird doch nicht weniger tapfer und ehren⸗ haft ſein, als eine Schlacht des alten Souwarow. Denn, zum Teufel, Du biſt ja eine ruſſiſche Prin⸗ zeſſin. Es wird alſo gut ausſchlagen, meine Tochter, und wenn Ihr Euch auch zuweilen entgegen ſein ſolltet, ſo ſchadet das ja gar nichts, ſo kommt es ja darauf gar nicht an, ſo könnt Ihr doch Sieg und Ehre zuſammen haben, und Ihr macht es gerade wie Souwarow'n ſeine Soldaten, die ſich untereinander 172 verläſterten und verkleinerten, und doch die große herr⸗ liche Schlacht miteinander gewannen, in allen Kriegs⸗ ehren, im Jubel des Gelingens. So ſprich Dich nun bald darüber aus, Alexandra, denn Du thuſt mir diesmal durch den beeilten Entſchluß zu Deiner Ein⸗ willigung einen um ſo größern Gefallen. Ich wünſchte den öſterreichiſchen Erzherzog gern ſchon in der aller⸗ nächſten Zeit bei mir hier in Petersburg zu ſehen, denn ich hoffe davon eine gute Wirkung auf die Sinnesweiſe in Oeſterreich, und am Ende ſiegen die Souwarows doch noch leichter und umfaſſender, wenn Alles, was ſie führen, aus lauter einigen und ſich nicht widerſtrebenden Soldaten beſteht. Alexandra war von dem hinreißenden und feurigen Ausdruck in des Czaren Geſicht ſo tief ergriffen worden, daß ſie ihm in der höchſten Erregung in die Arme ſtürzte, und längere Zeit hindurch mit ihrem freudig und ſinnig zu ihm emporgeneigten Köpfchen an ſeinem Halſe hängen blieb. Dann ſagte ſie plötz⸗ lich mit einer leiſen bebenden Stimme, indem ſie ſich feſter und ängſtlicher an ihn ſchmiegte: O Papa, ich mache gar keine Anſprüche weiter, als in dieſer Sache gehorchen zu dürfen. Möge der Czar für mich ant⸗ worten und beſtimmen nach Wien, und Alexandra wird roße herr⸗ n Kriegs Dich nun thuſt mir einet Ein⸗ wünſchte der aller zu ſehen, auf die ſieget n die der, wenn ſie plöt⸗ nich ant⸗ 173 immer thun, was der Czar befohlen hat! Es giebt für mich kein beſſeres Schickſal, als das, was in den Befehlen des Czaren, meines allergnädigſten Vaters, für mich liegt! Alexandra ſah tieferregt und durchſichtig bleich aus, als ſie jetzt Alles, worauf es ihr noch ankommen konnte, in den Ausſpruch des Czaren, ihres Vaters, ſtellte. In dieſem Augenblick öffnete ſich raſch die Thür des Zimmers und Prinz Conſtantin trat in einer raſchen und heftigen Bewegung herein, obwohl ein tiefes Trauer-Coſtüm, in dem er ſich darſtellte, mit ſeinen leidenſchaftlichen Manieren und der Haſt ſeines Eintretens in einem ſeltſamen Widerſpruch zu ſtehen ſchien. Der Czar ſchien unangenehm aufgeſchreckt, indem er den Prinzen Conſtantin jetzt eintreten ſah, und ſeine Mißempfindung ſchien um ſo erregter, da Con ſtantin überhaupt ſelten eine willkommene Erſcheinung für Paul war, der dieſen Sohn wegen ſeines trotzigen und unverſchämten, zeitweiſe gegen den Czaren ſelbſt gerichteten Weſens ſelten bevorzugte, obwohl er ſich dann auch bei andern Gelegenheiten wieder ganz aus ſchließlich mit ihm einließ. Dazu hatte auch das feierliche Leichenbegängniß —————— 174 gehört, welches von dem Czaren für den polniſchen König Stanislaus Anguſt auf den heutigen Abend an⸗ geſetzt worden war, und was den Prinzen jetzt ver⸗ anlaßte, den Czaren abzuholen, wozu er noch an dem⸗ ſelben Morgen die ausdrückliche Erlaubniß und Auf⸗ forderung empfangen hatte. Wenn ich zur Unzeit komme, bitte ich um Ver⸗ zeihung, hatte der Prinz jetzt beim Eintreten heraus⸗ gepoltert. Aber ich hatte zugleich die Aufträge des Czaren zu erfüllen, und mußte jetzt anzeigen, daß Alles denſelben gemäß beſorgt worden iſt. Wir wer⸗ den dem alten König von Polen alſo jetzt ein höchſt prachtvolles Leichenbegängniß halten, und an der Spitze des feierlichen Zuges, den wir beabſichtigen, wird der Czar auf dem feurigen perſianiſchen Hengſt reiten, den ich zu dieſem Zwecke beſtellt habe, und der bereits unten vor der Thür des Palaſtes ſteht, um von Sei⸗ ner Majeſtät beſtiegen zu werden. Es iſt Alles gut, Czar!. Nun wohl, entgegnete der Czar, indem er den Prinzen mit einem befremdeten Blick betrachtete und dann raſch und haſtig zum Fenſter hinanſchritt, um einen Blick auf die Straße hinunter zu werfen. Euer Erſcheinen, Prinz, iſt dennoch um mehrere Minuten polniſchen Abend an⸗ jett ver⸗ hean dem⸗ und Auf⸗ um Ler⸗ n heraus⸗ Ales gu⸗ n er den chiete und ritt, um zen. Cuer Minuten 175 verfrüht. Zwar ſehe ich meinen geliebten perſiſchen Hengſt, nach dem mich heut allerdings ganz beſonders verlangt, dort unten vor dem Palaſt halten, aber der Zug iſt bei weitem noch nicht vollſtändig, um ſich bil⸗ den zu können, und ich ſehe mehrere Elemente noch gar nicht vertreten, deren Erſcheinen ich befohlen und auf die ich mit beſonderer Abſicht heut Abend gerech⸗ net habe. Es erklärt ſich aber Alles durch den frei⸗ lich unerklärten Umſtand, daß Ihr hierher zu mir zu früh gekommen ſeid, Prinz, und ein ordentlicher Sol⸗ dat darf nie zu früh kommen. Merkt Euch das, Conſtantin, denn es iſt bei weitem nicht ſo ſchlimm für einen Soldaten, wenn er einmal zu ſpät kommt, weil dann immer eine kräftiger gemachte Handlung noch wirkſamer eingreifen kann, als zu früh, wo die eigent⸗ lichen Bedingungen noch fehlen, unter denen man handeln ſoll! So will ich denn lieber bekennen, was mich zu dieſem Fehler brachte, Czar, ſagte der Prinz mit einem bösartigen Lächeln. Ich kam ſchon jetzt, um noch vor⸗ her Zeit zu haben, dem Czaren eine Bitte vorzutragen, die mir gewaltig am Herzen liegt, und darüber ein Wort reden zu können, wie es mir am beſten paßt. Ich habe einen großen, einen heftigen Wunſch, mein 176 Vater. Ich möchte mich gern perſönlich auf den Kriegsſchauplatz in Italien begeben dürfen, und ich bitte um die gnädige Erlaubniß, Czar, daß Ihr mir geſtattet, mich dorthin zu begeben und dem Grafen Souwarow zum Kriegsdienſt bei der Armee zugeordnet zu werden. Für unſer Vaterland und unſern Czaren geht jetzt ſo Großes vor dort im Süden, daß ich nicht mehr in Petersburg zurückzubleiben vermag, daß meine Hand Tag und Nacht zuckt, um ſich zum Mit⸗ kämpfer Rußlands zu melden, und daß ich mit allen meinen Kräften um die Gnade des Czaren mich be⸗ werbe, als Freiwilliger in die Armee Souwarows ein⸗ treten zu dürfen. Der Czar ſchlug ein lautes Gelächter auf, womit er zuerſt dieſe ſehr dringlich an ihn gebrachte Bitte ſeines Sohnes beantwortete. Dann ſagte er: Ich kann mir denken, was den unglücklichen Ehemann ſo eilig in's Kriegsbett treibt. Er befindet ſich nicht eben allzu glücklich in den Armen er ehelichen Liebe hier in Petersburg, und nun möchte der gern einmal eine Extratour recht weit von hier im Lager des alten Souwarow verſuchen. Nun, ich will in ſolchen Be⸗ drängniſſen meine hülfreiche Hand nicht entziehen. Aber Deine Reiſe, Conſtantin, ſoll zugleich in einen hemann e nicht eben Liebe hiel nmal eine des alten tziehel⸗ Auftrag des Czaren ſich kleiden, und dadurch eine größere Sicherheit gewinnen, ein gutes Ziel zu erreichen. Du ſollſt dem Souwarow mein in Brillanten gefaßtes Portrait überbringen, welches ich ihn bäte, als Zeichen meiner dankbaren Gefühle auf ſeiner Bruſt zu tragen, denn ich wäre ſein ewiger Schuldner für die glän⸗ zenden Dienſte, welche er dem Vaterland geleiſtet, in⸗ dem er durch ſeine neueſten Thaten Rußland auf der Höhe Europa's befeſtigt. Ich will es geſtehen, Con ſtantin, die glänzenden Fortſchritte meiner Waffen in Italien durch Souwarow haben mich wahrhaft glück— lich gemacht, und da trifft Dein Wunſch, zum Sou— warow abgehen zu wollen, gerade zur rechten Zeit bei mir ein. Ich werde daher zugleich ein Reiſegefolge von lauter bewährten und erprobten Freunden und Rathgebern für Dich bilden, und unter dieſem Geleit kannſt Du morgen ſchon nach Italien abgehen. Du wirſt den Grafen Soutarow in dieſem Augenblick noch in Turin antreffen, wo er aber wohl nicht mehr lange ſtehen wird, denn der Souwarow denkt ſchon wieder daran, ſich zu einer neuen Schlacht ein großes ergie biges Terrain zu ſuchen. Und nun höre noch meinen ganzen Befehl über die Eigenſchaft Deiner Perſon, in welcher Du in den Krieg reiſen wirſt. Du ſollſt Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 3 178 nicht etwa als Mitſtreiter und Mitwirker im Kriege dorthin abgehen, denn das würde mir jetzt noch nicht von Dir paſſen; ich will, daß Souwarow und ſeine Generäle mit meinen Truppen allein ſtehen ſollen in dieſen Schlachten. Aber ich werde Dir einen Brief an Souwarow mitgeben, wonach er Dich als einen Lehrling in der Kriegskunſt und als einen ganz freien Beobachter mit der größten Sorgfalt aufnehmen ſoll.*) Er wird Dir den Aufenthalt im Heere ſo angenehm als möglich machen und Du wirſt jedenfalls mit vielen neuen Kenntniſſen und Erfahrungen zu uns zurück⸗ kehren, ohne Dein Leben gefährdet zu haben, deſſen die Familie des Throns noch nicht ſo ohne Weiteres entbehren kann. So ziehe ich es vor, lieber nicht zum Souwarow abzugehen, verſetzte der Prinz, indem er ſich jetzt in einer feſten, trotzigen Haltung emporhob und höhniſch lächelnde Blicke gegen den Czaren richtete. Ich bitte viel⸗ mehr um die Erlaubniß, jetzt ganz ruhig hier in Peters⸗ burg bleiben zu dürfen, denn die Ehelatten, auf denen ich liege, ſind doch noch nicht ſo hart und drückend für mich geworden, daß ich es hier bei mir gar nicht — *) Tannenberg, Leben Pauls des Erſten. S. 132. im Kriege noch nicht und ſeine nſollen in inen Brif als einen gan freien men ſoll“) angenehn mit vielen ns ſrrüc⸗ ben, deſſen e Veiteres Souwarow ſic jeßt d höhniſch bitte vil⸗ in Peters⸗ auf denen d drückend gar nicht 179 mehr auszuhalten wüßte, und mich lieber ſo weit fort⸗ begeben ſollte, um als Lehrling und Schooßkind Sou⸗ warows an ſeinem grauen Bart zu zupfen. Hier bleiben wirſt Du nun jetzt nicht mehr können, mein guter Conſtantin, entgegnete Paul mit einem boshaften Lächeln. Du haſt mich auf den Gedanken gebracht, dem General Souwarow mein Portrait ſen⸗ den zu mögen, und da weiß ich keinen beſſern und paſſenderen Boten, meinen Dank zu erkennen zu geben, als durch Dich. Mit Deiner, wie es mir ſcheint, nicht ſehr charmanten Ehe halte es wie Du willſt und kannſt. Unſer Haus iſt kein gutes Weizenfeld für die Ehen, aber vielleicht werden wir von dieſer Seite her jetzt beſſer beſtellt ſein, denn Du kannſt den Grafen Souwarow zugleich benachrichtigen, daß unſere Prin⸗ zeſſin Alexandra im Begriff ſteht, ſich mit dem Bru⸗ der des römiſchen Kaiſers, dem Erzherzog Joſeph, zu vermählen. Prinz Conſtantin trat mit einer gemachten Theil⸗ nahme, die ihn aber zugleich aus den ferneren Be⸗ rührungen mit dem Czaren herausbringen ſollte, raſch und lebhaft zu der Prinzeſſin hinüber, und ſprach der⸗ ſelben mit mehr Intereſſe, als man es ſonſt an ihm zu ſehen gewohnt war, ſeinen Glückwunſch aus, den 2* 180 Alexandra in der Ueberraſchung, durch die ſie jetzt aus einem träumeriſchen Hinſtarren erweckt wurde, mit einem faſt freudigen Seufzer aufnahm. Der Czar beobachtete Beide mit einem durchdrin⸗ genden ſcharfen Blick und ſagte dann: Dieſe neue Ehe wird ſehr raſch geſchloſſen werden, denn ich erwarte den Erzherzog Palatinus ſchon in der nächſten Woche in Petersburg eintreffen zu ſehen. Du aber, Con⸗ ſtantin, entſchließe Dich jetzt eiligſt, von Deiner leb⸗ haften und aufbrauſenden Frau Gemahlin Abſchied zu nehmen. Es wird recht gut für Dich ſein, einmal aus Petersburg wieder fortzukommen, denn lange hintereinander will man ſich hier niemals recht wohl befinden, und die Bewohner von Petersburg kommen mir oft gerade wie Menſchenfreſſer vor, die uns das letzte Stück Lunge, mit dem wir noch athmen, fort— beißen möchten. In einer ſolchen Lage kann man ſich nur als Czar befinden, erwiederte Conſtantin mit einer lauten, polternden Stimme. Ein Prinz lebt hier in einer zu unbedeutenden und machtloſen Stellung, als daß er, wenigſtens im Volke, ſo viel Feinde haben könnte, wie er vielleicht verdienen mag. Der Czar iſt dafür ein viel beſſeres Gabelfrühſtück. Mein Gott, auf alle e ſie jehzt kt wurde, durchdrin ieſe neue ch erwarte WVoche er, Con einer leb⸗ bſchied zu einmal nn lange echt wohl ommen 181 und jede Weiſe giebt der Czar Anſtoß und die Leute haben Luſt, über ihn herzufallen, und ſollten ſie nur auf dem Schatten ſeiner Naſe am Parquet treten können, ſo thun ſie es mit einem gewiſſen Ausdruck und wiſſen damit einige Gedanken zu verbinden, auf die man gar nicht gefaßt war. Auf das Geſicht des Prinzen waren bei dieſen Worten einige ſo ſcharfe und höhniſche Lichter und Schatten getreten, daß der Czar ſelbſt ihn mit einem aufſteigenden Entſetzen zu betrachten ſchien, und ſeine Blicke ſcheu von ihm abwandte, um nicht ſeinen glühen den und boshaft blitzenden Angen zu begegnen. Was kann denn ein guter Ruſſe an ſeinem Czaren auszuſetzen haben? fragte endlich Paul, indem er ſei⸗ nem Sohn mit einer ſchrecklichen Grimaſſe den Rücken zudrehte, mit einer harten, fürchterlich hallen den Stimme. Oh, erwiederte Conſtantin, lant ſchreiend und faſt frohlockend, es giebt wunderliche Kerls, und man müßte der Teufel ſelbſt ſein, wenn man immer ge— ſchickt mit ihnen fertig werden ſollte. Der Czar thut heute Das, und morgen Das, und wodurch er die Einen erfreut hat, muß er die Andern ärgern. Bald thut er den Bauern die größten Wohlthaten an, und 182 ſcheint ſie zu dem erſten Stand in ganz Rußland er⸗ heben zu wollen; dann iſt er wieder ſehr ſtreng gegen ſie, und jede Bewegung unter ihnen, die er ſelbſt durch ſeinen neuen Ukas hervorgerufen, läßt er auf das Härteſte als Rebellion beſtrafen. Die gemeinſten Kerls, Lakayen ohne Scham und Zucht, erhebt ein ſolcher Czar täglich zu den glänzendſten und höchſten Stellen, und den General Meyendorf, einen der beſten Cavalerie⸗Offiziere in ganz Rußland, ſendet er auf die ſchimpflichſte Weiſe in die Acht, weil derſelbe aus Zerſtreuung und Eile auf die Parade in einer alten Uniform gekommen war. Dieſer Czar haßt und ver— achtet die Garden und ſie rächen ſich durch einen ver⸗ fluchten Einfall, denn der infame Name Pruſſaki, welchen man den andern Soldaten des Czaren beige legt, iſt aus den Reihen der Garden herausgekommen. Allen Leuten werden die Köpfe verdreht, weil Niemand mehr weiß, wie ihm geſchieht oder geſchehen wird, und weil ſogar Fracs und Weſten und alle möglichen anderen Dinge verboten ſind, in die man einmal ein Glied hineinſtecken könnte, das Einem gerade friert. Ein armer Tapezier erhält die Baſtonnade mitten in der Kirche und unter der zu einer großen Feierlichkeit gerade verſammelten Gemeinde, weil er, wie ihn der ußland er treng gegen er ſelbſt d höchſten der beſten er auf die rſelbe aus iner alten und ber⸗ einen ver Pruſſakt, ren beige . ekommen⸗ Niemand en wird, nůlien 183 Czar in einer Ecke der Kirche auf einer Leiter geſehen, dort in Weſte und Beinkleidern ſtand, um an einer Decoration für das Feſt bequemer arbeiten zu können. Dieſer Tapezier ſoll allerdings ein Franzoſe geweſen ſein, aber da Souwarow, zu dem ich jetzt als Bote abgeſchickt werden ſoll, erſt jetzt die Franzoſen in Italien ſchlägt, wozu ſollten ſie ſchon damals in der Kirche ausgehauen werden? So giebt es denn jetzt kaum noch einen Winkel in Rußland, in dem man nicht Angſt und Grauen vor dem Czaren hätte, was ſich aber am meiſten im eigenen Hauſe des Czaren offenbart, wo nur die gränzenloſeſte Furcht den täg lichen Dienſt verrichtet und wo die kleinen Prinzen und Prinzeſſinnen ſich gewiſſe Geſichter des Czaren einſtudirt halten, um ſich damit untereinander nach Bequemlichkeit graulich zu machen. Zuletzt hat nun in Rußland Jeder aufgehört, ſich ſicher zu fühlen, oder, was noch ſchlimmer iſt, es fühlen ſich jetzt nur noch Diejenigen unſicher, welche die Gunſt des Czaren empfangen haben und in den Beſitz ſeiner Gnaden gekommen ſind. Der allgemeine Schauder iſt jetzt größer als je, ſeitdem die Czarenfreunde den Schrecken vor der Perſon des Czaren durch alle Straßen von Petersburg verbreiten. Ein Freund entſteht ſogleich 184 dem Czaren, wenn er Jemand gefunden zu haben glaubt, der in ſeine ſogenannten Ideen eingeht, und den der Czar dann ſogleich für gefährlich hält, nach⸗ dem er ihm nur eine Zeitlang ſeine Gnade und ſein Vertrauen geſchenkt. Dieſe Menſchen irren dann bald verſtoßen und beſchädigt im ganzen Lande umher und erfüllen alle Winkel mit ihren Klagen und Beſchwer— den, ſo daß auch von dieſer Seite her die Luft in Rußland ſo ängſtlich und ungewiß geworden, und Nie— mand mehr weiß, woran er glauben und ſich halten ſoll. Alle Menſchen in Rußland ſind dadurch ſchier verdreht und toll geworden, und die Leute aus dem Volke, die dem Czaren begegnen, wiſſen nicht mehr, wem ſie begegnet ſind, ob ihrem Herrn und Czaren, oder ihrer Geißel, der ſie zur Züchtigung für alle ihre vergangenen und zukünftigen Sünden unterworfen worden ſind! In dem Czaren ſchien jetzt eine merkwürdige Ruhe eingetreten, er ſtand kalt und unbewegt dem Prinzen gegenüber und betrachtete ihn mit einem ſtillen, durch⸗ bohrenden Ausdruck. Nur auf ſeine Wangen, bis hoch über die Stirn hinüber und über den kahlen Kopf hinweg, hatte ſich eine fürchterlich ſchimmernde Bläſſe ausgebreitet, die auf mehreren Punkten in einen trü⸗ en zu haben eingeht, und h hült, nach⸗ nade und ſein en dann bald e umher und nd Beſchwer die Luft in und Nie ſich halten adurch ſchiet ute aus dem nicht mehr, und Garen, für alle mterworſen dige Ruhe dem Prirzen ilen, unch⸗ bis hoch e, kahlen doyf einen trl⸗ 185 ben gelben Schein überging und das Bild des Czaren in einem entſetzlichen Ausdruck hervortreten ließ. Zu⸗ gleich hatte er dabei etwas ganz und gar Bemitleidens⸗ werthes erhalten und er warf jetzt faſt einen bittenden und ſtumm flehenden Blick zu Conſtantin hinüber, der ihn fragend mit boshaft triumphirenden Augen anſah. Die ganze Perſon des Prinzen ſchien ſich vor den Blicken des Czaren vergrößert und ausgedehnt zu haben und ſchwebte ihm in einem dicken Dunſt ent⸗ gegen, mit einem gehäſſig flammenden und leuchtenden Ausdruck, wie es dem Czaren niemals vorgekommen war. Paul wurde von einem Schauder ergriffen, der ihn heftig zu durchzucken anfing und ihn jetzt in ge⸗ waltſamen Bewegungen ſeines ganzen Körpers hin und her zerrte. In dieſem Augenblick ging ein tiefer mächtiger Klageſeufzer durch das Zimmer, und der Czar, der erſchrocken dieſem neuen Klang lauſchte, der ihn in der großen Verlegenheit des Augenblicks wunderbar befiel, bemerkte jetzt, daß der Ton von Alexandra's Lippen gekommen, die ſich ängſtlich und ſcheu umher⸗ wand und dem ausgebrochenen Zwieſpalt zwiſchen Vater und Sohn nicht länger in ruhiger Haltung bei⸗ wohnen zu können ſchien. Sie hatte ſich daher jetzt 186 zur Thür gewandt, und nachdem ſie dieſelbe erſt ver ſuchsweiſe mit vorſichtiger Hand geöffnet, ſchob ſie ſich endlich wie im angſtvollen Fluge durch die Thür hin durch und verſchwand. Paul war jetzt ſeinem Sohn wieder näher getreten und betrachtete ihn mit einem langen wunderbar ruhi— gen Blick, der mächtig in die Seele des Prinzen nie derzufallen ſchien. Dann ſagte er, noch näher zu Conſtantin herantretend und ihm die eine Hand ſtark auf die Schulter legend, ganz leiſe: Ich hatte doch nicht geglaubt, daß man mich mit meinem Streben in Rußland ſo ganz durchfallen laſſen würde. Es war freilich meine Abſicht, nicht Jeglichem zu gefallen, denn was hätte ich ſonſt für ein erbärmlicher Menſch ſein müſſen! Und Niemanden zu gefallen, darin liegt doch immer noch ein Stück Größe, denn man muß dann ruhig bei ſich ſelbſt aushalten und muß am Ende von ſelbſt danach trachten, der rechte Czar zu ſein, weil man keinen andern Freund mehr hat, als an ſich ſelbſt. Aber ich hatte doch wenigſtens geglaubt, daß man mit einiger Befriedigung die neue Lage Rußlands anblicken würde, welche durch unſern glorreichen Krieg gegen Frankreich in Europa entſtanden iſt! Wir ſchlagen doch einen ſehr rühmlichen und nachdrücklichen Kampf, dieſelbe erſt ver net ſchob ſie ſib h die Thür hil er näher getrete wunderbar ruh es Prinzen nit noch näher zl eine Hand ſin Ich hatte do nem Streben i vürde. Es we u gefallen, den Menſch ſi hel darin liegt do mon miß dam ß am Erde v rzu ſen, wei an ſich ſelbſt it daß man M ands anblict Krieg gehe Wir ſchloge 6amf icklichen Kamt 187 mein Liebſter, und dem Directorium in Paris iſt dar über ſchon angſt und bange geworden. Alle Franzoſen haben auf das Sehnlichſte den Frieden mit uns her beigewünſcht, und nachdem unſer Souwarow Turin und Mantua eingenommen, alle übrigen Feſtungen erobert und das ganze piemonteſiſche Gebiet ſich unter worfen, hat das Pariſer Directorium bereits Kouriere über Kouriere hierher nach Petersburg geſchickt, um den Frieden mit uns zu haben. Selbſt unſer Son warow gab dem Andringen der Franzoſen nach, ihre Friedensbewerbungen bei mir zu unterſtützen. Aber ich konnte auf die überwältigende Tapferkeit meiner Truppen in Italien keinen für Rußland nicht ziemen den Frieden bauen, ich hörte die Vorſchläge der Fran zoſen nicht und blieb der einzige Herr über Krieg und Frieden durch den Fortgebrauch meiner Waffen. In dem die Ruſſen dieſe franzöſiſchen Friedensbitter mit langen Geſichtern wieder abziehen ſahen, mußten ſie doch rechtmäßig denken: wir haben immerhin einen ordentlichen Czaren, der uns Ruſſen etwas werth ſein muß. Das iſt der Czar, der ſeine Ehre in der Ehre Rußlands ſieht und trägt, und mag er ein Freund oder Feind der Bauern ſein, mag er die Druckereien „ verbieten und das Leſen der franzöſiſchen Zeitungen 188 unterſagen, und Beinkleider, Weſten, Fracs, alte Unt⸗ formen und die ruſſiſchen Fuhrwerke haſſen, ſo iſt er doch ein wahrer Freund der Ruſſen, ſo liebt er jeden Ruſſen wie ſich ſelbſt und lebt und ſtirbt nur in der Ehre Rußlands, in der allein er glücklich und groß iſt! Kommen dann doch Leute, die ihn mißzuverſtehen, zu verſpotten und zu ſchmähen wagen, ſo ſind das Hunde⸗ jungen, die nicht wiſſen können, wie einem ordentlichen Czaren zu Muthe iſt, weil ſie ſelbſt nur mit dem allergemeinſten Vieh ſympathiſiren, ſo ſind das Prin⸗ zen und Beutelſchneider-Seelen, die ihren Hochmuth beweiſen wollen, indem ſie ſich auf das hölzerne Pferd eines ungezogenen Knaben ſetzen und that kräftige Männer mit allerlei ſchmutzigen Redensarten anfallen. Ausdruck und Miene des Czaren wurden bei dieſen Worten ſo fürchterlich und ſeine Augen drangen mit einer ſo niederſchmetternden Gewalt in das Geſicht des Prinzen ein, zu dem er ſich in die dichteſte Nähe hinübergebeugt hatte, daß Conſtantin von einem ſicht⸗ lichen Schrecken durchbebt zu werden ſchien und ſich gar nicht mehr zu faſſen vermochte. In der ihn jetzt überwältigenden Verlegenheit, richtete er ſeine Augen zum Fenſter hinunter, zu dem er ſich jetzt ganz nahe „Fracs, alte e haſſen, ſo iſt ſo liebt er je ſtirbt nur ind ücklich und gr roß i mißzuverſtehen, ſo ſind das Hun einem ordentlic lbſt nur nit del ſo ſind das Pri e ibren Hochu guf das hölzen ſetzen und tha . ett ga 0 189 ingepreßt ſah, und dann ſagte er mit einigen bange tuernden, dumpf verhüllten Worten, kaum hörbar: Ich ſehe, daß ſich unten auf der Straße die Dinge rändert haben. Die Züge, ſcheint es, haben ſich ſhon vollſtändig geſammelt und gebildet, man wartet ſchtlich auf den Czaren, und es wird jetzt nur darauf mkommen, daß Czar hinuntertrete, um den befoh enen en für den polniſchen König Stanis aus Auguſt zu beginnen! Ja, ſagte Paul, froh, eine äußere Veranlaſſung finden, um zu etwas Anderem übergehen zu können, ſezt werden wir unſern Trauerdienſt, den wir in der faholiſchen Kirche für den unglücklichen König von olen halten wollen, beginnen müſſen. Ich weiß nicht habe immer eine beſondere Schwachheit für dieſen Stanislaus gehabt, und eine Zeitlang bewunderte ich ihn ſogar, obwohl ich mir ſagen mußte, daß es nur ſäne hinreißende Schönheit war, von der ich meine Aufmerkſamkeit nicht abwenden konnte. Er würde volleicht nicht ein ſo liebenswürdiger König geweſen ſin, wenn er nicht ein ſo feiger und nichtswürdiger Menſch war. Dieſe beiden Seiten wirkten bei ihm uf eine glänzende Weiſe durcheinander, und warfen, ſich berührend, einen wahren Regenbogen von Reiz 190 'und Intereſſe um ihn aus. Auch war er mir merk⸗ 5 würdig, weil alle Menſchen gegen ſeine Schönheit ge⸗ recht ſein mußten und ich Niemand hörte, der ihn für häßlich hielt, obwohl man doch ſonſt ſo häufig gerade auf dieſem Punkt bei den Menſchen verkannt wird. Die Czarin Katharina ſelbſt ſetzte die Krone Polens auf das Haupt ihres Lieblings, und er zog daher ſeine beſtändige Anhänglichkeit für Petersburg, weshalb er auch noch hierher kam, um wenigſtens in Petersburg, wenn auch in der Erniedrigung, zu ſterben. Denn eine Krone konnte er nicht bewahren, ebenſo wenig als den Ruf eines ordentlichen Mannes, und ſo ſtarb er wie ein ausrangirter Mops, den wir aber, vieler Beziehungen halber, nicht gerade in einem Winkel der Straße verrotten laſſen konnten. Wir haben ihm des⸗ halb ſelbſt ſeinen Katafalk beſorgen laſſen und richten ihm heut einen gehörigen Leichenpomp an, um dabei die Ehre zu genießen, daß wir doch mit einem anſtän⸗ digen Menſchen und nicht gerade mit einem Lump zu thun hatten. Der Czar möge gnädigſt verſtatten, daß wir ihn anſehen können, wofür wir wollen, rief Conſtantin mit einem höhniſchen Ausdruck, in den er jetzt wieder ver⸗ fiel, obwohl er den Czaren zuletzt ſchon mit einem er mir mert Schnheit g te der infü hüufig gerade verkant win⸗ Krone Polen zog daher ſein weshalb er n Petersburg, terben. Denn ebenſo weni „und ſo ſtrb r aber, vieler en Winkel der aben ihm des nund richten an, um dabei einen auſtin⸗ nen Lump j daß wir ihn onſtantin nit wieder ver⸗ mit einen 191 inlenkenden und gewiſſermaßen reumüthigen Geſicht betrachtet hatte. Ich habe freilich noch immer eines der letzten Hoffeſte in der Erinnerung, es war ein ſelches, wo der Czar ſich auf einem feierlichen Durch⸗ zuge durch die Säle darzuſtellen pflegt, das Scepter in der Hand, die Krone auf dem Haupte, den kaiſer⸗ lchen Mantel über den Rücken flatternd, wie man die Könige der Juden oft auf alten Bildern dargeſtellt ſieht. An einem ſolchen feſtlichen Tage war es, wo der alte König von Polen Euerer Majeſtät folgte, aer ſich vor Alter und Erſchöpfung nicht mehr auf⸗ rocht zu erhalten vermochte. Er warf ſich daher im Winkel des Saals in einen Stuhl, um ſich ein wenig z raſten und zu erholen, während der Czar umgeben von drei⸗ bis vierhundert Hofherren ſtand, die im Be⸗ griff waren, dem Czaren die Hand zu küſſen. Der Czar vermißt jetzt plötzlich den König von Polen und gewahrt ihn auf dem Seſſel liegend, wie er in unver— nögender Haltung dort hingefallen iſt und ſich nicht nehr in die Höhe heben kann. Wir Alle ſehen die töchſten Adern ſeines Zornes anſchwellen, er ſchwankt fuſt vor Aergerniß in ſeiner Haltung, und endlich ſendet er einen ſeiner Adjutanten zum Poniatowski ab, der ihm befehlen muß, auf der Stelle aufzuſtehen und 192 an ſeinem Arm zu dem Cirkel des Königs heran zutreten. So ſchlimm war es nicht gemeint, erwiederte der Czar, der in einen gewiſſen Eifer zu gerathen ſchien. Ich hatte ja damit blos die Abſicht gehabt, dem alten ſchwachen König eine Unterſtützung zu ſenden und ihn mit einer Hülfe zu umgeben, auf welche er ſich feſt⸗ lehnen konnte, denn ihm das Verlaſſen des Saals anzuempfehlen, würde den alten Mann gekränkt haben. Wenn er blieb und dabei wie ein halb Hingerichteter ſich gebärdete, ſo konnte ich nicht dafür, denn ich hätte gern ſeinen Zuſtand gemildert. Ich bin hier ſo miß⸗ verſtanden worden, wie vor einigen Jahren, als ich einmal eines Abends Euch Alle bei mir hatte und gerade die ſchrecklichſten Nachrichten von den Ereig niſſen der Revolution in Paris zu mir in's Zimmer kamen. Da ſagte ich:„Ihr ſeht alſo, meine Kinder, daß man die Menſchen wie die Hunde behandeln muß, um recht große Geſchichten aus ihnen zu machen!“ Dieſe Aeußerung von mir hat man mir ſeitdem nach erzählt und behauptet, ich hätte Euch an einem ſtillen Familien Abend gelehrt, daß man die Menſchen wie die Hunde behandeln müſſe! Es iſt aber nur die erwiederte der gerathen ſchien. habt, dem alten ſenden und ihn he er ſich feſt ſen des Suals gekränkt haben Hingerichteter denn ich hütte nhier ſo miß chren, als ih nir hatte Und on den Ereig ins Zimmer neine Kinder, hondeln muß⸗ 3 nachen!“ ſeitden nch einem ſillen Menſchen wie pie nur di 193 Humanität ſelbſt, nach der ich jederzeit ſtrebe und nach welcher ich immer ſtreben werde! Human wollen wir ſein, Jeder gegen den Andern und Einer gegen Alle, und wenn wir auch Kriege führen müſſen und werden, blutige und gefährliche Kriege bis zur letzten Stunde unſeres Lebens, ſo wollen wir doch den Menſchen immer nur als Menſchen gegenüberſtehen, und wo wir gute Augen ſehen, ihnen gute Worte dazu machen. Du weißt wohl noch nicht, daß ich im Begriff bin, ſchon wieder einen Krieg zu erklären? Ich habe eine Kriegserklärung gegen den Hof zu Madrid entworfen, weil derſelbe eine falſche und trügeriſche Stellung zu uns gegen Frankreich vereinigten Mächten angenommen hat. Ich werde dieſen König deshalb gebührend durch meine Land⸗ und Seetruppen zur Rechenſchaft ziehen laſſen. Mit dieſen Geſinnungen werden wir überall ſiegen und gedeihen, Conſtantin! Conſtantin ſah den Czaren jetzt überraſcht und ehr⸗ erbietig an, indem er ſich faſt unwillkürlich mit einer tiefen Verbeugung vor ihm neigte. Die Blicke, welche ſich Beide jetzt zuwarfen, ſchienen faſt wider Willen einen geheimnißvollen Zug der Annäherung in ſich zu tragen. Paul ſchritt jetzt voran, um ſich zum Beginn Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. M. 13 194 der großen Trauer⸗Ceremonie für den König von Polen hinunter zu begeben, und Prinz Conſtantin folgte ihm mit einem nachdenkenden, erſtaunten und erſchrockenen Geſicht, auf dem ſich eine tiefe Bläſſe gelagert hatte. 1Körig von Conſtantin ſtaunten und tiefe Blüſe I. Die Czarenmörder. Der Czar war in der letzten Zeit durch ein großes Bauwerk in Petersburg, das ihn überaus beſchäftigte und intereſſirte, ſehr ſtark in Anſpruch genommen ge⸗ weſen, und hatte zwiſchen dieſem und dem Kriege in Italien ſeine ganze Aufmerkſamkeit und alle Aufwendung ſeiner Mittel getheilt. Während ihn die glänzenden Siegesnachrichten von ſeinen Feldherren und Soldaten aus der Ferne beſtändig erfreuten und begeiſterten, ſah Paul gleichzeitig vor ſeinen Augen den ſtolzen und prachtvollen Bau emporſteigen, durch welchen er einen neuen Czaren⸗Palaſt in Petersburg ſchon ſeit faſt vier Jahren auf eine wunderbare Weiſe in Angriff genom⸗ men hatte. Dieſer gewaltige Palaſt, auf den Paul plötzlich und wie durch einen zufälligen Einfall gekommen war 13 196 und in dem er, ganz aus ſeiner eigenen Phantaſie und aus ſeinen Gefühlen heraus, das Größte und Merkwürdigſte entſtehen ſehen wollte, was man bis⸗ her in Petersburg gekannt, hatte gerade in dieſen Tagen das Ende ſeines ungeheueren Baues gefunden. Der Michailow'ſche Palaſt, denn dieſen Namen hatte Paul ſeinem in der That großartigen Lieblingswerk beigelegt, war jetzt fertig geworden, und zog durch ſeinen prachtvollen Geſchmack, durch ſeine erhabenen und glänzenden Formen, in denen er ſtrahlte, und durch ein gewiſſes wunderliches und geheimnißvolles Etwas, in dem man den Geiſt Pauls über dieſem Bau⸗ werk grübeln ſah, die Bewunderung Aller an, die ihm nahe gekommen waren. Der Palaſt hatte die Summe von zwanzig Mil⸗ lionen Rubeln gekoſtet, und dies war in einer Zeit, wo der im fernen Auslande geführte Krieg fortwäh⸗ rend ſo bedeutende Summen verſchlang, ein ungeheures Opfer geweſen, das aber Paul mit der größten Leich⸗ tigkeit und mit einer glücklichen Berechnung aller Be— dürfniſſe des Staats zu bringen gewußt. Dieſer Bau ſchien eine völlige Leidenſchaft Pauls geworden, und wie er mit dem Baumeiſter über den Plan ſich ge⸗ einigt und Mehreres dabei ſelbſt erſonnen und ange⸗ 197 nen Phantaſie geben hatte, ſo war er auch bei der Ausführung ſelbſt s Größte und niemals fern und aus dem Spiele geblieben. Jeder was man bis Tag ſah ihn dort bei dem Bau erſcheinen und um ade in dieſen alle Einzelnheiten bei dem Fortgange deſſelben, um mes gefunden. jede Wand und jedes Zimmer und jede Treppe, mit Namen hatte dem größten Eifer ſich bekümmern. Er hatte ſchon blngnen mehrere Nächte ganz einſam in dem halb vollendeten Bauwerk zugebracht, und es ſchlichen unter dem Volke in Petersburg ſchon geſpenſtiſche Deutungen aller Art umher, die den Czaren in einem wunderſamen aber⸗ gläubiſchen Verhältniß zu dieſem Bau erblicken wollten, und dieſe Annahme wurde durch ſein ſcheues, düſteres, leidenſchaftliches Weſen, in welchem er ſich immer dem Michailowskiſchen Palaſte gegenüber gezeigt, gewiſſer⸗ „M maßen beſtätigt, um ſo mehr, da es in Petersburg w 3 und deſſen nächſter Umgebung an Paläſten und Ge⸗ 3 bäuden jeder Art für den Czaren durchaus nicht ge⸗ rieg ſuni fehlt und das weitläufige und bequeme Winterpalais n ugeen in der Reſidenz für den Czaren, ſeine Familie und nd d zog durch ine erhabenen ſtrahlte, und heimivoll dieſen Bul an, die ihn grißten ſeinen Hof jeden Neubau überflüſſig gemacht hatte. n aler 5. Zuweilen ſchien es auch, als ob der Michailowskiſche Dieſer B Palaſt zu nichts Anderem, als zu einem Denkmal für den großen und glorreichen Krieg in Italien beſtimmt ſein könne, da er gerade in dieſer Zeit vom Czaren wo zlon ſich nund ange rden, 1 . 198 gebaut wurde, und der Czar Mancherlei, was dieſen Beziehungen angehörte, gerade für den neuen Palaſt zu beſtimmen ſchien, zum Beiſpiel: mehrere Schlachten⸗ bilder aus Italien, ein mit großer Meiſterſchaft ge⸗ maltes Portrait Souwarows, das in der Reſidenz bereits bekannt und vielfach bewundert worden war, und ebenſo ein Portrait des neuen Generals Rimskoi⸗ Korſakow, welchen Paul an der Spitze ſeiner zweiten Hülfsarmee zur Vereinigung mit Souwarow nach der Schweiz abgeſandt hatte. Heut war endlich der Tag erſchienen, an welchem der Czar den vollendeten Palaſt durch ein gewaltiges und großartiges Feſt einweihen wollte. Es war der neunzehnte November des Jahres 1800, und Paul freute ſich, worauf es auch zum Theil berechnet war, daß Petersburg dem neuen Jahrhundert ſchon ſobald nach deſſen Eintritt einen Gruß von ſolcher Pracht und Herrlichkeit darbringen ſolle. Es ward beſtimmt, der Einweihungsfeier einen ungeheuren Pomp und Glanz zu verleihen. Der Czar wollte zuvörderſt ſeine erſte Mittagstafel darin abhalten, und dieſelbe einen noch nie geſehenen Umfang gewinnen laſſen. Für die Nacht war eine prachtvolle Maskerade be⸗ ſtimmt, die einen volksthümlichen Charakter gewinnen was dieſen euen Palaſt Schlachten⸗ terſchaft ge⸗ er Reſidenz vorden war, ls Rinskoi⸗ ner zweiten wW nach der an welchem gewaltiges war der und Pul chnet war, hon ſobald er Pracht beſtinmt, zonp und wrdeit ddiſbe n laſſen erude be⸗ ewinnel 189 und durch Einladungen aus allen Kreiſen der Haupt⸗ ſtadt einen großen Theil von Petersburg in den un⸗ geheuren, geräumigen und weiten Sälen des neuen Palaſtes verſammeln ſollte. Und ſchon jetzt am frühen Morgen, wo der Czar noch in ſeinem Cabinet im Winterpalaſte ſaß, um ſich ſeinen gewohnten Be⸗ ſchäftigungen am Schreibtiſch zu überlaſſen, arbeitete man drüben im Michailowski'ſchen Palaſte laut und weithin dröhnend, um die unzähligen Zimmer zu lüften und die vielen tauſend der anzuzündenden Wachslichter für die Nacht vorzubereiten. Der Czar hatte heut noch eine geſchäftliche An⸗ gelegenheit, die ihn ſo lange in ſeinem Cabinet zurück⸗ gehalten, und dies war ihm um ſo läſtiger, da es ihn ſchon wieder drängte, nach dem Michailowski'ſchen Palaſt hinüberzufahren und dort noch einige Einzel— heiten, deren Feſtſtellung der Baumeiſter bis zum Mittag verſprochen, in prüfende Beſichtigung zu nehmen. Dieſe Angelegenheit, welche ſchon ſeit einiger Zeit ſpielte, betraf einen Stabsoffizier, einen Huſaren, Namens Bauer, der bisher bei den Truppen in Italien geſtanden, und von Souwarow eines Tages nach Petersburg zurückgeſchickt worden war, mit der Meldung, daß ſich derſelbe vor den Offizieren ſeines 200 Regiments gerühmt habe, wie er wohl im Stande wäre, den Czaren zu ermorden, und längſt die Ge⸗ legenheit erſehnt habe, ein ſolches Werk ausführen zu können! Souwarow hatte dies für ein ſo merkwürdiges Ereigniß gehalten, daß er dieſen Offizier nicht nur ſelbſt arretirte, ſondern ſich auch für unfähig erklärte, ohne Mitwirkung des Czaren ein Gericht über den⸗ ſelben ſprechen zu laſſen. Er hatte ihn deshalb mit einem umſtändlichen Bericht über ſein Vergehen nach Petersburg geſandt, wo der Czr die ihm nach dem Kriegsrecht zuerkannte Todesſtrafe in immerwähren⸗ den Kerker verwandelte. Paul hatte aber ſeitdem ein beſtändiges Intereſſe für dieſen Menſchen behal⸗ ten, das er nicht mehr loszuwerden vermochte, und das ihn auf eine faſt unheimliche Weiſe umfing. Schon bei ſeiner Ankunft hatte er ihn zu ſich kom⸗ men laſſen, fand aber damals in demſelben einen völlig raſenden Wilden, der in dem Augenblick, wo der Czar ihm mild, freundlich und verzeihend ent⸗ gegentrat, faſt einen Anfall auf ihn verſucht und ſich ſchmählich an ſeiner Perſon vergangen hätte. Bauer hatte ſeitdem zehn Monate hindurch im Gefängniß geſeſſen und es waren plötzlich Nachrichten aus dem⸗ 201 h im Stande ſelben zu dem Czaren gekommen, die ihn im höchſten längſt die Ge⸗ Grade beſchäftigten und in Anſpruch nahmen. Es 3 erk ausführen war nämlich dem Czaren berichtet worden, daß Bauer im Kerker und durch den Einfluß deſſelben ſich gänz⸗ merkwürdiges lich verändert habe, daß er ſeitdem ein durchweg ier nicht ur ſanftes und ſtilles Gemüth gezeigt und ſich beſonders ihig erllirt, in einem unaufhörlichen Ausdruck der aufrichtigſten ht über den⸗ Reue über ſeine gegen den Czaren bewieſenen Ver⸗ deshalb mit gehen zu erkennen gebe. Der Czar hatte von dieſem F zergehen nach Augenblick an den Wunſch gehegt, dieſen Menſchen hn nach den wiederzuſehen und Manches von ihm zu erfahren, was ſein Wuthzuſtand das erſte Mal zu erfragen unmöglich gemacht hatte und was dem Czaren noch nicht aus ſeinem Gemüth entſchwunden war. Seit der ganzen Zeit her hatte es den Czaren durchaus verlangt, zu wiſſen, weshalb und wieſo Jemand die Neigung noch finden könne, ihn zu ermorden, und wie er ſich dazu, gewiſſermaßen wie von einer Pflicht, ge⸗ trieben fühlen möchte. Der Offizier Bauer war jetzt, nach der zuvor er⸗ haltenen Erlaubniß des Czaren, erſchienen, und hatte ſogleich zu ihm in das Cabinet eintreten dürfen. Paul ging ihm mit einer großen Bewegung entgegen, und 6 ſchien zuerſt ganz erſtaunt über das milde und gut⸗ mmerwähren⸗ aber ſeitden nſchen behal⸗ mochte, und eiſe umfing⸗ zu ſih kn⸗ ſelben einen genblid, wo zeihend ent⸗ cht und ſih te. Bau Gefünnj n aus den⸗ 202 artige Anſehen, welches er an dem Sträfling wieder⸗ erkannte, ſo daß ſich der Czar dadurch faſt in Ver⸗ legenheit geſetzt fühlte. Bauer war beim Eintreten in das Cabinet auf ſeine Kniee vor dem Czaren niedergeſunken und hatte mit einer rührenden, von ſtillen innigen Thränen be⸗ gleiteten Bitte ſeine Hände zu Paul emporgeſtreckt. Paul war dann ganz nahe zu ihm herangetreten, um ihn, bei ſeinem kurzen Geſicht, deſto aufmerkſamer und genauer betrachten zu können. Er ſah jetzt einen noch ganz jungen Mann, der ihm durch die Feinheit und Grazie ſeiner Erſcheinung, an welcher kaum die mit der Offiziers-Uniform vertauſchte unglückliche Ge⸗ fangenen⸗Tracht eine widerliche Entſtellung auszuüben vermocht, merkwürdig auffiel. Sehen ſo Diejenigen aus, welche den Czaren Paul jeden Augenblick ermorden könnten? fragte Paul jetzt mit einer leiſen, erſchrockenen Stimme. Und wenn dieſe Leute ſo gut ausſehen, daß ihnen faſt mein Herz entgegenſchlagen möchte, ſo hätte ich wohl Luſt, ihnen auch einmal in ihr Herz blicken zu dürfen. Sagt mir doch, Bauer, warum habt Ihr mich denn dermaßen gehaßt, daß Ihr ſelbſt in Italien die Nei⸗ Hee der dant ſte ſchu liche wieder⸗ in Ver⸗ net auf nd hatte he Ge⸗ szuüben n Ponl ul jett d wenn t mein hl Auſt, dürfel⸗ h denn ie Nei 203 gung faſſen konntet, mich ermorden zu wollen? Aber ſagt es mir auch ganz genau, ich befehle es Euch. Ich bitte um Gnade, um die Gnade des vergeſ⸗ ſenden und verzeihenden Czaren, rief der tieferſchüt⸗ terte Offizier, mit ſeiner Stirn auf das Parquet des Bodens ſchlagend. Ich war toll geworden und träumte in Italien, als es ſehr heiß wurde, von den Leiden Rußlands. Man denkt immer, daß es mit jedem Lande beſſer wird, wenn die Fürſten ſich ändern und eine Perſon an die Stelle der andern getreten iſt. So dumm geworden fühlte ich mich auch, als die Hitze in Italien ſehr ſtark wurde. Das trieb mir plötzlich Redensarten auf die Zunge, von deren Exiſtenz in meinem Buſen ich bisher nie etwas gewußt. Wäre der hohe Czar damals bei der Armee in Italien geweſen, ſo würde ich am liebſten immer⸗ fort zu ſeinen Füßen gelegen haben. Denn das Heer iſt auf allen Seiten für den Czaren. Nur in der weiten Eutfernung von ihm können ſich die Ge⸗ danken ſeiner treuen Unterthanen verirren. Aber es iſt ein unendliches Leiden, wenn man von dieſer Täu⸗ ſchung ergriffen wird, und es wäre beſſer und glück⸗ licher, gleich zu ſterben, als nur einen Augenblick von einem ſolchen Wahn heimgeſucht zu werden. 204 Iſt es möglich? fragte der Czar, indem er ſich ganz verwundert und mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens zu Bauer hinüberneigte. Giebt es denn wirklich Gedanken, die, auf Czarenmord lautend, in einem Menſchen aufſteigen können? Mein Gott, wie kann man denn gerade darauf kommen, einen Czaren tödten zu wollen? Sage mir doch, wie iſt denn einem Menſchen eigentlich zu Muthe, der einen Czaren tödten will und muß? Wie iſt ihm zu Muthe und wie mag er wohl ausſehen, in dem Augenblick, wo ihn Triebe dieſer Art beſchlichen und wo er das Gelüſte empfin⸗ det, in der That einen Czaren ermorden zu müſſen? Das wäre ein merkwürdiger Gegenſtand der Un⸗ terſuchung, Czar, erwiederte Bauer, heftig zuſammen⸗ ſchreckend, indem eine tiefe Bläſſe ſich über ſein gan⸗ zes Geſicht zog, mit einer dumpfen, polternden Stimme, die den jungen Menſchen plötzlich um Vieles älter und faſt grauenhaft ernſt und ſtreng erſchienen ließ: wer einen Czaren ermorden zu müſſen glaubt, muß aller⸗ dings wichtige Urſachen deshalb in ſich beherbergen. Ich glaube, daß ein ſolcher Mann einen großen Ver⸗ ſtand und ein ſchreckliches Herz haben muß. Er muß weit den ganzen Horizont einer Zeit überſchauen und muß in größter Ferne und Verborgenheit den ſchwar⸗ indem er ſc tdes hicſtn jielt es dem d lautend, in ein Grtt, we einen Czren ſt denn einen Garen tidten und wie mah o ihn Trieh⸗ eliſte emnyfi nz niſſen tund der Un ig zuſamne ber ſein nden Stinm les älter w nen ließ: we 3 muß aler beherber“ roßen Ve uß. Er mß rſchauen ind den ſchwon 205 zen Punkt entdecken können, auf dem der Tod eines Czaren als eine bedeutſame und unaufſchiebbare An gelegenheit verzeichnet ſteht. Ob er anders ausſieht, wie andere Menſchen, das weiß ich nicht. Aber in⸗ dem ſein Herz ihm ſchon geſtorben iſt, ehe er ſeinen Entſchluß gefaßt hat, müſſen ſich doch Teufel in ſei nem Geſicht eingeniſtet haben, die daſſelbe auf allen Stellen bewohnen und ihre ſcheußlich ekelhaften Leiber in den Ringen der Wangen bergen. Und das Alles, blos um einen Czaren zu ermor den? ſagte Paul, der mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört hatte, und jetzt von einem tiefen inneren Schauder erfaßt zu werden ſchien. Kann man denn leichter dazu kommen, einen Fürſten zu ermorden, als einen anderen Menſchen? Was quält man ſich nicht Alles, um ein ordentlicher Czar zu ſein und zu wer den; und was gehört nicht dazu, um ein ſolches faſt unnatürliches Werk zu Stande zu bringen? Dann will es Vielen noch wie eine ſchwere Schuld erſchei nen, wenn man dem Einen nicht ſo angenehm fällt wie dem Andern, und wenn man Handlungen macht, die ſchon deshalb auf der einen Seite als Verbrechen angeklagt worden, weil ſie auf der andern Seite als Vorzüge und Herrlichkeiten gerühmt werden. Das iſt 206 ja wirklich ein höchſt unvortheilhafter Stand, zu dem mich die Verhältniſſe und die Geburt verurtheilt haben. Und dabei ſcheint es noch beſondere Menſchen zu ge⸗ ben, welche einen eigenen Mordſinn für dieſe Czaren beſitzen und ein Talent dafür haben, ſie zu treffen, ſowie es Maler giebt, die Jeden treffen, der ihnen vor ihren Pinſel geräth. Das iſt ja ein ganz ab⸗ ſcheuliches nichtsnutziges Leben, welches ein Czar zu führen hat, und ich beneide Jeden, der wohlfeileren Kaufes in dieſer nichtswürdigen Lumpenwelt davon⸗ kommt! Der Offizier ſchien mit einem theilnehmenden, mitleidsvollen Blick den armen erzürnten Kaiſer zu betrachten. Andern Leuten kann es doch auch leicht ſo gehen, ſagte er dann, indem er den Czaren mit einem feurigen Blick wie ermunternd anſah. Faſt ging es dem Heere ſo mit dem alten Marſchall Souwarow, oder mit dem Fürſten Souwarow, wozu ihn ja neuer⸗ dings Ew. Majeſtät gemacht haben. Als wir unter ſeinem Befehl den beiſpielloſen Marſch über den Gott⸗ hardt vollbrachten, waren Alle von der unerhörten That begeiſtert, die wir vollführten, und doch gab es dabei auch wieder Viele, die im Geheimen murrten und jeden Schritt, den ſie thaten, anders wünſchten, tand, zu dem theilt haben. nſchen zu ge⸗ dieſe Garen e zu trefen, 1, der ihnen in gan ab⸗ ein Gar zu wohlfeileren welt davon⸗ ilnehmenden, n Kaiſer zu auch leicht Garen nit Faſt gin Souwarot n ja nelel⸗ vir unter den Gott unerhörten och gob „ murt wünſcht⸗ 207 als ihn der große Feldherr uns vorgezeichnet hatte. Unſer Souwarow, der ſiebzigjährige Held, der fort⸗ während wie ein junger Menſch zu Pferde ſaß und an der Spitze der Avantgarde ritt, hatte die kühnſte Stellung im Angeſicht Mafftnos genommen und die ungeheure Kampfesluſt, die bei den Truppen entbrannte, überfluthete den Berg und alle ſeine Gipfel und Ab⸗ gründe. Wir ſchlugen endlich Maſſena's ganze Armee auf allen Punkten und rieben ſie durch ein entſetzliches Kartätſchenfeuer in allen ihren Brigaden auf. Ja, Souwarow hatte geſiegt, und wer hat ihn je beſiegt und überwunden geſehen, den großen unüberwindlichen Helden, vor dem ſelbſt der Gotthardt mit allen ſeinen Grauſen und Schreckniſſen ſich beugte. Aber jetzt traf ihn dennoch das härteſte Schickſal, das ein Soldat je erlebt hat. Er ſetzte ſeinen Marſch zwar als einen ſiegreichen fort, obwohl ihn die Feinde ſtets im Hin⸗ tergrunde umlagerten und mit allen möglichen Anfällen quälten: aber ſein Weg führte ihn jetzt durch enge, unwegſame Fußſteige, auf denen oft Mann für Mann jämmerlich und halsbrechend klimmen mußten, über ſchreckliche Felſenklüfte, wo das Heer nur die Wolken zu ſeinen Füßen hatte, und neben ſich unabſehbare Abgründe und Waſſer, welche die größten Gefahren 208 bereiteten. Da vernahm man dann oft durch die Reihen der Truppen die erbärmlichſten Schimpfworte ſich hinſchleichen, welche dem Souwarow zu Leibe gehen wollten, dem großen Souwarow, der zuletzt noch die Wege hüätte i ſollen, auf denen ein gemeiner Kerl ſtolperte, und dem man es zum Vor⸗ machte, wenn man in die Schneeſtraße gerieth, und der ſo ſchlecht geſorgt hatte, weil zuletzt die Nahrungsmittel auszugehen anfingen. Das wurde in der That eine gewaltige Noth, Tag und Nacht kämpften wir mit den größten Entbehrungen und Schwierigkeiten, und der Hunger fraß uns zer⸗ ſtörender, als es die Geſchoſſe der Feinde zu thun vermocht hatten. Aber da hättet Ihr unſern Sou⸗ warow ſehen ſollen, wie er, ungebeugt von jeder Ge⸗ fahr und jedem Aergerniß, immer guten und fröh⸗ lichen Muthes vor ſich hinritt und ſelbſt die größten Opfer brachte, um nur die Hungrigen in ſeiner Nähe befriedigen zu können. Als alle ſeine Saumthiere umgefallen waren, ſah er heiterer und liebenswür⸗ diger als je aus, und tröſtete Jeden, der ihn an⸗ blickte, mit ſeinem immer Rath und Theilnahme dar⸗ bietenden Geſicht. Ja, es iſt ein herrlicher Menſch, mein Souwarow, ft durch die Schimpfworte w zu Leibe der zllett f denen ein s zum Vor⸗ aße gerieth, zulett di Das wurde und Nacht rungen und uns ze⸗ de zu thun mſern Sol⸗ njeder Ge⸗ und ftöh⸗ die grüften ſeiner ihe Saunthier liebenwir er ihn an nahme dar⸗ Souwmol, 209 rief jetzt der Czar, der dieſen Mittheilungen Bauers mit der größten Aufmerkſamkeit gefolgt war und dabei faſt alles Uebrige vergeſſen hatte. Aber wurde die Hungersnoth wirklich auf dieſem Marſche ſo groß und hatte ſie ſchlimme Wirkungen auf den Beſtand meiner Truppen? Man litt ganz entſetzlich, Czar, an dieſer nichts⸗ würdigen Krankheit, und ganze Abtheilungen des Hee⸗ res wurden davon weggerafft und ſanken aufgerieben in den Staub nieder, erwiederte Bauer mit trauriger klagender Stimme und einem Ausdruck, der dem Czaren ſichtlich immer mehr gefiel und ihm bereits deſſen ganzes Herz zugewandt erhielt. Aber es gab auch einigen Spaß, Czar, und wir mußten oft herzlich lachen. Als wir durch ein Dorf kamen, bot der Groß⸗ fürſt Conſtantin, der vor Hunger zu einem ganz Ver— zweifelten geworden war, den Landleuten ganze Hände voll Dukaten um wenige Erdäpfel, die der Prinz blos verlangte, aber man konnte ſie ihm nicht herbeiſchaffen, und durch Prinz Conſtantins Augen ſtahlen ſich einige Thränen, die uns Allen höchſt verwünſcht vorkamen. Der Czar brach bei dieſer Berichterſtattung über ſeinen Sohn in ein lautes ſchallendes Gelächter aus, welches zugleich die plötzliche Wiederkehr ſeiner guten Th. Mundt, Czar Paul. Abthl. 2. III. 14 210 Laune zeigte. Mein Sohn wird jetzt an mich gedacht haben, rief er mit einem ſpöttiſchen Ausdruck. Ich ſtellte ihm erſt die Bedingung, daß er an dem Feld⸗ zuge ſelbſt durchaus keinen Antheil nehmen und auf der Stelle wieder zurückkommen ſolle. Aber er ließ mir ſelbſt von Italien aus keine Ruhe und beſtürmte mich mit faſt täglich ſich erneuernden Bitten um eine italieniſche Waffenthat. Sein Hunger nach einer That kann nicht ſtärker geweſen ſein, als dieſer Hunger nach italieniſchen Kartoffeln, für die er gern eine ganze Taſche voll Dukaten geleert hätte. Und das will viel ſagen bei meinem Prinzen Conſtantin. Aber er kommt mir doch nun als neuer Held zurück, wenn auch mit vor Hunger verſchrumpftem Magen!— Der Czar betrachtete ſich jetzt noch einmal den vor ihm ſtehenden Gefangenen, den er zu ſich be⸗ ſchieden hatte, um ihn kennen zu lernen, und reichte ihm mit einer lebhaften Gebärde der Zufriedenheit über ſein ganzes Ausſehen, das durchaus ſeine Billi⸗ gung und faſt ſeine Sympathie gewonnen, die Hand. Bauer ſtürzte in dieſem Augenblick dem Monarchen zu Füßen und umfaßte, in ſich zuſammenzuckend und um Gnade bittend, mit einem heftigen Ausdruck ſeine Kniee. mich gedacht sdruck. Ich ndem Feld⸗ ſen und auf Aber er ließ d beſtürmte en um eine einer That gern eine Und das mtin. Aber 211 Ja, mein Sohn, ſagte Paul, meine Gnade ſoll Dir gewiß ſein! Du ſcheinſt mir ein lauterer, tüch⸗ tiger Kamerad zu ſein. Stehe auf und richte Dich mit freiem Kopf zu meiner Gnade empor. Ich ent⸗ binde Dich von Deiner Gefängnißſtrafe, und Du ſollſt unter Deinem Rang, und mit Anrechnung Deiner Kerkerzeit für die Anciennetät, in die noch hier in Petersburg ſtehenden Garden eintreten. Hier meine Börſe nimm und laß Dir daraus eine kleine Genug⸗ thuung für Deine ſchweren Leiden entfließen. Dem in jubelnder Dankbarkeit emporſtürmenden Offizier händigte der Czar darauf ſeine Goldbörſe ein und entließ ihn mit einem herzlichen, zufriedenen Blick.— III. Die Ballnacht im Michailow'ſchen Palaſte. Der Ball begann in den neuen Prachtſälen des Michailow'ſchen Palaſtes wenige Stunden nach Been⸗ digung des vorangegangenen Diners, das die erſte geſellſchaftliche Vereinigung des Czaren mit ſeiner Familie und den erſten Perſonen des Hofes und Staates auf eine ungemein feſtliche und glanzvolle Weiſe in dem neuen Palais gebildet hatte. Die Nacht war kaum mit ihren heftigen Novemberſtürmen, welche draußen den Himmel peitſchten, hereingebrochen, als ſich die glänzende Ballgeſellſchaft ſchon zu ſammeln und in den ungeheuren Räumen des Palaſtes in ſtrö⸗ mender Ueberfülle auszudehnen begonnen. Paul zeigte ſich am Abend von der liebenswür⸗ digſten und freieſten Laune, und beſonders ſchien es alaſte. ach Been⸗ s die erſte nit ſeiner Fofes und glanzvoll Die Nacht men, welche rochen, als zu ſammel tes in ſri benswir ſchien i 213 ihm Vergnügen zu machen, ſeine Gäſte ſelbſt herum⸗ zuführen und ihnen die Schätze von Marmor und Bronce zu zeigen, welche er aus Rom und Paris zur Ausſchmückung ſeines neuen, wie durch den Schlag einer Zauberruthe entſtandenen Feenſchloſſes hatte kommen laſſen. Die entzückten Bewunderungen und Huldigungen, welche ihm dafür von allen Seiten ſo überſchwänglich entgegentönten, wechſelten nur mit ge⸗ wiſſen erſchrockenen und ängſtlich erſtaunten Geſichtern ab, welche die meiſten Perſonen jetzt bei ihrer Rund⸗ ſchau des Palaſtes an den Tag legten. Jeder Blick der ſich prüfend zu den Mauern hinauf erſtreckte und die in Kunſt und Luxus wunderbar ſtrahlenden Wände überflog, kehrte verdüſtert und betroffen und mit einem ſchrecklich fragenden Ausdruck auf den Czaren zurück, um ſich durch ſeine Miene zu überzeugen, wie er den ſonderbaren Umſtand gewürdigt habe, daß von den Mauern unter allen koſtbaren Zierrathen derſelben dicke Waſſer⸗ tropfen herabfloſſen oder daß die goldenen Wände überall mit einem feuchten giftigen Hauch überflogen ſchienen. Dieſe Empfindung war bald in den Sälen allge⸗ mein geworden und verbreitete mitten in den lauten Wirbeln des Entzückens und der Bewunderung, welche den Czaren von allen Seiten umfloſſen, eine faſt un⸗ 214 heimliche Stockung, die in ein unwillkürliches, nur mit der größten Mühe zurückgehaltenes Grauſen überzu— gehen anfing. Es war dadurch ein ſcharf bemerkbarer Gegenſatz zwiſchen dem Czaren und ſeinen Gäſten hervorgetreten, die zuletzt mit allen ihren ſtürmiſchen Ausrufungen, daß nichts Aehnliches in der Welt exiſtire, und daß es nichts mit allen dieſen Schön⸗ heiten Vergleichbares gebe, völlig zurückhielten und ein ſeltſames düſteres Schweigen in der Umgebung des Czaren einzuhalten anfingen. Während der Czar noch beſchäftigt war, mit ge⸗ wiſſen bevorzugten Perſonen, die ſich auf ſeine Ein⸗ ladung um ihn gefunden, durch die Säle zu wandern und ihnen mit großer Selbſtgefälligkeit alles irgend Bemerkenswerthe zu zeigen und auseinander zu ſetzen, ſtand ein ganzer Kreis von Herren in dem Hinter⸗ grunde eines Saales zuſammen und ſchien eine auf⸗ merkſam beobachtende, nur leiſe und zurückhaltend unter einander ſich mittheilende Gruppe der Geſell⸗ ſchaft darzuſtellen. Dieſe Herren, unter denen die höchſten Perſonen des Hofes und der Regierung ſich befanden, hatten ſich ebenſo wenig von den im Nebenſaale bereits aufrauſchenden Tänzen anziehen laſſen, als ſie es es, nur mit ſen überzu⸗ bemerkbarer nen Giſten ſtürmiſchen der Velt ſen Schön⸗ en und ein gebung des n, nit ge⸗ ſeine Ein⸗ zu wandern lles itgend zu ſetzen⸗ n Hinter⸗ eine al⸗ rickhaltend er Geſel⸗ Perſonen hatten e bereit 16 ſie 4 215 vermieden hatten, von dem Czaren bemerkt und zu Theilnehmern ſeiner künſtleriſch betrachtenden und ge⸗ wiſſermaßen patriotiſchen Wanderung herangezogen zu werden. Unter dieſen Herren, die ſo ſeltſam zuſammen flüſterten, ſchien der Miniſter Graf von der Pahlen, der ſeit Kurzem auch Oberbefehlshaber der Truppen der Hauptſtadt geworden und die Leitung der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten übernommen hatte, das eigent⸗ liche Haupt des Kreiſes zu bilden und ſich in dieſer Weiſe ſowohl durch ſein allgemein zugeſtandenes An⸗ ſehen, wie durch den Einfluß, den er ſchon mit ſeinen Mienen und Gebärden ausübte, geltend zu machen. Man ſehe nur, ſagte der Graf jetzt, indem er mit ſeinen ſchwarzen glühenden Augen in den anderen Saal hinüberzeigte, wo der Czar eben in eigenthüm⸗ licher Aufregung und Lebhaftigkeit mit den ihn um⸗ rauſchenden Höflingen einherſpazierte und von unauf⸗ hörlicher Mittheilungsluſt erglänzte: man ſehe nur, welche Mühe ſich Paul dort giebt, ſeinen Gäſten und Unterthanen die von ihm geſchaffenen Herrlichkeiten zu expliciren! Er dampft einmal ordentlich vor Freude über ſich ſelbſt, und es iſt blos Schade, daß die Wände dieſes Michailow'ſchen Palaſtes ſo ſchlecht darauf ant⸗ 216 worten, und nicht dazu dienen können, dieſe Stim⸗ mung zu theilen, denn ſie ſtrömen in demſelben Augen⸗ blick eine Menge feuchter Dünſte aus, und verrathen durch das Waſſer, das in dicken Tropfen beſtändig von den Mauern herabfließt, die ganze gifthauchende Miſore, welche der Michailow'ſche Palaſt ſo prächtig und koſtſpielig umwölbt! Man könnte, wenn man wollte, leicht ein Spiegel⸗ bild von ganz Rußland in dieſem vertrackten Palaſt erblicken, flüſterte ein Anderer der neben ihm ſtehen⸗ den Herren dazwiſchen, der Graf Bennigſen, einer der tapferſten Feldherren Rußlands, der ſchon unter der Czarin Katharina im polniſchen und zweiten türki⸗ ſchen Feldzuge bedeutende Kriegsthaten gethan, und den Paul, obwohl er ihn keineswegs liebte, doch vor Kurzem erſt zum General⸗Lieutenant ernannt hatte. Aber Bennigſen ſchien ebenfalls nicht zu den ergebenen Freunden des Czaren zu gehören, was ſich in dieſem Augenblick ſchon in dem harten erbitterten Geſicht ausprägte, mit welchem er ſtarr und ſtrafend, mit der Strenge eines zu Gericht ſitzenden Richters, die Be⸗ wegungen des Czaren in dem nächſten Zimmer über⸗ blickte. Der Graf Bennigſen, welcher noch nicht zu den älteren Offizieren der ruſſiſchen Armee gehörte, dieſe Stin⸗ ſelben Augen⸗ und verrathen fen beſtündig gifthauchende ſt ſo prichtß in Spiegel⸗ und gethan, te, doch vor n erge enen ich in dieſem „ Geſcht 217 hatte einen wunderbaren Ausdruck in ſeinem Weſen, der nicht mit großem Vertrauen zu ihm erfüllen konnte. Auf ſeinem Geſicht ſtand ein leichtſinniges und zerrüttetes Leben, mit dem er in ſeiner Jugend, als er noch in ſeiner hannöveriſchen Heimath gelebt, gekampft hatte, und zu dem ſich nach ſeinem Ein⸗ tritt in die ruſſiſchen Kriegsdienſte unter Katharina, die den Mann zur Ausführung ihrer Abſichten auf Prlen in ihm ſah, die ganze düſtere Heftigkeit ſeines militairiſchen Charakters gefügt. Was iſt denn ganz Rußland anders, als dieſer mit gewaltſamer Pracht aufgeputzte Palaſt, in dem dis Verderben und die Verweſung durch den glänzen⸗ S en Marmor hervorſtinken? ſagte Bennigſen weiter, ganz leiſe, indem er mit einer bedeutungsvollen Be⸗ wegung auf den Arm des Grafen Pahlen drückte. Ein ſolcher Staat wird und muß über dem Haupte deſſen zuſammenſtürzen, der ihn mit einer dem Ver⸗ derben verwandten Weisheit und Kunſt an den Rand des unvermeidlichen Abgrunds hinangezerrt, ſo wie dieſer Palaſt einſt und bald über dem ſtolzen, nichts⸗ würdigen, grauſamen, volks⸗ und ſtaatsverrätheriſchen Haupte ſeines Erbauers und Prahlhanſen zuſammen⸗ fallen und in ſeinen Giftdünſten Denjenigen begraben 218 wird, der Schmutz und Gift in ganz Rußland auf⸗ gehäuft hat! Graf Pahlen legte jetzt mit wahrem Entſetzen, das ſich in ſeinem heftig zuckenden Geſicht und in einer Bewegung aller ſeiner Glieder ausdrückte, ſeine Hand auf die Schulter des Generals und ſagte dann, nach⸗ dem er ihn eine Zeitlang ſprachlos betrachtet hatte: Ich bitte Dich, lieber Freund, wie kann man ſo ſchreck⸗ liche Dinge über ſeine Lippen führen. Iſt uns denn nicht durch Alles die größte Vorſicht und Zurück⸗ haltung auferlegt? Wir ſtreben nach großen Dingen, es iſt wahr, aber wenn wir ſie zu früh und zu weit— läufig in den Mund nehmen, fürchte ich, daß ie ſich verzerren und in eine Geſtalt überſchlagen werden, in der ſie zu viel bedeuten müſſen, und darum am Ende gar nichts. Mein Gott, Bennigſen, was redeſt Du denn? Du weißt, ich ſtrebe nur nach der Ab⸗ dication des Czaren, weil ich das einzige Heil Ruß⸗ lands darin ſehe, daß Paul den Thron verläßt. Aber ſein Leben wünſche ich zu erhalten, und möchte um Alles in der Welt keinen Antheil daran haben, wenn ſein Leben dabei verloren gehen ſollte! 8 Der Graf ließ bei dieſen Worten ſeine liſtig blinzelnden Augen forſchend durch den ganzen Kreis Rußland af Entſetzen, das , ſeine Hund e dann, nach rachtet hatte: an ſo ſchuck Iſt uns denn und Zurid⸗ nDinge, ich, daß ie lagen werdel, d darum an was redeſ nach der Ab e Heil Ruß Aber rläßt. 4 mol te um haben, wenn abe 219 ſchweifen, der ſich in enger Umſchlingung um ihn und den General Bennigſen geſammelt hatte und in dem ſich viele bedeutende und ausgezeichnete Ge ſtalten befanden, dazu eine ganze Reihe von ruſſiſchen Offizieren, die ſowohl durch ihre militairiſche Perſön lichkeit hervorragten, als ſie auch durch ihre glänzen den Leiſtungen, welche ſie namentlich in den polniſchen Kriegen unter Katharina an den Tag gelegt hatten, die erſten und glänzendſten Namen im ruſſiſchen Kriegsweſen darſtellten. Die heftige und doch angſtvoll bebende Rede des Grafen Pahlen ſchien in dieſem Kreiſe keinen beſon ders zutraulichen und wirkſamen Eindruck hervor gerufen zu haben. Man ſah ihn mit zweifelhaft lä⸗ chelnden Blicken an, ohne dabei die Achtung uud Ehr⸗ erbietung zu verleugnen, die man dem mächtigen Staatsmann, der ſeit Kurzem die erſten Würden des Reichs in ſeinen Händen vereinigte, jederzeit ſchuldig zu ſein glaubte, um ſo mehr, da es nur durch ihn, ſeinen energiſchen Eifer und ſeine Alles durchdrin gende Klugheit, möglich geworden war, die geheime Verſchwörung, die ſeit einiger Zeit gegen Paul be ſtand, zu einem entſchloſſenen Werkzeug vieler heißen und glühenden Wünſche heranzubilden. Man kannte 220 freilich auch das Spiel, in das ſich Graf Pahlen be⸗ ſtändig zu hüllen liebte, und wodurch er ſo lange als möglich frei und unverantwortlich bei einer Sache er⸗ ſcheinen wollte, die er eigentlich trieb und ſchürte, und die ohne ihn niemals auf den entſcheidenden Weg ge⸗ bracht worden wäre. Pahlen, ein kalter, tief verſchloſſener Eſthländer, dem die Treuloſigkeit des Weſens auf ſeinem Geſicht ausgeprägt lag, hatte von dem Augenblick an, wo er ſich bei dem Czaren auf den Höhen aller Gunſt und Gnaden und im Beſitz des unbeſchränkteſten Ver⸗ trauens befand, den Argwohn gefaßt, daß er dem Czaren verdächtig zu werden anfange und daß ſeine Stellung, vielleicht ſein Leben, bei demſelben gefährdet ſein könne. Die ausgezeichnete Höhe ſeiner Würden hatte Pahlen erſtiegen, ſeitdem, nach dem Tode Besbo⸗ rodko's, der Günſtling Raſtaptſchin von dem Czaren Paul plötzlich aus allen ſeinen Aemtern entlaſſen und aus der Nähe des Czaren und vom Hofe entfernt worden war, und jetzt hatte Pahlen, mit einer übermäßigen Gunſt des Czaren beehrt, faſt alle Poſten übernommen, die nur irgend ihm zugewieſen werden konnten. Polizei und Militair ſtanden in Petersburg unter ſeiner höchſten Botmäßigkeit und Pahlen zeigte den Triumph ſeiner Kunſt und Wiſſenſchaft 22 1 ruf Pehlen be gerade darin, daß er alle hochverrätheriſchen Verſuche t ſo lange al entdeckte und zur Strafe zu ziehen wußte, welche im iner Sache er⸗ Reiche gemacht wurden, um den Czaren zu entthronen und ſeiner Herrſchaft und ſeinem Leben zu nahe zu treten. Bald darauf aber, als er ſich ſelbſt bei dem Czaren nicht mehr für ſicher hielt, hatte er ſelbſt eine geheime Geſellſchaft gegen Paul geſtiftet, die er auf jede Weiſe pflegte und ausbildete und mit der größten nd ſchürte, und nden Weg ge er Eſthländer, ſeinem Geſicht ck an, wo et Berechnung zu ihrem tiefdurchdachten Ziel hinan ſchreiten ließ. Er hatte dazu viele Gleichgeſinnte aus K den höchſten Kreiſen zu beordern gewußt, zum Theil inkeun aber auch aus den geheimen Quellen des Verbrechens daß. geſchöpft, die ſich ihm durch ſeine Amtsführung geöff und daß net hatten und aus denen er ſich einen auf den Czaren lben gefihrd mord längſt vorbereiteten gewaltigen Beiſtand heran „ner Würden ſeiner— gezogen. In dieſe gefährliche Stellung zu ſeinem Czaren war Graf Peter von der Pahlen beſonders nGun ſul ſeit dem Moment eingetreten, wo derſelbe ſeine n und aus de früheren Vertrauten, den ſeitdem geächteten Major wen war Und Linderer, und den berüchtigten General Araktſchejef, unſtdes bznin den Paul beim Antritt ſeiner Regierung zum Militair— irgend ij Gouverneur von Petersburg gemacht, nachher aber itair ſtade näfigkeit un berufen hatte, um ſie abermals in ſeiner Nähe auf aus der Hauptſtadt verwieſen, wieder dorthin zurück⸗ Viſenſt 222 gewichtigen Stellen zu verwenden. Pahlen ſah, daß dieſe gegen ihn ſelbſt als Werkzeuge ſeines Sturzes gebraucht werden ſollten, und hatte danach ſogleich ſeine verderblichen Entſchlüſſe gefaßt.— Die drei Fürſten Zoubow ſtanden ebenfalls in der Mitte dieſes vertrauten, ſich mit großer Vorſicht ab⸗ geſchloſſen haltenden Kreiſes, zu deſſen Eingeweihten ſie zu gehören ſchienen, obwohl gerade ihre Gegen⸗ wart zu einigen Störungen führte, denn man hatte die Zoubows, welche Paul auf eine faſt ſchimpfliche Weiſe vom Hofe entfernt und die ſich bisher gezwun⸗ gener Weiſe in Deutſchland hatten aufhalten müſſen, ſo lange nicht in Petersburg geſehen, daß ihr plötz⸗ liches Erſcheinen heüte in dem neuen Ballſaal die größte Aufmerkſamkeit erregen mußte, und es jetzt an Perſonen aller Art nicht fehlte, welche ſich herzu⸗ drängten, um den einſt ſo gefeierten und jetzt wieder in die Gnade des Czaren zurückberufenen Männern ſich zu nähern und ihnen Glückwunſch und Freude über ihre Rückkunft nach Petersburg auszuſprechen. Es war dadurch die Unterhaltung wieder verſtummt, die unter den Vertrauten, welche ſeit einiger Zeit am liebſten bei öffentlichen Gelegenheiten und unter dem Schutze großer rauſchender Feſte ihre Mittheilungen hlen ſah, daß 8 Stutzes anach ſogleich enfalls in der Vorſicht ab⸗ Eingeweihten ihre Gegen⸗ man hette t ſchimpfliche sher gezwun alten müſſen, aß ihr plöt⸗ Balſaal di d es jetzt an ſich herzl⸗ jetzt wieder n Minnerl nd Freude unk U stuſprechen verſtumn, r Zeit an unter den ttheilunge 222 untereinander auswechſelten und ſich ihre Stichworte gaben, vor Kurzem ſo bedeutſam begonnen hatte. Beſonders war es der Fürſt Platon Zoubow, deſſen plötzliches Wiedererſcheinen am Hofe eine un⸗ geheure Wirkung auf die ganze verſammelte Geſell— ſchaft ausübte und der jetzt der Gegenſtand aller Bemühungen und Bemerkungen im Saale geworden zu ſein ſchien. Man ſtrömte von allen Seiten ſchmei⸗ chelnd und huldigend zu ihm herbei, denn man konnte es ſich nicht anders denken, als daß der letzte Lieb⸗ ling Katharina's, welchen der Czar Paul plötzlich wie⸗ der zu ſich gerufen, zu einer neuen großen und mäch⸗ tigen Rolle in Petersburg beſtimmt ſei. Zwar wurde in der Geſellſchaft Manches über dieſe Rückberufung geflüſtert, was nicht gerade angenehm und bedeutend klang, und am allgemeinſten wurde erzählt, daß der Fürſt durch ſein letztes Abenteuer in Kurland dazu die Veranlaſſung gegeben habe, denn Platon hatte ſich dort zur großen Beſchwerde des alten Herzogs längere Zeit aufgehalten, und war eben beſchäftigt geweſen, die älteſte Prinzeſſin von Kurland, ein Mäd⸗ chen von außerordentlicher Schönheit und von ihrer Mutter mit den größten Reichthümern begabt, mit offener Gewalt zu entführen, als der alte Herzog, 224 welchen Czar Paul ſeit längerer Zeit liebte, mit ſei⸗ nen Klagen und Beſchwerden darüber in Petersburg durchgedrungen war, und die Rückberufungs⸗Ordre Pauls erging, welche den Platon mit ſeinen beiden Brüdern Valerian und Nicolai nach Petersburg zurück⸗ kommen ließ. Man glaubte ihn deshalb im Begriff, eine neue glänzende Laufbahn bei dem Czaren zu be⸗ ſchreiten, denn mit der meiſterhaften Vorſicht, mit welcher Graf Pahlen den von ihm geleiteten Geheim⸗ bund führte, war noch Niemand auf den Gedanken gekommen, daß Platon Zoubow zu einem Inſtrument des Verderbens für den Czaren beſtimmt und dazu von Paul ſelbſt nach Petersburg zurückberufen ſein könne. Platon war früher Ober⸗Befehlshaber der Armee geweſen und ſtand den Soldaten noch immer als eine ſehr beliebte und vertraute Perſönlichkeit nahe, die vielfach auf ſie wirken konnte, und um ſo mehr ihr Vertrauen und ihre Hoffnung beſaß, als die ganze Geſinnung des Hedres ſich dem Czaren abzuwenden angefangen, ſeitdem er die Armee reformirt und durch die körperliche und lächerliche Behandlung ſo vieler Generäle und Offiziere, ſelbſt durch ſein unbegreif⸗ liches Verhältniß zu Souwarow, ſo ſchlimme Beiſpiele aufgeſtellt hatte. Darum hatte Graf Pahlen Alles iebte, mit ſei⸗ ſeinen beiden rbun znic⸗ lb in Begif, den Gedanken m Inſtrument t und dazl ickbetufen ſein ehlöhaber det nnoch immer nlichkeit nahe⸗ um ſo miht als die guie venden ch nobzu irt und dun ung ſo vielet in unbegri mme eiſpicl ßahlen M Pah 225 aufgeboten, um die Rückberufung des Fürſten Platon Zoubow, hinter der möglicher Weiſe eine Mitwirkung der für die Zwecke der Verſchwörung lag 5 eirketj es war eben, um dies zu erreichen e Hülfe anderer Perſonen nöthig geworden,. für Platon ſchon wegen anderweiter Umſtände das größte Intereſſe hegten. Eine der Hauptperſonen dabei war die franzöſiſche ielerin Madame Chevalier geweſen, die ſich in dieſem Augenblick mit einigen andern Damen, 6 denen ſie im Geſpräch umherging, der Stelle näherte, wo der Fürſt ſich befand, der ch jetzt nicht e zögerte, mit der ganzen ſtürmiſchen Gluth ſeines ſens, das noch immer ſehr viel Anziehendes und endes namentlich für die Frauen hatte, ſich zu ihr hinüber zu begeben und eine recht beeiferte und entliche Unterhaltung mit ihr zu veginnen. Der Fürſt hatte die ſchöne und geniale Schguſpislein die als Mitglied des franzöſiſchen Theaters in etersburg r Zauber für die Kunſt wie für die höhere Ge ſellſchaft verbreitete, zuletzt in Teplitz gſeſs und vu einen innigen Bund der Freundſchaft 5 ihr ge ſcſfen⸗ der zugleich alle die ihr zu Gebote ſtehenden Hebel in Bewegung ſetzen ſollte, welche Platon für Th Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. ſ 226 ſeine neuen Pläne in Petersburg benutzen zu müſſen glaubte. Heil unſerer erſten Gönnerin, die wir jetzt hier am Hofe beſitzen! klang der verbindliche und faſt ehr⸗ furchtsvoll geſtammelte Gruß, mit welchem ſich Zoubow der ſeit einigen Wochen in Petersburg allmächtigen Dame jetzt genähert hatte. Die Chevalier war ihm jedoch plötzlich mit einem ſehr zurückhaltenden Ausdruck entgegen getreten, denn der Czar ſchien eben im Be⸗ griff, mit ſeiner Begleitung in dieſen Salon einzutre⸗ ten, und bei der noch immer nicht ganz gewiſſen Hal⸗ tung, welche Fürſt Zoubow ungeachtet ſeiner Wieder⸗ zulaſſung am Hofe bei dem Czaren genoß, glaubte auch die ſchöne Schauſpielerin ihre aufleuchtende und verbindliche Koketterie, von der ihr Geſicht beim erſten Anblick Zoubows erglänzt war, ſogleich wieder ver⸗ ſchwinden laſſen zu müſſen. Der Czar zögerte indeß noch mit ſeiner Abſicht, ſich dieſer Gruppe zu nähern, da er aus einer plötz⸗ lichen Begegnung mit dem Staatsrath Koutaitzow die Veranlaſſung genommen hatte, an dieſen einige Fragen oder Aufträge zu richten und deshalb an dem Eingang zu dieſem Salon mit ihm ſtehen zu bleiben. Die reizende Chevalier mochte ſich dabei nicht ganz zen zu miſſſen wir jett hir und faſt ehr m ſich Zoubov allmächtigen lier war ihm den Ausdruck min Be⸗ Uon einzutre⸗ ewiſſen Hal iner Wieder⸗ noß, glaubte ſchtende und eim erſten rAbſicht, iner plöt utaitow die nige Fragel n Eingolh inicht ga 2 27 behaglich finden, denn zugleich ſchien Koutaitzow, welcher jetzt der eigentliche Freund der Schauſpielerin war, bemüht, ihr beginnendes Geſpräch mit dem Für⸗ ſten Platon Zoubow zu beobachten und einen ſo ſcharf ſpähenden Blick auf daſſelbe zu richten, daß Madame Chevalier darüber faſt befangen und verlegen wurde und dem Fürſten Zoubow anfangs nur mit zerſtreuten und abgebrochenen Sätzen antwortete. Denn durch Koutaitzow, der ihr ganz und gar ergeben war und ſie mit leidenſchaftlicher Zuneigung liebte, hatte es die Chevalier eigentlich nur durchgeſetzt, daß Paul ſich für die Wiederaufnahme Zoubows an ſeinem Hofe ent⸗ ſchieden, da Koutaitzow ſich in unveränderlicher Gunſt bei dem Czaren behauptete und nicht leicht irgend einer Sache widerſprochen wurde, welche dem Czaren von dieſer Seite her entgegen kam. Der ſtets feſt und unerſchütterlich im Intereſſe Pauls befundene Koutaitzsw war dem Czaren gleichbedeutend mit aller im ganzen Lande für ihn beſtehenden guten und treuen Abſicht geworden, und da derſelbe zugleich ganz ent⸗ fernt von allen in Rußland rege gewordenen Partei beſtrebungen lebte, ſo hielt es Paul für das Princip der heilſamſten Klugheit, Alles auszuführen, wofür ſich ſein Koutaitzow, den er vor Kurzem noch zum Grafen erhoben, erklärt hatte. Madame Chevalier glaubte aber ſchon ſeit einiger Zeit bemerkt zu haben, daß ihr mächtiger Freund die 3 Zurückberufung Platon Zoubows bereuete, und an den 7 verdrießlichen und beſorgten Blicken, mit denen Kou 1 taitzow jetzt ihr augenblickliches Geſpräch mit Zoubow begleitete, meinte ſie jetzt auch den Grund dieſer plötz 3 lich entſtandenen Abneigung erkannt zu haben. Kou⸗ . taitzsw ſchien ihr plötzlich auf die entſchiedene und leidenſchaftliche Neigung, welche ſie für die Wiederauf nahme des Fürſten in den Hofkreiſen an den Tag gelegt, eiferſüchtig geworden zu ſein! 3 Madame Chevalier hat lange keine neue Rolle auf dem franzöſiſchen Theater, hatte der ihr in der That dankbare Fürſt die Unterhaltung mit ihr fortgeſetzt. Die Poeſie ſelbſt leidet, wenn ſie in Geſtalten, wie die Ihrigen, in denen der Zauber der Schönheit die höchſte Form gefunden hat, ſo wenig eingekleidet wird. Die Franzoſen haben doch Stücke genug geſchrieben, in denen eine Chevalier Alles darſtellen kann, was ſie iſt und zu leiſten vermag, aber Ihr Theater⸗Director nöthigt uns mit den Berechnungen ſeiner Flickſchneider⸗ Seele eine Hungerkur auf, die uns um ſo mehr pei⸗ em noch zun n ſeit einiger er Freund die † und an den t denen Hou mit Zoubov d dieſer pltz haben. Kou ſchiedene und ie Viederuf an den Ta) ne Rolle au „der That geſchriebel⸗ nn, was ſie mn, „Directer ſchneiber 229 nigt und herunterbringt, da die Fülle der Kunſt uns aus allen Erinnerungen an Madame Chevalier mit den höchſten Genüſſen durchdringt. Wahrlich, da iſt der Director des deutſchen Hoftheaters ein ganz an⸗ derer Mann. Er ſchreibt ſelbſt Stücke, um ſein Theater zu beleben, und nenlich haben ſie wieder eines auf der Eremitage geſpielt, das durch die Verwicke⸗ lungen des Lebens, die es darſtellt, höchſt merkwürdig war, und das ein unvergleichliches Meiſterwerk gewor⸗ den wäre, wenn in dieſem„Menſchenhaß und Reue“ eine Chevalier auch nur eine halbe Stunde lang hätte ſpielen können. Aber die deutſche Kunſt iſt leider eine Bettelmannsſuppe, bei welcher die höheren Genien des Lebens ſich nicht zeigen. Seht nur dort dieſen Herrn von Kotzebue an, wie er drüben im zweiten Salon, eifrig und geſchickt bemüht, ſich geltend zu machen, und doch mit der ſchwerfälligen und handwerksmäßigen Grazie eines Barbiers herumſpaziert. Denn der Kaiſer, der dieſen Menſchen auffallender Weiſe liebt und ſich für ihn intereſſirt, hat ihn auch zu dem heu⸗ tigen Feſt einladen laſſen und will ſogar den Michai⸗ lowſchen Palaſt von ſeiner merkwürdig wirkſamen Feder beſchreiben laſſen. Wie er ſich jetzt ſo komiſch abquält, um dem Czaren in die Augen zu fallen, und 230 bei der nächſten Bewegung zu einem Geſpräch heran⸗ befohlen zu werden. Der Czar hatte unterdeſſen ſeine Unterhaltung mit dem Grafen Koutaitzow in der ausgiebigſten und freundlichſten Weiſe fortgeſetzt und kaum noch beachtet, was um ihn her vorging. Selbſt den Herrn von Kotzebue, den er ſonſt nie unbemerkt ließ, ohne ſich mit ihm über das deutſche Theater oder über einige neue Stücke Kotzebue's zu unterhalten, ließ er jetzt ohne jede Theilnahme an ſich vorübergehen und ſchenkte den ſchwerfällig ernſten und gewichtigen Bemühungen des Dichters, einige Aufmerkſamkeit bei dem Czaren zu gewinnen, jetzt durchaus keine Beachtung. Den Czaren beunruhigte in dieſem Augenblick gerade die auswärtige Lage ſeiner Politik und Kriegführung, denn er war neuerdings über manche Sachen in Unklarheit und Verſtimmung gerathen, die ſein Verhältniß zu England betrafen und wodurch die Fortſetzung des bisherigen Krieges mit England gegen Frankreich plötz lich auf eine ganz zweifelhafte Baſis gerathen ſchien. Der König von England hatte vor einiger Zeit Beſitz von Valette und der Inſel Malta genommen und die engliſche Fahne dort aufpflanzen laſſen, wodurch die Behauptung jeder anderen Fahne, namentlich auf ich heran⸗ Malta, auf welches ſich die eigenthümlichen Anſprüche Pauls immer mehr gerichtet hatten, faſt mit Gewalt altung nit ausgeſchloſſen wurde. Die Empörung, in welche Czar igſten und Paul darüber gerathen war, erſtieg einen ungeheueren ch beachtet, Grad, und er hatte erſt am heutigen Morgen eine Herrn von Note entworfen, die er den an ſeinem Hofe angeſtell ohne ſich ten fremden Miniſtern mittheilen ließ und worin er ber einige ſeinen Unwillen über eine ſolche„Verletzung des Ver er jetzt trauens“, wie er es nannte, ausſprach, indem er zu d ſchenkte gleich anzeigte, daß er auf alle in ſeinen Häfen bele miühungen genen engliſchen Schiffe habe Beſchlag legen laſſen, was er nicht eher wieder aufzuheben gedenke, als bis ng De alle die Clauſeln gänzlich erfüllt wären, welche in der die im Jahre 1798 abgeſchloſſenen Convention feſtgeſetzt wurden. Graf Kontaitzow, der immer mit großer Mäßigung vorzugehen liebte, ehe er ſeine letzte Karte ausſpielen wollte, bat den Czaren in dieſem Augenblick, für jetzt nichts Weiteres zu unternehmen und die folgenden Schritte genau in Betracht zu ziehen, was aber dem m Czarel er ſchien⸗ F Beſit Czaren im höchſten Grade zu mißfallen ſchien, denn eit B 5 3 2. 2 2 er ſchrie jetzt faſt laut auf und ſagte dann mit einem 1 U unheimlich blinkenden Gebärdenſpiel: Nicht wahr, Koutaitzow, in dem Hafen von Petergburg befindet ſich in dieſem Augenblick nur ein einziges engliſches Schiff? Aber die Engländer, dieſe infamen Hunde, ſie ſollen ihre Freude daran erleben. Ich befehle, daß dies Schiff ſogleich verbrannt werden ſoll, und Euch, Kou⸗ taitzvw, wird mein Befehl hiermit zur Ausführung anvertraut. Wenn ich heut Nacht gegen Morgen, ehe ich mich in's Bett lege, noch einmal, wie ich es ge⸗ wohnt bin, zum Fenſter hinausſchaue, ſo ſollen die entzündeten Flammen aus der Newa zu mir aufſprin⸗ gen und mich mit dem Aerger Englands, das meinen ganzen Unwillen empfindet, grüßen! Ja, Ew. Majeſtät werden gerade um die befohlene Zeit die entzündeten Flammen aus der Newa aufſpringen ſehen und ſie werden Euch den Aerger Englands aus der empfindlichen Lohe eines engliſchen Schiffes blutroth verkünden! rief der Staatsrath Koutaitzow jetzt mit einer feierlichen Beſtimmtheit, die aus ſeinem Munde immer ungemein viel Beruhigendes für den Czaren hatte. Dem Staatsrath ſchien um ſo mehr daran gelegen, mit dem Czaren jetzt in keinen geſchäftlichen Weitläufigkeiten ſtehen zu bleiben, als ihn ſchon längſt der dringende Wunſch beſchäftigt hatte, zu den Damen hinübergehen zu können und namentlich das ſich jetzt vertraulicher anlgſſende Geſpräch zwiſchen dem Fürſten ſches Schif? e, ſie ſollen e, daß dies Euch, Kon Ausführung Morgen, ehe e ich es ge⸗ ſollen die ir aufſprin⸗ das meinen ie befohlene aufſpringen uds aus der es blutreth jetz mit em Munde den Gzarl mehr darqn ſchftlichen ſchon lnſ n Damel ſich jeb 10 em Fürſte — S6 und ſeiner ſchönen Freundin, der Madame Chevalier, ein wenig zu unterbrechen. Er ſuchte daher in dieſem Moment den Augen des Czaren ganz ſcharf zu begegnen und den Blick deſſelben bedeutungsvoll zu feſſeln, worauf Koutaitzow 25 nicht geringer Kunſt ſich verſtand. Es gelang ihm dadurch, den Czaren aufmerkſam zu machen, daß dort in jener Ecke des Saals ſich eine Perſon befand, die für den Czaren gerade in dieſem Augenblick ſehr in Betracht kommen könne, und auf welche man wün ſchen müſſe, ihn ſeine Blicke hinlenken zu ſehen. Das iſt ja Niemand anders als die Madame Bonvei? ſagte der Czar, der den raſchen, heißen Blicken Kou⸗ taitzvw's durch den andern Saal mechaniſch gefolgt war. Scheint es nicht, als ob der Graf Koutaitzow mich gerade auf dieſe Dame gern hätte aufmerkſam machen wollen? Koutaitzow hatte in der That mit ſeinen ausdrucks vollen klugen Augen auf die Madame Bonvei*) hin⸗ gezeigt, die ſoeben zu den übrigen Damen dort her⸗ angetreten war und mit ihrer Landsmännin, der Ma⸗ N G. v. Tannenberg, Leben Paul des Erſten. S. 361. dame Chevalier, ein ſehr lebhaftes Geſpräch angeknüpft hatte. Ich wollte durch dieſe liebenswürdige Perſon blos an den Erſten Conſul in Paris, den General Bona⸗ parte, gerade in dieſem Augenblick Eure Majeſtät er innern, ſagte Koutaitzow mit einem beſonderen bedeut ſamen Accent. Denn wenn wir Schiffe der Engländer im Hafen von Petersburg verbrennen laſſen, ſo dürfte es wohl Zeit geworden ſein, ſich an den großen Ge— neral Bonaparte zu erinnern, den Czar Paul ja eigentlich liebt, und der durch dieſe Madame Bonoei ſo zarte und feine Grüße für der Ruſſen Czaren hat beſtellen laſſen. Denn wir müſſen mit Frankreich gehen, wenn wir jetzt mit England brechen wollen. Ehe wir mit Frankreich gehen, gehen wir doch erſt noch auf einen Augenblick zu der ſchönen Madame Bonvei hin, ſagte der Czar jetzt lächelnd, und ſchritt, indem ihm Koutaitzow befriedigt folgte, zu dem Damen⸗ zirkel hinüber, welcher die Annäherung des Czaren ſchon jeden Augenblick erwartet zu haben ſchien. Madame Bonoei war eine intereſſante Franzöſin, die vor einigen Monaten mit bedeutenden und unab weisbaren Empfehlungen aus Paris an den Hof ge— kommen war und bei dem Czaren ſelbſt eine ſo aus⸗ h angeknüpft Perſon blos neral Bone⸗ Majeſtät er ren bedelt Engländer ſo dürfte großen Ge⸗ Panl j me Bonoel Gren hat Frankreich wollen⸗ ir doch erſt n Madame und ſchrit, m Damen es Czarel Frurzſin und unab Hof ge ne ſo als — — — gezeichnete Aufnahme gefunden hatte, daß er ſie ſogar aufgefordert hatte, auf ſeinem Luſtſchloſſe in Gat ſchina in der Mitte der Czarenfamilie bei ihm zu wohnen und ihn täglich durch ihre Umgebung zu er freuen, auf die er von Tag zu Tag mehr Gewicht zu legen ſchien. Man hielt dieſe Dame in den höchſten Kreiſen für eine Agentin des Erſten Conſuls von Frankreich, die deſſen beabſichtigte und ſchon vielfach begonnene Wirkſamkeit auf den Czaren Paul fortzu ſetzen und in ihre ſchönen uud geſchickten Hände zu nehmen hatte, was ihr ſchon dadurch ſehr gelang, daß ſie es verſtanden, ihm ihre Unterhaltung zu einem gar nicht mehr zu entbehrenden Bedürfniß zu machen, aus der er ſelbſt neue Richtungen in ſeiner Politik und ſeinen Handlungen zu ſchöpfen geneigt war. Denn die Bonvei wußte ihm täglich neue und merkwürdige Mittheilungen aus Paris zu machen, ſie ſtand dort offenbar mit den bedeutendſten Perſonen in einer ge nauen und laufenden Verbindung, und erhielt von ihnen durch Couriere und Sendungen aller Art die wichtigſten Nachrichten über die neueſten franzöſiſchen Zuſtände und Ereigniſſe, die in der Art, wie ſie die Bonvei auf den Czaren wirken ließ, ſich mit unableug barem Erfolge ſeiner Seele bemächtigten. Das zweifel 236 hafte Dunkel, welches die Bonvei ſeit ihrem erſten Auftreten in Petersburg umgeben, hatte ſich dadurch auf eine faſt geheimnißvolle Weiſe geſteigert, obwohl man im Ganzen ihr Wollen und Wirken in der Nähe Pauls richtig deutete und ſie für nichts als eine ge⸗ heime Unterhändlerin Bonaparte's erkannte, die das innige Verhältniß, welches der Erſte Conſul längſt zu dem Czaren von Rußland durch alle möglichen Wen⸗ dungen ſelbſt während der Fortdauer des Krieges an⸗ zuſtreben geſucht, durch perſönliche Wirkungen und Anregungen aller Art zu unterſtützen und feſtzuſtellen ſtrebte. Die Bonvei ſtand gerade mit dem Fräulein Lapu⸗ chin in einem ſehr lebhaften Geſpräch, als der Czar ſich näherte. Die Lapuchin trat ſogleich wie erſchrocken hinter die Bonoei zurück, weil ſie die Abſicht des Czaren erkannte, mit Madame Bonvei allein ſprechen zu wollen, und weil Paul ihr ſchon öfter den Tadel ausgedrückt hatte, daß ſie durch ihre überall andrin⸗ gende Geſchwätzigkeit ihn ſelbſt beläſtige und ihm ge⸗ rade da im Wege ſtehe, wo er auftreten und ſich ausſprechen wolle. Auch hatte es den Czaren ſchon ſeit einiger Zeit mißtrauiſch gemacht, die Lapuchin in einem eifrigen Geſpräch mit irgend Jemandem zu er⸗ 237 ihrem erſten blicken, denn ſie hatte ſeit der kurzen Zeit ihres Le e ſich dadurch bens am Hofe ſchon viele Streitigkeiten und Verwir igert, obwohl rungen hervorgerufen, und dadurch mannigfachen Aerger in der Nihe über den armen, durch ſo Vieles verbitterten und ver— s als eine ge⸗ ſtimmten Czaren gebracht. unte, die das Als der Czar jetzt durch einen Wink ſeiner Augen, nſul längſt j der von der Bonoei ſehr verſtändnißvoll und innig auf— glichen Vern⸗ genommen wurde, es veranlaßt hatte, daß er mit ihr s Krieges an⸗ einige Schritte von den Uebrigen zu einer vertraulichen irtungen und Unterhaltung zurücktreten konnte, ſagte er lebhaft: Ich freue mich immer, die Madame Bonoei zu ſehen, denn ihr Geſicht erinnert mich an Frankreich, und da leben doch noch Leute, die mich zu ſchätzen wiſſen und an mir gut machen wollen, was das abſcheuliche England d feſtzuſteln räulein Lopl⸗ als der Gu erſchrocen an mir gefehlt und gefrevelt hat. Es iſt keine Frage, Abſicht des daß Rußland mehr mit Frankreich als mit England ſprchen übereinſtimmt, und dieſe Entdeckung hat mich glücklich, ich möchte faſt ſagen, ſtolz gemacht. Sie ſind nicht müde geworden, Madame, mir eine gewiſſe innere Verwandtſchaft Frankreichs mit Rußland ausdrücklich zu ſchildern, und ich danke Ihnen mehr und mehr⸗ dafür, es iſt ſogar ein Wort zu meinem Herzen, was n Sie mir über den General Bonaparte geſagt haben. , 1 Solcher Worte bedarf man, denn ich verſichere Sie, lein r den Tudel erall andril⸗ und ihn g d ſih ſchol anden 6 3 3 1 3 238 ich athme jetzt hier keine ganz geſunde und friſche Luft mehr ein, die Geſichter der Leute wollen mir hier nicht mehr ganz gut gefallen, und wenn ich auch weiß, daß ſie mich nicht gerade beißen werden, ſo darf ich auch niemals von ihnen erwarten, daß ſie mich werden küſſen wollen, es müßte denn mit dem vergif⸗ teten Kuß ihres Haſſes ſein. Da hat mir der Erſte Conſul eine große Freude gemacht, daß er mir durch Sie ſein Portrait überſandt. Er iſt zwar dafür ſchlecht belohnt worden, daß er bei dieſem zarten Tauſch der Geſichter das meinige für das ſeinige zurückempfing, aber ſein Geſicht hat es mir in der That erſt von Werth erſcheinen laſſen, daß ich ſeine mir ſo ſchmeichel⸗ hafte Aufmerkſamkeit genieße. Ein Mann, der ſo ausſieht, hat einen ungeheuern Ernſt der Anſicht mit einer unermeßlichen in ſich geeinigt, und ſeine Züge ſagen, daß Alles wahr und recht iſt, ja für heilig gehalten werden was ein ordentlicher Soldat mit ſeinem Schwert ausgeführt hat! Hätte ich ſolche Leute an meiner Seite in Rußland gehabt, w würden wir zuſammen ganz Europa und Aſien an unſere Bahnen gekettet haben, und wir hätten eine Muſik gemacht, nach der alle Völker der Erde, ſelbſt die nichtswürdigen Engländer nicht ausgenommen, ge⸗ e und friſche e wollen mir daß ſie nich n vergj⸗ nir der Erſt r mir durch dafür ſchlecht n Tauſch der wrückempfin, erſt von ſo ſchmeichel mn, der ſo Anſicht mit eeinigt, und recht iſt, ju order entlicher t! Hitte n gehih nd Aſien un pätten in ſellſt ommen, Erde, 239 tanzt h ürd S d 5 haben wür 1 i F — 3 ch in ihrem Canal und in jeder and 6 P or dem Geſi F — an reichs und Rußl — 1ß ands z licher 9 1 2 die ganze Welt wäre D arüb gl. geworden Dieſes— 6 Dieſes engliſ eſi 8 iſche G de i nich meine gutwilli 6 0 i 3 3 8 Th rheit in eine Coalition ver Vor i „ gegeben, an mich, als an h mäß YVO zmeiſter de T ⸗. 3 des Ordens hei . m, L6 Inſel Malta abz utreten, z06 dem Geſindel ein Wort? Das Wort 5 E V Wort des 3 nicht gehalten, und ſo machte E 11 Ma ta S das mir etz 1 8 j 6 p lötzlich ſtre t i ig gemacht — 3. wohl dieſer unfruchtbare Felſen nicht di es koſten ür i „ würde, um iur — Rußlands orden tlich zu beha t 6 rwalten ſo 8 iſt e8 doch ei N . 8 1 Aer St 2 mir der H 8 3 Hof von Wi dſ — indſor durch Verſ . 6. ch Verſaguns ieſer 5 4 ein Aerger iſt des andern in 6 dieſen Aerger hat die g ganz e Co ali tio d ich mich bis h Sher befand, 5 für mich an 3 Intere e .. nd ich habe bereits angefangen* zu v 8 ch habe meine Heere i* 6 laſſe e eere ihren Rückz tuctzug antreten 6 n 5 die durchdringende Sprache des E ſt 5. S) rten gefälliger in mein Ohr undn i Lonſuls lein er 240 gedrungen. Was mir Madame Bonvei von dem Ge neral Bonaparte, von ſeiner Perſon und ſeinen freund⸗ ſchaftlichen Geſinnungen für mich erzählte, hat mir eine neue Richtung vorgezeichnet, in der mir wohl zu Muthe wird und in der ich mich wie ein neuer Menſch, der mit Menſchen zu thun hat, befinden werde. Ich habe meine Armeen, die aus Deutſchland und Italien zurückkommen, an der Gränze Halt machen laſſen, und ſie ſollen dort in gerüſteter Stellung meine ferneren Befehle erwarten. Dieſe Befehle bilden ſich ſchon nach meiner Neigung, welche bei mir für den Erſten Conſul in Paris wächſt und die täglich ſich ſteigert, je mehr ich das Portrait betrachte, welches mir Ma⸗ dame Bonvei vom Erſten Conſul gebracht hat. Die genannte Dame, die in einer hinreißenden Stellung neben ihm ſtand, warf ihm jetzt einen ihrer ſchmelzenden, leuchtenden Blicke zu, die ſie beſtändig wirkſam zu lenken ſchien, um die Aufmerkſamkeit des Czaren für ſich zu gewinnen, und ſeine Gedanken nach ihren Wünſchen zu beſchäftigen. Ihre eigene reizvolle und mächtige Geſtalt trat dabei auf das Glänzendſte und mit verführeriſchen Wirkungen aller Art hervor. Man würde die Bonvei für die erſte Salondame in den höchſten Kreiſen gehalten haben, wenn nicht ihr bler die hit ſhe und wol em Ge freund hat nir wohl zu Menſch, e. 3 Italien ſen, und ferneren h ſchon Erſten ſteigert, . eißendel en ihrel eſtändih reizvoll hervor dne i icht ih 241 blendendes Aeußere zugleich in manchen Eigenſchaften die franzöſiſche Schauſpielerin an den Tag gelegt hätte, die ihre Wirkungen im Vollgefühl der Herr⸗ ſchaft, welche ſie auszuüben berufen iſt, mit weichen und jederzeit abſichtlichen Händen zu verſtreuen ge wohnt iſt. Ich bin überzeugt, ſagte ſie jetzt mit einer be zaubernden Stimme, daß unſer Erſter Conſul in Paris in dieſem Augenblick nicht geringere zärtliche Studien auf das Portrait Eurer Majeſtät verwenden wird! Bonaparte liebt ein ſolches Geſicht, wie der Czar Paul es hat, und Ihr beiden Herren ſeid Euch darin ähnlich und verwandt, daß es der Liebreiz der That iſt, der aus Eurem Innern ſpricht und der ſich auf eine unwiderſtehliche Weiſe mit der Schönheit des Helden, mit der Allmacht des Mannes, in Euch ver mählt. Czar, ich bitte Euch, ſchickt doch einen Ge— ſandten an den Erſten Conſul ab, und laſſet Euch von ihm ganz genau berichten, wie Bonaparte über Euch denkt, ja, ich kann ſagen, wie Bonaparte über Euch fühlt! Dies hat mich ſchon beſchäftigt, entgegnete Paul nachſinnend, indem ſein Geſicht in ernſten Zuckungen ſich bewegte, woraus er es nur wieder durch einen Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 16 242 neuen Anblick der ſchönen Bonoei, die immer erhei⸗ ternd und anregend auf ihn zurückwirkte, zu einem ruhigen und harmoniſchen Ausdruck ordnete. Dann fügte er mit feſter Beſtimmtheit hinzu: Ich werde den General Baron von Sprengporten an den Erſten Conſul abſchicken, und er ſoll in ſeinem Gefolge noch mehrere andere diplomatiſche Perſonen mit ſich nach Paris führen. Sprengporten ſoll zuerſt über die in Frankreich befindlichen Kriegsgefangenen unterhandeln, welche die Soldaten des Czaren von Rußland ſind, und die das jämmerliche England ſich weigerte, aus⸗ zulöſen. Bonaparte wird ſie Euch ohne Löſegeld entlaſſen! fiel Madame Bonvei mit großem Eifer ein, indem ſie ihre Hände auf den Arm des Czaren legte. Der Erſte Conſul ſprach mir ja ſchon in Paris davon bei einer vorübergehenden Gelegenheit, und ich kann Euch demgemäß verſichern, daß Euere Mannſchaft Euch von der Republik gekleidet und bewaffnet wieder zurückge⸗ ſchickt werden ſoll.*) Habt nur Vertrauen zu Bona⸗ parte, und alle Wünſche, die der Czar von Rußland hat, wird er erfüllen und krönen! *) Die Entlaſſung der ruſſiſchen Kriegsgefangenen in Frank⸗ reich geſchah auf dieſe Weiſe. Tannenberg, a. a. O. S. 377. rechei u einem Dann 243 Der Czar ſchien dies mit der innigſten Genug thuung zu vernehmen. Ein glänzender Schein von Freude legte ſich über ſeine dunkle Stirn, und er ſagte dann mit ganz ſanfter Stimme: Der Spreng⸗ porten ſoll nicht nur über meine gefangene Mann⸗ ſchaft in Paris unterhandeln, ſondern auch das Herz des Erſten Conſuls über mich näher zu erforſchen ſuchen, denn daran liegt mir, es liegt mir mehr daran, als ich es ſagen kann. Und Sprengporten iſt mir gerade der Mann dazu. Bonaparte und Paul. Das wird die Loſung einer neuen Zeit ſein. Es iſt wahr, das Volk muß frei ſein. Aber ein freies Volk, durch eine große Gewalt beherrſcht, das ſoll künftig meine Loſung ſein, und dazu wird der Erſte Conſul von Frankreich dem Czaren von Rußland taugen! Das iſt ein Geſchäft, wenn wir das zuſammen ausführen, Bonaparte und ich, ſo wird vielleicht wieder aus der Welt verſchwinden, was man die Revolution zu nen nen angefangen hat!— Koutaitzow war unterdeſſen mit dem Fürſten Zou bow und der Madame Chevalier in ein lebhaftes Ge⸗ ſpräch eingetreten, das faſt einen herzlichen Anſtrich nahm, denn Zoubow war ihm ſogleich mit einer ſehr dringenden Frage nach Fräulein Koutaitzow, der Tochter 165 ———— —— — — 244 des gräflichen Staatsraths, entgegen gekommen, und Koutaitzow hatte dieſe Frage mit einer gewiſſen lau ten Ueberſchwänglichkeit anfgenommen. Denn ſeit der Rückkehr des Fürſten an den Hof war davon die Rede geweſen, daß Zoubow es auf eine Verheirathung mit der Tochter des Grafen Koutaitzow abgeſehen habe, was der Fürſt auch jetzt wieder durch ſeine an— gelegentlichen und faſt glühenden Erkundigungen nach Katharina Koutaitzow an den Tag zu legen ſchien. Katharina tanzte zwar unter den Paaren in dem großen Mittelſaal des Palaſtes, und der Fürſt hatte bis jetzt noch keine Zeit gefunden, ſich um ſie zu be— kümmern, aber er deutete doch abermals in dieſer Unterhaltung mit Koutaitzow ſeinen feſtſtehenden Wunſch, und faſt mit einem feierlichen Ausdruck, an, ſo daß Koutaitzow, der an dieſer Ausſicht ſehr zu hängen ſchien, in die fröhlichſte Laune darüber gerieth. Der Czar war jetzt auch wieder von Madame Bonoei zurückgetreten, hatte aber ſogleich wieder in der Begegnung mit der Czarin, die ihm aus dem nächſten Saal in all ihrer ſtrahlenden Herzlichkeit entgegentrat, einen Anlaß gefunden, zu verweilen und ſich mit den ziemlich gleichgültigen aber doch intereſ⸗ ſant und liebevoll vorgebrachten Fragen zu beſchäfti⸗ 2 — 45 und gen, welche Maria Feodorowna in dieſem Augenblick 3 n lan an ihn gerichtet. ſit der Indeſſen ſah man den Grafen Pahlen im Hinter⸗ grunde dieſes Saales unruhig auf und nieder ſpazieren, indem er Alles, was um ihn her vorging, mit der ſchärfſten Genauigkeit beobachtete, alle Perſonen und ihre Geſichter ausforſchte und bald Jemand zu er⸗ ———— warten ſchien, bald durch ſeine heftigen und ſtür— miſchen Gebärden den Unwillen ansdrückte, ihn nicht finden zu können. Pahlen hatte es ſich in der letzten Zeit ganz verſagt, mit ſeinen Abſichten, die er för⸗ — ſt hatte * dern wollte, ſich heimlich und verborgen zu ſchaffen zu machen, und er war dabei zu der eigenthümlichen Anſicht gekommen, die zuletzt ſein Grundſatz geworden war, daß es viel gefährlicher ſei, einen Plan, wie. . den ſeinigen, unter der Decke eines vollſtändigen Ge⸗ hin heimniſſes zu hüten und auszuführen, als ihn auf eine ganz unabſichtliche und natürliche Weiſe mit einer 1 ldun gewiſſen ſcheinbaren Offenheit zu pflegen und gewiſſer⸗ maßen in Gegenwart der ganzen Welt darüber zu 4 verhandeln, ohne daß man das Richtige herausfinden ii und noch weniger das Schlimme deuten konnte. Ge⸗ en 6 rade in dieſer Weiſe hatte er die Verſchwörung bis tere. jetzt mit der größten Sicherheit betrieben und geleitet, 246 und ſie war frei von jedem gefährlichen Mitwiſſer geblieben. In dieſem Augenblick ſchien Graf Pahlen den von ihm ſo beharrlich erſehnten Gegenſtand entdeckt zu haben. Es war der Großfürſt Alexander, welcher ſich jetzt aus dem Saal der Tänzer hereinbewegte und in dieſen Salon trat. Anfangs ſchien er durch den Anblick des Czaren unentſchloſſen über ſein Verweilen zu werden, darauf aber wurde er durch den Gruß des Grafen Pahlen getroffen, der mit einer ſonderbaren und faſt vertraulichen Gebärde ganz nahe zu ihm heran— trat, und ihn einige Schritte mit ſich fortzuführen verſtand wo ſich, entfernter von dem in der Mitte des Saales gebliebenen Czaren, ein bequemerer Platz darbot, um einige Worte mit Sicherheit und ohne Gefahr zu wechſeln. Der ſchöne Prinz war eben etwas aufgeregt von den Tänzen, die er verlaſſen hatte, und von denen er noch hochathmend glühte, indem er nach Ablegung der Maske ſich die Stirn mit ſeinem Taſchentuch wiſchte. Erlauben mir Eure Kaiſerliche Hoheit kurz und ungezwungen zu ſein, hatte Graf Pahlen das Geſpräch begonnen. Sie wiſſen, Großfürſt, daß es ſich jetzt um die Wahrheit und um eine That für dieſelbe han⸗ itwiſſer en von eckt zu welcher ewegte rch den ilen zu uß des en und führen Mitte Platz ohne eben rloſſen glühte, Stirn und 1 541— 247 deln ſoll. Auf Bällen pflegt man zwar ſonſt keine Thaten für die Wahrheit zu thun. Aber die Zeit drängt einmal, und wenn wir jetzt keine Vorſicht ge⸗ brauchen, Prinz, ſo werden wir bald mit zerſchlagenem Schädel am Boden liegen, wir Alle, mein Prinz, wir Alle! Der Großfürſt Alexander ſchien in die bitterſte Verlegenheit über dieſe Anrede zu gerathen. Zuleich erſchreckte ihn der Anblick des Czaren, der ſo ſehr in ſeiner Nähe verweilte, obwohl dieſer ſelbſt im Ge— ſpräch mit den ihn umgebenden Damen ganz und gar ———— gefeſſelt ſchien und durchaus nicht im Stande ſein konnte, von dem Geſpräch Pahlens mit dem Groß⸗ fürſten etwas zu vernehmen. Sie werden doch nicht glauben, Prinz, daß Sie unter Fortdauer der gegenwärtigen Verhältniſſe noch lange im Stande ſein werden, Ihr Leben und Ihre Stellung hier in Petersburg zu behaupten? nahm Graf Pahlen wieder das Wort, indem er ſich ganz 5 dicht an den Großfürſten herandrängte und ihn mit unheimlich leiſer, faſt drohender Stimme zuflüſterte: Was dieſer unſer Czar für Abſichten nicht nur mit unſerm herrlichen Staat, ſondern auch mit ſeiner ganzen Familie hegt, iſt jetzt nur allzu bekannt ge⸗ 248 worden. Der Czar hat es ſelbſt zu mancherlei Per⸗ ſonen, und ich kann mich ſelbſt auch namhaft machen, geäußert, daß er eine eigenthümliche Verſetzung aller ſeiner Familienglieder beabſichtige, denn er wünſcht lieber für ſich allein zu ſtehen auf dem Thron, und die Gegenwart ſeiner Familie verdrießt ihn, ja ſie ſcheint ihn bange und ungewiß zu machen in ſeinem Gemüth. Ich glaube, er will die Czarin Maria Feo⸗ dorowna nach Kalamagone im aſtrachan'ſchen Gou⸗ vernement, unſern Großfürſten Alexander aber nach Schlüſſelburg auf die Feſtung bringen laſſen. Wenn der treffliche und tapfere Prinz Conſtantin aus dem Feldzuge zurückkehrt, wird er ſeinen Aufenthalt, um ſich zu erholen, auf der Citadelle von Petersburg nehmen müſſen, denn er hat in den Schlachten mit⸗ gefochten, ohne die Erlaubniß des Czaren dazu gehabt zu haben. Sagen Sie mir blos, warum Sie mir das erzählen wollen, Graf Pahlen? fragte der Prinz, in leiden⸗ ſchaftlicher Angſt die Hand des Miniſters ergreifend, die er heftig an ſich zog und, als wenn er ihn damit um Schweigen und Zurückhaltung bitten wolle, gegen ſeine Bruſt drückte. Ich erlaube mir ja nur, mit Ihnen zu ſprechen, )(3 lei Per⸗ mochen, ung aller wünſcht ja ſie n ſeinen ria Feo n Gou⸗ ber nch Wenn le 9 reifend, ndami , ee ſprechel, 249 Großfürſt, um uns die gefährliche Lage, in der wir ſtehen, klar zu machen! erwiederte Pahlen mit einem flammenden Ausdruck, der ſein ganzes Herz zu ver⸗ rathen ſchien, und mit einer Stimme, die, zum erhöh⸗ ten Schrecken des Großfürſten, plötzlich laut und ge⸗ waltig zu tönen begann: Prinz, wir haben den ſchlimmſten Gipfel unſerer Schickſale erſtiegen, wir müſſen uns retten und das Land bewahren, und dazu bedürfen wir zuerſt der Einwilligung des älteſten Großfürſten von Rußland, ohne die wir nicht handeln können und wollen! Alexander ſchrak heftig zuſammen, er begann zu zittern und eine furchtbare Bläſſe trat ihm über Stirn und Wangen. Ihr beabſichtigt doch nicht das Schlimmſte? fragte er dann ganz leiſe und mit einer tief geängſtigten Stimme. Was nennen Ew. Kaiſerliche Hoheit das Schlimmſte? fragte Graf Pahlen mit einem verſteckten Hohn zurück. Das Schlimmſte?—— erwiederte Alexander, nachdem er eine Zeitlang vor ſich hingeſtarrt, wie aus einer tiefen Betäubung erwachend. Ich kenne aller⸗ dings das Schlimmſte nicht, aber ich will es auch nicht kennen lernen. Das Schlimmſte ſoll nun das Beſte ſein, ſagte 250 Pahlen jetzt, indem er die Hand des Groffürſten ergriff und mächtig in der ſeinigen drückte. Mir ſelbſt liegt das Schlimmſte außer aller meiner Berechnung, und es ſoll und wird von mir nicht herbeigeführt werden. Sprechen wir aufrichtig und ehrlich, Groß fürſt. Ich will blos den Czaren vom Thron entfernen und ſeine Regierung ändern; ſeine Perſon ſoll nur in ſeiner Eigenſchaft als regierender Czar angefochten werden, wie ich es ſchon mehrmals anzudeuten ver ſucht habe. Dabei kann und wird er leben bleiben, und das Schlimmſte, mein Prinz, iſt durchaus nicht zu gewärtigen. Aber ohne die Einwilligung des älteſten Großfürſten wollten wir nicht handeln, denn wir ſind Leute der Ordnung und der Loyalität, und nur der geſetzliche Hergang wird uns leiten. Und wer ſeid Ihr denn eigentlich? fragte Alexan— der jetzt mit einem gewaltig aufquellenden Seufzer, in dem ſich ſein ſtürmiſch zuckendes Herz zu öffnen ſchien. Ich kenne Eure Freunde noch nicht, Graf Pahlen, und darum habe ich Euch noch keine beſtimmte Antwort auf alle Euere drängenden Anfragen ertheilen können. Wenn Ihr uns Alle kennen lernen wollt, erwie⸗ derte Graf Pahlen, ſo braucht Ihr Euch nur in dieſem Shl neit Gru Eb Zon bon roffürſten Mir ſelbſt rechnung, beigeführt Groß entfernen ſoll nur gefochten uten ver nur der 251 Salon hier umzuſehen, denn wir ſtehen hier Alle nicht weit von dem Czaren in einer ganz überſichtlichen Gruppe vereinigt, und blicken auf den Czaren und auf Euch, um aus dem Czaren und ſeinem Sohne das Recht zu einem großen, vernünftigen, geſetzlichen, das Volk und den Staat rettenden Handeln zu ſchöpfen! Erblickt dort zuerſt, ich bitte Euch, den Fürſten Platon Zoubow, der nicht weit vom Ofen, einige Schritte von dem Czaren, in einem ſehr heiteren und luſtigen Geſpräch mit dem Grafen Koutaitzow ſteht! Ohne ihn würde unſer Bund ſich nicht abgeſchloſſen haben, er iſt das gewandteſte und ſicherſte Werkzeug deſſelben und durch ſeine Hülfe wird das Ziel unfehlbar er reicht werden! Iſt es möglich? rief der Großfürſt, indem ſich das höchſte Erſtaunen auf ſeinem Geſicht malte. Der Fürſt Zoubow iſt mit dieſer Abſicht wieder an den Hof zurückgekehrt? Sollte ſeine Verbindung mit England und mit der Ariſtokratie dieſes Landes viel leicht einigen Antheil an ſeinen neuen Plänen haben? Der Salon der Frau von Gerebſoff in London ſoll ſehr antiruſſiſch ſein, und man nennt mir die Frau von Gerebſoff als eine Schweſter Zoubow's.*) *) Bignon. I. p. 433. 6 0 52 52 Von ſolchen Sachen weiß ich gar nichts, Kaiſer⸗ liche Hoheit, erwiederte Pahlen achſelzuckend, indem er ſich mit einer höhniſchen Gebärde verneigte. Ich bin in dieſer ganzen Angelegenheit nichts als ein guter Ruſſe, und will und werde auch nichts Anderes ſein. Auch der Fürſt Zoubow und ſeine Brüder, die Herren Volerian und Nicolai Zoubow, die ſich jetzt dort un⸗ mittelbar hinter den Czaren geſtellt haben, ſind mir in dieſer Sache nur als gute Ruſſen bekannt. Was die Brüder anbetrifft, ſo habe ich ſie nur deshalb zugelaſſen, wenn die bevorſtehenden Ereigniſſe in die niedrigſten Militair⸗ und Volkskreiſe hinabſteigen ſoll⸗ ten. Da wiſſen dieſe beiden Herren ungemein Be⸗ ſcheid, haben merkwürdige Verbindungen in dieſer Sphäre, und können jede Kehrſeite der Begebenheiten wirkſam meiſtern helfen. Es wird indeß ſo weit nicht kommen, und ich habe dafür geſorgt, daß die Aus⸗ führung der großen Handlung, der wir zuſtreben, nur in gediegenen und würdigen Händen bleibt. Sehen ſich Euere Kaiſerliche Hoheit nur einen Mann an, wie dort den General-Lieutenant Grafen Bennigſen, der ſoeben mit der Gewandtheit des liebenswürdigſten Hofmannes zu der Czarin Maria Feodorowna heran⸗ getreten, welche der Czar aus der Unterhaltung mit ts, Kaiſer end, indem eigte. Ich s ein guter nderes ſein. die Herren in dieſer gebenheiten o weit nicht ſdie Aus⸗ treben, Ur t. Sehen Mann al Benig ſen, swü irdigſten g heral lung nit 253 Das iſt ein feiner ſtattlicher Herr, deſſen große Kriegsthaten in Polen und Perſien ebenſo ruhmvoll daſtehen, als die reine Höhe ſeines ehren werthen Charakters. Und nun habt die Gnade, von mir zu vernehmen, Großfürſt, daß dieſer Graf Ben nigſen die Blüthe unſeres Bundes iſt, und daß, ſobald wir handeln werden, die Hand und die Stimme Ben nigſens dabei die erſte Wirkung ausüben ſollen! ſich entlaſſen hat. t, Auf ſolche Männer könnte man ſich faſt verlaſſen, erwiederte der Großfürſt in tiefe Gedanken verſinkend, mit einer leiſen, langſam zögernden, faſt zitternden Stimme. Habt Ihr weiter keine Militairs bei Eurem Bunde, dem ich noch immer von Herzen widerſtrebe? Von Herzen, das kann Euch ſelbſt von mir nicht abgeſprochen werden, ſagte Pahlen mit einer heftig ausbrechenden Stimme, deren lauter, ungehüteter Klang den Großfürſten von Neuem zu entſetzen aufing. Das Herz läßt man zurückgleiten, wenn man die Rüſtung anzieht, in der man für die Ehre ſeiner Fa milie und für die Größe ſeines Vaterlandes kämpfen will. Der Mann von Herz wird dann ein ächter Mann, und das bringt alles Uebrige wieder ein. Und auch an Militairs fehlt es unſerem Bunde ſonſt nicht. Die Offiziere, die Ihr dort in dem nächſten Salon — 254 tanzen ſeht— es ſind lauter ſchöne, vornehme, junge Leute— ich nenne Euch dort die Herren Tſchitſchakoff, Tartarinoff, Tolſtoy, Yaſchwell, Yeſſelowitſch und Uwaroff,— ſie bilden die eigentliche Jugendkraft unſerer Verſchwörung, und ihre Namen wie ihre Per⸗ ſonen bürgen für die Reinheit unſerer Abſichten.— Hätten wir jetzt noch die unterzeichnete Proclamation, durch welche ſich der Großfürſt Alexander bereit er⸗ klärt, die Regierung Rußlands zu übernehmen, ſo würden wir unſer Werk morgen ſchon, im guten Glau⸗ ben an die Trefflichkeit und Hochherzigkeit deſſelben, beginnen und dreiſt und tapfer den Eyfolgen zuſtreben, die wir für unſer Rußland und für unſere herrliche Czaren⸗Familie einſetzen wollen! Denn ſo geht es nicht länger fort, Prinz, wir müſſen jetzt entweder neu erſtehen oder den eigenen Untergang wählen! Der Großfürſt, der in der höchſten Aufregung daſtand, war eben im Begriff, noch einige Worte an den Grafen Pahlen zu erwiedern, als man jetzt plötz⸗ lich durch einen heftigen Aufſchrei, der von den Lippen des Czaren drang, und durch eine in der Nähe Pauls entſtandene Bewegung darauf aufmerkſam gemacht wurde, daß ſich etwas ganz Außerordentliches zuge⸗ tragen haben mußte. Gr an me, junge hitſchakoff, ichten.— herrliche entweder Es war ſoeben ein Cabinetsrath des Czaren in den Saal getreten, der dem Czaren die eben erfolgte Ankunft eines Couriers gemeldet, der eine Nachricht von der höchſten Wichtigkeit überbracht. Es war der Tod des Generaliſſimus Fürſten Souwarow, der von dem angekommenen Courier gemeldet worden und wo⸗ durch der Czar ſich in einen Schmerz und eine Er— ſchütterung verſetzt fühlte, die man in einem ſo heftigen Grade kaum noch an ihm bemerkt. Der alte Souwarow war, auf den vom Czaren angeordneten Rückzuge, im Begriff geweſen, nach Pe— tersburg zurückzukehren, aber Krankheit und Alter, die ihn quälten und die nach dem großartigen Zuge über den Gotthardt ihn mit vermehrter Pein heimſuchten, wollten ihm nicht mehr geſtatten, in einem regelmäßi⸗ gen Zuge nach der Heimath und zu dem Czaren, mit dem er noch Vieles zu ſprechen hatte, zurückzukehren. Er war ſeiner Armee in Perſon vorausgeeilt, um wenigſtens auf vaterländiſcher Erde ſterben zu könney. Unterwegs hatte ihn der Tod getroffen. Paul war von dieſer Kunde ſo ſehr getroffen wor⸗ den, daß er es in dem Ballſaal nicht mehr aushalten zu können ſchien. Plötzlich gab er den Befehl, daß wegen der eingegangenen unendlich wichtigen Todes⸗ —— 256 nachricht, die den ganzen Staat mit Trauer erfüllen werde, die ganze Feſtlichkeit, in der man ſich befand, unterbrochen werden ſolle, und nach einigen Minuten hatten ſich alle dieſe glänzenden und wogenden Säle des Winterpalaſtes geleert. W Pauls Lod. Der Czar hatte die letzte Zeit in großer Unruhe und ſehr ſchlimmer Laune verlebt. Der innere Zwie⸗ ſpalt mit den Perſonen, die ihn umgaben, war auf's Aeußerſte gekommen, und es hatte ſich von dort aus eine üble Stimmung gegen Paul faſt in allen Kreiſen der Hauptſtadt gebildet. So war der März des Jahres 1801 herangekommen, und die innere Rath⸗ loſigkeit, der man ſich in Petersburg ergeben hatte, ſchien bereits auf der Stufe, offen hervor zu brechen, und ſich gegen den Czaren zu wenden, der in tiefer Un⸗ luſt an allen Verhältniſſen, faſt aufgehört hatte, zu regieren, und ſchon ſeit einigen Wochen nichts mehr entſchied und beſorgte. Aus ſeinen geheimnißvollen, düſter verſchloſſenen Mienen ſchien man nur noch zu Th. Mundt, Czar Paul. 2. Abthl. III. 17 258 ahnen, daß bald die Ausführung eines großen Schlages erfolgen werde, welchen man dem Czaren zutraute und der eine Umwälzung aller Verhältniſſe und eine unerhörte Prüfung in allen Zuſtänden über das Land bringen werde. Am Abend des dreiundzwanzigſten März ging Graf Pahlen ſchon ſeit einiger Zeit vor dem Michailow'ſchen Palaſt auf und nieder und ſchien aufmerkſam und ſcharf die Fenſter des Schloſſes zu beobachten, vor denen er oft ſtillſtand, indem er nach den dort ver breiteten, ſeit einiger Zeit auf und abgehenden Lichtern genau Alles zu berechnen und in Erwägung zu ziehen ſchien, was ſich dort— es war das Zimmer, in welchem der Czar gewöhnlich kurz vor Schlafengehen zu verweilen pflegte— ereignete. Es war ein kalter ſtürmiſcher Frühlingsabend, und der ſtark gehende Nachtwind ließ die bleichen Locken des Grafen Pahlen in wilder Unordnung um ſeine Stirn flattern. In dieſem Augenblick empfand er plötzlich einen leiſen Schlag auf ſeine Schulter. Er ſchrak zuſammen, ſeine Blicke irrten von den Fenſtern des Schloſſes herunter, auf denen ſie ſo lange in der größten Ver⸗ tiefung verweilten, und trafen jetzt auf einen jungen Offizier, der dicht neben ihm ſtand und ihn ſchon Schlages zutraute und eine das Lund ing Grf ilowſchen kſam und hten, vor dort ver en Aichtern jiehen inmer, in lafengehen ein kolter gehende fen Pehle rn. zlich ann nſmmn Schloſſe un L nen junge ihn ſtrn 259 längere Zeit mit ſcharfer Aufmerkſamkeit beobachtet zu haben ſchien. Mein Gott, Pahlen, was machen Sie zu dieſer Stunde auf dieſem Platz? fragte der Offizier, ihm die Hand darreichend, mit einer leiſen, in der Nacht⸗ luft faſt verklingenden Stimme. Pahlen erkannte jetzt erſt den Großfürſten Alexan⸗ der, deſſen feines, wunderbar bewegtes Antlitz ihm in dieſem Augenblick ſo nahe gegenüber ſtand, und der nicht minder erſtaunt über dieſe unerwartete Begeg— nung mit dem Grafen Pahlen auf dieſem Platze ſchien. Es iſt jetzt eine unruhige und widerliche Zeit, be— gann der Großfürſt wieder, indem er ſich mit einem wahren Ausdruck von Schauder ſchüttelte. Es wurde mir heut beim Beginn der Nacht ſo unheimlich in dem Palais zu Muthe, daß ich es in meinen Zimmern nicht mehr aushalten konnte. Da jetzt ſo viele Per⸗ ſonen in Petersburg verſchwinden, von deren Leben und Verbleiben man niemals wieder eine Spur erhält, ſo trug ich heut faſt Bedenken, mich in mein Bett zu legen, und folgte meiner inneren Stimme, die mich antrieb, noch beim Anbruch der Nacht das Freie zu ſuchen und lieber auf der offenen Straße mit den Lüften zu ſprechen, als in einem Bett des Michailow— 15 —— 260 ſchen Palaſtes auf meine endliche Abführung lange zu warten. In dieſen niedlichen Gedanken treibe ich mich nun ſchon eine ganze Zeit lang hier umher, und habe doch endlich einen Vortheil davon gehabt, denn ich begegne jetzt dem Grafen Pahlen, der mir wahrſchein⸗ lich noch etwas Intereſſantes zu erzählen hat und der gewiß in Erinnerung an irgend eine anziehende Geſell⸗ ſchaft hier vorbeigegangen kommt. Oh, was werden Euere Kaiſerliche Hoheit dazu ſagen, erwiederte Pahlen, bedeutſam lächelnd, ich komme erſt jetzt von einem Mittageſſen bei dem Ge⸗ neral Talizin, dem wackern Oberſten des Garderegi⸗ ments Presbaſchewskoi, wo ich mit wenigſtens funfzig Offizieren, und auch dem General Depreradowitſch, dem Oberſten des Regiments Somonowskoi, zuſammen geſpeiſt habe. Wir aßen, tranken und ſprachen ſo lange, bis die Nacht ihren Mantel um unſer Diner ſchlug und uns auf die Straße hinaustrieb, wo wir uns erſt von einander zerſtreuten, um uns nachher wieder allſammt zu einander zu finden und uns hier in dem Michailow'ſchen Palais unſer Stelldichein zu geben. Denn wir haben heut Nacht hier noch Viel zu thun in dieſem Palaſt, mein herrlicher Prinz. Die Stunde unſeres großen gemeinſchaftlichen Handelns lange zu ich mich und habe denn ich ahrſchein t und der e Geſell⸗ heit dazl nd, ich den Ge⸗ ſrderegi⸗ s fufig adowitſch, zuſammen rachen ſo er Diner w wir nachher uns hier ichein zu noch Viel inz⸗ 2 Hondel 261 iſt endlich herbeigekommen, und wer war es wohl, von dem wir am meiſten und glühendſten ſprachen auf dieſem Diner bei dem General Talizin und für den noch zum Schluß unſere Gläſer zuſammenklangen, als unſer Diner ſich in der Nacht auflöſte? Ihr waret es, Großfürſt Alexander, denn wir hofften und hoffen noch immer auf Euch, und unſer Werk, das wir nicht unterlaſſen werden, krönt ſich noch immer nur in Euerer Perſon und Euerem Namen, Alexander! Wir waren lauter einverſtandene und entſchloſſene Leute bei dem General Talizin, und ich hatte noch ein Dutzend junger Männer mitgebracht, die zu Denen gehörten, welche Ihr auch erwähnt und die der Czar in tiefen und räthſelhaften Kerkern wollte verſchwinden laſſen. Die unglücklichen jungen Leute, die ſämmtlich aus hohen Familien ſtammen, hatten nur geringe Schuld auf ſich geladen. Sie hätten höchſtens einen Verweis erhalten können für Fehler, für welche ſie auf die grauſamſte Weiſe gepeitſcht und degradirt wurden. Ich ſelbſt begab mich heut Morgen in ihre Gefängniſſe, die ich allein kannte, und nahm ſie aus denſelben mit mir fort, um mit ihnen bei dem Ge⸗ neral Talizin zu eſſen, und wir fanden Alle, daß ſie uns tief und innerlichſt verbunden waren. Ihr Herz die richtigen. geſetzt werden ſoll. 262 lung ſeiner Familie zu benutzen. durch welche Euere Kaiſerliche Hoheit ſich heut beim Anbruch der Nacht aus dem Michailow'ſchen Palaſt herausgetrieben fühlten, waren daher ohne allen Zweifel Der Czar wird Euch bald gefangen nehmen laſſen, Prinz; die Feſtung Schlüſſelburg iſt und bleibt die Wahl, welche der Czar für Euch be⸗ ſtimmt hat, ebenſo beſtimmt als die liebenswürdige gute Czarin in Kolmagan, dem düſtern, achtzehn Werſte von Archangel entfernten Aufenthalt, jetzt gefangen Ich kann Euch ja das Alles acten⸗ mäßig beweiſen, mein lieber Prinz, wer kennt denn dieſe Dinge ſo genau wie ich, durch deſſen Hände ſie erhebt ſich mächtig für den künftigen Czaren Alexander, und ſie hoffen, daß der theuere Herr ſich doch endlich mit ſeinen Freunden befreunden werde! Lange Zeit dürfen Sie nicht mehr warten, Prinz, denn der Czar, immer thätig und niemals unentſchloſſen, hat in der letzten Zeit ſeine Maßregeln gut getroffen, und die fürchterlichen Menſchen, die er ſich wieder verſchrieben hat, der Lindner und der Aracktſchejew, ſind bereits hier in Petersburg angekommen, und werden gewiß bald die erſten Stellen des Landes einnehmen. Der Czar denkt ſie zuerſt zur Entfernung und Mißhand⸗ Die Gedanken, — Alerander, ch endlich ange Zeit der Czu, at in der „ind die rſchrieben id bereits en geniß en. Der Mißhald⸗ Gedanken, heut bein en Palſſt n Zwoffl gefungen elbng iſ Euch be nsninige hn Vetſe gefongen les acten ennt denn Hände ſi 263 6 der Czar in unbegreiflicher Argloſigkeit gehen läßt? Und uns, Eueren Getreuen, habt Ihr noch immer die Proclamation vorenthalten, durch welche Ihr uns Euere Zuſtimmung gebt und Euch bereit erklären wollt, die durch uns frei gewordene Regierung zu übernehmen! Es war in dieſem Augenblick auf der Stelle, wo die Beiden ſtanden, ganz dunkel geworden. Eine ſchwarze Wolke war über den Mond getreten und hatte den Glanz verhüllt, der bisher die Straße über⸗ floſſen. In dem Groffürſten Alexander ſchien jetzt eine muthigere Bewegung emporzukommen. Er war jetzt ganz nahe zu dem Grafen Pahlen herangetreten und übergab ihm ein Papier, das er raſch und heftig aus ſeiner Taſche hervorgezogen hatte. Pahlen ergriff es mit der größten Begierde, mit einer leidenſchaftlichen Heftigkeit und führte das Blatt haſtig vor ſeine Augen, zog es aber raſch wieder zurück und wollte es in den ſicheren Verwahrſam ſeiner Taſche verſenken, denn der plötzlich verhüllte Mond ließ ihn die Schriftzüge nicht erkennen. Das iſt meine Proclamation, guter Graf, ſagte der Großfürſt jetzt ganz leiſe und mit einer innerlich bebenden Stimme. Nach langem Erwägen und Zagen 264 habe ich mich doch endlich entſchloſſen, dieſe Schrift aufzuſetzen, denn ich ſehe es wohl als guter Ruſſe, daß die Umſtände drängen, und daß ſchon heut oder Morgen ein Abſchluß gefunden werden muß zur Ehre und Erhaltung Rußlands ſelbſt! Doch willige ich in Alles nur unter der Bedingung, daß das Leben des Czaren, meines Vaters, dabei geſchont werden müſſe! Auch erkläre ich mich in dieſer meiner Proclamation bereit und entſchloſſen, die erledigte Regierung zu übernehmen, ſie aber ebenſowohl mit allen Rechten und aller Gewalt wieder abtreten zu wollen, ſobald es der Vorſehung gefallen werde, meinem geliebten Vater wieder Geſundheit und Kraft des Geiſtes und ſo viel klares und feſtes Bewußtſein zu verleihen, als zur Behauptung des Thrones ihm nöthig ſein werden.*) O, das iſt vortrefflich und über alle Maaßen lo⸗ benswerth! rief Pahlen, indem er das Papier wieder aufſchlug, welches das plötzlich wieder ſiegreich und unverhüllt aufſtrahlende Mondenlicht jetzt vollſtändig erkennen ließ. Nachdem Pahlen es mit ſeinen Blicken durchflogen, ſchien er im Begriff, dem Großfürſten zu Füßen ſinken zu wollen, was aber Alexander verhin⸗ *) H. E. Lloyd Alexander I. of Russia. Chap. I. ſe Schrift tet Riſſe, heut oder zur Ehre lige ich in Leben des en miſſe! clamation erung zl Rechten n, ſobald geliebten eiſtes und eihen, als werden) aßen lo⸗ er wiedel reich und lſſtindig nBliden ürſten zu r verhin⸗ . 265 derte, indem er ihn mit einem lieb enswürdigen Aus⸗ druck in ſeine Arme ſchloß und herzlich an ſeine Bruſt drückte. So treten wir, mit allem Recht bewaffnet, an die große Entſcheidung heran, die unſerem Vaterlande Glück und Segen bringen ſoll! ſagte Pahlen jetzt mit einer gewiſſen Feierlichkeit, indem er ſeinen Arm zum Himmel emporſtreckte. Auch mir wird daran ernſtlich liegen, daß das Leben des Czaren erhalten bleibe, und ich werde meinerſeits nichts thun und zu nichts mit⸗ wirken, was den Tod Ihres unglücklichen Vaters her⸗ beiführen könnte! Aber ſagen Sie mir, Großfürſt, wo Sie dieſe Nacht verweilen werden, damit ich Sie jeden Augenblick auffinden kann, um Ihnen mitzu⸗ theilen, was ſich begeben hat, und was Sie auffor⸗ dern muß mit Ihrem perſönlichen Erſcheinen in un⸗ ſere Mitte zu treten. Ich komme, um es Ihnen zu ſagen, wie unſere ſchwere Arbeit vorwärts gegangen iſt. Jetzt aber werden wir uns trennen müſſen, Großfürſt, denn ich ſehe dort unten ſchon den Fürſten Zoubow und den General Bennigſen herankommen, die ſich mit mir hier begegnen wollten, damit wir jetzt zuſammen in das Schloß zum Czaren eintreten. Die Handlung nimmt jetzt ihren Anfang, wir haben 266 die heutige Nacht dazu beſtimmt, aus guten Gründen, weil das mit uns übereinſtimmende Gardebataillon Somonowskoi, deſſen Oberſt der General Deprerado⸗ witſch iſt, heute Nacht die Wache im Palaſt hat! Ich werde mich jetzt von Euch trennen, rief der Großfürſt mit einer fliegenden Haſt. Ich werde die nächſten Stunden der Nacht bis zum Morgen in meinen Zimmern verleben, welche ſich dort gerade unter den Zimmern meines Vaters befinden. Ich werde daſelbſt auf Euch warten, bis Ihr kommt, und bitte Euch dringend, die erſten Schritte, die Euch frei⸗ ſtehen werden, zu mir zu richten. Adieu, Pahlen! Damit eilte der Großfürſt mit fliegender Haſt fort, hinüber nach dem Palais, in deſſen Pforte er ſogleich verſchwand. In dieſem Angenblicke waren auch der Fürſt Zoubow und der General Bennigſen zu Pahlen herangetreten und vereinigten ſich mit dem⸗ ſelben zu einer kurzen Unterredung, in der mit weni⸗ gen Worten Alles endgültig entſchieden zu werden ſchien. Jetzt trat noch plötzlich der Adjutant Pauls, Arkamakof, der alle Meldungen beim Czaren hatte und deshalb für die Einführung im Poalaſt ein wich⸗ tiger Mitverſchworner geworden war, herzu, und mit ihm zugleich die größere Maſſe der Verſchworenen, nGründen, rdebateillon Deprerado⸗ ſt hat! n, rief der werde die Morgen in ort gerade nden. Ich kommt, und e Euch ni Pahlen! endet Hi ſſen Fforte blice waren Bemigſen c nit den⸗ nit wn werden z tant pul hatte 67 vielleicht fünfzig bis ſechszig Perſonen, die ſich heute Mittag ſchon auf dem Diner des Generals Deprera⸗ dowitſch zuſammengefunden hatten und großentheils aus Offizieren beſtanden. Pahlen bemerkte, daß die meiſten derſelben durch Wein entflammt zu ſein ſchie⸗ nen, worauf aber der einſylbige Arkamakow nur mit einem flüchtigen Achſelzucken antwortete. Man hatte ſich jetzt über die zweckmäßigſte Ver⸗ wendung und Vertheilung dieſes größern Trupps end⸗ gültig verſtändigt. Derſelbe ſollte auf den Treppen und Corridors im Palais eingeſetzt werden und erſt auf beſtimmte Stichworte aufzutreten und mitzuwirken anfangen. Zoubow, Bennigſen und Arkamakow hatten ſich dazu erboten, zu dem Czaren in's Gemach zu treten und den entſcheidenden Vorgang mit ihm aus⸗ zufechten. Graf Pahlen hatte es abgelehnt, den Czaren perſönlich anzutreten, er wollte draußen außer⸗ halb des Zimmers verweilen und es übernehmen, die im Gemach des Czaren Handelnden von Außen zu ſchützen und die Verbindung im Palaſte ſicher und frei zu erhalten. Zugleich theilte er mit, daß der Großfürſt Alexander auf ihrer Seite ſei und ihm die Proclamation übergeben habe. Der Eintritt in den Palaſt geſchah jetzt mit der 268 größten Stille und unter Begünſtigung des befreun⸗ deten Gardebataillons, welches in dem Palaſte lag. Der Adjutant Arkamakow hatte es übernommen, die— jenigen Verſchworenen zu führen, welche auf die ent ſcheidenden Plätze in der Mitte des Palaſtes geſtellt werden ſollten. Er begab ſich jetzt mit dem Fürſten Zoubow und dem General Bennigſen zu einer Treppe, welche unmittelbar zu einem Vorzimmer führte, wo zwei Huſaren der kaiſerlichen Garde und zwei Diener des Czaren ſchliefen. Als ſie durch die Gallerie ka⸗ men, welche dieſe Thür eröffnete, drang ihnen plötzlich der unerwartete Ruf einer Schildwache entgegen, die mit einem lauten und heftigen: Wer da? auf ſie los⸗ ſtürmte. Still!— Du ſiehſt, wohin wir gehen! antwortete Bennigſen mit einer bedeutſamen, feierlichen Stimme, die den Soldaten ſogleich zu einem Verſtändniß deſſen, was hier vorgehen mochte, bewog. Er trat zurück und rief mit gerunzelter Stirn: Patrouille, vorbei! wodurch er den Czaren, wenn er das Geräuſch vielleicht gehört haben ſollte, glauben laſſen wollte, es rühre daſſelbe von der Patrouille her. Jetzt drang Arkamakow raſcher vorwärts, hinter ihm ſeine Gefährten, die muthvoll und kräftig ihm des befreun⸗ Palaſte lag. mmen, die auf die ent ſtes geſtell dem Firſten iner Treppe, führte, wo wei Diener Gallerie ka⸗ nen plütlW ntgegen, di uf ſie lo⸗ ontwortete en Stimme, indriß deſſen, t mic und bei! podurcꝭ lleicht gehör inter zrt, hin rifig in —— 269 folgten. An der Thür des Kammerdieners hielten ſie wieder ſtill und dieſe wurde ihm jetzt auf das leiſe Klopfen Arkamakow's geöffnet. Der Kammerdiener verkroch ſich bei ihrem Anblick, da er den Adjutanten Arkamakow mit dem Fürſten Zoubow und dem Gene⸗ ral Bennigſen, hinter denen noch einige Perſonen folgten, ſämmtlich mit gezücktem Degen in der Hand, in das Zimmer treten ſah. Einer der Huſaren, die ſich in dem Gemach des Kammerdieners befanden, er⸗ hob ſich jetzt mit muthigem Widerſtand, um ihr fer⸗ neres Eindringen zu hindern. Da hieb ihn General Bennigſen ſofort nieder; der Huſar ſtürzte ohne irgend einen Laut zuſammen, und das letzte Hinderniß, zu dem Czaren einzutreten, war verſchwunden. Leiſe, aber feſt und entſchloſſen, drang man jetzt in das Zimmer des Czaren ein. Fürſt Zoubow war vorangeſchritten, und als er jetzt den Czaren nicht in ſeinem Bett bemerkte, rief er zornig und mit leiden⸗ ſchaftlichem Ungeſtüm: Mein Gott, er iſt ſchon ent— ronnen! Mit größerer Beſonnenheit war der General Ben⸗ nigſen vorgedrungen, er durchſuchte das Zimmer ſorg⸗ fältig und nach allen Seiten hin und fand endlich den Garen hinter einem Feuerſchirm ſitzen. Bennigſen 270 näherte ſich dem Czaren, begrüßte ihn mit dem Degen und ſagte zu ihm: Sie ſind Gefangener auf Befehl des Czaren Alexander. Ihr Leben ſoll geachtet wer⸗ den, aber Ihre Sicherheit erfordert unerläßlich, daß Sie uns keinen Widerſtand leiſten! Paul erhob ſich jetzt ganz mechaniſch von ſeinem Platze, vermochte jedoch noch kein Wort der Erwiede rung über ſeine Lippen zu bringen. Auf ſeinem ganz bleich und farblos gewordenen Geſicht malten ſich Verwirrung und Schrecken in den heftigſten und fürchterlichſten Zügen. Es war eine wunderbare, tief ergreifende Erſchei— nung, welche der unglückliche Czar in dieſem Augen⸗ blicke darbot. Er ſtand in ſeiner Nachtmütze, ohne Schuhe und Strümpfe, und nur bekleidet mit einem Flanellwams, das er übergeworfen hatte, vor den Verſchworenen da, die ſich mit bedecktem Haupt, das Schwert in der Hand, ihm gegenübergeſtellt hatten. Es war eine ſeltſame Pauſe zwiſchen den Verſchwo⸗ renen und dem Czaren entſtanden. In den nächſten Augenblicken ſchien Niemand beſtimmt zu wiſſen, was er wollte. Jetzt war Bennigſen dazu geſchritten, das Zimmer des Czaren zu unterſuchen, was er ungemein raſch eachtet wer läßlich, daß von ſeinem er Erwiede ſeinem ganz malten ſich ftigſten und nde Eiſche eſem AMgen mütze, ohne nit einem Haupt, das ſtelt haten „ nächſten bt wiſſen, was zimer p06 4* nein raſch gen 271 und mit einem großen Eifer ausführte. Die eine der Thüren führte in die Gemächer der Czarin hinüber, zwei andere Thüren, die offen ſtanden, gewährten die Ausſicht auf Räume, welche die Fahnen der Garni ſons⸗Regimenter, ſowie eine große Anzahl von Offi ziersdegen enthielten, welche Bennigſen ſofort durch die Begleiter in Beſchlag nehmen und aus dem Zim mer tragen ließ. Der Czar griff darauf nach ſeinem Schwert, welches bisher neben ihm über ſeinen Stuhl gelegen hatte und er hob es, aber ohne jeden Ausdruck, in ſeine Hand. Nur war er mit der Spitze ſeines Degens dem Fürſten Zoubow näher gekommen, der darüber in eine eigenthümliche Bewegung gerieth und ſich in wilder Haſt gegen den Czaren aufrichtete. Was wollt Ihr? rief ihn der Czar jetzt mit einer großen, faſt unempfindlichen Ruhe an. Was ich will? fragte der Fürſt mit einem hohn lachenden Ausdruck zurück. Oh, ich will erklären, daß Paul Petrowitſch ein Wahnſinniger iſt und un— fähig, zu regieren! Sie ſind auf Befehl des Kaiſers Alerander unſer Gefangener! Wie? Gefangener? wiederholte der Czar, nach drücklich, aber zugleich mit einer rührenden Sanft muth und Innigkeit fragend. Kann der Czar ein 272 Gefangener ſein? Und ſagt mir, was habe ich Euch denn gethan? Sie haben uns furchtbar gequält und thieriſch be⸗ handelt! rief Einer der Verſchworenen, der bis jetzt nicht hervorgetreten war. In dieſem Augenblick verloſch die Nachtlampe auf dem Tiſch und ein düſterer, unheimlicher Schein durch⸗ zog das Cabinet. Jetzt hörte man von draußen einen wilden Lär⸗ men hereindringen, die Thür des Cabinets ward auf⸗ geriſſen, und der Fürſt Tatſchwill, General⸗Major der Artillerie, drang mit mehreren Verſchworenen herein, die ſich in einem trunkenen Zuſtande zu be⸗ finden ſchienen und gewaltig und ſtürmiſch in das Gemach eindrangen, wozu ſie anfänglich gar keine Beſtimmung erhalten hatten. Der Fürſt Tatſchwill faßte jetzt den Czaren mit einer heftigen Uebergewalt an und warf ihn auf den Boden. Es war jetzt eine gänzliche, tiefe Dunkelheit in dem Gemach eingetreten, da auch die Flamme in dem Kamin erloſch. Bennigſen hatte ſich dem Czaren wieder genähert, und rief ihm ängſtlich, mit einem unverkennbaren Accent der Theilnahme, zu: Um Got⸗ ur 8 Grey Controſ Chart 0 Cyan Green Vellov Red Magenta —